—— ———— 3— veuſche engliſcher und franzöſiſcher Literatur 2 von Ednard Otkmann in Giefen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Veih- und Feſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ ₰ pfangnahme und Rückgabe ver Bücher jeden Tag von 2 korgens 7 Uhr bis Abends 8 t offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von 1 jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 8 3. 3. Cäntion. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hintettegen⸗ welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und trägt: r nchentlic— Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1N 1W—, 3 5 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu forgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verkorene unv defecte Bücher(Gamentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der ) Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erfatz des Ganzen verpflichtet. „ usleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird N veſonders varauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverlei en F der Bi cher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche ben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Der neue Pitaval. Neunzehnter Eheil. Neue Folge. Siebenter Theil. Der neue Pitaval. Eine Sammlung der intereſſanteſten Criminalgeſchichten aller Laͤnder aus aͤlterer und neuerer Zeit. Herausgegeben vom Criminaldirector Dr. c. G. Hitzig und Dr. W. Häring(W. Aleris). MNeunzehnter Theil. Neue Folge. Siebenter Theil. — ei5 F. A. Brockhaus. 1 8 5 2. Vorwort. Zum Proceß Bocarmé, aus nächſter Gegenwart, finden wir in der Ermordung, welche Graf und Gräfin Somerſet an dem ihnen läſtig gewor⸗ denen Vertrauten Overbury unter Jakob I. Regie⸗ rung in grauenvoller Weiſe verübten, ein Seiten⸗ ſtück aus der vergangenen Zeit. Wenngleich bei verſchiedenen Motiven, dort Eigennutz, hier Rache und Furcht, iſt doch auch hier das merkwürdige Zuſammenſpiel zwiſchen Gatten und Gattin zum Verderben eines ihnen ſehr naheſtehenden Mannes, dieſelbe herzloſe Kaltblütigkeit, dieſelbe lang dauernde Vorbereitung, in der Ausführung eine ähnliche can⸗ nibaliſche Grauſamkeit, das nämliche kühne verwe⸗ gene Hinwegſetzen über den Verdacht und die An⸗ griffe der Juſtiz, weil die Thäter, vermöge ihrer hohen Stellung im Leben, ſich verſichert glaubten, VI vorwort. daß ſie vor der Schwelle ihrer Schlöſſer ſcheu ſich zurückziehen werde, endlich derſelbe Zweifel über den Antheil der verbundenen Ehegatten, obwol hier wie dort die eigentliche Urheberſchaft unzwei⸗ felhaft erſcheint. Der Graf Bocarme war der Mör⸗ der, ſeine Gattin nur die mitfortgeriſſene zur Zu⸗ ſtimmung gezwungene Theilnehmerin; in jenem Falle aus der Vorzeit erſcheint die Gräfin als Urheberin, als hauptthätig, während die thätige Mitwirkung ihres Gatten entweder einem andern moraliſchen Zwange des dämoniſchen Weibes, oder einem In⸗ tereſſe beizumeſſen, welches aufzufindem dem Scharf— ſinn der Ankläger nicht vollſtändig gelungen iſt, weil ſie dabei an Schranken ſtießen, welche der Re⸗ ſpect vor dem Throne zu durchlöchern verbot. Den Schuldantheil der Complicen abzumeſſen war in beiden Proceſſen die Hauptaufgabe der Juſtiz, in beiden aber hat ſie uns nur ein Räthſel hinter⸗ laſſen, dort aus dem eben angeführten Grunde, in dem jüngſten Criminalfall vermöge der Charakter⸗ ſtärke und der apathiſchen Natur eines nichtigen oder unbegreiflichen Weibes. Beide Proceſſe von hohem criminaliſtiſchen und noch größerm pſycho⸗ logiſchen Intereſſe, nur daß für letzteres in dem aus der Vorzeit der rechte Wegweiſer fehlt, weil wenig mehr als nackte Thatſachen aus der Stätte der Verwüſtung vorragen. Beide Proceſſe aber darin wieder ganz verſchieden, daß nur der an Jakob's Vorwort. VII Hofe als ein Spiegelbild ſeiner Zeit gelten kann, während die Mordthat der Bocarme einzig daſteht, als ein Anomalon der gegenwärtigen europäiſchen Geſittung. Man mußte die Geburt des Helden im Orient, ſein Leben unter den Wilden Amerikas, man mußte ihn ſelbſt als einen halb Wilden, halb Blödſinnigen darſtellen, um nur vor dem Gefühl der Zuhörer und Richter ſich einen Weg zur Ver⸗ theidigung zu bahnen; während die Somerſets ihrer Zeit in dem von Religionshaß und Parteien⸗ wuth zerriſſenen Europa, wo die Dolche gegen Hel⸗ den und Könige aus Kutten und Mänteln zuckten und das Gift aus dem Familienhader ins Staats⸗ leben hinüberſpritzte, Vorbilder und Nachfolger viele hatten, wenn auch weniger in dem freiern und ge⸗ ſitteten England. Der Bocarmeé'ſche Proceß wird den meiſten Leſern noch in lebendiger Erinnerung vor Augen ſchweben; iſt es doch nicht lange her, daß alle Zeitungen ihre Spalten mit ihm füllten.*) Und doch *) und eben, während ich die Reviſion dieſes Bogens unter Händen habe, öffnen ſie ſich ihnen wieder. Schloß Bitremont iſt verkauft. Ein ungariſcher Edelmann hat es gekauft. Der ungariſche Flüchtling iſt nur die vorgeſchobene Perſon eines ehemaligen Miniſters Karl's X., und dieſer Mi⸗ niſter hat das blutbefleckte Schloß für— Gräfin Lydie von Bocarme erſtanden, die noch aus Rückſichten im Hinter⸗ grunde ſtehen bleiben will. Gräfin Lydie, die junge Witwe VIII vorwort. gewährten die Auszüge aus den gerichtlichen Ver⸗ handlungen, die ſie nur aufnehmen konnten, ſo wenig eine ganz klare Anſchauung der Verhältniſſe, als wir jetzt hoffen können, daß unſere Leſer bei einer vollſtändigen Wiedergabe derſelben ſie gewin⸗ nen werden. Vieles bleibt trotz der Genauigkeit undeutlich; ja über die änſigſte Ausbeutung des Details ſcheinen die größern Züge oft in den Hin⸗ tergrund gedrängt und drohen zu verſchwinden, wenn nicht Ankläger und Vertheidiger ſie wieder aufgriffen und hervorholten, aber jeder zu ſeinem Zwecke ſie färbend. Das Gerichtsverfahren liefert die lebenvollſten Tableaux, aber keine dramatiſche Entwickelung. Es iſt Alles vorher abgethan in einer, wie es ſcheint, vortrefflichen Vorunterſuchung. Dieſe legt der vorſitzende Richter zum Grunde, auf ſie geſtützt richtet er ſeine Fragen an die Ange⸗ klagten und Zeugen, als wäre hier etwas Feſtes, Allbekanntes, das uns doch erſt allmälig und ge⸗ legentlich in der Anklageacte, den Zeugenausſagen, den Reden der Ankläger und Vertheidiger bekannt wird. Die Angeklagten wiſſen, worauf die An⸗ griffe gerichtet ſind, ſie ſtehen alſo bei jeder Frage wird aber ihre Hand einem beglückten Bräutigam reichen, und, nachdem von den Wänden und Dielen das Blut ihres Bruders abgewaſchen und abgehobelt, das Schloß zu neuem Glanze reſtauriren— ſagen die Zeitungen. Ob Roman, ob Wahrheit, laſſen wir auf ſich beruhen. in au ſe, bei in⸗ keit des in⸗ en, em Vorwort. M im voraus in der Defenſivpoſition, ſie ziehen ſich auf den Punkt zurück, wo ſie ſich unangreifbar wiſſen, weil ſie Bedürfniß und Noth ſchon längſt dahin zurückgedrängt hatten, und ſo tritt das merk⸗ würdige Factum ein, daß trotzdem, daß zwei ſich gegenſeitig anſchuldigende Gatten einander gegen⸗ überſtehen, die blitzſchlagende Wirkung fehlt, die Macht des Impulſes, durch ein Wort, einen Blick, Wink entzündet, daß beide Complicen auf der Folter des öffentlichen Verhörs und noch mehr durch die Widerſprüche des andern Theils ge⸗ reizt nichts mehr ausſagen, ja eigentlich weniger, als ſie vorher zu Protocoll gegeben hatten. Wir laſſen beiden Fällen einen der räthſelhaf⸗ teſten Proceſſe folgen, den die Memoiren der ftan⸗ zöſiſchen Criminaliſtik uns aufbewahrt haben; dunkeler in ſeinen Motiven als die vorangehenden, im Wechſel der Begebenheiten an Intereſſe ihnen nicht nachſtehend, gleichviel ob wir es mit einem pſychologiſchen Myſterium, oder nur mit einem In⸗ triguenſtück der combinirteſten Art zu thun haben. Er ſpielt nur im höhern bürgerlichen Familien⸗ leben der franzöſiſchen Hauptſtadt, es fehlt indeß wenig, daß er an Feudaltragödien ſtreift, wo Gift, Blut und Dolch eine Verbindung erzwingen oder löſen ſollen. Sawney Cunningham iſt ein Curioſum aus einer verſchwundenen Vorzeit. Wie der in ———— 3—— X Vorwort. einem unſerer erſten Bände gebrachte James Hind gehört er in dieſer Form einem ſtreng criminaliſti⸗ ſchen Werke nicht an. Unſeres hält ſich aber nicht allein an die Form, und wo die actenmãäßigen Berichte verloren gegangen, laſſen wir uns auch an vermittelten Darſtellungen genügen, wenn der Stoff ſelbſt das Intereſſe in Anſpruch nimmt. Wie das bei jenem erwähnten Highwayman der Fall war, wird auch dieſer romanhafte Räuber⸗ held hoffentlich unſern Leſern inmitten ſtrengerer actenmäßiger Darſtellungen ein erholendes Inter⸗ mezzo gewähren. Uebrigens rangirt er auch in dem engliſchen criminaliſtiſchen Sammelwerke in keiner andern Form. Ganz anderer Art iſt das pſychologiſche Räth⸗ ſelſtück, womit wir dieſen Band ſchließen, ein echt deutſches Monodram, über das ſeiner Zeit hundert Federn ſich in Bewegung geſetzt, um es zu erklä⸗ ren. Wir verdanken die Mittheilung der mannig⸗ fachen Schriften über den factiſch ſehr einfachen Criminalfall Rü ſau der Freundlichkeit eines Gön⸗ ners unſers Werkes in Hamburg, der uns damit auf ein Parallelſtück zu der jüngſten That eines Bomal(ſiehe den vorletzten Band des Pitaval) hinwies. P 6 2 2 0 C ind ſi⸗ cht gen uch o Gräfin Somerſet und ihr Gatte(1615— 1616) Graf Bocarmé und ſeine Gattin(1850— 1851) Marie Delorme(1726— 1756)....... Sawney Cunningham(1655)..... Zwei Mütter eines Kindes(1707— 1715).. Die Noſenmädchen von Salanch(1775).... Candidat Rüſau(1805— 1804)...... 310 ——— 5 367 36 Rob nich Lan Au welt Har jn zu; eine uw ſch ſuc mu Si dur bei Grätin Somerset und ihr Gatte. 1613— 1616. Unter den jungen Schotten, welche nach Jakob's I. Thron⸗ beſteigung ihr Glück in Englands Hauptſtadt ſuchten, war einer der glücklichſten Robert Kerr oder Carre. Aus einer guten alten ſchottiſchen Familie brachte Robert, als er 1609, zwanzigjährig, nach London ging, nichts dahin mit als einen Empfehlungsbrief an ſeinen Landsmann, den Lord Hay, und ein ſehr vortheilhaftes Aeußere. Es war aber gerade dieſe Eigenſchaft, durch welche man beim Könige ſein Glück machen konnte. Lord Hay wußte ſie zu würdigen, und beſchloß ſofort den jungen Menſchen dem Könige im vortheilhafteſten Lichte zu zeigen, um dem Monarchen einen neuen Liebling, ſich eine neue Stütze am Hofe zu erziehen. Der erſte Angriff ſchien indeß fehl zu ſchlagen. Der Lord erwähnte gegen Niemand von ſeiner Ankunft, er ließ ihn ſich verſtecken bis zu einem erſten Hoffeſt, einem Lanzen⸗ ſtechen. Hier ſollte der junge ſchöne Mann, auf einem muthigen Pferde, ein geſchickter Reiter, dem Könige den Schild mit dem Wahlſpruch überreichen. Er rechnete darauf, daß Jakob von Robert's Schönheit geblendet, beim erſten Anblick ſchon von ihm bezaubert ſein werde. XIX. 1 2 Gräfin Somerset und ihr Gatte. Das Pferd war aber zu muthig, es warf den ſchönen Reiter ab und Robert brach ein Bein. Gerade dieſer Umſtand wirkte indeß günſtiger als die Berechnung. Der Sturz war vor Jakob's Augen geſchehen, und Robert Kerr war darum nicht weniger ſchön und jung. Der König ließ ihn in eines ſeiner Zimmer ſchaffen, verbinden, beſuchte ihn gleich nach dem Turnier, wiederholte ſeine Beſuche und— Robert Kerr ward der Minion des Monarchen. Eben ſeine Einfalt und Unwiſſenheit, verbunden mit ſo viel äußerer Anmuth, machten ihn ſeinem Gönner theuer. König Jakob, der wunderliche Pedant, liebte es, ſeine Günſtlinge ſich ſelbſt zu bilden; ſie ſollten aus dem Quell ſeiner Gnade und Vollkommenheit Alles empfangen, Kenntniſſe und Erfahrung, Verſtand und Gefühl. Im Vollgefühl ſeines eigenen ſouverainen Ver⸗ ſtandes ſchmeichelte er ſich, dieſen rohen jungen Burſchen in kurzem ſo zu inſtruiren, daß er ein kluger Miniſter werden könne und eingeweiht in alle die Geheimniſſe der Staatskunſt, auf welche er einen ſo großen Werth legte. Darin ſteht der wunderliche Jakob freilich nicht allein da unter den Monarchen, deren die Geſchichte er⸗ wähnt. Er liebte dieſe, ſeine Lieblinge, die er ſich zuzog, ſogar mehr als ſeine eigenen Kinder. Von einem andern Verhältniß, auf das man argwöhnen könnte, wirft we⸗ nigſtens die Geſchichte keine Winke hin. Ja, daß er Ro⸗ bert ſo außerordentlich unwiſſend fand, vermehrte noch die Liebe für ihn. Man ſagt, daß Jakob, als er ihn in den erſten Elementargründen der lateiniſchen Sprache zurück ſah, den Scepter eine Weile bei Seite gelegt und die Birkenruthe des Schulmeiſters in die Hand genom⸗ men habe, um ihm die Grammatik beizubringen. Robert den hönen rals Augen iger ſeiner h dem Ker infalt muth, te es, naus Alles d und Ver⸗ rſchen iniſter mniſſe Werth nicht hte et⸗ zuzog/ andern ft we⸗ er Ro⸗ e noch er ihn prache t und enom⸗ Robert 3 lohnte ihm dieſe Sorgfalt durch raſche Fortſchritte in dem, was ſein König politiſche Weisheit nannte. Bald regneten Ehren, Auszeichnungen und Geſchenke auf ihn. Er ward zum Ritter geſchlagen, zum Viscount Rocheſter erhoben, geſchmückt mit dem Hoſenbandorden, kam in den Geheimenrath, und ehe er noch ein beſtimm⸗ tes Amt erhalten, hatte er ſchon die oberſte Leitung aller politiſchen Geſchäfte im Cabinet des Königs. Während der tüchtige Miniſter Salisbury kaum Mittel auftreiben konnte, bei der herrſchenden Verſchwendung immer die Staatsmaſchine in Gang zu erhalten, wurde der unbe⸗ deutende und nutzloſe Menſch mit Gütern und Schen⸗ kungen überhäuft. Der junge Günſtling war indeſſen nicht ſo trunken von ſeinem Glück, daß er nicht ſelbſt ſeine Unwiſſenheit und Mangel an Kenntniſſen gefühlt hätte. Er ſchloß ſich deshalb einem Freunde, oder dem, den er ſo nannte, an und war glücklicher in ſeiner Wahl, als es in ſolchen Fällen ſonſt zu ſein pflegt. Der Geſchichtsſchreiber Hume nennt Sir Thomas Overbury einen umſichtigen und aufrichtigen Rathgeber, der in der Hoffnung, durch den jungen Favoriten des Hofes ſelbſt zu ſteigen, ihm kluge und gemäßigte Grundſätze einzuimpfen ſuchte.„Indem er Jedermann zu dienen ſuchte, gelang es ihm den Neid zu beſchwichtigen, den ſeine plötzliche Erhebung anregen mußte; indem er die Engländer bevorzugte, wandte er das Vorurtheil von ſich ab, das jener Zeit die ſchotti⸗ ſchen Emporkömmlinge in England traf. Und ſolange er ſich durch Overbury's wohlgemeinte Rathſchläge lei⸗ ten ließ, erfreute er ſich, was ſo ſelten iſt, der höchſten Gunſt ſeines Fürſten, ohne vom Volke gehaßt zu ſein.“ Aus den Proceßverhandlungen fällt kein ſo günſtiges Licht auf Overbury zurück. Gräfin Somerset und ihr Gatte. 1* 4 Gräfin Somerset und ihr Gatte. Aber ſo ſchnell Robert geſtiegen war, ebenſo raſch und merkwürdig war ſein Fall. Es iſt ein Roman, ein grauenvoll intereſſanter Criminalfall und zugleich wahr⸗ hafte, beglaubigte Geſchichte. Eine raſende, glückliche, erwiederte Liebe riß ihn zum Verbrechen und ins Verderben. An Jakob's Hofe blühte die ſchöne Frances Ho⸗ ward, die Tochter des Earl of Suffolk, die Nichte des Earl of Northampton, zweier Brüder, welche Jakob, um der Treue und Leiden willen für ſeine Mut⸗ ter, Maria Stuart, hoch ausgezeichnet hatte. Auch hatte der König, um zwei, ſeiner Familie ergebene, Familien enger zu verbinden, eine Ehe geſtiftet zwiſchen der jun⸗ gen Frances und dem jungen Earlof Eſſer. Vor⸗ läufig eine Conventionsheirath; die Frau war erſt 13, der Ehemann 14 Jahr alt. Bis Beide die nöthigen Jahre erreicht, ward Eſſer auf Reiſen geſchickt. Als er nach vier Jahren nach England zurückkehrte, fand er ſeine Frau im vollen Strahlenglanz ihrer Schönheit, der Liebling und die Bewunderung des ganzen Hofes. Aber als der entzückte Ehemann ſich ihr nähern und ſeine Rechte geltend machen wollte, ſtieß er nur auf Abnei⸗ gung, ja Abſcheu, und ſie wies ihn kurzweg mit allen ſeinen Vertraulichkeiten ab. Er wandte ſich an ihre Ael⸗ tern, die ſie auch anhielten dem Gatten aufs Land zu folgen und ſein Bett zu theilen; aber ſie blieb verſchloſſen, ſtarr, eiſig gegen ihn. Eſſex ward endlich der verlorenen Liebesmüh überdrüſſig, er trennte ſich von ihr und über— ließ die Gräfin ihren eignen Launen und Gelüſten. Lady Frances' Abneigung hatte einen beſtimmten Grund in ihrer Zuneigung für den neuen Günſtling, den ſchö⸗ nen Viscount Rocheſter. Aus der Neigung war bereits ein glühendes Verhältniß geworden. Auch die Berech⸗ nun ſol ſi öf wit ihr Ge ein Se die raſch ein vahr⸗ ihn ichte velche Mut⸗ hatte milien jun⸗ Por⸗ higen lls et d er der Aber ſeine lbnei⸗ allen Ael⸗ d zu loſſen, renen über⸗ rund ſchö⸗ perech⸗ Gräfin Somerset und ihr Gatte. 5 nung, heißt es, wäre hinzugetreten. Sie argumentirte: ſolange ſie ſich von Eſſex' Umarmungen frei hielte, könne ſie nicht als ſeine wahrhafte Gattin gelten; dies er⸗ öffne ihr den Weg zu einer Trennung und dann einer wirklichen Scheidung, endlich zu einer Vermählung mit ihrem geliebten Rocheſter. Im vollſten gegenſeitigen Genuß ihres Liebesglückes verlangten doch Beide nach einer Verbindung, welche den Bund ihrer Sinne und Seelen auch vor der Geſellſchaft und dem Staate auf die Dauer beſiegle. Sir Thomas Overbury war auch in dieſem Liebes⸗ verhältniß Robert's Vertrauter. Letzterer hatte ſich ſogar im Anfang ſeiner Feder bedient, um die Geliebte zu ge⸗ winnen, und ſolange Overbury darin ein Spiel der Phantaſie und Galanterie gewahrte, hatte er herzlich zu⸗ geſtimmt und war den Liebenden behülflich geweſen, einen Schleier über das Verhältniß zu werfen, ſolange es ihnen nöthig ſchien. Als erfahrener Günſtling wußte er, daß eine ſolche Aventure nur dazu diene ein neues intereſſantes Licht auf ſeinen Freund und Gönner zu werfen. Ja, es müſſe des Königs Gunſt für Rocheſter nur erhöhen, denn Jakob empfand einen ungemeinen Kitzel, wenn er von neuen Liebesverhältniſſen an ſeinem Hofe hörte, und öffnete ſein Ohr mit Vergnügen jeder Mittheilung der Art. Ganz entgegengeſetzter Anſicht war Overbury, als ihm Rocheſter den Plan, die Geliebte zu heirathen, mittheilte, und er brauchte alle Mittel, von einem ſo thörichten Vor⸗ ſatz abzureden. Er ſtellte ihm vor, wie ſchwierig es ſein werde, welch gehäſſiges Licht auf ihn zurückwerfen, wenn er wirklich eine Scheidung ertrotzen wolle; wie es einen Flecken auf ſeine Ehre werfen müſſe, ein Weib in ſein Ehebett zu nehmen, die ſich ſelbſt rückſichtslos, einer 6 Gräfin Somerset und ihr Gatte. Laune und Aufwallung folgend, preisgegeben und ohne Scheu und Reue ihm ihre Arme öffne. Im Eifer der Freundſchaft drohte er ſogar, ſich ganz von ihm los⸗ zuſagen, wenn er ſeine Ehre ſo weit vergeſſen und die Gräfin wirklich heirathen könne. Rocheſter war ſo ſchwach, dies ganze Geſpräch ſeiner Geliebten, der Gräfin, mitzutheilen. Sie erglühte in Wuth und Haß gegen den ſchändlichen Freund,— ſie ſchwor ihm Rache. Rocheſter war noch ſchwächer, er ſchwor ihr, er wolle für ſie Rache an ihm nehmen. Einſtweilen aber galt es weniger das, als den ge⸗ fährlichen Mann, der ihr Vorhaben hinderte, unſchäd⸗ lich machen. Eine Intrigue ward planirt und ausgeführt, für welche der Boden Englands uns kaum tragbar er⸗ ſcheint. Rocheſter eröffnete in einer vertrauten Stunde ſeinem königlichen Gönner, wie er ſich durch die Launen und Arroganz ſeines Schützlings und Freundes Overbury jetzt in einer unangenehmen Lage befinde. Er habe ihn zu viel gewähren laſſen und derſelbe poche jetzt auf das Vertrauen; es wäre ihm lieb, wenn er ihn auf gute Weiſe von London entfernen könne. Es ſollte gerade ein engliſcher Geſandter nach Moskau geſchickt werden. Er ſchlug Overbury vor; es werde für beide Theile ein ehrenwerther Ausweg ſein und Overbury das einträgliche Amt mit Vergnügen annehmen. Der König willfahrte ſeinem Liebling und der Freund erhielt die Miſſion. Overbury berieth ſich mit Rocheſter. Dieſer aber war ſchnell in eine andere Rolle geſchlüpft. Er wider⸗ rieth ihm ernſtlich die Ambaſſade anzunehmen und ver⸗ ſprach ihm, wenn er es ausſchlüge, beim Könige ſein Für⸗ ſprecher zu ſein, und die Sache zu ſeinen Gunſten zu applaniren. Kön lehn eine von ſchi und ein war wof eben göt bi An ein Oy vor gen in El m nic V nic de ohne Eifer los⸗ ddie ſeinet e in . ſie ge⸗ ihrt, et⸗ inem und burh ihn das gute erade rden. eein glche fahrte 3 aber ider⸗ ver⸗ Für⸗ n z — Gräfin Somerset und ihr Gatte. 7 Auf der Stelle zog er ein drittes Kleid an. Dem Könige wußte er zu gelegener Stunde Overbury's ab⸗ lehnende Antwort als eine unehrerbietige Frechheit, als eine Majeſtätsverletzung vorzuſtellen. Jakob ließ ſich von ſeinen Meinungen noch vollkommen leiten. Er ſchickte Overbury als Staatsgefangenen in den Tower und erachtete dies noch eine ſehr geringe Beſtrafung für ein ſolches Vergehen. Gewiß, wenn es ein Verbrechen war, im Parlament der Regierung zu opponiren, eines, wofür Jakob gelegentlich die freien Parlamentsglieder ebenfalls in den Tower werfen ließ. Die Doctrin vom göttlichen Recht der Könige war in ihrer Blüte. Dies geſchah am 21. April 1613. Robert Kerr, Viscount Rocheſter, war alſo damals, wenn Hume's Angabe ſeines Alters beim Eintritt in London richtig, etwa 24 Jahr alt. Der Günſtling hatte damit erreicht was er wollte: Overbury war in ſeiner Macht. Denn ſchon einige Zeit vorher hatte er durch ähnliche Mittel den König bewo⸗ gen, den frühern Lieutenant des Tower abzuſetzen und eine ihm ergebene Creatur, Sir Gervaſe Elways oder Elwas in dieſen Poſten einzuſetzen. Dieſer neue Com⸗ mandant ſperrte den Gefangenen ſo eng ein, daß es ihm nicht einmal erlaubt war, ſeine nächſten Bekannten zu ſehen. Während der ſechs Monate, welche er hier ſaß, hatte er nicht die geringſte Communication mit irgend Jemand außer dem Gefängniß.(S. jedoch unten die Ger.⸗Verhandlungen.) Wir folgen hierin dem Hiſtoriker Hume, der die Handlungen des Staatsmannes Rocheſter zu ſchildern hat. Andre, aus den Proceßverhandlungen geſchöpfte, Berichte, nennen die Lady Frances, ſeine Gattin, als die eigentliche handelnde Perſon. Sie habe beim Könige die Ernennung des neuen Towercommandanten durchgeſetzt, ſie —— —————— ———— 8 Gräfin Somerset und ihr Gatte. mitgewirkt in Jakob den Groll gegen Overbury zu ent⸗ flammen, ſie endlich hatte Elways zu den Handlungen beſtimmt, die weiter unten folgen. Jetzt galt es ihre Verheirathung zu beſchleunigen. Der König ward für ihren Plan gewonnen. Hume ſagt: „Er vergaß die Würde ſeiner Stellung, ſeine Freund⸗ ſchaft für die Familie Eſſex und arbeitete mit allem Eifer für die Pläne ſeines Günſtlings.“ Eſſer ſelbſt machte keine Schwierigkeiten, er war froh, eines Weibes ledig zu werden, das ſich ſo gegen ihn benommen, und ſtimmte willig in die Mittel, um die Scheidung in einer Art zu bewerkſtelligen, die man von beiden Seiten eine chren⸗ werthe nannte! Der Klagegrund der Gräfin lautete: Eſſer ſei unfähig, die ehelichen Pflichten zu erfüllen. Er räumte ein, daß in Bezug auf die Gräfin er allerdings einer ſolchen Unfähigkeit ſich bewußt ſei, obgleich er gegen alle andern Weiber dieſer Fähigkeit ſich vollkommen bewußt wäre! Eine Unterſuchung durch Matronen fand ſtatt. Man behauptete, eine unberührte Jungfrau, der man das Coſtum der Gräfin angezogen, ſei erkauft und ſtatt der Lady unterſucht worden. Alles ward gefunden, wie man angegeben, wo Niemand widerſprach, ein Miniſter und ein König half. Zum Ueberfluß ward noch eine Bezau⸗ berung durch Hexenkraft atteſtirt— das Steckenpferd des Königs, womit er alle rationaliſtiſchen Zweifel löſte, und die Ehe ward aus ſo gewichtigen Gründen für null und nichtig erklärt. Um die Komödie zu krönen, ernannte Jakob ſeinen Miniſter zum Earl of Somerſet. Es geſchah, damit Lady Eſſex durch ihre neue Verheirathung nichts an Rang verliere. So väterlich ſorgte König Jakob für das Wohl ſeiner geliebten Unterthanen. Trotz dieſes glücklichen Erfolges, ſagt der Hiſtoriker, wat Sie heſt grä tüd drir bur mel wa ant gal A vet au be lie ſei bo die ni Gräſin Somerset und ihr Gatte. 9 ent⸗ war die neue Gräfin Somerſet damit nicht zufrieden. ngen Sie mußte ihren Rachedurſt an Overbury ſtillen⸗„Sie beſtimmte“, heißt es nun weiter,„ſowol ihren Gatten, en. als ihren Oheim, den Earl of Northampton, zu dem ſagt: gräßlichen Vorſatz, Overbury heimlich durch Gift zu eund⸗ tödten.“ Eifer Der Commandant des Tower Elwas mußte auf An⸗ uchte dringen der Gräfin einen gewiſſen Weſton zu Over⸗ ig zu bury's Gefangenwärter beſtellen. Dieſer verſuchte ihn mute mehrmals durch Gift in den Speiſen zu tödten. Es Art war aber immer zu ſchwach. Die Gräfin hatte eine chren⸗ andere Vertraute, eine Miſtreß Turner, welche die éſu ganze Angelegenheit arrangirte. Dieſe gewann einen zumte Apothekerlehrling, welcher dem erkrankten Gefangenen ein einer vergiftetes Klyſtier gab. Auf dieſem Wege erlag endlich nalle auf klägliche Weiſe der Unglückliche am 16. Septem⸗ wußt ber 1613. ſtatt. Man beeilte ſein Begräbniß, indem man verlauten ndas ließ, er ſei an einer ſchlechten Krankheit geſtorben, welche t der ſeine Auflöſung beſchleunigt. Dennoch regte ſich ſehr man bald im Publicum ein ſtarker Verdacht, der aber durch und die Macht der Verhältniſſe und Perſonen noch ein Jahr ezau⸗ niedergehalten ward. d des Der neue Earl of Somerſet ſtieg inzwiſchen in der und königlichen Cunſt und ſein Weib glänzte am Hofe. l und Robert Kerr ward zu ſeinen andern Würden Schatzmei⸗ ſter von Schottland und Lord⸗Kammerherr des könig⸗ ſeinen lichen Haushaltes. Nach des tüchtigen Salisbury Tode ſchah, war der Vater ſeiner Gattin, der Earl of Suffolk, erſter nichts Miniſter geworden, ein ſehr unbefähigter Staatsmann. b für Was fehlte alſo zu des Günſtlings Glück, als— deſſen Beſtändigkeit! oriker, Auf Somerſet laſtete der Fluch des Verbrechens. 5 1* 5 10 Gräfin Somerset und ihr Gatte. Die Liebesglut, nach dem unbeſchränkten Uebergenuß, war im Erlöſchen. Auch die Hofgunſt bot ihm keine neuen Reize. Er hatte nichts als ſeine Schönheit und Jugend. Seine Wangen fielen ein, ſeine Augen wur⸗ den trüb, ſeine Unterhaltung verlor die elaſtiſche Mun⸗ terkeit und Naivheit, welche den König entzückt, denn das Geſpenſt der That umſchwebte ihn, und wenn er ſein Ohr öffnete, hörte er ein Geflüſter, das, wie das Säuſeln der Luft einem Unwetter vorangeht, der Vor⸗ bote ſeines Verderbens ſchien. Er wäre ſchon verloren geweſen, wenn er nicht der erſte Mann im Staate, weil er der erſte Günſtling des Königs war. Aber was hatte der König von einem einſylbigen, düſter blickenden Günſtlinge, der, trotz ſeiner Jugend, nicht mehr jung und ſchön war und keine geiſtigen Eigen⸗ ſchaften beſaß, die auch einen König, der nichts auf Geiſt hielt, noch immer feſſeln mögen. Er ward ihm gleich⸗ gültig. Dieſen Augenblick nutzten die ſchlauen Höflinge. Sie hatten ſofort einen neuen Aſpiranten für die könig⸗ liche Neigung in Bereitſchaft, jung, 21 Jahre, wohl⸗ gebildet, munter, lebendigen Blickes, voller Anmuth und der ſich ausgezeichnet kleidete. George Villiers, nach⸗ mals Herzog von Buckingham ward durch eine ähnliche Komödie, wie Robert Kerr, dem Könige vor Augen gebracht. Jakob verliebte ſich in ihn, zog ihn an ſich und hob ihn von Stufe zu Stufe wie ſeinen Vorgänger. Buckingham's Geſchichte gehört nicht hierher. Graf Somerſet beging, ohne tüchtigen Freund und Rather, die Unvorſichtigkeit, in die Hand, welche der neue Günſtling ihm bot, nicht einzuſchlagen, er traute noch auf ſeinen eigenen Stern. Die Höflinge waren ge⸗ theilt. Somerſet hatte noch eine große Partei, er war zu wichtig geweſen, er wußte zu viel vom Könige. Dieſer, m lie ke di —„——„—„— —,— Gräfin Somerset und ihr Gatte. 11 enuß, meinten ſie, konnte ihn nicht fallen laſſen, darum eine ließen ſie ihn noch nicht fallen. Und Jakob's ſchwan⸗ tund kendes Benehmen zwiſchen beiden Günſtlingen vermehrte wut⸗ die Verwirrung am Hofe. Nun⸗ Da mußte der Apothekerlehrling, welcher das ver— denn giftete Klyſtier gereicht, in den Niederlanden, wohin er net ſich vorſichtig zurückgezogen, unvorſichtig plaudern. Es edas ward lauter und lauter davon geſprochen, und Trumball, Por⸗ der engliſche Geſandte in den Niederlanden, hörte davon. loren Er berichtete an den Staatsſecretair Ralph Winwood, dieſer an den König. Jakob, erſchreckt, daß auf einem Mann, den er an ſeinem Buſen genährt, eine ſo entſetz⸗ liche Schuld laſten ſolle, ließ ſofort den berühmten Lord „weil Oberrichter Sir Edward Coke kommen und trug ihm igen⸗ auf, die ernſteſten Nachforſchungen anzuſtellen, ohne alle Geiſt Rückſicht auf Perſonen, Stand und Würden. leich⸗ Coke unterzog ſich dem Auftrag mit gewiſſenhafter linge. Treue und drang bald in das ganze Labyrinth der Schuld. zrig⸗ Es wurden vor die gewöhnlichen Gerichte geſtellt vier vohl⸗ Perſonen: die Miſtreß Turner, ein gewiſſer Frank⸗ und lin, der ſchon genannte Gefangenwärter Weſton und nach⸗ Sir Gervaiſe Elways. Sie wurden ſämmtlich für eine ſchuldig erklärt und erlitten die Todesſtrafe. Mehr er⸗ vor fahren wir nicht; die Acten über das Verfahren gegen 3* dieſe untergeordneten Perſonen und Werkzeuge des Ver⸗ brechens hat man nicht für nöthig befunden aufzube⸗ 4 wahren. Erſt nachdem ſie ihre Strafe erlitten, wurden die der Hauptperſonen des ſchrecklichen Drama vor Gericht ge⸗ 5 ſtellt, und hierüber ſind uns die vollſtändigen Verhand⸗ lungen überliefert. Es waren Lady Somerſet und ihr n ge Gatte. Noch eine dritte, ebenſo hochgeſtellte, der Earl war iſr of Northampton, Frances' Oheim, wäre demſelben Reſel, —— 12 Gräfin Somerset und ihr Gatte. Schickſal nicht entgangen, wenn der Tod ihn nicht von dem Gericht befreit hätte. Er war kurze Zeit vor An⸗ hebung der Anklage geſtorben. Das Verfahren gegen die Ehegatten ward getrennt. Zuerſt erſchien die Lady vor den Schranken. Die Peers waren durch folgendes Schreiben d. d. Whitehall den 24. April 1616 einberufen: „Herzlichen Gruß zuvor an Euer Gnaden; Alldie⸗ weilen Seine Majeſtät der König beſchloſſen hat, daß der Earl of Somerſet und die Gräfin, ſeine Frau, jüngſt der Felonie bezüchtigt, und angeklagt wegen Mordes und Vergiftung des Sir Thomas Overbury, dazumal Gefangener Sr. Majeſtät im Tower, ſollen empfangen ihr geſetzliches und öffentliches Gericht durch ihre Peers, alſobald nach Beendigung dieſer gegenwärtigen Oſter⸗ ſitzung Und iſt beim Verfahren wider dieſe hochgeborenen Perſonen Euer Herrlichkeit Gegenwart von Nöthen, ſo⸗ wol als Peer des Reiches als nicht minder wegen Ihrer erprüften Weisheit und Unbeſchyltenheit. Hiedurch erfah⸗ ren demnächſt Ew. Herrlichkeit, daß es Sr. Majeſtät Wille iſt und mittels dieſes Schreibens ſein Befehl, daß Ew. Herrlichkeit ſich nach der Stadt London begebe und zwar am 11. Tage des folgenden Monats Mai, als ei⸗ nige Tage vor dem angeſetzten Gerichtstage, wo dann Ew. Gnaden mehr von Sr. Majeſtät Willen erfahren werden. So, nicht zweifelnd, daß Ew. Herrlichkeit nicht ſäumen werde, Sr. Majeſtät Weiſung Folge zu leiſten, befehlen wir Sie Gott.“ Die Namen ſämmtlicher Richter-Peers ſind uns auf⸗ bewahrt, desgleichen der committirten Rechtsbeiſtände und der Mitglieder des Rathes für den König und die An⸗ geklagte; ſelbſt die Peers, welche wegen Krankheit, oder von An⸗ at. d. die⸗ der ngſt tdes mal gen ets, ter⸗ nen ſo⸗ hrer fah⸗ ſtät daß und ei⸗ ann hren icht ten, auf⸗ und An⸗ oder Gräfin Somerset und ihr Gatte. aus einem andern Grunde gefehlt, oder fortgegangen, hat man aufgezeichnet. Als der Lord⸗Kanzler von England, Thomas, Lord Ellesmere, eintrat, ward die Gefangene vorgeführt. Die State-trials müßigen ſich ab, in dieſem außer⸗ ordentlichen Falle das Coſtume der Lady zu beſchreiben, und wir bedauern nur, daß es uns unmöglich iſt, es ge⸗ treu wiederzugeben, weil die Ausdrücke, welche die ernſten Reporter jener Zeit für werth hielten, in Schriftzügen niederzulegen, ebenſo einer verſchwundenen Mode an⸗ gehören als die Tracht ſelbſt. Lady Frances erſchien in einem ſchwarzen, wahrſcheinlich Damaſtkleide, mit einer Cypreſſen⸗Schlepphaube, mit einer Halskrauſe und Man⸗ chetten vom feinſten brüſſeler Spinnengewebe.— Ihrer Schönheit erwähnen die Acten nicht, ebenſo wenig ihres Alters. Nach der Zuſammenrechnung muß ſie indeß jünger geweſen ſein als ihr Gatte, der Earl, der da⸗ mals erſt 25 Jahre zählte. Der Lord Oberrichter: Mylords, der Grund, weshalb Sie heut hierher berufen ſind, iſt, als Peers über Frances Gräfin von Somerſet zu Gericht zu ſitzen. Der Clerk der Krone: Frances, Gräfin von So⸗ merſet, halte Deine Hand auf. Sie that es. Er verlas die Anklage, welche Weſton's Geſtändniß und Erzählung der ausgeführten Vergiftung enthielt, und daß ſie ſelbſt, die Gräfin, ihn am 8. Mai 1613 dazu angeſtiftet. Lady Somerſet ſtand während der ganzen Ver⸗ leſung bleich und zitternd und vergoß einige Thränen. Als Weſton's Name zuerſt genannt ward, hielt ſie den Fächer vors Geſicht und behielt ihn, es halb bedeckend, in dieſer Lage während der ganzen Verleſung. Der Clerk: Frances, Gräfin von Somerſet, was 14 Gräfin Somerset und ihr Gatte. ſagſt Du darauf? Biſt Du ſchuldig der Felonie und des Mordes oder nicht ſchuldig? Sich zum Lord Oberrichter verneigend, antwortete Lady Sommerſet mit leiſer, ſchwacher Stimme, doch hörbar: Schuldig! Der Kronanwalt(Sir Francis Bacon) hub dar⸗ auf an: „Ich bin froh, ein ſo freies Eingeſtändniß aus dem Munde der Dame zu vernehmen; denn ein Eingeſtänd⸗ niß iſt edel. Diejenigen, welche vor ihr angeklagt wur⸗ den, verharrten nach der Klage im Leugnen, nämlich Weſton, Elwas, Franklin und die Turner; aber Sie ſehen in dieſer Lady Demuth und Reue, indem ſie ſo vor Ge— richt plaidirt. Und in der That kann ſie auch nur ein Gegenſtand des Bedauerns ſein, mögen Sie nun ihr Geſchlecht oder ihre hohe Abkunft ins Auge faſſen. Aber heut und morgen hat die Krone nur das Amt der Ge⸗ rechtigkeit. Der Sitz der Gnade iſt im innern Theile des Tempels, der Thron aber ſteht offen vor Aller Augen. Und um deshalb kann ich nur bitten, das Eingeſtändniß ins Auge zu faſſen, und dann um das Urtheil. Da die Peers nun einmal verſammelt ſind, iſt es gut, um der Ehre willen des Königs Gerechtigkeit feierlich walten zu laſſen. Seit Seiner Majeſtät Regierungsan⸗ tritt iſt kein adeliges Blut vergoſſen worden. Aber ſei er auch der gütigſte Herr von der Welt, das hindert ihn nicht der beſte König zu ſein. Der iſt ſein rechter Stellvertreter, der kein Anſehen der Perſon gelten läßt.— DOrerbury ſtarb vergiftet am 15. October im Tower von London. Er war nicht ſo bald todt, als ſich ein Gerücht verbreitete, es ſei ſeltſam mit ſeinem Tode geweſen. Und zu derſelben Zeit ward von der andern Seite ein Gerücht verbreitet, daß er an einer ſchl man obgl Vo lar te, dig gen doß ſoh alle M Ge wit ſch ein un mo Y de En ſuc i au a ſi ſo de ſ W und ortete doch dar⸗ dem tänd⸗ wur⸗ imlich ſchen t Ge⸗ ur ein ihr Aber Ge⸗ heile ugen. ndniß g die nder en zu san⸗ tden⸗ das ſein gelten im als einem n det einer Grüfin Somerset und ihr Gatte. 15 ſchlechten Krankheit verſtorben, einer ſo ſchlechten, daß man ſie gar nicht nennen kann. Aber zwei Jahre durch, obgleich Sverbury's Blut nach Rache ſchrie, ward die Vox Pei nicht gehört. Es heißt aber gloria Pei ce- lare, regis perscrutare rem: es iſt der Ruhm Got⸗ tes, ein Ding zu verbergen, des Königs aber, es ausfin⸗ dig zu machen. Mittlerweile blendete Gott ſo die Au⸗ gen dieſer beiden großen Anſtifter und ihrer Werkzeuge, daß die erſtern nicht um ſich ſahen, die letztern nicht flohen. Endlich brach es heraus, und wie die Entdeckung aller Mordthaten, ſo war auch dieſe faſt wunderbar. Mylord Shrewsbury, der nun bei Gott iſt, empfahl Sir Gervais Elwas einem Staatsrath. Der Staatsrath er⸗ widerte, daß er dieſe Empfehlung als eine Gunſt für ſich betrachte, aber er fügte hinzu, es laſte doch auf Elwas ein ſchwerer Verdacht in Bezug auf Overbury's Tod; und er müſſe wünſchen, daß er ſich zuvor davon rein mache und einige Aufklärung über die Sache gebe. Als Mylord Shrewsbury dieſes Elwas wiederſagte, war derſelbe ſichtlich betroffen, und machte ſchon eine Art von Enthüllung. Nämlich er ſagte: ja, es wären einzelne Ver⸗ ſuche gegen Overbury's Leben vorgenommen worden, aber ohne Erfolg, indem er ſie verhindert. Mochte dies auch richtig ſein, ſo hatte er doch mehr aus Schwäche als aus Rechtsgefühl ſo gehandelt. Lord Shrewsbury er⸗ kannte die ganze Wucht in dieſer Erzählung und theilte ſie dem Könige mit, der augenblicklich befahl, Elwas ſolle ſeine ganze Kenntniß von der Sache ſchriftlich nie⸗ derlegen, welches er denn auch that, aber er hielt ſich ſelbſt immer noch im Hintergrunde, und verſuchte lieber Andere zu bezichtigen als ſich ſelbſt anzugeben. Der König war entſchloſſen, die Wahrheit herauszufinden, und gab ge⸗ wiſſen ſeiner Räthe deshalb Anweiſung. Sie entlockten 16 Gräfin Somerset und ihr Gatte. Einiges aus Weſton, während wir die weitere Unter⸗ ſuchung Lord Coke überließen, der in dieſem Punkte äußerſt ſorgſam war. Derſelbe vernahm gegen 200 bis 300 Perſonen, und als er fand, daß die Sache wohl auf höher geſtellte Perſonen zurückführen möchte, bat er, daß ihm noch einige Andere zugeſellt werden möchten, was ihm auch bewilligt ward, es waren der Lord Kanz⸗ ler und Lord Zouch. Damals wurden aber auch keine ₰ Praktiken unverſucht gelaſſen, um die gewonnenen Ent⸗ hüllungen wieder zu verfinſtern und zu unterdrücken. Man bearbeitete Weſton, daß er gänzlich verſtummte, bis man endlich den dummen Teufel über Bord warf. Darauf folgten Elwas, die Turner, Franklin, alle Mit⸗ ſpieler in dieſer Tragödie, aber nicht Dichter und Ver⸗ faſſer. Jetzt wo dieſe Lady an der Reihe iſt, kommt ſie der Juſtiz auf halbem Wege entgegen, durch Bekennt⸗ niß, welches der Schlußſtein iſt entweder von der Gnade oder dem Gericht; doch ſagt man, daß Gnade und Wahr⸗ heit auch neben einander getroffen werden. Wahrheit haben Sie in ihrem Bekenntniß, und das könnte ein Schritt zur Gnade werden, die wir aber Dem zu über⸗ laſſen haben, in deſſen Gewalt ſie ruht. Aber dieſer Tag muß allein dem Gericht verbleiben. Nun zum Schluß haben wir uns zu rechtfertigen wegen des wie⸗ derholten Aufſchubs in dieſem Proceß: der erſte war aus Menſchlichkeit, man mußte ihre Niederkunft abwarten; der zweite war aus Staatsgründen; und der letzte hatte einen ſchweren und wichtigen Grund.“ Der Staatsgrund und der ſchwere und wichtige Grund werden uns nicht genannt, dagegen ſpringt aus jeder Wendung der Rede des Staatsanwalts gleichwie aus der ganzen Behandlung hervor, daß die Begnadi⸗ gung ſchon fertig hinter dem Vorhange kite ge war lnter⸗ unkte M bis wohl ot er, ichten, Kanz⸗ keine Ent⸗ ücken. mmnte, warf. Nit⸗ Ler⸗ ommt kennt⸗ nade Pahr⸗ htheit e ein über⸗ dieſer zum wie⸗ aus rten; hatte htige aus hwie nadi⸗ Gräfin Somerset und ihr Gatte. 17 Man ging deshalb kurz über die andern Förmlich⸗ keiten hinweg. Der König hatte eigenhändig Anweiſun⸗ gen gegeben, wie die Sache zu behandeln ſei. Verleſen ward nur folgende: „In dieſer Sache ſind zwei Punkte zu unterſuchen, und die Wahrheit kann nur bei einem ſein. Erſtens: ob Mylord of Somerſet und Mylady die Anſtifter von Overbury's Tod geweſen, oder ob dieſe Verdächti⸗ gung von Andern künſtlich hervorgerufen iſt, um einen Fleck auf ſie zu werfen. Mein Wille iſt, daß Ihr den erſten Punkt ſorgſam durchforſcht, und wenn Ihr die Angeſchuldigte ohne Schuld findet, dann möchtet Ihr eben ſo ämſig den andern Punkt unterſuchen, damit ſolche Praktiken entdeckt und nicht ſtraflos dahingehen.“ Der Staatsanwalt erklärte, es ſeien noch andere königliche Anweiſungen in dem Document, die zu ver⸗ leſen jetzt nicht mehr nöthig wäre.— Der Lord Ober⸗ richter befahl den Peers dieſe Anweiſungen vorzulegen. Lord Coke bemerkte, daß keine dieſer articulirten Fragen, über welche der König ein Verhör gewünſcht, leer und unbeantwortet zurückgingen.„Und was ſonſt für Ge⸗ flüſter umgeht, den Tod betreffend, ſo haben alle Be⸗ ſtrafte(einige freilich erſt kurz vor ihrem Tode) die That bekannt und ſind reu⸗ und bußfertig geſtorben. und wenn es erfodert würde, könnte ich als Zeuge ihren Beichtvater, Dr. Whiting, vorführen.“ — Mylords, Sie haben dieſe Anweiſungen geſehen und gehört, vom Könige ſelbſt geſchrieben. Ruhm Gott und Ehre unſerm Könige! Der Kronanwalt: Alldieweilen Frances, Gräfin von Somerſet, angeklagt worden als Theilnehmerin vor der That, mit Willen den Sir Thomas Overbury vergiftet und ermordet zu haben, ſie auch auf dieſe Klage 18 Gräfin Somerset und ihr Gatte. verhört worden und in ihrem Verhör ſich als ſchuldig nitte bekannt hat, ſo fodere ich, daß ihr Bekenntniß einregi⸗ Dein ſtrirt und das Urtheil gegen die Gefangene geſprochen Lon werde. den Der Clerk der Krone: Frances, Gräfin von So⸗ wer merſet, halte Deine Hand auf. Alldieweilen Du ange⸗ klagt, verhört worden und Dich für ſchuldig erkannt haſt als Theilnehmerin vor der That, mit Willen der Sir Thomas Overbury vergiftet und ermordet zu haben, was kannſt Du jetzt für Dich anführen, weshalb das Todesurtheil gegen Dich nicht gefällt werden ſoll?* Nit ſchüchterner Stimme, zitternd und ſo leiſe, daß es der Lord Oberrichter nicht hören konnte, ſagte Lady See Somerſet: di „Ich habe nichts, um mein Vergehen zu ver⸗ wal ringern; was ich ſagen könnte, wäre nur, um es noch ſchwärzer zu malen.“ wa Kronanwalt. Die Lady iſt dermaßen von Reue YNo ergriffen, daß die Zerknirſchung ſie hindert ihre Geſin⸗ ſch nung laut zu äußern! Aber das, was ſie eben in ihrer Verwirrung geſprochen, bedeutet, ſie kann ſich icht ich einmal entſchuldigen, aber fleht um Gnade. Sir Richard Koningsby, der vor dem er⸗ richter ſaß, erhob ſich und überreichte ihm nen zi Knieen den weißen Stab.„ Lord Oberrichter: Frances, Gräfin von Somer⸗ 6t ſet, alldieweil Du angeklagt, verhört worden, und Dich An für Schuldig erklärt, und nichts für Dich anzuführen haſt, iſt es jetzt an mir, das Urtheil auszuſprechen. Nur dies noch voraus. Da Mylords angehört haben, mit welcher Demuth und tiefem Schmerze Du die That be⸗ kannt haſt, ſo zweifle ich nicht, ſie werden es dem Kö⸗ nige mittheilen und Seine Gnade gegen Dich zu ver⸗ huldig inregi⸗ rochen nSo⸗ ange⸗ rkannt nden haben, b das , daß vet⸗ um Reue eſin⸗ ihret nicht Ober⸗ ſeinen omer⸗ Dich ühren Nur mit at be⸗ Kö⸗ ver Gräfin Somerset und ihr Gatte. 19 mitteln ſuchen. Deſſenungeachtet muß, nach dem Geſetze, Dein Urtheil folgendes ſein: Du ſollſt von hier in den Tower von London geführt werden, und von dort auf den Richtplatz, und dort ſollſt Du am Nacken gehängt werden, bis Du todt biſt, und Gott ſei gnädig Deiner Seele! Am 25. Mai deſſelben Jahres, vierzehn Tage nach dem über die Gräfin abgehaltenen Gerichte, ſtand ihr Gatte vor den Schranken. Lord Somerſet erſchien in einem einfachen, ſchwarz⸗ ſeidenen Anzuge. Sein Geſicht war bleich, ſein Bart lang, ſeine Augen in den Kopf verſunken. Während die Anklageacte verleſen ward, flüſterte er drei oder vier⸗ mal mit dem Lieutenant. Der Clerk der Krone: Robert, Earl of Somerſet, was ſagſt Du, biſt Du ſchuldig dieſer Felonie und des Mordes, deſſenhalb Du hier angeklagt ſteheſt, oder nicht ſchuldig? Lord Somerſet verbeugte ſich gegen den Lord Ober⸗ richter und ſprach: Nicht ſchuldig! Clerk. Wie willſt Du gerichtet werden? „Durch Gott und mein Vaterland!“ Schnell corri⸗ girte er ſich:„Durch Gott und meine Peers.“ — Ihr Alle, die Ihr Zeugniß geben ſollt gegen Robert Earl of Somerſet, der jetzt vor den Schranken ſteht als Angeklagter, tretet vor, und was Jeder gegen ihn zu ſagen hat, ſoll gehört werden. Der Lord Oberrichter redete den Angeklagten ſo an: „Robert, Earl of Somerſet, Du biſt verhört und haſt Dich als nicht ſchuldig erklärt. Nun muß ich Dir ſagen, Du kannſt dreiſt ausſprechen Alles, was Du zu Deiner Vertheidigung zu ſagen haſt, und obwol es 20 Gräfin Somerset und ihr Gatte. nicht herkömmlich iſt, ſollſt Du doch Feder und Dinte haben, um Deinem Gedächtniſſe zu helfen. Aber erin⸗ nere Dich, daß Gott der Gott der Wahrheit iſt, ein ver⸗ theidigter Fehler iſt ein doppeltes Verbrechen. Verberge nicht die Wahrheit, noch betheure etwas Unwahres. Denn was wahr iſt, ableugnen, vermehrt die Schuld, und hüte Dich davor, daß durch Dein eigenes Gebahren Dir nicht die Thore der Gnade verſchloſſen werden. Sie aber, Mylord Peers, geben Sie fleißig acht auf das, was ge ſagt werden wird, und Sie dürfen nicht bei einem Be weisſtück allein verweilen, ſondern Ihr Urtheil müſſei Sie auf den Geſammtbeweis gründen. Außerdem muß ich Sie daran erinnern, daß, obgleich Sie nicht einge— ſchworen ſind, wie eine gewöhnliche Jury, auf ein Buch Sie doch gebunden ſind durch ein ebenſo großes Band — durch Ihre Ehre und Treue und Unterthanenpflicht gegen den König. Und ſomit überlaſſe ich das ganze Verfahren Ihrem Urtheil, und Sie, die zum(Anklage⸗) Rath des Königs gehören, befreien Sie Sinn und Rede von aller Parteilichkeit, laſſen Sie die Wahrheit durch⸗ leuchten und verſuchen Sie ſie ins hellſte Licht zu ſtellen.“ Darauf erhob ſich der Sergeant Montague: „Mylord, Lord Oberrichter von England, und Sie, Mylords, es muß ein trauriger, drückender Anblick für Sie ſein, den Mann, welcher erſt vor kurzem ſo hoch ſtand, ſelbſt den weißen Stab in ſeiner Hand, ſeinem Könige voranſchreitend, jetzt vor den Schranken zu ſehen, wie er ſeine Hand aufhebt um Blutſchuld. Aber das iſt der Wandel des Glückes, oder beſſer, ſage ich, die Hand Gottes und das Werk der Gerechtigkeit, welche iſt des Königs Ehre. Nun zur That ſelbſt. Robert, Earl of Somerſet, ſteht angeklagt als Theilnehmer vor der That an dem vorſätzlichen Morde und der Vergiftung Dinte etin⸗ n ver⸗ rbetge Denn d hüte nicht aber as ge nBe nüſſeh mß einge⸗ Band pflicht ganze lage Rede durch⸗ llen.“ Sie, hoch ſeinem ſchen, rdas , die welche obert, r vot iftung Gräfin Somerset und ihr Gatte. 21 des Sir Thomas Overbury, vollführt durch Weſton, aber angeſtiftet durch ihn. Dies, Mylord, iſt die An— ſchuldigung. Die Klage iſt gefunden durch angeſehene Männer, ſiebenzehn Ritter und Esquires des beſten Ran⸗ ges und Rufes, von denen ich Ihnen nur einige nenne, Sir Thomas Fowler, Sir William Slingsby und 15 noch. Dieſe haben eine billa vera gefunden. Das iſt der Inhalt: Weſton reichte zu vier verſchiedenen Malen Overbury vier verſchiedene Giftſätze. Das erſte Gift, am 9. Mai 1613 gereicht, war rosseclere(2). Das zweite, am 8. Juni, Arſenik; das dritte, am 10. Juni, war Mercurſublimat, in Paſteten beigebracht; das vierte, am 14. September, war Mercurſublimat, aber in einem Klyſtier, gereicht von Weſton und einem Apotheker, der noch unbekannt iſt, und dieſes tödtete ihn. Von dieſen vier verſchiedenen Giftſätzen, beigebracht durch Weſton und von ihnen verſchafft, ſtarb Overbury am 15. Sep⸗ tember 1613. Und der Urheber iſt ſchlimmer als der Thäter. Das erſte, in der Klage erwähnte Gift, welches Weſton dem Sir Thomas Overbury gab, war am 9. Mai, und deshalb ſagen wir, daß Lord Somerſet am 8. Mai den Weſton zu der That überredete, verführte und erkaufte. Und wie König David in gleichem Falle eine gleiche Anſchuldigung traf wegen des Mordes des Uria, und obgleich David in ſeinem Schloſſe war und uria beim Heere, ſo war David dennoch die Urſach ſei⸗ ner Ermordung; ebenſo, wiewol Mylord Somerſet in des Königs Zimmern war, und Overbury im Tower, ſo war es doch Somerſet, welcher ihn ermordete. Der Be⸗ weis wird folgen und ich will jetzt mit zwei Wünſchen an die Peers ſchließen. Erſtens, daß ſie nicht ſichtbare Beweiſe verlangen in einem Werke der Finſterniß. Zwei⸗ tens, alldieweil in einer Klageakte mancherlei Punkte nur 22 Gräfin Somerset und ihr Gatte. der Form wegen niedergelegt ſind, daß Sie nicht ver⸗ langen, daß auch für alle dieſe der Beweis folge, ſon⸗ dern nur in Bezug auf das, was weſentlich iſt. Zum Weſen aber gehört, ob Mylord Somerſet die Vergiftung des Sir Thomas Overbury anſtiftete und verurſachte?“ Der Lord Oberrichter: Das iſt es, Mylords, worauf Sie zu blicken haben: Ob Mylord Somerſet die Urſach der Vergiftung war, oder nicht? Lord Coke: Das war ein gutes Wort, und das Geſetz iſt klar in dieſem Punkt, der Beweis muß auf das Weſen gerichtet ſein, nicht auf die Form. Alle Richter erhoben ſich, um es zu beſtätigen. Hier⸗ auf hub der Kronanwalt an: „Ja, Mylords, es iſt gewiß, das Geſetz verlangt ge⸗ wiſſe Formen für die Klage, aber Beweiſe nur für die Subſtanz. Mein Lord Oberrichter und Sie, Mylords Peers, können gewiß dieſen Lord vor den Schranken nicht an⸗ ſehen ohne Erinnerung an ſeine frühere Größe und daß er noch immer ein Peer unter Ihnen iſt, und um des⸗ willen bin ich überzeugt, daß Sie ihn nicht ohne über⸗ zeugende Beweiſe aus Ihrer Mitte ſtoßen werden. Wir nun, die wir gegen ihn ſprechen müſſen, haben vom Kö⸗ nige den Auftrag, alle gehäſſige Angriffe gegen ihn zu vermeiden, ſondern nur bündige Beweiſe zu liefern. Ich glaube, wir hätten ſchon von ſelbſt ſo geſprochen; in⸗ deſſen können wir doch nur froh ſein über eine ſo gute Anweiſung. Wir wollen daher den Beweis bis über alle Zweifel hinaus durchführen, er ſoll ſich ſelbſt tragen. Was mir vorliegt zu ſagen, will ich in vier Theile theilen. Erſtens: über die Größe des Verbrechens. Zweitens: welcher Art Beweiſe in dieſem Falle zureichend ſind. Drittens werde ich die Beweiſe ſummiren, und viertens werde ich Eide und anerkannte Handſchriften vorbringen. & größ Erſil in d ders ſtre ode für Ja zur Fei St t vet⸗ ſon⸗ Zum iftung chte?“ Nordé, merſet d das ß auf Hier⸗ gt ge⸗ ür die Peeré, an⸗ d daß des⸗ über⸗ Wir nKi⸗ hn zu Ich z in⸗ gute über rageh⸗ eilen⸗ itens: ſind. ertens ingen⸗ Gräfin Somersct und ihr Gaite. 23 „Fürs erſte iſt die hier vorliegende Felonie eine der größten, die es gibt. Das beweiſe ich folgendermaßen. Erſtlich iſt ſie ein Mord. Das Erſte, was uns von Juſtiz in der Bibel aufſtößt, iſt die Verurtheilung eines Mör⸗ ders. Und obwol Kain nicht mit dem Tode be⸗ ſtraft ward, in Betracht ſeiner Erſtgeburt, oder aus andern geheimen Urſachen, die Gott für ſich behält, ſo ward er doch beſtraft. Wiewol Joab's Verurtheilung wegen Abner's Ermordung nicht zur Ausführung kam, ſo ward ſie doch nicht vergeſſen. Kein Heiligthum konnte ihn ſchützen, er ward von den Stufen des Altars ſelbſt fortgeriſſen. Auf der zweiten Tafel hieß das erſte unterſagende Gebot: Du ſollſt nicht tödten, und einige der gelehrten Rabbiner haben das Ge⸗ bot, welches den Gehorſam gegen die Aeltern anbefiehlt, für die erſte Tafel vindicirt; ſomit iſt dieſes das erſte Gebot überhaupt auf der zweiten Tafel.— Meine zweite Anklage iſt, daß dieſer Mord durch Gift bewirkt ward. Dies iſt eine fremde Praktik, für Rom und ſeine Doc— trin gemacht. Dieſe Art zu tödten hat drei Eigenſchaften. Erſtlich iſt ſie raſcher Art; ſie reißt einen Mann aus Gottes und des Königs Frieden, wo er ſich deſſen am wenigſten verſieht. Zweitens geſchieht es ſo leicht und heimlich, daß ihm eben ſo ſchwer vorzubeugen, als die That zu entdecken iſt. Um gegen äußere Gewalt ſich zu ſchützen, haben Fürſten ihre Leibwache um ſich, Edelleute ihre Dienerſchaft, denn dieſe Gefahr kommt immer mit Geräuſch. Dagegen gibt es Giftarten die Menge, die weder die Farbe, noch den Geſchmack von den Stoffen ändern, in welche ſie gethan werden. Drittens rafft Gift nicht allein die Perſonen fort, auf die es abgemünzt war, ſondern wie ein abgeſchoſſener Pfeil irrt es vom Ziele ab. Und wenn ſolche Thaten nicht mit gehöriger Beſtrafung 24 Gräfin Somerset und ihr Gatte. belegt würden, wie ſollte denn die menſchliche Geſellſchaft beſtehen. Im 27. Regierungsjahre Königs Heinrich VIII. vergiftete Jemand, der einem beſtimmten Andern nach dem Leben trachtete, eine Schüſſel mit Kräutern, als gerade beim Biſchof von Rocheſter ein Feſt war. Unwiſſend brauchte der Koch von dieſen Kräutern zu Saucen und Gerichten. Sechszehn Perſonen an der Tafel des Bi⸗ ſchofs wurden davon vergiftet, ja, da von den Broſa⸗ men der Tafel vieles in die Armenkörbe geworfen ward, ſtarben auch noch einige Bettler daran. Ja, in dieſem Jahre noch ward das Vergiften für ein ſo großes Ver⸗ brechen erachtet, daß ein Statut es zum Hochverrath ſtempelte.— Mein dritter Klagepunkt iſt, daß das Ver⸗ brechen gegen einen Gefangenen des Königs im Tower verübt ward, wo der König und der Staat in gewiſſer Art gebunden waren, für ihn einzuſtehen; und bis jetzt, Mylords, iſt im Tower kein Mord begangen worden, ſeit der Zeit, wo die Neffen Königs Richard II. dort auf ſeinen Befehl ermordet wurden.“ „Mein zweiter Punkt iſt, welche Beweiſe ich für zu⸗ läſſig in dieſem Falle erachte. Mylords, ich wiederhole, Sie haben nicht zu unterſuchen die wirkliche That des Vergiftens, ſondern die Anſtiftung und die Beihülfe zur That. Das heißt wer ein Verleiter zur That iſt. Ob irgend eine Vermittelung verſucht iſt, damit ein ſolcher Mord bewirkt werde? Ob nachher etwas dazu geſchehen iſt? Zum Beiſpiel, Drei oder Vier verſchwören ſich, um einen Mann zu berauben, und Einer ſendet ihm einen Brief, um ihn, unter irgend einen Vorwand, auf den Weg zu locken. Der Zweite aber, fürchtend er könne einen Geſellſchafter mitbringen, ſucht unter einem Vor⸗ wande ihn davon abzubringen und bietet ſich ſelbſt als Begleiter an, und verwickelt ihn in ein Geſpräch, bis der J ſide Hunt chenſ Ding Sie und Etzi ih ſ zuleg ſhrif ihn Lord dürf dicht wicht L nicht nicht geleg wort wtir etwa welc jen füſe gege woh vor J ſſchaſt VII. nach „als iſſend n und roſa⸗ ward, dieſem Ver⸗ ertath Per⸗ Tower wiſſer jetzt, orden, dlII. ir zu⸗ rhole, fe zur Ob ſolchet chehen ,um einen f den könne ſt als „bis Gräfin Somerset und ihr Gatte. 25 der Räuber kommt und ſeine That ausführt. Ganz gewiß ſind alle dieſe Drei gleich ſchuldig. Nicht Der, welcher den Hund auf ihn losläßt, tödtet allein den Hirſch, ſondern ebenſo Der, welcher ihm den Hinterhalt legt. Aber dieſe Dinge, Mylords, ſind ſo durchſichtig und klar, daß ich Sie nicht länger damit aufhalten will.“ „Meine dritte Aufgabe iſt, dieſe Beweiſe aufzureihen und zu ſummiren, und ich will dabei mit einer einfachen Erzählung der Thatſache ſelbſt anfangen. Dann werde ich ſie wieder in Theile theilen und den Beweis für jeden zulegen. Demnächſt führe ich die Zeugen und Hand⸗ ſchriften ſelbſt vor.“ Hier glaubte der Angeklagte, dem es zu lange ward, ihn unterbrechen zu dürfen.„Ich bitte demüthigſt“, ſprach Lord Somerſet,„auf jeden einzelnen Punkt antworten zu dürfen, der mir zum Vorwurf gemacht wird. Mein Ge⸗ dächtniß iſt ſchwach, ich könnte daher vergeſſen, auf die wichtigſten Vorwürfe meine Entgegnung zu machen.“ Lord⸗Oberrichter:„Das Gerichtsverfahren darf nicht geändert werden. Ihr dürft den Rath des Königs nicht unterbrechen. Sie müſſen ihren ganzen Beweis vor⸗ gelegt haben, ehe es Euch geſtattet iſt, darauf zu ant— worten. Ihr habt nun Feder und Dinte, um das zu notiren, was Euch wichtig ſcheint, und wenn Ihr ſpäter etwas vergeſſen ſolltet, ſo ſollt Ihr alle Hülfe haben, welche die Geſetze Euch geſtatten.“ Der Kronanwalt fuhr fort: „Mylord von Somerſet, im Weſentlichen will ich Ihrer Forderung entſprechen. Bedenken Sie dreierlei. Erſtens faſſen Sie wohl Alles auf, was in der Erzählung ſelbſt gegen Sie vorgebracht wird. Zweitens verfolgen Sie wohl die Eintheilung. Und drittens wenn die Zeugen vorgeführt werden. Dann nehmen Sie ſich zuſammen, XIX. 2 26 Gräfin Somerset und ihr Gatte. wenn Sie antworten, und wenn Sie da etwas auslaſſen ſollten, will ich ſelbſt Sie daran erinnern. Nun zur Erzählung“: „Die Freundſchaft und Vertraulichkeit zwiſchen Lord Somerſet und Sir Thomas Overbury war ſo groß, daß Mylord die größten und geheimſten Staatsangelegen⸗ heiten, welche er im Auftrage des Königs beſorgte, ſei⸗ nem Freunde mittheilte. Nicht etwa durch Winke und Geflüſter und ſtückweiſe, wie wol Staatsmänner gele⸗ gentlich zu ihren Freunden thun, nein, Overbury erhielt Abſchriften und Auszüge von Allem, was geſchah. Sie hatten unter ſich eine Zifferſprache, womit die Namen des Königs, der Königin und aller Räthe angedeutet waren; eine Schreibart, welche nur von Potentaten und ihren Geſandten gebraucht wird. Wenn von Andern, iſt es nur von Solchen, welche Praktiken gegen ſie aus⸗ üben.— Dennoch, Mylord, klage ich Sie nicht der Illoyalität an. Ich erinnere mich ſehr wohl einer Re⸗ densart, welche Eure Gnaden oft in der Chancery ge⸗ braucht: fraud and frost end foul(Betrug und Froſt enden faul); ohne disloyal zu ſein, möchte ich hinzuſetzen, auch die Freundſchaft der ſchlechten Menſchen. Und ſo, Mylord, bewährte es ſich an Ihrer Freundſchaft mit Sir Thomas Overbury.“ „Sie verfielen darauf in eine ſündhafte Liebe, dazu beſtimmt(designed by) durch Mylord Northampton, abgerathen von Overbury. Unter dem Vorwande der Freundſchaft rieth er ab; in Wirklichkeit war das aber nicht der Grund, denn es war ihm unlieb, außer ſich noch Jemand zu haben, der Euer Gnaden Rath gäbe und leite, denn er ſelbſt rühmt in einem Briefe an Sie, daß Eure Gnaden ihre Gunſt durch einen Brief ge⸗ wonnen, den er geſchrieben. Dieſer auffahrende, unbän⸗ dige tieh Gehe zwei den artig maßt unzl und Nin mor anzi mur war Eiſt wär ern Vo Abe Sti voll ihn die Abl wal Nei re fig aus ſid lia blaſſen in zur n Lord doß elegen⸗ te, ſti⸗ ke und r gele⸗ echielt . Sie Namen edeutt en und ern, iſt e aus⸗ ht det er Re⸗ erh ge⸗ dFroſt zuſetzen⸗ Und ſo, nit Git e, dazu mpton, de der 5 abet ßer ſih . gäbe an Sit, ief g⸗ unbän⸗ Gräfin Somersct und ihr Gatte. 27 dige Geſell, Overbury, begann damit, daß er Ihnen ab⸗ rieth, dann drohte er, und zwar damit, daß er viele Geheimniſſe mittheilen könnte. Dadurch lud er auf ſich zwei Strömungen des Haſſes, den einen von Ihrer Dame, den andern von Ihnen ſelbſt. Ihrer war mehr metall— artig, denn Sie mußten ſich bekennen, daß er Sie der⸗ maßen gepackt hielt, daß es ihm ein Leichtes war, Sie umzuwerfen. Außerdem war noch ein dritter Strom, und der kam von Mylord Northampton. Und die drei Männer kamen darin überein, daß Overbury ein filius mortis werden müſſe.“ „Wie dies geſchehen könne, und welche Mittel dabei anzuwenden wären, das ward nun überdacht. Es gab nur zwei Wege: offener Angriff oder Gift. Der erſte ward verſucht, ſchlug aber fehl, alſo griffen Sie zum Gift. Wie aber konnte das geſchehen? Wenn er aus⸗ wärts war, oder in Freiheit, ſo kannten Sie ihn zu gutz er war zu ſchlau, um ſich von Ihnen fangen zu laſſen. Was war nun zu thun? Er mußte eingeſperrt werden. Aber wie?— Da ſpielten Eure Gnaden ein argliſtiges Stück. Sie complotirten, daß Overbury zu einer ehren⸗ vollen Sendung über See beſtimmt ward, dann riethen Sie ihm ab, dieſe Sendung anzunehmen, und ermuthigten ihn, die Gnade Sr. Majeſtät abzulehnen, und wegen dieſer Ablehnung ward er in den Tower geſperrt. Als er dort war, mußte er doch die Freiheiten des Towers haben? Nein, er mußte ins engſte Gefängniß, damit Sie die Freiheit behielten, nach Ihrer Abſicht über ihn zu ver⸗ fügen. Dort hielten Sie ihn feſt, dort konnte er nicht ausweichen. Er war in den Tod gebannt.“ „Um Alles, was nöthig war, hübſch aneinander zu fädeln und zu knüpfen, brauchten Sie aber einen Tower⸗ lieutenant und einen Unteraufſeher, der Ihnen zu Willen 28 Gräfin Somerset und ihr Gatte. war, ſonſt war Alles umſonſt, und ſo richteten Sie es ein. Overbury war noch nicht fünf Tage im Tower, ſo ward der bisherige Commandant Wade entlaſſen, Elwas kam an ſeine Stelle. Cary, ſein erſter Gefangen⸗ aufſeher, ward fortgeſchickt, und Weſton, der Vergifter, ram an ſeine Stelle. Obgleich Sir Gervais Elwas' Ein⸗ ſetzung erſt zehn Tage vor Overbury's Verhaftung bera⸗ then war, kam er doch ſchon am fünften Tage nach der⸗ ſelben in ſeine neue Würde.“ „Jetzt zum letzten Acte der Tragödie. Als Overbury dort war, im ſtrengſten Verſchluß, durfte keiner ſeiner Freunde zu ihm kommenz nicht Vater, Verwandte, Die⸗ ner, keine als die beſtimmt waren, ihn zu vergiften. Jetzt ward Franklin ausgeſchickt, er mußte die Gifte miſchen. Aber nicht ſolche, die ſchnell wirken konnten, ſondern allmälig, um allen Verdacht zu vermeiden. Und dann ward nichts zu ihm geſchickt: Salz, Saucen, Paſteten, Medicinflaſchen, Klyſtiere, was nicht vergiftet geweſen wäre. Alle Bittſchriften und was er und ſeine Freunde ſonſt verſuchten, damit er ſeine Freiheit wiedergewinne, wurden unterſchlagen, von Ihnen, Mylord von Somerſet, obwol Sie vorgaben, ſie zu unterſtützen. Sie behandelten ihn, wie die Wahrſager das arme Volk auf dem Lande, ſie erzählen ihm ein Märchen und ſtehlen ihm während deſſen den Geldbeutel.“ „Und jetzt, Mylord, zur Theilung in beſtimmte Abſchnitte. Um den Beweis beizubringen, daß Sie ſchuldig ſind, wollen wir es darthun durch That⸗ ſachen aus der Vergangenheit, durch gegenwärtige und folgende.“ „Vorangängig: Da war ein Todhaß von Ihrer Seite gegen Overbury. Sie brauchten die angegebenen Mittel, um ihn in den Tower zu ſetzen und dort als abgeſ werde Over teten höre / ſo, wirt Be und lobt noch ine . wen et ſe hrar Hn ihn Ga er lag hi ſin fir 6 V Di ſul wi Gräfin Somerset und ihr Gatte. 29 zie e abgeſchloſſenen Gefangenen zu behandeln. Die Beweiſe ower, werde ich ſelbſt vorlegen“ „Gegenwärtig: Daß Ihre Hand dabei war, als laſſen nghe Overbury vergiftet ward, daß Sie die Vergiftung lei⸗ gite, teten, die Gifte lieferten, begierig waren, den Erfolg zu Fin⸗ hören, dies wird Sergeant Montague beweiſen.“ beta⸗„Folgendes: Nach ſeinem Tode benahmen Sie ſich h der ſo, wie jeder Schuldbewußte in ähnlichem Falle thun würde, Sie unterdrückten Zeugniſſe, Briefe, und ſuchten Begnadigung nach. Dies wird Sergeant Crew beweiſen.“ „Aus tödtlichem Haß gegen Sir Thomas Dverbury Di⸗ und aus Furcht, daß er Ihre Geheimniſſe enthülle, ge⸗ Jett lobten Sie ſich, daß er nicht leben ſolle, weder am Hofe, ichen noch im Landez daß, wenn er je aus dem Tower käme, einer von beiden ſterben müſſe.“ deii„Was Overbury anlangt, ſo ſchreibt er Ihnen, daß, ſetn, wenn auch er ſtürbe, Ihre Schande niemals ſterben ſolle; weſen er bittet Gott, daß Sie es nie bereuen möchten, wie * ſie ihn an dem Orte vernachläſſigt, wohin Sie ihn ge⸗ 8 bracht. Sie können nicht einwenden, daß dieſer Ihr — Haß gegen ihn und das Complot, in Folge deſſen Sie 3 ihn in den Tower geſchickt, nur aus Rückſicht gegen Ihre . ⸗ Gattin ſei! Warum ließen Sie es denn nicht zu, daß kn er über See ging? Nein, der Plan war fertig, die Gifte hrend lagen bereit. Es waren gewiſſe Geheimniſſe, die er von Ihnen kannte; weshalb Sie ihn fürchteten, und das, zu⸗ i ſammen mit Ihrem Haß gegen ihn, war ſo groß, daß 8 für Sie, in Ihrer Meinung, keine andere Rettung blieb als ſein Tod. Und nun wrill ich folgendermaßen zu Werke gehen, indem ich mit meinen Zeugen vorrücke. cze Die Vernehmungen, welche auf den Eid abgelegt ſind, Ihrer ſollen verleſen werden, und zugleich die Zeugen ſelbſt gegen⸗ — wärtig ſein, um, wenn ſie die Ausſage verleſen hören, t 30 Gräfin Somerset und ihr Gatte. das hinzuzuſetzen, was den Ausſagen neues Gewicht gibt, oder ihre Beweiskraft wieder vermindert. Und außerdem mögen dann Mylord Somerſet und Sie, Mylords Peers, an ſie Fragen thun, welche und wie es Ihnen beliebt.“ So mit Sammethandſchuhen iſt wol nie ein des ſcheuß⸗ lichſten Giftmordes Angeklagter vom öffentlichen Ankläger angefaßt worden. Man ſieht ihn mit gezogenem Hut und gebeugtem Rücken vor Dem ſtehen, den ſein Wort und die Kraft der Beweiſe, die er im Sack hat, nieder⸗ ſchmettern ſollte. Aber er ſteht vor dem ehemaligen Miniſter, dem Peer des Reiches, dem einflußreichſten Manne, denn er war der erſte Günſtling des Königs, und— möglich ja, daß dieſer König ſeine Gunſt noch nicht ganz von ihm abgewandt, daß er ſie, gerührt von ſeiner Schönheit und ſeinem Unglück, ihm wiederſchenke. Wie dann, wenn Somerſet wieder als Richter auf den Bänken der Peers ſaß, wenn er noch ein Mal der All⸗ mächtige im Reiche ward! Wenn ihm wieder die Schlüſſel und geheimen Verſchlüſſe des Towers offen ſtanden! Wer ſchützte den misliebig Gewordenen vor dem Schickſal, dem ein ſo kluger Günſtling, wie Overbury, ſich hat nicht ent⸗ winden können! Ja, es war mehr als möglich, es war vielleicht ſchon gewiß, daß der König es nicht übers Herz bringen werde, ſeinen Liebling die Strafe erleiden zu laſſen, die er verwirkt. Unter ſolchen Umſtänden beugte ſich der Stahl der Juſtiz, und es bewährte ſich hier, wie in ſo viel tauſend Fällen, daß die Binde vor ihren Augen nicht ſo feſt iſt, um nicht Stand und Perſon durch die⸗ ſelbe ſehr deutlich zu erkennen. Der Ankläger ſtellte, ſtatt mit der edeln Entrüſtung zu ſprechen, die hier, wenn itgen ſchet ſtan In „P habe fern eine und Lor antt ſun laſſ nich uns von pill nö So ihn fill wiſ kla der an ic tit zu t gbt, erdem Peers, liebt.“ cheuß⸗ kläger Hut Vort nieder⸗ ligen ichſten önigs, noch t von henke. f den rAll⸗ hlüſſel Wer hdem t ent⸗ s war n zu eugte wie lugen die⸗ ſtatt wenn Gräfin Somerset und ihr Gatte. 31 irgendwo am Orte war, ein Rechenexempel hin. Das Facit zu ziehen überließ er Andern. Der erſte Zeuge war ein früherer Diener Overbury's: F. Payton. Er hatte einen Brief ſeines Herrn ge⸗ ſehen, deſſen Hand er ſehr gut kannte, worin die Worte ſtanden:„Wenn ich ſterbe, ſo fällt mein Blut auf dich.“ In demſelben oder einem andern Briefe war ein Paſſus: „Mylord, Sie ſind jetzt ſo gut, wie Ihr Wort, Sie haben Ihr Gelübde gegen mich gehalten.“— Er wußte ferner: Eines Tages war Somerſet in Whitehall durch eine Privatgalerie ſpät Abends in ſein Zimmer getreten und hatte dort Overbury getroffen.„Wie“, ſagte der Lord,„Sie ſind noch auf?“— Sir Thomas Overbury antwortete:„Sind Sie auch noch hier in dieſer Nacht⸗ ſtunde, wollen Sie denn nie von dieſem elenden Weibe laſſen? Da ich ſehe, daß Sie meinem Rathe durchaus nicht folgen wollen, ſo wünſche ich, daß wir morgen früh uns trennen. Und Sie laſſen mir alsdann den Theil, von dem Sie wiſſen, daß er mir gebührt; und dann will ich Sie ganz frei ſich ſelbſt überlaſſen, und Sie mögen dann auf Ihren eigenen Beinen ſtehen.“— Lord Somerſet erwiderte, die Beine wären ſtark genug, um ihn allein zu tragen. So trennten ſie ſich in augen⸗ fälliger Misſtimmung gegen einander. Wie er beſtimmt wiſſe, wären ſie ſeitdem nie wieder in vollkommenen Ein⸗ klang gekommen. Das obige Geſpräch ward in der Mitte der Nacht geführt, Payton hatte es deutlich aus einem anſtoßenden Zimmer gehört. Dieſe Ausſage hatte der Zeuge vor dem Lord⸗Ober⸗ richter, von demſelben examinirt, abgelegt, vor dem Ge⸗ richtshof beſtätigte er ſie als wahr:„Und außerdem be⸗ zeuge ich, daß mein Herr, als er im Tower war, mir durch Weſton einen Brief ſchickte, den ich an Earl So⸗ 32 Gräfin Somerset und ihr Gatte. merſet bringen ſollte, und außerdem ſollte ich dem Earl die Meldung bringen, daß das Pulver, welches er ihm geſandt, ihn ſehr krank gemacht habe, und in einer Nacht habe er 60 Stuhlgänge gehabt und außerdem ſich mehr⸗ mals erbrechen müſſen. Dieſen Brief brachte ich auch an Hof und übergab ihn Maſter Paulins, daß er ihn dem Earl überreichen ſolle, der gerade in ſeiner Stube war. Da kam der Earl augenblicklich heraus und fragte mich, wie es mit meinem Herrn ginge? Ich antwortete ihm: Sehr ſchlecht, und außerdem noch, wie der Arzt mit ihm umgegangen ſei. Da lächelte der Earl, rief Pſt! und wandte mir den Rücken.“ Der zweite Zeuge war gleichfalls ehemals Diener bei Overbury, L. Davis. Seine früher abgelegte Ausſage vor Lord Coke ward verleſen: Er hatte gehört, wie ſein Herr ausdrücklich geſagt: er würde ſchon als Ge— ſandter fortgegangen ſein, aber Mylord Somerſet habe ihn davon abgeredet. Er hatte einige Briefe des Sir Thomas Overbury geſehen, worin dieſer ſchrieb, daß Lord Somerſet mit ihm einer Meinung ſei, aber er glaubte, daß der Lord ſelbſt nie dieſe Stellen geſehen. Der Angeklagte bat hier die Lords, von dieſem Um⸗ ſtande Act zu nehmen. Kronanwalt: Dies iſt richtig. Denn dieſe Briefe wurden verloren, ſpäter aber von ihm wiedergefunden, und er wußte, daß es die Handſchrift ſeines Herrn, Sir Thomas Overbury, ſei. Hierauf ward Overbury's erſter Brief an Lord Somerſet verleſen: „Iſt dies der Lohn meiner Sorgfalt und Liebe für Sie? Iſt dies der Lohn für unſere gemeinſchaftlichen Geheimniſſe und gemeinſchaftlichen Gefahren? Sind Sie ein Mann, ſo können Sie es nicht dulden, daß ich länger ₰„ — g———— in di Ales von den. ich ber einſt den Bri My in Art beſt Ni wil wo daß vor bet zur An na 3h we ie in ge 60 Earl ihm Nacht mehr⸗ auch r ihn Stube tagte ortete Arzt rief er bei ſage wie habe Sir Lord ubte, Um⸗ Briefe nden, Sit Lord e für ichen Sie inger Gräfin Somerset und ihr Gatte. 33 in dieſem Elend liege. Aber Ihr Betragen verräth Sie. Alles, um was ich Sie erſuche, iſt nur, daß Sie mich von dieſem Orte befreien und daß wir als Freunde ſchei⸗ den. Treiben Sie mich nicht zum Aeußerſten, ich könnte ſonſt etwas ſagen, was Sie und ich bereuen müßten. Und Gott bitte ich, daß Sie es nicht einſt bereuen müſſen, meinen Rath nicht beachtet zu haben, den ich Ihnen von hier aus, wo ich ſchreibe, ertheile.“ Lord Wentworth: Wie wußtet Ihr, daß dieſe Briefe von ihm an Lord Somerſet geſandt wurden? Lord Coke: Sie wurden unter andern Sachen, die Mylord Somerſet bei Sir Robert Cotton zurückgelaſſen, in einem Cabinet gefunden. Sie wurden in folgender Art entdeckt. Sir Robert Cotton, der Nachforſchungen beſorgte, überlieferte ſie einer Freundin in Holborn, Miſtreß Forneforth. Dieſe Dame, damit ſie noch ſicherer wären, ſchickte ſie an ein Kaufmannshaus in Cheapſide, wo ſie neun Monat vorher gewohnt hatte. Sie wünſchte, daß man ſie ja recht ſorgfältig aufbewahre, indem ſie vorgab, es ſeien Handſchriften, welche ihr Heirathsgut beträfen. Am St.⸗Thomastage kam ſie ſelbſt, um ſie zurückzuholen, indem ſie ſagte, ſie müſſe die Papiere ihrem Anwalt bringen, um ſie durchzuſehen. Er(der Kauf⸗ mann²) ſagte: Wenn Sie mir erlauben wollen, ſie vor Ihnen zu öffnen, und wenn ich mich überzeuge, daß nichts Anderes darin iſt, ſo ſollen Sie die Papiere haben. Sie wollte aber auf keinen Fall darein willigen, daß die Pa⸗ piere erbrochen würden. Da antwortete er: Es iſt jetzt eine ſehr wirre Zeit, ich will zu Mylord, dem Oberrichter, gehen, und wenn er keine andern Papiere darin findet, als die Sie betreffen, ſollen Sie dieſelben wieder haben. So kam er in mein Zimmer, und als er mich da nicht fand(ich war zur Predigt nach St.⸗Paul gegangen), 34 Gräfin Somerset und ihr Satte. ging er zu Mylord Zouch, der in dieſer Angelegenheit zum Comité gehörte. Dieſer wollte indeß auch nicht allein die Papiere eröffnen, ſondern kam zu mir nach St.⸗Paul, und dort in einer Seitenkammer brachen wir das Packet auf und darin fand ich dieſe Papiere und ver⸗ ſchiedene von der Hand Mylord Northampton's neben manchen andern Schriftſtücken.“ Lord Zouch beſtätigte dieſe Ausſage Lord Coke's in allen Punkten. Overbury's zweiter Brief ward darauf verleſen: „Dieſer kommt verſiegelt, und deshalb ſoll er drauf los gehen. Sie ſagten meinem Bruder Lidcote, daß mein unehrerbietiger Stil mache, daß Sie mich vernachläſſig⸗ ten. Mit welchem Geſichte wagten Sie das auszuſprechen, Sie, der Sie wiſſen, daß Sie Alles von mir haben, was Sie von Glück, Witz und Verſtand beſitzen?“ Hier folgten einige er⸗ dichtete Namen. Kronanwalt: Unter dieſen falſchen Namen ſind einige ſehr hochſtehende Perſonen gemeint: Julius iſt der König, Dominik Mylord von Northampton, unklius Mylord von Canterbury.* Der Schluß des Briefes lautet: „Und doch wagen Sie zu behaupten, der Grund, warum Sie nicht verſuchen, mir meine Freiheit wieder⸗ zugeben, ſei mein unehrerbietiger Stiel! Während Sie zur ſelben Zeit mich Ihrem Weibe opfern und Freund⸗ ſchaft mit Denen halten, die mich hierher gebracht! Sie baten meinen Bruder Lidcote, mein Verlangen nach Frei⸗ heit geheim zu halten! Das ſoll Ihnen aber nichts helfen, denn Sie und ich werden über kurz vor einem öffentlichen Gericht anderer Art erſcheinen. Ich auf der Folter und Sie in Luſt und Wohlbehagen, und doch ſoll ich n wie G gefri wie winn welq ließe üſi niſſ ſche det Br gen die wie welt zwi Ve All bur eint mir i nic mit es gab wo am we ör da ſo enheit nicht nach wir dver⸗ neben s in tund, ieder⸗ Sie und⸗ Sie Frei⸗ ichts nem der ſoll Gräfin Somerset und ihr Gatte. 35 ich nichts ſagen! Als ich hörte(trotz meines Elends), wie Sie zu Ihrem Weibe kamen, das Haar duftend und gekräuſelt, und mir zu gleicher Zeit 19 Projecte ſandten, wie ich mich benehmen ſollte, um meine Freiheit zu ge⸗ winnen, und mir zugleich einen langen Bericht ſandten, welche Mühe Sie ſich gegeben, und darauf London ver⸗ ließen: da wunderte ich mich, wie Sie Den vernach⸗ läſſigen konnten, mit dem Sie ſo viele Geheim⸗ niſſe aller und jeder Art theilten, und ruhig zu⸗ ſehen, wie meine Mutter und meine Schweſtern hier in der Stadt nach meiner Freiheit ſchmachten, wie mein Bruder Lidcote wegen meiner Gefangenſchaft faſt nieder⸗ geworfen iſt! Nun gut, in dieſer Mußezeit habe ich denn die Geſchichte zwiſchen Ihnen und mir niedergeſchrieben: wie ich meine Freunde Ihretwegen verloren habe; in welche Gefahren ich mich geſtürzt; was Geheimes Alles zwiſchen uns vorgegangen iſt; wie, nachdem Sie jenes Weib durch meine Briefe gewonnen hatten, Sie Alles, was Sie thaten und dachten, nachher vor mir ver⸗ bargen; und wie darauf mancherlei Brüche zwiſchen uns eintraten; von dem Gelübde, was Sie thaten, doch mit mir zu halten; wie Sie zwei Mal an dem Tage, wo ich in die Schlinge ging, nach mir ſandten, indem Sie mich überredeten, es wäre ein Complot meiner Feinde, mich übers Meer zu ſchicken; wie Sie in mich drangen, es nicht anzunehmen, indem Sie mir die Verſicherung gaben, Sie wollten mich vor allen Verdrießlichkeiten be⸗ wahren! Am Dienſtag beendigte ich es und ſandte es am Freitag an einen Freund unter acht Siegeln. Und wenn Sie dabei verharren, mich ſo zu behandeln, dann können Sie ſich darauf verlaſſen, es ſoll publicirt wer⸗ den. Ob ich nun lebe oder ſterbe, Ihre Schande ſoll niemals ſterben, ſondern für immer in der Welt 36 Gräfin Somerset und ihr Gatte. verbleiben, um Sie zum ruchloſeſten aller lebenden Men⸗ ſchen zu ſtempeln.“ Was, fragt der engliſche Herausgeber der State-trials, konnten dies für myſteriöſe Dinge ſein, da Somerſet er⸗ weislich weder ein Hochverräther war, noch ſich in eine politiſche Verſchwörung eingelaſſen hatte? Overbury's Diener Payton und Davis erhärteten demnächſt auf ihren Eid, daß der Brief die Handſchrift ihres Herrn ſei. Simcock, ein dritter Zeuge, hatte vor Lord Coke ausgeſagt: daß Weſton, während Overbury im Tower ſaß, zu mehren Malen gegen ihn geäußert: wie Lord Somerſet ihm den Auftrag gegeben, wohl auf Overbury zu achten,„denn wenn er herauskommt, muß einer von uns Beiden ſterben.“ Der Angeklagte: Ich wünſchte wol zu wiſſen, ob Weſton inquirirt worden oder nicht? Lord Wentworth: Seit wie lange ſchreibt ſich dieſe vertraute Bekanntſchaft zwiſchen Simcock und Weſton her? Simcock: Er und ich waren ſeit Alters ſehr nahe und genaue Bekannte. Kronanwalt: Weſton hatte täglich Zutritt bei My⸗ lord. Er hat Belohnungen von ihm empfangen. Mylord trug ihm auf, wohl auf Overbury zu achten. Es konnte auch nicht ſeine Heirath ſein, welche ihn dermaßen in Angſt verſetzte; welche Geheimniſſe aber zum Grunde lagen, das zu enthüllen, iſt der heutige Tag nicht beſtimmt. Doch um zu zeigen, daß die wichtigſten Staatsangelegen⸗ heiten ihm mitgetheilt wurden, beziehe ich mich auf Davis' Ausſage. Sie lautet: „Da war ein verſiegeltes Packet mit Briefen, welches, wie Kön es, und Not wie emp verſi und Gr lieg zut wel Sit ſor pr e h Men⸗ rials, ſet er⸗ neine rteten ſchrift Coke Lower Lord erbuch t von viſſen, bt ſch und nahe My⸗ ylord konnte en in tunde mmt. legen⸗ avis lches, Gräfin Somerset und ihr Gatte. 37 wie er meint, von Sir John Digby kam und an den König ſollte. Sein Herr, Sir Thomas Overbury, öffnete es, nahm kurze Notizen für Mylord Somerſet daraus, und nachdem er es wieder verſiegelt, ſandte er beides, Noten und Packet, an dieſen. Noch ein anderes Packet, wie dieſes, ſah der Diener ſeinen Herrn in Newmarket empfangen, woraus er ebenfalls Auszüge machte, dann verſiegelte er es von neuem und ſandte beides, Auszug und Packet, durch ihn, den Diener, an Lord Somerſet.“ Kronanwalt. Mylords, ich will jetzt nicht die Größe des begangenen Verbrechens hervorheben. Mir liegt in dieſem Augenblicke nur daran, vor Ihnen dar⸗ zuthun, daß es Geheimniſſe anderer Natur geweſen, welche Mylord Somerſet in die Furcht und Angſt vor Sir Thomas Overbury verſetzt, als Unwille und Be⸗ ſorgniß wegen der Schwierigkeiten, welche derſelbe der projectirten Heirath Mylords in den Weg gelegt. Wären es dieſe allein geweſen, warum hätte er ihn denn nicht ruhig über See gehen laſſen! Der Angeklagte ward bezüglich der Charaktere, die er ſtatt wirklicher Namen in ſeiner Correſpondenz mit Overbury gebraucht, examinirt und räumte ein, doß die Bezeichnung Simoniſt(1) Sir Henry Nevil bedeute, Wolfy ſei der jetzige Lord⸗Schatzkanzler, Duclius der Lord von Canterbury. Wahrhaftig, rief der Kronanwalt, dieſe Beiden ſpiel— ten Komödie mit aller Welt außer mit ſich ſelbſt; aber obgleich es damals nur eine Komödie war, hat es ſich ſeitdem als Tragödie herausgeſtellt. Ferner ward ein Brief Lord Northampton's an Lord Somerſet vorgeleſen: „Jetzt iſt Alles beſchloſſen, was die Form der Non⸗ altity betrifft, und ich zweifle nicht, daß Gott das nächſte 38 Gräfin Somerset und ihr Gatte. Geſchäft ſegnen wird. Ich hoffe nachher beſſere Feder und Dinte in dieſer Lady Kammer zu finden. Sei nur immer glücklich. Unterſchrieben H. Northampton; und ich bin Zeuge bei dem Geſchäft. Frc. Howard.“ Der Angeklagte bemerkte hier, dieſer Brief wäre Lord Northampton gezeigt worden, und derſelbe habe die Hand⸗ ſchrift nicht für die ſeine anerkannt. Der Kronanwalt: Meine nächſte Aufgabe iſt nun⸗ mehr, zu zeigen, daß Sie Mittel gebraucht, ihn in den Tower zu ſperren und dort im ſtrengſten Verſchluß als Gefangener zu bewahren. Es iſt eine Kette von acht Gliedern, und ſoll Ihnen in acht Punkten gezeigt wer⸗ den. Doch ehe wir dazu kommen, muß ich Sie erinnern, Mylords, daß, ſowie keine(2) Berathung in einer Stunde reif wird, um ſo weniger war es ihre. Denn ſie beſchloſſen zuerſt, ſein Leben durch einen offenen An⸗ griff zu rauben und Franklin wird Ihnen den Grund dieſer böſen Abſicht angeben. Franklin's(unbeeidete) Ausſage vor Lord Coke wird hier verleſen: „Mylady Somerſet ſagte, der Grund dieſes Haſſes gegen Sir Thomas Overbury ſei, daß er immer weiter in Mylord Somerſet dringen und ihn ausſpioniren werde, bis er ihn umſchmeißen könne.