Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih und geſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet 2 — wird. 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für rchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mt.— Pf. 5„—„ 5. Answärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen⸗ 6. Schadenersatz. 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Die Ermordung des Hofmarſchalls von Mi⸗ nutoli zu Meiningen und der Mord des Gold⸗ ſchmiedes Jancovius zu Guben, zwei inhaltſchwere Criminalfälle, gehören noch der Gegenwart, ſind aber von der Preſſe kaum beſprochen. Der neue Pitaval war gewiſſermaßen zum Zeugen der⸗ ſelben angerufen, und iſt jetzt glücklich im Stande zu ſein, ein gewiſſenhaft erſchöpfendes Referat zu liefern. Minutoli's Ermordung im April des verhängnißvollen Jahres 1848 geſchah unter geheimnißvollen Umſtänden. Die ſich drängenden Schrecken der Zeit, zu denen die That einen An⸗ theil zu bilden ſchien, hatten freilich dieſe eine bald ins Meer der Vergeſſenheit geſpült, man meinte indeß damals, es liege auch eine romanhafte Be⸗ VI vorwort. gebenheit zum Grunde, die, im Intereſſe Aller, wenigſtens des Ermordeten ſelbſt, den Schleier des Geheimniſſes darüber zu decken, rathſam halte, weshalb Viele, die Minutoli perſönlich gekannt, auch meinten, es ſei beſſer darüber ganz zu ſchwei⸗ gen. Die ſtrengſte Unterſuchung, welche Alles, auch das Kleinſte, ermittelte, hat jedoch über den Un⸗ glücklichen Nichts aufgehüllt, was man nicht frü⸗ her von ihm wußte, und daß er nur als das traurige Opfer der Rache und gemeiner Raubſucht gefallen iſt. Die politiſche Erregung hat aller⸗ dings mitgeſpielt, und der Fall iſt um deswillen von großem Intereſſe, weil nur der allgemeine Volkshaß die knabenhaften Mörder zum Meuchel⸗ morde in einem deutſchen Lande anſtacheln und die That ermöglichen konnte; aber das ungleich wichtigere Intereſſe iſt das pſychologiſche. Ein ſolches Complott von halben Kindern iſt faſt un⸗ erhört. Ein Complott zweier Knaben und eines jungen Mädchens, um Jemand umzubringen, der nur den einen von ihnen, ſeinen Diener, verdien⸗ terweiſe etwas ſtreng behandelt hatte, mit den an⸗ dern Beiden aber kaum in Berührung getreten war. Ein Complott, darum monatelang vorbe⸗ reitet, mit ſo raffinirter und zugleich alberner Art, um es auszuführen; mit ſolcher Zähigkeit auf der Ausführung des Verbrechens zu verharren, daß bei keinem aller drei Verſchwörer das Gewiſſen —— — — —.„—— vorwort. VII nur einmal ſich ernſthaft regte, daß ſie vielmehr bei jedem hindernden Umſtande nur aufs Neue ſich angeregt fühlten, die Schwierigkeit zu überwinden; wie ſie in einer Art Begeiſterung ſich vorlogen, den allgemein gehaßten Mann des allgemeinen Wohls willen umzubringen, ihres ei⸗ genen aber, um ſich in ſeine Stiefeln, Röcke und weniges Geld zu theilen, und endlich wie ſie der ſchweren That, mit der ſie ſchwanger waren, im voraus gegen Andere aus Eitelkeit ſich rühmten! Wen durchſchauert nicht die Ahnung von einer beſonderen Irrung der Natur, wenn nicht die Irrung in der allgemeinen moraliſchen Atmv⸗ ſphäre damals geſchwirrt hätte, von der das Atom mitvibrirte. Der Ermordete, welcher dem Redacteur in früher Jugend näher geſtanden, ſollte— wer gab ihm die Ahnung!— in dieſem Werke, dem er von ſeinem Anbeginne ſeit fünfzehn Jahren mit lebhafter Theilnahme folgte und zuweilen uns mit Weiſungen und Notizen unterſtützte, er ſollte einſt ſelbſt darin als blutende Leiche, als cause célébre, auſtreten! Einer merkwürdigen Erinnerung hier zu thun, halten wir uns verpflichtet. Minutoli hatte mit beſonderer Aufmerkſamkeit den zweifel⸗ hafteſten aller intereſſanten Criminalfälle, den gegen den Offizier Laronciere, verfolgt und mehrmals mit uns beſprochen, indem auch er der VII vorwort. Anſicht neigte, welche der Pitaval mit der Mehr⸗ zahl aller Juriſten und Pſychologen ausſprach, daß nämlich der pſychologiſche Schlüſſel ein ganz an⸗ deres Verdict finden müſſen, als das, welches die Geſchworenen gefunden, und das Urtheil, welches die Gerichte gefällt hatten. Im Anfange des Jahres 1847 meldete er uns, daß er aus diplomatiſchen Kreiſen jetzt einer merkwürdigen Entdeckung folge, die, wenn die Sache ſich wirklich ſo bewährte, die bisherigen Muthmaßungen und das allgemeine Urtheil über Laronciere und Marie Morel vollſtändig um⸗ werfen müſſe. Vor Ende deſſelben Jahres begeg⸗ neten wir uns perſönlich in Frankfurt a. M. In den flüchtigen Augenblicken meiner Abreiſe nach Ita⸗ lien konnte er mir nur in gedrängter Kürze, was er erfahren, mittheilen. Nur Skizzen, die aber die Geſchichte jenes myſteriöſen Falles in eine neue unerhörte cause célèbre, zu einem neuen vollſtän⸗ digen Roman verwandelten. Ihr Reſultat war: Marie Morel war nicht Phantaſtin, nicht ſpielende Betruͤgerin in unerweckter Pſyche, ſie war voll⸗ kommen unſchuldig; ſie hat nur Erlebtes den Rich⸗ tern berichtet; Laronciere war wirklich der Thä⸗ ter, der vollkommen ſchuldbare Thäter, wie die Anklage in jenem Gerichtsverfahren ihn hinſtellt; die unglaubliche Fabel, wie er in nächtlichem Frevel über die Leiter in das Zimmer des un⸗ —————— mcc——————————— vorwort. IX glücklichen geſinnlos, wordenen Mädchens gedrun⸗ gen, war eine Wahrheit; die Geſchworenen hatten ein rechtes Verdict gefunden und Laroncidre, der, neuerdings freigelaſſen und verheirathet mit einer jungen reichen Holländerin, in behaglichem Aſyl, dem Rufe, ſei's des Verbrechens, der Schande oder des intereſſanten Abenteuers, nachträumen konnte— Laroncière ſelbſt hatte lächelnd gegen Bekannte, ja gegen Jedermann geäußert, der es hören will: die Geſchworenen und die Richter haben diesmal ſcharfſinnig erkannt und die Kritik der Pſychologen und Juriſten in Frankreich und aller Lande hat ſich ſelbſt getäuſcht und betrogen. Außerdem noch Geſtändliches: Nicht ſinnloſe Lei⸗ denſchaft habe den jungen Wüſtling zur frechen That getrieben, ſondern eine ruchloſe Wette der jungen Cavalerieoffiziere in der Militairſchule von Saumurt er, zwar berühmt als Don Juan, habe es doch bis da immer nur gegen alternde, zweifelhafte, ihm halb entgegenkommende Frauen bewieſen, er ſolle ſeine Waffen doch einmal auch gegen ein junges, tugendhaftes, ſprödes Mädchen bewähren, damit man an ſeine wahrhaftige Sie⸗ gerkraft glauben könne. Laronciere nahm den Handſchuh auf. Was ſich daran knüpft: die Mittel, welche ihm den Weg erleichterten; die Verhält⸗ niſſe und Verbindungen in der Morel'ſchen Fa⸗ milie; weshalb andere Perſonen, die in der näch⸗ X Vorwort. ſten Nähe des Attentats ſchliefen, in der fürchter⸗ lichen Stunde nicht erwachten, wenigſtens doch ſtumm blieben, alles das fand ſeine Erklärung in einem neuen Myſterium, welches erſt den Zuſam⸗ menhang der ganzen Geſchichte gelöſt haben würde, was mitzutheilen uns aber ohne Anderes nicht geſtattet iſt. Des Unerhörten iſt in dem Roman genug, aber das Unerhörteſte iſt leider auch pſy⸗ chologiſch nicht unwahr im weiblichen Charakter, daß nämlich jene Holländerin ſich in den Helden deſſel⸗ ben verliebt und ihn geheirathet habe, nur aus Bewunderung und Grille für ſein— Glück der Verwegenheit. Den vollen Schlüſſel— mit der vollen Be⸗ rechtigung, ja mit dem Wunſche, es drucken zu laſſen, denn es wäre mehr als Intereſſe, es ſei auch Pflicht zur Ehrenherſtellung der ehemaligen Marie Morel— wir ſollten ihn von Minutoli nach unſerer Rückkehr aus Italien erhalten. Es ſollte anders werden. Der Schlüſſel zu jenem wun⸗ derbarſten aller Criminalfälle blieb demnach für uns, wenigſtens einſtweilen, verloren, und wir leg⸗ ten nur jene wenigen Züge wie ein vertrau⸗ tes Legat des Todten nieder, es dann dem Zufall überlaſſend, ob Andere, die den Schlüſſel beſitzen, ſich zur Löſung berufen halten. Da Minutoli's eignes Ende, wie geſagt, durch lange Zeit räth⸗ ſelhaft blieb, halten wir uns doppelt berechtigt, — un lit un he — Vorwort. XI den Vorfall und die Umſtände in der Vollſtän⸗ digkeit aufzunehmen, wie ein namhafter Mann und Schriftſteller, aus der Sprache der Acten und am Orte ſelbſt alle Nachrichten ſammelnd, den Pro⸗ ceß erzählt hat. Schon beim Anfang des Proceſſes gegen den Goldſchmied Jancovius in Guben wurden wir von verſchiedenen Seiten aufgefodert, denſel⸗ ben mit Aufmerkſamkeit zu verfolgen. Es iſt merkwürdig, daß dieſe grauenvollſte, mit Blut getränkte Tragödie, von der in unſern nordiſchen Län⸗ dern vergeblich eine ähnliche aufzuweiſen ſein wird, bisher in die Oeffentlichkeit kaum gedrungen iſt. Wir freuen uns, den Leſern von der Hand ei⸗ nes bewährten Juriſten eine, nach der gewiſſen⸗ hafteſten Prüfung alles Ermittelten, actenmäßig er⸗ ſchöpfende Darſtellung dieſes Falles vorlegen zu können. Der Canibalismus der That, die ſoge⸗ nannte Bildung des Verbrechers, der heuchleriſch bald mit Sentimentalität, Tugend und Frömmigkeit, bald mit Heroismus ſich überkleiden will, ſind von pſychologiſchem Intereſſe, wenn gleich zu bedauern iſt, daß die gewiſſenhafteſte Forſchung der Richter und ſpäterhin anderer Perſonen, auch der Geiſt⸗ lichen, das Dunkel in der That, den Motiven und den zutretenden Umſtänden nicht ganz aufzu⸗ hellen vermocht hat. Der verdienſtliche Verein gegen Thierquälerei in München wird in die⸗ XII vorwort. ſem Fall wieder einen Beleg des von ihm ge⸗ predigten Satzes finden, daß die grauſamſten Mörder und Verbrecher im Quälen der Thiere die erſten Studien abgethan haben. Klar und offen liegen dagegen die einfache That und ihr Motiv in dem andern Gattenmör⸗ der Brennwald zu Tage. Eine rohe, verſtockte Verbrecherſeele, auch ohne Regung menſchlichen Mitgefühls; ja, inſofern noch grauſamer als der vorige, da ſie nicht allein mit vollkommener Gleich⸗ gültigkeit die entſetzlichen Qualen ihres armen Opfers beobachtet, ohne die geringſte Linderung ihr zu gönnen, ſondern mit Hohn und Brutalität ſie noch dazu peinigen kann. Aber er heuchelt wenigſtens nicht, er folgt nur dem Triebe ſeiner eigenen thieriſchen Selbſtſucht und iſt in der Grau⸗ ſamkeit und dem Egoismus vielen ſchon bekann⸗ ten Giftmiſchern ähnlich. Von der Hand eines im Aſyl vertriebenen Criminaliſten bearbeitet, wird es für uns auch von Werth als ein Einblick in die gegenwärtige Strafjuſtiz in der Schweiz. Die beiden Fälle: Der Erbe der Annes⸗ ley(in den State-trials unter dem Namen als The Anglesey ejectment case) und James Hack⸗ man und Margaret Reay, aus dem Schatz der engliſchen Criminaliſtik, ſind Romane, ſo vollſtän⸗ dig in der Anlage und in der Wirkung, daß man ſie auch mehrmals als Romane benutzt hat N⸗ ſten iere iche nör⸗ ckte chen Nr lich⸗ men ung helt iner w⸗ an⸗ ines wird k in es⸗ als ⸗ z der ſtin duß hat Vorwort. XIII (in England und Frankreich), ihre Facta und die Proceſſe darüber waren und ſind jedoch unzweifel— hafte Wahrheit und wahrhafte causes célébres. Neben dieſen hiſtoriſchen Gemälden bringen wir eine Reihe, wir möchten ſagen Genrebilder, oder, wenn man will, Novellen, im Vergleich zu jenen Tragödien; die Fälle: Die Förſterstochter im Floßteich, Der Gutspächter Haſſe und Der Kammeraſſeſſor von Zahn. Wenn die Aeſthe⸗ tik das Eigenthümliche der Rovelle darin ſucht, daß der natürliche und ſpannende Hergang einer Ge⸗ ſchichte durch eine Wendung gelöſt wird, die un⸗ erwartet, überraſchend wirkt, ſo iſt eigentlich ein größerer Theil der Criminalfälle, wie das Publi⸗ cum ſie verlangt, eine Novelle; eine Spur, der wir vernunftmäßig folgen müſſen, verirrt und ver⸗ dunkelt ſich, und ſcheinbar durch Zufall ſpringt ein Licht auf, welches den Zuſammenhang, die That oder den Thäter und ihre Motive in ganz anderer Art, als wir denken konnten, plößzlich ent⸗ deckt. Wenn die Ueberraſchung dennoch im Ein⸗ klang ſcheint mit der Natur und den Verhältniſſen, wenn ſie ſtatt ſcheinbar willkürlicher und effectreicher Begebenheiten und Handlungen, nur die Har⸗ monie der ſittlichen und natürlichen Verhältniſſe und Bedingungen herausſtellt und wir in dem Selbſtvorfalle auch Lehrreiches aus den ſocialen und pſychologiſchen Umgebungen der betreffenden ——————— XIV Vorwort. Perſonen und Dinge gewinnen, ſo betrachten wir die Novelle und die Criminalgeſchichte als ge⸗ lungene Producte. Auch in den gedachten Fällen werden wir aus dem einen Schwerpunkt derſelben vielen Radien und Reflexen begegnen, die uns in Sitten, Verhältniſſe und Anſichten aus Schichten und Zeiten lehrreich, wenn auch nicht immer er⸗ freulich einführen. Von einem ſächſiſchen Ju⸗ riſten erhielten wir die Novelle unter dem Titel: Die Förſterstochter im Floßteich, die uns mancherlei Blicke in das Leben der heutigen Zuchthäuſer wirft. Der Gutspächter Haſſe iſt nach der actenmäßigen Darſtellung eines nahen Zeugen, der den viel be⸗ rufenen Fall in einer Broſchüre publicirt hat. Der Fall: Der Kammergerichtsaſſeſſor von Zahn, aus Biſchoff's Werke, darum leider nach der Bedin⸗ gung jener Zeit, mit den Namen der Perſonen und Ortſchaften vertauſcht und verdeckt, iſt von einem baierſchen Juriſten für unſer Werk verar⸗ beitet, welcher aus hinterzeichneten Notizen aus ſeiner eigenen Familie einige Züge dazu fügen konnte. Die didactiſche Behandlung, die jener Zeit(auch von Feuerbach) beliebt wurde und im⸗ mer an den künftigen Juriſten denkt, der ſelbſt inſtruiren werde, ließ ſich freilich ohne die ganze Farbe nicht wegtilgen, der ſittliche Stoff der Geſchichte iſt aber ſo erſchütternd, daß wir über dieſe Mängel hinwegſehen und eigentlich mehr als ein Genreſtück, —— — Vorwort. XV nämlich ein hiſtoriſches Gemälde darin er⸗ blicken. Die längere Erkrankung des Redacteurs hat das frühere Erſcheinen dieſes Bandes verzögert. Noch liegen andere, nicht unwichtigere als die hier aufgenommenen Fälle im Pulte, worüber wir die gefälligen Einſender einſtweilen um Entſchul⸗ digung bitten. W. H. ! * — Seite V Ane e 1 James Hackman und Margaret Reay(1775— 1779) 354 Die Ermordung des Hofmarſchalls von Minutoli 121 Die Förſterstochter im Floßteich(1841— 1848) 235 Der Gutspächter Haſſe(1851— 1852)....... 250 Der Kammeraſſeſſor von Zahn(1850)........ 276 Katharine Eſtinés(1785— 1787).......... 526 Jakob Brennwald im Canton Zürich(1855).. 346 Der Goldſchmied Jancovius(1850— 1852)..... 364 Der Erbe der Annesley. 1743. Am 11. November 1743 fing im Exchequer Gerichtshof zu Dublin ein merkwürdiger Proceß an, der, vierzehn Tage fortdauernd, in ganz England, namentlich unter der Ariſtokratie, mit beiſpielloſer Aufmerkſamkeit angehört und begleitet ward. Das Recht, welches der Ankläger verfolgte, oder vielmehr der Raub, den er zurückfoderte, ein Object an und für ſich von großer Bedeutung, denn es galt die Erbſchaft und das Erſtgeburtrecht einer der erſten engliſchen Familien, intereſſirte diesmal nicht ſo⸗ wol vorzugsweiſe des hohen Werthes oder der vornehmen betheiligten Perſonen, als der wunderbaren Begeben⸗ heiten wegen, von denen man ſchon im Publicum wußte und die im Verlauf des Proceſſes vollſtändig zu Tage kamen. Der Vorfall, daß Kinder, namentlich erſtgeborene Söhne in Familien von großem und altem Grundbeſitz geſtohlen, das heißt verſchwinden und verdunkelt werden, in der ſträflichen Abſicht anderer nächſtgeborener Ver⸗ wandten, ſich des Erbes der Verſchwundenen zu bemäch⸗ tigen, begegnet in Deutſchland, wenn gar nicht, doch nur ſelten, im alten Frankreich traf es ſich häu⸗ XXlV 1 —— ——— 2 Der Erbe der Annesley. figer*), in England gehörte es zu Ereigniſſen, die in den Archiven mehrer Gerichte und aus verſchiedenen Zeiten aufgezeichnet ſind. Allerdings ſtreifen ſolche Lichter der ſogenannten mittelalterlichen Sünde„des Lehnsrechts“, „der Primogenitur“, der„Fideicommiſſionen“, auch auf die Schattenſeite unſerer Geſchichte, man erzählt ſich von ſolchen Verwechſelungen, oder dem Einſchieben falſcher für legitime Kinder, ſo in großen als auch in kleinen hiſtori⸗ ſchen Familien; auf dieſe einzelnen Vorfälle blickt man aber ganz wie auf Märchen oder ſtempelt ſie als Ver⸗ brechen, über die man gern den Mantel der Sage breitet; auch in der Vorzeit mögen ſich Fälle wie der Casper Hauſer's ereignet haben, auch Privatgeſchichten, wie unſer Pitaval neulich aus Sachſen aufführte(jener Adelsfamilie, wo der eigene Oheim den Neffen caſtriren ließ, um deſſen Lehnsfolge auf ſeine eigenen Söhne übererben zu laſſen), immer aber wurden doch Fälle der Art in Deutſchland nur als etwas Außerordentliches, Unnatürliches, als ein Horrendum verabſcheut. In dem geſetzlich feſten England iſt es nicht ſo; das Verbrechen ward nicht immer mit dem Schauer vor dem Unnatürlichen angeſtaunt, weil es ſehr oft vorgekommen war, und man wußte davon, wie von einer gewiſſen Praxis und Speculation, wie man das bekannte Ver⸗ brechen ſelbſt zu rubriciren wußte: das Fortſtehlen von Erben wie das Entführen von Erbinnen. Aber wir ſuchen das Motiv dieſer Verbrecherluſt nicht in einer mehr verſunkenen Moralität, ſondern in den Erbinſtitu⸗ tionen des Landes ſelbſt. Wo faſt der geſammte ländliche Grundbeſitz nur dem Erſtgeborenen in der Linealfolge *) Wir erinnern an den Fall in unſerm Pitaval: die Gräfin von St. Geran. age der en, ner ren ne ile es, das em ſen ſen zer von wir ner itu⸗ icht 9e ifn zufällt, pocht wol die Verſuchung, dieſe drückenden Ge⸗ ſetzbeſtimmungen zu hintergehn. Die Verſuchung tritt noch näher an, wenn Familien, die durch Jahrhunderte im ererbten Beſitzthum deſſelben plötzlich entriſſen werden können und Haus und Herd verlaſſen müſ⸗ ſen, wenn man Titel entdeckt hat, Urkunden und vergelbte Schriften, die mit dem nach oft Jahre, ja Jahrhunderte alten pona kide Beſitze nicht quadriren, wenn man plötzlich entdeckt hat, daß die geſetzliche Qualiſication den letzten Deſcendenten abgeht! Ja, gegen das feſteſte des irdiſchen Eigenthums, das Grundeigen⸗ thum, in dem geſetzlich feſteſten Staate der Civiliſation, finden nicht ſelten Proceſſe ſtatt, oft durch lange Jahre wie heimliche Fäulniß ſchleichend, die von Betrügern künſtlich bereitet und gefeilt werden, um mit wirklichen oder geſchmiedeten Urkunden und Rechtstiteln die gegen⸗ wärtigen Beſitzer des Grund und Bodens von Haus und Hof fortzujagen, aus glänzendem Reichthum alte Familien in Armuth zu verſetzen. Zuweilen werden dieſe Proceſſe von Rabuliſten, welche ſich in die Ge⸗ heimniſſe der Familien geſchlichen, jahrelang präparirt, es werden Helfershelfer dazu gezogen, Societäten con⸗ trahirt, gleichwie in Actien, und erſt dann, wenn man alle Vorbereitungen fertig hat, des Siegs gewiß iſt, wird erſt das Subject, die Perſon des Klägers und Vindi⸗ canten, ausgemittelt: ein Mitglied der ſeit Jahrzehnden oder Jahrhunderten verkommenen Familie, wenn es ſich thun läßt auch wol nur ein Namensverwandter, ſofern vergelbte Urkunden und Siegel zur Ausfertigung liegen, und der ſogenannte Prätendent einer ſogenannten Herr⸗ ſchaft verkam zuweilen in einen Tagelöhner gegen Lohn⸗ geld oder nur eine kleine Quote an der gehofften Beute, er Kläger, Vindicant, oder Impoſtor und Räuber. Der Der Erbe der Annesley. 3 4 Der Erbe der Annesley. alte Ausſpruch: summum jus summa injuria, findet ſich auch im legitimen England bewährt. Im Falle gegen den Mörder Ruſh lernten wir einen dieſer verwickelten Vindicationsproceſſe kennen(dabei auch Beiſpiele, wie von den Klägern eine Art geſetzlicher Gewalt gebraucht wird, Ueberfälle, um ſich rechtlich in den Poſſeß zu ſetzen), aber es war nicht ein einzel— ner Ausnahmefall. Wie viel Licht im engliſchen Rechts⸗ leben glänzt, ſo viel Schlaglichter werden zu Schatten dazwiſchen. Das beati possidentes gilt auch dort; Andere meinen, die Gelegenheit wirke oft noch glücklicher, und wenn ein Verbrecher mit raſcher That, mit Liſt, Gewalt, des Objects ſich bemächtigt, ſei es doch oft noch wirkſamer, als die vermoderten Pergamente, welche der ſcharfſinnigſte Advocat zurechtfeilt. Wos die engliſche Novelliſtik vom Anbeginn faſt zur Ungebühr benutzt, daß die verlorengegangenen Söhne angeſehener Familien, welche zum Ende der Geſchichte gefunden, wiedererkannt und endlich anerkannt werden, hat ſie nur aus der Wirklichkeit entlehnt. Nur daß der Roman zuweilen der Wahrheit an wunderbaren Be⸗ gebenheiten nachhinkt. Beide voller Kataſtrophen, Wen⸗ dungen und Löſungen. Charakteriſtiſch iſt nur, daß wie im Roman, ſo in der Wirklichkeit die Urheber die äußerſte Kriſis zu berühren Anſtoß finden. Die jungen Kinder und Erben werden ſelten oder nie, was doch am leichteſten ſcheint, gemordet, ſondern es waltet eine Scheu vor dieſem letzten Verbrechen, und man entfernt ſie nur, ſei es ſchon in der Wiege, als Findelkinder, Austauſch, oder man läßt ſie in ſpätern Jahren aufgreifen von Zigeunern, Bettelweibern, oder ſonſtigen Ratten⸗ fängern, und in fremde Länder fortſchicken und ver⸗ ſchwinden. er Der Erbe der Annesley. 5 Von der alten ritterlichen Familie der Annesley von Nottingham war zu Zeiten Jakob's J. ein Sproß in die Grafſchaft Kerry in Irland übergewandert. Zur Er⸗ klärung unſerer Familiengeſchichte iſt es nothwendig, ihren Stammbaum voraufzuſetzen; wir verſuchen es ſo mindeſt weitläufig aus dem engliſchen Berichterſtatter. Sir Francis Annesley von Newport Pagnel war es, der unter der Regierung des erſten Jakob nach Irland gekommen war und, als ausgezeichneter Staats⸗ mann berühmt, den Titel Viscount Palentia erhielt. Sein Sohn Arthur Annesley, als einziger Erbe ſeines Vaters, zweiter Viscount des irländiſchen Titels Pa⸗ lentia, erhielt, ſchon ein Edelmann von Bedeutung jener Zeit, noch einen neuen engliſchen Titel; er ward nämlich 1661 zum engliſchen Pair als: Baron Annesley und Earl von Angleſey. Verheirathet mit der Tochter und Erbin des Sir James Altham, aus Hertfordſhire, eines der Miniſter des Königs, hinter⸗ ließ er bei ſeinem Tode 1686 mehre Kinder, von denen hier nur folgende drei erſteren Söhne uns zu bemerken ſind. James, der älteſte Sohn, als Haupterbe, erhielt den Titel als Earl von Angleſey. Altham, der zweite, welcher nach engliſchem Her⸗ kommen den Geſchlechtsnamen ſeines Großvaters von Mutterſeite als Taufnamen(Altham) beigelegt erhalten, war 1680 zu einer engliſchen Pairie erhoben worden, welche den Titel als Baron Altham beibehalten ſollte. Dieſe Baronie ſollte bei ſeinem Abſterben auf ſeine jün⸗ gern Brüder de jure verfallen. Richard, der dritte Sohn, wurde Geiſtlicher und zum Decan von Erxeter erwählt. Lord Altham, der Erſte, ſtarb 1699; ſein Nach⸗ Der Erbe der Annesley. komme, ein noch unmündiger Knabe, der zweite Baron Altham, ſtarb bald nach ſeinem Vater, und ſein Titel und Güter verfielen, nach jener ſtatutariſchen Verord⸗ nung, an ſeinen Oheim, den zweitletzten Sohn, Richard, den Geiſtlichen. Richard Annesley, der Decan von Exeter, war alſo zum dritten Lord oder Baron Altham geworden. Aber ſchon nach zwei Jahren, im Jahre 1701, ſtarb auch Richard, zwei Söhne, einen andern Arthur und andern Richard hinterlaſſend. Arthur war der erſtgeborene Bruder, alſo wiederum mit Recht der neue, und der vierte Baron Altham. Man weiß, daß er die uneheliche Tochter John Shef⸗ field's, Herzogs von Buckingham heirathete. Er ſtarb im Jahre 172, und bis hierhin ſteht alles in der Ordnung und unbezweifelt. Nach ſeinem Tode, bei dem keine Söhne ſich mel⸗ deten und von denen Niemand etwas wußte, übernahm, nach der alten Stiftung, der eine und einzige Bruder des Verſtorbenen, ſeinen Namen und ſeinen Titel; Richard Annesley ward alſo der fünfte Lord Altham. Er hatte aber das Glück, zu mehren Erbſchaften zu gelangen. Der erwähnte alte James, Earl von Angle⸗ ſey, war inzwiſchen ſelbſt, und nach ihm deſſen Söhne und Enkel, geſtorben, ohne legitime Erben zu hinter⸗ laſſen, worauf Richard Annesley, jetzt Lord Altham, auch Erblaſſer und titulirter Beſitzer der Güter und Rechte der ältern Branche und als Earl von Angleſey der ſechſte des Namens geworden war. Kaum aber daß er dieſer ſeiner ſtolzen Titel und Reichthümer genießen konnte, verbreitete ſich ein häß⸗ liches Gerücht. Es ward laut und lauter und drang in alle Kreiſe der drei Reiche. Seinem, des Earls n el ſo et ch n m m. f⸗ tb er m, der rl m. ne in, ud ſch und iß⸗ u9 ils Der Erbe der Annesley. 7 eigenen verſtorbenen Bruder Arthur Lord Altham, ſei aus deſſen legitimer Ehe mit ſeiner Gattin Mary ein Sohn geboren worden mit dem Namen James Annes⸗ leyz und dieſer James Annesley ſei, trotz der langen Jahre dazwiſchen, noch jetzt am Leben, und, was noch ärgerlicher, deſſen eigener Oheim, der jetzige Richard, Earl von Angleſey, habe dieſen Neffen bei und nach der Geburt ſehr wohl gekannt und argliſtiger Weiſe ihn ſpäter entfernt, verlockt, um ſein Erbthum betrogen und geradezu durch Mittel und Wege geraubt und vor der Welt verſchwinden laſſen. Dieſer James Annesley ſei aus Amerika, wohin ihn der Oheim entwandt und in Sklavenbande verſtrickt, jetzt zurückgekehrt, um ſeine Geburtsrechte und das Eigenthum des Vaters zu fodern. Es ward eine Broſchüre verkauft, welche die Schick⸗ ſale des verlornen Sohnes erzählte, des harmloſen Titels: „Die Abenteuer eines unglücklichen jungen Edelmanns.“ Die Novelle ward nicht nur als intereſſanter Roman verſchlungen, ſondern, was mehr iſt, der Inhalt der⸗ ſelben ward geglaubtz ja, was noch wichtiger, ein Kreis angeſehener und vermögender Männer trat zuſammen, um dem jungen Menſchen ihren Credit und die Mittel zu verſchaffen, ſeine Klage vor die Gerichte zu bringen. Dies iſt in England nothwendig. Intereſſe, Mitleid, Glaube an ſeine Wahrheit, hätten nicht ausgereicht, um den Prätendenten über einen bedauernswerthen Aben⸗ teurer zu ſtellen; um zu wirken, mußte er hohe Gönner haben und die Beſchaffung baarer Mittel, um den koſt⸗ ſpieligen Proceß durchzuführen. Es gelang, wie er wünſchte, und der Proceß fand, wie wir zu Anfang bemerkten, im November 1743 vor dem großen dubliner Gerichte ſtatt. Was in jener publicirten Schrift gedruckt worden, ward, ſagen uns die Bericht⸗ 8 Der Erbe der Annesley. erſtatter, in Folge der Verhöre, Zeugen und Documente, wenigſtens in allen weſentlichen Zügen, als wahr und richtig bekundet. Weil„es nicht der Mühe lohne, aus den weitläufigen Protokollen den Inhalt nur in minder erquicklicher Art und doch ohne mehre Genauigkeit zu referiren“, haben die Berichterſtatter dieſes Proceſſes mit der Publication jener Schrift angefangen. So ſind auch wir angewieſen, ſtatt mit der Klageacte, mit einem Roman anzufangen,„einer Erzählung, welche es mit den wunderbarſten Legenden aushalten könne, einer, wie es nur eine fruchtbare Einbildungskraft zu Tage bringt“ und an deren Echtheit auch nach dem gericht⸗ lichen Ausgange Niemand ſonſt Zweifel gehegt. Wo man uns einen vollſtändigen Roman überlaſſen hat, liegt es nicht an uns, das appretirte Gewand in ſeine Fäden aufzulöſen; es bleibe den im Ganzen in dem Roman, der eine Wahrheit, wenn auch nicht ganz reine Proſa ſein ſoll, aber zum Schluß der Novelle erſcheinen einige der wichtigſten Zeugenausſagen und Documente, die auch den Juriſten, der unmuthig werden könnte, beſchwichtigen. Wir blicken in eine troſtloſe Häuslichkeit und Ehe des letzten, vierten Lords von Altham, Arthur Annes⸗ ley, des Vaters unſers James, des Prätendenten. Lord Altham führte mit ſeiner Gattin ein diſſolutes Leben. Es war eine verſchwenderiſche Wirthſchaft. Das Daſein ſeines einzigen Sohnes und künftigen Erben war dem Vater nach den Geſetzen hinderlich zur freien Verwaltung oder Ablöſung gewiſſer Güter und Ein⸗ nahmen. Gewiß iſt, daß der Baron ihn nicht in die öffentliche Schule ſchickte, ſondern in eine kleine Winkel⸗ ſchule eines entfernten Orts gebracht hatte. Bald 6 6 n en ie ⸗ Der Erbe der Annrsley. 9 kamen Briefe an, daß der Knabe geſtorben ſei. Zur ſelben Zeit lief auch die Nachricht vom Ableben ſeiner Mutter, der Baroneß, ein. Auch davon nahm man wenig Notiz in der Umgegend; die Ehe war ſchon längſt factiſch gelöſt geweſen. In Wahrheit aber, wie ſich ſpäter ermittelte, war Mary, die Baroneß, nur zu ihrem Vater, dem Herzog, in eins der beiden andern Königreiche heimlich entwichen, lediglich um ein Unterkommen zu finden. Der Baron aber hatte, ohne ſich darum zu kümmern, nach vielen andern kleinen Verbindungen, eine Dame, die ihn zu feſſeln verſtanden, geheirathet. Der Knabe war in ſeiner Schule geblieben. Es mag daſelbſt ein ſo diſſoluter Zuſtand geweſen ſein wie der in ſeinem älterlichen Hauſe. Man denke ſich die Einrichtung engliſcher Schulen, die ſeitdem hinlänglich bekannt geworden ſind, und vor hundert Jahren in Ir⸗ land mögen ſie noch verwilderter geweſen ſein. Man überſah, vergaß ihn, und ward nur in einem Punkte an ihn erinnert, nämlich daß ſein Vater ja nichts mehr ſchickte, weder Schulgeld noch Koſtgeld. Seine Kleider fielen ab, oder wurden ihm ſchon zu kurz. Ueberall ward er zurückgeſetzt; von Speiſen erhielt er nur was übrig blieb, an den Vergnügungen und Er⸗ holungen der andern Schüler genoß er keinen Antheil, und nachdem man ihn ſchon lange mit nur verdrieß⸗ lichen Geſichtern angeſehen, ſprach man es ihm nicht mehr in verblümten Worten aus, daß man ihn hier zum Ueberfluß halte. Er ward der Sündenbock, wo geſcholten oder geſchlagen werden ſollte; zuweilen aller⸗ dings darum mit Grund, weil er nichts wußte, er wußte aber oft nichts, weil ſich Niemand die Mühe genommen hatte, ihn zu unterrichten. Während anderr „ 10 Der Erbe der Annesley. ſeines Alters in Lehrſtunden und Uebungen blieben, mußte er Waſſer holen, Meſſer putzen, Holz ſchlagen und andere niedrige Verrichtungen mehr. Zwei Jahre hatte er dieſen Zuſtand ertragen, als der Unmuth ſich in ihm regte und er leiſe zu proteſtiren ſuchte, aber man antwortete, daß man ihn ja nur aus Mitleid und Almoſen länger behalte, und wenn es ihm nicht ge⸗ falle, möge er ſeiner Wege gehen. Der arme kleine Junge hielt es wirklich nicht länger aus. Obgleich ohne Kleidungsſtücke, ohne einen Pfennig Geld, ja(heißt es) ohne„den geringſten Wink zu haben, wo er ſeinen Vater finden könne“, lief er endlich aus der Schule, um irgendwo einen erträglichern Zuſtand zu ſuchen. Er war etwa zehn Jahr alt, als er ſeine Wanderung in die Welt antrat, und war gerade ſo weit gelaufen, daß ſeine zarten Füße nicht mehr konnten und ſein Hunger ihn quälte, als er in ein kleines Dorf kam und ſich vor ein Haus niederwarf und bitterlich in Thränen ausbrach. Ein armes altes Weib erbarmte ſich ſeiner und erquickte ihn mit Brot und Butter⸗ milch. So gelang es dem Knaben noch weiter auf dem Wege; durch mitleidige Seelen unterſtützt, kam er bis zur Hauptſtadt. Aber in Dublin verging ihm der Muth. In der weiten geräuſchvollen Stadt fühlte er ſich erſt recht allein. Er hatte keinen Menſchen, den er kannte, und der Hunger trieb ihn. Auf dem Lande hatte es ihn nicht gekränkt, um einen Biſſen Brot zu bitten, hier es zu thun, widerſtrebte ihm. Er weinte bitter, aber der Hunger ward noch bitterer, und endlich mußte er betteln. Er fand auch hier Mitleidige und zur Nacht ein freies Quartier— unter einem Kirchportal. Am nächſten Morgen entſann er ſich, daß ja der S— er t 6 Der Erbe der Annesley. 11 Schulmeiſter einmal geäußert, er wolle an den Baron, ſeinen Vater, in der Stadt ſchreiben; dies gab ihm den Muth, auch ſich an den Vater zu wenden, und er fragte nun von Straße zu Straße nach dem Baron. Der Name war dem Kinde doch nicht ganz verloren gegangen, und endlich erfuhr er ſo viel, daß Se. Gnaden von Altham ſich nicht mehr in der Stadt fänden, ſie ſei aufs Land gegangen, um ihren Gläubigern zu ent⸗ gehen. Jetzt ſchien alle Hoffnung ihm verloren; der Hunger ward immer dringender, und Leute auf der Straße riethen ihm, es wäre am beſten, er begebe ſich gleich ins Arbeitshaus oder gehe ins Zuchthaus, wo er doch wenigſtens zu eſſen bekomme. Indeß er ſträubte ſich dagegen, ſei es ſein Blut, ſei es ſeine Freiheitsluſt, er fand ja in den Straßen ſo manche arme Knaben ſeines Alters, welche als Laufburſchen in kleinen Ge⸗ ſchäften ſich einen dürftigen Unterhalt verſchafften. Es ging auch ſo von Tag zu Tag, aber er fand ſich in einer Geſellſchaft, welche über ihren Stand, ihren Be⸗ ruf und ihren Brotneid auch ihre Anſi ten hatten- Der Neuling ward von denen der alte verfolgt ſie ſchimpften und ſchlugen auf ihn.„Hund“ und„Lumpenkerl“ wollte er nicht au ſſen, er ſchwur: ſie wären Lügner, er wäre beſſi der beſte unter ihnen, ſein Vater ſei ein Lord, und wenn er groß geworden, würde er auch ein Lord ſein!— Man mag ſich denken, welches höhniſche Gelächter bei den Andern er hervorrief, worauf ihm noch lange der Schelt⸗ name„der Lord“ auf der Straße blieb. Die Wirthin in einem Speiſehauſe, wo die junge Geſellſchaft zu thun gehabt, war jedoch auf den Streit aufmerkſam geworden, und da der Knabe eine nicht 6 5 12 Der Erbe der Annesley. unangenehme Phyſiognomie hatte, zog die Frau ihn an ſich, und befragte ihn, wie er dazu komme, ſich den Sohn eines Lord zu nennen?— Mit traulicher Miene antwortete James: ja, er würde einſt ein Lord werden, wenn ſein Vater ſterbe. Wer iſt dein Vater? fragte ſie ihn noch zweifelhaft, aber ebenſo ernſthaft entgegnete er:„Mein Vater iſt der Baron von Altham, und meine Mutter iſt die Baroneß von Altham, aber ſie iſt aus dem Königreich fort, und ſie ſagen, ich würde ſie nie wiederſehn.“ Die Frau ward immer ernſthafter, ſie fragte ihn: wie er dazu komme, und er gab eine ebenſo beſtimmte Auskunft: er entſinne ſich ſehr wohl, ſie hätten in einem ſehr großen Hauſe gewohnt, und einen geputzten, vor⸗ nehmen Bedienten gehabt, der ihn in eine große Schule führen mußte, und er ward am beſten da geachtet, denn er hatte die ſchönſten Kleider an. Und nachher ſei er in eine andere Schule geſchickt worden, die nicht ſo gut war, und da habe man ihn ſehr ſchlecht behandelt, weil, wie man ihm geſagt, ſein Vater nicht mehr für ihn bezahlen wolle. Darum hätte er ſeinen Vater i chen wollen, er hätte ihn aber nicht mehr eſt du ihn aber wiedererkennen? fragte die Frau. „O gewiß, wenn es auch ſchon eine lange Weile her iſt, daß ich ihn geſehen habe. Aber ich entſinne mich ſehr wohl, er kam immer in einer Kutſche mit Sechſen, wenn ich in der großen Schule war.“ Die Frau konnte kaum ihre eigene Bewegung zu⸗ rückhalten, hielt aber als Pflicht, ihn noch ſtrenger zu prüfen: Du biſt ein lügneriſcher Schelm, denn der Sohn jenes Lords, den ich kenne, iſt todt. . ie e e it n Der Erbe der Annesley. 13 James blieb auch dabei in der Probe, ſein Geſicht erröthete nicht, indem er ſie verſicherte: er hätte noch ſtets die Wahrheit geſagt, er ſei auch niemals krank ge⸗ weſen. Nur einmal ſei er gefallen und hätte einen Schlag in den Kopf gehabt; davon ſei noch jetzt eine Narbe unter dem Seitenhaar, und ſein Vater ſei da⸗ mals ſehr ärgerlich geweſen, daß die Diener ihn nicht beſſer in Acht gehalten. Die Frau hatte einen Grund, warum ſie eine be⸗ ſondere Aufmerkſamkeit auf den Knaben wendete. Der Lord, deſſen Namen er nannte, war lange Jahre der Kunde ihrer Reſtauration geweſen und ſie entſann ſich ſehr wohl, daß Lord Altham vor Jahren mehrmals davon geſprochen: daß ſein Sohn und einziger Erbe leider geſtorben wäre. Außerdem kannte ſie manches von ſeinen Verhältniſſen: daß Se. Gnaden ein gar großer Verſchwender geweſen, daß er nie mit dem Gelde ausgekommen, überall Schulden gehabt; auch daß er Schulden auf Güter aufgenommen, die er niemals hätte aufnehmen können, wenn er noch einen Sohn und Erben gehabt. Die gute Frau glaubte jetzt an die Wahrheit des Knaben, aber ſie argwöhnte noch kein Verbrechen; ſie nahm ſich vielmehr vor, gelegentlich an den Lord zu ſchreiben, um ihn von der merkwürdigen Begebenheit zu benachrichtigen. Inzwiſchen ſpeiſte ſie den kleinen James und beſchaffte ihm die nöthigſten Kleidungsſtücke. Der Zufall wollte, daß auch Lord Altham's Bruder, früher als Richard Annesley bekannt, in derſelben Speiſeanſtalt zuweilen Mittags einſprach. Als er dieſer Tage eintrat, hatte die gute Wirthin ihm nichts an⸗ gelegentlicher zu erzählen, als die merkwürdige Begeben⸗ heit, die ihr vorgekommen war. Richard erſchrak nicht, Der Erbe der Annesley⸗ war aber ſofort, wie er ſagte, ſeiner Sache gewiß: es ſei nur eine Betrügerei; ſein Neffe ſei todt. Es möge wol noch ein Knabe exiſtiren, der ſich einen Sohn ſeines Bruders, des Lord, nenne; aber wenn Lady Altham, ſeines Bruders Gattin, die Mutter dieſes Kindes ſei, ſo ſei ebenſo gewiß ihr Gatte und ſein Bruder, Lord Altham, nicht der Vater dieſes Kindes.—„Das weiß ich nicht zu entſcheiden“, ſagte die Wirthin, welche mit den Geſetzen vertraut ſein mußte;„das aber weiß ich, wenn der Knabe in der rechten Ehe geboren iſt, ſo muß er auch ihr Erbe werden, und dann muß man ihn in ſtandesmäßiger Weiſe erziehen.“ Der Oheim verlangte den Knaben zu ſehn, er hoffte den zerlumpten Straßenjungen durch eine drohende Rede auf ein mal einzuſchüchtern, aber James war ſchon reinlich gekleidet und ſauber geſchmückt worden. Sein Haar rollte in ſchönen blonden Locken, er war ein hübſcher Junge, und man kann ſagen, er trat mit gemeſſenem, ja mit vornehmem Anſtand dem Edelmann entgegen. Richard aber, ungerührt, ſchnaubte ihn an: — Welchen Namen unterſtehſt du dich zu tragen? „Ich trage keinen, Sir, als den, den ich mit in die Welt brachte, und den ich immer getragen habe. Niemand ſoll ſich unterſtehn, zu behaupten, daß ich nicht der Sohn des Baron Altham ſei.“ — Wer, von wem haſt du das Recht? „Von deſſen Frau und Gattin, der Baroneß von Altham, meiner Mutter.“ — Dann biſt du ein Baſtard! ſchrie der Oheim, denn deine Mutter war eine liederliche Perſon. Der Knabe, welcher mit immer größerer Feſtigkeit geſprochen, brach in Thränen aus, aber eben des Zornes, wie des Schmerzes. Nachdem er ſeiner Stimme Herr at Der Erbe der Annesley. 15 geworden, rief er:„Wenn ich ein Mann wäre, ſo ſolltet Ihr das über meine Mutter nicht ſprechen, und was Ihr auch wärt.“ Die Speiſewirthin zerfloß in Thränen über den Vorfall, und dem Dheim ſchien gerathen, ſich etwas glimpflicher zu halten. Aber als das Kind dreiſt ſagte: „Ja, es kenne auch den Herrn und wiſſe, daß es ſein Oheim ſei, denn er ſei auch einmal mit dem Vater zu ihm nach der Schule gekommen“, ſchritt er aus dem Zimmer und warf die Thür hinter ſich zu. Die Speiſe⸗ frau aber ließ ſich nicht abſchrecken, ſie faßte den vor⸗ nehmen Herrn noch an der Treppe und band ihm wieder auf die Seele, daß er ſeines Reffen ſich erbarme, und daran denke, ihm eine anſtändige Erziehung zu verſchaffen. Der Oheim verſprach es, um ſie nur zu beſchwichtigen; er wolle mit ſeinem Bruder die verdrieß⸗ liche Angelegenheit ſo gut es gehe in Ordnung bringen. Der Dheim hatte wirklich darüber mit ſeinem Bruder Rückſprache genommen. Er benachrichtigte ihn von dem Vorfall und der mislichen Lage des Knaben, daß er an⸗ ſtandshalber etwas zu ſeiner Erziehung thun müſſe; aber es ſei ſehr mislich, wenn er ihn öffentlich irgend⸗ wo in eine Schule thue; denn hier im Lande könne es niemals ſo heimlich geſchehen, als daß es nicht in ſeiner beſprochenen Vermögensangelegenheit den bewuſten großen Nachtheil bringe. So lange er am Leben wäre, dürfte er nicht daran denken, gewiſſe Güter und Hebungen zu veräußern und zu verpachten. Der Oheim rieth ihm daher, den Buben außerhalb des Landes, jenſeits der See, in eine Schule zu bringen, wozu er St. Omers, was am billigſten ſei, in Vorſchlag brachte. Baron Altham nahm bereitwillig den Vorſchlag 16 Der Erbe der Annesley. an, ſchickte dem Bruder das nöthige Geld, um die Speiſewirthin zu befriedigen, und überließ ihm ſonſt die ganze Angelegenheit. Es ſcheint, daß der Vater damals ſchon ſelbſt ſehr krank oder ſchwach geworden. Der Oheim beſorgte die ganze Angelegenheit, und der nächſte Schritt, den er that, war, daß er mit einem Schiffscapitän einen Vertrag abſchloß. Das Schiff war nach Pennſylvanien beſtimmt. Der treuloſe Oheim vertraute ihm im Stillen: es gelte den natürlichen Sohn eines vornehmen Mannes, der allerhand Schlechtigkeiten begangen, welche der Familie zur Schande gereichten, in aller Heimlichkeit loszuwerden. Der Bube habe ſo ſchändlich gegen ſeine Anverwandten gehandelt, daß er gar keine Rückſicht mehr verdiene; alle ſeien herzens⸗ froh, ihn loszuwerden, und ſo, daß er nicht mehr Böſes thun könne. Darum komme es darauf an, ihn über See irgend wohin zu ſchaffen, von wo er nicht mehr als Störenfried zurückkehren dürfe. Der Capitän verſtand es vollkommen, Auskünfte jener Art waren damals auch nichts Ungewöhnliches, und gegen eine mäßige Geldſumme verſprach er dem Edelmanne gern dienen zu wollen. Der Oheim eilte nun zur Wirthin, dankte ihr im Namen ſeines Bruders für ihre Bereitwilligkeit für den armen Jungen, bezahlte ihr ihre Auslagen, und nahm den Knaben mit ſich, um ihn, wie er angab, nach dem Willen des Barons, in die Schule von St. Omers zu ſchicken. Da aber das Schiff entweder die Ladung noch nicht voll hatte, oder die Winde noch ungünſtig waren, mußte ſein neuer Herr ihn vorher irgendwo in Sicherheit bringen, und James ward unter Annesley's Fürſorge zwar dem Schein nach in eine an⸗ ſtändige Penſion gethan, der Wahrheit nach aber auf ie er d f m hn en en, be aß ⸗ hr hu im nd ab, St. die och he ntet Der Erbe der Annesley. 17 Schritt und Tritt bewacht und ſchon auf dem Lande gewiſſermaßen zum Sklaven gemacht. Dies war eine verhängnißvolle Zeit für James. Sein Vater(Arthur Lord Altham) war wirklich krank geweſen und ſtarb plötzlich. Die romantiſche Erzäh⸗ lung, der wir folgen, und die Klageacte, welche da⸗ raus geſchöpft hat, nimmt an: der Tod des Barons ſei ſo ſchnell erfolgt, daß er auf dem Sterbebette keine Erklärung für ſeinen Sohn mehr habe ausſprechen können. Entweder eine Suppoſition, um eine Pflicht der Pietät für den ſonſt ſehr unnatürlich handelnden Vater zu erfüllen, oder um die ganze Schwere der Schuld auf dem Angeklagten, dem Oheim, allein zu belaſſen. Thatſache iſt, daß dieſer Richard Annesley, welcher ſeinem Wiſſen und der Wahrheit nach nicht der Erbe des Erblaſſers ſein können, ſomit gar keine Anrechte hatte, ſich doch ſofort nach ſeines Bruders Tode als Baron Altham titulirte und die Güter über⸗ nahm, während der unglückliche James, der wahre Baron, vollſtändig als Gefangener in ſeiner Koſtſtelle lebte und kein Wort von der Sache wußte.— Der neue Lord ſtürzte nur zu ihm mit der Botſchaft, das Schiff liege nun bereit, er ſolle jetzt keinen Augenblick länger zaudern, um dann ſeine, ſo lange verlorene Zeit in der Schule und in den Studien wieder gut zu machen. Betrogen vom Oheim um die ſchönſten Hoffnungen, daß nun für ihn ein neues, beſſeres Leben anfange, flog er ins Schiff, froh und vergnügt. Schon in der erſten Nacht ſollte er alle die ihm unbekannten Schrecken eines erſten Seeſturms erfahren. Sein furchtbarer Zuſtand, der ihm dem Tode nahe ſchien, ließ ihn doppelt erwünſcht den Morgen oder den Tag erſehnen, um das Land, das ja nicht 18 Der Erbe der Annesley. ſo fern ſei, wiederzuſehen. Aber keine Küſte zeigte ſich wie⸗ der am Horizont. Kein Frankreich kam am Horizont.— Als der Sturm ſich gelegt und das Meer ruhiger geworden, ward in der Kajüte des Capitäns ein Tiſchzeug zum Spei⸗ ſen aufgedeckt. James, bei dem der Hunger nach ſo lan⸗ gen Qualen ſich meldete, warf ſich muthig an die Tafel, als ein Matroſe ihn verwundert anſtarrte:„Was, du Kik in die Welt, denkſt du mit dem Capitän zu löffeln?“ Die Schiffsjungen ſtimmten in ein ſo höhniſches Ge⸗ lächter ein, wie vordem ſeine ſaubern Spielkameraden von der dubliner Straße. Der Capitän war aber ge⸗ rade bei guter Laune und rettete ihn diesmal:„Nun, wahrhaftig, der Burſch iſt klug genug zu wiſſen, wo man in guter Geſellſchaft ſpeiſt; zu guter Zeit wird er ſchon wiſſen, wo man für ihn deckt.“ Man ließ ihn wirklich am Tiſche ſitzen, aber die Art, wie man dem Capitän ein feines Diner ſervirte und ihm nur einen unſaubern Teller mit Pökelfleiſch und Erbſen hinwarf, verriethen ihm ſchon, wie der künftige Baron hier werde behandelt werden. Er ſollte nur zu bald wiſſen, zu welcher Stellung er im Schiffe beſtimmt ſei. Sein Stolz empörte ſich, wie in der dubliner Straßez er ſprach von ſeiner Ge⸗ burt und rühmte ſeinen Namen. Nachdem man lange ihn verhöhnt, ward der Capitän der Komödie über⸗ drüſſig, er erklärte ihm kurz und entſchieden, wie und weshalb er hier ſei, und daß ſein Oheim ſelbſt ihn als Strafe hierher geſchickt habe; er ſolle alles weitere Lamentiren laſſen, da ihm Niemand helfen, ſondern er ſeinen Zuſtand noch ſchlimmer machen könne. James tobte und gerieth in eine ſolche Verzweiflung, daß der Capitän eine Handlung derſelben fürchtete und ihn in das Gefängniß ſperren ließ. Sein ſtolzer Geiſt iſt da⸗ em nen uf, hier ung ſch, Ge⸗ nge ber⸗ und ihn itete dern me der n in de⸗ Der Erbe der Annesley. 19 durch nicht gedämpft, ja ſeine innerſte Seele iſt dadurch aufgeregt; er verſank aber in eine tiefe Traurigkeit und verweigerte jetzt jede Nahrung. Man griff ſogar vergebens zu äußerſten Mitteln, ihn zu binden und die Speiſe ihm in den Schlund zu preſſen. Als alle Drohungen und Schläge ohne Wirkung blieben, ward der Capitän beſorgt, denn wenn der Gefangene ſtarb, ging ihm ein Sklave verloren und das war ein Verluſt ſeiner Kaſſe. Er ließ daher James in ſeine Kajüte führen und redete ihn leidlicher an: es ſei ohne ſeinen Willen geſchehen, wie man ihn gemiß⸗ handelt; das ſolle von nun an nicht mehr geſchehn, wenn er ſich vernünftiger aufführe. Er, der Capitän, könne ſein Schickſal nun einmal nicht abſolut ändern, aber wenn er ſich auſtelliger zeige, wolle er aus gutem Willen alles Mög⸗ liche für ihn thun. So hoffe er, wenn er mit ihm zufriede⸗ ner ſein könne, bei der Ankunft in Weſtindien ihm eine leidliche oder angenehme Stellung zu verſchaffen. Auf den„jungen Baron“(wie er fortgehend titu⸗ lirt wird) hatte auch dieſes Zureden keine Wirkung, er blieb ſtumm und verſchloſſen. Erſt auf ein Verſprechen fing er an zu hören, nämlich als der Capitän eine Saite anſchlug: wenn er in Amerika angekommen, wolle er an ſeinen Vater einen Brief ſchreiben, der würde auf die Vorſtellung des wahren Verhältniſſes, wo wahrſcheinlich Misverſtändniſſe obgewaltet, ſeine Freiheit ihm wieder verſchaffen und zu ſeiner Rückkehr nach Europa die nöthigen Mittel gewähren. Dies hatte ihn ins Leben zurückgeführt, und der Capitän, der von nun an voll Güte und Freundlichkeit ihn behan⸗ delte, rettete ihn wirklich— als Sklaven für den Markt von Pennſylvanien! Nämlich Maſter Brummond, der gute, menſchen⸗ 20 Der Erbe der Annesley. freundliche Mann, welcher— nach des Capitäns Ver⸗ ſicherung— ihn als wahren Freund aufnehmen und ihm helfen werde, war allerdings der reiche Plantagen⸗ beſitzer, er kam auch wirklich auf den pennſylvaniſchen Marktort, wechſelte auch wirklich mit dem Capitän einige Worte, wenn auch nicht beſonders freundlich, nur etwa wie der Metzger mit dem Amtmann über ein Stück der Heerde feilſcht, und endlich nahm auch Maſter Brummond den jungen James mit ſich am Arm, aber nur, nachdem er ihn für courante Waare von dem Ca⸗ pitän erkauft und einem ſeiner Aufſeher übergeben hatte. Dieſer führte oder ſchleppte ihn nach der Plantage. In weſtindiſchen Colonien des freien Englands müſſen noch Sklaven von freigeweſenen weißen Männern unter gewiſſen Beſtimmungen zu Anfang des vorigen Jahr⸗ hunderts exiſtirt haben, wie dieſe Geſchichte darauf mehrfach hinweiſt. James ward angewieſen, Bäume für den Zimmer⸗ platz zu fällen, ſeine Kräfte reichten kaum zu der ſchweren Arbeit. Brummond war aber ein unerbittlich ſtrenger Herr wie die Mehrzahl der Plantagenbeſitzer jener Zeit; er war gewohnt, Diener und Sklaven für Geſchöpfe anderer Art zu betrachten. Am ſchlimmſten und rohſten unter den brutalen Plantagenbeſitzern waren immer die, welche ſelbſt aus Sklaven zu freien Beſitzern ſich aufgeſchwungen hatten; an denen, welche nun in ihre Hand gerathen waren, wollten ſie büßen laſſen, was ſie einſt ſelbſt gelitten. Die Arbeit war drückend, die Wohnung, die Nahrung ſchlecht, bei Sklaven wie bei freien Dienerſchaften. Meiſtens mußten ſie weit vom Hauſe, auf dem Felde, oder in Wald und Sumpf, öfters noch in ungeſunder Luft, Tag und Nacht lange zubringen. er⸗ ind en⸗ hen tin ich, ein ſter ber Ga⸗ tte. ge⸗ ſen ſer hr⸗ auf ſer⸗ der tich itzer für ſten ren ern ſen, end, wie weit upf, uge Der Erbe der Annesley. 21 Der junge Gefangene ſchien auch wirklich unter der Laſt der Arbeiten und der Behandlung faſt zu erliegen, als ihm glücklicherweiſe eine Gefangene zur Tröſterin, oder zur Lehrerin zugeſellt ward. Es war eine ſechszig Jahr alte Sklavin, auch eine weiße, eine freigeweſene, eine achtbare Frau, welche ihr lüderlicher, vertrunkener Ehemann, überdrüſſig derſelben, gemishandelt und, in Uebermaß der Niederträchtigkeit, auf dem Markt als Sklavin verkauft hatte. Die Alte mußte das Eſſen für die Sklaven der Plantage kochen und es ihnen in die Felder tragen. Dabei fand ſie Theilnahme für den blutjungen Knaben, um ſo mehr als James ſeine trau⸗ rigen Schickſale ihr erzählte. Sie war auch aus beſſe⸗ ren Tagen, und die nie für ſie wiederkehrten. Noch mehr, die arme Frau hatte eine Erziehung genoſſen, ſie war ziemlich in der Geſchichte bewandert und lehrte und tröſtete damit die traurigen Tage ihres Mitgenoſſen. Ja, wird uns erzählt, um dem Knaben noch feſter ihre Kenntniſſe einzuprägen, ward ſie eine methodiſche Lehrerin. Sie ſchrieb auf kleine Papierzettel die Capitel der Geſchichte, die ſie aufs Feld mitbrachte, damit James, wenn die Sklavin wieder heim ging, bei der Arbeit oder beim Ruhen das Penſum nachleſen könne. Nachher examinirte ſie ihn beim nächſten Zuſammen⸗ treffen. James war ein ſo eifriger Scholar, daß er zu⸗ weilen die Arbeit darüber verſäumte und dafür bittere Schläge erhielt. Aber voll Wißbegier nahm er dieſel⸗ ben ruhig hin. Die arme Sklavin war wirklich ſeine gute Mutter geworden; ihrem Beiſpiel, ihren Ermahnungen verdankte er, daß er nicht endlich in der Gemeinheit und Laſter⸗ haftigkeit der Knechtſchaft doch verſank. Oder— ſucht iene Schrift zu deuten— verdankte er es vorzugsweiſe 22 Der Erbe der Annesley. und nur ſeinem edlen Blute?— Nach vier Jahren ging die Sklavin der Erlöſung entgegen; James war bei ih⸗ rem Tode ganz untröſtlich, aber weder die Gewöhnung, noch Schläge und Jahre konnten zum Sklavenſinn ihn beugen; im Gegentheil ſann er auf Flucht. Er be⸗ hielt den Plan tief für ſich, er hatte überhaupt wenig Gemeinſchaft mit den andern Sklaven, ihre Sitten und Gedanken ſtanden ihm zu ferne. Aber ein anderer, der ſchon ſeit lange darauf geſonnen, ſich loszureißen, ſchloß, James immer tieferer Trübſinn müſſe mit einem ähn⸗ lichen Plane umgehn. Er wagte dreiſt es ihm zu ſa⸗ gen und forderte, als James wenigſtens nicht leugnen mochte, ihn auf, mit ihm gemeinſchaftlich zu handeln. In dem unfernen kleinen Hafen Dover liege ein nach England zu ſegeln bereites Schiff, es ſei nicht un⸗ ſchwer für beide, dahin zur rechten Zeit ſich zu ſchleichen. James(in der Schrift hier mit beſonderer Betonung „der junge Baron“ gebraucht) hatte erſt einige Beden⸗ ken, willigte aber dann ein, und nachdem er früh zu Bette ging, wollten ſie mit frühem Tagesgrauen den Weg auf bekannten Pfaden antreten. Aber als er Morgens erwachte, war zu ſeinem Er⸗ ſchrecken die ganze Familie ſchon, gegen ihre Gewohn⸗ heit, im Wege; es war Geräuſch und Unruhe. Der andere Sklave war ſchon entflohen und hatte— dabei ſeinem Herrn werthvolle Gegenſtände geraubt. James fühlte einen Todesſchreck: wenn er mit dieſem Sklaven zuſammen gehandelt, wäre er ja als der Mitſchuldige eines Diebes in Verdacht gerathen oder gar gefangen worden. Er dankte dem Himmel, daß er von der Ge⸗ fahr errettet war, diesmal ſich frei zu machen. Berittene ereilten noch am Abend des Tages den Flüchtigen, und nachdem er ſeine volle Züchtigung erhalten, verkaufte ing ih⸗ ng, ihn be⸗ nig und der loß, hn⸗ ſi⸗ nen ln. nach un⸗ hen. ung den⸗ h zu den Et⸗ ohn⸗ Der abei ames aven ldige ngen Gl⸗ ſttene und Der Erbe der Annesley. ihn Brummond an einen Plantagenbeſitzer in Philadel⸗ phia, aus Beſorgniß, daß der Menſch, wenn er in der Nähe bleibe, ihn aus Rache verderbe. Der„junge Baron“ war jetzt ſiebzehn Jahr alt und hatte fünf Jahre ſeiner traurigen Sklaverei hier durch⸗ gemacht. Sein Herr war nicht milder geworden, er nicht gedemüthigt und nicht gebeugt. Er konnte es nicht mehr aushalten; und wenn es auf ſeinen Tod gehe, war ſein Entſchluß, von dieſer Quälerei ſich frei zu machen. Eines Tages entſprang er, raſch nach ei⸗ nem heftigen Auftritt, ohne vorher zu berathen, wohin, und mit nichts, als was er in der Hand hatte— ſein Heckemeſſer. So ſtürzte er in die Wälder und verbarg ſich glücklicherweiſe vor den Verfolgern. Drei Tage lebte er in der Wildniß, von Beeren und Wurzeln ſpär⸗ lich ernährt. Endlich ſah er eine Lichtung und von einer Höhe herab einen breitern Fluß aufflimmern. Er hielt ihn für den Delaware, es war aber der Sus⸗ quehana, der Pennſylvanien von den Irokeſen damals trennte. Er wollte ſich dahin wenden, als auch der Anblick einer anſehnlichen Stadt, welche ſich an die Windung des Stromes lehnte, ihn ſtutzig machte. Hier konnte Markt, hier konnten ſchon Anzeigen eines ent⸗ laufenen Sklaven eingelaufen ſein. Er warf ſich am Fuße eines Baumes nieder, um mit ſich Rath zu ſchla⸗ gen, als ein Zufall kam, der ihn anfänglich zu retten ſchien, ihn aber aufs Neue in ſchlimmere Fährlichkeiten verſtricken ſollte. Wir müſſen nun eine romanhafte Geſchichte, wie ſie aus unſerer Quelle ſtrömt, wiedergeben, ohne berechtigt zu ſein, daran zu zweifeln oder ſie zu beglaubigen. Auf den Vindicationsprozeß vor den irländiſchen Gerechten iſt ſie eine Epiſode ohne Bedeutung; doch iſt nicht ab⸗ 24 Der Erbe der Annesley. zuſehen, weshalb ſie zu Gunſten des Klägers erſonnen wäre. Als James im Zwielicht die Augen zuhielt, hörte er dröhnende Hufſchläge mehrer Roſſe, die in der Rich⸗ tung nach ihm zu kommen ſchienen. Als er ſcharf auf⸗ ſchaute, ſah er durch das Dickicht des Laubes, in dem er ſich vorſichtig verſteckt hatte, zwei Pferde, auf einem ein Reiter, der eine weibliche Geſtalt mit ſich auf dem Sattel trug, auf dem andern einen zweiten Mann, welcher ein Felleiſen über ſich trug. Beide hielten gerade in der Nähe des Baumes an, ſie ſahen, nach ihren Mienen, nicht wie Verfolger aus, ſondern als Verfolgte. Der eine Herr, der ſcharf das Auge zurückgeworfen hatte, meinte gegen die Dame, welche er„Meine Theure“ an⸗ redete, der Platz ſcheine ſicher und recht geeignet, um ſich hier zu erfriſchen. Er war ſogleich herabgeſprun⸗ gen und half der Begleiterin vom Sattel, während der zweite ſein Pferd an einen Baumaſt band und das Felleiſen öffnete. Der Inhalt deſſelben, den er auf den Raſen breitete, erregte dem hungernden und durſtenden Flüchtling ein beſonderes Intereſſe, kalte Küche und eine Flaſche Wein. Vielleicht hatte James zu neugierig hingeſehen, denn die Zweige kniſterten und der Diener ſchrie im Augenblick:„Verräther!“ und zückte im ſelben Moment den Hirſchfänger nach dem Verräther zu. Noch zu rechter Zeit beſchwichtigte James in kur⸗ zer Antwort das Misverſtändniß: er wolle Niemand verrathen und ſei kein Verfolger; er habe ſelbſt um Schutz zu bitten und ſei auf der Flucht. Zwei Geſell⸗ ſchaften von Flüchtlingen hatten ſich gegenſeitig von ih⸗ ren Nöthen zu erzählen, doch theilte der Herr und die Dame von ihrer Geſchichte nur ſoviel mit, daß ſie in Geſchäften nach Holland reiſen müßten und im Hafen nen örte ich⸗ auf⸗ dem nem dem lchet nder nen, Det atte, an⸗ um run⸗ d det das fden enden eine ierig te in rithe kur⸗ man ſt n heſil⸗ on ih⸗ nd die ſi in Hufen von Apoquenimink auf ein Schiff warteten. Sie boten James, der ſeine ganze Geſchichte ausgeſchüttet und ſie um Beiſtand angegangen hatte, freundlich einen Platz im Schiffe an, und, was im Augenblick noch wichtiger war, von ihrer Speiſe und ihrem Trank. Die Er⸗ quickung und die troſtreiche Ausſicht wirkten wunder⸗ bar auf den jungen Menſchen, und er fühlte ſich ſo plötz⸗ 8 gekräftigt, daß er alle neuen Mühſale zu beſtehen hoffte. Nachdem Menſchen und Pferde ſich erholt, trat die neue Geſellſchaft ihren Weg an, James zu Fuß hin⸗ ter den Reitern, die ſich immer in der Tiefe der Wälder hielten. Plötzlich ſchienen ſie unruhig zu werden und blickten ſich ängſtlich um; dem jungen Hinterwäldler konnte es nicht entgehen. In weiter Ferne hörte er wieder Roßgewieher, Pferdehufe und Peitſchen, es flimmerte von Lichtern, plötzlich hell ge⸗ ſchwungene Fackelnz dazu heulten Hunde und auch Füh⸗ rerſtimmen von Menſchen ſchallten durch das Dickicht. Es waren Verfolger und ſeine neuen Geſellſchafter wa⸗ ren jetzt auch gejagte Flüchtlinge. Mit dem Ausbrechen einer entſetzlichen Angſt rief die Dame:„Er iſt's, ja er iſt's, wir ſind für immer verloren.“ Die Lady war ſelbſt vom Sattel geglitten und ins Dickicht geſprungen, der Herr und ſein Diener zückten die Degen, um ſich zu vertheidigen, und James auch hielt ſein Heckmeſſer bereit, weil er es für Pflicht der Dankbarkeit hielt, mit ſeinen neuen Gefährten ſich zu retten, oder mit zu leiden. Der Widerſtand blieb aber unnöthig. Alle Flüchtlinge wurden gefangen, auch die ohnmächtige Dame war nicht von dem allgemeinen Looſe verſchont, indem ſie als Gebundene zuerſt in ein nahes XXIV. 2 Der Erbe der Annesley. 25 26 Der Erbe der Annesley. Dorf, am folgenden Tage, jeder einzeln, in den Kerker von Cheſter geſperrt wurden. Es war eine nicht allein romantiſche, ſondern nach den Geſetzen ſehr ernſthafte Geſchichte, in die unſer Held ſich unvorſichtiger Weiſe geſtürzt hatte. Erſt jetzt erfuhr er es; die junge Lady war die Tochter eines ſehr reichen Kaufmanns, die einen jungen Mann geliebt hatte, welcher unter ihrem Stande war. Der Vater hatte ſie an den Altar mit einem andern Mann ge⸗ zwungen. Das Band der Ehe hatte die Bande der Leidenſchaft nicht gelöſt, ſie ward hingegen ſo mächtig, daß ſie ein Verbrechen beging. Mit dem Liebhaber complotirend, hatte ſie die Kaſſe ihres Ehemannes be⸗ raubt und war mit jenem, in der Abſicht nach Europa zu fliehn, wie wir ſahen, entwichen. Beiden ſtand unzweifelhaft die äußerſte Strenge der Geſetze bevor; was aber dem jungen Menſchen? das waren die aller peinlichſten Zweifel, welche ihn in dieſer Nacht quälten. Indeſſen dauerte dieſe Tortur nicht lange. Schon am folgenden Tage hatte das Gericht die Unterſuchung ein⸗ geleitet; die Coloniſten in der neuen Welt hatten unter Sorgen und Arbeiten nicht viel proceſſualiſche Zeit lange über Miſſethaten zu urtheilen. Am Morgen fing der Proceß an gegen Liebhaber, Geliebte und Diener, und ſchon vor dem Abend waren ſie verurtheilt. Nur die Verurtheilung des„jungen Barons“ ward ſchwie⸗ riger. Er ſchien dieſen Richtern nicht als eine eigent⸗ lich ſchuldige Perſon, wenn er nach ſeiner Angabe als Fremder nur zufällig mit den Entführern in dem Walde zuſammengekommen war. Wenn es ſich aber herausſtellen würde, daß er kein Fremder, ſondern aus der Grafſchaft ſei, demnach alſo ein Complice der Verbrecher, ——— Der Erbe der Annesley. 27 te ſollte er ebenfalls des Raubes ſchuldig erklärt und ge⸗ hängt werden. Um dieſe ſeine Qualität zu prüfen, ſollte nach er eingeſperrt bleiben, aber an jedem Markttag öffent⸗ Had lich ausgeſtellt werden, damit Jeder, der ihn gekannt, icht Zeugniß über ihn ablege. Zeitungen, Annoncen und ſcht Placate waren noch nicht in Uebung. ₰ icbt Fünf Wochen blieb er in neuer Angſt im Kerker,— bater an jedem Markttage an den Pranger geſchleppt. Nie⸗ u ge mand wollte ihn erkennenz aber nach jenen fünf Wochen e der führten leider Handelsgeſchäfte ſeinen ehemaligen Herrn, chtig, Drummond, nach Cheſter. Er erkannte augenblicklich habet ſeinen entwichenen Sklaven und nahm ſein Eigenthum s be⸗ zurück. Vor ſeiner Heimſchaffung war er der traurige ope Zeuge geweſen der Hinrichtung. Liebhaber, Geliebte und Diener hingen am Galgen. e der James mußte nun nach den Geſetzen, außer ſeiner 7das Züchtigung, zur Strafe für ſeinen Fluchtverſuch, noch 6 dieſer zwei Jahre länger als ſeine ältere Zeit ausdauern. Aber auch in den Colonien gab es Geſetze zu Schutz Schon und Hülfe für zu ſehr gemishandelte Sklaven. Beim g ein⸗ Oberrichter der Provinz ward gegen Drummond Klage unter erhoben, daß er zu willkürlich und barbariſch gegen ſei⸗ lange nen Sklaven James verfahren ſei, und durch Richter⸗ fing ſpruch ward der zu unmenſchlich ihn behandelnde Herr ienet, verurtheilt: ſeinen Sklaven zu verkaufen. Nyr Sein Schickſal ward indeß nicht ſchlimmer. Nach⸗ chnir dem er drei Jahre geduldet, ward der Drang nach Frei⸗ igunt⸗ heit in ihm zu mächtig, er verabredete wieder einen be al Fluchtverſuch, der, in Verbindung mit einigen Matro⸗ den ſen, wiederum fehlſchlug und ihm, ſtatt einer, dann ber noch einjähriger, neue fünf Jahr der Sklaverei eintrug. 1s der Jetzt ſchien die moraliſche Kraft in ihm erſchöpft, er verfiel icher, in eine Schlaffheit und Trägheit, daß ſein Herr be⸗ —— ——— ——————— —— 28 Der Erbe der Annesley. fürchten mußte, er werde vor der Zeit ſterben. Um des⸗ willen ließ er ihn ſeiner Frau, die ihn milder behan⸗ deln könne. Dies geſchah allerdings, die Beſitzerin des Hauſes hielt ihn menſchlich, ſie wandte ihm manchen Biſſen vom Hauſe zu, der ſonſt einem Sklaven nicht gereicht ward. Es traf ſich aber, daß die Frau Plantagen⸗ beſitzerin eine Tochter, Marie, hatte, die ihn ebenfalls menſchlich behandelte und ebenfalls dann und wann ihm manche noch beſſere Leckerbiſſen von dem Tiſche reichte. Und hier beginnt ein zweiter, faſt ſentimentaler Roman, den wir in Kürze berühren wollen. Das junge Mäd⸗ chen hob dem„jungen Baron“ nicht nur gute Biſſen auf von dem Mittagseſſen, ſondern ſie ſuchte ihn auch ſo ſanft zu tröſten, damit er wieder froh und muthig werde. Es bedürfte nicht eben der Wahrſagekunſt, um das Myſterium zu enthüllen. Marie verliebte ſich in ihn. In demſelben Gehöft fand ſich indeß noch ein anderes weibliches Weſen, welches dieſelbe Reigung für den hübſchen jungen Sklaven empfand. Die junge Iro⸗ keſin, welche im Hauſe diente, war aber als Indianerin, nicht wie Marie, durch den Hemmſchuh der Sitte ge⸗ nöthigt, nur durch Seufzer, Blicke und Leckerbiſſen ihre Gefühle verſchüchtert auszudrücken. Sie ſagte dem hüb⸗ ſchen jungen Manne grad heraus: wenn er ſie nach dem Ueberſtehen ſeiner Sklavenzeit heirathen wolle, wolle ſie ſo für ihn arbeiten, daß es ihm zwei Sklaven ein⸗ tragen werde. James, der die Empfindung des In⸗ dianermädchens nicht theilen konnte, verſuchte umſonſt Alles, was ihm möglich, ihre Leidenſchaft zu beſchwich⸗ tigen. Marie behorchte zuweilen ihre Unterhaltun⸗ gen ohne den wirklichen Sinn zu faſſen, ſie entglühte vielmehr in Eiferſucht und es überfiel ſie, den ſehr —„——+— —— Der Erbe der Annesley. 29 unſchuldigen Jüngling in ſpitzen oder zornigen Re⸗ den ihre Empfindlichkeit fühlen zu laſſen, ohne daß James noch Zeit hatte, ſich zu vertheidigen. So war er ein Joſeph nach zwei Seiten hin, welcher der Zärt⸗ lichkeiten, die er nicht zu würdigen wußte, ſich kaum erwehren konnte. Von ihrer Ungeduld getrieben, ſchlich Marie eines Tages nach dem Felde, wo James arbeitete. Auf anderem Wege kam im ſelben Sinne und nach demſelben Ziele das Indianermädchen. Dieſe, als ſie zuſammentrafen, war nicht mehr Herrin ihrer Ge⸗ fühle; wie eine Tiegerin ſtürzte ſie auf ihre Rivalin, und dieſe hatte kaum Kraft genug, ſich von ihr loszureißen und zu entfliehn, um nicht erwürgt zu werden. Sie floh, Hülfe ſchreiend, nach den Arbeitern auf dem Ackerz die junge Wilde aber, entweder geſättigt, daß ſie wenig⸗ ſtens ihrer Eiferſucht und Rache genügt, oder weil ihr die gefährlichen Folgen ihres mörderiſchen Anfalls zu Sinn gekommen waren, lief an das ſteile Ufer eines Fluſſes und ertränkte ſich. Marie war blaß und beſinnungslos nach Hauſe getragen worden, ſie fiel in ein heftiges Fieber, und die Namen, welche ſie in ihren Verzückungen ausſtieß, in Verbindung mit dem, was andre Arbeiter, welche das Unglück der Indianerin von fern geſehen, mittheilten, ließen wohl ahnen, was zu Grunde lag. Die Aeltern, ſehr um das Schickſal ihrer Tochter be⸗ ſorgt, wollten aber Sicherheit haben und griffen zu ei⸗ ner auch romanhaften Cur. James mußte bei einer Gelegenheit in Mariens Stube etwas ausrichten. Kaum daß ſie ihn ins Auge faßte, ſteigerte ſich die Parorie der Kranken; ſie rief, beſchwor ihn mit der zarteſten Stimme und hob in Phantaſien ein Liebesgeſpräch an, bei dem der junge Mann durchaus nicht in dem Sinne antwortete, als die arme wünſchte. Die Aeltern, heim⸗ 30 Der Erbe der Annesley. lich zugegen, wußten nun wohl, an welcher Krankheit Marie litt, und daß der junge Menſch ſie nicht ver⸗ ſchuldet hatte. Um die Tochter zu erretten, waren ſie einig, ihn aus dem Angeſicht des Mädchens für alle Zeit zu entfernen, und weil er als ein treuer Joſeph gehandelt, wollten ſie ihn auch dafür belohnen, und— frei machen. Seine Herrin, die gute Frau, verkündigte es ihm ſchon, und ſein nun auch guter Herr führte ihn ſchon nächſten Tages nach dem Hafen von Dover. Mit wel⸗ chem Herzen klopfte es ihm auf dieſem frohen Wege! Aber der Plantagenbeſitzer ward immer einſylbiger, ſtum⸗ mer. Plötzlich wandte er um, ſtatt nach Dover, nach dem Sklavenmarkte von Chicheſter in der Grafſchaft Suſſex. Der zärtliche Vater hatte ſich inzwiſchen eines Anderen beſonnen. Der Sklave war ja noch fünf Jahre leibeigen; es ſchien ihm eine zu große Großmuth, einen ſo tüchtigen Arbeiter für eine ſentimentale Regung fünf Jahre umſonſt fahren zu laſſen, und als ſein Herr mit dem Gerichte und einem fremden Herrn, nach ſeiner Meinung über die Freilaſſung und Verſchiffung nach Europa, die letzten Formalien abthat, hatte der treu⸗ loſe Mann ihn an einen neuen Herrn und Gebieter verkauft. Der„junge Baron“, der„edle Sklave“, wie er abwechſelnd bezeichnet wird, der Jüngling, welcher durch alle Wechſel ſchwerer Dinge ſich gleichmäßig ge⸗ halten, verliert doch über dieſe ſchwarze Niederträchtig⸗ keit die Geduld. Jetzt, wie das Indianiſche Mädchen, zum Tieger verwandelt, hätte er den Menſchen erwürgt, wenn nicht Andere ihn zurückgehalten hätten. Der neue Herr und Käufer bekam danach großen Schreck und bereute faſt den Handel, indem er James n Der Erbe der Annesley. 31 für einen jähzornigen Menſchen hielt. Selbſt aber mil⸗ den Sinnes und voll humaner Regungen, behandelte er den neuen Sklaven ſo, daß er auch dieſen von ſeiner liebenswürdigen Seite bald kennen lernte. Er ließ ihm manche Freiheit, gab ihm ſogar Bücher, und James ward mit der neuen Sklaverei nun ſo verſöhnt, daß er mit Faſſung und Ruhe den geſetzlichen Ausgang er⸗ wartet hätte. Aber der gute Herr ſtarb unglücklicherweiſe ſchon nach drei Jahren, und James ward mit einem Theil der Plantage durch den Erben einem dritten Herrn verkauft, deſſen Güter, in Newcaſtle, noch dazu in der Nähe des ihm ver⸗ hängnißvollen Drummond's, lagen. James war hier in neue Leiden und Bedräng⸗ niſſe geſtürzt, in die wohl ſelten Einer in ſeiner Lage und ſeinen Verhältniſſen kommen dürfte. Marie, von ſo heftiger Leidenſchaft ehedem gegen ihn ergriffen, hatte ſich, nach ſeiner Entfernung, raſch in einen andern Sklaven ih⸗ res Vaters verliebt und von ihm ein Kind geboren. Die Aeltern fanden es jetzt am angemeſſenſten, den Sklaven mit ihrer Tochter zu verheirathen, und zur Be⸗ lohnung dafür machten ſie ihn frei und kauften ihm und der neuen Frau eine Beſitzung nahe an der, wo James' neuer Herr ſaß. Wenn nicht die alte Leiden⸗ ſchaft, ſo konnte doch ihr Haß gegen die verſchmähte Liebe erwachen. Wenn James deshalb beſorgt war, ſo ſollte doch eine andre dringendere Gefahr von einer anderen Seite ihm nahen, von den Manen des umgekommenen India⸗ nermädchens; und der edle Sproß eines alten, engli⸗ ſchen Geſchlechtes war beſtimmt, nicht allein unter Druck und Sklaverei unſäglich zu dulden, ſondern auch jäm⸗ merlich umzukommen, weil er abſolut keine Liebe zu zwei jungen Mädchen hatte empfinben können! Jene, 32 Der Erbe der Annesley. Irokeſen⸗Indianerin, vom Turquoſe⸗Stamm, die ſich W ins Waſſer geſtürzt, hatte zwei Brüder, welche— wir können nur wiederholen, was uns erzählt wird— nach der Sitte ihres Volkes es als eine ſchwere Beleidigung betrachteten, daß ein weißer Mann die Liebe eines ro⸗ 3 then Mädchens verſchmäht und zu ihrem kläglichen Ende g Anlaß gegeben habe. Die beiden Brüder, auch in der ſ Nähe, betrachteten es als eine Art Blutrache, den un⸗ 5 ſchuldigen Mörder deshalb zu ſtrafen und umzubringen. James, deshalb gewarnt, hatte ſich vor den Nachſtel⸗ lungen der Indianer gehütet, aber ihre Liſt, ein Wild 4 zu fangen, war überwiegender. In einem Walde, 3 3 durch den er ſeinen Weg nehmen mußte, ward er von den Meuchelmördern überfallen und wäre durch ihre ha Meſſer unzweifelhaft geſchlachtet worden, wenn nicht in 1 andere Weiße durch denſelben Wald gerade zu der R 1 Zeit einem flüchtlingen Sklaven nachgeritten wären. bi So entkam er mit einer leichten Wunde, der eine Mör⸗ der ward ergriffen und vor die Juſtiz gebracht. Wir ſu 1 hören von einer für die Gegend und die Zeit charakte⸗ 2 riſtiſchen Operation. Die Indianer wurden als Mör⸗ au 1 der nicht mit dem Tode beſtraft, ſondern verurtheilt wegen 1 des angerichteten Schadens am Eigenthum eines Skla⸗ net . ven. Sie mußten 1) den Wundarzt für die Heilung V des Sklaven bezahlen, 2) mit ſo und ſo viel Geld den Herrn vol 1 des Sklaven für die Zeit entſchädigen, in welcher der ih 3 letztere nicht für den Herrn arbeiten konnte, und 3) eine 6 Summe für ſeine künftige Sicherheit niederlegen. ſh Nach der Abſchätzung berechnete der Herr, daß er dabei dr noch gewinne, und möglichſt den Vortheil zu ſteigern, ließ ger er die Heilung von dem Wundarzte ſo lange hinziehen, iht 3 als es irgend ging, womit denn der letztere auch zu⸗ Eu frieden zu ſein ſchien. So durfte James durch mehre ken Der Erbe der Annesley. 33 Monate ſich recht langſam und bequem behandeln laſſen und brauchte während der Zeit nicht zu arbeiten. Wir haben noch von einem letzten amerikaniſchen Roman zu berichten, über den wir aber noch kürzer weg⸗ gehen, um mit den wahrhaftigen Acten, auf europäi⸗ ſchem Boden und proceſſualiſchen Verhandlungen, feſteren Grund zu gewinnen. Außerdem wäre der Gegenſtand zu Bänden reich an Stoff. Der Verwundete, der es aber kaum mehr war, denn er durfte ſich im Hauſe pflegen oder draußen ſpazieren gehen, ſo lange er wollte, wandelte eines Sonntags in der Nachmittagsſonne um Feld und Garten. Ermüdet hatte er ſich unter einer der Platanen an der buſchig⸗ ten Hecke hingelegt, welche die Plantage von der des Nachbars trennt, und war eingeſchlummert. Als er beim erſten Lauſchen des Abendwindes erwachte, hörte er ein Gekoſe und Flüſtern, das er nur zu deutlich ver⸗ ſtandz von zwei Stimmen und bald zwei Perſonen, die er auch vollkommen kannte. Im Schatten der Hecke auf der andern Seite lag ein ihm wohlbekannter Die⸗ ner oder Sklave des benachbarten Pflanzers und in ſei⸗ nen Armen die Ehefrau ſeines eigenen Herrn; vor der Welt und ihrem Ehemann als ein wohlgebildetes Weib, voll Sittigkeit und treuer Liebe zu ihrem Manne ge⸗ rühmt und von dieſem geehrt und geliebt. Es galt aber zwiſchen ihnen nicht nur Umarmungen und Liebes⸗ ſchwüre, ſondern die Buhler complotirten ein Verbrechen. Das üppige Weib, vielleicht die Urheberin, war doch gewiß wenigſtens die willige Mitſchuldige. Sie wollte ihren Mann berauben und mit dem Liebhaber nach Europa fliehen. Ein Schiff, welches der letztere in ih⸗ rem Auftrage beſorgt hatte, ſtand ſchon bereit. James, entſetzt darüber, wollte zuerſt fortſchleichen und dem 2** 34 Der Erbe der Annesley. Manne das Ganze verrathen, aber er beſann ſich, daß es nichts helfen würde. Der argloſe Ehemann war ſo feſt verrannt im Glauben von der Treue und Unſchuld ſeiner Frau, daß er ſchwerlich erſchüttert worden wäre, und wenn, ſo hätten die Worte und Schmeicheleien des heuchleriſchen reizenden Weibes ihn wahrſcheinlich wie⸗ der überwunden. Er blieb ſtill, wartete aber eine nächſte Gelegenheit ab und führte den Mann heimlich zu einer nächſten Zuſammenkunft, wo er denn ſelbſt zum Augen⸗ zengen ward. Hier ließ ſich nichts mehr ableugnen. Die Ehebrecherin ſank auf ihre Knie; aber ihre Thrã⸗ nen, ihre Betheuerungen der Reue, Buße und ihr Lieb⸗ reiz hatten den Zorn des ſchwachen Ehemannes ſchon in den nächſten Augenblicken überwunden und halb ver⸗ ſöhnt. James, in ihrem Sinne der Verräther, konnte von Seite des in Gnaden aufgenommenen Weibes ſich kei⸗ nes Guten gewärtigen; ſie mußte ihn haſſen. Er blieb, wenn ſie, was doch ſehr wahrſcheinlich, noch heimlich ihren Gelüſten nachhing, in der Wirthſchaft ein Stein des Anſtoßes. James aber ward des feſten Glaubens, daß ſie ein Pülverchen ſchon für ihn bereite, und obgleich der Ab⸗ lauf ſeiner Sklaverei bald vorüber war, ſchauerte es ihn ſo, daß er nicht länger dort bleiben mochte, und ein⸗ mal dies viel glücklicher, machte er wieder eine Flucht, die ihn wirklich zu Schiff nach Jamaica brachte. Wir finden uns damit endlich, nach ſo langen Ro⸗ manzen, auf einem feſteren, etwas hiſtoriſchen Boden, denn es wird doch ein Datum angegeben. In Jamaika war der Flüchtling Anfang September 1740 angekom⸗ men und am Ende des Monats finden wir ihn in ei⸗ nem Kriegsſchiff auf der Rückreiſe nach Europa. Als gemeiner Matroſe hatte er ſich anwerben laſſen, aber ———„ — i o⸗ en, ika m⸗ Uls het Ver Erbe der Annesley. 35 das Geheimniß ſeiner Geburt und ſeines Standes war bald ruchbar geworden. Vor ſeinen Capitän berufen, gab er ſeine Lebensgeſchichte ab und, was wichtiger, er fand hier Glauben und Theilnahme. Der Admiral glaubte ebenfalls, und entließ ihn nicht nur ſofort aus ſeinem Dienſt, ſondern ermöglichte ihm auch, mit dem nächſten abſegelnden Schiffe nach England zu gehen. Ebenſo glücklich ging es ihm hier. Er fand einen ältern Herrn, welcher die Agenturen der Familie durch lange Jahre betrieben, die Verhältniſſe derſelben kannte und, was gleich das Wichtigere, für den jungen Mann ſich intereſſirte und an keinen Roman, ſondern die Wahr⸗ heit glaubte. Und doch wird uns auch hier noch eine ſcene mitgetheilt. Die Amme des jungen Edelmannes, die ihn drei Jahre genährt, lebte noch und wünſchte, als ſie von der wunderbaren Kunde gehört, ihn zu ſehen. Einge⸗ führt bei Jemand, der ſelbſt ein angeſehener junger Edel⸗ mann war, wollte dieſer beim Eintritt ſie prüfen, in⸗ dem er herzlich ihr die Hand reichte; aber ſcheu for⸗ ſchend zog die Amme ihre Hand zurück und ſchüttelte dann mit einer bös⸗ſchnippiſchen Miene den Kopf:„Sie ſinds nicht, mein junger lieber Herr! Sie wollen mich zum Beſten haben.“ Man beſchwichtigte ſie, daß man ſie nur täuſchen wolle, der echte ſitze im nächſten Zim⸗ mer. Als man hier die Thür öffnete, fand ſie fünf oder ſechs junge Herren an der Tafel und man foderte ſie nunmehr auf, den rechten ſich zu ſuchen. Mit der Miene von vorhin hatte fie ſie kurz und ohne eben be⸗ ſonderen Reſpect gemuſtert:„Mein junger Herr möchte wol ſonſt am Fenſter ſtehen,“ ſagte ſie,„denn ſonſt iſt er nicht in der Geſellſchaft.“ Wirklich hatte Einer am —— — — —— — ——— ——— —— 36 Der Erbe der Annesley. Fenſter gelegen und nach Außen, nach der Straße ge⸗ ſehen. Als er jetzt ſich umdrehte, ſchrie die Amme plötzlich auf, ihre Miene, ihr ganzes Geſicht war verändert:„Der iſt's, nur der iſt's!“ ſchrie ſie, ſtürzte auf ihn zu und drückte ihm Küſſe auf. Man ver⸗ langte von ihr, daß ſie irgend beſtimmte Kennzeichen angebe als Beweis zur eigenen Beruhigung und zum Proceſſe. Sie entſann ſich: man mäſſe an ſeiner Hüfte eine ſchwere Narbe entdecken. Das junge Herr⸗ chen habe einſtmals in ſeines Vaters Hauſe dem Fech⸗ ten zweier Herren zugeſehen. Als ſie nachher die Rap⸗ piere fortwarfen, griffen die kleinen Spielkameraden da⸗ nach und wollten auch Fechten ſpielen, wobei James von dem andern tief verwundet worden. Man beſich⸗ tigte und fand an der Hüfte des künftigen Klägers und Prätendenten die ſtarke Narbe. Die Vorbereitungen zum Proceß und der Beweisfüh⸗ rung wurden mit aller Umſicht geleitet und desgleichen, be⸗ richtet man uns, fand darauf eine gerichtliche Unterſu⸗ chung ſtatt, welche an Gründlichkeit und Unparteilichkeit— a judicial instigation fairly carried chrough— bei den engliſchen Gerichtshöfen ihres Gleichen ſuchte. So wer⸗ den uns auch die Perſonen der fungirenden richterlichen Beamten als ein Beweis aufgezählt, welche Wichtigkeit man dem Falle geſchenkt hat. Lord Chief Baron Bowes ſaß voran und unter ihm die Puisné Barons Mounteney und Dawſon. Die Klageacte, nach unſerm Gebrauch, führte der Sergeant Marſhall, wobei, wie wir wiederholt bemerken, lediglich von einer Civilklage die Rede war. Die weſentlichſten Züge dieſer Klage ſind uns berichtet wor⸗ den; wir ſind indeß genöthigt, ſie des beſſern Zuſammen⸗ hangs wegen in der eigenthümlichen Form des juriſtiſchen Stils, in allen weſentlichen Theilen wieder vorzuführen. Der Erbe der Annesley. 37 „Die Güter, über welche der Streit liegt, gehörten unbeſtritten dem letzt verſtorbenen Arthur Lord Altham. Derſelbe iſt längſt Todes verblichen. Sein einziger Sohn und Erbe iſt der ſeines Beſitzes Beraubte und Beſchä⸗ digte, jetzt mein Client, der Kläger. Wäre es ein ge⸗ wöhnlicher Rechtsfall, ſo könnte ich mich damit begnü⸗ gen. Die Erbſchaftsſache iſt aber verwirrt worden, weil eine falſche Erbunterbrechung ſtattgefunden hat, indem man angenommen hatte, daß jener Lord Altham ohne Erben verſtorben ſei. Deshalb blickt man auf Alle mit der größten Erwartung, und es iſt ein äußerſt merk⸗ würdiger Fall, der die aller wichtigſten Folgen haben kann; und um deshalb wird es mir zur Schuldigkeit, den Lord⸗Richtern und der Jury ganz beſonders und im Einzelnen über die Geburt und die ſonſtigen Lagen und Verhältniſſe des Klägers Auskunft zu geben, denn von dieſer wichtigen Geburt hängt der ganze Fall ab. „Im Jahre 1706 heirathete Arthur, letzter Lord Alt⸗ ham, Mary Sheffield, die natürliche Tochter John, Her⸗ zogs von Buckingham. Sie lebten(wie die überwie⸗ gende Mehrzahl der engliſchen Gutsbeſitzer in Irland) in England. Im Jahre 1709 nöthigten aber dringende Vermögensangelegenheiten den Lord Altham nach Ir⸗ land zu reiſen. Seine Gattin blieb noch vier Jahr in England, kam aber 1713 auch nach Irland. Im Jahre 1714 wohnten bekanntlich beide Eheleute in Dublin, wo die Lady in geſegnete Umſtände kam. Man weiß, daß ſie mehre Monate nach ihrer fortgeſetzten Schwan⸗ gerſchaft, etwa um Ende des Jahres 1714, ſich nach Dunmaine, einem Herrenhauſe ihres Gemahls, in der Grafſchaft Wexford, begab. In der Nachbarſchaft jenes Schloſſes war es allbekannt, daß Lady Altham hoch⸗ ſchwanger ſei, und ihre Schwiegermutter, die ehemalige 38 Der Erbe der Annesley. Lady Altham(damals mit einem Maſter Ogle, einem höheren Kronbeamten in Irland verheirathet) ſchenkte der jungen Lady Altham eine ſehr reiche Bettdecke zu ihrer Niederkunft. Es war jene Thatſache, der erwar⸗ teten Niederkunft, um ſo unzweifelhafter, als mehre namhafte Frauen ſich jener Zeit bei der Lady meldeten, um Ammen zu werden, wenn das Kind geboren wäre. Mehre dieſer namhaften Frauen wurden jener Zeit ge⸗ prüft, ob ihre Milch gut ſei, und endlich ward eine, Jvan Landy zur Amme beſtellt. Um Anfang des Jah⸗ res 1715 gerieth Lady Altham in ihre Wehen, und ward eines Knäbleins, des jetzigen Klägers, entbunden, und unter der Hülfe einer jener Zeit ſehr berühmten und geſchickten Hebamme, Miſtres Sheil, damals in Roß lebend, drei Meilen von Dunmaine. Richter und Geſchworne werden erfahren, daß Lord Altham große Zufriedenheit und Freude über die Geburt dieſes Soh⸗ nes laut zu erkennen gab. Man ließ Freudenfeuer in der Nacht brennen, und wer hinzukam aus den Guts⸗ gehörigen und Nachbarn, erhielt frei zu trinken. Man wird Beweiſe hören, daß man große Vorbereitungen zu ſeiner Taufe hielt, und unſer Kläger, etwa einen Monat nach ſeiner Geburt, in beſagten Lord Altham's Hauſe zu Dunmaine, im Sprengel von Tynterne, durch Maſter Lloyd, den Kaplan des Lords, der damals Cu⸗ rat in Roß war, unter dem Namen James chriſtlich getauft ward, und zwar nach dieſem Namen zu Ehren ſeines Großvaters, des dritten Earl von Angleſey, von dem Lord Altham viele Begünſtigungen erhaiten hatte. Als feierliche Zeugen und Pathen des Actes waren die Maſter Colclough und Cliff und Miſtris Pigot. „Erwähnt habe ich den hohen Richtern, daß man die Joan Landy zur Amme erwählt hatte; ihres Vaters Der Erbe der Annesley. 39 ₰ 27 Haus lag ungefähr eine Viertelmeile von Dunmaine, wo das Kind einen Monat hindurch verweilte. Sobald das Haus des Vaters der Amme zur Aufnahme eines ſolchen Kindes hergeſtellt war, ward es mit der Amme dort hineingethan. Ferner wird das Gericht erfahren: wie man zur Bequemlichkeit der Lady Altham und da⸗ mit ſie ihr Kind zu jeder Zeit beſuchen könne, einen Land⸗ weg aus Dunmaine nach dem Hauſe des Vaters der Amme ſo gebeſſert hatte, daß eine Kutſche darüber fah⸗ ren könne. Als das Kind nach 16 Wochen entwöhnt und nach Lord Altham's Hauſe zu Dunmaine zurück⸗ gebracht worden, wurde ihm eine gewiſſe Joan Laffan zur Kinderfrau beſtellt. Ferner wird durch Zeugen dar⸗ gethan werden, daß Lord und Lady Altham damals zu⸗ ſammen lebten und beide verriethen die größte Zärtlich⸗ keit für ihr gemeinſchaftliches Kind. „Im Februar 1716 brachen allerdings ſehr unglück⸗ liche Zwiſtigkeiten aus, in Folge deren Beide, Lord und Lady Altham, mit gegenſeitigem Willen, ſich trennten. „Aber Lady Altham wünſchte, was von einer Mut⸗ ter natürlich, das gegenſeitige Kind bei ſich behalten zu dürfen. Lord Altham verweigerte es ebenfalls ſo und beſtimmt, weil er auch ſein Kind zärtlich liebte, und es zum Wohl des Kindes für dienlich hielt. „Es wird dargethan werden, daß Lady Altham von ihrem kleinen Sohn nur mit dem größten Schmerz und Kummer ſich trennte. Lord Altham blieb aber unerbitt⸗ lich und gleich nach der unglücklichen Trennung verbot er der Lady, daß ſie ihr Kind ee er traf ſolche Anordnungen, daß es ihr auch unmöglich wer⸗ den ſollte, wieder beim Kinde einzudringen. „Mein Client und Kläger ward, von ſeiner Mutter Der Erbe der Annesley. völlig getrennt und abgeſchieden, in Dunmaine allein von Dienſtboten gepflegt und erzogen. Erſt im Jahre 1718 hielt ſich Lord Altham wieder mit ſeiner(ander⸗ weitigen) Familie zu Kenna in der Grafſchaft Kildare auf, wo er zwei Jahre verweilte. Aus den Zeugenaus⸗ ſagen wird man erfahren, daß der jetzige Kläger mit großer Aufmerkſamkeit behandelt und erzogen ward und Niemand daran zweifelte, daß Lord Altham ihn nicht als Sohn und Erben achtete. „Zu Ende des Jahres 1719, oder ſpäteſtens im An⸗ fang 1720, zog Lord Altham nach Dublin; in einem anſtändigen Hauſe daſelbſt wohnte er längere Zeit, und der jetzige Ankläger bei ihm. Er ward rückſichtsvoll behandelt und erhielt ſolche Kleider, Spielzeug u. dgl. daß man ihn nur als Sohn und Erben des Lords be⸗ trachten konnte. „Im Lauf des Jahres 1720 ließ ſich Lord Altham in dem Orte, genannt Carrickduffe, in der Grafſchaft Carlow, nieder und der beſagte Knabe war damals zu den Jahren gediehen, daß er mit Vortheil einigen Un⸗ terricht erhalten konnte, und Lord Altham hielt ihm ei⸗ nen Lehrer im Hauſe. Einige Zeit darauf ſchickte ihn der Lord in die öffentliche Schule zu Bunclody in der Grafſchaft Carlow, wo er auch dort als Sohn eines Edelmanns geachtet und ſo behandelt ward. „Im Jahre 1722(und dies iſt ein für meinen Clienten ſehr verhängnißvolles Jahr) fand eine ſehr ge⸗ fährliche und bald eine ſträfliche Verbindung ſtatt des Lord mit einer Miß Gregory. Im Winter die⸗ ſes Jahres machte der Lord in Dublin, in cross lane, mit dieſer Miß Gregory ein Haus. Ehe letztere in ihrer Stellung zum Lord ganz ſicher war, behandelte ſie den Knaben, unſern Kläger, recht erträglich und Der Erbe der Annesley. 41 hübſch. Er war und lebte im Hauſe des Vaters und ward in eine Stadtſchule geſchickt, wo der Lord ihn mit Aufmerkſamkeit und Zärtlichkeit behandelte und alle auch dort in der Schule ihn als ſeinen Sohn und Er⸗ ben hielten. „Es iſt aber nöthig, Richter und Geſchworene auch auf die Lady Altham zu weiſen, und zwar von dem Augenblick an, wo ſie von ihrem Gemahl getrennt war. Sie wohnte etwa drei Jahre in der Stadt Roß, und da ihre Liebe zum Kinde ſehr groß war, verſuchte ſie alle Mittel und Liſten, ihren Knaben dann und wann wieder zu ſehen, denn ihre Reigung für das Kind war weit größer als für den Ehemann, und ſie verſäumte nichts, um die Schranken und Drohungen zu vereiteln, welche der Lord verwandt hatte, um das geliebte Kind wieder einmal zu ſehen und zu küſſen. „Um Ende 1720 wohnte Lady Altham in Dublin. Unglücklicherweiſe hatten bei der Niederkunft ihre Or⸗ gane eine Störung erlitten; dieſe Krankheit ward nicht beſeitigt, ſondern immer heftiger, ſo daß ſie endlich ei⸗ nem Schlagfluß erlag, der nicht allein ihre Glieder lähmte, ſondern auch die Kraft ihrer Sinne dämpfte und ihre Erinnerungskraft zum Theil beraubte. Den⸗ noch geht aus vielen Schriften hervor, daß die Lady, ſo lange ſie in Irland blieb, eine nicht unlebhafte Cor⸗ reſpondenz mit den Gliedern der Familie fortſetzte, und namentlich und allein wegen ihres Kindes. „Im Jahre 1723, man kann nicht ſagen, ging die Lady aus Irland, ſondern ſie ward von Andern da fort⸗ geführt nach London, um ihre übrigen traurigen Tage krank und arm daſelbſt, unter dem Almoſen mehrer Per⸗ ſonen, zu friſten und zu verleben. Bei dieſer phyſiſch und geiſtig hinſinkenden Kraft der Lady wußte Miß Gre⸗ 42 Der Erbe der Annesley. gory's Anſehen natürlich immer mehr zu wachſen. Sie hatte das vollſtändige Uebergewicht über den Lord, der, beiläufig geſagt, ein ſehr ſchwacher Mann war. Ihr Ziel aber war kein anderes, als Lady Altham zu wer⸗ den, und den Titel des Namens uſurpirte ſie ſogar ſchon noch während des Lebens der unglücklichen Lady. Der Knabe, der jetzige Kläger, war ſelbſtredend das Hin⸗ derniß aller ihrer Hoffnungen und Ausſichten für den Fall, daß ſie einen Sohn erhalten ſollte, und ſehr bald behandelte ſie ihn ſtreng und rauh. Sie ſuchte in dem ſchwachen Manne Zweifel anzuregen, ob der junge James, wenn er auch unzweifelhaft der Sohn der Lady Altham ſei, doch auch der ſeines namhaften Vaters ſein müſſe? Die Zärtlichkeit, die Theilnahme, welche man bis dahin, und die neue Mutter auch, dem Kna⸗ ben bewieſen, waren zum Gegentheil umgewandt. Der ſchwache Lord war ſo weit, daß er die Entfernung des Knaben aus dem Hauſe zuließ. Im Jahre 1724 ward derſelbe von Lord Altham bei einen gewiſſen Cooper in der Schifferſtraße gebracht. Zu jener Zeit war aber Lord Altham's Herz doch noch nicht ganz dem Knaben entfernt, er ſorgte für ihn und verlangte, daß er Schul⸗ unterricht erhalte. Deshalb ward er in die Schule ei⸗ nes gewiſſen Dunn, in der Warburghſtraße dieſer Stadt gebracht, und Lord Altham ſelbſt kam öfters dahin, um ihn zu ſehen. „Richter und Geſchworene werden aus den Zeug⸗ niſſen entnehmen, daß um jene Zeit Lord Altham ſchon in ecen und Bedrängniſſen ſehr verſtrickt war; er ſuchte Geld zu machen, wo und wie es ging. Lord Altham wußte oder erfuhr aber, daß, wenn ein dama⸗ liger Sohn und Erbe, der heutige Kläger, nur aus dem Wege entſchwunden wäre, es ihm weit leichter ſein c—————— w u 5 re ſt c— e c —— —— — Der Erbe der Annesley. 43 werde, größere Summen aufzunehmen, oder die Renten und Pachtſchillinge ſchneller im voraus zu verſetzen. Insbeſondere mußte Miß Gregory zu dieſem Plane be⸗ reitwillig zuſtimmen. Und ſo kam man zu dem Ent⸗ ſchluß, jenen großen Stein wegzuheben, welcher Lord Altham über ſein Geld zu disponiren verhinderte. „Und zu dem Zweck und Ende ward jetziger Klä⸗ ger in das Haus eines gewiſſen Mannes, Namens Co⸗ venagh, geſchickt, mit der Weiſung, daß das Kind dort ganz ſtill ſich halten und Niemand drinnen und draußen von ſeinem Daſein ſprechen ſolle. „Was noch eigentlich weiter beſchloſſen war, darüber kann ich nichts ſagen. Indeſſen ergibt ſich aus ande⸗ ren Zeugen, die reden werden, daß der Kläger zu jener Zeit, als ein Springinsfeld, ſehr ſchwer zu bändigen war. Er wußte öfters, wo man ihn eingeſperrt, ſich durchzubrechen und einſt, als es ihm durchaus verboten war in ſeines Vaters Wohnung zu kommen, ſchlich, ſprang und kletterte er ſich dahin. Das war etwa in den letzten zwei Jahren des Lords geſchehn, welcher be⸗ kanntlich am 16. November 1727 geſtorben iſt. Aber während dieſes ganzen Zeitraums ſorgten doch für ihn gewiſſe ſehr achtbare Perſonen und galt er immerfort als Sohn und Erbe des Lord Altham. „Als Lord Altham 1727 ſtarb, war der Ankläger ſehr jung. Ihm fehlten, von Mutters Seiten alle Ver⸗ wandte und Freunde. Und jetzt war es, wo der gegen⸗ wärtige Verklagte, der Earl von Angleſey(„deſſen Namen zu benennen ich mir jetzt erlaube“—!—) am ſelben Todestag des Lord Altham, als Bruder und Erbe des⸗ ſelben, den Titel als Lord Altham annahm, nämlich unter dem Vorſetzen, daß der letzte Lord ohne männli⸗ chen Nachkommen verſtorben ſei. 44 Der Erbe der Annesley. „Den Richtern und den Geſchworenen wird es dar⸗ gethan werden, daß ſchon um jene Zeit mehre Perſo⸗ nen, welche durch mehre Jahre den gegenwärtigen Klä⸗ ger vor des Lord Altham Tode geſehen und gekannt hatten, nicht wenig erſtaunt waren, daß gegenwärtiger Verklagter ſich des Titels als Lord Altham annahm, da ſie doch nichts anderes glaubten, als daß gegenwär⸗ tiger Kläger, mein Client, der Sohn und Erbe des Ver⸗ ſtorbenen ſei. Und ſchon damals lief manches ſonder⸗ bare Gemurmel zwiſchen den Leuten des Hauſes und noch manchen andern. Richter und Geſchworne werden auch bemerken, daß ein Verſuch, das nöthige Hinder⸗ niß(zu Gunſten für den falſchen Erben) zu entfernen und dem wahren Sohn und Erben die Möglichkeit, ſein Recht zu behaupten, unmöglich zu machen, ſo wie ein Angriff zur Annahme des Titels, wir ſagen, daß dieſer Verſuch und Angriff ſchon ſehr früh, nämlich faſt gleich nach dem Tode des letzten Lord Altham, angeregt wurde. Ein Verſuch und Angriff, ſage ich klarer; um denver⸗ dunkelten Sohn und Erben zu ſtehlen und zu entfernen. Ferner: daß dieſer erſte Verſuch und An⸗ griff fehl ſchlug. Ferner: daß ein zweiter Angriff ver⸗ ſucht ward, aber gleicherweiſe mislang. Daß aber ein dritter Angriff erfolgte. Und ich behaupte jetzt: etwa vier Monate nach dem Tode des letzten Lord Altham ward der gegenwärtige Kläger, Sohn und Erbe des Verſtorbenen, nach Amerika geſchickt und dort als ge⸗ meiner Sklave verkauft(and chere sold for a common slave). „Ich, Mylord Oberrichter, äbernehme nicht ſelbſt hinzuweiſen, wodurch dieſe verſchiedenen Angriffe bewirkt wurden, es wird beſſer und von ſelbſt aus den Zungen der vorgerufenen Zeugen ans Licht kommen. Und wenn ——— —, —* —— Der Erbe der Annesley. 45 ſie auf dieſem Tiſche geſprochen haben, wird Jedermann ſelbſt beſſer und beſtimmter wiſſen und beurtheilen, mit welcher Abſicht und in welchem Sinne ein ſolcher ver⸗ ruchter Angriff geſchehen. „Der Kläger, nachdem er in der Sklaverei manche und verſchiedene Trübſale erlitten, wie das in ſolcher Lage natürlich iſt, machte den Verſuch, die Freiheit zu gewinnen. Aber nachdem er wieder ergriffen worden, mußte er die Strafe nach den Geſetzen des Ortes er⸗ dulden und blieb etwa dreizehn Jahre in der Sklaverei. Aus andern Umſtänden werden Richter und Geſchworene erſehen, wie es dem unglücklichen Sklaven endlich ge⸗ lang, aus dieſem Druck und traurigen Looſe ſich zu er⸗ retten und zur Freiheit zu kommen. Ferner wie der Kläger der Sorgfalt und Güte des Admiral Vernon verdankte, daß er in das Königreich Großbritannien zu⸗ rück gelangte. „Dort aber begegnete ihm ein unglücklicher Zufall, der ihn abermals auf längere Zeit an einer freien Be⸗ wegung verhinderte. In der Nähe von London ent⸗ fuhr ihm nämlich unwillkürlich die Ladung ſeiner Flinte und ein Mann ward erſchoſſen. Er ward zur Unter⸗ ſuchung gezogen, aber chrenvoll frei geſprochen. „Wie mein Client da zur criminellen Anklage ver⸗ ſtrickt war, welche Abſichten dabei mitſpielten, davon zu ſprechen, enthalte ich mich, obwol die Sache auch auf unſern Fall ein Gewicht legt. Aber nöthig wird mir, etwas zu bemerken, nämlich daß unſer Client ſchon früher, als er in dies Königreich zurückkam, ſeine ge⸗ genwärtige Anklage angeregt hätte, wenn er nicht durch jene unglückliche Angelegenheit länger verſtrickt geblie⸗ ben wäre. „Wenn aber dieſe von uns angeführten Punkte als 46 Der Erbe der Annesley. Thatſachen von Richtern und Geſchworenen erhärtet worden, dann halten wir, die angenommenen Räthe des Klägers, dafür, daß eine ſo ſichere und feſte Kette von Schlußſätzen vorliegt, daß die Kraft der Wahrheit nicht mehr zu ſchwächen iſt, und wir erwarten, daß der Lord Oberrichter nicht umhin kann, als die Geſchworenen zum Verdict für den Kläger zu beſtimmen.“ Dieſer Anklageact dient uns zur Relation, und, nach unſerem Begriffe, als Endurtheil nebſt Gründen. Alle Momente, auf die der Sergeant hingewieſen, wurden durch die vorgebrachten Zeugen Schritt um Schritt als Thatſachen bewieſen. Wir miſſen dennoch manche Ver⸗ bindungsglieder und hätten eine mehr ſchmeichleriſche Hautſpannung und muskulöſeres Fleiſch zwiſchen dem factiſchen Gerippe gern gefunden, es iſt aber gegen die Manier und auch gegen den Willen der älteren engliſchen Criminaljuſtiz(auch die neuere bequemt ſich nur ungern), mehr zu liefern, als das abſolut Nothwen⸗ dige. Im vorliegenden Falle mögen indeß noch beſon⸗ dere Gründe obgewaltet haben, daß die Anklage ſich nach einer Seite ſo umſtändlich entfaltete, nach der an⸗ dern ſo exact und dürftig einſchnürte. Es handelte ſich bei der Anklage nur: von dem Verklagten ein widerrecht⸗ lich übernommenes Eigenthum zurückzufodern; ihn cri⸗ minell als Verbrecher zu verfolgen, lag nicht in der Ab⸗ ſicht.— Weshalb: ob heimliche Conventionen zwiſchen den Parteien hinter den Couliſſen ſtattgefunden hatten, ob man den Scandal der gemeinſchaftlichen Familie, auch den Ruf des eigenen verſtorbenen Vaters des Klä⸗ gers, der als Mitſchuldiger, und nebenher wegen Bigamie bezüchtigt ſchien, vermeiden wollte, iſt uns nicht geſagt. Aus den charakteriſtiſchern Zeugenausſagen werden uns folgende vorbehalten. Ein Major Fitzgerald be⸗ kt n * t Der Erbe der Annesley. 47 richtete über die Dinge bei der Geburt des jungen Er⸗ ben. Man wird dabei unwillkürlich an die erſten Mo⸗ mente in Walter Scott's Guy Mannering erinnert: Major Richard Fitzgerald war mit dem verſtor⸗ benen Lord Altham etwa im Jahre 1714 in einem Orte, genannt Prospect⸗Hall, in der Grafſchaft Waterford, und zu Dunmaine mehrmals bekannt geworden und ebendesgleichen mit der Lady Altham. In Dunmaine war er 1715 längere Zeit geweſen. Befragt, ob er auch des Jahres 1715 ſicher ſei? entgegnete er: ja ge⸗ wiß. Aber er entſann ſich ſogleich: damals habe er wol Lady Altham nicht ſelbſt geſehn; denn ſie habe ja in den Wochen gelegen und ihm heraus ſagen laſſen: wenn ſie irgend Jemand ſehen dürfe, dann ſolle er, der Zeuge, vorgelaſſen werden. Bei den Kreuzfragen tra⸗ ten ſeine ſpeciellen Erinnerungen immer beſtimmter über die Augenblicke in Dunmaine vor:— Als er bei der Ankunft nach Dunmaine den Lord Altham in Roß traf, hatte dieſer ihn auf den nächſten Tag zum Mittag eingeladen.— Der Major entſchuldigte ſich, da er von mehren Officieren zum Mittageſſen ſchon eingeladen worden.— Lord Altham ließ es nicht gelten: er müſſe ſchon bei ihm eſſen und einige recht gründliche Flaſchen Sorgenbrecher ausleeren, denn ſeine Frau liege jetzt in den Wochen.— Der Major erwiderte ihm, es ſei ein beſtimmter Grund, weshalb er es ablehnen müſſe.— Lord Altham nahm es als keinen Grund an: er, der Major müſſe und ſolle nächſten Tag nach Roß kommen, denn ſeine Frau ſei eines Knäblein geneſen.— Darauf ging denn Fitzgerald nach Dunmaine zum Mittageſſen, und es ward daſelbſt viel vom Kinde geſprochen und Lord Altham beſchwor und betheuerte: der Major ſolle ſeinen Sohn ſehn! da ward die Amme mit dem Kinde 48 Der Erbe der Annesley. hereingebracht und der Major küßte das Kind und ſchenkte der Amme eine halbe Guinee. Und Jemand aus der Geſellſchaft brachte beim Diner(ſcherzhaft!) einen Toaſt auf den muthmaßlichen Erben als Lord Angleſey. Das war am Tage, nachdem das Kind ge⸗ boren war, und dem Zeugen war es um ſo mehr erin⸗ nerlich, als er am nächſtfolgenden Tage fortreiſte und nach ſeinem Hauſe von Prospect⸗Hall in Waterford. Die Amme, das Mädchen, welchem er die halbe Guinee geſchenkt, erkannte der Zeuge noch perſönlich vor dem Gericht. Er erinnerte ſich ihrer ganz beſonders, da er damals, als er ihr die halbe Guinee gab, wohl bemerkte, daß es ein ſehr hübſches Mädchen war. Noch mehr der ſpeciellen Erinnerungen grade aus jenem Tage: Als er bei Nachtanbruch nach Roß ging, war er von Räu⸗ bern auf dem Wege angefallen worden. Bei der Rück⸗ kehr nach Hauſe ging er über die Fähre. Desgleichen entſann er ſich, daß Lord Altham jener Zeit außeror⸗ dentlich froh und luſtig war, weil er endlich einen Sohn und Erben gewonnen hatte. Ein wichtigerer Zeuge war die oben erwähnte Kin⸗ derwärterin Joan Laffan, die über einen andern be⸗ deutenden Moment intereſſantere Einzelheiten lieferte. Nur über die Zeit der Annahme, auf die es ankam, war ſie nicht in Sicherheit; durch Ermittelung anderer Ereigniſſe aus derſelben Zeit ward aber auch dieſe feſt⸗ geſtellt. Joan hatte in Dienſten bei einem Obriſten Dean geſtanden und das war im Jahre als König Georg (von Hannover) zur Regierung kam. Nachdem ſie dieſe Dienſte verlaſſen, lebte ſie bei einigen Freunden ohne Herrſchaft, trat aber gewiß ſchon im folgenden Jahre in die Dienſte des Lord Altham. Es war aber gewiß ——=. — — c c———— ——————+— nd nd t) id in⸗ Der Erbe der Annesley. 