dentſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 3 Cdnard Ottmann in Gießen, 3 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und geſebedingungen. 5 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ . pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Cution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 5. . 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt:. für ehentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat; 1 Wr— Ff TW Ff 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder vefecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſ auf 14 Tage feſtge etzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das eiterverleihen 6 der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ß ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben! Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und —— ———————— 3 ——————— —————— ————————— — —— Der neue Pitaval. VBierzehnter Theil. Neue Folge. Zweiter Theil. —— ⸗— —— Dey neue Pitaval. Eine Sammlung der intereſſanteſten Criminalgeſchichten aller Laͤnder aus älterer und neuerer Zeit. Herausgegeben vom Eriminaldirector Pr. c. E. Hitzig und Dr. W. Häring(W. Alexis). Vierzehnter Theil. Neue Folge. Zweiter Theil. Leipzg F. A. Brockhaus. 1 8 4 9. . . . 3 * 2. Seite.3 Der Spa⸗Field Aufruhr. 1816— 1817...... 1 Die Verſchwörung in der Eatoſitaße 1820. 45 Königin Karoline von England. 1820...... 99— Der Mörder des Juden Borig. 1810— 1828.... 270 Eine Familie Vater- und Gattenmörder. 1712— 1714. 298 Die Herzogin von Choiſeul⸗Praslin. 1847......320 er Kie d ungeh ws Con ſs verme id äße ut Woh ins M achſend, nentsred zſatiſche Es ha ichen thnt u eit gen inmten ſcſlnn e Print aden de ngtn, kinen 1 — — Der Spa-Field Aukruhr. 1816— 1817. „ er Krieg, welchen England mit ungemeiner Ausdauer d ungeheuern Opfern gegen Frankreich und Napo⸗ ws Continentalſyſtem geführt, hatte ſeinen Länder⸗ itz vermehrt und ſeine Macht nach außen; aber das ild äußerer Größe entſprach nicht dem Zuſtande in⸗ rer Wohlfahrt und innern Wohlbehagens. Ein allge⸗ eines Misvergnügen bemächtigte ſich, mit jedem Jahre achſend, der Nation. Es gab ſich kund in den Par⸗ mentsreden, durch die Preſſe, durch Volksaufſtände und natiſche Handlungen. Es hatte einen doppelten Grund. Zuerſt einen per⸗ nlichen. Weder die königliche Familie, der Prinz⸗ kegent und deſſen Brüder, waren, bis auf einen, ge⸗ ebt, geachtet, noch war es das Miniſterium. Beide immten zu den Grundſätzen der heiligen Alliance. jaſtlereagh, der Premier, als geleitet und befangen in en Principien der Cabinete des Continents, war ge⸗ adezu der Gegenſtand des Haſſes beim Volk. Wel⸗ ngton, wenngleich der Held der Nation, empörte durch einen unerträglichen Stolz, ſeine wegwerfende Be⸗ XIV. 1 . 6 3 7 ₰ 2 Der Spa-Field Aufruhr. handlung des Bürgerſtandes, die Geringſchätzung, welcher er den Ideen begegnete. Jenen verabſcheute me gegen dieſen war man erbittert. Wellington ertrug ö mals wie jetzt mit ſtoiſchem Gleichmuth die Zeichen moraliſchen Nichtachtung von Seiten der Nation. D andern Miniſter und Würdenträger theilten mehr od minder dieſen Haß, die Abneigung; populär war keine Der nicht perſönliche Grund war der Druck, d auf der Nation laſtete, ein Druck, welcher durch de langen Krieg und ſeine Steuern unerträglich gewordei Die Staatsſchuld dünkte dem Volke ein Alp, der mi jedem Tage wachſe, um die Nation auszuzehren. Ma rechnete, daß über zwei Zehntheile der Bevölkerung vol Almoſen lebte, und der Betrag der Armentaxe überſtie weit das Einkommen eines Staates zweiter Größe. Di⸗ Mittelclaſſe drohte zu verſchwinden; wer ein ehrenvolles ſelbſtändiges Daſein einer bettelhaften Freiheit im alten Vaterlande vorzog, ſuchte auszuwanderg. So, und noch ſchwärzer ſchilderte die damalige Publiciſtik den Zuſtand der Nation. In England zeigten ſich die erſten Wehen der neuen ₰ Zeit, die ſocialen Kämpfe; hier, nach dem Kriege mit Napoleon, ward das Kind geboren, das jetzt zum aus⸗ gewachſenen Menſchen geworden, an unſern Zuſtänden rüttelt, heißhungrig, misgünſtig, die Errungenſchaft un⸗ ſerer zweitauſendjährigen Bildung niederſchlagen, zer⸗ treten möchte. Hier pochte die Armuth zuerſt auf ein Recht, und die Beſitzloſen, gegen die Beſitzenden zum Kampfe gerüſtet, ſäten die erſte Saat der Principien, welche jetzt reifend die Staaten zu erſchüttern drohen. In der Anſpannung des Kampfes gegen Frankreich hatte man die Reihe von Uebeln überſehen, an denen England litt, der Nothſchrei des Volkes war übertäubt en, ich nen bt ſ — Der Spa-Field Aufruhr. 3 durch die Kriegstrompete, der Hunger überwältigt vom Nationalſtolz. Jetzt, wo alles ins ruhige Geleiſe zu⸗ rückgekehrt war, machto ſich das allgemeine Elend in bittern Klagen Luft. Welche Summen hatte der Krieg gegen Napoleon gekoſtet, welche Summen gingen ins Ausland, um Cabinete und Perſonen zu unterhalten, zu begünſtigen, deren Politik mit der der engliſchen Frei⸗ heit ſich nicht vertrug. Nur das Volk hatte dieſe Sum⸗ men aufbringen müſſen! Napoleon, nach ſeinem Sturze, kaum noch von der ganzen Nation als Tyrann und Despot verabſcheut, fing wieder an, im Gegenſatz zur heiligen Alliance, als der Vertreter der freiſinnigen Ideen zu gelten. Die liberale Oppoſition im Parlamente be⸗ mächtigte ſich ſeines Namens, um, zur großen Verwun⸗ derung des damaligen liberalen Deutſchlands, mit dieſer unterdrückten Heldengröße gegen das Miniſterium zu operiren. Die Oppoſition des Volkes, aus keinem Princip, aus dem Gefühl und der Noth hervorgegangen, richtete ſich nicht gegen das Königthum ſelbſt, wiewol ſie deſſen gegenwärtige Vertreter haßte, ſondern nur gegen das Miniſterium und gegen die beiden gewaltigen Mächte, auf die es ſich damals in England ſützte, gegen die Prieſter ſchaft, das iſt gegen die reiche anglicaniſche Firche, die Hochkirchler, welche noch bis heut den Be⸗ griff des Conſervatismus bis zu deſſen äußerſten Grenzen wahren, und gegen die Ariſtokratie, welche, in un⸗ ermeßlichem Landbeſitzthum, die Wahlen und damit die Regierung in der Hand hatte. Ein principieller Haß gegen den Adel als Stand hatte damals, wie auch jetzt. eigentlich noch nicht im Allgemeinen ſtatt; das Vrii⸗ war zu ſehr gewöhnt, in ſeinen Freiheitskämpfen vonver⸗ veralen Ariſtokraten geführt zu werden. Ebendesglei ——— — — — — — — —— —————— — ——— 4 4 Der Spa-JField Aufruhr. richtete ſich der Volkshaß nur ausnahmsweiſe gegen die bürgerlichen Beſitzenden. Die Unzufriedenen aller Claſſen ſammelten ſich aber um eine Fahne, ſie hieß Parlamentsreform. Welche Vorſtellungen man ſich von dieſem Heilmittel für alle Uebel machte, davon waren wir noch Zeuge beim ehe⸗ letzten Kampfe, in welchem ſie ſiegreich durchging, ohne die Erwartung zu befriedigen, ohne die Uebel zu heilen. Parlamentsreform verlangten die Whigs im Parlament, um durch ein reformirtes Parlament das Miniſterium zu ſtürzen; es forderten ſie aber auch die politiſchen und die zahlloſen religiöſen Parteien, in welche England zer⸗ fällt, die zur Zeit in jenem keinen Sitz hatten, als ein⸗ ziges Heilmittel für ihr Weh und Ach. Gehörten zu ihnen doch ſchon damals neue Agrarier, die Spencean'⸗ ſchen Menſchenfreunde, reine Demokraten, die zwar nicht communiſtiſche Theilung aller Habe, jedoch gleiche Ver⸗ theilung des geſammten Landeigenthums forderten, eine übrigens unſchädliche, religiöſe Sekte. Als nächſtes und erſtes Reſultat einer Parlamentsreform erwartete man aber Abänderung der Navigationsacte, die Freigebung der Korneinfuhr, da der Einbringung der Kornbill, ſo oft ſie verſucht ward, das Miniſterium, geſtützt auf die Phalanx der Ariſtokratie, ſich ſtandhaft widerſetzt hatte. So lange die Oppoſition zum großen Theil nur aus Grundbeſitzern beſtand, erſchien auch ihr Eifer, wenn er ſich für die Kornbill erhob, Vielen nur als ein ſimu⸗ lirter. Wie es mit dieſer Oppoſition, trotz ihrer in der Ge⸗ ichte des Liberalismus tönenden Namen, beſchaffen atte var, ſah man in dem Umſtande, daß ſie in einem Punkte ₰ Englanvn das Miniſterium ſiegte. Ihren Anſtrengungen ang es nicht, wohlfeileres Brot dem Volke zu ver⸗ vie ſ ſchaffen ſetzung ſtrebte ſeine G Fiseus ein Gr warth, von de nit I brachte die ſe In weil d die E brikhe heiter die M zogen gliitet Di en eie gegen alter dete. Holln des henr Rohe weche ſit de dne ginen her che le Der Spa-Field Aufruhr. ſchaffen, wol aber die von den Miniſtern geforderte Fort⸗ ſetzung der Einkommentaxe fallen zu machen. Es wider⸗ ſtrebte dem engliſchen Freiheitsſinn, daß der Privatmann ſeine Einnahme dem Staate bloß lege, dieſer Eingriff des Fiscus in ſeine heiligen eignen Rechte iſt dem Briten ein Gräuel. Das iſt begreiflich; es iſt aber bemerkens⸗ werth, daß auch dieſer Sieg der Beſitzenden, weil er von der Oppoſition gegen die Regierung erſtritten ward, mit Jubel vom Volke aufgenommen ward. Der Sieg brachte ihnen keine Früchte, aber die Niederlage denen, die ſie für ihre Feinde hielten, Wunden bei. Inzwiſchen wuchs die Zahl der brotloſen Menſchen, weil die Steigerung der Arbeitspreiſe, veranlaßt durch die Erhöhung der Preiſe für die Lebensmittel, die Fa⸗ brikherren zur Entlaſſung eines großen Theils ihrer Ar⸗ beiter genöthigt hatte. Jetzt kamen die Ludditen auf, die Maſchinenzerſtörer, die in Scharen das Land durch⸗ zogen und die Fabriken demolirten. Die Zerſtörung be— gleitete der Raub, der Gewalt folgten Mordthaten. Die Oppoſition im Parlament ſpielte in jener Zeit ein eigenes Spiel. Noch waren es die Whigs, welche gegen die am Ruder befindlichen Tories kämpften, in alter Weiſe eine mächtige, reiche Partei gegen die an⸗ dere. Im Oberhauſe die Lords Grey, Lansdowne, Holland, die Betford, die in ererbter Pflicht die Rechte des Volkes vertheidinten; im Unterhauſe die Tierney, Henry Broua“„ Lord John Ruſſel, Hobhouſe, Sir Robert Wilſon. Dieſe alle waren vornehme Gentlemen, welche weniger aus Begeiſterung ſprachen und handelten, wie ſie thaten, vielmehr es als eine Ehrenſache anſahen, für den Theil des Volkes die Lanze einzulegen, welcher damals auch gar keine Ausſicht hatte, ſelbſt, kraft ei⸗ genen Rechts, höchſtens durch whiggiſtiſche Familienver— * 6 Der Spa-Field Aufruhr. günſtigungen, ins Parlament zu kommen. Alle dieſe waren noch keine Reformer; wol aber hatten letztere ſchon ein bedeutendes Mitglied im Parlament, Sir Francis Burdett, einſt von der Hofpartei, vom Adel, der Kirche, verabſcheut, gehaßt als ein Radicaler, deſſen Berührung ſchon Unehre bringe, ein Mann, deſſen Name wegen dieſes Fleckens in der Geſellſchaft ungern genannt ward,— ein Edelmann, deſſen Töchter, wenn ſie auf den Hofbällen erſchienen, als die Enkelinnen ihres Großvaters aufgeführt wurden, um den Namen Burdett nicht mit der Majeſtät in Berührung zu bringen— und ein Mann, der, als er ſtarb, hoch in Jahren, von der Volkspartei als ein Abtrünniger, Verräther verabſcheut, von den Conſervativen als ein Ehrenmann geliebt ward, der ſtandhaſt den Lockungen der Radicalen widerſtanden habe! Sir Francis Burdett war ein bedeutender, aber kein großer, kein leuchtender, kein reiner politiſcher Charakter ſeiner Zeit. Man wirft ihm vor, daß nur Eitelkeit den erſten, kurzen Theil ſeiner politiſchen Laufbahn beſtimmt habe; dann ſei er abgefallen von der Sache, der er ſo lange gedient, aus Furcht, unter dem Fortrollen der Re⸗ volution ſein reiches Beſitzthum verlieren zu können, während er ſich damit rechtfertigte, daß mit der durch⸗ geſetzten Reform alles erreicht worden, wohin er ſeit ſeiner Jugend geſtrebt. Sein Verrglten zu den Refor⸗ mern außerhalb des Parlaments in. hern⸗Periode ſeiner Thätigkeit war das keines großen Staatsmanns, ſondern das eines Intriguanten, der alle Mittel zu ſei⸗ nem Zwecke benutzt. An der Spitze der ſogenannten ge— mäßigten Reformer hielt er ſich mit der einen Hand at. die große Whigpartei, mit der andern an die Radicalen im Volke. In wiefern er in dieſer Mittelſtellung ein * Sypiel, bleibe nicht ihn, der au mgog Di nit S von d Wer d mehr Parla Junge er ei ſtets geſtell tige L geitte fir d Der Spa-Field Aufruhr. 7 dieſe Spiel, von Ehrgeiz dictirt, mit beiden Theilen geſpielt, tztere bleibe auf ſich beruhen. Aber im Parlament konnte er Sir nicht durchdringen ohne die Oppoſition im Volke hinter vom ihm, und an deren Spitze bedurfte es eines Mannes, aler, der aus dem Volke ſelbſt war, um ein wahrer De⸗ eſſen magog zu ſein. Dieſer Mann war Hunt, ſeines Gewerbs ein Händler mit Stiefelwichſe, eine Eigenſchaft, welche ihn ſpecifiſch von der faſhionabeln Geſellſchaft in England trennte. Wer die Hand mit Stiefelwichſe befleckt, kann nimmer⸗ mehr ein Gentleman ſein. Auch als Hunt ſpäter ins rte Parlament gewählt wurde(durch die vereinten Anſtren⸗ cheut, gungen aller Reformfreunde, vor der Reformbill), blieb word, er ein Stiefelwichsfabrikant, die Caricaturen, die ihn ſtets mit der Büchſe und der Bürſte in der Hand dar⸗ geſtellt, verfolgten ihn bis Weſtminſter, und der gewal⸗ tige Volksredner von Spa⸗Fields, vor dem die Miniſter gezittert, deſſen Aufnahme im Unterhauſe die ariſtokra⸗ tiſche Preſſe als eine Calamität, als einen Schandfleck für die Nation dargeſtellt, ja als die gefahrbringendſte er ſo aller Eventualitäten, ward daſelbſt ein kaum beachteter „Re⸗ Redner, der in der neuen Geſellſchaft in völlige Unbe⸗ nen, deutendheit verſank, ohne daß durch ſeine Wahl nur duch⸗ eine der gefürchteten Conſequenzen eingetreten wäre. Als ſeit Member of Parliament war er aus ſeiner Sphäre ge⸗ . riſſen, und der auf dem Markte furchtbare Redner verlor, anden kein rakter t den immt Refor⸗ — in der ihm fremden Geſellſchaft und Luft ſo allen Ein⸗ nnn, fluß, daß von ſeinen Anſtrengungen kaum noch die Rede ⸗ ſei⸗ iſt, als die wirkliche Durchſetzung der Reformbill eintrat. 5 ge Als er ſtarb, war ſein Ruf verſchollen, eine merkwürdige — politiſche Warnung. iul„ Aber auf den Straßen und Märkten, auf die Tonne g ein ſich ſtellend, oder vom Karren herabredend, auf dem er n9 8 Der Spa-Field Aufruhr. angefahren kam, von Tauſenden unter Jubel begleitet, war Hunt ein furchtbarer Redner. Heftig, entſchieden, wild, mit ihren Leidenſchaften und Neigungen, ihren Wün⸗ ſchen, Bedürfniſſen vertraut, war er der Liebling der unterſten Volksclaſſen. Er wird von Zeitgenoſſen ge⸗ ſchildert als ein Mann von vielem Verſtande, aber hef⸗ tigem Temperamente, als Cyniker, Heuchler, Fanatiker und Demagog, abwechſelnd aus Ueberzeugung und Lieb⸗ haberei, Ehrgeiz und Habſucht, Brutalität und Eitel⸗ keit. Francis Burdett hatte ihn förmlich aus Briſtol verſchreiben laſſen, da ſeine Zunge ſchon dort„einen weit verbreiteten Ruf von ſchonungsloſer Fertigkeit er⸗ halten hatte.“ Er entſprach der Erwartung durch ſeine Gaſtrollen in London. Aber Hunt ſtand noch nicht auf der unterſten Stufe der engliſchen Demagogen; er war noch ein Mann der Rückſichten, unter ſich hatte er Männer der reinen That, welche zu ihm in einem verwandten Verhältniſſe ſtanden, wie etwa Francis Burdett zu den Whigs. Er hoffte noch durch die Macht der Rede, durch Ueberzeugung zu wirken, und durch die immer wachſenden Maſſen des von ihm aufgeregten und bearbeiteten Volks moraliſch auf das Parlament und die Regierung einzuwirken, wäh⸗ rend dieſe Männer des Volks, als deren Hauptvertreter Watſon, Thiſtlewood, Preſton genannt werden, die of⸗ fene That der Empörung als das einzige Mittel anſa⸗ hen, zu ihrem Ziel zu gelangen. Hunt war in einer erſten Verſammlung der Radical⸗ reformer in Weſtminſter(15. November 1816) aufge⸗ treten. Hier ſchilderte er die ungeheure Schuldenlaſt, unter der das Land ſeufze, ihre Unerträglichkeit, die Ver⸗ derbtheit und Faulheit des Unterhauſes, welche die allei⸗ nige Quelle dieſes Zuſtandes wäre. Welche ungerechte, —% ——— grauſa hetvor mehrt thüme das B ts auf Metdi uick gegebe Geißel die eur duch Frcihe begre ſtugu ſe. zu ſeil nover gedtu tethau dieſen 200 nit ſi halte — Der Spa-Jield Aufruhr. 9 grauſam mörderiſchen Kriege aus dieſer dunkeln Höhle hervorgegangen wären, wie ſie jene Schuldenlaſt ver⸗ mehrt, deren erdrückendes Gewicht auf die Landeigen⸗ thümer, Pachter, Kaufleute und Fabrikanten falle. Wenn das Volk ſeinen Unmuth zu erkennen gebe, verweiſe man es auf den Ruhm, den es durch den Krieg errungen. Allerdings, fuhr er bitter fort, ſei der Papſt nach Rom zurückgekehrt, allerdings Ferdinand VI. einem Thron zurück⸗ gegeben, auf welchem er jetzt, ſtatt des Scepters, eine eiſerne Geißel über ſeine Unterthanen ſchwinge; allerdings wären die europäiſchen Mächte durch Bande der Freundſchaft und durch einen heiligen Bund vereinigt, welcher nur die Freiheit ihrer Völker bedrohe; allein es laſſe ſich ſchwer begreifen, weshalb ein ſo großer Ruhm mit der Aus⸗ ſaugung des britiſchen Volkes habe erkauft werden müſ⸗ ſen. Darum habe das Volk alle Urſach, auf ſeiner Hut zu ſein. Vor einem Jahrhundert, als das Haus Han⸗ nover auf den Thron berufen worden, habe man darauf gedrungen, daß Niemand, der ein Amt bekleide, im Un⸗ terhauſe ſitzen ſolle, jetzt ſtimmten ſo viele Beamte in dieſem Hauſe, welche zuſammen eine Einnahme von 200,000 Pfund bezögen, und das Volk bezahle ſie, da⸗ mit ſie gegen den Vortheil des Volkes ſtimmen möchten. Das Volk ſterbe Hungers, während man zahlloſe Ge⸗ halte an Individuen vergeudet ſehe, die nie etwas ge⸗ than, um dieſelben zu verdienen. Schon vor 20 Jah⸗ ren habe er, Hunt, eine Liſte dieſer Penſionen an die Mauern von Briſtol angeſchlagen, deren Geſammtbetrag die Abgaben dieſer Stadt überſtiegen hatte. Nur eine Reform des Unterhauſes könne das Vaterland retten, dieſe Maßregel jedoch nur durch offene und männliche Aeußerung des öffentlichen Geiſtes herbeigeführt werden. In dieſer Rede waren die Einflüſterungen ſeiner im 1* 10 Der Spa-Field Aufruhr. ſocialen und politiſchen Leben höher ſtehenden Freunde nicht zu verkennen. Sie ward mit rauſchendem Beifall aufgenommen, und nachdem noch andere Redner die Lei⸗ denſchaften heftiger aufgeregt, ward eine Bittſchrift an den Prinz⸗Regenten beſchloſſen dahin: daß er auf die Leiden des Volkes Rückſicht nehme, die Verminderung des Heeres dem Parlament empfehle, alle Sinecuren, Penſionen eingehen laſſe und die urſprüngliche Volks⸗ vertretung wieder in ihre Rechte einſetze. Sir Francis Burdett und Lord Cochrane, wahrſchein⸗ lich die geheimen Leiter des Schauſpiels, übernahmen die Einreichung der Petition. Der Prinz⸗Regent aber nahm ſie nicht an. Es gab ſtürmiſche Auftritte, die heftigſten und revolutionairen Mauerplacate, mit Dro⸗ hungen angefüllt. Inzwiſchen hatte Hunt eine zweite Petition abgefaßt, die vom Prinz⸗Regenten an einen ſeiner Miniſter abgegeben ward. Als auch hieraus nichts hervorging, als ein unfruchtbarer Briefwechſel zwiſchen Sidmouth und Hunt, ward in Spa⸗Fields noch eine Verſammlung berufen. Trotz eines vom Lord Mayor zur ſelben Zeit anberaumten Meetings, um die Maſſen zu theilen, kamen am 2. December abermals hier 30,000 Menſchen zuſammen, und dieſes Meeting hat zu dem hier folgenden Hochverrathsproceß den Anlaß gegeben. Nämlich ehe die ganze Verſammlung geſchloſſen war, gewiß wenigſtens ehe Hunt, der von auswärts herbei⸗ gekommen war, auf dem Platze angelangt und das Wort ergriffen hatte, ſonderte ſich ein Haufe von etwa 1000 Mann von den Hauptmaſſen ab, und documentirte ſeine communiſtiſchen Ideen, indem er verſchiedene Läden auf dem Wege nach der Börſe und der Bank plünderte, und auch dieſe letztere in Angriff genommen hätte, wenn nicht rechtzeitig Militairhülfe gekommen wäre. Von den da⸗ 7 . — bei G Verb ſtar ſorn Nrin ausge ju al wurd zeugt zſetz wend ſicke Häu wie find ſtüre zur wirt haßt zur! rowl Sti dut und gefü die mit dur ier dut Reg Der Spa-Field Aufruhr. 11 bei Gefangenen büßte Einer, der Matroſe Cashman, das Verbrechen des Aufruhrs am Galgen. Auch dieſer Verſuch einer Empörung erweichte die ſtarrſinnig am Alten Feſthaltenden nicht. Keine Re⸗ form! war drüben das Loſungswort, und auch als der Prinz⸗Regent bei der Fahrt zur neuen Parlamentsſitzung ausgepfiffen(8. Januar 1817), mit Koth beworfen ward, ja als ſogar zwei Kugeln durch ſeine Fenſter pfiffen, wurde man von beiden Seiten mehr und mehr über— zeugt, drüben, daß eine Reform nur durch Gewalt durch⸗ zuſetzen ſei, dieſſeits, daß man auch Gewaltmittel an⸗ wenden müſſe, um die Reformverſuche im Keime zu er⸗ ſticken. Auf eine Botſchaft des Prinz⸗Regenten an beide Häuſer vom 4. Febr., daß aus Documenten hervorginge, wie in verſchiedenen Theilen des Reichs Verbindungen ſtatt⸗ fänden, die zum Zweck hätten, die öffentliche Ruhe zu ſtören, das Volk in ſeiner Zuneigung zum Könige und zur Regierung irre zu führen und das ganze gegen⸗ wärtige Syſtem der Geſetze, ja die Verfaſſung ſelbſt ver⸗ haßt zu machen und umzuſtürzen, ward ein Ausſchuß zur Unterſuchung dieſer Papiere niedergeſetzt. Lord Har⸗ rowby und Sir Charles Bathurſt entwarfen grauenvolle Schilderungen von der Verwegenheit der Verſchwörer, der Gefährlichkeit ihrer Vereine und Unternehmungen, und wie ihre Reden und Lieder eben wie von Hochver⸗ rätheriſchem, von Irreligiöſem und Gottesläſterlichem an⸗ gefüllt ſeien. Hierauf ward Englands Freiheitspalladium, die Habeas⸗Corpus, ſuspendirt GQl. Febr.), und zwar mit großer Stimmenmehrheit, denn auch die Frommen, durch ſolche Bilder erſchreckt, ſtimmten bei, und die Re⸗ gierung ſäumte nicht von den ihr gewährten Befugniſſen durch Gewalteingriffe, Unterſuchungen und Verhaftungen gegen vorgebliche oder wirkliche Tumultuanten und Ver⸗ Der Spa-Field Aufruhr. ſchworene vollen Gebrauch zu machen. Die bewaffnete Macht ſprengte eine Volksmaſſe von 70,000 Menſchen, die ſich zu Mancheſter verſammelt und auf dem Wege nach London war,„um dem Prinz⸗Regenten mit einer Bittſchrift die Augen zu öffnen“, auseinander und ver⸗ haftete ihre Häupter. Aehnliche Verſuche, immer mis⸗ lingend und mit Blut gefärbt, fanden zu Nottingham, Birmingham, Derby ſtatt.„Spionerie und Schwin⸗ delgeiſt, Aufreizung von Seiten der Staatsgewalt und Aufreizung von Seiten der Pöbelhäuptlinge wechſelten ab. Das Volk verfluchte die grauſame Herzenshärtigkeit der Ariſtokraten; die Mittelclaſſe und die Gebildetern klagten ſchwer über unnütz verletzte Volksfreiheit.“ Es war unter dieſen Umſtänden, daß der Hochver⸗ rathsproceß gegen die Betheiligten vom 2. December, nachdem die Grand Jury am 29. April„eine gerechte Anklage gefunden gegen Arthur Thiſtlewood, Ja⸗ mes Watſon, den ältern, Thomas Preſton und John Hooper wegen Hochverrathes“, im Juni 1817 ſtattfand, und der eine Aufmerkſamkeit erregte, die über England hinausging. War es, fragte man ſich nämlich, eine wirkliche Verſchwörung zum Umſturz der Regierung und der Verfaſſung, oder war es nur eine Fiction der Regierung, um eine ihr gefährliche Partei ins Verder⸗ ben zu ſtürzen? Im erſtern Fall erſchien die Freiſpre⸗ chung wie ein ungeheurer Sieg der demokratiſchen Partei über die Regierung, der doch ohne Folgen blieb, im zweiten hätte die Regierung ſich Machinationen erlaubt, die, einer jeden Regierung unwürdig, ſie auf die tiefſte Stufe der Immoralität herabdrückte. In beiden Bezie⸗ hungen iſt der Proceß von einer Bedeutung, daß er aus ſeiner Vergeſſenheit hervorgezogen zu werden An⸗ ſpruch hat. Zudem iſt er der Anfang einer ganzen — Reihe riode Di lichen Kwnzt Mit d ts fid brecher wſen inmet der Schn L ſindd s ſch ſamml bet 1 Thrn Geſcz nannt uguri Köri Vorbe 3) Kr nig ſinet * — Der Spa-Field Aufruhr. 13 Reihe ähnlicher Proceſſe, welche die Reſtaurationspe⸗ riode charakteriſiren. Die Anklage des Staatsanwalts beruhte im Weſent⸗ lichen auf der Angabe eines Mitſchuldigen, der als Kronzeuge angenommen war, eines gewiſſen Caſtle. Mit dieſen Kronzeugen verfährt man nicht glimpflich, es ſind durch zugeſtandene Begnadigung gewonnene Ver⸗ brecher, Verräther um des Lebens willen an ihren Ge⸗ noſſen. Auch der Attorney General nennt ſeinen Caſtle immer nur a person. Folgendes iſt der Hauptinhalt der Klageacte, die ſich eben nicht durch oratoriſchen Schmuck oder Schärfe auszeichnet: Watſon, Preſton, Hooper und Thiſtlewood ſind die Haupttheilnehmer an einer Verbindung, welche es ſich zum Ziel geſteckt, durch eine aufrühreriſche Ver⸗ ſammlung und einen tumultuariſchen Zug am 2. Decem⸗ ber 1816 die Regierung zu ſtürzen und den König vom Thron zu ſtoßen, Handlungen, welche in der officiellen Geſetzesſprache:„Krieg erheben“(levying war) ge⸗ nannt werden. Das engliſche Geſetz ſtellt hier vier Ka⸗ tegorien auf: 1) die Vorbereitung und die Abſicht, den König zu tödten(compassing and imagining), 2) die Vorbereitung und die Abſicht, den König abzuſetzen, 3) Krieg zu erheben, 4) Verſchwörung: Krieg gegen den König zu erheben, in der Abſicht, ihn zur Aenderung ſeiner Maßregeln zu bewegen. Vierzehn offene Handlungen ſollten den Hochverrath im Sinne des Geſetzes, hinſichts der Punkte 1, 2 und 4 darthun. Dieſe ſind: 1) Die Verbündeten haben über Plane und Mittel berathen, die Conſtitution umzuſtürzen und den König 14 Der Spa-Field Aufruhr. abzuſetzen. 2) Sie haben darüber Rathſchläge gepflo⸗ gen, wie Krieg anzuheben und die Conſtitution umzu⸗ ſtürzen. 3) Sie haben ſich verſchworen, die Bank und den Tower anzugreifen. 4) Sie haben ſich verſchworen, Soldaten und Andere zu verführen. 5) Sie haben Pi⸗ kenſpitzen und Anderes beſtellt. 6) Sie haben Waffen und Munition angeſchafft. 7) Sie haben ſich verſchwo⸗ ren, die Barracken der Soldaten in Brand zu ſtecken. 8) Sie haben ein Haus gemiethet, um Brennſtoffe darin aufzubewahren. 9) Sie haben ſich verſchworen, große Volksverſammlungen in Spa⸗Fields zu veranſtalten. 10) Sie haben zu dem Zwecke Wagen und Karren zu miethen geſucht. 11) Sie haben wirklich einen Wagen gemiethet, Waffen, Munition und Fahnen angeſchafft, Reden gehalten u. ſ. w. 12) Sie ſind in aufrühreri⸗ ſchem Zuge durch die Straßen gezogen und haben Waf⸗ fenläden angegriffen. 13) Sie haben die Soldaten im Tower angeredet. 14) Sie haben wirklichen Krieg er⸗ hoben. Watſon und Thiſtlewood lebten bis zum 2. Decem⸗ ber in verſchiedenen, wechſelnden Wohnungen, ohne daß ihre Wirthe immer gewußt haben mögen, wen ſie in ihrem Hauſe aufgenommen. Das Hauptquartier der Verſchworenen war aber bei Preſton in Greyſtokeplace; hier trafen ſie zuſammen. Im Monat October ward Caſtle mit Watſon und Preſton bekannt. Er traf ſie in einer Verſammlung der erwähnten Spenceaner, in Graftonſtreet. Der Haupt⸗ grundſatz dieſer Geſellſchaften iſt: aller ausſchließliche Beſitz von Grund und Boden iſt ungerecht und Beein⸗ trächtigung des Rechtes Anderer; deshalb müßte aller Grund und Boden des Königreichs gemeinſchaftliches Eigenthum des Volkes werden.„Grundſätze, ſagt der — —— A ſo di ke A un ce5 nd er che in⸗ ler hes der Der Spa-Field Aufruhr. 15 Ankläger, die nicht allein Elend über die Beraubten, ſondern auch allgemeines Elend, namentlich auch über die bringen würden, welche davon gewinnen ſollten.“ Ein zweites Geſetz der Spenceaner: daß Stockinhaber kein Recht hätten auf die jährlichen Dividenden der Actien.„Somit führen dieſe Doctrinen zur Proſcription und Vernichtung alles Eigenthums.“ Eines andern Abends lernte Caſtle in einer andern Geſellſchaft der Spenceaner, im Maulbeerbaum in Moor⸗ fields, auch Thiſtlewood kennen. Zwiſchen Watſon und Caſtle aber ward die Bekanntſchaft inniger. Als ſie zu⸗ ſammen nach Hauſe gingen, ſondirte jener dieſen, und da er fand, daß ihre Grundſätze ſo ziemlich ſtimmten, ſo ſprach jener geradezu von ſeiner Abſicht: die Regie⸗ rung zu ſtürzen, und wie leicht ſich das thun ließe, wenn man mit Umſicht zu Werke gehe. Am 28. October beſuchte Watſon den Kronzeugen in ſeiner Wohnung, nahe bei Gray's Inn-lane, und erklärte ihm geradezu die Abſicht ſeines Beſuchs: ſie wollten zuſammen ſo viel von armen Arbeitern, die jetzt ohne Beſchäftigung wären, anſammeln, als ſie auftrei⸗ ben könnten. Die Noth dieſer Leute würde ſie ſehr be⸗ reit machen, um Werkzeuge zu ihrem Zwecke zu werden. Dieſer Zweck war kein anderer als Revolution und dann gleiche Theilung von Grund und Boden. Watſon zeigte ihm bei der Gelegenheit eine Ma⸗ ſchine, durch welche die Pferde der Cavalerie verwundet oder unfähig gemacht würden einzuſprengen. Auch zeigte er ihm einen Plan des Towers, der angegriffen werden müſſe. Zur Beſtärkung dieſer Angabe dient der Um⸗ ſtand, daß bei der Hausſuchung, veranſtaltet am 2. De⸗ cember in Watſon's Wohnung, zwei Papiere gefunden wurden: der Plan des Towers und die Beſchreibung 16 Der Spa-Field Aufruhr. der ſogenannten eiſernen Katze, des Inſtrumentes, durch welches die Pferde unfähig gemacht werden ſollten zum Einſprengen ins Volk. Bei einer nächſten Zuſammenkunft theilte Watſon dem Zeugen mit, daß die Partei Geld genug zu ihrem Vorhaben zuſammengebracht habe. Im Verfolg des Geſprächs wiederholte er ihm: daß den untern Volks⸗ claſſen nichts als eine Revolution helfen könne. Die Zuſammenkünfte wiederholten ſich, der Plan ward immer näher beſchloſſen. In einer derſelben erklärte ihm Watſon: er, Watſon, ſelbſt werde einer der Generale ſein, aber Thiſtlewood werde den Oberbefehl führen. Beſondere Rückſichten und Vorſichtsmaßregeln wurden dahin genommen, einen Angriff der königlichen Soldaten zu verhindern. Deshalb ſollten die Barracken, in denen ſie einquartirt waren, zerſtört werden, wenn möglich, ſie ſelbſt dazu.„Zuweilen iſt die Schlechtigkeit eines Men⸗ ſchen ſo groß, daß ſie ihn verleitet die aller unzweck⸗ mäßigſten Maßregeln zu ſeinem Zwecke zu ergreifen; und deshalb kann die Abſurdität eines Plans nicht als Beweis dafür gelten, daß der Plan gar nicht gefaßt wäre.“ Watſon und Caſtle gingen nach dieſem Geſpräche wirklich nach Hydepark und beſahen ſich die Barracken und Magazine, um die beſte Weiſe zu ermitteln, wie man ſie angreifen könne. Dies geſchah, ehe Caſtle und Thiſtlewood eine Conferenz darüber gehabt. Dies fand jedoch am andern Tage ſtatt. Caſtle ward bei Thiſtlewood eingeführt, welcher ihm mittheilte, daß man zum Zwecke Pikenſpitzen in großer Anzahl bedürfe. Caſtle, der von Profeſſion ein Schmied war, erhielt den Auftrag, dieſe anzufertigen. Nach dieſer Aufwartung beim Oberfeldherrn Thiſtle⸗ —,—— — wl me vo ni be der ſei ſe ten ein Pr he Der Spa-Field Aufruhr. 17 wood gingen Watſon und Caſtle aus, um für ihre Ar⸗ mee Soldaten zu werben. Den brotloſen Arbeitern ward vorgeſtellt, daß ohne etwas Entſcheidendes ihre Lage ſich nimmermehr beſſern werde. Caſtle erhielt namentlich von Watſon Anweiſung, die Canalarbeiter in Paddington zu bearbeiten, Männer von großer Körperkraft, die bei je⸗ der Eventualität von Wichtigkeit wären. Er verſuchte ſein Beſtes. Als ſie zurückkehrten, wurde Caſtle im Hahn, einer Taverne, als Mitglied der Spenceaner aufgenommen. Watſon bezahlte für ihn das Antrittsgeld. Am 31. October betrat Caſtle zum erſten Male den Sammelplatz der Verſchwörer in Greyſtokeplace und ward zum Mitglied des Comites aufgenommen, welches aus ſechs Perſonen beſtand. Wahrſcheinlich trat er an die Stelle eines, in Folge einer Uneinigkeit mit dem jüngern Watſon, ausgeſchiedenen Mitgliedes, Harriſon(ein Sek⸗ tenprediger, gegen welchen nachträglich ein Separatproceß eingeleitet ward); die andern Mitglieder waren Watſon, Preſton, Hooper und Thiſtlewood. In ihrer darauf folgenden Unterhaltung drückten die andern Comitemitglieder ihre Hoffnung aus, daß es ih⸗ nen gelingen werde, eine gute Zahl der königlichen In⸗ fanterieſoldaten für ihre Sache zu gewinnen; von der Cavalerie verſprachen ſie ſich nichts. Caſtle meinte, daß auch jene Ausſicht auf ganz vaguen Vorausſetzungen beruht habe. Ihr ganzes Sinnen ging deshalb darauf, die könig⸗ liche Reiterei unſchädlich zu machen, wo möglich zu ver⸗ derben. Zuerſt ſollten die Cavaleriebarracken auf dem Portland⸗Platze in Brand geſteckt werden. Caſtle, als Schmied mit einigen chemiſchen Kenntniſſen, erhielt den Auftrag, ſo viel Brennſtoff anzufertigen, als dazu nö⸗ 18 Der Spa-Field Aufruhr. thig ſei; er ſolle ihn aber in der Art zuſammenſetzen, daß der Brand nicht allein die Barracken in Flammen ſetze, ſondern möglicherweiſe auch ſo, daß die Cavale⸗ riſten in dem Rauch erſticken müßten. Er verſprach ſein Beſtes zu thun, aber dazu gehöre ein Laboratorium und ein großes Magazin. Man beſchloß, zu dieſem Zwecke ein Haus zu miethen, vorſchützend, man wolle darin ein Oelmagazin anlegen. Ein geeignetes Local fand ſich auch in der Seymourſtraße, zugehörig einem achtbaren Manne, Mſtr. Coſſer. Thiſtlewvod ſollte es auf ſeinen Namen miethen. Aber Coſſer, als er nach Erkundigung erfuhr, daß Thiſtlewood nur ein Miether, kein Eigen⸗ thümer, ſei, wollte ſich nicht darauf einlaſſen. So ward die Sache rückgängig. Den Plan mit dem Brennſtoff gab man nun auf, aber es ſollten Piken gefertigt werden. Caſtle erhielt nachmals den Auftrag dazu. Aber er hatte weder eine eigene Schmiedewerkſtatt, noch— und das iſt ſonder⸗ bar— ein Muſter dazu. Um deswillen ward ein Schmie⸗ demeiſter Bentley angegangen, eine ſolche Pikenſpitze als Muſter herzugeben, es ſei die Abſicht, mehre dergleichen behufs eines Gitters für ein Kaninchengehege zu ferti⸗ gen. Bentley hatte kein Arg, er gab eine ſolche Mu⸗ ſterpike her, und zugleich ſeine Werkſtatt, damit in der⸗ ſelben die Pikenſpitzen von Caſtle geſchmiedet würden. Das Comite beſtellte nunmehr bei letzterem— 250 Stück. Nachdem ſie fertig waren, nahm ſie der junge Watſon an ſich. Sie wurden von dieſem und Caſtle nach Wat⸗ ſon's Wohnung in Hydeſtreet gebracht. Caſtle erfuhr nachher nichts mehr von dieſen Piken. Aber als Wat⸗ ſon ſeine Wohnung verlaſſen, fand man bei der Aus⸗ räumung des Abtritts in demſelben 199 Pikenſpitzen, die dem Bentley'ſchen Muſter vollkommen ähnlich waren.. Der Spa-Field Aufruhr. 19 n, Die Organiſation der Verſchwornen war folgende. en Thiſtlewood hatte, wie bemerkt, den Oberbefehl, Wat⸗ ⸗ ſon nächſt ihm, Hooper war der dritte, Caſtle der vierte, in der junge Watſon der fünfte; der lahme Preſton der nd letzte. Am 10. November wurde beſchloſſen, daß bei e der nächſten großen Verſammlung zu Spa⸗Fields der . Aufſtand ausbrechen ſolle. Davon ging man aber ab. 5 Es ward nur eine große Volksverſammlung verabredet, — um dort über die Noth der Zeit und die Mittel zur Ab⸗ . hülfe zu berathen. Verſchiedene öffentliche Anſchläge deu⸗ 1g teten darauf hin, daß ein„Wohlfahrtsausſchuß“ ernannt ſei. Namen wurden dabei genannt, deren Eigenthümer wol ſelbſt kaum darum wußten. Aber merkwürdig ſei es, ſagte der Ankläger, daß man bei Watſon's Verhaf⸗ tung, am 2. December, in ſeiner Taſche ein Papier ge⸗ . funden, welches folgende Liſte von Mitgliedern dieſes — Wohlfahrts ausſchuſſes enthalten:„Sir Francis Burdett, Lord Cochrane, Mr. Arthur Thiſtlewood, Major Cart⸗ wright, Mr. Fr. Hunt, Mr. Gole Jones, Mr. R. O Connor, Mr. James Watſon u. ſ. w. s Um Zulauf zu ihren Meetings zu erhalten, gebrauch⸗ „ ten ſie anſcheinend unſchuldige Mittel, es geſchah Alles, „ der Humanität willen. So beriefen ſie durch eines ihrer Placate alle Unglücklichen, namentlich heruntergekommene er Künſtler, Fabrikarbeiter; ſie wollten mit ihnen Rath en. pflegen, wie ſie aus ihrer gräßlichen Noth ſich losma⸗ d. chen könnten:„Konnte etwas infamer ſein, als die Leute on aus den untern Ständen, die Gedrückten und die Ar⸗ at⸗ men zuſammenzuberufen, unter dem Vorwande, ihnen hr Rath und Hülfe zu gewähren, und ſtatt deſſen von ih⸗ at⸗ rem Unglück Vortheil ziehen zu wollen, indem man ih⸗ us⸗ nen etwas in Ausſicht ſtellte, was nicht zu erreichen en war und ſie der Gefahr ausſetzte, für Zwecke ihr Leben en⸗ 20 Der Spa-Field Aufruhr. oder ihre Freiheit zu laſſen, die nicht ihre, ſondern An⸗ derer, ihrer Verführer, waren.“ Da keiner unter den Verſchwornen ſich einigen An⸗ ſehens erfreute, und die Ariſtokratie des Rufes auch unter einem Pöbelhaufen eine Nothwendigkeit iſt, ſuchte man nach einen Führer von auswärts, und Mſtr. Hunt, ſchon berühmt durch ſeine Volksreden, wurde nach Lon⸗ don, um dort den Redner zu machen, berufen. Der Staatsanwalt hält es für angemeſſen, dieſen Mann zur Zeit noch mit zarter Hand anzufaſſen:„Ich glaube in⸗ deſſen nicht, daß dieſem Gentleman der wahre Zweck des Meetings bekannt gemacht worden, daß man dem⸗ ſelben vielmehr nur den Nothſtand der Handwerker und Arbeiter als eigentlichen Gegenſtand vorgeſpiegelt hat.“ Das erſte große Meeting, was zu Stande kam, war am 15. November. Es lag noch nicht im Plane, dies⸗ mal in offener Empörung auszubrechen. Eine Flagge wehte mit der Inſchrift:„Natur, um den Hungerigen zu nähren; Wahrheit, um den Unterdrückten zu ſchützen; Gerechtigkeit, um die Unterdrücker zu ſtrafen!“ Nach der Verſammlung war ein gemeinſchaftliches Feſteſſen in der Bouverieſtraße, an dem Hunt Theil nahm. Ein nächſtes Meeting ſollte gleich nach dem Zuſam⸗ mentritt des Parlaments, im Februar 1817, ſtattfinden. Dies war für den jungen Watſon ein zu langer Auf⸗ ſchub. Er forderte, daß ſpäteſtens innerhalb 17 Tagen die zweite Verſammlung ſtattfinde, und ſie ward auf den 2. December 1816 anberaumt. Mit angeſtrengter Thätigkeit ward dahin gewirkt, die Köpfe der Menge zu entflammen. Ein Straßenanſchlag lautete folgender⸗ maßen: „England erwartet, daß Jeder ſeine Pflicht thun wird.— Am 2. December wird ein Meeting ſtattfinden, ——— un zu wi ſi V in Der Spa-Field Aufruhr. 21 um die Antwort des Prinz⸗Regenten auf die Petition zu empfangen, welche beim letzten Meeting beſchloſſen ward; auch werden andere wichtige Berathungen ſtatt⸗ finden: der gegenwärtige Zuſtand Großbritaniens: Vier Millionen in Elend und Noth!!!— Vier Millionen in Verzweiflung!!!— Ein und eine halbe Million in Furcht vor ihrem Untergange!!!— Unſere Brüder in Irland in einem kläglichen Zuſtande!!! Die Steigerung des Elends iſt vollſtändig; es kann nicht weiter gehen. Der Tod würde jetzt ein Troſt für Millionen ſein.— An⸗ maßung, Thorheit und Verbrechen haben die Dinge zu dieſer entſetzlichen Kriſis gebracht. Nur Feſtigkeit und Unbeſcholtenheit können das Volk retten. Nach dem letzten Meeting haben einige zügelloſe Leute das Eigen⸗ thum von Privaten angegriffen. Sie hatten keinen Be⸗ griff vom Zwecke des Meetings. Es war nicht der, ei⸗ nige unſerer Mitbürger, die mit uns leiden, noch zu berauben; der Tag wird bald da ſein, wo ihr Elend enden wird. Den Leiden der Nation muß abgeholfen werden.— John Dyall, Vorſitzender, Thomas Preſton, Secretair.“— Kurz vor dem Meeting gingen der junge Watſon und Andere aus, um verſchiedene Waffenſchmiedläden zu beſichtigen, auch die Magazine für die Marine. Man ſah ſich nach Waffen um, deren die Verſammlung ſich bemächtigen könnte. Um den Widerſtand der Soldaten zu hemmen, berieth man ein eigenthümliches Mittel. Man ſammelte eine Anzahl junger Mädchen und Frauen, die ſich ausſchmücken mußten, ſo gut es ging, alle mit dreifarbigen Kokarden; man wollte ſie an die Spitze der verſchiedenen Diviſionen ſtellen. Auf dieſe würden die Soldaten doch nicht ſchießen können. Waffen verſchiedener Art waren angekauft, darunter 22 Der Spa-Field Aufruhr. Piſtolen, welche bei Hooper vorgefunden wurden, der durch die Anſtrengungen des Lord Mayor und Sir D. Shaws eingefangen ward. Auch Caſtle war beauftragt, Säbel und Piſtolen einzukaufen, er richtete es aus. Am 1. December verſammelte ſich das Comité in Greyſtoke⸗ haus, wo ſie, mit Ausnahme von Thiſtlewvod, zu⸗ ſammen aßen und ſich mit dem Verſprechen trennten, am nächſten Tage in Spa⸗Fields wiederzuſammenzu treffen. Caſtle hatte den Auftrag, ſo viel Wagen und Karren zu miethen, als er könne, zu Rednerbühnen, um Waf⸗ fen nach dem Verſammlungsplatz zu ſchaffen, vielleicht auch, um eine Art Barricade oder Wagenburg zu bil⸗ den. Es gelang ihm nicht. Er konnte nur einen Fiaker dingen, Namens Windarnunde. Auch dieſer ſchlug es aus, ſein Pferd mit Bändern und dreifarbigen Kokar⸗ den zu ſchmücken. Waffen und Munition in dieſen einen Wagen ladend, marſchirten die Parteien indeſſen nach Spa⸗Fields. Unterweges war viel die Rede da⸗ von, daß ſie der„alten Lady“ und dem„alten Gentle⸗ man“ einen Beſuch abſtatten wollten. Unter jener meinten ſie die Bank, unter dieſem den Tower. Caſtle trennte ſich auf dem Wege von den Andern. Er ſollte ſich nach den öſtlichen Stadttheilen wenden, und wenn er daſelbſt einen gehörigen Anhang finde, einen Angriff auf den Tower verſuchen. Er(der jetzige Königszeuge, bemerkt der Ankläger mit Abſicht) hatte alſo keinen Antheil an den folgenden Auftritten auf Spa⸗Fields, als daß er den Aufrührern den Wagen verſchafft hatte. Die Vertheilung der verſchiedenen Streitkräfte war übrigens ſchon am Sonnabend(30. November) in Ord⸗ nung gebracht, ſie waren in drei Hauptmaſſen getheilt, die beide Taſ dem woll der fühe Divi ſn und dan nach bar Gil Holl Lne Ghe Lon So maſſ ward gen ach kitio ez fi ſtu gefi der D. agt, Am oke⸗ zu⸗ ten, enzu rren af⸗ eicht bil⸗ iaket es far⸗ eſen ſſen da⸗ tle⸗ ener ern⸗ den, inde, atte auf gen war Ord⸗ heilt, Der Spa-Field Aufruhr. 23 die eine auf der London⸗Brücke, die andere auf den beiden Seiten des Towers. In Watſon des Aelteren Taſchen, als er in der Nacht nach dem 2. December in dem Augenblick verhaftet ward, wo er London verlaſſen wollte, fand man außer jenem Zettel, der die Namen der Comitémitglieder enthielt, ein anderes Papier mit folgenden Worten: „Die Schmiede, Weſtminſter-Road, bilden drei Diviſionen und ſammeln, ſo viel ſie können, und tref⸗ fen die Londoner Diviſion auf der Londoner Straße, und marſchiren nach dem Alten Mann, Paddington; dann nach St. Giles— Barricaden in jeder Straße nach Holborn⸗Bars und die Mündungen nach Temple⸗ bar— Barricade Chancery⸗Lane und Careyſtreet. St. Giles Diviſion zu barricadiren bis nach St. Andrews Holborn, Chancery⸗Lane einzuſchließen; 3) Greys Inn Lane; 4) St. John Street und Old Street; 5) White Chapel; 7) die Bank; 8) Picket Street.“ Hier alſo war der ganze Operationsplan entwickelt; Tower und Bank ſollten vor Allem angegriffen werden. So fanden ſich am 1. December in der That die Volks⸗ maſſen vertheilt und aufgeſtellt. Während des Meetings ward auch eine Karte von London vorgezeigt, wie Zeu⸗ gen es geſehen, um den Marſch der Truppen den An⸗ führern zu erklären und die Ausführung leichter zu machen. Beim Meeting ward auch Hunt erwartet. Die Ver⸗ ſchwornen hielten es indeß für angemeſſen, in ihrer Ope⸗ ration vorzuſchreiten, ehe noch Hunt kam. Sie hielten es für nöthig, ihren Partiſanen vor ſeiner Ankunft In⸗ ſtructionen zu geben. Vom Wagen herab, deſſen Inneres mit Waffen an⸗ gefüllt war, hielten ſie wüthende Reden, vor Allen der 24 Der SpaField Aufruhr. jüngere Watſon. Aus der Rede des Aelteren hier die Hauptzüge: „Freunde und Mitbürger!—— Ich kann nicht genug meine Freude ausdrücken, welche ich in dieſem Augenblicke empfinde, eine ſo ehrenwerthe Verſammlung anreden zu dürfen. Die Petition, welche Herr Hunt dem Prinz⸗Regenten übergeben ſollte, war in der Hoff⸗ nung abgefaßt, daß Seine königliche Hoheit eine Ant⸗ wort geben werde auf den Schrei, den dieſe Tauſende von Verhungernden um ihn erheben.— Ich bin betrübt, Euch verkünden zu müſſen, daß er keine Antwort gege⸗ ben hat—, daß er keinen Troſt für uns hat. Auf dieſem Wege wird uns alſo nicht geholfen. Heut ſind wir hier, um unſere Maßregeln zu nehmen, und Eng⸗ land gewärtigt, daß Jedermann ſeine Pflicht thun wird.“(Jubel.) Hier wiederholte der Redner die Worte der Proclamation, er zählte die Millionen Leidende auf.„Und wo dieſes allgemeine Elend iſt, wie wenige genießen da glänzenden Lurus! Nur eine halbe Million von allem Volke dieſer Inſeln ſieht nicht den Hungertod und das Verderben vor ſich!— Ich frage Euch, Lands⸗ leute, haben die Miniſter ihre Pflicht gethan, indem ſie dem Prinz⸗Regenten anriethen, auf Euern Nothſchrei nicht zu achten?(Nein!)— Hat der Prinz⸗Regent ſelbſt ſeine Pflicht gethan?(Nein, nein!)— Gab es je in dieſem Reiche eine unglückſeligere Zeit als dieſe? (Nein, nein!)— Richt dieſes Land allein ſeufzt unter dem unerhörten Druck; auch unſer Schweſterland, Ir⸗ land. Dort kann das Elend, das Leiden nicht höher geſteigert werden. Soll⸗das ſo fortgehen, ſollen wir von Mönat zu Monat, von Jahr zu Jahr vergebens um Hülſe rufen zu dem, der der Vater ſeines Volkes genannt wird?(Nein, nein!) Der Augenblick iſt ge⸗ kon ner Ja W de Re we ich die kein vor er die nicht dieſem mlung Hunt Ant⸗ vſende etrübt, t gege⸗ Af t ſid Eng⸗ thun Vorte idende venige illion gertod ands⸗ em ſie hſchrei Regent ab es et unter d Jr⸗ en wir gebent Polle iſt ge Der Spa-Field Aufruhr. 25 kommen, um etwas zu thun.(Hurra!) Wollen Män⸗ ner von engliſchem Herz und Blut noch Monate und Jahre ſo fortfahren geduldig Hungers zu ſterben?(Nein!) Wie können wir in unſere Rechte wiedereingeſetzt wer⸗ den?— Nicht durch Redensarten. Nicht durch lange Reden, nicht durch Petitionen; denn unſere Petitionen werden nicht geleſen.(Bravo!) Scheint es doch wirk⸗ lich, als wären wir in einer Art von Leibeigenſchaft; die Rechte der bürgerlichen Geſellſchaft finden auf uns keine Anwendung. Der Schrei der Maſſen, der ſich von Zeit zu Zeit erhob, hat für uns nichts losgeriſſen. Das Parlament, beſtimmt zum Schutz des Volkes, ward zuſammenberufen, um über unſere Nothzuſtände zu be⸗ rathen, um in ſeiner Weisheit, wenn es Weisheit be⸗ ſitzt, unſere Lage zu erwägen. Wie die Dinge traurig ſtehen, hätten ſie auf unſern Ruf hören müſſen, ſie hätten die Lage der hungerſterbenden Millionen ins Auge faſſen und nicht taub ſein müſſen zu unſern Klagen. (Gebrüll der Beiſtimmung.) So bleibt es denn bei uns, daß wir berathen, wie uns zu helfen iſt. Man hat uns richtig geſagt, daß Handel und Wandel vernichtet ſind; aber ſo bleibt uns doch die Erde, welche die Natur be⸗ ſtimmte dem Menſchen Unterhalt zu ſchaffen.— Die Erde iſt fruchtreich genug, daß jeder unglückliche Menſch erträglich auf ihr leben kann. Wenn er nur einen Spaten und eine Hacke hat, die Mutter Erde aufzuwer⸗ fen, ſo hat er genug, um nicht Hungers zu ſterben. Wie aber läßt ſich das in der Lage thun, in der wir uns befinden? Ich will es Euch ſagen. Schon ſagte ich Euch, daß die natürlichen Bande der Geſellſchaft ver⸗ nachläſſigt ſind. Wie iſt unſere Lage? Sie haben uns in einen Naturzuſtand zurückverſetzt. Sie haben nicht gehört auf das Geſchrei der Hungernden und Verhun⸗ XIV. 2 26 Der Spa-Field Aufruhr. gernden. Es vergeht kein Tag in dieſer großen Stadt, wo nicht in ihren Straßen Einer oder der Andere wirk⸗ lich Hungers ſtirbt. Wiſſen ſie es etwa nicht?(Nein!) Und wären ſie unwiſſend, ſo dürfen ſie es nicht ſein; aber ſie ſind es auch nicht. Sie wiſſen recht gut, daß das Volk in jedem Theile des Königreiches vor Hunger umfällt, und doch wollen ſie kein Mittel zulaſſen, es anders zu machen.(Stöhnen) Wollen ſie unſern Schrei nicht hören?(Nein!) Hat man nicht zu ihnen geſpro⸗ chen in der höflichen Sprache der Dulder?(Ja.) Die Juden waren lange Zeit im Zuſtande der Leibeigenſchaft, aber wir doppelt ſo lange. Seit der normänniſchen Er⸗ oberung haben Könige und Lords uns betrogen Sie haben, in wie vielen Fällen, das Volk zu ihren eignen ſchlechten Zwecken benutzt, aber das darf nicht länger ſo dauern.“(Jubel.) Der Staatsankläger erblickte in der Anſpielung auf die normänniſchen Eroberer einen indirecten Angriff auf die königliche Autorität. Heftiger noch ſprach der junge Watſon: ——„Wir erhielten vom Prinz⸗Regenten keine andere Antwort, als daß er uns ſagte, daß ſeine Fa⸗ milie nie auf die Bitten des Volkes höre; daß ſie nicht auf eine Petition antworte, ſie komme denn von den Uni⸗ verſitäten von Oxford und Cambridge, oder von der Corporation von London. In andern Worten, ich will nicht auf die Bitten des Volks hören— ich⸗ Dieſer Mann(man; könnte auch Menſch hier überſetzt werden) nennt ſich ſelbſt den Vater ſeines Volkes— er! Iſt es nicht die Pflicht eines Vaters, ſeine Kinder zu ſchützen? (Ja!) Handelt er ſo?(Nein!) Nein, er gibt Euch nur zu viel Grund zu Klagen, indem er auf Eure Rechte mit den Füßen tritt. Er ſpart keinen Luxus. nig ner juh 0 Fol der Der Spa-Field Aufruhr. 27 Er weiß, die Koſten kommen aus Euern Taſchen. (Stöhnen.) Sollen wir das länger dulden?(Nein!) Wollen Engländer es länger dulden, daß ſie mit Füßen getreten werden, wie die armen oafrikaniſchen Sklaven in Weſtindien, oder wie Steine und Klötze?(Nein, wir müſſen erlöſt werden.) Wir können nichts erwarten. (Nichts.) Verzeiht mir,— ſeit unſerm letzten Meeting, wo wir die Reſolution faßten, daß Alle, jeder für den Andern, einſtehen müſſe, da haben einige Perſonen Suppe von Ochſenknochen an die Armen ausgetheilt. Auch brachten einige 200 und 300 Pfd. St., das wa⸗ ren aber ſolche, die 100,000 oder 200,000 hätten opfern müſſen. Glaubt Ihr, daß dieſe Spender aufrichtige Wünſche für das arme Volk haben? Sie ſpringen vor und rauben Euch alles, und ſchenken Euch dann einen Pfen⸗ nig, damit Ihr am Thor die Sperre zahlen könnt. (Gelächter und Geklatſch.) Der Prinz⸗Regent, in ſei⸗ ner ungeheuern Großmuth, hat, um unſerer Noth ab⸗ zuhelfen, 5000 Pfd. St. beigeſteuert, aber aus einem Fonds, der ſeine Taſche nicht berührt.(Jubel.) Er plündert Euch um Millionen, und gibt Euch dann von der Beute etwas ab. Hier mein Freund(auf Preſton deutend) iſt von den Regierungsjournalen als ein zweiter Wat Tyler geſchildert worden. Kein ſchlechter Titel, aber möge man ſich auch erinnern, daß Wat Tyler kühn darauf losging, um eine ungerechte Steuer zu Schanden zu machen, und es wäre ihm geglückt, wenn er nicht ſchändlicher Weiſe von William Walworth, dem dama⸗ ligen Lord Mayor, ermordet worden. Aber wir haben keinen ſo ſtierbulligen Lord Mayor mehr, und wer ſo wie er von Tauſenden braver Landsleute umgeben iſt, braucht auch dann nicht am Erfolg zu verzweifeln. (Hurra!) Von Seiten der Miniſter ſcheint der Ent⸗ 9 4 —— ——— 28 Der Spa-Field Aufruhr. ſchluß feſt, die Sachen durchzuführen wie vornehme Herren, oder wie ſie ſagen: Unſer gnädigſter Herr und König wird alles mit Feſtigkeit zu Ende führen. Kurz, ſie werden die Sache ſo durchſetzen, daß die Stimme des Volkes dabei ganz verhallt.(Laute Beiſtimmung.) Wenn ſie uns nun nicht geben, was wir nöthig haben, ſollen wir es uns dann nicht nehmen?(Ja, ja, von allen Seiten.) Seid Ihr willig es zu nehmen?(Ja, ja!) Wollt Ihr jetzt gehen und es Euch nehmen?(a!) Wenn ich jetzt zu Euch runter ſpringe, wollt Ihr mir folgen?“(Ja, ja! antwortete es von tauſend Stimmen.) Hier bricht die Anklageacte ſchroff ab; ſie iſt zu Ende. Mehr Worte ſind unnöthig, argumentirt der An⸗ kläger, der Hörer denkt ſich das Uebrige, der Leſer mag es ſich desgleichen denken. Alles Fehlende geht aus den Zeugenausſagen von ſelbſt hervor, und der factiſche Schluß, von dem hier kein Wort, iſt den Zuhörern von ſelbſt bekannt. Der engliſche Berichterſtatter iſt darin ganz Engländer, Egviſt, er denkt nicht an fremde Leſer und Referenten, die mühſam aus den verworrenen Zeu⸗ genausſagen ſich den thatſächlichen Zuſammenhang zu⸗ ſammenſtellen müſſen. Außer der einen großen, die vom Wagen in der Mitte der Verſammlung flatterte, waren in der Ver⸗ ſammlung eine Menge kleinerer, ſämmtlich dreifarbige Fahnen, grün, weiß und roth. Auf einem Banner, das von einem Manne getragen wurde, ſtanden die Worte:„Die Herren Soldaten ſind unſere Freunde, behandelt ſie freundlich.“ Sehr viele Perſonen trugen drei⸗ farbige Kokarden. Der Wagen war vollgeſtopft von Men⸗ ſchen, unter ihnen beide Watſons, Preſton und Hooper. ehme und Kurz, e des ug.) aben, von Go, Gal) mit men) ſt zu An⸗ mag den tiſche von darin Leſet Zeu⸗ e⸗ mder Ver⸗ rbige nner, die unde, drei⸗ Men⸗ oper. Der Spa-Field Aufruhr. 29 Nachdem der junge Watſon jene Rede gehalten und das Volk auf ſeine letzte Frage ihm Ja geantwortet, er⸗ griff er die große Fahne und ſprang vom Wagen. Alle, wie vom ſelben Geiſt ergriffen, folgten ihm und er zog mit dem Pöbel nach Coppice⸗Row. Die Fahnen vorauf. Zwei Polizeibeamte wollten ſie dem Träger entreißen und geriethen darüber in einen Kampf. Es gelang ih⸗ nen, nur einen Theil der Flagge und des Stiels abzu⸗ reißen und abzubrechen, was eine Störung veranlaßte, aber den Zug nicht verhinderte. Einige ſchrien:„Nach dem Tower!“ Andere„Nach der Bank!“ Noch Andere„Jum Lord Mayor!“ Be⸗ waffnet waren damals nur wenige. Ein Theil der Tumultuanten richtete ſich nach der City. In den ſogenannten Minories plünderten ſie mehre Waffenläden, die Schaufenſter zerſchlagend, Per⸗ ſonen verwundend. An andern Häuſern wurden die Thüren eingerannt; ja, vor eines ward ein Geſchütz, wie es ſchien bis an die Mündung geladen, poſtirt, um nö⸗ thigenfalls die Thüre einzuſchießen. Sobald einige im Hauſe waren, reichten ſie die Gewehrſtücke den andern hinaus. Man ſah bald darauf 300— 400 der Aufrührer durch die Minories ſtürmen, mit Flinten, Piſtolen, Meſſern, Dolchen und andern Waffen bewaffnet. Sie pafften und ſchoſſen unter wildem Geſchrei. Auch eine kleine Karronade von Erz wurde von Matroſen gezogen. Aber ſchon zehn Minuten, nachdem er die Minories ver⸗ laſſen, ward dieſer Haufe von der königlichen Garde zu Pferde auseinandergeſprengt. Sie riefen ſich zu:„Zu⸗ rück nach Spa⸗Fields!“ wo noch Viele von der Ver⸗ ſammlung zurückgeblieben waren. Bei dieſem Waffenraube ward der Matroſe John Cashman und Andere ergriffen und ſchon vor dem 30 Der Spa-Field Aufruhr. Hochverrathsproceſſe vor die Jury geſtellt. Man zog es vor, obgleich einige Zeugen bekundeten, ihn mit einer der Fahnen auf dem Wagen zu Spa⸗Fields ſtehen ge⸗ ſehen zu haben, ihn nur wegen Raubes im Aufruhr an⸗ zuklagen. Er konnte, auf handhafter That ergriffen, nicht leugnen, vertheidigte ſich nur damit, daß er be⸗ trunken geweſen, ward Schuldig erfunden und hinge⸗ richtet. Dieſer Proceß hatte ſchon am 17. Januar ſtatt⸗ gefunden und bietet nichts beſonders Intereſſantes, als daß man den ſehr jungen Menſchen bedauerte, der al⸗ lein für ſo viele Schuldigere mit dem Leben hatte büßen müſſen. Im Manſion⸗Houſe, wo man des Aufſtandes ge⸗ wärtig war, hatte man die Conſtabler zuſammenberufen. Aber der Aufſtand war früher ausgebrochen, als man erwartet, ſchon gegen 12% Uhr. Der Recorder Sir Ja⸗ mes Shaw, der ſich dort früher eingefunden, ſendete daher, auf die Nachricht von der Plünderung der Waf⸗ fenſchmiedläden, und daß ein Gentleman in der Schrei⸗ nerſtraße bereits erſchoſſen ſei, mit dem Lord Mayor nach Guildhall nach militairiſcher Hülfe. Beide Magiſtratsperſonen begaben ſich, als ſie hör⸗ ten, daß die Aufrührer die Royal⸗Exchange angriffen, dahin. Das ſüdliche Thor war von ihnen ſchon einge⸗ nommen, die Magiſtratsperſonen drangen daher mit ihrer Mannſchaft durch das nördliche ihnen entgegen. Es gelang ihnen hier, mehre der Tumultuanten zu er⸗ greifen, und Shaw nahm ihnen mit eigner Hand eine dreifarbige ſeidene Fahne ab. Hier war damit der An⸗ griff zurückgewieſen. Ein anderer Haufe zeigte ſich vor dem Tower. Thiſtle⸗ wood ward von einem Zeugen an ihrer Spitze erkannt, wie er ein Schwert in der Hand ſchwang. Doch trug ges iner ge⸗ an⸗ ifen, be⸗ inge⸗ ſtatt⸗ „ch r al⸗ üßen 3 ge⸗ ufen. man dete hrei⸗ ayor hör⸗ iffen, inge⸗ mit egen. u er⸗ eine An⸗ iſtle⸗ annt, trug Der Spa-Field Aufruhr. 31 er ſich hier anders, als man ihn ſonſt geſehen; in einem großen Ueberrock mit hohen Stiefeln. Er trat dicht an das Gitter am Graben, und, hoch den Degen ſchwin⸗ gend, parlamentirte er mit den Soldaten auf den Wäl⸗ len. Er verſprach die Gemeinen zu Capitainen zu er⸗ heben und doppelte Löhnung, wenn ſie gemeinſame Sache mit dem Volke machen wollten. Die Aufforderung blieb natürlich ohne Erfolg. Man hörte Lärm von den Mi⸗ nories her, wo die Truppen mit den Plünderern hand⸗ gemein geworden, worauf Thiſtlewvod ſich bald aus dem Staube machte, ſeinen Degen unter dem Ueberrock ver— bergend. Zwei Soldaten, welche in der Stunde auf den Wällen Schildwacht geſtanden, bekundeten, daß der Mann, an der Spitze des Volkes, zu ihnen geſagt: „Soldaten, öffnet die Thore, wir wollen Euch hundert Guineen zahlen!“ Der Andere hatte auch von der dop⸗ pelten Beſoldung gehört und die Worte:„Ich halte die Soldaten nicht für meine Feinde, ſondern für meine Freunde. Ihr habt für die Rechte unſeres Landes ge⸗ fochten, und könnt ſie doch nicht erhalten.“ Der Angriff auf den Tower zerfiel alſo in ſich ſelbſt, ohne daß es zu einem Kampf gekommen wäre. Eine andere Diviſion war nach der London⸗Brücke beſtellt. Es waren(nach dem Dispoſitionsplan, in Watſon's Taſche gefunden und nach einer Angabe Caſtle's) Schmiede, aus einer Factorei jenſeits des Waſ⸗ ſers. Caſtle war, nachdem er den Wagen gemiethet, die Munition darauf geladen(die übrigens, auch nach ſeiner Ausſage, in einem ſchmuzigen alten Taſchentuche und im Fuß eines alten Strumpfes Platz fand), dann den Tower beſichtigt und noch eine Fahne anfertigen helfen, nach der London⸗Brücke gegangen, wo er die Schmiede treffen ſollte. Dieſelben hatten 12 Schilling und 6 Pence 32 Der Spa-Field Aufruhr. zur Kriegskaſſe ſubſcribirt! Aber ſie ſtellten ſich auf der Brücke, nach Caſtle's ſpäterer Ausſage, nicht ein, oder vielleicht waren ſie ſchon nach Spa⸗Fields gegangen. Caſtle traf dagegen, indem er ſich nach den Mino⸗ ries begab, auf Hunt in der Nähe von Cheapſide, wo damals noch alles ruhig war. Er fragte Hunt, der in einer Kaleſche angefahren war, warum er ſo ſpät komme? Der jüngere Watſon ſei ſchon mit einem Trupp Leute von Spa Fields nach dem Tower aufgebrochen, wie er berichtet worden. Hunt ſah nach der Uhr(es war etwas über 12 ½) und antwortete: man habe ihn um 1 Uhr nach Spa⸗Fields beordert. Er ließ darauf ſeine Pferde in der Richtung nach Spa⸗Fields an⸗ peitſchen. Caſtle ſcheint nur umhergeſtreift und bald dem einen, bald dem andern Trupp begegnet oder gefolgt zu ſein. Nach ſeiner Angabe fand er den älteren Watſon ohne Waffen, obgleich er einen Degenſtock führte. Der jün⸗ gere Watſon war an der Spitze der 200 Burſchen, welche lärmend mit Schüſſen in die Royal⸗Exchange und die Bank eingedrungen waren. Wenn man die Bank genommen, ſo war verabredet, ſie aufs äußerſte gegen die Soldaten zu vertheidigen, man wollte Steine, und was man Schweres erfaſſen könnte,— auch Bil⸗ der und Statuen— beſonders aber Glasflaſchen ihnen auf die Köpfe werfen. Die Geſammtkaſſe der Verſchworenen betrug nach ſeiner Angabe höchſtens ungefähr 30 Pfd. St. Der äl⸗ tere Watſon empfing die Beiträge. Das Geld, was man den Soldaten im Tower verſprach, ſollte ihnen aus der Bank gezahlt werden, wenn dieſelbe geſtürmt worden. Die circulirenden Banknoten wollte man für ungültig er⸗ klären und alles baar zahlen. In den Häuſern des hohe Silb prig ſons folge iſes nur nit! 0 Sgu ſilbe brin Bed werd inz men di det odet n. Nino⸗ e r in me? Aute ie er war ihn aruf an⸗ inen, ſein. ohne jün⸗ chen, ange die erſte eine, Bil⸗ ihnen nach r äl⸗ man der rden. g er⸗ des * Der Spa-Field Aufruhr. 3 — hohen Adels(the noblemen houses) hoffte man ſo viel Silber zu finden, um neues Geld mit der Freiheitsmütze prägen zu können. Ein früherer Operationsplan, der aber nach Harri⸗ ſon's Austritt aus dem Comite verworfen ward, war folgender. Da die Vertheidigung viel Gewicht darauf legte, iſt es nicht überflüſſig, ihn hier aufzunehmen. Er ward nur durch das ſcharfe Kreuzverhör, das der Vertheidiger mit dem Kronzeugen anſtellte, herausgepreßt. Durch den künſtlich angelegten Brand in den Portman⸗ Saquarebaraken ſollten ſämmtliche Cavaleriſten in den⸗ ſelben erſtickt werden. Die herausliefen, wollte man um⸗ bringen. Alle Kutſchen ſollten angehalten, die Kutſcher, Bediente, und wer trunken auf der Straße gefunden werde, gezwungen werden in die Reihen der Aufrührer einzutreten. Im Regencypark wollte man den zuſam⸗ mengetriebenen Leuten Brod und Branntwein austheilen. Die, zu welchen man Zutrauen gewonnen, hätte man in dem zu miethenden Hauſe die Pikenſpitzen auf die Stangen befeſtigen und dann den Brennſtoff forttragen laſſen. Die Wagen, die man anhielt, ſollten zu Bar⸗ ricaden benutzt werden, die Pferde zur Volkscavalerie. Wer irgend reiten konnte, ſollte darauf geſetzt werden. Am Ende der Ofpfordſtraße ſtehen zwei Feldſtücke, mit dieſen, hinter zu errichtenden Barricaden, wollte man die Oyfordſtraße beſtreichen.— Aber Hooper war ein Schuhmacher, Preſton desgleichen, und war lahm. Beide konnten nicht reiten, und beide ſollten doch als Ober⸗ officiere und Diviſionsgenerale agiren! Preſton aber meinte, er könne bei ſolchen Gelegenheiten ſchnell genug laufen. Um Piccadilly wollte man alle Eingänge zum Park verbarricadiren. Weil dort nicht Wagen und Kar⸗ ren in gehöriger Zahl vorgefunden werden dürften, ſoll⸗ 2 34 Der Spa-Field Aufruhr. ten die nächſten Eiſengitter, Mauern und Häuſer abge⸗ riſſen werden, um Stoff zu den Barricaden zu gewinnen. Caſtle meinte, nach Watſon's Berechnung, der ein ſehr guter Rechenmeiſter war, hätten dieſe Barricaden im Augenblick fertig ſein können. Der Vertheidiger meinte, zum Abreißen dieſer feſten Mauern und Gitter hätten Tage kaum ausgereicht. Aber die Verſchworenen hofften ſchon in vier Stunden London erobert und zu einer Feſtung umgeſchaffen zu haben. Die verſchiedenen Ge⸗ nerale hätten jeder in ihren Quartieren commandirt. Nach dem Brande der Baracken würde ein Jubelſchrei durch die Stadt ertönt ſein, des Inhalts: die Soldaten ſind zu uns übergegangen!—„die Soldaten, die Ihr wie Ratten erſtickt hattet?“— Caſtle antwortete, es gäbe noch andere Baracken und Soldaten.—„Warum konntet Ihr nicht auch die Soldaten in den Knights⸗ bridgebaracken mit Euerm Geſtank todt machen?“— Thiſtlewood, Watſon und Caſtle hatten die Ueberzeugung gewonnen, daß dieſer Punkt unangreifbar ſei. Die Sol⸗ daten aus dieſer Kaſerne ſollten nur durch Barricaden und die beiden Feldſtücke, die man vor Hyde⸗Park pflan⸗ zen wollte, vom Eindringen in die Stadt zurückgehalten werden. Man hoffte in den erſten genommenen Baracken noch mehr Stücke zu gewinnen, mittelſt deren man die berittene königliche Garde in Reſpekt ſetzen wollte. Die London⸗Brücke ſollte barricadirt werden, damit keine Artillerie aus Woolwich anrücken könne. Da Artillerie aber auch zu Waſſer herangebracht werden konnte, war der junge Watſon und Caſtle in die Werfte hinunterge⸗ ſtiegen, zu berathen, wie man ſich aller Schiffe bemäch⸗ tige. Dieſe ſollten dann in See ſtechen und den könig⸗ lichen Schiffen im Meer die Nachricht bringen, daß eine neue Regierung eingeſetzt wäre; ſie möchten, um neue Be wi we wa und nen To wo Der Spa-Field Aufruhr. 35 tabg.* Befehle einzuholen, nach Hauſe kommen. Demnächſt winen. wäre die Themſe blockirt worden. ein ſchr den im meinte, Der Aufſtand, die Empörung— wenn es eine ge⸗ hätten weſen— lief kläglich ab; dies iſt das einzige Reſultat, hofften was wir aus den zerſtreuten Zeugenausſagen ſchöpfen, n einer und die mit den in den Geſchichtsbüchern aufgenomme⸗ en Ge⸗ nen Notizen und der eigenen Erinnerung ſtimmen. Am nandirt. Tower blieb es beim lächerlichen Parlamentiren Thiſtle⸗ behchrei wood's mit den Schildwachen, und er zog mit ſeinem gulduten Haufen, ohne etwas zu unternehmen, ab. Allerdings tir Ir ſcheint aus einigen Zeugenausſagen hervorzugehen, daß nt, 6 vorher ſchon etwas unternommen war. Einige der Ver⸗ Perum ſchworenen hatten den Soldaten auf der Wache in der jright⸗„Steinküche“ einige Flaſchen Bier vorgeſetzt, auch dem n2— einen einen Schilling Trinkgeld gegeben. Zu eigentlichen ugng Verabredungen war es nicht gekommen, gewiß zu keiner ie Sul ſolchen„daß ein umſichtiger Agitator daraus den Schluß rriciden ziehen können, die Soldaten würden einem Haufen her⸗ npſun gelaufenen Geſindels die wichtige Londoner Feſtung über⸗ thaltn geben. Die Officiere im Tower ſcheinen jedoch Vorſicht Baracken gebraucht zu haben, denn die Schildwachen auf den — die Wällen wurden abgelöſt. di Der Angriff auf die Bank ſcheiterte, wie wir ſahen, lt. durch die Entſchloſſenheit Sir John Shaw's und des nit kein Lord Mayor; hi Lord Mayor; hier ſchon wurden mehre Tumultuanten Küln verhaftet. wa terge Die Zuſammenrottung auf der Londonbrücke, wo nun ich man die kräftigen Arme der Schmiede erwartet, unter⸗ eben blieb ganz; die, welche ſich wirklich eingefunden hatten, en ſcheinen davongelaufen zu ſein und ſich nach Spa⸗Fields gezogen zu haben. u Der Spa-Field Aufruhr. Nur der Plünderzug durch die Minories war gelun⸗ gen und daſelbſt ein bedeutender Schade durch die Zer⸗ ſtörung und Beraubung verſchiedener Waffenladen ange⸗ richtet worden, auch war es dabei zu Blutvergießen gekommen, das aber in die Kategorie von Mord und Todtſchlag fällt. Ein Kampf hatte nicht ſtattgefunden. Die Theilnehmer an dem Zuge wurden beſonders gerich⸗ tet. Die bewaffnete Macht hatte dieſen wildtobenden Haufen ſehr bald überwältigt und auseinandergeſprengt. Was aus der Spa⸗Fields⸗Verſammlung geworden, nachdem Watſon, die Verſchwornen und ihr Anhang fortgeſtürmt, davon finden wir in den Acten keine Er⸗ wähnung. Wahrſcheinlich trat Hunt noch daſelbſt als Redner auf. Die Verſchwornen hatten ihre Kräfte überſchätzt. Die Stimmen des Unmuths und der brüllende Beifall der Menge zu ihren Reden gegen die Regierung waren keine Bürgſchaft, daß Alle, welche ihren Unmuth in dieſer Art ausgelaſſen, wenn es zur That kam, auch die Arme erheben und als Mithelfer bei einem Aufſtand und Hoch⸗ verrath thätig ſein würden, noch dazu, wo die, pelche ihn unternommen, in ihren Perſonen und Mittfln ſo wenig Bürgſchaft für das Gelingen boten. Am Tage ſelbſt, in der darauf folgenden Nacht wur⸗ den Mehre, Andere aber erſt am folgenden Tage ge⸗ fangen geſetzt. Der Proceß gegen die oben genannten vier Perſonen, wegen Hochverraths, ward vom 9. Juni 1817 durch ſieben Tage vor der Kingsbench, unter dem Präſidium des Lord Ellenborough verhandelt. Auf die Frage: ob ſie ſich der in der Anklageatce verzeichneten Verbrechen für ſchuldig oder nicht ſchuldig erklärten? antwortete jeder: Nicht ſchuldig. Auf die Frage: Vie unſe Zeu unſe hitt wirt in ind nch des une erſ übe ihr Die und ſtell Vir duß lich „N ſilb Unt ſch en l5. dn dn wor wie Ve der lun⸗ Zer⸗ nge⸗ ießen und den. rich⸗ enden engt. rden, hang Er⸗ t als Die de keine dieſer Arme hoch velcht ln ſo wul⸗ e ge⸗ onen, durch idium holdig Der Spa-JField Aufruhr. 37 Wie wollt Ihr gerichtet werden?— Durch Gott und unſer Vaterland. In den ſieben Tagen ward eine lange Reihe von Jeugen vernommen, auch über Dinge, über die nach unſern Anſichten es kaum einer Beweisaufnahme bedurft hätte, weil ſie in der Notorietät beruhten, nämlich daß wirklich am 15. November und am 2. Dechr. Meetings in Spa⸗Fields ſtattgefunden, wohingegen, wenigſtens in den abgedruckten Ausſagen, ſolche fehlen, von denen nach unſerem Dafürhalten ſehr viel zur Beurtheilung des ganzen Sachverhältniſſes abgehangen hätte. Bei der unerwarteten Wendung, welche indeß dieſer Proceß nahm, erſchien es wol dem Referenten deſſelben nicht nöthig, über Dinge uns aufzuklären, über welche die Jury durch ihr Verdict eine ganz andere Auslegung geheiligt hatte. Die vernommenen Buchdrucker beſtätigten, daß Watſon und Preſton die aufrühreriſchen Placate bei ihnen be⸗ ſtellt. Einer hatte den Auftrag als gefährlich abgelehnt. Wirthe aus der Umgegend von Spa⸗Fields bekundeten, daß zie Meetings am 15. Novbr. und 2. Decbr. wirk⸗ lich auf dem Platze und zwar vor dem Schenkhauſe zur „Merifnshöhle“ und dabei Zuſammenkünfte in dem Hauſe ſelbſt ſtattgefunden; ſierkannten einen und den andern unter den Angeklagten als Theilnehmer. Dieſe That⸗ ſache, ſo wie daß am 2. Dechr. die Verſammlung gro⸗ ßentheils aus den Perſonen beſtanden, welche ſchon am 15. Novbr. dem erſten Meeting beigewohnt, ward noch durch eine Menge Zeugen bekundet. Die Reden der bei⸗ den Watſons waren von Anweſenden nachgeſchrieben worden; ſie ſtimmten im Weſentlichen mit der Angabe, wie die Klage ſie aufſtellt. In den Gaſſen, wo die Waffenhändler beraubt wurden, vor dem Tower und an⸗ derwärts waren die genannten Perſonen als im Tumulte 38 Der Spa-Field Aufruhr. befindlich und als Anführer geſehen worden. Der zweite Theil unſerer Geſchichtserzählung, welcher ſich den An⸗ gaben in der Anklageacte anſchließt, iſt aus den einzel⸗ nen Zeugenausſagen zuſammengeſetzt, ſo daß hier eine Wiederholung überflüſſig wäre. Aber alle dieſe Zeugen geben nur über vereinzelte Momente und Thatſachen Auskunft, über die Meetings, die dort geführten Reden, den Aufbruch, die Fahnen, den Sturm auf die Waffenläden, die Erſcheinung von dieſem und jenem an dem und dem Orte. Einen voll⸗ ſtändigen Zuſammenhang zwiſchen Urſache und Wirkung, und das einzige Zeugniß über die Vorverabredung, über den Bund, die Verſchwörung zum Aufſtande iſt nur in den Auslaſſungen des Kronzeugen enthalten, der geſtänd⸗ lich ein Mitverbrecher war, und tief, nach ſeinen eignen Angaben in die Urheberſchaft verwickelt. Es kam der Vertheidigung daher alles darauf an, das Gewicht dieſes Zeugniſſes zu entkräften, indem ſie darzuthun verſuchte, daß Caſtle, der jetzt als Zeuge auftrat, der eigentliche Hauptſchuldige, und zweitens, daß er eine Perſönlichkeit ſei, auf deren Ausſage Richter und Geſchworne nichts geben dürften. Dieſe Aufgabe löſte der Anwalt für die Angeklagten Wetherell auf eine merkwürdige Weiſe, die ſchon für ſich allein dieſem Proceß in der Geſchichte der engliſchen Criminaljuſtiz eine Bedeutung gegeben hat. Er ſetzte Caſtle mit ſeinen Kreuzfragen dermaßen zu, daß es bald den Anſchein gewann, als ſitze dieſer Zeuge und nicht die Angeklagten auf der Bank der Angeſchuldigten. Mehrmals ward er von den Richtern und Lord Ellen⸗ borough in ſeinen ſcharfen Fragen mit der Bemerkung unterbrochen, daß er ſich in der Perſon irre, daß wie der Angeſchuldigte auch der Zeuge ein Recht vor Gericht hal Er ter ode m ein ſein fan ger ti m zu vet weite An⸗ inzel⸗ eine nzelte tings, ihnen, g von voll⸗ rkung, „über nut in ſtind⸗ eignen f an, m ſi Zeuge daß r und lagten on für liſchen ſetzte bald nicht digten⸗ Ellen⸗ erkung gwie Guit Der Spa-Field Aufruhr. 39 habe, und daß das Verhör ſich über die Grenzen des Erlaubten ausdehne, indem es Caſtles ganzes Leben zum Gegenſtand ſeiner Unterſuchung machte. Entweder un⸗ terſtützte den Anwalt Caſtle's eignes Schuldbewußtſein, oder die allgemeine, den Angeſchuldigten günſtige Stim⸗ mung, er folgte, wenn auch mit Widerſtreben wie der Vogel dem Blick der Schlange und legte nach und nach ein Bekenntniß ab, wie es ein Vertheidiger zu Gunſten ſeines Schutzbefohlnen von dem Ankläger nur wünſchen kann, um ſeine moraliſche Nichtswürdigkeit an den Pran⸗ ger zu ſtellen. Trotz des hier und da dramatiſchen Intereſſes dieſer Kreuzfragen und der Antworten darauf, die bald die tiefſte Entrüſtung, bald ein Gelächter hervorbringen mußten, müſſen wir uns doch enthalten, ſie hier wieder⸗ zugeben, weil ſie, nach der Natur dieſes Inquiſitions⸗ verfahrens, bunt durch einander fallen, von einem Ge⸗ genſtand zum andern überſpringen und unſere Leſer ſchwerlich dieſem ſehr langen Quodlibet mit Aufmerkſam⸗ keit folgen würden. Wir geben demnach nur folgendes Reſultat in Kürze. Caſtle war, das Wenigſte, was man mit zwei Wor⸗ ten von ihm ſagen kann, ein Herumtreiber und Tauge⸗ nichts. Er konnte nicht angeben, wie alt er ſei; wenig⸗ ſtens rechnete Wetherell ihm nach, daß ſeine ungefähre Angabe ein abſurdes Reſultat lieferte. Er wollte 29 Jahr, höchſtens 33 alt ſein. Als gelernter Schmied hatte er doch mehre 20 Jahre ſeine Profeſſion nicht betrieben, demnächſt mußte er als Kind das Schmiedehandwerk be⸗ trieben haben. Er ſtockte auf die Frage, ob er verhei⸗ rathet ſei? mußte es endlich einräumen, da er nicht ge⸗ wußt, von welcher Frau der Vertheidiger ſpreche. Mit der einen war er verheirathet, mit der andern hatte er 40 Der Spa-Field Aufruhr. * gelebt; es war Verdacht, daß er auch mit mehren ver⸗ heirathet geweſen. Die eine der Frauen hatte er Mittel gefunden, aus dem Lande zu entfernen; der Verdacht war dafür, daß ſie auf dieſen Proceß bezügliche Dinge ge⸗ wußt, die zu verſchweigen für ihn räthlich war. Endlich hatte er eine Zeit lang auch mit einer angeblichen Frau z in einer ſehr verdächtigen Gaſſe gewohnt, konnte aber, 1 in die Enge getrieben, nicht in Abrede ſtellen, daß dieſe 3 Frau ihre Zimmer einzelnen Damen vermiethe, oft auf i ſehr kurze Zeit, und dieſe Damen möglicherweiſe auch wieder einzelnen Herren auf noch kürzere Zeit, und daß n efelbſt das ehrenvolle Amt eines Wächters oder Schreck⸗ iht knechtes in dieſer Wirthſchaft verrichtet. Schmied von er ſe ben ſt Profeſſion, hatte er ſo lange Jahre ſeinem Gewerk nicht obgelegen, ſondern mit Verfertigen und Verkaufen von 4 Kinderpuppen, oder welchen Verdienſt der Tag ihm 5. brachte, ſich ernährt. Stets in Noth, war er nie um* die Mittel verlegen, ſich herauszureißen. Er hatte das i Geſchäft betrieben, franzöſiſche Gefangene für hohe Be⸗ zahlung aus England entfliehen zu laſſen, unter andern ſti war ihm dies mit dem General Lefebre⸗Desnouettes ge⸗ tiſt lungen; einen andern franzöſiſchen Officier hatte er zu Ate erſchießen gedroht, weil dieſer bei der Flucht nicht vom ude Wagen und auf ein Pferd ſteigen wollte. Es war ihm nicht um die Freiheit des Gefangenen, ſondern um die En verheißenen 500 Pfd. St. zu thun. Bei dieſer Gele⸗ tt genheit war er eingefangen worden und hatte zwei Jahre ſitzen müſſen. Daſſelbe Loos war ihm indeß öfters auch m um andere, minder ehrenvolle Angelegenheiten zu Theil un geworden. Im Umgange mit Gaunern jeder Art hatte zu e er ſchon mehrmals falſche Banknoten ausgegeben, er wil war zur Unterſuchung gezogen worden, und während bale ſeine Genoſſen zum Tode oder zur Deportation verur⸗ as Drr Spa-Field Aufruhr. 41 theilt worden, war er allein am Leben und ungeſtraft geblieben, weil er ſich zum Angeber— zum Kronzeugen hatte ſtempeln laſſen. Caſtle war ein Menſch, an dem ſchon das Blut An⸗ derer, das Verderben Vieler klebte, ein Menſch, der es ſich zum Geſchäft gemacht, als Zeuge gegen ſeine Mit⸗ genoſſen aufzutreten. Es kam dem Vertheidiger darauf an zu zeigen, daß er ein Polizeiſpion, daß er ſich bei Watſon, Thiſtlewvod und den Andern eingedrängt, daß er ſie verführt, daß er Dinge gethan, welche ſie verder⸗ ben ſollten, während er, vertrauend auf ſeine Eigenſchaft, nicht geſtraft werden konnte. Vollſtändig iſt dieſer Beweis freilich nicht geführt, aber die Perſon des Zeugen doch in einem Lichte dar⸗ geſtellt, welche ſeine Glaubwürdigkeit ſchwer angriff. Erweislich früher in der größten Dürftigkeit, erſchien er, ſeit er als Denunciant auftrat, in einer gewiſſen Be⸗ haglichkeit, er hatte Mittel gefunden, ſeine Frau mit Geld auszuſtatten, damit ſie ſich aus London entfernen konnte. Er hatte vorzugsweiſe und geſtändlich das Ge⸗ ſchäft für die Verſchwornen übernommen, unter den Arbeitsloſen Anhänger zu werben, er war von Watſon in den Tower geſchickt worden und hatte die Soldaten mit Bier und etwas Geld günſtig zu ſtimmen geſucht. Er war alſo ein Menſch, zu welchem man ſich der Fähig⸗ keit zu ſolchen Geſchäften verſah. Henry Hunt war als Zeuge in dieſem Proceß ver⸗ nommen worden. Seine Ausſage iſt ſehr lang; ſie wurde von ihm wol ſo ausführlich abgelegt, um ſich ſelbſt zu exculpiren, ſich als ein politiſcher Redner darzuſtellen, welcher mit der vorliegenden Sache gar nichts zu thun habe, als daß er von dem Comite berufen worden, um als Gaſtredner beim Meeting aufzutreten. Er leugnete 42 Der Spa-Field Aufruhr. alle nähere Bekanntſchaft mit Caſtle ab, die auch nicht behauptet worden iſt. Caſtle drängte ſich ihm auf. Na⸗ mentlich war dies ſchon beim erſten Meeting geſchehen am 15. November, wo Hunt anſcheinend aus dem Fen⸗ ſter der Merlinshöhle zum Volke ſprach, wenigſtens an dieſem Fenſter mit den andern Mitgliedern des Comitès verkehrte. Nachdem das Meeting beendet, wollte Hunt mit ei⸗ nem Freunde in der Bouverieſtreße in einem Separat⸗ zimmer des Gaſthauſes ſein Mittagbrot einnehmen, aber mehre der Mitglieder des Meeting traten auch in das Zimmer, darunter die beiden Watſon, und zeigten ihren Wunſch an, an der Mahlzeit Theil zu nehmen. Dies war an und für ſich nichts Auffälliges, ſondern pflegt bei ſolchen Gelegenheiten ſo gehalten zu werden, und der Kellner ward beordert, noch einige Couverts aufzu⸗ legen. Aber daß auch Caſtle ſich mit einfand und mit Platz am Tiſche nahm, ohne von Jemand aufgefordert zu ſein, verdroß Hunt ſchon von Anfang an. Caſtle erwies ſich als ein unausſtehliches, aufdringliches Groß⸗ maul. Als die Flaſche umging, um auf des Königs Geſundheit zu trinken, thaten alle Beſcheid und leerten ihr Glas. Nur als die Flaſche zu Caſtle kam, hub der⸗ ſelbe plötzlich mit lauter Stimme an:„Möge der letzte König mit den Eingeweiden des letzten Prieſters ſtrangulirt werden!“ Dieſe Worte ſind berühmt geworden, und durch ſie mit iſt es dieſer Proceß; nur erinnert man ſich nicht, von wem ſie ausgebracht worden, und daß es nicht der diaboliſche Herzenswunſch eines wirklichen Radicalen war, ſondern daß ſie von den Lippen eines Menſchen kamen, der in einem ſehr zweifelhaften Lichte hinſichts ſeiner wahrhaften Geſinnungen ſteht. 8 ſchon und Wat theid das ſchulb B ihle einem ſpun ſcen weſen würd aufſ 6 nicht ſchlef kun e ſuſt Hint dun zu ge wire. war und Sinn nung niht, von nh ken nicht Ne⸗ hche n Fen⸗ ens an omitis mit ei⸗ eparat⸗ , aber in das nihren Dies pflegt und aufzu⸗ id mit fordert Caſtl Groß⸗ Königs leerten ib der⸗ e der letzten uch ſe nicht, cht der en war, kamen, ſeiner Der Spa-Field Aufruhr. 43 Hunt will ſo empört darüber geweſen ſein, daß er ſchon in der Mitte der Phraſe den Redner unterbrach und darauf drang, daß man ihn zur Thür hinauswerfe. Watſon der ältere misbilligte die Worte ebenfalls, ver⸗ theidigte aber Caſtle als einen guten Burſchen, der nur das Maul zuweilen zu voll nehme. Caſtle ſelbſt ent⸗ ſchuldigte ſich. Bald nachher aber ward er wieder ſo vertraut, er⸗ zählte ſeine Abenteuer mit den franzöſiſchen Officieren in einem dermaßen unpatriotiſchen Sinn, daß Hunt auf⸗ ſprang und es für durchaus nöthig hielt, dieſen Men⸗ ſchen aus der Geſellſchaft fortzuſchaffen. Einer der An⸗ weſenden warnte indeſſen vor dem Lärm, den es geben würde. Man beruhigte ſich und Caſtle war plötzlich auf ſeinem Stuhle eingeſchlafen. Er ſchlief, oder ſchien ſo feſt zu ſchlafen, daß er nicht einmal erwachte, als Hunt, der mit ſeinem Ein⸗ ſchlafen zuerſt ſehr zufrieden war, die Andern bat, ihn nun aus der Stube zu ſchleppen. Man faßte ihn nicht ſanft an und Caſtle erwachte doch nicht; da fühlte ſich Hunt, der es jetzt für einen verſtellten Schlaf hielt, ge⸗ drungen, ihm mit der Fauſt„einen Knuff in die Seite zu geben, davon jeder andere Mann zu Boden geſtürzt wäre.“ Aber Caſtle erwachte auch davon nicht. Hunt war nun überzeugt, daß dies ein„Fuchsſchlaf“ war, und ward deſſen um ſo ſicherer, als Caſtle plötzlich zu Sinnen kam, nachdem Hunt und ſein Freund die Rech⸗ nung bezahlt hatte. Caſtle leugnete den Schlaf auch nicht, behauptete aber, betrunken geweſen zu ſein, was von Hunt und andern Zeugen beſtritten wird, da, ſchon nach der Zeche zu ſchließen, ſehr wenig Wein getrun⸗ ken war. Nach dieſer Inquiſition mußte alle Glaubwürdigkeit — ———— 44 Der Spa-Field Aufruhr. des Zeugen verſchwinden, aber der Vertheidiger ſuchte damit auch den Verdacht zu begründen, daß die ganze angebliche Verſchwörung ein von anderer Seite her ein⸗ gefädeltes Werk ſei, um bei dieſer Gelegenheit die mis⸗ liebigen und gefährlichen Perſonen einzufangen und un⸗ ſchädlich zu machen; ein Manveuvre, das bei politiſchen Parteikämpfen leider nicht unerhört iſt. Ein Zeuge, der ihn ſeit ſechs Jahren kannte, ſprach es geradezu aus: er halte ihn für einen Menſchen, und ſei davon über⸗ zeugt, deſſen Eidſchwur nicht zu trauen wäre. Ein an⸗ derer JZeuge, Samuel Steer, hatte von einem Beamten erfahren: daß Caſtle, in Folge ſeiner Dienſte bei dieſem Proceſſe im Miniſterium des Innern eine Anſtellung er⸗ halten, welche für ihn und ſeine Brüder eine jährliche Einnahme von 500 Pfd. St. abwerfen würde. Caſtle war damit vernichtet. Sein Zeugniß fiel nicht allein zuſammen, ſondern wandte ſich gegen ihn ſelbſt, als falſchen Ankläger. Aber der Vertheidiger griff auch den ganzen objectiven Thatbeſtand der Verſchwörung an, indem er ihn im lächerlichſten Lichte zeigte. Wie er den Dperationsplan, der früher angenommen war, nachher aber verlaſſen ward, perſiflirte, ſahen wir oben. Eine Hand voll unbewaffneter, in ſolchen Dingen unerfahrener, Leute wollte die Kaſerne der königlichen Truppen in der Art in Brand ſtecken, daß die Soldaten ſämmtlich darin umkommen müßten. Sie projectirten einen Brennſtoff, deſſen Rauch und Dünſte die Mannſchaft benebeln und erſticken müßte, und die Ausführung eines Dinges, das unter den günſtigſten Umſtänden problematiſch war, da eine Kaſerne keine Höhle iſt mit einem einzigen Loche, das zum Eingang und Ausgang dient, ward einem ver⸗ laufenen Schmiedegeſellen anvertraut, der nicht einmal eine Pikenſpitze recht zu ſchmieden mußte, aber die che⸗ ne de ſol ein dieſ bür ſuchte gonze et ein⸗ ie mis⸗ nd u itiſchen e, der aus: über⸗ in an⸗ eamten dieſen ung e ſihriche el nicht ſilbſt, ff auch ng an, et den nachher Eine ahrenet, darin ennſtoſ⸗ n und e, das var, da em ver⸗ einm die he⸗ Der Spa-Field Aufruhr. 45 miſchen Kenntniſſe zur Präparation eines ſolchen Zau⸗ berpechs beſitzen müſſe! London, die Weltſtadt, mit ſeiner Million Einwoh⸗ ner und darüber, ſeiner Municipalität, Regierung, den Truppen, Anſtalten, der Autorität ſeiner Behörden und dem Reſpect, den der Brite vor ihnen hegt, London ſollte, und damit das britiſche Reich, dem Handſtreiche einiges zuſammengerotteten Geſindels erliegen, oder auch dieſes Geſindel nur ſollte den ernſthaften Glauben ge⸗ hegt haben, daß dieſe uralte durch ihre feſtgegliederte, bürgerliche Ordnung berühmte Stadt ihm erliegen könne! Zwar iſt Aehnliches in Paris in den Februartagen 1848 geſchehen, aber London iſt nicht Paris, und 1816 ſtand die franzöſiſche Ordnung auf andern Baſen als 1848. Und mit welchen Mitteln! Die ſechs Verſchwornen, darunter ein lahmer Schuhmacher, konnten nicht über tauſend Mann gebieten; was ihnen nachlief, zerſtreute ſich beim erſten Angriff, die Plünderer in den Waffenläden knallten wie Kinder mit ihren erbeuteten Gewehren in die Luft, den Tower glaubten ſie zu gewinnen durch ei⸗ nige Flaſchen Bier, an die Soldaten ausgeſchenkt, ihn einzunehmen, indem der Schlächter Thiſtlewood mit ei⸗ nem Haufen zerlumpter Kerle vor das Thor zog und die Soldaten zur Uebergabe unter Verſprechungen auf⸗ forderte, über welche die Soldaten lachen mußten. Nichts war vorbereitet, vorgeſehen, nicht einmal die geſchmie⸗ deten Piken waren zur Hand. Die ganze Munition zu ſolchem Rieſenunternehmen ließ ſich in ein ſchmuziges Schnupftuch und ein altes Strumpfende packen, und die Kriegskaſſe beſtand aus höchſtens 30 Pfd. St. Auf den Indicienbeweis: daß man im Abtritt der Woh⸗ nung, welche Watſon verlaſſen, gegen 200 Pikenſpitzen gefunden, ſcheint die Anklage ſelbſt ſpäter weniger Ge⸗ 46 Der Spa-Field Aufruhr. wicht gelegt zu haben, weil die Vertheidigung ſofort den Einwand gemacht: daß es nur etwas beweiſe, wenn man die Piken zur Zeit gefunden, als Watſon noch dort wohnte. Nachher könnten ſie von Polizeiagenten hinein⸗ geworfen ſein, um einen Beweis zu formiren. Die Stimmung im Publicum war gegen die Regierung ſo, daß man von der Polizei ſolche Manveuvres erwartete. Watſon ſprach nichts zu ſeiner Vertheidigung, er habe nichts der trefflichen Vertheidigung ſeines Rechts⸗ anwaltes hinzuzufügen, als daß er betheuern könne: er habe keine Abſichten gehegt gegen die Form der Regie⸗ rung durch König, Lords und Gemeine. Nach kurzer Berathung kehrte die Jury am 16. Juni mit dem Verdict: Richt ſchuldig! hinſichts Watſon's zu⸗ rück. Die Anklage gegen die Uebrigen ward zurückge⸗ zogen. Der Jubel im Gerichtsſaal, im Volke, in ganz Lon⸗ don war unermeßlich, er dröhnte wider durch die ganze civiliſirte Welt. Man betrachtete die Freiſprechung als einen Sieg der Reformpartei gegen die Willkürmacht, die auch Altenglands freie Inſtitutionen zu erdrücken drohte, man ſah in den Perſonen nur Symbole. Wat⸗ ſon konnte ſich kaum einer Ovation entziehen, indem er bat, ihn erſt gegen Abend, und heimlich, aus einer Hin⸗ terpforte des Gefängniſſes zu entlaſſen. Die Verſchwörung war lächerlich gemacht worden; nicht allein die Freiſinnigkeit, ſondern auch der Stolz der Engländer ward durch die Freiſprechung ſymboliſirt. England verachtete es, ſich durch eine ſo elende Ver⸗ ſchwörung für bedroht anzuerkennen; darum ließ es die Verſchwörer laufen. Wie weit die Worte des Generalanklägers:„Zu⸗ weilen iſt die Schlechtigkeit eines Menſchen ſo groß, daß gſofort e, wenn och dort hinein⸗ Die ung ſo, wartete. ug, er Rechts⸗ ne et Regie⸗ 16. Wni ſons jl zidkgt nz Lon⸗ ie ganze ung als ürmacht, erdrücken Wet⸗ indem et net Hin worden et Stolz nboliſirt. nde Ver⸗ 6„Zu roß, duß Der Spa-Field Aufruhr. 47 7 ſie ihn verleitet, di t, die all ſeinem Zw unzweckmäßi — p ergreifen; und ihl daß der Plan— als Beweis dafür dung finden 3 ge aßt wäre“— 4 eine Fuge gezigt daß—— ma war, was die G i n aus dem nächſten Proceß Die verschwörung in der Catostrasse. 1820. Die Bewegungen des Radicalismus in den Jahren 1816 und 1817 waren in England zwar überwältigt worden, aber ſeine Grundſätze verbreiteten ſich und erregten in den Claſſen, die zur herrſchenden Partei gehörten, Be⸗ ſorgniſſe, daß es nicht immer ſo werde bleiben können. Der Herzog von Bedford hatte, ermuthigt durch den Sieg der Oppoſition im Unterhauſe in Betreff der Ein⸗ kommenſteuer, auf eine Unterſuchung des Zuſtandes der Nation im Oberhauſe angetragen; auch hatte er über das Uebermaß der Steuern geklagt, welche bereits die Hälfte des Einkommens der drei Königreiche verſchlinge und über die enorme Staatsſchuld, die durch die un⸗ volksthümliche Politik der Miniſter täglich vergrößert werde. Selbſt ein königlicher Prinz, des Regenten Bru⸗ der, der Herzog von Suſſex, bekräftigte dieſe Vorwürfe durch die bitterſte Kritik des ganzen Verwaltungs⸗ ſyſtems. Nur das Toryminiſterium blieb feſt in der allgemei⸗ nen Bewegung der Nation; ſeine Grundſätze waren nicht aus der britiſchen Heimat, ſie waren aus dem Conti⸗ nent ihm eingeimpft; es waren die jenes eminenten Gei⸗ dee nel de ni di lu a55l. ren 1516 worden, egten in en, Be⸗ fönnen⸗ uch den der Ein⸗ ndes det et übet reits di rſchlinge die un⸗ ngrößert ten Bru⸗ rwürft altungs⸗ algeni wen nicht n Cout nten Die Verschwörung in der Catostrasse. 49 ſtes, der noch 30 Jahre dem freien Geiſte der Völker auf dem Feſtlande die Feſſeln aufdrücken ſollte, und deſſen Grundſatz war, nur den Thatſachen, ſo weit es unvermeidlich, nie vorbeugend im Princip zu weichen. Metternich's Politik war in die Caſtlereagh's überge⸗ gangen. Er glaubte das Volk durch Trotz und Ver⸗ achtung niederhalten zu können. Caſtlereagh büßte ſpä⸗ ter ſeinen Irthum durch Selbſtmord, zum Heil Eng⸗ lands; er hat ihm eine Revolution erſpart. Und doch fühlte das Miniſterium, daß es etwas dem Gefühl der Nation ſchmeicheln müſſe; es ließ die Kriegs⸗ Malz⸗Taxe fahren und überraſchte ſie durch die Nachricht von der Verlobung der Prinzeſſin Charlotte, dem Volks⸗ liebling, mit dem Prinzen Leopold von Koburg. Eine noch patriarchaliſche Zeit, wo das Volk in Jubel aufging über die Nachricht, daß ſeine Kronerbin ſich verlobte.— Dieſer Jubel dauerte nicht lange. Die Prinzeſſin ſtarb mit ihrem todt gebornen Kinde, und dunkle Gerüchte, anſcheinend beſtärkt durch den bald darauf erfolgten Selbſtmord eines ihrer Aerzte, begleiteten dieſen Todes⸗ fall. Der Verdacht zerfiel vor der Kritik in ſich ſelbſt, wo alle Motive fehlten; aber ſeine Wirkung auf die immer düſterere Stimmung in England blieb nicht aus. Es ward mit den folgenden Jahren nicht beſſer. Die Unerſchwinglichkeit der Abgaben, die Uebertreibung des Manufacturſyſtems, die Kornbills, die Ueberſchwemmung des Handels mit Papiergeld, der ungeheure Reichthum neben der entſetzlichſten Armuth wirkte Erbitterung in den Volksmaſſen, die bis zur Verzweiflung ſich ſteigerte. Es war nicht mehr ein Kampf der Tories und der Whigs, nicht dieſes und jenes Miniſteriums und Syſtems, was die Gemüther beſchäftigte, es galt einer radicalen Hei⸗ lung der Gebrechen einer morſch ſcheinenden Verfaſſung. XIV. 3 50 Die verschwörung in der Catostrasse. Die Reformer, wie ſie jetzt auftraten, erhielten von ihren Gegnern den Namen der Radicalenz ſie ließen ihn, wie das oft mit urſprünglichen Schimpfnamen ge⸗ ſchehen, als Ehrennamen gelten. Ihre großen Meetings wurden bis zum Jahre 1819 eifrig fortgeſetzt, beſonders in den Fabrikſtädten, wo die Zahl der unbeſchäftigten Arbeiter mit jedem Jahre zunahm. Petitionen, Auf⸗ züge, Fahnen mit Inſchriften gehörten zur Tagesord⸗ nung; die Anhänger Hunt's erregten mehr als einen Tumult; aber noch herrſchte das Geſetz mächtig auch unter dieſer von Hunger und Leidenſchaft aufgeregten Maſſe. Es bedurfte nur der Verleſung der Aufruhr⸗ acte, und vor den weißen Stäben weniger Conſtabler wichen Tauſende gehorſam zurück. Heſtiger wurden ihre Lebensbewegungen im Jahre 1819; die Noth war gewachſen; keine Abhülfe, und was ſchlimmer, es ſchien auch keine Luſt dazu unter den Regierenden. In den Meetings, beſonders dem zu Stock⸗ port, traten immer bedeutendere, fanatiſirte Männer auf. Ein alter Baronet, Sir Charles Wolſeley, von ju⸗ gendlich lebhaften Gefühlen und überſpannten Grund⸗ ſätzen, war die Seele dieſer Verſammlungen; ein Sekten⸗ prediger, Joſeph Harriſon, entflammte die Maſſen durch ſeine Beredſamkeit zum Fanatismus. Ein Aufzug von 70— 80,000 Mann ward in der Londoner Vorſtadt Smithfield zu Stande gebracht, und unter den Agita⸗ toren finden wir, außer Hunt, hier wieder die uns aus dem vorigen Falle bekannten Thiſtlewood, Watſon, den lahmen Preſton und den eben erwähnten Prediger Har⸗ riſon. Ein Angriff lag auch wol jetzt im Plane, ohne daß ermittelt worden, was man eigentlich bezweckte, aber der Polizei und dem Militair gelang es, auch dieſe Maſſen zu entwaffnen und auseinander zu bringen. Doch tre erſ ne ſi ih ten von eließen men ge⸗ Nectings eſonders iftigten 6 Auf⸗ gesotd⸗ s einen ig auch geregten ufruhr⸗ onſtobler m Jhre ſft, und nter den uStoc⸗ ner uf von ju⸗ Grund⸗ Sekten⸗ — Maſſen Vftug Pyſſdt en Aita⸗ uns aus ſen, den iger Har“ ne, ohne 8 beʒwectt dieſt auch d e Die Perschwörung in der Catostrasse. 51 ließ es ſich die Menge nicht nehmen, ihren Abgott Hunt im Triumph nach Hauſe zu tragen. Harriſon war ver⸗ haftet worden. Ein junger Menſch, M Innis, erdolchte ſeinen Wächter William Birch; dies war das einzige Blut, was bei dieſer Gelegenheit floß. Der Mörder büßte es durch den Strang und die Radicalen hatten nichts gewonnen. Aber weit entfernt, den Muth zu verlieren, ward eine neue, die größte aller bisherigen, Volksverſammlung nach Mancheſter ausgeſchrieben. Die Vorbereitungen der Theilnehmer deuteten darauf, daß ſie zu Gewalt und energiſchem Widerſtande entſchloſſen ſeien. Aber die Re⸗ gierung ordnete eben ſo kraftvolle Gegenmaßregeln an. Mit einem Aufgebot von Friedensrichtern, Commiſſaren, Yeomanry, mit verſtärkten Conſtablern und herangezo⸗ genem Militair, erwartete ſie, auf alle Fälle gerüſtet, die bewaffneten Reformer. Am 16. Auguſt war dieſe, in Englands Geſchichte traurig berühmte Volksverſammlung von Mancheſter. Die Reformer zogen in Reihen zu fünf Mann hoch von verſchiedenen Richtungen in die Stadt ein, Fahnen mit Inſchriften tragend:„Allgemeine Zuſtimmung!“— „Jährliche Parlamente!“—„Geheime Abſtimmung!“ (Die Forderungen des Radicalismus ändern ſ)— „Keine Korngeſetze!“—„Freiheit und Einheit!“— „Gleichmäßige Vertretung oder Tod!“— Gegen Mittag erſchien Hunt, zum Präſidenten ernannt, auf einem aus⸗ geſchmückten Wagen, mit zahlreichem Gefolge von Män⸗ nern und Frauen. Aber er hatte kaum die Huſtings be⸗ ſtiegen, als ein Polizeibeamter den Verhaftbefehl gegen ihn und ſeine nächſten Gehülfen verlas. Eine andere Gerichtsperſon verlas die Aufruhracte. Sie ward ihm aus der Hand geriſſen und zu Bo⸗ 3* 0 52 Dir verschwörung in der Catostrasse. den getreten. Sofort wurde der bewaffneten Macht der Befehl ertheilt, die Verſammlung gewaltſam zu zer⸗ ſtreuen. Die Menge wich nicht. Yeomanry und Trup⸗ pen, beſonders die Huſaren hieben ein; ein blutiges Ge⸗ fecht entſpann ſich. Von der Yeomanry und den Sol⸗ daten blieben mehre, von den Radicalen 400— 500, todt und verwundet. Die Regierung frohlockte, das Schreckbild eines all⸗ gemeinen Aufſtandes ſchien durch dieſen Sieg zerſtört, aber das Blutbad von Mancheſter ward zu einem Schreck⸗ geſpenſt, was an jedem Nebeltage drohend ſeine Arme erhob. Das Einſchreiten des Militairs gegen Bürger hat in England etwas durchaus Gehäſſiges; auch der loyalſte Brite kann ſich mit dem Gedanken nicht ver⸗ tragen, daß es der Bajonette, Säbel und Pferdehufen bedarf, um die geſtörte Ordnung herzuſtellen; die Whigs, rechts bis in die Reihe der Tories hinein, links, wie ſich von ſelbſt verſteht, von der ganzen Reformpartei unter⸗ ſtützt, erklärten die Auftritte von Mancheſter für eine ſchändliche Metzelei, von roher Willkür an einer friedli⸗ chen Bevölkerung verübt, ja als eine Handlung des wildeſten und empörendſten Canibalismus. Sir Francis Burdett, an der Spitze der Whig⸗Reformer, nöthigte den Lord Mayor von London, der ſich der Regierung zuneigte, eine Verſammlung der Bürger von London ab⸗ zuhalten, in welcher das Benehmen derſelben auf das giftigſte beleuchtet ward. Unterzeichnungen für die Schlachtopfer von Mancheſter, eine allgemeine Samm⸗ lung unter den Reformern, um die Bürgſchaft für Hunt zu erlegen, und vielfache Manifeſtationen nöthigten die Regierung, wenigſtens etwas zur Stillung der Aufre⸗ gung zu thun. Sie ließ einige von der Yeomanry von Mancheſter vor Gericht ſtellen, aber die Jury ſprach ſie cht der zu zet⸗ dTrup⸗ ges Ge⸗ n Sol⸗ —500, 1es all⸗ erſtört, Schreck⸗ eAme Bürget uch der icht ver⸗ rdchift Vhigs, i ſich i untet⸗ für eint friedli ng de Frantis nöthigte Die erschwörung in der Catostrasst. los als Leute, die ſich nur eines zu rechtfertigenden Todtſchlags ſchuldig gemacht! Dadurch geſtärkt in ihrer Meinung, ſchritt ſie, ſtatt nachzugeben, zu immer neuen Sicherheitsmaßregeln: die Yeomanry ward vermehrt, Zeitungsſchreiber, Schrift⸗ ſteller und Verleger aufrühreriſcher Schriften und unſitt⸗ licher Libelle(wie der jener Zeit berüchtigte Carlisle) wurden mit ſchonungsloſer Strenge verfolgt, und im Parlamente wurde die Nothwendigkeit dieſer vermehrten Strenge⸗ dargethan. Auf die bitterſten Angriffe: daß ſie nichts zur Abhülfe der Noth thue, konnte die Regierung wenig antworten, aber ſie fühlte ſich ſtark durch die mächtige Ariſtokratie der Grundbeſitzer hinter ſich, die keine Veränderung der Korngeſetze wollte. Gegen die Klage: daß ſie die Freiheit beſchränke, konnte ſie eine Antwort geben, welche alle Beſitzenden und alle Ruhe⸗ liebenden wider Willen auf ihre Seite brachte: Wollt Ihr denn untergehen unter den Wogen des Aufruhrs und der Pöbelherrſchaft?— Es gingen fünf Bills durch, freilich nicht ohne mächtigen Widerſpruch der Oppoſi⸗ tion, zur Beſchränkung der verfaſſungsmäßigen Freihei⸗ ten, darunter eine, welche das freie Verſammlungsrecht beſchränkte, die Fremdenausweiſungsbill, die polizeiliche Berechtigung zu Hausunterſuchungen. Alle auf die Dauer von fünf Jahren. Im erſten Monat des folgenden Jahres war der alte wahnſinnige König Georg II. geſtorben und am fol⸗ genden Tage, 30. Januar, ward dem Volke die Thron⸗ beſteigung des bisherigen Prinz⸗Regenten als Georg IV. bekannt gemacht. Es war der Jahrestag der Hinrich⸗ tung Karl I.! Ein böſes Omen! Und wenige Tage darauf ſchien es in Erfüllung gehen zu ſollen. Das Parlament ſollte im Februar aufgelöſt werden. 54 Die Verschwörung in der Catostrasse. Fünf Tage vor dieſem Termine ritt der Präſident des Miniſterrathes, Lord Harrowby, allein im Hydepark ſpazieren. Er hatte zum folgenden Tage, 23. Februar, die Miniſter zu einem herkömmlichen Miniſterial⸗Gaſt⸗ mahl eingeladen. Jemand tritt an ihn heran, übergibt ihm einen Brief, der eine Warnung enthält, es ſei eine blutige Verſchwörung im Werke, ihn und ſämmtliche Miniſter am folgenden Tage, während dieſes Miniſter⸗ Diners umzubringen. Der Denunciant iſt ſelbſt ein reuiger Theilnehmer an dieſer Verſchwörung und geſtellt ſich perſönlich beim Lord, um nähere Auskunft zu geben. Was man erfährt, iſt: daß die Verſchwörung ſchon längere Zeit beſteht mit dem ausgeſprochenen Zwecke, das ganze Miniſterium zu ermorden, die Regierung umzu⸗ ſtürzen und eine Radicalreform der Verfaſſung zu be⸗ wirken. Die Verſchwornen ſind aus der Zahl der wohl⸗ bekannten Radicalreformer hervorgegangen. An ihrer Spitze ſteht der Schlächter Arthur Thiſtlewood, der bereits einen hiſtoriſchen Namen hat, derſelbe, welcher aus dem Hochverrathsproceß von 1817 mit heiler Haut davon gekommen, weil es der Vertheidigung gegluckt war, den Kron⸗ und Hauptzeugen in einem Grade zu verdächtigen, daß man ihm keine Glaubwürdigkeit mehr beimeſſen konnte, derſelbe Thiſtlewood, welcher ſeitdem bei allen Volksverſammlungen und Aufzügen als einer der Hauptleiter ſich hervorgethan. Ihm zunächſt der Schuhmacher John James Brunt und der Schlächter James Ings. Im Ganzen überſtieg die Zahl der ei⸗ gentlichen Verſchwornen nicht 25; ſie hatten indeß auf ihren Anhang im Volke gerechnet, ſobald eine entſchei⸗ dende That geſchehen. Selbſt darauf, daß, wenn die Miniſter geſtürzt und ermordet und die Revolution los⸗ gebrochen, die parlamentariſche Oppoſition ſich an die t des depark ebruar, „Gaſt⸗ bergibt ei eine mtliche niſter⸗ ſt ein geſtelt geben. 9 ſchon e, dos umzl⸗ zu be⸗ r wohl nihrer d, det welcher Haut tade zu it mehr ſcitdem ls einer ſt der der e⸗ deß uf ntſcher enn die on l⸗ an die Die Verschwörung in der Catostrasse. 55 Spitze derſelben ſtellen werde. Von den übrigen 1817 Angeklagten war Niemand unter den Verſchwornen. Die Verſammlungen waren abwechſelnd in verſchie⸗ denen kleinen Schenken und dunkeln Privatwohnungen abgehalten worden. Der Tag des Ausbruches war ſchon mehrmals angeſetzt, aber der Termin immer wieder aus verſchiedenen Gründen und Hinderniſſen verſchoben wor⸗ den. Ein Termin war der des Leichenbegängniſſes des alten Königs geweſen; aber man hatte ſich vor dem vie⸗ len, bei der Gelegenheit zuſammengezogenen, Militair gefürchtet. Man hatte dann auf das erſte Cabinetsdiner gewartet, welches, zum Verdruß der Verſchwornen, ſich bis zum 23. Februar hinzog. Der Plan war: Thiſtlewood oder ein Anderer ſollte Abends an der Thür anklopfen und dem Portier einen Brief übergeben, mit dem Andeuten, er möge ihn auf der Stelle dem Lord überbringen, da er Dinge von der größten Wichtigkeit enthalte. Sobald er ſich entfernt, ſollte Thiſtlewwod mit den Seinen die Thür aufbrechen, man wollte ins Haus dringen, Brandkugeln umherwer⸗ fen, während der Verwirrung in den Eßſaal ſtürmen und ſämmtliche Miniſter ermorden. Dann ein tobender Zug durch die Straßen, der Ruf an die Radicalen zu den Waffen, Brandanlegung hier und dort, namentlich an die Paläſte der Miniſter, die Caſernen. Man würde auf die Bank ſtürzen, aller Geld⸗ vorräthe ſich bemächtigen und wenn man is Artillerie⸗ park die Kanonen gewonnen, den Umſturz der Verfaſſung proclamiren. Zuletzt ſollte der König abgeſetzt und eine proviſoriſche Regierung im Manſionhouſe eingeſetzt werden. Die Miniſter hatten keinen Zweifel an der Wahr⸗ haftigkeit dieſer Enthüllung. Das Miniſter-Diner ward t in der Stille abgeſagt, dennoch aber alle oſtenſibeln Vor⸗ 6 ² 56 Die Verschwörung in der Catostrasst. bereitungen dazu getroffen. Die Polizei war in voller Thätigkeit. Gegen Abend, den 23. Februar, drang ein Haufe der entſchloſſenſten Conſtabler und Polzieibeamten, der Hauptmann Fitz⸗Clarence, des Herzogs von Cla⸗ rence, nachmaligen Königs Wilhelm IV., natürlicher Sohn, voran, in das alte Haus in der Catoſtraße, wo die letzte und Hauptverſammlung der Verſchwornen abge⸗ halten werden ſollte. Man drang in das Gebäude, nicht ohne Widerſtand. Dieſer wurde heftiger, als man in die baufälligen Theile des Hinterhauſes gelangte. In einem Stall fand man nur eine kleinere Anzahl der Ver— ſchwornen, mittelſt einer Leiter kletterten die entſchloſſen⸗ ſten Conſtabler in einen obern engen Raum, wo die Häupter bei ihrer Rüſtung und Verproviantirung mit Schießbedarf betroffen wurden. Auf die Aufforderung, ſich im Namen des Königs zu ergeben, erfolgten Pi⸗ ſtolenſchüſſe, ein Conſtabler fiel, die Lichter wurden aus⸗ gelöſcht, Schwerter gezogen. In der Dunkelheit und Ver⸗ wirrung ſtießen ſich die Verſammelten die Leiter hinunter. Auch im Stalle Dunkelheit, Verwirrung, Handgemenge. Die Polizeimannſchaft ward zuerſt geworfen, ſie mußte ſich zurückziehen, und ohne das Anrücken des Militairs wäre es möglich geweſen, daß die Mehrzahl der Ver⸗ ſchwornen ſich im Dunkel der Februgrnacht gerettet hätte. Nur Thiſtlewood war wirklich entkommen. Unter den übrigen Verhafteten fanden ſich bald ſchwache See⸗ len, die bekannten, um für ihr Leben Ausſicht zu ge⸗ winnen. Alle ſagten auf ihn aus. Es ward ein Preis von 1000 Pfd. St. auf ſeinen Kopf geſetzt. Wer dieſen gewonnen, iſt, wie manches in dem darauf folgenden Proceß, unbekannt geblieben. Aber er ward, merkwür⸗ digerweiſe, in ſeiner eigenen Wohnung, ruhig ſchlafend gefunden. Vielleicht erwartete er in dieſer am wenig⸗ un ni ger voller ng ein eamten, n Cla⸗ Sohn, wo die abge⸗ nicht an in In er Per⸗ hloſen⸗ wWo die ng nit derung, ten P n aus⸗ d Ver⸗ nunter. menge. mußte ilitairs Pet⸗ thittt Unter he Ser⸗ zu ge⸗ nPris dieſen genden erkwür⸗ hlafnd wenig⸗ Die berschwörung in der Catostrasse. 57 ſten, daß man ihn ſuche. Man fand bei ihm und in der Wohnung ſeiner Mitſchuldigen eine Maſſe von Ku⸗ gelladungen und Waffen, aber kein Geld. Die Groß⸗Jury erklärte am 28. März 1820, daß eine Klage wegen Hochverrath ſtattfinde gegen elf der Verhafteten, nämlich: Arthur Thiſtlewood, Wil⸗ liam Davidſon, James Ings, John Thomas Brunt, Richard Tidd, James William Wilſon, John Harriſon, Richard Bradburn, John Shew Strange, James Gilchriſt und Charles Cooper. Gegen einige derſelben noch eine Klage wegen Mordes und Felonie. Der Proceß in der Old⸗Bailey begann am 17. April und dauerte bis zum 28. Die Anklageacte, ſoweit ſie uns erhalten ſehr dürftig, nimmt Bezug auf das aller Welt damals Bekannte und beſonders auf die Angaben des zum Kronzeugen erho⸗ benen Mitverſchwörers Robert Adams, deſſen Aus⸗ ſage dann, wie im vorigen Proceſſe die Caſtle's, zur ei⸗ gentlichen Anklageacte, mit einer, freilich auch ſehr dürf⸗ tigen, Geſchichtserzählung, wird. Die Thatſachen konnten nicht in Abrede geſtellt wer⸗ den: die nächtliche Verſammlung ſo vieler Männer in dem geheimnißvollen Winkel des verfallenen Hauſes in Catoſtreet. Sie waren nicht mit einander verwandt, oder zu einem unſchuldigen gemeinſamen Zwecke zuſam⸗ mengekommen; ſie waren mit tödtlichen Waffen verſe⸗ hen; man fand ſie in flüſternder Berathung. In den Räumen neben ihnen lagen Haufen von Granaten, Feuerbällen und anderer Munition, insgeſammt zum Gewicht von 1200 Pfund. Um ein oder mehre Indi⸗ 0 58 Die perschwörung in der Catostrasse. viduen zu ermorden, häuft man nicht ſo viel Pulver und Blei auf. Soviel bedurfte es nicht, um die 14 Mi⸗ niſter des Königs umzubringen; es galt Brandſtiftung in London und offene Rebellion. Als die Polizeibeamten eindrangen und Unterwerfung unter die Autorität des Geſetzes forderten, brachen ſie in einen offenen Kampf aus, ein Beamter ward getödtet. Endlich floh Thiſtle⸗ wood und verbarg ſich. Weshalb, wenn er unſchuldig geweſen? Der Attorney⸗General machte darauf aufmerkſam, daß dieſe Thatſachen für ſich allein ſchon gravirende Beweiſe wären, auch wenn man den Ausſagen des Kronzeu⸗ gen und der beiden andern Zeugen Hidon und Dwyer, die aus Complicen zu Angebern geworden, nicht vollen Glauben ſchenken wollte.— Die für die Kronſache un⸗ glückliche Erfahrung aus dem vorigen Hochverrathspro⸗ ceſſe machte ihre Rathgeber vorſichtig, und doch entging die Krone dem Verdachte nicht ganz, auch hier eine be⸗ trügeriſche Hand im Spiele zu haben, wie wir aus dem Folgenden erſehen werden. Robert Adams, Schuhmacher und früher Soldat bei den Blauen, war durch Brunt und Ings mit Thiſtle⸗ wood bekannt geworden. Er hütete ſich anzugeben, in welcher Weiſe dies geſchehen. Thiſtlewood hatte ihn ge⸗ ragt: er wiſſe mit dem Schwerte umzugehen?— Adams antwortete: er könne es wol zu ſeiner Vertheidigung brauchen, aber er ſei nicht mehr wie ſonſt; es ſei zu lange her, daß er es nicht geſchwungen.— Darauf ließ ſich Thiſtlewood dahin aus: Niemand im ganzen Lande, der 10 Pfd. St. werth ſei(ſo viel im Vermögen be⸗ ſitze), ſei zum Beſten ſeines Landes etwas werth. Die Krämer und Kaufleute in London wären durch die Bank nur eine andere Sekte von Ariſtokraten und handelten et und 4 Mi⸗ fiſtung eamten ät des Kampf hiſtle⸗ huldig m, daß zeweiſe ronzeu⸗ Dwylr, t vollen he un⸗ thöpro⸗ entging ine be⸗ us dem Soldat Lhiſte⸗ ben, in ihn ge⸗ Ldans idigung ſti zu uf ließ Lande, gen be . De ie Bank andeltn Die Derschwörung in der Catostrasse. 