“ Darauf die Ausſage Sir D. Wood's, von Lord Coke examinirt: Da Mylady Somerſet von einem Streite wußte, der zwiſchen Overbury und ihm(dem Sir D. Wood) in einer Bewerbung, wo Beide ſich kreuzten, ausgebrochen, ſo ſagte ſie zu ihm: wenn er den Sir Thomas Overbury umbringen wolle, ſolle er 1000 Pfd. erhalten. Außerdem wolle ſie machen, daß ſein größter Feind ſein größter Freun den e (Poo darav bürge davo et es ſagte wort das liche dara klärt inn und dazu diß mn deß von uch in jnſ nir deß ſegt ans hri Pre der nur und ord nd⸗ un⸗ den als acht wer⸗ ern, ner enn An⸗ und oke ſſes iter Gräfin Somerset und ihr Gatte. 39 Freund werde. Und er kannte doch keinen größern Feind, den er am Hofe gehabt, als Mylord Somerſet. Er (Wood) antwortete: daß, wenn Mylord Somerſet ihm darauf die Hand geben wolle oder nur mit ſeinem Worte bürgen, daß, wenn er es gethan, er mit heiler Haut davonkomme oder doch Begnadigung erhalte, dann wolle er es unternehmen.— Da ſchwieg die Lady ſtill, und ſagte dann, nach einiger Zeit wolle ſie ihm darauf Ant⸗ wort geben. Als er wieder zu ihr kam, ſagte ſie ihm, das könne nicht ſein; aber ſie verſprach ihm alle mög⸗ liche Gunſt, und encouragirte ihn bei ihrem Leben, nur darauf loszugehen. Der Angeklagte erklärte(oder hatte ſchon früher er— klärt, und ſeine Ausſage ward nur verleſen):„Es war einmal beſchloſſen, Jemand ſolle mit Overbury anbinden und ihm irgend eine Schmach anthun, aber es iſt nicht dazu gekommen.“ Kronanwalt: Merken Sie, Mylords, er ſagt nicht, daß man den Vorſatz gemisbilligt und verworfen! Und nun zu unſerer Geſchichte, deren erſtes Kettenglied iſt: daß die Mittel, um Overbury in den Tower zu bringen, von Mylord Somerſet ausgingen. Sir Dudley Digs, als Zeuge geladen, bekundete, nachdem er beeidet: „Sir Thomas Overbury ſagte einſt zu mir, daß er im Begriff ſtehe, eine Anſtellung anzunehmen, die ihm jenſeits des Meeres angeboten worden. Nachher ließ er mir aber ſagen, und zwar durch Sir Robert Manſel, daß er ſich anders beſonnen. Und Sir Robert Manſel ſagte mir ferner, daß er einen Brief von Lord Somerſet an Overbury geſehen, worin dieſer ihm von der Annahme abrieth. Der Herr Kronanwalt hat mich von fern aus der Provinz um ein ſo geringfügiges Zeugniß vorgeladen. 40 Gräfin Somerset und ihr Gatte. Da er es nun einmal gethan, ſo hätte ich gewünſcht, daß er auch Sir Robert Manſel vorgeladen, um mein Seug⸗ niß zu bekräftigen.“ Lord Somerſet's Brief an den König ward zunächſt vorgelegt und verleſen: „Als Mylord der Oberrichter kürzlich mir ſagte, daß ich unter Anklage ſtehe und mit nächſtem ein Verhör werde zu beſtehen haben, glaubte ich es damals nicht, denn auf dieſen Weg ſah ich nicht hinaus. Eure Ma⸗ jeſtit hat drei Königreiche, wo Sie Ihre Machtvoll⸗ kommenheit ausüben mögen, und doch Wenige nur, welche ſich Ihrer erſten Gunſtbezeugungen erfreuen. Unter dieſe Wenigen rechne ich mich, wenn auch nicht den erſten, doch ſehr wenigen nachſtehend. Und da ich keine Be⸗ leidigung gegen Dero Perſon begangen, noch gegen den Staat, ſo hoffe ich, Eure Majeſtät werde mich nicht um deswillen vor ein öffentliches Gericht ſtellen, welches, um meines Rufes willen, ich demüthigſt zu vermeiden wünſche. Eine wahrhaft geſchenkte Gnade kann eine Wohlthat werden, denn es iſt nicht genug, das Leben zu ſchenken, wenn nicht zugleich Ruf und Ehre gerettet werden. Aber wenn ich denn zu Gericht gehen muß, indem ich von den böſen Ver⸗ dächtigungen gegen mich Kenntniß habe, weil ich in die Verhaftung des Sir Thomas Overbury eingewilligt und ſie gefördert(obſchon ich es nur zu ſeiner Buße that, nicht zu ſeinem Untergang), ſo flehe ich doch um Euer Majeſtät Gnade, und daß es Ihnen gefallen möge, mir die Erlaubniß zu ertheilen, über meine Länder und Güter zu Gunſten meines Weibes und Kindes zu verfügen und gnädigſt ihr ſelbſt zu vergeben, nachdem ſie die Thatſache bekannt hat. Was mich ſelbſt betrifft, da ich ungewiß bin, wie man mich auf bloße Verdachtsgründe hin richten ill, es E Sit beſuch zuth Lieut anſti der als i war, Aus verle entfe Val d.h. nch rick war an ihre Ein lich ſt giſc den ſon daß eug⸗ ichſt daß thör icht, voll⸗ elche dieſe ſten, den um ches, iden ann ug, Ruf denn die und that, Euer mir zütet und ſache ewiß chten Gräfin Somerset und ihr Gattr. 41 will, ſo wünſche ich gleichfalls ebenſo demüthigſt, daß es Euer Majeſtät gefallen möge, an Mylord Hayes und Sir Robert Carr die Erlaubniß zu ertheilen, mich zu beſuchen.“ Kronanwalt: Das zweite Kettenglied iſt nun dar⸗ zuthun: wie jener Elwas dazu kam, durch Ihre Praktiken Lieutenant des Towers zu werden, und daß es doch eine anſtändige Färbung erhalte. Mylord Shrewsbury und der Lord Kammerherr mußten denſelben Ihnen vorſtellen als ihren Freund, obgleich es ſchon in voraus beſchloſſen war, daß er den Poſten haben müſſe. Sir Gervais Elways'(auch Jerves Elvas geſchrieben) Auslaſſung, natürlich unbeeidet, vor Gericht wird hier verleſen: „Sir Thomas Manſon habe ihm geſagt, daß Wade entfernt werden ſolle, und daß, wenn er dem Sir William Wade nachfolge, er tüchtig dafür werde bluten müſſen, d. h. er müſſe 2000 Pf. St. herausrücken. Und zehn Tage nach Wade's Entlaſſung ſei er wirklich in die Stelle ge— rückt und habe dafür 1400 Pf. St. gezahlt. Das Geld ward vom Hauſe ſeines Oheims, des Alderman Elvas, an den Doctor Campian gezahlt.“ Kronanwalt: Bemerken Sie, wie ſie hier wieder ihre eigene Schriftſprache hatten: er muß bluten! Eine ominöſe Vorausverkündigung. Und da es unmög⸗ lich iſt, Gott und dem Mammon zugleich zu dienen, ſo iſt es hart, in der Art einem Könige zu dienen. Sir Thomas Manſon, unbeeidigt, hatte aus⸗ geſagt: „Als Wade abgeſetzt ward, hatte Lord Northampton den König für Sir Jerves Elvas geſtimmt. Er(Man⸗ ſon) habe Sir Jerves Elvas veranlaßt, zu den Lords Shrewsbury und Pembroke zu gehen, damit ſie Lord 42 Gräfin Somerset und ihr Gatte. Somerſet beſtimmen ſollten, für ihn ein Wort beim Könige einzulegen.“ Sir Jerves Elwas hatte eingeräumt: „Als der Beſchluß gefaßt war, daß Wade entfernt werden ſollte, und er ihm nachfolgen, da wies man ihn an, daß er ſich zu Lord Somerſet begeben und ihn bitten ſolle, ſich für ihn zu verwenden, welches er dann auch augenblicklich gethan; aber er habe das Alles für nichts mehr gehalten, als um der Sache einen Anſtrich zu geben, da ſie ſelbſt ſchon vorher beſchloſſen geweſen.“ Kronanwalt: Nun das dritte Kettenglied: die Anſtellung Weſton's als Gefangenaufſeher. Hierüber ſagte Sir Thomas Manſon im Verhör: „Er habe Weſton zum Dienſt unter Sir Jerves Elvas empfohlen, und um Sir Thomas Overbury zu be⸗ wachen, und zwar auf Antrieb der Gräfin Somerſet. Er ſetzte hinzu: daß Lord Northampton mit dieſer Ange⸗ legenheit bekannt geweſen.“ Weſton ſelbſt hatte in ſeinem Verhör ausgeſagt: „Lord und Lady Somerſet hätten ſeinetwegen dem Lieutenant gute Worte gegeben.“ Der Angeklagte hatte dagegen jede Bekanntſchaft mit Weſton ſowol vor deſſen Anſtellung im Tower als nach⸗ her in Abrede geſtellt. Simcock dagegen hatte ausgeſagt: „Während Sir Thomas Overbury im Gefängniß ſaß, ſei Weſton oft zu Mylord Somerſet gekommen, und habe viel Geld von ihm gehabt; auch habe er ſich ge— wundert, daß Sir Thomas Overbury eine ſo gute Mei⸗ nung von Mylord gehabt, und darum gedacht, daß Overbury doch nicht ſo viel Verſtand haben müſſe, als die Welt glaubte. Denn da war doch Niemand, der ihn an ſeiner Freiheit hinderte, als er. Und wenn immer rr zu müſſ (Und ſtam letzt Bel Veſ Einſ am und wo (El goe dieſ Ihr vor alh unt ver vol hi i tta d tei Wo Gräfin Somerset und ihr Gatte. 43 beim er zu Mylord gekommen, habe er ſolche Mittel gebrauchen müſſen, wie ſie Rawlins, ſein Diener, nicht verſtanden.“ (Undeutlich auch im Original.) ernt Kronanwalt: Alle dieſe Bekenntniſſe Weſton's ihn ſtammen aus der Zeit her vor ſeiner Ueberführung. Beide itten letztere Zeugenausſagen ſind übrigens nur vorgebracht zur ann Beleuchtung ſeiner Angabe, daß er(Somerſet) nichts von für Weſton gewußt. Jetzt zum vierten Kettengliede: ſein ſrich Einſetzen und Entſetzen von Beamten. en.“ Sir Jerves Elvas hatte ausgeſagt: die„Daß Overbury am 30. April eingeſperrt worden, am 6. Mai ſei er ſelbſt Towerlieutenant geworden; am r: 7. Mai ſei Weſton vorgeſchlagen worden als Aufſeher etwes und Wärter über Sir Thomas Overbury. Seit der Zeit, be⸗ wo er(Weſton) den Dienſt angetreten, habe er von ihm Er(Elvas) keine Beſoldung erhalten.“ nge⸗ Kronanwalt: Nun, mein guter Somerſet(my good Somerset, hier zum erſten Male das Anſchlagen gt dieſes Tons), kommt das fünfte Kettenglied, was ich den Ihnen zu zeigen verſprach, nämlich: daß Das, was Sie vorhatten, nicht plötzlich abgethan werden dürfe, ſondern t nit allmälig, und demnächſt mußte der Unglückliche vorſichtig nach⸗ und mit Muße vergiftet werden. Und zur ſelben Zeit vertröſteten Sie ſeinen Vater und ſeine Mutter mit fri⸗ volen Hoffnungen, während Sie in der That Alles ver⸗ guiß hinderten und unter der Hand ſich Dem widerſetzten, was geſchah, um zu ſeiner Freiheit zu erwirken. ge Der Vater des Vergifteten, Maſter Overbury, Mei⸗ trat nun als Zeuge auf: 1 Br daß„Nachdem mein Sohn gefangen worden, hörte ich, als daß er ſchr krank ſei. Ich ging nach Hofe und über⸗ der reichte eine Petition an den König. Die Wirkung davon war: daß in Betracht der Krankheit, die meinen Sohn —— V— 44 Gräfin Somerset und ihr Gatte. befallen, geſtattet ward, daß einige Aerzte ihn beſuchen dürften. Der König beſtimmte, daß ſein eigener Arzt zu ihm gehen ſolle. Er ließ ihm auch durch Sir William Button ſagen, daß er ſich auf den Weg dahin machen ſolle. Darauf wandte ich mich nun noch an Lord So⸗ merſet und Niemand ſonſt, und dieſer ſagte mir, mein Sohn werde augenblicklich frei werden. Aber er rieth mir ab, noch Petitionen an den König zu richten. Deſſenunge⸗ achtet, da ſeine Freilaſſung ſich noch immer verzögerte, überreichte ich dem Könige wieder eine Petition zu dem Ende. Der König ſagte mir, ich würde augenblicklich Antwort erhalten und Lord Somerſet ſagte mir wieder, ich ſolle ſchen, er werde gleich frei werden; aber weder ich, noch meine Frau, ſollten darauf dringen, ihn zu ſehen, denn das könne nur ſeine Freilaſſung verzögern. Noch weniger möchte ich neue Petitionen an den König richten, denn gerade das wecke und rege ſeine Feinde gegen ihn auf. Und dann ſchrieb er einen Brief an meine Frau, um ihr abzurathen, daß ſie noch länger in London verweile.“ Somerſet's Brief an Miſtreß Overbury ward verleſen: „Miſtreß Overbury, Ihr Aufenthalt in der Stadt kann zu Ihres Sohnes Freilaſſung nichts bewirken. Des⸗ halb möchte ich Ihnen rathen, ſich aufs Land zurückzu⸗ ziehen, und zweifeln Sie nicht daran, ehe Sie auf dem Lande angekommen ſind, werden Sie hören, daß er in Freiheit iſt.“ Ferner: Somerſet's Brief an Overbury, den Vater: „Sir— Ihres Sohnes Liebe zu mir hat ihm den Haß und die Feindſchaft Vieler auf den Hals gezogen. Sie haben dieſe Schlingen ihm über den Kopf geworfen, die ihm nun das Leben gekoſtet haben. So iſt, in ge⸗ wiſſer Art, Niemand an ſeinem Tode ſchuld, als ich, und Sie haben nicht mehr Grund, den Tod eines Sohnes zu be et to ien und nebe wege tigen der, daß Bu Ver ff chelt ſch mas Lho ner er! wen daß ſtat Lor Hö Lor beſt ſin verl hen zu iam hen So⸗ ohn ab, nge⸗ erte, dem klich der, edet zu ern. nig inde an r in ſen: tadt es⸗ kzu⸗ ande ter: den gen. fen, ge und hnes Gräfin Somerset und ihr Gatte. 45 zu bedauern, als ich den eines Freundes. Aber, obgleich er todt iſt, ſollen Sie mich doch ſo bereit finden wie nur je, Ihnen, Ihrer Frau und Ihren Kindern alles Eute und Liebe zu erweiſen, was mir nur möglich iſt. Da⸗ neben aber bitte ich um Verzeihung, Sie und Ihre Gattin,“ wegen des Verluſtes Ihres Sohnes, obwol ich meinen eigenen Verluſt für noch größer achte. Was ſeinen Bru⸗ der, der jetzt in Frankreich iſt, anlangt, ſo möchte ich, daß er bald zurückkehrt, damit er der Nachfolger ſeines Bruders in meinem Herzen werde.“ Kronanwalt: Hier lernen Sie auch Mylords Verſtellungskunſt kennen. Mir erſcheint er im Lichte eines pfiffigen Advocaten, der den nächſten Verwandten ſchmei⸗ chelt, um ihre Verfolgungen abzuwenden. Jetzt zum ſechsten Kettengliede: wie Lord Somerſet mit Sir Tho⸗ mas Overbury's Schickſal umſprang. Simcock's Ausſagen in der Vorunterſuchung: „Weſton habe ihm geſagt, er wundere ſich, daß Sir Thomas Overbury ſo großes Vertrauen in Lord So⸗ merſet ſetze und denke, daß er ihn wirklich liebe; denn er wiſſe, daß er ihn nicht ausſtehen könne, und an nichts weniger denke, als ihn wieder in Freiheit zu ſetzen. Sir John Lidcote trat als Zeuge auf: „Ich hatte Lord Somerſet um Erlaubniß gebeten, daß es entweder mir oder Sir Robert Killigrew ver⸗ ſtattet werde, Overbury in ſeiner Krankheit zu beſuchen. Lord Somerſet verſchaffte uns auch die Zuſtimmung des Königs. So erhielten wir einen ſchriftlichen Befehl von Lord Northampton und einigen andern Räthen, ihn zu beſuchen. Wir fanden ihn ſehr krank in ſeinem Bette; ſeine Hand war trocken, ſeine Sprache hohl. Damals verlangte er, daß ich ſeinen letzten Willen niederſchriebe. Ich ſchlug ihm dafür den nächſten Tag vor. Indem ich 46 Gräfin Somerset und ihr Gatir. mich zum Fortgehen anſchickte und der Lieutenant vor mir hinausging, fragte mich Overbury ſehr ſanft: Ob Somerſet mit ihm ſein Spiel treibe oder nicht? Ich antwortete ihm, was mich betreffe, ſo glaubte ich nicht, daß er es thue. Der Lieutenant aber, der gerade da zurückſah und unſer Flüſtern bemerkte, ſchwor, daß ich mehr gethan hätte, als ich rechtfertigen könnte. Als ich nachher noch einmal Lord Somerſet wegen Overbury drängte, bemerkte ich wohl, daß er es nicht ehrlich mit ihm meinte. Und einmal im Geſpräch machte er, nach meiner beſten Ueberzeugung, ein ganz eigenes Zeichen, indem er mir ins Geſicht lachte.“ Kronanwalt: Das ſiebente Kettenglied. Sie ſollen nun ſehen, in welcher Art engem Verſchluß er im Tower gehalten ward, während ſein Verbrechen nur eine Nichtachtung eines königlichen Befehles war, und wer der Urheber dieſer Behandlung war. Sir Thomas Manſon's Ausſage ward verleſen: „Es war Lord Northampton und Lord Somerſet, welche dem Towerlieutenant den Befehl ertheiltkn, ihn als ſtrengſten Gefangenen zu behandeln.“ Davis, Overbury's Diener, hatte ausgeſagt: „Er habe Lord Somerſet angelegen, daß es ihm ge⸗ ſtattet werde, ſeinem Herrn, Overbury, im Tower auf⸗ zuwarten, wenn er auch mit ihm eingeſperrt werden müſſe. Mylord habe indeß geantwortet: er wolle ihm ſchon bald ſeine gänzliche Freiheit verſchaffen, und das könne die Sache nur verhindern. Kronanwalt: Nun zum achten und letzten Gliede, zu der Zwiſchenzeit, wo Overbury im Tower mit Giften geſtopft wurde. Mylord Somerſet dürſtete nach Nach⸗ richten, um zu erfahren, was aus ihm geworden. Da —————————— gab Yylo 5 ) giſu Roc wori wird ten gin gela gey ttof Pro Bri wor u hall geſo e ſig da tete hol wie Wo vor Ob Ich cht, da ich uch mit nach hen, Sie im eine wer ſen: rſet, ihn uf⸗ den ihm das iede, iſten ach⸗ Da Gräfin Somerset und ihr Gatte. 47 gab es denn beſtändige Botſchaften zwiſchen ihm und Mylady Somerſet. Franklin's Ausſage: „Als er bei Lady Eſſer geweſen, habe ſie zu ihm geſagt, daß ſie an dem Tage einen Brief von Lord Rocheſter(Somerſet war es damals noch) empfangen, worin er ihr geſchrieben, wenn Weſton nicht eile, ſo würde Overbury rauskommen.“ Sir Jerves Elvas' Ausſage: „Daß er verſchiedene Briefe von Lady Eſſex erhal⸗ ten, worin ſie zu erfahren wünſchte, wie es Overbury ginge, um dem Hofe Gewiſſes ſagen zu können.“ Der Angeklagte ſelbſt hatte ſich dahin aus⸗ gelaſſen: „Daß verſchiedene Briefe zwiſchen Mylady und ihm gewechſelt worden, doch hätten ſie nicht Overbury be⸗ troffen.“ Dann aber hatte er gebeten, den Punkt im Protokoll zu ändern: denn es möchte wol ſein, daß auch Briefe, die Overbury betroffen, zwiſchen ihnen gewechſelt worden. Der Kronanwalt: Mylord wußte nicht, ob nicht noch einer oder der andere dieſer Briefe exiſtire, und des⸗ halb wünſchte er einige Aenderungen in dieſem Punkte. Ein Apotheker Loubell, ein Franzos, hatte aus⸗ geſagt: „Einſt, als er zu Lord Somerſet gekommen, fragte er ihn nach Overbury und was er mache? Der Lord ſagte: es geht ihm ſchlimm. Ein andermal, als er wieder da war und dieſelbe Frage an Mylord richtete, antwor⸗ tete derſelbe: Er iſt unwohl, aber er wird ſich wol er⸗ holen. Wie, fragte Mylord, meinen Sie, ob er ſich wol wieder erholen wird, wenn er ſeine Freiheit zurückerhält? Loubell antwortete: Ja. Somerſet ließ ihn zum dritten 48 Gräfin Somerset und ihr Gatte. Mal rufen und fragte ihn in der Galerie von Whitehall, wie es mit Overbury ſtehe? Der Apotheker antwortete: ſehr ſchlecht, und ſetzte hinzu, er habe ihn ſchon vor dem 25. Juni, wo er zu ihm kam, ſchlecht gefunden.(Die Ausſage iſt durch zu ſtarkes Contrahiren auf das, was dem Protokollanten weſentlich ſchien, undeutlich geworden.) Somerſet hatte in der Vorunterſuchung geleugnet, daß er Loubell je geſehen, außer einmal bei Tibalds. Kronanwalt: Hier bemerken Sie wieder, wie Mylord fälſchte. In der Beſorgniß, daß Loubell mehr gegen ihn ausſagen könne, als er gethan, verleugnete er ſeine Bekanntſchaft mit ihm, wie er mit Weſton gethan. Lord Coke: Man konnte der Meinung ſein, daß Loubell ein Mitſchuldiger wäre, um deswillen wagte ich ſo wenig, ihn auf ſeinen Eid zu vernehmen, als ich es mit Franklin gethan; doch wenn ſie in ihrem Zeugniß ſich ſelbſt anſchuldigen, iſt die Beweiskraft ſo ſtark, als wenn ſie durch einen Eid geſtützt wird. Demnächſt wurden Lord Northampton's Briefe an Lord Somerſet verleſen. Erſter: „In dieſer Angelegenheit mit Overbury muß ein be⸗ ſtimmtes Ziel ſein, und ein wirklicher Klagegrund. Sie werden den Sinn verſtehen.“ Zweiter: „Ich verbrachte geſtern zwei Stunden damit, den Lieutenant zuzuſtutzen(prompting), natürlich mit ſo viel Vorſicht als möglich, und ich fand ihn ganz geſchickt und geeignet; und ich bin ſehr begierig, ſeinen Bericht über dieſes Abenteuer zu hören. Dritter: „Sie müſſen nicht zu viele Inſtrumente in Bewe⸗ gung ſetzen, ſolange als ich in der Stadt bin.“ 6 b — ſcht füßt abet Entn Ihne thite füt e wied und mal gun Fein Hon welc Lode ſe ſ Pe den an Uf Eer ten 1 daß wär ande ſtri ll, em ie as ſet, wie ehr an. daß 3 es niß als iefe den iel ickt icht we⸗ Gräfin Somerset und ihr Gatte. 49 Vierter: „Ich kann Ihnen gar nicht ſagen, mit welcher Vor⸗ ſicht und Mäßigung unſer Lieutenant Overbury ange⸗ faßt hat. Wegen ſeiner logiſchen Schlüſſe will ich ihn aber immer mehr lieb haben; ſie waren nämlich ſo: Entweder ſoll Overbury ſich erholen und dann zwiſchen Ihnen und Lord Suffolk von guten Dienſten ſein, und thäte er das nicht, hätten Sie vollkommen Grund, ihn für einen Schuft zu erachten. Oder— er ſoll ſich nicht wieder erholen, und dies hält er eigentlich für die ſicherſte und glücklichſte Chance. Denn es zückt und blitzt manch⸗ mal bei Overbury auf von einer ſonderbaren Zunei— gung zu gewiſſen Perſonen, welche ſeine entſchiedenen Feinde ſind.“ Der Angeklagte erkannte dieſe Briefe für von der Hand des verſtorbenen Lord Northampton:„Alle die, welche ich ihm zugeſandt, wurden mir nach ſeinem Tode durch Sir Robert Cotton zurückgeſtellt. Ich habe ſie ſämmtlich an dem Abende, ehe ich dem Decan von Weſtminſter übergeben ward, verbrannt.“ Kronanwalt: Dieſe Briefe Northampton's wur⸗ den in einer Büchſe gefunden, welche Sir Robert Cotton an Miſtreß Farneforth übergab, und hiermit endet meine Aufgabe. Was noch übrig bleibt, überlaſſe ich den beiden Sergeanten. Der Lord⸗Oberrichter redete hierauf den Angeklag⸗ ten an: „Mylord, Sie haben gehört, welche ſchwere Dinge gegen Sie vorgebracht ſind, und Sie mögen ſich denken, daß noch Manches im Hintergrunde ruht. Um deshalb wäre es das Beſte für Sie, die Wahrheit zu bekennen, andernfalls Sie ſich immer mehr verwickeln und ver⸗ ſtricken werden.“ 1 XIX. 3 50 Gräfin Somerstt und ihr Gatte. Lord Somerſet antwortete ruhig:„Ich kam hierher, Mylords, mit dem Entſchluß, mich zu vertheidigen.“ Hier ward die Verhandlung abgebrochen, der Lord⸗ Oberrichter und die übrigen Lords zogen ſich zurück. Am folgenden Tage ſprachen die beiden Sergeants. Montague: Mein Theil der Aufgabe iſt, die⸗ jenigen Geheimniſſe aufzudecken, welche mit der Ermor⸗ dung Sir Thomas Overbury's in Verbindung ſtanden und gleichzeitig waren. Drei Dinge aber ſind es, welche es augenfällig machen, daß Sie, Lord Somerſet, der Haupturheber und Anſtifter geweſen. 1) Ein Pulver ward an Sir Thomas durch Sie ſelbſt geſandt; dies Pulver war Gift und ward bei ihm ergriffen. 2) Gift fand ſich in Paſteten, welche auf Ihre Veranlaſſung ihm geſchickt wurden. 3) Wie zuerſt ein Lichtſchein auf dieſe Vergiftung fiel, hat der Herr Kronanwalt geſtern meiſterhaft auseinandergeſetzt. So will ich jetzt verſuchen, wie auch dieſe Dinge, hervorgelockt durch die Stachelungen, die eines Verbrechers Herz zerreißen, ent⸗ deckt wurden. Franklin geſtand, daß er Gifte zu dieſem Zwecke gekauft und daß er ſie verſucht, ehe er ſie ab⸗ ſandte. Das Pulver ward in einem Briefe an Over⸗ bury geſchickt, den Mylord ſelbſt ſchrieb. Mylord So⸗ merſet ſchrieb darin: dieſes Pulver würde ihn etwas krank machen(es hat es in ſehr hohem Grade gethan); aber als Troſt ſetzte er hinzu, er werde ſchon die Gele⸗ genheit ergreifen, für ihn mit dem Könige zu ſprechen. Und dieſen Brief mit Pulver ſandten Sie ihm durch Davis, und das Pulver war Gift. Zweitens ſandten Sie ihm Paſteten. Die erſtgeſandten Paſteten waren gut, damit er Vertrauen gewinne, nachher erſt kamen 5 die v fünde ſchn den Paſt aber und ande Grli duß Dri ſchr lin Fra erin auch dieſe ben, ten. dart Ger dß Lur Cb ſin ſhle hill uſn ſin Gräfin Somerset und ihr Gatte. 51 die vergifteten. Zum Beweiſe, daß ſie von Ihnen kamen, finden wir einen faſt ununterbrochenen Poſtverkehr zwi⸗ ſchen Ihnen und Ihrer Lady. Und dieſe ſchreibt an den Lieutenant:„Ich ſoll Ihnen ſagen, daß in den Paſteten und dem Gelée Briefe(letters) ſind, im Wein aber ſind keine. Und von dem können Sie ſelbſt nehmen, und Ihrer Frau und Ihren Kindern geben, aber von den andern nicht. Geben Sie ihm dieſe Paſteten und das Gelée zu Nacht, und Alles wird gut werden.“ Es ſcheint, daß unter dem Worte letters Gift gemeint war.— Drittens belaſte ich Sie damit, daß Sie an Mylady ſchrieben, Sie wunderten ſich, daß dieſe Dinge nicht längſt erledigt wären. Sie ſchickten augenblicklich an Franklin und zeigten ihm Ihren Brief. Er las ihn und erinnerte ſich ſehr wohl der Worte. Sie ſchickten darauf auch nach Weſton, er ſolle die Sache ſchnell abmachen und dieſer antwortete: er hätte ihm ja ſchon ſo viel gege— ben, daß zwanzig Menſchen davon ſterben könn⸗ ten. In allen dieſen Dingen waren Sie, Mylord, wie ich darthun will, ſo ſchuldig, wie je ein Verbrecher, der vor Gericht ſtand. Und Weſton, bei ſeinem Verhör, bekannte, daß Alles ſo ſei. Endlich ſandte er eine Bittſchrift an Lord Coke, um ihn zu ſprechen; das war die Nacht vor Elvas' Verhör, von dem er nichts wußte. Und ſagte: ſein Gewiſſen beunruhige ihn dermaßen, daß er nicht ſchlafen könne, und wünſche um deswillen etwas zu ent⸗ hüllen, und bis er das gethan, könne er keine Ruhe finden. Die Aufnahme über Franklin's Verhör ward ver⸗ leſen: „Miſtreß Turner habe ihm aufgetragen, einige der ſtärkſten Gifte zu kaufen, die er nur auftreiben könne; welches er gethan und ſie zu Miſtreß Turner und My⸗ lady Somerſet gebracht, wo dann Beide ihm es als 3* 52 Gräfin Somerset und ihr Gatte. heiligſte Pflicht auferlegt, die Sache geheim zu halten. Nachher habe er bemerkt, daß die Gifte nach dem Tower geſandt worden, und darunter eine Art weißen Pulvers, genannt Arſenik, von dem ſie ſagten, daß es an Overbury in einem Briefe geſchickt worden, und nachher erzählten ſie ihm noch von manchen andern Giften, die durch Weſton an Overbury ſpedirt wären. Und die Gifte, welche Mylady ihm zeigte, waren in ein Papier ge⸗ wickelt, welches mit einer(Römiſchen»(papiſtiſch ²) Hand beſchrieben war, und ſie machten einen Verſuch mit einigen dieſer Gifte an einer Katze oder einem Hunde, die denn davon wunderbar«gequält? wurden und cre— pirten.“ Dann aus Weſton's Verhör: „Mylady ſagte ihm, daß er eine gute Belohnung er⸗ halten ſolle, aber ehe ſie ihm die verſchaffe, müſſe die That geſchehen ſein, und darauf habe er ihm denn ſo viel Gift beigebracht, daß gut und gern ein Dutzend Männer davon umgebracht werden könnten.“ Dann aus Somerſet's früherem Verhör: „Er habe allerdings ihm ein Vomitiv ſenden laſſen, und zwar auf Overbury's eigenes Verlangen, und dies habe in einem weißen Pulver beſtanden. Und es wäre daſſelbe geweſen, welches er vorher von Sir Robert Killigrew erhalten, überbracht von Rawlins, und mög⸗ lich, daß das zweite, durch Davis abgeſandte, in einem Briefe geweſen.“ Aus Davis' Verhör: „Drei Wochen, ehe Sir Jervas Elvas Tower⸗ lieutenant ward, ſandte Mylord Somerſet durch ihn in einem Briefe ein weißes Pulver an Sir Thomas Over⸗ bury. Und das werde ihn ein wenig krank ma— chen. Aber um ſo beſſer, denn dann habe er einen Grund und erh ſagt zeigt det win das ſen, ies äre ert ög⸗ em er⸗ oer⸗ na und Gräfin Somerset und ihr Gattr. 53 und Gelegenheit, für ihn mit dem Könige zu ſprechen; er habe ſelbſt den Brief geſehen. Am nächſten Tage ſagte ihm Weſton, wie krank Overbury geweſen, und zeigte ihm, wie ſchwere Stoffe er ausgebrochen und er (der Diener) wollte, daß ſie zu Lord Somerſet gebracht würden. Aber Weſton wollte es nicht zulaſſen; er ſagte, das ſchicke ſich nicht, ihm zu zeigen.“ Aus Payton's Verhör: „Dies Pulver habe den Sir Thomas ein 50 bis 60 Stuhlgänge verurſacht, und durch 4 bis 5 Tage Er⸗ brechungen.“ Sergeant Montague: Vier verſchiedene Juries haben dies Pulver als Gift erkannt, und von dieſem(2) Gift iſt Sir Thomas Overbury geſtorben. Nun jene Beweiſe für die vergifteten Paſteten.“ Lady Somerſet hatte in ihrem Verhör ausgeſagt: „Sie wiſſe von keinen andern Paſteten, die an Sir Thomas Overbury geſandt worden, als die von ihr oder ihrem Gatten gekommen.“ Sir Jervas Elvas hatte ausgeſagt: „Unter dem Worte letters meinte Mylady Gift, aber das Wort ward damals gebraucht, um ſeine Augen aufzuklären.“ Lord Somerſet's Brief an Sir Jervas Elvas: „Man ſagte mir, ich ſolle Sie bitten, nicht zu ſagen, daß dieſe Paſteten von mir kämen; und jetzt wieder bittet man mich, Ihnen zu ſagen, Sie möchten ſich doch wegen der Paſteten in Acht nehmen, weil Briefe darin ſind, und deswegen weder Ihrer Frau noch Ihren Kin⸗ dern davon zu eſſen geben. Vom Weine aber mögen Sie es thun, denn da ſind keine Briefe drin. Thomas Monſon wird heute von Hofe kommen, und dann wer⸗ den wir andere Neuigkeiten erhalten.“ 54 Gräfin Somerset und ihr Gatte. Lady Somerſet hatte ausgeſagt: „Unter Briefen verſtehe ſie Gift.“ Sergeant Montague: Jetzt habe ich nur noch Mylords Haſt, die Sache zu Ende zu bringen, zu zei⸗ gen, und dann iſt meine Aufgabe erfüllt. Verleſen Sie Franklin's Verhör. Aus Franklin's Verhör: „In einem Briefe, den Mylady, wie ſie ſagte, von ihrem Gatten empfing, ſtanden folgende Worte; cer wundere ſich, daß die Sache noch immer nicht zu Ende gebracht ſei.“ Er konnte das nur auf Overbury beziehen, nach dem, was ſie eben von ihm geſprochen, und weil ſie gleich darauf nach Weſton ſandte.“ „Als Lord Somerſet, nach Weſton's Arretirung, in die Stadt kam, ward er, Franklin, nach einem genannten öffentlichen Ort geſandt, und dort beſchwor ihn Mylady aufs neue, daß er reinen Mund halte, daß Weſton er⸗ griffen ſei, und wahrſcheinlich würde ihm binnen kurzem daſſelbe paſſiren und Alle würden gehangen werden. Dann zog ſie ſich in ein Zimmer zurück und ſprach mit Jemand, er glaubte, es war Lord Somerſet. Sie kam wieder heraus. Jetzt ſagte ſie ihm, daß die Lords, wenn ſie ihn verhörten, ihm wahrſcheinlich die Hoffnung auf Pardon vorſpiegeln würden, wenn er bekenne; aber, ſagte ſie, glaubt ihnen nicht. Denn, wenn ſie von Euch heraushaben, was ſie haben wollen, werden wir doch Alle aufgeknüpft. Ach was, ſagte Miſtreß Turner, My⸗ lady, ich will mich für Sie Beide hängen laſſen.“ Eine Mary Erwin habe als beeidete Zeugin aus⸗ geſagt: „Miſtreß Turner hatte ſie nach Franklin ausgeſandt, ſie ſollte ihn nach dem genannten öffentlichen Hauſe, um 10 Uhr Nachts, bringen. Sie war ganz überzeugt, daß auch ſchon die in der Ra irg Si du wo geſ ei⸗ ie dt, m aß Gräfin Somerset und ihr Gatte. 55 auch Lord Somerſet in der Nacht von Hofe kam und ſchon in dem Hauſe ſich befand, als ſie eintrat.“ Aus Lady Somerſet's Verhör: „Sie bekenne, daß Alles wahr ſei, was Franklin über die Unterredung mit ihr ausgeſagt, auch wäre Mylord in jener Nacht in dem bezeichneten Hauſe geweſen.“ Sergeant Crew: Jetzt folgen die Beweiſe wegen der unterdrückten Briefe. Aus Davis' Verhör: „Im vergangenen Sommer habe Mylord Somerſet Rawlins zu ihm geſchickt, mit dem Auftrage, wenn er irgend welche Briefe habe, entweder von Somerſet an Sir Thomas, oder von dieſem an jenen, möchte er ſie durch dieſen ihm zurückſenden. Er habe dies gethan, wofür der Lord ihm dann durch Rawlins 30 Pf. St. geſchickt.“ George Errats, ein Conſtabler, hatte ausgeſagt: „Daß der Bote Poulter ihm einen ſchriftlichen Be⸗ fehl von Mylord Somerſet gebracht: ein beſtimmtes Haus zu erbrechen und zu durchſuchen nach gewiſſen Schriften, angeblich zugehörig einer Miſtreß Hidl, einer Schweſter der Miſtreß Turner. Der Bote habe ihm aber nur einen Theil des ſchriftlichen Befehls gezeigt, nicht Alles darin; und daß er um deswillen den Befehl nicht habe executiren wollen. Worauf denn dieſer Poulter ſelbſt Schloſſer angenommen und Thür und Haus er⸗ brochen habe. Daſelbſt habe er im Keller einen Kaſten und einen Sack voll Schriften gefunden, auf denen der Name Miſtreß Turner ſichtbar war, und dieſe habe er an Mylord Somerſet gebracht.“ Lord Somerſet ſagte darüber: „Was dieſe Briefe anbelangt, ſo überlieferte ſie mir Sir Robert Cotton nach Mylord Northampton's Tode. 56 Gräfin Somerset und ihr Gatte. Warum wollen Sie ſich über dieſe Data noch Mühe geben, denn es wird ſchon ſpät, und ich werde wenig Zeit für mich ſelbſt übrig behalten. Ich bekenne, Sir Robert Cotton lieferte mir dieſe Briefſchaften, die ich an Lord Northampton geſandt, zurück. Ich verbrannte ſie, einiges ſchnitt ich ab, als nicht dahin gehörig.“ Aus Sir Robert Cotton's Verhör: „Somerſet habe in ſeine Hände mehre Briefe des Sir Thomas Overbury geliefert, und er theilte ſie und datirte ſie nach der Anweiſung Sr. Herrlichkeit. Auf manche der Briefe hatte er die Data erſt nach Weſton's Verhaftung und Verhör geſetzt.“ Sergeant Crew: Möge denn Mylord jetzt ſo gefällig ſein, einen Blick in dies Buch von Overbury's Briefen(²) zu werfen. Und nun zur Copia des aus⸗ gedehnteſten Pardons. Sir Robert Cotton als Zeuge: „Auf Lord Somerſet's Anliegen entwarf ich ihm, kurz vor der letzten Michaelimeſſe, ein Concept des aus⸗ gedehnteſten Pardons, und als Vorbild diente ein Par⸗ don, den König Heinrich VIII. dem Cardinal Wolſey bewilligte. Wenn er einen wünſche, ſo ſagte ich ihm, der beſte Weg ſei immer der, ſolchen Vorangängen zu folgen.“ Das Concept des Pardons ward verleſen. Unter andern Vergehen von geringerm Belang war auch in⸗ zwiſchen der Hochverrath und der Mord eingemiſcht. Crew: Und dieſer Umſtand war es, welcher Weſton fürchten machte, daß das Netz nur für die kleinen Fiſche ſei, die größern aber ſollten durchbrechen. Aus Alderman Bowles' Verhör verleſen: „Nachdem er ihm ins Gewiſſen geredet, nicht länger ſtarr und ſtumm zu verharren, brach Weſton in die Worte n, eh n, zu Gräfin Somerset und ihr Gatte. 57 aus: er fürchte, das Netz ſei nur für die kleinen Fiſche gelegt, die größern würden durchbrechen.“ Auf Sergeant Crew's Verlangen ward nun zum Schluß der Beweisſtücke noch einmal die oben bereits aufgenommene Declaration Somerſet's an den König verleſen, worauf der Kronanwalt wieder das Wort ergriff: „Sie ſehen, Mylords, in dieſer Erklärung Mylord Somerſet's iſt ein Durchbruch, ein Lichtſchein von Be⸗ kenntniß. Ich wünſchte zu Gott, es wäre ein voller Strahl geworden. Sein Anliegen iſt das, weil er früher ſo hoch in des Königs Gunſt geſtanden, weil er nie einen Hochverrath begangen, weder gegen die Perſon des Kö⸗ nigs, noch den Staat, darum hätte er nicht zur Rechen⸗ ſchaft gezogen werden ſollen wegen dieſes Fehltritts, auch wenn er ſchuldig wäre. Er ſtellt vor, daß Gnade, die bei Zeiten gewährt wird, eine Wohlthat ſei, und daß es nicht genug ſei, das Leben zu ſchenken, ſondern daß man auch den guten Ruf retten müſſe. Aber wenn es denn doch zum Aergſten kommen müſſe, wünſcht er, daß wenigſtens ſeinem Weibe verziehen werde, da ſie die That⸗ ſache eingeſtanden; und daß, wenn er den Zufälligkeiten eines Gerichts unterworfen werden ſolle, der König ihm ge⸗ ſtatten möchte, zuvor über Land und Güter zum Beſten ſeines Weibes und ſeines Kindes zu verfügen. Endlich, daß es dem Lord Hay und Sir Robert Carr geſtattet werde, ihn zu beſuchen.“ Sergeant Crew erkannte darin ein zwar verhülltes, dennoch aber deutliches Schuldbekenntniß. Der Kron⸗ anwalt ſagte: „Ich ſehe hier nichts als lauter Wunder. Wenn ich weiß, daß alle Vergiftungen Werke der Finſterniß ſind, wie konnte dieſes ſo klar durchſchimmern und aufleuchten. Scheint es doch, als ob die ungeheure Größe ſeines Glücks 4 3 58 Gräfin Somerset und ihr Gatte. ihn benebelt gemacht, um in ſeinem Uebermuth das noch größere Verbrechen zu begehen.“ Der Lord⸗Oberrichter redete nun den Angeklagten an: „Lord Somerſet, ich erkenne an, Sie haben ſich be⸗ ſcheiden vor dem Gericht benommen, und ehe Sie ſelbſt den Mund öffnen, will ich Ihnen nur im Wege freund⸗ lichen Rathes ein Wort ſagen, ich will Sie nur auf zwei Beiſpiele aufmerkſam machen. Ihr Weib hat neulich die That bekannt, und es iſt große Ausſicht da, daß der König nun Gnade walten läßt, wenn Sie nicht wieder Das zerſtören, was ſie gut anfing. Im Gegentheil aber blicken Sie auf Byron(den Marſchall in Frankreich), gegen den der König von Frankreich alle möglichen Mittel anwandte, ihn zum Geſtändniß ſeiner Schuld zu bringen. Wäre er dazu zu bringen geweſen, ſo war auch da viele Ausſicht auf Begnadigung. Und immer glaube ich, iſt weder, noch war je ein König, der gnädiger und liebreicher geweſen wäre, als der unſere. Aber Byron verharrte in ſeinem Leugnen und— das Ende kennen Sie.“ Lord Somerſet, der Angeklagte, nahm jetzt das Wort: „Ich vertraue meiner Sache und bin hierher ge⸗ kommen, um ſie zu vertheidigen. Da aber der Rath des Königs in ſeinen Anklagereden wider mich ſo lange ver⸗ weilt iſt, daß weder mein Gedächtniß noch meine Notizen ausreichen, um auf Alles Rede zu ſtehen, und zum we⸗ nigſten in der Ordnung, wie es gegen mich vorgebracht worden, ſo will ich gleich mit den letzten Punkten an⸗ fangen, auf die ſie ein ſo ſchweres Gewicht gelegt, und dann zu den übrigen einzelnen übergehen, welche mich graviren ſollen.— Was das Pulver anlangt, das ich an Overbury ſchickte, um ihn krank zu machen, um dadurch beſſ Fön ſchri richt int wür den hert Sti fern wol wa un mat e ent er ein leid — — Gräfin Somerset und ihr Gatte. 59 beſſere Gelegenheit zu haben, ein Wort für ihn beim Könige einzulegen, ſo wünſchte er es ja ſelbſt, und auf ſein ſchriftliches Geſuch ſchickte ich es ihm.— Und obgleich es richtig iſt, daß ich in ſeine Gefangenſetzung einwilligte, in der Abſicht, daß er keine Hinderniſſe in meine Heirath würfe, ſo ſorgte ich doch für ſeine Wohnung, daß er in den Zimmern aufgenommen würde, wo die beſte Luft herrſche, und er Fenſter hätte mit der Ausſicht nach zwei Seiten, nach dem Waſſer und den Höfen des Towers; ferner, daß er Freiheit hätte zu ſprechen, mit wem er wollte. Mithin ſehen Sie, daß es gegen meine Abſicht war, ihn feſt und eng einzuſchließen.“ „Was nun den Bruch der Freundſchaft zwiſchen mir und Overbury betrifft, woraus man ſo viel Weſen ge⸗ macht und es zu meiner Verdächtigung benutzt, was iſt es denn groß Wunderbares, daß Freunde ſich bisweilen entzweien, und beſonders wie er war. Denn ich glaube, er hatte im Leben nie einen Freund, mit dem er nicht ein Mal aneinander gerathen wäre und ihn ſchwer be— leidigt hätte. Sie nannten es bei ihm Uebermuth und unverſchämtheit; ich gab dem einen beſſern Namen.“ „Was die große Vertraulichkeit zwiſchen uns be⸗ trifft und daß ich ihm viele Geheimniſſe mitgetheilt habe, auch daß er Auszüge aus den Briefen der Geſandten erhielt, ſo räume ich auch das ein. Ich kannte ſeine große Geſchicklichkeit, und was ich that, geſchah auf des Königs Befehl. Andere Geheimniſſe waren nie zwiſchen uns.“ „Was nun ſeine Luſt betrifft, mündlich und ſchrift⸗ lich ſich zu rühmen, zu drohen und ein großes Wort zu führen, ſo hat das Niemand beſſer gewußt als ich; Nie⸗ mand hat es aber auch weniger gefürchtet als ich. Um jene Zeit war er in Ungunſt bei der Königin, und des⸗ wegen war er genöthigt, ſich einige Zeit vom Hofe fern 60 Gräfin Somerset und ihr Gatte. zu halten. Der Grund war, weil er ſich gegen Ihro Majeſtät unſchicklich benommen hatte. Und obgleich ich dahin arbeitete, daß eine Ausſöhnung zu Stande käme und er wieder Erlaubniß zur Rückkehr erhielte, ſo ſchob er doch, und zwar in den heftigſten Ausdrücken, die Schuld auf mich.“ „Ein andermal ließ Lord Salisbury ihn holen, und ſagte ihm dann, wenn er ſeiner Gunſt ſich anvertrauen wolle, würde er ihm einen Poſten verſchaffen, der 2000 Pf. St. eintrage. Overbury kam gleich darauf zu mir und erzählte es mir. Da antwortete ich ihm, er ſolle ſich auf Niemand ſtützen als auf mich, und wenn er wolle, ſo möge er über meine Börſe commandiren und augenblicklich mehr haben, als Salisbury ihm geboten, und das hatte er denn auch. Und doch ſagte er nachher einmal in einer Aufwallung bei einem Streit, der gar keinen vernünftigen Grund hatte: ſeine Liebe zu mir habe ihn um Salisbury's Gunſt gebracht und ihm einen Verluſt von 2000 Pf. St. verurſacht. Daraus hat man denn, um mich zu belaſten, gemacht, daß ich ihm angerathen, den Geſandtſchaftspoſten, der ihm angetra⸗ gen war, abzulehnen. Es iſt nicht ſo, denn ich wäre ſehr zufrieden geweſen, wenn er ihn angenommen hätte; aber er wollte nicht. Lord Canterbury ſuchte ihn dazu zu bewegen, aber ohne mein Mitwiſſen. Denn, wie ge⸗ ſagt, ich wäre ſehr zufrieden geweſen, wenn er fort gekommen wäre, ſowol wegen meiner Verheirathung als ſeines unverſchämten Betragens. Aber Overbury kam zu mir und ſagte: ich will eben zu Sir Dudley Diggs und ihm vermelden, daß ich die Geſandtſchaft annehme; das kann er dem Lord Canterbury antworten, aber dann müſſen Sie(Somerſet) an mich ſchreiben und mir ab⸗ rathen, ſie anzunehmen und es auf ſich nehmen.“ ro ne m e nn b⸗ Gräfin Somerset und ihr Gatte. 61 „Was nun die Angabe betrifft, daß ich vergiftete Paſteten zu ihm in den Tower geſchickt, ſo hat ja meine Frau in ihrem Geſtändniß geſagt: daß keine dahin ge⸗ ſchickt worden, außer ſie ſeien denn von ihr oder von mir gekommen, und einige wären gut und geſund ge⸗ weſen, andere nicht. Dann muß ja nothwendig daraus folgen, daß die geſunden und guten die waren, welche ich geſandt, die ſchlechten aber ihre.“ Lord Lisle: Wenn Sie ihm gute und geſunde Paſteten ſandten, ſo hätten Sie ihm dieſelben durch einen zuverläſſigen Boten ſenden ſollen. Lord Campten: Mylady ſchreibt in ihrem Briefe an den Towerlieutenant: man hat mich gebeten, Ihnen zu ſagen, daß Sie dies thun. Wer hat ſie denn nun gebeten? Sergeant Montague: Der fortgeſetzte Brief⸗ wechſel zwiſchen Mylord und Mylady iſt ein deutlicher Hinweis. Lord Somerſet: Wenn Franklin mich ſo gut kennt, und daß ich um das Complot wußte, warum ſollten ich und mein Weib denn(wie er angibt), als er dort war, ſo leiſe und heimlich geſprochen haben, und immer ſo, daß er es nicht hören und ſehen konnte!— Was aber Overbury anlangt, ſo ging meine weiteſte Abſicht bei ſeiner Einkerkerung dahin, daß er bei meiner Heirath kein Hinderniß mehr ſein ſollte, und dies war es, was ich Northampton und Elvas mittheilte. Sergeant Montague: Sie konnten ſich nicht ſchlechter verbinden als mit dieſen Beiden. Lord Somerſet: Und wenn Simcock in Betreff Weſton's ſagt, daß er ſo oft zu mir kam, ſo proteſtire ich dagegen, denn ich ſah ihn niemals, als nach Over⸗ bury's Tode, und da brachte ihn Rawlins zu mir. 62 Gräfin Somerset und ihr Gatte. Sergeant Crew: Sir Jervis Elvas aber hat in ſeinem Verhör ausgeſagt, Weſton habe ihm ſehr oft ge⸗ ſagt, daß Lord Somerſet ſehr oft ihn zu ſich kommen laſſe. Und deshalb will ich Ihnen noch einmal Weſton's Ausſage vorleſen laſſen. Aus Weſton's Verhör: „Sagt er aus: daß Lord Somerſet ihm ſehr oft Weiſungen ſchickte, und noch ehe Overbury in den Tower gebracht wurde, um Zuſammenkünfte zwiſchen ihm und Mylady zu beſtimmen.“ Lord Somerſet: Das mag ſein, und doch ſprach ich nie mit ihm. Was die Botſchaften betrifft, von denen er ſpricht, ſo kann er ja Weiſungen von mir durch eine dritte Perſon erhalten haben. Und was das Pulver anlangt, von dem Payton ſpricht, das ich geſandt, und das Sir Thomas Overbury krank gemacht, ſo war ja das Pulver, welches ich geſandt, daſſelbe, welches ich von Sir Robert Killegrew empfangen. Sergeant Crew: Dennoch, Mylord, war dies Pulver keins von denen, welche Sie von Sir Robert Killegrew erhalten, denn Sie hatten drei von ihm. Das erſte ging verloren, das zweite ſandten Sie ihm durch Rawlins, und das dritte nahmen Sie ſelbſt bei Baly. Das vierte erſt, welches Sie ihm durch Davis ſandten, das war es, welches ihn krank machte und ſo viele Stuhl⸗ gänge verurſachte, und dies war Gift und ward drei Wochen nach dem geſandt, welches Rawlins über⸗ brachte. Sir Robert Killegrew, als Zeuge vernommen, ſagt: Mylord habe von ihm Pulver verlangt, von denen, welche er ſelbſt als Vomitiv zu nehmen pflege, aber er habe geglaubt, es ſei nur zum eigenen Gebrauch. Davon, daß er davon an Sir Thomas Overbury geſchickt, habe er ni Nal YVyl da! zwei Sit Ritt habe win n es rt 6 ſ, rei n, n, n, be Gräfin Somerset und ihr Gatte. 63 er nichts gewußt, und überhaupt habe Mylord nur drei Mal von dieſem Pulver durch ihn erhalten. Rawlins hatte ausgeſagt: „Das erſte Vomitiv, welches Sir Robert Killegrew Mylord gegeben, ſei auf eine Bettpfoſte gelegt worden, da wäre es verloren gegangen. Darauf habe er ein zweites erhalten, und das habe Mylord durch ihn an Sir Thomas Overbury geſandt. Nachmals noch ein drittes, welches Mylord bei Baly entnommen. Aber er habe nie davon gehört, daß Sir Thomas Overbury ge⸗ wünſcht, daß Mylord ihm Pulver ſende.“ Aus Franklin's Verhör: „Er habe ein weißes Pulver verſchafft, welches Gift geweſen, denn Mylady habe es Arſenik genannt. Und dies, wie ihm Mylady nachträglich geſagt, ſei an Sir Thomas Overbury in einem Briefe geſchickt worden.“ Der Angeklagte: Ich denke, man kann Franklin nicht für einen guten Zeugen anſehen. Was die falſchen Datirungen anbetrifft, die man als Inzichten gegen mich anführt, ſo bewog mich Sir Robert Cotton dazu, indem er ſagte: daß die Data damals zu meinen Gunſten ſpre⸗ chen könnten. Lord Northampton ſchreibt nämlich in einem der Briefe, daß er den Lieutenant befördert habe. Seine Meinung dabei, glaube ich, war die, daß er ver⸗ ſuchen ſolle, Overbury zu einem guten Inſtrumente zu machen zwiſchen Lord Suffolk und mir, und zu dem Zwecke, daß die, welche er für ſeine Todfeinde halte, die einzigen Urheber ſeiner Freiheit würden(). Was nun Elvas' Schlußfolgerung betrifft, ſoweit Mylord Northampton am Schluß eines ſeiner Briefe an mich aufzeichnet: daß Tod der beſte Weg ſei, ſo wünſchte ich nur, daß man meine Antworten auf dieſe Briefe auch leſen könnte. Hätte ich irgend gedacht, daß dieſe Briefe 64 Gräfin Somerset und ihr Gatte. Mylord Northampton's für mich gefährlich werden könn⸗ ten, würde ich ſie, aller Wahrſcheinlichkeit nach, doch nicht aufgehoben haben. Was den gerichtlichen Befehl(das Haus nach den Papieren zu erbrechen) anlangt, ſo lag meine Frau mich darum an, wegen der Miſtreß Turner. Parker formulirte ihn, und rieth mir, als königlicher Rath ihn allein zu vollziehen, ohne Andere zuzuziehen; ſonſt würde ich damals Mylord Knowles zugezogen ha⸗ ben, nur weil er auch im Rathe ſaß. Und als ich dieſen Verhaftsbefehl ausſandte, hatte ich kein Geheiß vom Hofe erhalten, wie man vorgibt. Lord⸗Oberrichter: Der ganze Geheimrath in corpore hätte die Abfaſſung eines ſolchen Befehls nicht rechtfertigen können. Lord Somerſet: Mylords, ehe Sie zur Berathung zuſammentreten, erlauben Sie mir, mich und meine Sache Ihnen zu empfehlen. Sowie der König mich zu Ihrem Stande erhoben hat, hat er mich jetzt Ihrem Urtheil unterworfen. Dies iſt ein Fall, der jeden von Ihnen auch betrifft, und deshalb bin ich von Ihnen überzeugt, Sie werden nicht Indicien für Beweiſe nehmen. Thäten Sie das, ſo wäre eines Menſchen Leben ſo gut wie nichts. Zu gleicher Zeit mögen Sie die Trefflichkeit der königlichen Juſtiz erkennen, die keinen Standesunterſchied kennt, indem ſie mich in Ihre Hände liefert zu einem gerechten und billigen Gericht. Was mich betrifft, ſo proteſtire ich hier vor Gott, ich war weder ſchuldig, noch weiß ich um irgend ein Un⸗ recht, das Overbury in dieſer Art erlitt. Ein Mann, der für ſeine eigene Erhaltung beſorgt iſt, mußte ſich ſelbſt ausſprechen. au nn⸗ icht das log ner. her en he⸗ ſen ofe in iht ng che rem heil nen gt. ten wie der ied em ſo er n⸗ Ein ßte Gräfin Somerset und ihr Gatte. 65 Eine Vertheidigung, welche Denen, die an ſeine Schuld geglaubt, keine andere Ueberzeugung beibringen konnte; wahrſcheinlich nur eine Vertheidigung, welche dem Könige, ſeinem Gönner, die Möglichkeit eröffnen ſollte, durch eine Strafverwandlung ihn zu begnadigen. Gleich wie die Anklage nicht Alles ausſprechen durfte, was geſchehen war und Jeder wußte, durfte auch die Vertheidigung nicht über gewiſſe Schranken hinaus. Aber auch bei dieſen Schranken hätte der Earl, wenn er ſich unſchuldig gefühlt, eine andere Sprache geführt. Nachdem der Angeklagte abgeführt war, gab der Lord⸗ Oberrichter eine kurze Ueberſicht der wider ihn ſprechenden Beweiſe und Inzichten. Die Lords zogen ſich zurück, und nachdem ſie wiedergekehrt, erfolgte der Namens⸗ aufruf. Der Lord⸗Oberrichter richtete folgende Frage an den erſt aufgerufenen, und demnächſt an alle folgenden: „Robert Lord Dormer, wie ſagſt Du, iſt Robert Earl of Somerſet ſchuldig der Felonie, als mittheilhaftig an der That, der abſichtlichen Vergiftung und des Mor⸗ des, verübt an Sir Thomas Overbury, welcherhalb er angeklagt und verhört iſt, oder iſt er nicht ſchuldig?“ „Schuldig, Mylord!“ lautete die Antwort des erſten Lords, der aufſtand, den Hut lüftete und ſich dann wie⸗ der niederſetzte. So ſämmtliche Lords. Nur Einer, Lord Norrice, als die Reihe an ihn kam, antwortete:„Schul⸗ dig des Mordes.“ Auf die Weiſung des Oberrichters, daß er nur zu antworten habe, entweder Schuldig oder Nichtſchuldig auf die Frage, ohne alle Zuſätze, ſprach auch er:„Schuldig!“ Hierauf ward der Gefangene wieder vorgeführt. „Mylord Oberrichter“, hub der Kronanwalt an, „Robert Earl of Somerſet iſt angeklagt und zur Unter⸗ 66 Gräfin Somerset und ihr Gatte. ſuchung gezogen worden, als worauf er ſich auf ſeine Peers berufen hat, welche alle, ohne Unterſchied einer Stimme, ihn für ſchuldig erklärt haben. Ich bitte um das Urtheil.“ — Robert, Earl of Somerſet, hebe Deine Hand auf, alldieweil Du biſt angeklagt, zur Unterſuchung gezogen und haſt Dich erklärt für nicht ſchuldig der Theilnahme vor der That an der abſichtlichen Vergiftung und Er⸗ mordung des Sir Thomas Overbury und Dich berufen haſt auf Deine Peers und dieſe Dich für ſchuldig erfunden haben, was haſt Du für Dich ſelbſt zu ſagen und vor⸗ zubringen, damit die Todesſtrafe über Dich nicht aus⸗ geſprochen werde? Lord Somerſet: Das Uurtheil, was über mich ausgeſprochen iſt, muß gerecht ſein. Ich wünſche nur eine Todesart, die meinem Stande entſpricht; denn daß Simcock geſagt hat— — Mylord, das iſt zu ſpät. Sie haben nichts mehr zu Ihrer Vertheidigung zu ſagen, ſondern nur weshalb die Todesſtrafe nicht ausgeſprochen werden ſoll. Lord Somerſet: Alsdann habe ich nichts mehr zu ſagen, ſondern bitte Sie nur demüthig, Mylord Ober⸗ richter und die übrigen Lords, daß Sie ſich beim Könige für mich verwenden, wenn es nöthig ſein ſollte. Der Lord⸗Oberrichter nahm nun den weißen Stab aus Sir Richard Coningsby's Hand und ſprach das Urtheil: — Robert Earl of Somerſet, alldieweil Du biſt an⸗ geklagt, zur Unterſuchung gezogen und ſchuldig erfunden der Theilnahme vor der That an der vorſätzlichen Ver⸗ giftung und Ermordung des Sir Thomas Overbury, ſollſt Du deshalb von hier nach dem Tower geführt werden, und von da zum Platz der Hinrichtung, wo ſei der fü in fi T mi lin V vol wi o un ſih Ve ſil die im wo un ur hr lb r⸗ ge as ⸗ en rh, hrt wo Gräfin Somerset und ihr Gattr. 67 Du ſollſt aufgehängt werden, bis Du todt biſt, und der Herr ſei Dir gnädig. Lord Somerſet: Mylords und Peers, ich erſuche Sie, wie Sie eben meine Richter waren, ſo ſeien Sie auch meine Vermittler. Alsdann brach der Lord⸗Oberrichter den Stab über ſeinem Kopf entzwei, der Gerichtshof ward aufgelöſt und der Gefangene abgeführt. Weſton hatte richtig vorausgeſagt: das Netz war nur für die kleinen Fiſche geſtellt worden, die großen brachen durch. Lord und Lady Eſſex wurden beide vom Könige in der Art begnadigt, daß ihre Todesſtrafe in eine Ge⸗ fängnißſtrafe verwandelt ward. Sie, die Urheber der That, die, zu deren Vortheil ſie begangen ward, büßten mit einer gelinden Strafe— ſie ward ſpäter noch ge⸗ linder— während auf die Werkzeuge ihres übermüthigen Willens, die Turner, Franklin, Weſton und Elvas, die volle letzte Strafe des Geſetzes gefallen war. Ja, es ge⸗ winnt den Anſchein, als habe man dieſe vier raſch und vor Beendigung der ganzen Unterſuchung hingerichtet, um damit die Blutſchuld vor den Augen der Nation zu ſühnen, und wenn es an die Beſtrafung der vornehmen Verbrecher komme, ſagen zu können: es iſt ja ſchon genug Blut um die eine Blutſchuld gefloſſen. Ueber der That, ihren Motiven und Dem, was darauf folgte, ruht, trotz aller Details in den vor uns bis in die Minutien aufgerollten Gerichtsverhandlungen noch immer ein Dunkel, was man damals nicht wegſcheuchen wollte und durfte, ſpäter nicht mehr konnte. An der That und der Schuldbarkeit der Thäter iſt kein Zweifel er⸗ laubt, und die Frage, ob die Mehrſchuld auf Seiten der 68 Gräfin Somerset und ihr Gatte. Lady oder auf der ihres Gatten liegt, pſychologiſch von großem Intereſſe, war es kaum vor dem Gericht um die Straffälligkeit zu beurtheilen. In einem oder dem an— dern Falle iſt ſie gleich groß vor dem Forum menſchlicher Gerichtsbarkeit. Aber die Frage windet ſich und fließt unwillkürlich in eine andere über: Wenn Lord Somer⸗ ſet nicht allein auf Inſtigation einer rachedürſtenden ſanguiniſchen Frau, ſondern auch in eigener Berechnung für ſeine Sicherheit das Verbrechen intendirte und prä⸗ parirte, um einen Zeugen und Mitwiſſer Deſſen, was Keiner wiſſen durfte, aus der Welt zu ſchaffen, in wel⸗ chem Verhältniß ſteht dann zu ihm und zu der That der König? Die That an und für ſich, und ſelbſt die angewandte Intrigue, ſteht keinesweges einzig da und unerhört in der Geſchichte. Die grauenvolle Moral in der Politik: Die heimlich aus der Welt zu ſchaffen, deren Wiſſenſchaft und Mund den Mächtigen von unvermindlichem Scha⸗ den ſein konnte, die zu allen Zeiten wol heimlich auf⸗ taucht, daß ein Verbrechen in salutem rei publicae kein Verbrechen mehr ſei, war in jener Zeit, mit und ohne Jeſuiten, durch Wort und That ziemlich laut aus⸗ geſprochen. Dolch und Gift waren von den ſüdlichen Spitzen Italiens und Spaniens durch Frankreich und die Niederlande bis in das Herz von England in Be⸗ wegung geſetzt und in den letzten Decennien in lebhafter Thätigkeit, um die Fürſten, Helden und Heldinnen der neuen Lehre zum Beſten der guten alten Sache aus der Welt zu ſchaffen. Wenn auch die Oranier, Heinrich IV., Eliſabeth, Scheu trugen, Gleiches mit Gleichem, zu ver⸗ gelten, ſo war die moraliſche Entrüſtung über jene Thaten doch noch nicht von ſolcher reinigenden Kraft, daß Jeder ſich entſetzt von dieſen Praktiken abgewandt hätte. Im Ge aut wo P un un hei (in m tit del en nd e⸗ ter der der er⸗ ten der Im Gräfin Somerset und ihr Gatte. 69 Gegentheil, die Lehre fand auch hier Eingang, und wenn auch nicht überall fruchtbaren Boden, doch ein Fleckchen, wo das Saatkorn aufging. Shakſpeare läßt Juliens Verwandte zu dieſer, um ſie zu beruhigen, ſagen, die Familie habe ſchon für Gift oder einen Banditen geſorgt, um die ihr angethane Schmach an Romeo zu rächen, und wiewol die Intention nicht gebilligt, noch gut ge— heißen wird, erregt es doch nicht die Entrüſtung, die eine derartige Mittheilung heut machen würde. Der Dichter ſpricht eben nur aus, was ſeiner Zeit nicht un⸗ gewöhnlich war. Und bemerke man wohl, Shakſpeare lebte, während das hier vorliegende Verbrechen verübt, ruchbar und abgeurtheilt ward. Eine Lady Frances So⸗ merſet und ihr Gatte hätten ihm neue, wunderbare Mo⸗ tive zu einem modernen Macheth geliefert. Wenn ein Shakſpeare dieſe Charaktere uns reproducirt hätte, wür⸗ den wir aus der Dichtung die Wahrheit der That und der handelnden Perſon leſen, welche uns die Acten nur errathen laſſen. Zwar vor Gift ſcheute man ſich in Eng— land, als vor einer„italieniſchen“ und„papiſtiſchen“ Praktik; aber durch den Stahl, mit einer gewiſſen rohen Förmlichkeit und Oeffentlichkeit einen gefährlichen Gegner, Mitwiſſer aus dem Wege zu räumen, ſchien nicht un⸗ erlaubt, wenn es zum Beſten„der guten Sache“ ge⸗ ſchah, und die gute Sache iſt zu allen Zeiten ein dehn⸗ barer Begriff geweſen. Man miethete nicht gerade Ban⸗ diten, die hinterrücks einen Dolch, vielleicht gar einen gläſernen, dem Opfer ins Herz ſtießen, aber man warb, um doch etwas ritterlich zu bleiben, Raufbolde mit er⸗ prüftem Arm und Klinge, die ein Rencontre mit dem Verfehmten ſuchen und ihn ſtumm machen ſollten. Solche käufliche Raufbolde ſpielen unter den Stuarts in Eng⸗ land eine nicht unbedeutende Rolle, wenn auch nicht Alle 70 Gräfin Somerset und ihr Gatte. die freche Größe eines Oberſten Blood erreichten. In Romeo und Julie gibt uns Shakſpeare wieder ein an— ſchauliches Sittenbild ſeiner Zeit, wie dieſe Raufbolde den Streit anfingen, wenn auch nicht Alle in der Wirk⸗ lichkeit ſo galant und humoriſtiſch auftraten, als ſein Mercutio. Daß dieſe Art, gefährlicher Subjecte ſich zu entledigen, für etwas nicht Unehrenhaftes galt, ſehen wir aus dieſem Proceſſe ſelbſt. Man fing damit an, einen Raufbold gegen Overbury loszuhetzen— für Bezahlung, und wäre der Unglückliche auf dieſe Weiſe gefallen, wäre die Sache ganz in der Ordnung geweſen, wie denn So⸗ merſet ſich auch gar nicht ſcheute, offen vor Gericht ein⸗ zugeſtehen,„daß man bei Hofe beſchloſſen, Jemand gegen Overbury loszulaſſen, und daß der Beſchluß nur nicht zur Ausführung gekommen.“ Daß ein auf ſo ſchwindelnde Höhe des Glücks raſch emporgehobener Günſtling, der ſich ein alter ego des Königs dünken konnte, vor dem Gedanken nicht zu⸗ rückſchreckte, einen Dritten, der ſeine Stellung und ſein Glück zerſtören konnte, durch welches Mittel es ſei, der guten Sache wegen, aus der Welt zu ſchaffen, hat, wenn wir Zeit und Verhältniſſe ins Auge faſſen, nichts Be⸗ fremdendes. Er, ſeine Gattin, deren Oheim, ein Mann im höchſten Stand, Würden und Jahren, Lord Northamp⸗ ton, ſcheinen darüber keinen Augenblick in Zweifel gewe⸗ ſen zu ſein: Overbury war durch ſeine Wiſſenſchaft ihrer Sache gefährlich, er war ein Mann, den man nicht in dauernder Abhängigkeit und Unterthänigkeit erhalten konnte, im Gegentheil von ſprudelndem übermüthigen Geiſte und klug, alſo mußte er fort, wenn ſie nicht fort wollten. Man richtete ihn, und zog anſcheinend ſogar ein ganzes Collegium von untergeordneten Perſonen da⸗ bei zu Rath und debattirte mit ihnen die Ausführung. Gt vot hi n rt Gräfin Somerset und ihr Gattr. Nachdem die Nothwendigkeit der That feſtgeſtellt war, kam nur die eigene Sicherheit in Frage, daß man nichts für ſich ſelbſt dabei riskire. Von den vielen untergeord⸗ neten Perſonen hatte man nichts zu beſorgen, ſie dienten Dem, der des Königs Willen vertrat. Aber hatten ſie nicht vor dem Könige ſelbſt Rückſichten?— Hier ſtoßen wir auf eine Dunkelheit. Dieſer Jakob, der einen an— geſehenen Mann in den Tower ſperren ließ, allein weil er das königliche Anſehen durch deſſen abſchlägliche Ant⸗ wort für beleidigt hielt, hätte, kraft ſeiner von Gott ſtammenden Königsmacht, ſich auch im Recht gewähnt, denſelben Mann, wenn er die Ueberzeugung der Somer⸗ ſets hatte, daß er gefährlich, ein Verräther ſei, und ein anderer Ausweg mislich und unthunlich erſchien, wie die Somerſets gethan, zu richten und aus der Welt zu ſchicken. Was der König thut, iſt gut gethan, denn es kommt von Gott. Der König iſt der höchſte Richter. Die Doctrin von der göttlichen Macht der Könige näherte ſich ihrer Giftblüte, und nur vor Gift würde ſich Jakob geſcheut haben, weil es eine„papiſtiſche Praktik“ war. Aber die Somerſets? Robert Karr, ein übermüthiger taumelnder Jüngling— er durfte etwa 24 bis 26 Jahr alt ſein— hieß der König nicht Alles gut, was er that? Konnte er zweifeln, daß, wenn er dem Könige die Sache vor⸗ trug, wie er ſie anſah, derſelbe auch dieſe That, wie andere, billigen würde. Möglich auch, daß er ſchon in dieſer Weiſe gegen ſeine Helfershelfer verfahren, daß er wenigſtens gegen den Towercommandanten Elvas einen königlichen Willen hatte vorſpiegeln laſſen. Und zwei Jahre nach der That konnte er ſich ſicher dünken, obgleich in allen Straßen und Schenken von dem Verbrechen und ſeinen Urhebern geflüſtert ward? Warum? Weil er ſich ſelbſt ein anderer, ein kleiner König 72 Gräfin Somerstt und ihr Gatte. dünkte. Weil nichts ohne ihn zum König drang, weil, wenn es geſchah, er ſich feſt in ſeinem Vertrauen wußte und der Sache die Wendung, den Anſtrich geben zu können glaubte, welche Gefahr von ihm abwandte. Und war dies ſo undenkbar! Er war ein Schatten des Königs, aber der König von ihm abhängig— er wußte um alle ſeine Heimlichkeiten, vielleicht noch um etwas mehr. Der König konnte, ſo glaubte er, ihn nicht fallen laſſen. Aber auf etwas hatte er nicht gerechnet, daß ein neuerer, jüngerer, ſchönerer Günſtling als Rival auftre⸗ ten, ihm die Gunſt ſtehlen würde. Erſt als George Villiers, nachmals Herzog Buckingham, im Beſitz der vol⸗ len Gunſt des Königs war, wagte das Gerücht aus dem Flüſtern in laute Rede überzugehen. Erſt da erhob ſich die Anklage und erſt unter einem neuen Miniſtergünſtling war es möglich, den vorigen wegen eines Verbrechens zu belangen! Noch auf etwas hatte er nicht gerechnet— daß König Jakob keinen Spaß verſtand, wo von papiſtiſchen Ver⸗ brechen die Rede war. Wenn man ein Verbrechen recht ſchwarz malen, wenn man es ſicher beſtraft wiſſen wollte, mußte man es als ein papiſtiſches darſtellen. Das Ver⸗ giften galt zu jener Zeit in England als eine„italie⸗ niſche, römiſche, hölliſche, papiſtiſche“ Praktik; dieſe konnte Jakob nicht vergeben. Ein Biograph König Jakob's und ſeines Hofes, Sir Anthony Welden, erzählt in ſeiner Schrift: Als der König, gerade in Royſton, von der Vergiftung Over⸗ bury's die erſte Nachricht erhalten, habe er augenblicklich alle(²) Richter zu ſich kommen laſſen, und ſei in ihrer, ſeiner Lords und Diener Mitte auf die Knie gefallen, indem er dabei folgende Worte geſprochen: „Mylords, Richter! erſt ſpät iſt es mir zu wiſſen gekommen, daß Ihr eine Unterſuchung gehabt in Betreff ine Lag dus zu ſe gef in lich ſtte lich El Je Fl beg Na ch 9 wer lw n ere 3 hn ſin Ud delr wor gu wei dun ie der er⸗ ich er, en, ſen uf Gräfin Somerset und ihr Gatte. 73 einer Vergiftung. Herr, mein Gott, in welcher kläglichen Lage muß dein Königreich ſein(das Volk berühmt als das gaſtlichſte in der ganzen Welt), wenn unſere Tafeln zu Schlingen werden, wo Niemand mehr ohne Gefahr eſſen kann, und— unter uns jene italieniſche Sitte ein⸗ geführt! Deshalb gebe ich Euch auf, ſo wahr Ihr es einſt zu verantworten habt an dem großen und ſchreck⸗ lichen Tage des Gerichts, daß Ihr die Sache aufs ſtrengſte unterſucht, ohne Gunſt, Neigung und Partei⸗ lichkeit. Und ſolltet Ihr zaudern vor dem Schuldigſpruch in dieſer Sache, dann blitze Gottes Fluch auf Euch und Eure Nachkommenſchaft herab. Und rette ich irgend Jemand, der für ſchuldig erfunden ward, ſo blitze Gottes Fluch auch auf mich und meine Nachkommenſchaft.“ König Jakob hat dennoch die Lady und den Lord begnadigt. Die Blitze von Gottes Fluch haben ſeine Nachkommenſchaft getroffen. Lord und Lady wurden, nachdem ſie einige Zeit im Gefängniß geſeſſen, entlaſſen; ſie erhielten, ſtatt der ihnen abgenommenen Güter, eine königliche Penſion, bis So⸗ merſet allmälig wieder den größten Theil ſeines ſo ſchnell erworbenen Eigenthums zurückerhalten. In einem ent— fernten Winkel Englands lebte er zurückgezogen und erreichte ein hohes Alter. Zuweilen beſuchte ihn bei Jagdausflügen König Jakob, nie aber ſein Sohn, König Karl I. Trotz jener hohen Gunſt, trotz dem, daß er faſt ſein ganzes Vermögen zurückerhalten, hielt er ſich für undankbar behandelt, zurückgeſetzt, und ſpielte den Fron⸗ deur. Es exiſtirt eine Eingabe von ihm an den König, worin er gegen dieſen über Verzögerungen in ſeinen An⸗ gelegenheiten klagt und in einer verſchrobenen Schreib⸗ weiſe ſich auf ſeine Unſchuld beruft. Die Schrift iſt ſo dunkel gehalten, daß viele Stellen ganz ſind. XX. 74 Gräfin Somerset und ihr Gatte. Konnte er ſich wirklich für unſchuldig halten, oder war es nur ein relativer Glaube, hervorgerufen durch die Schuld, welche in ſeinen Augen der König gegen ihn begangen?— Hierüber ſchweigen alle Quellen. Die Gerichtsverhandlungen beſagen nicht mehr, als was wir aufgenommen haben. In der Geſchichte fehlt uns ein Mac Aulay, der die innern Fäden und Verzweigungen dieſes Criminalfalles aufdeckt. Hume geht mit ziemlich glatter Feder über das wichtige Ereigniß weg, er glaubt an die Schuld des Lords, entſchuldigt aber den König, daß er ihm trotzdem Gnade widerfahren ließ, weil— es doch viel von einem Monarchen gefordert heiße, einen Günſtling und ſeine Gattin, die ihm Beide ſo nahe ge⸗ ſtanden, die doch lange Jahre an ſeine Exiſtenz geknüpft geweſen, auf das Schaffot zu ſenden! Gegen den Auf⸗ ſchrei der Entrüſtung von Millionen, welche die will⸗ fährigen Werkzeuge des Mordes mit der ſtrengſten Strafe belegt, aber die vornehmen Urheber und Anſtifter mit milder Haft und Ausweiſung davonkommen ſehen, braucht er beſchönigende Worte, ſeine eigene Rüge nur für den Umſtand aufſparend, daß dem Mode⸗ und Partei⸗ geiſt das Verbrechen an und für ſich noch nicht ſchrecklich genug geweſen, und er es verſchärfen zu können geglaubt, indem er es ein papiſtiſches taufte. Welche Geheimniſſe es waren, deren Mitwiſſer Somerſet geweſen, die er im letzten fürchterlichen Augenblick verrathen können, und um derenwillen der König ihn ſchonen müſſen, die es end⸗ lich erklärlich machen, daß Somerſet bis zu ſeinem letzten Augenblicke eine merkwürdige Inſolenz zeigte— ja noch bis kurz vor der Anklage hatte er ſie offen zur Schau getragen, und geradezu erklärt, er halte es für unmöglich, daß ihn der König vor Gericht ſtelle— über dieſe Ge⸗ heimniſſe weiß auch Hume ſo wenig als ein Anderer ch hn ie rir ein en ich bt ig, ſen ge pft uf⸗ ill⸗ afe ter en, nur tei lich bt, iſſe im um nd⸗ ten och hau ich, Ge erer Grüfin Somerset und ihr Gatte. 75 etwas zu ſagen.— Ueber den Verdacht hinſichts eines andern Verhältniſſes zwiſchen Jakob und ſeinem Günſt⸗ linge ſpringt er, officiell ungläubig, hinweg. Unſers Wiſſens ſpricht auch kein Hiſtoriker ſich darüber aus. Aus den Mittheilungen in Geſandtſchaftsberichten jener Zeit wird die nahe liegende Vermuthung aber beſtärkt. Aus einer gleichzeitigen Handſchrift in der Bibliothek zu Paris, aus der Fr. v. Raumer in ſeinen„Briefen aus Paris“ Mittheilungen macht, erfahren wir noch fol⸗ gende zur Charakteriſtik der handelnden Perſonen in⸗ tereſſante Züge. Hiernach wäre Robert Kerr, als er 1609 das Bein brach, ſchon 4 bis 5 Jahre Valet de Chambre des Kö⸗ nigs geweſen. Jener Beinbruch des jungen Menſchen habe aber plötzlich das Mitleid und Intereſſe Jakob's auf ihn gelenkt. Overbury wäre im Anfang nicht ſein Günſtling, ſondern geradezu ſein Gönner, und er wäre es geweſen, der ihn vorgeſchoben, pouſſirt und eigentlich angelernt habe, um königlicher Günſtling zu werden. So bewirkte er, daß er die Laute vortrefflich ſchlagen lernte. Frances Howard's(Lady Eſſex', dann Lady Somer⸗ ſet's) Charakter bedarf nach den Zügen, welche Acten und Geſchichte von ihr liefern, kaum noch eines Commen— tars. Jene Handſchrift ſagt von ihr, daß ſie ſchon ihrem erſten Mann, Lord Eſſer, zwei bis drei Mal Gift ge⸗ geben, um ihn los zu werden(2). Er ſtarb nicht, verlor aber Haare und Nägel und bekam einen übelriechenden Athem, wodurch er ihr noch mehr zuwider ward. Ihre Scheidung war doch nicht ganz ſo leicht, als Hume ſie darſtellt, denn der Erzbiſchof von Canterbury widerſetzte ſich derſelben mit allem Eifer, bis des Königs Wille durchdrang. Dieſer hatte mit überſchwenglicher und ver⸗ ſchwenderiſcher Großmuth ſeinen SWn n vorher a 76 Gräfin Somerset und ihr Gatte. bedacht. Im Ganzen ſoll er dem unbedeutenden jungen Menſchen während der Zeit ſeiner Gunſt nicht weniger Güter als für eine Million an Geldeswerth zugewandt haben. Die Hochzeit ward mit ungeheurem Aufwand ausgeführt. Allein die Krone der Braut war 400,000 Thlr. werth. Frances ließ ſich mit fliegendem Haar, wie eine Jungfrau, trauen(der deutſche Brautkranz), trotzend auf die gerichtliche Unterſuchung durch die Matronen, welche ſie, oder das untergeſchobene Mädchen, als Jung⸗ frau erkannt hatten. Aber Jedermann wußte, daß Ro⸗ cheſter-Somerſet bereits zwei bis drei Jahre aufs intimſte mit ihr gelebt hatte, und Eſſex, ihr geſchiedener Mann, ſagte unverhohlen zu Jedem, der es hören wollte ſeiner Frau hätten ein Dutzend Männer noch nicht genügt. Overbury nannte ſie in dem Geſpräch, in welchem Ro⸗ cheſter ihm ſeinen Willen, Frances zu heirathen, mit⸗ theilte, geradezu eine Hure. Es iſt nicht unintereſſant, zu hören, daß die Ver⸗ geltung, welche der Arm des Königs aufhielt, von der Seite hereinbrach, wo keines Königs Arm ſtark genug iſt, ihre Wirkung zu hemmen. Beide Gatten lebten in gänzlicher Zurückgezogenheit, fern von alle dem, was ihnen ehemals Luſt und Vergnügen gemacht. Sie waren auf ſich angewieſen. Sie fanden da nichts mehr, was ihnen Luſt gewährte; die Sinnenglut war bis auf die Hefen aufgezehrt. Er war, wie uns angedeutet iſt, ein ganz unbedeutender Menſch, dem nur die Jugend Springfedern des Geiſtes gegeben, der Andere feſſelt. Er war gelähmt, mürriſch, ein Hypochonder, der an kleinen Erinnerungen nagte, mit ſich und der Welt unzufrieden, ſich in ein Syſtem des Glaubens an ihm widerfahrenes Unrecht hineingelogen, und an dieſem Altar opfernd, Andern immer unausſtehlicher werden mußte.— Sie, es wird en ger idt er⸗ der ug in nen auf nen fen anz ern mt, gen ein echt ern ird Gräfin Somerset und ihr Gatte. 7 uns nicht geſagt, aber Vieles ſpricht dafür, war ein be⸗ deutendes Weib, von dämoniſchen Leidenſchaften ge⸗ ſchüttelt. Wo die weitern und höhern Kreiſe ihr ver⸗ ſchloſſen waren, warf ſie ſich auf die gemeinſte Befrie⸗ digung ihres Sinnenkitzels. Beide, eben ſo glühend, als ſie vorher ſich geliebt, haßten ſich jetzt; in dem Hauſe, deſſen Dach ſie gemeinſchaftlich verbarg, lebten ſie wie Fremde, keiner ſah den andern in den letzten Jahren ihres Lebens. Sie ſtarb viele Jahre vor ihm, nach den Mitthei⸗ lungen von Zeitgenoſſen, eines grauenvollen Todes, die Folge einer ſchlechten Krankheit, die, wie ein höhniſcher Memoiriſt ſagt, ihr die letzte und einzige Luſt, welche das alternde Weib noch kannte, in den letzten 12 Jahren ihres Daſeins unmöglich machte. Aber die Schuld der Aeltern ging nicht als Fluch auf ihre Kinder über. Sie hatten nur ein Kind, eine Tochter, Anna. Dieſe ward nachmals an William, Earl, ſpäter Herzog von Bedford, verheirathet. Sie war eine Dame von ausgezeichneter Tugend und Frömmigkeit, und— was an Wunder grenzt— ſolche ſchonende Sorgfalt übte man in ihrer Umgebung, daß ſie nichts zu leſen und zu hören bekam, daß man alle: ruckſchriften und Papiere, das Geklätſch der Dienſtleute und Beſucher von ihr fern hielt und ſie in hohem Alker ſtarb, ohne nur eine Ahnung davon zu haben, in welcher Schande ihre Mutter gelebt hatte. Grat Bocarmè und seine Gattin. 1850— 1851. Im Hennegau, auf ihrem Schloſſe von Burh, ſpeciell genannt Bitremont, lebte der Graf und die Gräfin Bocarmé, ein junges Ehepaar, deſſen Wirthſchaft, Trei⸗ ben und Schaffen viel von ſich reden machte, ein Gerede, nicht geeignet, die Achtung zu erhalten und zu erhöhen, welche dem einſt ſo mächtigen Adel der Niederlande noch jetzt in Belgien, trotz der demokratiſchen Conſtitution, ein ſo bedeutendes Anſehen und Uebergewicht verſchafft. Der Graf, aus einem der erſten Geſchlechter des Henne⸗ gau, war in Indien geboren, als Jüngling in Amerika, in den Arkanſa ehr unter Wäldern und Wilden als unter civiliſirten Menſchen erzogen und groß geworden. Man fabelte, von einer Löwin geſäugt, habe er ihre Wildheit aus der Ammenmilch ins Leben mitgenommen. Später erzählte man ſich, daß der und jener geſagt, er halte ihn jeder That fähig, ja die eigene Mutter habe gefürchtet, ihr Sohn werde noch einſt vor den Schranken des peinlichen Gerichtes ſtehen. Gewiß war, er hatte ſich von je an als Sonderling gezeigt, ein ſonderbar ausgelaſſenes Leben geführt und röt in der Ehe fort; tiell äfin rei⸗ de, hen, och ion, nne⸗ ike, als den⸗ ihte nen. et habe nken atte rbot orti „ Graf Bocarmt und seine Gattin. 79 gewiß auch, daß er durch Verſchwendung ſein Vermögen vergeudete, und ſeine Gattin, die Tochter eines begüter⸗ ten, wie es hieß, ſehr reichen Kleinhändlers aus der Nachbarſchaft, weniger aus Leidenſchaft und Neigung, als aus dem Grunde geheirathet, oder an ſie verheirathet worden, der bei heruntergekommenen adeligen Familien mit dem techniſchen Ausdruck entſchuldigt wird: c'était pour fumier ses terres. Die Gräfin Lydie, geborene Fougnies, war als eine excentriſche junge Dame bekannt, in Manchem ihrem Gat⸗ ten ähnlich; wenn auch nicht wild ausſchweifend wie er im phyſiſchen, doch auf dem pſychiſchen Gebiete. Voll Hang nach Vornehmſein und Auszeichnung, hatte ſie den Edelmann ebenfalls weniger aus Neigung, als aus. Luſt nach einem glänzenden Namen geheirathet. Mit dem glänzenden Namen ſollte ſich ein glänzendes Leben ver⸗ binden; ſie daher, ward behauptet, ſei die eigentliche Seele der Verſchwendung in der Haushaltung geweſen. Nervös, leicht aufgereizt, heftig, einer Paſſion oder Mode⸗ ſucht, dem, was die Franzoſen Romantik nannten, zu⸗ geneigt, ſelbſt dilettirend im Schriftſtellerthum, in Brief— wechſel mit Eugene Sue und andern Schriftſtellern ähn⸗ licher Richtung, war ſie mit ihrem Gatten, Beide gleichen Alters, oft in Uneinigkeit und heftigem Zwiſt; aber gleiche Neigungen zu einem ungeregelten, verſchwenderiſchen Leben ſcheinen der Kitt geweſen zu ſein, der das lockere, oft zerriſſene Band wieder zuſammenknüpfte. Der Kinder⸗ ſegen hatte nichts gewirkt, die wilden Geiſter abzuſchlei⸗ fen, die Phantaſien zu mildern, noch die Eintracht unter den Aeltern ſelbſt herzuſtellen. Der Graf hatte Maitreſſen innerhalb und außerhalb des Hauſes, die zahlreiche weib⸗ liche Dienerſchaft war ſeinen Nachſtellungen mit und ohne Erfolg ausgeſetzt, ein uneheliches Kind, dem er mit Zärt⸗ 80 Graf Bocarmt und seine Gattin. lichkeit anhing, war in das Haus eingeſchmuggelt, dann fortgeſchickt, um wieder eingeführt zu werden. Zuweilen nur ſcheint die Gräfin von den Launen der Eiferſucht ge⸗ plagt worden zu ſein; vielleicht ebenfalls in einer genialen Laune fügte ſie ſich dann in das Unabänderliche und ſpielte mit dem, was ſie, wenn ein tieferer ſittlicher Grund in ihr geweſen, hätte von ſich weiſen müſſen. Aber ſie erſcheint nur als das verzogene Kind reicher Aeltern, die gewohnt, daß man ihren Launen fröhnte, nur den Eigen⸗ ſinn und die Anſprüche ihrer Jugend in das vornehme Haus mitgebracht, zufrieden, wenn man ihren Gelüſten nachkam, außer ſich, wenn ſie Widerſtand fand. So begegneten ſich und paciscirten Schuld und Schuld, was aber nicht hinderte, daß Graf und Gräfin ſich auch, buch⸗ ſtäblich geſprochen, in den Haaren lagen. Er ſtieß, ſchlug ſie, zerrte ſie auf der Erde, es floß ſelbſt Blut, und den⸗ noch finden wir in dem grauenvollen Trauerſpiele, welches die Augen der ganzen gebildeten Welt mit Entſetzen auf ſie lenkte, Beide wieder in fürchterlicher Eintracht zur Begehung eines Verbrechens, von dem ihr beiderſeitiger Vortheil, ihr Wohlbehagen, vielleicht ihre Exiſtenz abhing. Was nach und während des Proceſſes über Beider Leben und Antecedentien ſich ermittelt hat und dann, Fabel mit Wahrem vermiſcht, durch die Zeitungen lief, werden wir nach der Proceßgeſchichte mittheilen. Das Obige iſt das Reſumé Deſſen, was aus den erſten Ver⸗ handlungen theils als ausgeſprochen, theils als Vermu⸗ thung in die Augen ſpringt und durch jene ſpätern Ermittelungen beſtätigt wird. Auf einem alten prächtigen Feudalſchloſſe mit breitem Sumpfgraben und Thürmen, deſſen Inneres aber Lydie zugleich moderniſirt und elegant ausgeſchmückt hatte, lebten ſie umgeben von einem ganzen Troß Dienerſchaft Graf Bocarmt und seine Gattin. 81 in den Tag hinein, verſchwenderiſch für die Mittel, welche man ihnen nachrechnete. Sein Vermögen beſtand nur in dem ererbten Beſitz dieſes gewaltigen Steinhaufens mit immer verminderten Ländereien darum; ſie, als ihr Vater geſtorben, war nicht die reiche Erbin, die man nach dem Luxus und der Oſtentation des alten Fougnies vermuthet. Bei der tollen Wirthſchaft beider Ehegatten mußte, wenn nicht Alles, doch ein guter Theil ihrer Erbſchaft ſchon drauf gegangen ſein. Man hatte nachher längſt gewußt, daß ſie nicht allein Güter und Pretioſen verkauft, ſondern ſelbſt Kleider verpfändet hatten, um in ihrer Weiſe gedankenlos fortzuleben. Man hette aber auch gewußt, daß ſie nicht ganz ſo gedankenlos der Zu⸗ kunft entgegenſähen, welche ihrer Herrlichkeit plötzlich ein Ende machen konnte, ſondern daß ſie auf einen ſichern Erbanfall rechneten. Der Vater der Gräfin hatte nur zwei Kinder bei ſeinem in den vierziger Jahren erfolgten Tode hinter⸗ laſſen. Lydie's Bruder, Guſtav, war aber ein kränk⸗ licher, ſchwächlicher Menſch, mit einem amputirten Fuße, der noch nicht ganz geheilt war, auf Krücken gehend; in jedem Sinne, dachten ſie, und Viele mit ihnen, ein Todescandidat. Starb er, ſo fiel ſein geretteter Vermö⸗ gensantheil an die Gräfin. Da erfuhren die Eheleute, daß dieſer ihr Bruder und Schwager an eine Verhei⸗ rathung denke. In der Familie Fougnies herrſchte eine erb⸗ liche Krankheit, die Sucht nach adliger Qualität. Schon vom Großvater beider Geſchwiſter wußte man, daß er ſich Baron unterſchrieb, als er nach der erſten franzöſiſchen Revolution einige Lehngüter einer alten Familie ange⸗ kauft hatte. Lydie's Vater, zuerſt Kaufmann, dann Brauer, lebte als Seigneur, und verlangte, als ſolcher geehrt zu werden. Wie Lydie dem Abkömmlinge eines 82 Graf Borarme und seine Gattin. alten Geſchlechtes, um ſeiner Geburt willen, die Hand reichte, ſo wollte der einbeinige, kränkliche und ſchwächliche Guſtav die Tochter eines andern alten, heruntergekom⸗ menen Geſchlechtes heirathen, um— mit mehr Recht und Anſprüchen auf ihrem alten Stammſitz, den er er⸗ worben, zu ſitzen. Er hatte die dem Grafen Dudzeelen zugehörige Herrſchaft und Schloß Grandmetz gekauft und ſich darauf mit Demoiſelle de Dudzeelen, die noch auf dem Schloſſe ihrer Ahnen lebte und hinaus ſollte, ver⸗ lobt. Die Dame, ſcheint es, hatte zugegriffen, um nicht aus dem alten Hauſe ihrer Väter vertrieben zu werden. Die Bocarmes hielten es für eine Thorheit, eine unver⸗ antwortliche Phantaſie und ſuchten ihn von dem Ge⸗ danken abzubringen. Aber Guſtav ließ ſich nicht ab⸗ bringen, er machte vielmehr vollen Ernſt mit dieſer Ver⸗ bindung, welche auf einmal alle Hoffnungen der Eheleute, aus ihren Verwickelungen loszukommen, abſchneiden ſollte. Sie zürnten ihrem Bruder und Schwager, mit dem ſie außerdem oft in Zwietracht und offenem Streite gelebt hatten, was indeß auch hier nicht andere gegenſeitige Vertraulichkeiten, gemeinſchaftliche Geſchäfte und Beſuche, die ſie ſich abſtatteten, ausſchloß. Am 20. November 1850 war Guſtav Fougnies zum Beſuch auf Schloß Bitremont geweſen. Folgenden Tages erhielt ſeine Braut plötzlich durch mündliche Beſtellung die Nachricht von der Gräfin, daß ihr Bruder, der Bräu⸗ tigam, plötzlich am vorigen Abend, als er eben abfahren wollen, vom Schlage gerührt, geſtorben ſei. Guſtav Fougnies blieb todt, ſein Schatten aber lebte und ſprach nur zu laut und deutlich für Alle. Es war ein wüſtes Umherirren und Treiben auf dem Schloſſe geweſen, man hatte ſeltſame Stimmen, Aufſchreien in der Nacht gehört, der Zuſtand der Leiche war von merk⸗ Graf Bocarmt und seine Gattin. 