49 nicht ein ganzes Jahr zwiſchen der Zeit, wo ſie Obriſt Dean verließ und in die Dienſte Lord Altham's trat. Des Monats konnte ſie ſich nicht entſinnen, in welchem ſie bei Lady Altham eintrat, aber gewiß ſei es im Jahre 1715. Und ſie war als Kammermädchen angeſtellt und als Wartemädchen bei Lord und Lady Altham's kleinem Kinde, das immer genannt wurde der kleine Maſter James Annesley. Das Kind ward immer betrachtet wie eines Edelmannes. Das Kind war aber 3 oder 4 Monat alt, als ſie Joan, in den Dienſt trat und ſie blieb in dem Dienſte ein und ein halbes Jahr. My⸗ lord und Mylady waren ganz vernarrt in das Kind und Mylady ließ es immer Morgens zu ſich bringen und in ihr Bett heben und nannte es immer: mein Herzenskind! Dann wurde das Kind fortgenommen und nach einem Orte gebracht, Namens Kinna in der Grafſchaft Kildare. Sie, die Zeugin, folgte, wie ge⸗ ſagt, nicht mit dem Kinde, ſondern blieb in Dunmaine; aber mit ihm ging ein andrer Hausbeamte, deſſen Name Charles Field war. Eines Tages ſeien Mylord und Mylady in gar ſchrecklich grimmiger Art aneinander gefahren. Das war wegen Tom Palliſer; das Kind war aber damals gerade drei Jahre alt. Und ſie, die Zeugin, war zuge⸗ gen, als dem Tom Palliſer ſein Ohr abgehauen ward. Nach der Trennung(der beiden Eheleute) weiß ſie, daß Lady Altham von Dunmaine nach Roß ging und dort bei einem Capitän Butler wohnte.— Sie war gegenwärtig, als Mylord und Mylady ſich trenn⸗ ten. Sie ſah, wie Mylady an der Thür ſtand und das Kind herzte und umarmte. Da flog Mylord mit einer fürchterlichen Wuth aus dem Hauſe und ſchrie: wo ſein Kind ſei? Und als man ihm ſagte, es ſei bei XXIV. 3 50 Der Erbe der Annesley. ſeiner Mutter, lief er auf die Lady zu und riß ihr das Kind aus den Armen. Die Lady meinte, das wäre ſehr hart und ſie bat, er möchte ihr doch das Kind laſſen. Aber er ſchwur hoch und theuer, das Kind ſolle nun und nimmermehr bei ihr ſein. Und wie die ihr Kind nun ſah, daß es ihr nichts half, da ſchrie ſie, daß es einem wehe that, und bettelte Mylord, daß er wenigſtens erlaube, daß ſie das Kind noch einmal vor dem Abſchied küſſen dürfe. Das hielt auch ſchwer, daß Mylord es einmal erlaubte, dann wies er aber Mylady nach Roß. Und ſobald, wie Mylady fort war, gab Mylord mir das Kind und befahl mir und Maſter Tay⸗ lor aufs Abſolute, daß wir uns nun und nimmermehr unterſtehen ſollten, daß wir das Kind zur Lady ließen. Aber trotz alledem, wie grauſam er's befahl, fanden ei⸗ nige von den Dienern es doch, daß ſie das Kind heim⸗ lich nach Roß ſchafften und es Mylady brachten. Und jedesmal wenn Mylord es hörte, dann brach er in eine gräßliche Wuth aus.— Aber ſie ſelbſt, die Zeugin, habe das nicht gethan, ſondern andre, wenn er manchesmal aus dem Hauſe gegangen, um ſeinen Bruder in Wa⸗ terford zu beſuchen, oder andre Freunde, die dort lebten; ſondern andere hätten das gethan, wenn Mylord und ſie nicht da geweſen, und die hätten es gethan, um dafür von Lady Altham, wenn ſie ihr heimlich das Kind nach Roß gebracht, ein Stück Geld als Geſchenk zu be⸗ kommen. Einmal am Weihnachtsabend, nach der Scheidun Mylords und Myladys, wäre der gegenwärtige Earl von Angleſey, der damals Capitän hieß(der jetzige Verklagte), in Dunmaine⸗Haus eingeſprochen, und wie er nicht das Kind ſah, habe er die Zeugin gefragt:„Wo iſt denn Jemmy? oder er ſagte: Wo iſt denn meines Bruders ige vie Po eri Der Erbe der Annesley. 51 Kind? Wie befindet ſich ſeine Mutter darüber, daß es von ihr fort iſt!“— Ja, hatte ich darauf zum gnädigen Herrn geſagt: Mylady hätte ſich aufs Bitten gelegt, daß es einen Stein hätte erweichen müſſen, daß er ihr das Kind ließe. Der jetzige gnädige Earl donnerte dabei einen gar eigenen Schwur heraus und ſagte: er wünſchte, ſein Bruder hätte nichts von der Brut behal⸗ ten. Und dann ſagte er: als er die Mutter aus dem Hauſe geſchmiſſen, hätte er den Bengel auch mit ein⸗ packen ſollen und Beide zum Teufel ſchicken. Joan Laffan rühmte in ihrem Ehrgefühl: ſie ſei ſelbſt von einer guten Familie und ſie würde ja nie⸗ mals das Kind gewartet haben, wenn ſie einen Au⸗ genblick geglaubt, daß es ein Baſtard ſei. Bei den Kreuzfragen ward ein neuer Umſtand ans Licht gebracht, der uns der ganzen Kataſtrophe etwas näher bringt, wenn es eine Wahrheit war! Wir hören nichts davon, als aus dem Munde der eben erwähnten Wärterin. Es betraf das, dem Maſter Palliſer abge⸗ hauene Ohr: Jemand aus der Familie, behauptete die alte Frau, ohne den Jemand zu nennen, habe Mylord Altham eiferſüchtig gemacht, und daß er Grund habe auf Maſter Palliſer. Und der und die Jemand hätten es dahin ge⸗ bracht, daß Maſter Palliſer ſelbſt eines Morgens ſich in Myladys Kammer geſchlichen, als ſie noch im Bette lag und im tiefſten Schlafe. Und dann hätten ſie My⸗ lord gerufen und dadurch hätte er geglaubt, daß es ſo wäre. Alles aber ſei nur eine fein geſponnene Tücke und Hinterliſt geweſen. Mylord habe nun ſeinen Leu⸗ ten zugeſchrien, daß ſie den Maſter Palliſer mit einem Degen durch und durch ſtoßen ſollten. Aber die von der Dienerſchaft hätten ihm vorgeſtellt, das möge er ja 3* 52 Der Erbe der Annesley. nicht thun und es könne ihm Unannehmlichkeiten ver⸗ urſachen, wenn er dem Maſter Palliſer das Leben neh⸗ men wolle, und es wäre genug und ſchicklich, wenn er ihm die Naſe abſchlagen laſſe oder ein Ohr. Und dem gnädigen Herrn genügte auch das, und dem Jäger gab er Ordre, daß er ihm das Ohr abſchneiden ſollte. Und der Jäger parirte und ſie ſchnitten Maſter Palliſer das Ohr ab; es geſchah in der Stube dicht neben dem gel⸗ ben Zimmer; die Diener ſtießen und ſchuppten ihn nun um die Wette die Treppen runter und jagten ihn dann zum Thor hinaus. Und das geſchah ſo gewiß am Sonntag Morgen. Und noch am ſelben Tage verließ Mylady das Haus von Dunmaine und ging nach Roß. Wie intereſſant dieſe Erzählung auch iſt, ſowol zur Charakteriſtik der Sitten jener Zeit, als weil uns hier wenigſtens eins der Motive der unnatürlichen Handlung vorzublitzen ſcheint, ſo bleibt uns doch des Unerklärten ge⸗ nug, und für uns ſchließt damit der Vorhang, indem man nichts hingeſetzt und erläutert als das Urtheil. Wir entnehmen nur, daß der Angeklagte(der, wie wiederholt geſagt, nichts weniger als ein Angeſchuldig⸗ ter erſcheint) die Angaben des Klägers entweder nicht beſtritt, oder wenigſtens ſie als unerheblich bei Seite ließ, aber einen andern Einwand erhob. Nämlich ſuchte er den Beweis zu führen: der vorgebliche James Annesley, der Kläger, ſei zwar der Sohn ſeines Bruders Lord Altham geweſen, aber nicht der Sohn der legitimen Ehefrau, der verſtorbenen Lady Altham, ſondern ein unnatürlicher Sohn des erſteren! Dieſer Beweis ſchlug in der langen Unterſuchung gänzlich fehl. Nachdem der Oberrichter ein meiſterhaf⸗ tes Summarium der Ermittelungen am 15. Tage vor den — c— „— h⸗ em ab nd as el⸗ un un m eß ur er e ie ht te te td en 9 Der Erbe der Annesley. 53 Geſchworenen abgelegt, fand die Jury ein Verdict zu Gunſten des Klägers. Aber hiermit endet der Proceß, und der mit unſern Rechtsbegriffen ſchwer zu erklärende letzte Schluß war: Wiedereinſetzung des Klägers in ſeine Eigenthumsrechte, als Sohn und Erbe des vorigen Lord Altham. Keine ernſt⸗ hafte Anklage, Verurtheilung, keine Criminalunterſuchung gegen den Räuber oder Betrüger gegen die Perſon und das Eigenthum eines Menſchen und Bürgers eines rechtlichen Staates. Ebenſo merkwürdig: James Annesley erhielt wirklich die Güter ſeines Vaters zurück, aber er nahm weder den Titel ſeines Vaters Lord Altham an, noch daß er eine andere Entſchädigungsklage gegen den böſen Oheim erhob, oder daß er irgend wie, heißt es, ihn in ſeinen Beſitzthümern beunruhigte. Entweder glaubte man an eine geheime Macht, an Connexionen, welche die Verfolgung des mächtigen Earl von Angle⸗ ſey unrathſam machten, oder, wie vorhin erwähnt, an eine Vereinigung im Stillen zwiſchen den Parteien. Dagegen erfahren wir eracte chronologiſche Bemer⸗ kungen über den Helden des Proceſſes und Romans. James Annesley, mit dem Titel Esquire begnügt, ſtarb am 15. Januar 1760. Zweimal verheirathet, hatte er einen Sohn und zwei Töchter. Von den Erben dieſer ſtarb der letzte Sohn 1761, die letzte Tochter 1765. Damit erloſch der Zweig der berühmten Familie, welche im vorigen Jahrhundert ein ſo ungewöhnliches Auf⸗ ſehn und Theilnahme erregte. ———————————— James Hackman und Margaret Reay. Ein Engliſcher Werther 1775— 1779. Auf den vorigen Fall folgt auch hier ein romanhafter, ja eigentlich ein noch wunderbarerer als der erſt ge⸗ nannte. Weil er Novelle, Märchen, ein Phantaſiege⸗ bilde, weil alle ſocialen Verhältniſſe hier faſt buchſtäb⸗ lich auf dem Kopf zu ſtehen ſcheinen, zauderten wir bisher, ihn in unſere Sammlung aufzunehmen, und nicht weil uns Zweifel dagegen aufſtießen, ſondern weil der proceſſualiſche Act ſo einfach und kurz, und der Schweif der Liebes⸗Sentimental- und Wahnſinn⸗Geſchichte ſo lang iſt, er deshalb beſſer anderswo hin gehöre, als in die Regeſten der Criminaliſtik. Die Engländer haben ſie indeß in ihre celebrated trials ohne Bedenke auf⸗ gezählt, und aus England ſind uns ſogar fragende Stimmen zugekommen: weshalb wir die traurigen Stic⸗ ſale von James Hackman und der ſchönen Miß Reay in unſern Pitaval noch nicht aufgenommen haben?— So laſſen wir denn den vorigen Fall uns gemahnen, an den erſten Roman einen zweiten zu lehnen, welcher trotz der Poeſie actenmäßig gewiß noch zuverläſſiger be⸗ glaubigt iſt. Außerdem iſt er gewißermaßen ein Sei⸗ James Hackman und Margaret Keay. 55 ten⸗ und Gegenſtück des erſteren. Dort ſtritt es ſich um reale Güter, Werthe und Leben, doppelt werth in England, die Erbgeburt mit Allem, was ihr anhängt; hier um gar nichts reelles Werthes, nicht um Gut und Leben, nur um pſychologiſche Räthſel, Hirngebilde, phantaſtiſche Valuten, die ſonſt in England auf keiner Börſe Geltung haben. In England war man erſtaunt, in der Wirklichkeit eine Liebesgeſchichte zu hören, welche nur die deutſche Romantik bis da vorbrachte, und es wäre allerdings ein merkwürdiges Zuſammentreffen, daß faſt zur ſelben Zeit, jenſeits des Kanals James Hack⸗ man's wahnſinnige Liebe und Ende und bei uns die Leiden des jungen Werther geſchehen, erſcheinen, geſungen und verſchlungen werden mußten, wenn wirnicht wüßten, daß die deutſche That vorausgegangen iſt und daß wir ihren Einfluß auf die engliſche nicht allein muthmaßen; denn Werther's Roman hat unmit⸗ telbar, unverkennbar auf Hackman's That und Roman eingewirkt. Er hatte das Buch ſelbſt geleſen und ſeine Geliebte davor gewarnt. So allmächtigen Einfluß hat jenes Gedicht zu Ausgang des vorigen Jahrhunderts geübt, wie der Dichter, ſelbſt verwundert, es ausruft: Deutſchland ahmte mich nach und Frankreich mochte mich leſen. England, freundlich empfingſt du den zerrütteten Gaſt. Doch was fördert es mich, daß auch ſogar der Chineſe Malet, mit ängſtlicher Hand, Werther und Lotten auf Glas. Was ihn, den Dichter, erlöſt hatte, ward zum ver⸗ derbenden Zauber für die geiſtige Welt; während erſt, faſt ein hundert Jahre ſpäter, das Räthſel gelöſt wer⸗ den ſollte, das Göthe ſelbſt zu entziffern kaum gewagt, eben vor Schauer der Naturmächte, welche er als Zau⸗ berlehrling berufen, aber nicht zu bannen vermocht hatte.— Ein engliſcher Schriftſteller, Herbert Craft, 56 James Hachman und Margaret Reay. berichtete die Wertheriade in einem kleinen jetzt ſehr ſelten gewordenen Buche mit dem Titel:„Liebe und Wahnſinn.“ Nach ſo ſchreckenvollen, actenmäßigen Criminalfäl⸗ len, die dieſer Theil dem Criminaliſten mit ſogenann⸗ ter matter of fact überſättigt, iſt andern Leſern wohl ein Gebilde aus dem Reich der Phantaſie vergönnt. . Es ſind drei handelnde Perſonen in dem Drama, welche hier vorauszuſchildern nöthig iſt: ein vornehmer Mann in reifen Jahren, der zärtliche und edle Gön⸗ ner und Vormund einer liebenswürdigen, feingebildeten Freundin— dieſe Freundin ſelbſt, ohne Namen, Alles verdankend nur dieſem großmüthigen Gönner und ihrem eigenen Geiſte und ihrer Anmuth,— und ein feuri⸗ ger, junger Liebhaber, der Alles vergißt aus wahnſinni⸗ ger Leidenſchaft für dieſe Freundin eines Andern, die er für ſich ganz gewonnen hat, um in derſelben Leiden⸗ ſchaft ſie und ſich zu verderben. Der Gönner iſt Lord Sandwich, ein berühmter Diplomat und Staatsmann, der beim Congreß in Aachen 1748 ſich ausgezeichnet hatte, ſpäter Staatsſecretär und erſter Lord der Admiralität. In den ſiebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts war er ſchon in reifen Jah⸗ ren und ſtarb hochbejahrt 1792. Die edle Art, E in Folge dieſes Proceſſes ſich benahm, hatte Sand⸗ wich große Achtung und eine Art Ruhm erworben. Die Schöne iſt Miß Reay, die Tochter eines Lo⸗ genſchließers in Coventgarden, welche in einem Hand⸗ ſchuhladen in London als 13jähriges Mädchen gedient hatte. Ihre Schönheit, Anmuth, die natürliche Leb⸗ haftigkeit und ihr Witz hatten Lord Sandwich ſo an⸗ gezogen, daß er ihr Gönner ward und es mit der zärt⸗ li ——„ James Hackman und Margaret Reay. 57 lichſten Liebe und Rückſicht durch eine lange Reihe von Jahren, ja bis zu ihrem Tode, blieb. Er hatte ihre vollſtändige Erziehung beſorgt und in geſellſchaftlicher Beziehung ihr alle die Annehmlichkeiten und Ehren ver⸗ ſchafft, welche ihr bei ihrer zweifelhaften Stellung vor der Welt und dem Geſetze möglich waren. James Hackman, aus Hampſhire, war der Sohn eines Kaufmanns daſelbſt und von den Eltern beſtimmt zu demſelben Geſchäft. Er war aber zu lebhaften Gei⸗ ſtes und zu warmen Blutes, als daß man hätte erwarten können, er werde als Geſchäftsmann Glück machen. Seine Eltern ſtrengten daher ihre letzten Kräfte an, um ihm eine Offiziersſtelle zu erkaufen. So ward er Fähndrich im 68. Infanterieregiment. Kaum lange, nachdem er im Dienſt geſtanden, er⸗ hielt er ein Commando um Rekruten zu ſammeln. Sein Auftrag führte ihn nach der Grafſchaft Huntingdon, wo der Earl von Sandwich ein Landgut hatte. Der Lord nahm ihn mit Freundlichkeit auf und lud ihn oft an ſeinen Tiſch. Hier lernte er wahrſcheinlich zum erſten Mal Miß Reay kennen. Miß Reay hatte damals(ſagt man uns) ſchon 19 — ſage Neunzehn— Jahre in intimer Verbindung mit ihrem edeln Gönner und Freund gelebt. Im Laufe dieſer Zeit hatte ſie dem Freunde, dem Lord, 9— ſage Neun— Kinder geboren(von denen jetzt noch eines, einer der ausgezeichnetſten engliſchen Kronjuriſten leben ſoll). Sie muß alſo wenigſtens in der Mitte der Dreißiger gewe⸗ ſen ſein, und Hackman war, ſo bezeichnet man uns, ſo jung, daß er ſie beinahe ſeine Mutter hätte nennen können. Doch ſtimmen dieſe Jahre nicht mit den Jah⸗ ren überein, welche Hackman in ſeinen Briefen angibt. Er nennt ſie jünger, die Zahl ihrer Kinder kleiner; es 58 James Hackman und Margaret Reay. kömmt nichts darauf an, ob die Berichterſtatter ſich geirrt oder der Liebhaber in ſeiner blinden Leiden⸗ ſchaft die Jahre verkürzt hat. Thatſache iſt, daß er bald in eine wahnſinnige Liebesluſt zur reizenden Mar⸗ garet entbrannte, und Miß Reay ward zaudernder, aber eben ſo zärtlich von dieſer Flamme entzündet. Sie dachten Beide an eine eheliche Verbindung. Da für Hackman keine Ausſicht zu einem Avancement in der Armee ſich zeigte, dachte er daran ſeine Offizierſtelle niederzulegen und— in den geiſtlichen Stand zu tre⸗ ten! Alles nach engliſchen Begriffen. Er konnte ſein Offizierpatent verkaufen und eine Pfarre durch die Gunſt irgend eines vornehmen Patrons erhalten. Beides iſt dort ländlich ſittlich, wie bekannt. Die an unſere Be⸗ griffe klopfende Frage: ob ein Offizier niederlegen muß, wenn er die unterhaltene Maitreſſe eines vornehmen Mannes heirathet? und die andere: ob ein Geiſtlicher es ohne Makel thun darf? werden uns nicht geſtellt und beantwortet. Wir hören nur ſo viel: daß er alle ſeine Gedanken auf die Kirche wandte, daß er, um ſein Ziel zu errei⸗ chen, ſchon die Ordination angenommen und bereits in der Grafſchaft Norfolk eine Landpredigerſtelle erhalten; letzteres um Weihnachten 1778, welches für ihn aber auch das letzte Weihnachtsfeſt ſeines Lebens ſein ſollte. Alles Uebrige bis zur Kataſtrophe ſeines Lebens iſt durch einen Briefwechſel ausgefüllt, der aber mehr mit⸗ theilt, als je ein Actenſtoß es geben kann. Vieles wird erſtaunlich lebendig, klar; wenn uns dennoch an andrer Stelle wieder deſto größere Dunkelheiten, und zwar in den ſpannendſten Momenten begegnen, ſo hat es den Commentatoren nicht gefallen, ſie zu löſen. James Hackman und Margaret Reay. 59 . Für viele der Anſpielungen fehlt uns der Schlüſſel, ſie konnten aber nicht ganz fortgelaſſen werden, ohne 5 die Färbung des Ganzen zu verwiſchen; auch ſind ſo reiche, intereſſante Charakterzüge eingewebt, die ſchon an 3 und für ſich von Werth für das Zeitbild ſind. Die 5, 4 Wortklaubereien, den haut gout der modernen vornehmen Geſellſchaft, den verzweifelten überſchwenglichen estilo 3 culto im Theater⸗ oder andern Kreiſen jener Epoche, dieſe le Niaiſerien der Liebesverſtecke und Liebeswitze, den ab⸗ 3 ſtracten Stil, die oft ſchwülſtige, verſchrobene Sprache wird man gern verzeihen, wenn neben dieſer Manier die 6. n Poeſie einer mächtigen Naturwahrheit in den ſchlagen⸗ 6 i den Momenten vorbricht. Schwierig war die Ueber⸗ e ſetzung, wenn man treu ſein mußte, wenn man nicht 1 , natürlich ſchreiben durfte. Aber das wahre dramatiſche 36 kn Moment der Tragödie, wie es von Schritt zu Schritt 4 er immer gewichtiger zur Kataſtrophe drängt, wird Jeder d mitfühlen. ſen rei⸗ ¹ An Miß Margaret Reay.. 3 bet Huntingdon, Dechr. 4., 1775. 6 ein Theure Margaret! Zehn tauſend Dank für dein ſ iſ Billet, das mein Corporal Trim mir geſtern brachte. ſit⸗ Schien der Burſche doch ſelbſt glücklich darüber, der itd Bote geweſen zu ſein, weil er ſah, wie es mich glück⸗ dret lich machte. Er iſt, behaupte ich, ein eben ſo glücklicher in Soldat des Cupido als des Mars; und, wie du weißt, den iſt es jetzt nicht das erſte Mal, daß Mars und Cupido Bekanntſchaft gemacht haben. Wo du willſt, befiel ihm 60 James Hackman und Margaret RKeay. ohne Umſtände. Denn Venus iſt, was ich dir nicht zu ſagen brauche, Cupidos Mutter und Mars Gebieterin. Im Augenblick ſchwirrt die Trommel unter meinem Fenſter, um Freiwillige des Bacchus zu werben— auf gut Engliſch: die Trommel ruft zum Mittageſſen. Denn eine Trommel macht blutige Herzen ſowohl zum Eſſen, als zum Fechten. Eigentlich ſchließt und verſpeiſt uns die Trommel, denn ſie ruft uns jede Nacht, oder ſollte es doch, zum Bett und zum Schlaf. Ich werde heut ſpät erſt gehorchen, weder einem noch dem andern, ich phantaſire,— ja, Zauberin, der Gedanke an dich wird mir Bett und Schlaf rauben. Einen Toaſt verweigern iſt ziemlich gleich als ein Duell ablehnen. So ſind Hans Lüderlich und der Sykophant ſich eigentlich ſehr verwandt. Was mich betrifft, ſo mundet mir nichts, was im Glaſe perlt, ohne einen Toaſt auf dich, und beſſer wenn ich auf einen Reim meine Margaret küſſe. Adieu!— Welcher ſchwere Dienſt mir auch nach Tiſche obliegt, ſo ſollen doch keine Fluthen Weines mich überſchwemmen, noch mich hindern und ſtören, daß ich dich morgen finde, wie verabredet. Wir haben uns geſtern nicht geſehen, den Grund will ich dir rechtfer⸗ tigen. Wenn du auch proteſtiren willſt, daß du in mei⸗ nem Herzen ſtehſt, ſo biſt du's doch Immer und immer in meinem. Huntingdon, Dec. 6. 1775. O meine herzinnigſte Margaret, nein, ich will nicht länger im Vortheil ſtehen, ich will nicht mehr beſchämt ſein, daß du, ſüßeſtes großmüthigſtes Weſen, in Han⸗ gen und in Bangen, wie geſtern, dich mir bekennſt. Wenn mein glücklich ſein meine Margaret nicht glück⸗ lich macht, dann, meine Glückſeligkeit, hinweg mit dir! — ——— James Hackman und Margaret Reay. 61 Und doch könnte ich dagegen remonſtriren. Ange⸗ nommen, er hat dich erzogen— angenommen, du fühlſt dich verſchuldet gegen ihn wegen der zahlloſen Voll⸗ kommenheiten, die ſein Geiſt in dir erweckt hätte— biſt du darum denn ſein Eigenthum? Iſt es denn wie ein Pferd, das ſein Herr erzogen hat, und es darf nicht mehr gegen Sporn und Zügel ſich ſträuben? Ange⸗ nommen endlich, du wäreſt ſein Eigenthum, hat denn die Treue ſo langer, langer Jahre gar keine Wucht, um von der langen Stufenleiter der Dankbarkeit einige wenigſtens abzubrechen? Eure verſchiedenen Jahre!— Angenommen, du hät⸗ teſt noch nicht tauſendmal deine Schuldigkeiten abgelöſt, giebt es denn keine Ablöſungen, die durch die unnatür⸗ liche Ungleichheit der Jahre von ſelbſt eingetreten ſind? — Kann die Natur Einem verbieten, daß er bei 55 immer ſtehen bleiben ſoll und von einer andern fodern, daß ſie bei 25 ſchneller eilen ſolle? Und ich ſetze dabei die geringſten Maße. Manche Frauen ſtehen ja in den⸗ ſelben Verpflichtungen zu ihren Vätern.(Doch nein — wenige oder keine können ſich für ähnliche Vervoll⸗ kommnungen bei Jemand bedanken.) Ja ſie ſind noch mehr Dankes ſchuldig für ihre Väter, nämlich es iſt noch ein Zuſatz, ſie danken ja ihr Alles der Exi⸗ ſtenz ihrer Eltern. Müſſen ſie ſich aber darin allein an ihre Väter lehnen. Muß der Jasmin überall ſeine zar⸗ ten Arme um die ſterbende Ulme ſchlingen? Mein geringes Vermögen kennſt du ja. Willſt du mit mir theilen? Und offen und ehrlich ſag' Sr. Gna⸗ den, dem Lord, daß du ihm Dank ſchuldig warſt, ſo lange als es deine Schuldigkeit war, bis dir die Liebe ſagte, daß du nun gegen andere eine Schuldigkeit haſt, nämlich gegen H—. 62 James Hackman und Margaret Reay. Guter Himmel und du konnteſt doch noch ſchwanken! Ich will ja gar keinen Vortheil für mich. Gewiß nicht. Nur an deine Kinder will ich dich erinnern. O mein Gott, und zweifelſt du daran, wie ich ihnen als treuer herzlicher Vater werden will! Wäge die Schalen ab— Dankbarkeit oder Liebe.— Sinkt jene, dann ſchwöre ich bei meiner Liebe, mor⸗ gen gehe ich zu meinem Regiment. Wenn die Liebe aber ſiegt, rufe den Sieg aus und fordere den Preis. Ich will ja keinen Vortheil. Denke doch darüber. Ich will dich ja nicht über⸗ raſchen. Ueberſchlafe es, ehe du antworteſt. Trim ſoll morgen wieder die alte Liſt brauchen. Und— wolle es der gnädige Himmel!— daß du dieſe Nacht allein ſchläfſt! Warum ſangeſt du geſtern das ſüße Lied, obgleich ich dich doch ſo inſtändigſt bat. Die Worte und deine Stimme waren zu viel. Was ſollen Worte ſagen, was ich denke! An Maſter Hackman. Huntingdon, Decbr. 7., 1775. Mein theurer Hackman!— Da iſt eine traurige Geſchichte ſeit geſtern. Aber fürchte dich nicht.— Wir ſind nicht vor Profanen verrathen. Unſer ſchönes Mär⸗ chen iſt—(auf wen hatteſt du denn Verdacht!) nur der Liebe und der Dankbarkeit vertraut geblieben. Und ſie müßten, aus zwanzig Gründen meine ich, deine Freunde bleiben. Ueber deine Rechtsfrage iſt geſtern, ſeit dem Ab⸗ gang des ehrlichen Trim, ernſtlich hin und her geſtrit⸗ ten worden. Die Liebe, wenn ich ſie auch nicht für ſo James Hackman und Margaret Reay. 63 ganz blind anſehe, iſt doch eben ein Richter wie Sir John Fielding. Ich wäge ſtreng und ernſt, rechts und iß links; auf Seiner Gnaden Seite ſtimmt der Kopf, auf n! 3 Deiner das Herz. Dieſe letztere führt an: wenn ich 5 den Vaſalleneid der Dankbarkeit zu einer Zeit abgelegt, wo ich, der Himmel weiß es, nichts von Liebe wußte, 5 ſo ſei er nicht für gültig, und ich ſei in voller Frei⸗ heit nun beides, Leib und Seele, zu opfern, denn— Doch ſtill! Morgen beim Mittageſſen will ich das End⸗ nd urtheil ſprechen. Nur noch das— Liebe ſendet dir die zärtlichſten Wünſche und Dankbarkeit— und ich— weiß et⸗ dir nicht genug zu danken für deinen ſchönen lieben in edeln Brief geſtern. 3 Nun aber, mein H— nichts mehr von ſo häßlichen ht Schrullen! Du darfſt nicht zum Advocaten wider mich werden. Ich will dir ja keine Mühe machen.'s iſt ich ja unmöglich. ne Alſo morgen kommſt du. Und gewiß wird Omiah die Liebe nicht ermorden. Dennoch glaube ich, daß er geſtern unſere Augenſprache bemerkte. Das Auge ſpricht eine Sprache, die Jeder verſtehen kann.——— Was würde Rouſſeau dazu ſagen, mein Hackman?— Deine Meinung zu morgen. Ich ſchreibe auch kein Wort mehr, denn das Gewiſſen, das über meine linke ge Schulter lauſcht, konnte mir die Feder fortreißen und ir vom Papier die Worte fortreißen: zu morgen! r⸗ ur An Miß— nd Huntingdon, Decbr. 7., 1775. O du meine theuerſte Seele. Vom Himmel hoffe b⸗ ich, daß Trim dich heute noch vor Abend erreicht. Nicht it⸗ ich, nein mein ganzes künftiges Leben ſoll dir danken ſo 64 James Hackman und Margarrt Reay. für das eine theure Blatt Papier, was du mir eben geſchickt haſt. Segen und Segen! Aber ſprechen, mich ausdrücken, geloben und bitten, dann erſt, wenn die glückliche Stunde kommt. Nun höre mich, Margaret. Wenn ich deine Liebe verdient habe, dann will ich ſie ganz verdienen. Ein Beweis doch— ich habe dich ja um nichts gedrängt, was dein Gewiſſen verwirft....... Unſere Liebe, der unerbittliche Tyrann unſerer Herzen, fodert dieſes Opfer, aber er bittet uns, die geweihten Mauern des edeln Lord nicht zu beleidigen. Wie liebevoll lud er mich im vorigen October nach Huntingdon ein, und ich war ihm ein ganz unbekannter Offizier zum Rekru⸗ tiren! Wie höflich empfing er mich gleich in ſeinem Hauſe. Wenn ich daran denke, wie erfüllt es mich mit Schamgefühl. Hier fehlt eine Lücke von 3 Tagen oder man unter⸗ läßt die brieflichen Mittheilungen aus beweglichen Rückſichten. An Maſter H. Huntingdon, 10. Dechr. 1775. Deine Briefe von vorgeſtern und das, was du mir geſtern in meiner Wohnſtube ſagteſt, haben mich wie wahnſinnig gemacht. Du willſt etwas verkaufen, was du haſt, und dann einen andern Schritt thun, um Geld zu verſchaffen für uns Beidel Das iſt nicht hübſch. Du weißt, wie es in ſo delicaten Angelegenheiten mit mir peinlich iſt. Mich heirathen zu wollen, daran mußt du nie denken. Wie, ein Mann, den ich ſo hoch ehre, der will bei einem Lord um eine Anſtellung oder ſo etwas ſich ver⸗ kaufen! Was ſoll die Welt denken! D es empört mich. „ n du il er⸗ James Hackman und Margaret Reay. 65 Meine ganze Seele ſträubt ſich dagegen. Ueberdem, Maſter Hackman, ich fühle mich nur ſo weit, ob ſchuldig, oder entſchuldbar, daß ich einer jugendlichen Leiden⸗ ſchaft mich hingab. Conſequenzen, Vortheile davon, daran denke ich nicht. Wenn du mich näher, inniger kennen gelernt haſt, etwa in einer Woche, oder in zehn Tagen, dann wird auch deine Meinung ſich ſehr ge⸗ ändert haben. Und dennoch wirſt du mich ebenſo auf⸗ richtig lieben, wie ich—— o ſtill davon! Ich will das aber lieber in einem Liede ſagen, wel⸗ ches ich dir noch nicht vorgeſungen, und es iſt doch mein Liebling. Es ſind Verſe aus einer alten ſchotti⸗ ſchen Ballade, welche, wie man behaupten will, Lady A. W. niedergeſchrieben hat.*) Seit wir beide uns gegenſeitig vollſtändig gekannt haben, mochte ich ſie dir nicht wieder vorſingen, weil es auf unſere Lage zu an⸗ züglich iſt— Und was mehr jetzt, als du mich geſtern mit deinem grauſamen lieben Vorſchlage erſchreckt haſt! — Ich weinte wie ein Kind, als ich es heut morgen ſummte: Ich geh wie ein Geiſt um; meine Spindel ſchwirrt um. Ich denk nur an Jamie,— und Sünde wärs drum! Ich wünſcht' ihm die beſte Frau, die es nur thut, Denn alt Robin Grey, er verdient es ſo gut. Meine Augen werden mir zu weh, um es weiter zu ſchreiben. Laß mich morgen wieder meinen Jamie ſehn. Dein Name iſt ja auch Jamie. *) Das alte Volkslied; Robert Burns' Lied konnte zur Zeit am wenigſten bekannt ſein, da er in der Begegnung der Geſchichte etwa 16 Jahr alt war. 66 Zames Hackman und Margaret Reay. An Miß— Huntingdon, 28. Decbr. 1775. Wie Du zu großmüthig geſtern wegen meiner grund⸗ loſen Eiferſucht mich beſchwichtigt haſt. Ich hatte es nicht verdient. Und wie ich mich ſelbſt in meiner Lei⸗ denſchaft exponirte! Aber ich ſage es dir ja, meine Lei⸗ denſchaften ſind alle Schießpulver. Doch, Gott ſei Dank dafür, ich bin doch noch kein Hthello. Nicht Leid zu Eiferſucht; doch trifft ſie mich, Dann ſchmettert ſie zum Boden—— Und Gott weiß, wie ich dich liebe, verehre, vergöttere. Und wie konnte ich neben dir noch an ein Ge⸗ ſchöpf, wie— den denken! Du ſagteſt geſtern, du wollteſt es mir vergeben, und ich hoffe du haſt verge⸗ ben. Aber ich möchte es gern morgen noch einmal von deinen Lippen hören. Alles ſoll bereit ſtehn,— auch die Guitarre, nach der ich ſchrieb, iſt gekommen, und ich bringe das Lied mit und du ſollſt es ſingen und ſpielen dabei, und ich will dich bitten, es mir zu ver⸗ zeihen und du ſollſt mir verzeihen und— noch viele fünf hundert außerdem. Eiferſüchtig ich!— Ja ich bins, ich wäre zu eifer⸗ ſüchtig auf dieſes Blatt Papier, wenn du es mit zu großer Inbrunſt küſſen ſollteſt. Welch ein Narr ich ſei?— Nein, Margaret, ſage lieber— welch ein Liebhaber! Tauſend Dank für dein Bild. Es iſt gleich. An dieſelbe. Huntingdon, 1. Jan. 1776. Könnte ich dieſen Morgen dich nicht ſehn, will ichs— (eine Drohung oder Wunſch auf vergeſſene Dinge oder Perſonen.) Nö. und⸗ te es Li⸗ Lei⸗ t ſei öttere. Ge⸗ t, du verge⸗ von auch und und u ver⸗ viele eifer⸗ nit zu „ſige 6— James Hackman und Margaret Reay. 67 Dies iſt ein neues Jahr. Möge jeder Tag für meine Margaret ein glückſeliger werden. Aber gibt es noch einen Wunſch oder etwas, was Segen iſt, was ich dir nicht ſchon gewünſcht habe? Ein neues Jahr— ich liebe nicht dies Wort. Neues — neuer; Man könnt's auch denken auf neue Liebe, Geliebte, Liebesſchwüre,— ich kann das nicht leiden. M. kann niemals ihren H. vertauſchen. Ich wills be⸗ ſchwören, ſie kann ihn nie für einen neuen, mehr wahr⸗ haftern Geliebten vertauſchen. Ein neues Jahr— 76. Wo werden wir ſein in 777 Wo in 782 Wo 17792 Wo denn 17802— In Jammer oder in Glückſeligkeit, im Leben oder im Tode, im Himmel oder in der Hölle— wo du biſt, da muß ich ſein! Der Soldat, für den du ein Wort eingelegt haſt, ſtattet unbekannter Weiſe ſeinen Wohlthätern den Dank ab. Disciplin iſt bei uns unerläßlich, aber ich bin überzeugt, daß du mir auch glaubſt, wie ich in anderer Weiſe keineswegs Freund davon bin. An Maſter— Huntingdon, 23. Febr. 1776. Wo warſt du dieſen Morgen, mein Leben? Ich zitterte und bebte vor Kälte und wäre beinahe erfroren, wenn ich nicht auf dich gewartet hätte. Ich bin unwohl, recht unwohl. Was konnte dich abhalten? Du hatteſt ja ſelbſt verabredet. Warum nicht ſchreiben, wenn du nicht kommen konn⸗ teſt?— Und dann hatte ich einen Traum in letzter Nacht, einen traurigen Traum, mein H.: 68 Zames Hackman und Margaret Reay. „Befürchtung iſt's um dich, Geliebte, Denn Geiſterträume ſchreckten mich heut Nacht.“ Du antworteſt mir vielleicht mit meiner geliebten Iphis: Was achten auf die ſchwarzen Nachtgebilde, Die nur ein kranker Magen foppt im Schlaf. Ja, ich kann mir aber nicht helfen. Ich bin ein ſchwaches Weib und nicht Soldat. Ich ſah, du hatteſt ein Duell mit einer Perſon, von der, nach unſerer Ver⸗ abredung, nicht geſprochen werden darf. Ihr ermor⸗ detet Beide, Einer den Andern. Ich ſah nicht nur ſeinen Degen, ſondern ich hörte auch den ſcharfen Stahl wie er durch meines H— 8 Bruſt ſauſte. Ich ſah euch beide ſterben und mit Euch ſtarben beider Liebe und Dankbarkeit. Ueber wen muß Margaret trauern? fragte ich mich. Ach es iſt keiner da. Nenne mich albern; aber ich bin unwohl, jämmer⸗ lich, kläglich! Wahrhaftig, wahr und wahrhaftig ſo iſt es. Um Gottes Willen, laß mich von dir hören. An Miß— Kanonen Kaffeehaus, 17. März 1776. Kaum daß du mein letztes Geſchmiere wohl verar⸗ beitet haſt, wieder ein neues. Habe mein Mittageſſen eben angeordnet, aber ich kann weder ſchreiben noch ſonſt was thun.„Toll!“ Ich weiß es nicht, vielleicht. Gewiß, weiß ich, ich bin unglücklich. Um Gottes willen, um meines Lebens und meiner Seele wegen, wenn du mich liebſt, ſchreibe mir hierher, oder wenigſtens heut Nacht in meine Wohnung und ſage mir, was das für ein unüberwindlicher Grund ſ, i giſc Leh m w hi iebten nein atteſt t Ver⸗ mor⸗ t nur Stahl hſih Liebe uern? nmt⸗ ig ſo ren. verar⸗ geſen noch neiner ierhel⸗ und Frund James Hackman und Margaret Reay. 69 iſt, mit dem du dich jetzt quälſt.„Auch die Folter ſoll dich nicht preſſen mich zu heirathen.“— Haſt Du das geſagt? Dann haſſeſt du mich. Was iſt dann mein Leben werth! Angenommen du hätteſt nicht mehr den„ſüßen Trieb“ mich zu lieben(wenn du mich liebſt! Oh! blaſe das wenn fort) mich zu vergöttern, drängt dich denn we⸗ nigſtens nicht ein Bedürfniß dich und mich loszu⸗ machen, aus den Rollen, Verbindungen, in die wir uns verſtrickt? Meine Seele kann ſich in dieſe Ge— meinheit nicht mehr denken. Zur Hinterthür eindrin⸗ gen, zu ſtehlen, betrügen, complottiren, immer lügen: Verdammtſein! Der Gedanke macht mich vor mir ſelbſt verachten. Deine Kinder!— Lord S—(wären wir nicht ſelbſt über unſere Aufführung beſchämt, wenn wir nicht unſer Gewiſſen immerfort getäuſcht, unſere Stimmen überlullt hätten:„Er“ und„ſie“ und„der alte Robin Gray.“ O, Margaret, wie ſind wir herabgeſunken!) Lord Sandwich— ich nenne ihn dreiſt— kann deine vier lieben Knaben pflegen und erziehen. Was das ſüße kleine Mädchen betrifft, der will ich ſo gut ein Vater ſein, als ich für dich ein Gatte werde. Jeden Heller, den ich habe, brauche ich für Euch Beide. Ich will— Gott weiß es— und Ihr ſollt es erfahren, was ich für Euch Beide thue, wenn ich erſt im Stande bin. Guter Gott, was wollte ich nicht thun. Schreibe, ſchreibe, ich ſage, ſchreibe! Beim leben⸗ digen Gott, ich muß den unüberwindlichen Grund von dir wiſſen, oder ich glaube nicht mehr an deine Liebe. James Hackman und Margaret Reay. An Maſter H. A. 17. März 1776. Und dachte mein Hackman, daß es noch eines ſol⸗ chen Briefes bedurfte, um meine Betrübniß voll zu machen? O, geliebter Jamie, du weißt nicht, wie du mich betrübt haſt. Und denkſt du, ich hätte mich freiwillig zu den Schlichen gezwungen, zu denen ich doch nur, um dir zu helfen, griff? Wie ſteht deine Rolle beim Anfange des Stückes im Verhältniß zu meiner? Ich war ja genöthigt, ſogar eine Rolle gegen dich zu führen. Mir lag die ſchwierige Aufgabe ob, auch vor dir zu ver⸗ bergen, wie dieſe Künſte und Schliche(zu denen ich mich preisgeben mußte) mich unglücklich machten. Und ſie verbitterten mir die glücklichſten Momente meines Lebens. Aber das Schickſal ſteht vor uns beiden. Wir ſind verdammt, unglücklich zu werden. Und, ſo oder ſo, denke ich immer, es wird eine ſchreckliche Kataſtrophe uns erreichen. „Ein ſchreckenvoll Geſchick hängt an den Wolken“ wie es im Jephta heißt. O daß es nur wenigſtens nicht mit einem verhäng⸗ nißvollen Ereigniß ſchließe wie Faldoni und Tereſa, und daß wir uns wenigſtens in einer andern Welt wie⸗ der fänden, einer Welt, wo Gold und Silber unbekannt ſind!— Von deiner Hand könnte ich mit Vergnügen ſterben. Gewiß, ich weiß es. „Unüberwindlicher Grund.“ Ja, mein H— der iſt da, und du zwingſt mich es auszuſprechen. In⸗ deſſen, beſſer es dir zu ſagen, als an meiner Liebe zwei⸗ feln zu laſſen. Denn Liebe iſt mir jetzt Religion. Habe 6. s ſol⸗ U zu ie du den m dir fange vat ja Vit u ver⸗ en ich Und neines it ſind er ſo, ſrophe chäng⸗ eteſc, lt wi ekunut grügen n. I e we 5 James Hackman und Margaret Rean. 71 ich denn kaum einen andern Gott als dich. Ich möchte immer beten eben ſo zu dir, als für dich. Wiſſe denn: wenn du mich heiratheteſt, ſo heiratheteſt du mit mir einige Hundert Pfund Sterling Schulden. Und das ſollſt du niemals. Und erinnerſt du dich eines feierlichen Eides, den du in einem deiner Briefe, als ich in H. war, niederleg⸗ teſt? Und ſpäterhin wiederholteſt du noch: du müßteſt gehorchen, weil du den Eid ſo feierlich geſchworen? In denſelben feierlichen und furchtbaren Worten ſchwöre ich, daß ich dich niemals heirathen will, ſo wahr als wie ich glücklich wäre, wenn ich nur einen Schilling in der Welt ſchuldig wäre. Da haben wir wieder Jeph⸗ ta's Gebot. Was du über meine armen Kinder ſprichſt, macht mich weinenz aber es ändert mich nicht in meinem Ent⸗ ſchluß. Es iſt noch ein anderer Grund dafür da:„Wenn du mich nicht heiratheſt, glaube ich nicht mehr an deine Liebe.“— O die gnädige Macht der Liebe! Hat mein H. das wirklich geſagt? Nein: dich nicht heirathen, iſt der ſtärkeſte Beweis, den ich von meiner Liebe ge⸗ than. Und der Himmel hat, glaube es mir, mein Ge⸗ läbde gehört. Du mußt ihn achten, und nie Verſuch machen, ihn zu ſtören, denn du am wenigſten würdeſt Erfolg haben. Bis mir im Leben kein beſſeres Loos zu Theil wird als Schulden, will ich nie dein werden. Während du dann in Irland biſt— Ja, mein Liebſter, in Irland. Ich werde alles dafür ſorgen. Du ſollſt augenblicklich dein Regiment dort finden. Es iſt ja deine Schuldigkeit. Inzwiſchen kann ja manches ſich zutragen. Der Himmel wird zwei treue Herzen, die ſo treu ſich lieben, wie du und ich, nicht 72 James hachman und Margartt Reay. ohne Hülfe verlaſſen. Es werden noch frohe Tage für uns kommen; und liegt nicht ein Stück von Glückſelig⸗ keit in uns! Darauf bau ich. Und(wie ich eben ſchon ſagte) während du in Irland biſt, will ich dir an jedem Poſttage ſchreiben, ja zweimal in jedem Poſttage und ich will von dir denken, und will von dir träumen, und will dein Medaillon küſſen, und will meine Augen wiſchen, und will es wieder küſſen, und will dann wie⸗ der weinen. Und— Kann ich dir einen ſtrengern Beweis geben meiner Rückſicht für dich, oder eine ſtrengere Probe, daß du meinem Rath folgen ſollſt, als indem ich dich bitte, meine einzige Freude mir fortzunehmen? Ich will nicht ſchwö⸗ ren, daß ich es nicht einmal anders überdenke. Aber ich bitte dich: geh! Thor, der ich bin— mit einer Hand laß ich lau⸗ fen, was ich in der andern gefangen hatte! Ach Gott, da iſt jedes Wort auf dem Papier mit meinen Thrä⸗ nen feucht gemacht. Wie haben meine Vorſtellungen dann einen Effect auf dich. Und doch hoffe ich. Sei ein Mann, ſage ich— du biſt ja ein Engel. Gehe zum Regiment; und ſo wahr ich dich liebe, werde ich dich von der Verbannung(für dich und für mich!) im erſten Augenblick zurückrufen, wo ich mich ſelbſt mit Ehren und dich mit Zufriedenheit und Glück— hei⸗ rathen kann. Doch jetzt muß ich aufhören. Adieu. „Es ruft der Ruhm dich und der Liebe Macht, um deshalb ruft dich Jephta in die Schlacht.“ An Miß— Kanonen Wirthshaus, 17. März 1776. Und ich will Jephta's Gelübde gehorchen, und will ge für cſelig⸗ nſchon dit an oſttage iumen, Augen n wie⸗ meinet ß du meine ſtni Aber h la⸗ Gott, Thri⸗ lungen Engel. werde nich) bſt mit — hei⸗ 3 James Hackman und Margaret Reay. 73 in die Schlacht ziehen. Wenigſtens will ich alle Nächte daran denken, denn ich bin gewiß, ich werde nicht ſchla⸗ fen können, und morgen ſollſt du erfahren, wie ich mit mir gewürgt habe. Ich will dich in der bekannten Stelle im Park erwarten, wo ich dich— an der angelehnten Thür ſah. Sollte es regnen,— werde ich ſchreiben.— Meine Abſicht war's, auf das Glück hin dich mündlich zu treffen, nachher änderte ich meinen Willen und ſchrieb. Und ich bin herzlich zufrieden. Wir ſind nicht in einer Lage, uns beide ins Auge zu ſehn.— Grauſame Schulden! höchſt grauſames Gelübde!— Hätteſt du mir nur ein bischen Zeit gelaſſen, es wäre mir doch ein Plan eingeſprungen, wie wir mit deinen Schulden fertig würden. Es ſchwebte mir ſo. Seine Gosport⸗Ge⸗ ſchäfte— ſein Patent— Du runzelſt die Stirn und ich muß ſtill halten. Warum ſollte das Schickſal gerade nicht auf meine beiden Lotterielvoſe günſtig lächeln? Der Himmel weiß es, ich nahm ſie nur zu dieſem Zwecke. Auf der Rückſeite des einen Blattes ſchrieb ich im Falle meines plötzlichen Todes:„Dies gehört als Eigenthum der Miß——.“ Auf der andern— das gehört deiner Tochter. Ich bin jetzt ruhig. An Maſter— Am 19. März 1776. Warum, warum ſchreibſt du mir ſo oft? Warum ſuchſt du mich öfter? wenn du immer nur aufs Neue mir die Nothwendigkeit erklärſt, daß es ſo ſein muß. Du ſagteſt mir, wenn ich dich bäte, dann wollteſt W. 4 —,———— 74 James Hackman und Margaret Reay. du gehen. Ich bat dich ja, ich habe dich gebeten, zu gehen. Ich bitte dich noch jetzt— zu gehen.— Ja, ich beſchwöre dich jetzt— geh! Nur noch keinen Abſchied mehr. Das letzte war zu viel— zu, zu viel. Ich konnte mich den ganzen Tag nicht erholen.— Und deine Herzlichkeit um meinen kleinen lieben Flachskopf.— Er machte mich heut Morgen laut heftig weinen, als er von„dem guten Herrn“ zu reden anfing und die Ge⸗ ſchenke mir vorhielt. Wohin es ſei, und möge denn unſere Leidenſchaft uns verrathen und zerſtören— oder— Auf meinen Knieen— fußfällig auf meinen Knieen, ich flehe dich an, mein Hackman, mein theuerſter Hack⸗ man— geh! An Miß— Irland, 26. März 1776. Irland— England— guter Himmel, wie iſt es möglich, daß Margaret in einem Theil der Welt lebt, und ihr Hackman in einem andern! Will denn un⸗ ſer Schickſal nicht zulaſſen, daß beider Athem in der⸗ ſelben Luft ſchwellt? Meiner, davor bin ich ſicher, wird nie Ruhe haben, bis der letzte Luftzug ſeinen letzten Seufzer verzehrt hat. Und gibſt du nicht deine Billigung, indem ich dir gehorche? Billigung! Das iſt die Scheidemünze zwi⸗ ſchen uns! Ja, ich will dir ferner gehorchen. Ich will auch meine Feder zügeln, ſo weit ich kann. Ich will das Wort Liebe aus meinem Wörterbuch auskratzen. Ich will vergeſſen— Pfui Lüge!— ich kann nie, ich „— ten, zu Jt, ich lbſchied . 3 d deine — Er als er ie Ge⸗ enſchaft Knieen, Hack⸗ 75. nn un⸗ in der⸗ r vird letzten ich dit z ui l auch il dos 3 ih ie, James Hackman und Margaret Rray. 75 will nie dich vergeſſen, noch irgend was, was dir ge⸗ hört. Aber du räthſt mir gut, ja ſehr gütig und weiſe, du verlangſt nur, ich ſoll wo möglich über andere Ge⸗ genſtände ſprechen. Was dich nur intereſſiren könnte, will ich aufzugreifen ſuchen. Ich will Twiſſificiren oder Touriſtenfahrten anſtellen, oder irgend ſonſt was zur Liebe nicht gehört.(Twiß, ſo viel wir uns entſin⸗ nen, ein Touriſt, der jener Zeit in ſeinen Bemerkungen den Zorn und Spott der Irländer erregt und durch Pasquille und Zerrbilder verfolgt und zerriſſen wurde; ſo wurden von Töpfern Nachttöpfe gebrannt, am Fuß⸗ boden mit Maſter Twiß Bilde und dem Vers darüber: that's Mr. Twiss, upon his S. p...., die reißenden Abſatz in ganz Irland fanden). Nur Verzeihung, heut Morgen bin ich unfähig, Lumpereien zu denkenz ich bitte Miß Margaret um Verzeihung, ich muß noch über Liebe ſprechen. Und wenn ich dazu fähig bin, ſo erlaube mir ein oder zwei Worte über mich ſelbſt zu ſprechen. Heut indeß will ich dich nicht unglücklich machen, wenn ich dir er⸗ zähle, wie ich wirklich bin. Die Wirklichkeit oder Wahrheit iſt— mein Herz iſt voll. Und doch wenn ich beim Ergreifen der Feder meine, ich könnte einen Bogen Papier damit füllen, dann— beim Anfang des Schreibens— habe ich kaum ein Wort! Ja, wenn ich bei deiner Seite ſäße(o Se⸗ ligkeit das zu denken!) dann könnte ich meine Wangen auf deine Schulter legen und dein Taſchentuch mit mei⸗ nen Thränen feuchten! Um mein Leben(verſteht ſich nur meines, nicht dei⸗ nes) kümmere ich mich wenig mehr. Die Ueberfahrt war ſtürmiſch genug, aber nicht gefährlich. Miſtreß F....(von der ich neulich ſchrieb) brachte uns einen 76 James Hackman und Mlargaret Reay. ſo luſtigen Bericht über ihre unluſtige Situation bei der Fahrt, daß ich in deiner Seele für dich lachte. Warum ſchiltſt du mich wegen der Schachtel? Hätte ich ſie vorher geöffnet und gewußt, daß alle die Dinge für mich waren, ſo hätte ich ſie nicht mitgebracht. War das freundlich von meiner Margaret, daß ſie mir für jeden Tag ein Memorandum mitgab, während ich doch ſo entfernt von ihr war? Ach ja, es war doch und ſehr freundlich von dir. Und auch das, und dich, und alle die tauſend und zehntauſend Freundlichkeiten, will ich niemals vergeſſen. Die Börſe ſoll in jeder Stunde mein Begleiter ſein, die Hemden wrill ich des Nachts tragen; eines der Taſchentücher will ich mir aufheben, um immer die Augen zu trocknen, wenn ich die Schach⸗ tel aufhebe. Gott— Gott ſegne dich in dieſer Welt— das heißt, er gebe dich deinem Hackman— und gönne dir eine leichte Ueberfahrt zu den ewigen Seg⸗ nungen in einer beſſern Welt. Wenn du von mir gehſt, ſo möge der Schlag ſo plötzlich dich treffen, daß du nicht mehrgZeit haſt, nur noch einen zaudernden Blick zu wer⸗ fen auf— Hackman. (Die Zeilen ſind nicht vom Schreiber, ſondern von der Redaction unterzeichnet; prophetiſche Worte des wahnverſtörten Liebhabers.) An dieſelbe. Irland, 8. Mai 1776. Wie hätte mich dein Brief vom 1. April ergötzt, wenn ich dir einige Meilen näher gewohnt hätte. Wie vo n bei 3 Hitt Dinge Ver ir für doch und „und „pill tunde Nachts heben, ſhach⸗ das önne Seg⸗ chlag Zeit wer⸗ * nvon e des Vie James Hackman und Margaret Reay. voll Witz und Humor! Ich ſage dir herzlich dafür Dank, und um ſo doppelt herzlich, da ich weiß, wie dir in der gegenwärtigen Zeit Witz und Humor zu empfinden und zu äußern ſchwer ſein muß. Aber du zwingſt dich, um mich zu erheitern; und der Eine, der nicht ſo lachen kann, wie er eigentlich ſollte, hat es doch hingenommen, wie es ſoll ſein. Aber mit welchem melancholiſchen Zart⸗ gefühl du einen Schluß machſt! Da ſprach dein Herz. Als du ſchriebſt, war wol deine Lage etwas ver⸗ wandt der einer Schauſpielerin, welche am Abende eine Rolle im Luſtſpiel ausführen mußte, während am Tage vorher ihr etwas ſo wahrhaft Schreckliches oder Er⸗ ſchütterndes begegnet war, daß ſie beſſer in einer wirk⸗ lichen Tragödie agirt haben würde. Vielleicht lag das Motiv für dich in dem Briefe, den ich vorhin an dich geſchrieben hatte. Laß fahren dahin! Ich bitte dich, ſiegle deine Briefe ſehr vorſichtig. Der Siegellack raubt mir oft fünf bis ſechs Worte. Laß immer ein Plätzchen für das Petſchaft. In der abge⸗ riſſenen Stelle nehme ich immer an, du hätteſt von deiner dauernden Liebe geſprochen. Wenn der Siegellack drüber hängt, ſeh' ich es nicht,— ich finde überhaupt keinen ſolchen Eindruck in deinem Briefe,— ich werde unruhig, und plötzlich— ſchicke ich nach Charing Croß*) um zu fragen, ob du mich noch wirklich liebſt. Die berühmte Gaſtfreundlichkeit des Hauſes hier hat mich nicht enttäuſcht. In ihrer Sprache haben ſie *) In der City von London der Kreuzweg, wo die Mieths⸗ kutſchen, jetzigen Omnibus oder frühern Landkutſchen, ſich begegne⸗ ten, Stationen, um die Paſſagiere abzuſetzen und weiter zu ſpediren. 78 Zames Hackman und Margaret Reay. einen recht ſprechenden Ausdruck:„Möge das Gras vor deiner Thür wachſen.“ Die Frauen, wenn ich dich nicht ausnehme, ſind anmuthig und hübſch. Aber ich bin taub, dumpf und blind; ſie ſind alle Nichts, du biſt allein. Wenn ich heute nicht mehr ſchreibe, ſo iſt es nur auf dein Commando. Warum ſagſt du nichts von den lieben Kindern! Ich bleibe dabei, du mußt meinem kleinen Freund einen Brummkreiſel und zwei Dutzend Murmel kaufen, die ſchreibe aufs Conto Deines ergebenſten Dieners. An dieſelbe. Frland, 20. April 1776. Dank für die zwei Briefe in der einen Woche. Sie preßten mir die Thränen aus dem Auge, wenn es auch Thränen des Schmerzes wurden. Du urtheilſt zu parteiiſch über meine Poeſie. O um Gottes willen denke nicht ans Drucken laſſen. Ich will das nicht. Wenige können wie du über Poeſie urtheilen, und die Wenigen ſind ſelten gerecht. Juve⸗ nal, der römiſche Churchill, räth einem jungen Manne, er ſollte lieber ein Auctionscommiſſarius werden, als ein Poet. In unſern Tagen haben wir's erlebt, daß Chriſtie den Chatterton in einer Woche um Ruhm und Anſehn gebracht hat. Die Spanier haben ein Bei⸗ ſpiel:„Wer nicht einen Vers machen kann, muß ein Dummkopf ſein; wer mehre macht, iſt ein Narr.“ Du kennſt Pythagoras wenigſtens dem Namen nach. Viel⸗ leicht weißt du aber nicht, daß er im Tempel der Mu⸗ ſen zu Metapontum des Hungertodes ſtarb. Die Mu⸗ ſen haben allerdings zu unſerer Zeit keine Tempel(denn Gott ober keiner zuf e noch Cho nem gen übe du Wo ten Gut nes den her wi dal hab gle kör de de me ras vot ich nicht ich bin du biſt ſo iſt es indern! d einen fen, die ners. ⸗— 1776. Vocht. „wenn ſi. d n. 3 E Juve⸗ Manne, en, a bt, deß hm und in Be uß i Dl er Vn ie A⸗ el(denn James Hackman und Margaret Reay. 79 Gott weiß ſie werden nicht mehr verehrt), unſte Damen aber konnen doch nicht ohne menſchliche Opfer leben. Als ein junger Mann dem andern klagte, er habe keinen Appetit, ſagte dieſer:„Werde Poet, ſie beißen auf alles an.“ Dein gefühlvolles Auge, erinnere ich mich, konnte noch lange nicht traurig werden über die Geſchichte von Chatterton. Doch jetzt thaut gewiß eine Perle aus dei⸗ nem Augenpaar und ſie träufen und träufen über ſeiner gemordeten Erinnerung, wie der Samaritaner Balſam über den Wunden des Ermordeten. Und was ich und du darüber gehört, iſt vielleicht nur die Hälfte der Wahrheit. um es gut zu machen, daß ich dich mit meiner ſchlech⸗ ten Verſerei incommodirt habe, will ich dir jetzt was Gutes ſchicken. Die Compoſition eines Geiſtlichen, ei⸗ nes Engländers, der neben Dublin wohnt. Er erhielt den Preis von Oxford und es ward bei einer öffentli⸗ chen Gelegenheit im Theater vorgetragen. Doch du wirſt davon gehört haben. Vielleicht warſt du ſelbſt dabei. An dieſelbe. Irland, 3. Mai 1776. Mein letzter Brief wird dich doch nicht beleidigt haben? Die Banknote mußte ich zurückſchicken, ob⸗ gleich ich dir dafür danke, mehr als Worte es dir ſagen können. Soll ich, den du nicht heirathen willſt, weil du deine Schulden mir nicht inficiren magſt, ſoll ich noch deine Schulden vermehren! Oder meinſt du, daß du meine Schuldenlaſt verringerſt, indem du dich neu um 80 Lames Hackman und Margaret Reay. 50 Sterling beraubſt? Nähme ich's, ſo wäre ich dei⸗ ner Liebe nicht würdig. Aber nochmals, nimm mir nicht übel, daß ich's zurückgebe. Wie vieles, vieles ſetzte ich dafür, wenn der Himmel mir vergönnt hätte, reich zu ſein. Mach' dir noch keine Sorgen. Und ſprich kein Wort über das Poſtgeld, was ich für deine theuern Briefe zu zahlen habe. Soll dein Hackman nicht glücklich werden! Und kann ich eine Seligkeit zu theuer be⸗ zahlen? Aber ich!— Ich bin ja reich— reich wie ein Jude, und ohne daß ich im Facit meiner Schätze deine Liebe mit berechnet habe. Du erinnerſt, was ich meinem Ver⸗ wandten, dem armen Menſchen, zuwende. Das verzehrt noch nicht meine Erbſchaft und meine Aecker in Gos⸗ port. Dann iſt meine Gage und wie viele andere Wege und Wittel, die ich nicht erſt zu zählen brauche. Ruhig, Seele— ich ſage dir, ich bin reich. Behalte daher ruhig das Papier, was Silber heißt, und daß ich bleibe, was ich bin. Reich!— Bin ich's nicht! Könnte ich nicht aufs Theater gehn? Ich ſah vorigen Abend die Catley, es war in deiner Hauptrolle. Da fällt mir eine Geſchichte von ihr ein, von damals als ſie jenſeits des Waſſers (in England) war. Miß Catley und ihre Directoren waren uneinig ge⸗ worden, es galt das Engagement für die nächſte Sai⸗ ſon. Einer der Unternehmer beſuchte ſie in ihrer klei⸗ nen Wohnung in Drurylane, um die Sache abzu⸗ machen. Das Mädchen ging die Treppe vorauf, um dem Herrn die Thür zu öffnen und ihn ihrer Herrin zu melden.„Nein, nein“, rief die Schauſpielerin, die gerade in der Küche war und die Stimme des Directors ge⸗ hört ſchen. duch einzu geben int pfen Iſt rich nige We und Ant nit ſetpi ( Sch Es ein geb de James Hackman und Margaret Reay. 81 ich di hört hatte.„In der Stube kann ich den Herrn nicht m mit ſehen. Ich bin hier beſchäftigt(rief ſie dem Director es ſctr durch die offene Thür zu), Aepfelklöße für meine Bälger e, reich einzurühren. Sie wiſſen ja ſelbſt, ob Sie mir das Geld geben wollen, was ich fodere, oder nicht. Ich bin nicht Wort eine Ihrer feinen Damen, die bald einen Schnu⸗ Briefe pfen haben, bald Zahnſchmerzen und nicht ſingen können. lücklich Iſt Ihre Abſicht mir mein Geld zu zahlen, gut; wenn wer be⸗ nicht, ſo ſoll mein Mund auch um keinen Pfennig we⸗ niger einen Ton noch thun. So, guten Morgen, Herr nJide,— und ſtören Sie mir mein Mädchen nicht mehr im e Liche Wege, denn ſie muß jetzt die Klöße in den Topf thun mLe und ich mein Kind nähren.“— Fabricius' Rüben und etzehrt Andreas Marvel's kalter Hammelſchinken verdienen wol nGos⸗ mit Nanny Catley's Aepfelklößen auf einem Tiſch zu Wege ſerviren. Ruhig, Siehſt du, von Andern zu ſprechen und über ihre daher Schnurrereien zu erzählen, macht mich nicht unglücklich. bleibe, Es macht mich wirklich nichts unglücklich, als wenn ich eine Aenderung in deinen Geſinnungen bemerkte. Beim t aufi allmächtigen Gott im Himmel, ich kenne mich nicht ley, darin, aber ich glaube, ich könnte es nicht überleben. ſchcht Wenn du mich lieb haſt, ſo verſchmähe nicht das ßoſſr Stück Poplin(iriſches Seidenzeug), das ich dir nächſte Woche ſchicke. Es koſtet mir nichts. Was mir ge⸗ geben iſt, kann ich dir wieder geben. nig ge⸗ Sai⸗ r klei⸗ An Maſter— i England, 25. Juni 1776. f, un 3 zu Daß du ſo liebe und angenehme Freunde in frem⸗ den Landen gefunden haſt, erfreut mich ebenfalls. Was z du mir über den Herrn und die Dame geſprochen haſt, 1 4** 82 James Hackman und Margaret Reay. entzückt mich ſogar, beſonders die letztere. Ich bin übri⸗ gens auch nicht ohne Freunde. Eine Dame, welche mir beſondere Gunſt gezeigt hat, war gegen mich beſonders freundlich. Denn zu Ehren deines jenſeits der See iſt ſie eine Irländerin. Ihr angenehmer Ehemannrecommandirt auch durch ſeine Schön⸗ heit und Bildung deinem Lande. Er iſt auch merkwürdig wegen ſeiner zarten Gefühle. Adieu! Das wird dich aufwecken, nicht wahr? Ebenſo, was du mir vertraut haſt, mich aufgeweckt hat. An Miß— Irland, 1. Juli 1776. Dein kleines Billet vom 25. vorigen Monats war die gerechte Strafe für das, was mein Brief verſündigt. Bis ich den Spaß merkte, war ich wirklich unglücklich. Wäre nicht Tags darauf der lange und freundliche Brief mit demſelben Packetbvot gekommen, ſo wäre ich überaus unglücklich geweſen. Indeſſen wünſche ich dich glücklich, ſehr glücklich; aber ich allein muß dich glücklich gemacht haben, ich dulde es nicht, daß das Glück von Andern kommt, gleichviel ob von Männern, Frauen, Kindern! Wäre ich nicht ſo unerſchütterlich feſt in meiner Nei⸗ gung, dann, theuerſtes Weib, würde das Weib eines Freundes, und wäre ſie mit allen Reizen be⸗ ſtattet, mich niemals feſſeln. Ich habe nur zwei Mei⸗ ſter— Liebe und Ehre. Wenn ich dich nicht als meine Frau betrachten darf, ſo weißt du doch, daß ich nur eine Gebieterin habe. Ein Freund von mir geht nach England.(O der Glückſelige, der im Lande mit dir ſein kann!) Im Kanonen Kaffeehaus wird er ſich bei dir melden. Schicke nir ſprt verg mach ich nem ſtie ein nit od an we me ſol ein lle Zames Hackman und Margaret Reay. 83 übri⸗ mir doch das franzöſiſche Buch, von dem du neulich e nit ſprachſt, Werther. Wenn du auch, ich werde es nicht nder vergeſſen. Unſinn! zu ſagen, es würde mich unglücklich der machen, oder ich ſei nicht im Stande, es zu leſen! Muß hmer ich denn die Piſtole laden, weil ein Deutſcher mit ſei⸗ hön nem dicken Blute ſolch ein Narr geweſen iſt, das Bei⸗ auch ſpiel zu geben, oder weil ein deutſcher Novelliſt ſolch ein Hiſtörchen erfunden hat. Wenn du mir das Buch wahr? nicht leihſt, ſo verſchaffe ich es mir bald, von Einem t hat. oder dem Andern. So erbarme dich nur, es ſelbſt mir zu geben. Das einliegende Zettelchen übergibſt du wol an Dr. Street. Die Bücher laß ich mir zurückſchicken, weil ſie hier viel theurer ſind. Wenn du erſchrickſt, weil 6. meine Börſe ſo ſchnell leer wird, dann warte nur, du we ſollſt ſchon mein Schuldner werden. Sende mir nur ndigt. einen Wechſel mit dem„Werth in Rechnung“ Alles lich Uebrige lohnt kaum des Wortes. Prief nn An Maſter— ücklich England, 20. Aug. 1776. ennht Um Gottes willen, wo biſt du?— Was iſt das? Indn— Warum ſchreibſt du nicht?— Biſt du krank?— Verhüte das Gott. Wenn du es nicht konnteſt, wenn du verhindert warſt, warum ſchrieb denn nicht ſonſt Je⸗ Vei mand ſtatt deiner? Beſſer, daß Alles verrathen wird, en be als daß ich leide, wie ich leide.— Nun ſchon ein Mo⸗ i Ne nat, daß ich nichts von dir gehört. Sonſt bekam ich mein in einem Monat acht bis zehn Briefe. Wenn ich neu⸗ ch nur lich unruhig war, ſo war's umſonſt, wie ich ſchon letzt⸗ . hin geſagt, ich erwartete nur, daß dein Freund den Zet⸗ 0 du tel gefunden hätte— ich fragte ihn ja nach!— Was n ward denn aus meinen Briefen— einen ganzen Mo⸗ sh 84 James Hackman und Margaret Reay. nat durch?— Erhielteſt du denn, was ich an deinen Freund ſchickte?— Gefällt dir die Börſe?— Das Buch, von dem du ſchriebſt, das iſt das einzige Buch, was du niemals leſen dürfteſt.(2— Werther?) Auf mei⸗ nen Knien, ich bitte dich nochmals, nochmals, das nicht! — Vielleicht haſt du's geleſen— Vielleicht doch!— Ach Gott ich bin ſo verwirrt.—— Der Himmel weiß am Ende nur, an wen ich dieſen Brief richte. Madame oder Herr!— Sind Sie ein Weib, ich hoffe, Sie ſind's— Sind Sie aber ein Mann und wiſſen Sie, was Liebe heißt, dann haben Sie doch die Barm⸗ herzigkeit, um Gottes willen, ſchreiben Sie mir nur eine Zeile Antwort, Nachricht, wie es ſteht mit Maſter —— vom—— ſchen Regiment. Adreſſirt an Miſtreß — D. Street, London. Wer irgend dieſen Brief er⸗ greifen ſollte, wird's mir verzeihen, es koſtet ihm ja nur wenige Mühe. Und wenn ſie mir gute Nachricht ſchik⸗ ken— der Himmel weiß, ob es eine Frau iſt, die liebt — wenn möglich gute, Dank ihr. (Die Löſung dieſes räthſelhaften Briefes fehlt den nächſt mitgetheilten Briefen; wir erfahren auch nicht, ob es die geſpenſterhafte Furcht vor der Lectüre des Wer⸗ ther iſt.) An Miß— Irland, 26. Sept. 1776. Da ich kein Jäger bin, iſt es, meine ich, kein Ver⸗ dienſt, wenn man einen ganzen Morgen darauf opfert. Ich mache auch kein Verdienſt. Es macht mich nur ſelbſt glücklich. Nun, meine ich, biſt du beruhigt. Meine Geſund⸗ heit auf meine Ehre und auf meine Liebe— ſie iſt bei⸗ einen Buch was mei⸗ icht! weiß hoff, iſſen rm⸗ mt aſtet ſſtreß f el⸗ nur chik⸗ liebt den Wer⸗ pfert. nut ſund⸗ bi⸗ James Hackman und Margaret Reay. 85 nahe wieder hergeſtellt. Wäre ich nicht entſchloſſen, punktiliös bei der Wahrheit feſtzuhalten, ſo ſagte ich gänzlich. Die vier Briefe, die ich an dich ſchrieb, nachdem ich deine fliegenden Zettel mit den flatternden Gedanken erhalten, haben Alles ausgeglichen und abge⸗ than. Wie kann ich dir genug für alle deine Briefe danken; namentlich für den dieſer Woche. Auch haſt du nie beſſer ſtiliſirt. Wem es auf ein Werk ankäme, wo es beſondere Accurateſſe gilt, der könnte Phraſen und Worte dir nachahmen. Entſchuldige— ich ward eben unterbrochen. Waos ich heut Morgen über deinen Brief ſagte, er⸗ innerte mich an etwas der Art. Soll ichs dir erzäh⸗ len? Ich will's. James Hirſt war Diener des Honourable Ed⸗ ward Wortley im Jahre 1711. Eines Tages traf es ſich, daß der Herr von ſeinem Diener ein Packet Briefe zurückfoderte, die er ihm vorher eben, ſie zur Poſt zu ſchicken, gegeben hatte. Der Diener hatte aber auch ein Paket Briefe an ſeine Herzliebſte adreſſirt, und in der Schnelligkeit vertauſchte er die Packete und gab dem Herrn den Brief zurück, der vom Bedienten an deſſen Geliebte gerichtet war. James merkte bald ge⸗ nug bei der Rückkehr ſeinen Irrthum und ſtürzte zu ſeinem Herrn. Unglücklicherweiſe hatte aber der Ho⸗ nourable das Packet ſchon aufgeriſſen, den Brief an die Herzgeliebte zuerſt entfaltet, und die Liebes⸗ ſchmerzen und Wonnen ſeines Bedienten mit ſonderli⸗ chem Intereſſe durchgeleſen. Umſonſt bat James, ihm ſein Eigenthum zurückzugeben.„Nein!“ decretirte Maſter Wortley.„James, du wirſt ein großer Mann werden; dieſer dein Brief ſoll im„Spectator, ſelbſt erſcheinen.“ Maſter Wortley ſchickte den Brief an ſeinen Freund 86 James Hackman und Margaret Reay. Sir Richard Steele.— Er ward buchſtäblich abgedruckt in dem Briefe Nr. 71 des erſten Bandes des Spec⸗ tators, beginnend„Theure Betty.“ Dem armen James gelang es glücklicherweiſe, die Geliebte wegen der unſchuldigen Indiscretion zu verſöh⸗ nen, aber das Ziel ihrer Wünſche ſollte nicht erreicht werden. Ihr unerwarteter Tod rief die geliebte Betty, von ihrem Getreuen ſo würdig gefeiert, daß Höhere, Lie⸗ bende und Geliebte, an ſolcher Leidenſchaft ſich meſſen könnten. Aus großer Achtung und Schmerz für ſeine Betty heirathete er die Schweſter derſelben.— Vor einigen Jahren iſt er erſt geſtorben in Leeds, Yorkſhire, in der Nachbarſchaft von Wortley. Dich zu heirathen iſt das letzte Ziel meiner Wünſche; aber— das will ich dir nur ſagen— deine Schweſter will ich nicht heirathen im Fall deines Todes— Tod! O wie kann ich über einen ſolchen Scherz denken! An dieſelbe. Frland, 6. Febr. 1777. Mein letzter war luſtig. Von deinem letzten kann ichs nicht ſagen. Verzeihe mir, daß mein Sinn mich im Augenblick grade lebhaft an andere Gegenſtände treibt. Eine Miſtres Dixon hat ſich hier bei Innis⸗ killen vor kurzem vergiftet. Von einem Herren aus Inniskillen hörte ichs eben am Mittagstiſch. Die junge Frau war etwa 19 Jahr alt. Zwei Jahre war ſie mit ihrem Manne verheirathet geweſen, dem Anſchein nach recht glücklich und in angenehmer Lage. An dem verhängnißvollen ganzen Tage war ſie be⸗ ſonders heiter geſchienen. Zum Mittageſſen hatte ſie Geſellſchaft gehabt, die Gäſte noch zum Thee gebeten, dof der V die Gr ſt abe win od ge ( uckt zpec⸗ die ſöh⸗ eicht tth, Re⸗ eſſen ſeine Vot hire, ſchez eſter od! kann nich ünde nnis⸗ aus Jhre dem Lag ie hl te ſi heten⸗ James Hackman und Margaret Reay. 87 den ſie ſelbſt ſervirt, dann am Abend Karten geſpielt und ſich in ihr Schlafzimmer zurückgezogen. Bald da⸗ rauf hatte ſie ihren Arſenikbecher geſchlürft! Auf dem Tiſche fand man einen Zettel, in welchem ſie mit feſter Hand die Gründe angegeben, welche ſie zu dem verzweiflungsvollen Akt genöthigt. Dies iſt die genaue Antwort, buchſtäblich: „Das ſoll Jedermann wiſſen, der das von mir hört, daß es kein Verbrechen iſt, was ich begangen habe, in⸗ dem ich mein unzeitig Ende vollbracht habe. Sondern Verzweiflung wars, weil ich ganz unglücklich war in dieſer Welt, und ich meine, ich habe dafür genügende Gründe. Ich weiß wohl, daß es ein ſündliches Mittel iſt und ſehr ungewiß, ob man dafür zur Seligkeit kommt, aber ich hoffe, daß Gott meiner armen Seele verzeihen wird. Der Herr ſei mir gnädig. Aber vor allem bitte ich, daß Ihr meinen Freunden nicht Vorwürfe macht, oder daß Ihr meiner Ehre oder meiner Tugend das geringſte nachſagt, obgleich ich dann nicht mehr bin (um mich zu vertheidigen). „Tröſtet meine arme Mutter, und meine Brüder und meine Schweſtern, und mögen ſich alle Mütter vor⸗ nehmen, daß ſie kein Kind zwingen, wie ich(ge⸗ zwungen worden). Sondern ich vergebe ihr und hoffe, daß Gott mir vergeben wird, wie ich gewiß glaube, daß ſie nur mein Gutes mit meiner Heirath glaubte. „O der unglückliche Tag, wo ich meine Hand hin⸗ gab, während mein Herz einem Andern gehörte. Aber ich hörte immer, daß Ruhe und Vernunft endlich den Frie⸗ den und die Ruhe des Gemüthes wieder zurückbringen würden, und darum wartete ich ſo lange Zeit. Ach aber! und wie ſchauert es mich zu denken, wie lang die Ewigkeit iſt; und der Herr bewahre mich vor ewiger 88 James Hackman und Margaret Reay. Verdammung. Keiner mag Martin Dixon(ihren Mann) verurtheilen, denn er hat keine Schuld dabei. „Ich habe ein Paar kleine Werthſtücke, die ich mehr achte als manches Andere, darum, weil ich's geſchenkt be⸗ kam(aber wer es geſchenkt hat, nenne ich nicht)—— und ich wünſche recht ſehr, daß ich ſie Einigen hinter⸗ laſſe, die mir lieb ſind. „Erſtens, an Betty Balfour meine Silberſchnallen; an Polly Deeryn mein Diamantring; an Betty Mulli⸗ gan mein Spitzenkleid, Kappe, Schnupftuch und Man⸗ chetten; an Peppy Delap ein neues mouſſelinenes Hand⸗ tuch, das noch nicht geſäumt iſt, es liegt in meiner Schub⸗ lade, und ich hoffe, daß alle dieſe Perſonen die Kleinig⸗ keit annehmen werden, als ein Zeichen meiner Achtung für ſie. „Jac Watſon(ihrem Bruder) will ich rathen, er ſolle ehrbar und folgſam ſeiner Mutter und der Familie gehorchen, denn von ihr hängen ſie nun alle ab. „Und nun gehe ich in Gottes Namen, obgleich ge⸗ gen ſeine Befehle, doch ohne allen Haß oder Verdruß gegen irgend Jemand auf unſerer Erde. Die eigent⸗ liche Perſon, um die ich ſterbe, die liebe ich noch jetzt mehr als je und vergebe ihr. Ich flehe Gott, daß er zu mehr Zufriedenheit und Sicherheit komme, als er ſie je erreicht, und hoffe, daß er mir die Sorge verzeiht, wie ich ſo für ihn geſtorben bin. „Vor längerer Zeit haben einige Leute ſchlecht von meinem Ruf geſprochen, ſie meinten auf einen Herrn in dieſer Stadt, aber jetzt wird man mir wol glauben, wenn ich die Wahrheit ſage: wenn ich dieſen Herrn jemals oder Jemand ſonſt als meinen Ehemann gekannt habe, ſo will ich vor Gottes Herrlichkeit untergehen. Und ich will auch Denen verzeihen, die ſo geſprochen Mann) ich mehr enkt be⸗ — hinter⸗ nallenz Mulli⸗ d Man⸗ Hand⸗ Kleini⸗ Achtung hen, er amilie lich ge⸗ Berdruß eigent⸗ och jett daß er s er ſi erzeiht cht von eren in uben Herm gelun ergehen prhen James Hackman und Margaret Reay. 89 haben. Aber die Frau des Herrn möge vorſichtig ſein vor Denen, welche von ihr ſchwätzen, denn aus guter Ab⸗ ſicht geſchieht es nicht, daß ſie ſie ſo verreden. „Mit Liebe für Einen, Freundſchaft für Mehre und meinen herzlichen Wunſch für Alle in der Welt, ſterbe ich, mit den Worten, der Herr ſei gnädig meiner Seele. Und dazu meine Warnung an alle Leute, daß ſie ihrer Leidenſchaft nicht nachfolgen ſollen, ei⸗ nerLeidenſchaft keiner Art, ſondern ihr wider⸗ ſtehen, wie es mir damit im Schlechten ging. Ich bitte Gott alle meine Freunde und Bekannte zu ſegnen, und bitte ſie, daß ſie meiner armen Mutter bei⸗ ſtehen ſollen, die ſehr unglücklich iſt, daß ſie ſolches Kind hat, wie ich, die vor Scham und Schande ſich unterzeichnen muß als ein unwürdiges und verſtoßenes Mitglied der Kirche von Schottland Jane Watſon, ſonſt Dixon.“ Was ſoll ich darüber ſchreiben, ergänzenz ein langer Gedankenſtrich iſt genug. Wir Beide, gewiß, wir ha⸗ ben zu viel darüber zu denken. Auch ſie hieß Jenny und hatte ihren Robin Gray. An dieſelbe. Frland, 20. April 1777. — Und du haſt oft in Phantaſien zu thun. Krank, wahrhaft krank, und warum in deinem Briefe kein nä⸗ heres Eingehen? Pflegen ſie dich zärtlicher am Lager, wie ich es thäte?— Wie halten ſich deine Aerzte? Sage doch ihnen, um Gottes willen, was neulich mit dem Oberrichter Sir William York ſich zugetragen hat. Sir William litt ernſtlich am Stein. In ſeinen 90 James Hackman und Margaret Reay. heftigen Anfällen nahm er eine gehörige Doſis von Laudanum. Einmal, als ihn die Qualen am fürchter⸗ lichſten heimſuchten, konnte er, wo er auch ſuchte, ſeine Tropfen nicht finden. Der Bediente ward auf der Stelle zum Apotheker geſchickt, aber ſtatt Laudanum⸗ tropfen, foderte er Laudanum. Eine Quantität Lau⸗ danum wurde zugefertigt, doch mit dem beſonderen Auf⸗ trage, Sir William nicht mehr als 24 Tropfen davon zu reichen. Aber der Burſche hatte die Weiſung ver⸗ geſſen, er gab ohne Weiteres die ganze Flaſche ſeinem Herrn und Sir William, der in ſeiner Schmerzensangſt alles austrank, war in einer Stunde todt. Du mein Herzensweſen, warum haſt du deine Krank⸗ heit mir ſo lange verborgen gehalten? Und nun haſt du es mir zu ſpät mitgetheilt. Behüte Gott, wenn ich mehr ſo ſchreibe, werde ich wie ein Verrückter. Ein Herr, der heut nach England ſegelt, nimmt den Brief mit. Morgen oder übermorgen wird der Lord hier ſein. Wenn, wie ich vermuthe, Lord S(andwich) ſeinen Ein⸗ fluß gelten ließ, daß ich den erbetenen Urlaub nicht er⸗ hielt, ſo will ich ſchon anderweitig mich ſelbſt losmachen. Auf jeden Fall bin ich in ein Paar Tagen bei dir. Wenn ich ohne Dffizierpatent komme(er ſeine Offizier⸗ ſtelle verkauft hath, ſei nicht zu bös darüber. Dich bei⸗ des zu finden, bös und krank auch, das wäre für den armen Hackman zu viel. Um meines willen alſo, ſei vorſichtig. Zaudre nicht länger auf Dr.——'s Vor⸗ ſchrift. Er hat ebenſo viel Kenntniß und Erfahrung als Humanität. Du mußt jeden Falls eine poſitive Be⸗ handlung annehmen. Wie kann ich's nur wiſſen, ahnen, daß du wirklich krank biſt und ich ſollte nicht hinſtür⸗ zen, nicht dich ſehen. Aber ich kann nicht mehr den⸗ ken, ſchreiben. 6 ſtchli er o iberg ben ausg Begt dber geſe und öffn cher, ich! dir ſtht dei hät jetz aut ben Ku ln wo oſis von fürchter⸗ ſe, ſeine auf der danum⸗ ät Lau⸗ ren Auf⸗ n davon ung ver⸗ e ſeinem ensangſt eKtan⸗ un haſt t, wenn er Ein nBrief ier ſein. nen Ein⸗ nicht et⸗ zmachen. hei dir. Ofßie⸗ ich bei für den Uſo, ſi Vbl⸗ rung al ine Be ahn hinfi chr de James Hackman und Margaret Reay. 91 Eine neue Lücke. Hackman hat, von der unwider⸗ ſtehlichen Angſt über Margaret's Zuſtand getrieben, was er vorhin gedroht, ausgeführt und iſt nach England übergefahren, um die Kranke noch zu finden. Zur ſel⸗ ben Zeit ungefähr hat er auch ſeinen andern Entſchluß ausgeführt, ſeinen Abſchied genommen(nach engliſchen Begriffen, ſein Offizierspatent verkauft), die Kranke, aber noch in der Geneſenheit, gefunden, doch noch nicht geſehn. An dieſelbe. Kanonen Kaffeehaus. Charing Croß, 4. Mai 1777. Erhielteſt du meine gekritzelten Zeilen von geſtern und vorgeſtern? Deine habe ich eben mit Thränen er⸗ öffnet. Deine ſchwachen Worte zeigen dich noch ſchwä⸗ cher, als du einräumen willſt. Gott im Himmel, bin ich darum hergekommen, nur um dich nicht ſehen zu dürfen! Beſſer, ich wäre doch in Irland geblieben. Ja, jetzt athme ich doch die Luft, die du athmeſt. Ja, Liebſte, dein letztes Billet allein hat dich davor geſchützt, ſonſt hätte ich, auf alle Gefahren, mich eingeſchlichen und wäre an deinem Bette erſchienen. Umſonſt ſchleiche ich mich jetzt von außen und forſche nach deinen Fenſtern, um aus der Richtung der Laden, Gardinen, ob die Schei⸗ ben Licht und Luft einſaugen oder dunkler werden, Kunde zu erhalten, wie es mit deiner Krankheit ſteht. Um Gott und Himmels willen ſchicke mir eine Ant⸗ wort heute. An Maſter— A. 4. Mai 1777, um 3 Uhr. Meine theure Seele! Auf Gefahr meines Lebens ſchreibe ich dies, um dir zu ſagen, daß der Himmel mein 3 * 92 James Hackman und Margaret Reay. Leben für deine Gebete geſpart hat. Das unvollendete Bil⸗ let, welches raſch mein Mädchen— Ich kann nicht mehr— (Margaret's Mädchen mußte den Brief fortſetzen): Sir— meine theure Herrin bittet mich, Ihnen zu ſagen, daß in dieſer Stunde eine Kriſis eingetreten iſt, und ihre Aerzte ſie nun außerhalb aller Gefahr erklärt haben. Ich bitte Sie gar ſehr um Verzeihung, gnä⸗ digſter Herr, daß ich Ihnen ſo Gekritzeltes ſchreibe, weil ich fürchte, daß es Ihnen wol noch Schrecken bringen kann. Aber in Wirklichkeit, mein hochgeehrteſter Herr, fürchtete ich einmal, es wäre mit meiner armen guten Herrin ganz vorüber. Und damals kann ich ſagen, hätt es mir mein Herz gebrochen. Denn wahrhaftig, kein Dienſtmädchen hätte eine beſſere oder gütigere Her⸗ rin. Gnädiger Herr, ich denke Euer Gnaden morgen früh zu empfangen. Meine Frau ward beinahe ohn⸗ mächtig, als ſie dies anfing, aber jetzt iſt ſie beſſer. A. 6 Uhr. (Der nächſte Brief in der erhaltenen Sammlung, von einem ſpäteren Datum, bezieht ſich auf die letzten Todesmomente des Dr. Dodd, ein ſeiner Zeit berühm⸗ ter Criminalfall in England, der ſchon zur Aufnahme in unſerem Pitaval beſtimmt liegt. Für den gegenwär⸗ tigen hat er doppelte Bedeutung, weil der unglückliche Hackman wie ein Seher hier ſein eigenes Loos voraus⸗ ſieht; ein tragiſches Ahnungsvermögen, welches über⸗ haupt in ſeinen Briefen ſo merkwürdig ſpielt. An Miß— Kanonen Kaffeehaus, 27. Juni 1777, 5 Uhr. Mir fehlt aller Appetit und Muth, um mein Mit⸗ tagbrot zu eſſen, ob es gleich ſchon zehn Minuten vor mir ſ ſtattt 5 Friſch ſtgen ih ſ arn dieſt erſch ich das ter war Geli ſich Rul der meit Nan tali wa an, ſun 6 Gee oder lund um Buz Int Abl ndete Bil⸗ tmehr— ortſetzen: Ihnen zu reten iſt, r erklätt eibe, weil bringen ſer Herr, en guten h ſagen, gere Her morgen uhe ohn⸗ eſſer. Uhr. mmlung, ie lebten herühm⸗ ufnahm egenwir lcklihe voraus⸗ es über Uhr. in Nit uten vo James Hackman und Margaret Reay. 93 mir ſervirt ſteht. Aber es iſt kein Verdienſt, daß ich ſtatt deſſen an dich ſchreibe.—— Fragſt du mich, was mir heut alle Heiterkeit, alle Friſchheit des Geiſtes geraubt hat?— Ich will's dir ſagen.— Zürne mir nicht, aber ich war auch zugegen, ich ſah die letzten Augenblicke des armen Dodd. Ja „armer Dodd,“ obwol ſein Leben nach den Geſetzen dieſes Landes vollkommen verwirkt war. Es war ein erſchütternder Auftritt— es war das erſte mal, daß ich als Augenzeuge geſehen habe; und gewiß es ſoll auch das letzte ſein. Wäre ich in England geweſen, als Pe⸗ ter Toloſo wohlverdienterweiſe im Februar hingerichtet ward,— die junge Franzöſin Duarzey, ſeine unterhaltene Geliebte, die er ermordete,— da, glaube ich, hätte ich die letzten Augenblicke eines Mannes mit Ruhe und Feſtigkeit verfolgt, eines Mannes, der ſeine Geliebte ermorden konnte. Zur Ehre meines Vaterlandes war dieſer Mann(wenn er den Namen Mann verdient) ein Spanier. Wirf mir aber nicht vor, daß ich aller Sentimen⸗ talität entbehrte, weil ich heut Morgen dort zugegen war. Klagſt du dich denn ſelbſt der edlern Gefühle an, weil du mit Intereſſe Lear's oder Ophelia's Wahn⸗ ſinn ſiehſt? Gewiß nicht. Glaube mir(und du wirſt es mir glauben), ich bin nicht von der Profeſſion wie George S..(2) Noch weniger iſt Hackman Artiſt oder Armateur, und noch weniger wie Paoli's Freund und Hiſtoriker, der in jedem Jahr ein Fenſter miethet, um den Executionen auf dem Graßmarket in Edinburgh zazuſehen. Raynal's Buch haſt du geſehen und bewundert. Im Intereſſe der Humanität muß man es bewundern. Der Abbe billigt nicht, daß man ſolchen Executionen bei⸗ 94 James Hackman und Margaret Reay. wohne, aber in der Wirklichkeit thut er es. Und ich halte es auch lieber mit der Praxis als mit der Theorie. Und auf meine Ehre, ich ſah dieſen Raynal und Charles Fox, trotz des ſtarken Regens, auf einem unvollendeten Hauſe, und unfern von da, wo ich dazu wartete, von Anfang bis Ende zuſehen. Wenn auch Dodd früher gemein handelte, weil er fälſchlich vorſchützte, daß nicht er, ſondern ſeine Frau das Gnadengeſuch an den Kanzler geſtellt habe, ſo ſtarb er doch mit Entſchloſſenheit. Mehr als ein Mal hörte ich, was Viele ausriefen, dieſe Entſchloſſenheit ſei nur die Hoffnung auf ſeinen Freund Hawes, den humanen Gründer der Humanitätsgeſellſchaft. Dodd hoffe, Hawes werde ihn, vom Strick geſchnitten, wieder zum Leben bringen. Aber ich will ihn höher ſchätzen. Bemerkt nicht ſchon Voltaire im Allgemeinen, daß der Tod ei⸗ nes Sterbenden in dem Maße wächſt und ſteigt, als die Zahl der gegenwärtigen Zuſchauer wächſt. Und— beobachtet nicht St. Evrement: daß die Engländer in der Kunſt zu ſterben alle Nationen übertreffen. Laß mich das größte Glück, was Menſchen haben können, übertreffen, wenn ich fürs Leben meinen Ninon beſäße, dann ſollte es mich nicht kümmern, wie ich ſterbe. Nun fallen mir noch ein Paar kleine Umſtände ein. Es chocquirt dich vielleicht, daß ich an dieſem fürchter⸗ lichen Morgen daran denken konnte; du würdeſt mir aber doch nicht verzeihen, wenn ich ſie wüßte und dir nicht mittheilte. Mitten in die traurige Proceſſion hatte ſich zufällig eine Sau gerade in die Nähe des unglücklichen Opfers verirrt. Es war nicht mehr möglich, ſie wieder heraus⸗ zuziehen, und nicht mehr möglich, den feierlichen Ernſt des Volks in feierliche Stille zu bringen. Da ſchrie man, uuf d ſii de als d 6 nußt Porl höch ſich Ma ſetz gan tum Vie reich tn Aug um ein den pei arn geſt Gel alg Dhr die Her lund ein mar Rec Und ich Theorie. nal und uf einem ich dazu weil er Frau das ſtarb er hörtte ich i mur di humanen e, Hawei m Loben Bemerkt Tod ei igt, als Und— lnder i fen Lo können n beſißt erhe, nde ein füchtu deſt m und d nil n Oyfn Do ſch James Hackman und Margaret Reay. 95 man, ſchnalzte, juchheite, hurrahte, und wie Alle ihr Auge auf das geängſtete Thier warfen, ſchien es bald, als ſei der Zweck der traurigen Ceremonie kein anderer, als die Hetze einer Sau nach Tyburn. Ein Anderes. Als der Zug endlich angekommen war, mußte wieder ein höchſt komiſcher Zufall die traurigen Vorbereitungen unterbrechen. Die Zarteſten mußten, wie höchſt feierlich und traurig ſie waren, dennoch unwider⸗ ſtehlich etwas Anderes fühlen. Als man dem armen Mann die Perücke abgezogen und die Nachtmütze auf⸗ ſetzen wollte(Gehängte werden mit einer Nachtmütze ganz überdeckt, zur Schonung für ſich und das Publi⸗ cum), war dieſe einzige mitgebrachte Nachtmütze zu klein. Wie man auch drängte und preßte, ſie wollte nicht aus⸗ reichen. Du weißt es ja: Kammerdiener ſind die größ⸗ ten Feinde der großen Männer. Wie hätte ich in dem Augenblicke jede Guince aus meiner Börſe hingeopfert, um die Perücke verſchwinden oder um die Nachtmütze ein Bischen weiter zu machen. Endlich kam der Augenblick des Todes. Als man den Karren fortraſſelte(damals wurden durch das Fort⸗ peitſchen der Pferde unter dem Galgen die Füße des armen Sünders von ſeiner letzten Stütze gleichſam fort⸗ geſchleift; jetzt läßt man eine Klappe fallen und der Gehängte ſtürzt in einem Nu in die Tiefe) heulte ein allgemeines Geſchrei, oder wie ich den Lärm nenne, der Ohr und Sinne verwundete, ein deutlicher Beweis, wie die Zuſchauer mit dem Dulder fühlten. Es war etwas Herzzerreißendes, als wenn Jedem die Zähne klapperten und der Athem einem Jeden wie gepreßt ward. Es war ein ſo allgemeines, anſteckendes Geräuſch, daß ich glaube, nan hat es ſehr weit hin gehört. So weit ich mir Rechenſchaft geben kann, ſo verfolgte und begleitete ich 96 James Hackman und Margaret Reay. unwillkürlich mit meinem Körper alle Bewegungen, Deh⸗ nungen, Renkungen des Leidenden, ſo weit ich es mir dachte. Aehnliches wie beim Kegelſchieben; die Mit⸗ ſchiebenden und viele der Zuſehenden verfolgen oft mit Nerven und Fibern das Rollen, Sauſen, Fliegen und Donnern der geworfenen Ballkugel. Alle Verſuche des guten Maſter Hawes, den Körper wieder ins Leben zu bringen, waren umſonſt. Es dauerte aber lange, bis der Pöbel zuließ, daß man den Leichen⸗ wagen fortführte. So endete Dr. Dodd's Leben.— Es iſt ein ſchauer⸗ lich Gefühl, daß ein Mann, mit dem wir gegeſſen und getrunken haben, aus der Welt in ſolcher Art und Weiſe ſcheiden ſoll! Einer Art und Weiſe, ſage ich, die faſt alltäglich geworden, die kaum mehr Jemand ſehr ver⸗ letzt, außer wenn nicht etwa ein Dodd oder ſonſt ein excluſiver Miſſethäter hinausgeführt wird. Wie viele Männer, wie viele Frauen, wie viele junge Frauen, und die ſich ſogar einbilden, von feiner, zarterer Empfind⸗ lichkeit und Bildung organiſirt zu ſein, hören die Töne, die mich dieſen Augenblick auf der Gaſſe ſtören, ſie hö⸗ ren ſie mit ſolcher Gleichgültigkeit, als wenn Weiber und Alte ihr: Feuer, Schwamm und Schwefelhölzer! ſchreien. Dieſe gräßlichen ausgeſchrienen Pasquille:„Letzte Todesrede und Bekenntniß, Geburt und Erziehung des —“ faſt klingen ſie uns ſchon als tägliches Ereigniß im Leben, und wir ſind geneigt, es humoriſtiſch anzu⸗ hören. Wir haben vergeſſen, daß es den Tod(und welchen Tod) eines Mitgeſchöpfes ankündigt, auch viel⸗ leicht von einem halben Dutzend, vielleicht noch mehr. Wie manche feine Dame ſpricht mit mehr Theilnahme von einem Viehmarkt als von einem Hinrichtungstag! Ihr Kammermädchen blickt über die traurigen Vignetten inet wihr nit« vie und wen ſhul ſere hor wü in Va the men geei dru A ſa de de let die vo ſer me en, Deh⸗ es mir ie Mit⸗ oft mit gen und Körpet daverte Lichen⸗ ſchauer⸗ ſſen und nd Veiſe die fiſ ſehr ver onß ein ie viele ven, und mpfin⸗ ie Töne ſe hi Weibe ſihölz e„Letl ung de Ereign ch u od uch vi ch meh eilnhn ungst ignett James Hackman und Margaret Reay. 97 einer letzten Todesrede mit kritiſchem Spötteln weg, während ſie den Holzſtich über einer Liebesballade mit Intereſſe betrachtet. Dem Bänkelſänger hören wir, wie oft mit Rührung, über ſeine fingirten Schauer⸗ und Liebesleiden zu. Wir denken nicht darüber, daß, wenn wir uns über die Lieblichkeit, Anmuth und Un⸗ ſchuld unſerer Lieben, über den Geſang und Scherz un⸗ ſerer Kinder, Freunde, Geliebten erfreuen, daß es andere Kinder, Freunde, Geliebte ſind, die weit unſchuldiger, harmloſer ſind und ebenſo entzückend ſingen und ſpielen würden, aber es nicht dürfen, denn ſie müſſen weinen, in tiefſtem Seelenſchmerz, weil ihr Liebling, Freund, Vater wegen eines Verbrechens im Kerker, als Verur⸗ theilter zur Richtſtatt geſchleift wird. Und wer richtet ſich die ernſte Frage in dem Mo⸗ mente(dem Momente, wo der Drucker dem Henker vor⸗ geeilt und des Verbrechers Todesrede ſchon geſetzt, ge⸗ druckt hat und verkaufen läßt, oft während er beim Austritt in Newgate die Begnadigung erhält!), wer, ſage ich, richtet ſich die Frage, ob der Unglückliche in dem Momente, wo er das Pamphlet lieſt, hört, wo er den Strick ſchon um ſeinen Hals fühlt, wo er einen letzten ſchweren Abſchied abſtattet, wo er hoört, wie ſie die Pferde anpeitſchen und treiben, damit der Karren von dem letzten Boden, auf dem ſein Fuß noch in die⸗ ſer Erde ſtützet, forteile, ob dieſer Unglückliche wirklich mehr verdient, was er erleiden ſoll, als wir!— Ach, wenn unter den Zuſchauern bei Executionen nur die Zu⸗ tritt hätten, welche zu leben verdient haben, wie dünn würde oft die ehrenwerthe Verſammlung in Tyburn ſein! O XXV. —— 98 James Hackman und Margaret Reay. Dies war der letzte der rhapſodiſchen Liebesbriefe Hackman's,— und doch iſt auch dieſer ſchon in ein me⸗ lancholiſches Gewand gekleidet, und aus den Blüten⸗ flammen der Entzückung ſtarrt ſchon ein todtes Reſiduum der Entſagung, wie die Vorahnung eines Opferlammes. Durch achtzehn Monate wiſſen wir nichts von ihrem Briefwechſel. Da wird uns am 1. März 1779 der letzte Liebesbrief mitgetheilt. Er iſt kurz. An Miß R— 1. März 1779. Obgleich wir uns morgen ſehen, muß ich dir doch noch an dieſem Abend zwei Worte ſchicken, um dir zu ſagen, daß ich alle Hoffnungen in der Welt habe, wäh⸗ rend zehn Tagen der äußerſten Anſtrengung das Ge⸗ ſchäft zu Ende zu bringen. Wenn das geſchehen iſt, iſt dein einziger Widerſtand, nämlich mit den Schul⸗ den, beſeitigt; und wir können mit Wahrheit ſagen, wir ſind glücklich und können es bald ſein. In einem Monat, oder wenigſtens in ſechs Wochen von heute ab, kann ich dich mit Sicherheit als meine nennen. Be⸗ merke nur, daß mein Charakter, da ich jetzt einmal ordinirt bin, eine ſchnelle Verbindung zwiſchen uns nö⸗ thig macht. Mit dieſer Nachtpoſt ſchreibe ich nach Nor⸗ folk, um die Aenderungen in Betreff auf unſere Pfarre anzuweiſen.— Morgen alſo. G... s Freundſchaft hat mir mehr gethan, als was ich je zu verdanken im Stande bin. Und nun eine dunkle Kluft zwiſchen dem vorigen Gemälde und dem, was folgt, worüber die Commenta⸗ koren Brif aus d der in weilt moe kverze tiöſe Acte mir Hin Kun mir ggen Jah ſich Fr men ſwas nich ſein ſſei n wir mei James Hackman und Margaret Reay. 99 beöbtift toren uns keine Erklärung hinterlaſſen haben. Der letzte nelme Brief an Margaret vom 1. März iſt ohne Ortsangabe, Blitm aus den folgenden Notizen erhellt aber, daß Beide wie⸗ Keſduun der in London gelebt haben. 3 rlamm Seit wie lange Hackman in der Hauptſtadt ver⸗ 3 mihum weilt hat, erwähnt man nicht, nur Haus und Straße, der leztt wo er im März und April 1779 gewohnt hat, ſind. verzeichnet. Von hier datirt ſind die folgenden myſte⸗ 4 tiöſen Briefe deſſelben an eine dritte Perſon, als nächſte Actenſtücke.: 3 6 An Charles— Esg. dir deh ndi 20. März 1779.* be wih⸗ Dein Herkommen in die Stadt, theurer Freund, wird 3 das Ge⸗ nir nichts helfen. G— hat ſich als eine ſolche Freun⸗ hen i in gegen mich gezeigt, daß es unmöglich iſt, an ihrer 4 E Kunde zu zweifeln.— Welches Intereſſe hätte ſie denn, t ſeg nir das anzuthun.— Gar keines.— Blicke doch recht eiem zena auf die Briefe, mit denen ich dich durch zwei on heut Fahre in der Sache gequält habe. Blicke auf das, was ₰ en. B ich über dich an die G— geſchrieben habe, ſeit ich aus. ein Frland zurückkam. Sie kann es nur mit mir gut mei⸗ un n nen.— Fürchte nichts. Dein Freund wird nichts thun, ach Ne vas ihn entehrt.— Was ich thun werde, weiß ich noch 3 pforr nicht.— Ohne ſie kann ich aber nicht exiſtiren. Aber* dſcho ich will— deſſen kannſt du gewiß ſein— ein Mann nkn im ſin, wie ein Liebender.— Sollte da wol ein Riva, 3 ſein, und ſollte er Züchtigung verdienen, dann weiß ichl virſt du mein Freund ſein. Aber ich muß Alles mit einen Augen ſehen, ehe ich glaube. vor Auf immer dein. mmen 5* 100 James Harkman und Margaret Reay. Das zweite Actenſtück nach ſiebzehn Tagen zeigt ſchon von einer tiefern Zerrüttung: An Charles— Esg. 6. April 1779. Es bedeutet Nichts. Deine Gründe laß ich nicht ſtatui⸗ ren. Die Verzweiflung nagt an mir. Nur der Tod kann mich erlöſen. Nach dem, was ich geſtern ſchrieb, muß mein Entſchluß gefaßt ſein. Oft bediente ich mich ihres Schlüſſels, um an ihren Füßen— zu ſterben. Sie gab es mir als Schlüſſel zur Liebe und dachte wenig daran, daß es zum Schlüſſel des Todes dienen würde. Aber der Verluſt Lady H—'s hält Lord S— feſt. (Wo uns der Schlüſſel verloren iſt.) Mein theurer Charles, hältſt du es denn für möglich noch an G—'s Nachricht zu zweifeln? Du ſelbſt fuhrſt ja wie in Harniſch, als ich dir von dem Vorfall im Park mittheilte. Was habe ich denn anderes zu thun, ich der ich nur lebte, wenn ſie mich liebte, als ſelbſt aufhören zu leben, wo ſie aufhört zu lieben. Selbſt⸗ mord iſt Feigheit, ein Verbrechen— ich habe nichts damit zu thun. Alles was ich kann, zu billigen oder nicht zu billigen, iſt mein Elend, die Möglichkeit mei⸗ nes Daſeins ein Nichtſein.— Da, lies beiliegend die ſterbenden Worte und Bekenntniſſe des armen Capitän J—, der ſich vor einigen Jahren ermordete. Was darin ſteht, ſind nicht Maximen, die mich beſtimmen. Ich finde darin manche Fehlſchlüſſe, aber nicht in der praktiſchen Folgerung.— Alſo, wie geſagt, ihre Motive ſind nicht meine, noch ſind es ſeine Grundſätze. Was ihn als Unglück zerſchmettert, hätte mich nicht nieder⸗ geworfen. Er vertheidigte vor mir auch ſeine Gründe, der u venig Grün Men gen zeigt 1779. ht ſtatui⸗ det Tod nſchrick, ich mich n ſterben hte weni n wütde S— fiſ rmöglic bſt fuhrf orfall in zu thun als ſilbt be nicht igen ode eit m gend di Cupit eſtimme t in* re Moti Gr James Hackman und Margaret Reay. 101 der arme Menſch! Aber ich ließ ſie nicht gelten. Wie wenig dachte ich damals daran, daß ich auch ſolche Gründe werde vorbringen, und diesmal ſie gelten müſſen. Man meinte jene niedergeſchriebenen Gedanken ſeien ſeine eigenen; aber nach Dem, was ich von ihm ſelbſt weiß, glaube ich's nicht. Die Gedanken ſcheinen mir von einem weit begabtern Geiſte herzurühren. Seit dem Moment, wo G— mir die gräßliche Nach⸗ richt brachte, denke ich an Selbſtmord, meinſt du. Ich habe an nichts gedacht, als dieſe Welt zu verlaſſen. Wenn das ein Verbrechen iſt— und ich fürchte es nur zu ſehr und daß wir Rechenſchaft ſtehen müſſen für un⸗ ſere Leidenſchaften— ſo muß ich deshalb vor dem Ge⸗ richte ſtehen. Aber ich kann mir keine Strafe denken, die furchtbarer iſt, als was ich jetzt leide. Denke an dieſe Leidenſchaften oder Schmerzen— du ſprachſt ſo oft davon, ſeit ich Miß— gekannt— wir haben ſo oft darüber uns unterhalten, geſchrieben. Wenn du mich aus meinem Elende nicht erlöſen willſt, kannſt du mich erlöſen aus den Qualen meiner Leiden⸗ ſchaft? Es ſind eine Koppel Bluthunde, die mich augen⸗ blicklich in Stücke zerreißen möchten. Sie haben mich überwältigt, weil ich ihnen nachgelaſſen, jetzt ſind ſie von einer Mächtigkeit, daß ich ihnen nicht mehr ent⸗ ninnen kann. Die Hand der Natur hat zu viel Feuer⸗ ſoff in meine Bruſt gehäuft. Die Liebe hat die Fackel in den Scheiterhaufen geworfen. Ich muß unter den Flammen umkommen. Zuerſt hatte ich gehofft, ich könnte ihrer Herr werden, ſie erdrücken,— jetzt lodert die Wuth zu fürchterlich. Gelänge es, ſie einen Augenblick zu be⸗ ſchwichtigen, ſo ſchwellt ſie doch nur in der Aſche. Glaube nir, ſie bräche plötzlich los, um— eine andere Perſon els mich ſelbſt zu verbrennen. Und wer will's verant⸗ 102 James Hackman und Margaret Rray. worten, wer die Rechenſchaft über ſich nehmen!— Ja wer!— Im Augenblick bin ich noch unſchuldig. Man erzählt uns, daß Hackman am nächſtfolgenden Tage, am 7. April, eine Zeit lang in ſeiner Stube „Blair's Predigten“ las. Am Abende machte er einen Ausgang nach der Admiralität, wo er— zufällig? Miß Reay ſah, die mit der Signora Galli, welche bei ihr einen Beſuch gemacht hatte, in die Kutſche ſtieg. Der Wagen fuhr nach dem Coventgarden⸗ Theater, wo beide Damen das Stück:„Liebe im Dorfe“ ſehen wollten. Ob dieſe Signora Galli identiſch mit der myſteriö⸗ ſen G— geweſen, welche Hackman die verhängniß⸗ vollen Nachrichten mitgetheilt, wird uns nicht verrathen. Hackman war zur ſelben Zeit ins Theater getreten. Aber bald darauf ging er wieder nach Hauſe, ſteckte zwei geladene Piſtolen zu ſich, und kehrte damit ins Schauſpielhaus zurück, wo er ruhig bis zum Ende der Vorſtellung blieb. Im Augenblick, wo Miß Reay den Fuß auf den Kutſchenſtieg ſetzen wollte, ſtand Hackman ſchon neben ihr und zerſchmetterte ſie mit einer Piſtole. Im Augen⸗ blick darauf drückte der Mörder die andere Piſtole auf ſich ſelbſt ab, der Schuß ging aber nicht los. Raſch wandte er die Piſtole um, faßte das Rohr am Ende und ſchlug ſich mit dem Kolben heftig gegen ſeine Schläfe. Er machte ſich aber nur wund, und Umſtehende entriſſen ihm das Gewehr. Nachdem man ihm das Blut etwas geſtillt hatte, wurde der Mörder zu dem nächſtwohnenden Richter Sir John Fielding zu Tothilfields bei Newgate gebracht. en be he he as James Hackman und Margaret Rray. 103 Ein Zeuge, Maſter Mac Namara, ſagte beim ſpä⸗ tern Proceß vor den Geſchworenen darüber Folgendes: Als Mac Namara, Mittwoch am 7. April, das Theater verließ, ſah er Miß Reay, eine ſeiner entferntern Bekanntſchaften. Er bot ihr ſeinen Arm, um ihr beim Einſteigen in die Kutſche hülfreich zu ſein. Die Miß nahm den Arm an, ſie waren aber kaum in der Vor⸗ halle, als er einen Piſtolenſchuß hörte. Im ſelben Augenblicke fühlte er einen heftigen Ruck in der Hand der Dame, und im darauf folgenden ſtürzte ſie zu Boden. Anfänglich glaubte er, die Dame ſei nur aus Schreck ohnmächtig geworden; als er ſie aber wieder aufrichten wollte, fühlte er ihre Hand ganz voll Blut und ſah nun, daß ſie verwundet war. Er trug und ließ ſie tragen in die nächſtliegende Shakſpearetaverne, wo hin auch der Thäter alsbald eingebracht wurde. Mac Namara fragte: was ihn dahin gebracht haben könne, Miß Reay zu erſchießen? Er antwortete: dies ſei nicht der Ort, um darüber Rechenſchaft zu geben. Seinen Namen gab er aber geduldig ab und bat nach dem Maſter Booth(ein geachteter Anwalt, ſein Schwager) zu ſenden. Andere Zeugen hatten bemerkt, daß der Mörder der Ermordeten im Gedränge des Theaterpublicums nachgefolgt war und plötzlich mit dem Finger ſie auf der Schulter berührt, wie um ſie aufmerkſam zu machen. Im nächſten Augenblick hatte er zwei Piſtolen aus der Taſche geriſſen und mit der erſten die Dame ebenſo im Augenblick erſchoſſen; mit der zweiten wollte er gegen ſich ſelbſt feuern, die Pfanne verſagte aber. Sie ſtanden ſich ſo nahe, daß die Dame den Mörder beim Fallen berührt haben muß. Nachdem Hackman ſich weder durch die Kugel noch die Piſtolenkolbe tödten 104 James Hackman und Margaret Reay. können, ſchrie er auf: es möge ihn doch einer umbringen! Ein Maſter Mac Mahon hatte ihm die Wunden ver⸗ bunden und ihn in die Shakſpearetaverne geführt, wo Miß Reay, gleich nachdem ſie dort eingebracht worden, geſtorben war. Weiter über den geheimern Zuſammenhang der Hand⸗ lung erfahren wir aus der Unterſuchung nichts. Der Angeklagte erklärte ſich für nichtſchuldig(die Er⸗ klärung dafür ſpäter), die vorgerufenen Zeugen hatten nur die That zu bekunden, und etwas mehr bedurfte es nicht, um das Verdict der Geſchwornen zu finden, die Verurtheilung den Richtern auszuſprechen. Wir ſind alſo nun um ſo mehr auf die letzten Schriftproben verwieſen, die Hackman vom Gefängniß aus an Freunde ſchickte. Schon am Tage nach der Ermordung ſchrieb er an den letzten Vertrauten. An Charles— Esg. Tothilfields, 8. April 1779. Ich lebe— und ſie iſt todt. Ich erſchoß ſie und mich nicht. Von ihrem Blut und Hirn klebt noch auf meinen Kleidern. Mich verlangt nicht mit dir zu ſprechen— ich wünſche auch nicht, daß du mich beſuchſt, komme nur und bringe mir etwas ſtarkes Gift. So ſtark, daß es genug iſt. Auf meinen Knien bitte ich dich, wenn deine Freundſchaft ernſthaft war, komm, komm, bringe mir Gift. An denſelben. Tothilfields, 9. April 1779. Das kurze Billet von geſtern und der zugleich an⸗ gekommene lange Brief von vorgeſtern, der ſchon vor⸗ Zames Hackman und Margaret Rray. 105 n geſtern mich erreichen ſollte, haben meinen Entſchluß verändert. Ich ertheile dir hier feierlich das Verſprechen, t, welches du wünſcheſt. Ich will keinen Angriff auf ht mein Leben thun. Hätte ich deinen freundlichen Brief zur rechten Zeit erhalten, dann, glaube ich, wäre das ⸗ nicht vorgekommen. et Verzeihung, was ich dir wegen des Giftes ſprach. 1 Ich bin jetzt nicht recht zurechnungsfähig. Nichts ſoll 3 4 en mich mehr verſuchen. Mein Tod iſt allein, was te ich als Sühne den Geſetzen meines Vaterlands darbieten n, kann. Dr. V— hat mir einen trefflichen Rath ge⸗ d ſandt, und Maſter H— meine falſchen Argumente er⸗ en ſchüttert und vernichtet. Auch ein Weſen wie ich hat 14 de Freunde! 1 b O daß meine Gefühle und ihr Gefühl ſich wieder 16 verſtändigt, mich als ihren theuerſten Freund wieder ſehen wollten. Dann wollte ich ſagen, wie glücklich ich in 1 An denſelben. d V Newgate, 14. April 1779. 1 zu Meinen beſten Dank für alle deine Güte ſeit einer 6 ſt Woche. O, Charles, was iſt dies für eine Zeit. Ich kann nicht mehr ſchreiben. n Der Angeklagte ſtand vor der Jury in den Seſſio⸗ nen von Old Bailey. Der Richter Blackſtone, der Verfaſſer der Commentare, führte die Unterſuchung. 3 Nichts Beſonderes oder dramatiſch Ueberraſchendes kam 6 beim Proceſſe vor. Nur bei ſeiner Vertheidigung gab er Rechenſchaft ab, weshalb er auf die Frage des Rich⸗ r ters ſich als nicht ſchuldig erklärt hatte: ———— 106 Zames Hackman und Margaret Reay. „Ich würde gern den Gerichtshof der Mühe überhoben gehabt ſehen, noch Zeugen, wodurch erſt meine Schuldbarkeit feſtgeſtellt werden mußte, zu vernehmen, wenn ich nicht gefürchtet hätte, daß, wenn ich mich von vornherein als ſchuldig bekannte, es den Anſchein gehabt, als hoffe ich dadurch dem Todes⸗ urtheil mich zu entwinden; etwas, dem ich doch ent⸗ ſchieden entgegen war und den Geſetzen meines Lan⸗ des ihr volles Anrecht wider mich büßen zu wollen die ernſte Abſicht hatte.(Der Angeklagte, welcher ſich vornherein als ſchuldig vor Geſchworenenrichtern bekennt, thut es gewöhnlich in der Hoffnung und Aus⸗ ſicht auf ein Gnadengeſuch. Das to play guilty heißt alſo im Sinn ſoviel als dem Geſetze und dem Gericht des Landes entſchlüpfen zu wollen, um ſich unter den Schutz der Krone zu werfen. In der Regel warnt der Richter den Angeſchuldigten vor dieſem mislichen Mittel. Der Sinn ſcheint: Für den freien Bürger eines Geſetzſtaates gibt es ja nichts Ehrenvolleres und keine beſſern Ausſichten, als dem Rechte Aller und dem Richterſpruche ſeiner Mitbürger ſich unter⸗ werfen; und wer vornherein ſich ſchuldig bekennt, mag ja auch Ausflüchten entſagen, welche das formale Ge⸗ ſetz jedem gönnt. Es iſt außerdem der Muth des freien Mannes im offnen Kampf, mit offnen Waffen, dem Gegner, dem Ankläger, gegenüberzu⸗ treten, und bis zum letzten Augenblick ſich zu ver⸗ theidigen. Die Unterwerfung iſt noch immer die letzte Zeit.) „Ich ſtehe hier vor den Schranken als der unglück⸗ ſeligſte Menſch von der Welt, und bekenne mich im vollſten Sinne als Criminakverbrecher. Und während ich, mit Scham und Reue, mich bekenne, daß ich mein he James Hackman und Margaret Rray. 107 Leben ſelbſt zerſtören wollte, ja daß es nicht allein ein Vorſatz geblieben, ſondern zur That wirklich geworden iſt, ſo muß ich doch ſo feierlich und mit der Wahrheit proteſtiren, als man es mir in einer ſo feierlichen Lage meines Lebens wohl glauben wird, daß mein Wille, ſie zu zerſtören, welche mir in meinem Leben die allertheuerſte war, nur eine wahnſinnige, unwill⸗ kührliche Aufwallung war, die ich jetzt auf das aller⸗ tiefſte bedaure. Der Brief, welchen ich nach meinem Tode meinem Schwager überlaſſen wollte, wird dies vor allen guten Menſchen, hoffe ich, zur vollen Ueber⸗ zeugung bringen! „Wenn ich dieſen ſchrecklichen Act von mir abge⸗ laſtet und gelöſt habe, dann, hoffe ich, wird Niemand wegen meiner andern Handlungen mich verwerfen oder anſchuldigen, daß in meinem Leben ein Fleck von Grau⸗ ſamkeit oder nicht menſchlichen Regung vorhanden ſei. Ich wünſche nicht den Strafen zu entgehen, welche das Geſetz meines Landes für mein Verbrechen beſtimmt hat; aber indem ich zu unglücklich bin, weder durch den verdienten Tod, noch durch eine Büßung am Leben mich gerechtfertigt oder erlöſt zu finden, ſo verlaſſe ich mich doch mit Ergebung und Geduld, dem, was der allmächtige Gott über mich verfügt und verhängt und daß er allein entſcheide und beſtimme über meine Hand⸗ lungen und ihre Beweggründe.