59 Alle im Syſtem der Regierung. Auch Hunt ſei ein Lump und kein Freund des Volkes, und er, Thiſtlewood, ſei ſicher, wenn er ein Mal in Whitehall eindringen könnte, würde er in den Büchern Hunt's Namen als Regierungsſpion aufgezeichnet finden. Auch Cobbet (damals Ultrademokrat und Schriftſteller für eine neue Volks⸗National⸗ODekonomie; oft und heftig von der Re⸗ gierung verfolgt) thäte dem Lande nichts Gutes, er zweifle nicht, daß er wie Hunt ein Spion wäre. Adams brachte ſeine Zeit halb im Schuldgefängniſſe, halb in der Freiheit zu; ob Thiſtlewood ihm zur letz⸗ teren verholfen, gibt er nicht an. Wenn er frei war, hatte er mehre Zuſammenkünfte mit jenem und den an⸗ dern Verſchwornen, Brunt, Ings, Hall, Tidd, David⸗ ſon, Harriſon und Edwards(einer verdächtigen Per⸗ ſon, die im Proceſſe nicht erſcheint, von der aber nach⸗ her noch oft die Rede ſein wird) an verſchiedenen Or⸗ ten, wo aber nichts Beſtimmtes zur Sprache kam, oder der Zeuge hielt es nicht für geeignet, darüber Mitthei⸗ lungen zu machen. Am Mittwoch nach des Königs Tode waren ſie wie⸗ der in Brunt's Wohnung bei einander. Auf dem Flur ſtand eine Zahl Pikenſtäbe, Thiſtlewood äußerte ſeinen Verdruß, daß Bradburn die eiſernen Spitzen noch nicht beſorgt habe. Die Stäbe waren noch grün, als wären ſie eben erſt geſchnitten worden. Er meinte, Bradburn habe das Geld wol für ſich ausgegeben. In Brunt's Wohnung, wo ſie in der Regel zwei Mal des Tages ſich verſammelten, waren keine Möbel. Eines Tages traf Adams Thiſtlewvod und Harriſon am Feuer ſitzend. Dieſer erzählte, daß er von einem Leib⸗ gardiſten erfahren, daß faſt die ganze Fußgarde zum kö⸗ niglichen Leichenbegängniß in Windſor ſein werde. Das — 60 Die verschwörung in der Catostrasst. könnte eine gute Gelegenheit geben, um einen Rehbock wegzuputzen. Thiſtlewood ſagte ja, vorausgeſetzt, daß ſie der beiden Kanonen in Gray⸗in⸗Lane und der ſechs Stücke im Artillerie⸗Ground ſich bemächtigen könnten; dann könnten ſie London bis am Morgen in ihrer Ge⸗ walt haben. Selbſt wenn die Garden zurückkämen, wä⸗ ren ſie ſo matt, daß ſie nichts anfangen könnten. Mit einiger Ausdauer und im Beſitz der Kanonen, würden ſie auch Hydepark nehmen und jede Verbindung mit Windſor abſchneiden. Dann müßte man ſich auch des Telegraphen über den Fluß bemächtigen, daß er keine Signale nach Woolwich gäbe. Inzwiſchen könnte eine proviſoriſche Regierung eingerichtet ſein, man hätte nach den Seehäfen geſchickt, um zu verhindern, daß Jemand ohne Paß der neuen Regierung in See ginge. Thiſtle⸗ wood meinte auch, die jetzt regierende Familie habe die Krone lange genug vererbt, deshalb nutze es gar nicht, auch nur dem Gedanken Raum zu geben, daß der neue König ſie noch weiter trage.— Brunt und Ings tra⸗ ten darauf ein. Thiſtlewood theilte ihnen ſeine Gedan⸗ ken mit, beide aber erklärten, daß ihnen nichts genügen könne, wo nicht die Ermordung ſämmtlicher Miniſter dabei ſei. Dabei ſagte Brunt zum Zeugen: daß ihrer drei längſt die Abrede getroffen, mit den Miniſtern beim nächſten Cabinetseſſen abzufahren. Das blieb denn auch der Gegenſtand bei jeder folgenden Beſprechung. Am 19. Februar traf Adams in derſelben Wohnung (Foxcourt) Thiſtlewood, Davidſon, Harriſon, Ings, Brunt und Hall. Als er einttat, ſprangen ihm Alle mit der Nachricht entgegen:„Wir ſind endlich einig ge⸗ worden, wenn nichts bis nächſten Mittwoch dazwiſchen⸗ kommt, gehen wir dann an die Arbeit.—„Sie waren Alle ſo äußerſt arm; ſie konnten nicht wi fa 10 0 bock daß ſch ſten; Ge⸗ wi⸗ Mit rden mit des keine eine nch mand e die icht, neue tra⸗ dan⸗ rügen niſter ihrer beim uch nung zngs, Alle g 9 ſchen⸗ nicht Die berschwörung in der Catostrasse. 61 länger warten.“ Thiſtlewood tadelte Brunt: er hätte beſſer gethan, dieſen Nachmittag umherzuſtreifen, um Leute zu werben, die er dem Comite vorſtelle. Brunt entſchuldigte ſich mit einer Arbeit, die er heut fertig machen müſſen, morgen Vormittag ſei auch noch Zeit dazu, und es bedürfe zu ihrem Werke auch nicht ſo ſehr Vieler. Thiſtlewood meinte, wenigſtens ſolle Jeder eine Waffe mitbringen, für den Fall, daß ein Polizeibeamter heraufkäme; Brunt ſchwur: käme Einer heran, ſo werde er ihm den Degen durch den Leib rennen. Am nächſten Tage(20.) Morgens 11 Uhr waren ſie wieder zuſammen. Es war ſo dunkel vom vielen Schnee⸗ fall, daß Adams die Anweſenden zuerſt kaum erkennen konnte. Es waren Thiſtlewvod, Tidd, Cook, Hall, Bradburn, Edwards, Harriſon und Wilſon. Tidd ſaß auf dem Präſidentenſtuhl, eine Pike in der Hand. Thiſtlewood ergriff das Wort:„Gentlemen, ich glaube, Ihr wißt Alle, warum wir hier zuſammen ſind, das iſt da—(nach der Thür gewandt) wegen des Weſt⸗End⸗ Spaßes. Wir ſind Alle jetzt müde vom Warten auf den Spaß. Treffen wir ſie nun nicht bei einander zwiſchen heut und Mittwoch Abend, ſo ſind wir zum Entſchluß ge⸗ kommen, ſie einzeln aufzuſuchen, jeden in ſeinem Hauſe.— Ich denke, wir können ſo unſer 40 und 50 Leute zum Spaß am Weſt⸗End mitnehmen. Und dann, meine ich, daß zu gleicher Zeit die beiden Kanonen in Grah⸗in⸗Lane und die ſechs Stück in Artillerie⸗Ground weggenommen werden können.“— Dann, fuhr er fort, ſolle das Man⸗ ſionhaus beſetzt und dort die proviſoriſche Regierung inſtallirt werden. Hierauf wäre die Bank zu nehmen, und ein gewiſſer Palin(der nur hier genannt wird) ſollte ſich damit beſchäftigen, an die verſchiedenen vorhin bezeichneten öffentlichen Gebäude Feuer zu legen. 62 Die perschwörung in der Latostrasse. Brunt ſchlug nun ſpeciell vor, daß ſo viel Miniſter, als ermordet werden könnten, in der Mittwoch Nacht ermordet werden ſollten. Die ſich zu dem Spaße mel⸗ deten, ſollten durchs Loos vertheilt werden. Zuerſt werde ausgemacht, es geht nun auf den oder die los, dann würde gezogen. Weigere ſich der Mann, den es trifft, ſo ſolle er auf der Stelle niedergeſtochen werden. Auch wenn es ihm nachher nicht gelingt, ſei er augen⸗ blicklich dem Tode verfallen. Meint Ihr damit, ſagte Adams, daß ein Mann bei dem Dinge gar nicht fehlen kann, und meint Ihr da⸗ mit, wenn er doch fehlt(bei gutem Willen), daß er auf der Stelle niedergeſtochen werden ſoll?—„Nein, das nicht, antwortete Brunt, aber wol wenn er dabei das geringſte Zeichen von Furcht gibt.“ Brunt's Motion ward vom Präſidenten zur Frage geſtellt und angenommen. Da kamen Andere herein und waren ſehr verwundert darüber. Palin rief:„Ihr ſprecht davon, 40 bis 50 zum Spaß am Weſt⸗Ende zu nehmen; nun möchte ich doch wiſſen, wo Ihr Leute finden wolltet, um die Kanonen zu nehmen. Aber Ihr mögt mehr davon wiſſen als ich. Aber wenn ich jetzt hingehe, um meine Leute zuſammenzurufen, ſo muß ich wiſſen, wozu ich ſie rufe, daß ich es ihnen ſagen kann.“— Der Präſident erwiderte: es ſei kein Zweifel, daß Maſter Palin die Männer kenne, deren Befehle er zu empfangen habe. Beim Auseinandergehen ſagte Thiſtlewood zu Brunt, et möge mit Palin eine Streiferei in die Nähe machen, um zu ſehen, ob man nicht in Furnivel's⸗Inn Feuer anlegen könne. Brunt und Palin kamen bald zurück und er⸗ lärten: das ſei leicht geſchehen und würde ein prächtiges Feuer geben. Da ſagte Thiſtlewood, es ſei doch gut, iſter, lacht mel⸗ uerſt los, mes rden. gen⸗ nbei da⸗ auf das i das Frage erein „Ihr Ende Die Derschwörung in der Catostrasse. 63 wenn man den Leuten ein Mal einen Schmaus gebe. Brunt erwiderte, er ſei zwar arm, aber eine Pfundnote beſitze er noch, und die wolle er gern zu dem Zwecke hergeben. Man kam überein, nur machte die Wahl eines Locals Schwierigkeiten; eine Kneipe, wo ſie ſich ſonſt verſammelt, ſchien ihnen verdächtig, Thiſtlewood's Zimmer gegenüber wohnte ein Polizeibeamter, endlich ſollte es in Brunt's Hauſe geſchehen, er wollte ſeinen Sohn und Lehrling fortſchicken. Im Weißen Herz war ein gewöhnlicher Zuſammen⸗ kunftsort der Verſchwornen. Der Wirth hatte Adams gewarnt, es hätten ſich letzter Tage mehre Polizeibeamte bei ihm erkundigt, ob nicht nächſtens ein Radical⸗Mee⸗ ting ſtattfinden werde? Als Adams die Nachricht den Andern in Brunt's Wohnung hinterbrachte, fuhren ihn Harriſon und Brunt wie Bulldoggen oder Löwen an: wenn er ſo etwas mitzutheilen habe, müſſe er es ihnen zuvor ſagen. Er entgegnete: was Alle anginge, ſchiene ihm doch nöthig, daß Alle erführen. Am Dienſtag Morgen ſtürzte Edwards in die ge⸗ wöhnliche Verſammlung mit der Nachricht, daß nächſten Abend ein Cabinets⸗Diner ſtattfinden werde. Thiſtlewvod bezweifelte es und ſandte nach einer Zeitung. Sie ward gebracht und enthielt wirklich die Nachricht: daß näch⸗ ſten Mittwoch Abend bei Lord Harrowby ein Cabinets⸗ Diner in Grosvenor⸗Sauare ſtattfinden ſolle. Da rief Brunt aus:„So will ich doch ver⸗ dammt ſein, wenn ich nun nicht glaube, daß ein Gott lebt! Wie oft habe ich gebetet, daß dieſe Diebe einmal zuſammenkämen, damit wir Ge⸗ legenheit hätten, ſie Alle miteinander zu ver⸗ nichten, und nun hat Gott auf mein Gebet geantwortet!“ „ 64 Die verschwörung in der Catostrasse. Adams ward jetzt ſelbſt auf den Präſidentenſtuhl ge⸗ ſetzt, und Thiſtlewood ſchlug einen neuen Operations⸗ plan vor. Adams erinnerte ſie an die Warnung, die der Wirth vom Weißen Herz ihm geſtern zukommen laſſen. Da ſchwur Harriſon, er wolle dem erſten Mann, der durch ein Wort kaltes Waſſer auf ihre guten Vor⸗ ſätze gieße, das Schwert durch die Gurgel ſtoßen. Die Aufregung war ſehr groß; Adams ward vom Präſiden⸗ tenſtuhl abgeſetzt und Tidd darauf. Als Thiſtlewood in ſeinem Vortrage fortfahren wollte, forderte Palin, daß Adams näher über die Warnungen des Herz⸗Wirthes von geſtern vernommen würde. Dies wurde beſeitigt durch Brunt's Antrag: eine Schildwacht, d. h. einen Späher, vor des Grafen Harrowby Haus zu ſtellen, der aufpaſſe, ob ſich nicht etwa Bewaffnete oder Soldaten in das Haus ſchlichen, die einen Angriff unmöglich mach⸗ ten. Das ward allgemein gebilligt, zwei Mann wurden ſogleich abgeſchickt, um in drei Stunden von Andern wieder abgelöſt zu werden. Thiſtlewvod erklärte nun: er hoffe, daß, ſobald ſie die Gewißheit hätten, daß Harrowby's Haus nicht bewacht würde, Niemand Anſtand nehmen werde, ſeinen Plan zu billigen, und daß ſie ausführen würden, was ſchon vorigen Abend beſchloſſen worden:„da ſo lange kein Diner geweſen, ſchloß er, werden ihrer gewiß 14— 16 beiſammen ſein, und es wird ein wahrer Höllenjubel ſein, ſie alle zuſammen zu ermorden.“ Der Plan lautete nun: Einer ſolle ſich mit einem Briefe an der Thür des Earl zeigen. Sobald ſie geöffnet, ſollten die draußen hineinſtürzen, die Diener im Flur ergreifen und ihnen mit dem Tode drohen, falls ſie Miene machten, ſich zu vertheidigen und zu ſchreien. Hälfe das nichts, ſo ſolle man, um ſie zu verwirren, bri nu na zu Uel de C D ge⸗ ons⸗ die umen ann, Vor⸗ Die den⸗ d in daß thes itigt einen ellen, daten nach⸗ uden dern ſe die vacht Plan ſchon kein —16 jubel inem ſie iener ſus reien. irren, Die berschwörung in der Catostrasst. 65⁵ Brandgranaten in die verſchiedenen Theile des Hauſes werfen. Zwei Mann ſollten die Thür bewachen, und während deſſen die Andern, die zum Hauptwerk erleſen waren, die Treppe hinaufſtürmen und im Eßſaal alle Miniſter todt machen, ohne Unterſchied und MWitleid, die guten und böſen. Wäre wirklich ein guter Mann unter ihnen, ſo müſſe er dafür büßen, daß er in ſchlechter Geſellſchaft betroffen worden. Ings erbot ſich der Erſte zu ſein. Mit einem Paar Piſtolen, einem Schifferſäbel, einem Taſchenmeſſer und einem Sack wollte er eindringen und den Gäſten zuru⸗ fen:„Wohlan, Mylords, ich bringe hier Leute mit ſo gut wie Eure Mancheſter-Yeomanry. Herein, Bürger, und thut Eure Schuldigkeit!“ Mit dem Taſchenmeſſer wollte er nachher allen Miniſtern die Köpfe abſchneiden und die Lord Caſtlereaghs und Lord Sidmouths insbeſon⸗ dere in ſeinen Sack thun und ſie als Trophäen mit⸗ bringen. Auf Ings' obige Worte ſollten zunächſt zwei der Würgengel mit Schwertern, dann die übrigen mit Piken eindringen, um das Werk ſo ſchnell als möglich zu voll⸗ bringen. Harriſon und Adams ſelbſt ſollten die Würg⸗ engel mit den Schwertern ſein. Der Letztere behauptete nur darum eingeſtimmt zu haben, weil er ſein Leben in Gefahr geſehen. Wenn das vollbracht, ſollten Harriſon und Wilſon nach den Cavalcriecaſernen in der Kingſtreet ſtürzen und Feuerkugeln in die dortigen Strohvorräthe werfen; die Uebrigen nach Gray⸗in-Lane und in die City, um mit den Verbündeten, welche ſie dort fänden, die Kanonen zu nehmen. Dann nach dem Artillery⸗Ground, wo Cooke den Sturm auf die ſechs Feldſtücke leiten werde. Die Kanonen ſollten augenblicklich geladen werden, um 66 Die verschwörung in der Catostrasse. ſie loszufeuern gegen jeden, der etwa Widerſtand ver⸗ ſuche. Wenn es Cooke allein ſchon vorher gelungen, die Kanonen zu nehmen, ſollte er damit auf das Man⸗ ſionhouſe marſchiren, drei davon zu beiden Seiten auf⸗ pflanzen und das Haus zur Uebergabe auffordern; werde ſie verweigert— Feuer! Das Manſionhouſe ward dann Sitz der proviſori⸗ ſchen Regierung. Hiernächſt Angriff auf die Bank. Das Baargeld ſollte augenblicklich genommen werden, die Bücher aber nicht zerſtört. Man wollte aus den⸗ ſelben die niederträchtigen Schliche kennen lernen, durch welche das Land ſo lange betrogen worden. Das Loſungswort der Verſchwornen war: der Eine ſagte but—, der Andere mußte antworten: ton= button, Knopf. Das der Beſchluß am Dienſtag Vormittag in Brunt's Wohnung. Am Nachmittage, als Adams wieder dahin kam, fand er Edwards, welcher die Granaten präpa⸗ rirte. Ings machte von Tauen und Theer Leuchtkugeln, Hall half. Die Geſellſchaft vermehrte ſich. Abends 6 Uhr ward der erſte Wachtpoſten nach Lord Harrowby's Hauſe ausgeſchickt, Davidſon; Adams und Brunt folg⸗ ten ihm. Dann wurden die Wachen regelmäßig bis zum folgenden Tage gewechſelt und kehrten immer nach dem gemeinſchaftlichen Verſammlungsort bei Brunt zu⸗ rück, wo Einer und der Andere, auch Adams bis da noch unbekannte Perſonen, ſich einfanden. Sie beſchäf⸗ tigten ſich mit Prüfung der Waffen, namentlich damit, Flintenſteine in die Piſtolen zu ſchrauben. Endlich trat auch Thiſtlewvod ſehr froh ein:„Meine Jungens, das ſieht doch wirklich nach Etwas aus, wahr⸗ haftig, jetzt ſcheint es etwas zu werden.“ Brunt ſchickte nach Bier und Branntwein. Thiſtlewood forderte Pa⸗ pic ga au T er 5 di ver⸗ ngen, Man⸗ af⸗ werde iſori⸗ Bank. erden, den⸗ durch Eine on= runts dahin räpa⸗ ugeln, lbends wby⸗ folg⸗ r nuh nt zl⸗ li da eſchif⸗ damit, Meine wahr⸗ ſchn te Po Die Verschwörung in der Catostrasse. 67 pier, während der Schnaps kam, um zu ſchreiben, und gab einen Schilling, wofür es geholt ward. Nachdem auch ein Tiſch und Stuhl herbeigeſchafft war, ſchrieb Thiſtlewood drei Placate nieder, und las ſie vor. Das erſte lautete: „Eure Tyrannen ſind vernichtet. Die Freunde der Freiheit ſind aufgefordert herauszutreten. Die proviſoriſche Regierung iſt inſtallirt. Februar 23., 1820. James Ings, Secretair.“ Man machte drei Duplicate. Sie ſollten an die Häuſer geſchlagen werden, in die man Feuer werfen wollte. Thiſtlewood war ſehr aufgeregt, ſeine Hand zit⸗ terte beim Schreiben. Er forderte Hall auf, ihn abzu⸗ löſen; dieſer lehnte es ab. Ein anderer Unbekannter er⸗ griff dann die Feder und Thiſtlewood dictirte. Mit den übrigen Placaten wurden ſie indeß nicht fertig, weil man über die Ausdrücke nicht einig war. Thiſtlewood rügte, daß dieſe Geſchichte ſchon längſt hätte abgemacht ſein müſſen, da er bereits vor 14 Tagen deshalb alles an⸗ geordnet. Während des Schreibens präparirte ſich Ings, wie er in Earl Harrowby's Haus eintreten wolle. Er ſchnallte einen ſchwarzen Gurt um den Leib, einen andern über die Schulter. In den Gurt ſteckte er zwei Haferſäcke und zwei Piſtolen. Indem er ſich muſterte, ſagte er: „Teufel, ich bin doch noch nicht fertig, ich habe ja mei⸗ nen Stahl vergeſſen.“ Dann ergriff er eine große Klinge und hanthirte um ſich, als wolle er Köpfe abſchlagen, und verſchwor ſich: er wolle in den Säcken zwei Köpfe mitbringen und eine von Lord Caſtlereagh's Händen, die er nachher einzuſalzen gedenke, was ſpäter manchem Mann zum Nachdenken Stoff geben werde. Er geſiel 68 Die verschwörung in der Catostrasse. ſich in der Vorſtellung ſo, daß er die Worte öfters wie⸗ derholte. Die Klinge war etwa 12 Zoll lang mit ei⸗ nem rohen Holzſtiel, daran Wachs geklebt war, um zu verhindern, daß ſie aus der Hand gleite. Auch die An⸗ dern bewaffneten ſich. Als Thiſtlewwod und Brunt einen Augenblick die Stube verlaſſen, redete Palin die Anweſenden an: „Gentlemen, Ihr ſeid Euch doch Alle bewußt, was Ihr thun wollt. Ihr müßt darüber mit Euch ins Reine kommen, ob das Land zu Euch ſtehen wird, wenn Ihr die Miniſter umbringt. Und Ihr miüßt auch darüber zum Entſchluß kommen, daß der, welcher nur einen Au⸗ genblick ſchwankt, von uns auf der Stelle niedergeſtoßen werden muß.“— Da trat ein langer, dürrer Mann vor und ſagte:„Ihr ſprecht, als ob wir Alle wüßten, was es gilt. Ich möchte aber erſt wiſſen, was es ei⸗ gentlich iſt. Wenn es iſt, um unſerm Vaterlande einen Dienſt zu leiſten, dann bin ich nicht der Mann, der meiner ſelbſt willen erſchrickt.“ Als Brunt jetzt zurückkam und erfuhr, daß Einige zu wiſſen forderten, was es eigentlich gelte, erklärte er, ſie ſollten nur Alle mit ihm nach der Stube in Edge⸗ ware⸗road kommen, dort ſollten ſie es hören. Der magere Lange entgegnete darauf, er hoffe doch nicht, daß es nur gemeint ſei, die Trunkſucht zu befördern. Darauf kam man überein, parteienweiſe ſich dahin zu begeben. Adams und Brunt gingen miteinander. Jener trug unter ſeinem Ueberrock Fne Büchſe, dieſer einen Haſel⸗ ſtock mit einer Vorrichtung, um ein Bajonet darauf zu befeſtigen. Adams trug auch das letztere. In Brunt's Wohnung war überdem in einem alten Schranke eines der Waffenmagazine, enthaltend Schwerter, Handgra⸗ naten und flanellene Säcke mit Kartätſchen für wie⸗ it ei⸗ m zu ie An⸗ c die an s Ihr Reine Ihr wüber nAu⸗ ſtoßen Mann vüßten, es er einen det Einige rtr a, Edge⸗ Der t, deß Darauf geben er trug Haſel⸗ auf zu runts . eines ndgr n für Die Verschwörung in der Catostrassr. 69 die Kanonen; aber das Hauptdepot war in Tidd's Wohnung. Der Ort, wohin ſie ihre Schritte richteten, war nicht eigentlich in der Edge⸗wareſtraße, ſondern führte nur darüber fort nach der Catoſtraße. Die Localität des berüchtigt gewordenen Hauſes iſt in den Zeugenaus⸗ ſagen nur ſehr undeutlich wiedergegeben. Ein offener gewölbter Thorweg, wie er bei alten Häuſern vorkommt, ſcheint in einen Hof mit verfallenen Hintergebäuden ge— führt zu haben. Dort befand ſich ein Stall, den die Verſchwornen gemiethet. Aus dem Stalle führte eine Leiter in kleine darüber gelegene Zimmer oder Böden, wo ihr eigentliches Sanctuarium war. Als Adams unter dem Thorweg ſtand, ſah er Thiſtlewvod und Brunt in den Stall gehen. Harriſon hieß ihn auch hineingehen. Unten beſchäftigten ſich Da⸗ vidſon und Wilſon mit dem Baſteln an einer Pike. Adams ſtieg die Leiter hinauf. Oben fand er Thiſtle⸗ wood, Brunt, Hall, Bradburn, Strange, Cooper, den hageren Langen und noch Andere; im Ganzen 18 Mann, zwei waren unten geblieben. Auf einer Bank lagen ver⸗ ſchiedene Waffen. Auf einem Kaſten in der Mitte der Kammer ſtand ein Licht. Die Männer reichten ſich die Waffen. Nur Tidd war noch nicht da. Dann ſtieg Thiſtlewood hinunter. Als es dort laut ward, kletterte auch Adams hinab. Er ſah Thiſtlewood, Brunt, Da— vidſon, Harriſon und Wilſon im Stalle. Sie flüſterten ſich zu, es ſeien gute Neuigkeikkn angekommen, denn die Kutſcher(der Miniſter) ſammelten ſich auf dem Platze. Bald darauf, als ſich Alle wieder oben befanden, ſchien ein Verdacht gegen Tidd geäußert zu werden. Da rief Thiſtlewovod, er wolle ſich lieber ſelbſt aufhän⸗ gen, als noch einen Augenblick daran denken. Brunt Die Verschwörung in der Catostrassr. ſagte: er bürge mit ſeinem Leben für Tidd. Nach 20 Minuten kam Tidd wirklich. Thiſtlewood ſprach einige Worte: er hoffe, keiner werde von dem abſtehen, was ſie beſchloſſen; es gebe noch einen verfluchten Spaß, wenn ſie es thäten. Er zählte die Mannſchaft und erklärte ſie für ausreichend; ihrer 14 könnten in das Zimmer dringen. Wenn Lord Harrowby auch 16 Diener bei ſich habe, ſo reichten 14 Mann aus. Jetzt hörte man von unten ein Geräuſch. Eine Stimme rief: Holla! ein Licht her! Thiſtlewood ergriff den Leuchter zu ſehen, was es gebe. Als er ſich wieder umwandte, ſah er ganz verſtört aus. Da traten Poli⸗ zeibeamte herein(Pwahrſcheinlich mittelſt der Leiter in eine Nebenkammer geſtiegen), zwei ſtanden vorn, der eine, in der Hand eine kleine Piſtole, er rief:„Alſo hier iſt Euer ſchönes Neſt.“ Dann:„Wir haben einen Ver⸗ haftsbefehl, Euch insgeſammt zu arretiren, und hoffe, Ihr werdet in Frieden gehen.“— Da rief einer der Polizeimänner, die hinten ſtanden:„Platz da, laßt mich vor!“ Die beiden machten Platz, der dritte kam vor, und in dem Augenblick kam aus der andern Nebenkam⸗ mer, wohin ſie ſich zurückgezogen, eine Anzahl der Ver⸗ bündeten vor, und Adams ſah einen Arm ausgeſtreckt und hinter demſelben eine andere Hand mit einer Piſtole. Ein Schuß, der Polizeimann fiel und das Licht ward ausgelöſcht. Adams flog hier die Leiter hinab, und es gelang ihm zu entkommen. Am nächſtfolgenden Tage, am Freitag, ward er verhaftet. Er recognostirte die Identität von Thiſtlewood, Da⸗ vidſon, Wilſon, Brunt, Ings, Cooper, Harriſon und Tidd. Er kannte Strange, Bradburn und Gilchriſt dem Namen nach nicht, wol aber von Angeſicht. ich 20 einige vas ſi wenn rllärte immer er bei Eine ergrif wieder Poli⸗ n ein r eine, ier it Ver⸗ hofl, et det mich mvor, nkam⸗ rVer⸗ iſtol⸗ ward gelang m Do⸗ 5 n und ſt dem Die Verschworung in der Catostrasse. 71 Adams hatte ſchon am Sonnabend nach ſeiner Ar⸗ retirung Alles bekannt, was er wußte, er proteſtirte aber dagegen, daß er es in der Abſicht gethan, um Kronzeuge zu werden. Er habe es nur gethan, weil ſein Gewiſſen ihm geſagt, daß er etwas Unrechtes be⸗ gangen, und er Gott gelobet, wenn er mit heiler Haut davonkomme, er Alles entdecken wolle. Dieſes Gefühl habe ihn ſchon beſchlichen, als er auf die Leiter nach den Bodenkammern ſtieg; als der Polizeimann todt nie⸗ derfiel, ſei ihm ſchlimm geworden. Ja, er ſei damals die Leiter hinabgeſtürzt mit der Abſicht, ſich den Con⸗ ſtablern zu übergeben; da er aber keinen geſehen, ſei er fortgelaufen. In den Verſammlungen der Verſchwornen hatte er nie mehr als 15 bei einander getroffen, was er von ihrer Kaſſe geſehen, ſo ſei die höchſte Summe, welche ſie beſeſſen, ſechs Schilling ſeines Wiſſens geweſen. Wie viel Leute ſie ſonſt ins Feld ſtellen können, war ihm unbekannt. Wenn ſie der Kanonen ſich bemächtigt, ſo hatten ſie dieſelben mit den eiſernen Knöpfen laden wollen, die ſie von mehren eiſernen Gittern abbrechen würden. Dies Robert Adams' Ausſage, des Kronzeugen, des einzigen Zeugen, welcher eine einigermaßen zuſammen⸗ hängende Erzählung von den vorangängigen Vorfällen liefert. Seine Ausſage ward von den Angeklagten als falſch verworfen, da er durch die ihm angediehene Be⸗ gnadigung ſich zur unrichtigen Anſchuldigung ſeiner Ge⸗ noſſen verführen laſſen und ein durchaus ſchlechter und unglaubwürdiger Charakter ſei. Indeſſen ſcheinen die Vertheidiger ihn nicht durch ein ähnliches Kreuz⸗ fragenfeuer getrieben zu haben, wie den Zeugen im vorigen Falle, Caſtle; vermuchlich hielten ſie es bei Dir verschwörung in der Catostrasse. den ſchwer gravirenden andern Beweisſtücken für zwecklos. Der Angeber und Verräther an der Sache der Ver⸗ ſchwornen war Thomas Hidon, ein ehemaliges Mit⸗ glied des Schuhelubbs. Sein Verhör und ſeine Aus⸗ ſage wird uns ſehr kurz mitgetheilt. Im Intereſſe der Krone lag es nicht, ihre Zeugen ſcharf über alle Details ausfragen zu laſſen, und von der Gegenpartei mochte er aus dem eben angegebenen Grunde geſchont werden. Durch Wilſon war er mehre Tage vor dem 23. Fe⸗ bruar Thiſtlewood vorgeſtellt worden und damit bei den Verſchwornen eingeführt. Man hatte ihn geradezu ge⸗ fragt, ob er mit bei der Partie ſein wolle, wo es gelte „Seiner Majeſtät Miniſter bei einem Cabinets⸗Diner um⸗ zubringen?“ Er ſcheint keine Einwendungen dagegen gehabt zu haben. Alles war ſchon vorbereitet und das Diner angeſetzt. Er wußte von den Granaten, die prä⸗ parirt wurden, um ſie unter den Eßtiſch zu werfen. Die Miniſter, welche der Exploſion entgingen, ſollten durch den Degen oder ſonſt durch andere Waffen ſter⸗ ben. War das gethan, ſollte an verſchiedenen öffentli⸗ chen und Privatgebäuden Feuer angelegt werden. Wäh⸗ rend London drei Tage brennte, könnte Alles arrangirt werden. Namentlich ſollte jenes Loos die Häuſer des Herzogs von Wellington, Lord Harrowby's, Lord Caſtle⸗ reagh's, Lord Sidmouth's und des Biſchofs von Lon⸗ don treffen. Welche Motive Hidon zum Verräther zu werden be⸗ wogen, wird uns nicht mitgetheilt. Mit der feſten Ab⸗ ſicht, die Ausführung des ſchwarzen Verbrechens zu hin⸗ tertreiben, ging Hidon vor dem 23. Februar zu Lord Harrowby. Er war aber ausgeritten, man ſagte ihm nach dem Hydepark. Hidon folgte ihm dahin und Pol wer ritt wor der rich auf hie vor Ve für Per⸗ Mit⸗ Aus⸗ ſe der etails te er n. Fe i den ge gelte er um⸗ agegen d das prů⸗ erfen⸗ ſollten ſter⸗ fentl⸗ Vit angirt er des buſti on⸗ en be⸗ n Ab⸗ u hin⸗ e te ihn n und VDie Verschwörung in der Catostrasse. übergab ihm beim Spazierritte eine Note, welche das ganze Complott enthüllte. Gegen die Verſchwornen ſpielte Hidon ſeine alte Rolle fort. Er kam zu Wilſon Abends um 5 Uhr des 23. Februar. Wilſon ſagte ihm, man rechne ſehr auf ihn, heute Nacht werde das Cabinets⸗Diner abgehalten und dabei die Sache ausgeführt. Beide verabredeten ein Rendezvous, auch erfuhr Wilſon noch, daß man auf den Diener eines großen Herrn rechnen könne, und beim Angriff auf die feſten Punkte in der City, ſobald die große Geſchichte in Grosvener-Sauare abgethan, auf eine gute Anzahl Irländer, die ſogleich losſchlagen möchten, aber nur abwarten wollten, bis die Engländer angefangen, da ſie von denſelben ſchon ſo oft getäuſcht worden. Wann und wie Hidon ſich abſentirt habe, er⸗ wähnt er nicht. Der Miniſterpräſident, Earl of Harrowby beſtä⸗ tigte als Zeuge Hidon's Ausſage. Zum Miniſter⸗Diner waren eingeladen der Lord⸗Kanzler, die Earls von Li⸗ verpool, Weſtmoreland, Mulgrave, Bathurſt, der Her⸗ zog von Wellington, Lord Melville, Lord Caſtlereagh, der Schatzkanzler, Maſter Canning, Maſter Wellesley Pole, Mr. Robinſon und Mſtr. Bragge Bathurſt. Da es ein Cabinets⸗Diner, durfte Niemand anderes eingeladen werden. Am Dienſtag, dem Tage vor dem Diner 63.) ritt der Earl ohne Diener im Hydepark ſpazieren; es war etwa um 2 Uhr Nachmittags. Ein Unbekannter, der vorige Zeuge, überreichte ihm hier einen Brief, ge⸗ richtet an Lord Caſtlereagh, und übergab dem Miniſter auf Erfordern ſeine eigne Adreſſe. Der Brief ent⸗ hielt die erwähnte Denunciation; er ward dem Gerichte vorgezeigt. Am Mittwoch Morgen trafen ſich, nach Verabredung, Harrowby und der Denunciant noch ein Xv. 4 — 74 Die perschwörung in der Catostrasse. Mal in der Mitte des Hydepark und jener zog von dieſem noch mündliche Nachrichten ein. Die Eingelade⸗ nen waren ſchon in der Stille davon unterrichtet, daß das Diner nicht ſtattfände, officiell ward es aber erſt um 8 Uhr Abends abgeſagt und Köche und Haushof⸗ meiſter kochten und arrangirten bis dahin, als wäre nichts vorgefallen, um jeden Verdacht bei den Ver⸗ ſchwornen zu entfernen. Harrowby war bei Lord Liver⸗ pool und adreſſirte von dort aus den Zettel an ſeinen Haushalter. Weiter bekundete der Präſident des Miniſterraths nichts. Die Krone und ihre Diener ſollten ſo wenig als möglich von Einfluß auf den Proceß erſcheinen. Ein dritter Kronzeuge, und demnächſt Verräther an der Sache der Verſchwornen war der Schuhmacher John Monument. Er wollte durch Thiſtlewvod geworben ſein, der ihm in Gegenwart Brunt's geſagt: es würden große Dinge vorgehn; oft ſei er von denen betrogen worden, die ihm Beiſtand verheißen, jetzt aber habe er Leute, auf die er ſich verlaſſen könne. Alle ſeien be⸗ waffnet, auch Monument möge für eine Piſtole ſorgen, die er um 5 Schilling erhalten könne.— Von Brunt und Tidd erfuhr der Zeuge am 22. Febr., daß man den Plan oft ändern müſſen, nun aber ſei alles fertig. Nächſten Tag ſollte er am Schlagbaum von Tyburn ſich einfinden, dort werde er Leute finden, das Loſungs⸗ wort der Verſchwornen ſei but und ton. Abends nach 6 fand ſich der Zeuge in Tidd's Hauſe ein. Dieſer ſteckte gerade eine große Piſtole in den Gurt und nahm dann 10 Pikenſpitzen, jede ein Fuß lang, und einige Stangen, um ſie darauf zu befeſtigen.— Auf dem Wege mit Tidd will der Zeuge von dieſem erſt erfahren haben, daß es zu einem Cabinets⸗Diner in Grosvenor⸗ ſon vor von n gelade⸗ t, doß ber erſt nho z wire n Ver⸗ Liver⸗ ſeinen erraths werig neh. ther an rJohn worben würden etrogen habe er cien be⸗ ſorgen Brunt c mn firtig⸗ Lyburn goſungs⸗ ds na Dieſer d nhn d einig⸗ luf den erfthrn wvenr Die Perschwörung in der Catostrasse. 75 Saquare gehe.— Sie traten in den Stall und vermittelſt der Leiter in die Bodenkammer in der Catoſtraße. Dort ſaß ein Mann in einem großen braunen Ueberrock, mit einem Gürtel, worin Piſtolen, und ließ ſich dahin aus, wie es nicht ausreichend ſei, die Cabinetsminiſter beim Diner mit nur 14 Mann anzugreifen. Thiſtlewood be⸗ ſtand darauf, 14 von ihnen wären noch zu viel auf 16 Domeſtiken des Miniſters.— Ein Anderer ſagte, wenn es nun geſchehen, dann werde ein Haufe vor der Thür ſich verſammelt haben— wie ſolle man dann fortkommen? Thiſtlewood erwiderte: dann werde ſchon ein anderer Haufe ihnen zu Hülfe kommen. Davidſon fuhr den Braunen an: wenn er ſich mit 14 Mann fürchte, hätte er lieber zu Hauſe bleiben ſollen.— Brunt erwiderte gar: eher als jetzt noch die Sache aufgeben, wolle er es allein thun und das Haus mit dem Brennſtoff und Pulver, das ſie geſammelt in die Luft ſprengen, um ſelbſt mit den Uebrigen umzukommen. Der Braune gab ſich zufrieden und erklärte, ſo wolle er denn ganz den Befehlen Thiſtlewood's nachkommen. Thiſtlewvod erwiderte: jeder ſolle gleichen Antheil mit ihm an der Ehre der That haben. Er rief dann die Freiwilligen auf, welche zum Mordwerke ins Zimmer dringen wollten, ſie ſollten ſich auf die eine Seite des Zimmers ſtellen. Es geſchah.— Thiſtlewvod ging einen Augenblick fort und kam mit der frohen Nachricht zu⸗ rück: Lord Sidmouth und der Herzog von Wellington wären ſchon bei Lord Harrowby angekommen. Hierauf drangen die Polizeimänner ein. Thomas Dwyer, ein Frländer, war durch David⸗ ſon angeworben: wie alle Andern wollte er es erſt kurz vor dem 28. ſein, und eben ſo wenig wie die andern von einem feſten Verbande etwas wiſſen. Thiſtlewood 4* 76 Die Perschwörung in der Catostrasst. ſchien auf ihn beſonders gezählt zu haben, um die Ir⸗ länder zu gewinnen. Er hatte zu ihm bei der erſten Zuſammenkunft geſagt: er ſei nun in fünf bis ſechs ver⸗ ſchiedenen Revolutionen thätig geweſen, und Irland ſei das wahre Land, wo alles drunter und drüber ginge. Es kommt hier nicht mehr darauf an, die verſchiedenen Zuſammenkünfte der Zeugen mit dem und jenem zu ſchil⸗ dern, wo er dieſe und jene Waffen und Vorbereitungen bemerkt. Am Morgen des 23. fragte ihn aber Thiſtle⸗ wood, auf wie viele ſeiner Landsleute er Abends um 8% rechnen könne? Dwyer meinte auf 26— 27. Thiſtlewood wies ihn an, dieſelben um 6 uhr Abends in der Nähe von Pomfret⸗Caſtle, an einer von Irländern frequen⸗ tirten Kneipe aufzuſtellen. Er gab ihm fernere Anwei⸗ ſungen, wie er mit ſeinen Leuten marſchiren, Häuſer überrumpeln, Kanonen nehmen ſolle, Anweiſungen, die ohne ſpeciellere Kenntniß der Londoner Localität nicht verſtändlich ſind. Dwyer wußte um den Angriff auf das Miniſter⸗Diner, und machte noch am ſelben Tage davon einem Major James Mittheilung. Dieſer hieß ihn augenblicklich vor dem Staatsſecretair ſich geſtellen, was Dwyer noch am Mittage des 23. zwiſchen 12 und 1 Uhr that. Dwyer iſt alſo der zweite Angeber des Complotts, unabhängig von Hidon, der ſchon am Tage vorher ſeine Angabe machte. Beider Angaben correſpondirten im Weſentlichen, ſie wurden außerdem beſtärkt und erläutert durch die voll⸗ ſtändige Ausſage des reumüthigen Kronzeugen Adams. In Verbindung mit dem, was jeder wußte und glaubte, erſchien dies für die Ankläger Beweiſes genug, und ſie ließen nur noch zwei Männer, die im Dienſt der Re⸗ gierung bei dem Vorfall gehandelt, vortreten, einen der die J⸗ erſten chs ver⸗ land ſii ginge. iedenen u ſchil itungen Thiſtle⸗ um 5% ſlewood er Nihe fregun Anwer püſn gen, die it nicht tiff auf n Tage ſet hieß geſtellen⸗ 12 und onplotti cher ſeine bn, ſt die vol Adam glaubte und ſt dn F⸗ einen 6* — Die Verschwörung in der Catostrasse. 7 bei der Arretirung betheiligten Anſteller und den Capi⸗ tain Fitz⸗Clarence, welcher die Soldaten befehligt hatte. Der Ober⸗Conſtabler Ruthwen war mit 12 Con⸗ ſtablern commandirt, um die Verſchwörer in der Cato⸗ ſtraße aufzuheben. Er drang gegen Abend in das Haus, ſah im Stalle einen Mann mit einem Feuergewehr über der Schulter und einem Seitengewehr und ſtieg, gefolgt von ſeinen Leuten, auf die Leiter, welche nach den obern Kammern führte. Dort ſchienen viele Leute bei einan⸗ der(Ruthwen's Ausſage iſt ſehr kurz und abgebrochen), er hörte Schwertgeklirr und ſah blinkende Klingen und Piſtolen. Oben, wohin ihm vier der Seinen folgten, darunter Ellis und Smithers, glaubte er 24 bis 25 Perſonen zu zählen. Die eine Kammer mochte 15 Fuß lang, 5 breit ſein, die andere 15 und 10; ſie waren durch eine offene Thür verbunden. Sobald er oben war, rief Ruthwen:„wir ſind Diener des Geſetzes, übergebt Eure Waffen!“ Er erkannte Thiſtlewood, den er ſeit fünf bis ſechs Jahren aus ähnlichen Gelegenheiten ſchon kannte. Er ſtand rechts am Tiſche nahe der Thür zur zweiten Kammer. Auf Ruthwen's Aufforderung hatte er ein Schwert gefaßt, das auf dem Tiſche lag, und war in die Nebenkammer geſprungen. Das Schwert war lang und breit und hatte blank auf der Tiſchplatte ge⸗ legen. Er ſchwang es, um zu verhindern, daß Jemand ſich ihm nähere. Smithers drang doch auf ihn los, worauf Thiſtlewood den Arm vorſtreckte und Smithers durchbohrte, der niederſtürzte. Im Fallen rief er:„Ach, mein Gott, ich bin hin!“ In dem Augenblick wurden die Lichter ausgelöſcht. Eine Stimme aus dem Winkel, wo Thiſtlewood ſich befand, rief:„Schlagt ſie todt, die——, werft ſie nie⸗ der!“ Es hatten 8 Lichter gebrannt; ſie waren ſämmtlich 78 Die Verschwörung in der Catostrasse. ausgelöſcht und Alle befanden ſich im Dunkeln. Ver⸗ wirrung, Ueberſtürzung. Er hörte, wie ſie die Leiter hinunterſtürzten.„Tod! Schlagt ſie todt!“ rief es, und Ruthwen ſtürzte ſich, daſſelbe ſchreiend, im Gedränge die Treppe mit hinunter. Sehr naiv ſagt der Polzeimann nun wörtlich:„Als ich hinunterkam, bemerkte ich gar nichts, bis ich Johns⸗ ſtreet erreichte, wo ich die Soldaten fand. Dann kehrte ich zurück. Es mögen 20 bis 30 Schüſſe gefallen ſein, theils oben in der Kammer, theils aus den Fenſtern. Bei meiner Rückkehr bemerkte ich Jemand, der nach der Thür ſchlich. Ich rief ihn, und er erhob den Arm, um nach mir zu ſchießen. Es war Tidd. Ich faßte ihm in den rechten Arm, wir rangen und ſtürzten zu Boden. Die Soldaten ſprangen zu, und da ging die Piſtole los. Er ward in Sicherheit gebracht und ich durchſuchte ihn.“ Um ſeinen Leib hatte er einen Leder⸗ gurt, in ſeiner Taſche zwei Kartätſchenkugeln. Während dieſe Unterſuchung in der nächſten Schenke ſtattfand, ward auch Bradburn hereingebracht. Er hatte um ſei⸗ nen Leib einen Strick, vier bis fünf Mal geſchlungen, der als Gurt dienen ſollte. Bei ihm fand man ſechs Kartätſchen und drei andere Kugeln. Demnächſt wur⸗ den Davidſon und Wilſon hereingebracht. Davidſon war voll Muth, er verwünſchte Jeden, der nicht Muth habe, für die Freiheit zu ſterben, und ſang Verſe aus dem Liede: Schotten, für uns floß Wallace Blut! Er kehrte noch ein Mal nach dem Schauplatze in der Catoſtraße zurück, wo er unter den Soldaten die gefan⸗ genen Shaw, Strange, Cooper, Monument und Gilchriſt fand. Waffen lagen noch in Menge umher, die von den andern Polizeidienern es ſchon waren, oder von ihnen au ter lit ſih Pi bri A na „—) „—— VLe⸗ Leiter 3, und dränge „Als ohns⸗ kehrte ſein, nſtern. ich der Arm, ſeßte ſten zu nd ich Leder⸗ ihrend tfand, n ſi⸗ ungen, ſech wot widſon Muth ſe aus in der gefan⸗ iſchriſt ie von nihnen Die Verschwörung in der Catostrasse. 79 aufgerafft wurden, z. B. ein Sack mit 10 Handgrana⸗ ten, Packete mit Theer und Tauen, auch eine Granate, ſo groß als ein Hut, alle mit Zündern verſehen. Capitain Fitz⸗Clarence, der königliche Abkömm⸗ ling, der mit Muth und Entſchloſſenheit bei dem Vor⸗ falle operirt hatte, faßte ſich in ſeiner Zeugenausſage ſehr kurz. Von der Polizei erſucht, war er mit einem Piquet Soldaten gegen 8 Uhr nach Catoſtreet aufge⸗ brochen und etwa um 8/6 in der Nähe angekommen. Als er einen Piſtolenſchuß hörte, führte er ſeine Leute nach dem alten Thorweg des Hauſes. Ein Polizeimann rief ihnen entgegen:„Soldaten! Soldaten! den Thor⸗ weg!“ Sie ſchritten auf den Stall zu. Im Thorweg ſtanden 2 Männer, der eine links, der andere rechts. Der eine zuckte ſein Schwert gegen den Offizier, der andere ſuchte mit der Piſtole nach ihm zu feuern. Jener, als er die Soldaten hinter dem Capitain ſah, ſprang in den Stall, der andere kam in ein Handgemenge mit dem Serjeanten Lezy. Fitz⸗Clarence verfolgte den erſtern muthig in den dunkeln Stall; da rief dieſer:„Tödtet mich nicht, ich will Alles geſtehen.“ Der Capitain über⸗ lieferte ihn dem Piquet und ſuchte dann weiter in den Ställen, wo er einen zweiten Mann fing. Dann hieß er eine Rotte Grenadiere ihm in die Kammer oben fol⸗ gen, wo ſie drei bis fünf Mann gefangen nahmen. Smithers lag dort todt am Boden; Waffen umher⸗ geſtreut. Die Vertheidigung hatte eine ſchwierige Aufgabe. Die Thatſachen ließen ſich nicht beſtreiten, es kam alſo nur auf juriſtiſche Diſtinctionen an, ob die allegirten Beſtimmungen über Hochverrath auf den vorliegenden 80 Die Perschwörung in der Catostrassr. Fall paßten: ob die Gefangenen ſich zum Tode des Kö⸗ nigs verſchworen und denſelben beabſichtigt gehabt? dann: ob ſie ſich verſchworen, um den König ſeiner königlichen Würde zu entſetzen? drittens, ob ſie ſich verſchworen, um Krieg gegen den König zu erheben? Ehe eines dieſer Momente klar erwieſen und zur Ueber⸗ zeugung der Geſchwornen geworden, müßten ſie ſich vor einem Verdict hüten. Die aufgehäufte Maſſe von Be⸗ weiſen führe allerdings zu der Annahme, daß etwas, wie eine Verſchwörung ſtattgefunden; daraus folge aber noch nicht, daß der beſtimmte Hochverrath, den die An⸗ klage bezeichne, ſtattgefunden. Folge daraus, daß die Angeklagten ſich mit der Abſicht vereinigt, die gegen⸗ wärtige Verwaltung zu ſtürzen, daß man auch den Mon⸗ archen ſtürzen gewollt? Wer überwieſen worden, daß er den Miniſtern zu Leibe gewollt, müſſe der auch das Verbrechen des Hochverraths begangen haben? Auch an⸗ dere Menſchen von heftiger Gemüthsart könnten der Vorſtellung Raum geben, daß Miniſter durch Anwen⸗ dung heftiger Mittel entfernt werden dürften. Man möge ihn nicht misverſtehen(erklärte der Vertheidiger, Mr. Curwood), als wolle er den Meuchelmord entſchul⸗ digen, was er darthun wolle, ſei nur, daß die Abſicht eine ganze Adminiſtration durch Meuchelmord umzubrin⸗ gen, noch nicht die Abſicht umſchließe, auch den König umzubringen oder abzuſetzen. Dieſe Vertheidigung war ſchwach, ſie konnte es nach den Umſtänden kaum anders ſein. Wichtiger war der vorgebrachte Einwurf, daß vom Anbeginn beim Proceß eine Menge Unregelmäßigkeiten ſtattgefunden hätten. Mit welcher Entrüſtung die Angeklagten gegen die Zeugen(die Verräther an ihrer Sache) ſich erklärten, werden wir aus ihren Vertheidigungsreden erſehen. Sie erklärten ſie für ——— —— —— es K⸗ chabt? ſeinet ſi ſch heben? lleber⸗ ch vor n Be⸗ s, wie aber e An⸗ i die gegen⸗ Mon⸗ , daß ch an⸗ n der nwen⸗ Man idiget, ſchul⸗ Abſcht zubtin⸗ Künig nach at der proceß Nit n li ir als ſie fit Die verschwörzng in der Catostrasse. 81 gänzlich unzuläſſig, ſie wären nicht allein Theilnehmer und Unterſtützer der Verſchwörung geweſen, ſondern ver⸗ dächtigt, daß ſie es für Geld von anderwärts her ge⸗ than, um die jetzt Angeklagten zu induciren; alle durchaus unſittliche, unzuverläſſige, käufliche Menſchen. Beſonders ward von ihnen die Perſönlichkeit eines der Mitverſchwornen, Edwards verdächtigt, der nicht ergriffen und nicht auf Vorladung erſchienen ſei. Man wußte, er war nach Frankreich entflohen. Dieſen Um⸗ ſtand wollten auch Andere im Publicum äußerſt räthſel⸗ haft finden und der Thatbeſtand erſchien ihnen desgleichen räthſelhaft, wenn man den vom Vertheidiger vorgeru⸗ fenen Zeugen Gewicht beilegte, welchen zufolge es näm⸗ lich Edwards geweſen, der die Waffen und Munition in Tidd's Wohnung gebracht und zwar am ſelben Mor⸗ gen, wo ſie daſelbſt von der Polizei gefunden worden. So bekundete Mary Parker(freilich Richard Tidd's Tochter) daß, als der Polizeibeamte bei ihnen Haus⸗ ſuchung gehalten(natürlich nach dem Vorfall), ſie Waf⸗ fen dort gefunden; dieſe Waffen wären aber erſt eine Viertelſtunde vorher von jenem Edwards dahin gebracht worden, den ſie ſehr oft bei ihrem Vater geſehen. Er brachte Sachen und nahm ſie auch wieder fort. Ebenſo hatte Adams ein Mal eine große Granate in die Woh⸗ nung geſchafft. Ein anderer Zeuge erklärte: daß er den Mitangeber Dwyer für keine glaubwürdige Perſon halte. Das Entlaſtungszeugniß war indeß zu ſchwach. Der Lord Oberrichter gab einen klaren Bericht über das Factiſche, was durch Zeugen ermittelt und nicht ermit⸗ telt, ſo wie über den Rechtspunkt, und in wie fern das alte Statut König Eduard III. über Hochverrath, ſo wie das letzte Statut aus dem 36. Regierungsjahre König 4** 82 Die verschwörung in der Catostrasse. Georg III. darauf Anwendung finde, und die Jury zog ſich zurück. Nach kurzer Berathung kehrten die Geſchwornen zu⸗ rück und brachten gegen den Angeklagten das Verdict: Schuldig in Betreff des dritten und vierten Punktes der Anklage: d. h. ſchuldig, ſich verſchworen zu haben Krieg zu erheben und wirklichen Krieg erhoben zu haben gegen den König. Hierauf folgte das Verfahren gegen die andern ein⸗ zelnen Angeſchuldigten und ihren beſondern Antheil an dem Verbrechen. Wir entheben daraus nur einzelne charakteriſtiſche Züge. Ings ſtand in derſelben Kategorie mit Thiſtlewood. Die gegen jenen vorgebrachten Zeugniſſe trafen auch ihn. Als Thiſtlewood einſt geſagt(ſo nach Adams), er wollte wohl, daß der neue König noch eine Weile am Leben bleibe, aber es ſei nicht ſeine Abſicht, daß er die Krone für immer trage, äußerte Ings: am letzten Tage, als der Prinz Regent aus dem Parlament gekommen, wäre er in den Park gegangen, mit der Abſicht, ihn zu erſchießen. Zum Beweis zeigte Ings eine Piſtole vor:„Seht, die habe ich mitgenommen.“ Er bedauerte, daß es ihm nicht gelungen, und erklärte, er ſcheere ſich einen Pfifferling darum, wenn es ihm auch das Leben gekoſtet. Ing's Vertheidiger, Adolphus, beſchwor die Jury, auf die Ausſagen eines Menſchen wie Adams nichts zu geben. Wenn auf die Ausſagen ſolcher„infamen Zeu⸗ gen“ Menſchenleben geopfert würden, dann wäre bald die Zeit wieder da für andere Obetrichter„Jeffreys“ und für Zeugen, wie der berüchtigte„Titus Dates“.*) *) Siehe den Fall; das Papiſtiſche Complott. in⸗ lne od. hn. lte en ne als er en. die icht ing th, el⸗ Die verschwörung in der Catostrasse. 83 Ings vertheidigte ſich ſelbſt. Er erzählte ſeine Lebens⸗ geſchichte, wie alle ſeine Verſuche, ſich auf rechtliche Weiſe durchzubringen, ihm fehlgeſchlagen wären. In ſeiner größten Noth wäre er mit Edwards bekannt geworden, der ihn verführt, ſich in die Verſchwörung einzulaſſen. „Ich habe ein Weib und vier kleine Kinder, ſchloß er, ich hoffe, Ihr Herren, bevor Ihr ein Verdict gegen mich findet, werdet Ihr dieſen Mann vor Euch citiren laſſen, den ich als meinen Mörder betrachte. Er kam zu mir; ich ging nicht zu ihm. Ich war nie in einer öffentlichen Verſammlung, nie auf einem radicalen Meeting. Dieſer Mann, mein Ankläger, Adams, der, um ſich zu retten, uns verdirbt, würde zu dem Zwecke ſeinen Gott ſelbſt hängen laſſen. Ich, und wenn ich 500 Leben hätte, würde doch lieber ſelbſt ſterben, als daß ich An⸗ dere an den Galgen brächte!“ Die Jury ſprach über Ings ohne Zucken das: Schuldig! Brunt ſuchte in derſelben Weiſe Adams und der Andern Zeugniſſe zu verdächtigen. Warum ſei der ſo oft erwähnte Edwards nicht erſchienen. Von dieſem ſei er verführt worden; dieſer habe ihm oft zu eſſen und zu trinken gegeben, um ihn durch Traktiren zu verder⸗ ben. Was auch über ihn komme, er hoffe zu ſter⸗ ben nicht unwürdig eines Abkömmlings der alten Briten!— Nach 10 Minuten war er Schul⸗ dig erklärt. William Davidſon ſprach von der großen Fa⸗ milie, deren einzige Stütze und Erhalter er ſei. Die Hand aufs Herz legend, erklärte er ſeine vollkommene Unſchuld an dem ihm zugeſchriebenen Verbrechen. Wenn er auch ein Mann ſei, der einer beſtimmten po⸗ litiſchen Farbe angehört, folge denn daraus, daß er auch —————————————— ———— 84 Die verschwörung in der Catostrasse. ein Ungeheuer der Schöpfung ſein müſſe, ohne Gefühl und Verſtand? Er citirte Stellen aus Pope's: Allge⸗ meinem Gebet und Bibelſtellen gegen falſche Zeugen. Lord Harrowby wollte er viele Jahre gekannt haben und er ſchauderte über den Gedanken, ſich in ein Complott gegen ſein Leben einzulaſſen, was er nie gethan.— Schuldig wie die Andern. Auch Richard Tidd wollte nur durch Edwards' Machinationen in dieſe Lage gebracht ſein. Dieſer hatte ihn nach der Catoſtraße geführt und ſchon nach einer Viertelſtunde waren die Polizeimänner eingedrungen. Vom Complott habe er nichts gewußt und ſei vollkom⸗ men unſchuldig.— Die Jury fand ihn ſchuldig. Wilſon, Harriſon, Bradburn, Strange, Cvoper und Gilchriſt zogen ihre frühere Unſchulds⸗ erklärung zurück, und erklärten ſich demnächſt ſelbſt für ſchuldig, in Hoffnung einer Strafmilderung. Arthur Thiſtlewood ward aufgefordert, ob er noch zum Schluß etwas anzuführen habe, wovon er glaube, daß es die Todesſtrafe von ihm abwenden könne. Er hatte in letzter Zeit eine ſehr entſchloſſene Haltung an⸗ genommen, leugnete ſeinen Plan keincswegs und liebte es vielmehr, ſich und ſeinen Freund Brunts mit Brutus und Caſſius zu vergleichen. Man hat ein Portrait von ihm. Einnehmend ſind die Geſichtszüge nicht; ſie zeigen einen Mann von 50 bis 60 Jahren mit einem von Sor⸗ gen und Nachdenken tief gefurchten Geſicht, einer vor⸗ ſpringenden Stirn, ruhig forſchenden Augen, einer langen edel geformten Naſe, aber einem gemeinen, dicken, auf⸗ geworfenen, herunterhängenden Untergeſichte. Seine Rede, die uns aufbewahrt, verräth den Willen und das Die Verschwörung in der Catostrasse. 85 ihl Studium, ſich auf eine höhere Stufe der Bildung und lge Bedeutung heraufzuheben. Der Ausdruck iſt nicht na⸗ gen. türlich; das Geſchraubte thut der Wirkung Eintrag. und„Mylords! Man hat mich gefragt, was ich für mich lott anzuführen habe, damit das Todesurtheil gegen mich ₰ nach Beſtimmung der Geſetze nicht zur Ausführung komme. Dies erſcheint mir wie ein purer Hohn, denn ds wären auch die Gründe, die ich anführen könnte, un— atte umſtößlich, und könnte ich mit der Beredtſamkeit eines iner Cicero reden, ſo würde die Rachſucht der Lords Caſtle⸗ en. reagh und Sidmouth doch nur erſt befriedigt ſein in om⸗ dem Purpurſtrom, der jetzt durch ein Herz fließt, wel⸗ ches enthuſiaſtiſcher ſchlägt bei jedem Impulſe des Pa⸗ ge, triotismus und der Ehre, als das irgend eines dieſer de⸗ privilegirten Verräther unſeres Vaterlandes, welche es jir mit nackter Unverſchämtheit knechten, ſchaltend über Le⸗ ben und Eigenthum des ſouverainen Volkes. Dennoch will ich die Gründe, die ich habe, jetzt anführen, ohne daß ich der geringſten Hoffnung auf Euer Gerechtigkeits⸗ vch und Billigkeitsgefühl mich hingäbe. Die Gerechtigkeit ebe, iſt in Eurem Ehrgeiz aufgegangen, oder mehr in Eurer 6r ſervilen Geſinnung, die nach der Befriedigung Eures . Ehrgeizes durſtet— Eure Billigkeit, Euer Mitleid aber verachte ich. Ich fordere Gerechtigkeit. Wenn Ihr mir Mitleid dafür ſchenkt, iſt das ein ſchlechtes Aequi⸗ — valent. „Vor Allem proteſtire ich gegen den Proceß, wie er 6 gegen mich geführt iſt. Er iſt unerhört parteiiſch ge— — führt und wider allen Geiſt der Gerechtigkeit. Ach, die r⸗ Richter, welche man bisher als die Rathgeber und igen Stützen für die Angeklagten anſah, ſind in allen Pro— ceſſen zwiſchen Volk und Krone zu Advocaten der letz⸗ e — tern geworden, die unverſöhnlichen Feinde der Ange⸗ 86 Die verschwörung in der Catostrasse. klagten. Fortwährend drängt der Richter die Geſchwor⸗ nen, daß ſie die Angeklagten ſchuldig finden ſollen. Ja, ein Mal erhielt die Jury einen Tadel, und keineswegs in ſanften Ausdrücken, weil ſie den gebieteriſchen An⸗ weiſungen der Richterbank nicht nachkam. „Der Gerichtshof war von Anfang an entſchloſſen, in einem Falle lieber einen Mord zu begehen, als im Geringſten von ſeiner gewöhnlichen Form abzugehen. Ja, es iſt bei mir die Frage, ob die Form denn gewöhn⸗ lich iſt, welche mir verbietet Zeugen vernehmen zu laſſen, welche die Unglaubwürdigkeit der Belaſtungszeugen, Adams, Hidon und Dwyer herausſtellen ſollen. Ich forderte zu rechter Zeit vom Hofe, daß auch meine Zeu⸗ gen vernommen würden. Unmenſchlich ſchlug es mir der Hof ab. Deshalb bin ich zum Schaffot verurtheilt. Wie oft iſt man über dieſe Form, dieſe Regel wegge⸗ ſprungen; hätte man es aber zu meinen Gunſten ge⸗ than, hätte man ſich einer allerhöchſten Misliebigkeit ausgeſetzt und die Ausſichten auf Beförderung auf⸗ gegeben. „Wenige Stunden noch, und ich lebe nicht mehr. Aber der nächtliche Wind, der über dem ſtillen Grabe ſchrillen wird, das mich vor ſeinem ſcharfen Hauch beſchützt, wird Euch auf den Kiſſen, auf denen Ihr ruhelos Eure Köpfe wendet, die Erinnerung an Einen zurückrufen, der nur für ſein Vaterland lebte und ſtarb, als Freiheit und Gerechtigkeit aus ſeinen Grenzen vertrieben waren durch eine Rotte Böſewichter, deren Durſt nach Blut nur durch ihren Durſt nach Plünderung überboten wird. um das Leben, was mich betrifft, kümmre ich mich nicht. Doch ſo lange es geht, möchte ich doch gern mein Ge⸗ dächtniß von der Schmach freimachen, die man, ich bin deſſen gewiß, gefliſſentlich wird darauf häufen wollen, ſob the mi ſpi die der tri gey mic lan me A ſe i ſe ſchl Re Un tra vi gen St chl ſin a B ſed Se ur Die Perschwörung in der Catostrasse. 87 ſobald es nicht mehr in meiner Macht iſt, mich zu ver⸗ theidigen. „Ich möchte die Motive auseinanderſetzen, welche mich bewegten, gegen die Miniſter des Königs zu con⸗ ſpiriren, und vergleichen möchte ich ſie mit denen, welche dieſe Miniſter veranlaßt ſo zu handeln, daß ich ver⸗ derben mußte. „Manche Leute, die wohl bekannt ſind mit der nieder⸗ trächtigen Art und Weiſe, wie Lord Sidmouth mich geplündert hat, könnten denken, daß perſönliche Motive mich zur That antrieben; aber ich proteſtire dagegen. Mein wahrer Grund war, für das Glück meines Vater⸗ landes zu handeln. Mein heißes Gefühl— die Spitze meines Ehrgeizes war das Wohl meiner verhungernden Landsleute. Ja, ich habe heiß mitgefühlt ihr Elend. Aber als man über ihr Elend lachte, und als man, wo ſie ihrem Schmerzgefühl Aeußerung gaben, ſie unmenſch⸗ lich niedertrat, da wurden meine Gefühle zu mächtig, ſie mußten heraus, und ich beſchloß Rache— ich be⸗ ſchloß, daß das Leben derer, die das herbeigeführt, zum Requiem werden ſollte für die Seelen der gemordeten Unſchuldigen. „Da war es, wo ich mit George Edwards zuſammen⸗ traf. Dieſer Edwards war ohne einen Heller, lebte bei Picketſtreet, am Strande, ohne ein Bett, worauf er lie⸗ gen konnte, ohne einen Stuhl, um darauf zu ſitzen. Stroh war ſein Lager, ein altes Laken ſeine Decke. Sein ſchlechter Charakter, ſein Schwindelgeiſt machte, daß ſein Wirth ihn auch aus dieſem kläglichen Aufenthalt auswies. Es iſt nicht meine Abſicht, ein Bild ſeiner ganzen Unſittlichkeit zu geben, genüge das, er war in jedem Sinne des Worts der allerausgemachteſte Schuft. Sein Wirth wollte nichts mehr von ihm wiſſen. 88 Die verschwörung in der Catostrasse. „Einige Zeit darauf kam er wieder zu ſeinem Wirthe, aber wie war er verändert. Wie ein Lord gekleidet, ausſtaffirt mit allen Erbärmlichkeiten der damaligen Mode. Er gab ſich jetzt für den rechtmäßigen Erben eines deutſchen Barons aus, der vor kurzem geſtorben. Lord Caſtlereagh und Sidmouth hätten ſeine Anſprüche auf Titel und Erbſchaft anerkannt, und verhandelten zu ſeinen Gunſten mit der deutſchen Regierung; während deſſen unterſtützten ſie ihn mit Geld, damit er ſeinen Rang in der Geſellſchaft einnehmen könne. Er war — ein Regierungsſpion geworden! „Er führte ſich ſelbſt ein bei den Spenceanern ich erinnere mich nicht mehr recht wie— und ſo ward er mit den Reformern im Allgemeinen bekannt. Als ich Edwards nach der Metzelei von Mancheſter traf, erklärte er ſich noch für ſehr arm; nach einigen Zuſammenkünf⸗ ten theilte er mir ſchon einen Plan mit, wie er das Haus der Gemeinen in die Luft ſprengen wolle. „Ich hatte Zeugen vor dieſem Gerichtshofe, die be⸗ kunden konnten, daß ſie nur auf Edwards' Anweiſungen nach Catoſtreet gekommen waren, mit keiner andern Wiſſenſchaft, in keiner andern Abſicht, als einen Abend unter Freunden zuzubringen. Ich hätte auch beweiſen können, daß er, bald nachdem wir uns in Holborn ge⸗ troffen, zwei oder drei meiner Gefährten zu verführen ſuchte, daß ſie Feuer anlegen ſollten an Häuſer in ver⸗ ſchiedenen Gegenden der Stadt. Beweiſen hätte ich können, daß er Andere zu verführen ſuchte, Handgrana ten in die Kutſchen der Miniſter zu werfen, wenn dieſe durch die Straßen führen. Und doch iſt gerade dieſer Mann, der eigentliche Antreiber, Urheber, der Schlingen⸗ dreher oder die Schlange vor der Juſtiz oder vor der öffentlichen Ausſtellung durch die Männer geſchützt, die keh te we de R the, det, gen ben hen. üche zu end nen var ord zich ärte ünf⸗ das be⸗ gen ern end iſen 9 hren ver⸗ ich na⸗ ieſe ieſer gen⸗ det die Die Verschwörung in der Catostrasse. 89 voll Rache dürſten nach den Opfern ſeiner und ihret Schlechtigkeit. „Hochverrath war gegen das Volk von Mancheſter begangen worden. Aber die Gerechtigkeit verſchloß ihre Thore gegen die Verſtümmelten, die Zertretenen und die Freunde der unbarmherzig Niedergemetzelten. Der Prinz Regent dankte ſogar, auf den Rath ſeiner Miniſter den Mördern, die noch vom Blute ihrer Opfer rauchten. Wenn noch ein Funke von Ehre, ein Funke von Unab⸗ hängigkeitsgefühl in der Bruſt der Engländer glimmte, würden ſie Alle wie ein Mann aufgeſtanden ſein. Auf⸗ ruhr wäre zur Bürgerpflicht geworden und das Blut der Dpfer wäre das Loſungswort zur Rache an ihren Mördern geworden.“ Der Oberrichter unterbrach ihn hier, erklärend, er dürfe die Fortſetzung einer ſolchen Rede nicht erlauben. Aber Thiſtlewwod bat nur noch um einige Worte: „Albion liegt noch in den Ketten der Sklaverei— ich verlaſſe es ohne Kummer— bald werde ich in mein Grab gebettet ſein— mein Leib wird in die Erde über⸗ gehen, von der ich zuerſt Athem ſog. Mein einziger Kummer iſt, daß dieſe Erde noch länger ſoll ein Theater bleiben für Sklaven, Schufte und Despoten. Meine Beweggründe, daran zweifle ich nicht, werden von der Nachwelt richtig gewürdigt werden. So will ich denn dahin meinen Satz ſchließen, daß ich mich für ermordet erkläre, wenn ich auf ein Verdict ſoll hingerichtet wer⸗ den, welches man von den Geſchwornen erhielt, wäh⸗ rend der Gerichtshof mir abſchlug meine Zeugen zu hö⸗ ren. Ich hätte beweiſen können, daß Dwyer ein Schuft war von der allerſchwärzeſten Färbung, denn(1) ſeit dem Verfahren wider mich iſt einer ſeiner Mitgenoſſen, Namens Arnold, vor dieſen ſelben Schranken von Old 90 Die verschwörung in der Catostrasst. Bailey vollſtändig überführt worden, daß er Geld em⸗ pfangen hat unter den ehrenrührigſten Umſtänden. Ich aber will kein Mitleid; ich fordere nur Gerechtigkeit. Ich hatte kein gerechtes Gericht, und auf dieſen Grund hin proteſtire ich dagegen, daß das Urtheil gegen mich zur Ausführung komme.“ In der Selbſtvertheidigung der andern Verurtheilten kommen einzelne charakteriſtiſche Züge vor. William Davidſon ſagte unter andern:—— „Aber auch angenommen(er beſtritt wie alle die Gül⸗ tigkeit der Zeugenausſagen), daß das Leben der Miniſter Sr. Majeſtät bedroht worden, ſo folgt daraus nicht, daß auch das Leben Sr. Majeſtät, des Königs, ſelbſt bedroht geweſen. Es heißt in der Magna Charta: daß 25 Barone beſtellt werden ſollten, um darüber zu wachen, daß die Bedingungen der Charte nicht verletzt würden; und wenn gefunden würde, daß die Miniſter des Königs eine ſolche Verletzung ſich zu Schulden kommen laſſen, dann ſollten vier Barone aufgerufen werden, um der Schädigung zu ſteuern. Wenn auch dieſe ſolches nicht bewerkſtelligen könnten, dann ſollten die vier Barone zu ihren Brüdern zurückkehren, welche demnächſt das Volk aufrufen ſollten, die Waffen zu ergreifen und ihre Rechte zu wahren. Ein ſolcher Act ward alſo in alten Zeiten nicht als ein Verrath gegen den König angeſehen.— Ich, fuhr er fort, ward von Goldworthy(ein neuer Name) und Edwards überliſtet, die die Privatvortheile verfolgten und mein Leben wegſchworen. Ich habe übri⸗ gens keinen Einwand dagegen, mein Leben für mein Vaterland einzuſetzen; aber gönnt mir wenigſtens, mei⸗ ner Kinder wegen, daß mein Charakter vor der Schmach be jet we kn m⸗ 3ch eit. ud ſich Die Verschwörung in der Catostrasse. bewahrt bleibe, als Verräther zu ſterben. Ich habe jetzt nur noch ein Gefühl, das für meine Kinder, und wenn ich an ſie denke, geht mir das Herz über.— Ich kann nichts mehr ſagen.“ Auch James Ings wollte nur durch Edwards ver⸗ führt ſein, er wäre zu ihm gekommen, als er ohne allen Verdienſt geweſen, er, Ings, habe ihn nicht geſucht: „Nur durch Edwards büße ich mit meinem Kopfe. Der Tod kümmerte mich nicht, wenn Ihr nur den Mann auch kommen ließet und ihn mit mir auf dem Schaffot ſterben—— Uebrigens verſchwören ſich die Diener Sr. Majeſtät und legen uns Geſetze auf, durch die ich, meine Familie und meine armen Landsleute zum Hungertode verdammt werden, und wenn ich nun wirklich ausge⸗ gangen wäre, um dieſe Miniſter zu ermorden, ſo faſſe ich es doch nicht, Mylord, daß dies ſo ſchlimm wäre, als Einen zum Hungertode zwingen. Die Mancheſter Yeomanry ſprengte unter uns und ſchlug nieder Frauen und Kinder. Sie hatten ihre Schwerter geſchliffen und ich meines auch. Ich werde ſterben, da iſt kein Zweifel; aber ich hoffe, daß meine Kinder leben werden, um noch zu ſehen, wie ihrem blutenden Vaterlande Gerechtigkeit wird.“ John Thomas Brunt klagte beſonders über die ſophiſtiſche Beredtſamkeit des Kronanwalts, er könne das ſchändlichſte Verbrechen zur Tugend ausmalen.„Von allen niederträchtigen Charakteren iſt Edwards der ſchlech⸗ teſte; und doch hat man ſich gehütet, ihn vor Gericht zu ſtellen. Er war es, der uns die Waffen lieferte, er, der uns in unſer Verderben führte.“— Dann, auf Lord Caſtlereagh und Sidmouth übergehend:„Sie ſind die Urſache des Todes von Millionen,“ und wenn er nun auch ſich wirklich verſchworen, ſolche Menſchen aus der 92 Die verschwörung in der Catostrasse. Welt zu ſchaffen, ſo könne er das für keinen Hochver⸗ rath halten. Als er es unternommen, dieſe und ihre Mitminiſter umzubringen, habe er nicht an die Rettung ſeines eigenen Lebens gedacht, er ſei entſchloſſen geweſen, als ein Märtyrer für die Sache ſeines Vaterlandes zu ſterben und das unſchuldige zu Mancheſter vergoſſene Blut zu rächen. Zu ſterben bereit, nur darüber betrübt, daß man ſeine That Hochverrath nenne. Brunt ſprach mit äußerſter Heftigkeit. Richard Tidd begnügte ſich zu erklären, daß die Ausſagen aller vernommenen Zeugen, mit Ausnahme der des Capitain Fitz⸗Clarence, Lug und Trug ſeien. Wilſon, Harriſon und Strange ſprachen nur wenige Worte. James Gilchriſt ſuchte das Gefühl zu rühren: Mittwoch Abend um 4 Uhr wußte ich noch gar nichts von der ganzen Geſchichte. Ich ſah mich nach Arbeit um, denn ich hatte kein Geld zu Brod. So kam ich da hin, wovon man mir ſagte, es ſei nur ein Abendeſſen der Radicalen.(Hier ſchluchzte er). Um 6 Uhr traf ich Cooper, es war der einzige Menſch, den ich von Allen kannte. Ich borgte von ihm einen Halfpenny; mit einem andern, den ich hatte, kaufte ich ein Pennybrod und aß es mit Heißhunger. Wenn ich nicht die reine Wahrheit ſage, ſo will ich nie von hier fortkommen. Dann gin⸗ gen wir in den Stall und die Leiter hinauf, wo es etwas Brod und Käſe gab. Ich nahm ein altes Schwert, was da lag, und hieb ein Brod entzwei; andere nah⸗ men auch davon. Ich fragte dann, was denn das wäre mit den Waffen, die herumlagen, und als ich es hörte, war ich ſo erſchrocken, daß ich beſchloß fortzulaufen, ſo ſchnell ich konnte. Ich habe meinem Könige und mei⸗ nem Vaterlande 12 Jahre gedient, und das iſt der Die Verschwörung in der Catostrasse. 5 Lohn dafür. Ach Gott! ich habe nichts mehr zu ſagen!“ Auch Charles Cooper betheuerte ſeine Unſchuld. en Der Lord Oberrichter Abbot ſprach dann das Urtheil . in herkömmlicher Form aus. Die Gefangenen wurden 9 darauf abgeführt. Sie ſchienen nicht ſehr ergriffen, ſon⸗ bt, dern gingen mit Faſſung und Feſtigkeit. die Im Geheimenrathe, welchem ſämmtliche Miniſter und der die Anwalte der Angeſchuldigten beiwohnten, wurde durch mehre Stunden über die Angelegenheit debattirt. End⸗ nur lich ward der Beſchluß gefaßt, daß von den Verurtheil⸗ ten nur fünf am 1. Mai die Todesſtrafe erleiden ſollten: in Arthur Thiſtlewood, John T. Brunt, James Ings, hts William Davidſon und Richard Tidd. Hinſichtlich beit der Uebrigen ſechs ward ein Auſſchub, nach des Königs ic Ermeſſen, beſchloſſen; d. h. ſie ſollten nicht ſterben. Sie wurden ſpäter nach Botany⸗ Bay transportirt. ich Die Unregelmäßigkeiten in dieſem Proceſſe ſind nie llen in Abrede geſtellt worden, und doch konnte Niemand em das Urtheil ein ungerechtes nennen. Um nicht den Skan⸗ dal des vorigen Proceſſes wieder zu erleben, daß die heit wirklich Schuldigen losgeſprochen wurden, weil geſchickte in⸗ Advocaten den Lebenslauf des Hauptzeugen in einer Art es durchhechelten, daß ſeine Glaubwürdigkeit mehr als ge⸗ ert, ſchwächt wurde, verhinderte man die ſcharfe Inquiſition h⸗ der Belaſtungszeugen. Dies mochte gerechtfertigt erſchei⸗ äte nen, wo ſo viel anderweitige Beweiſe aufgehäuft waren, tte, daß es auf etwas mehr oder minder Schuldbarkeit nicht „ſe ankam. Das Verſchwinden Edwards', einer Perſon, die mei⸗ faſt ſämmtliche Angeklagte als ihren Verführer und als der den angaben, welcher ſie mit Waffen und Munition 94 Dir verschwörung in der Catostrasst. verſorgt und deſſen ganze Erſcheinung etwas Verdächtiges hatte, erregte indeſſen im Publicum einen übeln Verdacht. Waren doch die Maßregeln zur Ausführung dieſes großen Entwurfs mit ſolcher Genauigkeit und Ueberein⸗ ſtimmung getroffen, daß man auf einflußreichere Männer ſchloß, die dahintergeſteckt. Doch wo ſie ſuchen? Den großen Whigs konnte man einen ſolchen Plan nicht zu⸗ trauen. Demokratiſche Propaganden, wie ſie heut durch Europa verbreitet ſind, mit großen Mitteln ausgerüſtet, exiſtirten jener Zeit noch nicht. Aber während Einige doch glaubten, daß jene Schwärmer aus dem niedern Volke von ſolchen geheimen Agitatoren als verlorne Schildwachen und Proben des Verſuchs zu einer Re⸗ volution benutzt worden, glaubten Andere: das Ganze ſei eine ariſtokratiſche Finte und von den Miniſtern ſelbſt an⸗ gezettelt, oder doch mittelſt geheimer Agenten unter den Verſchwornen unterſtützt geweſen, um der Regierung größere Macht zu verſchaffen und Ausnahmsgeſetze durchzuſetzen. Die myſteriöſe Perſon jenes Edwards gab dieſer Ver⸗ muthung viele Stärke; eine Vermuthung, die ſich übrigens bekanntlich in vielen ähnlichen Verhältniſſen wiederholt. In der Nacht vor ihrer Hinrichtnng ſchliefen die Un⸗ glücklichen ſo feſt, daß ſie nur durch das Raſſeln der Kerkerthüren erweckt wurden, als der Gefängnißgeiſtliche eintrat, den ſein Eifer antrieb, auch ihre letzte Nachtruhe ihnen zu ſchmälern, um ſie von ihrem Deismus, zu dem ſie ſich bekannten, zu bekehren. So viel uns aus den damaligen Nachrichten erinnerlich, wieſen ſie ſeinen Beiſtand beharrlich ab. Bei der Ankunft der Sheriffs wurden ſie in das Wartezimmer, den Preß⸗vard gebracht. Man hielt es für nöthig, ehe man ihnen die Ketten abnahm, ihre Arme zu binden. m ge ha ke ſu ges eſes ein⸗ met Den rch et, ige rne ſei den ere er⸗ ens At. Un⸗ det iche uhe u6 nen das ſn rme Die Verschwörung in der Catostrassr. 95 Thiſtlewvod trat zuerſt heraus. Seine Augen ſtarr⸗ ten vor ſich hin; er ſchien in ernſte Gedanken verloren. Tidd, der zunächſt kam, ſchien mehr von ſeiner Lage ergriffen. Doch verſuchte auch er eine gleichgültige Miene anzunehmen und ward von Ings oſt wegen ſeines ge⸗ drückten Weſens verſpottet. Ings, der dritte, lachte und ſcherzte. Brunt ſchritt finſter und verdrießlich, und muſterte die Polizeidiener, welche ihn geleiteten. Davidſon ging zuletzt, mit gefalteten Händen, die Blicke nach oben. Er betete andächtig. So gelangten ſie nach dem Gebäude, von wo ſie das Schaffot beſteigen ſollten. Hier vergingen einige Augen⸗ blicke, bis die ſchreckenvollen Vorbereitungen zum Tode fertig waren. Thiſtlewwod ſtand im Thorweg. Die Lippen ge⸗ ſchloſſen, überſah er mit gerunzelter Stirn die Thätig⸗ keit auf dem Schaffot. Tidd ward zuerſt aufgerufen. Ings ergriff ſeine Hand, als er vorſchritt, und mit einem vollen Gelächter rief er:„Gib mir doch deine Hand!— So!— Leb wohl!“ Eine Thräne ſtand in Tidd's Auge, ſeine Lippen murmelten unwillkührlich:„Mein Weib und—“ Ings fuhr fort:„Na, alter Junge, die Ohren ſteif gehalten, bald iſt's vorüber.“ Tidd drückte noch ein Mal ſeine Hand und ſtürzte nach der Treppe zum Schaffot. Ein dreimaliger theil⸗ nehmender Jubel begrüßte ihn aus dem Volke. Er ver⸗ ſuchte umſonſt mitzuſchreien. Da verſuchte Jemand Brunt zu bekehren, er ſolle Gott um Vergebung anflehen. Mit einem wilden und verächtlichen Blicke maß ihn Brunt und rief:„Was 96 Die verschwörung in der Catostrasse. habe ich denn gethan?— Ich habe nichts gethan. Wes⸗ halb ſollte ich um Vergebung bitten?“ „Brav geſprochen, Brunt, rief Ings, und ſang das Lied: „O gib mir Freiheit oder Tod als auch ihm gewinkt ward. Lächelnd wandte er ſich zu Brunt um, ſchüttelte ihm die Hand und ging. Mit einem Fuße ſchon auf der Treppe, ſagte er noch zum Schließer Davis:„Wohlan, Mſtr. Davis, da gehe ich denn nun den Weg, wo man das große Ge⸗ heimniß findet.“ Auf das Schaffot ſpringend, rief er: „Leben Sie wohl, Gentlemen! Hier ſcheiden die Reſte eines unglücklichen Menſchen!“ Brunt ſtand für ſich allein und murmelte Klagen über die Ungerechtigkeit ſeines Schickſals. Doch wünſchte er Tidd folgen zu dürfen; aber Davidſon ward zunächſt aufgerufen. Brunt ſchien jetzt ſehr ärgerlich:„Ich vermuthe, ſie haben Angſt, daß ich etwas zum Volke ſagen würde, weil ich vor Gericht mein Herz ausgeſprochen habe. Davidſon's Benehmen war von ſeltener Würde und Ruhe. Alle Zeugen, welche ſchon am Sonntag vorher dem Abſchiede von ſeiner Frau beigewohnt, bewunder⸗ ten ſeine Faſſung. Jetzt erklärte er, daß dies der glück⸗ lichſte Tag ſeines Lebens ſei Auch bei Ings, deſſen Benehmen an Frechheit ge⸗ ſtreift, brach auf einen Augenblick etwas wie Gefühl hervor. Ehe er auf das Schaffot ſtieg, rief ihm Jemand zu, er ſolle feſt ſein.„Feſt! rief er, bin ich nicht feſt? Aber, Sir, wir haben Kinder!“ Brunts letzte Handlung, die man von ihm ſah, war, daß er eine Priſe von einem Stück Papier nahm, er mußte dazu die Nachtmütze, die ihm ſchon übers Geſicht gezo Dar rief mir Ing als wurt Geſe Kiy köm ſolch Hen lith 3 — den e⸗ ang eſte en chte chſt ſie de, und her der⸗ üc⸗ ge ih and eſt? pal, et ſcht Die Verschwörung in der Catostrasst. 97 gezogen war, zurückſtreifen, um die Naſe zu erreichen. Dann warf er ſeine Schuhe fort. Als man Ings ein Taſchentuch um die Augen band, rief er aus:„Ich hoffe, Maſter Cotton, Ihr werdet mir ein gutes Zeugniß geben.“ Cotton verneigte ſich, Ings ſpielte und wehte dann mit ſeiner alten Nachtmütze. Nur Tidd und Davidſon waren im Gebet begriffen, als das Brett fortgezogen ward. Nachdem ſie eine halbe Stunde in der Luft geſchwebt, wurden ihre Körper abgeſchnitten, die Köpfe, nach dem Geſetz bei Hochverrathen, vom Rumpf getrennt. Als die Köpfe nach derſelben Vorſchrift vom Henker mit einer her⸗ kömmlichen Formel dem Volke gezeigt wurden, brach ein ſolcher Sturm von Abſcheu und Wuth gegen Richter und Henker aus, daß man aus Vorſicht den letzten Theil des Urtheils unausgeführt laſſen mußte,— die Viertheilung. Die Straßen waren in allen Richtungen, die nach dem Executionsplatze führten, durch ſtarke Abtheilungen Cavalerie abgeſperrt. Ueberhaupt war die Garniſon in London während der Zeit des Proceſſes vermehrt und ſtets bedeutende Abtheilungen in den Caſernen conſignirt worden. Es war nothwendig. Das Volk erblickte in Arthur Thiſtlewvod und ſeinen Genoſſen Märtyrer für die Frei⸗ heit Alt⸗Englands. Arthur Thiſtlewvod, die Watſon, Preſton und ihre Genoſſen waren Schwärmer, aber hungernde Schwärmer, und Millionen hungerten mit ihnen, Millionen ſchlürf⸗ ten die Lehren ein, welche ihre Redner verkündeten, ihre Prediger predigten. Sie bekannten ſich Alle zu der po⸗ litiſchen Lehre, welche Thiſtlewood in ſeiner Vertheidi⸗ gung ausgeſprochen, Davidſon ſogar zu einem Rechte erhob, welches ſchon in der Magna Gharta zu leſen XIV. 5 98 Die verschwörung in der Catostrasse. ſei, dem Rechte der Unterdrückten, wider ihre Unterdrücker auch mit Gewalt und Mord ſich zu erheben, wenn Bitten, Vorſtellungen, Drohen, wenn die Anmahnungen der geſetzlichen Volksvertreter ungehört verhallten. Die engliſche Preſſe lächelte vornehm verächtlich über dieſe Anſtrengungen der Schwärmer und Hungernden, an der engliſchen Conſtitution zu rütteln; aber ſie zitterte dabei. Es war ſchon vor 30 Jahren Gefahr in Eng⸗ land vor einer ſocialen Revolution, und nur der ſittliche Geiſt ſeiner Bewohner und die Feſtigkeit ſeiner alten Inſtitutionen machte die Anſtrengungen der Empörer zu Schanden. Dennoch mußte man nachgeben.— Canning kam ans Ruder mit ſeinen vorbereitenden Reformen, die Emancipation der Katholiken folgte, die Reformbill mit allen ihren großen, noch heut nachwirkenden Folgen— es wird forwährend reformirt, und trotz der neuen Me⸗ tamorphoſe jener alten Spenceaner als Chartiſten u. w. wird England wahrſcheinlich die Kraft bleiben, dem Hungergeſchrei der Millionen in der Art zu widerſtehen, daß es ſtatt durch Revolutionen durch Reformen ſie be⸗ friedigt. Weil— ſeine Inſtitutionen von Alters auf dem Volkswillen, auf Freiheit begründet ſind. Und doch war jener Hungerſchrei ſeiner Zeit ſo ſtark, daß ein Opfer dafür fallen mußte; erſt nachdem Caſtle⸗ reagh ſeine Adern geöffnet, circulirte wieder frei der Blutlauf des engliſchen Volkslebens. Wir ſtehen heut auf dem Punkte, wo England vor 30 Jahren.— Wie viel fehlt uns, was England voraus hatte, um den Stür⸗ men des Communismus zu trotzen, doch wir haben auch etwas, was England abging. Der Blutlauf iſt frei, der Alp, der darauf drückte, iſt geſprengt, und wir haben Englands Beiſpiel vor uns,— wenn Völker und Menſchengeſchlechter aus Beiſpielen lernen! ———— P alt tia an Pe gio der ſin Pr ger ku eß der kon de ſch ſit En rücker wenn ngen über nden, ttette Eng⸗ liche alten er zu nning n, die ll mit en— Me⸗ ſn. dem iehen, ie be⸗ s auf ſtark, ei der heut Stür Rönigin Karoline von England. 1820. Wahrend jener innern Gährungen, welche Englands alte Verfaſſung und mit ihr den bürgerlichen und ſo⸗ cialen Charakter des Inſelreiches umzuſtürzen drohten, Gährungen als deren Symbole die in den beiden vor⸗ angehenden Fällen dargeſtellten Aufſtandsverſuche und Verſchwörungen erſcheinen, ſpielte in den höchſten Re⸗ gionen des Lebens daſelbſt ein weltberühmter Proceß, der Eheſcheidungsproceß, den König Georg IW. gegen ſeine Gattin, Karoline von Braunſchweig, anhub. Ein Proceß, deſſen Motive außerhalb dieſer Volksbewegun⸗ gen in rein perſönlichen Verhältniſſen liegen, deſſen Wir⸗ kungen aber bedeutend in dieſelben überſpielten; ein Pro⸗ ceß, deſſen die politiſchen Parteien ſich bemächtigten, und der in ſeinen ſkandalöſen, zur vollſten Oeffentlichkeit ge⸗ kommenen Ergebniſſen nicht wenig dazu beigetragen hat das Anſehen der königlichen Perſon in England zu ſchwächen und damit die Autorität des Königthums ſelbſt zu unterwühlen. Bis zum Tode Georg III. war England, trotz ſeiner freieſten Verfaſſung, ein wirkliches Königthum, die Perſon des Königs war nicht allein formell und moraliſch geachtet, ſondern auch von Ein⸗ 0 100 Königin Karoline von England. fluß auf den Gang der Dinge. Nach ihm iſt es zwar dem Namen nach ein Königthum geblieben, dem Weſen nach hat es ſich einer Republik bis auf die letzte Grenze genähert. Seine Regierung kann beſtehen, in aller Kraft, auch wenn ſie gegen den perſönlichen Willen des Königs handelt; vorher hatte der König nicht allein einen Einfluß auf die Verwaltung, ſondern auch einen Willen, den ſein Miniſterium ebenſo gelten laſſen mußte, als es jetzt nur das executirende Werkzeug des Volks⸗ willens, oder der mächtigſten Partei in der Nation iſt. Es iſt nicht zu viel geſagt, wenn man behauptet, daß dieſer Umſchwung der Dinge von jenem Eheſcheidungs⸗ proceſſe herrührt, der die Majeſtät der Kronetragenden in ihrer äußerſten ſittlichen Blöße aller Welt hinſtellte. So hat dieſer Proceß auch auf die Gegenwart, auf die umgeſtaltung der europäiſchen Staaten und Reiche eine nicht abzuweiſende Bedeutnng. Der nachmalige König Georg IV. beſaß ſchon als Prinz Regent weder die Liebe noch die Achtung des britiſchen Volks, obgleich daſſelbe bis dahin, was die Behandlung der Perſon ſeiner Könige betrifft, zu den loyalſten gerechnet werden konnte, und die perſönli⸗ chen Eigenſchaften Georg's auf eine ſolche Liebe wol Anſpruch zu machen ſchienen. Mit einer ſchönen Kör⸗ pergeſtalt, mit Anmuth der Manieren, Feinheit des Ge⸗ ſchmackes, Leichtigkeit und Milde im äußern Benehmen verband er eine ſorgfältige, früher nur zu ſtreng geleitete Erziehung, glänzende Geiſtesgaben, Witz, ſchätzbare Kenntniſſe in verſchiedenen Zweigen und Selbſtändigkeit des Urtheils. Man weiß, daß er für den vollendet⸗ ſten Gentleman Englands galt. Er war der„Lion“ der Mode. Noch erzählt man ſich nicht großartige Züge königlicher Geſinnung von ihm, aber der Anekdoten viele, wi de di al m N au de ſch ni ſic de da Ae V me lan 3 wi le R a ni zwer eſen renze allet des Mlein inen ußte, olks⸗ iſt. daß ngö⸗ den ellte. f die eine —— — — — S S d ſönli wol Kür⸗ Gr hmen eitete tzbare det⸗ Lion“ 3z iele, Königin Karoline von England. 101 wie er im Stutzerthum mit dem berühmten Günſtlinge, der erſten Modegeſtalt ſeiner Königreiche, rivaliſirte, wie dieſer ſich vor ihm auf dem Kanapé ſtreckte, wie er ihn als königlicher Gentleman darauf durch einen Klingelzug mit einem witzigen Impromptu auf immer aus ſeiner Nähe entfernte; wie der Andere ihm dafür die Schmach auf einem Spaziergange entgalt, indem er, fingirend den erſten Gentleman Englands nicht zu kennen, ſeinen Begleiter fragte: d—d who is that fellow mit dem ſchlotterichten Halstuch. Wie Georg dieſe Beleidigung nie vergeſſen konnte, und den armen Brommel, der ſich ſelbſt exilirte, im Auslande verkommen ließ, obwol derſelbe England das köſtliche Vermächtniß hinterlaſſen, daß die unvergleichliche Haltung ſeiner Halsbinde durch „Stärke“ bewirkt worden. 3 Dieſes Spiel mit dem Nichtigen, wenn auch bis zum 3 Aeußerſten getrieben, hätte die Nation dem königlichen Welfen vergeben, auch daß ſein überfeuriges Tempera⸗ ment ihn zum Sinnengenuß über das Maß, zu Ga⸗ lanterien jeder Art, zu Spiel und Trunk, zu Geld- und Zeitvergeudung im höchſten Grade hinriß. Auch daß er, wie um die Gunſt der ſchönſten Frauen, um die des Volkes buhlte. Man ſah ihn gern in den Reihen der Dppoſition, auch Theil nehmen an den witzigen, orgien⸗ artigen Abendgelagen der erſten Geiſter der Nation, der For, Sheridan aus der berühmten Zeit der Six bott⸗ lemen, die, minder ruchlos, aber geiſtreicher, die Zeiten der ſittenloſen Cavalierherrſchaft unter dem zweiten Karl zu erneuen ſtrebten. Man hatte noch keinen Widerwillen gegen ſeine Perſon, wenn die Karikaturen Gilray's und A. ihn bei dieſen Gelagen unter dem Tiſche liegen ließen, auch ſchob man es großmüthig auf Rechnung ſeiner kö⸗ niglichen Jugend, wenn er, in Folge ſeiner enormen 102 Königin Karoline von England. Ausſchweifungen, mehr als ein Mal durch ſchwere Opfer aus den Händen ſeiner Gläubiger erlöſt werden mußte. Es war erſt ſein ſpäterer Umſchlag, ſein Uebergang zu den legitimiſtiſchen Regierungsgrundſätzen, gegen die er früher gekämpft, und die kaltherzige Gleichgültigkeit, die Undankbarkeit gegen ſeine früheren Freunde, was die Abneigung in der Nation zu Haß und Verachtung ge⸗ gen ihn ſteigerte. Er hatte ſich lange gegen alle Vermählungsplane ge⸗ ſträubt. Neben ſeinen wandelnden Liebſchaften feſſelte ihn eine dauerndere Neigung an die verwitwete Lady Fitz⸗Herbert, ein Verhältniß, das ihm die Bedürfniſſe einer ehelichen Gemeinſchaft genügend erſetzt hatte. Im Jahre 1795 waren Staatsgründe indeſſen ſo dringend geworden, daß er, um den Preis einer abermaligen Be⸗ zahlung ſeiner Schulden, ſich in die Bitte ſeines Vaters fügte und ſich zu verheirathen entſchloß. Die Portraits aller reizenden, heirathbaren Fürſten⸗ töchter wurden nach London geſchickt. Durch leichte Siege verwöhnt, wollte er wählen. Seine Wahl war leicht, als er das Bild Karoline Amalie's, der Tochter des berühmten Herzogs von Braunſchweig⸗Wolfenbüttel, ſeiner Couſine, erblickte. Mit der Schönheit waren in der Prinzeſſin Verſtand, Talent und Geiſt vereinigt, und begabt mit einer lebhaften, empfänglichen Seele, war ſie, unter der trefflichen Erziehung einer ausgezeichneten Mutter, alle Erſcheinungen des Lebens mit eigenthüm⸗ licher Lebendigkeit und Kraft der Phantaſie aufzufaſſen gewohnt. Wir ſchöpfen natürlich hier noch nicht aus den Acten, ſondern aus den Darſtellungen, welche bereits in Ge⸗ ſchichtsbücher übergegangen ſind. Prinzeß Karoline, wird behauptet, habe ſchon in den Jahren, wo ihre ſinnliche Na ihr un we im in rat ſi wit wi ſe in hei ni h be ſe Fönigin Karoline von England. 103 9 Natur erwachte, eine Leidenſchaft für eine Perſon unter ihrem Stande empfunden, einen irländiſchen Militair und Edeln, der einſt ihres Vaters Waffengefährte ge⸗ weſen, ſie ſei von dieſer Leidenſchaft, nach hartem Kampf im Innern, überwältigt worden. Die Liebenden wären in den Genüſſen eines geheimen Bundes durch den Hei⸗ rathsantrag des Prinzen von Wales aus ihren phanta⸗ ſievollen Träumen aufgeſchreckt worden. Die Prinzeſſin, wird ebenfalls behauptet, ſei von einem ſolchen unüber⸗ windlichen Widerwillen plötzlich überfallen worden, daß ſie mit ihrem Geliebten und heimlichen Gatten entflohen, in der Abſicht ihr ferneres Leben in glücklicher Dunkel⸗ heit zuzubringen. Bald aber eingeholt, habe ſie durch nichts das Leben des ihr theuern Mannes retten können, als durch Aufopferung ihrer Wünſche und ihrer Freiheit. Sie reichte alſo ihre Hand nur durch den unabänderli⸗ chen Willen des Vaters gezwungen. Sie reiſte mit Thränen, in Verzweiflung und unter bangen Ahnungen nach dem Lande ihrer Beſtimmung. Der Prinz, der ſich liebeglühend der ſchönen Braut genähert, habe in den Armen der Braut weder den Preis der Liebe, noch dieſe ſelbſt gefunden. Die Ge⸗ heimniſſe der Nacht ſeien die Quelle der Entfremdung, ſpäter der Trennung geworden. Die Prinzeſſin, ſan⸗ guiniſcher Natur, war unvorſichtig in ihrem Benehmen; geſchäftige Höflinge warfen Flecken des Verdachts auf ihre Ehre. Es erfolgte eine erſte Trennung, jedoch noch in ehrenvollen Formen. Man beſchuldigte die Prinzeſſin ſogar, daß ſie in ehebrecheriſcher Umarmung ein Kind erzeugt, den Kna⸗ ben William Billi Auſtin. Sie beſtand auf eine öffentliche Unterſuchung. Ihre Unſchuld ward erklärt; ſie durfte wieder bei Hofe erſcheinen. — —— 104 Königin Karoline von England. Aber die Art, wie man ſie empfing benahm ihr die Luſt und gab ihr Stoff zu immer neuen Klagen und Beſchwerden. Die Königin, Georg IIl. Gemahlin, ge⸗ borne Prinzeß von Mecklenburg⸗Strelitz, eine Frau von ebenſo ſtrengen Sitten als die ihrer Söhne leichtfertig waren, und eine der ſtrengſten Richterinnen über alles, was den Anſtand am Hofe verletzen könnte, ſtand an der Spitze der Feinde der jungen Frau. Es gelang ihr das Herz ihres Sohnes ſeiner ſchönen Frau immer ab⸗ geneigter zu machen. Karoline, die auch den Stolz anderer bedeutender Perſonen am Hofe durch ihr rückſichtsloſes Benehmen verletzt, hatte am Ende keinen Freund und Beſchützer am ganzen Hofe als ihren Schwiegervater, den greiſen König. Dieſer war von ihrer Herzensgüte überzeugt, und daß die Mehrzahl der Anſchuldigungen wider ſie Verleumdungen waren. Karoline lebte in Devonſhire auf dem reizenden Land⸗ gute Blackheath in einer romantiſchen Einſamkeit, der Literatur, Wiſſenſchaft, der Wohlthätigkeit und der Er⸗ ziehung ihres ſchönen Kindes, der Prinzeſſin Charlotte. Sie war auf dieſe Weiſe ſchon 10 Jahr von ihrem Ge⸗ mahl getrennt, als die Jagd ihn einſt in dieſe Gegend führte. Ein romantiſcher Zug von Sehnſucht regte ſich in ihm. Durch ein anmuthiges Thal drang er in den Park und ſah die Fürſtin, ihr Kind, das die Mutter liebkoſte, auf dem Schooße. Beider bemächtigte ſich eine bis da ungekannte Rührung, die ſchroffen Seiten fallen, und ſie beſchließen eine Wiedervereinigung. Gute Vorſätze und Plane von beiden Seiten, man will ein Leben ſtrengeren Ernſtes führen, ganz den Gatten⸗ und Vaterpflichten ſich hingeben. Es wird am Hofe bekannt, die Wiedererſcheinung ——„—„— —— — — die und ge von ertig Ues, an ihr nder men am eiſen eugt, ſie and⸗ der Er⸗ otte. den utter ſich iten ute ein und ung — der Prinzeſſin iſt angeſagt, die Anſtalten zu einer wur⸗ digen, ſoliden Haushaltung ſind ſchon getroffen, aber es durchkreuzt die Plane der Günſtlinge des Prinzen, gleichwie die Erſcheinung der eigenwilligen, rückſichts⸗ loſen Schwiegertochter die Königin und ihre Partei ſehr unangenehm berührt. Da ſind glücklicherweiſe Briefe aufgefangen, welche ſie in den Tagen der Verfolgung nach Deutſchland an ihre Mutter geſchrieben. Sie ſind voller Klagen, Beſchuldigungen, Bitterkeit, und, ge⸗ ſchickt angebracht, verwunden ſie auch nach ſo langer Zeit das Gefühl ihres treuen reuigen Gemahls. Neue Verleumdungen, Zerwürfniſſe, Trennung. Die Trennung ſollte noch durch eine Schmach beſie⸗ gelt werden. Die alliürten Monarchen beſuchten nach dem pariſer Frieden, 1814, die britiſche Inſel. Man konnte die geſetzliche Gattin des Kronprinzen nicht über⸗ gehen, und wollte ihr bei den Feſtlichkeiten doch keine Anerkennung gönnen. Ihr ward deshalb officiell ver⸗ boten, in Windſor zu erſcheinen, und zugleich ward ihr Name aus der Liturgie geſtrichen. Auch ihr einziger Beſchützer, der König, fehlte ihr, denn Georg III. war damals in jenen Geiſteszuſtand verſunken, der ihn von aller Thätigkeit entfernte. In der Nation war die Mehrzahl für die Prinzeſſin, ſie ſchob den größern Theil der Schuld auf ihren Gatten. Aber ſeine, ſeiner Günſt⸗ linge und die Macht der Miniſter war die ſtärkere, und Karoline ſah ſich genöthigt, um dem bittern Gefühl ſolcher Zurückſetzung zu entfliehen, ihre berühmte Reiſe nach dem Continent anzutreten. Man war wenigſtens, was den Geldpunkt anlangt, großmüthig, man wollte ſie nur fort haben. Karoline war frei und benutzte ihre Freiheit in der Fremde. Es ward viel in der Welt erzählt, wie ſie in Italien, Aſien, Königin Karoline von England. 105 — 106 Königin Karoline von England. Afrika gereiſt, wie ſie am Comer See gelebt; nicht alles was erzählt ward, war Wahrheit. Karoline war frei, aber doch nicht ſo frei, als ſie meinte, ſie war von Spähern und Sendlingen aus London umgeben, die über ihr Betragen wachen, Notizen, ja Beweiſe ſam⸗ meln ſollten für den vorausgeſehenen Fall einer künfti⸗ gen Anklage. So war es im Hauſe des Prinz⸗Re⸗ genten beſchloſſen, wo, wie man meinte, eine Camarilla, beſtehend aus dem General St. Leger, der Miß Fitz⸗ Herbert, der Lady Ellenborough und andern Frauen und Günſtlingen regierte. Zur Einleitung in unſern Rechtsfall könnte dieſe Skizze der hiſtoriſchen Vorangänge genügen. Um pſy⸗ chologiſch die Gemüthsſtimmung der Prinzeſſin, den Standpunkt der von lange her erbitterten Parteien zu beurtheilen, dürfte es jedoch von Intereſſe ſein, dieſe Vorangänge und Vorproceſſe etwas genauer zu betrach⸗ ten, wie wir ſie aufgezeichnet finden in den Mémoires et documens historiques sur la reine dAngleterre (Paris, Brissot-Thirars, 1821). Iſt auch die Ge⸗ ſchichtserzählung nicht beglaubigt, nähert ſie ſich mögli⸗ cherweiſe dem Roman, ſo ſind doch die Actenſtücke echt; die dürren Actenſtücke, auf welche wir im folgenden Proceß angewieſen ſind, laſſen überdies einige roman⸗ tiſche Würze nicht überflüſſig erſcheinen. Aus Braunſchweig hatte die Gräfin von Jerſey mit glänzendem Gefolge die Prinzeſſin nach London ab⸗ geholt. Die Jerſey war eine Dame, welche das volle Vertrauen des Prinzen von Wales beſaß. Schon dieſe Wahl war vielleicht unſchicklich. Beim Erblicken — ———— ieſe ſy⸗ den zu ieſe ch⸗ rEs rre Ge⸗ gli⸗ cht den an⸗ ſey olle chon icken Königin Karoline von England. 107 der Prinzeſſin ſoll die Jerſey vor Schrecken erblaßt ſein. Sie konnte ſich nicht verhehlen, daß Karolinens friſche, jugendliche Reize ihre nicht mehr ganz jugendlichen in Gefahr bringen mußten. Capitain Pole befehligte die Jacht, auf der die Ueberfahrt ſtattfand; ein geiſtreicher Officier von Ver⸗ dienſt und angenehmem Weſen. Er bemühte ſich durch lebhafte Unterhaltung den Trübſinn der jungen Prin⸗ zeſſin zu verſcheuchen, ohne zu ahnen, daß ihm dies einſt zum Verbrechen könne gemacht werden. Karoline ward mit Jubel bei ihrer Landung empfan⸗ gen, die Freude paßte nicht zur Stimmung, die ſie mit⸗ brachte. Noch weniger ihre ganze Lebensweiſe und An⸗ ſchauung zu der des Prinzen. Sie war ſchwermüthig, einfach in ihrem Weſen; er liebte die Luſt, Aufwand und Glanz. Sie vergnügt in der Mitte des ländlichen Lebens, er nur glücklich im Geräuſch des Hofes und der Stadt. Er jagte dem Vergnügen und der Zer⸗ ſtreuung auf jedem Wege nach, ihr war nichts mehr zu⸗ wider, als eben dies.(Damals) Schon die erſte Zuſammenkunft zeigte, wie wenig ſie für einander paßten. Er nahte mit leichter Galan⸗ terie ſeiner Braut, ihre Antwort waren Thränen. Der ſchnelle Sieger in allen Begegnungen mit Frauen ward zum erſten Male nicht mit Freuden empfangen. Sein Stolz war gekränkt. Doch ſchlug er ſich die Kränkung leicht aus dem Sinn. Ihre Schönheit und Anmuth reizte den Wol⸗ lüſtling. Aber ſchon der Empfang der erſten Nacht zeigte ihm einen Widerwillen, den er nicht erwartet, und— mehr. Nach der allgemeinen Annahme(inſo⸗ fern die Memoiren von ihr herrühren, nach Karoline's“ eignem Zeugniß) empfing er hier ein Geſtändniß, wel— 108 Königin Karoline von England. ches die Ehe, nachdem ſie kaum vollzogen, wieder en⸗ dete. Man beſchloß, noch auf dem erſten bräutlichen Lager, daß man in Zukunft nur auf einem freundſchaft⸗ lichen Fuße mit einander leben, das Decorum beobach⸗ ten und vor den Augen der Welt ſorgfältig die Urſache verbergen wolle. Und doch entſprang aus dieſer einen Nacht ſpäter die zur Thronerbin Englands beſtimmte Prinzeſſin Charlotte. Das Myſterium iſt auch durch dieſe Erzählung nicht ganz aufgeklärt. Es entging aber nicht der alles aus⸗ forſchenden Lady Jerſey. Durch ſie erfuhr es die Kö⸗ nigin. Von da ab behandelte ſie die Schwiegertochter mit Verachtung, ja Wegwerfung. Sie war von der Hofcamarilla, von der Königin Mutter nicht geliebt, gehaßt. Weshalb man aber ſie, die, ohne Liebe ihres Gatten, auch ohne Einfluß war, durchaus vernichten wollte, iſt nicht klar. Georg IV. ſelbſt hat nie an der Legitimität ſeiner Tochter gezweifelt. Uebrigens gibt es noch eine andere Erklärung der Myſterien jener erſten Nächte. Der Prinz habe, trotz jener Entdeckung in der erſten Nacht, liebeglühend noch in einer zweiten ſeine junge Gemahlin aufgeſucht. Die⸗ ſer ſei aber vorher(natürlich durch Lady Jerſey) ein bluterhitzender Trank beigebracht worden. Die Wirkung deſſelben wäre ſo heſtig geweſen, daß den Prinzen ein Entſetzen ergriffen; natürliche Folge, daß er von dem Augenblick an ſich von ſeiner Gemahlin entfernt ge⸗ halten. Eine andere Intrigue, eingefädelt von Lady Jerſey. Bei einer Ausflucht nach Brighton war von ihr veran⸗ ſtaltet, daß auch Capitain Pole eine Einladung erhielt. Königin Karoline von England. 109 en⸗ Karoline verbarg ihr Vergnügen nicht, als der ange⸗ hen nehme Mann in der Geſellſchaft erſchien. ſt⸗ Bei einem Spaziergang am Meeresufer hatte Karo⸗ ch⸗ line die Unvorſichtigkeit, den Arm, den ihr der Prinz, che ihr Gemahl, bot, auszuſchlagen und den Arm des Ga⸗ ſtes, des Capitain Pole, anzunehmen. In geiſtreich iter lebhafte Unterhaltung mit ihm verſtrickt, blieb ſie hinter ſin den Andern am Strande, und kam, wie ſehr ſie auch eilte, erſt lange nach den Andern in den Geſellſchafts⸗ icht pavillon. Tages darauf empfing der Prinz ein anonymes Bil⸗ let, des Inhalts, er möge ſich nicht wundern, daß ſeine Gemahlin dem Capitain Pole den Vorzug vor ihm ge⸗ In⸗ Ko⸗ u geben; es ſei nicht das erſte Mal. Er möge ſich er⸗ gin kundigen. ſe Georg gab Karolinen das Billet. Sie las es zorn⸗ erröthend und fragte: Haben Sie ſich erkundigt?— 4„Allerdings, war ſeine Antwort, und das Reſultat iſt, * daß wir uns trennen müſſen. Ich konnte Ihre jugend⸗ „ liche Neigung für einen Unglücklichen verzeihen; aber eine Frau, die in ihrer Leidenſchaft jede Schranke und ot Grenze vergißt, kann weder meinen Namen ferner füh⸗ . ren, noch Anſpruch auf den Schutz meines Hauſes . machen.“ 55 Karoline fiel in Ohnmacht. Die Scheidung war 6 beſchloſſen. Die abſcheulichſten Gerüchte, die ärgſten uns Verleumdungen traten jetzt gegen ſie hervor. Unter den 62 Thränen ihrer Mutter ward die Prinzeſſin Charlotte geboren. ge Es darf nicht vergeſſen werden, daß Lady Jerſey, eine der intriguanteſten Frauen ihrer Zeit, ſich auch in ſeh⸗ das volle Vertrauen der Königin Karoline einzuſchleichen 3 gewußt. Dieſe ſtrenge Frau liebte ihren Sohn bis zur el⸗ —— 110 Königin Karoline von England. Vergötterung. Ihm zu misfallen, war ſchon ein Verbre⸗ chen in den Augen der Mutter. Es fand inzwiſchen eine Art Ausgleichung, durch Vermittelung des Lord Cholmondeley, zwiſchen den bei⸗ den Ehegatten ſtatt. Sie kamen überein„da die Natur ihre Neigungen nun einmal nicht übereinſtimmend ge⸗ ſchaffen, ein ruhiges Zuſammenleben zu führen“. Der merkwürdige Brief des Prinzen vom 30. April 1796, worin er dieſen Vertrag anerkennt, wird ſpäter mitge⸗ theilt werden. Hierauf Karolinens ländlicher Aufenthalt in Blackheath in Devonſhire, einem der verwitweten Herzogin von Braunſchweig zugehörigen Schloſſe. Karoline hieß bald nur:„die Mutter der Unglücklichen“ in der Umgegend. So lange als ſie hier, ohne Anſprüche auf ihre Rechte, faſt verſchollen am Hofe, lebte, ſchwiegen alle Verfolgungen ihrer Feinde. Das Zuſammentreffen Georg's mit ſeiner Gemahlin, die verſuchte, die geglaubte Ausſöhnung wie oben. Von Seiten des Prinzen war mehr gethan, um fortan im Schooß der Seinigen als ein guter Vater und Gatte zu leben; er hatte ſchon die zarten Bande gelöſt, die ihn bisher davon abhielten, und die Höflinge von ſich entfernt, welche Karolinen fortwährend ver⸗ dächtigt. Dies war 10 Jahre nach der erſten Trennung ge⸗ ſchehen, im Jahre 1806, und in einem Augenblicke ſollte der ſchöne Verſöhnungsplan auf immer vernichtet werden. Die aufgefangenen Briefe der Prinzeſſin wurden der Königin Karoline ſelbſt hinterbracht. Es waren bittere Aeußerungen darin. Sie hatte jetzt einen Grund, ſich öffentlich gegen die Schwiegertochter zu erklären. Ein Befehl vom Hofe verbot der Prinzeſſin von bre⸗ urch hei⸗ atur gl Der 96, eath von bald end ihre alle lin, um ater ande inge ver⸗ ge⸗ ollte den. der ttere ſich Königin Karoline von England. 111 Wales an demſelben zu erſcheinen. Er war von ſchwe⸗ reren Gründen begleitet, von gewichtigeren Anſchuldi⸗ gungen, als einem einſamen Spaziergang am Meere mit einem Seecapitain. Sie ſollte während der 10 Jahre aufs Neue einen Ehebruch begangen, ein Kind erzeugt haben, der Vater deſſelben ſollte ein Capitain Manby ſein.— Die Klä⸗ gerin war Lady Jerſey. Die Prinzeſſin ſchien verloren, denn das Kind war wirklich da, der Knabe William Billi Auſtin, der bei der Prinzeſſin lebte, von ihr erzogen, zärtlich geliebt ward.— Alles bei Hoſe fiel erſchreckt von ihr ab, auch in der Nation ſank die Zuneigung, welche man bis da für die Unglückliche gehegt. Aber Karoline erlag nicht. Die ganze Kraft ihrer Unſchuld zuſammennehmend, forderte ſie laut: eine öf⸗ fentliche, ſtrenge Unterſuchung vor den Augen der Nation. Georg lI. befahl endlich(es ſcheint ſchon eine Vor⸗ unterſuchung ſtattgefunden zu haben, in welcher eben⸗ falls die Prinzeſſin unſchuldig erklärt ward) eine förm⸗ liche Unterſuchung, die einem Comite übertragen ward, beſtehend aus dem Lord Kanzler, den Lords Grenville, Erskine, Ellenborough und dem Grafen Spencer. Man vernahm alle Hausofficianten, alle Diener und Diene⸗ rinnen der Prinzeſſin(man beſtach manchen derſelben, heißt es. Während des Proceſſes? Und wer?) und das Reſultat war: Allerdings hatte Capitain Manby die Prinzeſſin öf⸗ ter in Blackheath beſucht, aber er war ein Gentleman und Officier von ſo loyalen Grundſätzen, daß ſich nicht erwarten ließ,„daß er je die Achtung, ſchuldig der Ge⸗ mahlin ſeines einſtigen Königs, aus den Augen ſetzen 112 Königin Karoline von England. würde.“ Er war ihr durch Perſonen vom Braunſchwei⸗— ger Hofe präſentirt worden. Der kleine Auſtin war eine verlaſſene Waiſe, von der Prinzeſſin öffentlich an Kindesſtatt angenommen. Von einer ſehr achtungswer⸗ then Dame aus der Nähe von Blackheath war er ihr überbracht worden, die ihn für den Sohn eines Zim⸗ G mermanns und einer armen Witwe zu Deptfort ausgab. i Das Comite übergab eine Declaration des Inhalts: ſ wie ſie die Glieder der königlichen Familie dahin unter⸗ E richtet hätten, daß in der Prinzeſſin Benehmen ſich nichts gefunden, was ſie der Achtung, der Ehrerbietung h und der Zuneigung jener erhabenen Perſonen berauben n könne. 2 Die Worte des Urtheils lauteten:„Wir ſprechen hiermit die Prinzeſſin von Wales frei, und würden der n Meinung ſein, daß ihre Ankläger mit der ganzen Strenge 13 der Geſetze verdienten verfolgt zu werden, ſchiene es uns n nicht, daß ſie dieſe eigenthümliche Unterſuchung nur aus de dem Grunde veranlaßt, um die Nachzeit über die Thron⸗ g folge und über andere ähnliche, der Nation am Herzen ge liegende Dinge— die einen Augenblick compromittirt 4 zu ſein ſchienen— zu beruhigen.“ N Die Vertheidiger der Prinzeſſin waren zwei nach⸗. mals berühmt gewordene Staatsmänner, die Lords Per⸗ ge ceval und Eldon. Die Actenſtücke ſollten von ihnen ſ durch den Druck publicirt werden(als ein Proteſt gegen w Lord Erskine, der als Richter ſich der Prinzeſſin nicht u günſtig gezeigt). Als ſie bald darauf ſelbſt Miniſter ſt wurden, unterblieb es. Indeſſen ſind uns die Acten⸗ u ſtücke erhalten. Nach dem Vorangängigen ſchien jene Declaration der Prinzeſſin eine ſehr ungenügende Genugthuung. In⸗ deſſen ward ihr darauf ofſiciell erklärt:„es habe ſich wii⸗ war en wer⸗ ihr Zim⸗ gab. ts: ter⸗ ſich tung uben echen der enge uns aus ron⸗ tzen ittirt Königin Karoline von England. 113 Alles aufgeklärt, und es ſtünde nur bei ihr, wieder bei Hofe zu erſcheinen.“ Sie erſchien. Ihr Empfang war nicht geeignet, die Mängel der Erklärung zu ergänzen. Georg III. hatte nämlich am 2. Juni die ganze königliche Familie nach St. James geladen, den Geburtstag der Prinzeſſin mit ihm zu feiern, aber— Niemand erſchien. Karoline befand ſich den ganzen Tag mit ihrem Schwiegervater allein! Sie kam mit einer neuen Beſchwerde ein: „Wenn es wahr iſt— ſagte ſie bei dieſer Gelegen⸗ heit—, daß meine Schuldloſigkeit erwieſen worden iſt, warum überhäuft man mich noch an dem Hofe meines Vaters und meines Königs mit Beleidigungen? Eine geheim geführte Unterſuchung und Freiſprechung kann meine öffentlich angetaſtete Ehre nicht wiederherſtellen. Ich weiß es recht gut, daß meine Ankläger ſich gegen meinen Ruf und meinen guten Namen verſchworen und daß ſie ihre Plane noch nicht aufgegeben haben, und die ganze Commiſſion, die meine Schuldloſigkeit jetzt aus⸗ geſprochen hat, hat mir keine andere Genugthuung ge⸗ geben, als die, wieder bei Hofe erſcheinen zu dürfen. Nachdem die Commiſſion ſich aufgelöſt hat, hat das Publicum, wie ich, das Recht zu fordern, daß das ganze beobachtete Verfahren den Augen und der Prü⸗ fung der Oeffentlichkeit durch den Druck bekannt gemacht werde; denn es reicht nicht hin, daß hinſichtlich der rechtmäßigen Geburt meiner Tochter entſchieden worden iſt, es muß und hätte müſſen angegeben werden, wie und worauf ich eigentlich angeklagt wurde, und warum und aus welchen Gründen man mich ſchuldlos fand.“ 114 Königin Karoline von England. Zugleich hatte Karoline einen langen Brief an den Prinzen, ihren Gemahl, geſchrieben, worin ſie in herz⸗ brechender Sprache ihre Leiden als Mutter vortrug, der man ihre Tochter genommen, ſelbſt den Zutritt zu der⸗ ſelben ihr auf alle mögliche Art erſchwerend. Die Sache war öffentlich geworden, die Miniſter, unangenehm gedrängt, ſahen ſich genöthigt, die Acten zu einer neuen Unterſuchung dem Geheimen Conſeil zu übergeben. Mit geſpannteſter Erwartung ſah die Na⸗ tion dem Ausgange entgegen. Das Geheime Conſeil mußte ein noch günſtigeres Urtheil für die Prinzeſſin abgeben. Es unterſchrieb eine Acte, durch welche Karoline aller gegen ſie erhobenen Anklagen entbunden und ſelbige als völlig verwerflich und unſtatthaft zurückgewieſen wurden. Zugleich ward den Miniſtern aufgegeben, der königlichen Familie zu empfehlen: die Prinzeſſin fortan mit derjenigen Aus⸗ zeichnung zu empfangen, die ihrem Range zukäme. Die Lage der Prinzeſſin ward dadurch nicht verbeſ⸗ ſert, ſondern verſchlimmert. Die Weiſung beleidigte den Stolz der Königin Mutter und anderer hochgeſtellter Perſonen am Hofe. Man blieb kalt, man behandelte ſie nach wie vor verächtlich. Ja, als über ihr eigenes väterliches Haus Braunſchweig das Verhängniß furcht⸗ bar einbrach, ihr greiſer Vater nach der Schlacht von Jena, mit Augenlicht und Leben, das Land und den Thron ſeiner Väter verlor, und ihre Mutter, König Georg MI. Schweſter, flüchtig nach ihrer Geburtsinſel kam, dort ein letztes Aſyl zu ſuchen, ward der Tochter förmlich unterſagt, mit ihrer Mutter in Windſor zu erſcheinen! Die Unglückliche ertrug nicht, ſie durfte dieſe Schmach nicht ertragen. Sie kam mit einer letzten Klage an den König ein: den her der der⸗ ſſter, cten zu Na⸗ eres eine enen rſich ward e zu lus⸗ beſ⸗ den ellter delte ene cht⸗ von hron III. dort nlich en! moch den Fönigin Karoline von England. 115 „Sire! Ich ſehe mich in die Nothwendigkeit verſetzt, mich bitterlich über die oberflächliche und unpaſſende Art zu beklagen, mit welcher man die Verhandlungen über die gegen mich gerichteten Anſchuldigungen betrieben hat. „Das Reſultat jener geheimnißvollen Unterſuchung iſt nicht allein niemals der Prüfung der Oeffentlichkeit über⸗ geben worden, eine Sache, die den bürgerlichen Rechten eines Jeden, der das Glück hat, unter dem Schutz der britiſchen Verfaſſung zu leben, um ſo mehr zuwider ſein muß, da eben dieſe Verfaſſung Englands ſchönſtes Gut iſt, ſondern man hat ſich begnügt, mich bei verſchloſ⸗ ſenen Thüren, ohne mir meine Gegner entgegenzu⸗ ſtellen, ja, ganz gegen den Buchſtaben des Geſetzes, ohne mich und meine Vertheidigung einmal zu hören, zu richten. Und ich konnte ausrufen: ſo iſt es denn wirklich auch hier wie anderwärts möglich, das Recht und das Geſetz zu umgehen! „Ich wage daher Ew. Majeſtät zu bitten, gnädigſt in Betracht zu ziehen, daß, bei dem von meinen An⸗ klägern gegen mich gerichteten Verfahren, es wol nicht zu viel geweſen wäre, wenn man mir die Genugthuung hätte widerfahren laſſen, die Nation, indem man ſie mit dem ganzen Gange der Angelegenheit bekannt machte, zum Schiedsrichter in meiner Sache zu be⸗ rufen. Ich bin vor den Augen des ganzen Volkes ent⸗ ehrend angegriffen worden; vor den Augen des gan⸗ zen Volkes hätte meine Vertheidigung und Freiſpre⸗ chung ſein ſollen. „Darum flehe ich Ew. Majeſtät an, die Gnade zu haben und zu befehlen, daß die verſchiedenen Verhand⸗ lungen, ſowol die der Specialcommiſſion, als die des Geheimen Conſeils, ohne Ausnahme und Rückhalt, durch 116 Königin Karoline von England. den Weg der Preſſe bekannt gemacht, oder mir wenig⸗ ſtens erlaubt wird, daß ich mich vor den Schranken des Oberhauſes ſtellen darf, um daſelbſt entweder verurtheilt oder freigeſprochen zu werden. „Ich bitte und verlange, mein König, nichts, als was dem geringſten Ihrer Unterthanen, wie dem Prinzen von Gelk, zukommt, das Recht, durch ſeines Gleichen ge⸗ richtet zu werden. „Bin ich ſchuldig, warum mein Verbrechen verdecken, warum mich dem Schwerte der Gerechtigkeit entziehen, das über meinem Haupte hängt? Bin ich aber ſchuld⸗ los, warum ſtraft man nicht die, die es wagten, meine Ehre anzugreifen und auf mein Verderben zu ſinnen? Die Ehre der Nation fordert eine ſtrenge Unterſuchung; die, die es mit meinem Gemahl wohlmeinen, müſſen ſie wünſchen, Menſchlichkeit und Geſetz aber heiſchen ſie ge⸗ bieteriſch.“ Des Königs Antwort lautete: „Madame! Ich geſtehe, daß unter allen den vortrefflichen Ge⸗ ſetzen, welche Großbritannien hat, mir das als eines der vorzüglichſten erſcheint, welches einer Frau, die ſich an der Ehre ihrer Sitten angegriffen ſieht, erlaubt, das Reſultat der geſetzlichen Unterſuchung ihres Betragens vor die Augen des Publicums zu bringen. Vorzüglich in den Verhältniſſen des Privatlebens iſt es von un⸗ ſchätzbarem Werthe; denn, indem die Freiheit der Preſſe einem Jeden das Recht gibt, ſeine Angelegenheiten vor den Richterſtuhl der öffentlichen Meinung zu bringen, iſt ſie zugleich ein Mittel, jede Aergerniß und Beſchim⸗ pfung zu verhindern, oder, wo dieſe geſchehen, zu ver⸗ güten; allein in einem Falle wie der Ihrige iſt es nö⸗ thig, ſich gewiſſen Formen zu unterwerfen. Warum auch enig⸗ des theilt was von nge⸗ cken, hen, huld⸗ neine nen? ung n ſie e ge⸗ s der ch an das agen igich un⸗ reſſe vor ngen, chim⸗ ver⸗ z ni⸗ auch Königin Karoline von England. 117 darauf beſtehen, noch Dinge den Augen der Welt dar⸗ zulegen, deren Angabe ſchon allein das Gefühl verletzt und über die nicht allein ich und die Prinzen meines Hauſes, ſondern auch mein Geheimes Conſeil für gut gefunden haben, einen verhüllenden Schleier zu werfen? „Was den Ausſpruch, dem Sie ſich zu unterziehen wünſchen, anlangt, ſo frage ich: reicht es nicht hin, daß Ihre Aufführung von uns als untadelig iſt erkannt worden? und daß das Urtheil der Specialcommiſſion, eigens eingeſetzt, um die Sache zu unterſuchen, Ihnen dies bezeugt? daß die Reviſion durch das Geheime Conſeil dies nicht allein beſtätigt, ſondern noch zu Ihrer Ehre hinzufügt: daß Sie nicht allein nichts Verbreche⸗ riſches, ſondern auch nicht einmal etwas Unſchickliches begangen haben? Was ſoll nach allem dieſen noch ein neues gerichtliches Verfahren?— Jedoch, wenn Sie darauf beſtehen, daß die Verhandlungen gedruckt werden ſollen, ſo werde ich befehlen, daß man Ihrem Verlan⸗ gen nachkommt, indeß in der Art, daß alle Exemplare blos für die königliche Familie zurückbehalten werden, die ich, wenn es nöthig ſein ſollte, von Neuem verſam⸗ meln und mit ihr ſowol Ihre Angelegenheit, als die Art der Genugthuung, welche Sie zu fordern haben, über⸗ legen werde.“ Der König verſchrieb hierauf ein großes Familienge⸗ richt, dem ſämmtliche Mitglieder, männliche und weib⸗ liche der königlichen Familie beiwohnen mußten. Prinzeß Karoline erſchien, einſt die Angeklagte, jetzt gewiſſer⸗ maßen als Klägerin vor allen ihren Feinden. Vor dieſem höchſten Gerichtshof wurden ſämmtliche Acten durchgegangen, und es fanden ſich fünf Verdachts⸗ punkte, die aufs gründlichſte durchgenommen wurden: 118 Rönigin Karoline von England. 1) Der lange Aufenthalt eines irländiſchen Officiers in einer Bauernhütte unfern dem Schloſſe Blackheath. 2) Unter dem Geräth jener Hütte hätte ſich ein Mi⸗ niaturgemälde der Prinzeſſin gefunden. 3) Desgleichen einige an die Prinzeſſin gerichtete und ihr gewidmete Verſe. 1) Das Daſein des kleinen William Billi Auſtin. Hinſichts aller vier Punkte ward die Schuldloſigkeit der Prinzeſſin erwieſen. Jener irländiſche Officier hatte ſich allerdings in der Cottage niedergelaſſen; ja, es war ſogar derſelbe Officier und Edelmann, welcher der Waffengefährte ihres ver⸗ ſtorbenen Vaters geweſen, und mit dem ſie, noch an ihres Vaters Hofe, ein Liebesverſtändniß gehabt, welches indeß hier ohne Frage und Anklage blieb. Es ward aber dargethan, daß der Officier ſich ohne ihr Vorwiſſen dort angeſiedelt hatte. Sie war ſchuldlos. Das Mi⸗ niaturgemälde war nur aus dem Gedächtniß von ihm gemalt; es ſtellte die Fürſtin in ihren jüngeren Jahren dar. Die Verſe enthielten nichts als einige philoſo⸗ phiſche Gedanken und Betrachtungen über das Drückende des Standesunterſchieds. Hinſichts des jungen William Billi Auſtin ſtellte ſich jetzt mit Gewißheit heraus, daß er der Sprößling einer heimlichen Ehe zweier hochgeſtellten Perſonen ſei, eines Prinzen L... von P... und einer Gräfin E Ob die Namen inzwiſchen ausgeſprochen ſind, iſt uns nicht bekannt; ihre Verheimlichung früherhin mochte zur Steigerung des Verdachtes gegen die Prinzeſſin weſent⸗ lich beigetragen haben. Sie war noch ein Mal frei geſprochen, ſie konnte von ihren langen Leiden wieder aufathmen. Doch bald darauf ging ihr der letzte Freund verloren, Georg UMI. b fitiers eath. Mi⸗ e und ſtin. ſigktit in der ffitier h an velche ward wiſen Mi⸗ nihn zahren hiloſo⸗ idende ſtel en ſei, te zur veſent⸗ komt h bald rg U Königin Karoline von England. 