83 würdigen Symptomen begleitet, das Benehmen des Grafen und der Gräfin war noch auffälliger, die Dienſt⸗ leute ſahen ſich ſtumm mit fragenden Blicken an, ſie waren zum Ortsgeiſtlichen gegangen, um ſich Rathes zu erholen, und das Reſultat war, daß ſchon am 22. No⸗ vember eine gerichtliche Deputation auf Schloß Bitremont eintraf, eine Unterſuchung der Oertlichkeit, eine Beſichti⸗ gung der Leiche vornahm, die Schloßbewohner ſumma⸗ riſch vernahm und in Folge deſſen den Grafen und ſeine Gattin verhaftete. Nie iſt ein Verbrechen dieſer Art mit ſo dämoniſcher Frechheit begangen worden, mit ſo genialem Hinwegſetzen über die calculatoriſche Klugheit, welche die Möglichkeiten der Möglichkeiten berechnet, um einer Entdeckung entgegen zu bauen, dabei aber oft, während ſie das Mauſeloch verſtopft, die Thür offen läßt. Die That, dürfen wir annehmen, war längſt voraus beſchloſſen, ſie war auf das künſtlichſte, umſtändlichſte vorbereitet, und doch war ſo wenig geſchehen, um einen Schleier darüber zu werfen. Wie ein Libertin, berauſcht von ſeinem Frauenglück, der kleinen gewinnenden Künſte nicht mehr zu bedürfen glaubt, ſtürmte der Mann auf ſeine Eroberung los, ſeiner glück⸗ lichen Hand vertrauend, und dem Verdachte ſtolz die Stirn bietend, hatte er ſich nur gegen den Beweis gewappnet. Ohne Moral und Religion, ſtand Graf Bocarmé längſt über dem Sittengeſetz; der Ruf, die Meinung der Leute waren Dinge, die ſeiner tyranniſchen Willenskraft weichen mußten, und nur die formellen Handhaben und Schlingen des Geſetzes hatte er ſcharf ins Auge gefaßt, und die Mittel ſtudirt und präparirt, von denen er glaubte, daß ſie ihm ein ſicherer Compaß durch dieſe Klippen wer⸗ den ſollten. Bald wußte man weit und breit: ſie hatten den 84 Graf Bocarmt und seine Gattin. Bruder und Schwager ins Schloß gelockt, er hatte den Tag bei ihnen verbracht. Nach dem Mittageſſen, als es dunkelte, hatte man die Dienſtboten, welche Licht bringen wollten, fortgeſchickt, andere in auffälliger Weiſe entfernt, man war darauf über den Unglücklichen her⸗ gefallen, ſein Schreien um Hülfe dder Gnade hatten Einige gehört, er hatte ſich gewehrt und war endlich umgebracht worden, nicht durch Erwürgung, ſondern durch ein ihm gewaltſam in den Mund gegoſſenes Gift. Man wußte auch, daß der Graf dieſes ätzende Gift ſchon lange vorher künſtlich bereitet; ſeine Spuren fanden ſich im Halſe und in der Lunge des Todten. Es war auch dann auf den Mörder ſelbſt geſprützt, und dieſer hatte Angſt empfunden, daß er ſelbſt vergiftet ſei. Graf und Gräfin leugneten die Thäterſchaft, und behaupteten, der Unglückliche, immer ſchwacher Geſundheit, ſei, von einem Schlaganfall getroffen, niedergeſunken, alle Hülfe aber zu ſpät geweſen. Später kam noch ein anderer Grund zum Vorſchein, eine Selbſtvergiftung. Man hielt beide Ehegatten für betheiligt an dem Verbrechen und nur über die Urheberſchaft und den Mehrantheil des Einen und des Andern war man ſchon damals ſo in Zweifel, als man es noch bei der Fällung des Urtheils geweſen ſein muß. Die Sache machte, wie es kaum geſagt zu werden braucht, das ungeheuerſte Aufſehen, ſowol ihres tragiſchen Intereſſe ſelbſt, der unerhörten Wildheit und Verwegen⸗ heit der Thäter, als des hohen Standes wegen, dem ſie angehörten. Die den Grafen gekannt, waren nicht ver⸗ wundert, daß Hippolyte Viſart ſeinen Schwager ermordet, aber daß ein ſolches ſchändliches und unerhörtes Ver⸗ brechen von einem Viſart von Bocarme begangen werden könne, daß die Criminaljuſtiz gegen einen Großen des Landes, wo die alte Ariſtokratie noch ſo mächtig iſt, S= — Graf Bocarmt und seine Gattin. 85 Hand anlegen dürfe und müſſe, war für Viele das Un⸗ erhörte.— Aber die Rückſichten, welche nach der Revo⸗ lution wieder in manchen andern Ländern erwacht ſind, konnten gerade in dem conſtitutionellen Belgien keine Kraft mehr gewinnen, der Graf von Bocarmé und ſeine Gattin mußten vor Gericht geſtellt und dieſes Gericht mußte in aller Oeffentlichkeit verhandelt werden, nachdem die Zeitungen ſich in Berichten und Muthmaßungen, die bis ans Fabelhafte ſtreiften, ergoſſen hatten. Die Vorunterſuchung hatte ſich bis zum Mai 1851 hingezogen. Die Ermittelungen derſelben waren nur als Gerücht umgelaufen, aber in allen Theilen Europas mit einer wollüſtigen Gier aufgeſchlürft worden. Wieder, nachdem wenige Jahre zuvor die gräßlichen Causes bres der herzoglich Praslin'ſchen Eheleute, der Ermor⸗ dung der Gräfin Görlitz die Geſellſchaft mit Entſetzen erfüllt, und tiefe Einblicke in die ſündhafte Zerriſſenheit der höhern Stände gewährt, rollte der Vorhang von einem neuen Schauſpiel auf, das an prämeditirter kani⸗ baliſcher Grauſamkeit die Vorgänger noch zu übertreffen ſchien. Was Wunder daher, daß, dieſem demokratiſchen Kitzel gegenüber, auch die Ariſtokratie that, was ſie konnte, um das Maß des Verbrechens leichter erſcheinen zu laſſen und von ſich abzuwenden. Wir wollen dahin nicht rechnen, daß man in den Niederlanden den engli⸗ ſchen Urſprung der Familie Viſart heraushob. Ein Ro⸗ bert Viſart war unter den Verfolgungen Heinrich's VIII. nach dem Hennegau geflüchtet, und früher unter dem Namen eines Seigneur von Sollei val genannt, hatten er und ſeine Nachkommen den Tilel eines Grafen von Bury und Bocarme von den Beſitzthümern angenommen, die früher den Merodes gehörten. Jedoch man erzählte von ſeinen Nachkommen nichts Unehrenhaftes. Ein Viſart 86 Graf Bocarme und seine Gattin. von Bocarmé hatte ſich als Capitän in einem Wallonen⸗ regiment unter Marie Thereſie Verdienſte erworben; Hip⸗ polyte's Vater war Gouverneur von Java geweſen und dann nach Amerika gegangen, wo er mit dieſem Sohne lange Jahre ein Hinterwäldlerleben geführt. Er lebte noch und auch Hippolyte's Mutter, Ida, eine geborene Marquiſe von Chaſteler. Beide Familien waren im öſterreichiſchen Staatsdienſt durch Generationen bekannt und ausgezeichnet; man verbot daher in Wien eine popu⸗ läre Erzählung des Proceſſes. Aber man bemühte ſich, das Abnormale und die Wildheit im Charakter des Mör⸗ ders von den beſondern Umſtänden ſeiner Geburt, Er⸗ ziehung herzuleiten, man wollte ihn, von dämoniſchen Einflüſſen regiert, als einen Thiermenſchen darſtellen, deſſen Zurechnungsfähigkeit unter andern Geſetzen ſtehe, um vielleicht eine Wahnſinnigkeitserklärung vorzubereiten. In dieſem Sinne ſchrieb ſeine eigene Mutter eine Bio⸗ graphie ihres Sohnes, die, für ſeine Vertheidiger be⸗ ſtimmt, bald in den Zeitungen erſchien und in ihnen ihren Umlauf durch die civiliſirte Welt machte. Wir werden am Schluß darauf zurückkommen, ſchicken aber voraus, daß es, trotz allem Geſchick und Intereſſe, welches dieſe Skizze erregte, der Mutter nicht gelang, die Stimmung im Publicum zu ändern. Die angeklagten Eheleute ſelbſt verſperrten ſich dieſen Ausweg, denn anſtatt gemeinſchaftliche Sache gegen die Anſchuldigung zu machen, räumte, wie man vernahm, jeder die That ſelbſt ein, ſchob aber die Schuld allein auf den andern Theil. Man ſollte alſo das unerhörte Schauſpiel vor Gericht haben, daß die öffentliche Anklage durch die Angeſchuldigten ſelbſt unterſtützt ward, und Mann und Frau jeder gegen den andern als Ankläger auftrat. Dies namentlich werde das Syſtem der Ver⸗ en⸗ und hne ebte rene im innt Nör⸗ chen llen, ehe, ten. be⸗ hren rden aus, dieſe ung ieſen die hm, llein örte lage und läger Ver 2.n Graf Bocarmt und seine Gattin. 87 theidiger ſein, die Anwalte des Grafen würden alle Schuld auf die Gräfin, die der Gräfin auf den Grafen ſchieben, man werde alſo eine neue Tragödie beginnen ſehen, die Ehegatten im verzweiflungsvollen Kampf unter ſich, jeder von Haß und Verachtung gegen den andern erfüllt, ihn allein auf das Schaffot zu bringen verſuchen, um ſich zu retten. Vom Grafen wußte man, daß er kurz vor den öffent⸗ lichen Verhandlungen den ſtoiſchen Gleichmuth, den er bis da bewahrt, fahren gelaſſen, daß er ſogar einen Selbſtmord verſucht, wohingegen ſein Advocat verſichert haben ſollte, er ſehe für gewiß ſeiner Freiſprechung entgegen. Ebenſo wurden Nachrichten zu Gunſten der Gräfin verbreitet. Ein Buchhändler in Brüſſel hatte einen ihrer frühern Romane drucken oder neu verlegen wollen, auf ihre traurige Berühmtheit ſpeculirend; ſie aber habe mit Abſcheu erklärt, daß dieſe Publication ohne ihre Zuſtim⸗ mung erfolgen werde und ſie nichts damit zu ſchaffen habe. Desgleichen eine Anekdote: Als ſie aus dem Ge⸗ fängniß von Tournay in das Arreſthaus von Mons, wo die Aſſiſen ſaßen, abgeführt werden ſollte, hatte die Gräfin, zum erſten Mal ſeit ihrer Verhaftung, das Abendmahl genommen. Nachdem ſie ſo mit dem tiefſten Ernſt den heiligen Act begangen, habe ſie zum Director des Gefängniſſes geſagt:„Wie auch immerhin die Ge⸗ rechtigkeit der Menſchen nach ihrem Willen über mich ſchalte, vor meinem Gewiſſen bin ich unſchuldig, mein Mann hat Alles gethan. Als er den Wagen meines Bruders auf der Zugbrücke ſah, hat er mich ans Fenſter geriſſen und zu mir geſprochen:«„Du wirſt über Das ſchweigen, was nun geſchehen wird, oder ich vergifte deine drei Kinder.— Ich habe nun geſchwiegen, um 88 Graf Borarmt und seine Gattin. — ihn nicht zu verderben und um meine Kinder zu retten. Das iſt mein ganzes Verbrechen.“ Die„Indépendance belge“ brachte zuerſt dieſe Nach⸗ richt; man ſieht alſo ſchon früh die Anſtrengungen, ge⸗ macht, um die Gräfin vor der öffentlichen Meinung zu exculpiren. Mit um ſo größerer Spannung ſah man der Er⸗ öffnung der Aſſiſen entgegen, wo aus dem Verbrechen ein neuer tragiſch dramatiſcher Kampf entſpringen durfte, mit Enthüllungen, welche alles Bisherige an pſycholo⸗ giſch ſchauerlichem Intereſſe überboten. Sie begannen am 27. Mai. Wir übergehen die Berichte über das Scenarium, welches die von den Zeitungen abgeſandten Berichterſtatter mit äußerſter Genauigkeit lieferten: von der vorangehenden Ruhe in der Stadt Mons, von dem anfänglich geringen Zuſtrom Neugieriger und Wißbegie⸗ riger, der aber von Tag zu Tag größer ward, von der Wuth des Volkes, welches ohne die Entwickelung der Polizeimacht geneigt war eine Lynchjuſtiz an den vor⸗ nehmen Miſſethätern zu üben, von den hier, aus zu großer Vorſicht leer gebliebenen, dort wieder überfüllten Räumen des Juſtizſaales, ſeiner würdigen, alterthüm⸗ lichen Decorirung, von der Zahl und der Phyſiognomie der Zeugen, unter denen auch der greiſe Orfila, wie zu den Zeiten der Lafarge, herbeigeeilt war, um zu beweiſen, daß Gift nicht Gift ſei, von den 90 Advocaten und be⸗ rühmten Juriſten, die als Zuhörer ſich eingefunden. Der ſachliche Inhalt des Proceſſes iſt ſo überreich, wir müſſen ſchon da beſchneiden, um in dem Raume unſers Werkes zu bleiben, daß wir für dieſe Aeußerlichkeiten, die, wie in andern Proceſſen, immer ein Intereſſe gewähren, hier keinen Platz haben. Zu erwähnen iſt nur, daß die„Indé⸗ pendance belge“ ſich rühmte: Die Anklageacte, obgleich Graf Bocarmt und seine Gattin. 89 im Beſitz derſelben, nicht früher gebracht zu haben, als am Abend der erſten Sitzung, nachdem ſie verleſen war, aus einem Schicklichkeitsgefühl gegen die Angeklagten, welches anderwärts ſpäter zu einer geſetzlichen Beſtim⸗ mung Anlaß gab, wonach dieſe Acte erſt, nachdem ſie vor Gericht an die Oeffentlichkeit gebracht worden, publi⸗ cirt werden darf. Am 27. Mai wurden die Aſſiſen eröffnet. In Be⸗ tracht des aller Wahrſcheinlichkeit nach langen Verfah⸗ rens wurden zu den gelooſten noch Ergänzungsgeſchwo⸗ rene genommen. Die Angeſchuldigten wurden, unter der allgemeinen Aufmerkſamkeit, eingeführt. Die Gräfin Bocarmé war ganz ſchwarz gekleidet. Hut, Kleid und Mantille waren von Atlas. Ein Schleier bedeckte ihr Geſicht, ohne ihre Züge zu verſtecken. Eine unbedeutende Phyſiognomie, aus der nichts zu leſen, als der Ausdruck anſcheinender tiefer Gleichgültigkeit. Die ſchwarzen Haare waren ſauber geneſtelt. Die Stumpf⸗ naſe gab dem Geſicht ſogar einen gemeinen Anſtrich. Die Gräfin ließ einmal ihre Augen mit einer gewiſſen Zu⸗ verſicht über die Verſammlung hinſtreifen und blickte dann unverwandt nach der Richterbank. Der Graf trat nach ihr ein, ein junger Mann von hohem Wuchs, klugem Geſicht, das unter Vielen ſich ſogleich bemerklich gemacht hätte. Es war etwas von den Pocken getupft, die Haut gelblich und matt, aber alle Züge, fein gezeichnet, verriethen die ariſtokratiſche Abſtammung. Der Knebel- und Kinnbart, den ſeine vielfach ausgeſtellten Bilder trugen und der ehemals das ganze untere Geſicht bedeckte, war abraſirt. Seine Stirn 90 Graf Bocarmt und seine Gattin. war hoch und frei, und der Ausdruck ſeiner Blicke zu⸗ gleich verſchmitzt, boshaft und verwegen. Dieſen Ein⸗ druck machte er auf alle Anweſende. Seine Kleidung war elegant nachläſſig. Ein leichtes ſchwarzes Tuch um den Hals geſchlungen, der Hemdekragen, der darüber herabfiel, vermehrten die freie Haltung, welche der Graf während der ganzen Verhandlung zeigte. Seinen Ueber⸗ rock trug er bis ans Kinn zugeknüpft. Mit mehr als Ruhe, mit einer„faſt verſchwenderiſchen Zuverſicht“ be⸗ trachtete er das Publicum, nicht daß er einmal gelegent⸗ lich ſeine Blicke umſchweifen ließ, ſondern er ſchien es förmlich zu ſtudiren. Die Vorfragen begannen. Der Präſident wandte ſich zuerſt an die Angeklagte: — Wie heißen Sie? Mit ſchwacher, kaum verſtändlicher Stimme antwor⸗ tete die Gräfin:„Lydie Fougnies.“ — Ihr Alter? „Zwei und dreißig Jahr.“ — Ihr Stand? itiere — Ihr Geburtsort? „Peruwelz.“ — Ihr Wohnort? „In Bury.“ Zum Angeklagten: — Wie heißen Sie? Mit feſter Stimme antwortete der Graf:„Sippotpte Viſart, Graf von Bocarme.“ — Ihr Stand? „Eigenthümer.“ — Ihr Geburtsort? „Auf dem Meere, bei der ueberfahrt nach Java.“ zu⸗ in⸗ ung um ber her⸗ Graf Bocarmt und seine Gattin. 91 Hierauf ward die Anklageacte vom Greffier verleſen. Angeklagt wurden, laut Arrèt des Appellationshofes von Brüſſel vom 16. April 1851, vor dem Schwurgerichts⸗ hof der Provinz Hennegau: 1) Alfred⸗Julien⸗Gabriel⸗Gerard⸗Hippolyte Viſart, Graf von Bocarmé, Eigenthümer, geboren im Lager von Weltefreden in Java, und 2) Lydie⸗Victoire-Joſephe⸗Fougnies, alt 32 Jahr, Gattin beſagten Grafen von Bocarmé, geboren zu Pe⸗ ruwelz, und Beide wohnhaft zu Bury. Der Inhalt der Anklageacte lautet wörtlich: „Der Graf Hippolyte Viſart de Bocarmé, durch Ge⸗ burt einer der erſten Familien des Hennegau angehörig, hatte 1843 zu Peéruwelz die Tochter eines alten Apo⸗ thekers(ic) geheirathet, der nur zwei Kinder hatte, von denen der Sohn, dem das rechte Bein abgenommen wor⸗ den, keine ſtarke Leibesverfaſſung verſprach. Der Ange⸗ klagte blickte, ſchon ehe er ſeine Heirath abgeſchloſſen, auf das nähere oder entferntere Ende Guſtav Fougnies, ſeines künftigen Schwagers. Nachdem er ſich ſpäter durch ein Teſtament der Güter ſeiner Frau verſichert hatte, ſtand er nicht an, den Doctor Semet darüber zu befragen, wie es wol mit den Lebens- und Todesaus⸗ ſichten Guſtav's ſtände?— Aber Guſtav dachte nicht daran zu ſterben, ſondern ſich zu verheirathen. Er hatte ſchon 1846 den Gedanken daran und ſtand auf dem Punkte, ihn auszuführen, als er im vergangenen Novem⸗ ber plötzlich im Schloſſe Bitremont ſtarb, in demſelben Schloſſe, wo die Angeklagten wohnten, und in demſelben Zimmer, wo er eben mit ihnen zu Mittag geſpeiſt hatte. Dieſe benachrichtigten davon am nächſten Morgen Frau von Dudzeele und ihre Tochter, dieſelbe Dame, mit wel⸗ cher Guſtav ſich verheirathen wollte, und die Gräfin 92 Graf Bocarmt und seine Gattin. ſelbſt trug die Meldung einem Diener mit den Worten auf: er ſolle hinlaufen und den beiden Menſchern ſagen, daß ihr Bruder an einer Apoplexie geſtorben ſei.“ „Der Zuſtand der Leiche deutete indeß auf eine ganz andere Todesart. Bei der Leichenſchau fand man auf der Vordernaſe eine tiefe Contuſion, auf der linken Backe zahlreiche Kratzwunden, die von Nägeleingriffen herzu⸗ rühren ſchienen; unter der linken Kinnbacke eine Aetzung, welche die Knochenhaut angegriffen hatte und von einer beißenden Flüſſigkeit herzurühren ſchien; endlich auf der Zunge, im Munde, in der Kehle und im Magen zahl⸗ reiche Spuren, welche den Durchgang und die Berüh⸗ rung von einer ähnlichen Subſtanz verriethen.“ „Die gerichtlichen Aerzte haben daraus geſchloſſen, daß eine ätzende, brennende Flüſſigkeit dem Guſtav Fou⸗ gnies, noch während er lebte, eingetropft oder gegoſſen worden. Dieſe habe in allen genannten Höhlungen die Aetzung und Inflammation verurſacht. Ein Theil dieſer Flüſſigkeit aber, der vorbei geſprützt oder gegoſſen ſei, habe die Beizungen links am Halſe bewirkt. Die Wund⸗ male oder Kratzungen am Geſicht aber dürften von der Anſtrengung herrühren, die man gemacht, um die Ein⸗ flößung zu bewirken und das Schreien des Opfers zu erſticken.“ „Andererſeits fand man, als die Gerichte am 22. No⸗ vember zur Unterſuchung nach Schloß Bitremont ſich begaben, an der linken Hand des Grafen am zweiten Gliede des Mittelfingers eine doppelte Wunde, die bis in die innere Haut drang und ſichtlich die Wirkung eines Biſſes war, weil man noch deutlich zwei Zähne in die untere Wunde eingedrückt fand. Auch ſah man an den Fingern, unter den Nägeln des Grafen, eine röthliche Färbung, die nur zu viel Bezüglichkeit zu haben ſchien —— ten rn ei.“ anz auf acke zu⸗ ng, iner der ahl⸗ ih⸗ ſen, ou⸗ ſſen die ⸗ eſet ſi, nd⸗ Graf Bocarmé und seine Gattin. mit den Kratzungen, von denen ſo zahlreiche Spuren auf dem Geſichte Guſtav's geblieben waren.“ „Für alles Dies forderte man eine Erklärung, die durchaus nicht genügend ausfiel. Endlich zeigte die che⸗ miſche Analyſe, daß Guſtav Fougnies an Gift geſtorben ſei, und zwar an der Nicotine, einem organiſchen Alkali, welches aus dem Taback gezogen wird und eine der allerheftigſten Giftarten bildet.“ „Die Unterſuchung ermittelte darauf, daß der Ange⸗ klagte ſich ſeit zwei Monaten mit dem beſondern Stu⸗ dium dieſes Giftes beſchäftigt, und daß er, als Frucht ſeiner angeſtrengten Arbeiten, einige Tage vor Guſtav's Tode zwei kleine Phiolen von dieſem Gifte gewonnen, die man aber ſeitdem nicht wieder zu Geſicht bekom⸗ men hat.“ „Außerdem hat die Gräfin ausdrücklich ihren Mann angeſchuldigt, daß er ihren Bruder vergiftet habe. Und wiewol der Graf jetzt ſelbſt einräumt, daß er die Ricotine bereitet, welche Guſtav's Tod verurſacht, ohne ſich über die Hand deutlich auszudrücken, welche das Gift dem Verſtorbenen gereicht, ſo halten wir es doch nicht für unnütz, ſummariſch hier alle die Thatſachen ins Ge⸗ dächtniß zu rufen, welche das Verbrechen des 20. No⸗ vember angeregt, vorbereitet und begleitet haben.“ „Als der Graf von Bocarmé Lydie Fougnies heira⸗. thete, deren Vermögen man für weit höher anſchlug, als es war, verſchaffte er ſich für die nächſte Zeit nichts weniger, als eine übermäßig behagliche Lage. Denn er erhielt von ſeinem Schwiegervater nur eine jährliche Pen⸗ ſion von 2000 Francs, während er von ſeiner Seite eine von 2400 Francs dagegen zu ſetzen hatte. Solche r Einnahmen vertrugen ſich nicht mit einer ſo großen Haus⸗ haltung, nicht mit ſolchem Heer von Dienerſchaft, am ze 94 Graf Bocarmé und seine Gattin. wenigſten aber mit der unordentlichen Lebensweiſe des Angeklagten, der bald noch für eine zweite Haushaltung in den Vorſtädten von Brüſſel zu ſorgen hatte.“ „Er ſah ſich daher bald genöthigt, bei ſeinem Notar Anleihen zu machen; dies ging Jahr aus Jahr ein, bis er ihm jetzt 43,000 Francs ſchuldig iſt. Obgleich Herr Fougnies, der 1845 ſtarb, ſeiner Tochter ein Einkommen von 5000 Francs hinterlaſſen, und zwar in guten Hy⸗ potheken, ſo genügte doch auch dieſer Zuwachs nicht, um die Zukunft der Angeklagten zu ſichern, weil ihre Aus⸗ gaben ſich jeden Tag vermehrten. Um ſie zu beſtreiten, ſahen ſie ſich zu Veräußerungen genöthigt und haben ſeit 1846 für 95,000 Francs an Werth verkauft, ohne an⸗ deres Werthhaltiges dafür anzuſchaffen. Trotzdem haben ſie jetzt noch 7000 Francs ſchreiender Schulden, von denen einige aus derſelben Zeit herdatiren, und unter den Schuldnern erblicken wir ihre Dienſtboten, ja ſelbſt Tagelöhner, die Summen von 30— 15— 10, ja von 3 Francs zu fodern haben und ſie nicht erhalten konn⸗ ten. Sie hatten endlich ſo vollkommen ihren Credit verloren, daß der Graf ſich zur Nothwendigkeit gepreßt ſah, im Leihhaus von Brüſſel um 400 Francs einen Schmuck zu verſetzen, der ſich noch heut daſelbſt befindet und der Gräfin angehört.“ „Der Ruin der Angeklagten war demnächſt drohend, wenn nicht Guſtav's Tod, auf den man ſchon lange rechnete, ihre zerriſſenen Glücksumſtände wieder zuſammen⸗ flickte. Aber Guſtav wollte nicht ſterben; er hatte ſelbſt ſeit dem Juli neue Heirathsprojecte formirt, welche den Abſichten der Angeklagten ſehr in den Weg traten und die ſie durch Vermittelung des Notar Cherquefoſſe zu brechen ſuchten. Die Gräfin ſelbſt ſchrieb zwei Briefe an ihren Bruder, die man nach ſeinem Tode aufgefunden 7 des tung lotar bis Herr men um Aus⸗ eiten, nſeit an⸗ aben von unter ſelbſt von onn⸗ redit preßt einen indet hend, lange men⸗ ſibſ den und e zu ieft nden Graf Bocarmt und seine Gattin. 95 hat, und die gegen Fräulein von Dudzeelen die näm⸗ lichen Verleumdungen ausſprechen, zu denen man im Monat Auguſt in einem anonymen Briefe griff. Dieſe Anſtrengungen hatten indeß nicht die gewünſchte Folge und es blieb dem Grafen nur ein letztes Mittel, und ein viel wirkſameres Mittel, um ſeinen Zweck zu er— reichen.“ „Nachdem er wirklich 1849 ſich auf die Cultur von Giftpflanzen geworfen, ſtellte er ſich im Monat Februar 1850 bei Herrn Loppens, Profeſſor der Chemie an der Induſtrieſchule von Gent, unter dem Namen Berant, vor. Sein Anliegen war hier: der Gelehrte möge ihn doch mit den geeignetſten Inſtrumenten bekannt machen, um die Eſſenzöle der Vegetabilien am ſicherſten zu extrahiren. Er ſagte ihm dabei: er habe die Wilden Amerikas geſehen, wie ſie ihre Pfeile mit dem Saft gewiſſer Pflanzen vergifteten, er mache jetzt darin Ver⸗ ſuche im Intereſſe ſeiner Verwandten, die noch in den Vereinigten Staaten lebten. Beſonders hatte er Loppens über die Art und Weiſe conſultirt, wie man das Eſſenzöl des Tabacks diſtillirt, d. h. die Nicotine. Er hatte auch, auf Anweiſung des Profeſſors, beim Kupferſchmied Vanderberghe einen Meſſingapparat beſtellt, der ihm am 11. März abgeliefert ward.“ „Im Mai iſt er nach Gent zurückgekehrt und zeigt dem Profeſſor Loppens eine erſte Probe Nicotine, die nicht gelungen iſt. Er begann, unter des Lehrers Augen, ſeine Operationen darauf von neuem, und nachdem er zwei Tage in dem Laboratorium deſſelben gearbeitet, gelang es ihm, zwei Tropfen reine Nicotine zu ge⸗ winnen. Nach einiger Zeit kam er wieder mit einer Probe ſelbſt gewonnener Nicotine zu ihm zurück; ſie war aber nicht beſſer gerathen als die erſte. Loppens 96 Graf Bocarme und seine Gattin. ertheilte ihm neue Rathſchläge, und bei einer dritten Reiſe nach Gent, im Anfang October, kündigt der Schüler dem Lehrer mit Freuden an, daß er jetzt ſchlagende Re⸗ ſultate bei Thieren gewonnen habe.“ „Jetzt brauchte er nur noch die nöthigen Subſtanzen und Inſtrumente ſich zu verſchaffen, um nach einem weit größern Maßſtabe zu operiren, und um nach Schlöſing's Procedur zu verfahren, welche Loppens ihm als die beſte bezeichnet hatte, und die Pelouze und Fremy in ihrem Curſus der allgemeinen Chemie beſchrieben haben. Aber die Ankäufe dazu machten neue Reiſen nöthig, welche der Angeklagte am 16. und 28. October nach Brüſſel unternahm. Nachdem er nun ohne Unterbrechung zehn Tage und zwei Nächte gearbeitet hatte, gelang es ihm endlich am 10. November, die zwei Phiolen Nicotine zu gewinnen, die er am 20. November in Anwendung brachte und die ſeit Guſtav's Tode verſchwunden ſind. Was die chemiſchen Inſtrumente anlangt, die ihm zur Prä⸗ paration dieſes Giftes gedient, ſo hatte der Graf Sorge getragen, ſie augenblicklich verſchwinden zu laſſen. Die Diener im Schloſſe konnten darüber gar keine Auskunft geben und es bedurfte einer ſechsmonatlichen Nachfor⸗ ſchung, um ſie in einem Verſteck aufzufinden, wo der Graf ſie myſteriöſerweiſe verborgen hatte.“ „Dieſe Vorſicht, wird Jeder zugeben, paßte wenig mit rein wiſſenſchaftlichen Arbeiten oder mit Unter⸗ ſuchungen, welche zum Beſten eines andern Welttheils vorgenommen werden ſollten. Ebenſo ſeltſam iſt der an⸗ genommene Name Berant, den er in ſeinem Verkehr mit Loppens und Vanderberghe brauchte, während er beim Verſatz des Schmuckes im Leihhauſe zu Brüſſel ſich nicht geſchämt hat, ſeinen wirklichen Familiennamen anzugeben. Es iſt daher erlaubt, zu glauben, daß er bereits im April Graf Bocarmt und seine Gattin. 97 ritten den Vorſatz zu dem Verbrechen gefaßt, welches er im hüler November begehen wollte. Und ſeine eigene Mutter hatte Re⸗ gewiſſermaßen ein Vorgefühl, indem ſie eines Tages zu ihrer Schwiegertochter ſagte: Hippolyte ſei zu Allem fä⸗ anzen hig; er könne noch mit ſeiner Chemie ein Unglück an— weit ſtiften, und es fehle nur noch, daß ſie ihren Sohn ein— ings mal vor den Aſſiſen ſehe. Die Anſtrengung, mit wel⸗ beſt cher er Tag und Nacht arbeitete, verräth indeſſen deut⸗ hrem lich genug den Zweck, den er ſich vorgeſetzt, beſonders in Aber einer Epoche, wo die Heirathsgedanken in Guſtav wie⸗ lce der ganz lebendig geworden waren. Die Gräfin ſelbſt tiſil hat dies eingeſtehen müſſen, denn ſie ſagt wörtlich in chn einem ihrer Verhöre:«Mein Mann ſpeculirte auf ihn Guſtav's Tod. Es war ſein Vermögen, wonach ihm nju gelüſtete. Sein Vermögen hat ſeinen Tod entſchieden. cht Er lebte zu lange in ſeinen Augen. Seit den erſten Vrs Tagen des November wußte ich, daß das Gift für pri Guſtav bereitet war. Ich wußte außerdem, daß das Gift orge Nicotine war. Mein Mann hatte es mir ſelbſt im hin— Die tern Waſchhauſe geſagt am ſelben Tage, wo ich die fut große Kolbenflaſche in dem Oelkeſſel ſah und er mir ſagte, daß er Fau de Cologne bereite. Tauſend Mal 4 habe ich in ihn gedrungen, um zu erfahren, was er wirk⸗ ich da präparire, und endlich hat er mir eingeſtanden, daß es Nicotine wäre. Einige Tage darauf hat er mir dann geſagt, daß, ſobald ſich nur eine Gelegenheit zeige, heis er mit Guſtav nicht fehl gehen würde; und am 20. No⸗ vember, als er hörte, daß Guſtav nach Bitremont kam, erklärte er mir, noch an dieſem Tage werde er es mit ihm richtig machen.* 1„Guſtav Fougnies kam wirklich um 10 Uhr an. Es bedurfte nur eines Wortes, um ihn zu retten, und— die Gräfin verbrachte einen ganzen Tag mit ihrem Bruder, Aptil. p XIX. 5 98 Graf Bocarmt und seine Gattin. ohne ihn von der Gefahr zu unterrichten, die er lief. Sie gab ſogar Befehle, welche die Ausführung des Ver⸗ brechens erleichtern ſollten, indem ſie Diejenigen entfernte, deren Gegenwart ſie verhindern konnte. So ließ ſie ge⸗ gen die Regel, ausnahmsweiſe, das älteſte der Kinder und ſeine Erzieherin im Zimmer der Letztern zu Mittag eſſen, ſtatt ſie an ihren Tiſch zu ziehen, wo ſie alle Tage ſpeiſten. Desgleichen ließ ſie die beiden jüngſten Mäd⸗ chen in der Stube ihrer Bonne zu Abend eſſen, ſtatt wie gewöhnlich in der Küche. Desgleichen ſandte ſie ihren Kutſcher Gilles nach Grandmetz mit einem Bil⸗ let an die Damen von Dudzeele, obgleich durch Gu⸗ ſtav's Ankunft für ein Pferd mehr zu ſorgen war, und obgleich der Brief gar keine Eile hatte, denn er enthielt nichts als eine Anfrage: welchen Preis die Damen für ihr Wirthſchaftsgeräth ſetzen wollten? Die Botſchaft war alſo durchaus nicht dringend; aber die Entfernung, welche der Kutſcher zu durchlaufen hatte, entfernte ihn auf 4— 5 Stunden vom Schloſſe. Als das Kammer⸗ mädchen Emerance Bricourt ſtatt des entfernten Kutſchers den Mittagstiſch deckte, hieß die Gräfin ſie, nach dem zweiten Gange ſich ganz zurückzuziehen. Emerance erſchien demnach im Speiſeſaal erſt in dem Augenblick, wo ſie glaubte, daß man Licht bedürfe. Die Angeſchuldigten, an die ſie die Frage ſtellte, riefen ihr aber Beide, wie aus einem Munde, entgegen:(Nein, nein, ſpäter!» „Als Emerance ſich zurückzog, ging ſie in die Küche, wo der Futſcher ſein Mittagsmahl verzehrte, nachdem er eben von Grandmetz zurückgekehrt war. Die Gräfin aber folgte augenblicklich dem Kammermädchen und hieß ſie in die Kinderſtube hinaufgehen, wo ſich ſchon die beiden Bon⸗ nen befanden, Juſtine Thibaut und Virginie Chevalier.— Noch mehr, ſie hatte darauf dem(eben von dem weiten — lief. Ver⸗ ernte, ie ge⸗ inder ittag Tage Mäd⸗ ſtatt te ſie Bil⸗ Gr⸗ „und nthielt n für ſcheſt nung, e ihn nmer⸗ ſchers dem ſchien vo ſe igten, wie 1 he, wo r eben folgte in die Bon⸗ ier.— weiten Graf Borarme und seine Gattin. 99 Wege zurückgekehrten) Kutſcher befohlen, die Köchin Louiſe Maes, welche den Dienſt verließ, auf den Weg nach Leuze zu begleiten, eine Entfernung von ungefähr einem Kilometer. Gilles hatte ſich auch auf den Weg gemacht, unterwegs aber erkannte er, daß es zu weit für das einzelne Mädchen ſei, um ihn bei Nacht zurück⸗ zulegen, und Louiſe kein Geld hätte, um ein Nacht⸗ quartier zu bezahlen. Er war mit ihr deshalb nach dem Schloſſe zurückgekehrt und hatte ſeine Herrſchaft davon in Kenntniß geſetzt, die damals noch am Mittags⸗ tiſche ſaß.“ „Guſtav Fougnies hatte ſchon damals die Abſicht ausgedrückt abzureiſen. Der Graf hatte dem Frangois Deblichuy, der im Garten arbeitete, aufgetragen anzu⸗ ſpannen. Aber der Stall war verſchloſſen und der fort⸗ geſchickte Kutſcher hatte den Schlüſſel. Kaum aber war dieſer zurück, als der Graf in der Küche erſchien und ihm denſelben Befehl gab, den er vorhin Deblicquy er⸗ theilt. Der Kutſcher nahm ſeine Laterne und ging in den Stall, während der Graf in den Speiſeſaal zurück⸗ kehrte.“ „In dieſem Augenblick kam Juſtine Thibaut die Treppe herab, um das Abendbrot für die Kinder zu holen, dieſelbe Juſtine Thibaut, welche die Gräfin an dieſem Tage ſo abſichtlich entfernt hatte, wie es oben angegeben iſt. Auf den letzten Stufen der Treppe hörte ſie im Speiſeſaale einen Fall, und Guſtav's Stimme, die um Hülfe rief, ſchrie:(Ach, ach, Pardon, Hippo⸗ lyte!?— Sie lief von der Treppe in die Küche; die Küche wird durch ein Vorzimmer(Etat:„Stand»: der Aufenthaltsort der Dienerſchaft, wenn ſie die Befehle der Herrſchaft gewärtigen) und die große Schloßentrée (Vestibule) von dem auf der andern Seite gelegenen 5* „ 100 Graf Bocarmt und seine Gattin. Speiſeſaal getrennt. Kaum, daß ſie von der Treppe (durch Veſtibule und Vorzimmer) in die Küche gelangte, i ſo ſah ſie, wie die Gräfin aus dem Speiſeſaal eiligſt 8 kam(auf demſelben Wege, den ſie gemacht) und die 3 Thüren beider Piècen(des Speiſeſaals und der, welche ſ von der Entrée in das Bedientenvorzimmer führt) ſorg⸗ ſam verſchloß, damit man in der Küche Guſtav's Schreien 2 1 nicht höre. Noch mehr erſchreckt durch dieſen Anblick, ſtürzte die Thibaut aus der Küche in einen kleinen Hinterflur 4 und durch eine Hinterthür in den Hof. Hier lief ſie nach einer andern Hintertreppe(im alten Schloßtheil), die zur obern Etage führte, wobei ſie vor den Fenſtern des Speiſeſaals vorüber mußte, welche nach dem Hofe gingen.(Von der andern Seite gingen die Fenſter nach dem Schloßgraben ins Freie.) Im Vorübergehen hörte ſie noch erſticktes Schreien. Oben bei den Bonnen und 3 Kindern angekommen, erzählte ſie entſetzt, was ſie ge⸗ hört. Emerance ſtieg ſogleich hinab, um ihre Dienſte b anzubieten. Aber ſie hörte kein Schreien mehr, und die p Gräfin, welche ſie auf der Treppe ſah, hieß ſie wieder zurück und hinauf gehen.“ il „Die Spuren angewandter Gewalt, welche man ſpä⸗ ter am Leichnam fand, ſchloſſen die Vorſtellung eines zufälligen Ereigniſſes oder eines Selbſtmordes aus. Sie z bewieſen im Gegentheil nur zu deutlich, daß ein hitziger Kampf ſtattgefunden. Und wenn man überdachte, daß, um das Opfer zu zwingen, das Gift zu verſchlucken, es doch jedenfalls vorher nöthig geweſen, ihm den Mund zu öffnen, dann die Bewegungen des Kopfes zu hin⸗ t dern, welche derſelbe natürlicherweiſe nach links und nach rechts hin machen mußte, ſo iſt es faſt unmöglich an⸗ zunehmen, daß das Verbrechen das Werk nur einer ein⸗ zelnen Perſon ſei. Wie ſich denken, daß Graf Bocarmé, ſ Graf Bocarmt und seine Gattin. 101 pe 8 deſſen linke Hand, durchſchnitten von einem doppelten ſi Biß, in Guſtav's Munde beſchäftigt war und deſſen rechte Hand kaum ausreichte, um ihm den Kopf feſtzu⸗ halten und zugleich die Arme, noch allein, ohne fremden Beiſtand dem Dpfer eine Phiole mit Nicotine in den Mund gießen können!“ „Eine andere Perſon hat alſo nothwendigerweiſe an . der Handlung Theil genommen, und in dem Augenblick, wo Juſtine den Fall und Guſtav's Schreien hörte, war ſ Niemand im Speiſeſaal als der Graf und— die Gräfin.“ 0„Ferner hat der Angeſchuldigte am 12. Mai d. J. i an einen Correſpondenten in Paris geſchrieben:(Meine fi Frau hat Sie gebeten, Berryer zu engagiren. Thun h Sie es nicht, und wenn es ſchon geſchehen iſt, verzö⸗ re gern Sie die Sache, bis Sie neue Anweiſungen von nd mir erhielten, aber erhalten Sie meine Frau beim Glau⸗ ⸗ ben, daß ſie ihn bekommen wird... von dieſer Em⸗ ſe pfehlung hängt ihr Leben und auch das meine ne ab. Denken Sie, daß dieſe Unglückliche, nachdem ſie er ihren Bruder vergiftet hat, nichts Beſſeres zu ihrer Vertheidigung findet, während wir Beide deshalb i⸗ im Gefängniß ſitzen, als alle Schuld auf mich zu wäl⸗ e zen und mich der ſchändlichſten Verleumdung anzuklagen. ie Antworten Sie nicht auf dies Billet, welches ich in er dieſen Brief einſchmuggele. Vergeſſen Sie nicht, ß, daß alle Briefe, die wir empfangen, geöffnet werden. n, Wäre Berryer ſchon engagirt, um herzukommen, ſo un⸗ ¹d terrichten Sie ihn von Dem, was ich Ihnen in dieſem n⸗ Billet auseinandergeſetzt. Erklären Sie ihm auch, wie ch die feindliche Stellung, welche meine Frau gegen mich n⸗ einnimmt, nur die Wirkung des moraliſchen Zwanges n⸗ iſt, veranlaßt durch die eigene Lage, in der ſie ſich be⸗ , findet, und daß ihr Ziel nur das ſein darf, uns Beide 102 Graf Bocarmt und seine Gattin. ohne Unterſcheidung gegen den widerwärtigen Zufall zu vertheidigen. Er ſolle ja nicht meine Frau in dem Zu⸗ ſtande von Feindſeligkeit, in dem ſie jetzt gegen mich ſich befindet, zum Fundament der Vertheidigung nehmenz das würde der Anklage fürchterliche Mittel an die Hand geben und uns Beide aufs Schaffot führen.» „Dieſe Note, heimlich eingeſchoben in einen officiel— len Brief, war natürlich nicht für den Inſtructionsrich⸗ ter beſtimmt. Sie drückte aber die innerſten Gedanken des Grafen Bocarmé aus, während er ſich in ſeinen Verhören nie in der Art geäußert hatte. Und dennoch ſtimmte dieſer Gedanke, ſo natürlich bei der Art des vorliegenden Verbrechens, mit einer andern vertrauten Aeußerung, welche der Graf einſt an den Director des Gefängniſſes gemacht. Von ſeiner erſten Confrontation zurückkehrend, ſagte er zu ihm: die Gräfin ſei es gewe⸗ ſen, welche das Gift Guſtav in den Mund gegoſſen; ſie hätte es zu zwei verſchiedenen Malen ihm eingegoſſen und dabei etwas auf die Kleider ihres Bruders über⸗ geſprützt. Dies würde auch erklären, warum ſie, einige Augenblicke nachher, in die Küche gegangen, um ſich die Hände mit ſchwarzer Seife zu waſchen; warum ſie augenblicklich nachher Guſtav's Kleider und die ihres Mannes in ein Laugenfaß voll Waſſer ſtecken, warum ſie dieſelben in ihrer Gegenwart bis in die Mitte der Nacht auslaugen und dann ausringen laſſen durch die Köchin Louiſe Maes. Das würde auch erklären: wes⸗ halb ſie ſogar die Krücken ihres Bruders mit heißem Waſſer abwaſchen laſſen: weshalb ſie dieſelben ſpäter verbrennen ließ, unter dem Vorgeben, ſie könne den An⸗ blick von dem nicht aushalten, was ihm einſt gehört: weshalb ſie gleicherweiſe auch ſeine Weſte und ſeine Cra⸗ vatte in dem Augenblick verbrannte, als die Juſtiz in ——— — Zu⸗ ich en; and tiel⸗ tken nen noch des uten des tion we⸗ ſen; ſſen bet⸗ nige ſich ſie hres rum der die ves⸗ ßem äter An⸗ ört: Cra⸗ in — Graf Bocarmt und seine Gattin. 103 Bitremont ankam. Das würde auch erklären, warum ſie am ſelben(Mord-) Abend den Fußboden des Speiſe⸗ ſaales waſchen ließ: weshalb ſie am andern Morgen ſelbſt Oel auf die Flecke goß, die man daſelbſt bemerken können, und weshalb ſie im Augenblick, wo man zur Leichen⸗ ſchau ſchritt, mit Zuverſicht zu Emerance ſagte: Alles gehe gut, man habe nichts gefunden und man werde Guſtav am nächſten Morgen beerdigen.“ „Dieſe Thatſachen ſind ſo zahlreich und ſo direct ſprechend, daß man die Mitſchuld der Gräfin nicht be⸗ zweifeln kann, beſonders dann, wenn man ſie mit den außergerichtlichen Aeußerungen des Grafen zuſammen⸗ hält, mit der ganz beſondern Natur des Verbrechens, und mit den Maßregeln, welche die Gräfin ergriffen, um die Ausführung möglich zu machen.“ „Dieſe ihre Mitſchuld reicht ſogar noch weiter zurück, indem ſie es iſt, welche alle die an Loppens und den Kupferſchmied Vandenberghe gerichteten Briefe mit ihrer Hand geſchrieben und mit dem falſchen Namen Berant unterzeichnet hat. Ja, ſie hat in einigen dieſer Briefe ſelbſt die Handſchrift ihres Mannes nachgemacht.“ „Allerdings ſchützt die Gräfin vor, daß, wenn ſie die Nacht damit verbracht, die Spuren des Verbrechens verſchwinden zu machen, es nur geſchehen ſei, um ihren Mann zu retten, den Vater ihrer Kinder. Aber es iſt ſehr ſchwer, dieſe Entſchuldigung bei einem ſo abſcheu⸗ lichen Verbrechen gelten zu laſſen, begangen an einem leiblichen Bruder. Es iſt beſonders ſchwer daran zu glauben, wenn man die gewaltthätigen Handlungen be⸗ trachtet, über welche die Gräfin ſich faſt täglich zu be⸗ klagen hatte, und zu denen noch die tiefe Unſittlichkeit hinzukommt, daß ihr Gatte ſie gezwungen, die Frucht ſei⸗ ner chebrecheriſchen Verbindung im Schloſſe aufzunehmen.“ 104 Graf Borarmt und seine Gattin. „Sie gibt ferner an, daß, wenn ſie auch bei der Vorbereitung zur Vergiftung geholfen und dieſelbe er⸗ leichtert habe, es nur auf die Drohungen ihres Mannes und in Folge eines moraliſchen Zwanges geſchehen ſei. Warum aber denn ihren Bruder nicht warnen, wo ein einziges Wort ihn gerettet hätte? Warum noch ſeine Leiche profaniren, indem ſie ihn mit Weineſſig durch den Kutſcher Gilles überfluten ließ! Warum die beleidigende Bezeichnung für die Damen von Dudzeele, als ſie einem Domeſtiken auftrug, ihnen Guſtav's Tod zu melden?“ „Alles dies deutet nur zu ſtark auf einen gemeinſchaft⸗ lichen Gedanken, um ein und daſſelbe Ziel zum Vortheil beider Angeſchuldigten zu erreichen; wie denn auch der Oheim der Gräfin ganz laut vor dem Unterſuchungs⸗ richter als Grund angab, weshalb er am Morgen dar⸗ auf der Einladung der Ehegatten in das Schloß nicht gefolgt ſei:(weil ich zu empört war über ihre nieder⸗ trächtige Aufführung“, und dieſes Empörtſein hatte ſeine Quelle in der feſten Ueberzeugung, daß ſie Guſtav ha⸗ ben ſterben laſſen.“ „Demzufolge ſind Alfred-Julien-Gabriel-Gerard Hippolyte Viſart, Graf von Bocarmé, und Lydie⸗Victoire⸗ Joſephe⸗Fougnies, Gattin beſagten Grafen von Bocarme, angeklagt, am 20. November 1850 zu Bury: mit Vor⸗ bedacht und Willen ein Attentat auf das Leben des Guſtav Fougnies, ihres Bruders und Schwagers, be⸗ gangen zu haben, mittels Subſtanzen, welche bedingt oder unbedingt den Tod zur Folge haben können, oder wenigſtens: ſich zu Mitgenoſſen dieſer That hergegeben zu haben, ſei es, daß ſie Anweiſungen gegeben, ſie zu begehen, ſei es, daß ſie die Subſtanz beſchafft haben oder irgend ein ander Mittel, welches zu der That gedient ei der e er⸗ annes n ſei. o ein ſeine durch die zeele, Tod ſchaft⸗ theil h der ungẽ⸗ dar⸗ nicht ieder⸗ ſeine o ha⸗ erard toire⸗ arm, Por⸗ des be⸗ dingt oder eben e zu oder dient Graf Pocarmt und seine Gattin. 105 hat, wiſſend, daß es dazu diene, und daß ſie mit Kennt⸗ niß der Verhältniſſe beigeſtanden und behülflich geweſen ſind dem Urheber oder den Urhebern in den Thatſachen, welche das Verbrechen vorbereitet oder erleichtert, oder in denen, welche es zur Ausführung gebracht haben, wor⸗ über der Gerichtshof des Hennegau zu beſtimmen hat.“ Der Procurator des Königs, de Marbaix, beſchränkte ſich in ſeiner Rede, nachdem ihm der Präſident das Wort ertheilt, darauf, die Zeugenvernehmungen zu Gunſten der Anklage zu claſſificiren, um den Geſchworenen eine beſſere Ueberſicht der verwickelten Sache zu gewähren. In erſter Reihe werden vier obrigkeitliche Perſonen vernommen werden, die perſönlich in dieſem Proceß in⸗ ſtruirt haben. In zweiter Reihe eine Gruppe Zeugen, die über den Vermögenszuſtand der Angeklagten Auskunft geben ſol⸗ len, den urſprünglichen Zuſtand deſſelben, den allmäligen Verfall ihrer Glücksumſtände und die ungefähre Summe ihrer Schulden. In dritter Reihe: beſtimmte Zeugen über die Mora⸗ lität oder Immoralität der Angeſchuldigten. In vierter: mehre Zeugen aus Gent über die dort gemachten Einkäufe, Forderungen, die geführte Corre⸗ ſpondenz, Alles bezüglich auf eine große Zahl Giftpflan⸗ zen, von denen die Anklage behauptet, daß ſie von Hip⸗ polyte Viſart beſtimmt geweſen, um Gift daraus her⸗ zuſtellen. In fünfter: Zeugen über die zahlreichen Einkäufe, die verſchiedenen Reiſen, geführte Correſpondenzen der Angeklagten, namentlich des Grafen, um Alles zu be⸗ ſchaffen, was zu chemiſchen Operationen nöthig iſt, ins⸗ 5** 106 Graf Bocarmt und seine Gattin. beſondere aber den Unterricht, genommen bei einem Pro— feſſor der Chemie, um den Proceß kennen zu lernen, wie man aus Vegetabilien Gifte erzielt, vor allem das Gift, welches in der Wiſſenſchaft unter dem Namen der Ni⸗ cotine bekannt iſt.. „In ſechster und ſiebenter Linie werden Sie die Zeu⸗ gen hören, welche über die Thatſachen Kunde haben, welche dem 20. November 1850 vorangegangen ſind; dann die, welche etwas von Dem wiſſen, was an dieſem Tage vor 5 Uhr Abends, dann zwiſchen 5 und 5 ½, dann nach 5 ½, dann in der Nacht vom 20. auf den 21., im Laufe des 21. November, endlich am 22. November ſich zugetragen hat, als an dem Tage, wo die Ange⸗ ſchuldigten verhaftet wurden.“ Ganz wider die Gewohnheit der franzöſiſchen Ge⸗ richte enthielt ſich der Staatsprocurator jedes moraliſchen Appells an die Geſchworenen; entweder weil die grauen⸗ volle Thatſache genügend für ſich ſelbſt ſprach und keine declamatoriſche Kunſt den Eindruck des Abſcheus ver— ſtärkt hätte, oder weil die Rückſicht für die betheiligten hohen Familien, wie in dem vorigen Proceſſe auch nach zweihundert Jahren, einige Schonung räthlich machte. Vielleicht ziehen auch die belgiſchen Gerichte das Beiſpiel des überſeeiſchen Englands dem des ſprachverwandten Nachbarlandes auf dem Continente vor. Die Zeugenliſte ward darauf verleſen— 101 Zeugen! Die Hauptzeugin Emerance Bricourt aber iſt in Straßburg. Der Staatsanwalt zeigt an, daß ſie erſt in zehn Tagen erſcheinen kann! Die eigentliche Gerichtsverhandlung begann darauf nach einer Pauſe mit dem Verhör der Gräfin. Während deſſelben ward der Graf entfernt, ſo wie es ſchon vor⸗ her ſämmtliche Zeugen waren. Graf Bocarmt und seine Gattin. 107 Wie inereſſant auch faſt jede Verhandlung in dieſem Proceſſe iſt und man den einzelnen Verhören, trotz ihrer Kmſtändlichkeit und der Wiederholungen in den Fragen, um den ganzen Grund auszuhölen, beim Leſen immer wieder gern und weiter folgt, verbietet uns doch unſer Raum ſie in ihrer ganzen Ausdehnung aufzuneh⸗ men. Wir werden uns beſonders da mit einem Reſumé begnügen, wo es Ermittelungen gilt, welche durch die Eingeſtändniſſe der Angeklagten für uns abſorbirt er⸗ ſcheinen, und den Raum für die Verhandlungen aufſpa⸗ ren, wo ein pſychologiſches Intereſſe hervortritt und wir der That ſelbſt näher gerückt werden. Dahin rechnen wir die erſten Vernehmungen der beiden Angeklagten. Hier hat jedes Wort ein Gewicht und das Ganze ein dramatiſches Intereſſe. Es iſt nur, wenn nicht zu be⸗ dauern, doch zu erwähnen, daß die ſtenographiſchen Be⸗ richte, wie die Zeitungen ſie aufgenommen, als ungenau erſcheinen, indem ſie von einander oft in weſentlichen Antworten abweichen, was beſonders in den erſten Ge⸗ richtstagen der Fall iſt und in der leiſen, undeutlichen Sprache, beſonders der angeklagten Gräfin, ſeinen Grund hat. Auch bleibt dem aufmerkſamſten Leſer vieles Detail in dem Durcheinander der Fragen und Antworten, na⸗ mentlich in den Raum⸗ und Zeitverhältniſſen, wo es auf Minuten ankommt, dunkel, ohne daß es im weſent⸗ lichen von Einfluß ſein wird auf ſeine Beurtheilung der Hauptfragen. Der Präſident zur Gräfin Bocarme: Verhar⸗ ren Sie bei allen Ihren Antworten, wie Sie dieſelben vor dem Unterſuchungsrichter abgaben? . 108 Graf Borcarmt und seine Gatti. — Hatte Bocarmé's Vater im Ehecontractnicht dem⸗ ſelben eine Penſion von 2400 Francs ausgeſetzte „Ja.. — Ihnen hatte ja wol Ihr Vater eine Penſion von 2000 Francs zugeſichert? „Ja.“ Die Gräfin ſprach ſo leiſe, daß man es kaum verſtand. Auf die Bemerkung eines Geſchwore⸗ nen deshalb antwortete ſie unbefangen; allmälig wur⸗ den ihre Antworten verſtändlicher. Der Präſident rich⸗ tete darauf einige Fragen an ſie bezüglich der Ungenü⸗ gendheit der Einkünfte beider Ehegatten, um ihren koſt⸗ ſpieligen Hausſtand zu beſtreiten; ein Gegenſtand, der bei andern Vernehmungen hinlänglich ins Klare kam. Nach dem Tode ihres Vaters(1846) hatte ſie als Erb⸗ theil noch eine Einnahme von pp. 5000 Francs zu er⸗ halten, ſodaß beider Gatten Geſammteinnahme etwa 9400 Francs betrug, die zu ihrem Haushalt nicht aus⸗ reichte, beſonders„der vielen Fremden wegen, welche ſie empfingen“. Später hatte ihr Mann vieles von ihren Immobilien verkauft, im Betrage von 95,000 Francs, eine Summe, die, ohne Erſatz, gänzlich verausgabt wurde. Zur Zeit ihrer Verhaftung hatten beide Gatten zuſam⸗ men eine Schuldenlaſt von pp. 103,000 Francs con⸗ trahirt. — War Ihre Verbindung mit Viſart de Bocarmé glücklich? „Nein.“ Sie brachte es nur nach einigem Zau⸗ dern vor. — Viel hing wol vom Geldpunkte ab? „Ja, und unter Anderm auch wegen der Mädchen.“ — Hat er nicht im October 1849 die Cultur der Giftpflanzen angefangen? „Es war gegen 1850.“ ——— von mes vore⸗ wur⸗ rich⸗ nü⸗ koſt⸗ der kam. Etb⸗ er⸗ twa aus⸗ ſe ren acs, rde. am⸗ con⸗ rm al⸗ — — 5 Graf Bocarme und seine Gattin. 109 — Schrieben Sie nicht nach Gent wegen Gift⸗ pflanzen? „Ja, er dictirte die Briefe.“ — Unterzeichneten Sie nicht oftmals H. de Bury? „Ja, er ordnete es ſo an.““ Nachdem die Gräfin den Ankauf verſchiedener chemi⸗ ſcher Geräthſchaften bejaht, erkennt ſie mehre derſelben, die ihr vorgelegt werden, als die an, welche ſie im Schloſſe geſehen. Sie bekennt, an die Brüder Vanden⸗ berghe, die Kupferſchmiede, unter dem Namen Berant geſchrieben zu haben zur Beſchaffung dieſer Apparate. Es ſei aber nur in Folge des Zwanges geſchehen, den ihr Mann geübt, der ſo weit gegangen, daß er ſie oft mit Fauſtſchlägen dazu gezwungen. Dieſe Mishandlun⸗ gen ſeien übrigens nicht ſelten geweſen. — Gab dies nicht Veranlaſſung, daß Ihre Schwie⸗ germutter eine harte Aeußerung fallen ließ? „Ja, ſie ſagte, Ihr Mann iſt zu Allem fähig, es fehlte nur noch, daß er ein Mal vor die Aſſiſen geſtellt würde.“ — Haben Sie nicht auch an Herrn Loppens in Gent geſchrieben, um ihn zu fragen, an welchem Tage er wol Unterricht über die Art und Weiſe ertheilen könne, wie man Nicotine bereitet? „Ja, aber ich wußte noch nicht, daß es Gift ſei.“ Sie mußte auf verſchiedene Fragen einräumen, daß ſie mehrmals des Nachts den Thermometer bewachte, der den nöthigen Hitzegrad für die chemiſchen Verſuche anzeigte. Der Mann war immer zugegen. Es war in den erſten Tagen des November, daß die Nicotine be⸗ reitet war. — Hat Ihr Gatte Ihnen denn nichts über die Be⸗ ſtimmung dieſes Giftes geſagt? 110 Graf Bocarmt und seine Gattin. „Ja, er ſagte mir, die Nicotine wäre, um die Ge⸗ ſchichte mit Guſtav abzumachen.“ Ein Schauder rieſelte bei dieſer kaltblütig gegebenen Antwort durch die Verſammlung. — Hat er Ihnen dabei nichts weiter geſagt? „Er ſagte, wenn er Guſtav nur einmal unter ſeinen Händen hätte, ſollte er ihm nicht davonkommen.“ — Wie nannte er dabei Guſtav? „Er ſagte der Schuft oder etwas Achniches 4. — Hat Bocarmé nicht auch an Thieren einen Ver⸗ ſuch mit der Nicotine gemacht? „An einer Katze, die verſchwunden iſt, und mein Mann behauptete nachher, er hätte ſie vergiftet.“ — Nicht auch an Enten? „Das weiß ich nicht.“ — Wer hat Sie am Todestage Ihres Bruders von ſeiner Ankunft benachrichtigt? „Hippolyte. Er ſagte mir, das wäre der Tag, wo er ſeine Sache mit ihm abmachen würde. Jetzt gelte es quitte ou double.“ — Haben Sie ihm keine Vorſtellungen gemacht? „Ja, er erwiderte, willſt du, daß deine Kinder ins Unglück kommen?“ — War die Aufführung des Fräulein von Dudzeele frei von Vorwürfen? „Ich habe nie etwas Schlimmes von ihr gehört.“ Und doch haben Sie zwei bis drei Briefe an Ihren Bruder geſchrieben, welche dem Fräulein nichts weniger als günſtig ſind. Die Angeklagte ſchwieg darauf. — Hat Ihr Gatte denn immer auf Guſtav's Erb⸗ ſchaft gerechnet? a. — enen ſeinen Per⸗ mein on „wo te es t indet dzeele rt. Ihren niger Erb⸗ Graf Bocarmt und seine Gattin. 111 Von dieſem Augenblick an nahn ui Griſn einen ſicherern Ton an, die Ruhe und Kaltblütigkeit waren vollkommen zurückgekehrt. Sie räumte ein, obgleich ſie der Heirath entgegen geweſen, habe ſie doch nicht mehr opponirt. — Haben Sie nicht am 20. November zur Erziehe⸗ rin Ihrer Kinder geſagt, ſie ſolle mit Gonzales in ihrem Zimmer zu Mittag ſpeiſen, weil Sie mit einem Notar Geſchäfte abzumachen hätten? „Es handelte ſich nur über eine Schuldverſchreibung von 15,000 Francs, die Guſtav anerkennen ſollte.“ Da Ihres Bruders Abſicht war, Peruwelz zu ver⸗ laſſen, mußte er es Ihnen cediren, und Sie hätten dann mit engis, Ihrem Oheim wohnen müſſen. „Ja.“ — Hat Ihr Oheim darin eingewilligt? „Ja zuerſt, nachher aber hat er es abgelehnt.“ — Hat er Ihnen nicht den Grund angegeben, warum er nicht mit Ihnen und Herrn von Bocarmé wohnen wollte? „Wir haben ihn danach nicht gefragt.“ — Vor dem 20. November aß Ihre Tochter Ma⸗ thilde(nach einem andern Berichterſtatter: Ihre beiden Töchter) immer in der Küche? „Ja.“(Nach anderem Bericht: Ich erinnere mich nicht.) — Haben Sie aber nicht am 20. November geſagt, ſie ſollten in ihrer Stube ſpeiſen, was ganz gegen die Ordnung war? „Das, ich vergeſſen.“(Oder: i erinnere mich nicht) — Es war in der Regel, daß die Bonne die Kin⸗ der zum Deſſert in den Speiſeſaal brachte. Haben Sie es ihr an dieſem Tage nicht verboten? 112 Graf Bocarmt und seine Gattin. ch nine mich nicht.“ — Das ſcheint doch aus der Vorunterſuchung her⸗ vorzugehen. Haben Sie nicht auch an dieſem Tage Ju⸗ ſtinen und Virginien anempfohlen, die Kinder in ihrem Zimmer zu halten? „Ich erinnere mich nicht.“ — Die Zeugen werden darüber ausſagen. „Wenn ſie es ſagen, wird es wahr ſein.“ — Wer hat beim Diner am 20. November aufge⸗ wartet? „Emerance.“ — Haben Sie dieſelben Speiſen wie Ihr Bruder gegeſſen, denſelben Wein getrunken? „Ganz dieſelben.“ — Hat Ihr Mann auch davon gegeſſen? Der eine Berichterſtatter läßt die Gräfin hierauf ant⸗ worten:„Ja, ich(habe mit gegeſſen und getrunken), aber mein Mann nicht.“ Ein anderer(in der Indépendance belge*)„Ja“(mein Mann hat mitgegeſſen). — Iſt das Diner unter der Herzlichkeit verſtrichen, wie es unter Verwandten ſich erwarten läßt? „Ja, wir ſprachen von Geſchäften.“ — Haben Sie zwiſchen 10(wo Guſtav im Schloſſe ankam) und 3 Uhr nicht einige Zeit mit Ihrem Bruder verbracht und geplaudert? „Ja, aber mein Mann war dabei.“ — Haben Sie aber vor Tiſche nicht einen einzigen Augenblick gefunden, um mit ihm allein zu ſein? „Nein. Nach dem Frühſtück ſtand er auf und ging in den Gärten ſpazieren.“ Dennoch haben Sie eine ganze Stunde oder mehr mit ihm allein verbracht. Sie haben es vor dem Un⸗ terſuchungsrichter eingeſtanden. het⸗ Ju⸗ ihrem ufge⸗ zruder f ant⸗ aber ance ichen, chloſſ ruder ging mehr Un⸗ Graf Bocarmt und seine Gattin. 113 „Ich glaube es nicht. Ich erinnere mich wirklich nicht.“ — Haben Sie nicht zu Emerance geſagt: Wenn du das Deſſert aufgetragen haſt, kannſt du dich zurückziehen. Laß uns ganz unter uns. Wir erwarten einen Notar. „Das war Guſtav, der erwartete ihn.“ — Guſtav war doch aber nicht zu Ihnen gekommen, um ein Geſchäft mit ſeinem Notar abzumachen! „Es handelte ſich ja um die 15,000 Francs.“ — Aber der Notar Cherquefoſſe iſt wegen dieſer An— gelegenheit erſt am folgenden Morgen zu Ihnen gekom⸗ men! Um welche Zeit ſpeiſten Sie? „Um 3 ½.“ — Was machten Sie nach dem Eſſen? „Wir ſetzten uns um den Kamin.“ — Als es nun dunkel ward und Emerance eintrat, um die Lichter anzuzünden, riefen Sie ihr nicht zu, ſo— wie auch Ihr Gatte: Nein, nein, ſpäter! „Ich erinnere mich nicht.“ Die Angeklagte räumte darauf ein, daß ſie um dieſe Zeit dem Kutſcher Gilles die Weiſung gegeben, die abziehende Köchin bis auf die Straße nach Leuze zu geleiten, und daß Gilles einige Minuten darauf zurück⸗ gekehrt ſei, weil es zu finſter für das Mädchen geworden. — Ging einige Minuten ſpäter nicht Ihr Mann in die Küche, um Gilles zu ſagen, daß er das Pferd Ihres Bruders anſpanne? „Guſtav verlangte abzufahren.“ — Als Ihr Gatte in den Speiſeſaal zurückkehrte, plauderten Sie mit Guſtav an der Thür, die nach dem Säulenſaale führt? Sie wollte über das Fideicommiß mit ihrem Bruder geſprochen haben. 114 Graf Pocarmt und seine Gattin. — Näherte ſich da nicht Ihr Gatte Guſtav, ſprang er nicht auf ihn los und riß ihn zu Boden? J — Was hörten Sie? „Ich hörte das Knacken der Krücken meines Bruders, die zuſammenbrachen.“ — Beſchreiben Sie uns die Stellung Ihres Bru⸗ ders und Ihres Mannes. Mit einer außerordentlichen Geläufigkeit gab die Grä⸗ fin dieſe Schilderung, dazu mit erklärenden Körperbe⸗ wegungen. Dem Berichterſtatter war es aber nicht mög⸗ lich, ein einziges Wort davon aufzufaſſen. — So ſahen Sie alſo, wie Guſtav von Hippolyte auf die Erde geriſſen ward? — Und als Guſtav auf der Erde lag, ſchrie er da nicht? „Ja, ich habe es ſehr deutlich gehört, er ſchrie mit lauter Stimme:„Ach, ach! Pardon!“ Dann ſchien es, daß man ihm den Mund zuhielt.“ — Und wo waren Sie da?. „In dem Stand.“(Ftat, dem Verſammlungsſaal der Diener, zwiſchen Schloßentree und Küche.) — Wann öffneten Sie(wieder) die Thür zum Speiſeſaal? „Als ich ein Röcheln hörte.“ — Und als Sie eintraten, war er ſchon todt. „Ja.“ — Und da war es, wo Sie zwei Taſſen heißes Waſſer holen gingen? „Ich erinnere mich deſſen nicht mehr.“ — Als Sie damals auf Emerance trafen, die aus der Küche ſtürzte, ſagten Sie ihr nicht, ſie ſolle ins Kinderzimmer hinaufgehen? tang cht mit e5, zſaal zun — S aus ins Graf Pocarmt und seine Gattin. 115 „Ja.“ — Nachdem Sie das heiße Waſſer gebracht, kamen Sie da nicht zurück, um auch eine Taſſe kaltes Waſſer zu holen? „Ich glaube es nicht.“ — Hat er(Graf Bocarmé) das heiße Waſſer ge⸗ trunken? „Ich habe ihn nicht trinken ſehen.“ — Kamen Sie nicht noch einmal wieder, alles Das während Ihr Mann(oben) in der Schlafſtube war, und foderten ſchwarze Seife, mit der Sie ſich die Hände wu⸗ ſchen in einem Gefäß, welches Chariotte Monjardez auf den Ofen geſtellt hatte. „Nein, das war viel ſpäter in der Nacht.“ — Als Sie in die Schlafſtube zu Ihrem Mann tra⸗ ten, wie ſah er aus? „Ganz blaß, abgemattet, die Haare in Unordnung. Seine Kleider hauchten einen ſonderbaren Duft. Mein Kopf ging mir da um.“ — War im Speiſeſaal nicht derſelbe Duft, den ſeine Kleider aushauchten? „Nein, da roch es nach Weineſſig.“ Sie räumte ein, ein Glas kaltes Waſſer in der Kin⸗ derſtube gefordert zu haben, ſie habe aber damit nur ihre Verwirrung verbergen wollen. Sie war dann mit Emerance wieder die Treppe hinuntergeſtiegen und traf am Fuße derſelben auf Hippolyte. — Was ſprach er? „Guſtav ſei krank.“ — Hat er Ihnen da nicht zugeflüſtert: Rufe Hülfe! Sie leugnete es, und, verwieſen auf ihre bejahende Antwort vor dem Unterſuchungsrichter, erklärte ſie, ſie könne ſich deſſen nicht entſinnen. Aber laut habe Hip⸗ —— 116 Graf Bocarmt und seine Gattin. polyte gerufen: Guſtav iſt krank! Weineſſig! Weineſſig! Emerance und ſie gingen darauf, um Fau de Cologne zu holen. Er blieb unten. Als ſie mit dem Pau de Cologne zurückkamen, war er nicht mehr da, ſondern ſchon wieder im Speiſeſaal. Sie fand ihn da beſchäf⸗ tigt, Guſtav's Geſicht zu waſchen, und ſchreiend lief ſie hinaus: O mein Gott, was iſt das mit Guſtav! — Von da aus liefen Sie in die Küche und von der Küche in das Waſchhaus, ſchreiend: Zu Hülfe! Gu⸗ ſtav iſt krank! „Ja, mein Herr!“ Auf dies Geſchrei kamen der Kutſcher Gilles, Eme⸗ rance und die Wäſcherinnen herbei. Bocarmé gab Gilles den Auftrag, Guſtav's Körper fortzutragen. Er war ſo in Verwirrung, daß er nicht wußte, wohin er ihn ſollte legen laſſen, und ſie rieth ihm, ihn auf das Bett in Emerance's Kammer zu bringen. Sie hatte aber nicht geſehen, ob Emerance dem Gilles dabei geleuchtet, ſie wollte überhaupt nichts von dem Leichentransporte ge⸗ ſehen haben. — Aber als Beide, Gilles und Emerance, wieder herabkamen, ſtießen Sie und Ihr Mann nicht da ein jämmerliches Geſchrei aus? „Ich erinnere mich nicht, daß ich jämmerlich geſchrien.“ — Es ſcheint aber doch, als ob Sie Beide ein jäm⸗ merliches Geſchrei erhoben haben, ohne eine Thräne zu vergießen? „Man ſpielte eine Komödie!“ Eine ſehr natürliche Bewegung machte ſich hier un⸗ ter den Zuſchauern kund. — Alſo was da geſchah, war eine wirkliche Komödie? „Ja, mein Herr.“ — Warum ſpielte man dieſe Komödie? —— neſſig! logne w de ndern eſchäf⸗ ief ſi on Gu⸗ Eme⸗ Gilles ar ſo ſollte ett in nicht ſie ege⸗ vieder a ein rien.“ jim⸗ ne zu uh⸗ die? Graf Bocarmt und seine Gattin. 117 „Hippolyte ſpielte ſie, um glauben zu machen, daß Guſtav eines natürlichen Todes geſtorben ſei.“ — und Sie übernahmen eine Rolle in der Komödie? „Ich konnte ja nicht anders.“ — Aber wenn Ihres Bruders Tod Ihnen Schmer⸗ zen verurſacht hätte, ſo ſcheint es mir doch, daß Sie in dem Augenblicke Thränen vergoſſen haben könnten. Warum, da Sie wußten, womit Ihr Mann umging, flüſterten Sie Ihrem Bruder nicht zu, daß er fliehen ſolle? „Ich hoffte, mein Mann werde ſeine Drohungen nicht ausführen.“ — Als Sie mit Ihrem Mann in die Schlafſtube gegangen waren, empfanden Sie da nicht einen Dunſt, den die Kleider Ihres Mannes aushauchten? Stieg es Ihnen nicht zu Kopfe und foderte er nicht ein Vomitiv? „Ich war in der Zwiſchenzeit in das Zimmer der Gouvernante gegangen, und zurückkehrend fand ich mei— nen Mann in der Schlafſtube. Da ſagte er zu mir: Rette mich, ich bin vergiftet. Ein Vomitiv, ſchnell, wenn du eins haſt.“ Auf Verlangen des Präſidenten mußte ſie das dort ſtattgefundene Geſpräch näher angeben. „Er ſagte: Ach, welch ein Unglück. Ach, Frau laß mich nicht ſterben. Ich erwiderte: Nein, ich will dich nicht ſterben laſſen. Ich werde thun, was möglich iſt.— Darauf ließ er mich Waſſer holen, immer rufend, er wäre vergiftet. Dann erwiderte er auf meine Frage: wie er ſich denn vergiftet?„Guſtav hat ſich ja wie ein Teufel vertheidigt. Ich wollte ihm die Bouteille in den Mund halten, aber dabei ſpritzte mir von der Nicotine auf die Finger der andern Hand, die ich ihm in den Mund geſteckt, um ihn das Gift verſchlingen zu laſſen.*“ 118 Graf Bocarmt und seine Gattin. — Es war auch etwas Nicotine auf Guſtav's Klei⸗ der getropft? „Nein, nur auf Hippolyte's Finger. Die wuſch man ihm mit Weineſſig.“ — Was empfahl er Ihnen deshalb an? „Wir hatten eine Unterredung gehabt. Er verbarg ſeine Finger. Was haſt du? ſagte ich. Biſt du ver⸗ wundet? Ja, ſagte er, Guſtav hielt den Mund feſt zu. Mit der einen Hand gab ich ihm das Gift, mit der andern hielt ich ihm den Mund auf. Hippolyte war ſehr verſtört wegen dieſer Verwundung.— Er hatte auch noch eine andere Wunde, auf der Stirn. Sie blutete und er ließ ſich Weineſſig auf die Haare gießen; ich mußte es mehrmals thun in Emerance's Gegenwart.“ — Wiſſen Sie, ob Guſtav wirklich ſein Vermögen angeboten hat, wenn man ihn nur leben laſſe? „Ja, Herr Präſident.“ Weiter gab ſie an: In anderer Unterhaltung mit ihrem Manne habe er ihr aufgetragen, im Buffet nach⸗ zuſehen, ob da keine Phiolen ſtänden. Sie ging hin und ſah zu ihrem Erſtaunen dies Buffet, welches ge⸗ wöhnlich verſchloſſen iſt, offen ſtehen.„Mein Mann war nicht gewiß, ob er Phiolen darin ſtehen habe. Ich fand zwei, eine kleine runde und eine flache lange, die nicht allein ſtehen konnte, und deshalb in einer Ecke des Buffets angelehnt war. Ich ſollte dieſe Phiolen leeren und ausſpülen, wo ich ſie fände, hatte er mir geſagt. Darum nahm ich ſie. Eine war in einem Sack von ro⸗ them Leder mit Cordons von Seide. Ich zerſchnitt den Sack, ich verbrannte ihn wie die Cordons von rother Seide und die Phiole leerte ich im Hofe. Die große Phiole habe ich weithin geſchleudert. Er hatte mir ge⸗ ſagt, die Phiole nach einer und den Pfropfen nach der man erbarg u vet⸗ ſt zu. it der war e auch lutete z ich rt.“ nögen mit nach⸗ ghin Mann Ich 6 die ke des leeren n ro⸗ t den other große r ge⸗ h der Graf Bocarmt und seine Gattin. 119 andern Seite zu werfen. Danach war es, daß ich mir die Hände in der Küche gewaſchen habe. Die Domeſtiken traten ein und fanden mich bei der Beſchäftigung.— Die kleine Phiole war voll, die große war es nicht.— Hippolyte ſagte auch, der Fußboden müſſe mit heißem Waſſer gewaſchen werden und mit Seife. Die Flecken darauf kamen von der Nicotine, denn die Hälfte der Flaſche war auf die Dielen gefloſſen.— Anfänglich hatte ich ihn nur abgewiſcht; aber er ſagte, das ſei nicht gut. Da that ich, wie er wollte, und habe in gleicher Weiſe zwei Stellen gewaſchen, wo— er vomirt hatte, im ro⸗ then Saal und in dem Säulenſaal.“— Mit heißem Waſſer, hatte er mehrmals befohlen, und mit Seife. So hatte man überall gewaſchen.— Später hatte ſie den Domeſtiken Befehl gegeben, Alles noch ein Mal mit Waſſer und Seife zu waſchen. — Sprachen Sie nicht mit Ihrem Mann, wie er dazu gekommen, gerade in dieſen Zimmern(Säulen- und rother Saal) zu vomiren? „Ja, er ſagte mir, es ſei auf dem Wege nach dem Abtritt oder dem Teiche geweſen, wo hinein er die Phiole werfen wollte.“ — Es war doch die Phiole, welche die Nicotine ent⸗ hielt, mit welcher Guſtav vergiftet worden. „Er ſagte mir, es wäre die.“ — Sie ſahen, wie Hippolyte im Speiſeſaal Guſtav's Geſicht mit Weineſſig wuſch; empfahl er Ihnen dann nicht, den Leichnam in Ihre Schlafſtube tragen zu laſſen? „Ja, Herr Präſident. Ich ſollte ihn waſchen, mit Weineſſig einreiben, um die Finger, den Leib, die Klei⸗ der. Er beſtimmte mir auch die Art des Weineſſigs— da eine Tonne im Keller, und ich ſollte ſehr ſtark reiben. Er fügte noch hinzu:„Laß den Cadaver nur ganze 120 Gläſer von Weineſſig verſchlingen. Es iſt beſſer, daß du es thuſt; ſo wird man weniger Verdacht gegen mich ſchöpfen.“ Dann ſollte ich auch Acht geben, ob auf dem Geſicht keine Merkmale und ob am Halſe keine Spuren von der angewandten Gewalt wären. Er hat mich drei Mal geſchickt. Ich wollte nicht gehen. Er war ſehr unruhig. Er brauchte ſelbſt ſehr rauhe Worte und ſchuppte mich.“ — Welchem Domeſtiken hat er es noch anbefohlen? „Gilles. Er ſollte ihm gläſervoll den Weineſſig in den Mund gießen.— Dann fragte er mich in der Nacht: Warum biſt du ſo bange! Die Chemiker werden, nach⸗ dem wir den Weineſſig ihm eingetrichtert, nichts finden. Davon war er ganz überzeugt.“ Warum war er davon überzeugt? „Weil es kein reactives Gift ſei.“ Was befahl er hinſichtlich Guſtav's Kleider? „Ich ſollte ſie in einen Keſſel werfen laſſen und wohl zuſehen, daß man ſie wirklich hineinwerfe. Ich ging mit Louiſe Maes in die Waſchküche. Es war wenig Waſſer da. Ich leuchtete ihr. Aus der Waſchküche trug ſie die Kleider in den großen Keſſel. Da tauchte man ſie in Seifwaſſer.“ — Und was ſagte Hippolyte bezüglich ſeiner Kleider? „Er ließ alle Domeſtiken hinausgehen und zog ſie dann unter dem Bette vor, wo er ſie tief hineingeſteckt hatte. Ich ſollte ſie dann ins Waſſer tauchen, doch ſo, daß Niemand es ſähe. Es waren graue Pantalons und ein brauner Paletot.“ Beide Stücke wurden der Angeklagten vorgelegt. Kennen Sie dieſelben? fragte der Präſident. Mit dem allergleichgültigſten Tone entgegnete die Gräfin:„Ja, Herr Präſident.“ Die Verſammlung gerieth in Bewegung. Graf Bocarmt und seine Gattin. „ n? in ht: ch⸗ en⸗ Grat Bocarmt und seine Gattin. 121 Die Kleider, antwortete die Angeklagte weiter, wa⸗ ren ſehr feucht. Sie hauchten einen Dunſt aus, der zu Kopfe ſtieg. Sie trug ſie in die Kammer von Emerance. Später ſteckte ſie ſie ins Waſſer und wuſch ſie aus. Es geſchah drei Mal, zuletzt in dem großen Keſſel, wo Guſtav's Kleider auslaugten.— Später ſchickte ſie ihr Mann noch ein Mal hin, um zu ſehen, ob er nichts in den Taſchen gelaſſen. Sie ging und fand zwei gans durchnäßte Taſchentücher und einen Geldſack von grauer Leinwand. Auch ſie waren von einem penetranten Ge⸗ ruch durchdrungen, aber er war ein anderer, als den die Kleider von ſich gaben.„In einer der Taſchen fand ſich auch ein Pfropfen, von dem er zu mir geſprochen. Er war ſehr ängſtlich danach.“ Ob es der Pfropfen zur Nicotineflaſche geweſen, wußte ſie nicht anzugeben. Die Taſchentücher hatte ſie nachher verbrannt. Der Graf hatte damit die Flecke auf dem Fußboden abgerieben. Am andern Tage war es ihr gelungen, mittels Oel und einer Bürſte ſie ganz auszutilgen. Der Notar Cherquefoſſe war bei der Operation zugegen:„Die Juſtiz hätte ja denken können, es wären Blutflecke, und darum ließ ich die Dielen noch ein Mal waſchen, nachdem ich ſie mit Oel gereinigt.“ Der Graf hatte noch auf dem Boden gekratzt und geſchabt. Als die Gerichte ankamen, hatte ſie die Spähne bemerkt und ſie ſchnell zuſammenge⸗ rafft.— Am Tage„nach der Geſchichte“ hatte der Graf ihr aufgetragen, nach dem Speicher zu gehen, um nach⸗ zuſehen, ob an Guſtav's Weſte und Cravatte auch keine Flecke wären. Sie hatte nicht gewollt. Blut hatte ſie nicht daran bemerkt. Als die Gerichte ins Schloß tra⸗ ten, hieß er die beiden Stücke verbrennen. Gilles that es in Gegenwart der Gräfin. In der Nacht führte Hippolyte ſie in den Keller. XIN. 6 122 Graf Bocarmt und seine Gattin. Sie mußte ihm leuchten, aber auf der unterſten Stufe der Treppe ſtehen bleiben. Er holte einen Krug von Steingut, dann noch einen andern und trug ſie in den Garten. Sie mußte während der ganzen Zeit mit dem Lichte auf der untern Stufe Wache halten. Was die Krüge enthielten, wußte ſie nicht. Als dies Geſchäft beendet, ſtieg er auf der Hintertreppe in den erſten Stock, nahm hier ein anderes Geſäß von Steingut und trug es nach dem Abtritt, wobei er ſie aufs neue leuchten und warten ließ. — Als Sie mit ihm über das begangene Verbrechen ein Geſpräch hatten, was empfahl er Ihnen da an, für den Fall zu thun, daß er vor Gericht erſcheinen müſſe? „Er empfahl mir an, aus Paris zwei berühmte Ad⸗ vocaten kommen zu laſſen, die Herren Chaix⸗d'Eſt⸗Ange und Leon Duval: Aber ich glaube nicht, daß man mich arretiren wird, denn man wird nichts finden.— Seine Verwundungen waren es allein, was ihn beunruhigte.“ — Hat er Ihnen nichts anempfohlen für den Fall, daß Sie vor Gericht erſcheinen müßten? „Ja, er befahl mir zu ſagen, daß ich nichts wiſſe. Verkaufe mich nicht! rief er.(Bei dieſen Worten ſchien die Angeklagte zum erſten Mal bewegt.) Das war im Vorzimmer, am Tage nach meines Bruders Tode.“ — Hat er Ihnen für den Fall nichts anempfohlen, wo man Ihnen wieder berichte, was er vor dem Rich⸗ ter ausgeſagt? „Ja, er ſagte, glaube nichts von dem, was man Dir ſagen wird, daß ich es geſagt hätte. Das ſind die Mittel, welche die Juſtiz anwendet, um zur Kenntniß der Wahrheit zu gelangen.“ Lebhafte Bewegung im Publicum. Stufe von den dem die ſchift Stock, trug ſchten rechen gan, einen Ange mich Zeine gte.“ Fall, wiſſe. chien r im hlen, man die tniß Graf Vocarmt und seine Gattin. 123 — Hat er Ihnen aber nichts geſagt, was Sie ſagen müßten, wenn er des Verbrechens überführt würde? „Dann ſollte ich erklären, daß Guſtav ſich ſelbſt ver⸗ giftet hätte. Aber wie, entgegnete ich, kannſt Du mit einiger Ausſicht auf Erfolg das aufſtellen. Ei was, ant⸗ wortete er, das iſt die Sache meiner Advocaten.“ Ein Murmeln des Abſcheus ging durch die Ver— ſammlung. Weiter erzählte ſie: in der Nacht nach dem Morde hieß er ſie in der Bibliothek verſchiedene Briefe und zwei Portefeuilles in braunem Schafleder herausnehmen und verbrannte ſie. Am andern Morgen fuhr er im Ver⸗ brennen von Papieren fort, auch ward ein Pack mit Büchern vom Feuer verzehrt. Ob Orfila's Toxikologie darunter geweſen, die Bocarmé beim Buchhändler Tircher in Brüſſel gekauft, wußte ſie nicht anzugeben. Beſtimmt aber alle Briefe, die er von Gerken in Gent und von Loppens erhalten. — Hat nicht Hippolyte alle Dienſtleute in ſeiner Schlafſtube verſammelt, um ihnen einzugeben, wie ſie ſich zu verhalten hätten? „Ja, er fragte ſie: wenn man Euch nun inquirirt, was werdet Ihr ſagen?— Das und Das?— Das iſt es nicht— Ihr müßt ſo und ſo antworten.“ — Was hat er ihnen aber ſpeciell geſagt? „Er ſagte: Ihr müßt erklären, daß Ihr ſchreien ge⸗ hört habt: Hippolyte, mir zu Hülfe!“ — und Guſtav hat das nicht gerufen? „Gott bewahre! Er ſchrie: Pardon, Hippolyte!“ — Als er die Domeſtiken da in ſeinem Zimmer hatte, wollte er Emerance nicht glauben machen, daß Guſtav in ihren Armen verſtorben ſei?— Hat er nicht ſelbſt geſagt: Ach die arme Emerance! In ihren Armen iſt er geſtorben. 124 Graf Borarmt und seine Gattin. „Ja.“ Ob er drei Mal Emerance abzurichten verſucht, wußte die Gräfin nicht mehr anzugeben. Aber beim Eintreten jedes Domeſtiken hatte er ihr zugeflüſtert, er müſſe ſo inſtruirt werden, daß von ihm ſelbſt jeder Verdacht ab⸗ gleite. Der Graf hatte ſeiner Gattin nur befohlen, die Krücken ihres Bruders waſchen zu laſſen, ſie hatte ſie verbrannt. Emerance war nach der That überaus unruhig, was daraus werden könne, und ſie gab den Andern den Ge⸗ danken ein, zum Pfarrer zu gehen, zu dem denn auch wirklich alle Hausgenoſſen ſich begaben. Nach der Lei⸗ chenſchau war die Gräfin der Emerance auf der Treppe begegnet und hatte zu ihr geſagt: Alles gehe gut, nichts ſei entdeckt und man werde ihren Bruder ſofort beerdi⸗ gen. Sie hatte den Feldhüter Wibaut nach Schloß Grandmetz geſchickt, wollte ſich aber nicht entſinnen, daß ſie gegen ihn die Worte gebraucht: er ſolle dieſen Men⸗ ſchern ſagen, daß Guſtav todt ſei. Guſtav hatte ſchon eine Partie ſeiner Meubles nach Grandmetz geſchickt gehabt. Sie hatte ſofort die Schlüſſel zu denſelben ſich gefordert. Hier mußte an dem Tage das Verhör geſchloſſen werden. Ein Correſpondent berichtet: daß es auf das Publicum den allerpeinlichſten Eindruck hervorgebracht. Die Details, welche die Gräfin angegeben, erſchienen ſelbſt Denen, welche auf die Tragödie vorbereitet waren, ſo gräßlich, als ſie nicht geglaubt, und konnten doch auch wieder nicht erfunden ſein. Vieles, was die Gräfin ſagte, war beim leiſen Ton ihrer Stimme den Steno⸗ graphen entgangen. Andererſeits hatte ſie aber auch mit ſolcher Zungenfertigkeit geſprochen, daß ihr zu folgen un⸗ möglich war. Sie drückte ſich übrigens mit großer Leichtigkeit, beinahe mit Eleganz aus und erzählte die ußte reten ſe ſo tab⸗ die e ſi was Ge⸗ auch Lei⸗ eppe ichts erdi⸗ hlof daß Nen⸗ eine abt. dert. ſſen das acht. elbſt ſ auch äfin eno⸗ mit un⸗ oßer die Graf Bocarmé und seine Gattin. 125 ſchrecklichſten Dinge auf die anmuthigſte Weiſe von der Welt. Man war geſpannt, wie der Graf am nächſten Tage dieſe Anklage, welche ſeine Frau gegen ihn erhob, be⸗ antworten, ob er ſeinerſeits die Schuld auf ſie zurück⸗ ſchleudern werde. Man hatte aber zugleich in der ver⸗ änderten Kleidung, in dem abgeſchnittenen Kinn⸗ und Backenbart eine Kriegsliſt, eine Waffe zur Vertheidigung erkannt. In dieſem Bart, in jener Mütze, war er nicht allein auf allen Bildern dargeſtellt, ſondern ſo hatte er ſich auch als der pſeudonyme Herr Berant beim Profeſ⸗ ſor Loppens gezeigt. Als er raſirt zu werden verlangte, glaubte man im erſten Augenblick, es wäre ſeine Abſicht, ſich durch eine raſche Bewegung das Leben zu nehmen, er ward daher bei der Operation in einer Art an den Stuhl gebunden, daß jede Bewegung ihm unmöglich war. Indeſſen, fügt der Referent hinzu, gibt es Län⸗ der, wo man eine ſolche Verwandlung ſeines Aeußern in einem Proceſſe nicht zugegeben hätte, wenn eine Con⸗ frontation noch bevorſtand. Die Neugier, einen Blick auf die Angeklagten zu er⸗ haſchen, war am folgenden Tage noch größer; indeſſen war eine noch größere Vorſorge getroffen, ſie den Augen des Publicums zu entziehen, bis ſie vor den Geſchwore⸗ nen erſchienen. Es traf ſich, daß der Vorſizende der Geſchworenen dermaßen angegriffen war, daß ſofort ein anderer ge⸗ wählt und ein Erſatzgeſchworener eintreten mußte. Dem⸗ nächſt ward mit dem Verhör der angeklagten Gräfin fortgefahren. — Sie erwähnten, daß Ihr Mann Sie beauftragt, 126 Graf Bocarmt und seine Gattin. den Hals des Leichnams zu beſichtigen, ſagte er da nichts von einer verbrannten Stelle, und daß die Nicotine ſeit⸗ wärts aus dem Munde und über den Hals gefloſſen wäre? „Er ſagte nur, ich ſolle den Hals genau betrachten, aber nicht warum.“ Die Gräfin bekannte von dem Verſteck in der Mauer Kenntniß gehabt zu haben, aber ſie wollte ihrem Manne nicht behülflich geweſen ſein, die chemiſchen Apparate da⸗ ſelbſt zu verſtecken. — Vor dem Unterſuchungsrichter ſagten Sie einmal: ſie hätten einige Augenblicke, ehe Ihr Gatte den Tilbury für Guſtav beſtellte, bemerkt, daß er einen drohenden Blick geworfen. „Es war ein Todtenblick.“ — Und hat Sie das nicht aufmerkſam gemacht? „Gewiß.“ — Und iſt dies vielleicht auch der Beweggrund, wes⸗ halb Sie ihm abſchlugen dem Diener den Befehl zum Anſpannen zu geben? „Ja.“ — War dieſer Todtenblick vor dem Augenblick, wo Emerance eintrat, um die Lichter anzuzünden? „Nachher.“ — In der Nacht nach Guſtav's Tode ließen ſie den Doctor Semet aus Peruwelz kommen. Weshalb? „Für meinen Mann.“ — Und Sie wußten, daß Ihr Bruder todt war? „Ja, aber Hippolyte hatte geſagt, ich ſollte ihn für ihn und für Guſtav rufen laſſen.“ — Da er wußte, daß Ihr Bruder todt war! Das war wol noch immer um die Komödie weiter zu ſpielen? „Höchſt wahrſcheinlich!“ antwortete die Gräfin mit hto eit⸗ ſſen ten, auer nne da⸗ nal: uch den um wo den für Das en? nit Graf Bocarmt und seine Gattin. 127 deutlicher Stimme und höchſter Gleichgültigkeit. Aller Blicke hafteten fragend und mit Entſetzen auf ihr. Die andern Ausſagen, bezüglich auf die Erſcheinung des Arztes, ſeine Medicin und das Erbrechen des Gra⸗ fen ſind unerheblich. Das Verhör des Grafen begann. Die Aufmerkſam⸗ keit konnte nicht geſpannter ſein. Die Stenographen hatten leichtere Arbeit, weil der Angeklagte frei und offen mit deutlicher Stimme ſeine Antworten gab. — In welchem Jahre heiratheten Sie Lydie Fougnies? „Im Jahre 1843.“ — Von Ihrer Seite war die Heirath eine aus In⸗ tereſſe abgeſchloſſene, war es aber nicht auf Seiten der Familie Fougnies der Ehrgeiz, welcher ſie darauf ein⸗ gehen ließ? „Ich weiß es nicht.“ Die Vermögensverhältniſſe gab der Graf wie ſeine Gattin an. Er räumte auch ein, daß beider Penſion für ihren Haushalt nicht ausgereicht, insbeſondere aber darum nicht, weil der alte Fougnies im erſten Jahr die Penſion nicht auszahlte. Nach dem Tode deſſelben, 1845 oder 1846, habe er als Erbtheil ſeiner Frau, nach Ab⸗ zug der Schulden, rein 140,000 Francs ausgezahlt er⸗ halten, was eine Revenue von 4000 Francs ergeben. Seine jetzige Geſammteinnahme von 6400 Francs habe aber auch nicht zu ſeinen Ausgaben gereicht. Er habe deshalb von den Immobilien ſeiner Frau für eine Summe von 95,000 Francs verkaufen müſſen. Schon im Januar 1850 war dieſe Summe ausgegeben. Der Angeklagte erinnerte ſich wenigſtens nicht, ob er damals noch Geld gehabt, und der Präſident erklärte, das Factum ſolle 128 Graf Pocarmt und seine Gattin. erwieſen werden. In dieſem Jahre hatte er Diamanten ſeiner Frau im Leihamt zu Brüſſel für 400 Francs ver⸗ ſetzt. Außerdem verſchuldete er 109,700 Francs an einen Clienten des Notar Cherquefoſſe und 45,000 Francs an den Notar Dugnolle. Die 7000 Francs ſchreiender Schul⸗ den, die zum Theil bis zum Jahr 1846 zurückdatirten, wollte er nur zum Theil anerkennen. Er ſollte vor zwei Jahren zwei Perſonen 30 Francs angeboten haben, da⸗ mit ſie in ſeinem Intereſſe, der Wahrheit entgegen, eine Ausſage machten; er behauptete, er hätte ſie nur beſtim⸗ men wollen, einer frühern Ausſage getreu zu bleiben. Er hatte vom Lohn ſeiner Köchin und anderer Dienſtleute zurückbehalten; er meinte, die Anfoderungen der Leute ſeien übertrieben und unrichtig. Er ſollte einſt einen ſimulirten Verkauf ſeiner Güter beabſichtigt und ſchon deshalb mit einem Advocaten ge⸗ ſprochen haben, zum Vortheil ſeiner Kinder, und um ſeine Gläubiger zu betrügen; er behauptete aber, das ſei nur ein Project geweſen, über welches er mit ſeiner Frau im Intereſſe Dritter oder wiſſenſchaftlich geſprochen. — Indem Sie Lydie Fougnies heiratheten, ſpeculirten Sie nicht da ſchon auf Guſtav's Vermögen, der von ſo ſchwacher Leibesbeſchaffenheit war? „Ich habe niemals auf Guſtav's Vermögen ſpeculirt.“ — Aber haben Sie nach Ihrer Verheirathung nicht mehrmals den Doctor Semet über Guſtav's wahrſchein⸗ liche Lebensdauer conſultirt? „Meine Frau hatte mir geſagt, der Doctor habe er⸗ klärt, Guſtav könne nicht lange leben. Da fragte ich Semet deshalb. Er antwortete mir, daß er es durch⸗ aus nicht wiſſe.“ — Fragten Sie nicht noch einen Arzt in Tournay, ob Guſtav wol wieder geſund werden könne? nten ver⸗ inen s an chul⸗ irten, zwei da⸗ eine ſtim⸗ Er leute Leute üter ge⸗ um ſei rau irten nſo irt.“ nicht hein⸗ Graf Vocarmé und seine Gattin. 129 „Eine Perſon aus der Familie beauftragte mich, dieſe Frage zu thun.“ — Ließen Sie nicht Ihre Frau ein Teſtament ma⸗ chen, durch welches Sie zum Univerſalerben eingeſetzt wurden? „In Mons bot meine Frau mir das an, und ſie hat das Teſtament gemacht.“ — War das nicht, als ſie mit Ihrem älteſten Sohne Gonzales ſchwanger war, und handelten Sie nicht, wie Sie gehandelt, in der Vorſtellung, daß ſie bei der Nie⸗ derkunft ſterben möchte? „Ich habe nie auf den Tod meiner Frau ſpeculirt.“ — Haben Sie Ihre Frau immer mit Rückſicht und Sorgfalt behandelt? „Ich war immer gut mit meiner Frau. Nur zuwei⸗ len geriethen wir wegen der Haushaltung aneinander.“ — Haben Sie niemals der Heftigkeit gegen dieſelbe Raum gegeben? „Niemals.“ — Haben Sie ſie niemals geſchlagen, niemals ihr Fußtritte und Fauſtſchläge gegeben, und zwar dergeſtalt, daß man die Gräfin, Ihre Mutter, rufen mußte, um Ihrer Brutalität ein Ende zu machen? „Nein, einmal nur war ein Streit zwiſchen uns in Betreff der Einrichtung eines Zimmers. Da erboßte ſich meine Frau und bekam nervöſe Anfälle. Sie ſtürzte aus der Stube, lief zu meiner Mutter und ſchrie, ich hätte ſie geſchlagen.“ — Waren Sie nicht eines Tages mit Ihrer Frau im Garten und kam es nicht, daß Sie ſie niederwarfen und ſie mit dem Geſicht auf die Erde rieben? „Ich habe ſie niemals auf die Erde geworfen. Aber als ich an jenem Tage durch den Corridor ging, hörte 6 130 Graf Bocarmt und seine Gattin. ich ſie zu einem Domeſtiken ſagen, er ſolle alle Morgen mein Zimmer bohnen, ſelbſt wenn ich noch ſchliefe. Da machte ich denn meine natürlichen, verdrießlichen Be⸗ merkungen darüber gegen meine Frau, die wieder dar⸗ über außer ſich gerieth, und endlich, ein Opfer ihrer nervöſen Anfälle, auf die Erde fiel.“ — War ſie nicht durch den Fall verwundet, und Sie waren es, der ſie zu Fall gebracht. „Nein, ich habe ſie nie zu Fall gebracht.