“ Hierauf ward der erwähnte Brief vorgeleſen, deſſen Schluß undeutlich iſt, vielleicht die Schuld unrichtiger Abſchrift. „Mein theurer Friedrich,— wenn dieſes dich er⸗ reicht, bin ich nicht mehr. Möge dich aber mein Un⸗ glück nicht zu ſehr zerreißen. Ich habe gekämpft, ſo lange es ging, aber es überwältigt mich jetzt. Du 108 James hackman und Margaret Reay. weißt, wer das Ziel meiner Leidenſchaft war. Weil ich durch eine oder die andere Schuld ihre(Liebe) verlor (eine Idee, die ich nicht ertragen konnte), trieb's mich zum Wahnſinn(? my having by some means or other lost hers— an idea which I could not support). Die Welt wird mich verdammen, aber dein gutes Herz mich bemitleiden. Gott ſegne dich mein theurer Fried⸗ rich. Könnte ich dir doch eine Summe hinterlaſſen, um dir einen Beweis meiner Achtung geben zu können! Du warſt mein einziger Freund. Ich habe einen Um⸗ ſtand dir verborgen, der mir jetzt viel Sorge macht. Ich ſchulde Herrn Knight in Gosport einhundert Pfund; ich habe ihn dafür auf meine Häuſer verſchrieben; ich hoffe indeß, daß, wenn die Gebäude verkauft ſind und Alles ſonſt regulirt iſt, unſere Rechnung ziemlich ins Klare ſein wird. Möge der allmächtige Gott dich und die Deinen erhalten und ſegnen, und dich zu aller Zeit frei und fremd machen von den Qualen, unter denen ich verkomme. Möge der Himmel mein geliebtes Weib m)y beloved Woman?²) beſchützen und dieſe That ver⸗ zeihen, welche mich allein aus einer Welt zu lange ge⸗ tragenen Elends erlöſen konnte. O, wenn es in deiner Macht iſt, ihr einen Act der Freundſchaft zu erweiſen, dann denke an deinen treuen Freund J. Hackman.“ Die Jury brachte ohne Zaudern ihr„Schuldig“ zurück. Der Gefangene hörte den Spruch mit völliger Ruhe und Faſſung an und benutzte die wenigen ihm gelaſſenen Tage, wird uns geſagt, mit Schreiben, ern⸗ ſten Betrachtungen und Gebet. Am 17. April erhielt der Verurtheilte folgenden kurzen, bedeutſamen Brief: James Hackman und Margaret Reay. 109 An Mr. Hackman in Newgate. 17. April 1779. „Wenn der Mörder von Miß— zu leben wünſcht will der Mann, den er am tiefſten gekränkt hat, ſeinen Einfluß darauf verwenden, ihm ſein Leben zu retten.“ Es war Lord Sandwich, dem bei ſeinem Einfluß als geachteter Staatsmann, es nicht ſchwer geweſen wäre, ſeine Begnadigung unter irgend einer Form zu verſchaffen. Wir erhalten die Antwort am ſelben Tage im folgenden Briefe: Die Zelle des Verurtheilten in Newgate. 17. April 1779. t Der Mörder Derjenigen, welche er verehrt, mehr n als ſein Leben verehrt, vermuthet die Hand, von welcher ein Geſchenk ihm geboten wird, welches er weder wünſcht, noch verdient. Seine Wünſche gehen nach dem Tode, nicht nach dem Leben. Er hat einen Wunſch. Könnte r ihm in dieſer Welt von dem Mann Verzeihung ver⸗ , gönnt werden, welchen er am tiefſten gekränkt hat,— o Mylord, wenn ich ihr in einer andern Welt begegnete, mir möglich wäre, mit ihr zu ſprechen(inſofern ſelige Geiſter um irdiſche Dinge noch wiſſen und fühlen konnen), o daß Sie uns beiden verzeihen könnten, und er daß Sie der Vater werden ihrer theuern Kinder! m J. H. n Hierauf noch mehre Billets und Betrachtungen an den erwähnten Freund. 7 1 „— — 110 James Hackman und Margaret Rray. An Charles— Esg. Newgate, Sonnabend Nacht 17. April 1779. Mein theurer Charles— die Glocke hat eben 11 geſchlagen. Alles ringsum in dieſem traurigen Ge⸗ bäude iſt auf einige Zeit ruhig geworden. Ach, möchte es ſo in meiner Bruſt ſein. Die dumpfe Feierlichkeit meiner immer ſo beliebten Youngſchen Nachtgedanken, die harmoniſch jeder Zeit zu meiner Seele ſtimmen, würde mich diesmal noch weit höher geſtimmt haben, wenn ich die Donnerglocke von St. Paul in den Mauern der Newgate⸗Verurtheilten in dieſer ſtillen Nacht hören könnte. Der Ton iſt wahr⸗ haft feierlich— er ſcheint wie der Ton des Todes. O, daß es die Glocke des Todes wäre! Wie lechzt mein Ohr ungeduldig auf das Dröhnen der Glocke. Und doch— noch einen Tag nur. Ruhe, Ruhe, unruhiger Geiſt, bis dahin. Und dann—— Mein Gott, mein Schöpfer, mein erſter Vater! Du, der du mich gemacht haſt mit dieſen Gefühlen, dieſen Leidenſchaften, dieſem Herzen! Du, der du alle Macht biſt und alle Barmherzigkeit! Wohl weißt du, daß ich nicht, wie ſo viele andere deiner Creaturen, dem Irrthum lebte, es gebe keinen Gott. Noch fiel ich auch nicht in den Irrthum, daß ich Recht hätte, ein anderes Menſchenleben zu rauben. O dann, mein Vater, ver⸗ wirf mich nicht auf immer von deiner väterlichen An⸗ weſenheit. Nicht Strafen, Qualen, ich fürchte keine Hölle: was ein Mann ertragen kann, das kann ich. Meine Furcht iſt, vor deiner Güte undankbar gewür⸗ digt zu ſein, unwürdig alſo deiner Gegenwart und verſtoßen zu werden aus dem Licht deines Werthes. — c2 —= c— — James Hackman und Margaret Reay. Wohl weißt du, es ſträubte ſich mein Sinn da⸗ gegen, undankbar zu ſein gegen etwas aus deiner Crea⸗ tur— ja ſei es eines Hundes, eines Thieres,— ſo⸗ gar unbelebter Dinge— einen Baum, ein Buch! Und könnteſt du, daß ich mich widerlehnen, dankbar werden ſollte gegen dich ſelbſt! Und könnte— könnte ich entſagen den Freuden der andern Welt, denen, welche kein Auge ſehen, keine Zunge ſprechen, kein Traum wiederſpiegeln kann— könnte ich dafür entſagen einem ewigen Daſein der Liebe und Seligkeit mit ihr, welche— Wahnwitziger Mörder! Du die Seligkeit des Para⸗ dieſes!— Mein Vater, der du biſt im Himmel, ich knie im Staube vor deiner Barmherzigkeit; ich verſchließe den Athem und erwarte den Schoos, wo dein Urtheil tönen wird. Dieſe Papiere(iſt auf einem andern Zettel ge⸗ ſchrieben) ſollen nach meinem Tode meinem theuern Freunde überlaſſen werden; es ſind nicht Briefe. Auch weiß ich nicht, wie ich ſie benennen ſoll. Vielleicht Portraitbilder eines Herzens, ſo wahrhaft als je von einem geſchickten Maler eines Menſchen Geſicht por⸗ traitirt wurde. Ach, wie ſah ich die arme Seele ergriffen bei der Recitation der Iphis in ihrer beliebten Jephta: „Ihr heil'gen Prieſter, deren Hand noch nie Von Menſchenblut befleckt ward—“ Wenn ich nun ihr Prieſter geworden wäre, ich ihr Mörder! In einem ihrer Briefe ſchrieb ſie mir einmal: ſie würde mit Vergnügen von meiner Hand ſterben. O es war Wahrheit.— Arme Seele! Wenig dachte ſie— 112 James Hackman und Margaret Reay. Es iſt dummer Schnack, an das zu denken, aber es iſt ſo— ich weiß beſtimmt: dieſe Recitation und die folgende Arie:„Lebwohl u. ſ. w.“ waren die letzten Worte, welche ſie je geſungen hat. Da preßt es mich, ex tempore ſie zu ergänzen: „Lebwohl du müde Welt, der kurz allein Mit Stunden⸗Freude wechſeln Jahre-Pein. Und noch dazu möchte ich ſetzen: Die Wolken ſchwinden, oben ſtrahlt der Himmel Im ew'gen Reich des Friedens und der Liebe. Liebe! gnädiger Gott, ein ſolches Wort an ſolchem Orte, und heute! Oh! Newgate, Sonntag 18. April 1779, 4 Uhr Morgens. O Charles, Charles! Foltern und Qualen!— Hölle und ſchlimmer als Hölle! Als ich meinen letzten Zettel Papier fertig hatte, hielt ich mich für ruhig, wie in Entſagung.— Wirk⸗ lich ich war ſo— ich bin jetzt ſo. Ich warf meinen übermüdeten Körper— übermüdet, weiß Gott es, mehr müder als durch die Abarbeitung des Geiſtes— ich warf ihn auf die Diele in meinem Kerker. Schlaf kam ungerufen, nur um bald mich noch zer⸗ ſchlagener, zerriſſener aufzurütteln. Die Welt war verſunken, die nächſte ſtand vor mir; aber nach der kam keine andere Welt. Alles war offen⸗ bart. Mein ewiger Urtheilsſpruch, die Verdammung meiner geiſtigen Erbärmlichkeit(wo keine Flucht mir helfen konnte), meine Verweiſung aus der Gegenwart meines Vaters— Alles ſchreckenvoller als die Poeſie es zu ſchildern vermag— Alles das war hinter mir, unrettbar verloren. ber nd ten ich, em lle tte, itt⸗ det, des ker. zer⸗ it ng mir art eſe nit, James Hackman und Margartt Reay. 113 Auch ihr Rechtsſpruch ward verkündet.— Charles! ſie— ja, auch ſie wurde verurtheilt. Und auf welche Weiſe ward ſie beſtraft? Auch in ihrem kleinen Kleide waren Fältchen, in ihrem engelreinen Gemüthe Verſtockungen. Wer konnte es ſehen, da die Allwiſſenheit ſelbſt Mühe hatte, es zu erkennen. O Charles, ja dieſe Fältchen, Schwächen, ſo klein, gering, daß man ſie kaum mit der Lupe fand, ja im Traum habe ich ſie erkannt, und ſie mußten ge⸗ büßt werden.— Um deshalb ſandte meine Hand ſie vor der Zeit in den Himmel— ſie mit allen ihren Schwächen auf dem Geſicht. Charles, ich ſah die Büßung. Meine Augen ſahen, wie ſie die Strafe des Himmels aushielt. Das verſchwand wieder. Sie ward vorgerufen, glaubte ich, um die Belohnung für ihre zehntauſend Tugenden zu erhalten. Dann, dann, ja meine Hölle fing an, eine entſetz⸗ lichere, als je die Phantaſie eines Weibes ſie erdenken kann. Charles, ich ſah ſie— die Eiſengitter, die grauen Mauern meines Kerkers ſanken, das helle Licht ſtrahlte um mich, klar wie je. Da erſchien ſie vor mir, ſelbſteigen— aber himmliſcher, heiliger wie je auf Erden— ſie war verklärt in den Formen eines Engels. Durchſichtig ihr Geſicht, ihre Geſtalt, daß ich Geiſt und Seele zu ſehen glaubte— ihre kleinſten Züge.— So war ſie vollkommen, ſo konnte ſie nicht noch beſſer werden. Aber was ſah ich ſonſt? Dieſer Geiſt, dieſe wahr⸗ haftige Perſon, dies Antlitz, dieſer Engel war in dem Böſen eines andern Engels. Zwiſchen uns war ein Grund, ein Abgrund von ſauſenden Wirbeln und Stru⸗ deln, eine Tiefe, die nicht zu ergründen war, ich konnte nicht mehr zu ihr, ſie nie mehr zu mir. 114 James Hackman und Margaret Reay. Nein!— und ſie wünſchte es auch nicht. Das war der Fluch. Charles, ſie ſah mich, wo ich war, verſunken in tiefſte Erbärmlichkeit. Sie ſah mich, aber ohne eine Trähne, ohne einen Seufzer. Einen Seufzer mir, dachte ich, und darüber hätte ich alle meine Leiden ertragen. Ein Seufzer, eine Thräne!— Sie lächelte über alle meine Leiden. Ja, ſie, ſie erfreute ſich ſogar über die walzende Folterleiter meiner Seele. Sie foderte ihre anderen Engel auf, mit ihr ſich zu freuen. Ja, es war ein Schmaus für ſie von meinen Kümmerniſſen, und ſie wandte von der Weite darüber ihre verdammenden Augen nun ab, um ſich wieder ihre lieben Engelsge⸗ fährten anzuſehn. Flamme und Schwefel— Körperleiden— das wäre noch Paradieſesluſt im Vergleich zu ſolcher ewigen geiſtigen Hölle. Ach! wie ich jauchzte, ſchluchzte vor Freude und weinte vor Seligkeit, als ich erwachte und erkannte, daß es nur ein Traum war und ſo glücklich war— ich war ja nur in der Zelle der Verdammten in Newgate. Newgate, Sonntag 18. April 1779, 5 Uhr Nachmittags. Seit ich heute Morgen an dich ſchrieb, habe ich ſchon mehrmals die Feder wieder angegriffen. An was kann ich mich mehr vergnügen, als an einen Freund wie du biſt, wie du immer ſo dich bewährt haſt, zu ſchreiben? Vergnügen! Was hat ein Elender wie ich mit einem ſolchen Worte gemein? Aber wenn ich in ein Pa⸗ pier ausſchütte, was in mir würgt und quält, erleichternd — —„ 720 in eine ätte iber iber erte Jo, ſen, den das gen Zames Hackman und Margartt Rray. 115 lindert es doch meine Schmerzen.— Gedanken nenne es nicht. Grauſame G—! Und doch kann ich ſie entſchuldigen. Sie wußte nicht, von welchen Stoffen ich war. Lord Sandwich wünſchte einen Schatz zu bewahren, den Jeder⸗ mann zu ſchätzen weiß. G— war von ihm beſtimmt den Schatz zu bewahren. Und ſie hatte nicht geahnt, daß meine Seele, mein Daſein darin verwebt und ver⸗ wirkt war. O mein theurer Charles, wenn du dich überwinden könnteſt, dieſen traurigen Ort zu beſuchen! Und doch — wenn wir auch unſte Gefühle austauſchten, es würde doch zu nichts führen und fruchten.— Es iſt daher beſſer ſo. Vielleicht ſitzeſt du jetzt an einer behaglichen Tafel —— Da, ſieh wieder mein Unglück!— Um dein Glück und deine Behaglichkeit habe ich dich beraubt.— H. hat das Glück gemordet. Aber das iſt ja die Mittagsſtunde. Wie Viele ſind in dieſer Stunde behaglich geſtimmt und glücklich! Während ich—— Wie Viele dagegen, ſonſt ausgeſtattet mit allem Möglichen, ſind auch in dieſer Stunde unglücklich? Für die iſt der Mittagstiſch nicht reich genug ſer⸗ virt, für jene zu überflüſſig(wozu das rufſt du! Iſt es unnatürlich, die Einbildungskraft aus dem Meer der unbehaglichkeiten und Leiden aufzufiſchen, wo du leider genug in Wirklichkeit haſt?— Ach wie gern mag ein Elender wie ich, mit welchen Mitteln es auch ſei, alles Wirkliche vergeſſen laſſen!), Dem hat der Bediente etwas fallen laſſen; ein Freund(wie man es ſo nennt) iſt, obgleich er annahm, nicht gekommen und kann 116 James Hackman und Margaret Reay. daher nicht mit Zeuge ſein der brechenden Tiſche, welche die Familie aufzutiſchen diesmal für nöthig hielt; oder (wieder ein anderer) ein Freund kommt unerwartet zu Mittag und überraſcht die erſchrockene Familie bei einer Mahlzeit, weil zu wenig Gerichte, als ſie wieder für nöthig hält, aufgetragen ſind. O ihr Unglücklichen, die ihr euch ſelbſt unglücklich macht, ihr ſcharfſichtigen Entdecker von Unbehaglichkeiten, die ihr euch heute an dieſem ganzen Sonntage abquält und elend macht, um dieſe oder jene Jämmerlichkeit, die nicht den Namen hat, genannt zu werden, ſeht doch, betrachtet ordentlich dieſes Elend, über das ihr euch beklagt. Und dann ſchielt in dieſes vergitterte Loch, meine Wohnung bis morgen, ihr, die ihr zierliche Stadthäuſer, reizende Landhäuſer beſitzt. Noch mehr, blickt in meine Seele, erwägt, betrachtet, daß ich in wenigen Tagen zu ſterben habe,— zu ſterben auf welche Art— zu ſterben und warum! Und jetzt geht und knurrt und mäkelt und hadert mit euern Frauen, euern Ehemännern, oder mit euern Kindern, oder euern Gäſten; fangt an zu verwünſchen und zu verſchwören, und ruft den Allmächtigen zum Zeugen an, daß ihr höchſt unglückliche, zerſchlagene Ge⸗ ſchöpfe auf Gottes Erde ſeid: weil das Roſtbeaf ein halb Dutzend zu wenig gewendet worden, oder weil der Koch die Paſtete nicht genug gewürzt hat. Ich muß die Feder niederlegen. Mein Bild hat zu viel Portraits gebraucht, die ich aber alle ſelbſt gekannt. Doch übergenug. Guter Gott! zurückzublicken auf das ſchreckliche Er⸗ eigniß zwiſchen heute und dem letzten October vor zwei ſche der rtet bei der ich en, lt eit, och, gt. ine ſer, ine en zu ert ern hen um ein eil Er⸗ wei James Hackman und Margarct Reay. 117 Jahren. Welche Geſchichte von wahrem Elend. O nehmt euch eine Warnung daran, meine geliebten Mitgeſchöpfe, und liebt nicht wie H. Noch immer Sonntag, 7 Uhr Nachmittags. Wenn dieſe loſen, unzuſammenhängenden Papiere nach meinem Tode in deine Hand gekommen ſind, wird es dir einigen Troſt gewähren, die letzten Zuſtände meines Gemüths kennen zu lernen. Charles! je näher der furchtbare Augenblick kommt, finde ich mich mehr und mehr gefaßter, ruhiger, in Faſſung. Du weißt, es war immer nach meiner Meinung, daß ein Mann eine ſchwere Laſt von Kümmerniſſen leichter ertragen könne, als eine leichte. So dachte ich ſonſt, jetzt weiß ich es. Vor acht Tagen war ich toll, voll⸗ kommen toll. Heute Nachmittag bin ich die Milde ſelbſt. Dieſer Tag vor acht Tagen!— Dahin blicken iſt Tod— iſt Hölle!— Rückwärts blicken iſt wahrhaft ſchrecklicher als— das vorwärts blicken. Verzeihe! ich muß verſuchen, aus mir ſelbſt zu kommen. Um meine Anſicht zu beweiſen, über die du immer lächelteſt— über die Spielertiſche— denke dir den Abenteurer, der die letzten 50 Pfund zuſammengerafft hat und eintritt. Sieh, er preßt die Zähne, beißt den Daumen und läßt alle Glieder zittern! Er hat den erſten Wurf verloren— ſeine 50 ſind auf 40 reducirt. Bemerkt ihn jetzt, mit welcher Haltung er ſeine Arme um ſich ſchlingt. Welche ſüße Ruhe plötzlich nach dem furchtbaren Sturm ſich ſeiner bemächtigt hat, einem Sturm, unter dem der ganze Mann erdrückt ſchien! Was iſt der Grund?— hat das Glück ihn wieder be⸗ 118 James Hackman und Margaret Reay. günſtigt? Ganz das Gegentheil. Seine 40 ſind ſchon zu 5 herabgeſunken. Sein Alles, nein mehr, ſeine ganze Exiſtenz, ſein Entſchluß, zu leben oder zu ſterben, hängt von dieſem Wurfe ab.— Sieh ihn recht an— wie ruhig, wie gleichgültig, unbekümmert, er die Schwenkung des Bechers beäugelt. Ich bin nicht ſicher, ob er nicht eigentlich zu verlieren wünſcht, damit er dem Schickſal einen höhniſchen Blick zuwerfen kann: nun haſt du denn deinen letzten Würfel auf mich ge⸗ ſchleudert! Auf einen Augenblick ſchwirrt noch und ſchwankt Verhängnißvoll der Würfel,— Leben— Tod?— Und legt und fällt— zum Tode. Ja, wer es verſteht den Gewinner und den Verlierer zu unterſcheiden! — Indem ich wieder überlas, was du zuletzt mir geſchrieben, ſchritt ich in meiner niedrigen Zelle mit der Miene des Hochmuths auf und ab; die Arme ver⸗ kreuzend, murmelte ich zwiſchen den Zähnen:„Was für ein vollendeter Elender ich bin!“ Aber nun kann ich nicht mehr vor mir ſelber flie⸗ hen. In wenigen kurzen Stunden wird die Hand, welche noch jetzt an dich ſchreibt, die Hand, welche— Ich will nicht mehr betrüben, weder dich noch mich. Mein Leben gehört den Geſetzen meines Landes, und ich will die Schuld bezahlen. Wie ich für den armen Dodd fühlte!— Wohl— ihr ſollt hören, daß ich wie ein Mann und Chriſt ſtarb. Ich habe eine beſſere Bürgſchaft und Stütze als in der Gnade eines all⸗ gerechten Gottes. Und in deinen Briefen, wenn 7 — ——— —. rer mir mit ver⸗ füt flie⸗ nd, und nen vie ſſere ll⸗ enn James Hackman und Margaret Reay. 119 du von dieſen unglücklichen Dingen erzählen wirſt, berichte auch, wie ich war. Ich vergeſſe die Stelle; ſie iſt im Othello. Laß mich auch erwähnen die Großheit des Ge⸗ müths, das zarte Gefühl meines theuern B—. Die letzten Momente meines Lebens kann ich nicht beſſer verwenden, als an ſeine Freundlichkeit und Menſch⸗ lichkeit zu erinnern. Als wir uns trennten— es war eine ſchwere Aufgabe für uns Beide— fragte er mich, ob ich noch irgend etwas im Leben wünſchte? Da er dringender ward, bekannte ich: ich wäre in Sorge, ja in ängſtlicher Sorge, daß Lord Sandwich die jährliche Penſion von 50 Pfund zurückziehen könne, welche er, wie ich weiß, an— ihren Vater gezahlt hatte. B— faßte, preßte meine Hand, die Thränen ſtürzten ihm aus den Augen und mit den Worten ſtürzte er aus der Thür:„dann zahle ich ſie ihm.“ Die aufrichtige, liebevolle Art, in welcher er von meinem S— ſprach, hätte mich auch entzückt. Gott für immer ſegne und begleite ihn! und meinen S— und dich! und— Was er Folgendes noch zuletzt hinterließ, war nur mit Bleiſtift auf einen Zettel geſchrieben. Die Worte waren kaum zu leſen und nicht ganz zuſammenzuhalten. An denſelben. Tyburn. Mein theurer Charles— Lebewohl auf immer in dieſer Welt! Ich ſterbe als ein aufrichtiger Chriſt und ſündiger Büßer, und ich hoffe Euch Alles, was Ihr wünſcht. Könnte doch mein Beiſpiel——— die böſe Wirkung——— die Welt ſollte wiſſen, wie ich verabſcheue meine frühern Gedanken von Selbſt⸗ 120 James Hackman und Margaret Reay. mbd, mein Vebrchen, er iſt der beſte Richter. Unter ihrem Ruf——— da über⸗ ſorge dich mit voller Liebe und Eifer——— Mein arier S will Dein ſterbender H. Am 16. April 1779 ward James Hackman hin⸗ gerichtet. Während des ganzen Zugs nach Tyburn ſchien er ſehr erſchüttert, ſprach aber wenig. Von ſtörenden Unfällen, wie bei Dodd's Execution, erfährt man nichts. Als er in Tyburn angekommen und aus der Kutſche ſtieg, um den Karren zu beſteigen, nahm er von Dr. Porter und dem ordentlichen Geiſtlichen in herzlicher Weiſe Abſchied und ſchied raſch von der Welt. Ob Margaret Reay als Dulderin, unſchuldig, nur in Folge zufälliger Umſtände dem Looſe verfallen und, von einer dämoniſchen Leidenſchaft verſtrickt, den Tod gebüßt hat, ob ſie eine ſträfliche oder leiſe Schuld gegen den Geliebten getroffen hat, ihr Mörder aber in ſeinen letzten Bekenntniſſen mit ebenſolchem Liebes⸗ wahnſinn ihren Schatten rein zu brennen verſucht hat, iſt nie ermittelt worden. Seiner Zeit ſcheinen die An⸗ ſichten getrennt geweſen zu ſein, worüber zu entſcheiden uns indeß alle Beweismittel abgehen. hin⸗ burn Von fihrt aus nahm n in der nur und, Tod chuld et in iebes⸗ t hat. eAn⸗ eiden Die Ermordung des Hotmarschalls von Minutoli. 1848. In den erſten Tagen des Monat April des verhängniß⸗ vollen Jahres 1848, alſo gerade zu der Zeit, als die gewaltigen Stürme vom Weſten her am ſtärkſten über Deutſchland hereinbrauſten, wurde in einer ſeiner Reſi⸗ denzen ein Verbrechen verübt, das in ſeiner Art wol einzig im weiten Bereich der Criminalfälle daſtehen dürfte. In Betracht der ungewöhnlichen Perſönlichkeit des Ermordeten, der großen Jugend der Mörder und der Umſtände, unter welchen die ſchwarze That ausge⸗ führt iſt, würde dieſe zu jeder andern Zeit ein viel größeres Aufſehen im Publicum erregt, die Ge⸗ müther gewaltiger erſchüttert haben, und manche Spalten in den öffentlichen Blättern würden damit ausgefüllt worden ſein; aber damals in der allgemginen Beſtürzung, Verwirrung, Aufregung und der ängſtlichen Spannung der Gemüther für die nächſte Zukunft, wo mithin von ganz anderen Dingen die Rede ſein mußte, konnte ein ſo vereinzelt daſtehendes Ereigniß weniger Tragweite haben als ſonſt in ruhigern Zeiten. Der Stein, der 122 Die Ermordung des Hofmarschalls von Minutoli. in das ſtillſtehende Gewäſſer geworfen wird, zieht weite Kreiſe um ſich; fällt er dagegen in das vom Sturm aufgeregte Element, ſo ſprützt dieſes wol plötz⸗ lich auf, aber die dahinſtürzenden Wogen verwiſchen um ſo ſchneller jede Spur. Für den Criminaliſten, wie auch für den Laien iſt der hier folgende Proceß gewiß auch in pſychologiſcher Hin⸗ ſicht und nicht minder dadurch von Intereſſe, als er gerade in eine Zeit fällt, wo das inquiſitoriſche Gerichtsver⸗ fahren dem öffentlich mündlichen Platz macht. Zur beſſern Verſtändigung des Folgenden müſſen wir hier dem Gang der kommenden Ereigniſſe erſt Einiges vorausgehen laſſen. Herr von Minutoli, im Jahre 1843 als Hof⸗ marſchall in meiningiſche Dienſte getreten, war 1802 ge⸗ boren und hatte die Rechte ſtudirt. Er wollte zum diplo⸗ matiſchen Fache übergehen und hatte ſchon das hierzu nöthige Examen in Stettin gemacht, als er jenen Ruf nach Meiningen erhielt. Minutoli hatte einen guten Namen. Sein Vater war der bekannte Reiſende und Schriftſteller, General Menu von Minutoli, früher Gouverneur des Prinzen Karl von Preußen, der durch ſeine Reiſen in Italien, Griechenland und im Orient die berliner Muſeen, durch ſeine Schriften die Literatur bereichert hat. Die Mutter, eine ſehr geiſtreiche und gebildete Dame, eine geborene Gräfin Schulenburg, hatte den Gatten zum Theil auf ſeinen intereſſanten Reiſen begleitet und ſelbſt Mehres darüber geſchrieben. Sein Bruder, gegen⸗ wärtig als preußiſcher Generalconſul in Spanien, iſt der ſeiner Zeit bekannte, in den öffentlichen Blättern viel genannte Polizeipräſident in Poſen, welcher nament⸗ lich durch die Entdeckung der Polenverſchwörung im zieht vom löt⸗ chen iſt din⸗ tade övet⸗ üſſen erſt bof ge⸗ plo⸗ erzu 1 Ruf zatet netal nzen lien, urch tter, rene heil elbt gen⸗ nien, ftern ent⸗ * Dir Ermordung des Hofmarschalls von inutoli. 123 Jahre 1846 ein für den preußiſchen Staat beſonderes Verdienſt erworben, ſpäter als Polizeipräſident und dann kurze Zeit als Commandeur der berliner Bürger⸗ wehr, früher und ſpäter aber durch mehrfache Schriften (über Kunſt und Alterthum, monumentale und heral⸗ diſche des preußiſch⸗brandenburgiſchen Hauſes, und intereſſante und inhaltreiche Mittheilungen aus dem neuen Spanien) einen Namen erworben hat. Der Hofmarſchall von Minutoli mußte unter ſol⸗ chen Umſtänden die beſte Erziehung im älterlichen Hauſe genoſſen haben. Der Kunſtſinn des verdienſtvollen Vaters hatte ſich auch auf ihn vererbt, er war dabei für alles Schöne und Edle frühzeitig empfänglich ge⸗ worden und ſo war ihm, bei ſeinem lebendigen Geiſt und ſeinen mannigfachen Talenten, der Ruf eines ge⸗ bildeten und geiſtreichen Mannes ſchon vorausge⸗ gangen. Als er in Meiningen angekommen war, wies ihm der Herzog eine Wohnung in einem herrſchaftlichen Schlößchen im engliſchen Park, in der ſogenannten Meierei an, das früher ein Miniſter, ſpäter ein dem herzoglichen Hauſe nahverwandter und befreundeter Prinz bewohnt hatte. Dieſe Wohnung liegt reizend, auf der höchſten Stelle des Parks, der hier ſanft zu einem Hügel aufſteigt, halbverſteckt zwiſchen ſchönen Baumgruppen und Gebüſchen. Ueber einen herrlichen friſchen Raſenteppich, Teiche und blühende Boskets, die im Frühling die Niederlaſſungen vieler Nachtigallen ſind, überſieht man von dieſem Punkte aus nach Weſten einen Theil der neu und geſchmackvoll erbauten Vor⸗ ſtadt, mit den herzoglichen Palais, nach Norden hin das ſchöne Werrathal mit der prächtigen, im altgothi⸗ ſchen Stile erbauten Burg Landsberg, nach Süden ⸗ 6* 124 Die Ermordung des Hofmarschalls von Minutoli. hin blickt man über die Stadt und nach Oſten zu über reiche Felder und Gärten bis an die nahen Berge, die das Thal einſchließen. Dieſes Gebäude hat unbe⸗ ſtreitbar die ſchönſte Lage unter allen Wohnungen in und bei der Stadt. Obgleich dieſes zuletzt ein dem herzoglichen Hauſe ver⸗ wandter Prinz bewohnt hatte, die Gemächer mithin noch in einem brauchbaren Zuſtande ſein mußten, ſo nahm Minutoli doch gleich nach ſeinem Einzuge im Inneren deſſelben, und zwar größtentheils auf ſeine Koſten, eine totale Umwandlung vor. Er hatte vom Vater nicht nur den Kunſtſinn, ſondern auch deſſen Sammelluſt geerbt, die bei ihm faſt zur Leidenſchaft geworden warz er brachte daher eine nicht unbedeutende Sammlung von Kunſtwerken, Alterthümern und andern werthvollen Dingen mit, mit denen er ſeine neue Woh⸗ nung ausſtatten wollte. Da nun bekanntlich viel da⸗ rauf ankommt, wie ſolche geordnet und placirt ſſind, um ſie dem kunſtverſtändigen Beſchauer zum Günſtigſten ins Auge fallen zu laſſen, ſo nahm Minutoli im Inne⸗ ren dieſes Hauſes jene Umwandlung vor, wobei faſt alle Baugewerke in Anſpruch genommen wurden. Seine Lebendigkeit und Ungeduld, die er bei allen Gelegen⸗ heiten zeigte, trieb zur Eile und ſo war in kurzem im Innern dieſer Wohnung eine prächtige, neue Einrichtung geſchaffen worden, die dem Geſchmacke des Schöpfers alle Ehre machte. Mit gleichem Ge⸗ ſchmacke und richtiger Auswahl ſtellte er nun ſeine Sammlung in den freundlichen Räumen auf, und ſo erhielten auch dieſe ein wahrhaft feenhaftes Ausſehn, das den Eintretenden entzücken mußte. Schon beim Ein⸗ gang in die Hausflur fand dieſer Mancherlei, das ſeine Blicke feſſelte. Ein mattes Licht fiel durch das bunte ber die Die Ermordung des Hofmarschalls von Minutoli. 125 mit Weinlaub und Reben bemalte Glas der Fenſter auf die mit Teppichen belegte Treppe; an den Wänden des Treppenhauſes und den Vorplätzen waren Conſolen mit Gypsbüſten, alterthümliche Candelaber und andere Gegenſtände angebracht, in den Ecken ſtanden Blumen und Gewächſe, von den Decken herab hingen koſtbare Ampeln. Die Belletage beſtand aus den reizendſten Zimmern, darunter eins im antik⸗pompejianiſchen Ge⸗ ſchmacke, mit Büſten und Statuen. Die Wände der übrigen, bekleidet mit feinen und paſſenden Tapeten, waren mit meiſt koſtbaren Gemälden behangen, da⸗ zwiſchen Conſolen mit Statuetten, Gefäßen und andern Kunſtwerken, ſodaß kaum ein leerer Raum übrig blieb. Geſchmackvolle Möbeln, Spiegel und Uhren, ſowol ältere, kunſtvolle, namentlich aus der Renaiſſance⸗ und Rococozeit, als auch neuere aus den erſten Bronce⸗ fabriken von Paris waren überall mit Geſchmack auf⸗ geſtellt. Sogar in den Ecken ſtanden Statuen und Büſten und wo ſonſt noch irgend ein Raum war, waren koſtbare chineſiſche und japaniſche Vaſen u. dergl. aufgeſtellt. Das dritte Stockwerk, welches der Hof⸗ marſchall eigentlich bewohnte und worin er Geſellſchaften gab, war ebenfalls ſehr geſchmackvoll hergerichtet und enthielt mancherlei Kunſtſachen, namentlich Glasmalereien und ſchöne Kupferſtiche; doch war dieſes bei weitem nicht ſo reich ausgeſtattet, als das zweite. Eine de⸗ taillirtere Beſchreibung hiervon zu geben, würde zu weit führen; doch wird Jeder, der früher Gelegenheit hatte, dieſe Räume zu beſuchen, mit dem Verfaſſer in der Anſicht übereinſtimmen: daß man hier mehr in den Appartements eines Fürſten, als in denen eines Privat⸗ mannes zu ſein glaubte. Ueber dieſe Liebhabereien vernachläſſigte Minutoli 126 Die Ermordung des Hofmarschalls von Minutoli. jedoch ſein Amt, das viel Zeit in Anſpruch nahm, keines⸗ wegs, er war auch hier in Allem thätig und unermüdlich. Dadurch daß die Hofmarſchallsſtelle längere Zeit un⸗ beſetzt geblieben war, hatten ſich mancherlei Geſchäfte aufgehäuft, Manches war liegen geblieben. Er war bemüht, ſich in allen Zweigen der Hofverwaltung Kennt⸗ niß zu verſchaffen, die verſchiedenen dazu gehörigen Beamten kennen zu lernen und ſich von Allem ſelbſt zu überzeugen. In geſelliger Beziehung blieb Minutoli's Stellung vom Anfang an eine etwas eigenthümliche. Er ge⸗ hörte zu den Perſönlichkeiten, die entweder ſchnell für ſich einnehmen oder abſtoßen; es lag dieſes in ſeiner Art und Weiſe mit den Menſchen zu verkehren. Als Ausländer zu einer ſolchen Stellung berufen, war er manchen einheimiſchen Familien ohnedies nicht ſehr ge⸗ legen gekommen und ſo konnte es nicht fehlen, daß er gleich vom Anfang an heimliche und offene Gegner fand. Wol hatte er mit mehren angeſehenen Familien Umgang, wol hatte er ſich bald einen Kreis gebildet, in dem er ſich außerhalb des Hofes bewegte, allein einen eigentlich feſten Fuß faßte er auf dieſem Boden niemals und ſo ſtand er von Anfang an etwas jſolirt. Minutoli war in den gebildetern Kreiſen unſtreitig einer der angenehmſten Geſellſchafter, denn lebendig, geiſtreich, witzig und beleſen wie er war, wußte er eine gute Converſation zu führen. Nur ſprach zuweilen jene ſpecifiſch⸗preußiſch⸗berliniſche Zungenfertigkeit nicht an, wie man ſolche überhaupt außerhalb des preußiſchen Staatengebiets weniger, am wenigſten aber in Sachſen und den ſüdlichern deutſchen Ländern zu lieben ſcheint. Er ließ ſich daher bei ſeiner Lebendigkeit inſofern etwas fortreißen, als er zu Zeiten und am unrechten Orte es⸗ ch. m⸗ fte ar t⸗ en tſt Die Ermordung des Hofmarschalls von minutoli. 127 etwas zu viel ſprach. Dabei verſtand er mehre Sprachen, war muſikaliſch, zeichnete ziemlich gut, ver⸗ ſuchte ſich in kleineren plaſtiſchen Arbeiten mit Glück und hatte im Gebiete der Kunſt eine nicht unbedeutende Kenntniß. Ob er Alles gründlich verſtand, wollen wir dahingeſtellt ſein laſſen; man konnte aber mit ihm über Vielerlei ſprechen, und das genügt ſchon dem ge⸗ wöhnlichen Converſationston vollkommen. Minutoli hatte bisher in einer großen Reſidenz ge⸗ lebt, die Hunderttauſende von Einwohnern zählte, jetzt kam er in eine ſolche, die von kaum 7000 Seelen be⸗ wohnt war. Dort hatte er dem Hofe in einem noch untergeordneten Dienſtverhältniſſe ferner geſtanden, hier ſollte er an einem ſolchen eine der erſten Stellungen einnehmen. Er kam in einen andern Wirkungskreis, unter andere Menſchen, in andere Verhältniſſe; er als einzeln Daſtehender mußte ſich in alles dieſes fügen lernen, wenn er ſich eine glückliche Zukunft und eine an⸗ genehme Stellung bereiten wollte. Er verſtand dies leider nicht und ſcheiterte an dieſer Klippe bald. Er, der ſelbſt noch keinen feſten Grund unter ſich hatte, wollte hie und da andere Sitten und Gebräuche auf einen ihm noch fremden Boden verpflanzen. Er berückſichtigte dabei Perſönlichkeiten und Verhält⸗ niſſe zu wenig; er mußte deshalb nach allen Seiten hin an⸗ ſtoßen. Dadurch, daß er Berlin in Allem als Muſter voran⸗ ſtellte und nach ſeiner Meinung Vieles zu kleinſtädtiſch fand, verletzte er die höhern Stände; dadurch, daß er für die Hofhaltung das Meiſte von auswärts, nament⸗ lich von Berlin her, beziehen ließ, verdarb er es mit dem Gewerk⸗ und Handelsſtande, dem hierdurch eine Quelle allmälig verſiegte, aus der ihm bis daher ein bedeu⸗ tender Verdienſt zugefloſſen war. Sein heftiges und —— — 128 Die Ermordung des Hofmarschalls von Minutoli. auffahrendes Weſen, ſeine Strenge in Betreff der Disciplin ſchüchterten zwar ſeine Untergebenen ein, allein deren Anhänglichkeit und Liebe konnte er nie gewinnen. Dadurch, daß er mehre althergebrachte Mis⸗ bräuche in der Hofhaltung abſchaffen half, verdarb er es vollends mit Dienerſchaft und vielen Bürgern. Minutoli's wachſende Liebhaberei für Kunſtſachen und glänzende Einrichtung erfoderte nicht unbedeutende Summen. Ganze Kiſten kamen von da und dort her, in denen werthvolle Dinge verpackt waren, welche die Sammlung noch mehr bereichern ſollten. Man mußte ihn daraufhin für einen wenn auch nicht reichen, doch wohlhabenden Mann halten; allein man ſollte über dieſen Irrthum bald enttäuſcht werden, denn nöthigere Zahlungspoſten in der Stadt wurden zum Theil ver⸗ nachläſſigt, anderntheils liefen von außen her Rech⸗ nungen ein, die längſt berichtigt hätten ſein müſſen. Auch dies ſchadete dem Hofmarſchall in der Meinung das Publicums nicht wenig. Noch mehr ſtieß er in Betreff ſeiner Lebensweiſe an, die man in allen Schichten der Bevölkerung etwas zu frei fand. In ſeiner frühern Stellung, unverheirathet in einer großen Stadt lebend, konnte Manches weniger auffällig ſein, ja unbeachtet bleiben; hier, in ganz an⸗ dern Verhältniſſen, von Jedermann gekannt und von Vielen überwacht, hätte er Vieles vermeiden ſollen, was er früher für erlaubt hielt. Dieſe Rückſicht war er nicht allein ſich und ſeiner Stellung, ſondern auch dem Hofe, dem er diente, ſchuldig. Er beachtete dies aber nicht, gab daher den geſchwätzigen Zungen in die⸗ ſer Beziehung mancherlei Stoff; man beutete dies hier und da zu ſeinem Nachtheil noch mehr aus. Vieles mochte übertrieben ſein, denn man erzählte ſich zuweilen Die Ermordung des Fofmarschalls von Minutoli. 129 ſonderbare Geſchichten. Er ſelbſt gab auf derlei Richts und lebte ſeinen Neigungen ungeſtört fort. Die Folge davon war, daß ſich nach und nach Mehre von ihm zurückzogen, die früher mit ihm Umgang hatten, und in den anderen Schichten der Bevölkerung die Erbitte⸗ rung gegen ihn ſtieg. Wir haben hier einige Schattenſeiten eines Mannes berührt, der dieſer Welt nicht mehr angehört; faſſen wir nun auch einige der Lichtſeiten ſeines Charak⸗ ters ins Auge, von denen einige bereits weiter oben angedeutet worden ſind. Minutoli war in vielen Beziehungen höchſt wohl⸗ wollend; dieſer Zug ſprach ſich vorzugsweiſe in ſeiner Gaftfreundſchaft aus. Er ſah gern Jemanden bei ſich, und in ſeinem Hauſe wußte er den liebenswürdigſten und gefälligſten Wirth zu machen. Sehr gefällig zeigte er ſich auch, wenn man ſeines Rathes oder ſeines Bei⸗ ſtandes bedurfte. Für Handwerker ließ er ſpäter, meiſt auf ſeine Koſten, Modelle und Muſter von auswärts, namentlich von Berlin, kommen, um ſie zu ermun⸗ tern und ihnen das Neueſte und Geſchmackvollſte zu verſchaffen. Sehr freute es ihn, wenn man ſeine Samm— lungen beſehen wollte, denn ſtundenlang konnte man bei ihm verweilen, ſelbſt wenn er anderweitige drin⸗ gende Geſchäfte hatte. Beſonders freundlich und herz⸗ lich konnte er gegen Kinder ſein, was immer ein gutes Herz verräth. Dem fürſtlichen Hauſe, dem er diente, war er treu ergeben und ſah in Allem auf deſſen Nutzen, ſelbſt wenn er ſich von andern Seiten Unannehmlich⸗ keiten und Feindſchaften darüber zuzog. Sein Fami⸗ lienverhältniß mußte ein ſchönes geweſen ſein, denn von ſeinen Aeltern und Geſchwiſtern ſprach er ſtets mit der aufrichtigſten Wärme, Achtung und Liebe. 130 Die Ermordung des Hofmarschalls von Minutoli. Das Beſſere war demnach in ſeinem Charakter vor⸗ herrſchend; fehlte er daher in Manchem, ſo geſchah die⸗ ſes mehr in Folge von Leichtſinn, aus Mangel an reif⸗ licher Ueberlegung und zu wenig Lebens⸗ und Men⸗ ſchenkenntniß. Die italieniſche Abkunft ſeiner Familie war in Mi⸗ nutoli nicht zu verkennen. Sein dichtes, etwas krau⸗ ſes Haar und Bart waren ſchwarz, ſein dunkles, ſchwar⸗ zes Auge verrieth die Beweglichkeit ſeines Innern, ſo wie die leicht erregbare Leidenſchaft; ſein Teint war et⸗ was dunkel und blaß. Er war von Statur klein und ſchmächtig, aber ſein Körper war geſund und kräftig, Alles an ihm war Muskel und Sehne, ſodaß er ſtär⸗ ker und ausdauernder war, als man nach ſeinem Aeußern hätte vermuthen ſollen. Seine Bewegungen waren leicht und gewandt, Hände und Füße klein und ſchön geformt. Dabei kleidete er ſich ſtets nach der Mode und mit Ge⸗ ſchmack und ſeine Garderobe bot eine reiche Auswahl. In ſeiner ſonſtigen Lebensweiſe war er mäßig. So war ungefähr der Mann, über den ein ſo fin⸗ ſteres Geſchick verhängt war. Der Hofmarſchall von Minutoli hatte in den erſten Jahren als Dienerſchaft eine bejahrte Haushälterin und einen Diener. Mit dem Letztern wechſelte er oft. Seine unruhe, ſeine mancherlei Anſprüche, ſeine heftige Auf⸗ wallung, die ihn zuweilen gegen Untergebene zur Härte, ja zur Mißhandlung hinriß, und dabei eine etwas allzuknappe Verpflegung, verleidete den Domeſtiken ſei⸗ nen Dienſt. Es kam darüber nicht ſelten zu heftigen Auftritten. Von einer treuen, aufrichtigen Ergebenheit dieſer Leute gegen den Herrn konnte mithin keine Rede ſein. Seit dem Februar 1847 hatte er ein hübſches jun⸗ är⸗ rn ht nt. Me⸗ hl. ten nd ine uf⸗ te, vas ſei⸗ gen heit ine Uh⸗ Die Ermordung des Fofmarschalls von Minutoli. 131 ges Mädchen vom Lande, Namens Marie Hirſch, und etwas ſpäter einen jungen Menſchen, Namens Hein⸗ rich Mylius in Dienſt genommen. Beide hatten ih⸗ ren Aufenthalt im Erdgeſchoß. Im Monat Februar 1848 durchlief ein ſonderbares Gerücht die Stadt; man ſprach von einer heimlichen Niederkunft der Hirſch in der Meierei, von einem Kindesmord und nannte den Hofmarſchall als den Va⸗ ter des getödteten Kindes. Ja, man ſprach ganz öffent⸗ lich von noch Aergerem: daß er nämlich ſelbſt bei der Niederkunft zugezogen geweſen ſei. Das Gericht ſchritt ein, die Hirſch wurde ſogleich verhaftet, in die Frohn⸗ veſte gebracht und die ſtrengſte Unterſuchung begann. Der Hofmarſchall wurde von Seiten höchſten Ortes ſo⸗ fort von ſeinem Dienſte ſuspendirt, und ſomit hörte von nun an alle Verbindung mit dem Hofe auf. Einem Hofe, wie dem Meiningiſchen, an dem in jeder Beziehung die ſtrengſte Sittlichkeit herrſcht, mußte dieſer Vorfall höchſt unangenehm ſein. Diejenigen, die Minutoli näher kannten, ſprachen ihn ſogleich nach ihrer moraliſchen Ueberzeugung von der Theilnahme an einem ſolchen Verbrechen frei; aber für ſeine vielen Gegner war das etwas Gefundenes, was man zum Theil auf die gehäßigſte Weiſe auszubeuten ſuchte. Mi⸗ nutoli zeigte ſich von nun an ſelten öffentlich mehr, er lebte von Allem zurückgezogen. In Folge der Unterſuchung bekannte er ſich zwar als Vater des von der Hirſch geborenen Kindes, er verwahrte ſich aber gegen alle Theilnahme an dem ſpã⸗ ter Vorgefallenen, was ſich auch nach geſchloſſener Un⸗ terſuchung beſtätigte und in Folge deſſen er vom Ge⸗ richt freigeſprochen wurde. Die Hirſch hatte, nach ihrem eigenen Geſtändniß, ihre Schwangerſchaft künſtlich ver⸗ 132 Die Ermordung des Hofmarschalls von Minutoli. heimlicht, in Folge deſſen wahrſcheinlich eine etwas zu frühe Geburt eintrat. Als in der Nacht die Wehen ſich einfanden, half ſie ſich in Allem ſelbſt, hatte einen Sturtz mit kaltem Waſſer, in welchen ſie das neugeborene Kind fallen ließ, das darin den Tod fand, denn es hatte nach Ausſage der Aerzte gelebt. Ob dieſe Tödtung mit Vor⸗ ſatz oder durch Zufall geſchah, blieb unentſchieden, wes⸗ halb die Hirſch, als der Klage des Kindesmordes nicht überführt, nur zu 1 ½ Jahr Arbeitshausſtrafe verur⸗ theilt wurde. Seit dieſer Zeit hatte Minutoli nur einen Diener, den genannten Mylius bei ſich. Es mußte hier dieſes Falles mit erwähnt werden, weil dieſer auf das Fol⸗ gende nicht ohne ſcheinbaren Einfluß blieb. Die Nacht vom 5. auf den 6. April war bekannt⸗ lich eine der finſterſten und ſtürmiſchſten des Jahres 1848; der Wind heulte durch die heute früher als ſonſt leer gewordenen Straßen und der Regen ergoß ſich in Strömen herab. Nur hinter den hellerlauchteten Fen⸗ ſtern des zweiten Stockes im Rathhauſe auf dem Markt⸗ platze ging es munter und laut her, weil die vor kur⸗ zem erſt errichtete Bürgerwehr hier ihre Wachtſtube auf⸗ geſchlagen hatte und wie überall, im Gefühl ihrer neuen Exiſtenz und Wichtigkeit, mit Geplauder, Sang und Trinken ſich die Zeit vertrieb. Gegen 10 Uhr wurde es plötzlich auf dem verödeten Marktplatze laut, ein Bote ſtürzte athemlos mit der Nachricht in die Wachtſtube: daß der Hofmarſchall von Minutoli ſoeben erſchoſſen worden ſei. Alles gerieth hier in Aufruhr und bald hörte man eine Patrouille der Bürgerwehr eiligen Schritts über den Markt nach der Meierei hinmarſchiren, um dieſe zu beſetzen. t n — —— „——— Die Ermordung des Hofmarschalls von Minutoli. 133 Zu gleicher Zeit war der Amtschirurg, Oberwund⸗ arzt Kehlhof, vom Bedienten des Herrn von Minutoli in einem öffentlichen Geſellſchaftslocal aufgeſucht worden, der ihm eiligſt, unter den Zeichen der entſetzlichſten Angſt mittheilte, daß ſein Herr, ſein guter Herr, eben er⸗ ſchoſſen worden ſei. Kehlhof ging mit dem Bedienten ſo ſchnell als möglich nach ſeiner Wohnung, um dort ſeine Inſtrumente und Verbandzeug mitzunehmen, eilte dann zur Meierei, während Jener immer vorauslief und mehre male heulend und jammernd ausrief:„Ach, das Unglück, mein armer, guter Herr!“ Die ſchreckliche Kunde verbreitete ſich mit Blitzes⸗ ſchnelle in der Stadt; auf dem Marktplatz und in den Straßen wurde es, trotz des ſchlechten Wetters, wie⸗ der lebendig und vor der Meierei ſammelte ſich eine ſtarke Menſchenmaſſe. Die ſeltſamſten Vermuthungen über die Art und den Beweggrund des Verbrechens durchkreuzten ſich. Viele glaubten an einen Selbſtmord und Minutoli's gegenwärtige Lage konnte eine ſolche Ver⸗ muthung rechtfertigen, Andere an eine That der Rache für die geopferte Marie Hirſch, oder für eine andere der mancherlei wirklichen oder vermeintlichen Kränkungen. Die Aengſtlichen, deren es zu jener Zeit nicht wenige gab, witterten darin ſchon das Signal zu Anarchie, Verwüſtung und Mord und ſahen in ihrer aufgeregten Phantaſie Europas jüngſten Tag ſchon angebrochen! Für die Stadt Meiningen war und blieb es eine ent⸗ ſetzliche Nacht, die gewiß Keiner vergeſſen wird, der ſie mit erlebt hat. Der Oberwundarzt Kehlhof und andere Aerzte, die faſt gleichzeitig mit dieſem herbeigeeilt waren, fanden den verwundeten Hofmarſchall zwar noch lebend, aber in einer Lage, die den baldigen Tod unzweifelhaft — — 134 Die Ermordung des Hofmarschalls von Minutoli. machte. Nachdem Erſterer den Verwundeten unterſucht und das Nöthigſte angeordnet hatte, hielt er dafür, daß die Anweſenheit des Unterſuchungsrichters nöthiger ſei, als die des Arztes, und eilte daher ſelbſt wieder zurück, um Jenen herbeizuholen. Auf dem Wege durch den Engliſchen Garten begegneten ihm der Herzog mit dem Erbprinzen; beide hohe Herrn waren ohne alle Be⸗ gleitung, ſie fragten ihn nach dem Befinden des Hof⸗ marſchalls und ſchritten dann der Meierei zu. Der Unterſuchungsrichter, Aſſeſſor Trinks, kam ge⸗ gen 11 Uhr in der Meierei an, er wurde in die Be⸗ hauſung des nebenbei wohnenden Garteninſpectors Butt⸗ mann gewieſen, wo er den Unglücklichen in einem Ca⸗ binet neben dem Wohnzimmer auf einem Bette liegend fand, umgeben von den Aerzten, dem Beſitzer des Hau⸗ ſes und deſſen Familie. Das Zimmer nebenan war mit mehreren hochgeſtellten Perſonen angefüllt, die ſchnell herbeigeeilt waren. Die Aerzte meinten dem Unter⸗ ſuchungsrichter gegenüber: Minutoli könne wol nicht mehr vernommen werden, aber dennoch machte Jener den Verſuch, er ließ die im Cabinet Anweſenden abtreten und fragte den Verwundeten, der mit halbgeſchloſſenen Augen dalag, ob er ihn kenne? Er verneinte dieſes, obgleich er früher den Unterſuchungsrichter, namentlich vom Proceß mit der Marie Hirſch her, genau gekannt hatte. Der Letztere ſagte weiter: er wäre der Aſſeſſor Trinks, worauf der Daliegende die Augen aufſchlug und mit dieſen ein zuſtimmendes Zeichen gab. Auf Befragen: von wem er den Schuß erhalten habe? erwiederte er mit leiſer Stimme:„Das weiß ich nicht, ich habe Nie⸗ manden heleidigt.“ Auf weiteres, ob er auch nicht den leiſeſten Verdacht habe?„Nein!“ Minutoli erholte ſich jetzt etwas und ſagte auf die nächſt⸗ —— —— — —in.. Die Ermordung des Hofmarschalls von Minutoli. 135 geſtellte Frage: er ſei bis gegen ½ 10 Uhr beim Gar⸗ teninſpector Buttmann geweſen, habe von da nach Hauſe gehen wollen und hier vor der Hausthüre den Schuß erhalten, er habe aber Niemanden geſehen, noch gehört. Dieſes konnte er nur in abgebrochenen Sätzen und mit leiſer Stimme herausbringen. Das Verhör war bis jetzt ohne Zuzichung eines Protokollführers abgehalten worden; als dieſer kam und die Aerzte meinten, daß Minutoli's Zuſtand ſich et⸗ was gebeſſert habe und dieſer weiter vernommen wer⸗ den könnte, wurde mit dem Verhör fortgefahren. Der Verwundete ſagte weiter aus: „Ich habe den heutigen Abend beim Garteninſpector Buttmann zugebracht; ungefähr um 9 Uhr wollte ich nach Hauſe gehen. Als ich faſt an die hintere Thür der Meierei gekommen war, fiel ein Schuß und ich fühlte ſogleich, daß ich getroffen ſei. Ich habe Nieman⸗ den in der Nähe bemerkt und auch ſonſt nicht den lei⸗ ſeſten Verdacht. Ich habe ja Niemanden beleidigt. Nach dem gefallenen Schuſſe bin ich dann herüber in die Wohnung des Herrn Garteninſpectors gegangen.“ Der Garteninſpector Buttmann, der nun zunächſt vernommen wurde, ſagte aus: Herr von Minutoli ſei an dieſem Abende, wie er ſeither pflegte, zu ihm gekommen, um ihm und ſeiner Familie aus der Berliner Zeitung vorzuleſen. Er ſelber habe Verwandte in Berlin, es intereſſire ihn daher Alles, was bei den gegenwärtigen unruhigen Zeiten dort vor⸗ fiele. Als die Unterredung darüber vorbeigeweſen, habe man von gleichgültigeren Dingen geſprochen und da hätte Herr von Minutoli auch eines groben Briefes er⸗ wähnt, den er vom Fuhrmann Andreas Obermüller wegen einer Differenz über Frachtlohn erhalten habe, 136 Die Ermordung des Hofmarschalls von Minutoli. und dabei geäußert, er werde dieſen Brief ſeinem Ad⸗ vocaten übergeben, und wenn er ſchuldig befunden werde, wolle er gern das Gefoderte bezahlen. Gegen 9 ½ Uhr habe ſich Herr von Minutoli empfohlen, wie gewöhnlich das Zeitungsblatt und einen Bleiſtift in der einen Hand, er habe ihm die Treppe hinab leuchten wollen, allein der⸗ ſelbe habe ſich das verbeten und bemerkt, daß auf dem Vorplatze ja ſchon ein Licht brenne. Kaum wäre Herr von Minutoli die Treppe hinunter geweſen, ſo ſei draußen ein Schuß gefallen, gleich darauf habe er mit ſeiner Fa⸗ milie ein ſtarkes Laufen und Puſten die Treppe herauf gehört, und als er darauf die Thüre geöffnet und hinaus⸗ geſehen, hätte Herr von Minutoli blaß und entſtellt vor ihm geſtanden und ausgerufen:„Ich bin geſchoſſen!“ wo⸗ rauf er auch gleich zuſammengeſunken wäre. Von den Sei⸗ nen unterſtützt, habe er ihn in die Kammer auf das Bett getragen, wo er noch jetzt liege.— Der Garteninſpector Buttmann ließ ſchnell kalte Aufſchläge auf die Schuß⸗ wunde machen und ging dann weg, um das Geſchehene zu melden und ärztliche Hülfe herbeiholen zu laſſen. Der Oberwundarzt Kehlhof erklärte: „Der Herr Hofmarſchall von Minutoli hat auf der linken Bruſtſeite eine Schußwunde und zwar befindet ſich dieſelbe ungefähr 1 ½ Zoll unter dem linken Schlüſſel⸗ bein, zwiſchen der erſten und zweiten Rippe, unterhalb des Sternalendes des Schlüſſelbeins. Die Kugel, die dieſe Wunde verurſacht und die nicht von kleinem Ka⸗ liber iſt, iſt offenbar von der Bruſtſeite eingedrungen, die Ränder der Wunde ſind ſtumpf, nach innen einge⸗ bogen und die Wunde iſt im Durchmeſſer kleiner als die, welche ſich am linken Schulterblatt, ungefähr 3 Zoll tiefer als die vordere, befindet, in welcher auch die Rän⸗ der nach außen geriſſen ſind. 4 zo ſy „ w ſt k — ** Die Ermordung des Hofmarschalls von Minutoli. 137 „Daß die Richtung der Schußwunde nicht ganz hori⸗ zontal iſt, ſondern ſich nach hinten etwas geſenkt hat, ſpricht gerade nicht dafür, daß der Schuß von einer ge⸗ wiſſen Höhe abgefeuert worden iſt, indem man in die⸗ ſer Beziehung die merkwürdigſten Richtungen der Schuß⸗ kanäle wahrgenommen hat. „Die Wunde iſt abſolut lethal; doch läßt ſich jetzt noch nicht mit Gewißheit ſagen, wann der Todeskampf geendigt haben wird, es kann noch einen ganzen Tag dauern, länger aber als zwei Tage wird es ſchwerlich währen. „Dafür, daß ſich der Verwundete ſelbſt um's Leben gebracht haben könnte, ſpricht kein Umſtand, namentlich fehlt es an ſogenannnten Brandſpuren“ Nun wurde Minutoli's Bedienter, Heinr. Mylius, ein junger Burſche von 17 ½ Jahren, vernommen. Seine Ausſage, bei der man keine Befangenheit bemerkte, lautete: „Ich bin heute gegen Abend immer zu Hauſe ge⸗ weſen. Zwiſchen 6 und 7 Uhr Abends ging ich dann auf die Poſt, holte die Zeitung und brachte ſie meinem Herrn, worauf ich mich auf mein Zimmer verfügte. Ge⸗ gen 8 Uhr kam mein Herr die Treppe herunter, gab mir 1 ½ Milchbrot, um daſſelbe für ihn zu röſten. Da⸗ rauf ging er zur hintern Hausthüre hinaus und ich vermuthete ſogleich, daß er herüber zu dem Herrn Gar⸗ teninſpector zu Beſuch gegangen ſein würde, da er dies in der Regel ſchon längere Zeit zu thun pflegte. Er ging in der Regel zur hintern Thüre hinaus und pflegte auch durch dieſelbe wieder in ſeine Wohnung zurückzu⸗ kehren, weshalb ich dieſe Thüre nicht verſchließen durfte. Gegen 9 Uhr befand ich mich in der Küche und war mit dem Röſten des Milchbrotes beſchäftigt; um ½ 10 Uhr hörte ich plötzlich an der hintern Seite des Hauſes ei⸗ nen Schuß fallen und darauf auch ſogleich einen Schrei, 6 1 5 138 Die Ermordung des Hofmarschalls von Minutoli. an dem ich die Stimme meines Herrn ſofort erkannte. Darauf hörte ich ein raſches Laufen. Ich eilte alsbald aus der Küche heraus auf die hintere Seite des Hau⸗ ſes, habe aber weder meinen Herrn, noch ſonſt Jeman⸗ den bemerkt. Das Schreien und das Laufen verlor ſich nach der Wohnung des Herrn Garteninſpectors zu. Ich lief auch herüber in das Haus, kam aber blos bis auf den Hausflur deſſelben, wo mir der Herr Garteninſpec⸗ tor entgegenkam und mich ſofort zum Herrn Kehlhof ſchickte. Ich habe auf gar Niemanden Verdacht.“ Zwei Söhne des Garteninſpectors Buttmann waren der Bürgerwehr beigetreten, ſie übten ſich zur Zeit als der verhängnißvolle Schuß fiel nebſt dem einen Garten⸗ gehülfen, Namens Franz Reith aus Frankfurt a. M. in einer Stube des Unterſtockes mit dem Gewehr. Des Letzteren Ausſage ſtimmt mit der ſeines Principals ganz überein, nur will er nach dem Schuſſe die Rufe noch gehört haben:„Zu Hülfe! Zu Hülfe! Schändlichkeit!— Herr Garteninſpector, ich bin geſchoſſen!“ Während dieſe Ausſagen zu Protokoll genommen wurden, hatte Minutoli Morgens nach 2 Uhr ausge⸗ litten. Wie die Aerzte glaubten, war der Unglückliche bis zum letzten Augenblicke bei voller Beſinnung ge⸗ blieben. Er ſtarb mit vieler Ruhe, Faſſung und Ergebung. Man hatte bezüglich des Thäters in dieſer erſten Nacht, trotz aller Nachforſchungen, nicht die geringſte Spur auffinden können. Noch fehlte jeder Anhaltepunkt. Konnte man daher vermuthen, ſchon in wenigen Stun⸗ den auf die richtige Fährte zu gelangen? Am nächſten Morgen meldete der als Wache ausge⸗ ſtellte Gerichtsdiener: daß er in der Thüre eines Schup⸗ pen, der Wohnung des Hofmarſchalls gegenüber, eine ——— uld ——— Die Ermordung des Hofmarschalls von inutoli. 139 Flintenkugel gefunden habe, als er bei Tagesanbruch um das Gebäude herum geſucht hätte. Zur Aufnahme des objectiven Thatbeſtandes gehörte ſelbſtredend auch die genaue Aufnahme der Localität. Eine ausführliche Beſchreibung würde hier zu weit füh⸗ ren, es genügt daher zu unſerem Zwecke zu wiſſen: daß das Gebäude, welches der Garteninſpetor Buttmann mit ſeiner Familie bewohnt, der Hofmarſchallswohnung ſchräg gegenüber liegt, daß die Baulichkeiten Plätze ge⸗ nug bieten, wo bei dunkler Nachtzeit ein Mörder ſeinem Opfer auflauern mag. Von der hintern Hausthüre der Wohnung des Hofmarſchalls, aus welcher er erweislich gegangen war, als er an jenem Abende den Gartenin⸗ ſpector beſuchte, und nach der er auch ſeinen Rückweg einſchlug, beträgt die Entfernung 47 Schritte. Buſch⸗ werk, Gemüſegärten, Wege nach allen Seiten, bie⸗ ten dem Mörder, zumal in der tiefen Dunkelheit, die beſte Gelegenheit zur Flucht, auch die, an der einen Stelle unbemerkt zu verſchwinden und an einer andern wieder zu erſcheinen. An der Schuppenthüre fand man die oben erwähnte Kugel in einer Höhe von 4“ 4“, ungefähr 1 Zoll tief ſchräg in's Holz gedrungen. Nimmt man von dieſer ODeffnung genau die Richtung, die durch die Lage des Schießgewehrs bedingt wird, ſo gelangt man gerade an das linke Ende der Treppe, welche an der hintern Thür der Hofmarſchallswohnung ſich befindet. Die Entfer⸗ nung von den Stufen bis zu jener genannten Thüre beträgt gerade 11 Schritte. Pfropfen, Blutſpuren oder ſonſtige fanden ſich auf dem ganzen Wege bis an die Wohnung des Garteninſpectors und in derſelben ſelbſt nicht vor. Demnach ließ ſich vermuthen, daß der Mörder ent⸗ „ ———— 140 Die Ermordung des Hofmarschalls von Minutoli. weder vor, oder unmittelbar neben der linken Seite der Stufen, welche zur Hinterthüre hinaufführen, oder auf derſelben geſtanden und den Schuß auf den Hofmar⸗ ſchall in einer Entfernung von wenigen Schritten, gerade als dieſer im Begriff war, auf die Thüre zuzugehen, abgefeuert hat. Bei der ſchärfſten Durchſuchung der Gebäude, Wege, Gärten und Büſche ringsum fand man nichts Verdäch⸗ tiges, weiter am wenigſten Etwas, worauf man vorzugs⸗ weiſe ſein Augenmerk hatte: das etwa auf der Flucht vom Mörder weggeworfene Mordwerkzeug. Bei der Beſichtigung der blutgetränkten Kleidungs⸗ ſtücke des Ermordeten ergab ſich eben nichts weiter, als daß die Kugel vorn durch die Bruſt gedrungen und durchs Schulterblatt hinausgegangen war, daß ſie aber aus einiger Entfernung abgefeuert ſein müſſe, da an den Rändern der Löcher keine Brandſpuren zu ermitteln waren. Andere vernommene Zeugen, wie die Frau des Gar⸗ teninſpectors Buttmann und deſſen Angehörige, bekun⸗ deten nichts, was irgend auf eine Lichtſpur hinſichts des Thäters hätte führen können. Nur die Dienſtmagd deſſelben, Roſine Sauerbrei, erinnert ſich, daß ſie an einem Abende gegen 9 Uhr, in der vorhergehenden Woche, in der Nähe der Meierei und unweit derſelben, als ſie eben aus der Stadt zurückgekehrt ſei, ſchon einen Schuß gehört habe; es ſei ihr hierauf ein kleiner jun⸗ ger Menſch mit einem kurzen Gewehr begegnet, den ſie aber nicht erkannt habe. Bis jetzt war alſo die Aufmerkſamkeit nur auf eine Schattenerſcheinung gelenkt, noch war vor Gericht nicht einmal ein bloßer Verdacht gegen eine lebende Perſon ausgeſprochen, als am frühen Morgen nach der Mord⸗ nacht, aus dem Munde eines elfjährigen Mädchens, ei⸗ ₰ ne in — Die Ermordung des Hofmarschalls von Winutoli. 141 nes Kindes, zuerſt ein Name genannt wurde, der bald in den Acten figuriren ſollte. Als nämlich an dieſem Morgen die verwittwete Dr. Heſſe ihre Tochter Ida weckte und ihr die Nach⸗ richt mittheilte, daß geſtern Abend der Hofmarſchall er⸗ ſchoſſen worden wäre, rief Jene ſofort aus:„das hat gewiß der Mylius gethan, ich ſah ihn geſtern mit einer Flinte.“ Der Mutter ſchien dieſe Ausſage ſo wichtig, daß ſie mit ihrer Tochter zum Unterſuchungsrichter ging, wo dieſe Fol⸗ gendes ausſagte: Sie wäre geſtern Abend, etwa 5 ½ Uhr, von einem Beſuche bei ihrer Tante, der Garteninſpector Buttmann, zurückgekehrt, und an der Meierei vorüber⸗ gehend, habe ſie den Mylius mit einer Flinte, ſo groß wie er ſelbſt, aus dem Gebüſche hervorſpringen ſehen. Dieſer habe nach den Fenſtern des Hofmarſchalls hinauf⸗ geſehen und als er ſie gewahr worden, wäre er ſchnell ins Haus deſſelben hineingelaufen. Eine andere wichtige Ausſage gibt der ſechzehnjährige Gärtnerlehrling Ernſt Hausmann, Sohn des Auf⸗ ſehers am ſtädtiſchen Friedhofe, freiwillig zu Protokoll. Dieſe lautet: „Vorgeſtern Abend, es wird ungefähr 7 Uhr ge⸗ weſen ſein, ging ich mit meinen beiden Kameraden, dem Adam Terks und Ferdinand Lenzer, welche eben⸗ falls hier in der Lehre beim Herrn Garteninſpector Buttmann ſtehen, nach der Stadt zu. Als wir drüben an der Wohnung des Herrn Hofmarſchall vorbeikamen, ſtand der Bediente deſſelben, Heinrich Mylius, an der Thüre, fragte uns, wohin wir wollten, und als wir ihm antworteten: in die Stadt, ſagte er: da gehe ich auch mit. Auf dieſem Wege erzählte uns nun derſelbe, daß er entſchloſſen ſei, wenn ihn ſein Herr noch ein mal prügeln würde, ihm gleich einen Stoß zu geben, daß 142 Die Ermordung des Hofmarschalls von Minutoli. er niederſtürzen würde. Dann ſagte er: er wolle ihn lieber erſtechen; noch ſpäter erklärte er: es ſei noch beſſer, wenn er ſich heimlich einmal hinauf in ſeine Kammer ſchleiche, und ihn dann im Bette erſchießen würde. Dabei meinte er: wenn er nur eine Piſtole hätte. Hierauf erwiederte der Ferdinand Lenzer, daß er ein Piſtol habe, worauf ihn dann der Mylius ſehr anlag, ihm das Piſtol zu geben, wogegen ſich aber der Lenzer immer weigerte. „So waren wir ungefähr bis an den Sächſiſchen Hof(das erſte Gaſthaus in Meiningen und in der Vorſtadt gelegen) gekommen, und er erzählte alsdann weiter, aber viel leiſer als er anfangs geſprochen hatte: daß er ſich noch einen Plan gemacht habe, er wolle näm⸗ lich dem Herrn Hofmarſchall, wenn er Abends nach Hauſe gehen werde, an der hintern Hausthüre aufpaſſen, dann aufihn ſchießen, durch die hin⸗ tere Thüre wieder ſchnell ins Haus zurückeilen, zur vordern Hausthüre herauslaufen und dann nach ihm fragen, überhaupt ſich ſo ſtellen, als wenn er von der ganzen Sache garnichts wiſſe. Oder er wolle ſich in dem Bosket, welches ſich an der Seite der Wohnung des Herrn Hof⸗ marſchalls befinde, verſteckt halten und dann auf den Hofmarſchall, wenn er nach Hauſe ge⸗ hen werde, ſchießen, hierauf laufe er dann vorn um das Haus herum auf die hintere Seite, als wenn er von garnichts wiſſe. Da wir dieſe Sachen, trotzdem ſie der Mylius mit großem Ernſt erzählte, doch für Spaß hielten, riethen wir ihm zwar von dergleichen dummem Zeug ab, bekümmerten uns aber nicht weiter um die Sache. „Seine Bekanntſchaft beſteht vorzugsweiſe aus einem gewiſſen Wagner, Sohn des Dachdeckermeiſter Wag⸗ ner nan hab Y —— Die Ermordung des Hofmarschalls von Mlinutoli. 143 ner, der ihn häufig beſuchte; wie er aber mit dem Vor⸗ namen heißt, weiß ich nicht. Vorgeſtern und geſtern habe ich ihn nicht in der Meierei geſehen.— Heute Morgen erzählte mir der Adam Terks noch Folgendes: „Der Heinrich Mylius habe ihm nämlich geſagt: wenn er einmal hören werde, daß der Herr Hofmar⸗ ſchall geſchoſſen worden ſei, ſo wiſſe er nun, von Wem es geſchehen.“ Nachdem der Verdacht einmal eine beſtimmte Rich⸗ tung erhalten, fehlte es nicht an Zeugen, welche das Ihrige beitrugen, ihn zu bekräftigen. Die Magd Rofine Sauerbrei, nochmals vernom⸗ men, gab jetzt an: vorigen Herbſt habe ein gewiſſer Hein⸗ rich Kubitz als Tagelöhner im Engliſchen Garten ge⸗ arbeitet, der ſich in Schmalkalden ein Piſtol gekauft. Das habe der Mylius erfahren, der deshalb in den Stall gekommen ſei, wo ſie eben mit dem Kubitz und dem Knecht Sebaſtian Römhild geweſen, und habe dem Kubitz das Piſtol abkaufen wollen; ſie habe aber dieſem abgerathen, es zu verkaufen, und den Mylius ge⸗ fragt, was er damit machen wolle? worauf er zwar keine Antwort gegeben, der Kubitz aber auch das Piſtol nicht hergegeben habe. Die Zeugin wollte auch des Wagner Sohn, auf den nun auch der Verdacht gelenkt war, geſtern in der Meierei geſehen haben. Nun ward auch der von Hausmann genannte Mit⸗ zeuge, der Gärtnerburſche Adam Terks, herbeigezogen, er beſtritt aber weder, noch beſtärkte er Hausmanns Angaben, denn er habe dem Geplauder auf dem Wege, da er etwas getragen, nicht ordentlich zugehört und das Ganze für Scherz gehalten. Nachdem man noch in Vernehmung gebracht, daß Mylius vorgeſtern von einem Juden(Meyer Popper) ——— 144 Dit Ermordung des Hofmarschalls von Mlinutoli. ein Piſtol borgen wollen, mit dem Verſprechen, es ihm morgen wieder zu bringen, worauf dieſer nicht eingegan⸗ gen, ſchritt man zur Gefangennahme des Mylius ſelbſt. Aber auch zugleich zu der ſeines Vertrauten Wagner, der ſich oft arbeitslos herumgetrieben hatte und ſonſt in den ärmlichſten und drückendſten Verhältniſſen lebte. Bei ſeiner Arretirung fand man in ſeiner Taſche et⸗ was Pulver, Schrot und ein Ladmaß, oder eine neue blecherne Patrone. Später fand man bei Durch⸗ ſuchung der Taſchen des Mylius in einer derſelben eine nicht ganz ausgegoſſene Büchſenkugel.— Mylius, wie hinterher vermerkt ward, war in der Mordnacht drei mal in die Apotheke geſchickt worden, um Medicamente für den Verwundeten zu holen, und hatte jedesmal dabei einen Schnapps genommen, um ſich Muth zu trinken. Nachdem der Garteninſpector Buttmann in einem Geſpräch unter vier Augen Mylius zum Bekenntniß zu bringen, jedoch vergeblich verſucht, indem dieſer die Schuld auf einen Andern ſchob, erbat ſich der Gefangene ſelbſt ein Verhör, in welchem er folgende Ausſage machte: „Geſtern Abend gegen 7 Uhr gab mir der Herr Hofmarſchall an den Pfarrer in Steinbach einen Brief und ſagte zu mir: im Hirſch logirt der Kaufmann Malſch aus Steinbach, dem gibſt du ſolchen zur weitern Be⸗ ſtellung. Auf dem Hinwege begegnete mir der Sohn des Dachdecker Wagner, Kasparz er kam gerade vom Exerciren, da er Bürgergardiſt iſt. Er redete mich an und ſagte zu mir:„Heinrich, heute Abend habe ich was im Schilde, und das thue ich mit Gottes Hülfe.“ Ich ging darauf in den Hirſch, beſtellte meinen Brief und nahm dann auf dem Rückwege die Zeitungen von der Poſt mit. Weiter weiß ich nichts. Warum ſollte ich den Herrn Hofmarſchall erſchoſſen haben, er hat mir li. ihm egan⸗ ſelbſt. gner, ſonſt lebte. e et⸗ eine urch⸗ eine wie eim te fir dabei inken. einem tniß e die ngene tachte Herr Brief alſch mBl⸗ Sohn e vom ich an h wo ife⸗ Brif n von ſolte ot nit Die Ermordung des Hofmarschalls von Minutoli. 145 ja nichts gethan, und daß er ſtrenge gegen mich war, das danke ich ihm heute noch.“ Auf die Frage, was Wagner damit habe ſagen wol⸗ len? antwortete er:„Das weiß ich auch nicht; ich fragte ihn, was willſt du denn machen? und da antwortete er mir: Das wirſt du ſchon ſehen!“— Was glaubſt du denn aber, was Wagner damit habe ſagen wollen? „Was ſoll ich glauben? Da nun das geſtern vorgekom⸗ men iſt, ſo ſoll ich es gethan haben! Aber mein Herz iſt rein, da kann ich einen Eid zu Gott ablegen; und es wird auch noch herauskommen, wer es gethan hat. Sie werden auch noch ſehen, Herr Aſſeſſor, daß ich un⸗ ſchuldig bin.“ Auf weiteres Befragen ſetzte er hinzu:„Ich habe daraus genommen, daß der Wagner nichts Gutes im Schilde führe; auch hat er noch geſagt, daß er erſt noch einmal trinken wolle, um Hitze zu kriegen.“ Mylius wollte die Bekanntſchaft Wagner's vor vier Jahren in Glücksbrunn gemacht haben; auch habe dieſer bei ſei⸗ nen Aeltern logirt. Als er, Mylius, hierher in Dienſt gekommen, habe er die Bekanntſchaft mit Wagner er⸗ neuert. Der Garteninſpector habe ihn vor deſſen Um⸗ gang gewarnt und geſagt, es ſei ein böſer Junge; auch ſein Herr habe ihm dieſen Umgang verboten, und als trotzdem ihn der Wagner wieder beſucht und ſein Herr in die Stube herabgekommen ſei, wo er dieſen getroffen, habe er ihn einen Bengel genannt und geſagt, wenn er wieder käme, ſo würde er beide zum Hauſe hinaus⸗ jagen. Mylius ſetzte trotzddem den Umgang mit Wagner heimlich fort. Als Mylius einmal aus Schwäche auf einen Stuhl ſank, entging dem Unterſuchungsrichter nicht, daß ein mächtiger Kampf in ſeinem Innern vorging. XXIV. 7 146 Die Ermordung des Hofmarschalls von Minutoli. Er benutzte den Augenblick und ermahnte ihn in ru⸗ higen ergreifenden Worten, die Wahrheit offen zu ge⸗ ſtehen„um ſein Gewiſſen vor Gott und den Menſchen zu erleichtern.“* Die Bruſt des Verhörten wogte mächtiger und end⸗ lich brach er in die Worte aus:„Der Wagner hat ihn erſchoſſen!“ Nach einer Pauſe ermahnte ihn der Unterſuchungs⸗ richter nicht auf halbem Wege ſtehen zu bleiben. My⸗ lius gab nun an: „Vor 9 Uhr beſchäftigte ich mich mit dem Röſten des Milchbrotes und ſaß zu dem Zwecke in der Küche am Ofenloch. Um 9 Uhr ging ich ein mal herüber auf das Appartement und darauf wieder in meine Stube, ich ſah da bei dem Herrn Garteninſpector noch Licht und hörte auch meinen Herrn ſprechen oder leſen. Um 10 Uhr pochte es an dem hintern Fenſter, ich ſah hinaus und da war der Wagner draußen und ſagte zu mir: Heinrich, paſſe auf, wenn es einen Knall thut!— Ich ging dann in die Küche zurück; mein Brot war etwas verbrannt, ich ſchabte es ab, und wie ich fertig war, hörte ich einen Knall. Ich ſprang darauf heraus, hörte meinen Herrn ächzen und ſah ihn nach der Woh⸗ nung des Herrn Garteninſpectors zulaufenz ich ſah aber ſonſt Niemanden weiter. Ich lief auch ſogleich hinüber, da kam mir der Herr Garteninſpector entgegen und ſchickte mich ſogleich zum Herrn Kehlhof.“„. „Ich weiß weiter nichts“, ſagte er nach einer Pauſe;„ich habe Alles angegeben. Ich geſtehe ja Alles; wenn ich etwas vergeſſen habe, ſo ſagen Sie mir es doch!“ 2 Auf nochmalige Auffoderung ſtieß er indeſſen die Worte aus:„Der Junge hat den Herrn geſchoſſen, er oli. nru⸗ u ge⸗ ſchen end⸗ ihn ungs⸗ öſten Küche rüber tube, Licht Um ſoh te zu war ſertig raus, Woh⸗ abet über, und einer lles it es die , er ——— Die Ermordung des Hofmarschalls von Minutoli. 147 kann es nicht leugnen und wird es auch nicht wollen, ich will es ihm ſonſt ſchon beweiſen. Er hat es zu mir geſagt, daß er ihn bei einer paſſenden Gelegenheit erſchießen werde. Sie werden ſehen, Herr Aſſeſſor, wenn Sie ihn fragen, daß ich Ihnen keine Lüge vor⸗ mache.“ Als Mylius zum dritten mal aufgefodert wurde, ſagte er: „Der Junge hat den Herrn erſchoſſen, er hat es mir vorher ſchon geſagt, daß er ihn bei paſſender Ge⸗ legenheit erſchießen wolle. Auch hat er noch geſagt: Wenn er bemerkte, daß ihn Jemand deswegen holen wollte, ſo ginge er lieber ins Waſſer, ihn kriege Nie⸗ mand.“ Der Gärtnerlehrling Ferdinand Lenzer, ſiebzehn Jahre alt, war, wie wir oben erwähnt, mit Hausmann, Terks und Mylius an jenem Abend nach der Stadt gegangen, wo letzterer die verfänglichen Aeußerungen über ſeinen Herrn that. Als Zeuge vernommen, beſtätigte er im Allgemeinen das, was jener Hausmann ſchon angegeben. In Bezug auf ſeine Piſtole ſagte er: Der Mylius habe ihn gebeten, ihm dieſe zu borgen, er wolle ſeinen Herrn damit erſchießen. Da er dies für Spaß gehalten, habe er darüber gelacht und geſagt: er ſolle nicht ſo dummes Zeug ſchwatzen! Als er nun von ſeinen Mord⸗ plänen weiter geſprochen, habe er noch die Aeußerung gethan:„Wenn einmal mein Herr erſchoſſen iſt, ſo ſind dann ſeine Kleider und Stiefeln mein, dann ſoll Jeder von Euch auch ein Stück⸗ chen davon bekommen!“— Der Mylius ſagte auch noch, er habe ſchon einmal mit Jemanden mit einem großen Gewehr den Verſuch gemacht, nach dem Hof⸗ marſchall zu ſchießen, es wäre aber nicht gegangen, 7* 148 Die Ermordung des Hofmarschalls von Minutoli. weil er ein ſo großes Gewehr nicht hätte verbergen können.“ Erſt am nächſten Tage ſchritt man zur Vernehmung des mitgefangenen Kaspar Wagner, der erſt geſtern ſein neunzehntes Jahr angetreten hatte. Er leugnete jede Betheiligung an der Mordthat. Auf Befragen gab er im Allgemeinen an: Am 5. April, dem Tage vor dem Mordabend, ſei er bis Nachmittags 4 Uhr im Tage⸗ lohn geweſen, dann zu einem Metzger gegangen, dem er im Garten geholfen, habe dort zu Abend gegeſſen und zwiſchen 7 und 8 Uhr ſei er von dort weg und ſpazieren gegangen. Er ſei durch den Engliſchen Garten und an der Wohnung des Hofmarſchalls vorüberge⸗ gangen, wo ihn deſſen Bedienter Mylius hineingerufen habe und er bei dieſem bis ½ 9 Uhr geblieben ſei. Dann wäre er nach Hauſe zurückgekehrt und habe ſich zu Bette gelegt, was gerade um ½ 9 Uhr geweſen wäre. Sein Vater wie auch ſeine Geſchwiſter könnten darüber Zeugniß ablegen. Er wäre von dieſen noch gefragt worden: wie viel Uhr es ſei? Da hätte er ge⸗ antwortet: es habe eben ¾ 9 Uhr geſchlagen. Er wäre darauf noch mit dieſen bis um 9 Uhr aufgeblieben. Auf Befragen über ſeinen Beſuch in der Meierei gab Wagner an: Er kenne den Mylius und habe ihn ſchon mehrmals dort beſucht, wo ihn auch der Hof⸗ marſchall ſelbſt mehrmals geſehen habe. An jenem Abende habe Mylius Brot geröſtet und Theewaſſer für ſeinen Herrn heiß gemacht. Sie hätten zwar mit einander geſprochen, was aber, das könne er nicht mehr angeben, er habe kein Augenmerk darauf gelegt. Er ergen ung ſtern jede b er dem age⸗ dem eſſen und rten rge⸗ ufen ſei. ſch ſen nten Die Ermordung des Fofmarschalls von Minutoli. 149 ſelbſt habe weiter nichts gethan und Mylius, außer der Zubereitung des Obigen, auch nichts. Wagner ſuchte den fernern verfänglichen Fragen des Unterſuchungsrichters auf das Kürzeſte und Be⸗ ſtimmteſte auszuweichen, namentlich wollte er den My⸗ lius an jenem Abende, als er vom Exerciren heimge⸗ gangen, nicht auf der Straße geſehen haben. Am folgenden Morgen fand die Obduction der Leiche ſtatt. In der Bruſthöhle fand man die Kugel durch den rechten Bruſtmuskel gedrungen, und, die ſechſte Rippe verletzend, war ſie, das Herz nicht verletzend, im Uebri⸗ gen im normalen Verlauf durch den Körper gedrungen. Auch bei der Oeffnung der übrigen Körpertheile fand man alle Organe normal und im geſundeſten Zuſtande. Das Reſultat war:„Der Verwundete iſt durch die Schußwunde und die damit verbundene Verwundung geſtorben. Die Verletzung iſt abſolut tödtlich.“ Am ſelben Tage fand eine Arbeiterin beim Harken durch den Raſen und die Boskets des herzoglichen Gar⸗ tens, da wo der alte Friedhof geſtanden, ein dort ver⸗ ſtecktes Gewehr, was, aller Wahrſcheinlichkeit nach, der Mörder hier nach Verübung der That fortgeworfen hatte. Zugleich wurde die Bedientenſtube in der Meierei durchſucht. In dieſer ſtand rechts vom Eingang ein Schrank. Zwiſchen dieſem und der Wand war ein blecherner Eßlöffel eingezwängt, in welchem offenbar Blei durch Feuer flüſſig gemacht worden war, denn auf der einen Seite zeigten ſich noch Reſte geſchmolze⸗ nen Bleies und außen Ruß. In einem an der Wand hängenden Mantel, den Mylius trug, fand man in der einen Seitentaſche 2. 150 Die Ermordung des Hofmarschalls von Minutoli. eine eiſerne Kugelform. Auf dem zweiten Schrank neben dem Bett lag eine kleine Partie Werg. Auf dem dritten Schrank, dem Kleiderſchrank, fand man eine blecherne leere Patrone. Sonſt fand ſich hier nichts. Die ganze Familie Wagner traf ein ernſter Ver⸗ dacht. Am 7. April wurde deshalb Erneſtine Wag⸗ ner, Schweſter des Kaspar, eine Tagelöhnerin und zwanzig Jahre alt, über die Vorgänge in ihrer Wohnung während der Nacht vom 5. zum 6. April befragt. Ihre erſte Ausſage war: „Am Mittwoch habe ich im Tagelohn gewaſchen und bin erſt gegen ½ 8 Uhr Abends nach Hauſe ge⸗ fommen. Es war kein Licht in unſerer Stube und als ich eintrat, ſtieß ich an einen Fuß und fragte: wer da ſei? worauf mir geſagt wurde: es ſei der Kaspar. Ich brachte etwas zu eſſen mit und wollte mit meinem Bruder theilen; allein er lag hinter dem Ofen und ſchlief ganz feſt, er war durchaus nicht zu ermuntern. Dann ging ich hiuüber zum Metzger Leiſter und holte Wurſtſuppe.— Mein Bruder Kaspar iſt an jenem Abend gar nicht aus dem Hauſe gekommen, ſondern hat bis zum Morgen fortgeſchlafen. Außer mir war mein jüngerer Bruder Karl, meine Schweſter Anna und mein Vater zu Hauſe, auch war mein dreijähriger Bruder noch da. Ich bin immer munter geweſen und auch meine übrigen Geſchwiſter; mein Vater kann ſo nicht ſchlafen, denn er iſt ſchon lange an der Auszeh⸗ rung krank und leidet am Sticken. Um ½ 9 khr habe ich mich niedergelegt.“ Auf die wiederholte Frage: wo ihr Bruder Kaspar am Mittwoch Abend geweſen ſei? antwortete dieſelhe: l. Die Ermordung des Hofmarschalls von Minutoli. 151 chrank„Ja wohl, am Mittwoch! Es verhält ſich Alles ſo, Luf wie ich angegeben habe.“ man Beim weitern Verhör gerieth ſie ſchon in einige ichts. Widerſprüche: ihr Bruder Kaspar ſei gegen 9 Uhr auf⸗ gewacht und habe eine Suppe mit ihr gegeſſen, die ſie mitgebracht. Aber dieſer habe ſich gleich darauf wieder niedergelegt und geſchlafen. Auch ſie ward jetzt verhaf⸗ Fag⸗ tet. und Ihr Bruder Chriſtian Wagner, Schuhmacher⸗ nung lehrling, ſechzehn Jahre alt, der beim Schuhmacher Braun tagt. in Lehre ſtand, erklärte, daß er im Hauſe ſeines Lehr⸗ herrn ſchlafe, und auch am Mittwoch nicht in der Woh⸗ ſchen nung ſeines Vaters geweſen ſei, denn es ſei ihm über⸗ ge⸗ haupt vom Oberbürgermeiſter verboten worden, zu dieſem als zu gehen. wer Sein dritter Bruder, Karl Wagner, vierzehn Jahre par. alt, ſagte aus: inem„Mein Bruder(Kaspar) iſt am Mittwoch Abend und von 7 Uhr an ununterbrochen zu Hauſe geweſen; er ten. lag hinter dem Ofen und ſchlief bis 12 Uhr und noch holt länger. Ich habe mich ſchon um 6 Uhr ſchlafen gelegt. nen Ich bin um 7, um 8 und um 9 Uhr aufgewacht, ich der habe wenig geſchlafen und da lag mein Kaspar immer war noch hinter dem Ofen.“ nna Auf die Frage: woher er das wiſſe? antwortete er: iger„Ich habe ihn gefragt: Kaspar, liegſt du noch da? und und da ſagte er: Ja!“ nſt Auf die Bemerkung: daß ſein Bruder ſelbſt ange⸗ zeh⸗ geben habe, er wäre zu jener Zeit nicht zu Hauſe ge⸗ r weſen, erwiedert der kleine Zeuge: „Da weiß ich nichts davon, er iſt immer zu Hauſe n geweſen.“ 3 Als er auf noch dringendere Weiſe gemahnt wurde, 8 152 Die Ermordung des Hofmarschalls von Minutoli. nicht mehr zu lügen, und ebenſo trotzig äußerte:„Nein, es iſt ganz gewiß wahr!“ mußte auch dieſer Knabe in Verhaft gebracht werden. Anna Wagner, die achtjährige Schweſter der vorigen, ſagte: „Ich habe mich vorgeſtern um 10 Uhr ſchlafen ge⸗ legt, und alle meine Geſchwiſter auch; ſie ſind erſt um 10 Uhr nach Hauſe gekommen, ſie waren zu Spill*) gegangen. Mein Chriſtian beim Schuhmacher Braun und meine Erneſtine waren bei den Hausleuten.“— Da indeß das Kind, was wol begreiflich, gar keinen klaren Begriff von der Sache zu haben ſchien, mußte man ſie wieder entlaſſen. Das Gericht verfügte ſich ſelbſt in die Wohnung des Dachdecker Wagner, der wegen Kränklichkeit nicht ausgehen konnte. Seine Ausſage lautete: 3 „An letzvergangener Mittwoch iſt mein Sohn Kas⸗ par gegen Abend nach Hauſe gekommen, hat ſein Ge⸗ wehr geholt und iſt mit demſelben zum Exerciren ge⸗ gangen. Später kam er nach dem Exerciren wieder nach Hauſe und ging dann hinüber zu dem Metzger⸗ meiſter Leiſter; wann er aber von da wieder nach Hauſe gekommen iſt, kann ich ſo genau nicht ſagen; es kann zwiſchen 8 und 9 Uhr, aber auch ſpäter geweſen ſein. Mein Sohn iſt aber zu Hauſe geweſen und hat auch die Nacht in meiner Stube zugebracht. Zuletzt iſt meine Tochter Erneſtine nach Hauſe gekommen. Wie mein Sohn nach Hauſe gekommen iſt, habe ich nicht *) Spill, ein Provinzialismus, bedeutet ſo viel als abend⸗ liche Zuſammenkunft oder Geſellſchaft. . Rein, e in der ge⸗ um 1*) raun inen ußte ung icht as⸗ ge edet get⸗ auſe unn ein. uch ſt Pie icht „ end⸗ Die Ermordung des Hofmarschalls von Minutoli. 153 ſchlagen hören, habe ihn auch nicht nach der Zeit ge⸗ fragt, noch hat er mich danach gefragt. „Mein Sohn hat hinter dem Ofen geſchlafen, wo überhaupt meine Kinder zu ſchlafen pflegen(dieſer Platz mißt in der Breite fünf bis ſechs Fuß). Ein Licht brennen wir am Abend nicht. Ich habe vielleicht auch am Mittwoch um dieſe Zeit ein wenig geſchlafen.“ Man war hier in die Wohnung einer der ärgſten Proletarierfamilien gekommen. Die Luft darin war ſo verpeſtet und ſtinkend, daß man das Protokoll hier nicht fertig ſchreiben konnte, weshalb man ſich in die nicht weit davon liegende Wohnung eines Kreisgerichts⸗ referendars begab und es dort fertig ſchrieb. Des alten (48 Jahr) Wagner Geiſteskräfte ſchienen in Folge ſeiner Krankheit ſehr gelitten zu haben, weshalb auf ſeine Ausſagen kein beſonderes Gewicht gelegt werden konnte. Aber am Abend deſſelben Tags läßt ſich Erneſtine Wagner freiwillig an Gerichtsſtelle melden. Vorgelaſſen und zur Ausſage der Wahrheit aufgefodert, gab ſie jetzt Folgendes an: „Ich will Ihnen, Herr Aſſeſſor, die Wahrheit ſagen. Um ½ 8 Uhr bin ich von der Frau Inſpector N—, bei der ich die Aufwartung habe und bei der ich geſtern mit Waſchen beſchäftigt war, nach Hauſe gekommen. Mein Bruder Kaspar iſt nicht zu Hauſe geweſen; ich brachte etwas Salat mit, und den aßen wir dann. Mein Vater war noch munter, auch meine Schweſter Anna; mein Bruder Karl ſchlief. Da ich ſehr müde war, habe ich mich ungefähr um ½ 9 Uhr ausgezogen und niedergelegt. Meinen Bruder Kaspar habe ich nicht nach Hauſe kommen hören; als ich aber am Morgen aufgeſtanden bin, es war ungefähr 154 Die Ermordung des Hofmarschalls von Minutoli. ½ 7 Uhr, war er zu Hauſe, lag hinter dem Ofen und ſchlief.“ — Warum dieſe Angabe nicht gleich vorher ge⸗ macht? „Ich will Ihnen die Wahrheit ſagen. Mein Bruder Karl hat zu mir geſagt, wie wir da zum Kreisgericht hereingegangen ſind, ich ſolle ſagen, der Kaspar ſei zu Hauſe geweſenz allein er hat mir nicht geſagt, wa⸗ rum ich ſo ausſagen ſoll.“ Karl Wagner, der ſich ebenfalls freiwillig zum Verhör meldete, ſagte in ähnlicher Art:„Ich will Ihnen die Wahrheit ſagen, Herr Aſſeſſor. Ich habe vorgeſtern am Abend geſchlafen und da weiß ich es nicht ganz gewiß, ob mein Kaspar zu Hauſe geweſen iſt oder nicht.“ Auf Vorhalt der Depoſition ſeiner Schweſter er⸗ widerte er: „Das iſt nicht wahr, daß ich zu meiner Schweſter, als wir miteinander ins Kreisgericht gingen, geſagt hätte, ſie ſollte ſagen, der Kaspar wärs zu Hauſe ge⸗ weſen.“ Der Handelsjude Meyer⸗Popper von Dreißigacker, als Zeuge über den Handel wegen einer Piſtole, von der oben erwähnt iſt, vernommen, bemerkte nur, daß ihm die Art und Weiſe des Mylius aufgefallen wäre, als er in ihn gedrungen, ihm das Piſtol zu borgen. Da⸗ gegen wußte er aber, wie man vielleicht erwartet, nichts über das am Friedhof aufgefundene Gewehr an⸗ zugeben. Er, mit Gewehren handelnd, hatte ein ſolches nie in Händen gehabt. Der Rathswirth Henkel, ein nächſter Zeuge, bekundete über die Ankunft des Mylius in der Nacht vom Mittwoch auf den Donnerstag:„Um 12 oder oli. Die Ermordung des Hoſnarschalls von Minutoli. 155 und 1 Uhr, oder noch ſpäter kam ein kleiner, junger Menſch hinauf ins Rathhaus in die Bürgerwehrſtube. Ich t ge⸗ erfuhr da, daß es der Bediente des Herrn Hofmar⸗ ſchalls ſei. Es ging da wegen der Nachricht des Vor⸗ ruder falls in der Meierei ſehr lebhaft zu, und da habe ich ericht mich nicht ſo um die Zeit bekümmert und kann daher n ſei nicht genau angeben, wann jener Menſch in die Wach⸗ „wa⸗ ſtube gekommen iſt. Er verlangte von mir ein Glas Schnaps, was ich ihm auch gereicht habe, und zwar jum war es ein großes, weil er ein ſolches verlangte. Er will trank es bis auf einen Trunk aus und ging dann, habe nachdem er ſich ungefähr eine halbe Viertelſtunde auf ch es der Wachſtube aufgehalten hatte, wieder weg. Kurze veſen Zeit darauf— es werden 10 Minuten geweſen ſein,— kam er wieder und verlangte noch ein Glas Schnaps. Ich hatte gerade keinen mehr oben und ſagte daher zu ihm, er ſolle doch erſt ſeinen erſten austrinken; allein er wollte durchaus einen friſchen haben; da ich aber ſt keine Anſtalten machte, einen ſolchen zu holen, ſo trank er den erſten aus und entfernte ſich dann, nachdem er ſich wieder ungefähr eine kleine halbe Viertelſtunde da⸗ ſelbſt verweilt hatte. Aufgefallen iſt⸗es mir, daß ſich er⸗ ſter, — der Junge ſo in der Stube umgeſehen hat; er riß tr ſeine Augen ganz weit auf.“ as Mylius war in der Nacht vom 5. zum 6. April Do⸗ von der Meierei aus zum Gerichtsdienergehülfen Lucas geſchickt worden, um dieſen zu holen. Er blieb „ auffällig lange aus. Aus Lucas und andern Zeugen * ging nur ſoweit Verdächtigendes hervor: daß Mylius, l als er den Lucas aus dem Schlafe rief, denſelben ge⸗ beten: wenn er gefragt werde, möge er nur ſagen, daß — er(Mylius) ſehr lange habe pochen müſſen; daß er ihm, . dem Lucas und einem andern Bürgerwehrmann, einen — ————————˖̃ 2— ——— —*— ————ͤ———————— . — 156 Die Ermordung des Hofmarschalls von Minutoli. Schnaps geboten; daß er(Mylius) den Verdacht der MWordthat auf einen dritten Mann zu werfen geſucht; und endlich, daß er aus freien Stücken geſagt: daß es gut ſei, daß der Hofmarſchall nun fort ſei,„er habe ihn ja genug maltraitirt.“ Der Wagnerſchen Familie mußte viel darum ſein, den Alibibeweis ihres verdächtigten Sohnes und Bru⸗ ders, Kaspar, zu führen. Mehrmals meldeten ſich daher ihre Mitglieder freiwillig, um, wie ſie ſagten, die volle Wahrheit zu bekennen. Ihre halben Ausſagen und die kleinen Umſtände, deren ſie plötzlich ſich ent⸗ ſannen, zeigten aber weniger ihre Wahrhaftigkeit als. ein künſtliches Klauben und Deuteln, das ſie in ihren eigenen Schlingen nur fing. So erklärte jetzt Karl Wagner: als ſein Bruder Kaspar vom Exerciren nach Hauſe gekommen wäre, habe er ſein Gewehr in die Ecke geſtellt. Vorher wäre der Bäcker H. dageweſen, der nach ſeinem Bruder verlangt habe, um von dieſem Mehl auf ein Dorf tragen zu laſſen. Als Kaspar zurückkam, habe er dem Bruder geantwortet: er könne nicht, und hierauf wäre der Kaspar weggegangen. Um 8 Uhr wäre der H. wiedergekommen, dem er geſagt, was ſein Bruder darauf geantwortet habe. Er habe ſich nun ausgezogen und ſchlafen gelegt, hätte aber ſo feſt geſchlafen, daß er nicht gehört, wann ſein Bruder nach Hauſe gekommen wäre. Als er am andern Mor⸗ gen aufgewacht ſei, hätte ſein Bruder Kaspar zum Fenſter hinausgeſehen und mit dem H. unten auf der Gaſſe geſprochen.— Feſt aber blieb Karl dabei, daß er ſeiner Schweſter nicht geſagt habe, ſie ſolle ausſagen, der Kaspar wäre zu Hauſe geweſen; das wäre nicht wahr. Kaspar Wagner, welcher darauf vorgeführt ward, — Die Ermordung des Hofmarschalls von Minutoli. 157 ſagte wie im geſtrigen Verhör. Doch ſei er auf dem Heimweg, nach 8 Uhr, im Engliſchen Garten dem Obergehülfen in der Gärtnerei, Namens Schröder, und ſpäter, in der Nähe der Stadt, noch zwei anderen Perſonen begegnet, die er in der Dunkelheit aber nicht erkannt habe.„Als ich nach Hauſe gekommen bin, habe ich mich ausgezogen und dann ſchlafen gelegt. Meine Schweſtern Erneſtine und Anna ſaßen am Tiſche und⸗ meine Brüder lagen hinterm Ofen; mein Vater lag auf dem Canapee. Sie fragten mich, namentlich meine Schweſter Efneſtine, wie viel Uhr es ſei? und da ſagte ich ½ 9 Uhr. Auch mein Vater wollte wiſſen, wie viel Uhr es wäre.“ Er blieb dabei, daß er ſich um 8 Uhr niedergelegt habe und ebenſo ſeine Schweſtern. Die Erneſtine habe ihn gefragt: wo er geweſen wäre? und darauf habe er geantwortet: ich bin bei Mylius geweſen. Daß er noch ſpäter in der Meierei geweſen wäre, verneinte er. Auf die Frage: ob er wiſſe, was dort paſſirt ſei? antwortete er: Ja! und gab folgende um⸗ ſtändliche Erzählung: „Am andern Morgen erfuhr ich, daß der Herr Hofmarſchall erſchoſſen worden ſei. Es ging nämlich der Johannes Müller, der das Pferd des Herrn Forſtauditor v. B— beſorgt, an unſerer Wohnung vorbei und ſagte es dem Schuhmacher B—. Ich habe auch zum Fenſter herausgeſehen und da habe ich es ge⸗ hört.“ — Ob er Niemand weiter darüber geſprochen habe? „Ein Bruder von dem Gärtnerlehrling Lenzer, der bei einer Compagnie Bürgergarde die Trommel ſchlägt, kam den Tag darauf zu mir und erzählte mir, daß er — 158 Die Ermordung des Hofmarschalls von Minutoli. durch die Bruſt geſchoſſen worden ſei, und daß die Kugel in der Waſchhausthür geſteckt habe.“ Der Gerichtsdiener und der Polizeiſergeant, die den Wagner arretirten, hatten ihm 30 Kreuzer Geld, den Hoſenträger und das Halstuch abgenommen, aber auch eine blecherne Patrone und zwei Papiertüten, worin in der einen etwas Pulrer, in der andern Schrote waren. Auf Befragen geſtand dies Wagner zu: er habe mit dem Meiſter Braun am Sonntag ſein Bürgergardengewehr probirt und dieſe Schießmaterialien wären hiervon die Ueberbleibſel. Das Pulver hatte er, nach ſeiner Ausſage, vom Kaufmann Schütz für 3 Kreuzer gekauft, die Schrote wollte er von einem Jungen, der beim Schießen geweſen wäre, erhalten haben. Die Ermittelung, woher das aufgefundene Schießge⸗ wehr gekommen, war bisdahin vergebens. Die Büchſen⸗ macher erklärten es als eine Arbeit, die weder im Ort, noch in den bekannten Nachbarfabriken gefertigt ſei. Die erwähnte Tochter der Doctor Heſſe, Ida, mußte die Stelle genau angeben, wo ſie den Mylius mit dem Gewehr geſehen hatte, auch ob ſie ſolches als das er⸗ kenne, was ſie bei Mylius geſehen habe? Sie erwiderte, daß ſolches in Größe und Form mit jenem ziemlich übereinſtimme; ob es aber daſſelbe ſei, könne ſie nicht genau angeben. Der Garteninſpector Buttmann gab noch Folgendes an: „Der Heinrich Mylius ſtand ſeit dem October vori⸗ gen Jahres in Dienſten des Herrn Hofmarſchalls. Ich habe mehrmals bemerkt, wenn ich Abends nach Hauſe ging, daß auf dem Zimmer des Mylius geſprochen wurde; auf eingezogene Erkundigung hin erfuhr ich toli. die ie den „den r auch worin chrote umer ſein ialien te et, für 3 einem alten eßge⸗ hſen⸗ Ort, ſei. mßte dem s et⸗ derte, mlich nicht ndes vori⸗ 356 auſe che ich Die Ermordung des Hofmarschalls von Minutoli. 159 dann, daß ein gewiſſer Wagner ihn häufig beſuche und daß dieſer Menſch nicht eben im beſten Rufe ſtehe. Der Herr Hofmarſchall hatte dies Verhältniß erfahren, und verbot ihm den Umgang mit dieſem Menſchen; allein es war dies ohne Erfolg, denn Mylius und Wagner haben ſich auch nach dieſem Verbot, wie ich gehört habe, häufig geſprochen, namentlich hat ihn auch Wagner ſpäter beſucht. Ich ſelbſt habe ihn wegen dieſes Umgangs einmal zur Rede geſetzt. Der Herr Hofmarſchall hat ſich mir gegenüber ſehr häufig über die Aufführung des Mylius beklagt, namentlich klagte er über die große Lügenhaftigkeit deſſelben und erzählte mir, um dieſes zu beweiſen, verſchiedene Fälle; er ſagte mir dabei, daß er deshhlb ſöhr häufig den Mylius ordentlich heruntergelegt habe, allein es ſchien nichts zu helfen. Er ſagte auch einmal demſelben in meinem Beiſein: daß er, wenn wieder das Geringſte vorfallen würde, ihn ſofort aus ſeinem Dienſte jagen werde.— Vor drei Wochen ungefähr ſagte er mir auch: daß er dem Mylius ein paar Ohrfeigen gegeben habe.“ Buttmann's Gattin ſagt Folgendes aus: „Ich ſelbſt habe den Mylius nie genauer beobachtet; nur vor mehren Wochen einmal beklagte er ſich bei mir darüber, daß ihn ſein Herr geſchlagen habe, er ließe ſich aber nicht wieder ſchlagen. Ich erwiederte ihm darauf: daß er noch ein junger Menſch ſei, der gezogen werden müſſe, worauf er weiter nichts äußerte. Der Herr Hofmarſchall hat ſich aber mir gegenüber häufig über die Lügenhaftigkeit des Mylius beklagt und mir da verſchiedene Fälle erzählt; auch daß er zwar wiſſe, wie Mylius in eine Unterſuchung wegen Diebſtahls verwickelt geweſen, und er ihn lediglich aus Mitleid in Dienſt genommen. Auch über ſeine Leichtfertigkeit in —— 160 Die Ermordung des Fofmarschalls von Minutoli. ſeiner Dienſtleiſtung hat er ſich immer beſchwert und mehrmals betheuert, daß Mylius, trotz dem er ihm ſchon ſo häufig geſagt, bei ſeinen Kleidern mehr Acht zu geben, niemals darauf Bedacht genommen habe.“ Nächſten Tags wurden die in der Stube des Mylius aufgefundenen verdächtigen Gegenſtände näher beſichtigt. Die im Schuppen aufgefundene und die bei Mylius gefundene Kugel paßten in die in der Stube bei MWylius vorgefundene Kugelform genau; beide waren daher jeden⸗ falls aus dieſer gegoſſen. Auch bemerkte man an der Kugel, die getödtet hatte, noch die Spuren von den Zügen der Büchſe, in welche ſie geladen worden war. Das erwähnte aufgefundene Gewehr iſt ein ſoge⸗ nannter Stutzer, mißt 2 Fuß 10 Zoll, der Lauf iſt gezogen und hat acht Züge; es iſt percuſſionirt, war aber früher jedenfalls ein Feuerſchloß, worauf die noch vorhandene Pfanne hinweiſt. Als man dieſes Gewehr auffand, war es nicht ge⸗ laden. Die vom p. Lucas aufgefundene Kugel paßte vollkommen in die Mündung deſſelben. Daſſelbe iſt alt und verroſtet. Am vierten Tage ließ Mylius ſich zu einer Ver⸗ nehmung melden: „Der Wagner hat wirklich“, ſagte er,„meinen Herrn erſchoſſen; einige Tage vorher ſagte er es mir ſchon, daß er ihn erſchießen wolle. Ich erwiderte ihm darauf: mir verſchlägt es nichts; aber paſſe einmal auf, es wird nicht gut und ich muß es anzeigen, wenn du ihn ge⸗ ſchoſſen haſt.“ Dabei brach er in Thränen aus und ſchluchzte. „Am letzten Freitag vor acht Tagen,“ fuhr er fort, li. und ihm Acht lius igt. lius lius den⸗ der den or. oge⸗ gen het ene ge ßte iſt zer⸗ rn on, uf: itd ge nd Die Ermordung des Hofmarschalls von Minutoli. 161 „beſuchte mich der Wagner Abends in der Meierei und da ſagte er zu mir: Mir geht das Ding immer noch im Kopfe herum, daß mich dein Herr ſo geſchimpft hat.— Mein Herr hatte mir nämlich den Umgang mit dieſem Wagner verboten. Eines Abends traf er uns demungeachtet wieder zuſammen, und bei dieſer Gelegen⸗ heit ſchimpfte er den Wagner einen Bengel. Dieſer ſagte ſpäter: ich putze ihn aus der Welt wegz paſſe einmal auf!— Ich erwiederte ihm jedoch darauf: wenn aber wegen dieſer That Verdacht auf mich fällt, ſo zeige ich es an, worauf er mir entgegnete: Das kannſt du, mich bekommt doch Niemand, eher gehe ich ins Waſſer; ich habe ja ſo nichts zu verlieren.— Der Herr Hofmarſchall hat den Wagner ungefähr vierzehn Tage vorher ſo geſchimpft.— Am Mittwoch Abend gegen 9 Uhr ging ich aus der Küche, wo ich mit Röſten von Brot beſchäftigt war, hinüber auf das Apparte⸗ ment. Als ich von demſelben wieder herüber in das Haus gekommen war, pochte Jemand an das hintere Fenſter; ich ſah hinaus und bemerkte draußen den Wag⸗ ner, der ein kurzes Gewehr anhängen hatte. Er ſagte zu mir: Paſſe einmal aufz heute geſchieht etwas, wenn es knallt. Ich ging in meine Küche zurück und ſchabte das Brot, da bei dem Röſten etwas davon verbrannt war, ab. Plötzlich geſchah dann der Knall.“ Auf Befragen, ob er den Wagner zwiſchen dem Freitag Abend und Mittwoch wieder geſehen habe: „Nein, weiter nicht;(nach einer kurzen Pauſe) doch, am Mittwoch Abend um 7 Uhr, auf der Bohle, wo ich gerade im Begriff war, einen Brief in den Hirſch zu tragen. Da ſagte er zu mir: heute führe ich etwas im Schilde und das thue ich in Gottes Namen, aber erſt muß ich einmal Schnaps trinken, damit ich Hitze kriege.“ 162 Die Ermordung des Hofmarschalls von Minutoli. Nach Auffoderung, anzugeben, wo der Wagner ge⸗ ſtanden, als er ihn an jenem Abend geſehen: „Er pochte vorne am Fenſter in meiner Stube und da hatte er ein kurzes Gewehr an einem Bindfaden oder Seilchen über der Achſel hängen und deckte das Schloß mit ſeinem Rock zu, denn es regnete an jenem Tage gar ſehr.“ Mylius wollte den Wagner nach jenem Abend nicht wieder geſehen und geſprochen haben. Als man ihm die eine unvollſtändig ausgegoſſene Kugel vorlegte und fragte: ob er dieſe kenne? antwortete er, nachdem er ſie lange betrachtet:„die Kugel iſt mein!“ — Woher er ſolche habe? „Ich habe im September oder December meinem Herrn Kugeln gießen müſſen und daher habe ich ſie.— Im Sep⸗ tember oder December habe ich ihm achtzehn oder neun⸗ zehn Kugeln gegoſſen. Er(der Hofmarſchall) ſelbſt hat mir die Anweiſung hierzu gegeben; ſie wurden unten in meiner Küche gegoſſen. Er ſelbſt ſchürte mir das Feuer dazu an, ſetzte dann ein beſonderes Gefäß darauf und that das Blei hinein. Daraus mußte ich es dann mit einem Löffel ſchöpfen und es in ſeine Kugelform gießen. Von den Kugeln muß mein Herr noch einige haben.“ — Ob ſein Herr ein Gewehr gehabt habe, woraus er Kugeln geſchoſſen? „Ja, er hat ein großes Gewehr, eine Doppelflinte.“ Dem Inhaftaten ward das aufgefundene Gewehr zur Recognition vorgezeigt: „So ein Ding war es.“ Nach Auffoderung: daſſelbe näher zu betrachten und zu ſagen, ob er es kenne, nahm er es in die Hand, betrachtete es und ſagte:„Ich kenne es nicht!“ Das frühere Dienſtmädchen des Verſtorbenen, die oli. et ge⸗ Stube faden edas enem nicht mihm eund em er errn Sep⸗ eun⸗ hat en in Feuer fund mit ießen. ben“ raus nte.“ wehr chten ndie cht.“ die Die Ermordung des Hofmarschalls von Mlinutoli. 163 erwähnte Marie Hirſch, die man aus dem Gefäng⸗ niß ſiſtirte, erfuhr jetzt zum erſtenmal von der Er⸗ mordung ihres ehemaligen Herrn. Auskunft über Dinge, welche ſie zur Sache bringen konnte, erhielt man aber von ihr nicht. Sie kannte nicht das Gewehr, wußte nichts von der Kugelform, aber daß der blecherne Löffel, in dem das Blei geſchmolzen worden, in die Küche gehört habe. Sonſt wiederholte auch ſie, daß Mylius Ohrfeigen von ſeinem Herrn am Neujahrstage erhalten, weil er wider das Verbot eine Lampe des Herrn angebrannt gehabt. Auch wußte ſie von Mylius: daß er in Schweina eine Geliebte gehabt, mit der er aber jetzt nicht ſehr gut mehr ſtehe. Erneſtine Wagner dagegen meldete ſich wieder zur Vernehmung und wollte diesmal Alles, wie es ſei, ſagen: „Ich will Ihnen die Wahrheit ſagen, laſſen Sie mich nur nach Hauſe.— Am Mittwoch Abend gegen ½ 8 Uhr bin ich von der Frau Inſpector N. nach Hauſe gekommenz ich fragte nach dem Kaspar und da ſagten mir meine Geſchwiſter, namentlich die Anna und mein Vater: er ſei nicht zu Hauſe. Ich habe mich dann ſchlafen gelegt und habe den Kaspar nicht nach Hauſe kommen hören. um ℳ 6 Uhr Morgens bin ich dann aufgeſtanden, um meine Aufwartung zu beſorgen, und da war der Kaspar zu Hauſe, aber er ſchlief nicht mehr. Gegen ½ 11 Uhr Vormittags bin ich dann wieder nach Hauſe gekommen; da kam gerade der Kas⸗ par aus dem Leiſter'ſchen Hauſe heraus und da fragte ich ihn: Kaspar, haſt du es denn auch ſchon gehört, daß der Herr Hofmarſchall erſchoſſen worden iſt? wo⸗ rauf er mir antwortete: Ja! den habe ich auf dem Gewiſſen! und erzählte mir dann weiter, daß er —— 5 8 5 — —————— a—————— ——————————————— — 164 Die Ermordung des Hofmarschalls von Minutoli. das Gewehr unter dem Kanal, der ſich unter dem Weg, der aus dem Gottesacker auf die Marienſtraße führt, verborgen habe. Weiter haben wir nichts miteinander geſprochen. Ich bin dann wieder meiner Aufwartung nachgegangen, und als ich Abends nach Hauſe gekommen bin, erzählte mir mein Vater, daß er Nachmittags einen großen Schreck gehabt habe; der Kaspar ſei auf die Fronveſte geholt, worauf ich nun erwiderte: das ſei auch Recht, wenn er ſo etwas gethan habe, denn er ſagte auch außerdem zu mir: ich habe ihn auf dem Ge⸗ wiſſen, ich habe ihn erſchoſſen! Er ſagte dies oben in unſerer Wohnſtube, nachdem wir hinaufgekommen waren. Außer mir kann es noch die Anna gehört haben, die dabei anweſend war, aber freilich etwas ſchwer hört. Mein Vater hat es aber nicht gehört, der war gerade aus der Stube gegangen. Ich ging dann wieder weg auf meine Aufwartung, der Kaspar blieb aber in der Stube. Ich ſelbſt habe ihn dann ſpäter gar nicht wieder geſehen. Der Karl war nicht zu Hauſe.“ Die Frage: ob Kaspar geſagt, warum er ihn erſchoſſen habe, und ob noch Jemand dabei geweſen ſei? beantwortet Erneſtine mit Nein. — Ob ihr Bruder geſagt, wo er ihn erſchoſſen habe? „Ja, er ſagte, er hätte um ½ 10 Uhr im Haus⸗ ern(Hausplatz) geſtanden und ihn erſchoſſen, als er drüben vom Garteninſpector herübergekommen ſei. Als er ihn geſchoſſen habe, ſei der Hofmarſchall wieder hinüber zum Herrn Garteninſpector gelaufen und habe gerufen: Hülfe! Hülfe!— Ich erwiderte darauf: Ei, ſo etwas kannſt du vor Gott und der Welt nicht ver⸗ antworten! worauf er zu mir ſagte: Du dumme Schnee⸗ toli. Veg, fihrt, ander rtung mmen einen f die as ſei nn et nGr⸗ oben mmen ehört twas hört, ging pat dann nicht ihn ſii? oſſen aus⸗ ls er Als ieder hbe Ei, vet⸗ hne⸗ Die Ermordung des Fofmarschalls von Mlinutoli. 165 gans!— Ich nahm hierauf meine Sachen, die ich brauchte, und ging damit an meine Aufwartung und habe ihn nicht wieder geſehen, denn wie ich nach Hauſe kam, war er arretirt.“ Auf Befragen: Ob er etwas vom Mylius erzählt habe? antwortete die Wagner mit Nein. Auch wollte ſie nicht wiſſen, wo ihr Bruder das Gewehr hergehabt habe; ſie hätte zu Hauſe außer dem Bürgergardenge⸗ wehr kein anderes bei ihm geſehen. Vorher habe er ſich nie über ſein Vorhaben gegen ſie geäußert. Als ſie am Donnerſtag Abends ½ 8 Uhr nach Hauſe kam, habe ihr Vater geſagt: er hätte heute Nachmittag einen ſchönen Schreck gehabt und habe ihr nun erzählt, daß der Kaspar arretirt und Hausſuchung gethan worden ſei. Er habe auch geſagt: der miſerable Menſch! Ihr Bruder Chriſtian, der mit dabei geweſen wäre, hätte einen ſolchen Schrecken bekommen, daß er ſich niederſetzen müſſen; der habe nur immer geſagt: eil ei! ei! Weiter wäre über die Sache nichts geſprochen worden. — Warum ſie ſolches in ihrem erſten Verhör nicht angegeben habe? „Wie mir mein Kaspar Obiges erzählte, fügte er hinzu: wenn ich ein Wort ſpräche, ſo wollte er mir eine Kugel vor den Kopf ſetzen.“ Auf nochmaliges Andringen:— „Ich habe es vergeſſen; ich wollte es immer ſagen, da kam ich aber jedesmal auf etwas Anderes.