119 verfiel in ſeinen unheilbaren Wahnſinn. Darauf neue Stürme, neue Verfolgungen, man meint diesmal gegen den Willen des Prinz Regenten. Karoline fühlte ſich wieder gedrungen zu klagen. Diesmal war ihr Gatte der Lord Oberrichter, an den ſie ſich wenden mußte. Der Brief, welchen ſie am 14. Januar 1813 an den König richtete, ward zwei Mal hin- und hergeſendet, ehe er angenommen ward. Anfänglich nicht für die Oeffentlichkeit beſtimmt, er⸗ hielt er ſie doch. Der Eindruck, den er aufs Volk her⸗ vorbrachte, war ungeheuer. Von dieſem Augenblicke an ergriff das Volk entſchieden Karolinens Partei. Viel⸗ fach ſprach es aus, es wolle ihre Rechte ſchützen und vertheidigen. Endlich entſchloß ſich der Prinz Regent, das Schrei⸗ ben ſeiner Gemahlin dem Geheimen Conſeil vorzulegen. Noch ein Mal wurde die ganze Maſſe der geſammelten Documente und Actenſtücke durchgegangen, und noch ein Mal mußte man die völlige Schuldloſigkeit der An⸗ geklagten einſtimmig anerkennen. Faktiſch aber blieb es beim Alten. Der Prinzeſſin Mutter blieben dieſelben Schwierigkeiten Hinſichts des Umgangs mit ihrer Tochter.. Karoline war ſchon lange vor der Zeit ihres berühmt gewordenen Eheſcheidungsproteſſes eine politiſche Perſon geworden, und ſchon damals hatte eine Partei ſich ihrer angenommen. In dem Maße wie die Kränkungen ge— gen ſie zunahmen, wuchs die Anhänglichkeit für ihre Perſon. Alderman Wood, ihr Anhänger, hatte be⸗ reits 1811 in einer Verſammlung der Corporationen von London angedeutet, daß er eine Adreſſe vorſchlagen wolle: die Prinzeſſin zur Regentin zu ernennen. Sir 120 Königin Karoline von England. Francis Burdet deutete im Parlamente an, wie es wol möglich, daß die Prinzeſſin einſt berufen würde, die drei Königreiche zu regieren. In einem Meeting der Londoner Bürgerſchaft(2. April 1813) ward beſchloſſen, daß Lord Major, Alderman und die Mitglieder des Ra⸗ thes der Prinzeſſin eine Adreſſe überreichen ſollten, um ihr Glück zu wünſchen: daß ſie den grauſamen Verſuchen, gegen ihr Leben und ihre Ehre ge⸗ macht, entgangen ſei.— Denn auch von Vergif⸗ tungsverſuchen iſt in den unerquicklichen Nebenpartien dieſes politiſchen Romans und Proceſſes die Rede. Der blinde Haß ihrer Feinde hatte in dem ſonſt weichgeſtimmten Gemüthe der Prinzeſſin jetzt auch einen Haß erweckt, der nach Rache, wenigſtens nach Ent⸗ ladung ihrer Gefühle dürſtete. Sie wandte ſich an die berühmteſten Oppoſitionsredner im Parlamente; ſie ver⸗ langte öffentlich gerichtet zu werden. Nach mehren äußerſt ſtürmiſchen Sitzungen brachten es die Miniſter dahin, daß man die Motionen zurücknahm. Jetzt traten die Ereigniſſe des Jahres 1814 ein. Der Kaiſer von Rußland, der König von Preußen kamen nach London. Sie ſahen Alles, nur die gerechtfertigte und doch geächtete Prinzeſſin nicht. Karoline durfte nicht bei Hofe erſcheinen, ſie erhielt keine Beſuche, ſie durfte ihre Tochter nicht beſuchen, ihr Name ward aus der Liturgie geſtrichen. Es war für ſie zu viel. Sie wollte das Land verlaſſen, und auf eine deshalb zwi⸗ ſchen ihr und Lord Liverpool geführte Correſpondenz ward es in der oben angegebenen Art in Ausführung gebracht. Es hatte ſich ſehr viel Ereignißreiches zugetragen, bis Karoline ihren Fuß wieder auf engliſchen Boden ſetzte. ſi tu Ir ie e ütde, g der oſſn, s Ra⸗ m men e ge⸗ etgif⸗ urtien ſonſt einen Ent⸗ n die ie ver⸗ ehten iniſter Det kamen trtigte durft he, ſi id aus Sie zwi ward bracht g, hi ſtu Königin Karoline von England. 121 Noch vor ihrer Abreiſe hatte ſich ein Plan zerſchla⸗ gen, der von vielen Seiten her mit Eifer und beſonde⸗ rer Vorliebe gepflegt worden, und, wäre er zur Aus⸗ führung gekommen, damals von großem Einfluß auf die europäiſchen Verhältniſſe geweſen wäre. Im Gefolge der allürten Monarchen befand ſich der Prinz Wilhelm von Dranien, Sohn des Prinzen Wil⸗ helm V. von Oranien, nachmaligen Königs der Nieder⸗ lande, ſpäter ſelbſt als Wilhelm II. König von Holland. Er war ein junger Mann von kräftiger, ritterlicher Geſtalt, aufgewecktem Geiſte, freien, offenen Sitten, durch be⸗ wieſene Tapferkeit in Spanien unter Wellington auch von militairiſcher Seite geſchätzt. In England hatte er ſeine Studien gemacht, ſeine erſte Bildung erhalten; er galt für einen halben Briten, für einen ſehr annehm⸗ baren Freier auch für eine reiche und ſchöne Königs⸗ tochter. Die Prinzeß Charlotte, die Tochter aus dem un⸗ glücklichen Ehebunde zwiſchen Georg, dem Prinz Re⸗ genten von England, und der Prinzeſſin Karoline von Braunſchweig, entfaltete ſich in Anmuth und Schönheit, und ihr Geiſt, ihre Herzensgüte, ſowie die Hoheit ihrer Geſinnung und die Würde ihres Betragens(ſo die Sprache von damals) hatten ſie ſchon zum Lieblinge der Nation gemacht. Ihr Vater, der ſie zärtlich liebte, ob⸗ ſchon ſie die Tochter ihrer Mutter war, hatte mit dem nachmaligen Könige der Niederlande verabredet, ſie mit dem Sohne deſſelben, dem Prinzen von Oranien, zu verheirathen. Keine Partie ſchien glänzender, paſſender, in beider⸗ ſeitigem Intereſſe, auch politiſch von ungemeiner Bedeu⸗ tung. Die Erbin der Krone von Großbritannien und Irland, die künftige Königin von England, vermählt XIV. 6 122 äbönigin Karoline von England. mit dem Erben von Holland und Niederland, welche Bürgſchaft ſchien dies nach den Begriffen jener Zeit für den Völkerfrieden, für eine Weltmacht zu geben, welche Frankreichs Eroberungöluſt allein zu zügeln im Stande wäre. Beide Völker, Engländer und Niederländer, be⸗ trachteten dieſe Verbindung als ein Glück. Es war projectirt, daß beide Reiche getrennt blieben, aber in ſolcher Einigung wie zu den Zeiten Wilhelm's von Ora⸗ nien, des Dritten von England. Holland ſollte einer Secundogenitur aus der entſprechenden Ehe angehören. Alle waren erfreut über dieſen Plan; nur Charlotte ſelbſt nicht. Ihr Wille galt vor dem Vater; das Ehe⸗ bündniß zerſchlug ſich. In einem Theil Europas be— trachtete man es förmlich als Calamität, und ſann ver⸗ gebens über den Grund nach. Daß der Prinz in ſeiner Lebensweiſe manche Aehnlichkeit mit Charlottens könig⸗ lichem Vater hatte, konnte, wie bürgerlich⸗ſittliche Ge⸗ müther meinten, unter den obwaltenden Verhältniſſen wol nicht der Grund der entſchiedenen Abneigung einer Prinzeſſin ſein, die, am Hofe ihres Vaters und der Brüder deſſelben, wol nicht die bürgerlich⸗ſittlichen An⸗ ſchauungen über ſolche Verhältniſſe erlernt hatte. Ein Geheimniß waltet noch jetzt über die wahren Motive, und nur ſo viel ſcheint gewiß, daß es Charlottens Mutter war, die Prinzeſſin von Wales, welche, aufs entſchie⸗ denſte dieſer Verbindung abgeneigt, ihre Tochter zur be⸗ ſtimmten Ablehnung bearbeitet hatte.(In ihren offi⸗ ciellen Briefen an Lord Liverpool hebt die Prinzeſſin von Wales es dagegen mit als Grund ihrer Unzufriedenheit hervor, daß dieſer Ehebund, den ſie gewünſcht, ſich zer⸗ ſchlagen ²) Als Vorwand ward genommen, der jungen Prin⸗ zeſſin widerſtehe das Klima im Haag und der Volks⸗ welche it für welche tande be⸗ wor bet in DOra⸗ einet ören. wlotte EE as br⸗ n ver⸗ ſeinet künig⸗ e Ge⸗ tniſſen einer d der en An Eiin Rotive, Nutter nſtit un be⸗ noff⸗ in von denheit ih ze Prin⸗ Lolkẽ⸗ Aonigin Karoline von England. 123 charakter der Holländer. Frauen operiren gern in Hei⸗ rathsſachen. Möglich auch, daß die tiefgekränkte Mutter dem Triebe nicht widerſtand, einen lang gehegten Lieb⸗ lingswunſch dem Gatten zu zerſtören, der ihr Lebens⸗ glück zerſtört hatte. Es ward ein Grund mehr, den tödtlichen Haß im Prinz Regenten gegen ſeine Gemahlin zu nähren. Prinzeß Charlotte erklärte feierlich: daß die Politik keinen Antheil an ihrer Wahl haben ſolle, und reichte bald darauf ihre Hand dem jungen Prinzen Leopold von Koburg, den ſie ebenfalls beim Beſuch der allürten Monarchen in England kennen gelernt. Was hierauf folgte, gehört der Geſchichte an, nicht dieſem Proceß. Der jetzt König von Belgien iſt, kurze Zeit vorher zum König von Griechenland erwählt, träumte nur kurze Zeit, aber während der glücklichſten Ehe, von dem Glücke, einen Arm auf den Thron von England zu ſtützen. Die Prinzeſſin ſtarb nach der erſten Nieder⸗ kunft mit dem Thronerben. Dunkle Gerüchte ſprachen von einer Vergiftung, Gerüchte, die ſogar dadurch Un⸗ terſtützung erhielten, daß einer der Aerzte der Prinzeſſin ſich ſpäter ſelbſt das Leben nahm. Sie ſind indeß durch nichts beſtätigt worden; zu⸗ dem in ſich ſelbſt unwahrſcheinlich, wo alle Motive fehl⸗ ten. Mit dem Tode des einzigen Kindes war indeß das letzte Band zerriſſen, welches Vater und Mutter, wenn nicht zuſammenhielt, doch davor bewahrte, daß ſie auch die letzten Bande äußerer Rückſicht und des Anſtands zerriſſen. Am 29. Januar 1819 war der geiſtesirre König Georg lII. geſtorben. Der Prinz Regent, der ſo lange 6* 124 Rönigin Karolint von England. faktiſch König geweſen, änderte, nachdem er es de jure geworden, in Staatsſachen nichts, aber in ſeinen Fa⸗ milienverhältniſſen bereitete er eine Veränderung vor. Er erklärte ſeine Abſicht, ſich von ſeiner Gemahlin Karoline von Braunſchweig ſcheiden zu laſſen. Dieſe Anſicht wurde, aller Gegenvorſtellungen un⸗ geachtet, nur um ſo feſter, als auch die Prinzeſſin, nicht minder eigenſinnig und erbittert, auf ihren Titel und ihre Rechte als Königin beſtehen und ſich von ihrem Entſchluß, jetzt nach England zurückzukehren, in keiner Weiſe wollte abbringen laſſen. Eine Eheſcheidung iſt in England unter allen Um⸗ ſtänden eine ſchwierige Sache, die, weil ſie nur vor dem Parlament verhandelt und dort ausgeſprochen werden kann, ſehr umſtändlich, koſtſpielig und wegen der Oef⸗ fentlichkeit für die meiſten Perſonen abſchreckend iſt. Wirkliche Eheſcheidungsproceſſe unter königlichen Perſo⸗ nen waren ſeit undenklichen Zeiten nicht vorgekommen. Selbſt König Heinrich VIII., blutigen Angedenkens, hatte es vorgezogen, ſeine Frauen hinrichten zu laſſen; dieſer Scheidungsproceß ſchien ihm kürzer. Auch jetzt erregte der königliche Entſchluß das aller⸗ größte Bedenken. Der König konnte im Miniſterrathe wenige Stimmen dafür gewinnen. Man verſtändigte ſich wol dazu, den Namen der Königin in der Liturgie nicht aufzunehmen, und machte dafür ähnliche Fälle aus der frühern Geſchichte geltend; damit glaubte man aber genug gethan zu haben ſowol den gekränkten Gefühlen der königlichen Perſon, als der königlichen Würde ſelbſt. Einſtimmig war man der Anſicht, daß ein ſolcher Schritt, der unter allen und jeden Verhältniſſen die kö⸗ nigliche Autorität ſchwer compromittire, unter den zeit⸗ weiligen Umſtänden, bei der vorherrſchenden Gährung jue n Fe⸗ t. Er roline n un⸗ „nicht l und ihrem keiner Um⸗ n dem werden nDif d iſt. Perſo⸗ mmen⸗ hatte dieſer allet⸗ ertathe rdigi Liturgie le aus n aber fühlen ſelbſt ſolcher die ků en zit zähung Königin Karoline von England. 125 unter den niedern Claſſen, ſehr gefährlich werden könne. Wenigſtens wollte das Miniſterium nicht die Verant⸗ wortlichkeit dafür auf ſich nehmen. Schon war Georg W., der die Sache mit einer ver⸗ bitterten Heftigkeit betrieb, des Sinnes, ein anderes Mi⸗ niſterium zu bilden, als er noch ein Mal der Hoffnung ſich hingab, daß die Königin im Wege der Verhandlun⸗ gen zu freiwilliger Verzichtleiſtung auf die Ehre des Thrones zu bewegen ſein würde. Karoline war aus Rom, wo ſie ſich zuletzt aufge⸗ halten, auf die Nachricht von dem Tode ihres Schwie⸗ gervaters durch Frankreich, mit Umgehung von Paris, bis St. Omer geeilt. Ihr italieniſches Gefolge ließ ſie hier zurück. Von St. Omer aus unterhandelte ſie ſo⸗ wol mit ihren Freunden in London, beſonders Alderman Wood und der Lady Hamilton, als mit den Miniſtern, den Lords Liverpool und Melville. Ihr Anwalt Brougham brachte ihr, in Verbindung mit Lord Hutchinſon, den Antrag des Königs: 50,000 Pfd. St. jährliche Penſion, dagegen keinen Anſpruch auf den Titel Königin, noch irgend einen andern der königlichen Familie angehörigen, und nie wieder Betreten des engliſchen Bodens! Sie beſtand darauf nach England zurückzukehren, wo ſie der wohlbegründeten Hoffnung war, daß eine große Partei ſich zu ihren Gunſten erklären werde; War⸗ nungen und Drohungen feuerten ſie nur noch mehr an. Die Verhandlungen zerſchlugen ſich, und die Kö⸗ nigin handelte raſch, wie ſie gewohnt war, auf ihr gutes Glück vertrauend. Von Calais aus fuhr ſie nach Dover, und ſchon die erſten Schritte in ihrem zweiten Heimatlande ſchienen ein gutes Omen für ihr gewagtes Unternehmen. Der Donner der Kanonen von den Caſtellen von Dover em⸗ 126 Königin Karoline von England. pfing das Schiff mit der königlichen Flagge, weil die Abbe⸗ ſtellung unterblieben war, der Jubelruf der zahlloſen Volks⸗ menge ſie ſelbſt. Sie eilte zuerſt nach Blackheath, von dort nach London. Auf dem ganzen Wege empfing ſie nur Be⸗ weiſe von Theilnahme und Achtung. Auf jedem Baum an der Landſtraße ſaßen Zuſchauer; mehre Hundert Wa⸗ gen mit geſchmückten Damen fuhren ihr entgegen. Im offenen Wagen ihr zur Linken ſaß Alderman Wood, 60 junge Leute ſprengten zu Roß voraus, rufend: die Kö⸗ nigin kommt! Beim Eintritt in die City wollte man ihr die Pferde abſpannen. Die Fahrt durch die Haupt— ſtraßen der Stadt glich an dem Tage einem Triumph⸗ zuge. Keine jugendlich ſchöne, keine durch Tugend ver⸗ klärte Fürſtin war je in England ſo empfangen, ſo be⸗ jubelt worden. Das Volk ſah in ihr nur die Märtyrin der Politik. Es konnte in den Ehrenbezeigungen ſeinem Haſſe gegen die Miniſter auf eine bequeme und zugleich loyale Weiſe Luft machen. Ehe wir zu den Thatſachen übergehen, müſſen wir noch einen Blick auf die Gerüchte werfen, d. h. auf das, was das Publicum glaubte. Es glaubte mehr, als dem Ruf und den Anſprüchen der Prinzeſſin günſtig war; ſo überall, beſonders aber in England, wo die Sittlichkeit wenigſtens in den Mit⸗ telclaſſen ſtreng geübt und zur Schau getragen, in den höheren aber eine zum öffentlichen Aergerniß(Scandal) gewordene Unſittlichkeit mit dem Stempel eines unver⸗ zeihlichen Fehltritts gebrandmarkt wird. Die Mehrheit glaubte vielleicht an die Schuld der Prinzeſſin, ſie hielt das Gewicht derſelben aber für voll aufgewogen durch die Sündenlaſt, welche auf ihrem königlichen Gemahl drückte, ohne, wie es ſchien, ihn niederzudrücken. Und dies that nicht allein die untere, ſondern gerade die Mit⸗ Abbe olks⸗ ndort Be⸗ Baum We⸗ Im d, 60 man aupt⸗ mph⸗ d ver⸗ ſo be⸗ ithrin ſeinem gleich wir rüchen z abet Nit⸗ in den ndah) unvet⸗ hrheit e hielt durch zemhl Und t Nit Ronigin Karoline von England. 127 telclaſſe, die Hüterin der Sitte. Außerdem war dem Volke bekannt, daß der König und ſeine Camarilla die unglückliche Fürſtin auch jetzt vernichten wolle, wie ſie es ſeit langen Jahren gewollt. Man wußte, daß die früher gegen ſie vorgebrachten Gerüchte Verleumdungen gewe⸗ ſen, ſie waren ja als ſolche erklärt. So hatte man mo⸗ raliſch entſchuldigende Gründe zur Genüge, und die Rück⸗ ſichten für die perſönliche Liebenswürdigkeit der Prinzeſſin ſowie für ihre langjährige gehäufte Mishandlung ſtimm⸗ ten auch die ſtrengeren Sittenrichter mild. Uebrigens rechtfertigte man ſich: Wie viele der letzthin vorgebrach⸗ ten Anſchuldigungen mochten nicht ebenſo Erdichtungen ſein, als die, unter welchen ſie in den vergangenen Jah⸗ ren ungerecht gelitten. Die vielen abenteuerlichen Reiſen, welche Karoline in Deutſchland, Italien, Griechenland, Syrien und Palä⸗ ſtina gemacht, waren freilich nicht geeignet, den Verdacht zu zerſtreuen, der ſich über ihren Leumund befeſtigt hatte. Sie hatte überall Beweiſe der edelſten Menſchenliebe, Freigebigkeit und Großmuth, von Lebensweisheit, Stark⸗ muth und Verſtand gegeben,„nur Eine Tugend, ſagt ein Geſchichtſchreiber der Zeit(Ernſt Münch), in ihrem Verhältniß die allernothwendigſte, die Keuſchheit, wollte man nicht bei ihr gefunden haben.“ Beſonders auffäl⸗ lig, anſtößig, war die beſtändige Begleitung eines ihrer Diener, den ſie aus der niedrigſten Sphäre zu den höch⸗ ſten Ehren, die ſie verleihen konnte oder nicht konnte, erhoben hatte, des Italiäners Bergami oder Per⸗ gami. Auch daß ſie, die Gemahlin des britiſchen Thron⸗ folgers, ſich im Verfolg ihrer Reiſe meiſt nur mit leicht⸗ fertigen Italiänern umgeben, Perſonen, wie es ſchien, niederer Herkunft, hatte jenen Verdacht verſtärkt; ihr 128 Bönigin Karoline von England. engliſches Gefolge hatte ſie, einer nach dem andern, ver— laſſen. Es war ganz anſehnlich geweſen, und wir ſetzen die Namen her, weil dieſelben ſpäter bei dem Durch⸗ einander der Zeugenausſagen vielfach vorkommen. Außer dem jungen William Auſtin beſtand es in den beiden Hofdamen: Lady Charlotte Lindſay und Lady Eliſabeth Forbes, dem Sir Saint Leger, Sir William Gell, Mr. Craven, ihren Kammerherren, dem Capitain Heſſe, ihrem Stallmeiſter, dem Pr. Holland, ihrem Arzt, Mr. Sicard, ihrem Haushofmeiſter, und Mr. Hyronimus, bald Page, bald Courier genannt.— Sie alle waren, aus verſchie⸗ denen Gründen oder Vorwänden, umgekehrt, und die Mühe, welche ſie ſich gab, die Abgegangenen durch an⸗ dere Engländer zu erſetzen, war vergeblich geweſen. Das iſt ſchwer zu glauben, in einer Zeit, wo die Sucht nach Hofbedienungen ſo groß war, die wechſeln⸗ den Reiſen ſo manche Genüſſe verſprachen. Ein Indi⸗ cium gegen die Prinzeſſin blieb es. In den Memoiren ſtützt ſie ſich auf das alte Sprüchwort:„Das Unglück iſt anſteckend; jeder fürchtet ſich, dem damit Heimgeſuch⸗ ten ſich zu nahen.“ Karoline war immer leichtſinnig geweſen, ſie war es noch. Man glaubte, daß dieſer Leichtſinn ihrem Gemahl ſehr erwünſcht ſei; man glaubte noch mehr: daß er von London aus künſtlich unterhalten und genährt wurde, um die Unglückliche in immer neue Stricke und Fall⸗ ſchlingen zu führen, bis dieſelben zu einem Netz würden, aus dem ſie ſich nicht mehr zu ziehen wüßte. Man glaubte endlich, oder vielmehr das wußte man: daß ſie auf Schritt und Tritt bei ihren Reiſen von geheimen Spähern verfolgt geweſen, die alles, was über ſie ver⸗ lautete, aufgeſammelt, Gegründetes und Ungegründetes, Wahres, Halbwahres und Falſches. Auf dieſe Weiſe, „ver⸗ ſetzen urch⸗ Außer beiden ſabeth „Mr. ihrem itard, Page, ſchie⸗ d die h an⸗ weſen. 0 die chſeln⸗ Fydi⸗ wiren glück eſuch⸗ ar es emahl r von wurde, Fal⸗ ürden, Man aß ſi eimen e ver⸗ detes, Veiſe, Königin Karoline von England. 129 während die geheime Conduitenliſte von Land zu Land, von Station zu Station fortgeführt ward, erhielt auch das Formloſeſte in ihren Handlungen einen Schein des Vergehens. Das war nicht die Art, wie freie Engländer behan⸗ delt werden. Das Inquiſitionsverfahren war auf der Inſel nie, auch nicht zu Zeiten der Tyrannei und des Abſolutismus, zur Wsbildung gekommen. Schon die Art, wie man eine freie Britin, und ſogar die Königin des Landes auf dieſe Weiſe zu einer Sklavin in unſicht⸗ baren Ketten gemacht, wie man künſtlich, durch lange Jahre einen Criminalproteß gegen ein verlaſſenes, arg⸗ loſes Weib präparirt hatte, empörte den britiſchen Stolz, das Freiheitsgefühl des Volkes. Am 6. Juni Abends, eine Stunde vor der Ankunft der Königin in London, überbrachte Lord Liverpool in das Oberhaus, Lord Caſtlereagh in das Unterhaus folgende, berühmte königliche Botſchaft: „Der König erachtet es für nothwendig, in Folge der Ankunft der Königin dem Hauſe der Lords gewiſſe Papiere mitzutheilen, betreffend die Aufführung Ihrer Majeſtät ſeit deren Abreiſe aus dieſem Königreiche, welche er der unmittelbaren und ernſten Aufmerkſamkeit dieſes Hauſes anempfiehlt. „Der König war vom lebhafteſten Verlangen durch⸗ drungen, die Nothwendigkeit dieſer Eröffnungen und Dis⸗ cuſſionen zu vermeiden, welche eben ſo peinlich für ſein Volk ſein müſſen, als ſie es nur für ihn ſelbſt ſind, aber der Schritt, welchen die Königin gethan, erlaubt ihm keine Alternative. „Der König iſt des vollſten Vertrauens, daß, in 6* 130 Königin Karoline von England. Folge dieſer Mittheilungen, das Haus der Lords die Maßregeln ergreifen werde, welche die Gerechtigkeit des Falls und die Ehre und Würde der Krone Sr. Majeſtät erfordern. George R.“ Zugleich ward den Pairs der geheimnißvolle grüne Sack überreicht, welcher die Beweisſtücke gegen die Kö⸗ nigin verſchloß. Die Lords empfingen die Botſchaft mit Ruhe und Würde; im Haus der Gemeinen machten ſich gemiſchte Empfindungen laut. Von mehr als einer Seite tönten leidenſchaftliche Aeußerungen über Mishandlung und Ver⸗ folgung der unglücklichen Fürſtin durch die Miniſter. Ein Parlamentsglied, Mr. Bennet, erklärte es als Ver⸗ rath an Land und Volk, Jemand für Abtretung ſeiner Rechte 50,000 Pfd. St. ohne Parlamentsbewilligung auf den Seckel des Volkes anzuweiſen, und noch dazu einem Individuum, das man nicht allein für unwürdig erkläre Königin von England zu ſein, ſondern auch nur den Fuß auf Englands Boden zu ſetzen!— Lord Caſtlereagh blieb kaltblütig und empfahl die übergebenen Papiere der Sorgfalt des Secretairs der Kammer Noch wurden im Parlamente Verſöhnungsverſuche angeſtellt, beſonders von der unabhängigen Partei des Menſchenfreundes Wilberforce. Sie ſcheiterten am feſten Willen der Königin, keine ihrer weſentlichen Prä⸗ rogative opfern zu wollen, eine Conceſſion, der man ja die Deutung geben müſſen, daß ſie mittelbar dadurch ihre Schuld eingeſtehe. Sie ließ erklären: daß ſie in ihrer Eigenſchaft dem Könige, den Mitunterthanen und ſich ſelbſt völlige Genugthuung und Aufklärung ſchuldig ſei. Sie rief für ſich auf den Fall ihrer Strafwürdig⸗ keit die ganze Strenge, und bis zu vollſtändiger Prü⸗ fung des wider ſie eingeleiteten Handels, die Geſetze an, —,—————— ords die igkeit des Majeſtät le grünt die Kö⸗ uhe und gemiſchte e tönten und Ver⸗ Niniſter. als Ver⸗ ng ſein gung auſ zu einem etkläte nur den ſtlereagh piere der rrſich rtei des erten an hen Pri⸗ man ju dadurh nen und ſchuldis idi e Pri⸗ ſche al, Bönigiu Karoline von England. 131 jene unverbrüchliche Schutzwehr für Vornehme wie für Geringe. Die officielle Antwort, welche ſie der Depu⸗ tation des Unterhauſes gab, lautete: „Ich erkenne mit Dank die Mühe an, welche ſich das Un⸗ terhaus gibt, den unſeligen Zwiſt in der königlichen Familie durch ſeine Vermittelung beizulegen, einen Zwiſt, den Nie⸗ mand mehr Urſache hat zu beklagen, als ich, und ich geſtehe, daß noch immer bis dieſen Augenblick mein Herz nichts ſehnlicher wünſcht, als daß es möglich ſein möchte, ihn durch die Autorität des Parlaments ſo auszugleichen, wie es die Geſetze der Ehre und der Würde von beiden Seiten nur wünſchen können. Auch kann ich mich nicht enthalten, meinen Dank für dieſen wohlgemeinten Aus⸗ druck Ihrer Entſchließung Ihnen zu ſagen, der mir als ein Beweis dient, wie würdig und treu die Glieder des Unterhauſes jenes edle Volk repräſentiren, dem ich nie im Stande ſein werde, den Zoll meiner Erkenntlichkeit gehörig zu entrichten; indeß— ſo ſehr ich auch fürchten muß, Denen zu misfallen, die vielleicht bald die Richter meines Betragens ſein werden, ſo bin ich doch von ihrer Loyalität und ihren Gefühlen für Ehre zu feſt überzeugt, daß ich nicht fürchte, über die Gründe, welche mich be⸗ ſtimmen, anders zu handeln, als ſie es dieſen Augenblick wünſchen, von ihnen verkannt zu werden. „Es kommt mir ſo wenig zu, gegen das Recht, wel⸗ ches das Parlament hat, als gegen die Art, wie es daſ⸗ ſelbe zu allen Zeiten ausübt, einen Zweifel zu erheben; aber ſo überzeugt ich auch ſein mag, daß es meine Pflicht iſt, mich ſeiner Autorität zu unterwerfen, ſo muß es doch allein dem Ermeſſen meines Gewiſſens und meines Gefühles überlaſſen bleiben, ob ich die mir vor⸗ geſchlagenen Maßregeln annehmen kann oder nicht. „Als Unterthanin des Staates werde ich mich mit 132 Aönigin Karoline von England. Ergebung und, wenn es möglich iſt, auch ohne Murren, den Ausſprüchen der höchſten Gewalt unterwerfen; aber angeklagt und beleidigt, wie ich bin als Königin, bin ich es dem Könige, mir ſelbſt und allen meinen Unter⸗ thanen ſchuldig, kein einziges weſentliches Vorrecht auf⸗ zuopfern und auch nicht auf den kleinſten Grundſatz des öffentlichen Rechts zu verzichten, der ein Schutz und Schirm iſt für den Höchſten wie für den Niedrigſten dieſes Landes.“ Am 26. Juni händigte Lord Dacre im Namen der Königin folgende Petition dem Oberhauſe ein: „Karoline Regina.“ „An die geiſtlichen und weltlichen Lords!“ „Nachdem die Königin unterrichtet worden, daß ein Proceß gegen ſie im Hauſe der Lords beſchloſſen wor⸗ den, und zwar mittelſt eines geheimen Comités, ſo fühlt 1 ſie ſich, als Unterthanin dieſes Reiches, gedrungen, an 12 die Lords zu appelliren. Sie iſt benachrichtigt, daß nach 1 dem bisher Ueblichen die Lords ein Geheimes Comité beſtellen werden. Sie proteſtirt gegen jede geheime Un⸗ 1 terſuchung— wollte aber das Haus in dieſem Wege fortſchreiten, ſo erklärt ſie, daß ſie auch bei einem ſol— chen inconſtitutionellen Verfahren nichts zu fürchten hat, . es wäre denn, daß ihre Zeugen nicht anweſend ſeien, 36 — — durch welche ſie alle Machinationen ihrer Feinde zu Bo⸗ den ſchlagen wird. Wenn das Haus der Lords dennoch 1 ein geheimes Verfahren beliebte, bittet ſie nur darum, daß es nicht früher eröffnet werde, als bis ihre Zeugen herbeigerufen ſind. Sie bittet um keinen Aufſchub; aber die Königin iſt des Vertrauens, daß die Lords keine geheime Unterſuchung über ihre Aufführung autorifiren — e — lurten, z abet , bin Unter⸗ t auf⸗ atz des s und rigſten ß ein wbor⸗ fühlt n, an nach omiti e lin⸗ Wege n ſol⸗ n hat, ſcien, Bo⸗ nnoch arum, eugen aber keine tifien k Königin Karoline von England. 133 können, ſo lange ihre Räthe nicht im Stande ſind, die Zeugen vom Continent herbeizuſchaffen, deren Verneh⸗ mung zum Beweiſe ihrer Unſchuld unerläßlich iſt. Im Augenblicke, wo die Zeugen eintreffen, wird ſie die Lords erſuchen, das Verfahren in jeder Weiſe zu eröffnen, welche ſie als zuträglich erachten zur Herſtellung der Ge⸗ rechtigkeit. Inzwiſchen aber bittet Ihre Majeſtät das Verfahren aufzuſchieben und durch den von ihr erwählten Rath heut vor den Schranken gehört zu werden.“ Der Rath der Königin, beſtehend aus den Anwalten Denman, Williams und dem durch dieſen Proceß zu noch höherem Ruf geſtiegenen Henry Brougham, ward vor die Schranken gelaſſen; dennoch aber das geheime Comite erwählt, welches faſt ſämmtlich aus miniſteriellen Mitgliedern des Hauſes beſtand. Von vier derſelben wird behauptet, daß ſie in der Eigenſchaft als Mitglie⸗ der des Cabinets geholfen den grünen Beutel anzufüllen. Sie wären alſo zugleich Richter und Partei geweſen. Im Unterhauſe hatte Karoline inzwiſchen durch Brougham folgende Erklärung abgeben laſſen: „Die Königin fühlt ſich verbunden, dem Hauſe der Gemeinen bekannt zu machen, daß die ſeit längerer Zeit durch geheime Agenten im Auslande, welche durch das Benehmen der Regierung unterſtützt wurden, gegen ihre Ehre und Ruhe unternommenen Angriffe ſie bewogen haben, nach England zurückzukehren, ſowie daß Ihro Majeſtät keine andere Abſicht hegen als die Vertheidi⸗ gung ihrer Ehre und der Rechte, welche ihr durch den Tod des verehrten Monarchen zugefallen ſind, deſſen Juneigung und unerſchütterliches Ehrgefühl immer ihre feſteſte Stütze war. „Mit nicht geringem Erſtaunen hat aber die Königin vernommen, daß ſogleich nach ihrer Ankunft das Parla— — 8——. 134 Königin Karoline von England. ment iſt aufgefordert worden, gewiſſe Documente zu un⸗ terſuchen, und noch mehr hat es ſie überraſcht, hören zu müſſen, daß man die Abſicht hat, dieſe Papiere einem geheimen Ausſchuß zu überantworten. Es ſind jetzt 14 Jahre verfloſſen, ſeit man die erſte Anklage gegen Ihro Majeſtät erhob. Damals, wie in der ganzen Zwiſchen⸗ zeit, verlangte und forderte die Königin nichts anderes, als eine ſtrenge Unterſuchung ihres Betragens und daß man ihre Ankläger ihr gegenüberſtelle. Dies und nichts Anderes verlangt ſie auch noch jetzt, eine freie und öf⸗ fentliche Verhandlung, in welcher die gegen ſie erhobe⸗ nen Klagen, ſowie die gegen ſie auftretenden Zeugen ihr bekannt gemacht und entgegengeſtellt werden, nach den Geſetzen und Rechten, die auch dem geringſten Unter⸗ thanen zukommen. „Sie proteſtirt daher, als den Geſetzen dieſes Lan⸗ des zuwiderlaufend, als deſſen Verfaſſung vernichtend und gegen alle Grundſätze des Rechts handelnd, hiermit förmlich und feierlich im Angeſicht des Königs, des Par⸗ laments und der Nation, gegen die Errichtung eines ge⸗ heimen Tribunals, beſtimmt um Papiere zu unterſuchen, die im Dunkel von ihren Widerſachern ausgeheckt wor⸗ den ſind, und ihr Vertrauen auf die Unabhängigkeit des Hauſes der Gemeinen ſtützend, hofft ſie, daß daſſelbe ſich Maßregeln widerſetzen werde, die die einzigen ſind, welche ſie zu fürchten hat. Die Königin kann ſich nicht enthalten, noch zu bemerken, daß, ſelbſt ehe man noch dieſe Art zu verfahren gegen ſie ei gerichtet hat, man ſie ſchon hat ahnen laſſen, welcher Puſcheibung ſie ent⸗ gegenzuſehen habe. „Mit Recht muß man wol die Ausſtreichung des Namens der Königin aus der Liturgie, die allen Glie⸗ dern der königlichen Familie bewilligten, ihr aber ver⸗ t zu un⸗ höten einen Ihro iſchen⸗ nderes, id daß nichts d öf⸗ thobe⸗ gen iht ach den Unter⸗ 6 Lan⸗ ichtend iermit s Par⸗ ne ge rſuchen, kt wor⸗ kit des daſelbe en ſind⸗ ch nicht n noch man ſe ent⸗ Königin Karoline von England. 135 weigerten Transportmittel, um nach England zu kom⸗ men, die Verſagung einer Antwort ſogar auf ihr Ver⸗ langen, einen königlichen Palaſt angewieſen zu erhalten, die ausſtudirte Verachtung, welche ſie ſowol von den Miniſtern der Regierung an den auswärtigen Höfen, als von den Agenten der Mächte, auf welche England eini— gen Einfluß hat, erdulden mußte— dieſes Alles muß man wol als ebenſo viele gefliſſentlich ins Werk geſetzte Angriffe gegen die Königin betrachten, die den Zweck haben, ihre Ehre in den Augen der Welt zu beſchmitzen, ehe und bevor man ſie noch durch Urtheil und Recht hat als ſchuldig erkennen können.“ Schon am 4. Juli ſtattete das Comité folgenden Be⸗ richt ab: „Vor den comittirten Lords, erwählt zu einem ge⸗ heimen Comitẽ behufs Prüfung derjenigen Papiere, welche Dienſtag 6. Juni beſagtem Hauſe der Lords in zwei verſiegelten Beuteln auf Sr. Majeſtät Befehl vorgelegt worden, um darüber zu berichten, wie ſie es angemeſſen finden; und zu welchen Papieren ſeitdem noch verſchie⸗ dene andere Papiere auf Sr. Majeſtät Befehl hinzuge⸗ kommen ſind, als bezüglich auf Sr. Majeſtät allergnä⸗ digſte Botſchaft vom 6. Juni— „Berichten wir, wie ſich ziemt: Daß das Comité mit aller, einem ſo wichtigen Gegenſtand ſchuldigen, Auf⸗ merkſamkeit die ihm vorgelegten Documente geprüft und demnächſt gefunden hat: wie dieſe Documente Angaben enthalten, unterſtützt durch das übereinſtimmende Zeugniß einer großen Anzahl Perſonen in den verſchiedenſten La⸗ gen des Lebens und in den verſchiedenſten Theilen Eu— ropas anſäſſig, welche die Ehre der Königin ſchwer angreifen, ——————— —— S——————— 136 1 indem ſie Ihro Majeſtät einer chebrecheriſchen Verbin⸗ dung mit einem Fremden anſchuldigen, der urſprünglich Fönigin Karoline von England. in ihren Dienſten ſtand, in der niedrigſten Lage, und Ihrer Majeſtät eine ganze Reihe von Handlungen auf⸗ bürden, ſo für Ihro Majeſtät Rang und Stellung höchſt unziemlich ſind und von einem ſehr ausgelaſſenen Cha⸗ 3 rakter. „Dieſe Anſchuldigungen bedünken das Comité ſo tief zu verletzen nicht allein die Ehre der Königin, ſondern auch die Würde der Krone, ja das ſittliche Gefühl und die Ehre des Vaterlandes, daß es ſeiner Meinung nach nothwendig wird, ſie zum Gegenſtande einer öffentlichen Unterſuchung zu machen, welches, der Meinung des Co⸗ mites nach, nicht beſſer geſchehen kann, als im Ver⸗ fahren eines geſetzlichen Proceſſes, deſſen Nothwendigkeit ſie nur tief bedauern können.“ Am folgenden 5. Juli überreichte Lord Dacre aber⸗ mals eine Petition der Königin, welche den Bericht des Comites in folgender Art beantwortete: „Karoline Regina. „Die Königin, nachdem ſie von dem allerungewöhn⸗ lichſten Berichte, der vom geheimen Comite des Hauſes der Lords abgeſtattet worden und itzo auf dem Tiſche liegt, Kenntniß genommen, macht dem Hauſe bekannt, daß ſie ſchon jetzt bereit iſt, ſich dagegen zu vertheidigen, ſo weit ſie den Sinn dieſes Berichtes faßt. Doch muß 2 Ihre Majeſtät bemerken, daß da ſehr verſchiedene und 6 wichtige Angelegenheiten berührt werden, welche, in An⸗ betreff ihrer künftigen Vertheidigung, ſchon im gegen⸗ wärtigen Standpunkt des Proceſſes zerlegt werden müſ⸗ ſen. Die Königin bittet daher ſchon heut, durch ihren Rath, in Betreff dieſer Angelegenheiten gehört zu werden.“ zerbin⸗ igich „und nauf⸗ hicht Cha⸗ ſo tief ndern und nach tlichen e Co⸗ 1 Vet⸗ igkeit aber⸗ t des wöhn⸗ Hauſes Liſhe ekannt, idigen, nuß e und in An⸗ gegen nmiſ⸗ ihren ört zu Königin Karoline von England. 137 Die Reden der Advocaten werden uns nicht mitge⸗ cheilt. Die Anklagebill, welche Earl of Liverpool darauf vortrug, lautete aber ſo: „Eine Acte, um Ihro Majeſtät, die Königin Karo⸗ line Amalie Eliſabeth, ihres Titels, ihrer Prärogative, Rechte, Privilegien und Vorzüge als Königin⸗Gemahlin (queen consort) dieſes Königreiches zu berauben, und die Ehe zu löſen zwiſchen Sr. Majeſtät und beſagter Karoline, Amalie Eliſabeth. „Sintemal im Jahre 1814 Ihro Majeſtät, Karoline Amalie Eliſabeth, damals Prinzeſſin von Wales und ietzt Königin⸗Gemahlin dieſes Königreiches, reſidirend in Mailand, in Italien, in ihre Dienſte nahm, in ganz untergeordneter Stellung, einen gewiſſen Bartolomeo Pergami, auch genannt Bartolomeo Bergami, einen Fremden von niederer Herkunft, der vorher auf ſelbe Weiſe Domeſtik geweſen— „Und, ſintemalen, nachdem beſagter Bartolomeo Per⸗ gami, auch genannt Bartolomeo Bergami, auf dieſe Weiſe in die Dienſte Ihrer königlichen Hoheit, beſagter Prinzeſſin von Wales getreten, eine höchſt unſchickliche und widerwärtige Vertraulichkeit zwiſchen Ihrer königli⸗ chen Hoheit und dem Bartolomeo Pergami, auch ge⸗ nannt Bartolomeo Bergami eintrat— „Und ſintemalen Ihro königliche Hoheit nicht allein beſagten Bartolomeo Pergami, auch genannt Bartolomev Bergami, zu einer hohen Stellung in Ihro königlichen Hoheit Haushalt erhoben, und ihn in Ihren Dienſten behielten, und zwar in hohen und beſonders vertraulichen Lagen um Ihro Hoheit Perſon, ſondern ihm auch noch andere große und außerordentliche Zeichen Ihrer Aus⸗ zeichnung und Huld gewährten, ja ihm den Orden der Ritterſchaft und Ehrentitel beilegten und das Ordens⸗ 138 Rönigin Garoline von England. zeichen einer Ritterſchaft, welche Ihre königliche Hoheit übernommen ſelbſt zu ſtiften, ohne irgend eine geſetzliche oder gerechtfertigte Autorität— „Und ſintemalen ferner Ihre königliche Hoheit, wäh⸗ beſagter Bartolomeo Pergami, auch genannt Bar⸗ tolomeo Bergami, in Ihro Dienſten war, ganz unein⸗ gedenk Ihrer hohen Stellung und Ihres Ranges und Ihrer Pflicht gegen Eure Majeſtät, und ganz rückſichtslos gegen ihre eigene Ehre und Charakter, ſich ſo aufführte gegen beſagten Bartolomeo Pergami, auch genannt Bar⸗ tolomeo Bergami; und auch ſonſt, im öffentlichen, wie im Privatleben, in den verſchiedenſten Orten und Län⸗ dern, welche Ihre königliche Hoheit beſuchte, ſich mit unanſtändiger und herausfordernder Familiarität und Frechheit benahm und einen ausgelaſſenen, ehrenrühri⸗ gen und chebrecheriſchen Umgang mit beſagtem Barto⸗ lomeo Pergami, auch genannt Bartolomeo Bergami führte, durch welche Aufführung Ihro königliche Hoheit einen großen Skandal und Unehre über Ihro Majeſtät Familie und dieſes Königreich gebracht haben: „Deshalb, um unſere tiefe Entrüſtung zu manife⸗ ſtiren über eine ſolche ſkandalöſe, ungeziemende und la⸗ ſterhafte Aufführung von Seiten Ihro Majeſtät, durch welche ſie die Pflicht verletzte, welche ſie Eurer Majeſtät ſchuldig iſt, und ſich unwürdig machte des erhabenen Ranges und der Stellung einer Königin⸗Gemahlin dieſes Reiches; und um darzuthun unſere gebührende Hochach⸗ tung für die Würde der Krone und die Ehre der Na⸗ tion, erſuchen wir, Euer Majeſtät unterthänigſte und loyale Unterthanen, nämlich die geiſtlichen und weltlichen Lords und die Gemeinen hier im Parlament verſammelt, demüthigſt, daß darüber procedirt werde; „Und werde demnächſt dahin procedirt, daß, kraft . ( L e Hoheit geſelihe it, wih⸗ mt Bar⸗ n unein⸗ ges und kſichtslos ufführte nt Bar⸗ hen, wie nd Lin⸗ ſch mit itit und nntihr⸗ n Bartv⸗ ni führke, it einen Famili mmift⸗ eund le⸗ it duß Nieſtt erhabenen in diſe Hochach⸗ der Ne⸗ ſe und weltlichen rſamnd fraft aß, k Königin Karolint von England. 139 der königlichen erlauchten Majeſtät, durch und mit dem Rath und Beiſtand der geiſtlichen und weltlichen Lords, ſowie der Gemeinen, verſammelt in gegenwärtigem Par⸗ lamente, und durch die Autorität derſelben,— daß be⸗ ſagte Ihro Majeſtät, Karoline Amalie Eliſabeth, vom Augenblicke an, wo dieſe Acte durchgeht, werde und ſei beraubt des Titels einer Königin, auch aller Präroga⸗ tiven, Rechte, Privilegien und Vorzüge, ihr ſonſt zu⸗ kommend als Königin-Gemahlin dieſes Reiches; und daß beſagte Ihro Majeſtät, vom Augenblicke an, wo dieſe Acte durchgeht, auf immer außer Recht und Be⸗ rechtigung geſetzt ſei, ſelbige Rechte und Vorzüge zu ge⸗ brauchen, nutzen, derſelben ſich zu erfreuen; und ferner, daß die Ehe zwiſchen Sr. Majeſtät und beſagter Karo⸗ line Amalie Eliſabeth werde und ſei, von nun an und für immer, gänzlich aufgelöſt, annullirt und nichtig in allen und jeden Dingen zu was Abſicht, Urſach und Folgerung es ſei.“ Am folgenden 6. Juli brachte Lord Dacre eine Pe⸗ tition der Königin darauf ein des Inhalts: „Karoline Regina. „Die Königin hat mit unausſprechlicher Verwunde⸗ rung vernommen, daß eine Bill, Anſchuldigungen ent— haltend und mit der Abſicht, ſie zu degradiren und ihre Ehe mit dem Könige aufzulöſen, vom Premierminiſter des Königs in das Haus der Lords gebracht worden, wo Ihro Majeſtät keinen Rath hat und keine Diener und Beamte, um ihre Rechte wahrzunehin. Der ein⸗ zige Grund, auf den die Bill ſich ſtützt, iſt der Bericht eines geheimen Comités, welches allein auf den Inhalt von Papieren verfuhr, die ihm vorgelegt worden, ohne nur einen einzigen Zeugen zu vernehmen. Die Königin hat ferner vernommen, daß am vergangenen Abend ihr 140 Rönigin Karoline von England. Rath vor den Schranken des Hauſes der Lords nicht angenommen worden iſt, in einem Stadium des Pro⸗ ceſſes, wo es für ſie von der größten Wichtigkeit war, gehört zu werden, und daß eine Liſte der Zeugen, welche ihre Ankläger gegen ſie aufſtellen wollen, ihr verſagt worden iſt. Unter ſolchen Umſtänden zweifelt die Kö⸗ nigin, ob ihr irgend etwas Anderes übrig bleibt, als auf die allerförmlichſte Weiſe gegen die ganze Art des Verfahrens zu proteſtiren. Aber ſie wünſcht doch noch irgend einen Verſuch izu machen, um Gerechtigkeit zu erlangen, und bittet deshalb, daß ihr Rath jetzt vorge⸗ laſſen werde, um ihre Beſchwerden und Forderungen vor den Schranken der Lords vorzutragen.“ Dies durfte nach dem Herkommen nicht geſchehen; die Wortführer der Königin im Oberhauſe, Lord Holland, Grey und Lansdown trugen vergebens auf eine Aus⸗ nahme an. Man weiß, daß die Miniſter nur mit Widerſtreben an die Einleitung des Proceſſes gegangen, daß ſie nur dem wiederholten, eigenſinnigen, faſt verbiſſenen Willen des Königs nachgegeben hatten. Selbſt über den Cha⸗ rakter des Proceſſes fühlten ſie ſich in großer Verlegen⸗ heit. Nach einer eigenthümlichen Vorſchrift der angli⸗ caniſchen Kirche, welche die Eheſcheidungen dermaßen beſchränkt, daß ſie im bürgerlichen Leben ſo gut wie un⸗ möglich ſind, konnte eine Eheſcheidung im Fall eines Ehebruchs nur dann ſtattfinden, wenn gegen den kla⸗ genden Theil nicht die gegründete Gegenbeſchwerde ähn⸗ licher Treuloſigkeit erhoben ward. Wer kannte nicht das wahre Verhältniß, wer wußte nicht, daß ebenſo viel, wo nicht größere Schuld auf Seiten des Anklägers la⸗ ſtete, in dieſem Falle traf alſo das ſittliche Gefühl mit dem ſtrengen Buchſtaben des Geſetzes zuſammen. Aber ds nicht es Pre⸗ eit war, welcht verſagt die Kö⸗ ibt, alb Art des h noch keit zu t vorge⸗ etungen ſchehen; Holland, ne A⸗ rſtreben ſie nur Pillen en Che⸗ kerltgen⸗ n angli⸗ ermaßen wie Un⸗ al ins den kla⸗ de ihn⸗ icht das ſo vid, gers le fihl mi We Königin Karoline von England. 141 9 9 wer durfte dem Könige das vorwerfen, was der Grund der Klage gegen die Königin war. Nur die Königin iſt nach der engliſchen Verfaſſung Unterthanin, der König iſt unverletzlich, er ſteht perſönlich über dem Geſetz. Als daher im Verlauf des Proceſſes Henry Brougham die Worte hinwarf, auch ſeine Clientin könne mit grünen Beuteln vortreten und die Anklage zurückſchleudern, er⸗ hob ſich eine ängſtliche Stimmung durch die Legitimiſten in ganz Europa, daß ein König angegriffen werden könne und damit das Königthum; dieſe Stimmung hatte freilich nicht die der Sitte für ſich, aber auch ſelbſt con⸗ ſtitutionell Geſinnten erſchien die Gegenklage bedenklich. Die Miniſter hatten daher den Proceß als eine politiſch legislative Maßregel hinzuſtellen geſucht, bei welcher der König nicht als beleidigter Theil und Kläger auftrat, ſondern beide Parteien vor dem Oberhauſe nur in ihrem öffentlichen Charakter erſchienen. Die Bill ſollte zwar die Wirkung einer Scheidungsbill haben, aber als keine ſolche erſcheinen, um jene Gegenklage, auch wenn ſie vom Parlamente zuläſſig erfunden würde, abzuſchneiden. Die Miniſter betheuerten deshalb vor dem Hauſe: daß die hier vorgeſchlagene Maßregel blos durch das allge⸗ meine Intereſſe begründet ſei, und keine, nicht durchaus nothwendige, Strenge eintreten ſolle.— Als captatio benevolentiae geſtanden ſie im voraus dem Hauſe der Gemeinen die Initiative, bezüglich auf die künftige Ver⸗ ſorgung der Königin zu. Die Königin hatte die Abſchrift jener Bill mit vieler äußerer Standhaftigkeit entgegengenommen. Zu Tho⸗ mas Tyrwitt, dem officiellen Ueberbringer der Bill, hatte ſie die Worte geſprochen:„In dieſer Welt werden der König und ich uns nicht mehr ſehen, aber ich hoffe in einer andern, wo mir Gerechtigkeit widerfahren wird. 142 Eönigin Karolinr von England. Sagen Sie dies, mein Herr, wenn Sie Gelegenheit dazu haben, dem Könige.“— Das Volk aber gab ihr alle erſinnlichen Zeichen von Achtung und Theilnahme. Erbittert gegen die herbeigerufenen italieniſchen Zeugen, konnte man dieſelben ſeiner Wuth kaum entreißen. Es gingen zahlloſe Adreſſen der Theilnahme und des Bei⸗ leids aus allen Theilen des Königreiches an die Fürſtin ein. Darunter eine aus einem einzigen Kreiſe von 15,000 verheiratheten Frauen unterzeichnet. Den An⸗ fang machte die Stadt London, an der Spitze Lord⸗ Mayor, Aldermänner und Magiſtrate, welche die Adreſſe ſelbſt in feierlichem Zuge überreichten. Die Antwort, welche die Königin darauf mündlich gegeben haben ſoll, wurde ſelbſt von ihren Gegnern gerühmt. „Ich danke der Stadt London von ganzem Herzen für eine Adreſſe, die ebenſo loyal gegen Se. Majeſtät den König, als voll Zuneigung zu mir iſt. Wenn je⸗ mals etwas den Schmerz lindern kann, den mir der Tod ſo vieler theuern Familienglieder verurſacht hat, ſo iſt es die Gewißheit, die ich ſo eben erhalte, zu ſehen, daß ihr Andenken und das ihrer Tugenden bei den neuen Prüfungen, welchen ich ſo eben unterliege, nicht ent⸗ ſchwunden iſt. Meine erſte Pflicht iſt, mich ſelbſt zu rechtfertigen; mein zweiter Wunſch aber der, nichts un⸗ ternehmen zu ſehen, was die Gefühle Anderer verletzt; in allen Kämpfen, zu welchen man mich gezwungen hat, war die edele und großmüthige Anhänglichkeit des Volkes von England mein feſteſter Schild gegen meine und des Königs Feinde, und niemals wird die Zeit vermögen das Andanken daran in meiner Bruſt zu verwiſchen.“ d i dlegenheit gab ihr eilnahm. Zeugen, ßen. Cs des Bei⸗ e Fürfin reiſe von Den An⸗ te Lord⸗ ie Adriſe Antwort, oben ſol, m Hurjen Nujfüt Venn jl⸗ mir der t hat, ſo zu ſchen, den neuen nicht ent⸗ ſilbſt zu nichts uh⸗ r verlebt; ngen hat. es Vols und des vermögen iſchen⸗ Königin Karoline von England. 143 Sonſt lautete die Antwort der Königin auf dieſe Adreſſe in der Regel: „In welche Gefahren mich auch die Bosheit und die Macht meiner Feinde noch ſtürzen mag, ſo werde ich es doch nie bereuen, Vorſchläge zurückgewieſen zu haben, die darauf hinausgingen, mich zu entwürdigen 1 und die Ehre des Vaterlandes zu beſchimpfen. Ich 6 danke Euch für die großmüthige Erklärung, daß Ihr die Beleidigungen, welche man Eurer Königin widerfah⸗ ren läßt, als die der Nation betrachtet; verſichert Euch, daß, ſo lange meine Ehre mit der des Volkes, von 4 welcher ſie eigentlich gar nicht getrennt werden kann, zuſammen beſteht, ich ſie durch Gottes Gnade zu be⸗ ſchützen hoffe, trotz aller Angriffe, bis auf den letzten Augenblick meines Lebens; indem ich feſt überzeugt bin, daß, ausgenommen die Ehre, kein Opfer für das Glück und den Wohlſtand eines Volkes zu groß iſt, dem ich ſo viel zu danken habe.“ Eine Frau, der man eine Adreſſe mit zu unterzeich⸗ nen verweigerte, weil nur Männer dies könnten, lief ₰ und holte ihre fünf Söhne:„So unterzeichnet Ihr, es iſt eine gute Handlung; indem man die Königin be⸗ ſchimpfte, hat man Eure und alle Mütter Englands be⸗ ſchimpft.“ Erfunden oder nicht, es charakteriſirt die fieberhafte Volksſtimmung.— Eine Schweſter des Kö⸗ nigs, die Prinzeſſin Sophie, auch die Töchter des Her⸗ zogs von Clarence wurden beſchimpft, weil ſie die Kö⸗ 4 nigin, als ſie ihr auf der Straße begegneten, nicht ge⸗ 4 grüßt. Auch Prinz Leopold ward laut von der Nation getadelt, daß er die Pflichten kindlicher Achtung gegen die Schwiegermutter nicht erfüllt. Vom Bann der kö⸗ 144 Bönigin Karoline von England. niglichen und Miniſtergewalt zurückgehalten, hatte er ihr nicht bei ihrer Ankunft aufgewartet. Seine erſte Popularität erntete dagegen Canning bei dieſer Gelegenheit. Er trat aus dem Miniſterium, weil er zur Fortſetzung des Proceſſes nicht ſtimmen konnte. Karoline benutzte dieſe Stimmung. Durch lebhafte Schilderungen der Vergangenheit und der ſchuldlos er⸗ duldeten Leiden von der erſten durch ihren Gemahl ge⸗ waltſam herbeigeführten Trennung an, ſuchte ſie das Mitgefühl noch mehr zu ſteigern. Die Zeitungen ver⸗ öffentlichten den ſchon bekannten und andere in dieſer Angelegenheit gewechſelte Briefe. Auch jenes berühmt gewordene lange Schreiben, an ihren Gemahl gerichtet, welches damals auch in die Zeitungen des Continents überging: „Sire! Nach den vielfachen, von Tage zu Tage härter wer⸗ denden, ſeit Jahren ohne alle Veranlaſſung und Grund über mich im Namen von Euer Majeſtät verhängten Verfolgungen, bringe ich meinen eigenen Geſinnungen ein großes Opfer, indem ich mich entſchließe, Ew. Majeſtät dieſen Brief als eine Gegenvorſtellung zu über⸗ ſenden. Indeß, überzeugt von der Wahrheit, daß die königliche Würde nur Halt im öffentlichen Wohle hat, daß dieſes allem Andern vorgeht, und die Folgen ken⸗ nend, welche aus einem ſo unconſtitutionellen, ungeſetz⸗ mäßigen und unerhörten Verfahren, wie jetzt befolgt wird, hervorgehen müſſen, kann ich es mir nicht verſa⸗ gen, Ew. Majeſtät mit dem Unrecht und den Beleidi⸗ gungen bekannt zu machen, die man gegen mich ausübt, indem ich hoffe, daß, wenn auch übelwollende und treu⸗ loſe Rathſchläge Sie dahin bringen konnten, einer Ge⸗ ur hatte er anning niſteriun, ſimmen lebhefte ldlos er⸗ mahl ge⸗ ſie das gen ver⸗ in dieſet brrüihmt gurichte, ontinents rter wer⸗ d Grund chingten ſunungin e, Gn. doß di hl hut en kn⸗ ingeſtt⸗ t befolgt t veſt Beleid⸗ autübt und n einet 0 Königin Karoline von England. 145 mahlin, die ſtets ihren Pflichten und ihrem Gatten treu war, und dennoch abſcheulich mishandelt wurde, Ge⸗ rechtigkeit zu verſagen, Sie doch Gründen Gehör geben werden, von deren Beachtung die Ehre Ihrer Krone, die Feſtigkeit Ihres Thrones, die Ruhe Ihres Staates, das Glück und die Sicherheit Ihres ebenſo gerechten, als billigen Volkes, deſſen edeles Herz ſich bei dem Gedan⸗ ken von Unterdrückung und Grauſamkeit, vorzüglich wenn ſie zum Hohn der Geſetze ausgeübt werden, empört— abhängt. „Die meinem eigenen Gefühle und meinem Geſchlechte ſchuldige Achtung verbietet mir hier die wahren Urſachen unſerer häuslichen Trennung, ſowie die zahlreichen un⸗ verſchuldeten Beleidigungen, die ich von dieſem Zeit⸗ vunkte an erdulden mußte, auseinanderzuſetzen; aber, in⸗ dem ich Ew. Majeſtät die Sorge überlaſſe, mit den Pflichten, welche die Ehre auflegt, das Verfahren, eine Mutter mit ihrem Kinde auf dem Arm zu vertreiben, auszugleichen, werden Sie mir erlauben, Ihnen ins Gedächtniß zu rufen: daß nur Sie die Veranlaſſung zu dieſen Ereigniſſen gaben, und daß nicht ich eine Tren— nung nachſuchte, die mir als ein Urtheil auferlegt wurde, ohne daß man dafür einen andern Grund anzugeben vermochte, als Ihre Abneigung, die, wie damals Ew. Majeſtät zu ſagen geruhten, zu ändern nicht in Ihrer Macht ſtände. „Es würde eine große Fühlloſigkeit von meiner Seite verrathen haben, hätte mich dieſe Ausſprache Ew. Ma⸗ jeſtät nicht geſchmerzt; ich wäre des Namens einer Mutter unwürdig geweſen, hätte mich nicht das leicht vorauszuſehende Loos eines geliebten Kindes bekümmert; und ich würde anerkannt haben, daß ich mein Geſchick verdiene und daß mir jede Erhabenheit der Geſinnungen XV. 7 146 Gonigin Karoline von England. fehle, hätte ich mich ohne Murren unterworfen; das war da⸗ her natürlich, daß die bequeme und ruhige(comfortable) Lage, die Sie mir anboten, mir nur als ein ſehr ſchwacher Erſatz erſcheinen konnte, wenn ich mir die Leichtigkeit be⸗ trachtete, mit welcher Ew. Majeſtät Ihren Neigungen die öffentliche Sittlichkeit zum Opfer brachten, vorzüglich aber wenn ich bedachte, wie ſehr die Nation in den Erwar⸗ tungen getäuſcht würde, die ſie bei unſerer Verbindung faßte, eine Verbindung, die Englands Volk um ſo mehr mit Freude erfüllte, da es darin eine Quelle von Glück ſah. „Wahrlich, dieſe Ruhe, dieſes Glück der Zurückge⸗ zogenheit ward mir um einen zu hohen Preis verkauft, als daß ich mich deſſelben hätte freuen können. In der Nähe der Reſidenz von Ew. Majeſtät wurde die Mutter Ihrer Tochter von Spionen und Verräthern umlagert, die man dazu ermunterte und ſie dafür belohnte, daß ſie Derjenigen, welcher Ew. Majeſtät durch einen feier⸗ lichen Schwur vor dem Altare Gottes verſprochen hatten, ſie zu ehren, zu ſchützen und zu lieben, Schlingen legten und ihre Ehre und ihren guten Namen beſchmitzten. „Wer hätte mir damals, als ich mich aus den Ar⸗ men meiner Verwandten riß, um dem Sohne König Georg III., dem einſtigen Erben des Thrones von Eng⸗ land, meine Hand zu reichen, wol ſagen können, daß ich jemals noch etwas von Ungerechtigkeit und Unrecht würde zu fürchten haben? Wie groß mußte daher mein Erſtaunen ſein, als mir klar wurde, daß der Verrath um mich her ſein Netz ſpannte, daß der Meineid gegen mich in Bewegung geſetzt ward, daß ein geheimes Tri⸗ bunal meine Handlungen bewachte und richtete, und daß es gegen mich ein Urtheil ausſprach, bevor es mich hörte, bevor man mir ſagte, weswegen ich angeklagt ward, ja ſelbſt ehe man mir Beweiſe vorlegte. Aber as war da⸗ Uortable) ſchwachn tigkit be igungen vorʒglich en Erwar⸗ ung faßt mehr mit Flück ſch. zurückge⸗ vrkauft, . In der die Mutter unlegert, hnte, dß inen füer⸗ en hatten, gen legten nitzten⸗ s den An hne Fön un En nn, dß nd im deher mein er Verrath ntid gege eimes Zr⸗ Königin Karoline von England. 147 keine Sprache malt die Empfindung, die mich ergriff, als ich ſehen mußte, daß alles dieſes auf Verlangen, auf den Willen des Vaters meines Kindes geſchah, des Mannes, den Natur und Geſetz zu meinem Be⸗ ſchützer und Vertheidiger gemacht hatten. „Und dennoch mußte dieſes Tribunal, trotz einem Verfahren, gegen welches im Parlamente wie im Ge⸗ heimen Rath des Königs geſprochen wurde, ohne daß man jedoch darum ſich kümmerte, trotz der Verbor⸗ genheit, in welche es ſich hüllte, trotz der Verſuchung, in welche es eben durch dieſe Verhüllung die Zeugen führte, falſch gegen mich auszuſagen; trotzdem, daß man mir nicht geſtattete mich zu vertheidigen— trotz allen dieſen, meinen Feinden ſo günſtigen Umſtänden mußte dennoch dieſes Tribunal mich losſprechen und dahin ent⸗ ſcheiden, daß meine Kläger verbrecheriſch und meineidig gehandelt hätten!— Bei Beendigung dieſes Verfahrens zeigte ſich aber freilich, daß vor dieſer Behörde falſche Eide nicht zu den Verbrechen gegen das Geſetz gehörten, und derſelbe Gerichtshof, den Ew. Maj. ernannt und bevollmächtigt hatten, um meine Aufführung zu unter⸗ ſuchen und zu richten, um Eide abzunehmen, um ge⸗ ſchworne Zeugen gegen mich zu verhören, um zu ver⸗ urtheilen oder frei zu ſprechen, auch bevollmächtigt war, diejenigen, die in Betreff meiner falſch ſchworen, vor den Geſetzen zu ſchützen und zu verbergen. So groß damals auch mein Unwille über eine ſolche Umgehung der Geſetze und der Gerechtigkeit war, ſo iſt er doch ſeitdem dem Mitleid gewichen, welches mir nothwendig der einflößen mußte, der ſeine fürſtliche Ehre ſo in den Staub werfen konnte, daß er ſich herabließ, Menſchen von dem anerkannteſten ſchlechten Ruf, überwieſene Meineidige, zu unterſtützen und zu begünſtigen. 5 N 148 Königin Karoline von England. „Indeß lebte damals noch ein Weſen, in deſſen Bruſt die Ungerechtigkeit niemals eine Stelle fand, deſſen Hand immer bereit war, den Unglücklichen zu tröſten und den Unterdrückten zu beſchützen. So lange mein guter und edler Vater und König noch den Scepter dieſes Reiches führte, hatte ſeine harmloſe(unoflending) Schwieger⸗ tochter nichts zu fürchten; ſo lange die Hand von Ew. Maj. Vater, den ich ewig beweinen werde, noch ſchützend über mich wachte, konnte ich in völliger Sicherheit leben, und erſt der traurige Augenblick, welcher dem Volke von England die Regierung ſeines tugendhaften Königs ent⸗ zog, nahm auch mir, mit dem Beſchützer und Freund, die Ausſicht auf Ruhe und Sicherheit. Von jetzt an war der ſchnellſte Weg, in die Königliche Gnade zu kommen, der, Ew. Maj. Gattin zu verleumden; wem nach Reichthum und Ehrenſtellen lüſtete, durfte mich nur verrathen, und es war natürlich, daß bei einem ſolchen Beginnen Tugend, Talente, langjährige Dienſte, Ihre perſoͤnliche Zuneigung, Ihre Königlichen Verpflichtungen, Ihre verſprochenen und geſchriebenen Verſprechungen, daß alles dies ſich wie Spreu im Winde verlieren mußte. Ihr Cabinet fing an, ſich auf ſolche Grundſätze zu grün⸗ den, Ihr Staatsrath beſtand bald nur aus ſolchen Men⸗ ſchen, gegen deren Perſonen und Grundſätze Sie früher ſelbſt den ſtärkſten Abſcheu gezeigt hatten. Das Wohl Ihres Volkes und Ihr eigenes Gefühl wurde dem glü⸗ henden Verlangen, mir Kränkungen zuzufügen, geopfert. Sie nahmen in Ihren Rath und in Ihr Vertrauen Men⸗ ſchen, welche Sie verachteten, Menſchen, welche kein anderes Verdienſt haben als das, mir untreu geworden zu ſein, als das, bereit zu ſein, mich zu verderben und, von Ihnen die Macht dazu erhaltend, haben ſie ſich derſelben würdig bedient. Aus dieſer unnatürlichen ſen Buſt ſſen Hand und den gutet nd es Reicht öchwieger⸗ von Ep. ſchützend eit leben, Volke von nigs ent⸗ d Frund, njett on Gnade zu den; wen e mich nur m ſolchen ſte, Ihre ichtungen rechungen, uen mußt tzu grl⸗ hno Sie ftühr Das Vohl omn gl⸗ geoyjit auen Mi fein elche velch 5 Königin Karoline von England. 149 und unbedachten Verbindung, die Sie mit jenen Men⸗ ſchen ſchloſſen, ſtammt die unzählbare Menge von Uebeln, aller Art her, unter denen das Volk erliegt, von Uebeln die zu einer Maſſe von Elend und Entwürdigung an⸗ geſchwollen ſind und von ſolchen Handlungen der Grau⸗ ſamkeit und Tyrannei begleitet werden, daß, lebte Ihr königlicher Vater noch, er, ehe er ſo ſein edles, treues und fleißiges Volk mishandeln ſähe, vorgezogen haben würde, an ſeiner Spitze zu fallen. „Es war wol nicht zu verwundern, daß ſich von dem Moment an, wo bekannt wurde, Reichthümer und Auszeichnungen würden am ſchnellſten durch Verleum⸗ dung und Verrath gegen mich erworben, eine hinreichende Menge dazu bereitwilliger Elender fand, und nicht lange ſo war Ihr Hof, ſtatt ein Zufluchtsort der Freiheit und der Schicklichkeit zu ſein, ein Tummelplatz niedriger In⸗ triguen und gemeiner Scherze. Spione, Gaukler, Säu⸗ fer, Verräther trieben ſich durch einander herum und entweihten den Ort, der ſonſt der Aufenthalt der Tu— gend, der Mäßigkeit und der Ehre war. Eine Be⸗ ſchreibung der vielfachen Kränkungen machen, die ich von dem Augenblick an erdulden mußte, wo Sie die Regentſchaft übernahmen, der Beleidigungen, die man mir ſo recht aus Herzensgrund erwies,— hieße eine Liſte anfertigen von allen nur möglichen Arten, wie man ein menſchliches Weſen betrübt. Meines Vaters, meines Bruders, meines Schwiegervaters beraubt, in meinem Gemahl meinen grauſamſten Feind erkennend, ſehend, wie diejenigen, die mir ihren Beiſtand verſprachen, mich für ſchnödes Gold verkauften und ſich meinen er⸗ bittertſten Gegnern zugeſellten— hielt mich dennoch der Wunſch, das Glück und die Ruhe meiner Tochter nicht aufs Spiel zu ſetzen, und die Achtung, die ich dem 150 Königin Karolint von England. Vater meines Kindes noch immer ſchuldig zu ſein glaubte, zurück, meine Feinde vor dem Richterſtuhle der Welt anzuklagen, und in dem Elend und der Schmach, mit welcher man mich überhäufte, in der Dunkelheit, in welcher ich leben mußte, in der Verlaſſenheit, in welcher ich mich befand, da mich alles, getrieben von Eigennutz, floh, während ſich um mich der Kreis des Glänzendſten und Erhabenſten hätte ziehen ſollen— mitten in all dieſen Demüthigungen und Zurückſetzungen blieb mir nur der einzige Troſt, die Liebe und die Verehrung meiner Tochter. Mir zu erlauben, mich dieſes Troſtes zu freuen, wäre aber eine zu große Milde gegen mich geweſen! Man konnte es nicht dulden, daß ich mein Kind in meine Arme ſchloß, daß ſich ihre Thränen mit den meinigen miſchten, daß ihre Liebkoſungen meinen Schmerz beſänf⸗ tigten, ihre Lippen mir Liebe und Troſt verkündeten, und das Gefühl, das ſelbſt zuweilen die harten Seelen der Mäkler auf den Sklavenmärkten beſchleicht, daß ſie bei dem verzweifelnden Flehen unglücklicher Mütter ihnen ihre Kinder nicht vom Buſen reißen, dies Gefühl hatten ihre Räthe nicht. Man riß mir ohne Gewiſſensbiſſe mein Kind aus dem Arm. „Der Geſellſchaft meiner Tochter beraubt, oder, wenn ich ſie ſehen wollte, in die Nothwendigkeit geſetzt, ihr unannehmlichkeiten zuzuziehen, faßte ich, hoffend auf beſſere Tage, wo es mir vielleicht erlaubt ſein würde, ſie wieder um mich zu ſehen, den Entſchluß, mich auf einige Zeit zu entfernen. Aber ach! dieſe Tage kamen nimmer!— Den Müttern, welche, wie ich, das Unglück hatten, die beſte der Töchter, das einzige theure Kind zu verlieren, muß ich es überlaſſen, die Schmerzen mir nachzufühlen, die ich empfand, als ich den Tod mei⸗ ner Tochter vernahm; ſie werden wiſſen, was ich em⸗ c— Königin Karolint von England. 151 nglaubte, pfinden mußte, als ſich bei dieſer Gelegenheit in meinem der Velt Gedächtniß die Scene unſerer Trennung, ihre letzten uch, nit Worte, ihr letzter Blick wieder erneuerte; ſie werden lheit, in fühlen, wie tief mein Gram ſein mußte, und jedes We⸗ n welher ſen, das ein menſchliches Herz in ſeiner Bruſt trägt, bigennutz, wird mir eine theilnehmende Thräne weihen.— Was inzendſten aber wird die Welt dazu ſagen, daß gerade dieſe Be⸗ n in all gebenheit, gerade dieſe, die das verſteinertſte Gemüth mir nut erſchüttern konnte, gleichſam das Signal zu neuen Ver⸗ g meiner ſchwörungen, zu neuen Anſtrengungen, die unglückliche freuen, Mutter zu betrüben, ſein mußte? Sire! Sie haben mir nſn den Troſt geraubt, ihr in ihrer letzten Stunde beizuſtehen, in min ihr lebtes Gebet für ihre Mutter zu hören; Sie haben meinigen geſehen, wie ich verlaſſen, wie ich mit gebrochenem Her⸗ ⸗ beſin⸗ zen meinem Grame unterlag, und Sie haben dieſen nindttn Moment wählen können, neue Verfolgungen über mich Seu zu verhängen. daß ſie„Ich kann es der Welt überlaſſen, über die Nieder⸗ ihnn ſetzung jener Commiſſion in einem fremden Lande zu hatten richten, die, zuſammengeſetzt aus Inquiſitoren, Spionen und Angebern, ſich anmaßte, Anklagen über Ihre Ge⸗ mahlin zu ſammeln und aufzunehmen, die man ihr nicht einmal mittheilte; ich überlaſſe es der Welt, die Rolle iſenzbiſe der, wen ſt, ihr zu würdigen, welche man in dieſer Angelegenheit den ſch, Geſandten zu ſpielen auflegte, ſo wie das Benehmen fn fremder Höfe dabei: aber das iſt meine Pflicht, hier über in— die Maßregeln zu ſprechen, die man zum glücklichen nic— Gelingen dieſes einleitenden Verfahrens anwendete, es 9e lun iſt meine Pflicht Ew. Maj. deswegen Vorſtellungen zu 5 In machen, ſo wie es meine Pflicht iſt, Ihnen zu ſagen, eure= zu was ich entſchloſſen bin. uh„Ich habe von Anfang an eine öffentliche Unter⸗ T ſuchung verlangt und verlange ſie noch, obſchon man 152 Aönigin Karolint von England. ſie mir verweigert. Statt einem öffentlich gefällten Ur⸗ theil ſoll ich mich, ſo verlangt man, einem Parlaments⸗ ausſpruch unterwerfen, der als Geſetz gelten ſoll. Ich proteſtire gegen dieſes Verfahren aus folgenden Gründen: Man hat die Unrechtmäßigkeit begangen, mir keine klare und beſtimmte Anklageacte vorzulegen; man hat mir die Namen der Zeugen verweigert, welche gegen mich auf⸗ treten ſollen; man hat mir die Orte nicht genannt, wo die Handlungen ſollen begangen worden ſein, die man mir aufbürdet. So ungerecht aber dies Verfahren an und für ſich ſelbſt iſt, und ſo ſehr es mich nöthigt, da⸗ gegen zu proteſtiren, ſo muß ich dies doch noch viel mehr gegen die Zuſammenſetzung des Gerichts⸗ hofes ſelbſt, welches ich denn auch hiermit feier⸗ lich thue. „Was auch vorausgeſetzt werden mag, von allen Straf⸗Bills ſind keine, außer die in Sachen der Ge⸗ mahlin Heinrich VIII. erlaſſenen, auf gegenwärtigen Fall anwendbar. Hier treten Ew. Maj. als Kläger auf, hier würde die Bill nur nach Ihrem Wunſche entſchei⸗ den, d. h. mich verderben; Sie ſind nur Partei, und zwar die einzige klagende. „Sie haben Ihre Klage vor die Kammer der Peers gebracht und ihr in einem verſiegelten Beutel verſchie⸗ dene geſchriebene Documente übergeben, welche ein ge⸗ heimer Ausſchuß dieſer Kammer unterſucht und darüber, ſtatt wie es ſich gebührte, zu verfahren, ſeinen Bericht abgeſtattet hat, auf welchen allein die Kammer eine Bill abfaßte, die neben den greulichſten Unwahrheiten das Urtheil unſerer Scheidung und meiner Entehrung enthielt. „Die Ungerechtigkeit, dieſe Bill ſechs Wochen früher zu publiciren, ehe noch einmal davon die Rede war, daß man mir doch auch die Erlaubniß geben müſſe, meine ge ni de ga ſſt di tt ge de ne mit ni ih ſill ant en lr⸗ ments . Ich ünden: te klare wit die ch auf⸗ ſt, wo e man ren an gt, da⸗ ch viel tichts⸗ t füie⸗ n allen er Ge⸗ en Fall ruf, ntſchei ei, und t Prer derſchie ein ge darüber, Bericht ine Bil ten dos enthill frihe at, do mein Königin Karoline von England. 153 Einwendungen gegen ihren Inhalt zu machen, war zu ſchreiend, als daß ſie nicht die Nation empört hätte, und in Wahrheit, die Art, wie man bisher gegen mich verfuhr, iſt ſo, daß Jedermann deutlich ſehen muß, man will mir kein Recht widerfahren laſſen. Wenn aber auch in dem ganzen gegen mich gerichteten Verfahren kein Anzeichen davon vorhanden wäre, daß man mir nur Uebles zufügen will, ſo ſähe ich doch in der Organiſa⸗ tion der Kammer der Peers ſelbſt eine hinreichende Ge⸗ wißheit, daß ich von ihr auf keine Unparteilichkeit zäh⸗ len darf. „Die Miniſter Ew. Maj. haben zu dem ganzen Ver⸗ fahren gegen mich gerathen; ſie ſind folglich verantwort⸗ lich für das, was daraus entſpringt, und müſſen ge⸗ wärtig ſein, beſtraft zu werden, wenn ſie ihre Anklage gegen mich nicht beweiſen können. Nun machen ſie aber nicht allein ſelbſt einen Theil meiner Richter aus, ſon⸗ dern ſie ſind es auch, die die Bill der Kammer über⸗ gaben, der Kammer, von welcher es notoriſch bewieſen iſt, daß ſie ſelbſt ſtets die Majorität darin bilden. Braucht es noch anderer Beweiſe, um zu zeigen, daß die Kammer demnach nur zu Gunſten der Bill abſtim⸗ men kann, und folglich gegen mich? „Aber, mehr noch wie in öffentlichen Angelegenheiten, tritt hier der Fall ein, daß Ihre Miniſter das Ueber⸗ gewicht bei dieſer Verhandlung haben. Ew. Maj. ſind der Kläger, und Ew. Maj. ſind es, die die Peers er⸗ nennen. Viele von denen, welche in dieſem Augenblick mit dieſer Würde geſchmückt ſind, ſind von Ihnen da⸗ mit beehrt worden; faſt alle noch höher zu erheben, ſteht in Ihrer Macht. Die Mehrzahl der Peers beſitzt, theils ſelbſt, theils in Gliedern ihrer Familien, Penſionen und andere Emolumente, die von der Enade Ew. Maſ. 154 Sönigin Karoline von England. abhängen, die Sie ihnen, wenn Sie wollen, wieder nehmen können. Auf dieſe Art ſind über Vier⸗Fünftel dieſer Männer geſtellt, und viele von ihnen laufen, woll⸗ ten ſie Ew. Maj. erzürnen, Gefahr, den größten Theil ihrer Würden und Aemter zu verlieren. „Wenn aber auch, gegen alle Erwartung, einige von ihnen, die die Mehrzahl bilden könnten, auf den Ge⸗ danken kämen, die Bill zu verwerfen, ſo würde es ja nicht ſchwer halten, entweder einen Theil derſelben auf ihre Schiffe, zu ihren Regimentern, in ihre Gouverne⸗ ments oder ſonſtigen Anſtellungen zu ſenden, oder in der Geſchwindigkeit neue Peers zu ernennen, die dann ihr Votum abzugeben hätten— und ich zweifle um ſo weniger daran, daß Ew. Maj. Miniſter, ſobald es ihnen nöthig ſcheint, zu ſolchen Maßregeln rathen werden, da ſie bisher nicht verſchmähten, zu jedem Hülfsmittel, mochte es auch ſo ungerecht und niedrig ſein, wie es wollte, zu greifen, um nur ihren Zweck zu erreichen. „Man würde den heiligen Namen der Gerechtigkeit entweihen, wollte man einer Verſammlung wie dieſer die Benennung Gerichtshof beilegen, und ich würde ſelbſt meine Hand zum eigenen Untergang reichen, ſelbſt die Nation und die Welt hinters Licht führen helfen, wenn ich über dieſen Punkt ſchwiege. „Aber auch im Unterhauſe ſehe ich für mich nicht mehr Sicherheit; auch hier üben die Miniſter Ew. Maj. denſelben Einfluß aus, und Ew. Maj. wiſſen ſelbſt nur zu gut, daß dieſe Verſammlung gleichfalls größtentheils nur aus Individuen zuſammengeſetzt iſt, die von den Peers und von den Miniſtern gewählt wurden. „Es thut mir in Wahrheit leid, gezwungen zu ſein, Ew. Maj. Dinge dieſer Art auseinanderſetzen zu müſſen, und ich muß Sie bitten— falls auch Ihnen es nicht wilder Fünftel woll⸗ Theil ge von en Ge⸗ es ja en auf wetne⸗ der in edann um ſo z ihnen den, da ömittel, wie e hen. htigkeit dieſer würde n, ſiloi helftn, ich nicht NMij bſt m entheil on den müſſen 6 nih Königin Karoline von England. 155 angenehm iſt— nicht zu vergeſſen, daß man mich dazu nöthigte. Ich muß entweder gegen dieſe Art des Ver⸗ fahrens proteſtiren, oder ſchweigend in meine Entehrung einwilligen; denn auch die offenbarſte Unſchuld vermag einen Beklagten nicht mehr zu ſchützen, wenn Richter und Geſchworene zugleich die Ankläger ſind, und ich würde an meinem eigenen Untergang arbeiten, unter⸗ würfe ich mich freiwillig einem Gerichtshof dieſer Art. „Aus dieſen Gründen proteſtire ich gegen die Art des wider mich eingeleiteten Verfahrens, und verlange, daß meine Anklage von einem Gericht betrieben werde, deſ⸗ ſen Beiſitzer unparteiiſch aus dem Volke gewählt ſind und deſſen Verfahren ein öffentliches und geſetzmäßi⸗ ges iſt, und, indem ich nochmals hiermit ein ſolches Verfahren verlange, verſichere ich zugleich, daß ich mich nie freiwillig einem andern unterwerfen werde. Sollten Ew. Maj. indeß darauf beharren, in dem Angefangenen fortzufahren, ſo werde ich mich unter die Augen meiner Kläger ſelbſt vor den Schranken des Parlaments ſtellen, dabei aber, was auch gegen mich ausgeſprochen werden mag, als meine Ehre nicht im Geringſten beſchmutzend betrachten, und nur offenbare Gewalt ſoll mich zwingen, mich einem Ausſpruch zu unterwerfen, der nicht von einem unparteiiſchen Gerichtshof gefällt wird. „Somit, Ew. Maj., habe ich Ihnen die Schilderung alles des Unrechts, welches man gegen mich verübt hat, vorgelegt, zugleich mit der Erklärung deſſen, was ich zu thun geſonnen bin. Sie haben mich mit all den Anſchuldigungen überhäuft, womit man nur den Cha⸗ rakter und den Ruf einer Frau verunglimpfen kann; ſtatt mich zu lieben, zu ehren und zu ſchützen, wie Sie einſt feierlich geſchworen haben, haben Sie mich gehaßt und verfolgt und durch jedes Mittel meinen Untergang 156 Bönigin Karoline von England. herbeizuführen geſucht; Sie haben mir mein Kind ge⸗ nommen und mit ihm meinen einzigen Troſt und mein einziges Glück. Sie haben mich, mit Kummer beladen, in die Welt hinausgeſtoßen, und mitten in meinem Grame haben Sie mich neuen Verfolgungen preisgegeben, und als mir nichts blieb als meine Unſchuld, haben Sie auch dieſe noch geſucht durch ein Poſſenſpiel von Gerechtigkeit mir in den Augen der Welt zu rauben. „Die Giftſchale und der Dolch des Meuchelmörders ſind edlere Mittel, den Gegner zu verderben, als Mein⸗ eide und beſtochene Gerichte; ſie ſind weniger grauſam, denn ſie nehmen nur das Leben, nicht die Ehre. Wenn mein Tod Ihre Ruhe hätte ſichern können, ich würde ihn nicht geſcheut haben, unter der Bedingung, daß man mir einen Platz neben der Aſche meines Kindes vergönnt; aber da Sie mich mit Schande bedeckt ins Grab ſtürzen wollen, ſo werde ich mich Ihren Angriffen mit allen Kräften, die mir Gott verleihen wird, wi— derſetzen. Brandenburg⸗Houſe, den 7. Auguſt 1820. Karoline, Königin.“ Dieſer Brief umfaßt ſo ziemlich alle Beſchwerde⸗ punkte, welche die Königin gegen ihren Gemahl und das Miniſterium durch ihre Advocaten, durch Petitionen an das Parlament und durch die Preſſe vorbringen ließ. Seine Aufnahme hier überhebt uns daher der Arbeit, auf die verleſenen Debatten im Ober- und Unterhauſe noch weiter einzugehen, welche dem eigentlichen Proceß vorangingen, und die mit allen juriſtiſchen und ſtaats⸗ männiſchen Gründen von den erſten Rechtsgelehrten und Staatsmännern geführt wurden. Er war, und ward R nd ge mein laden, Grame „und ie auch tigkeit örders Mein⸗ mſam, Wenn würde 9, daß Kindes t ins grifen wi⸗ nde ud des nen au nlitß. chouſe Proces ſtaats en und ward Königin Karoline von England. 157 noch mehr, einer jener Proceſſe, wo alle Geſetzbücher nicht ausreichen, weil das formelle Recht das unſichtbare Recht nicht faſſen kann, und wo am Ende allein die Gewalt oder die Vernunft den Ausſchlag gibt. Statt durch ein Gericht, durch ein neu gegebenes Geſetz einen Ver⸗ brecher zur Strafe ziehen wollen, erſcheint als eine ſchreiende Ungerechtigkeit, aber es gibt in den höchſten Regionen des Lebens Verhältniſſe, wo das beſte Recht nicht ausreicht, und angewandt wieder zur ſchreienden Ungerechtigkeit wird, ein Geſetz mit rückwirkender Kraft aber verſöhnend übt, wenn nicht für den Einzelnen, doch für das Ganze. Daß der Einzelne ſich dagegen ſträubt, liegt in der Ratur der Dinge; er hat das Recht, daß er nicht leiden will zum Beſten der Allge⸗ meinheit und, was an ihm iſt, anwendet, damit das formelle Recht in Gültigkeit bleibe. So hier die Königin. Es war unerhört in einem gewöhnlichen Proceſſe: daß man ihr keine genaue An⸗ klageacte vorlegte, daß man ihr die Namen der Zeugen verweigerte, die gegen ſie auftreten ſollten, daß man ihr die Orte nicht nannte, wo die Handlungen ſollten be— gangen ſein, die man ihr aufbürdete, um zeitig Mittel zu finden, Gegenzeugen aufzutreiben zu ihrer Verthei⸗ digung. Auch hatte ſie in einem gewöhnlichen Proceſſe das Recht, zu fordern, daß ihr Kläger ihr gegenüber geſtellt werde. Endlich waren auch Gründe gegen die Zuſammenſetzung des Gerichtshofes, vor dem ſie gerich⸗ ket werden ſollte. Aber aus den angeführten Gründen ſollte es auch kein gewöhnlicher Proceß ſein, und wenn Karoline auf der einen Seite dadurch verlor, konnten ihre Feinde entgegnen, daß ſie auch dadurch gewinne, indem ſie im ſchlimmen Falle den harten Folgen einer Anklage auf Ehebruch im gewöhnlichen Scheidungsprocefſe 158 Fönigin Karolint von England. entging. Jedenfalls aber gewann ſie das, daß ſie vor dem Publikum durch die Verletzung der legalen Formen als eine tief Gekränkte ſich darſtellen konnte. Es iſt aber hier am Ort, noch einer andern Anſicht zu gedenken. Der Prolitiker, der Freund ſeines Landes, betrachtete ſchon damals dieſen Proceß als eine Cala⸗ mität für daſſelbe, die für das Band zwiſchen Volk und Fürſt, und, wie für die Sittlichkeit, für die Verfaſſung von ſchweren, unvermeidlichen Folgen ſein werde. Schon damals, während der Einleitung des Proceſſes, brachte eine engliſche Zeitung folgenden Anklageartikel: „Wenn auch der leichtfertige Haufe der Hofleute nicht die Folgen vorauszuſehen vermochte, die ein ſo wichtiges Ereigniß nothwendig herbeiführen muß, ſo hätten dies doch die dem Lande verantwortlichen Mini⸗ ſter geſollt. Sie haben aber die Gefahr von Anfang an geſehen und haben, nach ihrem eigenen Geſtändniß, ein ganzes Jahr dagegen angekämpft, und als der ent⸗ ſcheidende Augenblick kam, wo ſie zwiſchen ihrer Pflicht und ihrem Ehrgeiz zu wählen hatten, da haben ſie ih⸗ ren Vortheil und ihre Stelle der Ehre, der Krone und der öffentlichen Ruhe vorgezogen. Ihr Betragen vermag nicht durch die gewöhnlichen Grundſätze einer politiſchen Intrigue erklärt zu werden; ſie haben entweder während ihrer Verwaltung ſich Dinge zu Schulden kommen laſ⸗ ſen, die, wenn ſie ſich zurückzögen, ans Licht träten und ihnen die Strafe brächten, welche ſie verdient haben, oder ſie hoffen die Gährung der Meinungen, die ſie erregten, zu benutzen, um das Syſtem der Herrſchſucht vollends zu begründen, was ſie ſo lange ſchon gewünſcht und nach welchem und für welches ſie ſo lange ſchon gearbeitet haben. Seien aber auch die ſie treibenden Mo⸗ tive, welche ſie wollen, ſo viel iſt gewiß, daß ſie un⸗ ſie vor Formen Anſicht Lundes, Cala⸗ olk und fuſung Schon brachte ofleute ein ſo uß, ſt nNini⸗ Anfung indniß, der ent⸗ pflicht ſie ih⸗ one und vermag olitiſche wihrend nen liſ iten und n, oder eregten vollend ſht u „ ſchon Königin Karoline von England. 159 fähig ſind, die Angelegenheiten einer großen Nation zu verwalten, und es würde nicht unintereſſant ſein zu er⸗ fahren, ob Mr. Stuart⸗Worsley auch jetzt noch den Muth, wie bei einer weit weniger wichtigen Angelegen⸗ heit hat, darauf anzutragen, daß eine beſſere Admini⸗ ſtration eingeführt werde. „Es leidet keinen Zweifel, daß die vornehmen Staats⸗ bürger die Gefahr und das Unrecht eines Verfahrens ein⸗ ſehen, das mehr als die heftigſten Widerſacher der Krone und die wüthendſten Gleichheits⸗ freunde es vermöchten, dahin arbeitet, die kö— nigliche Macht herabzuſetzen und verächtlich zu machen, und ihr Vorſchlag, der Königin eine Adreſſe zu überreichen, zeigt hinreichend, daß ſie beunruhigt und voll Angſt ſind; aber, ſtatt der Königin einen Rath ge⸗ ben zu wollen, hätten ſie beſſer gethan, wenn ſie ſich an die Verfaſſung gehalten und den König dahin zu brin⸗ gen geſucht hätten, daß er aus ſeiner Nähe ſchlechte Rathgeber entferne. Dadurch würde das Unheil, wel⸗ ches jetzt die Nation bedroht, eher abgewendet worden ſein. Wollen ſie das Vaterland retten, ſo müſſen ſie ihren Vorfahren nachahmen, dieſe aber hätten ſich auf die Seite des Schwachen und Unterdrückten geſtellt; wenn ſie aber jetzt zu feige ſind, ihre Pflicht zu erfüllen, ſo werden ſie vielleicht bald ſehen, daß es nicht viel zu bedeuten hat, der Erbe väterlicher Vorrechte und Güter zu ſein, wenn man nicht auch zugleich der Erbe des Geiſtes der Ahnen iſt. Es ſteht in ihrer Macht, die traurigen Wirkungen dieſes unſeligen Rechtsſtreites zu heben, denn ſie dürfen nur den Feinden der Königin ihre Hülfe entziehen; ſie können die ganze Anklage⸗ geſchichte in nichts auflöſen, wenn ſie für die Nieder⸗ ſchlagung der Anklage oder die Abdankung der Miniſter 160 Königin Karoline von England. ſtimmen, und es iſt in der That zu bewundern, daß ſie bis jetzt noch nicht ein ſo einfaches Mittel ergriffen ha⸗ ben, um ſich aus einer verwickelten Sache zu ziehen. Sollten ſie es aber nicht bald, und bevor die Sache zu weit getrieben iſt, ergreifen, ſo zweifeln wir nicht, daß das, was kürzlich Mr. Scarlett ſagte, ſich erfüllen wird, daß nämlich die Miniſter im Parlamente ſo lange die Mei⸗ ſter ſpielen werden, bis ſie im gefährlichen Spiele die Monarchie werden verſpielt haben. „Denn dieſer Proceß liefert Stoff zu den wichtigſten Betrachtungen, die ſich nur machen laſſen. Er beleidigt die öffentliche Sittlichkeit auf eine ſolche Art, daß, wenn man ihn aus dieſem Geſichtspunkte betrachtet, man ihn für einen der größten Unglücksfälle anſehen muß, welche das Land treffen konnten. Zu glei⸗ cher Zeit enthält er aber auch eine ſo offene und gerade Verletzung der klarſten und anerkannteſten Grundſätze des Rechts und der Gerechtigkeit, daß man nur mit Entſetzen daran denken kann, wie weit man, dieſem Bei⸗ ſpiele nach, es einmal gegen andere Individuen treiben kann, welche vielleicht das unglück haben, die Eiferſucht oder den Haß des Hofes auf ſich zu ziehen. Er hat ferner den Schleier, welcher die politiſche Entwürdigung bisher den Augen der Menge verdeckte, mit einer ſolchen Gewalt heruntergeriſſen, daß nothwendig Geſinnungen allgemein werden mußten, die bisher nur bei Einzelnen ſich fanden. Er wird erregt von Haß, und dieſer Haß wird zu einer Maſſe alle die Elemente der Zwietracht auf einen Punkt zuſammenführen, welche über ganz Eng⸗ land verbreitet waren. „Dieſe Gefahr würde England aber nicht bedrohen, wären dem Volke ſeine Rechte erhalten worden. Aber, um die Königin zu entehren, mußte man erſt das Volk — e— daß ſi fen he⸗ ziehen. ache zu aß das, td, doß ie Mi⸗ iele die htigſten leidigt , wenn non ihn nſehen gernde undſitz ur mit m Bei⸗ treiben jferſucht Er hat tſulhe mungen zinzelnln ſer Hoß rieth uz Erg bedtohll Abn Mol dus V Königin Karoline von England. 161 entehren, und dies hat man mit einer Heuchelei, mit einer Gewaltthätigkeit gethan, die kein Beiſpiel in der Geſchichte hat. Lange Zeit verheimlichte man ſeine Ab⸗ ſichten, oder vergnügte das Volk mit Vorerzählungen von Dingen, die nicht exiſtirten; ſo handelte einſt auch Tiber, der da meinte, es ſei gut politiſch, ſich ins Ge⸗ heimniß zu hüllen, und es als ein vortreffliches Mittel fand ſowol zur Unterdrückung und zur Befriedigung der Habſucht, als auch zur Loswerdung einer Frau von Stande, die ihm nicht mehr gefiel. „Gott mag wiſſen, ob der Verſuch, den man macht, die letzte Schutzwehr des Rechts und der Freiheit in die⸗ ſem Lande niederzureißen, gelingt oder nicht, ſo viel iſt aber gewiß, daß, ehe es dahin kömmt, Ströme von Blut fließen werden. Darum wäre es beſſer, die Sa⸗ chen zu laſſen, wie ſie ſind, die Krone und die Ariſto⸗ kratie im Beſitz ihrer Rechte, das Volk aber auch in den ſeinigen.. „So wie es jetzt iſt, geſchieht allen Theilen Unrecht, und wenn es möglich wäre, das Geſchehene rückgängig zu machen, ſo iſt es Pflicht jedes rechtſchaffenen Mannes, der Einfluß auf die Verwaltung hat, die Nation auf dem möglichſt kürzeſten Wege zu dem Zuſtande von bür⸗ gerlichem Wohl zurückzuführen, deſſen ſie ſich ehedem erfreute. Beharren aber die Vornehmen in ihrer Apa⸗ thie, ſehen ſie gelaſſen der Umſichgreifung der allergefähr⸗ lichſten Uſurpation der Macht zu, welche jemals in Eng⸗ land ſtattfand, ſo mögen ſie auch den Stoß empfinden, der erfolgen muß zwiſchen einer Regierung, die nichts als Macht hat, und einem der Tyrannei ſatten Volke; ein Stoß, der aber vermieden werden könnte, wenn man die Miniſter heimſchickte und von einem verabſcheuungs⸗ würdigen Verfahren abließe.“ 162 äbnigin Rarolint von England. Der Königin Abſicht, oder die ihrer klugen Räthe, war: nach dem gemeinen engliſchen Rechte durch Ge⸗ ſchworene aus dem Volke gerichtet zu werden. Einer Königin, die eine ſolche Forderung ſtellte, konnte der höchſte Grad von Popularität nicht entgehen. Gegen eine Frau, die unter dem Schutze einer ſo mächtigen Popularität ſtand, ſah man wol voraus, daß das Ur⸗ theil des Oberhauſes nicht zu ſtreng ausfallen dürfe. Englands Magnaten ſind noch immer genöthigt geweſen, dem allgemein ausgeſprochenen Willen der Nation, wenn auch zaudernd, ſich zu fügen. Außerdem erwuchs für Karoline ein beſonderer Beiſtand in den geiſtlichen Bei⸗ ſitzern des Parlaments. Die Kirche hatte, wenn ſie auch Georg IV. politiſche Grundſätze blindlings unterſtützte, doch keine Neigung für ſeine ſittlichen. Von religiöſen iſt wol kaum die Rede geweſen. Wie übrigens ſelbſt loyale Engländer den drohenden Proceß anſahen, geht aus einem Briefe hervor, den vor Eröffnung deſſelben Jemand(er nannte ſich) die Kühn⸗ heit hatte, an Georg IV. zu richten: „Sire! Die Verleumdung erhebt ſich gegen Sie. Alle Ihre Schwächen werden vermehrt und Ihre Tugenden in Schatten geſtellt. Die Bosheit ſcheut ſich nicht, die Thaten Ihrer Jugend ans Licht zu ziehen und den Blicken des Publikums die Ausſchweifungen und Thor⸗ heiten Ihrer frühern Jahre preiszugeben. Man ſagt, Sie beſchäftigten ſich auch jetzt, in vorgerücktem Alter, nicht mit den Obliegenheiten Ihres erhabenen Amtes, ſondern überließen ſich fortwährend nur den Zerſtreuun⸗ gen und Genüſſen. Die allgemein herrſchende Meinung, daß Ew. Majeſtät ſich nicht um die gerechten Wünſche Ihres Volkes bekümmern, gewinnt von Tage zu Tage m „ d 5 9 1 — E de Ei de Rüthe, ch Ge⸗ Einer inte der Gegen chtigen das Uir⸗ geweſen, 7 wenn cho fir en Bei⸗ ſie auch terftützke, ligiöſen vhenden den vor Kühn⸗ Ile 3hrt nden in iht, di und den d Thor⸗ mn ſugt m Altet, Antes rſtreuun Neinung Pinſti u 2ch Königin Karoline von England. 163 mehr Stärke und gibt dem weitverbreiteten Misver⸗ gnügen einen furchtbaren Charakter. „Wenn dies Alles wahr iſt, ſo iſt ohne Zweifel die Verantwortlichkeit, welche Ew. Majeſtät gegen Gott und die Welt haben, ſehr groß, und die Miniſter ſind dann Ihre ärgſten Feinde und die abſcheulichſten Verräther des Vaterlandes. Dieſe Meinung, verbunden mit Ew. Ma⸗ jeſtät Unpopularität, verbreitet Schrecken durch alle Claſſen der Geſellſchaft. Das Unglück einzelner Stände des Volkes kann durch Muth und Kraft ertragen und ver⸗ mindert werden; aber was ſoll und kann den Jorn eines ganzen edeln und niedergedrückten Volkes mildern? „Sind dies aber Unwahrheiten, womit man Ew. Majeſtät beſchuldigt, ſo iſt es nicht die ſtrenge Nach⸗ rechnung Ihres Volkes, noch das Licht, welches die freie Preſſe auf Alles wirft, was dieſes Murren hervorruft, ſondern der Mangel an geſunder Beurtheilung und die unverzeihlichen Nachläſſigkeiten von Ew. Majeſtät Mi⸗ niſtern, die, indem ſie ſuchen Ew. Majeſtät in den Au⸗ gen des Auslandes zu erheben, indem ſie Englands ſie⸗ gende Fahnen in allen Winkeln der Erde wehen laſſen, doch die allergewöhnlichſten Mittel verabſäumen, Ihnen die Zuneigung Ihres Volkes zu erhalten. Was nützt die Bewunderung entfernter Nationen, der militairiſche Glanz und der königliche Pomp einem Fürſten, dem ſein Bewußtſein ſagen muß: Du beſitzeſt nicht die Herzen deines Volkes! „Wenn Sie die Seelengröße haben, die den wahren Engländer auszeichnet, ſo zeigen Sie ſie, und der Freu⸗ denruf der Nation wird Sie als Herrſcher anerkennen. Leſen Sie die Geſchichte und Sie werden ſehen, welchen Einfluß eine große Seele in allen Jahrhunderten auf den menſchlichen Geiſt ausübte. Uns lehrt Geſchichte 164 Königin Karolint von England⸗ und Ueberlieferung, welche Pflichten dem obliegen, den ſein Geſchick an die Spitze des Volkes ſtellte. Er muß der Erſte in den Gefahren ſein, und ſein Geiſt muß ſich unabläſſig mit dem Wohle des Ganzen beſchäſtigen. Für ihn müſſen die ſchwelgeriſchen Genüſſe des Lebens keine Reize haben, denn er ſoll ſeinem Volke ein Bei⸗ ſpiel der Mäßigkeit, der Tugend und der Einfachheit geben. Er ſoll ſein Gebiet durchreiſen, um zu helfen, wo es noth thut, und nur dann ſich den Blicken des Volkes entziehen, wenn er über die zum Glücke deſſel⸗ ben nöthigen Maßregeln nachdenkt. Einem ſolchen Für⸗ ſten ſind Pracht und Luxus und die leeren Schmeiche⸗ leien ſeiner Höflinge nichts. „Der Augenblick, wo aber Ew. Majeſtät jene See⸗ lengröße und Erhabenheit zu zeigen haben, die allein vermögend iſt, die Stimme des Misvergnügens zu däm⸗ pfen, iſt da; der Augenblick iſt da, wo es bei Ihnen ſteht, durch den unerwarteten Glanz edler Geſinnungen die Herzen eines großen Volkes wiederzugewinnen, und die Welt zu einer gerechten Huldigung zu zwingen. „Jeigen Sie ſich daher in der wahren Pracht einer echten Majeſtät, dann wird Ihr Thron auf den gehei⸗ ligten Stützen der Religion, der Ehre und der Volks⸗ liebe unerſchütterlich ruhen. Vielleicht werden Ihre Räthe dagegen ſagen: dies ſei nur die Sprache einer eraltirten Phantaſie; ſie werden vielleicht mit Verachtung auf die Tugenden eines Scipio, auf die einfache Größe eines Cincinnatus ſehen; aber Sire, hören Sie dieſe Räthe nicht mehr, folgen Sie in Zukunft nur Ihrem eigenen Geiſt und der Stimme Ihres Volkes. Dann werden ſchnell die Misvergnügten beruhigt ſein, und un⸗ ſere Ohren werden keinen andern Ruf als den: Es lebe der König! mehr hören.“ u tic we en, den Er m uß ſih hſtigen. Leben ein Bei⸗ nfuchheit helfen, cken des e deſſel en Für⸗ hweiche⸗ ene Ser⸗ ie allein i Ihnen nnungen en, und cht eine en gehe 1Volts en Ihn che ein he Eröß⸗ r Ihn Dan und Es lebt Königin Karoline von England. 165 Am 19. Auguſt brachte Lord King(ein witziger Stimmführer der Oppoſition jener Zeit) im Oberhauſe den Antrag ein:„daß es für die öffentliche Sicherheit nicht nothwendig ſei, auch nicht zum Schutz der Regie⸗ rung, daß die Bill, titulirt:„Eine Acte, um Ihro Majeſtät ihres Titels zu berauben? zum Geſetz erhoben werde.“ Graf Liverpvol opponirte durch ein Amendement, wornach der Acte zufolge mit der Unterſuchung vorge⸗ ſchritten werden ſolle. Für das Amendement ſtimmten 181, dagegen 65. Noch verſuchte Earl Grey ein anderes Amendement: „Wie es ſcheine, daß die dem Hauſe jetzt vorliegende Bill nicht die zweckmäßigſte Art und Weiſe aufſtelle, die wider Ihro Majeſtät vorgebrachten Anklagepunkte zu unterſuchen; und wie es demnächſt unter den gegenwär⸗ tigen Umſtänden nicht rathſam wäre, darin fortzufahren.“ Das Amendement erhielt nur 64 Stimmen, dagegen waren 178. Die Regierung verhehlte ſich keinen Augenblick, wel⸗ ches gefährliche Spiel ſie dem aufgeregten Volke gegen⸗ über damit beginne. Sie hatte daher keine Maßregeln verſäumt, die öffentliche Ruhe zu erhalten. Nach Lord Sidmouth's Befehl mußten alle Magiſtrate, Friedens⸗ richter, Gerichtsperſonen der Hauptſtadt und der Graf⸗ ſchaft Middleſer während der ganzen Dauer des Pro⸗ ceſſes auf ihrem Platze ſein. Die berittene und unbe⸗ rittene Miliz von Bowſtreet war ſchon vom frühen Morgen an in allen Straßen um das Oberhaus aufge⸗ ſtellt. Die Conſtabler waren um tauſend Mann ver⸗ ſtärkt und alle Arbeitsleute, die bei Feuersbrünſten zu ——— ————————— —— 2 — — E—— — 166 Gönigin Karoline von England. beſonderer Hülfe beordert werden, auf ihre Sammel⸗ plätze beſtellt. Das Oberhaus war mit einem weiten hölzernen Ge⸗ länder umgeben, nur ſo weit geöffnet, um die Wagen durchzulaſſen, drinnen ſtanden die Conſtabler und königli⸗ chen Garden; ſelbſt in die Eckhäuſer um das Parlament waren ſtarke Truppendetachements eingelegt, und ſie blieben während des Proceſſes Kaſernen oder Wacht⸗ häuſer. Selbſt Artillerie aus dem Arſenal von Wool⸗ wich war herbeigezogen. Als zwiſchen 9 und 10 Uhr die Lords und Mitglie⸗ der des Unterhauſes angefahren kamen, zwang das Volk die Kutſcher und Bedienten die Hüte abzunehmen und der Königin ein Lebehoch zu bringen. Die Miniſter und miniſteriell geſinnten Peers wurden mit Pfeifen und Ge⸗ ziſch empfangen und begleitet. Als Wellington, der zu Pferde kam, dies begegnete, hielt er verwundert an und betrachtete die Pfeifenden. Das Volk ſchien von dem ſtrafenden Blick einen Moment getroffen, es ſetzte aber das Pfeifen fort, als er weiter ritt. Doch flog kein Kohlſtrunk und kein Stein. Die Königin hatte für die Zeit des Proceſſes ein Abſteigequartier in St. James Saquare gemiethet. Hier langte ſie ein Viertel nach 9 Uhr an und ſtieg aus, um — ihre Toilette zum Erſcheinen vor dem Parlamente zu machen! Ein Staatswagen, eigens zu dem Acte ange⸗ fertigt(1), rollte dann vor mit ſechs Pferden und der Dienerſchaft in königlicher Livrey. Um Schlag 10 Uhr ſtieg Karoline, ſchwarz und in Trauer, mit einem zu⸗ rückgeſchlagenen weißen Schleier, in Begleitung des Al⸗ derman Wood, der Lady Hamilton und zweien Pagen in den Wagen. Das Volk, ſobald es ſie erblickte, brach in den lauteſten Jubel aus, der bis zu ihrem Eintritt Sammt ernen Ge⸗ e Wogen dkitigi⸗ orlament und ſi rWecht⸗ Vool⸗ Nitgli das Polk men und iſtt und und Ge⸗ n, der zu an und von dem itzte aber Königin Karoline non England. 167 ins Parlamentsgebäude dauerte. Die Hüte flogen, wo ſie erſchien, von den Köpfen, Tücher, Bänder wehten aus den Fenſtern:„Es lebe die Königin!“„Die Kö⸗ nigin oder den Tod!“—„Wir wollen unſere Königin vertheidigen bis auf den letzten Blutstropfen!“ Die Königin antwortete, aus dem Wagen gelehnt:„Gott erhalte Euch, meine Freunde! Mein Sieg wird auch der Eurige ſein!“ Der Wagen mußte Carlton⸗Houſe, den Palaſt des Königs, paſſiren. Man war hier ſehr geſpannt, was die unter Gewehr ſtehende Palaſtwache thun werde.— Die Soldaten präſentirten auf Befehl des Commandi⸗ renden. Kaum gewahrte dies das Volk, als es in ein lautes Jubelgeſchrei ausbrach. Man drängte ſich um die Soldaten, drückte ihnen die Hände, Frauen ſtürzten zu und umarmten die Krieger zur größten Verwunderung derſelben. Auch vor dem Parlamentshauſe präſentirte das Gar⸗ deregiment. Die Beamten des Oberhauſes, gefolgt von den Räthen der Königin, empfingen dieſelbe am Wagen, und Sir Thomas Thyrwitt und Henry Brougham reichten ihr die Hand beim Ausſteigen. Sie begab ſich zuerſt in die für ſie im Parlamentshauſe ſelbſt bereiteten Zimmer. Im Saale war ein Platz für ſie dicht an der Schranke errichtet, nahe bei dem, den ihre Räthe inne hatten. Es war ein prächtiger von Elfenbein gearbeiteter, mit einer Purpurdecke überdeckter Armſtuhl; davor ein zier⸗ liches Tabouret. Der ſtrengeren Etikette war dies entgegen. So lange ſie als Königs⸗Gemahlin erſchien, hätte ihr ein Platz neben dem Thron im Saal gebührt. Nur hierher hätte ſie ſich ſetzen dürfen, bis die eigentlichen Verhandlungen 168 Konigin Karolint von England. und Zeugenverhöre ihren Anfang nahmen, als wo ſie ſich in die Nähe ihrer Rechtsbeiſtände zu begeben hatte. Um 10% Uhr trat die Königin in den Saal, alle Lords erhoben ſich, ſie zu begrüßen; ſie ward nach ihrem Armſtuhl geführt und muſterte mit ruhigem und unbe⸗ fangenem Blicke die Verſammlung, während mit dem namentlichen Aufruf der Lords fortgefahren wurde. Der Herzog von Suſſex hatte ſich ſchriftlich an den Lord⸗ Kanzler gewendet mit der Bitte, daß die Peers ſein Ausbleiben entſchuldigten, weil zu innige Bande des Blutes ihn mit dem Könige verbänden. Sein Bruder York erklärte, er fände darin keinen Grund, ſich ſeiner Pflicht zu entziehen. Das Haus bewilligte aber das Geſuch. Die Verhandlungen, denen die Königin nur zum Theil beiwohnte, dauerten mehre Tage. Wir wollen uns bei denſelben, da ſie nur Debatten enthielten, deren Ge⸗ ſichtspunkte ſchon anderweitig aufgeführt ſind, nicht auf⸗ halten. Nur beiläufig ein charakteriſtiſcher Zug. Der König ward in den Reden der Anwalte der Königin nicht geſchont. So behauptete Denman, daß in den frühern Proceſſen gegen die Königin nichts gegen ſie er⸗ mittelt worden, als daß ſie leichtſinnig(ſirting) ge⸗ weſen und ein zu familiäres Weſen an den Tag gelegt. Ob aber dies für eine königliche Perſon ein Verbrechen ſei?„Gewiß glaubte das jene erhabene Perſon, die ich weiter nicht nennen will, nicht, die mit einem Aufwärter in einem Kaffechauſe ſo vertraulich war, daß dieſer es wagen konnte, folgendermaßen an ſie zu ſchreiben:«Sa⸗ muel, Marqueur auf dem Kaffeehauſe zur Kokosnuß, grüßt ſeine Königliche Hoheit und erſucht dieſelbe—»“ Die Anklageacte lautete: „Mylords! nur mit Schmerz erfülle ich die Pflicht, Un des ſig wo ſe en hatt al, ale ch ihren nd unbe⸗ mit dem de. Der n Lord⸗ ers ſtin nde des Bruder ich ſeiner aber de nt zun olen uns eren Ge⸗ icht auf D Königin ß in den en ſe* ting) ge erhchtl n, die 1 uwrt dieſr“ n 6 okoinu lbe— i yſi⸗ ( Königin Karoline von England. 169 hier vor Ihnen die Gründe und Thatſachen auseinan⸗ derzuſetzen, auf welche die Anklage gegen die Königin ſich ſtützt. Leider vermag ich hierbei nicht Details zu vermeiden, die jeden tugendhaften und wohlerzogenen Mann empören müſſen; aber die Zeit des Schweigens iſt vorbei, und ich werde, mich jedes Urtheils über das Betragen von Ihro Majeſtät enthaltend, das hier dar⸗ legen, was ich mich im Stande fühle durch die beſtimm⸗ teſten Ausſagen der Zeugen zu beweiſen. „Wie bekannt, reiſte die Königin im Jahre 1814 aus England fort. Den 9. October deſſelben Jahres kam ſie in Mailand an, wo ſie als Courier einen gewiſſen Bartolomeo Bergami in ihre Dienſte nahm, der da⸗ mals gerade dienſtlos, früher als Kammerdiener bei dem General Pino geweſen war. Es war in den erſten vier⸗ zehn Tagen des Aufenthaltes der Königin in Mailand, als ſie Bergami in ihre Dienſte nahm. Bereits den S. November kam die Königin in Neapel an, und folglich war damals Bergami höchſtens drei Wochen in Ihro Majeſtät Dienſt. Wer könnte aber wol glauben, daß in einer ſo kurzen Zeit ſich ſchon ein vertrautes Ver⸗ hältniß zwiſchen einer Perſon von ſo hohem Range und einem Domeſtiken anknüpfen konnte! Und dennoch läßt es ſich durch Zeugen beweiſen, daß der chebrecheriſche Umgang der Königin mit Bergami bereits am Abend des 9. Novembers ſeinen Anfang nahm. Schon am Tage ihrer Ankunft in Neapel hatte die Königin be⸗ fohlen, daß das Kind, William Auſtin, nicht mehr wie bisher in ihrem Zimmer ſchlafen ſollte. Am Abend des 9. Novembers bemerkte eine der Kammerfrauen der Kö⸗ nigin, daß dieſe bei ihrer Rückkehr aus der Oper ganz ungewöhnlich bewegt war. Unfern des Schlafcabinets hatte ſie ein anderes Cabinet, welches mit dem ihrigen XIV. 8 170 Zönigin Karoline von England. in directer Verbindung ſtand, einrichten und ein Bett hineinſetzen laſſen. Man glaubte, dieſes Gemach ſei für William Auſtin beſtimmt, aber keinesweges, Bergami erhielt es. Die Kammerfrau, welche wie gewöhnlich Ihro Majeſtät bedienen wollte, wurde zu ihrem großen Erſtaunen abgewieſen, verwunderte ſich aber noch mehr, als ſie am andern Morgen ſah, wie das Bett der Kö⸗ nigin ungebraucht war, während das von Bergami aufs unverkennbarſte zeigte, daß es zwei Perſonen zum Lager gedient hatte. „Dieſer einzige Umſtand würde ſchon vor einem Ge⸗ ſchwornengericht den Ehebruch außer Zweifel ſetzen; al⸗ lein es iſt meine Pflicht, die weitern umſtände dieſes unſittlichen Lebenswandels in ein noch näheres Licht zu ſetzen. Obſchon Bergami noch immer bei der Tafel die Dienſte eines Domeſtiken verrichtete, und auf der Reiſe die eines Couriers, ſo bemerkten doch die andern Dienſtleute ſehr wohl die unſchickliche Familiarität, welche wiſchen ihm und der Prinzeſſin herrſchte. Er früh⸗ ſtückte z. B. mit ihr allein in ihrem Cabinete, und man ſah ſie verſchiedentlich mit ihm auf der vor ihrem Hauſe befindlichen Terraſſe ſich ergehen und ihm den Arm ge⸗ ben. Bei einem großen Ballfeſte, welches die Königin an Murat und die Großen von Neapel gab, erſchien ſie in verſchiedenen, für eine ehrbare Frau unſchicklichen Verkleidungen, und ſo oft ſie dieſe wechſelte, zog ſie ſich allein mit Bergami, ohne daß eine ihrer Kammerfrauen ihr folgen durfte, in das zum Umkleiden beſtimmte Ca⸗ binet zurück. Laſſen ſich aber ſolche Vertraulichkeiten einer Dame von hohem Stande gegen einen Diener an⸗ ders als durch die Vorausſetzung eines ehebrecheriſchen Lebens erklären? „Ich werde aber einen noch treffenderen Beweis ſtel⸗ Ren gar gin Königin Karoline von England. 171 ein Bet len. Bergami wurde durch das Ausſchlagen eines Pfer⸗ ch ſei fir des verwundet und erhielt während ſeiner Krankheit die Bergami Erlaubniß, zu ſeiner Verpflegung einen ſeiner Bekannten ewöhnlich ins Haus nehmen zu dürfen. Dieſer Menſch ſchlief m großen nahe bei Bergami's Zimmer und hörte mehrmals die och mehr, Königin, wenn ſchon Alles zur Ruhe war, vorſichtig t det K⸗ und leiſe über den Corridor nach Bergami's Stube ſchlei⸗ Betgani chen. Er legte ſein Ohr an die Thür und hörte nun onen zum genau, wie die Königin und Bergami ſich umarmten. (Bei dieſer Anführung ließ ſich durch die ganze Ver⸗ inem Ge⸗ ſammlung der Ausdruck des Unwillens vernehmen; der ſtenz Kläger, dies bemerkend, fuhr fort:) Ich fühle, daß die ⸗ diſci Details, zu welchen ich gezwungen bin, von einer Art — z ſind, daß ich in Gefahr komme, mir Ihren Unwillen zu⸗ — die zuziehen; aber ich muß Ew. Herrlichkeiten bitten, nicht — der zu vergeſſen, daß es meine Pflicht iſt, klar, obſchon 3 mit möglichſter Decenz, die Sachen wie ſie ſind, dar⸗ ie andern , eenee beneeen en t, ſi„Ihro Majeſtät die Königin blieb bis im März des * man folgenden Jahres in Neapel und ſetzte während dieſer * aſt ganzen Zeit ihren ehebrecheriſchen Umgang mit Bergami n„ fort. Mehre engliſche Damen aus ihrem Gefolge ver⸗ — ließen ſie, ſelbſt ohne vielleicht einmal zu wiſſen, wie Mng weit dir Unſttlichtit ihrer Aufführung ging. Eines erſijen 8 Tages erſchien ſie auf einer öffentlichen Maskerade im ſijilihe Theater San Carlo in einem ſo unanſtändigen Auf⸗ zog ſe zuge, daß das Publikum ſie beleidigte und ſie ſich gezwun⸗ mufun gen ſah, ſich wegzubegeben. Von Neapel reiſte ſie nach nt 6 Rom, Civitavecchia und Genua. Am Bord der vom ulichkeit Capitain Peachell geführten Fregatte Clorinde ſtand Ber⸗ diener n gami hinter ihrem Stuhle zu ihrer Bedienung; dennoch rechriſc“ zing ihre Vertraulichkeit mit ihm ſo weit, daß man ſie ogleich in Genua bemerkte. Hier begleitete Bergami ſie zents ſi 8* 172 Konigin Karoline von England. öfters auf den Spaziergängen und fing überhaupt an, ſich ſeinen häuslichen Dienſten nach und nach zu entzie⸗ hen. Seine Tochter, Namens Victorine, ein Kind von zwei Jahren, wurde ins Zimmer genommen, und der Königin konnte nicht unbekannt bleiben, daß er verhei⸗ rathet ſei. Durch Zeugen läßt ſich beweiſen, daß die Königin den Bergami ſtets in einem mit dem ihrigen in Verbindung ſtehenden Zimmer wohnen ließ, daß die Kammerfrauen alle Morgen das Bett der Königin un⸗ gebraucht fanden, ſo daß ſie nur die Decke deſſelben ein wenig wieder in Ordnung zu bringen hatten, und daß ſich in Bergami's Bette die unverkennbaren Spuren da⸗ von zeigten, daß zwei Perſonen darin übernachtet hat⸗ ten.——— In Mailand, zu Ende des Monats Mai 1815, war die Königin von allen Engländern ihres Ge⸗ folges verlaſſen; ſie nahm jetzt als Geſellſchaftsdame die Gräfin Oldi, die Schweſter Bergami's, zu ſich, während dieſer immer noch ihr Courier blieb. Die andern Dienſt⸗ boten wußten nicht, daß die Gräfin Oldi Bergami's Schweſter war. In Venedig, wohin ſich die Königin vegeben hatte, um ihre große Reiſe anzutreten, ſah man ſie eines Tages dem Bergami eine goldene Kette um⸗ hängen. Dieſer aber, noch immer nichts weiter als Be⸗ dienter, nahm mit einem galanten Benehmen die Kette wieder von ſeinem Halſe ab und hing ſie der Prinzeſſin um, die ſie hierauf ihm noch einmal um den Nacken ſchlang. Beweiſen ſolche Vertraulichkeiten mit einem Diener noch nicht das Verbrechen? In Villa d'Ami bei Venedig ſchenkte die Königin dem Bergami einen Schlafrock von blauer Seide. Er hatte hier freien Zu⸗ tritt in ihr Schlafgemach zu jeder Stunde. Ich muß hierbei bemerken, daß die Entweihung Sitten des Benehmens, welches die noth⸗ der äußern we ſel ſp 2 li W ſi haupt a, zu entje Kind von und der er vechti daß die m ihrigen nigin un⸗ ſelben ein und daß woren de⸗ chtet hat nats Nal ihres Gi tödame die während rn Dienſ⸗ Bergamit Knigi ſch ma Kette um u als 5. 1 die Keli Prinſ — Nackel nit ein n ile dn ami ein“ freien 5 Snihl die n Königin Karoline von England. 173 wendige Folge einer ungehörigen Aufführung iſt, ſchon ſehr ſichtbar im Betragen der Königin wurde. So ſpielte ſie z. B. öfters mit ihren Dienſtleuten Karten; doch fing ſie im November 1815 an, ihrem vertraulichen Benehmen mit Bergami eine Art von größerer Schick⸗ lichkeit zu verleihen, indem ſie ihn zum Range ihres Kammerherrn erhob. Auf dem Schiffe Leviathan, mit welchem ſie die Ueberfahrt nach Sicilien machte, ſpazierte ſie häufig mit Bergami auf dem Verdecke umher, reichte ihm den Arm und gab ihm überhaupt viele Beweiſe ihrer Zuneigung. In Palermo nahm ſie ihn ſogar mit an den Hof. Er war in eine prachtvolle Huſaren⸗ uniform gekleidet. In Meſſina, wo ſie bis zum 6. Ja⸗ nuar blieb, dauerten die gegenſeitigen Vertraulichkeiten fort. Hier ſahen ſie ihre Kammerfrauen im tiefſten Negligé aus Bergami's Zimmer kommen und hörten, wie ſie jihn mit den zärtlichſten Benennungen, z. B. mein Herz, mein Freund u. ſ. w. nannte. „Als Capitain Peachell, der die Clorinde führte, auf welchem Schiffe die Königin ſich am 6. Januar ein⸗ ſchiffte, ſich weigerte, den Bergami mit an ſeinen Tiſch zu nehmen, fragte die Königin um die Urſache, und Peachell antwortete: weil er noch im vorigen Jahre hinter meinem Stuhle ſtand. Weit entfernt, ſich über dieſe Antwort zu entrüſten, wie jede andere Frau ge⸗ chan haben würde, ließ die Königin ſich eine beſondere Tafel beſorgen, an welcher ſie mit Bergami allein ſpeiſte. In Syrakus und in Catania ſah man die Königin im Regligt aus Bergami's Zimmer kommen, unter dem Arm ein Kopfkiſſen tragend, auf welchem ſie gewöhnlich ju ruhen pflegte. Hier verſchaffte ſie dem Bergami das Malteſerkreuz. Der Adel, welcher anfänglich der Kö⸗ rigin ſeine Aufmerkſamkeit bezeigt hatte, wandte ſich 174 Königin Karoline von England. bald von ihr ab und ließ ſie mit ihrem Liebhaber allein. Von Catania begab ſich die Königin nach Auguſta. Hier erhielt Bergami den Titel eines Barons della Fran⸗ chini. Wodurch anders, als durch eine ehebrecheriſche Verbindung mit ihm, kann man ſo ausgezeichnete Gunſt⸗ bezeigungen ſich erklären? Sie ließ ſich in türkiſchem Coſtume malen und ſchenkte dies Bild ihrem Lieblinge, den ſie in gleicher Tracht hatte portraitiren laſſen. Nun miethete ſie eine Polacre und begann ihre Seereiſen. Auf dem Schiffe ließ ſie ihr Schlafcabinet ſo einrichten, daß, wenn ſie ſich in ihrem Bette befand, ſie Bergami in dem ſeinen ſehen konnte. In Tunis und in Utika kam der neue Kammerherr ſehr häufig in das Cabinet der Königin, noch ehe dieſe ſich erhoben hatte. Was konnte er da wol als Kammerherr zu thun haben? In Savona, wo die Königin den 12. April 1816 ankam, hat man die überzeugendſten Beweiſe von der Fortſetzung ihres ehebrecheriſchen Umgangs mit Pergami geſammelt. Sie ſchlief daſelbſt niemals in ihrem Bette, und das von Pergami zeigte fortwährend die Spuren, daß im⸗ mer zwei Perſonen darin geſchlafen hatten. „Von Lfrika begab ſich Ihro Majeſtät nach Athen und hielt ſich einige Zeit zu Milo auf. Nach Athen kam ſie den 22. April 1816. Hier fiel eine Begebenheit vor, welche die Vertraulichkeit, ſo zwiſchen der Prinzeſſin und Bergami herrſchte, und des Letztern wenigen Re⸗ ſpect vor Ihro Majeſtät hinreichend darthut. Ein eng⸗ liſcher Schiffscapitain kam, Ihro Majeſtät ſeine Aufwar⸗ tung zu machen. Man führte ihn durch den Garten nach einer Art von Laube, wo er die Prinzeſſin, die Gräfin Oldi und Bergami fand. Die Königin ließ den Fremden niederſetzen, um ſich mit ihm zu unterhalten. Bergami ſtand nach kurzer Zeit auf, um ſich zu entfer⸗ et allin. Auguſt. ella Fru rechrriſche ete Gunſt⸗ tirkiſchen Liehlinge, en. Nun Steteiſen. inrichten, Bergami Cabinet tr. Prs aben! I 16 ankan, ortſetzung eſamml. und du daß in ch Atu uch Ahe gegeberht grißiſſ nigen Re Ein en Aufwo n Gut⸗ zeſſn,* n liß ntechel ent Königin Karoline von England. 175 nen. Er ging, ohne ſich von Ihro Majeſtät zu beur⸗ lauben. Dies Benehmen fiel dem Offizier ungemein auf, der mit Erſtaunen ſah, wie dieſer Menſch Ihro Hoheit als ſeines Gleichen behandelte. Von Athen be⸗ gab ſich die Königin über Conſtantinopel nach Epheſus. Hier bereitete man ihr ein Schlafzimmer in der Vor⸗ halle einer alten, mit Bäumen umgebenen Kirche. Hier ſpeiſte ſie auch mit ihrem Kammerherrn und ſaß gewöhnlich auf einem kleinen Reiſebette, Bergami aber neben dem⸗ ſelben auf der Erde. Nach Tiſche blieb er immer eine geraume Zeit mit ihr allein. Von Epheſus reiſte Ihro Majeſtät nach Amu in Syrien. Hier ergaben ſich noch mehre Beweiſe von dem ſtrafbaren Lebenswandel der Königin. Man errichtete ein Zelt für Ihro Majeſtät und ſetzte ein Bett hinein. Auf dieſem lag die Königin halb ausgezogen, und Bergami, gleichfalls im Negligé, ſaß daneben und blieb beträchtliche Zeit bei ihr. Von hier ging der Weg nach Jeruſalem, wo die Königin, nicht zufrieden mit den Auszeichnungen, welche ſie be⸗ reits Bergami hatte zukommen laſſen, ihm den Orden des heiligen Grabes verſchaffte, ja noch einen neuen Hausorden unter dem Namen„der heiligen Karoline von Jeruſalem“ errichtete, welchen ſie auch an mehre ihrer Dienſtleute verlieh und deſſen Großmeiſter Bergami wurde.(Hier fing die ganze Verſammlung an zu la⸗ chen.) So war er alſo Kammerherr, Walteſerritter, Ritter des Ordens vom heiligen Grabe, Großmeiſter des Ordens der heiligen Karoline von Jeruſalem und Baron della Franchini geworden! Von Jeruſalem begab ſich die Köni⸗ gin nach Jaffa. Da es ſehr heiß war, ſo wollte Ihro Majeſtät nicht in dem Zimmer ſchlafen, und ſie ließ ſich deßwegen auf dem Verdeck ein Zelt aufſchlagen, in wel⸗ chem ihr Bett ganz nahe und ohne Zwiſchenwand bei 176 Eönigin Karoline von England. dem von Bergami ſtand. So ſchliefen ſie beide alle Nächte ohne Unterbrechung bis zur Rückkehr nach Italien. Am Tage wurde das Zelt gewöhnlich geöffnet, um friſche Luft einzulaſſen, aber zuweilen ließ ſie es am hellen Tage zumachen und blieb dann geraume Zeit mit Ber⸗ gami in demſelben allein. Am Bord des Schiffes nahm die Königin zuweilen ein Bad, und dann war Bergami der Einzige, der ſie dabei bedienen und bei ihr bleiben durfte. Am 24. Auguſt, als dem Namenstage Ber⸗ gami's(ſein Vorname iſt bekanntlich Bartolomeo), gab die Königin auf dem Schiffe ein großes Feſt, ſowie ſie es ſchon das Jahr vorher an demſelben Tage in Como gemacht hatte, bei welcher Gelegenheit das Schiffsvolk die Geſundheit von Ihro königlichen Hoheit mit der von Bergami zugleich trank. Alles dieſes läßt keinen Zweifel mehr über die ehebrecheriſche Verbindung der Königin mit Bergami übrig. Als ſich die Königin nach der Villa d'Eſte begab, ernannte ſie Bergami's Bruder zum Aufſeher ihres Palaſtes. Seine Mutter nahm von dieſer Zeit den Namen„Madame Livris“ an. Während der Abweſenheit von Ihro Majeſtät hatte man in Villa d'Eſte ein Theater erbaut. Auf demſelben wurden ſpäterhin Stücke aufgeführt, in welchen Ihro Majeſtät ſelbſt eine Rolle übernahmen, ſowie Bergami, der die Liebhaber ſpielte. Ihro Majeſtät machten zuweilen die Liebhaberin. „Eines Tages geſchah es, daß Bergami einiger wich⸗ tigen Angelegenheiten wegen einen Courier nach Mai⸗ land ſendete. Dieſer, der in der Nacht, oder wenigſtens ſo früh des Morgens wiederkehrte, daß noch Niemand aufgeſtanden war, glaubte es ſeiner Pflicht gemäß, ſich ſogleich zu Bergami begeben zu müſſen. Er fand ihn indeſſen nicht in ſeinem Zimmer, ſah aber, wie er gleich darauf im Schlafrocke aus dem der Prinzeſſin kam. Da Königin Karoline von England. 