“ — Haben Sie ſich nicht ein ander Mal, wegen ei⸗ nes Kindes, zu großen Brutalitäten gegen Ihre Ehe⸗ gattin hinreißen laſſen? „Ich habe mich niemals, zu keinem Acte von Bru⸗ talität, gegen meine Frau hinreißen laſſen.“ — War um jene Zeit nicht noch eine andere Dame in Schloß Bitremont wohnhaſt? „Ich war verreiſt geweſen. Als ich zurückkehrte, fand ich im Schloſſe Madame Cherquefoſſe. Ich ſagte zu meiner Frau: Wie! Du empfängſt die Perſon bei mir! Du weißt doch, daß ſich das für mich nicht ſchickt. Ich ſagte ihr auch meine Motive. Sie gerieth wieder außer ſich, und wollte Madame Cherquefoſſe rapportiren, was ich ihr geſagt. Ich hielt ſie an und bedeutete ihr, die⸗ ſer Dame mit Höflichkeit zu verſtehen zu geben, daß ſie fortgehen möchte. Meine Frau erhitzte ſich immer mehr. Da kamen neue Nervenanfälle und ſie fiel zu Boden. Da beklagte ſie ſich denn heftig über mich bei Madame Cherquefoſſe.“ — Haben Sie an dem Tage ſie nicht heſtig an der Kehle gepackt? „Ich faßte ſie nur an, als ich ſie wieder von der Erde aufhob.“ — Richtete damals nicht Madame Cherquefoſſe fol⸗ gen Da dar⸗ hrer und ei⸗ he⸗ ru⸗ ame and zu ir! Ich ßet vas die⸗ ſie chr. den. me der Graf Bocarmt und seine Gattin. 131 gende Worte an Sie:„Wenn Sie Ihre Aufführung nicht ändern, Herr Graf, ſo werden Sie noch in Ketten oder auf dem Schaffot ſterben.“ „Sie regalirte mich allerdings nach den Hinterbrin⸗ gungen meiner Frau mit einigen injuriöſen Reden.“ — Sie werden Madame Cherquefoſſe darüber hören. Kannten Sie im Schloſſe Bitremont auch Louiſe Prevoſt? „Sie war Kammermädchen bei meiner Frau.“ Verſuchten Sie nicht ein ſtrafbares Verhältniß mit ihr zu entriren? „Niemals.“ — Waren nicht auch Juſtine Thibaut und viele an⸗ dere weibliche Dienerinnen der Gegenſtand Ihrer Ver⸗ folgungen und Angriffe? „Nein, niemals, alle dieſe Mädchen haben mich, aus Verdruß, daß ſie fortgeſchickt ſind, verleumdet.“ — Aber vielleicht kannten Sie doch im Schloß die Celeſtine Legrain? „Ja, die kannte ich ſehr gut. Sie wartete eines meiner Kinder, und ſie war ſehr gewiſſenhaft in ihren Pflichten.“ — und fand zwiſchen Ihnen keine Verbindung ſtatt, in Folge welcher das Mädchen am 13. September 1847 mit einem Kinde niederkam? „Ich habe während langer Zeit keine Verbindung mit ihr gehabt. Aber indem ich ſpäter fühlte, daß ich ſie liebe, ſagte ich zu ihr: Celeſtine, wir müſſen ſcheiden. Einige Zeit nachher ließ ſie mir ſagen, ſie wäre ſchwan⸗ ger. Als ſie das Kind bekam, habe ich ihr Alles ver⸗ abfolgt, was ihr nothwendig war.“ — Haben Sie Ihre Frau nicht gezwungen, dieſes ehebrecheriſch erzeugte Kind im Schloſſe aufzunehmen? „Nein, nur als das Kind entwöhnt war, ſagte ich 132 Graf Pocarmt und seine Gattin. meiner Frau, was geſchehen, und fragte ſie, ob ſie wol erlaubte, daß ich das Kind zu mir nehme? Sie willigte ein und fuhr ſelbſt mit mir aus, um es zu holen.“ — Lydie Fougnies, war es Ihr eigener, freier Wille, daß Sie das Kind aus Mons abholten? Die Gräfin: Ich unterlag einem moraliſchen Zwange. Hippolyte ſagte zu mir: willſt du das Kind nicht neh⸗ men, ſo müſſen wir uns ſcheiden. — Angeklagter! eines Nachts entführten ja wol Ihre Frau und Guſtav Fougnies das Kind? „Ja, aber nachher bereute meine Frau, was ſie gethan, und, ſei es auf Rath ihres Bruders, oder aus freien Stücken, ſie verſtändigte ſich mit ihm, um, ohne mein Wiſſen das Kind verſchwinden zu laſſen“(wenn das„und“ nicht ein lapsus linguae oder calami iſt, bleibt der Sinn unverſtändlich). — Aber war dieſe Entführung nicht mit einer der Gründe, weshalb Sie gegen Guſtav Fougnies einen fort— währenden Groll hegten? „Nein, ich habe niemals gegen Guſtav Fougnies einen Groll gehegt, weil ich gar nicht wußte, daß er ein Mit⸗ ſchuldiger bei der Entführung war.“ — Auch da keine Gewaltthätigkeiten gegen Ihre Frau!— Gerade bei dieſer Gelegenheit äußerte Madame Cherquefoſſe jene Worte: Wenn Sie Ihre Aufführung nicht ändern, ſo werden Sie noch in Ketten oder auf dem Schaffot ſterben! Das ſind doch ziemlich bittere Worte! „So hat ſie nicht geſagt. Wenn ich mich recht ent⸗ ſinne, hat ſie, nachdem meine Frau geklagt, nur geſagt: Es iſt abſcheulich, ſo Ihre Frau zu mishandeln.“ — Aber Sie haben das entführte Kind wieder ins Schloß gebracht? „Das ging ſo zu. Meine Frau geſtand, daß ſie mit ol te le, u6 ne Graf Bocarmt und seine Gattin. 133 Guſtav das Kind verſchwinden gemacht. Ich bat ſie nun, es mir wieder zurückzuführen, und ſie willigte ein.“ Das Verhör über des Grafen Verhältniß zum ent⸗ führten und wiedergebrachten Kinde, zu deren Mutter und dem Vater derſelben ſchweifte noch weit und auf ver⸗ ſchiedene Nebenpunkte über, die wir hier übergehen mö⸗ gen, da ſie nur zum Zweck hatten, die Immoralität des Angeklagten herauszuſtellen. Er hatte ſeine Gattin ein Billet unterzeichnen laſſen, worin ſie in die Rückkehr des Kindes willigte, er behauptete: freiwillig; ſie ſagte: nur aus moraliſchem Zwang. Später hatte er das Kind bei der Mutter und deren Vater in Penſion gegeben, er führte eine eigene Menage mit Celeſtine Legrain. Ihrem Vater hatte er eine Verſchreibung gegeben auf eine be— ſtimmte jährliche Penſion, aber er hatte ſie den Vater ſelbſt ſchreiben und unterſchreiben laſſen; ein Mal erkannte er die Unterſchrift an, ein Mal verleugnete er ſe nachdem. Aus Celeſtine's Secretair hatte er ein Mal 1000 Francs ihrer Erſparniſſe genommen, da das Geld ja von ihm gekommen und er ihr jeder Zeit wiedergeben werde, was ſie brauche und dergleichen. Der Graf beſtritt nicht ſeine Studien, die er mit Giftpflanzen und deren Cultur betrieben, es ſei aber nur in der Abſicht geſchehen, einen einträglichen Handel mit den Wilden Nordamerikas zu treiben, mit denen ſein Vater und er ſchon längſt in derartiger Geſchäftsverbin⸗ dung geſtanden. Daher ſeine Beſuche bei den Gärtnern und Chemikern, um ſich Pflanzen zu verſchaffen. Er habe übrigens die Abſicht gehabt, Schloß Bitremont ſei⸗ ner Frau und ſeinen Kindern zu überlaſſen und ſich wie⸗ der nach Amerika zurückzuziehen. — Lydie Fougnies, hat Ihr Mann Ihnen jemals von dieſem Project etwas mitgetheilt? 134 Graf Bocarmt und seine Gattin. „Niemals,“ antwortete die Gräfin. „Ihr habe ich freilich nichts davon geſagt, aber meine Abſicht war es.“ — Aber nachdem Sie mehre Jahre hindurch ſich nicht mit Chemie beſchäftigt, wie kamen Sie mit einem Male darauf ſich gerade auf die Nicotine zu werfen? „Ich wollte alle Eigenſchaften des Tabacks kennen lernen.“ Orfila's Toxikologie ſei ſein Leitfaden geweſen, aber er habe ſchon früher in Köln Chemie ſtudirt. Außer Orfila's kaufte er noch(im Mai 1836) ein Werk über die Gifte von Renaud, und darin habe er gefunden, daß man in Frankreich dahin gekommen ſei, die Nicotine aus dem Taback zu ziehen. Und da habe er gleich zu ſeiner Frau gerufen:„Nun habe ich, was ich ſuchte.“ — Sprachen Sie das nicht ſehr leiſe, ſodaß Ihr Diener, der bei Ihnen war, es nicht verſtehen konnte? „Ich ſprach immer leiſe mit meiner Frau, wenn Dienſtboten dabei waren. Sie ſollten nicht wiſſen, was zwiſchen mir und meiner Frau vorging.“ Er gab ferner an: ſein Vater habe einen großen Tabackshandel getrieben und dabei Schaden erlitten, weil er nicht verſtanden die Tabacke nach ihrer Eigenſchaft zu claſſificiren. Nun habe er ermittelt, daß man die Pflan⸗ zen am beſten nach dem mehren oder mindern Gehalt von Nicotine abſchätzen könne. Da habe er ſich denn auch von den genannten Perſonen, dem Kupferſchmied Delnu in Brüſſel, dem Apotheker Vanbenkelaer die Ap⸗ parate verſchafft und gekauft, wobei Profeſſor Loppens als Sachverſtändiger ſein Gutachten über die Tüchtigkeit abgeben mußte. — Haben Sie bei dieſen Verhandlungen nicht den Namen Beérand angenommen? teine ſch inem nnen aber ußer über daß aus einer Ihr nte? enn was oßen weil t zu lan⸗ chalt denn mied Ap⸗ pens gkeit den Graf Vocarmt und seine Gattin. „Ja, um die Waare nicht zu theuer zu bezahlen.“ — Wenn man ſich aber zu achtbaren Perſonen be⸗ gibt und den Namen eines Grafen von Bocarme führt, warum dann einen falſchen Namen annehmen? „Loppens kannte mich einmal unter dem Namen Berand, unter welchem er mich bei Vandenberghe geſehen.“ — Die falſche Namengebung deutet doch auf böſe Abſichten, und Sie mußten ein Motiv haben, um den Namen Bocarmé mit Berand zu vertauſchen. „Kein anderes, als die Beſorgniß, die Waare theurer bezahlen zu müſſen, wenn ich meinen wahren Namen ſagte. Und da ich nun ein Mal den Namen Berand dort angenommen, konnte ich nicht mehr unter dem Na— men Bocarmé an Loppens ſchreiben.“ Die weitern Verhandlungen über dieſe Ankäufe von Keſſeln und Kolben ſcheinen zu unſerm Zwecke von wei⸗ ter keiner Bedeutung nach dem Eingeſtändniſſe des Gra⸗ ſen, ſich dieſe Sachen wirklich beſtellt und angeſchafft zu haben. Doch führte der Angeklagte noch an, daß er ein Mal Loppens wiſſen laſſen, wer er eigentlich ſeiz wann dies geſchehen, erinnerte er ſich nicht mehr. Er behauptete, als man ihn fragte, ob Loppens es geweſen, der ihm Orfila's Werk empfohlen, mit einer Miene von Superiorität: er habe bereits alle Autoren über Gifte gekannt, insbeſondere aber die deutſchen. Er hatte Lop⸗ pens ſchriftlich um Unterricht im Deſtilliren der Gifte erſucht, er hatte mit beſonderm Eifer darauf gedrungen, die Stunde bald anzuſetzen. Die Briefe unter Berand's Namen hatte ſeine Frau für ihn ſchreiben müſſen, wie er ſagte, wohl damit einverſtanden, weil ſie wohl ge⸗ wußt, daß er als Graf Bocarmé viel theurer hätte be⸗ zahlen müſſen. — Seltſam, einen fremden Namen anzunehmen, um 136 Graf Pocarmt und seine Gattin. ſo unbedeutende Differenzen, zumal da Sie wiſſen muß⸗ ten, daß Sie ſich dadurch eine Criminalunterſuchung auf den Hals ziehen konnten. „Ich mußte oft doppelt bezahlen, weil ich mich Graf Bocarmé nannte.“ Dann folgen Eingeſtändniſſe, daß er ſeine präparir⸗ ten Tabacke verſchiedene Male an Loppens zur Prüfung gebracht, auf deſſen Weiſung ſeinen Deſtillirkolben än⸗ dern laſſen und endlich unter ſeiner Leitung mit mehr Glück gearbeitet habe. Die Quantität der gewonnenen Nicotine wollte er geringer angeben, als man ihm aus den Zeugenausſagen vorhielt. Später war er mit ſelbſt— präparirter Nicotine zu Loppens gekommen und hatte ihm erzählt, daß er„erſtaunliche Reſultate“ gewonnen. „Ja, an Thieren, das iſt wahr!“ rief der Graf mit großer Lebhaftigkeit. Dem Präſidenten ſchien viel daran gelegen, daß der Angeklagte ſich über die Tage und Monate beſtimmt auslaſſe, wo er die Geſchäftsreiſen, Unterhaltungen und Ankäufe in Gift gemacht; gerade hierauf kamen aber immer ausweichende Antworten. Er verwies auf die Verkäufer, auf Loppens u. A., die es beſſer wiſſen würden. — Ich will es aber von Ihnen wiſſen. Hören Sie wohl. Wenn es ein beſtimmtes Datum gilt, ſo erinnern Sie ſich deſſen nie. Sie erinnern ſich Ihrer Reiſen, auch Ihrer Unterhaltungen, und wiſſen nicht einmal den Monat, wo Sie gereiſt ſind, wo Sie mit Jemand ein wichtiges Geſpräch gepflogen haben! Können Sie ſich denn auch nicht einmal entſinnen, wann Sie zu Herrn Loppens von dieſen erſtaunlichen Reſultaten geſprochen haben, ob es im October war oder im November? „Ich entſinne mich wirklich nicht, es war in der ſpä⸗ tern Jahreszeit.“ muß⸗ gauf Graf parir⸗ üfung nän⸗ mehr nenen nals ſilbſ⸗ hatte nnen. f nit der immt und aber f die rden. Sie mern eiſen, den d ein ſich errn ochen „ Graf Bocarmt und seine Gattin. 137 — Die ſpätere Jahreszeit iſt ein langer Termin. „Es war gegen Ende Sommers.“ — Ende Sommers betraf Belgien ein betrübendes Ereigniß, am 11. October ſtarb die Königin. Waren Sie nach dieſem Todesfall in Brüſſel? „Ich weiß es nicht, Herr Loppens wird es ſagen.“ Die Ungeduld und der Unwille ſprachen ſich im gan⸗ zen Saale aus; es war aber nichts Beſtimmteres, trotz aller Umſtände, die man nannte, um ſeinem Gedächtniß zu Hülfe zu kommen, aus ihm zu erlangen. — Hatten Sie nicht am 10. November ſo viel Ni⸗ cotine bereitet, wie etwa zwei kleine Gläſer Wachholder⸗ branntwein enthalten können? „Ich machte Nicotine, und ſo viel, daß ich ſechs bis acht Flacons erzielte.“ — Man weiß nur von zwei Phiolen. „Es waren mehr; ihrer ſieben gewiß.“ — Was wollten Sie mit der Nicotine machen? „Ich ſagte es ja ſchon, ich machte aus dieſer Opera⸗ tion ein ſpecielles Studium, weil es mir dazu dienen ſollte, aus der mehr oder mindern Nicotine, die er enthielt, die Güte und die Qualität des Tabacks zu er⸗ kennen.“ — Aber was machten Sie mit dem gewonnenen Stoff? „Nichts, gar nichts. Wenn ich die Nicotine erhal⸗ ten, war ſie mir für nichts.“ — Poſitiv, wo blieb die gewonnene Nicotine? „Ich ſetzte ſie bei Seite.“ — Kennen Sie Jemand, der Ihnen die Nicotine ab⸗ gekauft hätte? „Nein, ich habe niemals davon verkauft.“ — Vorhin erwähnten Sie, Sie hätten fabriciren wollen, um die Waare wieder los zu werden. — 138 Graf Pocarmt und seine Gattin. „Ja, das war aber nur, um damit einen Handel zu machen. Ich hatte mich nun einmal darauf erpicht. Ich begreife nicht, wie man das nicht begreifen kann. Ich arbeitete nach Regeln, ich habe zehn Mal im Jahre Ni⸗ cotine gemacht.“ — Wenn Sie eine ſo große Quantität Nicotine hat⸗ ten, ſo hätten Sie ja ein Magazin anlegen müſſen. Was iſt denn aus dieſer Quantität geworden? „Ich habe eine Bouteille ganz voll gegoſſen.“ — Wie groß war ſie? „Wie eine Weinflaſche.“ — Eben noch ſagten Sie aber, daß Sie das Pro⸗ duct Ihrer Arbeit in ſieben Phiolen gethan! „Die waren die Frucht meiner letzten Arbeit.“ — Was iſt nun aus denen geworden? „Im Säulenſaal ſchloß ich ſie in einen kleinen Schrank.“ — Hatten Sie den Schlüſſel zu dieſem Schranke bei ſich? „Ja, zuweilen aber legte ich ihn auf den Kamin im rothen Saal.“ — Wußte Jemand darum? „Ja, der Arbeiter, der mir beim Produciren half. Ich glaube es wenigſtens.“ — Hatte dieſer Frangois Deblicquy Zutritt in den Säulen⸗ und in den rothen Saal? „Nur wenn ich da war. Es mochten auch noch An⸗ dere um den Schlüſſel wiſſen, ich weiß aber nicht wer.“ — Was iſt nun aber aus den ſieben Phiolen gewor⸗ den, von denen Sie ſprachen? „Die ſind alle in den Teich geſchüttet an jenem Tage, wo ich meine chemiſchen Inſtrumente reinigte.“ — Wer ſchüttete ſie aus? el zu I 3 Ni⸗ hat⸗ Was Pro⸗ einen anke im Graf Bocarmt und seine Gattin. 139 Nach einigem Zaudern:„Ich ſelbſt.“ Bei der Frage nach dem Motiv gerieth der Ange⸗ klagte in Stocken und ſuchte auszuweichen, indem er nichts Anderes anzugeben wußte, als:„Aber ich habe ſie doch in den Teich geſchüttet.“ Ebenſo verwirrte er ſich in Bezug auf den Tag, den 10. November, wo er einmal ſeine Arbeiten vollendet, die ſieben Phiolen gefüllt, den Inhalt in den Teich geſchüttet und die Apparate gereinigt haben will. Er hatte vor dem Unterſuchungs⸗ richter ausgeſagt, daß er einen oder zwei Tage vor dem Verbrechen von dem Gift aus dem Schranke etwas ent⸗ wandt gefunden, und blieb auch jetzt noch dabei, daß ihm zuweilen ein Fläſchchen gefehlt, wußte aber nichts Genaueres darüber anzugeben. — Es waren doch im Ganzen ſieben Flacons? „Auch noch einige andere, die ich früher gewonnen.“ — Wie viel denn nun im Ganzen? „Drei hatte ich früher gewonnen, außer der einen vollen Bouteille.“ — Wie ſah denn dieſe Bouteille aus? War es eine Bordeaufxflaſche? „Eine ganz gewöhnliche Weinflaſche.“ Der Präſident hielt dem Angeklagten alle Widerſprüche vor, in die er ſich in Bezug auf dieſe Angaben vor dem Unterſuchungsrichter und jetzt vor Gericht verwickelt: — Einmal ſagten Sie, aus der Operation, die am 17 November beendet geweſen, hätten Sie ſieben Phio⸗ len Nicotine gewonnen, und dieſe ſieben Phiolen hätten Sie in den Glasſchrank geſtellt.— Andere Verſion: das ganze Reſultat Ihrer Arbeit ſei in eine Weinbouteille ver⸗ ſchloſſen worden. „Ich bitte“, fiel Bocarmé ein;„dieſe letztere Bouteille enthielt das Reſultat meiner frühern Arbeiten.“ 140 Graf Borarmt und seine Gattin. — Nun haben Sie eben geſagt, am Tage, wo man die Inſtrumente gewaſchen, hätten Sie alle in den ſieben Phiolen enthaltene Flüſſigkeit in den Teich gegoſſen.— Dritte Verſion: Sie haben vorher geſagt, daß Sie die ſieben Phiolen in den Schrank geſtellt, daß Sie den Schlüſſel herausgezogen, daß der Schlüſſel dann von Ihnen auf den Kamin des rothen Saales gelegt worden, daß man wol hingehen, dieſen Schlüſſel wegnehmen und ſich eines Theils der Phiolen im Schranke bemäch⸗ tigen können.— Jetzt eben eine vierte Verſion: daß Sie vorher das Reſultat der frühern Operationen in eine Champagnerflaſche gethan.— Ich mache Ihnen bemerk⸗ lich, daß Sie vor dem Unterſuchungsrichter nichts von allen dieſen unterſchiedlichen Flaſchen erzählt haben. Da haben Sie ganz einfach erzählt, daß Sie mit Ihren Arbeiten am 10. November fertig geweſen, daß das ge⸗ wonnene Reſultat in einem Liquidum beſtanden, welches Sie in zwei Phiolen gegoſſen, daß Sie dieſe beiden Phiolen bei Seite geſetzt, aber daß Sie bemerkt haben, daß von dem Gift früher etwas verſchwunden geweſen, ohne die Zeit näher zu beſtimmen. „Das einzige Mal, wo ich mich falſch ausgedrückt, iſt, als ich ſagte, daß ich dieſe Phiolen ausgeſchüttet am Abende des Tages, wo man die Inſtrumente gereinigt hat. Es iſt möglich, daß ſie ſchon am ſelben Tage fort⸗ geworfen ſind. Was die große Bouteille Nicotine be⸗ trifft, ſo war ſie ſchon vorher fertig.“ Frangois Deblicquy hatte dem Grafen bei der letzten Verfertigung beigeſtanden, er hatte mit ihm des Nachts gearbeitet. — Und dieſer Frangois ſagt, daß Sie bei Ihrer letz⸗ ten Arbeit nur zwei kleine Phiolen Nicotine gewannen. Iſt das nun falſch oder richtig? man ſieben n.— ie die e den von orden, ehmen mäch⸗ Sie neine enerk⸗ 6 von Da Ihten as ge⸗ elches eiden aben, veſen, et am einigt Graf Bocarmt und seine Gattin. 141 „Vollkommen richtig. Ich gewann die beiden Phio⸗ len, aber er ſah nicht Alles, was ich gewonnen habe; er war nicht immer zugegen.— Auch wußte er nicht, was er verfertigte; er arbeitete mechaniſch.“ — Frangois Deblicquy, wie ſich zeigen wird, iſt ein junger Menſch von richtiger Einſicht. Er iſt davon über⸗ zeugt, daß Sie nur zwei kleine Phiolen gewonnen haben. — Sie arbeiteten bei Ihren chemiſchen Operationen auch des Nachts. War nun Ihre Gattin auch oft bei Ihnen, um ſich mit Ihnen zu verſichern, daß die Flüſſigkeit im⸗ mer im ſelben Siedgrad blieb? „Ich glaube, ſie kam einmal.“ — Sie ſagt, ſie wäre oft da geweſen. „Kann wol ſein.“ — Sagten Sie nicht, während Sie im Laboratorium arbeiteten, zu Ihren Hausleuten, daß Sie Fau de Co- logne präparirten, und empfahlen Sie ihnen nicht das tieſſte Stillſchweigen an, weil, wenn man erführe, daß Sie Eau de Cologne machten, Sie eine Unterſuchung und Beſtrafung wegen heimlicher Deſtillation zu beſor⸗ gen hätten? „Das kann ich wol geſagt haben. Ich deſtillirte ja zuweilen Spirituoſa.“ Wir kommen nun zu dem Theil des Verhörs über die Umſtände, welche das eigentliche Verbrechen beglei⸗ teten. In dem Vorangängigen, zur Charakteriſtik der Angeklagten und über die Punkte, aus denen eine Vor⸗ bereitung zur That erſichtlich ward, durften wir nur die weſentlichen Momente hervorheben, Vieles davon war durch das Geſtändniß, daß er wirklich ſich auf die Gift⸗ bereitung gelegt, beſeitigt, hier müſſen wir genauer den, 142 Graf Bocarmt und seine Gattin. wie angeführt, freilich nicht immer genauen ſtenographi⸗ ſchen Berichten folgen. Schon aus jenem Mitgetheilten ergibt ſich aber, daß der„wilde Indo⸗Amerikaner“ wie nur ein gewitzigter Advocat in ſeiner Sache auftrat. Dies Zeugniß ward ihm in noch erhöhtem Grade in dem folgenden Theil. — Haben Sie nicht in den erſten Tagen des No⸗ vember— es war in der Waſchküche— zu Ihrer Frau geſagt, Sie wären entſchieden, ſich Guſtav's zu entledi⸗ gen, Sie würden ihm Gift geben? „Das iſt eine Infamie! Niemals ſind ſolche Worte aus meinem Munde gekommen. Uebrigens, angenommen ich hätte wirklich Herrn Guſtav Fougnies vergiften wol⸗ len, würde ich es einer Schweſter geſagt haben, die ihn liebte!“(Der Graf brauchte gefliſſentlich wenn er von ſeinem ermordeten Schwager ſprach, das Epitheton Herr.) — Aber Sie, Sie haben ihn nicht geliebt? „Ich liebte ihn nicht und ich haßte ihn nicht; er war mir ganz gleichgültig.“ — Haben Sie nicht die Kraft der Nicotine an einer Katze verſucht? „Ich habe in der That mehre Thiere vergiftet. In Folge dieſer Vergiftungen war es, daß ich zu Herrn Profeſſor Loppens ſagte, ich hätte erſtaunliche Reſultate gewonnen.“ Es erfolgt hierauf eine lange Inquiſition über die von ihm getödteten Katzen, ob die graue Hauskatze dar⸗ unter geweſen, ob eine, die ſeine Frau ihm geſchenkt, eine, die eine Nachbarin ins Schloß gebracht, ob die Hauptvergiftung der Katzen vor dem Tage geſchehen oder nachdem, wo er zu Loppens von den ſchlagenden Reſul⸗ taten geſprochen? Ihm wird nachgewieſen, daß eine aphi⸗ eilten wie ftrat. ndem 6 No⸗ Frau ledi⸗ Vorte mmen wol⸗ die enn et theton t war einet In Herrn ſultate er die edar⸗ henkt, noder Rrſuh eine Graf Bocarmt und seine Gattin. 143 Katze, an der er den Hauptverſuch gemacht, erſt am 14. November von ihm vergiftet worden, alſo lange nach⸗ dem er zu Loppens von jenen Reſultaten geſprochen. Er hatte dieſe Katze im Garten ſelbſt vergraben und die beiden Kammermädchen, welche aus dem Fenſter zuſahen, barſch zurückgewieſen; Anzeige, daß er gerade dieſe Vergiftung für ein gefährliches Indicium hielt, wie denn auch dieſe Katze wirklich am 22. November ausgegraben und ſecirt ward.— Wir glauben über dieſe Umſtände hinweggehen zu können. — Sie beharren dabei, keine Gefühle des Haſſes ge⸗ gen Guſtav genährt zu haben; indeſſen bringt die Unter⸗ ſuchung doch viele Data, welche auf einen ſolchen ſchlie⸗ ßen laſſen. „Das iſt wol möglich.“ — Vor dem Inſtructionsrichter ſagten Sie:„Guſtav hat ſeiner Schweſter nur Uebles erwieſen. Es war ein Bube, allen Laſtern ergeben. Es war der allerſchlechteſte Bruder, den man ſich denken kann. Es lohnte ſich wol für ihn etwas thun!“ Haben Sie vor dem Unterſuchungs⸗ richter dieſe Sprache geführt? „Ja, aber ich ſehe keinen Grund darin, daß ich ihn darum haſſen ſollte.“ — Haben Sie nie zu Ihrer Frau geſagt: Faſſe ich nur erſt einmal deinen Bruder, werde ich es mit ihm ausmachen? „Unwürdigkeiten! Ich habe nie eine ſolche Sprache geführt.“ — Ihre Frau ſagt es. „Ich kann's ihr nicht verbieten.“ — Glauben Sie, daß ſie dermaßen von Haß ge⸗ gen Sie erfüllt iſt, daß ſie als Brandopfer gerade Sie darbringen will? 144 Graf Bocarmt und seine Gattin. „Sie hält ſich für verpflichtet zu lügen, um ſich zu vertheidigen.“ — Der Brief einer Perſon, welche Sie nicht der Lüge bezichtigen werden, Ihrer Mutter, ſpricht das Ge⸗ gentheil von dem, was Sie angeben, aus. „Ich wünſchte, man verläſe den Brief.“ — Hier iſt er. Die Gräfin Ida von Bocarmé ſchreibt am 6. October an Guſtav Fougnies, der die Ab⸗ ſicht ausgedrückt hatte, nicht mehr nach Bitremont zurück⸗ zukehren:....„Wenn ich Ihren Entſchluß auch nur bil⸗ ligen kann, ſo zu leben, wie es Ihnen am angenehmſten erſcheint, ſo kann ich doch nur bedauern und beklagen die fortwährenden Zwiſtigkeiten zwiſchen Ihnen und Ih⸗ rer Schweſter und Hippolyte.... Es gibt kein traurigeres Schauſpiel auf der Welt, als die Zwietracht zwiſchen Bruder und Schweſter regieren zu ſehen.“— Iſt das kein ſchlagender Beweis, daß zwiſchen Ihnen Zwietracht herrſchte? „Nein. Das beweiſt nur, daß meine Mutter, aus Liebe zu mir, die Eintracht zwiſchen uns zu erhalten„ ſuchte. Es war eine Empfehlung und Weiſung an Gu⸗ ſtav. Uebrigens bin ich nicht für Das verantwortlich, was meine Mutter geſchrieben hat.“ — Hat Guſtav Fougnies nicht am 18. November ſei⸗ nen unerſchütterlichen Entſchluß verkündigt, Fräulein von Dudzeele zu heirathen? „Den hatte er ſchon länger, ſchon einen Monat frü⸗ her erklärt. Ich erinnere mich, er hatte ſchon davon zu uns geſprochen.“ — Dieſe Heirath gefiel Ihnen nicht, Ihres Vortheils willen? „Ich ſah ſie nicht mit günſtigen Augen an.— Das iſt Alles, was ich darüber ſagen kann.“ Graf Porarmt und seine Gattin. 145 h zu— Es waren Anſichten im perſönlichen Intereſſe. „Nein. Es war, weil ich fand, daß er ſich nicht der in einer Lage befinde, um zu heirathen, und weil ich Ge⸗ wußte, daß es von Seiten der Familie ſeiner Zukünfti⸗ gen nur eine Geldſpeculation ſei.“ Am 20. November, 6 Uhr Morgens, war das Mäd⸗ carmi chen Tellier, von Seiten Guſtav Fougnies' abgeſchickt, e Ab⸗ nach Schloß Bitremont gekommen, um dem Grafen rück⸗ Bocarms zu melden, daß ſein Schwager auf einer Fahrt r bil⸗ dort anſprechen werde. Bocarme ließ wieder ſagen, er mſten möge nicht zu früh kommen, weil ſeine Frau ſpät auf⸗ lagen ſtehe. Seiner Frau theilte er in ihrer Schlafſtube die dsh Anmeldung mit. Sie lag noch im Bett:„Ich ſagte igeres zu ihr, bleib nicht zu lange liegen, weil Guſtav kom⸗ iſchen men wird. Halb noch im Schlaf, ſagte ſie: es iſt gut! ſt das und ich bin fortgegangen.“ fracht— Sagten Sie ihr nicht auch, das wäre der Tag, wo Sie Ihre Geſchichte mit Guſtav abmachen wollten? aus Der Graf fuhr auf:„Eine Infamie! eine Unwür— alten digkeit! eine Lüge! Es iſt nicht wahr.“ Gu⸗— Ihre Frau hat es geſtern erklärt.— Ein vier oder rtlich, fünf Tage früher hatten Sie zu ihr ſchon geſagt: bei näch⸗ ſter Gelegenheit wollten Sie die Geſchichte mit Guſtav er ſer abthun und Sie würden nicht fehlgehen. n von„Ich proteſtire, je eine ſolche Rede geführt zu haben.“ — Halten Sie denn Ihre Frau für fähig, fi⸗ vor der Juſtiz zu lügen, um Sie eines ſcheuß⸗ on zu lichen Verbrechens anzuſchuldigen, wenn Sie unſchuldig wären? theil„Es iſt, weil dieſe Unglückliche fürchtet, wenn ſie die Wahrheit ſagt, daß man ihr nicht glaubt und ſie Dos verurtheilt wird.“ — Sie halten ſie alſo wirklich fähig, Sie eines Ver⸗ XIX. 6 146 Graf Bocarmt und seine Gattin. brechens anzuklagen, wenn ſie weiß, daß Sie unſchul⸗ dig ſind? „Ja, und ich finde, daß ſie ſehr wohl thut.“ Zeichen allgemeinen Erſtaunens geben ſich überall zu erkennen. — Das iſt eine Sprache, welche Sie früher nicht geführt haben. Das wäre ja die entſetzlichſte Schlechtig⸗ keit, das abſcheulichſte Verbrechen, was nur begangen werden kann, wenn eine ſchuldige Frau ihr eigenes Ver⸗ brechen dem unſchuldigen Manne auflaſten wollte, dem Vater ihrer drei Kinder! „Ich ſehe das nicht ſo an. Sie thut nur, was ſie kann, um ſich los zu machen. Ich finde ſogar, ſie hat ſehr wohl gethan.“ — Wenn eine Frau ihren Mann anſchuldigt, ſo entſchuldigt ſie ſich nicht. Sie erſchwert nur ihre Lage. Ihre Frau ſoll gefürchtet haben, daß die Wahrheit her⸗ auskomme. Was war denn dieſe Wahrheit? Nach einigem Zaudern:„Ans Tageslicht zu bringen die Art und Weiſe, wie Guſtav Fougnies ſtarb.“ — Das ſucht die Juſtiz zu entdecken. „Bis jetzt iſt es ihr noch nicht gelungen.“ — Wir hoffen, daß ſie es entdecken wird. Kennen Sie den Urheber des Verbrechens. — Wer iſt es? „Meine Frau.— Aber ſie iſt unſchuldig.“ — Wie kann ſie dann unſchuldig ſein? Wer hieß ſie das Verbrechen begehen? „Niemand.“ — Sie mußte doch wiſſen, was ſie that. „Sie wußte es nicht.“ — Womit hat ſie das Verbrechen begangen? „ „ ſchul⸗ rall zu nicht echtig⸗ angen s Per⸗ , de vas ſe ſi hot gt, ſo e Lage. it her⸗ ringen Kennen er hic Graf Pocarmt und seine Gattin. 147 „Mit der Nicotine, die ich deſtillirt habe.“ — Die haben Sie ihr gegeben? „Nein.“ Wie hat ſie ſich dieſelbe verſchafft? „Sie hat ſie aus dem Glasſchrank genomn zwi⸗ ſchen Kamin und Fenſter.“ — Wer hat ſie dorthin geſtellt?* „Es war die Bouteille, von der ich ja ſchon ge⸗ ſprochen habe und die ich in den Keller geſtellt hatte.“ — Davon iſt nicht die Rede. Sie ſagten, Sie hät⸗ ten eine Bouteille in den rothen Saal geſtellt, aber in den Speiſeſaal. „Ganz richtig. Ich habe von einer Bouteille ge⸗ ſprochen, die von mir in den Weinkeller gebracht war.“ — Aber ein Schrank und ein Keller ſind doch ſehr verſchieden. „Die Bouteille war aber aus dem Keller in den Speiſeſaal gebracht worden.“ — Was für eine Buuteille war das? „Eine Weinbouteille.“ — War ſie auf den Tiſch geſetzt worden? „Nein.“ — Wer nahm die Bouteille aus dem Schrank? „Meine Frau.“ — Wann denn? „In dem Augenblick, wo wir, zu Drei, im Säulen⸗ ſaale waren, beſchäftigten wir uns Papiere nachzuſehen, die ein Fideicommiß betrafen. So im Geſpräch vertieft, waren wir plötzlich wieder im Speiſeſaal.“ — Das Gift iſt aber doch erſt, nachdem Guſtav auf die Erde geworfen war, ihm in den Mund gegoſſen worden? „Guſtav iſt nie auf die Erde geworfen worden.— 76. 148 Graf Bocarmt und seine Gattin. Ich weiß ſehr wohl, daß meine Frau, und was ſie dar⸗ über geſagt hat. Sie hatte vollkommen Recht und Grund dazu. Ich will es erklären. Vor unſerer Verhaftung ſagte ich ſelbſt zu meiner Frau: Sollte man uns arre⸗ tiren, ſo ſage nicht die Wahrheit. Sage, daß ich allein im le geweſen ſei. Wenn du die Wahrheit ſagſt, wird man dir nicht glauben. Erſt wenn ich aufs Aeußerſte gedrängt werde, werde ich ſagen, daß es ein Selbſt⸗ mord war.“ — Durch die Vorunterſuchung iſt es aber ſchon con⸗ ſtatirt, daß Sie ſich auf ihn geworfen haben. „Als er ſchrie, legte ich die linke Hand auf ſeinen Backen, mit der rechten hielt ich ſeine Schulter.“ — Warum? „Zu verhindern, daß er ſchreie und einen Skandal veranlaſſe.— Hören Sie denn, wie es zuging: Wir wa⸗ ren im Säulenſaale. Wir ſuchten in einer Lade nach einer Fideicommißurkunde. So kamen wir in den Speiſe⸗ ſaal zurück. Guſtav ſagte zu mir: Geben Sie mir ein Glas Wein. Wir gingen nun an das Buffet. Meine Frau nahm eine Bouteille und goß zwei Gläſer ein. Fougnies trank mit einem Zuge und rief dann: Sacré nom! Ich wollte eben das andere Glas an meine Lip⸗ pen bringen, als ich es raſch forthielt. Das iſt Gift! rief ich; Guſtav ſchrie nun aus Leibeskräften: Ach— ach! Zu Hülfe! Da hielt ich die Hand an ſeinen Mund, um das Schreien zu verhindern.“ — Was wurde nun aus der Bouteille? „Sie ward auf das Buffet geſetzt.“ — Die einzige Bouteille, welche ſich im Speiſeſaal befand, iſt chemiſch unterſucht worden, und man kam zum Reſultat, daß ſie nichts als Wein enthalten. Bocarmé behauptete, es ſei eine Verwechſelung vor⸗ ie dar⸗ Grund aftung s arre⸗ h allein ſgſt eußerſt Selbſt⸗ on con⸗ ſeinen Standol Wir wa⸗ de nach Speiſe mir ein Meine ſet ein. Saclè ine Lp⸗ ſt Gift Ah— Mund, peiſtſul Graf Bocarmt und seine Gattin. 149 gefallen, man habe eine andere Bouteille analyſirt, eine von denen, die bei Tiſche eingeſchenkt worden, während die mit Nicotine auf dem Buffet geſtanden. Es ward ihm entgegnet, daß ſich nur eine Bouteille im Speiſe⸗ ſaal vorgefunden. — Als Guſtav rief: Hippolyte, Pardon! war dies an Sie gerichtet und die Worte wurden bis in die Küche gehört. Sie waren im Speiſeſaal, Ihre Frau war her⸗ ausgegangen etwa drei bis vier Minuten nach Guſtav's erſtem Aufſchreien, als ſchon, wie die Protokolle beſa⸗ gen, erſtickte Laute, ein Stöhnen dem Todesröcheln voranging! „Noch einmal den wirklichen Hergang: Ich hatte eben Befehl gegeben, Guſtav's Cabriolet anzuſpannen. Wir waren zu Drei im Speiſeſaal. Von da wandten wir uns nach dem Säulenſaal, um das Fideicommiß nach⸗ zuſehen. Wir kehrten in den Speiſeſaal zurück und Gu⸗ ſtav foderte ein Glas Wein. Wir wandten uns nach dem Buffet rechts. Meine Frau nahm zwei Gläſer, welche ſie auf das Buffet geſtellt; dann ſuchte ſie im Schranke, der zwiſchen dem Fenſter und dem Kamine ſteht, nach einer Flaſche. Sie kommt auf uns zu, ſie füllt zwei Gläſer. Guſtav verſchlang auf einen Zug die Hälfte ſeines Glaſes und ſchrie ebenſo ſchnell: Sacré nom! Ich wollte eben das Glas an den Mund brin⸗ gen, als ich es zurückriß und rief: Mein Gott, Frau, das iſt Gift. Guſtav taumelte an die Etagere und ſchrie: Ach! ach! Hippolyte, mir zu Hülfe! Ich legte meine Linke auf ſeine Schulter und meine Rechte auf ſeinen Mund, um zu hindern, daß er nicht ſchreie. Dann riß ich die Thüre auf und ſah meine Frau, die eben aus der Stube geſtürzt war. Ich rief ihr zu: Unglückſelige, Du haſt uns vergiftet. Schnell, ſchnell warm Waſſer!“ 150 Graf Bocarmt und seine Gattin. — Er ſtöhnte ſchwer auf? „Möglich. Ich war auch zu Boden geſtürzt, von der Wirkung des Giftes benommen.“ — Was antwortete aber Ihre Frau, nachdem Sie ihr das mitgetheilt? „Nichts. Sie war von Entſetzen getroffen.— Sie wankte einmal um den runden Tiſch, um zu ſehen, welche Bouteille ſie ergriffen. In dem Augenblicke war es, wo mein Schwager zu Boden ſtürzte und ſchrie: Hippolyte, zu Hülfe!“ — Wir wiſſen nur, daß er rief: Ach, ach, Pardon, Hippolyte! Wir kennen aber auch Den, der zu den Zeu⸗ gen ſagte, daß ſie ſo und ſo ausſagen ſollten. „Ich werde mich vor dieſen Zeugen erklären.“ — Sie behaupten alſo, Ihre Frau hat das Gift ein⸗ gegoſſen? „Ja, ohne ihren Willen.“ — Wein wollte ſie ihrem Bruder einſchenken. Was für Wein? „Weißen.“ — Die Nicotine iſt braungelb. „Iſt's der Madeira nicht etwa auch!“ — Die Nicotine hat einen penetranten Geruch. Hat ſie etwa den Duft des Madeira? „Beim erſten Anſatz merkt man es nicht. Er kommt erſt nachher.“ Das ward vom Präſidenten nach Zeugniſſen Ande⸗ rer beſtritten. — Ich bemerke Ihnen, daß ein ſolches Misverſtänd⸗ niß unmöglich iſt. Man kann nicht Nicotine anſtatt Wein einſchenken, trinken. Auch war gar keine Frage nach Wein. Guſtav verlangte nach ſeinem Tilbury, um abzureiſen. Ihre Frau hat keine Ricotine eingeſchenkt, von Sie Sie velche „wo olyte, don, Zeu⸗ t ein⸗ Was Hat ommt Unde⸗ änd⸗ ſtatt rage um enft, Graf Bocarmt und seine Gattin. 151 die Bouteille, das Glas haben es dargethan. Außerdem hatte ſie die Phiole mit Gift in den Graben geſchüttet. „Ich weiß von nichts. Ich habe immer meiner Frau geſagt, nichts einzugeſtehen, denn man würde die Wahr⸗ heit nicht glauben. Jetzt ſchuldigt ſie mich an, um ſich zu retten.“ — Ihre Frau hat gar kein Intereſſe, einen Mord, der aus Unvorſichtigkeit begangen iſt, zu verbergen. Dies iſt kein Verbrechen. Die Strafe, welche auf dies Un⸗ gluͤck ſteht, iſt nur eine correctionelle. Sie konnte leich⸗ ten Herzens erklären, daß eine Vergiftung ſtattgefunden aus Unbeſonnenheit. Sie hat es nicht gethan, ſie thut es jetzt nicht. Sie ſagt nur: mein Mann war es, der das Gift bereitet, es beigebracht, es gewaltſam zu ver⸗ ſchlingen meinen Bruder gezwungen hat. Er hat zu mir geſagt: ich bin entſchloſſen, ihn los zu werden. Bocarme blieb bei ſeinen vorigen Angaben: daß er die Frau beſchworen, nicht die Wahrheit zu ſagen, weil die Umſtände zu außerordentlich wären, als daß Jemand ihr glauben könne. Sie ſolle ſich ihren Kindern erhal⸗ ten. Erſt wenn man Nicotine finde, werde er mit der Wahrheit, dem Selbſtmorde herausrücken.„Indeſſen kann ſie ſich noch jetzt nicht überwinden, die Wahrheit zu ſagen, ſie glaubt auch jetzt noch nicht, daß man ihr glauben könne.“ — Nach der Vorunterſuchung iſt Ihre Frau in die Bedientenſtube geeilt, als Guſtav unterdrückte Schreie ausſtieß, ſie hat die Thüre zum Bedientenzimmer zuge⸗ drückt, damit man in der Küche das Schreien nicht höre. Auf das Schreien iſt bald darauf das Todesröcheln er⸗ folgt. Sie iſt aus dem Bedientenſtand erſt wieder her⸗ ausgegangen, als Sie die Thüre des Speiſeſaals öff⸗ neten, um in die Entree zu treten. Damals riefen 152 Graf Pocarmt und seine Gattin. Sie: Lydie, ich bin vergiftet, ſchnell, ſchnell heißes Waſſer! „Gerade ſo iſt es geſchehen.“ — Iſt Ihre Frau nicht mehr eingetreten, als Gu⸗ ſtav den erſtickten Schrei ausſtieß? „Ja,“. — Auf das erſtickte Schreien folgte Todesröcheln? „Mein Herr, erlauben Sie...“ — Sie ſollen auf meine Frage antworten. „Ich fiel ſinnlos auf die Dielen, nachdem ich ihm die Hand auf den Mund gelegt, um ihn am Schreien zu hindern. Als ich mich erhob, hörte ich das Röcheln eines Menſchen, der ſtirbt.“ — Und Sie gingen erſt hinaus, nachdem er ausgeröchelt? „Als ich mich aufgerichtet, ſtieß ich die Thür auf, ich ſah meine Frau. Sie war vor der Thüre zum Be⸗ dientenſtand. Ich foderte heißes Waſſer. Davon mußte ich mich erbrechen. Ich wankte nach dem Säulenſaal, ich erbrach mich noch einmal im rothen Saale. Dann war ich meiner nicht mehr mächtig, ein Schwindel er⸗ griff mich, ich ſtieß mich gegen die Thüre, gegen eine ſtählerne Kante; davon bekam ich einen Einſchnitt. End⸗ lich halfen mir die vielen Vomirungen, ich kam wie⸗ der zu mir; durch beide Säle ſtreifend, erreichte ich oben mein Schlafzimmer. Unten an der Treppe hatte ich Emerance Bricourt getroffen, die mich fragte, ob ich Licht wollte? Ich war übler Laune und fuhr ſie an, ſie ſolle mich in Ruhe laſſen. Ich war ganz hin. Meine Frau brachte mir heißes Waſſer, da ſagte ich zu ihr: Unglückliche, Du haſt mich vergiftet! Dann kam ich wieder die Treppe hinab, unten fand ich wieder Eme⸗ rance mit Licht. Ich ſagte zu ihr: Suche meine Frau. Zum Kutſcher ſagte ich, er ſolle des Cabriolet wieder in Hu⸗ Un? ihn eien ln Graf Pocarmt und seine Gattin. 153 den Stall ſchieben und herkommen. Meine Frau kam mit Emerance. Ich trat in die Küche. Man gab mir da ein Gefäß voll Waſſer. Ich ging in den Speiſeſaal zurück und ſchüttete Waſſer auf den Leichnam von allen Seiten.“ — Warum gingen Sie vorher nach dem Säulenſaal? „Ich wollte nach dem Abtritt, um zu vomiren.“ — Wir glauben, daß Sie dahin gingen, um die Phiole hineinzuwerfen. So haben Sie zu Ihrer Frau geſagt. „Sie ſpricht ſo, um mich anzuſchuldigen.“ — Lydie Fougnies, Sie hören die Beſchuldigung, welche Ihr Mann gegen Sie vorbringt, geben Sie Ihre Erklärung dem Gerichtshofe. Die Gräfin. Es iſt kein wahres Wort daran. Aufgefodert, in Gegenwart des Gatten noch ein⸗ mal den ganzen Hergang zu erzählen, gab ſie ihn fol⸗ gendermaßen an:„Hippolyte ging hinaus, um Ordre wegen Anſpannen des Cabriolets zu geben. Während deſſen ſuchte Guſtav ein Buch im Saale. Ich ging nach er Thür, indem ich an den Fenſtern, die nach dem Hofe ſehen, vorüberging. Da trat mein Mann ein. Ich machte ihm Platz. Gerade indem ich hinausging, hörte ich meinen Bruder rufen: Saeré nom! Und zugleich, wie ſeine Krücken zerbrachen, und da war ich hinaus.“ Als er Pardon, Hippolyte! rief, will ſie ſchon in der Küche geweſen ſein. Guſtav habe nie nach Wein ver⸗ langt, und nur bei Tiſche getrunken, ſie aber keine Fla⸗ ſche und kein Glas aus dem Schrank genommen. Wenn ſie aus Unvorſichtigkeit am Tode ihres Bruders Schuld ſei, würde ſie es längſt geſagt, auch wenn ſie es frei⸗ willig gethan, es längſt eingeſtanden haben. Der Graf Bocarmé belobte hier abermals ſeine Frau, 5* 154 Graf Pocarmt und seine Gattin. daß ſie ſo vernünftig handle und ſpreche.„Die Um⸗ ſtände ſind nun einmal ſo außerordentlich, daß Niemand ihnen Glauben ſchenken und alle Welt uns doch der Vergiftung bezichtigen würde.“ Er räumte ein, daß er die Wunde im Finger der linken Hand wol leicht durch den Biß Guſtav's erhalten haben könne. Um Hülfe zu ſchaffen, habe er nichts ge⸗ than, weil er ja ſelbſt in einem faſt beſinnungslo⸗ ſen Zuſtande auf die Erde geſtürzt geweſen. Eine Hand habe er auf der Schulter Guſtav's, die andere in deſſen Mund gehalten, wie hier... Er beſchrieb die Manipulation durch Wiederholung der Griffe an dem neben ihm ſtehenden Gendarmen, der, zur Erweckung der Heiterkeit im Publicum, ſelbſt vollkommen unbe⸗ weglich, es ruhig geſchehen läßt. — Wie konnten Sie nur, wenn das Gift Sie ſo ganz benommen hatte, dieſe Bewegungen machen? „Die Wirkung des Giftes trat erſt nach einiger Zeit ein.“ Am Finger der rechten Hand des Angeklagten hatte man ebenfalls eine Contuſion bemerkt, man hielt ſie auch für einen Biß; er wollte nur eine Reibung daran ſehen, durch ſeinen Fall; nach dem Urtheil der Aerzte war ſie durch ein ſchneidendes Inſtrument entſtanden. — Wir müſſen auf einige frühere Umſtände zurück⸗ kommen. Sie hatten eine Unterhaltung mit dem Director des Gefangenhauſes in Tournay, Herrn van der Cruyſſen — es war am Nachmittag nach der Confrontation mit Ihrer Frau— da, am 16. Februar, ſagten Sie zu van der Cruyſſen, Sie könnten von Ihrer Frau nicht ſprechen ohne ſie anzuklagen. „Ganz richtig, das war, weil ſie das Gift einge⸗ goſſen hat.“ Graf Bocarmt und seine Gattin. 155 — Sagten Sie nicht, daß, während Sie Guſtav am Boden hielten, Ihre Frau ihm das Gift einge⸗ goſſen! „Das habe ich niemals geſagt. Man hat mich falſch verſtanden. Ich hatte die Migraine, als ich ſagte, daß meine Frau das Gift eingegoſſen habe. Mit dieſen Wor⸗ ten kann ich es nicht geſagt haben.“ — Haben Sie nicht geſagt, während Ihre Frau dem Opfer das Gift eingegoſſen, wäre Ihnen etwas davon in den Mund gefloſſen, und deshalb hätten Sie die ganze Nacht vomirt? „Da habe ich eine Erklärung gegeben, die falſch ver⸗ ſtanden iſt.“ — Haben Sie nicht ſelbſt geſagt, daß Sie das Gift zwei Mal eingegoſſen, daß es beim zweiten Mal auf Guſtav's Geſicht und ſeine Finger gefloſſen ſei? „Der Herr hat meine Worte falſch ausgelegt. Ich kann wol geſagt haben, daß ſie es zwei Mal eingegoſſen, denn ſie hat ja in zwei Gläſer gegoſſen.“ Der Herr van der Cruyſſen hat nur der Juſtiz Sdis wiederhoit, was Sie ihm erzählt haben; halten Sie ihn für fähig, etwas erfunden zu haben, damit Sie ver⸗ urtheilt werden? „Ich kann nur ſagen, van der Cruyſſen hat mich falſch verſtanden?“ Der von dem gefangenen Grafen am 8. März aus ſeinem Geföngniß in Tournay an ſeinen Agenten Kraus in Paris geſchriebene Brief, in welchem ein Billet ganz entgegengeſetzten Sinnes einzuſchmuggeln verſucht wor⸗ den, ward verleſen. Das heimliche Billet iſt in die Anklageacte aufgenommen, der officielle Text lautete: „Ich beauftrage meinen Schwager, Herrn Delſtanche, zu den Herren Chaix⸗d Eſt⸗Ange und Leon Duval zu gehen, 156 Graf Pocarmt und seine Gattin. aber da die Lage, worin ſich dieſe arme Eugenie befin⸗ det, ſie hindert, ſich mit dieſer Angelegenheit zu beſchäftigen, zwingt mich dies Sie um Eile zu bitten.“ Die Wider⸗ ſprüche in der Tendenz des officiellen und des heimlichen Briefes erklären ſich von ſelbſt, nicht aber der Wider⸗ ſpruch in dem heimlichen, worin Bocarmé ſeine Frau geradezu der Vergiftung anklagt, mit Dem, was er jetzt vor Gericht behauptet. Der Angeklagte blieb dabei, ſeine jetzige Angabe ſei die richtige, und auch in dem heim⸗ lichen Briefe habe er unter der Vergiftung, deren er ſeine Frau bezichtigt, nur eine ſolche gemeint, wie er ſie jetzt beſchrieb. Der Präſident erklärte: Alles in die⸗ ſem Billet athme die Vorſtellung eines wirklichen, ſchwe⸗ ren Verbrechens, nicht eines Verſehens, das ſchlimme Folgen haben konnte. — Noch ein früherer Umſtand: haben Sie nicht ge⸗ ſagt, Guſtav ſei in Ihren Armen geſtorben? „Gewiß, das habe ich geſagt, weil ich damit die Wahrheit verbergen wollte, um nicht des Meuchelmor⸗ des angeklagt zu werden.“ Hierauf folgte ein langes Verhör über die Handln gen des Angeklagten nach der That, namentlich das Fodern und Herbeiſchaffen der Maſſen Weineſſig. — Wenn die Dinge ſich ſo verhielten, wie Sie jetzt angeben, wozu den vielen Weineſſig? „Weil der Weineſſig ein Reactiv iſt.— Unglück⸗ licherweiſe war er ſchon todt.“ — Aber wenn Sie wußten, daß er ſchon todt war, kam der Weineſſig etwas ſpät. „Wenn ein Menſch todt iſt, ſo verſucht man doch, ob noch ein Reſt Leben in ihm zu finden.“ — Ich wußte bisher nicht, daß man einen Todten mit Weineſſig ins Leben zurückruft.— Wir glauben, — — Graf Bocarmt und seine Gattin. 157„ daß es nur geſchah, um die Spuren der Nicotine zu vertilgen. „Warum ſollte ich das nicht geſagt haben!“ — Haben Sie nicht Schmerz geheuchelt? „Wie wäre ich dazu gekommen! Glauben Sie, daß 1 ich mich in einem Zuſtande befand, um Komödie zu 1 t ſpielen!“ — Ihre Frau hat geſagt, daß Sie Komödie ge⸗ . ſpielt. „Das iſt ganz einfach. Es iſt ihr Syſtem.— Ich war verwirrt, ich weiß nicht Alles, was ich damals ge⸗ ſagt habe.“ — Hat Emerance bei ihrer Rückkehr Ihnen nicht geſagt, daß Guſtav's Zunge angegriffen ſei— haben Sie ihm nicht den Mund geöffnet, um zu ſehen?— Haben Sie nicht zu ihr geſagt: Reibt immer fort, das wird gut thun? „Möglich, daß ich das geſagt, ich wußte ja nicht, was ich that. Ich hatte Schmerzen im Magen.“ — Sie ließen Gilles kommen, um den Leichnam 5 3 aufzunehmen, Ihre Frau hieß ihn in Emerance's Zim— mer tragen, Gilles trug, Emerance leuchtete. Als Beide hinunterſtiegen, ſtießen Sie nicht da ein Jammerge⸗ ſchrei aus? „Ich wußte ja nicht, was ich that. Meine Lage er⸗ laubte mir nicht, Thränen zu vergießen.— Nebendem fühlte ich mich ja auch vergiftet.“ — Ihre Dienſtboten halfen Ihnen, als Sie die Treppe zu Ihrer Frau hinaufſtiegen? Da haben Sie wieder Komödie geſpielt. „Ich habe nicht Komödie geſpielt.— Wenn meine Frau das ſagt, iſt's ihr Syſtem.“ — Ihre Frau gab Ihnen Ipecacuanha zum Vo⸗ 158 Graf Pocarmt und seine Gattin. miren. Sie vomirten die ganze Nacht. Darauf fragte ſie Sie— „Sie iſt bewunderungswürdig geſchickt im Erfinden. Sie thut ja nichts als Romane leſen. Hatte ich doch im Anfang unſerer Ehe einen Proceß mit einem Buch⸗ händler, der für einen Roman, den er von ihr gedruckt, Bezahlung verlangte. Der Vater wollte kein Geld da⸗ für geben. Sie lügt bewunderungswürdig und hat mich Gott weiß was Alles glauben laſſen.“ Am ſelben Abend 8 Uhr hatte der Graf den Doctor Semet kommen laſſen. Weshalb? Weil er den Todes⸗ fall als derartigen plötzlichen Schlagfluß erklären könnte, daß ein Einſchreiten der Juſtiz vermieden würde. Bo⸗ carmè ließ ſich ſelbſt von ihm ein Gegengift verſchreiben, nahm es aber nicht, weil es ein Gegengift gegen Arſe⸗ nikvergiftung war, und er aus Orfila vollkommen wußte, was bei einer Vergiftung wie die ſeine zu thun ſei.— Er erklärte die Ausſage ſeiner Frau: daß er ihr befohlen, die zwei Phicen zu nehmen und ſie in den Teich zu werfen, die Flaſche rechts, die Pfropfen links, für eine reine Erfindung.„Sie ging nun fort, um die Bouteille und die Gläſer zu leeren; Sie weiß zu er⸗ dichten, wie Niemand in der Welt.“ Den Pfropfen in ſeiner Weſtentaſche erklärte er als zu einem Fläſchchen gehörig, das ihm Doctor Talma gegen Zahnſchmerzen verordnet. Er beſtritt, zu ſeiner Frau geſagt zu haben, daß ſie den Leichnam entkleiden laſſe, und Weineſſig ihm in den Mund gieße. Er habe ihr nur geſagt, daß der Weineſſig die Fäulniß des Körpers verzögere. Alle übrigen Aufträge hinſichts der Kleidungs⸗ ſtücke wurden gleichfalls für falſch erklärt. Er habe ſeine Kleider nicht mühſam unter das Bett geſteckt, von wo ſie Lydie, auf der Diele liegend, hervorholen müſſen, tagte den. doch zuch⸗ uckt, da⸗ mich octor odes⸗ nnte, Bo⸗ iben, Arſe⸗ men thun rihr den ndie 63 ras alma ſeinet eiden ihr tper ng⸗ hobe wo üſſen, Graf Bocarmt und seine Gattin. 159 er habe ſie auf den Stuhl gelegt und ſie vielleicht die⸗ ſelben nachher verſteckt. Die Taſchentücher, angeblich ganz von Nicotine duftend, wären am Vormittag ge⸗ braucht worden, um das Laboratorium zu reinigen. Nicht er, Lydie habe ſie waſchen, dann verbrennen laſſen. — Hat Ihre Frau bei der Ankunft in Tournay aber nicht zu Ihnen geſagt: Sei unbeſorgt, Gilles hat die Cravatte und die Weſte verbrannt? „Jc — Haben Sie auch nicht zu Ihrer Frau geſagt, daß Sie die Phiolen in den Abtritt geworfen haben? „Nein. Man hat den Abtritt unterſucht und...“ — Man hat die Phiolen gefunden.(Allgemeine Aufregung.) „Das iſt aber nicht Nicotine. Das iſt eine Phiole aus den Zeiten meiner Mutter, welche das alte Schloß bewohnte. Laſſe man die Phiole nur analyſiren...“ — Man hat es gethan und Sie werden den Bericht hören. „Ich bin entzückt, denn das Reſultat kann mir nur günſtig ſein.“ Die Briefe über den Gifthandel, räumte er ein, ver⸗ brannt zu haben, denn— ſeine Frau hatte zu ihm ge⸗ ſagt: es ſei klug, alle verdächtigen Gegenſtände ver⸗ ſchwinden zu machen. Aus dem Grunde habe er auch Orfila's Werk verbrannt. Aus gleichem Grunde verbarg er die chemiſchen Apparate und verleugnete ſie. Auch hatte er am Morgen nach Guſtav's Tode zum Friedens⸗ richter von Peruwelz geſagt, er wäre an einem Blutan⸗ drang zum Gehirn oder an einer Apoplexie geſtorben. Eben deshalb hatte er die Dienerſchaft im Schloſſe in⸗ ſtruirt, Ausſagen zu machen, wie er ſie wünſchte. 160 Graf Bocarmt und seine Gattin. — Für eine That, aus Unbeſonnenheit begangen, hätte es ſo außerordentlicher Mittel nicht bedurft. „Gewiß nicht, wenn man an einen, unter außer⸗ ordentlichen Umſtänden erfolgten, Tod glauben können.“ — Und Sie ſetzten Ihre Diener dadurch einer Cri⸗ minalunterſuchung aus! Haben Sie zu Emerance ge⸗ ſagt: Armes Mädchen, er iſt in ihren Armen geſtorben? „Ich hatte noch einige Bewegungen im Körper zu bemerken geglaubt, als Emerance ihn hielt. Im Uebri⸗ gen war es ein gutes Mittel, es zu verbergen.“ — Zu obrigkeitlichen Perſonen in Tournay haben Sie geſagt: ich bin überzeugt, verurtheilt zu werden, aber bis zum Ende werde ich ſagen, ich bin unſchuldig? „Ja, ich bin überzeugt, daß man mich ver⸗ urtheilen wird, weil man mir nicht glauben wird.“ Die Aufregung im Publicum wird bei dieſen Wor⸗ ten ſehr groß. — Man verdammt nicht die Unſchuldigen, ſondern Die, gegen welche man Beweiſe hat. Nachdem er noch bejaht, daß er ſeiner Frau geſagt, ſie ſolle nicht Alles das glauben, von dem man ihr hin⸗ terbringe, daß er es vor Gericht gegen ſie ausgeſagt, denn das ſeien die Mittel der Juſtiz, um zur Entdeckung der Wahrheit zu gelangen, ſchloß der Präſident die Sitzung. In dieſem langen Verhör hatte der Angeklagte nicht einen Augenblick die Geiſtesgegenwart verloren. Es ſchien oft, als ob ein Advocat die Sache ſeines Clien⸗ ten führe. Die Gräfin hatte während der ganzen Ver⸗ handlung das Geſicht mit den Händen bedeckt. ngen, ußer⸗ nen.“ Cri⸗ e ge⸗ rben? et zu lebri⸗ haben erden, dig? ver⸗ uben Wor⸗ dern eſagt, hin⸗ eſagt, ckung nicht Es lien⸗ Graf Bocarmt und seine Gattin. 161 Die Sitzung des folgenden Tages, 29. Mai, hatte eine noch ungleich größere Menſchenmaſſe herbeigelockt. Die Gendarmen widerſtanden kaum dem Anprall der Neugierigen, die in den Saal eindringen wollten; dies⸗ mal bemerkte man unter den zugelaſſenen Zuhörern eine beſonders große Zahl eleganter Damen. Bei ihrem Eintritt ſchien die Gräfin Bocarmé erſchöpf⸗ ter als geſtern, ihre Augen waren niedergeſchlagen. Der Graf dagegen trat mit der größten Ruhe von der Welt ein, er ſchnaubte ſich und legte das rothe Foulard mit Sorgſamkeit zuſammen, während ein Blick über die Verſammlung nachläſſig ſtreifte, als ginge ſie ihn nicht viel an. Befragt, ſich über die Angabe ſeiner Frau zu äußern, wonach dieſelbe: in der Taſche ſeines Paletots zwei Taſchen⸗ tücher, voll getränkt von Nicotine, gefunden und von ihm erfahren haben will, daß er dieſelben gebraucht, um die Nicotineflecken am Fußboden wegzuwiſchen, ferner: daß ſie auf ſeinen Befehl in den Eßſaal gegangen, um die Ricotineflecken wegzuſcheuern, daß man die Stellen an der Diele abgekratzt und die Hobelſpäne gefunden, daß ſie endlich auf Bocarmé's Geheiß beide Tücher im Kamin ihrer Schlafſtube verbrannt— erklärt der An⸗ geklagte: er wiſſe nichts davon; wenn er in angegebener Art geſcheuert, oder den Befehl ertheilt, zu ſcheuern, ſo wüßte er nicht, warum er es verbergen ſolle. Auf die Frage: ob er denn nicht dabei geweſen, als ſeine Frau die Tücher verbrannt, erwiderte er: ich habe ſie nicht verbrennen ſehen. Den ihm vorgezeigten Flaſchenſtöpſel, der in ſeiner Taſche gefunden worden, erkannte er„vollkommen“ an; er habe zu einer Flaſche gehört, aus der er ſich gegur⸗ gelt, weil er fürchterlich am Zahnfleiſch gelitten.— Aber 162 Graf Borarmt und seine Gattin. der Unterſuchungsrichter von Tournay hatte über funfzig Flaſchen an den Orten unterſucht, wo jene Flaſche mit Zahntinctur geſtanden haben ſollte, und zu keiner einzi⸗ gen paßte der Stöpſel.— Was haben Sie darauf zu erwidern? „Für den Augenblick gar Nichts.“ — Nach Ihrer Ausſage hätte Guſtav die Nicotine, die ſeine Schweſter ihm eingeſchenkt, ſtehend getrunken, mit einem Schluck das ganze Glas aus; aus dem Fund⸗ bericht der Sachverſtändigen erhellt aber, daß Guſtav auf der Erde gelegen haben muß, als ihm das Glas in den Mund gegoſſen ward. „Wie kann man das drei Tage nach dem Tode eines Menſchen conſtatiren!“ — Es ſind keine Hypotheſen des Chemikers, Pro⸗ feſſor Staß, ſondern es iſt ſeine poſitive, in allen For⸗ men des Geſetzes gemachte Angabe. „Ein Irrthum der Wiſſenſchaft! veranlaßt dadurch, daß man Weineſſig in Guſtav's Mund gegoſſen.— Wenn man Weineſſig in den Mund eines an der Ni⸗ cotine Verſtorbenen flößt, ſo wird der Mund ſchwarz.“ — Herrn Staß' Ausſage ſtimmt übrigens mit Dem, was Sie zum Gefängnißaufſeher in Tournay geſagt: daß Guſtav hingeſtreckt auf der Erde gelegen, Sie über ihm, und daß, während Sie ihn auf der Erde feſt hiel⸗ ten, Ihre Frau das Gift in den Mund gegoſſen. „Darin iſt auch nichts Wahres. Ich habe immer behauptet, meine Frau war unſchuldig. Wie hätte ich zu einem Gefangenaufſeher ſagen ſollen, daß ſie ſchuldig wäre!— Und van der Cruyſſen mein Vertrauter! Das iſt unmöglich!“ — Am 11. oder 12. waren Sie mit Ihrer Frau confrontirt. Als Sie in Ihre Zelle zurückkehrten, ſag⸗ nßig mit inzi⸗ f zu tine, nken, und⸗ uſta Glas eines Pro⸗ For⸗ ch, Ni⸗ rz em, agt: über hiel met ich ldig Das rau ſog⸗ Graf Bocarmt und seine Gattin. 163 ten Sie in einem vertraulichen Geſpräche zu ihm:„Meine Frau hat ſich in ihren Declarationen aventurirt, ſie ſchul⸗ digt mich an, und indem ſie mich anſchuldigt, ſo fühlen Sie wol, daß ſie ſich ſelbſt anſchuldigt. Denn man wird mich fragen, ob ſie mich in dem Zimmer geſehen hat, während ich doch erklärt habe, daß ich ganz allein darin war, wie ich es mit ihr ausgemacht hatte. Fragen Sie ſie doch ein wenig, warum ſie jetzt hangirt. Machen Sie es ihr doch begreiflich. Denn Sie begreifen, mein lie⸗ ber Director, daß, wenn ich die Wahrheit ſagen ſollte, ich ſagen müßte, ſie iſt es, die das Gift ihm in den Mund goß und auf die Kleider. Als ſie auf dieſe träu⸗ felte, war es das zweite Mal, daß ſie goß, und plötz⸗ lich rief ſie: Halt!“— Das hat van der Cruyſſen zu Protokoll ausgeſagt. Erinnern Sie ſich der Unterhaltung? „Ich erinnere mich, daß ich zum Gefängnißaufſeher geſagt: meine Frau ſei es geweſen, die ihren Bruder vergiftet, nämlich ſie habe das Gift eingegoſſen, auf Weiteres und mehr entſinne ich mich nicht.“ — Ein neuer Widerſpruch! Erſt vor einigen Augen⸗ blicken erklärten Sie, daß Sie niemals Ihre Frau ange— ſchuldigt hätten, und jetzt erklären Sie, daß ſie das Gift eingegoſſen. „Ganz gewiß, ſie that es, aber unſchuldig und ohne zu wiſſen, was ſie that. Ich kann dem Aufſeher nie⸗ mals geſagt haben, daß ſie ſchuldig ſei.“ — Hören Sie weiter, was Sie da zu ihm geſagt haben:„Und dann, fügte er(Graf Bocarmeé) hinzu, iſt mir ein wenig davon in den Mund geſprungen oder ge⸗ ſpritzt, daß ich beinahe davon ſelbſt umgekommen bin, und ich nahm Vomitive und heißes Waſſer die ganze Nacht.“ Angeklagter Bocarme, haben Sie dieſe Worte geſprochen? 164 Graf Bocarmt und seine Gattin. „Ich erinnere mich nicht, die Worte geſprochen zu haben. Aber eines Tages, als ich mit ihm(van der Cruyſſen) plauderte, litt ich an fürchterlichen Kopfſchmer⸗ zen, und ich weiß nicht, was ich in ſolchem Augenblick, wo ich nicht bei mir war, geſagt haben kann.“ — Weiter haben Sie da zu ihm geſagt:„Nachdem ſie das Gift ihrem Bruder eingegoſſen, hieß ich ſie aus dem Saale gehen, indem ich hinzuſetzte, ich wollte allein darin bleiben, und darauf ging ſie.“ Iſt das wahr? „Ich entſinne mich, zum Director geſagt zu haben, daß ich zu meiner Frau geſagt hätte, ſie ſolle erklären, ſie wäre nicht im Zimmer geweſen.“ — Sie baten aber doch den Director, das ihm Mit⸗ getheilte zu verſchweigen? „Ja, was den Umſtand betrifft, daß es meine Frau geweſen, die das Gift eingegoſſen.“ Das Protokoll über die Confrontation zwiſchen dem Grafen und dem Director ward verleſen. Der Graf be⸗ hauptete ſchon darin wie jetzt, daß der Director ſeine Worte misverſtanden. — Sie haben(nach Angabe van der Cruyſſen's) ge⸗ ſagt:„Meine Frau iſt es, welche ihm das Gift in den Mund und auf ſeine Kleider gegoſſen.“ „Wenn ich das geſagt, ſo habe ich nicht die Wahr⸗ heit geſagt.“ — Eben noch ſagten Sie, daß Sie es nicht geſagt, darauf räumten Sie ein, daß Sie ſo geſprochen, und jetzt kommt eine dritte Verſicherung, wenn Sie es ge⸗ ſagt, ſo hätten Sie nicht die Wahrheit geſagt! Herr van der Cruyſſen hatte auf ſeinen Eid erklärt: Ja, es iſt Wahrheit, er hat ſo zu mir geſprochen. Darauf fragte Sie der Unterſuchungsrichter: Was haben Sie en zu n det hmer⸗ blick chdem e aus llein r haben, lären, Nit⸗ . Frau dem f be⸗ ſeine 6) ge den Pehr⸗ eſagt, und s gl⸗ Hert a, e grauf Sie Graf Vocarmt und seint Gattin. 165 darauf zu erwidern? Sie ſagten: Ich erwidere Nichts. — Sie haben alſo nicht antworten wollen? „Nein, weil ich indignirt war, zu ſehen, wie ich in meinem Gefängniß von Kerkermeiſtern bewacht wurde, die meine Worte falſch auslegten.“ — Hätte Herr van der Cruyſſen nicht die Wahrheit geſagt, ſo würden Sie nicht verfehlt haben ihn einen Lügner zu ſchelten, einen Betrüger, denn der Moment war gekommen, wo Sie ſich auslaſſen durften. In ſelber Weiſe hatte der Angeklagte über ſein Schwei⸗ gen auf die andern Mittheilungen, die van der Cruyſſen von ihm gehört und die oben angegeben ſind, ſich erklärt: Ich antworte darauf nicht. Haben Sie nicht in ähnlich vertraulicher Weiſe ſich zum Brigadier der Gendarmen geäußert? „Ja, ich ſagte zu ihm, meine Frau hätte das Gift in ein Glas gegoſſen.“ — In Dem, was Sie bis da geſagt, war keine Rede von einem Glaſe. Das Glas iſt geſtern zum erſten Mole und mit der Bouteille erſchienen.— Haben Sie, nach Ihrer Verhaftung, Ihrer Frau nicht eine Information zu⸗ geſchickt, mit der Anempfehlung nichts mehr auszuſagen? Noch einigem Zaudern:„Nein, ich ſchrieb ihr nur ein klei⸗ nes Billet, worin ich ihr ſagte: Gib keine Antwort mehr.“ Der Graf erklärte dieſe Weiſung dahin, er habe von ſeiner Frau keine Antwort auf ſein Schreiben verlangt; das Gericht fand darin die Weiſung, dem Richter nicht mehr zu antworten. Unter dem Schreiben befand ſich ein Kreuz. Be⸗ fragt um die Bedeutung, erklärte der Angeklagte endlich: das Kreuz ſagt, der Juſtand als Angeklagte, in dem wir uns Beide befinden, iſt ein trauriger. Ueber die Zeit, welche dem Diner voranging, gab 166 Graf Bocarmt und seine Gattin. die Gräfin in einem articulirten Verhör folgende Aus⸗ kunft: Um 7 Uhr Morgens ſagte ihr ihr Mann, daß Guſtav kommen werde. Uum 9 Uhr ſtand ſie auf. um 10 Uhr war Guſtav da. Sie frühſtückten zuſammen. Hippolyte, wenn er auch nicht mit aß, war doch ge⸗ genwärtig. Das Frühſtück dauerte eine halbe Stunde. Dann ging Guſtav ſpazieren. Sie hatte vor Tiſche nicht weiter mit ihm geſprochen und ihn nur ein Mal in der Küche geſehen, wo er ſich wärmte. Der Graf antwortete in Bezug auf daſſelbe Thema: er war vor Guſtav fortgegangen, er wußte nicht, was dieſer in der Zwiſchenzeit bis 2 Uhr, wo er zurückkehrte, gemacht. Er ſelbſt wollte während der Zeit zum Theil im Garten geweſen ſein.(Obgleich es ſchlecht Wetter war und ſtark regnete.) Um 2 Uhr fand er Guſtav im Speiſeſaal— mit ſeiner Schweſter! Hier blieb er mit ihnen bis 3 Uhr, wo angerichtet wurde. — Lydie Fougnies, die Abweſenheit des kleinen Gon⸗ zales und ſeiner Gouvernante beim Mittagstiſch, die Abweſenheit Ihrer Kinder beim Deſſert uud der Bonne in der Küche beim Abendeſſen, die Sendung des Kut⸗ ſcher Gilles nach Schloß Grandmetz, der Befehl, an Gilles ertheilt, die Köchin bis auf die Straße von Leuze zu führen, der Befehl, an Emerance ertheilt, hinaufzu⸗ ſteigen in die Kinderſtube, ſind das nicht zuſammenge⸗ nommen Thatſachen, die glauben machen, daß alle dieſe Befehle zwiſchen Ihnen und Ihrem Manne verabredet worden, um dieſe Perſonen aus der Küche zu entfernen, wo ſie ſonſt wol im Augenblick der Vollbringung des Verbrechens vereinigt ſein konnten? „Ich habe dieſe Gedanken nicht gehabt“, ſagte Lydie. Der Graf Bocarmo fiel ein:„Sie hatte die Gewohn⸗ heit die Domeſtiken zu entfernen, wenn Jemand da war.“ MAus⸗ daß lm nmen. ch ge⸗ tunde. Liſche Mal hema: was ehrte, Theil better w im nit Fon⸗ die onne Kut⸗ an euze zu⸗ nge⸗ ieſe edet nen, des die. hn⸗ r Graf Pocarmt und seine Gattin. 167 — Wenn man im Speiſeſaal laut wie gewöhnlich ſpricht, kann man in der Küche nichts davon hören. Die Befehle können alſo nur gegeben ſein, um zu verhindern, daß Guſtav's Geſchrei ihm keine Hülfe verſchaffte. „Ich habe dieſen Gedanken nicht gehabt“, wiederholte Lydie. — Lydie Fougnies wenn dieſe Befehle genau voll⸗ führt wären, iſt es nicht gewiß, daß Niemand Guſtav's Geſchrei gehört hätte? „Es gab ja noch ſonſt Leute in der Küche.“ — Nein! Auch zu Emerance, als ſie Licht bringen wollte, ſagten Sie: Nein, nein! „Es war ja noch nicht Nacht!“ — Am 20. November wird es früh Nacht. „Wir fühlten kein Bedürfniß nach Licht.“ — Ja, Sie brauchten Licht, denn Sie wollten Gu⸗ ſtav ein Fideicommiß leſen laſſen, und nach Ihrer Er⸗ klärung von vorgeſtern, hätte er ſogar nach Licht, zu dieſem Zweck, verlangt. Die Antwort der Angeklagten hierauf entging den Stenographen. — Sie verließen den Speiſeſaal im Augenblick, wo Guſtav in erſtickte Schreie ausbrach.— Es iſt ein höchſt verhängnißvolles Zuſammentreffen für Sie, die Ausſagen der Juſtine Thibaut, der Louiſe, der Köchin, und der Charlotte Monjardez, und die Erklärung Ihres Mannes, der Sie anſchuldigt, Gift in Guſtav's Mund gegoſſen zu haben, als er zu Boden gedrückt war. Der Graf erhebt ſich und will hier ſprechen. — Ich befehle Ihnen zu ſchweigen.— Dies hat Ihr Mann zum Gefängnißaufſeher von Tournay geſagt. „Ich war ja in der Küche. Ich ſprach mit Juſtinen.“ 168 Graf Bocarmt und seine Gattin. — Iſt es denkbar, glaublich, daß Ihr Mann Sie fälſch⸗ lich eines ſo entſetzlichen Verbrechens beſchuldigen ſollte! „Er wird es in einem Augenblick der Geiſtesver⸗ wirrung gethan haben.“ — Die Unterſuchung hat klar gezeigt, daß das Ver⸗ brechen nur von zwei Perſonen begangen ſein kann. „Ich bin gewiß nicht darunter.“ — Sie haben bekannt, daß Sie aus dem Speiſeſaal ſtürzten, als Guſtav rief: Pardon, Hippolyte! „Nein, mein Herr, als er rief: Sacré nom!“ — Als Sie im Bedientenſtand angekommen, haben Sie die Thür zugedrückt, als Guſtav ſchon die Schreie ausſtieß. Sie haben die Thür geſchloſſen, als Hippo⸗ lyte aus dem Speiſeſaal trat, und alſo als Guſtav ſchon ſeinen letzten Athem ausgeſeufzt. — Angeklagter(zum Grafen), es conſtirt aus dem Be⸗ richt der Sachverſtändigen und aus der chemiſchen Analyſe: 1) daß bei Guſtav Fougnies eine Injection giftiger Stoffe gefunden. 2) Daß dieſe giftige Stoffe ſind: a) Nicotine, ein organiſches Alkali, im Taback exiſtirend, unter den be⸗ kannten Giften eines der heftigſten. b) Weineſſig. 3) Daß die Nicotine in ſo ſtarker Doſis gegeben worden, daß das Viertel von derjenigen, welche aus den Organen gezogen iſt, hinlänglich geweſen wäre, um den ſtärkſten Mann zu vergiften. 4) Daß die Nicotine in reinem Zuſtande gegeben worden. 5) Daß die Veränderungen, in den Organen gefun⸗ den, mit denen übereinſtimmen, welche man an Thie⸗ ren beobachtet, denen man eine ungeheure Doſis Nico⸗ tine gegeben; daß indeſſen der Weineſſig dieſe Verände⸗ rungen modificirt hat. iſch⸗ Ulte! ver⸗ Per⸗ . eſaal aben hreie ppo⸗ ſchon Be⸗ hyſe: iger ein be⸗ eben aus un eben fun⸗ hie⸗ Graf Bocarmt und seine Gattin. 169 6) Daß die Organe Guſtav Fougnies' außer der Ni⸗ cotine eine beſtimmte Quantität Weineſſig enthielten. 7) Der Sachverſtändige glaubt hinzufügen zu müſſen, daß— Alles in Allem betrachtet— die Vermuthung dafür ſtreitet, daß die Einflößung des Giftes in folgen⸗ der Stellung und Weiſe ſtattgefunden hat: Zur Zeit der Einſprützung mußte Guſtav Fougnies auf ſeinem Rücken gelegen haben, den Kopf nach der rechten Seite gekehrt. Convulſionen beſonderer Art folg— ten darauf und dauerten bis zum Tode des Opfers. Während dieſer Convulſionen muß die Zunge zwiſchen zwei Zähne gerathen ſein, was die tiefe an dieſem Or— gan bemerkte Verletzung erklärt. — Sie ſehen alſo aus dieſem Sachverſtändigen⸗Be⸗ richt, daß das Gift Guſtav Fougnies in liegender Lage eingeflößt iſt. „Drei Tage nach dem Tode eines Menſchen will man das conſtatiren!“ Der Präſident verwies den Grafen auf ſein Recht, ſpä⸗ ter mit den Sachverſtändigen darüber zu disputiren. Es ſollte nun zur Zeugenvernehmung geſchritten werden. Die äußerſte Spannung that ſich kund, beſonders auf die Ausſagen des vorgeladenen Unterſuchungsrichters. Die Gräſin, welche bis da ſtumpf und niedergeſchlagen war, konnte ihre Bewegung jetzt nicht mehr beherrſchen. Sie brach in Thränen aus, das Tuch beſtändig an den Au⸗ gen, während ſie zuweilen von den convulſiviſchen Seuf⸗ zern, die ſie zurückdrängen wollte, dem Erſticken nahe ſchien. Er behielt auch jetzt die Miene der vollkommen⸗ ſten Gleichgültigkeit. Noch ein Mal wandte ſich der Präſident an ihn:— Angeſchuldigter Viſart, Sie wünſchten zu ſprechen, als ich Ihre Frau verhörte. Was haben Sie noch zu ſagen? XIX. 8 17⁰ Graf Borarmt und seine Gattin. „Nur daß, wenn der Bruder bei ihr war, meine Frau die Gewohnheit hatte, die Kinder zu den Domeſti⸗ ken zu ſchicken.“ — Beharren Sie dabei, alles Das abzuleugnen, was Ihre Frau gegen Sie vorgebracht? „Dann und wann iſt etwas Wahres in Ihren Wor⸗ ten, aber der größte Theil iſt reine Erfindung.“ Wir müſſen uns bei der Vernehmung der hundert Zeugen, des Raumes wegen, beſchränken, und glauben im Intereſſe unſerer Leſer zu handeln, wenn wir auch über die wichtigen Ausſagen kurz weggehen, deren In⸗ halt wir ſchon aus der Anklageacte und den Verhören genau kennen, inſofern keine Varietäten oder andere le⸗ bendige Züge darin enthalten ſind. Namentlich über⸗ gehen wir die Zeugen, welche mit vielen Details und Belegen über den zerrütteten Vermögenszuſtand des ver⸗ ſchwenderiſchen Ehepaars eine Kunde gaben, die wol Niemand bezweifelt. Die geſpannteſte Aufmerkſamkeit richtete ſich auf den dritten Zeugen, den Inſtructionsrichter von Tournay, Heughebaert, der faſt allein die ganze Unterſuchung ge⸗ führt hatte. Der Präſident foderte ihn auf, nur die Umſtände anzuführen, die ihm während der Unterſuchung aufgefallen, und beſonders was er bei ſeiner Ankunft im Schloß Bitremont nach dem Verbrechen zur Sache Ge⸗ höriges bemerkt. Heughebaert hatte am Donnerſtag Gl. November) Abends vom Friedensrichter von Peruwelz die erſte Nach⸗ richt von dem plötzlich erfolgten Tode des Herrn Fougnies im Schloſſe Bitremont erhalten. Der Friedensrichter er⸗ klärte zugleich, daß es in der ganzen Umgegend heiße, — meine meſti⸗ was Wor⸗ dett auben auch n In⸗ hören re le⸗ über⸗ und s ver⸗ wol f den mnah, 9 9e w die chung ſt im Gr⸗ mber) Nach⸗ gnits ter er⸗ hße Graf Pocarmt und seine Gattin. 171 er ſei keines natürlichen Todes geſtorben. Der Richter kannte weder den Verblichenen noch das gräfliche Ehe⸗— paar. Er begab ſich aber andern Tags nach Bitremont, mit wenig Glauben an die verbreiteten Gerüchte. Die Namen des Grafen und der Gräfin Bocarmé ſchienen ihm Bürgſchaft, daß da kein Mord vorliegen könne. Bei ſeiner Ankunft im Schloß fand er die Gräfin beim Dejeuner im Speiſeſaal. Er trat mit ſeinem Sub⸗ ſtituten, dem Friedensrichter und mehren Aerzten ein, und als er den Zweck ſeiner Ankunft, und daß namentlich eine Leichenſchau nothwendig ſei, erklärt hatte, ſchien die Dame nichts weniger als betroffen. Sie bedauerte, daß ihr Gatte nicht zu Hauſe ſei. Während ſie auf den Grafen warteten, ließ der Rich⸗ ter ſein Auge umherſtreifen, und fand bald den Kamin faſt erdrückt von einem Haufen verbrannter und verkohl⸗ ter Papiere, unter denen er auch ohne Mühe die Reſte eines verbrannten Buches entdeckte. Es war, wie er nachher erfuhr, ein Katalog des Gärtners Van Houtte zu Gent. Der Graf kam an. Man berichtete ihm ohne Um— ſtände, was es galt. Er verrieth nicht die geringſte Be— troffenheit. Man führte die Commiſſion in eine Hof⸗ ſtube, das Zimmer der Emerance Bricourt, ein Raum, wo eben nichts war als eine Matratze und ein Laken. Guſtav Fougnies' Leichnam lag darauf, mit einem ganz reinen Hemde bekleidet, aber in einem dunkeln Alkoven. Die Gerichtsperſonen ſchoben, mit Hülfe der drei Aerzte, das Bett ans Fenſter. Auf den erſten Blick bemerkte man die ſchwarzen Lip⸗ pen des Todten. Auch die Zunge war ſchwarz und an⸗ geſchwollen. Ein Nägelmaal ſenkrecht unter der Backe fiel dem Richter auf; dann eine kleine Fleiſchwunde, das 8S* 172 Graf Bocarmt und seine Gattin. Blut war ſchon getrocknet. Der Leichnam ward in eine Hofremiſe gebracht und dort mit der Obduction verfah⸗ ren. Heughebaert verſuchte unterdeſſen im Schloß eine Art Verhör mit dem Grafen:„Oder vielmehr es war kein Verhör. Ich ſagte ja eben, daß ich an kein Ver⸗ brechen geglaubt. Ich wollte nur Auskunft erhalten über alle Umſtände, welche Fougnies' Tode vorangegan⸗ gen und gefolgt wären.— Ich konnte bald bemerken, daß der Graf ſich nicht mit vollkommener Freimüthigkeit ausdrückte. Der Inhalt ſeiner erſten Erklärung war: Sie hätten vorgeſtern zu Dreien dinirt, er, Herr Fougnies und Frau von Bocarmé, das Diner habe ſich bis zur Dämmerſtunde verlängert. Plötzlich ſei die Frau Gräfin hinausgeſtürzt, ohne anzugeben warum, indem ſie das Licht mit ſich genommen; dergeſtalt, daß er und Guſtav Fougnies ſich am Tiſch ohne Licht befunden. Da habe mit einem Male Guſtav aufgeſchrien:«Schnell! ſchnell! ach, ach! Hippolyte, Hülfe, Hülfe!» Ich ſprang nun hinzu, rief der Herr Graf, ich wollte ihn halten und da ſind wir Beide gefallen, er auf mich, oder ich auf ihn. Im Fallen zerbrach eine ſeiner Krücken, und da ich ſah, daß es ſo ſchlimm ward, rief ich um Hülfe!“ Auf alle weitere Fragen hatte der Graf keine Aus⸗ kunft gewußt: nicht, wer der Erſte geweſen, der zu Hülfe kam, nicht wie das Zimmer ausſah, als Licht gebracht ward.„Das ſchien mir ſonderbar. Man wich den Fra⸗ gen ſichtlich aus, und der Nageldruck auf der Backe des Todten machte einen wunderbaren Eindruck auf mich. Mein Blut fing an ſich zu erhitzen. Ich bat den Herrn Grafen mir ſeine Hände zu zeigen. An einem Nagel der rechten Hand bemerkte ich eine leichte Roſafärbung, die auf eine Blutſpur deutete, welche man vergebens wegzuwiſchen verſucht. Der Graf ſchien von dieſer mei⸗ eine rfah⸗ eine war Per⸗ alten egan⸗ rken, gkeit war: gries zut rfin das uſtav habe huell! nun und auf d da fel“ Aus⸗ ilft rucht Fra⸗ e des mich. Herrn Nagel bung, ebens mei⸗ Graf Bocarmt und seine Gattin. 173 ner Beobachtung ſehr betroffen; denn noch vier Monate nachher ſagte er zu mir: Sie ſehen, es war kein Blut; denn noch heut ſind die Nägel ebenſo wie damals. An derſelben Hand fand ich einige kleine Verletzungen, eine unter andern über dem Ringfinger der rechten Hand.— An der linken fand ich zwei ähnliche Verwundungen, die deutlich von einem menſchlichen Biß herrührten. Wie kamen Sie dazu? fragte ich.— Er erwiderte: Ich weiß nicht, es war, indem wir uns ſchlugen!— Indem Sie ſich ſchtugen? erwiderte ich. Ich glaube Ihnen hier⸗ mit erklären zu müſſen, daß Sie ſich in proviſoriſchem Verhaft befinden.“ Von nun an ward der Graf bewacht. Der Richter behielt ſich ſelbſt das Verhör vor. Es iſt zu bemerken, daß der Graf jene erſte Ausſage auf ſeinen Eid gethan, denn der Richter hatte ihn als Zeugen zum Schwur ge⸗ laſſen. Auch die Gräfin ward zieth auf ihren Eid vernommen. Sie gab die Namen aller Hausgenoſſen an; der Graf hatte es verweigert. Der Graf wollte nicht wiſſen, was man zu Mittag gegeſſen; ſie gab es an. Aber was den Richter verwunderte, war die Abweſenheit aller Trauer: „Nicht bei Monſieur, nicht bei Madame habe ich je eine Thräne für Guſtav bemerkt.“ Das Verhör der Gräfin ward unterbrochen durch die ietzt erfolgte Section. Die Doctoren erklärten einſtim⸗ mig: es liege hier ein gewaltſamer Tod vor, in Folge der Einflößung einer giftigen Materie, die man anfäng⸗ lich für ein ſchwefelhaltiges Acidum hielt. Zunächſt erfuhr der Richter von der Erzieherin des jungen Gonzales, Demoiſelle Päle, daß ſie ſonſt regel⸗ mäßig bei dem gräflichen Ehepaar zu Mittag geſpeiſt, 174 Graf Bocarme und seine Gattin. gerade vorgeſtern aber habe die Gräfin gewünſcht, daß ſie auf ihrem Zimmer eſſe, weil man über Geſchäftsan⸗ gelegenheiten zu reden habe und einen Notar erwarte. Desgleichen erfuhr er, daß eine ähnliche Weiſung an die Bonne der Kinder geſchehen. Auf dem eichenen Fußboden des Speiſeſaales fand er viele braunrothe Flecke, er glaubte jetzt von Blut. Man hatte viel daran gekratzt, ſichtlich auch mit einem Stück Glas. Daneben viele Oelflecke.— An der Stelle, wo Emerance beim Eintreten den Leichnam zuerſt ge⸗ ſehen, bemerkte er nicht eigentliche Flecke, dagegen Feuch⸗ tigkeit. Aus Verſehen eines Polizeibeamten ward leider am nächſten Morgen der ganze Saal gewaſchen. Am 22. Abends wurden die Ehegatten verhaftet Sie wurden in ihrem eigenen Wagen nach Tournay trans⸗ portirt und dort getrennt von einander eingeſchloſſen. Ehe der Richter aber zur Specialunterſuchung ſchritt, wollte er zuerſt das Factum conſtatiren und das ganze vergangene Leben der Angeklagten ergründen. Inzwi⸗ ſchen ward Schloß Bitremont beinahe umgekehrt, um die chemiſchen Inſtrumente aufzufinden, von denen man nun Kenntniß gewonnen. Der Graf erklärte, er hätte anfänglich für 15,000 Francs davon beſeſſen, hätte jetzt indeß nur noch für 2000, deren Verſteck er aber nicht angeben wollte.„Da es ſich jetzt um eine Vergiftungs⸗ geſchichte handelt, könnten Sie ja die Inſtrumente als Beweiſe gegen mich zum Vorſchein bringen!“ Nach un⸗ ſäglicher Mühe und Anſtrengung entdeckte man mittels einer Hacke im Plafonds des Säulenſaales das Verſteck: „Ich habe die Ueberzeugung, daß ein einzelner Mann ſie dahin nicht ſchaffen konnte. Wir mußten, platt hin⸗ geſtreckt und auf die Ellenbogen geſtützt, dahin krieche und konnten ſie nur Stück für Stück uns reichen, wie * — t, daß iftsan⸗ warte. an die s fand Blut. einen Stelle, tſt ge⸗ Feuch⸗ leider haſtet ttans⸗ loſſen. ſchritt, ganze nzwi⸗ t, um man hätte e jett nicht tungs⸗ te als ch un⸗ nittes rſtec: Mann t hi⸗ ieche, „ wie Graf Vocarme und seine Gattin. 175 die Maurer die Ziegel. Der Angeklagte muß Hülfe dabei gehabt haben, ſie in dies Verſteck zu ſchaffen.“ — Angeklagter, hat Ihnen dabei Jemand geholfen! „Ich habe ſie allein in das Verſteck getragen.“ Es waren 120 Stück. Der Richter ermahnte den Grafen, nun nicht mehr mit der Wahrheit zurückzuhal⸗ ten.„Ich fragte ihn, ob er nicht einen gewiſſen Van⸗ denberghe kenne? Dieſe Frage wirkte wie ein Blitz. Daß man dieſer neuen Kategorie von Thatſachen auf die Spur gekommen, hatte er nicht erwartet. Er bat mich, auf dieſe einfachſte Frage ein nächſtes Mal antworten zu dürfen. Jetzt ward ihm eröffnet, daß man ſeine Appa⸗ rate gefunden, ſeinem Verbrechen auf die Spur gekom⸗ men, daß Guſtav mittels Nicotine vergiftet ſei. Er ſtand wie eingewurzelt und bat dann um eine Privat⸗ unterhaltung.“ Sie fand am 10. Februar ſtatt.„Nun ſind wir allein, Herr Graf, begann ich. Wohlan, wer hat Fougnies ge⸗ tödtet? Er antwortete durch eine Frage:„Mein Herr Richter, thäte ich nicht gut an den König zu ſchreiben, daß er mich von hier losmacht?— Ich erwiderte ihm: Die Rechte des Königs fingen erſt nach dem Ur⸗ theil an, und daß dieſes Sr. Majeſtät ganz und gar nichts anginge. Plötzlich rief er:„Aber Sie, machen Sie mich hier los, das hängt von Ihnen ab.— Wie! Das hinge von mir ab. Wie verſtehen Sie das?— (Sie allein kennen das hier Alles!v wobei er auf die Ac⸗ ten wies. In ſeinen Mienen ſtand zu leſen: Schmeißen wir doch das Zeug beiſeite und ſprechen nicht mehr da⸗ von. Mit Worten ſetzte er hinzu:„Thun Sie das für mich und meine Kinder, und wir werden Ihnen ewig verpflichtet ſein.» Er ſprach es in einem weinerlichen Tone, die Hände faltend.“ 176 Graf Porarmt und seine Gattin. Heughebaert erwiderte, wenn er es auch könne, würde er es doch nicht wollen. Nun heraus, wer hat Fougnies getödtet? „„Aber, mein Herr», rief er und ſtieß einen tiefen Seufzer aus, cich wußte ja nicht, wie ich die Wahrheit ſagen ſollte. Es iſt, weil es ſo ſchrecklich iſt. Aber, mein Herr, ich bin es nicht.— Nun gut, ſagte ich, da haben Sie ja ein gutes Mittel, ſich herauszuziehen; ſagen Sie nur, wer es gethan hat?—„Aber, ich wage es nicht. Ich habe ja das Gift bereitet.— Und die⸗ ſes Giſt iſt Nicotine?—(Ja.»— Aber wer hat Fougnies getödtet?— Mit verändertem Tone ſprach er:(„Laſſen Sie meine Frau rufen, in ihrer Gegenwart werde ich Ihnen ſagen, wie ſich Alles zugetragen hat. Sie ſoll Ihnen ſagen, ob es nicht wahr iſt.“— Nein, entgeg⸗ nete ich, das könnte eine indirecte Lehrſtunde werden, die Sie ihr gäben, und vielleicht hätte Ihre Frau nicht die Kraft, Ihnen zu widerſprechen. Aber machen Sie nun Ihre Ausſage, ich verſpreche Ihnen, ſie wörtlich Ihrer Frau mitzutheilen. Da rang er wieder die Hände, und, näher tretend, ſprach er:„Herr Richter, Guſtav Fougnies hat ſich ſelbſt vergiftet mit einer Phiole Nico⸗ tine, die im Gläſerbuffet ſtand. Ich riß ſie ihm aus den Händen. Er hat nur noch fünf Minuten gelebt, nachdem er getrunken.— Ich erwiderte: Lüge, abſurde Lüge! Um eine Sache glaubhaft zu machen, muß man ſie wenigſtens wahrſcheinlich darſtellen.—„Mein Herr Richter, rief er,«fragen Sie wenigſtens meine Frau.» — Das ſoll geſchehen, ſagte ich.“ „Augenblicklich darauf begab ich mich in Madame de Bocarme's Zelle und ſtellte ihr die Frage(nach alle Dem, was der Graf eben angegeben!) Madame fing an zu lachen.(Bewegung in der Verſammlung.)« Ich wußte — würde ugnies tiefen htheit Aber, iehen; wage d die⸗ ugnies Laſſen de ich ie ſoll ntgeg⸗ erden, icht Sie rtlich ände, uſta Nico⸗ aus lebt, ſunde man Hert rau. me de Dem, n zu vußtt Graf Bocarmt und seine Gattin. 177 wohl, daß mein Mann Ihnen das ſagen würde. In der Nacht des Verbrechens hat er ſchon zu mir geſagt: Wenn man mich aufs Aeußerſte treibt, ſo werde ich ſa⸗ gen, Guſtav ſelbſt habe ſich vergiftet mit einer Phiole Nicotine, die er im Gläſerbuffet gefunden, daß ich ſie ihm entriſſen und daß er nur noch eine Minute nachher gelebt habe.““ Der Staatsanwalt. Hat ſie ſich ausdrücklich des Wortes Phiole bedient und vom Gläſerbuffet geſprochen? Poſitiv! erwiderte der Zeuge. Auch die Angeklagte beſtätigte, was der Zeuge von ihr geſagt. „um mein Verſprechen gegen den Herrn Grafen zu erfüllen, ging ich auf der Stelle zu ihm zurück. Als er mich eintreten ſah, fragte er:« Nun, mein Herr, was hat Madame geſagt?