“ Trotz aller anſcheinenden Wahrhaftigkeit war Er⸗ neſtines Ausſage ſichtlich nur eine Lüge, um augen⸗ blicklich nur aus der Haft zu entkommen; mehr aber war ihr jetzt nicht mehr zu entringen. Der Zeuge Heinrich Kubitz, dem, nach Ausſage der ———————————— —— 166 Die Ermordung des Hofmarschalls von Minutoli. Magd des Garteninſpectors Buttmann, der Mylius das in Schmalkalden acquirirte Piſtol abkaufen wollen, beſtätigte dieſes, Mylius hatte indeſſen bei der Anfrage nur geſagt: er mache mit ſeinem Herrn zuweilen Rei⸗ ſen, wozu er ein Piſtol brauche, deshalb wolle er ihm das ſeine abkaufen. Es kam aber nicht zum Geſchäft. Doch wußte derſelbe Zeuge:„Mylius äußerte bei der Gelegenheit: er ſei mit ſeinem Herrn nicht recht com⸗ plaiſant. Ich fragte ihn: warum denn? drauf gab er an: er habe gar keine Ruhe vor ihm; wenn er Abends um 11 Uhr nach Hauſe käme, ſo befehle er ihm, ihn um 12 Uhr zu wecken; wenn er dann hinaufkomme, ſo ſage er wieder, er möge nach einer halben Stunde wieder kommen, und ſo ginge das fort, ſodaß er manch⸗ mal während der ganzen Nacht nicht ſchlafen könne.“ Am Nachmittag mußten die andern Zeugen ver⸗ nommen werden, denn Mylius bat abermals um eine weitere Vernehmung, weil er nun Alles geſtehen wolle. Unter heftigem Weinen vorgeführt, hub er an: „Am Mittwoch Abend gegen 7 Uhr begegnete ich dem Wagner auf der Bohle und da ſagte er zu mir: Ich habe heute Etwas im Schilde, das vollführe ich in Gottes Namen, und da ſagte er zu mir geradezu: daß er den Herrn Hofmarſchall erſchießen wolle. Gegen 8 Uhr iſt er dann zu mir gekommen und ſagte: Dein Herr hat ja wieder kein Licht, er iſt wieder drüben beim Garteninſpector, ich habe ihn ſprechen hören; aber heute will ich ihm das Licht ausblaſen, wenn ich nur Etwas hätte. Da ſagte ich nun zu ihm: daß da ein Gewehr ſtände. Die Büchſe da hat mir nämlich mein Herr bei den Unruhen hier gegeben und mit Schrot geladen und zu mir geſagt: wenn Et⸗ was paſſiren würde, ſo ſollte ich nur ſchießen. Man toli. Nylius vollen, nfrage Rei⸗ r ihm ſchäft. ei der on⸗ gab et lbends ihn omme, tunde unch⸗ ne.“ ver⸗ eine wolle. tr ich nir: re ich dezun wolle. und riſt echen aſen, ihm: nmir eben Et⸗ Man Die Ermordung des Hofmarschalls von Minutoli. 167 wollte nämlich meinem Herrn die Fenſter einwerfen. Wagner ſagte darauf zu mir, daß er noch etwas Pul⸗ ver habe und er könne es doch nicht brauchen, er hatte es zum Schießen mit ſeinem Bürgergardengewehr gekauft, allein in demſelben ſtecke jetzt ein Pfropf. Darauf nahm er dann das Gewehr, that Pulver hi⸗ nein und lud es mit einer Kugel, die nicht ganz rund, ſondern oben etwas ſpitzig war. Hierauf iſt er dann um ½ 9 Uhr hinaus an die hintere Thür getreten und hat ſich in die Ecke der Thür gedrückt, die nach der Meiereiſtraße zu liegt. Um 9 Uhr bin ich dann hinüber auf das Appartement gegangen und da hat er dann immer noch ſo dort geſtanden. So gegen ½ 10 Uhr hörte ich dann den Knall. — Auf Auffoderung, wann ihm ſein Herr das Gewehr gegeben habe? „An dem Tage, wo die erſte Volksverſammlung auf dem Schießhauſe*) gehalten worden war, gab mir mein Herr das Gewehr auf ſeiner Stube und hat es auch in meinem Beiſein geladen. Erſt ſetzte er blos ein Zündhütchen darauf, und das mußte ich abdrücken. Am folgenden Tag ſollten nämlich meinem Herrn die Fenſter eingeworfen und er herausgeholt werden und da ſollte ich das Haus beſchützen. — Ob das Gewehr einmal abgeſchoſſen worden ſei? „Ja, ich mußte es am Sonnabend vor acht Tagen abſchießen, mein Herr wollte es mir dann wieder laden; *) Jene ſtürmiſch⸗komiſche Verſammlung, die mehr aus Neu⸗ gierigen als aus Theilnehmenden beſtand, war hauptſächlich von einigen Führern der Demokratie angeregt worden, um wegen der Wahlen zum deutſchen Parlament Vorberathungen zu halten, und fand am 8. März 1848 ſtatt. — ————— 6— ————————— — 2 168 Die Ermordung des Hofmarschalls von Minutoli. allein er hatte nicht Pulver genug. Er hatte zu dem Zwecke welches auf ein Papier geſchüttet, und das ließ er in die Stube fallen, und dann hatte er nicht genug mehr.— Er ſagte zu mir, es tauge nichts, wenn es ſo lange geladen wäre, und da habe ich es in ſeinem Beiſein oben auf ſeiner Hausflur zum Fenſter hinaus abſchießen müſſen. Die Kugel habe ich gegoſſen. Ich hatte noch ein Stückchen Blei, das legte ich in einen blechernen Löffel, hielt denſelben über das Licht, ſchmolz es und goß dann die Kugel. Dies iſt am Dienſtag Abend geſchehen, der Wagner war aber nicht bei mir, ſondern ich war allein. Mein Herr war zu Hauſe und hatte gerade Beſuch.“ — Warum er die Kugel gegoſſen? „Der Wagner lag mich um die Kugel an, womit er den Herrn erſchießen wollte. Am letzten Freitag vor acht Tagen, wo er wieder bei mir war, that er dies wieder. Am Dienſtag Abend habe ich dann die Kugel gegoſſen.— Ich ſchnitzte mir ein Holz, bohrte da ein Loch ein, meißelte es dann mit einem Feder⸗ meſſer aus und darin goß ich dann die Kugel.“ Auf dieſe offenbare Lüge aufmerkſam gemacht, gibt er weiter an: „Ich habe ſie in einer Kugelform gegoſſen; ich konnte aber dieſelbe nicht finden. Am Sonnabend habe ich danach geſucht und am Dienſtag fand ich ſie unter meinem Schranke. Sie gehört meinem Herrn und liegt von der Zeit an in meinem Zimmer, wo ich dem Herrn Kugeln gegoſſen habe. Ich habe ſie dann auf den Schrank gelegt, der gleich bei der Thür meiner Stube ſteht, und dort liegt auch der Löffel.“ Nach einer Pauſe: „Der Wagner hat am Mittwoch Abend die Form, oli. dem ð ließ enug nn es einem inaus 36h einen hmolz nſtag mir, und omit eitag at er ndie hrte eder⸗ gibt ich habe untel und den nauf einer orm, Die Ermordung des Hofmarschalls von Minutoli. 169 die ich ganz vorn auf den Schrank gelegt hatte, he⸗ runtergenommen, und betrachtete ſie. In demſelben hat noch das Kügelchen geſteckt, welches Sie mir heute gezeigt haben; dies nahm ich dann heraus und ſteckte es in die Taſche. Er fragte mich dann: ob ich in dieſer Form die Kugel gegoſſen hätte? was ich auch bejahte; wo er aber die Kugelform hingethan hat, weiß ich nicht. Am Donnerſtag Morgen ſuchte ich danach, da lag ſie nicht mehr auf dem Schrank und ich habe ſie auch nicht gefunden. Der Löffel lag aber noch ſo, wie ich ihn hingelegt hatte. Den Stiel deſſelben habe ich deshalb krumm gebogen, weil ich ihn mit dieſem umgebogenen Theil in das Fenſter geſteckt und das Licht dann darunter gehalten habe. „Wagner brachte nur das Pulver mit. In meinem Tiſchkaſten lagen Zündhütchen, die ich von meinem Herrn erhalten hatte und die hatte Wagner am Freitag ſchon in demſelben liegen ſehen. Von dieſen nahm er eins heraus und ſetzte es auf das Gewehr. Es müſſen auch in meinem Tiſchkaſten noch fünf Zündhütchen liegen und es ſind auch noch Schrote in demſelben. Nun that er erſt das Pulver hinein, dann ſetzte er einen Pfropfen darauf, hierauf that er die Kugel hinein und darauf dann noch einen Pfropfen. Er riß von der Tüte, die aus Zeitungspapier beſtand, Stücke ab und hieraus machte er die beiden Pfropfen.“ Mylius geſtand jetzt zwar zu, am Mittwoch Nach⸗ mittags 4 Uhr mit der Büchſe vor des Hofmarſchalls Wohnung geweſen zu ſein und ein Zündhütchen abge⸗ ſchoſſen zu haben, allein er wollte an jenem Tage die junge Ida Heß nicht geſehen haben. In ſeinen Ge⸗ ſtändniſſen fuhr er indeß fort: „So oft Wagner bei mir in der Meierei geweſen XXIV. 8 170 Die Ermordung des Hofmarschalls von Minutoli. iſt, hat er auch bemerkt, daß der Herr zur hinteren Thüre hereingekommen iſt. An dieſe Thüre ſtellte er ſich deshalb, weil er ſagte: Weit davon darf ich nicht treten, denn ſonſt treffe ich ihn nicht, ich kann mit dem einen Auge nicht recht ſehen; und das iſt wahr, auf dem einen Auge ſieht er gar nicht.“ Weiter: „Bei dem Laden hat der Wagner geſagt: Ich halte auf die Bruſt, denn wenn ich auf den Kopf halten wollte, ſo wäre es möglich, daß ich ihn nicht treffe, weil ich nicht recht ſehe.— Ich habe zu dieſer Aeuße⸗ rung gar nichts geſagt.“ — Was hat denn den Wagner zu dieſer That ei⸗ gentlich veranlaßt? „Mein Herr hatte mir den Umgang mit dem Wag⸗ ner verboten; demungeachtet beſuchte mich dieſer ſpäter, da ich ihn nicht für einen ſo ſchlechten Menſchen ge⸗ halten habe. Einmal, es wird jetzt ungefähr fünf Wo⸗ chen her ſein, beſuchte mich der Wagner am Abend wie⸗ der, mein Herr kam unvorhergeſehen hinzu und ſagte zu mir: Was läſſeſt du den Bengel wieder herein, ich habe es dir doch verboten! Ich erwiderte darauf gar nichts, worauf ſich dann der Herr gegen den Wagner wendete und dieſen herunterlegte. Darüber fühlte ſich Wagner ſehr gekränkt und ſagte kurze Zeit darauf zu mir: er ließe ſich von einem ſolchen ſchlechten Kerl, von einem ſolchen Spitzbuben nicht ſchimpfen, er ſei ein ehr⸗ licher Bürgersſohn und er werde ihn erſchießen. Dies hat er auch ſpäter wieder zu mir geſagt und namentlich wieder am letzten Freitag vor acht Tagen und am Mitt⸗ woch Abend, wo ich ihm auf der Bohle begegnete.“ — Was hat dich denn bewogen, dem Wagner Büchſe und Kugel zu geben? behe und Nit unt mi i. eren e er nicht dem dem alte Uten reffe, uße⸗ t ei⸗ iter, ge Po⸗ wie⸗ ſagte „ic gar gner ſch fzu von ehr Die tlich itt⸗ ichſe Die Ermordung des Hofmarschalls von Minutoli. 171 „Weil er(der Hofmarſchall) mich auch ganz ſchlecht behandelte; er hat mich namentlich häufig gemishandelt und mich in der Koſt ganz ſchlecht gehalten. Nur den Mittagstiſch habe ich ordentlich bekommen, den erhielt ich von Buttmanns; aber rückſichtlich des Frühſtücks und des Abendeſſens bekümmerte er ſich gar nicht um mich, da habe ich mir das Brot häufig von zu Hauſe ſchicken laſſen müſſen und mußte mir ſolches eben ſo häufig von meinem eigenen Lohne kaufen.“ — Haſt du oder der Wagner noch ſonſt Jemanden davon Etwas mitgetheilt? „Ich habe darüber mit den drei Gärtnerlehrlingen des Herrn Garteninſpectors geſprochen.“ — Was haſt du denn zu dieſen geſagt? „Der Hausmann fragte mich: Nun, was macht denn dein Schwarzer? Ich erwiderte: Er macht jetzt gut. Da fragte er mich weiter: Hat er dich wieder einmal geprügelt? Ich ſagte darauf: Er ſoll es nur noch ein⸗ mal probiren, dann vergreife ich mich an ihm! Hierauf fuhr der Hausmann fort: Du mußt ihn erſchießen! Ich fragte hierauf: Mit was denn? Nun, der Lenzer hat ein Piſtol— entgegnete mir der Hausmann.— Lenzer bejahte dieſes, ſagte aber: Es trifft nicht weit; ich habe am Sonntag mit daraus geſchoſſen und Nichts getroffen. Darauf habe ich ihm erwidert: Nun, da iſt es auch nichts!“ Mylius wurde hierauf die im Gericht verwahrte Büchſe vorgelegt, worauf er ſagt: „Das iſt das Gewehr, welches ich auf meiner Stube ſtehen hatte und womit der Wagner meinen Herrn er⸗ ſchoſſen hat.“ Ebenſo erkannte er die Kugelform als die, woraus er die Kugel gegoſſen habe; desgleichen die vorgelegte 8* — —— —̃— 172 Die Ermordung des Hofmarschalls von Minutoli. Kugel als die von ihm gegoſſene und den Löffel als denjenigen, in dem er das Blei geſchmolzen. Daß er die Kugelform in ſeinen Mantel geſteckt habe, ſtellte er in Abrede, er glaubte, daß der Wagner ſolche hinein⸗ geſteckt, denn er habe ſie am Donnerſtag überall geſucht und nicht gefunden. Nach dieſem endlich der Wahrheit nahe gebrachten Geſtändniſſe wurden die Geſchwiſter Chriſtian und Er⸗ neſtine Wagner mit ihm confrontirt. Es ergab ſich daraus aber weiter nichts von Erheblichkeit, als daß die Geſchwiſter nach der Entdeckung vom Morde in ver⸗ ſchiedener Weiſe ſich gegenſeitig äußerten. Das Gericht verfügte ſich hierauf in die Wohnung des Dachdeckermeiſters Friedrich Wagner, den man krank fand. Derſelbe ſagte nach den Depoſitionen der Erne⸗ ſtine, Anna und des Chriſtian aus: daß er von dem geführ⸗ ten Geſpräch der Erneſtine und des Chriſtian am Don⸗ nerſtag gar nichts wiſſe, am allerwenigſten habe er ge⸗ ſagt, daß das ſchlechte Streiche von ſeinem Kaspar ſeien. Auch könne er ſich nicht erinnern, daß er an je⸗ nem Abende aus der Stube gekommen ſei. Schließlich ſagte er: „Wenn aber meine Tochter Etwas ſpricht, ſo ſind das Dummheiten. Herr Aſſeſſor, glauben Sie es ihr nur nicht!“ Als Erneſtine hierauf mit dem Vater confrontirt ward, entſpann ſich ein wenig erbaulicher Streit zwi⸗ ſchen Vater und Tochter. Die Letztere behauptete dieſem gegenüber Alles, was ſie an Gerichtsſtelle ausgeſagt hatte; der Vater aber verneinte dieſes Alles und erklärte es für unwahr. Aufgebracht rief die Erneſtine: „Sehen Sie, Herr Aſſeſſor, ſo iſt er nunz er vergißt das zehnte Wort, was er gehört hat oder ſelbſt ſpricht! als ß er te er ein⸗ ſucht hten Er⸗ ſih daß ung rank rne⸗ ühr⸗ on⸗ spat nje⸗ ßlich ſind ihr ntirt zi eſen ſogl lrte gißt icht Die Ermordung des Hofmarschalls von Minutoli. 173 Meine Geſchwiſter Anna und Chriſtian haben das auch mit angehört und werden meine Ausſagen beſtätigen, da ſie wirklich auf Wahrheit beruhen.“ Der Vater rief:„Nein, das iſt Unwahrheit!“ Bei dem Hauptgeſtändniß des Mylius kommt es auf die Zeugen eigentlich nicht mehr an, welche über Verdachtgründe, daß er der Thäter ſei, kundeten. Viele derſelben ſind aber zur Charakterſeite des ganzen Men⸗ ſchen noch immer von Intereſſe. Das Milchmädchen auf dem Landsberg war am Donnerſtag Morgens mit der Milch von daher in die Stadt gekommen. Als ſie an der Treppe der Wohnung des Hofmarſchalls beſchäftigt war, die Sahne in das zweite Milchfäßchen zu ſondern, ſagte der My⸗ lius vom Fenſter ſeiner Stube aus: Wir haben uns ſchön verändert! Sie antwortete: Ich habe es ſchon ge⸗ hört; worauf er ſagte: Ich habe es aber ſchon— und raſch das Fenſter zumachte. Warum er in der Rede ſtecken blieb, wußte das Mädchen nicht, meinte aber, daß er wahrſcheinlich von einem Andern gerufen worden. Kurze Zeit darauf kam er aber wieder und ſagte: „Wenn du ihn noch einmal ſehen willſt, ſo paſſe auf, jetzt wird er heruntergetragen!“— Ich ging dann, ſagte das Mädchen, auf die hintere Seite des Hauſes zu und da wurde der Todte auch wirklich herunterge⸗ tragen. Mit den abgebrochenen Worten ſchien er mir ſagen zu wollen:„Ich habe es ja ſchon längſt geſagt!“ Allein vorher hat er zu mir nie ſo was geſagt. Ich kannte ihn weiter gar nicht, als daß ich weiß, daß er Bedienter des Herrn Hofmarſchalls geweſen iſt.“ Mylius, abermals vernommen, ſollte außer anderem, die Fälle ſpecieller angeben, wo er von ſeinem Herrn thätlich gezüchtigt wurde. Nach ſeiner Ausſage hatte ——— 174 Die Ermordung des Hofmarschalls von Minutoli. der Hofmarſchall mit ſeinem Vater einen ſchriftlichen Contract über den Dienſt abgeſchloſſen, worin es unter Anderem auch geheißen: daß er ihn auf jede Weiſe zie⸗ hen dürfe. Darauf habe ſich der Hofmarſchall immer berufen. Darunter wären aber keine Prügel verſtanden geweſen, denn er habe auch ſeinem Vater verſprochen ihn mit guten Worten zu ziehen. Ueber den Wagner ſagte er bei dieſem Verhör noch aus: „Einige Tage ſpäter(nachdem er Bengel geſcholten worden) kam er dann wieder zu mir in die Meierei und ſagte: Mit meinem Bürgergardengewehr iſt es nichts, ich habe es probirt, es iſt zu ſchwer; ich muß ein leichtes haben, damit ich gleich treffen und es gleich wegwerfen kann, denn wenn ich erſt in der Stadt bin, dann bin ich frei.“ Um jene Zeit wäre er von ſeinem Herrn mit einem Briefe auf die Poſt geſchickt worden, da wäre eben am Sächſiſchen Hof die Bürgergarde angetreten. Wagner kam mit ſeinem Gewehr auf ihn zu und ſagte: Siehſt du, das iſt mein Gewehr, mit dem geht es nicht!— Wagner habe jedesmal von freien Stücken über die Sache angefangen. Er dagegen habe jedesmal zu dem Wagner geſagt: Mir verſchlägt es nichts, du kannſt thun, was du willſt.— Er habe den Wagner auch ge⸗ warnt und gemeint: ehe zwei Tage vergingen, würde die Sache heraus ſein, worauf Wagner geantwortet: da ſpränge er lieber ins Waſſerz auch vor der Frohnveſte ſei es ihm nicht bange, er könne ſehr gut klettern, und wenn ſie ihn nicht an Händen und Füßen ſchließen würden, klettere er zum Fenſter hinaus und an den ſchiefen Seiten(ſchräge Strebepfeiler an den vier Ecken) herab; das ginge ganz gut, und wenn er ins Zucht⸗ haus gebracht würde, riſſe er erſt gar aus. A T K li. ichen unter zie⸗ nmer nden chen gnet olten eietei ſt es muß eich bin, inem am gner iehſ r die dem anſt 9. e die de weft und ießen den ien zcht Die Ermordung des Hofmarschalls von Minutoli. 175 Nach Ausſage des Mylius ſtand Wagner an jenem Abende, als er auf ſeinen Herrn lauerte, an der linken Thürecke, er hatte ſich in dieſelbe gedrückt, das Ge⸗ wehr im rechten Arme, den Lauf geſenkt. Schloß und Kolben hatte er mit der rechten Rockſchöße bedeckt, dales heftig regnete und ſtürmte. Das Geſicht hatte er nach der Wohnung des Garteninſpectors gewendet. Er mußte ſo beinahe eine Stunde geſtanden haben, ehe er den verhängnißvollen Schuß anbringen konnte. Als Mylius damals vom Appartement kam und den Wagner noch immer auf der Lauer ſah, hörte er deſſen Worte:„Dein Herr lieſt oben noch die Zei⸗ tung vor!“ Auf Befragen: warum er denn für ſeinen Herrn Brot geröſtet und Theewaſſer heiß gemacht habe, da er doch gewußt, daß dieſer erſchoſſen werden ſolle? ent⸗ gegnete Mylius: „Ich konnte mir halt immer nicht denken, daß der Wagner den feſten Vorſatz gefaßt hätte, meinen Herrn zu erſchießen; ich konnte es mir auch damals noch nicht denken, als ich den Wagner draußen mit dem Gewehr ſtehen ſah. Ich dachte auch, wenn mein Herr auf ihn zukäme, ſo würde er doch ſeinen Vorſatz aufgeben.“ Der Wagner ſollte auch noch zum Mylius geſagt haben, als er unten in der Stube in ſeinem Beiſein das Brot zum Röſten ſchnitt:„das ißt aber dein Herr heute gewiß nicht; ich will es eſſen!“ MWylius wollte es jedoch ihm nicht laſſen. Während deſſen hatte ſich Wagner in ſeinem Ge⸗ fängniß ganz ruhig verhalten; er war freundlich und 176 Die Ermordung des Hofmarschalls von Minutoli. beſcheiden, hatte auch einen ruhigen Schlaf und guten Appetit. Nach dem Mylius hatte er ſich nie erkundigt. An dem Tage, wo der Gerichtsdiener ihn arretirte, hatte er ihn gefragt: warum er geholt würde? und als man mit ihm auf die Frohnveſte zuging, hatte er ge⸗ ſagt: Ich meinte gar, ich ſollte in die Frohnveſte kom⸗ men! In der Nacht vom Sonntag auf den Montag hatten wir bekanntlich ein ſehr ſtarkes Gewitter, ſagte jener Gerichtsdiener. Am Morgen, als ich ihn viſitirte, fragte ich ihn: Nun, Wagner, haſt du dich heute Nacht recht gefürchtet? Nein, auch gar nicht! war ſeine Ant⸗ wort. Da muß es bei mir anders kommen, wenn ich mich fürchten ſoll! Ich erwiderte: du wirſt geſchlafen und es nicht recht beobachtet haben. O, ja wol, ent⸗ gegnete er, die Blitze ſind nur ſo um mich herum gefahren. „Der Mylius iſt dagegen ganz anders geſtimmt“, gab derſelbe Gerichtsdiener an.„Er weint ſehr häufig und hat keinen rechten Appetit. Dabei hat er ſich ſehr oft nach dem Wagner erkundigt. Heute Morgen, als ich ihn viſitirte, hat er zum erſten male noch geſchlafen.“ Es war am Tage nach dem erſten vollſtändigen Be⸗ kenntniß. Auch in den beiden Verhören, die man bis jetzt mit ihm gehalten, hatte ſich Wagner ganz ruhig und un⸗ befangen benommen; er hatte ſich nicht mit einem Wort nach dem Grund ſeiner Verhaftung erkundigt, ſondern ſich immer ſo betragen, als wenn gegen ihn nicht das Geringſte vorliege. Auf Nebenfragen gab Mylius Antworten, die für den Pſychologen immer wichtiger wurden, als für den Richter. So die: „Es war allerdings, ſagte er, erſt von Schroten die Rede, namentlich fragte ich den Wagner: ob es nicht uten igt. itte, als gl om⸗ tag agte irte, acht Unt⸗ ich afen ent⸗ und ern das fu den ten icht d Die Ermordung des Hofmarschalls von Minutoli 177 mit dieſen ginge? und da antwortete mir dieſer: nein, das geht nicht, die Schrote gehen nicht durch, die kann auch ein Doctor wieder herausholen und er ſtirbt nicht daran; aber eine Kugel, die geht durch und durch und die macht auch einrichtiges Loch, woran er ſterben muß. Ich ſagte ihm darauf: hier habe ich eine Kugel einſtecken und gab ſie ihm dann.“ Erneſtine Wagner ſagt in einem der Verhöre: ihr Bruder Kaspar habe früher eigentlich niemals mit ihr über den Hofmarſchall, den Mylius und über ſein Vor⸗ haben geſprochen. Sie ſelbſt habe davon angefangen, als ſie nach Hauſe gekommen wären, indem ſie ihn ge⸗ fragt habe, ob er denn ſchon wiſſe, daß der Hofmar⸗ ſchall erſchoſſen ſei? Da ſei er ganz weiß geworden und habe geſagt: Den habe ich auf dem Gewiſſen, ich habe ihn erſchoſſen!— das Uebrige habe er dann Alles „aus freien Stücken“ ihr geſagt. Ein Hauptmanöver des Mylius, wenn er beim Ver⸗ hör in die Enge getrieben ward, war immer, daß er in ſeinen Mittheilungen wieder von vorn anfing und Alles durcherzählte. Hierdurch kamen natürlich viele Wiederholungen vor. Er gewann aber dadurch Zeit und prägte ſich dabei das Vorhergeſagte mit jedem male beſſer ein. Er war noch mit Hartnäckigkeit dabei ge⸗ blieben, daß er die Flintenkugel ohne Abſicht gegoſſen und ſie nur zufällig in die Taſche geſteckt habe, als Wagner am Mittwoch bei ihm ankam. Wagner mußte aber doch eine Kugel zum tödtlichen Schuſſe haben und raſch brachte er vor, derſelbe habe Guterlei“) mitge⸗ *) Guterlei, auch Märbel genannt, ſind kleine runde Stein⸗ kugeln, mit denen die Kinder ſpielen. 8** ——— 178 Die Ermordung des Hofmarschalls von Minutoli. bracht, und mit denen habe er den Hofmarſchall erſchießen wollen. Wagner habe nämlich erſt einen Guterlei ins Ge⸗ wehr laden wollen, dieſer wäre aber zu groß geweſen; da erſt habe er die Kugel ihm gegeben. Es iſt offenbar un⸗. . wahrſcheinlich, daß Mylius ohne Abſicht eine Kugel ge⸗ 1 1* goſſen haben ſollte, denn dieſe paßte gerade in das Gewehr und an derſelben fand man auch die Spu⸗ ren der Züge. Aber es paßte ihm und er blieb nun bei der Geſchichte ſtehen, nur ſpielte in der wei⸗ tern Ausſage der Guterlei eine neue Rolle. Hiernach hatte der Wagner für% Kreuzer derlei gekauft, um eine 1 Probe zu machen. Er hatte ſie am Sonntage, als er ſein Bürgergardengewehr probirte, mitgenommen und danit geſchoſſen; allein der Verſuch war ſchlecht aus⸗ gefallen, denn als er nach einer dicken Baumwurzel ge⸗ ſchoſſen, ſei der Guterlei zerſprungen und das Gewehr habe einen fürchterlichen Ruck und Schlag gethan. Am Donnerſtag, vor dem Mittwoch, wäre der Wagner wie⸗ der zu ihm gekommen und hätte zu ihm abermals ge⸗ ſagt: mit dem Guterlei ſei es nichts; er wolle ſich von einem Soldaten ein paar Kugeln geben laſſen; die ſeien 6 ihm von dieſem ſchon verſprochen worden. Wegen des Gewehrs wolle er ſich umthun. Einige Zeit darauf habe er geſagt: wenn er keine Kugeln erhalte, ſe müſſe er es doch mit Guterlei verſuchen. Darauf habe Mylius ihm erwiedert: Mit Guterlei iſt es nichts.— Jener habe darauf geantwortet: Neulich ſind die Guterlei zer⸗ ————— ſprungen, weil ſie auf Holz gekommen ſind; hier kom⸗ men ſie aber nur auf Tuch und Fleiſch und da zerſprin⸗ gen ſie nicht.— Nun habe er, Mylius, ſich von Wag⸗ ner einen ſolchen geben laſſen und mit geringer Stärke gegen den Ofen geworfen, worauf das Marmorkügelchen ganz zerſprungen wäre; da habe er nun zum Wag⸗ ßen Ge⸗ da ge⸗ das pu⸗ nun wei⸗ atte eine s er und aus⸗ ge⸗ vehr Am wie⸗ ge⸗ on ſeien des habt e er liu zen i zer⸗ kom⸗ prin Pog titt lchen Wog⸗ Die Ermordung des Hofmarschalls von Minutoli. 179 ner geſagt: Siehſt du nun, daß es mit den Guterlei nichts iſt? Ein andermal wuchſen unter den unermüdeten Ver⸗ ſch wörern neue Bedenken auf. Am Freitag ſagte der Wagner:„Jetzt geht es noch nicht, dein Herr kommt zu bald nach Hauſe; es iſt zu Tage, die Leute müſſen erſt zu Bette ſein. Um dieſe Zeit kam nämlich Herr von Minu⸗ toli immer ſchon um ½9 Uhr nach Hauſe. Ein Zeichen, daß das Drängen zur Beſchleunigung der That von Seiten des Mylius ausging. Zur Angabe aufgefodert: wie er am Mittwoch Abend mit dem Wagner zuſammengekommen ſei und was er mit ihm geſprochen, führte er im Ganzen Das an, was wir be⸗ reits darüber wiſſen, nur mit der Abänderung, daß, als der Wagner um 8 Uhr zu ihm gekommen, er drei Gu⸗ terlei und die Tüte mit Pulver aus der Taſche geholt und geſagt habe: das habe ich, aber ein Gewehr habe ich nicht bekommen können. Darauf habe Mylius zu ihm geſagt: dort hinter dem Schranke ſteht ein Ge⸗ wehr! Er habe es ihm deshalb gegeben, weil ihn ſein Herr am Dienſtag wieder geſchlagen. Der Wag⸗ ner habe nun das Gewehr hinter dem Schranke geholt und geſagt, nachdem er es betrachtet:„Das iſt mir gerade recht!“ Er habe nun Pulver hineingethan und ein Guterlei hineinladen wollen, die wären aber alle zu groß geweſen; da habe er ihn gefragt, ob es denn nicht mit Schroten ginge? da habe er geantwortet: Nein das geht nicht, die fahren auseinander und gehen nicht durch, die kann ihm ein Doctor wieder herausholen und er hat höchſtens ein paat Tage Schmerzen. Nun erſt habe er ihm die Kugel gegeben, die er auch gleich hineingeladen und einen Pfropfen darauf geſetzt habe. Als er nun auch die nicht ganz 180 Die Ermordung des Hofmarschalls von Minutoli. ausgegoſſene Kugel aus der Form gethan habe, hätte „der Wagner geſagt:„Nun ſtelle ich mich an die hin⸗ tere Thüre und lauere ihn ab; ich muß ihn aber ganz nahe an mich heranlaſſen, denn ſonſt treffe ich ihn nicht, ich laſſe ihn ſogar einen Schritt auf den erſten Tritt thun und dann ſchieße ich ihn durch die Bruſt. Vom Holzſtall aus darf ich ihn nicht ſchießen, da treffe ich ihn nicht. Wenn ich aber geſchoſſen habe und er ſinkt blos um, ſo nehme ich den Kolben und ſchlage ihn vollends todt.“ Dabei habe dieſer gelacht, wäre ganz munter geweſen und hätte noch geſagt:„Der Kerl muß verrecken!“ Zu ihm habe er, als er dann um ½ 9 Uhr hinausgegangen noch geſagt: er ſolle mit ihm gehen und ihm die hintere Thüre zuſchließen, da⸗ mit, wenn ihm irgend Etwas mit dem Gewehr paſſire, der Herr nicht gleich herein in das Haus gehen könne, ſondern erſt pochen müſſe, unter der Zeit werde er ihn dann ſchon treffen.— Er habe ihn dann auch hinaus⸗ begleitet, habe aber die hintere Hausthüre nicht zuge⸗ ſchloſſen, ſondern nur zugeklippt. Er ſei dann wieder in die Küche gegangen und habe dort ſein Brot geröſtet. In einem andern Verhör befragt, ob er, Mylius, mit dem Wagner nicht ſchon früher davon geſprochen, wo der Hofmarſchall erſchoſſen werden ſolle? antwortete er:„Ja, der Wagner ſagte: Dein Herr wird ſich doch auch einmal erkühnen, wo anders hin, als zum Herrn Garteninſpector zu gehen, denn da iſt es nichts, da kommt er zu bald nach Hauſe, es iſt noch zu helle. Wenn er aber einmal wo anders hingeht und er kommt ſpäter nach Hauſe, ſo kann ich ihm vielleicht beim Got⸗ tesacker das Licht ausblaſen.“ Endlich räumte Mylius auch ein, daß er ſich ſchon früher nach einem Gewehr umgethan habe, aber wieder 3 . Die Ermordung des Hofmarschalls von Minutoli. 181 itte nur der Wagner ſei es, der ihn darum angegangen, ihm in⸗ ein Piſtol zu ſchaffen; namentlich habe er auf den Po anz per aufmerkſam gemacht, bei dem er für einen Gulden cht, ein ſolches erhalten würde. ritt Mylius bot alles Mögliche auf, ſich durch die ihn m bedrohenden Ausſagen der Gärtnerlehrlinge Hausmann, ich Terks und Lenzer durchzuwinden. Er ſuchte ihre Aus⸗ inkt ſagen ineinander zu wirren, indem er Einiges von dem, ag was er gegen dieſe geäußert, zugeſteht, Anderes verdreht it und wieder Anderes ableugnet. Mit jedem Einzelnen er von dieſen confrontirt, behauptete er gegen ſie daſſelbe, ann was er bereits vor Gericht ausgeſagt hatte. nit Der Zeuge(Dienſtknecht des Garteninſpectors) Lud⸗ wig Schreil bekundete:„Am nächſten Montag wird ie, es vier Wochen werden, da kam ich hinüber in die Stube ne, des Heinrich Mylius. Er kam gerade vom Zimmer ſei⸗ ihn nes Herrn herunter und weinte. Ich fragte ihn, wa⸗ . rum er weine? Er erwiderte mir: ſein Herr habe ihn ge ausgezankt, und dabei fuhr er fort: Wenn mich mein cer Herr noch ein mal ſchlägt, ſo erſteche ich ihn gleich auf ſe ſeiner eigenen Stube!— Ich ſuchte ihn zu beruhigen und entgegnete ihm: ich hätte nicht gedacht, daß ſein . Herr ihn ſchlecht behandle, er ſei mir immer ganz gut vorgekommen; allein er ſagte darauf zu mir: Da kenne c ich ihn gar nicht. Vom Erſchießen hat er aber damals 6 gar nichts geſprochen.“ Mylius räumte im Weſentlichen dies ein:„Ich ſagte 5 allerdings dem Schreil: Wenn er mich noch ein mal lt ſchlägt, ſo bin ich im Stande und erſteche ihn; aber m dieſer Entſchluß war damals in meinem Herzen noch jor nicht feſt; er hätte mich noch immer ſchlagen dürfen, ich hätte mich nicht an ihm vergriffen, denn das hätte zon ich mir an den fünf Fingern abzählen können, daß ich de 182 Die Ermordung des Hofmarschalls von Minutoli. den Kürzeren gezogen hätte.“ Zugleich räumte er ein, mit dem Kubitz wegen eines Piſtols geſprochen zu ha⸗ ben, allein er hätte es ja gar nicht kaufen können, da er kein Geld dazu gehabt. Auch hätte er damals den Wagner noch nicht in Meiningen geſehen und noch keinen Gedanken daran gehabt, ſeinen Herrn umzubringen. Auf Befragen: warum er den Gärtnerlehrlingen von den Kleidern ſeines Herrn verſprochen habe, wenn dieſer erſchoſſen ſei: „Ich dachte, ich würde dadurch den Lenzer am Er⸗ ſten bewegen, mir die Piſtole zu geben, denn zuerſt wollte er mir ſie geben und ſpäter hat er ſich wieder ge⸗ weigert. Ich ſelbſt hätte ihn abernichterſchoſſen!“ Auf Befragen: was er denn für einen Grund ge⸗ habt habe zu glauben, daß er die Kleider und Stiefeln ſeines Herrn(wenn derſelbe ermordet worden) erhalten werde? erwidert er: vor einigen Jahren habe ſich ein Forſtmeiſter v. F. erſchoſſen, da hätte deſſen Kutſcher auch deſſen Kleidungsſtücke erhalten. Auch habe man ihm ſpäter geſagt, daß dieſe ihm zufallen würden, denn wenn des Hofmarſchalls Bruder von Berlin käme, würde er des Erſchoſſenen Kleider nicht mitnehmen, ſon— dern ſie ihm(dem Mylius) ſchenken, weil es eine Schande für einen ſolchen Herrn ſei, ſolche Sachen mitzuneh⸗ men; die erhalte jedesmal der Bediente. Das habe ihm der Wagner drei bis vier mal geſagt. Mylius gab ferner an: in ſeiner Stube hätten im Kleiderſchrank zwei Röcke ſeines Herrn gehangen. Da habe ihn der Wagner gefragt: ob ſie ihm(dem Herrn) gehörten? Er antwortete: ja, aber ſie wären ihm zu groß, ſein Herr wolle ſie deshalb ändern laſſen. Da habe der Wagner geſagt: er ſolle das nunmehr nicht thun, denn wenn er den Hofmarſchall erſchoſſen habe, ſo möge Die Ermordung des Hofmarschalls von Minutoli. 183 er ihm einen davon geben. Da habe er, Mylius, zum Wagner geſagt:„Wenn du glücklich davonkommſt, ſollſt du einen davon erhalten!“ Nach vielem Winden und Krümmen entlockte man ihm auf die Frage: warum er die Kugel gegoſſen, wa⸗ 6 rum er ſie in die Büchſe gepaßt? endlich die Wahrheit: „Damit mit derſelben der Wagner meinen n, ⸗ da en Un Herrn erſchießen könnte, und deswegen habeich nn ſie auch gegoſſen.“ t⸗ Am 19. April ward Kaspar Wagner, der anfänglich ſſt ruhig und unbefangen, wie im vorigen Verhör erſchienen, e⸗ vom Unterſuchungsrichter in ergreifenden Worten noch⸗ mals zur Ausſage der Wahrheit aufgefodert, und endlich e⸗ löſte ſich die Bruſt, er ward innerlich heftig bewegt, ging ln auf den Richter zu, reichte dieſem die Hand und ſprach: en„Ich will Ihnen die Wahrheit ſagen, Herr Aſſeſſor, in ich habe es verbrochen, aber der Bediente des et Herrn Hofmarſchalls hat mich dazu verleitet. an Schon ſeit vierzehn Tagen vorher lag er mich an, ſeinen nn Herrn zu erſchießen, weil er ihn ſo ſchlecht behandle. ne, Er hat ſich dann vom Gürtler Meiße allhier einen n⸗ Carabiner zu verſchaffen gewußt, denſelben an jenem de Abend, wo ich hinausgekommen bin, geladen gehabt und h⸗ mich dazu gebracht, trotzdem ich mich ſchon vorher ſehr be geweigert und ihm immer erklärt hatte, ich möge des⸗ halb mein Leben nicht aufs Spiel ſetzen. in Sein näheres Geſtändniß lautete ſo: d„Ungefähr vierzehn Tage vorher, ehe der Vorfall ſich er⸗ „ eignete, kam ich einmal hinaus in die Meierei zu dem Bedienten. Er beklagte ſich gegen mich, daß er von d ſeinem Herrn ſo ſchlecht behandelt werde, namentlich daß er nicht einmal ſatt Brot bekomme. Darauf fuhr 184 Die Ermordung des Hofmarschalls von Minutoli. er dann fort: er könne das nicht länger mehr aushal⸗ ten, entweder erſchöſſe er ſeinen Herrn, oder ſich ſelbſt. Darauf wendete er ſich an mich und ſagte: Kaspar, du könnteſt mich und dich zugleich glücklich machen, wenn du meinen Herrn erſchießen würdeſt, ich gäbe dir gleich dieſen Rock!— dabei zeigte er mir einen bläulichen Bedientenrock. Ich erwiderte ihm darauf: Nein, das thue ich nicht! Bedenke nur, wenn das herauskommt, ſo komme ich in das Zuchthaus und dann bin ich für immer und ewig ein unglücklicher Menſch! — Er aber tröſtete mich und ſagte: Wie ſoll es denn herauskommen, auf dich fällt kein Verdacht! „Am vergangenen Freitag Abend war ich wieder bei ihm; er ſagte damals: Nun machen wir die Sache ganz feſt; entweder erſchieße ich meinen Herrn, oder du erſchießeſt ihn! worauf ich dann am Mittwoch Abend die That auch vollführt habe.“ Wagner geſtand nun ferner: daß er ſich um 9 Uhr deſſelben Abends an die hintere Thüre der Meierei auf die Lauer geſtellt, nachdem ihm der Mylius dieſe auf⸗ geſchloſſen gehabt. Es habe gerade herunter geregnet und der Mylius noch geſagt:„es iſt ordentlich, als wenn unſer Herrgott die Nacht beſonders dazu gemacht hat!“ Mylius wäre bis kurz vor der That, bei ihm geblieben. „Als Mylius ſah, daß das Licht aus der Stube des Herrn Garteninſpectors verſchwand, wo der Herr Hof⸗ marſchall geweſen iſt, ging er in das Haus zurück. Es dauerte auch gar nicht lange, ſo kam der Hofmarſchall, ich ſah aber nur einen ſchwarzen„Putzen“*); die Dun⸗ *) Der Hofmarſchall trug eine offene Weſte, ſodaß man ei⸗ nen Theil des weißen Hemdes ſah. Dieſes diente dem Mörder als Zielpunkt. kell Al R ⸗ ſt. du ir n as un er t, e6 f⸗ , Die Ermordung des Hofmarschalls von Mlinutoli. 185 kelheit der Nacht verhinderte jede genaue Unterſcheidung. Als er ungefähr auf fünf bis ſechs Schritte heran zu mir gekommen war, drückte ich auf ihn ab; den Schuß hatte ich auf die Bruſt zu gerichtet. Dies wird gegen ½ 10 Uhr geweſen ſein; ob es ſchon geſchlagen hatte oder kurz darauf ſchlug, weiß ich nicht. Ein Viertel auf 10 Uhr hörte ich noch ſchlagen und ½10 Uhr ſchlug es, als ich eine Weile nach Hauſe gekommen war.“ Auf Befragen: was für ein Gewehr er gehabt? antwortet er: es ſei ein kurzer Carabiner geweſen, den der Mylius, wie er ihm noch am Mittwoch Abend er⸗ zählt, vom Gürtlermeiſter Meiße an demſelben Tage geborgt habe. Der Mylius habe ihm ferner geſagt: er hätte den Gürtler Meiße ſchon einige Tage früher um den Carabiner angeſprochen, allein der habe damals geſagt, er müſſe ihn erſt reinigen; daß ihm auch Meiße einen harten Thaler verſprochen habe, wenn er den Hof⸗ marſchall erſchieße.— Er habe den Hofmarſchall mit einer Kugel, die Mylius gegoſſen und ihm am Mitt⸗ woch Abend gegeben, erſchoſſen. Auch habe er die Kugelform und das Lademaß zu dem Carabiner an je⸗ nem Abend geſehen, welches beides Mylius ebenfalls vom Gürtler Meiße erhalten habe. „Mylius hat das Gewehr geladen! Wie ich zu ihm gekommen bin, war es ſchon geladen. Er zeigte mir den Carabiner und ſagte: Das Pulver habe ich ſchon hineingethan und auch einen Pfropfen darauf gemacht. Dann wies er mir die Kugel und ließ ſie in den Lauf rollen. Wir ſtürzten das Gewehr mehrmals um und ließen die Kugel wieder herausrollen. Wer ſie von uns beiden zum letzten male hineingethan hat, weiß ich nicht, ich habe aber einen kleinen Papierpfropf darauf geſetzt.“ 186 Die Ermordung des Hofmarschalls von Minutoli. Ferner: daß er am Mittwoch Abend um 7 Uhr in der Stadt mit dem Mylius zuſammengekommen und ein Stück mit ihm gegangen ſei. Als er ſich von ihm getrennt, habe er ihm geſagt: er ſolle machen, daß er ſein Gewehr nach Hauſe brächte, ſchnell eſſen und dann hinaus zu ihm kommen, er habe einen Carabiner zu Hauſe. Ferner: daß ihm am Donnerſtag Mylius drei Kreuzer gegeben habe, um dafür Pulver zu kaufen, was er auch gethan und ihm daſſelbe noch am Donnerſtag Abend beim Sächſiſchen Hof, wo er ihm begegnet, eingehän⸗ digt habe. Als er nach dem Hofmarſchall geſchoſſen gehabt, hatte derſelbe Hülfe! Hülfe! gerufen. Er aber lief nach der Meiereiſtraße zu, verſteckte das Gewehr in den Kanal am Gottesacker und ging ſogleich nach Hauſe. Das Gewehr habe er deshalb nicht mit nach Hauſe genommen, weil der Mylius geſagt: er müſſe ſolches am andern Tage dem Gürtler Meiße wiedergeben und habe ihm deshalb die Stelle bezeichnet, wo er es hin verſtecken ſolle. Er behauptete, daß er vorher Nichts mit dem My⸗ lius darüber beſprochen habe, wie ſie ſich benehmen und ausſagen wollten, wenn nach der That auf den Einen oder Andern von ihnen ein Verdacht fiele. Das Pulver will er von Mylius erhalten habenz der hätte zu ihm geſagt: er ſolle es mitnehmen, denn er dürfe es nicht behalten. Die Kugelform habe er in den Mantel des Mylius geſteckt, denn ſie hätten nicht gewußt, wo ſie dieſelbe verbergen ſollten. Der Mylius habe aber darum gewußt, denn als er zu ihm geſagt: Ich meinte, wir ſteckten ſie in deine Manteltaſche, habe er geantwortet: Es iſt auch wahr! Die Schrote und utoli. Uhr in n und n ihm daß er dann ner zu reuzer auch Abend gchän⸗ chabt, r lief nden auſe. auſe olches und hin hnen den ben denn ein niht 3 yliu ſagt hobe und Die Ermordung des Hofmarschalls von Minutoli. 187 die blecherne Patrone habe er mitgenommen, damit ſol— ches nicht draußen gefunden würde. Wagner leugnete anfänglich, daß er nach der That mit Jemanden darüber geſprochen habe. Später geſtand er ein: wenn er mit Jemanden darüber ge⸗ redet habe, ſo ſei das ſeine Schweſter Erneſtine geweſen, die ihn am andern Tage gefragt habe: ob er denn ſchon wiſſe, daß der Hofmarſchall erſchoſſen ſei? Da habe er nur geantwortet: Schweig ſtill! wo⸗ raus ſie ſich wol hätte entnehmen können, daß er es geweſen ſei. Wagner gibt weiter an: er habe nicht gewußt, daß der Hofmarſchall an jenem Abende beim Garteninſpec⸗ tor ſei, das habe ihm Mylius erſt geſagt, als er hinaus zu ihm gekommen wäre; auch habe ihm dieſer geſagt, daß ſein Herr zur hintern Thüre hereinkommen würde, was er auch ſchon früher bemerkt hätte. Der Mylius wäre um 9 Uhr mit ihm hinausgegangen, damit ihm die Zeit nicht zu lang würde, ſie hätten da auch gehört, wie drüben in des Garteninſpectors Stube der Hofmarſchall die Zeitung vorgeleſen habe. Erſt als drüben das Licht aus der Stube verſchwunden ſei, als Zeichen, daß der Hofmarſchall weggehe, ſei der Mylius ins Haus zurückgegangen und habe die Thüre zuge⸗ macht, weil er nicht vom Hofmarſchall geſehen ſein wollte. Auf Befragen: ob er den Hofmarſchall in der Dun⸗ kelheit erkannt habe? „Ja; ich hörte ihn nämlich zu den Leuten, die ihm zur Treppe heruntergeleuchtet haben, ſagen: Gute Nacht! und das war ſeine Stimme. Als er dann näher auf mich zukam, habe ich ihn an ſeiner Statur erkannt.“ 188 Die Ermordung des Hofmarschalls von Minutoli. Er fügte auch noch hinzu, daß der Hofmarſchall ein Papier in der Hand gehabt habe, was er für die Zei⸗ tung gehalten. Als ihm das vom Gericht aufbewahrte Gewehr vor⸗ gelegt wurde, antwortet er ſicher und beſtimmt:„Ja, das iſt das Gewehr, mit dem ich den Hofmarſchall er⸗ ſchoſſen habe!“ Die ihm vorgelegte Kugelform, ſo wie das Lade⸗ maß erkennt er ebenfalls für dieſelben Stücke an, die er beim Mylius geſehen. Als ihm die Kugel vorgelegt wurde, durch welche der Hofmarſchall getödtet wurde, ſagte er: „Es wird das die Kugel ſein, welche ich geladen gehabt habe, allein damals, als ſie mir der Mylius ge⸗ geben hat, hatte ſie noch ein größeres Zäpfchen, wie jetzt. Mylius ſagte damals zu mir: Der Meiße hat zu mir geſagt, ich ſolle die Kugel nicht abzwicken, ſie ginge beſſer durch.“ Als ihm die nicht ganz ausgegoſſene Kugel vorge⸗ legt wurde, die man beim Mylius gefunden hatte, wollte er eine ſolche noch nicht geſehen haben. Der Unterſuchungsproceß tritt hier offenbar in ein anderes Stadium über. Bisher hatte Mylius behauptet, der Verleitete zu dieſem Verbrechen zu ſein, und nach ſeinen wiederholten Ausſagen, wie den dabei erwähnten Umſtänden konnte man annehmen, daß Mylius nur aus dem Grunde zum Morde ſeines Herrn die Hand bot und dieſen geſchehen ließ, um ſich an dieſem wegen erlittener Mishandlung zu rächen. Durch Wag⸗ ner's Ausſagen in dieſem Verhör werden wir auf eine andere Spur geleitet, indem hiernach der Mylius nicht der net vor nur ſen die ri toli. all ein ie Zei⸗ hr vor⸗ „Ja, all er⸗ ade⸗ n, die welche eladen us ge⸗ „wie hat ʒu ginge vorge⸗ wollte in ein auptet d ni ühnte ur au nd bet vege Pih in Die Ermordung des Hofmarschalls von Minutoli. 189 der Verleitete, ſondern der Verleiter iſt, der den Wag⸗ ner zu einem Morde beredet, dieſem das Nöthige hierzu vorbereitet und beſchafft und ihm Dinge verſpricht, die nur in ſeiner Illuſion beſtehen. Der Mörder iſt erwie⸗ ſen, er hat es ſelbſt bekannt; aber in weſſen Kopfe war die Idee zum Verbrechen zuerſt entſprungen und ge⸗ reift? Wer iſt der wirklich Verleitete? Wagner hatte noch Jemand genannt, der dem pro⸗ jectirten Verbrechen indirecten Vorſchub leiſtete, den Gürtlermeiſter Meiße. Die Nennung dieſes Namens mußte ſelbſt das Gericht befremden, denn Meiße ſtand bisher im beſten Rufe eines ruhigen, ordentlichen und fleißigen Bürgers von loyalen Geſinnungen und freund⸗ lichem, gefälligem Weſen. Wie ſollte der dazu kommen, den Tod des Hofmarſchalls zu wünſchen und zu einem ſolchen Verbrechen hülfreiche Hand zu bieten? Meiße war verheirathet, war Vater von drei Kindern und führte ein glückliches Familienleben; ſein Geſchäft ging gut; er gehörte nicht zu jenen Exaltirten, die ſich damals vom wirbelnden Neuen hinreißen ließen, wie konnte er daher als ruhiger, beſonnener Mann ſein Familien⸗ glück, ſeine Exiſtenz und ſeine Ehre auf ſolche Weiſe aufs Spiel ſetzen? Wagner hatte darüber im Verhör angegeben: nach Mylius' Ausſage habe ſein Herr den Meiße bei ſeinen Foderungen„geſchnürt“, d. h. ihm das nicht gegeben, was er für die ihm und an den Hof gelieferten Arbeiten in Anrechnung gebracht; darüber ſei der Meiße ſo aufgebracht geworden. Uebrigens wäre der Mylius oft zu dieſem gekommen, da ſein Herr Vieles bei ihm habe arbeiten laſſen. Mylius habe ihm auch früher einmal geſagt: der Meiße werde ihm ſchon ein Gewehr oder ein Piſtol verſchaffen. Die Frage über das Herbeiſchaffen des Mordgewehrs 190) Die Ermordung des Hofmarschalls von Minutoli. hatte dem Gericht, wie wir bereits aus Obigem erſehen, viel zu ſchaffen gemacht. Bis jetzt hatte noch Niemand darüber nähere Auskunft ertheilen können. Am 13. April wurde es auch dem Bruder des Ermordeten, dem Re⸗ gierungsrath von Minutoli aus Liegnitz vorgelegt, der auf die Schreckensnachricht von der Ermordung ſeines Bruders ſogleich herbeigeeilt war; allein auch dieſer kannte das Gewehr nicht und hatte es bei ſeinem Bru⸗ der nicht geſehen. Jetzt glaubte man eine Spur auf⸗ gefunden zu haben, und täuſchte ſich abermals. Mylius wurde in einem neuen Termise darüber ge⸗ fragt: wo er das Gewehr her habe, womit ſein Herr erſchoſſen worden? Er wurde hierbei auf das Wider⸗ ſprechende ſeiner frühern Ausſagen aufmerkſam gemacht und aufgefodert, die Wahrheit zu bekennen. Mylius blieb beim Vorigen: das Gewehr gehöre ſeinem Herrn und er habe es auch von dieſem erhalten. Nun ward ihm offen mitgetheilt, was Wagner darüber ausgeſagt. Er ſtellte es entſchieden in Abrede, daß er das Gewehr vom Gürtler Meiße erhalten habe. Er wolle es mit ei⸗ nem feierlichen Eid beſchwören und mehre male rief er aus: er wolle nicht geſund hier ſitzen, wenn das nicht wahr ſei, was er ſage. Weiter ſetzte er hinzu: allerdings habe er zum Wagner geſagt, daß er das Gewehr vom Meiße hätte; allein das ſei nur aus dem Grunde geweſen, um die⸗ ſen nicht wiſſen zu laſſen, daß das Gewehr ſeinem Herrn gehöre. Auf Befragen: warum? wußte er keine Antwort. Mylius wurde hier mehrer Lügen überführt, weshalb ihm die Entziehung des Peichen Lagers bis zum mergenden Tage als Strafe vom Gericht zuerkannt wurde. Wagner erklärte im weitern Verhör: daß ihn der Hofmarſchall niemals beleidigt habe. Derſelbe wäre wol wer mal imn vie ger ſ6 0b te h ha vo ne ſtr Al de toli. rſchen, iemand Qyril m Re⸗ , der ſeines dieſer nBr⸗ ur auß⸗ ber ge⸗ nHer Vider⸗ emacht Mhlius Herrn ward geſagt Geweht nit e le rie niht 7 zum hätt m di ſeinn nki erfüht⸗ is zn wud n e vi Die Ermordung des Hofmarschalls von Minutoli. 191 wol mehre male in die Stube des Mylius gekommen, wenn er dort geweſen, da habe er aber demſelben jedes⸗ mal„die Zeit geboten“(gegrüßt) und Jener habe immer darauf„gedankt“. Einmal, ungefähr vor vier Wochen, als er ebenfalls beim Mylius des Abends geweſen, ſeien Beide eingeſchlafen geweſen, als der Herr ſchellte. Mylius ſtürzte hinauf, und als er ihm zu lange oben blieb, war er weggegangen. Vierzehn Tage ſpä⸗ ter war die Rede auf jenen Abend gekommen und da hätte der Mylius ihm mitgetheilt, daß ſein Herr geſagt habe:„Da haſt du nun wieder mit dem Bengel geſchlafen!“ Wagner und der Mylius hätten, ſagt der Erſtere, von dem für 3 Kreuzer erkauften Pulver ſchon aus ſei⸗ nem Bürgergardengewehr blind in der nahen Marien⸗ ſtraße geſchoſſen gehabt, und es ſei am Donnerſtag Abends 9 Uhr vor dem Mordtage geſchehen. Mylius, der noch kein Gewehr abgedrückt hatte, äußerte nämlich den Wunſch, auch einmal zu ſchießen. Daß Mylius ſich im Schießen üben wollte, war aber vermuthlich Nebenſache, ſondern Hauptſache war(wie die Verbrecher auch ſpäter eingeſtanden) den Garteninſpector und die Nachbarſchaft an das Schießen zu gewöhnen, damit dieſes bei dem verhängnißvollen Schuß nicht weiter auffalle. In einem ſpätern Verhöre wiederholt Mylius, daß er weder vom Gürtler Meiße ein Gewehr erhalten, noch mit dieſem über das Erſchießen ſeines Herrn geſprochen habe. Es ſeien dies Lügen geweſen, die er dem Wagner vorgemacht habe, um ihn mehr zur That zu ermuthigen. Am Dienſtag vorher ſei k von ſeinem Herrn zum Gürtler Meiße geſchickt worden, um Etwas hinzutragen, da habe er in deſſen Werkſtatt mehre Gewehre geſehen, darunter aber kein Piſtol, worauf er zu Meiße geſagt: Sie ha⸗ — ₰ 192 Die Ermordung des Hofmarschalls von Mlinutoli. ben da ſo viele Gewehre und doch kein Piſtol, worauf dieſer geantwortet: Ja, ein Piſtol fehlt mir noch! An einer andern Stelle ſagte Mylius:„Ich wollte ihn(Meiße) erſt einmal um ein Gewehr erſuchen, aber es reute mich wieder, trotzdem ich mir es feſt vorgenommen hatte, den Hofmarſchallmit aus der Welt zu ſchaffen.“ Auf Befragen: warum er denn dem Wagner Muth machen wollen, ob es dieſem daran gefehlt habe? „Nein, das gerade nicht; aber am Dienſtag Mor⸗ gen hatte mich mein Herr geſchlagen, und da hatte ich mehr Muth und deshalb habe ich es zu ihm geſagt.“ Mylius hatte beim Beginne des Verhörs den Un⸗ terſuchungsrichter wegen ſeiner geſtrigen Lügen um Ver⸗ zeihung gebeten und ihm verſprochen, von nun an keine Unwahrheit wieder zu ſagenz aber während des Ver⸗ hörs gerieth er ſchon mehre male auf Abwege und am Schluſſe des Verhörs äußerte er mit frecher Stirn: „Ich ſage die Wahrheit und habe noch Niemanden Etwas entwendet; aber der Wagner hat mir ſelbſt er⸗ zählt, daß er ſchon geſtohlen habe. Sie werden daher wol noch den Unterſchied zwiſchen mir und Wagner ſehen!“ Der Unterſuchungsrichter konnte ihm aus den Acten be⸗ weiſen, daß er ſelbſt wegen geſtohlener Würſte 14 Tage Arreſt erhalten gehabt; diesmal ward ihm wegen abermali⸗ gen Lügens auf 48 Stunden das weiche Lager entzogen. Bei einer ſpätern Vernehmung ſagte Wagner: ein⸗ mal habe Mylius ſo ihn angeredet:„Siehſt di Kaspar, wenn du meinen Herrn erſchießeſt, ſo ma du mich wie dich glücklich, denn ich gebe dir ſogleich einen Bedientenrock; ich aber bekomme ſämmtliche Klei⸗ der meines Herrn und auch ſeine Stiefeln, wenn er erſchoſſen iſt.“ Dann habe er auch geſagt:„Richt wahr, det utoli. worauf noch! wollte rſuchen, es feſt it aus er Muth g Mor⸗ utte ich geſagt“ den Un⸗ um Ver⸗ nun an es Ver⸗ und am tirn: emanden ſibſt er n dahr rſchen Atenb 14 Luh bermal ntzoge net: e ihſt d mt, ſogl vm tm Die Ermordung des Hofmarschalls von Minutoli. 193 Kaspar, wenn mir der Meiße ein Gewehr gibt, er⸗ ſchießeſt du ihn?“ worauf ich dann erwiderte: Warum denn nicht! Bei jeder Wiederholung kam übrigens mehr heraus, wie neben der kindiſchen Rachſucht das gemeinſte In⸗ tereſſe thätig geweſen. Wagner geſtand ſchon zu: daß Mylius ihn auch darauf aufmerkſam gemacht, daß ſein Herr Geld liegen habe, und wenn er erſchoſſen würde, erhielte er ſeine Kleider und er wolle auch von dem Gelde nehmen. Ihm habe er einen Bedientenrock ver⸗ ſprochen. Später habe ihm der Mylius erzählt: daß ihm der Meiße, dem er ſeinen Plan mit getheilt, ge⸗ rathen habe, welche Sachen er nehmen ſolle, und zwar müſſe er dieſes noch während der Nacht thun, da am nächſten Tag das Gericht hinauskommen würde, um Alles zu verſiegeln. Bemerken müſſe er noch, daß damals, als die Rede darauf gekommen, ausgemacht worden wäre: daß das vorgefundene Geld zwi⸗ ſchen Beiden getheilt werden ſolle. „Anfangs“, ſagte Wagner,„habe ich mich hiermit nicht einverſtanden erklärt, ſondern entgegnete dem My⸗ lius immer, ſo oft er wieder davon anfing: es geht nicht anz wenn es herauskömmt, kommen wir ins Zucht⸗ haus und haben uns lebenslänglich unglücklich gemacht; allein Mylius drang fortwährend in mich und ſetzte dies bei jedem Beſuch, den ich ſpäter draußen machte, fort, bis ich mich endlich am Donnerſtag vor der That damit einverſtanden erklärte.“ Wagner ſchildert nun in ergreifender Weiſe ſeine Familienverhältniſſe. Der Vater war früher ein or⸗ dentlicher, fleißiger Mann geweſen, ſeine Profeſſion brachte ihm nicht nur ſo viel ein, daß er ſich und ſeine Familie gut ernähren konnte, er hatte ſich auch ein klei⸗ XXIV. 9 194 Die Ermordung des Hofmarschalls von Minutoli. nes Vermögen erworben. Er beſaß ein eigenes Haus mit einem Gärtchen daran, drei Berge und einen Kraut⸗ garten. Die Familie wurde ſtärker, der Verdienſt ge⸗ ringer, zu allem Unglück ergab ſich der Vater noch dem Trunke, und ſo ſchmolz das Vermögen ſchnell zuſammen. Die ordnungsliebende Mutter ſuchte den drohenden Ruin durch Fleiß und Sparſamkeit noch fern zu halten; allein als dieſe vor zwei Jahren geſtorben war, brach das Un⸗ glück ſchnell herein. Erſt wurden die Grundſtücke, dann das Haus gerichtlich verkauft, woraus, nachdem die Schulden davon abgezahlt waren, 1300 Gulden übrigblie⸗ ben. Der Vater hatte eine lüderliche Weibsperſon als Zuhälterin, mit der er dieſe Summe bald vergeudete. Nun wurden auch ein Möbelſtück ums andere, dann die Betten verkauft, bis in der ärmlichen Stube nur noch ein altes Canapee, ein armſeliger Tiſch und einige wacke⸗ lige Stühle ſtanden. Die Roth war groß, denn der Vater war in Folge des Trunkes krank geworden; er konnte gar nichts mehr verdienen und die kleineren Ge⸗ ſchwiſter wollten auch ernährt ſein. Der ältere Bruder war Gerichtsdienergehülfe, die Schweſter Erneſtine Auf⸗ wärterin und Kaspar arbeitete im Tagelohn, wo er täg⸗ lich 15 Kreuzer erhielt; aber er hatte nicht alle Tage Ar⸗ beit. Da die Familie aus der Armenkaſſe nichts er⸗ hielt, ſo war ſie dem bitterſten Mangel preisgegeben; oft mußte ſie mehrere Tage hintereinander hungern. Von einem Anſchaffen von Kleidungsſtücken konnte un⸗ ter ſolchen Verhältniſſen keine Rede ſein, konnte* doch den nagenden Hunger kaum ſtillen. Wagner's drückende Verhältniſſe waren dem Mylius wohl bekannt. Dagegen hatte ihm Mylius auch ſeine Lage erzählt und oft bitter geklagt, daß er nicht ge⸗ nug zu eſſen bekomme, nicht einmal ſatt Brot. Als mtoli. 6 Haus Kraut⸗ enſt ge⸗ och dem ammen. n Ruin z allein das Un⸗ ke dann em dit brigblie rſon al geudett ann die ur noch e wacke enn der den eten Ge Brude ine Af et ti ege U chtz„ gegebn ungen nnte u nte m Vyl⸗ uch ſi icht t Die Ermordung des Hofmarschalls von Minutoli. 195 die Hirſch weggekommen ſei, habe ihm ſein Herr wöchent⸗ lich ein Maß Kartoffeln, ein halbes Pfund Butter und ein Quärtchen Milch verſprochen, allein ihm dieſes nicht ge⸗ geben. Alle vierzehn Tage erhalte er nur einen dreipfündi⸗ gen Laib Brot. Verſehe er etwas in ſeiner Dienſt⸗ leiſtung, ſo werde er geſchlagen und immer geſchimpft. Er habe ſich zwar bei ſeinem Vater über dieſe Behand⸗ lung beſchwert, allein dieſer habe an ſeinen Herrn ge⸗ ſchrieben: er möge ihn nur ordentlich züchtigen, wenn er nicht aufpaſſe. Mylius hatte offenbar übertrieben. Marie Hirſch, ſpäter darüber vernommen, ſagte: daß ſie bei ihrem Herrn in Bezug auf die Verköſtigung keine Noth ge⸗ litten hätten. Um den Wagner noch mehr zur Ausführung des Verbrechens zu reizen, hatte Mylius geſagt, daß ſein Herr Geld liegen habe; er gab ihm ſogar die Um⸗ ſtände näher an, wie man deſſen habhaft werden könne. Zuerſt kam die Rede darauf, als Mylius von ſeinem Herrn nach Maßfeld, eine Stunde von Meiningen ge⸗ ſchickt wurde, wohin ihn auf ſein Erſuchen Wagner be⸗ gleitete. Es war wenige Tage darauf, als er die Be⸗ kanntſchaft mit Wagner in Meiningen erneuert hatte. Mylius theilte ihm hier Folgendes mit: Sein Herr lege des Nachts den Schlüſſel zum Secretär, worin das Geld liege, unter ſein Kopfkiſſen, den Stubenſchlüſſel nehme er aber mit hinüber zum Garteninſpector. Es käme nun darauf an, wo ſein Herr, wenn er todt wäre, hingetragen würde. Trüge man ihn in ſeine Woh⸗ nung, ſo müſſe er nun ſehen, wie er es möglich mache, zu dem Gelde zu gelangen. Mylius gab ihm auch an, wie ſein Herr zu dem Gelde gekommen ſei: daß er nämlich ſeinen Abſchied er⸗ 9* 196 Die Ermordung des Hofmarschalls von Minutoli. halten und dafür 2000 Gulden bekommen habe; erſt am 1. April habe ihm der Hofmarſchallamtsbote 200 Gulden gebracht. Wenn Wagner dem Mylius vorgeſtellt, er möge bedenken, was das für ein Schritt ſei, habe der ihm immer geſagt:„Mit dir iſt es nichts, du haſt kein friſches Herz; ich werde ihn ſelber erſchießen müſſen!“ Dringend aber hätte er ihn gebeten, ja nichts zu ſagen. Mylius habe ihm auch heilig verſprochen, ihn nicht zu verrathen. Uebrigens waren beide Mörder auf die größte Vor⸗ ſicht bedacht. So hatte Mylius das Theewaſſer für ſeinen Herrn heiß gemacht und das Brot für ihn ge⸗ röſtet, denn es hätte ja ſein können, daß Wagner den Hofmarſchall nicht getroffen, oder Jemand bei dieſem geweſen wäre. Auch habe der Mylius noch beim Hinaus⸗ gehen(an der hintern Thüre) geſagt.„Wenn das Glück gut iſt, ißt er es aber heute nicht!“ Wagner würde weggelaufen ſein, wenn noch Je⸗ mand beim Hofmarſchall geweſen wäre. In der Nacht konnte er allerdings das nicht ſehen, allein als der Hof⸗ marſchall aus der Wohnung des Garteninſpectors ge⸗ treten, hätte ſich ein heller Schein vom Licht über den Hof verbreitet, und da habe er geſehen, daß derſelbe allein geweſen. „Der Hofmarſchall ging erſt in der Mitte der Straße; als er nun bis in die Gegend ſeiner Wohnung gekommen war, wo ſich die Hausthüre befindet, drehte er ſich nach derſelben zu. Ich ſtand in der Ecke der Thüre, welche nach der Marienſtraße zu liegt; es iſt das der Thürflügel, der für gewöhnlich nicht der be⸗ wegliche iſt. Er ſtand von mir aus gerechnet ungefähr li. habe; öbote möge e der kein 6 zu „ihn Vor⸗ für n ge⸗ den eſem aus⸗ lüc Nacht Hrf s ge⸗ den rſelbe der nung rehte e der iſ „ Die Ermordung des Fofmarschalls von Minutoli. 197 drei Schritte weiter links. Der Schuß iſt demnach in ſchiefer Richtung nach der linken Seite gegangen. Ich hatte das Gewehr nicht, wie man gewöhnlich thut, an den Backen angelegt, ſondern hatte den Kolben zwiſchen den obern Arm und die Bruſt geklemmt und mit der linken Hand dann dem Gewehr die Richtung gegeben. Ich kann auf dem rechten Auge nicht gut ſehen, deshalb habe ich es nicht an den Backen gelegt und ich glaubte auch, daß ich ihn, weil er ganz nahe an mich herange⸗ kommen, nicht fehlen würde.“ Am 2. Mai ſagte auch Mylius: „Ich will nun Alles noch ſagen, was ich bis jetzt noch nicht ausgeſagt habe; ich will mein Gewiſſen rein machen, ich weiß, daß ich geſündigt habe!“ Unter Thränen, und nachdem er wieder ruhiger ge⸗ worden, geſtand er: daß er dem Wagner das Gewehr angeboten, als ihm derſelbe am Mittwoch Abend in der Stadt begegnete.„Wagner, ich habe heute ein Ge⸗ wehr, wenn du meinen Herrn erſchießen willſt, ſo komme heute hinaus zu mir!“ Darauf habe Jener geſagt: Es wäre ihm recht, er wolle kommen.— Wagner hatte ihn nicht nur gegen den Willen ſeines Herrn oftmals beſucht, ſondern auch mehre Nächte bei ihm geſchlafen. „Ich will meine Sünden alle geſtehen, damit mein Herz leicht wird!“ rief er plötzlich aus und gab nun endlich Das, was er bisher über die Identität des Ge⸗ wehrs verhüllt hatte, an.— Im vorigen Herbſt ſei er mit ſeinem Herrn auf dem Boden geweſen, um dieſen zu reinigen; bei dieſer Gelegenheit habe er das Ge⸗ wehr zwiſchen zwei Balken lehnen ſehen. Das ſei ihm am letzten Dienſtag wieder eingefallen, er ſei hierauf auf den Boden gegangen, habe die Kugelform und das 198 Die Ermordung des Hofmarschalls von Minutoli. Lademaß heruntergenommen, das Gewehr aber ſtehen laſſen, weil ſolches ſein Herr leicht hätte merken können. Am Dienſtag Abend gegen ½ 8 Uhr habe er die Ku⸗ gel gegoſſen und erſt am Mittwoch Abend gegen 6 Uhr das Gewehr heruntergeholt. Man glaubte nun in den Grund der Verbrecher⸗ ſtätte in allem Weſentlichen gedrungen zu ſein und die Hauptverbrecher und deren Motive zu kennen, wenn auch der Antheil der Urheberſchaft noch nicht ganz voll⸗ ſtändig abgemeſſen war; aber ein dritter neuer Haupt⸗ verbrecher ſollte noch hinzutreten, und was mehr, ein neues Myſterium entdeckt werden, das man pſycholo⸗ giſch nicht erwarten konnte, ein wohlgebildetes Complott dreier Mörder, die mit vollſtändiger, raffinirteſter Be⸗ rechnung das Werk in einer Art bereitet und ausge⸗ geführt hatten, wie es unter ſo jugendlichen Böſewich⸗ tern kaum denkbar iſt. In Folge von Wagner's Ausſagen hatte das Ge⸗ richt ein ſcharfes Auge auf deſſen Schweſter Erneſtine gerichtet. Sie ward mehr und mehr gravirt. Erneſtine hatte den Mylius mit ihrem Bruder mehre male in deſſen Behauſung beſucht. Schärfer und ſchärfer ge⸗ drängt, geſtand ſie endlich: daß ſie um die ganze Ausführung bes Verbrechens gewußt habe. Sie war an einem Sonntag Abende mit ihrem Bru⸗ der beim Mylius, wo Erſterer in ihrer Gegenwart zum Mylius geſagt hatte:„Deinen Spitzbuben platze ich weg!“ Sie hatte dieſe Unterredungen nicht nur mit angehört, ſondern ſich auch an denſelben betheiligt. Sie hatte ſogar zur Eile gedrängtz denn(nach einer ſpä⸗ tern Ausſage ihres Bruders Kaspar) hatte ſie ſelbſt —— toli. ſtehen önnen. e Ku⸗ 6 uhr Die Ermordung des Hofmarschalls von Minutoli. 199 an jenem Abende geſagt:„Sie möchten ſich aber eilen, denn ſie habe heute egekalendert? und gefunden, daß bald Mondſchein eintreten werde, wo es dann nichts mehr wäre.“ Dieſe Geſpräche führte man in heiterſter, unbefangenſter Weiſe bei einer Flaſche Wein, welche die beiden jungen Burſche vorher aus dem verſchloſſenen Verſchlag im Keller Minutoli's geſtohlen hatten! Der Bruder Kaspar war an jenem Abende etwas früher weggegangen und hatte ſeine Schweſter mit dem My⸗ lius allein gelaſſen. Hier hat ſich, nachdem der Bru⸗ der fort war, Erneſtine afleiſchlich vergangen? mit dem Muylius, wie ſie ſelbſt freiwillig und ohne Zeichen der Scham vor dem Gerichte geſtand. Wie ein Opfer der Liebe und Wolluſt als Eidſchwur der Verſchwörer vor dem Raub und der Mordthat. Kaspar Wagner und Mylius hatten an jenem Abende in Erneſtinens Gegenwart noch davon geſprochen: wie man den Hofmarſchall ermorden, berauben, ſich in den Raub theilen und ſich der Entdeckung entziehen wolle. Erneſtine war am Montage wieder mit ihrem Bruder dort und die gleichen Geſpräche wurden fortgeſetzt. Es war verabredet worden, nach Amerika zu gehen, die Mörder wollten zuerſt hinüber, die Erneſtine ſollte ſpä⸗ ter nachfolgen. An dieſem Abende ging Erneſtine frü⸗ her weg, Mylius begleitete ſie ein Stück durch den Eng⸗ liſchen Garten und trieb wieder Unzucht mit ihr, was ſie abermals, ohne deshalb aufgefodert zu ſein, ohne Scheu und Scham vor dem Unterſuchungsrichter ausſagte. Erneſtine iſt ein junges, ſchönes Mädchen von neunzehn Jahren. Ihr Bruder wußte, begünſtigte dies Treiben und ſcherzte nachher darüber, als Erneſtine ihm Alles ohne Um⸗ ſtände erzählte. Aber feierlich hatte er ihr dafür gedroht, ſie ebenſo wie den Hofmarſchall zu erſchießen, wenn ſie — — ———— ——,—— „— ——— —.—————— — 200 Die Ermordung des Hofmarschalls von Minutoli. ein Wort von dem ausplaudere, was ſie gehört habe. Die Unſchuld des Gürtlermeiſter Meiße ward dabei zur Evidenz geführt. Der Böſewicht hatte nur aus loſen Zufälligkeiten und Umſtänden ſeine Verdächtigung gewebt. Dagegen ergab ſich, daß Wagner ſchon ganze Nächte beim MWylius geblieben und mit dieſem, ohne Minu⸗ toli's Wiſſen, in einem Bette geſchlafen hatte, wahr⸗ ſcheinlich um recht bequem in aller Umſtändlichkeit das finſtere Werk der Nacht zu beſprechen— zu beſchlafen! Wagner gibt indeß an, daß ſich Mylius gefürchtet habe, weil es Nachts in der Meierei geſpukt hätte. Und wirklich hatte ſich damals ein ſolches Gerücht in der Stadt verbreitet. Es ſchellte zuweilen mitten in der Nacht im Hauſe, trotzdem die Klingel von außen her in keiner Verbindung ſtand. Mylius ſagte ſchon in einem der Verhöre aus: daß es in der Nacht zu⸗ weilen geſchellt habe, wenn Alles im Hauſe zu Bette und ſtill geweſen wäre. Wenn er nun hinauf zu ſei⸗ nem Herrn gekommen ſei, in der Meinung, daß dieſer geſchellt hätte, wäre dieſer immer aufgebracht geweſen und hätte gerufen: er hätte nicht geklingelt. Auch die Hirſch hatte dieſes ſchon gehört und fürchtete ſich ebenfalls. Dem Hofmarſchall ſelbſt kam dieſes wunder⸗ bar vor und er konnte ſichs nicht erklären; er ſelbſt war mehre mal in der Nacht aufgeſtanden, wenn es geſchellt hatte, und hatte das ganze Haus durchſucht, ohne was Verdächtiges zu finden.— Factiſch bleibt die Thatſache ebenſo bewieſen als unerklärt; es bleibt aber Jedem über⸗ laſſen, ob er eine Vorbotſchaft des unglücklichen Minu⸗ toli in dem unheimlichen Klingeln ahnen will. Mylius hatte den Wagner, hören wir, durch Vor⸗ toli. gehört dabei r aus igung Nächte Minu⸗ wahr⸗ it das Nufen! ürchtet hitte cht in en in außen ſchon t ⸗ Bette ſi⸗ dieſet eweſen Ach ſic ndet⸗ wat ſchellt . wo ſicht über Min Vor⸗ Die Ermordung des Hofmarschalls von Minutoli. 201 ſpiegelung bedeutender Geldſummen, die ſein Herr liegen habe, zum Morde reizen oder dieſen beſchleunigen wollen. Es war Alles offenbare Lüge. Er wußte am beſten, daß ſein Herr ſelten ſtark bei Kaſſe war, und hätte es ſich um die bloße Beraubung gehandelt, ſo hatte Mylius beſſere Gelegenheit, ſie auszuführen. Er hatte mit Wagner verabredet: dem erſchoſſenen Hofmarſchall den Schlüſſel zu ſeinem Pulte, den er immer in der Weſtentaſche bei ſich trug, abzunehmen, dann auf deſſen Zimmer zu gehen, das Geld zu holen und ſolches vorläufig zu verſtecken. Erſt dann wollte man Lärm machen. Es iſt ſehr zu bezweifeln, ob es Mylius damit Ernſt war, denn er konnte ſich wol die unangenehme Ueberraſchung ſeines Mordgehülfen denken, wenn dieſer Das nach verübter That nicht vor⸗ fand, an das er ſein Leben geſetzt hatte. Man hatte über die vorläufige Bergung des Raubs Mancherlei verabredet, auch in Gegenwart der Erneſtine. Man wollte das Geld entweder auf dem nahen alten Fried⸗ hof unter einem Leichenſtein oder in dem Berggarten verſtecken, den Wagner's Vater ehemals beſeſſen hatte; aber durch aktenmäßige Ermittelungen iſt dargethan, daß Minutoli damals in ſolcher Geldbedrängniß war, daß es ihm ſelbſt ſchwer ward, das Koſtgeld für den Mittagstiſch beim Garteninſpector Buttmann zu be⸗ zahlen, und daß Mylius von dieſer Bedrängniß ſeines Herrn gewußt hatte. Ebenſo war es Schwindelei von ihm, daß man Herrn von Minutoli mit 2000 Gul⸗ den als Veabſchiedungsſumme für ſeine Amtsentlaſſung befriedigen wollen. Die Mörder waren keineswegs gleich darüber einig geweſen, auf welche Weiſe ſie ihr Opfer tödten wollten; 9** 202 Die Ermordung des Hofmarschalls von Minutoli. man ging mit mancherlei Plänen um, ehe man zu einem beſtimmten kam. Man wollte den Hofmarſchall zuerſt vergiften. „Der Wagner ſagte: er hätte Gift zu Hauſe, und das wollte er mitbringen, um es ihm entweder im Theewaſſer oder in der Suppe zu geben. Dabei ſagte er: das Gift ſehe wie Mehl aus und wenn mein Herr nur ein Bischen davon äße, müßte er ſogleich zerplatzen. Er brachte es aber nicht mit; ſein älterer Bruder Friedrich, der beim hieſigen Kreisgericht einige Wochen Gehülfe war, habe es verſchleppt. Dies ſagte er in Gegenwart ſeiner Schweſter, welche auch beſtätigte, daß das Gift ihr älterer Bruder verſchleppt habe.“ Wagner ſollte auch noch geäußert haben: das Ver⸗ giften würde das Beſte ſein, denn die Leute würden glauben, daß ſich der Hofmarſchall wegen der Geſchichte mit der Hirſch ſelbſt vergiftet habe, mithin würde auf ſie Beide nicht der geringſte Verdacht fallen. Dies wäre ungefähr ſechs Wochen vor dem Tode des Hofmar⸗ ſchalls geweſen. Am Sonntag Abend, als man ſchon über das Er⸗ ſchießen einig geworden, habe Wagner noch in Gegen⸗ wart ſeiner Schweſter geſagt: es wäre doch beſſer, wenn man den Hofmarſchall vergiften könne, da fiele doch kein Verdacht auf ſie. Da habe die Erneſtine ge⸗ ſagt:„Das iſt auch wahr! wenn mein Bruder das Gift nur nicht verſchleppt hätte!“ So war die Angabe des Mylius; ganz anders ge⸗ ſtaltete ſich die, welche Wagner darüber abgab: „Es war auch vom Vergiften die Rede“, ſagte Wagner. „Vom Vergiften wurde ſchon Anfangs Februar ge⸗ ſprochen, und zwar kam Mylius darauf. Ich le Die Ermordung des Hofmarschalls von inutoli. 203 hatte nämlich zu dieſem vorher einmal geſagt, daß ich Gift zu Hauſe hätte, wie aber damals die Rede auf das Gift gekommen iſt, weiß ich nicht mehr; aber ſo⸗ viel weiß ich, daß damals vom Vergiften noch nicht geſprochen worden war. „Mylius ſagte nämlich zu mir: Wenn ich nur wüßte, wie ich den Kerl aus der Welt brächte, was der mich turbirt, das kannſt du dir gar nicht vorſtellen; bringe mir nur dein Gift mit, was du zu Hauſe haſt, ich vergifte ihn! „Ich ſtellte ihm darauf vor, daß dies durchaus nicht anginge, denn er(Mylius) oder die Garteninſpectors kämen ja dann in den Verdacht, ihn vergiftet zu haben. Er erwiderte mir darauf: dafür laſſe nur mich ſorgen; es muß ſo herauskommen, als wenn er ſich ſelber vergiftet hätte, wegen der Geſchichte mit der Marie Hirſch. „Ich habe ihm aber das Gift nicht mitgebracht; da er mich jedoch immer danach fragte, habe ich zwar ein⸗ mal danach geſucht, es aber nicht gefunden. Mein Bruder hat es dem Metzgermeiſter S., der in unſerer Nachbarſchaft wohnt, zur Vertilgung der Ratten ge⸗ geben. „Wie die Rede auf das Erſtechen gekommen iſt, weiß ich auch nicht mehr, aber wir haben auch davon geſprochen und ich habe zu dem Zwecke auch einmal mein Bajonnet von dem Bürgergardengewehr mit hinaus in die Meierei gebracht und ſagte damals zu dem Mylius: wenn man ihm damit einen Stich gibt, ſo geht der durch und durch! „Mein Bajonnet hatte ich gerade an dem Tage mit in der Meierei, wo wir das letzte mal Wein im Keller des Hofmarſchalls geholt haben. Auch ſagte ich damals 204 Die Ermordung des Hofmarschalls von Minutoli. zum Mylius: wenn dein Herr jetzt herunter in die Stube käme, ſo würde ich ihn ſogleich erſtechen. „Der Herr Garteninſpector hatte dem Herrn Hof⸗ marſchall geſagt, daß ich den Mylius zuweilen beſuche. Sein Herr wollte dies nicht haben und hatte dem Mylius den Umgang mit mir verboten. Darauf hin that ich nun die Aeußerung: Wenn dein Herr herunter⸗ käme und ſähe mich, ſo wollte ich ihn erſtechen!— weil ich glaubte, er würde darüber Spectakel machen. Dies Letztere hat man mir ungefähr vierzehn Tage vor her mitgetheilt.“ So weit Wagner's eigene Ausſage üher die Ver⸗ giftungsgeſchichte; als ihm die Ausſagen vorher, wie ſie Mylius gegeben, vorgelegt wurden, rief er ziemlich entrüſtet: „Der Mylius ſtellt die ganze Sache geradezu um⸗ gekehrt dar, wie ſie eigentlich geweſen iſt!“ Er ſtellte beſonders in Abrede, daß er dem Hofmarſchall das Gift in die Suppe oder ins Theewaſſer habe thun wollen.„Ich weiß aber recht gut, warum Mylius dieſe Sache ſo entſtellt vorgetragen hat. Nämlich vor⸗ her, ehe wir die That wirklich ausgeführt haben, kam auch die Rede zwiſchen uns darauf, wie wir uns ver⸗ halten wollten, wenn irgend ein Verdacht gegen uns entſtehen würde, und da ſagte Mylius: Ich ſollte nur Alles auf mich nehmen und erwollte Alles auf mich ſchieben, für meine Strafe ſei das ganz gleichgültig; wenn ich dann wieder frei werden würde, wolle er mich dafür bezahlen. Ich ſagte ihm darauf: Wenn ich eingezogen werde, kann ich die That nicht leugnen, die wird mir ordentlich auf der Stirn geſchrieben ſtehen!— Mylius äußerte dagegen: Ich kann mich ganz gut durchlügen, Die Ermordung des Hofmarschalls von Minutoli. 205 ich mag gethan haben, was ich nur will, an mir merkt man nichts. „Bei dieſer Gelegenheit fällt mir übrigens auch noch ein, daß wir, als wir beſchloſſen hatten, den Hofmarſchall zu erſchießen, auch daran gedacht und darüber geſprochen haben, daß, wenn wir es vollbracht hätten, unter den Leuten auch ſehr leicht die Vermuthung entſtehen könnte, als wenn ſich der Hofmarſchall ſelbſt erſchoſſen hätte.— Weiter: „Hierauf bin ich dann ungefähr acht Tage gar nicht mehr hinaus zum Mylius gegangen, und fühlte mich ordentlich leichter, weil ich eben nicht mehr das ewige Turbiren des Mylius wegen der Hinwegräumung ſeines Herrn aus der Welt anzuhören hatte.“ Als er wieder zu ihm gekommen, habe Mylius ihm wegen ſeines Außenbleibens Vorwürfe gemacht und als er geſehen, daß er bei der Bürgergarde ſtehe, da er vom Exerciren gekomme⸗ und ſein Gewehr mitgehabt, habe er zu ihm geſagt:„Dir haben ſie dein Gewehr auch nicht umſonſt gegeben; mit dieſem Gewehr wird mein Herr erſchoſſen!“ So wäre damals zum erſten male die Rede auf das Erſchießen gekommen. Mylius habe ihm bei dieſer Gelegenheit gleich zu⸗ geredet, den Hofmarſchall zu erſchießen, was er anfangs abgelehnt, indem er geſagt habe: daß gleich der Ver⸗ dacht auf ihn kommen würde, indem man ihn mehr⸗ mals bei ihm geſehn habe. Mylius habe gemeint: das thue nichts, er wäre ja jetzt über vierzehn Tage nicht bei ihm geweſen. Darauf habe er auch noch geſagt: wenn du ihn aber nicht erſchießen willſt, ſo erſchieße ich ihn; ich trete dann mit deinem Gewehr hinüber an den Holzſchuppen und wenn er dann vom Garteninſpector 5 206 Die Ermordung des HFofmarschalls von Minutoli. nach Hauſe geht, erſchieße ich ihn durch den Rücken!— Am Sonntag Abend, wo Wagner mit ſeiner Schweſter beim Mylius geweſen, habe dieſer von der Giftgeſchichte wieder angefangen, indem er geſagt: Siehſt du, wenn du das Gift(ſie wußten auch den Namen: Arſenik) mitgebracht hätteſt, ſo lebte mein Herr ſchon längſt nicht mehr; aber du haſt kein Herz!—„Dabei war er (Mylius) allemal ganz verzückt, wenn er ſo etwas ſagte!“ Den Plan, wie er ſeinen Herrn erſchießen wollte, hatte Mylius ſo gemacht: „Er wollte ihn drüben vom Holzſchuppen aus durch den Rücken ſchießen, wenn er vom Garteninſpector nach Hauſe ginge. Ich ſollte mich aber an die Ecke des Stallgebäudes, welches nach der Meiereiſtraße zu⸗ liegt, ſtellen, und zwar auf die hintere Seite des Haupt⸗ gebäudes. Wenn er nun ſeinen Herrn erſchoſſen habe, wolle er ſchnell her zu mir laufen, mir das Gewehr geben, um das Haus enge, durch die vordere Thür in daſſelbe gehen und dann durch die hintere Thür hinaus zu ſeinem Herrn gehen. „Er überlegte aber dies hin und her; weil er nun aber ſpäter vom Gürtler Meiße ein Gewehr bekommen ſollte, ſo ſagte er zu mir: Wenn ich das Gewehr von Meiße bekomme, ſo erſchießeſt du ihn! und ſo blieb dieſer Plan unausgeführt.“ War es dem Mylius mit dem Erſchießen Ernſt, was jedoch bei ſeiner Feigheit ſehr zu bezweifeln iſt, ſo hatte er den Abend des Sonntags zur Ausführung der That auserſehen, an welchem Wagner mit mehren andern Bürgergardiſten nach der Scheibe geſchoſſen hatte, um ſein Gewehr erſt zu probiren. Ein Soldat hatte ihm— nach ſeiner frühern Ausſage— etliche Die Ermordung des Hofmarschalls von Minutoli. 207 Kugeln dazu verſprochen, da er dieſe aber nicht erhielt, ſtr ſo machte er den Verſuch mit ſteinernen(Guterlei). tr Nach dem Schießen wollte er ſein Gewehr mit Werg mn reinigen, daſſelbe blieb aber im Laufe ſtecken und er ih) konnte es nicht wieder herausbringen. Er hatte dem Mylius verſprochen, dieſem das Ge⸗ wehr am Sonntag Abend mitzubringen; da aber nach a ſeiner Meinung dieſes wegen des im Laufe ſitzenden Wergs und wegen Mangels an Kugeln nicht zu ge⸗ brauchen war, ſo ging er ohne dieſes zum Mylius. Dieſer war ſehr ungehalten darüber, daß Wagner das 6 Gewehr nicht mitbrachte und als dieſer ſeine Gründe . angab, meinte jener: daß er das Werg aus dem Ge⸗ g. wehr ſchon habe herausbringen wollen.— Wie Mylius daran gelegen geweſen, daß ſein Herr wirklich getödtet werde, erſcheint daraus, daß er am Mittwoch Abend 3 noch zu Wagner ausrief:„Ich zittere und bebe am gan⸗ 5 zen Leibe, bevor du ihn ſchießeſt, denn ich denke immer, hr du triffſt ihn nicht ordentlich!“ Dabei habe er immer 3 vom Todtſchlagen mit dem Kolben geſprochen, wenn „ er nicht gleich todt wäre. Vierzehn Tage vor dem Morde war noch ein ande⸗ M rer Plan beſprochen worden. Man wollte nämlich den en Hofmarſchall in der Nähe des alten Friedhofs erſchießen, 3 wenn er Abends durch den Engliſchen Garten aus der i Stadt nach Hauſe ginge. Mylius hatte Wagner dabei mitgetheilt, daß ſein Herr immer eine Uhr und Geld ſ bei ſich trage. Wenn Wagner ihn erſchoſſen hätte, ſ. ſollte er ihn ins Gebüſch ziehen und ihm dieſes ab⸗ 19 nehmen. Mylius habe in ſeinem Zimmer bleiben wollen; en wenn Wagner ihn aber erſchoſſen und ihm Uhr und n Geld abgenommen, ſollte er hinaus zu ihm kommen, worauf Mylius in ſeines Herrn Stube hätte gehen und 208 Die Ermordung des HFofmarschalls von Minutoli. dort deſſen übriges Geld holen wollen. Dieſes hätte dann gleich getheilt und die Uhr verkauft werden ſollen. Der Leichnam des Hofmarſchalls hätte im Gebüſch liegen bleiben ſollen. Die Ausführung der That, zu der Wagener bereit geweſen, wäre nur deshalb unterblieben, weil der Hof⸗ marſchall zu jener Zeit Hausarreſt*) erhalten hätte. Man hatte dabei noch beſprochen: daß der Verdacht des Mordes auf einen Forſtgehülfen fallen würde, der mit der Marie Hirſch früher nähern Umgang gehabt. Deshalb war er auf den Hofmarſchall ſehr aufgebracht, er hatte es mehrmals öffentlich geäußert, alſo eine 45. unbeſonnen angebrachte ſataniſche Liſt. Die Mörder, unerſchöpflich, hatten aber noch ein weiteres Project zur Beſeitigung Minutoli's entworfen: ſie wollten ihn erwürgen. Als nämlich der Hof⸗ marſchall damals, als er wider ſein Verbot den Wag⸗ ner beim Mylius getroffen hatte und deshalb den Letz⸗ tern mit auf ſein Zimmer nahm, ihn ausſchalt und den Wagner einen„Bengel“ nannte, hatte dieſes, wie wir bereits wiſſen, Mylius dem Wagner haarklein, und wahrſcheinlich mit etlichen Zuſätzen, erzählt, und hatte dadurch deſſen Haß gegen den Hofmarſchall ge⸗ ſteigert. Wagner ſagt ſelbſt darüber: „Einige Tage ſpäter erzählte mir Mylius ganz umſtändlich, wie ihn ſein Herr deshalb angelaſſen habe, und fuhr dann fort: Du hätteſt den Hofmarſchall ſogleich vt *) Minutoli hatte niemals Hausarreſt gehabt, man hatte es aber in der Stadt ausgeſprengt. eit f⸗ cht Ner Die Ermordung des Hofmarschalls von Minutoli. 209 anpacken, niederwerfen und erwürgen müſſen!— Ich entgegnete ihm: Wie hätte ich das nur thun können, da ich deine Gedanken darüber gar nicht gekannt habe? „Darauf beſchloſſen wir ſeinen Herrn, wenn er wieder ein mal herunter in die Stube des Mylius kommen würde, zu erwürgen; da ich aber das Er⸗ ſtechen für den Fall für geeigneter fand, ſo nahm ich mein Bajonnet mit hinaus in die Meierei. An dem Abend, wo wir zum letzten mal Wein holten, habe ich es zuerſt mit hinausgenommen, weil es ſonſt mei⸗ nen Angehörigen aufgefallen ſein würde. „Als wir nun beſchloſſen hatten, an dieſem Abend wieder Wein zu holen, ſo nahm ich das Bajonnet mit hinunter in den Keller; da mich aber daſſelbe beim Hinüberſteigen in den Verſchlag hinderte, ſteckte ich es in den Sand und ſagte bei dieſer Gelegenheit: Wenn dein Herr dazu käme, würde ich ihn erſtechen!— Mylius erwiderte darauf: Wenn du ihn erſtochen haſt, begraben wir ihn ſogleich unten im Keller!— Ich entgegnete ihm darauf: Nein, das thun wir nicht! Wir laſſen das Bajonnet in ihm ſtecken und tragen ihn hinauf in ſeine Stubez oben ziehen wir das Bajonnet heraus und legen einen Hirſchfänger neben ihn, damit es ſo herauskommt, als wenn er ſich ſelber erſtochen hätte. „Das Letztere war Mylius zufrieden. Etwas Näheres wurde über dieſe Sache nicht beſprochen, namentlich nicht, wohin er geſtochen werden und wohin er in ſeiner Stube gelegt werden ſollte. Das Bajonnet ſollte deswegen in ihm ſtecken bleiben, daß es nicht blute.(2) „Wir waren“, fuhr Wagner fort,„miteinander dahin übereingekommen, daß ich den Hofmarſchall, wenn er in die Stube kommen würde, zwiſchen den Beinen anpacken und ihn hinwerfen ſollte; dann wollte 210 Die ckrmordung des Hofmarschalls von Minutoli. Mylius mir beiſpringen und wir wollten ihm mit den Händen die Kehle zudrücken. Damit er aber nicht ſchreien könnte, ſollte ihm das Schnupftuch des Mylius in den Mund geſtopft werden. Wer es ihm hinein⸗ ſtecken ſollte, weiß ich nicht mehr. Ich führe nämlich gar kein Schnupftuch bei mir.“ Nach Wagner's Ausſagen war die Idee des Er⸗ würgens abermals vom Mylius ausgegangen. Danach hatte er zum Wagner geſagt: „Wenn aber wieder einmal mein Herr herunter⸗ kommt, ſo packſt du ihn ſogleich an, wirfſt ihn nieder und wir würgen ihn dann zuſammen.“ Man war auch darüber übereingekommen, daß, wenn der Hof⸗ marſchall am Erwürgen nicht gleich ſterben ſollte, man ihm mit den Abſätzen ſo lange auf dem Schädel herumtreten wollte, bis er verſchieden ſei. Hierauf wurde das Weitere beſprochen. Wer auf den Gedanken gekommen ſei, dem Hofmarſchall ein Tuch in den Mund zu ſtopfen, um deſſen Schreien zu verhindern, wollte ſich Wagner nicht mehr entſinnen; er gibt aber zu, daß über dieſen Plan vielmal geſprochen worden, er wäre auch bis zuletzt feſtgehalten worden, als ſchon vom Erſchießen die Rede geweſen wäre. Würde daher der Hofmarſchall in die Stube gekommen ſein, während ſie beide zuſammen geweſen wären, ſo würde er jedenfalls erwürgt worden ſein, denn Wagner hatte ſich ſchon an jenem Abende geärgert, daß Minutoli nicht in den Weinkeller gekommen war, als er den Wein ſtahl. Er hatte ſpäter Mylius gegenüber mit dem Fuß auf den Boden geſtampft und zornig aus⸗ gerufen:„Das wäre ſein Grab geweſen!“ Wagner würde auch den erwürgten Todten in ſein Zimmer hin⸗ aufgetragen und ihm dann das Geld abgenommen haben. —— — Sc c— „— den icht ius ein⸗ lich Er⸗ ach ter⸗ det war el Die Ermordung des Hofmarschalls von Minutoli. 211 Nach Wagner's fernern Ausſagen hatte aber Mylius das Erſchießen für ſicherer gehalten: ſein Herr habe hier viele Feinde. Namentlich habe ihm der Fuhrmann Obermüller gedroht und ihm ſagen laſſen: er ſolle ſich vor ihm in Acht nehmen! Wenn nun ſein Herr er⸗ ſchoſſen werde, ſo würde dadurch nicht ſo leicht Ver⸗ dacht auf ſie Beide fallen, ſondern auf ſeine Feinde. Es wird dem aufmerkſamen Leſer bisher nicht ent⸗ gangen ſein, daß die Mörder Vieles in Bezug auf die vorhabende That bedachten und beſprachen, was von Vorſicht und Schlauheit zeugt, Manches aber auch wieder außer Acht ließen, oder mit einer Leicht⸗ fertigkeit und Unkenntniß behandelten, was überraſchen muß, z. B., daß ſie den Hofmarſchall mit einem Ba⸗ jonnet erſtechen und einen Hirſchfänger neben die Leiche legen wollen, um Andere glauben zu machen, Minutoli habe ſich mit dieſer Waffe ſelbſt entleibt! Sie wollten den Hofmarſchall erwürgen und ihn dann in ſein Bett legen. Sie bedachten hierbei nicht, daß die Spuren der gewaltſamen Tödtung am Körper zurückbleiben mußten. Nebenbei hatten ſich Beide darin ſtark ver⸗ rechnet, wenn ſie glaubten ſo leicht mit dem Hofmar⸗ ſchall fertig zu werden, denn dieſer war trotz ſeiner kleinen Figur ſehr ſtark und gewandt. Hierzu kommt noch, daß ein in einen ſolchen Verzweiflungskampf gerathener Mann, wo es ſich um ſein Leben handelt, doppelt, ja dreifach ſtärkere Körperkräfte entwickelt, als ſonſt. Blieben ſie auch Sieger, was ſehr zu bezweifeln war, ſo ging der Mord keineswegs ohne großen Lärm ab. Aber in der Nähe wohnten Leute, ſchliefen Ar⸗ beiter und Dienſtboten und an der Stube führte ein Weg vorüber. 212 Die Ermordung des Hofmarschalls von Minutoli. Und mit welcher Unvorſichtigkeit plauderte Mylius vorher von dem Morde ſeines Herrn, wie z. B. gegen die drei Gartengehülfen und Andere. Wie unvorſichtig war es von dem bedächtigeren Wagner ſeiner Schweſter ſein Vorhaben anzuvertrauen. Mylius hatte ſich außer des gemeinſchaftlichen Wein⸗ diebſtahls noch eines andern im Hauſe des Hofmarſchalls ſchuldig gemacht: er hatte einen der Marie Hirſch ge⸗ hörigen goldenen Ring, kurze Zeit vor ihrer Verhaf⸗ tung, aus deren Lade entwendet. Er hatte dieſen Ring einige Zeit hernach dem Wagner gezeigt und zu dieſem geſagt: wenn er ihm das Verſprechen und die Hand darauf geben wolle, nichts davon zu ſagen, ſo wolle er ihm mittheilen, wie er zu dieſem Ring ge⸗ kommen ſei. Die Hirſch, welche den Ring vermißte, hatte noch keinen Verdacht auf Mylius gehabt. Trotzdem wir aus den bisherigen gerichtlichen Ver⸗ handlungen, aus den Verhören der am Morde Be⸗ theiligten und der Hauptzeugen das Wichtigſte über die Veranlaſſung und Ausführung der ſchwarzen That erſehen haben, ſo wird ſich doch mancher Leſer geſtehen müſſen, daß er über die eigentlichen Motive der beiden Mörder zu dieſer noch nicht ganz im Klaren iſt und es wird ſchwer bleiben, auch aus dem Folgenden ſich darüber eine klare Vorſtellung zu machen. Bei den Verhören der Hauptverbrecher ſtoßen wir auf mancherlei Widerſprüche, entſtellende Verdrehungen und Lügen, Jeder beſtrebt ſich, ſeine Schuld ſo viel als möglich auf die Schultern des Andern zu wälzen, vir des ſind eine Die Ermordung des Hofmarschalls von Minutoli. 213 wir ſtoßen auch kein einziges mal auf eine Ausſage des einen Verbrechers zu Gunſten des andern, wir finden da keine Spur von einer Selbſtverleugnung, einer Aufopferung, jeder beſtrebt ſich, vor dem Gericht als der Verführte zu gelten und dadurch die ihm be⸗ vorſtehende Strafe zu mildern. Mylius kannte die erbärmlichen Verhältniſſe Wag⸗ ner's genau, er machte ihn auf dem erwähnten Gange nach Maßfeld ſelbſt darauf aufmerkſam, hielt ihm das Drückende ſeiner Lage vor und kam nach und nach auf Pläne, wie dieſer am beſten abzuhelfen wäre. Er ſondirte hier offenbar erſt mit vieler Vorſicht den Cha⸗ rakter ſeines Kumpans, bis ein Wort das andere gab, Wagner das ſcheinbare Vertrauen erwiderte und das ſich ergebende Reſultat dieſer Unterredung das war: den Dienſtherrn des Mylius zu berauben. Man machte nun Pläne, wie dieſes am beſten aus⸗ zuführen wäre. Wagner war Dachdecker, er war mit dem Klettern und zum Theil mit den innern Einrich⸗ tungen der Gebäulichkeiten vertraut, er wollte es daher mit Beihülfe des Mylius unternehmen, von außen in die Wohnung des Hofmarſchalls zu ſteigen, wenn dieſer Abends beim Garteninſpector Buttmann war, mit ſeinem„Spitzhammer“ die etwaigen Schlöſſer zu ſprengen und ſich ſo des vorgefundenen Geldes zu be⸗ mächtigen. Der Plan wurde aber aufgegeben, als Wagner das Einſteigen im dritten Stockwerk nicht ſo leicht fand, als er ſich gedacht hatte, und im Mylius andere Bedenken aufſtiegen. Der Raub gelang nach ſeiner Anſicht beſſer, wenn der Hofmarſchall aus der Welt ge⸗ ſchafft würde. Ob ſich aber Wagner auch hierzu verſtehen würde? Er mußte hier abermals ſondiren. Er ſtellte 214 Die Ermordung des Fofmarschalls von Minutoli. dem Wagner die ſchlechte Behandlung von Seiten ſeines Dienſtherrn in den grellſten Farben vor, er ſchil⸗ derte dieſen als einen leichtfertigen, böſen Menſchen, der alle Achtung verloren, der viele Feinde habe und es wol für ihn und die Welt am beſten wäre, wenn er aus dieſer geſchafft würde. Er ſagte ferner dem Wagner, daß ſein Herr auch auf ihn geſchimpft habe, kurz, er ſuchte Alles vor, um dieſen zu reizen und zur Ausführung einer That zu verleiten, zu der er ſelbſt weder den Muth, noch die innere Kraft hatte. Mylius wußte, daß ſein Herr gewöhnlich nicht viel Geld im Vorrath hatte, er log dem Wagner Summen vor, die gar nicht exiſtirten, er verſprach ihm Dinge, über die er nicht verfügen konnte; kann man ſich daher denken, daß es von Seiten des Mylius bei der Er⸗ mordung ſeines Herrn nur auf eine Beraubung abge⸗ ſehen war? Von ſeinem Herrn fühlte er ſich in jeder Weiſe ſchlecht behandelt, dieſer hielt ihn knapp in Koſt und Lohn, ließ ihm ſelbſt während der Mahlzeit keine Ruhe, turbirte, ſchimpfte, ja ſchlug ihn, ohne daß er ſich dagegen wehren durfte. Er fand ſelbſt bei ſeinem Vater keinen Schutz, er konnte nicht leicht einen andern Brotherrn finden, weil es ſein Vater nicht wollte, und ſah keine andere Gelegenheit, ſeiner Qual zu entrinnen und ſeinen tiefen Haß, den er unvorſichtig gegen An⸗ dere äußerte, anders Luft zu machen, als wenn der Urheber alles ſeines Unglücks weggeſchafft würde. Die⸗ ſes war jedenfalls die Haupttriebfeder, Eigennutz mag nebenbei im Spiele geweſen ſein. Er glaubte, die Gar⸗ derobe ſeines Herrn werde ihm zufallen, und wenn er während der Verwirrung nach dem Morde im Hauſe bliebe, konnte er vielleicht auch Das und Jenes noch über Seite bringen, denn er wußte, daß ſein Herr i. eiten ſchil chen, und wenn dem habe, jn ſelbſt viel men inge, ahet Er⸗ bge⸗ eder Koſ keine e inem dern und nnen der Di⸗ mah Gin⸗ ner auſt ene Hen Die Ermordung des Hofmarschalls von Minutoli. 215 werthvolle Dinge in ſeinen Räumen aufbewahrt hatte. Wir müſſen demnach annehmen: daß vorzugsweiſe die Rache dem Mylius die Mordgedanken in den Kopf ſetzte. Anders erſcheinen uns die Motive bei Wagner, denn dieſer hat vorzugsweiſe ſein Augenmerk auf den Raub gerichtet. Sollte er nur deshalb einen Mord begehen, um ſeinen Kumpan, für den er nicht einmal eine wahre Freundſchaft fühlte, von einem ihm läſtigen Herrn zu befreien? Was konnte es ihn angehen, wenn dieſer von ſeinem Herrn geſcholten wurde, oder von dieſem Ohr⸗ feigen erhielt? Immer mäkelte Wagner mit Mylius um den Mordpreis, die Theilung wurde bei faſt jeder Zuſammenkunft nach dem Mordplan beſprochen und ſo⸗ gar wenige Stunden vor dem Morde, als Wagner beim Mylius ſaß, plauderte jener noch von einer Uhr, einem Rock und andern Dingen, die ihm zufallen müßten und in welches Alles Letzterer auch ſcheinbar willigte, um die Ausführung der That zu beſchleunigen. Wagner machte ſich kein Gewiſſen daraus, einen Men⸗ ſchen, der ihm nach ſeinem eigenen Geſtändniſſe, nie⸗ mals was zu Leide gethan hatte, aus der Welt zu ex⸗ pediren, um ſich dadurch einen materiellen Vortheil zu verſchaffen und ſeine drückende Lage zu verbeſſern. Es war mithin bei dieſem nicht Rache, die ihn zur verruchten That aufſtachelte, ſondern nur der Eigennutz. Weniger ſchwierig iſt es, in Mylius den Verführer und in Wagner den Verführten zu erkennen. Erſterer ſpinnt geſchickt das Gedankengewebe vom bloſen Raube bis zum ſcheußlichſten Morde fort, er benutzt des Letz⸗ tern traurige Lage und Leichtgläubigkeit, verſpricht ihm golden Berge. Geſchickt weiß er auch dieſem gegen⸗ 216 Die Ermordung des Hofmarschalls von Mlinutoli. über die aufgerührten Zeitverhältniſſe zu benutzen, denn dem Wagner ſucht er begreiflich zu machen, wie Alles gegen ſeinen Herrn aufgebracht ſei, auf einer öffentlichen Volksverſammlung habe man ihn verdammt, man wolle ihm die Fenſter einwerfen, fortjagen, ja gar tödten. Es würde unter ſolchen Umſtänden, wo ſo Viele gegen ſeinen Herrn aufgebracht wären und dieſe ihn bedroht hätten, wie z. B. der Fuhrmann Ober⸗ müller, der Gürtler Meiße und Andere, die eigentlichen Thäter herauszufinden, Niemand an ſie denken. Zuletzt ſorgt Mylius noch für die Mordwaffe und für die Kugel, er ſtellt den Mörder auf ſeinen Poſten und gibt ihm an, wie er ſich hier zu verhalten habe. Wagner's Leichtgläubigkeit dem lügenhaften Mylius gegenüber, den er doch aus dem nähern Umgang kennen muß, grenzt ans Unbegreifliche. Er hat dieſen gewiß ſchon auf irgend einerLüge ertappt, denn er log aus reiner Gewohnheit und oft da, wo er es gar nicht nöthig hatte, man könnte ſagen, er log nur zu ſeinem Ver⸗ gnügen. Wir ſtoßen in den Verhandlungen nur auf einen einzigen Punkt, bei dem Wagner in Bezug auf den Mylius etwas ſtutzig wurde, und das war in Be⸗ treff des Gürtler Meiße. Er ſagt darüber in einem Verhöre: „Wenn ich mir die Sache recht überlege, ſo iſt es mir freilich ſelbſt nicht ſehr glaubhaft, daß ſich der Gürtler Meiße in dieſe Sache gemiſcht hätte. Es kam mir auch ſchon damals ſo vor, allein ich widerſtritt dem Mylius nicht, denn wenn man ihm wider⸗ ſprach, ſo lief er in der Stube auf und ab und er kam mir immer ſo vor, als wenn der böſe Geiſt aus ihm ſpräche.“ Wagner, von Natur härter und kräftiger in Vor⸗ w ku li. denn Alles lichen man gar vo ſo dieſe Oher⸗ lichen zuletzt ir dir und ylius ennen gewiß reiner öthig Ver r auf g uf nBr ch de kon erſtit ide d ndu Vy Die Ermordung des Hofmarschalls von Minutoli. 217 ſatz und Willen wie der Mylius, läßt ſich doch in Vielem von dieſem beſtimmen und leiten. Wir finden in den niedern Claſſen häufig, daß Dienſtboten unter Leuten ihres Standes ein gewiſſes Anſehen zu behaupten wiſſen, das mit dem Range oder der Beliebtheit ihrer Herrſchaft im Verhältniß ſteht. Wagner war ein in der Erziehung ganz vernachläſſigter und im Elend der Armuth lebender Menſch, gegen deſſen Leben das des Mylius ein goldenes zu nennen war. Hatte dieſer doch ſchöne Kleider, eine warme Stube, ſeine gute Mittags⸗ koſt und immer etwas Geld. Durch dieſe beſſern Ver⸗ hältniſſe hatte er eine Art Superiorität über den Wag⸗ ner und ſo konnte es wol kommen, daß dieſer ihm in Allem unbedingt Glauben ſchenkte. Uebrigens glaubt faſt jeder Menſch das am liebſten, was er wünſcht, und da Wagner nur Geld wollte, um ſeine elende Lage zu verbeſſern, ſo faßte er begierig Alles auf, was ihm der Mylius darüber ſagte, ohne weiter darüber einen Zweifel zu erheben. Zwei wichtige Dinge dürfen hier nicht überſehen werden, wenn wir ein beſtimmteres Urtheil über das Vergehen der beiden Mörder fällen wollen: das ſind Erziehung und häusliche Verhältniſſe. Eine kurze Lebensſtizze beider wird uns einen tiefern Einblick gewinnen laſſen. Kaspar Wagner wurde am 6. April 1829) in Mei⸗ ningen geboren. Seine Aeltern befanden ſich damals in ziemlich guten Verhältniſſen. Der Vater war fleißig, er betrieb die Profeſſion eines Dachdeckers, war Meiſter, beſaß ein Haus mit einem Gärtchen daran and noch einige Grundſtücke. XXIV. 10 218 Die Ermordung des Fofmarschalls von Minutoli. Kaspar wurde erſt mit dem 8. Jahre in die Schule geſchickt, weil er als Kind ſehr an den Augen litt, doch lernte er während ſeiner ſechsjährigen Schulzeit Leſen, Schreiben und etwas Rechnen und wurde auch in der Religion nicht vergeblich unterrichtet. Die zehn Gebote waren ihm genau bekannt und als ihn der Unter⸗ ſuchungsrichter während des Verhörs nach dem fünften Gebote fragte, ſagte er dieſes ohne Anſtoß her. Als Wagner confirmirt war, kam er zu ſeinem Vater in die Lehre, um deſſen Handwerk zu erlernen. Nach überſtandener dreijähriger Lehrzeit kam er nach Salzungen zu einem Meiſter, wo er ein halbes Jahr blieb und dann wieder zu ſeinem Vater zurückging, weil der Winter eintrat und zu dieſer Zeit die Dach⸗ decker keinen Verdienſt haben. Die Familie war indeſſen ſtärker, der Verdienſt ſchlechter geworden; zudem war der Vater nicht der rüſtige Arbeiter mehr, er ergab ſich dem Trunk, kam immer mehr herunter. Die Mutter war eine ſparſame, fleißige Frau, die dem gänzlichen Ruin noch nach Kräften entgegenarbeitete; als aber dieſe 1845 geſtorben war, brach er um ſo ſchneller herein. Erſt wurde das Haus, dann die Grundſtücke verkauft. Was nach der Tilgung der Schuldenmaſſe übrig ge⸗ blieben war, vergeudete der leichtſinnige Vater mit einer lüderlichen Zuhälterin in kurzer Zeit. Ein Haus⸗ rathſtück nach dem andern wurde verkauft, zuletzt die Betten. Der Vater war kränklich geworden, konnte gar nicht mehr arbeiten, die Geſchwiſter waren zum Theil noch unerwachſen, der bitterſte Mangel herrſchte daher in der nunmehrigen Proletarierfamilie. Ein altes zerbrechliches Canapee, ein wacklicher Tiſch und einige ſchlechte Stühle waren das ganze Mobiliar in der ärm⸗ lichen, gemietheten Wohnung. Der Vater lag auf et⸗ lich des Ode Ho tol. Schul „doch Leſen in der Febott Untet nfte ſeinen etnen nac Jeh gint Dach deſſe we ergal Rutte Rui 15 Er rkauf ig er M etzt! kon n zl ertſch nal in an al Dir Ermordung des Hofmarschalls von Minutoli. 219 lichen Lumpen auf dem Canapee, die Kinder ſchliefen des Nachts auf der Diele hinterm Ofen, unterm Tiſche, oder wo ſie ſonſt ein Plätzchen fanden, um das müde Haupt hinzulegen. Kaspar arbeitete für 15 Kreuzer im Tagelohn, aber er hatte auch für dieſen billigen Lohn nicht immer Ar— beit. Die Familie erhielt nichts aus der Armenkaſſe, weil der Vater leichtſinnig das Seine vergeudet hatte; der drückendſte Mangel herrſchte daher in dieſer. Kaspar Wagner hatte ſich trotzdem einen guten Ruf erhalten. Er war fleißig und war mit der Wirthſchaft ſeines Vaters ſo unzufrieden, daß er von dieſem weg⸗ zog und für ſich lebte. Ein ſtädtiſcher Bezirksvorſteher ſtellt ihm auf Verlangen des Gerichts das beſte Zeugniß aus. Nur im letzten Winter, als er wieder zu ſeinem Vater gezogen war und mit dem Mylius ſchon ver⸗ kehrte, ließ er ſich einen Wurſtdiebſtahl zu ſchulden kommen. Er ſtieg aus dem Bodenfenſter ſeines Hauſes zu dem eines Nachbarhauſes hinein, wo er Würſte hatte hängen ſehen. Er hatte in dieſem Hauſe im Tagelohn ge⸗ arbeitet und bei dieſer Gelegenheit die Lockſpeiſe erblickt. Der Diebſtahl blieb bis zur gefänglichen Einziehung unentdeckt, wo er dieſen freiwillig eingeſtand, und ſo konnte auch der erwähnte Bezirksvorſteher nichts da⸗ von wiſſen, der ihm ein ſo gutes Zeugniß ausſtellte. Die erſte Bekanntſchaft hatte er mit Mylius vor drei Jahren gemacht, als er mit ſeinem Vater an den Dächern der Fabrikgebäude des Herrn von Weiß in Glücksbrunn arbeitete. Er hatte ſich mit ſeinem Vater in dem Hauſe einlogirt, das den Aeltern des Mylius gehörte. Heinrich Mylius iſt am 1. Aug. 1830 in Schweina geboren. Sein Vater Chriſtoph iſt Wollenwäſcher in der Weiß'ſchen Fabrik in dem nahebei gelegenen 10* 220 Die Ermordung des Hofmarschalls von Minutoli. Glücksbrunn, wohin er ſpäter zog. Die Mutter war ſchon vor ſieben Jahren geſtorben. Der Vater heirathete bald wieder, es waren ihm aus der erſten Ehe fünf Kin⸗ der geblieben, aus der zweiten waren zwei entſproſſen. Er beſitzt kein Vermögen. Heinrich wurde in Schweina in die Schule geſchickt, wurde da in der lutheriſchen Religion unterrichtet und lernte Leſen, Schreiben und Rechnen. Die zehn Gebote kannte er genau. Er kam nach ſeiner Confirmation in die Weiß'ſche Fabrik, arbeitete daſelbſt 2 ½ Jahre, kam aber wegen eines Wurſtdiebſtahls, den er mit zwei andern jungen Burſchen begangen hatte und deshalb mit Arreſt beſtraft wurde, von da weg und arbeitete als Tagelöhner auf dem herzoglichen Sommerſchloſſe Altenſtein. Hier lernte ihn der Hofmarſchall von Mi⸗ nutoli kennen und nahm ihn mit Genehmigung von deſſen Vater in ſeinen Dienſt. Mylius hatte nach dem Tode ſeiner Mutter den Gaſtwirth Heinrich Specht aus Schweina, ſeinen Pathen, zum Vormund erhalten. Dieſer, gerichtlich vernommen, ſchildert den Mylius als ſehr thätig und arbeitſam, weshalb ihn Jedermann gern hatte. Specht war an eben dem Tage in Meiningen, an welchem ſein Mündel in Gemeinſchaft mit Wagner das Verbrechen beging. Er war im Gaſthofe zum Hirſch eingekehrt und hatte ihn da geſprochen, als jener den Brief ſeines Herrn an den Kaufmann Malſch überbrachte. Er ſchien erfreut, dieſen zu ſehen, und ſagte munter:„Pathe, ich komme jetzt fort, mein Herr reiſt nach Berlin, da ſoll ich auch mit!“ Der ehrliche Gaſtwirth, dieſes glaubend, gab ihm noch manche gute Lehren. Er kam Abends um 10 Uhr wieder ins Gaſthaus und ſagte ſeinem Vormund: daß ſein Herr toli. Die Ermordung des Hofmarschalls von Minutoli. 221 et war ſoeben erſchoſſen worden ſei und er deshalb den Ober⸗ tuthet wundarzt Kehlhof ſuche. Specht hatte nicht die geringſte fKin Gemüthsbewegung an ihm bemerkt. oſſen Wenn nun auch des Mylius Erziehung keine allzu ſorgfältige genannt werden kann, ſo war ſie doch auch ſchickt keine vernachläſſigte. Er hatte außer ſeinem Vater, et und der freilich den Tag über außer dem Hauſe beſchäftigt Gebott war, auch einen Vormund, der obendrein ſein Tauf⸗ nation pathe war und ſich ſeines Mündels daher um ſo ſorg⸗ Jahre, licher annahm. Waren auch ſeine Aeltern unvermögend, et mit ſo lebte er doch nicht in der bittern Armuth und im debhalt Elend wie der Wagner. tbeitett ſchloſt Anfangs Juni waren die Unterſuchungsacten, die ſie⸗ n Mi ben ſtarke Bände füllen, geſchloſſen. Der Umfang des g vo bewältigten Inhalts und namentlich aller der Züge, welche das ſchauervolle Seelengemälde der jungen Ver⸗ r den brecher ergänzen, von denen wir im pſychologiſchen ſein Intereſſe nichts wegnehmen wollten, geſtattete uns über ichti die proceſſualiſchen Verhandlungen hinwegzugehen, die auch außerdem nichts beſonders Auffälliges enthalten. 