177 leNicht dieſer Menſch noch nicht lange in den Dienſten Ihro Italien. königlichen Hoheit ſtand, ſo hielt Bergami es für nö⸗ 1. m fiſche thig, ſein Kommen aus dem Cabinet der Königin zu be⸗ m hellen mänteln. Er gab nämlich vor, das Kind, welches bei nit Ber Ihro Majeſtät ſchlafe, habe geſchrien, und er ſei des⸗ 8 ſes nahm halb hingeeilt, es zu beruhigen; auch bat er den Cou⸗ 1 Bergani rier, nicht weiter über den Vorfall zu ſprechen. Außer 5 r bleiben den Orden und Titeln, welche die Königin an Bergami 6 gr Bon⸗ verliehen hatte, kaufte ſie ihm nun auch noch ein Land⸗ ſ e), geb haus in der Gegend von Mailand und gab demſelben t, ſowie den Namen„Villa Bergami“ oder„la Barona.“ Hier in bon wurden während des Carnevals 1817 die abſcheulichſten ifsnl Drgien gefeiert. Die laſterhafteſten Menſchen des Ortes 3 td wn fanden ſich ein, und man konnte dies Haus eher für 3 npei ein Freudenmädchenhaus, als für den Palaſt einer bri⸗ Fngin tiſchen Prinzeſſin halten. Nach ihrem Aufenthalt in der nuch der Barona machte die Königin eine Reiſe nach Tyrol. Bei e zn ihrer Ankunft in Charmette ging Bergami in Geſchäften „ iſr nach Inſpruck. Die Königin, welche nicht vermuthete, und iu daß er in der Nacht wiederkehren würde, ließ eine ihrer i d6i Kammerfrauen bei ſich im Zimmer ſchlafen. Bergami kam aber und begab ſich ſogleich ins Cabinet Ihro Ma⸗ piterhin— pn⸗ jeſtät, die nun ſogleich der Kammerfrau befahl, ſich zu ſcl thebn entfernen. In Karlsruhe wohnte ſie in einem Gaſthauſe b— in dem Zimmer Nr. 10, Bergami in dem Nr. 12; durch ithe nic⸗ Nr. 11 waren beide Gemächer mit einander verbunden. . Jo Den Morgen nach ihrer Ankunft trat eine Aufwärterin ach 2 in Bergami's Zimmer und ſah mit Erſtaunen, wie Ihro ie königliche Hoheit auf Pergami's Bette ſaßen und ihren Arm um ſeinen Nacken geſchlungen hatten. Indem die 3 miß i rwähnte Perſon Bergami's Bette machte, fand ſie in ſz demſelben ein Kleidungsſtück, womit Ihro königl. Ho⸗ e, heit nachher bekleidet waren.“ 8 3 ℳ 178 äönigin Karoline von England. Geſittete Frauen, wird uns aus jener Zeit berichtet, berührten, ſeit die Anklageacte durch die Zeitungen be⸗ kannt wurde, Monate hindurch die Zeitungen nicht mehr.*) Der Hauptzeuge Deodoro Majocchi ward von der Zeugenbank aufgerufen. Als der Klerk des Hauſes ſeinen Namen ausrief, wandte die Königin, deren Au⸗ gen bis dahin nach einer andern Seite gerichtet waren, ihren Blick nach der Zeugenbank. Als er Majocchi traf, entfuhr ihr ein Schrei, ſie ſprang auf und verließ raſch das Haus, gefolgt von der Lady Hamilton. Sichtlich kämpfte ſie mit einer Gefühlsaufwallung. Ob es Er⸗ ſtaunen, Verdruß geweſen, oder beides vereinigt, ſagt ein engliſcher Berichterſtatter über den Proceß, iſt nie mit Sicherheit ermittelt worden. Zeitgenoſſen behaupten, daß der„ſchwarze Undank“ dieſes Menſchen ſie ſo tief erſchüttert, daß ſie auch in dieſer feierlichen Scene ihres Lebens die Klugheit vergaß, deren Außerachtlaſſen ihr ganzes Leben ſo unglücklich gemacht. Es wird aber von Niemand behauptet, daß dieſem Benehmen eine Abſichtlichkeit zum Grunde gelegen und die Königin durch eine Theaterſcene eine beſtimmte Wirkung hervor⸗ bringen wollen. Das lag außer ihrem Charakter. Sie war eine Dienerin ihres Naturells. Nachdem Majocchi beeidet worden, brachte er ſeine Ausſage auf die Fragen des Solicitor⸗General ohne Zau⸗ dern, ja in vielen Punkten ſehr fließend hervor. In der Nähe von Lodi, bei Mailand, geboren, kannte *) Wir überlaſſen es unſern Leſerinnen, ob ſie von hier ab auch unſere Darſtellung der Proceßgeſchichte überſchlagen wollen, die allerdings Details enthält, welche an den Proceß des Obriſt Charteris erinnern. im chtet, n be⸗ nicht von auſes Au⸗ varen, traf, raſch htlich s Er⸗ ſigt ſt nie upten, tief Scene laſſen abe ein zniin ervor Sit ſeint eZal⸗ kann Königin Karoline von England. 179 er Bartolomeo Bergami ſchon früh. Als Majoochi 1813 im Dienſt des Marſchall Pino ſtand, war Bergami eben⸗ falls Domeſtik(²) bei demſelben. Sein Lohn betrug nur drei mailändiſche Lire(alſo drei Zwanzigkreuzer) täglich, was auf ſeine niedere Stellung hindeutete. Für England allerdings; eine Beſoldung von 1 Conventions⸗ gulden täglich oder 20 Thlr. monatlich iſt in Italien ſchon eine ganz anſtändige.. Als der Zeuge 1814 eine Anſtellung beim Stall König Murat's von Neapel hatte, ſah er Bergami daſelbſt wieder um Weihnachten des Jahres. Im Januar 1815 war Bergami Courier und Stallmeiſter bei der Prinzeſſin von Wales und enga⸗ girte den Zeugen ſelbſt als Livreybedienten bei derſelben. Die Prinzeß lebte damals in Neapel. Die Schlaf⸗ zimmer Karolinens und Bergami's waren nur durch ein kleines Cabinet und einen Corridor getrennt. Man mußte durch den Corridor in das Cabinet und aus dem Cabinete in Bergami's Zimmer. Auf der andern Seite vom Schlafzimmer der Prinzeſſin war ein großer Salon. Majocchi erinnert ſich, daß, als die Prinzeſſin einſt mit König Murat nach dem See von Agnano fuhr, Bergami durch den Hufſchlag eines Pferdes verwundet worden. Während derſelbe an der Beſchädigung litt, mußte der Zeuge ihm aufwarten. In Folge deſſen ſchlief er fünf oder ſechs Nächte in jenem Cabinet. Er ſah die Prinzeſſin in Bergami's Zimmer, während Pr. Hol⸗ land Bergami's Fuß verband. Er ſah ſie ſpäter zwei Mal während der Nacht in Bergami's Zimmer ſchlü⸗ pfen. Das erſte Mal war es etwa eine halbe Stunde nach Mitternacht, und ſie blieb etwa 10— 15 Minuten. Sie ging ſehr leiſe durch das Cabinet. Das zweite Mal blieb ſie etwa 15— 18 Minuten und der Zeuge hörte ein leiſes Geflüſter. Nächſt dem Cabinet war ein klei⸗ 180 Königin Karoline von England. ner Garten, zu welchem Bergami den Schlüſſel immer in der Taſche hatte. In Genua war Karolinens Zimmer von dem Ber⸗ gami's nur durch ein unbewohntes Gemach getrennt, worin allerhand Gerümpel ſtand. Dieſes Gemach war ein offener Durchgang. Hier in Genua frühſtückten auch die Prinzeß und Bergami zuſammen ohne andere Ge⸗ ſellſchaft, nach der Beſchreibung des Zeugen wahrſchein⸗ lich in einer kleinen Veranda, die aus einem großen Saale nach der See hinausging. Eines Morgens, als der Courier Vinesceti mit einem Briefe aus Mailand kam, klopfte der Zeuge an Bergami's Kammerthür, und ſo laut, daß er ihn hätte wecken müſſen, wenn er in ſeinem Bett geſchlafen hätte, aber er erhielt keine Antwort. Wenn die Prinzeſſin einen Eſelritt um die Mauern von Genua machte, wie es dort Sitte iſt, ſo umfaßte ſie Bergami jedesmal und hob ſie auf den Eſel, auch hielt er ihre Hand, damit ſie nicht fallen ſollte.— Er hatte mehr Autorität als ihre ſämmtlichen andern Die— ner. Ehe ſie Genua verließ, nahm die Prinzeſſin auch noch die ganze Bergami'ſche Familie in ihre Dienſte, nämlich: Fauſtina, Bartolomeo's Schweſter, Ludovico Bergami, ſeinen Bruder, ſeine Mutter, ja auch ſein drei⸗ bis vierjähriges Kind, Victorine. Nur die Mutter des Kindes kam nicht mit. Im Borromei'ſchen Hauſe(im Palaſt zu Mailand oder auf den Borromeiſchen Inſeln?) waren die Zim⸗ mer der Prinzeſſin und Bergami's nur durch eine Mauer getrennt. Die Thüre des einen führte nach einer Treppe, die des andern nach einem Landungsplatze. Jene Treppe war eine verſteckte Wendeltreppe nach einem kleinen Ge⸗ mach, welches Ludovico Bergami bewohnte. zuwe ſtüch vicb Lody die( Zuer Gri nht vier Prit nete nedi Am 0 * Prin wihr lagen mach nem weg gro Nie der übri in jene Eit zeſſ d d ne Rönigin Karoline von England. 181 Auch im Borromei'ſchen Hauſe ſah der Zeuge zuweilen die Prinzeſſin allein mit Bergami früh⸗ ſtücken; zuweilen wartete der Zeuge, zuweilen Ludo⸗ vico Bergami oder Camera(2) auf. In Mailand hatte Lady Charlotte Campbell die Prinzeſſin verlaſſen, und die Gräfin Oldi war dafür in deren Dienſte getreten. Zuerſt ſollte es als Geheimniß gehalten werden, daß die Gräfin Bergami's Schweſter war, aber es war nicht mehr zu verbergen, als die Familie ſie am Tiſche ſah. In Venedig wohnte die Prinzeſſin durch drei oder vier Tage in der Grande Brettagna, dann in einem Privathauſe. Ihres und Bergami's Schlafzimmer öff⸗ neten ſich nach einem und demſelben Salon. In Ve⸗ nedig, wie in Mailand pflegte die Prinzeſſin Arm in Arm mit Bergami auszugehen; zuweilen um 9 ½, um 10, auch ſpät in der Nacht. In der Villa Villani(2) hatten die Zimmer der Prinzeſſin und Bergami's den nächſten Zuſammenhang, während die des übrigen Gefolges weit entfernt davon lagen. Wenn der Zeuge dort zuweilen Bergami's Bett machen half(die Betten werden in Italien von Män⸗ nern gemacht, und in der Regel müſſen ſich zwei dabei wegen der von einer Perſon nicht zu bewältigenden großen Matratzen helfen), bemerkte er mitunter, daß Niemand in der Nacht darin gelegen haben konnte. In Meſſina waren die Schlafzimmer Bergami's und der Prinzeſſin nur durch das von der Gräfin Oldi be⸗ wohnte getrennt; es diente ihnen als Durchgang. Der übrige Hausſtand ſchlief entfernt. In Syracus lag das Zimmer der Prinzeſſin unter dem Bergami's, aber aus jenem führte eine Wendeltreppe zu dieſem hinauf. In Catania und Auguſta waren die Schlafzimmer der Prin⸗ zeſſin und Bergami's auf einen kleinen Hof hinaus, zu 182 Rönigin Karoline von England. dem Niemand von den Andern den Schlüſſel hatte. In Catania erhielt Bergami den Titel Excellenz, ward Mal⸗ teſerritter, und ehe er Sicilien verließ, ward er zum Baron Francina erhoben. Von Sicilien ſchiffte die Prinzeſſin auf einer Polacre nach Tunis. Unterweges ſchlief die Prinzeſſin in der Speiſecajüte, Bergami in einer daran ſtoßenden kleinern Cajüte. In Tunis wohnten ſie zuerſt beim engliſchen Conſul, darauf im Palaſt des Bey. Von Scala Nuova machten ſie einen Ausflug nach der Grotte der Sieben⸗ ſchläfer. In der Nähe dieſer Grotte ruhte die Prinzeſſin die erſte Nacht in einer von Zweigen aufgerichteten Hütte. Nachher ſpeiſten die Prinzeſſin und Bergami allein in einem abgeſchloſſenen Platze in der Säulenhalle der Kirche, ſie auf einem Reiſeſofa ausgeſtreckt, er zu ihren Füßen. Nach dem Eſſen blieben ſie dort allein 1 ½ Stunde. Sie reiſten durch Syrien. Bei Amu wurden zur Schlafenszeit die Zelte aufgeſpannt. Das Zelt der Prin⸗ zeſſin ward ſechs bis ſieben Schritt von denen der an⸗ dern aufgepflanzt. Drinnen ein ſchmales Reiſebett und ein türkiſches Sofa. Das Zelt war rund und doppelt, dergeſtalt, daß zwiſchen der äußern und innern Zeltwand ungefähr ein Zwiſchenraum von zwei Armen war. Wäh⸗ rend der Schlafenszeit waren die Prinzeſſin und Ber⸗ gami in dem innern Zeltraume. Zwiſchen Amu und Jeruſalem ward noch ein Mal das Nachtquartier in eben derſelben Weiſe arrangirt. Nach ihrer Rückkehr von Jeruſalem ſchiffte ſich die Prinzeſſin wieder in Jaffa auf derſelben Polacre ein. Jetzt aber ſchlief ſie nicht mehr in der Cajüte, ſondern es ward für ſie ein Zelt auf dem Verdeck ausgeſpannt. Auch hier ſtand ein Reiſebett und ein Sofa darin. Jede Nacht, während der ganzen Reiſe ſchliefen die Prinzeſſin ——————,—— —— unk ein vet au hin geh der wa Bo mu hin der Pri der Pri men u die inn erſt Fil und ſin uber non N Ital Tri n Mal⸗ zun acte der inern ſchen uova eben⸗ zeſſin tte. in in üßen. zut rin⸗ n⸗ und pelt wand Ber⸗ und eben die ein. dern annt. Jode zefin Königin Kuroline von England. 183 und Bergami in dem Zelte. Wenn ſie zum Schlafen eintraten, wurden jedes Mal die Seiten des Zeltes feſt verſchloſſen. Sie hatten ein Licht drinnen. Die Prinzeſſin nahm mehr als ein Mal ein Bad auf dem Schiffe. Der Zeuge trug das erſte Mal das Waſſer in die Cajüte hinunter und dann kam Bergami hinab und verſuchte mit der Hand, ob das Waſſer die gehörige Wärme habe. Er ſtieg wieder hinauf, reichte der Prinzeſſin die Hand und führte ſie hinunter. Darauf ward die Thür verſchloſſen und ſie blieben allein im Bade.— Das wiederholte ſich mehrmals. Majocchi mußte das Waſſer, heißes und kaltes, in zwei Gefüäßen hinuntertragen und es Bergami einhändigen, der an der Cajütenthür ſtand, um es zu empfangen, und dann die Thür zuſchloß. Ob noch ſonſt Jemand, als die Prinzeſſin und Bergami, in der Cajüte geweſen, konnte der Zeuge nicht wiſſen. Beim Landen zu Terracina ſtieg Bergami vor der Prinzeſſin ans Land. Er küßte ſie beim Abſchiedneh⸗ men. In der Villa Bergami, wo ihre Schlafzimmer auch wieder dicht aneinanderſtießen, gaben ſie Bälle, die vom Landvolke ſehr beſucht wurden. Der Zeuge er⸗ innerte ſich aber nicht, daß der Adel aus der Gegend erſchienen wäre.(Der italieniſche Adel iſt in ſolchen Fällen nicht ſcrupulös.) Nur aus Mailand kam dann und wann der öſterreichiſche Gouverneur, um der Für— ſtin ſeine Aufwartung zu machen. Am zweiten Verhörstage(22. Auguſt) ward Majocchi über die Reiſen der Prinzeſſin durch Deutſchland ver⸗ nommen; das Verhör ſprang aber gelegentlich auch nach Italien, Griechenland, bis wieder in den Orient über. Er war mit ihr in Karlsruhe, Nürnberg, Wien und Trieſt geweſen. An allen dieſen Orten wurden die 184 Gönigin Karoline von England. Schlafzimmer der Prinzeſſin und Bergami's dicht neben einander, oder wenigſtens in der Nähe und immer von ihnen ſelbſt ausgewählt, während ſie das Gefolge ent⸗ fernter hielten. Die Prinzeſſin und Bergami fuhren im⸗ mer in demſelben Wagen. Auch in der Villa d'Eſte waren dieſelben Einrich⸗ tungen getroffen worden, daß die Schlafzimmer der bei⸗ den in der Nähe lagen, und durch den Verſchluß einer Thür wurden ſie von allen Mitbewohnern der Villa ge⸗ trennt. Hier ward auch ein Theater errichtet, auf wel⸗ chem er die Prinzeſſin und Bergami zuſammen ſpielen ſah. Ob die Prinzeſſin auf dieſer Villa vom benach⸗ barten Adel beſucht ward, entſann Majocchi ſich nicht. Auf eine Reihe anderer Fragen wußte der Zeuge kei⸗ nen, oder nur ausweichenden Beſcheid zu geben, ſo über die Anweſenheit oder Abweſenheit der übrigen Perſonen des Gefolges der Prinzeſſin bei verſchiedenen Gelegen⸗ heiten. Beſonders ward gefragt, wo in der Regel der Knabe William Auſtin geſchlafen? Wo die kleine Vie⸗ torine(Bergami's Tochter), die in der Regel ganz in der Nähe der Prinzeſſin ſchlafen mußte.— Nur über die Reiſe in Aſien gab er noch einige beachtenswerthe Details. In der Regel ruhte die Reiſegeſellſchaft während des Tages in dem Zelte und machte ihren Weg des Nachts. Die Prinzeſſin ließ bei Sonnenuntergang aufbrechen und ritt die ganze Nacht durch. Gewöhnlich ſtieg ſie erſt bei Sonnenaufgang wieder aus dem Sattel. Sie ſchien immer ſehr müde beim Abſteigen und zog ſich dann ſchnell in ihr Zelt zurück, um ſich auf das Sofa zu werfen. In dem Zwiſchenraume der beiden Wände ihres Zeltes ruhten auf der einen Seite der Zeuge, auf der ande Nef wöh Eiſe wie Bet Er, chen kleih dem ſin wol rend und ſock noch ſch durch Lage unge Core hn ſo n flle er ſe nen; uleg man hut denf beſſ nicht 1 —————4 Königin Karoline von England. 185 eben andern Carlino, von dem es hieß, er wäre Bergami's von Neffe. Das türkiſche Sofa im Zelt war wie die ge⸗ ent⸗ wöhnlichen Sofas der Türken, das Feldbett war von im⸗ Eiſen mit einer lederüberzogenen Matratze; ſo in Aſien wie auf dem Schiffe. Er erinnerte ſich nicht, daß man rich⸗ Bettzeug gebraucht, weder im Zelt, noch auf der Polacre. bei⸗ Er, der Zeuge und Carlino hatten das Bette zu ma⸗ einer chen. Beim Niederlegen zog die Prinzeſſin ihre Ober⸗ ge kleider ab. wel Auf eine Menge Fragen antwortete Majocchi mit icen dem berühmt gewordenen: Mon mi ricordo!„ich ent⸗ nach⸗ ſinne mich nicht“, und darunter auch auf ſolche, wo er ſich icht wol entſinnen, auf die er mußte antworten können. Wäh⸗ ⸗ rend er anfänglich ſeine Ausſagen wie aus einem Guſſe ibn und wie einſtudirt zum Beſten gegeben, verſtummte und ſnen ſtockte er zuletzt bei den Fragen des Kronanwalts und gen⸗ noch mehr bei den Kreuzfragen der Vertheidiger, ſtets de ſich mit dem Non mi ricordo helfend. Majocchi ward Vir⸗ durch dieſe Phraſe gewiſſermaſſermaßen der„Lion“ und n Tagesheld der Londoner. Die Oppoſition freute ſich — ungemein dieſes Burſchen, der als Signor Non mi ri- 5. cordo in den Caricaturen glänzte, und meinte, die vth ganze Anklage werde an dieſem einen Hauptzeugen, der ſo wenig der Erwartung der Ankläger entſpreche, zer⸗ ddé fallen. Die der Königin freundliche Preſſe behauptete, vh er ſei durch die Agenten der Krone in Italien gewon⸗ nen worden, ein falſches Zeugniß gegen die Königin ab⸗ e zulegen; nachdem er aber den Ernſt gemerkt, mit dem ſchin man in England die Zeugen inquirire, und von den Vor⸗ dan haltungen erſchreckt, welches Gericht und welche Strafe ft den falſchen Zeugen drohe, habe er bei Zeiten ſich eines beſſeren beſonnen und durch ſein: Ich erinnere mich ih nicht! ſeinem Gewiſſen wieder aufgeholfen und ſeine frü⸗ uf de 186 Fönigin Karoline von England. here Ausſage ſo gut wie zunichte gemacht, wohingegen es auch an entgegengeſetzten Auslegungen nicht fehlte, daß er von der Partei der Verklagten beſtochen, und aus Furcht vor der Volkswuth ſeine erſten Ausſagen zurückgenommen habe. Allerdings war es ſeltſam, daß er, der vorhin über die kleinſten Details der Reiſe in Aſien und auf dem Schiffe die genaueſte Auskunft zu geben wußte, nachher ſich nicht entſann: wo die Perſonen Hieronymus, Auſtin, Hownam, Gräfin Oldi, Camera, die weiblichen Diene⸗ rinnen, oder der Lieutenant Flint auf der Reiſe geſchla⸗ fen? Ob Lieutenant Flint überhaupt auf der Landreiſe mit geweſen? Ob er vor oder nach derſelben in Dienſten der Prinzeſſin geſtanden? Ob er ein junger oder alter Mann geweſen? Er konnte ſich nicht entſinnen, wo der Capitain der Polacre geſchlafen? Ob 22 oder nur zwei Matroſen an Bord geweſen? Ob ſie ſich jemals bei Nachtzeit auf dem Verdeck gezeigt? Aus den Kreuzfragen der Peers kam noch folgendes heraus: Er konnte ſich nicht entſinnen, wie die Prinzeſſin gekleidet geweſen, als ſie in Neapel des Nachts durch ſein Cabinet zu Bergami ſchlüpfte. Doch wollte er ſie beſtimmt geſehen haben; nur that er, als ob er ſchliefe, als die Prinzeſſin auf ihn hinſah. Er blieb aber dabei die Prinzeſſin und Bergami in der Cajüte geſehen zu haben, als das Bad bereitet war; ja, er getraute ſich es zu beſchwören, daß damals Niemand als die beiden im Badezimmer geweſen. Bergami hatte bei der Gele⸗ genheit zu ihm geſagt: halte dich nur an der Thür, denn wenn Waſſer fehlt, mußt du es mir reichen. Er blieb auch vor der Thür, bis wieder geöffnet wurde, Bergami heraustrat und er ſich überzeugen konnte, daß Niemand ande das und ung in Abs Zelt aber Sti den Me Ma grb zu der her, uti eine ben Königin Karoline von England. 187 gen anders beim Bade zugegen geweſen. Bergami rief dann ſchlt, das Kammermädchen Demont, ſie möge herunterkommen und und die Prinzeſſin ankleiden helfen. Die beiden waren ſigen ungefähr eine halbe Stunde im Badezimmer geblieben, in welchem kein ander Möbel war, als ein Sofa.— über Als er in Syrien mit Karoline zwiſchen den doppelten den Zeltwänden lag, hörte er im innern Zelte flüſtern, konnte chher aber nicht hören, ob es eine männliche oder weibliche ufin, Stimme war. ient⸗ Noch erfahren wir aus dem Kreuzverhör, daß Majocchi ſchle⸗ den Dienſt der Prinzeſſin verließ,„weil er von ſchlechten driſe Menſchen da umgeben war.“ Er diente darauf der inſen Marcheſa Erba Odescalchi; aber man verſuchte durch ⸗ ſte größern Lohn ihn wieder in die Dienſte der Prinzeſſin — zu ziehen. Er erklärte:„Lieber als Ihrer Hoheit wie⸗ mir der dienen, nämlich wegen der ſchlechten Leute um ſie her, wollte ich gehen und Gras eſſen.“ Dies der Hauptzeuge, wenigſtens der, welcher neben der Kammerfrau Demont das ausführlichſte, zuſammen⸗ emalb endt hängendſte Zeugniß über den ganzen Lebensabſchnitt der Angeklagten ablegt. Um deswillen war es nöthig, ſeine eſ Ausſagen in möglichſter Vollſtändigkeit wiederzugeben. dui Wir mögen daher aus dem Zeugniſſe der Andern nur Fr das Wichtigere entnehmen. n z Gaetano Peturgo, der bei der Reiſe nach Tunis u ſüh die Rolle eines Impreſſario, Vetturin oder Führers im beidu Großen übernommen zu haben ſcheint, wofür er mo⸗ Gi natlich, außer allen Baarauslagen, 800 Thaler erhielt, .. eine Bezahlung, die ihm ſehr gering dünkte, beſtätigte r b Majocchi's Ausſage in allem, was Einrichtung und Le⸗ ergn ben auf dem Schiffe betraf. „mand iem 188 Eönigin Karoline von England. Daſſelbe that Vincenzo Gargiolo, der Herr und Eigenthümer der Polacre, der monatlich von der Prin⸗ zeſſin 1000 Dollars erhalten hatte. Der Poſtcapitain Thomas Briggs von der Ma⸗ rine hatte die Prinzeſſin und ihr Gefolge bei der Ein⸗ ſchiffung in Genua auf ſein Schiff Leviathan aufgenom⸗ men. Auf dem königlich engliſchen Schiffe wurde kein Zelt auf dem Verdeck für die Prinzeſſin und Bergami aufgeſpannt, auch kein gemeinſchaftliches Bad in den in⸗ nern Räumen bereitet, aber die innere Schiffseinrichtung und Eintheilung der Cabinette mußte doch umgeändert werden. Namentlich bezog Bergami die kleine Cajüte neben der der Prinzeſſin, welche früher für die Gräfin Oldi beſtimmt geweſen, und es mußte eine Thür in die Wand gebrochen werden, um aus einer Cajüte in die andere zu kommen, während die frühere Thür zugeſetzt ward, die nach den Kammern der dienenden Mägde führte.— Auch hatte der Capitain die Prinzeſſin in Palermo ſowol als in Meſſina an Bergami's Arme ſpa⸗ zieren gehend geſehen. Ein kurzes, aber ſehr gewichtiges Zeugniß war das einer ehemaligen Kellnerin im Wirthshauſe zur Poſt in Karlsruhe. Sie war jetzt eine verheirathete Frau, und die engliſchen Berichterſtatter nennen ſie Maidge(2) Barbara Kreß.(Iſt der erſtere Name aus der An⸗ gabe Maid— Mädchen entſtanden!) In dem Wirthshauſe zur Poſt war die Prinzeß von Wales abgetreten. Auch hier die uns bekannte Einrichtung: drei Zimmer, deren Nummern uns noch angegeben werden(10. 11. 12.), neben einander, das mittlere das unbewohnte Eßzimmer, auf der einen Seite Karoline's, auf der andern Ber⸗ gami's Schlafzimmer. Der Courier, welcher die Zim⸗ mer im voraus beſtellt, hatte angeordnet, daß in dem * Zim breit im die ſche eint im geſ anhe Ber ſchh die (ha die „Si Arm ſin, „ bar G erſch blic che ſpr Be Man um „ ſo — den derſe ud Prin la⸗ Ein⸗ nom⸗ e kein rgami nin⸗ htung indert ajüte Frifin in die in die geſebt gde in in e ſpe⸗ n da oſt in und (00 An⸗ shauſe Auch derel 120) mml Zinn⸗ pmn n Königin Karoline von England. 189 Zimmer, welches Bergami einnehmen ſolle(12.), ein breites Bette aufgerichtet werde. Die Prinzeſſin blieb im Wirthshauſe etwa eine Woche. Als die Kellnerin, die hier als Stubenmädchen fungirte, eines Abends zwi⸗ ſchen 7 und 8 Uhr in das Zimmer Nr. 12 unerwartet eintrat, um Waſſer hineinzuſetzen, ſah ſie, daß Bergami im Bette lag und die Prinzeſſin hatte auf dem Bette geſeſſen. Sie konnte nicht ſehen, ob Bergami Kleider anhatte, aber ſein Arm war weiß. Als ſie eintrat, hatte Bergami den Arm um den Nacken der Prinzeſſin ge⸗ ſchlungen, und die Prinzeſſin ließ den Arm fallen, als die Zeugin ins Zimmer trat. Sie ſprang ſogleich auf (ad jumped up— der Reporter führte aber auch noch die deutſchen von der Kellnerin gebrauchten Worte an: „Sie ist in die Höhe“). Ob das Weiße an Bergami's Arm ſein Hemde oder ein anderes Kleidungsſtück gewe⸗ ſen, erinnerte ſich Barbara nicht. Die Ausſage erſchien den Lords ſo wichtig, daß Bar⸗ bara noch ein Mal(am 26. Auguſt) vernommen ward. Sie beſtätigte ihre vorige Ausſage. Sie war ſehr erſchrocken, als ſie die Prinzeſſin in der Situation er⸗ blickte und wollte auf der Stelle zur Thür hinaus, aber che ſie fort war, war auch die Prinzeſſin ſchon auſge⸗ ſprungen. Als Barbara eines Morgens das Bette in Nr. 12 Bergami's Zimmer) machte, fand ſie in demſelben einen Mantel; es war offenbar der Mantel einer Frau, es konnte der Neugier eines Dienſtmädchens nicht entgehen, auch ließ ſie ſich das nicht nehmen, denn er war ſo und ſo zugeſchnitten und von grauer Seide. Eine Dienerin der Prinzeſſin nahm der Zeugin den Mantel ab. An⸗ dern Tages ſah ſie die Prinzeſſin in einem Mantel von derſelben Farbe, ohne doch beſchwören zu können, daß 190 Bönigin Karoline von England. es derſelbe Mantel geweſen; aber er hatte auch dieſelbe Form und denſelben Schnitt, und Barbara hatte den Mantel, den ſie auf dem Bette fand, ſich ſehr genau betrachtet. Barbara bemerkte auch, wenn ſie Bergami's Bett machte, daß die Laken„wueste“ waren. Dies Wort gab den gerichtlichen Dolmetſchern einige Bedenken. Sie legten es verſchiedentlich aus, und meinten, der Sinn wäre, ſie habe das Bett„in Unordnung“ gefun⸗ den. Dies genügte aber den Lords nicht, und Barbara ward aufgefordert, ſich deutlicher auszudrücken. Da er⸗ klärte ſie denn: ſie meine mit„wüſte“„befleckt“. Als man auch das deutlicher erklärt wollte, brach Barbara in Thränen aus, erklärte vor den Lords von Großbri⸗ tannien, ſie ſei eine verheirathete Frau und habe oft die Betten von verheiratheten Perſonen gemacht. Als auch dies die Neugier oder den juriſtiſchen Eigenſinn der Richter nicht befriedigte, gab ſie auch von dem„be⸗ leckt“ eine ſolche Beſchreibung, daß Niemand mehr zweifeln konnte, die wir aber für überflüſſig halten, hier herzuſetzen. Am 29. Auguſt noch ein Mal ernſthaft von den Lords examinirt, verblieb Barbara bei allen ihren Ausſagen. Sie habe dieſelben aber erſt dann von ſich gegeben, als ſie von Grimm, der hier zuerſt genannt wird, in ſei⸗ nem Zimmer ſehr eindringlich inquirirt worden, und habe es ſehr ungern gethan; aber wie er ſo in ſie drang, habe ſie das ſagen müſſen, was ſonſt Niemand von ihr ge⸗ hört. Nach jener Entdeckung in Nr. 12(des Mantels oder der Prinzeſſin auf dem Bette?) fand ſie in der Regel die Thür des Abends verſchloſſen und ſtellte dann das Waſſer auf die Schwelle.* 9 zeug den zeſſi fünf Tag Con Tiſc reiſt. met weri müß zur ham ſilbe Naht hüe welch nen Jing Thin gami ——————————— Königin Karoline von England. 191 ieſch Nächſt Majocchi war Louiſe Demont die Haupt⸗ e den zeugin. Eine proteſtantiſche Schweizerin aus dem Pays genn de Vaud, war ſie als erſte Kammerfrau von der Prin⸗ zeſſin, vor deren Reiſe nach Italien, in Lauſanne auf Bet fünf Jahre engagirt worden. Por Sie reiſten von Lauſanne nach Mailand. Etwa 14 enken. Tage, ehe ſie dieſe Stadt verließen, ward Bergami als de Courier von der Prinzeſſin engagirt. Er mußte bei ftn Tiſch aufwarten. Von Mailand ward nach Neapel ge⸗ nbm reiſt. Bis Neapel hatte William Auſtin immer im Zim⸗ — mer der Prinzeſſin geſchlafen. Aber in der letzten Nacht, che ſie Neapel erreichten, erklärte Karoline, der Junge werde zu groß, um noch in ihrer Stube zu ſchlafen, er — müſſe von nun an eine eigene Schlafſtube erhalten. Bis — zur ſelben Zeit hatte auch Bergami immer mit ihr, der — Kammerfrau, und den andern Dienern ihrer Claſſe am n de ſelben Tiſche gegeſſen. . In Neapel ging eine Aenderung ſchon in der zweiten Nacht nach ihrer Ankunft daſelbſt vor. Die Prinzeß — ſchlief in einem Zimmer, welches von demjenigen, in n hie welchem Bergami ſchlief, nur durch ein Cabinet und ei⸗ as nen Durchgang getrennt war. Von dieſem Durchgang . ging eine Thür nach den übrigen Zimmern. Wenn dieſe sſcg Thür verſchloſſen wurde, konnte Keiner weder in Ber⸗ en, 4b gami's, noch in das Zimmer der Prinzeſſin dringen. in Am zweiten Abende nach ihrer Ankunft in Neapel d— beſuchte die Prinzeſſin die Oper. Sie kehrte etwas vor der Zeit zurück. Sie ging raſch in das Schlafzimmer, ihr g. dann in ihr Cabinet. Sie befahl der Kammerfrau, daß ſn WPilliam Auſtin ihr nicht folgen ſolle, ſie wünſche un⸗ u zeſtört zu ſchlafen. Auſtin ſchlief vor dieſer Nacht ab td immer in einer beſondern Kammer und man ſchloß die khür, daß er nicht zur Prinzeſſin eindringen konnte.— 2 Rönigin Karoline von England. Im Zimmer der Prinzeſſin waren zwei Betten, ihr ſchmales, eiſernes Reiſebett, in dem ſie gewöhnlich ſchlief, und ein breiteres italieniſches, welches in jener Nacht nicht überzogen war. Die Prinzeſſin ſchien in einem ſehr aufgeregten Zuſtande, und entließ ihre Kammerfrau gegen die Regel gleich, nachdem ſie mit ihr in die Stube getreten war. Es mochte dann um 11 Uhr ſein. Am nächſten Morgen bemerkte Louiſe, daß das kleine Bett der Prinzeſſin in der Nacht gar nicht benutzt wor⸗ den; dagegen war das größere Bett in einiger Un⸗ ordnung. Während des ganzen Aufenthalts in Neapel ſchlief Bergami in ſeinem oben erwähnten Zimmer. Die Kam⸗ merfrau ſah im Ankleidezimmer der Prinzeſſin nie einen andern als William Auſtin und Bergami, wenn ſie ihre Toilette machte. Auſtin mochte damals zwiſchen 12 und 13 Jahr alt ſein. Bergami ward eingelaſſen, ob die Prinzeſſin angekleidet oder unangekleidet war. Louiſe ſah auch eines Abends, als die Prinzeſſin ſchon ent⸗ kleidet in ihrem Zimmer ſaß, Bergami im Hemde und in Pantoffeln im Gange nach dem Zimmer der Fürſtin zu gehen. Die Zeugin, die noch in der Stube, aber nahe der Thür war, erſchrak ſo darüber, daß ſie durch eine kleine Thür ſogleich aus der Stube verſchwand. An dem folgenden Morgen bemerkte die Kammerfrau, daß in der Regel das kleine gemachte Bett unbenutzt geblieben, während das größere, ungemachte den Ein⸗ druck machte, als habe mehr als eine Perſon die Nacht darauf zugebracht. Bergami war damals noch immer Courier. ℳ Die Prinzeſſin gab, König Murat zu Ehren, einen Maskenball in einem Hauſe am Strande. Das Anklei⸗ dezimmer Karolinens war zwei Treppen hoch. Sie er ** ihr ſchli, Nacht einem etftau Stube kleine wor⸗ r Un⸗ ſchüef Kam⸗ einen ſie ihre 12 und ob die Piſ n ent de und ʒirſin e, abl durc chwond merftal nbenut en Ein eNot im eißé * ſ, 1 — Königin Karoline von England. 193 ſchien zuerſt als neapolitaniſcher Landmann, wobei Louiſe ihr im Ankleidezimmer behülflich war. Nach einer Stunde kam ſie wieder und wollte ſich als Genius der Geſchichte umkleiden. Hierbei half ihr nicht die Kam⸗ merfrau, ſondern Bergami, jene mußte draußen warten. Nach Stunden kam Bergami heraus, und dann die Prinzeſſin als Genius. Ihre Arme und Buſen waren bloß(ſo erſchien es wenigſtens der Zeugin), die übrige Draperie war wie man die Muſen oder den Genius der Geſchichte darſtellt.— Noch einmal kehrte die Prinzeſſin zurück, jetzt um ſich als türkiſcher Bauer umzukleiden. Im Vorzimmer warf ſich Bergami in dieſelbe Maske, und beide gingen Arm in Arm in den Maskenſaal hin⸗ unter. Auch damals war Bergami noch immer Courier in Dienſten der Prinzeſſin. Was Majocchi über den Aufenthalt in Neapel aus⸗ geſagt, ward von Louiſen im Allgemeinen beſtätigt, ob⸗ gleich ſie nicht ſo genaue Kenntniß von den Spazier⸗ gängen im kleinen Garten, vom Frühſtücken, von Ber⸗ gami's Unfall bei der Spazierfahrt nach dem See Agnano und ſeinen Folgen hatte. An einem naſſen, ſchmuzigen Abende fuhr die Prin⸗ zeſſin in einer Miethkutſche nach dem San⸗Carlo Theater; außer ihr ſaßen im Wagen Bergami und die Kammer⸗ frau. Die Prinzeſſin in einem großen rothen Mantel, Bergami in einem rothen Domino mit großem Hut. Als ſie aber ins Parterre traten, wurden ſie von einer Gruppe Masken umringt, die ſie anziſchten. Die Maske der Prinzeſſin war allzuhäßlich, und der Lärm wurde ſo arg, duß ſie ſich zurückziehen mußten, was ihnen nur mit Mühe gelang. Der Aufenthalt in Neapel dauerte etwa drei bis vier Monat. Bergami wartete noch immer bei Tiſch auf, XIV 9 194 Gonigin Karoline von England. die ſteigende Vertraulichkeit zwiſchen ihm und ſeiner Herrin war aber auch hierbei ſichtbar. Hier trennte ſich die Mehrzahl des engliſchen Gefolges von der Prin⸗ zeſſin. In Genua ſchilderte Louiſe Demont die Localität der Schlafzimmer ganz, wie Majocchi ſie angegeben. Sie, die Kammerfrau, ſchlief in einer Kammer dicht neben der Prinzeſſin, aber jeden Abend ward die Thür von Seiten der Prinzeſſin verſchloſſen. Wenn das geſchehen, hörte Louiſe gewöhnlich ein Geräuſch, als würde die entgegengeſetzte Thür nach dem Zimmer geöffnet, das in Bergami's Schlafzimmer führte. Dann blieb es die Nacht über ſehr ſtill. Wenn die Kammerfrau des Mor⸗ gens ihrer Prinzeſſin Bette machen wollte, war es in der Regel nicht nöthig, es war in guter Ordnung. In Genua wurde Bergami's ganze Familie in die Hausgenoſſenſchaft aufgenommen, nämlich ſein Bruder Ludovico, ſeine Schweſter Fauſtina und ſeine alte Mutter Nonna, von ihnen Allen:„Großmütterchen“ genannt; endlich Bergami's dreijähriges Töchterchen Victorine. Von Genua reiſten ſie nach Mailand; hier fuhr wie⸗ der William Auſtin im Wagen der Prinzeſſin. Ber⸗ gami ritt als Courier nebenher. Die Prinzeſſin bewies ihm viele Aufmerkſamkeit und bot ihm oft Erfriſchun⸗ gen an. In Mailand bewohnten ſie den Borromei'ſchen Pa⸗ laſt. Bergami's Schlafzimmer war dicht neben dem der Prinzeſſin. Hier verließ erſt Lady Charlotte Campbell die Dienſte der Fürſtin. An ihre Stelle rückte als Eh⸗ rendame die Gräfin Oldi. Vor deren Ankunft hatte die Prinzeſſin mehrmals geſagt: dieſe Gräfin wäre eine ſehr edle Dame, welche ſich ihr zu dem Ehrendienſt ange⸗ tragen. Die Gräfin, als ſie kam, ſprach aber kein Wort ſeiner te ſch Prin tit der Sie, neben ür von ſchehen, das in Mor res in — die Brudet Muttet enannt rin. uhr wi . Ber n benit friſchun hen M den d bampb als 6 hatn eine ſo Königin Karoline von England. 195 franzöſiſch und ein ſehr ſchlechtes Italieniſch. Es kam dann heraus, daß ſie Bergami's Schweſter war. Als ſie in der Villa Villani wohnte, wurden häu⸗ fige Ausflüge nach den Borromei'ſchen Inſeln unternom⸗ men. Die Prinzeſſin wohnte auch da im Borromei⸗ ſchen Palaſt; ob ſie in Bergami's Nähe ſchlafen konnte, war ihr unbekannt. In Bellinzona dinirte Bergami mit ihr am ſelben Tiſche. Er war noch immer als Cou⸗ rier gekleidet, fuhr aber mit der Prinzeſſin im ſelben Wagen. Im September zog die Prinzeſſin aus der Villa Villani nach der Villa d'Eſte. Auch hier waren die Localitäten ſo, daß die Communication zwiſchen dem Schlafzimmer der Prinzeſſin und Bergami's leicht war. Oft traten Bergami und Karoline zuſammen ins Zim⸗ mer. Jeden Abend mußte Louiſe die Prinzeſſin entklei⸗ den, die ihr dann bis zur äußern Thür folgte und dieſe, wenn ſie hinaus war, verſchloß. Am Morgen ſah die Kammerfrau oft die Communicationsthüren geöffnet, zu⸗ weilen auch Bergami in einem blauſeidenen Ueberwurf an der Thür ſtehen, den ihm die Prinzeſſin geſchenkt. Ihm gegenüber ſtand die Prinzeſſin in ihrem Morgen⸗ überwurf. So unterhielten ſie ſich; oft gingen ſie mit einander am See ſpazieren, Arm in Arm. Die kleine Lictorine pflegte die Prinzeſſin Mama zu nennen. Als Bergami noch an der Dienertafel ſpeiſte,— vas bei der erſten Villeggiatur auf der Villa d'Eſte ge⸗ chah,— kam die Prinzeſſin auch dazu. Am Tiſche ſen Bergami, ſeine Mutter und Louiſe Demont. Die Prinzeſſin ſetzte ſich traulich neben Bergami nieder. Aber ls man Hierdnymus(den engliſchen Pagen oder Cou⸗ iec) kommen hörte, ſprang ſie raſch auf und ſagte: „Da höre ich Hieronymus kommen; nun muß ich fort.“ 9* 195 äbnigin Karoline von England. Von der Reiſe nach Griechenland wird nichts Be⸗ merkenswerthes erzählt. Vom Aufenthalt in Sicilien ungefähr daſſelbe, was Majocchi berichtet. Doch ward die Prinzeſſin in ihrem ganzen Benehmen gegen Ber⸗ gami hier immer theilnehmender, zärtlicher. Wenn er eine kleine Reiſe machte, hieß es:„Mein liebes Herz“, —„Mein theurer Freund“,—„Lebewohl und nimm dich recht in Acht.“— Auch hörte Louiſe einen Ab⸗ ſchiedskuß, aber ſie ſah ihn nicht! Bei der Seefahrt von Meſſina nach Syracus auf der Clorinde ſah ſie die Prinzeſſin einſt auf ihrem Bette liegen, Bergami neben ihr auf einem andern Bette. Es war Tageszeit. Sonſt die Localitäten der Schlafzimmer in den verſchiedenen Städten Siciliens, wie Majocchi ſie beſchrieben. In Catania ſah ſie eines Morgens die Prinzeſſin aus dem Schlafzimmer der Gräfin Oldi im Nachtkleide kommen, ein Kopfkiſſen im Arm. Aber die Gräfin hatte vor kurzem Bergami ihr Zimmer einge⸗ räumt. Die Prinzeß blickte dabei die Zeugin ſehr ernſt⸗ haft an, ſprach aber kein Wort, ſondern zog ſich in ihre Stube zurück. Gewöhnlich pflegte die Prinzeſſin beim Aufſtehen ihren Dienern einen: guten Morgen zu bieten, diesmal unterließ ſie es. In Catania, und auch in Auguſta ließ ſich die Prin⸗ zeſſin malen, einmal als eine Türkin, dann als eine büßende Magdalena, wo der ganze Körper faſt nackend dargeſtellt ward. Dies Bild ſah die Zeugin ſpäter in Bergami's Beſitz. Auch Bergami ließ ſich mehre Mal malen, einmal als Türke. Die Prinzeſſin beſaß eines ſeiner Portraits in einer kleinen Schachtel. Ein Mal fertigte die Prinzeſſin für Bergami einen Turban mit eigenen Händen. Zu Catania ward er(auf Verwenden der Prinzeſſin) zum Malteſerritter ernannt, in Auguſta zum tani ſelb Hen mie ſoz zeſſi dern rik die lti In Gel ders * untet die rinen dern geſch hina woh gens ſch eſin ſum um vih ———————— Rönigin Karoline von England. 197 ts Be zum Baron Francina erhoben. Als Bergami in Ca⸗ Sirilie tania gemalt werden ſollte, arrangirte die Prinzeſſin h won ſelbſt ſeinen Anzug, indem ſie ihm auf der Bruſt das n Ber⸗ Hemde öffnete; ſie brauchte dabei die Worte: Je l'aime enn mieus comme ga. So ward er gemalt. Hetz“ Bei der Fahrt auf der Polacre nach Tunis ging es rimn ſo zu, wie die andern Zeugen es beſchrieben. Die Prin⸗ ſen Ab zeſſin lag zu Bett in einer Cajüte, Bergami in der an⸗ dern, die Thür war auf, ſie unterhielten ſich. In Af⸗ auf do rika war es wie auf dem Meere und in Italien. Nicht Bett die Kaſſauba des Bei von Tunis, nicht die Ruinen von tte. 6 Utica und der Wüſten trennten Karoline von Bergami. inm In Zavouan erſchien der Kammerfrau das Bett ihrer Rajoch Gebieterin dermaßen in Unordnung, daß ſie nicht an⸗ zn d ders glauben konnte, als es müßten zwei Perſonen über Ohi in Nacht in demſelben geruht haben. ber di In Aſien auf dem Wege nach Jeruſalem die Ruhe . in unter den Zelten, wie Majocchi ſie geſchildert. Nur ſah hr ermſ die Kammerfrau, daß die Prinzeſſin entkleidet auf dem min einen Bette lag, Bergami halb entkleidet auf dem an⸗ ſin bi dern, was Majocchi nur vermuthete, und das Zelt ward biem geſchloſſen, als ſie hinausging. zu In Jeruſalem gingen drei Zimmer auf eine Galerie e binaus. Die Prinzeſſin, Bergami und Gräfin Oldi be⸗ de 4 wohnten dieſe drei Zimmer. Sie unterhielten ſich Mor⸗ 4 t gens, an ihren Thüren ſtehend, auch ſah Zeugin, wie 1 ſch ein Mal Bergami ſcherzend auf das Bett der Prin⸗ — zeſſin warf. Die Seefahrt von Jaffa aus ſtimmt ganz mit Ma⸗ ſaß occhi's Beſchreibung. Bergami begleitete die Prinzeſſin 60 zum Bade hinunter und rief nachher die Kammerftau, ub um die Fürſtin anzukleiden. Bergami flegelte ſich ge⸗ Vem wöhnlich des Tages über auf dem Sofa im Zelte und ſpatel 9 n 198 Rönigin Karoline von England. unterhielt die Prinzeſſin mit Buffonerien. Gräfin Oldi nähte Hemden für ihn, Bergami ſagte, er brauche ſie. Da ſagte die Prinzeſſin ein Mal, ſie wollte ſie ihm nã⸗ hen, worüber Bergami lächelte. Es iſt überflüſſig, noch ein Mal die Veränderungen zu beſchreiben, welche in den Baulichkeiten der Villa d'Eſte nach ihrer Rückkehr vorgenommen wurden, überall, um die Communication zwiſchen Bergami's Zimmer und dem der Prinzeſſin zu erleichtern und das übrige Ge⸗ folge davon zu entfernen. Die Reiſe nach Griechenland ſcheint keinen Grund zu ſtandalöſen Auftritten geliefert zu haben. Aber nach der Rückkehr ward ein beſonderer Tiſch für die Familie Bergami eingerichtet. Bergami's Mutter,„das Großmütterchen“(Nonna), ward umge⸗ tauft in Donna Livia. Ludovico Bergami ſpielte Har⸗ lequin mit der Prinzeſſin Colombine. Die Ohyrringe, welche Bergami getragen, als er in die Dienſte der Prinzeſſin getreten, ſah Louiſe ſpäter in deren Ohr, zu⸗ ſammen mit Ohrringen der kleinen Victorine. Auch hatte ſich Ihro königliche Hoheit eine Mütze in Neapel machen laſſen, nach dem Muſter einer Mütze, die Ber⸗ gami trug, verſchiedene von ſeinen Kleidungsſtücken, als ein ſchwarzes Taſchkntuch, ſeine Pantoffeln hatte ſie oft im Schlafzimmer der Prinzeſſin gefunden. Hier(in der Villa dEſte) kam Bergami ſelbſt auch ein Mal Nachts mit einer kleinen Nachtlampe durch ihr Schlafzimmer und ging in das der Prinzeſſin. Die Villa Barona oder Villa Bergami war von der Prinzeſſin für Bergami gekauft worden. Schlafeinrich⸗ tungen wie überall. Bei der zweiten Villegiatur da⸗ ſelbſt fing die Prinzeſſin an Bergami„Du“ zu nen⸗ nen; er nannte ſie„Prinzeſſin“, der ganze übrige Haus⸗ ſtand„Ihro königliche Hoheit.“ Die Bälle dort wur⸗ 8 O he ſi. n ni⸗ rungen Pilla iberall, r und Ge⸗ enland cliefert onderet ganit umgl e Har⸗ rringe ſte det r, zu Auch Neape ie Bu en, c ſie o (in de Nucht ßimm von de feini tur zu n ot w Konigin Karoline von England. 199 den nur von Leuten der niedern Stände beſucht. Es fiel dabei nichts beſonders Merkwürdiges vor. Darauf die Reiſe über Tyrol nach Deutſchland. In Scharnitz ging Bergami vorauf, um in Inſpruck die Päſſe zu arrangiren. Louiſe mußte während der Zeit ihr Bette in das Vorzimmer der Prinzeſſin ſtellen. Als gegen 10 Uhr Morgens Bergami zurückkam, befahl Ka⸗ roline der Kammerfrau, ihr Bette fortzutragen, und Bergami trat ins Zimmer der Prinzeſſin, wo jene ihn verließ. In Karlsruhe war die Zimmerordnung, wie die Kell— nerin Barbara Kreß ſie geſchildert. In Baden⸗Baden trat Louiſe einſt im Zwielicht in das Zimmer der Prin⸗ zeſſin. Sie und Bergami ſaßen auf dem Sofa, er den Arm um ihren Leib, ſie den Kopf auf ſeinen Schultern. Man reiſte nach Wien. Hier beſuchte die Prinzeſſin den Hof nicht.(Der engliſche Geſandte Lord Stewart hatte die Schuld; es ward ihm ſehr verargt.) Nach Trieſt fuhr ſie in einem offenen Carriol, das Bergami kutſchirte. Nachdem ſie nach der Villa Barona zurück⸗ gekehrt waren, mußten Bergami's Mutter und Schwe⸗ ſter mit am Tiſche der Prinzeſſin eſſen. Dann eine Reiſe nach Rom. Uleberall Vertraulich⸗ keiten, Stube an Stube, im Wagen ſaß Bergami in der Mitte zwiſchen Prinzeſſin und Kammerfrau. Doch rinnerte ſich dieſe gerade nicht, daß Bergami beim Fahren den Arm um die Prinzeſſin geſchlungen. In der Villa Brandi wurden Büſten der beiden Vertrauten modellirt. Bettgelegenheiten wie immerz ſie zog ſich zu⸗ weilen in ſeiner Gegenwart an. Von da nach Sinigaglia und Peſaro. In der Villa Caprili, am letzten Ort, lag Bergami einſt auf dem Sofa, die Prinzeſſin ſaß am Fußende.— Einmal hatte — 200 Königin Karoline von England. die Prinzeſſin Pantalons an, Nacken und Bruſt waren bloß. Bergami blickte ſie mit Vergnügen an und ſagte: „Wie hübſch Sie ausſehen! Sie gefallen mir ſo viel beſſer.“ Als er einſt nach der Stadt ging, ſchüttelten ſie beim Abſchied die Hände: Adieu, mon coeur, mon ami!“ ſagte ſie, Bergami erwiederte:„Au revoir⸗ princesse!“ Karoline wollte in das Caſino von Pe⸗ ſaro aufgenommen werden, ward aber zurückgewieſen. Bis ſie Neapel verließ, hatte Karoline jeden Sonntag nach engliſcher Liturgie einen Gottesdienſt halten laſſen. Nachher nicht mehr. Sie ging mit Bergami in die ka⸗ tholiſchen Kirchen. Einmal ſah der Zeuge ſie an ſeiner Seite auf die Knie fallen. Sie ſagte auch zu Louiſen: ſie wolle für Bergami's Vater Meſſe leſen laſſen.(Dies ein ſchlau berechneter und gefährlicher Angriff auf die Re⸗ vutation der Prinzeſſin vor dem proteſtantiſchen England!) Louiſe Demont's Ausſagen waren ſo gravirender Art, daß begreiflicherweiſe den Vertheidigern alles darauf an⸗ kam, ihre Glaubwürdigkeit in den Augen der Richter zu ſchwächen. Sie wurde deshalb in ein anhaltendes Feuer von Kreuzfragen, ſowol von den Advocaten, als von den Richtern genommen, deſſen Tendenz uns aber ſchwer verſtändlich iſt, da die Fragen ſich auf eine Menge Ne⸗ benumſtände beziehen, die damals bekannt, heute ver⸗ geſſen, wenigſtens in den Notaten über den Proceß nicht mit aufgenommen ſind. So viel man daraus erſieht, galt es darzuthun, daß ſie von der Prinzeſſin wegen unan⸗ gemeſſenen Betragens ſchon früher entlaſſen worden, daß ſie durch gewiſſe Briefe das Vertrauen ihrer Herrin verrathen, und durch Verſprechungen und Beſtechungen zum Zeugniß gegen dieſelbe bewogen worden. C warn ſagte ſo viel ttelten mon evoir, Pe⸗ ſen. onntag laſſen. die ka⸗ ſtiner ouiſen: Die die Rr und! äönigin Karoline von England. 201 Sie war offenbar ſchon früh als Zeugin von dem Comité, welches Materialien zum Proceß einſammelte, deſignirt, vielleicht auch bearbeitet worden. Als Mit⸗ telsperſon wird dabei Baron Ompteda genannt. In Mailand war ſie vom Rath Vimercati und drei andern Herren vernommen worden, und nach England in Be⸗ gleitung des Herrn Sacchi, eines Freundes, und des Boten oder Abgeſandten Krauſe, ſchon vor 13 Monaten gekommen. Sie verſtand ein wenig Engliſch, konnte es aber nicht ſprechen. Es ſcheint aus Vorſicht, daß ſie, in England angekom⸗ men, den Namen Columbier annahm, nach ihrem Ge⸗ burtsorte. Sie ward auch wol hier Gräfin Columbier genannt, proteſtirte aber, daß ſie ſelbſt ſich dieſen Titel beigelegt. Beſonders dringend ward ſie von einem der Vertheidiger darnach befragt, wo in Neapel die Diener Sir William Gells und Mſtr. Craven geſchlafen hätten? Sie konnte dieſen Umſtand ebenſo wenig angeben, als den Zeitpunkt: wann Bergami unangekleidet daſelbſt nach dem Zimmer der Prinzeſſin gekommen, und ſie erſchrocken ſich daraus entfernt hätte?— Die Prinzeſſin hatte bei der Rückreiſe von Tunis einen jüdiſchen Harfenſpieler mit aufs Schiff genommen. Man wollte von der Zeu⸗ gin durchaus wiſſen, wo dieſer Harfeniſt geſchlafen habe, während er auf dem Schiffe war, ohne daß ſie es mit Beſtimmtheit angeben konnte. Die Zeugin war im November 1817 von der Prin— zeſſin entlaſſen worden, weil ſie etwas geſagt, was nicht wahr ſei. Später ergibt ſich, daß dies zweier Briefe wegen geſchehen, welche Louiſe Demont in Peſaro ge— ſchrieben und auf die Poſt gegeben. Im erſten dieſer Briefe hatte ſie geſagt, daß die Prinzeſſin den Herrn Sacchi liebe. Am folgenden Tage ſah ſie dieſen Brief 0* ₰ —————— — S— — — — —— ——.—— 202 Konigin Karoline von England. in der Hand der Prinzeſſin. Die Prinzeſſin verſtand den Ausdruck„liebe“ falſch, als deute er auf eine un⸗ ſchickliche Neigung und Leidenſchaft. Luuiſe rechtfertigte ſich. Als ſie aber am folgenden Tage einen zweiten Brief auf die Poſt gegeben, ward ſie entlaſſen, ohne daß es, nach ihrer Angabe, zu einer Erklärung deshalb gekommen wäre. Nach ihrer Entlaſſung ging ſie nicht wieder in Dienſte, weil ſie in der Schweiz einen Grundbeſitz hatte, von deſſen Einkünften ſie leben konnte. Ihr Stiefvater be⸗ wirthſchaftete denſelben. Erſt ein Jahr, nachdem ſie die Prinzeſſin verlaſſen, will ſie angegangen ſein, ſich zu einer Zeugenausſage gegen dieſelbe anzuſchicken; nicht, wie man behauptet, gleich nach ihrer Entlaſſung. Aller⸗ dings hatte ſie, bald nach derſelben, an ihre Schwe⸗ ſter geſchrieben, ein Brief, in welchem ſolche An⸗ ſpielungen vorkommen, man müſſe aber dieſen Brief falſch verſtanden haben. Sie wollte nichts davon ge⸗ wußt haben, daß die Prinzeſſin mit Spionen umgeben ſei. Den Baron Ompteda hatte ſie nur ein Mal in der Villa Villani geſprochen, wußte aber, daß er mehre Male bei der Prinzeſſin zum Beſuch geweſen. Schon damals, erinnerte ſie ſich, habe letztere über ihn geklagt. Auf Brougham's Antrag wurden nun verſchiedene Briefe vorgeleſen, deren Inhalt man uns nicht mitge⸗ theilt hat, deren Autorſchaft die Zeugin in unſicherer Art und Weiſe ableugnet, die aber wahrſcheinlich zum Beweiſe dienen ſollen, daß ſie ſchon früher ſich damit beſchäftigt, die Prinzeſſin anzuſchwärzen. In einem dieſer Briefe ſcheint eine Art Journal von der ganzen Zeit ihres Aufenthaltes bei der Prinzeſſin enthalten ge⸗ weſen zu ſein.— Ein anderer Brief war an ſie ge⸗ richtet, und ſcheint Anträge und Verſprechungen ent⸗ ſtand e un— rtigte veiten ohne öhalb ienſte, von r be⸗ ie die ch zu nicht, Mer⸗ zinr In⸗ Brief n ge igeben in der Male gmalẽ, hiedene mithe⸗ ſcherel zum dami einen ganjl ten 9 Uönigin Karoline von England. 203 halten zu haben, z. B. eine Anſtellung als Gouvernante für ſie in London. Es mag ſchon früher zu Befürchtungen von der an⸗ dern Seite hinſichts ihrer Perſon gekommen ſein. So hatte Bergami ihr einſt(nach der Entlaſſung?) geſagt: die Prinzeſſin wäre aufs heftigſte aufgebracht und würde auch ihre Schweſter ihretwegen noch entlaſſen. Dieſe ihre viel jüngere Schweſter, Mariette, diente noch wäh⸗ rend des Proceſſes bei der Königin. Es kam aber noch zum Vergleich. Mariette ward inſtruirt, wenn ſie an ihre Schweſter ſchreibe, der Prinzeſſin auf ſchmeichelhafte Weiſe zu erwähnen. Dennoch deutete ſie in ihren ei⸗ genen Briefen an, daß ſie nach England gehe und wol als Zeugin dort vorgeladen werden könne, aber durch gewiſſe Ausdrücke im Briefe habe ſie die Prinzeſſin nur darüber beruhigen wollen, daß ſie ſich durch Geld zu keinem Zeugniß werde bewegen laſſen.— In einem dieſer Briefe hieß es: ſie brauche Geld. Sie legte es dahin aus: zu jener Zeit habe ſie vielleicht kein Geld gehabt, damit aber gemeint, daß ſie von ihrem Stiefvater oder Vormund ſolches beziehen müßte. Ihr habe Niemand Geld weder gegeben noch geliehen.(2) Die Anſicht der Vertheidiger war, daß Louiſe De⸗ mont, als ſie die Dienſte der Prinzeſſin verließ, ein doppeltes Spiel geſpielt. Sie ging zuerſt zu ihrer Mutter, dann nach London, in der Ausſicht auf bedeu⸗ tenden Lohn, wenn ſie das Zeugniß über ihre ehemalige Herrin, die Prinzeſſin, ablege, welches man von ihr wünſchte. Zugleich wünſchte ſie aber auch, daß ihre jün⸗ gere Schweſter bei der Prinzeſſin in Dienſt bleibe, weil aus beſondern Gründen für dieſelbe in ihrem älterlichen Hauſe kein paſſender Aufenthalt war. In dem Briefe, welchen ſie an ihre Schweſter ſchrieb, empfahl ſie ihr 204 Eönigin Karoline von England. daher ſich gut gegen die Prinzeſſin zu nehmen, ſtellte aber zugleich die Ausſicht in den Hintergrund, daß es auch im entgegengeſetzten Falle ihr nicht fehlen würde.— Die Antworten der Zeugin auf dieſe Unterſtellungen ſind ausweichender, ſchwankender Art, und es genügt für uns, wenn wir aus denſelben ſchließen, daß ſie kein ganz reines Gewiſſen in dem Punkte hatte. Von einem höhern Geſichtspunkt aus betrachtet, erſchien übrigens die Unterſuchung darüber, ob die gegen die Königin auftre⸗ tenden Zeugen kein Geld empfangen hatten, wie eine Komödie. Wer konnte es anders glauben, und wer wußte es nicht, daß alle dieſe Perſonen, aus fernen Lan⸗ den und zum Theil aus ſehr untergeordneten Verhält⸗ niſſen nur durch Geldmittel zu der koſtſpieligen Reiſe nach und dem koſtſpieligen Aufenthalt in London konnten bewogen ſein. Auch eine Entſchädigung gebührte ihnen für die Losreißung von ihren Geſchäften, für die Ge⸗ fahren, denen ſie der Volkswuth gegenüber ausgeſetzt waren. Wo nun dieſe Entſchädigung das Maß uber⸗ ſtieg und in eine Beſtechung überging, war ein ſchwer zu entſcheidender Punkt. Hier drehte ſich alſo Alles um den Schein. Die Zeugen mußten den Schein der Unterſtützung ableugnen, und an der Vertheidigung war es, dieſen Schein herauszuheben. Daß Louiſe Demont nicht allein unterſtützt worden, ſondern der beſtimmten Ausſicht, und ſchon früh geweſen, durch ihre geheimen Wiſſenſchaften vom Lebenswandel der Prinzeſſin Vor⸗ theile ziehen zu können, wenn es zu einem Aeußerſten komme, geht nicht aus den Documenten, welche uns nicht vorliegen, aber aus ihren unſichern Antworten hervor. Sie konnte auf die ſcharfen Fragen des Mar⸗ quis von Buckingham nicht in Abrede ſtellen, daß ſie das Verſprechen einer ſehr vortheilhaften Anſtellung als Gon ſtän noe iellte ß es ſind für kein inem die ftre⸗ eine wet Lan⸗ hält⸗ Reiſt mten hnen Ge⸗ eſetzt ber⸗ hwer Alles det war mont mten imen rſten unb orten V ſi Königin Karoline von England. 205 Gouvernante in England erhalten, denn ſie hatte es ge⸗ ſtändlich an ihre Schweſter geſchrieben, aber ſie hatte noch viel mehr in dem Briefe geſchrieben und ange⸗ deutet. Alles das wollte ſie indeß nur als reine Fictio⸗ nen gelten laſſen,„um die Schweſter in den Beßtz ihrer cigenen Anſichten betreffend dieſe Schweſter zw ſetzen.“ Wenn ſie von der„Capitale Europas“ in dieſem Briefe geſprochen, ſo habe ſie damit noch nicht nothwendiger⸗ weiſe London gemeint, ſondern, da ſie immer„à dou- ble entendre“ geſchrieben, habe ſie damit auch die Hauptſtadt ihres Ländchens, Lauſanne, meinen können, wo ihr ſolche Ausſichten blühten; ſie könne ſich deſſen nach ſo langer Zeit nicht mehr entſinnen. Möglich nun, daß ſie, wo ſie wußte, daß ihre Briefe von der Prin⸗ zeſſin eröffnet und geleſen würden, derſelben damit zu Gunſten ihrer Schweſter drohen wollen; es bleibt aber mehr Wahrſcheinlichkeit, daß ſie die jetzt eingetretene Eventualität vorausſah. Sie ſchrieb in Zeichen und Ausdrücken, die einen andern Sinn hatten, was alles mit der Schweſter im voraus verabredet warz konnte ſich aber beim Verhör der Zeichen und Ausdrücke nicht mehr entſinnen. Sie wollte eine große Zuneigung zur Prin⸗ zeſſin immer gehabt haben, bis ſie gehört, daß Ihro kö⸗ nigliche Hoheit verſchiedenes ihr nachgeredet, und daß dieſes und jenes über ſie im Hauſe geſprochen worden. Sonſt hätte ſie die Prinzeſſin nur loben können wegen deren vortrefflichen Eigenſchaften, namentlich ihrer Ge⸗ duld und Güte. In den allgemeinen Berichten aus jener Zeit über den Proceß wird angegeben, daß dieſe Zeugin ſich in Widerſprüche im Kreuzverhör verwickelt. Dies iſt jetzt nicht mehr zu überſehen. Wer über Einzelumſtände ſol⸗ cher längſt vergangenen Dinge auszuſagen hat, kann mit 206 Rönigin Karoline von England. beſter Ueberzeugung ſich irren und widerſprechen, ohne daß um deswillen an ſeiner Wahrhaftigkeit gezweifelt werden müßte. Auch ward nach Dingen gefragt, die ſeitwärts liegen, von denen wenigſtens die Actenſtücke nichts beſagen, man ſpielte vielleicht auf andere Myſte⸗ rien an, welche die Klage nicht berührt hatte, weil ſie ſich nur an das eine Verhältniß, der Prinzeſſin zu Ber⸗ gami, halten wollte.— Der Eindruck bleibt jedoch der, daß Louiſe Demont mit manchen Dingen hinter dem 3 Berge hielt, während ſie andere mit der größten Um⸗ ſtändlichkeit und Rückſichtsloſigkeit ausplauderte, und daß es mit ihrem eigenen Gewiſſen, hinſichts der In⸗ X triguen oder der Abſichtlichkeit, mit der ſie gegen ihre ehemalige Herrin und in Verſchweigung der Umſtände, S welche ſie zum Zeugenausſagen bewogen, verfuhr, nicht be ganz rein beſchaffen war.— Ob dieſe Nebenumſtände ſe aber von einem Gewichte ſind, um die ſchlagenden That⸗ ie ſachen wieder auszuwiſchen, von denen ſie als Augen⸗ 6r zeugin in den dürrſten Worten Auskunft gab, iſt eine v andere Frage. Die Richter hatten nur nach ihrer mo⸗ raliſchen Ueberzeugung zu ſprechen. Die unerwartete Wendung des Proceſſes überhob ſie auch dieſer Pflicht. 6l ſ Giuſeppe Sacchi war im September 1816, als d die Prinzeſſin auf der Villa d'Eſte reſidirte, als Courier jn in deren Dienſte getreten, ſpäter ward er Stallmeiſter h und blieb ein Jahr durch in ihrem Dienſt. Er ward mehrmals mit Depeſchen an hohe Perſonen abgeſandt.* Als er einſt Briefe an die Herzogin von Parma und deren Antwort zurückgebracht, traf er die Prinzeſſin mit ⁵ Bergami an der Mittagstafel ſitzend. Während die* Prinzeſſin ihn mündlich ausfragte, ergriff Bergami die u , Ohn czweifil t, die tenſtůdt Myſte weil ſi zu Ber⸗ och der, ter den en Um⸗ te, und der In gen ihr mfünde r, nicht mſtände nThat⸗ Avgen iſt ein hret m⸗ erwartlll pflicht 6wuriet Umtiſt Fr war ma u eſſin m tend gam. Königin Karoline von England. 207 Depeſche, erbrach und las ſie, oder ſchien ſie zu leſen. Ein ander Mal, als er in der Nacht vom Gouverneur in Mailand Briefe überbrachte und, weil er ſie für eilig hielt, in Bergami's Zimmer trat, fand er das Bette leer, aus einem entfernten Nebenzimmer aber erſcholl eine Stimme: wer iſt da? Es war Bergami's Stimme, der auch bald darauf erſchien in einem Ueberwurf, wel⸗ cher jedoch erkennen ließ, daß er im Hemde war. Der Drt, aus dem er kam, war, wie Zeuge ſpäter inne ward, das Schlafzimmer der Prinzeſſin.— Dieſe nannte Ber⸗ gami nicht anders als: Mon ange!— Mon amour!— Mon coeur! Auf einer Reiſe nach Turin finden wir dieſelben Zimmerarrangements, die uns durch die andern Zeugen bekannt ſind; die Prinzeſſin und Bergami ändern, wenn ſie ankommen, die gemachten Anordnungen und quar⸗ tieren ſich ſelbſt neben einander, oder höchſtens, daß die Gräfin Oldi pro forma in ein Zwiſchenzimmer gelegt wird. Die Bälle in der Villa Barona wurden anfangs von allen Ständen beſucht. Die Freiheiten, welche die Leute der Prinzeſſin gegen die jungen Mädchen und Frauen aus den untern Ständen ſich herausnahmen, ſcheuchten aber die anſtändigeren Familien allmälig fort. Die Leute zogen die Mädchen nämlich ziemlich unver⸗ holen aus dem Ballſaal in den dunkeln Garten und die Prinzeſſin hatte keine Einwendungen dagegen. Eines Tages berieth die Prinzeſſin mit Sacchi, wie man wol die jungen Mädchen in ihrem Dienſte anklei⸗ den ſolle? Sie fragte ihn: ob er glaube, daß ſie noch Jungfern wären. Sacchi antwortete: ſo weit er wiſſe, glaube er es.—„Nein, erwiderte Karoline, Ihr ſeid ein Schelm, ein Lügner, Ihr ſeid ſelbſt mit dreien von 208 Königin Karoline von England. ihnen zu Bett gegangen. Ich weiß recht gut, wie lange Ihr es ſchon mit ihnen treibt.“ Bergami, der zugegen war, rief:„Das iſt wahr! Das iſt wahr!“— Er lachte laut auf, und als Sacchi ſich entſchuldigen wollte, wollte ihn Bergami nicht zu Worte kommen laſſen, im⸗ mer wiederholend:„Es iſt ſo, es iſt ſo.“ Die Prinzeſſin war bei den Bällen zugegen, tanzte aber nicht ſelbſt. Sie zeigte indeſſen bald auf dies, bald auf jenes Mädchen und meinte, die Bevölkerung der Barona werde ſich vermehren. In Deutſchland ward ein kleines Carriol gekauft, in welchem bei ſchönem Wetter Bergami die Prinzeſſin kutſchirte. Einſt fuhren beide wie der Wind den An⸗ dern voraus; als Sacchi ſie einholte, fand er ſie beide in der Stube des Wirthshauſes auf einem Bette halb ſitzend, halb liegend, mit dem Rücken gegen die Mauer; aber ſie waren anſtändig gekleidet. Als die Prinzeſſin München verließ, ſagte ſie ihrem Courier und Stallmeiſter, wenn er Quartier mache, ſei das erſte, wornach er im Wirthshaus fragen müſſe, ob auch Engländer da wohnten, und weß Standes ſie wä⸗ ren, und wären ſie von Range, ſo müſſe er ſich nach einem andern Wirthshaus umſehen. Da die Prinzeſſin und Bergami überall in den Zimmern Aenderungen vor⸗ nahmen, überließ et die Arrangements deshalb ihnen endlich ganz und gar. Vielfache uns bekannte Scenen in den Wirthshäu⸗ ſern Deutſchlands und Italiens. Wenn die Prinzeſſin ſich übel befand, wärmten die Oldi und Bergami Stür⸗ zen und Kleider und brachten ſie ihr; wenn Bergami trant im Bette lag, brachte ihm die Prinzeſſin Kiſſen und legte ſie auf das Sofa, das in der Stube ſtand. Beim Aufenthalt in der Villa Brandi ſah er mehr⸗ ma an m zu be Ei abe Lor unt drl in we zej jeſ ſie un e lange zugegn — Er wollte, en, im⸗ tanzte s, bald ng der uft, in inzeſſn en Wr ſe beide te halb Muuer; ihrem che, ſe üſſe, ot ſe we ich nach rinzeſfi en v b ihnen Königin Karoline von England. 209 mals, wenn die Julihitze ihn nicht ſchlafen ließ und er ans Fenſter trat, auch Bergami aufſtehen und ins Zim⸗ mer der Prinzeſſin gehen, aus dem er dann nicht mehr zurückkam. Dort ſtanden auch zwei Büſten von derſel⸗ ben Größe, die der Prinzeſſin und Bergami's. Sacchi iſt der Hauptzeuge über einen der ſkandalö⸗ ſeſten Momente in dieſem Proceß, über den die Ankla⸗ geacte merkwürdigerweiſe hinweggeht. Wollte man die Lords mit dieſer Ausſage überraſchen?— Es war ein ſehr heißer Sommer, als ſie von Sinigaglia nach Rom reiſten; es geſchah immer des Nachts. Bergami und die Prinzeſſin fuhren in der Kaleſche, Sacchi ritt neben her. Morgens pflegte der Reiter die Gardine des Wa⸗ gens zurückzuziehen, um Ordres einzuholen, und ſah dann gewöhnlich Hand in Hand die Liebenden ſitzen. Eines Morgens fand er beide eingeſchlafen, beider Hände aber nicht in jener unſchuldigen Berührung. Wo die Hand eines jeden von beiden ſich befand, wird vor den Lords von Sacchi mit dürren Worten ausgeſprochen und ſteht in den Rapports mit dürren Worten abge⸗ druckt, es dürfte aber nicht nöthig ſein, die Worte auch in dürres Deutſch zu überſetzen. Er wird ſie nicht er⸗ weckt haben. Ein anderes Mal ſah er, wie die Prin⸗ zeſſin Bergami's Nacken abküßte. Als Bergami zwei Tage von Peſaro entfernt geweſen, kam ihm die Prin⸗ zeſſin voll Ungeduld entgegen. Als beide ſich trafen, ſtiegen beide aus den Wagen, umarmten, küßten ſich und ſetzten ſich dann mit einander in einen Wagen. Gegen Sacchi wurden dieſelben Ausſtellungen ge⸗ macht, wie gegen Louiſe Demont, und ähnliche Zweifel hinſichts ſeiner Aufrichtigkeit und Lauterkeit. Schon im November 1818 war er vernommen worden; dann in Mailand von der Commiſſion unter Vimercati, Powell, 210 Königin Karoline von England. Cooke und Browne. Auch er ſcheint, um ſeine Zeugeneigenſchaft zu verbergen, unter einem andern Namen, als ein Graf Milani, nach England gekom⸗ men zu ſein. Auch er will ein wohlhabender Mann geweſen ſein, der von dem Seinen ganz gut habe le⸗ ben können,— alſo um deshalb unempfänglich gegen Beſtechung! Schärfer von den Lords inquirirt, ſah er ſich genö⸗ thigt, manches, was er vorhin abgeleugnet, einzu⸗ räumen. Er hatte ſich den Namen Milani bei ſeiner Ankunſt in England gegeben; aber nur wegen des Tumultes, der damals ſtattgefunden, aus Anlaß der Erbitterung des Volkes gegen die Zeugen, welche gegen die Königin ci⸗ tirt würden.— Er hatte ſeine Dienſte der ſchweizer Regierung angeboten, aber man hatte ihm nur einen Sergeantenpoſten geben wollen, den er abgelehnt— Doch wollte er von Niemand ein Geldverſprechen erhalten ha⸗ ben, auch habe ihm Niemand abgerathen, ſein Zeugniß abzulegen. Nur hatte Brougham durch den Banquier Marietti in Mailand von ihm eine Liſte der Zeugen zu erlangen gewünſcht, welche im Proceß gegen die Königin auftreten würden. Er hatte ſie verweigert, weil er ſie nicht kenne. Doch wäre ihm auch von Marietti kein Geld angeboten worden.— Bei den Bällen in der Ba⸗ rona ſpielte die Prinzeſſin gewöhnlich in ihrem beſondern Zimmer und kam nur minutenweis zu den Tänzern heraus. Sie war aber nicht zugegen, wenn ihre Leute die jungen Mädchen und Frauen in den Garten ſchleppten. Auch die anſtößige Wagenſcene ward noch umſtänd⸗ licher detaillirt, und der Zeuge ließ es in Zweifel, ob nicht der Wagen ſo gebaut geweſen, daß die Inſitzenden ſich Gr ſiin ander gekon⸗ Mann abe le⸗ gegen geni⸗ einzle lnkunſt es, der igin c⸗ chweizel r einen Doch ten he⸗ Zeuguiß anclie ugen ſ Königin il uſt tti kein der Bl eſondern Linzer le Au Garte mſtn ſitzen Königin Karoline von England. 211 ſich auch lang ausſtrecken können, ja ob nicht auch die Gräfin Oldi vielleicht mit zugegen geweſen ſei. Am 7. September mußte der erſt vernommene Zeuge Majocchi noch einmal die Kreuzfragen aushalten. Sie betrafen aber nur die Bezahlung, die er erhalten, und die mancherlei Winke, die ihm möglicher- oder wahr⸗ ſcheinlicherweiſe bezüglich deſſen gegeben wären, was er vor Gericht ausſagen ſollte. Begreiflicherweiſe war er ſchon bei ſeiner Ankunft unter Italiener gekommen, hier fand ſich immer Einer, der als Lohnlaquai freiwillig ihn durch London führte, die Dinge erklärte, der ihn auch mehrmals in ein großes Haus mit griechiſchen Säulen (Carltonhaus, der königliche Palaſt) brachte, wo ein Gentleman, Herr Powell, ſich mit ihm unterhielt. Er räumte ein, zur Reiſe etwa 80 Stück Napoleons erhal⸗ ten zu haben, er habe als Courier reiſen, hätte aber über das Geld Rechenſchaft ſchon in Wien ablegen müſſen. Nach unſerer Anſicht verdächtigte ſich Majocchi weniger durch dieſe Antworten, als es Louiſe Demont gethan. Nur war ein Brief merkwürdig, den er durch ſeinen Hauswirth an eine Miſtris Blackwell ſchreiben laſſen, worin es heißt: er, der Zeuge, ſei nun in einer guten Lagez er gehe nach Wien und ſchließe damit, daß er ihrer Familie ſeinen ganzen Reſpect ſende und den Ausdruck ſeiner wärmſten Gefühle für die ganze Familie.— Als Brougham ihn fragte: ob er vielleicht Mrs. Blackwell heirathen wolle? antwortete er: er möchte wol Miſtris Blackwell und Miſtris Hughes und alle Frauen aus der ganzen Familie heirathen! 212 Königin Karoline von England. Am 3. October ſing Henry Broughem ſeine Ver⸗ theidigungsrede an, die durch zwei Tage dauerte und die für ein Meiſterſtück ſeiner Beredtſamkeit galt. Auch von ihr ſind nur Bruchſtücke in die gerichtlichen Ver⸗ handlungen aufgenommen. Der Hauptmoment der gan⸗ zen Vertheidigung war, das Verhältniß zu Bergami als ein edles darzuſtellen und die Glaubwürdigkeit der Zeu⸗ gen anzugreifen. Er ſchloß einen Abſchnitt mit der Be⸗ merkung: daß, wo das Betragen der Königin ſo ſcharf unterſucht worden, und wo es wichtig ſei zu zeigen, daß da, wo keine Schuld vorhanden, auch keine Unſchicklich⸗ keit zu rügen wäre, es für ihn nöthig geworden, ſo viel über Bergami's Perſönlichkeit und Umſtände zu ſagen. Wenn die Königin Geſellſchaft geſucht, tief unter ihrer Stellung, wenn ihr bewieſen worden, daß ſie ſich eine ſonſt ſchuldloſe Unſchicklichkeit zu Schulden kommen laſſen, ſo würde er doch noch immer bei ſeiner Vertheidigung auf gutem Grunde fußen; aber er habe gar keinen Grund, ſich auf dieſen Grund zu ſtellen: Schuld ſei nicht vorhanden;— Leichtſinn ſei nicht vorhanden;— Un⸗ ſchicklichkeit ſei nicht vorhanden. Und wäre von der letz⸗ teren etwa dageweſen, ſo hätte er an ihr früheres Le⸗ ben appelliren können, als ſie noch des Schutzes des vo⸗ rigen Königs ſich erfreut. In ſeiner Hand halte er ein Zeugniß dieſes geliebten Fürſten, welches von Niemand geleſen werden könne ohne das tiefſte Gefühl für ſeine Bedeutung, und den tiefſten Kummer, daß der, welcher es geſchrieben, nicht mehr am Leben ſei.„Die edle Ein⸗ fachheit und der verſtändige, männliche Sinn des Brie⸗ fes iſt von einer Art, daß ich mich nicht enthalten kann, ihn hier zu leſen,“ rief Brougham. Er iſt vom Jahre 1804— e Ve te und Auch n Ver⸗ et gan⸗ mi als er Zer der Be⸗ ſchuf n, daß hicklich ſo viel ſigen er ihrer ſih ein laſſen, idigung keinen ſi nich — Un der lt etes 2 des v te er i Nimn für ſein welcht enthal“ iſt vo Königin Karoline von England. 213 „Windſor-Caſtle Nov. 13, 1814. „Meine theuerſte Schwiegertochter und Nichte!— Geſtern hatte ich und die übrige Familie eine Zuſam⸗ menkunft mit dem Prinzen von Wales in Kew. Von allen Seiten trug man Sorge, alle Gegenſtände zu vermei⸗ den, die zu Streit und Erörterungen hätten führen können; die Unterhaltung war daher weder belehrend noch unter⸗ haltend. Der Prinz von Wales iſt nun in einer Lage, um zu zeigen, ob ſein Verlangen, wieder in den Schooß ſeiner Familie zurückzukehren, nur Gerede iſt oder Wahr⸗ heit, was die Zeit allein lehren wird. Ich bin nicht müde in meinen Bemühungen, allerlei Verſuche zu ma⸗ chen, die mich befähigen, einen Plan zum Vortheil des theuern Kindes mitzutheilen, das Sie und mich mit ſo vielem Rechte intereſſiren muß; und da dies ja zuwege brächte, daß ich mehr mit Ihnen zuſammen leben könnte, ſo wäre das kein geringer Antrieb für mich, Projecte zu dem Zwecke zu formiren. Aber Sie können ſich darauf verlaſſen, daß ich darauf nicht eher fuße, ehe ich nicht Ihre ganze und herzliche Beiſtimmung habe, denn Ihre Autorität als Mutter, die muß ich vor Allem unter⸗ ſtützen.— Glauben Sie und trauen Sie mir zu allen Zeiten, meine theuerſte Schwiegertochter und Nichte, Ih⸗ rem zärtlichen Schwiegervater und Oheim George R.“ „Dieſe Meinung, Mylords, fuhr Brougham fort, hatte dieſer gute Mann, der in allem Menſchlichen nicht unerfahren, über Charaktere ein trefflicher Richter war, über ſeine nahe und geliebte Verwandte ſich gebildet, und darnach handelte er in treuer Sorgfalt und Liebe für ſeine Enkelin und die Erbin ſeiner Krone. „Ich will Eure Herrlichkeiten nun noch einen Brief vorleſen, den ſein erlauchter Nachfolger ſchrieb, zwar 214 Königin Karoline von England. nicht im Tone derſelben fürſorgenden Liebe— noch im Tone derſelben Achtung—, aber einer, der doch gar nicht von Mangel an Zutrauen Kunde gibt, noch we⸗ niger vom Verlangen, über das Betragen ſeiner könig⸗ lichen Gemahlin ſcharf zu mäkeln.“ „Windſor⸗Caſtle April 30, 1796. „Madame! „Da Lord Cholmondely mich in Kenntniß ſetzt, Sie wünſchten, ich möchte ſchriftlich die Bedingungen auf⸗ ſetzen, unter denen wir mit einander leben dürften, ſo will ich verſuchen, mich darüber ſo klar auszudrücken und ſo angemeſſen, als die Natur des Gegenſtandes es erlaubt. Unſere Reigungen ſind nicht in unſerer Ge⸗ walt; noch ſollte Einer von uns dem Andern verant⸗ wortlich ſein, weil die Natur uns nun einmal nicht ſo gemacht, daß Einer den Wünſchen des Andern entſpricht. Aber ruhige und verträgliche Geſelligkeit iſt in unſerer Macht. Möge unſer Umgang deshalb darauf beſchränkt bleiben, und ich will demnächſt alle Bedingungen unter⸗ ſchreiben, welche Sie mir durch Lady Cholmondely wollen zuſtellen laſſen, und ſelbſt wenn meiner Tochter, was die Vorſehung in ihrer Gnade verhüten wolle, ein Unfall zuſtieße, ſo will ich dieſe Bedingungen inne hal⸗ ten und zu keiner Zeit eine nähere Verbindung ſuchen. Ich will jetzt dieſe unangenehme Correſpondenz ſchließen, im Vertrauen, daß wie wir uns jetzt vollſtändig gegen einander erklärt haben, der Reſt unſeres Lebens in un⸗ getrübter Ruhe verlaufen werde. Ich bin, Madame, mit der größten Aufrichtigkeit Ihr treu ergebenſter George P.“ „Mylords, ich nenne dies nicht, wie man es da⸗ mals nannte, einen Emancipationsbrief(Ietter of li- mit Ge dan ben we ter ein M zer Ab geſ luf M kaſ liſ ſin noch in och we t könig 706. tzt, Sie en auf⸗ ſten, ſo drücken des e ret Ge⸗ verant⸗ nicht ſ nſpricht. unſerer ſchränkt n unttt mondel Tochter le, en nne ho ſich ſhiehen ig ge9e in un Koönigin Karoline von England. 215 cence)— dieſen Namen legten ihm bei einer frühern Gelegenheit Diejenigen bei, welche, unglücklicherweiſe für die Königin, jetzt nicht mehr exiſtiren—, aber ich halte es für ein Sendſchreiben von einer Art, daß man ſich doch wundern müßte, wenn die Perſon, welche es em⸗ pfing, jemals nachher— und noch wunderbarer, wo die Perſonen nach Verlauf ſo vieler Jahre weit älter ge⸗ worden— wegen ihrer Aufführung zur Rechenſchaft ge⸗ zogen werden ſollte und zwar in einer ſo unermüdlichen, rückſichtsloſen, durchhechelnden Weiſe. „So ſtehen die Dinge vor Ihnen, Mylords! So ſteht es mit den Beweiſen, um die Maßregel zu recht⸗ fertigen— ungenügend, um eine Schuld zu beweiſen— zu ſchwach, um ein bürgerliches Recht zu entziehen— zu lächerlich, um wegen des geringſten Vergehens zu überführen— ehrenrührig und ärgernißvoll, wenn da⸗ mit eine Anſchuldigung der ſchwerſten Art, die das Geſetz kennt, durchgeführt werden ſoll— monſtrös, um damit die Ehre einer britiſchen Königin zu untergra⸗ ben!— Was ſoll ich ſagen, wenn es ſich ſo verhält, wenn dies der Beweis iſt, durch welchen ein Act rich⸗ terlicher Legislation, ein ex post facto-Geſetz gegen eine vertheidigungsloſe Frau durchgeſetzt werden ſoll? Mylords, ich bitte Eure Herrlichkeiten inne zu halten. Sie ſtehen am Rande eines Abgrundes. Ihr Urtheil zerfällt in ſich, wenn es gegen die Königin gerichtet iſt. Aber es wird das einzige Urtheil ſein, was Sie je aus⸗ geſprochen, was ſeinen Gegenſtand nicht trifft, ſondern auf die zurückfällt, welche es gefunden. Bewahren Sie, Mylords, das Vaterland vor den Schrecken dieſer Ka⸗ taſtrophe— retten Sie ſich ſelbſt vor dieſer Lage, er⸗ öſen, befreien Sie das Vaterland, deſſen Schmuck Sie ſnd, aber in welchem Sie nicht länger blühen könnten, 216 äonigin Karoline von England. wenn getrennt vom Volke, als die Blüte, wenn ſie von der Wurzel, der Zweig vom Stamme abgeſchnitten iſt. Retten Sie das Vaterland, damit Sie fortfahren kön⸗ nen, es zu zieren— retten Sie die Krone, die in ſchlim⸗ mer Fährlichkeit iſt— die Ariſtokratie, die tief erſchüt⸗ tert iſt— den Altar ſelbſt, der nicht mehr feſt ſteht, wenn der Thron, mit dem er ſo nah verbunden, unter den Stößen wankt. Sie haben es ausgeſprochen, My⸗ lords, Sie haben darein gewilligt— die Kirche und der König haben darein gewilligt— daß die Königin ausge⸗ ſchloſſen ſei aus ihrem feierlichen Dienſte. Aber, ſtatt dieſer Feierlichkeit hat ſie die aus tiefſter Bruſt tönenden Gebete des Volkes für ſich. Sie bedarf meiner Gebete nicht.— Aber hier ſtoße ich aus meine flehenden Bitten vor dem Throne der Gnade, daß dieſe Gnade nieder⸗ ſtrömen möge auf das Volk, und in reicherem Maße, als das Verdienſt ſeiner Regierer es verdient, und daß Eure Herzen zur Gerechtigkeit ſich wenden mögen.“ Von der Rede des zweiten Vertheidigers, Williams, iſt uns nichts aufbewahrt. Man ſchritt darauf zur Vernehmung der Entlaſtungs⸗ zeugen. Earl Guilford hatte mit mehren andern vorneh⸗ men Engländern die Königin im März 1815 in Neapel, ſpäter in Como und in den Villen am See geſehen und beſucht. Bergami, der in Neapel noch Courier geweſen, ſpeiſte in Mailand und Como mit an der Tafel und ruderte die Prinzeſſin in einem kleinen Boote auf dem See; aber der Zeuge ſah nie eine unſchickliche Familia⸗ rität zwiſchen Bergami und der Prinzeſſin. Auch wa⸗ ren die Sitten der Gräfin Oldi gar nicht anſtößig. Ihr ſie w itten iſ ren kön n ſchlim⸗ erſchüt ſt ſieht n, unter n, ⸗ und der ausge et, ſtatt tönendel Gebele n Bitte e niede Maße und daß m“ Lilliam laſunhi vorne Neupl Nuh ehen Uh weſi gel oftl auf de ʒenil Auch ößig⸗ Konigin Karoline von England. 217 Benehmen war anſtändig und nicht vulgair. Die Gräfin ſchien ihm freilich nicht ſehr faſhionable oder gebildet, aber er hatte keinen beſondern Unterſchied zwiſchen ihr und andern italieniſchen Damen bemerkt. Die Königin ſaß an der Tafel zwiſchen Bergami und dem Zeugen. Bergami empfing keine beſondern Zeichen der Aufmerk⸗ ſamkeit von Seiten der Fürſtin, wohingegen ſie gegen Lord Guilford ſehr zuvorkommend war. Karoline ſtellte Bergami mit den Worten vor: Voici Monsieur Ber- gami. Bergami's Weſen hatte nichts Auffälliges, und er benahm ſich ſehr reſpectvoll gegen die Fürſtin. Ob er an Bildung ſeinen frühern Stand überragte, getraute ſich der Zeuge nicht zu beurtheilen. Lord Glennervie gab Nachricht von dem anſtän⸗ digen Benehmen der Prinzeſſin in Genna(vom März bis Mai 1815), wie er weder bei Tafel, noch ſonſt Ver⸗ traulichkeiten zwiſchen ihr und Bergami beobachtet, wel⸗ cher damals noch hinter ihrem Stuhle aufwartete. An ihrer Tafel ſah ſie die vornehmſten engliſchen und ge⸗ nueſiſchen Familien, wie den bekannten Humaniſten Mar⸗ cheſe Carlo Negri. Lady Charlotte Lindſay hatte der Fürſtin in verſchiedenen Hofſtellungen von 1808 bis 1817 gedient. Sie gab eine ganze Liſte von vornehmen engliſchen Fami⸗ en, welche der Prinzeſſin in Neapel, Rom, Civita vecchia ufgewartet, und hatte Gelegenheit genug, der Königin Benehmen gegen Bergami und ſeines gegen dieſelbe zu Lobachten, und es war ganz in der Drdnung, wie eine berrin gegen ihren Diener ſich benimmt, und der Die⸗ le verpflichtet iſt, gegen die Herrin ſich zu benehmen. Sie ſah nie etwas Unanſtändiges, und am wenigſten bante das ſie veranlaßt haben, den Dienſt zu verlaſſen. Näher befragt, ergab ſich allerdings, daß die Zeugin XIV. 10 218 Königin Karoline von England. im Ganzen nur 24 Tage in Italien im wirklichen Dienſt der Prinzeſſin geweſen; ſie hatte aber den Dienſt auf die höchſt ungünſtigen Gerüchte, welche über das Leben der Prinzeſſin umgingen, verlaſſen, beſonders nach einem Schreiben, welches ſie von ihrem Bruder, dem Lord Guilford, erhalten. Das Benehmen der Königin ſei überhaupt gegen alle ihre Leute ſehr zutraulich geweſen, und gegen Bergami nicht mehr als gegen andere. Uebri⸗ gens ſeien die Sitten der Herrſchaften im Verhältniß zu ihren Dienern bei weitem freier als in England, und die Familiarität der Prinzeſſin gegen die Ihren habe im Ganzen die Familiarität nicht überſchritten, welche die Ausländer ihren Leuten zeigen. Der Earl von Landaff hatte die Prinzeſſin in Neapel ſowol als in Venedig beſucht und nichts Unan⸗ ſtändiges bemerkt, ſo daß er auch gar keinen Anſtand genommen, ſeine Frau zu ihr zu führen. Damen im Bett zu beſuchen, ſei für Herren in Italien etwas ganz Gewöhnliches, wie er denn das oft gethan.— Bergami war ihm unter der Dienerſchaft der Prinzeſſin wegen ſeines kräftigen Aeußern beſonders aufgefallen, aber auch er hatte nichts bemerkt, was dem Vaterlande der Prinzeſſin zur Schande gereichen können. Der honorable Herr Kappel Craven hatte die Prinzeſſin als Kammerherr nach Italien begleitet, ſe aber ſchon in Neapel in Folge früherer Engagements verlaſſen. Durch den öſterreichiſchen General in Mai⸗ land, General Bellegarde, oder unmittelbar durch den von ihm beſtellten Begleiter der Prinzeſſin während ih⸗ res Aufenthaltes in Mailand, den Marcheſe Ghiſiliari, war ihr Bergami dringend und als ein ſehr tüchtiger Diener empfohlen worden, deſſen achtbare Familie dem Marcheſe ſehr wohl bekannt wäre. — P N zu Pr e Ka übe drei Der Zeit nen En auf vor Um thi lich idie iö, nich ſihre kzeh en Dient ienſt au as Leben ach einen dem or nigin ſi geweſe e Ueh ältniß nd, un habe in wich d inzeſini hts Unon Nſtu amen was gul . Berge ſin wehe len,. rlande! hotte ngogen (min durch ihrend Giiſt tich mili Konigin Karoline von England. 219 Von den erſten Tagen in Neapel wußte Craven ſehr genau Auskunft zu geben. Den Tag nach der Ankunft der Prinzeſſin in Neapel beſuchten ſie König und Königinz ſie dinirte bei Hofe und blieb Abends zum Concert. Am fol⸗ genden Tage ging die Prinzeſſin in die Oper und blieb, bis ſie zu Ende war. Dies mußte aber ſehr ſpät ſein; denn die Oper ſchließt in der Regel ſchon ſpät in der Nacht, hatte aber jenes Abends ſpäter als gewöhnlich angefangen und war dann noch durch ein ſehr langwei⸗ liges Ballet hingehalten worden.(Karoline war in je⸗ ner Nacht, nach Louiſe Demont, früher als gewöhnlich zurückgekehrt und irritirt. Von jener Nacht datirt jene den Anfang des innigern Verhältniſſes zwiſchen der Prinzeſſin und Bergami; es kam alſo darauf an, dieſes Zeugniß anzugreifen.. Bei dem Maskenball, welchen Karoline in einem ihr von Murat zu dieſem Behuf überlaſſenen Hauſe am Strande gab, hatte ſie wirklich drei Maskenanzüge angelegt, und ſo wie Louiſe angab. Der ehrenwerthe Kappel Craven ſah ſie indeß zu kurze Zeit als Genius der Geſchichte, um beurtheilen zu kön⸗ nen, ob dieſer Anzug für eine künftige Königin von England unſchicklich ſei; er ſtellte auch die Vermuthung auf, daß ſſie dieſen Anzug unter dem türkiſchen ſchon vorher, oder nachher fortgetragen, dergeſtalt, daß der Umzug ein Ausziehen und Entblößen nicht geradezu nö⸗ thig gemacht habe. Craven hatte auch nichts Unſchick⸗ liches in Karolinens Benehmen gegen Bergami bemerkt; die Oldi hatte keine gemeine Sitten. Dagegen war er es, welcher der Prinzeſſin vorgeſtellt, daß es ſich wol nicht mehr ſchicken würde, den Knaben Auſtin noch in ihrem Zimmer ſchlafen zu laſſen, da derſelbe bereits das zchnte Jahr überſchritten habe. Durch einen Brief aus England war Craven unter⸗ 10* 220 äonigin Karolint von England. richtet worden, daß ein Spion die Schritte der Köni⸗ gin in Neapel beobachte. Da er einmal Karoline in dem Garten ſpazieren gehend und Bergami in ihrer Nähe geſehen, glaubte er Ihro königliche Hoheit war⸗ nen zu müſſen, weil man das falſch auslegen könne. Karoline entgegnete, ſie habe Bergami ſelbſt in den Garten geſchickt, daß er mit den dort beſchäftigten Ar⸗ beitern ſpreche. Er ſelbſt hatte zwar nur die Prinzeſſin und Bergami damals geſchen; da beide aber auf einer Terraſſe geſtanden, ſo ſei es ſehr möglich, daß hinter ihnen Arbeiter beſchäftigt geweſen, die er nicht habe ſe⸗ hen können. Auch habe er von Arbeitern reden gehört. Craven erklärte, wie ihm Sitten und Benehmen Bergami's als weit über denen eines gewöhnlichen Cou⸗ riers ſtehend vorgekommen. Namentlich hätten ſie nichts von dem Geſchmeidigen, Kriechenden und Servilen ge⸗ habt, welches im Allgemeinen die italieniſchen Die⸗ ner bezeichnet. Seit Craven ihn als Gentleman auf⸗ treten ſah, benahm er ſich auch als ſolcher. Auch bei dem Gartenſpaziergang war er durchaus der reſpectvolle Diener in der Nähe einer vornehmen Dame, und Cra⸗ ven's Winke bezogen ſich nicht allein auf ihn, ſondern auf alle übrigen Diener der Prinzeſſin, weil man nun einmal am Hofe in London die Dinge mit verdächti⸗ gen Augen angeſehen. Sir William Gell war eine Zeitlang der Kam⸗ merherr der Prinzeſſin geweſen, beſtätigte, was der vo⸗ rige Zeuge über Bergami's Anwerbung geſagt. In Flo⸗ renz mußte der bisherige Courier der Prinzeſſin entlaſſen werden. Marcheſe Ghiſiliari empfahl Bergami: er konnke nicht genug Lobes von ihm machen; ſeine Familie ſei durch die franzöſiſche Revolution heruntergekommen; für den Mann ſelbſt aber könne er einſtehen, indem er durch⸗ au üb de av ka he ſei Zu wh wel mel Zeu rat' 12 Co Lo hot der r Kön oline ir in ihre eit wer⸗ n könn in den gen A rinzeſſin uf eine ß hinte habe ſt n gehön zench chen Col ſie nicht vilen ge en Die nan au Auch echll und 6u ſonde man n vndich der Kan 6 der b In F uleſ et kon amili mm ne d Königin Karoline von England. 221 aus ehrlich, ehrenwerth und treu ſei. Eigentlich ſei er über den Dienſt, in den er eintreten ſolle; er hoffe in⸗ deß, daß, wenn er ſich gut benehme, woran er nicht zweifle, man auch die Gelegenheit ergreifen werde, ihn avanciren zu laſſen. Sir William war einſt Zeuge, wie der Marcheſe von Bergami Abſchied nahm. Bergami wollte eben zu Pferde ſteigen, der Marcheſe war in ſeiner Uniform als kaiſerlich⸗öſterreichiſcher Kammerherr, mit dem Kammer⸗ herrnſchlüſſel; da umarmte er Bergami auf offener Straße und küßte ihn. Das dünkte dem Zeugen und ſeinen engliſchen Begleitern etwas Außerordentliches. „Indeſſen iſts(glaubte Sir William ſeinen britiſchen Zuhörern ſagen zu müſſen) in jenem Lande die ganz ge⸗ wöhnliche Sitte zwiſchen Leuten vom ſelben Stande, wenn es auch nicht überall ſo iſt; d. h. unter Gentle⸗ men in Italien.“ Die erſten Abende in Neapel, wie ſie der vorige Zeuge beſchrieben. Ein Concert am Hofe König Mu⸗ rat's, welches entſetzlich lang und langweilig war. Ende 12 Uhr! Am nächſten Abende große Oper in San⸗ Carlos, wo Karoline in vollem Staate in der königlichen koge neben König Murat und der Königin ſaß und ſich mitten im Lichterglanz des feſtlich erleuchteten Hauſes noch mehr bei der Vorſtellung der Medea und eines ſich wig hindehnenden Ballettes langweilte. Sir William, der lahm war und hinter Karolinens Stuhl ſtehen mußte, konnte es kaum aushalten, und erſt zwiſchen 12 und 1Uhr fiel der Vorhang. Die Prinzeß kehrte in ihrem Wagen und in aller Förmlichkeit und Feierlichkeit nach Hauſe, begleitet von Sir William und ihrem ganzen übrigen Gefolge.(Daher wo große Ermüdung, ſoll eine beſondere Aufregung unwahrſcheintich gemacht werden.) 222 Königin Karoline von England. Im kleinen Garten hinter Karolinens Stube hatte Sir William Arbeitsleute beſchäftigt geſehen. Vom Maskenball gibt er noch eine pikante Schilderung. Die Geſellſchaft ſaß in geſpannter Erwartung, daß eine be⸗ ſtimmte Thüre ſich öffnen werde. Endlich ging ſie auf, zwei neapolitaniſche Damen erſchienen, die Herzogin von Civitela und die Gräfin von Derri und der Herzog von Caſſerano mit einer Trompete. Dann kam die Muſe der Geſchichte, Prinzeß Karoline mit einem Kranz von Oliven oder Epheu(Zeuge glaubt aber ſicherer auf Olive ſchwören zu dürfen) und drückte ihn auf das Haupt der feſtlich hingeſtellten Büſte König Joachim's(Murat.) Die Scene dauerte nur einen Augenblick, er glaubte 10 Secunden. Die Thür hatte ſich geöffnet und eben ſo ſchnell wieder geſchloſſen. Der Anzug der Prinzeſſin war ganz nach der Caryatis in der Townleyſammlung im britiſchen Muſeum gefertigt; man möge darnach ein urtheil ſich bilden, ob er unanſtändig ſein können, da dieſe Figur ſehr, ja ganz und gar mit Gewändern um⸗ hüllt ſei. Die italieniſchen Damen, welche mitſpielten, waren in ähnlicher Weiſe drapirt, aber die ganze Aus⸗ führung war ſo reißend ſchnell, eigentlich nur das Leuch⸗ ten eines Blitzes, daß man nicht genau die Details habe wahrnehmen können. Sir William, weil er das Podagra hatte, mußte in Neapel zurückbleiben, während die Prinzeſſin weiter auf Reiſen ging. In Rom traf er wieder mit ihr zuſam⸗ men und verrichtete ſeine Dienſte als Kammerherr. Auch hier ward Karoline von den angeſehenſten Perſonen auf⸗ geſucht; darunter vom Grafen Blacas, dem franzöſiſchen, dem portugieſiſchen Geſandten. Er kam noch mehrmals mit ihr zuſammen und überall fand er, daß Bergami's Benehmen gegen die hohe Frau be hatte Von eine be ſi auf, ogin von tzog von ie Miſt anz vo aupt der (Murat⸗ glaubt und eben prinzſſt ammlung nach ein inen, d en un itſribe mze Au u Leuc tails hib muftt weiter 0 Königin Karoline von England. 223 zußerſt reſpectvoll und anſtändig war; ja, er ſchien ihm zu reſpectvoll, da er mehrmals ordentlich gezwungen werden mußte, ſich niederzuſetzen. In der Villa Brandi hatte er durch drei Monat Gelegenheit die Gräfin Oldi zu beobachten; auch dieſe hatte nichts Ordinaires in ihrem Weſen.„Sie iſt vielmehr eine ſehr anſtändige, gut⸗ müthige, beſcheidene Dame.“ Sir William hatte lange in Italien gelebt, er wußte, daß es, nach den Sitten jenes Landes, gar nichts Un⸗ gewöhnliches oder Unanſtändiges iſt, wenn männliche Diener in die Schlafſtuben ihrer Herrinnen gehen, auch wenn dieſe noch im Bette liegen.— Den Mauriſchen Tanz hatte er oft im Orient geſehen; er wird auch in Spanien und Portugal getanzt. Hätten doch viele an⸗ ſtändige Engländer den Bolero auch auf den Theatern geſehen, der nur eine Abart davon ſei. Zuweilen ſtürz⸗ ten die Spielenden partienweis auf einander los, jetzt wie voll Haß und Abſcheu, jetzt wie voll Liebe und Verlangen. Durch den ganzen Süden Europas ſehe man dieſen Tanz, von Madrid bis China und von Neapel bis Rom. Herren und Damen nähmen keinen Anſtand. Ebendesgleichen ſei König Joachim's Hofhal⸗ tung von den erſten Familien der Engliſchen Nobility beſucht worden, ohne Anſtand und Aergerniß. Sir William's Kammerdiener, Carrington, wußte von den erſten Nächten in Neapel, daß allerdings Ber⸗ gami ſeine Schlafſtube gewechſelt, aber nur weil ſie ſo niedrig geweſen, daß er nicht aufrecht darin ſtehen kön⸗ renz übrigens hätten drei Zimmer, die des Dr. Holland, des Hieronymus und William Auſtin's zwiſchen dem der Königin und Bergami's gelegen. Aber John Whitcomb, Dr. Holland's Diener, nußte einräumen, daß von der Gartenſeite noch eine 224 Bönigin Karoline von England. Communication zwiſchen den beiden Schlafſtuben gewe⸗ ſen, nämlich durch ein kleines Cabinet oder eine Paſſage. Der Vertheidigung kam ſehr viel darauf an, die Intriguen ins Licht zu ſtellen, durch welche die Krone ſich Beweismittel verſchafft und erkauft. Baron Omp⸗ teda hatte das traurige Commiſſionsgeſchäft, dieſe Be⸗ lege zu ſammeln. Faſt jeder der Entlaſtungszeugen hatte bekunden müſſen, wie Ompteda gaſtlich von der Prin⸗ zeſſin aufgenommen worden, wie er an ihrem Tiſche hier und dort gegeſſen, wie er mit ihrem Vertrauen be⸗ ehrt worden. Je niederträchtiger darnach ſein Verrath wurde, um ſo ſchwärzer das Licht, welches auf die ganze Verfolgung und ihre Machinationen fiel. Der obenerwähnte Zeuge Carrington, Sir William Gell's Kammerdiener, ward noch einmal zurückberufen, um über Ausſagen zu berichten, die er aus dem Munde des viel beſprochenen Majocchi gehört haben wollte: Es war im Hofe der Villa Rufinelli, im Monat Juli 1817 oder 1818. Sir William wartete auf die Königin, welche aus Paläſtina zurückgekommen war. Majocchi hatte am Wagen der Prinzeſſin zu ſchaffen, und Carrington ging im Hofe, ohne beſtimmte Abſicht ſpazieren. Da war es Majocchi, welcher das Geſpräch begann, deſſen Inhalt folgender war: Baron Ompteda ſei einmal zum Beſuch bei der Königin geweſen. Er habe den Courier und das Kam⸗ mermädchen angeſtiftet, ihm die Schlüſſel der Prinzeſſin zu verſchaffen, damit er ſich falſche darnach könne machen laſſen. Eine Perſon habe auch ſchon ihren Antheil an der Geſchichte eingeſtanden und ſei darum entlaſſen worden. Er(Majocchi) wünſchte nur, daß die Prin⸗ 0 eri geſ 0h en gee Paſſage an, di ie Kron on Dmp⸗ dieſe Be⸗ gen hattt et Prin m Liſche raucn be Veret die galze VPilian cberufen, nMunde ollte: u Mot e auf di men. affe 6iprit hei de des Kun priniſt inthelu entloſi die Inn Königin Karoline von England. 225 zeſſin es ihm erlaubt hätte, er hätte ja den Ompteda wie einen Hund todtſchlagen wollen. Ompteda ſei ſchändlich undankbar, ſo etwas verſucht zu haben, und er ſei Schuld daran, daß nun die Hausdiener in Ver⸗ dacht geriethen. Majocchi kam noch oſt im Geſpräch auf Ompteda zurück. Bei jenem Geſpräch im Hofe der Villa Rufi⸗ nelli waren noch mehre Stallleute, auch Ludovico Ber⸗ gami, zugegen. Uebrigens hatte Majocchi über denſelben Gegenſtand zum Zeugen ſchon früher einmal geſprochen, in der Dienerſtube beim Mittagstiſch der Bedienten, doch nicht ſo umſtändlich. Es waren gegen 12 Dienſt⸗ boten damals gegenwärtig, deren Namen Carrington ſich indeß nicht entſinnen konnte. Majocchi ward zum vierten Mal vorgerufen. Sein non mi ricordo war aber auch hier ſein Panzer. Er erinnerte ſich nicht Carrington an der Villa Rufinelli geſehen zu haben, wohl aber in Rom. Er hatte dieſem Diener des Sir William aber niemals geſagt, daß Baron Ompteda jemand angeſtiftet, die Schlüſſel der Prinzeſſin zu Como wegzunehmen, um ſich falſche danach machen zu laſſen; niemals geſagt, daß die vom Baron Dmpteda ongeſtiftete Perſon die Sache der Polizei bekannt und darauf entlaſſen worden; niemals geſagt, daß, wenn ihm die Prinzeſſin nicht Befehl gegeben, von der Sache keine Notiz zu nehmen, er den Ompteda gern wie einen Hund würde todt geſchlagen haben; er hatte niemals von der Niederträchtigkeit und Undankbarkeit Ompteda's, ſo zu erfahren, geſprochen, und nachdem er ſo lange in der Prinzeſſin Hauſe gegeſſen und getrunken, noch ſich dar⸗ über beklagt, daß Ompteda ſolchen Verdacht auf die Diener⸗ chaft gebracht. Er wollte überhaupt nie Ompteda's Namen zigen Sir William Gell's engliſchen Diener erwähnt haben. 10** 226 Konigin Karoline von England. Majocchi ſtand eiſern feſt bei ſeinem non mi ri— cordo; mehr noch bei ſeinem: ich weiß es nicht, es war nicht ſo. Carrington blieb ebenſo feſt durch das ſtrengſte Kreuzverhör: Es war ſo. Beide auf ihren Eid!— Wem war zu glauben? John Jacob Sicard, ein Deutſcher aus Anſpach, aber in England naturaliſirt, war ſchon 1800 in die Dienſte der Prinzeſſin getreten, und zwar als Koch, ſpäter aber bis zum Maltre dhotel avancirt. Er be⸗ zog ein Gehalt von 400 Pfd. St., welches er auch jetzt noch als Penſion bekam, nachdem er ihren Dienſt ver⸗ laſſen. Ueber Bergami's Engagement, über die Ankunft in Neapel ſtimmt ſeine Ausſage ganz mit der der übri⸗ gen Entlaſtungszeugen. Er war es, welcher in Neapel Bergami die betreffende Stube anwies, nachdem er mit mehren andern des Gefolges wegen der ſchlechten Zim⸗ mereinrichtung umquartirt werden mußte. Die Prinzeſ⸗ ſin hatte damit nichts zu thun; jenes Zimmer gab er aber nur deshalb Bergami, weil es nach dem Garten hinaus eine Glasthür hatte, die ſchlecht zu verſchließen war; alſo mußte ein männlicher Gaſt darin wohnen.— Sicard wußte, daß das Benehmen der Königin gegen alle ihre Diener überaus freundlich war, ſo, daß es faſt zum Fehler ausartete. Er ſelbſt war oft noch in England auf den pleusure grounds von Blackheath mit ihr ſpazieren gegangen, und die Prinzeſſin hatte ſehr oft ſeinen Arm genommen, wo der Weg ſich hob. Ja, es war ihre Gewohnheit, im lebhaften Geſpräch ihre Hand auf den Arm des Andern zu legen, um plotzlich Fragen an ihn zu richten: Sie verſtehen mich doch? Wir ſind doch einer Meinung?— So war er oft halbe Königin Karoline von England. 227 mi i Stunden lang mit ihr gegangen. In Neapel war er 6m ſowohl als der Page Hieronymus mit auf dem Masken⸗ ſiunſ balle erſchienen, beide als Türken. Er gab die allerge⸗ ßöl— naueſte Schilderung von der Localität in Neapel, die mit den früheren ſtimmt; nur erfahren wir bei der Ge⸗ legenheit, daß ein Situationsplan des Hauſes, der Etage und der Zimmer aufgenommen worden, die den Lords vorlagen. Wären demnach die Präparationen zur Ver⸗ Anſut folgung der Königin ſchon im Jahre 1815 angefangen worden? 6 Ki Der Pr. Holland, ihr Hausarzt, hatte die Prinzeſ⸗ Er* ſin ſchon nach 10monatlichem Dienſt in Italien verlaſſen, auch l und konnte nichts ausſagen, als daß die Fürſtin in ienſt Mailand, Neapel und Genua Bergami nicht anders be⸗ ie Antlun handelt habe, als ihre übrigen höher geſtellten Diener, det ibn und hinwiederum, daß Bergami mit allem Reſpect gegen n Neabt ſeine Gebieterin ſich betragen. m er m Ein unabhängiger und wohlhabender Engländer, an⸗ ſten In ſäſſig in Rom, Charles Mills, hatte im Sommer ePrinſ 1817 faſt täglich die Ehre, zur Geſellſchaft der Prinzeſſin et gab während ihres Aufenthalts in Rom gezogen zu werden. m Gonn Sie wohnte in der grand' Europa und ſah bei ſich erſchl⸗ Perſonen aus den höchſten Familien des Landes. Die vohnen Regierung hatte ihr zwei Ehrendamen beſtellt, auch eine izin g0 Ehrenwache zugegeben, auch eine eigene Loge war für , diß ſie eingerichtet, damit ſie die Proceſſion am Frohnleich⸗ t noch namsfeſte mit anſehen könne. Was nur auf Rang An⸗ Flackhe ſpruch machte, drängte ſich, ihr vorgeſtellt zu werden. hutt ſ Bergami war damals ihr Kammerherr und diente als hob.* ſolcher an ihrer Tafel. So oft Zeuge ihn auch dort vrich! ſah, immer von beiden Seiten Beobachtung des voll— m pbl“ kommenſten Anſtandes.— Ebenſo hatte Mills das Ver⸗ doh hältniß in Peſaro gefunden, als er Karolinen daſelbſt 228 Königin Karoline von Englamd. 1819 beſuchte.— Desgleichen in Rom, als ſie nach des Königs Tode, bei der Rückkehr nach England, als Kö⸗ nigin auftrat. Mills und viele vornehme Fremde mach⸗ ten ihr ihre Aufwartung und ſchrieben ihre Namen in das Buch ein, wenngleich Karoline keine Garde und keine Hofdiener hatte, um ihre neue hohe Würde auf⸗ recht zu erhalten. Mills bemerkte in allen drei Zeit⸗ räumen keinen Unterſchied in der Einrichtung ihres Haus⸗ halts. Niemals bemerkte er in der Aufführung der Kö⸗ nigin oder Bergami's gegen einander irgend etwas, was nur im Geringſten der Ehre des britiſchen Reiches ſchaden oder das moraliſche Gefühl ſeines Vaterlandes hätte verletzen können; auch ſonſt ſah er nichts an der Königin, weder in ihrem öffentlichen, noch ihrem Privat⸗ leben, was nur gerügt werden können. Von Bergami's Seite auch kein Zeichen einer miszudeutenden Vertrau⸗ lichkeit oder irgend was nicht in den Grenzen des ſchul⸗ digen Reſpects geblieben wäre.— Ebenſo war das Be⸗ tragen der Gräfin Oldi mild und harmlos. Sie benahm ſich wie jede andere italieniſche Dame; nur daß ſie einen lombardiſchen Dialekt ſprach, was auch bei den vor⸗ nehmſten Damen aus der Lombardei der Fall ſei. Es war ſehr wichtig, vor einem engliſchen Publikum und engliſchen Richtern zu beweiſen, daß die Königin in Italien von vornehmen Engländern und Einheimiſchen geehrt und beſucht ward. Wenn das, auch nachdem ſo viel über ihr ſkandalöſes Leben geſprochen worden, ge⸗ ſchah, konnte Englands Ehre durch ihre Aufführung doch nicht ſo verletzt ſein, als die Belaſtungszeugen es darzuſtellen ſuchten. Des Courier Sacchi Ausſagen waren die allergravi⸗ rendſten. Man erinnere ſich, wie er eines Morgens, nach der Nachtfahrt von Rom nach Sinigaglia die Prin⸗ ch des 6 Kö⸗ mach⸗ nen in und de auf⸗ i Zeit⸗ Haus⸗ er Kü⸗ was Reiches rlandes an der Privat⸗ tgamis ertral⸗ ſchul⸗ as Be enohm ie einen en vor⸗ i. ublikun Künigin iniſchln den ſo en, ge führung ugen etgrar⸗ Norgel ie Pe Königin Karoline von England. 229 zeſſin und Bergami im Wagen will betroffen haben. Die Ausſagen eines andern Couriers ſollten die Wahr⸗ haftigkeit des erſtern angreifen, wo nicht auslöſchen. Carlo Forti war von der Prinzeſſin in Mailand angenommen worden, um ſie nach Rom zu führen. Er nahm den Auftrag gern an, weil er dort zwei Brüder und eine Tante hatte— die Herzogin von Torlonia! (Ein Cvurier kann alſo auch eine Herzogin zur Tante haben. Weiſung für die Engländer, daß auch der Cou⸗ rier Bergami edeln Blutes ſein konnte. Herzog Torlonia war zwar nur ein Geldwechsler; der gegenwärtige hat aber ſogar eine Fürſtin Colonna zur Gemahlin.) Die Prinzeſſin reiſte in drei Wagen: einem engliſchen Lan⸗ dauer, einer Baſtardella oder bedeckten Kutſche, mit vier Sitzen innen, und einer Caretella oder Kaleſche. Der Landauer hatte Glasſcheiben, venetianiſche Gardinen und ſeidene Vorhänge, die mittelſt zweier Schnüre auf und nieder gelaſſen werden konnten. Von Rom nach Si⸗ nigaglia reiſte die Prinzeſſin in der Nacht. Um 9 Uhr Morgens, am nächſten Tage, ruhte ſie in Otricoli; am zweiten Tage um 10 Morgens in Notera; am dritten Tage kam ſie um 11 Uhr in Sinigaglia an. Bei dieſer Reiſe war Sacchi, oder Sacchini, immer um zwei Stun⸗ den voraus, und zwar in der Baſtardella oder der ver⸗ eckten Kutſche, Forti dagegen ritt als Courier immer dicht neben dem Landauer der Prinzeſſin. Nur jedesmal eine halbe Stunde vor dem Ziel der Nachtreiſe ſprengte er vorauf, um Alles anzuordnen. Sacchi war ſtets vorauf, beſtellte die Pferde und bezahlte für ſie. Von Rom bis Sinigaglia fuhr die Prinzeſſin im Landauer; ſie in der einen Ecke, Bergami in der andern, dazwiſchen die Gräfin Oldi. Dies war der gewöhnliche Sitz der Fräfin Oldi. Die kleine Victorine ſaß meiſtens auf den 230 Gönigin Karoline von England. Knien der Königin. Auf jeder Station pflegte Forti anzuklopfen, ob die Hoheit etwas befehle. Zur Nacht⸗ reiſe wurden gewöhnlich die venetianiſchen Gardinen zu beiden Seiten und vorn die Glasſcheiben zugemacht. Die venetianiſchen Gardinen ließen Luft zu. Niemals auf der ganzen Reiſe ſah Forti den Baron(Bergami) die Prinzeſſin küſſen. Wenn er von ihr Abſchied nahm, küßte er ihr, wie Alle vom Gefolge, reſpectvoll die Hand. So iſts Sitte in Italien. Carlo Forti hatte ſchon viele vornehme Hände geküßt, die des Vicekönigs von Italien(deſſen Courier geweſen zu ſein er ſich rühmte) und der Kaiſerin Joſephine. Zu Meſſina in Sicilien hatte die Prinzeſſin den Lieutnant John Flinn von der königlichen Marine ken⸗ nen gelernt und ihn beſtimmt, das Commando eines Schiffes zu übernehmen, welches ſie gemiethet, um da⸗ mit nach Conſtantinopel zu fahren. Verſchiedene innere Umänderungen in der Polacre wurden vorgenommen, alle nach dem Wunſch der Prinzeſſin, doch ſei es ganz unmöglich geweſen, verſicherte Flinn, aus dem Bett in einer Cajüte auf das Bett in andere Cajüten zu ſehen, wic von andern Zeugen behauptet worden. Flinn ward mehrmals zur Königin gerufen, um über das Wetter und andere Dinge Auskunft zu geben, er führte ſie auch öfters bei der Gelegenheit in ihre Cajüte oder das Zelt, welches ſie auf dem Verdeck ſich aufſchlagen laſſen. Gargiulo war der eigentliche Capitain über das Schiffs⸗ volk, Flinn gab alle ſeine Befehle an die Leute durch Gargiulo's Medium. Gargiulo ſei höchſt wahrſcheinlich niemals in das Cabinet der Prinzeſſin getreten, ſeine Sache wäre es geweſen, beim Volke zu bleiben. Der Steuermann ſtand immer drei bis vier Fuß von dem Zelte entfernt, unter welchem die Königin auf dem Ver⸗ Forti Nacht⸗ inen zu emacht. ſiemals ergani) nahn, oll die ti hatte ckönigs a ſih ſin den rine ken⸗ do eins um da⸗ e innert ommen, c guz Bett in zu ſchel, in ward ſi auch das 3 en leſſr 5 e durh Königin Karoline von England. 231 deck ſchlief. Bei der Rückfahrt von Jaffa ſchlief er, Flinn, ſelbſt auf dem Helme, fünf Fuß von dieſem Zelt, und hätte jedes Geſpräch, ja jedes verdächtige Geflüſter darin hören müſſen; aber er hatte auf der ganzen Reiſe nichts gehört. Oft ging er Nachts dicht am Zelte vor⸗ über, auch da blieb es ſtill. Licht brannte nicht darin, denn es durfte der Sicherheit des Schiffes wegen über Nacht nicht darin ſcheinen, weil man in den griechiſchen Gewäſſern von Piraten gehört, die man anzulocken ver⸗ meiden mußte. Eine Leiter ging allerdings aus der Mitte des Zeltes nach der Cajüte unten; aber die Prin⸗ zeſſin rief ihn, Flinn, oft bei Nacht an, ſich nach dem und jenem erkundigend, und wenn er ſie nicht deutlich verſtehen konnte, war er wol genöthigt, das Zelt auf⸗ zuſchlagen. Aber weder dann, noch ſonſt irgendwo auf der Reiſe, hatte er im Geringſten etwas bemerkt, was zu Ungunſten der Prinzeſſin hätte ausgelegt werden kön⸗ nen. Wo Bergami geſchlafen, war ihm nicht erinnerlich. Nie hatte er die Königin auf einer Kanone ſitzend ge⸗ ſehen, nie auf dem Schooße Jemandes, nie, daß ſie Jemand geküßt hätte, als etwa die kleine Victorine. Auch gegen Bergami betrug ſie ſich immer in der de⸗ centeſten Weiſe, und als er in Terracina an's Land ſtieg, beurlaubte er ſich von ſeiner Herrin, indem er ihr, wie es an dieſem Hofe immer Sitte war, die Hand küßte. Lieutenant Hownam von der engliſchen Marine, der im April 1815 in Dienſt der Königin aufgenommen war, beſtätigt alle Angaben des vorigen Zeugen, und daß er während ſeiner langen Zuſammenreiſe, zu Schiff wie zu Lande nichts Unanſtändiges, weder in ihrem Verhältniß zu Bergami, noch ſonſt wahrgenommen habe. In Genua entſtand eines Nachts ein Allarm im Hauſe Bergami drang in Hownam's Zimmer, ein Licht 232 Königin Karoline von England. in der einen, einen Degen, wie er glaubt, in der an⸗ dern Hand. Sie eilten dann hinab, wo ſie in der Halle die Prinzeſſin und die ganze Hausgenoſſenſchaft verſam⸗ melt fanden. Was der Grund des Allarms geweſen, wie er geendet, wird uns nicht geſagt. So oft Hownam die Fürſtin beim Frühſtuͤcken ſah, war ſie allein, wenigſtens frühſtückte ſie nicht mit Ber⸗ gami. Erſt beim Uebergang über den St. Gotthard ward er einige Mal zur Tafel gezogen; ſpäter aß er re⸗ gelmäßig an derſelben. Die Treppe vom Landungsplatze an der Caſa Borromea führte allerdings direct nach dem Schlafzimmer der Prinzeſſin, aber auch nach verſchiede⸗ nen andern Zimmern; es war eine Treppe zum allge⸗ meinen Gebrauch. In Tunis war Bergami's Zimmer weit entfernt von dem der Prinzeſſin; beim Ausflug nach utica ſchlief ſie nicht in Utica, wie die Belaſtungszeugen angegeben, ſondern in einem Orte, Sabella genannt. Auf der Polacre war der Raum, welchen Gargiulo und ſeine Mannſchaft einnahm, ganz von dem getrennt, welchen die Prinzeſſin und ihr Gefolge inne hatte.(Auf Gargiulo's und der Andern Zeugniß kann alſo nichts ankommen.) Das Zelt für die Prinzeſſin ward erſt dann feſt auf dem Verdeck aufgeſchlagen, als bei der unge⸗ heuern Hitze das mit aufgenommene Vieh im Raum unten einen unerträglichen Lärm machte. Oben fügte ſich Karoline in alle nöthigen und wünſchenswerthen Anordnungen. Weil man tuneſiſche Kaper auf der Höhe von Scio und bei St. Jean dAcre geſehen, er⸗ gab fie ſich auch darein und löſchte jeden Abend ſchon um 9 oder 10 das Licht in ihrem Zelte. Als man ihr vorſtellte, daß es die Schiffahrt hindere, ließ ſie es ab⸗ brechen und zog in die Cajüte zurück. Einige JZüge aus der aſiatiſchen Reiſe. Als ſie ge⸗ ha fei he ſul de an Halle tſam⸗ eſen, ſch Ber⸗ hard r re⸗ platz dem hiede⸗ allge⸗ mmet nch eugen t. giulo ennt, (Uf nichti dann ungl Raum fügte erthen der Königin Karoline von England. 233 landet und auf der Ebene von Epheſus die Nacht zu⸗ brachten, wurde für ſie allein ein Lager unter einem türkiſchen Kaffeehauſe bereitet. Das Kaffeehaus war ei⸗ gentlich nur ein Dach, von Brettern oder Zweigen ge⸗ flochten, auf alten Mauerpfeilern ruhend, von allen Seiten offen. Das Gefolge ſchlief rings umher. Das Mittagseſſen ward in einem verfallenen Kirchhof, der nahe dabei lag, eingenommen, unter dem Porticus einer alten Moſchee. Der Zeuge iſt deſſen gewiß, daß die Prinzeſſin nicht mit Bergami beſonders ſpeiſte, irgend in einer abgetrennten Säulenhalle. Sie ſpeiſten viel⸗ mehr Alle in Gemeinſchaft; das Gefolge lag auf der Erde, die Prinzeſſin ſaß auf ihrem Reiſebette. Ob noch Jemand neben ihr geſeſſen, konnte ſich Hownam nicht mehr entſinnen. Etwa 14 Tage blieb die Prinzeſſin in Conſtantinopel, zum Theil im Hauſe des britiſchen Geſandten. Bei der Reiſe von St. Jean d'Acre nach Jeruſalem, wo ſie nach der Landesſitte auf einem Eſel ritt und immer nur bei Nacht reiſte, kam ſie des Mor⸗ gens immer ſo ermüdet auf den Lagerplatz, daß ſie bei⸗ nahe vom Eſel herunterfiel.(Alſo unanſtändige Ver⸗ traulichkeiten nachher im Zelte nicht wahrſcheinlich, auch wenn das Decorum nicht beobachtet worden. Auch Hownam mußte in den Kteuzfragen ein ſchar⸗ fes Examen beſtehen, ohne daß etwas Beſonderes daraus hervorgekommen wäre, als eine Bekräftigung deſſen, was er und die andern Entlaſtungszeugen angeführt. Re⸗ ſultat: daß er nichts Unanſtändiges im Lebenswandel der Prinzeſſin bemerkt. Im Zelte der Prinzeſſin auf der Polacre war es faſt unmöglich, daß Vertraulichkeiten zwiſchen ihr und Ber⸗ gami hätten ſtattfinden können, denn er, der Aeutenant, gleich wie die wachehabende Hälfte des Schiffsvolks, Königin Karoline von England. mußten ſehr oft am Zelte vorbei und wieder zurück gehen. Er mußte vermuthen, daß die Prinzeſſin auf ihrer ganzen Rückreiſe von Jeruſalem ſich Nachts gar nicht ausgekleidet, denn bei mehren Vorfällen, wo er und Andere in das leicht verwahrte Zelt drangen, oder genöthigt waren, die Prinzeſſin herauszurufen, erſchien ſie immer angekleidet. Auch die Luſtbarkeiten und Mummereien, die man ihr vorgeworfen, waren nicht von der Art, um Eng⸗ land in Unehre zu bringen. Einmal hatte ſich aller⸗ dings Bergami mit Kiſſen burlesk ausſtaffirt; das ge⸗ ſchah aber nur, um den engliſchen Conſul in Jaffa zu perſifliren, welcher in einem zu wunderlichen Aufzuge der Prinzeſſin ſeine Aufwartung machte; er kam nämlich an Bord in einem langen griechiſchen Rocke, einem gold⸗ verbrämten dreieckigen Hute und einem großen Stocke mit goldenem Knopfe, einer Ausſtaffirung, welche den Spott von ſelbſt aufrief. Auch daß der Araber Mahomet ſeine angeblich un⸗ anſtändigen Tänze auf dem Schiff vorbrachte, hatte ſeinen ſpeciellen Grund. Er war krank geweſen, der Arzt gab ihm eine Medicin, welche der Araber nicht einnehmen wollte. Der Arzt gerieth darüber in Eifer und ſchalt ihn. Der Araber erhob ſich und perſiflirte die Bewe⸗ gungen des erzürnten Doctors durch ſeine Grimaſſen. Das Schiffsvolk hatte ſeine Luſt daran, und ſobald nun der Doctor auf dem Verdeck ſich zeigte, ward Mahomet aufgerufen:„Mahomet dema-dema,“ und er mußte ſeine Sprünge machen, um den Doctor aufzuziehen. In den Sprüngen war übrigens ſo wenig etwas Unanſtän⸗ diges als im Bolero oder im Negertanze. Beim Abſchied in Terracina gingen Bergami mit Camara und Majocchi vom Schiffe, nur um freie Pra⸗ tic uric af ge 0 et oder ſchien man Eng⸗ allet⸗ ffe zu ufzuge imlich gold Stocke den un⸗ ſeinen ſt gob ehmel ſchal Bewe maſſen d nu home nußti n. I nſtin ni i n Königin Karoline von England. 