— Madame hat gelacht, als ich ſie fragte, ob Ihr Geſtändniß der Wahrheit gemäß ſei, und ſie hat mir geſagt, daß Sie in der Nacht des Ver⸗ brechens ihr geſagt, Sie würden dieſe Erklärung ab⸗ geben. Da hob er die Arme und ſprach:„Mein Gott, was kann man mit einer Frau, wie die iſt, anfangen!“ „In einem andern Verhör erklärte Frau von Bocarmeé, als ihr Mann das zu ihr geſagt, hätte ſie ihm bemerkt: „Aber wie willſt du das jemals glauben machen, daß Guſtav ſſich ſelbſt vergiftet?? Er habe geantwortet: Das geht dich nichts an. Darum haſt du dich nicht zu kümmern. Ich komme auf alle Fälle davon. Du haſt nichts zu ſagen, als daß du nicht dabei warſt und von nichts wüßteſt.“ Um mich genau dieſer merkwür⸗ digen Aeußerung zu erinnern, ſchrieb ich die Worte gleich darauf nieder.“ Wie auch der Richter jetzt in den Grafen drang, er blieb ſtumm, auch auf die Mittheilung dieſer letzten 8** 178 Graf Bocarmt und seine Gattin. Aeußerung ſeiner Frau. Später empfing der Richter ein Billet, welches der Graf durch die Hände des Ge⸗ fängnißdirectors an ſeine Frau gelangen ließ, folgenden Inhalts: „Meine liebe Frau, fodere doch vom Inſtructions⸗ richter mich einmal zu ſehen, und gib mir Nachricht über Deine Geſundheit. Sage mir, womit Du Dich be⸗ ſchäftigſt. Iſt es lange her, daß Du Gonzales nicht ge⸗ ſehen haſt? Wie befinden ſich die beiden kleinen Mäd⸗ chen? Was weißt Du Neues? Warum biſt Du ſo ab⸗ ſcheulich gegen mich? Ich verſtehe es nicht.— Ich weiß gar nicht, welchen Nutzen Du davon haben kannſt. Ich habe Dir doch dazu keinen Grund gegeben. Du haſt vielleicht kein Vertrauen. Hältſt Du mich denn für Dei⸗ nen Feind? Hoffſt Du und glaubſt Du, daß Du eine beſſere Stütze haben könnteſt? Endlich, liebe Frau, ſind unſere Intereſſen nicht dieſelben? Lies doch pagina 323, die 13. Zeile von unten auf im Paroissien romain. Folge dieſem Rathe, er kann Niemand verdächtig ſein, er kommt von unſerm Herrn Jeſus Chriſt. Das iſt mein Weg, ergreife denſelben Weg und wir werden uns wieder finden heil und geſund.“ Im gedachten Buche, welches der Gefangene vom Gefängnißdirector erhalten, ſtand ein Vers aus dem Matthäus des Inhalts: Jedes Reich, das in ſich un⸗ einig, wird zerſtört werden, und jedes Haus, darin Zwie⸗ tracht iſt, wird untergehen.— Die Bibelſtelle ſollte nur als Auffoderung dienen, daß die Gräfin mit dem Grafen einträchtig vor Gericht handle. Das Billet war zu einer Zeit geſchrieben, als die Confrontationen ſchon in vollem Gange waren. — Was ereignete ſich bei dieſen Confrontationen, namentlich da, als die Frau den Mann anſchuldigte? chter nden ions⸗ hricht h be⸗ t ge⸗ Räd⸗ ab⸗ weiß haſt Dei⸗ eine „ſind 993 323, nain. ſein, s iſt nuns vom dem h un⸗ Zwie⸗ enut dem twar ſchon ionen, ter Graf Bocarmt und seine Gattin. 179 „Als ich den Grafen im Verhör fragte, ob es nicht Madame wäre, die das Verbrechen begangen, antwortete er unter Anderem:«Ich bin ihr Mann, ich kann nicht ihr Ankläger werden.“ Darin erblickte ich eine indirecte Anklage und ließ nun Madame mit ihrem Mann zu⸗ ſammen kommen, da Beide gegen dieſe indirecte Anſchul— digung proteſtirt hatten. Als Beide nun, Geſicht gegen Geſicht, ſich gegenüberſtanden, ſagte ich zu Madame: Laßt uns nun ſehen, wer iſt Der, der Guſtav umge⸗ bracht hat? Sind Sie es, oder ſind Sie es?— Sie erwiderte:«„Laßt ihn ſprechen, er weiß es recht gut, er. Ich werde ihn beſchwören, die Wahrheit zu ſagen, ſich klar auszudrücken.“ Dann mit dem vollen Ton der Ueberzeugung, mit dem ganzen Schreckenshauch des Ver⸗ brechens klagte ſie förmlich ihren Gatten an. Dieſer be⸗ gnügte ſich damit zu leugnen. Sie fügte hinzu:(Wenn ich es wäre, ſo weiß ich, ich würde es ſagen, und es wäre ſchon längſt her, daß ich es geſagt hätte. Will ich dich denn im Gefängniß laſſen! Ich hätte mehr Herz oder Seele als dazu.“ Die nervöſen Bewegungen, das Taſchentuch, was ſie in ihrer Hand zerriß, Alles zeigte an, daß ſie aus voller Ueberzeugung ſprach. Herr von Bocarmé im Gegentheil war ganz phlegmatiſch, als wäre eben nicht viel dabei.“ — Angeklagter von Bocarmé, haben Sie darauf et⸗ was zu erwidern? „Gar nichts.“ „Die Frau ſagte weiter in der Confrontation:«Klage mich doch direct an. Frank und frei. Sage, daß ich Alles gethan. Ich laſſe dir freies Feld. Sprich es aus, du thuſt mir damit einen Gefallen. Aber dann mußt du dich auch deutlicher darüber ausdrücken, wie ich das Verbrechen begangen. Du mußt beſchreiben, wie ich es 180 Graf Bocarmt und seine Gattin. möglich gemacht, Guſtav auf die Erde zu werfen; wie es gekommen iſt, daß dein Finger gebiſſen iſt und meiner nicht; wie es geſchehen, daß das Gift in deinen Mund geſprützt iſt und in meinen nicht; wie er geſchrien hat: Pardon, Hippolyte! ſtatt zu ſchreien: Pardon, meine Schweſter!“— Sie ſprach das Alles mit einem ſolchen Fluge der Gedanken und Worte, daß ich eben nur die⸗ ſes davon faſſen konnte. Dieſe Worte aber ſind buch⸗ ſtäblich treu; ich ſchrieb ſie gleich darauf nieder.“ Auf Befragen des Präſidenten geht der Zeuge dar⸗ auf über auf Das, was er von Hörenſagen weiß. Die Mittheilung iſt hier undeutlich. Ein Tiſchler Mauroy, der ſchon am 21. Morgens von Frau von Bocarmé den Auftrag erhalten, einen Sarg zu fertigen, hatte ihm erklärt: Guſtav Fougnies habe ſchon längſt Beſorgniß wegen einer Vergiftung ge⸗ hegt, die vom Schloſſe Bury ausgehen könne. Ja, er habe geradezu gefürchtet von dorther vergiftet zu werden. Zuweilen habe er Geſchenke von Lebensmitteln erhalten, als feine Fleiſchwaare, aber nie davon gegeſſen, ſondern die Stücken ſo fortwerfen laſſen, daß auch keine Thiere davon fräßen. Man habe ſeit einiger Zeit von Bitre⸗ mont aus verſucht, den armen Guſtav mit Liebkoſungen zu umgarnen. So habe man ihm auch eine Flinte nach neuer Conſtruction, eine ſogenannte Flinte Robert, ge⸗ ſchenkt und andere Waffen, alles, nach dem Ausdruck des alten Frangois(Oheim der Gräfin und Guſtav's), „um damit leichter zu ihrem Zweck und Beſchlüſſen zu gelangen“, d. h., hatte Mauroy erklärt,„um Guſtav ſterben zu machen“. Als der Greis dieſe Erklärung gab, brach er in Thränen aus, die in ein Schluchzen über⸗ gingen und alle Anweſende bewegten. Am Tage nach dem Verbrechen hatte die Gräfin zu dieſem Onkel ihre — S— ——— — er nd ine en it⸗ u Graf Bocarmt und seine Gattin. 181 Equipage geſchickt, damit er nach Bury komme, er hatte ſich aber wohl gehütet, indem— der Zeuge ſprach dieſe Worte nur nach einigem Zaudern aus— er ſich dahin äußerte:„Ich war zu empört über ſie, wegen ihrer nie— derträchtigen Aufführung, und bis heut iſt meine feſte Ueberzeugung, daß ſie haben Guſtav ſterben laſſen.“ Auf Befragen des Vertheidigers der Gräfin erklärte der Zeuge, daß die Ausdrücke der Befürchtung des alten Frangois und des Tiſchlers zumeiſt gegen den Grafen gerichtet geweſen. Der Zeuge hatte bei ſeiner erſten Viſitation des Schloſſes in einem Speicher die Kleidungsſtücke des Gra⸗ fen gefunden, einen braunen Paletot und Pantalons, die noch ganz von Waſſer trieften. Ferner den bewuß⸗ ten Pfropfen. Der Graf hatte auf die Frage: ob er ihn kenne, zuerſt ausweichend geantwortet: Ich wüßte doch nicht, oder Aehnliches. Es ſchien als ob der Ge⸗ genſtand ihn etwas beunruhigte. Erſt am Schluß der Unterſuchung, als Botarme erfuhr, daß Heughebaert noch einmal nach Schloß Bitremont gehen wolle, fing er plötzlich wieder von dieſem Pfropfen an und erklärte, er hätte zu einer Phiole mit Zahntinctur gehört, die er in einen Flaſchenkaſten gethan:„Sehen Sie doch da ge⸗ fälligſt nach, ob Sie die Phiole nicht finden, zu der der Pfropfen paßt.“ Der Richter fand den Kaſten und ge⸗ gen 40 Phiolen darin, zu keiner einzigen paßte aber der Stöpſel. Der Zeuge hatte die Verwundung des Grafen auf der Stirn geſehen. Zuerſt hatte Bocarmé angegeben, ſie ſei wahrſcheinlich entſtanden, als er mit Guſtav zu Bo⸗ den gefallen; ſpäter in Folge eines Stoßes gegen einen Thürpfoſten, als er nach dem Abtritt geeilt. Die be⸗ treffende Thür, an welcher er ſich geſtoßen haben wollte, 182 Graf Pocarmt und seine Gattin. hatte allerdings eine Stahlumkleidung, es war aber Pa⸗ pier(Tapete) darüber, und eine eigentlich ſchneidende Wunde konnte nicht wohl dadurch entſtanden ſein, ob⸗ gleich man durch jeden Stoß, auch an Holz, ſich blutig ſtoßen möge. Befragt hinſichts der Moralität der beiden Ange⸗ klagten, ſagte der Zeuge, zur größten und andauernden Verwunderung der Zuhörer:„Was Madame betrifft, ſo habe ich bei ernſtlicher Nachforſchung nichts gefunden, was gegen ihre Moral ſpräche, und ich muß ſagen, daß die Einwohner des Canton Peruwelz weit mehr geneigt waren Gutes als Böſes über ſie zu ſagen. Sie wußten gar nichts an Madame de Bocarme zu tadeln, als, wenn das ein Vorwurf iſt, daß ſie ſtolz war.“ Noch ein abſonderliches Kriterium über dieſe Mora⸗ lität: Madame de Bocarmé habe nichts gethan, als Ro⸗ mane leſen und ſelbſt ſchreiben. Aber der Advocat ihres Vaters, der gegen den Buchhändler über den Verlag plaidirt, hatte das Zeugniß gegeben, daß in ihren Ro⸗ manen nichts Unmoraliſches enthalten ſei! Man hatte den Katalog ihrer Bibliothek zuſammenzuſtellen ver⸗ ſucht. Es hatte ſich nicht ermitteln laſſen, wie viel Lie⸗ besromane darin geweſen; aber man fand auch Boſſuet, Fenelon, viele Memoiren über Italien, Bonaparte und auch Buffon's Naturgeſchichte! Am 13. Januar hatte die Gräfin zum erſten Male gegen ihren Gatten die Stimme erhoben. Der Gefäng⸗ nißdirector war vom Richter beauftragt geweſen, ſie zu bewegen, daß ſie die Wahrheit geſtehe. Es hatte viel gekoſtet. Sie hatte bei der Unterhaltung ſo geweint, daß man das Fenſter ihrer Zelle verſchließen mußte, weil ihr Schluchzen auf dem Hofe gehört ward. Sie ſagte zum Richter: Ach, es iſt ſchrecklich, die Wahrheit nicht rPa⸗ dende „ob⸗ blutig Ange⸗ einden fft, ſo unden, t, daß geneigt wußten wenn Mora⸗ ls Ro⸗ t ihres Verlag n Ro⸗ hatte n ver⸗ oſſuet, te und Male Fefäng⸗ ſie zu tte vil eweint, te, weil ie ſigt it nih Graf Bocarmt und seine Gattin. 183 ſagen zu können, ohne meinen Mann anzuklagen! Daſ⸗ ſelbe hatte freilich der Graf auch zu ihm geſagt:„Welche ſchreckliche Lage! Ich kann mich nicht vertheidigen, ohne meine Frau anzuſchuldigen.“ Seitdem hatte ſie die Ruhe verloren und den Schlaf; es trieb ſie immer mehr die Wahrheit zu geſtehen. Dennoch erfolgten ihre Geſtänd⸗ niſſe nur allmälig. Heughebaert's Zeugniß hat unzweifelhaft viel zu der Stimmung der Geſchworenen beigetragen, welche die Freiſprechung der Gräfin ermöglichte. Die vierte Sitzung war am 30. Mai. Die Ange⸗ klagte war noch bleicher und ſchien noch mehr in ſich verſunken als am vorigen Tage. Der Graf dagegen war, wo möglich, noch ruhiger und gleichgültiger. Mit einem feinen Lächeln grüßte er ſeine Vertheidiger und ſetzte ſich dann, das Publicum muſternd. Nachdem der Zeuge von geſtern, Richter Heughebaert, noch über die im Flaſchenſchrank aufgefundenen Bouteillen angegeben hatte, daß ſie ſämmtlich, nach der ſorgfältig⸗ ſten, und zum Theil einer chemiſchen Unterſuchung, nichts enthalten als unſchädliche Gegenſtände, berichtet er über die Auffindung des eingeſchmuggelten Briefes, der in der Anklageacte aufgenommen iſt; ein Factum, zur Be⸗ urtheilung in der Hauptſache nicht von Wichtigkeit, zur Charakteriſtik des Verbrechers, den man als einen ame⸗ rikaniſchen Wilden vorſtellen wollte, aber von Intereſſe. Am Schluß eines Verhörs, das ſich ſo verzögert hatte, daß die Lichter angezündet werden mußten, zog der Graf, wie ſich an etwas erinnernd, einen nicht ver⸗ ſiegelten Brief aus der Taſche und bat den Richter ihn zu durchleſen, ob er ſo abgehen könne. Es war ein zu⸗ 184 Graf Borarmt und seine Gattin. ſammengelegter dünner Briefbogen. Der(officielle) Brief war kurz und füllte nicht einmal die erſte Seite. Heughebaert durchflog ihn, fand nichts Verfängliches im Inhalt, und im Unſchlag eine leere Seite. Er warf ihn auf den Tiſch. Nachdem der Graf das Protokoll unterzeichnet, falzte der Graf den Brief wieder zuſammen und ſchrieb die Adreſſe darauf, Alles in der größten Ruhe:„An Herrn Krauß u. ſ. w. Paris.“ Er foderte Oblate, um den Brief zu ſchließen, und bat den Richter: Sie werden es in den Briefkaſten werfen laſſen.„Ich könnte es vergeſſen“, ſagte Heughebaert,„und der Brief könnte zwei oder drei Tage in meiner Taſche bleiben. Bitten Sie den Greffier.“— Beim Abſchiede ſagte der Graf, der nie einen guten Tag oder guten Abend wünſchte, mehrmals:„Guten Abend, mein Herr Greffier, guten Abend, mein Herr Greffier, guten Abend.“ Der Zeuge ſchien dabei die Stimme Bocarmeé's ſo nachzuahmen, daß ſich eine allgemeine Heiterkeit im Au⸗ ditorium verbreitete. Der Graf ſelbſt nahm daran Theil. — Angeſchuldigter Bocarmé, Sie befinden ſich in einer zu ernſten Lage, als daß es ſich für Sie ſchickt zu lachen. Der Graf zuckte die Achſeln. Der Greffier hatte den Brief nicht in den Briefkaſten geworfen, weil gerade Oblate fehlte. Zufällig öffnete er ihn, und fand, äußerſt geſchickt eingeklemmt, ein doppel⸗ tes Vorderblatt, deſſen unbeſchriebene Hinterſeite die na⸗ türliche der officiell beſchriebenen Vorderſeite ſchien; auf der verſteckten Vorderſeite aber war der eng geſchriebene Brief, in welchem er dem Empfänger Contreordre von Dem gab, was er im offenen Briefe anordnete, nämlich — Berryer zu beſtimmen, daß er nicht als Vertheidi⸗ ger der Gräfin auftrete.— Bocarmé wußte aber damals Brief eite. s im warf tokoll men ößten derte hter: „3h Brif iben. der ſhte, ten ſo M⸗ heil. in t zu ſten te er pel⸗ na⸗ auf bene von lich eidi⸗ Graf Bocarmt und seine Gattin. 185 ſchon, doß ſeine Frau als ſeine Anklägerin auftrat; einen Berryer zum Gegner zu haben, war ihm gefährlich. „Da wußten wir denn, was der(Guten Abend» des Herrn Grafen zu bedeuten gehabt.— Mit dem Billet in der Hand begab ich mich zum Grafen: Ken⸗ nen Sie dies?— Die Arme ſanken ihm. Kennen Sie die Schrift?— Ja.— Was haben Sie darauf zu ſa⸗ gen?— Ich betrachte das Billet als null und nicht vor—⸗ handen.— Dies blieb ſeine Antwort, und war keine andere zu erhalten. Nur ſagte er noch: Ich will nicht, daß das Billet im Proceß mit figurire; geben Sie es mir zurück. Da, in einem Moment der Ungeduld er⸗ widerte ich ihm: Sie ſollen es haben, wenn Sie uns Fougnies zurückgeben.“ Die Mutter des Angeklagten, Gräfin Ida von Bo⸗ carmẽ, war aus Neapel zurückgekehrt und erhielt die Erlaubniß, ihren unglücklichen Sohn zu ſehen, jedoch un⸗ ter der Bedingung, daß keines in der Unterhaltung ein Wort ſpreche von Dem, weshalb der Graf gefangen ſitze. Bocarmé hatte ſein Wort gegeben. Als Mutter und Sohn ſich ſahen, ſielen ſie ſich in die Arme. Der Graf drückte dabei, wie gerührt, mit der Rechten die Hand des Gefängnißdirectors, während die Linke, um den Hals der Mutter gelehnt, ihr ein Billet zuſtecken wollte. Di⸗ rector und Richter ſahen es, ſtürzten zu, aber im ſelben Augenblick hatte der Graf das Billet in den Mund ge⸗ ſteckt und verſchlang es. Seine Ausrede war nichtsbe⸗ deutend. Bei einer zweiten Zuſammenkunft, die man dennoch zugeſtand, mußten Beide auf Stühlen an ge⸗ trennten Wänden ſitzen, die Gerichtsperſonen ſaßen zwi⸗ ſchen ihnen; die Mutter ſprach nur religiöſe Ermahnun⸗ gen gegen den Sohn aus. Der Sohn weinte nicht.— „Warum hätte ich hier weinen ſollen?“ erwiderte er. 186 Graf Bocarmt und seine Gattin. Uebrigens mußte er eingeſtehen, daß ſein Unterſuchungs⸗ richter ihn nicht allein mit aller Rückſicht behandelt, ſon⸗ dern auch ſeine Reden in einer Art zu Protokoll genom⸗ men, daß er nur wünſche, er ſelbſt könne ebenſo gut vor den Geſchworenen ſprechen. Der nächſte Zeuge, der königliche Procurator von Tournay, Hubert, hatte über die erſte Notiznahme des Verbrechens ungefähr Daſſelbe zu berichten wie der vorige. Er konnte aber erſt am 23. November im Schloß er⸗ ſcheinen und fand hier ſo ziemlich Daſſelbe vor, worüber der Richter Auskunft gegeben.— Der Leichnam lag ſchon im Sarge. Man ſah, daß viele Gegenſtände verbrannt waren, unter andern Zeitungen, an deren Rande er Blutſpuren entdeckte; wahrſcheinlich hatten ſie dazu ge⸗ dient, daß der Mörder ſich die blutigen Finger abwiſchte. Außer Weſte und Cravatte des Opfers fehlte anfänglich auch ſein Hemde. Man fand es endlich, aber— mit Blutflecken und auf der Bruſt und am Rücken ſtark zerriſſen. Das Hemde ward vorgelegt. Es ſchien offenbar mit Gewalt zerriſſen. — Angeſchuldigter Bocarmé, erkennen Sie Guſtav's Hemde? „Ich habe mich nie darum bekümmert.“ Als das Hemde vor der Gräfin ausgebreitet ward, verbarg ſie das Geſicht in den Händen und ſchien zu weinen. Der Zeuge wußte auch, wie man den Teich abgelaſ⸗ ſen und durchſucht. Man wußte ſchon damals, daß Bocarmé ein beträchtliches Laboratorium habe, wo er . — ungs⸗ ſon⸗ nom⸗ ogut von ſe des orige er⸗ rüber ſchon rannt de er u ge⸗ ſchte. glich mit ſtark mit ſtobs vard, n zu elaſ daß 0 er Graf Borarmt und seine Gattin. 187 Gifte verfertige. Bei einem Waldhüter legte man auf eine Partie Taback Beſchlag, der zu chemiſchen Arbeiten dienen ſollen, und den der Graf dahin ſchaffen laſſen, unter ausdrücklichem Verbot, etwas von ſeiner Beſtim⸗ mung Jemand zu ſagen. Außerdem wußte man ſchon, daß das Gift, womit Guſtav vergiftet worden, außer⸗ ordentlich ſtark, daß es Nicotine geweſen. Man erfuhr zugleich durch den königlichen Procura⸗ tor in Gent von dem Beſuch eines gewiſſen Bérant bei einem dortigen Profeſſor der Chemie, welcher Berant den Ort Bury als ſein Domicil angegeben, und darauf von dem Ankauf giftiger Pflanzen durch die bald mit⸗ getheilte Correſpondenz. Endlich entdeckte man, durch gewiſſe Winke, den Verſteck mit den chemiſchen Inſtru⸗ menten. Der Zeuge hatte in Peruwelz vom alten Oheim des Opfers, Frangois, erfahren, daß Guſtav's projectirte und nahe bevorſtehende Heirath dem Grafen, ſeinem Schwa⸗ ger, über alle Maßen misliebig geweſen, daß er auch die größten Anſtrengungen gemacht, ſie zu verhindern. Frangois hatte ſogar geſagt, er wundere ſich, daß Gu⸗ ſtav Fougnies im Schloſſe habe diniren können. Denn 1 mehr als zwanzig Mal hätte er ſich vor einer Vergiftung gefürchtet. Er hatte ſich ſogar aller Delicateſſen enthal⸗ ten, die ihm von dort geſchickt wurden. Er gab ſie nicht einmal den Hunden, er vergrub ſie. Man habe ſeit ei⸗ niger Zeit verſchiedene Mittel angewandt, um Guſtav nach Bury zu verlocken. Man hatte ihm eine neue Flinte geſchickt, ſeltene Bäume. Als man von der Einladung ſprach, die Frangois erhalten, ſofort nach Bury zu kom⸗ men, hatte er hinzugeſetzt:„Ich habe mich aber wohl gehütet. Uebrigens aber war auch meine Entrüſtung zu groß, denn ich hatte die vollkommenſte Ueberzeugung, * 188 Graf Borarme und seine Gattin. daß der Tod meines Neffen das Reſultat eines Ver⸗ brechens ſei.“ In Guſtav Fougnies' zu Peruwelz hinterlaſſenen Pa⸗ pieren hatte der Zeuge einen anonymen Brief gefunden, mit dem offenbaren Zweck, die Heirath zu verhindern, um die es ſich hondelte. Er war in den allerfeindlich⸗ ſten Ausdrücken geſchrieben. Noch eine andere Piece ſetzte die Commiſſare in Verwunderung: ein Miethscon⸗ tract, durch welchen Guſtav Fougnies ſein eigenes Haus den Angeklagten überließ. Er hatte ſich das Schloß Grandmetz gekauft und die Angeklagten waren dahin gelangt, ihn zur Abtretung ſeines Hauſes in Form eines Miethscontractes zu bewegen. Der den Angeklagten vorgelegte anonyme Brief wird von Beiden nicht anerkannk. Der Graf ſetzt hinzu: noch iſt er von mir dictirt. Derſelbe Zeuge gab die erſte Auskunft über ein Mo⸗ tiv, wodurch Guſtav Fougnies in das Schloß gelockt ſein konnte. Es ſcheint, daß die Angeklagten die Abſicht ge⸗ habt, eine Reiſe nach Deutſchland zu unternehmen. Es ſcheint ferner, daß der vorgegebene Grund der war; ihre Anſprüche auf ein Fideicommiß zu erheben. Sie woll⸗ ten während ihrer Abweſenheit eine Generalvollmacht an Guſtav Fougnies ausſtellen. Guſtav aber war am Tage vor ſeinem Tode zu einem Agenten gekommen, um von ihm die Aufſetzung einer ſolchen Vollmacht über alle Gü⸗ ter der Bocarmé'ſchen Eheleute zu verlangen. Sie ſollte ganz allgemein, ohne Angabe eines Termins bis wann, ausgeſtellt werden. Der Angeklagte erklärte hierauf: weil Guſtav's pro⸗ jectirte Heirath ihm ſowol als ſeiner Frau entgegen ge⸗ weſen, habe dieſe ihm eine Reiſe nach Deutſchland vor⸗ geſchlagen, um dem Beiwohnen bei dieſer verdrießlichen „ Ver⸗ Pa⸗ nden, ndern, wlich⸗ Pice con⸗ Haus chloß dahin eines wird noch No⸗ tſein t ge⸗ Es ihre woll⸗ t an Tage mvoh Gi⸗ ſollte vann, prb⸗ ge⸗ vor⸗ lichen Graf Pocarmt und seine Gattin. 189 Hochzeit überhoben zu ſein.„Aus dieſem Motiv habe ich alle meine chemiſchen Apparate verſteckt, und alle meine Phiolen im Teich entleert. Guſtav aber kam, um mir zu ſagen, daß er ſeine Abſichten geändert.— Die Reiſe wg; beſchloſſen vom Augenblick an, wo wir wuß⸗ ten, daß Guſtav ſich verheirathen wollte.“ —(zum Grafen) Aber es war noch am 18. November, daß Sie mit Guſtav Fougnies im Schloß Bitremont über die Bevollmächtigung ſprachen? Nachdem der Graf es bejaht, ward an die Gräfin dieſelbe Frage gerichtet. Sie erhob ſich, konnte ſich aber kaum aufrecht halten, den Kopf tief geſenkt. — Schlagen Sie Ihren Schleier zurück und ſehen Sie die Herren Geſchworenen gerad an. Hatten Sie vor der That eine Reiſe nach Deutſchland in Abſicht? „Es waren nur vage Projecte.— Es handelte ſich ſchon ſeit längerer Zeit nach Deutſchland zu reiſen, um, was uns aus einem Fideicommiß zukam, einzuſammeln.“ — Aber am 18. November ſprachen Sie mit Guſtav über eine Procura, daß er Ihre Güter während Ihrer Abweſenheit verwalte? Die Gräfin wich einer poſitiven Bejahung aus. Der Präſident ward dringender. Sie hatte aber keine andere Antwort als.„Ich entſinne mich nicht. Man ſprach mehre Male davon. Es war aber kein beſtimmtes Project.“ — Was ſagen Sie dazu, Hippolyte von Bocarmé? „Die Reiſe war von meiner Frau in Vorſchlag ge⸗ bracht, wie ſie angibt, um ein Fideicommiß einzuziehen. Der Tag der Abreiſe war noch nicht beſtimmt. Aber als wir erfuhren, daß Guſtav ſich verheirathen wolle, da ſchlug meine Frau vor nun abzureiſen, und damals ertheilten wir Guſtav Fougnies Procura, unſere Güter während unſerer Abweſenheit zu verwalten.“ — 190 Graf Bocarmt und seine Gattin.. Im weitern Zwiſchenverhör mit dem Grafen erklärte derſelbe: daß am 23. November der Heirathscontract ſei⸗ nes Schwagers im Schloſſe Grandmetz unterzeichnet, am 24. publicirt werden ſollte; aber daß Guſtav nachher ſeine Abſicht geändert. — Wem hat er dieſe Aenderung ſeiner Pſcht er⸗ klärt? „Mir und meiner Frau.“ — Das iſt das erſte Mal, daß Sie davon ſprechen, ſeit Sie verhaftet ſind. „Ja, es iſt das erſte Mal.“(Allgemeine Aufregung.) — Bis hier hatten Sie geſagt, daß Sie nichts da⸗ von wüßten! Der Zeuge berichtete noch, außer andern Wahrneh⸗ mungen im Schloſſe, die wir ſchon vom vorigen Zeugen wiſſen, daß er, in der Antichambre zum Schlafzimmer des Grafen, an der Wand Blutſpuren gefunden, wie wenn ein Mann ſich mit der Hand an der Mauer hal⸗ ten wollen. Bei der Vorlegung von Guſtav's goldner Uhr, ſeinen Hemdeknöpfen und andern Gegenſtänden des Todten, zur Anerkennung, verrieth die Gräfin wieder eine Auf⸗ regung und Schwäche, welche wenig zu ihrer frühern Gleichgültigkeit ſtimmte. Ueber die Blutflecke an der Wand ward auch der vorige Zeuge, Richter Heughebaert, noch einmal vernom⸗ men. Er hatte ſie erſt ſpäter bemerkt. Er ließ die Mög⸗ lichkeit, daß man ſich unſchuldigerweiſe die Hand blutig ritzen könne beim Aufmachen der Thür nach der Anti⸗ chambre, indem die Klinke ſehr dicht an der Verkleidung ſei und man vorſichtig beim Oeffnen zu Werke gehen müſſe. — Angeklagter, woher kamen dieſe Blutflecke? „ klärte et ſei⸗ t, am achher ht e⸗ echen, gung) ts da⸗ hrnch⸗ Jeugen immer wie hal⸗ ſeinen odten, Auf⸗ ühern ch der mom⸗ Mig⸗ hlutig Anti idung gehen 191 Graf Bocarmt und seine Gattin. „Ich kann Ihnen keine Auskunft geben.“ — Haben Sie dieſelben nicht gemacht, nachdem das Verbrechen begangen? „Ich habe kein Verbrechen begangen. Aber möglich immer, daß ich die Flecken verurſacht, die ich nicht be— merkt. eine Haut an der Hand war ja abgerieben.“ Der Subſtitut des Procurators von Tournay, de Ryckman(als fünfter Zeuge vernommen), war mit dem Inſtructionsrichter bei der Viſitation des Schloſſes und ſtimmte in ſeinen Wahrnehmungen faſt gänzlich mit denen des Erſtern. Auch er hatte nicht an die Möglich⸗ keit einer Mordthat geglaubt, und man hatte deshalb im Gemeindehauſe von Bury die Gendarmeriemacht zu⸗ rückgelaſſen. Auch er hatte bei der Gräfin und dem Grafen eine froſtige Gleichgültigkeit bemerkt, die wenig dem Moment nach dem Tode eines ſo nahe Angehörigen entſprach. Erſt als der Arzt beim Anblick des Todten ausrief:„Seine Zunge iſt ja ganz verbrannt!“ überka⸗ men ihn andere Gedanken. Noch verdächtiger ward ihm der Graf, als er auf die Fragen des Richters nach der urſache ſeiner Verwundungen gleichgültig ausweichende Antworten gab. Als Heughebaert ihn endlich deutlich gefragt, ob er nicht denke, daß Guſtav Fougnies den Biß ihm beigebracht, zauderte er lange, ſtotterte dann heraus, das könne wol ſein, er wiſſe nichts.„Ich glaube ſelbſt, er hat einmal geſagt: das könnte ja auch ein Hundebiß ſein.“— Auch auf die Frage: wer denn die im Speicher aufgehängt gefundenen Kleidungsſtücke waſchen laſſen? wußte er zuerſt keine Antwort und rief dann: Nun, ich doch nicht!— Ryckman war es, der im Paletot des Grafen den beſprochenen Pfropfen gefunden. Emerance 192 Graf Bocarmt und seine Gattin. Bricourt war die Erſte, welche den Behörden einige Auf⸗ ſchlüſſe gab. Der Zeuge behauptete auch poſitiv, daß der Aermel des Paletots zerriſſen geweſen. — Angeklagter, wann haben Sie zuerſt dieſen Riß bemerkt?„ „Als ihn mir der Herr Richter in Tournay zeigte.“ — Iſt dieſer Riß nicht das Reſultat des Kampfes, den Sie mit Guſtav gehabt? „Wol möglich! Wie ſoll ich's ſagen!“ Der Friedensrichter von Peruwelz Cſechster Zeuge) hatte zuerſt durch den Schöffen von Bury vom plötzlichen Tode Guſtav Fougnies' gehört, Morgens am 21. Guſtav war zugleich ſein Vetter. Kaum in Bury angekommen, hörte er von aller Welt, Fougnies ſei ver⸗ giftet worden. Da erinnerte er ſich ſogleich, daß ſein Vetter mehrmals geſagt, er wage nicht in Bury zu eſſen, weil man da fähig ſei, ihn zu vergiften; und wenn, ſo thäte er es nur, wenn alle Andere mit äßen. In Eil nach dem Schloß fahrend, traf er dort den Notar Cher— quefoſſe. Die Gräfin kam ihm ungefähr mit den Wor⸗ ten entgegen: Welch ein Unglück! Geſtern 5 Uhr, nach⸗ dem er eben gut geſpeiſt, fiel mein Bruder, von einem jähen Schlagfluß getroffen, zu Boden. Bocarmé, die Wunde ſichtlich auf der Stirn, ſagte Daſſelbe. Er ließ ſich den Leichnam ſeines Vetters zeigen und fand die Maale, welche ſpäter die Gerichtsperſonen zu Protokoll vermerkt. Er fuhr nun nach Tournay, um Anzeige zu machen. Hier zögerte man einzuſchreiten; man hielt es für unmöglich. Auf des Friedensrichters Bemerkung aber: Das würde heißen, man ſchone die Bocarmé we⸗ gen ihres Namens und Standes, entſchloſſen ſich die Gerichtsperſonen, ſogleich mit ihm nach Bitremont zu fahren. Was dort geſchah, wiſſen wir. Bocarmé hatte Auf⸗ daß Riß gte.“ pfi, höter vom am Bury ver⸗ ſein ſſen, ſo Eil her⸗ Wor⸗ nach⸗ inem die ließ die t e zu lt es kung we⸗ t zu hatte Graf Bocarmt und seine Gattin. 193 den Zeugen 1846 überreden wollen, Fougnies von einem Heirathsproject abzubringen, er ſolle ihm nur ſagen: wenn er heirathe, würde er daran ſterben. Er hatte ihm nichts geſagt. Guſtav ging ſelten nach Schloß Bitre⸗ mont. Sie wären, ſagte er, immer ohne Geld, und * ließen nicht ab, ihn darum anzugehen; Schwager und Schweſter wären beide gleiche Verſchwender, und das würde einmal übel enden.— Der Graf galt für einen unmoraliſchen Menſchen„in jeder Bedeutung des Wor⸗ tes.“ Man nannte ihn in der Umgegend nur le bou— quin. Von der Gräfin hatte er nie etwas Böſes ge⸗ hört, bis auf einige Bosheiten, aber er glaubte ſie nicht. Während der langen Krankheit ihres Vaters hatte ſie ihn exemplariſch gepflegt. Als ſiebenter Zeuge tritt auf der ſchon oft genannte Notar Cherquefoſſe, deſſen frühe und erſte Anweſen— heit auf dem Schloſſe etwas räthſelhaft erſchien, auch hatte die öffentliche Anklage nicht die Mühe übernommen, dies Dunkel aufzuklären. Die Art, wie ſich dieſer Zeuge ausließ, hat gleichfalls etwas Sonderbares. „Am 21. November begab ich mich nach Schloß Bitremont, wo man mich nicht erwartet. Da er⸗ fuhr ich den Tod des Herrn Fougnies. Herr von Bo⸗ carmé berieth mit mir darüber, ob ihn ein Biß, den er am Finger hatte, nicht compromittiren könne. Ich erwiderte, daß in einem ähnlichen Falle ein ſolcher Um— ſtand leicht zu einem capitalen würde. Er fragte mich, ob er ſeine Hände verbergen dürfe? Ich ſpielte über die Frage weg, weil ich ſie nicht zu beantworten wünſchte. Ich fragte Herrn und Madame de Bocarme, wie viel Zeit verſtrichen zwiſchen dem Augenblick, wo Fougnies XIX. 9 194 Graf Borarmt und seine Gattin. geſchrien:„Ach, ach, Hippolyte!“ und dem, wo ein Domeſtik eingetreten war?“ „Auf die wiederholte Frage erhielt ich keine Antwort. Run wollte ich mich zurückziehen. Ich blieb indeſſen, weil die Ruhe, die ich an Madame de Bocgrmé be⸗ merkte, mich von ihrer vollkommenen Unſchuld überzeugte, und weil ich mich entſann, daß der alte Herr und Ma⸗ dame von Bocarmé, deren Notar ich durch 20 Jahr ge⸗ weſen, mir 4 Jahre zuvor, als ſie das Land verließen, anempfohlen hatten, über ihre Kinder zu wachen, deren Erziehung ſo ſchlecht geweſen. Ich blieb daher, obſchon der Umſtand, daß Herr von Bocarmé auf meine Frage gar nicht antworten wollte, ſchon einige Zweifel in mei⸗ nem Geiſte aufſteigen laſſen.“ „Sehen Sie, ſo ward mir die Begebenheit von ihm erzählt: Wir ſaßen unſer Drei um den Kamin. Plötz⸗ lich ward Guſtav krank und ſchrie: Ach, Hippolyte! Ich faßte ihn an den Schultern und wir fielen; da verwun⸗ dete ich mich an einer ſeiner Krücken. Er lebte noch, als man ihn hinauf trug, aber ich erfuhr nachher vom Diener, daß er geſtorben. Ein Domeſtik hatte zu mir geſagt, daß Herr Fougnies ſchon am Morgen des 20. in der Küche in leidendem Zuſtande ſich befunden und ſich am Kohlenbecken gewärmt habe.» — Als der Angeſchuldigte zu Ihnen von ſeiner Ver⸗ wundung ſprach, haben Sie ihn da nicht gefragt, wie er dazu gekommen? „Allerdings, und er erwiederte mir, daß er ſich in einer Stellung befunden, einen Finger in Guſtav's Munde, als er mit ihm fiel.“ — Wos ſagte Lydie Fougnies in dem Augenblick dazu? „Während dieſer Unterhaltung ſagte Madame Bo⸗ carme nichts; wenigſtens ſoviel ich mich entſinne.“ ein ort. ſſen, be⸗ gte, Ma⸗ ge⸗ ßen, Neren ſchon tuge mei⸗ ihm löt⸗ Ich vun⸗ noch, vom mir Graf Bocarmt und seine Gattin. 195 Auch ſonſt nichts über den Tod ihres Bruders? „Ich entſinne mich wirklich nicht. Wenn Herr Prä— ſident meinem Gedächtniß zu Hülfe kommen wollten, ſo könnte ich Herrn Präſidenten verſichern, daß ich ein merkwürdig organiſirtes Gedächtniß habe.“ Allgemeine Heiterkeit. — Ja, wenn ich die Thaten kennte, von denen Sie ſprechen, würde ich Sie daran erinnern. Aber die That ſachen, welche Sie dem Unterſuchungsrichter nicht ange— geben haben, ſind mir unbekannt. „Nun wohl, ſo erinnere ich mich denn ſehr gut, daß Madame de Bocarmé an der Unterhaltung einen Antheil in unbedeutender Weiſe genommen, was aus dem Um— ſtande wahrſcheinlich wird, daß ich mich auch keines ein⸗ zigen Wortes entſinne, was ſie hätte ſprechen können.“ Neue allgemeine Heiterkeit. — Sprach Hippolyte von einem Kampf zwiſchen ihm und Guſtav? „Nein. Aber er wäre ihm zu Hülfe gekommen und beide wären gefallen.“ — Aber ſprachen Sie nie über Guſtav's Todesur⸗ ſache? Sprach er nicht von Apoplexie, von einem Blut⸗ andrang nach dem Gehirn? „Ich glaube nicht.“ — Aber als er jene Frage(wegen des Verſteckens der Wunde) an Sie richtete, haben Sie ihn da nicht gefragt, warum er eine ſolche Frage an Sie richtete? Denn war es eine aus irgend einem Zufall entſtandene Wunde, warum dann ſolche Vorſichtsmaßregeln? Es war eine Frage, die Ihre ganze Aufmerkſamkeit anre⸗ gen mußte. „Herr Präſident, ich verſtehe ganz den Werth dieſer Interpellation, und werde ihr zu entſprechen wiſſen.“ 92 196 Graf Borarmt und seine Gattin. In einer ſehr langen und gemüthlichen Rede ſetzte nun der ehrenwerthe Notar auseinander, wie ſeit langen Jah⸗ ren vor jeder gerichtlichen Angelegenheit der Herr von Bocarmt zu ihm gekommen und ihn um Rath gefragt, ſeinen Rath aber nicht immer angenommen, ſondern ihn zu dem ſeinigen habe bekehren wollen. Er habe ihn da⸗ her oft gebeten, ihn in Ruhe zu laſſen.„Denn ich bin ein wenig ungeduldig von Naturell“, was wieder ein all⸗ gemeines Gelächter erregte. „Da ich nun auch diesmal ſah, daß Herr von Bo⸗ carms mir kein Vertrauen ſchenkte und auf meine zwei oder drei Fragen mich keiner Antwort würdigte, da hatte ich nicht mehr Geduld, ihn zum vierten Mal zu fragen, und wandte mich an die Domeſtiken. Da erſt erfuhr ich, daß Herr Fougnies nicht im erſten Stock geſtorben.“ Weiteres erfuhr er von dieſen nicht viel, denn ſie waren noch ganz verſtört. Emerance trank Grog. Als er einmal im Speiſeſaal allein war, fand er den großen Oelfleck am Boden und ſuchte wenigſtens ſchon darun⸗ ter noch Blut. Der Notar Cherquefoſſe war in Geſchäftsangelegen⸗ heiten nach dem Schloſſe gekommen. Er hatte Manches zu arrangiren. Die Bocarmes wollten nach Péruwelz, das Fougnies verließ, um ſpäter nach Grandmetz zu zie⸗ hen, überſiedeln, und hatten ſich ſein Haus in Form einer Pachtung von Guſtav abtreten laſſen. Zugleich hatte er den Heirathsvertrag für Guſtav und die Dame von Dudzeele aufſetzen müſſen, aber auch früher den in⸗ directen Auftrag von den Bocarme'ſchen Eheleuten er⸗ halten, die Ehe nach Möglichkeit zu verhindern, was er indeß nur ſo weit gethan, als es ſeine Ehre ihm erlaubte. — Was halten Sie von Hippolyte von Bocarme's Charakter? un ah⸗ von agt, ihn da⸗ bin all⸗ Be⸗ zwei hatte gen, fuhr ben.“ nſe As oßen run⸗ egen⸗ nche welz, zie Fotm gleich Dame en in⸗ net⸗ s et aubte⸗ mmis Graf Pocarmt und seine Gattin. 197 „In dieſem Manne ſind Dinge, die Unwillen und Zorn und das Mitleid zugleich rege machen. Er iſt zu⸗ gleich ein Menſch und ein Wilder, von äußerſter Deli⸗ cateſſe und Roheit. In einer Geſellſchaft ſchämt er ſich das Schnupftuch zu gebrauchen, ſchämt ſich aber nicht, wie ein Wilder zu ſchneuzen. Von zärtlichſter Sorgfalt für ſeine Kinder, koſtet er ihr Eſſen und präparirt es ſelbſt, aber acht Tage nachher jagt er einen Domeſtiken aus dem Hauſe, weil er ſich ſo angezogen, wie ihm nicht gefällt.“ Er beſtritt, der Gräfin Bocarmé üble Nachrichten über Mademoiſelle de Dudzeele beigebracht zu haben. Wir können Zeugen übergehen, welche über den Vermögenszuſtand der Angeklagten, wie ſolche, welche über den Ankauf von Giftpflanzen ausſagten, ſeit der letztere Umſtand von dem Graſen ſelbſt nicht mehr in Abrede geſtellt ward. Man erfährt nur aus den meiſten Ausſagen, daß Graf und Gräfin auch mit brüskem Hoch⸗ muth ihre Gläubiger fortzuſchicken wußten. Einer Fri⸗ ſirmamſell ward mit den Worten: es iſt kein Geld da, der Rücken gekehrt. Als ein anderer Gläubiger auf das Schloß zukam, zog man die Zugbrücke vor ihm auf. Ein anderer ward gewarnt, nicht aufs Schloß zu gehen; man könnke ihn leicht„escamotiren“. Der Graf ward ein losse genannt, ein Menſch ohne Treu und Glauben. In der fünften Sitzung(31. Mai) erſchien zuerſt die Bonne Juſtine Thibaut, die Halbzeugin beim Ver⸗ brechen ſelbſt. Ihre gerichtliche Ausſage iſt durch Frage und Ant⸗ wort ſo zerriſſen, daß unſere Leſer durch Wiedergabe keine Anſchauung gewännen. Die deutlichſte Darſtellung 198 Graf Pocarmt und seine Gattin. Deſſen, was Juſtine geſehen und gehört, findet ſich in der Anklageacte, welcher ihre Antworten hier nicht wi⸗ derſprechen. Wir nehmen daraus nur noch Das, was irgend eine Anſchauung für ſich gewährt. Als die Gräfin in die Dienerſtube trat und die Thüre ſchloß, hörte Juſtine deutlich Guſtav's Stimme aus dem Speiſeſaal— es war wie eine erſtickende Stimme— im Zimmer Lärm, wie wenn man Stühle rückte. Wäh⸗ rend deſſen war die Gräfin in der Dienerſtube.— Es waren jedoch ſchon einige Secunden verſtrichen zwiſchen dem Moment, wo ſie Guſtav ſchreien hörte: Pardon, Hippolyte! und dem, als die Gräfin eintrat. Die Grä⸗ fin war nicht mit in die Küche gegangen.— Charlotte (Monjardez), die mit Juſtinen in der Küche geweſen, hatte zu ihr geſagt: ſie höre Guſtav ſchreien, ſie hätte Furcht und wage nicht hineinzugehen.— Juſtine hatte das Ohr an die Wandverkleidung gelegt und gehorcht, man er⸗ fährt aber nicht recht wo, doch gewiß zu Anfang des Kampfes; denn ſie ſagt, ſie wäre in den Eßſaal geſtürzt Guſtav zu Hülfe, wenn nicht Madame gekommen wäre. Guſtav hatte deutlich:„Pardon, Hippolyte!“ geſchrien. Wenn ſie in der, Vorunterſuchung geſagt:„Zu Hülfe, Hippolyte!“ ſo ſei es geweſen, weil der Graf ſie mehr⸗ mals inſtruirt, wie ſie ausſagen ſollte. Hierauf entſpinnt ſich eine lange Inquiſition über Secunden und Moment, wann Lydie den Speiſeſaal ver⸗ laſſen, ohne zu einem Reſultat zu führen. Nach An⸗ gabe der Zeugin könne die Gräfin den Saal erſt ver⸗ laſſen haben, nachdem Guſtav: Ach, ach, Hippolyte! ge⸗ rufen, nachdem ſein unterdrücktes Schreien begonnen, denn ſie hatte es von der untern Treppe behorcht, ſie hatte ſelbſt das Ohr an die Thür gelegt, aber die Gräfin proteſtirte feierlich, ſie wäre ſchon früher hinausgeſtürzt, hüre dem ßäh⸗ chen don, Gri⸗ lotte htte urcht Ohr er⸗ des ürzt äre. rien. ülfe, ehr⸗ über ver⸗ A⸗ ver⸗ ge⸗ nen, „ ſe afin ürzt, Graf Borarmt und seine Gattin. 199 und wendet ein, ein Mädchen, wie Juſtine, habe von der Dauer einer Minute und Secunde keinen Begriff. Aber Juſtine hatte auch erklärt, nur die Gegenwart der Gräfin habe die Diener verhindert, hinauszuſtürzen und Guſtav zu Hülfe zu eilen. — Erkennen Sie darin nicht die Stimme der Wahr⸗ heit? „Sie täuſcht ſich, und ich beſtehe auf Dem, was ich geſagt habe. Es iſt ein Roman, den ihre Furcht aus⸗ gebildet hat.“ Später am Abend hatte Juſtine die Gräfin, als ſie von der Treppe herabkam, rufen hören: Zu Hülfe, Gu⸗ ſtav iſt krank! Die Gräfin hieß ſie zu den Kindern ge⸗ hen, aber ſie ging nicht. Die Gräfin ging in den Speiſeſaal, wo auch Emerance ſich befand. Emerance und der Herr beſchäftigten ſich um Guſtav, und der Herr rief: Weineſſig! Emerance entgegnete: Der iſt ja ſchon hier. Nein, rief der Graf, hole ihn. Am ſelben Abend ſah ſie noch ein Mal Madame in der Küche. Charlotte wuſch ſie mit Fau de Cologne, eine Waſch⸗ frau half.— Madame hatte da ein Tuch vor dem Ge⸗ ſicht und ſchien zu weinen, aber ſie weinte nicht. — Hat Emerance nicht zu Ihnen geſagt, Sie möch⸗ ten nicht eintreten(in den Speiſeſaal), denn Sie wären zu jung und das thäte nicht gut? „ Die Zeugin hatte ſpäter den Leichnam au Madames Befehl durch den Kutſcher Gilles herauftragen ſehen. Monſieur und Emerance begleiteten und leuchteten. Ma⸗ dame befahl Gilles den Leichnam zu entkleiden und mit Weineſſig zu waſchen, beſonders Eſſig ihm in den Mund zu gießen, auch ins Ohr. Gilles ſagte zu den andern Dienern, er hätte es nicht gethan; zu Madame aber ſagte 200 Graf Bocarmt und seine Gattin. er, ja, er hätte es gethan. Beſonders in den Mund hatte er nichts gegoſſen. Dann hatte ſie mit den an⸗ dern Dienſtleuten den Boden waſchen müſſen, mit Waſ⸗ ſer, Seife, Bürſte. Außerdem gab ſie Auskunft über das Auswaſchen der großen Kleidungsſtücke, das Verbrennen der Klei⸗ dungsſtücke auf Befehl der Gräfin, von den Blutſpuren, die ſie an der Wand geſehen, aber erſt, als der Gendarm ſie ihr gezeigt, und von der Inſtruction des Grafen am nächſten Morgen, wie ſie vor Gericht ausſagen ſollten. — Was hat Ihnen der Graf in Bezug auf eine Thür geſagt, welche Sie zuſchlagen hörten? „Er ſagte: Willſt du ein ſo dummes Thier ſein, das zu ſagen! Aus ſolchen kleinen Dingen macht man große, und ſo wird man ins Gefängniß geſetzt.“. Sonſt erfahren wir von der Zeugin, daß ſie von den chemiſchen Arbeiten des Grafen wußte, ohne zu wiſſen, wozu ſie dienten,— einmal hatte er den Domeſtiken ge⸗ ſagt, er deſtillire Kölniſches Waſſer;— daß Juſtine ein⸗ mal Taback für ihn ſchneiden müſſen; daß ſie aus dem Fenſter zugeſehen, wie er die graue Katze im Garten begrub, daß er ſie dabei vom Fenſter fortgeſchickt; daß ſie nach der That mit Emerance zum Pfarrer von Bury gegangen, und dieſer ihr zur Pflicht gemacht, ſie ſolle Alles ſagen, weil man ſich nicht ſelbſt verdammen dürfe um Anderer willen; daß endlich der Graf ihr mehrmals unehrbare Vorſchläge gemacht. — Ging er nicht eines Tages, als ſeine Frau aus dem Schloſſe fort war, noch weiter? Wollte er Sie nicht in ſeine Stube einſchließen, und hatte er nicht ſchon ſein Bett aufgeriſſen, um Sie darauf zu werfen? Die Zeugin antwortete ſtumm bejahend. — Angeſchuldigter, was haben Sie darauf zu ſagen? Nund an⸗ Vaſ⸗ ſchen Flei⸗ uren, darm am ten. eine das toße, nden iſen, nge⸗ ein⸗ dem arten daß Burh ſolle dürft mal aus nicht ſein gen Graf Vocarmt und seine Gattin. 201 „Ich wollte, aller Wahrſcheinlichkeit nach, nur ihre Moralität prüfen. Uebrigens hat ſie ſich nicht über mich zu beklagen gehabt.“ Aber der Anwalt der Gräfin beruhigte ſich nicht, er bat, das Verhör noch einmal auf den ſtreitigen Punkt zurückzulenken; die Zeugin habe anders vor dem In⸗ ſtructionsrichter als vor dem Geſchworenengericht geſpro⸗ chen. Im Protokoll des erſtern heißt es: Der Schrei: Pardon, Hippolyte! habe die Zeugin wie ein Lichtzücken getroffen und ſie habe das Ohr gerade an die Thürver⸗ kleidung gelegt gehabt, als ſie den Schrei hörte. Heute erſt ſage die Zeugin, ſie habe den Schrei, auf den un⸗ tern Treppenſtufen ſtehend, gehört. — Haben Sie von der Treppe herab den Schrei gehört? „Ja, es war, als hätte man ihn erdroſſelt. Madame war damals nicht in der Dienerſtube.“ — Erklären Sie ſich genauer. Nachdem Sie den Schrei gehört, ſind Sie in die Dienerſtube getreten, und dort, um beſſer hören zu können, haben Sie das Ohr an die Thür gelehnt. Haben Sie nun noch den Schrei gehört? „Ja, es war, als ob man ihn erdroſſelte.“ — Ich meine, haben Sie da noch ein Mal, ein zwei⸗ tes Mal, dieſe Worte gehört: Pardon, Hippolyte!— ich meine damals, als man ihn erdroſſelte? „Damals habe ich es nicht bemerkt.“ — Aber gleich anfangs, erinnern Sie ſich, ſind dieſe Worte vorgeſtoßen worden. Als Charlotte Ihnen ſagte, ſie hätte auch denſelben Schrei gehört, waren Sie da in der Küche? „Ich weiß es wirklich nicht zu ſagen.“ Der Vertheidiger der Gräfin, Lachaud, bittet hier, die 9** 202 Graf Pocarmt und seine Gattin. Details genauer präciſiren zu dürfen, damit keine Dif⸗ ferenz zwiſchen den öffentlichen Anklägern und den Ver⸗ theidigern entſtehe: In ihren erſten fünf Verhören habe die Zeugin aus⸗ geſagt: ſie hätte einen Schrei gehört:„Zu Hülfe, Hip⸗ polyte!“ Daſſelbe, was ſie früher zum Grafen und zur Gräfin geäußert.„Fünf Mal wiederholte ſie vor dem Inſtructionsrichter daſſelbe, und erſt als Frau von Bocarmeé ſich veranlaßt fand, dem Inſtructionsrichter zu ſagen, Guſtav habe geſchrien:„Pardon, Hippolyte!“ und der Richter dieſe Worte der Zeugin wiederholte, da erſt kam ſie darauf, dachte und erklärte, das allein habe ſie vernommen.“ Der zweite Vertheidiger der Gräfin, de Paepe, be⸗ ſtand darauf: daß gerade dieſer Punkt fixirt werden müſſe: daß nur Frau von Bocarmé die Idee zu dieſer Variante gegeben. — Wo ſtanden Sie während des Verbrechens(1) in der Küche? „Dicht am Tiſche.“ — Und Charlotte? „Ebenfalls.“ — Und Louiſe? „In der Ausſpülkammer(dicht hinter der Küche).“ — Hat die Köchin auch den Aufſchrei gehört? „Sie mußte ihn wie ich hören.— Aber ſie verſteht kein Franzöſiſch. Sie iſt Flamänderin. Am Sonntag trat ſie in den Dienſt und am Mittwoch verließ ſie ihn ſchon wieder. s⸗ Hip⸗ zur dem von rzu telv be⸗ rden ieſet ſicht ntag ihn Graf Pocarmt und seine Gattin. 203 Charlotte Monjardez war die nächſte(14.) Zeu⸗ gin, ein 18jähriges Mädchen, die als Tagelöhnerin im Schloſſe gedient. — Sprechen Sie hübſch laut, wie im Dorfe. Dieſe Herren zu Ihrer Linken müſſen es eben ſo gut hören, als die zu Ihrer Rechten. Sie weiß von Guſtav's Ankunft im Schloſſe; daß er mehrmals in der Küche geweſen; daß die kleinen Mäd⸗ chen täglich beim Deſſert zu Vater und Mutter kamen; daß ſie an dem Tage nicht da waren; daß auch Gon⸗ zales mit ſeiner Gouvernante täglich an der Tafel ſpeiſte, nur an dem Tage nicht. Sie war in der Küche, als der Graf kam und den Beſehl gab, Guſtav's Tilbury anzuſpannen; ſie blieb noch in der Küche, als Gilles mit der Laterne fortging, und zwar mit der flamändiſchen Köchin. Dann kam Juſtine Thibaut, um für die Kin⸗ der zu trinken zu holen. In dem Augenblick— „hörte ich Guſtav ſchreien Pardon! Die andern Schreie habe ich aber nicht verſtanden.“ — Hörten Sie ſchon ein Schreien, ehe Juſtine in die Küche trat? „Ja.— Juſtine trat ganz außer ſich in die Küche.“ — Sie fragten ſie, was es gebe? „Und ſie erwiderte, ſie hätte ſchreien gehört. Du verſtehſt das wol, Charlotte, ſagte ſie, was es heißt, im Speiſeſaal ſchreien!“ Aus dem Speiſeſaal kam dann Jemand, Juſtine war da ſchon in der Küche. Es war Madame. Als ſie in der Bedientenſtube war, ſchloß ſie hinter ſich die Thür. Charlotte hatte die Gräfin nicht geſehen, aber am Rau⸗ ſchen ihres Kleides erkannt. Juſtine hatte das Ohr an der Thür, und flüſterte: S iſt Madame. Nachher hatte ſie noch Schreien gehört, aber die Worte nicht verſtan⸗ 204 Graf Bocarmt und seine Gattin. den.— Madame blieb in der Dienerſtube. Da ſagten ſich die Dienerinnen, ſie dürften nicht wagen hinein⸗ zugehen. — Lydie Fougnies, was ſagen Sie zu dieſen beiden Ausſagen? „Ich war in der Küche, als dieſe beiden Frauenzim⸗ mer dort waren.“ — Was ſagen Sie dazu(zur Zeugin)? „Madame iſt wol in die Küche gekommen, aber erſt nachdem man laut rief: Zu Hülfe! zu Hülfe!“ Doch vordem, daß der Graf nach Weineſſig rief— Sie holte heißes Waſſer. Die Gräfin. Ich bin hingegangen, ſowol nach der Dienerſtube als nach der Küche. Ich will es nicht ab⸗ leugnen. — Wie ſah Madame aus? „Sie war außerordentlich erſchreckt und ging quer durch.“ — Kam Ihnen das nicht ſonderbar vor? Dachten Sie nicht, es müſſe da eine Art Bataille geweſen ſein? „Ich glaubte die Kinder wären da und ſpielten.“ Monſieur kam einige Augenblicke nachher in die Küche und foderte Weineſſig. Charlotte holte ihn in einem großen irdenen Spülnapf mit zwei Henkeln. Sie trug ihn bis zum Eßſaal und ſetzte den Napf davor hin, weil die Thür geſchloſſen war.— Charlotte ging dann in die Küche zurück. Erſt einige Zeit nachher, als ſie in dem Waſchhauſe war, hörte ſie wieder Geſchrei: Zu Hülfe, Guſtav iſt krank!— Da lief ſie mit den Waſchfrauen hinzu.— Madame, die auf der Treppe ſtand, rief es, und ließ den Frangois Deblicquy rufen, damit er den Arzt holen ſolle.— Später war Madame noch ein Mal in die Küche gekommen, um ſich die Hände mit ſchwar⸗ gten ein⸗ iden zin quer ſten in? üche nem trug weil die dem ülfe auen es, den Mal wat⸗ Graf Bocarmt und seine Gattin. 205 zer Seife zu waſchen.— Andern Tages fand auch mit Charlotten die bekannte Inſtruction durch den Grafen ſtatt, in Bezug auf die gerichtlichen Fragen. Die Gräfin räumte ein noch ein Mal in der Küche geweſen zu ſein, und zwar vor Ankunft des Arztes, die gegen 8 Uhr Abends erfolgte. Sie hätte eben die Phiolen fortgeworfen, erinnere ſich aber nicht mehr, daß ſie ein Bedürfniß empfunden, ſich die Hände zu waſchen. Louiſe Maes, die Flamänderin, jetzt Köchin und Spitzenklöpplerin in Curne, wird mittels eines Dolmet⸗ ſchers vernommeen. Ihre Wiſſenſchaft iſt nur gering. Sie war in der Küche mit Charlotten und Juſtinen, ſie hörten ſchreien, Juſtine ging hin, um zu horchen, und erzählte ihr dann, was ſie gehört. Dann kam Madame und foderte heißes Waſſer.— Später ging ſie in den Speiſeſaal und ſah Guſtav's Körper am Boden liegen. Man gab ihr ſeine Krücken, um ſie zu waſchen.— Als Juſtine in die Küche trat, hatte ſie noch keinen Schrei gehört. Was geſchrien ward, hatte ſie nicht verſtanden. — Die Aufſchreie hatten ungefähr 8— 10 Mi⸗ nuten aufgehört, als die Gräfin zum erſten Mal in die Küche trat. Sie war erſt ſeit drei Tagen im Dienſte und hatte ſelbſt um ihre Entlaſſung gebeten, weil ſie kein Franzö⸗ ſiſch verſtand. Madame hatte nicht gedrängt, daß ſie an dem Tage abziehe. Sie hatte ſchon am Morgen fort⸗ gehen wollen, aber das ſchlechte Wetter hatte ſie zurück⸗ gehalten, und ſie ging aus eigenem Antrieb nach den ihr obliegenden Verrichtungen. Im Uebrigen, in Betreff der Begleitung durch den Kutſcher und ihre Rückkehr, wie angegeben. 206 Graf Bocarmt und seine Gattin. Die Gräfin richtete an ſie die Frage: ob ſie in der Küche ſie nicht geſehen, als Juſtine da war und Char⸗ lotte die Gläſer wuſch? — Madame meint, ob ſie nicht in die Küche ge⸗ kommen in dem Augenblick, wo man das Schreien hörte? „Nein; es war ſpäter. Juſtine war ſchon mit der Milch fortgegangen.“ Später hatte ſie ſcheuern, die betreffenden Kleider waſchen, reiben u. ſ. w. müſſen. Der Kutſcher Gilles beſtätigte Alles, was wir über ſeine verſchiedenen Ausſendungen und Verrichtungen am 20. November aus dem Obigen wiſſen. Als er Guſtav's Tilbury angeſpannt, wollte er eintreten(in den Speiſe⸗ ſaal?), um den Grafen zu fragen wohin? Der Graf hielt ihn aber zurück, kam ihm lebhaft mit einem: Ja, ja, ja! entgegen und ſchickte ihn zurück. Er fragte: ob er vor der Zugbrücke halten ſolle? Eine gleiche Antwort: ja, ja, ja! Er hielt nun vor der Zugbrücke, die Zeit ward ihm lang, das Wetter war ſchlecht. Er rief ſo laut, daß man es im Speiſeſaal hören müſſen: Iſt man denn noch nicht zur Abfahrt bereit? Da hört er die Thür zum großen Schloßflur aufthun, und ſchreien: Gilles, zurück, ſchnell, ſchnell! Ich glaube, es war die Stimme des Grafen. Der Graf bejahte es durch ein Kopfnicken. Nachdem er das Pferd in den Stall zurückgeführt, hörte er ſchreien:„Welches Unglück! Guſtav iſt todt.“ Er trat in den Speiſeſaal und fand Guſtav todt am Fußboden liegen. Später befahl ihm der Graf die Leiche fortzutragen. Auf weitdres Befragen erklärte er: Graf und Gräfin hatten nicht geweint. Sie ſtießen jämmerlich Geſchrei ndet Char⸗ e ge⸗ örte! it der eider t über nam ſtavs zpeiſ⸗ f hielt j, j er vor t: ja, ward laut, denn r zum rofen⸗ fihrt, tot“ dt am Grifu zeſchti Graf Bocarmt und seine Gattin. 207 genug aus, und wollten glauben machen, daß ſie wein⸗ ten, aber ſie weinten ohne Thränen.— Einer ſchrie wie der Andere. — Richtete da die Gräfin nicht an ihren Mann Worte der Zärtlichkeit, wie unter andern: mon Ninoche— mon cher Ninoche? — Wie war der Graf? „Zitternd, bleich, athemlos, ganz außer ſich. Er konnte nur mit Mühe ſprechen.“ Guſtav triefte von Weineſſig, er war nicht kalt, nicht warm. Im Saal war ein ſtarker Geruch, aber ein an⸗ derer als vom Weineſſig.— Bocarme fragte den Kut⸗ ſcher, ob Guſtav noch am Leben wäre? Er antwortete: Der iſt todt. Darauf die Geſchichte des Wegtragens der Leiche, des Entkleidens, das Waſchen mit Weineſſig, und be⸗ ſonders des Befehls, daß Gilles dem Todten 2 bis 3 Gläſer Weineſſig in den Mund gießen ſolle. Er hatte ihm aber nur ein halbes Glas eingeträuft. — Warum erfüllten Sie nicht den Befehl der Gräfin? „Weil ich dachte, Herr Guſtav iſt todt, was ſoll ihm der Weineſſig nützen.“ — Waren Sie nicht erſtaunt über den Befehl? „Freilich, ich dachte auch, es ſei da etwas los, aber ich wußte ja nichts.“— In Guſtav's Munde ſah es weiß und grau aus, auch braun, und die Zunge ſchien mir ſchon in Verweſung.— Der Graf klagte nachher viel, er trank viel heißes Waſſer und vomirte. Gilles hatte Guſtav's Weſte verbrennen ſollen, aber ſie war zu naß, und es war unmöglich. Die andern Kleider mußte Gilles in den Waſchkeſſel tragen, dabei fand er Guſtav's 208 Graf Bocarmt und seine Gattin. Taſchenbuch und Börſe. Das Geld wollte die Gräfin ihm ſchenken, der Graf aber befahl, es aufzubewahren. Madame hatte ihm die Krücken ihres Bruders ſelbſt in die Küche gebracht, mit dem Befehl, ſie zu verbren⸗ nen, weil ſie ſie nicht mehr vor Augen ſehen wolle, es wäre ihr zu unwohl dabei. Guſtav's Meſſer wollte ſie ins Feuer werfen, dann gab ſie es dem Zeugen; die an⸗ dern Sachen verwahrte ſie ſelbſt. In der Nacht nach der That ſagte der Graf zu ihm, er wäre ein guter Burſch, und er dürfe zu Niemand von Dem ſprechen, was hier paſſirt. In der Nacht ſah er, wie Madame im Waſchhauſe die Kleider wuſch, die Köchin hielt das Licht. Dann die allgemeine Beobach⸗ tung der Blutflecke, des Scheuerns, Waſchens, der Wundflecke am Leichnam, am Körper des Grafen. Bocarmé räumte ein, daß er in angegebener Art, durch ein vorgeſtoßenes dreimaliges„Ja“, den Kutſcher zu entfernen geſucht, da es ihm darauf angekommen, daß er den todten Guſtav nicht ſehe. — Als Sie(Zeuge) an die Thür des Speiſeſaales klopften, um zu fragen, ob angeſpannt werden ſolle, war da der Graf ſelbſt im Saal? „Gewiß, er öffnete halb, und rief mir hinaus: Ja, ja, ja!“ — Ohne einmal zu hören, was Sie wünſchten? „Ja, er ſchlug gleich darauf die Thür wieder zu.“ Auf Befragen des Vertheidigers erklärt der Zeuge, daß ihm der Brief an die Damen von Dudzeele ſchon am Abend vorher von der Gräfin übergeben worden. Als er ſich bei ſeiner Rückkehr meldete, ſagte die Gräfin ruhig: Es iſt gut. Charakteriſtiſch für die Haushaltung iſt, daß auch Gräfn hren. ſelbſt erbren⸗ Me, es llte ſe die an⸗ u ihn, iemand cht ſah ſch, di eobach⸗ 6, der n. er At, Kutſchet ommen, ſeſales le, war 16: Jo, ten zu“ Zeuge⸗ le ſchon worden⸗ Grifn ß auch Graf Bocarmt und seine Gattin. 209 dieſer Domeſtik erſt ſeit 11 Tagen im Dienſte des gräf⸗ lichen Ehepaares war. Ein beſonderer Zudrang war zur ſechsten Sitzung, am 2. Juni. Emerance Bricourt, die Hauptzeugin, war aus Straßburg angekommen; auch ſie noch ein ſehr junges Mädchen, faſt von der Figur eines Kindes. Sie iſt ſchwarz gekleidet und ſcheint ſehr aufgeregt. Zitternd ſetzt ſie ſich in den ihr gereichten Stuhl. Sie gibt ſich als 28 Jahr alt und im Dienſt als Kammerfrau an. Ihre Aufregung nimmt aber ſo zu, daß ſie die Eides⸗ formel nicht nachſprechen kann, obgleich ihr vom Prä⸗ ſidenten verſtattet worden, bei der ganzen Verhandlung ſitzen zu bleiben. Ein Huiſſier muß ihr ein Glas Waſ⸗ ſer bringen; danach bricht ſie in Thränen und bald in ein krampfhaftes Schluchzen aus. Endlich gewann ſie die Sprache wieder und antwortete in abgebrochenen Sätzen. 2 Am 20. November war auch ſie erſt 14 Tage im Dienſt auf dem Schloſſe!— Sie gab der Gräfin das Zeugniß, daß ſie ſehr gut geweſen, wenn Monſieur ihr etwas befahl; ſie mußte es dann thun und augenblick⸗ lich.„Ich habe aber nie gehört, daß Monſieur Madame etwas in Güte befahl; er ſprach immer zu ihr in dro⸗ hender Weiſe.“ Beim erſten Beſuche Guſtav's im Schloſſe hatte ſeine Schweſter ſehr freundſchaftlich zu ihm ge⸗ ſprochen. Emerance wurde von ihr zum Grafen geſchickt, um Guſtav's Ankunft ihm anzukündigen. Bocarme ant⸗ wortete: ſage zu Guſtav, daß ich nicht hier bin, ich ſei in Peruwelz. Die Zeugin konnte es nicht, weil ſeine Anweſenheit durch die Gräfin dem Schwager ſchon be— 210 Graf Borarme und seine Gattin. kannt geworden. Bocarms erſchien nun, zeigte ſich aber ſehr ennuyirt. Das zweite Mal, daß Emerance Guſtav ſah, war am Sonntag vor dem Verbrechen. Sie wußte nichts Beſonderes von dieſem Beſuche. Ueber den dritten Be⸗ ſuch, am 20., ſagt ſie wie die Andern aus. Guſtav und ſeine Schweſter frühſtückten gegen 10, ſie glaubte Chocolate, im großen Speiſeſaal. Ob der Graf auch dabei geweſen, wußte ſie nicht mit Gewißheit, doch hatte ſie es gehört.— Guſtav ſtreifte nachher durch das ganze Schloß, beſonders beſuchte er die Kinderſtube.„Er ſprach zu mir von der Unordnung, die im Schloſſe herrſchte, welche Maſſe Domeſtiken wären da, und wie ſchlecht Alles gehalten. Wenn er nur einmal acht Tage allein hier wäre, ſolle die Ordnung bald hergeſtellt ſein. — Ich erwiderte Monſieur, das wäre nicht vom Uebel. Auch ſagte ich, es wäre wol gut, wenn Sie kämen. Monſieur Guſtav erwiderte mir: Ich habe drei Dome⸗ ſtiken, die mir ergeben ſind, und die Ordnung herrſcht in meinem Hauſe.— Ich erwiderte: Ach, mein Herr, auch die Domeſtiken ſind weit mehr an ihre Herrſchaft attachirt, wenn Ordnung im Hauſe herrſcht. Das Ge⸗ ſpräch zwiſchen der jungen Pariſerin und dem Gaſte, der Paris kannte, dauerte noch ſehr lange und Emerance erklärte dabei, daß für die Größe des Schloſſes nicht einmal Diener genug da wären. Sie ſelbſt war Kam⸗ mermädchen der Gräfin, die Bonnen beſchäftigten ſich nur mit den Kindern, und für die Küche, Reinlichkeit und das ganze Hausweſen war eigentlich nur eine Köchin, der ein Küchenmädchen, Charlotte Monjardez, beigegeben war. Dazu war nur ein männlicher Diener, der noch dazu mit den Pferden beſchäftigt war. Daher war es denn den Domeſtiken unmöglich, lange im Dienſt zu ſich aber ah, war te nichts tten Be⸗ Guſtab glaubte raf auch och hatte að ganze be.„Er Schloſſe und wie ht Tage ellt ſein. mUebel kimen⸗ Dome⸗ herrſcht n Herr, errſchaft Gaſte, merance ts nicht r Kam⸗ ſich nur rit und Köchin, gegeben war e enſt zu Graf Pocarmt und seine Gattin. 211 bleiben, und es kam wol, daß Madame bisweilen genö⸗ thigt war, allein die Küche zu beſorgen.— Ich habe das mehre Male geſehen. Ich ſah auch, daß jedes Mal, wenn Madame etwas befahl, Monſieur Contreordre gab, und Madame hielt dann auch nicht den Mund.“ Guſtav hatte ſie gefragt: wann im Schloſſe geſpeiſt werde? er bei ſich halte die Mittagsſtunde inne. Die plauderluſtige Pariſerin erwiderte ihm:„Ach, mein Herr, Sie werden ſich darin hier ſehr getäuſcht finden; denn in dieſem Hauſe gibt es gar keine Stunde; man ſpeiſt bald um 2, bald um 3, bald um 4 Uhr.— Für das eine Mal, ſagte er, thut es nichts; ich habe gefrüh⸗ ſtückt.“ Sie begegnete ihm noch ein Mal vor Tiſch, als er, einen Kranz in den Händen, die Treppe herabkam. We⸗ gen der Krücken konnte er den Kranz nicht ordentlich halten, und bat Emerance ihn zu nehmen und auf den Tiſch dahin zu legen, wo er ſie anwies. Es war ein Blumenkranz der Kinder. Nach dieſer Zeit, wo er die Treppe hinabgeſtiegen, war er nur noch in der Küche und im Speiſeſaal. Vorher hatte er das ganze Schloß viſitirt.„Während ich nun noch beſchäftigt war, Ma⸗ dames Toilette zu machen, trat der Graf ſehr brüsk herein und ſagte:(Wird's nun bald fertig ſein? Wann geht's endlich zu Tiſche??— Madame antwortete mit vieler Sanftmuth und legte dabei ihre Hände auf den Hals des Grafen:(Gleich, Hippolyte, gleich.“ Ich ſagte noch:(Monſieur, ich bin jetzt dabei, Madame an⸗ zuziehen, und werde augenblicklich decken. Monſieur ſprach immer mit Härte zu Madame.“ Das war un⸗ gefähr eine halbe Stunde vor Tiſche.„Dann ging ich, um zu decken, und damals ſah ich Herrn Guſtav mit dem Kranze in der Hand. Gewöhnlich ſervirte ich nicht 212 Graf Bocarmt und seine Gattin. bei Tiſch. Madame hatte auch zum Feldhüter Armand Wilbaut geſagt, er ſolle die Meſſer putzen. Er war ſehr langſam. Ich ſagte zu ihm: Beeilen Sie ſich doch.“ Dann die Geſchichte, weshalb der Kutſcher, der ge⸗ wöhnlich ſervirte, nicht zugegen war; daß Gonzales und die Gouvernante immer ſonſt mit bei Tiſch gegeſſen. Seit Emerance im Hauſe war, habe aber nie ein Frem⸗ der daſelbſt zu Mittag geſpeiſt. Vor Tiſche hatte Madame zu Emerance geſagt, ſo⸗ bald ſie den zweiten Gang und das Deſſert aufgetragen, ſolle ſie ſich zurückzichen— und ſie in Ruhe laſſen— daß man Geſchäfte zu verhandeln habe— daß man ei— nen Notar erwarte.— Um 3 Uhr ging es zu Tiſch— gegen 4 Uhr mochte es zu Ende ſein. Nachdem die Zeugin auf die Frage: ob ſie abgedeckt? eine den Stenographen unverſtändliche Antwort gegeben, ſpricht ſie verſtändlicher Folgendes: „Als ich ging, um abzudecken, ſtand eine halbe Flaſche Champagner auf dem Tiſche. Ich wollte daraus eingießen; Madame aber hielt mich davon ab, ſie würde es ſchon ſelbſt thun. Monſieur Guſtav, als er ſah, daß ich die Gläſer wieder nehmen wollte, ſagte zu mir: Emerance, laſſen Sie uns einen Au⸗ genblick in Ruhe; wir haben Geſchäfte zu be⸗ ſprechen. Kommen Sie etwas ſpäter, das wird mir lieb ſein. Ich erwiderte: Ja, mein Herr, und ich ging, und ich habe Guſtav nicht wieder geſehen, als bis er todt war.“ Während des Eſſens war eine Landfrau gekommen, mit einem Zettel von einer armen Kranken, welcher die Gräfin Hülfe verſprochen hatte. Emerance hatte das Billet der Gräfin bei Tiſch überbracht, der Graf aber das Papier den Händen ſeiner Frau entriſſen und wie ge⸗ Graf Bocarmt und seine Gattin. 213 Amud wöhnlich rauh und brüsk geſagt:„Das geht Sie nichts var ſcht an, Sie haben ſich nicht um die Leute da zu beküm⸗ c.“ mern.“ Guſtav machte dazu eine Bemerkung und ſchien der g⸗ fortgehen zu wollen. Auf Monſieurs Bemerkung aber lts und war Madame genöthigt, das mildthätige Werk, was ſie gegeſen verſprochen, aufzugeben. nnn Emerance wußte nicht, ob zwei Sorten Wein auf t, ſt dem Tiſch geſtanden; Madame hätte aber ſelbſt die halbe Flaſche Champagner geholt, wovon man die andre „ Hälfte früher mit der Gouvernante ausgetrunken ge⸗ ſu habt.„Ich war ordentlich darüber erſtaunt, daß ſie ſol⸗ chen Reſt einem Bruder vorſetzte, der ſie zu beſuchen iſch gekommen war.“ Die Bouteille hatte das Kammermädchen nach⸗ e 7 . her in den Wandſchrank geſtellt. Man hatte, als ſie Licht bringen wollte, ihr entgegengerufen:„Nein, ſpä⸗ e halbe ter!“ Man hatte ſie ſpäter nicht gerufen.— Bei Tiſch daraus hatte Guſtav Fougnies weder von den Speiſen eſſen, ewürde noch von dem Weine trinken wollen, als bis der Graf er ſih, ſelbſt davon gegeſſen und getrunken. „ſagte„Beim Deſſert präſentirte ich kleine Aepfelpaſteten, n Au⸗ die Madame ſelbſt bereitet. Nämlich vor dem Diner hatte ſie ſie gehackt und geſchnitten in Guſtav's Gegen⸗ ube⸗ wart. Ich alſo präſentirte ſie. Madame empfahl ſie ih ging Guſtav. Er wollte aber nicht, es aß Niemand davon. z bis et Man hat ſie nachher in der Küche gegeſſen.“ Die Köchin Louiſe Maes war ohne Bezahlung ent⸗ fommen laſſen worden. Die Gräfin hatte zu Emerance, welche ſchet die es ihr vorſtellte, geſagt: man wäre ihr nichts ſchuldig, atte dus ein Mädchen, das nicht Franzöſiſch verſtehe, ſei zum aber d Dienſt nicht fähig, ſie könne ihr daher auch nichts zah⸗ wie g len. Andern Tages aber hatte die Gräfin ihr den Lohn 214 Graf Bocarmt und seine Gattin. durch die Frau des Tiſchlers zahlen laſſen, welcher den Sarg machte. Nachher(nachdem ſie aus dem Speiſeſaal fortgewie⸗ ſen worden) hatte die Gräfin Emerance zu den Kindern in die Stube hinaufgeſchickt. Dort hatte ſie einige Zeit Handarbeit gemacht; zugegen waren beide Bonnen. — Hat Madame an dem Tage Ihnen nicht auch befohlen den Bonnen zu ſagen, daß ſie mit den kleinen Mädchen nicht mehr in der Küche eſſen ſollten? „Das war ſo. Als ich Madames Toilette machte, empfahl ſie mir, über die Kinder zu wachen, ſie ſollten ihr Zeug ordentlich halten und nett und reinlich gehen. Ich erwiderte darauf: Da Madame mir das anbefohlen, ſo muß ich Ihnen nur ſagen, daß ich finde, ſie ſind ei⸗ gentlich in der Küche nicht an ihrem Platze.„Sie ha⸗ ben Recht“ ſagte da Madame.“ — Hat Ihnen aber Madame da nicht auch geſagt: den Bonnen zu ſagen, ſie ſollten heute die kleinen Mäd⸗ chen nicht mehr zum Deſſert herunterbringen, wie ſonſt? „Als nun die Stunde zum Abendeſſen für die Klei⸗ nen gekommen war, etwa zwiſchen 5 und 6, genau weiß ich es nicht, und die Kinder eſſen wollten, ſagte ich den Bonnen, ſie möchten Milch aus der Küche holen. Juſtine kam nun durch den Garten zurück, ganz zitternd, leichenblaß, beinahe ohnmächtig. Ich mußte außſtehen, um ſie nur zu halten und ihr einen Stuhl hinzurücken. Ich hatte nichts Anderes ihr zu geben als Tiſane. Die gab ich ihr auch; da blieb ſie denn einige Minuten, ohne nur ein Wort vorſtoßen zu können. Mehrmals rief ſie: (Herr Gott, was hatte ich Angſt!“ Nachdem ſie ein funfzehn Minuten geruht, ſagte ſie, ſie hätte Guſtav's Stimme gehört, und ſie hätte um Hüfe geſchrien. Ich — her den tgewil⸗ Kindern ige Zeit en. ht auch kleinen machte, ſollten gehen. efohlen, ſind ei⸗ Sie ha⸗ geſugt: ſonſt? e Klei⸗ au weiß te ich holen. itternd⸗ ſſtchen, urücken. „ Die n ohne ief ſi⸗ ſie ein uſtavs 3 Graf Bocarmt und seine Gattin. 215 fragte ſie: biſt du denn einem Räuber begehnet? oder hat dir Jemand was gethan? Sie ſagte: Nein, nein, es iſt Guſtav, der hat Hülfe gerufen.“ — In welchen Ausdrücken ſagte ſie das? „Sie hat's mir wol auf verſchiedene Weiſe beſchrie⸗ ben, wie Guſtav aufgeſchrien, das kam von der fürch⸗ terlichen Aufregung, in der Juſtine ſich befand.“ — Sagte ſie nicht auch Guſtav hätte geſchrien:„Ach, ach, Pardon, Hippolyte!“ „Einmal ſagte ſie mir: Monſieur Guſtav hätte ge⸗ ſchrien: Ach, ach, ach, Hippolyte, ſchnell zu Hülfe!“ — Wo ſtand ſie denn, als ſie das hörte? Das hat ſie Ihnen doch auch wol geſagt. „Ja, ſie ſagte, ſie wäre zuerſt in der Küche geweſen. Sie war aber ſo erſchreckt, daß noch 6 Wochen nach⸗ her, wo wir darüber ſprachen, ſie immer was Anderes ſagte, wo ſie eigentlich das Schreien gehört. Ein ander Mal ſagte ſie mir, ſie hätte das erſte Schreien am Fuß der Treppe gehört. Wie ſie über den Flur ging, hörte ſie ein Geräuſch, als wenn man Stühle umwürfe, und dann ein Geräuſch, als ob irgend ein Körper zu Boden fiele. Wie ſie in der Küche war, hörte ſie eine Thür aufgehen, eine Perſon riß die Thür vom Speiſeſaal auf und zerrte dann an andern Thüren. Ich fragte ſie, was ſie denn unter Zerren verſtände? Da antwortete Juſtine, daß ſie darunter Zumachen verſtände. Sie glaubte, es wäre Madame, ſie hat ſie aber nicht geſehen, nur das Geräuſch gehört, das ihr Kleid machte.— Sie hat mir nie geſagt, daß ſie beſtimmt Madame geſehen. Nur hat ſie geſagt, daß ſie es geglaubt hätte. Sie hätte nicht gewagt, die Küchenthür zu öffnen, und ſie wäre dürch die hintere Hofthür hinausgegangen. In der Küche vorher hat Juſtine noch lange viel Lärm und Getreibe 216 Graf Bocarmt und seine Gattin. gehört. In der Küche waren Juſtine Thibaut, Charlotte Monjardez und Louiſe Maes. Alle Drei hörten den Lärm, und zu Juſtinens Schrecken fing Charlotte an zu lachen. Juſtine fragte nun Charlotten, ob ſie mit ihr in den Speiſeſaal wolle, und ſie legte nun das Ohr an die Thür zur Dienerſtube, die jetzt zugemacht war. Man konnte da nichts mehr ſehen.“ — Sagte ſie beſtimmt an die Thür von der Küche zur Dienerſtube? Oder an die Thür von der Dienerſtube zum Flur? „An die Thür von der Küche zur Dienerſtube. Die andere war ja geſchloſſen.— Ich nun, wie ich das ge⸗ hört, ſagte, ſei ruhig, mein Kind, wenn Hülfe Noth iſt, will ich hingehen.— Eins von den Mädchen hatte ge⸗ rufen: Gewiß ſchlägt man ſich! Da hatte ich geſagt: ich bin älter als ihr, wenn Hülfe Noth iſt, will ich ſie, bringen.“ „Da verließ ich die Kinderſtube und ſteckte mir ein Licht an. Ich ging über den langen Corridor, der nach der Treppe führt. Da bemerkte ich den Herrn Grafen, wie er die Thür der Entrée zu ſeinem Vorzimmer öffnete. Er zitterte ſo, daß er die Thür nicht aufmachen konnte. Er hatte kein Licht. Beim Schein meines Lichts ſah ich, er war ganz blaß, zitternd und voll Blut. Wie ein Meſſerſchnitt war's ihm vor der Stirn und das Blut von der Wunde floß ihm über die Naſe. Auf die Thür floß es auch. Ich hielt ſtill und zitterte; ſo erſchreckte mich das Geſicht. Er wollte durchaus die Thür auf⸗ machen, und es ging nicht. Ich fragte ihn da, ob er Licht wolle? Da erwiderte er: Nein, nein, laß mich, ruhig, laß mich allein. Ich betrachtete ihn genau, bis er in der Entree war, ſo hatte mich ſein Anblick frap⸗ pirt. Er verſchloß nicht die Thür(hinter ſich).— Seine k harlotte ten den otte an ſie mit das Ohr ht war. r Küche nerſtube be. Die das gl⸗ hotte ge⸗ ſegt: ich ich ſe nit ein er nach fen, wit öffnete konnte⸗ Vie ein as Blut ie Thir ſſchrektt hür auf⸗ , ob et au, bi ick frop⸗ EStine Graf Bocarmt und seine Gattin. 217 Stimme war anders als gewöhnlich, wie eines Menſchen, der etwas Schreckliches begangen hat. „Gewiß, Herr Präſident, dachte ich da gleich, der Lärm, den man gehört, iſt von dem Streit entſtanden zwiſchen dem Grafen und Monſieur Guſtav. Als ich nun unten im Flur mit dem Licht angekommen, ſah ich auf der Stelle nach der Thür zum Speiſeſaal, ob ſie offen wäre oder geſchloſſen. Sie war zugeſchloſſen. Ringsumher war tiefe Stille. Da ſah ich, wie Madame aus der Dienerſtube trat, ſie kam aus der Küche; ſie trug einen Napf mit heißem Waſſer in der einen, ein Licht in der andern Hand. Sie lief ſehr ſchnell, ſah auf nichts; ſie war ſo außer ſich und verſtört, daß ich nicht wagte ſie anzureden. Emerance, ſagte ſie, ſteige hinauf zu den Kindern. Ich that es. Mit den Augen aber verfolgte ich die Gräfin. Ich ſah ſie in die Entree treten, wo ihr Mann vorhin eingetreten war. Sie ſtieß die Thür auf und ſprach ſachte mit ihrem Manne. Ich hörte den Herrn Grafen ſtöhnen und ſeufzen. Als ich ſpäter ein bischen in die Stube trat, ſah ich, daß Mon⸗ ſieur ſich erbrochen hatte. Er brach in ein Gefäß am Boden, und es ſah ſchwarzgrau aus. Mir ward übel.“ Damals dachte ſie nichts weiter, ſpäter aber, daß Monſieur wol, als er Guſtav Gift gegeben, etwas da⸗ von ins Geſicht geſprützt ſein möchte. Der Gedanke war ihr nach der Leichenſchau gekommen. Zu den Bonnen zurückgekehrt, erzählte ſie ihnen im Allgemeinen, was ſie geſehen, empfahl ihnen aber, nicht hinunterzugehen: „Denn es geſchehen bei den Großen wie bei den Kleinen Dinge, wo wir nicht nöthig haben, dabei zu ſein. Das ſind die Dinge, die uns nichts angehen, und wo man uns nicht zu Zeugen haben will.“ Einige Augenblicke, nachdem die Gräfin ihrem Manne XIX. 10 218 Graf Bocarmt und seine Gattin. das heiße Waſſer gebracht, kam ſie auf die Kinderſtube. Sie nahm die kleine Eugenie aus Virginie's Armen und ſetzte ſie ſich auf den Schoos. Sie foderte ein Glas Waſſer, ſie hätte einen brennenden Durſt; das Mittag⸗ eſſen wäre verſalzen geweſen. Als Emerance hinunter⸗ lief, es zu holen, begegnete ihr Monſieur unten an der Treppe und fragte mit einer Stimme, daß ſie erſchrak: Wo iſt Madame? Sie erkannte ihn in der Dunkelheit nur an der Stimme. Als ſie antwortete, fuhr er eben ſo brüsk fort: Schnell, ſchnell, ſie ſoll runterkommen, ich muß ſie gleich ſprechen.„Ich ſagte, ich müſſe ihr vorher ein Glas Waſſer holen, da verſperrte er mir die Paſſage: Schnell hinauf und Madame gerufen! Da ahnte ich ſchon, daß im Speiſeſaal etwas vorgefallen ſei.“ Als ſie der Gräfin die Meldung brachte, erwiderte dieſe:„Und mein Glas Waſſer?“„Ich erwiderte Monſieur hat mir ja die Paſſage verſperrt. Aber kommen Madame nur herunter, ich gehe mit und bringe es Ihnen. Da ging Madame hinunter, ich folgte zitternd mit dem Lichte; Madame ging ſehr ſchnell.— Monſieur ſtand noch un⸗ ten an der Treppe ganz im Dunkeln. Er ganz allein, alle Thüren waren noch geſchloſſen. Monſieur ſprach ſachte mit Madame. Als ſie unten war, wandte ſie ſich zu mir um und ſagte: Emerance, weißt du, wo Weineſſig iſt?— Ich ſagte: Ja, in der Küche!“ Die Zeugin glaubte, daß der Graf oder Beide da⸗ mals gerufen haben: Guſtav iſt krank. Schnell, ſchnell, eile!— In der Küche fand ſie den Weineſſig nicht; ſie lief, ſelbſt wie irr, mehrmals rund um. Endlich rieth ſie zu Fau de Cologne, Madame holte eine Flaſche und blieb dann in der Küche. Sie, Emerance, folgte dem Grafen— in den Speiſeſaal. Schon an der Thür ſah ſie Guſtav auf dem Boden erſtube. Armen in Glas Nittag⸗ inunter⸗ an det rſchrak: unkelheit er eben ommen, lüſſe ihr mir die en! Da len ſi“ rwiderte Nonſicur Madame n Da Lichte och un⸗ allein, ſpnch e ſich zu geineſſg eide de⸗ ſchnll icht; ſe ib nic loſche folgt Brden Graf Bocarmt und seine Gattin. 219 liegen und ſchrie auf: Mein Gott, was iſt da paſſirt! Sie glaubte ihn auf einem Stuhle ſitzen zu ſehen, und er lag auf der Erde. Er war ganz mit Waſſer begoſ⸗ ſen und Weineſſig und duftete von etwas, was ſie nicht kannte. Beſonders auf der Bruſt waren die Kleider ganz naß.— Der Graf war im Hausrock. Vorhin, als ſie ihn vor ſeiner Entree geſehen, trug er ſeinen Paletot. Er hatte ſich alſo inzwiſchen umgekleidet. Der Hausrock war nachher verſchwunden. Im Speiſeſaal ſaßte der Graf beide Schöße ſeines Schlafrocks über die Lenden und huckte ſo auf die Erde. Da ſah Emerance denn auch das Spülfaß mit Wein⸗ eſſig ſtehen, das ſie umſonſt in der Küche geſucht: Da iſt es ja, rief ſie, das ich in der Küche geſucht! Der Graf ſagt: dies iſt es ja nicht!— Sie ſteckte die Hand hinein: S iſt gewiß der Weineſſignapf, ich kenne ihn ja.— Er blieb dabei es abzuſtreiten.— Seitwärts von der Leiche ſtand noch ein anderer kleinerer, ovaler Napf auch voll Weineſſig, oder Weineſſig mit Waſſer. Die Leiche lag zwiſchen Tiſch und Fenſter, näher dem letztern; die linke Hand auf der Bruſt, als wenn man ſie dahin gelegt hätte, die rechte war ausgeſtreckt nach dem Spülnapf zu.„Monſieur tauchte einen Wiſch⸗ lappen in den Weineſſig, bis er ganz voll war, und warf ihn dann auf Monſieur Fougnies' Geſicht, und rieb darauf, als wenn er Dielen ſcheuern wollte. Ich war empört darüber und ſagte:(Monſieur, ſo tractirt man doch nicht Jemand, der krank iſt.v Ich bat ihn es mich thun zu laſſen, denn er könne ſeinen Augen ſchaden.„Nein, nein!» ſagte er. Alles umſonſt. Dann goß er ihm eine ganze Maſſe Weineſſig in den Mund, und ſcheuerte nun auch die Naſe wie Dielen. Er drückte 10* 220 Graf Borarmt und seine Gattin. den Scheuerlappen niemals aus. Wenn er von Wein⸗ eſſig träufte, klatſch aufs Geſicht!—„Aber, Monſieur», ſagte ich,„Sie ſollten doch wenigſtens eine Serviette nehmen. Laſſen Sie mich es thun, denn wenn Mon⸗ ſieur Guſtav zu ſich kommen ſollte, werden ihm die Augen weh thun, er wird ſie nicht aufſchlagen können. So bringt man Einen nicht wieder zu ſich. Das iſt eher ein Mittel, ihn zu Tode zu bringen.» „Da ſtand er auf. Ich nahm eine Serviette. Aber der Weineſſig war ſehr trübe. Es ſchien darin Blut und etwas Schwarzes zu ſein. Als ich Pau de Co- logne hatte, brauchte ich das. Ich rieb ihm die linke Hand von innen, und da ſchien es mir, als bewegte es ſich in den Fingern. Mir ſchien's einen Augenblick wie ein Menſch, der zu ſich kommt; ſpäter aber dachte ich, das war nur die Wirkung des Giftes oder der Ner⸗ ven. Durch meine eigene Lebhaftigkeit, wie ich rieb, mochte ich die Bewegung hervorgerufen haben. Aber, wie geſagt, damals dachte ich anders und drehte mich zum Grafen um:(Ach, Monſieur, welch ein Glück! Mon⸗ ſieur kommt zu ſich, und in einigen Minuten hat er wieder ſeine Sinne.» — Was erwiderte darauf der Graf? „Reibe! reibe! reibe nur recht ſtark! und dann floh er nach dem Säulenſaal. Ich blieb wol eine Viertel⸗ ſtunde allein beim Leichnam.— Ich rieb und rieb.— Neben mir ſtand eine kleine Lampe. Da konnte ich den Körper ſehen, aber nicht das Geſicht. Ich glaube, das Lämpchen ſtand ſo hinter dem Kopf, daß der Kopf ſie beſchattete. Plötzlich entſchloß ich mich, und ergriff die Lampe und leuchtete Herrn Fougnies ins Geſicht: Herr Gott, er lebt nicht mehr, ſchrie ich da auf. Welch ein unglück! Ich machte ihm den Mund auf, da war die Wein⸗ eurv, wiette Mon⸗ n die nnen. as iſt Aber Blut Co⸗ linke wegte enblick dachte t Ner⸗ rieb, Aber, mich Mon⸗ t et nſloh iertel Graf Bocarmt und seine Gattin. 221 Zunge ſchwarz wie eine Kohle. Die Augen waren ſo verloſchen, als wäre er ſchon ſeit 14 Tagen todt. Da ſchrie ich auf:„Mein Gott, er iſt todt!“— Da kam der Graf auf demſelben Wege zurück. Er ſprach nichts, ich redete ihn an: Das iſt ja traurig. In Monſieur Fougnies iſt kein Funken Leben mehr. Ach, ich bitte Sie, ſagen Sie es nicht Madame.“ „Nein, nein, rief er, reibe nur weiter.— Nein, mein Herr, ſagte ich, ich reibe nun nicht mehr, denn ich ſehe, er iſt ganz todt. Da ging ich, der Graf blieb.“ Dieſer letzte Dialog war, wie die Zeugin auf weite⸗ res Befragen erklärte, noch viel länger. Der Graf hörte nicht auf ihre wiederholten Vorſtellungen, daß Guſtav ganz todt ſei, er foderte, ſie ſolle immerfort reiben, er wollte, daß neuer Eſſig geſchafft werde, er ſprach wie halb irr, und endlich wollte er abſolut behaupten, der arme Guſtav ſei in ihren Armen geſtorben. Dann die bekannte Geſchichte vom Hinauftragen des Leichnams durch den Kutſcher und der Komödie des Weinens ohne Trauer und Thränen. Es war etwa um 7 Uhr Abends, als Emerance in die Schlafſtube hinaufging, aber ſie ward noch öfter durch die ganze Nacht hinuntergerufen. Monſieur trank in einem fort heißes Waſſer und vomirte. Das dauerte wol durch acht Stunden. Madame war auch treppauf, treppab, um allerhand von Guſtav's Sachen zu verſtecken. Sie that es aus freien Stücken. Einmal traf Emerance die Gräfin in der Küche, es war tief in der Nacht. Sie mußte wol vom Teiche kommen; ihre Schuhe und der Rand der Kleider waren ganz naß und von Schmutz bedeckt. Sie ſagte, ſie wäre gefallen und trug auch Spuren davon.— Sie Puſch ſich dann mit Waſſer und ſchwarzer Seife die Hände. —————— 222 Graf Borarmt und seine Gattin. Als Madame den Befehl gegeben, den Todten zu entkleiden und ihm ein reines Hemde,„ein grobes“, an⸗ zulegen, hatte ſie zugleich geſagt:„waſcht ihm den Mund und die Ohren mit Weineſſig, weil die Todten im⸗ mer häßlich riechen.“ Endlich war der Doctor Semet gekommen. Gilles öffnete ihm, Emerance meldete ihn dem Grafen: Er ſoll ſogleich zu meinem Bruder! rief dieſer.— Monſieur, er iſt alſo nicht für Sie gerufen?— Nein, er ſoll zu meinem Bruder gehen.— Emerance mußte bleiben. Sie war alſo gegenwärtig als Monſieur, ein Vomitiv foderte. — Zuerſt hatte Madame ihm eins gereicht, dann mußte der Doctor noch ein anderes verſchreiben. Der Graf bat den Doctor, die ganze Nacht zu bleiben, der Die⸗ ner holte zu Pferde die Medicin. Der Doctor ſagte, er kenne ſeine Pflicht, er wolle ſelbſt die Medicin holen, werde aber vor 11 Uhr zurück ſein. Semet ward in das Zimmer geführt, wo Guſtav lag. Nach kurzer Prüfung ſagte der Doctor:„Aber der Mann iſt ja todt.“—„Das habe ich ſchon vor einer Stunde geſagt“, ſagte Monſieur. Der Doctor fragte, ob in den Kaſſerollen zum Mittagstiſch auch kein Grün⸗ ſpahn geweſen? Emerance beruhigte ihn, vor einigen Tagen ſei ein junger Keſſelflicker da geweſen, der das Geſchirr in Stand geſetzt. Befragt über den Zuſtand, in welchem ſie den Kör⸗ per beim Eintreten in den Speiſeſaal gefunden:— Am Geſicht waren deutliche Spuren von Verwundungen, auf der linken Backe, ſie zogen ſich runter. Es waren drei Eingriffe, und ein blauſchwarzer Stoß am Auge.