0 Nur die Vertheidigung Wagner's iſt merkwürdig. Nicht n ſeine eigene, denn er bekannte ſich als ein Sünder, der d die Strafe verdiene, und bat nur,„ſeine erbärm⸗ iſt liche Lage“ zu berückſichtigen; aber ſein Vertheidiger ex olkicio führte den merkwürdigen Einwand, daß ſein u Client, Gbgeſehn ſeine Jugend, eigene beijammernswerthe n Lage, die Verführung, wie Mylius ihn ſyſtematiſch ver⸗ . wandte, und ſeine ſchlechte Erziehung,) um deshalb eine inh Schonung oder doch eine mildere Beſtrafung verdiene, weil der von ihm Ermordete ein Mann geweſen ſei, mu auf den— um den Ausdruck zu brauchen— das Volk d ſchon das Scherbengericht geworfen habe, oder, mit an⸗ 222 Die Ermordung des Hofmarschalls von Minutoli. dern Worten, an dem der Mörder nur ein Urtheil vollzo⸗ gen, welches das ganze Volk bereits gefällt hatte. Nur in einer Zeit ſo heftiger Erregung konnte ein Defenſor vor einem Gerichte eine ſo außerordentliche Vertheidi⸗ gung führenz in jener Zeit iſt aber wol noch Anderes, intra und extra muros, vorgefallen, in einer Zeit der Gährung und Aufregung, wo auch der ſonſt Ruhigere nicht ſelten gegen ſeinen Willen mehr oder weniger leidenſchaftlich wurde. Aus der Vertheidigungsrede thei⸗ len wir die Hauptſtelle mit als ein charakteriſtiſches Ar⸗ tenſtück aus einer verſchwundenen, faſt ausgemärzten Zeit. Wenn in Bezug auf das unglückliche Opfer der alte Satz des de mortuis nil nisi bene hier wenig be⸗ achtet iſt und vom Defenſor nicht immer berückſichtigt werden kann, ſo iſt er ja ſonſt ſelten, oder nie im Parteikampfe beachtet worden; im Uebrigen aber er⸗ fuhr der Leſer ſchon aus einer ruhigeren Abwägung, daß der Ermordete viele gute Seiten gehabt und beſſer geweſen, als ihn der Vertheidiger ſeines Mörders ſchilderte.*) Ueber die Perſönlichkeit des Ermordeten ſagt er nämlich: „Seine Stellung(als Hofmarſchall) hat er nun allerdings vollkommen ausgefüllt, denn er war ein fei⸗ ner, geiſtreicher Ariſtokrat, er hatte ausgebreitete Kennt⸗ niſſe und zeichnete ſich durch einen unterhaltenden, ge⸗ wandten Vortrag, die Tournure und den Schliff aus, welche den höheren Ständen eigen zu ſein pflegen; im Uebri⸗ gen war er aber ein Rous, ein Don Juan, ein Tauge⸗ nichts! So lange er in Meiningen lebte, reihte ſich eine Lie⸗ derlichkeit an die andere. Liebſchaften mit Schauſpiele⸗ *) Der Vertheidiger, ſchon ſeit mehren Jahren in den Staats⸗ dienſt übergetreten, galt von jeher als ein tüchtiger Juriſt und ein rechtlicher Mann. oli. ollz⸗ Nur fenſor heidi⸗ deres, it der higere eniger thei⸗ At⸗ rzten er der ig be chtigt e im et⸗ ß der veſen, rte mlich n fü⸗ dennt au lebn aulg ki ſpill Die Ermordung des Hofmarschalls von Minutoli. 223 rinnen, mit Mägden bilden eine faſt ununterbrochene Kette ſeines hieſigen Lebens und hatten ſeinen Ruf vollſtändig untergraben. Die letzte von ihm Geopferte war Marie Hirſch, Köchin in ſeinen Dienſten.*) Ich bitte die über ihre verheimlichte Schwangerſchaft geführten Unterſuchungsacten anzuſchließen. „Zu dieſen Charakterfehlern geſellte ſich eine unge⸗ meine Vorliebe zu Kunſtſchätzen der verſchiedenſten Art, zu einer prachtvollen Zimmereinrichtung, zu koſtbaren Möbeln, Gemälden, Statuen und unter dieſen vor⸗ nehmlich Nuditäten. Eine Beſchreibung ſeiner. Ge⸗ mächer gehört zwar nicht hierher, aber man kann ſich annähernd einen Begriff davon machen, wenn ich er⸗ wähne, daß aus ſeinen Möbeln 5050 Gulden gelöſt worden ſind. Die Kunſtſchätze, Bibliothek, Gemälde, Kupfer⸗ ſtiche, Waffen, Vaſen, Urnen, Statuen, Statuetten ſind noch vorräthig und werden ſehr hoch geſchätzt. Einen großen Theil mag er von ſeinem Vater ererbt haben, deſſen Vermögen hauptſächlich in einer bedeutenden Kunſtſammlung beſtanden haben ſoll. Aber er ſelbſt kaufte dazu von allen Orten und Enden an, ohne vor der Hand die nöthigen Mittel hierzu zu beſitzen. Nach dem Tode ſeiner noch lebenden Mutter hat er Ausſicht ½ aus 10,000 Thlr. zu erhalten. Zu Befriedigung dieſer Kunſtliebe, ſeiner häuslichen Einrichtung und ſei⸗ ner ſinnlichen Lüſte reichte ſein Gehalt von 2400 Gulden rh. bei weitem nicht hin und ſo wirkte er ſehr beträchtliche Schulden. Da er nun nicht pünktlich zahlte und ihm zudem auch nachgeſagt wurde, daß er bei Ankäufen für den Hof und ſeinen Haushalt zu viel Rückſicht auf Berlin nehme, ſo hatte er die ganze Bürgerſchaft Mei⸗ *) Aus den Acten ſelbſt ergibt ſich, daß ihre Opferung hier als ſehr zweifelhaft erſcheint. 224 Die Ermordung des Hofmarschalls von Minutoli. ningens ſchon längere Zeit gegen ſich. Dieſe Misſtim⸗ mung bekundete ſich ganz beſonders bei der erſten Volks⸗ verſammlung im Schießhauſe am 8. März 1848. Er ſollte in optima forma fortgejagt werden! Die Führer und Redner jenes Tages ſuchten aber die Menge davon abzubringen, weil, wenn dies die erſte Frucht des Ver⸗ einigungsrechts ſei, Einſchränkungen zu erwarten wä⸗ ren. Es wurde dafür vorgeſchlagen, in der beſchloſſe⸗ nen Petition auch die Entfernung unmoraliſcher Hof⸗ diener aufzunehmen, womit ſich zufrieden gegeben wurde. „Als auf den 10. März eine Bürgerverſammlung anberaumt ward, wählte der Magiſtrat ſechzig Bür⸗ ger, die zur Sicherheit des Hofmarſchalls Pa⸗ trouillen vor ſeinem Hauſe zu machen hatten. Von dieſem Zeitpunkt, und dann weiter ſeit Errichtung der Bürgerwehr, iſt ununterbrochen bis zu ſeinem Tode um die Wohnung des Hofmarſchalls allnächtlich die Runde gemacht worden, Beweis genug, daß man an einen Ueberfall glaubte. Der Hofmarſchall war täglich im Geſpräch des gemeinen Mannes eingeſchloſſen und davon trägt namentlich die freche Aeußerung des My⸗ lius gegen mehre Perſonen das lebendigſte Zeugniß. Zu jeder andern Zeit würde man eine ſolche Mittheilung ſofort zur Anzeige gebracht haben, damals aber erregte ſie bei Niemandem Aufſehen. „Bei der gegen ihn und die Marie Hirſch einge⸗ leiteten Unterſuchung wurde der Juſtiz nachgeſagt, ſie werde ihn doch unſchuldig finden; er werde freigeſpro⸗ chen werden, obgleich doch er die Marie Hirſch verführt und ſo vorzugsweiſe er die Strafe verdient habe. Die Verſtimmung gegen ihn war allgemein. „Als Hofmarſchall war er unmöglich geworden; er hätte ſich nothwendig entfernen müſſen und einer höchſt toli öſtin Volts G ührer davon nwi hloſſ⸗ Hof vurde nlung Bür tten. tung Tode die n an igli⸗ munk Yy ilun trey Pie Ermordung des Hofmarschalls von Minutoli. 225 ungewiſſen, wahrſcheinlich ſehr dunkeln Zukunft entgegen⸗ zuſehen gehabt, und da weder er noch ſeine Geſchwiſter Vermögen beſitzen, würde der Concurs bei ermangelndem Gehalt ſchon jetzt nicht abzuwenden, bei ſeinen ange⸗ deuteten Charakterfehlern er aber wahrſcheinlich von ei⸗ ner Stufe zur andern geſunken und im Schmuz und Elend untergegangen ſein. C!) „Die Juſtiz hat ihn nicht erreicht. Dennoch iſt er ſeinem Schickſal nicht entgangen. Die Wege der Vor⸗ ſehung ſind oft unergründlich, aber ohne ihren Willen fällt kein Haupt.“ An einer andern Stelle heißt es weiter: „Der Zeitpunkt, zu dem die That begangen wurde, fällt in die erſten vier Wochen der deutſchen Revolution. Daß in dieſen Tagen das Geſetz nicht die ſtrenge Richt⸗ ſchnur bildete, nach welcher man das Maß unſerer Le⸗ bensverhältniſſe zu beurtheilen hatte, das konnte man damals an Erſcheinungen der verſchiedenſten Art wahr⸗ nehmen und es darf dies hier im Allgemeinen als be⸗ kannt vorausgeſetzt werden. „Der Polizeimagiſtrat wurde urplötzlich zu Grabe getragen, die Strafordnungen ungeſcheut übertreten, die Polizei verhöhnt und verſpottet und das nannte man Freiheit, die man auf dieſe Weiſe begrüßen zu dürfen glaubte. Die verworrenſten Begriffe machten ſich geltend, die unglaubhafteſten Gerüchte fanden bereit⸗ willigſt Anklang, jede Ruheſtörung, jeder Auflauf wurde unendlich vergrößert, eine nie gekannte Aufregung be⸗ mächtigte ſich der Bevölkerung. Täglich hieß es: Der Hofmarſchall ſei entflohen, wobei ihm alle Schändlich⸗ keiten nachgeſagt wurden. Hält man damit die gänz⸗ liche Entblößung des Wagner zuſammen, der durch ſeine That der Welt und inſonderheit dem Mylius einen 10** 226 Die Ermordung des Fofmarschalls von Minutoli. großen Gefallen zu thun glaubte und ſich ſelbſt davon perſönliche Vortheile verſprach, ſo wird es erklärbar, wie ſich bei der ſittlichen Verwilderung jener Tage Wagner entſchließen konnte„in Gottes Namen!“ ſeine That zu vollziehen. „Ueber dieſe von Mylius mitgetheilte Angabe iſt Wagner nicht vernommen, aber eine ſolche Aeußerung zeugt von einem Fanatismus, auf deſſen Rechnung doch mindeſtens zum Theil die That geſetzt werden muß. Nach ſeiner eigenen Mittheilung hatten ſich ja auch weiter noch ſehr viele Leute dahin geäußert, daß der Hofmarſchall verdiente, aus der Welt geräumt zu wer⸗ den. Dieſe Idee war ihm demnach nicht allein eigen, ihm vielmehr, da er den Hofmarſchall weiter nicht kannte, erſt von Andern beigebracht worden, ſie mußte alſo bei Vielen vorherrſchend ſein und ſolches für ſeine That erleichternd ſprechen, wenn ſie der Wunſch ſo vie⸗ ler Leute geweſen ſein ſollte, denn die Mehrheit gibt z. B. dem Hochverrath eine von ſeinem Begriff ganz verſchiedene Wendung. Es iſt aber auch dieſe Angabe leider nicht ſo actenmäßig verfolgt worden, als ſie für die Milderung der Strafe Wagner's dienen durfte.“ Mylius' Vertheidiger hatte einen ſchwierigeren Stand⸗ punkt, denn was konnte er zu Gunſten ſeines lügen⸗ haften, tückiſchen und feigen Clienten anführen? Er ſuchte nur die Todesſtrafe von ihm abzuwenden, und ſein Antrag ging allein darauf: daß ihm eine zwan⸗ zigjährige Arbeitsſtrafe zugetheilt werde.— Die Er⸗ neſtine Wagner ward gar nicht vertheidigt. Nachdem die Unterſuchungsacten am 10. October 1848 an das herzogl. Oberlandesgericht zum Erkennt⸗ oli. davon irber, Tagt en!“ e iſt rung doch muß auch de wer⸗ igen, nicht ußte ſeine vie⸗ ibt gon gobe ſir and⸗ gen Gt und in⸗ Er Die Ermordung des Hofmarschalls von inutoli. 27 niß eingeſandt worden, lautete deſſen Sentenz am 12. April 1849 dahin:„daß 1) der Ingquiſit Kaspar Wagner wegen der geſtän⸗ digermaßen ſich zu Schulden gebrachten Ermordung des Hofmarſchalls von Minutoli zu Meiningen, mit dem Tode durch Enthauptung mit dem Schwert; 2) der Inguiſit Heinrich Mylius wegen der ſich ge⸗ ſtändigermaßen zu Schulden gebrachten Verleitung zu dieſem Verbrechen und der gleichen Theilnahme daran mit Zwanzig Jahren Zuchthaus erſten Gra⸗ des(alſo nach Antrag des Defenſors); 3) die Inquiſitin Erneſtine Wagner wegen der ſich geſtändigermaßen zu Schulden gebrachten ungleichen Theilnahme daran mit vier Jahren Zuchth aus erſten Grades zu beſtrafen, Koſten u. ſ. w. Von den Entſcheidungsgründen heben wir nur aus, daß auch der Heinrich Mylius an und für ſich als glei⸗ cher Theilnehmer an der Mordthat das Leben verwirkt hätte, daß ihm aber, weil er zur Zeit der Verübung erſt 17 Jahre 8 Monate alt geweſen, ein geſetzlicher Strafmilderungsgrund zur Seite geſtanden. Weil unter allen Umſtänden eine lebenslängliche Zuchthausſtrafe aus⸗ geſchloſſen iſt, ſei. zu dem nächſthöchſten Grade gemeſſen worden. Als man am 21. April 1849 den Inculpaten das oberlandesgerichtliche Erkenntniß publicirte, rief Erne⸗ ſtine Wagner, zuerſt vorgeführt, ſehr befangen, dann heftig bewegt aus: „Ich bin zu erſchrocken, als daß ich ſogleich eine Erklärung abgeben könnte, und bitte mir hierzu einige Zeit zum Nachdenken zu geſtatten.“ ———————— 228 Die Ermordung des Hofmarschalls von Minutoli. Heinrich Mylius, zunächſt vorgeführt, ſah kränklich aus, ſeine Geſichtsfarbe war, in Folge der langen Haft, bleich und das Geſicht etwas aufgedunſen. Sein Blick, wie immer unſtät, war jetzt etwas verſtört. Als ihm das Erkenntniß mitgetheilt und er befragt ward: ob er ſeinen früheren Vertheidiger beibehalten wolle? antwor⸗ tete er: daß er den erſten Vertheidiger ferner beizube⸗ halten wünſche(der doch nicht mehr für ihn gewünſcht hatte, als das erſte Urtheil ihm zuerkannt). Aber er bat, die ihm zuerkannte Strafe ſogleich antreten zu dürfen. Auch Kaspar Wagner's Ausſehen war bleich und kränklich. Er zeigte jedoch ſeine frühere ruhige Faſſung und hörte Alles ergeben an. Er wählte ſich einen andern Vertheidiger für die Folge. Mylius ward noch am ſelben Tage in die Landes⸗ ſtrafanſtalt nach Waßfeld abgeführt. Erneſtine Wagner aber erklärte nachträglich: ſie wolle ſich der im Erkenntniß ausgeſprochenen Strafe unter⸗ ziehen; vielleicht würde ſie ſich ſpäter an die Gnade des Landesherrn wenden. Daß es zur Todesſtrafe gegen den Mitſchuldigen Kaspar Wagner nicht kommen werde, davon war man jetzt allgemein überzeugt, weil die Todesſtrafe in Folge der deutſchen Grundrechte aufgehoben war, worauf auch ſein Defenſor ſich lehnte, der aber übrigens das Argu⸗ ment des vorigen Vertheidigers etwas umwandte. Er ſuchte den Raubmord, faſt als lächerlich, bei Seite zu laſſen, und glaubte nur und zuerſt einen Mord aus Rache zu erblicken. Aber auch er greift die politiſche Erregung im Volke als Beiſtand an, um ein Motiv zu finden. „Ich bin überzeugt, daß im vorliegenden Falle kein Raubmord beabſichtigt und ausgeführt worden, daß li. lich aſt, lich ihm er oor⸗ uhe⸗ ſcht bat, und ng nen le de Pie Ermordung des Hofmarschalls von Minutoli. 229 aber auch die That nur durch die Zeitereigniſſe, in welche ſie fiel, erklärt werden könne. Das vorliegende Verbrechen wurde am 5. April 1848 aus⸗ geführt; im März dieſes Jahres fing aber das Revo⸗ lutionsfieber in Deutſchland zu wüthen an und verbrei⸗ tete ſich nach und nach über alle Gegenden Deutſch⸗ lands. Auch unſer Land blieb nicht davon verſchont und die abgehaltenen Volksverſammlungen trugen nicht wenig dazu bei, die Glut des Fiebers zu vermehren. In revolutionären Zeiten wird aber alles Unglück, das ein Land betrifft, alles Elend, welches die Staats⸗ angehörigen zu leiden haben, auf die durch Natur und Glücksgaben Bevorzugten geſchoben, man hält ſie für feindſelige Geſchöpfe und ſucht ſie bei gegebenem An⸗ laſſe mit Schadenfreude zu ſtürzen und zu vernichten. Dieſes traurige Loos wurde dem Hofmarſchall von Mi⸗ nutoli in vollem Maße zu Theil. Er hatte ſich bei vielen hieſigen Einwohnern einen großen Haß dadurch zugezogen, daß er, wie behauptet wurde, vielen Fabri⸗ katen aus Berlin den Vorzug vor den hieſigen gab und ſolche von dorther für den hieſigen Hof kommen ließ.“ Gierin alſo liegt das eigentliche Hauptargument des tödtenden Volkshaſſes gegen den Unglücklichen, daß er Fabrikate in Berlin kaufen und ſchicken ließ, die er, meinte der Patriotismus, in Meiningen hätte beſtel⸗ len und erkaufen ſollen!— Das die Sprache des Pa⸗ triotismus, als der Strom des Volksgeſanges vom Belte bis zum Ungarland fragte:„Was iſt des Deutſchen Vaterland?“ und als Lied am lauteſten geſungen wurde in den kleinen glücklichen thüringiſchen Ländern!) Der Vertheidiger glaubt, daß bei einer zehnjährigen Zuthausſtrafe erſten Grades den Anfoderungen des Geſetzes Genüge geſchehe, denn auch bei dieſer Strafe 230 Die Ermordung des Hofmarschalls von Minutoli. würden nur wenige Verbrecher den Tag ihrer Erlöſung erleben. Er hegt auch für die Zukunft ſeines Clienten noch andere Hoffnungen: daß er zu Denjenigen gehöre, die Anſpruch auf die am 23. Mai d. J. geſetzlich aus⸗ geſprochene Amneſtie machen könnten und deshalb nur wegen der begangenen Wurſt- und Weindiebſtähle zu beſtrafen ſei! Der Vertheidiger des andern, des Mitſchuldigen MWylius, arbitrirte,„daß dem Inquiſiten eine zwanzig⸗ jährige Arbeits⸗ oder doch eine Zuchthausſtrafe derſel⸗ ben Dauer zweiten Grades erkannt werden möge.“ Der Unterſuchungsproceß, der im Jahre 1848 be⸗ gonnen hatte, wurde noch nach dem ſeitherigen Inqui⸗ ſitionsverfahren geführt, und noch das erſte Erkenntniß vom Oberlandesgericht im darauf folgenden Jahre war auf dieſes baſirt. Das Herzogthum Meiningen trat aber in die Reihe derjenigen Staaten, welche die Schwurgerichte zuerſt mit einführten. Bereits am 21. Juni 1850 war ein neues Strafgeſetzbuch und eine Strafproceßordnung in Kraft getreten, mit welcher zugleich die Schwurgerichte ins Leben gerufen wurden. An Stelle des ehemaligen Oberlandesgerichts trat das Appellationsgericht als oberſte Rechtsbehörde des Landes; das gemeinſame Dberappellationsgericht be⸗ hielt wie vorher in Jena ſeinen Sitz. Die Acten waren bereits am 10. Auguſt 1849 mit den beiden zweiten Vertheidigungsſchriften durch das Oberlandesgericht an das Oberappellationsgericht ein⸗ geſchickt worden. Das 14 Bogen ſtarke Urtheil dieſes Gerichts traf am 16. April 1851 bei dem unterdeß zum oli. öſun ienten ehöre, aus· nur Ne zu digen ig⸗ erſe Die Ermordung des Hofmarschalls von Klinutoli. 231 Appellationsgericht umgewandelten oberſten Gericht des Landes ein. Am 12. Januar 1852 erhielt das Kreis⸗ gericht zu Meiningen vom Appellationsgericht ein Re⸗ ſcript, dem das Urtheil des Oberappellationsgerichts nebſt einem höchſten Reſcript beigegeben war. In dieſem letzte⸗ ren war dem Kreisgericht zugleich aufgetragen worden, die beigefügte Entſchließung— auf die wir gleich zurückkom⸗ men werden— dem Wagner mitzutheilen. Das Oberappellationsgericht hatte das frühere Erkennt⸗ niß des Oberlandesgerichts in Bezug auf die Strafe des Wagner beſtätigt, es hatte ebenfalls auf Todesſtrafe mittels Enthauptung durch das Schwerterkannt. Man war hierbei von der Anſicht ausgegangen, daß zur Zeit, als der Mord begangen wurde, das alte Strafgeſetzbuch(vom 1. Auguſt 1844) noch gegolten habe, welches dem Verbrecher des Mordes unbedingt und ohne alle Ausnahme oder Möglichkeit einer gelin⸗ deren Beſtrafung die Todesſtrafe drohte. Seine Ju⸗ gend konnte hierbei nicht berückſichtigt werden, denn es fehlte nur noch ein Tag an dem 19. Lebensjahre. Aber der Vertheidiger hatte ſich auf die unterdeſſen von Frank⸗ furt aus erlaſſenen Geſetze, die von der damals beſte⸗ henden Centralgewalt für Deutſchland am 28. Decbr. 1848 ausgegangen waren, berufen: „Die Todesſtrafe, ausgenommen wo das Kriegsrecht ſie vorſchreibt, iſt abgeſchafft.“„Grundrechte des deutſchen Volks“(Art. II.§. 9). Der Vertheidiger hatte angenommen, daß die An⸗ wendung der Todesſtrafe gegenwärtig unmöglich ge⸗ worden ſei. Das Oberappellationsgericht hatte auf das mit den deutſchen Grundrechten gleichzeitig erſchienene „Einführungsgeſetz“ ſich berufen. In Art. 1 wird ausgeſprochen, welche Paragraphen der Grundrechte ſo⸗ 232 Die Ermordung des Hofmarschalls von Minutoli. fort in Kraft treten ſollten, und darunter befinde ſich der die Todesſtrafe abſchaffende§. 9 nicht. Im Ge⸗ gentheil, beſtimme Art. UI des Einführungsgeſetzes: „Abänderungen oder Ergänzungen durch Landesge⸗ ſetze ſollen ungeſäumt auf verfaſſungsmäßigem Wege getroffen werden und zwar 1) ſtatt der im§. 9 abgeſchafften Strafen des Todes durch geſetzliche Feſtſtellung einer anderweiten Beſtrafung der betreffenden Verbrechen.“ Mithin wäre auch die Todesſtrafe erſt dann für ge⸗ ſetzlich abgeſchafft zu erachten, wenn die Landesgeſetzge⸗ bung auf verfaſſungsmäßigem Wege, unter Anerken⸗ nung der in den Grundrechten erfolgten gänzlichen Be⸗ ſeitigung dieſer Strafgattung, für die bisher im Straf⸗ geſetzbuche mit der Todesſtrafe bedrohten Verbrechen, andere Strafen feſtgeſetzt hätte, und dies wäre um ſo nothwendiger, weil ſonſt, wollte man die Todesſtrafe für ſofort abgeſchafft anſehen, gerade die allerſchwerſten Verbrechen mit keiner Strafe mehr bedroht geweſen ſein würden. Nun habe aber die Landesgeſetzgebung jene Vorſchrift der Grundrechte nicht in Ausführung gebracht, deshalb ſei auch die Todesſtrafe niemals abgeſchafft ge⸗ weſen. Sogar das inzwiſchen zur Gültigkeit gelangte neue Strafgeſetzbuch vom 21. Juni 1850 habe ebenſo wie das frühere für den Mord ſchlechterdings keine an⸗ dere Strafe, als die Todesſtrafe verordnet, und ſomit könne es keinem Zweifel unterliegen, daß den Inquiſi⸗ ten Wagner auch keine andere Strafe treffen könne, da⸗ her dieſe gegenwärtig beſtätigt worden ſei. Dem Wagner kam daher bei den Aenderungen im Strafverfahren nichts zugute; mehr Glück dabei hatte MWylius. Das Oberappellationsgericht hatte für dieſen nur eine zehnjährige Arbeitshausſtrafe, ſtatt der frühern — li. ſich Ge⸗ köge⸗ bege des iten ge⸗ ken⸗ Be raf⸗ hen, ſo taft ſten ſein jene ge igte nſo an⸗ nit iſ do⸗ in t ſen n 0 4 Die Ermordung des Hofmarschalls von Minutoli. 233 zwanzigjährigen Zuchthausſtrafe erſten Grades erkannt. Ein bedeutender Unterſchied! In den dabei angeführten Gründen iſt Folgendes hervorgehoben: Dem Mylius komme das ältere Straf⸗ geſetzbuch noch inſofern zugute, als nach dieſem die To⸗ desſtrafe nicht an ihm vollzogen werden könne, die er als Theilnehmer am Morde verdient habe, indem er das 18. Lebensjahr noch nicht überſchritten gehabt habe. Das Erkenntniß derzwanzigjährigen Zuchthausſtrafe erſten Gra⸗ des würde vom Oberappellationsgericht daher auch be⸗ ſtätigt worden ſein, wenn die inzwiſchen neu einge⸗ führte Geſetzgebung nicht in Gültigkeit getreten wäre, nach welcher dieſes frühere Erkenntniß umgeſtoßen wer⸗ den mußte. Dieſe neuere Geſetzgebung war viel mil⸗ der als die frühere, denn in dieſem Falle lautete der betreffende Artikel(58) dahin: daß Verbrechern, die das 18. Jahr noch nicht vollendet haben, niemals die To⸗ des⸗ oder Zuchthausſtrafe zuerkannt werden kann, ſon⸗ dern nur eine Freiheitsſtrafe geringerer Art, deren Feſt⸗ ſtellung weſentlich dem richterlichen Ermeſſen anheim⸗ gegeben iſt. Die ſchwerſte Strafe, die einem ſolchen jugendlichen Verbrecher nach dem neuen Strafgeſetzbuch zuerkannt werden konnte, war zehn Jahre Arbeitshausſtrafe, wes⸗ halb das Oberappellationsgericht auch keine höhere an⸗ nehmen konnte, und daher das vorige Erkenntniß auf⸗ gehoben werden mußte. Zudem ſollte Mylius nach der Verbüßung ſeiner Strafe noch fünf Jahre unter polizei⸗ liche Aufſicht geſtellt werden, während welcher Zeit der Erwerb des Staatsbürgerrechts auch ſo lange hinaus⸗ geſchoben werden ſollte. Bei Erneſtine Wagner trat keine Aenderung hin⸗ ſichtlich der zuerkannten Strafe ein. 234 Die Ermordung des Hofmarschalls von Minutoli. Wagner ſchlug nun den Gnadenweg ein und wen⸗ dete ſich mit einem Geſuch um Milderung ſeiner Strafe an den Landesherrn. Das Appellationsgericht hatte das betreffende Geſuch am 28. November 1851 an die höchſte Stelle eingeſchickt. In dem am 5. Januar 1852 darüber ausgefertigten, oben erwähnten Reſcript heißt es: „daß die dem Kaspar Wagner wegen Mordes zu⸗ erkannte und in allen Inſtanzen beſtätigte Todesſtrafe auf lebenslängliche Zuchthausſtrafe, wie hiermit ge⸗ ſchieht, im Wege der Gnade herabzuſetzen.“ Am 19. Januar verfügte ſich das Gericht in die Strafanſtalt nach Maßfeld, um dem Kaspar Wagner und dem Heinrich Mylius das Betreffende mitzutheilen. Der Erſtere erklärte: daß er die ihm zu Theil gewor⸗ dene Gnade dankbar anerkenne und verſprechen wolle, ſeine Strafzeit zu ſeiner Beſſerung zu verwenden. Dem Mylius wurde die bereits verbüßte Zuchthaus⸗ ſtrafe angerechnet und dieſe nach Verhältniß zur gegen⸗ wärtigen ausgeglichen. Sein Gnadengeſuch, nach Ame⸗ rika auswandern zu dürfen, wurde indeß abgeſchlagen. li. wen ttafe e das chſte rüber trfe z die gnet ilen olle, us⸗ gen⸗ lme⸗ gen Die Försterstochter im Flossteich. 1811— 1848. Etwa zehn Minuten entfernt von dem Forſthauſe zu Landesgemeinde, einem Dorfe des ſächſiſchen Voigtlan⸗ des, liegt in einem zu beiden Seiten von Waldung be⸗ gränzten Thale ein Floßteich, welcher im Frühjahre, um das zum Abflößen des Holzes erfoderliche Waſſer zu ſammeln, angeſpannt, im Sommer aber zur Grasnutzung gebraucht wird. Der Damm dieſes Teiches iſt etwa hundert Schritt lang, ſehr abſchüſſig und auf beiden Sei⸗ ten mit Steinen, die in Entfernungen von je zwölf Ellen auseinanderſtehen, eingefaßt; und es zieht ſich über dieſen Damm die von Erlbach nach Klingenthal führende Straße. Die Tiefe des Teiches beträgt, von der Höhe des Dammes bis zur Sohle des Teiches gerechnet, zehn bis zwölf Ellen, ſodaß alſo in dem Teiche je nach Be⸗ dürfniß eine beträchtliche Waſſermaſſe angeſammelt wer⸗ den kann. In dieſem Floßteiche ertrank am 6. April 1841 ein dreiundzwanzigjähriges Mädchen, die jüngſte Tochter des damaligen Revierförſters zu Landesgemeinde, Konrad Ferdinand Zeh, ein blühendes Geſchöpf, das einige Mi⸗ nuten vorher froh gelächelt, von einer Kräftigkeit 236 Die Försterstochter im Flossteich. und Lebensluſtigkeit, daß man meinte, ſie könne dem Tode ein Schnippchen drehen; und nach dieſen Minuten fand man Natalien eiskalt erſtarrt in der feuchten Flut, ohne die geringſte Spur zu entdecken, welcher Grund, welcher Unfall ſie fortgeriſſen. Sie war wie durch eine ge⸗ ſpenſterhafte Erſcheinung, eine magiſche Zauberruthe, in ei⸗ nem Augenblicke, aus dem Leben in den Tod verſchwunden. NatalieZeh hatte mit ihren Aeltern und Geſchwiſtern zu Mittag gegeſſen und war nach etwa ½ 12 Uhr, wo das Mittagsmahl aufhörte, und nachdem ſie ein Weil⸗ chen am Ofen geruht hatte, ſpazieren gegangen. Es war ihrer Gewohnheit gemäß. Es war ihr letzter Spa⸗ ziergang.— Nicht lange nach ihrem Fortgehen, in der erſten Nachmittagsſtunde, ſahen der Grenzaufſeher Schle⸗ gel und der Revierburſche des Förſters, Namens Schloſ⸗ ſer, welche gemeinſchaftlich über den Damm des Teiches gingen, in letzterem, etwa drei Klaftern vom Ufer ent⸗ fernt, einen Körper— unzweifelhaft ein Frauenzimmer liegen. Sie lag mit dem Geſicht im Waſſer, aber Schloſſer, wie von einer Viſion ergriffen, rief aus: „Herr Gott, das iſt unſre Natalie!“ Die Kleider der Erſcheinung waren an den Füßen durch das Waſſer etwas zurückgeſpült, ſodaß man die Kreuzbän⸗ derſchuhe deutlich ſah. Die Wellen trieben das lange, ſchlanke Mädchen immer näher an den Teichdamm, während die blonden Haare über dem Waſſerſpiegel ſchwammen. Jetzt entſannen ſich Beide, daß ſie, als ſie noch im Walde, entfernter vom Teich geweſen, einen Hülferuf wie„Ach, Ach“! gehört; ſie hatten aber, weil ſie nichts geſehen, im Zwiegeſpräche auch nicht weiter darauf ge⸗ achtet. Was hört man nicht für manche Stimmen im Walde, Wind und Laub, Vögel und Aeſte, die uns täuſchen, oder man hört auch nicht darauf. den nuten Flut, tund, n ge⸗ in ei⸗ nden. iſtern , w Weil Spe nder chle⸗ loſ⸗ iches ent⸗ nmer aber aus durh bän⸗ ngt rend men h in fn icht jm Die Försterstochter im Flossteich. 237 Aber nun war es gewiß, es war keine Erſcheinung, es war ein wirkliches Weſen, es war Zeh's Natalie, die im Waſſer ſchwamm. Schloſſer holte eiligſt aus dem naheliegenden Forſthauſe den Revierförſter, deſſen Ehefrau und andere Perſonen herbei. Dann zog er, bis an den Leib ins Waſſer gehend, das todte Mäd⸗ chen aus dem Teiche. Sie wurde in das Forſthaus gebracht und man ſtellte theils vor, theils nach Ankunft des mittels reitenden Boten herbeigeholten Arztes SchneiderWiederbelebungsverſuche an. Beides umſonſt! Als Schneider im Forſthauſe ankam, fand er das Mädchen entkleidet auf dem Bette liegen, blaß, kalt und ohne alle Zeichen einer äußeren Verletzung. Nachdem ſie ſchon zuvor in ein warmes Bad gebracht und dann mit erwärmten Tüchern fortwährend frottirt worden, öffnete der Arzt nun Adern und wendete Spirituoſen an. Vergebens. Der Arzt überzeugte ſich von dem unzweifelhaft eingetretenen Tode des Mädchens und ſprach ſich in ſeinem Gutachten dahin aus:„daß bei der Zeh, als ſie in den Teich geſtürzt, in Folge des Schrek⸗ kens und der Waſſerkälte ein Schlagfluß eingetreten und daß ſie auf dieſe Weiſe apoplektiſch verſtorben ſei.“ Weiter hatte die Wiſſenſchaft nichts ermittelt, und die Verwandten, Hausbekannten, Nachbarn, Niemand wußte mehr zu errathen, oder auch nur zu vermuthen. Es blieb Alles ein unbrüchliches Geheimniß und nur darüber waren Alle einverſtanden, daß nicht der mindeſte Grund zu der Annahme ſei, daß das geiſtig geſunde, harmloſe und heitere Mädchen, welchem niemals etwas gefehlt hatte, abſichtlich den Tod ſich ſelbſt gegeben habe. Sieben Jahre ſpäter verbreitete ſich aus dem be⸗ rühmten Zuchthauſe zu Waldheim das Gerücht: dort 238 Die Försterstochter im Flossteich. habe eine der Verhafteten ſich gerühmt oder bekannt, daß die Förſterstochter Zeh durch andere Hand umge⸗ kommen, und daß ſie, die Verhaftete, Zeh's Natalie ab⸗ ſichtlich ins Waſſer geſtürzt habe. Es war mehr als Gerücht; aus gerichtlichen Er⸗ mittelungen erhob ſich die vollſtändige Thatſache und ward zur neuen Criminalunterſuchung. Johanne Wilhelmine A.. aus Georgenthal, die am 23. December 1827 geborene Tochter eines Wald⸗ arbeiters in Unterſachſenberg, war, nachdem ſie zuerſt einige kleine Entwendungen begangen, namentlich aber einen tief eingewurzelten Hang zum Vagabundiren und Betteln an den Tag gelegt hatte, am 11. October 1843 in die Correctionsanſtalt zu Bräunsdorf eingeliefert, von da aber am 16. Februar 1844 in die Corrections⸗ ſelectte zu Waldheim verſetzt worden, wo ſie nach dem Zeugniß des Directors und des Hausgeiſtlichen als eine rohe, träge und gemüthloſe, auch oft trotzige und un⸗ gehorſame Perſon ſich erwieſen, einen betrübenden Man⸗ gel an Scham, ſowie ſtark hervortretende Sinnlichkeit verrathen und keineswegs frei von Lüge und Verſtellung ſich gezeigt habe. Am 17. Januar 1848 Abends hatte bie ſogenannte Selectanerin der Correctionsanſtalt, Luiſe E... die Aufſeherin Erneſtine Menzel gebeten, ihr zu geſtatten, einige Abſchnitte aus dem von Herrn Paſtor Dittrich den Selectanerinnen zum Leſen gegebenen Buche unter dem Titel: Erbauungsbuch für Gefangene in Strafan⸗ ſtalten von Müller, 1. Theil, vorzuleſen, und dabei ver⸗ ſichert, daß ſie alle recht fleißig dabei ſtricken würden. Die Menzel geſtattete das Vorleſen und während ſie ———— ekannt unge alie al⸗ en Er che und hal, di Weld ezur ich ob ren un er 181. eliefu ection ach den ls ein und u n Mn mlihii enn . eſnli ditn ſn Stu abli vind uind Die Försterstochter im Flossteich. 239 öfters an das Obſervationsfenſter trat, um zu ſehen, ob die Mädchen auch fleißig arbeiteten und ſich ruhig verhiel⸗ tenden, konnte ſie ſich deshalb beruhigen. Als ſie nach ungefähr einer Stunde in die Stube trat, fiel ihr auf, daß unter den Mädchen eine ganz außergewöhnliche Ruhe herrſchte, ja die Mädchen ſchienen beſtürzt. Die Menzel unterrichtete ſich von dem, was vorge⸗ gangen, ohne Aufſehen davon zu machen. Sie überlas nun den Aufſatz in jenem Buche, welchen die E.... vorgeleſen hatte. Er lautete: „Auf einem Dorfe unweit Magdeburg wurde einſt auf dem Felde eine ermordete Frauensperſon gefunden; den Thäter konnte man nicht ausfindig machen. Man hatte zwar Verdacht auf einen gewiſſen Menſchen im Dorfe, der mit der Getödteten Umgang gehabt hatte; aber es fehlte an hinreichenden Beweiſen gegen denſelben. Bald darauf geht der Pfarrer des Orts auf das Feld, um die Stelle zu ſehen, wo die Mordthat geſchehen war. Da findet er noch die mit Blut beſpritzten Steine. Einen ſolchen Stein nimmt er mit nach Hauſe; und nun läßt er alle Mannsperſonen in der Gemeinde in ſein Haus zuſammenkommen. Mitten in der Stube liegt auf einem Tiſche der mit Blut beſpritzte Stein. Der Pfarrer tritt hin, trägt den blutigen Stein in ſeiner Hand, zeigt ihn allen Anweſenden und ſpricht mit Nachdruck und ſelbſt mit Thränen folgende Worte an das Gewiſſen der Leute: „Seht ihr alle den Stein an, an welchem noch das Blut der Ermordeten aus unſrer Gemeinde klebt. Könnte dieſer Stein reden, er würde den grauſamen Mörder bald nennen. Könnte dies Blut reden, es würde ihn bald entdecken. Unter uns muß der Mörder ſein, das weiß ich gewiß. Vielleicht iſt er in dieſer Stube. Der 240 Die Försterstochter im Flossteich. Stein— das Blut weiſet auf ihn hin. Er fühlt ſchon die Qualen des böſen Gewiſſens und bald wird er ſich ausweiſen. Ja! Mörder! wenn du unter uns biſt, verſchweige deine Blutſchuld nicht, damit du dich nicht noch mehr verſündigeſt. Was wird es dir helfen, wenn du eine Zeit lang es auch noch verſchweigſt? Sah Keiner zu, da du dies Blut vergoſſeſt? Auch Gott nicht, der Allwiſſende vor dem ſelbſt die Nacht Licht ſein muß? Der wird es doch offenbaren. Meinſt du, daß du noch irgendwo Ruhe haben könnteſt, weder Tag noch Nacht? Der Schlaf wird dich fliehen und das blutige Bild der Ermordeten dir immer vor Augen ſchweben und dich mit fürchterlichen Träumen ſchrecken. Gehſt du auf dem Felde vor der Stelle vorbei oder pflügſt und arbeiteſt du in der Gegend, ſo wird es immer ſein, als ob die Ermordete vor dir ſtände, ihre Hände zum Himmel hebe und dich als den Mörder an⸗ klage. Wie lange wirſt du das aushalten? Beſinne dich, Unglücklicher! Noch in dieſem Augenblicke gib Gott, gib ſeiner Allwiſſenheit, gib der Wahrheit die Ehrelund bekenne deine Miſſethat, ſonſt werden noch unſchuldige in Verdacht kommen und deine Blutthat wird doppelt ſchändlich. Wirſt du aber deine That ge⸗ ſtehen und bereuen, ſo kann noch Rath werden, deine verlorene Seele zu retten und dich der Barmherzigkeit des Allerhöchſten wieder theilhaftig zu machen. Denn Jeſus, der Heiland der Sünder, hat noch am Kreuze für ſeine Mörder gebeten: Vater, vergib ihnen!“ „Und nun trat der ehrwürdige Pfarrer hin, ſeine) Augen waren voll Thränen und ſprach: Wer unter euch ein gutes Gewiſſen hat, der nehme dieſen, mit Menſchenblut befleckten Stein in ſeine Hand, wie ich es thue, halte ihn zu Gott gen Himmel und ſpreche fühl dwit er un du dih helfon weigſ! ch Got t Lich nſt du, det Tu nd da Augen hredn ei odn vird e, ihr der an Beſim t gi eit d en no zlutch Die Försterstochter im Flossteich. 241 Ich bin unſchuldig an dieſem Blute!“— Dies geſchah, der Pfarrer that es zuerſt, und alsdann alle Anweſen⸗ den. Als die Reihe an den Thäter kam, den die Uebri⸗ gen alle ſchon ſcharf anſahen, ward dieſer blaß wie der Tod und zitterte an Händen und Füßen. Wie er nun aber zugreifen und den Stein aufheben wollte, fuhr er zurück und ſchrie:(Was ſoll ich's leugnen, ich hab' es gethan. Dies Blut zeugt wider mich. Gott ſei mir armen Sünder gnädig! Man nahm ihn feſt und er erhielt ſeinen verdienten Lohn. Unmöglich iſt es, der Hand Gottes zu entfliehen. Weish. 16. 15. Darum, ſo wahr ich lebe, ſpricht Gott, der Herr: ich will dich dem Blut übergeben und das Blut ſoll dich verfolgen; und obſchon du Blut haſſeſt, ſo ſoll doch das Blut dir nachjagen. Ezech. 35. 6. Die ganze Welt fürchte den Herrn und Alle, die den Erdboden bewohnen, ſollen vor ihm erzittern. Pſalm 32. S.“ Die Aufſeherin Menzel bemerkte an dieſem Abende weiter nichts. Auch am darauf folgenden Tage ſiel nichts Auffälliges vor; nur fiel ihr auf, daß die Se⸗ lectanerin A...„welche das Kehren der Arbeits⸗ locale in dieſer Woche über ſich gehabt hatte, ſehr ſtill und niedergeſchlagen ſchien. Tags darauf bemerkte ſie, daß die A.... das Schnupftuch vor das Geſicht hielt. Raſch, als die Menzel ſie darüber ausfragen wollte, flüſterte die Selectanerin E..., welche jene Schrift vorgeleſen hatte, ihr zu:„Frau Aufſeherin, nehmen Sie doch die An. mit in Ihre Stube, ſie will Ihnen gern etwas ſagen, was ſie in unſerer Gegenwart auszuſprechen ſich ſcheut.“ Die Menzel nahm wirklich die A.... in ihre Stube, und nachdem die erſten Worte geſprochen waren, XXNW 11 242 Die Försterstochter im Flossteich. rief dieſe aus:„Ach Gott, Frau Aufſeherin, ich habe doch großes Unrecht gethan, ich habe einem Mädchen einen Schub gegeben, daß ſie in das Waſſer fiel und ertrunken iſt.“ Die Aufſeherin verſuchte ein kurzes Verhör, und die A gab auf Frage und Antwort in aufſprin⸗ gender Art etwa Folgendes: Es ſei aus Rache geſchehen, weil ſie das Mädchen, eine Förſterstochter, um ein Kleid angeſprochen und dieſe ihr darauf geantwortet:„Du willſt gewiß ſchon wie⸗ der betteln; ſchämſt du dich nicht; du biſt ein ſo großes Mädchen und kannſt arbeiten.“— Das Waſſer des Teiches ſei tief geweſen, ſie habe das gewußt; ſie ſei dem Mädchen auch nicht behülflich geweſen, wieder aus dem Waſſer herauszukommen, ſie habe Niemanden auf⸗ geſucht, um demſelben zu helfen, und habe Niemandem davon etwas geſagt. Die A.. war damals noch nicht ganz 15 Jahre alt geweſen, Natalie Zeh aber einige 20 Jahre alt und weit kräftiger als das ärmliche Bettlermädchen. Sie habe ſie aber doch in das Waſſer ſtoßen können, fuhr die Dirne fort, weil der Teich ſehr hoch angeſpannt ge⸗ weſen ſei, wodurch der Damm ſehr ſchlüpfrig geworden. Es war immerhin möglich, daß die Landſtreicherin aus Ueberdruß über die lange Verhaft ein Märchen erſonnen hatte, wie das in Arbeitshäuſern nicht ganz ungewöhnlich iſt; aus einem andern Ereigniß ward aber die Wahrhaftigkeit ihrer Angabe für die Aufſeherin verſtärkt. Jufällig nämlich an demſelben Tage kam die Stief⸗ mutter der A.... in die Strafanſtalt, um ihre Stief⸗ tochter zu beſuchen. Die Verhaftete war gerade aus dem Waſchhauſe gekommen, als die Stiefmutter ſie er— Die Jörsterstochter im Flossteich. 243 faßte. Sie trug das Schnupftuch vor dem Geſicht und weinte. Als die Mutter geſagt:„Nun, Miene, wir denken, du ſollſt nach Hauſe kommen; du kommſt ja aber nicht und ſchreibſt auch nicht“, hatte die A..... erwiedert:„Ja, ich werde auch gar nicht kommen.“ Auf die von der Mutter an die Tochter geſtellte Frage: „Was haſt du denn gemacht?“ habe dieſe erwidert:„In meiner Freiheit habe ich Unrecht gethan.“ Auf die wei⸗ tere Frage, was ſie denn gethan, habe die Tochter ſich aufgerichtet und ihrer Mutter heimlich etwas ins Ohr geſagt. Dieſe habe darauf geſagt:„Das haſt du ge⸗ macht? J, du Menſch du!— Da hieß es nun immer, daß das Mädchen ſelbſt in das Waſſer geſprungen ſei, und es wird ihr bis heute noch nicht erlaſſen.“ Die Tochter habe darauf erwidert:„Nein, ich habe ſie in das Waſſer geſtoßen.“ Die Mutter habe dann zu ihrer Tochter geſagt: „Ich bin mit weichem Herzen hierher gekommen, wollte ein gutes Wort einlegen, daß du bald zu Hauſe kom⸗ men ſollteſt. Wenn du aber das gemacht haſt, ſo kommſt du nicht zu Hauſe. Wie oft habe ich dich zur Ord⸗ nung, Arbeit und zum Beſuch der Schule angehalten; du haſt mir aber nicht gefolgt, mir manche harte Be⸗ handlung deines Vaters zugezogen, ja, du ſelbſt hätteſt mich ermordet, wenn ich nicht ſo feſt gegen dich auf⸗ getreten wäre. Wenn es ſo iſt, wie du ſagſt, ſo lebe wohl, ſo mag ich nichts mehr von dir wiſſen.“— Hierauf war die A.. weinend in die Stube zurückgegan⸗ gen, die Mutter aber hatte ſich entfernt. Ein ſpäter verzeichneter pſychologiſcher Zug iſt: Als die E... bei dem Vorleſen obiger Erzählung dahin gekommen ſei, wo der Geiſtliche den mit Blut befleckten Stein den Anweſenden vorzeigt, bat die A.....„ doch 11* ————————————— 244 Die Försterstochter im Flossteich. innezuhalten. Später bat ſie, doch wieder fortzufah⸗ ren. Als die Geſchichte zum Schluß war, preßte es die Dirne und ſie bekannte, was wir wiſſen, zuerſt den Genoſſinnen, dann vor der Aufſeherin. Dien W blieb bei der Selbſtanklage nicht allein bei den durch den Anſtaltsdirector zu Waldheim und das daſige Gericht veranſtalteten Vernehmungen, ſon⸗ dern auch nach Einleitung der förmlichen Unterſuchung durch das competente Gericht, unter deſſen Gerichtsbar⸗ keit das Verbrechen geſchehen und an welches ſie darauf abgeliefert wurde. Ueber die näheren Umſtände der That und das Motiv ſprach ſie noch in folgender Weiſe ſich aus: Einige Tage vor Begehung des Verbrechens ſei ſie, um zu betteln, in dem Forſthauſe zu Landesgemeinde, wo ſie ſchon früher oft eine Gabe erhalten, eingeſprochen. Man ließ ſie auch bei dieſer Gelegenheit nicht leer aus⸗ gehen, indem man ihr einige Kartoffelklöße reichte mit der Erlaubniß, ſie in der Küche zu verzehren. Die Tochter des Förſters Zeh— dieſelbe Tochter, welche ſie nachher ins Waſſer ſtieß— hatte ihr die Schüſſel mit den Klößen gereicht! Noch vorher, nämlich ehe ſie die Klöße bekommen hatte, bat ſie die Förſterstochter um ein altes Kleid. Die Zeh aber hatte ihr die Bitte abgeſchlagen. Fünf oder ſechs Tage ſpäter— im April des Jahres 1841— hatte ſie, aus dem Böhmiſchen zurückkommend, ſich im Walde verlaufen, und kam dann ſo zufällig an den in der Nähe des Forſthauſes befindlichen Teich. Als ſie ſich demſelben genähert, ſah ſie ein Mädchen gehen, in welchem ſie alsbald die Tochter des Förſters zu Landes⸗ gemeinde erkannte. Anſcheinend war ſie, von der Woh⸗ nung ihrer Aeltern herkommend, langſam vor ihr her „* ſi Die Jörsterstochter im Flossteich. 245 nach dem Teichdamme zu geſchlendert. Da ſie, die V. 4 ſchneller gegangen, hatte ſie auf dem Teich⸗ damme die Zeh eingeholt. Weil der über(an dem ufer?) den Damm führende Fahrweg ſehr ſchmutzig ge⸗ weſen, war die Zeh auf dem zwiſchen dieſem und dem Teiche befindlichen, etwa eine Elle breiten und nach dem Waſſer ſchräg abfallenden Rande gegangen. Plötzlich hatte die Förſterstochter beim Umdrehen(vor oder dicht neben ſich) die Bettlerin geſehen, und da die Worte entweder geſprochen, oder gedroht:„Du willſt gewiß ſchon wieder betteln ꝛc.“ Dieſe Worte der Zeh, in Ver⸗ bindung damit,„daß ſie ihr wenige Tage zuvor ihre Bitte um ein Kleid abgeſchlagen gehabt, hätte ſie ge⸗ ärgert und Rachſucht in ihr erzeugt, wie ſie denn über⸗ haupt einen Groll gegen ſie gehabt, weil ſie die Toch⸗ ter reicher Aeltern geweſen ſei, und es habe ſie nun in Folge deſſen der Gedanke erfaßt, die Zeh ins Waſſer zu ſtürzen. Sobald dieſe ſich daher umgewendet, ſei ſie ihr nachgegangen und habe ihr, als ſie an ſie gekommen, mit dem Arme und unter Anwendung ihrer vollen Kraft einen Stoß in die Seite gegeben, in deſſen Folge die Zeh, welche knapp am Waſſer gegangen, auf dem ſchlüpfrigen Wege ausgerutſcht und den ſteilen Abhang des Dammes hinunter ins Waſſer gefallen ſei und zwar dergeſtalt, daß ſie deſſen Oberfläche zuerſt mit dem Kopfe berührt habe. Bald darauf ſeien der Kopf und die Arme des Mädchens einige Ellen vom Teichrande entfernt wieder zum Vorſchein gekommen und ſie habe daſſelbe einmal dumpf und ängſtlich: Ach Gott! ru⸗ fen hören. Weiter aber habe ſie nichts geſehen und vernommen, und ſie ſei nunmehr ſchnell den Weg, auf welchem ſie gekommen, zurück und in den Wald hinein⸗ gelaufen.“— —————— 246 Die Försterstochter im Flossteich. In den Angaben der A..... über die näheren Umſtände der That fanden ſich zwei Widerſprüche: Einmal hatte ſie— in Uebereinſtimmung mit den eidlichen Angaben Schloſſer's— zugeben müſſen, daß zur Zeit des Vorganges der Floßteich zum mindeſten ſechs bis acht Ellen leer von Waſſer geweſen ſei, während ſie frü⸗ her behauptet hatte, daß der Teich ſehr hoch, beinahe zum Uebertreten, angeſpannt geweſen ſei. Ferner hatte ſie— im Widerſpruche mit ihrer anfänglichen Angabe, daß ſie die Zeh mit dem linken Arme in den Teich geſtoßen habe,— ſpäter verſichert, daß ſie ſolches viel⸗ mehr mit dem rechten Arme bewerkſtelligt habe. Dieſe Widerſprüche ſchienen dem natürlichen Gefühl nicht ihre ſo beſtimmt und wiederholt gegebenen Ge⸗ ſtändniſſe ſchwächen zu können, um ſo weniger als ſie mit den andern Ermittelungen, ſo weit möglich, zuſam⸗ menſtimmten und anſcheinend kein Motiv vorliegt, wes⸗ halb die Bettlerin ſich ſelbſt einer ſolchen ſchweren That fälſchlich anklagen ſollen. Hingegen ſchien die A.... während der weiteren Unterſuchung nicht eben tiefe Reue über das Verbrechen zu empfinden. Ueberhaupt zeigte ſie ſich in der vorigen Leichtſinnig⸗ keit. Gegen eine andere wegen Diebſtahles ſitzende Weibsperſon führte ſie höchſt ſittenloſe, auf die gröbſte Sinnlichkeit ſchließende Geſpräche. Nur gegen den Be⸗ zirksarzt geſtikulirte ſie viel und ſpielte die Zerknirſchte, allein ohne alles innere, tiefe Gefühl. Sie weinte zwar leicht, ſprach von ihrem früheren zügelloſen Leben, als der Folge ſchlechter Erziehung, und ſehnte ſich da⸗ nach, ihre Strafe zu verbüßen; ihre Aufmerkſamkeit war aber eben ſo leicht auf andre Gegenſtände gelenkt. Demnach mußte der Richter dieſe Widerſprüche in die Wagſchale werfen. Es gehörte keineswegs zu den Die Försterstochter im Flossteich. 247 ſeltenen Erſcheinungen, daß ſich Perſonen, welche in ei⸗ ner Straf⸗ oder Beſſerungsanſtalt, namentlich auf un⸗ beſtimmte Zeit, detinirt werden, wider die Wahrheit ei⸗ nes Verbrechensbezüchtigen, um eine, wenn auch nur kurze, Veränderung ihrer Lage oder eine beſtimmt ab⸗ gegrenzte Strafe zu erlangen. Ferner war zu erwägen, wie wenig dasjenige, was nach den Angaben der A..... jenen Entſchluß hervorgerufen haben ſollte, an und für ſich geeignet war, eine beſonders heftige Rachſucht in ihr zu entflammen. Wir theilen nun, ohne ſelbſt für und gegen zu wä⸗ gen, die aus den Acten uns mitgetheilte Meinung in ihren Ausdrücken der Vollſtändigkeit mit. Jene Rückſicht(daß keine beſondere Rachſucht ſie könne entflammt haben) mußte inſofern von untergeordnetem Werthe erſcheinen,„als ihr nur dann, wenn es ſich um Vervollſtändigung eines auf ſpecielleren Gründen beru⸗ hendes Beweiſes der Wahrheitswidrigkeit der Selbſtan⸗ klage handelt, erheblicher Einfluß zugeſtanden werden kann.“ Auch fehlt es leider nicht an Beiſpielen, daß Perſonen von ſehr jugendlichem Alter durch geringe Anreizungen zu ſchweren Verbrechen ſich hinreißen laſſen. Was ferner die oben erwähnten Widerſprüche in den Angaben der A..... betrifft, ſo konnte auch in dieſen ein erheblicher Anlaß, die Wahrhaftigkeit ihres Geſtänd⸗ niſſes zu bezweifeln, nicht gefunden werden, da die Ver⸗ ſicherung derſelben, daß ihr erſt, als ſie an den Ort der That geführt worden, eingefallen ſei, daß der Teich über ſechs Ellen leer vom Waſſer geweſen ſei, ebenſowenig für ſchlechterdings unwahrſcheinlich zu achten war, als ihre Behauptung, daß ſie ſich erſt ſpäter beſonnen habe, daß ſie die Zeh mit dem rechten Arme in den Teich geſtoßen habe. 248 Die Försterstochter im Flossteich. Endlich ließ ſich bei einem ſo leichtſinnigen Ge⸗ ſchöpfe, wie die A... war, der Mangel der Reue recht wohl mit der Annahme, daß ihre Selbſtanklage wahr ſei, vereinigen. Als ihr der Unterſuchungsrichter die Bemerkung machte, daß über die Aufrichtigkeit ihrer Reue und über die Wahrheit oder Unwahrheit ihrer Ausſagen noch ein höherer Richter zu urtheilen vermöge, und ſie nochmals auffoderte, die Wahrheit anzugeben, ſo erklärte ſie mit derſelben erkünſtelt frommen und ergebenen Miene, welche ſie nie abgelegt hatte, mit niedergeſchlagenen Augen gefalteten Händen und lispelnder Stimme: „Ja, es iſt Alles wahr, was ich geſagt habe; und ich bleibe dabei.“ Für die Wahrheit ihres Geſtändniſſes, welches ſie ſpäter auf der Strafanſtalt zu widerrufen verſucht hat, ſpricht zunächſt deſſen Uebereinſtimmung mit den in ob⸗ jectiver Hinſicht ermittelten Umſtänden. Ihre Angabe über die Stelle des Teichdammes, an welcher ſie die Zeh ins Waſſer geſtürzt, harmonirt genau mit derjeni⸗ gen, wo Schuſter den Leichnam im Teiche gefunden hatte. Die Glaubhaftigkeit jenes Geſtändniſſes wird auch durch die zeitherige völlige Ungewißheit darüber, wie es gekommen ſein möge, daß die Zeh ins Waſſer gefallen, und durch den gänzlichen Mangel eines Grun⸗ des zu der Annahme, daß dieſelbe ſich etwa abſichtlich ſelbſt in den Teich geſtürzt, erheblich verſtärkt. Es kommt hinzu, daß der Inhalt derjenigen Erzählung, nach deren Vorleſen die A..... zuerſt mit ihrer Selbſt⸗ anklage hervortrat, wohl geeignet erſcheint, das Gewiſſen einer Perſon, die ſich einer Tödtung ſchuldig weiß, heftig anzuregen und dieſelbe zum Geſtändniß zu drängen. Die Försterstochter im Flossteich. 249 ⸗ Der Spruchhof, an welchen die Acten zur Entſchei⸗ e dung verſchickt wurden, hielt das Geſtändniß der A..... e für wahr und begründet und verurtheilte ſie wegen Tödtung zu einer dreijährigen Arbeitshausſtrafe, weil 3 dieſelbe zwar eingeräumt hatte, daß ſie die Abſicht ge⸗ r habt habe, die Zeh zu tödten, jedoch die That ohne Vorbedacht und in aufwallender Leidenſchaft verübt hatte, weshalb ſie nicht als eigentlicher Mord anzuſe⸗ it hen ſei. Bei der Strafabmeſſung wurde nach Artikel . 62 des Criminalgeſetzbuchs für das Königreich Sachſen . darauf Gewicht gelegt, daß die A..... zur Zeit der 4 That erſt im 14. Altersjahre ſtand und nach dieſer Geſetzesbeſtimmung bei Perſonen unter 18 Jahren die geſetzlich verwirkte Strafe herabzuſetzen iſt. Der Gutspächter Hasse. 1851— 1852. Im Lande Bütow und Lauenburg, dem ſogenannten blauen Ländchen in Hinterpommern, kann man noch halbe Tage lang durch Kieferwald und Haide reiſen, bis man die Kirchthurmſpitze eines Dorfes erblickt, ja oft auch nur auf die Schilfdächer einer vereinzelten Niederlaſſung ſtößt. Zwiſchen kahlen, ſteinigen Hügel⸗ rücken ziehen ſich weite braune Moore hin, aus deren Grund, wenn ein heißer Sommer ſie austrocknet, die weißgebleichten Eichenſtämme der Urwelt wie Geſpenſter zum Vorſchein kommen; hier verſenkt, vielleicht ſchon ehe Menſchengeſchlechter dieſe Gegenden bewohnten, und ſteinhart, daß Meſſer und Beil ſich vergebens daran abarbeiten. So vorweltlich ſieht es auch in vielen Hütten mit ihren vom Wetter geworfenen übermooſten Schilfdächern, ja ſelbſt in manchem Edelſitze aus. Dort iſt die Stube nicht allein die Küche und Vorrathskammer, ſondern auch der Stall für Hühner, für die Kuh und das Schwein, das, wenn auch nicht immer darauf an⸗ gewieſen, doch zutraulich hier Zuflucht und Geſelligkeit ſucht. Und doch ſind wir in der Hütte nicht unter Proletariern des Bauernſtandes, ſondern unter alten Der Gutspächter Hasse. 251 Edelleuten, wie ihr tönender polniſcher Name anſagt, und die Pudelmütze auf dem Kopf, die hohen, über die Hoſen gezogenen Stiefeln bezeugen es. Sie tragen zwar nicht mehr beim Pfluge den Säbel an der Seite, und küſſen nicht mehr die Hand und den Rockzipfel, und was ſonſt das Unterwürfigkeitsgefühl für Aeußerungen und Bewegungen verlangt, aber ſie verlangen doch die Anerkennung ihres Adels. Woher dieſer Schlachtizenadel ſtammt, ob aus der alten polniſchen Leit, oder von ſpätern polniſchen Kriegern, welche die Krone Polen nach der Beſiegung des deutſchen Ordens hier in den ver⸗ wüſteten Ländereien anſiedelte und für ihre Dienſte mit Aeckern und Adelstiteln belohnte, iſt nicht beſtimmt entſchieden; aber Friedrich der Große erkannte ausdrücklich dieſen Bauernadel an, indem er im Siebenjährigen Kriege, als die Schlachten und Belagerungen ſeine Offiziere mehr und mehr decimirte, in den caſſubiſchen Wäldern für ſeine Cadettenhäuſer recrutirte und, wie man ſagt, die barfüßigen Junker als eine andere Art wilder Thiere einfangen ließ. Viele ehrenwerthe und ausgezeichnete Namen polniſchen Klanges in der preußiſchen Armee leiten ihre Stammbäume aus dieſen Haiden und Mo⸗ räſten. Die alten Schlöſſer und Edelſitze gehören frei⸗ lich zum größten Theil Familien mit deutſchen oder germaniſirten altpommerſchen Namen, aber ſie ſind in Lage und Bauart doch ſehr unterſchieden von deutſchen Burgen⸗ und Gdelſchlöſſern; von mächtigen Eichen⸗ ſtämmen gezimmerte Bauten, mit weiten Hallen, nie⸗ drigen Balkendecken und hölzernen Schornſteinen, höch⸗ ſtens von ſchilfigen Burggraben umgürtet, in der Nie⸗ derung gelegen, verrathen ſie die frühe Anlage in ſla⸗ viſcher Zeit. Dieſe Iſolirung der caſſubiſchen Bevölkerung in 252 Der Gutspächter Hasse. allem Gebahren iſt um ſo auffälliger, als die germani⸗ ſche Cultur ringsum an den Küſten der Oſtſee, in den Weichſelniederungen, und dann wieder weſtlich in den andern Theilen Pommerns ſo große und erſprießliche Fortſchritte gemacht hat. Auch hier wird ſie eindringen und iſt ſchon in den letzten Jahren mächtig eingedrun⸗ gen, aber die ſlaviſchen Elemente halten, obgleich doch hiſtoriſch länger als anderwärts von dem großen pol⸗ niſchen Stamme getrennt, in ihrer Sitte feſter als in den eigentlich polniſchen Provinzen, die, unter deutſche Herrſchaft gekommen, mit der Zeit der deutſchen Ver⸗ waltung und Oekonomie ſich fügen müſſen. Alter Aber⸗ glaube, in mannigfacher Geſtalt birgt ſich im Schmutz der Hütte und ſpukt im Schatten der Wälder. Hexen, durch ihre rothen Augen verrathen, leben hier ſogar noch, ſchleichend an den Höfen deutſcher Ritter⸗ gutsbeſitzer; woran ſie, beiläufig geſagt, wohl thun, denn hier ſind ſie noch am ſicherſten geſchützt vor den rohen Angriffen, wenngleich es auch dieſen aufgeklärten Gutsherren nicht rathſam iſt, den Wahn ihren caſſubiſchen Leuten ſo abſolut ausreden zu wollen. Hexenproceſſe kommen daher noch unter der Hand, privatim, vor; die Form das Lyncpeſetz. Der katholiſche Geiſtliche hat nur dann Macht über dieſe Bauern, wenn er ganz zu ihnen hinabſteigt, mit ihnen in den Schenken liegt und Branntwein trinkt; iſt er gebildeter und kann es nicht verleugnen, iſt es um ſeinen Einfluß geſchehen. Die Juſtiz ſteht in den Gerichtshäuſern mit derſelben Wag⸗ ſchale und legt dieſelben Gewichte in die Schale, wie in den civiliſirteren Provinzen des preußiſchen Staats, aber ſie iſt nicht allwiſſend und ihr Auge dringt nicht durch die weiten Haiden, noch weniger vermögen das die wenigen Polizeibeamten Ja, zuweilen iſt gerathen, Der Gutspächter Hasse. 253 daß die Juſtiz das Auge zudrücke und geſchehen laſſe, was nicht zu ändern iſt, wenn nicht der Hilfsſchrei zu laut wird. Denn wo Arme hernehmen, um alle zu faſſen und greifen, die, betrunken vom Markte kommend, an den Kreuzwegen der Haide mit Pferden, Rädern, oder mit den Fäuſten und Knitteln untereinander ge⸗ rathen, oft erſt dann getrennt, wenn Blut gefloſſen und Köpfe zerſchlagen ſind. Was frommt es auch, auf jeden Axthieb in der Nacht im Walde, auf jeden Flintenſchuß in mondhellen Nächten zu horchen; das Holz hat den geringſten Werth, wo die ſchiffbaren Straßen zum Transport fehlen, und der Bauer iſt dort des Glaubens, daß die Bäume, wenn ſie auch dem König gehören, doch nur darum ſeinem Hauſe ſo nahe ſtehen, damit er ſie für ſich nützen ſoll. Die ein⸗ ſamen Wege, die Wälder und tiefen Moräſte wären recht geeignet, ſchwarze Verbrechen zu verſtecken, aber ſie ſind weder von der ſchwarzeſten Färbung, noch ſo zahlreich, als man denken möchte. Es fehlen ja auch die Verlockungen, welche nur durch die Reibungen eines civiliſirten Lebens hervorgetrieben werden. Ein Todt⸗ ſchlag im Affect, im Trunk, iſt noch kein Mord, ein Holzdiebſtahl kein Einbruch; auch mein man, daß die Furcht vor dem Geſetz und ſeinen Executoren die ange⸗ borene Luſt dieſer verwahrloſten Kinder der Natur wohl⸗ thätig zurückdränge, denn Heroismus läge nicht in ihrer Natur. In den Städten ſieht es freilich anders aus, deut⸗ ſche Sprache, Reinlichkeit, Sitten und Gewohnheiten ſcheinen über das zerdrückte Slaventhum die Oberhand gewonnen zu haben. Aber ſo manche Erſcheinungen, auch aus den letzten Zeitläuften, möchten andeuten, daß das überwundene Element noch nicht ganz vertilgt 254 Der Gutspächter Hasse. iſt. Aus dieſen Gegenden ſprühten im tollen Jahr einige der tollſten Eruptionen der Demokratie, von hier wurden polniſche Einfälle und ſinnloſe Handſtreiche ge⸗ meldet, und aus dieſen Gegenden gingen, als das Spiel umſchlug, Devotionsadreſſen hervor, die in ſlaviſchem Unterwürfigkeitsſinn die conſervativſte deutſche Natur erröthen machten. Wiſſen wir doch, daß neuerdings es wieder dieſe Striche des alten Pommern ſind, von wo die wiederholten Petitionen an die Kammern um Einführung der Prügelſtrafe an die Krone, um die Anhänglichkeit an ruſſiſche Intereſſen und Gebote, nach Berlin dringend und immer dringender kamen; und jene Gutsbeſitzer, welche dem Führer der antialtpreußi⸗ ſchen Partei eine ſilberne Ehrenſäule votirten, dem Redacteur einer gleichgeſinnten Zeitung die Schenkung eines Ritterguts vermittelten, entſpringend aus dieſem hinterſten Theile von Hinterpommern, wie ein Kammer⸗ redner ſie bezeichnete, zeigen bedeutſam auch, wie hier das zertretene ſlaviſche Element, noch von zäher Kraft, mit dem germaniſch preußiſchen ſich noch nicht in amalgame Correctheit geſetzt hat. Es iſt auch darin polniſches Element, daß die Juden im gewerbtreibenden Leben eine bedeutende Rolle ſpielen; Handel und Verkehr iſt in ihren Händen, wie in Polen c ſie Wirthshäuſer und Schenken, auch in den tädten. elle Thätigkeit anerkennend, Während man ihnen aber ſo, ihre induſtri⸗ Vortheile und Vorzüge läßt, hält man zur Ausgleichung dafür ein ihnen ange⸗ thanes Unrecht nicht für eine beſonders große Sünde. Vielleicht iſt es Unrecht, ſo im Allgemeinen zu reden und, was Einzelne verſchulden, einer Bevölkerung beizu⸗ meſſen; aber die Einzelfälle, daß das Volk ſich an ei⸗ nem Juden vergreift, kommen vorzugsweiſe in der ſüd⸗ ie en en en n Der Gutspächter Hasse. 255 lichen Bevölkerung der caſſubiſchen, weſtpreußiſchen und lithauiſchen Provinzen vor, daß man wenigſtens ver⸗ ſucht iſt, hier noch an die Herrſchaft eines Wahns zu glauben, der in den Zeiten der Finſterniß allgemeiner war. Der hier vorliegende Fall zeigt, daß es nicht allein Leute aus dem ſogenannten Volke ſind, wie neuer⸗ dings die arme Häuslerin und ihre Tochter in Preußen, die einen armen Bandjuden um ſeine paar Groſchen mit der Miſtgabel erſchlugen und unter dem Miſthaufen ver⸗ gruben, ſondern daß es Individuen gibt, welche, über dieſer unwiſſenden Menge ſtehend, ſich kein Gewiſſen draus machen, durch Raub und Mord an einem Juden ſich aus der dringenden Noth zu reißen. Der Proceß gegen den Pachter Haſſe erregte vor einigen Jahren großes Aufſehen in Pommern. Iſt gleich Hergang und Verwickelung einfach, und auch in pſychologiſcher Be⸗ ziehung ohne große Ausbeute, ſo iſt die Präparation des Verbrechens, daß der Mörder ſein Opfer ſich ſchrift⸗ lich beſtellt, um es bequemer zu ermorden, doch etwas Außergewöhnliches, und die Kette von Indicien, durch welche die Thäterſchaft des Mörders bei ſeinem ſtarren Leugnen allein dargethan wird, auch für den praktiſchen Criminaliſten von Intereſſe. Der jüdiſche Kaufmann Iſak Naumann in Bütow erhielt von ſeinem Sohne Noah Naumann, der ſeit 1850 in dem unfernen Stolp als ſelbſtändiger Kauf⸗ mann angeſeſſen war, am 26. Auguſt 1851 einen Brief des Inhalts: Ein Beſitzer habe ihm ein Geſchäft in Bernſtein ſoeben angetragen. Es ſei Geld dabei zu verdienen. Der Beſitzer wohne bei Bartin und werde 256 Der Gutspächter Hasse. ihm, dem Sohne, Donnerſtag am 28. ſein Fuhrwerk zum Abholen ſchicken. Er foderte ſeinen Vater auf, mit ihm an dieſem Donnerſtag, den 28., in Creußen zuſammenzutreffen, um ihm mit ſeiner Kenntniß oder auch mit ſeinem Gelde beizuſtehen. Die Sache habe je⸗ doch einen„eigenen Haken“, und er habe ſein Ehren⸗ wort geben müſſen, kein Wort darüber zu ſprechen. Der Vater möge ihm umgehend antworten, ob er kommen könne, ſonſt müſſe er ſich nach einem Andern umſehen, da er ſelbſt in Bernſteinſachen nicht Kenner ſei. Wenn er könne, möchte der Vater Geld, Wag⸗ ſchale und Gewichte mitbringen. Iſak Naumann antwortete ſofort: er werde kommen. Darauf erhielt er andern Tags, am A. Auguſt, einen zweiten Brief ſeines Sohns, mit der Meldung, daß der Zuſagebrief des Vaters eingetroffen ſei. Das Schreiben ſchließt mit den Worten:„Morgen münd⸗ lich mehr, und werde von hier Geld mitnehmen. Ver⸗ geſſe ja nicht die Gewichte und Schalen.“ Der Vater reiſte darauf am 28. Auguſt nach Creußen, das 2 Meilen von Stolpe entfernt iſt. Der Sohn war noch nicht da, er kam auch nicht. Nachdem Iſak von 9 Uhr Morgens bis 1 Uhr Mittags gewartet, reiſte er ärgerlich zurück. In einem Briefe machte er dem Sohne Vorwürfe, daß er ihn vergebens beſtellt, und ſchloß: hätte er nur nicht die Sache ſo geheim ge⸗ halten, ſo würde er ſelbſt zur Stelle gereiſt ſein. Iſak wußte, daß ſein Sohn eine Reiſe nach Tilſit zu ſeiner Schweſter beabſichtigt hatte. Er war des Glaubens, daß das Geſchäft ſich zerſchlagen und Noah inzwiſchen dieſe Reiſe angetreten habe. Daher verhielt er ſich ruhig, auch als auf ſeinen letzten Brief keine Antwort aus Stolp einlief. Als aber mehre Tage Der Gutspächter Hassr. 257 ohne alle Nachricht verſtrichen, als auch die kam, daß Noah Naumann dort nicht angekommen ſei, als er auch nicht in Bütow auf dem daſelbſt am 9. und 10. September abgehaltenen Jahrmarkt eintraf, ſetzte ſich der Vater, unruhig geworden, am 11. auf den Wagen, 5 um in Stolp ſelbſt anzufragen. h. In Creußen erfuhr er, daß ſein Sohn auch ſpäter et nicht dort geweſen, in Stolp ſelbſt: daß der Kauf⸗ in mann Noah Naumann am 28. Auguſt mit dem Guts⸗ er pachter Haſſe aus Cothelow fortgereiſt ſei, man wußte g⸗ nicht wohin, aber ſeitdem in der Stadt nicht wieder geſehen wäre. n. Noah Naumann, etwa 30 Jahre alt, war noch ſt, unverheirathet, und wohnte allein im Hauſe eines Uhr⸗ 9, machers am Markte, von wo er ſein Geſchäft, den a6 Getreidehandel, ohne Comtoirgehülfen, wie es ſcheint, d⸗ betrieb. r⸗ Von einem Oheim des abweſenden Sohnes zog der Vater dagegen einige nähere Nachrichten ein. M. Le⸗ en, vi aus Rummelsburg war in den letzten Tagen des hn Auguſt in Stolp geweſen. Am 27. war Noah zu ihm, ſek in ſein Abſteigequartier gekommen und hatte ihm er⸗ tt. öffnet: er wolle am andern Morgen ſehr früh verreiſen, et um eine Partie Bernſtein einzukaufen; weil er aber t. kein Kenner ſei, habe er ſeinem Vater geſchrieben, er g möge mit ihm zuſammentreffen, da es ein bedeutender Poſten ſein ſolle. Am andern Morgen, Donnerstag ſit am 28. Auguſt, kurz vor 9 Uhr, war der Neffe noch es einmal bei ſeinem Oheim angeſprochen und hatte ihm ih erzählt, daß der Beſitzer, welcher ihm den Bernſtein it verhandeln wolle, da ſei, um ihn abzuholen. Die Ab⸗ ne ſicht ſeines Beſuchs war, baares Geld in Papier umzu⸗ . tauſchen. Er habe noch 150 Thaler Courant, für die 258 Der Gutspächter Hasse. er ſich Kaſſenanweiſungen von Levi ausbat. Als der Oheim den Tauſch ablehnte, hatte ſich Noah Naumann ſogleich wieder entfernt. Man wußte in Stolp und im Hauſe des Uhr⸗ machers, daß Noah am Morgen jenes Tages um die 9. Stunde mit einem Knecht des Pachter Haſſe, der ihn abzuholen gekommen, fortgegangen⸗ Er hatte einen Mantel und einen mit zwei Schlöſſern verſehenen Kaſten mitgenommen. Man ſah ihn gleich darauf von Stolp, und zwar von der Schmiedebrücke aus, nach dem Militärſpeicher zu, in der Richtung nach der Alt⸗ ſtadt, fahren. Das Fuhrwerk war das des Gutspachters Hermann RudolfHaſſe aus Cothelow bei Bartin. Haſſe kutſchirte ſelbſt, im Wagen ſaß Noah allein. Man hatte Noah Naumann ſeitdem in Stolp nicht mehr geſehen. Iſak Naumann ließ ſich ſeines Sohnes Zimmer und Schränke öffnen und überzeugte ſich bald aus dem Kaſſenbuche, daß derſelbe etwa 320 Thaler an Gelde mitgenommen. 5 Jetzt erſt ſtieg in ihm der Gedanke auf, daß ſein Sohn des mitgenommenen Geldes wegen ermordet ſein könne, und jetzt erſt machte er von ſeinem Verſchwinden Anzeige. Der Verdacht fiel ſofort auf den Gutspachter Haſſe, mit dem der Verſchwundene zuletzt geſehen war, mit dem und in deſſen Wagen er aus Stolp fortgefahren war. Haſſe war ein Mann, den man— wenn man ſich auch nicht zu ihm gerade der That verſehen konnte — doch für fähig derſelben hielt. Die Verdachtgründe drängten ſich ſo raſch, daß das Stolper Polizeiamt ſchon am 13. September zu ſeiner Verhaftung ſchritt. Haſſe konnte nicht in Abrede ſtellen, mit dem Ver⸗ 5 Der Pächter Hasse. 259 ſchwundenen am 28. Auguſt aus Stolp fortgefahren zu ſein, wies aber alle Schuld einer Ermordung von ſich ab. Er habe den Juden allerdings mit ſich ge⸗ nommen, um ein Geſchäft mit ihm abzumachen, unter⸗ wegs aber ſchon habe ihn derſelbe wieder verlaſſen. Nämlich als ſie in der Vorſtadt angekommen, hätten zwei vorüberfahrende Juden den Noah, gerade als ſie auf dem„Sandberge“ waren, angerufen. Der ſei vom Wagen geſtiegen und habe ſich dann, nach wenigen Minuten, Koffer und Mantel vom Fuhrwerk geholt unter dem Anführen, er müſſe nach dem, was er eben gehört, jetzt nach Stolpmünde fahren; zugleich aber habe er Haſſe gebeten, er möge doch noch eine halbe Stunde warten, denn vielleicht fahre er doch noch mit. Haſſe behauptet, er habe nun wirklich eine volle Stunde auf den Juden gewartet, und erſt, als er auch da nicht ge⸗ kommen, ſei er allein nach Hauſe zurückgekehrt. Schon dieſe unwahrſcheinliche Angabe mußte ihn mehr verdächtigen; Anderes über Naumann's ferneres Verbleiben wußte er nicht anzugeben. Von Naumann's Sachen war dagegen, der ſorg⸗ fältigſten Nachforſchung ungeachtet, weder in Haſſe's Wohnung und Wirthſchaft, noch ſonſtwo, das Ge⸗ ringſte zu entdecken, noch weniger irgendwo etwas von der Perſon oder Leiche der Verſchwundenen. Je mehr die moraliſche Ueberzeugung, daß Haſſe ihn ermordet, an Kraft gewann, ſchien es zweifelhafter zu werden, ob man Beweiſe finden werde. Erſt als der Vater Nau⸗ mann eine Belohnung von 50 Thalern für den aus⸗ ſetzte, welcher ſeinen lebenden Sohn, oder deſſen Leiche auffinde, gelang das letztere. Auf dem Gute, welches Haſſe bewirthſchaftete, war vielleicht der Glaube am ſtärkſten, daß der Herr der 260 Der Gutspächter Hasse. Mörder ſei. Man ſuchte und forſchte umher, und einem Arbeitsmann aus Cothelow ſollte es am 21. September gelingen, die Leiche ausfindig zu machen. Auf einem in der Feldmark belegenen Berge glaubte er unter einem Steinhaufen, der ihm neu geſchüttet zu ſein ſchien, friſche Erde zu bemerken, welche der andern umher nicht gleich war und nicht ſo feſt lag. Er theilte einem Gaſtwirthe in Bartin ſeinen Verdacht mit. Dieſer ging mit meh⸗ ren Leuten an die Stelle, ließ die Steine wegnehmen und mit einem Spaten nachgraben. Man ſtieß bald auf den Theil eines Kleidungsſtücks, und fand dann eine männliche Leiche in vollſtändiger Kleidung, mit dem Geſicht auf dem Erdboden liegend. Trotz der einge⸗ tretenen Fäulniß ward es unſchwer, in derſelben den Kaufmann Noah Naumann zu erkennen. Zur Beſtätigung fand man in der Manteltaſche einige Scripturen, die darauf hinwieſen, daß der Mantel Naumann gehört haben müſſe. Nur von den Briefen, welche Naumann zur Reiſe veranlaßt haben konnten, und die er natürlich zum Geſchäft mitgenommen haben wird, war nichts zu entdecken, noch hat ſich ſpäter etwas da⸗ von gefunden. Der Mörder mußte ſie, vorſichtiger⸗ weiſe, vernichtet haben, als traue er auch der Erde nicht, die das ſchwerere corpus delieti verbarg. Bei der ſchon am folgenden Tage vorgenommenen Leichenſchau fanden ſich an den Seitenwänden und dem Hintertheil des Kopfes mehre unbedingt tödtliche Ver⸗ letzungen,„welchen auch die kräftigſte Natur“, heißt es, „nicht widerſtehen können, und die nicht nur jeder Kunſthülfe unzugänglich ſind, ſondern ſolche auch dann überflüſſig machen, wenn ſie gleich zur Hand wäre“. Von einer Erwürgung, die etwa vorausgegangen wäre, fand ſich keine Andeutung. Der Todte war alſo er⸗ Der Gutspächter Hasse. 261 m ſchlagen worden, mit welchem Inſtrumente, ob ſchla⸗ er fend, im Wagen liegend, ob beim Herunterſteigen, ob m vielleicht im Kampf, nach einer Gegenwehr, darüber fehlten und fehlen die Aufſchlüſſe. he he Haſſe, an die Leiche geführt, ſtierte den verweſten ⸗ Körper ohne Bewegung und Aufregung an. Wie ſollte er in der Entſtellung durch Fäulniß und Aufſchwemmung d den Mann erkennen, für den man foderte, daß er auf⸗ n kommen ſolle! Man ließ nichts unverſucht, auf ſein m Gewiſſen einzuwirken und ihn zu einem Geſtändniß zu bringen. Sein Weſen blieb dumpf und dreiſt während der Verhandlung. Er könne nun einmal nicht anders ſagen, als daß er den Noah Naumann nicht todtge⸗ e ſchlagen, nicht verwundet, noch ſonſt ihm Schaden an⸗ el gethan. Wer es gethan, das wiſſe er nicht. „ Bei dieſer Behauptung und dieſem Weſen verharrte nb er durch den ganzen Proceß. Nur trug er ſpäter den Kopf nicht mehr ſo hoch, und antwortete nicht mehr , mit lauter, rauher Stimme. Man ſah ihn in ſich ge⸗ R kehrt, niedergeſchlagen und ſein Trotz ging in Bitten über. Gelegentlich erſuchte er den Richter, gelegentlich e die Aerzte, mit ihm Mitleid zu haben, ſeiner kranken unſchuldigen Frau ſich anzunehmen und für ſein Kind en Sorge zu tragen. Ein Gelüſt oder eine Verſuchung, em ein Geſtändniß abzulegen, war damit nicht verbunden. et⸗ Die Aufregung in der Stadt und Umgegend von c, Stolp war ſehr groß; ſie ward größer, als Haſſe ge⸗ dr fänglich eingebracht wurde; ſie ſteigerte ſich noch, als mn die Nachricht von der Auffindung der zerſtörten Leiche e“ kam. Man wußte ſofort, daß Haſſe ſelbſt die Steine jre, gefahren, mit denen der Körper bedeckt gefunden warz; —————— 262 Der Gutspächter Hasse. und daß er der Thäter ſei, daran zweifelte im Publicum Niemand. Man kannte ihn, man traute es ihm zu. Die Theilnahme ging in Mitleid für die Familie des Ermordeten über, und ein Leichenzug von gegen 2000 Menſchen folgte dem Sarge auf den Kirchhof, wo der jüdiſche Prediger eine verſöhnende Rede zu Aller Her⸗ zen ſprach. Während Haſſe in ſeiner ſtrengen Einzelhaft in dem im Keller des Rathhauſes befindlichen Criminalgefäng⸗ niſſe den Verſuchen des Unterſuchungsrichters, ihn zum Geſtändniß zu bringen, widerſtand, gelang es dem eifrigen Zuſammenwirken der Gerichts⸗ und Polizei⸗ behörden ſoviel Anzeigen zu ſammeln, daß das Kreis⸗ gericht in Stolp, auf den Antrag der Staatsanwalt⸗ ſchaft vom 6. October 1851, ſchon am 8. den Haſſe wegen Mordes in Anklageſtand verſetzte, und die Sache durch Spruch des Appellationsgerichts zu Cöslin vor die Schwurgerichtsſitzung in Stolp, die am 20. October begann, verwieſen ward. Am 27. Oetober kam die Sache zur öffentlichen Verhandlung, zum Spruch und urtheil, ein ungewöhnlich ſchneller Proceß. Eine Präjudicialfrage betraf die Competenz des Stolper Kreisgerichts. Das Vorwerk Cothelow, wo Haſſe als Pachter deſſelben ſeinen Wohnſitz hatte, ge⸗ hörte mit dem Puttkammer'ſchen Dominium Bartin unter die Direction des Schlawer Kreisgerichts. Sein perſönlicher Gerichtsſtand war alſo hier. Die Feldmark, wo man die Leiche gefunden, gehörte eben dahin. Da aber Haſſe am 28. Auguſt allein auf ſeinem Wagen geſeſſen, als er ſeine Feldmark wieder betrat, ſo ward angenommen, daß er den Noah Naumann nicht lebend nach der Stelle gebracht, wo er verſcharrt lag, daß er ihn vielmehr ſchon früher in den Wäldern getödtet um ſſe die in d Der Gutspächter Hasse. 263 und als Leiche nach der Cothelower Feldmark gebracht habe. Zwiſchen den beiden Orten Mellin und Darſe⸗ kow hatte man Naumann noch lebend auf dem Haſſe'ſchen Fuhrwerk geſehen, alſo mußte angenommen werden, daß der Mord in dem Melliner Walde verübt worden. Dieſer gehörte aber unter das Stolper Kreisgericht. Um deswillen hatte der Staatsanwalt dieſes Gericht für berechtigt gehalten, die That vor ſein Forum, als das des begangenen Verbrechens zu ziehen, wofür er indeß, als ſein eigentliches Motiv, den Wunſch angab, daß ein ſo furchtbares und Aufſehen erregendes Ver⸗ brechen ſo ſchnell als möglich zur Aburtheilung komme, mit Hinblick auch darauf, daß in einer Sache, wo es auf Tag und Stunde ſo weſentlich ankomme, zu beſorgen ſei, daß die zu vernehmenden Zeugen, wenn die Unterſuchung nicht ſchon bei der nächſt bevorſtehen⸗ den Sitzungsperiode zur Verhandlung komme, hinſichts Angabe der Zeitpunkte, wegen Länge der Zeit ſchwan⸗ kend werden könnten. Die Sitzung dauerte, unter einem ungeheuern An⸗ drang, aber lautloſer Aufmerkſamkeit des Publicums von 8 Uhr Morgens bis 10 Uhr Abends. Die dramatiſche Entwickelung bot kein beſonderes Intereſſe, weil die Per⸗ ſönlichkeit des Angeſchuldigten keiner Impulſe fähig ſchien und zu keinen Impulſen auffoderte. Wir geben dafür die Kette des Indicienproceſſes, wie die Anklage ſie aufgereiht hatte, und wie durch die vierunddreißig vernommenen Zeugen die einzelnen Glieder derſelben be⸗ wieſen wurden. Zuvörderſt war Haſſe eine Perſon, dem nicht allein der Volksmund die That zuſchrieb. Hermann Rudolf Haſſe, aus der Gegend von Stolp gebürtig, 32 Jahre 264 Der Gutspächter Hasse. alt, evangeliſch, war der misrathene Sohn eines Man⸗ nes, der, früher Güterinſpector, des beſten Rufes ge⸗ noß. Er, wie Haſſe's Mutter, lebte noch nach der Verurtheilung des Sohnes, und ſtarb, glücklich, wenn man es ſo nennen will, wenige Wochen vor Voll⸗ ſtreckung des Urtheils. Nachdem er Schul⸗ und Privat⸗ unterricht erhalten, hatte er die Bäckerei erlernt und ſei⸗ ner Soldatenpflicht genügt, in Lauenburg ſich als Bäcker (1846) niedergelaſſen und verheirathet. Nach ſieben Wochen ſchon brannte ſein Haus ab, er erhielt 600 Thaler Brandentſchädigung, und das Gerücht ſagte, er habe das Feuer ſelbſt angelegt. 1847 pachtete er vom Landrath von Puttkammer das Vorwerk Cothelow für einen Pachtzins von 400 Thalern. Haſſe war immer als leichtſinnig bekannt geweſen und fortwährend in Geldnoth. Man erinnerte ſich jetzt, daß, als er in Stolp als Bäcker in Arbeit ſtand, er eine Taſchenuhr ſeines Herrn für 2 Thaler verkauft. Man hatte die Sache ruhen laſſen. Auf der Wanderung hatte er einen Ueberrock geſtoh⸗ len und war zu ſechs Wochen Arbeitshaus verurtheilt worden. Auch ermittelte ſich, daß er vor ſeinem Sol⸗ datendienſt einen ſilbernen Löffel entwendet, was gleichfalls ohne Strafe geblieben war, wohingegen er als Militär zwei mal 48 Stunden Disciplinarſtrafe erdulden müſſen. In Cothelow ging es ihm bald ſehr ſchlecht. Unter Anderen war er zur Zeit der That wegen einer Schuld von 200 Thalern verklagt, verurtheilt, und die Execution ſtand vor der Thüre. Haſſe war alſo in Noth, er brauchte dringend Geld; damit war alſo auch ein Motiv zur That gegeben, nachdem durch die obigen Ermittelungen in ihm ein an⸗ ge der enn ol⸗ vat⸗ ſei⸗ icker eben 600 er vom für und daß eine Ran ſioh⸗ Sol⸗ was n e trafe nter chuld ution Der Gutspächter Hasse. 265 Menſch erkannt worden, zu dem man ſich eines Ver⸗ brechens verſtehen kann. Noah Naumann, der Ermordete, war von Haſſe zu einer Reiſe aufgefodert worden, unter dem Vor⸗ geben, eine große Partie Bernſtein, den letzterer ge⸗ funden haben wollte, bei ihm zu beſichtigen, um den⸗ ſelben, wenn ſie handelseinig würden, ihn abzukaufen. Haſſe hatte in dem Briefe verſprochen, ihm ſein Fuhr⸗ werk zu ſchicken und ihn abholen zu laſſen. Der Brief exiſtirte nicht mehr, aber aus dem Briefe des Etmor⸗ deten an ſeinen Vater erhellte der Inhalt deſſelben, die Bezeichnung des Schreibens als„Beſitzer bei Bartin“ ließ in Uebereinſtimmung mit dem folgenden keine andere Auslegung als auf Haſſe zu, die anempfohlene Heim⸗ lichkeit, der Haken, den die Sache haben ſollte, und das Zeugniß des Oheims Levi, an den Naumann ſich gewandt, um zur Reiſe Kaſſenanweiſungen einzutauſchen, alles das ſtimmte zuſammen. Haſſe war an dem beſtimmten Tage mit ſeinem Fuhrwerk nach der Stadt gefahren, und zwar, wie ſich aus dem folgenden ergibt, um den Noah Naumann abzuholen. Er war aber auch unter ſehr verdächtigen⸗ den Umſtänden dahin gefahren. Mit ſich hatte er einen Knecht, Julius Jasnoch genommen, der von äußerſt beſchränkten Verſtandesgaben war. Er konnte auf die an ihn gerichteten Fragen kaum Rede und Antwort geben; ein bequem zu beſeitigender Zeuge, wenn er mehr ſehen ſollte, als man ihm ſehen laſſen will. Haſſe war nicht auf dem geraden, nächſten bequemen Wege nach Stolp gefahren, ſondern auf dem ältern, unchauſſirten Fahrwege, ohne dafür einen genügenden Grund anzugeben. Er war auch nicht nach der Stadt Stolp gefahren, ſondern„über den Poetenſteig von XXIV. 12 266 Der Gutspächter Hasse. der Militärreitbahn über die Präſidentenbrücke der Neu⸗ ſtadt zu“, um außerhalb der Stadt, auf dem Fiſch⸗ markt vor dem Schmiedethor zu halten. Seine offen⸗ bare Abſicht war alſo, bei ſeiner Fahrt und Abfahrt ſo wenig als möglich bemerkt zu werden. Ermittelt iſt ferner: Hier, vom Fiſchmarkt aus, ſchickte Haſſe ſeinen Knecht zu Naumann, um ihn abholen zu laſſen. Naumann macht ſich auf den Weg, indem Jasnoch ihn begleitet und ſeinen Mantel und Koffer trägt. Auf dem Fiſchmarkt iſt Haſſe in dem Augenblicke nicht gegenwärtig. Er erſcheint aber ſofort, als die Andern an den Wagen treten, etwa Morgens um 9 Uhr. Nur er und Naumann beſteigen das Fuhrwerk, Haſſe heißt ſeinen Knecht zu Fuß nach Cathelow zu⸗ rückkehren, während er und Naumann allein abfahren. Leute haben ſie vor dem Magazin vorbeifahren geſehen. Seit der Zeit iſt Naumann nicht mehr lebendig in Stolp geſehen. Haſſe hatte mehre Jahre in Stolp gelebt; dort leb⸗ ten noch ſeine Schwiegerältern, viele Verwandte, Be⸗ kannte, Geſchäftsfreunde, mit denen er im Verkehr ge⸗ blieben. Warum beſuchte er keinen derſelben, wo ein Landmann und Oekonom, wenn er einmal in die Stadt fährt, die koſtbare Zeit wahrnimmt, um ſeine Freunde aufzuſuchen und Geſchäfte abzuwickeln. Warum der Umweg, warum vermied er ſo gefliſſentlich die eigentliche Stadt, die Straßen, Häuſer, wo er gekannt ſein mußte? um dieſe offenbare Abſicht, nicht bemerkt und ge⸗ ſehen zu werden, zu bemänteln, verwickelte er ſich in ein fortwährendes Lügengewebe, das ihn aber durch die Gegenausſagen der Zeugen immer ſchuldiger darſtellte. Bei der Fabel, die er bei der Gelegenheit vorbrachte, Nel⸗ Fiſch⸗ offen⸗ fahrt hickte n zu indem trägt. nicht ndern wetk w zu⸗ ahren. ſchen. ig in tt leb , Be hr ge vo ein n di ſein Barun kann nd c) rſtll btaht Der Gutspächter Hasse. 267 daß vorüberfahrende Juden den Naumann vom Wagen gelockt, bedurfte es aber nicht einmal der Gegenzeugen, um die Unwahrſcheinlichkeit, ja Abſurdität ſeiner An⸗ gabe ins rechte Licht zu ſtellen. Der Knecht Jasnoch, der Haſſe nach Stolp ge⸗ fahren, erzählt, was wir bereits wiſſen. Als ſein Herr ihm geheißen, zu Fuß nach Hauſe zu gehen, gab er aber als Grund an, daß auf dem Wagen fünf Mann fahren würden. Er hieß ihn nach Hauſe gehen und den Arbeitern mehres beſtellen, dann aber andern Tages ihm mit zwei Pferden nach Crien nachkommen. Alles dies deutet auf Täuſchung. Man weiß von keinem andern Mann, der auf dem Wagen gefahren wäre, als Noah Naumann, Haſſe kehrte aber noch am ſelben Tage nach Hauſe zurück; es bedurfte alſo weder der Anweiſungen an die Arbeiter, noch der Beſtellung der Pferde. Alles geſchah nur, um den Knecht zu entfer⸗ nen und einen Vorwand dafür zu finden. Haſſe behauptete, Naumann habe ihn(von den vorbeifahrenden Juden abgerufen) ſchon auf dem Sand⸗ berge verlaſſen. Dagegen bekundeten mehre Zeugen: ſie hätten ihn an mehren Orten weiter ab von Stolp noch fahren geſehen. Dieſe Zeugen kannten entweder ihn oder Naumann genau. Einige wollten ſogar im Vorbeigehen Worte mit ihnen gewechſelt haben. Haſſe gab an, das ſei ſchon richtig, ſie hätten aber im flüch⸗ tigen Begegnen einen Arbeitsmann oder Tagelöhner, den er unterwegs auf den Wagen aufgenommen, für den Naumann gehalten. Er kannte den Tagelöhner nicht, hatte auch nicht gefragt, wer er ſei, machte aber eine ſo ungeſchickte Beſchreibung von demſelben, daß die Zeugen erklärten, ſo habe der auf dem Wagen nicht ausgeſehen. Ein Zeuge, der die ausgegrabene Leiche 12* ₰———— 268 Der Gutspächter Hassr. geſehen, erklärte aber aufs beſtimmteſte: ſo habe der Jude ausgeſehen, der mit Haſſe im Wagen fuhr. Am Abend des 28. Auguſt ſahen Arbeiter auf Haſſe's Felde ihren Herrn in ſeinem Fuhrwerk— aber allein. Als er ſie bemerken mochte, bog er plötzlich von der Richtung nach dem Gehöfte ab und verſchwand, doch nur um ſpäter, von einer andern Seite her, wie⸗ der in ſein Haus zu fahren. Wahrſcheinlich lag die Leiche noch auf dem Wagen und er entledigte ſich ihrer in einem Verſteck, um ſie in— Zeit unter die Erde zu ſchaffen. Gewöhnlich wurde der Tuagen wenn Haſſe von einem Ausflug zurückkehrte, auf dem Hofe von den Knechten ausgeſpannt. An dieſem Abend fuhr ihn Haſſe ſelbſt auf die eine Scheunendiele und ließ ihn dort ausſpannen. Als Haſſe zurückgekehrt war, ließ er noch am ſelben Abend von einem Dienſtjungen eine durch den Regen zugeſchwemmte Rinne an dem Hauſe öffnen. Der Junge ließ den Spaten nach der Arbeit ſtehen. Am Morgen fand er ihn, alles Suchens ungeachtet, nicht wieder. Erſt nach mehren Tagen fand man ihn hinter einer Scheune. Niemand wollte ihn gebraucht haben. Die Vermuthung liegt nahe, daß Haſſe ihn benutzt, um in der Nacht den Abends vorher auf dem Berge in der Cathelower Feldmark niedergelegten Leichnam in die Erde zu graben. Auf den nächſtfolgenden Tag, den 29. Auguſt, wa⸗ ren die Tagelöhner in Cathelow zum Stubbenhauen beſtellt geweſen. Ohne allen Grund änderte Haſſe die Beſtimmung; ſie mußten die Axt wegſtellen und in der Scheune dreſchen. Ganz unerwartet ließ er ihnen heute Branntwein reichen. Sie meinten unter ſich: Haſſe 5 — be der t auf abet h von wand, wie⸗ g die ihrer untet evon nden r ihn ihn ſelben Regen Der An nicht hintn haben embt, Berg m in i, we hau ſt dir in de heut haſ Der Gutspächter Hasse. 269 müſſe am Tage vorher einen guten Handel gemacht haben!— Beim Stubbenhauen am Waldrande konnten ſie weiter in demſelben ſtreifen, als dem Mörder lieb war, ehe er mit der Einſcharrung der Leiche vollkommen fertig war. Neun Tage nach dem 28. Auguſt ließ Haſſe auf ſeiner Feldmark ſeinen Knecht Jasnoch in ſeinem Bei⸗ ſein kleine Chauſſeeſteine auf einen Wagen laden. Als der Knecht aufſpringen wollte, zum Fortfahren, ſchickte ihn Haſſe anderswohin auf Arbeit, er werde die Steine ſelbſt fahren. Als Jasnoch nach etwa einer halben Stunde nach der Stelle, wo er die Steine geladen, zurückkehrte, war Haſſe auch ſchon wieder und mit lee⸗ rem Wagen zurück und hieß den Knecht abermals Steine aufladen. Kaum war der Wagen voll, ſprang der Herr wieder hinauf und ſchickte Jasnoch auf neue Arbeit, wieder nach einer andern Gegend der Feldmark. Haſſe war aber ſchon vor dem Knechte mit leerem Wagen in den Hof zurückgekehrt.— Man durfte danach Schlüſſe ziehen, bis in welche Entfernung er die Steine gefahren haben könne. Die Stelle, wo die Leiche vergraben war, lag aber nur etwa 400 Schritte vom Cathelower Pachterhaus. Haſſe pflegte ſolche Arbeiten nie ſelbſt zu verrichten, er überließ ſie ſonſt immer ſeinen Knechten oder den Tagelöhnern. Der Knecht Jasnoch erkannte bei Beſichtigung des Steinhaufens, unter welchem die Leiche begraben ge⸗ weſen, genau mehre der Steine, die er am beſtimmten Tage auf der Feldmark auf ſeines Herrn Geheiß auf⸗ geladen hatte. Die Identität, von Chauſſee⸗ und Kieſelſteinen in Haufen, mit Steinen, auf dem Felde aufgeleſen, zu behaupten, würde, unter Umſtänden, Zwei⸗ 270 Der Gutspächter Hasse. fel anregen; ein halb Blödſinniger hat aber in derlei Dingen eine beſondere Wahrnehmungskraft. Der Angeklagte mußte alle dieſe Umſtände hinſichts des Steinabfahrens zugeſtehen. Es ſei geſchehen, weil er gewußt, daß da ſpäter eine Chauſſee angelegt wer⸗ den ſolle. Außer ihm wußte aber Niemand davon. Als man ihn auf die Gehaltloſigkeit ſeiner Angabe auf⸗ merkſam gemacht, verbeſſerte er ſich: nein, es ſei ge⸗ ſchehen, um daſelbſt einen Keller zu bauen. Warum er beide male die Steine, gegen ſeine Gewohnheit, ſelbſt gefahren, dafür wußte er auch nicht einmal einen Schein⸗ grund. Dieſe bündig ineinander klingenden Glieder einer Kette von Anzeigen erhalten endlich ein Schlußglied in dem Umſtande, daß Haſſe, der bis dahin immer in dringenden und dringenderen Geldnöthen war, nach Naumann's Verſchwinden über für ihn bedeutende Geld⸗ mittel gebot. Haſſe's ſchlechte Vermögensumſtände brauchten nicht erwieſen zu werden, ſie waren notoriſch. Im Laufe des Frühjahrs und Sommers vielfach mit Geldklagen verfolgt und mit Executionen gedrängt, war er zuletzt nicht im Stande geweſen, ſeinen Arbeitsleuten den Tagelohn am Sonnabend auszuzahlen. Wenige Tage vor dem 28. Auguſt mußte er ſich zu dem Zwecke, nach ſeinem eigenen Geſtändniſſe, in Stolp 6 Thaler leihen. Drei Tage nach Haſſes Verſchwinden hatte er aber nahe an 300 Thaler ausgezahlt. Er verſuchte noch zu erweiſen, daß er dieſes Geld anderweit redlich erhalten; der Beweis ſtockte aber, wenn er gleich einzelne, ihm ſcheinbar günſtige Momente vorbrachte. Es iſt die höchſte Wahrſcheinlichkeit, daß er die Abzahlungen gerade von dem Naumann geraubten Gelde derlei ſichts weil wer⸗ auf⸗ i ge⸗ arum ſelbſt chein⸗ einer ied in er in nach Geld⸗ nicht Lufe agen zulczt den Tahe nach eihen⸗ aber ch zu alten ihn t die Der Gutspächter Hasse. 271 gemacht. Er zeigte dem Executor, der ihn auffoderte, in einer Schatulle eine Menge Silbergeld. Naumann hatte, weil er kein Papiergeld zur Reiſe erhalten konnte, viel Silbergeld mitgenommen. Am 31. Auguſt hatte Haſſe, der ſeine Gründe haben mochte, nicht in Silbergeld zu zahlen, daſſelbe in Schlawe gegen Kaſſenanwei⸗ ſungen umgetauſcht. Mit dieſen bezahlte er die fällige Schuld. Von den Naumann geraubten Effecten iſt ſonſt nichts zum Vorſchein gekommen, weder der kleine, mit gelbem Leder bezogene Koffer, noch ſeine ſilberne Cylinderuhr, die goldene Kette daran oder der Fingerring. Zwar fand man in einem Ofen der Haſſe'ſchen Wohnung, welchen Haſſe's Frau am Tage nach ſeiner Verhaftung ſelbſt geheizt hatte, ſpäter das eiſerne Geſtell eines Regenſchirmes, und nachdem es wieder verſchwunden, zog man es noch ſpäter aus einem Moore vor der Hinterthür des Hauſes, aber es war nicht zu ermitteln, ob Naumann einen Regenſchirm mit ſich geführt hatte. Auch bedurfte es dieſer Auffindung nicht, um Rich⸗ ter und Geſchworene zu mehr als einer moraliſchen Ueberzeugung zu bringen. Die Indicien waren in ihrer Folge von einer Stärke, daß der Staatsanwalt ſagen mochte:„Es wird ſelten ein Fall vorgekommen ſein, noch vorkommen, in welchem bei dem Mangel eines Zugeſtändniſſes oder der Seugen der That, dennoch die Schuld des Angeklagten mit ſo unabweisbarer Ueber⸗ zeugung durch Anzeigen nachgewieſen iſt, wie in dieſer Unterſuchung. Etwa erdenkliche Möglichkeiten der Un⸗ ſchuld des Haſſe laſſen ſich mit irgend einem vernünf⸗ tigen Grunde nicht unterſtützen.“ Nur Haſſe, und kein Anderer als er konnte der Raubmörder des Raumann geweſen ſein. ——— 272 Der Gutspächter Hasse. Die Ortsangehörigen hatten freilich dieſe Ueberzeu⸗ gung ſchon im voraus, weil ſie ſeinen Lebenswandel kannten, weil ſie ihn von vornherein als dem Verbrechen verfallen und geweiht betrachteten. Um ſo mehr iſt zu bedauern, daß die Schrift über den Criminalfall, der wir folgen, keine pſychologiſchen Aufſchlüſſe über die Perſönlichkeit des Mannes gibt. Wenn er, trotz dieſer ſchlagenden und vernichtenden Beweiſe, bis zum Tode beim Leugnen verblieb, fragt man ſich weshalb? Der Schuldige hält ſich ſo entweder an die Hoffnung, oder ſei es nur ihren Schatten, daß doch noch ein günſtiger Zufall eintreten und ihn von dem Aeußerſten erretten könne, oder er leugnet aus Scham oder einem Reſt von Ehrgefühl, aus Gefühl für ſich oder ſeine Familie. Vom letztern Motiv ſcheint hier nichts obzu⸗ walten, während er doch als vernünftiges Weſen auch jener Hoffnung entſagen mußte. Zwar gibt es noch ein drittes Motiv bei ſogenannten großartigen Verbrechern, der Stolz und Trotz im Kampf mit dem Geſetz und menſchlichen Inſtitutionen. Sie wollen ſich von ihnen nicht überwinden, nicht beugen laſſen, ſie wollen we⸗ nigſtens das Siegergefühl auf das Schaffot mitnehmen, daß, wenn auch kein lebendes Weſen an ihre Unſchuld glaubt, ſie dem Publicum wenigſtens nicht die Genug⸗ thuung gönnen, ſeinem Glauben das Siegel durch ihr Geſtändniß aufzudrücken. Sie gehen mit einer Lüge aus der Welt, nur mit dem dämoniſchen Gelüſte, ihr ein Räthſel zu hinterlaſſen. Davon kann hier noch weniger die Rede ſein, und die zähe Halsſtarrigkeit dieſes Verbrechers hat daher in Verbindung mit der Talentloſigkeit und dem Ungeſchick, mit dem er ſich vertheidigte, oder eigentlich nur ausredete, mehr etwas Thieriſches. Er gehorchte in Dumpfheit dem Inſtincte, etzel⸗ andel rechen iſt zu „der r die dieſer Tode halb? nung, h ein erſten einen ſeine obzu⸗ auch h ein hern, und ihnen e⸗ men, ſchuld enug⸗ h iht Lüge noch igkti t der ſih wa intt i Der Gutspächter Hasse. 273 der auch dem Thiere gebietet, wenn das Meſſer ihm an der Kehle ſitzt, den Hals zu bücken und zu drehen, damit der rechte Streich noch um einen Moment ver⸗ zögert werde. Von einer innern Rechtfertigung oder Beſchönigung kann bei dieſem Menſchen noch weniger die Rede geweſen ſein, und wenn er überhaupt das Bedürfniß empfand, mit ſich ſelbſt darüber zu Rathe zu gehen, war es vielleicht nur die Entſchuldigung, die aus den Traditionen der Scholle ihm entgegendampfte: es war ja nur ein Jude, den ich aus der Welt ge⸗ ſchafft! Von ſeinen Familienverhältniſſen, wie er zu Weib, Kind, Verwandten geſtanden, hören wir nichts, als daß er ſeine kranke Frau bedauerte, das Mitleiden für ſein Kind anrief, und daß ſeine vor dem Gericht erſcheinende Frau einen erſchütternden Eindruck machte. Die Vertheidigung des erwählten oder ernannten Vertheidigers mußte eine mislungene ſein, da ſie ſich nur an Formalien klammern konnte. Von anders woher ward ein anderer Verſuch zu ſeiner Rettung gemacht, wie er bei verwickelten und räthſelhaften Criminalfällen nicht ungewöhnlich iſt. Am 26. September lief ein anonymer Brief beim Gericht ein, des Inhalts, daß Haſſe(der aber nicht genannt ward),„unſchuldig leide, da ihr Mann(der Schreiberin) und deſſen Bruder den Juden todtgeſchlagen habe.“ Der Verſuch, die Unter⸗ ſuchung auf eine falſche Fährte zu führen, blieb, wie ſich von ſelbſt verſteht, hier ſo wirkungslos, daß er nicht einmal beachtet ward. Die Geſchworenen ſprachen nach einer halbſtündigen Berathung bei Nachteinbruch einſtimmig das Schuldig über den Angeklagten aus. Haſſe zeigte auch jetzt eine 12** 274 Der Gutspächter Hasse. zwar gedrückte, aber doch nicht muthloſe Haltung. Er ſoll auf den Ausſpruch nicht gefaßt geweſen ſein, was ſchwer zu glauben iſt. Sein Caſſationsgeſuch, begrün⸗ det auf die Nichtcompetenz des Stolper Schwurgerichts⸗ hofes ward unterm S. December 1851 vom Obertribunal zurückgewieſen, ſein Begnadigungsgeſuch am 28. März 1852. Er hatte im Gefängniſſe weder vor, noch nach ſeiner Verurtheilung irgend eine Spur von Geſtändniß ge⸗ macht, noch ſonſt eine von Reue gezeigt. Wenn er auch gelegentlich in der Bibel las und geiſtliche Lieder ſang, ſprach er doch gegen den Geiſtlichen, wenn dieſer ihn früher beſuchte, nur von ſeiner Unſchuld. Als ihm am 23. Mai, viernndzwanzig Stunden vor der Hinrichtung, angekündigt ward, daß ſein Gnadenge⸗ ſuch verworfen ſei und er morgen das Schaffot beſteigen werde, äußerte er, er wünſche nochmals die Gnade des Königs anzugehen. Als ihm die Unzuläſſigkeit des Ge⸗ ſuchs bedeutet ward, bat er, der Prediger möge ihn doch noch einmal beſuchen. Auch jetzt legte er, ſo viel be⸗ kannt geworden, dieſem kein Geſtändniß ab, wiewol derſelbe noch mehre male kam und am letzten Morgen eine Stunde bei ihm verweilte. Da das Gerichtsgebäude einen zu kleinen Hofraum hat, um Hinrichtungen daſelbſt, wie das neue Straf⸗ geſetzbuch vorſchreibt, zu vollziehen, ward das Urtheil auf dem alten Galgenberge, außerhalb der Stadt in einem, durch Bohlen und Bretter abgeſchloſſenen Raume, vollſtreckt, am 28. Mai 1852, Morgens nach 6 Uhr, und zwar gerade neun Monate nach der verübten Mord⸗ that, vielleicht um dieſelbe Stunde, als Haſſe hier an⸗ kam, um ſich ſein Schlachtopfer abzuholen. Haſſe's Benehmen, als er vom Wagen ſtieg, er⸗ Et vas ün⸗ ⸗ nal irz iner Re r der eſet vor ge⸗ gen des Gr⸗ doch he⸗ wol gen um raf⸗ heil in me Uhr ord⸗ el⸗ Der Gutspächter hasse. ſchien ſo auffallend, daß die Meinung ſich verbreitete, er ſei angetrunken. Es war dem, wird glaubwürdig verſichert, nicht ſo, er habe„ſich nicht anders gezeigt als gewöhnlich; es war ſeine Art und Weiſe, zu täuſchen, weinerlich zu thun, ohne wirklich zu weinen, überhaupt zu heucheln, und gerade ſo hatte er ſich bei ſeiner An⸗ kunft auf der Richtſtätte benommen“. Der Kammerassesor von Zahn. 1830. Zu Dreil im Hannöver'ſchen Infanterieregimente A.. ſtand der ledige und vierundzwanzigjährige Ober⸗ lieutenant Friedrich von Kennau. Von Kennau hatte ſich ſtets eines ausgezeichneten Leumunds zu erfreuen, ſowol in dienſtlicher als außer⸗ dienſtlicher Beziehung; er war ein wackerer Offizier, ge⸗ liebt und geachtet von Vorgeſetzten wie Kameraden, ein liebenswürdiger Geſellſchafter, und männlicher Ernſt, mit taktvoller Geradheit verbunden, mußten als die Grundzüge ſeines Charakters von jedem Vorurtheils⸗ freien anerkannt werden, welchem zur ſchönſten Folie die vollendetſte Bildung des Geiſtes und Herzens diente. Der junge, auch im Aeußern von der Natur nicht ſtiefmütterlich bedachte Oberlieutenant ward deshalb in den Kreiſen der höhern Claſſe der Geſellſchaft ſehr gern geſehen; namentlich fand er die freundlichſte und zuvor⸗ kommendſte Aufnahme in dem Hauſe des Regierungs⸗ raths von Oller zu Dreil. Leicht bemerkbar war es aber, daß er von der achtzehnjährigen, blühendſchönen Tochter des Regierungsraths, Marie von Oller, be⸗ ſonders gern geſehen ward. — —— Der Kammerassessor von Zahn. 277 Es konnte darum nicht fehlen, daß neben der allge⸗ meinen Achtung und Liebe auch Neid und Haß minder von Glück und Geiſt bevorzugter Alters⸗ und Stan⸗ desgenoſſen geſchäftig war. Kennau war auch nicht unvermögend, und Marie war von nicht mehr als Einem, um ſeiner willen be— neidet. Daß jedoch Kennau offene Feinde hatte, war Nie⸗ mand bekannt geworden; vielmehr ſagte man ſich in dem weiten Kreiſe ſeiner Bekannten und Freunde, daß der Ernſt und das savoir vivre des Oberlieutenants auch minder ihm Zugethane durch ſeine andern Eigen⸗ ſchaften wieder verſöhne. Noch bemerkt werde, daß er niemals den Verdacht gemeiner Sinnlichkeit und Libertinage gegen ſich wach rief, vielmehr, bei galantem Benehmen gegen Damen, das unzweideutigſte Lob unbefleckter Sittlichkeit ſich be⸗ wahrte. Der Vater ſeiner Geliebten, der Regierungsrath— die Mutter war ſchon vor längerer Zeit geſtorben— ſah das ſich anknüpfende Verhältniß der Tochter mit dem allſeitig geſchätzten und reichen Offizier keineswegs un⸗ gern. Er begünſtigte es vielmehr und willigte, nach gegenſeitiger Erklärung der Liebenden, unbedenklich in die Verlobung. Es geſchah aber, ſetzen wir voraus, zu einer Zeit, wo noch den vertrauteſten Freunden des Ober⸗ lieutenants das Verhältniß nur Vermuthung geblie— ben war. So vereinigte ſich denn Alles, um dem jugendlichen Offizier in dem irdiſchen Leben ein ungetrübtes Para⸗ dieſesdaſein zu verſprechen. Es ſollte anders kommen. Ueberraſchend, unglaublich Allen, lief in den Nach⸗ mittagsſtunden des 24. Mai 1830 in Dreil die Kunde 278 Der Kammerassessor von Zahn. von Haus zu Haus: man habe ſoeben in einem, kaum ein Stündchen von der Stadt entfernt gelegenen kleinen Gehölze den Leichnam eines Offiziers gefunden, der, nach der ihm zur Seite gefundenen abgeſchoſſenen Piſtole, ſich ſelbſt erſchoſſen zu haben ſcheine. In dem Getödteten wäre der Oberlieutenant Friedrich von Kennau erkannt. Man wollte dem Gerücht erſt keinen Glauben ſchenken. Als es von Mund zu Mund mehr und mehr ſich beſtätigte, daß ein todter Offizier gefunden worden, hoffte man noch, daß in dem erſchoſſenen wenigſtens ein anderer Offizier und nicht der lebensheitere, mit allen Gaben des Glückes in vollſtem Maße überſchüttete junge und liebenswürdige Kennau erkannt werde. Aber es blieb endlich kein Zweifel mehr, daß der Aufgefundene wirk⸗ lich Kennau war. Wie aber beinahe mit der Kunde der Entdeckung des Leichnams auch das Gerücht von Selbſtmord auftauchen konnte, fand darin ſeine Erklä⸗ rung, daß das noch am 24. Mai von dem Criminal⸗ gerichte zu Dreil veranlaßte Phyſikat zu den Acten ein Gutachten abgab, welches bald in der Stadt bekannt wurde. In demſelben wurden folgende Anzeichen articulirt: daß, weil bei dem Leichnam ein„Gewehr befunden wurde und die Finger der rechten Hand ſchwarz angefärbt ſich zeigten, welche ſchwarze Farbe augenſcheinlich von dem Abbrennen des Pulvers auf der Pfanne herrührte; ferner, weil die Kugel vorn an der Bruſt eingedrungen ſei und ſich durch den ganzen Kör⸗ per einen Kanal gebrochen habe; der Entleibte nicht be⸗ raubt worden,*) und endlich man nirgends Spur oder Anhaltepunkt dafür gefunden, daß der Verſtorbene von *) Es wurde, wie weiter unten angegeben werden wird, bei dem Leichname Uhr und Geld gefunden. um nen uch ſch eten nnt. ken. gte, man erer des und blieb irk⸗ nde von inal⸗ ein annt ichen wehr and rbe fder der Kör⸗ odet von Der Kammerassessor von Zahn. 279 fremder Hand gefallen ſei. Demnach ſei anzunehmen: daß von Kennau dieſe Wunde entweder abſichtlich oder zufällig ſich ſelbſt beigebracht habe.