235 tica zu erhalten. Hownam ſah, wie ſie Alle auf dieſelbe Weiſe von der Prinzeſſin Abſchied nahmen, d. h. ſie küßten ihr die Hand. Die Bälle in der Barona waren nur veranſtaltet, um dem Landvolk und der Dienerſchaft ein Vergnügen zu machen. Sie wurden meiſt nur von den Töchtern der Pächter umher beſucht, und die Prinzeſſin nahm nur in der Art Theil daran, wie eine Mutter an einem Kinderball, ſie kam aus ihren Appartements, wo ſie mit höher geſtellten Gäſten Karten ſpielte, dann und wann heraus, um zuzuſehen und die allgemeine Freude zu be⸗ leben, zog ſich aber in der Regel ſchon vor dem Ende des Balls in ihr Schlafzimmer zurück. Der Zeuge ſah, obgleich er immer ſelbſt mittanzte, nie etwas Unanſtän⸗ diges und Unziemliches. Hownam begleitete die Prinzeſſin auf allen ihren Landreiſen; von überall weiß er zu verſichern, daß Ka⸗ roline von den Höfen mit aller ihrem Range gebühren⸗ den Achtung empfangen worden, daß man ihr Kammer⸗ herren und Hofdamen zu ihrer Geſellſchaft beſtellt, daß ſie faſt täglich zu Diners und Soupers eingeladen wor⸗ den. Nur zu Wien war ſie nicht bei Hofe empfangen worden, weil dort Lord Stewart britiſcher Geſandter war. Ompteda, ihr Verräther, war ſo gaſtlich von der argloſen Fürſtin aufgenommen, daß für ihn ſogar in der Villa Villani ein ſtehendes Zimmer bereit war, wel⸗ ches von den Leuten Ompteda's Zimmer genannt wurde. Betten in einem Zimmer ſind nach der engliſchen Mode unanſtändige Möbel. Wer auf Anſtand hält, darf nie einen Beſuch in einem ſolchen Zimmer empfan— gen, oder auch nur durch daſſelbe führen. In Italien iſt es anders, mußte den Richtern bewieſen werden. Es war nichts dort Unanſtändiges, daß die Prinzeſſin in 236 Eönigin Karoline von England. Bettzimmern ſich zeigte, von Andern geſehen ward. Wenn einer ihrer Leute ernſtlich krank ward, beſuchte ſie ihn, wo es war, ſprach ihm zu, pflegte ihn. Bergami hatte nicht allein dieſe Auszeichnung. Auf der Reiſe von Rom nach Sinigaglia fuhr die Prinzeſſin in ihrem Landauer. Sacchi und Carlo Forti waren damals ihre Couriere. Wer neben dem Wagen ritt, konnte der Zeuge ſich mit Beſtimmtheit nicht ent⸗ ſinnen, doch glaubte er ſich zu erinnern, daß Sacchi damals krank geweſen(dann wäre er, wie Forti angibt, in der Kutſche gefahren.)„Nirgends, wiederholte er, ſah ich irgend etwas im Betragen der Prinzeſſin gegen Bergami, oder in deſſen Benehmen gegen Ihro Hoheit, was unangemeſſen, unſchicklich oder für das Benehmen einer Prinzeſſin von Wales herabwürdigend geweſen wäre.— Wie ſie ſelbſt es war, ſo empfing ſie überall (an den Höfen) Majeſtät und Anmuth.“ An der Küſte von Caramania war eine Welle einſt über das Schiff geſchlagen und durch das Zelt der Prin⸗ zeſſin gedrungen. Sie kam, angezogen, in die Cajüte hinunter. Nicht mit Bergami, wie andere Zeugen ge⸗ ſagt, denn Hownam konnte von außen die ganze Scene überſehen. Bergami hatte wahrſcheinlich unter dem Zelt gelegen; aber er war vollſtändig angekleidet, als der Zeuge ihn erblickte. Wenn Karolinen es zum Verbrechen gegen den An⸗ ſtand gemacht worden, daß ſie mit Bergami Arm in Arm gehend geſehen worden, ſo hatte ſie dies Verbrechen auch mit Andern begangen. Hownam war oft mit ihr, Arm in Arm, auf dem Verdeck ſpazieren gegangen⸗ Daſſelbe hatte er vom Grafen Schiavini und mehren Gentlemen geſehen, die zum Beſuch bei der Prinzeſſin waren. m A Y K e. 8 — — Wenn e ihn, hatte hr die ßort Pagen t ent Sacchi lte et, gegen Hoheit ehmen eweſu überall einſt Prin⸗ Cajütt en N Sten en Zll als de en An⸗ Urm brche nit ihr gangi mhl ſſſt rinze Konigin Karoline von England. 237 In den von ihr geſtifteten Ritterorden zur heili⸗ gen Karoline hatte ſie außer Bergami, der Groß⸗ meiſter war, den Lieutenant Flinn, Hownam, William Auſtin, den Pagen Hieronymus, Camora und den Dr. Mocatti als Ritter aufgenommen. Gegen dieſen Zeugen verfuhren die Lords mit ihren Kreuzfragen weit ſchärfer als mit allen bisherigen. Er mußte nach vielen Zwiſchenreden einräumen, wie es doch möglich ſei, daß bei der berühmten Reiſe von Rom nach Sinigaglia nicht Carlo Forti, ſondern Sacchini die Dienſte als reitender Courier neben dem Landauer ver⸗ richtet; ja, er glaubte endlich deſſen ſich zu entſinnen.— Das Zelt in Syrien war mit doppelten Wänden, im Zwiſchenraum lagen Matratzen; er wußte nur nicht, wer dort ſchlief. Das Zelt auf dem Deck der Polatre war einfach. Es war nicht zu beſtreiten, daß außer der Prinzeſſin auch Bergami unter demſelben in der Nacht ſchlief. Hownam glaubte aber gehört zu haben, daß auch noch andere Perſonen unter dieſem Zelte geſchlafen. Auch habe es ihm nothwendig geſchienen, daß die Prinzeſſin, oben allein in der Nacht unter dem Schiffsvolke, einen Begleiter gehabt; ja, dieſer Umſtand, daß Bergami dort in ihrer Nähe geſchlafen, hätte in ihm nicht den gering⸗ ſten Argwohn einer unſchicklichen Annäherung hervor⸗ gebracht. Die Lords aber waren hinſichts dieſes Punktes mit ſeinen Angaben nicht zufrieden geſtellt, ſie trieben ihn mit ihren Fragen mehr und mehr in die Enge. Er mußte zugeſtehen, wie er gar keinen Grund dafür habe, anzunehmen, daß noch irgend eine dritte Perſon, Mann oder Frau, außer der Prinzeſſin und Bergami unter dem Zelt auf dem Deck gelegen. Aber hoch und theuer 238 Königin Karoline von England. ſchwöre er, daß er nie Bergami geſehen die Prinzeſſin küſſen. Er ſelbſt habe nie an die Nothwendigkeit ge⸗ dacht, daß Jemand unter dem Zelte bei der Prinzeſſin ſchlafen müſſe; aber als man es ihm vorſtellte, ſah er ein, wie es nöthig geweſen, daß Jemand Ihrer könig⸗ lichen Hoheit nahe ſei. Wenn ein Weib allein auf einem Schiffsdeck iſt, ſo halte er es doch für vollkom⸗ men gerechtfertigt, daß ſie Jemand in ihrer Nähe habe. Ihr Gefolge war nun nicht ſo zahlreich, als daß immer Jemand draußen Wache ſtehen konnte. Das Geſchäft wäre dann an ihm oder Flinn geweſen; denn Schiavini war zum erſten Mal auf der See. Allerdings hätte auch eine weibliche Perſon ſtatt eines Mannes, oder in Verbindung mit ihm die Aufwartung und Bewachung bei der Prinzeſſin vornehmen können; oder es hätten auch Alle um das Zelt ſich lagern können. Aber ver⸗ muthlich hatte Niemand daran gedacht, ebenſowenig als der italieniſche Schiffscapitain Ordre erhielt, das Zelt bewachen zu laſſen. Niemand hegte den geringſten Ver⸗ dacht in Bezug auf das Volk. Wie Hownam ſich recht fragte, ſo war ihm noch damals kein Gedanke gekom⸗ men, daß es unſchicklich ſein könne, daß Bergami un⸗ ter dem Zelte ſchlief, da die Prinzeſſin ganz allein auf dem Verdeck war. Das Zelt war ja nur von Leine⸗ wand, nicht verſchloſſen, ebenſo alle Thüren unten, was konnte da für ein Myſterium ſein! „Sie ſind verheirathet(fragte ihn der Earl of Lim⸗ merick), würden Sie gar keinen Einwand haben, oder würden Sie es nicht unſchicklich finden, wenn Ihre Gattin in einem Zelte, im Finſtern, wie in dieſem Falle, mit einem fremden Manne ſchliefe?“ „Ich meine, daß jeder Mann auf ſeine Frau ſieht, ohne dabei an Andere zu denken; ich habe auch nie an eir die di nztſ eit ge zeſſn ſch et körig⸗ in af olkon⸗ habe immer eſchiſt hiavin hütt oder in uchun hätten er vet⸗ ig als Zelt n Per h rech geln mi un ein au nLein m, wi of Lim n Ih n Fil au ſich nie ode Konigin Karoline von England. 239 ſolche Zuſammenſtellung gedacht,“ antwortete der Zeuge. Uebrigens könne er ſich keine allgemeine Meinung dar⸗ über bilden. Er habe die Königin in ſo mannigfachen Lagen während ihren Reiſen geſehen, daß es ihm gar nicht eingefallen, die gegenwärtige ſich als unſchicklich zu denken. Bei Epheſus, ſo wie ſchon angeführt, lag ſie unter einem jämmerlichen Dache, mitten unter Pfer⸗ den, Mauleſeln, Juden und Türken. Auch damit waren die Lords noch nicht zufrieden. Noch ein dritter Tag(12. October) verging damit, Hownam zu inquiriren. Man ſchien ihm das Geſtänd⸗ niß abpreſſen zu wollen, daß er mehr geſehen, als er angab, und mehr wiſſe und ahne, als er geſtand. Im⸗ mer wieder kehrte die Frage auf das anſtößige Zuſam⸗ menleben der Prinzeſſin und Bergami's auf dem Schiffe und unter dem Zelte zurück. Lieutenant Flinn ſchlief auf dem Verdeck. Wenn eine Sturzwelle oder zwanzig andere Dinge einen Bei⸗ ſtand nöthig machten, ſo mußte Zeuge einräumen, wäre dies Schutzes genug geweſen für die Prinzeſſin. Aber die Prinzeſſin habe ängſtlich geſchienen für ihre perſön⸗ liche Sicherheit ſeit dem Anfall auf ihre Wohnung in Genua(Grund des nächtlichen Allarms, von dem wir vorhin hörten), deshalb hatte ſie ausgeſprochen, ſie halte es für nöthig, daß immer Jemand um ſie ſei. Lord Grosvenor meinte, ein Seefahrer hätte zu dieſem Schutze am beſten getaugt. Lieutenant Hownam dachte nicht, „daß in dem Zugemachtſein des Zeltes ein Myſterium ruhe;“— er hatte keinen Grund anzunchmen,„daß Bergami nicht im Zelte geweſen, als er es zugemacht fand;“—„„er dachte nie darüber nach;“—„r hatte nie einen Gedanken darüber, ob es wol nöthig ſei, daß ein männlicher Geſellſchafter im Zelte ſchlafe;“—„die 240 Königin Karoline von England. Königin dachte ſo, und er dachte nicht anders.“—„Die Königin theilte Niemand etwas über ihre Befürchtungen mit ſeit dem beunruhigenden Vorfall in Genua.“— „Er ſelbſt dachte auf der Polacre an keine mögliche Ge⸗ fahr für die Prinzeſſin.“—„Wenn er daran gedacht, würde er nicht unten geſchlafen haben.“ Auf dem Sofa unter dem Zelte hatte er nie Bett⸗ zeug geſehen. So viel ihm bewußt, wechſelte die Prin⸗ zeſſin nie ihre Kleider unter dem Zelte, ſondern immer unten in ihrer Cajüte. Das Zelt war nie in der Art verſchloſſen, daß nicht jeder Matroſe, der vorüberging, einen Blick hätte hineinwerfen können. Die Leiter, welche von der Speiſecajüte nach dem Zelt hinaufführte, wurde bei Tageszeit von allen Schiffsleuten als Paſſage benutzt.— Die Prinzeſſin war außerordentlich erſchöpft durch die Reiſe. Zu Hownam erklärte ſie, daß von dem 40tägigen(2) Aufenthalt auf dem Verdeck ihre Beine ganz geſchwollen wären. „Wenn Sie ſich erinnern, fragte Lord Lauderdale, daß Sie an der Tafel der Königin mit Bergami geſpeiſt haben, den Sie doch früher an Ihro Majeſtät Tafel ſerviren ſahen, und mit ſeiner Schweſter und ſeiner Mutter, und wenn Sie ſich ferner erinnern, daß Ber⸗ gami mit Ihro Majeſtät in der Nacht unter demſelben Zelte ſich befand, zwiſchen Jaffa und Capo d'Anza, ver⸗ harren Sie auch dann noch bei Ihrer cidlichen Betheue⸗ rung, daß Sie von Seiten der Königin nie etwas ſahen, was unſchicklich geweſen und ſich für ihren Stand nicht geſchickt hätte?“ „Ich ſpreche nur für mich, war Hownam's Antwort. Ich hatte nicht mehr Anſpruch, an Ihro Majeſtät Tafel zu ſitzen als jeder von den Andern. Ich habe Leute geſehen, an der Königin Tafel ſitzend, wahrend ihre Väter an der üb me Un en „ M ungen *— he Ge cdacht Bett⸗ Prin⸗ immet t Vr erging, Titer, führle aſſoge on den Beine erdale, giſptiſ Taſtl ſeine Ba melb 1 a, be ehe ſahen d nich ntw t Ti Ll „5 e Königin Karoline von England. 241 an derſelben Tafel aufwarteten; und ich ſah nichts in der Aufführung der Königin, was mich zu ſolcher übeln Meinung berechtigt, da ich weiß, wie ſie jeder mann, der mit ihr in Verbindung kommt, zutraulich und gütig behandelt.“ Die Lords ſcheinen mit ſpecifiſcher Bosheit gerade dieſen Zeugen verfolgt zu haben. Er mußte antworten: er ſelbſt habe nie an der Königin Tafel aufgewartet, noch wiſſe er, daß irgend Jemand von ſeinen Verwandten ſich je in der Lage befunden. Jemand, der als Berga mi's Oheim ausgegeben ward, habe auch meiſt am Tiſche mit geſpeiſt. „Halten Sie einen Courier und einen Lieutenant von der königlichen Flotte für gleichberechtigt, an der Ta fel der Königin Platz zu nehmen?“ ſagte Lord Lauderdale. „Einen Jeden, Mylord, dem Ihre Majeſtät befeh len würde, ſich an ihre Tafel zu ſetzen, würde ich für berechtigt halten, auch neben einer Perſon von höherem Range Platz zu nehmen, als ein Flottenlieutenant.“ Obgleich der Zeuge wußte, daß die Prinzeſſin unter dem Zelte ſchlief, und zwar vom Beginn der Reiſe an, und daß außer ihm und Flinn Niemand im Gefolge an die See gewohnt war, ſo hatte er doch nie daran gedacht, Ihro königliche Hoheit anzubieten, ſelbſt bei ihr unter dem Zelte zu ſchlafen.([)— Wenn das Schiff unruhig ging, waren die weiblichen Begleiterinnen der Prinzeſſin ſo hülflos als ſie ſelbſt. Man kann nicht umhin zu glauben, daß die Lords Kichter in ihren Fragen nicht allein von wahrer Wiß begier, ſondern auch vom Kitzel der Neugier angetrieben nurden. Bergami's Anzug als Courier mußte beſchrie ben werden: er trug einen flaſchengrünen Rock mit Gold, zfüttert mit Scharlach; doch nicht wie einen Huſaren XIV. 11 242 Ronigin Karolint von England. anzug, aber er war reich mit Brandenburgern(Knopf litzen und Schnüren) verſehen.— Auch konnte der Lieutenant den Tanz des Arabers Mohamet nicht oft genug beſchreiben.(Das Gewicht, welches die Lords auf ſolche Nebenumſtände legten, verführt zum Glauben, daß ſie kein beſonderes Gewicht auf die ſchwerer gravi— renden Umſtände, welche von Louiſe Demont und Ma⸗ jocchi bekundet worden, legten!) Zwiſchen Hownam und Baron Ompteda war es, wie wir nur beiläufig erfahren, zu einem heftigen Streite gekommen. Es geſchah in Folge eines von einem Die⸗ ner abgelegten Bekenntniſſes. Wahrſcheinlich in der Schlüſſelgeſchichte. Des Dieners Name war Moritz Credi. Zeuge ſah ihn auf den Knien vor der Prinzeſſin liegen und um Vergebung flehen. Darauf muß eine Herausforderung ſtattgefunden haben, von Seiten How⸗ nam's gegen Baron Dmpteda. Was daraus geworden, conſtirt nicht. Moritz Credi muß übrigens von der über⸗ gütigen Prinzeſſin begnadigt worden ſein. Er blieb noch vom November(2), wo der dunkle Vorfall ſich ereignet, bis zum April in ihren Dienſten. Da, als ſie auf dem Wege nach Wien war, entließ ſie ihn in Nürnberg, in⸗ dem ſie ihn als Courier an ihre Tante, die Markgräfin von Baireuth abſandte. Er ſollte jetzt in England ſein; Zeuge wußte nicht, wo er ſich aufhielt. Hierauf folgte eine lange Zeugenvernehmung und ein Disput der Lords über die Beweiſe, daß die Commiſſion in Mailand verwerfliche Mittel und Beſtechung ange⸗ wandt, um Zeugen gegen die Königin zu werben⸗ Ein⸗ zelnes daraus wird genügen. Ein Maurer⸗ und Baumeiſter Giarolini hatte die mö mi mi Knoyf te du cht eft Lords lauben, grovi d Mo es, wi Streit m Die in du Mori ini uß euh nhon worden er über ieb noi erign uf du beh ulhti and ſi mmiſſt ſ 19 6 en⸗ und ont Königin Karoline von England. 243 Villa d'Eſte für die Prinzeſſin ausgebaut, den accord⸗ mäßigen Betrag von 75,000 Lire(Zwanziger) aber, in Folge von Anordnungen des Architekten Ratti der⸗ maßen überſtiegen, daß er 145,000 Lire zu fordern hatte. Die Auszahlung machte Schwierigkeit. Raſtelli (vermuthlich Agent für die Zeugencommiſſion) erſuchte ihn, ihm ſeine Rechnung, wenn ſie nicht bezahlt wäre, zu überſenden, er wolle ſchon zuſehen, daß ſie durch ge⸗ wiſſe engliſche Herren, die ſich zu Mailand aufhielten, bezahlt werde. Wenn er ihm(Raſtelli) etwas gegen die Königin zu ſagen wiſſe, ſo werde er ſchon alles an⸗ ſtrengen, ihn bezahlt zu machen. „Hatten Sie zu jener Zeit, oder ſonſt wann, noch eine Unterhaltung mit Raſtelli in Bezug auf das, was Raſtelli mit den Zeugen vornahm?“ Dieſer Frageſtellung widerſetzte ſich der Kronanwalt. Der Rath der Königin aber beſtand darauf. Einmal ſchwäche es das Zeugniß Raſtelli's ſelbſt(das wir aber nicht finden), dann aber bringe es neue Beweiſe für die Thatſache hervor, daß auch Raſtelli als Agent der Mailänder Commiſſion operirt, was die Kraft der gan⸗ zen Verfolgung ſchwächen müſſe, wenn man ſehe, wel⸗ her Mittel ſich dieſelbe bedient. Der Kronanwalt be⸗ tritt, daß Raſtelli als ein Agent der Malländer Com⸗ miſſion betrachtet werden könne. Es folgte darauf eine lange Debatte der Lords. Lord Erskine behauptete, eine ſolche Agentur von Seiten Raſtelli's ſei zur Genüge dargethan. Das Miniſterium ward ängſtlich, und Lord Liverpool ſowohl als der Lord⸗ Kanzler erklärten: ſie könnten nur wünſchen, daß alles nögliche Licht auf die Aufführung der Mailänder Com⸗ niſſion geworfen werde. Lord Carnarvon aber erhob ſich vit großer Wärme: das Haus dürfe auch keinen Schritt 11* 244 Königin Karoline von England. weiter vorgehen in einer Anklage und Verfolgung, die ſowohl im Principe gehäſſig, als voller Gefahr ſei für das Land, wenn Raſtelli Beſtechungen und unerlaubte Mittel vorgeworfen werden könnten.— Es ward dem⸗ gemäß gegen den Kronanwalt entſchieden, auf dieſe Frage einzugehen. Giarolini erzählte nun von mehren Geſprächen, die er über den Gegenſtand mit Raſtelli geführt. Eines Tages ſagte ihm dieſer: er ſei eben nach ſeinem(des Zeugen) Vaterland gereiſt, um Zeugen zu bekommen. Zuerſt hätte er nach einem Zeugen gefragt, der ihm dann einen zweiten verſchafft, der zweite einen dritten u. ſ. w. Dann hätten ſie zuſammen getrunken und er habe ſie gefragt, ob ſie Willens wären, gegen die Königin aus⸗ zuſagen, und mit ihm nach Mailand gehen wollten? Dann hätten ſie gefrühſtückt in den Tredele, von Tredele wären ſie nach Mosca(2) gegangen, wo ſie Mittagbrod gegeſſen. In Mailand angekommen, wären ſie alle im Wirthshauſe S. Clemens eingekehrt. Raſtelli habe dem Wirthe befohlen, ihnen zu eſſen zu geben, was ſie ver⸗ langten. Von da aus ſeien ſie dann Alle, Einer nach dem Andern, von Vimercati und den engliſchen Herren, die dort waren, vorgeladen worden, Auch hatte Raſtelli dem Zeugen geſagt, wie er dieſe Perſonen ſieben Tage im Wirthshauſe unterhalten und jedem 40 Francs be⸗ zahlt. Dem Ragazzoni und Bruſa aber zahlte er jedem ſogar 50 Francs. Paolo Ragazzoni erhielt 40 Francs, wie Bai Roſſi und Franco Bai. Auch Ambrogio Bianchini von Livorno hatte Geld erhalten. Dieſes Geld hät⸗ ten die Leute baar ausgezahlt erhalten, denn den Wirth habe er außerdem befriedigt, hatte ihm Raſtelli geſagt. Brougham fragte, wo denn Raſtelli geblieben? Er —— Königin Karoline von England. 245 di wünſche ihn als Zeugen zu citiren, könne aber ſeiner ſi fir nicht habhaft werden. laubte Der Attorney⸗General meinte, für dieſen Fall müſſe dem er es Brougham überlaſſen, Raſtelli auf gewöhnlichem dieſt Wege als Zeugen zu citiren. Der Rath für die Unterſtützung der Bill ward be⸗ n, die fragt, wo Raſtelli ſei, und mußte die Antwort geben: Eines man habe ihn als Courier nach Mailand geſchickt! (des„So iſt er als Courier oder Agent an die Mailän⸗ mmen. der Commiſſion geſchickt, und natürlicherweiſe kann ich n dann ihn nicht citiren!“ rief Brougham. ſw Der Attorney⸗General entſchuldigte ſich, Raſtelli ſei abe ſi ohne ſein Wiſſen nach Mailand geſchickt; mit Depeſchen, n u weil man gemeint, er werde ferner nicht nöthig ſein. olten! Sobald es aber zu ſeiner Kenntniß gekommen, daß man gredil ſeiner doch bedürfen könne, habe er einen Courier ſofort ugbrod ihm nachgeſandt, daß er augenblicklich zurückkehren ſolle. cle in In Mailand aber herrſche eine große Angſt für die be d Sicherheit der in dieſes Land gezogenen Zeugen, und ſw um ſeine Freunde nur zu beruhigen, habe es rathſam et uit geſchienen, Raſtelli hinzuſchicken, um ihnen die Verſiche⸗ rung zu geben, daß Alle geſund und wohlbehalten b wären.(111) — Dieſe Erklärung verurſachte Aufregung im Hauſe. Endlich mußte John Allen Powel erſcheinen, welcher an an der Spitze der Commiſſion für die Zeugen geſtanden er— hatte. Er gab dieſelbe Erklärung und Entſchuldigung: nö In Mailand ſeien Gerüchte verbreitet geweſen, daß die ziantt Zeugen für die Anklage ſtarke perſönliche Beleidigungen eld* in London erlitten, und da ihre Familien nun in großer en* Angſt um ihr Leben ſchwebten, habe er es für einen Akt der Menſchlichkeit gehalten, ſie zu beruhigen. Um des⸗ willen nur habe er Raſtelli, welcher die Zeugen herüber⸗ ben ——— 246 Königin Karoline von England. gebracht, wieder dahin geſandt, um die Familien zu beruhigen, aber mit der Weiſung, zum 3. October zurück⸗ zuſein; Raſtelli ſei daran aber durch einen heftigen Krankheitsanfall verhindert worden. Uebrigens hätte er auch das nicht einmal gethan, wenn er nicht von dem Rathe gehört, daß man von dem ferneren Kreuz⸗Exa⸗ men der zur Unterſtützung der Klage aufgerufenen Zeu⸗ gen abſtehen wolle. Filippo Pomi, der nächſte Jeuge, von dem wir nichts erfahren, als daß er in Villa Barona wohne (wahrſcheinlich als eine Art Caſtellan), war im Lauf des letzten Jahres von Louiſe Demont und Raſtelli beſucht worden. Raſtelli nahm einen Riß vom Hauſe auf und fragte den Zeugen, ob er ſchon ein Geſchenk bekommen. Als er es verneinte, gab ihm Raſtelli 40 Francs. Am folgenden Tage ſagte dieſer zu ihm:„Pomi, wenn Ihr irgend etwas auszuſagen wißt gegen Ihro königliche Ho⸗ heit, ſo iſt jetzt die Zeit dazu. Ihr könnt ein großer Mann werden und ein großes Geſchenk dafür bekom⸗ men.“ Pomi fragte, ob die Demont noch im Dienſte der Königin wäre? Raſtelli ſagte ja, und ſie hätte ſich was Hübſches geſchafft. Pomi erwiderte, er wäre lange im Hauſe geweſen, Tag und Nacht, und hätte nie etwas geſehen, das ihn berechtige, von der Dame ſchlecht zu ſprechen. Raſtelli erklärte darauf:„Ihr wollt nichts wiſſen, das Haus war ein ſchlechtes Haus, Weiber und Alles darin.“ Pomi erklärte das für eine Unwahrheit und damit hatte das Geſpräch geendet. Der Cavaliere Carlo Vaſalli, früher Capitain in der königlichen Garde, hatte die Königin auf ihren letzten Reiſen, zuletzt in der Eigenſchaft als ihr Stallmeiſter, uberall begleitet. Er beſtätigte Alles, was von den Entlaſtungszeugen zu ihren Gunſten angeführt worden: en zu urüc⸗ ftigen itte er nden „Epa⸗ Ze⸗ wit wohne f des eſucht f und mmen. An n Ihr eHo roßet ekom⸗ ienſt te ſch langt etwab cht jl nicht er und hrheit gin in letten neiſtu n de oren Königin Karoline von England. 247 wie Bergami, als ihr Kammerherr, ſich überall mit An⸗ ſtand aufgeführt und mit der Königin überall ehrenvoll empfangen worden. In München, zum Exempel, di⸗ nirte er, im Gefolge der Prinzeſſin, an der königlichen Tafel, mit dem Könige von Baiern ſelbſt. Der König behandelte ihn mit der größten Achtung und ſchenkte ihm ſogar eine goldene Schnupftabakdoſe mit Brillanten, worauf die Anfangsbuchſtaben ſeines Namens: Maximi⸗ lian Joſeph eingegraben waren. Auch während der Bälle in der Barona, die von angeſehenen Leuten beſucht wurden, ereignete ſich nichts Indecentes. Aehnliches ge⸗ ſchah zu Karlsruhe. Nur kehrte Bergami aus der groß⸗ herzoglichen Geſellſchaft mit ſeiner Schweſter früher nach Hauſe, weil er unpäßlich war. Die Prinzeſſin blieb, und Zeuge auch, und ſie verbrachten den Abend mit Muſik.(Soll das darauf hindeuten, daß die von der Kellnerin im Wirthshaus belauſchte Scene unmöglich geweſen?) Die Scene zu Scharnitz, d. h. die Deutung, welche die Demont ihr gegeben, erklärte er für unmög⸗ lich, indem die ganze Reiſegeſellſchaft dort in der Nacht auf den Beinen und in der Reiſekleidung geweſen ſei. Auch ſei er ſelbſt faſt jede Viertelſtunde ins Zimmer ge⸗ treten, bis zur Frühſtückszeit, ſodaß inzwiſchen unmög⸗ licherweiſe etwas Unanſtändiges ſich hätte begeben kön⸗ nen. Desgleichen beſtätigte er die Angabe des Carlo Forti über die Reiſe nach Sinigaglia, entgegen der Sacchi's. Mit unermüdlicher Wißbegier forſchten die Lords nach den Details des Tanzes, deſſen Zuſchauerſchaft Karolinen unwürdig gemacht haben ſollte, Königin von England zu heißen. Auch nach Angabe dieſes Zeugen hatte die Prinzeſſin, ohne daß eine andere Dame zuge⸗ gen geweſen, aus ihrem Fenſter dem Tanze des Araber 248 Königin Karoline von England. Mohamets zugeſchaut. Aber im Tanze war weder etwas Lächerliches noch etwas Unanſtändiges. Die Vertheidigung ſtützte ſich, wie angeführt, auf zwei Momente: auf die Unglaubwürdigkeit beſtochener Zeugen und darauf, daß Karolinens Handlungsweiſe gegen Bergami Entſchuldigung vor dem engliſchen Sit⸗ tengeſetz verdiene, weil Bergami keine ſo verächtliche, niedrig geſtellte Perſon geweſen, als man(in engliſch⸗ ariſtokratiſchem Hochmuth) es dargeſtellt und angenom— men. Es iſt hier der Ort, ehe wir den weitern Ver— lauf des Proceſſes berichten, auf die noch während deſ⸗ ſelben erſchieuenen Memoiren der Prinzeſſin und Ber— gami's hinzudeuten, welche das Urtheil des Publicums beſtimmen ſollten. Unbedingte Wahrheit müſſen wir darin nicht ſuchen. Es kommt aber, um ſelbſt ein End⸗ urtheil zu finden, darauf an, auch die Sache in dem Lichte zu betrachten, wie die Angeklagten ſie dem Pu⸗ blicum zeigen wollten. „Was hat meine Geburt auf ſich, ſagt Bergami, wenn ich nur die Tage, die mir der Himmel zuwies, mit Ehren verlebte? Als Jeanne d'Arc ihren König ret⸗ tete, fragte man da nach ihrem Stammbaum? Was mich betrifft, ſo kann ich indeß jetzt, ohne einem lächer⸗ lichen Vorurtheil huldigen zu wollen, mit einiger Beru⸗ higung verſichern, daß, bevor die politiſchen Stürme los⸗ brachen, welche, wie ſo manches Andere, auch das Haus meiner Vorältern trafen, dieſe nicht ohne Glücksgüter und ohne Rang waren; aber hart neben meiner Wiege wölbte ſich meines Vaters Grabeshügel u. ſ. w.“*) *) Nach andern Notizen erfahren wir, daß Bergami's Vater Apotheker an einem kleinen Orte war; ſeine Schweſter, Gräfin Königin Karoline von England. 249 zwü Er ward franzöſiſcher Soldat und auf dem Felde der Ehren Officier, unter der Diviſion des General Pino. Eine Zigeunerin hatte ihm einſt bei einem ländlichen Feſte prophezeit:„Du wirſt dich erniedrigen, um dich au zu erheben. Eine große Fürſtin wirſt du mit Gefahr chent deines Lebens retten. Die Ungerechtigkeit der Menſchen weiſt wird dich für die Dankbarkeit eines Weibes ſtrafen; dein Sir Glück einem großen Lande Zwietracht bringen und dein tliche kame die Welt erfüllen.“ Seitdem verfiel er in Träu⸗ liſch⸗ mereien, der Ehrgeiz erloſch in ſeiner Bruſt. Um dieſen nom⸗ Träumen zu leben(von der Mutter war er ſchon etwas Vrr zum Aberglauben erzogen), nahm er ſeinen Abſchied und d deſ lebte in ländlicher Abgeſchiedenheit zu Turin— die Prin⸗ Ber⸗ zeſſin erwartend. Die Ankunft einer jungen Fürſtin, icuns„deren Schönheit Canova's Meißel verewigt hat“(2 Pau⸗ it line Borgheſe?), lockte ihn nach Turin. Er ſah ſie vor End dem Theater,„die Anmuth ihrer Geſtalt, die Liebens⸗ dem würdigkeit ihres Benehmens rechtfertigte ihren Ruf“, Pu aber ſeine Prinzeſſin war es nicht, der Inſtinct ſagte es ihm. Er ging nach Mailand, wo ſeine Familie und a ein Kind ſeiner harrten,„welches das einzige Band war, wies das ihn an ein vom Glücke nicht begünſtigtes Loos gu knüpfte.“ icher Oldi, die ſehr ſchön war, ſoll ihre Erhebung ihrem Bruder zu Beru verdanken gehabt haben.(2) Sie war die älteſte Schweſter; eſos⸗ eine zweite war mit einem Signor Severgrini, dem Abkömmlinge ßaus einer alten Familie in Cremona, die dritte mit einem Signor Martini in Lodi, dem Bruder des ehemaligen Generalſecretairs Un des Gerichtsbezirks von Padua, verheirathet. Bartolomeo's Dienſt Liege im Stabe der Diviſion des Generallieutenant Pino, in den Feld⸗ ²) zügen 1812, 1813 und 1814 iſt durch Atteſte bewieſen. Einer ſeiner Brüder, Velloti Bergami, war während der franzöſiſchen Votn Herrſchaft Unterpräfect von Cremona. ————— 250 Gönigin Karoline von England. An der Wahrhaftigkeit ſeines Orakels zweifelnd, rü⸗ ſtete er ſich ſchon zu einer weiten Reiſe, als die Ankunft der Prinzeſſin von Wales ihn ſeinen Phantaſien wie⸗ dergab. Von ihren liebenswürdigen Eigenſchaften durch ihr Gefolge unterrichtet, ſuchte er ſie zu ſehen, beſonders um deswillen, weil er erfuhr, daß das Streben ihrer Umgebung dahin ging, ſie zu verderben. Er vernahm, daß ſie einen Courier ſuche, der ihr auf Reiſen als Weg⸗ weiſer und Dolmetſcher diene. Obgleich ſein Stolz ge— gen einen ſo niedern Platz ſich ſträubte, überwand er ſich doch, des Ausſpruchs der Zigeunerin gedenkend: „Du wirſt dich erniedrigen, um dich zu erheben, und— er ward ihr Courier.“—„Wem nie eine Ahnung tie⸗ ferer Empfindungen aufging, die ſeinigen zu beſchreiben, die ihn ergriffen, als ihm zum erſten Male das Glück ward, aus dem Munde der Fürſtin ſelbſt ihre Befehle zu vernehmen, würde vergebens ſein.“ Der rührende Ton ihrer Stimme, der ſanfte, ſchwermüthige Blick, der ihre Tugend und ihre Leiden bezeugte, überwältigten ihn. Sie kamen nach Neapel(S. October 1814.) Durch welche glückliche oder traurige Ereigniſſe ihm ein Mal in Calabrien, das andere Mal in Neapel Gelegenheit ward, die Prinzeſſin aus drohenden Gefahren zu erretten, er⸗ zählt er nicht; ihre erhabene Großmuth hat ihm über den Punkt Stillſchweigen auferlegt. Ihre Belohnungen wurden ihm als Verbrechen angerechnet! Einſt belauſchte er ein Geſpräch der Prinzeſſin mit Murat, der ſie beſuchte. Karoline theilte dieſem den vollen Grund ihrer Leiden mit, Murat ſuchte ſie zu tröſten. Das Geſpräch war lebhaft, die Prinzeſſin theilte ihm die myſteriöſen Vorfälle mit, bei denen Bergami ihr Retter geweſen. Sie äußerte:„Nein, er iſt gewiß nicht d, tü nkunſt wie⸗ ch iht onders ihrer nahn, Wes l ge nd er nkend und— ng tir reiben Gluc Befehle hrende ck, der en ih Durc n M twon en, m übe mng ſin mi vole tröſte lte ihn —,—— 2———— Königin Karoline von England. 251 8 für die niedere Stelle geboren, welche er bei mir ein⸗ nimmt.“— So wußte ſie vielleicht um das Geheimniß der Prophezeiung! Er ward zu Murat geſchickt, ihn zu dem Feſte ein⸗ zuladen, welches die Prinzeſſin geben wollte. Der Bote ward ſelbſt ins Cabinet berufen. Der König empfing ihn mit Lobſprüchen, fragte, wer er ſei, wer ſeine Ael⸗ tern geweſen? Bergami bat, es verſchweigen zu dürfen. Der König runzelte die Stirn, er hielt ihn vielleicht für einen der Elenden, welche der Prinzeſſin als Spion zuge⸗ theilt waren. Dies ertrug er nicht. Er erzählte Alles, auch die Prophezeiung der Zigeunerin, und der König lächelte gnädig ihm Gewährung, ſein Geheimniß zu bewahren. Der Knabe Auſtin war erkrankt, Bergami durfte bei ihm wachen. Es war ein hohes Zeichen des Wohl⸗ wollens, vielleicht hatte Murat ihn bei Karolinen ver⸗ rathen! Das Wohlwpllen ſchlug, wie das an Höfen natürlich, zu ſeinem Schaden aus. Man fing an, ihn zu beneiden, zu verleumden. Dies hinderte nicht eine der Damen vom Hofe, ſich in ihn zu verlieben. Es lag nicht in ſeinem Plan, Intriguen der Art anzuknüpfen. Ihre Liebe ging in Haß über. Er ließ es ſich nicht an⸗ fechten, weil„er noch nicht die Erfahrung gemacht, wie weit die Rache eines verſchmähten und beleidigten Weibes geht.“ Auf dem vielbeſprochenen Maskenball in San⸗Carlo nahte ſich Bergami eine Dame in der Maske, welche die Königin unter andern auch angelegt. Anfangs hielt Bergami ſie für Karoline, bis er an ihrem vulgairen Benehmen merkte, daß es nicht ſie, ſondern jene vorhin erwähnte Dame ſei. Er ging in das luſtige Spiel ei⸗ nige Augenblicke ein, bis er eine finſtere männliche Maske ihnen zornig folgen ſah. Da erſchrak er, was es be⸗ — 252 Königin Karoline von England. deuten könnte, dunkle Gerüchte, wie man die Prinzeſſin verfolge, kamen ihm in Erinnerung, er ſah Karoline oben in der königlichen Loge und raunte der Maske ins Ohr:„Das iſt die Unſchicklichkeit zu weit getrieben; indem Sie das Kleid Ihrer Gebieterin anzogen, hätten Sie auch ihren Anſtand und ihr Benehmen ſich aneig⸗ nen ſollen.“ Sie ſchied mit einem wüthenden Blicke. Bergami verſchmähte es, die Gebieterin mit Wiederer⸗ zählung von Erbärmlichkeiten zu beläſtigen,„über die der bekannte Ruf der Prinzeſſin ſie ſelbſt ebenſo erhob, als ſein Gewiſſen ihn darüber beruhigte.“(1) Bei einer Partie zu Pferde(wahrſcheinlich nach dem Lago d'Agnano) ward das Pferd der Prinzeſſin ſcheu; als Bergami ſich entgegenwarf, es aufzuhalten, erhielt er einen ſo heftigen Schlag, daß er bewußtlos nieder⸗ ſank. In die Stadt zurückgebracht, legte man ihn in ein den Zimmern der Fürſtin nahegelegenes Gemach, wo er theilnehmend gepflegt ward, wo die Prinzeſſin ſelbſt ihn beſuchte.„Erhabene Fürſtin! konnteſt du damals wol denken, daß deine rührende Großmuth, würdig einer königlichen Seele, jemals den Stoff zu den nichtswür⸗ digſten Verleumdungen würde hergeben müſſen.“ Nach Empfang eines Briefes aus England, der die Prinzeſſin ſehr zu ängſtigen ſchien, reiſten ſie nach Rom, dann nach Genua und zurück nach Mailand. Bergami hatte ſeit jenem Briefe den Befehl erhalten, ſeine Auf⸗ merkſamkeit für alles Vorgehende zu verdoppeln. Zum Lohn dafür ſollte er ſich eine Gnade ausbitten. Er bat um die Aufnahme ſeiner Familie in die Dienſte der Prinzeſſin. Seine Schweſter kam mit der kleinen Vie⸗ torine, ſeinem Kinde, an welche die Prinzeſſin ſich un⸗ gemein attachirte. um den Inquiſitionen der Mailänder Commiſſion zu en zeſſn tolin Naske iebenz ätten neig⸗ glicke deret⸗ r die thob, dem ſcheuz rhielt ieder⸗ hn in „wo ſelbſt mals einet zwir er die Ron, tgani Auß Zum rbat der Un on Königin Karoline von England. 253 entgehen, begab ſich Karoline nach Venedig. In Como verlieh die Prinzeſſin Bergami,„da ſie ſeine Familie kannte und wußte, daß er dieſer Auszeichnung nicht un⸗ werth war, den Titel eines Kammerherrn.“—„Meine Schweſter, die Gräfin Oldi, ernannte ſie zu ihrer Hof⸗ dame.“ Darauf Reiſe nach Griechenland. Die Prinzeſſin hat ſehr ſchöne Empfindungen und Gedanken beim An⸗ blick der Ruinen von Athen, und citirt Stellen aus Byron's Gedichten. In Epheſus überreicht ihr die kleine Victorine, in maleriſcher Stellung auf den Trümmern eines Altars ſtehend, einen Blütenkranz. Die Prinzeſſin ſchloß die Kleine in ihre Arme. In Syrien war an Bergami das Entzücken. Fromm warf er ſich auf die Erde der Erlöſung nieder. Wie betrat er Jeruſalem! Er brannte vor Begierde, das Grab des Herrn zu ſehen, und flehte kniend an demſelben zu Gott für ſein Kind und die erhabene Beſchützerin. Dort empfing er vom ehrwürdigen Bruder Antonio S. wegen ſeiner frommen Geſinnungen den Orden des hei⸗ ligen Grabes. Die Decoration an Bergami's Bruſt rief in der Prinzeſſin den Gedanken auf, einen Hausorden der hei⸗ ligen Karoline von Jeruſalem für ihre getreueſten Die⸗ ner zu ſtiften. Bergami und Auſtin erhielten ihn zuerſt. Mit lauter Stimme, ausgeſprochen am heiligſten Orte der Welt, leiſteten ſie den Schwur der Treue. Alle wiederholten ihn, den Zorn des Ewigen auf den herab⸗ rufend, der jemals pflichtvergeſſen ſein könnte.„Mögen die Meineidigen bei dieſer Erinnerung zittern!“ Darauf Reiſe durch die Wüſte zu Eſel. Die kleine Victorine hält am beſten die Hitze aus. Die Prinzeſſin trägt, um ſich dagegen zu ſchützen, eine halbe Waſſer⸗ — 254 Rönigin Karoline von England. melone auf den Kopf gebunden. Andern machte es un⸗ geheure Kopfſchmerzen. Viele vom Gefolge litten am Verſtande. Der Koch ſprang mit dem Bratſpieß im brennenden Sande umher, die Küchenjungen zum Kampf herausfordernd,„er ſei der erſte aller Kreuzfahrer.“ Er ward geheilt. Bei der Rückreiſe nichts Beſonderes.„Der Arg⸗ wohn, der uns hinbegleitet, umgab uns auch auf dem Rückwege, und Tag und Nacht dieſelbe argwöhniſche Aufſicht.“ Die Prinzeſſin hatte der kleinen Victorine zum An⸗ denken an den Orient den Eſel geſchenkt, auf dem ſie geritten, weil das Kind darum bat, und er kam nach Italien mit. In Italien ſchenkte ſie ihr ein Landhaus, das Bergami in der Nähe der Villa ausgeſucht, wo die Zigeunerin ihm ſein Schickſal prophezeiet hatte. Hier wurden viele Feſte, Operngeſänge u. ſ. w. veranſtaltet, um die Prinzeſſin von dem furchtbaren Schmerz um den Verluſt ihrer Tochter aufzuheitern. Hier kam Bergami, verkleidet als ein anderer ihm ergebener Diener der Prinzeſſin, hinter traurige Schliche. Man wollte ihn anwerben, um von den Heimlichkeiten der Fürſtin, beſonders denen mit Bergami, der Com⸗ miſſion Nachricht zu geben. Für ein genaues Tagebuch verſprach man ihm eine große Belohnung und gab ihm ſogar 20 Pfd. St. auf die Hand. Als er Einwendun⸗ gen machte, da er von zwei ſehr treuen Dienern der Prinzeſſin beaufſichtigt werde, lachte der Commiſſair ſchelmiſch: dieſe beiden wären längſt im Dienſte der Commiſſion, hätten ſchon viel berichtet und wären gut bezahlt. Als man ſich davon überzeugte, wurden ſie entlaſſen.„Das erhabene Herz der edeln Fürſtin hatte keinen Begriff von ſolchen Nichtswürdigkeiten.“ „ es un en am ieß in Kampf Er r Atg⸗ uf den hniſche m An dem ſt m nach dhau, wo di Hier ſtaltet, m den et ihn chlicht chkeiten rCont ab ihn endun m de miſſai ſte de en den ſ n hob Königin Karoline von England. 255 Um ſich wegen ſolchen Verdruſſes zu zerſtreuen die Reiſe nach Tyrol. Bergami, in Paßangelegenheiten nach Inſpruck vorausgeſchickt, kam in der Nacht zurück. Weil er mit ſeiner Sendung, an der Karoline viel zu liegen ſchien, ſofort in ihr Zimmer drang, hat die Bosheit und Verleumdung auch davon Nutzen zu ziehen geſucht! Bergami brachte der Prinzeſſin— er ſpringt über ſehr Vieles, was dazwiſchenliegt, hinweg— die erſte Nachricht vom Tode Georg UI, er begrüßte ſie mit zit⸗ ternder Stimme als Königin.—„Das wolle der Him⸗ mel verhüten, dann habe ich Alles verloren!“ rief ſie aus. Sie hatte ihren Beſchützer, Vater, Freund ver⸗ loren, den Einzigen, deſſen Herz ihr eine Zuflucht ge⸗ gen ſeine Verfolger bot.— Richts vermochte ihren Schmerz zu zerſtreuen,„auch nicht der Gedanke, bald einem Volke wiedergegeben zu ſein, das ſie anbetete.“— „Welche Reize, rief ſie aus, kann noch eine Krone für mich haben, die die Stirn meines Kindes nicht mehr ſchmücken wird.“—(Wäre ſie dieſem Gefühle gefolgt!) Aber, wer hätte es geglaubt, daß zu den Schmerzen, welche ihr das Schickſal bereitet, ſich bald noch Belei⸗ digungen aller Art geſellen ſollten, daß man ſie, ſtatt zu vergönnen, die ihr gebührenden Ehrenbietungen eines edeln Volkes zu empfangen und auf dem Grabe eines verehrten Vaters und einer geliebten Tochter zu weinen, zwang, vor den Augen ihres Volkes gleich einer Schuld⸗ beladenen zu erſcheinen! Werde die Nachwelt es glau⸗ ben können, daß man gewagt, den Namen der unglück⸗ lichen Mutter der Prinzeſſin Charlotte aus den öffent⸗ lichen Gebeten zu ſtreichen, Verbannung aus ihrem Reiche anzutragen, ihr anzutragen, ihren Scepter und ihre Ehre für einige Millionen zu verkaufen! „Sie zögerte nicht, zu thun, was ſie mußte. Sie 256 Königin Karoline von England. reiſte, und an Frankreichs Küſte ſagte ich ihr ein, viel⸗ leicht ewiges Lebewohl!“ So Bergami's Roman, oder vielmehr der eines fran⸗ zöſiſchen Schriftſtellers, dem die Abfaſſung übertragen worden. Zu Gunſten der Königin hätte er in geſchick⸗ tere Hände fallen können. Die Anwalte der Königin hielten nach dem Schluß der Entlaſtungszeugenvernehmung Vertheidigungsreden, in welchen Williams, Denman und Luſhington an Be⸗ redtſamkeit mit Brougham wetteiferten. Den Leichtſinn der Fürſtin mußten ſie zugeben; aber ſie ſchrieben ihn auf Rechnung ihres Temperaments und der jahrelangen, ſchweren Mishandlungen. Die von ihr begangenen Mis⸗ griffe wurden durch die größere Freiheit der italieniſchen Sitten entſchuldigt. Dann machte Brougham die An⸗ klagepunkte, der Reihe nach, verdächtig als zuſammenge⸗ floſſen aus Berichten jener mailänder Commiſſion, der, bei der verſchwenderiſchen Austheilung ihrer Geldmittel*), es nicht ſchwer geworden, im Lande der Auguſte und Nerone feile Zeugen aufzutreiben. War doch, noch zum Schluß des Proceſſes, durch die ſchwer zu rechtfertigende Fortſendung des Zeugen Raſtelli ein ſehr gegründeter Verdacht entſtanden, daß man ihn mit Abſicht fortge⸗ ſchickt, um nicht das geforderte Zeugniß über die ſchmäh⸗ lichen Zeugenwerbungen abzugeben. Er machte ferner auf die ſehr häufigen Widerſprüche in den Ausſagen der Bela⸗ ſtungszeugen ſelbſt aufmerkſam; endlich hob er das ſchänd⸗ liche, demoraliſirende Verfahren hervor, die Königin vom *) Die Zeugencommiſſion in Mailand ſoll, in fünf Monaten allein, dem engliſchen Staate mehr als 10,000 Pfund Sterling gekoſtet haben. Königin Karolint von England. 257 ve Anbeginn ihrer Reiſe mit Spähern zu umgeben, um im voraus jeden möglichen Fehltritt derſelben zu belauſchen, ftm⸗ zu conſtatiren, zum Beweiſe zu ſtempeln. Perſonen, die tragen ſich zu einem ſolchen niederträchtigen Geſchäft hergeben, ſchic⸗ kann man auch noch mehr zutrauen. Wo die Denun— ciation Geld einbrachte, konnte ſie zu Scenen, Schau⸗ ſtellungen, Geſprächen verlockt haben, die zur Sünde gemacht wurden und Geld einbrachten. Die Berathungen über die zweite Verleſung der Bill i fingen am 2. November an. Die Oppoſition, beſonders n Be der Theil, welchen Lord Grey anführte, ſuchte die Kö⸗ hiſn nigin als das Opfer einer verruchten Verſchwörung dar⸗ n ihn zuſtellen. Die gemäßigten Whigs und Tories fürchteten unget ernſte Gefahren aus der Verurtheilung für das Land. M Die Begeiſterung des Volkes für die Königin, die gün⸗ ſtige Stimmung des Mittelſtandes für dieſelbe könnten e An⸗ leicht einen Aufſtand hervorrufen, der zur verzehrenden ens Flamme würde. Lord Liverpool blieb unerſchütterlich in den der Vertheidigung der Bill. tel“) Die Debatten verlängerten ſich bis zum 6. Novem⸗ e und ber, wo es zur Abſtimmung kommen ſollte. h zen Die Lords wurden bei Namen einzeln aufgerufen, igende dom jüngſten Baron an, und der Lord⸗Kanzler erklärte, indete daß die Zahl der Einſtimmenden(mit der Degradations⸗ fortge vill) 123, die der nicht Einſtimmenden 95 betrage. Die hmäh Majorität für die zweite Leſung der Bill betrug r uuf lſo 28. Bela⸗ Nach engliſchen Begriffen war aber ein ſolcher Sieg händ⸗ ine Niederlage des Miniſteriums. Die Majorität war von u gering. Bei der dritten Leſung konnten ſogar Zu⸗ fälligkeiten dieſe Majorität zur Minorität machen. End⸗ lch mußte, da das Oberhaus hier nicht in der Eigen⸗ chaft als Richter in einem Eheſcheidungsproceſſe ſprach, 258 Königin Karoline von England. ſondern die Form eines Geſetzvorſchlages beliebt worden, die im Oberhaus angenommene Bill noch vor das Un⸗ terhaus. Fiel ſie hier durch, was viel Wahrſcheinliches für ſich hatte, wo ſelbſt bei den Lords die Majorität für die Krone ſo gering geweſen, ſo war dies ſo viel als eine vollkommene Unſchuldserklärung der Königin. Am folgenden Tage, 7. November, überreichte Lord Dacre Namens der Königin folgenden Proteſt: „Karoline Regina, „An die Geiſtlichen und Weltlichen Lords, im Par⸗ lamente verſammelt. „Die Königin hat die Entſcheidung der Lords über die ihnen vorgelegte Bill vernommen. Im Angeſicht des Parlaments, ihrer Familie und des ganzen Landes legt ſie dagegen Proteſt ein. Diejenigen, welche ſich zu ihren Verfolgern bekannt, haben ſich zugleich angemaßt, zu Gericht zu ſitzen in der Streitfrage zwiſchen der Kö⸗ nigin und ihnen ſelbſt. Peers haben ihre Stimmen ge⸗ gen ſie abgegeben, welche alle Beweiszeugen für die Anklage mit angehört, ſich davon aber während ihrer Vertheidigung entfernt hatten. Andere kamen zur Debatte und zum Gerichte aus dem geheimen Comité, ihre Köpfe noch angefüllt von der Maſſe Skandal⸗ und Klatſchgeſchichten, welche ihre Feinde nicht offen vor Gericht zu bringen wagten. „Die Königin begibt ſich ihres Rechtes ſelbſt vor dem Comité zu erſcheinen; denn die Einzelheiten der Maßregel ſind für ſie ein indifferenter Gegenſtand, und wenn nicht etwa dieſes Verfahren ohne Beiſpiel die Bill auch vor den andern Zweig der Legislatur bringen ſollte, ſo will ſie weiter nicht auf das eingehen, was ſie wäh⸗ rend dieſer letzten 25 Jahre erduldet hat. „Sie betheuert, nach reiflicher Erwägung und im worden das Un einliche ojoriti ſo vie nigin. te Lord m Par tds übe Angeſih Lunde eſchi ngemaßt der Ko men ge für di end ihr t im heint r Nu inde nih ebſt 6 eiten bi un nd, die B Königin Karoline von England. 259 Angeſicht Gottes, daß ſie gänzlich unſchuldig iſt an dem ihr zur Laſt gelegten Verbrechen, und erwartet, mit un⸗ erſchüttertem Vertrauen, das endliche Reſultat dieſer Un⸗ terſuchung ſonder Gleichen.“ Dieſer Proteſt war etwas Ungewöhnliches. Der Kanzler erklärte, daß der Angeſchuldigte in ſolchen Fäl⸗ en, wo die Anklage in Form einer Bill vorgebracht werde, nach der zweiten Verleſung derſelben ein Recht habe, perſönlich gehört zu werden; aber nicht das Recht, daß ein Proteſt in die Bücher des Parlaments einge⸗ tragen werde. Indeſſen meinte er, es werde ſich ziemen das ihnen vorgelegte Papier, wenn auch nicht als Pro⸗ reſt, doch als eine Adreſſe entgegenzunehmen. Nachdem das Haus ſich zum Comité über die Bill conſtituirt, wurden einige leichte Veränderungen in der Einleitung vorgenommen. Die Klauſel nämlich, in wel⸗ cher die Königin eines ehebrecheriſchen Umgangs ſchuldig erklärt war, wurde von einigen miniſteriellen Peers ſelbſt angegriffen. Wenn ſie ſie gleich für ſchuldig hiel⸗ den, ſo glaubten ſie doch, daß dieſelbe ſchließlich nicht durchgehen dürfe, und daß es unſchicklich wäre, ſie, die Königin, bleiben ſollte, für ſchuldig des Ehebruchs zu erklären. Dieſe Klauſel wurde daher weggezogen. Es entſtand aber darauf ein Streit über die Frage: ob die Klauſel der Eheſcheidung weggelaſſen werden ſolle eder nicht, und ob die Bill bloß Degradation und Strafe nach ſich ziehen ſolle? Der Erzbiſchof von York nämlich erhob ſich und op⸗ Lonirte gegen die Scheidungsklauſel. Die Biſchöfe von Cheſter und Worceſter folgten ihm. Der Erzbiſchof von Canterbury und die Biſchöfe von London und Llandaff vertheidigten die Klauſel. Die Debatte dauerte bis zum ſolgenden Tag. 260 Königin Karoline von England. Das Miniſterium erklärte, daß jene Klauſel bloß aus 1 der Schicklichkeit in die Bill gebracht worden; 6 kFönig wünſche nicht gerade die Befreiung von ſeinen Banden, und die Regierung ſei bereit, auf die Klauſel zu verzichten, wenn ſie dem religiöſen Gefühl der Na⸗ tion widerſtreite. Dies war ſchon ein Nachgeben der Krone. Entwe⸗ der fürchtete ſie, daß der Beweis des Ehebruchs nicht als durch die Zeugen für vollſtändig geführt angeſehen werden dürfte, oder ſie beſorgte, daß der religiöſe Wi⸗ derſtand im Volk oder im Parlament zu ſtark werde. Die Gegenpartei konnte die Eheſcheidungsklage mit allen ihren Conſequenzen aus der Bill herauskehren, und es konnte für den König und die Sache jene übele Folge erwachſen und jene Gegenklage Eingang finden, welche die königliche Autorität und zugleich den Proceß verloren gehen machte. um deswillen wollte man ſich mit dem Antrage auf Degradation und Strafe begnügen. Dieſe Anſicht recht⸗ fertigt und erklärt auch das eingeſchlagene Vertheidi⸗ gungsſyſtem, welches ſonſt in vielen Punkten ganz müßig erſchiene. Es ließ die Anklage des Ehebruchs zum Theil ganz bei Seite liegen, und beſtrebte ſich nur darzuthun: wie die Lebensweiſe, der Umgang, die Vergnügungen der Königin nicht ſolche geweſen, welche nach engliſchen Be⸗ griffen den Anſtand verletzten. Daher die faſt ins Lä⸗ cherliche gehende Beweisführung: daß Bergami kein ſo gemeiner Menſch geweſen, ſeine Schweſter eine anſtän⸗ dige Dame, daß vornehme Perſonen ihn zur Tafel ge⸗ zogen, daß der arabiſche Tanz nichts Sittenverletzendes gehabt, und daß Karoline von hohen und fürſtlichen Perſonen empfangen und beſucht worden! Bei der Frageſtellung ſtimmten 129 dafür, daß die oß e worden n ſein Klauſt der Ni Entwe h nich ngeſchr öſe W werde nit all und 6 le Folhe „welc verlorel rage al ht rech zethei niß um Ih rzuthu ngen d ſchen S. kein anſti afel rletzen ürſti“ doß! Königin Karoline von England. 261 Scheidungsklauſel in der Bill bleiben ſolle; 62 da⸗ gegen!. Die meiſten Miniſter und mehre von den frühern Freunden der Bill waren bei dieſer Gelegenheit in der Minorität. Sie hofften durch dieſe Conceſſion auf eine größere Majorität bei der dritten Leſung. Verſchiedene Lords hatten, als ſie für die zweite Leſung ſtimmten, ſchon ausdrücklich erklärt, daß ſie für die Scheidungs⸗ klauſel nicht ſtimmen könnten und die Maßregel nur in der Vorausſetzung unterſtützten, daß ſie im Comite werde fortgeſtrichen werden. Aus demſelben Grunde aber ſpra⸗ chen die Feinde der ganzen Bill mit aller ihrer Kraft für die Beibehaltung der Klauſel. Sie hofften bei der dritten Leſung die für ſich zu gewinnen, welche für die Degradation, aber gegen die Scheidung ſich erklärt. Am 9. November ward der Bericht des Comités ins Haus gebracht und die amendirte Bill verleſen. Lord Kenyon machte noch einen erfolgloſen Verſuch, die Schei⸗ dungsklauſel auszuſtoßen. Lord Lauderdale klagte laut die Oppoſition wegen ihrer Kriegsliſt an und beſchwor die, welche Freunde der Maßregel in ihrer Weſenheit wären, vor einem ſolchen Manoeuvre nicht zu weichen, und nicht, indem ſie ſich der dritten Leſung widerſetzten, ihre frühern Vota umzuſtoßen. Jetzt zeigte ſich aber die ganze Bedeutung der ge⸗ ſchickten Operation der Whigs. Die Biſchöfe waren jetzt entſchieden. Sie erklärten, nach ihrem Gewiſſen und der Religion, die Scheidung ſür unzuläſſig, auch nach der Degradation in dem Falle, daß der eine der beiden Gatten eine freiwillige Tren⸗ nung, im Widerſpruche mit den Vorſchriften des Evan⸗ geliums bewirkt. Dahin aber ward der Brief ausgelegt, velchen Georg IV. vor 24 Jahren als Prinz von Wales 262 äönigin Karoline von England. — an ſeine Gemahlin geſchriebtn hatte. Wir kennen ihn 2 Brougham's Vertheidigungsrede. Freitag, am 10. November, als die Frage über die dritte Leſung der Bill geſtellt ward, ſprachen die Lords Morley und Fortescue, ſowie die Herzoge von Bedford und Grafton dagegen. Selbſt Lord Ellenborough, der entſchiedenſte Tory und Anhänger Caſtlereagh's, erklärte, er werde gegen die Bill ſtimmen. „Soll die Bill zum dritten Mal geleſen werden?“ lautete die Frage. Einverſtanden waren 108, dagegen ſtimmten 99; die MWajorität betrug alſo nur neun Stimmen! Als die Majorität feſtgeſtellt war, erklärte Lord Dacre, wie er von Ihro Majeſtät, der Königin beauf⸗ tragt ſei, ihre Bitte vorzutragen, daß ſie durch ihren Rath noch ein Mal gegen das Durchgehen der Bill ge⸗ hört werde. Nach den Zeitungsnachrichten hatte ſie ſelbſt die Abſicht, noch ein Mal vor den Lords zu erſcheinen. Aber Graf Liverpool erhob ſich und erklärte, ein ſolches Verfahren werde unnöthig ſein. Er könne ſich den Zuſtand der öffentlichen Meinung, bezüglich auf die von den Miniſtern durchzuführende Maßregel, nicht ver⸗ bergen, außerdem ſei auch in dieſem Hauſe jene Mei⸗ nung zu ſtark vertreten, indem er nur eine Majorität von neun Stimmen erlangt. Wenn die Bill bei der dritten Leſung auch nur ſo viel Stimmen erlangt, als bei der zweiten, würde er und ſeine Collegen es für ihre Pflicht erachtet haben, darauf zu verharren und ſie ins andere Haus hinüberzuſenden. Beim gegenwärtigen Zu⸗ ſtande des Landes jedoch, und bei einer ſo faſt gleich getheilten Anſicht unter den Lords ſeien ſie zum Ent⸗ ſchluß gekommen, nicht weiter darauf zu beſtehen. Seine Abſicht ſei demnach, darauf anzutragen:„daß die fernere Bera ſchobe — U — land, Forn hatte Rath Kron geiſt der Daß Kön lang deſſe ſchwe der! war, ſich! ſchul anzu derr Vor vill war den pört Vii eine hall war kennen ih ge übet die Lor on Bedfot rough, de , erklirt werden! , dagege nut nel klärte W igin heauf durch ihr der Bil 9 tte ſe ſelbt erſcheinen lirte, i könne ſ ich auf l, richt i tjne 5 Mejori Lil bit ulngt und ſe* virtigen“ ſuß g ezum 6 chen.& die ſun Bönigin Karoline von England. 263 Berathung der Bill von heüt ab auf ſechs Monate ver⸗ ſchoben werde.“ Das heißt, nach parlamentariſchem Gebrauch in Eng⸗ land, die Bill wird zurückgenommen; es iſt die mildere Form dafür. Schon nach der zweiten Leſung der Bill hatte ein Mitglied der Oppoſition dem Miniſterium den Rath gegeben, zu dieſem Auskunftsmittel zu greifen. Hiermit war die Sache beendet, der Proceß der Krone gegen die Königin aufgegeben, alſo verloren. Man nimmt an, daß die religiöſen Scrupel der geiſtlichen Lords, getragen von der religiöſen Meinung der übrigen Geiſtlichkeit, dieſen Ausſchlag herbeigeführt. Das iſt richtig. Das eigentliche Fundament aber war die ſittliche Entrüſtung in der ganzen Nation, daß ein König wie Georg IV. ſeine Gattin um Vergehen be⸗ langen, dem öffentlichen Skandal preisgeben könne, er, deſſen eigene Vergehen in dieſem Punkte ſo ungleich ſchwerer waren. Wenn auch die Mehrzahl der Englän⸗ der moraliſch von der Schuld der Königin überzeugt war, ſo blickte doch jeder, der eines moraliſchen Gefühls ſich bewußt war, mit Unwillen und Entrüſtung auf den ſchuldigern Mann und König, der einen ſolchen Skandal anzuheben ſich nicht ſcheute, um ſeinem perſönlichen Wi⸗ derwillen gegen ein ſchwaches Weib Luft zu machen. Von einem König durfte man, ſchon um des Reſpectes willen für ſein Volk, eine andere Selbſtbeherrſchung er⸗ warten. Dann aber war das Gefühl aller Briten durch den Proceß ſelbſt und die zu Tage gekommene Art em⸗ pört, wie man das arme leichtſinnige und heißblütige Weib mit Spionen umgarnt, mit einer Commiſſion in einer fortwährenden, geheimen Unterſuchung verſtrickt ge⸗ halten hatte. Was das Recht eines jeden freien Briten war, hatte man ſeiner Königin nicht gegönnt. Sie war 264 Königin Garoline von England⸗ „ nicht frei geweſen, ſie hatte wie ein Vogel an langem S . Faden geflattert, und jeden Augenblick konnte die un⸗ n ſichtbare Hand ſie in den Käfigt zurückziechen. Nicht ſ einmal das heilige Hausrecht war reſpectirt, denn die ſ Diener, welche ſie für die treueſten hielt, waren ihre Aufpaſſer; man hatte ſich ſelbſt nicht entblödet, falſche( Schlüſſel fertigen zu laſſen, um in ihre Heimlichkeiten ſ zu dringen. Wo die Verfolgung ſolcher Mittel ſich be⸗ n diente, die Zeugen von vornherein ſo verdächtigt erſchie⸗ 9 4 nen, hatte die Jury in der Regel ihr moraliſches Ge⸗ t 4 fühl walten laſſen und ihr Richtſchuldig geſprochen. n 18 Endlich, wenn es nur die Degradation galt wegen un⸗ würdigen Benehmens, wer hatte ſich denn unwürdiger a benommen, das leichtſinnige Weib, das in der Fremde i allen Genüſſen nachflatterte, die Zeit und Oertlichkeit ihr a boten, oder ihr Gatte, der König, der mitten im ſitten⸗ v prüden England das ſittenloſeſte Leben führte, mit einer m offenen Maitreſſenwirthſchaft und im Geheimen(was aber a jeder zu wiſſen glaubte) Orgien ſich hingebend, die an die gr Jeiten des Tiberius mahnten. Durfte dieſer als Sitten⸗ A richter, als Kläger wegen verletzten Anſtandes auftreten? c Im übrigen war der Proceß rein zur politiſchen Par⸗ di teiſache geworden. Wie in England die ganze Reform⸗ partei mit einem Theile der Whigs für die Königin ſi focht, weil ſie gegen das toryſtiſche abſolute Princip d einen Sieg mit zu erfechten glaubte, ſo betrachtete die K Partei des Legitimismus und der Feudalariſtokratie auf dem Continent den Kampf gegen die Königin als einen lu für Thron und Altar geführten. Seltſame Widerſprüche! A Die für das Ritterthum Schwärmenden ſtritten gegen de eine Dame, eine Königin, eine der Liebenswürdigſten de (darein ſtimmt, wer ſie gekannt) ihres Geſchlechts, und S ſuchten den Ritterpreis darin, ſie der Sünde zu zeihen! lie langun die m ich denn di ren ihr ſſt lichkeitm ſich be erſchit hes Ge ſprochen egen u würdige Frend keit ih m ſitten nit einer vas ab ie an di Sitten uftten chen u Juſon Köriß Prine hute d nutit u als ein nſprit⸗ en zi. ürdig hi, zit“ Königin Karoline von England. 265 Schreiber dieſes war bei einem der glühendſten Schwär⸗ mer für die Wiedererweckung jenes Ritterthums zum Be⸗ ſuch, als die Poſt Nachricht von der Erklärung des engli⸗ ſchen Miniſteriums brachte, bei Friedrich de la Motte Fouque. Geſtalten ſeiner Art werden für die jüngere Generation bald zur Mythe werden. Fouque ſah Ge⸗ ſpenſter. Das des Jacobinismus erblickte er ſo überall, wie die von der entgegengeſetzten Partei heut das der Reaction. Er ließ die Zeitung fallen und ſeine Arme zit⸗ terten.„Die Miniſter haben den Kopf verloren, ſie wiſſen nicht, daß ihre Handlung ein Hochverrath iſt gegen die Krone.“ Der ritterliche Sänger betrachtete den Ausgang als eine Calamitãt für ganz Europa. Es war ein Trauertag in der Familie. Ich citire dieſen Fall aus der alten Zeit als eine hiſtoriſche Curioſität, die uns heut ſo unglaublich vorkommt, als, ich hoffe es vom Geiſt der Menſchheit, manche heutige Verirrungen des moraliſchen Gefühls aus Parteiwuth nach 20— 30 Jahren uns wieder unbe⸗ greiflich erſcheinen werden. Ich ſchreibe dies nieder im Augenblick, wo ich aus Köln höre, daß Tauſende in einer Volksverſammlung vor Jubel gebrüllt haben, als die Nachricht kam, daß Fürſt Lichnowsky und General Auerswald von Meuchelmördern canibaliſch umgebracht ind. Das wiegt wol auf die Verirrung eines Ritters, dem eine Thräne des Zorns ins Auge trat, weil eine Königin nicht ſchuldig gefunden ward des Ehebruchs! Graf Liverpool's Motion ward ohne Stimmenthei⸗ lang angenommen, nicht aber ohne bittere Vorwürfe der Lord Grey, Montroſe und Anderer über den Leichtſinn der Miniſter in dieſem unglückſeligen Handel, welcher der Krone ſo viel Schmach, dem Lande an 200,000 Pfd. Sterl. gekoſtet und der öffentlichen Moral unverwind⸗ lchen Schaden gebracht. XIV. 12 266 Rönigin Karoline von England. Nie vielleicht, ſagt ein engliſcher Berichterſtatter, ward eine Maßregel im Parlamente eingebracht, an de⸗ ren Erfolg die Krone ein gleich lebhaftes Intereſſe nahm. Und doch, trotz alles königlichen Einfluſſes, trotzdem, daß die Miniſter ihre ganze Kraft daran ſetzten, trotzdem, daß ſie in dieſem Falle ſelbſt von ſehr geſchickten Mit⸗ gliedern der Oppoſition unterſtützt wurden, mußten ſie dennoch dem allgemeinen Fufe nachgeben und die Maß⸗ regel im Stich laſſen.— Der Fall der Bill war eine Niederlage der Miniſter und ein Triumph der Königin und ihrer Partei. Die Anhänger der Königin, beſonders die untern Volksmaſſen, erfüllten die Stadt mit einem an Raſerei grenzenden Jubel über dieſen nicht erwarteten Ausgang. Später verbreitete er ſich durchs ganze Land. Am Abende ward ein Theil von London illuminirt. Die Zeugen gegen die Königin liefen noch einmal Lebensge⸗ fahr; ſie wurden im Bilde aufgehenkt. Man erzählte ſich eine Anekdote: einer der heimkehrenden Miniſter ge⸗ rieth in einen Pöbelhaufen. Man erkannte ihn und zwang ihn, der Königin ein Lebehoch zu bringen. Er that es, ſeinen Hut ſchwenkend mit dem bittern Zuſatz: „und ich wünſche Euch allen ebenſo gute Frauen!“ Auch in den höhern Kreiſen feierte man den erfoch⸗ tenen Sieg. Ein großer Theil der Ariſtokratie brachte ſeine Glückwünſche, jetzt auch erſchien Prinz Leopold von Koburg, der Herzog von Suſſer. Sie war ja von der Anklage losgeſprochen. Die Gratulationsadreſſen ſtröm⸗ ten von allen Seiten; in verſchiedenen Meetings wurden Beſchlüſſe gefaßt mit heftigem Tadel gegen die Miniſter, mit der Aufforderung, ihre Stellen niederzulegen. Karoline, nicht mehr die Verfolgte, jetzt Siegerin, getragen von der Volksgunſt, ſtand an der Spitze erſtatte „an de e nahn em, di trotzden ten Mi ten ſ ie Mif var ein Königi Reſn Ausgin d. itt. ⸗ Lebenöge erzihl niſtet 9 ihn u ngel m Zuſt un!“ un u ie but opold . von ſn ſi s wu Vim gen⸗ ESich der * —= S Königin Karoline von England. 267 einer großen Partei und konnte ihren Gegnern Bedin⸗ gungen vorſchreiben. Sie hatte dem Hauſe der Gemei⸗ nen anzeigen laſſen, daß ſie die Anerbietungen der Mi⸗ niſter hinſichts ihres künftigen Unterhalts verworfen habe und ſich allein der Freigebigkeit des Parlaments zu über⸗ laſſen gedenke. Ehe indeſſen ein ſolcher Antrag ihrer⸗ ſeits vorgebracht wurde, erklärten die Miniſter das Par⸗ lament für aufgelöſt. Damit waren alle fernern geſetz⸗ lichen Operationen, die von ihr oder ihrer Partei vor⸗ genommen werden konnten, abgeſchnitten. Bald darauf, und ehe das neue Parlament einbe⸗ rufen war, ſtarb die Königin Karoline plötzlich. Der Verdacht, daß ſie vergiftet worden, lag ſo nahe, daß er ſich faſt von ſelbſt ausſprach. Die ſtrengſte ärztliche Unterſuchung hat aber den Verdacht nicht beſtätigt, mit Gründen der Wiſſenſchaft hat man ihn widerlegt und als grobe Verleumdung des Parteigeiſtes erklärt. In ſeiner allgemeinen Geſchichte der neueſten Zeit ſagt Ernſt Münch: Karoline ſtarb„glücklich darin, daß ſie das beſonnenere Urtheil der Zeitgenoſſen nicht erſt mit Aengſtlichkeit abzuwarten brauchte.“ Fr. Buchholz agt:„Schuldig oder unſchuldig, ihr Ruf war für die Dauer ihres Lebens unauslöſchlich befleckt. Und wenn ſe dem Schickſal der Gemahlinnen Heinrich VMI. und ſelbſt dem der Gemahlin Georg I. entging, ſo verdankte ſe dieſe Gunſt theils dem milden Geiſte ihres Jahr⸗ hunderts, theils der Entwickelung, welche Großbritan⸗ riens Verfaſſung durch die Preßfreiheit erhalten hat, ener Entwickelung, deren erſter Charakter ein höheres Maß von Oeffentlichkeit iſt, das freilich auf der einen Seite den Parteigeiſt verſtärkt, auf der andern aber alle 12* 268 Eönigin Karoline von England. willkürlichen und tyranniſchen Maßregeln abwendet. Wird die Nachwelt es glauben, daß eine Königin, im Vertrauen auf die Geſetzgebung ihres Landes, trotz dem Gefühl ihrer Schuld, es gewagt habe, ihrem Gemahl, dem mächtigſten Monarchen der europäiſchen Welt(²), auf ſeinem Throne zu trotzen, als er damit umging, ihren Rechten zu ſchaden? Dies gerade iſt es, was den Proceß der Königin ſo wichtig macht. In jedem an⸗ dern Lande würde die Erſcheinung unmöglich geweſen ſein.“ Das war für jene Jahre, wo Buchholz und Münch ſchrieben, richtig; ſeitdem iſt eine andere Zeit für Eu⸗ ropa gekommen. War ſie ſchuldig oder unſchuldig?— Canning, eine der edelſten, erleuchtetſten, humanen Größen ſeiner Zeit, erklärte ſich laut für ſie; wahrhaftig nicht aus Partei⸗ geiſt, denn er verließ ſeine Partei und ſein Miniſte⸗ rium, um nicht gegen Karolinen wirken zu müſſen.— Brougham war zwar ihr Advocat, was aber beſtimmte den Lord Brougham, den Geſchichtsſchreiber, ein Viertel⸗ jahrhundert nach ihrem Tode, in ſeinen Lebensläufen britiſcher Staatsmänner ſeinen Glauben an ihre Unſchuld niederzulegen. Sie war zur hiſtoriſchen Perſon gewor⸗ den, ohne Kinder, ohne nahe Verwandte, die Rückſicht forderten.. Das Publicum hat anders geurtheilt. Sie war un ſchuldig Georg W. gegenüber. Hatte er ihr doch ſogar einen Freibrief gegeben in beſter Form. Ihre Bande gegen einander waren moraliſch längſt gelöſt. Aber ſie ſei ſchuldig geweſen im Punkte der gegen ſie erhobenen Anklagen! Bergami's Selbſtmemoiren ſprechen dafür. Ein Unſchuldiger hätte ſich und die Königin anders ver⸗ theidigt. Das iſt die heuchleriſch ſchleichende, nichtsſa⸗ wendet in, in otz den Hemohl elt() umging vas den em a geweſil Nint fir G ing, iſt net Zu Purte Niiſt iſſen.— eſtimm Viert ensläft Unſch n ge Ricſt war och ſih re Bon n echob“ en do mer nii * Königin Karoline von England. 269 gende und zugleich bigotte Modeſprache eines Höflings, aufs Gefallen der Modewelt berechnet, nicht die eines Ehrenmannes, der nur die Wahrheit will. Er will blenden, höchſtens rühren, er kann nicht überzeugen.— Iſt dieſe eine Schuld aber ſo groß, um Karolinen zu verdammen? Sie war nicht Gattin mehr, ſie war frei. Ueber ihr Leben, ihre neue Verbindung hätte Niemand, am wenigſten ihr ehemaliger Gatte, der König, noch die engliſche Nation zu richten gehabt; aber was ver⸗ anlaßte ſie, nach England zurückzukehren, dort einen alten Streit aufzuregen? Sie hatte keine Kinder, keine Enkel dort, keine Verwandte, ſie nahte ſelbſt dem Alter, weshalb folgte ſie dem Kitzel, den eiteln Glanz einer Krone zu theilen, wo kein Herz unter der Krone für ſie ſchlug? Das Leben mit allen Genüſſen, in dem ſchönen Lande der Genüſſe, war ihr geboten, reiche Mittel dazu; was ließ ſie ſich nicht genügen und ver⸗ langte ihr dürres Recht, um einen Augenblick als Kö⸗ nigin eines Landes zu glänzen, dem ſie keinen Erben mehr geben konnte? Bei ihrem Bewußtſein war das mehr als Leichtſinn. Sie hatte das Schickſal heraus⸗ gefordert. Es traf ſie ſchwer; denn der ſcheinbare Sieg war nur eine Niederlage ihres ſchuldigern Gatten, nicht ihre Verklärung und Erhebung. Jene Geſchichtſchreiber hatten Recht. Wenn ſie gelebt, um die Früchte ihres Sieges zu genießen, wäre es eine moraliſche Riederlage geworden. Der Wörder des Juden Vorig. 1810— 1828. In einem Städtchen an der Bergſtraße lebte ſeit dem Jahre 1810, wo er ſich daſelbſt niedergelaſſen, ein Bür⸗ ger, den man jedenfalls zu den beſſern, wenn auch nicht zu den angeſehenern Einwohnern des Ortes rechnen durfte. Seines Vaters Name ward in den gedruckten Acten, aus Schonung für ihn und die Familie, über⸗ gangen. Sein Vorname, unter dem wir ihn künftig bezeichnen werden, war Friedrich. Er war Frucht⸗ händler, Schneider und Barbier, und nährte ſich von dieſen drei Gewerken ſehr anſtändig. Er war überdem ein geſchickter Mann, der ſich in vielerlei Dingen des gewöhnlichen Lebens ſelbſt zu rathen und zu helfen und diz Sachen immer beim rechten Ende anzugreifen ver⸗ ſtand. Er hatte im Orte geheirathet, war Vater von drei Kindern, und Ortsbehörden und Einwohner geben ihm das Zeugniß eines muſterhaften Lebenswandels. Aber er hinkte. Im Jahre 1828 war er ein Mann von einigen fünfzig Jahren, als er ehrbar einem Leichenzuge folgte. Jemand gus dem Orte Eckelsheim, von über dem Rhein, wel⸗ her eines Pferdehandels wegen ſich im Städtchen auf⸗ hielt, bemerkte dieſen hinkenden Leichenfolger, die Geſtalt eit den nBür⸗ h nicht rechnel ruckten über⸗ fünftig Frucht ich von berden gen* ſen un fen vel⸗ ter vol r gebel elb. fünfſ Jema n, w hen u Geſi Der Mörder des Juden Porig. 271 kam ihm bekannt vor. Er faßte ihn näher ins Auge und erkannte ihn. Er erkannte in ihm einen Mann aus Eckelsheim, der vor langen Jahren daſelbſt eines Mordes bezüchtigt worden und dann entflohen war. Er machte davon keine gerichtliche Anzeige, aber er verſchwieg auch nicht ſeine Entdeckung. Man erinnerte ſich, daß ſchon im ſelben Jahre früher einige Eckelsheimer in Friedrich einen alten Bekannten wieder erkannt haben wollten. Jene aber hatten geſchwiegen, aus Menſchlichkeit. Auch der Pferdehändler wollte nicht ſein Unglück, er wollte ihn nicht verrathen; die Sache war aber ſo ruchbar ge⸗ worden, daß die Gerichte davon Notiz nehmen mußten. Der Pferdehändler ward vernommen, und hierauf, am 2. Auguſt, der Fruchthändler Friedrich verhaftet und in das Arreſthaus zu Mainz abgeliefert. Es ergab ſich, daß er, wenn ſeine Identität mit dem Georg Karl Friedrich aus Eckelsheim feſtſtand, bereits in contumaciam wegen Mordes zum Tode verurtheilt, und daß die zwanziglährige Verjährungsfriſt noch nicht abgelaufen war. Da aber nach der peinlichen Gerichts⸗ ordnung jedes Contumacialurtheil mit der Verhaftung des Verurtheilten zerfällt, ward vom Obergericht ein neuer Leibverhaftsbefehl gegen Friedrich ausgefertigt und derſelbe vor die Aſſiſen geſtellt. Die Auswanderungen aus der Pfalz nach Amerika haben theilweiſe ſchon im vorigen Jahrhundert begonnen. In den achtziger Jahren deſſelben war ein Jude aus dem Orte Alſenz in dem anmuthigen Alſenzthale, das an Sickingen's berühmter Ebernburg in das Nahethal mündet, nach Amerika ausgewandert. Darid Borig, ſeine ganze Baarſchaft— nach Einigen 300, nach An⸗ 272 Der Mörder des Juden Porig. ſo hieß er in Deutſchland, nannte ſich in Philadelphia, wo er ſich niederließ, John Deres. Er hatte ſich dort ein hübſches Vermögen erworben und ein eigenes Haus beſeſſen, als er im Jahre 1805 nach Deutſchland zu⸗ rückkehrte. Borig ſcheint nicht die zähe Klugheit beſeſſen zu ha⸗ ben, welche man ſeinem Volke beimißt. Er war unbe⸗ ſangen, arglos in ſeinem Vertrauen. Statt mit den mehren Tauſend Gulden, welche er aus Amerika mit⸗ brachte, ſeinen Vermögensſtand durch Handel zu beſſern, verlor er ſein Geld nach und nach durch allerlei Kunſt⸗ griffe und liſtige Streiche, welche Andere an ihm ver⸗ übten. Er beſaß erweislich nach einigen Jahren nur noch einige Hundert Gulden, die er in Goldſtücken, bei Tag und Nacht um den Leib, auf dem Hemde bei ſich trug. In der Mitte des März 1810 fand ſich Borig bei ſeinem Gläubensgenoſſen Jacob Krämer in dem ſieben Stunden von Mainz entlegenen Orte Eckelsheim ein, in der Abſicht dort das Oſterfeſt zu begehen. In demſelben Orte wohnten ein Schneider und ein Schuſter. Der Schneider hieß Georg Karl Friedrich und hinkte am rechten Fuße. Der Schuſter, Joſeph Anton Grode, war, was man nennt, ein Tauſend⸗ künſtler; außer der Schuſterei betrieb er das Schneider⸗ gewerk; er war auch Tiſchler, Anſtreicher, Büchſen⸗ ſchäfter. Mit beiden hatte Borig während ſeines kurzen Auf⸗ enthaltes eine für ihn verderbliche Bekanntſchaft gemacht. Er ſcheint von den Menſchen geweſen zu ſein, die nichts auf dem Herzen behalten können. Dem Schneider Friedrich hatte er in ſeinen vertraulichen Eröffnungen —— delphie, ich dor 3Har und zu zu hi r unbe nit den ka mit beſſern Kunſt hm ver ur noch bei Tun ch t rig bel ſichen im in und i riedrit Joſeh Lauſen chnide Bichſt n A gemalh ie rih⸗ zihni Der Wörder des Zuden Borig. 273 dern 600 Gulden in Golde— mehrmals gezeigt, in⸗ dem er die Kleider aufknöpfte und auf ſeinen verborge⸗ nen Schatz wies. Dem Andern, Grode, hatte er oft Stunden lang zu— geſehen, während derſelbe eine Stube im Krämer'ſchen Hauſe weißte. Sie blieben zuſammen in fortwährendem Plaudern. Auch dieſem Mann, den er ſo wenig kannte, hatte er erzählt, daß er noch Geld beſitze, was er ſtets in einem Gurt um den Leib trage. Er wolle aber wie⸗ der nach Amerika zurück, wo es ihm beſſer ergangen und wo noch was zu machen ſei. Dazu hätte er ſich ſchon mit einem Manne, der Finkenauer heiße und in Niederhilbersheim wohne, beſprochen, der auch die Ab⸗ ſicht hege, nach Amerika zu gehen. Noch könne der Finkenauer freilich nicht fort; aber es dürfte ſich doch wol noch machen laſſen, und dann wollten ſie beide nach Oſtern zu Schiffe gehen. Am Vorabend des Sonntags vor Palmſsnntag, am 7. April 1810, Nachmittags 4 Uhr war eine Botenfrau mit einem Briefe an Borig in Eckelsheim eingetroffen. Borig, der als ſtrenger Jude am Sabbat keinen Brief erbrechen durfte, ließ ſich denſelben durch einen gerade anweſenden Chriſten öffnen und vorleſen. Er lautete: Hilbersheim, den 7. April 1810. Lieber Borig! Ich muß ihm die Nachricht machen, daß heute ein Kammerad hieher kommen iſt, der mit mir nach Amerika reiſen wollte; da ich aber nicht geſonnen bin, dieſes Jahr fortzureiſen, ſo ſagte ich: In Eckelsheim wäre einer, der auch bis die Oſtern fort wolle, ſo iſt er hier geblieben bis morgen. Dieſer nimmt aber noch zwei mit ins Land, ſo müßt ihr bis morgen früh um 8 Uhr hier ſein, denn dieſer nimmt aber auch viel Geld mit, dann könnt 274 Der Wörder des Juden Porig. ihr auch Zehrung bekommen. Liebſter Borig, verſäume es nicht, dies iſt ein ſehr Bekannter von mir. Komm nur bis morgen 8 Uhr hieher. J. G. Finkenauer. Der Schneider Friedrich war die ganze Woche über, ſeit dem Montage zu Hauſe geblieben, mit ſeiner Ar⸗ beit beſchäftigt. Am Abende dieſes ſelben Sonnabends, wo man zum Finkenauer geſchickt und dann nach dem Wirthshaus zum Stern ausgegangen war, befanden ſich mehre Leute aus dem Orte bei Friedrich. Das Geſpräch drehte ſich begreiflicherweiſe um nichts anderes, als das Verſchwinden des Juden. Da trat auch die erwähnte Katharine Grode, Rößler's Geliebte, ein, und rief den Schneider Friedrich hinaus. Was konnte ſie Heimliches mit ihm zu ſprechen haben? Als Friedrich zurückkehrte, verloren ſich die Anweſenden. Friedrich aber brachte vor dem Schlafengehen ſeiner Hauswirthin deren acht⸗ jährigen Knaben, welcher gewöhnlich in ſeinem Bette ſchlief. Dies war auffällig. Am Morgen war er ver⸗ ſchwunden, auch der Schuſter Grode war nicht mehr zu finden. Der Verdacht der Thäterſchaft haftete alſo ſchon ſehr dringend auf den beiden Verſchwundenen, noch aber war der Beweis, daß die vermuthete That ſelbſt geſchehen ſei, durchaus nicht geführt; denn, aller Nachforſchungen ungeachtet, hatte man noch keine Leiche, keine Blut⸗ ſpuren gefunden Muthmaßlich war der Mord in der Gegend zwiſchen Gumbsheim und St. Johann vorge⸗ fallen, auf welchem Wege Borig, nachdem er am er⸗ ſteren Orte eingekehrt, nach Hilbersheim weiter gewandert war. Endlich fand man in einem Wäldchen bei jenem erſäun Komn er. he über ner A abende ch den den ſih Heſpric als dar wihnt rief den imlichti ckkehrte, bracht en oh n Bit er vl meht ji hon ſch abet w ſhungt 1 Blu dein d n vorh am enun bei jun Der Mörder des Zuden Borig. Wege, an einer Stelle„Im See“ genannt, die lederne Kappe, die er beim Fortgehen von Eckelsheim getragen, etwas entfernt davon auch einen ſeiner Schuhe. Weiter war, des obrigkeitlich angeordneten Streifens ungeachtet, nichts zu entdecken. Erſt am zwölften Tage nach Borig's Verſchwinden brachte die Obrigkeit zwei Umſtände in Erfahrung, welche auf die Spur leiteten. Es hatte nämlich Jemand den Schuſter Grode am Abend eben des Sonntags, an welchem Borig verſchwun⸗ den war, um zehn Uhr, hinter ſeinem, Grode's, väter⸗ lichen Backhauſe, mit einer kleinen Leiter geſehen, und als der Zeuge nach dem Grunde fragte, hatte er geäu⸗ ßert:„Er wolle mit der Leiter einſteigen; ſeine Leute hätten ihm vermuthlich die Thür verſchloſſen.“ Dies er⸗ weckte die Vermuthung, daß der Leichnam von der wahr⸗ ſcheinlichen Mordſtätte auf jener Leiter an einen andern Drt getragen worden.— Zwei andere Zeugen waren am Montag Morgens, nachdem Borig verſchwunden, gegen 7 Uhr dem Schneider Friedrich mit einem Rechen begegnet, und er hatte ihnen auf ihre Fragen erklärt: „Er wolle noch ein Stückchen Gelberüben unterrechen.“ Dies aber führte auf die zweite Vermuthung: daß der Jude in der Eckelsheimer Gemarkung ſelbſt,— noch mehr, daß er gerade in jenem Acker verſcharrt ſein möge, welchen Friedrich gegen Ende des vorigen Märzmonats, im Tag⸗ lohn ſeines Wirthes Müller, umgearbeitet hatte. Jene Vermuthungen fanden ſich beſtätigt. Auf eben dem erwähnten, eine halbe Stunde von Eckelsheim, eine Viertelſtunde vom Wege von da nach Gumbsheim ent⸗ legenen Acker verrieth die abweichende Farbe einer gleich⸗ gerechten Stelle den Nachforſchenden, daß man hier tiefer gegraben und die untere Erde aufgewühlt habe. 276 Der Mörder des Juden Porig. Einer der Landleute unterſuchte die lockere Erde mit ei⸗ nem Ladſtocke und traf damit, in einer Tiefe von drei bis vier Fuß, auf eine Leiche, die ſofort zu Tage geför⸗ dert ward. Viele der anweſenden Eckelsheimer erkannten auf den erſten Blick in dem Leichnam den vermißten David Borig. Er war noch mit einem brauntuchenen groben Wamms, einem dunkelblauen Mancheſtergilet, gelble⸗ dernen Pantalons und weißwollenen Strümpfen beklei⸗ det; ein Schuh und die Kappe fehlten. Der linke Vor⸗ derarm war dicht über der Hand, in der Größe einer ſtarken Baumnuß, durchgeſchoſſen,— und derſelbe Schuß hatte auch die linke Vorderſeite des Wammſes, ohne je⸗ doch den Körper ſelbſt zu verletzen, durchlöchert. An der rechten Seite der Bruſt, in der Gegend der ſiebenten wahren und der drei erſten falſchen Rippen dagegen fan⸗ den ſich vier von einem Schuſſe herrührende, theils durch Nummer Null⸗Schrote, theils durch gehacktes Blei er⸗ zeugte und von hinten nach vorn in die Bruſthöhle ge⸗ drungene Wunden von eckiger Form. Das linke Auge war eingedrückt und die Hände ganz aufgeſchunden.— Auf dem Leichnam fanden ſich Borig's Päſſe, der Kauf⸗ brief über ſein Haus in Philadelphia und— merkwürdig genug, als Beweis unergründlicher Fingerzeige der rä⸗ chenden Vorſehung, wie der Unbeſonnenheit der Verbre⸗ cher,— eben jener Brief, durch den der Jude in eine Falle und ſeinen Tod verlockt worden. Der Geldgurt war verſchwunden; dagegen hatten die Mörder in der Eile und Angſt den Leichnam doch nicht genauer unter⸗ ſucht, denn in einer der Hoſentaſchen fand ſich eine Blaſe mit 16 Gulden 17 ½ Kreuzer, vier ſilbernen Hemd⸗ knöpfen, einer ſilbernen Uhrkette, woran ein goldenes Medaillon befeſtigt war. it c⸗ ndrei geſr⸗ f den David oben gelble⸗ beklei⸗ einet Sn hne n ebenten n fan⸗ durch lei er⸗ hle ge YAvge den.— r Fuf der Perbre in eine ogurt in* unter Hemt goldn Der Mörder des Zuden Borig. 277 Bei der am folgenden Tage vorgenommenen Leichen⸗ ſchau erklärten die obducirenden Aerzte die Abweſenheit aller Verweſungsſpuren an dem aufgefundenen Leichname, noch vierzehn Tage nach dem Tode, durch die geſunden Säfte des Ermordeten und durch ſeine Verſcharrung gleich am Tage des Mords, wodurch derſelbe den Be⸗ dingungen der Verweſung thieriſcher Organismen: feuchter und erhöhter Wärmetemperatur, entzogen worden ſei. Die Schußwunden an der rechten Seite hatten die Lunge, Leber und Gallenblaſe verletzt; in dem in der Bruſthöhle ſchwimmenden Blute fand ſich noch ein Stück gehackten Bleies vor. Der ſechs Zoll am Ellenbogen⸗ gelenke nach der Handwurzel zu von außen eingedrun⸗ gene Schuß in den linken Vorderarm hatte, zwiſchen dem Ellenbogenknochen und der Speiche durchgehend, er⸗ ſtern völlig zerſchmettert und war an der innern Seite wieder herausgegangen. Außer jenen erſtern Verletzun⸗ gen, welche die Obducenten für unbedingt tödtlich und von zwei Schüſſen mit Null⸗Schroten und gehack⸗ tem Blei herrührend erklärten, dem wahrſcheinlich beim Wehren im Todeskampfe eingedrückten linken Auge und den aufgeſchundenen Händen ergab die Leichenſchau keine andern Spuren von verübten Gewaltthätigkeiten. Noch fand man unter dem Dache in der Wohnung des flüchtigen Grode ein mit Null⸗Schrotkörnern und zerhackten Stücken Bleies geladenes Piſtol. Auch dies zerhackte Blei, das ſich in gleicher Qualität in dem Körper vorgefunden und woher die Wunden in eckiger Form herrührten, ſprachen für die Verbindung, in wel⸗ cher einer der Flüchtigen mit der That ſtehen dürfte. Schon bei einer frühern Hausſuchung bei Grode hatte 278 Der Wörder des Zuden Borig. man eine Jagdflinte gefunden, die gleichfalls mit gehack⸗ tem Blei geladen war. Sie ward aber von einem Bur⸗ ſchen aus dem Orte als ſein Eigenthum reclamirt, in⸗ dem er ſie Grode zum Putzen anvertraut gehabt. Es war auch wahrſcheinlicher, daß die Mörder ſich der Pi⸗ ſtolen als einer langen Flinte, welche ſie ſo leicht ver⸗ rathen konnte, bedient haben würden. Der Verdacht war übrigens nicht allein auf die bei⸗ den entwichenen Friedrich und Grode gefallen, ſondern auch auf den Leinweber Chriſtoph Rößler, den Geliebten von Grode's Schweſter Katharine, der in letzter Zeit ſehr viel und geheim mit beiden verkehrt hatte. Auch er entwich nach Auffindung der Leiche. Doch geſtellte er ſich ſelbſt, nachdem er ſich mehre Tage umhergetrie⸗ ben und in Scheuern und Ställen übernachtet hatte. Die Unterſuchung ward gegen ihn und gegen die beiden Entwichenen in contumaciam eingeleitet, und aus derſelben ſtellte ſich, in Verbindung mit den Aus⸗ ſagen, welche Rößler machte, folgender Indicienbeweis der Thäterſchaft der erſt Genannten heraus. ——————— Grode und Friedrich hatten ſeit mehren Jahren faſt ununterbrochen das Schmugglergewerbe mit wechſelndem Erfolg betrieben und ſich dabei in der letzten Zeit zu⸗ weilen auch des Chriſtoph Rößler bedient. Eben da⸗ mals, als der unglückliche Jude ſo unvorſichtig war, beiden zu vertrauen, daß er im Beſitz einer ſo nam⸗ haften Summe ſei, daß er ſie in einem Gurt auf dem Leibe trage und die Abſicht habe, gleich nach gehaltenen Oſtern die Rückreiſe nach Amerika anzutreten, und daß Finkenauer vielleicht mit reiſen werde, befanden ſich beide Schmuggler durch den Verluſt einer, auf Speculation, hac⸗ in⸗ Es t ver⸗ e bei⸗ ndern iebten t Zeit Auch ſtelt tgetti tte. en di , und Au⸗ beweis Der Mörder des Zuden Porig. 279 mit geliehenem Gelde angekauften, ihnen aber weggenom⸗ menen Partie Waaren in ſo peinlicher Verlegenheit, daß ihnen, wie ſich ſpäter ermittelte, am Sonntage, wo Borig verſchwunden, ſelbſt nicht ein Sechskreuzerſtück mehr zu Gebote ſtand. Man kann mit Beſtimmtheit annehmen, daß, in dieſer verzweifelten Lage, bei beiden der Entſchluß er⸗ wuchs, den Juden zu berauben und, um die That zu verbergen, ihn auch zu ermorden. Durch eine falſche Zuſchrift in Finkenauer's Namen ſollte er zu der mehr⸗ ſtündigen Fußreiſe nach deſſen Wohnorte Niederhilbers⸗ heim verlockt werden. Unterwegs würde ſich Gele⸗ genheit finden, ihn zu überfallen und aus dem Wege zu ſchaffen. Ein Sonntagmorgen, wo die Gegend menſchenleer, ſchien zu der That am geeignetſten, eine frühe Morgen⸗ ſtunde am ſicherſten. Deshalb mußte der Jude eingela⸗ den werden, ſchon frühzeitig bei Finkenauer einzutreffen. Der Beweis der Vorbereitungen zur That, alſo des Lockbriefes, wird durch folgende Reihe von Indicien geführt: Der Brief ſelbſt ward zwar auf der Leiche vorge⸗ funden, doch ſcheint der Verſuch, durch Sachverſtändige eine Identität der Schriftzüge mit denen der Bezüchtig⸗ ten herauszuſtellen, entweder nicht verſucht oder nicht gelungen zu ſein. Dagegen ward es wahrſcheinlich ge⸗ macht, daß Friedrich am Sonnabend Morgen in einem Kramladen zu Eckelsheim für einen Kreuzer Papier ge⸗ kauft habe. Der Ankauf von Papier unter Leuten dieſes Standes iſt kein ſo gewöhnliches Ereigniß, es muß einen Zweck haben. —„ 8 ——— 280 Der Wörder des Juden Porig. Am Nachmittage deſſelben Tages kehrten im Wirths⸗ hauſe zum Stern in Sprendlingen zwei Männer ein, ſie forderten eine Flaſche Wein und entgegneten der Wirthin auf ihre Frage: Woher des Weges?— „Von Gatsheim.“— Sie verlangten auch Tinte und Feder. Der Eine, im blauen Wams, Hoſen glei⸗ cher Farbe und lederner Kappe— ſo war Grode ge⸗ kleidet,— zieht Papier aus der Taſche und ſchreibt einen Brief. Nach der Ausſage der Wirthin überlas dieſen Brief der andere der beiden Gäſte, deſſen Kleidung ebenſo, wie am Morgen beim Ankaufe des Papiers, aus grauem Wams, Hoſen gleicher Farbe und einer Kappe in Form eines Huts beſtand, und der an einem Fuße hinkte. Alſo Friedrich. Hierauf riefen— nach den frühern Zeu⸗ genausſagen, der Hinkende in grauer Tracht; nach jenen bei der Aſſiſe, Beide— eine eben vorübergehende Frauensperſon herein. Die beiden ſprachen gemein⸗ ſchaftlich mit ihr; ſie ward zur Ueberbringerin eines Briefes an einen fremden Juden im Krämerſſchen Hauſe zu Eckelsheim, gegen ein Botenlohn von 18 Kreuzer angenommen. Wer von beiden ihr das Geld bezahlt habe, erinnerte ſie ſich nicht mehr. Zugleich ward ihr aufgetragen, die Antwort des Juden zu erwarten. Um vier Uhr deſſelben Nachmittags verließen jene Gäſte das Wirthshaus zum Stern. Auf dem Rückwege begegneten der Botin die beiden Männer. Der in blauer Kleidung fragt: Ob ſie den Brief richtig beſtellt habe? Sie bejahte die Frage. Der Jude hatte geantwortet: Er werde morgen, Sonntag, ſpäteſtens Vormittags zehn Uhr(im Briefe hatte man dem Juden zu ſeinem Eintreffen, zweckgemäß, eine frü⸗ here Stunde: acht Uhr, beſtimmt) in Niederhilbersheim Pirths er ein, en der 67— Linte en glei⸗ ode ge⸗ ſchreibt Brief cbenſo, gruen nFonn hinkte ern Zeu⸗ h jenen gehende emein⸗ eints Huſt Kruze btzhl nd iht n. Un iſt du beiden ſie den e. Du onntoh Der Mörder des Juden Porig. 281 ſein. Hierauf äußerte der Fragende lachend:„Den Ju⸗ den haben wir recht geutzt!(gefoppt!)“ Die Vermuthung ſpricht alſo dafür, daß jener Lock⸗ brief von Grode in Verbindung mit Friedrich geſchmie⸗ det und dem Juden zugeſandt worden. Es ward ferner ermittelt, daß Grode und Friedrich an jenem Sonnabende gar nicht in ihre Wohnungen zu— rückgekehrt ſind. Sie haben irgendwo, vielleicht auf dem Felde, die Nacht zugebracht, um am frühen Morgen dem auszie⸗ henden Juden auflauern zu können. Dies iſt mehr als Vermuthung, denn durch einen unverdächtigen Zeugen wird ihre Anweſenheit in der Nähe des muthmaßlichen Mordplatzes und unter verdächtigen Umſtänden dargethan. Am Morgen des verhängnißvollen Sonntags(ſchon um fünf Uhr) fanden ſich beim Wirthe Cetto in dem vom Wege, welchen der Jude zu nehmen hatte, ſeit⸗ wärts abgelegenen Orte Möllſtein zwei Männer ein; der Eine war, wie ſich ergab, Chriſtoph Rößler. Der An⸗ dere(Grode) verlangt einen halben Schoppen Brannt⸗ wein, und entgegnet, als der Wirth ſein Befremden über dieſe Quantität, ſo früh am Tage, äußert: Es komme gleich noch ein Dritter nach. Der Beſteller des Branntweins holte Semmeln, und jetzt ſtellte ſich auch jener Dritte(den Cetto noch nach achtzehn Jahren vor den Aſſiſen in Friedrich mit Beſtimmtheit wiederer⸗ kannte) ein. Die Drei verzehrten zuſammen ihre Sem⸗ meln und tranken den Branntwein aus. Nach einer halben Stunde brachen ſie auf; Grode blieb die in ſechs Kreuzern beſtehende Zeche ſchuldig, und verſprach, ſie am folgenden Tage zu berichtigen. Der 282 Der Wörder des Juden Porig. Wirth ſah den durch ſeinen Garten Weggehenden neu⸗ gierig nach und nahm wahr, daß ſie nicht den Weg nach Eckelsheim, welches Rößler als ſeinen Wohnort bezeichnet hatte, ſondern im Gegentheil nach Sprend⸗ lingen und Gauböckelheim, welches in die Straße von Eckelsheim nach dem vier Stunden davon entfernten Niederhilbersheim führt und an der ſich das Wäldchen„Im See“ genanntbefindet, einſchlugen. Wir ſehen ſie zwei Stunden ſpäter auf dem Wege von Eckelsheim nach Gumbsheim auf der Lauer. Der Adjunct Janſon nämlich ſah zwiſchen 7 und 8 Uhr auf dem gedachten Wege, doch in ziemlicher Ent⸗ fernung von demſelben, drei Männer, davon einer am Boden lag, und die Jemand zu erwarten ſchienen. Als ſie wahrnahmen, daß ſie bemerkt wurden, entfernten ſich zwei von ihnen, während der dritte am Boden lie⸗ gen blieb. Nach Rößler's Ausſage, der einer jener drei geweſen, war dieſer dritte Friedrich, der ſich beim Fort⸗ gehen durch ſein lahmes Bein zu verrathen beſorgte. Näher nach Eckelsheim zu begegnete dem Adjuncten Janſon auch der nach Gumbsheim zu wandernde Jude. Aber da die Gegend, wo der Adjunct die drei Männer erblickte, zu Ausführung des gedachten Planes nicht geeignet ſcheinen mochte, waren jene auf der Straße gegen St. Johann nach Niederhilbersheim weiter vor⸗ angegangen. An eben demſelben Morgen nämlich, et⸗ was ſpäter, zwiſchen 8 und 9 Uhr, ging der Landmann Konrad Görtz mit ſeiner Frau, von Bodenheim nach Gumbsheim. Da, wo der Weg von Möllſtein nach Gauböckelheim den von Eckelsheim über Gumbsheim nach St. Johann führenden durchkreuzt, bei einem Hölz⸗ Der Mörder des Juden Porig. 283 en nu chen, an einer Stelle,„Zu den drei Steinen“ genannt, en Pa begegneten dieſen Landleuten zwei Männer, deren einer Wohnor Grode) der Ehefrau Görtz bekannte, ihr im raſchen Sprend Vorbeigehen einige Scherzworte zurief; der Andere, ihr aße von unbekannte aber, mit blauem Wamms, aber weißleinener ftrntn Hoſe(Rößlers Kleidung an jenem Tage) angethan ich des war. Bei weiterer Fortſetung ihres Weges nach Gumbs⸗ ſchlugen heim begegneten die Eheleute Görtz nun auch, eine ziem⸗ liche Strecke von den vorangegangenen beiden, dem un⸗ glücklichen Juden. Friedrich ward von den Eheleuten Görtz auf jenem Wege damals nicht geſehen. Rößler n Vi erklärte dies jedoch dadurch: daß Friedrich damals eben . 68 zu Befriedigung eines Naturbedürfniſſes zurückgeblieben geweſen; übrigens habe derſelbe ſpäter an einer Brücke her—. ſich wieder bei ihnen eingefunden. einer en. W Dies ſind die beglaubigten Zeugenausſagen über die ufftrnten Begebenheiten vor der That. Die Görtz'ſchen Eheleute oden le waren die letzten, welche den unglücklichen Juden vor ner du der That geſehen, die, aller Wahrſcheinlichkeit nach, un⸗ im Fon fern von der Stelle, wo jene mit den Mördern zuſam⸗ beſochl mentrafen, nämlich„im See“, wo ſeine Kappe und Wjuni Schuh gefunden wurden, verübt ward. nde Zu Es bleibt aber noch ein Zeugniß übrig, eines, das i Mann nur mit Maßen zu beachten iſt, das des mitangeſchul⸗ ues nih digten Leinwebers Rößler. r Stra Rößler wollte weder von einer Verabredung zur in v Mordthat, noch von dieſer ſelbſt etwas wiſſen, geſtand nlich, nber doch eine Verbindung mit den beiden Angeſchul⸗ andmn digten ein, die auf einem unerlaubten Fundamente ruhte ein w und ihn ſelbſt durch die Fortſetzung dieſer Verbindung, tein w nachdem er noch ſchlimmere Abſichten ahnen konnte, umböle verdächtigte. nen hi 284 Der Morder des Juden Porig. Nach ſeiner Angabe hatte ihn Grode an jenem Sonn⸗ tage vier Uhr in der Frühe abgerufen, um ankommende Waaren mit erwarten zu helfen. Draußen vor Eckels⸗ heim hätten ſie Frirdrich getroffen, ſeien dann alle Drei nach Gumbsheim zu gegangen und hätten unterweges im freien Felde eine Weile gewartet. Auf Grode's Vor⸗ ſchlag: zum Wirth und Krämer Cetto nach Möllſtein zu gehen, um bei dieſem anzufragen: ob er vielleicht von den erwarteten Waaren etwas zu nehmen geſonnen ſei? habe er(Rößler) den Grode dorthin begleitet; Friedrich, der um etwas zurückgeblieben, ſei bald nachgekommen. Nachdem ſie bei Cetto Branntwein getrunken, ſeien ſie nach der Stelle in der Gegend des Gumbsheimer Weges, wo ſie früher gewartet, zurückgekehrt und hätten ſich dort abermals verweilt. Friedrich habe ſich auf den Boden gelegt; indeß wiſſe er, Rößler, nicht: ob ſolches das erſte oder das zweite Mal geſchehen ſei.— Nach geraumer Zeit ſei er, Rößler, mit Grode auf dem Wege nach Bodenheim weiter fortgegangen, wo ihnen beiden allein, wie ſchon erzählt, die Eheleute Görtz begegnet. Als Friedrich an der Brücke ſich wieder bei ihnen ein⸗ gefunden, habe nunmehr Grode geäußert:„Der Ameri⸗ kaner komme dieſen Weg; ſie wollten ihm ſein Geld abnehmen.“ Da will denn Rößler erwidert haben:„Mit Stehlen gebe ich mich nicht ab“, und augenblicklich ſich von ihnen getrennt und auf den Weg nach Gumbsheim und Eckels⸗ heim zurückgeeilt ſein. Den Juden ſah er noch, von einer Anhöhe herabkommend, den Weg nach St. Jo⸗ hann verfolgen. Er rief ihn nicht an, er warnte ihn nicht!— Er will zu weit entfernt geweſen ſein, um bemerkt zu haben, was ſie mit ihm vorgenommen. Auch einen Schuß hatte er nicht gehört! ebenſowenig Piſtolen n Son kommende ot Ecktls lle Dui nterwege des Vot öllſin ſ leicht von nnen ſül Friedtich ekommi ſtien ſt ſet Vihl⸗ hitten ſih uf den — Nach dem Wegt uen beid begegn ihnn i e ſtin Ge it Sth“ von ihn ud bůc⸗ noch/ 6 St.. varntt i ſein, Al men ig viſu⸗ Der Mörder des Juden Borig. 285 bei ihnen geſehen, welche die beiden jedoch ſehr leicht in in ihren Kamiſoltaſchen verbergen mögen. Rößler war ſchon am Morgen um 9 Uhr in Eckels⸗ heim zurückgeweſen. Eine unverdächtige Zeugin hatte ihn, von Schweiß triefend, um die Zeit dort ankommen geſehen! Grode, den er erſt in der Mittagsſtunde wie⸗ derſah, hatte ihn ausgelacht und höhnend gefragt: ob er nicht etwa glaube, daß ſie ihre Waaren bekommen hätten?— Beide Umſtände wurden von ihm, zum Be⸗ weiſe ſeiner Unſchuld angeführt und mögen auch von Einfluß auf das Urtheil der Geſchwornen, was ihn an⸗ langt, geweſen ſein. Aber es finden ſich auch noch eine Reihe Anzeigen nach der That gegen Grode und Friedrich. Zwiſchen 9 und 10 Uhr an jenem Sonntagmorgen finden wir beide in Flonheim wieder. Grode, der we⸗ nige Stunden früher beim Wirth Cetto eine Zeche von ſechs Kreuzern ſchuldig bleiben mußte, bot hier in zwei Kramläden vergebens Gold zum Verwechſeln an. End⸗ lich gelang es ihm, beim dortigen Einnehmer Schneider einen öſterreichiſchen Ducaten zu verſilbern. Mehre Zeugen hatten auch Rößler damals in Flon⸗ heim geſehen, er leugnete es aber in allen ſeinen Ver⸗ hören mit der größten Beharrlichkeit. Friedrich war in der Mittagsſtunde in ſeine Woh⸗ nung zurückgekehrt; aber das Eſſen, was die Wirthin ihm zubereitet, rührte er faſt nicht an. Er ſchien ſehr müde; dennoch ging er ſogleich wieder aus und kehrte erſt in der Dämmerung zurück. Am Abende waren mehre Einwohner des Ortes bei ihm zum Beſuch; auch da ſchien er ganz abgemattet. Rößler, der zugegen war, ſagte den Andern: ſie möchten nur nach Hauſe gehen 286 Der Mörder des Juden Porig. und den Friedrich ſich niederlegen laſſen zum Schlaf, er bedürſe es; worauf Alle gingen. An eben dieſem Abende war es, um 10 Uhr, als Grode beim Backhauſe ſeines Vaters geſehen ward und durch eine alberne Ausflucht dies zu erklären ſuchte. Damals war es Niemand aufgefallen.— Wahrſcheinlich haben die Verbrecher in jener Nacht, trotz Friedrich's begreiflicher Uebermüdung, den Leichnam von der Mord⸗ ſtätte bis auf den Gelbrübenacker von Eckelsheim ge⸗ ſchleppt; eine Procedur, über die keine unmittelbare Be⸗ weisſtücke da ſind, welche in der Verbrechergeſchichte faſt unerhört und, wenn wir die gewiß nicht unbedeutende Entfernung in Anſchlag bringen, faſt unglaublich iſt, an die wir aber doch glauben müſſen, wenn wir nach dem Obigen annehmen, daß der Jude auf dem Wege, in dem Wäldchen„am See“ ermordet ward und wir ſeinen Leichnam in dem Eckelsheimer Gelbrübenacker wie⸗ derfinden. Auch war es am folgenden Morgen, wo Friedrich, der ſich gegen ſeine Gewohnheit von der Wirthin Kaffee zubereiten laſſen, mit dem Rechen geſehen ward. Die übrigen Anzeichen ſind aus der Geſchichtserzäh⸗ lung bekannt: daß der Hauswirth des Juden Borig, Krämer, als er bis zum nächſten Sabbat ausblieb, in Beſorgniß verſetzt, nach dem Finkenauer einen Boten geſandt, und darauf erfahren, wie ſein Gaſtfreund we⸗ der dort geweſen, noch daß der Finkenauer jemals einen Brief der angegebenen Art an ihn geſchrieben; ferner, daß der Bote bei ſeiner Rückkehr im Stern zu Sprend⸗ lingen von den beiden Männern gehört, welche daſelbſt einen und höchſt wahrſcheinlich den falſchen Lockbrief ge⸗ ſchrieben, und in der Beſchreibung derſelben ſofort Grode und Friedrich erkannt habe; daß Abends am ſelben Tage, Schlf, Uhr, a ward un ren ſucht hrſcheinlit Friedrich der Mord sheim ge elbare B chichte fi nbedeut mblich iſ nwir nic den Veh d und w ucker wie ʒricdtit thin Kaft d. ichtert den Brrt usblic nen Bo frund mils ein en fun⸗ Spren ce dell ockbrif ſelben““ Der Mörder des Juden Porig. 287 als die Eckelsberger im Stern zu Sprendlingen auf Kundſchaft nach der That ausgingen, Grode's Schwe⸗ ſter, die Katharine und ihr Liebſter, der Weber Rößler, ſehr erſchrocken ausgeſehen; daß die Katharine noch am ſelben Abend den Friedrich herausgerufen und ihm eine heimliche Mittheilung gemacht. Allen dieſen Indicien hatte die plötzliche Entweichung der beiden Hauptbezüchtigten, und in der Nacht nach dem Tage, wo die Leiche aufgefunden worden, das Siegel aufgedrückt. Friedrich hatte ſie in verdächtiger Weiſe vorbereitet, indem er am Abend vorher ſeinen regelmäßi⸗ gen Schlafgenoſſen, den Sohn ſeiner Wirthin, von ſich entfernte. Man wußte keine andern Motive, weshalb beide ſo plötzlich ihr Domicil verlaſſen geſollt. Beide blieben auch, aller Nachforſchungen ungeachtet, ſpurlos verſchwunden. Sie mußten alſo eine beſondere, durch Furcht motivirte Anſtrengung aufgewandt haben, viel⸗ leicht unter Verkleidung, falſchen Namen, ſich den Nach⸗ forſchungen zu entziehen, und waren vermuthlich weit außer Landes, vielleicht ſogar über See, dahin gegan⸗ gen, wohin das Opfer ihres Mörderarms, der Jude, die Abſicht gehabt zu gehen. Der Proceß ward gegen Grode und Friedrich in contumaciam, gegen Rößler aber in Perſon eingeleitet, und von dem damals in Mainz beſtehenden Specialge⸗ richtshof am 20. December 1810 ein Urtheil erlaſſen, durch welches Grode und Friedrich in contumaciam zum Tode verurtheilt, Rößler aber frei geſprochen ward. So hatte die Sache achtzehn Jahre geruht; ſie war, ein einfacher Raubmord an einem heimat- und anhang⸗ loſen Juden begangen, im Wirbel der politiſchen Ereig⸗ 288 Der Mörder des Zuden Porig. niſſe, im Sturm der blutigen, alle bisherigen Verhält⸗ niſſe umwerfenden Weltbegebenheiten, faſt vergeſſen wor den. Der Weber Rößler war ruhig im Jahre 1824 in Eckelsheim geſtorben und Grode iſt ſpurlos verſchwun⸗ den geblieben. Da mußte im Jahre 1828 der andere damals Entflohene und Verurtheilte, der Schneider Friedrich in dem Fruchthändler Friedrich in dem, an der Bergſtraße belegenen Dertchen wieder erkannt, ein⸗ gezogen und ein Proreß gegen ihn eröffnet werden, wel⸗ cher das allergrößte Aufſehen jener Zeit daſelbſt erregte. Die allgemein menſchliche Frage machte ſich geltend kann ein Verbrechen durch einen untadelhaften 18jähri- gen Lebenswandel nicht geſühnt werden? Muß, der an einem andern Ort, unter ganz andern umſtänden ein Verbrechen beging, nun anderwärts unter ganz andern Verhältniſſen, wo er ein neuer Menſch geworden, dafür aufkommen und büßen?— Das Geſetz antwortete: Nein, er brauchte nicht zu büßen, wenn die Entdeckung nur um zwei Jahre ſich verzögert hätte; nun ſie um zwei Jahre zu früh kam, iſt die That vor den Augen des Geſetzes ſo friſch, als wäre ſie geſtern erſt geſche⸗ hen.— Die Sprache des Geſetzes iſt ſo klar und deut⸗ lich, daß davon kein Umgang genommen werden konnte aber das allgemein menſchliche Gefühl gab ſich damit nicht zufrieden, und es mag auf den Spruch der Ge⸗ ſchwornen von Einfluß geweſen ſein. Friedrich leugnete nicht ſeine Identität mit dem ver⸗ ſchollenen Georg Karl Friedrich aus Eckelsheim. Er hatte ſich ſchon im ſelben Jahre ſeiner Flucht und Contumacialverurtheilung, 1810, in dem Dertchen der Bergſtraße niedergelaſſen, unter keiner andern Vor⸗ ſicht, als daß er die Vornamen Georg Karl fortge laſſen. Dagegen beſtritt er gänzlich das ihm damals n Verhil geſſen wo e 184 verſchwn der ande Schneid tdem, 0 annt, än rden, wi bſt erregi h gelten n 1jih uß, der fänden el anß und den, duſt ntwortele Fntdedun un ſit den Aug m gſ und dal den fon dn 6 it dem ſ heim⸗ 5 ucht Der Mörder des Juden Porig. 289 aufgebürdete Verbrechen, wie wir des Weiteren hören werden. Friedrich's Aeußeres und ſeine ganze Haltung ſprach ſehr zu ſeinen Gunſten: der jetzt drei⸗ und funfzigjährige, mit klarem Verſtande, unzerſtörbarer Ruhe und Geiſtes⸗ gegenwart Ausgeſtattete erſchien als ein noch recht rü⸗ ſtiger, wohlhabender, gutgekleideter Gewerbsmann eines kleinen Orts, dem ſich, bei ſeinem offenen und treuher⸗ zigen Geſichte, die gräßliche That, deren man ihn be⸗ züchtigte, kaum zutrauen ließ. Die öffentliche Anklage lautete nach Erzählung des Herganges auf: freiwillige Tödtung des Juden David Borig, vor 18 Jahren auf dem Wege von Eckelsheim nach Niederhilbersheim verübt; auf einen Mord mit Vor⸗ bedacht durch das Schreiben und Beſtellen des hinterli⸗ ſtigen Briefes; und mit Auflauern am Wege, den das erwählte Opfer kommen mußte; endlich auf Raub des von Borig in ſeinem Geldgurt bei ſich geführten Goldes. Der Angeklagte ſtellte nichts in Abrede von dem, was über ſeinen früheren Umgang mit Grode bekannt war, auch nicht, daß er mit ihm entflohen und ſich lange Zeit umgetrieben. Die Motive ſeien aber nicht ſo ſchuldbarer Art geweſen. Sie hatten gemeinſchaftlich einen Schmuggelhandel betrieben. Als das Verſchwin⸗ den des Juden bekannt geworden, ſeine Leiche gefunden und der Verdacht ſich gegen ſie gerichtet hatte, waren ſie mit vollem Bewußtſein entflohen; denn die möglichen Folgen konnten für beide ſehr ſchlimm werden, wenn man auf ihr ſträfliches Gewerk des Schleichhandels Ge⸗ wicht legte und ſie, unter Zutritt anderer zufälliger Um⸗ ſtände, für Menſchen erklärte, zu denen man ſich einer ſolchen That verſehen könne. 13 290 Der Wörder des Juden Porig. Er räumte ferner ein, Sonnabend Nachmittags, am 7. April, im Stern zu Sprendlingen mit Grode ge⸗ weſen zu ſein. Grode habe allerdings einen Brief am Wirthotiſche geſchrieben, er aber nicht anders geglaubt, als, wie Grode verſichert, derſelbe wäre an den Vater deſſelben gerichtet. Er habe ihn weder ſelbſt geleſen, noch ſich vorleſen laſſen, ſondern ſei, während Grode ſchrieb, auf dem Tiſche eingenickt geweſen. Er leugnete, am Morgen des Tages Papier gekauft zu haben, und alle und jede Theilnahme an der Beſtel⸗ lung des Briefes an die Botenfrau. Auch habe er nicht mit Grode gelacht, als ſie die angebliche Antwort auf den Brief überbracht haben wollte. Noch weniger wollte er Grode's Aeußerung gehört haben: den Juden haben wir recht geutzt. Ebenſo entſchieden beſtritt er, mit Grode in der Frühe des Sonntagmorgens beim Wirthe Cetto in Wöll⸗ ſtein eingekehrt zu ſein. An jenem Morgen ſei er in Armsheim geweſen, könne demnach nicht der dritte im Graſe Liegende von den drei Männern geweſen ſein, welche der Adjunct Janſon auf dem Wege von Eckels⸗ heim nach Gumbsheim auf der Lauer geſehen. Aus demſelben Grunde ſei es unmöglich, daß er einige Stun⸗ den ſpäter in Flonheim mit Grode Gold habe wechſeln ſollen. Am Montag Morgen nach Borig's Verſchwinden war er allerdings mit einem Rechen in der Hand einem der Zeugen begegnet, beſtritt aber, daß er zu demſelben geſagt: er wolle ein Stückchen Gelberüben überrechen. Jenes Feldgeräth wollte er nur zum Laubrechen mitge⸗ führt haben. ſte A m ge ru he lie ft in A zu gre kun vor und kenc den ſuc ſtell nen n Hin ſin im Der Mörder des Juden Borig. 291 s, n Begreiflicherweiſe waren von den Zeugen, welche vor de ge 18 Jahren ihre Ausſage niedergelegt hatten, mehre ver⸗ itf am ſtorben, andere nicht mehr aufzufinden, ſo daß nur 16 gaubt, Anklagezeugen vor den Mainzer Aſſiſen erſchienen. Dazu Vater mußte auch bei den noch lebenden, früheren Hauptzeu⸗ gilſſn gen, nach einer ſolchen Reihe von Jahren, die Erinne⸗ Grode rung theils erloſchen, theils geſchwächt ſein, dazu war Rößler inzwiſchen geſtorben; es war daher vorauszuſe⸗ gekuft hen, daß die jetzige Procedur kein erſchöpfendes Ergebniß Beſtel liefern werde. In der That geriethen auch mehre der nicht früheren Anklagezeugen mit ihren damaligen Ausſagen ott uf in Widerſpruch und vermochten nach 18 Jahren den pyllt Angeklagten nicht mehr mit voller Beſtimmtheit wieder⸗ hben zuerkennen. Indeſſen blieben doch noch mehre, ſchwer gravirende Zeugniſſe beſtehen. n der Noch lebte Krämer, der Wirth des Juden. Er be⸗ Pöl⸗ kundete alle bekannte Thatſachen, welche dem Morde erin vorangingen, die Vertraulichkeiten Borig's gegen Grode in in und Friedrich, ſeinen Geldbeſitz, den Empfang des„Fin⸗ ſin, kenauer“ unterzeichneten Briefes. gic Die Wirthin zum Stern in Sprendlingen erzählte Aus den Vorfall des Briefſchreibens am Sonnabend und des Sun Beſtellens durch die Botin, wie in der vorigen Unter⸗ hſun ſuchung. Zwar vermochte ſie die Perſon des ihr vorge⸗ 6 ſtellten Friedrich nicht mehr beſtimmt wiederzuerken⸗ inden nenz aber er ſelbſt leugnete ja nicht, damals im Stern ⸗ inemn geweſen zu ſein. Auch erinnerte ſie ſich genau ſeines 6 Hinkens und ſeiner Kleidung. mſelben — Auch die Botenfrau lebte noch. Sie konnte ſo wenig nig als die Wirthin ſich genau der Perſon Friedrich's ent⸗ ſinnen, das aber wußte ſie mit Beſtimmtheit, daß beide im Stern anweſende Männer damals mit ihr über die Beſtellung des Briefes geſprochen und, als ſie 13* 292 Der Wörder des Juden Borig. die Antwort auf dem Wege ihnen zurückbrachte, daß 1 beide gelacht hatten. Wer von beiden ihr das Boten⸗ lohn gezahlt, erinnerte ſie ſich nicht mehr. Schwer belaſtend war beſonders das Zeugniß des 1 Wirthes Cetto von Wölſſtein. Er erinnerte ſich jedes umſtandes von dem frühen Morgenbeſuch der Drei am Sonntage in ſeiner Schenke, wie er es bei der erſten Unterſuchung ausgeſagt. Namentlich aber erkannte er jetzt, nach 18 Jahren, den ſeitdem nicht geſechenen Friedrich wieder. Stirn gegen Stirn blieb er bei dieſer Behauptung, wie entſchloſſen und mit gleicher Ruhe der Angeklagte es auch beſtritt. Der Bauer Görtz und ſeine Frau bekundeten über die Begegnung an den drei Steinen, was wir ſchon aus dem vorigen Proceſſe wiſſen. Doch hatte ihr Zeugniß auf Friedrich weniger Bezug, da ſie dieſen, welcher, nach Rößler's Ausſage, um ſeine Nothdurft zu verrichten, damals zurückgeblieben war, nicht am Wege geſehen hatten. 8 Die übrigen Zeugen ſtimmten gleichfalls mit ihren . 5 früheren Ausſagen über Friedrich's Benehmen nach Bo⸗ rig's Verſchwinden in ſeiner eigenen Wohnung, über ſein Antreffen mit einem Rechen am Montag Morgen, über das Goldwechſeln in Flonheim, über das Auffinden der Leiche und die Flucht der Angeſchuldigten. Auch ward die unbedingte Tödtlichkeit des einen der beiden Schüſſe durch Leilhtn des noch lebenden Obducenten über den ihm wieder vorgelegten Leichenſchaubericht heraus⸗ geſtellt.. Dem genügten indeß dieſe Zeugen⸗ ausſagen nicht, und er trug auf Verleſung der früheren Ausſagen der verſtorbenen oder verſchollenen Zeugen und auf die des verſtorbenen Rößler an. Rößler's Ausſagen — cS— diß oten des jedes i am erſten te e henen dieſer e der über n al ugiß nac chten ſe hen ihren Be er ſt , übe en del en 1 übe erau e rühe en uſo U Der Mörder des Juden Porig. 