„Auch hatte Monſieur(Guſtav) den Hemdkragen ſo zerzauſt und der Hals war ihm ſo aufgeſchwollen, daß ich den Hemdknopf nicht aufmachen konnte. Es war gerade wie Graf Bocarmt und seine Gattin. dten zu eine ſtrangulirte Perſon.— Am Hemdkragen und an s“, an⸗ der Cravatte waren Blutflecke.“ Mund Es folgt darauf eine nicht unintereſſante, aber zu en im⸗ lange Erzählung von der Unruhe und den Symptomen der Nacht, wie die Hausleute die Köpfe zuſammengeſteckt, Gilles ſich ihre Verdachtsgründe zugeflüſtert, ohne es gerade Er ſoll auszuſprechen, wie ſie von fern den Schritten und Trit⸗ onſieut, ten ihrer Herrſchaft gefolgt, ſie mit Licht in den entfern⸗ ſoll zu teſten Theilen des Schloſſes umherſchleichen geſehen, bei n. Sie Verrichtungen, wozu ſie ſonſt ihre Dienerſchaft gebraucht foderte. haben würden; wie ſie in den Speiſeſaal zurückgeſchlichen, nmufte die feuchten Stellen unterſucht, überall verdächtige Arran⸗ r Graf gements gefunden und am Boden der verhängnißvollen r Die⸗ Stelle ein zugemachtes Taſchenmeſſer, wo ihnen ſogleich der Verdacht aufſtieß, daß Monſieur Guſtav ſich damit wol habe zur Wehr ſetzen wollen. Der Graf hatte über alle Maßen lange in dem Glasſchrank im Säulenſaal Guſto gekramt, und Gläſer und Flaſchen fortſetzend, ſich kaum von ſeiner Frau abrufen laſſen. Die Gouvernante Marie agte, er holen, bet der Päle hatte von allen Vorfällen nichts erfahren, und fugte ward erſt durch Emerance davon zu ihrem Schrecken in Grün⸗ Kenntniß geſetzt.„ inigen um Mitternacht hatte die Gräfin Cacao getrunken n da mit Biscuit, aber nur auf Andringen des Kammermäd⸗ chens, welche es ihr zur Pflicht gemacht beim Zuſtande nRr ihrer Aufregung. Erſt gegen 5 oder 6 Uhr Morgens In legten ſich beide Ehegatten ſchlafen. Auch die Kinder „ wurden erſt ſpät zu Bett gebracht. Schon in der Nacht und am Morgen wurden Briefe, Druckſchriften in Maſſe . verbrannt. Au Der Graf, darüber befragt, meint, die Mehrzahl der euſ Briefe wäre wol aus dem Secretair ſeiner Frau ge⸗ 3 weſen, er wiſſe nicht von wem geſchrieben, deſſen Namen de „ 224 Graf Bocarmt und seine Gattin. ſie nicht bekannt haben wolle. Die Gräfin zählt die Briefe auf, die ſämmtlich an ihren Mann gerichtet ge⸗ weſen, darunter einer ſeiner eigenen Mutter, worin ſchon von Gift geſprochen worden! Die Sitzung mußte abgebrochen werden, obgleich die Zeugin noch immer nicht vollſtändig vernommen war. Die nächſte war am 3. Juni. — Zeugin Emerance! Als Sie in den Speiſeſaal traten, wer rief Ihnen da zu: Nein, nein, ſpäter? „Ich glaube, es war Monſieur.“ — Hat Er nur geſprochen? „Ich glaube es.“ — Glauben Sie nicht, daß Madame mit dem Gra⸗ fen ſo gerufen hat? „Ich wüßte es nicht beſtimmt anzugeben.“ — Vor dem Unterſuchungsrichter haben Sie doch geſagt, daß Monſieur und Madame zuſammen gerufen hätten! Die Zeugin ſtockte hier und gab nur ausweichende Antworten. Die übrigen zerſplitterten Ausſagen der Zeugin auf die an ſie gerichteten Fragen betreffen meiſt Dinge, die wir ſchon kennen.— Als ſie Guſtav am Boden fand, hing ſeine goldene Uhr an einer Kette ihm noch um den Hals.— Der Arzt Semet hatte, als er von dem Lager des Todten zum Ehepaar zurückkehrte, es ſogleich aus⸗ geſprochen: er glaube, daß Monſieur Guſtav in Folge einer Vergiftung geſtorben.— Der Graf hatte ſpäter zu ihr geſagt:„Wenn man mit der Juſtiz zu thun hat, je weniger man da ſagt, um ſo beſſer iſt es.“— Die Gräfin billigte, was der Graf den Domeſtiken an Vor⸗ lt die et ge⸗ ſchon ich die var. iſeſaal Gra⸗ doch rufen hende auf e, die fand, nden Lager aus⸗ olge päter hat, Die Die Graf Bocarmt und seine Gattin. ſichtsmaßregeln vorſprach.— Es ſchien da Einträchtig⸗ keit zwiſchen ihnen zu herrſchen.— Der Pfarrer aber hatte ihr geſagt, man müſſe die volle Wahrheit ſagen. — Wos wiſſen Sie von der moraliſchen Aufführung des Grafen? „Ich hörte oft ſagen, es wäre ſelten, daß eine weib⸗ liche Perſon ſo aus dem Schloſſe ginge, wie ſie hinein⸗ kam.“— Juſtine hatte ihm bei ſeinen Nachſtellungen ge⸗ ſagt, für einen Grafen, wie er, ſchicke es ſich, ſich an⸗ derweit umzuſehen.— Sie war nur durch lautes Hülfe⸗ rufen, als er ſie ſchon eingeſperrt, ſeinen Angriffen ent⸗ gangen. Nach der Leichenſchau war ihr die Gräfin begegnet auf der Treppe, und hatte mit frohem Geſicht geſagt: „Man hat nichts gefunden, Guſtav wird morgen be⸗ graben.“ — Angeklagter, in welcher Stellung war Guſtav, als er um Hülfe rief? „Er ſtand, auf ſeine Krücken geſtützt, nahe am Glä⸗ ſerbuffet.“ — Welchen Wein brachte ihm die Gräfin? „Ich glaube weißen.“ Er konnte aber nicht angeben, welche Sorten Wein er im Gläſerſchrank im Speiſeſaal gehabt haben könne. — Waren Sie nicht verwundert, nachdem Cham⸗ pagner getrunken war, Madeira eingegoſſen zu ſehen? „Ich habe darüber keine Betrachtungen angeſtellt.“ * Die nächſte(18.) Zeugin, die ehemalige Bonne Virginie Chevalier, 19 Jahr alt, wußte nicht mehr, als ſie von der andern Bonne, Juſtine Thibaut und ſpäter erfahren. 10 226 Graf Borcarmt und seine Gattin. Darauf folgten wieder eine Menge Zeugen über die ſchlechte Wirthſchaft der Angeklagten; das Fleiſch, was ſie im Januar verzehrt, ſchuldeten ſie beim Schlächter noch im November. Einen Commiſſionair hatte die Gräfin mit den erſten Lieferungen der„Contemporains illustres“ bezahlt, auf die ſie abonnirt. Eine Tagelöh⸗ nerin, die für den Grafen Champignons geſucht, wollte er nicht dafür bezahlen, weil es Ehre genug ſei, für ei⸗ nen Bocarmé Pilze zu pflücken. Sie meinte geradezu: Der ſei fähig, einen Jeden zu vergiften. Schon im Au⸗ genblick des Todes hätte es auch Jeder gewußt. Wenn der Graf durch die Straßen von Peruwelz ging, rief man ihm nach: Voila le bouquin! Zwei Zeugen ſpra⸗ chen von einer durch den Grafen verſuchten Beſtechung mit 30 Francs, um eine Ausſage vor Gericht zu thun. In der neunten Sitzung, am 4. Juni, bemerkte man in der Toilette der Gräfin eine Veränderung. Sie hatte das Schwarz abgelegt und trug einen ſehr eleganten Strohhut und einen weißen Umwurf. Uebrigens ſchien ſie, nach wie vor, ſich darin zu gefallen, ihr Geſicht dem Publicum zu verbergen, denn der Schleier blieb auch jetzt davor. In den vorangehenden Sitzungen hatte der Präſident ſie bei wichtigen Momenten auffodern müſſen, ihn aufzuziehen, damit die Geſchworenen ſie ſe⸗ hen konnten. Auch heute kam eine lange Reihe von Gläubigern, welche, ſelbſt für die nothwendigſten Lebensbedürfniſſe, von den Ehegatten keine Bezahlung erhalten können. Eine chemalige Köchin, welcher ſie ihren Lohn ſchulde⸗ ten, verſicherte übrigens:„Madame liebte ihren Bruder.“ Der Graf hatte allen weiblichen Dienſtboten nachgeſtellt, r die was ichter die ains elöh⸗ vollte ir ei⸗ ezu: Al⸗ Penn rief ſpra⸗ hung thun. man atte nten chien ſicht blieb hatte dern ſe— gern iſſe nen⸗ ude⸗ er.“ tellt, Graf Bocarms und seine Gattin. 227 und als die Köchin ihm erwiderte: Der Herr Graf hätte ja nun genug Frauen, hatte er ihr erwidert: aber meine Frau gefällt mir nicht mehr. Doch wußte ſie, während eines achtmonatlichen Dienſtes nichts von einer poſitiv ſchlechten Behandlung des Grafen gegen ſeine Gattin. Eine und die andere räumte ihr früheres Verhältniß zum Grafen ein; befragt, warum er eine Magd entlaſſen, antwortete er frech: weil ſie zu alt war, um mir zu be⸗ hagen. Zu einer war er mit dem gezogenen Degen in der Hond eingedrungen, um ſie zu ſeinem Willen zu zwingen.— Eine andere ehemalige Dienerin wußte, daß die Gräfin oft geweint, daß ihr Bruder einige Mal im Schloſſe geweſen, aber wenn ſie dinirt, hatte er ſich eine beſondere Milchſuppe von der Köchin machen laſſen, „weil er Furcht vor dem Grafen und dem Schloſſe hatte“ —„er hatte Furcht etwas zu eſſen, was ſeiner Geſund⸗ heit ſchaden könne.“— So ward eine lange Reihe ehe⸗ maliger Diener und Dienerinnen vernommen. Faſt alle gaben dem Grafen das ſchlechteſte Zeugniß; einige wuß⸗ ten von poſitiven Mishandlungen und Schlägen gegen ſeine Frau. Zuweilen waren ihre Kleider davon zerriſ⸗ ſen, zuweilen kam ſie blaß und zerſtört in die Küche und foderte friſches Waſſer. Eine Tagelöhnerin bekam von ihm Fußſtöße, weil ſie der Gräfin zu Hülfe kom⸗ men wollte, als der Graf ſie am Halſe riß. Urſache des Streites war, weil die Gräfin nicht zugeben wollen, daß das Kind der Legrain ein Hemde ihres Gonzales anziehe. Die Ehefrau des Notar Cherquefoſſe war einſt auf dem Schloſſe, als ein heftiger Streit über das un⸗ eheliche, angenommene Kind des Grafen in einem Ne⸗ benzimmer ausbrach. Der Lärm war groß. Die Gräfin kam ganz zerzauſt und aufgelöſt zum Vorſchein. Die 228 Graf Bocarmt und geine Gattin. Zeugin machte dem Grafen Vorwürfe, der aber ganz ddeß ruhig blieb: ſeine Frau ſchreie um nichts. Die Cher⸗ auf quefoſſe ſagte da zum Grafen, wenn er ſo fortfahre ſich aufzuführen, würde er ſeine Tage in Ketten oder auf dem Schaffot enden. Eine allgemeine Bewegung.— Die Gräfin hatte der Zeugin vertraut, ihre Grafenkrone ſei eine wahre Dornenkrone!— Die Cherquefoſſe hielt den Grafen für einen Heuchler— Lügner und ſehr bos⸗ m haft.— Seit 18 Jahren kannte ſie Lydie Fougnies und es hielt ſie immer für einen Engel von Güte und n — Sanftmuth. V Die viel beſprochene Celeſtine Legrain ſiel in Ohnmacht, als ſie erſcheinen ſollte, was auf beide An⸗ le geklagte einen beſondern Eindruck machte. Sie mußte de fortgetragen werden; endlich war ſie im Stande wieder n vorzutreten. Celeſtinens Ausſage, ſowie die ihres Vaters und ihrer Mutter bringen kein neues Licht in die Sache ſelbſt. ke Sie beſtätigen nur das oben erwähnte Factum, und da⸗ 5 mit die gänzliche moraliſche Verderbtheit des Grafen. Er hatte ſich bei dem jungen Mädchen— für das er übrigens auch vor Gericht noch betheuerte die innigſte u Zärtlichkeit zu haben— als Generalſecretair der Gräfin 4 Bocarmeé, bei dem Vater derſelben als Generalſchatzmei⸗ 2 ſter dieſer Gräfin eingeführt, und nachdem er ſie ver⸗ n führt, ein Kind mit ihr erzeugt, auch noch den armen Vater um die verſprochene Penſion für die Erziehung des Kindes betrogen. Ein Falſum hinſichts einer Hand⸗ ſchrift, die er ihm gegeben, kam nicht zur völligen Con⸗ ſtatirung und bleibt für uns unerheblich, wo ſolche an⸗ dere Anklage auf ihm laſtet; aber er ſchämte ſich auch nicht ſeiner Maitreſſe noch von Dem, was ſi erſpart, eine große Summe fortzunehmen, unter dem Vorgeben ßte der nd bf. ⸗ et ſte fin ng Graf Bocarmt und seine Gattin. 229 daß es ja doch von ihm komme und bei ihm ſo gut aufgehoben wäre wie bei ihr. Die neunte Sitzung(5. Juni) war den Zeugenaus⸗ ſagen über den Ankauf von Giftpflanzen bei Gärtnern in Gent und Brüſſel und denen der chemiſchen Inſtru⸗ mente gewidmet. Das Factum iſt nicht mehr beſtritten, es kommt daher auf die Angabe der Details weniger an, und wir mögen in Kürze darüber hinweggehen, nur das Weſentliche heraushebend. Die Gräfin räumte ein, daß ſie alle die ihr vorge⸗ legten Beſtellbriefe geſchrieben:„Mein Mann zwang mich dazu.“— Die Unterſchrift iſt H. de Bury. Das iſt nicht ſein Name?— „Aber er hieß mich dieſen Namen darunter ſetzen.“ Der Vertheidiger der Gräfin behauptete, darin liege kein Falſum, da die Titel ſeiner Familie lauteten: Graf H. de Bocarmé de Burh. Die chemiſchen Inſtrumente wurden unter dem Na⸗ men Berant beſtellt. Die Gräfin hatte die Briefe ſo unterzeichnet?„Mein Mann zwang mich dazu.“ Zwei Briefe waren mit verſtellter Handſchrift?—„Mein Mann hat mich auch dazu gezwungen.“ Der Graf meinte, es ſei nur eine Caprice ſeiner Frau geweſen. Auch Profeſſor Loppens aus Gent ſagte nicht mehr aus, als man bereits wußte, und ſeitdem der Graf ſeine Beſuche bei ihm, den Unterricht, um den er ihn gebeten, eingeräumt, ſchwindet das Intereſſe, welches dieſer für die Vorunterſuchung ſo wichtige Zeuge beanſpruchte, als es die Identität des pſeudonymen Berant mit dem Gra⸗ fen Bocarmé durch Bart, Pelz, Fuhrwerk u. ſ. w. zuerſt herſtellen galt. Nur ein Umſtand kam nicht zur voll⸗ 230 Graf Bocarmt und seine Gattin. glaube, er habe ſich zur Genüge Herrn Loppens zu er⸗ kennen gegeben. Loppens erwiderte: „Herr von Bocarmé hat mir geſagt, daß ſeine Mut⸗ ter in Neapel wohne, ſein Vater in Indien wäre, daß er ſelbſt da erzogen ſei. Das iſt aber auch Alles, was ich vor der Unterſuchung gewußt habe.“ Wieder kamen einige Diener vor. Ein ehemaliges Kammermädchen im Schloß, welcher er, wie den andern, nachgeſtellt, mußte den Wein aus den Kellern holen. Sie hatte ſich nur ein Mal vergriffen und eine Flaſche 181ler ſtatt des bezeichneten heraufgeholt; man trank aber nichtsdeſtoweniger den gebrachten aus.— Sie wußte auch, daß der Graf ſeinen Schwager, wenn er zum Be⸗ ſuch kam, immer ſchlecht behandelte. Als ſie, das Mäd⸗ chen, Guſtav den Arm zum Ausſteigen aus dem Tilbury reichen wollen, hatte der Graf ſie mit den Worten zu⸗ rückgeriſſen:„Laß doch den Lumpenkerl.“ Marie Roſſignol, eine alte Dienerin Guſtav Fougnies' in Peruwelz, wußte, daß Guſtav am 20. No⸗ vember nur darum nach Bury gegangen, um vom Gra⸗ fen und der Gräfin eine Procura zur Einnahme von Geld zu empfangen. Am Sonntag vorher hatte er Be⸗ ſuch gemacht, um ſeine Heirath mit Mademoiſelle de Dudzeele anzukündigen.— Er war immer in Furcht, vom Grafen vergiftet zu werden.— Der Graf hatte ihm in den Kopf geſetzt, daß er die Gemüſe vergifte.— Guſtav empfing öfters Geſchenke aus Bitremont; er aß nie davon, ſondern warf die Geſchenke auf den Miſt⸗ haufen.— Die Gräfin war auch öfters zum Beſuch bei ihrem Bruder, obgleich Guſtav ſie oft nicht ſehen wollte. — Der alte Fougnies hatte auf ſeinem Todtenbett er⸗ klärt, der Graf Hippolyte hätte ihn vergiftet; er hatte ſtändigen Enthüllung. Der Graf hatte angegeben: er dih ſtav leu ——— 231 Graf Bocarmt und seine Sattin. ben a deshalb Piſtolen gefodert, um ihn zu erſchießen.— Gu⸗ zu er ſtav hatte anonyme Briefe per Poſt erhalten voller Ver⸗ leumdungen gegen ſeine Braut.— Als Marie am 21. n Mut die Todes botſchaft aus Bury erhielt, wußte ſie gleich, was die Glocke geſchlagen.— Guſtav war mäßiger Na⸗ re, daß , uu tur, er aß wenig und trank nur etwas geröthetes Waſ⸗ ſer. Der reine Wein verurſachte ihm Uebelkeiten.— encligt Trotzdem, daß das eine Bein ihm abgenommen, war andern Guſtav ſehr ſtark in den Schultern und Armen, und nholen Jemand, der ihn zu Boden werfen wollte, mußte ſchon zlſſht gehörig ſtark ſein.— Dieſe Angabe erregte viel Auf⸗ nk abtr merkſamkeit. wit Der Graf erklärte: er könne nicht glauben, daß ſein in Be Schwager Mistrauen gegen ihn gehegt; dieſer Zeugin 6Mi⸗ habe er aber aus brüderlicher Liebe empfohlen, ſtets Lilbur Sorgfalt für die Geſundheit des armen Kranken zu haben. tin z Ja, ſagte Marie, er hat mir Sorgfalt empfohlen, nämlich zu ſorgen, daß Monſieur Guſtav ſich nicht ver⸗ Guſtn heirathe. V. No⸗— m Gre⸗. Die zehnte Sitzung fand am 6. Juni ſtatt. Die Be⸗ me richterſtatter unterlaſſen nicht, jedesmal die neue Toilette 6. der Gräfin zu erwähnen, und bemerken, daß ihre Co⸗ ſle quetterie in derſelben nicht weniger die Zuſchauer befrem⸗ zuth det, als die vollkommene Nonchalance, mit welcher der f hati Graf nach wie vor den Verhandlungen beiwohnt. ifte.— Ein ehemaliger Diener in Bitremont bekundete, wie zuc die frühern, nicht allein daß Guſtav bei Tiſch nie Ni von einer Schüſſel gegeſſen, als bis Graf und Gräfin ſuch ti davon gekoſtet, ſondern er habe auch immer eine Flaſche wolte Wein in ſeinem Tilbury mitgebracht. bett Ein Schenkmädchen hatte am Tage vor dem Morde nhu 232 Graf Bocarmt und seine Gattin. den Grafen in ſehr früher Morgenſtunde auf den Feldern umhergehen ſehen. Er hatte zu ihr geſagt: daß er ſeit ein paar Tagen nicht ſchlafen könne. Sie hatte Furcht vor ihm und machte, daß ſie fortkam. Endlich erſcheint auch als Zeuge der Arzt Semet, den man längſt hätte erwarten dürfen. Er iſt ſehr ein⸗ ſylbig, läßt ſich aber doch viel abfragen. Schon am 20. Abends gerufen, fand er Guſtav auf einem Bette liegend— todt. Der Graf war unwohl, er ſchob es auf den Schreck, den Guſtav's plötzlicher Tod ihm verurſacht.— Die Gräfin fragte ihn, als er von der Beſichtigung zurückkehrte, wie ihr Bruder ſich befinde? Er iſt todt, antwortete der Arzt. — War die Gräfin da erſtaunt, erſchrocken, hat ſie geweint? „Ich habe nichts davon bemerkt. Sie war unbeweg⸗ lich; keine Thräne in ihren Augen.“ — Was dachten Sie da? „Ich hatte Argwohn.“ — Welchen? „Daß der Graf und die Gräfin Guſtav vergiftet haben könnten.“ — Fougnies' Tod ſchien Ihnen alſo das Reſultat einer Vergiftung? „Eines gewaltſamen Todes.“ Der Graf hatte ſich ein Vomitiv verſchreiben laſſen. Er war verwundet— am Finger— der Stirn— es waren friſch blutende Wunden; der Graf hatte den Arzt aber nicht darum zu Rath gezogen, noch der Arzt ge⸗ fragt, woher die Wunden kämen?— Semet war nicht Guſtav's Arzt geweſen, aber er kannte ihn. Er war mäßiger Natur; er hatte Furcht vor dem Grafen, wie Guſtav zu Semet geſagt,„weil der Graf ſchon mehre wu nu he — — n Felden aß er ſi tte Furc Semtt ſeht ein uſtav au unwohl plötzlich n, als udet ſi unbeweh vergiſte Reſulte nlaſſn 1 6 den At Arzt ar nich Er wi en, wi mehr Graf Bocarmt und seint Gattin. Vergiftungen gegen ihn verſucht.“ Auch der Hausarzt wußte, daß Guſtav, wenn er auf dem Schloſſe war, nur von den Schüſſeln aß, wenn Graf oder Gräfin vor⸗ her gekoſtet. Früher hatte der Graf ihn, den Arzt, nach Guſtav's Geſundheit befragt, es ſchien ihm nicht aus Theilnahme, ſondern aus Intereſſe. Man weinte nicht, man ſchien nicht traurig über den Todesfall. — Angeklagter, wie erklären Sie das? Ich war zu ergriffen, um zu weinen.“ /— — Und doch hatten Sie vorher Flagegeſchrei aus⸗ geſtoßen! „Es galt ſich verſtellen.“ Verſchiedene Tagelöhnerinnen und Wäſcherinnen, die am 20. im Schloß gearbeitet, wurden noch vernommen über Nebenumſtände; alle aber ſchienen mit einem ge⸗ wiſſen Vergnügen zu bezeugen, daß die Gräfin nur den Schein der Trauer und des Weinens angenommen, in Wirklichkeit aber keine Thräne vergoſſen habe.„Sie machte nur die Grimaſſe des Weinens“, ſagte die eine.„Sie ſchrie recht heftig, aber man ſah, das war Alles gemacht.“ Die Gräfin ließ bei dieſer Bemerkung ihren Kopf noch tiefer ſinken. Wir wiſſen, welche Rolle der Curé von Bury in dieſer Tragödie geſpielt. Er erklärte den Grafen für einen unmoraliſchen Menſchen, hatte aber die Gräfin immer für eine„gute Perſon“ gehalten. Der Gefangenwärter von Tournay, Vandercruyſ⸗ ſen, berichtete über das Betragen und die gelegentlichen Aeußerungen des Grafen während ſeiner Haft. Den Hauptinhalt kennen wir; es iſt aber ein wichtiger Zeuge: Der Graf beklagte ſich über ſeine Frau, ſie ſei ein albernes Kind. Indem ſie ihn anſchuldige, ſchuldige ſie ſich ſelbſt an.„Sagen Sie ihr das nur, Herr Kerker⸗ 234 Graf Pocarmt und seine Gattin. meiſter.“— Er bedürfe guten Rath, ſagte er, wie ſeine Frau auch.„Die Gräfin iſt es, ſetzte er hinzu, die ihrem Bruder das Gift in den Mund goß, aber ich will ſie nicht anklagen. Iſt's doch abſcheulich von ihr, mich anzuklagen, wie ſie thut.“ Vandercruyſſen hatte ein Billet des Grafen ſeiner Frau zuſpielen ſollen. Es ent⸗ hielt vier Fragen. Bei der zweiten hieß es: Antworte nicht mehr und dann ein †. Der Graf wollte, auf des Richters Frage, ſich der Sache nicht genau entſinnen, und meinte, er hätte die Scriptur nur um deswillen dem Gefangenaufſeher über⸗ geben, um ihn los zu werden, da er doch gewußt, daß der Zettel nicht an ſeine Adreſſe gelangen würde. Der Graf hatte zu Vandercruyſſen geſagt: es wäre unter ihnen abgemacht geweſen, daß ſie Beide leugnen wollten. Er hatte ihn beſchworen, ja ſeiner Frau auf⸗ zutragen, daß ſie ſich in der Reſerve halte; wenn ſie doch die Wahrheit ſage, würde er erklären, daß ſie ihrem Bruder das Gift in den Mund gegoſſen. Als ſeine Frau zum zweiten Male ihrem Bruder das Gift einge⸗ goſſen, habe ſie gerufen: Halt! In ihrer Ueberhaſtung bei dem Geſchäft habe ſie bewirkt, daß er ſelbſt auch gewiſſermaßen vergiftet worden und ſo viel vomiren müſſen. In ſeinen vertrauten Mittheilungen, wobei er ſich die tiefſte Verſchwiegenheit bedingte, erklärte er einmal, Guſtav habe ihn, indem er ihn hielt, gebiſſen. Indem er vorher auf ihn zugeſtürzt, ſei er durch einen Stuhl gehindert worden; da ſei er ſelbſt gefallen, während er Guſtav niederwarf.—„Er ſagte mir auch: ein Tropfen von dem Gift genüge: um die Zunge zu lähmen.“ — Lydie Fougnies, was ſagen Sie dazu? „Ich habe das Gift nicht eingegoſſen.“ w al an wie ſein zu, die ich wil , mich atte ein Es ent⸗ lntworte ſich der tte die er über⸗ ft, daß es wär leugnen an auß venn ſi e ihrem s ſeine einge⸗ haſtung ſt auch omiren er ſch einmal, Indem Stuhl end et ropfen Graf Bocarme und seine Gattin. — Hat Ihr Gatte Guſtav niedergeworfen? „Er hat es.“ — und dabei verharren Sie? „Ja.“ — Ihr Gatte iſt der allein Schuldige? „Ohne Zweifel.“ — Und Ihr Mann hat Ihnen nichts davon geſagt? „Er hätte dazu nicht Zeit gehabt.— Ich bin aus dem Speiſeſaal hinausgegangen im Augenblick ſelbſt.“ Es bedarf kaum der Bemerkung, daß dieſer Proceß, wie reich auch an tragiſchem, doch alles dramatiſchen In⸗ tereſſes entbehrt. Es entwickelt ſich nichts, was nicht vorher abgemacht war, und wie oft der Präſident auch an das Gefühl appellirt, die Macht des Impulſes hat feine Gewalt über dieſe abgehärteten Gemüther. Es bricht nichts heraus. Sie bleiben auf ihrem voraus ein⸗ genommenen Standpunkt, ſie ziehen ſich, noch ſo heftig angegriffen, immer wieder dahin zurück, und ſelbſt ihre Ausfälle ſind darauf berechnet, nur ihre Poſition nicht zu verlieren. Der Zeuge ſagte ferner:„Wahrſcheinlich hat Guſtav das Wort sacrénom gebraucht. Die Gräfin hat es wenigſtens vor dem Unterſuchungsrichter geſagt. Bei der Gelegenheit ereiferte ſich der Graf gegen mich:„Da ſehen Sie die Bttiſe, die ſie beging, Das zu ſagen. Ich hätte nicht davon geſprochen.»“ Der Zeuge Vandercruyſſen betheuert auf ſeinen ab⸗ geleiſteten Eid, daß er dem Grafen dieſe Geſtändniſſe nicht etwa durch ein vorausgethanes Verſprechen entlockt habe, ſondern daß ſie ganz von ſelbſt gekommen und der Graf ihn erſt nachher um Verſchwiegenheit gebeten habe. — Lydie Fougnies, noch einmal! Ward Guſtav zu Boden geriſſen, oder fiel er von ſelbſt? 236 Graf Borarme und seine Gattin. „Es war kein Zufall.“ — Er ward alſo mit Abſicht von Ihrem Manne zu Boden geſchleudert? „a Die Sitzung ſchloß ſehr lebhaft. Der Graf hatte heftig gegen die Auslegung proteſtirt, welche Vander⸗ cruyſſen ſeinen Worten gegeben. Er ſei gefallen, indem er Guſtav zu Hülfe ſpringen wollen, und zwar an einen Stuhl, welcher vor ihm geſtanden. Im Darüberſteigen habe er ſeinen Schwager mit in den Fall gezogen. Das, und nicht mehr ſei die Meinung von Dem geweſen, was er gegen den Gefangenaufſeher geäußert. In der elften Sitzung(7. Juni) erſchien die vielge⸗ nannte Braut des Opfers, Demoiſelle Antoinette de Dudzeele von Grandmetz. Ueber ihre Erſcheinung wird uns nicht mehr berichtet, als daß ſie zitternd im Lehn⸗ ſtuhl niederſank und in ſolche nervöſe Zuckungen ver⸗ fiel, daß man Mühe hatte, ſie wieder zu ſich zu bringen. Bei Gelegenheit, als Guſtav das Schloß Grandmetz kaufte, ſcheint die Ehe zwiſchen ihm und dem Fräulein beſprochen zu ſein. Das Verhältniß war einige Zeit hindurch geſtört durch anonyme Briefe, worin jeder Theil vor dem andern gewarnt ward. Man vereinigte ſich aber wieder, als man die Briefe ausgetauſcht hatte; Fougnies hatte geglaubt, daß die Quelle der Briefe Schloß Bitremont ſei.— Auch Demoiſelle de Dudzeele wußte, daß Guſtav Furcht gehegt, dort etwas zu eſſen, er glaube an eine intentionirte Vergiftung. Er hatte da⸗ von geſprochen, daß er von daher ſchon vergiftete Früchte und Eingemachtes erhalten, und er und ſein Diener Gegengift nehmen müſſen.— Am 20. November hatte ſe fin) An —„—— ) —— — ———————— — Nanne z raf hatt Vander n, inden an einen berſteige n. Da ſen, wa ie vielge nette de ung nird m Lehn⸗ gen ve⸗ bringen randmet Fräulin ige Zeit et Theil igte ſih t hutte Brieft udzerle u eſſ natte dr Dienet er hall Graf Pocarmt und seine Gattin. 237 ſie einen gleichgültigen Brief aus Bury(von der Grä⸗ ſin) erhalten, der nur von Ackergeräthſchaften ſprach. Am 21. November kam ein Bote aus Bitremont, von der Gräfin abgeſandt, den Tod Guſtav's zu melden und zugleich um ſich die Schlüſſel zu ſeinen Zimmern aus⸗ zubitten. Unter den übrigen Zeugen fand ſich noch eine zum Reinmachen im Schloſſe angenommene Virginie Hocquet, welche mit der andern Bonne Virginie Guſtav's Cravatte vom Speicher geholt und ſelbſt verbrannt hatte. Es be⸗ fand ſich ein Fleck darauf, groß wie ein Centime. Noch eine Zeugin wollte gegen 4 ½ Uhr Abends Lydien mit ihrem Bruder Guſtav allein im Speiſeſaal, und zwar am Kaminfeuer, geſehen haben. Die Ange⸗ klagte beſtritt es. Als ihr Mann hinausgegangen, um das Anſpannen des Tilbury zu befehlen, ſei ſie allein im Saal zurückgeblieben. Ein Brigadier der Gendarmerie von Tournay, der den Grafen in ſeiner Zelle beſucht, berichtete unverſtänd⸗ liche Ausdrücke, die er von ihm vernommen haben wollte, ſelbſt unverſtändlich: er ſäße nun einmal„in der Patſche“ durch ſeine Frau. Sie ſei mit ihrem Bruder wegen der Kinder uneins geweſen. Sie hätte ſich ſchlecht benom⸗ men. Sie hätte ihm wol ins Glas eingießen können— worunter er Gift gemeint.— Als der Gendarm ihn ge⸗ fragt: warum thun Sie nicht wie Ihre Frau, warum klagen Sie ſie nicht an, hätte er geantwortet, es ſei eine delicate Sache, eine Frau anzuklagen. Er werde es nicht thun. Nach der Vergiftung hätte er zwei Perſo⸗ nen aus dem Speiſeſaal hinausgehen ſehen, er werde aber nie Jemand nennen.— Der Graf wollte ſich des Geſprächs nicht entſinnen. Bei Gelegenheit der Ausſage eines andern Gendarmen 238 Graf Bocarmt und seine Gattin. über das Auffinden und Aufgraben der vergifteten Katzen, Enten, der Tabacksvorräthe und der verſteckten chemi⸗ ſchen Inſtrumente gab der Graf eine neue Erklärung: er habe dieſe ihm wichtigen Gegenſtände in Bezug auf ſeine projectirte Reiſe nach Deutſchland ſo beſonders verſteckt. — Warum haben Sie dieſen Zweck jenes myſteriö⸗ ſen Verſteckens nicht ſchon dem Unterſuchungsrichter an⸗ gezeigt? „Das Vorurtheil, der Glaube an die Vergiftung la⸗ ſtete auf mir. Man hätte die beſondere Art des Ver⸗ ſteckens, die Gegenſtände ſelbſt als Beweiſe hingenommen.“ Armand Wilbaut, als Aufſeher über das Gut des Grafen angeſtellt, hatte Guſtav am Morgen ankom⸗ men geſehen, auch er meinte, daß Bruder und Schwe⸗ ſter eine Zeit lang allein zuſammen geweſen. Dann hatte er erſt am nächſten Morgen von dem Ereigniß der Nacht gehört, Madame hatte ihm geſagt, Guſtav hätte am Abend gefröſtelt, Kopfſchmerzen gehabt und ſei dann plötzlich vom Schlage getroffen worden. Sie hatte ihm dann den Auftrag gegeben zu den Damen de Dudzeele zu gehen, und„den beiden Menſchern da zu ſagen, daß Guſtav an einem Schlagfluß geſtorben wäre, auch dann in Grandmetz zu verbleiben“. — Lydie Fougnies, Sie hören nun zum zweiten Male die Worte, mit denen Sie die Damen de Dudzeele belegt haben ſollen— die Menſcher! Wie konnten Sie in einem ſo ernſthaften Augenblicke ſich ſolcher Worte bedienen? Seien Sie frank und frei in Ihren Erklärun⸗ gen, es gilt ſich zu entſchuldigen, und die Beſchuldigung iſt ſchwer. „Ich erinnere mich wol des Befehls, aber das An⸗ dere iſt mir entfallen.“ au ſoll en Katzen ten chem rklärung Bezug au beſonder myſtetis ichtet an iftung le des Ver ommen“ dos Gut n anfom Schwe Dann igriß de a hätte ſei dann atte ihn Dudzeel gen, daß uch dann zweitin Dudzecl ſen Sie Worte rklärun⸗ ldiguns u A Graf Vocarmé und seine Gattin. 239 — Lydie Fougnies, wenn man Ihre Aufmerkſamkeit auf die gewichtigſten Dinge lenkt, die Sie nahe angehen ſollten, dann iſt Ihnen Alles entfallen, aber wie gut iſt Ihr Gedächtniß, wenn Sie Andere anſchuldigen! Befragt, was er über des Grafen Moralität wiſſe, antwortete Wilbaut: man ſagte, er wäre ein Ungeheuer. — Der Graf lachte; das Auditorium mit ihm. Der Präſident erhob ſeine Stimme zu einem ernſten Verweis gegen den Mann, der, von ſo ſchwerer Anklage nieder⸗ gedrückt, an der Schwelle vor dem Urtheilsſpruch ſtehe. Der Graf blieb unbeweglich; die Gräfin verging wäh⸗ rend der letzten Momente in Thränen. In der zwölften Sitzung(9. Juni) ward der Sach⸗ verſtändige Jean Stas, Profeſſor der Chemie an der Militairſchule von Belgien, über ſein wiſſenſchaftliches Gutachten vernommen. Wir dürfen auch hier, nachdem Bocarmé eingeſtanden, daß Guſtav durch die von ihm fabricirte Nicotine das Leben verloren, kurz weggehen. Fougnies' Eingeweide enthielten, nach der vorgenom⸗ menen Analyſe zwei giftige Flüſſigkeiten: Nicotine und Acidum azceticum, eine Materie, die ſich im Weineſſig ſindet. Die rechte Seite der Zunge war wie verkohlt, die Häutchen zerſtäubten wie Lumpen. Dieſes Agceticum allein konnte indeß die Desorganiſation der Zunge, wie ſie ſich vorfand, nicht bewirkt haben. Die ſorgfältigſten Prüfungen der Zunge und des Magens haben 52 Stun⸗ den fortgenommen.— Die Exiſtenz des Giftes in Fougnies' Organen war conſtatirt. In einigen Bläschen dieſer Organe fand ſich eine Flüſſigkeit, welche dem Ath⸗ men ſchadete und erſticken mußte. Es iſt keinem Zweifel unterworfen, daß dies Nicotine war. Der Geſchmack 240 Graf Bocarmt und seine Gattin. der Materie, ihre Eigenſchaften, ihr Geruch haben bis zur Evidenz erwieſen, daß das Fougnies eingeflößte Gift reine Nicotine geweſen. Dieſe Nicotine fand ſich im Magen, eine ungeheure Quantität derſelben in den Ge⸗ weben der Zunge, in den Lungen, im Gehirn. Die in⸗ nern Organe waren ſo von den Giftſpuren geſättigt, daß, ſelbſt nachdem ſie ausgewaſchen und wieder gewa⸗ ſchen waren, ſie noch immer Proben von Nicotine zeigten. Die Gräfin ward hier ohnmächtig und mußte auf eine Viertelſtunde hinausgebracht werden. Der Chemiker zeigte darauf ein kleines Fläſchchen, welches den vierten Theil der Nicotine enthalte, die er allein aus den Ein⸗ geweiden gewonnen,— dies war reine Nicotinez ein an⸗ deres mit dem Product aus den Lungen und der Leber; ein drittes, welches das geſammelte Acidum asceticum enthielt. In den Kleidern Beider, des Mörders und des Ge⸗ mordeten, war es dem Chemiker unmöglich geweſen, das Daſein von Gift mit Gewißheit zu entdecken. Die Spu⸗ ren mußten fortgewaſchen ſein. Dagegen fand er in mehren Stücken der abgeſägten Dielen die Subſtanz der Nicotine vermiſcht mit dem Acidum asceticum, in an⸗ dern Blut, in den verbrannten Zeitungspapieren wieder Blut. In den Organen der ausgegrabenen großen Katze (ob es die graue Hauskatze war, bleibt in Zweifel) fand er eine erſchreckende Zerſtörung. Als Wiſſenſchaftsmann wagt er es nicht zu behaupten, als Menſch glaubt er, daß ſie mit Nicotine vergiftet worden. In allen unter⸗ ſuchten Bouteillen keine Spur von Nicotine. Die Wirkungen der Nicotine hatte er an Hunden verſucht. Zwei Centimetres hatten einen wie der Blitz getödtet; desgleichen einen von der ſtärkſten Art. Nach⸗ dem die Leichen 40 Stunden verſchloſſen geweſen, zeigten 3 3 ben bis te Gif ſch in en Ge⸗ Die in⸗ eſittigt t gewn zeigten. te auf hemiker vierten en Ein ein an⸗ Leber etieun n, das E er in z der in an wieder nKtze h ſend emann ubt e, unter unden Bilit Nach⸗ zeigten Graf Borarmt und seine Sattin. 241 ihre Zungen dieſelben Symptome, wie die des ermorde⸗ ten Guſtav. An einem dritten kleinen vergifteten Hunde beobachtete man in allen ſeinen Organen dieſelben Auf⸗ löſungen und Veränderungen wie im Körper des Opfers. Endlich ſtarben ein Canarienvogel, ein anderer Vogel und eine Taube auf das bloße Einathmen des ihnen in den Schnabel gehaltenen Liquidums in Convulſionen. „Daraus ſchließe ich denn, daß Guſtav Fougnies ver⸗ giftet worden, ſei es durch Nicotine, ſei es durch ein anderes Liquidum, ich halte mich nicht an ein Wort. Es kommt mir nur darauf an, das Factum der Ver⸗ giftung zu conſtatiren.“ Man vertheilte darauf colorirte Abbildungen der Zunge Guſtav's. Der Graf beſchäftigt ſich eifrig damit, ſeinem Vertheidiger darüber Erklärungen zu geben, in⸗ dem er mit dem Finger darauf herumweiſt. Der Sachverſtändige verharrt bei ſeiner ſchon früher ausgeſprochenen Anſicht, daß das Gift dem Opfer ein⸗ geflößt worden, als er auf dem Boden lag 1) wegen der Inflammation der rechten Seite oben an der Zunge und weil der untere Theil der Zunge von aller Verwüſtung verſchont geblieben, 2) wegen der Aetzungen, welche die Aerzte auf der rechten Seite des Gehirns gefunden, 3) weil gleiche Verwüſtungen auf der rechten Seite des Halſes ſtattgehabt. Der Chemiker wollte keine poſitive Gewißheit aus⸗ ſprechen, er gebe nur ſeine Ueberzeugung nach wiſſen⸗ ſchaftlichen Schlüſſen. — Welchen Geruch verbreitet die Nicotine? „Einen erſtickenden.“ — Könnte man Nicotine trinken, ohne den Geruch zu ſpüren? XIX. 11 242 Graf Bocarmt und seine Gattin. „In einem Glaſe ſchwerlich; wenn man aus einer Bouteille tränke, vielleicht.“ — Wäre es möglich, ein Glas Nicotine einzuſchen⸗ ken und ſie Jemand zu präſentiren, ohne daß der Em⸗ pfänger den Geruch empfände? „In einer ſtarken Atmoſphäre ja; in einer ſchwachen, da iſt es zweifelhaft.“ — Wenn Jemand zwei Weingläſer mit Nicotine voll ſchenkt, im Glauben Wein einzugießen, ſollte die Per⸗ ſon, welcher man ſie präſentirt, nicht ſofort die Nähe eines ſchlimmen Getränkes erkennen? „Darüber wage ich nichts mit Gewißheit zu ſagen.“ — Könnte Jemand ein Weinglas davon einſchlürfen, ohne den Duft zu riechen oder die gefährliche Säure einzuathmen? „Ich glaube es kaum.“ — Aber ein einziger Tropfen, eingeſchluckt, würde doch ſchon die Perſon umzufallen nöthigen? „Gewiß, denn der geringſte Tropfen dieſes Liquidums brennt. Der Trinker würde ihn augenblicklich ausſpucken. Ein kleiner Tropfen, der an meine Backen ſprützte, hat mir ein innerliches Stechen und Prickeln verurſacht. Ich mußte mich mehrmals waſchen, um den Schmerz des Giftes zu vertreiben.“ — Wenn ein Individuum, im Glauben Wein zu trinken, nur einen Theil des Glaſes verſchluckt hätte, könnte es dann noch gehen? „Nein, wenn die verſchluckte Quantität hinreichend 7 war, um augenblickliche Convulſionen hervorzubringen.“ — Geſetzt, die Nicotine wäre in eine Weinflaſche ge⸗ goſſen und zugepfropft mit einem gewöhnlichen Kork⸗ pfropfen, würde ſie ſich halten? „Wenn die Flaſche liegend bleibt, ja. Wenn man . einer zuſchen⸗ er En— wachen, tine voll ie Per e Nhe ſagen“ hlürfen Säure wütde vidums ſpucken. zte, hat ht. 3 etz dei ßein 3l nichen ingen“ ſche g Fort n mal Graf Bocarmt und seine Gattin. 243 ſie ſtehen läßt, könnte die Farbe wechſeln.— Mit der Farbe verliert ſie indeß nicht ihre Kraft.“ Befragt, erklärte der Chemiker, daß es ungeheurer Präparationen und einer immenſen Quantität Taback bedürfe, um ſo viel Nicotine zu präpariren, die eine Weinflaſche füllt. Die Nicotine, von einem pikanten und aromatiſchen Duft, iſt immer von ausländiſchem Taback, die vom Landesproduct iſt zwar auch pikant, aber ſcharf. Die aufgefundenen Spuren der Nicotine im Schloſſe dufteten alle nach amerikaniſchem. Stas meinte, wenn die eingenommene Quantität Ni⸗ cotine ſtark genug ſei, um einen Menſchen niederzuwer⸗ fen, dann könne er auch nicht mehr laut aufſchreien. Der plötzlich wieder hervorgerufene Zeuge Heughe⸗ baert erklärte auf Befragen:„Der Graf hat die Hand⸗ ſchrift ſeiner Frau in meiner Gegenwart nachgeahmt. Dann ſagte er zu mir: Ich kann alle Handſchriften und auch die Ihrer Herren Richter nachahmen. Ich faßte ihn beim Worte. Einige Tage darauf zeigte er mir ſeine Arbeit. Beim erſten Anblick konnte man ſich täu⸗ ſchen, indeß entdeckte man bald die Verſchiedenheit.“ Der Graf hatte vor Gericht erklärt, daß er keine Hand⸗ ſchrift nachzuahmen verſtehe. Bocarmé hatte bei ſeinen chemiſchen Verſuchen einen jungen Tagelöhner, Frangois Deblicquy, zugezogen, dem Alle das Zeugniß eines äußerſt verſtändigen, geſchick⸗ ten jungen Menſchen gaben. Er ward erſt jetzt in ſei⸗ ner Wiſſenſchaft von den Experimenten vor Gericht ver⸗ nommen. Er glaubte aus amerikaniſchem Taback Spi⸗ ritus und Eau de Cologne für den Grafen gemacht zu haben, und erfuhr, daß es Gift war. Er konnte be⸗ rechnen, wie viel Taback der Graf bei ſeinen Verſuchen im Ganzen verbraucht hatte, und der Geſammtbetrag 11* — 244 Graf Bocarmt und seine Gattin. von 100 Pfund hätte nimmermehr eine Weinflaſche voll Nicotine geliefert. Deblicquy wußte auch im Ganzen nur von der Production von zwei kleinen Phiolen. Der Graf wandte dagegen ein, daß Deblicquy nicht immer beim Laboriren zugegen geweſen und irrthümliche Anga⸗ ben gemacht habe. In der 13. Sitzung(10. Juni) wurden die Gerichts⸗ ärzte über die Leichenſchau vernommen. Auch darüber mögen wir kurz weggehen. Wir wiſſen, in welchem Zu⸗ ſtande die äußern und innern Theile des Körpers gefun⸗ den worden, und Dr. Zouda ſprach ſeine aufrichtige Ueberzeugung dahin aus: daß das Gift ihm eingeflößt worden, als Fougnies auf der Erde lag.„Die Contu⸗ ſion auf der Naſe war tief; in der Mitte derſelben war noch eine kleine. Wir mußten ausſprechen, daß dieſe Contuſion durch einen Schlag beigebracht wäre, ohne die Natur des Inſtrumentes ſpecificiren zu können, mit⸗ tels welches ſie beigebracht iſt. Man hat von Biſſen der Zunge geſprochen; davon haben wir nichts ent⸗ t“ Aehnlich die andern Aerzte. Auf die Frage des Vertheidigers der Gräfin erklärte Dr. Zouda, er glaube, daß bei dem Zuſtande von Ver⸗ wirrung, in welchem ſich Fougnies befunden, auch eine einzelne Perſon ausgereicht haben dürfte, um die Ein⸗ flößung zu bewirken.— Ob Fougnies an Muskelkraft in Schulter und Armen gewonnen, ſeit er ſein Bein verloren, ließ ſich nicht ermitteln. Dr. Stas, noch einmal vorgerufen, rechnet aus, daß eine Champagnerflaſche voll Nicotine, nach dem jetzigen pariſer Preiſe für dies Gift, gegen 7500 Francs koſten würde. de e voll Hanzen . Der immer Ange⸗ arüber em Zu⸗ gefun⸗ tichtige geflöht Contl⸗ n war Graf Bocarmt und seine Gattin. 245 Darauf folgten die Entlaſtungszeugen, welche die Gräfin für ſich angerufen. Wo ſchon ſo viele Bela⸗ ſtungszeugen ihr unerwartet ein günſtiges Zeugniß gege⸗ en, darf es nicht wundern, daß ſie auch Perſonen auf⸗ gefunden, welche über ihr ſonſtiges Wohlverhalten und daß ſie nicht an ein ſolches Verbrechen gedacht, noch es für möglich gehalten, ihre Meinung abgaben. Wichti⸗ ger ſcheint die Ausſage der Katharina Coucke, der Haushälterin im Gefängniß von Tournay. Die zwei erſten Monate ihrer Haft hindurch hatte ſie faſt immer geweint, ſie wollte keine Speiſe zu ſich nehmen. Wenn die Haushälterin ſie ermahnte, die reine Wahrheit vor der Juſtiz zu ſagen, antwortete ſie: Ich kann keine Geſtändniſſe machen, ohne meinen Mann an⸗ zuklagen, und das iſt unglücklich. Dann verfiel ſie aus dem Weinen in ein Schluchzen.—„O, ſie hatte einen ſehr guten Charakter.— Sie hat mir geſagt, daß der Graf Guſtav gepackt hätte, und da hätte ſie die Flucht ergriffen und dann hat ſie ſchreien gehört: Pardon, Hip⸗ polyte!“ Hiermit endete das Zeugenverhör. Die Aufgabe des öffentlichen Anklägers, de Marboir, war in Bezug auf den angeklagten Grafen Bocarme keine ſchwierige; anders geſtaltete ſie ſich bezüglich der Theilnahme der Gräfin an dem Verbrechen. Wir ent⸗ heben nur einzelne Stellen aus der Rede, die in der 13. Sitzung anfing, aber erſt in der 14. geſchloſſen ward. Nachdem er den Grafen als ſchlechten Vater, ſchlech⸗ ten Gatten, eine niedrig gemeine Seele, unehrlich im vollen Umfange des Wortes geſchildert, fährt er fort: „Sahen Sie ihn nicht, dieſen edeln Grafen, meine Her⸗ 246 Graf Pocarmt und seine Gattin. ren Geſchworenen, ſich über Alles hinwegſetzen, Alles verachten, gleichgültig bleiben, den empörendſten Egois⸗ mus an die Stirn heften, als ſich das ſcheußliche G mälde ſeines ehrloſen Wandels vor dem Gerichtshofe aufrollte, wo er doch als ſchuldig des aller feigſten, nie⸗ derträchtigſten und empörendſten Verbrechens erſchien. Spöttiſches Lächeln auf den Lippen, hörte er an die entwürdigendſten Anklagen gegen ſeine Sittlichkeit, ge⸗ gen ſein Leben, das nun vor uns ſteht wie eine leben⸗ dige Proteſtation gegen Ehre, Zartgefühl und Seelenadel!“ „Die Gräfin beklagt ſich bitter über ihren Gatten, ſie hat Gründe genug, ſo zu handeln. Sie weiß, daß ſie vom Grafen nur ihres Vermögens wegen zur Gattin gewählt iſt— dieſes allein war der Köder, der Leim, der die Ehe in Schloß Bitremont kittete. Lydie Fou⸗ gnies malt ihren Gatten in klaren und beſtimmten Zü⸗ gen. Sie betrachtet ihn wie einen Heuchler, einen ganz verſchmitzten Menſchen, ein Weſen, zuſammengeſetzt aus Verſtellung und Rachſucht. Sie citirt Thatſachen zur Unterſtützung dieſer Anſicht, und dieſe Thatſachen ſind unwiderlegbar feſtgeſtellt durch zahlloſe Zeugenausſagen, unter deren Gewicht der Ruf des Grafen gebrandmarkt und zermalmt iſt.“ „Die öffentliche Anklage erkennt in Lydie Fougnies alle Fehler; aber dieſe Fehler entſpringen nur aus dem Leicht⸗ ſinn des Charakters der Gräfin, die ſich nur zu oft com⸗ promittirt hat durch Ueberhebung, Aufgeblaſenheit, Stolz, Eitelkeit, Ehrgeiz. Sie wollte durchaus Gräfin ſein, und ſie ſpielte die Rolle einer Comtesse parvenue mit einer Ziererei, die Mitleid erregte. Die Theilnahme am Ver⸗ brechen des 20. November, deſſen Opfer ihr unglücklicher Bruder ward, muß, das iſt unwiderſtreitbar, nur dem moraliſchen Zwange beigemeſſen werden, —„— Alls Egois⸗ htshoft n, nie⸗ rſchien. an die it, ge⸗ adel!“ atten, daß ſe Gattin Leim, Fo⸗ n Zi⸗ nganz t aus ſind ſagen, markt ts ole Leicht⸗ tcom⸗ Stolz, und einer Ver⸗ licher nur den, Graf Borarmt und seine Gattin. 247 den ihr Mann, ihr Mitangeſchuldigter, über ſie ausübte. Dieſer moraliſche Zwang ſteht, wie vieles Andere, durch die Ermittelungen des Proceſſes feſt.“ „Inmitten aller der Schritte, welche der Ange⸗ ſchuldigte thut(ſie werden aufgezählt), um zur Herſtel⸗ lung der Nicotine zu gelangen, ſpielt die Gräfin eine bedeutende Rolle, ſie iſt die Vertraute ihres Mannes, der die geeignetſten Mittel aufſucht, um Guſtav Fou⸗ gnies zu tödten, und dieſe entartete Schweſter ſagt ihrem Bruder nichts von den ſträflichen Abſichten, welche ſie theilt, denn ſie begünſtigt ſie! Die Straffälligkeit bei⸗ der Ehegatten iſt dadurch offenkundig feſtgeſtellt.“ Als weſentliches Moment der Verdächtigung hebt der Ankläger die anonymen Briefe hervor, welche Guſtav und ſeine Braut erhielten, um ſie von der Eingehung des Ehebündniſſes abzuhalten. Jenem wird vorgeſpie⸗ gelt, Fräulein de Dudzeele habe ſchon ein Kind ge⸗ habt; dieſer, Guſtav wäre im Stillen der ausſchwei⸗ fendſte, ſittenloſeſte und ganz verworfene Menſch.— „Leſen Sie“, ſagte der Ankläger zu den Geſchworenen, „die Briefe, welche Lydie als die ihrigen anerkennt, und erwägen Sie dann ſelbſt, ob ſich Ihnen nicht die Ueber⸗ zeugung aufdrängt, daß auch jene anonymen aus Schloß Bitremont herſtammen.— Nach der Schriftvergleichung zaudert das öffentliche Miniſterium nicht, zu erklären, daß die anonymen Schandbriefe, adreſſirt an Fougnies und Mademoiſelle de Dudzeele, von den Herrſchaften auf dem Schloſſe von Bury ſelbſt geſchrieben ſind. Uebri⸗ gens war nichts von dem in den anonymen Briefen Auf⸗ geſtellten wahr, ſie enthielten nur eine Gewebe von Ver⸗ leumdungen.“ In der folgenden Sitzung motivirte er die Betheili⸗ gung der Gräfin näher: Als ſie ihren Mann mit der ————— 248 Graf Borarmt und seine Gattin. Präparation von Gift für Guſtav bereit wußte, hatte ſie zu ihm geſagt:„Du machſt mir ſchönes Eau de Co-— logne“, und das mit der leichtfertigſten Miene, und wußte, daß es Nicotine war. Mehr noch, ſie konnke die Präparation überwachen und dem Verbrecher dabei fortwährend Beiſtand leiſten. Hierauf folgt noch ein⸗ mal die ganze Geſchichtserzählung der Verhältniſſe des Ehepaars zu Guſtav bis zu ſeiner Ankunft in Bury, mit Hervorhebung der dringenden Motive für ſie Beide, ihn raſch aus dieſer Welt fortzuſchaffen, da ſie von dem neuern Aufſchub, den er ſelbſt ſeiner Verheirathung ge⸗ ſetzt, noch nichts wiſſen. Die Gräfin habe ſelbſt ihre Betheiligung in dem vor dem Unterſuchungsrichter ge— machten Geſtändniß indirect eingeräumt: daß ſie ſich nämlich mit aller Gewalt der Ausübung des Verbre⸗ chens widerſetzt und ihren Mann gewarnt, er ſolle ſich vor den Verfolgungen der Juſtiz in Acht nehmen. Sie habe ihn erinnert an die Geſchichte eines gewiſſen Gra⸗ fen und ſeines Dieners, die Beide ſich in ihren Schlingen gefangen. Dieſe Warnung wollte ſie noch am Tage vor Guſtav's Ankunft wiederholt haben, wiewol fruchtlos.— Guſtav war durch fortgeſetzte Geſchenke, Schmeicheleien, Einladungen, endlich durch die Procura gelockt worden, welche die Eheleute, bei ihrer Abreiſe nach Deutſchland ihm übertragen wollten. Bei alle dem konnte nur die Gräfin mitgeſpielt haben und hatte mitgeſpielt.— Als der Graf früh Morgens am 20. durch das Mädchen Tellier die frohe Botſchaft erhielt, daß Guſtav im Laufe des Tages nach Bury kommen werde, weckt er ſogleich ſeine Frau und heilt es ihr mit; er ſagt ihr, nach der Gräfin eigenem Geſtändniſſe: Heute würde er es mit ihm abmachen.— Sie konnte dem Bruder einen Wink geben, denn es iſt erwieſen, daß ſie wenigſtens auf Augenblicke mit ihm e, hatte de Co- und ſe konne er dabei och ein⸗ iſſe des Burh, on dem ung ge⸗ bſt ihre tet ge⸗ ſie ſich Vetbre⸗ Ule ſich n. Sit Gre ingen ge vot los.— eleien, orden, nd ihm Grifin Guf fohe nach und genem en.— zum Graf Vocarmt und seine Gattin. 249 allein geweſen.— Als, nach dem Diner gegen 4 ½ Uhr, Emerance Licht bringen will, ruft die Gräfin ihr zu, ſie ſolle ſpäter kommen und ſie in Ruhe laſſen.„Die Grä⸗ fin wußte am Morgen, daß man ihren Bruder vergif⸗ ten werde, und daß der Vergiftungsact ohne Gefahr vollbracht werden müſſe.“—„Vom Moment an, wo Guſtav ins Schloß getreten, ſchwebte der Tod über ihm, nur wußte man den Augenblick nicht, wo der Todesſchlag ihn treffen würde.“ „Warum ſpeiſten ſie nur zu Drei, ohne Marie Pale und den kleinen Gonzales, die ſonſt immer mit ihnen aßen?— Die Gräfin ſelbſt hatte der Gouvernante ge⸗ ſagt, heute mit Gonzales auf ihrem Zimmer zu ſpeiſen. Vorgeſchützt wurden Geſchäftsgeſpräche und die erwartete Ankunft eines Notars.“ „Warum, da man den ganzen Tag frei hatte, den Wittagstiſch zum Geſpräch auserſehen! Der Vorwand war eine Lüge, man erwartete keinen Notar. Cherque⸗ foſſe, der andern Tags eintraf, kam rein zufällig.“ „Warum ward der Kutſcher Gilles, der immer bei Tiſch aufwarten mußte, an dem Tage nach Grandmetz geſchickt mit einem Briefe, der eine ſehr gleichgültige Frage enthielt? Die Gräfin, die den Brief geſchrieben, verlangte Auskunft über den Preis eines Mobilienſtücks, welches die Damen von Grandmetz verkaufen wollten. Die Bocarmes wußten wenig oder nichts von dem Mo⸗ biliar. Es galt nur den Kutſcher entfernen.“ „Warum wird Gilles, der zu früh zurückgekehrt, noch einmal ausgeſchickt? Aus Vorſorge für die Sicher⸗ heit und Ehre einer entlaſſenen Köchin, die nur drei Tage im Dienſt geweſen, die man Knall und Fall gehen laſſen!“ „Warum mufßten gerade heute die Kinder mit den 11* 5 250 Graf Pocarmt und seine Gattin. Bonnen, ſtatt in der Küche, oben im Zimmer ſoupiren? — Warum ward Emerance, die diesmal aufwarten mußte, aus der Küche fort, nach oben geſchickt? Alles auf Befehl von Madame. Auch als die Kinder zum Deſſert gebracht werden ſollten, wurden ſie fortgewieſen.“ „Alles, um jede Hülfe dem geweihten Opfer abzu⸗ ſchneiden.“ „Als der Graf hinausging, um Befehl zum Anſpannen zu geben, blieb die Gräfin unzweifelhaft mit ihrem Bru⸗ der allein; hier hätte ſie ihm einen Wink geben können. Sie gab ihn nicht. Während der Viertelſtunde, wo der abermals zurückgekehrte Gilles anſpannte, ward das Verbrechen verübt.“ „Es iſt nöthig, hier ihre verſchiedenen, von dem Un⸗ terſuchungsrichter angegebenen Geſtändniſſe zuſammenzu⸗ ſtellen: „Mein Mann, ſagte ſie, nachdem er anzuſpannen befohlen, kam in den Saal zurück. Wir hatten über ein gewiſſes Fideicommiß geſprochen. Während des Hinausgehens meines Mannes hatte ich eine einfache Abſchrift eines dieſer Acte gemacht und gab dieſes Stück an Guſtav, welcher ſich dicht an der Thür nach dem Säulenſaal befand. Mein Mann, als er zurück war, ſtand dicht neben Guſtav. Als dieſer das Stück aber leſen wollte, ſagte er zu mir: es iſt nicht mehr hell ge⸗ nug. Kaum hatte ich nun das Zimmer verlaſſen, als ich hinter mir ein Geräuſch hörte, wie von dem heftigen Falle eines Menſchen, der auf die Diele fällt. Aus die⸗ ſem Geräuſch heraus unterſchied ich auch deutlich das wie von einem zerknickten und zerbrochenen Stock.— Ich hörte meinen Bruder mit einer erſtickten und hohlen Stimme rufen: Sacré nom! Ich habe aber NRichts ge⸗ ſehen, ich bin nicht umgekehrt.“ ————.—— ren? rten Alles zum ſen“ bzu⸗ nnen Bru⸗ men. der das Un⸗ nzl⸗ nnen über des ache tück dem wat, aber ge⸗ als igen die⸗ das 3ch hlen ge Graf Vocarmt und seine Gattin. 251 „Hiernach hätte Lydie Fougnies die Thürklinke wäh⸗ rend der Begebenheit in der Hand gehalten, ſie hätte nur den Ausruf: Sacré nom! gehört und wäre nicht zurückgekehrt.“ „In einem ſpätern Verhör erklärte ſie, damals nicht die ganze Wahrheit geſagt zu haben.(Ich ſah meinen Mann, ſagte ſie, edicht bei Guſtav. Er ergriff ihn von hinten, er riß ihn zu Boden. Es war zwiſchen dem Gläſerbuffet und der Thüre.“ „In noch ſpätern Verhören erklärt ſie, ſofort nach der Küche entflohen zu ſein; dann ſagt ſie, nach dem Dienerſtand. Dort habe ſie Guſtav's Geſchrei: Pardon, Hippolyte! gehört. Sie hat die Wahrheit geſagt, aber nicht die ganze Wahrheit!“ „Blicken wir inzwiſchen nach der Kinderſtube hinauf. Juſtine geht, auf Emerance's Weiſung, hinunter, um Milch zum Abendbrot der Kinder zu holen. Sie ſtreift (auf dem Hofe) am Speiſeſaal vorüber, ſie hört(hier ſchon ²) ein außerordentliches Geräuſch, wie Gepolter der Möbel und den Schrei: Pardon, Hippolyte! Juſtine läuft nun in den Dienerſtand, dann in die Küche. Sie ruft, es geſchehe etwas Außerordentliches. Charlotte hört mit ihr, und ſie hören deutlich ſchreien: Pardon, Hippolyte! Charlotte Montjardez hört es auch, aber nur das Wort: Pardon! Louiſe Maes hört auch Schreien es iſt aber franzöſiſch Geſchrei und ſie verſteht nur Fla⸗ mändiſch.“ „Während die Bonne die letzten Aufſchreie Guſtav's hört, ähnlich denen eines Menſchen, den man erdroſſelt, öffnet ſich die Thüre vom Speiſeſaal, Madame ſtürzt heraus, ſchließt die Thüre wieder, geht in den Diener⸗ ſtand, deſſen Thüre ſie ebenfalls ſchließt, und ſtellt ſich hinter ein Möbel nahe an dieſer Thür. Juſtine ſucht 252 Graf Bocarmt und seine Gattin. fortzukommen, indem ſie zu Charlotte ſagt: Mein Gott, s iſt Madame! Charlotte erkennt ſie auch, am Rau⸗ ſchen ihrer Kleider. Juſtine iſt fortgelaufen und indem ſie wieder vor dem Speiſeſaal vorbeikommt, hört ſie das letzte Röcheln des Opfers. Licht iſt nicht im Saal.“ „Sie iſt nun oben geweſen, hat erzählt, daß ſie Gu⸗ ſtav ſchreien gehört: Oh, oh! Hippolyte, Hülfe! und Emerance eilt denſelben Weg hinunter. Sie findet den Grafen an der Thür ſeines Vorzimmers. Er war noch ohne Licht. Emerance will ihm das ihre geben, aber (Alles aus den Unterſuchungsacten entnommene Züge, die im Gerichtsverfahren entweder übergangen, oder nur zerſtückelt vorgekommen, oder von den Stenographen aus⸗ gelaſſen ſind) ſie ſieht, daß ſein Geſicht von Schweiß rieſelt, er zittert— wie ein Menſch, der ein Verbre⸗ chen begangen hat— auf der Stirn eine blutende Wunde. Laß mich! ruft er. Er iſt ſo verſtört, daß er die Thür der Entrie nicht aufmachen kann. Als er endlich ein⸗ tritt, läßt er Spuren ſeines Blutes an der Verkleidung der Thür.— Zwei Schritt im Corridor weiter und Emerance ſieht Madame mit einer Wanne heißen Waſſers. Sie befiehlt ihr zu den Kindern zu gehen, ſie ſpricht mit leiſer Stimme zu ihrem Manne.— Einige Minuten darauf tritt Madame in die Kinderſtube, ſie fodert ein Glas Waſſer— weil das Eſſen ſalzig geweſen! Sie nimmt eins der Kinder auf die Knie. Emerance will das Waſſer holen; am Fuß der Treppe herrſcht ſie der Graf an, ſie ſoll augenblicklich zurück und Madame ſa⸗ gen, daß ſie herabkommt. Dieſe ſteigt herab, ſo ſchnell, daß Emerance kaum folgen kann. Sie ſpricht wieder leiſe zu ihrem Manne, wie eine Schildwacht, die etwas zuflüſtert, und dieſer ſchreit plötzlich auf:„Weineſſig! Zu Hülfe! Guſtav iſt krank! Gott, Rau⸗ indem ſie das al“ ie Gu⸗ und et den noch „aher Züge, er nur n aus⸗ chweiß zerbre⸗ bunde. Thir ein⸗ idung und ht nit inuten rt ein Sie e vil ſe der n ſa⸗ hnel, iedet twas eſſig! Graf Vocarmt und seine Gattin. 253 „Blicken wir nun auf Gilles. Er hat den Tilbury angeſpannt, man hat ihm nicht geſagt, wo er vorfah⸗ ren ſoll, er geht nach dem Speiſeſaal. Kaum will er in die Thür treten, ſo winkt der Graf ihm zurück: Was gibt's?— Wo ſoll ich mit dem Pferde hin?— Ja, ja, ja! erwidert der Graf.— Nach der Jugbrücke?— Ja, ja, ja!— Gilles bemerkt noch, daß im Saal kein Licht iſt.“ „Gilles muß auf der Zugbrücke lange warten. Das war der Augenblick, wo man den Leichnam verarbeitete, wo man ihn aus einem Winkel in den andern zog, um ihn dem forſchenden Auge der Domeſtiken zu entziehen; man träufte ihn mit Weineſſig, man trichterte ihm denſelben in den Mund.“ „Dann, nach langem Warten der officiöſe Lärm: die Stimme von Graf und Gräfin:(O mein Gott! mein Gott! welch Unglück! Madame holt in der Küche heißes Waſſer, im Laufen ſtößt ſie Stühle um. Dann hinter ihr, und ihr entgegen, der Graf, der auch nach Weineſſig ſchreit.“ „Graf und Gräfin haben inzwiſchen von der Treppe aus geſchrien und geklagt, aber indem ſie zu weinen ſcheinen, vergießen ſie keine Thräne. Man ſchrie um Hülfe, aber man wußte wohl, daß alle Hülfe umſonſt ſei.— Die Gräfin ſelbſt hat dies als eine Komödie er⸗ klärt— in der ſie mitgeſpielt hat.“ „Guſtav Fougnies iſt ermordet, und ſie vergießt keine Thräne. Sie hat die Kraft, Komödie zu ſpielen in ſolchem Augenblicke.“ „So, meine Herren, ſind die Perſonen, welche das öffentliche Miniſterium heute verfolgt.“ „Gräfin und Emerance treten in den Speiſeſaal, nachdem der Graf Fau de Cologne gefodert. Alles iſt 254 Graf Borarmt und seine Gattin. dunkel. Emerance geht eine Lampe zu holen. Der Graf hat ſich vorgeſehen; er geht jetzt feſten Schrittes.“ „Die Gräfin ſpielt auch Komödie, ſie wankt zau⸗ dernd in den Saal, ſie ſchreit auf:(Mein Gott, mein Bruder, was iſt das!? Emerance iſt mit der Lampe da. Die Leiche liegt auf dem Rücken. Der Spülnapf mit Eſſig, den ſie vergebens in der Küche geſucht, iſt ſchon beinahe leer. Mit einem groben Scheuerlappen hatte man den Körper gerieben. Der Angeklagte, im⸗ mer ein Mann der Vorſicht, ſtellt die Lampe hinter den Kopf des Todten, daß man ſeine Züge nicht ſieht.“ „Er kauert neben dem Körper und träuft ihn der⸗ maßen mit Eſſig, daß Emerance darüber empört iſt. Mit dem Scheuerlappen bürſtet er übers Geſicht. Nicht genug, er fodert noch mehr Eſſig.— Nun reibt Eme⸗ rance, ſie glaubt einen Augenblick Leben in der Hand zu fühlen; da ruft der Graf:(Ja, ja reibe, ſo ſtark du kannſt?, und ſtürzt fort.“ „Vergeſſen Sie auch nicht, meine Herren, die An⸗ geklagten geben an, Guſtav ſei an der Thür nach dem Säulenſaal gefallen, ſein Körper ward aber an der Thür nächſt dem Flur gefunden. Hier war auch der Teppich umgebogen. Vergeſſen Sie ferner nicht, daß der Graf ſeine Frau zwei Taſchentücher und einen kleinen Beu⸗ tel in ſeinem Paletot ſuchen ließ und daß die Lampe und der Spülnapf mit Weineſſig vorher ſchon bereitet waren.— Kaum iſt Viſart fort, ſo erkennt Emerance, daß ſie einen Todten behandelt, ſeine Zunge iſt ſchwarz, ſein Geſicht zerkratzt.“ „Aber der Graf kehrt zurück, bleibt dabei, daß Gu⸗ ſtav noch lebe, daß er wieder zu ſich kommen werde, um— ihn aufs neue mit Eſſig einreiben zu laſſen. Die Komödie ſoll fortſpielen.“ et Gre 8.“ nt za⸗ tt, mein t Lamy pülnehf ucht, iſ erlappen gte, in inter den cht“ ihn der pirt iſ. t. Jich bt En er Hand ſtark d ie An⸗ ach den er Thi Teppit er Grf n Bel Lane hereite merance ſchwarz aß Gu werdt⸗ laſſn Graf Vocarmt und seine Gattin. 255 „Gilles kommt. Der bleiche zitternde Graf ſtottert:— Tra — tra— traget den— Leichnam in Emerance's Kammer! Fortgeſetzte Komödie des Lamentirens und Weinens, ohne daß ſich eine Thräne fand.“ „Fortgeſetztes Einverſtändniß der Mitſchuldigen nach der That. Die Gräfin trägt alle Sorge für ihren Mann, den ſie für vergiftet hält.“ „Die Gräfin erzählt, wenn wir ihr ſo weit trauen dürfen, ihr Mann habe in ſeinen Erbrechungen geſchrien: Rette mich, rette mich!? Sie will nun gerufen haben: Welch ein Unglück! Du haſt Guſtav getödtet!“ wor⸗ auf er erwidert:«O wie greulich, wenn du es ge⸗ ſchen hätteſt! „Ich hab's gehört, erwiderte ſie, er rief: Pardon! Pardon, Hippolyte! Und trotzdem warſt du ohne Mit⸗ ſeid.— Nein, entgegnete der Graf, ich ſagte ihm, wenn er ſchweigen wolle, würde ich ihm das Leben laſſen. Aber wie ich ihn etwas losließ, ſuchte er mir weh zu thun. — In dieſem Drängen habe der Graf ſich ſelbſt ver⸗ giftet; indem er Guſtav in den Mund griff, bekam er es auf die Finger.“ „Die Gräfin bekannte noch, wie der Graf ihr ge⸗ ſagt, daß ihr Bruder ſich vertheidigt habe wie ein gu⸗ ter Teufel. Dann hatte der Graf gefragt, ob man den Lärm auch nicht in der Küche gehört? Sie ſagte ja.“ „Mein Gott, es iſt wahr, rief er. Guſtav habe ihm ſein ganzes Vermögen angeboten, wenn er ihn nur leben ließe.“— „Dieſe Erzählung hat uns Lydie Fougnies berichtet.“ „Lydie Fougnies hat Alles gethan, um die Spuren des Verbrechens verſchwinden zu machen, ſie hat waſchen, ſcheuern, ölen, verbrennen laſſen. Im Gefängniß an⸗ kommend, flüſterte ſie dem Grafen zu:(Die Cravatte 256 Graf Bocarmt und seine Gattin. und die Weſte ſind verbrannt.“ In der Nacht des Ver⸗ brechens noch haben Graf und Gräfin geſtändlich ein Fläſchchen Nicotine ausgegoſſen. Später verbrennt Vi— ſart ſeinen eigenen Rock, befleckt mit Nicotine. Er ver⸗ brennt alle Bücher, Schriften, Correſpondenzen ſeiner Bibliothek, die von Gift handeln; er verſteckt ſogar den Vorrath Virginientaback, den er beſitzt. Er gibt dem Empfänger den Auftrag, wenn man ihn finde, zu ſa⸗ gen, er habe ihn gekauft. Endlich läßt er alle ſeine zahlreichen und koſtbaren chemiſchen Apparate verſchwin⸗ den, und wenn der Richter fragt, was daraus gewor⸗ den, amuſirt er ſich und gibt zur Antwort: Sucht ſie!“ „Erſt nachdem dieſe Apparate in ihrem kunſtreichen Verſteck gefunden ſind und die vielſeitigen Giftſtudien des Grafen ermittelt, wechſelt er die Sprache, er klagt ſich ſelbſt an, fügt aber hinzu, daß er heute noch nicht die ganze Wahrheit ſagen könne. Alle Vorſichtsmaß⸗ regeln der Angeſchuldigten haben ſich nun gegen ſie ſelbſt gewandt. Der Graf ſpielt noch immer mit der Juſtiz, er verlangt von ſeinen Dienern, daß ſie ſchweigen, er hatte ihnen ſchon die Antworten dictirt, welche ſie ge⸗ ben ſollten. Daher das: Ach, ach, Hippolyte, zu Hülfe! Das Anfahren gegen Juſtine Thibaut: Willſt du ein dummes Thier ſein! Man muß ſo was nicht ſagen. Man ſteckte dich ins Gefängniß und uns auch. Sprich mir nicht von zugemachten Thüren. „Darauf die Verſuche, den Leichnam raſch zu be⸗ ſeitigen und über die Hinterlaſſenſchaft des Opfers zu ſchalten.“ „Daher pro forma die Berufung des Arztes Se⸗ met, des Communalſecretärs, um zur Beerdigung ſchrei⸗ ten zu können, des Tiſchlers, um einen Sarg zu ma⸗ chen. Von den werthvollen Sachen, welche der Todte ——,————— t des Ve ndlich e rennt W . Er ve zen ſein ſogar de gibt de e, zu ſ alle ſei verſchwi us gewo zucht ſi unſtreich iftſtudi er lle noch nich ſchtsmaf ſie ſelbſ r Juſti eigen,! e ſie 9 Ayte, 6 vas nit ns auc z b yfet tes 6 zu mo E Graf Vocarmt und seine Gattin. 257 an ſich gehabt, will die Gräfin einige dem Kutſcher ſchen⸗ ken, der Graf hindert es, man müſſe dergleichen ſorg⸗ fältig aufbewahren. Eine Obligation von 15,000 Francs, welche man in Guſtav's Brieftaſche gefunden, möchte man auf der Stelle gegen eine andere, welche der No⸗ tar Cherquefoſſe von dem Grafen beſitzt, austauſchen (mit Bezug auf ein anderes rückgängig gewordenes Kauf⸗ geſchäft über das Fougnies'ſche Haus in Peruwelz, das aufzuführen hier zu weit führen würde), und die Gräfin ſendete den Hüter Wilbaut mit den famoſen Worten u den Damen de Dudzeele:„Sagt den beiden Men⸗ ſchern, daß Monſieur Guſtav an ſtarken Kopfſchmerzen gelitten hat und an der Apoplexie geſtorben iſt.——— „Ueber allen Zweifel ſteht feſt, daß der Tod ein ge⸗ waltſamer geweſen.— Die Wiſſenſchaft erkennt ihn da⸗ für an, die Thatſachen conſtatiren es, beide Angeſchul⸗ digte ſind damit einverſtanden.“ „Drei Möglichkeiten: Selbſtmord— Mord durch Zufall— Verbrechen.“ „Der Angeklagte wollte anfänglich den erſtern vor⸗ ſchützen; er ging bald davon ab, es war zu abſurd. Die öffentliche Anklage ruft: Hier iſt Verbrechen und nur Verbrechen, und Sie, Graf von Bocarmé, ſind einer der Urheber.“ „Heiratheten Sie nicht Lydie Fougnies mit der Aus⸗ ſicht auf Guſtav's Vermögen? Haßten Sie nicht Ihren Schwager?— Drohte Ihnen nicht dieſes Vermögen zu entſchlüpfen? Sind Sie nicht ein Menſch, den Alle, die ihn kennen, verabſcheuen, fähig zu Allem?— Ha⸗ ben Sie nicht das Gift zu dieſem Zwecke präparirt?“ „——— Die eigene Frau ſchuldigt ihn an, er ſelbſt ſchuldigt ſich an durch die ewigen Wendungen, Rückzüge, Lügen.— Eine Weinflaſche will er außer an⸗ 258 Graf Bocarmt und seine Gattin. dern, mit Nicotine gefüllt, beſeſſen haben, während Al⸗ les, was er an Gift gewonnen, kaum ein Viertel der dazu nöthigen Quantität beträgt.“ „— Iſt ein zufälliger Selbſtmord, wie der Ange⸗ klagte ihn vorſchützt, denkbar! Guſtav Fougnies, der überall Vergiftung aus Bitremont fürchtete, der kein Eſſen, von daher geſandt, annahm, der ſeine Weinflaſche mit ſich führte, um nicht in Verſuchung zu kommen, von dem zu trinken, was ſein Schwager ihm vorſetzte, Gu⸗ ſtav, der die Mäßigkeit ſelbſt war, ſollte ein plötzlich, außer der Zeit ihm eingegoſſenes Glas Wein, ohne es zu prüfen, einen Wein von fremder Farbe, betäubendem Duft, bitterm Geſchmack, in einem Zug herunterge⸗ ſtürzt haben, und— an dieſem Orte!“ Der Staatsanwalt ward auch in dieſer 14. Sitzung mit ſeinem Vortrage nicht fertig. Wir haben nur das Wichtigſte daraus aphoriſtiſch zuſammengeſtellt; aber ſein Vortrag ſchien uns eben des Zuſammenhanges we⸗ gen, den er den Ermittelungen gibt, zur Erleichterung der Anſchauung von Wichtigkeit. In der 15. Sitzung (2. Juni) begab er ſich noch einmal auf das Feld des negativen Beweiſes und ſetzte calculatoriſch auseinan⸗ der, wie es dem Grafen mit dem Taback, den er be⸗ ſeſſen, der Maſchine, die er angeſchafft, der Zeit und Arbeitskraft, über die er zu disponiren gehabt, abſolut unmöglich geweſen, auch nur ſich eine annähernde Quan⸗ tität Nicotine zu erzeugen, um eine Weinflaſche damit zu füllen.— Die Gräfin ſollte in den Keller gegan⸗ gen ſein, Wein zu holen, ſich vergriffen und eine Fla⸗ ſche Gift heraufgebracht haben.— Bedarf es noch der Gegenbeweiſe bei ſolcher Abſurdität. Das Syſtem des Ang todt gen rend A ertel du er Ange ſies, du der kein einſlaſch nen, von te, Gu plötzich ohne e ubenden unterge⸗ Situnh ur das obet e we⸗ hterunh Sitzun ild de teinan er be eit und obſolut Quan⸗ damit gegan⸗ Flr h de em det Graf Bocarmt und seine Gattin. 259 Angeklagten zerſtört ſich in ſich ſelbſt. Hätte Guſtav in Glas Nicotine getrunken, ſo hätte er auf der Stelle todt niederſtürzen müſſen und ein Kampf, eine Art Rin⸗ zen, wie Bocarmé angibt, war unmöglich. Die Nico⸗ tine verbrennt die Glieder, ſie verlieren ihre Kraft, der Menſch ſtürzt augenblicklich zu Boden. Kann man mit cäner Leiche ringen? „Aber ein Kampf hat ſtattgefunden. Siehe die Ver⸗ wundungen des Grafen. Er ſucht ſich gegen Emerance, die ſie zuerſt bemerkt, herauszulügen, die Wunde wäre vor dem Begegniß entſtanden.„Aber, Herr Grafo, ſagt das Kammermädchen, eſind dieſe Wunden nicht von einer der Krücken des Herrn Guſtav??— Raſch greift er dies auf und ſagt, ja die Krücke hat mich verwundet. zum Inſtructionsrichter ſagt er ſpäter, er habe ſich durch den Fall mit Guſtav verwundet. Noch ſpäter: er hätte ich an eine Verkleidung der Thür geſtoßen. Aber durch dieſe genannte Thür iſt er erſt lange nachher gegangen, nachdem er das erſte Geſpräch mit Emerance gepflogen.“ „Die Wunden des Grafen rührten von einem ſchnei⸗ denden Inſtrument her, wie die Sachverſtändigen ſich nusgelaſſen. Neben der Leiche lag Guſtav's Meſſer, es war ein ſchneidend ſcharfes; zwar zugemacht und ohne Blutflecken, aber mit derſelben Sorgfalt, wie der Mör⸗ der die Leiche an einen andern Fleck gezerrt und die Effecten des Todten mit dahin geworfen, kann er auch das Meſſer vorher abgewiſcht und wieder zugemacht ha⸗ ven.“(Sollte aber der plötzlich und hinterrücks über⸗ fallene Guſtav Zeit gefunden haben, ein Taſchenmeſſer aus der Taſche zu ziehen, es aufzuſchnappen und ſich dann erſt damit zu vertheidigen ²) „Deutlicher als die klaffende Wunde an der Stirn ſpricht der doppelte Biß am Finger. Anfänglich räumte 260 Graf Bocarmt und seine Gattin. er auch ein, ſie möchte von einem Zahnbiß herrühren, nachher fragte er den Gerichtsarzt, ob ſie nicht auch durch die Klemmung zwiſchen Thür und Verkleidung entſtanden ſein könne. Zu einem Gefangenwärter fängt er gar von einem Hundebiß zu fabeln an.“ „Für den Kampf zeugt ferner der fürchterlich duf⸗ tende Zuſtand ſeiner Kleider, die er deshalb auszog, waſchen ließ und einen Hausrock anlegte, desgleichen der ſtark zerriſſene Aermel.“ „Es iſt ein heftiger Kampf geweſen, davon zeugt das Geräuſch, die Unordnung im Saale, das ganz zer⸗ riſſene Hemde des Opfers.“ „Guſtav ward am Boden umhergezerrt, er lag auf dem Rücken, mit dem Kopf nach der rechten Seite zu, dafür ſprechen alle Reibungen und die Aetzungen des Giftes. Erſt nachdem er im Ringen überwältigt war, ward ihm in liegender Stellung das Gift eingegoſſen.“ „Der Graf iſt unzweifelhaft der Hauptthäter bei dieſer gräßlichen Action. Was aber machte Lydie im Speiſeſaal, am 20. November, während man das Ge⸗ ſchrei gehört: Pardon, Hippolyte! dann verworrene und erſtickte Schreie, endlich ein Todesröcheln?“ „Sie iſt erſt hinausgegangen, als der Schrei bereits erſtickt ſchien.“ „Was that ſie denn, wenn ſie ihrem Manne nicht geholfen hat? Sie reicht zu Allem, was geſchieht, die Hand; er geht immer voran, ſie folgt ihm in den Vor⸗ bereitungen, in der That ſelbſt. Der Graf iſt immer der active Theilnehmer, ſie folgt zaudernd, aber zuſam⸗ men handeln ſie ſtets.“ „Was that ſie im Speiſeſaal im Augenblick des Verbrechens?“ „Sie will nur geblieben ſein, bis ſie Guſtav's Schrei herrühr icht a erkleidu irter fän rlich du ausze ögleicht von zeu ganz jr t lag a Seite ungen d tigt we gegoſen häter b rene un ei berit me ni ieht, den Vor f imm zuſah — l Graf Bocarmt und seine Gattin. 261 Sucré nom! unter dem Würgegriff ihres Mannes aus⸗ zeſtoßen, gehört hat. Aber Alles ſpricht dagegen.“ „Alles Andere bei Seite! Sie wußten, Lydie Fou⸗ gnies, daß Ihr Mann Guſtav zu Leibe wollte, Sie wußten, daß er geſagt hatte: Habe ich den Schuft erſt einmal, ſo werde ich es mit ihm abmachen.“— Sie wußten, daß er ihn vergiften wollte, daß er nur für Guſtav die Nicotine bereitete.“ „Zeugin dafür iſt mir Lydie Fougnies ſelbſt, ſie hat vieſe ihre Wiſſenſchaft vor dem Unterſuchungsrichter be⸗ kannt.“ „Nachher nur hat ſie die Zeitbeſtimmung etwas ver⸗ ſchoben.“ Nach ihrem eigenen Geſtändniß hielt ſie ihren Mann zu Allem fähig. Sein ganzer Charakter lag ohne Hülle vor ihr.— Einmal hatte ſie geſagt: Das Wort von ihm iſt mir noch im Sinn, daß er ſeine Bosheit nicht vis auf ſeine Kinder erſtrecken würde; aber ſpäter hatte ſie geſagt: Ich kenne meinen Mann als fähig zu Allem, ſelbſt fähig, ſeine Kinder zu vergiften. Später habe Bocarmé gerufen: Nein, ich habe doch nicht mehr Luſt, Gift zu machen. Ich werde auch nicht mehr Liqueure bereiten.» „Lydie Fougnies, nach alle dem mußten Sie beſtimmt wiſſen, daß an dieſem Tage das Verbrechen ausgeführt werden ſollte.“ „Siehe da eine Frau, die weiß, daß ihr Bruder nur noch einige Stunden zu leben hat, ſie ſieht ihn an⸗ kommen, ſpricht mit ihm— und dieſe Frau frühſtückt friedlich mit ihm, ohne ihm ein Wort zu ſagen— kei⸗ nen Laut!“ „Sie ſieht ihn oft während des Tages, allein, ſie weiß, daß er zu Mittag bleibt, daß er vielleicht Abends 262 Graf Bocarmt und seine Gattin. — und ſchweigt! Fehlt dieſer Frau jedes Gefühl, das Herz?— Oder verräth ihr Betragen die fluchwürdigſte Grauſamkeit?— Nein, es gibt kein Wort, uns ein ſo niederträchtiges Benehmen zu bezeichnen.“ „Noch einmal, Nachmittags um 4 Uhr, geht ihr Mann hinaus, dann noch einmal, um Anſpannen zu beſtellen— auch jetzt vollkommenes Stillſchweigen!— Was war es denn ſo Schwieriges! Konnte ſie ihm nicht ſagen: Geh doch ein wenig hinaus, athme friſche Luft ein, komm in die Küche, ich habe dir noch etwas zu ſagen. Fand ſich denn kein Ausdruck, ohne daß ſie ihren Mann zu compromittiren brauchte? Der kleinſte Wink hätte den ſchon Mistrauiſchen gerettet?— Nein, Lydie ſpricht das Wort nicht aus— auch ſie will das Ver⸗ mögen ihres Bruders.“ „Was antwortete ſie darauf dem Richter in Tour⸗ nay?— Sie hätte nicht daran gedacht!! An was hatte ſie denn gedacht?— Als die Leiche vor Ihnen auf der Erde lag, Lydie, da haben Sie wohl daran gedacht, ſein Taſchenbuch aufzumachen, um zu ſehen, was es enthalte! — Sie haben da an Alles, auch das Geringfügigſte gedacht, um die Verdachtsgründe zu beſeitigen. Sie ha⸗ ben auch an Ihren Groll gegen edie beiden Menſcher gedacht.“ „So ſteht moraliſch ihre Mitſchuld! Wie denn in legalem Sinn?“ Wir übergehen dieſe Ausführung, wo die Details in dem Obigen zur Genüge gegeben ſind. Es ſind die von der Gräfin angeſtifteten Vorſichtsmaßregeln, das Perſonal des Hausſtandes ſo weit möglich vom Schloß und Speiſeſaal entfernt zu halten, die hier mit Lebhaf⸗ tigkeit an einander gereiht werden. Namentlich wird der Moment hervorgehoben, daß Lydie es geweſen, welche ühl, de würdigj n ein ſ geht ih annen zl eigen!— ihm nicht ſche Luf etwas z ſie ihren in, Ldie das Ver⸗ i Tou⸗ vas hatte auf der ht, ſein enthalte! Sie he⸗ enſcher denn in Graf Vocarme und seine Gattin. 263 das Licht entfernt— das Licht, welches ſchon allein Guſtav erretten können. Sie ſelbſt brauchte doch Licht, um das Fideicommiß zu leſen, von dem wir hier gele⸗ gentlich erfahren, daß die Summe, auf welche das Ehe⸗ paar wirklich rechnete, in Wien zu erheben war. „Sie iſt im Saal geblieben, bis das Opfer ſeinen letzten Seufzer ausgehaucht— die Zeugen beſagen es. Sie ſchließt nachher die Thüre, die ſonſt offen ſtand, ſie ſtellt ſich als Schildwacht auf, damit Niemand das Verbrechen hindere, entdecke.“ „Sie weiß, daß ein Verbrechen verübt wird; ſie weiß, daß das Verbrechen Geld zum Gegenſtande hat. Sie hat ſich nach dem Dienerſtand begeben, um Wache zu ſtehen und zugleich um aus erſter Hand zu erfahren, daß die That vollbracht iſt. Lydie hat im Verhör ge⸗ ſtanden, daß ſie die Thür vom Dienerſtand nach dem Hausflur zugemacht, daß ſie in die Küche getreten, und von da wieder in den Dienerſtand, wo ſie Guſtav's letz⸗ tes Röcheln hören können.“ „In die Küche iſt ſie aber nicht getreten, ſie blieb im Dienerſtand, ſich ſo ſtellend, daß ſie von den Do⸗ meſtiken nicht geſehen ward, falls ihre Gegenwart nicht nöthig wäre, zugleich aber, daß ſie vortreten konnte, um jede Communication zwiſchen der Küche und dem Speiſe⸗ ſaal zu verhindern, während ihr Mann bei dem Ge⸗ ſchäfte war. Da blieb ſie, bis Alles vorbei war. Sie ſteht auf der Lauer, und wird erſt handelnd, als ſie ihren Mann die Thür öffnen hört.— Das iſt der zer⸗ ſchmetternde Beweis ihrer Nitgenoſſenſchaft am Verbre⸗ chen im geſetzlichen Sinne.“ „Eine Räuberbande bricht nächtlich in ein Haus. Einer raubt nicht mit, knebelt nicht mit, aber er ſchließt die Fenſterladen, damit man draußen den Lärm nicht 264 Graf Bocarmt und seine Gattin. hört, er ſteht auch vor der Thür Schildwacht, damit den Beraubten keine Hülfe gebracht werde. Iſt dieſer Mann kein Complice der Räuber? Er iſt es, ſagt das Geſetz. Sie, Lydie Fougnies, wenn Sie das Gift auch nicht ſelbſt eingeflößt haben, ſo haben Sie doch das Verbrechen erleichtert, Sie haben verhindert, daß man Ihrem unglücklichen Bruder zu Hülfe ſpringe!“ Die Vertheidigung zerfiel natürlich in zwei Theile, in einen Kampf der beiden Angeklagten gegen einander. Die ſchwierigſte Aufgabe hatte der Anwalt des an⸗ geklagten Grafen. Wir dürfen nur die Hauptzüge aus der Rede de Paepe's andeuten. Er hielt den Grafen gewiſſermaßen für unzurechnungs⸗ fähig.„Sie ſind in einem ſchweren Irrthum, wenn Sie ihn vom Geſichtspunkte der europäiſchen Civiliſa⸗ tion aus beurtheilen wollen. Er iſt ein Naturmenſch, ein Wilder, der mit ſeinen Inſtincten kämpft, ohne Er— ziehung, bei dem der moraliſche Sinn nicht entwickelt iſt. Sie muͤſſen ihn nehmen, wie er iſt, ſeine Tugen⸗ den und ſeine Fehlerz ein Wilder, der die Klugheit bis zur Liſt treibt, den Geiſt der Unabhängigkeit bis zum Vergeſſen ſeiner Pflichten, ſelbſt zum Cannibalismus. Mit einem Wort, Bocarmé iſt ein Europäer, gepfropft auf die Einwohner der Urwälder, der Kopf des Wilden ſtiert noch immer verrätheriſch heraus.“ Hinſichts der Ausführung verweiſen wir auf den Anhang, die Charakteriſtik, welche ſeine eigene Mutter, Gräfin Ida von Bocarmé, über ihren Sohn, im In⸗ tereſſe der Vertheidigung publiciren ließ. Können Sie ein Verbrechen, ruft der Vertheidiger im Verlaufe ſeiner Rede aus, begreifen, verſtehen, wel⸗ Graf Bocarmt und seine Gattin. 265 ches mit ſolcher Stupidität beſchloſſen und ausgeführt dam t wird! In einem Schloſſe, ſo und ſo, im Kreiſe ſo vie⸗ ** ler lauſchender Zeugen, wo im Stalle, in der Küche, j u im Waſchhauſe ſo viele Menſchen ſind, da ein ſolches ih t brutales Verbrechen begehen! Wenn Botarme den Ge⸗ n danken gefaßt, ſeinen Schwager zu vergiften, würde er 6i s vernünftiger Weiſe mit dem Gift gethan haben, wel⸗ ches er ſeit einem halben Jahr faſt vor aller Augen ſorgfältig präparirte? Warum kaufte er ſich nicht auf gil ſeinen vielen Reiſen in Gent, Brüſſel, Paris einige — Tropfen Gift, die zu dem Zwecke vollkommen ausge⸗ inde reicht hätten? Der Gipfel der Betiſe aber wäre, den des 1 Guſtav damit zu vergiften, den er mit ſeiner Giftprä⸗ zige als paration ſo lange geſchreckt hatte, daß derſelbe in kindi⸗ ſcher Furcht nichts aus Bocarme's Hand annahm, nichts chnung an ſeinem Tiſche genießen wollte. n, weln Zugegeben aber das unbegreifliche Verbrechen, ge⸗ Gvilſe gen das die Vernunft ſich ſträubt, wenn Mann und menſch Frau zu ſolchem verbrecheriſchen Wahnſinn, wie die hne Er Anklage behauptet, ſich verbinden können, dann ſchickt ntwickel ſie nicht aufs Schaffot, ſondern ſperrt ſie in ein Lugen Irrenhaus. gheit bi Der Vertheidiger gibt ſich alsdann die ſchwere Mühe,— bis zun alle Indicien, die auf ein präparirtes Verbrechen deuten alismus zu ſchwächen und beſeitigen. Was bedeutet der Ankauf pfwyft der Gifte und Inſtrumente, als eine Leidenſchaft, eine Viben Manie des Grafen. Er hatte ſich auf die Chemie mit wildem Ungeſtüm geworfen, wie Andere auf Anderes. auf den Er ſah, hörte nichts darüber. Mutter, Die Anklage der Gräfin zerfalle in ſich ſelbſt im In⸗ Wäre Alles wahr, dann ſei ſie die Hauptſchuldige. Wenn ihr Mann ihren Bruder ermordet, hätte ſie alle Thüren theidign aufreißen und um Hülfe rufen müſſen, oder ſie wäre „ pl XIX. 12 en, m 266 Graf Bocarmt und seine Gattin. kein Weib. Zur Ehre des menſchlichen Herzens, zur Ehre des weiblichen Geſchlechtes, müſſe Jeder bei ſich ſagen, das, was die Gräfin von ſich eingeſteht, iſt un⸗ glaublich, ja unmöglich. Dieſe Frau lügt jedesmal, wo ſie eine entdeckte Lüge repariren will.— Hat ſie ein anderes Intereſſe gehabt, ich frage Jeden, der einen ge⸗ ſunden Sinn ſich bewahrt hat, als das, den Vater ihrer Kinder zu verderben! Faſt jedes Mal läßt ſie in ihre Verhöre die Lüge hinein gleiten durch eine der tauſend Bedenken, Rückſichten und Hinterthüren, aus denen die abſolute Argliſt verrätheriſch vorblickt. Wenn man ſie hört, den ſanften, naiven Ton ihrer Sprache, ſollte man glauben, daß ſie nichts will und denkt, als der Wahrheit die Ehre geben. Sie wirft mit einer gewiſſen Hingebung ihre Geſtändniſſe von ſich. Ich will, ſagt ſie, nichts, nichts als die Wahrheit und im ſelben Augen⸗ blick wird ſie auf ſündhafter Lüge ergriffen. Aber die Anklage vertheidigt ſie auch wieder. Der Defenſor ſtellt die Möglichkeit eines Zufalls hin, daß ſie wirklich ihrem Bruder Gift eingegoſſen, im Glauben, es ſei Wein. Weil es unwahrſcheinlich, iſt es darum auch undenkbar? Undenkbar iſt, daß Lydie von dem Verbrechen Kenntniß gehabt, ohhe es verhindern zu wol⸗ len. Wie wäre es möglich, daß ſie ſonſt nach der That die zärtlichen Worte an ihren Mann gerichtet: Mon pauvre Ninoche! Statt den Meuchelmörder mit Ent⸗ ſetzen von ſich zu ſtoßen, hat ſie ein Mitleid und Zärt⸗ lichkeit gegen Den, der auch ſie als Barbar behandelt? — Nein, wenn hier wirklich ein Verbrechen vorliegt, ſo ſtellen alle erwieſenen Thatſachen ſie als ein verab⸗ ſcheuungswürdiges Ungeheuer dar, als die wahrhaftige Mitſchuldige. Aber der Vertheidiger blieb beim Zufall ſtehen. Weil tauſend denen die man ſie alt he, ſolle n will, ſgt er. Der Glauben, es darum von dem 3 zu wol d der Tha tet: Mon rmi it Ent⸗ und) Zart⸗ tchordelt vorl liegt. ein huft ige 5 hen⸗ Graf Borarmt und seine Gattin. 267 ſie mit ſolchem Eifer die Schuld von ſich abweiſt, wird es wahrſcheinlich, daß ſie eine wirkliche Verſchuldung — Der Ruf, den die Dienerin zuerſt gehört haben will:„Ach, ach, Hippolyte, zu Hülfe! Schnell, ſchnell!