“ Freilich konnte ſich Niemand erklären, wie der Er⸗ ſchoſſene, der nach menſchlichen Anſichten doch nicht den leiſeſten Grund zu Selbſtmord haben konnte, gleichwol in einem fürchterlichen Augenblicke ſich das Leben ge⸗ nommen haben ſolle; ſo wenig, als es erklärlich war, wie durch Fahrläſſigkeit der in der Handhabung von Schießwaffen wohl geübte und gewandte Militär den Tod ſich zugefügt haben könne. Obwol, wird hierbei be⸗ merkt, der Ort wol zu einem Selbſtmorde paſſend erſchien. Allein in gänzlicher Ermangelung jedes Andern mußte man— wenigſtens für den Augenblick— auch das Unbegreiflichſte eben doch für geſchehen erachten. Des Weiteren hoffte man, werde die eingeleitete Criminal⸗ unterſuchung auch hier die Wahrheit finden. Ehe wir jedoch dem Gange dieſer Unterſuchung, welche hielt, was ſie verſprach, in ihren Einzelnheiten folgen wollen, ſei es erlaubt, noch mit wenigen Wor⸗ ten zur Auffindung des Leichnams zurückzukehren. Unfern der Stadt Dreil befindet ſich ein kleines dürftiges Gehölz; dicht vor demſelben dehnt ſich ein ziemlich langer und breiter Sandplatz aus, an deſſen weſt⸗ lichem Ende ein Kieferbaum ſeine wenigen dürren, ziemlich nahe am Stamme abgebrochenen Aeſte in die Lüfte ſtreckt. So wird uns wenigſtens der Ort, wo das uns hier beſchäftigende Drama ſeine blutige Kataſtrophe fand, actenmäßig gezeichnet. Das ganze Gehölz mit ſeinem Sandplatze iſt ein Ort, der nicht geeignet iſt, lebensheitere Perſonen zu 280 Der Kammerassessor von Zahn. feſſeln; nur das Laſter, das Verbrechen oder der Men⸗ ſchenhaß ſucht die Schatten ſeiner wenigen verkrüppelten Bäume, wenn nicht hie und da ſtille verſchwiegene Liebe die ſchmalgetretenen Pfade des Wäldchens zu wandeln liebt, die ſonſt von Niemand gern betreten werden mö⸗ gen. Und am 24. Mai 1830 war Letzteres der Fall. Anton Fiſcher, ein Schneider aus Dreil, ging an dieſem Tage in den Nachmittagsſtunden mit ſeiner Ge⸗ liebten, Julie Tenner, in dem Gehölze ſpazieren; luſt⸗ wandelnd kamen ſie langſamen Schrittes auf die Grenze des bemerkten Sandplatzes. Dicht an ihm erblickten nun beide einen Menſchen, der, auf dem Rücken liegend, die Uniform des zu Dreil garniſonirenden Infanterie⸗ regiments mit Offiziersauszeichnung trug. Sie thaten einige Schtitte vorwärts, traten vorſichtig dem Liegen⸗ den näher und fanden, daß es ein Leichnam war. Fiſcher trat auf den Todten zu; die Tenner folgte. Beide erkannten nun in demſelben den im Leben ihnen wohl bekannten Oberlieutenant Friedrich von Ken⸗ nau. Mantel, Degen und Czako lagen ihm zur lin⸗ ken, während ganz nahe der ſchwarzgefärbten rechten Hand eine von Fiſcher ſofort unterſuchte und abge⸗ ſchoſſen gefundene Piſtole bemerkt wurde. Der Schnei⸗ der, als er ſich von dem Tode des Offiziers überzeugt hatte, eilte mit der Geliebten nach der Stadt zurück, meldete bei der Polizeibehörde und benachrichtigte auch in Eile den Poſamentier Friederici, bei dem, wie ihm bekannt war, der von Kennau wohnte. Friederici ſtürzte auch augen⸗ blicklich mit ihm an den Ort, um ſo mehr erſchreckt, als ſein Miethsmann zwei Tage nicht mehr heimgekehrt. Beide fanden aber zur Stelle bereits das Criminal⸗ gericht, und die Aufhebung und Unterſuchung des Leich⸗ nams ward verfügt. Der Kammerassessor von Zahn. 281 Fiſcher und Friederici recognoſcirten denſelben als Mn⸗ wirklich den des ihnen ganz gut bekannten Oberlieute⸗ — nants Friedrich von Kennau, wie auch der Letztere Liche die der Hand des Todten nahegelegene Piſtole als ndeln eine dem Todten angehörige erkannte, indem ein auch be⸗ kannter Büchſenmacher ſie für den Kennau ganz beſon⸗ Fall. ders und erſt vor kurzem gefertigt habe. 9 an In den Kleidern des Leichnams fand ſich die gol⸗ Ge⸗ dene Repetiruhr, deren Räderwerk abgelaufen war, und luſt⸗ ein grünſeidener Geldbeutel mit Gold⸗ und Silbermünze renze zu dem ungefähren Betrag von mehren Thalern. Ein licten Beweis alſo dafür, daß kein Raubmord vorliegen konnte. egend Das augenblicklich beigerufene Phyſikat des Dreiler nteric⸗ Criminalgerichts fand auf dem Bruſttheile der Uniform aten des Getödteten ein rundes Loch, die Uniform war ſtark gen⸗ mit Blut befleckt und unter und neben dem Todten war traten, jedoch bereits faſt eingetrocknet, breite und tiefe olgte. Blutſpuren deutlich hervor. Als man die Uniform dem Leichnam abgenommen hatte, fand ſich vor,„daß das bemerkte Loch durch die Kugel geriſſen worden, welche zwiſchen Hemd und Weſte hinten am Rücken lag; rund, wie ſie in den Lauf der Schießwaffe, aus der ſie ge⸗ ſchoſſen wurde, gekommen ſein mußte, nachdem ſie bei der letzten wahren Rippe der linken Seite eingedrun⸗ gen, durch den Magen, deſſen obern Theil ſie verletzt, durchgegangen war, den Zwölffingerdarm in einer Länge von 4 ½ Zoll durchgebohrt und endlich bei der erſten wir falſchen Rippe der linken Seite ſich wieder einen Aus⸗ weg gebahnt hatte.“ 6t a Dieſe Beſchreibung der Wunde des Leichnams mit dem auf ſie geſtützten Gutachten des Dreiler Phyſikats, auf Selbſtmord ſchließend, fand aber weder das Unter⸗ gich ſuchungsgericht, noch das dem Phyſikate vorgeſetzte Me⸗ 282 Der Kammerassessor von Zahn. dicinalcollegium ausreichend. Vielmehr bezeichnete letz⸗ teres den Wundbefund„ſo vague und ſo wenig genau, daß man die Einbildungskraft zu Hülfe nehmen und mancherlei ſupponiren muß, um den gegebenen Fall ſich klar zu machen.“ Deshalb gab auch dieſes Collegium, von dem Criminalrichter hiezu noch beſonders requirirt, ſpäter und gerade vier Wochen nach Auffindung des Leich⸗ nams, am 24. Juni 1830, ein Superarbitrium dahin ab, nach welchem der von Kennau in Folge der bezeichneten Verletzungen wahrſcheinlich nicht geſtorben ſei, ſondern deſſen Tod vielmehr:„die Folge einer Quetſchung oder Verletzung des halbeiförmigen Venengangliums gewe⸗ ſen, das in der Nähe der von der Kugel durchbohrten Theile ſich befindet;“— eine Anſicht, welcher das Drei⸗ ler Phyſikat nun unbedingt beitrat. Zur Gewißheit konnte übrigens dieſe Anſicht nicht geſtellt werden, weil der Leichnam von Kennau's ſchon am Tage nach ſeiner Auffindung, in aller Stille und nur in ein Tuch gehüllt, beerdigt war. Außerdem war, wie wir geſehen, die oberflächlich vorgenommene Section durch die Phyſikatsbeamten zu Dreil, einer anderweiten nicht unterworfen worden, wie man ſich überhaupt mit dem nun übereinſtimmenden Gutachten der untern und obern Medicinalbehörden über die Todesart des Er⸗ ſchoſſenen begnügt hatte. Nachdem hierauf das Gericht die bei dem Leichname gefundene Piſtole, ſeine Kleider, den Beutel und die ſonſt am Orte vorgefundenen und für die Unterſuchung wichtig erſchienenen Gegenſtände, einſchließlich der Ku⸗ gel, zur Verwahrung an ſich genommen, ſowie von dem Vorfalle ſelbſt das Regiment des von Kennau benach⸗ richtigt hatte, eröffnete es gleichzeitig das Verlaſſen⸗ ſchaftsverfahren, wie den Unterſuchungsproteß. Der Kammerassessor von Zahn. 283 ete leß⸗ Erſteres war bald geregelt, letzterer aber bot mit genau, jedem Schritte, den man vorwärts that, der Schwierig⸗ en und keiten mehr. Nur im voraus ſei geſagt, daß end⸗ Fal ſch lich mit einem Zuge um den andern das Gemälde ei⸗ legium, ner ſeltenen Verworfenheit der Geſinnung eines Men⸗ quiritt, ſchen deutlicher heraustrat, bis endlich die Unterſuchung s Lich es in volles Licht ſtellte, daß Kennau nicht nur nicht ahin ab, ſich ſelbſt den Tod gegeben, ſondern von fremder Hand ichneten gefallen war, aber daß er und ſein Gegner, beide gleich ſonden unglücklich und beide das Opfer einer Ruchloſigkeit und ng oder wahrhaft ſataniſcher Bosheit geworden waren. s gewe⸗ Der Poſamentier Friederici, in deſſen Hauſe, wie hbohrten erwähnt, Kennau zwei Jahre lang und bis zu ſeinem as Dri Tode gewohnt hatte, wußte nicht genug Liebenswürdi⸗ ges und Vortreffliches über Charakter und Leben des bt nicht Getödteten zu ſagen. Ueber die Urſache ſeines Todes s ſchon geben ſchon die Ausſagen des Poſamentiers einiges ille und Licht. en war,„Am 22. Mai früh 4 Uhr hörte ich Herrn von Sertin Kennau in ſeinem Zimmer auf- und abgehen. Da ſein erweite Bediente auswärts logirte, ich aber glaubte, es fehle ihm etwas, ſo ſtand ich aus dem Bette auf und erkun⸗ ut digte mich, ob ich ihm mit Etwas dienen könne? Er tern un des Er dankte mir aber mit gewohnter Freundlichkeit. Als ich die Thüre ſeines Zimmers öffnete, ſah ich, daß chnm er eben ſeine Piſtole in die innere Taſche ſeines 4 di Mantels ſteckte, den er übergeworfen hatte. Bald ſuhn darauf ging er die Treppe herunter und zum Hauſe uſu ſu hinaus. Beim Weggehen öffnete er meine Stuben⸗ du d thür und ſagte: wenn ſein Bediente komme, möchte von 6 ich ihm ſagen, er ſolle gleich zu ſeinem Oekonomiever⸗ zuuſi walter nach Felswind(Landgut des von Kennau bei Dreil gelegen) gehen und ihm melden, daß Mittags 284 Der Kammerassessor von Zahn. ſechs Perſonen dort ſpeiſen würden. Der Bediente ſolle in Felswind bleiben, bis er(Kennau) ſelbſt hinkomme. Dieſes Auftrags habe ich mich auch entledigt und bis geſtern(dem Tage der Auffindung des Leichnams) ge⸗ glaubt, der Herr Oberlieutenant ſei in Felswind.“ Daß Kennau ſich ſelbſt getödtet habe, erklärte er als unmöglich, der Tod dieſes heitern, lebensfrohen Man⸗ nes müſſe anders zuſammenhängen. Betreffs der ſechs Perſonen konnte Friederici nichts Näheres angeben und der Bediente des Oberlieutenants wußte auch nur vermuthungsweiſe die Hauptleute Am⸗ berg und Keller, den Oberlieutenant Stopfel und die Lieutenants von Minzing und Triebel als nä⸗ here Bekannte des von Kennau und als diejenigen zu benennen, für welche er, der Bediente, auf wiederholte Weiſung ſeines verſtorbenen Herrn durch Friederici, nachdem von Kennau ihm bereits am 21. Mai die ge⸗ eigneten Befehle desfalls ertheilt hatte, zu Felswind am 22. Mai das Mittageſſen beſtellt; aber, ſetzte er hinzu:„es iſt keiner von den Herrn gekommen.“ Im Uebrigen beſtätigte auch dieſer Zeuge, der täg⸗ lich und ſtündlich um ſeinen Gebieter war, daß jeder Gedanke an Selbſtmord dem Oberlieutenant fremd ge⸗ weſen,„denn ſein Herr war immer mit ſeinem Looſe zu(²) ſehr zufrieden und ſein Gemüthe zu heiter, als daß man an ſo etwas(Selbſtmord) bei ihm denken dürfe.“ Der Unterſuchungsrichter ſtellte noch einige Fragen: ob ſein verſtorbener Herr Feinde und welche, ihm be⸗ kannt, gehabt habe? Allein der Bediente wußte auch nicht eine Perſon zu bezeichnen, von der ihm bekannt, daß ſie feindlich ſeinem Herrn geſinnt geweſen ſei. Erſt am Schluſſe der Vernehmung und mehr aus eigenem Der Kammerassessor von Zahn. 285 nte ſoll Antriebe, als auf Frage des Inquirenten, nannte Eber⸗ nkomme. hardt, der Bediente, einen Namen, der bis jetzt den und bis gepflogenen Amtshandlungen ganz entfernt geweſen n) g war. Nämlich, als ſein Herr am Abende des 21. Mai wind“ von einem Beſuche bei dem Regierungsrath von Oller er als heimgekommen, ſei ihm von der Haushälterin des Kam⸗ Man⸗ neraſſeſſors von Zahn für den„Herrn Oberlieutenant“ ein Billet zugeſtellt worden, deſſen Inhalt aber ihm, inichts dem Zeugen, fremd geblieben. tenants Dieſe Angabe, deren Wichtigkeit erſt ſpäter ſich m herausſtellte, ward jetzt nur zu den Acten genommen. el und Der Inquirent erſtattete aber an die ihm vorgeſetzte al n Dberbehörde umfaſſenden Bericht, in welchem er unum⸗ igen j wunden ſchon jetzt ſeine moraliſche Ueberzeugung, im derholt. Gegenſatz zu den Phyſikatsgutachten, dahin ausſprach, iederici, daß von Kennau nicht von eigener, wol aber von frem⸗ der Hand den Tod gefunden habe. die qk⸗ — In dieſer Richtung erging auch das Petitum des ſchtr er Berichts:„die Unterſuchung auf die betreffenden Per⸗ ſonen aus dem Militärſtande und zwar ohne Ausnahme eti und ohne Conſtituirung eines juccii mixti erſtrecken zu zjdr dürfen.“ Daß dem erſten Theile dieſer Bitte anſtands⸗ 6 ge os und ſofort ſtattgegeben wurde, wird keinen nur n Loſ einigermaßen der Verhältniſſe Kundigen befremden; daß u ber auch von Aufſtellung eines gemiſchten Gerichtsſtan⸗ denku des abgeſehen werden konnte und wurde, möchte wol . Manchem als dem Principe des Unterſuchungsverfah⸗ zug tens gerade nicht angemeſſen erſchienen ſein. Allein das reffende höchſte Commiſſorialreſcript entſprach auch die⸗ — ſem Antrage und, wie unſer Gewährsmann verſichert“*), iin*) Biſchoff DPr. Merkwürdige Criminalfälle für Richter, i. b ſ. w. Bd. I. Hannover 1833. S. 1 bis 68. eigel 286 Der Kammerassessor von Zahn. waren von nun ab„Civil- und Militärperſonen, Vor⸗ nehme und Geringe, kurz alle Bewohner Dreils höchſt geſpannt auf den Ausgang einer Unterſuchung, an der man den lebhafteſten Antheil nahm.“ Der erſte Act der nunmehr unbeſchränkten Thätig⸗ keit des Inquirenten war, im Einverſtändniſſe mit der Militärbehörde, die Suspenſion der Urlaubsertheilung an ſämmtliche zu Dreil befindliche Offiziere vor dem Ausgange der Sache. Der Inquirent ging hiebei ausſchließend von der Anſicht aus, daß, nach allen Anzeichen, der Tod des Oberlieutenants von Kennau, nur einem vorgefallenen Zweikampfe beigemeſſen werden könne. Schon die erſte poſitive Amtshandlung bewies ſehr viel für die gewonnene Anſicht. Die in den Kleidern des Leichnams vorgefundene Kugel wurde, was, freilich auffallend genug, bis jetzt nicht geſchehen und wol zu allererſt hätte geſchehen ſollen, mit dem Volumen der Wunde und des Kalibers der Piſtole des von Ken⸗ nau verglichen; ſie paßte vollkommen für erſteres, für letzteres gar nicht; ſie war viel größer als der Um⸗ fang des Laufs der Piſtole und letztere konnte alſo un⸗ möglich die Wunde, welche der Körper des Getödteten zeigte, verurſacht haben. Hiermit war das ganze Gutachten, ſoweit es Selbſtmord annahm, überden Haufen geworfen. Daß kein Selbſtmord das Leben des Oberlieutenants ge⸗ endigt, war zur faſt unumſtößlichen Gewißheit erhoben, weshalb ſich auch von jetzt ab die ganze Unterſuchung dahin richtete, den Mörder des Entleibten zu ermitteln. Daß dieſer Mörder nicht aus Raubſucht gemordet, bewies der Umſtand, daß Kennau weder Geld noch Uhr genommen wurde, als er, wie höchſt wahrſcheinlich, am Der Kammerassessor von Zahn. 287 en, V 22. Mai Morgens getödtet war. Es ſprach auch we⸗ is hicht, nig dafür, daß überhaupt der Verbrecher in der untern n e Claſſe des Volkes zu ſuchen ſei. Es ſprach Alles zur Annahme eines Duells, wahrſcheinlich aus perſönlicher Lhäti Feindſchaft, und daß der Feind derſelben Geſellſchafts⸗ mit dr claſſe angehöre als der Gemordete. Dahin führte theilung auch Einiges aus der Angabe des Bedienten. vor dem Der vernommene Regierungsrath von Oller konnte nicht die mindeſte Auskunft darüber geben. Ebenſo⸗ von der wenig die unglückliche Braut des Ermordeten; und doch Lod des war beiden der Mörder wie ſein Genoſſe ſehr genau efallenen bekannt, doch hatten beide noch wenige Tage zuvor jenen wie dieſen in den Kreis ihrer Familie aufgenom⸗ vies ſeht men, und in ihm hatte, freilich Vater und Tochter un⸗ Kleidem bewußt, das fluchwürdige Spiel fürchterlichſten Haſſes freilih und gemeinſter Bosheit begonnen. wol zi In Ermangelung anderweiter Anhaltepunkte ließ Belumen der Unterſuchungsrichter es vor Allem ſich angelegen von Ken⸗ ſein, die Vernehmung der Offiziere zu pflegen, welche r, ſ der Bediente genannt hatte, um vielleicht in dem Re⸗ bet Un fultate derſelben neue Anknüpfungspunkte zu finden. Es wurden ſämmtliche angeführte Militärs gleich⸗ n — zeitig vorgeladen, einer nach dem andern ſachgemäß vernommen und die übrigen, getrennt, unter amtliche nid Aufſicht geſtellt— eine, wenn man den Stand der ja nur als Zeugen und nicht als verdächtig vorgerufenen Perſonen erwägt, wol ſtrenge Maßregel, die aber durch — die Verhältniſſe vollkommen entſchuldigt erſcheint und zu auch unbeanſtandet geblieben iſt. Uh Um ſo mehr mußte es auffallen, daß wie der erſt⸗ mit vernommene der Offiziere, Hauptmann Amberg, ſo auch emt die fünf übrigen deponirten. Jener ſagte nämlich: — Am 21. Mai, alſo am Tage vor der wahrſcheinlichen lich ——— 288 Der Kammerassessor von Zahn. Tödtung des Oberlieutenants von Kennau, habe ihm derſelbe früh Morgens im Kaſernenhofe bemerkt, daß er beabſichtige, am andern Tage(22. Maih eine kleine Landpartie auf ſein Gut Felswind zu arrangiren, und daß er ihn, Amberg, für den Fall des Zuſtandekommens dieſer Partie, hiermit jetzt ſchon zu derſelben einladen wolle;z er, Amberg, habe aber an demſelben Tage nichts weiter über dieſe projectirte Excurſion gehört und des⸗ halb ſchon am Abende des 21. Mai angenommen, daß der gedachte Ausflug nach Felswind unterbleibe. Kennau habe er übrigens lebend am Nachmittage des 21. Mai zuletzt und ſeitdem nicht mehr geſehen. In ganz ähnlicher Weiſe, wie ſchon bemerkt, ſagte der Hauptmann Keller, der Oberlieutenant Stopfel und die Lieutenants von Minzing und Triebel aus, ſodaß aus dieſen Vernehmungen für die Unterſuchung ſelbſt nichts Sachdienliches reſultirte. Die Wahrheit ſeiner Angabe beſtätigte Amberg über⸗ dies, nachdem unverholen gelaſſen war, daß man Zwei⸗ fel zu der Richtigkeit derſelben hege, mit ſeinem Worte als Mann und Offizier. Während aber dieſe Vernehmungen vor ſich gegan⸗ gen waren, hatte eine Gerichtsdeputation in der Ken⸗ nau'ſchen Wohnung die genauſte Durchſuchung der vor⸗ handenen Papiere angeſtellt. Hierbei wurden dann Schriftſtücke vorgefunden, deren Inhalt mit einemmal klares und volles Licht in das bisherige Dunkel warf⸗ Dieſe Papiere beſtanden aus: 1) einem Briefe d. d. 20. Mai 1830 unterzeichnet mit den Buchſtaben: A. St., der unter anderm folgende ſehr auffallende Stelle trug: „Ich habe mit dem K.⸗A. v. Z. geſprochen und ihm deine Erklärung und Wünſche auf eine deiner Ehre Der Kammerassessor von Zahn. 289 be hn nicht nachtheilige Weiſe bekannt gemacht. Er entfernte de ſſch, um dem Baron von L. ſie mitzutheilen. Sveben e kein kommt von Z. wieder und ſagt: er könne die Sache en ud in Güte nicht beilegen; es müſſe alſo bei der Verabre⸗ mmeus dung bleiben; er werde mit Kl. ſprechen und dir ſekun⸗ inladen diren. Ich kann es nicht; du kennſt meine Gründe. nichts Gott erhalte dich!“ ind des⸗ 2) einem Billete vom 21. Mai 1830, unterzeichnet en, daß won Z., in dem es hieß: .„Ich habe Alles beſorgt; man erwartet Sie mor⸗ mittag gen früh 4 ½ Uhr auf dem beſprochenen Platze.“ geſchen Zu beiden Papieren fehlten die Couverts. agte der 3) Einem Schreiben des getödteten von Kennau an fl und ſeine Braut, Marie von Oller, folgenden Inhalts: ſodaf„Endlich, theuerſte Marie! bin ich mit meinen An⸗ gſelb ordnungen zu Stande!— mit welchen Anordnungen? höre ich Sie fragen.— Nun, der Menſch kann nicht gübe wiſſen, was die Zukunft in ihrem Schooſe birgt. Man nZnei hat mich auf morgen früh zu einem Zweikampf gefo⸗ Vom dert, zu dem ich, wie Sie ſich bei meinen Grundſätzen und meiner innigen Liebe zu Ihnen ohnehin überzeugt gn halten werden, keine Veranlaſſung gegeben habe. Ich werde zwar nochmals Alles aufbieten, einen Ausweg er w zu ſuchen, wenn es ohne Nachtheil für meine Ehre dan ur irgend möglich iſt; allein da ich den Erfolg mei⸗ ner Ausgleichungsvorſchläge ebenſo wenig berechnen kann, — ils den Ausgang des Duells, ſo muß ich Ihnen dieſe Feilen ſchreiben, weil ich es für meine unerläßliche e Pflicht erachte, Sie für den ſchlimmſten Fall von mei⸗ 30 nem Geſchick zu unterrichten und Ihnen noch einen ln leinen Beweis meiner unbegrenzten Liebe und meiner Erkenntlichkeit zu geben. Zu dieſer Abſicht empfangen . Sie, theuerſte Marie! in der Anlage ein Ihnen förm⸗ u XXv. 13 * ——— 290 Der Kammerassessor von Zahn. lich cedirtes Document über 1200 Friedrichsd'or, welche der Rittergutsbeſitzer Kliem in Radefeld bei voll⸗ kommener Sicherheit mir ſchuldet. Betrachten Sie dieſe kleine Summe als Ihr wohl erlangtes Eigenthum; es iſt die einzige, über die ich ohne Zuſtimmung meiner Lehnsvettern verfügen kann.— Leben Sie glücklich!— Der Gedanke, Sie einſt wiederzuſehen, wird wenn ich ja falle, meinen Abſchied vom Leben erleichtern!— Danken Sie Ihrem guten Vater für das Wohlwollen, deſſen er mich würdigte!— Ich bin zu beklommen, um weiter ſchreiben zu können!— Bis zum Grab Ihr Friedrich von Kennau. Dreil, 21. Mai 1830, Nachts 11 Uhr. Dieſem Schreiben lag die in demſelben erwähnte Abtretungsurkunde bei, unterzeichnet als Zeugen von den Offizieren Amberg und Stopfel. Letzterer hieß mit dem Vornamen Anton; der Brief Nr. 1 war von ihm geſchrieben. Daß aber in dem K.⸗A. v. Z., deſſen dieſelbe Scriptur ſo ominös gedenkt, Niemand anders als der Kammeraſſeſſor von Zahn, dem Unterſuchungsrichter bereits perſönlich bekannt, zu ſuchen ſei, bedurfte keiner Schwierigkeit. Der Bediente des Gemordeten hatte ſich am Schluſſe ſeiner Vernehmung des Billets, welches der Herr von Zahn zuletzt geſandt hatte, erinnert. Auch hatte der Unteroffizier Wieſand ſchon vor Auffindung der verhängnißvollen Papiere eidlich verſichert, daß am 20. Mai Vormittags Stop⸗ fel und von Zahn in dem Kaſernenhof auf⸗ und abge⸗ gangen ſeien und, nach ihren Bewegungen zu urtheilen, über einen Gegenſtand von Wichtigkeit ſich unterhalten hatten. Ein Umſtand, den jedoch der, unmittelbar nach drichsd'or, d bei voll⸗ Sie dieſt thumz es ng meiner icklich!— wenn ich htern!— ohlwollen mmen, um jrab nnau. etwähnt ugen vo det Bri nK⸗A Niemah hn, do zu ſuch⸗ iente nehml t geſun Bieſu P St und urthei nieche bu Der Kammerassessor von Zahn. 291 der Vernehmung der Offiziere und noch vor deren Ent⸗ laſſung vorgerufene Aſſeſſor von Zahn, gleich dem Ober⸗ lieutenant Stopfel auf das beharrlichſte in Abrede ge⸗ ſtellt hatten. Nur der in dem Stopfel'ſchen Briefe gleichfalls an⸗ gedeutete Baron von L. und der geheimnißvolle Kl. waren dem Inquirenten noch fremd; er glaubte deshalb um ſo mehr zur Verhaftung des Hauptmanns Amberg, des Oberlieutenants Stopfel und des Aſſeſſors von Zahn ſchreiten zu müſſen, als nur in dem Falle der Abſper⸗ rung derſelben und der thatſächlichen Verhinderung der Ermöglichung ihres Benehmens mit Dritten zum Nach⸗ theile des Ganges der Unterſuchung ſich verhoffen ließe, auch über dieſen v. L. und Kl. die nothwendige Auf⸗ klärung erhalten zu können. Die Gefangennahme dreier his jetzt in ganz Dreil in großem Anſehen geſtandener Männer, zwei hievon bisher untadelhafte Offiziere, der dritte ein hoch ſtehender Staatsbeamte, machten unge⸗ meines Aufſehen in der Stadt und in der ganzen Pro⸗ vinz. Der ebenſo thätige als vorſichtige Unterſuchungs⸗ richter hatte aber bereits dafür Sorge getragen, daß er die getroffene Verfügung den zuſtändigen Militär⸗ und Dberbehörden rechtfertigen konnte, und erfuhr auch die Genugthuung, dieſe Rechtfertigung als vollkommen in dem Geſetze begründet gewürdigt zu ſehen. Der Verhaftung der Verdächtigen folgte in ihrem Beiſein die genaueſte Hausſuche, welche jedoch auf die Sache ſelbſt nichts Einflußübendes ergab. Am 30. Mai war die Vernehmung der ſechs Offi⸗ ziere und des Aſſeſſors von Zahn erfolgt, an demſelben 13* 292 Der Kammerassessor von Zahn. Tage die Auffindung der drei dieſe Perſonen ſchwer anklagenden Papiere, und die Gefangennahme dieſer drei, und ſchon am 31., und kaum vierundzwanzig Stun⸗ den darauf ſollte es gelingen, den, bisher nur als Ba⸗ ron v. L. und den Kl. in den Acten genannten, in die⸗ ſer Sache Mitbeſchuldeten zu entdecken und zu ver⸗ haften. Seit zwei Monaten hielt ſich zu Dreil ein Baron von Linsmar, aus Fiſchberg im Preußiſchen gebür⸗ tig, aufz er hatte das Cameralabſolutorium auf den Univerſitäten Halle und Göttingen erlangt, nachdem er ſeine erſten Jugendjahre bei einem Verwandten ſeiner Mutter, einem Marquis von Vieuville, nnfern Amboiſe in Frankreich zugebracht hatte. Sein Aufenthalt zu Dreil galt der Erreichung der Abſicht, bei dem dortigen Kammercollegium als Acceſſiſt oder Functionnair ver⸗ wendet zu werden. Jung, ſchön und reich, dabei von altem Adel, war es ihm ein Leichtes, in den höheren Kreiſen der Geſellſchaft zu Dreil Zutritt zu erhalten. So gelangte er auch, durch Empfehlungen, in das Haus des Kammerdirectors Maier, des Regierungsraths von Oller und des Kammeraſſeſſors von Zahn. Die Bekanntſchaft mit Letzterem ſollte, wie ſpäter erhellt, das Unglück des jungen Mannes werden. Für jetzt möge genügen, daß Linsmar wirklich derjenige war, deſſen in dem Stopfel'ſchen Briefe Erwähnung geſchah. Der Baron hatte ſeine Wohnung in dem Gaſthauſe zum Kaiſer ſeit ſeiner Ankunft in Dreil genommen und ſich daſelbſt bis zum Monate Juni 1830 ein⸗ gemiethet. Es mußte deshalb dem Beſitzer dieſes Gaſt⸗ hofes, wie derſelbe ſpäterhin vor dem Unterſuchungsge⸗ richte ſelbſt zugab, ſehr auffallend ſein, daß ſein Mieths⸗ mann in augenſcheinlicher Haſt bei Ruchbarwerdung der Der Kammerassessor von Zahn. 293 en ſchwe Verhaftung des Aſſeſſors von Zahn und Genoſſen die me diſ Wohnung kündigte, ſeinen Entſchluß zur ſchleunigen Ab⸗ ig Sun reiſe dem Gaſtwirth mittheilte und einen Paß zur als Be Reiſe nach Italien von der Polizeibehörde zu Dreil n indi verlangte, den er auch, da kein Bedenken entgegen⸗ e ſtand, ohne Anſtand ausgeſtellt erhielt. Eben war er im Begriffe, ſeine Effecten zu packen, und würde Baron eine Viertelſtunde ſpäter Dreil hinter ſich gehabt ha⸗ en gebir ben, als der Arm der Gerechtigkeit ihn erfaßte. Dem uf der Gerichte war von der bevorſtehenden, ſo überaus ſchnell beſchloſſenen Abreiſe Linsmar's Anzeige gemacht wor⸗ 1 den; die Beziehungen des Barons zur von Oller'ſchen Anboiſ Familie, wie zu dem von Kennau und von Zahn wa⸗ that ſu ren gleichzeitig zur gerichtlichen Kenntniß gekommen, dtign er hierdurch dringendſt verdächtig, daß in ihm der ge⸗ uir ber ſuchte v. L. zu finden— und der Inquirent begab ſich abei von ungeſäumt in den Gaſthof zum Kaiſer. 66 ihnn Bis zum Tode erſchrak Linsmar, als der Criminal⸗ beamte, bei ihm eingetreten, ſich zu erkennen gegeben chulin hatte. Er erblaßte und äußerte auf die erſten Worte in ke des Richters, welche ihm den Grund ſeines Einſchrei⸗ ün tens gegen ihn mittheilten, in ſichtbarer und höchſter hn Verlegenheit: „Ich kann mir's ſchon denken!“ Für Auf die Auffoderung, anzugeben, was er ſich ſchon ige denken könne, verwirrte ſich Linsmar noch mehr, ſtotterte gſcht und vermochte nicht dem Eindringen des Unterſuchungs⸗ zoſthu ommiſſairs zu widerſtehen. enom Mit der Aeußerung:„Ich bin zu meinem großen 830 6 Unglück nach Dreil gekommen! Gott, was werden ſes Gi meine Aeltern ſagen!“ eröffnete er das Bekenntniß: hungi„Ich habe am 22. Mai, früh zwiſchen vier und fünf Miet Uhr, den Oberlieutenant von Kennau im Hölzchen un⸗ dung 294 Der Kammerassessor von Zahn, fern Dreil im Duell erſchoſſen. Ich bin dazu gereizt worden. Wäre der Kammeraſſeſſor von Zahn nicht ge⸗ weſen, ſo wäre Alles ausgeglichen wordenz— als Ken⸗ nau zu Boden ſank, war ich nahe daran, durch einen zweiten Schuß mir ſelbſt den Tod zu geben.“ Hierauf entwarf er ein Gemälde in welchem— und die Unterſuchung ergab, daß der Baron nur Wahrheit geſprochen— der Aſſeſſor von Zahn als Satan in Menſchengeſtalt ſich darſtellt, Linsmar aber mehr als Verführter und Unglücklicher, dem wir unſer Mitleid nicht verſagen werden. In dem Kreiſe der Familie des Regierungsraths von Oller zu Dreil fanden im Jahre 1830 geſellige Abendunterhaltungen ſtatt, zu welchen Offiziere und höhere Beamte der Stadt in der Regel geladen waren. In dieſen Kreis fanden ſich zur Zeit unſeres Drama faſt ſämmtliche bereits genannte Perſonen eingeführt, und vorzüglich waren der Oberlieutnant von Kennau, der Baron von Linsmar und der Aſſeſſor von Zahn diejenigen, welche faſt allabendlich bei von Ollers ein⸗ ſprachen. Die ſchöne Tochter des Hauſes, Marie, die mit liebenswürdiger Grazie die Unterhaltung führte, war der eigentliche Magnet des Cirkels. Am Abend des 12. Mai waren, wie vor und nach dieſem öfters geſchehen, Linsmar und Zahn zugegen, Kennau aber zufällig nicht anweſend. Ueberhaupt ſcheint, daß die Geſellſchaft an dieſem Abende nur aus den beiden Benannten beſtanden hat. Ohne irgend äußere Veranlaſſung hierzu bemerkte plötzlich Zahn gegen den Baron, jedoch ohne daß der Regierungsrath oder das Fräulein die einzelnen Worte Der Kammerassessor von Zahn. 295 zu gerit beſonders vernommen hätten: der Oberlieutenant von nicht g. Kennau habe ja neulich über ihn, Linsmar, vor der a hn Oller'ſchen Familie geſpottet und unter anderm mit un⸗ uch einen verkennbar ſpöttiſcher Miene und höhniſchem Tone ge⸗ zußert, daß es doch lange dauere, bis der Herr Baron m— und von Linsmar eine Anſtellung erhalte.„Ueberhaupt“, Wehrhet ſetzte der Aſſeſſor fort,„iſt Kennau ein ſehr ſpottſüch⸗ Setun in tiger Menſch, mir von allen Offizieren der verhaßteſte; mehr ſeine Witzelei und Satyre hat mich oft ſchon beleidigt.“ t Ritleis In dem regen Ehrgefühl des Barons weckte es aller⸗ dings eine Erbitterung, denn Kennau ſchien ja an ſei⸗ ner geiſtigen Fähigkeit zu zweifeln. Indeß war der Baron von Natur gutmüthigen Charakters und die Erbitterung ſtieg nicht bis zum Haſſe gegen den Ober⸗ ungsratht nt lieutenant, obwol er ihm allerdings wegen Marie's iere un Bevorzugung nicht beſonders hold geweſen war. n waren Am 13. Mai erſuchte Linsmar den ihm bekannten Dram Lieutenant Kleefeld, mit dem Oberlieutenant Kennau ingeführ Rückſprache zu nehmen und ſich zu vergewiſſern, ob der⸗ gemn ſelbe wirklich die mitgetheilt⸗ Aeußerung gemacht und on Zuh zwar mit der Miene des Spottes und dem Tone des 6 c in Hohnes, und wenn von Kennau ſolches zugebe, denſel⸗ in ſeinem, des Linsmar Namen, auf Piſtolen zu odern. g ſihn Kleefeld ſprach noch an demſelben Tage mit Kennau 3 und hinterbrachte Linsmar, daß der Oberlieutenant zwar und einräume, möglicherweiſe im vertrauten Familienkreiſe juge bei Regierungsrath von Oller Worte, wie die in Frage piſche ſtehenden, geſprochen zu haben, jedoch keineswegs in der ous Abſicht, den Baron beleidigen zu wollen, noch minder, W wie auch gar nicht in dem Charakter des Befragten ben liege, mit ſpöttiſcher Miene und höhniſchem Tone. dah Während Kleefeld bei Linsmar ſich noch befand und n V 296 Der Kammerassessor von Zahn. eben dieſe Verſicherung von Seiten Kennau's hinter⸗ bracht hatte, öffnete ſich die Thüre und der Aſſeſſor von Zahn trat ein. Er fragte nach dem Inhalte des Geſprächs zwiſchen Kleefeld und Linsmar. Beide hatten kein Hehl. Höh⸗ niſch lachte der Aſſeſſor auf:„Ei, da ſehe man die cou⸗ rageuſen Herren! Beide bewerben ſich um Donna Maria; der ehrliche Linsmar läßt ſich vom Herrn Oberlieutenant durch Manveuvres, die bei den Damen ſelten ihren Zweck verfehlen, aus dem Felde ſchlagen und begnügt ſich auf Koſten ſeiner Ehre mit einem ſo recht im Stil⸗ len gelispelten: pater peccavi!“— Dieſe von beißendſtem Spotte getragenen Worte verfehlten nicht ihres Zweckes. Die ohnehin noch nicht beruhigte Stimmung des Barons wurde von Neuem aufgeſtachelt und Eiferſucht mag auch das Ihrige bei⸗ getragen haben. Man ſprach hin und wiederz Anſchläge wurden gemacht und verworfen und endlich, dem Rathe des von Zahn entſprechend, beſchloſſen, daß das beab⸗ ſichtigte Duell auf Piſtolen ſtattfinden müſſe, wenn der Oberlieutenant ſich nicht beſtimmt bereit erkläre: dem Baron Abbitte und zwar in Gegenwart des Fräuleins von Oller zu leiſten. Wieder war es Kleefeld, der mit dem Auftrage, den gefaßten Beſchluß dem von Kennau mitzutheilen, ſich belud. Der angebliche Beleidiger lächelte über die an ihn geſtellte Zumuthung; er entgegnete jedoch dem Lieu⸗ tenant nach einigem Beſinnen: daß, da er durchaus nicht Willens geweſen ſei, irgendwie und ganz beſonders nicht in jenen Worten, durch welche von Linsmar ſo ſchwer in ſeiner Ehre ſich gekränkt fühle, dieſen zu be⸗ leidigen, er gerne erbötig ſei, auch in Gegenwart des Regierungsraths von Sller wie deſſen Tochter ſolches Der Kammerassessor von Zahn. 297 s hiner zu erklären. Mit dieſem Zugeſtändniß war Linsmar ſſſor vn völlig zufrieden; aber es ſollte anders kommen, oder vielmehr, es ward anders geſchafft. s zwiſchen Am 14. Mai Vormittags hatte Kennau ſich gegen ehl. Hih. Kleefeld erboten,„von Herzen gern“ dem Baron die ndie wu von dieſem gewünſchte Erklärung im Kreiſe der von a Mari, Oller'ſchen Familie zu geben; und ſchon am Morgen ieutenant des folgenden Tages(15. Mai) finden wir wieder den ten ihm Herrn von Zahn bei dem Baron, demſelben unter hã⸗ egni miſchen und tieſſt verletzenden Randgloſſen Folgendes in Si mittheilend: Am Abend des geſtrigen Tages, wo der Herr Oberlieutenant ſich zur Abgabe der gefoderten Er⸗ n Vor klärung vor Fräulein Marie und deſſen Vater bereit ch niht gezeigt, habe derſelbe bei Ollers den ganzen Hergang Meuen erzählt. Man könne denken, wie derſelbe das Benehmen tige bei des Barons, Seitens der Anweſenden, dem ſchärfſten nſchlig und bitterſten Tadel unterworfen habe. n Ratht In ſchnell aufflammendem Zorne ſandte von Linsmar augenblicklich Kleefeld zu Kennau, foderte, ohne weitere s benb Erörterung von dieſem zu verlangen, ihn auf Piſtolen ite: dn und beſtimmte zugleich das Hölzchen bei Dreil zum iuſin Kampſplatze. Allein bis Kleefeld von Kennau zurück⸗ gekehrt war, hatte ſich ſchon die Zornwuth des Barons ug be wieder gelegt. Er überdachte ſein und Kennau's Be⸗ un, ſt nehmen, konnte nicht umhin, das letzte vollkommen ſach⸗ pie o gemäß zu finden, das ſeinige aber ſelbſt tadelnder Kri⸗ 6 tik zu unterziehen, und als er vernahm, daß der Dber⸗ lieutenant die Ausfoderung angenommen und zugleich — ſeinen Freund und Kameraden, Oberlieutenant Stopfe ſo. habe rufen laſſen, wahrſcheinlich um denſelben zu beſtim⸗ — men, ihm zu ſecundiren: ſo hielt Linsmar dafür ſich nicht eher beruhigen zu können. Er bat nämlich ſeinen böſen — Dämon, den Aſſeſſor, augenblicklich zu Stopfel zu gehen 83* 298 Der Kammerassessor von Zahn. und durch deſſen Vermittelung die Herausfoderung rück⸗ gängig zu machen. Zahn wrilligte ſcheinbar in das Verlangen, ging aber, wie ſpäter von ihm ſelbſt zuge⸗ ſtanden werden mußte, nur um deswillen zu Stopfel, um dieſen, angeblich im Auftrage des Barons, zu fra⸗ gen: ob Herr von Kennau ſich wirklich ſtellen werde? „Linsmar traue demſelben keine Courage zu!“ Stopfel, entrüſtet darüber, wies Zahn zurecht, bat ihn dringend, dem Baron den Zweifel an dem Muthe des Oberlieu⸗ tenants zu benehmen, dennoch aber ein Duell zu ver⸗ hindern. Ein ſolches bringe einmal dem Herausfoderer keine Ehre, demnächſt aber könne es von zwei jungen, blü⸗ henden, vom Glücke faſt gleich hoch begünſtigten Män⸗ nern einen, vielleicht beide frühzeitigen, beklagenswerthen Tode überliefern, gewiß aber die Zukunft des Ueber⸗ lebenden, oder auch im glücklichſten Falle,— beider, vernichten. Die Schlange begab ſich zurück, nicht um dem Baron zu hinterbringen, womit er betraut worden, wohl aber Linsmar zu verſichern: daß an ein Zurück⸗ gehen des Duells nicht mehr zu denken ſei;„Stopfel könne von Kennau nicht einmal wieder dahin bringen, daß er ſein erſtes Verſprechen realiſire.“ In einem leicht erklärlichen Zuſtande innerer Angſt, Beſchämung und Furcht vor den Folgen ſeines getha⸗ nen Schrittes ließ Zahn den jungen Mann von dieſem Augenblicke an allein, um ihn den peinigenden Vor⸗ würfen ſeines Gewiſſens, die bald noch lauter ihn an⸗ klagen ſollten, zu überlaſſen; angeblich aber, weil er über⸗ haupt nun bei der Sache nichts mehr für ihn thun könne, da Kennau ihn(Zahn) zu ſeinem Secundanten erwählt habe!!— Linsmar ſolle nur nicht auf ſich war⸗ 11 ten laſſen und am 22. Mai früh nach 4 Uhr am be⸗ ſtimmten Platze ſich rechtzeitig einfinden.— Damit aber Der Kammerassessor von Zahn. 299 ung ja eine Ausgleichung auf das beſtimmteſte verhindert in ds werde, ging der Aſſeſſor von dem verzweifelnden Lins⸗ bſt zuge mar weg, um dem Oberlieutenant Stopfel, im Auftrage Stopft, des Barons, wie er verſicherte, zu hinterbringen, daß zu fu es ihm nicht möglich geworden ſei, Linsmar zur Zu⸗ wede rücknahme der Herausfoderung zu veranlaſſen. Stopfel Dies Alles geſchah am 20. Mai 1830, und zwei dringend, Tage darauf hatte der Aſſeſſor die Freude, das Werk, Oberlien von ihm erſonnen und ausgeführt, mit blutigem Er⸗ lzu ver folge gekrönt zu ſehen. Noch verdient bemerkt zu wer⸗ usfodere den, daß Linsmar, bevor ihn der Aſſeſſor am 20. Mai gen, bli verließ, zuletzt ausdrücklich zu dieſem ſagte: ob Strafe en Min im Falle der Entdeckung des Duells zu befürchten ſei? Er, erſt ſeit wenigen Monaten im Lande, konnte da⸗ öwerthe 6 Uebe mit unbekannt ſein; dieſe Unkenntniß der Geſetze aber beider von dem Beamten, der ſeit Jahren bei einer Central⸗ icht un ſtelle des Landes beſchäftigt, ſtand ſie nicht zu erwarten, und dennoch entgegnete Zahn in dem ſicherſten Tone worde 5 Zurit der Welt:„Ach, die hieſigen Behörden heißen das — Spyf Duell durch ihre Connivenz gut!“— Hiermit war auch die letzte Hoffnung des Barons, dieſen Zweikampf, vor dem im Gefühle ſeines Unrechts ihm bangte, zu umge⸗ hen, abgeſchnitten. Am 21. Mai— wie und wo die⸗ es gethe ſen Tag Linsmar zubrachte, wird uns nicht geſagt— zi mußte der Anſtifter des Ganzen, Aſſeſſor von Zahn, , mit ſich und ſeinem Gewiſſen in's Reine gekommen bringe r Anh 6 ſein; denn er arbeitete den ganzen Tag über in amt⸗ lichen Geſchäften, ſtellte aus voluminöſen Acten eine ſehr verwickelte Rechnung und ſandte dieſelbe, am Abende hu b erſt damit zu Stande gekommen, noch in derſelben undl⸗ Stunde dem Kammerpräſidenten mit einem Begleitungs⸗ ſch ſchreiben, das ſpäter zu nicht unwichtigem Ueberführungs⸗ an mittel diente. mit 300 Der Kammerassessor von Zahn. Der unglückliche Kennau aber fertigte an dieſem Tage das ſchon oben erwähnte Ceſſionsdokument für ſeine Braut, ſchrieb den hierzu gehörigen und gleichfalls uns ſchon bekannten Brief— die letzte Arbeit ſeines Lebens— und ließ ſeine Freunde, den Hauptmann Amberg und den Oberlieutenant Stopfel zu ſich bitten, nachdem, was nachträglich hier bemerkt ſein mag, Letz⸗ terer ſchon bei Gelegenheit der erſtmaligen Foderung des von Linsmar, am 13. Mai, dem Oberlieutenant ver⸗ weigert hatte, ihm zu ſecundiren:„da es eine geſetz⸗ widrige Handlung ſei“, ihm dagegen verſprochen hatte, Alles aufzubieten:„um die Sache zu redreſſiren, was Kennau weniger um ſeinetwillen, als ſeiner Braut we⸗ gen, ſehr wünſchte.“— Am 21. Mai aber hatte Kennau, der inzwiſchen das Erbieten des von Zahn, ihm zu ſecundiren, angenom⸗ men, die beiden Offiziere, Amberg und Stopfel, nur um deswillen zu ſich gebeten, damit ſie das ihnen vor⸗ gelegte Dokument als Zeugen ſeiner freien Willens⸗ thätigkeit bei Errichtung deſſelben, unterſchrieben;„er habe ſeiner Braut ein kleines Geſchenk zugedacht.“— Amberg kannte nicht den wahren Grund dieſer Schen⸗ kungz Stopfel aber ahnete ihn. Als er die Schrift unter⸗ zeichnete,„bemächtigte ſich ſeiner ein höchſt ſchmerzliches Gefühl; es war ihm, als beglaubige er Kennau's letz⸗ ten Willen!“— Die Ahnung des Freundes ſollte ihn nicht täuſchen. Wie wenig übrigens ſelbſt jetzt noch Kennau einen blutigen Ausgang des Duells in der That befürchtet, wie vielmehr er noch am Morgen des 22. Mai eine gütliche Ausgleichung verhoffte, beweiſt die Beſtellung des Mittagsmahls zu Felswind, das er, den verſöhn⸗ ten Gegner vielleicht neben ſich, im Kreiſe trauter Der Kammerassessor von Zahn. 301 n dieſen Freunde und Kameraden(von denen keiner als Stopfel nent für irgend etwas von dem bevorſtehenden Zweikampfe eichfals wußte) einzunehmen gedachte. it ſeines Und ſo tagte der 22. Mai und die vierte Morgen⸗ uptmunn ſtunde ſchlug. h bitten, Lieutenant Kleefeld, der Secundant Linsmar's, war der ag, Lez⸗ Erſte am Platze; bald darauf erſchien von Kennau's Secun⸗ ung de dant, Aſſeſſor von Zahn, und mit ihm der Gegner Deſſen, unt ver dem er ſeine Unterſtützung zugeſagt hatte, Baron von e geſit Linsmar. Er hatte ihn aus ſeinem Gaſthofe abgeholt. en hatt Wenige Minuten ſpäter ſtellte ſich auch Kennau. Er n, wai trat raſch auf Linsmar zu und ſprach die begütigen⸗ raut we den Worte: Um Ihnen Genugthuung zu geben, Herr Baron, bin ich hierher gekommen, obgleich ich mir be⸗ chen dus wußt bin, Sie wiſſentlich Nie beleidigt zu haben!“— Der Baron war längſt wieder kalten Bluts ge⸗ worden und, die unvermeidlichen Folgen ſeines Thuns wohl überſchauend, war er im Begriff, gern die Hand genom e, ne n vol⸗„ in zur Sühne zu bieten. Und auch jetzt noch würde die w friedlichſte Entwickelung vor ſich gegangen ſein— ohne 1— den Aſſeſſor!— Wir geſtatten, etwas aus den Acten hervorzuheben, oder des Dramas ein a parte, was der Sch Geſchichtserzähler ſich hier erlaubt hatte:— Der Aſſeſſor ft unter eite von Zahn zitterte vor geheimer Wuth und verborgenem a u Grimm, daß Angeſichts der Entſcheidung ihm doch noch 5 der Erfolg ſeines teufliſchen Plans zweifelhaft werden Ute ih könnte, er ſtieß auf die verſöhnenden Worte des Ober⸗ — lieutenants, im Ausbruch des heftigſten Haſſes, äußerlich u aber in ſcheinbar gleichgültig⸗nonchalantem Tone her⸗ fimht vor:„Meine Herren! ich habe mehr zu thun, als ſolche Nai ⸗ Exclamationen anzuhören; halten Sie ſich nicht lange bei ſilu der Vorrede auf und wechſeln Sie Ihre Kugeln!“— verl Nun war nicht mehr zurückzutreten; man kam über⸗ trau 302 Der Kammerassessor von Zahn. ein, daß die Kämpfenden drei Kugeln wechſeln ſollten. Kleefeld lud die Piſtolen, unterſuchte ſie nochmals ge⸗ nauj jeder der Duellanten bekam ſeine eigene, weil die Conſtruction beider Gewehre gleich war; die Menſur ward 10 Schritte genommen, dieſe aber blos auf Klee⸗ feld's ernſtliches Andringen, da Zahn nur fünf Schritte: „um dem Duelle einen blutigen Ausgang zu geben“, beſtimmt wiſſen wollte. Kennau legte Mantel, Degen und Czako ab, ſtellte ſich— eins! zwei! drei!— und Linsmar ſchoß!— Als der Rauch ſich verzogen, ſtand Kennau unverſehrt; der Baron hatte gefehlt!— Da hob der Oberlieutenant die Piſtole; feſten Auges und feſter Hand zielte er, drückte ab, und— wie ſelbſt dem Gegner es ſchien, ſchoß abſichtlich viel zu hoch. Kennau mochte nicht treffen und ſchoß in die Luft!—„Ich hätte den wackern Mann vor lauter Freude und Be⸗ wundernng erdrücken mögen!“ äußerte ſpäterhin in ſei⸗ nem Verhör der Secundant Linsmar's, der übrigens nunmehr auch daſür hielt, daß der Ehre genug geſche⸗ hen und die Sache zu Ende ſein könne. Allein ſolcher Ausgang war wider den Willen des Aſſeſſors. Zahn, der Secundant deſſen, der ſo edelmüthig das Leben des Feindes geſchont hatte, deſſen eigenes Leben er zu ſchützen verſprochen, er war es nun— es ſträubt die Feder ſich darüber— der während Kleefeld aber⸗ mals die Piſtolen lud, unter paſſendem Vorwande auf Linsmar zutrat. Er flüſterte ihm die Worte zu:„beſſer zu ſchießen, ſicherer zu treffen und mitten auf den Mann zu halten, da eine ſolche Behandlung en bagatelle ſich ein Baron nicht gefallen laſſen kann!“ Kennau und der Baron ſtehen ſich wieder gegen⸗ äber. Linsmar zielt, feſt und ſicher, und wie er ſelbſt geſteht:„nur in der Abſicht zu treffen.“ Der Kammerassessor von Zahn. 303 ollten. Kennau ſinkt diesmal zu Boden.——— ls ge⸗ Das Blut quillt ſogleich aus beiden Seiten des eil die Körpers des Getroffenen.„Laßt mich liegen!“ ſpricht Nenſur er mit ſchwacher Stimme—„ich ſterbe— rettet Euch! Kler⸗— Ich verzeihe Ihnen, Baron,— Sie waren Zahn's ritte: Werkzeug, der—“ hier verſagte die Sprache. Die ben“, letzten Worte des Sterbenden, welche der von Angſt Degen und Verzweiflung außer ſich gebrachte Linsmar noch und vernimmt, ſind:„Unglückliche Marie,— ich ſehe dich ſtand wieder!“— Einige krampfhafte Bewegungen, ein Zit⸗ Dr tern über den ganzen Körper laufend, ein gewaltſames s und Recken deſſelben und Kennau hat ausgeathmet. ſt dem Gleich nachdem der Unglückliche gefallen war, rief nnau Lieutenant Kleefeld den, nach Verſicherung des Zahn 66 von ihm in die nächſte Nähe, in eine Waldhütte beru⸗ Ze⸗ fenen Arzt, zu allenfalls noch möglicher Hülfe herbei; nſ⸗ es zeigte ſich aber, daß Zahn auch hier den Schurken igens geſpielt. Es war kein Arzt da. Kleefeld warf ihm offen ſeine Erbärmlichkeit vor; allein Zahn läßt ſich olch durch den Vorwurf ſeiner Schurkerei nicht aus der Faſſung bringen. Kalt und ruhig begegnete er dem Ofſiziere mit den Worten:„Was hätte es denn auch ſcht⸗ — geholfen, wenn der Arzt da geweſen wäre?!“ kce Während die andern Secundanten vor Schrecken, ütt Angſt und Entſetzen in der erſten Viertelſtunde und aber bis Kennau ſeinen Todeskampf vollendet hatte, ver⸗ eau wirrt waren, dachte der ſchnell mit dem Gräßlichſten beſſe vertraut gewordene Aſſeſſor nur daran, einestheils Nan ſeine und der beiden Andern Sicherheit zu decken, e ſih anderntheils den Getödteten ſelbſt noch im Tode zu be⸗ ſchimpfen. Er ſchlug vor, dem Leichnam eine Lage zu o geben, welche Kennau den Anſchein gebe, als Selbſt⸗ ſibi mörder geendet zu haben. Zu dieſem Behufe müſſe die — 304 Der Kammerassessor von Zahn. noch geladene Piſtole des Oberlieutenants abgefeuert und neben den Erſchoſſenen gelegt werden. Das wollte er beſorgen. Maſchinen gleich vollzogen Kleefeld und Linsmar, was der Aſſeſſor gebot; der Lieutenant feuerte die Pi⸗ ſtole ab und gab ſie Zahn, der nun unter Linsmar's Beihülfe den Leichnam, der auf der linken Seite lag, auf den Rücken umdrehte. Dann wurden Mantel, De⸗ gen und Czako mit beſonderer Sorgfalt neben dem Todten zurechtgelegt, ſeine Piſtole dicht rechter Hand angelegt, die Finger derſelben aber wurden mit der Schwärze der Pfanne der Linsmar'ſchen Piſtole eigens gefärbt. Endlich wurden mit den Genoſſen im Sande alle Fußſpuren, bis auf die des Gefallenen, vorſichtigſt vertilgt. Die Drei verbanden ſich zur Geheimhaltung der Sache und Zahn bemerkte beſonders:„Er werde wenig⸗ ſtens nichts geſtehen, auch wenn die andern geſtünden. Selbſt wenn ſie alle ſo ſchofel wären, ihm gegenüber auf ihn zu bekennen, ſo werde er doch nichts ausſagen; eher wolle er ſich auf die Folter ſpannen laſſen, als Etwas bekennen, und, ſetzte er als Trumpf, er wolle ein Hundsfott ſein, wenn er geſtehen!“— Hierauf trennten ſie ſich, Zahn unter dem Verſprechen, Stopfel vom Aus⸗ gange des Duells in Kenntniß zu ſetzen auf verſchiede⸗ nen Wegen nach Dreil zurückkehrend. Noch am Bluttage, in den Nachmittagsſtunden be⸗ gegnete der Aſſeſſor dem Baron auf der Straße; er erzählte ihm, wie er nur mit großer Mühe Stopfel be⸗ ſchwichtigen können. Derſelbe ſei troſtlos über ſeinen unglücklichen Freund geweſen; endlch habe er erklärt: „er werde aus Schonung für ſeinen Kameraden Kleefeld keine Anzeige erſtatten, aber die Wahrheit ſagen, wenn er von ſeinen Vorgeſetzten amtlich gefragt werde.“ Der Kammerassessor von Zahn. 305 it und Um den Baron, der ihm von nun an gefährlich lte er ſcheinen mußte, zu entfernen, rieth Zahn ihm, auf das Schnellſte nach Italien zu reiſen, um vor allen Even⸗ ömar, tualitäten geſichert zu ſein.— Linsmar, in der Angſt ie Pi⸗ des Gewiſſens, ſchrieb auch an ſeine Aeltern um Geld, mars behufs des Antritts einer Reiſe„zur Erholung.“ Er e lag, erhielt die benöthigten Summen am Abend des 30. Mai 1, De⸗ und würde, wie wir erfahren, am 31. Mai Morgens dem Dreil und Deutſchland verlaſſen haben, wenn nicht zu Hand ſeiner Captur geſchritten wäre. it der Stopfel war, wie Zahn richtig angegeben, troſtlos eigens über den Tod ſeines beſten Freundes. Wie er in ſei⸗ de ale ner Vernehmung angab:„warf ihn der Schreck über ttilgt. den Ausgang des Zweikampfes auf das Krankenlager der und einige Tage lang war er nicht recht zu ſich ſelbſt enig⸗ gekommen“z er konnte auch anfänglich nicht vernommen nden. werden. nibe Kennau ſelbſt, auf drei Tage beurlaubt, war aus igenj dieſem Grunde in den Regimentsliſten weder am 22. „ i noch am 23. vermißt worden; noch ehe ſein Urlaub en⸗ le ein dete, ſollte die Entdeckung des Leichnams erfolgen, gleich unten ob er noch im Tode ſeiner Pünktlichkeit und Ord⸗ Au nungsliebe treubleiben wollte. hicde Um 4 Uhr Morgens, am 22. Mai, hatte Zahn ſeine Wohnung verlaſſen; gegen halb 6 Uhr kehrte er nbe dahin zurück. Er verlangte Waſſer; ſeine Haushälterin, die ihn auch geweckt hatte, reichte ihm ſolches; er wuſch be ſich die Hände. Sie bemerkte, daß ſchwarze Farbe an ſinel ſeiner rechten Hand ſeiz als er das Handtuch zurückgab, klrt hatte ſich ein Weniges dieſer Schwärze dem Gewebe ufild eingeklebt. Wie ſpäter die Unterſuchung zweifellos nach⸗ wenn wies, rührte dieſe ſchwarze Farbe von Schießpulver her. 306 Der Kammerassessor von Zahn. Ob der Aſſeſſor, als er die Hände reinigte, ſich der Worte der Lady Macbeth erinnert: Ein wenig Waſſer wäſcht die That uns ab— Wie iſt ſie dann ſo leicht! ſteht nicht in den Acten, noch hat ſeine Haushälterin es wieder erzählt. Doch— warum mußte dies Alles geſchehen? warum mußte Kennau ſterben? warum Linsmar zu deſſen Tödtung ſich gebrauchen laſſen, und warum entſtand in der Seele eines ſataniſchen Menſchen wie in der des Aſſeſſors ein Plan, deſſen Ausführung nur ein pikan⸗ ter Stoff zu einem Romane ſcheint, aber nicht paſ⸗ ſend zum praktiſchen Leben? Die Unterſuchung gibt die vollſtändigſte Antwort. Die klarſte Darlegung gibt uns die Vernehmung des Regierungsraths von Oller und ſeiner Tochter. Die eidlich erhärteten Ausſagen des Regierungs⸗ raths ſind, mit Uebergehung einiger unweſentlichen Punkte, ſo übereinſtimmend mit denen ſeiner Tochter, daß wir beide in Eins verſchmelzen können. Nicht lange nachdem der Kammeraſſeſſor von Zahn in die geſelligen Abendunterhaltungen der Oller'ſchen Familie eingeführt worden, mußte der Regierungsrath wie ſeine Tochter bemerken, daß dem Aſſeſſor die ſchöne Marie nicht gleichgültig ſei; ja, Zahn gab bei mehren Gelegenheiten dies und die Abſicht zu erkennen, der Familie näher befreundet zu werden und Sohn des Hauſes ſich nen⸗ nen zu dürfen. Das Fräulein hatte jedoch vom erſten Au⸗ genblicke einen ſich ſelbſt nicht zu erklärenden Wider⸗ willen gegen den zudringlichen Freier gefaßt und nahm keinen Anſtand, ſeine Abneigung geradezu und ſtets zu Der Kammerassessor von Zahn. 307 „ſich de erkennen zu geben, ſo oft er ſeinerſeits verſuchte, eine ihm günſtige Erklärung anzubahnen. So ſtanden die Dinge, als Kennau und ſpäter auch der Baron von Linsmar in die Familie eingeführt wurden. ushälterin Die Liebe ſieht ſcharf, die Eiferſucht noch ſchärfer. Zahn bemerkte bald die wachſende Neigung des Erſteren zu dem Fräulein. Als er darüber gewiß ſein mußte, ſcheint Zahn auch das Verderben des beglückten Neben⸗ warn buhlers ſich zugeſchworen zu haben; wenigſtens deuten z deſn mehre Stellen des erſten, ſchriftlichen Geſtändniſſes ſei⸗ ufund im ner Schuld, auf das wir zurückkommen, nicht zu ver⸗ in det d« hüllt darauf hin. ein pihn Aber nicht allein Kennau ward der Gegenſtand des niht pi geheim glühenden Haſſes und Neides des Aſſeſſors; auch Baron Linsmar wegen ſeines feinen, taktvollen Antwort Betragens, wegen ſeiner Harmloſigkeit und Liebens⸗ ng de würdigkeit bei von Ollers ungleich lieber geſehen als ⸗ Zahn, der von dieſem Allen das Gegentheil hatte, ward — ung bald ſo herzlich aufgenommen, mit ſo zarter Aufmerk⸗ gie ſamkeit berückſichtigt, daß Zahn auch ihn zu haſſen und ſeine Entfernung zu wünſchen, Urſache hatte. Einſt⸗ ß u weilen brauchte er ihn zum Spielzeug des Witzes und ch des Spottes. Unter anderm benutzte er bei dem voh manchmal zu ſtark vorwaltenden Adels⸗ und Ahnenſtolz Arrſe des Barons die Gelegenheit, ſein Talent kauiſchen ungt Witzes und feinſter, aber bitterſter Sathre auf Koſten dit ſti Linsmar's im glänzendſten Lichte ſpielen zu laſſen. Aber bei neh er wußte nur den Abweſenden zu begeifern. derßen„Ich liebte Marie von Oller! Ich ſchwor den Un⸗ ſöſch rergang ihrem Bräutigam und Linsmar, der bei Ollers 1euh ebenfalls lieber geſehen ward, als ich. Ich habe beide den Bi entzweit, das Duell durch Intrigue zu Stande gebracht! und Möchte, ſo dachte ich, fallen, welcher wolle— der An⸗ nd fet 308 Der Kammerassessor von Zahn. dere müſſe fliehen— und(o, ich Thor!) Marie dann die Meinige werden!“ So lautet das endliche Geſtändniß des Mannes, „der als warnendes Beiſpiel daſteht zum Beweiſe: wie auch die allſeitigſte Bildung des Geiſtes, iſt ſie nicht mit Güte des Herzens und Reinheit des Gemüths ver⸗ bunden, den Menſchen ſelbſt vor dem tiefſten Falle nicht zu wahren vermag.“ Am 12. Mai Nachmittags trafen ſich Kennau und Zahn in der von Oller'ſchen Wohnung; das anfangs gleichgültige Geſpräch zwiſchen ihnen, dem Regierungs⸗ rath und deſſen Tochter wandte ſich, durch Zahn ver⸗ anlaßt und wie man wol annehmen darf, in voller Ab⸗ ſicht, auf Linsmar, dem der Aſſeſſor im Laufe der Un⸗ terhaltung das Prognoſtikon ſtellte:„in das Capitel der alten Candidaten zu kommen!“— Kennau, wie immer ſo auch hier ehrenhaft, vertheidigte den Abweſenden, äußerte, daß er denſelben für einen ſehr gebildeten jun⸗ gen Mann halte, der längſt verdient hätte, eine ſeinen nicht zu bezweifelnden Fähigkeiten wie ſeiner Bildung entſprechende Anſtellung im Staatsdienſte zu erhalten, und ſchloß dieſe Aeußerung, die, wie wir hören, gerade das volle Gegentheil der Worte waren, welche Zahn dem Baron hinterbrachte, mit der an den Regierungs⸗ rath geſtellten Bitte:„derſelbe möge doch nicht un⸗ terlaſſen, für Linsmar am geeigneten Orte ein gewich⸗ tiges Wort zu ſprechen.“ Einige Abende nach jenem Nachmittage trafen ſich wieder der Oberlieutenant und der Aſſeſſor bei von Ollers; wieder brachte Zahn, und diesmal gewiß nur in Verfolgung ſeines Plans, die Rede auf den abwe⸗ ſenden Linsmar. Kennau, der, wie der Regierungsrath und deſſen Tochter wol bemerkten, verſuchte auffallend Der Kammerassessor von Zahn. 309 wie dam obſichtlich immer wieder das Geſpräch von dem Baron abzulenken. Abereinigemal auf Umwegen, zuletzt geradezu Mannc, ſing Zahn zu Kennau an: er möge ihm doch ſeine Anſicht weiſe vi über die geiſtigen Fähigkeiten des Barons und ſeine ſe nich Ausſichten als Staatsdienſtaſpirant⸗ mittheilen. Kennau üths r ſſchwieg, Zahn aber ward immer hartnäckiger. Um nicht lenih den Schein der Unhöflichkeit gegen ſich aufzurufen, be⸗ merkte der Oberlieutenant, daß er wegen Kürze der Be⸗ nnau u kanntſchaft mit dem Baron ſich zum Urtheil nicht für aufan berufen erachten könne, und er deshalb nicht im Stande gieun ſei, über Linsmar nur irgendwie abzuſprechen.„Uebri⸗ Zahn ur gens“, ſetzte Kennau hinzu,„thue es ihm ohnehin ſehr voler keid, daß die von ihm vor einigen Tagen in der beſt⸗ ede meinenden Abſicht für Linsmar bei dem Regierungs⸗ wite d vath eingelegte Bevorwortung demſelben entſtellt und ie imme verdreht zugetragen und ihm, Kennau, hierdurch Unan⸗ weſendem nehmlichkeiten(die Herausfoderung vom 13. Mai) ver⸗ ten j urſacht worden wären“ ine ſen Herr von Oller wie ſeine Tochter begriffen ſofort, ihn daß dieſe Worte nur dem von Zahn galten; ſie äußer⸗ ten ſich höchſt misbilligend über Weiterverbreitung trau⸗ i licher Familiengeſpräche, welche um ſo mehr zu tadeln, % als ſie entſtellt und verdreht erfolgten, und verſicherten, e 6 dem Baron bei erſter Gelegenheit das Wahre des Her⸗ zangs mittheilen zu wollen. Was ſie durch dieſe Worte nicht nndirect beabſichtigten, erlangten ſie; Zahn, wohl füh⸗ n ge end, wem es galt, verabſchiedete ſich ſo bald als mög⸗ äch, aber Wuth und Rachedurſt im Innern. tun Und eben deshalb entſagte der Aſſeſſor, ungeachtet nbi vieſer Beſchämung, die überdies bei ſeinem Charakter ew* hn nur obenhin berühren konnte, ſeinem entſetzlichen den Plane nicht. Als Opfer deſſelben ſollten der Oberlieu⸗ rungöl“ wnant oder der Baron, oder wo möglich beide fallen. auffoh 40 —— 310 Der Kammerassessor von Zahn. Wir erfuhren, wie geſagt, ſchon oben aus den über⸗ einſtimmenden Geſtändniſſen der Betheiligten, insbeſon⸗ dere des Barons Linsmar, des Oberlieutenants Stopfel und des Lieutenants Kleefeld, die Erzählung des ganzen Verlaufs des unſeligen Zweikampfs, ſodaß wir dem Hauptſchuldigen ſelbſt unſere ungetheilte Aufmerk⸗ ſamkeit zuwenden können. Nur voraus noch Folgendes. Die Verhaftung des Hauptmann Amberg, des Oberlieutenant Stopfel und des Aſſeſſor von Zahn, welche ſchon am 29. Mai, alſo nur 7 Tage nach dem Mordtage erfolgte, iſt oben er⸗ wähnt; aber auch Baron Linsmar wurde, unmittelbar nach ſeiner, noch in dem Gaſthofe zum Kaiſer gepflo⸗ genen Vernehmung in das Unterſuchungsgefängniß ge⸗ bracht, gleich dem Lieutenant Julius Kleefeld. Auch dieſer, wie Linsmar, legte das unumwundenſte Geſtänd⸗ niß der Theilhaberſchaft an dem Duelle ab, ſodaß auf den Grund der Bekenntniſſe von vier der fünf Verhaf⸗ teten nunmehr auf das Eifrigſte gegen den einzig noch läugnenden, Zahn, vorgeſchritten werden konnte. Das Kaliber der von dem Baron mit dem Bemer⸗ ken dem Gerichte übergebenen Piſtole, es ſei diejenige, mit welcher er den von Kennau erſchoſſen, wurde mit der gefundenen Kugel verglichen und zeigte die genauſte Uebereinſtimmung ihres Volumens mit derſelben. Die Vernehmung des reuig geſtändigen Oberlieutenants Stopfel wie die des Hauptmann Amberg(welcher letz⸗ tere aber jede Wiſſenſchaft von dem Duelle vor ſeiner Ausführung in Abrede ſtellte und hiefür auch vollkom⸗ menen Beweis lieferte) ergab nun alles uns ſchon Bekannte. Da ſich weitere Verdachtsgründe der Mitwiſſen⸗ ſchaft des Hauptmann Amberg nicht ergaben, ſo wurde Der Kammerassessor von Zahn. 311 den ibe auch der über ihn verhängte Arreſt ſchon in den erſten inöbeſo Tagen aufgehoben. Faſt gleiche Begünſtigung erfuhr, ts Stepf auf Intervention des ganzen Offiziercorps bei höchſter lung ds Stelle, der Oberlieutenant Stopfel, der von den Offi⸗ ſodaß vr ßieren,„unter großem Jubel aus dem Arreſthauſe ge⸗ Aufm führt wurde.“ Nicht ſo glücklich erging es dem Lieute⸗ nant Kleefeld, der, wirklich nach dem Geſetze verfehlend, fung dé auch leichtſinnigerer Art, nicht ſo der allgemeinen Hoch⸗ eof u achtung und Liebe ſich erfreute und bei der Unterſuchung Mai U in Verhaft blieb, wie er auch ſpäter in Strafe verfiel. Sonſt hatte auch er das Lob eines in ſeinem Dienſte oben et wünktlichen Offiziers und lebhaft die ſittliche Theilnahme ſe geyſt bei dem ſchreckenvollen Ereigniſſe gezeigt. ingniß g d. Aut e Geſtän Karl von Zahn, 27 Jahr alt, aus Dreil gebürtig, ſeduß u woſelbſt ſeine Aeltern anſäſſig waren und auch verſtar⸗ nf Verhe ben, beſuchte in den erſten Jugendiahren das Kreis⸗ ic n Bymnaſium ſeiner Vaterſtadt, bezog ſpäter die Hoch⸗ ſchulen Göttingen und Jena, woſelbſt er die Rechte n und Cameralia ſtudirte, und trat nach vollendeten Uni⸗ verſitätsſtudien und wohl beſtandenen Examen in den zun Staatsdienſt ein. Seine Kenntniſſe, ſein Fleiß und vut ſeine Tüchtigkeit ließen ihn ſchon nach wenigen Jahren i ßum Kammeraſſeſſor eum voto bei dem Dreiler Kam⸗ be. nnercollegium vorrücken. tutn Er war nicht ohne Vermögen, wie ſchon geſagt, hu ls Geſchäftsmann und Arbeiter ſehr brauchbar, erfreute vot. ſich aber in ſeinem Privatleben nicht gleicher Anerken⸗ wl nungz ſeine Vorgeſetzten bezeichneten als die Grundzüge uns ſ ſeines Charakters:„Stolz, Eitelkeit, Einbildung, Eigen⸗ ſiebe, Ehrgeiz, Prahlerei und ſatyriſches Weſen.“ Nitw' Der Kammerdirector ſagte poſitiver über ihn:„Zahn 0 N 312 Der Kammerassessor von Zahn. gehört zu der Claſſe übelgeſinnter Menſchen, in denen die Satyre nicht etwa aus Misvergnügen an irgend einer bemerkten Unvollkommenheit, ſondern aus Schaden⸗ freude, die Bitterkeit nicht aus der Satyre, ſondern die Satyre aus der Bitterkeit entſteht. Zahn iſt zank⸗ ſüchtig und boshaft und ich erinnere mich einmal von meinem Collegen die Aeußerung gehört zu haben: Haug müſſe einen ſolchen Zahn vor ſich gehabt haben, als er ſein bekanntes Epigramm*) über die Bosheit geſchrie⸗ ben hätte. Zahn iſt unwahr und verleumderiſch und hat eine unausſtehliche politiſche Parteiſucht.“ Die erſte Vernehmung beſtätigte nur zu bald die Wahrheit dieſes Urtheils über ſeinen Charakter. Er bemerkte gleich in allem Anfange: über den vermißten Oberlieutenant von Kennau irgend eine Auskunft nicht ab⸗ geben zu können; widerſprach, an dem Tage vor dem Duell mit dem Oberlieutenant Stopfel in dem Hofe der Kaſerne zu Dreil auf⸗ und abgegangen zu ſein; erkannte das in der Wohnung des von Kennau aufgefundene mit den Buchſtaben v. Z. unterzeichnete Billet, als von ihm geſchrieben, nicht an; und blieb auch nach ſeiner Ver⸗ haftung bei allen ableugnenden Behauptungen auf das Beharrlichſte ſtehen. Namentlich leugnete er, als Juriſt wohl begreiflich, von welcher Tragweite ein diesfallſiges Geſtändnniß ſei, der Schreiber des gedachten Billets zu ſein, obgleich Schreibverſtändige auf Pflicht und Schwur verſichert haben, daß nur Er und Niemand anders ſonſt das fragliche Billet geſchrieben habe. „Wenn Ihr Alle geſteht, ich geſtehe nichts, ſelbſt *) A. Ich thät' ihm gern ein Uebel an, Um ſeines Aergers dann zu lachen! B. Er hat dir aber nichts gethan. A. Nun! Einer muß den Anfang machen! Der Kammerassessor von Zahn. 313 venn Ihr ſo ſchofel wäret, mir gegenüber auf mich zu u e bekennen.— Ich laſſe mich eher auf die Folter ſpannen, u en eche ich etwas bekenne; ich will ein Hundsfott ſein, Shig⸗ wenn ich geſtehe; ich geſtehe nichts und wenn Ihr Alle ui zegen mich zeugt!“— Dieſer Worte mochte Zahn wol iſ zun ingedenk ſein, als er mit brüsker Stimme und hoch⸗ mul v fahrendem Weſen in ſeinem am 1. Juli vorgenommenen 3 erſten Verhöre, als Inquiſit, erklärte:„daß er ſich ge⸗ en, al gen die Richter, welche ſeine jetzige Verhaftung veran⸗ tgechi aßten, ſowol als gegen das Gericht, das ſie verfügte, tiſch un Genugthuung zu verſchaffen wiſſen werde.“ Der Inquirent war durch die Geſtändniſſe Lins⸗ budd mar's und Kleefeld's zwar im voraus darauf gefaßt ge⸗ tn. 6 weſen, daß er es mit einem hartnäckigen Individuum vemißt zu thun bekomme, das ja ſelbſt erklärt hatte:„ſich eher nichte auf die Folter ſpannen zu laſſen, als etwas zu geſte⸗ em Dul ben“,— auf eine ſolche Sprache jedoch, wie ſie Zahn Kaſe ſchon in dem erſten Verhöre führte, war er ſofort nicht t di gefaßt; er beſchloß deshalb, und augenblicklich, gegen ei⸗ mit d enen„ebenſo verſchlagenen als dreiſten Angeſchuldeten“ von ih nur„mit der größten Vorſicht“ vorzuſchreiten und ließ iner W aus dieſem Grunde den Aſſeſſor unter den Worten: auf Mein Herr von Zahn, Sie ſind zu ſehr aufgeregt, as zu als daß das Verhör mit Ihnen fortgeſetzt werden sfulſs bönnte“, wieder in das Gefängniß zurückbringen. gilet Inzwiſchen, und um noch überzeugendere Beweis⸗ dSchy mittel zu erlangen, ſchritt der Inquirent zur Verneh⸗ dn mung mehrer zu dieſem Zwecke ihm dienlich geſchiene⸗ ver Perſonen und unter andern auch der Haushälterin ſ wes Aſſeſſors. Wir haben oben ſchon vernommen, daß ahn nach ſeiner Nachhauſekunft am Morgen des 22. Mai die geſchwärzte rechte Hand ſich gewaſchen und taß an dem Handtuch, deſſen er ſich bei dem Ab⸗ XXIV 14 ts, 314 Der Kammerassessor von Zahn. trocknen bedient habe, ſchwarze Farbe kleben geblie⸗ ben ſei. Dieſes Handtuch, der Wäſche noch nicht übergeben, übergab die Zeugin dem Gerichte. Dabei bemerkte ſie noch einen Umſtand, welcher das Geſtändniß des Leug⸗ nenden in auffallend überraſchender Weiſe zuletzt ver⸗ anlaſſen ſollte. Die Wirthſchafterin entſann ſich näm⸗ lich, daß ihr Herr, eine Stunde etwa nachdem er da⸗ mals nach Hauſe gekommen, ihr bemerkt habe: er ſei mit dem Baron von Linsmar ſpazieren gegangen und habe ſeinen Siegelring auf dieſem Spaziergange ver⸗ loren. Auf die Frage der Haushälterin, in welcher Gegend er denſelben verloren, habe der Aſſeſſor nur ge⸗ antwortet: das Suchen helfe ja doch nichts, da der Ring, zumal heute, einem Markttage, wo ſo viele Landleute zur Stadt kämen, zweifelsohne ſchon längſt gefunden wäre. Darauf hatte auch ſie von dem Auf⸗ finden des Ringes abgeſtanden. Der Unterſuchungsrichter, vorausſetzend, daß, wenn der Zahn'ſche Ring wirklich am Morgen des Bluttags verloren gegangen ſei, ſolches höchſt wahrſcheinlich nur auf dem Kampfplatze geſchehen, verfügte ſofort die ge⸗ nauſte Nachſuche an demſelben unter Bekanntmachung eines Lohns für den Auffinder. Demzufolge gelang ei⸗ ner armen Tagelöhnerin, auf eifrigſtes Suchen in dem Geäſte jener, den Sandplatz des Gehölzes am Weſtende begrenzenden Kiefer, einen feinledernen Handſchuh zu finden, in deſſen einem Finger:„etwas Hartes ſtak.“ Es war ein goldener Siegelring und ohne Zweifel der von dem Aſſeſſor vermißte; der Ring trug das Zahn'ſche Wappen, oben, rechts und links am Helm die Buchſtaben C. v. Z. und wurde auch von der Haus⸗ hälterin, welche dieſen Ring täglich und zuletzt am Der Kammerassessor von Zahn. 315 en gel Morgen des 22. Mai, wo ihr Herr ihn an den Fin⸗ ger ſchob, ihn aber nicht mehr heimbrachte, geſehen, als übegebn der verlorene auf das beſtimmteſte anerkannt. emerkte ſi Es lag daran, den von Zahn gleichfalls zur Aner⸗ des Lug kennung dieſes Ringes zu bringen. Zu dieſem Zwecke uletzt vn ſchritt der Richter ebenſo vorſichtig, als gewandt vor⸗ ſch in wärts; es wurde ermittelt, und wieder durch die Ver⸗ den d nehmung der Haushälterin, daß Zahn ihr am Abend benerſt des 21. Mai ein Brieſchen zur Beſtellung an den angen u Lieutenant von Kennau gegeben, welches ſie zu dieſem gunge Behufe deſſen Bedienten behändigt habe. Ferner: daß, in welh fuſt in derſelben Stunde, ſie auch im Auftrage des ot murg Aſſeſſors Acten zu dem Kammerpräſidenten tragen müſſen, , da denen gleichfalls— wir haben ſchon oben hiervon er⸗ ſo i wähnt— ein Brief ihres Herrn beigelegt worden. Auch on läng dieſen Brief verſchaffte ſich der Inquirent; das Schrei⸗ den W ben war vom 21. Mai Abends 8 Uhr datirt; das Sie⸗ gel, mit dem es verſchloſſen geweſen, trug den Abdruck e, des Wappens im Zahn'ſchen Ringe und Sachverſtän⸗ Blutt dige beſchworen die Identität beider. So gerüſtet ſchritt inich m der Unterſuchungsrichter aufs Neue daran, Zahn durch Vorhaltung aller bis jetzt gegen ihn ſprechenden That⸗ 3 ſichen und Ausſagen zu einem Geſtändniſſe zu bewegen, oder in dem eigenen Lügennetze ſo zu umſtricken, b daß Ueberführung den Beweis des Verbrechens zu lie⸗ nin frn im Stande ſein ſollte. Dieſes, am 6. Juli vorgenommene Verhör hatte ſch iwoch das gewünſchte Reſultat: das Geſtändniß des rt Inquiſiten erfolgte endlich. ſ zu Der Aſſeſſor wurde vorgeführt, ernſtlichſt zur Wahr⸗ tuh hitsangabe vermahnt und hierauf zum Nachweis auf⸗ hl g fodert, wie und wo er den 21. Mai zugebracht habe? der ér entgegnete, daß er an dieſem Tage:„eine ſehr ulibl 14* —.—— 9 316 Der Kammerassessor von Zahn. preſſante Arbeit“ vorgenommen, die ihn bis Abends be⸗ ſchäftigt und in ſeiner Wohnung den ganzen Tag über zurückgehalten habe. Auf die Frage, worin dieſe Ar⸗ beit beſtanden, entgegnete er anfangs: daß„er meine, daß er hier über ſeine Thätigkeit als Staatsdiener keine Auskunft zu geben brauche;“ bequemte ſich aber gleichwol ſeine Beſchäftigung wahrheitsgemäß anzu⸗ geben. Die weitere Frage, ob als er noch am Abende des 21. Mai die bearbeiteten Acten dem Kammerpräſi⸗ denten zugeſandt, ſolches mit oder ohne Begleitungs⸗ ſchreiben geſchehen, beantwortete er lächelnd dahin, daß er allerdings ein Brieſchen den Acten beigelegt habe, und brach hierbei ſpöttiſch in die Worte aus:„Wohin mag dies führen?“ Nachdem er den an den Kammerpräſidenten ge⸗ ſandten Brief unbedingt als von ihm geſchrieben aner⸗ kannte, legte man ihm auch das mit v. Z. unterzeic nete, in der Wohnung des Kennau vorgefundene Billet vor, um anzugeben, ob er nicht ſelbſt einräumen müſſe: daß die Schriftzüge beider Scripturen von einer und derſelben Hand herrühren? Der Angeklagte antwortete mit Ruhe:„Es gibt viele Hände, die ſich gleich ſind. Das bei Kennau gefundene Billet habe ich nicht geſchrieben; es mag es meinetwe⸗ gen geſchrieben haben, wer da will!“ und als der In⸗ quirent, wie ganz obenhin, bemerkte, daß auf dieſem Billete, um es zu einem Beweisſtücke zu machen, nichts als Adreſſe und Siegel fehle, fiel ihm ſchnell Zahn in das Wort:„Das war es eben.— Hände ſind leich⸗ ter nachzumachen, als Wappen zu ſtechen. Ich pflege Billets dieſer Art jedesmal ſo zuſammenzubrechen und mit meinem Wappen zu verſiegeln, wie das Billet an den Herrn Präſidenten!“ Der Kammerassessor von Zahn. 317 Abundsh Jetzt hatte ihn der Unterſuchungsrichter, wo er wün⸗ agit ſchen mußte ihn zu haben. Er ließ den Aſſeſſor das diſe W Siegel auf dem an den Präſidenten geſchriebenen Briefe mi nnerkennen und ihn nochmals verſichern, dieſes Schrei⸗ natdien ben wirklich geſchrieben zu haben, ging aber bereitwillig ſih a mit ihm von dieſer Richtung des Verhörs auf ei⸗ niß az nen andern Gegenſtand über, welchen Zahn ſelbſt an⸗ m Aben gegriffen hatte. Es geſchah, um nicht voreilig und zu mmetpri Unzeit den Angeklagten auf die Wichtigkeit ſeines ſo⸗ gleitung eben erhaltenen Zugeſtändniſſes aufmerkſam zu machen, dohin, di und gelangte auch auf dieſem Umwege nunmehr und elegt hob endlich zu dem erſtrebten Ziele. „Vohi Nachdem nämlich Zahn die nochmalige Verſicherung, das Billet an den Kammerpräſidenten erſt am Abend enten des 21. Mai geſchrieben zu haben, ungeduldig mit den hen an usgeſtoßenen Worten:„Nun ja, ich hab's ja ſchon terzei geſagt!“ ertheilt hatte, fragte er anſcheinend in der dene Bil größten Unbefangenheit, nach Linsmar:„A propos! Iſt wol der Baron von Linsmar noch hier? Er wollte mir men mi vor ſeiner Abreiſe nach Frankreich das ihm geliehene Geld zurückzahlen. Sollte er noch hier ſein, ſo würde gibt es mir pecuniären Nutzen bringen, wenn Sie mich mit un ihm ſprechen laſſen wollten!“ minn Der Inquirent, ebenfalls anſcheinend ganz gleich⸗ s dr gültig, bemerkte, daß, wenn Zahn denſelben Linsmar uf di meine, der in dem Gaſthauſe zum Kaiſer dahier(Dreil) logirt habe, er dem Aſſeſſor verſichern könne, daß dieſer 3ih nicht mehr dort ſeiz er habe ſich vielmehr ſchon vor ei⸗ . nigen Wochen Päſſe zu einer Reiſe in das Ausland geben laſſen. 3 Zahn vermochte über dieſe Nachricht ſeine Freude kaum zu verbergenz er affectirte jedoch Verdruß. Durch die Ent⸗ fernung des Barons aus Dreil könne er wahrſcheinlich — S 318 Der Kammerassessor von Zahn. zu Geldverluſt kommen, und auch jetzt noch konnte er nicht über ſich gewinnen, eine neue Verdächtigung über ſeinen Feind zurückzuhalten:„er habe dieſem jungen Manne(ELinsmar) immer nicht recht getraut!“ Auf die Frage des Unterſuchungsrichters, wo er am 22. Mai Morgens geweſen, verſicherte Zahn, daß er bis gegen Mittag nicht aus dem Hauſe gekommen ſei, gab ſein Ehrenwort für dieſe Angabe, nahm ſie aber gleich wieder zurück, als ihm bemerkt wurde, daß Zeu⸗ genausſagen ein Anderes behaupten und insbeſondere ſein eigener Dienſtbote desfalls das volle Gegentheil beſtimmt und eidlich ausgeſagt habe. Nun räumte der Aſſeſſor ein, am 22. Mai Morgens 4 Uhr, Linsmar im Gaſthofe zum Kaiſer aufgeſucht zu haben, um von ihm das Geld wieder zu erhalten, weil ihm, dem Zahn, „geſteckt“ worden, Linsmar wolle um 6 Uhr Morgens an demſelben Tage abreiſen. Er gab auch zu, mit dem Baron einen Spaziergang gemacht zu haben, verlegte deſſen Weg aber in eine dem Gehölze, in dem das Duell ſtatt hatte, gerade entgegengeſetzte Richtung und ſtellte auf das beharrlichſte ein Zuſammentreffen mit andern Perſonen, und namentlich mit Offizieren, am fraglichen Morgen in Abrede. Jetzt wurde ihm der aufgefundene Ring vorgelegt; er erkannte ihn für den ſeinen, erklärte aber ihn vor 6 bis 8 Wochen dem Baron von Linsmar geſchenkt zu haben. Auf die Frage, wie es dann komme, daß er mit dieſem Ringe noch am Abende des 21. Mai einen Brief an den Kammerpräſidenten verſiegeln können? verſtummte er. Endlich wagte er es, auf Linsmar ſich zu berufen, der ihm, wenn er hier wäre, beſtäti⸗ gen müſſe, daß er ihm den Ring geſchenkt;„er(Zahn) habe mehre Siegel zu Hauſe und mit einem dieſer Der Kammerassessor von Zahn. 319 konute Siegel ſei der Brief an den Präſidenten verſiegelt gung üt worden.“ m junge Da wurde ihm der verhaftete Lieutenant Kleefeld 5 vorgeſtellt; es wurde ihm Baron Linsmar entgegenge⸗ wo et an ſtellt. Beſchämt und zerknirſcht vor ſich hinſtarrend, deß mußte ſich Zahn der Lüge bezeichnen, der Lüge des ent⸗ mmen ſt liehenen Geldes, wie des geſchenkten Ringes; und nun ſi b hielt ihm der Inquirent nochmals alle gegen ihn ge⸗ daß Za ſammelten Verdachtsgründe vor, hielt ihm vor, daß öbeſonde Stopfel, Kleefeld und Linsmar geſtanden, hielt ihm vor, Fegenthe was er im Oller'ſchen Hauſe geſprochen, was er ge⸗ imte d ſchrieben, welche Bewandtniß es mit dem ihm hierbei nömati vorgelegten, noch von Pulverfarbe geſchwärzten Hand⸗ von ih tuche, welche mit den ihm gleichfalls vorgelegten Piſto⸗ nZahl len Kennau's und Linsmar's habe, eröffnete ihm, wie und wo der Ring gefunden, und ſchloß ſeine ernſtliche Morgen. nit de Auffoderung, nicht länger zu leugnen, die Wahrheit vrrln zuzugeben und ſich nicht unglücklicher zu machen, als tns du er es ſchon ſei, mit den Worten:„Herr Aſſeſſor! Alles iſt Ihnen bekannt, aber auch dem Gerichte! Täuſchen ud ſtel 3„ 5. e. — Sie ſich alſo nicht länger über die Lage, in der Sie ſich befinden!“ ftuhn Und als Zahn, den Blick nicht von dem Fußboden 6 des Verhörzimmers aufrichtend und mit der Hand fort⸗ während an einem Schnupftuche zupfend, das er in der n. Linken hielt, ausſtieß:„Ich bin verwirrt!—— Scho⸗ hen nen Sie mich in dieſem ſchrecklichen Zuſtande!—— Laſſen Sie mir Zeit, bis der Kampf in meinem Innern ſei geſchlichtet iſt!“— und als der Unterſuchungsrichter lim nicht nachließ, in ihn zu dringen, und ihn befrug Lin„Welch' ein Kampf! ſagen Sie, Herr von Zahn, welch „be ein Kampf!“—— da begann der Elende zu weinen 16 und zu ſchluchzen; er bedeckte das Geſicht mit ſeinem 320 Der Kammerassessor von Zahn. Schnupftuche und die Worte:„Ach Gott, ach Gott!“ waren die einzigen, welche er auf alle weiteren Fragen des Inquirenten jammernd vorbrachte. In edler Schonung des endlich zum Durchbruch gekommenen Sieges des Gefühls, wie aber auch in klu⸗ ger Benutzung des Augenblicks, bot der Unterſuchungs⸗ richter dem Aſſeſſor Feder, Dinte und Papier. Zahn nahm das Gebotene, drückte dem Commiſſär heftig die Hand und ſagte unter Thränen:„Ich danke Ihnen, daß Sie mich vorhin einer Beſchämung überhoben haben und einer zweiten mich jetzt überheben; mein Ehrenwort! ich ſchreibe Wahrheit; ich kann noch Alles wieder beibringen; ich will nichts bemänteln, nichts, gar nichts!“— In das Gefängniß zurückgebracht, hielt er Wort; ſchon am zweiten Tage nach ſeinem Verhöre ließ er durch den Inſpector des Arreſthauſes nach⸗ folgendes Schreiben, an den Inquirenten gerichtet, übergeben. Wir können nur Bruchſtücke gebenz ſeine charakteriſtiſche Faſſung iſt wichtiger als der Inhalt: „Ich fühle nur zu tief, daß Sie eine Menge von Gründen haben, mich zu verachten, und dieſes Gefühl iſt mir in meiner jetzigen Lage das peinigendſte. Fand ich noch geſtern, ehe Sie mich zerknirſchten, darin einen ſchändlichen Triumph, daß ich der Letzte ſein würde, wel⸗ cher Geſtändniſſe ablege; ſo empfinde ich jetzt die tiefſte Reue darüber, daß ich nicht der Erſte geweſen bin, der die Wahrheit ſagte! Aber wenn Sie ermeſſen, welches Loos das Geſetz mir beſtimmt, dann werden Sie mir gewiß weniger zürnen; Sie werden Mitleiden mit mir haben, wenn ich Ihnen ſage, daß ſchon viele Nächte hindurch der Schlaf, der mir ſonſt Ruhe und Erholung gewährte, die Zeit der ausſchweifendſten Schreckniſſe und Erſchütterungen war, wo die zurückgehaltenen Gefühle det K we de Der Kammerassessor von Zahn. 321 Gott!“ der Natur und die unterdrückten Erinnerungen ſich los⸗ Fragen wanden und die Seele durchſtürmten! Ich bin ja Kennau's Mörderz Linsmar war nur das Mord⸗ chbruch werkzeug, womit der Sterbende ſelbſt den Verzweifeln⸗ in kl⸗ den tröſtete. Ich liebte Marie von Oller!— Sie wird chungi⸗ mir fluchen, daß ich den Bräutigam ihr raubte! Ich Zahn ſchwor den Untergang ihm und Linsmar, der bei Ollers ftig die ebenfalls lieber geſehen ward als ich; ich habe beide Ihnen, entzweit, das Duell durch Intrigue zu Stande gebracht! erhoben Möchte— ſo dachte ich— fallen, welcher wollte; der mein Andere müſſe fliehen und(o, ich Thor!) Marie dann Ales die Meine werden. Hier haben Sie mit kurzen Worten nicht, die ſchändliche, ſtrafwürdige That, bei deren Be⸗ t hielt wußtſein, ſelbſt wenn mein letzter Zweck erreicht worden Berhör wäre, für mich nimmer ein reiner Genuß des nac⸗ Guten möglich geweſen ſein würdel Ueberheben ichtt Sie mich der Erzählung aller Intriguen, durch welche ich Kennau's Tod herbeiführte. Es wird dem erken⸗ nenden Richter genügen, wenn ich Ihnen frei und un⸗ nz ſeine nhalt: nge von umwunden geſtehe, daß ich die wohlg emeinte Aeußerung Grfihl Kennau's über Linsmar dieſen entſtellt zutrug, daß n Fen ich es dahin brachte, daß Linsmar Kennau auf Piſtolen * fodern ließ; daß ich Linsmar's Vertrauen, das er mir 5— dadurch bewies, daß ich den Sühneſtifter machen ſollte, iſi misbrauchte; daß ich mich ſelbſt zu Kennau's Secun⸗ — danten erbot, um gewiß zu ſein, daß das Duell lie nicht rückgängig werde; daß ich das Billet, das — Sie mir vorzeigten, allerdings an Kennau geſchrieben, —. den Baron von Linsmar am 22. Mai früh zum Duell abgeholt und Kennau dabei wirklich ſecundirt habe. Ich Ni will eingeſtehen, daß Kleefeld Linsmar's Secundant war; hel daß ich— um dem Duelle einen blutigen Aus⸗ tiſeiu gang zu geben, die Menſur nur auf fünf Schritte be⸗ Gefu 14** ——— 13 „ ² 1 1 3 11 3 3 3 ½ —— —— 322 Der Hiammerassessor von Zahn. ſtimmt wiſſen wollte, daß aber Kleefeld dies nicht zu⸗ gab, und daß ich, vor dem zweiten Schuſſe, den Baron Linsmar auffoderte, beſſer zu ſchießen und, um ſicherer zu treffen, mitten auf den Mann zu halten!—— Pfui! ich ſehe in Kennau's Secundan⸗ ten einen niederträchtigen Schurken— ſo höre ich Sie ſagen, und ſo iſt es auch! Ich will geſtehen, daß ich keinen Arzt zum Duell beſtellt habe, obgleich ich Kennau und Linsmar dies glauben machte; ich war zu ſehr von der Idee durchdrungen, daß Einer auf dem Platze bleiben müſſe!— Ich will geſtehen, daß ich nach Kennau's Fall den Anſchlag gab, den Getödteten in den Verdacht des Selbſtmörders zu bringen, und daß wir unſererſeits Alles gethan haben, was wir zur Er⸗ reichung dieſer Abſicht für gut hielten. Dies— ſo glaubte ich— gereiche zu unſerer Sicherheit und ent⸗ ſpreche meinem abſcheulichen Plane. Marie von Oller hätte gewiß den Selbſtmörder eher vergeſſen, als den im Zweikampf Gefallenen!— Ich will geſtehen, daß ich meinen Handſchuh nebſt dem Siegel⸗ ring, um ihn bei unſerm Lügenwerk nicht zu beſchmutzen, irgend wohin gelegt, vergeſſen und nicht den Muth ge⸗ habt habe, ihn zu ſuchen. Ich will endlich geſtehen, daß ich zur Erreichung meiner Abſicht den Baron Lins⸗ mar zur Flucht nach Italien zu beſtimmen geſucht habe! Hier haben Sie das Scheußliche meines Innern. Ich hätte manches bemänteln können, aber nein! Ich gab Ihnen mein Wort, Wahrheit zu ſagen, und dieſes Wort habe ich gelöſt, wie mein Gewiſſen mir ſagt, das bei dieſem Geſtändniß großer Verſchuldung ſich erleichtert fühlt. Dreil, im Arreſthauſe, am 7. Juli 1830. Karl von Zahn.“ Der Bammerassessor von Zahn. 323 icht zu⸗ Am 8. Juli kam dieſes Schreiben zu den Unter⸗ Beron ſuchungsacten; am 9. deſſ. Mts. bekannte ſich Zahn zu d, um ſeinem Inhalte, geſtand von nun ab Alles und auf das nn zu reumüthigſte und kam, mit Ausnahme einiger unwe⸗ undan⸗ ſentlichen Nebenpunkte, in ſeinen wiederholt abgelegten ich Sie Bekenntniſſen vollkommen mit denen ſeiner Mitſchuldi⸗ daß ich gen überein. Kennau Er blieb auch bei ſeiner Angabe durchgehends ſtehen, ſehr ſuchte jede Erſchwerung der Führung der Unterſuchung, fdem ſo viel an ihm, zu heben und ſo konnten die geſchloſſe⸗ daß ich nen Acten noch im Monate Juli 1830 dem erkennen⸗ ödteten den Obergerichte vorgelegt werden. nd daß bi ur Et⸗ Durch Erkenntniß des Criminalobergerichts der Pro⸗ — ſo — vinz, zur Eröffnung an die Inguiſiten durch höchſtes Oller Reſcript vom 19. Auguſt 1830 befohlen, wurde:„der ſſen, bisherige Kammeraſſeſſor, nunmehrige Inquiſit Karl ch wil von ZJahn, geſtändig und überführt, daß er böslicher giegu⸗ Weiſe und zur Erreichung eigennütziger Zwecke das am mutzen, 22. Mai d. J. zwiſchen dem Baron von Linsmar und uch g. dem Oberlieutenant von Kennau ſtattgehabte Duell ſih, auf Piſtolen veranlaßt, die Verſöhnung der Genannten Lin⸗ verhinderte, dem Oberlieutenant von Kennau ſecundirte zabe! und— als Kennau's Secundant dem Baron von Lins⸗ 36 mar argliſtiger Weiſe zum Zorne reizte, dem ſo Gereiz⸗ 6 z ten dann die Stelle bezeichnete, wohin er den Gegner Pun treffen ſollte u. ſ. w., auf den Grund des Duell⸗ - ti mandats vom 2. Januar 1708(11) zur Todes⸗ — ſtrafe verurtheilt; gleiche Strafe ſprach das Geſetz über ihn den Lieutenant Kleefeld aus und ſollten Beider Körper auf den Richtplatz beerdigt werden; Baron von Lins⸗ mar wurde zu zehnjährigem Feſtungskerker, Oberlieute⸗ 324 Der Kammerassessor von Zahn. nant Anton Stopfel zu ſechswöchentlichem Arreſte, um deswillen verurtheilt,„weil er von dem am 22. Mai ſtattgehabten Duelle Kenntniß hatte und es durch An⸗ zeige bei der Obrigkeit nicht zu verhindern ſuchte“, Hauptmann Amberg aber von den Unterſuchungskoſten frei entbunden. Dieſes Urtheil kam jedoch nicht zum Vollzuge; es wurde durch landesherrliches Reſcript die dem Aſſeſſor von Zahn zuerkannte Todesſtrafe in zwanzigjährigen Feſtungskerker, die über den Lieutenant Kleefeld ver⸗ hängte gleiche Strafe in dreijährigen Feſtungskerker und die über den Baron von Linsmar ausgeſprochene zehn⸗ jährige Feſtungsſtrafe auf acht Jahre in der Dauer ge⸗ mildert, dem Oberlieutenant Stopfel aber jede Strafe nachgelaſſen und verfügt, daß er in ſeine Functionen als Offizier ſofort wieder zu treten habe. Uebrigens fand gleichwol, wie nicht zu umgehen war, die Eröffnung des criminalgerichtlichen Erkennt⸗ niſſes an die Angeſchuldeten ſtatt, wobei Zahn erklärte: „daß er den Tod verdient habe und in Folge ſeiner diesfallſigen Ueberzeugung nicht einmal ſich bittend an die höchſte Stelle wenden werde; Linsmar aber, ſo we⸗ nig als Kleefeld, deſſen Urtheil mit Blut geſchrieben ſei, verdiene ſeine Strafe nicht und gern würde er auf ſich es nehmen, für Linsmar's That ſelbſt zu büßen, wenn es geſetzlich zuläſſig wäre und die ihm zuerkannte Todesſtrafe eine größere Buße verſtatte.“ Die der Publication des Erkenntniſſes auf dem Fuß folgende Bekanntmachung des Begnadigungsreſcripts an die Verurtheilten erfreute Zahn ungemein; nicht wegen ſeiner, wol aber Linsmar's und Kleefeld's wegen;„ihm ſelbſt biete das Leben doch nichts mehr;— er hätte den Tod vorgezogen.“ ie, um Mai h An⸗ uchte“, skoſten gei e lſſeſſor hrigen d ver⸗ er und eht⸗ uer ge⸗ Strafe tionen gehen kennt⸗ klärte: ſeiner nd an ſo we⸗ rieben er auf üßen, annte pt an wegel „ihn te den Der Kammerassessor von Zahn. 325 Am 3. September 1830 wurden die Drei zur Ver⸗ büßung ihrer Strafe auf die Feſtung gebracht; Linsmar und Kleefeld nahmen das innigſte Bedauern Aller, welche von ihrem traurigen Schickſale Kenntniß hatten, in ihre Gefangenſchaft. Marie von Oller war— noch ehe der Todestag ihres Verlobten wiederkehrte— begraben. Gram und Kummer um den Verlorenen tödteten ſie; ſie ſtarb am 2. April 1831, nachdem ſie ſchon ſeit dem Monate Juli 1830 das Krankenlager nicht mehr verlaſſen hatte. Ihr Vater, Erbe der Tochter, überließ die derſelben von dem Gefallenen gemachte Schenkung an die einzige Schweſter deſſelben. Ratharine Estines. 1785— 1787. Die Criminaljuſtiz keines Landes hat ſo viel Zuſtt⸗ morde aufzuweiſen, als diejenige, welche den traurigen Ruhm hat, den eines Jean Calas in ihren Regeſten zu führen. Die Schuld an dieſen Opfertoden liegt nicht immer in der Voreingenommenheit, oder gar böſem Willen, als darin, daß der Gerechtigkeitsſinn im For⸗ malismus erſtickt ſcheint. Es iſt auch weniger der Leichtſinn, die mangelnde Bildung der Richter, als ihr Conflict unter ſich und mit den Advocaten, was ſie verblendet und betäubt gegen das Recht beſonders derienigen Angeſchuldigten, denen ein Sachwalt fehlt, welcher in der rechten Münze wieder zahlt. Das roman⸗ hafte Intereſſe, welches vorzugsweiſe ſo viele Fälle aus dem alten Pitaval haben, beruht zum großen Theil in dieſen Verhältniſſen; in der Kriegführung der Ein⸗ zelgerichte unter ſich, mit ihren Unterrichtern, den Par⸗ lamenten über ihnen und den verſchiedenen Parlamen⸗ ten unter einander. Ueber dieſen Parteienkampf der Berechtigten über ihr Recht zum Richter und ihre eiferſüchtige Wachſamkeit, daß kein anderer in ihr Pri⸗ vilegium greife, jeder, wo möglich, ſeines noch zum Nachtheil des andern vergrößernd, gingen Recht und Katharine Estints. 327 Gerechtigkeit nur zu oft unter, und die Fälle, wo der Geiſt eines klaren und gerechten Richters durch dieſe Hecheleien und verfahrenen Straßen den Kern der Sache und den richtigen Weg erkannt, müſſen ſo ſelten geweſen ſein, daß man ſie uns als beſonders merk⸗ würdige Ereigniſſe aufbewahrt hat. Auch nach der Zeit des alten Pitaval finden wir in allen Sammlun⸗ gen über die Werkthätigkeit der alten Juſtiz merkwür⸗ dige Beiſpiele, und wir möchten danach behaupten, daß in keinem Lande die neuere Gerichtsverfaſſung, beſonders die Oeffentlichkeit auf den vermoderten frü⸗ hern Zuſtand der Juſtiz ſo vortheilhaft eingewirkt hat, niſ als in Frankreich, obſchon in der erſten Zeit der Ein⸗ zu führung der Geſchworenengerichte auch da, wie ſich nicht nicht anders aus ſolchen Vorſchulen erwarten ließ, ge⸗ gen das Recht und zugleich die Vernunft ſchreiende . Sünden begangen ſind. Die Oeffentlichkeit hat auch der da im Verfolg der Zeit Vieles ausgeglichen und Ue⸗ als bel unmöglich gemacht, welche der beſte Wille, ſo lange — keine öffentliche Controle da war, nicht zu heilen im ndeti Stande geweſen wäre. — Solche Proceſſe, die im heutigen Frankreich nicht hl mehr vorkommen könnten, ſind dieſer und der nächſt⸗ — folgende. Die Juſtizmorde endeten nicht immer mit — der Schlinge; man hat uns auch die aufbewahrt, wo öhei eine Hand von außerhalb den Strick noch im letzten 6 Augenblicke durchſchneidet. Pur In einer kleinen Ortſchaft, Cazaux, an der Grenze min von Spanien, lebte eine Familie, von der drei Mit⸗ . glieder, der Vater, ſeine Tochter erſter Ehe und die ihr 1 Stiefmutter, die Perſonen ſind, welche in dem erſten Fr Theil der ſehr einfachen Geſchichte handelnd auftreten. zm Außerdem erſcheint in zweiter Linie der Pfarrer des Orts. und 328 Katharine Estines. Die Familie gehörte nicht nur zu den wohlhabendſten, ſondern war die wohlhabendſte im Dorfe, daher begreiflich, daß die Augen der andern auf ihr Thun und Treiben gerichtet waren. Barthelemi Eſtinés, der Vater, war Schläch⸗ ter und hielt einen ſehr beſuchten Kaufladen. Sonſt ſcheint nichts beſonders Lobenswerthes von ihm zu be⸗ richten. Er war dem Trunk ergeben. Von ſeiner erſten Frau hatte er fünf Kinder, von denen zwei Söhne ſich in Spanien niedergelaſſen hat⸗ ten. Die älteſte Tochter war verheirathet. Im Hauſe waren nur ein ſtummer Knabe und deſſen Schweſter Katharine. Schon ſechs Monate nach dem Tode ſeiner erſten Frau hatte der alte Eſtinés es für angemeſſen gehalten, ſich wieder zu verheirathen. Es geſchah, weil ſein Ge⸗ ſchäft und ſein Laden die Unterſtützung einer Ehefrau erfoderte. Seine zweite Frau hieß Dominiquette Tontan. Katharine war bis zur zweiten Verheirathung ihres Vaters deſſen beſonderer Liebling geweſen, dann trat alles Das ein, was wir aus tauſend Geſchichten von dem Einfluß böſer Stiefmütter gehört haben. Glück und Friede wichen aus dem Hauſe. Dominiquette war — wie die ſpätern Ermittelungen ſie darſtellen, wäh⸗ rend ſie nach den frühern vielleicht eine einnehmende, ſanfte Maske trug— eine Intriguantin der ſchlimmſten Art, ein abſolut böſes Weib, welches die alleinige Herrſchaft im Hauſe führen wollte. Sie verſäumte nichts, was das gute Verhältniß zwiſchen Vater und Tochter ſtören konnte; Katharine ward verleumdet und der Alte behandelte ſie ſchlecht. Katharine ſah ein, was die Mutter wollte. Klug 65 udſten, reiflich, Freiben Sonſt zu be⸗ r, von nhat⸗ Hauſe hweſter erſten alten, n Ge⸗ hefrau vette ihres ntrat n von Glüc te war wih⸗ nende, mſten leinige iumte und t und Kluh Katharine Estines. 329 genug, wich ſie ihr aus, indem ſie, die doch an ein verhältnißmäßiges Wohlleben im älterlichen Hauſe ge⸗ wöhnt war, in andern Häuſern Arbeit ſuchte. So vermied ſie des Tages über in der Regel Vater und Mutter zu begegnen, indem ſie auch ſelten zu Tiſche kam. Der Stiefmutter genügte das nicht, das Mädchen konnte doch einmal die vorige Herrſchaft über den Vater wiedergewinnen, und dem mußte vorgebeugt werden. Ihr Plan ging dahin, Katharine das Leben im Orte ſo zu verbittern, daß ſie ſich entſchlöſſe, ihn freiwillig zu verlaſſen, und zu einem ihrer Brüder nach Spanien zu ziehen. Im Orte war ein abſcheulicher Pfarrer. Nachdem er wegen ſeines unzüchtigen Lebenswandels eine frühere Pfarre verlaſſen müſſen, war ihm die in Cazaux als Pönitenzſtelle angewieſen. Er hatte aber die alten Ge⸗ wohnheiten und Gelüſte mitgebracht. Sein Auge fand an Katharinen einen Wohlgefallen, und er fand voll⸗ kommen Gelegenheit ihre Tugend zu verſuchen, da der Vater ſie faſt täglich in das Pfarrhaus ſchickte, um dem Curt das Fleiſch und die Lebensmittel zu bringen, welche dieſer bei ihm entnahm. Eines Tages ging er aus leichten Galanterien zu ſo ſtarken Zumuthungen über, daß Katharine fortſtürzte und laut erklärte, nun und nimmer wieder die Schwelle ſeines Hauſes betreten zu wollen. Im älterlichen Hauſe nahm man die Sache viel leichter. Dominigquette wenigſtens ſchalt ihre Stief⸗ tochter eine Närrin, die über einen Spaß, den ein ver⸗ nünftiges Mädchen für Das nehmen müſſen, was er war, an die große Glocke geſchlagen hätte. Der Vater muß die Sache ähnlich betrachtet haben; wenn er ſeine Tochter auch nicht zwang wieder hinzugehen, ließ er 330 Katharine Estines. doch ſeine Frau nunmehr das Fleiſch und die andern Waaren täglich dem Pfarrer zutragen. Dominiquette blieb auf dieſen Gängen immer ſehr lange, weit länger, als der Ehemann berechnet hatte; es gab darüber manchen Streit unter Mann und Frau“ Was bei dieſen langen Beſuchen ſich ereignet, ob Dominiquette nur den ſüßen Reden des Curs aus Eitel⸗ keit zugehört, oder ihn erhört, iſt auch bei der Reviſion des Proceſſes nicht ermittelt worden, noch kommt es darauf an. Katharine aber, die gehörige Kenntniß hatte, wie es im Hauſe des Pfarrers beſtellt war, hatte ihren Verdacht und ſprach ihn gegen dritte Perſonen, wol auch gegen den Vater ſelbſt, aus. Gegen eine Stief⸗ mutter, die ihr keine Schonung angedeihen ließ, fühlte ſie ſich nicht aufgelegt, Schonung zu üben. Es verbitterte ſich das Verhältniß unter beiden Frauen immer mehr, und die Stiefmutter verſtand es bald, ihren Mann, wenn nicht über den angeregten Verdacht zu beruhigen, doch ihn in Unruhe zu ſetzen über den Charakter einer un⸗ gehorſamen und undankbaren Tochter, die ſich nicht ſcheue, durch ihre gottloſe Zunge den Hausfrieden zu ſtören und den eigenen Vater, um ihrem böſen Herzen zu fröhnen, wo er am empfindlichſten, zu verwunden. Am 25. Juli 1784, dem Namenstage des Orts⸗ heiligen, war bei Eſtinés ein kleines Feſtgelag. Man aß ein Gericht, welches Katharine, die ſelten mehr im Hauſe des Vaters die Geſchäfte der Küche beſorgte, ausnahmsweiſe zubereitet hatte. Nach einigen Minuten ſchon fand Dominiquettes Mutter, infolge des Genuſſes ſich unwohl und mußte ſich zu Bett legen. Die Stief⸗ mutter ſagte laut, und in Gegenwart Aller: das komme Katharine Estints. 331 e ander von Katharinen, ſie habe etwas in den Keſſel gethan! Es gab einen Aufruhr, Dominiquette ſprach ſogar von mer ſeht Arſenik, der Vater fuhr auf und bedrohte ſeine t hatte Tochter. n und Der Auftritt, der von allen Seiten mit ſüdfranzö⸗ ſiſcher Heftigkeit geführt ward, blieb indeß ohne Fol⸗ et, ob gen, denn kein Anderer, der von dem Gerichte gegeſſen, 1 Eitel⸗ empfand ein Unbehagen, und die Vergiftete ſelbſt war Reviſon bald darauf wieder geneſen, ohne Nachwirkungen zu mnt ſpüren. Katharinens Ruf hatte aber infolge des Auftritts tte, wi gelitten; ſie mußte durch ihre Heftigkeit angeſtoßen oder te ihren durch ihre Mienen Verdacht erregt haben. Man glaubte n, wol von jetzt ab, was Dominiquette den Nachbarn über ſie Stief⸗ zuflüſterte: ſie ſei die unverſchämteſte Dirne und Toch⸗ ſihlt ter, in ihren Reden und Blicken die wahre Geißel ihres ittert armen alten Vaters, ja in ihrer Wuth gegen ihn ehr, und habe ſie ſich ſo weit vergeſſen, ihm mit dem Tode zu wen drohen! 4 do Katharine ſchwieg dazu, aus dem Gefühl gekränk⸗ — un ter Unſchuld, meinten die Einen; aus Tücke, ſagten die Andern. iſe Barthelemi Eſtines reiſte Ausgangs Januar 1785 * ſi in Handelsgeſchäften nach dem Oertchen Montrejan. nen z Hier erkrankte er, von fürchterlichen Unterleibsſchmerzen ergriffen. Er ſchrie und erklärte, es brenne ihm in den Eingeweiden wie lebendiges Feuer. Schon beſorgte Pu man, daß er in der Fremde, wo man von der Urſache n nih ſeiner Krankheit nicht unterrichtet und kein geſchickter beſugt Arzt war, ſeinen Schmerzen erliegen werde; indeſſen Mim gelang es, ihn nach Cazaux zurückzuſchaffen, doch nur, huſt um ſich hier auf ſein Sterbebett zu legen. e Stic⸗ Der Alte gab am 21. Januar 1785 ſeinen Geiſt z komm 332 auf, Abends 10 Uhr, nachdem er fünf bis ſechs Tage gelitten. Dominiquette, ſeine Frau, hatte ihn während die⸗ ſer Zeit allein gepflegt, indem ſie namentlich die Toch⸗ ter Katharine vom Krankenlager entfernt gehalten. Katharine hatte alle dieſe Tage, von Morgens bis Abends, außer dem Hauſe auf Arbeit, durch welche ſie ihren Lebensunterhalt ſich erwarb, zugebracht. Nur verſtohlen war es ihr zuweilen gelungen, ſich an das Bett des Vaters zu ſchleichen. Am Todestage war ſie erſt um 8 Uhr, alſo zwei Stunden vor dem wirk⸗ lich erfolgten Tode in das Krankenzimmer gekommen. Nichts deſto weniger, und obgleich der alte Eſtines ſchon mehre Tage vorher aufgegeben war, erklärte ſeine Witwe laut und unverhohlen gegen Jeden, daß er keines natürlichen Todes geſtorben, Katharine habe die letzte Fleiſchbrühe, die er zu ſich genommen, ver⸗ giftet. Ja, man erfuhr, daß ſchon während der letzten Stunden des Alten ſeine Frau gegen ihn den Verdacht auf ſeine Tochter ausgeſprochen. Er hatte dem aber keinen Raum gegeben, oder war zu ſtumpfſinnig, um darauf zu achten. Er hatte wenigſtens kein Wort des Vor⸗ wurfs von den Lippen gelaſſen, auch keine Klage er⸗ hoben. Dominiquette hatte am letzten Tage, in ihrer Angſt wie ſie behauptete, einen Barbier aus dem nächſten Ort rufen laſſen. Sie hatte der Auffoderung, zu kommen, die Bitte hinzugefügt, ein Gegengift mitzu⸗ bringen. Als er ankam, hatte ſie ſeinen Kopf mit ent⸗ ſetzlichen Geſchichten, welche die Angſt ihr ausgepreßt, verwirrt. Sie hatte das Gift, das ihrem Manne bei⸗ gebracht war, in der Marmite gefunden. Katharine Estints. age end die⸗ ie Toch⸗ ehalten. ens bis welche t. Nur an des e wat m virk⸗ ommen. Eſtiné erklärte n, daß ne habe n, ver⸗ Stunden uf ſein keinen daruuf oge e r Angſt nichſten ung, il mitz nit ei gehteſt bel“ nne b —* Ratharine Estints. 333 Der Barbier hatte, ſeinerſeits auch in Angſt geſetzt, nichts genau oder vielleicht gar nicht unterſucht, ſondern nur geeilt, von ſeinem mitgebrachten Theriak in Milch zu miſchen, die er den Sterbenden einſchlürfen ließ. Wenige Augenblicke darauf war Barthelemi Eſtines geſtorben. Es war nicht ein Gerücht, es war eine offene An⸗ klage, die durch das Dorf lief, die Witwe ſprach es gegen Jeden aus und der Barbier beſtätigte es: Bar⸗ thelemi Eſtinis war an Gift geſtorben, ſeine Tochter hatte es ihm beigebracht, Katharine war eine Vater⸗ mörderin. Der Ortsvorſtand durfte gegen das Geſchrei nicht taub ſein. Er machte eine pflichtſchuldige Anzeige von dem, der allgemeinen Annahme nach, durch Gift er⸗ folgten Tode des Kaufmanns Eſtinées. Auf dieſe De⸗ nunciation verfügten ſich, ſchon am zweitfolgenden Tage nach dem Todesfall, der Greffier des Gerichts von Rivière, Portés, und die beiden Subſtituten des Generalprocurators, Laguens, Sohn und Vater, nach Cazaux und in das Sterbehaus, wo ſie die noch nicht beerdigte Leiche vorfanden und zur gerichtlichen Eröff⸗ nung derſelben vorſchritten. Die Section ward mit großer Eile von jenem erſt⸗ genannten Barbier und einem ſeiner Gehülfen vorge⸗ nommen. Die Juriſten Laguens, die Subſtituten des Generalprocurators, waren weder bei dem Act, noch bei der Aufnahme des Protokolls zugegen, indem ſie während deſſen das Haus von oben bis unten durch⸗ ſuchten, um auf alle Gegenſtände, die ihnen von Wichtigkeit ſchienen, Beſchlag zu legen. Sie über⸗ ließen die Beſichtigung des Leichnams, die Leitung der Section und die Aufnahme des Protokolls lediglich ———— 334 Katharine Estints. dem Greffier Portés, ohne auch nur über die letzten Momente, die Krankheitsgeſchichte des Verſtorbenen und die anderen Verdachtsgründe Erkundigungen ein⸗ zuziehen. Portes, wird uns geſagt, ſaß gemächlich im Garten, wo er das Protokoll, je nach den Berichten, nieder⸗ ſchrieb, welche ihm abwechſelnd die beiden Wundärzte herausbrachten. Da dieſe mit dem Ausdruck ihrer Ein⸗ ſicht und mit dieſer letztern ſelbſt nicht recht im Klaren, und zufrieden waren, wenn ein Anderer ihnen die Mühe abnahm, für ſie zu denken, ſchließen und es auszuſprechen, war es eigentlich ſeine Meinung und Anſicht, in Jener Worte gekleidet, die er im Protokoll aufſchrieb. Etwas, das übrigens auch außerhalb Frank⸗ reich in Protokollen und Unterſuchungen vorkommt, und noch häufiger vorgekommen iſt. Wie wären viele Be⸗ kenntniſſe, man braucht nicht immer an die Hexenpro⸗ ceſſe zu denken, ſonſt erklärlich, möglich! Nur das öffentliche, mündliche Verfahren konnte die Criminal⸗ juſtiz und die in ihre Hände geriethen, vor dieſem Uebelſtande retten. Portés vernahm auch zwei Zeu⸗ gen, Michel Verdot und Landrade, die ihr Wiſſen ausſagten, daß Barthelemi Eſtinis von ſeiner Tochter vergiftet worden. Es war allerdings ihr Wiſſen in dem Augenblick, ſie vergaßen aber anzugeben, daß ſie es durch die Verſicherungen der Witwe Eſtinés erſt ge⸗ wonnen hatten, oder wenn ſie in ihrer Meinung da⸗ nach ihre Ausſage gemacht hatten, ſo ſchrieb der Gref⸗ fier doch nur das nieder, was nach ſeiner Meinung nöthig und richtig war. Das Protokoll, und was darin aufgenommen war, erſchien dem Richter von Rivière, Barre mit Namen, ſo vollſtändig ausreichend, daß er auf Grund deſſelben am Eſt de Katharine Estints. 335 ie letten am 28. Januar 1785 die Verhaftnahme der Katharine ſtorbenen Eſtines verfügte. ngen ein⸗ Katharine, welcher nichts von dem, was über ſie geredet, was gegen ſie verhandelt ward, verborgen ge⸗ Gartn, blieben, hätte leicht die Flucht ergreifen und zu ihren nicder Geſchwiſtern, nach Spanien hinüber, entfliehen können. zudirt Aber ſie blieb, im Vertrauen, dem Sturme trotzen zu ur bin können. Sie ſtand gerade auf der Schwelle ihres nRlurn, Hauſes, als die Reiter der Marechauſſte ankamen. ihnen de Ruhig trat ſie ihnen entgegen und ſagte:„Ich weiß nund e ſchon, ihr ſucht mich. Hier bin ich!“ ung d So ließ ſie ſich in das Gefängniß von Saint gutrbl Gaudens bringen. 6zun Die Acten ruhten vom 28. Januar, dem Tage ni ihrer Verhaftung, bis zum 10. März. Der Richter ge von Rivikre hatte die Hände in den Schoos gelegt; „ dennoch war inzwiſchen Vieles geſchehen. 