293 waren allerdings von großer Wichtigkeit und Friedrich gravirend, da er nach denſelben nicht allein mit beim Wirth Cetto, ſondern bei Grode geweſen, als dieſer auf dem Wege lauerte, daß er Grode's Aufforderung, dem Amerikaner das Geld abzunehmen, mit angehört, ohne zu widerſprechen und ohne, wie Rößler, davonzulaufen, ja daß er bei jenem noch geblieben, als, aller Wahr⸗ ſcheinlichkeit nach, die Mordthat„im See“ ausgeführt ward. Friedrich's Vertheidiger widerſetzte ſich daher mit aller Kraft dieſem Vorhaben, als den Beſtimmungen des Ge⸗ ſchwornengerichts entgegen. Kraft ſeiner discretionairen Gewalt verfügte indeß der Präſident, nach einer deshalb ſtattgefundenen Discuſſion, die Verleſung. Die vom Angeklagten aufgeſtellten Entlaſtungszeu⸗ gen bekundeten nur über Friedrich's Sittlichkeit und or⸗ dentlichen Lebenswandel in den letzten 18 Jahren, und dieſe Zeugniſſe wurden überdem durch ein Atteſt der Ortsobrigkeit und Privatatteſte mehrer angeſehenen Ein⸗ wohner beſtätigt, welche ſämmtlich ſeine bürgerliche Auf⸗ führung als eine muſterhafte bezeichneten. In ſeinem Schlußvortrage hob der Staatsanwalt als beſonders gegen den Angeklagten gravirend ſein unbe⸗ dingtes Leugnen auch ſolcher Umſtände hervor, die durch die gegenwärtigen Zeugen unzweifelhaft dargethan wären. Der Defenſor ſtellte in den Vordergrund den gegen⸗ wärtigen Charakter, die unbeſtrittene Sittlichkeit des An⸗ geklagten, daß er alſo vor Allem kein Mann ſei, zu dem man ſich einer ſolchen That verſehen könne. Daß er in ſeiner Jugend, unter der franzöſiſchen Herrſchaft das Schmugglergewerbe getrieben, rechtfertige noch nicht die Vermuthung, daß der ſonſt unbeſcholtene Mann ſich auch eines ſo ſchweren Verbrechens, wie ein Raubmord, 294 Der Mörder des Juden Borig. ſchuldig gemacht haben ſolle. Dazu bedürfe es des al⸗ lerſtrengſten Beweiſes und eines andern, als der vor langen Jahren, unter andern Verhältniſſen, bei der Herrſchaft einer allgemeinen, ungünſtigen Meinung und — in einem Contumacialverfahren geführt worden! Den Thatbeſtand, daß der Jude David Borig unter raubmörderiſchen Händen gefallen, beſtritt er nicht. Aber mußte er nothwendigerweiſe von Grode und ſeinem vor⸗ geblichen Genoſſen Friedrich ermordet ſein? Konnte er nicht in die Hände von anderm Raubgeſindel gefallen ſein, welches notoriſch in jener rechtloſen, aufgeregten Zeit die Straßen unſicher machte? Er erinnerte an die Heſſel ſchen, Winter'ſchen und andern Banden, welche in jenen Tagen die Ufer des Oberrheins heimſuchten. Möglicherweiſe hätte auch der Jude ſelbſt, der ohne Zweck ſich dort umtrieb, dieſen Verbrüderungen angehört haben können, und wäre von ihnen gerichtet worden? Der Vertheidiger hob den gänzlichen Mangel aller directen Beweiſe dafür hervor: daß der Jude Borig ge⸗ rade am Sonntage, den 8. April, als dem Tage ſeines Verſchwindens, ermordet worden, da man erſt am zwölften Tage(S. April) die verſcharrte Leiche aufge⸗ funden. Wenn dieſes Factum, daß er gerade am Sonn⸗ tage(S. April) ermordet, nicht feſtſtehe, vielmehr durch nichts erwieſen ſei, ſo fiele auch von ſelbſt die ganze, anſcheinend ſchwere Bedeutung der Zeugenausſagen in ſich ſelbſt zuſammen, wodurch bekundet werde, daß er am Sonntag Morgen früh in Wöllſtein, dann auf dem Wege und ſpäter in Flonheim geſehen worden. Uebri⸗ gens ſei die Herbeiziehung der früheren Ausſagen vor der gegenwärtigen Aſſiſe nicht perſönlich erſchienener Zeugen dem Sinn und Geiſt der franzöſiſchen(in Rhein⸗ heſſen noch geltenden) Geſetzgebung ganz entgegen, und * c S ⸗ vot det und nter Abet vor⸗ et Men gten die elche ten. ohne hörtt n ler ge⸗ ines am fge onn⸗ uch anzo ß er dem ebri vor ene hein un Der Mörder des Juden Porig. 295 werde deren Kraft durch die vielen Widerſprüche gänzlich gehoben. Was beweiſe das Zeugniß der Sternwirthin zu Sprend⸗ lingen von dem nicht in Abrede geſtellten Schreiben eines Briefes am Sonnabend in ihrem Wirthshauſe? Wie koͤnne man einer Frau ihres Standes ſo viel Erinne⸗ rungskraft in einer für ſie gleichgültigen Sache beimeſſen, daß ihre Erinnerung nach 18 Jahren noch volle Beweis⸗ kraft habe, wenn ſie behaupte, beide Gäſte hätten an der Abfaſſung des Briefes Theil genommen und beide ihn abgeſandt! Im Jahre 1810 ließe ſich das erklären; damals ſei es wie eine Dröhnung durch alle Bewohner der Gegend gegangen: der Grode und der Friedrich ha⸗ ben den Juden ermordet, ſie haben alſo auch den Lock⸗ brief gemeinſchaftlich geſchrieben. Jeder rechtliche Menſch ſuchte damals das Seine dazu beizutragen, um die Sache aufzuklären; auch die Wirthin glaubte ihr Scherflein bei⸗ zutragen, und im beſten Glauben(des Wahnes) gab ſie ihr Zeugniß ab. Es war damals aber ſchon eine Wahr⸗ nehmung, wo der Selbſtbetrug auf der Hand liegt. Jetzt erſcheint es als eine verhärtete Selbſttäuſchung, wenn ſie nach 18 Jahren eines Umſtandes ſich genau er⸗ innern will, den ſie vor 18 Jahren kaum genau ins Auge gefaßt haben kann, weil er ſie nichts anging. Seitdem, wo ſie es ſich ſelbſt ſo oft vorgeſagt hat, iſt es zur fixen Idee bei ihr geworden. Bei der geringſten Menſchenkenntniß kann man ſich ſagen, daß ein Menſch bei klarem Verſtande und gutem Gewiſſen, nach ſo lan⸗ ger Zeit an ſolche Nebendinge ſich mit der Beſtimmtheit nicht erinnern kann, wenn Wille und Phantaſie nicht willkürlich das Gedächtniß auffriſchen. Daſſelbe gilt über das Zeugniß der Botenfrau und der Andern, durch welche der Gang des Juden und ſeiner angeblichen 296 Der Mökder des Juden Borig. Mörder Schritt für Schritt am folgenden Sonntage nachgemeſſen werden ſoll. Wenn man endlich durchaus annehmen wolle, daß David Borig von zwei Individuen ermordet und ſpäter von der Mordſtätte hinweg, auf einer Leiter die weite Entfernung nach dem Gelbrübenacker getragen worden, ſo paſſe dieſe Annahme ungleich beſſer auf Grode und den rüſtigen Weber Rößler, den man damals frei ge⸗ ſprochen, weil er ſich ausgeredet und die Schuld auf die Abweſenden geſchoben, als auf den lahmen Friedrich, der kaum ſolche Entfernungen in ſo kurzer Zeit und mit ſolcher Laſt zurücklegen können. Auch die vorgebrachten Beweiſe für Friedrich's Alibi am Sonntag Morgen;— die, im gedruckten Actenaus⸗ zuge nur angedeutet, jedenfalls daſſelbe gegen ſich ha⸗ ben, was man gegen die Erinnerung der Belaſtungs⸗ zeugen nach 18 Jahren über Nebenumſtände mit Grunde erfahren kann,— wurden vom Vertheidiger herausgeho⸗ ben; dann die Flucht der durch das allgemeine Gerücht bezüchtigten Männer erklärt, vermöge der Furcht, welche Leute ihres Standes vor jeder Criminalprocedur, na⸗ mentlich dann beweiſen, wenn ſie, wie hier der Fall, ſich einer anderweitigen Uebertretung der Geſetze ſchuldig wußten. Endlich ſchloß er mit einer energiſchen Entwickelung der Trüglichkeit aller Indicien, beſonders wenn ſie aus der Vergeſſenheit eines halben Menſchenalters hervorge⸗ ſucht würden, um einen Mann und Familienvater durch halbbeglaubigte Erinnerungen zu verderben, der hinter ſich den beglaubigten Ruf eines durchaus untadelhaften, redlichen und ſelbſt muſterhaften Lebenswandels habe. Die Jury kam nach kurzer Berathung mit ihrem Verdict zurück. Beide an ſie geſtellte Fragen: Der Mörder des Zuden Porig. 297 togt 1) Iſt der Angeklagte ſchuldig, am Morgen des 8. Aprils 1810 den David Borig(John Deves) auf daß dem Wege zwiſchen Sprendlingen, Gumbsheim und iter St. Johann, freiwillig, mit Vorbedacht und Auf⸗ eite lauern durch Piſtolenſchüſſe getödtet und beraubt zu den, haben? 2) Oder iſt der Angeklagte der Theilnahme und an jenem Verbrechen dadurch ſchuldig, daß er die Mittel zu Ausführung deſſelben herbeigeſchafft und wiſſentlich die Urheber in den Handlungen, welche tich, es vorbereiteten, erleichterten oder conſummirten, un⸗ terſtützte? beantwortete ſie unbedingt verneinend. Der Freigeſpro⸗ chene ward ſofort in Freiheit geſetzt. —— Eine Familie Vater- und Gattenmörder. 1712— 1714. In einer Baſtide, einem der abgelegenen Landhäuſer, von Weingehegen umrankt, umſchloſſen von Oelbäumen und Feigen, wie ſie im ganzen mittäglichen Frankreich unter dieſem Namen bekannt ſind, lebte einige Meilen von Marſeille, in der Parochie Saint⸗Barnabé, ein alter franzöſiſcher Seecapitain mit ſeiner Familie in länd⸗ licher Zurückgezogenheit. Frangois D*** de S***(ſein Familienname bleibt, obgleich faſt hundert und funfzig Jahre ſeit der grauen⸗ vollen That verſtrichen ſind, auch in den letzten gedruckten Berichten, vermuthlich aus Rückſicht für die noch lebende Familie, ungenannt) war ſchon ein Siebziger, als er ſich 1709 auf dieſes Beſitzthum mit Frau und Kindern zurückgezogen hatte. Mit ihm lebten hier ſeine Frau, Anna de S*** (auch ihr Geſchlechtsname wird verſchwiegen), die um ein 25 Jahr jünger war, und ſeine drei Söhne Jean Baptiſte, Frangois Guillaume und Louis Ceſar. Zwei andere Söhne waren außer dem Hauſe, An⸗ toine, der älteſte, war Fähndrich bei der Marine, Etienne Gayetan, der vierte, Unterlieutenant im ten nde ern m Eine Familie Vater- und Gattenmörder. 299 Infanterieregiment Grigni. Beide junge Männer ge⸗ noſſen eines ausgezeichneten Rufes, geehrt von ihren Chefs. Zwei Domeſtiken im Hauſe waren ein Türke Aſſan Ali, genannt Barracu, den der alte Seecapitain wahr⸗ ſcheinlich von ſeinen Fahrten mit nach Frankreich ge⸗ bracht, und die Magd Suzanne Borelli, aus der Pro⸗ vence. Der Capitain gehörte einer der älteſten Adelsfamilien von Languedoc an; auch ſeine Gattin ſtammte aus einer angeſehenen Familie aus Marſeille. Ihre Vermögens⸗ umſtände waren aber nicht glänzend. Sie lebten von der Penſion des alten Seecapitains, und es ſcheint ein wüſtes, wildes Leben in dieſer ſtillen Landeinſamkeit ge⸗ weſen zu ſein. Südfranzöſiſches Blut rollte in den Adern. Jean Baptiſte, der eine Sohn, hatte gegen den Willen des Vaters geheirathet, wahrſcheinlich unter ſei⸗ nem Stande— und es mußte keine Vernunftheirath ſein— die Nichte des Pfarrers der Parochie. Indeß hatte der alte Capitain ihm ſpäter verziehen. Er lebte wieder in der Familie, ob mit ſeiner Frau, wird nicht geſagt. Nachdem ſie hier drei Jahre gehauſt, ward am 16. October 1712 in der Parochie Saint⸗Barnabé ein jähr⸗ liches Feſt begangen, das den Namen führte vol oder train. Man ſagt uns nichts davon, als daß die Be⸗ wohner wohl verſtanden hätten, die Andacht mit den Vergnügen dabei zu verbinden. Beim diesjährigen Feſte erſchien nur einer aus der Familie, Frangois Guillaume, er tanzte und ſchien luſtig. Aber früher als gewöhnlich kehrte er nach der Baſtide zurück. 300 Eine Familie Vater- und Gattenmörder. Am folgenden Tage erfuhr man in der Nachbarſchaft ein trauriges Ereigniß. Der alte Seecapitain war aus dem obern Fenſter ſeines Hauſes geſtürzt und hatte ſich den Hals gebrochen. Er hatte vermuthlich einen außer⸗ halb des Fenſters hängenden Vogelbauer zurechtrücken oder hereinnehmen wollen, das Gleichgewicht dabei ver⸗ loren und war hinausgeſtürzt. Man hatte ihn ſchon todt liegend gefunden, den Vogelbauer noch feſt in der Hand, unweit davon ſein Hut; der Fleck am Boden war mit Blut getränkt. Die Familie ſchien in entſetzlichſter Verzweiflung. Man hatte den Körper auf ein Bett getragen und wandte alle Mittel an, ihn wieder ins Leben zu rufen, doch ver⸗ geblich. Die Witwe raufte das Haar vor Verzweiflung, Jean Baptiſte fiel ſogar in Ohnmacht. Alle Nachbarn gaben ſich möglichſte Mühe, die Un⸗ glücklichen zu tröſten, deren Schmerz von einer Art war, daß man an keine Verſtellung denken konnte. Der Criminal-Lieutenant erſchien, ſobald er von dem Vorfalle gehört, mit zwei Wundärzten, die den Leich⸗ nam oberflächlich beſichtigten, und nachdem ſie ihre Er⸗ klärung abgegeben, daß er in Folge eines Sturzes aus dem Fenſter das Leben verloren, ward der gewöhnliche Beerdigungsſchein ausgeſtellt. Die Familie glaubte in Frieden fortan zu leben, denn der alte Capitain war unverträglicher Natur geweſen. So hatte die Mutter wenigſtens zu den Söhnen geſagt an jenem Schmerzenstage. Aber ſie hatten nicht bedacht, daß ſie ja von der Penſion des Verſtorbenen ganz oder zumeiſt gelebt; dieſe fiel mit ſeinem Tode weg und ſie befanden ſich in der äußerſten Armuth. —— V te A ko de un 9t ht, Mt ſie Eine Familie Vater- und Gattenmörder. 301 In dieſer Lage wandten ſich die Söhne ſchriftlich an ihren Dheim, den Grafen de S**, den Bruder ihres Vaters, ſie zeigten ihm den Tod des letztern in der Art an, wie er den Nachbarn und den Gerichten bekannt geworden, malten ihm den troſtloſen Zuſtand ihrer Mutter, ihrer ſelbſt und baten um ſeine Hülfe. Es war die gute alte Zeit, wo Männer aus großen Familien Einfluß hatten, und man es für eine Ehren⸗ ſache des Staats hielt, daß Abkömmlinge ſolcher Fa⸗ milien nicht in Elend verkommen dürften. Der Graf war voll Theilnahme und verſchaffte ihnen durch ſeine Freunde eine Staatspenſion von 600 Livres. Sie ſollte zwiſchen der Mutter und den Kindern getheilt werden, welche der Unterſtützung bedürften. Während dieſer Verhandlungen unter den Verwand⸗ ten, die doch den beiden ſelbſtändig lebenden Brüdern Antoine und Etienne Gayetan nicht verborgen bleiben konnten, ſchöpften dieſe einigen Verdacht, daß es mit dem Tode ihres Vaters ſich anders verhalte, als man laut angab. Sie wußten mehr vom Unfrieden in der Familie, als die Nachbarn. Sie drängten, von banger Sorge gequält, in den jüngſten Bruder, und dieſer bekannte ihnen Furchtbareres, als ſie ſelbſt nur ahnen konnten. Die Ehre der Familie, die Kindespflicht, im Chri⸗ ſtenſtaate anders verſtanden, als im Hauſe Agamemnon, zwang ſie zum unverbrüchlichſten Schweigen. Die Entdeckung des Geheimniſſes erfolgte für Dritke und die Obrigkeit erſt ſpäter, auf eine merkwürdige Art. Es iſt aber für uns am Ort, was die unbetheiligten Brüder erfuhren oder bereits wußten, hier ſchon zu er⸗ zählen, um den Faden der Entdeckung, der, wie geſagt, auch für ſich ſein Intereſſe hat, daran knüpfen zu können. 302 Eine Familie Vater- und Gattenmörder. Ihre Mutter, Anne de Ss*s, erzogen im Kloſter der adligen Fräulein de Sainte-Claire d'Ollioules, galt dort für ein Muſter in allen weiblichen Tugenden. Kaum zu ihrer Mutter zurückgekehrt, übten aber die Verlockungen der Welt einen noch weit größern Reiz auf das junge und ſehr ſchöne Mädchen. Bewundert, gefeiert und begehrt von Vielen, wußte der Seecapitain Frangois D*** de S***, Commandeur der Galeere La Reale, ihr Herz zu rühren. Der Liebesbund war merkwürdig, Anne hatte kaum das achtzehnte Jahr über⸗ ſchritten, er zählte über die vierzig! Der Liebe ſtand nichts im Wege, und ſie wurden 1681 verheirathet. Die Liebe verſchwand bald, die ge⸗ trennten Jahre blieben und der Ehebund ward, trotz der vielen Kinder, unglücklich. Sie hatten nämlich elf Kin⸗ der erzeugt(alſo noch eines mehr, als der Herzog von Praslin und ſeine Gattin), ſechs Söhne und fünf Töch⸗ ter. Zur Zeit, als ſie das Landhaus bei Marſeille be⸗ zogen, waren noch die ſchon genannten fünf Söhne und zwei Töchter am Leben. Letztere hatte man als Nonnen in einem Kloſter untergebracht, wo ſie ohne Mitgift Aufnahme gefunden, in Anbetracht, daß das Kloſter von den Vorfahren der Familie geſtiftet worden. Schon ehe ſie die Baſtide bezogen, war der Wider⸗ wille der Gattin gegen den Gatten zum vollſtändigen Haß ausgeartet. Wir beſitzen keine hinterlaſſenen Briefe ind Memoiren von ihr, nur eine nackte Geſchichte der die für ſich ſelbſt ſprechen; die Motive des ſſes bleiben uns alſo unbekannt, aber es wird be⸗ richtet, daß Anne, nicht zufrieden damit, ſelbſt ihren Gatten zu verabſcheuen, auch Alles gethan, ihren Kindern dieſelben Empfindungen gegen ihren Vater einzuflößen. Die drei Jahre, welche die Familie in der Baſtide loſte ules nden. t die Rei ndert, itain aleere wer über⸗ urden ie ge⸗ tz der Kin⸗ von Fich⸗ be⸗ und nne itzift oſte Pider ige Brif t de deb dbe ihre inde en zaſi Eine Familie Vater- und Gattenmörder. 303 wohnte, war eine fortgeſetzte Reihe von Ausbrüchen wü⸗ thender Heftigkeit und darauf von nothgedrungenen Ver⸗ ſöhnungen. Beide Eheleute nannten ihr Beiſammenſein hier einen Vorgeſchmack der Hölle. Offenbar wirkten hier die beſchränkten Vermögensumſtände, der Mangel, und das nähere Beiſammenſein der Eheleute, ohne Ab⸗ wechſelung und Zerſtreuung, wie ſie ein größerer Ort bietet, verderblich mit. Bei allen dieſen Auftritten nah⸗ men die Söhne Partei für die Mutter. Aller Reſpect für den Vater war verſchwunden. Am 16. October 1712, als jenes ländliche Feſt in der Parochie gefeiert ward, ſpeiſte die Familie in an⸗ ſcheinendem Frieden miteinander; es gab bei Tiſche we⸗ nigſtens keinen Zank. Jean Baptiſte, der Sohn, wel⸗ cher gegen den Willen des Vaters die Nichte des Pfar⸗ rers Senelon geheirathet hatte, wollte an dem Tage bei letzterem ſpeiſen.(Lebte vielleicht ſeine Frau noch bei demſelben?) Der alte Capitain, in einer Regung vä⸗ terlicher Liebe, redete es ihm aus, er wollte gern heute im Kreiſe der Seinen eſſen. Er lud ſeinen Mörder zu Tiſch! Nach dem Eſſen forderte Frangois Guillaume, der zum Tanz gehen wollte, Geld vom Vater. Dieſer gab ihm ein fünf Sousſtück. Der Sohn ſchlug die Kleinig⸗ keit verächtlich aus. Der Vater verdoppelte es und gab ihm zehn Sous. Frangois Guillaume war auch damit nicht zufrieden, er murmelte Verwünſchungen, er ſchimpfte laut auf den Vater wegen ſeiner Knickerei. Der Streit ward ſo laut, daß die Mutter hinzukam. Sie ſtellte ſich auf Seite des Sohnes und ſchrie, Fran⸗ gois Guillaume habe Recht, es ſei unerhört, daß ein Vater ſeinen Sohn ſo für nichts achte und ihn mit einem ſolchen Lumpengelde abſpeiſen wolle. —.————— —— — ———— 304 Eine Familie Vater- und Gattenmörder. Der Streit ward heftiger, man kennt nicht alle Abſtufungen, aber der hitzige Frangois Guillaume läuft, holt ſeinen Degen, zieht ihn, ſtellt ſich an die Thür und droht, ſeinen Vater umzubringen. Auch Jean Baptiſte nimmt Theil und Partei für Bruder und Mutter. Der alte Vater war begreiflicherweiſe über das em⸗ pörende Betragen der Söhne aufs Aeußerſte entrüſtet. Er ruft ſeinem Diener zu, dem Türken Aſſan Ali, au⸗ genblicklich ſein Pferd zu ſatteln; er wolle nach Mar⸗ ſeille reiten, um Klage gegen ſeine Söhne zu erheben. Es ſolle ihnen ſchlimm ergehen. Wahrſcheinlich war es nicht ſo ernſt gemeint. Aber die Mutter rief ihren Söhnen zu, wenn ſie ihn gehen ließen, um vor der Juſtiz ſeine Klage anzubringen, wäre es um ſie Alle geſchehen. Das wüthende Weib faßt ihren Mann darauf bei den Haaren, reißt ihn in ihrem nun immer wachſenden Grimm zu Boden und begeht, auf ihm liegend, ſolche entſetzliche Exteſſe an ſeinem Körper, daß der letzte Erzähler dieſer Geſchichte ver⸗ ſichert, er habe nicht Worte dafür, ſie auszuſprechen, man werde ihn aber verſtehen. Als Jean Baptiſte ſeine Mutter zur Tiegerin ver⸗ wandelt ſah, überkam ihn die Wuth einer Hyäne. Er will ſeine Mutter noch überbieten. Der unglückliche Mann gewinnt im unnatürlichen Kampf oder ſeinen In⸗ tervallen noch einige Augenblicke, um ſeine Klage, ſeine Entrüſtung in Worte zu faſſen:„Was that ich dir, mein Sohn, daß du mir das thuſt?— Ich bin dein Vater! So kannſt du nur mit deinem ärgſten Feinde umgehen. Und wär ichs nicht, ſo wäre ich wenigſtens ein Menſch wie du.— Nur als Menſchen flehe ich dich an, nur mein weißes Haar ſollte ſchon deinen Zorn ent⸗ gei ſt d laun an di Auch et und s eh⸗ trüſtet i, au Mar rheben. Aber gehen win b fißt jhrem egeht, ſeinen e vet mal n vet E icklich en In ſein h dil n de ßein igſn dih n Eine Familie Vater- und Gattenmörder. 305 waffnen. Sollen alle meine Kinder in ihrem Zorn ge⸗ gen mich aufſtehen?“ So die actenmäßige franzöſiſche Auffaſſung von Worten, die in der Natur und der Situation wahr⸗ ſcheinlich anders geklungen haben, vornehmlich wenn hin⸗ zugeſetzt wird, daß die Worte, ſtatt zu verſöhnen, die Wuth der Mutter und ihrer Söhne nur noch immer heftiger anfachten. Jean Baptiſte warf ſich auf ſeinen Vater und ſchickte ſich an, ihn zu erwürgen, während deſſen verſetzte ihm Frangois Guillaume einen Schlag mit dem Degen auf die Schläfe; aus einer großen Wunde ſtrömte das Blut. Auch dieſer Anblick entſetzte weder, noch ſtillte er die Wuth der Unmenſchen, unter den Würgehänden ſei⸗ nes Weibes und Sohnes, Jean Baptiſte, die, mit den Knien auf ſeiner Bruſt, ihn endlich erdroſſelten, ver⸗ ſchied der Unglückliche. Während der Mordthat verkroch ſich der jüngſte Sohn, Louis Ceſar, in einen Winkel der Stube und weinte. Desgleichen ſtand Aſſan Ali zitternd da, er wagte nicht ſeinem Herrn beizuſpringen gegen die Wü⸗ thenden. Niemand ſonſt war in der Baſtide. Die Magd Suzanne Borelli war ſchon zwei Tage fort. Kaum war indeſſen das Verbrechen begangen, ſo ſank die Binde von Wuth und Wahnſinn von ihren Augen. Sie erſchraken vor ſich ſelbſt; mehr doch viel⸗ leicht vor dem Gedgnken an die Juſtiz. Sie beſchworen unter ſich ein unverbrüchliches Still⸗ ſchweigen, und Alles aufzuwenden, damit die That nicht herauskomme. Die Mutter gewann zuerſt wieder die nöthige Be⸗ ſinnung. Sie durchſuchte die Taſchen des getödteten —— —— ———— — ——— 306 Eine Familie Vater- und Gattenmörder. Mannes nach ſeinen Schlüſſeln. Damit ſtieg ſie in ſeine Kammer hinauf und bemächtigte ſich des wenigen Gel⸗ des, was ſie fand. Einen Thaler davon gab ſie an Frangois Guillaume, daß er damit zum Feſte gehe, um allen Verdacht von ſich abzuwenden. Sie ſchien mit dieſer Handlung kluger Berechnung wieder ganz Herrin ihrer ſelbſt geworden und ermahnte auch ihre Söhne zur Ruhe, dann könne noch Alles ganz gut werden. Während Frangois Guillaume zum Tanz war und, der Weiſung ſeiner Mutter getreu, ſehr heiter ſchien, tru⸗ gen Jean Baptiſte und Aſſan Ali den Leichnam des Vaters in die Kammer oben. Man verſchloß die Thür und ließ ſofort den Pfarrer Senelon durch den jüngſten Sohn Louis Ceſar holen. Durch die Heirath ſeiner Nichte mit Jean Baptiſte gehörte er zu der Familie, ihm mußte man alſo vollkommen vertrauen können. Es ward ihm, als er erſchien, der reinſte Wein geſchenkt, und ſein Erſtaunen, ſein Entſetzen und die Verdammung der That, zu der er als Chriſt, Prieſter und Beamteter verpflichtet war, bedarf keiner Auseinanderſetzung. Man bedeutete ihm indeß, daß man ihn nur rufen laſſen, um als Mitglied der Familie Rath zu geben, wie ſie vor dem Aeußerſten ſich ſchützen, ihre Ehre retten könnten. Der Pfarrer rieth einen Schlagfluß vorzuſchützen Die Witwe ſchüttelte den Kopf: der Leichnam ſei allzu⸗ ſehr verſtümmelt. Nach einigem Nachſinnen brachte der Geiſtliche das uns durch die That ſchon bekannte Aus⸗ kunftsmittel vor: man müſſe den Leichnam zum Fen⸗ ſter hinauswerfen und den Schein Sn ſuchen, als ſei er durch Zufall, Ungeſchick, öder Altersſchwäche heruntergeſtürzt. Dazu biete der Vogelbauer, der vor ſeinem Fenſter hänge, die beſte Gelegenheit. Er habe ſich zu weit hinausgebogen, um den Käfigt zu befeſti⸗ üb W we ſii 6 ſie an e, un n mit Hertin ne zur r und, tu⸗ m des Thit ingſten ſeiner amili, n. G chenkt mung mtetet Man n un ſie vor nten⸗ chützen allz hte der Fen⸗ ſuchen, hwächt et vu t helt tefſi Eine Familie Vater- und Gattenmörder. 307 gen, habe dabei das Gleichgewicht verloren, ſei kopf⸗ über geſtürzt und habe im Fallen das Genick gebrochen. Wenn man ihm den Vogelbauer in die Hand gebe, werde das ſehr wahrſcheinlich. Die Obrigkeit, herbeigerufen, werde, wo kein an⸗ derer Grund der Unterſuchung vorliege, alsdann leicht das Beerdigungsatteſt geben, ohne welches, bei einem gewaltſamen Tode, er als Prieſter das Begräbniß nicht geſtatten könne. Daß es wenigſtens ein guter Rath geweſen, hat die Folge gezeigt. Jean Baptiſte, der Vatermörder, ſchauderte nicht vor der zweiten That, er warf den Körper zum Fenſter hin⸗ aus; die Mutter ſchlachtete an der Stelle unten ein Huhn, um Blutſpuren zu haben. Hierauf erfolgte das, was wir ſchon wiſſen. Es hatte Niemand ein Arg. Noch am Tage der That ſelbſt nahm die Familie in anſcheinender Ruhe ihr Abendeſſen ein. Nur der jüngſte Sohn, Louis Ceſar nahm nicht Theil daran; er konnte keinen Biſſen her⸗ unter bringen. Die Mutter tröſtete ihre Söhne, ſie würden nun in Frieden, ſie würden glücklich leben kön⸗ nen; der den Hausfrieden geſtört, ſei fort und keine Entdeckung zu fürchten. Wie die fürchterliche Entdeckung, daß ſie nicht glück⸗ lich leben könnten, da ſie ihren Ernährer getödtet, noch vor den Gewiſſensbiſſen eintrat und man ſich zu helfen ſuchte, iſt oben geſagt. Nach menſchlichen Anſichten wäre die Entdeckung wahrſcheinlich nie erfolgt ohne die Penſion von 600 Li⸗ vres, welche der Famllie zu ihrer Nothdurft ausgeſetzt worden. Zwiſchen Mutter und Söhnen erhob ſich dar⸗ über ein Streit. Jene behauptete, ihr komme die Dis⸗ 308 Eine Familie Vater- und Gattenmörder. poſition darüber als Familienhaupt zu, dieſe ſagten, ſie ſei ihnen ebenſo gut als der Mutter gewährt und ſie bedürften keiner Vermittelung durch die letztere. Die Familie hatte ſich getrennt. Die Mutter wohnte in Aix bei Herrn Aillaud, Procurator der Rechnungs⸗ kammer; Jean Baptiſte(der Mörder) und der jüngſte (unſchuldige) Louis Ceſar in Marſeille. Auf der Ba⸗ ſtide blieben Francois Guillaume(der Mörder) und Etienne Gaytean, der Unterlieutenant. Antoine, der Seemann, der von ſeinem Einkommen anſtändig lebte, machte keinen Anſpruch auf die Penſion. Etienne Gayetan dagegen wollte ſie in die Hand bekom⸗ men, nicht aus Eigennutz, ſondern um beſſer darüber für die Familie disponiren zu können. Jean Baptiſte(der Mörder) leiſtete ihm aber einen unerwarteten und entſchiedenen Widerſtand.(Er war verheirathet.) Etienne Gayetan(der das Geheimniß jetzt wußte) drohte ihm, wenn er nicht nachgebe, mit Ent⸗ deckung. Eine Drohung, die natürlich nicht ernſt ge⸗ meint war. Jean Baptiſte erwiderte ihm durch einen bittern Brief. Etienne Gayetan, der das Geld durchaus nicht in der Hand des Bruders laſſen wollte, ergriff ein anderes Mittel. Er ſchrieb an den Marquis de Montolieu, einen in⸗ timen Freund ſeines gemordeten Vaters, von deſſen Ver⸗ ſchwiegenheit im Intereſſe der Familie er überzeugt war, und theilte ihm die ganze Geſchichte des Vatermordes mit. Seinem Bruder Louis Ceſar, der bei ihm zum Beſuch war, theilte er dieſen Brief mit, damit er Jean Baptiſte davon in Kenntniß ſetze. Letzterer möge ſich nur vorſehen, denn wenn er nicht in ſeine Arrangements eingehe, ſei er feſten Willens, ihn durch ſeine Ent⸗ deckung zur Strafe zu ziehen. Ob es ſein Ernſt ge⸗ wohnt nung jüngſt r. ommen Nnſion. bekom darübe einen r wa iß jett t Ent ſt ge einen uchaus if ein nen in en Per t wat mordes n zun r Jen ge ſit enen e Eſ nſt Eine Familie Vater- und Gattenmörder. 309 weſen, den Brief an den Marquis abzuſchicken, iſt nicht gewiß. Jean Baptiſte gerieth aber durch die Nachricht, welche ſein Bruder Louis Ceſar ihm brachte, in den äußerſten Schrecken. Er glaubte, Etienne Gayetan werde den Brief an den Margquis abſchicken, und um ihm zuvorzukom⸗ men, ſchrieb er ſelbſt einen Brief an Montolieu, in welchem auch er ihm die Mordthat enthüllte, aber in lügenhafter Weiſe. Er warf mit großem Geſchick, Wahres und Falſches vermengend, die ganze Schuld auf ſeinen Bruder Frangois Guillaume und ſeine Mutter. Letztere, in Kenntniß geſetzt von dem Streit unter ihren Söhnen, empfand eine wo möglich noch größere Angſt vor der Entdeckung, und im Fieber derſelben ſchrieb auch ſie einen Brief an ihren Schwager, den Grafen S?**, worin ſie ebenfalls die ganze Mordge⸗ ſchichte erzählte, aber— ihrem Sohne Jean Baptiſte die ganze Schuld beimaß. Der alte Graf war wie vom Donner gerührt, er konnte dieſes Uebermaß von Verruchtheit in ſeiner Fa⸗ milie nicht Aber er war ein kluger Mann. Er wollte auch den Schein, daß er an ſo Entſetzliches, in ſeinem Blute begangen, nur glauben könne, von ſich abwenden. Deshalb ſchickte er den Brief mit folgenden Worten an ſeine Schwägerin zurück: „Ich überſende Ihnen, meine Schweſter, hier einen Brief mit Ihrer Unterſchrift. Sie haben irgend einen Feind, der Ihre Schriftzüge dermaßen nachahmen kann, daß man behaupten könnte, ſie ſeien wirklich von Ihrer Hand. Verbrennen Sie das Papier, ſobald Sie es empfangen haben, und benehmen ſich in ſolcher Art, daß Sie Niemandes Unwillen und Entrüſtung erregen. Ich habe an Herrn von Montolieu geſchrieben, den alten 310 Eine Familie Vater- und Gattenmörder. Freund meines ſeligen Bruders. Er wird die Güte ha⸗ ben, ſich keine Mühe verdrießen zu laſſen, um unter meinen Reffen Friede zu ſtiften und ihre Angelegenheiten zu arrangiren.“ Montolieu hatte inzwiſchen Jean Baptiſte's Brief empfangen. Der alte Mann war außer ſich⸗ In ihm waltete aber das allgemeine Rechtsgefühl über die Rück⸗ ſicht für die Söhne ſeines todten Freundes, über den Reſpect für die Abkömmlinge eines alten edeln Blutes ob. Schaudernd über die That, fragte er ſich, ob es nicht Pflicht ſei, ſolche Unholde aus der bürgerlichen Geſellſchaft zu entfernen, da ihre Berührung ſchon Un⸗ heil ſtiften könne. Aber er wagte nicht allein zu ent⸗ ſcheiden. Er ſchrieb deshalb an den Marquis Cavoye einen Brief, in welchem er ihm die ganze Sache vor⸗ trug, es ihm überlaſſend, wie man die Sache am beſten abmache. Dies alſo ſchon die dritte Schrift, welche das furchtbare Geheimniß ausſprach! Der Marquis de Cavoye, wahrſcheinlich ein Mann von Einfluß, wollte aber auch nichts für ſich thun. Er zog den Grafen von S***, als nächſt betheiligtes Fa⸗ milienglied, zu Rathe und ſchlug ihm vor, eine lettre de cachet zu erwirken, um dieſe ganze ſchaudwafte Familie in irgend eine entfernte Colonie zu verbe en und unter der tropiſchen Sonne die Erinnerung an das ſcheußliche Verbrechen verſchwinden zu laſſen. Der Graf aber wendete ein, daß eine ſolche lettre de cachet jetzt vom Könige nicht zu erlangen ſein werde, ohne daß der Monarch nach den Motiven frage. Erführe er ſie, ſo werde er unbedenklich die Verbrecher den Gerichten über⸗ geben, und die beklagenswertheſte Enthüllung des Ver⸗ brechens ſei gewiß. Er wollte lieber ſelbſt an Monto⸗ lien ſchreiben und dieſen zu bewegen ſuchen, daß er F h 55 bet üte hi unt heit Bric n ihn Rück et den Blutes ob e erlichen 0n ln⸗ zu ent⸗ Cavoyl he vol⸗ nbeſtin welche Man n. 6 tes I lettr bwft rbe an du er Gr et j dß ſie, n übe 3 Vl (5* Mol daß 6———————————— Eine Familie Vater- und Gattenmörder. 311 Frieden zwiſchen den Familiengliedern herſtelle und die Sache vertuſche. Cavoye war dadurch einigermaßen beruhigt. Er wollte Montolieu's Brief verbrennen. Für die Mörder unglücklicherweiſe ſchob er es aber auf. Der Brief lag unter andern Papieren, welche er zu einer dringenden, eigenen Angelegenheit in eine Mappe zuſammen gethan hatte. Mit dieſer Mappe begab er ſich zum Miniſter Pontchartrain, um ein Geſuch für ſich zu unterſtützen. Pontchartrain, der Cavoye ſehr gewogen war, hatte aber in dem Au⸗ genblick Wichtiges zu thun, er nahm die Mappe an ſich, verſprach ihm, ſie am Abende durchzuleſen, und be⸗ ſtellte ihn auf Morgen wieder. Erſt in der Nacht fiel Cavoye ein, daß in der Mappe ja der Brief liege. Am frühen Morgen ſtürzte er zum Miniſter, in der Hoffnung, derſelbe werde die Papiere noch nicht unterſucht haben, und um den Brief ſich—— zu laſſen. Aber er kam zu ſpät. Pontchartrain hatte früher, als er gedacht, die Mappe unterſucht, Montolieu's Brief gefunden und keinen Augenblick angeſtanden, das zu thun, was ſein Gewiſſen, ſeine Stellung als Miniſter ihm gebot, er hatte den Brief an den König abge⸗ Sofort waren Ordres an das Parlamenk der Provence, und die Witwe und ihre Söhne Frangois Guillaume, Jean Baptiſte, Louis Ceſar und Etienne Gayetan wurden in das Gefängniß von Marſeille ab⸗ geführt. Die Unterſuchung ward ſofort(im Jahre 1714) ge⸗ zen die Angeſchuldigten eröffnet. Aſſan Ali ward zuerſt als Zeuge vernommen. In vrientaliſcher Treue für das Haus ſeines Herrn, erklärte 312 Eine Familie Vater- und Gattenmörder. er nichts, was die Familie compromittiren konnte. Sein Herr ſei aus dem Fenſter geſtürzt und daran geſtorben; anders wiſſe er es nicht. Ein Beamter, der im In⸗ tereſſe der Familie war, ließ ihn entfliehen, aus Furcht, daß er doch mehr ausſagen könne. Als das Gericht aber durch ein Arret auch Aſſan Ali als Mitſchuldigen in Anklageſtand ſetzte, wagte der Beamte ihn nicht län⸗ ger zurückzuhalten; er ward arretirt, desgleichen die Magd Suzanne Borelli. Letztere wußte nichts; ſie war auf dem ländlichen Feſte geweſen und hatte nur gehört, was auch alle Uebri⸗ gen gehört. Aſſan Ali hielt zwei Verhöre, ohne zu geſtehen, aus, als er aber in ein engeres Loch bei Waſſer und Brot geworfen ward, löſte ſich ſeine Zunge. Er geſtand, daß Frangois Guillaume den Vatermord begangen, die Mutter dabei geholfen habe. Gegen Jean Baptiſte ſagte er we⸗ nig aus. Auf dieſe Zeugenausſage erſt trennte man die andern Angeſchuldigten, welche man bisher in einem gemein⸗ ſchaftlichen Gefängniß gelaſſen.(1) Jeder ward in ei⸗ nen beſondern eigenen Kerker(cachot) geſetzt, und man ließ ſie hier fünf Monat ſchmachten, um ein Geſtändniß zu erwirken. Aſſan Ali erklärte am Ende des fünften Monats, daß auch Jean Baptiſte ſchuldig, ja daß er der einzige Schuldige ſei! Ein öffentliches Monitorium, daß ſich Zeugen g ſtellen möchten, ward nach altfranzöſiſchem Gerichtsge⸗ brauch erlaſſen. Jetzt fanden ſich auch wirklich Zeugen, welche bekundeten, daß die Witwe ſchon früher einmal ihren Mann vergiften wollen. Jean Baptiſte bekannte darauf, daß ſeine Mutter ihn einſt zum Wundarzt des Ha ſen da gel mie halt Br Ve El war ſden ſihn ſtic hab. g Eine Familie Vater- und Gattenmörder. 313 . Ei Hauſes ausgeſchickt habe, um giftige Tropfen einzukau⸗ ſtorbn fen. Der Wundarzt, als Zeuge vernommen, räumte im I das Factum ein, aber er habe die Tropfen nicht ge⸗ Jurcht geben. Gerich Erſt jetzt wurden die verſchiedenen Brieſe entweder huldign aufgefunden, oder der Witwe vorgelegt. Halb über⸗ cht in führt, konnte ſie nicht länger leugnen, ſie geſtand das ie Moh Verbrechen ein, aber alles Gehäſſige warf ſie auf ihren Sohn Jean Baptiſte, der es allein geweſen, der den ndichn Vatermord begangen. Aus mütterlicher Liebe habe ſie eUeh lange gezaudert, um dieſen gottloſen Sohn aufs Schaffot zu bringen. Aber, als er Aſſan Ali beſtochen, in ſeiner nu zweiten Ausſage die Schuld auf ſie und Frangois Guil⸗ dB laume zu werfen, ſo wäre ſie jetzt genöthigt, die Wahr⸗ nd, duß heit zu bekennen, die mit Aſſan Alis dritter und letzter Mutte Ausſage übereinſtimme. Jean Baptiſte allein hatte ihren . Mann, ſeinen Vater, umgebracht. er we Eine Confrontation fand darauf ſtatt, eine grauen⸗ nden hafte Scene. Kaum hatte Jean Baptiſte die Ausſage ui der Mutter gehört, als er auffuhr: —„Was! kannſt du das mit gutem Gewiſſen ſagen, dM mich anzuſchuldigen, daß ichs allein gethan, und ich m* habe doch das Wenigſte gethan! War's nicht mein ſin Bruder Francois, der den Degen gezogen gegen den Vater! Warſt du es nicht, die auf den Lärm aus dem Vuu“ gabinet ſtürzte und ihn bei den Haaren ergriff? Du ninh narfſt den alten Mann auf die Erde, du riſſeſt ihn mit den Händen da, wo ichs nicht ſagen mag! Haſt du gen ihn nicht grauſam gezerrt und erdrückt bis zum Er⸗ Zub Jean Baptiſte legte nun ein vollſtändiges Bekenntniß Während er dem Vater mit der Hand den Mund bekn ſgedrückt, damit er nicht ſchreien könne, hatte Frangois dan XIV. 14 314 Eine Familie Vater- und Gattenmörder. Guillaume ihm mit dem Degen auf die Schläfe gehauen, daß aus der Wunde eine Menge Blut ſtrömte. Dies Blut hatte er ſelbſt dann mit dem Schnupftuch und der Halsbinde des Vaters aufgewiſcht. Dann hatte er mit Aſſan Ali den Leichnam hinaufgetragen. Frangois Guillaume und Louis Ceſar bekannten nichts, was ihnen ſelbſt nachtheilig war. Wie auf Verabredung erklärten ſie aber laut, daß ihre Mutter unſchuldig ſei, und die Schuldlaſt allein Jean Baptiſte treffe. Am 10. Februar ward das Urtheil gefällt: Jean Baptiſte ward des Vatermordes für überwieſen erklärt und verurtheilt: daß er mit einer glühenden Zange gekniffen, beide Hände durch das Beil ihm abgehauen und er dann lebend gerädert werde. Sein Leichnam ſollte verbrannt, ſeine Aſche den Winden übergeben werden. Frangois Guillaume, gleichfalls überwieſen, zur ſel⸗ ben Strafe verdammt, mit Ausnahme, daß ihm nur eine Hand abgehauen und er nicht vorher gekniffen werde. Louis Ceſar, weil er, Zeuge der Unthat, nichts ge⸗ than den Vatermord zu verhindern, ſollte der Execution beiwohnen und dann auf immer aus dem Königreiche verbannt werden. Der ſchuldigen Mutter ſollte der Kopf vom Rumpfe geſchlagen werden. Aſſan Ali, weil er ſeinem Herrn keinen Beiſtand ge⸗ leiſtet, ward zur Stäupung verurtheilt. Etienne Gayetan und Suzanne Borelli wurden völlig freigeſprochen. Auf Einlegung der Appellation wurden die Verur⸗ theilten nach Aix transportirt. Sie verlangten, ange ſehen ihren hohen Adel, von der Grand' Chambre ge ri ——— ———— Eine Familie Vater- und Gattenmörder. 315 chaun richtet zu werden. Dies ward ihnen zugeſtanden. Sie Di hofften aber auch, daß der Proceß ſich verzögern werde und de bis zum Pfingſtfeſt, wo durch ihre Verwandten und et ni Freunde die Gnade des Königs anzuſprechen möglich werde!— Pontchartrain ſchrieb aber an den Präſiden⸗ nnicht ten, er möge die Sache möglichſt beſchleunigen, um den bredun Monarchen von den Geſuchen, mit denen er in dieſer ldig ſi Sache beſtürmt werde, zu erlöſen. Dies war unmöglich, Pfingſten kam heran, jedoch keine Begnadigung für die Verbrecher. ewicj Sie legten nun ein Caſſationsgeſuch ein, begründet en Zun auf vier Momente: tgchu 1) Daß Etienne Gayetan(der frei geſprochen war) Lihno vor ein Kriegsgericht gehöre, weil er Officier ſei. bngth 2) Daß Aſſan Ali nicht franzöſiſch verſtehe, man ihm daher einen Dolmetſcher geben müſſe. un ſi 3) Daß Senelon's Proceß, des Pfarrers von St. om n Barnabe, der ſeit der Appellation ebenfalls in Unterſu⸗ gnif chung und Verhaft war, noch nicht vor dem geiſtlichen 3 Gericht inſtruirt und geſchloſſen ſei. 4) Weil im Proceß ein Brief vorgelegt, welcher we⸗ ih der anerkannt, noch verificirt worden. Guu Das Caſſationsgeſuch ward zugelaſſen. Der Proceß inih vor der Grand' Chambre erregte ein großes Aufſehen, die Zahl der Neugierigen war kaum durch die Mare⸗ mn chauſſee zurückzuhalten. Die Verurtheilten wohnten auf ihren Knien den Verhandlungen bei. Von beiden Seiten ſtund ward mit großer Beredtſamkeit geſprochen; aber von 18 Richtern waren 16 Stimmen für die Beſtätigung des den v Urtheils, nur zwei für die Caſſation. . Das Appellationsverfahren trat alſo in allen alten ie L. Förmlichkeiten am 17. April ein, Proceduren, die unſere Leſer aus andern Proceſſen kennen. Hier, vor der am 14* 316 Eine Familie Vater- und Gattenmörder. Grand' Chambre ſaßen die Angeklagten auf niedrigen Seſſeln, ihre Ausſagen blieben dieſelben wie in erſter Inſtanz. Nur Frangois Guillaume verharrte im Leug⸗ nen. Am 18. Morgens, nach altem Herkommen bevor die Richter etwas gefrühſtückt, ward das Urtheil ge⸗ ſprochen. Es caſſirte gegen die„edeln“ Jean Baptiſte, Fran⸗ cois Guillaume und Etienne Gayetan de S*** Brü⸗ der,„Edelleute aus der Stadt Marſeille“, ſowie das gegen ihre Mutter„Dame Anne de S*** du Pr* und die Uebrigen gefällte Urtheil, und erklärte als neues urtheil:„daß die Mutter nebſt den beiden ſchuldigen Söhnen den Händen des Executors übergeben werde, um ſie zu führen und zu leiten durch alle Straßen und Plätze beſagter Stadt Air, allwo ſie vor der Hauptthür der Metropolitankirche zum heiligen Erlöſer im Hemde Buße thun, Kopf und Füße bloß, einen Strick um den Hals, jeder in den Händen eine brennende Kerze, und auf ihren Knien Gott, den König und die Gerechtigkeit um Vetzeihung anflehen ſollten; daß demnächſt, auf dem Platze des Precheurs und dem daſelbſt errichteten Schaffot, dem Jean Baptiſte beide Hände abzuhauen, auch ihm die Arme, Beine, Schenkel, Lenden zu zer⸗ brechen und zu zerſchlagen und er darauf auf das Rad gelegt werden ſolle, um zu leben, ſo lange es Gott gefalle; daß es männiglich verhindert und verboten werde, ihm bei Lebensſtrafe Hülfe oder Unterſtützung zu ewähren, nach dem Tode aber ſein Leichnam verbrannt und ſeine Aſche in die Winde geſtreut werde. Daß ferner dem Frangois Guillaume die rechte Hand abge⸗ hauen und demnächſt ihm der Kopf vom Rumpfe ge⸗ trennt und geſchnitten werde, auch gleichermaßen ſein Körper verbrannt und ſeine Aſche in die Winde zer⸗ erſte Luug beot eil ge Fran s nells uldiger wudt jen und uptthul Hende um del e, unt higk wf de richtit zuhohe z zel es Gol verbol“ tung erbra dot wyft ſen nd. Eine Familie Vater- und Gattenmörder. 317 ſtreut.— Daß auch beſagter Anne de Pus* der Kopf vom Rumpfe zu hauen.—— Daß ferner, anlangend den Aſſan Ali, einen Türken, zur Büßung ſeiner Ver⸗ —— bei dem Verbrechen, derſelbe der Execution beiwohnen, demnächſt aber an den Schulterhöhlen über einen zu dem Behufe zu errichtenden Galgen gehängt werden und dann zwei Stunden hängen bleiben, dem⸗ nächſt aber auf die Galeeren Sr. Majeſtät geführt wer— den ſolle.“ Außer verſchiedenen Geldſtrafen unterſcheidet ſich dies adlige Urtheil von dem vorigen nur darin, daß Jean Baptiſte nicht mit glühenden Zangen gekniffen, Frangois Guillaume nicht gerädert, ſondern nur enthauptet, der türkiſche Diener aber zum zweiſtündigen Hängen und zur Galeere verurtheilt war. Louis Ceſar, der das gleiche Verbrechen begangen, ward völlig frei geſprochen. Die Verurtheilten hörten in ruhiger Faſſung den fürchterlichen Spruch an; die Zerknirſchung war ſchon früher eingetreten, die Brüder hatten ſich ausgeſöhnt und umarmt. Die Mutter ſchloß jetzt ihre Söhne in die Arme, richtete zärtliche Worte an ſie und bekannte, daß ihr Verbrechen eigentlich eine noch weit härtere Strafe verdiene. Sie bat noch um eine Vergunſt, die ihr ge⸗ währt ward, zuerſt hingerichtet zu werden. Den mittelalterlichen feierlichen Armenſünderzug, der uns ſehr ausführlich beſchrieben wird, übergehen wir, da er nichts Abweichendes von andern ähnlichen enthält; alle Berichte über dieſen Criminalfall ſcheinen ihn aber beſonders ausgemalt zu haben, um ein Gegenſtück zum Gräßlichen der That ſelbſt zu liefern. Jeder der Brü⸗ der fuhr in einem beſondern Karren, die Mutter mit dem Türken Aſſan Ali. An Kapuzinern, königlichen Bogen⸗ ſchützen und einem Aufgebot beinahe der ganzen Mare⸗ —— . 318 Eine Familie Vater- und Gattenmörder. chauſſee fehlte es nicht, um das Volk zurückzuhalten, durch deſſen dichtgedrängte Maſſen der Zug kaum Raum fand. Eine Beſtimmung des Urtheils unterblieb, die Ver⸗ urtheilten ſtiegen nicht ſelbſt vom Karren, um vor der Kirche Gott und den König um Verzeihung zu bitten, ſondern es geſchah durch den Kapuziner, der es laut in ihrem Namen that, was von großem Eindruck war; wie überhaupt die Rührung allgemein war, als man die Verbrecher in Thränen zerfließen und beſtändig das Cru⸗ cifix küſſen ſah. Auf dem Schaffot zeigten ſie dagegen eine heroiſche Feſtigkeit. Der Geiſtliche, der die letzten Bitten der vor ihm Knienden empfing, wandte ſich zum Volke mit den Worten:„Dieſe unglückliche Familie bittet um Euer Gebet!“ Die Mutter wandte ſich, nachdem ſie die Abſolution empfangen, zum Scharfrichter:„Mein Freund, ich bitte nur um eines, laßt mich nicht zu ſehr leiden.“ Sie legte ſelbſt den Kopf auf den Block. Der Scharfrichter that ſeine Pflicht, doch nicht, wie ſie gewünſcht, er mußte noch mit einem Meſſer nachhelfen. Frangois Guillaume war vorhin im Kerker in Ohn⸗ macht gefallen, als man eintrat, um ihn abzuholen. Hier war er muthig. Beim Anblick des blutigen Leich⸗ nams ſeiner Mutter legte er feſt die Hand auf den Block und ſprach:„Dieſe Hand, die ſo gefrevelt, daß ſie den Degen gegen meinen Vater zog, werde abgeſchlagen. Mein Gott, nimm ſie hin als Sühne für mein Verbre⸗ chen.“ Doch fiel auch ſeine Hand nicht auf den erſten Schlag, und drei Mal rief er im Schmerz den Namen Jeſus aus. Auch ſein Kopf flog ſo wenig wie der der Mutter vom Block; der Scharfrichter mußte nachhelfen. 1— ———— Eine Familie Vater- und Gattenmörder. 319 alten, In Jean Baptiſte waren die Lebensgeiſter kurz vor Raum dem entſetzlichen Augenblick erwacht, der Henker aber eilte ihn von ſeiner Qual zu befreien und ein letzter Per⸗ ſchwerer Schlag auf die Kehle erſtickte ihn ſchneller, als or der das Urtheil wollte. itten, Der Türke ſchwebte bald darauf in ſeiner peinlichen ut in Stellung am Galgen; die Büßer von Saint Joachim wie holten den Leichnam der Edelfrau, ihn in der Stille zu n die beerdigen, die Flamme eines Scheiterhaufens verzehrte Crr⸗ die Körper der beiden Vatermörder. Die Edelfrau war 52 Jahre alt, die beiden Söhne wiſce 26 und der jüngſte erſt 20. e vor Das Urtheil erſtreckte ſich wie der Fluch der That it den auch auf die Freigeſprochenen. Louis Ceſar und Etienne ßun Gayetan fanden, bis auf Weiteres, eine Zuflucht im Kloſter der Kapuziner. Letzterer mußte als Officier ſei⸗ unin nen Abſchied nehmen. Aber auch Antoine, der See⸗ titte mann, ſah ſich genöthigt, wegen der auf ſeine Familie Sie gefallenen Schmach den Dienſt zu verlaſſen. Der Mi⸗ ſichter niſter Pontchartrain verſchaffte ihnen vom Könige, An⸗ t toine eine Penſion von 200 Livres, den beiden jüngern mi jedem eine von 150 Livres. Selbſt die ganz unſchuldige Ohn Magd aus dem fluchbefleckten Hauſe wollte Niemand annehmen und ſie mußte ſich bei den geiſtlichen Schwe⸗ . ſtern verdingen, welche den Dienſt der Gefangenen be⸗ ſorgten. Pl Was die andern angeſehenen Familienglieder thaten, ſd wird uns nicht geſagt. Vielleicht, daß ſie ein Verbot lagen erwirkten, den Namen der Verbrecher zu nennen, denn zerbr⸗ bis heut wird er in den gedruckten Nachrichten über dieſen nſu Crminalfall nicht ausgeſchrieben, ſondern nur mit Buch⸗ Rn ſtaben angedeutet. det heſi — Die Herzogin von Choiseul-Praslin. 1847. In der Rue du Faubourg St. Honoré ſteht das Hotel des Marſchall Sebaſtiani. Es ward im untern Stock⸗ werk von der Familie ſeiner Tochter, der Herzogin von Choiſeul⸗Praslin, im obern von ihm ſelbſt bewohnt. Oft ſtand es auch längere Zeit durch ganz leer, wenn der Marſchall auf Reiſen oder in Corſica, der Herzog mit ſeiner Familie auf dem Lande, im Schloſſe Pras⸗ lin, war. Die Localität der Baulichkeiten iſt ohne Abriſſe ſchwer zu beſchreiben. Das Sebaſtiani'ſche Grundſtück hatte eine ſchmale Fronte, die nach der genannten Straße hin⸗ ausging, und eine unverhältnißmäßige Tiefe. An dem Ende dieſer Tiefe, welche an die Elyſäiſchen Felder grenzte, war erſt das eigentliche Sebaſtiani'ſche Hotel, halb im Garten, halb zwiſchen Mauern verſteckt. Die Fronte nach der Rue du Faubourg St. Honoré gehörte, bis auf einen Durchgang, oder eine Durchfahrt, eigentlich nicht mehr zum Sebaſtiani'ſchen Grundſtück, vielmehr war ſie(muthmaßlich in der Zeit, wo die Induſtrie über den alten Feudalſtolz obſiegte) an zwei beſondere Pro⸗ prietaire abgetreten, welche hier zwei abgetrennte Häuſer ih 5 raslin. das Hotel en Stoc⸗ zogin von hewohnt , wen r Herzog ſſe Pras iſe ſhwe fick heti truſe hů An den halb i „ ie Fron örte, b eigenti vieln dete P Die Herzogin von Choiseul-Praslin. 321 nach der Straße hinaus hatten. Zwiſchen beiden hin⸗ durch, oder unter ihnen, führte der lange ſchmale Weg nach dem Hintergebäude, als welches das Hotel nach jetzigen Begriffen erſcheinen muß. Aehnliche Herrenhäuſer der Ariſtokratie finden ſich in allen älteren Reſidenz⸗ ſtädten, auch in Paris noch in größerer Zahl, als man meint, im Faurbourg St. Germain. Die Seigneurs der Renaiſſance- oder der anbrechenden Rococozeit hiel⸗ ten, wenn ſie in einer Stadt ſich anſiedelten, es unter ihrer Würde die Fronte ihrer Häuſer in gleicher Linie mit den Bürgerhäuſern aufzurichten. Ein großer tiefer Hofraum mit einem Gitter, Colonnaden und Portal nach der Straße zu mußte das Palais von der Straße trennen. Als der Raum koſtbarer ward, die Bedürf⸗ niſſe ſtiegen, verkaufte man wol den leeren Vorderraum zu Wohnhäuſern und behielt ſich nur die Servitut der Durchfahrt nach dem Palais, welches auf dieſe Weiſe zum Hintergebäude herabſank. So das Hotel, welches jetzt der Marſchall Sebaſtiant beſaß. Durch die Häuſer Caſtellane und Lavayſſe, wo aber ein gemeinſchaftlicher Portier für das geſammte Grundſtück wohnte, führte der Eingang in die Cour dhonneur, den Hofraum des eigentlichen Hotels, wel⸗ hes die ganze Breite des Grundſtücks einnahm. Nur durch die Souterrains des Hauſes gelangte man in den dahinter gelegenen Garten, welcher nach der Straßen⸗ ſite der Elyſäiſchen Felder durch eine hohe Mauer, und in der Mitte durch einen Graben, an deſſen beiden Seiten hohe Eiſengitter, geſchützt war. Da das Grundſtück auf beiden langen Seiten kleine Gaſſen hatte, welche von der Straße nach den Elyſäiſchen Feldern führten, und gegen dieſe Gaſſen durch Mauern, zum Theil auch durch Seitengebäude abgeſchloſſen war, ſo erſcheint es als eine — ——— ————————— ———— 322 Die Herzogin von Choiseul-Praslin. Art Feſtung, zu der nur ein Eingang von der Vorder⸗ ſtraße aus, beim Portier vorbei, führte. Das Innere des Gebäudes mochte moderner und comfortabler einge⸗ richtet geweſen ſein, als ſeine feudaliſtiſche äußere Lage anzudeuten ſcheint. Es hat ſich etwas Patriarchaliſches aus alter Zeit im neuen Frankreich erhalten, was man nicht erwarten ſollte, was unſern deutſchen Begriffen von der Fami⸗ lienfreiheit ſogar widerſpricht. Der Sohn oder die — Tochter, die ſich verheirathen, verlaſſen, auch in großen Familien, damit nicht immer das Haus ihrer Aeltern, um eine beſondere Oekonomie einzurichten. Wo es ſich thun läßt, auf dem Lande wie in der Stadt, bleibt die junge Ehe im Hauſe der Aeltern, ſie eſſen an gemein⸗ ſchaftlichem Tiſche. Auch als der Herzog von Praslin 1825 die einzige Tochter des Marſchall Sebaſtiani, Fanny, heirathete, fand man ſich in der Art zuſammen, daß die jungen Eheleute im untern Stockwerk des Sebaſtiani ſchen Ho⸗ tels wohnen blieben, und in der Regel an der Tafel des Vaters und Schwiegervaters im obern Stockwerk aßen; wenigſtens ſtanden immer einige Couverte für ſie bereit. Fanny war ihrem Vater, während deſſen hiſtoriſch berühmter Embaſſade und Dardanellenvertheidigung, in Conſtantinopel geboren worden, 1806, und tödtete durch ihre Geburt ihre Mutter, aus dem Hauſe Coigny. Der Geſandte und General konnte das Kind, das ihm dop⸗ pelt theuer war, nicht bei ſich behalten. JZu Waſſer durfte es nicht nach Frankreich zurückgeſchickt werden, noch weniger durfte es das ruſſiſche Territorium paſſi ren, weil Frankreich mit Rußland im Kriege war. Der Säugling mußte daher, in Begleitung einer Amme und mehrer Diener, auf großen Umwegen eine Reiſe durqᷓ der Porder Das Innete abler einge⸗ zußere Lage s alter Zit ht erwarten hn n odet die in großen ht Aeltern Vo e ſih dt, hleibt die nin gem ein⸗ e inzigt eirathee, e jungen ani n Ho du? ſſ d toctwerk t aßon ſr f 5 di ⸗ Die Herzogin von Choiseul-Praslin. 323 halb Europa machen, während zu gleicher Zeit die Aſche ſeiner Mutter zur Ruheſtätte der Sebaſtiani nach Corſica gebracht wurde. Der Vater, welcher, ſo viel bekannt, keine zweite Ehe ſchloß, liebte dieſes einzige Pfand aus ſeiner erſten zärtlich. Fanny war die einzige Erbin ſeines ungeheuern Vermögens; ſie hatte auch eine Anwartſchaft auf das ihres kinderloſen Oheims. Ihre äußere ſchöne Bildung ward überdem durch die ſorgfältigſte Erziehuna unter⸗ ſtützt. Marſchall Sebaſtiani hatte ihr eine deutſche Er⸗ zieherin gegeben, eine kenntniß⸗ und geiſtreiche Tochter Moſes Mendelſohn's aus Berlin. Zum Gatten hatte ihr der Vater— darin nach franzöſiſcher Sitte— den Herzog von Fitz James beſtimmt. Aber ſie hatte ſchon als Kind eine Neigung für den jungen Herzog von Choiſeul⸗Praslin empfunden, und Sebaſtiani widerſtand den Wünſchen der geliebten Tochter nicht. Der Herzog von Praslin, das Haupt der dritten herzoglichen Branche des Hauſes Choiſeul, war der Enkel des Herzogs von Praslin, welcher als Mitglied der Generalſtaaten, mit der Minorität des Adels ſtimmte und auf Seiten der gemäßigten Reformer war. Sein Vater war Kammerherr der Kaiſerin Joſephine und Oberſt der erſten Legion der Nationalgarde 1814. Praslin ſelbſt, 1804 geboren, war einer der ariſtokratiſchen Stammhalter des Julithrones. Louis Philipp gab viel auf ihn und ſeine Anweſenheit am Hofe. Er war 21 Jahre, als er geheirathet, ſeine Frau 18, und zehn Kinder, welche dieſer Ehe bis zum Jahre 1847 entſproſſen(von denen nur eines geſtorben), ſchie⸗ nen doch dafür zu ſprechen, daß es eine glückliche Ehe geweſen. An Allem, was das Leben äußerlich glücklich macht, fehlte ihnen nichts; auch nicht die Geſundheit. 324 Die Herzogin von Choiseul-Praslin. Und doch verlautete es, daß die Ehe in letzter Zeit nicht glücklich geweſen. Man ſagte es wenigſtens unter einem Theile der Dienerſchaft. Die Herzogin ſei eifer⸗ ſüchtig auf eine Gouvernante geweſen, die Demoiſelle Laura Deluzy Desportes, welche ſich eine große Herr⸗ ſchaft über ihren Gemahl, über das ganze Hausweſen angemaßt und ſelbſt die Kinder zu ſich angezogen ge⸗ habt. Doch ſchien eben nur die Dienerſchaft davon zu wiſſen, und Auffälliges war darüber nicht zur allgemei⸗ nen Kunde gekommen. Die Gouvernante hatte übrigens ſeit einiger Zeit wieder das Haus verlaſſen. Die Familie war im Auguſt 1847 auf ihrem Schloſſe Vaux⸗Praslin geweſen. Am 16. erhielten die im Hotel zurückgebliebenen Diener die ſchriftliche Nachricht, daß die Herrſchaft am 17. zurückkehren werde. Sie wollte in Paris übernachten und am folgenden 18. nach dem Seebade Dieppe. Sie waren in zwei Wagen nach der Eiſenbahn gefahren, mit dieſer nach Paris gekommen, und ein im Hauſe ſchlafender Commiſſionair hatte ihnen drei Fiaker nach dem Bahnhofe beſtellen müſſen, mit welchen ſie in getrennten Partien ihr Hotel Abends er⸗ reicht. Der Herzog fuhr mit dreien ſeiner Töchter, die Herzogin mit ihren Söhnen und deren Lehrer; der Kam⸗ merdiener Charpentier mit den Kammerfrauen. Dieſer war zuerſt im Hotel, um Alles in Bercit⸗ ſchaft zu ſetzen. Er ordnetk die Nachttoilette ſeines Herren und ſetzte dann im Vorgemach(zwiſchen der Stube des Herzogs und dem Ankleidezimmer der Her⸗ zogin) für Letztere eine Lampe zurecht, damit die Kam⸗ merfrau derſelben ſie, wie herkömmlich, in deren Schlaf⸗ ſtube trage. Die Fenſterläden dieſes Vorgemachs, das letter Zeit ſters unter n ſei eifer⸗ Demoſſelle roße Hur⸗ Hausweſin gezogen ge⸗ t davon zu r algeni⸗ te übrigens en Schloſſe ie in Hotel hriht, daß Si nollte noch dem nach det ekommen, hitte ihnen nüſen, w Abends er⸗ Löchtu, dir tʒ dr Kan⸗ in Brreit⸗ lette ſnt „ wiſchen d der Her⸗ Die Herzogin von Choisrul-Praslin. 325 nach dem Garten hinausging, waren ebenſo feſt ver⸗ ſchloſſen, wie die Thüre ſelbſt, und mit Eiſenſtangen verlegt. In dem Vorhofe wohnte Merville, ein ehemaliger Diener des Hauſes, jetzt Kammerdiener der Herzogin von Orleans, deſſen Frau aber noch immer dem Weiß⸗ zeug der herzoglichen Wirthſchaft vorſtand. Bei dieſem verweilte Charpentier bis gegen 11 Uhr Nachts, wo er den Herzog mit ſeinen Töchtern nach Haus kommen hörte. Der Herzog ließ ihn in der Nacht nicht rufen. Charpentier ging in ſein Zimmer in dem Seitengebäude auf dem Hofe. Frau Leclerc, die Kammerfrau der Hetzogin, war mit aus Vaux⸗Praslin am Abende nach Paris gekom⸗ men und mit Charpentier voraus ins Höel gefähren. Sie ordnete die Toilette der Herzogin, bis dieſt, etwas vor 10 Uhr, anlangte. Sie empfand etwas Hunger, und da keine Bouillon zu beſchaffen war, mußte die Le⸗ clerr ihr ein Stück Brot mit Salz und eine halbe Flaſche Mandelſyrup bringen. Sie ſtellte dieſe Sachen auf ei⸗ nen kleinen Arbeitstiſch am Ende des Kanapes. Die Herzogin ſchien mit Appetit zu eſſen. Als die Leclerc gegen 11 Uhr noch ein Mal in ihr Schlafzimmer trat, lag ſie ſchon im Bette und las; ein Wachslicht neben ſich auf dem Nachttiſch; ein anderes brannte auf der Commode neben der Thür zum Bou⸗ doir. Es ſollte als Nachtlicht dienen, da die Herzogin gemeint, die Leclerc würde nicht wiederkommen, und ſie nicht ohne Licht ſchlafen konnte. Die Kammerfrau aber löſchte die Kerze aus und ſetzte dafür die Nächtlampe in den Kamin, welche Charpentier vorher draußen in Be⸗ reitſchaft geſtellt. Auch die Leclerc fand jetzt das Fenſter des Vorge⸗ 326 Die Herzogin von Choiseul-Praslin. machs und die Thüre, welche nach einer hölzernen Treppe führte, feſt verſchloſſen und die Eiſenſtangen vorgelegt. Die Herzogin hielt ſehr darauf, daß dieſe Vorſichts⸗ maßregel nie verſäumt wurde, und hatte ſelbſt mehrmals die Eiſiſunge vorgelegt. un N Beim Fortgehen empfahl ihr ihre Herrin, morgen ſchon um 6 Uhr früh bei ihr anzuſprechen, da ſie den einen Tag in Paris nutzen müſſe vor der Abfahrt nach Dieppe. Als die Leclerc aus dem Ankleidezimmer heraustrat, begegnete ihr der Herzog, der eben nach Hauſe kam; er trug etwas unterm Arm, ſie ſah nicht, was es war, ſie Schlüſſel, wie gewöhnlich, an den Nagel en Seite des Thürpfoſtens, wo ein Fremder ihn nicht ſehen konnte. Darauf ſtieg ſie in das Entreſol, wo ihr Schlafzimmer über dem der Herzogin belegen war. Gegen Morgen um ein Viertel vor fünf Uhr wurden zwei Perſonen im Hauſe durch ein heftiges Klingeln auf⸗ geſchreckt. Zuerſt muß es der Diener Charpentier gehört haben, obgleich derſelbe ſehr entfernt im Seitengebäude des Vor⸗ hofes wohnte. Doch hatte er beim Schlafen ſein Fen⸗ ſter aufgelaſſen. Er hörte deutlich, daß es die Klingel der Herzogin war, und zwar daß ſie an zwei Klingeln ziehe, ein Mal nach ihrem Kammerdiener Maxime, und dann nach ihrer Kammerfrau Leclerc. Maxime war nicht mit im Hotel; Charpentier warf ſich deshalb raſch in ſeine Kleider. Er ſtieg die Treppe hinunter über den Hof, durch die Vorhalle nach dem Vorgemach zwiſchen rehhe elegt. ſichts⸗ twals otgen ſe den t noch strat, mj er ar, ſe und Nagel render reſol nwar. wurden in auf haben, Vhr⸗ ingeln e, und riſch in ber den Die Herzogin von Choiseul-Praslin. 327 dem Ankleidezimmer der Herzogin und dem Schlafzim⸗ mer des Herzogs. Er riß den Schlüſſel weg hinter der Thür(wo ihn die Leclerc hingehängt) und drehte das Schloß auf, aber die Thür ging nicht auf. Sie mußte von innen verriegelt ſein. Dies war etwas ganz Unge⸗ wöhnliches. In dem Augenblicke hörte er ein durchdringendes Geſchrei. Die Herzogin ſtieß es aus. Darauf ein dum⸗ pfes Geräuſch, als ob man im Zimmer ginge und dort heftige Erſchütterungen ſtattfänden. Er ſtieß mit dem Fuße gegen die Thür, um ſie zu ſprengen; es war nicht möglich. In dem Moment kam die Leclerc von obe herab. Auch ſie war durch zwei raſche und heftige Klingelzüge aufgeweckt worden. Zugleich hatte ſie die Hetzogin gräßlich ſchreien gehört. Sie hatte ſich ihrs Strümpfe angezogen und den Rock umgeworfen, den ſie erſt beim Hinunterſteigen auf der Treppe zuhaken konnte. Beide waren Ohrenzeugen des gräßlichen Schreiens, das fortdauerte, und konnten doch nicht hinein. Sie ſtürzten nach dem Hauptſaal, deſſen Fenſter nach dem Garten hinausgehen und der eine Verbin⸗ dungsthür mit dem Schlafzimmer der Herzogin hat. Auch dieſe Thür war verſchloſſen; ſie klopften, riefen, ſtießen mit den Füßen dagegen, vergebens. Da hörten ſie ein Todesröcheln; es kam aus dem Innern des Zim⸗ mers, wie ihnen ſchien, von der entgegengeſetzten Seite her, wo der Kamin war. Nun gingen beide durch die Thür des Hauptſaals und ſtiegen die Stufen nach dem Garten hinunter. Hier war nichts Verdächtiges. Charpentier klopfte der Reihe nach an das Fenſter im Schlafzimmer und an die des Boudoirs. Die Laden waren feſt zu, mit Eiſenſtangen 328 Die Herzogin von Choiseul-Praslin. von innen. An jedem war, nach der Hausordnung, eine Schelle angebracht. Sie bogen um die Ecke, wo die Holztreppe in einem Winkel zwiſchen dem vorſpringenden Hauſe und der Mauer hdem Garten mündet. Die Thür aus dem Vorgemach, welche beide geſtern Abend feſt verſchloſſen und verrammelt von innen gefunden, ſtand jetzt verrä⸗ theriſch auf. Sie traten ein. Auch die Thür nach dem Ankleidezimmer ſtand offen, desgleichen beide(Doppel⸗) Thüren, die aus dieſem in das Schlafzimmer der Her⸗ zogin führten. rieth der Kammerfrau im Ankleidezimmer il ihnen doch etwas begegnen könnte, er s an den Eingang zum Schlafzimmer errſchte hier, wie im Ankleidezimmer, die tiefſte eit; denn, obgleich es draußen heller Tag, waren die Fenſterläden hermetiſch verſchloſſen. Es war todtenſtill geworden und er glaubte einen Blut⸗ und Pulvergeruch zu ſpüren. Nach Ausſage der Kammerfrau rief er umkehrend:„Es iſt ein Unglück vorgefallen, ich rieche einen Pulvergeruch!“ Worte, welche dieſe ſo er⸗ ſchreckten, daß ſie geſtändlich von dem Augenblick an den Kopf verlor. In einem ſehr begreiflichen Angſtgefühl entfernten ſich beide, um Hülfe zu holen. Auf demſelben Wege, den ſie gekommen, kehrten ſie, die Holztreppe hinunter, durch den Garten, den großen Saal, die Vorhalle, in den Hof draußen zurück, um dieſe Hülfe bei den Merville'ſchen Eheleuten zu ſuchen, die ſie in einem Seitengebäude des Hofes entweder ſchon wach fanden oder erweckten. Die Kammerfrau blieb bei der Frau Merville; Herr Merville(der Kammerdiener der Herzogin von Orleans) begleitete Charpentier, jener mit einem Degen, dieſer mit einer Lampe in der Hand. mi dnung, einem d der s dem hloſſen vettä⸗ ch dem oppel⸗) Her⸗ jimmer ntt, et zimmet er, die 4 Tah, wal und erftau n, ih ſo el⸗ an den ſgeih tn ſi, gußin 3 um ſuchen, ſchon blieb wiener Hand Die Herzogin von Choiseul-Praslin. 329 In Ermangelung eines Situationsplans müſſen wir noch ein Mal verſuchen, die Localität unſern Leſern durch eine Beſchreibung vor Augen zu führen. Wie ſchwierig dies auch iſt, iſt es doch unerläßlich, um das Folgende zu verſtehen. Wir wollen uns möglichſt vor allem verwirrenden Detail zu hüten ſuchen. Wenn man durch den Hauptthorweg in der Rue Faubourg St. Honoré, beim Portier vorüber, zwiſchen den Beſitzthümern Caſtellane und Lavayſſe in den Vor⸗ hof oder die Cour d'honneur des Hotel Sebaſtiani ge⸗ treten war, lag dieſes mit ſeiner Hoffronte, einem Pe⸗ riſtyl und Aufgang mit Steinſtufen vor uns, es nahm die ganze Breite des Hofes ein; weder links noch rechts führte ein Weg in den Garten, man mußte durch den Vorſaal und großen Saal dahin, möglicherweiſe konnte man auch durch das Souterrain dahin gelangen. Im Hofraum lag links, ſobald man den Weg zwi⸗ ſchen den beiden Beſitzungen verlaſſen, ein abgeſondertes kleines Gebäude, in welchem die Merville'ſchen Eheleute wohnten. Rechts waren, bis zum eigentlichen Palais, continuirliche Seitengebäude, wahrſcheinlich erſt ſpäter des Bedürfniſſes wegen angebaut. Zuerſt die Ställe und Wagenremiſen, dann führte eine Seitentreppe nach der Stube des Kammerdiener Charpentier hinauf. Ne⸗ ben dieſer, nach dem Hauptgebäude zu, lagen die Appar⸗ tements des Herzogs von Praslin. Sein Schlafzimmer ſtand, durch das viel erwähnte Vorgemach, mit den Zimmern der Herzogin in Verbindung. Dieſe Zimmer nun lagen auf der rechten Seite des Hauptgebäudes, das Schlafzimmer und das Boudoir mit den Fenſtern nach dem Garten; das Fenſter des Ankleidezimmers ging, eben wie das des Vorgemachs, rechts nach einer kleinen Zunge des Gartens hinaus, in 330 Die Herzogin von Choisrul-Praslin. welche auch die bewußte Holztreppe mit der Thüre hinabführte. Die drei Zimmer der Herzogin konnten von den übrigen Appartements links im Hauptgebäude ganz ab⸗ geſchloſſen werden und hatten nur folgende JZugänge: 1) wenn man durch die Vorhalle vom Hofe aus herauf⸗ gekommen war und ſich rechts wandte, die Thür zum gemeinſchaftlichen Vorgemach.(Die Thür, welche die Leclerc von außen verſchloſſen und den Schlüſſel nachher an einem verſteckten Ort gehängt; die beide aber jetzt von innen verriegelt gefunden.) 2) Vom großen nach dem Garten ſich öffnenden Saale, eine Thüre, welche rechts in das Schlafzimmer der Herzogin führte.(Auch dieſe hatten die beiden jetzt von innen verſchloſſen ge⸗ funden.) 3) Vom Garten, oder vom Gartenwinkel aus, die Holztreppe mit der Thür ins Vorgemach, eine Thür, welche beide Zeugen geſtern Abend feſt verſchloſſen ge⸗ funden, die aber heut Morgen offen ſtand und durch welche ſie bis ins Schlafzimmer eingedrungen waren. 4) Von den Appartements des Herzogs, durch jenes be⸗ wußte Vorgemach. Aus der Merville'ſchen Wohnung machten ſich alſo Merville, mit einem dicken Stocke bewaffnet, Charpen⸗ tier, mit einem Degen und Lampe verſehen, auf den Weg. Sie gingen durch die Vorhalle, den Hauptſaal, in den Garten und bogen rechts um die Ecke in den Gartenwinkel nach der Holztreppe zu. In dem Augen⸗ blicke ſahen ſie, wie die Fenſterläden des Vorge⸗ maches von innen geöffnet wurden. Unerſchrocken ſetzten ſie ihren Weg fort. Die Thür an der Holztreppe war noch offen, wie Charpentier ſie verlaſſen. Drinnen fanden ſie Niemand. Sie gingen durch das Ankleide⸗ zimmer bis in das Schlafzimmer, alle dieſe Zwiſchen⸗ mit un r Thire von den ganz ob⸗ Zuginge s herauf hür zun elche di nachher bet jett Fen nahh e, welcht . Gut loſen ge inkel au in Thir oſſen ge⸗ d durch warten jene b ſch l Chutpn uf d Drinn Anllb zwiſt Die Herzogin von Choiseul-Praslin. 331 thüren ſtanden weit auf. Merville forderte Charpentier auf, vorſichtig zu verfahren. Er fürchtete, die Mörder könnten noch im Gemache verſteckt ſein; er hörte noch Röcheln. Beim Schein der Lampe ſahen ſie die Herzogin auf dem Boden liegen, den Kopf an das Kanape gelehnt, mit unterſchlagenen Beinen. Sie ſchwamm im Blute und hatte kein ander Kleidungsſtück als ihr Hemde. Entſetzt vom Anblick, entfloh Charpentier, rief Mer⸗ ville zu: Sie iſt ermordet! Es muß Hülfe geholt verden! Sie eilten auf demſelben Wege zurück. Als ſie durch den Periſtyl wieder auf den Hof traten, ſahen ſie die Fenſter in den Appartements des Herzogs(jetzt links im Seitengebäude) verſchloſſen; aber eine ſtarke Rauch⸗ ſüule ſtieg aus dem Schornſtein des Herzogs auf, als ob dort(im Kamine des Herzogs, und im Sommer!) in großes Feuer angezündet ſei.„Es kam ſo viel Rauch Kraus, als der Schornſtein nur immer faſſen konnte.“ Der Umſtand ſchien beiden auffallend, Charpentier ſprach éaus. Auf Merville's Frage: wo der Herzog ſei? antwortete er, er habe ſich nicht ſehen laſſen und die Sache ſei ihm unbegreiflich. Von nun ab Lärm, Verwirrung im Hauſe. Die Frauen bei Merville wurden von dem Ergebniß in Kenntniß geſetzt. Die Leclerc lief nach dem Portier, duß er einen Arzt hole. Viele Hausbewohner fanden ſch zuſammen. Man ſtürzte in das Hotel, in den goßen Saal, um von hier aus, auf dem vorigen Wege in das Schlafzimmer zu dringen. Aber während man noch in dieſem Gartenſaal war, öffnete ſich plötzlich die Thüre, welche von dem Saal in dis Schlafzimmer führt. Es war der Herzog, der ſie 1. 5 1 332 Die Herzogin von Choiseul-Praslin. öffnete. Sie hatten nicht geklopft. Der allgemeine Lärm hatte ihn herbeigelockt. Charpentier wußte nicht, ob der Herzog ein Licht in Die offenſtehende Saalthüre ließ Lichtes genug hinein. Nach Charpentier wehklagte der der Hand gehabt. Herzog wie die Andern und ſagte:„Lebt ſie noch?“ „Lauft hin und holt einen Arzt.“ Nach Merville's Ausſage öffnete der Herzog die Ver⸗ bindungsthür mit den Worten:„D Gott, was gibt es hier?“ Die Hand am Kopfe ſetzte er hinzu:„Wer hat denn das gethan!“ Merville öffnete das Fenſter, deſſen Laden noch mit einer Eiſenſtange befeſtigt waren, und an der ſich auch die Allarmklingel(wie an allen Fenſtern der Zimmer) befand. Aus dem gräßlichen Zuſtande des Zimmers konnte man auf den Kampf ſchließen, der zwi⸗ ſchen der Herzogin und ihrem Mörder ſtattgefunden ha⸗ ben mußte, ehe ſie tödtlich getroffen werden konnte und am Fuß des Kanapés den Geiſt aufgab. Ein kleiner Arbeitstiſch, ein Teller, ein Salzfaß lagen auf dem Boden, Betttücher und Matratzen in größter Unordnung und mit breiten Blutflecken bedeckt. Auch der Portier Briffard war mit zugegen. Nach ſeiner Ausſage hatte der Herzog die Thür mit den Worten geöffnet:„Was gibts? Was gibts?“ Als ſie darauf Alle ins Schlafzimmer getreten, das Fenſter geöffnet war und der Gräuel ins Auge trat, führte der Herzog ſeine Hände an den Kopf und ſagte:„O mein Gott! mein Gott! Wer hat denn ein ſolches Verbrechen begehen können! Hülfe, Hülfe! ein Arzt!“ Briffard's Frau war, vom Gedanken erfüllt, daß Hülfe doch vielleicht noch nicht zu ſpät ſei, mit den Au⸗ dern hineingeſtürzt, hatte die Klinke der Verbindungs⸗ thür angefaßt, als ſie den Riegel von innen zurückſchie⸗ n hal „— „—— — ——— eine Lirn nLicht i hüre li klagte do e noch die Ve s gibt tet, deſt ren, 10 nßenſte ſtunde d „der 30 unden nntt un in klein auf de nordnu 90 n mit Als a zut fihrit O m fült/. it dn⸗ cbindi ico zurl 6G5 Die Herſogin von Choiseul-Praslin. 33 ben hörte. Der Herzog ſtand vor ihr mit einer Kerze in der Hand. Er ſagte:„Was gibts? Was gibts? Ich habe furchtbar ſchreien gehört.“— Die Briffard ant⸗ wortete:„Das iſt die Frau Herzogin. Sie ſoll unwohl ſein.“ Sie traten ins Zimmer, das von der einen Wachskerze noch ganz dunkel war. Sie warf ihre Au⸗ gen auf das Bett, ſah aber dort nichts. Als ſie ihren Blick aber nach dem Kamin richtete, ſah ſie die Herzogin auf dem Boden liegen, den Kopf hinten überhängend, ein Bein etwas gebogen, das andere vollſtändig ausge⸗ ſtreckt, blos mit dem Kopf etwas ans Kanape lehnend. Alles mit Blut bedeckt, es war unmöglich, ihr Geſicht noch zu erkennen. Als die Zeugin zu ihr eilte, athmete ſie noch. Da ſagte der Herzog:„O arme Frau, o arme Frau! Welches Ungeheuer hat ſie ermordet!“— Dann ging der Herzog hinaus, aber die Kerze blieb auf dem Tiſch. Auch alle Andern hatten ſich jetzt ent⸗ fernt, um Aerzte zu holen— nach Ausſage der Brif⸗ fard— und dieſe blieb mit der Merville zurück. Sie bat die Letztere, ihr Waſſer zu holen, um der Herzogin, die noch athmete, das Geſicht zu waſchen. Sie nahm ihren Kopf auf den Arm und blieb in der Stellung bis die Merville aus dem Ankleidezimmer Waſſer gebracht. Sie wuſch ihr den Kopf, dann eine Wunde am Halſe, welche ſie damals allein bemerkt hatte; ſpäter entdeckte ſie noch andere ſchrecklichere oben und hinten am Kopfe. Dann ließ ſie ſich von der Merville Weineſſig bringen; als ſie die Verwundete damit wuſch, ſchien dieſelbe den Geiſt aufzugeben. Es war ſo. Denn als endlich der herbeigerufene Arzt Canuet eintrat, und die Briffard ihn bat, der Herzogin zur Ader zu laſſen, antwortete er⸗ Es iſt zu ſpät. Bald darauf— alles nach Ausſage der Briffard— 334 Die Herzogin von Choiseul-Praslin. trat der Herzog wieder ein, legte die Hände auf die Schultern der Leiche und ſprach:„Ach, arme Frau, arme Frau! Welches Ungeheuer hat dies gethan?“ Als er die blutige Haube im Kamin erblickte, ſagte er:„O wie gräßlich, wie gräßlich!“ Dann warf er ſich aufs Bett, lehnte ſich in die Ecke der Salonthüre; er ſchien in Verzweiflung und raufte die Haare:„Die armen Kinder! Wer ſoll es ihnen mittheilen? Sie haben keine Mutter mehr! Der arme Marſchall! Wer ſoll es ihm mittheilen?“ Der Auftritt dauerte, nach Angabe der Briffard, eine ganze Weile. Es kamen mehre Perſonen hinzu. Auch der General Sebaſtiani, der Bruder des Mar⸗ ſchalls, dem die Briffard Auskunft geben mußte. Als ſie in ihre Portierloge zurückkehrte, dachte ſie: dieſes Verbrechen ſei nur von dem gräulichen Frauen⸗ zimmer begangen, welches Gouvernante der Kinder ge⸗ weſen. Sie dachte: die wäre noch immer in einem Winkel verſteckt und werde jeden Augenblick zum Vor⸗ ſchein kommen. Auch der Kammerdiener Charpentier war wieder mit in den Gartenſaal und in das Mordzimmer getreten. Er hatte bemerkt, daß die Betttücher, beſonders nach der Wandſeite des Bettes zu, voller Blut geweſen; da, wo die Herzogin die Klingelſchnur erfaßt hatte. Eine war abgeriſſen und lag am Boden. Der Bettvorhang war am Kopfende nach dem Schreibtiſch hingezogen und mit Blut befleckt. Der kleine Arbeitstiſch nebſt einem Teller lag hinter dem Kanapé, an dem der Körper ge⸗ legen. Kanapé, Teppich, Kamin, Klingelſchnure und Leuchterkiſſen— Alles war mit Blut befleckt! Charpentier war zugegen, als der General Seba⸗ ſtiani in das Mordzimmer trat. Dem General wurde eauf d me Fre m“ N te er ſich au et ſchi ie arm aben kei U es ih Briffur nen hin des V ſu dachte ſl. n Fral dinder ge in eine um Vr wieder“ getren dets i weſen te 6 ettworho z0gen U i eine zörper! nure Die Herzogin von Choiseul-Praslin. 335 übel. Er eilte in das Zimmer des Herzogs, um für den General ein Glas Waſſer zu holen. Die Unord⸗ nung, die hier herrſchte, fiel ihm auf. Als er auf des Her⸗ zogs Frage antwortete: daß er um Waſſer zu holen komme, äußerte jener: er habe keines. Wirklich war ſein Waſch⸗ becken leer, die Trinkflaſche ſah er nicht. Doch ſtand der Krug mitten im Zimmer. Er wollte daraus Waſſer nehmen, aber der Herzog ſagte ihm: er ſolle ihn ſtehen laſſen, das Waſſer ſei ſchmuzig. Praslin nahm ſofort den Krug und ſchüttete das Waſſer aus dem Fenſter. Unter allen hier Genannten war Niemand der Fa⸗ milie ſo nahe angehörig, als Frau Merville, die, nur wenige Jaher älter als die ermordete Herzogin, in der Jugend ihre Geſpielin geweſen. Sie war die Tochter der Bonne, welche das kleine Kind aus Conſtantinopel herübergebracht, und ſeitdem beſtändig im Dienſt des Hauſes verwendet und mit vollem Vertrauen bechrt. Die Merville, welche das ganze Weißzeug des Mar⸗ ſchalls wie des Herzogs unter Verſchluß hatte, war es, welche durch einen Brief beauftragt worden, Alles zum Empfange der Familie am vorigen Abende einzurichten. Sie war mit den Andern in das Mordzimmer getreten und behauptet, oder glaubt es doch, daß die Herzogin in ihren Armen geſtorben, ohne daß ſie um deshalb die Angabe der Briffard Lügen ſtraft. Als ſie, mit der Sterbenden, oder ſchon Todten beſchäftigt, den Herzog erblickte, ſagte ſie zu ihm:„O mein Gott, welches Un⸗ glück!“ Er tippte ihr da auf die Schulter und ſagte: „O Gott, Euphemie, was ſoll aus uns werden?“ Dann ſchlug er mit den Händen gegen die Mauer. Er trug, ſo viel ſie ſich entſann, ſeinen grauen Schlafrock und Filzſchuhe, und die Taſche dieſes Schlafrocks war ſehr dick. Die Merville ſah nicht, daß der Herzog 336 Die Herzogin von Choiseul-Praslin. bei den Bemühungen um die Todte irgend Beiſtand leiſtete. So viel, nach den Ausſagen der zuerſt vernommenen Zeugen, über den Thatbeſtand des Verbrechens. Aber ſchon in dieſen Zeugenausſagen kommen verſchiedene Winke und Andeutungen über die Thäterſchaft vor. Charpentier ſagte:„Gleich darauf(als er Waſſer aus der Stube des Herzogs holen wollen) ward ich in mein Zimmer verwieſen, und als man dieſe Maßregel traf, die mich anzuſchuldigen ſchien, ſagte ich, man würde weit beſſer thun, eine Durchſuchung im Zimmer des Herrn Herzogs anzuſtellen.“ Die Merville aber ſagte:„Da ich der Juſtiz die ganze Wahrheit ſchuldig bin, ſo iſt es meine Pflicht, Ihnen zu erklären, daß ich gleich dachte, er(der Herzog) ſelbſt habe ſeine Frau ermordet. Geſagt habe ich es nicht, aber ich dachte es.“ Faſt alle vernommene Perſonen aus der Hausgenoſ⸗ ſenſchaft ſprachen ihre Vermuthung aus, daß die ehe⸗ malige Gouvernante in der Praslin'ſchen Familie bei der That betheiligt ſei. Charpentier hatte, als er vor zwei Jahren in die Dienſte des Hauſes trat, ſehr bald wahrgenommen, daß zwiſchen dem Herzoge und ſeiner Gattin kein gutes Ver⸗ nehmen herrſche. Wie es ihm geſchienen, hatte die Her⸗ zogin ihrem Manne deſſen verbrecheriſchen Umgang mit Demoiſelle Deluzy zum Vorwurf gemacht. In Folge heftiger Zänkereien, die im Geheimen zwiſchen beiden Ehegatten ſtattgefunden, war die Deluzy vor etwa vier Wochen entlaſſen worden, im Augenblicke, als die ganze Familie nach dem Schloſſe Vaux⸗Praslin abreiſte. Drei Wochen vorher ſchon hatte die Herzogin ſich Mittag⸗ und Abendbrot in ihrem eigenen Zimmer von ihrem — eiſtand menen Aber hieden or. Wrſſer ich in aßregil man zimmer ſiz di pficht, Hetzog) ich es genoſ eehe⸗ bei der in di en, duß es Ver die He ng mil beiden va vic egal Du Mittoh nihr“ Die Herzogin von Choiseul-Praslin. 337 Kammerdiener Maxime ſerviren laſſen, um nicht mit einer Perſon an einem Tiſche zu ſitzen, welche ſie für ihre Nebenbuhlerin hielt. Der Herzog ſpeiſte dagegen mit ſeinen Kindern und der Deluzy im Speiſeſaal. Als die Gouvernante entlaſſen ward, mußte Charpentier Maß in ihrem neu beſtellten Quartier, Rue Harlay im Marais, nehmen, damit der Herzog es mit Möbeln verſehen könne. Dieſer reiſte während des etwa einmo⸗ natlichen Landaufenthaltes gegen vier Mal nach Paris zurück, und Charpentier hatte Grund zu glauben, daß er jedes Mal Demoiſelle Deluzy beſuchte.— Bei einem dieſer Ausflüge nach Paris, welchen der Herzog mit ſeinen beiden Töchtern, Marie und Bertha, und dem Sohne Reynold unternommen, ſaß die Deluzy in dem Fiaker, welcher den Herzog und ſeine Kinder nach der Eiſenbahn fuhr. Der Zeuge ſah ſie beim Abſchiede wei⸗ nen. Bei allen dieſen Reiſen, während deren die Herzogin immer im Schloſſe geblieben war, hatte der Herzog dem Kammerdiener verboten, das Zimmer der Herzogin zu betreten. Dieſer Zeuge erklärte ſich übrigens von vorn herein als ganz im Intereſſe der getödteten Herzogin. Dieſe, behauptete er, habe ihn ſogar vor kurzem warnen laſſen, ihr, der Herzogin, nicht zu viel Aufmerkſamkeit zu ſchen⸗ ken, weil ihm das in den Augen ihres Mannes ſchaden könne. Die Kammerfrau Leclerc war erſt ſeit kurzem im Dienſt der verſtorbenen Herzogin, doch hatte ſie gleich bei ihrem Antritt bemerkt, daß dieſe Dame,„welche die Güte ſelbſt war,“ nicht glücklich ſei, ſondern ſchmerz⸗ lichen Kummer leide. Die Deluzy hatte ihr nicht nur das Herz ihres Mannes, ſondern auch das ihrer Kinder entfremdet. Sie beklagte ſich nie, man traf ſie aber oft XIV. 15 338 Die Herzogin von Choisrul-Praslin. weinend in ihrem Zimmer. Vor etwa ſechs Wochen waren die Uneinigkeiten wegen der Deluzy ſo groß ge⸗ worden, daß dieſelbe, auf Verlangen des Marſchall Se⸗ baſtiani, das Haus verlaſſen mußte. Schon 14 Tage vor ihrem Abzug aß die Familie nicht mehr oben beim Schwiegervater, wo ſteté Couverte für ſie bereit lagen, ſondern der Herzog und ſeine Kinder ſaßen im Speiſe⸗ ſaal zu Tiſche, während, wie ſchon angegeben, die Her⸗ zogin(die Mutter ohne ihre Töchter!) ſich in ihrem Bondoir ſerviren ließ. Die Leclerc warf durch einen charakteriſtiſchen Zug ein ſchlagendes Licht auf das Verhältniß der Ehegatten. Wertha, die zweite Tochter der Herzogin, war vom Scharlachfieber befallen. Um ihrer Tochter näher zu ſein,„die zu beſuchen ihr nicht geſtattet war“, brachte ſie mehre Nächte im Zimmer der Demoiſelle Joſephine, der Kammerfrau der Tochter, zu. Als Praslin dies erfuhr, war er außer ſich und entließ die Joſephine auf der Stelle ihres Dienſtes. Dies war im Schloſſe Praslin am 16. Auguſt, am Tage vor der Rückreiſe nach Paris geſchehen. Sie ſollte ſogar augenblicklich um deswillen das Hotel verlaſſen. Im Hotel ſcheint man immer große Vorſicht gegen einen möglichen Einbruch angewandt zu haben; denn außer daß die Herzogin darüber wachte, daß jeden Abend die Eiſenſtange vor die Thür nach der Holztreppe gelegt ward, und, wenn es nicht geſchehen, dies ſelbſt that, waren auch in jeder Fenſterlade ſogenannte Löwenklin⸗ geln angebracht. Dieſe Klingeln in Stand zu halten, war das Geſchäft des perſönlichen Kammerdieners der Herzogin, Maxime. Dieſer Maxime war aber diesmal in Vaur⸗Praslin zurückgeblieben, und— auf Befehl des Herzogs! Er ſollte dort Alles reinigen und dann Wochen roß gi al S 4 Tagt en bein t lagen Speiſ⸗ ie Her ihren en Zi egatten ar von üher z b oſephint ſin die ine all prasli vari eöwill ht 900 n du n Aben le we he iſ the Die Herzogin von Choiseul-Praslin. 339 erſt nach Paris kommen.— Maxime ſchlief gewöhn⸗ lich in dem Speiſeſaal des Vordergebäudes, links, der mit der Front nach dem Hofe ging. Bei Tage wurden die Matratzen fortgenommen und zwiſchen die Doppel⸗ thüren gelegt. Es geſchah, weil in dem Zimmer ein Schrank mit vielem Silberzeug ſtand. Auch wol weil in dem ganzen Souterrain und zu ebener Erde, nach der Gartenſeite zu, kein Mann ſchlief, und vom ganzen übrigen Hausperſonal nur die Herzogin. Ihre Bett⸗ klingel ging auch nach dieſem Speiſeſaal. Wenn Mapime nicht zu Hauſe war, ſchlief an deſſen Stelle der Com⸗ miſſionair Delaqui darin, derſelbe, welcher am Abende die Fiaker nach dem Bahnhofe und das Gepäck nach dem Hotel hatte beſorgen müſſen. Delaqui's Verhältniß war ein ganz beſonderes zum herzoglichen Hauſe. Er ſtand nicht eigentlich in Dienſten deſſelben, ſondern ging des Tages über auf Verdienſt aus, er frottirte in der Stadt. Im Hotel hatte er nur Holz, Waſſer anzutragen, Com⸗ miſſionen zu beſorgen und Nachts zu ſchlafen. So hatte er auch in der Nacht vom 17. auf den 18. ge⸗ ſchlafen, war aber ſchon Morgens um 4 Uhr zum Frot⸗ tiren in der Stadt ausgegangen. Er hatte bis dahin nicht das geringſte Geräuſch im Hotel gehört. Einbruch und Mord waren alſo zwiſchen 4 und 4 geſchehen. Briffard, der Portier, betheuerte, daß während des 16, und 17. ſich kein verdächtiger Fremder ins Hotel eingeſchlichen, noch im Stande geweſen, ſich darin zu verſtecken. Während der vier Wochen, daß die Familie auf ihrem Schloſſe war, war die Holztreppenthür nie geöffnet worden; die Eiſenſtange von innen war beſtimmt noch an ihrem Platze, als die herzogliche Familie am Abend des 17. zurückkehrte. Auch Frau Briffard hatte von dem ſchlechten Einver⸗ 15* 340 Die Herzogin von Choiseul-Praslin. ſtändniſſe zwiſchen den Eheleuten gehört; man ſchrieb ſie dem unſeligen Einfluſſe zu, welchen die Deluzy auf den Herzog übte. Die Zeugin konnte nichts von eigener Wiſſenſchaft darüber bekunden, aber ſie wußte:„daß es ein ſchlechtes Frauenzimmer war, gegen die ſie von jeher einen Widerwillen fühlte.“ Einmal hatte dieſe ſchlechte Perſon, in Gegenwart der Briffard, ihrer Gebieterin, der Herzogin, den Vorwurf gemacht:„ſie habe nicht eine Thräne vergoſſen, als ihre älteſte Tochter mit ihrem Manne nach Italien reiſte.“ Die Briffard hatte ihr ge⸗ antwortet: daß diejenigen, welche keine Thränen ver⸗ gößen, zuweilen ſchmerzlicher empfänden, als die, welche leicht weinten. Wie die Briffard ſogleich gedacht haben will das Verbrechen könne nur von dem gräulichen Frauenzimmer begangen ſein, haben wir ſchon oben an⸗ geführt. Die Nähterin Laurence Amelut, jetzt Kammerfrau in Dienſten der herzoglichen Töchter, wußte vieles von der Strenge und den herrſchſüchtigen Einmiſchungen der Gouvernante ins Hausweſen zu erzählen, wie ſie es wahrſcheinlich geweſen, welche die raſche und ſtrenge Entlaſſung der Kammerfrau Joſephine veranlaßt, und auch die Amelut hatte keinen andern Gedanken, als ſie das Ereigniß erfuhr, als daß„das gräuliche Frauen⸗ zimmer, die Deluzy, die Herzogin aus Rache wegen ihrer (der Deluzy) Entlaſſung ermordet. 4 Ebendesgleichen hatte der Commiſſionair Delaqui von der Dienerſchaft gehört, daß die Deluzy eine„Ver⸗ anlaſſung zu Störungen im Hauſe ſei.“ Sie beſitze viel Gewalt über den Herzog und habe ſich derſelben bedient, um die Entlaſſung alter Diener zu bewirken. Deshalb ſcheue man ſich ihr Misfallen zu erregen⸗ Merville und Frau bekundeten, daß früher ein voll⸗ ieb ſi uf den eigenn njche chlecht ietetin e nicht t ihren ihr ge en vel welche t hobel zuliche hen al nerftal es von en der ſie et ſtreng ſt, m a6 zuun gen ihte Helohl P peſt derſelb bewir“ Die Herjogin von Choiseul-Praslin. 341 ſtändiges Einvernehmen zwiſchen Herzog und Herzogin obgewaltet. Seit die Deluzy ins Haus kam, beſtand es nicht mehr.„Dieſe Perſon hatte der Frau Herzogin die Liebe ihres Mannes und ihrer Kinder entzogen. Das war ganz notoriſch für Jeden, der im Kreiſe der Familie Zutritt hatte.“ Sie, die Merville, bekundete das letztere noch beſonders:„Es war leider notoriſch für die Die⸗ nerſchaft, daß man die Kinder ihr zu entfremden und ihr deren Zuneigung zu entziehen ſuchte.“ Die Frau Herzogin habe wol nicht darüber gegen Andere geklagt. Aber ſie weinte immer, wenn ſie allein war, die Leclerc fand ihre Taſchentücher, als wären ſie in Thränen ge⸗ badet. Vor zwei Monaten ungefähr habe der Marſchall erſt erfahren, daß ſeine Tochter nicht glücklich ſei, und damals habe ein lebhafter Wortwechſel im Innern der Familie ſtattgefunden. Von nun ab ging die Familie nicht mehr hinauf zum Eſſen beim Marſchall, wo ſtets vier Couverts für ſie bereit ſtanden. In Folge jenes Wortwechſels verließ die Gouvernante das Haus. Schon um 5%½ waren zwei Polizeicommiſſarien und drei Aerzte an Ort und Stelle, um den Befund aufzu⸗ nehmen. Bitter bemerkte der damalige„Univers“, das Blatt der geiſtlichen Partei, daß Functionaire jedes Standes ſich eingefunden, nur die, welche man in jeder frühern Zeit zuerſt bei einem Todesfall gerufen, die Seelſorger, hatten gefehlt. Wäre auch die Zeit nicht eine andere geworden, wäre doch der Beichtvater jedenfalls zu ſpät gekommen. Das Protokoll der Polizeicommiſſare übergehen wir, da ihr Befund durch den gleich darauf erfolgenden der 342 Die Herſogin von Choisrul-Praslin. Gerichtsperſonen vollſtändiger wiedergegeben wird. Nur einiges daraus: Die Leiche lag ſchon auf dem Kanapee, darunter eine Börſe mit Geld, Räuber hatten alſo wahrſcheinlich den Mord nicht vollbracht. Eine geladene Piſtole, die am Lauf und Ladeſtock Blut hatte und am Kolben einige Haare, die mit Blut feſt geklebt waren, erklärte der Herzog von Praslin für die ſeine. Als er den Ruf gehört:„Diebe!“ ſei er bewaffnet hineingeſtürzt und habe ſie fallen laſſen, als er die Leiche aufgehoben. Das Offenſtehen der Thür nach der Holztreppe ward dahin erklärt, daß die Diebe wahrſcheinlich durch dieſelbe ein⸗ gedrungen ſeien. Als der Herzog in Aufforderung der Commiſſare ſeine Kleider auszog, fand man eine grüne Schnur, hinter dem Hoſenträger ſteckend, nach des Her⸗ zogs Angabe eine Pulverhornſchnur;— ferner in der Taſche ſeines Rockes einige Stücke von einem Stricke. Eins war blutbefleckt, auch das Innere der Taſche. Der Unterſuchungsrichter(Brouſſais) fand ſich um 8 Uhr an Ort und Stelle mit dem Gerichtsſchreiber und Staatsanwalt ein. Sie fanden ſchon den Generalpro⸗ curator und Polizeipräfecten, die ſich von ſelbſt auf die Nochricht eingeſtellt. Ihr Protokoll über den Befund lautet im Weſentlichen: Das Zimmer in der größten Unordnung. Große Blutlachen auf dem Boden und dem Kanapee. Alles deutete darauf, daß die Ermordete einen heftigen Wi⸗ derſtand geleiſtet haben mußte. Neben deren Bette, um das untere Ende der Klingelſchnur drei Flecke, als ob die Herzogin im Dunkel nach der Klingelſchnur umher⸗ gegriffen. An dem Täfelwerk der in den Saal führen⸗ den Thüre Blut in großer Maſſe zerrieben, wie wenn ein Körper gegen die Thür angedrängt hätte. Der Die Herzogin von Choiseul-Praslin. 343 Nur Marmor des Schreibtiſches befleckt; ſo die Ueberzüge der Vaſen auf dem Kamin, der Teppich, ein Stuhl, ein runter Pantoffel, das Meſſer, mit dem die Herzogin geſtern inlich das Brod geſchnitten. Die blutbefleckte Lampe, ſtatt le, di im Kamin zu ſtehen, wo ſie den Abend vorher hinge⸗ einige ſtellt war, ſtand im Vorgemach, Blutſpuren daran, und te der neben ihr lag ein Haarbüſchel auf der Erde, anſcheinend Ruf vom Kopfe der Ermordeten. t und Der Richter ließ ſich darauf vom Herzog in deſſen Des Schlafzimmer führen. Der Weg aus dem Schlafzimmer dohin der Herzogin dahin ging, wie man aus unſerer Be⸗ be ein⸗ ſchreibung ſich erinnert, erſtens durch das Ankleidezim⸗ ng der mer, dann durch das Vorgemach(mit der Thür zur grine Holztreppe), dann durch einen Gang mit vier Stufen, e Hur⸗ die zum höhergelegenen Schlafzimmer des Herzogs führ⸗ in der ten. Blutflecken im Vorgemach, auf den Stufen und Strice ſelbſt an der Klinke zur Thür des Herzogs. 3 Dieſer erklärte dies ſo: Aufgeweckt durch ein Schreien ch um von der Gartenſeite her, ſei er ſchnell nach dem Zimmer er und der Herzogin geeilt. Dort fand er ſie, auf dem Boden ralyto ſitzend, den Kopf an ein Kanapee gelehnt. Das Blut uf di ſtrömte ihr aus den Wunden. Er ging zu ihr,„um ſich Zend ihrer anzunehmen“. Dabei machte er ſich die Hände blu⸗ tig und bekam auch Blut an die Kleider. Da klopfte es an der äußern Thür nach dem Hauptſaal. Er öff⸗ As nete, und die bekannten Perſonen traten ein. Char⸗ Pi pentier müſſe ſchon vor ihm in das Mordzimmer gekom⸗ . men ſein, und durch die Thür des Ankleidezimmers, wie ſe, auch er. Darauf habe er ſich in ſein Zimmer zurückbe⸗ Groß als geben, um ſich die Hände zu waſchen, habe aber die umher— brn Kleider anbehalten. e Praslin ward erſucht die Kleider zu wechſeln. Der ueberrock von grauem Tuch trug verſchiedene Blutſpuren; Ht (* 344 Die Herzogin von Choiseul-Praslin. der linke Aufſchlag war friſch gewaſchen. Der Herzog gab es zu, er habe auch Seife dabei angewandt. Das Waſſer im Waſchbecken war aber hell und klar. Der Herzog erklärte, das Blutige habe er ins Nachtgeſchirr gegoſſen. Dies ward unterſucht und aus der Seifen⸗ maſſe am Grunde kam ein bräunliches Reſiduum hervor. Nach der Größe der ausgewaſchenen Stelle ſchien es aber, als müſſe mehr Blut abgegangen ſein. Er ward befragt, was er mit dem Waſſer angefangen, worin er jene Flecken ausgewaſchen und ſich die Hände gereinigt. Er wußte es nicht anzugeben; in dem Augenblicke habe er den Kopf völlig verloren gehabt; vielleicht habe er es aus dem Fenſter gegoſſen. Man fand unten keine Spur. Auch ſeine Pantalons, desgleichen das Hemde, trugen Blutſpuren, die vorn auf der Bruſt ſehr groß waren. Man ſchien ſie durch Waſſer wegzuſchaffen verſucht zu haben. Das Hemd war noch feucht, der Herzog erklärte, es ſei durch Schweiß feucht, an den Aermeln ſei es naß geworden beim Waſchen der Hände. Blutig auch die Filzſchuhe. Im Zimmer fand man drei Servietten, feucht, und, wie es ſchien, blutbefleckt; ein blutbeflecktes Battiſttaſchen⸗ tuch; noch ein Hemde, hinten mit zwei Blutflecken. Der Herzog wollte es geſtern Nacht ausgezogen haben. Eine Weſte von weißem Percal, blutig. Er hatte ſie anzie⸗ hen wollen, als er aus dem Mordzimmer kam(1), be⸗ fleckte ſie aber mit ſeinen Händen. An der vordern rechten Seite trug ſie verſchiedene Spuren, als ſei ſie heftig angefaßt und zerknittert worden. Der Herzog behauptete ſie auf den Boden geworfen zu haben, da ſei ſie ins Waſſer gefallen. Noch warme Reſte eben verbrannter Gegenſtände im Kamin, darunter ein dunkel röthlicher Seidenſtoff, Zipfel Herzog Da Der eſchirt Zeifen⸗ ervor. ien es ward rin er inigt. ehabe et es Spur. tuugen waren. qt ju ei es auch und, ſchen Det Eint gi⸗ , he⸗ ordern ti ſic erz0 da de in ziyſt Die Herzogin von Choiseul-Praslin. 345 eines Foulards. Der Herzog erklärte auch, es ſei in der That ein abgenutzter Foulard geweſen, der ihm früher als Nachthalstuch gedient. Beim Feueranzünden habe er vom Schwefelholz Feuer gefangen, und ſei von ihm darauf in den Kamin geworfen worden. Eine griechiſche Kappe aus braunem Tuche mit Blutſpuren wollte der Herzog auf dem Kopf gehabt haben, als er ins Zimmer ſeiner Frau geeilt. Aber auch eine vom geſtrigen Abend abgelegte Leibbinde ſchien aus⸗ wendig Blutſpuren zu zeigen. Im Secretair lagen verſchiedene Waffenſtücke, die unverdächtig ſchienen— hier auch früher die Sattelpiſtole, mit welcher der Herzog ſeiner Frau wollte zu Hülfe ge⸗ eilt ſein— auf dem Kamin des Schlafzimmers aber ein Meſſer mit mehren Klingen, auf deſſen Rücken ein Blutfleck war. Der Herzog ſelbſt gab jetzt folgende vollſtändige Er⸗ klärung zu Protokoll: „Frau von Praslin und ich kamen geſtern um ein Viertel nach acht Uhr Abends auf der Eiſenbahn von Corbeil in Paris an. Frau von Praslin ſtieg mit ihren Söhnen und deren Lehrer in einen Fiacre, ich ſtieg mei⸗ nerſeits mit meinen Töchtern und meinem jüngſten Sohne in einen andern, und wir kamen ein Viertel nach zehn Uhr in meinem Hotel an, nachdem wir beiderſeits ver⸗ ſchiedene Fahrten in der Stadt gemacht hatten. Frau von Praslin wird mehre gemacht haben; ich bin mit meinen Töchtern hingefahren, um deren frühere Gou⸗ vernante, Demoiſelle Deluzy, zu beſuchen, im Marais Rue de Harlay. Bei meiner Ankunft ſah ich die Her⸗ zogin nicht; ſie hatte ſich bereits in ihre Gemächer zu⸗ rückgezogen. Ich ging meinerſeits ſogleich in mein Schlafgemach, nachdem ich meine Töchter in ihr im 15** 346 Die Herzogin von Choiseul-Praslin. zweiten Stock des Hotels belegenes Zimmer geführt hatte. Ich legte mich zu Bette und ſchlief ſogleich ein, ohne die Beihülfe eines Kammerdieners in Anſpruch zu neh⸗ men, deſſen ich mich nicht zu bedienen pflege. Dieſen Morgen um eine Stunde, die ich nicht genau angeben kann, als es aber bereits Tag zu werden begann, wurde ich durch ein verworrenes Geſchrei aufgeweckt. Da man jedoch dergleichen in den Champs Elyſces oft hört, er⸗ ſchrak ich nicht darüber und ſtand auch nicht einmal gleich auf. Kurz darauf hörte ich im Garten hin⸗ und hergehen und nun verließ ich mein Bett. Ich zog mei⸗ nen Schlafrock an und ging nach dem Zimmer der Frau von Praslin hin. Als ich bei der dritten Thüre meines Schlafgemachs ankam, die ſich am Fuße der Stufen in dem davor liegenden kleinen Corridor befindet, vernahm ich ein verworrenes Schreien. Ich glaube, man rief: „Mörder!“ und ohne weiter zu gehen, ſtieg ich wieder nach meinem Zimmer hinauf, ging in mein Arbeits⸗ cabinet und nahm eine geladene Sattelpiſtole aus mei⸗ nem Schreibtiſche, womit ich mich bewaffnete. Hierauf ging ich nach dem Zimmer der Frau von Praslin hinab, durchſchritt ihr Ankleidezimmer und trat hinein. Es war dort völlig dunkel und ſtill. Ich rief die Herzogin bei ihrem Namen Fanny, ſie antwortete mir nicht. Dann ging ich wieder ins Ankleidezimmer und zündete mit Schwefelhölzern, die ſich, wie gewöhnlich, unter der Pendule dieſes Zimmers befanden, eine Wachskerze an. Hierauf trat ich wieder allein in das Zimmer der Frau Herzogin und fand ſie auf dem Boden ſitzen, mit dem Kopfe an ein zwiſchen dem Kamin und dem Fenſter ſtehendes Kanapee gelehnt. Ich ging zu ihr hin; ihr Geſicht war mit Blut bedeckt, das aus Wunden am Kopfe und am Halſe hervorſtrömte. Es fiel mir nicht t hatt ohn zu nch Dieſe ngeben wurde e mal rt, er einmol n⸗ und og mei er Frau meinet ufen in ernhn n rif wieder rbeits⸗ s mei irtauf hinob, Es wo gin be Dal ete mi tur de tze an. r Fral it dem Fanſte in; ih den nih it Die Herſogin von Choiseul-Praslin. 347 ein, meine Leute zu rufen; es hätte mir auch an Zeit gefehlt, denn kaum hatte ich den Kopf der Frau Her⸗ zogin in die Höhe zu richten und ihr einigen Beiſtand zu leiſten begonnen: da hörte ich an der in den Saal führenden Thüre ihres Zimmers pochen. Ich ging hin und öffnete den Riegel, der dieſelbe von innen verſchloß, und fand dort die Perſonen, welche ich Ihnen vorhin angab. Mit Blut habe ich mich befleckt, als ich der Herzogin Beiſtand zu leiſten ſuchte. Nach dem Eintre⸗ ten jener Perſonen ſprach ich ungefähr zwanzig Minuten oder eine halbe Stunde mit ihnen. Ich berührte mehre Male die Leiche der Frau von Praslin und da ich ganz den Kopf verloren hatte, ging ich endlich in mein Zim⸗ mer zurück, wo ich mir zunächſt die Hände wuſch und erſt ſpäter den Blutflecken, welchen ich auf der linken Bruſt meines Schlafrockes hatte, mit Waſſer wegzu⸗ ſchaffen ſuchte, um meine Kinder nicht zu erſchrecken, denen ich das Unglück anzukündigen hatte, welches ſie ihrer Mutter beraubt. Ich habe noch nicht den Muth gehabt, es ihnen zu ſagen. Sehr bald darauf kam der Herr General Sebaſtiani, Onkel der Herzogin, und er war noch bei mir, als der Polizeicommiſſair, Herr Bruzelin eintraf. Es war mein erſtes Geſchäft geweſen, daran zu erinnern, den Herrn Polizeicommiſſair und einen Arzt holen zu laſſen.“ Er ſollte ſich erklären über den Gebrauch, den er von der Piſtole gemacht? Er hatte ſie auf die Erde geworfen, als er der Herzogin beiſprang. Dann ergriff er ſie wieder beim Laufe, und ſtieß in einer krampfhaf⸗ ten Bewegung mit der Kolbe auf den Boden, auch um⸗ gekehrt, am Ende ließ er ſie, er wußte nicht wo.— Welche Thüren verſchloſſen geweſen, konnte er ſich nicht entſinnen. 348 Die Herſogin von Choiseul-Praslin. Er ſollte nähere Auskunft geben über das verbrannte Taſchentuch: Nachts hatte er es um den Kopf gewickelt gehabt und Morgens lag es verbrannt in ſeinem Kamin? — Antwort: Er hatte den Foulard geſtern Abend aus der Commode genommen, um ihn um den Kopf zu wickeln. Als er ins Bett ſteigen wollte, fand er, daß derſelbe in ſehr ſchlechtem Zuſtande war. Er warf ihn in den Kamin, wo ſchon viel Papier angehäuft lag. Als er heute Morgen ein Schwefelholz in den Kamin warf, geriethen alle dieſe Gegenſtände in Brand.— Aber weshalb ein Schwefelholz anzünden? Er bedurfte am Morgen keines Lichtes mehr, da, als er aus dem Zimmer der Herzogin trat, es heller Tag war?— Ant⸗ wort: er wiſſe keine! Er fühle, daß dieſer Umſtand eine ſchwere Anſchuldignng gegen ihn erhebe.— Auf dem Nachttiſche lag ein friſcher Foulard wie für ihn eben ausgebreitet?— Den müſſe wol ſein Kammerdiener oder eine Kammerfrau, ohne ſein Wiſſen, für ihn bereit gelegt haben. Beim Zubettegehen habe er ihn nicht be⸗ metkt und den zerriſſenen aus der Commode genommen. Wer ſeinen Charakter kenne, werde das natürlich fin⸗ den.(1) Hat die Herzogin Feinde gehabt? Wem könne er das Begehen eines ſo entſetzlichen Verbrechens beimeſ⸗ ſen?— Der Herzog wußte von keinen Feinden. Er konnte nur glauben, daß es von Dieben begangen wor⸗ den. Einer Bande, die längſt auf den Einbruch ſpe⸗ culirt, ſei wahrſcheinlich die Rückkehr der Familie nicht bekannt geworden. Ueberraſcht, die Herzogin zu finden, hätten ſie die Unglückliche, um nicht verrathen zu wer⸗ den, ermordet. Wie die grüne Schnur(von einem Pulverhorn) zwi⸗ ſchen ſeine Hoſenträger gekommen, vermochte er nicht ran wickel amin? d a pf z , deß rf ihn t lag. Kamin d.— edurft 6 den Alt d eine f dem ncben rdiener berel tt be wmeh ch fin nne e bem n. 6 n wol⸗ ſe⸗ e icht finden u we n) zw r nih Die Herzogin von Choiseul-Praslin. 349 anzugeben; ebenſo wenig wie die fünf Strickenden und ein Endchen weißes Band, blutbefleckt, in ſeine Taſche gerathen. Wahrſcheinlich ſei er mit der blutigen Hand in die Taſche gefahren, daher das Blut dort. An des Herzogs Sattelpiſtole, welche ſich im Zimmer der Ermordeten fand, war nicht allein Blut, ſondern am Kolben fanden ſich auch einige Haare und ein kleines Stück Haut oder Fleiſch feſtgeklebt! Dieſes Indicium iſt das ſchwerſte unter allen, welches Praslin der unmittel⸗ baren Thäterſchaft bezuchtigt.— Auf dieſe Vorhaltung ließ er den Kopf ſinken und hielt ihn in beiden Hän⸗ den, während der Staatsanwalt ihn aufforderte, mit der Offenheit zu ſprechen, welche ſeiner Stellung und ſeines Namens würdig ſei. Nach einer Weile gab der Herzog darauf die ſonder⸗ bare Antwort:„Wäre nicht meine Abſicht durch die Ermahnung des Herrn Staatsanwalts verändert worden, ſo würde ich Ihnen geantwortet haben, daß ich nicht leugne, die im Zimmer der Frau von Praslin gefundene Piſtole ſei diejenige geweſen, womit ich mich dieſen Morgen bewaffnet habe, um ihr zu Hilfe zu kommen. Ich ſtelle aber ausdrücklich in Abrede, daß ich ſie mit dieſer oder mit irgend einer anderen Waffe geſchlagen habe. Was das Ankleben der Haare und der Haut an dem Kolben der Piſtole anlangt, ſo iſt es mir, wenn dieſer Umſtand wirklich exiſtirt, unmöglich, ihn zu er⸗ klären.“ Kachdem das Protokoll hier unterbrochen worden, gingen die Richter noch einmal den Weg nach dem Mordzimmer zurück. Es fanden ſich immer neue Blut⸗ ſpuren, die anzugeben unnöthig iſt, weil ſie zu keinen neuen Entdeckungen führten, und faſt unmöglich, wo kein genauer Situationsplan uns zu Hilfe kommt. Am üt 1 6t 12 112 350 Die Herzogin von Choiseul-Praslin. Riegel der innern Thür zum Schlafzimmer, welche im⸗ mer offen ſtand, fanden ſich Blutflecke; wahrſcheinlich hatte der Mörder während Begehung der That dieſe Thür von innen zugeriegelt. Die Thür nach der Holz⸗ treppe behauptete der Herzog offen gefunden zu haben, als er angeblich ſeiner Gemahlin zu Hilfe eilte. Weder dieſe Thür, noch die Hauptthür trugen Blutſpuren, ſie mußten alſo vor dem Morde reſpective geöffnet und ver⸗ riegelt worden ſein. Die Commiſſare noch einmal in das Schlafzimmer zu begleiten, bat der Herzog ihm zu erlaſſen. Der ſtärkſte Verdacht einer Mitſchuld laſtete auf der ehemaligen Gouvernante, Demoiſelle Deluzy, ſie wurde ſofort im Hauſe des Profeſſors der Literatur, Remy, wo ſie jetzt wohnte, verhaftet und nach der Conciergerie gebracht. Ihr erſtes Verhör fand am folgenden(19.) Tage ſtatt. Henriette Deluzy⸗Desportes war ſeit dem 1. März 1841 als Erzieherin in die Dienſte des Herzogs getre⸗ ten. Früher bei einer engliſchen Lady, in der Nähe von London, hatte ſie an Gehalt 1800 Frcs., beim Herzog, außer freier Station, etwa 2000 Fres. erhalten. Bei ihrem Eintritt ſollte ſie die Erziehung der neun Kinder übernehmen; man war aber bald genöthigt, ihr eine Untergouvernante beizugeben. Für die Söhne nahm der Herzog einen Gouverneur. Aber auch von den Fräulein wurden die drei jüngſten in das Kloſter Sacre⸗ Coeur untergebracht und die Deluzy behielt nur die drei ältern, weil die Eltern ſich überzeugten, daß es unmög⸗ lich ſei, zwiſchen einer Gouvernante und Untergouver⸗ nante Eintracht zu erhalten. he in einlich dieſe Holz⸗ haben, Weder n, ſie d ver⸗ mmer f der wurde emh, get ie 19.) NRätz ette⸗ von rz0, neun iht ahm den rre⸗ drei nög⸗ Die Herzogin von Choiseul-Praslin. 351 Auf die Vorhaltung, daß ſie ſich ſchweres Unrecht gegen die Herzogin zu Schulden kommen laſſen, nicht die nöthigen Rückſichten bewieſen und ihr die Liebe ihres Mannes und ihrer Kinder abwendig zu machen geſucht, gab ſie folgende entſchiedene und zuſammenhängende Antwort, die wir am beſten mit ihren eignen Worten herſetzen: „Nein, nie, nie! Als ich in das Haus des Herrn Herzogs von Praslin eintrat, ſtanden die Dinge bereits auf einem ſehr übeln Fuß. Der Herr Herzog wollte die Erziehung ſeiner Kinder allein leiten; dies ſagte mir die Frau Herzogin ſelbſt. Ich hatte über dieſen Gegenſtand eine lange Unterredung mit ihr, in der ſie mir ſagte, dem Herrn Herzog allein würde ich Rechenſchaft zu ge⸗ ben haben. Dies ſagte der Herr Herzog mir ebenfalls und ſie hatten bereits drei oder vier Gouvernanten nach einander gehabt, mit denen die Frau Herzogin ſich nicht zu vereinbaren vermocht. Der Herr Herzog von Praslin ſagte mir, ich ſolle allein mit den Kindern ſpeiſen; ich ſolle allein mit ihnen in einem Theile des Hotels woh⸗ nen und ihrer Mutter ſollten ſie nur Beſuche machen. Ich antwortete dem Herrn Herzog, es ſei mir unmög⸗ lich, auf dieſe Vorſchläge einzugehen, und ich würde meine Stelle nicht antreten. Nun wurde verabredet, daß wir mit den Eltern ſpeiſen ſollten, daß jedoch die Kin⸗ der ausſchließlich unter meiner Aufſicht und unter mei⸗ ner Leitung bleiben würden. Die frühere Gouvernante, an deren Stelle ich trat und die im Hauſe blieb, erregte mir Schwierigkeiten jeder Art, insbeſondere bei der Frau Herzogin, und ſie gehörte auch zu denjenigen, die nach⸗ her behaupteten, ich entferne die Kinder von ihrer Mut⸗ ter. Einige Zeit nach meinem Eintritt begab ich mich mit der Frau Herzogin allein nach Schloß Vaudreuil. 352 Die Herzogin von Choisrul-Praslin. Nun wollte dieſe an den Lehrſtunden und an der Lei⸗ tung des Unterrichts ihrer acht Kinder Theil nehmen. Der Erfolg war nicht glücklich und als der Herr Herzog von Praslin hinkam, war er ſehr misvergnügt. Er ſprach der Frau Herzogin ſein Misfallen aus und in Zukunft miſchte ſie ſich nicht mehr hinein. Nun richtete man uns im Schloſſe Praslin ein, wo wir, mit Ausnahme der Mahlzeiten, völlig abgeſondert lebten. Ich habe in dieſer außerordentlichen Stellung die Kinder niemals von ihrer Mutter zu entfernen geſucht, ſondern es beſtanden zwiſchen dem Herrn Herzog und der Frau Herzogin Ver⸗ anlaſſungen zur Mishelligkeit, die ich nicht zu beſeitigen vermochte. Ich that vielleicht ſehr unrecht, jene Stel⸗ lung anzunehmen, aber nie habe ich die Frau Herzogin von Praslin abſichtlich zu verletzen geſucht. Wenn ich ihr zuweilen heftig antwortete, ſo geſchah dies nur, weil ich ſelbſt aufs ſchmerzlichſte verletzt worden war.“ Der Grund der Uneinigkeit ſei kein anderer geweſen, als daß die Herzogin ihre Kinder und ihren Mann be⸗ herrſchen wollen, was der Herzog nicht wollte, der ſtets einen entſchiedenen Widerſtand ihrem Verlangen entge⸗ gengeſetzt, aber immer mit großer Milde verbunden. Die ſogenannte Eiferſucht der Herzogin auf ſie, die Gouver⸗ nante, die ſie einige Mal allerdings geäußert, hätte nicht den allermindeſten Grund gehabt. Der Herzog habe ihr, die ohne Vermögen war, eine Penſion verſprochen(für jede der drei Töchter 500 Fres.), aber nur, wenn ſie— ſeine eignen Worte—„den Muth habe, die Erziehung dieſer drei Töchter zu vollenden!“ Gerüchte waren ſchon früher verbreitet, daß ſie, die Deluzy, mit dem Herzog auf einem ſehr vertrauten Fuße lebe. Ja, als ſie vor zwei Jahren mit den Kindern und dem Herzog nach einem Gute des Marſchall Sebaſtiani Lii men etzog pruch ſunft man ahme be in on anden Per⸗ itigen Stel⸗ zogin mich 1 eſen, n be⸗ ſtets entge⸗ Die ouvel⸗ e nicht be ihr, (fir chung Fuft n un affin Die Herzogin von Choiseul-Praslin. 353 nach Corſica gereiſt war, erſchien in einer pariſer Zei⸗ tung ein verleumderiſcher Artikel: ſie wäre mit dem Her⸗ zog von Praslin durchgegangen. Sie wollte darauf das Haus augenblicklich verlaſſen. Sebaſtiani ſelbſt brachte ſie von dem Entſchluſſe ab, weil dies dem Gerüchte Nahrung geben hieße; nicht darauf achten, wäre ſo viel als es todt machen. Die Herzogin zeigte ſich damals kalt und zurückſtoßend. Von da ab aber ward ſie freund⸗ licher und die Deluzy war wie aus den Wolken gefallen, als man ihr vor zwei Monaten ankündigen ließ, ſie könne nicht länger im Hauſe bleiben, da ihre Anweſen⸗ heit Veranlaſſung zum Unfrieden ſei. In einem Briefe der Herzogin an die Deluzy, der ihr vorgelegt wurde, hieß es: da man nicht ſchlafen gehen ſolle, bevor man ſich nicht mit ſeinem Nächſten ausgeſöhnt, ſcheine ein neues Jahr ihr um ſo mehr Grund zu ſein, allen Zwiſtigkeiten ein Ende zu machen und alle Beſchwerden zu vergeſſen. Sie reiche ihr aus vollem Herzen die Hand, bitte das Geſchehene zu ver⸗ geſſen, wie ſie ebenfalls thue, und wünſche künftighin in gutem Einvernehmen mit ihr zu leben.— Dieſen Brief, ohne Datum, wollte die Deluzy im Januar 1846 mit einem Armbande erhalten haben. Von da ab habe die Kälte der Herzogin gegen ſie nachgelaſſen, ſie wäre ſo⸗ gar freundlich gegen ſie geweſen und habe ſie zu allen Vergnügungen aufgefordert. Aber es habe ſich ein neuer Grund des Mistrauens bald eingeſtellt. Die Herzogin wollte ihre Töchter vermählen. Sie bat die Gouver⸗ nante, den Herzog zu bewegen, daß er auf ihre Anſich⸗ ten eingehe. Die Deluzy aber erklärte, Vermählungs⸗ plane wären zu zarte Angelegenheiten in einer Familic, als daß eine fremde Dritte ſich darein miſchen dürfe. Dies ſei ihre Herzensmeinung geweſen, die Herzogin 354 Die Herzogin von Choiseul-Praslin. habe aber darin nur ihr, der Gouvernante, Intereſſe geſehen, weil, wenn die Töchter vermählt, ihre Stellung im Hauſe natürlich zu Ende geweſen wäre. Am 18. Juli, im Augenblick, wo die ganze Familie ſich anſchickte nach Schloß Praslin abzureiſen, hatte die Deluzy das Haus verlaſſen und war in die Erziehungs⸗ anſtalt der Madame Lemaire, bei der ſie noch war, ge⸗ zogen. Hier leugnete ſie gar nicht noch drei Mal vom Herzoge Beſuche erhalten zu haben. Er brachte aber jedes Mal ſeine Kinder mit. Einmal begleitete ſie ihn mit denſelben in einem Fiaker nach der Eiſenbahn. Sie gab unbefangen darüber die vollſtändigſte, zuſammen⸗ hängende Auskunft. Der letzte Beſuch war am Abend vor dem Morde, Dienſtag am 17. Auguſt. Nachdem er von der Eiſen⸗ bahn gekommen, fuhr der Herzog mit ſeinen drei Töch⸗ tern und ſeinem kleinen Sohn zur Deluzy. Die Vor⸗ ſteherin der Erziehungsanſtalt, Madame Lemaire, mit der er bei dieſer Gelegenheit zum erſten Male ſprach, theilte ihm ihre Abſicht mit, der Deluzy in ihrem Hauſe eine höhere Stellung zu geben. Wegen der Gerüchte indeſſen, welche hinſichts derſelben in Umlauf wären, ſei es nöthig, daß ſie zu deren Widerlegung einen Brief der Frau Herzogin zum Vorzeigen habe. Es ward nun verabredet, daß die Deluzy am folgenden Tage zur Her⸗ zogin gehen ſolle, ſie um dieſen Brief zu bitten. Man verabredete, daß dieſer Beſuch um zwei Uhr Nachmit⸗ tags ſtattfinde. Um zehn Uhr Abends ging der Herzog mit den Kindern fort. Die Gouvernante hatte ihn ſeit⸗ dem nicht wiedergeſehen. Des Nachts hatte ſie in der Lemaireſchen Erziehungs⸗ anſtalt wie gewöhnlich geſchlafen. Am Morgen erfuhr ſie durch den Profeſſor Remy, der ſeinen Diener in ntertſt tellun Famili te di hungs⸗ ur, ge⸗ vom e aber ſie ihn Sie mmel⸗ Morde Eiſen⸗ Vor⸗ mit ſprach, Hauſe erüchie wären⸗ nBrif nd mn n Hl⸗ Nan chnit⸗ herzog n ſeit⸗ hung erfühl en Die Herzogin von Choiseul-Praslin. 