“ habe etwas Wahrſcheinliches für ſich. So ſchreit kein Schlachtopfer, wenn es ſeine Henker, ſeine Meuchel⸗ mörder vor ſich ſieht. Erſt in einem der letzten Ver⸗ höre ſei das Wort: Pardon, Hippolyte! in die Acten gekommen, und habe dann ſeinen Umlauf durch alle Zeugenausſagen und Zeitungen gemacht. Der Vertheidiger ſucht auszurechnen, daß es doch möglich geweſen, daß Bocarmé aus dem von ihm ver⸗ arbeiteten Taback ſo viel Nicotine gezogen, als er an⸗ gibt, nämlich um damit eine ganze Weinflaſche zu füllen. Ein Irrthum, ein Vergreifen, ſei das ſo unmöglich, wo es im Leben ſo oft vorkommt. Ein Dienſtmädchen hatte ſich geſtändlich im Keller in den Flaſchen vergriffen, und die Gräfin holte ſelbſt den Wein in der Regel daher. Wie mancher Durſtige hat aus der Flaſche in raſchem Zuge ein Fliegengift, einen ätzenden Spiritus getrunken, ändem er nach der Bier⸗ oder Waſſerflaſche griff, und es erſt gemerkt, nachdem es verſchlungen war. Könne Guſtav nicht durſtig geweſen ſein! Er hatte auf ſeinem Tilbury an dem regnigen Tage gefroren. Und warum hätte er gerade in dem Augenblick mistrauiſch ſein ſollen, wo er ſich durch die ihm ertheilte Procura, durch den gemeinſchaftlichen Rath über das Fideicommiß mit Schwe⸗ ſter und Schwager für ausgeſöhnt hielt? Bei Tiſch hatte er ja ſchon Champagner getrunken. Der Vertheidiger ſucht darauf alle die Gründe zu entkräften, welche für eine gewaltſame Todesart, für einen vorangegangenen Kampf ſprechen. Würde z. B. Bocarmè, nachdem er den Mord vollbracht, das Meſſer 12* . —— —— —— 268 Graf Bocarmt und seine Gattin. des Ermordeten ſorgſam von Blut gereinigt, zugemacht und es dann doch neben die Leiche gelegt haben!„Bei Denen, die anſchuldigen, iſt immer die vorgefaßte Mei⸗ nung, daß ein Verbrechen da ſei; aus den geringfügig⸗ ſten Umſtänden entnimmt man Verdachtsgründe und ſtempelt ſie zu Beweiſen.“ „Die Grafenkrone“, redete er die Angeklagte an,„nach der Sie ſo leidenſchaftlich geſtrebt, heut ſtoßen Sie die⸗ ſelbe mit Verachtung von ſich. Hoffen Sie wieder die Lydie Fougnies zu werden, das junge Mädchen voll poetiſcher Illuſionen, hoffen Sie wieder auf das Glück Ihrer Jugendjahre! Ach, auf dies Glück haben Sie entſagt an dem Tage, wo, um ſelbſt nicht angeklagt zu werden, Sie Ihren Gatten angeklagt haben, ver⸗ geſſend, daß, wenn, dank Ihnen, er auf das Schaffot ſteigt, Sie mitſteigen werden.“ Der Eindruck dieſer Phraſe war groß auf die Ver⸗ ſammlung. Wir wiſſen nicht, ob es auch die Captatio auf die Geſchworenen geweſen, welche der Vertheidiger in dem Augenblick ſehr unpaſſend an Chriſtus, Judas und ſeine Richter erinnerte.„Erinnern Sie ſich des Judaskuſſes, der ihn verrieth, aber auch, daß er geſtor⸗ ben iſt, ſeinen Feinden vergebend. Auch er war ange⸗ klagt und unſchuldig!“ Graf Bocarme ſchüttelte ſeines Vertheidigers Hand. „Meine Herren Geſchworenen“, rief er,„ich ſchwöre vor Gott, daß ich unſchuldig bin. Ich danke meinem Vertheidiger, mit ſo viel Wärme und Hin⸗ gebung es ergriffen zu haben.“ Der Vertheidiger der Gräfin donnerte zuvörderſt ge⸗ gen die ſchlechte Preſſe, welche es ſich zum Geſchäft ge⸗ macht, auf eine unglückliche Frau alle ihre giftigen Pfeile loszuſchießen, eine Frau, die innerhalb ihrer Kerker⸗ gemach ftr Mei⸗ ingfügig nde und un,„ach Sie di⸗ icdet di chen vol 6i. angekloh ben, vel⸗ Schafbt Cuptatir rtheidiger Jldas ſch de er giſtot war ange Graf Bocarmt und seine Gattin. 269 mauern ſich nicht vertheidigen, die Anſchuldigungen nicht hören könne, und die jetzt ſchon, ehe ſie vernommen wor⸗ den, von dem Publicum gerichtet ſei.— Dann begann er ſeltſam ſeine Vertheidigung mit der Verſicherung, daß jugendliche Ergüſſe ihres Herzens, welche ſie im 18. Jahre ſchon geſchrieben, zwar von lebhafter Phantaſie ſprächen, aber durchaus nicht unmoraliſch wären, daß ihre Biblio⸗ thek nichts Unmoraliſches enthalte, und Niemand gegen ihre perſönliche Sittlichkeit etwas vorbringen könne. Sie war eine unglückliche Gattin. Die Brutalität des Grafen gegen ſie leuchtet aus dem Proceß hervor. Aber ſie war Duldung und Vergebung. Nach dem Schrecklichſten konnte ſie nur dem Erbarmen und Mit⸗ gefühl Laute geben. Indem ſie den Meuchelmörder ihres Bruders mon pauvre Ninoche nannte, ſah ſie in ihm nur den ſterbenden Gatten. Sie ſoll ihrem Bruder das Gift in den Mund ge⸗ goſſen haben, ſagt die Anklage, weil— es kaum denk⸗ bar, daß das Mordgeſchäft von Einem allein vollbracht worden!— Das iſt der einzige Beweis dafür. Aber Gu⸗ ſtav war ein Krüppel, ſchwach,— Hippolyte Bocarme, Sie ſehen ihn vor ſich ſtehen, Sie kennen ihn.— An ſeinem Körper von oben bis unten ſind Spuren eines blutigen Kampfes, an ihrem nichts davon. Aber Gu⸗ ſtav's Schrei: Pardon, Hippolyte!„das iſt die Enthül⸗ lung der Vorſehung, der Blitz, der die Nacht durchzückt, die Sonne, welche die Wahrheit glänzen läßt!“ Ly⸗ die kann nicht zugegen geweſen ſein, denn wäre ſie es, ſo hätte Guſtav gerufen: Zu Hülfe, Ly⸗ die! Er ſah ſie nicht, darum rief er ihren Namen nicht. Als Cäſar Brutus unter ſeinen Mördern er⸗ blickte, rief er: Auch du, Brutus! Geſetzt, die Gräfin habe nitig gewu ihr 270 Graf Bocarmt und seine Gattin. Mann ihren Bruder vergiften wollte, und ſie habe ihn nicht gewarnt, ſo mag das noch ſo ſtrafbar ſein vor dem Moralgeſetz, vor dem Criminalgeſetz iſt es nicht ſtrafbar. Wenn man Jemanden nicht davon unterrichtet, daß ein Verbrechen gegen ihn verübt werden ſoll, ſo involvirt das noch keine Mitſchuld im Auge des Geſetzes. Ja, ſogar das Anreizen zu einem Verbrechen, wenn die Anreizung nicht verbunden iſt mit Drohungen oder Ver⸗ ſprechungen, wird vom Geſetz nicht geſtraft. Das Wiſſen und Nichtwarnen wäre in dieſem Falle eine Sünde und Fehler, aber die menſchliche Gerechtigkeit hätte es auch ſchon hoch genug geſtraft durch eine jetzt achtmonat⸗ liche Einſperrung und die Trennung einer Mutter von ihren Kindern. Aber ſie hat es nicht, ſie hat wenigſtens nichts Be⸗ ſtimmtes von dem Vorhaben ihres Mannes gewußt. Sie kannte ſeine hohle Prahlerei: wenn ich ihn einmal in Händen habe, ſo werde ich es mit ihm ausmachen! Wenn alle Verwünſchungen ausgeführt würden!„Er⸗ innern Sie ſich jenes rothen Barbiers in Lyon, der laut gerufen: Ach, käme doch General Caſtellane zu mir, um ſich raſiren zu laſſen, ich wollte es mit ihm abthun. Der General hörte es, er kam zum Barbier, und be⸗ fahl ihm, ihn zu barbiren. Der Barbier warf ſich auf ſeine Knie und raſirte den General auf die zierlichſte Art von der Welt.“ Wer ſagt, daß die Gräfin an die vorgeſtoßenen Drohungen ihres Mannes glaubte?— Zudem hatten ſich die Dinge geändert, Guſtav kam anzukündigen, daß die Verheirathung nicht ſtattfinde, das Verbrechen ward nun unnöthig, warum fürchten? In dieſem Sinne ſucht er die Handlungen und Worte der S und nach der That in ſchuld⸗ habe ihn vor den ſtrafbar. „daß ein involvit venn die der Ver inde und es auch htmonat⸗ tter von ichts Be⸗ gewußt neinmal achen Fr⸗ „Et⸗ der lau mir, un gbthun. und be ſih uf zirlihſ eſißenen n hatten da ien, daf ſen wart d Wor! Graf Vocarmt und seine Gattin. 271 loſem Lichte darzuſtellen. Vorhin gehorchte ſie, leicht⸗ ſinnig und ſchwach, ihrem Blaubart, von deſſen Macht und Willen, ſie zu züchtigen, Lydie Proben genug hatte, nachher handelte ſie als vorſorgliche Gattin und Mutter, der es erſte und heiligſte Pflicht ſchien, Alles zu thun, was den Gatten und Vater ihrer Kinder retten konnte. Nach einer pathetiſchen Anrede an den Geiſt des er⸗ mordeten Guſtav, ſeiner unſchuldig angeklagten Schwe⸗ ſter zu Hülfe zu kommen, wie ſeine Stimme, halb aus dem Grabe: Pardon, Hippolyte! ſchon am 20. Novem⸗ ber ihre Unſchuld ausgeſprochen, ſchloß der Vertheidiger mit der feſten Zuverſicht, daß die Richter ſie freiſprechen würden. In der 17. Sitzung ſuchte der Staatsanwalt die An⸗ führungen beider Angeklagten zu widerlegen und neben der Straffälligkeit des Gatten die der Gattin im voll⸗ ſten Maße aufrecht zu erhalten. Hierauf ſprach der aus der Ferne herbeigerufene Ad⸗ vocat Lachaud eine glänzend ſtiliſirte Vertheidigungsrede, deren Hauptmomente aber ſchon von dem vorigen Ver⸗ theidiger benutzt ſind. Erſtens, Hippolyte Viſart iſt ein halb Wilder, deſſen Zurechnungsfähigkeit anders be⸗ trachtet werden muß als die eines Mannes der Civili⸗ ſation, und zweitens, die Vergiftungsgeſchichte aus Zu⸗ fall hat viel Wahrſcheinliches für ſich, wogegen die Ver⸗ giftung aus Abſicht eine Abſurdität einſchließt, die durch keine Beweisſtücke zur Glaubwürdigkeit erhoben werden kann. Sie geht aus der ſchändlichen Fabel hervor, welche Lydie Fougnies, um ſich ſelbſt zu retten und ihren Mann zu verderben, erfunden hat, eine Fabel, die durch alle Ermittelungen im Proteß widerlegt wird. Die Rede 272 Graf Bocarmt und seine Gattin. ſuchte das Gefühl der Zuhörer und Geſchworenen zu be⸗ ſtechen. Wir erfahren gelegentlich, daß der Wahlſpruch der Familie Bocarmé iſt„Je protège le faible“. Im ſelben declamatoriſchen Tone trat nach jenem Schluß der Advocat Hermignies für die Gräfin auf. Er wies darauf hin, daß die öffentliche Anklage ihre Behauptung: daß Lydie das Gift ihrem Bruder in den Mund gegoſſen, wieder habe fallen laſſen. Auch habe ſie durch nichts Poſitives die Gegenwart derſelben im Saale während der Vergiftung dargethan, ſie habe kein Licht in das Dunkel gebracht, unter deſſen Mantel die Verbrecherthat verübt ward, im Gegentheil woge und ſchwanke die ganze Annahme in einem Meere von Unwahrſcheinlichkeiten. Lydie habe nicht geweint, wird ihr zum Vorwurfe gemacht. Als ob man im Augen⸗ blick der entſetzlichſten, herzerſchütternden Aufregung wei⸗ nen könne! Sie habe ſich verſtellt. Ja, vor ihren Do⸗ meſtiken, als denen, welche ihren Mann verderben kön⸗ nen.„Wenn ein böſer Geiſt hier gewaltet hat, ſind Sie es geweſen, Graf Viſart von Bocarmé. Sie ma⸗ chen auf mich den Eindruck eines jener myſteriöſen We⸗ ſen der Ballade, die, nachdem ſie ihre Seele verkauft, ſie auf Koſten Anderer wieder zu erkaufen ſuchen.“ Zum Schluß erhebt er ſie, wegen ihrer Sanftmuth, Duldung Aufopferung, die für den einzigen Fehler, den ſie be⸗ gangen, gern Gräfin ſein zu wollen, furchtbar genug gebüßt habe. Er hofft mit Zuverſicht auf ihre Freiſpre⸗ chung, damit ſie die große Aufgabe erfülle, welche die Vorſehung ihr aufbewahrt, in der Einſamkeit die Er⸗ ziehung ihrer Kinder zu übernehmen und aus dem Wap⸗ penſchilde ihres Sohnes Gonzales den Balken oder Pfahl auszulöſchen, den der Vater dort wie ein Zeichen des Baſtardthums aufgedrückt. täfin au klage ihr et in de luch hob ſelben in ſie hab n Mant Poore bo Aeelt vol int, wllo Graf Vocarmt und seine Gattin. 273 Die Anklage, die Vertheidigung hatten ihre letzten Worte geſprochen. — Angeklagter Bocarmé, haben Sie noch etwas zu Ihrer Vertheidigung hinzuzufügen? „Ich bin vollkommen unſchuldig. Ich bin ruhig. Mit dem größten Vertrauen erwarte ich Ihr Verdict.“ — Angeſchuldigte Lydie Fougnies, haben Sie etwas zu Ihrer Vertheidigung hinzuzufügen? Sie erhebt ſich, bringt aber kein Wort heraus. Die Geſchworenen beriethen nur eine Stunde. Doch war die Spannung im Auditorium eine faſt krampfhafte. Mit dem gegenwärtigen konnte man das Intereſſe zu Anfang des Proceſſes Gleichgültigkeit nennen. Der Saal war zum Erſticken gedrängt voll und Angſtrufe erſchall⸗ ten oft aus ſeiner Mitte. Um 10 ½ Uhr tönte die Glocke, die Geſchworenen traten ein, und mit tief bewegter Stimme ſprach der Obmann. Auf die Frage: Iſt Hippolyte de Bocarme ſchuldig, Guſtav Fougnies vergiftet zu haben? ein(einſtimmi⸗ zes) Ja. Auf die: Iſt Lydie Fougnies ſchuldig, am Verbre⸗ chen der Vergiftung Theil genommen zu haben? ein Nein(mit 10 gegen 2 Stimmen). Die hinſichts ihrer geſtellten Fragen waren eigentlich vier. Auch auf die letzte, welche die geringſte Schuld mvolvirte: Iſt ſie ſchuldig, ſich zur Mitgenoſſin des Ver⸗ brechens hergegeben zu haben, indem ſie mit Bewußt⸗ ein dem Urheber oder den Urhebern in denjenigen Handlungen geholfen oder beigeſtanden, welche die That vorbereitet, erleichtert, oder in denen, welche zu ihrer 12** — — ——— —— ⸗ n 274 Graf Bocarmt und seine Gattin. Vollbringung nöthig waren?— war das überzählige Nein der Geſchworenen erfolgt. Als dies Nein heraus war, ging ein Murmeln durch den Saal; es ſcheint ſchwer den Sinn deſſelben zu ent⸗ ziffern. Der Graf ward zuerſt hereingeführt. In allen Ver⸗ handlungen war er der Zweite geweſen. Dieſer Umſtand ſcheint ihn glauben zu machen, er ſei freigeſprochen. Seine Phyſiognomie belebt ſich, was unter den Zuſchauern Regungen des Mitleids erweckt. Man meint, der Mann ſei vielleicht zu Beſſerm geboren geweſen.(4) Der Gendarm führt ihn auf den Platz, wo ſonſt ſeine Frau ſaß, wo⸗ gegen ſich Lydie auf den ſetzen muß, den ihr Gatte bis da eingenommen. Auf ihrem Geſicht ſieht man auch keinen Zug von Aufregung und Bewegung. Dieſer Stoicismus von Seiten einer Frau, in einem Momente, wo ein einziges Wort über ihre Exiſtenz, das Schickſal ihres Mannes, die Zukunft und die Ehre ihrer Kinder entſcheidet, befremdet und erſchreckt faſt die Zuſchauer. Ihr Vertheidiger flüſtert ihr zu: Sie ſind freige⸗ ſprochen. Auch da bleibt ihre Phyſiognomie regungslos, ihre Miene hat etwas Verächtliches. Als das Urtheil der Geſchworenen verleſen ward wandte ſich Bocarmé zum erſten Mal zu ihr und warj einen ſtrahlenden Blick der Freude und Zufriedenheit auf ſie. Die Meinung für ihn ſteigt, man glaubt in dem Blicke einen Mann zu erkennen, der bereut; er denkt doch an ſeine Kinder. Aber auch jetzt bleibt Lydie Fou⸗ gnies ganz gefühllos. — Lydie Fougnies, Sie ſind freigeſprochen.— Die Gräfin ward darauf vom Gefängnißdirector fortgeführt. Das Murmeln, das ihr folgte, ſchien ein bedenkliches Zeichen. 1 N * — Graf Bocarmt und seine Gattin. iberzähli Der öffentliche Ankläger trägt auf Fällung des To⸗ desurtheils gegen den Grafen an. — Viſart de Bocarmé, haben Sie etwas gegen die n Anwendung der Todesſtrafe zu ſagen? „Nein“, ſagte er mit zitternder Stimme.„Ich bin vollkommen unſchuldig an Allem, deſſen man mich zeiht.“ Zum erſten Mal ſah man zwei ſchwere Thränen über ſeine Wangen rollen. Aber die Schwäche dauerte nur einen Augenblick, er beſprach ſich ſofort wie⸗ der mit ſeinem Advocaten. Nachdem der Gerichtshof das Todesurtheil über ihn ausgeſprochen, legte ſein Ver⸗ theidiger ſofort das Caſſationsgeſuch, bezüglich einiger begangenen Formfehler, ein. Bocarme's dringende Bitte, noch einmal, ehe ſeine Frau Gefängniß und Stadt verließ, eine Zuſammenkunft nallen Ve ſer Unſton igeſproche Zuſchauer der Men et Gendan n ſaß, w. r Guatte bi man ohl ng.* mit ihr zu haben, ward vom Gerichtshof entſchieden abgeſchlagen. Ob die Gräfin mit der Bitte einverſtan⸗ den, oder auch dagegen proteſtirt habe, wird uns nicht zuſchauer. geſagt. ſind frä uzungl Das Caſſationsgeſuch ward verworfen. Der Graf, berichten die Blätter, war, als ihm am 18. Juli 1851 tleſen uh die Verwerfung bekannt gemacht wurde, ſprachlos und r und w erſtarrt. Es iſt unmöglich, rief er einmal über das cenheit andere, eine tiefe Röthe ſtieg in ſein bleiches Geſicht.— ubt ine Nach einigem Schweigen ſprach er von Begnadigung. utj e Der Gefängnißdirector bat ihn, keiner Hoffnung Raum tydie do zu geben. Man legte ihm die Zwangsjacke an und ließ ihn mit drei Wächtern in ſeiner Zelle. Am Abend ver⸗ hen.— kündete ihm der Staatsprocurator officiell, daß ſein Gna⸗ ſortgefih dengeſuch abgelehnt und ſeine Hinrichtung auf den näch⸗ bedenkih ſten Morgen angeſetzt ſei. Dies hörte er mit Ruhe an. 276 Graf Bocarme und seine Gattin. „Ich bitte Sie nur um eine Gefälligkeit“, ſagte er: „ſehen Sie zu, daß das Meſſer recht ſcharf iſt. Ich habe geleſen, daß man bei einigen Hinrichtungen das Meſſer mehrmals niederfallen ließ, weil es ſchlecht ſchnitt. Der Gedanke macht mich ſchaudern.“ Dieſe Vorſtellung beſchäftigte ihn fortwährend. Der Staatsprocurator verſprach ihm, dafür zu ſor⸗ gen, aber er empfahl ihm, ſich vor Allem mit dem Heil ſeiner Seele zu beſchäftigen.„Das iſt Sache eines Prieſters“, antwortete der Graf. Von den herbeigeholten Geiſtlichen ſchien der Ver⸗ urtheilte ſich nur mit dem Erzbiſchof von Cincinnati (in partibus inf.), einem entfernten Verwandten der Bocarmes, in ein Geſpräch einlaſſen zu wollen. Aber auch dieſem weigerte er ſich hartnäckig zu beichten. Da⸗ gegen aß er zu Mittag mit vielem Appetit, und ließ ſich noch ein Pfund Kirſchen holen, das er ganz ver⸗ zehrte. Erſt Nachmittags wuchs ſeine innere Unruhe, er weinte und hörte jetzt auf die Ermahnungen des Biſchofs. Um 4 Uhr beichtete er. Den Inhalt der Beichte weiß man nicht. Als er den Gefangenarzt vorbeigehen ſah, lief er mit kläglicher Stimme an ſein Gitter und bat ihn, ja dafür zu ſorgen, daß das Meſſer recht ſcharf ſei. Er fragte ihn auch, ob es wol möglich, daß der Körper noch Empfindung habe, nachdem der Kopf gefallen? Als der Arzt ihn beruhigte, war ſeine Furcht vorüber. Die dämoniſch naive Natur ſchien jetzt in ihm wieder zu erwachen. Von Zeit zu Zeit ſetzte er ſich einem der Wächter, den er lieb gewonnen, auf den Schoos und ließ ſich von ihm ſchaukeln; dann fuhr er plötzlich am Abend auf:„Ich gebe Jedem von Euch 100,000 Francs, wenn Ihr mich entfliehen laßt.“ agte er: ch habe Neſſer ſchritt. rſtellung zu ſor⸗ em Heil e eines er Ver⸗ incinnati dten det en. Di⸗ und liß weinte fs. Um iß man bet ihr, ſi. Er ön gyln vorlber nwieder Graf Bocarmt und seine Gattin. 277 Dann war er wieder ruhig und unterhielt ſich mit ſeinem Beichtvater. In der Nacht ward auf dem Marktplatze von Mons das Schaffot aufgerichtet. Ein gebückter Greis, mit weißen Haaren, der Scharfrichter, leitete die Arbeit. Unter Fackelſchein ward gegen 1 Uhr das Gerüſt fertig. Sorgfältig ward jetzt an der Schärfe des Fallbeils ge⸗ ſchmiedet, ſie probirt. Als der Morgen graute, hatten alle Anwohner des Platzes ihre Fenſterläden geſchloſſen, dagegen war der ſreie Platz gedrängt voller Bauern und Bäuerinnen, unter denen aber ein tiefes Schweigen herrſchte. Der Erzbiſchof von Cincinnati hatte während der Nacht im Gefängniß drei Meſſen geleſen; bei der zwei⸗ ten, welcher alle Gefangenen beiwohnten, erklärte Bo⸗ rarmé ſich endlich bereit zu communiciren. Als um 6 Uhr Morgens der Scharfrichter im Ge⸗ ſängniß erſchien, um den Anzug des Verurtheilten zu ordnen, fragte dieſer ihn mit der Kaltblütigkeit, die ihn ſeit Mitternacht nicht verlaſſen, und lächelnd: Sie alſo wollen mich hinrichten? Auf die Bejahung rief er: Ah! Es war ſein letztes Wort und der letzte Laut. Sechszehn Gendarmen begleiteten den bedeckten Zel⸗ enwagen, in welchem Bocarmt mit dem Erzbiſchof und vem Dechanten von Sainte⸗Waudru, beide im Ornat, nach dem Richtplatz fuhr. Beim Erblicken des Verbre⸗ chers wogte ein dumpfes Brauſen über die Volksmenge. Hippolyte Bocarme ſtieg ſichern Schrittes, den Kopf er⸗ hoben, aus dem Wagen; ſein Geſicht war blaß, aber ruhig. Die Hände waren ihm auf den Rücken gebun⸗ den. Nachdem er an ein Eſſigfläſchchen gerochen, die Prieſter umarmt, das Crucifir geküßt, beſtieg er das Berüſt und ſtellte ſich ſelbſt dahin, wo die Scharfrichter — —— ——— —— —— 278 Graf Bocarmt und seine Gattin. ihn mit Riemen befeſtigten. Während der fünf Minu— ten, welche dieſe Operation erfoderte, wandte er mehr⸗ mals den Kopf um, und betrachtete die Menge, wie früher das Publicum im Gerichtsſaal. Zu einem der Gehülfen rief er:„Nicht ſo ſchnell, ich habe ja noch eine halbe Stunde für Sie übrig.“ Dann:„Richt ſo feſt, das iſt ja unnöthig.“ Während er mit einer Art Staunen und Neugier zugleich das Meſſer betrachtete, ſenkte ſich das Bret und er legte ſelbſt den Kopf auf den Block. Ein Wink, ein Fall und Alles war vor⸗ über. Schon nach fünf Minuten rollte der Wagen mit dem Sarg davon, der die Leiche des Verbrechers umſchloß. Weiteres über ſeine letzten Augenblicke iſt der Oeffent lichkeit nicht übergeben worden. Die Zeitungen, welche während und vor dem Proceſſe ſich mit Rachrichten und Vermuthungen über die Verbrecher füllten, wurden plötz⸗ lich nach dem gefällten Urtheile über ſie ſtill, als wäre es ein ſchweigendes Uebereinkommen, die Erinnerung der Vergeſſenheit zu übergeben, nachdem die Furcht, daß der Einfluß der ariſtokratiſchen Familien eine Art Be⸗ gnadigung in der Form einer Wahnſinnigkeitserklä⸗ rung erwirken werde, beſeitigt war. Von der Grä⸗ fin Bocarmé iſt freilich oft geſprochen worden. Das Urtheil der Juſtiz war nicht das des Publicums. Wir laſen, daß, wo ſie erſchien und ihre Anweſenheit ruch— bar wurde, in Tournay, Paris u. a. O., die Volksſtimme in Geheul und Verwünſchungen gegen ſie laut wurde. Sie floh von Ort zu Ort, bis eine andere Nachricht überraſchte, die anfangs für einen Zeitungswitz erklärt ward, bis ſie mit immer mehr Beſtimmtheit heraustrat: daß ein reicher Engländer, Lydie Fougnie's, verwitwete Gräfin von Bocarmé, zur Erbin ſeines großen Vermö⸗ gens eingeſetzt habe. Die Zeugen, an ihrer Spitze der Graf Bocarmt und seine Gattin. 279 fif Mu Unterſuchungsrichter, welche ihr ein ſo günſtiges Zeug⸗ te er me niß ausgeſtellt, welche das Urtheil der Geſchworenen be⸗ Renge, ſtimmt, welche ſelbſt den urſprünglichen Klageantrag mo⸗ meinem i dificirt haben, ſind doch auch ein Theil der vox populi. be jt m Wer den Proceßverhandlungen, ſoweit die allerdings „NRicht unvollſtändigen, zuweilen undeutlichen Organe der Oeffent⸗ it einer lichkeit ſie uns mittheilen, genau durchgeleſen, wird in betracht der vielleicht vorgefaßten Meinung, daß ſie ſchuldig, ebenſo Kopf e ſchwankend werden, als er unzweifelhaft ſie nicht für s war vl unſchuldig erklärt. Es bleibt ein großes Räthſel unge⸗ Wegen löſt, und wo der eigentliche Schlüſſel dazu verloren iſt, runſch miüſſen wir uns mit den Blicken genügen laſſen, welche der Heffn zum Theil von Mitintereſſirten über die Perſönlichkeit gen, mi der beiden Betheiligten von ſeitwärts her uns gewährt hrichtenu ſind. Hippolyte, Lydie und Guſtav, die handelnden rurden l Perſonen der ſchrecklichen Tragödie, ſind bedeutend ge⸗ 1als wi nug, daß wir ihrer Charakteriſtik einen Raum gön⸗ nen dürfen. nnerung5 urcht, d Während des Unterſuchungsverfahrens erſchien in ne At 8 einem franzöſiſchen Journal folgende Biographie des rigktzut Grafen Bocarmé, von der Mutter, Gräfin Ida Bocarme, det Gr geſchrieben oder redigirt. Den Zweck gibt ſie ſelbſt an. rden.„Die Hoffnung, es möchte in einer Lebensbeſchrei⸗ cums. 2 bung meines unglücklichen Sohnes ſein Vertheidiger einige ſenhit u zur Vertheidigung nützliche Momente auffinden können, Vollsſin veranloßt mich, mir die Jugendzeit deſſelben in mein Ge⸗ laut wu dächtniß zurückzurufen, an deſſen Schritte von ſeiner re Nchl Geburt an das Verhängniß geknüpft zu ſein ſcheint.“ witz 3„Ich und mein Mann waren genöthigt, uns nach hereub Oſtindien zu begeben, unſere Ueberfahrt von Europa vnin nach Java war ſehr angreifend, beſonders für mich, die ßen Pun ich ſchwanger war. Auf der Höhe des Caps der guten „itzl de Spit ———— 2 —————— 7 280 Graf Bocarmt und seine Gattin. Hoffnung wurden wir von einem furchtbaren Sturm er⸗ griffen, der in dieſen Strichen ſo häufig iſt.“ „Drei ganze Monate ſchwebten wir in der größten Gefahr; nach der Ausſage der Seeleute war die Erhal⸗ tung unſerer Fregatte Eurinus Marinus, die von allen Seiten Waſſer ſchöpfte, faſt ein Wunder. Als ſpäter das Schiff, nach Ausbeſſerung ſeiner Schäden, von Java nach Europa zurückkehren wollte, ſo verſank es unter vollen Segeln mit 500 Perſonen, und bei dem ſchönſten Wetter, ohne Zweifel in Folge der Beſchädigung, welche es während des Sturmes erlitten hatte.“ „Gegen das Ende dieſes Sturmes, der uns bis zum 40* ſüdlicher Breite verſchlagen hat, wurde, als wir kaum von dieſer Todesangſt befreit waren, der arme Hippolyte geboren, deſſen Leben ſo bewegt ſein ſollte. Die Lebensmittel und beſonders das Waſſer mangelte auf unſerm Schiffe, da unſere Reiſe über die gewöhn⸗ liche Zeit gedauert hatte. Durch das Untertauchen in das ſalzige Meerwaſſer brachte man ihn wieder zum Le⸗ ben, denn er gab kein Zeichen des Lebens von ſich. Ach, warum? Hätte doch Gott dieſe Seele zu ſich gerufen. Die tödtliche Angſt, welche ſeine Mutter zu erdulden hatte, wirkte noch unglücklich auf das Kind fort, wel⸗ ches ſie in ihrem Schooſe trug, und war die erſte Ur⸗ ſache der Krämpfe, die es in ſeiner Kindheit zu erdul⸗ den hatte, ebenſo wie der ſchwachen, wenn nicht unre⸗ gelmäßigen Bildung ſeines Gehirns.“ „Seine Kindheit verfloß in einem fortwährenden Kam⸗ pfe zwiſchen dem Tode und den Anſtrengungen der Heil⸗ kunſt, um ihn zu erhalten. Als er das Alter von ſie⸗ ben Jahren erreicht hatte, befiel ihn der Caro, eine in jenem heißen Klima faſt unheilbare Krankheit, weshalb ich mit ihm die Inſel Java verließ und nach Europa Graf Pocarmt und seine Gattin. 281 zurückkehrte. Während der Ueberfahrt erſtarkte zwar ſeine Geſundheit, aber es war ein trauriges Kind, wel⸗ ches ganze Stunden unbeweglich blieb und auf der Erde kauerte, man entlockte ihm nur einige Sylben. Niemals miſchte er ſich in die Spiele ſeiner jüngern turm et größten ie Erhal⸗ Schweſtern und die der andern Kinder. Die heftigen um3 Schmerzen, die er in Folge ſeiner Krankheit empfand, 6 thaten ſich nur durch ein Zuſammenziehen der Muskeln . des Geſichts und der Hände kund.(Herr von Bocarmé ſchinſt hat noch heute dieſe Zuſammenziehung der Muskeln.)“ g, welht„Das europäiſche Klima gab ihm ſeine Geſundheit . wieder, und von ſeinem krankhaften Zuſtande blieben nur bs un Anfälle von Zorn übrig, die ſich in Verzuckungen ver⸗ als w wandelten, und welche der geringſte Widerſpruch hervor⸗ der aun zurufen vermochte. Zum Beiſpiel, als er eines Tages in ſili in der Schule geweſen war, und man ihn zurückführen mangll wollte, hatte er einen ſo furchtbaren Anfall von Wuth, gewihl daß er ſich auf dem Treppenabſatz auf die Erde warf, hen i die Stufen hinabfiel und man ihn ohne Beſinnung und zum L⸗ mit blutigen Kopfe aufhob.“ ch. A0,„In ſeinem ſpätern Alter that ihn ſein Vater in ver⸗ gerfn ſchiedene Erziehungsanſtalten, deren Vorſteher einſtim⸗ erdulden mig behaupteten, mein Sohn habe wenig natürliche An⸗ ort, we lagen. Nur mit Mühe konnte man ihn das Leſen leh⸗ erſt Ur ren. Es war, wie mir Herr Cournant, der Vor⸗ zu etdul ſteher der Erziehungsanſtalt zu Fontenahaur⸗Roſes bei icht un Paris, ſagte, faſt unmöglich, ihm die einfachſten Sachen bei⸗ zubringen. Von Charakter war er ſchweigſam und ſchüch⸗ den Kam tern. Er ſchloß ſich an keinen ſeiner Kameraden an, ha Heil welche indeß aufgehört hatten, ihn zu necken, weil er ſich pon ſi muthig gegen gewiſſe Proben vertheidigt hatte, die man eine i an neuen Ankömmlingen zu verſuchen pflegte.(Er iſt weshal kein Knabe wie ein anderer?, ſagten ſie. Er war 14 Eurby 282 Graf Bocarmt und seine Gattin. oder 15 Jahre, als er, in Folge eines Bankrotts und des Verſchwindens des Vorſtehers der Anſtalt, nach Belgien zurückkehrte. Um dieſe Zeit begab ſich ſein Va⸗ ter nach Amerika und nahm Hippolyte mit ſich.“ „In einem der rauheſten und am wenigſt bevölkerten Staaten, in Arkanſas, ließ ſich Herr von Bocarmeé nie⸗ der. Hier vergaß Hippolyte in den vier Jahren, wo er ſich nur mit der Jagd beſchäftigte, den wenigen Unter⸗ richt, den er in Europa genoſſen hatte, und kehrte, ich muß geſtehen, mit dem ſchlauen und mistrauiſchen Geiſte zurück, der dem Wilden und dem Jäger eigenthümlich iſt, die beſtändig genöthigt ſind, ihr Leben gegen tau⸗ ſend Gefahren zu vertheidigen und die wilden ſowol als die zahmen Thiere zu überraſchen.“ „Kaum 17 Jahr alt, tödtete er auf einem der Aus⸗ flüge, die ſich oft ziemlich weit von ſeiner Wohnung erſtreckten, einen weiblichen Jaguar(eine Art Tiger) mit ſeinen beiden Jungen. Bei jeder Gelegenheit zeigte er einen großen natürlichen Muth und die Eigenſchaften und Fehler, welche den Wilden vom gebildeten Menſchen unterſcheiden.“ „Als er ſpäter wieder nach Europa zurückgekehrt war, frug ich ihn über ſeinen Aufenthalt in den Wäldern. Bei dieſer Gelegenheit erzählte er einmal, daß er einſt in großer Entfernung von ſeiner Wohnung, bei der Ver⸗ folgung eines Rudels von Hirſchen, im Gebüſch zwei ſchwarze Augen und einen auf ihn gerichteten Flinten⸗ lauf bemerkte. Er wußte, daß die nach den Felsgebir⸗ gen zurückgedrängten Wilden bisweilen Ausflüge in die Wälder von Arkanſas machten und die ihnen begegnen⸗ den einzelnen Jäger tödteten. Er war zu Pferde und trug ſeinen geladenen Carabiner unter dem Arm. Ihn erheben und auf den Wilden ſchießen, war das Werk —,————— rotts u talt, no h ſein V ch“ bevölter tarmi n ren, wo gen Unt kehrte, it chen Geiſ enthünli gegen tal den ſow der Au Wohnun Tiger) m ckehrt no Wälder er einſt i Ve per PVe i de hüſch zwt n Flintel ulgehi luge in* ul Graf Pocarmt und seine Sattin. 283 ines Augenblicks. Der Schuß geſchah, und mit der ößten Schnelligkeit ſeines Pferdes entfloh er. Ohne Beute nach Hauſe zurückgekehrt, was noch niemals vor⸗ zekommen war, ſagte er zu ſeinem Vater, er ſei krank; nehre Nächte konnte er nicht ſchlafen, und eine große Unruhe, vielleicht Gewiſſensbiſſe, folgten ihm unauf⸗ hörlich.“ „Den dritten Tag kehrte er in den Wald zurück; er vollte ſehen, ob er ihn getödtet habe, oder nicht. Lange zeit irrte er umher, ohne den Ort auffinden zu können. Schon ſchmeichelte er ſich, den Wilden verfehlt zu ha⸗ ben, als das Gebell ſeiner Hunde ſeine Aufmerkſamkeit frſſelte. Er folgte ihnen, und der gräßlichſte Anblick bot ſich ſeinen Augen dar. Da lag die Leiche des Wil⸗ den, zur Hälfte von fleiſchfreſſenden Thieren zerriſſen. Er verſicherte mir, daß dieſer Anblick einen ſolchen Ein⸗ druck auf ihn gemacht, daß er von dieſem Augenblicke em den erſten Anfall eines Fiebers in ſich fühlte, das in Arkauſas herrſcht und welches acht Monate zu ſei⸗ ner Heilung erfoderte. Es brachte ihn in den traurig⸗ ſten Zuſtand. Ohne Pflege und ohne ärztliche Hülfe, verſicherte er mir, daß er damals unendlich viel zu er⸗ dulden gehabt.“ „Als ich den traurigen Zuſtand erfuhr, in welchem v ſich befand, drang ich in Herrn von Bocarmeé, hn nach Europa zurückzuſchicken, was erſt nach meh⸗ en fruchtloſen Verſuchen und Bitten geſchah, da er ihn richt begleiten konnte. Krank, 18 Jahr alt, nur mit dem für ſeine Reiſe unbedingt nothwendigen Gelde ver⸗ ehen, reiſte er durch das Feſtland und über das Meer, und landete in Havre. Zu Paris ſtieg er nur aus einer Silpoſt, um in eine andere zu ſteigen, die ihn nach Tour⸗ ray brachte. Ich erinnere mich jetzt noch des traurigen 1 6 284 Graf Borcarme und seine Gattin. Zuſtandes, in welchem er ſich meinen Augen darſtellte. Von einer ſchrecklichen Magerkeit, war er wie verdummt; ich konnte ihm nur folgende zwei Worte entlocken:«Ich hungere; ich friere“ Hierauf wurde er von einem Zit⸗ tern geſchüttelt und fing an zu weinen. Die körperlichen Leiden, die er damals erdulden mußte, waren ſicherlich ſehr groß, obgleich er merkwürdigerweiſe ſich nie über die gegenwärtigen, noch die ſchon erduldeten Leiden be⸗ klagte. Mehrere Monate ſorgſamer Pflege gaben ihm ſeine Geſundheit wieder, aber ich bemerkte, wie groß ſeine Unwiſſenheit war: er konnte nicht mehr leſen, die einfachſten Begriffe waren ihm fremd, und obgleich ſchweig⸗ ſam und ſtill, ſagte er doch Dinge, die ein krankes Ge⸗ hirn verriethen. So hatte ich viele Mühe, ihn zu überreden, ſeine Wäſche zu wechſeln. Er behauptete, er könne nicht begreifen, weshalb man ihm ſein Hemd neh⸗ men wolle, das noch nicht durchlöchert ſei, und ſo tau⸗ ſend derartige Sonderbarkeiten. Was ſollte man thun mit einem Unglücklichen, der in einem ſolchen traurigen moraliſchen Zuſtande ſich befand; endlich konnte ich ihm doch begreiflich machen, wie ſchimpflich ſeine Unwiſſen⸗ heit ſei, und wie ſehr er ſich anſtrengen müſſe, derſelben abzuhelfen. Ich brachte ihn damals in eine Erziehungs⸗ anſtalt nach Lille, geleitet von Herrn Paradieß, der 18 Monate ſpäter ſich in derſelben Lage befand, wie der Vorſteher der Anſtalt zu Fontenay⸗aux⸗Roſes, und ſeine Anſtalt aufgeben mußte. Während dieſer 18 Monate gab ſich Hippolyte mit allem Eifer dem Studium hin und zeigte eine große Willenskraft; denn wie ich ſchon geſagt habe, begriff und behielt er ſchwer. Von dieſer Zeit an zeigte er einen unverkennbaren Geſchmack für die Realwiſſenſchaften.“ „Sein Lehrer hatte nur ein einziges Mal Grund, ihm ————— S darſtel verdumm einem 3 örperlich n ſcherl henie u e, ihn auptete, Hend n man thl traurig te ih ih Unwiſſo derſelbt zichung Graf Bocarmt und seine Gattin. 285 zu zürnen, während ſeines Aufenthaltes zu Lille, näm⸗ lich, als er ihn einſt in der Nacht in der Claſſe über⸗ raſchte, wie er daſelbſt eifrig ſtudirte. Er hatte zu die⸗ ſem Zweck die Gaslampe, welche dieſen Saal erleuchtet, wieder angezündet. Dieſe mußte nach der Uebereinkunft des Vorſtehers der Anſtalt mit dem Caſtellan um 9 Uhr ausgelöſcht werden.“ „Er geſtand mir mehrmals, daß er Monate hindurch den größten Theil der Nachtzeit bei der ſtrengſten Kälte auf ſeine Studien verwandt habe, da die Tage ihm nicht hinreichten, um ſeinen Kameraden nachzukommen, die mit mehr Fähigkeiten begabt waren als er. Ungeach⸗ tet ſeiner Anſtrengung war er nur in einem Fache, näm⸗ lich der Arithmetik, bewandert, als er dieſe Anſtalt ver⸗ ließ; was die Grammatik anlangt, ſo konnte er we⸗ der etwas darin lernen noch begreifen; ebenſo verhielt es ſich mit den religiöſen Grundſätzen, welche niemals ſein Herz zu rühren vermochten.“ „Als ich ihn viele Jahre darauf über dieſen Gegen⸗ ſtand ausforſchte und ihn fragte, ob er an einen Gott glaube, der ihn wie alle Dinge geſchaffen habe, gab er mir zur Antwort, er glaube nicht an das, was er nicht ſähe, aber er würde an Gott glauben, wenn man ihm ſein Daſein mathematiſch beweiſen könne. Er war ſtarr⸗ köpfig, wie überhaupt die beſchränkten Geiſter, er ſprach wenig und fand kein Vergnügen in der Geſellſchaft mit Andern. Wenn er zufällig etwas ſprach, ſo entfuhren ihm grobe Albernheiten. Wenn ich ihn mit Gewalt in Berührung mit Andern bringen mußte, empfahl ich ihm immer, ſo wenig, als möglich zu ſprechen, was man auch ſehr leicht von ihm erlangte.— Ich habe mir nie erklären können, wie dieſer Unglückliche, der faſt über Alles falſche Anſichten hatte, gewiſſe Fertigkeiten in hohem 286 Graf Bocarmt und seine Gattin. Grade veſaß, wie z. B. die, ſehr gut Dame zu ſpielen. In jener Zeit, wo er die Anſtalt zu Lille verließ, wohnte ich in Deutſchland und ließ ihn zu mir kommen, in der Hoffnung, ihn mit einem gewiſſen Fräulein zu ver⸗ heirathen, welche, abgeſehen von vielen andern Vorzügen, auch noch den beſaß, daß ſie ſehr geiſtreich und gebil⸗ det war. Dieſe junge Dame, welche mich ſehr liebte und welche ſich in mislichen Familienverhältniſſen be⸗ fand, würde kein Bedenken getragen haben, einen Mann zu wählen, der ihr eine ehrenvolle Stellung in der Ge⸗ ſellſchaft verſchaffte. Nachdem ſie jedoch Hippolyte ken⸗ nen lernen, geſtand ſie mir ein, daß ſie ungeachtet ihres Wunſches, mir anzugehören, ſich nicht entſchließen könnte, einen Menſchen zu heirathen, der ſo ſonderbare Anſich⸗ ten habe. Als nun ſo zu meinem großen Bedauern die⸗ ſer Heirathsplan geſcheitert war, glaubte man, es würde gut ſein, wenn mein Sohn einige Zeit bei meinem Schwiegervater wohne, einem rohen, geizigen und eigen⸗ nützigen Greis, der getrennt von ſeinen Kindern, deren Gegenwart ihm unerträglich war, auf dem Schloſſe Bury lebte.“ „Diener, denen er überlaſſen war, die ihn beſtahlen und ſich ſeines Geiſtes ganz bemächtigt hatten, ſahen mit ſchelem Blicke auf die Ankunft eines Enkels in dem Hauſe. Dieſer unglückliche junge Menſch blieb in dem elendeſten Zimmer des ganzen Schloſſes eingeſchloſſen, in einem eigentlich feuchten Loch, welches der niedrigſte Knecht nicht gemocht hätte. Sie duldeten ihn, indem ſie ihm die ſchlechteſte Behandlung zu Theil werden ließen, die ſie nur erſinnen konnten.“ „Unter den wenigen guten Eigenſchaften, die mein unglücklicher Sohn beſaß, muß man eine unvergleichliche Mäßigkeit nennen. Er trank weder Wein noch Kaffee zu ſpiele wohn mnen, in zu vu Votzign und geli ſehr licht niſſen b en Man nder Gl volhte ke chtet ihn en kömt ne Anſch dauern di es vir i meinen und eigen rn, der Schloſ beſtchl ten, ſtht blieb gichlſu nitdrigſ hn, inden i werd die ni lic och Kf de 287 Graf Bocarmt und seine Gattin. und begnügte ſich mit einer Schüſſel Salat und einem Biſſen Brot, was oft ſeine ganze Nahrung ausmachte. Er gehört zu der kleinen Anzahl von Leuten, von denen nan ſagen kann, daß ſie faſt keine Nahrung bedürfen; deſſenungeachtet ſetzte er ſich nie an den Tiſch ſeines Großvaters, ohne daß dieſer ihm das Wenige, was er zenoß, und das Geld, was ihm ſeine Gegenwart ko⸗ ſtete, vorwarf. Um dieſer ſchlechten Behandlung des Grei⸗ ſes zu entgehen, deſſen beträchtliche Einkünfte ſeine Die⸗ ner in Diebſtahl und Gelagen verſchleuderten, blieb er oft ganze Tage lang in ſeinem erbärmlichen Zimmer ingeſchloſſen, indem er ſich mit einem Stückchen Brot begnügte, welches er aus der Küche entwendet hatte, um ſich zu ernähren.“ „Der Aufenthalt hatte wenigſtens den Vortheil, daß er vom Ackerbau einige Begriffe und Geſchmack am Landleben bekam. Als einige Zeit darauf ſein Großva⸗ ter ſtarb, und wir einen Theil des Schloſſes Bury erb⸗ tn, ſo fuhr ich fort, meinem Sohne Beſchäftigung zu verſchaffen, indem ich ihm die Ausbeutung von 15 Bon⸗ ners Landes vorbehielt, die von meinem Schwiegervater bebaut waren. Aber genöthigt, Hippolyte zu Bury allein zu laſſen, dachte ich von neuem darauf, ihm eine Lebensgefährtin zu verſchaffen, welche geneigt wäre, ſeine Einſamkeit zu theilen; denn, wie geſagt, der Unglück⸗ lche war nicht im Stande, ſich allein in der Welt zu talten. Ich warb für ihn um die Hand zweier Fräu⸗ kin, von denen die eine reich, die andere arm, jedoch durch eine ſehr fromme Erziehung ausgezeichnet war. Beide wieſen den Antrag zurück.“ „Der Zufall, der ſchrecklichſte Zufall, machte mich während eines kurzen Aufenthalts in Bury mit Der be⸗ tannt, welche die Gemahlin meines Sohnes wurde. Sie 288 Graf Porarmt und seine Gattin. ſchien mir gut und geiſtreich, ſie hatte niemals das dü⸗ ſtere Städtchen verlaſſen, was ſie bewohnte, und ich hoffte, ſie würde ſich nicht ſträuben, auf dem Lande zu wohnen. Sie ſtammte aus einer bürgerlichen Familie, aber unglücklicherweiſe nicht aus einer von jenen, welche ſich durch ihre Tugend und eine angeerbte Frömmigkeit auszeichnen.“ „Herr Fougnies, der Vater meiner Schwiegertochter, ſtand im ſchlechteſten Ruf, und ich muß geſtehen, daß er noch weniger werth war als ſein Ruf.“ „Als ich Proben ſeines abſcheulichen Charakters hatte, wollte ich dieſe Heirath aufgeben, auf den Rath eines meiner Schwäger von einem ſehr geſunden Urtheil. Aber es war zu ſpät, Hippolyte fühlte eine große Neigung und gerieth in Verzweiflung, wenn ich vom Bruche des Verhältniſſes ſprach.“ „Der Eigennutz hatte wenig Einfluß auf den Hei⸗ rathsplan, denn Niemand hatte eine klare Kenntniß vom Vermögen des Herrn Fougnies, der es zum Theil in Proceſſen und Zänkereien mit ſeinen Nachbarn vergeu⸗ dete. Man wußte, daß ſeine Frau, welche in Folge ſei⸗ ner ſchlechten Behandlung früh geſtorben war, ihm ein bedeutenderes Vermögen, als das ſeinige war, zugebracht hatte; aber er brauchte ſeinen zwei Kindern keine Rechen⸗ ſchaft über dieſes Vermögen abzulegen, das aus Grund⸗ ſtücken beſtand, die in Frankreich lagen. Doch ließ er einige Tage vor ihrer Heirath ſeine Tochter eine Vor⸗ mundſchaftsrechnung unterſchreiben, ohne daß ſie dieſelbe vorher prüfen konnte.“ „Es war alle Wahrſcheinlichkeit vorhanden, daß dieſes Vermögen eines Tages an meine Schwiegertochter fallen würde, denn der einzige Bruder, den ſie hatte, war ein o ab No dem Lan en Fanit en, wel römmigl egertocht tehen, d ters het Rath ein heil. A e Neigu Bruched den H Cheil n verl Folge ihm zugebte ne Nechi us Grn ine ſi dieſi paß die daß* ter fil und 289 Graf Bocarmt und seine Gattin. von der Natur vernachläſſigtes Weſen, ein Krüppel und von der engliſchen Krankheit behaftet. Herr Fougnies verſtand ſich nur dazu, ſeiner Toch⸗ ter als Mitgift einen armſeligen Jahrgehalt zu geben, den er noch dazu niemals ordentlich und ohne Vorwürfe auszahlte. Ich muß meinem Sohne und meiner Schwiegertoch⸗ ter Gerechtigkeit widerfahren laſſen und ſagen, daß ſie, ungeachtet der geſetzlichen Rechte, die ſie hätten geltend machen können, nichts von Herrn Fougnies verlangten, und ſich, ohne ein Wort zu ſagen, allen Grobheiten und Roheiten ſeines abſcheulichen Charakters unter⸗ warfen. Beinahe 80 Jahr alt, allen Ausſchweifungen erge⸗ ben, ſtarb er zwei oder drei Jahr nach ihrer Heirath. Da ich mich perſönlich über ihn zu beklagen hatte, ſah ich ihn ſeit dem Tage der Hochzeit nicht wieder. Nach ſeinem Tode fand es ſich, daß er in ſeinem Teſta⸗ mente, ſoweit das Geſetz es ihm erlaubte, ſeinen Sohn auf Koſten ſeiner Tochter bevorzugt hatte, und dieſer Sohn fand noch Mittel, bei der Theilung der Güter ſeine Schweſter auf mehrfache Art zu bevortheilen. Als ich nach dieſem Ereigniß meinen Sohn und ſeine Frau wiederſah, ſchienen ſie nicht ſehr empfindlich über dieſe Enterbung zu ſein. Hiermit enden die Einzelheiten, die das innere Leben, die Erziehung und die Gewohnheiten des Grafen Hip⸗ polyte und der Gräfin, ſeiner Gemahlin betreffen. Man wird das Gefühl begreifen, welches das franzöſiſche Blatt bewogen hat, ſich der Veröffentlichung der Ur⸗ theile zu enthalten, welche zum Schluß die Frau Gräfin Ida über die Sitten und den Charakter des unglücklichen Guſtav Fougnies gefällt hat. Wir wollen nur noch XIX. 13 290 Graf Borarmt und seine Gattin. hinzufügen, ſagt ein belgiſcher Herausgeber, daß der Oheim des Herrn von Bocarmé, in Paris wohnhaft, das, was über den Charakter des Großvaters des Ange⸗ klagten geſagt iſt, öffentlich zu widerlegen ſich gedrungen gefühlt hat. Derſelbe ſei durchaus nicht ſo geweſen, wie ihn die Gräfin Ida geſchildert hat.— Dazu als Beleg und Curioſum, was eine deutſche, jetzt faſt verſchollene, Schriftſtellerin, Louiſe von Born⸗ ſtedt, in ihren Reiſebriefen ſchon 1839 über Hippolyte und ſeine Familie ſagt. Dieſe Touriſtennotiz ſteht indeß nicht ganz ohne Zuſammenhang zum wirklichen Proceß, denn einer der Vertheidiger des Grafen berief ſich auf dieſes Zeugniß der deutſchen Schriftſtellerin. Sie ſchreibt d. d. Koblenz, 17. Juni 1839:„Bei dem ſchönſten Sonnenſcheine wandelten wir zum Dampfſchiffe, wo mir unter den vielen Menſchen eine Gruppe auffiel, die mir gleich einiges Intereſſe einflößte; ſie gehörte der haute volée an. Das ſah man auf den erſten Blick. Eine ſchöne, vornehme Frau von einigen und dreißig Jahren ſaß zwiſchen zwei jungen Blondinen, wahren Engels⸗ köpfchen, und ſpielte Ecarté mit einem dunkeläugigen Spanier. Der Capitain ſagte mir, die ſchöne Frau ſei eine eindiſche Gräfin von unermeßlichem Reichthume.* Eine der Blondinen knüpfte bald ein Geſpräch mit mir an, und von ihr erfuhr ich den Namen.„Es iſt die Gräfin Bocarmé, meine künftige Schwiegermutter; ſoll ich Sie mit ihr bekannt machen? es iſt eine ſehr geſcheite Frau.“ Natürlich nahm ich dieſes Anerbieten gern an und befand mich zu meiner eigenen Verwunde⸗ rung nun mitten in dem kleinen Kreiſe, der von mir und den Andern angeſtaunt worden war. Die reizende Blondine war eine Gräfin Ida von Pf., ihre künftige Schwiegermutter hatte ſie einem alten Onkel in Wien —— vohnhaft es Angt edrungen ſen, wi deutſch, nBorn⸗ Hippolyt cht inde Proceß ſich al ie ſchrei ſchönſtn wo mi die mir r haute Eine Johre Engel läugige zru ſi thume⸗ nit mi ermutte ein ſch netbin mnunde von ni rizen künfi n Pin Graf Borarme und seine Gattin. 291 faſt gewaltſam entführt, bei dem das arme Kind es nicht auszuhalten vermochte, ſodaß ſie ſich entſchloſſen hatte, den niemals geſehenen Sohn ihrer Befreierin zu heirathen, der aufs eiligſte zu dieſem Zwecke aus Ame⸗ rika verſchrieben worden, wo er mit ſeinem Vater in den Wäldern von Arkanſas weilte. Ich lernte in ihm einen blöden, ſchweigſamen jungen Mann von ungefähr 19 Jahren kennen. Er erzählte mir mit Sehnſucht von der tiefen Stille der amerikaniſchen Waldungen, zu de⸗ nen er nicht mehr zurückkehren ſollte. Schüchtern ſtand er neben ſeiner Mutter, die ihn wie ihre ganze Umgebung etwas zu tyranniſiren ſchien. Die ſtolze Anmuth der Gräfin und ihre frauenhafte Eleganz wurde durch ein etwas männliches Betragen ſeltſam hervorgehoben. Dieſe merkwürdige Frau ſtammte aus einer alten belgiſchen Grafenfamilie, ſie verheirathete ſich in ihrem ſechszehnten Jahre an den holländiſchen Gouverneur in Java, Grafen Bocarmé, und nachdem ſie viele Jahre dort gelebt, hatte ſie ſich abwechſelnd in Havre, London und Paris auf⸗ gehalten. Vor ungefähr acht Jahren ſchien ihr Gemahl in einer wunderlichen Stimmung von der Welt, vom Staatsdienſte und ſeiner ſchönen Frau Abſchied genom⸗ men zu haben, um mit ſeinem Sohne Hippolyte in die Wildniſſe von Arkanſas zu dringen; denn er war ein leidenſchaftlicher Jäger.„Wir ſchliefen auf den Häuten unſerer erlegten Beute“, erzählte Hippolyte,«und nähr⸗ ten uns von ihrem Fleiſche. Ein alter Bedienter und eine ſchwarze Magd waren zwei Jahre lang die einzigen menſchlichen Weſen, welche den Fuß über die Schwelle unſerer ſelbſtgezimmerten Hütten ſetzten.“ Nur einmal hat die Gräfin ihren Mann und Sohn beſucht, die übrige Zeit reiſte ſie auf dem Continent, während ihre beiden Töchter in Köln erzogen wurden. Wir bezogen 5 292 Graf Bocarmt und seine Gattin. in Koblenz denſelben Gaſthof, wo die Gräfin ſchon ſeit längerer Zeit mit Kammerjungfern, Mohren und Reit⸗ pferden verweilte. Am Abend tranken wir ganz traulich den Thee bei unſerer neuen Freundin; ihre Umgebung war nicht minder eigenthümlich als ſie ſelbſt. Das Zim⸗ mer war überhäuft mit ſeltſamen überſeeiſchen Zierathen, Schmuckſachen, indiſchen Shawls u. ſ. w. Aus den 7 prächtigen Albums las mir die Gräfin ihre hübſchen Gedichte in franzöſiſcher Sprache vor; mehr noch in⸗ tereſſirten mich Briefe von Lamartine, in denen er ſeine transatlantiſche Freundin einen rohen Diamant nannte. Die Gräfin war eine ausgezeichnete Malerin; wie über⸗ raſchte mich aber ein Album, worin ſie einige dreißig colorirte Blätter aufbewahrte, die ſie von den verſchie⸗ denen indiſchen Hautkrankheiten nach der Natur entwor⸗ fen hatte! Es war dies ihr Lieblingsſtudium; mit Hülfe eines Militärarztes hatte ſie gründliche Forſchungen dar⸗ über in den Hoſpitälern angeſtellt.... Als wir am an⸗ dern Morgen Abſchied nehmen wollten, mußten wir in den Pferdeſtall gehen, wo die Gräfin in weißleinenen 1 Gewändern ihren Pferden mit ihren wunderſchönen Hän⸗ 3 den Zuckerbrot reichte und in allen Sprachen Schmeichel⸗ worte vorſprach. Hippolyte reichte mir mit etwas lin⸗ kiſcher Geberde ein Blumenſträußchen, worüber Mutter und Braut ihn verlachten.“ In ganz entgegengeſetztem Sinne iſt folgende Cha⸗ rakteriſtik der Gräfin Lydie geſchrieben. Sie war frei⸗ geſprochen, auf ihr laſtet das Odium. z 3 Lydie⸗Victoria⸗Joſephe Fougnies, Gräfin von Bury 3 und Bocarme, die noch berühmter iſt durch den Aus⸗ ſpruch der Geſchworenen, die ſie für unſchuldig erklär⸗ ten, als durch die peinliche Anklage, die ſie vor die Aſ⸗ ſiſen des Hennegau brachte, wurde zu Peruwelz den 293 Graf Bocarmt und seine Gattin. November 1818 geboren. Ihre Aeltern waren Nico⸗ ſchen ſi us. Frangois⸗Joſeph, ein alter Specereienhändler, ſpäter und Reit Brauer, geboren zu Péruwelz den 6. Februar 1778, und tnli auch daſelbſt geſtorben den 4. Mai 1846, und Lydie⸗ Umgebun Victoria⸗Joſephe Tabary,— eines reichen Notars Das ʒin von Cambrai, daſelbſt den 9. Januar 1837 geſtorben. Zierathen Der Vater Fougnies, der ſich vom Handel zurück⸗ Aus dn gezogen hatte, ſtrebte bis zu ſeinem Tode nach Prunk hübſchen und Prahlerei, die ſein Vermögen viel bedeutender ſchei⸗ noch in nen ließen, als es in Wirklichkeit war. Die Wuth nach net ſein adeliger Auszeichnung verdrehte ihm den Kopf. t nannt. Durch ſeinen heftigen, wunderlichen, bis zum Lächer⸗ wie iber lichen ausſchweifenden, knauſerigen und im höchſten ge drißiz Grade proceßſüchtigen Charakter hatte er ſich die Theil⸗ verſchi nahme ſeiner Mitbürger, d. h. derer, welche noch aus t entnor Nothwendigkeit mit ihm in Verbindung ſtanden, ent⸗ nit Hühi fremdet. Seine Frau hingegen hat in Peruwelz nur ein ehr⸗ bares Andenken zurückgelaſſen, und noch heute wird ſie daſelbſt als ein Muſter von Tugend und Ergebung an⸗ gen dar am an⸗ nwir in geführt. Die Anmuth, die Milde ihrer Sitten, der Reiz — Hin ihrer Unterhaltung unterſchied ſie in hohem Grade von „ ic ihrem Manne, deſſen ſchlechte Behandlung ſie zwang, n n in den Schooß ihrer Familie ſich zu flüchten, nach Cam⸗ mwas 6 brai, wo ſie während der Verhandlung eines Schei⸗ Nun dungsgeſuches ſtarb. 6ho Wenn man darüber Gerüchten glauben ſoll, die in nde Peruwelz allgemein verbreitet ſind und ſo feſten Fuß wet fu gefaßt haben, daß wir nicht wagen, ſie Lügen zu ſtra⸗ fen, ſo waren ſelbſt die Kinder dieſer Unglücklichen, on 2 Lydie und Guſtav, bei der ſchlechten Behunbiuit de⸗ en Lu theiligt, welche ſie lange, ohne ſich zu beklagen, fromm 6 el und ergeben ertrug. Man hat uns in Bezug darauf rdie welz do 294 Graf Borarmt und seine Gattin. Züge von ſolcher Unſittlichkeit und Roheit mitgetheilt, daß wir zur Ehre des menſchlichen Geſchlechts uns ge⸗ weigert haben, denſelben Glauben zu ſchenken. Demnach erhielt die arme Mutter, die für einen Augenblick ge⸗ nöthigt war, in einem kleinen, von dem ihres Gatten entfernten, Hauſe Schutz zu ſuchen, ſelbſt von ihren Kindern keinen Gruß, wenn dieſe unter ihren Fenſtern vorbeigingen. Oft gingen ſie in der Vergeſſenheit ihrer Pflichten noch weiter. 2 Ihrer Mutter beraubt, erhielt die junge Lydie, un⸗ gefähr 15 bis 16 Jahr alt, von ihrem Vater Alles, was ſie wünſchte. Ihre Liebe zum Aufwand und zu thörichten Ausgaben entwickelte ſich ſchon in der Schule, wo ihre Verſchwendung ihre Gefährtinnen in Staunen ſetzte. Immer hatte ſie Bonbons und Backwerk bei ſich, welche ſie nicht immer pünktlich bezahlte, und welche der Grund von Zänkereien zwiſchen dem Vater, Herrn Fougnies, und den Verkäufern wurden, die zu geneigt waren, den Launen des Kindes nachzugeben. Aus der Schule von Peruwelz, wo ſie ſich an kein Mädchen ihres Alters angeſchloſſen hatte, ließ ſie ihr Vater in eine Erziehungsanſtalt von Tournay eintreten. Auch hier war ſie wegen ihrer Kleidung und ihrer Liebe zu den tauſend koſtſpieligen Streichen, welche immer der hervor⸗ tretende Zug ihres Charakters geweſen ſind, ein Gegen⸗ ſtand des Erſtaunens für ihre Gefährtinnen. Kaum waren ſechs Monate verfloſſen, als das Kind, wieder zurückgekehrt zu ihrem Vater,„die Geſchichte der Miß Adeline Kelney, oder Erinnerungen eines jungen Mädchens“ verfaßte oder vielmehr aus dem Engliſchen überſetzte, ein Roman, der ohne das Ereigniß des 20. November wahrſcheinlich niemals der Vergeſſenheit würde entriſſen worden ſein. Ein Proceß, der zwiſchen itgetheit, uns ge Demnach nblic ge on ihren Fenſten heit ihre die, un⸗ ter Alei, d und Schule Staunen bei ſch welche der geneigt ons der Allö ber Vater in Auch hi ezu dn er hervol n Gigen dll hif chtet Graf Bocarmt und seine Gattin. 295 dem Vater Fougnies und einem Buchdrucker aus Lille entſtand, welchem Letztern die Veröffentlichung des Ro⸗ mans anvertraut worden, ließ denſelben wieder in die Brieftaſche der Verfaſſerin zurückkehren. Ein anderes Werk, Memoiren betitelt, eigentlich nur der Briefwechſel zwiſchen der Verfaſſerin und einer ihrer alten Freundinnen aus der Anſtalt, ſollte ebenfalls in Druck erſcheinen, aber aus demſelben Grunde, weshalb der Roman nicht veröffentlicht wurde, konnte auch dies nicht publicirt werden. Man nennt von der jungen Lydie noch einen andern Roman, welcher ſich von dem⸗ ſelben Jahre(1839) herſchreibt:„Der Barbier von Bernau⸗commune.“ Ungefähr in dieſer Zeit trat das junge Mädchen in die Welt ein, das heißt, in den ziemlich beſchränkten Kreis der Perſonen, die ihren Vater beſuchten. Wie er, ſo machte auch ſie hohe Anſprüche. Die Gewandtheit ihres Geiſtes, der vergebens witzig und epigramma⸗ tiſch zu ſein ſtrebte, aber nur böswillig und entwürdi⸗ gend war, der Ausdruck der Verachtung, welcher ſtets auf ihren Lippen ſchwebte gegen Alle, welche die Stadt Peruwelz zu den jungen achtbaren und beſcheidenen Mäd⸗ chen zählte, zu Familienmüttern, welche größern Fleiß auf ihr Hausweſen und die Erziehung der Kinder ver⸗ wendeten, als auf das Leſen von Romanen und auf ari⸗ ſtokratiſche Beſtrebungen, zu jungen Leuten, die von dem Vorurtheil erfüllt waren, daß die achtbarſte Frau gerade die ſein könnte, von welcher man am wenigſten ſpräche, diente in ihrer ganzen Aufführung vielmehr dazu, die Thorheiten ihrer(um es nicht ſtärker auszu⸗ drücken) Kindheit und Jugend ins Gedächtniß zurückzu⸗ rufen, als vergeſſen zu machen. Sie war eins von den einzelnen Weſen, die weder Liebe noch Mitgefühl ein⸗ 296 Graf Bocarmt und seine Gattin. flößen, und die das Erkünſteln einer oft ſehr zweifel— haften Erhabenheit unverſchämt und lächerlich macht. Mehrere Heirathsanträge wurden angenommen, aber der Reihe nach bei der Unterzeichnung des Contracts ab⸗ gebrochen. So ſtanden die Verhältniſſe, als der Graf von Bocarmé ſich anbot oder vielmehr ihr angeboten wurde, und ſie nahm ihn an. Die Hochzeit wurde den 5. Juni 1843 zu Peruwelz mit einer ungewöhnlichen und lächerlich fürſtlichen Pracht gefeiert, welche zu glei⸗ cher Zeit an den guten Herrn Turcaret und den bour— geois gentilhomme erinnerte. Es dauerte nicht lange, ſo trug eine ſo ungleiche Verbindung, ſowol an Rang als auch an Geburt, die Früchte, die man davon erwarten mußte. Aus der Ehe des Grafen Hippolyte mit Lydie Fougnies ſtammten vier Kinder, zwei Söhne und zwei Töchter, von denen der erſte gleich bei ſeiner Geburt ſtarb. Die Gräfin iſt von mittlem Wuchſe; ſie hat in ihren Zügen nichts von jener Reinheit und Feinheit der For⸗ men, welche die Schönheit ausmachen; aber ihr Geſicht, bei dem erſten Anblick ziemlich unbedeutend, verklärt ſich in den Augenblicken der Aufregung. Ihr dunkel⸗ braunes Haar, welches, bauſchig geſcheitelt, ihre Schläfen bedeckt, umſäumt nachläſſig ihr ovales Geſicht; ſie hat einen großen Mund, dicke und leichtgekrümmte Lippen, blaue und mehr matte als lebendige Augen, die ſie immer niederſchlägt, eine lange, etwas eingekniffene Naſe; eine matte und wenig farbige Hautfarbe, heftige und ungeſtüme Bewegungen, und eine Wohlbeleibtheit, die der Lebhaftigkeit ihres Ganges und der Freiheit und Un⸗ gezwungenheit ihrer Bewegungen keinen Einhalt thut. Von den erſten Jahren ihrer Ehe an wurde das Vermögen der Gatten durch thörichte Ausgaben zerrüttet. zweifel ncht. ten, aber racts ab⸗ der Grf ngebotn urde den öhnlichen zu glei n bour- ungleich burt, di it Lydi und zwel verklit dun Schlife ſi hat Lipbe die ſ b Graf Bocarmé und seine Sattin. 297 Die Liebe zum Luxus und die Kleiderpracht der Frau machten ſich geltend. Das alte Schloß Bury, in ſeiner natürlichen und freien Einfachheit, genügte der angekom⸗ menen Bürgerstochter nicht mehr. Alles Mobiliar wurde erneuert, und die Umwandlung erſtreckte ſich ſelbſt bis in die Küh⸗ und Pferdeſtälle. Die Kühe wurden täg⸗ lich geſtriegelt, abgeſtäubt und mit dem Schwamm ge⸗ waſchen, wie die Halbblutpferde ihres Vaters, Herrn Fougnies, deſſen Rolle ſeine Tochter fortſpielte, da ſie lange ſein Geheimſchreiber und Rathgeber geweſen war. —— Das Uebrige iſt bekannt. Das Opfer, den Ermordeten, lernten wir nur aus den Anſchuldigungen des Grafen kennen, mit einem Blick auf ihn aus den Memoiren der Mutter des Letz⸗ tern. Eine biographiſche Notiz aus belhgiſchen Blättern entwirft ein anderes intereſſanteres Bild von ihm. Guſtav Adolph Joſeph Fougnies wurde zu Peruwelz den 30. Mai 1820 geboren. Er war demnach 30 Jahr 6 Monate und 20 Tage alt, als er auf dem Schloſſe Bitremont zu Bury ſtarb. Aus der Ehe des Grafen Hippolyte und des Fräu⸗ lein Lydie Fougnies ſtammen vier Kinder, zwei Söhne und zwei Töchter, von denen der erſte bei der Geburt ſtarb. Die drei Kinder, die noch am Leben ſind, und von denen der älteſte ein Knabe von ſechs Jahren iſt, ſind der Sorgfalt eines achtbaren Erziehers zu Tournay, ſeit dem verhängnißvollen Ereigniſſe, das ſie von den Urhebern ihres Lebens trennt, anvertraut. Guſtav ſchien wie Lydie Fougnies vom Vater die Liebe zur Prahlerei und zu Adelstiteln geerbt zu haben; denn in den erſten Jahren der Revolution kaufte ihr Großvater Nicolas Frangois Joſeph Fougnies die Lehns⸗ 13** 298 Graf Bocarmt und seine Gattin. güter von la Garenne et le Bois, Theile der Ge⸗ meinde Wiers; und aus dieſem Grunde machte der Va⸗ ter ſeit 1815 auf den Baronstitel Anſprüche und un⸗ terzeichnete ſich Baron Frangois Fougnies du Bois. Dieſe Titelwuth führte ſpäter die Heirath Lydie's mit dem Grafen Bocarme herbei.— Guſtav Fougnies war von mittlerer Geſtalt, ſanften Geſichtszügen und zartem Körperbau; er hatte dunkel⸗ braune Haare, eine friſche und blühende Hautfarbe, eine helle Stimme und ſprach mit einer großen Geläufigkeit. Er trug einen dünnen, blonden Knebelbart. Obgleich er von lebhaftem und bisweilen hitzigem Charakter war, war er dennoch gutherzig und angenehm im Umgang. Er ſah nur wenig Leute, und hatte zu ſeiner Geſellſchaft nur Arbeiter, welchen Arbeit zu verſchaffen ihm ein an⸗ genehmes Gefühl war. Seine erſte Erziehung erhielt er in einer Elementarſchule zu Peruwelz, die er bis zu einem Alter von neun oder zehn Jahren beſuchte, dann wurde er den Gebrüdern Barbet zu Tournay übergeben, um daſelbſt die franzöſiſche Sprache und Mathematik zu erlernen. Ein Sturz, welcher ihn am rechten Knie ver⸗ wundete, wurde für ihn die Urſache eines unheilbaren Uebels, das ihn nöthigte, ſeine Studien für den Augen⸗ blick auszuſetzen. Er folgte ſpäter nach Leuze den Her⸗ ren Braband, den Nachfolgern der Gebrüder Barbet. Als er nach Peruwelz gegangen war, um ſeine Ferien daſelbſt zuzubringen, beſtieg Guſtav zum erſten Male einen Rappen, welchen ihm ſein Vater gekauft hatte, und ritt nach deſſen Wunſche über die Straße, auf welche die Fenſter ſeiner Mutter gingen, die das Haus ihres Gatten ſchon verlaſſen müſſen. Da bäumte ſich das Roß und er that einen zweiten Fall, welcher ihn von neuem am Knie verwundete. Der junge Guſtav mußte det Ge und un is. Die mit den nAugen den Ho Graf Bocarmt und seine Gattin. 299 nach Leuze zurück, aber bald nöthigten ihn die empfind⸗ lichen Schmerzen, auch in das väterliche Haus zurückzu⸗ kehren. Herr Fougnies, der befürchtete einen lahmen Sohn zu bekommen(er war ebenfalls lahm, weshalb man ihn den cron⸗Fougnies nannteh, ſcheute keine Aus⸗ gaben, ſeinem Sohne alle Hülfe der Heilkunſt zu Theil werden zu laſſen. Aerzte von Peruwelz und der Um⸗ gegend, von Paris und Douai wurden der Reihe nach herbeigerufen, aber das Uebel griff weiter um ſich. Das unglückliche Kind war der Gegenſtand des Mitleids, wenn man es in der kleinen Kutſche ſpazieren fahren ſah, die eine junge Magd zog. Die Milde ſeiner Ge⸗ ſichtszüge, die langen und heftigen Schmerzen, die er er⸗ litten, das ſonderbare Betragen ſeines Vaters, die Er⸗ innerung an ſeine Mutter, das Alles hatte das Mitge⸗ fühl der Bevölkerung für ihn erregt. Guſtav Fougnies war allgemein beliebt; ſein Leben war ſehr einförmig, er beluſtigte ſich zuweilen mit Zeichnen von Landſchaften und Malen von Blumen. Nach 15 Jahren ſchrecklicher Leiden erklärten die Wundärzte, daß eine Ablöſung des Beines unerläßlich und dringend nothwendig ſei. Der Vater mußte ſeinem Kinde nachahmen und ſich darin ergeben. Die Opera⸗ tion ward von vielen namhaften Aerzten zwar glücklich ausgeführt, aber die Vernarbung war nie gänzlich und die Geſundheit Guſtav's blieb wankend. Nur eine ſtrenge Regelung in ſeiner Diät, die gänzliche Enthaltung von Wein(2), Liqueur und Bier hemmten die Fortſchritte des Uebels.— Mit Mühe trug er das Zinkbein, mit Dammhirſch⸗ leder überzogen, welches ſein Vater machen laſſen. Die⸗ ſes Bein wurde von einem Tragband, welches über die linke Achſel ging, und durch einen an der Hüfte ange⸗ 300 Graf Bocarmé und seine Gattin. ſchnallten Riemen befeſtigt. Er zog es indeß bald vor, an Krücken zu gehen, da er ſich des Beins nur durch eine Achſelbewegung bedienen konnte. Dazu keine Eintracht im väterlichen Hauſe. Das üble Einverſtändniß brach mehrmals zwiſchen Bruder und Schweſter unangenehm aus, ſo vor als nach dem Tode des Vaters. Nur die Vermögensumſtände ihres Gatten Bocarmeé veranlaßten die Schweſter gegen ihren Bruͤder einige Mäßigung zu beobachten.— Guſtav, der 1850 das Schloß Grandmetz*), Eigen⸗ thum der Grafen von Dudzeele, gekauft, hatte den Plan, eine der Fräulein von Dudzeele zu heirathen und ihr ſo die Wohnung ihrer Väter, die Wiege, wo ſie gebo⸗ ren war, das Kleinod ihrer Familie, zu bewahren. Die⸗ ſer Plan, der gebildet, aufgegeben und wieder aufge⸗ nommen wurde, war ſeiner Ausführung nahe. Die Ver⸗ lobung ſollte im Anfang December gefeiert werden. Seit einigen Tagen hatte Guſtav all ſein Mobiliar nach Grandmetz ſchaffen laſſen, wo er bereits ſeine Wohnung aufgeſchlagen, indem er zu Peruwelz in ſeinem Hauſe auf der Grand⸗Place ſeinen Oheim Alexandre Frangois von Chikvres, Witwer der Marie Joſephe Fougnies (plötzlich 1849 zu Peruwelz geſtorben) zurückließ. Oheim Frangois wohnte ſeit dem Tode ſeiner Gattin bei ſeinem Neffen, für den er rückſichtsvoll Sorge trug; er war für ihn ein Beſchützer, ein Rathgeber und Freund. *) Grandmetz liegt 4 ½ Meilen öſtlich von Tournay und 7 ½ Meilen nordweſtlich von Mons. Dieſe Gemeinde gehört zum Canton Leuze. Ihre Bevölkerung beträgt 1060 Einwohner. Das Schloß von Grandmetz iſt geräumig, umgeben mit ſchönen und großen Alleen, Gärten, Gebüſch und Gewäſſer; es iſt jetzt noch bewohnt von Frau und Fräulein Errembault von Dudzeele. d vor, durch er und Tode Gatten Brüder Eigen⸗ an, d ihr geb⸗ aufge⸗ ie Ver⸗ Stit nach hnung Hauſe ancvie ugrirs Oheim ſeinem er wot d. und Graf Bocarmt und seine Gattin. 301 Hiermit ſchließt, was man vom Leben des unglück⸗ lichen Guſtav Fougnies weiß, und es beginnt das er⸗ ſchütternde Drama auf dem Schloſſe Bitremont. Außerdem ſind aus der Tragödie übrig geblieben drei ſchuldloſe Weſen, der ſechsjährige Gonzales und zwei Schweſtern. Sie waren nach den letzten Nachrichten der Sorgfalt eines achtbaren Erziehers in Tournay anver⸗ traut; ob ſpäter wieder ihrer Mutter, wie Zeitungsnoti⸗ zen ſagten, laſſen wir in Zweifel. Endlich hatte eine Feder bald nach dem Verbrechen folgende Schilderung des Ortes, wo es begangen, ent⸗ worfen, die hier zur Orientirung für die Leſer ihren Platz finden möge, und auch für ſich von Intereſſe iſt. Schloß Bitremont liegt 4 ½ Meilen von Tournay und 6 Meilen weſtlich von Mons. Die Gemeinde von Bury iſt ein Theil des Canton Péruwelz und zählt 930 Ein⸗ wohner.— Die aufeinander folgenden Ausbeſſerungen des Schloſſes, in verſchiedenem Stile ausgeführt, haben im Ganzen ſeine alte, ſo gut eingeprägte Färbung des 15. Jahrhunderts nicht verwiſcht. Was das Innere an⸗ betrifft, ſo hat es ſeinen frühern rohen und kriegeriſchen Anblick gänzlich verloren. Die Wendeltreppen, die Ge⸗ fängniſſe und Waffenſäle haben glänzenden Putzzimmern und prächtigen Sälen, nach der neuen Mode ausge⸗ ſchmückt, Platz gemacht. Das große Eingangsthor und die alte Zugbrücke ſtehen nicht mehr, allein man hat Sorge getragen, die breiten Feſtungsgräben zu erhalten, welche, nahe an Teichen(von wo ſich zwei Entenhäus⸗ chen mit Taubenſchlägen erheben), dem Ganzen den An⸗ blick einer Feſtung geben, und zugleich dazu beitragen, den Anblick maleriſch zu machen. Ueberhaupt verurſacht der Anblick des Schloſſes, aus verſchiedenen Theilen zu⸗ ſammengeſetzt, an welche die verſchiedenen Zeitalter ihre 302 Graf Bocarmt und seink Gattin. Hand gelegt haben, ohne doch die Spuren der Lehns⸗ zeit zu verwiſchen, einen fremdartigen Eindruck auf die Einbildungskraft, die von dem unglücklichen Wiederhall getroffen wird, welchen das alte Bury ſoeben hervor⸗ gerufen hat. Fürſten, Gelehrte und Künſtler des höchſten Ver⸗ dienſtes kamen oft nach Bitremont, um ſich von den Sorgen zu zerſtreuen, die mit der Berühmtheit unzer⸗ trennlich ſind; unter andern ein politiſcher Flüchtling, deſſen Name an ſo viel Ruhm, vereint mit einem gro⸗ ßen Unglück, erinnert. Pierre Bonaparte(ſpäter Depu⸗ tirter in der Nationalverſammlung) fand hier einen Zu⸗ fluchtsort. Die Titel der Graſſchaft Bury und Bocarmé, welche ſie während des Siebenjährigen Krieges verloren hatte, wurden den 5. September 1763 von der Kaiſerin Maria Thereſia erneuert, um die Dienſte zu belohnen, welche Ludwig Viſart, Hauptmann im Regiment Prié der wal⸗ loniſchen Infanterie, dem Vaterlande geleiſtet hatte. Meh⸗ rere Glieder dieſer Familie bekleideten hohe Stellen; der eine von ihnen war Unterbefehlshaber der Stadt und Burgvoigtei Ath. Im Jahre 1850 theilte der Graf Viſart von Bo⸗ carmẽ einen Theil ſeiner Güter unter ſeine Kinder, das Schloß Bitremont fiel dem Grafen Hippolyte zu. In dieſer Zeit wurde die Wiederherſtellung der Gebäude un⸗ ternommen. Beiläufig erinnert man ſich, daß Bury vor zwei Jahrhunderten den Grafen von Merode gehörte, und daß es für die Familie, deren Name in Zukunft daran haften wird, durch einen gewiſſen Robert Viſart, Ritter und Herrn von Solleilleval, der in Folge der Hinrich⸗ tungen, welche die Herrſchaft Heinrich's VIMI. in Eng⸗ r Lehn t auf di Liederhal n hervor ſten Ve von de eit unzer ichtin inem gr n welht der wal te. Meh⸗ Graf Bocarmt und seine Gattin. 303 land bezeichneten, in dieſes Land gekommen war, er⸗ worben wurde. Die Familie Viſart iſt demnach eng⸗ liſchen Urſprungs. In das Schloß tritt man am Ende der Zugbrücke durch eine Glasthür, welche in einen Hausflur führt, wo links die Thür zum Speiſeſaal, rechts die Thür zum btat(Dienerſtube), die Treppe und im Hintergrunde eine andere Glasthür iſt, die auf den Hof geht.— An der Decke des Hausflurs hängt eine Lampe von ſonderbarer Geſtalt, auf jeder Seite erblickt man ein Ecktiſchchen von Marmor, und über dem auf der rech⸗ ten Seite ſteht die Gypsbüſte von Molière. Treten wir in den Speiſeſaal; hier ward Guſtav Fougnies vom Kutſcher Gilles Vandenberghe todt gefun⸗ den. In der Zeit von mehr als ſieben Monaten, ſeitdem das Schloß verlaſſen iſt, hat dieſes Zimmer natürlicher Weiſe ſeinen Anblick verändert. Die Vorhänge ſind ab⸗ genommen, die beiden Schenktiſche, welche ſich an den Fenſtern auf der Seite nach den Gräben zu befanden, liegen in einer Ecke übereinander; an derſelben Stelle, wo nach dem Bericht Guſtav gefallen iſt, und wo die Gerichtsbarkeit die mit Nicotine befleckten Dielen weg⸗ genommen hat, hat jetzt der Hausverwalter ein Bett aufgeſchlagen. Ein großer und mächtiger Schrank von Mahagoni hat ſeinen Stand nicht verrückt; auf ihm ſte⸗ hen noch Flaſchen, Gläſer, Stückchen Siegellack, Schön⸗ heitsmittel, eine Kaffeemaſchine und eine Menge kleiner Gegenſtände zum gewöhnlichen Gebrauch. Die Tapete dieſes Zimmers iſt grün mit ſchwarzen Streifen, an den Wänden hängen eingerahmte Litho⸗ graphien, unter andern„die Flamländiſche Kirchweihe“ von de Block, und„die Thiere auf der Weide“ von Robbe. Ein großer Spiegel überragt den Kamin von 304 Graf Bocarmt und seine Gattin. weißem Marmor, er trägt eine Stutzuhr von vergoldetem Kupfer, welche die Liebe ſinnbildlich darſtellt, ferner zwei Vaſen von böhmiſchem Kryſtall, in welche die kindliche und abſichtsloſe Phantaſie des Schloßverwalters täglich prächtige Sträuße von ſpaniſchem Flieder, Päonien und Ginſter ſteckt. Auf beiden Seiten des Spiegels hängen Miniaturportraits, von welchen das eine einen Grafen von Bocarmé darſtellt. In der Uniform eines höhern Offiziers unter der holländiſchen Herrſchaft, gleicht er täuſchend dem Grafen Hippolyte. Auf den Speiſeſaal folgt der Säulenſaal, welcher von jenem durch eine Glasthür getrennt wird und ſich über die ganze Breite des älteſten Theiles des Gebäudes erſtreckt. Hinter den Pfeilern, wo die Thüren nach Außen vorſpringen, ſind Vertiefungen angebracht. Gut ausmeublirt, würde dieſer Saal prächtig ſein. Die Säu⸗ len ſind gelb mit weißen Capitälern, und geſchmückt mit herabhängenden Trauben. Der getäfelte Fußboden iſt künſtlich ausgelegt. Ein alter Kronleuchter aus Kryſtall macht jetzt den einzigen Schmuck dieſes Zimmers aus, an deſſen Wän⸗ den, wie in einer Gallerie, die als Vorhalle dient, Lehn⸗ ſtühle, Betbänke und einzelne Stühle von allen Geſtal⸗ ten und Farben ſtehen. Auf den Säulenſaal folgt der ſogenannte rothe Saal. Die Tapete dieſes Zimmers ſoll vor vielen Jahren in der That roth geweſen ſein, jetzt iſt ſie blos noch ſchmutzig roſa, und man ſcheint den Namen darauf bezogen zu haben, weil man dem Meubel eine roſa Farbe gab. Die Vorhänge ſind von gelber Seide. Ein Tiſch mit einer Marmorplatte nimmt die Mitte des Saales ein. Vor dem Herd ſteht ein Ruhebett, auf dem Kamine ein großer Spiegel, Vaſen, ein Crucifir und eine Ala⸗ rgoldeten tner zwe findlich s täglich nien und s hängen n Grafih s höhe glicht e „welche und ſih Gebäude ren nach ht. Gut Die Si nict mit zoden iſt jett den en Wit⸗ nt, Lehr n Geſtl the Su zehrun i ſchnubig en zu ez09 zab ch mit les ein⸗ Kamin „ Ale eine A 305 Graf Bocarmt und seine Gattin. baſteruhr, welche die Töchter der Zeit darſtellt, die auf ihren Schultern das Zifferblatt tragen, welches die Stun⸗ den anzeigt. Außer der Glasthür, welche mit dem Säulenſaal die Verbindung herſtellt, hat der rothe Saal noch zwei Ne⸗ benthüren. Die erſte im Hintergrund links vom Kamin, die andere rechts führt zu den Abtritten und dem Waſch⸗ haus. Dieſe beiden Thüren ſind Tapetenthüren, und mit einer Schlagleiſte von Eiſenblech verſehen, welche man in dem Berichte Weißblech genannt hat. Durch einen Stoß gegen eine derſelben behauptete der Graf ſich die Verwundung zugezogen zu haben, welche er an der Stirn trug, als man ihn feſtnahm. Die Thüre im Hintergrunde iſt vernagelt, ein Theil der Tapete, welche ſie bedeckte, befindet ſich unter den Beweisſtücken. Wenn man durch die andere geht, ſo kommt man in eine Vorhalle, von wo eine breite Treppe mit einem Geländer von Eichenholz ausgeht. Im Gange, in den man kommt, findet ſich eine Sammlung alter Familiengemälde, welche in Fetzen zerfallen, unter denen aber einige vortrefflich ſind. Das anziehendſte iſt ohne Zweifel ein großes Leinwandgemälde, welches das Landgut Bitremont zur Zeit Ludwig's XV. darſtellt und das als Unterſchrift trägt:„Das Landgut Bitre⸗ mont, Eigenthum des Grafen Bocarmé, gezeichnet nach der Natur von ſeinem unterthänigen Diener Duvivier.“ Man ſieht da das Schloß, wie es ehemals war, eine glänzende Wohnung und zur Vertheidigung gebaut. Das Schloß bildet mit den Nebengebäuden ein großes Viereck, welches von breitern Gräben beſpült iſt, als jetzt. Die Zugbrücke iſt an derſelben Stelle, die ſie jetzt noch ein⸗ nimmt; nur gingen Wagen und Pferde damals darüber, während ſie heute um den Graben herumfahren, um von 306 Graf Pocarmt und seine Gattin. hinten hereinzukommen. Man ſieht die vergoldeten Wa⸗ gen am Gitter anhalten, die Damen mit Puder und Schönpfläſterchen, und die luftigen Cavaliere mit ge⸗ meſſenem Schritte der Meute folgen, welche in den Hundeſtall zurückkehrt. Bitremont mußte damals eine wahrhaft fürſtliche Reſidenz ſein. Die Wappen der Grafen von Bocarmé nehmen die rechte Ecke dieſes merkwürdigen Gemäldes ein, ſie wiederholen ſich gevier⸗ theilt nach den neuen Verbindungen über den an den Mauern aufgehängten Portraits. Es gibt deren aus allen Zeiten von der Regierung Ludwig's XIIl. an. Der letzte Graf von Bocarmé, der hier abgebildet iſt, trägt die Kleidung der Zeit des Directoriums; das Portrait aus der Zeit Ludwig's XIV. iſt eins der am ſorgfältigſten ausgearbeiteten Gemälde, die andern ſind mehr als mit⸗ telmäßig; eine ſchlechte Abzeichnung einer Jagd von Rubens und die Wappen der Familie, die im Corri⸗ dor eingegraben ſind, vervollſtändigen das Ganze dieſes ſtaubigen und vernachläſſigten Corridors, auf den die Thüren eines alten Billardſaales führen, der heutzutage ganz leer ſteht, und die der Stube des Kutſchers, in welcher man unter andern einen kleinen Kupferſtich be⸗ merkt, welcher das irdiſche Paradies darſtellt und als Aufſchrift trägt:„Eva fällt und bringt Adam zum Falle.“ Hierauf folgt das Zimmer der Gräfin Ida von Bo⸗ carme. Durch die Spalten der geſprungenen Thür kann man ſehen, daß dieſes Zimmer ziemlich anſtändig aus⸗ meublirt iſt; man bemerkt daſelbſt ein Bett mit Aſtwerk aus der Zeit Ludwig's XIV., ein Sopha von grünem Damaſt und einen großen Schrank von geſchnitztem Eichenholze. Im Geſchoß geht man aus dem alten Theil in den eten W uder un mit 9 e in de mals en ppen d cke diſ ſch getin an de deten al an. D. ſſt, tr rtteit al gfilti als m Jagd vo im Cor nze dieſt 5 den di eutzutagl chers, erſtich b und alt dam zu von Be hit jun indig aus ſt Aſwe . grüne ſchnitt eil in b Graf Bocarmt und srinr Gattin. 307 neuen durch einen langen und engen Gang, an deſſen Wänden wieder mehrere Gemälde hängen, die man aus einem hinlänglich bekannten Werke entlehnt hat, unter dem Titel:„Geſchichtliche Gallerie und Gemälde der Er⸗ cigniſſe aus der franzöſiſchen Revolution.“— Man hat an verſchiedenen Orten das Getäfel mit Axthieben zerſchlagen. Es handelte ſich darum, das ver⸗ ſteckte Gemach zu entdecken, welches die chemiſchen In⸗ ſtrumente verbarg. Dieſes Gemach ſteht mit dem Zim⸗ mer des Grafen durch eine Fallthür in Verbindung, welche faſt wie ein Herz geſtaltet und groß genug iſt, daß ein Menſch hindurchſchlüpfen kann. Man kann ſich darin nur liegend aufhalten, außer an der Stelle, wo ſich die Fallthür ſelbſt befindet. Dies erweckte in Einigen die Vermuthung, daß mit Hülfe von Schrauben auch noch andere Dielen ſich hinwegnehmen ließen und man dann ſo aufrecht im ganzen Raume des verborgenen Gemachs umhergehen könne. Ich habe un⸗ glücklicher Weiſe in dem Geſchoß nichts bemerken können, 4 mußte bis in die Vorhalle hinabſteigen und durch den Etat und die Küche gehen, wo eine Nachtigall in ihrem verborgenen Winkel eine Melodie ſang, die den Beſucher traurig ſtimmte. Hinter der Küche führt eine Treppe nach der Kapelle. Dieſe iſt nicht ſehr geräumig, aber mit einer Einfachheit gebaut, welche den Geſchmack und die Feinheit nicht ausſchließt. Der Altar iſt von weißem, vergolde⸗ tem Holze; unter dem Bogen der Säulen, die von dem Altar ausgehen, ſteht ein Heiligenbild von ziemlich gu⸗ ter Bildhauerarbeit. Ein reich mit Spitzen und Silber bekleidetes Marienbild nimmt einen Schrank ein, über welchem man folgende Worte lieſt, die hier einen pein⸗ lichen Sinn haben:(Consolatri afflictorum». Ge⸗ 308 Graf Bocarmt und seine Gattin. genüber befindet ſich ein Beichtſtuhl von Eichenholz. Das Schiff der Kapelle iſt für die Dienſtboten beſtimmt. Dem Altar gegenüber, jedoch etwas höher, befindet ſich eine Art Balkon, von wo aus der gnädige Herr dem Gottesdienſte beiwohnen konnte, ohne die Zimmer des Geſchoſſes zu verlaſſen. Um die ganze Kapelle her⸗ um ſind Bilder aufgehängt, welche das Wappen des Grafen Bocarme tragen. Die Kapelle, die man wahr⸗ ſcheinlich ſeit langer Zeit nicht betreten hat, iſt vielleicht der verfallenſte Theil des Schloſſes. Nachdem ich ſo die ſichtbaren Theile des Schloſſes mir angeſehen hatte, ging ich durch den Blumengarten, welcher reizend ſein würde, wenn er ſorgfältiger gepflegt würde, und ich hatte da Gelegenheit, in einem der Schoppen jene berüchtigte weiße Kutſche zu ſehen, deren Geſchichte die ſo wichtigen Ausſagen des Herrn Profeſ⸗ ſor Loppens herbeiführte. Es iſt eine ſehr ſchöne ſogenannte Berline, mit ro⸗ them Damaſt beſchlagen. Dieſe Kutſche iſt ſeit acht Mo⸗ naten nur zwei Mal an die Luft gekommen und ſo na— türlicher Weiſe mit Staub und Spinngewebe bedeckt. In einem anſtoßenden Schoppen befindet ſich ein ganz mit Koth bedeckter Phaston, welcher Guſtav Fougnies zum Tode führte. Das iſt Alles, was ich im Schloſſe geſehen habe. Ermüdet von dem zweiſtündigen Herumgehen und dem Rütteln in einer Bagnote(ſo nennt man es in dieſem Lande), welche nur dem Namen nach in Federn hing, ſetzte ich mich in den Speiſeſaal nahe an dem trotz des Sonnenſcheins angezündeten Herde. In einem Winkel deſſelben rauchten der Flurſchütze der Gemeinde und der Schloßvoigt ernſthaft ihre Pfeifen. Sie hatten aus dieſem Saale eine Art von Tabacks⸗ Graf Bocarmt und seine Gattin. 309 chenho befinn ſtube gemacht. Und wie ich ſchon geſagt habe, ſtand befn das Bett des Schloßvoigts an derſelben Stelle, wo igt He Guſtav Fougnies ermordet iſt. Dort ſchläft er ruhig Zim ohne Geiſter zu ſehen. Alle dieſe literariſchen Hülfsſtücke erleichtern die An⸗ * d ſchauung und bringen uns einer That näher, die, deſſen nn ungeachtet, noch immer als ein ungelöſtes Räthſel hinter vicli einem Schleier liegt, der wol nie gelüftet werden wird. Nach den neueſten Nachrichten wird Schloß Bitre⸗ Sthſ mont jetzt zum Verkauf durch Rcitation ausgeboten. S engart r geyfl inem de en, der n Pro f mit v Me Marie Delorme. 1726— 1736. Marie Delorme war ein junges, mit aller Anmuth ausgeſtattetes Mädchen, der zu ihrem Glücke nichts zu fehlen ſchien, als ein eigenes Vermögen. Aber ſie war im Hauſe ihres Stiefvaters Dupin, welcher ihre Mutter ſchon, als ſie noch ein kleines Kind war, geheirathet hatte, ſelbſt wie ein geliebtes Kind aufgenommen und erzogen worden. Im Jahre 1726 heirathete ſie oder ward verheirathet an einen reichen Mann, Monſieur Rapally, welcher uns als trésorier de France bezeichnet wird. Bei der Ehe mußte ein Myſterium obgewaltet haben, denn die Angehörigen der Familie erfuhren erſt nach vollzogener Trauung von der Heirath. Dieſe Trauung hatte eines Morgens in aller Frühe in einer Nebenkirche von Paris ſtattgefunden, die Verehelichten und die Ael⸗ tern der Braut waren darauf nach St.⸗Cloud gefahren, wo die erſtern ihren Wohnſitz hatten. Hier verkündete man bei der Ankunft den Hausgenoſſen und Freunden, was geſchehen war. * ————— rAnm nichts; r ſie w e Mutt cheiratt men 1 erheirelt velcher 0 ltet hobl erſt no eFrauu Nebent ) die A gefthl verkund — nde Frelnt Marie Delorme. 311 Alle waren erſtaunt. Die Thränen in Marie De⸗ lorme's Augen ſchienen auf einen Zwang zu deuten. Sie verſtellte ſich auch nicht, ſondern verſicherte gegen Alle, welche, um ihr Glück zu wünſchen, kamen, ihre Ehe ſei nur durch Gewalt und Zwang ins Werk geſetzt, und ſie betrachte ſich auch gar nicht als verheirathet. Es verſtrichen fünf Tage, während welcher Marie Delorme im älterlichen Hauſe blieb. Auch Rapally blieb daſelbſt, was nach franzöſiſchen Sitten nichts Auffälli⸗ ges hat, indem es nichts weniger als ungewöhnlich iſt, daß jung Verheirathete im Hauſe der Aeltern wohnen, und eine gemeinſchaftliche Dekonomie mit ihnen führen. Am ſechsten Tage erklärte Rapally ſeine Abſicht, ſeine junge Frau in ſein Haus zu nehmen; aber wie auch ihre Mutter und ihr Stiefvater ſie zu überreden ſuchten, daß ſie ihm folge, Marie Delorme weigerte ſich entſchieden. Man hätte Gewalt gebrauchen müſſen, und davor ſcheute man ſich jetzt. Sie blieb in St.