3 Der Subſtitut Laguens, der Vater, hatte ſich nach — Cazaux begeben und daſelbſt auf eigene Machtvoll⸗ e fommenheit die von ihm vorhin angelegten Riegel . ohne Förmlichkeiten abgenommen und die Sachen ver⸗ wel Zul fauft. Wenn auch ſelbſt Katharine als Vatermörderin hr Viſn ihr Alles verwirkt hätte, hatte ſie doch Brüder und r zohl Schweſtern, die mit ihr zu gleichen Theilen Rechte an Biſ der väterlichen Erbſchaft hatten. Es ſchien aber Alles dſ ſchon im voraus abgemacht, daß ſie ſchuldig, verur⸗ eſt eilt und aus der Welt geſchickt ſein müſſe. Die ung d handelnden Perſonen waren darüber einig, und es der Gri fragte ſich nur nach formellen Beweismitteln, um Mein tarauf das Urtheil ſprechen zu können. In jener zwiſchenzeit waren denn auch gegen zwanzig Zeugen men wo gefunden oder gewonnen, welche alles das erhär⸗ 1 teten, was im erſten Protokoll aufgenommen war diſlb — 336 Katharine Estines. und worauf die förmliche Anklage begründet werden ſollte. Am 10. März begann die Verhandlung gegen die gefangene Katharine; ſchon am ſelben Tage wurde die Beweisaufnahme vollendet, und das Urtheil, in tiefſter Stille gefällt und am 25. Mai publicirt, lautete da⸗ hin: daß Katharine Eſtines des Vatermords überführt und ſchuldig, nachdem ihr die Hand abgehauen, leben⸗ dig verbrannt werden ſolle. Ihre Aſche wäre in die Winde zu ſtreuen. Ein Schrei des Entſetzens erhob ſich gegen die Richter, welche ein ſo grauſames Urtheil fällen können. Die Strömung in der Meinung hatte ſich umgewandt, oder vielmehr, wie es in ſolchen Dingen zu gehen pflegt, es gab zwei Strömungen. So lange die eine die mächtigere iſt, reißt ſie die widerſtrebenden und gleichgültigen Fluten an ſich; wenn ſie auf ein Hinder⸗ niß ſtößt, was ihr zu ſtark iſt, und die andere Ober⸗ waſſer bekommt, reißt hinwiederum dieſe alle jene mit ſich, und die erſte muß in der Stille ſich einen Aus⸗ weg ſuchen. Viele, die an Katharinens Unſchuld geglaubt, aber vor der Macht geſchwiegen, welche ihre Schuld als ausgemacht durch ihre Handlungen erklärte, hatten auf die Unterſuchung, und daß dieſe ein günſtigeres Reſul⸗ tat ans Licht bringen werde, gehofft. Als dies ſchreck⸗ licher ausſiel, als die Guten und Trägen ſich träumen laſſen, und der Unwille ſo laut herausbrach, bekamen auch ſie Muth, und während von den Gegnern vorhin die Schuld Katharinens nur angedeutet und zugeflüſtert worden, bis man laut ſie auszuſprechen gewagt, ſo ſchrie man jetzt von allen Seiten: ſie iſt unſchuldig verurtheilt, es iſt eine abſcheuliche Verſchwörung, von ihrer Stief⸗ et werden gegen di wurde di in tiefſte autete de überführ uen, leben ire in di gegen di en können ngewandt zu gehe e die ein nden un nHinde dert Ohn jene wi inen Un aubt, abu chuld ul hatten a ic ſchul träum bun ern wr zugefiſ verurth“ r Si Katharine Estines. 3 mutter und Andern angezettelt, um das Mädchen zu verderben, und die Gerichtsperſonen haben ſelbſt mit⸗ complottirt. Man wußte ja, man hatte es mit Augen geſehen, wie Laguens Vater wie ein Geier über die Habſeligkeiten der noch nicht Verurtheilten hergefallen war, wie man in der Haſt, Alles zu Gelde zu machen, nicht die Schicklichkeitsregeln, nicht die geſetzlichen Vorſchriften beachtet hatte. Während er ſo das Haus der Eſtines plünderte, wußte Jeder im Dorf, wie er durch Geld und Drohungen Zeugen geworben, um die Angaben in dem leichtſinnig aufgenommenen Protokoll zu unterſtützen. Hatte man nicht die Unverſchämtheit gehabt, in die Liſte dieſer Zeugen vornan die Witwe Eſtinés aufzunehmen, von der jeder jetzt zu wiſſen glaubte, daß ſie die Anſtifterin oder die eigentliche An⸗ klägerin gegen ihre Stieftochter ſei! Ja, noch mehr wußte man mit einem Mal: ein Hauptthätiger bei der Verfolgung war der vielerwähnte liederliche und ruch⸗ loſe Pfarrer von Cazaux! Nachdem er vergebens über Katharinens Tugend obzuſiegen verſucht, war er ihr bitterſter Feind geworden und handelte im Einver⸗ ſtändniß mit der böſen Witwe, als ihr beſter Freund. Er war es geweſen, der das bezüchtigende Gerücht in Umlauf geſetzt, und um das Siegel darauf zu drücken, hatte er, in den Tagen, wo ſie noch frei war, von der Kanzel herab eine Art Interdict gegen ſie geſchleu— dert, daß eine Perſon hieſiger Gemeinde, auf welcher der dringende Verdacht, das und das gethan zu haben, liſte, ſich nicht unterfangen ſolle, die Schwelle des Heiligthums und der andächtigen Genoſſenſchaft ſeiner Jarochianen durch ihren Eintritt zu entweihen. Der Schrei des Unwillens gegen die Intriguanten und die Richter war ſo mächtig und allgemein, daß XXIV. 15 338 Katharine Estints. beiden bange ward. Sie erblickten kein beſſeres Hülfs⸗ mittel, als daß ſie die Gefangene zu überreden verſuch⸗ ten: ſie möge entfliehen. Man bot ihr auf der einen Seite alle Unterſtützung, auf der andern ſtellte man ihr die Schrecken der Hinrichtung vor, und daß es kein Mittel geben werde, ſie vom Tode zu retten. Katha⸗ rine widerſtand im Vertrauen auf ihre Unſchuld, ſie wollte nicht fliehen; was Recht ſei, müſſe doch Recht bleiben. Die Sache mußte vom Untergericht an das Ober⸗ gericht, hier das Parlament von Toulouſe, abgegeben werden. Die betreffenden Gerichtsperſonen erkannten die Gefahr, die über ihrem Haupte ſchwebte. Katharine ward durch die Marechauſſie in den erſten Tagen des Juni 1785 nach Toulouſe abgeliefert, aber zugleich ging ein Bericht dahin ab, der einen untreuen Aus⸗ zug aus den Acten, aber ſo geſchickt abgefaßt, enthielt, daß die Berichterſtatter hoffen durften, das höchſte Ge⸗ richt zu täuſchen. Vielleicht rechneten ſie auf ein Par⸗ tament, deſſen Räthe einen Jean Calas auf das Rad geſchickt hatten. Als Verfaſſer jenes meiſterhaften Be⸗ richts wird Bertrand Laguens der Sohn genannt, der unter Beiſtand ſeines Vaters und Bruders alle juriſtiſchen Künſte und Kniffe in Bewegung geſetzt, um ein ungerechtes Urtheil zu vertheidigen und eine unſchuldige auf den Scheiterhaufen zu ſchicken. Es wird hinzugeſetzt, daß das Obergericht von dieſem Be⸗ richt getäuſcht worden. v Aber zugleich waren aus Cazaur Berichte, oder wenigſtens Gerüchte eingelaufen, welche die Sache in ganz anderm Lichte darſtellten. Es kam hinzu, daß die Gefangenwärter von der außerordentlichen Faſſung res Hülfi en verſuch der einen te man ihr ß es kein n. Katho⸗ doch Reh das Ohe abgegeb unten 5 Katharin r zuglei euen Al ic t, enthie hichſe b f ein Nu tteftnb n genn nd ung geſt unde — Katharine Estines. 339 und Ruhe des jungen Mädchens meldeten, die gar nicht ausſähe wie Eine, der ein ſchweres Verbrechen auf der Seele laſte, und die noch immer gegen Jeden verſichere, ſie könne nicht hingerichtet werden, denn ſie ſei unſchuldig. Dies veranlaßte den Referenten, welchem das Par⸗ lament den Bericht über die Sache aufgetragen, Ka⸗ tharine perſönlich in ihrem Gefängniß aufzuſuchen. Der Eindruck, den ihr einfaches, ruhiges Weſen, ihre kreuherzige Sprache auf ihn machte, war nicht gering. Er hatte an ihre Schuld geglaubt, denn der vom Ge⸗ richt zu Rivière eingegangene Bericht erlaubte keine Zweifel. Jetzt aber ſtieg ihm der auf, ob dieſer Be⸗ richt denn getreu aus den Acten geſchöpft ſei; nur wenn dies nicht war, gab es für die Unglückliche eine Ausſicht auf Rettung. Aber ein Oberrichter darf nicht ex officio an der Richtigkeit des Berichts eines Unterrichters zweifeln, wo derſelbe, in aller Form, keine Merkmale einer Fäl⸗ ſchung an ſich trägt, und der einzige Anlaß für ihn zu zweifeln das unſchuldige Geſicht einer Verurtheilten iſt. Wie darf er in einem Falle, wo es ſich um das Leben, um den Feuertod eines armen Mädchens handelt, dem Argwohn Raum geben, daß ein geſchworener Kichter Falſa begangen, um eine Unſchuldige zu ver⸗ derben. Aber das Gefühl, die ſubjective Anſchauung des Referenten, ward doch ſo ſtark, daß er Katharine veranlaßte, eine Eingabe an das Parlament zu richten. Sie folgte dem Rathe des wohlwollenden Mannes. Sie ſchilderte das Verfahren der Richter von Riviere ir ihrer Sache und bat um die Vergunſt, daß man enen Parlamentscommiſſair ernenne, der ſich an Ort und Stelle hinbegebe, um den Bericht aus den Acten 15* 340 Katharine Estines. mit dieſen ſelbſt zu vergleichen und ſich zu verſichern, ob er actengetreu abgefaßt ſei? Das Parlament war nicht geneigt, auf dies unge⸗ wöhnliche Verlangen einzugehen. Es ward von den Wortführern das Vorhingeſagte hervorgehoben: ein ſolches Verfahren zulaſſen, hieß eine Unterſuchung ein⸗ leiten über das pflichtwidrige Verfahren, ja Verbrechen eines Untergerichts, wofür keine Anklage, Denunctia⸗ tion, keine Indicien vorlagen, über ein Gericht, was vielleicht bis da in keiner andern Sache Anlaß zu einer Rüge, einem Verdacht gegeben hatte. Welcher gefähr⸗ liche Präcedenzfall würde es ſein, wenn man auf die alleinige Angabe eines geſetzlich in aller Form Verur⸗ theilten, daß die Actenberichte geſälſcht ſeien, einen Commiſſair ernennen wolle, der Acten und Berichte prüfen ſolle? Würde ſo etwas zugelaſſen, wo bliebe dann die Sicherheit und Zuverläſſigkeit in Acten, von Gerichtsperſonen aufgenommen, überhaupt? Jedes Ur⸗ cheil könne von jedem Verdammten der Ausſetzung entgegenſchen, daß es auf falſche Notaten gebaut, und von jedem verurtheilten Verbrecher ſei der Antrag zu beſorgen, zu unterſuchen, ob die vorgängigen Acten auch actenmäßig ſeien! Da erhob ſich ein junger Parlamentsrath, de Rigaud, und führte, im Gefühl, daß es das Schickſal einer unſchuldigen gelte, die Rechte der Angeklagten zur Vertheidigung aus. Vielleicht würde auch ſein beredter Eifer wenig gefruchtet haben, wenn er ſich nicht ſelbſt erboten hätte als Commiſſair zur unterſuchung nach dem Untergericht ſich zu begeben, und zwar auf eigene Koſten. Dies Anerbieten nahm das Parlament dank⸗ bar anz de Rigaud reiſte, von einem Greffier begleitet, am 21. Juni ab, und kam ſchon am 22. Morgent Katharine Estinis. 341 verſcher zu Montrejan an, dem Sitze des Gerichts von Ri⸗ vière. Er ließ ſofort den Greffier Portes ins Gerichtshaus ies unge⸗ i beſcheiden; da er aber erfuhr, daß Portes alle ſeine ben: ein Acten in ſeiner eigenen Wohnung aufbewahre, über⸗ hung ein raſchte er ihn daſelbſt und nahm auf der Stelle die Verbrehn genaueſte und ſorgfältigſte Prüfung aller Papiere, demmin Bücher und Regiſter vor, welche ſich auf Handhabung icht, m der Criminaljuſtiz bezogen. Er fand auf den erſten Griff nicht einen, ſondern zahlloſe Verſtöße gegen r gei Recht und Form, ſodaß er den Mann, mit dem er zu et geit thun hatte, ſofort kannte. Als er die Acten des vor⸗ zu ein liegenden Proceſſes mit dem nach Toulouſe eingeſandten i Bericht verglich, entdeckt er auch hier zahlloſe Ab⸗ it weichungen von der Wahrheit, entſtellte Thatſachen, püit offenbar falſche Angaben. Nachdem er mit dem Gref⸗ wo bi fier ein ſcharfes Verhör angeſtellt, blieb es ihm zweifel⸗ ſcten, b los, daß er es nicht mit einem fahrläſſigen Beamten, Joel zu thun habe, ſondern einem, der mit Bewußtſein in Aſtu ſräftlicher Abſicht gehandelt. De Rigaud ließ ihn n gebu daher ſofort verhaften und in die Parlamentsgefäng⸗ der Wn niſſe abliefern. otgingih Auf ſeinen vervollſtändigten Bericht verhängte das Parlament von Toulouſe, die Arreſtation beſtätigend, Rigat eine Criminalunterſuchung gegen den ſchwer gravirten ichſal ein Grefſier Portes und zugleich die Verhaftung der beiden lagten Laguens, Vater und Sohn, ſowie die Amtsſuspen⸗ iin ber ſion des Richters Barre. niht ſi Die beiden Languens entgingen der Verfolgung hung und Beſtrafung durch die Geſetze, indem ſie die Flucht uf eig bei Zeiten ergriffen; daſſelbe that auch die Witwe Eſti⸗ nunt nes. Nur der Richter Barre hatte die Kühnheit, ſich e behl zur Unterſuchung vor das Parlament zu ſtellen. E 342 Katharine Estines. Eine neue Unterſuchung ward gegen die gedachten Perſonen eröffnet und mit der allergrößten Sorgfalt durch de Rigaud geleitet, welcher ſich abermals aus freien Stücken nach Montrejan begab und dort gegen dreißig Zeugen vernahm. Aus den Zeugenausſagen ging, außer anderm her⸗ vor: daß Barthelemi Eſtines ſehr oft von heftigen Unterleibsſchmerzen und Brennen und Reißen in den Eingeweiden heimgeſucht worden, daß dies aber die ſehr natürliche Folge ſeines unmäßigen Trinkens ge⸗ weſen. Jener erſte Vergiftungsverſuch, oben ſchon erwähnt, in der Anklage aber zu großer Wichtigkeit erhoben, infolge deſſen die Mutter Dominiquettens krank geworden, zerfiel in ſich ſelbſt, da Keiner von allen, die an der Tafel von jener Suppe genoſſen, krank geworden, die Mutter aber bald darauf geneſen war. Die zweite Vergiftung, angenommen, daß ſolche ſtattgefunden und infolge derſelben Barthelemi ge⸗ ſtorben wäre, konnte unter den angeführten Umſtänden von Katharine ſchwerlich begangen ſein. Es iſt ſchon angeführt, daß ſie während des ſechstägigen Kranken⸗ lagers ihres Vaters kaum im Hauſe deſſelben erſcheinen durfte und erſt zwei Stunden vor ſeinem Sterben an ſeinem Bette zugelaſſen ward. Wenn ſie auch in den erſten Tagen dann und wann zu dem Leidenden ge⸗ ſchlichen, und die Möglichkeit damit gegeben wäre, daß ſie ihm etwas Schädliches beigebracht, ſo lautete doch die Anklage darauf, daß ſie das Gift in die letzte Suppe gethan, welche der Verſtorbene zu ſich genom⸗ men. Es ward aber jetzt ermittelt, daß Barthelemi dieſe Suppe lange zuvor, ehe Katharine Zutritt erhielt, getrunken, ja, was ſchlagender iſt, daß die Stiefmut⸗ ter im ſelben Augenblicke, wo er ſie trank, ſchon zum ——————— gedachten Sotgfalt nals aus rt gegen erm het⸗ heftigen nin den abet dit nens ge⸗ en ſchen ichtigkeit iguetten inet von genoſſen, geneſen ß ſolch lemi ge nſtänden iß ſchou Krunken erſcheinen terben al in den nden n watt⸗ o laute die kti genn thl t mil⸗ ztiefu chon zu Katharine Estines. 343 Barbier im Nachbarorte geſchickt hatte, mit der Bitte, er möge ja Gegengift mitbringen. Es ermittelte ſich, daß dieſer Barbier der unwiſſendſte Dorfteufel war, dem man alles und jedes einreden konnte, daß er nichts unterſucht und doch Gift gefunden hatte. Daſſelbe zeigte ſich bei der Leichenöffnung. Der Barbier Mou⸗ nis und ſein hinzugezogener College fanden Alles, was die Gerichtsperſonen ſie ſuchen ließen, und unter⸗ ſchrieben Alles, was der Greffier ihnen in den Mund gelegt und aufgeſchrieben hatte. Die zwei Hauptzeugen Michel Verdot und Landrade, welche damals beſtimmt ausgeſagt, ſie wüßten, daß Barthelemi von ſeiner Tochter vergiftet worden, änderten ihre Ausſage jetzt dahin, daß ſie es nur gewußt, weil die Witwe es ihnen geſagt, und der Eine derſelben erklärte aufs be⸗ ſtimmteſte, daß Portis andere Dinge im Protokoll ihm in den Mund gelegt, als ſie aus ſeinem Munde her⸗ vorgegangen. Als Reſultat dieſer neuen Beweisaufnahme ging hervor: daß Katharine vollkommen unſchuldig war an dem ihr zur Laſt gelegten Verbrechen, daß ein ſolches wahrſcheinlich gar nicht ſtattgefunden; daß mehre der Gerichtsperſonen des Gerichts von Riviere ſich der Unterſchlagung, ja des Diebſtahls ſchuldig gemacht, daß ſie Zeugenausſagen falſch niedergeſchrieben und willkürliche Aenderungen und Zuſätze in den Proto⸗ kollen ſich erlaubt. Uns iſt dies Reſultat nur in Kürze aufbehalten. Daß ein wirkliches Complott zwiſchen der Stiefmutter und den betreffenden Gerichtsperſonen, oder nur mit dem lieder⸗ lichen Pfarrer zur Verdunkelung der Wahrheit, und mit der ſchändlichen Abſicht, eine Unſchuldige dem Ver⸗ derben zu überliefern und ihrer Erbſchaft ſich zu be⸗ 344 Katharine Estints. mächtigen, ſtattgefunden, ſcheint damit nicht ermit⸗ telt. Mit dieſer Unterſuchung gegen Ränkemacher, falſche Zeugen und gewiſſenloſe Beamte war auch Katharinens unſchuld dargethan, aber formell ſtand noch immer das gegen ſie gefällte Todesurtheil in Kraft, und die unglückliche ſaß bereits zwei Jahr im Kerker. Da, heißt es, wären über die lange Verzögerung ihre Kräfte gebrochen, und ſie, die ſo muthig den fürchterlichſten Zumuthungen und Leiden widerſtanden, wäre dieſem grauſamen Zaudern erlegen, wenn nicht ihr Bruder aus Spanien ihr Troſt in ihrer Gefangenſchaft einge⸗ flößt hätte. Es mußte, nach dem alten Verfahren, ein neuer Unterſuchungscommiſſar ernannt werden, und man rühmt, daß es ein rechtlicher Mann geweſen, der Ka⸗ tharinens Sache mit verſtändiger Wärme geführt; et⸗ was, was nach unſern Begriffen überflüſſig ſcheint, wenn all das Vorangängige ſeine Richtigkeit hatte und anerkannt war, aber der Wuſt von Formeln und Her⸗ kömmlichkeiten der alten franzöſiſchen Juſtiz, durch welche das Recht ſeinen Weg ſich ſuchen mußte, überſteigt ebenfalls unſere Begriffe. Am 28. Juni 1787 ſprach ein feierlich publicirtes Urtheil des Parlaments von Toulouſe Katharine Eſti⸗ nés von der gegen ſie erhobenen Anſchuldigung frei und ledig. Daſſelbe verurtheilte zugleich den Richter, Procurator und Greffier des Gerichts von Riviere zu einer Geldbuße von 6000 Livres nebſt Zinſen an die von ihnen unſchuldig Verfolgte und Verurtheilte. Die beiden Laguens, Vater und Sohn, verdammte es in contumaciam zu zehn Jahren Galeerenſtrafe, den Rich⸗ ter Barre und den Greffier Portés zu zehn Jahren Ver⸗ Ratharine Estines. — bannung. Außerdem verfügte es gegen die Witwe n, ſuſe Eſtinis, daß dieſelbe, ſobald man ihrer habhaft werden 6 verhaftet und ihr der Proceß gemacht werden olle. 3 — Faſt drei Jahre hatte dieſer Proceß gedauert und mit di jedem Tage größere Theilnahme im Publicum erweckt. 66 Die unerhörten Leiden der jungen Katharine erhoben ſie zu 3 Krit einer faſt ſchwärmeriſchen für dieſe Märtyrin. Schon ins 3 turihſu Gefängniß war ſie in letzter Zeit gedrungen, und die r dicſn Einwohner von Toulouſe hatten das Mädchen mit t nd Troſt und allem, was durch die Kerkerthüre Einlaß aft linge fand, unterſtützt; der Tag ihrer Freilaſſung ward eine Art Volksfeſt. Dichte Scharen drängten an der Ker⸗ ein neun kerthür, um ſie mit Jubel in der Freiheit zu empfangen, d um und er brach immer wieder von Neuem aus, wo ſie. der Ko⸗ erſchien. Das freudige Gefühl galt ſowol ihr, als dem ihrt; t muthigen und beredten Vertheidiger ihrer Unſchuld, ein 3 g ſchein banges, das ſich nicht laut machte, aber dem Gedanken, 1 hotte un daß die unſchuldige Kathariue vor dem Flammentode und Ho bewahrt worden, nicht durch ihre Unſchuld und die urh wil Kraft der Geſetze, ſondern durch das Intereſſe, welches überſteig ein muthiger junger Richter für ſie gefaßt, durch die 5 uneigennützigkeit, mit der er handelte, und das Feuer der Beredtſamkeit, mit der er ſie vertheidigte. 3 rine Eſ gung fu 3 Riviert ſen eilt. Jakob Brennwald im Canton Zürich. 1855. Seit dem Jahr 1853 beſtehen im Canton Zürich die Schwurgerichte. Vor dieſer Zeit und bis zu derſelben war zwar ebenfalls Oeffentlichkeit und Mündlichkeit in dem Civilverfahren ſowol als dem Criminalverfahren eingeführt; allein die Thatfrage war von der Rechts⸗ frage bei dieſem nicht geſchieden und das Gericht wurde, wie anderwärts, von ſtändigen Richtern gehandhabt. Die Schwurgerichte, von der Regierung dem Großen Rathe und von dieſem dem Volke vorgeſchlagen, wurden angenommen und ſind der Liebling des Züricher Volkes geworden. Haben ſie auch in einem Lande, wo man auf die Stimme des Volkes zu hören pflegt, ja wo dieſe Stimme allmächtig und wo man mit der Staats⸗ form allgemein zufrieden iſt, nicht die Bedeutung, insbeſondere nicht die politiſche Bedeutung wie in Deutſchland, ſo ſind ihre Vorzüge doch ſo einleuchtend, daß das Volk ſich dieſes Inſtitut nicht mehr nehmen läßt. Man ſieht ein, daß, wenn es in Folge der Oeffentlichkeit und Mündlichkeit nur Eine Inſtanz geben kann, dieſe kein ſtändiges Gericht ſein kann. Und zwar aus zwei Gründen. Ein ſolches Gericht, das nach rich. irich die erſelben hkeit in rfahren Rechts⸗ twurde, ndhabt Großen wurden Volles vo man ja wo Stuats⸗ utung, wie in uchtend nehmel geben d zwal s nuc Jakob Brennwald im Canton Zürich. 347 freiem Ermeſſen ganz allein über Leben, Freiheit und Ehre der Bürger entſcheiden würde, würde dadurch zu einer förmlichen Macht im Staate. Dieſe Concentration der Staatsgewalt in den Händen einiger Perſonen wäre abſonderlich in einer Republik viel zu gefährlich. Die⸗ ſem Uebelſtand begegnet man durch das Schwurgericht. Die Richter treten unmittelbar aus dem Volke hervor und, wenn ſie den einzelnen Fall beurtheilt haben, wieder in daſſelbe zurück. Auf ſolche Weiſe zertheilt ſich jene große Gewalt einiger Wenigen auf das ganze Volk und wird dadurch rein unſchädlich. Der zweite Grund iſt mehr ein techniſcher. Ein ſtändiges Gericht wird nie nach freier Ueberzeugung entſcheiden, ſondern ſich ſtets eine poſitive Beweistheorie bilden. Eben weil es eine große Reihe von Fällen zu beurtheilen hat, bildet es ſich gewiſſe Regeln über den Beweis, es knüpft ihn an gewiſſe äußere Zeichen, und wenn es die Hand nicht in die äußern Narben hineinlegen will, ſagt es:„ich bin zwar moraliſch überzeugt, aber nicht rechtlich“ Nicht der Totaleindruck der Verhandlung entſcheidet, ſondern dies Geſammtbild wird in Stücke zerbröckelt. Das ſtändige Gericht gibt daher keine Ga⸗ rantie, daß nach freier Ueberzeugung, ſtatt nach äußern Beweisregeln gerichtet werde; dieſe Garantie gibt blos die Jury. Dies hat der Schweizer in ſeinem richtigen Gefühl und praktiſchen Sinn gemerkt und ebendeswegen wird er von dem Geſchwornengericht, trotzdem, daß der Advocatenſtand faſt einſtimmig gegen das⸗ ſelbe Front macht, daß auch die bisherigen ſtän⸗ digen und gelehrten Richter„die dummen Bauern“ und zu Gericht ſitzende„Schneider und Schuhmacher“ mit ſouveräner Verachtung anſehen, trotzdem endlich, daß viele der Geſchworenen vor dem Sitzen im Gericht 348 Jakob Prennwald im Canton Zürich. ihrer Berufsgeſchäfte halber das Kreuz machen,— trotz alledem, ſage ich, wird ſich das Volk des Cantons die neue Anſtalt nicht mehr nehmen laſſen. Seit Einführung des Geſchworenengerichts werden jährlich im Durchſchnitt hundert Fälle vor dieſem Gr⸗ richt verhandelt. Der ſchwerſte dieſer Fälle, er betrifft Verwandtenmord, überhaupt der einzige Mord, der vom Schwurgericht ſeither zu verhandeln war, iſt derjenige, den wir dem Leſer vorzuführen im Begriffe ſtehen. In Haſelacker-Männedorf an dem ſchönen Züricher See lebte der Bauer Jakob Brennwald von Männedorf mit ſeiner Ehefrau Roſine, geborene Muggli, von da, 26 Jahre alt, auf ſeinem beſcheidenen Heimweſen, das r im Frühjahr 1853 von einem Bauer gekauft hatte. Brennwald, von dem nichts Nachtheiliges bekannt war, heirathete ſeine Frau, die nebſt einer andern in Uetikon verheiratheten Schweſter von acht Geſchwiſtern allein übrig geblieben war, im November 1854. Dieſe Frau war im Jahr 1831 geboren, mithin jetzt 24 Jahre alt. Sie war Seideweberin, von jeher eine ſchwachſinnige und einfaͤltige, aber äußerſt gutmüthige Perſon, und es war nur ihr kleines Vermögen, das ihn zu Eingehung dieſer Ehe veranlaßte. Ihre Mutter, Anna Muggli, geb. Baar von Meilen, 56 Jahre alt, hatte nämlich von ihrem verſtorbenen Ehemann einen Nachlaß von ungefähr 1300 Gulden erhalten, an dem ihr die lebens⸗ längliche Nutznießung zuſtand. Von dieſem Ver⸗ mögen hatte die Tochter Roſine, als die ſchwächere, baare 290 Gulden in die Ehe erhalten, während die andere Schweſter Anna, die Ehefrau des Bauern Leemann in Uetikon nur 235 Gulden erhielt; der Reſt war in chen,— Cantons werden ſen Gl⸗ t betrifft der vom erjenige, hen. Züricher innedorf von de, ſen, das ft hatte. ant wat, uetikon n allein eſe Fral ahre alt. chſmigt „und ngehung Auggli nimlich laß v e lebeus⸗ m Ver wiche rend di Leeman war Jakob Brennwald im Canton Zürich. 349 den Händen der Mutter. Dieſe zog bei der Verhei⸗ rathung ihrer Tochter ebenfalls zu dem Schwiegerſohn, in deſſen Hauſe außer ſeiner eigenen Familie noch der Schuſter Oetiker mit ſeiner Frau Eliſabeth, einer Schweſter des Jakob Brennwald, und der Bäcker Jakob Burkhard und deſſen Ehefrau wohnten. Die Ehe der Brennwalds war keine glückliche. Obwol die Verwandten, Nachbarn und Hausbewohner der Eheleute nicht gerade von beſonders heftigen Auf⸗ tritten zwiſchen jenen zu erzählen wiſſen, ſo werden doch vielfach Mishandlungen bezeugt, die die Ehefrau auszuſtehen hatte. Brennwald glaubte fortwährend Urſache zum Klagen zu haben. Seine Frau ver⸗ diente ihm nicht genug. Sie verſtand die Seide⸗ weberei, die ſie neben den Haushaltungsgeſchäften trei⸗ ben ſollte, nicht hinlänglich; ſie ſtand aber auch dem Hausweſen nicht recht vor und war immer ſchwächlich. Dieſe Schwächlichkeit nahm zu ſeit dem erſten Kindbett im Mai 1855, in dem ſie ein todtes Kind gebar. Von dem Himmelfahrtsfeſt an ſteigerten ſich die Mishand⸗ lungen des Ehemanns. Auch die Mutter ſcheint ihre Tochter lieblos behandelt zu haben. Mit jener kam übrigens Brennwald immer gut aus. Da, mit einmal, es war am 10. September, trat er, als Mutter und Tochter in der Stube beiſammen waren, plötzlich herein, nahm das Sitzbrett vom Webſtuhl weg und ſchlug ſeine Frau damit auf den Kopf, indem er ſagte, er wolle ſchon machen, daß die Weibsleute ſchweigen. Brenn⸗ wald hatte offenbar das Geſpräch der Weiber belauſcht, die ſich über ihn und ſeine Verwandten harte Aeußerun⸗ gen erlaubt hatten. Am nämlichen Tag ſchickte er ſeine Schwiegermutter aus dem Hauſe fort, die ſich nun zu ihrer Tochter Anna nach Uetikon begab. Einige Tage 350 Jakob Brennwald im Canton Zürich. nach dieſem Vorfall beſuchte die Tochter Roſine die Mutter, als ſie, die Tochter, ein Seiderupp bei einem Seidefabrikanten holen wollte, das ſie indeß, weil ſie 11 als ſchlechte Weberin bekannt war, nicht erhielt. Da⸗ mals ſchien ſie fröhlich und zufrieden. Die Mutter ſollte die Tochter lebend nicht wiederſehen. Dieſe, einen Tag nach dem Beſuch bei der Mutter, klagte ihrem ſ Ehemann und ihrer Schwägerin, der Frau Oetiker, 1 Ekel und Uebelſein. Frau Oetiker ſchob die Schuld des Uebels auf die abermalige Schwangerſchaft. Als aber die Krankheit ſich ſteigerte, begab ſich Brennwald am Freitag Mittag, den 14. September, zu dem praktiſchen Arzte Haßler in Männedorf, und trug ihm vor, ſeine Frau klage über Wehſein, Ekel und Reiz zum Erbrechen. ₰ Dieſer verſchrieb eine Mirtur und beſuchte die Kranke am 15. und von da an bis zu ihrem Tode täglich. Er fand an jenem Tage eine entzündliche Affection an Mund und Hals, die Patientin klagte zudem über Ekel, Erbrechen und Schmerzen im Unterleib. Weitere Arzneien am 16. und 18. vermochten nicht die Krank⸗ heit, welche vom 17. an beſonders ſtürmiſch hervortrat, z1 zu lindern; die Patientin litt an unauslöſchlichem Durſt, 8 trank deshalb ſehr viel reines Brunnenwaſſer; die Schmerzen im Unterleib mehrten ſich. Drängen auf den Stuhl, jedoch ohne beſondern Abgang, trat ein; ins⸗ beſondere ſchien die Arznei die Leiden der Kranken zu erhöhen. Sie mußte von ihrem Ehemann zum weitern 4 Gebrauch derſelben, wie er ſich ausdrückte,„angehalten“ werden. Am 17. ſchon waren Mund und Lippen zinnober⸗ 1 roth und ſtark geſchwollen, und am rechten Mundwinkel abwärts zeigte ſich ein gelbgrauer, etwa anderthalb Zoll langer Fleck, die Zunge war röthlich grau; am 20. Mittags halb vier Uhr war die Frau eine Leiche. Der ne die einem eil ſie Da⸗ Nutter einen ihrem Ntiket, d des s aber ld am tiſchen ſeine echen. ranke on an über geitete Krank⸗ ortrat, Durſ, die f den ins⸗ ken zi eitern lten“ nober⸗ winkel b3ol n20 Der Jakob Brennwald im Canton Zürich. 351 behandelnde Arzt fand nicht nur die Krankheitsſymptome, er fand insbeſondere den ſchnellen Tod äußerſt verdäch⸗ tig. Er begab ſich, ſobald er denſelben erfahren, auf das Statthalteramt und zeigte an: „daß die Ehefrau des Jakob Brennwald, die er behandelt habe, plötzlich und unter Umſtänden verſchieden ſei, die den Verdacht der Vergiftung durch eine ätzende Subſtanz erwecken, da namentlich die Mundhöhle und deren Umgebung auf das Verſchlucken einer ſolchen hinweiſen, ein Verdacht, der ſich verſtärke im Hinblick darauf, daß die Eheleute ſchlecht mit einander gelebt.“ Das Statthalteramt gab dem Bezirksarzt Daudliker ungeſäumt den Auftrag, die Legalſection unter Zuziehung des behandelnden Arztes vorzunehmen. Dieſe wurde am 21. vorgenommen. Sie ergab unter Anderm: Die Leiche war klein, ziemlich wohlgenährt, mittlerer Muskulatur. Die Schleimhaut der Naſe war bräunlich roth und wund. Vom rechten Mundwinkel, einen Zoll lang nach außen und abwärts, ging ein anderthalb Linien breiter, ½ Zoll langer, brauner, pergament⸗ artiger Streifen. Die Magenſchleimhaut war aufgelockert, ſah aus wie Brandblaſen. Der Muttermund enthielt ein Ei in der Größe eines Gänſe⸗ eis mit einem Fötus von einem Zoll Länge, der zwei bis drei Monat alt war. Dieſer Leichenerfund wies auf Vergiftung hin; es wurden daher Magen und Dünndarm ſammt ihrem Inhalt zur chemiſchen Unterſuchung an die Direction der Medicinalangelegenheiten und von dieſer an den Chemiker, Profeſſor Städeler in Zürich geſandt, der denn auch auf den Grund der mit derſelben vorgenom⸗ menen Unterſuchung ſeinen Ausſpruch dahin gab: — —— Jakob Prennwald im Canton Zürich. daß eine Vergiftung durch Arſenik außer Zweifel ſtehe. Indeſſen war Brennwald ſchon am 21, auf das Reſul⸗ tat der Legalſection hin verhaftet worden. Sein Beneh⸗ men dabei war ruhig und gefaßt. Ueber die letzten Tage der Ermordeten erfuhr man nun theils aus den Vernehmungen der Hausbewohner, theils des Angeklagten ſelber noch folgende Einzelheiten: Am Montag, den 17. September, als die Kranke ſchon ſeit mehren Tagen das Bett kaum verlaſſen konnte, hörten der Schuſter Oetiker und ſeine Frau des Morgens einen Wortwechſel bei Brennwalds. Sie erfuhren die Veranlaſſung deſſelben nach dem Auf⸗ ſtehen. Die kranke Frau hatte das Bett verunreinigt. Da zwang der Ehemann ſie, die Kraftloſe, von Schmer⸗ zen Gequälte, aufzuſtehen um das Bett zu waſchen. Er erklärte ihr, er laſſe ſie nicht eher wieder in die Kammer, als bis ſie das Bett gewaſchen und getrocknet habe, und wirklich mußte ſie in der Stube auf der harten Bank liegen!! Nur auf Verwendung des Arztes und der Eheleute Oetiker ließ er ſie wieder ins Bett. Den Vorſtellungen der letztern, daß krankhafte Umſtände, ebenſo die Schwangerſchaft der Verſtorbenen, jene widrigen Zufälle herbeiführen, ſetzte Brennwald die Behauptung entgegen, es ſeien dieſe Erſcheinungen lediglich Folgen der Faulheit ſeiner Frau, von deren Schwangerſchaft er fortwährend nichts wiſſen wollte. Wie entſetzlich roh er ſeine ſchmerzlich leidende Ehefrau behandelte, geht aber außerdem aus der Thatſache her⸗ vor, daß er ſie in ihren Schmerzen immer allein und ohne Hülfe ließ, ſodaß ſie dann insbeſondere fortwäh⸗ rend von brennendem Durſt gequält wurde. An ihrem Todestag, um Mittag, ſo erzählen die ik außer in Bench⸗ rfuhr man bewohner nzelheiten ie Krank verlaſſn eine Fral ennwaldẽ. dem Auf⸗ unreinigt. Schmet⸗ der in die getrocknet eauf dr des Arzt ins Bett Unſtünde nen, jin mald di heinungen von dern en woll e Chefun tſeche he dlin 1. fortni gihlen d Jakob Prennwald im Canton Zürich. 353 Eheleute Oetiker, rief die Kranke nach Waſſer. Man glaubte ſie im Bett; als aber Frau Oetiker zu ihr eilte, lag die Arme im Hausgang auf dem Geſicht. Die Oetiker'⸗ ſchen Eheleute hoben ſie auf und brachten ſie ins Bett, ſie glaubten die Frau vom Schwindel befallen und empfahlen ihr, ihr Lager nicht mehr zu verlaſſen, viel⸗ mehr zu rufen, wenn ſie etwas bedürfe. Um halb drei Uhr, 1 ½ Viertelſtunde nach dieſem Vorfall, rief die Kranke; als Frau Oetiker zu ihr kam, verlangt ſie „Schotten“(Molken);„ſie war damals wol nicht mehr recht bei ſich, denn ſie verlangte etwas, das nicht zu haben war.“ Man bot ihr Kaffee an. Das war ihr recht; nach einer Viertelſtunde aber, als man ihr ſolchen brachte, lag ſie regungslos im Bett. Sie war todt! Der Angeklagte, der ſich während dieſer Zeit auf dem Felde befand, wurde nach Hauſe gerufen. Er ſchien über die Todesnachricht etwas überraſcht, ging aber bald wieder an die Arbeit und kehrte erſt Abends zurück! Dieſes Benehmen wird Niemanden wundern, der folgende Aeußerung deſſelben über ſeine Ehefrau hört, als ihn am Vormittag des Todes ein Nachbar auf dem Felde nach derſelben fragte; er äußerte damals:„ſie kotzt immer und mag die Speiſen nicht behalten, ſie blegert» ſeit dem Kindbett immer herum und da hab' ich gedacht, ich wolle es nicht mehr ſo haben und zum Doctor gehen; von der Mixtur hat ſie nichts behalten und darauf kotzen müſſen, daß ich glaubte, die Kutteln müſſen ihr zum Bauch hinaus; ſeit Montag(17. Sep⸗ tember) hat ſie für keinen Fünfer mehr gefreſſen und Durſt hat ſie gehabt, daß ſie Waſſer geſoffen hat, wie eine Kuh.“ Ein andermal ſagte er:„die Mixtur habe ſie ſchier verſprengt.“ Am Tage nach dem Tode beſtellte er beim 354 Jakob Brennwald im Canton Zürich. Todtengräber das Grab und bewährte dabei ſeine trau⸗ rige Rohheit. Als man ihm ſchon im erſten Verhör den gegen ihn ſich erhebenden Verdacht der Vergiftung ſeiner Ehefrau mittheilte, da er allein es geweſen, der ihr in den letz⸗ ten Tagen die Speiſen gekocht und die Arzneien ge⸗ reicht habe, brach er in heftiges Schluchzen aus und betheuerte ſeine Unſchuld. Indeſſen brachte das Statthalteramt zufällig in Er⸗ fahrung, daß Brennwald vor einiger Zeit von dem Gift⸗ mauſer Güller von Männedorf Gift zur Vertreibung der„Schwabenkäfer“, ſogenanntes„Käferpulver“ ge⸗ kauft habe.— Dies beſtätigte ſich durch die Verneh⸗ mung des Mauſers, der am 24. September ausſagte, er habe vor einigen Wochen ein Päckchen ſolchen Pul⸗ vers für 60 Rappen(15 Kreuzer) an Brennwald ver⸗ kauft, von dem er wiſſe, daß er Schwabenkäfer im Hauſe habe, und er ſei zu dieſem Verkauf vollkommen berech⸗ tigt geweſen, da dieſes Pulver weder Menſchen noch Hausthieren ſchädlich ſei, wie er denn ſolches ſeit Jahr und Tag aus einer öffentlichen Apotheke in Zürich be⸗ ziehe und ungenirt an Jedermann verkaufe.*)— Auf dieſes Zeugniß hin wurde am 3. October eine Hausſuchung in der Wohnung des Angeklagten vorge⸗ nommen, bei welcher ſich in dem mit der Wand ver⸗ bundenen Uhrgehäuſe im untern Theile deſſelben, wohin man nur durch einen oben angebrachten Schieber mit ausgeſtrecktem Arm gelangen konnte, unter Papier⸗ ſchnitzeln verborgen und in doppeltes Papier gewickelt, *) Dies iſt natürlich unwahr. Der Giftmauſer darf wol ſelbſt Mausgift in den Häuſern legen, keineswegs aber ſolches an Dritte abgeben. Er wurde gebührend beſtraft. ſeine trau⸗ ngegen ihn ter Ehefta in den letz⸗ rznien ge en aus und illig in Er n den Gift Vertreibun pulver“ g die Vern er ausſahti olchen Pul nwald vel er im Hauſ men bouc nſchen u es ſeit In Zitch b kaufe) etober lun ugten vorhe Vand v lben, noh Zchiebet ter Peht⸗ er ʒwi Jakob Brennwald im Canton Zürich. 35 ein offenbar angegriffenes Pulver fand, welches, wie ſich nachher herausſtellte, von dem Giftmauſer Güller her⸗ rührte. Das Pulver war daſelbſt ohne Zweifel ab⸗ ſichtlich verborgen worden. Auch dieſes Pulver wurde ſofort auf Anordnung der Medicinal⸗Direction von Profeſſor Städeler chemiſch unterſucht: es enthielt als weſentliche Beſtandtheile ar⸗ ſenige Säure oder Schwefelarſenikmehl und etwas eiſen⸗ haltigen Sand, und die im Magen und Dündarm vor⸗ gefundenen Arſenikkörner waren ganz gleich denen in dem Pulver, ſodaß der Schluß ſehr nahe lag, die Ver⸗ ſtorbene ſei mittels dieſes Pulvers vergiftet worden. (Die Quantität des im Magen und Dünndarm noch vorgefundenen Arſeniks betrug 88 Millimeter oder 1 10 Gran. An dem vorgefundenen Pulver aber fehlte eine viel größere Menge, wenigſtens 20 Gran.) Der Angeklagte, in dieſer Richtung vernommen, gab zu, von dem Giftmauſer Käferpulver zu Vertreibung von Schwabenkäfern gekauft zu haben; er wollte aber das Pulver ſammt der Anweiſung zur Vertreibung die⸗ ſer Käfer ſeiner Ehefrau überlaſſen und ſich um daſſelbe dann nicht weiter bekümmert haben. Der Umſtand, daß er Schwabenkäfer in der Küche hatte, bewahr⸗ heitete ſich. Indeſſen wurden die Vorhalte, die der Unterſuchungs⸗ uchter dem Angeklagten machte, dringender, ſeine Lage ledenklicher. Er gab ſelbſt zu, daß das Zuſammen⸗ weffen von unglücklichen Umſtänden ihn verdächtige und daß ſeine Ehefrau von dem Käferpulver erhalten haben müſſe; aber er behauptete, daß er ſchlechter⸗ ings nicht wiſſe, wie ſolches in das Uhrgehäuſe, noch viel weniger, wie ſeine Ehefrau zu demſelben ge⸗ ommen ſei. Er ſei an dem Tode derſelben gewiß un⸗ 356 Jakob Brennwald im Canton Zürich. ſchuldig und habe auch immer gut mit ſeiner Frau gelebt. Am 26. October ſchrieb der Angeklagte an ſeinen Bruder Kaspar Brennwald in Männedorf aus dem Gefängniß einen längern Brief, in welchem er darauf hindeutet, die Verſtorbene habe wol bei ihrem letzten Beſuch bei Mutter und Schweſter in Uetikon etwas„Unrechtes“ erhalten. Es heißt in dem Brief unter Anderm: „er wiſſe keine Auskunft von dem Todesfalle zu ge⸗ ben,„wie es gegangen wäre, allein ich zweifle(ver⸗ muthe) immer, daß ſie(die Verſtorbene) etwas von Uetikon (von Mutter und Schweſter) bekommen oder etwas angege⸗ ben worden, das ihr zum Tod diente, denn die Schweſter hatte ſchon lange gedacht, daß ſie ſterben ſollte, daß ſie allein erben könnte. Denn wir haben hier ein trauriges Leben bis auf jetzt und vor uns, denn wir wußten nicht, wenn wir wieder an den Tag kommen(Brennwald meint hier ſeine Schweſter Oetiker, die er fälſchlich ebenfalls für verhaftet hielt) und wir rufen immer Gott an, daß er uns unſer Leben erleichtere.“ Nachdem Brennwald verſchiedene Haushaltungsge⸗ genſtände abgehandelt, fährt er alſo fort:„denn Gott weiß, wo ich auf's Jahr im Herbſt bin, ſchicket mir die Schafwolle— und ein wenig Trauben, dem Schwager Jakob Oetiker ſaget auch, daß er an ſeine Frau denken ſoll.—— Wenn ich ſie ſchon nicht geſehen habe, höre ich ſie bitterlich weinen Tag und Nacht(nämlich die Schweſter, die er irrthümlich verhaftet wähnt) ſo ohne Aufhören, und ich muß Euch noch einmal ermahnen, daß Ihr an uns denket, daß Ihr betet, daß uns Gott aus dieſem Elend helfe, denn ich bin unſchuldig, daß ich ſchon vielmals Gott gedankt habe für mein gutes ſeiner Fra an ſein f aus den ner darauf tzten Beſut „Unrechtei Anderm: sfalle zu g. weiſe Ca von betilo was angeh denn di nte. Vil f jetzt un wiederi Schweſ hefut hi unſet kt 5 = denn bu icket mi E Frau den * hobe, ninlich huth ſol l ermh un. ſchuldig, „mein Jakob Brennwald im Canton Zürich. 357 Gewiſſen,— es mag nun gehen, wie es will; wie's die Schweſter hat, das verſchwöre ich auch nicht, daß es ſo etwas gethan hatte. Ich erſuche Euch, über alles dieſes zu ſchreiben.“ Außer dieſem Brief ſprach ſich Brennwald auch in einem Verhör dahin aus, er habe Verdacht, daß ſeine Frau etwas von ihrer Mutter oder ihrer Schweſter be⸗ kommen habe;„ich habe ihr gewiß und heilig nichts gegeben.“„Meine Frau ſagte nichts vom Verdacht des Eingebens, weil ſie wußte, daß ſie Vorwürfe erhalten würde.“ Ein andermal ſagte er in Beziehung auf ſeine Schweſter:„Ich habe keinen Verdacht auf es, es hätte ja kein Intereſſe an dem Tode meiner Frau.“ Am Schluß dieſes Verhörs ſchluchzt der Inquiſit wie⸗ der heftig und bricht in die Worte aus:„Ich wollte, es würde mich Jemand in tauſend Stücke zerſchlagen, wenn ich ihr etwas gegeben habe.“ Am 7. November wurde ſeine Schweſter verhaftet, indeſſen bald wieder auf freien Fuß geſetzt. Noch am 4. December erklärte ſich der Angcklagte vor der Anklage⸗Commiſſion„nicht ſchuldig.“ Indeſſen war in den letzten Tagen eine auffallende Unruhe an ihm bemerkbar und am 5. December bekannte er dem Director der Strafanſtalt, in welcher der Verhaftete ſaß, außergerichtlich die That,— ein Bekenntniß, das er am folgenden Tage, am 6., vor dem Staatsanwalt, wiederholte. Dieſes Geſtändniß lautet folgendermaßen: „Ich muß eingeſtehen, daß ich meiner Frau von dem Käferpulver eingegeben habe. „Sie hat mich ehöhn?(zornig) gemacht, weil ſie höchſt ungeſchickt war, wie ein Kind. In den drei Vierteljahren, daß wir bei einander waren, hat ſie nicht drei Franken verdient 358 Jakob Brennwald im Canton Zürich. „Das Pulver kaufte ich wegen der Käfer; ich hatte es von Anfang an im Uhrhäusle verwahrt. „Am anderletzten Tag(vor dem Tode), als ich wie⸗ der eine Arznei von dem Doctor holte, nahm ich das Pulver heraus und ſagte ihr, ſie müſſe jedesmal von dem Pulver eine Meſſerſpitze voll in die Arznei thun. „Von der Arznei ſollte ſie alle zwei Stunden neh⸗ men; ſie nahm ſie aber höchſt ungern ein. „Das erſtemal gab ich ihr die Meſſerſpitze, das an⸗ deremal that ſie es ſelbſt darein. Sie glaubte, das Pul⸗ ver ſei vom Doctor. „Im Ganzen mag ſie etwa 5 Meſſerſpitzen voll ge⸗ nommen haben. „Am Donnerſtag gab ich ihr das Pulver ein. Sie wollte durchaus nicht mehr einnehmen. Ich hielt ſie aber dazu an, indem ich ſagte: aes müſſe einnehmen, denn es gute ſonſt nicht.“ „Gewalt habe ich nicht gebraucht, eingeſchüttet habe ich ihr nichts. „Meine Schweſter iſt völlig unſchuldig.“ Bei Ablegung dieſes Geſtändniſſes, das er am 7. De⸗ cember vor der Anklagecommiſſion wiederholte, ſprach er von der Ermordung ſeiner Ehefrau ſo völlig ſtumpf und gleichgültig, als ob es ſich von der Vergiftung ei⸗ ner Maus oder einer Katze gehandelt hätte. Mit dieſem Geſtändniß aber hatte der Angeklagtt offenbar nicht die ganze Wahrheit geſagt. Denn woher ſollten ſich die Krankheitsſymptome vom 12. oder 13., woher insbeſondere die vom 17. September, an welchem Tage ſie beſonders ſtürmiſch hervortraten, erklären laſſen, wenn die Ermordete erſt am 19. und 20., wie der An⸗ geklagte will, Gift erhalten hatte! —,——— h tz ich hatt als ich wi h ich dat jedesme oll in di tunden neh tze das on t dos Pu en voll rein. Si einnehmel hüttt he . rom 79 ltt, ſtn lig ſtun giftung Angellah enn wo ed n nili liten liſ vie der 5 Jakob Brennwald im Canton Zürich. 359 Die von dem Staatsanwalt veranlaßte Oberexper⸗ tiſe kommt auch, geſtützt auf die Krankheitsgeſchichte des behandelnden Arztes und das Ergebniß der Legalſection und der chemiſchen Unterſuchung auf ein ganz anderes Reſultat. Nach längeren gründlichen Ausführungen ſtellte ſie nämlich folgende Schlußſätze auf: „Der Tod der Frau Brennwald war in Folge des Ge⸗ nuſſes von weißem Arſenik. Die erſte Gabe erhielt ſie zwiſchen dem 12. und dem Morgen des 14. September, wahrſcheinlich in geringerer Quantität; andere weitere Gaben wahrſcheinlich an den folgenden Tagen, namentlich etwa am oder nach dem 17. Sep⸗ tember in größerem Maße. Eine beträchtliche Quan⸗ tität des verſchluckten Giftes wurde wieder ausgeführt, namentlich ausgebrochen. Der am rechten Mundwin⸗ kel der Leiche gefundene braune, pergamentartige Strei⸗ fen rührt nicht von der Einwirkung des weißen Ar⸗ ſeniks her.“ (Dieſer Streifen war nach der Ausſage der Frau ODetiker Folge einer leichten Brandwunde, welche die Verſtorbene beim Anblaſen des Feuers davontrug.) Der Inhalt der Oberexpertiſe wurde dem Ange⸗ klagten nicht mehr vorgehalten. Er wurde auch nicht darüber befragt, wann er den Entſchluß gefaßt, ſeine Ehefrau des Lebens zu berauben, insbeſondere ob er die⸗ ſen Entſchluß nicht etwa ſchon vor dem 10. Septem⸗ ber gefaßt, an welchem Tage er ſeine Schwiegermutter aus dem Hauſe jagte, vielleicht um deſto ungenirter ge⸗ gen die Frau vorgehen zu können. Ebenſo vermißt man in der Unterſuchung Auskunft über das frühere Leben, die Schulbildung, die Erziehung des Angeklag⸗ ten, lauter Momente, die zur Beurtheilung des Men⸗ ſchen und ſeiner entſetzlichen That von pſychologiſchem 360 Zakob Brennwald im Canton Zürich. Intereſſe geweſen wären. Die Vertheidigung gab in⸗ deſſen über dieſe Punkte einige Aufklärung. Die öffentliche Verhandlung vor dem Schwurgericht war auf den 15. December, Vormittags 9 Uhr anbe⸗ raumt.— Die Geſchworenen hatten, da der Angeklagte ſich ſchuldig bekannt hatte, nach den Geſetzen des Can⸗ tons nichts mit dem Falle zu thun. Gleichwol waren ſie der Wichtigkeit deſſelben wegen erſchienen.— Die Räume des Saales waren gedrängt voll. Alles voll Erwartung auf den„Mörder.“ Endlich wird er auf die Anklagebank geführt. Er iſt von mittler Größe, gedrungener Geſtalt, eine kräftige, wohlgebaute Perſön⸗ lichkeit. Seine Kleidung iſt ungewöhnlich reinlich und ſauber. Er trägt eine grüne Tuchjacke, graue Beinklei⸗ der, die dunkle Weſte bis oben geſchloſſen, über dem ſchwarzſeidenen Halstuch den weißen Hemdkragen,— ganz der Sonntagsanzug des vermöglichen jungen Bauern. Die neue ſchwarze Mütze hat er in der Hand. Das volle, blühende, bartloſe Geſicht färbt leichtes Roth. Die braunen Haare ſind pünktlich geſcheitelt, die blauen Augen niedergeſchlagen.— Mit vernehmlicher Stimme erklärt er ſich wiederholt des Giftmordes, verübt an ſei⸗ ner Ehefrau, ſchuldig. Tiefes Aufathmen bezeichnet ſeine innere Aufregung. Der Staatsanwalt zeichnet mit wenigen Worten den feigen, heimtückiſchen Mord, verübt von dem kräf⸗ tigen und geſunden Manne, an dem kränklichen, gut⸗ müthigen ſchwachen Weibe,— aus dem elendeſten, nich⸗ tigſten Motive von der Welt, weil ſie dem Hab⸗ gierigen nicht genug verdiente! Er ſieht in dem Fall einen ſolchen, wo der Menſch wirklich unter das Thier herabſinkt, und beantragt den Geſetzen gemäß die Todesſtrafe. ung gab i chwurgetich Uhr anbe Angellagt en des Can chwol wern en.— Di Mles vol wird er ol ttler Griß aute Perſin reinlich un ue Beinkli über den diragen,. en jung n der Han ichts Rol die bluu er Stinn rübt an ſ n beihn en Wrrt dem kii lichn/ h deſen, i dem Ho ſcht ind 4 Jakob Prennwald im Canton Zürich. 361 Die Vertheidigung ſuchte weder das Verbrechen noch den Verbrecher zu vertheidigen, oder gar zu recht⸗ fertigen; ſie ſtellte ſich die Aufgabe, die That nur zu erklären. Dieſe Erklärung aber findet ſie in der ganzen Lebensrichtung des Delinquenten, verbunden mit der materialiſtiſchen Richtung der Zeit. Brennwald, der Sohn fleißiger Aeltern, deren Sinn aber lediglich auf irdiſchen Erwerb gerichtet war, hat keinen höhern Sinn, kein beſſeres Gefühl, keine Ahnung eines tieferen Familienlebens. Das Weib war ihm nur Mittel zum Erwerb. Sie war ihm als gute Haushälterin ange⸗ prieſen worden; er ſieht ſich ſchmerzlich getäuſcht; alle ſeine Pläne und Hoffnungen auf irdiſchen Erwerb ſchwinden wie Seifenblaſen. Da wird die Frau krank. Jetzt tritt der Gedanke an ihn: o, wenn ſie ſtürbe! Der Gedanke wird zum Wunſch, der Wunſch zur That!— Brennwald ſteht aber, ſo fährt der Vertheidiger fort, mit dieſer brutal⸗materialiſtiſchen Anſchauung nicht ver⸗ einzelt in der Welt; er iſt vielmehr leider der Typus ſeiner Umgebung, der Typus einer gewiſſen Landesge⸗ gend, der Typus eines großen Theiles der heutigen vürgerlichen Geſellſchaft.— Darum ſtrafe man ihn nicht mit dem Tode für eine Richtung der Zeit, deren, wenn ruch verdorbenſtes Kind er iſt! Der Vertheidiger weiſt vie Richter auf das Recht hin, den zum Tode zu Ver⸗ urtheilenden zugleich der Gnade des Großen Rathes zu mpfehlen. Die ganze wol eine Stunde in Anſpruch nehmende Vertheidigung begleitete der Angeklagte mit fortwäh⸗ endem lauten Schluchzen. Das Gericht zieht ſich zur Berathung zurück und verkündigt nach ſeinem Wiedererſcheinen durch den Mund ſeines Präſidenten: XXIV. 16 362 Jakob Brennwald im Canton ʒüriel. daß der Angeklagte zum Tode verurtheilt ſe i.— Wie vorauszuſehen, war keine Empfehlung zur Begnadigung. Dagegen fodert der Präſident den Ver⸗ theidiger auf, dem Geſetze gemäß ein Begnadigungs⸗ geſuch für ſeinen Clienten an den Großen Rath zu verfaſſen. Ohne eine Miene zu verziehen, oder auch nur mit dem Auge zu zucken, hört derſelbe den Spruch an, wäh⸗ rend eine Bewegung mächtigen Eindrucks durch die ganze Verſammlung geht. Man erfährt, daß der Verurtheilte ſehr am Leben hängt und eine Umwandlung ſeiner Strafe in lebens⸗ längliche Kettenſtrafe dem Tode auf dem Schaffot ent⸗ ſchieden vorzieht.— Sechs Tage nach der Verurtheilung, am 21. December, wurde das Begnadigungsgeſuch dem verſammelten Großen Rathe des Cantons von der Pe⸗ titionscommiſſion empfehlend vorgelegt. Sie ſieht in dem bisher untadelhaften Lebenswandel und in dem Bekenntniß des Verurtheilten Begnadigungsgründe, in letzterem insbeſondere die erſte Spur der Beſſerung, und iſt überhaupt der Anſicht, daß ein Todesurtheil nur dann, wenn eine unerbittliche ſittliche Nothwendigkeit es verlange, vollzogen werden ſolle. Der Große Rath, faſt vollzählig, begnadigt wirk⸗ lich mit 159 weißen gegen 36 ſchwarze Kugeln den Delinquenten. Zu dieſer Begnadigung hat ſicherlich der Umſtand weſentlich beigetragen, daß der ebenſo humane als geiſtreiche Präſident der Regierung, Herr Dubs, vor kurzem den Entwurf eines neuen Strafgeſetzbuches für den Canton veröffentlicht hat, in welchem er die Abſchaffung der Todesſtrafe, die kein Bedürfniß mehr, beantragt. d h. erurtheilt ſchlung zu ent den Ver nadigungi⸗ n Rath z uch nur mit ch an, wäh⸗ durch di r am Pbe e in lbel Schaffot ent eturtheilun sgeſuch d von det P und in du gögrinde eſſerung, zurtheil thwendigt digt Kugelu* der Unſ⸗ human 2 b D ubi,. afgeſtb chen n Beiſ Jakob Brennwald im Canton Zürich. 363 Am andern Tage, den 22. December, wurde Brennwald von dem Schmiede der Strafanſtalt in die Ketten geſchmiedet, die er, der jetzt Sechsund⸗ wanzigjährige, die Zeit ſeines Lebens im Zuchthauſe tragen ſoll. Der Goldschmied Jancovius. 1850— 1852. Die Bewohner der freundlichen, von Wein⸗ und Obſt⸗ gärten umgebenen Neiſſe⸗Stadt Guben wurden zu der Zeit, als gerade die große Mobilmachung Preußens die Gemüther überall mit Kriegsgedanken aufs lebhafteſte beſchäftigte, plötzlich durch ein furchtbares Ereigniß innerhalb ihrer Mauern in die größte Aufregung ver⸗ ſetzt. Eine allgemein geachtete Bürgersfrau war am Abend des 28. Novbr. 1850 in ihrer im belebteſten Theil der Stadt belegenen Wohnung auf das ſcheuß⸗ lichſte ermordet gefunden. Nicht blos die Roheit der That, ſondern noch mehr die Vermuthungen, die alsbald in der ganzen Bevölkerung in übereinſtimmen⸗ der Art aufſtiegen, waren wohl geeignet, das volle In⸗ tereſſe einem Falle zuzuwenden, der in ſeiner ſpäteren Entwickelung noch ſo viele bemerkenswerthe, dramatiſche und pſychologiſche Momente bieten ſollte. Laura Jancovius, die Frau eines Goldarbeiters, bewohnte mit ihrer Familie ein zweiſtöckiges Haus. An dem gedachten Tage war ſie in den ſpätern Nachmit⸗ tags⸗ und den Abendſtunden in ihrer Häuslichkeit ge⸗ weſen, dann hatten Bekannte aus der Nachbarſchaft ſie 15. „und Ohſ rden zu de wußens d lebhaften Ereign regung v au war belebtft das ſchl Roheit d ungen,* rinfinn us vole ner pit drmalit oldui⸗ hu . wön slichti zburſhe Der Goldschmied Jancovius. 365 beſucht, welche die thätige Frau bei einer Näharbeit in der Werkſtatt gefunden. Nachdem ihre Tochter zu ei⸗ ner Freundin gegangen, hatte ſich auch der Mann und Vater in gewohnter Art und Weiſe fortbegeben und ſo ſeine Frau in ihrer Wohnung allein zurückgelaſſen. Im obern Stockwerk des Hauſes ſaßen die Leute ruhig und unbekümmert bei Tiſch, als plötzlich bald nach 7 Uhr ein eigenthümliches Stöhnen und Wimmern zu ihnen hinaufdrang und ſie unwillkürlich auf den Flur trieb. In größter Angſt lauſchten ſie und vernahmen dann aus der Jancovius'ſchen Wohnung einzelne Jammerworte einer Frau. Der von unten herzukommende Schmied Dittmann, welcher das obere Quartier mit ſeiner Fa⸗ milie innehat, bringt bald die Nachricht, daß die Frau Jancovius im Blute liege, und als endlich der Gold⸗ arbeiter Jancovius herbeigeholt iſt, hat ſich bereits eine große Zahl von Leuten unten im Hauſe verſammelt, unter denen beſonders ein ſchnell herbeigerufener Arst und der Unterſuchungsrichter bemerkt werden. In einer nach hinten hinaus befindlichen Stube lag auf der Diele ausgeſtreckt regungslos die unglückliche Frau. Ihr ganzes Geſicht war mit Blut überzogen. Zahlreiche Verletzungen entſtellten es, beſonders eine an der linken Seite des Kopfes vom Auge abwärts weit aufklaffende Wunde. Der Athem war entflohn, alle Verſuche, ſie wieder ins Leben zurückzurufen, mißriethen. Sie war ermordet, das ergab nicht nur ſofort der Au⸗ genſchein, ſondern beſtätigte auch alsbald der Arzt auf das beſtimmteſte. Für den erſten Abend begnügte ſich das Gericht mit einer allgemeinen Feſtſtellung des Thatbeſtands. Erſt den folgenden Morgen ging man mit der größten Ent⸗ ſchiedenheit an eine genaue Durchſuchung des Janto⸗ ——— 366 Der Goldschmied Jancovius. vius ſchen Hauſes. Der Mord war nicht in der Hinter⸗ ſtube begangen, wo der Unterſuchungsrichter die Leiche bei ſeinem Erſcheinen vorgefunden— dorthin hatten nur Dittmann und Jancovius die Ermordete gleich nach Entdeckung der That herübergetragen— ſondern offen⸗ bar war die nach dem Hofe belegene Werkſtatt der Schauplatz des Verbrechens geweſen. Davon zeugten außer vielen andern kleineren Blutſpuren namentlich zwei größere Blutflecken. Neben dem erſteren in der Nähe des Ausgangs zur Küche lag eine ſchwere eiſerne Zange; hier wollte Dittmann die Leiche zuerſt gefunden haben. Der zweite kleinere Fleck war an der entgegengeſetzten Seite am Fenſter. In der Küche ſtand ein Waſchbecken mit von Blut gefärbtem Waſſer; auf dem Ladentiſche eine Geldſchwinge, von deren Inhalt jedoch nichts fehlte. Jancovius machte darauf aufmerkſam, daß anſcheinend ein Raub verſucht ſei, und dieſe Meinung fand in dem Umſtande, daß in der That ein der Tochter gehöriger Schmuck aus der gegenüberliegenden Vorderſtube fehlte, einigermaßen Unterſtützung. Die hiernächſt vorgenommene Obduction ergab die ſchon am vorigen Tage ausgeſprochene Anſicht über die gewaltſame Tödtung der verehel. Jancovius bis zur Evidenz. Die Ermordete war gräßlich zugerichtet. Schon die vielen ſchweren Kopfverletzungen zeigten eine nicht gewöhnliche Brutalität der That, aber das Maß des Entſetzens war voll, als die Obducenten endlich aus der Bauchhöhle durch die innerlich ganz zerriſſenen Ge⸗ ſchlechtstheile ein cylinderförmig gebogenes Stück Holz von ungefähr 8 Zoll Länge und 1 ½ Zoll Durch⸗ meſſer, faſt in der Geſtalt eines männlichen Gliedes, herausholten. Das Holz war mit dem oben zugeſpitz⸗ ten Ende in das Becken der Frau eingetrieben und un⸗ der Hinter rdie Viche hatten nur gleich nach dern offen erkſtatt der on zeugten namentlich in der Nih rne Zange den haben⸗ gengeſettin Vuſchbeck Ladentiſch nſcheinend ud in den ſtube fehlt ergb d ht über d bis ſu zugerih eigten l das N endlich iſennb tüc H 1 eſi ſ nd! (n une Der Goldschmied Jancavius. 367 willkürlich traten Jedem beim Anblick dieſes Marter⸗ werkzeugs die fürchterlichen Schmerzen vor die Seele, unter denen die Unglückliche der Mörderhand hatte un⸗ terliegen müſſen. Wer hatte dieſe ſchreckliche That auf ſeinem Ge⸗ wiſſen? Noch wagte Niemand den Thäter öffentlich zu nennen, aber ſchon jetzt herrſchte im Publicum, ohne daß beſtimmte Verdachtsmomente vorlagen, in dieſer Hinſicht nur eine Anſicht. Jancovius ſelbſt blieb bei ſeiner vorgefaßten Meinung, daß ein Raub beabſichtigt worden. Allein abgeſehen davon, daß außer dem Schmucke nichts fehlte und namentlich die Ladenkaſſe unberührt geblieben war, daß auch die Ermordete an ihrem Leibe noch Schmuck und in ihrer Taſche noch Geld trug, zeigte die raffinirte Art der Ermordung nur zu deut⸗ lich, daß hier tiefere und gewaltigere Leidenſchaften als die augenblickliche Geldgier eines gewöhnlichen Räubers ihr dämoniſches Spiel getrieben hatten. Man über⸗ zeugte ſich auch bald, daß der Thäter allerdings die Be⸗ raubung der Jancovius hatte glaubhaft machen wollen, und daß dies eine der vielen reiflich und ſchlau über⸗ legten Operationen geweſen, wie ſie die Unterſuchung ſpäter ſo viele aufdeckte, Operationen, welche die lange vorher erfolgte kaltblütige Berechnung und Erwägung eines auf Alles gefaßten und zu Allem entſchloſſenen Charakters offenbarten. Allmälig verbreitete ſich mehr und mehr Licht über das viel beſprochene Verbrechen. Die Unterſuchung wurde unermüdlich mit großem Fleiße und gewiſſen⸗ hafteſter Gründlichkeit fortgeſetzt, und bald ſtellte ſich der dringende Verdacht heraus, daß der Schmied Ditt⸗ mann bei der Ermordung weſentlich betheiligt ſein müſſe. Es war dies eine rohe Natur, zu der man ſich der That 368 Der Goldschmied Jancovius. an ſich wol verſehen konnte. Seine Vermögensverhält⸗ niſſe befanden ſich in größter Unordnung; von Gläubigern vielfach verfolgt, mochte vielleicht ſchon ein eben nicht erheblicher Lohn ausgereicht haben, ihn zu dieſem verzweifelten Schritt zu bewegen. Die ſpeciellen Ver⸗ dachtsmomente gegen ihn beſtanden: daß er zuerſt auf das Schreien der Frauen von unten die Treppe herauf⸗ gekommen war; daß er damals einen dunkeln Blutfleck auf der Stirn gehabt, der aber nachher, als er wieder⸗ gekommen, verſchwunden geweſen. Außerdem hatte er einen Alibi⸗Beweis verſucht, der nicht nur misglückt war, ſondern in Bezug auf den auch ſeine Frau und ſein Sohn ſelbſt eingeſtehen mußten, daß er ſie über⸗ redet, wie ſie vor Gericht ausſagen ſollten. Endlich war ſein ganzes Benehmen gleich nach der Entdeckung der That ein höchſt auffallendes geweſen. Zweimal war er vorgeblich gegangen, um Jancovius aufzuſuchen und herbeizurufen, und erſt nachdem ihn ſeine Frau nach der beſtimmten Tabagie gewieſen, kehrte er mit jenem zurück. Dies Zögern konnte auch nicht etwa auf eine augenblickliche Verwirrung und Beſtürzung geſchoben werden, da Dittmann während der ganzen Zeit keine Spur von Schrecken und Aufregung gezeigt hatte. Konnte man aber bei der ganzen Beſchaffenheit der Leiche, bei den vielfachen gräßlichen Wunden, nament⸗ lich aber mit Rückſicht auf die ſcheußliche Gewalt, wo⸗ mit der geſpitzte Holzpflock in den Leib der Unglückli⸗ chen getrieben war, konnte man unter dieſen Umſtänden die Thäterſchaft nur auf einen Verdächtigen wälzen, zumal auf Jemand, der, ſeiner äußern Stellung nach zur Ermordeten ſelbſt, kaum ein beſonderes Motiv zur That errathen ließ? Die Sachverſtändigen hatten ſich bis jetzt über dieſe Frage noch nicht ausgeſprochen; doch — — gensverhilt Gläubigen ehen nicht zu dieſen ciellen Ver r zuerſt auf eppe herauf⸗ n Blutfleck er wieder⸗ m hatte et t miöglüct Fran und er ſie über⸗ n Endlich Entdeckung uchen und Frau nach mit jenen auf ein geſchobel geit kein hatle⸗ fenheit de „nament walt, wo Unglckl Unſtänd en wile lung n Motiv 3 zatten ſi chen do Der Goldschmied Jancovius. 369 waren ſchon damals Alle, die eine nähere Kenntniß des Verbrechens erhalten, einig, daß nur vier Arme die kräf⸗ tige Geſtalt der Jancovius ſo bändigen konnten, wie dies geſchehen war, und daß, da die Anſicht über einen hier verübten Raubmord gleich anfangs über Bord ge⸗ worfen ward, Dittmann nur das rohere Werkzeug ge⸗ weſen, der eigentliche Mörder aber, der die That erdacht und bei ſich zur Reife gebracht, ein Anderer geweſen ſein mußte. Dieſer Andere aber konnte wiederum Nie⸗ mand anderes ſein, als Johann Jancovius ſelbſt, der Ehemann der Ermordeten. um ein ſo ſchweres Verbrechen, wie das vorliegende, auf die Schultern gerade Desjenigen zu wälzen, der durch ſittliche und bürgerliche Geſetze die vornehmlichſten Ver⸗ pflichtungen für das Wohl ſeines Opfers hatte, um die Hand, welche der Unglücklichen durch ihr ganzes Leben eine liebevolle Stütze ſein ſollte, mit den gräßlichſten Nordinſtrumenten zu bewaffnen, dazu gehörte mehr als ein allgemeiner Verdachtsgrund, ſelbſt wenn die Stimme im Volk vielleicht ſchon lange im Stillen auf dieſe Hand hingewieſen: die Behörden bedurften gewichti⸗ gerer Momente, um gegen dieſen Verdächtigen entſchie⸗ den auftreten zu können! Und dennoch lagen dieſe Momente zunächſt und hauptſächlich nur in den Umſtänden, welche auch für die öffentliche Meinung die erſte Quelle des Verdachts abgegeben hatten. Die Jancoviusſche Ehe gehörte nicht zu den glück⸗ lichſten: ja, es war ſogar früher zu einem offnen Bruch unter den Eheleuten gekommen. Jancovius, der ſeine Frau, ein Mädchen aus guter Familie, nur des Ver⸗ mögens halber geheirathet, ſah bald, daß er dies bei weitem überſchätzt habe. Hieraus entſpannen ſich fort⸗ 370 Der Goldschmied Jancovius. dauernde Zwiſtigkeiten; Jancovius mishandelte ſeine Frau wiederholentlich. Ein von ihr angeſtrengter Schei⸗ dungsproceß hatte keinen Erfolg. Hierauf lebte ſie län⸗ gere Zeit mit ihrer Tochter Malwine getrennt von ih⸗ rem Manne, bis ſie ſich endlich entſchloß, zu ihm zu⸗ rückzukehren. Indeß nur zu bald ſollte ſie dieſen Schritt bereuen. Wenn ſie Jancovius in Gegenwart Anderer höflich, ſogar mit Aufmerkſamkeit behandelte, ſo geſchah dies nur, um ihr allein gegenüber deſto roher aufzu⸗ treten. Auch jetzt lag der Grund für ſein Betragen in den Vermögensumſtänden, die ſogar bereits zu verſchie⸗ denen Proceſſen Anlaß gegeben hatten. Schon vor län⸗ gerer Zeit hatte er dem Nießbrauch an dem Eingebrach⸗ ten ſeiner Frau entſagen müſſen und war demnächſt zur Herausgabe ihres Vermögens rechtskräftig verurtheilt. Dieſe Verhältniſſe, auf die wir, ihrer großen Be⸗ deutung wegen, unten weitläufiger zurückkommen müſſen, waren es, welche zunächſt zur Verdächtigung des Jan⸗ covius beitrugen. Es ſchien in der That nicht unglaub⸗ lich, daß ein Mann, der den chelichen Frieden nur um Geldes willen ſchon ſo oft gefährdet hatte, jetzt, nachdem ihm, nach Entſagung des Nießbrauchsrechts, jede Aus⸗ ſicht genommen, über die gewünſchten Mittel zu dispo⸗ niren, ſich dieſe auf dem allein noch möglichen Wege des Erbgangs zu verſchaffen ſuchte. Erwägt man fer⸗ ner, daß der Mörder das Verbrechen wohl vorbereitet, Ort und Stunde genau überlegt, und deßhalb im Hauſe bekannt ſein mußte, ſowie daß, da der Diebſtahl des Schmucks nur fingirt war, für einen Dritten zu dem Morde auch nicht das entfernteſte Motiv vorhanden war oder auch nur erdacht werden konnte, ſo überzeugt man ſich leicht, daß ſowol die öffentliche Meinung in ihrer vagen Bezeichnung des eigentlichen Thäters, als ndelte ſein ngter Schei ebte ſie lin unt von ih zu ihm zl ieſen Schrit art Ander ſo geſcha ohet aufz Betragen in zu verſchi on vor lin Eingebrach verurtheilt aroßen Be nen miſſ 9 des In ht unglu den nut u tt nchde jede W lzu diipt tman ſi vorbereitn b im Holl ichſthl ten ju vothend“ iberze Neinuns hters/ Der Goldschmied Jancovius. 371 auch die mit größter Vorſicht verfahrenden Behörden ihren Verdacht nicht aus ganz oberflächlichen Indicien geſchöpft hatten. Andererſeits konnte freilich das Benehmen des Jan⸗ covius gleich nach der That die Muthmaßung, daß er ſelbſt der Mörder geweſen, in Etwas erſchüttern. Er war beim Anblick der Leiche anſcheinend ſehr erſchrocken und tief bewegt geweſen. Auch hatte man ihn den Kopf der Frau an ſeine Bruſt gelehnt und heftig wei⸗ nend gefunden. Den ſchärfern Beobachter konnte in⸗ deß dieſes Gebaren nicht täuſchen; einem Mann, der mit ſo vieler Vorſicht Alles berechnet zu haben ſchien, die Entdeckung des Verbrechens zu verhindern, durfte Verſtellungsgabe genug zugetraut werden, um vor den Augen der Welt mit blutendem Herzen bei der Leiche ſeiner geliebten Gattin zu erſcheinen. Auf Grund aller dieſer Umſtände ſchritten die Be⸗ hörden zur polizeilichen Verhaftung des Jancovius und Dittmann und nahmen gleichzeitig eine genauere Haus⸗ ſuchung vor. Als in Betreff der letzteren der Staats⸗ anwalt dem Jancovius den Zweck ſeiner Anweſenheit eröffnete, trat ihm dieſer mit großer Ruhe und Ent⸗ ſchiedenheit entgegen.„Das hätte ſchon längſt geſche⸗ hen müſſen“, ſagte er mit Zuverſicht und in einem faſt vorwurfsvollen Tone. Demnächſt ſetzte er dem Beamten mit aller Genauigkeit die Umſtände auseinander, unter denen die That nach ſeinen Vermuthungen hätte ge⸗ ſchehen ſein müſſen, und bezüchtigte bei dieſer Gelegen⸗ heit zum erſtenmal Dittmann des Verbrechens. So⸗ dann zeigte er mit größter Seelenruhe, jedoch mit dem ihm ſo eignen Anflug von Sentimentalität jene Haare vor, welche er ſeiner lieben Laura, ehe ſie in den Sarg gelegt worden, abgeſchnitten habe. Endlich erklärte der Der Goldschmied Jancovius. Staatsanwalt Beiden, daß ſie verhaftet ſeien. Jan⸗ covius, welcher bis dahin ſeine ganze Faſſung bewahrt hatte, erſchrak ſichtlich, machte jedoch keine Einwendun⸗ gen. Dittmann blieb dreiſt und frech. Seine Frau aber fiel in die Knie und rief im Tone großer Seelen⸗ angſt:„So ſollte er es denn wirklich geweſen ſein!“ Schon durch Beſchluß vom 3. Decbr. erachtete das Gericht die Verhaftung Beider für gerechtfertigt. Die weitere Vorunterſuchung lieferte allmälig mehr und mehr Indicien gegen die muthmaßlichen Thäter. Dieſe genauer mitzutheilen, bleibt der weiter unten fol⸗ genden Anklage vorbehalten, mit der ein ganzes ge⸗ ſchloſſenes Bild der Unterſuchung vorgeführt wird. Um jedoch den Verlauf der Sache feſtzuhalten, müſſen wir ſchon jetzt berichten, daß der gleich am Abend der That vermißte Schmuck der Malwine Jancovius früh Mor⸗ gens den 8. Januar d. k. J. unter einem Schutthaufen beim Fegen des ſogenannten„Demokraten⸗Weges“ in der Nähe der Promenade von Arbeitern gefunden wurde. An der dazu gehörigen Gurtnadel waren noch Blutſpu⸗ ren erſichtlich. Man mußte annehmen, daß ſich der Mör⸗ der erſt ſpäter dieſer Pretioſen entledigt hatte, und die Anſicht, daß der ganze Raub nur erdichtet geweſen, ward nunmehr zur Ueberzeugung, wenn man bedachte, daß ein Dieb einen ihn ſo leicht verrathenden Gegenſtand ſchwerlich innerhalb der Mauern Gubens gelaſſen hätte. Da Jancovius und Dittmann beim Auffinden des Schmucks im Gefängniß ſaßen, dieſer aber allem An⸗ ſcheine nach erſt ſeit kurzem an die bezeichnete Stelle gebracht ſein konnte, ſo lag der Verdacht nahe, daß noch dritte Perſonen um den Mord wiſſen mußten. Man wollte in Erfahrung gebracht haben, daß der Stiefſohn ſeien. Im ung bewah Einwendun Seine Fru oßer Seeln ſen ſein!“ trachtete de fertigt. lmülig me ichen Thitn ter unten fe galzes i rt wird. Un müſſen w nd der Th⸗ früh Vo Schotthuft Peges“ unden wud ch Blutß ſich der M te, undd weſin vu⸗ dachtt, Grgenſu 16 gleſ uffun r aben chnete St ae daß e te er Siie Der Goldschmied Jancovius. 373 des Dittmann, Anguſt Wonnenberger, ein wilder Burſche, welcher bei einem Kürſchner in der Lehre ſtand, am Abend der That in der Dunkelſtunde ſich entfernt und dieſelbe Nacht nicht wieder nach Hauſe gekommen ſei. Die hierüber vernommenen Zeugen konnten jedoch nichts Belaſtendes ausſagen. Ebenſo führten weitere Ermittelungen über das et⸗ waige Motiv der That zu keinem Reſultate. Im Februar 1849 wurde nämlich bei einem Gold⸗ arbeiter in dem von der verehl. Jancovius, die damals gerade von ihrem Manne getrennt lebte, bewohnten Hauſe ein gewaltſamer Diebſtahl an Pretioſen zum Werthe von gegen 300 Thlr. verübt. Der Sohn des Jancovius, Julius, ward im Beſitze eines Theils des geſtohlenen Guts gefunden und geſtand auch nach eini⸗ gem Leugnen der Polizei ein, daß er die Koſtbarkeiten entwendet und in ein Weinbergshäuschen ſeines Vaters in einer Cigarrenkiſte in dem Ofen verſteckt habe. Zu⸗ gleich gab er an, daß die Sachen ſeit dem Tage ſeiner Vernehmung wieder verſchwunden ſeien, und ſprach be⸗ ſtimmt ſeine Ueberzeugung dahin aus, daß ſie nur ſein Vater an ſich genommen haben könne. Bei einer Re⸗ cherche holte Julius Jancovius in der That aus dem Ofen des Berghauſes das Stück eines Cigarrenkaſtens hervor und beſtätigte ſomit ſeine Angaben.— Der Va⸗ ter leugnete ſtandhaft jede Mitwiſſenſchaft um die That ſeines Sohnes, obwol ihn dieſer unter Thränen zu ei⸗ nem Geſtändniß zu bewegen ſuchte. Bei ſeiner gerichtlichen Vernehmung widerrief frei⸗ lich Julius Jancovius ſeine polizeilichen Ausſagen, namentlich auch die Bezichtigung ſeines Vaters. Dennoch war das Gericht von der Wahrheit ſeiner früheren Angaben überzeugt und verurtheilte ihn we⸗ 374 Der Goldschmied Jancovius. gen Diebſtahls zu einer längeren Zuchthausſtrafe. Dieſe verbüßte er gegenwärtig in der Strafanſtalt zu Luckau. In Guben war man allgemein der Anſicht, der alte Jancovius habe wirklich, wie ſein Sohn ihn beſchuldigt, die Goldſachen fortgenommen und eingeſchmolzen, was ihm als Goldarbeiter leicht ſein mußte. Es war nun nicht unwahrſcheinlich, daß die Frau deſſelben von ſei⸗ ner Theilnahme an jenem Diebſtahle Kenntniß erhalten und vielleicht bei den Mishandlungen ihres Mannes dieſem öfters mit Verrath gedroht habe. Was ſchien natürlicher, als daß Jancovius dieſe ſo gefährliche Zeu⸗ gin zum Schweigen zu bringen ſuchte und ſollte es ſelbſt nur durch ihren Tod geſchehen können? Die Strafzeit des Sohnes neigte ſich ihrem Ende. Noch wußte er Nichts von der ganzen Scheußlichkeit, mit der man ſeine Mutter ermordet hatte. Bei der ge⸗ gen ihn geführten Unterſuchung hatte er ſich durchaus nicht ſo gefühllos gezeigt, daß man nicht annehmen konnte, er werde jetzt— wenn man ihm die fürchter⸗ lichen Einzelnheiten der Unthat erzählte und ihm alle gegen ſeinen Vater bereits laut gewordenen Verdachts⸗ gründe eröffnete, ihm vorhielt, daß ſeine Strafbarkeit jetzt durch ein offenes Geſtändniß nicht mehr alterirt werden könne— in der Erſchütterung ſeines Herzens, jenen Diebſtahl, insbeſondere die Betheiligung ſeines Vaters, des Mörders ſeiner Mutter, und deren Wiſſen⸗ ſchaft davon, offen bekennen. Der Sträfling ward zu Luckau vernommen. Er betheuerte auch jetzt noch ſeine Unſchuld. Beim Schluſſe der Verhandlung brach er in Thränen aus.„Daß ſeine Mutter den Vater mit Verrath gedroht haben könne, ſei nicht möglich, ſo gemein ſei ſie nicht geweſen!“ Dieſe Erklärung, wird in den Acten regiſtrirt, ſchien ufe. Dieſt zu Luckau t, der alte ſchuldigt, lzen, was war nun n von ſei⸗ ß erhalten Mannes ſchien rliche Zeu⸗ te es ſelbſt m Ende. i der ge⸗ durchaus annehmen fürchter⸗ ihm alle zerdacht⸗ tufbarkei alteritt Herzen 9 ſeines un 6 Schuſ ß ſiin nlönn Der Goldschmied Jancovius. 375 aus der innerſten Ueberzeugung des Vernommenen her⸗ vorzugehn, wiewol bei ſeinen Antworten die Vermu⸗ thung ſich nicht abweiſen ließ,„daß er den Diebſtahl zwar begangen habe, noch jetzt aber Bedenken trage, ihn einzugeſtehen.“ Obwol, wie bereits geſagt, die Verdachtsmomente gegen die Verhafteten immer zahlreicher und ſchwerer wurden, ſo leugneten doch Beide hartnäckig jede Be⸗ theiligung an dem Verbrechen ab. Sie documentirten bei dem Syſtem ihrer Vertheidigung einen ſo hohen Grad von Gewandtheit, daß ſie ſich nirgends in erheb⸗ liche Widerſprüche verwickelten, beſonders aber zeigte ſich Jancovius routinirt und vorſichtig. Er klagte conſe⸗ quent Dittmann der That an und ſuchte zu dieſem Zwecke namentlich durchzuführen, daß nur Einer die That habe verüben können. Auffallend war beſonders bei ihm der Scharfſinn, mit dem er ſich gegen Vorhal⸗ tungen des Unterſuchungsrichters vertheidigte, wenn ihn dieſer darauf aufmerkſam machte, daß er Umſtände her⸗ vorhebe, welche bei ihm die Kenntniß von ihm bisher noch gar nicht ſeitens des Gerichts eröffneten Indicien vorausſetzten. In ſolchen Fällen wies er ſtets mit ei⸗ ner gewiſſen Logik nach, wie ihn eigenes Nachdenken unter Berückſichtigung des ganzen Sachverhältniſſes darauf geführt habe, daß aus dieſem oder jenem Mo⸗ ment Verdacht gegen ihn geſchöpft werden müſſe. Suchte er nun auf dieſe Weiſe Einwendungen des Richters mit Glück zu beſeitigen, ſo war doch die ganze Art der Vertheidigung, weil eben zu viel vertheidigt werden ſollte, von ſchlechtem Eindruck. In ſeinem ganzen Ver⸗ halten beobachtete er übrigens ſonſt dieſelbe Ruhe, die er, abgeſehen von den erſten Augenblicken nach der That, wo es ihm noch darauf ankam, den tiefbetrübten Gat⸗ 376 Der Goldschmied Jancovius. ten zu ſpielen, ſtets bewieſen hatte. Vorzüglich aber war er bemüht, ſeine Ehe mit der Ermordeten als eine ſehr glückliche darzuſtellen, und immer ſchilderte er ſich ſelbſt als einen ſehr zärtlichen und aufmerkſamen Ehemann. Dittmann blieb gleichmäßig frech, kalt und gefühl⸗ los. Niemals beſchwerte er ſich über ſeine Verhaftung oder Feſſelung, aber ebenſowenig erkundigte er ſich je nach ſeiner Familie. Seine Antworten erfolgten lang⸗ ſam, aber ſtets überlegt, und um ſeinen Mund ſpielte beſtändig jenes Lächeln, womit Jemand einen Irrthum aufzuklären beſtrebt iſt. Er lehnte entſchieden jede Mit⸗ wiſſenſchaft von ſich ab, bezichtigte aber auch, wenig⸗ ſtens zu Anfang, Niemand, namentlich nicht Jancovius. In ſeiner Vertheidigungsweiſe verfuhr er ähnlich wie dieſer, doch nicht ebenſo geſchickt. Noch kurz vor Ein⸗ gang der Anklage gelang es dem Unterſuchungsrichter, die Manveuvres des Dittmann näher zu durchſchauen und ihn in eine Falle zu führen, die er ſich ſelbſt unbewußt geſtellt hatte. Seine Ehefrau hatte nämlich von ihm durch einen entlaſſenen Strafgefangenen die Weiſung empfangen, am nächſten Morgen um 9 Uhr an die hin⸗ tere Seite des Gefängniß⸗Abtrittes zu kommen, auch dorthin Papier und Bleiſtift zu bringen, um ſo von ihm Mittheilungen erhalten zu können. Dies zeigte die Frau ſelbſt dem Unterſuchungsrichter an. Unter ge⸗ höriger Beobachtung mußte nunmehr die Frau Ditt⸗ mann zur beſtimmten Stunde die gewünſchten Schreib⸗ materialien durch die hintere Appartementsluke ſtecken. Der Mann befahl ihr, ſich Nachmittags eine längere ſchriftliche Mittheilung abzuholen, und, als dies unter ſtrengſter Aufmerkſamkeit der Beamten geſchehen war, brachte die Frau dem Richter einen von ihrem Manne ſelbſt geſchriebenen Brief züglich abe ten als ein erte er ſic nEhemann. und gefühl⸗ Verhaftun eert ſih ji olgten lang⸗ Lund ſpielte en Irrthun n jede i⸗ uch, werig Jancorius. ihnlich wie vor Ein⸗ ngsrichter chauen und unbewuft h von ihn e WVeiſunz an die hi men, uut m ſo b ies zei Untet ge tn Dit⸗ n Schril uke ſtin ine läng“ dies unte zehen wil n Nun Der Goldschmied Zancovius. 377 Dieſer, noch mit großer Vorſicht verfaßt, enthielt eigentlich nur eine Inſtruction für ſeine Frau, wie ſie in Uebereinſtimmung mit ihm ausſagen ſolle. Wichti⸗ ger war ein zweites ebenſo aufgefangenes Schreiben. Hier ſetzte Dittmann die Schuld des Jancovius voraus und berief ſich auf Perſonen, welche die Ermordete ſelbſt hätten ſagen hören, ſie würde einſt unter ihres Mannes Händen ſterben. Er ſelbſt ſtellte ſich als völlig un⸗ ſchuldig dar.„So wahr Gott im Himmel lebt“, ſchreibt er,„ich weiß nichts davon. Als ich in Berlin gewe⸗ ſen und das jüngſte Gericht— auf dem Muſeum— geſchen habe, wie es den Böſen und Guten ergeht, da bin ich in mich gegangen, nie mehr etwas Böſes zu thun!“ Wie gemacht und erzwungen iſt dieſe ganze Stelle in ihrer hohlen Emphaſe, wenn man die gleich darauf folgenden Zeilen lieſt, wo er ſich bemüht, ein neues Alibi ſeiner Frau glaubhaft zu machen und dieſe hierüher inſtruirt. Wir laſſen nunmehr hier die Anklage des Staats⸗ anwalts gegen Jancovius und Dittmann folgen. Sie iſt ein öffentliches Actenſtück geworden und nicht nur mit großem Fleiße gearbeitet, ſondern auch reich an ge⸗ ſchickten und glücktichen Combinationen. Wir nehmen daher keinen Anſtand, ſie ziemlich genau, wenn auch et⸗ was verkürzt wiederzugeben, indem wir nur Das fort⸗ zulaſſen gewillt ſind, was durch die juriſtiſche Form ge⸗ boten wird. Der Goldarbeiter Jancovius wohnte bis zum No⸗ vember 1850 mit ſeiner Frau und Tochter im Erdge⸗ ſchoſſe eines zweiſtöckigen Hauſes in der kurzen Straße zu Guben.— Das Haus iſt niedrig und alterthümlich. 378 Der Goldschmied Jancovius. Der Flur unten wird nach der Straße zu durch eine Thür mit einer inwendig befeſtigten Klingel verſchloſſen. Rechts von der Hausthür befindet ſich der Laden des Jancovius, mit einem beſonderen Eingang von der Straße und einem Schaufenſter. In dem Laden ſelbſt iſt ein Alkoven, das Schlaf⸗ zimmer des Jancovius. Dahinter liegt die ſchmale und dunkle Küche, mit einer Fallthür zum Keller. Daran ſtößt nach dem Hofe zu ein Anbau, in welchem ſich die Werkſtatt befindet, zu der nur eine Thür aus der Küche einige Stufen aufwärts führt. Sie hat drei Fenſter nach dem Hofe zu und eins der Thür gegenüber. Links vom Eingange ſteht ein Arbeitstiſch, welcher faſt die ganze Länge unter den Fenſtern einnimmt, neben dieſem, in der Ecke zwiſchen den Fenſtern, ein Ambos, wäh⸗ rend dieſem quergegenüber, rechts vom Eingange, ein kleiner Herd zum Schmelzen und Löthen beim Arbei⸗ ten dient. Dieſe Werkſtatt iſt der engere Schauplatz des Ver⸗ brechens. Von der Küche führt eine Thür in den Hausflur, dicht bei der Hofthür, gegenüber der Treppe zum zwei⸗ ten Stock. Auf der linken Seite des Hauſes, von der Straße aus, befindet ſich nach dieſer zu nur ein einfenſtriges Wohnzimmer. Dahinter liegt nach dem Hofe ein eben ſolches Schlafgemach. Der Eingang zu dieſem geht vom Flur aus unter der Treppe ſchräg gegenüber der Küchenthür. Im zweiten Stock wohnte damals die Familie des Schmied Dittmann und eine Schauſpielerin, Clara Meh⸗ lich. Dittmanns hatten die Räume über der Janco⸗ vius'ſchen Wohnſtube und dem Hausflur inne, eine ———— u durch ein verſchloſſe rLaden de ng von de ſchmale un ler. Dara chem ſch di us der Küch drei Fenſn nübet, Link cher faſt di eben dieſen bos, wäh⸗ ngange, eit eim Arbei t des Vn Hausfin zum ſ der Stuß infenfti eein be ieſem genübe N ½„ emile luta Ni der Jn im, 6 Der Goldschmied Jancovius. 379 Stube und eine Kammer, ſodaß der Ausgang der Treppe dem Eingange zur Dittmann'ſchen Wohnſtube gerade gegenüber liegt. Neben Dittmann über dem La⸗ den war die Wohnung der Schauſpielerin, ein zwei⸗ fenſtriges Zimmer und ein Schlafcabinet. Außer den Genannten bewohnte Niemand das Jan⸗ covius'ſche Haus. Am 28. Novbr. 1850 in der ſechſten Stunde Nach⸗ mittags beſuchte die Mehlich die Frau Jancovius in der kleinen Schlafſtube nach dem Hofe heraus, in wel⸗ chem ſich die Familie gewöhnlich aufhielt. Es waren nur noch die Tochter Malwine und eine unverehl. Boch⸗ mann zugegen. Während die Frauen plauderten, rief Jancovius ſeine Frau„Laurachen“ und ſagte durch die Flurthür hinein„er gehe zum Klempner!“ Gleich da⸗ rquf entfernte er ſich. Wenige Minuten ſpäter ging Clara Mehlich nach ihrer Wohnung herauf, legte ſich dort auf das Bett und ſchlief ein. Nach ihrer Schätzung wochte ungefähr eine Stunde vergangen ſein, als ſie erwachte. Sie begab ſich nun in die Dittmannſche Wohnung, wo die ganze Familie beiſammen war, und nachdem ſie den Eduard Wonnenberger, den Sohn der Dittmann erſter Ehe, nach Holz und Semmel geſchickt hatte, kehrte ſie in ihr Zimmer zurück. Der Eduard trachte die verlangten Sachen bald. Er machte Feuer an, da ſchlug juſt die Thurmuhr voll. Die Schauſpie⸗ erin fragte nach der Zeit. Es war ſieben Uhr. Jetzt blieb ſie wieder allein, hörte es noch ein Vier⸗ tel ſchlagen und öffnete unmittelbar darauf, ohne ſich ſelbſt des Grundes bewußt zu ſein, die Thür nach dem Flur. Hier war es dunkel; nur ein Lichtſchein kam aus ver weit offen ſtehenden Dittmann'ſchen Thür. In die⸗ ſem Augenblick rief die Frau Dittmann: 380 Der Goldschmied Jancovius. „Iſt dem Fräulein Etwas?“ worauf ihr Junge, der in der offenen Zimmerthür ſtand,„J, wo!“ erwiderte. Die Mehlich ging hierauf ſelbſt bis an die Treppe, ſo⸗ daß ſie der Dittmann'ſchen Thür gegenüber ſtand, und ſagte, daß ihr nichts fehle. Hiebei bemerkte ſie, daß der Schmied Dittmann nicht im Zimmer war. Sie trat herein und die Frau Dittmann fragte ſie:„Was iſt denn los; iſt die Jancovius wieder in Ohnmacht gefallen?“ — Dieſe hatte nämlich kurze Zeit vorher eine Ohn⸗ macht bekommen und mußte deßhalb ihr Mann nach Hauſe geholt werden.— Beide Frauen gingen nun auf den Flur bis an die Treppe. Da hörten ſie deutlich die Stimme der verehel. Jancovius. In flehendem Tone drang es von unten herauf:„Mein Gott ich thue ja keinem Menſchen was!“ Dieſen Worten folgte zwei bis drei Minuten lang das Stöhnen und Wim⸗ mern eines Weibes. Die Dittmann erſchrak im höchſten Grade, wehklagte auf dem Flur und rief herunter:„Auguſt, wo biſt du denn; biſt du denn nicht zu Hauſe? Das iſt mein Tod; ich fühle eine Ohnmacht!“ Auch die Mehlich wußte ſich kaum zu faſſen. Sie hob die Dittmann auf, welche in ihrer Stube in die Knie geſunken war und nach ihrem Manne ſchrie. Der Knabe weinte. Beide Frauen gingen hierauf wieder auf den Flur; die Dittmann ſtieg die halbe Treppe hinunter, kauerte ſich dort nieder, um in die unteren Räume zu ſehen, und ſchrie plötzlich:„Da kommt ja Licht aus der Küche!“ Gleich nach dieſem Ausrufe verſchwand jedoch der Schein plötzlich hinter der Treppe, als ob Jemand mit f ihr Junz o erwidert ie Treppe, ſ et ſtand, ud erkte ſe, d et war. St te ſie:„Wh in Ohnmech rhet eine Dy Mann n ingen nune en ſie deutl In flehende ein Gott Worten föl und Po e tade, vehll ſt, wo bil Stube i ierauf„ polbe in die un Da kon mah b Jen* Der Soldschmied Jancovius. 381 dem Lichte in das Schlafzimmer linker Hand herüber⸗ ginge. Das Stöhnen und Wimmern hatte ganz auf⸗ gehört, kein Fußtritt war zu hören. Die Dittmann verdoppelte jetzt das Schreien nach ihrem Manne. Plötz⸗ lich ward die Hausthür haſtig auf⸗ und zugemacht; die Klingel ertönte und Dittmann kam mit den Wor⸗ ten:„Was ſchreiſt du denn, was iſt denn los?“ die Treppe heraufgelaufen. Sogleich foderte ihn ſeine Frau dringend auf, nach der Jancovius zu ſehen. Er nahm das auf dem Tiſche ſtehende Licht und ging hinunter. Sein Aeußeres hatte hiebei nichts Auffallen⸗ des. Nur auf der rechten Seite der Stirn bemerkte die Mehlich einen dunkeln Fleck in der Größe eines Viergroſchenſtücks. Dittmann kehrte ſehr bald zurück. Im ruhigſten Tone, durchaus nicht erſchrocken, ſagte er:„Die Jan⸗ covius liegt ja im Blute!“ Hierbei ſah er die Mehlich unverwandt an und hielt, wie die Zeugin in der Vorunterſuchung ſich aus⸗ drückt, ſeinen Blick ordentlich auf ſie geheftet. Der dunkle Fleck war jetzt von ſeiner Stirn verſchwunden. Beide Frauen drangen nun in ihn, den Jancovius zu holen.„Wo werde ich den finden?“ fragte er, ging jedoch mit den Worten: Ich werde ihn ſuchen, fort, ohne ſeine Schritte ſehr zu beſchleunigen. Nach fünf Minu⸗ ten kam er wieder, erklärte, er könne ihn nicht finden, ging, auf das Zureden der Frauen, abermals fort, blieb aber noch kürzere Zeit und ſagte wiederum, daß er ihn nicht finde. Endlich wies ihn ſeine Frau in die Gal⸗ lenſche Tabagie. Nach kurzer Zeit kam er wieder,— gleich darauf Jancovius. Dieſer rief unten nach ſeiner Frau und, obwol Dittmann mit Licht bei ihm war, nach Licht. Die Meh⸗ 382 Der Goldschmied Jancovius. lich ging hierauf die Treppe herab und ſah nun, wie Jancovius und Dittmann den Körper der Frau Jan⸗ covius aus der Küche über den Flur nach der Schlaf⸗ ſtube trugen. Dittmann hielt ſie an den Füßen, Jan⸗ covius am Kopfe. Letzterer meinte, ſeine Frau müſſt geſtürzt ſein, und war anſcheinend ſehr erſchrocken. Der Frau hingen die Haare über das ganze Geſicht und ſie war über und über blutig. In der Schlafſtube legte man ſie auf den Boden. Der Kopf lehnte an der Bruſt des Mannes, der aber— weinte heftig. Um dieſelbe Zeit kam eine Frau, die Tagearbeiter Tiebel, zufällig in das Jancoviusſche Haus. Sie hörte die Frau Dittmann von oben fortwährend ſchreien und ſah plötzlich, durch die Thür des Schlafzimmers, die Leiche der Jancovius, mit einer großen Wunde am Kopfe, in den Armen des Ehemanns. Sie ſtieß vor Schreck einen lauten Schrei aus und hörte noch, wie Jancovius laut wehklagte und rief:„Mein Gott, wäre ich doch nur nicht fortgegangen!“ Da trat mit einem Male Dittmann neben die Tie⸗ bel vom Flur in das Zimmer. Lautlos, und ohne daß man ihm Schrecken oder Erregung anſah, entfernte er ſich ebenſo, wie er gekommen, nachdem ihm Jancovius geheißen, einen Arzt zu holen. Inzwiſchen war die Tochter der Ermordeten, Mal⸗ wine, gerufen worden. Sie war bei ihrer Freundin ſorglos und heiter zum Beſuche, ohne Ahnung von dem, was während ihrer Abweſenheit vorgegangen. Beim Anblick der Leiche ſchrie ſie laut auf und ſtürzte mit den Worten:„Vater, die iſt keines natürlichen To⸗ des geſtorben; die iſt ermordet!“ überwältigt zu Boden. Der Goldschmied Jancovius. 383 ſah nun, wi Als man ſich einigermaßen beruhigt hatte, nahm er Frau In Jancovius das Licht und ging voran, um zu ſehen, h der Sch was eigentlich vorgefallen. In der Werkſtatt bemerkte züßen, man zwei große Blutlachen. Auf dem Werktiſche wollte eru nif die Tiebel eine Piſtole geſehen haben, die indeß nach⸗ ſchrcken d her wieder verſchwunden iſt. eſcht und ſ Bei dieſer Durchſuchung erſchien Jancovius ſehr Nafſtube ley aufgeregt und konnte beinahe nicht ſprechen. Die Tie⸗ eander Su bel hörte, wie er vor ſich hin ſagte:„Mein Gott, wäre üch doch nur nicht fortgegangen!“ Als man zur Leiche zurückkam, war der Arzt bereits an⸗ Lagerbil weſend. Er erklärte, daß die Frau Jancovius todt ſei, und u6. Sie im ordnete die Herbeiholung des Unterſuchungsrichters an. d ſchreien u Man nahm nun auf Auffoderung des Dr. Weiſe himmets,d die Werkſtatt nochmals in Augenſchein. Von dort ging de am Koh nan durch die Küche in den Laden. Eine kleine Geld⸗ vor Sch ſchwinge mit zwei Papierthalern und einem Louisdor vie Jawob ſtand auf dem Tiſche. Jancovius ſprach im haſtigen ich doch Tone einige Worte, dem Sinne nach, daß der Thäter habe ſtehlen wollen, erklärte aber ſogleich, mit der Hand auf die Schwinge, daß nichts fehle. ud ohnt Da brachte Malwine plötzlich die Nachricht, daß ihr . Schmuck fehle. Noch um halb 7 Uhr hatte er in dem nuben die? a Glasſchränkchen in der Vorderſtube gelegen. Es war n Jn ein Schmuck von bedeutendem Werthe. Gleich darauf erſchien der Unterſuchungsrichter. rdeten, 2 Dies iſt der hiſtoriſche Verlauf der einzelnen Um⸗ rer Freln ſtände, die ſich an jenem verhängnißvollen Abende be⸗ ung vnb geben. Noch ahnte Niemand die ganze Scheußlichkeit ngen Se des Verbrechens. d ſtürte Bei der genauen gerichtlichen Beſichtigung zeigten türlichen ſich nunmehr außer den bereits oben erwähnten Blut⸗ bewilig ſlecken noch folgende Spuren der That. ————— — 384 Der Goldschmied Jancovius. In der zweiten kleineren Blutlache lag der blau⸗ wollene blutgetränkte Strumpf, den die Ermordete noch an demſelben Tage um den Hals getragen hatte. Un⸗ mittelbar daneben lag der untere abgebrochene Theil eines meſſingenen Vogelbauers, deſſen innere Fläche ganz mit Blut überzogen war. Rund umher am Boden waren einzelne Blutflecke verſpritzt; insbeſondere zeigte ſich noch ein größerer Fleck an der ſcharfkantigen Leiſte des Arbeitstiſches, wie wenn ſich Jemand mit blutigen Fingern daran aufgerichtet hätte, oder die Ermordete mit dem Kopfe dort aufgeſchlagen wäre. Am linken Pfoſten der Werkſtattthür befand ſich ein Nagel und unmittelbar darunter eine blutige Spur, wie wenn Jemand mit blutiger Hand Schlüſſel abge⸗ nommen und den blutigen Handballen an dem Pfoſten abgedrückt hätte. In der Küche ſtand ein Napf mit blutgetränktem Waſſer. Vergeblich ſah man ſich nach einem Handtuche um, woran der Mörder ſeine bluttriefenden Hände ge⸗ trocknet haben könnte. An der Hausthür war die Thürklinke, ſowol nach innen als außen, mit friſchen Blutſpuren bedeckt. Ebenſo ſchien an der äußeren Bekleidung der Thür ein bluti⸗ ger Daumen abgedrückt. Am 29. Novbr. wurde zur Beſichtigung und Ob⸗ duction der Leiche geſchritten. Die Ermordete trug den gewöhnlichen, einfachen, aber ſauber gehaltenen Anzug einer Bürgerfrau. In einer kattunen Taſche fanden ſich Schlüſſel und 25 Sgr. kleines Geld. Alle Kleidungsſtücke waren ſtark mit Blut befleckt, beſonders aber das Hemde am untern Theile. Ihr Schmuck beſtand nur in goldenen Car⸗ neol⸗Ohrringen und ihrem Trauringe. lag der blu Ermordete nh en hatte. l brochene Th ere Fliche gu er am Bode beſondere zeig kantigen Lij d mit blutig die Ermord befand ſih blutige Sp Schlüſſel cö dem Pfoſ blutgetränkt nem Handtu den Hinde e, ſowol ſo ideckt. 6h hür ein ung und en, inft⸗ Der Goldschmied Jancovius. 385 Laura Jancovius war eine kräftige Frau, in der Mitte der Vierziger. Ihre langen braunen Haare wa⸗ ven ſtark mit Blut durchzogen. Ebenſo zeigten Geſicht, Hals, Bruſt und Knie und die Umgebungen der Ge⸗ ſchlechtstheile viele Blutflecke. Neunundzwanzig offene Wunden klafften am Kopfe und von ſämmtlichen Schä⸗ delknochen war nur ein einziger nicht zerſchmettert!! Am Augenwinkel des rechten Auges bis zur Naſen⸗ wurzel war der Knochen durch eine zolllange Wunde getrennt. Von der Naſenwurzel ſelbſt war das Naſen⸗ bein getrennt und das Stirnbein zerbrochen.— Ueber den Augenbrauen des linken Auges erſtreckte ſich von der Mitte des oberen Randes der Augenhöhle eine 1 ½ Zoll lange Wunde nach der Schläfe zu, bis in eine andere Wunde, die bis nach dem zerbrochenen Ober⸗ kiefer reichte, 3 ½ Zoll lang war und in der Mitte ei⸗ mige Zoll klaffte. Eine ½ Zoll lange Stichwunde hatte den Stirnknochen über dem linken Auge durchbohrt. Ueber dem linken Ohre hatten drei Wunden den Knochen gerſchmettert. Auf der Mitte des Scheitelbeins war der Knochen zertrümmert und in der rechten Schläfe⸗ gegend hatten drei ſcharfe größere Schnittwunden die Schädelknochen in mehrere Stücke zerbrochen. Faſt auf der Mitte des Hinterkopfes fand ſich eine 2 Zoll lange ſenkrechte bis auf den Knochen dringende Schnitt⸗ wunde. Die rechte Seite des Halſes war an fünf größern Stellen von der Haut entblößt. Außerdem zeigten ſich an verſchiedenen Theilen des Leichnams größere oder kleinere Quetſchungen und Su⸗ gillationen. Bei der innern Beſichtigung ſtellte ſich heraus, daß die ganze Fläche der Kopfhaut ſtark mit Blut unter⸗ XXIV. 386 Der Goldschmied Jancovius. laufen, die Schläfemuskeln mehrfach getrennt und die ganze knöcherne Schädeldecke in der Art in Stücke zer⸗ brochen war, daß nur noch das Hinterhauptbein und der eine Theil beider Scheitelbeine mit dem oberſten Drittel des Stirnbeins ein zuſammenhängendes Ganze bildete. Selbſt die Nähte dieſer Theile waren faſt ganz getrennt, und quer durch das linke Scheitelbein lief ein Knochenriß; die Hirnhaut war mehrfach durch⸗ bohrt, das große Gehirn ſelbſt verletzt, das Stirnbein von beiden Augenhöhlen theilweiſe abgelöſt und zer⸗ brochen. einer Grauſamkeit, wie ſie in den Annalen der Crimi⸗ nalgeſchichte kaum erhört iſt. Es fand ſich nämlich, wie ſchon oben kurz erzählt iſt, im Unterleibe ein cylinder⸗ förmiges etwas gebogenes Stück Holz von 8 Zoll Länge 1 ½ Zoll Durchmeſſer, 4 ½ Zoll Umfang und 9 ½ Loth Schwere. Dieſes Holz war in der Art in das Innere durch die Geſchlechtstheile eingekeilt, daß äußerlich nichts davon zu entdecken geweſen. Das untere, nach Art des männlichen Gliedes, ſchräg geſpitzte Ende lag ober⸗ halb und zum Theil hinter der Blaſe, das obere ange⸗ brannte verkohlte Ende unter den dünnen Därmen, ſo⸗ daß das ganze Stück in ſchräger Richtung vom Becken aus nach rechts in der Bauchhöhle ſtak. Kleine Körn⸗ chen von Kohle bezeichneten den Weg, den es genom⸗ men. Die äußeren Geſchlechtstheile zeigten nichts Beſonderes; im Innern aber war ein bedeutender Blut⸗ erguß erfolgt. Das Gekröſe und die Blaſenhäute wa⸗ ren theilweiſe zerriſſen. Die Mutterſcheide hatte in der hintern Wand zwei Riſſe; an der vordern aber war ſie derartig ganz zerriſſen, daß man durch dieſelbe mit Die Bruſthöhle ergab nichts Abnormes. Dagegen führte die Eröffnung der Unterleibshöhle zur Entdeckung Der Goldschmied Jancovius. 387 mut und mehren Fingern in das Becken eindringen konnte. Durch in Stcke e dieſe Deffnung war der Keil getrieben worden. hauptbein u Ueber die vorgefundenen Verletzungen haben ſich die dem obeſ Medicinalperſonen folgendermaßen geäußert: ngendes Gan„Schon die Verletzungen des Geſichts, welche erſicht⸗ le waren ſ lich durch eine ſehr heftige ſtumpfwirkende Gewalt her⸗ eScheitelbi vorgebracht worden, waren ſo erheblich, daß ſie an und nehrfach dut füär ſich allein hätten lebensgefährlich werden und eine sStimb Störung der Sehkraft und Entzündung des Gehirns „ löſt ud ze bewirken können. Unter allen Umſtänden aber waren die Schädel- und Gehirnverletzungen tödtlich, ſowol nes. Dage wegen der eingetretenen Verblutung, als auch beſonders u Entdeim tvegen der Gehirnerſchütterung, welche durch eine be⸗ ſen der i deutende Gewalt, die im Stande war, faſt den ganzen nilich Schädel und ſogar die nicht einmal unmittelbar betroffenen in clid Knochen zu zerſchmettern, bewirkt ſein mußte, ſo daß 8 gol Lin dadurch nothwendig ſogleich die Lebensthätigkeit gelähmt ad 9 worden war. in d am„Ebenſo waren die Wunden auch als Knochenver⸗ ſetzungen allein von der Art, daß eine Heilung unmög⸗ ich geweſen wäre. Bei der plötzlichen Ertödtung des uge anzen Organismus durch dieſe enormen Verletzungen onnte von einer irgendwie anwendbaren Kunſthilfe keine Kede ſein, noch konnte die Gefährlichkeit durch äußere Schädlichkeiten erhöht werden. 9„Hiernach geht das Gutachten der Sachverſtändigen Keihe öber die Kopfverletzungen dahin: den e 1) daß dieſelben ſo beſchaffen waren, daß ſie unbe⸗ zigten ringt und unter allen Umſtänden in dem Alter der eutender? Verletzten an und für ſich allein den Tod zur Folge ha⸗ uſenhalt en mußten; e hatt 2) daß die Verletzungen nicht derartige waren, welche dern eh ur im Alter der Verletzten nach deren individueller 388 Der Goldschmied Jancovius. Beſchaffenheit für ſich allein den Tod zur Folge haben mußten; 3) daß ſie endlich auch nicht im Alter der Verletz⸗ ten entweder aus Mangel eines zur Heilung erfoder⸗ lichen Umſtands oder durch Hinzutritt äußerer Schäd⸗ lichkeiten den Tod zur Folge gehabt haben. „Die durch das Eintreiben des Holzes in den Un⸗ terleib entſtandenen Verwundungen ſind derartige, welche, wenn die Ermordete nicht durch die Kopfverletzungen plötzlich getödtet worden wäre, gewiß einen tödtlichen Ausgang bedingt hätten, ſei es durch tödtliche Blutung, ſei es durch eine heftige Unterleibsentzündung nebſt Vereiterung und Brand, ſodaß auch hier der Tod die unausbleibliche Folge geweſen wäre. Inſonderheit ge⸗ hört auch ſchon die Zerreißung der Harnblaſe zu den abſolut tödtlichen Verletzungen.“ Hiernach lautet das Gutachten der Aerzte auch hinſichtlich der Unterleibsverletzungen:„daß dieſelben unbedingt und unter allen Umſtänden im Alter der Verletzten für ſich allein den Tod hätten zur Folge ha⸗ ben müſſen.“ Die Frage, welche von dieſen Verletzungen der Zeit nach zuerſt zugefügt worden, beantworten die Aerzte dahin:„daß die Eintreibung des Holzes noch bei Lebzeiten der Jancovius ſtattgefunden habe, mithin den Kopfverletzungen vorausge⸗ gangen ſein müßte;“ da ſonſt keine derartigen Blutergüſſe und Sugillationen, wie ſie vorgefunden, da durch erzeugt werden konnten. Ob aber nicht vielleicht ſchon eine Betäubung durch Kopfverletzungen ſtattgefunden, che die ſcheußliche Bru⸗ talität ausgeführt worden, darüber läßt ſich zwar nichts Der Goldschmied Jancovius. 389 r Folge h Beſtimmtes ermitteln; indeß iſt wahrſcheinlich, daß die kräftige Frau erſt in einen bewußtloſen Zuſtand verſetzt er der Velt worden, da ſie ſonſt, wegen der durch die Verletzung lung erſch berbeigeführten großen Schmerzen, gewiß großen Wi⸗ zußerer Sch derſtand geleiſtet und laut um Hülfe gerufen hätte. Hieran knüpfen nun die Aerzte die hohe Wahrſchein⸗ lichkeit, daß bei Ausführung des Mordes mehre Perſo⸗ nen thätig geweſen ſind, weil kein einzelner, wenn auch rtig, wt ſtarker Mann im Stande geweſen wäre, die ſo rüſtige epfterlezun Frau in geſchehener Art zu bewältigen und ihr in ſo inen tätich kurzer Zeit ſo erhebliche Verletzungen beizubringen. tliche Blun Die Hautverletzungen an Mund und Kinn ſind nach zündung dem ärztlichen Gutachten höchſt wahrſcheinlich durch den er de Td Verſuch entſtanden, der Jancovius mit der Hand den nſonderheit Mund zu ſchließen. Die Zunge war angeſchwollen und nblaſt zu blaugefärbt hinter den Zähnen befindlich. Man hatte daher vermuthlich der Jancovius etwas in den Mund Aerte geſtopft. Nach den Verletzungen am Halſe muß die „daß dieſel bnglückliche am Halſe ſelbſt gepackt und feſtgehalten im Aler! ſein, ſodaß ſie dadurch nicht ſchreien konnte. zur Folge Die Kopfverletzungen zeigten ſich von dreierlei Art: cheils waren ſie mit einem feſten, kantigen, aber ſtum⸗ pfen Werkzeuge, der aufgefundenen Schmiedezange, theils en. zes in den l ungen de die 4 mit einem ſcharfſchneidenden, theils endlich mit einem „„ ſcharfen ſpitzigen Werkzeug erzeugt. Nach Jancovius' bolze ägener Angabe befanden ſich in ſeiner Werkſtatt ein tgefin ltes Ritterſchwert, ein Beil ohne Helm, ein ſcharfer Hirſchfänger und zwei einzelne Wiegemeſſer. Es iſt ine dun ndeß nur die blutbeſpritzte Schmiedezange in Beſchlag rgefund enommen. Am 2. December, am Tage nach der Beerdigung der Ermordeten wurde eine Durchſuchung des ganzen, Hauſes vorgenommen. Man nahm die Kleidungsſtücke 390 Der Goldschmied Jancovius. des Jancovius, welche ſpäter bei genauerer Beſichtigung ebenfalls als blutig erkannt wurden, in Beſchlag. Das Stück Holz aus dem Unterleibe der Ermorde⸗ ten ergab ſich als der Handgriff eines Inſtruments, ei⸗ nes Meißels oder einer Feile. Die Vermuthung, daß daſſelbe mit Hülfe eines anderen Inſtruments eingekeilt ſei, fand ſich ſpäter durch das Auffinden eines hölzer⸗ nen, ſtark mit Blut befleckten Schlägels beſtätigt. Der Schägel lag am Abende der That, wie die Mal⸗ wine Jancovius verſichert, auf dem Ambosklotze. Nicht nur aus dem an der Schlagfläche angeſchmierten Blute, ſondern beſonders auch aus den an dieſer und am Rande anklebenden krauſen, den der Geſchlechtstheile ähnlichen Haaren zeigte ſich als höchſt wahrſcheinlich, daß mit dieſem Schlägel der Keil in die Genitalien getrieben worden. Durch bloßes Herabfallen konnte der Schlä⸗ gel nach dem Gutachten der Sachverſtändigen nicht blu⸗ tig geworden ſein, da ſich vielfache kleine Spritzflecke vorfanden, nicht aber größere Blutflecke. Während der Unterſuchung iſt der Schmuck der Malwine Jancovius durch Zufall wieder entdeckt worden. Nach⸗ dem nämlich eine genaue Beſchreibung deſſelben den Magiſtraten der benachbarten Städte mitgetheilt wor⸗ den, ohne daß eine Spur zu ermitteln, meldete ſich am S. Jan. ein Kämmereiarbeiter zu Guben und brachte die ſämmtlichen aufgefundenen Schmuckſachen, an denen die Spuren von angetrocknetem Blute noch deutlich zu ſehen waren. Der Schmuck hatte im Durchgange von der Herrenſtraße zur Promenade unter einem Schub⸗ karren voll Müll gelegen, und der Arbeiter hatte ihn beim Wegräumen des Schutts gefunden. An dem Hau⸗ fen ſelbſt war nicht zu bemerken, daß der Schmuck dort etwa eingegraben worden wäre, vielmehr ſchien die Aſche eſichtigun chlag. rErmorde uments, ei thung, deß s eingekeil ines hölzer die Mal ote. Nich etten Blut dam Rand le ihnlich⸗ „daß m etriebo der Schl vicht bl Spritzut der Malwi den. Fut eſſlben etheilt v und brih n, an de detlih hgange nem E t hut nben h zchnu „ Der Goldschmied Jancovius. 