355 das Hotel geſchickt, die entſetzliche Nachricht. Er kam ſelbſt mit ſeiner Frau in die Lemaireſche Wohnung, um ſie ihr zu bringen. Weil ſie davon ſo tief getroffen war, wollten die Eheleute Remy ſie nicht allein laſſen und nahmen ſie mit ſich in ihre Wohnung, Rue de la Ferme des Mathurins, wo ſie den Tag über blieb, bis ſie Abends um acht durch die Polizei ins Gefängniß ge⸗ bracht ward. Dies war daher nicht als Flucht anzu⸗ ſehen, denn ſie hatte bei Madame Lemaire ihre Adreſſe hinterlaſſen. Als der Richter ihr vorhielt, wie die gewichtigſten Indicien dafür ſprächen, daß der Herzog von Praslin ſelbſt ſeine Frau getödtet, brach ſie in jene Worte aus, welche damals in alle Zeitungen übergingen und für ſich ſelbſt ſprechen: „Nein, nein, nein! O, ſagen Sie mir, meine Herren, das iſt nicht ſo. Es iſt unmöglich! Er, der keins ſeiner Kinder leiden ſehen konnte. Nein! Sagen Sie mir nicht, daß Anzeichen da ſind; ſagen Sie mir nicht, daß ſie gewichtig ſind; ſagen Sie mir, es iſt ein Verdacht, der ſich nicht beſtätigen wird. Nein, nein, es iſt un⸗ möglich!(Und auf die Kniee fallend und die Hände faltend:) O, ſagen Sie es mir, mein Herr! Mein Gott, wenn Sie es auch behaupten wollten, würde ich es doch nicht glauben. Mein Gewiſſen ſagt mir, er hat es nicht gethan. Wenn er es aber gethan hätte— Gott im Himmel! dann würde ich, ja! dann würde ich die Schul⸗ dige ſein. Ich hatte die Kinder ſo lieb; ich trug ſie auf den Händen; war aber feig, wußte mich nicht in mein Schickſal zu finden und ſchrieb Briefe, die Sie ſich zeigen laſſen können. Ich ſagte ihnen, daß ich ohne ſie nicht mehr leben könne, daß ich ins tiefſte Elend ge⸗ rathen werde;— denn ich bin ein armes verlaſſenes 356 Die Herjogin von Choiscul-Praslin. Mädchen, ohne alle Mittel, ohne einen andern Anhalts⸗ punkt, als einen alten Großvater, der hartherzig iſt und mir das Wenige, was er für mich that, zu entziehen drohte. Ich erſchrak vor der Zukunft, die mir bevorſtehen könne. O, wie ſehr that ich unrecht! Ich hätte ihnen ſagen müſſen, daß ich mich in meine Lage finde, daß ich in meinem kleinen Stübchen glücklich ſein könneß ſie möchten mich vergeſſen und ihre Mutter lieb haben. Dies habe ich nicht gethan. Als ich das Haus verließ, trieb mich die Verzweiflung ſo weit, daß ich mir den Tod geben wollte. Ich beſaß ein Flacon voll Blauſäure und trank ſie. Leider rief man mich wieder ins Leben zurück, aber das Leben war ſehr traurig für mich. Sechs Jahre lang hatte ich in dieſem Hauſe ſo glücklich gelebt, umgeben von dieſen Kindern, die mich lieb hatten und die ich mehr liebte, als mein Leben! Das Leben war mir unerträglich ohne ſie und ich ſagte dies; darin be— ſteht mein Verbrechen. Ich bin die Schuldige. Sagen Sie es, mein Herr, ſchreiben Sie es nieder. Ex wird den unglücklichen Rehabilitationsbrief verlangt haben; ſie hat ihn verweigert und da— O, ich, ich bin die Schul⸗ dige; ſchreiben Sie es nieder!“ Der Richter meinte, eine ſolche Exaltation ſcheine mit den Gefühlen, welche durch das Verhältniß zwiſchen ihr und den Kindern beſtehe, nicht vereinbarlich. Sie erwiederte, die Exaltation ſei mit jedem Gefühl verein⸗ barlich. Doch wolle ſie nicht in Abrede ſtellen, daß in Folge ihres Umgangs mit dem Herzoge,„der ſo gütig, ſo großmüthig gegen ſie geweſen,“ ſich der Zuneigung zu den Kindern eine innige Herzlichkeit für den Vater beigeſellt habe.„Aber nie, nie habe ich Unfricden und Ehebruch in dieſes Haus gebracht. Schon aus Achtung lnholt iſt un ntziehen orſtchen e ihnen , daß nnez ſi haben. verließ, nit den lauſim s Leben Stchs gelebt, tun und en wal tin be Sagel wird ben ſe E ſchen zwiſhe . Sie vereil⸗ daß in itig, neigung PVatll en u Whu Die Herzogin von Choisrul-Praslin. 357 vor den Kindern würde ich dies nicht gethan haben. Ich hätte die Stirne meiner Töchter zu beſudeln geglaubt, wenn ich dieſe geküßt hätte, nachdem ich mich vergangen gehabt. Begreift man denn gar nicht, daß Jemand züchtig zu lieben vermag? Ich fühle, daß ich unrecht thue, mich des Ausdrucks:„meine Töchter“ zu bedie⸗ nen, den ich auch erſt gebraucht habe, ſeitdem ich an ſie ſchrieb.„Meine Kinder“ ſagte ich zuweilen, wenn ich die ganze kleine Schar anredete.“ Auf die Frage: ob Praslin ihre Exaltation getheilt, beſtritt ſie es:„er hegte keine Zärtlichkeit für mich.“ Nur weil die Kinder unglücklich, kränklich waren, die Mutter ſie unfreundlich behandelte. Man bemerkte, daß er darum doch ſchwerlich die Mutter werde umgebracht haben? Die Gouvernante erwiderte: die Beſorgniß vor dem Eheſcheidungsprozeß, mit dem die Herzogin ihn unauf⸗ hörlich bedroht, möge ihn außer ſich gebracht haben. Er betrachtete ihn als ein großes Unglück für ſeine Kin⸗ der, als die Vernichtung ihrer Zukunft. Ihn zu ver⸗ meiden, war er Alles zu thun bereit. Darum beſchwor er die Deluzy, ſich in Allem und Jedem der Herzogin zu fügen. Sie hatte es gethan, bis— auf die Bitte um das unglückliche Rehabilitationsſchreiben! Das frühere Schreiben des Herzogs an die Lemaire vom 19. Juni genügte ihr nicht, ſo drang ſie auf ein anderes, und dieſes werde Alles verdorben haben! Das ſeien nur Spiele der Eiferſucht geweſen, wandte man ein, darauf müſſe aber der ärgſte Unfrieden ent⸗ ſtanden ſein, der in einem Hausweſen erregt werden kann, da ein gerichtlicher Eheſcheidungsprozeß daraus entſtand. Das Ausſcheiden der Deluzy ſei keineswegs das Ergebniß einer erſten eiferſüchtigen Regung gewe⸗ 358 Die Herſogin von Choiseul-Praslin. ſen, der Ehemann hielt die Gouvernante gegen die Ehefrau, und es bedurfte ſogar eines Einſchreitens von Seiten des Marſchall Sebaſtiani.— Sie hatte nichts zu erwidern, als: ſie habe nicht gewußt, wie arg der Groll geworden, der ſich erſt in den letzten Augenblicken ſo entwickelt haben müßte. Wiederholt betheuerte ſie: Herr von Praslin habe ihr nie mehr als Freundſchaft und Achtung gezeigt, und ſie betheuerte, um es gerade herauszuſagen, daß er niemals ihr Liebhaber geweſen ſei. Weder in den Beſuchen, noch in den Briefen, die in die Zwiſchenzeit zwiſchen ihrer Trennung vom Hauſe und dem Morde fallen, ſei etwas Strafbares vorgefal⸗ len, noch weniger habe ein ſtrafbarer Plan für die Zu⸗ kunft beſtanden. Ja, ſie rief aus:„Und wäre Frau von Praslin eines natürlichen Todes geſtorben und Herr von Praslin hätte mir ſeine Hand angetragen, würde ich doch aus Intereſſe für ſeine Kinder niemals in eine Mesalliance gewilligt haben, deren Folgen auf ſie gefal⸗ len wären. Auch würde mir nie eine andere Verbin⸗ dung in den Sinn gekommen ſein. Wenn Herr von Praslin mich geliebt, hätte ich ihm meinen Ruf, mein Leben zu opfern vermocht; ſeiner Frau hätte aber mit meinem Willen nie ein Haar gekrümmt werden dürfen. Ich ſage die Wahrheit; Sie müſſen mir glauben. Gibt es denn nicht einen Ton in der Natur, der Ueber⸗ zeugung gewährt? Sie müſſen es ja fühlen; nein, nie, nie!“ In mehren Briefen der Deluzy an ihre chemaligen Zöglinge las man die ſchwärmeriſchſten Verſicherungen ihrer Zärtlichkeit für dieſelben, ihrer Schmerzensgefühle, aus dem Hauſe verwieſen zu ſein, vielleicht auch ihrer Liebe für den Vater— es war aber nicht ausgeſprochen. „ gen de ens vo e nicht arg de enblicken erte ſi dſchaft geradt bhaber fen, di n Hauſt vorgefil die Zu⸗ run vn ert von irde ich in eine e grful⸗ Perbin⸗ er vn f nin cbet mi n. Bilt rnn n nein, malig erungl geſiht h ihn ſrch Die Herzogin von Choiseul-Praslin. 359 Dies die Ergebniſſe des erſten Verhörs, wol die in⸗ tereſſanteſten Bekenntniſſe des ganzen Prozeſſes. Das zweite Verhör mit der Deluzy E3. Aug.) ward ſchon vor der Unterſuchungscommiſſion der Pairs, unter Vorſitz des Kanzler Pasquier abgehalten. Dies Verhör iſt wieder ſo charakteriſtiſch und pſycho⸗ logiſch, es entfaltet die innern Verhältniſſe der Familie, ihrer Zerwürfniſſe, den Charakter der Gouvernante und zugleich der ermordeten Herzogin, und mit letztrer Schil⸗ derung bringt es uns den Motiven der That näher, daß wir uns nicht enthalten können, es in ſeinem Haupt⸗ theile wörtlich hier mitzutheilen. Zudem iſt es ſo mei⸗ ſterhaft gehalten, ſo ſauber in Frage und Antwort aus⸗ gearbeitet und dergeſtalt ein Ganzes, daß jeder Auszug das feine Netzwerk zerſtören würde. Wir zweifeln nicht, daß unſere Leſer es mit Vergnügen ganz leſen werden. Aus welchem zarten Geſpinnſte kaum ſichtbarer Gefühls⸗ ſtimmungen entſpann ſich der rothe Faden, der in einem cannibaliſchen Meuchelmorde endete! Die Deluzy war durch Lady Hislop, bei der ſie früher geweſen, der Gräfin Flahaut(einer gebornen Engländerin) empfohlen worden, und von dieſer dem Herzoge von Praslin. Man war anfänglich von allen Seiten zufrieden mit ihr, die Kinder ſchloſſen ſich ihr ſogleich an. Dennoch herrſchte ſchon damals kein gutes Einverſtändniß zwiſchen den Eheleuten, und die abge⸗ hende Gouvernante hatte die Deluzy gewarnt, wegen der Schwierigkeiten zwiſchen den Eheleuten, die gar zu oft vorkämen, die größte Vorſicht zu gebrauchen. Frage. Haben Sie dieſe Vorſicht in der That be⸗ obachtet? 360 Dir Herzogin von Choisrul-Praslin. Antw. Ich hatte dies lange Zeit nicht nöthig, denn ich lebte mit den Kindern ganz abgeſchloſſen im Hauſe und ſah nichts. Fr. Ju welcher Zeit nahm dieſes Verhältniß ein Ende? Antw. Als die Töchter groß zu werden begannen, näherte der Vater ſich ihnen mehr und nothwendiger⸗ weiſe auch mir, da ich ſtets bei ihnen war. Frau von Praslin hielt ſich fern, weil ſie in Paris viel in Geſell⸗ ſchaft ging und bei ihrem Vater lebte, und auf dem Lande verweilte ſie ſehr zurückgezogen auf ihrem Zimmer, wo ſie ſich ſogar oft das Eſſen ſerviren ließ. Ich nahm an, dies rühre von Beziehungen zwiſchen ihr und dem Herrn von Praslin her, welche mir unbekannt ſeien. Fr. Bemühten Sie ſich denn nicht, wie es Ihre Pflicht zu ſein ſchien, die Töchter geiſtig und gemüth⸗ lich ihrer Mutter ſo viel als möglich näher zu bringen? Antw. Ich verſuchte mehrmals, mich in dieſer Be⸗ ziehung mit Frau von Praslin zu verſtändigen, ſie wollte mir aber hinſichtlich ihrer Kinder ihre Anſichten nie mit⸗ theilen. Sie ſagte mir, daß ſie die Richtung, welche Herr von Praslin dem Unterricht und der Erziehung gebe, nicht billige, ihm aber die Leitung ſeiner Kinder, ſo lange deren Erziehung dauere, gänzlich zu überlaſſen verſprochen habe. Nie legte ſie mir eine Frage vor hin⸗ ſichtlich der Moralität oder des Verſtandes irgend einer ihrer Töchter; nie ertheilte ſie mir in irgend einer Be⸗ ziehung, mit Ausnahme einzelner Toilettenangelegenhei⸗ ten, eine Anweiſung, welche dieſelben betraf; nie ſuchte ſie ihre Kinder an ſich zu ziehen, ſondern ſprach ſehr ſelten mit ihnen. Wenn wir allein waren, drehte ſich die Unterhaltung zwiſchen uns gewöhnlich um litera⸗ riſche Fragen, an denen die Kinder vermöge ihres Alters tniß e egannen vendiger rau vol auf den Jimmer Ich noh und den ſeien. es Ihr gmilt hringen eſer Be ſe wolltt vie mit⸗ welcht Erziehun t Kinden ibulſi vor hi nd in tinet 8. egenbo . 6 ſucht Die Herzagin von Choiseul-Praslin. 361 und der Bildungsſtufe, auf der ſie ſich befanden, noch nicht Theil nehmen konnten. Dieſe Unterhaltungen lang⸗ weilten die Kinder und ließen ſie wünſchen, mit mir allein zu ſein, da ich mich dann ihrer Faſſungskraft mehr anpaßte. Sie fürchteten ihre Mutter ſehr, waren aber ſtets gehorſam und ehrerbietig gegen ſie. Fr. Haben Sie nicht öfters wahrgenommen, daß dieſes Verhältniß der Frau Herzogin von Praslin zu ihren Kindern, dieſe beinahe gänzliche Abgeſchloſſenheit, worin ſie von Allem, was dieſelben betraf, gehalten wurde, höchſt peinlich für ſie war und einen Gegenſtand der Uneinigkeit zwiſchen ihr und dem Herrn von Praslin bildete? Antw. Ich glaube im Gegentheil, auf Ehre und Gewiſſen, daß Frau von Praslin, die zu jener Zeit weit mehr mit ihren Gefühlen für ihren Mann, als mit den Gefühlen, welche kleine Kinder, die ihr kaum zu Geſicht kamen, in ihr erregten, zu thun hatte, deren Anweſen⸗ heit, wenn ihr Vater zugegen war, beſeitigte, um allein bei dieſem zu bleiben, und daß ſie ſich abſichtlich von ihren Kindern fern hielt, wenn Herr von Praslin nicht mehr da war, um dies bei den Vorwürfen, die ſie über die Art und Weiſe, wie er ihr Hausweſen leitete, fort⸗ während an ihn richtete, als Waffe gegen ihn zu be⸗ nutzen. Nie wollte Frau von Praslin auf dem Lande einen gemeinſamen Spaziergang machen; im Anfange, denn ſpäter änderte ſich dies. Wenn Herr von Praslin mit ſeinen Kindern ſpielte und die Fragen, welche ſie unabläſſig an ihn richtete, um ſeine Aufmerkſamkeit auf ſich zu lenken, nur mit kurzen Worten beantwortete, ver⸗ ließ ſie gewöhnlich das Zimmer und bezeigte ſichtbarlich ihren eiferſüchtigen Unwillen über die Aufmerkſamkeit, welche die Kinder dem Herrn von Praslin mehr als ihr XIV. 16 362 Die Herzogin von Choistul-Praslin. zuwandten. Dieſe Stimmung bemerkten die Kinder bald, wurden darüber gewiſſermaßen unwillig gegen ihre Mut⸗ ter, legten es mit der unſchuldigen Bosheit, die den Kindern eigen iſt, darauf an, dieſer Stimmung zu trotzen, ihrem Vater noch größere Zärtlichkeit zu beweiſen und unaufhörlich um ihn herum zu ſein. Obgleich ich ein⸗ ſah, welchen unleugbaren Nachtheil ein derartiger Kampf bei den Kindern hervorbrachte, war ich doch nicht immer im Stande, den Folgen deſſelben vorzubeugen. Später machte auch die übergroße Liebe, welche ich zu meinen Zöglingen hegte, es mir unmöglich, bei dieſen Fragen, die ſich tagtäglich erneuerten, völlig unparteiiſch zu blei⸗ ben, denn ich konnte der Frau von Praslin nicht Je⸗ mand zuzuführen ſtreben, den ſie ſelbſt abſichtlich oder doch wenigſtens höchſt unbedachtſam zu entfernen ſuchte⸗ Fr. In Allem, was Sie ſo eben geſagt haben, ſu⸗ chen Sie ganz augenſcheinlich alles Unrecht auf Frau von Praslin zu wälzen; die gräßliche Kataſtrophe, welche ihrem Leben ein Ende gemacht hat, ſollte Sie jedoch in Ihrem Urtheil über dieſelbe allerdings vorſichtiger machen. Bei der Art, wie Sie davon ſprechen, darf wol bezweifelt werden, daß Sie Alles gethan haben, was Sie zu thun verpflichtet waren, um einem ſo übeln Verhältniſſe ein Ende zu machen und die Kinder ihrer Mutter näher zu bringen, auf deren Liebe dieſe ſo vielen Anſpruch hatte, die Kinder, über die Sie faſt eine un⸗ bedingte Gewalt ausübten. Die Zeugniſſe dieſer Ge⸗ walt ſind von ihren Händen und von den Ihrigen ge⸗ ſchrieben; man darf alſo wol annehmen, daß Sie ſich unter dieſen traurigen Umſtänden nicht ſo, durchaus nicht ſo benommen haben, wie Sie es hätten thun ſollen. Antw. Ich möchte um Alles in der Welt willen nicht beſchuldigt werden, die Achtung für das Andenken der Si tet zer Ch ge ren nit ju keit ſie St Pr verl ihn er i daß Ver von ſch ſte wü um herb Pun 9ea Kin traʒ geth ald, Nut den tzen und ein my mer itu einen agen hlei e odet chſe „ſu Fral doch dal abel übeb ihte viel P Gl n ſi Die Herzogin von Choiseul-Praslin. 363 der Frau von Praslin aus den Augen zu ſetzen; aber Sie verlangen Wahrheit von mir und ich bin verpflich⸗ tet, Ihnen die ganze Wahrheit zu ſagen. Ihrem Her⸗ zen, ihren Gefühlen gebe ich keine Schuld, aber ihrem Charakter, der zuweilen äußerſt reizbar war und ſie un⸗ fähig machte, über ſo viele Kinder von ganz entgegen⸗ geſetztem Alter, Geiſt und Charakter die Leitung zu füh⸗ ren. Auch beſaß ſie in ihrer Zärtlichkeit für dieſelben nicht das Hingebende, das Ungezwungene, welches die jugendlichen Gemüther einnimmt. Reizbar bei Kleinig⸗ keiten, wo Nachſicht erforderlich geweſen wäre, zeigte ſie ſich dagegen, gleichſam zum Erſatz für dieſe unnöthige Härte, allzu ſchwach, wenn die Umſtände mütterliche Strenge erheiſchten. Dieſe Gründe hatten Herrn von Praslin bewogen, eine völlig abgeſonderte Erziehung zu verlangen. Leider wurden aber ſeine Gewöhnungen, die ihn an's Zimmer feſſelten, und das Vergnügen, welches er in der Geſellſchaft ſeiner Töchter fand, Veranlaſſung, daß er dieſe Maßregel der Abgeſchloſſenheit für ſeine Perſon nach und nach milderte. Darüber wurde Frau von Praslin böſe, denn bis dahin hatte ſie ſich ohne ſichtlichen Kummer der beſtehenden Drdnung der Dinge gefügt. Gleich bei meinem Eintritt ins Haus kündigte ſie mir an, daß die Dinge auf dieſe Weiſe hergehen würden und daß ſie, bis ihre Töchter alt genug ſeien, um in die Welt einzutreten, ſich nicht einmiſchen wolle. Fr. Aus dem, was Sie ſo eben geſagt haben, geht hervor, daß die Autorität den Händen der Frau von Praslin gänzlich entwunden und in die Ihrigen über⸗ gegangen war, und daß überdies die Liebe, welche die Kinder ihrer Mutter ſchuldig geweſen, auf Sie über⸗ tragen worden. Nimmt man an, daß Sie nichts dafür gethan hätten, ſo iſt es doch unmöglich, daß Sie dies 16* 364 Die Herzagin von Choiseul-Praslin. nicht bemerkten, und es war Ihre Pflicht, einem ſolchen Reſultate vorzubeugen, welches Ihnen mehre von den unſeligen Folgen, die daraus hervorgegangen ſind, großen⸗ theils zuzuſchreiben geſtattet. Antw. Ich habe nie gedacht:„Ich will dieſer Mut⸗ ter die Liebe ihrer Kinder entziehen, um ſie auf mich zu lenken;“ aber ich habe ſie lieb gehabt und mich ihnen gewidmet. Ihre Freuden waren meine Freuden, ihre Leiden meine Leiden. Sechs Jahre lang habe ich Tag und Nacht mit einer Sorgfalt, die ſich nie verleugnete, über ſie gewacht. Die Kinder liebten mich mit aller Hingebung ihres Alters und ich ſie mit der ganzen Zu⸗ neigung, deren man in meinen Jahren fähig iſt. Ich hatte keine Familie, keine Freunde; alle meine Gefühle concentrirten ſich in meinen Pflichten, die mir dadurch lieb und leicht wurden. Fr. Trat denn nicht ein Augenblick ein, wo Sie bemerkten, daß Sie zwiſchen dem Herrn und der Frau von Praslin ein Gegenſtand des Zwiſtes, ein Stein des Anſtoßes geworden ſeien, und haben Sie dann nicht Alles gethan, was an Ihnen war, um einen ſo übeln Zuſtand der Dinge zu ändern, ſei es nun auf Koſten der Opfer, welche Ihre Eigenliebe hätte darzubringen haben können, ſei es durch alle diejenigen Mittel, welche Sie bei den Kindern anwenden mußten, um dieſe ihrer Mutter gegenüber wieder zu denjenigen Geſinnungen zu⸗ rückzuführen, welche ſie für dieſe zu hegen nie hätten aufhören ſollen und die zu nähren Ihre Pflicht war. Antw. Was meinen perſönlichen Antheil an der Entfremdung, welche zwiſchen dem Herrn und der Frau von Praslin obwaltete, anlangt: ſo erachtete ich dieſen anfänglich von geringer Bedeutung, der Leichtigkeit we⸗ gen, womit ich dieſelbe hinſichtlich aller Derjenigen, die —. Die Herzogin von Choiseul-Praslin. 365 mit ihrem Manne in Berührung kamen, gleichen Em⸗ pfindungen Raum geben ſah. Als dieſe Umſtände ſpä⸗ ter in den Augen der Welt einige Bedeutung zu gewin⸗ nen ſchienen, ſprach ich mich ihr gegenüber klar und ohne Umſchweif darüber aus. Nun nahm ſie die Miene an, als betrachte ſie dieſe Empfindlichkeit als eine gar zu übertriebene Eigenliebe bei der untergeordneten Stel⸗ lung, in der ich mich im Verhältniß zu ihr und zu Herrn von Praslin befand. Verletzt, mich mit einem Vertrauen zurückgewieſen zu ſehen, welches ich ehrenvoll für mich glaubte, vermied ich es, wieder auf dieſen Ge⸗ genſtand zurückzukommen. Was die Kinder anlangt, ſo wiederhole ich noch einmal: Hätte nicht eine Mutter dieſelben ſich wieder näher zu bringen vermocht, wenn ſie es nur gewollt hätte? Fr. Sie ſagten anfänglich, Herr von Praslin habe am Ende hauptſächlich mit Ihnen und ſeinen Kindern gelebt? Antw. Herr von Praslin lebte keineswegs haupt⸗ ſächlich mit mir und ſeinen Kindern; nur gaben auf dem Lande weite Spaziergänge und in der Stadt die Ge⸗ wöhnungen der Frau von Praslin, die den Salon ihres Vaters nur verließ, um in Geſellſchaft zu gehen, Ver⸗ anlaſſung dazu, daß Herr von Praslin in Augenblicken der Erholung, während des Sommers, an den langen Winterabenden mit uns ſpazieren ging, oder ſeine Abende im Kreiſe des Unterrichtszimmers zubrachte. Die Kin⸗ der hatten bei ihrem Großvater nur auf wenige Augen⸗ blicke Zutritt und Frau von Praslin bat uns nie, unſere Abende in ihrem Salon zuzubringen. Fr. Nach dem Syſtem Ihrer Antworten auf die Fragen, welche Ihnen vorgelegt werden, fällt aller Tadel immer auf die Frau Herzogin von Praslin. Sie allein 366 Die Herzogin von Choiseul-Praslin. trifft alle Schuld. Solche Aeußerungen aus Ihrem Munde zu vernehmen, iſt aber ſehr peinlich für einen Jeden, der eben erſt die Briefe dieſer vortrefflichen Frau vorleſen hörte, insbeſondere zwei an Sie gerichtete Briefe, den einen zur Zeit eines Neujahrs, worin ſie Ihnen ſo edelmüthig Vergeſſenheit aller Zwiſtigkeiten, die zwiſchen Ihnen und ihr beſtanden hätten, anbietet; ſie hätte ſagen können: Verzeihung, aber ſie ſpricht dieſes Wort nicht aus; den andern, der in dem Augenblicke, als Sie ihr Haus verlaſſen, geſchrieben iſt, und in dem ſie Ihnen ihr Wohlwollen zuſichert, in dem ſie Ihnen ihre wirkſamſte Fürſprache verheißt, und dies Alles noch dazu in dem Augenblicke, wo ſie Ihnen für die Mühe, die Sie ſich mit ihren Kindern gaben, eine Penſion von 1500 Franken anwies? Antw. Sie haben mich nach dem in Bezug auf die Kinder des Herrn von Praslin bei der Erziehung be⸗ folgten Gange befragt; ich habe meine Erklärungen ſo deutlich als möglich zu machen geſucht. Was mich per⸗ ſönlich betrifft, ſo war das Benehmen der Frau von Praslin, wie gegen alle ihre Bekannte und ſelbſt gegen diejenigen, welche ſie am meiſten liebte, ſehr ungleich⸗ mäßig und oft unbegreiflich. Meine Eigenliebe, alle meine Gefühle hatten oft viel zu leiden. Dann wurde ich auch wieder mit Theilnahme und Wohlwollen von ihr behandelt. Oft ließ ſie, wenn ſie mir eben über den Einfluß, welchen ich in der Familie ausübe, bittere Vorwürfe gemacht hatte, eine Stunde nachher mich zu ſich rufen, um mich aufzufordern, daß ich irgend einen Plan oder einen Wunſch, den ſie hegte, mit dieſem Einfluſſe unterſtützen möge. Wenn ſie mich ſchmerzlich verletzt hatte, machte ſie mir oft gleich darauf ein reiches Geſchenk, und noch in den letzten Tagen meines Aufent⸗ e nel ral eft, hen gen icht iht nen nſit dem ſch ſen telt inel eſen Die Herzogin von Choiseul-Praslin. 367 halts in ihrem Hauſe, als ſie ſich geweigert hatte, mit mir bei Tiſche zuſammen zu ſein, und ich nach der An⸗ ſicht des ganzen Hauſes nicht ſowol ehrenvoll entlaſſen, als vielmehr weggejagt war, zeigte die Frau von Praslin ſich, als ſie mir zufällig begegnete, plötzlich wohlwollend, wie in den beſten Zeiten, ja noch mehr, ſie ſandte mir Bücher zu meiner Zerſtreuung. Fr. Das beweiſt wieder die Güte der Frau von Praslin, von der ich eben ſprach, eine Güte, die ſo oft zum Vorſchein kam und insbeſondere höchſt bemerkens⸗ werth iſt, wenn ſie auf ihr größtes Misvergnügen folgte. Antw. Aber iſt denn nicht dieſe Güte ein Beweis, daß ihr Misvergnügen nicht ſowol durch Thatſachen, die ſie für gewichtig hielt, als vielmehr durch eine Reiz⸗ barkeit des Charakters, die ſie nicht zu beherrſchen ver⸗ mochte, hervorgerufen war? Fr. Dieſe Reizbarkeit des Charakters hatte leider nur zu viel Grund und Sie ſelbſt haben davon nach Ihrem Abgange aus dem Hauſe der Frau von Praslin einen höchſt bedauerlichen Beweis geliefert. Haben Sie nicht durch Ihren Briefwechſel mit Herrn von Praslin und deſſen Töchtern die Gefühle des Verdruſſes, des Zornes, der Aufregung, welche auf Veranlaſſung Ihres Abganges gegen Frau von Praslin bei ihnen vorhanden waren, ſo weit es von Ihnen abhing, genährt? Lag nicht, ſelbſt wenn Sie ihnen zur Ertragung ihres Un⸗ glücks und des Ihrigen Muth einſprachen, in Ihren Aeußerungen eine furchtbare Anregung zur Beibehaltung der Gefühle, die damals nur allzu ſehr in Aller Herzen obwalteten und deren Ausbruch in dem des Herrn von Praslin ein ſo gräßliches Ende genommen hat? Antw. O, ich ſchwöre Ihnen, daß in dieſen Briefen weder Berechnung noch Hinterliſt lag. Ich war troſt⸗ 368 Die Herjogin von Choiseul-Praslin. los und ſprach meine Verzweiflung allzu warm, allzu rückhaltslos aus. O, ich mache mir jetzt Vorwürfe dar⸗ über; aber ich wiederhole es, um ſie von ihrer Mutter zu entfernen, geſchah es nicht. In dieſer Beziehung waren die Dinge bereits auf einen Punkt gediehen, daß ich dabei nichts mehr thun konnte; Frau von Praslin allein vermochte es. Jetzt fühle ich, ich fühle es zu ſpät, daß ich mich hätte entfernen und den Gefühlen der Kinder Zeit laſſen müſſen, ſich zu beruhigen. Ich habe jedoch nicht geſucht, das Uebel ärger zu machen; ich gab nur Alles kund, was ich litt. Im Gegentheil, ich ermahnte ſie zur Folgſamkeit. Ein Unglück war es, daß man bei dieſen jungen Mädchen ſechsjährige Bande plötzlich zerreißen wollte. Hätte Frau von Praslin ſich mit mir beſprechen, unſern Briefwechſel unter ihre Lei⸗ tung nehmen, ihn erlauben und es geſtatten wollen, daß wir uns von Zeit zu Zeit wieder ſehen durften: ſo wür⸗ den ihre und meine Gefühle nicht in einen Zuſtand von Ueberſpannung gerathen ſein. Fr. Am Schluſſe aller Ihrer Antworten ſindet ſich immer ein Unrecht von Frau von Praslin? Fräulein Deluzy ſagt weinend: Ich wollte, ich könnte nicht ſagen, was ich zu ſagen verpflichtet geweſen bin. Sie iſt todt; ich möchte ihr Leben um den Preis des meinigen wiedererkaufen können. Ja, um den Preis des meinigen, und nicht blos meines Lebens, ſondern um den Preis der ſchrecklichſten Martern. Wer ſah, wie ich, ſechs Jahre lang jede Falte ihres Weſens, die kleinſten Eigenthümlichkeiten ihres Daſeins? Wer vermag die außerordentliche, die unbegreifliche Wankelmüthigkeit zu beſchreiben, welche Frau von Praslin vom Zorn zur Luſtigkeit, von Geringſchätzung zur Milde, von der Ironie zum Wohlwollen übergehen ließ? Ich verſichere Sie, daß —————— — c— Die Herzogin von Choiseul-Praslin. 369 u ich meine Rolle höchſt peinlich finde. O, nirgends, nir⸗ tte gends, als nur vor Ihnen würde ich andere Worte, als die der Achtung, der Verehrung und des Bedauerns un d ausgeſprochen haben. O, ich vertheidige mich nicht, ſon⸗ lin dern ich ſuche Aufklärung zu geben. zu Von den dreien Malen, daß der Herzog die Deluzy ln nach ihrem Abgange beſucht, war er ein Mal, beim 30 zweiten Beſuch, allein da geweſen, er ließ ſie vor die en Thür rufen, und bat ſie mit ihm in den Wagen zu ſteigen, um einen Korb mit Früchten zu Remy's zu bringen, den eine ſeiner Töchter dieſen zugedacht. Ihr Geſpräch hätte nur die Richtung der Erziehung der drit⸗ ten Tochter betroffen. Die Herzogin wollte dieſe ſelbſt hei, übernehmen, Praslin fragte die ehemalige Gouvernante, 5. ob ſie es billige? Sie konnte dem Unterrichtsgange kei⸗ F nen Beifall geben; auch Remy hatke gemeint, daß er bei dem Kinde nicht anwendbar ſei! — Beim letzten Beſuch, welchen Praslin mit ſeinen Kindern machte, waren dieſe ſo gerührt, daß es anfäng⸗ ſo lich nur Thränen und Küſſe gab. Darauf kamen nur die bewußten Geſchäftsangelegenheiten vor. Die Deluzy m bat den Herzog, daß ſeine Gattin einen Brief an ſie bu ſchreiben möchte, der vor der Lemaire als Zeugniß zu do ihren Gunſten dienen könne. Der Herzog ſprach des⸗ hri halb ſelbſt mit der Lemaire. Die Deluzy will ihm bei dell der Rückkehr geſagt haben: er möge auch nicht zu viel ſih Gewicht darauf legen, vielleicht gebe die Lemaire der du Sache eine größere Bedeutung, um ſie, die Deluzy, zu leichtern Bedingungen zu erhalten. Jur Lemaire hatte 9 Praslin geäußert, er fürchte, ſeine Frau werde ſchwer zl zur Ausſtellung eines ſolchen Briefes zu bewegen ſein, ron da ſie wünſche, daß die Deluzy ins Ausland gehe. d Als der Herzog gegen 10 Uhr ging, ſagte er:„Ich —— ——— — 1 370 Die Herzogin von Choiseul-Praslin. ſpiele eine üble Rolle bei dieſer Sache. Es thut mir leid um Ihretwillen.“ Aber er ſchien ruhig. Bei allem, was ihr heilig, betheuerte die Deluzy, daß ſie nie aus Praslin's Munde etwas vernommen, was ſie auf den Glauben bringen können, er ſei im Stande, ſich zu argen Gewaltthätigkeiten hinreißen zu laſſen. Die Heftigkeit zwiſchen den Eheleuten ſei nicht auf des Mannes Seiten geweſen. Sie bat folgende Thatſachen, ihr allein bekannt, anführen zu dürfen. „Mehrmals habe ich Frau von Praslin drohen hö⸗ ren, ſie werde ſich ſelbſt das Leben nehmen; einmal, in Vaudreuil, wollte ſie ſich erſtechen und als Herr von Praslin ihr die Waffe entwand, verwundete er ſich die Hand; ein anderes Mal, in Dieppe, in Folge eines Wortwechſels zwiſchen ihr und ihrem Manne, bei dem ich nicht zugegen war, den aber wir, die Kinder und ich, von dem Zimmer aus, in dem wir uns befanden, vernehmen konnten, lief ſie auf die Straße und drohte, ſich ins Meer zu ſtürzen; allein in Folge der ſeltſamen Wankelmüthigkeit ihres Charakters, wovon ich vorher ſprach, ſand Herr von Praslin ſie um Mitternacht in einem Laden Einkäufe machen und vollkommen ruhig. Bei dieſen häufigen, dieſen vielfältigen Vorkommniſſen zeigte Herr von Praslin ſich immer ruhig, unerſchütter⸗ lich, ſanftmüthig.“ Lag nicht in der Aeußerung ſolcher äußerſten Schritte, die ſie zu thun im Stande, für Sie ein Zeichen des Kummers, den ſie empfand? fragte Pasquier.— Nein! Der Herzog hatte ſie ſchon beim Anzuge gewarnt: wie ſchonend man mit der Herzogin umgehen müſſe. Auch ſei auf die heftigen Vorfälle oft unmittelbar eine völlige Ruhe, ja eine ſolche Luſtigkeit gefolgt, daß man daraus ſchließen müſſen, jene Affekte ſeien nicht das Ergebniß deb on die Die Herſogin von Choiseul-Praslin. 371 wirklichen Leidens geweſen, ſondern nur die Aufwallung einer überſpannten Einbildungskraft. Von einem Scheidungsplan, den die Herzogin ge⸗ faßt, erfuhr die Deluzy erſt am Tage, als ihr durch den Abbe Gallard angekündigt ward: Marſchall Se⸗ baſtiani verlange, daß ſie das Haus verlaſſe, es gebe ſonſt ein großes Aergerniß, im Falle ſie ſich weigere. „Als ob ich mich zu weigern im Stande geweſen!“ Vom Notar Riant erfuhr ſie, daß die Herzogin,„ohne Zweifel übel berathen,“ dieſen Scheidungsplan gefaßt habe. Praslin ſelbſt bat ſie ſpäter inſtändig, daß ſie gutwillig aus dem Hauſe gehe, denn das Aergerniß, von dem man zu ihr geſprochen, könne nur ein Ehe⸗ ſcheidungsprozeß ſein.„Und dann würde ich meine Töchter verlieren!“ rief der Herzog. Sonſt ſchien er nicht großes Gewicht darauf zu legen. Von da ab erſt ſchloß ſich die Herzogin ab und ſpeiſte allein in ihrem Zimmer, während ſie die Kinder mit der Gouvernante eſſen ließ, und antwortete auf eine Bemerkung ihres Gemahls:„Ich würde Demoiſelle Deluzy gegenüber allzuverlegen ſein.“ Sie wollte ſie erſt im Augenblick, wo ſie das Haus verließe, wiederſehen. Die Leichenſchau der Ermordeten, durch die Aerzte und Chirurgen Tardieu, Canuet, Simon und Boys de Loury vorgenommen, hatte folgendes Reſultat gegeben: 1) am Kopfe, am Halſe und an beiden Händen mehr als 30 große und tieſe Wunden; einige davon durch Stoßungen, andere durch ein ſpitzes und ſchnei⸗ dendes Inſtrument hervorgebracht. An den Gliedern außerdem vielfache Quetſchungen, und um den Mund den ſtarken Eindruck von Fingernägeln. — 372 Die Herzogin von Choiseul-Praslin. 2) der Tod iſt die Folge des Blutverluſtes aus den Wunden am Hals und auf dem Kopf. 3) Alles dies, in Verbindung mit den Kratzungen um den Mund, bezeugt, daß dem Tode ein langer Kampf vorangegangen. 4) Im Magen blutiger Speichel. Zeichen, daß das Opfer mehrmals geſchrieen und genug Zeit gehabt hat, eine ziemliche Quantität dieſes mit Blut vermiſchten Speichelſchaumes herunterzuſchlucken. 5) Wahrſcheinlich waren die Wunden am Hinterkopf die letztzugefügten, weil ſie die ſchwerſten ſind. Die Er⸗ ſchöpfung, welche ſich gleich nach den Schlägen einfinden mußte, hätte dem Opfer nicht die Mittel gegeben, mit ſolcher Energie zu kämpfen. Sie ſchienen auch wirklich an der Stelle im Zimmer beigebracht, wo man den Körper gefunden. Die Wunden am Vorderhalſe dürften der Herzogin, als ſie noch im Bette lag, beigebracht ſein, während die Hand und die Nägel des Mörders ſich feſt auf ihren Mund preßten, um ſie am Schreien zu verhindern. 6) Nach der Natur der Wunden möchte man auf verſchiedenartige Inſtrumente ſchließen, auf ſtoßende, ſpitze und ſchneidende; mit gewiſſen Waffen, wie z. B. dem Yatagan laſſen ſich aber dieſe drei Wirkungen her⸗ vorbringen. Inzwiſchen unterwarfen die Aerzte im Hotel Seba⸗ ſtiani, in Aufforderung des Unterſuchungsrichters auch den Körper des Herzogs einer Beſichtigung und fanden an ihm mehre Verwundungen und Quetſchungen, näm⸗ lich: am rechten Arm eine längliche Schramme von dun⸗ kelbläulicher Farbe— an der rechten Hand am Daumen einen Biß, die Oberhaut war wol eine Centimetre lang fort— einen zweiten ziemlich ſtarken Biß an der Spitze —— 0 den auf nde, hel⸗ Die Herzogin von Choiseul-Praslin. 373 des Zeigefingers der rechten Hand— an der linken Hand eine tiefe Schramme in der Gegend des Handgelenks— am Zeigefinger eine Wunde und unweit davon einen tiefen Riß— am Mittelfinger mehre Spuren eines hef⸗ tigen Kratzens mit Verluſt von Stücken der Oberhaut — am obern Theile der linken Wade eine flache Wunde. Wenn es, nach den vorigen Ermittelungen, noch der Beweiſe bedurft hätte um zunächſt die moraliſche Ueber⸗ zeugung von ſeiner Thäterſchaft zu gewinnen, ſo liefer⸗ ten ſie dieſe Quetſchungen und Verwundungen, die auf einen langen, furchtbaren und empörenden Kampf mit ſeinem Opfer hindeuteten. Doch verſuchte der Herzog auch noch jetzt ausweichende Erklärungen zu geben. Den Biß an der rechten Hand gab er für eine Verwundung aus, die Wunde an der linken Wade als entſtanden durch das Stoßen an einen Wagentritt auf der Ei⸗ ſenbahn. Unter allen Umſtänden würde ſofort zur Verhaftung eines ſo verdächtigten Mannes geſchritten worden ſein. Aber der Herzog von Choiſeul⸗Praslin war Pair von Frankreich. Nach den Beſtimmungen der Charte glaubte der Generalprocurator einen Pair, auch wenn er in flagranti auf einem Morde betroffen ward, nicht ohne Genehmigung der Pairskammer verhaften zu dürfen. Und die Pairskammer war nicht einmal zuſammen, eine königliche Ordonnanz mußte ſie erſt berufen, und der König war nicht in Paris, ſondern auf Schloß Eu am Meere! Der vorliegende Prozeß iſt, wie jeder ſich entſinnt, von einer großen Wichtigkeit und Einfluß auf die öffent⸗ liche Meinung, vielleicht auf die ganze Entwicklung der Geſchichte Frankreichs geweſen; dies war aber ein Um⸗ ſtand, wo auf den erſten Blick ſcharf und grell für jeden 374 Die Herzogin von Choiseul-Praslin. ein Misverhältniß der geſetzlichen Beſtimmungen zur Sitte, zum allgemein gefühlten Rechte in die Augen ſprang. Als man die Rechte der Pairs aufſtellte, hatte man nicht daran gedacht, daß ein Pair ein gemeines Verbrechen, daß er einen Diebſtahl, einen Mord begehen könne. Sollte er, weil er Pair war, den Verfolgungen der Geſetze entgehen? Das war möglich, wenn man es nicht wagte, die geſetzlichen Beſtimmungen zu umgehen. Der Procurator that es, indem er den Herzog in ſeinem Zimmer unter Aufſicht ſtellte. Hierin überſchritt er ſchon die Vorſchrift der Geſetze, und that doch nicht genug. Durch eine königliche Ordonnanz, noch am 19. in Eu erlaſſen, ward die Pairskammer als Gerichtshof zu⸗ ſammenberufen. Louis Philipp ſagte, als er die Feder ergriff, um die Ordonanz zu unterzeichnen, mit weh⸗ müthiger Stimme:„Im Verlauf meiner Regierung habe ich manchen Unglückstag erlebt, aber noch nie wurde mir eine ſchmerzlichere Handlung durch die Gerechtigkeit geboten, als die ich jetzt vollziehe.“ Der Herzog ward plötzlich krank. Es traten wenig⸗ ſtens häufige Erbrechungen ein; eine Mattigkeit, ge⸗ drückte Haltung, Antworten, die man ſich nicht erklä⸗ ren konnte, erregten Verdacht. Der Kanzler Pasquier ſandte den Parlamentsarzt Andral in das Hotel. Er fand den Herzog anſcheinend beſſer, als er geglaubt, es war aber möglich, daß derſelbe ſich nur zuſammennahm, um etwas Anderes zu verbergen; und zwei Symptome, die außerordentliche Kleinheit des Pulſes und die eiſige Kälte der Gliedmaßen, konnten Beſorgniſſe und den Verdacht erwecken, daß er, der Aufſicht ungeachtet, Gift Sitte rang. nicht echen, könne. nder nicht og in ſchritt nicht 19 in Feder weh⸗ habe wurde igkeit woig⸗ erkl⸗ uel 6r ht, eb nahm, otome, eiſige d den Git Die Herzogin von Choiseul-Praslin. 375 genommen. Er hielt es für unmöglich, ihn in dem Augenblicke fortzuſchaffen. Paris war ungemein geſpannt;z das Publikum eifer⸗ ſüchtig, daß auch ein ſo hochgeſtellter Verbrecher der Strafe des Geſetzes nicht entgehen dürfe. Man hielt es daher hin mit der Verſicherung, der Herzog ſei nicht vergiftet. Man glaubte es anfangs ſelbſt, es ſei nur ein Anfall von Brechkolik geweſen, erklärlich durch die moraliſche Erſchütterung, welche ſo auf die phyſiſche Conſtitution des nicht ſtarken Mannes eingewirkt habe. Bald indeß ließ es ſich nicht mehr verbergen, daß es die Folgen eines Vergiftungsverſuches durch Arſenik wä⸗ ren. Durch Gegenmittel milderte man die heftigſten Wirkungen des Giftes, und der Kanzler glaubte auf einen neuen Bericht(vom 20. Auguſt Abends vier Uhr) des Dr. Andral einen wirklichen Verhaftsbefehl gegen den Herzog erlaſſen und vollſtrecken zu dürfen. Sonnabend(21.) um vier Uhr Morgens erſchien der Huiſſier der Pairskammer mit dem Verhaftsbefehl im Hotel Sebaſtiani. Der Herzog lag im Bette, Dr. Andral beſtätigte, daß eine merkliche Beſſerung einge⸗ treten und der Kranke, wiewol noch an großer Mattig⸗ keit leidend, aus dem Hotel weggebracht werden könne. Man las ihm darauf die Ordonnanz des Königs und den Verhaftsbefehl vor. Der Herzog hörte es ruhig an und empfing die Kunde, ohne ein Wort zu ſagen. Er machte nur eine Anſtrengung, ſich aufrecht zu ſetzen, als wolle er dadurch andeuten, daß er dem Verlangen der Juſtiz zu genügen bereit ſei. Man kleidete ihn an, und auf zwei Perſonen gelehnt, konnte er die Treppe hinabſteigen bis zum Wagen des Herzogs von Decazes, der ihn im Hofe erwartete. Wohl bewacht, doch mit ſchonender Vorſicht, indem 376 Die Herzogin von Choiscul-Praslin. die Polizeibeamten vor und hinter den drei Wagen ſich vertheilten, fuhren dieſe im Schritt vom Hotel Sebaſtiani nach dem Palais Luxembourg. Die Fahrt über die Quais und durch noch faſt menſchenleere Straßen dauerte eine volle Stunde, ein feierlich unheimlicher Zug. Wer von den vereinzelten Arbeitern, die ſchon zu ihrem Tage⸗ werk gingen, den wappengeſchmückten Wagen etwa mit neidiſchen Augen anblickte, ahnte nicht, daß ein Herzog und Pair, des Mordes angeklagt und ſterbend, darin zum Gefängniß abgeführt ward.* Während der ganzen Fahrt hatte Praslin, deſſen krampfhaft verzogenes Geſicht todtenbleich war, keine Sylbe geſprochen. Er war zu ſchwach zum Ausſteigen, man mußte ihn hinausheben, die Treppe hinauftragen. Er nahm daſſelbe Zimmer ein, in welchem vor ihm Ge⸗ neral Cubitres ſeine Haft abgehalten. Sein Diener durſte ihn entkleiden und ins Bett legen. Dann mußte er das Gefängniß verlaſſen. Alles Mitgebrachte ward der genaueſten Unterſuchung unterworfen, ſelbſt die Nähte ſeines Schlafrockes, die Sohlen ſeiner Filzſchuhe. Man fand nichts Verdächtiges. Noch am ſelben Tage ward von Pasquier und der Unterſuchungscommiſſion des Pairshofes das erſte Ver⸗ hör— es blieb auch das letzte— mit dem Herzoge ab⸗ gehalten. Factiſch ward damit nichts ermittelt, es iſt aber ſo charakteriſtiſch, die Art der Antworten, welche der Herzog gab, ſo bezeichnend, daß es keinen Auszug leidet. Pasquier's Meiſterſchaft, im Inquiriren anerkannt und erſt jüngſt im Prozeß gegen Teſte bewährt, zeigte ſich auch hier wieder in der edeln Form und den feinen Wendungen der Fragen, während die ausweichenden Ant⸗ worten des Angeſchuldigten deutlicher für den Pſycholo⸗ gen ſprachen, als ein dürres Eingeſtändniß: di Die Herzogin von Choiseul-Praslin. 377 Fr. Sie kennen das gräßliche Verbrechen, welches Ihnen ſchuldgegeben wird; Sie kennen alle Umſtände, die Ihnen vorgelegt worden ſind und nicht einen Schat⸗ ten von Zweifel mehr übrig laſſen; ich empfehle Ihnen, die Anſtrengung, welche dieſes Verhör Ihnen zu koſten ſcheint, durch ein Geſtändniß abzukürzen; denn leug⸗ nen können Sie nicht: Sie werden nicht zu leugnen wagen? Antw. Die Frage iſt ſehr beſtimmt, ich beſitze aber nicht die Kraft zu antworten; ſie würde ſehr lange Er⸗ klärungen erheiſchen. Fr. Sie ſagen, zu einer Antwort würden lange Er⸗ klärungen erforderlich ſein? Durchaus nicht; ein Ja oder ein Nein genügt. Antw. Es gehört eine große Geiſteskraft dazu, ein Ja oder ein Nein zu antworten, eine unermeßliche Kraft, die ich nicht beſitze. Fr. Es würde nicht nöthig ſein, in große Erklä⸗ rungen einzugehen, um auf die Frage zu antworten, die ich Ihnen eben vorgelegt habe. Antw. Ich wiederhole, daß eine Geiſteskraft, die ich nicht beſitze, nöthig ſein würde, um darauf zu ant⸗ worten. Fr. Um welche Zeit haben Sie am Abend vor dem Verbrechen Ihre Kinder verlaſſen? Antw. Es mochte halb elf, drei Viertel auf elf ſein. Fr. Was machten Sie, als Sie dieſelben verließen? Antw. Ich ging hinunter in mein Zimmer und legte mich ſofort zu Bette. Fr. Schliefen Sie? Antw. Ja(mit einem Seufzer). Fr. Bis wie lange? Antw. Deſſen erinnere ich mich nicht. 378 Die Herzogin von Choiseul-Praslin. Fr. Stand Ihr Entſchluß ſchon feſt, als Sie ſich niederlegten? Antw. Nein. Zunächſt weiß ich nicht, ob das ein Entſchluß zu nennen iſt. Fr. Als Sie erwachten, was war Ihr erſter Ge⸗ danke? Antw. Es iſt mir, als ob ich durch Schreien im Hauſe aufgeweckt bin und daß ich in das Zimmer der Frau von Praslin eilte. 31 Der Angeſchuldigte fügt mit einem Seufzer hinzu: Ich bitte Sie mir den Schmerz zu erſparen, und dieſes Verhör abzubrechen. Fr. Als Sie in das Zimmer der Frau von Praslin traten, konnte Ihnen nicht unbekannt ſein, daß alle Aus⸗ gänge um Sie herum vetſchloſſen waren; Sie allein konnten dort eintreten? Antw. Das wußte ich nicht. Fr. Sie ſind an jenem Morgen mehrm in das Zimmer der Frau von Praslin gegangen; als Sie zum erſten Male dort eintraten, lag ſie da im Bette? Antw. Nein, ſie lag leider am Boden. Fr. Lag ſie nicht an derjenigen Stelle, wo ſie den letzten Schlag von Ihnen bekommen hatte? Antw. Wie können Sie eine ſolche Frage an mich richten? 2 Fr. Weil Sie mir nicht gleich geantwortet haben. Woher ſtammen die Schrammen, die ich an Ihren Hän⸗ den wahrnehme? Antw. Ich ritzte mich am Tage vorher, als ich Praslin verließ, während ich mit Frau von Praslin einpackte. Fr. Woher haben Sie dieſen Biß, den ich an Ihrem Daumen ſehe? ſin wo zu un (ov ger wü ſic Si e ſch ein r Gr⸗ en im r der inzu: dieſ llein Die Herzogin von Choiseul-Praslin. 379 Antw. Das iſt keiner. Fr. Die Aerzte, von denen Sie unterſucht worden ſind, haben erklärt, daß es ein Biß ſei. Antw. Schonen Sie mich, ich bin äußerſt ſchwach. Fr. Es muß für Sie ein ſehr peinlicher Augenblick geweſen ſein, als Sie beim Eintreten in Ihr Zimmer ſahen, daß Sie mit dem von Ihnen vergoſſenen Blute bedeckt ſeien, und Sie haben ſich bemüht, es abzu⸗ waſchen? Antw. Man hat dieſes Blut ſehr übel gedeutet; ich wollte nicht vor meinen Kindern mit dem Blute ihrer Mutter erſcheinen. Fr. Es macht Sie ſehr unglücklich, dieſes Verbrechen begangen zu haben? Der Angeſchuldigte antwortet nicht, ſondern ſcheint in Gedanken verſunken. Fr. Sind Ihnen nicht üble Rathſchläge ertheilt worden, die Sie zu dieſem Verbrechen angetrieben haben? Antw. Mir ſind keine Rathſchläge ertheilt worden; zu einer ſolchen Sache ertheilt man keine Rathſchläge. Fr. Werden Sie nicht von Gewiſſensbiſſen gepeinigt und würde es Ihnen nicht eine Art von Erleichterung gewähren, die Wahrheit geſagt zu haben? Antw. Heute mangelt mir völlig die Kraft. Fr. Sie ſprechen fortwährend von Ihrer Schwäche; ich erſuchte Sie ja eben, mir nur mit Ja oder Nein zu antworten. Antw. Könnte mir Jemand den Puls fühlen, ſo würde er ſchon meine Schwäche beurtheilen. Fr. Sie haben eben Kraft genug gehabt, eine ziem⸗ lche Anzahl von Fragen nach Einzelheiten, die ich an Bie richtete, zu beantworten; dazu hat es Ihnen an Fraft nicht gefehlt. 380 Die Herſogin von Choiseul-Praslin. Der Angeſchuldigte antwortet nicht. Fr. Ihr Stillſchweigen antwortet für Sie, daß Sie ſchuldig ſind. Antw. Sie ſind mit der Ueberzeugung, daß ich ſchuldig ſei, hierher gekommen; ich kann ſie nicht än⸗ dern. Fr. Sie würden ſie ändern können, wenn Sie Gründe angäben, das Gegentheil zu glauben, wenn Sie auf eine andere Weiſe erklärten, was nur durch Ihre Schuld⸗ barkeit erklärlich zu ſein ſcheint. Antw. Ich glaube nicht jene Ueberzeugung in Ihrem Geiſte ändern zu können. Fr. Weshalb glauben Sie, daß Sie unſere Ueber⸗ zeugung nicht ändern können? Der Angeſchuldigte ſagt nach einer Pauſe, es über⸗ ſteige ſeine Kräfte, fortzufahren. Fr. Als Sie dieſe gräßliche Handlung begingen, dachten Sie da an Ihre Kinder? Antw. Das Verbrechen habe ich nicht begangen; was meine Kinder betrifft, die ſind meinem Geiſte ſtets gegenwärtig. Fr. Wagen Sie zu betheuern, daß Sie dieſes Ver⸗ brechen nicht begangen haben? Der Angeſchuldigte legt ſeinen Kopf in ſeine Hände und ſchweigt einen Augenblick ſtill; dann ſagt er:„Auf eine ſolche Frage kann ich nicht antworten.“ f. Fr. Herr von Praslin, Sie befinden ſich in einer qualvollen Lage, könnten aber, wie ich vorhin ſagte, dieſe Qual vielleicht mildern, wenn Sie mir antworten würden. Der Angeſchuldigte antwortet nicht, ſondern bittet inſtändig, daß ſein Verhör unterbrochen und bis zu einem andern Tage ausgeſetzt werde. nen Ve Ni zů rot mi fot Be gl ß Ei uß it cht in Grünt zi u Schul Ihr ellebe es übe cginge angen ſte ſie Die Herzogin von Choiseul-Praslin. 381 Vom 21. zum 22. ward der Zuſtand des Gefange⸗ nen immer ſchlimmer. Es war unmöglich, mit ihm Verhöre anzuſtellen. Körperliche Mattigkeit und geiſtige Niedergeſchlagenheit waren gleich groß. Am 22. zeigten ſich die Anzeichen einer heftigen Ent⸗ zündung des Verdauungscanals; die Zunge war hoch⸗ roth, ſo die Schleimhaut des Mundes, der Kehle. Ein brennender Durſt, ein ſchmerzhaft aufgetriebener Bauch; der Blick verſtört, Athmen nur mit großer Schwierig⸗ keit, der Puls häufig und ſehr ſchwach. Nur der Geiſt blieb ungetrübt. Endlich fand ein Chemiker in den Stuhlabgängen unzweifelhaft Arſenik. Am 25. Auguſt um 4%½ Uhr ſtarb der Herzog von Ghoiſeul⸗Praslin, unter Qualen, ſagte ein außerge⸗ richtlicher Bericht, welche an Schmerzen die Strafe, die das Geſetz über ihn verhängen konnte, zehnfach aufwogen. Er ſtarb ohne ein zweites Verhör, ohne gerichtliches Bekenntniß, ein furchtbar pſychologiſches Räthſel hinter ſich laſſend. Hiermit war eigentlich der Prozeß zu Ende. Aber uußer dem Räthſel, deſſen mögliche Löſung doch auch hierher gehört, blieben noch drei Rebenprozeſſe übrig: 1) Gegen die als Miturheberin bezüchtigte Demoi⸗ ſelle Deluzy. 2) Gegen die Unbekannten, welche es dem Herzog möglich gemacht ſich durch Gift der Strafe des Schaf⸗ ſotes zu entziehen. 3) Das Verfahren in der Pairskammer, über die Berechtigung des Kanzler Pasquier, eines ſeiner Mit⸗ glieder ohne Befehl der Kammer zu verhaften. 382 Die Herzogin von Choiseul-Praslin. Die Erbitterung in Paris war ungeheuer, als man nur die Nachricht erhielt, daß der Herzog, der Mörder, an einem Unwohlſein litte, dem man keinen andern Grund beimeſſen wollte, als daß er Gift genommen, daß ſeine Bewachung ſo ſchlecht geweſen, daß er Gift nehmen können! Dieſe Erbitterung war verhältniß⸗ mäßig weit größer, als das Entſetzen über die gräßliche Mordthat ſelbſt. Sie war ſo groß, daß man durch viele Zeitungsartikel die Verſicherungen ins Publicum ſtreuen ließ: er habe kein Gift genommen, es ſei un⸗ möglich, daß er Gift genommen, ſo gut werde er be⸗ wacht, es ſei nur eine durch die furchtbaren Affecte mo⸗ tivirte Krankheit, die unter der Pflege der Aerzte werde überwunden werden, um den Verbrecher dem Gerichte und ſeiner Strafe zu erhalten. Das Volk glaubte es nicht. Wäre der Gefangene bei Tage, in Gegenwart der zahlreichen Haufen, die in den erſten Tagen ſich immer in der Nähe des Hotel Praslin ſammelten, abgeführt worden, ſo wäre die Ord⸗ nung ſchwer aufrecht zu erhalten geweſen. Um deshalb hatte der Kanzler Pasquier die Vollziehung des gegen den Herzog erlaſſenen Verhaftsbefehls um einen Tag verhindert und die Abführung nach dem Luxembourg erſt mit Ausgang der Nacht bewerkſtelligen laſſen. Dieſe Erbitterung aber wuchs noch, als man ſeinen Tod erfuhr. Durch ganz Paris, Frankreich, war nur eine Anklageſtimme: die Pairs haben ihm das Gift zu⸗ kommen laſſen, um der Schande überhoben zu ſein, ei⸗ nes ihrer Mitglieder als gemeinen Mörder zum Tode verurtheilen und es auf dem Schaffot ſterben ſehen zu müſſen. Ja, die Anklage ging indirect noch weiter, gegen d König Ludwig Philipp ſelbſt. Der Herzog von 2 un tio lär ſec ber ſern uy zu zuz da gel de M zah me me par die s man Nötde ander men et Gif ültniß tůßlich dur blicun ſei u et be ete mo e welde Gericht fungen die Hole ie Oid dechal 9 en embol h nſuin war n ein,. n chen. en d Die Herzogin von Choisenl-Praslin. 383 ſeul⸗Praslin, aus einem der erſten Adelsgeſchlechter des alten Frankreichs, deſſen Familie ihre Ahnen bis über Gottfried von Bouillon hinaufführte, immens reich, mit den Sebaſtianis durch ſeine Ehe verbunden, war eine der wenigen und zugleich der bedeutendſten ariſtokrati⸗ ſchen Stützen des Julithrons. Der König ehrte ihn nicht, er liebte ihn auch vielleicht nicht, aber er ſchätzte und mußte ihn ſchätzen als ein Juwel in ſeiner Krone, als einen Stammhalter ſeines Thrones. Er konnte, wollte, durfte nicht die Schmach zugeben, ihn unter der Guil⸗ lotine fallen zu ſehen. So urtheilte das Volk. Man rufe ſich den Zuſtand der öffentlichen Meinung um die Mitte des Jahres 1847 zurück! Die Corrup⸗ tionsprozeſſe hatten das Vertrauen in die Verwaltung längſt erſchüttert, vernichtet, die ſotiale Revolution, die, ſechs Monate ſpäter, ausbrechen ſollte, war dadurch vor⸗ bereitet. Wenn ein Mann, wie Guizot ſelbſt, von ei⸗ ſernem Charakter und moraliſch unbefleckt, dieſer Cor⸗ mption nicht ſteuern können, wenn er, um am Ruder zu bleiben, ſich genöthigt geſehen, nicht ein Auge, beide zuzudrücken, wer ſchaffte dem Volke nur die Ausſicht, daß es beſſer darin werde! Und ein demoraliſirender Prozeß dieſer Art folgte dem andern. Das Volk war gelehrt, die hochgeſtellten Männer des Staates nur in dem Lichte zu ſehen, als beſtechlich und beſtechend, ihre Meinungen verkaufend für das Geld, was das Volk zuhlte; es fehlte nur noch, daß dieſe Notabilitäten nicht mehr allein als feine Betrüger, ſondern auch als ge⸗ meine Verbrecher ſich ihm enthüllten. Was war dem pariſer Publicum durch Sue's Myſteres ſchon enthüllt, de Dichtung mußte nur noch durch eine Wahrheit be⸗ ſegelt werden, welche die Dichtung noch in ihren Schlag⸗ ſhatten an Gräßlichkeit überbot. So hätte kein Dichter ————.— 384 Die Herzogin von Choistul-Praslin. einen vornehmen Mann ſeine Gattin bei den Haaren ſchleifen, zerſchlagen und abſchlachten laſſen können, und dieſer vornehme Mann war ein Pair Frankreichs, ein Herzog aus der Familie Choiſeul, in deren Händen das Schickſal Frankreichs gelegen! Mit dieſer That war auch der letzte Glanz befleckt, den dieſe alten Geſchlechter mühſam wieder um ihren Stammbaum geſammelt. Und dieſen Mann wollte man der Juſtiz entreißen, das end⸗ liche heiß erſehnte Opfer des durch das Blut der erſten Revolution noch nicht gelöſchten demokratiſchen Durſtes! Daß er qualvoller durch den Gifttod gelitten, als durch den raſchen Schlag des Fallbeils, daß die Schmach die⸗ ſelbe bleibe, daß es dadurch, und auch ohnedies um die Ariſtokratie geſchehen war, genügte dem Volke nicht. Und hatte es nicht auch einen gerechten Grund, empört zu ſein: daß ein gemeiner Mörder nicht auf der Stelle, auch nicht, wo er ſo gut als auf handhafter That be⸗ troffen war, verhaftet werden durfte, weil— er ein Pair von Frankreich war! Und dennoch— denn der Kanzler Pasquier hatte auf eigene Verantwortlichkeit mehr gethan, als er durfte, wenngleich, wie wir ſahen und ſchon anführten, nicht genug, indem er in der vorausgeſetzten Zuſtimmung der Pairskammer, den Herzog unter Aufſicht ſtellte und den Verhaftsbefehl anticipirte— dennoch ward er eben des⸗ wegen formell von einem Mitgliede der Pairskammer zur Rede geſtellt. Man erkannte, daß es ein Privile⸗ gium ſei, welches nicht länger dauern könne; dieſe Ueber⸗ zeugung durchdrang Alle, und doch wollte man, ſo lange es beſtand, daſſelbe in ſeiner ganzen Ausdehnung wah⸗ ren; gegenüber der öffentlichen Meinung, die ſchon in ſo furchtbarem Hohn, ſo entſetzlichen Drohungen geg die Privilegirten ſich Luft gemacht! Ein Geiſt des Rit⸗ ge ge be eu Nonen u , ein en das t war lechter Und s end⸗ erſten urſtes durch uch die⸗ mn di enyön Stelle, hat be er ein hatte dufft nicht ung du und den ben de⸗ zlunmet piile teber⸗ Die Herzogin von Choiseul-Praslin. 385 terthums, der häufig, wo eine Sache zu Ende gceht, plötzlich ausbricht. Wie manche Corporation hätte län⸗ ger beſtanden, wenn ſie den Hervismus, der ſie beim Schluß ihres Daſeins ergriff, um eine ehrenvolle Grab⸗ tafel von der Geſchichte zu erhalten, früher an den Tag gelegt hätte— als es noch Tag für ſie war! Was hat dieſe Debatte noch heut für Bedeutung! Richt ſechs Wochen vergingen, und mit dem Privilegium erloſch die Pairskammer ſelbſt, mit allen ihren Rechten, Titeln, um nicht wieder zu erſtehen!“ Laſſen wir dieſen nutzloſen Formalienſtreit ruhen. Aber in der Sitzung der Pairskammer als Pairshof(vom 30. Auguſt) legte der Kanzler Pasquier in einem glänzenden Vortrage Rechenſchaft über den Proceß ab, der, kaum begonnen, ſchon geendet hatte, um Anträge zum for⸗ mellen Schluß deſſelben zu begründen, und ſtellte zu⸗ gleich die Momente dar, welche die Anklage gegen dieſen Gerichtshof ſelbſt, hinſichts der Beihülfe zur Vergiftung, entkräften ſollten. Die ganze Rede iſt ein Schauſtück, auf das Publicum mehr berechnet, als auf die Gerech⸗ tigkeit, die abgefunden war, das Publicum erwartete noch viel, erhielt aber nur wenig. Wir theilen aus dieſem oratoriſchen Kunſtſtück nur Weniges mit. Seine Tendenz iſt löblich, der öffentli⸗ chen Moral das Wort zu reden, die Verbrechen der Großen abzuſtrafen, wenn wir nur nicht hinter den Couliſſen den Controleur ſtehen ſähen: male nicht ſchwarz genug das Laſter des Andern und exculpire nicht weiß genug dich ſelbſt, ſonſt ſteht der Richter und Henker bereit, dich als Schuldigen zu ergreifen. Wenn er nur ein Opfer hat, einen Sündenbock, ihm iſt es gleich, wer es iſt und wie es heißt. „Die Herzogin von Praslin— ſagt Pasquier— XV. 17 ——— ———— — — — — — — — 386 Die Herzogin von Choiscul-Praslin. wurde durch ihren Mann ermordet, dem ſie zehn Kin⸗ der geboren hatte, von denen neun noch am Leben ſind, dem ſie neben den Gaben der Natur auch dieje⸗ nigen des gebildetſten Geiſtes, der erhabenſten Seele, des liebevollſten Herzens zugebracht hatte. „Ihre vornehme Abkunft ſtand derjenigen ihres Man⸗ nes durchaus nicht nach. Unerwähnt laſſe ich das glän⸗ zende Vermögen, welches ſie dem ſeinigen angereiht hatte und deſſen ſie in jeder Beziehung würdig war, durch den Gebrauch, den ſie davon zu machen verſtand, wenn ihr die Mittel dazu gelaſſen wurden, wie durch die Handlungen der Mildthätigkeit, wozu die Grund⸗ ſätze der heiligen Religion, von denen ſie durchdrungen war, ſie fortwährend antrieben. Sie ſtarb alſo, dieſer Engel an Güte.... Ich würde nicht Worte zu finden wiſſen, wenn ich Ihnen die Gefühle aus ſprechen wollte, welche durch die Entdeckungen in mir erweckt wurden, die ich im Verlaufe der herzzerreißenden Nachforſchun⸗ gen, deren Ausführung mir geboten war, zu machen genöthigt geweſen bin. „Mir ſchien, und meine Collegen theilten dieſe Mei⸗ nung, daß die beſte Art, Sie in den Kern der Gedan⸗ ken, die ich in dieſer kurzen Darlegung Ihnen nur ſehr ſchwach habe ſchildern können, völlig eingehen, ganz und gar eindringen zu laſſen, darin beſtehen würde, we⸗ nigſtens einen Theil von den Briefen, die Frau von Praslin an ihn, der ſie zu empfangen ſo unwürdig war, geſchrieben hat, Ihnen vorzulegen, ſowie auch einige von den Betrachtungen, von den Meditationen, deren Aus⸗ druck in einigen wenigen Manuſcripten verzeichnet 6 dieſen koſtbaren Ueberreſten von den Ausflü ſen einer der ſchönſten Seelen, die Gott zum Ruhme aller Zeiten und aller Generationen 1 ge de un nſi dieje nſten thatte. Man⸗ glän⸗ gereiht 9 war, erſtand, e durh Grund⸗ rungen dieſet fünden wollke, wurden, rſchun⸗ machen ſe Me Gedan nut ſch n, gul rde, W ru von we igt vo LU let ſich us flül tt z Die Herzogin von Choiseul-Praslin. 387 geſchaffen hat. Dieſe Schriftſtücke bilden einen Theil der Sammlung, deren ich vorhin gedachte und die jetzt unter Sie vertheilt worden iſt. „Hätte der Herzog ſich nicht ſelbſt gerichtet, wie ich vorhin Ihnen zu ſagen die Ehre hatte, ſo würde dieſe Sammlung alle Diejenigen, welche ſich die Mühe neh⸗ men wollten, ſie zu leſen, in den Stand ſetzen und be⸗ rechtigen, mit der gerechten Strenge, der ſein Andenken nicht zu entgehen vermag, gewiſſenhaft über ihn zu ur⸗ theilen; und wenn dieſe Sammlung ſtets ein ewiges Denkmal der Schlechtigkeit eines der ärgſten Verbrecher, die jemals gelebt haben(1), bleiben muß: ſo wird doch zu gleicher Zeit auch die tröſtliche Betrachtung daraus hervorgehen, daß dem wildeſten Raſen der allerſchlechteſten Menſchen von der Vorſehung in jedem Stande und in allen Claſſen oft die reinſte Tugend zur Seite geſtellt iſt, um dadurch der Menſch⸗ heit gewiſſermaßen das Recht zu geben, von den Schlech⸗ tigkeiten, die ſie betrüben, die Augen zuweilen abzuwen⸗ den, und vielleicht auch, um einiges Erbarmen für die⸗ ſelben zu erflehen. „Wer könnte auch wol zweifeln, wenn man die Briefe und die Schriften der Frau Herzogin von Praslin ge⸗ leſen hat, daß ihre Seele in dieſem Augenblicke gänzlich damit beſchäftigt iſt, wo möglich, den göttlichen Zorn gegen Denjenigen zu beſchwichtigen, der ihr Mörder ge⸗ weſen iſt, aber der Vater ihrer Kinder war? Ich reiße mich los, meine Herren, von dieſen natürlichen Betrach⸗ tungen, um auf die Darſtellung einiger Thatſachen über⸗ zugehen, die Ihre Aufmerkſamkeit in Anſpruch nehmen müſſen. „Ich habe Ihnen nicht über einen Criminalproceß zu berichten, der inſoweit, als Sie hauptſächlich betheiligt 172 388 Die Herzogin von Choiseul-Praslin. waren, nicht mehr zur Entſcheidung vorliegt. Der Tod des Verbrechers, auch des allergeſtändigſten, ſchließt in Bezug auf ihn alle Verfolgungen der Juſtiz. Es gibt aber einen Hauptpunkt, der gar nicht genugſam ins Licht geſtellt werden kann. Der Rang, das Vermögen, die Stellung des Herrn von Praslin in der Welt erho⸗ ben ihn in eine Sphäre, wo die Begehung eines Ver⸗ brechens, wie es an der Perſon ſeiner Frau verübt wor⸗ den, um ſo unbegreiflicher erſcheint. Aber eben deswe⸗ gen liegt auch in dem Beiſpiel eines ſolchen Verbre⸗ chens, wenn es ſo hohen Ortes gegeben wird, et⸗ was Erſchreckliches für die ganze bürgerliche Geſell⸗ ſchaft. Man kann ſich demnach des Gedankens nicht erwehren, daß es zu wünſchen geweſen wäre, die Sühne möge cbenſo augenfällig geworden ſein, wie die Un⸗ that ſelbſt. „Nie konnte, nie durfte die Gleichheit vor dem Geſetze nachdrücklicher und mit mehr Recht in Anſpruch genommen werden, und Sie wür⸗ den nicht ermangelt haben, Ihrer Pflicht zu genügen und in dem urtheilsſpruch über den Herrn von Praslin aus dieſem Grundſatze alle ſeine Folgerun⸗ gen herzuleiten. Es fehlt jedoch nicht an Perſonen, die ſich zu glauben verſucht fühlen, daß der Wunſch, ein ſolcher Verbrecher möge von der Schande der Strafe, die ihm auferlegt werden mußte, befreit bleiben— als ob die Schande von der Strafe abhinge; als ob ſie nicht das Ergebniß, die unvermeidliche Folge des Verbrechens ſelbſt wäre, ſobald dieſes conſtatirt worden iſt!— daß der Wunſch, ſage ich, dieſe Schande möge ihm erſpart werden, auf den Gedanken habe bringen können, ihm die Mittel zu verſchaffen, ihr zu entgehen, indem er ſich mit ſeinen eigenen Händen den Tod gebe und auf dieſe V ri 9 9 2 6 ————— et o ließt in s gibt m ins mögen, t echo⸗ es Ver⸗ bt wot⸗ deswe⸗ Perbr⸗ rd, et Geſel⸗ s nicht Sühnt die Un⸗ it vot Recht wür— icht zu n Hern zolgenn nen, 6 ſch, ein Etnft — ſi nich brechel d — do Die Herzogin von Choiseul-Praslin. 389 Weiſe es vermeide, denſelben durch die Hände des Scharf⸗ richters zu erleiden.“ Der Herzog hatte, zufolge ſeinem eigenen, dem Groß⸗ referendar, Herzog Decazes, bald vor ſeinem Tode ab⸗ gelegten Geſtändniß, Arſenik aus Schloß Praslin mit⸗ gebracht, wo er daſſelbe zur Vertilgung der Ratten und Mäuſe beſeſſen. Er hatte es ſchon Mittwoch am 18., als er ſah, daß er ein Gegenſtand gerichtlicher Unterſu⸗ chungen geworden, verſchluckt. Pasquier argumentirt, daß Praslin der Hoffnung ge⸗ weſen, es werde ihm gelingen,„das Verbrechen, zu dem er entſchloſſen, hinlänglich zu verbergen.“ Als ſie aber durch die eingetretenen Umſtände vereitelt worden, als er ſich durch die Wahrſcheinlichkeit der Ueberführung überwältigt ſah, ſei er ſofort zum Entſchluß gekommen, das Gift zu nehmen. Er habe wahrſcheinlich geglaubt, die Wirkung werde raſcher ſein, als ſie es in der That war. Die Symptome ſeines Unwohlſeins ließen ſich aber noch am nächſtfol⸗ genden Donnerſtag für die einer Brechkolik annehmen. Dafür nahm ſie der herbeigerufene, ſehr geſchickte Fa⸗ milienarzt.(1) Am Freitag Vormittag ſchien ſein Zuſtand ſogar beſſer zu werden. Da erſt, nach Empfang der könig⸗ lichen Ordonnanz, hatte der Kanzler ſich für berechtigt erachtet, den Parlamentsarzt Andral zum Herzog zu ſen⸗ den. Die eingetretene Beſſerung geſtattete dieſem noch nicht die wahre Urſache der Krankheit zu erkennen. Aber die Hinüberſchaffung ins Gefängniß erklärte er für zu— läſſig. Hier folgte am Sonnabend das erſte und einzige Verhör vor der Commiſſion. Pasquier erklärte,„obwol ein vollſtändiges Geſtändniß dem Angeſchuldigten nicht † 390 Die Herzogin von Choiseul-Praslin. über die Lippen wollte, konnte doch der Mangel je⸗ der förmlichen Ableugnung, ſelbſt wenn ihm aus⸗ drücklich zwiſchen einem Ja und Nein die Wahl gelaſſen wurde, wol für ein Geſtändniß gelten.“ Vom Verhör war er ins Bett zurückgebracht wor⸗ den, welches er nicht wieder verlaſſen hatte. Jetzt, im Verlauf des Sonnabend, wären die Symptome bedenk⸗ licher, alle Zeichen der Vergiftung deutlicher hervorge⸗ treten. Von da ab durch drei Aerzte, Andral, Rouget und Louis(Praslin's Hausarzt) eine Behandlung,„wie es in einem ſolchen Falle geſchehen mußte.“— In den Ausleerungen fand man Arſenik. Eine kleine Phiole, die an der Perſon des Herzogs, als er ſich noch in ſei⸗ nem Hotel befand, in Beſchlag genommen war, enthielt Arſenik. Später ermittelte der Chemiker Chevalier noch das Daſein von Arſenik in den Ausleerungen, welche auf einem Lehnſtuhl zurückgeblieben waren, auf dem Praslin am Donnerſtag, beim Ausſteigen aus einem Bade geſeſſen, und den man damals, wegen des Ge⸗ ruchs, nach dem Garten geſchafft hatte.(Alſo ſchon zwei Tage vor der wirklichen Verhaftung des Herzogs das Daſein einer Arſenikvergiftung ²) Seit Sonntag Morgen dermaßen Zunahme von Schmerz und Schwäche, daß kein neues Verhör möglich war. Man brachte nur einzelne Sätze, abgeriſſene Worte hervor. Am Dienſtag der Tod. Zergliederung der Leiche in Gegenwart der drei genannten Aerzte, vorgenommen vom berühmten Orfila und Tardieu. Reſultat daſſelbe. Und dieſe Vergiftung des Herzogs, durch ihn ſelbſt be⸗ werkſtelligt, müſſe um die Mitte des Mittwochs, nur einige Stunden ſpäter, als die Unthat begangen wor⸗ de elje n a gelaſen ſt wor⸗ tt, in bedenk⸗ rvorge⸗ et und wie es In den Phile, in ſi⸗ enthiel er noch wilcht f dem einem 6 Ge⸗ ſchon detzog ne von nigi eriſene iche in ommen aſſelbe bſt be 6, n n wor 18 1 Die Herzogin von Choiseul-Praslin. 391 den, ſtattgefunden haben. Die nachher eingetretenen Zu⸗ fälle, Intervallen, die Dauer des Zuſtandes, der mit dem Tode geendet, alles die natürlichen und gewöhnli⸗ chen Folgen einer derartigen Vergiftung. So bekun⸗ deten die erſten wiſſenſchaftlichen Autoritäten von Paris. So weit der Kanzler über die Selbſtvergiftung. Er rechtfertigte demnächſt die auf die erſten Indicien er⸗ folgte Verhaftung der Demoiſelle Deluzy, über welche, kraft der königlichen Ordonnanz, der Pairshof ebenfalls zu richten befugt ſei, ſtellte dieſen Theil der Unterſuchung aber nunmehr in das Ermeſſen des Hofes. Der Pairshof erklärte, nach Anhörung des Requiſi⸗ toriums des Generalprocurators, dieſem gemäß, daß: „In Erwägung, daß durch den Tod von Charles Laure Hugues Theobald, Herzog von Choiſeul-Praslin, die öffentliche Klage auf Anwendung der Strafe auf ihn erloſchen— kein Urtheil zu fällen ſei.“ „In Bezug auf Henriette Deluzy⸗Desportes, der Mitſchuld angeklagt, daß, in Erwägung, daß nach Lage der Unterſuchung der Pairshof ſich nicht weiter damit zu befaſſen habe, beſagte Deluzy⸗Desportes an das zuſtän⸗ dige Gericht, unter Aufrechthaltung aller erlaſſenen Haft⸗ befehle zu überweiſen ſei.“ Sämmtliche Protokolle, Gutachten und Arrets wur⸗ den auf Befehl des Kanzlers in einem ſplendiden Quar⸗ tanten gedruckt, eben desgleichen die aufgefundenen Briefe und Notizen der ermordeten Herzogin, um den Pairs alles Material an die Hand, zugleich aber auch vor dem Publicum der Sache die möglichſt große Oeffent⸗ lichkeit zu geben. 392 Die Herjogin von Choiseul-Praslin. Der unermüdliche Interpellant ſeiner Zeit in der Pairskammer, Marquis de Boiſſy, hatte, nach Pas⸗ quier's Vortrage, auch in dieſer Angelegenheit das Wort ergriffen. Die Meinung, die im Publicum nur allzu⸗ ſehr verbreitet ſei:„daß der Herzog durch eine ſtrafbare Vergünſtigung, die ihm zu Hülfe gekommen, um ihm Nittel zu verſchaffen, ſich durch den Selbſtmord der ge⸗ ſetzlichen Strafe zu entziehen“, eine Meinung, die er nicht theile, fordere, daß Alles, und mehr als geſchehen, geſchehe, um das Publicum über die Thatſache aufzuklären, nämlich daß zur Aufklärung darüber noch eine Unterſu⸗ chung vorgenommen werde. Der Kanzler erwiderte ihm, daß. Alles, was geſche⸗ hen könne, geſchehen ſei, wie die Acten, die in jedes Hände kämen, bezeugten, und daß es darnach Nieman⸗ dem mehr zweifelhaft ſein könne, der der eidlichen Ver⸗ ſicherung von Männern Vertrauen ſchenke,„deren Red⸗ lichkeit ebenſo groß ſei, als ihre Kenntniſſe und ihre Einſichten.“ 4 Der Großreferendar, Decazes, hieſe hie Eröffnung einer ſolchen Unterſuchung ebenfalls für überflüſſig, in⸗ dem er alle Umſtände noch einmal zuſammenſtellte, welche dafür ſprächen, daß, da der Herzog ſich ſelbſt und zwar in ſeinem Hauſe vergiftet habe, als er nur oberflächlich oder eigentlich noch gar nicht bewacht wurde, und daß vom Augenblick an, wo er nach dem Luxembourg ge⸗ bracht ward, eine ſo ſtrenge Bewachung und Beobach⸗ tung eintrat, daß hier eine Vergiftung(eine wiederholte, mit ſtärkerer Doſis, wie das Publicum meinte) nicht füglich habe ſtattfinden können, daß, wenn aber eine im Lurembourg ſelbſt möglicherweiſe ſtattgefunden, deren Be⸗ rückſichtigung der Pairskammer durchaus fremd ſei, da die Beaufſichtigung der Gefangenanſtalt des Luxembourg in det s Wort allzu⸗ rafbare m ihm det ge⸗ die et ſchehen, lären, nterſt⸗ geſche⸗ n jede ſieman⸗ n Vir⸗ nRed⸗ d ihre ffnung ig, in⸗ wilhe nd zw ſüchlic d daß Die Herzogin von Choiseul-Praslin. von derſelben Verwaltung abhänge, wie die der übrigen Staatsgefängniſſe. Decazes ſchloß ſeinen Vortrag mit der Erwähnung eines Umſtandes, den wir in den übrigen Acten nicht finden. Er ſagte: „Es liegt ein Umſtand vor, der dieſen Beweis noch zu verſtärken geeignet iſt, da er jeden Gedanken, daß in Folge einer ſtrafbaren Begünſtigung dem Angeſchul⸗ digten Gift habe verſchafft werden können, ganz und gar ausſchließt. Der Großreferendar erachtet es für Pflicht, ſeinen Collegen dieſen Umſtand mitzutheilen, da derſelbe ihm perſönlich, wie der Herr Kanzler es in ſei⸗ nem Berichte angegeben hat, bekannt geworden iſt. Am Dienſtag Morgen hatte ſich der Großreferendar auf Er⸗ ſuchen der Familie, und um zu thun, was ihm als eine Pflicht erſchien, zu dem Angeſchuldigten ins Gefängniß begeben. Der Herzog von Praslin klagte ihm, daß er heftige Schmerzen leide. Der Großreferendar bemerkte ihm, dieſe Schmerzen habe er vorausſehen müſſen, da ſie ja die Folge des Giftes ſeien, welches er genommen habe, und da die Aerzte, weil die Beſchaffenheit des Giftes ihnen nicht bekannt geweſen ſei, über die zu wäh⸗ lende Behandlung um ſomehr hätten zweifelhaft ſein können, nachdem zwei faſt ganz leere Opiumphiolen in ſeinem Schreibtiſche gefunden worden ſeien. „Der Angeſchuldigte antwortete, Opium habe er nicht genommen. Auf eine neue Frage fügte er dann hinzu, des Arſeniks habe er ſich am Freitag bedient. Als der Großreferendar ihn nun befragte, wer ihm dieſes Gift verſchafft habe, verſicherte er, es von Niemand er⸗ halten, ſondern am Tage vor dem Verbrechen aus Praslin mitgebracht zu haben, widerſprach übrigens auch mit Heftigkeit der Annahme, daß man je 394 Die Herzogin von Choiseul-Praslin. hätte glauben können, er habe ſich damit ver⸗ ſehen, um der Frau von Praslin das Leben zu nehmen. Er fügte hinzu, daß er ſich dieſes Giſtes am Tage des Verbrechens in dem Augenblicke gegen ſich ſelbſt bedient habe, als er aus den Maßregeln, deren Gegenſtand er war, erkannt hätte, daß ein ſchwerer Verdacht gegen ihn ſich erhebe. Einer ſolchen An⸗ klage gegenüber war der Selbſtmord ein Ein⸗ geſtändniß. Als dem Angeſchuldigten dieſe Bemer⸗ kung gemacht wurde, ſchwieg er, wies aber mit Leb⸗ haftigkeit den Gedanken zurück, daß er den Plan zu ſeinem Verbrechen irgend Jemandem anvertraut gehabt. Als er ſeine Erklärungen mit Wehklagen unterbrach, die der Schmerz ihm entriß, legte der Großreferendar ihm die Frage vor, ob nicht die Leiden ſeiner Seele noch peinigender ſeien, als diejenigen ſeines Körpers, und ob ſie es ihm nicht zum Bedürfniß machten, durch das Ausſprechen der Reue, die er in ſeinem Innern empfinden müſſe, eine Milderung derſel⸗ ben zu verſuchen, mit dem Beifügen, daß ſeine Familie ſich dem Glauben hingebe, ein ſo barbariſches Verbre⸗ chen habe er nur in einem Augenblick ſinnloſer Wuth begangen, die er ohne Zweifel jetzt bitter beklage. Da hob der Unglückliche ſeine Augen und ſeine Hände zum Himmel empor und rief mit unſicherer, aber lauter Stimme aus:„O, allerdings, ich beklage es!“ „Der Großreferendar nahm davon Veranlaſſung, ihm zu ſagen, um in dieſem letzten Augenblicke ſowol der göttlichen, wie der menſchlichen Gerechtigkeit Genüge zu leiſten, ſei es wünſchenswerth, daß der Ausdruck ſeiner Reue gleiche Oeffentlichkeit erhalte wie ſein Verbrechen, und daß ein vollſtändiges Geſtändniß womöglich wenig⸗ ſtens die Wuth, die ihn hingeriſſen habe, erklärlich mache. S et en zu es am n ſih deren hweter An⸗ Ein⸗ emer⸗ Leb⸗ t den ndem n mit legte ht die jenigen ürfniß er in derſel gmilie zetbte⸗ Vith De de zum lauter “ , ihm 0l der ige zu ſeinet rechel⸗ werig moch Die Herjogin von Choiseul-Praslin. 395 Jur Annahme dieſes Geſtändniſſes, wenn er es zu ma⸗ chen geneigt ſei, bot der Großreferendar ihm an, ſo⸗ gleich dem Herrn Kanzler Nachricht zugehen zu laſſen oder auch ſelbſt ſofort zur Aufzeichnung ſeiner Angaben ſchreiten zu wollen. Bei dieſen Worten, die der Ange⸗ ſchuldigte mit einer lebhaften Aufregung angehört hatte, ſchien er im Innern mit ſich zu kämpfen. Nach kurzem Zögern antwortete er darauf:„In dieſem Augenblick bin ich zu matt, zu leidend; ſagen Sie dem Herrn Kanzler, daß ich ihn bitte, er möge erſt morgen kom⸗ men.“ Die geiſtige Aufregung des Angeſchuldigten war zu ſichtlich und ſein leidender Zuſtand zu bedenklich, um dieſe Unterhaltung noch länger fortzuſetzen. Die Aerzte hatten eben erklärt, es ſei dringend nöthig, dafür zu ſorgen, daß dem Kranken die Tröſtungen der Religion dargeboten würden. In Ermangelung eines von der Familie bezeichneten Geiſtlichen und in Abweſenheit des ehrwürdigen Pfarrers von Saint⸗Sulpice übertrug der Herr Kanzler dieſes fromme Geſchäft dem Herrn Pfarrer von Saint⸗Jacques⸗du⸗Haut⸗Pas. Der Pairshof weiß, daß nach der frommen Handlung, die dem Angeſchul⸗ digten wieder einige Kraft und einige Ruhe zu verleihen ſchien, der Herr Kanzler ihm noch einmal, aber verge⸗ bens, anbot, die Erklärungen anzunehmen, welche er zu machen ſich geneigt bezeigt hatte.“ Pasquier erſuchte noch den Pairshof, zu beachten, daß, wenn auch die erſten Symptome der Vergiftung am 18. um zehn Uhr Abends zum Vorſchein gekommen ſind, doch ſchon weit früher und zwar wahrſcheinlicher⸗ weiſe um vier Uhr Nachmittags das Gift genommen worden iſt; denn, wie die Kunſtverſtändigen ſagen, ſind mehre Stunden erforderlich, bevor die Wirkungen des Arſeniks ſich durch Erbrechungen kund geben. Hin⸗ 4 396 Die Herzogin von Choiseul-Praslin. ſichtlich der Art und Weiſe, wie der Angeſchuldigte ſei⸗ nen Vergiftungsplan zur Ausführung gebracht habe, ſei nicht unbemerkt zu laſſen, wie ſehr viel leichter die Ver⸗ giftung als jedes andere Mittel des Selbſtmordes auch der ſorgfältigſten Ueberwachung entgehen kann. Jede andere Art des Selbſtmordes erfordert mehr oder minder augenſcheinliche Vorbereitungen; damit aber ein Gefan⸗ gener die geringfügige Doſis eines giftigen Stoffes, welche hinreichend ſein ſoll, ihm den Tod zu geben, in den Mund ſtecken könne— welche Leichtigkeiten bieten ſich ihm dazu nicht in der natürlichſten Geberde, in der anſcheinend allerunſchuldigſten Bewegung dar? Man durchblättere die Jahrbücher der Criminaljuſtiz und man wird finden, wie viele Beiſpiele von Selbſtmord dieſer Art in der Geſchichte der großen Verbrecher vorgekom⸗ men ſind, welcher Claſſe der bürgerlichen Geſellſchaft dieſe auch angehören und welche Vorſichtsmaßregeln bei ihnen auch getroffen ſein mochten. Wenn man Vergif⸗ tungen in voller Gerichtsſitzung, bei Verurtheilten, die zwiſchen zwei Gendarmen ſtanden, vollbringen ſah: wie ſollte man da nicht zu dem Schluſſe geführt werden, daß es im vorliegenden Fall wol angemeſſen ſein werde, bei Würdigung der Verantwortlichkeit für das Ereigniß, wovon die Gemüther ſo lebhaft ergriffen ſind, ſich etwas minder ſtrenge zu zeigen. Auch die Unterſuchungsprotokolle über dieſen Um⸗ ſtand geben kein mehres Licht, es erhellt nur daraus, daß die Bewachung des Herzogs in der erſten Zeit von der Art war, daß er nicht verhindert war, Gift zu neh⸗ men, welches er bei ſich hatte; ja, daß auch die Ueber⸗ wachung, als ſie ſtrenger ward, doch nicht durch Tage jede ſeiner Bewegungen zu controliren im Stande war. Zu was ſollte eine Separatunterſuchung führen? Wer — te ſei e, ſei auch Jede inder efan⸗ ffes, in ieten der Man man ieſer om haft bel if⸗ die wie den, tde, vas Die Herjogin von Choiseul-Praslin. 397 dem Glauben nachhing, daß ihm Gift nachträglich zu⸗ geſteckt worden, und durch die Pairs, würde durch keinen Beweis, den die Pairs darüber angeordnet, zu einer ent⸗ gegengeſetzten Anſicht gebracht worden ſein. Ebenſowenig führte die Verdächtigung zu einem Reſultate, daß er von den Aerzten anfänglich auf eine Opiumvergiftung behan⸗ delt worden, was alſo die Arſenikvergiftung ihren Proceß ungeſtört durchmachen ließ. Es ſind weit wichtigere Fragen, als dieſe, in dem Proceß unbeantwortet geblieben. Dahin rechnen wir nicht die über Schuld oder Un⸗ ſchuld der Deluzy. Nachdem das erſte Feuer des Ab⸗ ſcheus gegen die Sirene, die den ſchwachen Herzog zur Mordthat verleitet, um ſelbſt Herzogin zu werden, ver⸗ raucht, ſchlug die Meinung in Paris ſehr bald zum Ge⸗ gentheil um. Couſin, als damaliger Pair in die Unterſuchungs⸗ commiſſion erwählt, wurde ſchon vom erſten Auftreten, den erſten Worten, der erſten Rede der Deluzy der⸗ maßen überraſcht und gewonnen, daß er laut erklärte: ſie kann nicht ſchuldig ſein, es iſt ganz unmöglich, daß dieſes ausgezeichnete, liebenswürdige Weib zu einem ſol⸗ chen Verbrechen gerathen, um daſſelbe nur gewußt. Man war vielleicht in Paris zuerſt geneigt, wenn auch der lebhafte Philoſoph Couſin ſo ſchnell von der Liebenswürdigkeit der Deluzy gefangen ward, an ihre Sirenen⸗Circe⸗Hexennatur um ſo mehr zu glauben; aber ein reiflicheres Nachdenken führte zu einem andern Reſultate.. Mehr als wir im Obigen angaben, iſt gegen die Deluzy nicht ermittelt, es iſt nicht das geringſte Anzei⸗ chen mehr nur zu Tage gekommen. Und worin beſtand jenes? — 398 Die Herzogin von Choisrul-Praslin. In der einſtimmigen Angabe aller Domeſtiken des Praslin'ſchen Hauſes: daß ſie glaubten, oder die Ueber⸗ zeugung hätten, nur dieſes abſcheuliche Frauenzimmer könne die Herzogin, die ihr im Wege ſtand, gemordet, oder, nur ſie könne dem Herzoge den Rath gegeben, den Mordgedanken ihm eingeflüſtert haben. Denn Praslin könne die That nur begangen haben in der Abſicht, ſich von ſeiner Gattin frei zu machen, ſeine Maitreſſe zu heirathen. Dieſe Meinung ward durch die Thatſache unterſtützt, daß der Herzog bei ſeinen mehrmaligen Beſuchen aus Praslin in Paris jedesmal die Gouvernante beſucht, ja daß er noch am Abend vor der That einen ſpäten Beſuch bei der Deluzy abgeſtattet. Hier alſo war die letzte Verabredung zur Mordthat gepflogen worden, das herrſchſüchtige Weib werde ſeine letzten Gewiſſenszweifel übertäubt, ihm die Mittel zur Ausführung in die Hand gegeben haben. Aber dieſer Beſuch war von dem Herzog im Beiſein der Kinder der Gemordeten abgeſtattet worden. So, in Geſellſchaft mit dieſen, hatte er alle dieſe, ſogenannten heimlichen Beſuche bei der Deluzy gemacht. Das paßte wenig zu einer Mordverabredung, es ſprach ſogar da⸗ gegen. Ebenſo wenig hatte die ganze Vertraulichkeit zwiſchen dem Herzog und der Gouvernante etwas Ver⸗ dächtiges, denn ſie hatte durch ſechs Jahre gedauert, die todte Herzogin hatte darum gewußt, bald darüber ge⸗ zürnt, bald ſich wieder beruhigt, ihr Vater, der Mar⸗ ſchall Sebaſtiani, die ganze Familie hatte darum ge⸗ wußt; mehrmals war das Gerücht aufgetaucht, die De⸗ luzy ſei die Geliebte des Herzogs, aber das Gerücht hatte keine Macht auf die Verhältniſſe geübt. Man wußte vielmehr, nämlich nach allen andern Ausſagen, — n des lleber⸗ immet ſordet, den ralin , ſich ſe zu ſtützt, naus ht, ju geſuch lette das weifel 10 Die Herzogin von Choiseul-Praslin. 399 daß der Herzog in der Deluzy eine vortreffliche Erzie⸗ herin ſeiner Kinder erkannt, während er die eigene Frau für eine ſchlechte Erzieherin hielt. Er liebte ſeine Kin⸗ der, und um deswillen auch die Deluzy, und ihr gegen⸗ ſeitiger Verkehr, ſoweit erweislich, bezog ſich immer auf die Erziehung. Die Deluzy hatte wol eingeräumt, daß die außerordentliche Güte des Herzogs gegen ſie eine gewiſſe Zuneigung für ſeine Perſon erweckt, aber nicht mehr, dieſe Zuneigung ſei immer in den Grenzen der Pflicht geblieben. Ja, ihr Bekenntniß iſt ſehr charakteriſtiſch: ſie für ſich räumte eine Neigung für den Herzog ein, die an Liebe ſtreifte, beſtritt aber durchaus, daß der Herzog für ſie ein ähnliches Gefühl jemals verrathen, ſie zweifelte, daß er es auch nur gehegt habe. Zu ihr habe er nur für ſeine Kinder gelebt. Und wenn er ein ſolches Ge⸗ fühl für ſie empfunden, wenn die Herzogin eines na⸗ türlichen Todes geſtorben und er ihr, der Deluzy, ſeine Hand angeboten hätte, ſo würde ſie ſich eher entſchloſſen haben, auf Koſten ihres Rufes, ihm ihr Herz und ſich ſelbſt zu ſchenken, als ihre Hand ihm zu reichen, um— der Kinder willen, die ſie über Alles geliebt. Dies könnte wie Komödie klingen, aber es klingt nicht ſo, wenn man ihre beredte Sprache hört. Dieſe Gefühlsergüſſe athmen Exaltation, aber Wahrheit. Eine Intriguantin des Schlages, wie die Gouvernante müßte geweſen ſein, wenn ſie ſolchen diaboliſchen Gedanken nachgehangen, würde anders geſprochen haben. Ein ſchlagender Beweis endlich für ſie iſt die ſchwärmeriſche Anhänglichkeit der herzoglichen Kinder. Kurz, nach der Lage der Acten fehlt es nicht allein an allen Beweiſen für die Exiſtenz eines unerlaubten Verhältniſſes zwiſchen dem Herzog und der Gouver⸗ ——— 400 Die Herzogin von Choiseul-Praslin. nante, für ein Motiv damit zur Begehung einer prãme⸗ ditirten Mordthat, ſondern es ſprechen auch viele Um⸗ ſtände dagegen. Die ganze That ward von der Familie des Herzogs und ſeines Schwiegervaters für eine nicht prämeditirte, ſondern in einem Anfall von Wuth, Raſerei, vom ueberkommenwerden von einer dunkeln Stimmung be⸗ gangene angeſehen. Von Seiten dieſer Familie iſt kein Verdacht gegen die Deluzy ausgeſprochen. Endlich hat der Herzog ſelbſt in ſeinem halben Ge⸗ ſtändniß unter den Todesqualen mit Entrüſtung ſowol den Gedanken von ſich gewieſen, daß er das Gift mit⸗ gebracht, um ſeine Gemahlin zu vergiften(andeutend da⸗ mit, daß er überhaupt nichts prämeditirt gehabt), als die Zumuthung, daß Jemand, außer ihm um die That gewußt oder ihm dazu gerathen. Was bleibt dann von Anſchuldigungen gegen die Deluzy übrig? Die Ausſagen der Dienerſchaft im Praslin ſchen Hauſe, ein Domeſtikenglaube, ein Dome⸗ ſtikengeſchwätz.— Der Grund davon iſt einfach. Die Deluzy hatte ſich, vermöge ihres Einfluſſes auf den Herzog, auf die Kinder, vermöge Verſtandes, Liebens⸗ würdigkeit und Thätigkeit, allmälig die Herrſchaft im Hauſe verſchafft. Sehr begreiflich, die Herzogin war eine ganz unpraktiſche Frau, eigenſinnig, launenhaft, und wieder in ihrer liebenswürdigen Schwäche über die Maßen nachgiebig, großmüthig, eine Herrin, wie ſie die Diener in einem großen, reichen Hauſe nur wünſchen können. Sie hatten freies Feld. Die Deluzy, als ſie feſten Boden gefaßt, ſah ſcharf zu, ſie ſah auf Ord⸗ nung, ſie entließ von der Dienerſchaft, die„alten Die⸗ ner“ ſahen ſich genöthigt, ihr den Hof zu machen. Das verdroß, kein Wunder, wenn ſogar ein Complott gegen prin le Um etzog ditirte, „von ng be⸗ iſt kein en Ge⸗ ſowol iſt mit⸗ end do⸗ ie Thit en die ft im Dome⸗ Die uf den Liebens heft i in wir nenhaft, ibr di . ſe di ünſchen f dr H en 0 6 tt 9 Die Herjogin von Choiseul-Praslin. 401 dieſelbe ſich gebildet hätte. Wenigſtens war ihr Urtheil, mit ihrem Vorurtheil gegen die gefährliche Gouvernante fertig. Hier hätte ſie auf keine Gerechtigkeit hoffen dürfen. Acten über das Verfahren gegen die Deluzy ſind vom Pairshofe nicht herausgegeben, noch konnten ſie es werden, da er die Sache von ſich abwies, wir wiſſen auch nicht, ob das betreffende Gericht etwas darüber be⸗ kannt gemacht hat, indem daſſelbe keinen Grund zur Anklage fand und ihre Freilaſſung verfügte.— Dem Vernehmen nach bot, auf die Nachricht von ihrem Un⸗ glück, die Engländerin Lady Hislop, bei welcher die Deluzy früher geweſen, ihr ſofort ein Aſyl in ihrem Hauſe an. Durch alle Actenſtücke iſt das Räthſel nicht gelöſt: was trieb den Herzog zum Morde? und: wie vollbrachte er den Mord?— Hatte er ihn ſchon im Schloß Praslin beabſichtigt? Hierauf deutet nichts als der Umſtand, daß er der Herzogin Leibkammerdiener Maxime diesmal im Schloß zurückließ. Was ſonſt als Gerücht durch die Zeitungen berichtet wurde, daß ſchon im Walde von Praslin ein Mord verſucht worden, durch einen ver⸗ fehlten Schuß, findet ſich in den Actenſtücken nicht ein⸗ mal erwähnt. Es lag kein Grund vor, ſchonend dar⸗ über hinwegzugehen, wo von Niemand auch nur der Verſuch gemacht wurde, die Thäterſchaft des Herzogs in Abrede zu ſtellen.— Unmittelbar vor oder gleich nach dem Morde hatte er die Thür nach der Holztreppe er⸗ öffnet, ſpäter das Fenſter, was aus dem Vorgemach nach dem Gartenwinkel hinausgeht— offenbar in der Abſicht, die Möglichkeit herzuſtellen, daß ein Mörder 402 Die Herzogin von Choiseul-Praslin. von auswärts, vom Garten her, aus den Ehyſäiſchen Feldern eingebrochen ſei. Aber das kann der Entſchluß nur des Augenblicks, der Bangigkeit geweſen ſein, nach⸗ dem er die That vollbracht, die Luſt am Leben, oder ſeine Ehre zu retten. Ging er nur in das Schlafzimmer, um den Brief, welchen die Lemaire gefordert, um die Deluzy bei ſich anzuſtellen, durch Einſchüchterung von ſeiner Frau zu erlangen? War der erſte Angriff auf ſie nur die Folge eines Wuthausbruchs, weil ſie ſich ihn zu ſchreiben ge⸗ weigert? Oder überfiel er ſie im Schlafe mit vorge⸗ faßtem Entſchluß? Wir ſind lediglich auf das Feld der Muthmaßungen verwieſen. Statt der eigenen, die allein auf pſycholo⸗ giſche Schlüſſe in Verbindung mit den Indicien ge⸗ baut werden könnten, geben wir hier eine Zuſammen⸗ ſtellung von Muthmaßungen, wie ſie in Paris unter dem Kreiſe der Unterrichtetſten und mit den Familien⸗ verhältniſſen näher Vertrauten ſich herausſtellten, und die den Herausgebern der gerichtlichen Acten ſo gewichtig ſchienen, daß ſie den Aufſatz(aus der Wochenſchrift la Semaine) mit abdrucken ließen. Man verliert ſich in Muthmaßungen über die Ver⸗ kettungen der Umſtände, welche in der blutigen Nacht des 17. Auguſt ihren Ausgangspunkt fanden. Nach einer zweiundzwanzigjährigen Ehe, nach der Geburt von zehn Kindern: welch ein teufliſcher Haß, welche Verir⸗ rung des Herzens, welcher Widerſtreit der Intereſſen vermochte da noch aus einem bisher durch die Stumpf⸗ heit ſeiner Leidenſchaften und die Gleichgül⸗ tigkeit ſeines Charakters bekannten Manne ei⸗ nen Henker, einen unbarmherzigen Mörder zu machenk War dieſes abſcheuliche Verbrechen die Folge einer übel we wol ver Le ſtin iſch ſchluß nach⸗ oder Brief ei ſch u zu Folge en ge⸗ vorge⸗ ungen holo n 9e mmen⸗ unter ilien⸗ und richtig tift l Ver⸗ Nuht Nah rt von Verit⸗ ereſſen mpf hgül ne 6 chen et ib Die Herſogin von Choiseul-Praslin. 403 gewählten Verbindung, das unvermeidliche Ergebniß der fortwährenden Reibung unverträglicher Naturen, der Ausgangspunkt eines Abſcheues von gleicher Dauer wie die Ehe? Kurz, hätte etwa dieſer Chef einer der er⸗ lauchteſten Familien Frankreichs, dieſer Sproſſe eines Zweiges aus ſouverainem Geblüt, der Verwandte aller hiſtoriſchen Geſchlechter des Königreichs, der Ehrenca⸗ valier der Frau Herzogin von Orleans, der Freund, der Geſellſchafter, der Vertraute der Prinzen des regierenden Hauſes, der jetzige Beſitzer eines unermeßlichen Vermö⸗ gens, der unmittelbare Erbe eines noch unermeßlicheren Reichthums, der Gemahl der Tochter eines Marſchalls von Frankreich, der Vater von neun ſchönen Kindern, ſeine Frau ermordet, um aufgedrungene, unerträgliche Bande zu zerreißen und durch eine Unthat der grauſa⸗ men Marter eines von jeher verabſcheuten Zuſammen⸗ lebens ein Ende zu machen? Durchaus nichts Aehnliches kann zur Erklärung der gräßlichen Vorgänge, die wir erlebten, angeführt wer⸗ den. Es iſt vielmehr ausgemacht, daß die Vermählung des Herzogs von Praslin mit dem Fräulein Sebaſtiani durch keine andere Rückſicht als die ganz entſchiedene Neigung beider Gatten veranlaßt wurde. Man ver⸗ mählte ſie, weil ſie ſich leidenſchaftlich liebten, und dieſe durch zahlreiche Pfänder ihrer Liebe bewährte Leidenſchaft beſtand die erſten funfzehn Jahre hindurch faſt ungetrübt fort. Ohne Zweifel war der Herzog von Praslin ebenſo wenig als ſonſt Jemand von den Schwächen ſeines Al⸗ ters ganz frei und ich bin weit entfernt, behaupten zu wollen, daß er bis dahin noch nie die eheliche Treue verletzt hatte. Aber alle Diejenigen, welche in näherer Verbindung mit dem jungen Ehepaare gelebt haben, ſtimmen darin überein, daß der Herzog von Praslin * 404 Die Herzogin von Choiseul-Praslin. ſich noch immer ſeiner Frau im hohen Grade liebend ge⸗ zeigt hatte, als im Jahre 1843 mit einem Male heftige und vielfältige häusliche Zwiſte ausbrachen. Was war die Veranlaſſung dazu und wie ſteht dieſe mit dem Ereigniß der Nacht vom 17. auf den 18. Auguſt in Verbindung? Die eigentliche Urſache der Uneinigkeiten, die damals begannen, die Verkettung der Thatſachen und der ent⸗ ſcheidende Grund der Kataſtrophe ſind und bleiben aller Wayrſcheinlichkeit nach im Dunkel jener gräßlichen Nacht auf immer verhüllt. Dies iſt ein Geheimniß von zwei Gräbern, die nun über der Wahrheit geſchloſſen ſind. Allein wenn die Wahrheit vermißt wird, tritt die Wahr⸗ ſcheinlichkeit hervor und um darüber ins Klare zu kom⸗ men, genügt es vielleicht, den Charakter der drei Haupt⸗ perſonen zu betrachten, welche in dieſem blutigen Drama auftreten. Nach der Ausſage Aller, die den Herzog von Praslin gekannt und zu beurtheilen vermocht haben, war derſelbe in ſeinen gewöhnlichen Bezichungen ein Mann von ge⸗ fälligem Weſen, bei der eine Liebesintrigue nur eine Temperamentsſache und Beſtändigkeit die Zwiſchenzeit zwiſchen zwei Neigungen ſeiner Laune war. Im Uebri⸗ gen war er ein beſchränkter Kopf, ohne Geiſtesgröße und Seelenſtärke, der jeden Kampf ſcheute, lieber nach⸗ gab, als ſtritt und ſich von ſelbſt allen Einflüſſen über⸗ ließ, die irgend ein Intereſſe dabei hatten, ihn zu be⸗ herrſchen, und ſeine Eigenliebe, die einzige lebendige Saite eineh entnervten Weſens, ins Spiel zu bringen verſtanden. Kurz, der Herzog von Praslin gehörte zu den Seelen ohne Spannkraft, die von ſelbſt zum Guten wie zum Böſen unfähig ſind, die aber ein fremder An⸗ trieb ſtets ohne Unterſchied zum Guten wie zum Böſen bewegen kann. 5 Ch de di N ndge pein var di reigniß dungt damal er ent⸗ naller Nacht nzwei ſind⸗ Vehr⸗ u kom⸗ Hupt Dran pruslin erſelbe on ge⸗ teine henzit Vebr r noch⸗ nüber zu be⸗ hendige ringe örte Gute er Piſo Die Herzogin von Choiseul-Praslin. 405 Die Frau Herzogin von Praslin hatte dagegen den Charakter einer Südländerin: ein warmes, aufbrauſen⸗ des, leidenſchaftliches Herz. Als Gattin treuergeben, als Mutter bewunderungswürdig, beſaß ſie leider auch die ihren Vorzügen eigenthümlichen Fehler. Durch und durch eiferſüchtig, war ſie zu allen Qualen dieſer Leiden⸗ ſchaft, deren Gift das ſchönſte Leben verpeſtet, vom Ge⸗ ſchick beſtimmt und dieſe junge, im gewöhnlichen Le⸗ bensverkehr ſo herzliche, ſo ſanfte, ſo mitleidige, ſo wohl⸗ wollende, ſo ruhige Frau wurde ungeſtüm, hochfahrend, jähzornig, ſobald der Argwohn ihre Seele ergriff. Das Eemüth der Herzogin hatte jedoch noch nie eine bedeutende Erſchütterung erlitten, als vor ſechs Jahren der Eintritt einer neuen Perſönlichkeit in den Kreis ihrer Familie ihre eiferſüchtigen Regungen an⸗ fachte und ihren Beſorgniſſen eine unſelige Nahrung gab. Dieſe Perſon, über deren Rolle ich nicht abſprechen will und der man bis jetzt kein anderes Verbrechen ſchuld⸗ geben kann, als daß ſie zu hübſch geſchienen habe, war Fräulein Deluzy, die unbedachtſamerweiſe als Gouver⸗ nante der Kinder des Herzogs und der Herzogin von Praslin im Hotel Sebaſtiani aufgenommen wurde. Noch jung, mit einer gründlichen Bildung und man⸗ nigfaltigen Talenten ausgeſtattet, mit einem Charakter à la Maintenon und einem bezaubernden Geiſte begabt, geſchickte Muſikerin, gefällige Malerin, fertige Schrift⸗ ſtellerin und zu alle dem noch mit einer zierlichen Taille und einem der anmuthigſten Roxellanengeſichter ge⸗ ſchmückt, übte Fräulein Deluzy über alle Perſonen, von denen ſie umgeben war, mit Ausnahme einer einzigen, gar bald eine faſt unbedingte Herrſchaft aus. Die ihrer Obhut anvertrauten Kinder faßten eine ſo leidenſchaft⸗ liche Liebe zu ihr, daß die mütterliche Empfindlichkeit ——— — —— 406 Die Herzogin von Choiseul-Praslin. darüber in Unruhe gerieth. Schon jetzt fühlte der Her⸗ zog, ſagt man, eine ungemein lebhafte Neigung zu Fräulein Deluzy, die, wenn ſie auch nicht aus den Schranken trat, dem beſorgten Scharfblick der Frau Herzogin doch nicht lange verborgen bleiben konnte. Von nun an nahm Zwietracht am häuslichen Herde Platz, die Zwiſtigkeiten wurden häufiger; oft kamen ſie wegen irgend einer unbedachtſamen Artigkeit bei Tiſche zum Ausbruch, und nicht ſelten ſah man die Frau vom Hauſe entrüſtet aufſtehen und ſich in ihr Zimmer zurück⸗ ziehen, das ſie mit ihren Klagen und ihren Thränen erfüllte. Bald drang die Frau Herzogin von Praslin gebie⸗ teriſch auf Entlaſſung Derjenigen, die ihren Rechten als Gattin zu nahe trat und ihr, wie ſie ſagte, ſogar die Liebe ihrer Kinder raubte. Dieſe erklärten auch wirklich, ſie würden den Tod davon haben, wenn man ſie von ihrer lieben Deluzy trenne; ſo groß war der Zauber, den das junge Mädchen auf deren Geiſt bereits aus⸗ übte. Zum großen Erſtaunen und zur vollen Verzweif⸗ lung der Herzogin verweigerte ihr Mann, Fräulein De⸗ luzy zu verabſchieden, unter dem Vorwande, daß ihr durchaus nichts vorzuwerfen ſei, daß ſie für die Erzie⸗ hung ſeiner Kinder unentbehrlich geworden und daß er ſich unbegründeten Vorurtheilen, daß er ſich Launen nicht fügen wolle. Dieſer Widerſtand trieb die Verzweiflung der Frau Herzogin von Praslin aufs Höchſte; ſie ließ den Sach⸗ walter ihrer Familie kommen, zählte Gott weiß was für Beweiſe von der Untreue ihres Mannes auf und be⸗ fahl, unverzüglich auf Trennung von Tiſch und Bett, ſowie auf Aufhebung der Gütergemeinſchaft gegen ihn zu klagen. Die unglückliche Herzogin beharrte lange bei die PVi Al de ſit ng zu s den Frau te. Herde nen ſie Tiſche vom zrüc⸗ hränen gebie⸗ en als ar die r von auber, aus⸗ wiif⸗ in De⸗ ß ihr Etzie⸗ daß er uunen Frau Sach⸗ was d be n ihl 1ge he Die Herzogin von Choiseul-Praslin. 407 dieſem Entſchluß, auf den die Bitten ihres Vaters, die Vorſtellungen eines ehrwürdigen Geiſtlichen und eine Alles vermögende Verwendung ſie nur ſchwer, aber lei⸗ der endlich dennoch zu verzichten bewogen. Man ver⸗ ſichert indeſſen, eine durchlauchtige Prinzeſſin ſei von der Unſchuld des Fräuleins Deluzy ſo überzeugt geweſen, daß ſie die Herzogin bewog, an dieſe zu ſchreiben, um ſich zu entſchuldigen, ſie mit Unrecht in Verdacht gehabt zu haben. Auch dieſer Brief ſoll ſich unter denjenigen befinden, die jetzt der Juſtiz zur Unterſuchung vorliegen. Das Ergebniß dieſer Unterhandlung unterbrach auf einige Zeit die Beſorgniſſe der Frau von Praslin, ohne dieſelbe jedoch im Keime zu erſticken, denn ſie traten in der größten Heftigkeit hervor bei Gelegenheit eines Aus⸗ fluges, den der Herzog mit drei von ſeinen Kindern und deren Gouvernante vor zwei Jahren nach Corſica und nach Neapel unternahm, wo ſie, im Vorbeigehen ge⸗ ſagt, bei dem Herzog von Montebello eine glänzende Aufnahme fanden. Von dieſem Zeitpunkt an verfiel die Herzogin von Praslin, wider deren Willen dieſe un⸗ glückliche Reiſe ſtattgefunden hatte, in neue Beängſti⸗ gungen. Sie wollte abermals zu einer Scheidung ſchrei⸗ ten, fand aber noch denſelben Widerſtand in der Abnei⸗ gung der Familie gegen einen ihrem Anſehen nachthei⸗ ligen Eclat, in den dringenden Bitten des königl. Hauſes, wo man nicht wollte, daß ein Hofbeamter und noch dazu derjenige, welcher Begleiter der Frau Herzogin von Orleans während ihrer Reiſe im ſüdlichen Frankreich ge⸗ weſen war, der Gegenſtand eines ärgerlichen Proceſſes werde, ganz beſonders aber in der überſchwenglichen An⸗ hänglichkeit ihrer eigenen Kinder an ihre Gouvernante, von der ſie um keinen Preis laſſen wollten. In dieſer Beziehung führt man einen Brief von dem Gemahl der 408 Die Herſogin von Choiseul-Praslin. älteſten Tochter der Frau Herzogin von Praslin an, worin dieſer piemonteſiſche Edelmann dem Fräulein De⸗ luzy geſchrieben habe:„Ich liebe Sie, ohne Sie zu ken⸗ nen; ich liebe Sie, weil Sie mir eine Frau gebildet haben, weil ich Ihnen mein Glück verdanke.“ Seit der Reiſe nach Neapel ſind zwei Jahre ver⸗ floſſen, Fräulein Deluzy verließ aber erſt vor vier Wo⸗ chen das Hotel Sebaſtiani! Was ging in dieſer Zwi⸗ ſchenzeit von zwei Jahren vor? Welche unangenehme Entdeckungen, welche neuen Schmerzen beſtimmten zu dieſer ſpäten Aufopferung? Ich weiß es nicht, und wüßte ich es auch, ſo ſehe ich doch ein kaum geſchloſ⸗ ſenes Grab und eine Dame im Gefängniß, die mir es nicht zu wiſſen gebieten würden. Nur ſo viel kann ich ſagen: vor etwa drei Monaten war das Benehmen des Herrn von Praslin gegen ſeine Frau ſo hart geworden, daß die arme Herzogin eines Tages, während ſie ſich bei der Königin befand, dieſe flehendlich bat, ſie möge zwiſchen ihr und ihrem Manne ins Mittel zu treten geruhen. Als Ihre Majeſtät einige Tage darauf mit dem Herzog im Geſpräch war, machte ſie dieſem einige ſehr milde Vorwürfe und forderte ihn auf, ſein Betragen zu ändern. Herr von Praslin ver⸗ neigte ſich ehrerbietig, bedauerte, wie er ſagte, die arg⸗ wöhniſche Empfindlichkeit ſeiner Frau, verſprach jedoch, Alles thun zu wollen, um ihr in Zukunft durchaus kei⸗ nen Vorwand zu geben, ſich zu beunruhigen. Dann kehrte er wuthentbrannt ins Hotel zurück, eilte ins Zim⸗ mer der Herzogin, hatte einen furchtbaren Auftritt mit ihr, nannte ihren Schritt eine Denunciation, eine Nie⸗ derträchtigkeit, eine Infamie und erklärte ihr zu wieder⸗ holten Malen, daß ſie ihn bald zu bereuen haben ſolle. Die Entfernung des Fräuleins Deluzy ſchien den Stu trül gla nur wie keit gin den ſte obe ver Me mer ertl noch ine zun daß wa von lein jeh zart Gel And ſicht ibas Bew unge X in c in De zu ken gebildet re ver⸗ t Vo⸗ r Zwi⸗ enehme ten zu t, und ſchloſ mir es Lonaten n ſine eines dieſe Manne änige nahte rte ihn lin ver die alg⸗ jidoch us fei⸗ Dann 6 Zim⸗ it mit e Nie wieder n ſol⸗ ien d. Die Herzogin von Choiseul-Praslin. 409 Sturm beſchworen und eine Art von Frieden in dieſem trübſeligen Hausweſen wiederhergeſtellt zu haben. Man glaubt ſogar, daß die erſten Tage dieſer Wiederausſöh⸗ nung durch Liebesbezeigungen bezeichnet worden ſeien, wie ſie unter ſolchen Umſtänden einerſeits aus Dankbar⸗ keit und andererſeits aus Reue hervorzugehen pflegen. In dieſer Stimmung des Geiſtes und des Herzens gingen der Herzog und die Herzogin von Praslin nach dem Schloſſe Vaux. Auch hier verfloſſen noch die er⸗ ſten Augenblicke ohne Streitigkeiten und ohne Unfrieden, obgleich die arme Frau von unheimlichen Vorgefühlen verfolgt zu werden ſchien und auf die Einladung ihres Mannes, ein Familienbegräbniß in Augenſchein zu neh— men, was er eben hatte ausbeſſern laſſen, die Antwort ertheilte:„Wozu? Ich werde bald hineinkommen, um es nicht wieder zu verlaſſen.“ Der Sturm brach jedoch bald noch gewaltiger und noch furchtbarer wieder los. Man ſagt, er ſei durch einen aufgefangenen Brief erregt worden. Dies ſcheint zum Theil richtig, ich habe aber Grund zu glauben, daß man über den Verfaſſer dieſes Briefes im Irrthum war. Weder Fräulein Deluzy ſchrieb an den Herzog von Praslin, noch der Herzog von Praslin an Fräu— lein Deluzy, ſondern ein kleiner Knabe von acht bis zehn Jahren ſandte ſeiner ehemaligen Gouvernante ſo zärtliche Klagen, ſo lebhafte Empfindungen, ſo feurige Gelöbniſſe, daß die unglückliche Herzogin ganz etwas Anderes, als den Ausdruck einer jugendlichen Anhäng— lichkeit darin zu finden vermeinte. Sie fragt nach und erfährt, daß der Brief, in welchem das Kind geſagt, das Schloß Vaux ſei ihm jetzt zur widerwärtigen Einöde geworden, es hoffe aber ſeine gute, ſeine liebe, ſeine. ongebetete Deluzy recht bald wiederzuſehen, zwar durch XIV. 18 410 Die Herzogin von Choiseul-Praslin. den Sohn geſchrieben, aber vom Vater dictirt ſei. Nun iſt es darum geſchehen; man hat ſie fortwährend betro⸗ gen, man betrügt ſie noch; die Entfernung ihrer Neben⸗ buhlerin hat die Leidenſchaft des Liebhabers derſelben nur noch mehr entflammt; für die Maitreſſe gibts Er⸗ innerungen der Liebe, Schmerzen der Sehnſucht und Freuden der Hoffnungz für die Gattin, die Mutter das nicht wiederzuerkennende Schloß, die widerwärtige Ein⸗ öde, Ueberdruß und Langeweile; aber nur noch einige Tage der Qual und das Glück wird neu erblühen vor einem Blicke der Geliebten, vor einem Lächeln der Ver⸗ folgten, die man das Opfer gebracht hat, nicht mehr Morgens und Abends, Abends und Morgens, in un⸗ mittelbarer Nähe, unter dem ehelichen Dache ruhig zu beſuchen. Hierüber neue Erſchütterungen, neue Vorwürfe, neue Drohungen mit einer Scheidung; und dennoch wünſcht dieſes zerriſſene, gedemüthigte, gequälte Herz nichts lie⸗ ber, als beruhigt zu werden. Der Herzog verſchanzt ſich hinter einer falſchen Auslegung der einem Kinde dictirten Worte, das den häuslichen Zwiſten fern ſtehe und dem Dankbarkeit gegen Diejenige, von der ſeine er⸗ ſten Schritte geleitet worden, eingeprägt werden müſſe. Wozu aus einer ſo einfachen Sache ſo viel Aufhebens machen? Warum in einem Umſtande ohne alle Bedeu⸗ tung gleich eine Treuloſigkeit wittern? Das heiße denn doch die Tyrannei des Argwohns allzuweit treiben, und wenn dieſe Verfolgung, dieſes Leben voll grundloſen Verdachtes und Streites ſo fortdauern ſolle, würde es allerdings am kürzeſten ſein, ſich zu trennen. In wie weit war die Herzogin mit dieſer Erklärung befriedigt? Das weiß Keiner; unbeſtritten aber ſcheint es, daß ſie beſänftigt ſchien. Die Rückfahrt vom Schloß Pre Ml ſell ein Er faf au Et zu H ge wo ihr hin gar die ver daß ihr ge zur fan f die voll ic wel ſec d betn Neben⸗ derſelben ibts Er cht und tter das ige Ein h einige ihen vor der Ver⸗ ht mehr in un tuhig z rfe, nel wünſch erſchanzl n Hind ern ſich ſeine n miſt lufhebin e Bedel ciße den iben, un undloſ vürde rllär er ſch 6chl m S0 Die Herzogin von Choiseul-Praslin. 411 Praslin bis zu dem Eiſenbahnhofe am Jardin des Plantes fand in einer beſſern Stimmung ſtatt. Es iſt ſelbſt ausgemacht, daß ſie mehrmals ohne Bitterkeit mit einander ſprachen. War dieſer Waffenſtillſtand in Wahrheit nur das Ergebniß eines in der Stille eines tiefen Haſſes ge⸗ faßten Entſchluſſes? Gott allein kann Dies wiſſen, ausgemacht aber iſt, daß der Herzog, ohne ſeiner Frau Etwas davon zu ſagen, mit drei von ſeinen Kindern zum Fräulein Deluzy fuhr, die über das Benehmen der Herzogin, über die Heftigkeit ihres Charakters, über die gefühlloſe Weiſe, wie ſie von einer Familie ausgeſtoßen worden, deren Dienſten ſie die ſechs ſchönſten Jahre ihres Lebens geopfert habe, bittere Klagen führte. Und wenn es noch damit aus wäre, ſoll ſie weinend hinzugefügt haben; aber ihr Argwohn vernichtet mein ganzes Daſein; die Beſuche, welche Sie mir zu machen die Güte hatten, erſcheinen der Beſitzerin dieſer Anſtalt verdächtig, und wenn ſie mich behalten ſoll, verlangt ſie, daß die Frau Herzogin ihr ſchreibe, mein Betragen in ihrem Hauſe habe keinen Vorwurf verdient und ich be— ſitze noch immer ihre Achtung. Dieſen Brief ſollen Sie haben, hätte der Herzog geantwortet, und nun führte er ſeine Kinder ins Hotel zurück, wo ſein Beſuch bei Fräulein Deluzy bereits be⸗ kannt war. Beide Gatten begaben ſich in ihre Gemächer. Um elf Uhr waren alle Lichter ausgelöſcht; im Hotel herrſchte die tiefſte Stille; Alles ſchien zu ſchlafen in dieſer pracht⸗ vollen Wohnung, die bald zum Schauplatz der entſetz⸗ lichſten, der ſcheußlichſten Greuelthat werden ſollte, welche die Jahrbücher des Verbrechens jemals be⸗ leckt hat. 18* 412 Die Herzogin von Choistul-Praslin. Man ſagt ferner. aber, mein Gott! was ſagt man nicht Alles?.... Man ſagt, nach— ich weiß nicht welchen— Anzeichen, hätte er an demſelben Abend, kurz bevor er ſie mordete.. Gräßlich!... Nein, dies kann nicht ſein, oder er war toll) uln Das Ende dieſer ſchrecklichen Nacht iſt bekannt. Alle Einzelheiten jener greulichen Metzelei ſind beſchrieben worden: der zerfetzte Leichnam einer Frau, das Bett, der Fußboden, die Tapeten, die Thüren voller Blut⸗ flecke, die ausgerauften Haare, die zerbrochenen Porzel⸗ lanſachen, die Möbel, die Klingel, die Vorhänge mit dem Abdrucke blutiger Hände: alle dieſe ſtummen Zeu⸗ gen eines langen Todeskampfes; das letzte Stöhnen, das Röcheln, der Tod; kurz, dieſer ſo ſcheußliche, ſo entſetz⸗ liche Anblick, daß ein alter Soldat, wie er ihn ſieht, zurückſchaudert und in Ohnmacht fällt— alle dieſe Gräß⸗ lichkeiten ſind bekannt. Man hat ebenfalls den Mörder geſchildert, wie er die Werkzeuge des Verbrechens ver⸗ ſteckt, in einem Kamin ſeine blutbefleckten Kleider ver⸗ brennt, ſich die Hände wäſcht, die Miene eines ehrlichen Mannes anzunehmen ſtrebt, als wenn nicht Gottes Fin⸗ ger ihm ein Brandmal auf die Stirn gedrückt hätte, und dann in Gegenwart des verſtümmelten, zerhackten, aber noch zuckenden Körpers ſeiner Frau, der Mutter ſeiner neun Kinder, den Erſtaunten ſpielt. Aber noch gar nicht, oder doch erſt unvollſtändig bekannt iſt der ergreifendſte Act dieſes unerhörten Dra⸗ mas. Nach zweiſtündigen Nachforſchungen und Zwei⸗ *) Das legitimiſtiſche Wochenblatt„La Mode“ ſpricht ſich über dieſen Punkt deutlicher aus. Es verſichert, aus einem nicht veröffentlichten Theile des ärztlichen Befundberichtes an den Pairshof gehe deſſen Gewißheit hervor. — feb B re ei de 72) he ze ch weß ſelben t. Al chrieben s Bett, r Blut⸗ Porzel nge mit en Zu⸗ en, das entſct⸗ n ſicht, ſt Grüß⸗ Wördet ns ver er ve⸗ chtlichen ttes Fin⸗ t hitt, hactn Mutté lſindi en Dre d Zwi richt nem n Poit Die Herzogin von Choiseul-Praslin. 413 feln über den Urheber des Verbrechens treten die Beamten in das Zimmer des Herrn von Praslin, be⸗ reits überzeugt, daß hier der Mörder iſt. Sich auf ein Kanape niederlaſſend und ſie mit einer Handbewegung einladend, ſich Stühle zu nehmen, ſpricht da zu ihnen der Herzog und Pair: Nun, meine Herren, iſt man dem Mörder auf der Spur? Wir glauben ihm auf der Spur zu ſein, antwortet Herr Allard. Iſt es ein Fremder? Nein, Herr Herzog! Es iſt alſo Jemand aus dem Hotel? Wahrſcheinlich. Der Mörder, ruft nun Herr Delangle aus, ſich er⸗ hebend und mit dem Finger auf den Herrn von Praslin zeigend— der Mörder ſind Sie, Herr Herzog! Was? Man wagt... Ich wiederhole Ihnen, Herr Herzog, der Mörder— der ſind Sie. Bei dieſen zermalmenden Worten ſtammelt der Herzog von Praslin einige Worte, wirft ſich in die Ecke ſeines Kanapés, läßt den Kopf in ſeine Hände ſinken und ſchweigt. In dieſem Augenblicke war der Mörder bereits ſeit einer Stunde von Herrn Allard und deſſen Agenten unter Aufſicht gehalten worden. Sie hatten Befehl, alle Bewegungen des Herzogs von Praslin zu beobachten und jeden Verſuch eines Selbſtmordes zu verhindern. Das Leben dieſes großen Verbrechers hing alſo von der Ueberwachung ab, der er unterworfen war, und dieſe Bemerkung iſt von Wichtigkeit für das Verſtändniß der bevorſtehenden Entwickelung. 