391 nur darüber geſchüttet zu ſein. Der Fundort iſt 306 Schritte vom Jancovius'ſchen Hauſe entfernt. Das Auf⸗ ſinden des Schmucks über fünf Wochen nach der Er⸗ mordung wird um ſo räthſelhafter, als es nach der Aus⸗ ſage des ſtädtiſchen Polizeibeamten faſt unmöglich iſt, daß die Sachen dort ſeit dem 28. Novbr. gelegen ha⸗ ben, vielmehr erſt kurze Zeit vor der Entdeckung dort⸗ hin gebracht ſein können. Jener Durchgang iſt eine belebte Paſſage und wird gewöhnlich alle Sonnabend gereinigt, und erſt am letzten Sonntag Abend, den 5. Januar, konnte die Aſche hingeſchüttet ſein, weil der Arbeiter Franz, der Finder des Schmucks, am 8. Jan. gerade deßhalb zur Reinigung angewieſen war, um ähnliche Contraventionen zu verhüten. Welche Vermuthungen aus dieſem nachträglichen Verbergen des Schmucks zu ziehen, läßt die Anklage vorläufig dahingeſtellt. Ueber die Art und Weiſe der Verübung des Ver⸗ brechens aber laſſen ſich aus dem Befunde an der Leiche ſelbſt und dem Schauplatze der That folgende Schlüſſe ziehen. Die beiden großen Blutlachen und die verſchiedenen tödtlichen Verletzungen deuten darauf hin, daß das Opfer zweimal mörderiſch angefallen worden, und zwar iſt nach der ärztlichen Anſicht die Brutalität mit dem Einkeilen des Holzes zuerſt verübt. Offenbar iſt die Jancovius, von den Verfolgern gedrängt, bis in die äußerſte Werkſtatt zurückgewichen. Hier iſt ſie am Arm und Hals gepackt, wo die fünf Hautabſchürfungen auf fünf Finger zeigen, und darauf der Mund, um das Schreien zu erſticken, mit ſolcher Gewalt zugedrückt worden, daß ſich auch hier die Haut ſtellenweiſe ab⸗ löſte. Nachdem ſie nun durch Schläge auf den Hinter⸗ 392 Der Goldschmied Jancovius. kopf betäubt, wurde die Scheußlichkeit vollzogen, indem man der Unglücklichen das Holz mittels des Schlägels mit furchtbarer Gewalt in den Unterleib hineinkeilte. Die Spuren an den Knien der Ermordeten weiſen da⸗ rauf hin, daß hier ein heftiger Druck ſtattgefunden, vielleicht in der Art, daß der Eine der Mörder die Beine des ſich noch ſträubenden Opfers mit Gewalt auseinanderhielt, während der andere ſein Blutwerk verrichtete. Jetzt mögen die Mörder, in der Meinung die Frau Jancovius auf eine jedem menſchlichen Auge verborgene Weiſe ermordet zu haben, aus der Werkſtatt ge⸗ flohen ſein, den Knebel, vielleicht den aufgefundenen blutgetränkten blauen Strumpf, aus dem Munde genom⸗ men haben, dann aber, als das Rufen der Frau Dittmann und die daraus entſtandene Beſorgniß, die Jancovius könne noch lebend gefunden werden, die Mörder verhinderte, den Eintritt des Todes abzuwarten, oder als die Un⸗ glückliche, vielleicht durch die furchtbarſten Schmerzen aus der Betäubung erwacht, ſich vom Boden erhoben, an den Arbeitstiſch mit blutigen Fingern krampfhaft ſich gehalten und dann nach der Küchenthür ſich ge⸗ ſchleppt hatte, da den zweiten Angriff vollführt und der Frau den Schädel mit 29 Wunden zerſchmettert haben. Nun nahm der eine der Thäter mit blutiger Hand die Schlüſſel vom Thürpfoſten herab und die Entwendung des Schmucks erfolgte. Der Umſtand, daß die Leiche ſelbſt und die Schmiedezange unweit der Küchenthür gefunden worden und die Zange ſelbſt gewöhnlich in der Küche lag, beweiſt, daß die Voll⸗ endung der Ermordung an dem zweiten Ort, nah der Küchenthür vor ſich gegangen. Schon oben iſt die Vermuthung ausgeſprochen, daß die That nicht von einer Perſon verübt worden. Auch un ſch h V en, inden Schliget ineinkeilte weiſen da ttgefunden Mörder di it Gewalt Blutwer rMeinun ichen Aug erkſtatt ge gefundene nde genon Dittman wius könn ethindert die Un Schmetze en echoben runyſhi ir ſch fihrt n erſchwetlin it blutig und Umſiu u enge ſ die V 4, uh wihn, „ 0 tden.* Der Goldschmied ZJancovius. 393 Dasjenige, was vorſtehend über die Spuren an Schenkel und Knie, an Hals und Mund, ſowie über die ver⸗ ſchiedenen Inſtrumente geſagt iſt, läßt kaum eine andere Möglichkeit zu, als daß Mehre den Mord begangen haben. Zur Gewißheit aber wird dies, wenn man hört, daß in der Küche ein Waſchbecken mit blutigem Waſſer vorgefunden wurde, während außerdem die Klinke an der Hausthür nach innen und außen dicke Blut⸗ ſpuren zeigte. Derjenige, der ſich die Hände gewaſchen, konnte unmöglich derartige Spuren bei der Flucht aus dem Hauſe zurücklaſſen; es müſſen alſo zwei Perſonen geweſen ſein, der Eine, welcher mit blutigen Händen ſogleich das Haus verlaſſen, der Andere, welcher in der Küche ſeine Hände gewaſchen. Die raffinirte Brutalität durch den hölzernen Keil, die Möglichkeit, daß die Todesurſache verborgen bleiben konnte, wie ja wirklich dieſe empörende Mishandlung der Ermordeten bei der äußeren Beſichtigung nicht ent⸗ deckt worden. Die Vorausſetzung, daß der Blutverluſt aus den Geſchlechtstheilen einer Frau keinen beſondern Verdacht erregen würde; der Umſtand daß die Janco⸗ vius häufig an Ohnmachten litt und die darauf ge⸗ gründete wahrſcheinliche Annahme, daß ſie bei einem Dhnmachtsanfalle ſich am Kopfe beſchädigt habe:— Alles dies weiſt darauf hin, daß die Tödtung der Jan⸗ covius nicht das Werk eines plötzlichen Affects, ſondern eines lang gehegten reiflich überlegten Plans war; alles dies ergibt aber auch zugleich, daß die That von kei⸗ nem gemeinen Mörder begangen ſein kann, welcher nach der That die Flucht ergreift, unbekümmert, ob die Spuren des Verbrechens klar vorliegen, wenn nur das Verbrechen nicht verrathen wird, ſondern von einem Mörder, welcher auch die Spuren des Verbrechens 17** — 394 Der Goldschmied Jancovius. ſelbſt dem Auge der Welt entziehen wollte. Wer au⸗ ders aber konnte ein Intereſſe hierbei haben, als gerade die Perſon, bei der das Verbrechen um ſo unnatürlicher erſcheint, je näher ſie der Ermordeten geſtanden. Ebenſo klar iſt bei der raffinirten Grauſamkeit der Ermordung, daß ein Diebſtahl an jenem Abende nicht beabſichtigt wurde, daß nicht ein Dieb etwa bei der Ertappung, um das begangene Verbrechen zu verbergen, ein neues grauſigeres beging und die Unglückliche auf dieſe empörende Weiſe mishandelte. Auch iſt ja der entwendete Schmuck unter ſolchen Umſtänden wieder⸗ gefunden, welche auf die Abſicht, ihn wieder loszu⸗ werden, ſchließen laſſen, und zwar mit Blut befleckt. Dieſer Umſtand beſtätigt das ſonſtige Ergebniß der Unterſuchung, daß die Koſtbarkeiten erſt nach vollbrachter That aus dem gegenüberliegenden Wohnzimmer als der Lohn des gedungenen Mordgeſellen geholt worden ſind. Wäre ein gemeiner Dieb auf Stehlen ausgegangen, er hätte nicht die Goldſachen im Laden verſchont, ein ge⸗ meiner Dieb hätte nicht mit dem Morde auf der Seele ſich die Zeit genommen, ſämmtliche Räumlichkeiten des Erdgeſchoſſes zu unterſuchen, und hätte endlich nicht den Schmuck während der ganzen Unterſuchung in Gu⸗ ben gelaſſen und nach fünf Wochen wieder preisge⸗ geben. Die Gelegenheit zur Ausführung des Verbrechens in einem Hauſe, welches nur ſo wenige Bewohner zählte, war an jenem Abende überaus günſtig. Mal⸗ wine Jancovius war ausgegangen. Zugleich war Thea⸗ ter; Clara Mehlich pflegte gewöhnlich dieſem beizu⸗ wohnen. Alle dieſe Umſtände erwecken den Verdacht, daß nur Hausgenoſſen die Mörder geweſen, weil nur ihnen — WVer at⸗ als gerade natürlicher den. ſamkeit der ende nicht va bei det verbetgen, ickliche auf iſt jn der en wieder⸗ der loszu⸗ ut beflect ebniß der ollbruchte er als der den fid angen, it t, ein ge der Stul mlichteit ndlich nich npüh erbrechen Bewohn war em heiſ aht nul ihne“ Der Goldschmied Jancovius. 395 die erwähnten Thatſachen und beſchriebenen Localitäten bekannt ſein konnten. Verdächtig, die Ermordung der verehelichten Jan⸗ covius gemeinſam vollbracht zu haben, iſt der Ehemann Jancovius, als Anſtifter und Rädelsführer, und ſein Miethsmann Dittmann, welchen er zu der gräßlichen That durch das Verſprechen der Schmuckſachen und anderer Vortheile verleitet hat. um die Motive dieſes entſetzlichen Verbrechens klar zu machen, iſt es erfoderlich, ein Bild der Jancovius⸗ ſchen Ehe zu entwerfen: Seit 1825 war Laura Jancovius mit dem Ange⸗ klagten verheirathet. Ihre Mutter hatte nur mit dem größten Widerwillen in die Heirath gewilligt. Schon im erſten Jahre der Ehe klagte die Frau ihrem Bruder, einem jetzigen Kreisrichter Ps, über Schläge und Mis⸗ handlungen ihres Mannes, die ſie bei Gelegenheit von Streitigkeiten über Vermögensverhältniſſe erlitten. Da ein ſolches Betragen ſeitens des Jancovius ſich wiederholte, wurde ſie zu dem Entſchluſſe hingedrängt, ſich ſcheiden zu laſſen, und trennte ſich von ihrem Manne. Ihr eingebrachtes Vermögen betrug von ihrem Vater her 1000 Thaler. Dies reichte nicht aus, um die eben nicht günſtige Vermögenslage der Eheleute zu erleich⸗ tern. Jancovius war träge und vernächläſſigte ſein Geſchüft. Er trieb ſich auf der Jagd umher und wid⸗ mete ſeinc ganze Zeit einem angekauften Weinberge. Mit der Geburt mehrer Kinder wurde die Noth größer. Die Mutter der Ermordeten mußte fortwährend zu⸗ ſchießen. Da ſtarb jene und die Frau Jancovius erbte einige Tauſend Thaler. Nun aber wurde der Ange⸗ klagte nur noch unthätiger. Es ſtellten ſich immer mehr Zerwürfniſſe zwiſchen den beiden Ehegatten ein, 396 Der Goldschmied Jancovius. weil die Frau mit ihrem Vermögen zur Sicherung für die Kinder zurückhielt. Sie ſchrieb daher etwa im Jahre 1841 an ihren Bruder einen Brief, worin ſie abermals über Schläge klagte und ſeine Hülfe bean⸗ ſpruchte. Der Bruder kam ſelbſt von Berlin nach Guben, machte dem Manne Vorſtellungen und veranlaßte ihn ſofort zu einer ſchriftlichen Entſagung ſeiner ehemänn⸗ lichen Rechte am Vermögen ſeiner Frau. Schon im“ Auguſt des folgenden Jahres ſah ſie ſich genöthigt, gerichtlich auf Abſchluß des verſprochenen Vertrags zu klagen. Der Ehemann machte zwar den Einwand, er habe jene Erklärung nur aus Verzweiflung ausge⸗ ſtellt, weil ſeine Frau ſich ſonſt von ihm trennen wollte, wurde aber dennoch durch drei Inſtanzen zum— des Vertrags verurtheilt. Während dieſes Proceſſes hatte ſich Laura von, Manne getrennt und war nach Grano gezogen. Hier ließ ſich Jancovius endlich, wie gleich näher mitgetheilt werden ſoll, hinreißen, die Frau vor Zeugen zu mis⸗ handeln. Die Folge davon war die Eheſcheidungs⸗ klage, welche jedoch zu ihren Ungunſten ausfiel. Im Jahre 1846, als die Eheleute noch getrennt lebten, mußte die Frau abermals gegen ihren Mann auf Herausgabe ihres ſeinem Nießbrauche entzogenen Vermögens klagen. Dieſer Proceß endigte in zweiter Inſtanz mit einer Verurtheilung des Verklagten. Trotz dieſer fortwährenden Streitigkeiten theilte die verehelichte Jancovius ihrem Bruder im Jahre 1849 plötzlich mit, daß ſie bei der ſcheinbaren Beſſerung ihres Mannes, mit Rückſicht auf ihre Kinder, ſich entſchloſſen habe, zu ihrem Manne zurückzukehren. Seit der Zeit iſt nie mehr eine Andeutung an ihren Bruder über in Sichetung t etwa in worin ſe ilfe bean⸗ ch Guben, nlaßte ihn cheminn⸗ Schon in genthigt ertrags zu Einwand, ng ausge ſen wollt Abſchluß von ihren en. Hier nitgtthtit n zu nit⸗ cheidung iel. getn en Mall nlogenn n zweite ten. theite hrt 1810 rung ihi niſtleh Der Goldschmied Jancovius. 397 ihr eheliches Leben gelangt. Früher hatte ſie ihm indeß ſchon zu verſtehen gegeben, daß ſie jegliche ge⸗ ſchlechtliche Gemeinſchaft mit Jancovius abgebrochen. An dieſer Stelle müſſen wir einen Blick in die Eheſcheidungsacten werfen, welche überhaupt das beſte Bild des Jancoviusſchen ehelichen Lebens geben. In der Klage ſpricht ſich die Frau über ihre getäuſchten Hoffnungen in Betreff des Charakters ihres Mannes aus, und daß dieſer die Ehe mit ihr nur als eine Ver⸗ mögensſpeculation angeſehen habe.„Schon der Hoch⸗ zeittag,“ ſagt ſie,„gab mir hierüber vollſtändig Auf⸗ ſchluß.“— Die Mutter hatte ihr zur Einrichtung 100 Thaler verſprochen.—„Als ich mich nach der Feier verabſchieden wollte, fragte er ſogleich, ob ich die ver⸗ ſprochene Summe ſchon erhalten habe, und foderte mich auf, als ich dies verneinte, mir dieſelbe zahlen zu laſſen. Ich ſagte, daß ſich in dieſem Augenblick mein Gefühl dagegen ſträubte; er aber warf mir einen ſo ſchrecklichen Blick zu, daß ich aus Furcht vor ihm mich bezwang und die Mutter um Geld anſprach.— Oft mußte ich hören, fährt ſie fort, daß er von den Zinſen der 1000 Thaler nicht einmal das„Freſſen“ geben könne; erſt habe es geheißen, ſie beſitze 20,000 Thaler, „aber das Kind habe nur einen Namen haben ſollen, und es ſei nichts dahinter.“ Als ſie ſich im Hauſe ein beſonderes Zimmer ein⸗ gerichtet, ſcheute er ſich nicht, dieſes und die verſchloſ⸗ ſenen Schränke heimlich zu öffnen, zu durchſuchen und ihr das wenige Geld, das ſie ſich von den Zinſen er— ſpart hatte, fortzunehmen. In Folge dieſes elenden Lebens zog ſie nach Granv. Wenige Tage nach ihrer Ankunft ſtürzte der Mann in das Zimmer, vackte ſeine Frau an der Schulter 398 Der Goldschmied Janrovius. und dem Halſe, würgte ſie, daß ihr die Luft verging, und ſchleifte ſie an den Haaren bis an die Stubenthür, wo nur das Dazwiſchentreten Dritter ſie rettete. Nun ließ er ſeine Wuth an den Mobilien des Hauſes aus, ſodaß er endlich von der Polizei nach Guben transportirt werden mußte. Dieſe Thatſachen, welche das Fundament der Ehe⸗ ſcheidungsklage bildeten, ſtellte Jancovius ſämmtlich in Abrede und proteſtirte gegen die Scheidung. Er ſcheute ſich nicht zu behaupten, daß ſeine Frau im Paroxismus ſich ſelbſt ſchlage und nachher ihn der Mis⸗ handlung beſchuldige. Auch bezüchtigte er ſie der Un⸗ treue. Die Klägerin verlor den Proceß, da das Gericht annahm, daß die vorgefallenen Thätlichkeiten nicht le⸗ bens⸗ oder geſundheitsgefährlich geweſen. Der Rechtsanwalt Pohle iſt Rechtsconſulent der verehelichten Jancovius geweſen. Ihm hat ſie öfters ihr Herz ausgeſchüttet, wenn ſie über die Mishand⸗ lungen ihres Ehemanns Klage zu führen hatte. Dieſer mußte ihr wegen der beſtimmten, zuverläſſigen und rüh⸗ renden Art, mit der ſie ihr Schickſal erzählte, ſtets vollen Glauben ſchenken. Während des Proceſſes über die Ausantwortung ihres Vermögens bemühte ſich der Anwalt ein gutes Einvernehmen unter den Parteien herzuſtellen, da namentlich Jancovius ſelbſt durch ein höfliches, eine gewiſſe Bildung verrathendes Benehmen einen angenehmern Eindruck gemacht hatte. Sie erwi⸗ derte jedoch jedesmal,„daß er keineswegs ſo gut ſei, als er ſcheine,“ und gab hierbei eine gewiſſe Scheu oder Furcht vor ihrem Manne zu erkennen. Dieſe Aeußerung liefert den Schlüſſel zu ſeinem an⸗ ſcheinend liebevollen Betragen gegen ſeine Ehefrau, ſo⸗ bald er vor Zeugen handelte, in der Zeit, nachdem ſie wieder zu ihm gezogen war. Sie läßt zugleich einen rging, und ür, wo nur ieß er ſeine er endlich den mußte t det Ehe⸗ ſimmtlih dung. Et Fran in n der Mis⸗ ſie der Un⸗ das Gericht m nicht le ſulent du Miöhand te Diſſ nund rih hlt, ſi teſes übe hur ſch n Partu duch Benehn Sie em ſgt ſinm hefnu nachben ſ eih in Der Goldschmied Jancovius. 399 tiefen Blick in dieſen ſchlauen, berechnenden Charakter thun, der der feinſten Verſtellung fähig iſt. Nach dem ganzen Eindrucke des Eheſcheidungs⸗ proceſſes, den hartnäckigen Streitigkeiten über das Mein und Dein und nach den gegenſeitigen ſchweren Be⸗ ſchuldigungen iſt es wol klar, daß ein Grundzug im Charakter der Jancovius das Streben nach Geld, als Mittel zum Wohlleben, die Habgier iſt. Bittern Groll mußte ihm daher der Verlauf beider Proceſſe verurſacht ha⸗ ben, durch welche ihm gerade Das entzogen wurde, worauf er es bei Eingehung der Ehe abgeſehen hatte. Der Nach⸗ laß der Ermordeten belief ſich auf mehr als 7000 Thaler!! Bei einem ſo berechnenden Charakter wie Jancovius liegt die weitere Gedankenfolge nahe, daß er, wenn nicht bei Lebzeiten ſeiner Frau, doch nach ihrem Tode ſein Ziel erreichen würde. Er hatte deshalb ein Inter⸗ eſſe, ihren Tod als wünſchenswerth zu betrachten, und wie ſehr ſein Sinn ſich hiermit beſchäftigte, beweiſt eine Aeußerung, die er ſchon am Tage des Begräb⸗ niſſes zum Bruder ſeiner Frau aus freien Stücken machte,„er wolle der Erbſchaft zu Gunſten ſeiner Kin⸗ der entſagen!“ freilich gleich mit dem Zufügen des Bedenkens, daß er dann nichts zu leben habe. Dieſe Aeußerung war ſicher berechnet, und in der That nicht ernſtlich gemeint, denn er hat wirklich ſpäter die Erb⸗ ſchaft gerichtlich angetreten. Bemerkenswerth iſt hier ferner eine Mittheilung des Angeklagten aus ſeinem Verhör. Er erzählt, ſeine Frau habe mit ihm auf einem Spaziergange über ihr Teſtament geſprochen und dabei geäußert:„daß es doch Niemand ſo gut mit ihr meine wie ihr Mann!“ Daß die Verſtorbene ſo niemals über ihren Mörder 400 Der Goldschmied Jancovius. gedacht haben konnte, ergibt das Zeugniß der Perſonen, welche die intimeren Verhältniſſe der Eheleute kannten, namentlich der Malwine Jancovius zu Genüge. Wenn ſie ſich daher zu andern Perſonen mit dem Betragen ihres Mannes zufrieden erklärte, ſo kann dies nur aus großer Furcht vor dieſem geſchehen ſein. Hören wir nun den Angeklagten Jancovius ſelbſt den Hergang erzählen. Ungefähr um 6 Uhr Abends hatte er eine Lampe zum Klempner gebracht und war von dort, wie ge⸗ wöhnlich, in die Galle'ſche Tabagie gegangen, hatte hier ein Glas Bier getrunken und ſich dann wieder nach Hauſe begeben. Bei ſeinem Eintreffen befanden ſich ſeine Frau und Tochter in der Hinterſtube, er ging in die Werkſtatt und von dort mit einem Tiegel wieder in die Hinterſtube, um ſich Kartoffeln zu braten. Dieſe verzehrte er dann in der Werkſtatt. In⸗ zwiſchen war eine unverehelichte Noppes gekommen, um Aepfel zu kaufen. Frau Jancovius ging deshalb in den Keller. Gleich nach dieſem Vorfall beſchloß er in das Theater zu gehen, machte deshalb mit ſeiner Frau den Laden von außen zu und entfernte ſich. Unterwegs änderte er ſeinen Plan. Er trat, wie er behauptet, um 6 Uhr wieder in die Galle'ſche Ta⸗ bagie ein. Nachdem er den Reſt des Glaſes ausge⸗ trunken, ließ er ſich noch ein Glas Weißbier einſchenken. Da, noch vor 8 Uhr, erblickte er plötzlich Dittmann neben ſich. Dieſer faßte ihn an und winkte ihm hinaus. Zwei Tage vorher war ſeine Frau in Ohnmacht gefallen und er in gleicher Weiſe abgeholt. Er ver⸗ muthete daher etwas Ahnliches und folgte, ohne weiter zu fragen. Auch auf der Straße äußerte ſich Dittmann über nichts. Erſt zu Hauſe, als er bereits ein Licht Perſonen, te kannten, ge. Wen Betragen s nur aus wius ſelbſt eine Lampe t, wir ge⸗ gen, hatte ann wieder n befanden erſtube, i em Tiegel zu braten. utt. In⸗ geomme 9 deshal beſchloß e nit ſin e ſch. trat, we leſche L ſes auöh inſchenke Dittmo n hinl Ohnmb chne vu Der Goldschmied Jancovius. 401 auf dem Flur ergriffen, ſagte Dittmann:„in der Werkſtatt habe es gewimmert.“ Jancovius ging nun raſch in die Werkſtatt durch die weit offenſtehenden Thüren, während Dittmann in der Küche ſtehen blieb. Nun ſah er, wie ſeine Frau in ihrem Blute an der Erde lag, mit dem Kopfe nach den Fenſtern, ohne Schuhe, die unweit von ihr lagen. Er faßte ſie ſogleich unter die Arme, rief Dittmann und trug ſie mit dieſem in das Schlafzimmer. Schon am Abende ſelbſt und ſpäter bei ſeiner ge⸗ richtlichen Vernehmung hat ſich Jancovius darüber aus⸗ geſprochen, wie nach ſeiner Anſicht der Mord von und wie er durch Dittmann bewirkt worden: Unter dem Vorwande, für 6 Pfennige Cigarren zu kaufen, habe Dittmann vermuthlich die Frau aus der Schlafſtube in den Laden gelockt und ſich Geld heraus⸗ geben laſſen. Daher ſei erklärlich, wie die Geldſchwinge auf dem Ladentiſche gefunden. Dann habe er die Jan⸗ covius wahrſcheinlich um einen Hammer oder Feile ge⸗ beten, um ſie nach der Werkſtatt zu bringen. In der Küche— dem Durchgangspunkt zwiſchen Laden und Werkſtatt— müſſe er ſie gepackt und in die Werkſtatt gedrängt haben. Hier habe er ihr mit der Fauſt ei⸗ nen Schlag ins Geſicht gegeben und mit der Zange die Verletzungen am Kopfe beigebracht. Darauf erſt werde der Mörder nach der Schlafſtube herüber gegan⸗ gen ſein, um den Schmuck zu entwenden. Bei der Rückkehr habe er ſie jedenfalls noch lebend getroffen, da ſie nach den Fingerſpuren auf dem Wege zur Thür geweſen ſei, und ſie dann hier vollends ermordet. Alſo auch Jancovius nimmt, ebenſo wie die Aerste, bei der That zwei Abſchnitte an. Dieſe Uebereinſtim⸗ mung iſt jedenfalls ſehr bezeichnend. 402 Der Goldschmied Jancovius. Dieſen Vermuthungen ſteht jedoch ein gewichtiges Belaſtungsmoment für den Jancovius entgegen. Dieſer will während der That in der Galle'ſchen Tabagie ge⸗ weſen ſein. Es iſt ihm das Gegentheil nachgewieſen! Laura Jancovius kann nur in der Zeit von 7 Uhr Abends bis gegen 7 ½ Uhr ermordet ſein. Hierfür ſpricht Folgendes: Die unverehelichte Noppes war um ½7 im Jancovius'⸗ ſchen Hauſe; erſt nach ihrer Entfernung ging Malwine fort. Die Mehlich hörte nach ihrem Erwachen die Thurm⸗ uhr 7 ſchlagen. Bis dahin vernahm ſie die Thürklin⸗ gel nicht, wie ſonſt jedesmal. Dann ſchlug es ½ 8 gleich darauf hörte ſie das Wimmern der Jancovius, das einige Minuten dauerte. Die Dittmann ſchrie nun nach ihrem Mann— der Lichtſchein zeigte ſich unten— die Hausthür klingelte— Dittmann kam he⸗ rauf. Alles dies muß das Werk weniger Augenblicke geweſen ſein. Die That iſt hiernach unzweifelhaft kurz nach ½ 8 Uhr bereits vollendet geweſen. Erwägt man ferner, daß Malwine Jancovius erſt nach ½ 7 Uhr fortgegangen, ſo kann das Attentat kaum vor 7 Uhr begonnen haben. Zur Ausführung des Verbrechens reichte, da Alles wohl vorbereitet und überlegt war, wol eine Viertelſtunde hin. In Uebereinſtimmung hiermit ſagt die verehelichte Dittmann, daß ſie ein Schreien und Stöhnen einer Weiberſtimme von unten ſchon gehört habe, als ſie noch bei verſchloſſener Thür allein in ihrem Zimmer ſaß, ehe ſie die Thür öffnen ließ und ehe die Mehlich auf den Flur trat, demnächſt erſt der Angſtruf der Jancovius deutlicher erſcholl. Es erklärt ſich hier⸗ durch auch, weshalb die Mehlich, angeblich ohne be⸗ ſondern Grund, auf den Flur heraustrat. gewichtiges en. Dieſer abagie ge⸗ hgewieſen! von 7 Uhr Hierfür Jancovius⸗ alwine fort. die Thurn⸗ Thürklin⸗ g es 15 Jantviu, unn ſchri zeigte ſih m kam he⸗ ugenblicke felhft kur wih aum vor gerbrechen rlegt wor ereheliht nen ein e, dls ſ m Zimn ie Mehlio gſuf d ſch bi ohne Der Goldschmied Jancovius. 403 Der ſofort herbeigerufene Arzt endlich hat erklärt, daß der Tod der Jancovius wenigſtens eine halbe Stunde vor ſeiner um 8 Uhr erfolgten Ankunft einge⸗ treten ſein müſſe. Jancovius behauptete anfänglich, er ſei um 7 Uhr fortgegangen. Später ſagte er, er ſei ſchon um 6 ½ uhr bei Galles eingetroffen. Die Perſonen, welche mit ihm an jenem Abend in der gedachten Tabagie geweſen, ſind faſt ſämmtlich über die fragliche Zeit vernommen. Jur Würdigung der abgegebenen Aus⸗ ſagen iſt von vornherein zu bemerken, wie zweifelhaft alle die Zeitbeſtimmungen ſind, die nicht auf poſitive Anhaltepunkte geſtützt, ſondern nach individueller Schätzung abgegeben ſind. Alle dieſe Männer ſaßen im Bierhauſe, plauderten und tranken, ohne zu ahnen, welches entſetzliche Verbrechen inzwiſchen begangen wurde; dem Einen verging die Zeit ſchneller als dem Andern. Jancovius ſelbſt kam die Nähe der Tabagie, nur 160 Schritt von ſeinem Hauſe, ſehr zu ſtatten. Erklärlich iſt daher, daß die Zeugen bei der Zeitangabe unter⸗ einander abweichen. Von Gewicht aber iſt beſonders die Ausſage des Klempnermeiſters Köhler: Er hat vor ſeinem Fortgehen von ſeinem Hauſe nach der gegen⸗ überliegenden Tabagie nach der Uhr geſehen und es iſt 7 geweſen. Zu dieſer Zeit iſt Jancovius noch nicht bei Galles geweſen: erſt längere Zeit nach ſeiner Ankunft ungefähr 25 bis 30 Minuten, alſo 8 Uhr iſt er gekom⸗ men. Nach der Ausſage des Kreisgerichtsſecretair Pietſch iſt Jancovius genau um 8 Uhr von Dittmann abgeholt. Zum erſten male will Jancovius von Galles gerade um die Zeit fortgegangen ſein, als eben der Klempner⸗ meiſter Köhler eintrat. Dies iſt aber nach der Aus⸗ ſage des Letztern um ½ 7 Uhr geweſen. 404 Der Goldschmied Jancovius. Iſt hiernach Jancovius erſt nach ½ 7 Uhr nach Hauſe zurückgekehrt und erwägt man, was er alles dort, ehe er wieder fortging, gethan haben will, ſo ergibt ſich, daß Jancovius um 7 Uhr und auch ſpäter noch zu Hauſe geweſen ſein muß. Um dieſe Zeit aber gerade iſt die Mordthat geſchehen. Außer dem mislungenen Alibibeweis gibt aber fer⸗ ner der Abdruck der blutigen Hand am Nagel in der Werkſtatt, wo die Schlüſſel zu hängen pflegten, eine fernere Spur des Verbrechens. Hier hingen unter mehren andern auch Schlüſſel zu Behältniſſen des obern Stocks. Malwine Jancovius meint, ihr Vater habe am Abend des Mordes davon geſprochen, daß ſie vom Nagel in der Werkſtatt fehlten. Daſſelbe behauptete er noch bei der Hausſuchung:„der Thäter müſſe ſie mitgenommen haben.“ Gleichwol haben ſich dieſe Schlüſſel zwei Tage nach der Ermordung in der Taſche des Angeklagten gefunden. In der Abſicht zu ſtehlen ſind die Schlüſſel nach der ganzen Sachlage nicht abgenommen. Es liegt daher der Verdacht nahe, der Thäter habe ſich Wäſche des Jancovius holen wollen, welche in einer Kammer eben, neben der Mehlich, aufbewahrt wurde. Da die Schlüſſel bei Jancovius unter den erwähnten Umſtän⸗ den gefunden, ſo erſcheint es nicht zweifelhaft, wem die blutige Hand gehört, die ſich beim Herunternehmen abgedrückt hat. Auch an den Kleidungsſtücken des Jancovius haben ſich verdächtige Blutſpuren gefunden. Die Galle'ſchen Gäſte haben zwar nichts Auffallendes an ihm bemerkt; aber ſie hatten auch keinen Grund, darauf beſonders zu achten. Nur einige meinen, ſein Rock ſei das zweite mal bis oben zugeknöpft geweſen. iol U Uhr nch as ert alles n vwill, ſo auch ſpäter ſ Zeit aber bt aber fer⸗ agel in der egten, eine ngen unter n des obem Vuter habe aß ſie vom behauptitt müſſe ſe ſich dieſe drr Taſcht hluſſl nach Es lieht er Kamme e Da i en Unſtin⸗ lhoft, wen nternehm ovius hotu Gallſch bmul eſonder. pes wwi Der Goldschmied Jancovius. 405 Es fanden ſich jedoch nun ſpäter im dunkeln Al⸗ koven des Ladens ein hellgrauer alter Buckskinrock und ein Paar hellgraue geſtreifte Beinkleider, die als verdächtig in Beſchlag genommen wurden. Am Rocke zeigten ſich mehre rothe Flecke, die mittels der Loupe als Blufflecke erkannt wurden. Nach dem Ausſpruch der Aerzte ſind dieſe Flecke offenbar durch Anſpritzen von Blut entſtanden. Die Beſichtigung geſchah am 13. Januar und die Sachverſtändigen erklärten, daß das Blut gewiß ſeit mehren Wochen, aber auch nicht ſeit längerer Zeit angeſpritzt worden. Auch könne das Kleidungsſtück nachher nicht mehr länger getragen wor⸗ den ſein. An den Rockſchößen war offenbar eine Rei⸗ nigung durch Waſſer erfolgt. Ebenſo ſchienen die Hoſen durch Waſchen gereinigt zu ſein; doch waren die Aerzte außer Stande, hierüber ein beſtimmtes Ur⸗ theil abzugeben. Jancovius will am 28. November mit dunkeln car⸗ rirten blaugeſtreiften Beinkleidern bekleidet geweſen ſein. Die in Beſchlag genommenen Hoſen hat er wol auch öfter benutzt, am Abend der That aber be⸗ ſtimmt nicht. Den Oberrock hat er in der letzten Zeit öfters getragen.„Ich dächte,“ fährt er plötzlich fort, „er hätte in der Werkſtatt am 28. November gelegen; iſt dies der Fall geweſen, ſo habe ich ihn mit dem braunen Paletot vor der Verſieglung nach dem Al⸗ koven getragen.“ Nachdem ihm der Befund der Aerzte mitgetheilt worden war, verſicherte er hoch und theuer, daß er mit dieſen Sachen an jenem Abend nicht bekleidet geweſen. Er erklärt die Blutſpuren durch das Schlachten eines Haſen und einer Gans vor kurzer Zeit in dieſen Klei⸗ dern. Dann will er ſich wieder plötzlich vierzehn Tage vor 406 Der Goldschmied Jancovius. dem Tode der Frau beim Holzſpalten einen Finger verletzt haben und hierdurch blutig geworden ſein. Er zeigt hierbei zwei Narben; von der einen mußte er aber ſofort zugeben, daß ſie früher entſtanden ſei. Erwägt man nun einerſeits, daß die vorgefundenen Kleider in dem ſeit dem 3. December verſiegelten Zim⸗ mer gelegen haben, andererſeits, daß Jancovius nach der That bis zum 2. December auf freiem Fuße blieb, und da der Alkoven und der Laden am Abend der That nicht verſiegelt wurden, zu dieſen Räumen Zugang hatte; daß auch Niemand ſonſt ein Motiv haben konnte, aus des Jancovius Kleidern ungeheißen die Flecke aus⸗ zuwaſchen: ſo iſt es klar, daß auch Niemand anders als er die Kleidungsſtücke gewaſchen und im Alkoven verborgen hat. Die ärztliche Vermuthung, daß dieſe Blutflecke vor nicht langer Zeit entſtanden ſind und ſich deshalb ſichtbar erhalten haben, weil ſie nicht der Luft ausgeſetzt geweſen, findet in den angegebenen Um⸗ ſtänden ihre Beſtätigung. Jancovius hatte aber auch Beſonnenheit und Zeit genug zum Wechſel der Kleider. Während ſein Genoſſe nach vollbrachter That nach dem Wohnzimmer herüber⸗ ging, um den Schmuck zu holen, war er noch im Hauſe. Erſt als jener in der Küche das Licht ausge⸗ blaſen hatte, klingelte die Hausthür, durch welche da⸗ mals Jancovius ſich entfernte. Obwol Jancovius nach den vorgetragenen Zügen ein Menſch von nicht gewöhnlichen Verſtandeskräften und nicht ungewandt iſt, in der ſchlauen Berechnung und Benutzung der Umſtände, ſo ſcheint er doch hierbei im Einzelnen zu weit gegangen zu ſein, um nicht eben gerade dadurch verdächtig zu werden. Unter den er⸗ nen Finget orden ſein inen mußte entſtanden tgefundenen gelten Zin covius nc ʒuße bli nd der Th en Zugan qben konnte Flect au and ander im Alkove n ſind un ſie nicht b gebenen ln it und 3 ſein Geun ner hut er noch Licht auh welche* enn ih zndeitu Bench'“ doh ſ m nit iut den Der Goldschmied Jancovius. 407 ſchütternden Umſtänden der That war wol ein erregtes, nicht aber ein berechnetes Handeln natürlich. Es iſt zunächſt auffallend, daß der Angeklagte nach der Ausſage der Mehlich nicht mit Dittmann zuſammen in das Haus trat, ſondern erſt einige Zeit ſpäter. Wäre er ſchuldlos geweſen an der Greuelthat, welche dem Dittmann ſchon bekannt war, ſo hätte ihn die Angſt des Gatten wol ſchneller als den Unglücksboten zu Hauſe getrieben. Das Motiv ſeiner Zögerung iſt nicht ſchwer zu errathen. Es iſt das nämliche, aus welchem es ſich erklärt, weshalb er unten im Flur, nachdem Dittmann ſchon Licht heruntergebracht hatte, nochmals nach Licht rief und nicht eher, als bis die Mehlich mit Licht heruntergekommen, in das Local eintrat. Denn er ſah bis dahin noch immer keinen Zeugen, außer ſeinem Helfershelfer. Eines Zeugen be⸗ durfte er aber, um die Leiche, wie dies ſogleich von ihm geſchah, an ihrem blutigſten Theile zu umfaſſen und ſo ſeine Kleidung in unverdächtiger Weiſe blutig zu machen. Am 7. December entdeckte der Unterſuchungsrichter im Zimmer der Mehlich, als am 2. December bei der Hausſuchung ſich nichts Bemerkenswerthes gefunden hatte, auf dem Blumentiſch einen unvollendeten Brief, den Jancovius geſtändlich an ſeinen Sohn geſchrieben hat. Der ganze Inhalt dieſes Briefs, die umſtändliche Erzählung von dem Vorgefallenen macht den Eindruck, als ob Jancovius dieſen Brief, der ſchon vom 1. De⸗ cember datirt iſt, obwol er am 2. December noch nicht aufgefunden wurde, in der Abſicht, damit er gefunden werde und den Verdacht von ihm ablenke, dorthin ge⸗ legt hat.. Er ſelbſt kann zur Aufklärung dieſes Umſtandes nur —— — ——— 408 Der Goldschmied Jancovius. anführen, daß er den aufgefundenen Brief nicht zur Abſendung beſtimmt, daß vielmehr dieſer nur ein Con⸗ cept geweſen ſei. Die unwahrſcheinlichkeit dieſer Be⸗ hauptung liegt jedoch auf der Hand, wenn man be⸗ denkt, wie es möglich, daß ein durch die Ermordung ſeiner Frau aufs tiefſte erſchütterter Ehemann ſoniel Ruhe und Zeit gewonnen haben ſoll, um auf dieſe Weiſe die Todesnachricht ſeinem im Zuchthauſe befind⸗ lichen Sohn mitzutheilen. Ein weiterer Verdachtsgrund gegen Jancovius iſt folgender. Es ſteht feſt, daß er in der Nacht nach der That noch vor 4 Uhr Morgens aus dem Hauſe ſich entfernt hat. Dittmann ſelbſt ſah ihn von ſeinem Fenſter aus fortgehen und erzählte ſofort ſeiner Frau, daß er nach der Marktgegend zu um die Ecke des Kauf⸗ manns ſeinen Weg genommen. Anfänglich leugnete Jancovius, zu der gedachten Zeit überhaupt ſeine Woh⸗ nung verlaſſen zu haben; als er aber endlich dies ein⸗ räumen mußte, behauptete er, daß er zwei Briefe von ſich und ſeiner Tochter auf die Poſt und zwar in den Briefkaſten getragen habe. Auch hier iſt ihm die Un⸗ wahrheit dieſer Angabe durch die ſpäteren erſt zwiſchen 10 und 11 uhr Morgens darauf gefügten Poſtſtempel dieſer Briefe und durch die amtliche Auskunft der ent⸗ ſprechenden Behörde, daß die Briefe, wenn ſie wirk⸗ lich in der Nacht in den Kaſten geworfen wären, ſchon um 8 Uhr hätten geſtempelt ſein müſſen, nachgewieſen. Freilich läßt ſich nicht angeben, welchen Zweck Janco⸗ vius damals mit jenem nächtlichen Gang verbunden, und nur vermuthen kann man, daß er bemüht geweſen, noch nachträglich irgendwelche Spuren des Verbrechens— vielleicht den Schmuck— zu beſeitigen. Hält man alle dieſe einzeinen Indicien mit dem dhe he ſu lu ot B i 0 f nicht zu ur ein Con dieſer Be mn man be Ermordun mann ſoni m auf diſ hauſe befind ancvius i Nacht nat n Hauſe ſc von ſeine ſeinet Ful e des Kall ich leugn ſeine Wel it di ii i Briefe wer in d ihn die! ait zriſt Pofiſin uſt ⸗ nn ſi wären, ſü nchger⸗ ʒwec 3u verbu“ iht gerbnchen ien nil Der Goldschmied Jancovius. 409 ganzen Benehmen des Jancovius ſowol gleich nach der That, als auch während der Unterſuchung, wie dies oben näher geſchildert, zuſammen, ſo wird man über⸗ zeugt ſein, daß kein Anderer als er das Verbrechen planmäßig und in rreiflicher Ueberlegung erſonnen und vorbereitet, endlich aber auch zu ſeiner Ausführung im Verein mit einem Helfershelfer ſelbſt die Mörderhand geboten hat. Dieſer Helfershelfer iſt der Schmied Karl Auguſt Dittmann. Er iſt zur Zeit der Unterſuchung 28 Jahr alt und ſeit Johanni 1850 wohnt er als Miether für jährlich 18 Thaler im Jancoviusſchen Hauſe. Seit längerer Zeit iſt er bereits arbeitslos, ſodaß er von ſeiner Frau durch Handſchuhwaſchen mit ernährt werden muß. Seine Familie iſt zahlreich und erwartete damals die Frau wiederum ihre Entbindung. Beſtraft iſt Dittmann bisher noch nicht, doch hat er geſtändlich einmal fremde Betten verpfändet. Zur Schilderung ſeines Charakters dient eine Erzählung aus dem pol⸗ niſchen Feldzuge, welche er ſelbſt ſeiner Ehefrau mit⸗ getheilt hat. Als er im Poſenſchen im Quartier lag, erzählten ihm ſeine Wirthsleute, daß ein reicher katho⸗ liſcher Geiſtlicher in der Nähe wohne, der in ſeinem Haſſe gegen die Evangeliſchen von dieſen ſchon mehre habe ums Leben bringen laſſen; da habe er, Dittmann, es für keine Sünde gehalten, den Geiſtlichen auch zu ermorden, habe auch ſchon zur Ausführung der That ſeinen Säbel geſchliffen, aber die That ſelbſt doch unterlaſſen. Wie die Ermordete ſelbſt über Dittmann geurtheilt, erzählt die unverehelichte Noppes. Ungefähr vier Wochen wor dem Tode erzählte ihr die Jancovius, daß Dittmann ſeine hochſchwangere Frau dermaßen geprügelt habe, XXIv. 18 410 Der Goldschmied Jancovius. daß dieſe bei ihr eine Zuflucht geſucht. Die Noppes meinte hierauf, daß ſie Dittmann für einen ordentlichen Menſchen halte; aber die Jancovius erwiderte:„der ſieht ſchon ſo tückiſch aus!“ Dittmann wird nun zunächſt durch eine Ausſage ſeiner eigenen Frau bezichtigt. Am Abend des 28. November, ſagt dieſe, ſprach Dittmann davon, daß er ſich ein Beil von Jancovius zur Anfertigung eines Holzgitters holen wolle, und entfernte ſich bald darauf, nachdem ihm die Frau davon abgerathen, ohne weitern Grund aus der Stube. Kurze Zeit nachher hörte ſie ſchon das Angſtrufen von unten, ging nun auf den Flur und bückte ſich dann auf der Treppe nieder. Von hier aus ſah ſie bei einem Lichtſchein einen Mann in die Werkſtätte gehen und erkannte in dieſem an der ganzen Geſtalt und Kleidung ihren Ehemann. Nur aus Schamgefühl hat ſie dies Erkennen nicht gleich der Mehlich mitgetheilt, im Uebrigen aber hat die Einnahme des Augenſcheins ergeben, daß man ſehr wohl von der Mitte der Treppe unter den gedachten umſtänden Jemanden erkennen kann. Als Dittmann nun endlich heraufkam, bemerkte ſeine Frau ſofort mehre Blutflecke in ſeinem Geſicht. Auch die Hoſen waren blutig und hat er ſie noch in derſelben Nacht eigen⸗ händig gewaſchen. Dittmann läßt ſich wie folgt über die Sache aus: Als ſein Stiefſohn Wonnenberger mit Holz, welches er für die Mehlich geholt, zurückkehrte, habe derſelbe in die Stube hineingeſagt, daß er auf derz Straße ein Scheit Holz gefunden und, da es ihm zu ſchwer geweſen, bei den Fleiſchbänken hingeſtellt habe. Er ſelbſt habe ſich nun auf den Weg gemacht und das Holz geholt. Als er zurückgekehrt, ungefähr 5 bis 10 Der Goldschmied Jancovius. 411 Die Noppet Minuten nach ſeinem Fortgehen, habe er beim Oeffnen ordentichu der Hausthür ſeine Frau heftig ſchreien hören. Er— iderte:„de ſchrocken hierüber habe er das Scheitholz auf den Flur geſetzt, ſei die Treppe hinaufgelaufen und dann auf eine Ausſeh Verlangen ſeiner Frau heruntergegangen, um nach der end des 2 Jancovius zu ſehen. Er blickte in die Schlafſtube, davon, do dann in die Küche, und da er Alles dunkel fand, holte tigung ins er Licht von oben und ging zum zweiten mal hinunter. bind dan Jetzt fand er die Thür kaum halbbreit offen, öffnete ſie ganz und ſah die Jancovius auf dem Geſicht, den „— Kopf nach der rechten Seite zu, ganz ſtill auf dem her hörte 3 un uf d Fußboden liegen. Angerufen oder angerührt habe er — P ſie nicht; ſondern ſei umgekehrt und habe ſeiner Frau a nitgetheilt, die Jancovius liege in Blute. Er ſei 4. nun von ſeiner Frau nach einer Tabagie geſchickt worden, N um Jancovius zu holen; da er ihn dort nicht gefunden, — ui ſei er zu Galles gegangen, wo er jenen aus der Thür ſich 5. gezogen und ihm auf der Straße mitgetheilt habe, daß chu hit ſeine Frau in der Werkſtatt im Blute ſchwimme. Im e man Hauſe ſei er mit Licht dem Jancovius durch die Küche den gut in den Laden gefolgt. Kein Wort ſei zwiſchen ihnen ls Ditm gewechſelt. In der Werkſtatt lag die Leiche noch an u ſopt u derſelben Stelle. Jancovius rief:„Laura, was iſt dir?“ Hoſen„ und nun trugen ſie die Ermordete in das Schlafzimmer, Nacht e von wo Dittmann ſogleich zu einem Doctor geſchickt wurde. Er habe keinen gefunden und bei ſeiner Rück⸗ e Sache kehr ſchon den Dr. Weiſe angetroffen. Dann habe er nit 5 den Unterſuchungsrichter geholt.— Das Holz habe er idichrt am nächſten Sonntag klein gemacht. Es unterliegt nun keinem Zweifel, daß Dittmann da e i einer der Mörder geweſen. Die Anklage, welche von ingeſtlt der, erſt ſpäter, kurz vor der öffentlichen Verhandlung, noht* eingetretenen Entwickelung der Sache 6 keine Kennt⸗ fäht —.—— 412 Der Goldschmied Jancovius. niß haben kann, findet die verſchiedenen Verdachts⸗ momente, außer in den Bezüchtigungen der Mehlich und der Frau Dittmann, namentlich in dem eigenen Benehmen des Angeklagten, ſowie in den beſtimmt hingeſtellten, angeblichen Vermuthungen des Jancovius über die That. Als Dittmann an dem gedachten Abend, wie ſeine Frau bekundet, erſt zur Jancovius hinunterging, um Aepfel zu holen, geſchah dies offen⸗ bar in der Abſicht, das Terrain zu recognoſciren, und da er die Malwine noch anweſend traf, ging er noch⸗ mals hinauf und begab ſich erſt, nachdem ſein Stief⸗ ſohn zurückgekehrt war, wieder hinunter, um jetzt, wo der günſtige Augenblick gekommen, ſein Werk zu voll⸗ bringen. Die gegen ſeine Frau erklärte Abſicht des Dittmann, ein Beil von Jancovius zu holen, ſtimmt auffallend mit der Vermuthung des Letztern, daß der Mörder ſein Opfer unter dem Vorgeben, ein Arbeitszeug zu entleihen, in die Werkſtatt gelockt habe. Nach vollendeter That wird Dittmann mit dem Licht in der Hand in der Küche geſehen. Der Schein deutet der Mehlich an, daß Jemand mit unhörbaren Schritten geht. Von dort aus führt die Thür in das Wohnzimmer, wo ſich um ½ 7 Uhr der Schmuck der Malwine noch befand. Dittmann bläſt in der Küche das Licht aus, wäſcht ſich die Hände und jetzt erſt ertönt die Klingel der Hausthür, durch welche Jancovius ins Freie gelangt, während Dittmann in demſelben Mo⸗ ment die Treppe hinaufkommt, als ſei er eben zum Hauſe hereingetreten. Hiernach ſcheint Dittmann den Schmuck geholt zu haben. Die Anklage findet ſomit das Motiv deſſelben zur That erklärt, daß ſie ihn durch das Verſprechkn Verdachts⸗ e Mehlich em eigenen nbeſtimnt 6 Jancovius n gedachtn Jancovin dies offn⸗ oſtiten, und ng et noh ſein Stif m jett, zerk zu vol Dittmann uffolen de Mire beitszeug Der Gih unhörbor⸗ thir in Schnut icht erſt ei ncorius“ aſebn A er be z0 d ghol tio deſih Vuſput· Der Goldschmied Jancovius. 413 dieſer Goldſachen zum Morde gedungen darſtellt. Dies ſcheint nach dem ſpätern Verlauf der Sache nicht ge⸗ rechtfertigt. Für den hauptſächlichen Zweck der Ent⸗ fernung des Schmucks muß immer der Plan der Mör⸗ der gehalten werden, einen Raubmord wahrſcheinlich zu machen. Die dem Dittmann gemachten Ver⸗ ſprechungen ſind wol nur allgemeinerer Natur geweſen. Auf der andern Seite finden ſich freilich verſchiedene Andeutungen, die die Anſicht der Anklage erheblich unterſtützen. Dittmann hat oft mit der Malwine über den Schmuck geſprochen, von ihr auch erfahren, wo er liege, und ſich geäußert, daß, wenn er einmal fehle, er und ſeine Frau ihn wol haben würden. In Aus⸗ ſicht auf den bevorſtehenden Gewinn ſprach er auch „von dem luſtigen Taufen, das es geben würde“, was bei ſeinen ärmlichen Verhältniſſen auffallen mußte. Endlich ſchreibt er aus dem Gefängniß an ſeine Frau: „Liebe Minna, du biſt mein Leben und meine Kinder; ich habe geſorgt für Euch und werde es noch thun!“ Bei der drückenden Noth der Dittmannſchen Fa⸗ milie ſcheint dieſe Andeutung auf gemachte Ver⸗ ſprechungen zu gehen. Dittmann wollte von dem nächtlichen Gange des Jancovius, obwol er mit ſeiner Frau ſelbſt darüber geſprochen, nichts wiſſen. Im Lauf der Vorunter⸗ ſuchung deutet er nicht im Entfernteſten an, wen er für den Mörder halte. Dagegen ſpricht er ſich in der erwähnten heimlichen Correſpondenz mit ſeiner Frau dahin aus, daß er Jancovius für den Schuldigen halten mußte. Namentlich ſchreibt er von Leuten, zu denen es die Ermordete ſelbſt geſagt,„daß ſie unter ſeinen, ihres Mannes, Händen ſterben müßte!“ —— ———— — ——— 414 Der Goldschmied Jancovius. Erwieſen iſt ferner Dittmann's Anweſenheit am Orte der That. Die Erdichtung ſeiner Behaup⸗ tung, daß er ein Stück Holz geholt, iſt ihm nach⸗ gewieſen. Gegen ihn zeugen laut die Blutflecke im Geſicht gleich nach der That, und die blutbeſpritzten Kleider, die ihm abgenommen. Es ſind die einzigen, die er be⸗ ſeſſen, und er trug ſie an jenem Abend. Wie die Aerzte erklären, ſind die Flecke durch Anſpritzen von Blut, nicht durch Anwiſchen, entſtanden. Außer dieſen hauptſächlich ins Gewicht fallenden Thatſachen, ergibt das Benehmen des Dittmann kurz nach der That eine Reihe verdächtiger Umſtände, welche ſein Schuldbewußtſein verrathen. Dahin gehört zu⸗ vörderſt das durchbohrende Anblicken der Mehlich, als er dieſe beim Heraufkommen unerwartet auf dem Flur fand; ferner die eigene Angabe, er habe die im Blute ſchwimmende Frau weder angerufen noch angerührt, ſowie die ruhige Mittheilung an die beiden Frauen: die Jancovius liege im Blute, ohne eine Spur von Schrecken oder Beſtürzung. Wäre ihm ein ſolcher Anblick unerwartet gekommen, ſo würde er, jedenfalls heftig erſchrocken, zugeſprungen ſein, um der Unglück⸗ lichen zu helfen, er würde beim Herbeiholen von Hilfe ein Entſetzen über die Greuelthat in ſeinem ganzen Weſen gezeigt haben. Es gehört zu dieſen verdächtigen Umſtänden das gefliſſentliche Zögern, den Jancovius herbeizurufen, und die erdichtete Unwiſſenheit, wo er ihn finden könne, ſowie ſpäter den Unterſuchungsrichter. Dreimal iſt Dittmann von Hauſe fortgegangen, ehe er zu Galles kam, wiewol Jancovius ſchon ſeit langer Zeit täglich dorthin ging und Dittmann ſelbſt ihn zwei Tage vor⸗ eſenheit an er Behauy ihm nach im Geſich tten Kleider n, die et b ie die Aerzt von Blut ht fallenden ittmann k ände, welch gehört ju ſehlich, ab dem Fl ie in Blu angrihr den Fral E ein ſul e jcdufil det Unzi en von Hi inem gun ſtinden zunfin,. nen i Lrin Zit it vei k Der Goldschmied Jancovius. 415 her wegen einer Ohnmacht ſeiner Frau von dort ab⸗ gerufen hatte! Dies Zögern geſchah offenbar abſichtlich, um dem Jancovius den Beweis ſeines Anderswo zu ermöglichen, oder überhaupt die Entdeckung der That möglichſt hinauszuſchieben. Auffallend iſt ferner, in welcher Weiſe Dittmann den Jancovius aus dem Galle'ſchen Local abrief. Er kam in das Zimmer hinein, ließ ſich von den an der Thür ſitzenden Gäſten den Jancovius zeigen, trat an dieſen heran, und ohne ein Wort zu ſagen, klopfte er ihm auf die Schulter und winkte ihm hinaus. Es wird ausdrücklich verſichert, daß kein Wort zwiſchen beiden geſprochen ſei. Wie ganz anders würde die Erſcheinung und Er⸗ regung des Dittmann geweſen ſein, wenn er ſchuldlos unmittelbar nach der entdeckten Ermordung als Bote zu dem Ehemann mit der Nachricht gekommen wäre, daß ſeine Frau ermordet worden. Sein ſtummes Er⸗ ſcheinen verräth deutlich, daß Jancovius ſchon wußte, welche Nachricht er bringe, und daß ihm ſelbſt auch die entdeckte That nicht als etwas Ungeheures, Plötz⸗ liches vor die Seele trat. Als Malwine Jancovius herbeigerufen war und der Vater Vermuthungen über die Ermordung aufſtellte, flüſterte Malwine der Mehlich leiſe ins Ohr:„Das iſt niemand anders geweſen, als Dittmann.“ Dittmann aber ſtand dabei, bemerkte das Geflüſter, fixirte beide mit den Augen und entfernte ſich ſtumm aus dem Zimmer. Am Tage darauf, als im Jancoviusſchen Hauſe die Obduction der Ermordeten vorgenommen wurde und vor Eröffnung der Bauchhöhle kein Menſch außer den Thätern Kenntniß von der verübten Brutalität 416 Der Goldschmied Jancovius. mit dem Holze haben konnte, ging der Protocollführer zufällig auf den Hof, als man erſt bis zur Eröffnung der Bruſthöhle gekommen war. Dittmann war mit Holzſpalten beſchäftigt und fragte plötzlich, ohne alle Veranlaſſung, als der Beamte in das Haus zurück⸗ treten wollte,„ob bei ihr etwas im Leibe gefunden wäre!“ worauf ihm erwidert wurde, daß man bis jetzt das noch nicht wiſſen könne. Dittmann hat beſtritten, dieſe Frage gethan zu haben. Hierdurch wird klar, daß Dittmann ſchon damals Kunde hatte, welche Scheußlichkeit an der Unglücklichen begangen war. Er konnte ſie nach dem Vorgetragenen nur dadurch erlangt haben, daß er ſelbſt bei dem Ver⸗ brechen zugegen, ſelbſt daran theilgenommen hatte. Hiermit ſchließt die Anklage, die gegen Jancovius auf Verwandtenmord, gegen Dittmann auf Mord ge⸗ richtet iſt. Demgemäß verſetzte der Criminalſenat des Appella⸗ tionsgerichts zu Frankfurt a./D. die Angeklagten in den Anklageſtand und verwies ſie vor das dortige Schwurgericht. So lag die Sache, als ſie plötzlich durch ein ganz unerwartetes Ereigniß in eine neue Phaſe treten ſollte. Der Schmied Dittmann, der noch am Tage der Pu⸗ blication der Anklage ſeine Unſchuld betheuert und nur am Schluſſe derſelben ein verdächtiges:„Ja, ja, ſo iſt es!“ ausgeſtoßen hatte, legte plötzlich ſechs Tage darauf ein Geſtändniß ſeiner Schuld ab. Dieſes kam im Weſentlichen auf Folgendes hinaus. Er räumte zunächſt im Allgemeinen ein, von dem Gold⸗ rotocollfühte r Eröffnung war mit , ohne all au zuric be gefunden man bis jett at beſtritten, chon damal Unglicklchen orgetragehe ei den Ve n hatte⸗ Jancovil des Atyll geklagten dus dortt ₰ — — — S— S Der Goldschmied Jancovius. 417 arbeiter Jancovius unter dem Verſprechen einer Geld⸗ belohnung und der Gewährung einer miethsfreien Woh⸗ nung überredet und verleitet zu ſein, in Gemeinſchaft mit ihm die Frau des Jancovius ums Leben zu bringen. Das erſte mal ſoll Jancovius mit ihm hierüber am Tage vor der That geſprochen haben. Die Jancovius'⸗ ſchen Eheleute zankten ſich nämlich auf dem Hofe und Dittmann ſprach zur Sühne. Da äußerte Jancovius nach Entfernung ſeiner Frau erbittert zu Dittmann: „er ſolle ihm helfen, ſeine Frau zu erſchlagen, und dafür Geld und freie Wohnung in ſeinem Hauſe er⸗ halten!“ Dittmann ſträubte ſich und hiermit endete das erſte Geſpräch, das von Jancovius in ganz trock⸗ nem Tone geführt wurde. Am 28. November, als es anfing dunkel zu werden, ging Dittmann, um Aepfel zu holen, hinunter. Er traf Jancovius in der Küche, der für die Aepfel keine Be⸗ zahlung nahm. Bei dieſer Gelegenheit war noch kein Wort über ihr Vorhaben geſprochen. Erſt zwei Stunden nachher ging Dittmann, vorgeblich um Cigarren zu holen, wieder herunter, und zwar durch die Küche in die Werkſtatt. Er traf beide Eheleute allein. Eine kleine Lampe erleuchtete nur matt das Zimmer und ließ ihren Schimmer auf den am Arbeitstiſch beſchäftigten Mann fallen. Im Halbdunkel, mehr nach hinten hin ſaß die nichts ahnende Frau Jancovius. Dittmann foderte Cigarren. Jancovius gab ihm mehr, als er verlangte, und wies die Bezahlung zurück. Er foderte einen andern Preis.„Helfen Sie und ſchweigen Sie!“ ſagte er leiſe, ergriff ein Werkzeug vom Tiſch, trat damit dicht vor ſeine Frau und ſchlug ſie dann heftig auf den Kopf.„Ich werde dich Ca⸗ naille ſchon kriegen!“ ſchrie er, als ſein Weib vom 418 Der Goldschmied Jancovius. Stuhle auf den Boden ſank, und blies die Lampe aus. Die Frau ächzte unter den wiederholten Schlägen und ſchlug mit den Füßen um ſich, während Dittmann, wie er behauptet, ruhig dabeiſtand. Nun foderte ihn Jancovius auf, ſie zu halten. Er faßte ſie an dem linken Arm, und drückte ſie feſt zu Boden. Jancovius griff nach einem länglichen, dicken, runden Holze, bückte ſich vor ſeiner Frau und ſchlug ihr die Kleider über den Kopf. Als ſie ſo mit entblößten Lenden dalag, trieb ihr Jancovius mittels eines gleichzeitig erfaßten Eiſens das Holz in die Schamtheile. Kein Wort entkam hierbei ſeinen Lippen, nur winkte er Dittmann zu ſchweigen. Bei dieſer gräßlichen Operation lag die Unglückliche ſtill und bewegungslos. Kein Laut war hörbar. Da ertönte die Stimme der Dittmann und der Schauſpielerin von oben. Die beiden Mörder ſtürzen in die Küche. Jancovius eilt in den Vorderladen, wo er eine Zeit lang verweilt. Als er zuückkommt, horcht er noch nach dem Geſchrei der Frauen, ergreift dann den Dittmann und ſtößt ihn vor die Hausthür. Hier ſagt er, daß er zu Galles gehe, und befiehlt Dittmann, nach oben zu gehen und zu fragen, was los ſei. Auch heißt er ihm, wenn er nach ihm geſchickt werde, erſt einen andern Gang zu machen, um ſo Zeit zu gewinnen. Hierauf eilt Jancovius im vollen Laufe davon. Dittmann aber geht hinauf und begibt ſich dann, wie auch ſonſt feſtſteht, mit Licht wieder nach der Werkſtatt herunter. Hier findet er die Ermordete nicht mehr auf dem Flecke, wo ſie erſchlagen, ſondern mehr nach der Thür zu. Nach Dr. Umann's Meinung muß ſie ſich im letzten Todeskampf dorthin geſchleppt haben. Auch jetzt lag ſie ganz regungslos. Der Goldschmied Jancovius. 419 e Lumpe au Als Dittmann nun nach Jancovius geſchickt wird, chlägen und verweilt er der erhaltenen Anweiſung gemäß erſt einige Dittmam, Zeit auf der Straße, geht dann zu Galles und winkt foderte ihr Jancovius hinaus. t ſi an den Bei ihrer Ankunft verlief ſich Alles ſo, wie durch Jancovin die Zeugen ausgeſagt. Jancovius eilte in die Werk⸗ Holze, büt ſtatt. Da lag ſein Weib noch in der Stellung, wie Kleider übe Dittmann es verlaſſen hatte. Kalt und ruhig ſahen nden dah die Beiden auf ihr Opfer, das flackernde Licht hoch itig aftu über ſie haltend. Pprt entn Dittmann wollte ſchon jetzt einen Arzt holen, aber uſiſteiz Jancovius wollte die Leiche erſt nach der Schlafſtube ngi gebracht haben, was auch geſchah. ttc So lautet die Erzählung Dittmann's über den ot d gräßlichen Vorfall, mit der er angeblich ſein geängſtigtes Gewiſſen beruhigen wollte. Es war klar, daß er noch immer mit der Wahrheit zurückgehalten, und nament⸗ lich ſeine eigene Betheiligung nicht offen und rückhalts⸗ ung bawt los bekundet.— Unter heißen Thränen verſicherte er, n beh daß er bei der Ermordung nicht mehr geholfen, als n und ſi er ſelbſt angegeben, ſowie auch, daß er ſich nichts von er zu il den Jancoviusſchen Sachen angeeignet habe. Von u gehen i dem Schmuck erklärte er nichts zu wiſſen, und ver⸗ m, wen muthet nur, daß Jancovius ihn ſelbſt vorher, ehe noch n Gon Dittmann hinzugekommen, bei Seite gebracht habe. In der auf die Ermordung folgenden Nacht hatte ufe dare Dittmann ruhig geſchlafen. Seine Kleider wollte er h don, theilweiſe erſt am andern Morgen während der Obduc⸗ der Val“ tion ausgewaſchen haben. Die vorhin ihm entflogene t nl Frage an den Protokollführer: ob die Obducenten nichts ihr nh im Leibe gefunden, geſtand er jetzt zu. muß ſe* Am Vormittage des 29. November ſprachen ſich die aben 1u Männer auf dem Hofe. Jancovius ermahnte zur Ver⸗ —— 420 Der Goldschmied Jancovius. ſchwiegenheit. In der Dunkelheit trafen ſie ſich auf derſelben Stelle wieder. Jancovius erneuerte ſeine Verſprechungen an ſeinen Genoſſen und verhieß ihm wiederholt Geld und Geldeswerth. Dann mußte Ditt⸗ mann mit einem feierlichen Eide Stillſchweigen geloben. Jancovius ſprach die Worte vor, und während noch die Leiche des Weibes nur wenige Schritte von ihnen entfernt mit klaffenden Wunden dalag und Alles rings um ſie ſtill war, ſchwur Dittmann bei Gott dem Vater, dem Sohne und dem heiligen Geiſt in die blutige Hand des Gattin⸗Mörders im Dunkel der Nacht unverbrüch⸗ liches Stillſchweigen und verfluchte ſeine Seele für den Fall der Eidbrüchigkeit. Nach Ablegung dieſes Geſtändniſſes verlangte Ditt⸗ mann nach einem Geiſtlichen. Er verſicherte auch die⸗ ſem gegenüber, die reine Wahrheit geſagt zu haben. Trotz der angeblichen Reue über ſeine That machte er doch noch wenige Tage vor der Verhandlung einen Fluchtverſuch, auf dem er indeß ſogleich ergriffen wurde und den er nur damit zu entſchuldigen wußte, daß er ſeine Familie noch habe ſehen wollen. Am 17. und 18. Juli 1851 wurden die Angeklagten in das Gefängniß zu Frankfurt a. O. per Transport ein⸗ geliefert. Am 21. ſtand der Termin zur öffentlichen Verhandlung der Sache vor dem königlichen Schwurge⸗ richtshof daſelbſt an. Das Publicum, welches dieſen Tag mit großer Spannung erwartet, drängt ſich bereits lange vor Eröffnung der Sitzung in den dunkeln Hallen des alten Rathhauſes und ſtürzt dann, als ſich endlich die Thüren öffnen, eiligſt auf die Zuhörerplätze. Dieſe ſind ſie ſih auf euerte ſein verhieß ihn mußte Ditt gen geloben ährend noch e von ihnen Alles ring tdem Paten lutige Han unverbrüc eele für den langie ditt r auch di⸗ zu haben 4 mchte u dung einn rifen win⸗ ußte, doß Angeklaht möport iffentlih⸗ Schwun nit grhe longe„ Halln“ nti Hieſt ſid ₰ Der Goldschmied Jancovius. 421 ſo dicht gedrängt voll, wie man es nur früher bei den Verhandlungen politiſcher Proceſſe gewohnt geweſen. Vor der Barriere bemerkt man eine große Zahl höherer Beamten, namentlich aber iſt die juriſtiſche Welt ſtark vertreten. Damen befinden ſich unter den Zuhörern nicht. Ein Piquet Militär iſt commandirt, um bei dem großen Andrange nöthigenfalls die Ruhe und Drdnung aufrecht zu erhalten. Nach Auslvoſung der Geſchworenen erklärt ſich auf Befragen des Präſidenten Jancovius für Nichtſchuldig, Dittmann für Schuldig. Letzterer wiederholt ſofort, ohne ein weiteres Ver⸗ hör abzuwarten, ſein früheres Geſtändniß. Man hat dieſes dem Jancovius bis jetzt geheim gehalten und Alles iſt auf den Eindruck geſpannt, den dieſe uner⸗ wartete Ausſage ſeines Mitangeklagten auf ihn machen muß. Man ſieht ſich jedoch hierin getäuſcht, da Jan⸗ covius zwar erſtaunt erſcheint, jedoch ſeine ganze Ruhe behält und nur zuweilen durch ein leiſes Achſelzucken die Verachtung zu erkennen gibt, die er ſeinem Mit⸗ ſchuldigen in hohem Grade zollt. Der Grund für die Faſſung des Jancovius wird nicht nur in deſſen gan⸗ zem Charakter, ſondern noch mehr in der Mangelhaf⸗ tigkeit unſerer Gefängniſſe gefunden, wo der heimliche nähere Verkehr zwiſchen den Internirten eine Colluſion unvermeidlich macht. Bei dem Detailverhör läßt ſich Jancovius zuvörderſt über ſeine perſönlichen und Familienverhältniſſe aus. Er iſt der Sohn eines Bäckermeiſters und ſteht in ſeinem 54. Lebensjahre. Den gewiſſen Grad von Bildung, den man ſeinem ganzen Auftreten ſofort anmerkt und der ihn namentlich vor dem neben ihm ſitzenden Ditt⸗ mann auszeichnet, verdankt er nicht ſowol der Schule, 422 Der Goldschmied Jancovius. die er bis Tertia beſucht hat, ſondern ſeinen Wander⸗ jahren, in denen er als Goldſchmiedegeſell Deutſchland, Frankreich, die Schweiz, Italien beſucht und nament⸗ lich ſich in Rom zwei Jahr lang aufgehalten hat. Im Jahre 1823 kehrte er nach Guben zurück, etablirte ſich und verheirathete ſich 1825 mit ſeiner jetzt ermor⸗ deten Frau. Er iſt Vater dreier Kinder, von denen der zweite, Julius, wie ſchon oben erwähnt, zur Zeit auf dem Zuchthauſe ſich befand. In Unterſuchung iſt er wegen Jagdcontravention geweſen und deshalb mit einer Geldbuße beſtraft. Was ſein eheliches Leben betrifft, ſo ſchildert er dieſes, in der letzten Zeit, als ein ſehr verträg liches; an den früheren Zwiſtigkeiten gibt er ſeiner Frau und ſich gleichmäßig Schuld. Der geſchlechtliche Umgang iſt auf Wunſch der Frau, die keine Kinder mehr zu haben wünſchte, abgebrochen.— Mit Dittmann will er ſich nie beſonders freundſchaftlich geſtanden haben, und iſt dieſer ſogar ſeiner Frau feindlich geſinnt ge⸗ weſen. In der Sache ſelbſt bleibt Jancovius ſeinen frühern Auslaſſungen im Weſentlichen getreu. Bemerkenswerth iſt die gewählte Ausdrucksweiſe, in der er ſich zuweilen ſogar bis zum Pathos erhebt. Dann geräth er in große Lebhaftigkeit und ſpricht von dem Abend der Er⸗ mordung, wo Dittmann in ſeine Wohnung gekommen, angeblich um Cigarren zu holen, in der That aber, weil„ſchon damals das Drama habe ſpielen ſollen!“ Auch in der Audienz ſucht er namentlich wieder dar⸗ zuthun, daß nur Einer die That vollbracht habe und daß dieſer Eine Dittmann geweſen ſei. Dieſer ſei auf ſeine Frau erzürnt geweſen, weil ſie ſich einſt zu einem en Wande⸗ Deutſchland, nd nament⸗ chalten hat. ck, etablirt jeht ermon der zweit⸗ it auf den ntraventien ſtraft. ſchidert u rtrig ichts Fmu und e Umgan r mehr jl tmunn wil den habs, geſinnt h uen fühn urtnnu ih wi eräth u nd der b ekomm Tht en ſilu⸗ viede du thu uſn ſi ſni Der Goldschmied Jancovius. 423 Dritten ungünſtig über die Dittmannſchen Verhältniſſe ausgeſprochen, und er ſchon längſt auch den Schmuck ſeiner Tochter im Auge gehabt. Jancovius hat in der Vorunterſuchung merken laſſen, daß er ſeiner Tochter nicht traue, da er bei dieſer ſchon öfter kleine Diebſtähle bemerkt habe und ihm ihr Um⸗ gang mit der Schauſpielerin Mehlich nicht paſſend er⸗ ſcheine. Es lag hierin offenbar auch eine indirecte Ver⸗ dächtigung des eigenen Kindes in Bezug auf das Ver⸗ brechen. Der Präſident macht ihn darauf aufmerkſam, er will jedoch jetzt von alle dem nichts wiſſen und nimmt namentlich jede derartige Bezüchtigung der Mal⸗ wine ausdrücklich zurück. Auf die Beſchuldigungen Dittmann's hat Jancovius nichts zu erwidern, Er erklärt ſie ruhig für eine große aus der Luft gegriffene Lüge. Die große Gewandtheit dieſes Angeklagten, die den Unterſuchungsrichter ſchon ſo oft in Staunen geſetzt, und die bewieſen, daß man es mit einer nicht gewöhn⸗ lichen Natur zu thun habe, zeigt ſich auch bei dieſer Vernehmung in hohem Grade. Trotz der Lebendigkeit ſeines Vortrags entfällt kein überflüſſiges Wort den Lippen, deren plötzliches Zucken nur zuweilen die innere geiſtige Anſtrengung und Erregung ahnen läßt. Wo er ſeiner Sache nicht ſicher iſt, tritt er mit größter Vorſicht auf, und nur das auch hier angewandte Prä⸗ occupiren einzelner Verdachtsmomente erſcheint nicht ganz geſchickt. An der paſſenden Stelle verfehlt er nicht auf ſein durch die Ermordung ſeines Weibes und ſeine ei⸗ gene Gefangenſchaft erheblich geſchwächtes Gedächtniß hinzuweiſen; auch von einer gewiſſen Rührung iſt er bei der Erinnerung an die Verſtorbene nicht frei, niemals aber verleugnet er den Mann von Bildung und Lebensart. 424 Der Goldschmied Jancovius. Dittmann's Auftreten bietet weniger pſychologiſches Intereſſe. Obwol er vorgibt, geſtändig zu ſein, macht er doch den Eindruck eines verſteckten Gemüths. Er erzählt den Hergang im Ganzen, ſowie früher; nur er⸗ klärt er jetzt, daß er den Arm der Frau gehalten, ſei aus Furcht vor Jancovius geſchehen. Die Angaben deſſelben erklärt er ſämmtlich für unwahr. Man ſolle nur, ſchließt er, das Vorhemdchen, das jener an dem verhängnißvollen Abend getragen, herbeiſchaffen; das ſei ganz voll Blut geweſen. Es leuchtete ein, daß dies Geſtändniß ſo gut wie gar keins war. Dittmann hatte in der Vorunterſuchung eingeſehen, daß viele ſehr erhebliche Verdachtsmomente gegen ihn vorlagen, auf deren Grund wol leicht ein Schul⸗ dig erfolgen könnte, und er ſuchte daher der Sache für ſich dadurch eine günſtige Wendung zu geben, daß er ſich ſelbſt einer in ſeinen Augen faſt ganz unweſentlichen Theilnahme bezichtigte, außerdem aber die Sache ſo darſtellte, als ob ihn der eigentliche Mörder auch hiezu noch gezwungen hätte. Durch dieſes Manveuvre hoffte er eine Freiſprechung zu erzielen, mindeſtens aber ſich dem ſchon über ſeinem Haupte ſchwebenden Beil des Henkers zu entziehen. Seine Ausſagen hatten indeß von vornherein weder auf den Staatsanwalt noch die Richter den Eindruck der Wahrheit gemacht, und der Gerichtshof beſchloß daher trotz des Geſtändniſſes gegen Dittmann unter Zuziehung von Geſchworenen zu ver⸗ handeln.*) Es begann nunmehr das Zeugenverhör. *) Gegen geſtändige Verbrecher wird, nach neueſtem preußiſchen Recht, ohne Zuziehung der Geſchworenen vom Gericht erkannt. chologiſches ſein, macht nüths. Er er; nur et⸗ ſhalten, ſei ie Angaben Man ſoll ner an den affen; das ſo gut wi nterſuchun htomoment ein Schu Suche fün n, daß er weſentlichen Suh ſ auch hiti euvre hoft s cber ſt 1 Beil ts ten indeß noch dit t, und d iſſes gegi en ſ nynjſ et erkonn Der Goldschmied Jancovius. 425 Die Gerichtsärzte geben ihr Gutachten wie in der Vorunterſuchung, und wie ſie die Anklage daraus ent⸗ nommen, ab. Der Phyſicus erklärt namentlich, daß ſchon der vierte Theil der erlittenen Wunden ausge⸗ reicht hätte, einen erwachſenen Menſchen zu tödten. Auch hält er die Theilnahme zweier Perſonen an dem Ver⸗ brechen für höchſt wahrſcheinlich, faſt für nothwendig. Nach der Anſicht der Sachverſtändigen iſt ferner zu dem ganzen Attentat eine Zeit von 20 bis 30 Minuten er⸗ foderlich geweſen. Hiemit ſtimmt die Ausſage des Pr. Weiſe, der zu⸗ erſt zur Erſchlagenen gerufen iſt. Er ſchildert den Schauplatz des Verbrechens, wie er ihn bei ſeiner An⸗ kunft gefunden, ganz in der oben mitgetheilten Art und bemerkt nur noch, daß keiner der Anweſenden Theilnahme für die unglückliche Frau bezeigt, ja, daß man nicht einmal ſeine Hilfe beanſprucht habe. Die folgende Zeugin, die Schauſpielerin Mehlich, er⸗ regt die hohe Aufmerkſamkeit der Zuhörer, denn ſie iſt es, durch die zunächſt das Verbrechen entdeckt worden⸗ Sie iſt ein noch junges, ziemlich hübſches Mädchen, das in ihrem ganzen Erſcheinen ſofort eine Jüngerin Tha⸗ lia's erkennen läßt und deren Vortrag ſich durch dra⸗ matiſche Färbung auszeichnet. Sie habe, ſagt ſie aus, erſt vierzehn Tage im Jancoviusſchen Hauſe gewohnt, als ſie ſich am Abend des 28. Novbr. auf kurze Zeit zur Ruhe gelegt. Etwa um 7 Uhr ſei ſie erwacht— ſie habe die Uhr noch ſchlagen hören— und ſei unwill⸗ kürlich auf den Flur getreten. Da hätte ſie und die herzugekommene Frau Dittmann ein von unten herauf⸗ dringendes Stöhnen, dem Winſeln eines Hundes ähn⸗ lich, vernommen. Die Dittmann habe nun in der Angſt fortwährend nach ihrem Mann geſchrien. Sie ſelbſt 426 Der Goldschmied Jancovius. ſei ſo erſchrocken geweſen, daß ſie ſich kaum zu faſſen gewußt, als ſie die Dittmann mit dem Ausrufe:„das iſt mein Tod, ich fühle eine Ohnmacht!“ ergriffen. Von der halben Treppe aus hätte ſie nun unten einen Licht⸗ ſchein geſehen, der aber gleich unter der Treppe ver⸗ ſchwunden wäre, als ob Jemand mit Licht nach dem Schlafzimmer links herübergegangen. Tritte habe ſie nicht gehört. Als die Dittmann jetzt auf das heftigſte nach ihrem Manne gerufen, ſei die Klingel der Hausthür gegangen und Dittmann oben erſchienen, drei Blutflecke im Geſicht. Die Frauen hätten ihn hinuntergeſchickt, und er habe dann die Nachricht gebracht, daß die Jan⸗ covius im Blute liege. Jetzt wären die Blutflecke ver⸗ ſchwunden geweſen und Dittmann, der trotz des gräß⸗ lichen Ereigniſſes ganz ruhig geblieben, habe ſie nun auf's ſchärfſte angeſehen. Ausgeſandt, um Jancovius zu holen, ſei er zweimal zurückgekommen, da er ihn nir⸗ gends getroffen. Endlich nach dem dritten mal ſei er mit Jancovius und zwar etwas vor dieſem in das Haus getreten. Obwol Dittmann Licht gehabt, habe Jan⸗ covius fortwährend noch nach Licht gerufen. Sie ſelbſt habe das Licht heruntergebracht in dem Augenblick, als beide Angeklagte die Ermordete nach der Schlafſtube herübergetragen; Jancovius habe ſie am Kopf gehalten und ſei ſehr erſchüttert geweſen. Bei der Unterſuchung der Leiche habe die inzwiſchen herbeigekommene Mal⸗ wine ſofort leiſe zu ihr geäußert:„die iſt keines natür⸗ lichen Todes geſtorben; das iſt kein Anderer als Ditt⸗ mann geweſen!“ Das ſei von letzterem bemerkt wor⸗ den; er habe ſie mit den Augen ſirirt und ſich gleich darauf, ohne etwas zu ſagen, entfernt. Jancovius habe übrigens die ganze Nacht durch geweint und ſeine Frau betrauert. Der Goldschmied Jancovius. 427 um zu fiſſn Die Frau des Dittmann ſpricht zunächſt von dem öruft:„u kümmerlichen Leben, das ſie mit ihrem Manne, nament⸗ giftn. V lich in der letzten Zeit geführt hat. Den Hergang der einen Sicht Sache ſtellt ſie wie die Vorzeugin dar. Als ſie ſich auf Tuppe ver der Treppe niedergekauert, ſei ihr Mann mit einem ht nach dn Lichte aus der Küche in die kleine Stube gegangen, wo⸗ habe ſie nich rauf ſie laut geſchrien und gerufen habe. Nun ſei die eftigſe nuh Hausthür gegangen und ihr Mann heraufgekommen. e Hauthi Auch ſie hat die Blutflecke in ſeinem Geſicht bemerkt. tei Blutfict Am Begräbnißtage habe Jancovius ihren Kindern Ku⸗ ntergeſchict chen gegeben, und am Tage des erſten Verhörs ihres daß die In Mannes ſie ſelbſt getröſtet und ihr geſagt, für ſie ſolle lutſtect ve geſorgt werden, gleichzeitig aber auch ihren Mann be⸗ es griß ſtimmt als den Mörder bezeichnet. In Betreff des be e m Scheit Holzes, welches Dittmann an dem fraglichen Abend Jancoviu geholt haben wollte, läßt ſie ſich, wie oben erzählt au ihn n iſt, aus. Dieſe Zeugin erweckt die Theilnahme der Anweſen⸗ t — den. Sie hat offenbar nicht Alles geſagt, was ihr von — zw der Sache bekannt iſt, und man merkt ihr den innern — ſch Kampf an, daß ſie nicht noch mehr Nachtheiliges gegen ih⸗ 5„ ren Mann ausſage. Dieſen läßt das Erſcheinen ſeiner — ſu Frau vor den Gerichtsſchranken gänzlich kalt. — Der Stiefſohn des Dittmann bekundet, wie ihn die⸗ oyf geh ſer am Tage der Mordthat inſtruirt habe, er möchte nnh nur ſagen, ſein Vater habe an jenem Abend ein von min ihm, dem Zeugen, gefundenes Holz geholt. Er habe aber ines*. gar kein Holz gefunden. er als* Bei dem Erſcheinen der folgenden Zeugin, Malwine emerkt Jancovius, zeigt ſich eine allgemeine Spannung im d ſh Saale. Man weiß, ſie iſt der einzige Troſt ihrer un⸗ ncovius glücklichen Mutter geweſen, die ſie, kaum 17 Jahr alt, dſin ſ auf ſo entſetzliche Art verlieren mußte. Das junge 428 Mädchen gibt jedoch ihre Ausſage ohne Anzeichen von Aufregung, ſondern mit großer Ruhe und Beſtimmt⸗ heit ab. Man muß annehmen, daß ſie das Gefühl um ihre unglückliche Mutter bereits überwunden hat. Sie ſchildert die Mishelligkeiten zwiſchen ihren Aeltern und wie ſich die Mutter öfters nach einem ruhigen Leben geſehnt. Der Vater ſei dieſer feindlich geſinnt ge⸗ weſen. Die Ermordete habe ſeit geraumer Friſt öfters und unter Thränen zu ihr geſagt, ſie wollten das Haus wieder verlaſſen, wo möglich nach einer andern Stadt ziehen. Streitigkeiten wären häufig vorgekommen, ohne Der Goldschmied Jancovius. jedoch in Thätlichkeiten überzugehen.— Am Abend der That hat die Zeugin bereits um 7 das Haus verlaſſen, ebenſo ſei auch der Vater im Begriff gewe⸗ ſen, fortzugehen. Ueber ſeine damaligen Kleidungsſtücke weiß ſie nichts. Um 8 Uhr ſei ſie nach Hauſe gerufen und habe ihre Mutter ermordet gefunden. Ihr Ver⸗ dacht ſei ſofort auf den zugegen geweſenen Dittmann gefallen, denn dieſer habe entſtellt ausgeſehen. Dann habe ſie den Schmuck vermißt. In der Nacht nach der That habe ihr Vater Briefe geſchrieben, die er noch um 4 Uhr Morgens auf die Poſt getragen. Die Schlüſſel am Nagel der Thür, wo ſich die blutige Hand abge⸗ drückt, und welche gleich an demſelben Abend vermißt worden, wären ihr vom Vater am Begräbnißtage aus⸗ gehändigt. Die ſchwarze Wäſche werde auf einer Bo⸗ denkammer, die weiße dagegen zum Theil in der Kam⸗ mer neben der Mehlich aufbewahrt.— Beim Holz⸗ hauen, wobei ſich ihr Vater die Wunde zugefügt, habe er den Pelz getragen; ob er aber ſpäter den grauen Rock angezogen, wiſſe ſie nicht. Auf Inſtanz des Staatsanwalts wird dieſe Zeugin unvereidet entlaſſen. Unzeichen von Beſtimmt Gefühl un en hat. Si Aeltern un uhigen Aben geſinnt ge Friſt öfter ten das Hals ndern Stel ommen, ohu m Abend de das Huu zeriff gene idunyſtüct uſe gerufen Ihr Pe n Dittmun hen Dan cht nach d er noch un ie Schiſt Hand chh end vemn ſißtage ul einer B nder Ken zein Ho efgt bu⸗ den gul iſt Juhn Der Goldschmied Jancovius. 429 Ebenſo der Bruder der Ermordeten, Kreisrichter P.... An ihn hat ſich ſeine Schweſter in früherer Zeit oft gewandt, um Schutz gegen die Beleidigungen ihres Mannes zu ſuchen, und er iſt es auch, der die Vermögensverhältniſſe zwiſchen beiden geordnet und vermittelt hat. Mit Wärme und Lebhaftigkeit gibt er ein Bild von dem Jancovius'ſchen ehelichen Leben. Dann ſpricht der Zeuge von der großen Genauigkeit, mit der der Angeklagte vor dem Begräbniſſe ihm den Hergang nach ſeinen Combinationen unter Vorführung der Lo⸗ calitäten dargeſtellt habe, und wie er endlich nach der Beerdigung unaufgefodert erklärt, der Erbſchaft ent⸗ ſagen zu wollen, obgleich er dann verhungern müſſe. Am folgenden Tage ergab das nochmalige ſumma⸗ riſche Verhör der Angeklagten keine neuen Reſultate. Es ward aber in der Beweisaufnahme fortgefahren. Die unverehlichte Tiebel iſt die erſte fremde Perſon, welche auf dem Schauplatz des Verbrechens bald nach deſſen Entdeckung erſchienen. Geſchäfte, ſagt ſie, hätten ſie in das Haus geführt. In der Stube linker Hand ſei Licht geweſen und ein Mann habe wehklagend„Mein Gott, mein Gott!“ gerufen. Bei ihrem Eintritt, er⸗ zählt Zeugin weiter, lag die Leiche der Jancovius auf der Erde. Ihr Mann ſaß ganz allein auf dem Ambos neben ihr. Bald erſchienen Dittmann und Malwine Jancovius. In der Werkſtatt fand die Tiebel eine Pi⸗ ſtole und eine große Zange am Ambos. Dittmann habe ihr geſagt,„wer da gerade zugekommen wäre, hätte auch erſchlagen werden können!“ Die Zeit, wo ſie ins Haus getreten, gibt die Tiebel auf zwiſchen 7 und 7 ½ Uhr an. Die unverehelichte Noppes, welche vor der Ermordung eine Zeitlang bei Jancovius als Aufwärterin gedient ———— 430 Der Goldschmied Jancovius. hat, ſagt aus, daß ihre Herrſchaft mit Dittmanns auf freundſchaftlichem Fuß geſtanden; nur die verehlichte Jan⸗ covius habe Furcht vor dem Mann gehabt,„weil die⸗ ſer ſchon ſo tückiſch ausſähe“. Es folgt jetzt die Vernehmung derjenigen Perſonen, welche mit dem Angeklagten Jancovius am Abend der That in der Galle'ſchen Tabagie geweſen ſind. Der Gaſtwirth Galle ſelbſt ſagt, daß Jancovius zweimal an jenem Abend bei ihm geweſen. Wie ihm Andere mitgetheilt, ſei er das zweite mal zwiſchen 7 und ½ 8 gekommen, und um 8 Uhr fortgegangen. Vor 7 Uhr ſei er gewiß nicht gekommen, da die Mehrzahl der Gäſte ſich erſt um dieſe Zeit einfänden. Der Drechslermeiſter Hagermann hat es zu Hauſe ſieben ſchlagen hören, und könnten, als er bei Galles eingetreten, nur wenige Minuten an 4 8 gefehlt ha⸗ ben. Jancovius ſei aber ſchon damals von ihm ange⸗ troffen. Derſelbe habe einen dunkeln Oberrock getra⸗ gen, der bis oben zugeknöpft geweſen, ſodaß man von der Wäſche nichts habe ſehen können. Der Klempnermeiſter Köhler hat um ½ 7 Uhr, wo er zu Galles gegangen, Jancovius noch nicht angetrof⸗ fen; erſt vielleicht 25 Minuten bis eine halbe Stunde nachher ſei er eingetreten, etwa um ½ 8 Uhr. Der Schmiedemeiſter Gäbler ſagt aus, daß der Schloſſermeiſter Köhler fünf bis zehn Minuten nach ½ 8 Uhr eingetreten ſei, wie er ſich nach der Galle'ſchen Uhr über⸗ zeugt habe. Der Kaufmann Payn will kurz nach 7 Uhr in die Galle'ſche Tabagie gekommen ſein; bald darauf, vielleicht fünf, höchſtens zehn Minuten nachher ſei Jancovius eingetre⸗ ten. Dieſer habe geſagt:„es ſei ihm nicht recht; es ſchaure ihn ſo ſehr, das müßten wol die Hämorrhoiden ſein!“ Der Goldschmied Jancovius. 431 ittmanns auf In gleicher Weiſe geben die übrigen Zeugen die ehlichte Jun Zeit an, ſoweit ſie ſich überhaupt noch derſelben ent⸗ „„weil di⸗ ſinnen können. Von ihnen iſt Niemand das Benehmen des Angeklagten aufgefallen; nur der Referendar Göhde en Perſonen meint, daß er anfänglich nachdenkend und in ſich ge⸗ n Abend de kehrt geweſen und erſt bei einem Geſpräche über den ſind De Mechanismus eines Fußgeſtells lebhaft geworden ſei. ius zwein Der Schneidermeiſter Schmolling meint, daß ſich ihm Ande Jancovius, als er von Dittmann abgerufen worden, 7und s haſtig entfernt habe; dagegen ſagt der Secretär Pietſch, Por 7 llh daß Jancovius, den er mit einem fremden Mann gerade chl der Giß vor der Galle'ſchen Thür getroffen habe, von dieſem zur Eile angetrieben ſei. zu huſ Das Zeugniß des Büreau⸗Aſſiſtenten Noack, des ei Gul Protokollführers bei der Obduction der Leiche, iſt na⸗ eſchlt h mentlich in Betreff des Dittmann von Wichtigkeit. K ue Dieſer habe ihn, bekundet der Zeuge, als er zufällig ihn— auf den Hof getreten, gefragt, ob etwas im Leibe der ut gl Ermordeten gefunden wäre?— Jancovius habe zwar c mn w noch nicht am Abend der That, wol aber gleich am unn folgenden Tage den Dittmann des Verbrechens ver⸗ * vächtigt. cht auge Die Gendarmen Halliger und Döring haben am albe Sün folgenden Montag die Hausſuchung im Jancovius'ſchen r Hauſe vorgenommen. Jancovius ſei, ſagt erſterer, we⸗ 6,„ gen ſeines Erſcheinens anfänglich ſo erſchrocken, daß er en nach ganz blaue Lippen bekommen, dann, mit dem Zwecke henlhhri⸗ ſeines Erſcheinens bekannt gemacht, habe er ſich wieder gefaßt. Er habe vorgeſchützt, daß er von dem Tode Uhr inb ſeiner Frau ſo ergriffen geweſen, doch habe man ihm auf vitl keine Spur von innerer Rührung angemerkt. Dann, vius ingun als Döring hinzugekommen, habe Jancovius geſagt, daß z6ſh er ſich ſeine Wäſche mit dem Tragen der Leiche blutig uidn ſin 432 Der Goldschmied Jancovius. gemacht und ſie deßhalb waſchen laſſen. Er habe gleich den„Miethsmann“, ohne deſſen Namen zu nennen, ver⸗ dächtigt, denn an deſſen Beinkleidern habe er einen großen Fleck bemerkt, als er ihn von Galles abgerufen. Nach dieſen Mittheilungen habe dem Jancovius ſeine Beſchuldigung des Dittmann anſcheinend wieder leid gethan, und er von etwas Anderem geſprochen. Als jener vom Verhör zurückgekommen, ſei auch Jancovius durchaus nicht mehr gegen ihn aufgeregt geweſen; nur bei der Entkleidung habe er auf den ſcharf ausgewaſche⸗ nen Shawl des Dittmann aufmerkſam gemacht. Ditt⸗ mann ſelbſt habe ſich übrigens dreiſt und frech benom⸗ men.— Die Ausſagen des Döring und Halliger über das Reſultat der Hausſuchung, namentlich über die vor⸗ gefundenen Kleider und deren Blutflecke, ſowie über die Blutſpuren am Nagel an der Thür, lauten ganz über⸗ einſtimmend mit den Angaben der Anklage und bieten ſonſt nichts Bemerkenswerthes. Nur zum Schluß warf der eine Zeuge einen pſychologiſch beachtenswerthen Zug hin; Jancovius erzählte ihm einmal gelegentlich: ganz auf gleiche Weiſe, wie ſeine Frau ermordet worden, habe er durch Eintreiben eines Keils in den Leib, einen Hund getödtet, und— fuhr Jancovius fort— das ſei in Italien nichts Ungewöhnliches, denn auf ſolche Art wür⸗ den viele Frauen dort ums Leben gebracht!*) Dieſer letzte Theil der Ausſage machte einen nicht geringen Eindruck auf alle Anweſenden, und in der That wird hierdurch die Art der Verletzung der verehl. *) Wir bedauern, daß dieſer Zug nur ſo beiläufig vom Gendarmen hingeworfen iſt. Andere Seelenmaler hätten vielleicht aus dieſen Farben das fertige Bild des Verbrechers, des Menſchen Er habe glic zu nennen, ver habe er einn Mes abgerufe zantorius ſein nd wieder lei eſprochen. U auch Jancobil t geweſenz f ngewaſti genacht Din d frich buo ch über die ſwie iber⸗ ten gan ibe lugt ud i m Schliß v nswuthn legentlih h det worden zec, innd — das ſil ſolhe n chte tinen. in en, ud o beil“ zers che — Der Goldschmied Jancovius. 433 Jancovius erheblich motivirt. Wenn man ſich erinnert, daß dieſelbe in letzter Zeit öfters von Ohnmachten be⸗ fallen wurde, ſo hatte Jancovius gewiß richtig über⸗ legt, daß man den durch jene Brutalität bewirkten Tod ſeiner Frau leicht auf einen ſtarken Blutſturz aus dem Unterleibe ſchieben und das Verbrechen ſomit unentdeckt bleiben möchte. Im Publicum curſirte freilich auch eine andere Verſion zur Erklärung gerade dieſer Greuelthat. Man glaubte, Jancovius habe ſeine Frau aus Rache für die verweigerte eheliche Gemeinſchaft in dieſer Weiſe getödtet, und obwol dieſe Anſicht, namentlich auch mit Rückſicht auf die Form des eingetriebenen Holzes, man⸗ ches Wahrſcheinliche für ſich hat, ſcheint doch die erſte Erklärung einfacher und bei dem Beſtreben eines jeden Verbrechers, nicht entdeckt zu werden, natürlicher. Ueber das Auffinden des Schmucks ſagt der Käm⸗ merei⸗Arbeiter Franz, daß er denſelben am 8. Januar im Durchgange zwiſchen Promenade und Herrengaſſe unter Torfſchutt gefunden. Der Bauaufſeher Noack be⸗ kundet, daß ungefähr 8 Tage vor dem Funde der von Franz bezeichnete Platz gereinigt ſei, und daß der Schmuck und— ſeines Umgangs— auf die Leinwand geworfen. Hätte der Gendarm nur den Ton, das Muskelſpiel, wie Jancovius das er⸗ zählt, abconterfeien können, würde, wenn auch nicht jeder gewiſſen⸗ hafte Juriſt, doch mancher moraliſche Geſchworene viel daraus ge⸗ lernt haben. Jancovius hatte zwei Jahr in Rom gelebt; iſt dieſe ſeine Mittheilung über das Sittenleben dort(ein Medium, wie man dem Mangel der Eheſcheidung abhilft) etwas bisher unbe⸗ kannt Gebliebenes? Für den verdienſtvollen Verein gegen Thier⸗ quälerei in München iſt es freilich kein neuer, aber ein charak⸗ teriſtiſcher ſprechender Beleg für einen Satz, zu dem ſeine Schrif⸗ ten ſo oft lebhaft anſprechen und warnen. Die Red. XXIV. 19 434 Der Goldschmied Jancovius. daher nur wenige Tage vor dem Auffinden dorthin könne gebracht worden ſein. Der Weg von Jancovius' Hauſe nach der Poſt führe über den Markt. Neben Galle be⸗ finde ſich ein offener Waſſertrog(dieſen mögen die Thäter nach der Ermordung zur Reinigung benutzt haben). Die ſeparirte Träger bekundet, daß ſie einmal bei der Jancovius blaue Flecke auf der Schulter bemerkt, welche, wie ſie ſelbſt geſagt, von Dittmann herrührten. Die Jancovius habe hievon ihrem Mann nichts ſagen wollen, weil dieſer den Dittmann viel zu lieb habe. Ueber ihren Mann habe ſich die Ermordeke niemals be⸗ ſchwert. Von der verehl. Dittmann ſei ihr einmal et⸗ was von einem Zanke zwiſchen ihr und der Jancovius mitgetheilt, wobei erſtere ſelbſt geäußert haben ſollte, daß es ihr, der Jancovius, nicht gut gehen würde, wenn ſie einmal ihrem Manne, Dittmann, unter die Hände fiele.— Die verehl. Dittmann gibt zwar dieſe Mit⸗ theilung zu, kann ſich aber der letzten Aeußerung nicht mehr entſinnen. 1u Nach der Ausſage der verehl. Volk hat Jancovius in letzter Zeit ſeine Frau ſehr gut behandelt. Dieſe habe ihr noch einige Tage vor ihrem Tode erzählt, wie ihr Mann bei ihrer letzten Ohnmacht ſie ſo lange ge küßt und geſtreichelt habe, bis ſie erwacht ſei. Auch habe ſie ihr geſagt, daß ihr Mann das erſte Jahr nach ihrer Rückkehr ſehr gut gegen ſie geweſen ſei, daß er ſie aber ſpäter vernachläſſigt habe. Nach erfolgter Section iſt die Zeugin bei Jancovius geweſen.„Es ſei Niemand anders als Dittmann geweſen“, habe er geſagt;„der Mörder aber werde entdeckt werden, noch ehe das Blut vertrocknet ſei!“ Der Rechtsanwalt Pohle ſchildert die ehelichen Ver⸗ — thin könn us Hunſt Galle be nögen di ig bent einmal bi e bemerkt herrührten chts ſuhe lieb hebt niemals be einmal e Juntbil hen ſollu urde, win di Hit dit M eung Janch delt ezihl⸗ out Auh! noch erſi⸗ Gut ei V h — Der Goldschmied Jancovius. 435 hältniſſe ſo, wie ſie die Anklage mittheilt. Einige an⸗ dere Zeugen hingegen, welche jedoch ſämmtlich mit Jan⸗ covius nicht näher bekannt geweſen, ſtellen die Ehe, na⸗ mentlich in der letzten Zeit, als eine ganz glückliche dar. Die Hebamme Henſchel ſpricht von dem großen Taufen, das der Angeklagte Dittmann ſeiner Frau ver⸗ ſprochen. Später habe dieſe ihr vorgeworfen, daß ſie, die Zeugin, davon etwas vor Gericht ausgeſagt habe, mit dem Hinzufügen, es ſei ganz natürlich, ein Bauer gebe das Geld dazu. Die verehl. Dittmann muß dies als richtig zugeben. Mit Bezug darauf, daß der Gendarm Halliger ausgeſagt, es ſei ihm erzählt worden, daß es in der Nacht nach der That ſehr nach verbranntem Tuchzeug gerochen, bekundet noch die Träger, daß ſie damals in der Richtung vom Jancovius'ſchen Hauſe her einen ſehr ſtarken Geruch wahrgenommen habe. Auch ſagt der Sergeant Voigt, welcher in jener Nacht dort ge⸗ wacht hat, es habe um 12 Uhr wie nach brennenden Lumpen und Stoffen gerochen. Der Schauſpieler Ruhle hat ſich in ebenderſelben Nacht mit Jancovius in einer Stube befunden. Letz⸗ terer habe, ſagt dieſer Entlaſtungszeuge, in ſeinem Beiſein einen Brief geſchrieben und ihn dann auch fortgetragen. Dies müſſe gegen Morgen geweſen ſein. Jancovius ſei nur kurze Zeit fortgeblieben und habe ſonſt das Zimmer nur verlaſſen, um Holz zu holen. Der Präſident ſchließt nunmehr die Beweisaufnahme mit der Verleſung der Ausſagen der heut nicht erſchie⸗ nenen Zeugen. Unter dieſen iſt namentlich die des Poſtbeamten erheblich, welche in Betreff des angeblich von Jancovius in der Nacht auf die Poſt getragenen Briefs die Behauptungen der Anklage beſtätigt. Die 19* 436 Der Goldschmied Jancovius. Janeovius'ſchen Briefe an ſeine Verwandten werden ver⸗ leſen und recognoſcirt. Von dem im Zimmer der Meh⸗ lich vorgefundenen gibt Jancovius an, daß er nicht Concept ſein ſollte, ſondern nur nicht abgeſchickt ſei. Auch die früheren Proceßacten der Jancoviusſchen Ehe⸗ leute werden vorgelegt, und namentlich die Ausſage der Zeugin W. verleſen, wonach der Angeklagte ſeiner Frau mit einem Beil gedroht hat. Endlich wird das Re⸗ ſultat des Inventars des Nachlaſſes der Ermordeten mitgetheilt, wonach dieſes über 7600 Thlr. beträgt, und räumt der Angeklagte ein, daß er die Erbſchaft ange⸗ treten habe. Am dritten Tage iſt der Zuhörerraum noch dichter beſetzt und große Aufregung herrſcht im Publicum. Kein Laut läßt ſich jedoch in dem geräumigen Sitzungsſaale hören, als der Staatsanwalt ſich erhebt und über die Thatfrage das Wort nimmt. Alles folgt mit geſpann⸗ teſter Aufmerkſamkeit ſeinem Requiſitorium, in dem ſich eine außerordentliche Combinationsgabe des Redners in oft ſchlagender Weiſe offenbart und das nicht durch un⸗ nöthige Floskeln, wohl aber durch die natürliche Wärme ſich ſchmückt, welche nur durch das Intereſſe zur Sache und das Bewußtſein der Wahrheit erzeugt wird. Als er zum Schluſſe gegen beide Angeklagte das Schuldig des Mordes beantragt, hört man in den gewölbten Räumen ein tiefes Aufathmen und es ſcheint, als ob die Anweſenden in dieſem Antrage eine gewiſſe Beru⸗ higung gefunden hätten. Die Vertheidigung hat eine ſchwierigere Stellung, indeß erfüllt auch ſie nach allen Seiten hin ihre Schul⸗ digkeit und der Präſident gibt ein umfaſſendes Reſume. Nach den Plaidoyers ſteht Jancovius auf. Er fragt, ob es möglich ſei, daß auch nur der rohſte Mörder nach Der Goldschmied Jancovius. 437 erden bir einer ſo ſcheußlichen That ganz ruhig in einer Tabagie det Mi⸗ Bier trinken könne? Auch erwähnt er zum Beweiſe en nic ſeiner Unſchuld eines blutigen Beils, das in Dittmann's ſict ſt Wohnung bei der Hausſuchung gefunden, aber erſt ſpä⸗ ſhen Ei ter vorgebracht ſei. Der Staatsanwalt macht ſeiner⸗ ſeits auf dieſen erſt am Schluſſe der Beweisaufnahme usſage de i. ſo plötzlich hervorgehobenen Umſtand als auf eine der bes Je vielen frechen Lügen des Angeklagten aufmerkſam; da ß erhebt ſich Jancovius nochmals, kreuzt die Hände über nigt un die Bruſt und ruft laut:„Bei Gott, ich bin un⸗ ſ ſchuldig!“ ht un Die Geſchworenen ſind hierdurch nicht überzeugt worden. Ihr Vorſteher verkündet mit erhobener Rech⸗ oc ten das mit abſoluter Majorität abgegebene Verdict auf un Schuldig des Mordes gegen beide Angeklagte. zungiſun Indem dieſer verhängnißvolle Ausſpruch durch den —. lautloſen Saal ertönt, treten zwei Musketiere vor die t Rhun Schranken. in den ſi Der Gerichtsſchreiber verlieſt den Spruch der abgeführt Rednts geweſenen, jetzt wieder vorgelaſſenen Angeklagten. tdurhun„An mir wird ein Juſtizmord begangen!“ ruft che Vim Jancovius laut.„Dittmann iſt der Schuldige! und zu 6rt dieſer Menſch iſt es, der mich ins Unglück gebracht hat!“ wid Da wendet ſich Dittmann zu ihm und ſagt bewegt:„Ja, E Herr Jancovius, auf Ihrem letzten Gange werden Sie gwrilli bekennen, daß Sie Ihre Frau umgebracht haben!“ ut, a Die Ausdrucksweiſe des Dittmann, der Ton ſeiner riſſe Be Stimme, der Gegenſatz zu Jancovius und die Bezüch⸗ tigungen gegen dieſen, in dem ernſten Augenblicke, wo Dittmann ſelbſt wegen der That das Schuldig empfan⸗ gen, ſind von ſo ergreifender Wahrheit, daß dieſe Aeuße⸗ rungen die Ueberzeugung von der Schuld des Jancovius vollkommen beſtätigten. — 438 Der Goldschmied Jancovius. Der Gerichtshof verkündet nach kurzer Berathung das urtheil dahin, daß beide Angeklagte wegen Mordes mit dem Tode durch Enthauptung und dem Verluſt der Ehrenrechte zu beſtrafen. In den Kerker zurückgeführt, gab Jancovius ſeine Vertheidigung noch nicht auf. Faſt mit jedem Tage brachte er neue Verdachtsmomente gegen ſeinen Mit⸗ ſchuldigen und namentlich deſſen Ehefrau vor. Auch legte er unter wiederholten Betheuerungen ſeiner Un⸗ ſchuld die Nichtigkeitsbeſchwerde ein, die jedoch vom oberſten Gerichtshof verworfen wurde. Dittmann gab plötzlich der Sache abermals eine neue Wendung. Gerade vier Wochen nach dem Urtels⸗ ſpruch widerrief er vor dem Unterſuchungsrichter ſein Geſtändniß als vollſtändig erlogen. Er gab vor, daß ihm daſſelbe von dem Gefangenwärter in Guben, der ihm eine ganze Nacht hindurch zugeſetzt und ihm Straf⸗ loſigkeit zugeſichert, abgenöthigt ſei, und daß nur ſeine erſte Ausſage die Wahrheit enthalte. Seine Ehefrau ſchilderte er als völlig unglaubwürdig, indem ſie ihm die Beſchaffung falſcher Zeugen angeboten habe.— Die Staatsanwaltſchaft ſah ſich jedoch nicht veranlaßt, auf Grund dieſer Bezüchtigungen die von Dittmann ſelbſt gegen ſeine Frau beantragte Unterſuchung einzuleiten, und ſo blieb denn dieſer Widerruf des Geſtändniſſes völlig wirkungslos. Ebenſowenig hatten die von den Angeklagten ange⸗ brachten Gnadengeſuche einen Erfolg. Die Gerichte erſter und zweiter Inſtanz ſuchten vielmehr überein⸗ ſtimmend die Allerhöchſte Beſtätigung des Erkenntniſſes nach. Für dieſe ſprachen ſich ebenſo entſchieden die Be⸗ richte des Schwurgerichtspräſidenten und Oberſtaatsan⸗ walts aus. Der Letztere ſpricht ſich namentlich über thung das lordes mit zerluſt de vius ſein dem Tage inen Mit⸗ or. Auch ſeiner Un⸗ doch von mals lint em Urtels ichter ſi vor, deß uben, der n Stnf nur ſůn Ehefm m ſi ihn be.— mlaßt, nann ſilt einzuli tindiſe gn t Guit r ibeu⸗ imn den di erſut⸗ ntlich Der Goldschmied Jancovius. 439 den Eindruck aus, den das Geſtändniß des Dittmann hervorgebracht, als er es bei einem Beſuche des Staats⸗ anwalts im Gefängniß in Anweſenheit des Gefangen⸗ wärters wiederholte. Er legte es mit allen Zeichen wahrer Reue ab und bekannte, daß er ſich bei den frü⸗ heren Betheuerungen ſeiner Unſchuld oft verſchworen habe. Auch verſicherte er, daß er dies Bekenntniß vor der ganzen Welt wiederholen wolle, und zeigte eine innere Empörung gegen Jancovius, ſeinen Verfüh⸗ rer. Nach Verlauf einiger Monate, und nachdem die Sache beſonders noch im Cabinet wiederholentlich reif⸗ lich geprüft und erwogen worden,*) ging endlich das königl. Conſirmationsreſcript ein. Als daſſelbe Jan⸗ covius publicirt wurde, erklärte er nochmals, daß an ihm ein Juſtizmord begangen werde, daß er jedoch Gott für die um Vergebung bitte, die daran ſchuld ſeien. Dittmann verſicherte fortwährend unter Thränen und Betheuerun⸗ gen ſeine Unſchuld und war ſo aufgeregt, daß er ſich gar nicht faſſen und zuletzt keinen Gedanken mehr vor⸗ bringen konnte. Endlich verlangte er nach einem Geiſt⸗ lichen. Am 13. October 1852 ſollte das Erkenntniß voll⸗ ſtreckt werden. Mehre Wochen waren verfloſſen, ſeitdem den bei⸗ den Mördern die königliche Beſtätigungsordre jede *) Dem Gerüchte nach hätten ſich beim Criminalgerichte auch diſſentirende Stimmen erhoben, welche ihre motivirte Vota, mit dem Antrag, die Beſtätigung zu verſagen, zu den Acten reichten. D. Red. 440 Der Goldschmird Jancovius. Hoffnung auf Begnadigung entzogen, und noch zeigte ſich bei ihnen keine Spur von einem Inſichgehen. Es war noch derſelbe kalte und überlegte Blick des Jan⸗ covius, mit dem er bei Beginn der Unterſuchung dem Richter entgegenſah. Ebenſo erſchien Dittmann noch immer als die brutale Natur, die das eigentliche Werk⸗ zeug zum Morde geliefert hatte. Um 4 Uhr in der Nacht vor der Hinrichtung er⸗ ſchienen die Geiſtlichen, um den Gefangenen die letzten Tröſtungen der Religion zu reichen. Jancovius hatte gleich nachdem das Todesurtheil gegen ihn geſprochen eine längere Unterredung mit dem Seelſorger des Ge⸗ fängniſſes gehabt. In dieſer überſtrömte ſein Mund von Bibelſtellen, und der Geiſtliche, der weder die Ar⸗ ten kannte, noch der mündlichen Verhandlung mit bei⸗ gewohnt hatte, wurde faſt irre, als ihm Jancovius in ſcheinheiliger Verzweiflung geſtand,„daß er ſtets ein gläubiger Chriſt geweſen, jetzt aber an des Höchſten Gerechtigkeit zweifeln müſſe, da Er einen Unſchuldigen ſo verfolge!“ Der Prediger verſprach ihm, ſich ſeiner Sache ſo viel als möglich anzunehmen, und als er ſich entfernte, rief ihm Jancovius noch zu:„er werde auch noch das Abendmahl nehmen!“ Seit jener Beſprechung war jetzt länger als ein Jahr verſtrichen, und wie lebhaft das Bedürfniß des Jancovius nach geiſtiger Speiſe geweſen, zeigt der Um⸗ ſtand, daß derſelbe ſeit jener Zeit bis auf ſein letztes Stündlein nie wieder nach dem Prediger verlangt hatte⸗ So war auch dieſes ſein vorgebliches Begehren nach dem Abendmahl nichts weiter als das Stück eines Schauſpielers, der das Publicum bis auf den letzten Mo⸗ ment über ſein Inneres zu blenden ſucht. Dittmann empfing zuerſt das Sacrament. Der och zeigte hen. Ce des Jan⸗ ung den ann noch iche Werk htung en die lebten ius hette geſprochen des Ge ein Mund et die A mit bi covius in ſuts ei Hööſn ſch ſins i eſi werde zuh rdl i ürfniß h ſein“ ungtlu chun ti letzten N ent Der Goldschmied Jancovius. 441 Geiſtliche, der dem Jancovius aſſiſtirte, erzählt von der großen Feierlichkeit dieſer ernſten Stunde. Eine tiefe Stille lag über dem Gehöft des Gefangenhauſes; nur zuweilen ertönte die Hausglocke und kündigte die Vor⸗ bereitungen zur Errichtung des Schaffots an. Allmälig wurden die übrigen Gefangenen in ihren Zellen wach; in den weiten Corridoren hörte man ihr unheimliches Flüſtern und wie ſie ſich in Erwartung des tragiſchen Augenblicks in größter Spannung hin und her bewegten. In der Zelle des Jancovius hallte die ſonore tiefe Stimme des Predigers wider, der in gemeſſener Rede dem zweiten Mörder die Sterbeſacra⸗ mente darbot. Das ganze Gewicht dieſes gewaltigen Moments machte auf Jancovius nicht den leiſeſten Ein⸗ druck. Er blieb ruhig und gefaßt, und wer ihn nicht kannte, mußte glauben, daß er für eine edle Sache in den Tod gehe. Er erkannte lebhaft an, daß Geſchworene und Richter nach den obwaltenden Umſtänden ihre Pflicht gethan, blieb aber bei den Betheuerungen ſeiner Un⸗ ſchuld. Man ſah, mit welcher Energie er ſich auf ſeine letzte Stunde vorbereitet und wie er Alles daran ſetzte, ſeine Rolle getreu bis zu den letzten Augenblicken durch⸗ zuführen. Es war unzweifelhaft, daß hier ein Mann von beſonderen Geiſteskräften zu Grunde ging.— Auch nicht den leiſeſten Makel wollte er auf ſich haften laſſen. Der Prediger ermahnte ihn und machte ihn darauf auf⸗ merkſam, daß, wenn er auch wegen der Ermordung ſei⸗ ner Frau unſchuldig ſterben ſollte, doch nun der Augen⸗ blick gekommen ſei, wo er im Hinblick auf ſein früheres Leben ſich fragen müſſe, ob er mit ruhigem Gewiſſen ſterben könne. Jancovius entgegnete, er habe nichts zu bereuen, und ſuchte ſelbſt die früheren gerichtlichen Beſtrafungen in einem andern Lichte darzuſtellen. Nach 442 Der Goldschmied Jancovius. dem Abendmahl fühlte ſich der Geiſtliche ſelbſt aufs äußerſte ergriffen; Jancovius aber ſtand vor ihm ver⸗ klärt, gleich einem Märtyrer, reichte ihm die Hand und bat ihn, dem Schmied Dittmann ſeine Verzeihung zu bringen. Als man dieſem die letzte Aeußerung ſeines Mit⸗ ſchuldigen überbrachte, befand er ſich bereits in Folge der Todesangſt in geiſtiger Betäubung. Er ſchüttelte krampfhaft die Hand des Geiſtlichen und erklärte, daß auch er dem Jancovius vergebe, ſprach aber ſonſt nur noch in Bibelſtellen. In dieſer geiſtigen Verfaſſung erſchien er auch auf der im umſchloſſenen Raume des Gefängnißhofes aufgeführten Richtſtelle, wohin er als der Erſte gebracht wurde. Als man ihn vorführte, wandte er ſich zu den Richtern und Gemeindeverordne⸗ ten und ſprach Verſchiedenes in unzuſammenhängenden Sätzen.„Wenn Sie wüßten, wie das Alles zugegan⸗ gen!“ waren die letzten Worte, mit denen er das Schaf⸗ fot beſtieg. Er hatte noch bis zum letzten Augenblick eine Begnadigung erwartet.. Als die Nachricht, daß Dittmanns Kopf gefallen, nach oben zu Jancovius gelangte, ermahnte ihn der Geiſtliche zum letzten Mal, er möge bekennen, noch jetzt, wo der Eine bereits vor ſeinem himmliſchen Richter ſtehe und er in wenigen Minuten nachfolgen müſſe. Vergeblich! Der Unterſuchungsrichter rief ihn ab, und, nachdem man ihn entfeſſelt, eilte er mit leichten Schrit⸗ ten die Kerkertreppen hinab, ſodaß die Uebrigen kaum folgen konnten. Mit einem verbindlichen, faſt chevaleres⸗ ken„Guten Morgen, meine Herren!“ begrüßte er die An⸗ weſenden, entkleidete ſich ſchnell, händigte dem Geiſtli⸗ chen noch dies und jenes als Andenken für ſeinen Sohn aus und beſtieg geſammelt und faſt freudig, einem ſelbſt auf t ihm ver⸗ Hand und eihung zu eines Mit⸗ in Folge ſchüttelt klrte, doß ſonſt un Verfaſſung Kaume des hin er u vorführte everordne⸗ hängenden ſgeur⸗ de Schr Auzenbli f gefulu e ihn de Der Goldschmied Jancovius. 443 Heiligen ähnlich, das Schaffot. Schon hatten ihn die Scharfrichterknechte ergriffen und an den Klotz gebun⸗ den und ſchon ſchwebte das Beil blinkend über ſeinem Nacken, als er noch den letzten Athemzug zur Heuchelei benutzte und der von ihm erſchlagenen Gattin ein ſen⸗ timentales:„Laura, ich komme!“ zurief. Bei dieſen Worten war es, als ob ſie zum Theil erſt nach der Trennung des Kopfes ertönten und die Umſtehenden konnten ſich des dadurch hervorgerufenen grauſigen Eindrucks nicht entwehren. Wenige Minuten, in denen die Richtſtelle fortge⸗ räumt, die Leichen in den dazu bereitgehaltenen Sär⸗ gen fortgefahren wurden,— und die noch eben von Blut triefende Erde hatte ihr früheres Ausſehen wie⸗ dergewonnen. Das Armeſünderglöcklein tönte hell in den trüben Herbſtmorgen von den Thürmen der Stadt und bald darauf verkündete die öffentliche Bekannt⸗ machung an allen Ecken, daß die blutigen Gebeine der unglücklichen Goldſchmiedsfrau durch das Geſetz gerächt ſeien. So das Ende dieſes Dramas. Doch nein, noch ſollte ein kurzer Epilog die Gerechtigkeit des Richter⸗ ſpruchs, ſofern dies noch nöthig, beſtätigen. In den Latrinen des Jancoviusſchen Hauſes in Guben wurde bald nach der Hinrichtung ein ganz in Blut getränk⸗ tes Vorhemdchen gefunden. Man erkannte es ſofort als ein dem Jancovius gehöriges. Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig. —— —— ————————— ————— —— Green Vellow Hed Magenta