414 Die Herzogin von Choiseul-Praslin. Er iſt in ſeinem Bette geſtorben, obwol er mit Be⸗ ſtimmtheit wußte, daß ſein Verbrechen nicht unbeſtraft bleiben könne, und im Beſitze eines mit einer Kugel ge⸗ ladenen Piſtoles den leichten Muth nicht gehabt hatte, ſich vor den Kopf zu ſchießen. Vergiftet durch Arſenik iſt, fünf Tage, nachdem er es ſich beigebracht, der Mann geſtorben, den die Juſtiz eine Stunde nach der Ver⸗ übung des Mordes in Händen hatte, den die Polizei und die Aerzte keinen Augenblick aus den Augen ließen. Es iſt nicht in Abrede zu ſtellen, daß die Wachſamkeit der erſteren und die Heilkunſt der zweiten nie mehr Un⸗ glück gehabt hat. Die Polizei, welche kein Auge von ihm verwandte, bemerkte nicht, daß er eine beträchtliche Doſis Arſenik verſchluckte, und die Herren der Wiſſen⸗ ſchaft, die den Verheerungen des Giftes Einhalt zu thun berufen waren, brauchten fünf Tage, um deſſen Ratur zu erkennen. Fünf Tage ſchwankten ſie zwiſchen Opium und Arſenik! Das Weitere gehört hier nicht her, es betrifft den Verdacht, daß doch Seitens der Pairskammer dem Her⸗ zoge die Mittel zum Selbſtmorde verſchafft ſeien, und die furchtbare Betrübniß, welche der Doppelmord auf die Familie Ludwig Philipp's hervorgebracht. Beides ſind nur Wirkungen der Greuelthat, Wir⸗ kungen, die fortgewirkt haben, nicht unbedeutend eingrei⸗ fend in die Revolution, welche den Julithron und die Pairie in Frankreich ſtürzte. Damit iſt alſo der Proceß fertig, klar; unfertig und unklar liegt er nur in den Motiven. Wenn wir, auch nach jener mitgetheilten Muthmaßung, es für immer aufgeben müſſen, die nächſt⸗ liegenden Beweggründe zur Mordthat, den eigentlichen An un M de mit B beſtraf ugel ge t hatte, Arſeni rMann er Ver⸗ Polizei ließen⸗ ſamket ehr ln⸗ ge von Viſſen zu thun Natu Ovium ift den Hl n, und ord uf VPir ingrer und du Proleß in do theilt⸗ ( nich entlich Die Herzogin von Choiseul-Praslin. 415 Anlaß, zu erfahren, ſo iſt uns in den aufgefundenen und zur Publicität gebrachten Correſpondenzen und Schriften der ermordeten Herzogin dafür ein reiches Material geliefert, um die tiefer liegenden Motive in den Charakteren der handelnden Perſonen und ihren be⸗ ſondern Verhältniſſen zu entdecken. Die kleine Schrift der Lettres et impressions de Madame la duchesse de Choiseul-Praslin ward, als ſie Mitte 1847 er⸗ ſchien, in der ganzen gebildeten Welt mit ſolchem Eifer geleſen, und nicht allein ihres Inhalts und der Bezüg⸗ lichkeit auf jenen Criminalfall, ſondern auch wegen des literariſchen und pſychologiſchen Intereſſes jener Bekennt⸗ niſſe, daß ſie wol verdient, nachdem die Revolution mit ſo vielen andern Particularintereſſen auch ſie fort und bei Seite geſchwemmt hat, wieder daraus hervorgezogen zu werden und in einem Buche Aufnahme zu finden, deſſen Inhalt, ſo hoffen wir, es auch über die Revolu⸗ tion hinaus wird leben laſſen. Alles aufzunehmen, ver⸗ bietet uns der Raum. Aus den Auszügen, die wir ge⸗ ben, wird man den Roman, den die Wirklichkeit hier ſpielte, hoffentlich mit Intereſſe verfolgen. Hier aus einem Briefe der Herzogin an ihren Gat⸗ ten, geſchrieben vor dem Juni 1841. „Warum, o mein Herzgeliebter, ſchütteſt Du Deine Seele nicht in der meinen aus? Du ſchneideſt damit aus unſerm Leben den Reiz des Vertrauens, der Zunei⸗ gung ab. Glaubſt Du denn, oder zwingſt Du Dich zu glauben, daß die Unabhängigkeit in der Vereinzelung be⸗ ſteht? Du ſagſt, ich ſei zu viel verlangend, weil ich Deinen Kummer zu theilen wünſche. Du willſt, ich ſolle es gar nicht bemerken, wenn Du bekümmert biſt. 416 Die Herzogin von Choistul-Praslin. Aber wenn Du in meinen Augen ein Fremder werden willſt, ſo mußt Du mir vorher ganz gleichgültig wer⸗ den. Was koſtet es bis zu dieſer Stimmung gegen Je⸗ mand zu gelangen, den man ſo liebt! Glaubſt Du denn, daß es überhaupt möglich, daß mein Herz nicht vorher gebrochen wird? Du biſt ſelbſt betrübt, weil Du mich betrübt ſiehſt, und weißt doch den Grund. Du weißt aber auch den Troſt, den Du mir geben könnteſt, und doch hältſt Du damit zurück. Wohlan, ich, ich ſehe Dich leiden, in Traurigkeit verſunken, ich weiß, in meinem Herzen ſind Schätze von Liebe, um Deine Kümmerniſſe zu beruhigen, ſie zu beſchwichtigen, und Du ſtößeſt mich von Dir!— Bin ich denn nicht die Gefährtin Deines Lebens, Deine andere Hälfte, be⸗ ſtimmt Deine Leiden zu theilen wie Deine Freuden?— Wärſt Du krank, von wem würdeſt Du Dich pflegen laſſen? Würdeſt Du nicht nach meiner Hand verlan⸗ gen? Siehe, der Kummer iſt die Krankheit der Seele; weshalb mich zurückweiſen? Wer kann ihn verſüßen, wenn die nicht, die Gott zu Deinem Troſte neben Dich geſtellt, um Deine Sorgen zu lindern, Dein ganzes Le⸗ ben zu theilen?— Die Natur hat Dich nicht ſo ge⸗ ſchaffen, daß Du nicht die Wonne eines mitfühlenden Herzens empfändeſt, wo Alles zuſammengeht und die ſcharfen Ecken abſtößt; es iſt nur die Heftigkeit meines Weſens, was Dir den Widerſtand eingab, Dich ganz an mich zu lehnen. Du wirſt nie zu einem Andern ſagen, daß ſeine Frau nicht ſeine Genoſſin ſein ſolle, nicht die Hälfte ſeines Leibes und ſeiner Seele. Du be⸗ greifſt dieſes Glück, Du fühlſt auch das Bedürfniß, aber Du fürchteſt mein auffahrendes, argwöhniſches Weſen. Glaube mir, Theobald, vier Monat Schmerz und Reue haben mich gebeſſert; ich flehe, ich fordere . der werdn gültig wer g gegen J ſt Du dem nicht vorhe il Du mich Du weißt n könnteſt, hlan, ich ſunken, ich Liebe, un ſchwichtigen, denn nicht Hifte, be reuden?— dich pſehun nd verlan der Seele; verſüßen, neben Dich gmzes icht ſo ge nifihlendn ht ind di git min Dich hanz em Mndern ſn ſole Du be⸗ Bedrfuif wühriſch⸗ t Schn ih ſun Die Herzogin von Choiseul-Praslin. 417 Dein Vertrauen zurück, nur um zu tröſten, nicht um zu unterſuchen und zu kritiſiren. Ach! ich ſchwöre es Dir, nie will ich wieder verſuchen, eine Herrſchaft über Dich zu gewinnen; ich erkenne ja ganz an die höhere Kraft Deines Charakters, Deiner Vernunft, ich will nur Dein Leben theilen, um es zu verſchönern und Bal⸗ ſam auf Deine Wunden zu gießen. Du haſt meine Zimmer verlaſſen, aus Furcht, daß ich eine Herrſchaft über Dich gewinnen könnte. Mein Freund, ich ſchwöre Dir, bei meiner Liebe, bei der Deinigen, bei Allem, was mir heilig iſt, ich fordere ja nur Deine Liebe, Dein Vertrauen, wie Du das meine haſt; ich will mich in Allem von Dir leiten laſſen; ich will Dich nicht mehr mit Eiferſucht plagen; ich will mir nicht mehr anmaßen, Dich zu tadeln, noch Dir Rath zu er⸗ theilen. Ich fühle zu tiefe Reue, ich leide zu ſehr an meinen Fehlern, um wieder in ſie zurück zu verfallen. „Wir ſind noch jung, Theobald, verdammen wir uns nicht beide zur Iſolirtheit. Wie! wir lieben uns, wir ſind beide rein, und wir ſollten getrennt leben, ei⸗ ner vom andern im Herzen und im Geiſt. D laſſe Dein Herz nicht unterdrücken durch ein wenig Selbſt⸗ liebe; ich ſchwöre nochmals, ich erſehne, verlange nichts, als Deine Zärtlichkeit und Dein Vertrauen; ich wollte Deine liebende Hälfte ſein, aber mein Leben hindurch paſſiv. Mein Freund, das Vertrauen iſt die Ehe der Geiſter, die Zärtlichkeit iſt der Ausdruck, Einträchtigkeit, Glück und Tugend ſind ihre Früchte. Glaube mir, ich will Deine Güte, Deine Zärtlichkeit nie misbrauchen. Deine Herzensergießungen will ich in meinem Herzen verſchließen mit derſelben Zärtlichkeit, mit demſelben My⸗ ſterium wie Deine Liebkoſungen. Nimm Deine Fanny wieder an, verſuche es noch einige Zeit mit Liebe, Ver⸗ 418 Die Herzogin von Choiseul-Praslin. trauen; Du wirſt ſehen, daß Dich das glücklicher macht, als Deine Iſolirung. Du ſuchſt Zerſtreuungen, aber biſt Du wirklich glücklich? O nein, mein Freund, man iſt es nicht mit einem Herzen, wie Deines, und bei einem Leben, wie wir es führen. Deine Frau, ſie hat kein ander Glück, keine andere Neigung, keine an⸗ dere Familie, keine andere Stütze, als Dich. O ſei nicht taub gegen ihre Bitten, ihre Schwüre, ihre Reue, denn ſie liebt Dich, und ihr Leben ſoll fortan nichts ſein, als Liebe und Dankbarkeit für Dich. Du ſtößeſt ſie zurück wie eine Schuldige, ſie wagt nicht Deinen Augen ſich zu zeigen, Dir ihr Herz zu öffnen, Dich mit Zärtlichkeiten zu umſchließen, ihre Bitten vor Dir auszuſprechen. Du haſt ſie fortgejagt aus Deinem Bett und aus Deinem Herzen; würde es Dir Vortheil brin⸗ gen, wenn ſie nicht treu wäre?— Sie weint Tag und Nacht. Sie ſteht an Deiner Thür und wagt nicht ein⸗ zutreten, denn morgen könnteſt Du ihr vielleicht einen Vorwurf deshalb machen. Mein Freund, beim Namen aller Erinnerungen, die Dir theuer ſind, die Du mich ſo oft anrufen hörteſt, o wenn Du es ernſt mit mir meinſt, ſtoße mich nicht mehr zurück! Schenke mir wie⸗ der Dein Vertrauen, Deine Liebe; nimm wieder die Pflege, die Tröſtungen der Frau an, die nur lebt, um Dich zu lieben. Ich will ja niemals mehr Misbrauch damit treiben.——— Heißgeliebter, warum grollſt Du mir? Doch nur, weil ich argwöhniſch war, weil ich Launen hatte? Wichen ſie nicht bei der erſten Lieb⸗ koſung? O gib Deiner gereizten Stimmung nicht nach. Sei nicht unerbittlich. Mein Herz zerbricht, Theobald! Mitleid, Mitleid für die, die Dich liebt! Vertraue Dein Glück mir an, wie ich meines Dir anvertraue. O! ſchlage es nicht ab, ich beſchwöre Dich; Du ſollſt ſehen, macht „abet , man nd bei u, ſe ne an⸗ H ſei Ruuc, nichts ſtüßeſt Deinen Dich or Dir nBett lbrin⸗ 69 und ht eln⸗ einen lamen mich it nir it wie der die tt, un zbrauch gul . weil nach⸗ obald Dein 6 ſchen Die Herjogin von Choiseul-Praslin. 419 ich werde niemals mehr zudringlich ſein, noch befehls⸗ haberiſch, noch argwöhniſch, wenn Du mir vertrauſt, wenn Du Dich mir mit ſüßer Innigkeit näherſt. Ich will Deinen Kummer heben, Dein Herz; ich verſpreche Dir das Glück. Mein Geliebter, mein Freund, glaube mir, wenn Du wüßteſt, mit welcher ſeligen Freude ich heut Abend Deinen Vater Dich loben hörte, ſich wundern, was Du Alles könnteſt, wenn Du nur wollteſt! O, ich war glücklich und ſtolz. Aber ich wunderte mich gar nicht, denn ſchon lange kenne ich Deinen Werth. Deine Frau iſt ſehr ſtolz, ſehr glücklich über Deine Er⸗ folge; ſie liebt Dich zu ſehr, mein Freund, um es nicht zu verdienen, daß ſie Theil habe an allen Deinen Küm⸗ merniſſen, den Gedanken, die Dich drücken. Theobald! ich lebe ja nur durch Dich, in Dir! O mache doch, daß ich für Dich lebe. Je größer meine Beleidigungen gegen Dich ſind, um ſo würdiger iſt es eines Herzens, wie Deines, ſie zu verzeihen. Ja, meine Liebe, meine Hingebung, meine Reue ſind werth Deiner Verzeihung. O, zerbrich nicht dieſes Herz, das nur für Dich athmet. Freund! Freund! Du, der mich ſo geliebt hat, vergib mir. Verlaß Dich darauf, Du wirſt Dein Vertrauen, Deine Güte nicht bereuen. Glaubſt Du denn nicht, wenn Du mir Deine Sorgen vertrauſt, Deinen Kopf an mein Herz legſt, Deine Hände in meine, meine Lippen auf Deiner Stirn, daß Du ſie dann weniger bitter empfindeſt, als in der Einſamkeit? Wenn ich durch Worte der Liebe und Theilnahme Deine trübe Stimmung beſchwichtige, glaubſt Du nicht, daß Du dann glücklicher ſein wirſt, als jetzt? O opfere Dein und mein Glück nicht einer thörichten Furcht, daß ich Deine Güte misbrauchen könne.—— Wirſt Du um deswillen weniger Mann ſein, wenn Du eine Freundin 420 Die Herzogin von Choiseul-Praslin. haſt, die Dich tröſtet, die mit Dir Alles theilt, Leid und Freud, ohne andern Wunſch dabei, als Deine Zu⸗ neigung. Deine geringſten Wünſche ſollen für mich Be⸗ fehl ſein. Du wirſt der Wille, der Führer, die leitende Vernunft unſerer Vereinigung ſein; ich will die Sanft⸗ muth, der Troſt und die Zärtlichkeit ſein. Dieſe Ver⸗ einigung unſerer Herzen ſoll ein ſüßes Myſterium der Liebe unter uns ſein. „O, wir könnten ſo glücklich ſein, wenn Du es nur verſuchen wollteſt. Du würdeſt ſehen, welche ſüße Hei⸗ terkeit den Kummer erſetzte, der mich jetzt verzehrt. Du ſollteſt gewiß ſein, wenn Du nach Hauſe kommſt, im⸗ mer ein heiteres Geſicht zu ſehen, und ein Herz, klo⸗ pfend vor Luſt, Dich wieder zu haben und der Schrank zu ſein, in den Du Deine ſchweren Gedanken ablegſt, und wollteſt Du mich ausführen, welche glückliche Ge⸗ fährtin würde Dir überall hinfolgen. Haſt Du mich je geſehen, daß ich irgend ein Vergnügen dem vorzog, in Deiner Nähe zu ſein? Und doch warſt Du im An⸗ fang eigentlich eigenſinniger als ich. Gott weiß, bis wohin Dein Verdacht in dieſem Augenblick in dieſer Hinſicht ſtreift; denn ich weiß nicht, wel⸗ chem Motiv ich jetzt Deinen geheimen Kummer zuſchrei⸗ ben ſoll. „In welcher Angſt ich lebe!——— Du ſollſt ſe⸗ hen, ich will gar nicht mehr verſuchen, Dir meine Ge⸗ danken aufzudrängen. O, Du willſt den Verſuch ma⸗ chen. Ich kann's nicht denken, daß Du mich ſo auf immer verſtoßen könnteſt.——— Aber das Leben iſt ſo kurz, mein Heißgeliebter, und es iſt ſchon ſo lange her, daß wir uneinig, getrennt ſind! Bald werde ich nicht mehr wagen, Avancen zu machen, die immer zu⸗ rückgeſtoßen werden, wie meine Zärtlichkeit. Es liegt Da zu ſo gli ſte ſche In dat tige him lich dau füre getr wirt bleil den gen ſint veri WMe ſtre ſſane So nie ther LAd Zl⸗ Be⸗ tende auft⸗ Ver⸗ der Hei⸗ Du „im⸗ flo⸗ hrant legſt Gt⸗ mich z0g, An⸗ bis c in wel chri ſt ſ⸗ m⸗ auf niſt ange ich r zl lieht Die Herzogin von Choiseul-Praslin. 421 nicht in Deinem Charakter, den erſten Schritt zu thun Dann kommt die Gewohnheit dazu, Deine Frau wird Dich zu ſehr fürchten, um es noch einmal zu verſuchen, und ſo wird das Leben dann hingehen, und Du wirſt nicht glücklich ſein, und Deine Frau wird vor Schmerz ſterben. O, kehre, kehre zu ihr zurück!“ Welche Antwort von Seiten des Herzogs auf dieſen Brief erfolgte, weiß man nicht. Das Verbrechen er⸗ ſcheint, wenn man den Brief geleſen, doppelt gräßlich.— Im Secretair der Herzogin fand ſich ein anderer Brief, datirt vom 21. Mai 1841. Iſt er bald nach dem vo⸗ rigen geſchrieben, ſo muß man annehmen, daß auch die hinreißende Sprache einer tief von edelſter Leidenſchaft⸗ lichkeit bewegten Seele ohne Eindruck, wenigſtens ohne dauernde Wirkung auf den Empfänger geblieben iſt. „Wundere Dich nicht, lieber Theobald, daß ich mich fürchte, allein mit Dir zu ſein.*) Wir ſind auf immer getrennt, Du haſt es ausgeſprochen. Der geſtrige Tag wird in peinlicher Erinnerung in meinem Herzen leben bleiben. Geſtern Abend haſt Du ſehen können, daß ich den ganzen Ernſt begriff, weil mein Benehmen in Ge⸗ genwart der Perſonen, die der Grund unſerer Trennung ſind, ſo war, wie es hätte ſein müſſen, wenn wir innig rereinigt geweſen. Ja, ich ſchwöre es Dir, vor der Welt ſollſt Du immer mit mir zufrieden ſein, die An⸗ ſrengungen, die ich geſtern machte, nach einem ſo grau⸗ ſimen Tage, werden Dir den beſten Beweis liefern. So lange ich die Hoffnung nährte auf eine Wiederan⸗ näherung, auf eine Verſöhnung(und ich hatte letzthin *) Hier Vous, im erſten Brief tu. Es iſt ein beachtenswer⸗ ther Uebergang im Ausdruck wie im Ton der Sprache. Das Nous mit Sie zu überſetzen, wäre aber ein zu ſcharfer Sprung. 422 Die Herzogin von Choiseul-Praslin. viele), da wurde ich zwiſchen Freude und Furcht hin⸗ und hergeſtoßen, was mich mancherlei Misgriffe begehen ließ; jetzt, wo das Opfer vollbracht iſt, ſei ruhig. Vor den Kindern, den Leuten, der Familie, der Welt ſoll niemals Dich etwas anſchuldigen können, daß Du mein Glück zerſtört hätteſt. D, wenn ich Dich nenne, biſt Du es nicht, den mein Herz anſchuldigt; aber mich allein mit Dir zu finden, mein Freund, das geht über meine Kraft. Ich muß in der Einſamkeit weinen, mich dort zu ſammeln, zu faſſen, um wieder die Kraft zu gewinnen, daß ich Allen mein Unglück ver⸗ berge. Meine Einbildungskraft iſt noch zu lebhaft, die Gewohnheit, mich auszulaſſen gegen den, den ich liebe, noch zu friſch, als daß ich mich ſchon in die andere Ge⸗ wohnheit einer kalten Zurückhaltung fügen könnte, eines feierlichen vis à vis mit Dir, wie doch meine Lage zu Dir es fordert. Mein Herz würde immer aufwallen. Die Zeit wird die Sprache des Schmerzes mildern und ihm die Kraft der Gewohnheit leihen. Uebrigens, mein Freund, ſei verſichert, daß ich, ſtatt Dich zu flichen, in Dir noch immer die Perſon ſehen werde, mit der ich, wie früher, am liebſten zuſammen bin. Heute iſt meine Liebe noch zu heiß im Herzen. Mein inneres Leben iſt nur eine Trauer. Meine Empfindungen werden immer dieſelben ſein, aber die Zeit wird die Formen mildern. „Misdeute es mir alſo nicht, wenn ich Dich fliehe. Ich fühle, ich muß es, um Dein Leben nicht zu ver⸗ giften. In Gegenwart Dritter werde ich viel leichter ſein. Ich werde mich frei fühlen, es wird mir angenehm ſein, wenn ich Dir gegenüber aufmerkſam, lebhaft, un⸗ terhaltend erſcheine. Das werden die troſtreichen Mo⸗ mente für mein Leben ſein—— o gönne ſie mir häufig, mein Freund, ich will Dir ſehr dankbar dafür ſein, ich wer wa pei ſch un wo ſtel ſit len begehn ti wuhig er Wel De ich Dic chuldigt nd, doi inſamke n wiede üc ve haft, di ich licbe were Gi nu, in ufwalle dern un ns, mehn ichen, iſt m Lebm den im nildiu t zu v. i lich angent hoſt ichen“ nir hil r ſin⸗ Die Herzogin von Choiseul-Praslin. 423 werde in der Flluſion heiter, luſtig ſcheinen. Nach dem, was am Morgen geſchehen, mußte ja der Abend nur peinlich für mich ſein. Und Du haſt es geſehen, ich er⸗ ſchien glücklich, und ich war es beinahe. Ich ſagte mir: Wenn wir vereinigt wären, ſo müßte man dies thun und dies ſagen, und ich that es; die Illuſion that mir wohl. Allein mit Dir, da muß ich immer auf Wache ſtehen in Gegenwart der ſchrecklichen Wirklichkeit. Wir ſind getrennt, und obſchon es nun drei Jahre ſind, daß wir ſo leben, als wären wir es, blieb da doch noch immer eine Hoffnung. Das Geſtern hat ſie getödtet. „Um Dir, Angeſicht in Angeſicht, zu leben, wie es doch künftig ſein muß, muß man arbeiten, das Vergan⸗ gene zu vergeſſen, vor Allem meine Hoffnungen. Zeit und Gewöhnung der Einſamkeit können allein mich leh⸗ ren, wie ich in meinen Gedankenbildern meinen Theo⸗ bald von dem Herrn von Praslin trenne. Der erſtere darf nur noch wie ein Myſterium in meiner Erinnerung leben, oder auch vor der Welt. Bin ich allein mit Dir, dann habe ich nur noch den Herrn von Praslin vor mir. „Ach, glaube mir, ich wünſchte nur darüber Gewiß⸗ heit zu haben, daß Du glücklich würdeſt um den Preis deſſen, was ich ſchon gelitten habe, und deſſen, was ich noch leiden würde in einer Zukunft ohne Ausſicht. Komm nur ohne Furcht nach Vaudreuil, bleibe dort viel bei Deinen Kindern. Du ſollſt mich nie auf Deinem Wege ſinden. Bis jetzt ſuchte ich alle Gelegenheiten auf, um meine Hoffnungen wieder aufblühen zu ſehen, jetzt ſiehe ich ſie. Schwer wird es mir, ſie zu verlieren. Adieu! O, welche Schmerzen ſchließt dies eine Wort in ſich, an die ich niemals glaubte! Adieu, und doch —— 424 Die Herzogin von Choiseul-Praslin. haſt Du mich geliebt. Adieu! Dort aber werden wir uns wiederfinden. Weiſe dieſe letzte Bitte nicht von Dir, das einzige Rendezvous, das ich Dir jemals geben werde. Möchte der Gedanke auch Dich bisweilen beſchäftigen. Ich liebe Dich immer fort.“ Im Schloſſe Praslin hatte man im Secretair der Herzogin ein kleines gebundenes Buch gefunden, mit einem Schloß. Es enthielt eine Art Tagebuch. Auf dem erſten Blatte ſtand:„Für meinen Mann, den Herzog von Praslin. Allein zu leſen.“ Hier einige Auszüge: „Paris, 13. Januar 1842. „Schon zwei Mal waren die Blätter dieſes Buches vom bittern Schmerzgefühl meines Herzens überdeckt. Ich verbrannte ſie wieder in einem Augenblick der Hoff⸗ nung, um jedes Zeugniß meiner Leiden auszulöſchen und Dir nur meine Empfindungen über Deine glückliche Rückkehr auszudrücken. Zwei Jahre ſind nun verfloſſen und meine Hoffnungen für dieſes Leben erloſchen; und ich fühle nur das traurige Bedürfniß, daß Du ein Herz ganz kennen lerneſt, welches ſeine zarteſten Gefühle in Dir geſammelt hatte und welches ſeine ganze Hoffnung mit vollem Vertrauen auf Dich ſetzte. Ich weiß es, daß die bloße Gleichgültigkeit Dich, der Du ein gutes Herz haſt, nicht dahin gebracht hätte, Jemand in der Art zu behandeln, wie Du gethan, der Dich ſo liebt, daß Du darüber niemals konnteſt in Zweifel ſein. Dazu gehört ſchon Abneigung, um mir, Dir gegen⸗ über, alle Rechte einer Frau zu entziehen⸗ Es gehörte mehr dazu— es gehörte Widerwille dazu, um mir meine Kinder zu entreißen. Meine Kinder!— Konnteſt Du glauben, daß ich ſie verderben würde? Aber Du w werden te Bitt das ich zedanfe hlieb etair der en, ni h. Vf mn, den et einige 1812. Buche iberdet der Hof zulſchen glicklich verfloſſen en ein Hr efühle Hoffnun weiß* ennd Dich aiftl ſn ir geg z gehin um Konn Abn Dit Herzogin von Choiseul-Praslin. 425 weißt zu gut, daß mein Herz und mein Leben rein ſind. Und Du weißt auch, daß es wenige Mütter gibt, wie ſchuldig ſie auch ſonſt wären, die dazu fähig wären. Glaubſt Du denn, daß ich ſie nicht liebe, großer Gott! Glaubſt Du, daß ich kein Gemüth habe, daß ich ſchlechter bin als Raubthiere?—— Ja, ich war lange Zeit in⸗ dolent, unfähig, aber ich war ja immer ſchwanger; und nun, wo ich weiß, denn Alles beweiſt es mir, daß Du keine Neigung für mich haſt, entziehſt Du mir auch meine Kinder, um ſie alle und gänzlich einer jungen, leichtſinnigen Perſon zu übergeben, welche koi⸗ nen religisſen Sinn hat und die Du erſt ſeit acht Monaten kennſt. Ich glaubte ehemals den er⸗ ſten Platz in Deinem Herzen einzunehmen, aber ich ſah, daß ich mich getäuſcht, und ich faßte mich. Dann lernte ich, daß Du weit meiner Liebe die Unabhängigkeit vor⸗ zogſt, auch da unterwarf ich mich, ich geſtehe es, nach ſchwerem Kampfe. Endlich nach dem Tode Deines gu⸗ ten, trefflichen Vaters erkannte ich, wie tief unten ich in der Reihe der von Dir Geachteten ſtehe.——— Könnte ich nur jetzt noch den vierten Platz wie damals in Deinem Herzen einnehmen!——“ „Theobald! Theobald! Genügte es denn nicht Deiner Rache, um mich wegen meines auffahrenden Weſens, meiner Eiferſucht zu ſtrafen(zu dieſer berechtigte mich wahrhaftig, ich verſichere es Dich, nur zu oft Deine Vernachläſſigung der conventionellen Sitten), genügte es denn nicht, mich zu verlaſſen und ein Leben zu füh⸗ ren, wie Du es ſchon ſo lange führſt, das mir das Herz zerreißt, das allen Anſchein der Untreue auf Dich wirft? Mußteſt Du mir auch noch die Achtung, die Zuneigung, das Vertrauen meiner Kinder rauben? O, es iſt grauſam——— Aber ich klage Dich nicht an, 426„ Die Herzogin von Choiseul-Praslin. Du weichſt nur, ohne es zu wiſſen, einem Einfluß, der Dich von allen Seiten umſtrickt. Es iſt keine Phraſe, Geliebter, ich ſterbe vor Kummer, denn die moraliſchen Leiden haben meine Geſundheit erſchüttert. Ich habe die Aerzte befragt und weiß es. Die Nächte, ſeit beinahe fünf Jahren, faſt alle verbracht mit Weinen bis um drei und vier Uhr des Mor⸗ gens, mit dem krampfhaften Weinen der Ver⸗ zweiflung, ſo daß ich oft, um mein lautes Auf⸗ ſchreien zu erſticken, mein Kopfkiſſen auf den Mund legte, das hat eine Entzündung der Eingeweide hervorgebracht. Die phyſiſchen Mittel helfen nichts, ſo lange die moraliſchen Urſachen dauern. — Die Heilung iſt unmöglich. Da fühle ich denn mit Schmerz, daß ich auch alle die Vorzüge einbüße, durch welche ich Dich mir wieder zurückführen könnte. Meine Züge ändern ſich, meine Kräfte werden ſchwächer, ich werde verbittert, meine muntere Laune iſt hin, mein Geiſt erlöſcht, meine Energie wird geſchwächt. Theo⸗ bald, denke an Deinen Schmerz, als Du Deinen Vater verlorſt; ich, ich habe meinen Mann verloren, meine Kinder, ich bin bei ihnen und darf ſie nicht genießen, ich weiß, ich bin eine verachtete Laſt. Da müßte ich eine Schauſpielerin ſein, wenn ich bei ſo bit⸗ tern Schmerzen noch liebenswürdig und heiter ſein wollte. Die Ruhe, die ich zeige, bringe ich nur durch Opium hervor und durch heftige An⸗ ſtrengungen vor der Welt; das muß ich dann durch hef⸗ tiges nervöſes Zittern, durch unausſprechliche Angſt be⸗ zahlen, vom Augenblick an, wo ich allein bin. Wie oft ſeit fünf Jahren mußte ich aus dem Salon fliehen, weil ich mein Schluchzen nicht mehr überwinden konnte. Ehe ich es geſtehen durfte, daß ich Opium nehme, weil un etſ die Ki iſ luß, du Phraſe, raliſchen ſch habe e, ſeit ht nit Nor⸗ r Ver⸗ es Auf⸗ uf den ng der nMittl dauern. enn mit e, dutc Meine her, ich mein Theo n Poter , weine Die Herzogin von Choiseul-Praslin. 42 — es mir jetzt verordnet iſt, ach wüßteſt Du, wie oft ich mir da den Kopf und den Magen heimlich mit Lauda⸗ num rieb, um nur einige Stunden Ruhe zu gewinnen! ———„O, wenn ich nicht mehr ſein werde, wenn dann Dein Herz ſich erweicht, an dieſe Fanny denkend, welche Dich ſo geliebt hat, an dieſe Mutter von neun Kindern, die keines mehr hatte, die der Ver⸗ achtung ihrer eigenen Kinder gewidmet war, ſage Dir dann, daß ſie Dich immer geliebt hat, daß ſie wohl ge⸗ fühlt, wie die Schranken von andern Händen errichtet werden als Deinen, um die zu trennen, welche Gott vereinigt hatte, daß ſie Dir nie übel gewollt, daß ſie Dich nur für verſtrickt, geblendet hielt. Beklage ſie nicht, daß ſie geſtorben, denn ſie litt zu ſehr, um zu wünſchen, noch länger ein Leben zu er⸗ halten, was ſo unnütz Denen war, welche ſie liebte, denn ſie fühlte wol die Schmach, auf der Erde unnütz zu ſein mit einem Mann und neun Kindern! Sage Dir dann, daß ſie ſo oft ge⸗ betet, ſo oft Gott ihre Trübſale dargeſtellt hat, um die Gnade zu erhalten, mit Dir vereint zu werden in einem beſſern Leben, wo keine Trennung mehr ſtattfindet, und daß ſie mit Zuverſicht ſcheidet, denn ſie hofft, daß Du zum Rendezvous im Himmel kommſt.“ In einem fernern Blatte vom 24. Januar 1842 die⸗ ſelben Klagen, Verſicherungen. Hier heißt es ſchon deut⸗ licher:„Jetzt haſt Du alle meine Kinder mir entriſſen, um ſie einem leichtſinnigen Frauenzimmer zu übergeben, die Du kaum kennſt; der Du alle meine Pflichten zu erfüllen übergabſt, alle meine Freuden, meine Autorität; die nun das Recht hat, über meine theuerſten Güter, meine Kinder, zu verfügen; die die Gefährtin meines Mannes iſt(a compagne de mon mari), die das Recht er⸗ 428 Die Herſogin von Choisrul-Praslin. worben hat, zu jeder Stunde, unter allen Umſtänden in das Zimmer einzutreten, wo ich, Deine Frau, die Mutter Deiner Kinder, nicht mehr eintreten darf, ſelbſt wenn Du krank biſt.“ Ihr weicher, ſchmelzender Klagegeſang geht nun ſchon in bittere, faſt kreiſchende Töne der Verzweif⸗ lung über. „O unter der Maske liebenswürdigen Flatterſinnes liegt viel Intrigue, Ungebührliches, Mangel an Scham⸗ haftigkeit in dieſer Perſon, der alle religiöſe Gefühle fehlen, ohne welche die Tugend einer Frau nur Flug⸗ ſand iſt. Dieſe Perſon, wenn man ſie recht hält, könnte eine ſehr gute Gouvernante werden zur Unterrichtung der Kinder; aber ſie zur Mutter meiner Kinder gemacht zu ſehen; während ich noch lebe, mich verdammt zu ſe⸗ hen, daß eine Andere mich vertreten muß!— Gott ver⸗ zeihe Dir. Als Chriſtin verzeihe ich Dir; aber Du läſſeſt mich viel leiden, Du haſt unſere letzten Bande zerriſſen. Haß und Verachtung gegen mich iſt in Bir „Hätte ich nicht die traurigen Beweiſe dafür, daß Dein Herz auf immer für mich verſchloſſen iſt, ſo würde ich noch ein Mal einen letzten Verſuch machen, ich würde mich Dir zu Füßen werfen, Dich anflehen, im Namen Deines Vaters, ſeiner alten Tage, unſerer Kinder, Mit⸗ leid mit Der zu haben, die nie aufgehört hat Dich zu lieben, die gern Dir ihr Leben opferte.— Aber ich weiß es, meine Leiden ſind Dir widerwärtig, ſie berüh⸗ ren Dich nicht. Als Dein armer Vater ſtarb, da, am 28. Juni 1841, obgleich Du wußteſt, daß ich, mehr als Andere vielleicht, Deinen Schmerz begriff und theilte, in dieſem grauſamen Momente vermiedeſt, verſtießeſt Du mich, da fühlte ich, daß Du mich nicht liebteſt, denn won wun 9 ſihn Glit glau ih ſ t n hin teſte Uſt und 60 St ſti änden in eMutter ſt wenn cht nun Berzwif terſinnes Scham Gefühle ut Flug⸗ t, könnte michtung gemht nt zu ſ Gott ve⸗ aber Du Bande iſt in füt, da ſo würde Namen N V der Dich ʒ Aber ich ſi berih da, 6, moh ch) nd theili ieße2 g del eſt, 5 Die Herzagin von Choiseul-Praslin. 429 man liebt Die nicht, mit denen man nicht zu weinen wünſcht.———“ Aber nachher trat, wie auch ſpäter noch, eine Ver⸗ ſöhnung ein.„Du ſprachſt von einer neuen Aera des Glückes, mit welcher Glut ſegnete ich Dich da, ich glaubte Dir.——— Du biſt traurig, ſehr leidend; ich ſehe Dich unglücklich, peinlich beſchäftigt, und nie iſt es mir geſtattet, Dir mein Beileid zu bezeigen, meine Hingebung, den Troſt der Zärtlichkeit und des lebhaf⸗ teſten Mitgefühls, während Andere alle meine Rechte uſurpirt haben.“ Sie ſchaudert vor der Zukunft, mit einem Manne und Kindern, allein leben und ſterben zu ſollen. Nur Gott könne da durch eine Art Wunder helfen. Sein Stolz werde ihm verbieten, ihr wieder einen Theil in ſeinem Leben zu geben, denn er werde niemals einen Theil der abſoluten Autorität zurücknehmen, welche er der Deluzy eingeräumt, und ohne das werde ſie nie zu⸗ frieden und glücklich ſein. „Ein Tag wird kommen, wo wir ſchon in dieſem Leben auf immer getrennt ſein werden, und unſere letz⸗ ten Jahre werden dann in Einſamkeit und gegenſeitigem Grollen verſtreichen. Wenn Du dann wenigſtens, wenn ich todt bin, nicht meinem Gedächtniß flucheſt!— Theo⸗ bald, ich habe Dich immer geliebt, ich habe nur Dich geliebt, ich liebe Dich noch, ich leide, aber ich liebe Dich noch. Ich wollte Deine Genoſſin ſein, Deine Freundin in jedem Augenblick, theilen alle Deine Schmer⸗ zen, Deine Geſchäfte, Deine Intereſſen, Deine Vergnü⸗ gungen, mich nur mit Dir und unſern theuern Kindern beſchäftigen. So verſtand ich die Heirath, die Liebe, die Freundſchaft. Wäre es denn möglich, daß Du mich mehr lieben könnteſt, wenn ich dieſes pflichtenleere Le⸗ 430 Die Herzogin von Choiseul-Praslin. ben, wie Du es mir gemacht, wenn ich die Welt mei⸗ nem Manne und meinen Kindern vorzöge.—— „Wenn ich nur begriffe, was Du eigentlich willſt. Du haſt mich nur hingeopfert Deinem Geſchmack für Unabhängigkeit und für ein in Myſterien eingehülltes Gargonleben; Du haſt mir die Kinder genommen, meine Stelle ausgefüllt, bei ihnen und bei Dir, Du haſt mich annullirt in Deinem Hauſe, mich auf die Lebensweiſe einer geſchiedenen Frau reducirt, ohne Kinder, und doch biſt Du nicht glücklich.——— Oeffne Gott Dir die Augen und ſegne Dich, mein Geliebter, denn alles Glück, was ich in der Welt genoſſen, kam von Dir.“ Kaum, daß die Erbitterung des Schmerzes ausge⸗ tobt, ſo muß das liebebedürftige Gemüth der Herzogin in einer neuen Verſicherung ihrer eigenen unwandelbaren Liebe ſich Luft machen. Das iſt begreiflich— es liegt in dieſer weiblichen Natur— ſchwerer begreiflich, wie, nachdem ſie geſtern Q4. Januar) jenen Brief von ewi⸗ ger Scheidung geſchrieben, ſie heut(am 25.) auf klein⸗ liche Vorwürfe zurückkommen kann, über welche ſie von ihrem jetzigen Standpunkte aus längſt hinausſein mußte. „25. Januar 1842. „Bis dieſes Jahr konnte ich doch darauf rechnen, daß Du jeden Abend, wenn Du nach Hauſe kamſt, mich aufſuchteſt; mir war es ſogar erlaubt, zu jeder Stunde der Nacht kei Dir einzutreten. Jetzt darf ich mir nie mehr erlauben, Dich aufzuſuchen. Faſt jeden Abend gehſt Du in Dein Zimmer, ich weiß nicht ob allein. Dahin wird Dir der Thee gebracht und ich ſehe Dich nicht mehr. Ach, theurer Theobald, ſind das Deine Verſprechungen? Du hatteſt mir einmal geſagt: wenn Du nicht mehr zu mir kommſt, ſo werde ich immer „— c——— elt wä h wilſſ. nock für gehüllte n, meine aſt nich enöweiſt ind doch Dir die 3auöge⸗ herzogin delbaren es liegt ch, wie, on ewi⸗ f klein ſie von n mufte 60 rechnel, nt, mich Stud nit n Abn b ollein 6 Dein t vun h im Die Herzogin von Choiseul-Praslin. 431 bei Dir ſein.——— Ich hielt mein Verſprechen, aber Du! „——— Schon ſinds Jahre, daß ich nichts von Deinen Verbindungen weiß, daß ich nicht eine einzige Frage an Dich that, nichts, keinen Schritt, um das zu erfahren, was mich intereſſirt.(2) Und mein Vertrauen, meine Discretion hat Dich nie gerührt, Du haſt es nie für werth gehalten, mich zu unterrichten, aufzuklären. Du haſt mir geſagt: Laſſe mich allein meine Kinder er⸗ ziehen, ich werde Dich von Allem in Kenntniß ſetzen, was ſie betrifft, ich werde Dich zu Rathe ziehen und mich der Gouvernante gegenüber in der anſtändigſten Haltung benehmen.— Ach, wo ſind Deine Verſpre⸗ chungen!——— Während ich weine und troſtlos bin, trinkſt Du vielleicht in Heiterkeit Deinen Thee mit Derjeni⸗ gen, der Du Deine Kinder übergeben haſt!—— Du— wirfſt mir vor, ich ſei nicht mehr amuſant und heiter. Ich habe ja keinen Mann mehr und keine Kinder, mein Platz zwiſchen ihnen iſt von einer Andern eingenommen, wie kann ich lachen, ſcherzen!—— Fern von Denen, die ich liebe, ohne ein Vergnügen, eine Zerſtreuung, ohne irgend eine gemeinſame Beſchäftigung mit ihnen, müßte ich ja, wenn ich ihnen begegne, Quodlibets ma⸗ chen, Calembourgs, um ſie zum Lachen zu machen. Aber ich habe eine Seele, und dieſe Seele iſt erkältet in allen ihren Gefühlen.— Was ſoll mir Luxus, Reichthum, Unabhängigkeit, alle dieſe eiteln Dinge! Was mir noth thut, wornach ich verlange, iſt der Gatte, die Kinder, ihre Liebe, ihre Gegenwart, ihr Vertrauen. Alles Andere kümmert mich nicht.— Ja, ich liebte die Toilette, wenn ich mit Dir ausging, das Schauſpiel, wenn ich mit Dir es beſuchte. Auch die Welt gefiel mir, ich liebte den Luxus, Porzellan, Curioſitäten, als ———— —— 432 Die Herzogin von Choiseul-Praslin. wir mit einander im Hauſe lebten; ich liebte auch gutes Eſſen, als wir noch beiſammen aßen. Von Dir ge⸗ trennt, iſt mir das nun Alles gleichgültig; es iſt mir läſtig.——— O, wenn ich Frauen ſehe mit ihren Männern, Mütter mit ihren Kindern!——— Du forderſt mich auf, Verbindungen, Freundſchaften nach außerhalb anzuknüpfen! Und mit welchem Rechte ſollte ich, wie unwürdig vom eigenen Mann, von den eigenen Kindern verſtoßen, hingehen, und um die Freundſchaft von Perſonen bitten, die im glücklichſten Familienkreiſe ihren Pflichten und ihren Neigungen leben! Da müßte ich ja klagen, ſie um ihr Mitleid anflehen. Sonſt ſagten ſie: Warum kommſt du zu uns, du haſt ja ſelbſt einen Mann und neun Kinder.— Denn indem Du mich aus der Familie ſtößeſt, kann ich doch nicht annehmen, daß Du wünſcheſt, ich ſolle ſolchen Neigungen folgen, die mich verderben würden, indem ſie mich tröſten! Viel⸗ leicht hältſt Du mich für zu alt dazu; ich glaube, daß Du Dich darin täuſcheſt.“ Uund wieder, gleich nach dieſer poetiſchen Exaltation der Verzweiflung, verfällt ſie in den weinerlichen Ton: —„Lieber, guter Theobald, ſchmähe nicht auf mich, wenn ich todt bin, denn ich liebte Euch Alle, meine ar⸗ men, theuern Vielgeliebten. Gott ſegne Dich! Ach, wenn Du nur mehr religiöſe Grundſätze gehabt, dann wäre unſer Leben ein anderes geweſen. Ich wäre weit weniger eiferſüchtig geweſen.——— Gott ſegne Dich und lehre Dich, ihn lieben, erkennen und ihm dienen.“ Wer erwartet nach einem ſolchen, nach allen dieſen Scheidebriefen, die das eheliche Band für immer ge⸗ trennt erblicken laſſen, die nur noch eine Ausſicht offen laſſen— das Wiederſehen in einer andern Welt, wer erwartet drei Tage darauf einen Brief, der ſo anfängt: h gut Dir ge⸗ iſt mit it ihren — Di ten nach te ſolle eigenen ndſchaft ienkreiſ mißte t ſagten ſt einen nich aus un, diß en, di Bil⸗ e, duß cltation n Ton if nich eint al , t, dan äre wi gu dit dinn“ ndieſen mer g. bt off l, w ufih Die Herzogin von Choiseul-Praslin. 433 „28. Januar. „Geſtern Abend haſt Du mich mit Zärtlichkeiten überhäuft, zu meinem großen Erſtaunen, ich muß es geſtehen; Du haſt mir die zärtlichſten, ſüßeſten Verſpre⸗ chungen gemacht. Dieſen Abend habe ich Dich auch ge⸗ quält, aber nur, damit Du zu Deiner Zerſtreuung ins Theater gingeſt. Du ſagteſt mir, es wäre zu ſpät. Aber dann gingſt Du doch, um eine kleine Miethskutſche für alle Abende anzunehmen, als ob wir keinen Wagen zu Deinem Befehl hätten! Du haſt die Miene, als fürchteteſt Du, daß ich erführe, wohin Du gehſt! Und in Wahrheit, wen beſuchſt Du denn? Welche Män⸗ ner, welche Frauen ſiehſt Du denn?— Du gchſt Abends um 10 Uhr noch zu Fuß aus. Zu welchen Be⸗ kannten kann man denn um dieſe Stunde noch zu Fuß gehen, noch mit Koth beſpritzt, wenn man nach Hauſe kommt, und wenn man weder Mutter, Schweſtern, noch Vater in Paris hat!“ Nach den wiederholten Klagen über ihren Schmerz, über ihre Lage, kommt die Unglückliche immer wieder auf dieſen einen Punkt zurück, über den ſie doch, nach ſolchen wahrhaften, herzerſchütternden Seelenleiden, ſo meinte man, hinaus ſein ſollte. Sie grübelt fort und fort, wer denn wol die Perſonen ſein könnten, die er frequentirt und die augenſcheinlich nicht zur Geſellſchaft gehörten. „Einige Zeit durch glaubte ich, Du gingſt in den Cirkel. Aber das iſt nicht, ich müßte es doch auf die eine oder andere Art erfahren haben. Wenn ich immer und immer wieder höre von kleinen Zimmern, die my⸗ ſteriös gemiethet ſind, dann habe ich nur zu viel Grund zu fürchten, daß Du es biſt, der ſich da wo angeſiedelt hat. Das kann doch aber nicht ſein, um allein XV. 19 434 Die Herzagin von Choiseul-Praslin. dort zu leben!(Sehr naiv mitten im tiefſten Schmerz!)——— Ich halte Dich für weit erhaben über die Andern, durch den Adel und die Zartheit Dei⸗ ner Gefühle, und das verhindert mich zu glauben, was mir bei einem Andern wahrſcheinlich vorkäme.(2)“ Am 23. April ſchreibt ſie, daß ihre Lage ſich noch verſchlimmert habe; die Deluzy regiere jetzt ohne alle Einſchränkung.„Man hat nie eine ſkandalöſere Stel⸗ lung einer Gouvernante geſehen; und glaube mir, das iſt ein großes Unglück, ein großes Uebel ſogar, denn dieſes Vertrautſein, dieſe Familiarität mit Dir, dieſe Autorität, welche ſie über das ganze Haus übt, zeigen, daß es eine Perſon iſt, die ſich im Recht glaubt, über alles Schickliche ſich hinwegzuſetzen. Bei ihr iſt alles dies Eitelkeit, Geſchmack am Herrſchen, Gebieten, Luſt am Vergnügen. Eine geſchwiſterliche Vertraulichkeit iſt hoch unſchicklich in Betracht ihrer und Deiner Stellung im Leben und eurer Jahre. Welches Beiſpiel den Kin⸗ dern, wenn man ihnen zeigt, daß es ganz in der Ord⸗ nung, wenn ein Mädchen von 28 Jahren in jeder Stunde und in jedem Coſtüm geht und kommt in die Stube eines Mannes von 37 Jahren! Wenn man ſie im Schlafrock bei ſich empfängt, wenn man téte-àntéte ganze Abende mit ihr verbringt, über Ameublment, Reiſen, Vergnügungspartien verhandelt! Sie hat mit ihren Freunden gebrochen, um ſich ein Air zu geben, um ganz in die Societät einzutreten. Sie findet immer Rittel, ſich der Kinder zu entledigen. Hat ſie nicht die Frechheit gehabt, Folgendes mir ins Geſicht zu ſagen: „Es thut mir leid, Madame, daß es mir unmöglich iſt, zwiſchen Ihnen und Herrn von Praslin zu vermitteln; aber es iſt in Ihrem Intereſſe, daß ich Sie erſuche, mehr Acht zu haben in Ihrer Art und Weiſe mit mir tiefſten echaben heit Dei ben, wa 9 ſih noh ohne ale ere Stel mit, das n, denn it, dict t, zeigen üt, übn iſt alls ten, Auſ ichtet in Stellung den Kin der Ord⸗ rStunde ie Stube n ſi b eàtéle nublnen hat mi et inm nicht de 1 ſagel gib it nmittel eſu nit w Die Herzogin von Choiseul-Praslin. 435 umzugehen. Ich begreife, daß es Ihnen peinlich iſt, von Ihren Kindern getrennt zu ſein; aber nach Herrn von Praslin's poſitivem Entſchluſſe in Bezug hierauf ſehe ich ein, daß er ſehr gewichtige Gründe haben muß und hat, um ſo zu handeln, ſo daß ich es mei⸗ nerſeits für eine heilige Pflicht halte, ihm darin zu ge⸗ horchen.“— Iſt es möglich, daß Deine Frau, die—— genöthigt iſt, ſolche Inſulten hinzunehmen von Der, wel⸗ cher Du den Auftrag gegeben, ihre Kinder zu erziehen, einer Perſon, die Du ſelbſt erſt acht Monate kennſt, und von der Du in den erſten Monaten ſelbſt übel geſpro⸗ chen haſt!— Ich ſoll Deine Kinder verderben, und einer Perſon überläſſeſt Du ſie, welche—— auch alle Religionsübungen wie abergläubiſches Weſen be⸗ trachtet.—— Soll ich billigen, was tadelnswerth iſt, damit ſie Dir erlaubt, beſſer Dich gegen mich zu betra⸗ gen? Dann wär ich der Verachtung werth, wenn ich mir etwas Wohlbehagen durch eine Feigheit erkaufte. Du biſt in einem Zuſtande der Aufregung, daß Du mich nicht hören willſt, und daß Du mich nicht ver⸗ ſtehſt. Ich ſage nicht, wie Du es immer zu ver⸗ ſtehen ſcheinſt, daß Mademoiſelle Deluzy Deine Maitreſſe ſei im vollen Ausdruck des Wortes; dieſe Annahme empört Dich, Deiner Kinder wegen, und Du ſiehſt nicht, wie vor Aller Augen ihre familiäre Nähe mit Dir, ihre abſolute Herrſchaft im Hauſe, meine Iſolirtheit ſolche Thatſachen ſind, daß ſie es nothwendig glauben müſſen. Aus weit geringern Anzeichen als dieſe ſchließeſt Du ſehr oft auf ſträfliche Verbindungen.——— Mademviſelle Deluzy könnte eine ſehr gute Erzieherin ſein, aber ſie müßte geführt, geleitet werden, allein nicht von einem jungen Manne, weil ſie leicht iſt, inconſequent, kokett und herrſchſüchtig.“ 19* 436 Die Herzogin von Choiseul-Praslin. Bald darauf folgt die Erwähnung heftiger Scenen; ſie ſind mehr angedeutet als geſchildert: „Heute, als ich mich empört fühlte, da Du wieder von einem téte-àtéte mit Demoiſelle Deluzy kamſt, glaubte ich einen Meiſterſtreich zu machen, indem ich entfloh, ohne etwas zu ſagen, ich dachte dadurch ſowol eine Scene als eine Erbitterung zu vermeiden, und doch in ſanfter Art meine Misbilligung auszu⸗ drücken.(Geſchah es demzufolge anders jedesmal, wenn die Herzogin ihren Gemahl bei der Gouvernante be⸗ traf!) Guter Gott, hätte ich geahnet, in welche Wuth Dich meine ſchlimm angebrachte Sanftmuth verſetzte! Keine Heftigkeit hätte Dich ſo weit treiben können, mich die Treppe hinunter zu verfolgen, ſchrei⸗ end, tobend, mit Schimpfreden, mit beleidi⸗ genden Geſten! Und nachher bei mir, nachdem Du Dich einige Minuten bei Dir geſammelt, mir meine Vaſe zu zerbrechen, meine Waſſer⸗ kanne von Vermeil, oder es iſt vielmehr Ho⸗ razens, und dann mir die beiden Geſchenke fortzunehmen, an denen ich ſo hing! Du gabſt ſie mir, als ich glaubte, Du liebteſt mich wirk⸗ lich, mein kleines Roſaplateau und meine kleinen Emaille⸗Vaſen! Haſt Du ſie vielleicht ihr, oder einer Andern geſchenkt? „Neulich, um mich für meine Heftigkeit zu ſtrafen, weil ich mit Gewalt(à toute force) zu Dir hineinwollte, wo ſie ſo oft eintritt, als ſie Luſt hat, kamſt Du in mein Zimmer und haſt mir alle meine Sonnenſchirme zerbrochen. Heute, weil ich ſtill war, um eine Scene zu vermeiden, zerbrichſt Du mir meine liebſten Sachen, Du ſtiehlſt mir die Andenken an eine Liebe, die mein ganzes Glück Scenen; u wieder kanſe, dem ich dadurch rmeiden, z , wem ante be⸗ he Wuth erſehte! fönnen, ſchrei heleidi⸗ rachden mmelt⸗ ßaſſer⸗ hr Ho⸗ ſchenke gabſ pirk nein⸗ iht ih foret intritt ner und brochel emeide u ſich e Gl Die Herzogin von Choiseul-Praslin. 437 war. Du haſt mich ſchon alle Briefe verbrennen laſſen, die Zeugen und einzigen Ueberbleibſel dieſer Zärtlich⸗ keit.——— Du haſt mir die Hoffnung auf eine beſ⸗ ſere Zukunft geraubt, nun nimmſt Du mir auch die Vergangenheit.“ In immer wiederholten Darſtellungen ihrer Leiden quält ſie ſich in Phantaſiegebilden, die dieſe nur ver⸗ mehren können. „Oſt frage ich mich, ob er im Grunde ſeiner Seele liebt, ob er wirklich zu ihr hingezogen iſt, oder ob es nur um der Kinder willen iſt, ob er nur in ſeinen übel aufgefaßten Ideen mit ihr die Dinge auf einem ſo un⸗ ſchicklichen Fuße betreibt. Ich kann mich nicht enthalten zu glauben, daß von ihrer Seite im Verhältniß zu ihm viel Eigenſinn und Grille mit unterläuft... Was wa⸗ ren früher ſeine Verbindungen, ſeine Gewohnheiten. ſeit vier Jahren? Hat er ihretwegen ihnen entſagt. Häufig, und in dieſem Augenblick wieder— es iſt jetzt 1% Uhr in der Nacht— quält mich die Vorſtellung, daß ſie vielleicht in ſeinem Zimmer iſt, nur um mit ihm zu ſchwatzen, nur aus Trotz, Verachtung gegen die her⸗ kömmliche Sitte, ohne daß ſie Das iſt, was er ſeine Maitreſſe nennen würde. Begreift er denn nicht, daß es Dinge gibt, welche dem Gefühl ebenſo ſchmerzlich ſind? Die Seelenſchmerzen werden nicht durch die eine thieriſche Handlung allein hervorgerufen. Ich bin ſogar überzeugt, daß, wenn wir getrennt wären, er die Noth⸗ wendigkeit fühlen würde, alle Regeln des Anſtandes aufs pünktlichſte, der Gouvernante ſeiner Kinder gegen⸗ über, zu beobachten.“ Immer und immer kommt dann wieder die Frage: ob er ſie auch wirklich liebt? Sie grübelt dann nach und kommt auf den Gedanken, daß es vielleicht nur ſei⸗ ———— 438 Die Herzogin von Choiseul-Praslin. nerſeits ein Plan wäre, ſie zu beſſern! Er wolle ſie auf die Probe ſtellen(eine moderne Griſeldis!), ihr ſeine Liebe entziehen, die Rechte einer Mutter, Hausfrau, durch fünf Jahre habe er ſie alles deſſen beraubt, was eines Weibes Herzen theuer, um den Augenblick zu er⸗ warten,— wo ſie keine Klage mehr vorbringe. Dann vielleicht werde er ihr Alles wiedergeben:„Bildet er ſich ein, ruft ſie, daß er es dann noch kann?— Und wird er es wollen? Wünſcht er es?“ Ach, ſie wünſchte es ſo ſehr, aber ſie glaubt es nicht. „Die Deluzy würde es verhindern, er würde nicht wagen, ſich für mich zu entſcheiden. Ich verſtehe es nur zu wohl; ſie hat ſo viel wirkliche Vortheile in ihrer Lage als Erzieherin, und er hält ſie noch für weit vor⸗ trefflicher, als ſie iſt. Sähe er mich unterwürfig, erge⸗ ben, er würde meinen, ich ſei zufrieden. Er würde den⸗ ken, es lohnt ſich gar nicht der Mühe, darin eine Aen⸗ derung zu treffen, und endlich hat er eine ſehr ſchlechte Meinung von mir.— Ich leide furchtbar darunter, daß ich es nicht weiß, aber ich bin überzeugt, daß er Laſter von mir glaubt, die ich nicht habe.——— „Dann ſcheint es mir wieder ſo ſonderbar, daß er ſich jetzt den heftigſten Ausbrüchen ſeines Zornes über⸗ läßt, in einem Grade, den meiner nie erreicht hat, daß ich nicht umhin kann, zuweilen zu denken, es ſei nur eine Finte, da er in der Regel nur nach einiger Ueberlegung losbricht. Gott gebe, daß es ſo ſei, denn, wenn er mich nur beſſern will, um meine Heilung auf Koſten ſolcher Extravaganzen zu erkaufen, o dann, dann liebt er mich noch.— Ach, aber ſo ſchrecklich ſeine Verachtung auszudrücken, das war kein fingirter Zorn! „Ja, aber ſagte er mir nicht neulich vor Bertha, wolle ſi ihr ſeine auöftah, bt, wai c zu er Dann ildet er — Und wünſchte de nicht rſtche e in ihrer veit vor⸗ ig, eche irde den⸗ ine Aen ſchlechte tet, daß et Luſter daß et e6 über⸗ n, e ſi einige ii, denn ung a ingirti Beith' Die Herzogin von Choiseul-Praslin. 439 als er alles das hinwarf, was er in meiner Abweſenheit zerbrochen hatte, daß er daſſelbe immer thun würde, jedesmal, daß ich etwas bei ihm zer⸗ brochen hätte. Das iſt ein eigener Calcul. Ich hatte ja nichts zerbrochen in der Abſicht, es zu zerbrechen, ich wollte ja nur mit Heftigkeit die Thür ſeiner Stube öffnen, als er den Riegel vorſchob. Seitdem hat er mit kaltem Blute geſagt, daß er jedesmal von neuem aufangen würde, wenn mir das paſſirte.— Alſo iſt es doch ein Plan, etwas Vor⸗ gefaßtes, eine Vorausberechnung; wie könnte es die Wir⸗ kung eines gewöhnlichen Zornes ſein? Heute aber hatte ich ja gar nichts zerbrochen; wahrhaftig das heißt theuer die Zeichen einer ſtummen Misbilligung be⸗ zahlen! Und dennoch, ich kann nicht umhin, ich glaube es, es koſtet auch Theobald Mühe, ſolche Thorheiten zu begehen, wie ein ſchlecht erzogenes Kind, zu zerbrechen, was mir gehört. Es liegt ſo wenig in ſeinem Cha⸗ rakter. Er glaubt mich ſehr zu ſtrafen, und ich geſtehe, ich leide auch viel, indem ich ihn in einer Handlung ſehe, die ich lächerlich finde, wenn ſie nicht bewun⸗ derungswürdig iſt durch die Abſicht, mich zu beſſern. Aber er weiß nicht, wie höchſt gleichgültig mir alle dieſe materiellen Gegenſtände geworden ſind, ſcit ich ſeine Liebe verloren und damit die Hoffnung, ihn wieder zu mir zu ziehen, denn die koſtbarſten Gegen⸗ ſtände hatten nur Werth für mich, weil ſie die Orte ſchmückten, wo er war.“ Ihre Sprache wird immer fieberhafter, ſie ſpringt von einem Gegenſtand zum andern. Wie pſychologiſch und poetiſch intereſſant ſie auch iſt, es iſt nicht mehr dieſelbe hoch- und durchgebildete Frau; der tiefſte See⸗ lenſchmerz ſcheint ſchon auf ihre Verſtandeskräfte einge⸗ 440 Die Herzogin von Choiseul-Praslin. wirkt zu haben, ſo ſeltſam naiv wird oft die Ausdrucks⸗ weiſe. Sie weiß nicht mehr, wie die Dinge ſich arrangiren ſollen, ſie kommt auf den Gedanken, eine Trennung wäre doch am Ende das Beſte. Die Gefühle würden ja immer giftiger, und ſie wolle— ſein Glück. „Wenn ich unter dem Vorwand, Meerbäder zu neh⸗ men, nach Prelot ginge, allein, ſo hätte er ja Zeit zu ſehen, ob er wirklich glücklicher in der Lebensweiſe iſt, die er mit Demoiſelle Deluzy und den Kindern ſich zu⸗ gerichtet hat, oder ob er es doch angenehmer finden würde, mit einander ein neues Leben anzufangen. Drei Monat würden zu dieſer Probe genügen, und ich würde dort unten viel leichter leben, als hier in der Lage wie ich bin. Weiß ich doch, meine Abweſenheit würde hier eine Erleichterung und nicht eine Entbehrung ſein.“ Eine Woche ſpäter, am 1. Mai 1842, ſchreibt ſie in ihr Tagebuch, es ſei augenſcheinlich, daß Theobald ihr Avancen mache, die für ihn ſehr groß wären. Er habe ihr ſelbſt wirkliche Zärtlichkeit und das Verlangen gezeigt, ihre Lebensweiſe zu ändern. Aber ſie traut dem Frieden nicht; wiſſe er nicht, daß ſie nur dann glücklich ſein könne, wenn ſie wieder ſein unbeſchränktes Ver⸗ trauen genieße, wieder Herrin im Hauſe ſei und die Oberaufſicht über ihre Kinder habe? Werde er es wa⸗ gen, die Deluzy davon zu unterrichten?— Sie werde es auch gar nicht zugeben. Sie werde zu ihm ſprechen: Wählen Sie zwiſchen ihr und mir. Dann ſiegt ſie. „Ganz gewiß. Meine Fehler und ihre Vorzüge be⸗ trachtet er mit demſelben Vergrößerungsglaſe.—— Und dann käuſcht er ſich doch vielleicht, er denkt, wenn ich beſänftigt ſcheine, daß ich gutwillig alle meine Rechte als Frau und Mutter hingebe. Da täuſcht er ſich; für ödruck rangiren rennun ürden je zu neh Zeit zu veiſe iſ ſch ju. finden n. Drü ch wire Lage pie iude hi in“ reibt ſi heobald n. Er erlangen gut den gudlc es Ver⸗ und di es w i wetde ſuche ſſe ige le t, wenn Rech ſich! fi Die Herſogin von Choiseul-Praslin. 441 mich iſt es eine ebenſo poſitive und ernſte, als ſüße Pflicht, meinen Kindern gegenüber wieder in meine Rechte einzutreten. In dieſem Falle ſind meine Rechte Pflichten, heilige Pflichten. Er hat unglücklicher⸗ weiſe die aller falſcheſten und gefährlichſten Anſichten über ſein Verhältniß zu den Gou⸗ vernanten und ihre Stellung in einem Hauſe. Er vergißt, daß in den Verhältniſſen, der Stellung und der Aufführung einer Gouvernante nichts Anlaß geben darf zu einer falſchen Auslegung; er traut zu ſehr auf die Reinheit ſeiner Abſichten. Die Fehler beſtehen in den ſchlechten Handlungen; aber der Skandal entſpringt aus dem Scheine. Denn man urtheilt nur über das, was man ſieht, und der Skandal iſt ein großes Unglück, beſonders bei einer ſo delicaten Frage zwiſchen einem Manne ſeines Alters mit einer ſo jungen Gouvernante, die von Charakter leichtſinnig iſt, inconſequent, familiär, impertinent, ko⸗ kett, ohne Takt und ohne einen ſoliden Fonds von Pietät, und— herrſchſüchtig.— „Er behandelt die Gouvernantinnen wie gewiſſe Leute die Ammen; ſie liebkoſen ſie, bis ſie ihnen widerwärtig werden.“ Und plötzlich— wer erwartet das!— ſpringt ſie zur naiven Frage um:—„Und er hat mir meine Porzel⸗ lanvaſen nicht wieder gegeben, die er mir genommen hatte! Was hat er damit gemacht? Hat er ſie noch immer?— Ich glaube es am Ende. Wird er ſie mir wiedergeben?— Welche Welt von Zweifeln?— Er hat mir auch kein Wort der Reue geſagt, daß er das zerbrochen hat! Er lächelt, wenn ich darüber mit ihm ſpreche. Ich möchte da wol glauben, daß es ein bischen fingirter Zorn war.— Ja, ja, Luſt hat er zur Aus⸗ — 442 Die Herzogin von Choiseul-Praslin. ſöhnung. Niemals habe ich ſo an ſeinen guten Willen d deshalb geglaubt.“ Aber ſofort, in ihrer liebenswürdigen Schwatzhaf⸗ tigkeit mit ſich ſelbſt, kommt ſie darauf zurück, wie das nur das anginge, wenn ſie wieder in ihre vollen Rechte eingeſetzt würde.— Eine fromme Betrachtung ſchließt den Brief. Sie will allen Gütern der Erde ent⸗ ſagen, um nur eines Tages, in Gottes Schooß, mit den Ihrigen wieder in Friede vereinigt zu werden. Am 6. Mai hat ſie wieder den Muth verloren und ſchilt ſich deswegen. Sie hat in ihrem Leben großes Unrecht begangen, auch außer den Fehlern, welche Theobald ihr vorwirft, das iſt: ihre Heftigkeit, Erbitterung, Eiferſucht und— Mangel an Ordnungs⸗ ſinn. Bis dahin, bekennt ſie, deshalb verblendet ge⸗ weſen zu ſein. Sie hat ihren Mann zu ſehr geliebt, dieſer Leidenſchaft ſich überlaſſend, iſt ſie Egoiſtin gewor⸗ den; ſie hat an nichts gedacht, als dieſem Bedürfniß ihres Herzens zu genügen.„Ich vergaß, daß es Pflich⸗ ten gibt, die in jeder Lage ihre heiligen Rechte üben. Lange Zeit opferte ich mein Gewiſſen, meine religiöſen Pflichten, meine Kinder dem Verlangen, Theobald nicht zu verlaſſen, mich um jeden Preis ſeiner Zärtlichkeit zu verſichern.—— Und nun glaubt er gar, ich habe ei⸗ nem Theil meiner Rechte und Pflichten über die Kinder entſagt nur aus Sorgloſigkeit!— Und darum ent⸗ zieht er ſie mir gänzlich.—— Ach, wo ich läſſig meine Mutterpflichten erfüllte, dachte ich ja nur an ihn, und ich war ja immer ſchwanger oder in Wo⸗ chen. Und nun habe ich nicht Mann, nicht Kinder, und das iſt gerecht, aber hart von ſeiner Seite. O mein Gott, vergib ihm. Er dachte, daß die, welche durch ein perſünliches Intereſſe ihren Kindern entſagte, derſelben Wilen wathaf ic, wit e vollen rachtung rde ent⸗ mit den verloren Lben Fehleru⸗ ftigeit nungt⸗ ndet ge gelicht gewbl Hürſuiß 8 pflich⸗ e üben⸗ ligiſen ld nicht hkeit zu habe i indn um ent⸗ liſſis ja nu in W⸗ e, und mein ch ii erſlbe' Die Herzogin von Choiscul-Praslin. 443 auch nicht mehr werth ſei.——— Ich verwechſelte zu ſehr die Kinder mit dem Vater.——— Du haſt mich nun verdammt, von ihnen verachtet zu werden.—— Wie ich ihnen nun gegenüber ſtehen muß, wiſſen ſie ja nicht, was ſie davon denken ſollen, ſie müſſen mich der Immoralität beſchuldigen, oder daß es mir an Liebe zu ihnen fehlt. Wenn Du mich auch für ſchuldig hielteſt, das hätteſt Du beobachten müſſen, daß meine Kinder und Die, welche ſie erziehen, mich achten mußten; Du hätteſt vor ihnen meine Fehler verbergen müſſen.—— Sie iſt unmoraliſch, denn unmoraliſch iſt es, ſich in die Stelle einer Andern einzudrängen, einer Mutter,——— ſie iſt eine Perſon ohne Religion, die kein Band zügelt. Sie macht die Verſchämte vor Andern, um ſich ihre téte-à-téte mit Dir zu ſichern.“ Zwei Tage darauf, am 9. Mai, ſieht ſie noch ſchwär⸗ zer. Aber ſie entwirft ein Bild ihres Mannes, das an⸗ deutet, wie ihre Leidenſchaft einer ſehr umſichtigen Kritik Platz gemacht hat. „Er iſt wie ausgetauſcht, er, der ſo wahrhaft war. Ich ertappe ihn auf tauſend Lügen! Er, der ſo rein war, verbringt ſeine Zeit in den myſteriöſeſten Geſell⸗ ſchaften, den allerſubalternſten. Sein ſonſt ſo würdiges, ernſtes Weſen iſt familiär geworden, es zeugt von ſchlech⸗ tem Geſchmack. Seine Sprache, ſo anmuthig ſie ſonſt ſchmeckte nach der guten Geſellſchaft, zeugt nur zu ſehr von den Perſonen, mit denen er jetzt verkehrt. Seine Ideen bewegen ſich im Albernen und Nichtigen. Er wird ſchneidend, ironiſch, reizbar, verächtlich, immer ennuyirt, heftig, und bereuet es nachher nicht. Nicht allein, daß er niemals ein Bedauern über das ausgedrückt hat, was er mir zerbrochen hat, noch mir zurückgegeben, was er 444 Die Herſogin von Choiseul-Praslin. mir genommen hat, ſondern er findet das auch ganz natürlich, er ſcherzt, er mocquirt ſich darüber. Ich be⸗ kenne, das macht ihn tief in meiner Meinung ſinken. Nicht mehr wahr zu ſein, nicht mehr ſein Verſprechen zu halten, kein Unrecht mehr einſehen wollen, o er muß tief gefallen ſein!— Du biſt nicht mehr Du ſelbſt, Du biſt nicht mehr, der Du warſt. Du biſt blind, be⸗ herrſcht; wenn Du mich auch nicht mehr liebſt, denkſt Du nicht, daß Du doch noch Pflichten gegen mich haſt! Daß ich über dieſe Kinder auch Rechte habe, die, in die Welt zu ſetzen, ich die ſchönſten Jahre meines Lebens hingab, ohne ein Wort der Klage— und wie viele Frauen grollen mit ihren Männern ſchon um zwei oder drei Schwangerſchaften!—— Nachdem ich mein Leben erſchöpft habe, Dein Geſchlecht zu erneuen, Dir Her⸗ zensfreude zu verſchaffen im Kreiſe Deiner Kinder, muß ich, ihre arme Mutter, zurückgeſetzt ſein wie ein Paria, verachtet von meinen Kindern, verſtoßen von Dir, zu Füßen getreten von der, welcher Du den Preis meines Blutes gibſt, die Eingeweide meines Herzens. ——— Jeder Tag, und Du verhärteſt mehr, die— Herrſchaft, der Du unterliegſt, blendet Dich gänzlich und drängt Dich weiter, als Du ſelbſt glaubſt. Und meine Agonie iſt langſam und grauſam. O nie, nie wirſt Du wiſſen, wirſt Du begreifen können, was dieſe arme Fanny gelitten, die ſo Dich liebte und ſo ihre Kinder liebt.“ Sie kommt darauf zu dem richtigen Gedanken, daß ſie ihn in ihrer grenzenloſen Liebe vielleicht zu hoch ge⸗ ſtellt, daß er kein„ſuperiöres Weſen“ ſei, wie ſie in ihrer Anbetung gedacht, daß es ihm vielmehr Bedürfniß ſei, von einem weiblichen Weſen beherrſcht zu wer⸗ den, und ſie macht ſich Vorwürfe, daß ſie nicht ſelbſt ch gu Ich be ſinken ſprechen er muß bſt, Du nd, be⸗ „denkſt ch haſt in di Lebens vie vielt wei oder in Leben ir Her⸗ et, mß Prie, Dir, 3l meine i wehr u Dit glubft us diet pih m, diß hoch e ſt i dirftiß 1 wel t ſelb Die Herzogin von Choiseul-Praslin. 445 verſucht, dieſe Herrſchaft über ihn auszuüben!„Er würde glücklicher geweſen ſein!“ Dieſe Vorwürfe, wie geſagt, mögen gerecht geweſen ſein, wenn ſie ſich aber dabei ihre eigene Nachläſſigkeit und Feigheit fortwährend vorwarf, daß ſie die ſkandalöſe Stellung der Deluzy geduldet, ſo begreift man, daß alle Ausſöhnungsverſuche umſonſt waren. Sie will es noch ſechs Monate mit anſehen und dann nach Prelot ſich zurückziehen. Am 12. Mai noch immer dieſelben Leiden, aber ſie hat, in Folge„einer Aufwallung“, eine lange Erörte⸗ rung mit der Deluzy gehabt, aus der ſie zu einiger Be⸗ ruhigung erſehen, daß es für Letztere keine„ conditio sine qua non“ iſt, nur mit dem Herzog zu thun zu haben.„Sie würde auch bleiben, wenn Alles in ſeine Ordnung zurückträte.“ Das that mir wohl. Sie hat nicht, wie ich es fürchtete(und ich habe es ihr ganz offen geſagt), den ſchrecklichen Gedanken, mir meine Kinder zu rauben, um ſich ihrer ganz zu bemächtigen. Sie hat mir auch geſagt, daß Du den Kindern fort⸗ während ſagteſt, wie nur mein Geſundheitszuſtand es verbiete, mich mit ihnen zu beſchäftigen. O warum haſt Du mir das nicht ſelbſt geſagt! Welche Thränen, Schmerzen, Bitterkeit, Aufwallungen hätteſt Du mir erſpart.“——— Warum, bei dem völlig getrennten Leben ſie über nichts aufklären, was ſie betrifft. Dieſe Gleichgültigkeit ſchon ſei beleidigend. Wenige Frauen würden ſo langen, grauſamen Proben widerſtanden haben. Zehn Tage ſpäter heißt es, aus Schloß Praslin, wieder:„Alles zu Ende; wir ſind ohne Ausſicht zer⸗ fallen, ohne alle Mittel einer Wiedervereinigung. Theobald, wie ſtrafſt Du mich dafür, daß ich Dich Al⸗ 446 Die Herzogin von Choiseul-Praslin. lem vorgezogen habe.—— Statt Mitleid zu haben mit meinem Kummer, meiner nervöſen Krankheit, ſcheint er ordentlich mit Fleiß Alles vorzuſuchen, was mich ver⸗ wunden kann, mich, deren ganzes Leben an ſeinen Blicken, ſeinen Wünſchen hing. Ja, ich bin toll, ra⸗ ſend für Augenblicke, aber es iſt Dein Fehler, Theo⸗ bald!—— Mein Leben iſt ein hinverzögertes Todes⸗ urtheil, eine ununterbrochene Angſt! Setze Dich nur an meine Stelle! Wenn Die, welche Du mir vorziehſt, Dich fortjagten, Dich mit Verachtung überhäuften, Alles verſuchten Dich außer ſich zu bringen, indem ſie mit Füßen träten alle Freuden Deines Lebens, Alles, was Du liebſt, was würdeſt Du thun? Du würdeſt viel⸗ leicht die Bande wechſeln. Aber wenn Du wirklich liebteſt, könnteſt Du es nicht, Du würdeſt vor Schmerz ſterben. „Das Zimmer, welches ich hier bewohne, tödtet mich durch ſeine ſchmerzlichen Erinnerungen. Der An⸗ blick dieſes Perrons, durch den ich am Tage unſerer Heirath einſtieg, ſo voller Freude, Hoffnung, Liebe, ſe⸗ liger Zuverſicht, dieſe ganze Schloßſeite, in der ich wohnte, als Du mich noch liebteſt, mich nicht verließeſt, Alles das macht mich wahnſinnig. Ich weiß nicht, was ich ſpreche, was ich thue. Wie haſt Du mich mishan⸗ delt, ſeit Du in Beſitz dieſes prächtigen Schloſſes ge⸗ kommen biſt. Dein erſtes Wort war mir zu ſagen, ich ſolle ja nicht denken, daß ich hier zu Hauſe ſei. O ja, Du haſt mir ſchöne Hoffnungen auf die Zukunft ge⸗ macht, aber wie ſind ſie gehalten! Seit Du Herzog von Praslin und Beſitzer dieſes Schloſſes biſt, ſcheint es, als wäre ich nicht mehr würdig, Deine Frau zu ſein. Seitdem Du nicht mehr Kinder haben willſt, hältſt Du Dich entbunden aller zärtli⸗ u habe ſchein nich ver ſeinen toll, ri „The Todes⸗ ich nut otziehſt Alls ſi nit 6, was eſt viel virklich Schmetz tidte er An unſerer be, ſe⸗ det ich rließeß t, wi nihan ſſes ge n, i O jö, — nſt 9. Herj ſcheint rau zu aben Die Herzogin von Choiseul-Praslin. 447 chen Gefühle, aller Sorgen, aller Rückſichten für mich. So wan ich am Ende nur eine Maſchine! Und ich hatte mein ganzes Herz, mein Alles in dieſen Bund geſetzt!——— Ich glaubte, wir wären nur ein Leib, eine Seele, wir müßten auch zuſammen den⸗ ken. Ich fürchtete nicht, wie andere Frauen, das Alter, ich freute mich im voraus auf das Glück, wenn wir uns geſtehen müßten, daß wir uns ſo lange geliebt hät⸗ ten, von unſern alten Erinnerungen zu plaudern, in un⸗ ſern Kindern wieder aufzuleben, und dann, um einer beſſern Welt willen, dieſe zu verlaſſen. Ach, warum biſt Du nicht mehr religiös.“ Sie wirft ihm wieder vor, daß er nur den Schein eines ausgelaſſenen Lebens annehme, da ſie nicht glaube, daß er es wirklich ſei, es wäre gegen ſeinen Charakter. Aber weshalb, da er wiſſe, wie eiferſüchtig ſie ſei?— Ihre ewige Angſt macht ſie abergläubiſch, ſie tadelt ſich, aber ſie kann es nicht überwinden. Eine große Spinne, welche ihr am Morgen, beim Erwachen, zu Geſicht kam, erſchreckt ſie. Dann ſieht ſie eine kleine Spinne, und hofft.„Wie der Geiſt des Menſchen ſchwach iſt!—— Aber wäre es denn nicht möglich, daß Gott zuweilen ſichtliche Zeichen ſeines Willens herabſende!“ „——— Meine Geſundheit, was ich thue, was ich leide, womit ich mich zerſtreue, ihm iſts gleichgültig. Ich habe noch das Recht, am Tiſch zu eſſen, über ein bischen Geld zu verfügen, ich darf noch ausgehen, zu Fuß oder im Wagen. Was brauche ich mehr in ſei⸗ nen Augen!—“ Hier hört das Tagebuch auf, aber es werden uns noch eine ganze Anzahl Briefe der Herzogin an ihren 448 Die Herzogin von Choiseul-Praslin. Gatten mitgetheilt, ſämmtlich gefunden in ihrem Schreib⸗ ſecretair zu Praslin, die alſo wahrſcheinlich nicht an ihre Adreſſe gelangt ſind. Erſt die Nachlebenden eröffneten und nahmen Kenntniß von dieſen Ergüſſen eines Schmer⸗ zes, deſſen Größe jeder zu würdigen weiß, und der, wenn er ſich auch immer in denſelben Vorſtellungen wie⸗ derholt, doch oft neue, eigenthümliche Ausdrücke findet. „— Unter allen Qualen, die man mir dictiren könnte, iſt die größte das Leben, was ich führe. Mein Gott! welches wirkliche Verbrechen könnte man denn mit ähnlichen Marterängſten beſtrafen!“ Es findet ſich ein Brief vor nach dem September 1842, der wieder mit anſcheinender Ruhe geſchrieben iſt, ſie verſichert, auf dem Punkte, wie die Dinge ſtänden, würde es beſſer ſein, wenn ſie ſich trennten, ohne Lärm, ohne Aufſehen, ohne zu Jemand davon zu ſprechen. Die Zeit arrangire oft die Sachen am beſten.—„Ich bin ſichtlich Dir und einem Theil meiner Kinder zur Laſt, äußerlich wenigſtens, denn auch Du kennſt nicht den Grund ihres Herzens. Endlich haſt Du mein Leben hier ganz unnütz gemacht.—— In Deinen Entſchlüſſen, weiß ich, kann ich nichts ändern, ich fordere Dich des⸗ halb vorläufig nur auf, ſolche Arrangements zu treffen, daß ich nicht genöthigt bin, Dingen beizuwohnen, die ich aus vollem Herzen tadeln müßte. Du haſt mir be⸗ wieſen, daß Du weder Achtung noch Freundſchaft mehr für mich haſt, daß es Dein Wunſch wäre, auch Deine Kin⸗ der theilten dieſe Geſinnungen. Ich fordere ja nichts, als daß Du in Frieden das Leben genießen möchteſt, welches Du für Dich bereitet, ohne der gezwungene Zu⸗ ſchauer zu ſein.— Thue, was Du willſt, aber zwinge mich nicht Zeugin zu ſein!“ Sie bittet ihn, da einer ihrer Töchter, Aline, die ichrb m iht ffneten chm d der, n wie fündet ictiren Mein in mit tember en iſe, inden, Lärm, ch bin Laſt, t den Lben lüſſen h de tufu n, di ſir be⸗ hr fü e Kin⸗ chtſ. e Zi⸗ winge Die Herjogin von Choiseul-Praslin. 449 Bäder verordnet, ſie dahin begleiten zu können. Wenn er ihr doch nur erlauben wollte, ſich denen ſeiner Kin⸗ der ganz zu opfern, die ihm am wenigſten Freude mach⸗ ten, und welche die Natur am wenigſten ausgeſtattet hat. Das wäre ſchon viel für ſie errungen! In einem andern Briefe ſchlägt ſie ihm vor, ſich von den Aerzten in die Bäder von Carteret ſchicken zu laſſen. Sie wolle allein dahin gehen.„Ich bleibe dort drei Monat. Wenn das Leben, wie Du es mit Deinen Kindern und der Deluzy einrichteſt, Dir auf die Dauer gefällt, ohne von einer Frau genirt zu ſein, welche die Genoſſin ihres Mannes und die Mutter ihrer Kinder ſein will, kurz wenn Dir der Witwerſtand zuſagt, ſo wirſt Du es offen ausſprechen, ich bleibe dann dort. Wenn Du im Gegentheil nach drei Monaten Dich er⸗ innerſt, daß Du eine Frau haſt, die Dich liebt, und das Bedürfniß nach einer Freundin empfindeſt, welche Dir ihr Leben widmet, dann komme ich dankbar und glücklich zurück.“ Wiederholt und dringend bittet ſie ihn um ein Ar⸗ rangement der Trennung. Die Antwort fehlt; es ſcheint nichts daraus geworden zu ſein. Sie klagt in einem andern Schreiben:„Er wolle ja unter keinem Vorwand mehr ihre Briefe leſen, ihr nur ein ernſtes Geſpräch gewähren, noch ihr irgend eine Aufklärung geben, z. B. was er über ihre Kinder be⸗ ſtimmt habe.“—„Fürchteſt Du Vorwürfe über Deine Aufführung, da haſt Du ſehr Unrecht zu fürchten. Ueber den Gegenſtand werde ich nichts mehr ſagen.(2) Lange habe ich darauf geharrt, jetzt iſt es eine völlig zerſtörte Illuſion— Thorheit, auf Zeichen von Liebe zu hoffen, aber was ich fordere, was man keiner Frau ab⸗ ſchlagen darf, wenigſtens keiner, die nicht ein Monſtrum 450 Die Herzogin von Choiseul-Praslin. von Verderbtheit iſt, das iſt die Möglichkeit, meine Pflichten bei meinen Kindern erfüllen zu können; dort einigen Troſt zu finden in der Sorgfalt, die ich ihnen opfern möchte.“ Der Herzog hatte einſt geantwortet:„Du räumſt ein, daß Du das Leben, was ich führen muß, nicht er⸗ trügſt. Du ſagſt, daß es nur von mir abhängt, es zu ändern. Ja, mein Gott, ich weiß ſehr wohl, daß, wenn ich nur darein willigen wollte, Alles charmant zu finden, was Mademoiſelle Deluzy macht, wenn ich die Augen zu Allem ſchließen wollte, was ich ſchlecht finde, wenn ich ſcheinen wollte, als bemerkte ich nichts von all dem Unanſtändigen und Myſteriöſen, was um Dich hängt, wenn ich meine Meinung über gewiſſe Grundſätze und Anſtandsgeſetze aufgeben wollte; ja, ich zweifle gar nicht, wenn ich Amen ſagte zu Allem, was ich verwerfe, dann würde dem äußern Scheine nach mein Leben ein ganz anderes werden, d. h. Du würdeſt einwilligen höflicher mit mir zu ſprechen, auch Mademoiſelle Deluzy würde ſich liebenswürdiger betragen. Zuweilen würde ich zu den Spaziergängen mitgenommen werden, auch zu den Vergnügungspartien, Du würdeſt Dich herbeilaſſen, mit mir dann und wann wie mit jedem Andern zu plau⸗ dern; wenn ich leidend bin, würdeſt Du wol einige Au⸗ genblicke bei mir anſprechen; Du würdeſt ſcheinen eini⸗ gen Antheil an meiner Geſundheit und an meinem Wohl⸗ ergehen zu nehmen, vielleicht hätteſt Du ſogar einige Aufmerkſamkeit für mich und machteſt mir auch einige Geſchenke. Ja, das glaube ich Alles, auch daß ich mit vierzehn Tagen Falſchheit dieſe Veränderung bewirkte. Aber wäre ich jämmerlich, dieſe Ruhe und dieſes ſchein⸗ bare Wohlſein für den Preis aller meiner Grundſätze zu kaufen, dann wäre ich verachtungswürdig.“ ——„—„—— —„—— ——.„ meine z dort ihnen räumſt cht et⸗ es zu wenn finden, Augen wenn ll dem hängt e und nicht dann gan flicher würde u den , mit plal eA ein⸗ Voh einige ini nit virkt. ſchein tze zu Die Herzogin von Choiseul-Praslin. 451 Eine Reihe folgender Briefe ſind ohne Datum, chro⸗ nologiſch nach Möglichkeit vom Herausgeber geordnet. In einem drückt Fanny abermals ihre tiefe Reue aus, es iſt das edelſte und ruhigſte Selbſtbekenntniß ihrer Schwächen und Fehler. Sie wünſcht nur noch das Glück des ehemals Geliebten:„O, wollte Gott, daß ich die Bande gänzlich brechen könnte, dic nur Schlin⸗ gen ſind für Dein Glück. Wollte Gott, daß ich Dir Deine ganze Freiheit rückgeben könnte, dergeſtalt, daß Du darüber verfügen dürfteſt voll Freudigkeit und ohne Gewiſſensbiſſe und Reue. Ich wage nicht mit Dir in das Detail aller dieſer Gedanken einzugehen, aber wiſſe wohl, Theobald, weder meine Liebe für Dich, noch für Deine Kinder, noch die unbeſtimmte Hoffnung für ein Glück, das ich nicht mehr erwarte, noch ein materieller Schrecken halten mich noch auf dieſer Erde zurück, ein einziger Gedanke feſſelt mich, er muß mich an dieſes Le⸗ ben ketten, wie peinlich, unnütz, ſchädlich er mir auch erſcheine, das iſt: die Pflicht, zu leben und vielleicht zu leiden. Dem muß man ſich unterwerfen.—— Wahr⸗ haftig, Theobald, es iſt nicht aus Schwäche, es iſt aus Pflichtgefühl allein, daß ich Dich noch nicht frei gemacht habe.“ Mit beſonderer Vorliebe kehrt ſie immer wieder zu der romantiſchen Vorſtellung zurück, daß, was ihr Ge⸗ mahl ihr anthut, nur ihr bereitete Prüfungen ſeien, um ſie zu corrigiren:„Aber, lieber Freund, Deine Mittel ſind zu heftig für mich; ſie reizen und bringen mich auf, dann dreht ſich Alles wieder im Kreiſe um. Du möch⸗ teſt mich weniger begehrlich, ungeſtüm machen, und Du beraubſt mich der natürlichſten Rechte einer Frau; ich ſoll weniger dringlich ſein, und Du ſchlägſt mir die geringſte Antwort ab; Du willſt mich ſanfter machen, und Du 452 Die Herzogin von Choiseul-Praslin. erkälteſt und erſtarrſt immer das, was im Herzen einer Frau das Zarteſte und Empfindlichſte iſt; Du willſt mich weniger eiferſüchtig machen, und Du führſt ein Leben, fähig, ich ſchwöre es Dir, die Eiferſucht der ru⸗ higſten und gleichgültigſten Frau zu erregen. Du trium⸗ phirſt und ſagſt, darin wenigſtens hätteſt Du Fort⸗ ſchritte gemacht; ſollte aber mein Schweigen nicht an⸗ dere Gründe haben als das Vertrauen?— Ich ſehe mit Schrecken die Kriſen und Verwüſtungen, welche die Hef⸗ tigkeit der Mittel hervorbringt, und ich fürchte nur zu ſehr, wenn die Krankheit den Mitteln weicht, daß die Kranke gänzlich erſchöpft ſei, zuerſt moraliſch, dann phyſiſch.“ Sie erklärt, wie ſie ſich keiner täuſchenden Hoffnung überlaſſe, als könnten ihre Briefe, Bitten, die traurigen Scenen etwas zu ihren Gunſten wirken, nur„wenn der Tod uns überraſcht, ſoll er wenigſtens wiſſen, daß mein Herz und meine Vernunft andere waren, als er glaubt.“ Sie legt in dieſem Teſtament ihre Grundſätze über die Pflichten der Ehe und der Ehegattin nieder.„Ohne Achtung iſt die Liebe eines Mannes zu ſeiner Frau nichts, das Vertrauen iſt die Probe der Achtung, das Maß des Vertrauens, das Maß der Liebe. Der Zweck des Lebens einer Frau iſt: Freundin, Gefährtin, Troſt ihres Mannes zu ſein, ſeine Kinder zu erziehen, das Innere des Haushalts zu leiten. Das ſind die drei Miſſionen der Frau auf dieſer Erde. Wenn ſie ſie nicht erfüllt, verfehlt ſie ihr Leben, ſie verdient dann keine Beach⸗ tung, ſie iſt ein unnützes und verächtliches Weſen wie der Mann, der keine andere Beſchäftigung hat, als trin⸗ ken, rauchen, reiten und ſpielen. Es gibt ſehr ſchuldige Frauen, die doch ihre Kinder erzogen haben; denn das H R m d — neine wilſt rſt ein der ni triun⸗ Fort cht an che nit ie Hef nur ju duß die dan offnun gurigen „wenn wiſſen, n, als ze übe icht, s Mi ec des ſt ihr Iinn iſin erfüll Bench tn wi trin huldi nn de Die Herzagin von Choiseul-Praslin. 453 Herz einer Mutter heiligt und reinigt ſich durch die Liebe ihrer Kinder,—— die man aber auch nicht ein⸗ mal werth findet, ſich mit ihren Kindern zu beſchäfti⸗ gen, dieſe betrachtet man wie eine verdorbene Kreatur, dieſe muß man verachten.“ „Das härteſte Wort, was Du zu mir geſprochen, es hat mein Herz durchbohrt: weil ich keinen Theil mehr nähme an Deinen Intereſſen, hätte ich auch kein Recht mehr an Deinem Kummer. Du wollteſt es, wir ſind nun nur Fremde, Einer gegen den Andern. Adieu, ſei glücklich, Du kannſt es noch ſein, Du haſt Kinder.“ Zum erſten Mal blitzt(in einem der in Praslin ge⸗ fundenen Briefe) der Gedanke an eine gerichtliche Schei⸗ dung auf:„Weißt Du nicht, daß die Geſetze, wenn ich ſie anriefe, zu meinen Gunſten entſcheiden würden? Aber Du weißt, daß ich es nicht thun werde.“ Man ſieht, wie die unſelig geſchlungenen Verhält⸗ niſſe ſich immer enger, unlösbarer zuſammenziehen, zum großen Theil mit durch Schuld der Herzogin ſelbſt, de⸗ ren Ideenkreis in wirrer Conſequenz ſich ſtatt zur Ret⸗ tung vorwärts, zum Verderben rückwärts bewegt. Sie hat es erkannt, daß ihre eigenen Fehler zum großen Theil die Härte, Gleichgültigkeit des Mannes hervor⸗ gerufen haben, ſie will ſich beſſern, aber, trotz der rich⸗ tigen Erkenntniß, ſcheint ihr doch jeder Halt zu fehlen, die Kraft, hier ſtehen zu bleiben, dort den rechten Weg einzuſchlagen, ſie erſcheint wie ein abgenutztes Uhrwerk, das abläuft, immer raſcher. Die Spannkraft fehlt, um es zu halten, wo es ſein muß. Und auch von außen kommt ihr keine Hülfe. Der Mann verſteht es nicht; er allein hätte es gekonnt. Auch er iſt ein verdorbenes —— —— — 454 Die Herſogin von Choiseul-Praslin. Uhrwerk, ihm fehlt die Elaſticität. Blaſirt, Egviſt ohne Leidenſchaft und Wünſche, läßt er das graue Familien⸗ gemälde vor ſich aufrollen, mit Kleinlichem ſich beſchäf⸗ tigend, nur erheitert durch die gewiß große Liebens⸗ würdigkeit, die Lebendigkeit, den pikanten Witz der De⸗ luzy, die er zu lieben vielleicht noch für ein Unrecht, aber für ein Recht hält, ſie zu achten und walten zu laſſen, weil er einſieht, wie vortheilhaft ſie auf ſeine Kinder wirkt. Die arme Frau hat keinen andern Schutz, Mentor, keine Autorität; ſie war ein verzogen Kind. Der Vater, Sebaſtiani, wenn er der Geiſteskraft ge⸗ weſen, auf ſeine Tochter Einfluß zu üben, muß ſie längſt aufgegeben haben, vielleicht mit Vergnügen, ſo lange er Zeuge war der langen, glücklichen Ehe ſeiner Tochter. Als er aus ſeinem glücklichen Traum erwacht, ſind die Dinge zu weit vorgerückt, er hat keine Macht, ihm fehlen alle Mittel auf die leidenſchaftlich Aufgeregte ein⸗ zuwirken. So ſteht ſie ganz allein da, in ihrer Halt⸗ loſigkeit verzehrt von einer glühenden Phantaſie, die ihre Schmerzen immer neu ſiedet. Man ſieht die nahende Kataſtrophe ordentlich vor ſich, wenn ſie, plötzlich zu einem Entſchluß gekommen, ihre Selbſtanklage dahin richtet: „Als ich die Schwäche hatte, durch ein Uebermaß von Liebe für Dich Dir das ungeheure Opfer zu bringen, indem ich Dir meine Kinder überließ, in ſchuldbarer Verblendung mir einbildend, daß dies Opfer, weil es ſo ſehr groß war, mir Deine Liebe wieder verſchaffen werde; da, verſtrickt durch Deine Verſprechungen, in dieſer Beziehung beging ich, ich bekenne es, einen un⸗ ausſprechlichen Fehler. Ich hätte lieber ſterben ſollen, als da nachgeben. Und ebenſo habe ich eine falſche Rech⸗ nung angeſtellt, denn dies Opfer, im Intereſſe meiner Liebe amilien beſchiß Liebens⸗ der De Unrecht, Uten zu uf ſeint Schutz Kind. raft ge ie längſ lange Lochter ſind di , in gte ein⸗ dit ihn nahende tlich zu dahln ebemnu hringel uldbarer weil e ſchufn zn, in en un ſolen e Rech u Lit Die Herzogin von Choiseul-Praslin. 455 dargebracht, hat Dir gerade die falſche Meinung beige⸗ bracht, über meine Grundſätze, mein Urtheil, mein Herz. Ich begreife es, aber mein Herz verſchmolz alle Rechte in ein einziges.“ „So biſt Du unter ihrem Joch, ruft ſie an andrer Stelle aus, daß Du nichts ohne ſie zu unternehmen wagen würdeſt, Du würdeſt es unpaſſend finden, ſie nur einen Augenblick zu verlaſſen, und Deine Frau, die Mutter von neun Kindern, kann leben und ſterben allein!“ Sie legt ſich auf das flehentliche Bitten, daß ihr Gatte ſie nicht mehr kränken möge, wie bisher:„Fühlſt Du denn nicht, mein Theobald, daß, jemehr ich leiden muß, um ſo verbitterter mein Charakter wird. Güte, ich fühle es, würde mich zu mir ſelbſt wiederbringen, aber bei dem Schmerz verliere ich den Kopf, ich ſchwöre es Dir, ſo iſt es. Warum ſuchſt Du für mich immer die allerſchmerzlichſten Gegenſtände auf? Denke doch nur etwas darüber nach, lieber Theobald, findeſt Du es liebenswürdig, zart, paſſend, wenn ein Mann zu ſeiner Frau immer nur vom Davonlaufen ſpräche(weil er es nicht mehr aushalten kann), wenn er immer eine myſte⸗ riöſe Stimmung affectirte(als wäre ſie unfähig oder unwürdig zu faſſen, was er im Sinne hat!)— Die Wunde meines Herzens iſt noch friſch. Wenn ich bis⸗ weilen, in der Hoffnung, Dich zurückzuführen, meine Leiden vergrößere, warum mußt Du ſelbſt dann immer neuen Aetzſtoff darauf gießen? Mein Freund, Du biſt ſo gut, Du wirſt mich verſtehen, ich bin es gewiß; wenn ich einmal fortgeriſſen werde, dann weiß ich nicht mehr anzuhalten. Habe Mitleid, reize mich nicht Dir zu misfal⸗ len⸗ 456 Die Herzogin von Choiseul-Praslin. Liegt in dieſen wenigen Worten nicht der Schlüſſel zum ganzen Verbrechen!— Aber, wenn nach Auftritten, wie wir ſie ſahen, nach Abſchiedserklärungen, wie wir ſie hörten, wieder Herzensergüſſe, ſanfte Verſtändigun⸗ gen, wenn auch nicht Einigungen, wie dieſe, möglich waren, ſo ſchaudert man doppelt, daß ein ſolcher Aus⸗ gang doch möglich ward! Die ſanfteren Vorwürfe kommen jetzt öfter vor, es iſt wieder Beſonnenheit, Verſtand darin, wenn ſie nicht Liebe, Vertrauen von ihm fordert, denn das wäre zu viel gefordert, nur daß er von ſeiner Seite nicht Gehäſ⸗ ſigkeiten hervorſuche, Spitzen, welche die kaum verharrſch⸗ ten Wunden wieder aufreißen. Dagegen währt ihre Furcht und Abneigung gegen die eigentliche Räuberin ihres Glückes unverändert fort. Sie iſt ihr die Zau⸗ berin, die ihren Mann mit unſichtbaren Stricken feſt⸗ hält, aber einſt wird er erwachen und ſehen, daß ſie ſeine Kinder zum Schlimmen, ſtatt zum Guten geführt hat. Dagegen kommt nirgend der Vorwurf zum PVor⸗ ſchein, den die öffentliche Meinung über das Verhältniß des Herzogs zur Gouvernante deutlich ausſprach. Nur ſeine„unbegreifliche Verblendung“ klagt ſie an. Hier heißt es in einem Briefe:„Sie werden nicht verwundert ſein, mein Herr, wenn ich nach einer ſol⸗ chen Inſulte nicht mehr zugeben kann, daß die Perſon von der ſchlechten Aufführung mit mir unter einem Dache lebt.“ Sie fordert einen Wagen, um abzureiſen. In einem nächſten Briefe heißt es dagegen:„Liebſter Theobald, ich mache mir mehr Vorwürfe, als Du den⸗ ken kannſt, ich bin in einem Zuſtande von Muthloſigkeit, den ich Dir nicht ſagen kann——— ich bin ſo außer mir, ſo über alle Maßen außer mir, daß ich mich nicht mehr faſſen kann, es ſiedet in mir, es treibt mich zu öchliſſel ftritten, wie wi indigun möglich er W vor, es ſie nicht wäre zu Gehiſ hartſch⸗ ht ihr ſiuberin ie Zal⸗ en ſiſ⸗ deß ſe n Vor chiltiiß h. Nun n nich iner ſol Perſen einen zurtiſe ichſt Du del loſglel oaußt ich rich nich Die Herzogin von Choiseul-Praslin. 457 Dingen, die ich ſelbſt tadeln muß.— Ich bin verbittert und abſcheulich aus denſelben Gründen, die Dich neulich lachen und ſingen machten, als Du mich weinen ſaheſt. und unglücklicherweiſe erſchwere ich täglich ſelbſt meine Leiden, und ſie ſind doch gewiß mehr in der Form als im Weſen.“ Was iſt in den Zwiſchenjahren bis 1846 vorgegan⸗ gen? Die Deluzy iſt in Turin zum Beſuch bei der älte⸗ ſten, verheiratheten Tochter der Herzogin, und hat einen Brief mit Nachrichten an letztere geſchrieben. Fanny beantwortet ihn aus Schloß Praslin am 25. Auguſt 1846:„Keinen Augenblick darf ich zögern, Ihnen, Ma⸗ demviſelle, für Ihren liebenswürdigen Brief zu danken, der mir lebhaftes Vergnügen gemacht hat und den ich, weit davon entfernt lang zu finden, lieber noch ein Mal ſo lang gehabt hätte.“ Selbſt in der liebenswürdigſten Laune erzählt ſie ihr, in welcher Art der Poſtfactor ihr den Brief in eigener Perſon aus der Stadt gebracht, weil er den Stempel Turin darauf geſehen. Es ſei doch gut, wenn man überall Freunde habe, und doppelt angenehm ſei ihr nach langer Angſt der Brief geweſen. All is well that ends well! ſcherzt ſie, ohne an ihr Ende zu denken, auch ohne der Leiden, Zwiſte zwiſchen ihr und der Brief⸗ ſtellerin zu erwähnen. Sie erzählt, plaudert, liebens⸗ würdig, leicht und fordert die Deluzy auf, ja bald wie⸗ der zu ſchreiben. Eine einzige Stelle athmet die alte Bitterkeit:„Sie ſagen, daß Louiſe und Bertha häufig mit Iſabellen von mir ſprechen. Das ſchreiben Sie wol nur, um mir Vergnügen zu machen; dann aber iſt es Ihnen gelungen. Ich habe vor Freude geweint.“ So hat alſo eine Ausſöhnung ſtattgefunden mit der XIV. 20 4⁵8 Die Herſogin von Choiseul-Praslin. verhaßten, beneideten Feindin ihres Glückes, wenigſtens iſt die Herzogin Herrin über ihren Schmerz geworden; die vielen Kriſen, die ſo oft eine Kataſtrophe drohten, ſind vorübergegangen. Darauf finden wir denn beim Verhör der Deluzy den ſchon oben erwähnten Brief der Herzogin zum Neujahrstage 1847, der anfängt:„Wenn man ſich nicht zum Schlafen niederlegen ſoll, ohne mit ſeinem Nächſten ausgeſöhnt zu ſein, ſo ſcheint mir, daß man beim Anfang eines neuen Jahres weit mehr Grund hat, allen Zwiſtigkeiten ein Ende zu machen und allen Aerger zu vergeſſen. Aus gutem Herzen reiche ich Ihnen daher die Hand, Mademoiſelle, und bitte Sie zu ver⸗ geſſen, um von nun an ruhig mit einander zu leben, alle die peinlichen Auftritte, die ich Ihnen veranlaßt habe, und verſpreche Ihnen auch mit einem Schwamm über alle die Motive zu fahren, die, indem ſie mich verwundeten, mich aufreizten. Jeder hat ſeine Fehler in dieſer Welt, und ich bin verſucht zu glauben, daß das recht gut iſt; das macht nämlich gegenſeitig nachſichtig und erleichtert die Verſöhnungen. Ich bin ganz über⸗ zeugt von Ihrer reinen und zarten Zuneigung und Hin⸗ gebung für meine Kinder, und, glauben Sie mir, Nie⸗ mand iſt mehr zum Dank geneigt und zur Liebe für die, welche ſich ihnen opfern, wenn ich nur nicht im Herzen durch den Gedanken verwundet werde, daß man ſie dadurch von mir reißt.“ Der ganze Brief iſt in einem höchſt vernünftigen, verſöhnlichen Tone geſchrieben. Die Tragödie mit ihrer Spannung und Kataſtrophe wäre unterblieben, wenn die Herzogin immer dieſe Neu⸗ jahrsſtimmung gegen ihren Gemahl gehabt hätte. Aber gleich darauf findet ſich wieder ein mit Blei⸗ ſtift geſchriebener Brief an ihren Gatten, der anfängt: „Sie haben ein ſeltenes und koſtbares Talent Alles zu v— —— —„——— c—„— — gſtens orden; ohten, beim ef der Wenn te mit , daß Frund allen Ihuen u ver⸗ leben, anlaßt vamm mich let in das ſichtig über⸗ dHin⸗ JNie be fir ht in men ſn rieben jrophe Nel Blei fäng les 3* Die Herſogin von Choiseul-Praslin. 459 vergiften.“ Ja, er habe Recht, wenn er meine, daß ſie öffentlich wie zu Hauſe, die„Aufführung einer Perſon rüge, die ſie verachtet, und die ebenſo wenig ihres Man⸗ nes, als ihr eigenes Vertrauen verdiene.“— Beachtens⸗ werth iſt folgender Satz:„Ich weiß ſehr wohl, daß Sie andere Liaiſons haben, daß es nicht dieſe iſt, welche Ihr Leben beſchäftigt; aber ſie hat die äußere Stellung einer ſolchen(elle en a F'attitude), und das habe ich das Recht zu rügen.“ Sie wolle ſich durchaus nicht einmiſchen in ſeine Lebensweiſe und ſeine Privatvergnügungen, aber weder ſeine Drohungen, noch ſeine ſchlechte Behandlung würden ſie hindern, ihm den gerechten Vorwurf zu machen, daß er ſeine Kinder in die Hände eines Weibes gebe, welche nichts auf ihren Ruf, nichts auf ſich ſelbſt halte.„Wenn Sie auf Ihre Drohungen mich von einer Scheidung ſprechen hören, ſo bedenken Sie, daß nicht Sie dabei die Fnitiative haben.“ Zwei Monate vor ihrem Tode haben die Stimmun⸗ gen und Verhältniſſe ſich wieder geändert. Sie iſt in Italien geweſen, und am 15. Juni 1847 ſchreibt ſie an ihren Gatten: „Mein theurer Theobald! Bis dieſen Augenblick habe ich auf die Erfüllung Deiner Verſprechungen gewartet, die Du mir bei der Rückkehr aus Italien wiederholteſt, nämlich die Organiſation unſers Hausweſens zu ändern. Du ſcheinſt es vergeſſen zu haben, und ſo muß ich Dir denn ſagen, daß ich nach Praslin nicht zurückzukehren denke, wenn ich dort nicht meine vollen Rechte und Pflichten als Mutter und Herrin des Hauſes in ihrer ganzen Ausdehnung erfüllen kann. Das Regiment der Gouvernanten iſt uns immer ſehr ſchlecht zu ſtehen gekommen. Es iſt Zeit, im Intereſſe un⸗ 20* ——— 460 Die Herzogin von Choiseul-Praslin. ſerer Kinder und der Würde unſeres Haushalts darauf zu verzichten. So lange meine Töchter noch nicht ver⸗ heirathet ſind, werde ich immer in ihrer Mitte wohnen. Ich werde bei allen ihren Beſchäftigungen zugegen ſein, und werde ſie überall begleiten. Alle meine Plane ſind entworfen, und wenn Du darüber wirſt nachgedacht ha⸗ ben, wirſt Du gewiß finden, daß ſie ebenſo gut unter⸗ gebracht ſind, wenn die Sorgfalt einer Mutter als die einer Gouvernante über ſie wacht. Lehrer finden wir in Praslin ſo gut als in Paris, um eine Gouvernante zu erſetzen, die überdies immer noch die Lehrer zu Hülfe gerufen hat——— „Mein Vater hat Mademoiſelle Deluzy eine anſehn⸗ liche und lebenslängliche Penſion angeboten. Wenn ſie mit dieſer Unterſtützung ſich nach England begibt, wer⸗ den ihre Talente und Gönnerſchaften ihr leichter noch als in Paris eine angenehme Stellung verſchaffen.“ Der Brief drückt im weitern Verfolge den ruhigen und feſten Entſchluß aus, daß die Deluzy weichen müſſe, alle Vorſchriften der Delicateſſe und Schonung ſollten dabei beobachtet werden; die Betrübniß der Kinder werde übrigens nicht ſo groß ſein, als der Herzog ſich einbilde. „Nur nach der reiflichſten Ueberlegung, nur in der Gewißheit, daß ich dem Rathe meines Vaters folge, habe ich mich entſchloſſen, ich weiß, es iſt ein ernſter Entſchluß. Ich bin auch deſſen gewiß, daß mein Oheim de Coigny mir beiſtimmen würde, der für mich der Re⸗ präſentant meiner ſeligen Mutter iſt, wenn ich es nicht bisher vermieden hätte, ihn mit ſo traurigen Details zu unterhalten. Ich wünſche nur, daß ſich Alles zwiſchen meinem Vater, Dir und mir arrangire, ohne daß an⸗ dere Rathgeber dazwiſchentreten.“ darauf ſ ver⸗ ohnen. ſein, e ſind ht ha⸗ unter⸗ ls die vir in nte zu Hülfe nſehn⸗ mn ſie wer⸗ noch higen nüſſe, ſohlten inder 9 ſch in der folge⸗ mſter heim nicht ls zu iſchen ß an⸗ Die Herſogin von Choiseul-Praslin. 461 Dies war der Brief, der den entſcheidenden Schritt herbeiführte. Der Deluzy ward gekündigt. In einem Briefe vom 18. Juni an die Herzogin erklärt ſie, die Gefühle, welche ſich ihrer bemächtigt, auszudrücken, wäre in dem Augenblick über ihre Kräfte. Sie wolle ihr ſpäter in einer ruhigen Gemüthsſtimmung den Dank für ihre großmüthigen Anordnungen ausſprechen, wie ſie ſchon jetzt einen mächtigen Troſt für ihren Schmerz in dem Zeugniß der Herzogin finde, daß dieſe mit ihrer Wirk⸗ ſamkeit zufrieden geweſen. Den Rath, nach England zu gehen, kann ſie für den Augenblick nicht befolgen, weil die ſchwankende Geſundheit ihres Großvaters ſie für jetzt in Paris zurückhalte. Die Antwort der Herzogin an die Deluzy exiſtirt noch. Sie iſt vom 19. Juni, ruhig, kalt, aber freundlich gehalten:„Wenn ernſte Umſtände für das Intereſſe der Kinder ein Ereigniß beſchleunigt haben, welches ich vor wenigen Tagen noch als in weiter Ferne mir dachte, ſo zweifeln Sie doch nicht, daß ich mit allem Eifer alle Gelegenheiten zu ergreifen ſuche, Ihnen nützlich zu ſein, und ich werde glücklich ſein, wenn Sie mir nur die Mittel angeben.“ Auch der Brief des Marſchall Sebaſtiani, den er in dieſer Angelegenheit an ſeinen Schwiegerſohn ſchrieb, ward noch aufgefunden: „Monſieur le Duc! „Sie haben mir das Herz zerriſſen. Meiner Ge⸗ fühlloſigkeit ſchreiben Sie es zu, daß ich mein Haus Ihnen, Ihren Kindern verſchloſſen. Sie müſſen mir Gerechtigkeit widerfahren laſſen. Ich habe Alles gethan, um dieſe Trennung zu vermeiden, die Ihnen ſo ſchwer wird. Ich hatte es über mich gewonnen, die Augen zu ſchließen, den Schein anzunehmen, als glaubte ich 462 Die Herzogin von Choiseul-Praslin. nicht an Das, was die Journale im Publicum ver⸗ breitet haben, an Alles, was man in Paris ſich ſagte, und zum Lohn für ein ſo großmüthiges Benehmen ma⸗ chen Sie mir unverdiente, herzzerſchneidende Vorwürfe. Ich habe mit Niemand über Demoiſelle Deluzy geſpro⸗ chen. Ich bin bereit, ihr jedes Zeugniß auszuſtellen, welches nur in ihrem Intereſſe iſt; aber ſeien Sie ge⸗ recht und fordern Sie nicht Unmögliches. Ich ſehe meine Tochter nicht, um Sie nicht gegen dieſelbe auf⸗ zubringen. Sie ſind der Erſte, der mich von meinen Enkeln getrennt hat. Ich verdiene nicht ſo behandelt zu werden. Betrachten Sie die Intereſſen dieſer jungen Leute und hören Sie ſie an. Habe ich je etwas gethan, was mir eine ſolche Behandlung zuziehen könnte? Aber Sie ſind außer ſich, ich entſchuldige Sie. Hören Sie auf Ihr Herz, was gut iſt, und was mir wird Ge⸗ rechtigkeit widerfahren laſſen. F. Sebaſtiani.“ „Wenn Sie ſo alt ſein werden wie ich, werden Sie ſich Vorwürfe machen, ſo hart gegen mich geweſen zu ſein.“ Wir beſitzen noch zwei Blätter aus dem Tagebuche der Herzogin, ihre letzten Empfindungen vom 17. Juni und vom 13. Juli. In jenem ſagt ſie:„Ich muß es mir ſtündlich wie⸗ derholen, daß ich eine heilige Pflicht, meinen Töchtern gegenüber, erfüllt habe, indem ich endlich darein willigte, meine Anſtrengungen mit denen meines Vaters zu ver⸗ einigen, um dieſes Frauenzimmer(cette femme) fort⸗ zuſchicken. Es hat mich viel gekoſtet. Ich haſſe den Eclat, aber endlich ſagte es mir alle Welt und mein Gewiſſen auch, daß es meine Pflicht ſei. Mein Gott, was wird daraus werden? Wie er aufgebracht Die Herzogin von Choisrul-Praslin. 463 vet⸗ iſt! Man ſollte wirklich ſagen, daß er nicht der Schul⸗ ſigte, dige ſei; kann man ſich über den Punkt ſo verblen⸗ me⸗ den!—— Ich kann's mir gar nicht denken, wie man vürfe ſich in dieſem Punkt über das Unmoraliſche ſo verhärten eſpr⸗ kann. Er ſagt, er liebe ſeine Kinder, er opfere ſeine ſilen, Jeit ihrer Erziehung und—— er macht ſeine Mai⸗ ie ge treſſen zu ihren Gouvernanten. U?! Hier zum ſche erſten Mal dieſe Anſicht blank und baar ausgeſprochen.) auf⸗ Es iſt da ein Aufhören alles moraliſchen Gefühls, was teinen mich verwirrt macht.— Alle ſeine Anlagen waren gut; andelt aber er hatte einen ſchwachen Charakter, einen trägen Geiſt, der Stoff überwältigte ihn, er machte ihn ungen.. S ſchläfrig, empfindungslos. Was iſt das für ein Leben! tu Er vernachläſſigt alle Intereſſen ſeiner Kinder, die St Moral mit Füßen ſtoßend, alle Geſetze der Convenienz, Ge er überläßt ſich ſeinen Neigungen, bald für die eine, bald für die andere, und hat doch nicht die Energie, ſich aus ihrem Joche loszumachen. Jede plänkelt mit ihm, reizt ihn auf und zieht ihn aus, ebenſo nach als wäh⸗ — rend der Liaiſon. Mein Gott, wenn du keinen Blick n ſ des Mitleidens auf ihn wirfſt, iſt ja ſeine Zukunft ſchrecklich, von Tage zu Tage muß er ja tiefer ſinken in hucht dieſem Moraſt; ſeine Geſundheit, ſein Verſtand, ſein Jun Vermögen müſſen untergehen.— Und ſeine Kinder, ſeine Töchter will man erziehen, wenn man ein ſolches Leben führt. Wo iſt eine ſo ausgebildete Illuſion als in dieſer hun Verblendung! ligte„Er war auch dieſes Frauenzimmers ſchon lange über⸗ w⸗ drüſſig(12), aber er hatte vor ihr Furcht. Deshalb for⸗ ſchickte er ſie nicht fort; das iſt ausgemacht. Jetzt nun, den wo man ihm zu Hülfe kommt, revoltirt ſeine Eigenliebe. men Das iſt ſein einziger Verdruß jetzt, und indem er ihr ott, Schmerz zeigt, den er nicht empfindet, hofft er ſie zu racht 464 Die Herzogin von Choiseul-Praslin. beruhigen. Wie er geſtern eilte, nach Praslin zu reiſen, um es kurz abzumachen! Ja gewiß, wie man mir ge⸗ ſagt, ich habe ihm ſelbſt auch damit einen wahren Dienſt geleiſtet. Aber mir wird er es nie verge⸗ ben. Er wird ſich an mir rächen, Tag für Teg, Stunde für Stunde, Minute um Minute, daß ich ihm den Dienſt geleiſtet, daß ich vernünftig war, wo er thöricht war. Der Abgrund wird täglich tiefer zwiſchen uns werden. Je mehr er nachdenkt, je mehr er ſich ſchuldig fühlen wird, deſto mehr werde ich es büßen, deſto mehr wird ſein Rachegefuhl ſich gegen mich entladen. Ich ſchaudere vor der Zukunft. Ich zittere, wenn ich daran denkez ich fühle mich ſehr ſchwach. Gott, komme mir zu Hülfe; gib mir Kraft, dieſe neuen Prüfungen zu ertragen, wie es dein Wille iſt, und deine Gnade zu lenken auf meine Kinder, auf ihn, den Unglücklichen. Ein grauſam Leben bereitet er mir, und doch möchte ich ſeine Lage nicht mit meiner vertauſchen. „Wie ausgetauſcht! Immer traurig, mürriſch, un⸗ zufrieden mit Allem, mistrauiſch gegen Jeden, über Alles in Aerger! Man ſieht, daß die Gewiſſensbiſſe im In⸗ nern thätig ſind.—— Er ſcheint mir gar nicht mehr derſelbe Menſch. Da ſieht man, was die Abweſenheit aller religiöſen Gedanken hervorgebracht hat, der mora⸗ liſchen Grundſätze, ſiehe da die Früchte der Unthätigkeit, der Faulheit. Er war doch beſſer, es waren Keime guter Dinge in ihm; aber wenn man Dir von Kindheit an keine großartigere Anſicht der Dinge eingeflößt hat, keinen Enthuſiasmus für das Erhabene, dann wird das Leben zum Vegetiren, bis die entnervten Fähigkeiten immer mehr abnehmen und endlich das Materielle allen Raum erfüllt. Er leidet, man ſieht es; denn Alles be⸗ ——— reiſen, it ge⸗ ahren erge⸗ Tag, heihm vo er iefer t, zi ich es mich Ich ſehr Kraft, Ville auf tet er einer un⸗ Ales In mehr nheit nora⸗ gkit eime dheit hot, iten llen be Die Herzogin von Choiseul-Praslin. 465 weiſt mir, daß er es vor unſern Söhnen verbergen will. Aber kann er Töchter erziehen, denen man ſich doch nur nahen darf im Heiligenſchein der Reinheit und der Schamhaftigkeit. „——— Was kann er denn für unſere Zukunft wollen?— Mit wie viel Kummer, den er noch nicht ausgeſprochen, hat er mir gedroht! Er ſagte mir, ich hätte durch dieſen Act mein ganzes Leben befleckt.—— Und was will er ſagen mit den myſteriöſen Winken, daß er etwas, was mich betrifft, wiſſe? Man muß abſcheu⸗ liche Verleumdungen über mich ausgeſtreut haben. Ach, mein Leben verträgt das Tageslicht.—— Herr Gott, wenn nur nicht die Verleumdung in den Augen ſeiner Kinder das Andenken einer Mutter befleckt, die ſchon ſo gelitten hat!— O, erleuchte ihre Herzen und ihren Verſtand, damit ein Strahl deines Lichtes, heiliger Geiſt, die Wahrheit vor ihrer Seele hell erſcheinen laſſe.— Habe Mitleid mit dieſen armen Kindern, die allein und ohne Rath in der Mitte dieſer Strömungen und dieſes Tobens zurückbleiben.— Herr, du wirſt Mitleid mit ihnen haben, du wirſt bei ihnen bleiben, ihre Stütze, ihr Rath, ihr Führer ſein.—— Dann werden ſie, die armen Kinder, die Klugheit der Schlange, den Muth des Löwen mit der Unſchuld der Taube haben.“ Dieſe Bitten zu Gott, wie aus dem vollſten, tief bewegteſten Herzen quellend, wollen nicht enden, als ergreife ſie eine Ahnung ihres grauenvollen Schickſals. Dieſelben Bitten richtet ſie übrigens auch an den Vater im Himmel für den Vater ihrer Kinder, wieder ſein Licht in ſeinen Geiſt zu gießen, ihn zur Reue zu bringen, und den Arm dem Reuigen zu öffnen. Beach⸗ tenswerth, daß bei dieſer durchaus religiöſen Stimmung die Katholikin nur Gott anruft. Nicht einmal die Jung⸗ 466 Die Herſogin von Choiseul-Praslin. frau wird genannt.„Du weißt es, mein Gott, es iſt nichts mehr von Rache oder Gereiztheit in meinem Herzen, und mit aller Inbrunſt habe ich Dich angefleht, daß Die, welche mir ſo viele Schmerzen bereitet, zu ihrem Heil, zu beſſern Geſinnungen zurückkehren. Du weißt es, wenn ich etwas that, was meinen Kindern, ihrem Vater, hart ſchien, es nur geſchah, weil ich es für meine Pflicht hielt. Ach, wie gern hätte ich, indem ich ſie mit der einen Hand fortſchickte, meiner Kinder wegen, ihr die andere gereicht und ihr geſagt: Ich ver⸗ gebe Dir und zürne Dir nicht.“ Die Deluzy war noch nicht gleich nach der Kündi⸗ gung aus dem Hauſe gegangen, wie wir wiſſen; man ſah ſich nur gegenſeitig nicht mehr. Aus dieſer Zeit ſind die letzten Impressions der Herzogin, datirt vom 13. Juli. Sie begreift ihren Mann nicht, er klagt, daß er ver⸗ leumdet werde, und gibt doch fortwährend Jedermann den Stoff an die Hand.„Er bricht mit uns und iſt immerfort mit ihr. Es gibt keinen räthſelhaftern Cha⸗ rakter. Iſt das das Uebermaß der Verderbtheit oder der Schwäche?— Hat er Furcht vor dieſem Weibe, daß er nicht wagt, ſo lange ſie im Hauſe iſt, die Kinder ihrer Mutter zurückzugeben? Wer gab ihr dieſe Herr⸗ ſchaft über ihn? Das iſt nicht natürlich. Sie muß ein Mittel haben, ihn durch Drohungen zu feſſeln.— Der arme Mann!—— Welche Zukunft blüht ihm! —— Wenn er mit 42 Jahren ſich ſo durch Intri⸗ guanten feſſeln läßt, was wann er ein Greis iſt!“ Sie begreift jetzt nicht, wie ſie ihn jemals hat ſo leidenſchaftlich lieben können:„Nichts belebt ihn, nichts intereſſirt ihn, nichts erhebt ihn; alle edeln Leidenſchaf⸗ ten, aller Enthuſiasmus rühren weder an ſein Herz, ——— Die Herzogin von Choiseul-Praslin. 467 s iſt noch an ſeinen Geiſt. Stellung, Vermögen, er hätte inem Alles, was ihm eine nützliche, brillante, glückliche, eh⸗ ſlcht, renwerthe Exiſtenz geben könnte. Alles iſt galvaniſirt. Er intereſſirt ſich weder für ſein Vaterland, noch für Du ſeine Kinder; er hält nur Geſellſchaft mit Gouvernanten. dern, Er iſt ihr cavaliere serviente, bis er ihr Sklave wird. h e Wirklich, ich glaube, er beachtet Demoiſelle Deluzy(die nden er ſchon ſeit 18 Monaten, oder gar zwei Jahren nicht inder mehr liebt) nur darum, weil er fürchtet, daß ſie ihm ver⸗ das Leben ſauer machen könne.— Und doch, was wun⸗ derbar genug iſt, glaubt er, daß ich nur aus Eiferſucht, indi⸗ nicht der Kinder willen, ſie fort haben will, und das man ſchmeichelt ihm. ʒit„——— Welche Illuſion, welch ein Exceß von von Selbſtliebe! Möglich iſt es noch, für einen Mann Liebe zu bewahren, der Dich behandelt, wie er mich behan⸗ ven delt hat, wenn dieſer Mann von anderer Seite unſere Bewunderung erregt, wenn er ſich durch große Hand⸗ nann diſt lungen, große Thaten vor unſern Augen erhebt, aber ch einen ſolchen gewöhnlichen Mann, einen ordinairen Men⸗ ſchen, den kann man doch nur lieben, wenn er ſonſt r. gut, gerecht, gewiſſenhaft iſt und ſich Mühe gibt, Dir das Leben angenehm zu machen. Man braucht gewiß i nicht große Dinge zu vollbringen, aber man muß des Hur Vermögens ſein, ſie zu ſchätzen, ſie zu bewundern, ſich miß dafür zu intereſſiren. Ich weiß gar nicht zu ſagen, wie — ſein Geiſt mir verſchrumpft vorkommt, ſo ganz erſchlafft ihn und unfähig, etwas aufzufaſſen. Ich bin über mich ſelbſt Iutr erſchrocken, daß ich ihn jemals habe lieben können.——— 4 Er hat auch keinen einzigen, wahren Freund; ſeine Ver⸗ it ſ bindungen entſpringen nur aus ſeiner Vergnügungsluſt. nicht Dann hängen ſie an ihm wie Ketten, er kann ſich nicht ſcha mehr losmachen; wie Kugeln einem Sträfling ſchleppen Hetz, 468 Die Herzogin von Choiseul-Praslin. ihm die Anſprüche und Begehrlichkeiten der Frauenzim⸗ mer nach, mit denen er Verhältniſſe hatte. Bizarrerie der Menſchen! Mich hat er immer geopfert, unterdruckt, verwundet, gedemüthigt, gemishandelt, verſtoßen wie Perſonen, die— er nicht einmal geliebt hat!—— Und vielleicht, in ſeinem Innern, zieht er mich doch dieſen Frauen vor, die er verachtet und fürchtet!—— Er begreift nicht, daß ich ihm jetzt vergeben und ver⸗ geſſen könnte. Mein Verdienſt dabei wäre nicht ſo groß, als er glaubt. Ich kann nur eiferſüchtig ſein, ſo lange ich liebe; wenn das vorbei iſt, vergebe ich leicht. Seit nun meine Gefühle ſich ſo ganz verändert haben, zürne ich ihm nur der Kinder wegen.——— Unſere Lage iſt ſo bizarr als traurig.——— Wie wird das enden? An eine vollſtändige Ausſöhnung, wie ſie un⸗ ſerer Kinder wegen wünſchenswerth wäre, glaube ich nicht mehr. Er wird mich immer fliehen, weil er ſich im Unrecht fühlt, und ich werde ihn nur der Kinder wegen aufſuchen. „Mein Gott! Mein Gott! halte mich aufrecht, leite mich. Ich fürchte mich vor der Zukunft, vor den Drohungen, die er aus ſprach. Aber du wirſt bei mir ſein, mein Gott, ich habe das Vertrauen, du wirſt die arme Mutter aufrecht erhalten, der du die Kraft gegeben haſt, für ihre Kinder zu kämpfen. Herr, ſtehe mir bei!“ Das ſind die letzten Worte der unglücklichen Herzo⸗ gin; die letzten, die wir von ihr aufgezeichnet haben. Sie fürchtete ſich vor den Drohungen, die er ausge⸗ ſprochen!— Bringt man dieſe Drohungen mit der That in Zuſammenhang? zim⸗ rerie ückt, wie doch ver⸗ oß, ange Seit ürne Lage das un⸗ ich nder sge⸗ Thal Die Herzogin von Choiseul-Praslin. 469 Wir können uns zu dieſer Anſicht nicht überreden. Auch, und gerade nach dieſen erſchöpfenden Mittheilun⸗ gen über das innere, das Seelenleben dieſer, zum Glück berufenen und doch unglückſeligen Familie, erſcheint uns das Räthſel inſofern gelöſt, daß dem Morde keine lange Vorbereitung voranging, daß er wirklich nur das Werk einer Aufwallung des Tages, der Stunden, vielleicht nur des Augenblicks, war. Es iſt möglich, daß der Herzog über ſolchen Gedanken ſchon länger brütete, eben wie ſein Opfer von finſtern Vorſtellungen über die Zu⸗ kunft oft heimgeſucht ward. Daß es zur fixen Idee in ihm geworden, nur Blut und Tod könne dieſe troſtloſen Verwirrungen löſen, dafür fehlen alle Beweiſe, Anzei⸗ chen; wenn es aber war, ſo fehlen ſie eben auch dafür, daß ſie bis zum Vorſatz gediehen wäre. Es läßt ſich nichts anderes vernünftigerweiſe annehmen, als daß in der myſteriöſen Nacht eine jener heftigen Scenen, deren wir ſo viele geſehen, voranging, wo in beiden Perſonen der ganze verhaltene Unmuth langer Jahre überſchäumte, daß ſie ihn abermals durch einen Ausbruch jener Hef⸗ tigkeit reizte, und der Dämon des Wahnſinns in dem Unglückſeligen zur Flamme ausſchlug. Vielleicht zuerſt nur eine Thätlichkeit, ein Angriff; in ihr erwachte mit der Wuth der Inſtinct zum Leben. Sie vertheidigte ſich, und er mußte fortfahren in ſeinem gräßlichen Werke, bis zur gräßlichſten Vollendung. Für dieſe Dauer des Kampfes liegen die Beweiſe ebenſo vor, wie ſie durch die hinterlaſſenen Papiere für die vorangängigen Motive geführt ſind.— Er hatte vielleicht die Abſicht, als er im Mordwerk war, ſich ſelbſt nachher das Leben zu neh⸗ men, möglich, daß darauf die geladene Piſtole deutet. Gewiß gereute ihn nachher der Entſchluß, die Lebensluſt kehrte zurück; da erſt die ungenügenden, verſpäteten, ver⸗ ——* — — ——— ———— 470 Die Herzagin von Choiseul-Praslin. rätheriſchen Veranſtaltungen, den Schein eines Einbruchs von außen herzuſtellen. Wie ganz anders hätte er mit der teufliſchen Vorabſicht handeln können! Wir ſcheiden von dieſem Criminalfall nicht ohne Er⸗ ſchütterung. Das Gräßliche der Mordthat tritt zurück vor der inneren Tragödie, die ſich in den Briefen und Memoiren Schritt für Schritt vor uns entwickelt, ein ſo vollſtändiges Seelengemälde, mit Charakteren, die warmblütig, fertig, aus dem Rahmen zu ſpringen ſchei⸗ nen, Producte eines ſocialen Lebens, das in ſeinen Wi⸗ derſprüchen, ſeinen Anforderungen den Keim der Fäulniß in ſich ſelbſt trägt, und bei aller Weihe der Bildung und der reinſten göttlichen Anſchauung der Verhält⸗ niſſe, doch der ſittlichen Kraft entbehrt, dieſe Verhältniſſe ins richtige Maß zu bringen, den Keim der Fäulniß, ſei es auch mit Schmerz, auszubrennen. Erſchlaffung und Ueberſpannung ſind kein Ehebund, der ein geſundes Geſchlecht erzeugt. Alle reiche, glänzende Geiſtesmitgift hilft dieſen Mängeln nicht auf. Man ſagt, unſere moderne Zeit liefere keinen Stoff mehr zur großartigen Tragödie. Hier liegt er vor, mehr als das, das Trauerſpiel iſt fertig; nur der Dichter fehlt, der es dialogiſirt. Am 26. Auguſt ward die Leiche des Herzogs zur Erde beſtattet. Nicht in einer Familiengruft, nicht in ſtolzem Wagen, mit Wappen und Federn geſchmückt. Nachts um halb ein Uhr ward der zergliederte Leichnam, in Gegenwart der Polizei⸗Commiſſare und des Directors der Gefangenanſtalt, in ein Grabtuch gehüllt und in einen Eichenholzſarg gelegt, der keinen Namen, keine Embleme, nur die laufende Nummer auf einer bleiernen Platte trug. uchs mit Er⸗ urück und ein die ſchei uniß dung hült⸗ tiſſ Uniß, füung undes tift Stof mehr 6 zu ht in nückt nam, ettort einen lem, tr Die Herzogin von Choiseul-Praslin. 471 Nur eine Abtheilung Stadtſergeanten marſchirte dem gewöhnlichen Leichenwagen vorauf; nur die Stadtpolizei und der Gefangenvorſteher folgte. Auf der langen Fahrt durch die helle, ſtille Nacht begegneten dem Zuge— man hatte eine Volksaufregung gefürchtet— nur zwei oder drei Gemüſewagen, nicht einmal ein verſpäteter Fußgänger. Am Thor des Kirchhofs empfing ihn nur der Aufſeher, ein alter Militair aus der Kaiſerzeit mit den beiden Todtengräbern, welche eben das Grab ge⸗ ſchaufelt, ohne zu wiſſen, wen es aufnehmen ſolle. Um 2 ½ Uhr war die Grube mit Erde gefüllt, der Wagen fortgerollt. Auch das einfache Kreuz aus ſchwarzem Holz, „womit die letzte Ruheſtätte des ärmſten und niedrigſten Todten bezeichnet wird“, fehlte auf dem friſchen Grabe, das, unter Platanen und Linden bei einem alten Pfahle im Winkel des Kirchhofs zur Vermeidung der Beſuchen⸗ den ſich erhob. Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig⸗ ———— Olour& Grey Sortrof Shart Cyan GSreen llow GSrey 3 GSrey