⸗Clond zurück und Rapally ging allein nach Paris. Am 4. November 1726 ließ der Ehemann durch ge⸗ richtliche Citation ſeine Frau auffordern, daß ſie zu ihm in ſein Haus ziehe. Sie erwiderte ebenſo förmlich: Sie eönne es nicht, und werde an gehörigem Ort und zur gehörigen Zeit deshalb Rede ſtehen. Sie fürchtete aber, ihr Mann könne ſie einmal durch Gewalt und Hinterliſt aufheben laſſen; ſie erwirkte daher für ſich eine königliche Ordre, durch welche es ihr erlaubt ward, ſich in das Kloſter der Récollettes de la rue du Bac zurück⸗ zuziehen. Hier, erklärte Marie ſpäter, habe ſie zuerſt empfun⸗ den, was Freiheit ſei. Sie benutzte ſie, um ſich mit Rechtsgelehrten darüber zu berathen, wie es möglich wäre, die Caſſation eines Ehebündniſſes zu erlangen, 312 Marie Delorme. welches ſie für null und nichtig halte, weil ſie immer ſich dagegen geſträubt und endlich nur dazu gezwungen worden. Sie ſchritt zur förmlichen Klage und wandte ſich zuvörderſt an den Eivillieutenant, welcher einen Familien⸗ rath zuſammenberief. Die hier abgegebenen Stimmen waren für Marie Delorme günſtig. Die Gerichtsperſon begab ſich darauf in das Kloſter und nahm alle ihre Beſchwerdepunkte und Gründe, auf welche ſie ſich ſtützen wollte, zu Protocoll. Sie ſchienen ihm vollwichtig ge⸗ nug, um einen Proceß darauf zu wagen, und er er⸗ nannte zu dieſem Behuf für ſie einen Vormund. Der berühmte Advocat Terraſon, Marien's Rechts⸗ anwalt, gab die Verhältniſſe in folgender Art an; Marie Delorme, am 15. October 1709 geboren, war erſt fünf Jahr alt, als ſie ihren Vater verlor. Im Jahre 1716 verheirathete ſich ihre Mutter, eine geborene Pariſel, mit einem Herrn Dupin. Obgleich im Ehecontract die Gütergemeinſchaft ausgeſchloſſen war, unterzog ſich Du⸗ pin dennoch der Erhaltung und Erziehung der beiden zugebrachten Kinder. Er betrachtete und behandelte ſie, als wären es ſeine eigenen. Den Sohn ließ er unter ſeinen Augen erziehen und gab ihm einen Hauslehrer; Marien brachte er nach franzöſiſcher Sitte in verſchiedene Klöſter, wo ſie bis zu ihrem 14. Jahre blieb. Nach⸗ dem er ſie dann wieder in ſein Haus genommen, ſparte er keine Sorge und Mühe, um eine vortheilhafte Partie für ſie zu Stande zu bringen. Mehre Bewerber, die ihm nicht zuſagten, waren ſchon abgewieſen, als ſich der reiche Rapally meldete. Er trat auf durch einen Vermittler, ſeinen Freund Battiſe, welcher beſonders bei Mariens Mutter Eingang fand vermöge der glänzenden Verſprechungen, die das Glück ſie im gezwun vandte nFmilt Stimn richtper nalle it ſich ſtü wichtig und et und. s Rech t an. boren, w Im Jeh ne Puri ontract d g ſich Di der beid andelte ſ er un hauslehr vuſchiedo ieb. Jo men, ſpnn oſt Por varen ſch dete. d Baft' gong ſ das 6l Warie Delorme. 313 chres Kindes auf immer ſichern ſollten. Rapally näm⸗ lich wolle ſein ganzes Vermögen ſeiner jungen Frau ver⸗ ſchreiben. Die Mutter war entzückt, der Vater wurde entzückt, und Alles war unter den Dreien ſchon ſo gut als abgeſchloſſen, ehe noch Die, welche es betraf, eine Ahnung davon hatte. Indeſſen mußten die Aeltern doch ſchon einige Be⸗ ſorgniß gehabt haben, daß ein Geiſt des Widerſpruchs in Marien ſich regen könne, oder es war Rapally, der dieſe Befürchtungen hegte, denn er ſchlug vor, daß Marie ihn zuerſt unter einem andern Namen und in anderer Eigenſchaft ſehen ſolle. Er ward als Arzt unter dem Namen La Grange, als verheiratheter Mann und Fa⸗ milienvater vorgeſtellt. Die Liſt gelang vollkommen, Marie empfing ihn ganz unbefangen und hatte nicht die geringſte Ahnung, was dieſer Beſuch bedeute. Das Maskenſpiel dauerte ſogar einige Monate; war⸗ um, erfährt man nicht. Erſt im Monat Auguſt 1726 entdeckte die Mutter der Tochter, wie der Arzt eigentlich heiße, und daß er ihr beſtimmter Ehegatte ſei. Der Doctor La Grange war ihr ein fremder, gleichgültiger Mann geblieben; ihr künftiger Gatte, der Trésorier Rapally erweckte in ihr ein Schaudern und Entſetzen. Sie ſtand da ſprachlos, wie vom Blitz getroffen. Alle Vorſtellungen der Mutter waren vergebens: Sie ſei ohne eigenes Vermögen, alle ihre Ausſichten hingen ab vom guten Willen ihres Stiefvaters; wenn ſie ihn durch eine abſchlägige Antwort reize, könne es ihn auf⸗ bringen, und ſie möchte nicht für die übeln Folgen ein⸗ ſtehen; was könne ein armes verlaſſenes Mädchen Glän⸗ zenderes wünſchen, als eine Verbindung mit dem Manne, welcher ſchon jetzt eine jährliche Rente von 45,000 Livres bezöge, und der nach dem Tode ſeiner Aeltern in Genua XX. 14 314 Marie Delorme. noch auf eine Erbſchaft von 600,000 Livres rechnen dürfe! Und in dieſes Geſammtvermögen wolle er ſie als Univerſalerbin einſetzen! Auf alle dieſe Argumente des Eigennutzes, in die mütterlicher Stolz und Eitelkeit ſich miſchten, antwortete das 17jährige Mädchen ebenſo naiv als feſt: der Mann ſei ihr nun einmal gleichgültig, ja zuwider, und darum könne man nicht fodern, daß ſie ihn heirathe. Madame Dupin wandte ſich an ihren Mann. An⸗ fänglich ſuchte er das junge Mädchen in Güte zu über⸗ reden, er war der ſorgſamſte Vater geweſen, er hatte ſie mit Wohlthaten überhäuft; aber ſie ließ ſich nicht erweichen, und er verſuchte nun mit der ganzen väter⸗ lichen Autorität auf ſie einzuwirken. Endlich drohte er ihr, ſie in ein Kloſter einzuſperren und ſeine Hand gänz⸗ lich von ihr abzuziehen. Mariens Seelenkampf war groß. Hier das Pflicht⸗ gefühl gegen einen Stiefvater, den ſie durch ſo lange Jahre wie ihren wirklichen Vater betrachtet hatte, an den nicht allein die Autorität, auch die Dankbarkeit ſie feſſelte, und dort der entſchiedene Widerwille gegen einen Menſchen, dem ſie ihr ganzes Lebensglück opfern ſollte. In Thränen ſchwimmend, fragte ſie Dupin, ob er, müde ihrer Obhut, ſich denn entſchloſſen habe, ſie auf ewig elend zu machen, um ſich nur der Verpflichtung zu über⸗ heben, die er freiwillig beim Abſchluß der Ehe einge⸗ gangen, die Kinder erſter Ehe ſeiner Frau bis zum zwanzigſten Jahre zu unterhalten? Der Sttiefvater war kein Mann, um ſich durch ſen⸗ timentale Gründe von einem wohldurchdachten und lang beſchloſſenen Plane zurückbringen zu laſſen. Im Gegen⸗ theil ſchien es ihm nöthig, die Sache zu beeilen, damit nicht etwa auch Rapally Scrupel bekomme. Er ging rechne ſie cl ente d lreit ſi nſo ni ültig, j daß ſ n. N zu üb er hu ſch nich en vite rohte t nd gin pficht lange tte, an reit ſt n ein n ſollt er, mid uf ewiß zu über he einge his zum uch ſen nd lon Gegel dami r zit * „ Marie Delorme. 315 nach Paris, um die Contractbedingungen einzuſehen, de⸗ ren Stipulation er der Großmuth des künftigen Schwie⸗ gerſohnes allein überlaſſen hatte. Außer einem feſtgeſetzten Leibgedinge von 6000 Livres jährlich, hatte Rapally ſeiner zukünftigen Gattin für den Fall ſeines Todes ſein ganzes Vermögen verſchrieben. Der Stiefvater machte ſich dagegen anheiſchig, ſeiner Stieftochter eine Mitgift von 200,000 Livres zu geben. Man war einig, und es galt nur noch, der Stipu⸗ lation die authentiſche Form zu geben. Uns wird nun geſagt— wohlverſtanden im Memoire des Advocaten für die junge Dame— daß, um ſicherer zum Zwecke zu gelangen, man zu zwei Kunſtgriffen ſeine Zuflucht ge⸗ nommen habe. Der erſte war, daß Dupin nach ſeiner Rückkehr von Paris öffentlich erklärte, er wolle ſowol ſein Haus in Paris als auch das, welches er in St.⸗ Eloud bewohnte, an Rapally verkaufen. Er hoffte durch dieſe Liſt Marie Delorme in Schrecken zu verſetzen; ſie möchte, wenn ſie ſähe, daß er alle ſeine Immobilien ver⸗ äußere, doch endlich ſeinem Drängen nachgeben. Dem⸗ gemäß ließ er zwei Notare nach St.⸗Cloud kommen, von denen der eine als Architekt ausgegeben ward, um das zu verkaufende Haus zu beſichtigen, der andere in ſeiner wahren Eigenſchaft als Notar, der die Verhand⸗ lung über den Verkauf des Hauſes aufnehmen ſolle. Auf dieſe Weiſe hoffte er bei Marien jeden Gedanken zu entfernen, daß es ſich hier um einen Heirathscontract handle. Sie ſollte erſt davon wiſſen im Augenblick, wo ſie ihn unterzeichnen mußte. Auch dieſer Augenblick kam ſchnell genug. Batiſſe, der erſte Unterhändler in dieſem Heirathsgeſchäft, ging zu Marien, und nach einem allgemeinen Geſpräche in ihrer Stube fing er wieder an, von den immenſen 14* 316 Marie Delorme. Reichthümern Rapally's zu ſprechen, und ſchloß das lange Geſpräch mit der kurzen Bemerkung, daß der Contract ſchon fertig ſei und nur auf ihre Unterſchrift warte. Marie Delorme folgte Batiſſe mit Zittern und Zagen in das Zimmer, wo ſich der Notar befand. Ihre bisher bewieſene Willensſtärke verließ ſie; eingeſchüchtert durch die Gegenwart ſo vieler Zeugen und der Perſonen, welchen ſie zu gehorchen gewohnt war, wankte ſie an den Tiſch. Konnte ſie jetzt noch widerſtehen und ihre Aeltern der Beſchämung preisgeben? Mit zitternder Hand unterſchrieb ſie das Protocoll. Es war vom 5. Sep⸗ tember 1726. Nach dieſen Scenen gewaltiger Aufregung ließ man dem jungen Mädchen mehre Tage Ruhe. Aber das Weihnachtsfeſt näherte ſich, und Marie mußte als gute Katholikin dann zur Beichte gehen. Die Mutter fürch⸗ tete, wenn ſie zu ihrem gewöhnlichen Beichtvater ginge, welcher ein genauer Bekannter der Familie war, daß ſie von dieſem Vorſtellungen und Rügen wegen ihrer Ver⸗ fahrungsweiſe gegen die Tochter ins Haus bekäme. Sie führte daher Marien zu einem andern Geiſtlichen, und befahl ihr, über den Ehepunkt Schweigen zu beobachten. Das junge Mädchen war immer eine gehorſame Tochter geweſen, ſie blieb es auch jetzt. Ihre Mutter ließ ſich über dieſe abgelegte Beichte vom Geiſtlichen ein Certi⸗ ficat ausſtellen. Am 9. September ward Mademoiſelle Delorme wie⸗ der von St.⸗Cloud nach Paris geführt, um die Cere⸗ monie der Verlobung zu feiern. Auch dies ſollte noch geheim geſchehen; man bediente ſich daher nicht der Du⸗ pin'ſchen Equipage, ſondern nahm eine Lohnkutſche und keinen Diener mit ſich. Auch dieſe Verlobung geſchah nicht weniger unfreiwillig— ſagt der klägeriſche Anwalt terſchri tern un d. Iht ſchüchte Perſone e ſie e und iht det Han ließ mo Abet du als ut ter jitch daß ſi 6 or Ver er B ne. Si en, Und obachten eTochl lic ſi in ur mt it die Eer⸗ lte noch der D ſche und geſch Anwi Marie Delorme. 317 — als es die Unterzeichnung des Ehecontracts geweſen war. Auch hier wurden Formen, wenigſtens Gebräuche verabſäumt. Nachdem die Verhandlung geſchloſſen war, führte man Mademoiſelle Delorme in einen öffentlichen Garten der Faubourg St.⸗Denis, wo bei einem Traiteur eine Art Gaſtgelag ſtattgefunden zu haben ſcheint. Aber ſtatt ſich zu beruhigen, gerieth Marie hier in völlige Ver⸗ zweiflung, ſie warf ſich ihrem Stiefvater und ihrer Mut⸗ ter zu Füßen, und beſchwor ſie bei aller Liebe, welche ſie ihr bisher gezeigt, ſie nicht mit dem Menſchen zu verbinden, den ſie verabſcheue. Wenigſtens, flehte ſie, möge man die Hochzeit noch ein paar Tage aufſchieben. Die Mutter ward jetzt wirklich gerührt; ſie ſoll ihrem Mann erklärt haben: er werde den Zwang, den er ge⸗ gen ihre Tochter ausübe, vor Gott zu verantworten haben. Auch Dupin ſchien einen Augenblick erſchüttert, aber Einige aus der Geſellſchaft redeten ihm zu, er möge feſt bleiben, die Sache ſei doch nicht mehr ohne Scandal und ohne Verletzung erworbener Rechte rückgängig zu machen. Er ſtählte ſich wieder in ſeinem Beſchluß und drohte der Stieftochter, wenn ſie ihm nicht im Augen⸗ blick gehorche, ſie morgen ſchon in ein Kloſter zu ſchicken. Vom Traiteur im Vorſtadtgarten machte man ſich auf den Weg nach der Kirche St.-Euſtache, wo die Trauung ſtattfinden ſollte. Man bediente ſich auch hier derſelben Vorſichtsmaßregeln wie bei der Fahrt nach Paris. Aus Beſorgniß, daß einige Leute in die Kirche dringen und ſo Zeuge werden könnten von der gegen die Braut angewandten Gewalt, beſtach Rapally den Schweizer, damit er die Kirchthüren während der Trau⸗ ung zuſchlöſſe. Es heißt nun, daß man um 4 Uhr Mor⸗ gens in der gedachten Kirche angekommen wäre, was, 318 Marie Delorme. wenn kein Irrthum unterläuft, ſchwer mit dem Obigen zu vereinen iſt, es müßte denn angenommen werden, daß Brautleute, Aeltern und Freunde die Nacht über beim Traiteur im Garten zugebracht hätten. Man fand Alles vorbereitet. Die Brautleute näher⸗ ten ſich dem Altar und der Prieſter richtete an ſie die herkömmlichen Fragen. Als er ſich an Mademoiſelle Delorme wandte: Willſt du dieſen gegenwärtigen Herrn Rapally zum Ehemann nehmen? rief ſie ihre letzten Kräfte zuſammen und ſprach mit lauter und deutlicher Stimme: Nein! Erſchreckt und erbittert über dieſe Ant⸗ wort, näherte ſich der Stiefvater mit den Worten: So ſage doch Ja! Aber trotz aller Vorwürfe und böſen Blicke verharrte ſie in einem tiefen Schweigen. Der adminiſtrirende Geiſtliche konnte ſich entweder nicht vor⸗ ſtellen, daß die geſchmückte Braut in anderer Abſicht an den Altar getreten ſei, als um ſich trauen zu laſſen, und daß ſie ſich nur verſprochen habe, oder er war ſo in ſeine Amtsverrichtungen verſenkt, daß er die her⸗ kömmliche Antwort auf die Frage gehört zu haben glaubte, kurz, er fuhr ruhig in den liturgiſchen Formen fort, die zum Ehebündniß nöthig ſind, von denen aber die junge Dame kaum mehr etwas vernahm, denn ſie war un⸗ wohl und halb ohnmächtig geworden, weshalb man ge⸗ nöthigt geweſen, ſie auf einen Stuhl ſich ſetzen zu laſſen. Als der Prieſter ſich zurückzog, ſprang Marie auf und wollte aus der Kirche laufen. Kaum gelang es den dringendſten Vorſtellungen und den heftigſten Drohun⸗ gen, ſie zum Bleiben und endlich dazu zu bewegen, daß ſie das Protocoll unterſchrieb. Wir wiederholen, daß dies die Darſtellung iſt, welche von den Vorfallheiten der Advocat der Klägerin, Ter⸗ raſſon, gibt. Wie die Getraute und deren Aeltern darauf te nähe n ſi di emoiſel n Herm e letze deutlicht ieſe Wt ten: S 5 höſen n. Do icht vor bſicht a laſſn war ſi die het glaubte, ort, di ie junge war Un man ge u laſſen guf und e den Orohun⸗ „püß en, v [ welche 4 2e — Marie Delorme. 319 nach St.⸗Cloud zurückkehrten und hier die Ehe zuerſt bekannt gemacht wurde, iſt oben geſagt. Nach derſelben Darſtellung begab ſich hierauf Folgendes. Man mußte alle Autorität anwenden, um Marie Delorme aus dem Zimmer fortzuziehen, in welchem ſie ſich eingeſchloſſen hatte, damit ſie nur am Feſtmahle Theil nähme. Sie rührte keinen Biſſen an, ſie nippte nicht vom Glaſe, und plötzlich war ſie noch vor dem Ende des Soupers wieder entſchlüpft und hatte ſich wie⸗ der in ihrem Zimmer verſchloſſen. Die Mutter folgte ihr dahin. Alle Bitten, alle vernünftigen Vorſtellungen, ſelbſt die heftigſten Vorwürfe und Drohungen blieben umſonſt, die Mutter mußte geradezu Gewalt anwenden, um ſie ins Brautgemach zu ſchaffen. Unter Beihülfe weier Kammermädchen entkleidete ſie ihre Tochter, legte ſie ins Bett und rief ihren Schwiegerſohn. Kaum aber waren die Getrauten allein beieinander, als Marie zu wimmern anfing, ſie erklärte, ſie befinde ſich ſehr unwohl. Er ſtand auf, um ihr Beiſtand zu leiſten, ſie blieb aber lange Zeit in einem Zuſtande von Ohnmacht. Als ſie ſich endlich erholte, bat ſie ihn inſtändigſt, ſich jetzt von ihr entfernt zu halten. Dies blieb kein Geheimniß, ſie ſah wie eine Ver⸗ ſtörte aus. Dupin und ſeine Frau hofften indeß Alles von der Zeit und von der Gewöhnung. Sie brachten während fünf Nächten die Verheiratheten mehrmals zu⸗ ſammen. Es waren Nächte der äußerſten Qual für Marie Delorme. Sobald Rapally nur Miene machte, ſich ihr zu nähern, warf ſie ſich aus dem Bette, und benetzte den Boden mit ihren Thränen. Ja, ſie war ſchon auf ein tragiſches Ende ihrer Leiden gefaßt, denn unter ſeinem Kopfliſſen hatte ſie einſt einen Dolch er⸗ blickt, und er hatte ihr damit gedroht. Marie Delorme. Wir wiſſen ferner, wie Rapally darauf St.⸗Clond verlaſſen, wie er gerichtlich die Herausgabe ſeiner Frau gefodert, und in welcher Art dieſe darauf in einem Kloſter Zuflucht gefunden hatte. Die Klage der jungen Frau ſtellte übrigens Rapally's ſehr natürliches Verlan⸗ gen ſo dar, als wenn er ſie nur in ſeine Gewalt zu be⸗ kommen wünſche, um ſich an ihr zu rächen, und daß ihr Stiefvater und ihre Mutter von ſeinen böſen Abſich⸗ ten nichts gewußt, als ſie alle Mittel angewandt, ihre Tochter zu überreden dem Gatten zu folgen. Der Proceß hatte ſeinen Fortgang. Leider erfahren wir von den eigentlichen Ermittelungen, wie in den meiſten franzöſiſchen Proceſſen, nur Das, was ſich aus den Advocatenſchriften herausſtellt. Das Factum, daß Gewalt angewandt worden, ſcheint ermittelt. Dupin und ſeine Frau mußten von der Abneigung wiſſen, welche Marie Delorme empfand, als Rapally unter einem fal⸗ ſchen Namen und in einer falſchen Eigenſchaft vorge⸗ ſtellt wurde, in der Abſicht um ihre Neigung zu prü⸗ fen; und ſie zwangen ſie nichtsdeſtoweniger ihn zum Gatten zu nehmen. Ja, man hatte ſich der gehäſſigſten Täuſchungen bedient, um dieſe Verbindung zum Abſchluß zu bringen. Keiner ihrer Verwandten war zugegen; man hatte ein undurchdringliches Geheimniß aus der Angele⸗ genheit gemacht, und erſt dann kam man mit der De⸗ claration zum Vorſchein, als es unmöglich ſchien, daß Marie Delorme ſich aus dem Joche losmache, in wel⸗ ches man ſie gekoppelt. Der Advocat der Klägerin ſchloß ungefähr ſo: Wenn es ausgemacht iſt, daß die Furcht ein genügender Grund iſt, um eine unter ihren Eindrücken abgeſchloſſene Ehe erfaht in den ſich al um, do Diyi welch wei zu pru ihn zw häſſigſ e Abſchl en mu der De ß ien, b0 in wel Marie Delorme. 321 für null und nichtig zu erklären, ſo wird man ſelten überzeugendere Indicien für einen ſolchen Zwang durch Furcht finden, als in dem gegenwärtigen Falle. Sie war ohne das geringſte Vermögen, ſie hatte nichts von ihrer Mutter zu erwarten, und alle ihre Hoffnungen be⸗ ruhten nur auf der Güte ihres Stiefvaters. Er war es, der ſie mit Sorgfalt erziehen laſſen, der ſie gewiſſer⸗ maßen ſo vorbereitet hatte auf das beträchtliche Vermö⸗ gen, mit welchem er ihr geſchmeichelt. Somit hatte Mademoiſelle Delorme nur in Folge des Andringens, der Drohungen und der Heftigkeit dieſes Mannes, dem ſie ſo viel ſchuldete, endlich eingewilligt, den von ihm gewählten Mann zu heirathen. Aber auf dieſe Einwil⸗ ligung konnte Letzterer ſich nicht berufen, weil alle dahin ſchlagende Umſtände klar zeigten, daß Alles, was Marie in dieſer Beziehung gethan, ihr aufgedrungen geweſen, und ſie bei keiner dieſer Handlungen die geringſte Wil⸗ lenskraft gezeigt. Dies alſo die Darſtellung von Seiten der Klägerin. Rapally antwortete darauf in einer ſehr beredten Ge⸗ genſchrift, abgefaßt vom Advocaten Cochin: Mademoi⸗ ſelle Marie Delorme ſei nichts weniger als zur Heirath gezwungen worden, vielmehr hätte ſie deutliche Zeichen ihrer Zufriedenheit abgegeben. Am Tage der Unterzeich⸗ nung des Contracts habe ſie an den Luſtbarkeiten und Vergnügungen des Feſtes Theil genommen, welches man deshalb veranſtaltet. Am Tage der Hochzeit ſelbſt habe ſie ſich im ſchönſten Putz einer jungen Dame gezeigt, welche über die ihr zuſtehende Veränderung recht erfreut iſt. Ein deutlichſter Beweis, daß kein Zwang ſtattge⸗ funden, ſei der, daß, als ſie ſich durch die Beichte zur ——— 322 WMarie Delorme. ehelichen Einſegnung vorbereitete, ſie ihr Herz nicht vor ihrem gewöhnlichen Beichtvater ausgeſchüttet, noch die⸗ ſen Beichtvater zu beſtimmen verſucht habe, daß er ſich bei ihren Aeltern zu ihren Gunſten verwende, damit ſie von einem Bündniß loskäme, für das ihr Herz nicht ſchlug. Ferner habe Mademoiſelle Delorme geſtändlich während der Trauung ihre Hand in der Rapally's ge⸗ halten; er habe ihr einen Ring an den Finger geſteckt und ein Stück Gold ihr in die Hand gedrückt. End⸗ lich ehe ſie die Kapelle verließen, habe ſie das Protocoll unterzeichnet. Alle dieſe Umſtände zeigten ſonnenklar, daß nicht die geringſte Gewalt gegen ſie zur Ausübung gekommen ſei. Auch habe ſie nach ihrer Rückkehr nach St.⸗Cloud luſtig mit den Gäſten beim Hochzeitfeſt ge⸗ tanzt. Dagegen räume Rapally allerdings ein, daß Mademoiſelle Delorme einigen Widerſtand gezeigt, als es die letzte Vollziehung der Ehe galt; da er aber mehre Nächte mit ihr verbracht, ſo könne über dieſen Punkt kein Zweifel mehr herrſchen. Der Advocat Terraſſon erwiderte hierauf: Die in Anwendung gekommene Gewalt ſei nach der Vernehmung ſeiner Clientin nicht zu bezweifeln. Während ſie Den, welchen man ihr zum Manne beſtimmt, nur noch unter einem faſchen Namen kannte, eröffneten ihre Aeltern, bei der erſter Vorſtellung des gedachten Mannes als künf⸗ gen Gatten derſelben: daß Alles unter ihnen ſchon abgemacht ſei. Schon dieſes erſte Zwiegeſpräch con⸗ ſtatire den Zwang. Der Contract ſei ferner in ihrer Abweſenheit verleſen worden, man habe ſie nur herein⸗ gerufen zur Unterſchrift; man habe alſo ihre Zuſtimmung für ganz unnöthig erachtet. Was Rapally's Einwand betreffe, daß Marie Delorme geputzt geweſen, daß ſie an den Vergnügungen beim Hochzeitsfeſt theilgenommen, auy 5 geſte lusübun ehr naͤ itfeſt ge ein, doß eigt, er mehre Punl — le ehmuh ſie Den, och unt tern, be als kün n ſchol räch in ihrt n herin ſinmung and Marie Delorme. 2 vaß ſie ſelbſt getanzt, demgemäß in ihrer 1 323 nichts verrathen habe, was einen Druck der Seele, oder gar auf Verzweiflung deute, ſo erkläre ſich das von ſelbſt aus der Abhängigkeit, dem Gehorſam und der Furcht, welche das junge Mädchen gegen ihren Stieſ⸗ vater erfüllten. Seine, Dupin's Abſicht aber ſei gewe ſen, unter dem Scheine einer heitern Feſtlichkeit den zwang zu verbergen, den er gegen das arme Mädchen ausübte. Uebrigens malte der Anwalt mit aller Be⸗ redtſamkeit Mariens entſetzliche Aengſte während dieſer Scenen, und trug darauf an, daß die Ehe, nur abge— ſchloſſen in Folge des Misbrauchs der väterlichen Ge walt, für null und nichtig erklärt werde. Rapally's Entgegnung durch Cochin war im Weſent lichen folgende: Das Myſterium, welches dem Abſchluß des Ehebündniſſes vorangegangen, habe ſeinen Grund darin, weil man die zahlloſen Freier, welche ſich für die ſchöne Marie gemeldet, und die leicht ein Hinderniß für die Vereinigung geworden wären, entfernt halten wollen. Mademoiſelle Delorme habe auch nichts weniger als Ver⸗ achtung und Gleichgültigkeit gegen Rapally gezeigt, viel mehr die Befriedigung und Zuſtimmung, welche nur ein junges ſchüchternes und gut erzogenes Mädchen bei einer ſo ernſten Angelegenheit zeigen könne. Nach der Feier⸗ lichkeit der Trauung und des Hochzeitsfeſtes habe er kei⸗ nen andern Widerſtand gegen ſeine Wünſche gefunden als den, welchen die Schamhaftigkeit eines jungen 16äh⸗ rigen Mädchens ihm entgegenſetzen mußte. Unter dem vollkommenſten Einverſtändniß wären die erſten Tage ihrer Ehe verfloſſen. Ohne daß er wiſſe, woher eine ſo plötzliche Umwandlung in ihrer Geſinnung eingetreten, habe ſie ihm am 27. September, als er ihr vorſchlug mit ihm nach Paris zu ziehen, erklärt, ſie wünſche noch 32 ½ Marie Delorme. int Tage auf dem Lande zuzubringen, und ihn allein nachz der Stadt gehen laſſen. Die Auffoderungen, ihre Einwände und die Verhandlungen darüber dauerten einige Wochen fort, bis Rapally endlich, ermüdet von dieſem ewigen Aufſchub, ſich gedrungen fühlte, am 4. No⸗ vember die Gerichte zu ſeinem Beiſtand anzugehen. Erſt auf dieſe gerichtliche Mahnung, ſich zu ihrem Gatten zu begeben, habe die Dame Rapally ſich weigernd erklärt, ſie würde die wahren Gründe zu gehöriger Zeit und an gehörigem Orte angeben. Da erſt ſei der Grund, wes⸗ halb ſie die Ehe getrennt wiſſen wolle, zur Sprache ge⸗ kommen. Hierauf ſeien die bekannten Schritte ihrerſeits erfolgt. Wenn Rapally nur ſeinen eigenen Vortheil und ſeine Ruhe ins Auge gefaßt hätte, würde er gegen die Nich⸗ tigkeitserklärung einer Verbindung nichts einzuwenden haben, welche für ihn nur traurige Folgen haben könne. Da aber die Heirath mit freier Zuſtimmung abgeſchloſ⸗ ſen ſei, machten Ehre und Religion es ihm zur Pflicht, ihre Gültigkeit zu vertheidigen. Aus allen Antworten Mariens vor dem Richter habe er den ſicherſten Beweis, daß Betrug und Hinterliſt bei dieſer Sache im Spiele ſei und ſie vielleicht von Anfang an geleitet haben. Aus den halben Antworten der Dame Rapally glaube er desgleichen zu entnehmen, daß ſie ſelbſt bei den Schlichen und Kniffen weniger betheiligt ſei als die Per⸗ ſonen, welche hinter der Couliſſe ſtänden. Allerdings ſprächen alle ihre Antworten von einem großen Wider⸗ willen, Rapally zu heirathen, aber nicht von dem Zwange und der Gewalt, auf welche ſie ſich beruft, um die Tren⸗ nung zu bewirken. Der einzige Umſtand, der in ihren Auslaſſungen auf einen ſolchen Zwang hindeutet, ſei die abſchlägige Antwort ihrer Aeltern, als ſie dieſelben bat, en. Ei atten; d erkla t und a nd, we rache s erfolh und ſin zuwende en könn geſchlol pflicht ntwortel Bewei E t habe ly glaute bei do die Pe Merdings n Pider 3uunge die Lren⸗ in ihren ſei di ben bu arie Delorme. * die Hochzeit noch auf einige Tage aufzuſchieben. Was beweiſe das als die Angſt, welche jedes junge unſchul⸗ dige Mädchen vor einem ſo entſcheidenden Schritte fühle. Was ihre Angabe betrifft, daß ſie bei der Prauung entſchieden eine verneinende Antwort auf die herkömm⸗ liche Frage des Prieſters gegeben, ſo ſei dies dermaßen bſurd, daß es kaum einer Widerlegung bedürfe Wie, wenn ſie Nein geſagt ſtatt Ja, hätte der fün⸗ girende Prieſter eine Verbindung abſchließen und ein⸗ ſegnen können, die augenblicklich durch das Wort ihrer Weigerung alle Kraft verloren hätte? Ferner, wenn ein junges Mädchen wirklich den Muth gehabt hätte, in einem feierlichen Moment wie dieſer, ſo entſcheidenden Widerſpruch einzulegen, um von einem verhaßten Ehe⸗ bund loszukommen, wie hätte ſie ſich dann ohne An⸗ wendung der äußerſten Gewalt bewegen laſſen, die Acte über die abgeſchloſſene Heirath zu unterzeichnen? Rapally's Anwalt führte nun aus, daß gar kein Grund vorhanden, die Ehe für nichtig zu erklären. Nach den Rechtsgrundſätzen muß eine Ehe, die ohne freien Willen eines der beiden Theile abgeſchloſſen iſt, für un⸗ gültig erklärt werden. Eine Unfreiheit des Willens iſt da, wenn eine Furcht erwieſen iſt, mächtig genug, um einen ſonſt ſtarken Geiſt zu erſchüttern. Aber man be⸗ trachte es nicht als eine Furcht dieſer Art, wenn Kinder aus Reſpect vor Vater und Mutter ſich ihrem Willen fügen. Noch weniger ſei dieſer Grund vorhanden, wenn das Mädchen, wie hier, ihre Einwilligung gegeben hat, nur, wie ſie angibt, in der einzigen Befürchtung, daß ihr Stiefvater die Geſchenke und Wohlthaten, mit denen er ſie bis dahin überhäuft, zurückziehe. Eine ſolche Be⸗ fürchtung könne nun und nimmermehr den freien Willen ausſchließen. uebrigens habe ſie ja auch nicht gefürchtet, 326 Mlarie Delorme. Das zu verlieren, was ſie ſchon hinter ſich hatte ſondern nur Das, was ſie in Zukunft zu bedürfen glaubte. Das erſte Erkenntniß war der Klägerin günſtig. Es trat ihrem Principalantrage bei und verordnete, daß die von ihr in Antrag gebrachte Beweisaufnahme über die gegen ſie in Anwendung gebrachte Gewalt ſtattfinde. Der verklagte Ehemann appellirte, und durch ein zwei⸗ tes Erkenntniß vom 6. September 1727 ward das erſte dahin reformirt, daß die Klägerin mit allen ihren An⸗ trägen auf Richtigkeit der Ehe abzuweiſen ſei. Mademoiſelle Delorme appellirte ſeitwärts, nämlich an das geiſtliche Gericht, und erhielt vom Primas von Lyon ein anderes Urtheil, welches das des Pariſer Ge⸗ richtshofes aufhob und die Beweisaufnahme über die ihr angethane Gewalt wieder zuließ. Ausgenommen da⸗ von ſolle jedoch das von ihr aufgeſtellte Factum bleiben, daß ſie in der Kirche bei der Trauung, ſtatt Ja, Nein geantwortet habe. Dagegen appellirte Rapally. Er proteſtirte gegen die Beweisaufnahme, und abermals ſtritten ſich die Ad⸗ vocaten mit der größten Beredtſamkeit, ohne jedoch that⸗ ſächlich Nova anzuführen. Am 16. December 1728 wurde das Endurtheil da⸗ hin gefällt: daß das Erkenntniß der Primatie von Lyon nicht zu Recht beſtehen könne. Hiermit war alſo das⸗ jenige des Pariſer Gerichtshofes vom 6. September 1727 wieder in Kraft geſetzt, und damit die Ehe für feſt und unauflösbar erklärt. Da keine Beweisaufnahme ſtattgefunden hatte, ſind wir ſelbſt von allen Mitteln entblößt, um ein Urtheil uns zu bilden; nur wird uns geſagt, daß Marie Delorme ſonde ſtig. 6 „ doß uͤber d ein zu bav kiſ hren W ninli mas vl niſer 6 theil do von Lo ben 17 fiſt und ie, ſind Uuthil Helom Marie Delorme. ſelbſt vor Gericht eingeſtanden: ihr Mann habe keinen in die Augen tretenden Fehler; ſein Charakter, ſeine Neigungen und Sitten wären ehrenhaft und entſprächen den ſtrengſten Foderungen, die man nur an einen recht⸗ hichen Mann ſtellen kann; auch wäre ſein Aeußeres nichts weniger als zurückſtoßend, er hätte vielmehr recht ange⸗ mehme und intereſſante Züge. Somit könnte man an— tehmen, daß das Myſterium nur nach ihrer Angabe in iner natürlichen, aber unüberwindlichen Abneigung zu ſuchen, oder daß Marie Delorme ſelbſt eines jener ca⸗ vricibſen weiblichen Weſen ſei, welche, von einem Hauch bewegt, ſich über ihre Neigungen und Abneigungen keine Rechenſchaft zu geben wiſſen— wenn die folgenden Begebenheiten nicht eine andere, proſaiſchere Auslegung zuließen. Für die junge, jetzt 19jährige Frau gab es kein Rechtsmittel mehr, ſie griff daher zu einem andern, um ihre Freiheit ſich zu bewahren. Sie entfloh aus Frank⸗ reich nach Savoyen und ließ ſich in Chambery nieder. Rapally that keine Schritte, um durch Vermittelung der Geſetze oder des diplomatiſchen Verkehrs ſich die Entflohene ausliefern zu laſſen, ebenſo wenig verſuchte er auf Privatwegen eine Ausſöhnung, da er die Täu⸗ ſchung längſt fahren gelaſſen, daß ihm noch ein Glück in dieſer Ehe blühen könne. Er foderte nur von Dupin die Aufhebung des Contractes, in welchem er ſeiner Frau jene genannten Vortheile ausgeſetzt hatte. Dupin wollte ſich nicht dazu verſtehen, und es kam zum Proceß. Nach einem zweijährigen Rechtskampf wurde Dupin dazu durch ein Erkenntniß vom 16. Januar 1730 verurtheilt. Wäh⸗ rend dieſes Proceſſes glaubte Rapally einen Theil der 328 Marie Delorme. Wahrheit zu entdecken, Dupin ſchien es bereut zu haben, daß er ſich zu einer ſo großen Mitgift an Marie Delorme verpflichtet hatte. Indeſſen hatte er gehofft, daß, wenn ſie zuſammenwohnten und eine Oekonomie ausmachten, ſich der Verluſt an ſeinem Vermögen ausgleichen und er in ſeiner Behaglichkeit nicht geſtört werden würde. Unter allerlei Einwendungen von Seiten Dupin's wurde die Ausführung des Urtheils noch um ein halbes Jahr hingezögert, und erſt durch das Erkenntniß vom 16. Juli ward die Sache zwiſchen den beiden Streiten⸗ den definitiv entſchieden. Inzwiſchen hatte ſich etwas ganz Anderes zugetragen. Rapally war in Geſchäften nach Italien gereiſt und das Gerücht verbreitete ſich, daß er daſelbſt geſtorben ſei. Es fand ſelbſt in den Zeitungen Aufnahme. Als es von einer in die andere überging und nicht widerrufen ward, meldete ſich ein gewiſſer Germain, der in dem Eheproceß zwiſchen Marie Delorme und Rapally zum Vormund beſtellt war, obgleich eigentlich ſeine Beſtallung durch den Ausgang jenes Proceſſes längſt erloſchen war. Von einem Commiſſarius begleitet, trat er am 22. Februar 1730 in Rapally's Haus, um die Verſiegelung der Ef⸗ fecten vorzunehmen. Er gab vor, daß er im Intereſſe der Witwe für Erhaltung der Sachen wachen müſſe. Ein gewiſſer Potton im Hauſe, der wahrſcheinlich Rapally's Geſchäftsführer war, opponirte dagegen. Er behauptete, Rapally lebe noch, und brachte zum Beweis dafür einen Brief zum Vorſchein, den Rapally ihm aus Genua am 14. d. M. geſchrieben, desgleichen eine No⸗ tariatsacte, worin er am 6. deſſelben Monats handelnd auftrat. Germain war auf dieſe Einwendungen nicht vorbe⸗ reitet, man recurrirte an den Civillieutenant, welcher die Bah zu hab Delorn Delor ömacht chen u würde Duyin in halt Streile ugetrae tund d orben ſi fen ward Eheproc Vormun ig durch Non * Febtu det 6 Interſ miſſe. rſcheinlih egen⸗ Beri ihn au N⸗ eine ardelnd t vorb lchtt d Marie Delorme. 329 Anlegung der Siegel zuließ auf Gefahr und Koſten Deſ⸗ ſſen, den es treffe. Sobald Rapally von dieſem Angriff erfahren, glaubte er augenblicklich zurückkehren zu müſſen. Mit Extrapoſt eilte er nach Paris, wo er gegen die Ordonnanz des Civillieutenants Appell einlegte, und ein Arret am 19. Juni 1730 erlangte, welches die Verſiegelung auf⸗ hob und Germain zu 500 Livres Schadenerſatz ver⸗ urtheilte. Zur ſelben Zeit hatte aber auch Madame Rapally für gut befunden, Chambery zu verlaſſen und nach Frankreich zurückzukehren; muthmaßlich auf daſſelbe Ge⸗ rücht vertrauend. Als ſie ihren Mann am Leben fand, flog ſie aber nicht zu ihm, ſondern zu ihrem Stiefvater. Sie nahm wieder officiös den Charakter eines jungen Mädchens an und ließ ſich Demoiſelle Delorme nennen. So weit war Alles gewiſſermaßen in Ordnung, man kann es ſich wenigſtens erklären, wenn man die Dar⸗ ſtellung der factiſchen Verhältniſſe, wie Mariens Advocat ſie gegeben, als in ihren Hauptzügen für wahr annimmt und nur einige phantaſtiſche Regungen, eine beſonders nervöſe Reizbarkeit bei dem jungen Mädchen ſich hin⸗ zudenkt. Aber völlig unerklärbar ſchien Das, was nun folgte. Viele Jahre waren vergangen. Rapally war wieder in Italien, in Genua; der Tod ſeines Vaters hatte ihn dahin gerufen. Seine angetraute Ehegattin, die ſpröde ſchüchterne Marie Delorme— von deren häuslichem Le⸗ ben während der Zeit wir übrigens aus den uns erhal⸗ tenen Acten nicht das Geringſte erfahren— Marie, die durch ſieben Jahre kein Mittel geſcheut, ihn von ſich zu 330 Marie Delorme. ſtoßen, ihn zu fliehen, ſie fühlte plötzlich den lebhafteſten Drang, ſich mit ihm wieder zu vereinigen. Einige ge⸗ meinſchaftliche Freunde erbieten ſich, eine Verſöhnung allmälig zu erwirken. Das ſcheint ihr zu langſam. Im⸗ petuöſer Natur, will ſie raſch das Herz— wenigſtens das Haus ihres Mannes wiedererobern. Am 23. September 1733 erſcheint ſie an der Spitze einer Truppe Polizeiſoldaten, begleitet von einem Com⸗ miſſar, vor dem Hauſe ihres Gatten, um als rechtmä⸗ ßige Ehegattin davon Beſitz zu nehmen, gleichwie von Allem, was ſich darin befindet. Potton, Rapally's Vertrauter und Verwalter, er⸗ ſchien vor der Thür und erklärte, da ſein Herr abwe⸗ ſend, habe er nicht die Schlüſſel zu ſeinen Zimmern. Die junge Ehefrau mußte mit ihrem Gefolge unverrich⸗ teter Dinge abziehen. Aber plötzlich erließ ſie eine Art notarieller Citation an ihren Ehemann. Der uns nur mitgetheilte Sinn derſelben lautete: Sie könne nicht mehr die harte Trennung aushalten, welche ſie nun ſchon durch ſo lange Zeit von dem geliebten Ehemann entſerne. Rapally kam auf dieſe Nachricht augenblicklich aus Genua zurück. Er war der Ausſöhnung, wenn ſie ernſt gemeint war, nicht entgegen; aber als beſonnener Mann wollte er zuvor prüfen. Er ließ ſeiner Gattin vorſchla⸗ gen, ehe eine wirkliche Wiedervereinigung zwiſchen ihnen Platz greife, ſolle ſie ſich auf ſechs Monat in ein Kloſter zurückziehen. Dort werde er ſie täglich beſuchen und in der Unterhaltung wollten ſie ſehen, ob ihre Gemüther ſich näherten und endlich wahr und aufrichtig ineinander klängen. Die junge Ehefrau gerieth in Zorn, daß ihre beſt⸗ gemeinte Intention, ihre erwachte Liebesglut und Reue ſo fortgeſtoßen ward. Sie wollte jetzt ihr Recht, und thafteſt irige g erſthnn am. In venigſen er Shit em Con rechtm hwie vun alter, err abwe gimmem unverih eine An uns nut icht meht on dutch tne. klich als ſi ent net Mam vorſchl hen ihnel in Kloſt n und in Gemithet neinonder nd Rel cht, u Marie Delorme. 331 es war drauf und dran, daß ein neuer Proceß mit der umgekehrten Tendenz des vorigen ausbrach. Glücklicher⸗ weiſe fanden ſich wohlwollende Freunde von beiden Sei⸗ ten, die als Vermittler auftraten, die Dame Rapally ward friedlicher geſtimmt, und der Ehemann willigte endlich ein, ſie, auch ohne Kloſterprobe, wiederzuſehen und bei ſich aufzunehmen. Sie zog am 28. Januar 1734 än ſein Haus. Er, wird uns geſagt, that nun Alles, um ihr den Aufenthalt angenehm zu machen. Was ſie für ſich und für den Haushalt brauchte, ward ihr in reichem Maße won dem Ehemann ausgeſetzt. Sie war von dieſem Edelmuth gerührt, und that nun auch ihrerſeits Alles, um ihm Proben ihrer aufrichtigen Zuneigung zu geben. Da eine neue Wendung der Dinge,— wenn die Motive nicht ſchon von Anfang an da waren. Dupin und ſeine Frau waren über die zärtliche Ausſöhnung ihrer Tochter mit ihrem Ehegatten unzufrieden. Warum? — Es wird nur auf das Geldintereſſe hingedeutet.— Noch unerklärlicher Das, was in einer kurzen Notiz uns geſagt wird: es ſei ihnen gelungen, das Feuer der Zwie⸗ tracht abermals zwiſchen den Ehegatten zu entzünden; während der Monate Juni und Juli wäre es ihnen ge⸗ lungen, ihre Tochter wieder dermaßen gegen ihren Ehe⸗ mann aufzubringen, daß ſie ſchon im Begriff ſtand, aufs neue gerichtliche Klagen gegen denſelben zu erheben. Aber Marie ließ ſich wieder beſchwichtigen, ob von ihrem Manne, von freundlichen Vermittlern oder durch ihre eigene beſſere Natur? Wir erfahren es nicht. Thatſache nur, daß Dupin und Frau ihre Hoffnung aufgaben, die Eheleute wieder aneinander zu hetzen und eine zweite Trennung zu bewirken. Da brachen, aus Verdruß, die Aeltern mit der ungehorſamen Tochter. 332 Mlarie Delorme. Einer reſpectablen Perſon ward es jedoch möglich, Kind und Aeltern wieder zu vereinigen; ſo erzählt man uns immer kürzer, und ſetzt hinzu: aber von dieſem Moment an brach der allerheftigſte Streit aus zwiſchen Rapally und ſeiner Frau. Sie reichte nicht weniger als ſieben Klagen gegen ihren Ehemann ein, zum Zweck der Trennung von Tiſch und Bett. Die Argumente waren meiſt ſehr leichter Art, nur der ſiebente war gewichtigerer Natur: Als ſie ihren Ehemann ein Mal um etwas Geld ge⸗ beten, damit ſie eine häusliche Schuld bezahlen könne, habe er, obgleich ſie die Bitte ſo ſanft wie möglich vor⸗ getragen, ſie doch mit Schimpfworten überhäuft. Ja, er habe ſie geſchlagen, ihr Stöße vor den Bauch gege⸗ ben, dann hätte er ſie auf den Boden geworfen, mit Füßen getreten und ſo arg, daß ſie mehrmals Blut ge⸗ ſpien. Und dieſe grauſame Behandlung fand vor meh⸗ ren Zeugen ſtatt— Gab ſie in der Klage an. Aber die Umſtände, welche von ihr hinzugefügt oder alsbald ermittelt wurden, lie⸗ ßen doch einige Zweifel hinſichts der Glaubwürdigkeit der Dame aufkommen. Wären Sävitien der Art erwie⸗ ſen, ſo hätte eine Trennung ſofort ausgeſprochen wer⸗ den müſſen. Faſt ſterbend von dieſer Mishandlung, habe ſie ſich doch ſelbſt ſofort zu einem Wundarzt, der auf dem Groveplatze wohnte, auf den Weg gemacht. Natürlich in einer Kutſche. Indem ſie aus derſelben ſtieg, ver⸗ ſammelte ſie durch ihr lautes Geſchrei eine zahlreiche Volksmenge. Sie malte in entſetzlichen Bildern, was ihr durch ihren Mann widerfahren, und bald verbreitete ſich durch ganz Paris die Kunde von der brutalen Grau⸗ ſamkeit, die Rapally gegen ſein junges Weib verübt. lich, Kin wan un n Nona n Rahal gen geht von Tiſ *„ Yrt ichter A s Geld 9 len könn öglich v äuft. In auch gehe rfen, mi Blut ge vor meh de, welche rden, li würdigke At erwi ochen we be ſe guf del Nutürlih ſtieg, WMarie Delorme. 333 Der Wundarzt war nicht zu Hauſe. Endlich kam er und verordnete einen Aderlaß. Madame Rapally aber glaubte, daß, wegen beſonderer umſtände, derſelbe noch einigen Aufſchub erleiden dürfe. Nach einigen Verhand⸗ lungen ſetzte ſie ſich wieder in den Wagen und fuhr, die Sterbende, acht Stunden durch Paris in Geſchäfts⸗ angelegenheiten. Die letztern dieſer Stunden hatte ſie damit verbracht, eine ſehr lange Klage gegen ihren Ehe⸗ mann beim Commiſſarius Lecomte aufſetzen zu laſſen. Darauf zog ſie ſich zu einem Herrn de Labroſſe, Rue des Prouvaires, zurück, wo endlich ein Wund⸗ arzt erſchien und ein Protocoll über ihren Zuſtand auf⸗ nahm. Er conſtatirte, daß er drei Contuſionen gefunden, zwei an beiden Armen, die dritte dicht an der Bruſt, welche von Fauſtſtößen, oder von andern ähnlichen urſachen herrühren könnten!— Am 23. Auguſt ward ſie noch ein Mal beſichtigt, in Folge einer Ordonnanz des Civillieutenants, dem jener erſte Fundbericht nicht zu genügen ſchien. Das Reſul⸗ tat war ungefähr in denſelben Ausdrücken niedergelegt. Aber keiner von allen Aerzten hatte weder auf ihrer Bruſt, noch auf ihrem Bauche Spuren ſolcher Fauſt⸗ ſtöße gefunden, von denen ein Bluterbrechen hervorge⸗ bracht ſein konnte. Vor dem Gerichte des Chätelet ſchien die Sache für Marien günſtig zu ſtehen. Auf ihre Klage auf Tren⸗ nung der Wohnung und der Güter war ein Termin auf den 26. Auguſt angeſetzt. Eine höhere, wahrſcheinlich von Rapally angerufene Inſtanz vereitelte dieſen Ter⸗ min. Vor den Requétes du palais verlangte die Ehe⸗ frau zum Beweiſe ihrer Klagepunkte gelaſſen werden. Von den Verhandlungen hier erfahren wir nichts als Auszüge der Rede, welche Cochin, der Advocat ihres 334 Marie Delorme. Ehemannes, hielt; vermuthlich enthalten ſie die Quint⸗ eſſenz Deſſen, was die Richter zum Urtheil beſtimmte. Cochin ging in ſeinen Anführungen die ganze Ge⸗ ſchichte der Ehe durch, und rief den Richtern die ſelt⸗ ſame, in ewigen Widerſprüchen befangene Aufführung der Ehefrau ſeit ihrer Heirath ins Gedächtniß:„Nir⸗ gends hat die Dame Rapally das Bild einer Frau ge⸗ liefert, die ihren Pflichten, ihren eingegangenen Verbind⸗ lichkeiten treu geblieben, ihnen gelebt hat. Die heiligſten Bande gering achtend und verachtend, ſehen wir ſie fort⸗ laufen, umherſtreifen, ſogar außerhalb des Reiches flie⸗ hen und, aller Erkenntniſſe ungeachtet, aus nichtigen Gründen auf eine ſcandalöſe Eheſcheidung beſtehen. Nach⸗ dem ſie doch wie Mann und Frau mit ihm gelebt, klagt ſie gegen ihn, wie ein unverheirathetes Mädchen und ſetzt die Klage zwei Jahr fort. Dann, nachdem es ihr plötzlich eingefallen, den Titel und die Rechte einer Ehe⸗ frau anzunehmen, erfüllt ſie von neuem die Tribunale mit ihrem Klagegeſchrei, was ebenſo ſchändlich iſt als lügenhaft.— Will man vergeſſen, daß dieſe Gattin, welche jetzt wegen Gewaltthätigkeiten, von ihrem Manne angeblich ihr zugefügt, gegen denſelben Klage erhebt, vor Jahren mit derſelben Frechheit und denſelben betrügeri⸗ ſchen Anführungen gegen Den auftrat, der Vaterſtelle an ihr vertrat, gegen den Sieur Dupin? Iſt dieſer Um⸗ ſtand allein nicht genügend, die volle Unglaubwürdigkeit der gegenwärtigen Klage ans Licht zu ſtellen, die über⸗ dies durch keine wirklichen Zeugniſſe beſtätigt wird. Die Dame Rapally erklärt ſelbſt, daß der letzte heftige Auf⸗ tritt im Cabinet des Mannes ſtattgefunden, und daß kein Zeuge dabei zugegen geweſen. Das zeigt alſo ſchon die gänzliche Unmöglichkeit, in welcher die Dame Rapally ſich befindet, Das zu beweiſen, was ſie vorbringt. Leicht die Qui eſtimmte gan 6 n die ſi lufführn rFrau n Verbind t heiligſe ir ſie fen icht ſi nichtign Aebt, kla dchen un dem es iht einer Eht Tribunal h iſt ali . Gattin en Mann echebt, vo betrügt Vttrſtle diſet ln irdigkti die uber⸗ wird. Die fige Auf und daß alſo ſcho Rapall Li Marie Delorme. iſt es übrigens zu erkennen, daß auch hier Herr und Madame Dupin hinter den Couliſſen ſtehen und die Schritte ihrer Tochter leiten, und daß ſie ſelbſt wieder von den Moliven gelenkt worden, die ſie in dieſer ganzen Angelegenheit haben handeln laſſen. Auch darf man die zahlloſen Widerſprüche nicht unbeachtet laſſen, welche ſich in der Dame Rapally Klage und ihrem Memoire worfinden. Alles in der Aufführung dieſer Dame zeigt warauf hin, daß ſie von der erſten Zeit ihrer Ehe an, auf verderbliche Rathſchläge hörend, nur gewünſcht und getrachtet hat, ihren Ehebund für nichtig erklärt zu ſehen, indem ſie alle möglichen Thatſachen auskramte, wie eine Gewaltthätigkeit beweiſen ſollten, durch welche ſie zur Ehe wäre gezwungen worden. Nachdem alle ühre Vorwände und Einwände geſcheitert, und ſie durch ſieben Jahre in beſtändiger Revolte gegen die Autorität der gefällten Urtheile gelebt, kehrte ſie endlich zu ihrem Mann zurück. Sie folgte wieder den Rathgebungen, welche ſie ſchon einmal verführt, ſie wieſen ihr aber⸗ nals die verlockende Hoffnung nach einer erſehnten Frei⸗ heit, und ſie klagte von neuem den Sieur Rapally an, wegen Heftigkeiten und Brutalitäten, um auf dieſem Wege endlich von ihm loszukommen. Aber ſie und ihre Anführungen mögen doch kaum mehr irgendwo Glauben finden, ſie liefern nur eine neue Auflage von derſelben Bosheit und Falſchheit, welche die junge Dame ſchon bei ihrem erſten gerichtlichen Auftreten charakteriſirten.“ Durch ein Arrkt vom 21. März 1735 wurde Ma— rie Delorme, verehelichte Rapally, mit ihrem Antrag, den Beweis der ihr zugefügten Sävitien anzutreten, ab⸗ gewieſen. In zweiter Inſtanz ward dieſes Urtheil durch das Arret vom 24. April 1736 beſtätigt, die Ehe alſo für gültig, unauflöslich erklärt, die Gattin gezwungen, 336 Marie Delorme. zu einem Ehemanne zurückzukehren, der ſie vorhin nur auf Probe nehmen wollte, von dem wir jetzt nicht ein⸗ mal wiſſen, ob er ſie überhaupt noch zurücknehmen mochte, ob er ſie zurückgenommen hat. Denn damit hören unſere Nachrichten auf, und, trotzdem daß ſie actenmäßig ſind, laſſen ſie uns Richts zurück als ein ungelöſtes Räthſel, aber, wir meinen, ein ſo intereſſan⸗ tes, daß ſeine Aufnahme in unſer Buch, obgleich uns der Schlüſſel verloren ging und der eigentliche Crimi⸗ nalfall in den Hintergrund tritt, vor unſern Leſern ge⸗ rechtfertigt ſcheint. Ihnen überlaſſen wir die Entſchei⸗ dung, ob wir es hier nur mit einer gemeinen Geldin⸗ trigue der Aeltern zu thun haben, zu der Marie ſich brauchen ließ, oder mit einem jener verzogenen, capriciös⸗ ſanguiniſchen weiblichen Weſen, bei denen alle Berech⸗ nung fehl ſchlägt, oder endlich, ob ihr Betragen auf nervöſe Ueberſpannung einer hyſteriſchen Natur zu ſchließen erlaubt. Daß Rapally nicht der ſchuldige Theil ſei, dürfen wir nach dem aus den Acten Mitgetheilten ſchließen; freilich, wer weiß, was zwiſchen den Acten geſchrieben ſtand, und jener Zeit ein Jeder wußte und leſen durfte, nur nicht Die, welche aus den Acten allein urtheilen durften oder nach ihnen die Geſchichte der Nachwelt auf⸗ bewahrt haben. Der Roman des Falles bewegt ſich noch in den Sphären der bürgerlichen Empfindungen und Intereſſen des Alttagslebens, aber er ſtreift ſchon nahe an die Linien, wo jene Empfindungen und Inter⸗ eſſen ins Verbrechen überſchlagen, und unter andern Verhältniſſen aus den Marie Delormes Lady Somerſets und Gräfinnen Bocarmé werden. taprii e Berc ragen ſhi Fheil Thel ſchllepel ſchticb n dur uthül wegt findun rit ſhi nd I r onde omer Sawney Cunningham.*) 1 1635. Sawney Cunningham hat einen Ruf in Schottland hinterlaſſen, der ihn noch um Jahrhunderte überleben wird, wie er ihn ſchon um Jahrhunderte überlebt hat. *) Der vorliegende Fall wird unſern Leſern mehr wie ein Roman, oder in manchen Theilen wie eine Erzählung aus Tau⸗ ſend und Einer Nacht erſcheinen, als, wohin ſein Platz ihn weiſt, eine auf actenmäßigen Berichten beruhende Criminalgeſchichte. Wir geben ſie in der Auffaſſung, wie die Celebrated Trials of cri- minal Jurisprudence from the earlierst records to the vear 1825, 6 Bände. London 1825, ſie uns aufbewahrt haben. Dies ernſte Werk hat es ſich zum Geſetz gemacht, nur ſtreng aus den Acten geſchöpfte Berichte wiederzugeben, und verwirft ſelbſt die franzöſiſchen Causes célébres, namentlich die des Mannes, deſſen Name auf unſerm Titel ſteht, weil auch Pitaval mehr das pikante und romantiſche Intereſſe als die actenmäßige Wahrheit im Auge gehabt habe. Nichtsdeſtoweniger ſind wir weit entfernt, hier an eine ſolche zu glauben; wenn aber jenes Werk ſich genöthigt geſehen, gerade dieſe Auffaſſung des berühmten Abenteurers und Verbrechers aufzunehmen, ſo iſt es ein Beweis dafür, daß eine actenmäßige Darſtellung nicht mehr aufzutreiben war, daß ſie den Fall aber für celebrated genug hielt, um ihn auch in dieſer po⸗ XX. 15 Sawney Cunningham. Einer jener verwegenen, zügelloſen Charaktere, die von einem ausſchweifenden zum Verbrecherleben übergehen, von einer ſeltenen Thatkraft und vom Glück begünſtigt, wie jene nur in rohern Zuſtänden des geſellſchaftlichen Lebens ſich entwickelt, dieſes nur in ihnen möglich iſt. Dennoch würde auch ſein Gedächtniß wol längſt erlo⸗ ſchen ſein, wenn ſeine Wiege in einer niedern Hütte ge⸗ ſtanden hätte; aber er war aus einer angeſehenen Fami⸗ lie und hatte den Vorzug einer guten, ja gelehrten Er⸗ ziehung. Dieſe Ariſtokratie der Abkunft und Bildung drückte auch auf ſein Verbrecherthum einen Stempel, der die Erinnerung ſeiner kühnen Verbrechen der Nachwelt aufbewahrt hat. Seine Familie war in Glasgow angeſeſſen; er war dort geboren. Trotz ſeiner Studien, ſeines Wiſſens und des guten Beiſpiels, das ſeine Aeltern ihm gaben, ge— rieth er, von ſeinem erſten Eintritt in die Welt an, auf ſchlechte Wege, und ſeinen Leidenſchaften ſich hingebend, alle Bande eines geregelten Lebens ſprengend, ward er pulären Verarbeitung ihren Leſern zu bringen. Die Verarbeitung ſcheint ſehr alt, und einer Volksſchrift entnommen, die im gelehrt euphuiſtiſchen Stile der Zeit dem Volke Moral predigen wollte, wo nur ein Schwank und eine Ruchloſigkeit vorliegt, die beide mit der Moral nicht viel zu thun haben. Charakteriſtiſch für die Zeit iſt aber der Fall ſelbſt und die darauf angewandte Moral. Sie illuſtrirt etwas, was Scott gelegentlich erwähnt: man ging wol jener Zeit vor einem als Räuber und Mörder berüchtigten Menſchen, den jedoch Niemand zu greifen und anzuklagen wagte, mit einigem Schauer vorüber und hütete ſich vor ſeiner Berüh⸗ rung, es war aber nicht mehr, als wie wir heut einem notoriſchen Trunkenbold auf der Straße ausweichen. In einer Zeit, wo Mör⸗ der und Räuber ſolche Rolle ſpielten, mag es auch ag der Zeit geweſen ſein, moraliſche Schriften zu verfaſſen, mit de Tendenz, daß Rauben und Morden unſittlich und ſchlecht ſei. chaftlicht öglich iſ ngſt erl Hütte nen Fun chrten G empel, d Nacht word Sawney Cunningham. 339 endlich nicht nur Verbrecher, ſondern unter den Verbre⸗ chern ſelbſt zu einem Muſterbild von Verruchtheit. Schon als ein Taugenichts verrufen, gelang es ihm moch eine ſehr gute Partie zu machen. Ein alter Gentle— man in der Nachbarſchaft, welcher mit der Familie Cun⸗ mingham in innigſter Freundſchaft gelebt, ging in der⸗ ſelben ſo weit, daß er ſeine Tochter dem jungen Wüſt⸗ ling zur Frau gab. Da die Aeltern ſich und dem Sohne durch ihre trefflichen Rathſchläge, Drohungen und ihr Beiſpiel nicht helfen können, meinte er, eine gute Frau werde es zu Stande bringen. Er opferte aus Freund⸗ ſchaft und aus Großmuth das junge, ſchöne Mädchen, was übrigens wahrſcheinlich eine Neigung zu Sawney empfunden, und außerdem eine jener Zeit bedeutende Mit⸗ pift, um den Verſuch, einen Taugenichts gut zu curi⸗ ren. Das Gut, welches er der Tochter mitgab, trug einen reinen Gewinn von 140 Pf. St. jährlich. Er bielt das Vermögen für gut angelegt, wenn ein Verlo⸗ nengegebener ſich, ſeinen Aeltern, dem Lande dadurch werettet werde. Sawney Cunningham gelobte Alles, was man wollte, und heirathete. Kaum aber im Beſitz des Guts und ſeiner Einkünfte, kehrte er nicht allein zu ſeinem wüſten Leben zurück, ſondern fing es von neuem in verſtärktem Maße an. Er lebte nur in Schenken und Bierhäuſern. So vergingen die Nächte und Tage in Schwelgerei und Frunkenheit; bald verging auch das angeheirathete Geld, und eine neue, vollſtändige Ebbe trat in ſeinem Vermö⸗ en ein. Um dieſes wüſte Daſein fortſetzen zu können, nerpfändete er ein Stück nach dem andern, vom Seinen, non dem ſeiner Frau. Auf alle Vorſtellungen lachte er, r konnte nicht glauben, da es ihm bisher nicht gefehlt batte, daß es ihm je fehlen könne. 15 340 Sawney Cunningham. Seine ſchöne Frau erkannte bald die ganze traurige Lage, und mit der ihrem Geſchlecht angeborenen Klug⸗ heit hatte ſie nichts unverſucht gelaſſen, ihn auf ſcho⸗ nende Weiſe, und durch freundlichen Zuſpruch und lau⸗ niges Entgegenkommen von den gefährlichſten Wegen abzubringen, denn ſie ahnte, daß er fähig ſei, auch den allerſchlimmſten einzuſchlagen, wenn Abenteuerluſt und Noth ihn dränge. Endlich, als Alles verloren ſchien, drang ſie ernſthafter und unter Thränen in ihn, einen ganz andern Lebensweg einzuſchlagen, der es ihm er⸗ mögliche, für ſein und ihr Wohl in ehrenhafter Weiſe zu ſorgen. Aber es war zu ſpät, er hatte ſich ſelbſt aufgegeben, er konnte nicht mehr zurück, und beantwor⸗ tete ihre beſorgten Vorſtellungen, ihr ſüßes Flehen mit rauhen Worten, Flüchen, Verwünſchungen und Drohun⸗ gen, wenn ſie ihn nicht in Ruhe laſſe. Beider Aeltern erkannten auch zu ſpät ihren Irr⸗ thum, den misglückten Weg, einen Wüſtling zu beſſern, und nach einer ernſten, gegenſeitigen Berathung be⸗ ſchloſſen ſie das Eheband zu löſen. Zetzt aber war es die junge Frau, die entſchieden erklärte, ſie ſei ihres Mannes Weib, und wie ſchlecht und rauh er auch gegen ſie ſei, werde ſie ſich nie entſchließen, ſich von ihm zu trennen. Die Eheleute lebten in Glasgow. Die Reize der jungen Frau ließen ſich nicht verbergen, obgleich ſie in ihrer tugendhaften Geſinnung dieſelben gern den lüſter⸗ nen Augen verborgen hätte. In Glasgow befanden ſich an der Univerſität viele junge Edelleute von anſehnlichem Vermögen und angenehmer Bildung. Anträge man⸗ nichfacher Art wurden ihr unter der Hand und offen, in möglichſt ehrbarer Weiſe und mit den reichſten Verſpre⸗ chungen, gemacht. Sie wies ſie ſimmtlich verächtlich ze traun enen Ku af ſch und lo ten Pe i, auch d uerluſt oren ſiht ihn, i es ihn aſtet P ſih ſi d beantwo Flehen d Duhl ihren I zu beſſ thung er war e ſii ih r auch ron ihn Rei glich i den liſ bentn mige w nd ofu ien Vu verich 9 Sawney Cunningham. 341 zurück. Das ermuthigte aber die Bewerber nur um ſo mehr. Man bereitete Stürme aller Art und ging Wet⸗ ſten ein, daß ſie ſich ergeben müſſe. Unter den unermüdlichſten, aber zugleich den zarte⸗ ſten Bewerbern war ein reicher junger Advocat Hamil⸗ ton. Sein Andringen ängſtete ſie. Bis dahin hatte ſie aus einer Schonung, die wir gegen einen ſolchen Mann nicht begreifen— aber ſie wird uns verſichert— ſihm von dieſen Stürmen auf ihre Tugend nichts geſagt. Aber das arme Weib ertrug ſie nicht länger, ſie wollte frei werden, und eines Nachts, als ſie im Bett neben ſihm lag, fing ſie folgende Unterhaltung mit ihm an. Wir geben ſie wieder, wie wir ſie in dem ernſten Werke, aus idem ſie entnommen, finden, ohne daß wir ſo wenig als dieſes ihre actenmäßige Wahrheit verſichern: „Du kennſt, mein Theurer, die unerſchütterliche Liebe, die ich, vom Tage, unſerer Heirath an, für dich be⸗ wahrt habe, und die ich in keuſcher Treue dir fortan bewahren will, möge auch geſchehen, was es ſei. Nimm als einen Beweis dafür, was ich dir hier mittheile. Maſter Hamilton, der Advocat, drängt in mich und quält mich, ſeinen Umarmungen mich hinzugeben, aber ſich habe noch immer ſeine Anträge abgeſchüttelt, kann jedoch von ihm nicht loskommen. Und nun verlangt mich, deine Meinung darüber zu hören und zu erfah⸗ ren, auf welche Weiſe ich am ſicherſten und beſten von ſeinem Drängen und Stürmen loskomme.“ Sawney war zuerſt gerührt. Er war von ſeines Weibes Treue und Rechtlichkeit überzeugt, und beſchwor ſie, ſein zügelloſes Leben ihm zu verzeihen. Er bekenne ja, daß ihre gegenwärtige Armuth die unmittelbare Folge ſeiner Verſchwendung ſei, aber ſie ſolle nur abwarten, und wenn ſie etwas Geduld habe, werde ſie ſehen, wie 342 Sawney Cunningham. er ſich ändere und einer der beſten Ehemänner von der Welt werden würde. Dann, nach einigem Beſinnen, ſetzte er hinzu: „Was Hamilton anlangt, ſo iſt mein Rath, daß du ihm nicht abſolut einen Korb gibſt. Laß vielmehr eine Art entfernter Zuneigung für ihn merken, ſodaß er denken möge, mit einer anſehnlichen Summe Geldes könne er wol endlich das erreichen, wonach er ſo ſehn⸗ lich ſtrebt. Du biſt jung und ſchön und klug; da haſt du dann die Mittel, über ihn zu gebieten, wie es dir gefällt. Denn ich kenne Hamilton's Temperament ge nug, um zu wiſſen, daß der Liebeseifer ihn zu jeder großmüthigen Handlung fähig macht. Meine Liebe, ich brauche dir nicht zu ſchildern, wie ſchlimm es jetzt mit uns ſteht; aber das wiſſe, daß aller unſerer Noth reich⸗ lich abgeholfen werden kann, wenn wir dies Abenteuer geſchickt ausbeuten. Die Ausführung überlaſſe ich dei⸗ ner eigenen Klugheit und deinem Takt. Was mich an⸗ belangt, ſo übernehme ich es, dich und mich aus allen kitzlichen Folgen, welche die Sache haben könnte, los⸗ zuwickeln.“ Miſtreß Cunningham ging auf den Rath ihres Man⸗ nes ein. Es war gegen ihre Neigung, ihr ganzer Sinn ſträubte ſich dagegen, aber es ſchien ihr Pflicht gegen ihren Mann, ihre Familie, ihr Zartgefühl zu opfern. Sie ward daher auch bei ſich ſelbſt bald damit fertig, wie ſie auf die Sache eingehen ſolle. Als am nächſten Tage Sawney fortgegangen war, mit dem ſtillen oder lauten Wunſche, daß ſeine Frau ihre Operationen anfange, machte Hamilton ſeine gewöhn⸗ liche Viſite. Er fing wie immer mit Seufzern und ſüßem Geflüſter an; er betheuerte, ſeine Liebe zu ihr ſei die reinſte von der Welt. Aber alle Ruhe und Freude ſei et von d Beſinn Rath, d vieln n, ſodoß me Ge er ſo ſch 9 da hi wie esd rament hn zu jü e Liebe i es jebt Noth ni Abent ſſe ich d 6 mich al aus all nnte, lo hr N anjtt Si ſlicht 0 zu ohin mit fult angen b ſin hi n wöt ihr ſi* „rende Freu 5 Sawney Cunningham. 343 für ihn hin, wenn er nicht endlich der Wonne theilhaf⸗ tig werde, die ſie ſo leicht ihm gewähren könne. Die junge Frau ſchalt ihn, zuerſt ſtreng, dann ſanf⸗ er, für eine ſo blank und baare ihren Sinn verwundende Sprache. Solange ihr Ehemann lebe, könne ſie ſich nicht zu einem Bruch der ehelichen Treue überwinden, ſie könne nicht eine nicht wegzulöſchende Schmach auf ſich laden, indem ſie ſeinen Wünſchen Gehör ſchenke. „Ihre Perſon, Maſter Hamilton“, ſagte ſie,„iſt keine von den ſchlechten, noch iſt Ihr Geiſt zu verachten; aber, ach, der Himmel hat es einmal ſo gefügt, daß ich ſchon eines andern Mannes Weib bin, und deshalb kann ich Ihnen nicht zu Willen ſein, wie ich wollte, wenn die Dinge anders wären. Außerdem fürchte ich mich vor meinem Manne, der von choleriſcher Natur iſt und von der geringſten Kleinigkeit aufgebracht und wüthend wird, wenn ihm etwas begegnet, was er nicht liebt, oder was zu ſeinem Wohl oder Vortheil nicht ſtimmt.“ „Vortheil!“ rief Hamilton.„Wenn das der Fall iſt, ſo ſoll weder Ihr Gatte, noch Sie ſelbſt Grund haben, ſich zu beklagen. Dann laſſen Sie mich ein für alle Mal Ihnen ſagen, ich verlange von Niemand, wer es auch ſei, eine Vergünſtigung, ohne daß ich mich dafür revanchire. Ihre Umſtände, ſchöne Frau, ſind mir nicht unbekannt, und der Gedanke betrübt mich, daß, nach⸗ dem Sie Maſter Cunningham eine ſo reiche Mitgift ge⸗ bracht, ich jetzt mir ſagen muß, daß Sie blutarm ſind. Aber verſtehen Sie mich nicht falſch. Ich weiſe den Gedanken mit Verachtung von mir, Ihre Glücksumſtände zu einem Handelsgeſchäft zu benutzen, noch könnte ich je glauben, daß Miſtreß Cunningham auf ſo elende Be⸗ dingungen in meine Wünſche einwilligen ſollte.“ Sie antwortete mit großer Klugheit: er ſpreche ſchön 344 Sawney Cunningham. für ſich, und wenn ſie keine verheirathete Frau wäre, ſo ſolle nichts ihren Wünſchen entgegentreten. Hamilton bot ſeine ganze Advocatenberedtſamkeit auf, um ihr zu beweiſen, wie ſchwach ihre Einwendungen ſeien was ihren Ehemann betreffe, mit dem Verſprechen, daß, was zwiſchen ihnen geſchehe, ſo heimlich und ſtill eingerichtet werden ſolle, daß weder Cunningham, noch irgendwer etwas davon erfahren ſolle. Er ſprach ſo in⸗ nig, dringend und beredt, als ſpräche er für ſein Leben, daß die junge Frau es gerathen fand, raſcher einen Schritt weiter zu thun, als ſie ſich vorgeſetzt. Schlau erwiderte ſie: ſeit nun die Sterne ihren Le⸗ benslauf ſo eigenthümlich gerichtet, daß ſie keine Macht habe, dagegen zu ſteuern, übergebe ſie ſich ihm. Denn was helfe es noch, ihrer Neigung für ihn länger zu widerſtehen. Und, um aufrichtig zu ſein, müſſe ſie be⸗ kennen, daß ſie ihn vom erſten Augenblick, wo ſie ihn kennen gelernt, geliebt, ſie habe ihn allen andern Män⸗ nern vorgezogen, und wo das Schickſal ſo laut mit⸗ ſpreche, könne ſie keinen Fehl ihrerſeits erblicken. Wenn die Welt ſie verdammen ſolle, kümmere ſie ſich darum nicht. Die Präliminarien des ſtillen Bundes wurden zu Beider Zufriedenheit abgeſchloſſen. Er verſprach ihr 100 Pf. Sterl., ſie dagegen alle Zärtlichkeit, die ein lieben⸗ des Weib einem geliebten Manne gewähren könne. Ha⸗ milton mußte indeß ſeine glühenden Wünſche noch un⸗ terdrücken, da die Gelegenheit nicht günſtig war. Um ſich weiter zu beſprechen, ward ein Rendezvous in der Kathedrale von Glasgow verabredet. In einem der dunkel gewölbten Portale jener mäch⸗ tigen Kirche, wo W. Scott die geheimnißvollen Zuſam⸗ menkünfte ſeines Rob Roy und anderer Perſonen ſtatt⸗ wäre, ftit auf, dungen prechen, und ſill n, noch ſo in⸗ Leben, Schtitt ren Le⸗ Macht Denn nger zu ſie be⸗ ſie ihn t wit⸗ Wenn darum rden zu lieben ne. He⸗ och u⸗ . Um in der mäch⸗ Zuſam⸗ nſtol⸗ Sawney Cunningham. 345 finden läßt, traf am beſtimmten Abende der Glückliche die Glücklichſcheinende. Hier erhielt er die frohe Nach⸗ richt, daß Cunningham verreiſt ſei, daß er gegen acht Tage auf dem Lande bleiben werde, nichts ſtehe ihren Wünſchen entgegen. Man ließ nur die Straßen ſich klären, die Schatten dunkler werden und der Beſeligte ſchlich mit der ſchönen Frau nach Cunningham's Hauſe. Es war ſtill darin, Niemand ſchien die leiſen Tritte zu behorchen, als ſie die Treppe zum Schlafzimmer hinauf⸗ ſtiegen, wo ein munteres Kohlenfeuer brannte. Hamil⸗ ton drückte der jungen Frau zwei Beutel mit Gold in die Hand und fing an ſich zu entkleiden. Da ſprang ebenſo leiſe Sawney Cunningham unter dem Bett, oder einem Schrank, wo er ſich verſteckt, hervor, und ehe Hamilton ſich deſſen gewärtigte, ſchlug er ihn mit einem Keulenhammer auf den Schädel, daß er lautlos und ſinnlos zu Boden fiel. Er ließ ſich nicht mit dem Gelde genügen, ſondern ſchlug, um auch die reichen Klei⸗ der des Advocaten zu gewinnen, ſo lange mit dem Ham⸗ mer auf ihn los, bis der Unglückliche zu ſeinen Füßen ſtarb. Die junge Frau, die dem Wüthenden nicht Einhalt thun konnte, war außer ſich vor Entſetzen. Sie hatte, in ihrem Zartſinn, ſich auf eine gewöhnliche Prellerei gefaßt gemacht, aber nicht auf einen ſo furchtbaren Aus⸗ gang. Sawney ſuchte ſie zu beruhigen, er habe ſeine verdiente Strafe weg als Ehebrecher, im Uebrigen aber ſolle ſie ohne Sorge ſein, er werde ſchon Alles ſo ver⸗ anſtalten, daß es ohne unangenehme Folgen bleibe. Geſagt, gethan. Er lud den Todten, der noch halb angekleidet war, auf ſeine Schultern, trug ihn die Treppe hinunter, durch die Hinterthür des Hauſes direct nach dem unfernen Hauſe, welches Hamilton bewohnt hatte. V 9 346 Sawney Cunningham. Die Nacht war dunkel und todtenſtill; Niemand begeg⸗ nete ihm und die Hofthür jenes Hauſes war leicht er⸗ öffnet. Er lud ſeine Laſt im Abtritt deſſelben von den Schultern und ſetzte den noch warmen und weichen Kör⸗ per in aufrechter Stellung auf die Brille. Dann ſchlich er fort. Der Erſte, welcher ihn dort finde, werde, hoffte er, den Schluß ziehen, daß der Advocat durch einen Schlag⸗ fluß auf jenem Sitze plötzlich verſtorben ſei. In Hamilton's Hauſe wohnte ein ihm nahe vertrau⸗ ter Freund. Er bekam in der Nacht einen heftigen Durch⸗ fall und mußte gegen Mitternacht plötzlich aufſpringen, um jenen Ort im Hofe zu ſuchen. Als er die Thür aufriß, fand er Hamilton ſchon dort ſitzend. Er dachte nicht anders, als daß derſelbe Zufall Jenen wie ihn da⸗ hin geführt; er lehnte die Thür wieder an und wartete. Aber er mußte lange warten, bis die äußerſte Noth ihn zwang die Thür wieder aufzureißen. Hamilton hatte lange genug geſeſſen, vielleicht war er eingeſchlafen. Er faßte ihn an der Halskrauſe, um ihn fortzuziehen, aber wie groß war ſein Schreck, als er vor ihm niederfiel. Er hob ihn auf, aber Hamilton gab kein Lebenszeichen, er war todt. Seine Beſtürzung war groß, Sawney Cunningham hatte aber falſche Schlüſſe gezogen. Dieſer Freund des Todten zog in ſeiner Angſt den richtigen. Er wußte um Hamilton's Liebesverhältniß, dieſer hatte ihm wahr⸗ ſcheinlich in einer vertrauten Stunde von dem Glücke mitgetheilt, das ſeiner jetzt warte, und der Freund ar⸗ gumentirte: wahrſcheinlich ſei der Advocat bei Verfol⸗ gung ſeiner Aventure mit dem wilden Menſchen zuſam⸗ mengetroffen, er kannte dieſen und traute ihm Alles zu und ſchließlich traf ſein Schluß das Richtige. Aber den Leichnam eines Ermordeten zuerſt zu finden, nächt⸗ begeg⸗ icht er⸗ von den hen Kör⸗ n ſchlich e, hoffte Schlag⸗ vertrau⸗ nDurh⸗ ſpringen, ie Thir r dachte ihn da⸗ wortete Noth ihn mn hatle zeichen, ringhan und di r wißt m wehr Glicke und at⸗ erfol⸗ zuſam⸗ n All nich Sawney Cunningham. 347 lich, ohne Zeugen und in ſeinem eigenen Hauſe, konnte unangenehme Folgen vor einer Criminaljuſtiz haben, welche jener Zeit aus Indicien auch raſche Schlüſſe, aber nicht immer richtige machte. Um den Verdacht, daß er ſelbſt der Mörder ſei, von ſich abzuwenden, nahm er in raſchem Entſchluß den Leichnam auf die Schultern und trug ihn dahin, wo er, nach ſeiner Meinung, den Tod gefunden, und wo er, nach ſeiner Anſicht, daher hin⸗ gehöre. Er trug ihn wieder zurück nach Sawney's Hauſe, öffnete die Hofthür und legte ihn nieder, an die Hin⸗ terthür des Hauſes gelehnt. Miſtreß Cunningham mußte durch den Schreck über die That von ähnlichen Anfällen wie jener Freund des Todten befallen ſein, ſie fühlte das Bedürfniß, auf den Hof zu gehen. Es war etwas nach Mitternacht, als ſie, aus dem Bette ſpringend, die Treppe hinunterlief. Aber kaum, daß ſie die Thür nach innen geöffnet, als ihr etwas Schweres entgegenfiel— es war ein menſch⸗ licher Körper, es war Hamilton. Von Schrecken ge⸗ peitſcht, rannte ſie die Treppe hinauf und ſchrie ihren ſchlafenden Ehemann wach:„Hamilton kommt zurück!“ — Sawney wußte nichts von Schreck:„Nun, nun“, rief er, ſich die Augen reibend,„ich ſchwöre dir, daß er nicht mehr zurückkommen ſoll, ich will ſchon dafür ſorgen.“ Sawney kannte zu gut die Kraft ſeines Armes, die Wucht ſeiner Schläge, er wußte, daß er es nur mit einem Todten zu thun hatte. Raſch war er aus dem Bett und in ſeine Kleider, noch einmal lud er den todten Advocaten auf ſeine Schultern mit der Abſicht, ihn nach dem Fluß zu tragen und hineinzuwerfen. Aber Leute begegneten ihm. Er mußte mit ſeiner Laſt an die Schat⸗ tenſeite der Häuſer zurücktreten, bis ſie vorüber wären. 348 Sawney Cunningham. So belauſchte er, von ihnen nicht bemerkt, ihr Geſpräch. Es waren harmloſe Diebe, über ein halb Dutzend, die eben von einem glücklichen Plünderzuge zurückkehrten. Sie hatten bei einem Käſehändler zwei große Speckſeiten geſtohlen. Sie verlangten nach der Arbeit noch eine Er⸗ friſchung und ſprachen von einem benachbarten Schenken, der einen außerordentlich delicaten Wein ausſchenke. Saw⸗ ney's Herzklopfen machte einer angenehmen Empfindung Platz, als er die ungefährlichen Kerle bald darauf an des Schenken Thüre klopfen hörte, nachdem ſie den mächtigen Sack, in welchem die Schinken waren, in ein Kellerloch verſteckt hatten. Der Wirth öffnete und die Diebe verſchwanden. Kaum war die Luft klar, als der Mörder ſeine Laſt nach dem Kellerloch trug, den Sack mit leichterer Mühe hervorholte, die geſtohlenen Schin⸗ ken— für ſich hervorholte und den Leichnam des Ad⸗ vocaten geſchickt dafür hineinſteckte. Mit leichtem Her⸗ zen und aller Behendigkeit machte er ſich alsdann auf den Weg nach Hauſe— und ward dieſe Nacht nicht zum zweiten Mal von dem Todten beunruhigt. In der Schenke dagegen ward es bald laut und lu⸗ ſtig. Die Diebe fanden den Wein noch trefflicher, als ſie erwartet. Sie ließen ſchenken und ſchenken, bis ihr knappes Geld nicht mehr ausreichte. Aber ſie hatten ja die Speckſeiten im Kellerloch, und beſchloſſen zu trin⸗ ken, bis die Zeche deren Werth ausgleiche. Der Wirth war ganz damit zufrieden, vorausgeſetzt, daß der Schin⸗ ken ſeinen Anfoderungen entſpreche. Um dies zu con⸗ ſtatiren, mußte der Sack aus dem Kellerloche geholt wer⸗ den. Einer ward danach abgeſandt und warf den Sack keuchend auf den Boden. Er wollte keinen Wein ge⸗ trunken haben, ſchwor er, oder die Schinken müßten ſich im Sacke vermehrt haben. Als die Trunkenen den ſpräch. chrten. ckſeiten ine Er⸗ henken, Saw⸗ indung uf an ie den in ein nd die als der Soc Schin Ad⸗ nauſ nicht ud l⸗ er, l bis ihr hatten u nin⸗ Virth Schin⸗ u con⸗ ſt wet⸗ . Sac in ge nüßten en den Sawney Cunningham. 349 Sack losbanden, ſtierte ihnen der blaſſe Kopf einer Leiche entgegen. Zum Unglück für die Diebe erkannte der Weinſchenke ſofort die Züge des Todten, und ſchrie auf: „Schurken, das iſt der Kopf Maſter Hamilton's, des Advocaten, und ihr habt ihn ermordet!“ Die Diebe müſſen noch nicht ſo routinirte Verbre⸗ cher geweſen ſein, als der Mörder nach ſeinen eben be⸗ richteten Leiſtungen es war. Sie entflohen weder, noch packten ſie den Wirth, daß er ſchweigen müſſe, ſie wa⸗ ren ſelbſt ſo vom Entſetzen ergriffen, daß ſie ſprachlos, zitternd, todtenblaß da ſtanden. Dann wollten ſie al⸗ lerdings ſich fortſtehlen, aber der entſchloſſene Schenke kam ihnen zuvor, er machte furchtbaren Lärm, verſperrte ihnen den Weg, die Familie, die Hausleute waren aus ihren Betten und bald ſtand auch die Scharwache vor der Thür, um ſich nach der Urſache des Lärms zu erkundigen. Uns wird mit kurzen Worten berichtet, die Diebe wurden auf die Nachtwache geführt, dann ins Gefäng⸗ niß, vor Gericht geſtellt und nach kurzer Zeit ſchuldig erfunden, den Advocaten Hamilton ermordet zu haben. Sie ſtarben dafür ſämmtlich am Galgen. Der Freund des Todten hatte alſo Recht gehabt, als er ſich auf ſo ſchlaue Weiſe des Leichnams des Ermordeten entledigt hatte. Die Juſtiz in Glasgow, und nicht dieſe allein, urtheilte vor 200 Jahren nach dem Schein. Uebrigens hätte die Diebe auch ſchon der geſtohlene Schinken an den Galgen gebracht. Sawney Cunningham war alſo auf wunderbare Weiſe frei geworden, ſo frei, daß er dieſes Verbrechens we⸗ gen nicht mehr geſtraft werden konnte. Aber weder die 350 Sawney Cunningham. Angſt, noch die wiederholten Ermahnungen ſeiner Frau, noch ſeine Verſprechen, ſich zu beſſern, wirkten zum Gu⸗ ten. Der Drang zum ausſchweifenden Leben, zum Ver⸗ brechen war ſchon in ihm zu feſt gewurzelt. Er be⸗ gann von jetzt an eine Reihe von gemeinen und abſcheu⸗ lichen Verbrechen, deren Zahl ſo groß iſt, daß die Er⸗ zähler ſie nicht zu zählen wiſſen, geſchweige denn ſie alle zu beſchreiben. Ja, heißt es, ſeine Handlungen wa⸗ ren ſo ſchrecklich und unglaublich, daß die Erwähnung aller der Laſter wie ein Märchen klingen würde, welches man den Leſern aufbinden wolle. Hamilton's Geld war bald verpraßt. Es fand ſich zunächſt keine andere Gelegenheit, in ſo bequemer Weiſe neues zu ſchaffen. Sawney lagerte ſich auf der Land⸗ ſtraße und ſchoß und ſchlug Die nieder, welche ſich wei⸗ gerten ihm ihre Börſe zu geben. Er war aber bald ſo bekannt im ganzen Weſten von Schottland, daß dort kein ſicherer Aufenhalt mehr für ihn war, und er ſich genöthigt ſah, in die große Stadt Edinburg zu flüch⸗ ten, wo ein hinreichendes Aſyl für Abenteurer ſeiner Art ſich bot. Ja, er fand hier eine ſchon ziemlich or— ganiſirte Bande derſelben, die, hoch erfreut, einen ſo berühmten Mann in ihrer Mitte zu ſehen, ihn zu ihrem Capitain oder General ernannte. Ihre Mitglieder wa⸗ ren über die ganze Stadt vertheilt, d. h. ſie wohnten in Spelunken der abgelegenen, ſchmutzigen Gaſſen. Das war aber nichts für Sawney, er mußte ſich in die Mitte der Gefahr ſtürzen und kopflings voran handeln. Er ſchlug ſein Quartier in einem Hauſe auf, wo die mei⸗ ſten Fremden abſtiegen. Hier wußte er durch gefällige Weiſe und lebhafte Unterhaltung Bekanntſchaften mit ihnen anzuknüpfen. Er war auch ein Fremder, nur nach Edinburg gekommen wie ſie, um die Merkwürdig⸗ er Frau, um Gl⸗ un Ver⸗ Er be⸗ abſchele die Er⸗ denn ſi ngen wi⸗ wähnung „welches fand ſih er Weiſ er Lund⸗ ſich wei⸗ bald aß dort t ſeiner einen ſo zu ihren der wo hnten in drs un e Mitte efillig nun r, Sawney Cunningham. 351 keiten der alten Stadt zu ſehen, ihre alten öffentlichen Bauten zu betrachten, und nichts war ihm lieber, als wenn er liebenswürdige gentile Männer fand, die ihm das Vergnügen gönnten, in ihrer Geſellſchaft die Stadt und Gegend zu beſichtigen. Er hatte ſich eine Art und ein Weſen angeeignet, daß die Schlauſten und Gewitzigt⸗ ſten ihm Glauben ſchenkten und ihn für einen der auf⸗ richtigſten Menſchen hielten. Gewöhnlich führte er ſie an ſchöne Punkte zwei bis drei Meilen von der Stadt, wo ſie trefflich zu Mittag ſpeiſten, er hatte es angeord⸗ net, und wenn es ans Bezahlen ging, drängte er ſich vor und berichtigte allein die Zeche. Es war ihm ja nur um die Ehre und das Vergnügen zu thun. Sie konnten aber gewiß ſein, daß ſie das ausgelegte Geld mit den ungeheuerſten Intereſſen zurückzahlen mußten; denn beim Rückwege wurden ſie das nächſte, oder wol ſchon das erſte Mal von Räubern angefallen, geplündert und rein ausgezogen. Sawney ſetzte ſich ſcheinbar zur Wehr, kam aber dann auch ſcheinbar am übelſten weg. Wenn er jedoch Morgens im Hemde und Lumpen mit den Andern zurückkehrte, fand er ſeine Sachen bereits ſauber gepackt und gereinigt in ſeiner Wohnung wieder vor und außerdem ſeinen baaren Antheil an der Beute nebſt den baaren Auslagen. Dies Geſchäft ging ſehr gut, es verleitete ihn aber auch zu übermüthigen Streichen, die nur in jener Zeit möglich waren, und einem Manne, ſo gefürchtet wie er. Drei Bürger der Stadt kamen auf ſchönen Pferden ge⸗ ritten. Sawney und zwei ſeiner Gefährten begegneten ihnen auf der Landſtraße und warfen ſchon von fern ſeltſame Blicke auf ſie. Bald begrüßten ſie die Bürger mit noch ſeltſamern Redensarten; aus dem rohen Witz ſchoſſen Drohworte hervor und furchtbare Blicke. Plötz⸗ 352 Sawney Cunningham. lich ritt Sawney auf den los, welcher der vornehmſte ſchien, und erklärte rund heraus, das Pferd, welches er reite, gehöre ihm und wäre ihm vor kurzem geſtoh⸗ len worden; er möge es auf der Stelle ihm zurückgeben, oder ſein Degen werde ſein Eigenthum ſich zu verſchaffen wiſſen. Sawney's Geſellen trieben daſſelbe Spiel mit den beiden andern Bürgern, auch deren Pferde ſeien die ihren, ihnen geſtohlen, ſie foderten ſie zurück und droh⸗ ten mit offener Gewalt. Vergebens ſuchten die erſchreck⸗ ten Bürger die Abenteurer mit guten Worten und Grün⸗ den zu überführen, daß ihr Eigenthum ihr Eigenthum wäre, daß ſie mit gutem Gelde es bezahlt, wie es mög⸗ lich wäre, ihnen ihr Recht abzuſtreiten. Sawney fluchte und donnerte gegen die Spießbürger, die ſich unterſtän⸗ den das Wort von Gentlemen zu bezweifeln, und die armen Bürger ſahen ſich endlich genöthigt, ſolchen Grün⸗ den zu weichen, von ihren Pferden abzuſteigen, ſie den Abenteurern zu übergeben und ſich noch mit Geld ab⸗ zukaufen für die Gerichtskoſten, die ein Prozeß wegen der Pferde, ſagte Sawney, ihnen unvermeidlich auf den Hals gezogen hätte. Die guten Bürger waren, als ſie erfuhren, wer dieſen ſeltſamen Rechtsſtreit mit ihnen an⸗ gefangen, noch froh, glücklich und ohne ſchlimmere Fol⸗ gen davongekommen zu ſein, denn Blut und Menſchen⸗ leben wogen Sawney Cunningham wie Spreu und Federn. Und der Räuber entfloh nach der offenkundigen That nicht aus Edinburg. Die Bürger wagten entweder nicht zu klagen oder die Polizei wagte ſich nicht an ihn. Er lebte vielmehr in Luſt und Freuden noch eine ganze Weile in der Hauptſtadt, bis er eine derartige Summe Geldes gewonnen, daß er ſich für vollkommen entſchä⸗ digt für ſeine vorigen Verluſte und ſeine letzthin drückende Sawney Cunningham. 353 nehmſt Armuth halten konnte. Er war alſo gewiſſermaßen ein welches guter Wirth geweſen, und hatte außerdem noch eine an⸗ gſoh⸗ dere Tugend, die Liebe zu ſeinem Weibe— ob auch icgbun, die Treue?— ſich erhalten. Er ſehnte ſich nach ihr, 5 ſhufn beſchloß mit ſeinem Erwerb zu ihr zurückzukehren und ſeine übrigen Tage der Ruhe und Annehmlichkeit mit ihr zu verleben. Wirklich kam er nach Glasgow. Er hütete ſi ſich wohl, iel mit ſeien die d droh⸗ — zu öffentlich aufzutreten, aber gegen die wenigen Be⸗ iit kannten, denen er ſich entdeckte, äußerte er reuevolle Geſinnungen. Sie glaubten noch nicht daran. Wie⸗ derum wird uns eine nächtliche, gemüthliche Bettſcene zwiſchen ihm und ſeiner Gattin vorgeführt. Sie ſpra⸗ ſucht chen über ihr vergangenes Leben. Die gute Frau drückte † 3 6„„„„„ trſür eine außerordentliche Freude aus über die anſcheinende 3 Sinnesänderung ihres Mannes, aber ſie begriff nicht, — was der Grund ſein könne. Seine grauſamen Thaten ſie den... ſie de waren ihr von Zeit zu Zeit zu Ohren gekommen, da d db⸗ ſie an eine aufrichtige Bekehrung nicht glauben konnte. wehen Wie konnte ſie ſich überreden, daß der Mann, welcher uf den ſo viele Raubthaten und Morde begangen, ſo plötzlich lö ſie von ſeiner ruchloſen Laufbahn laſſen ſollte? Wäre ſeine nen an Bekehrung eine wahre, ſo müſſe ein Wunder dabei im re pol Spiele ſein, denn ein urſprünglicher Jug von Güte war nſchen⸗ doch nicht in ihm. u und Sꝛie ſchwieg, und ihre ſtillen Befürchtungen waren nicht ohne Grund, während einer und der andere Be⸗ n Thet kannte durch die erneueten Zeichen von Reue und guter ntweder Geſinnung ſich einnehmen ließen. Aber Alles, was er an ihn. ſprach und that, um ſeine Beſſerung an den Tag zu ganzl legen und das frühere Schlimme wieder gut zu machen, umm war Komödie, ein Spiel der Laune, es beluſtigte ihn, nſch der Welt eine gute Meinung von ſich beizubringen, wäh⸗ ückend 354 Sawney Cunningham. rend im Hintergrunde der Gedanke lauerte, unter der Kutte des Heiligen um ſo freier neue Miſſethaten zu begehen. Uns wird nun ein merkwürdiges Abenteuer erzählt, welches Sawney mit einem Wahrſager gehabt, und deſſen Anfänge weit zurückreichen. Als kleines Kind ward Sawney zu einer Amme, einer armen Bäuerin, in einem Dorfe bei Glasgow ausgethan. Das Weib empfand, als der Knabe auf⸗ wuchs, eine immer ſteigende Zärtlichkeit für ihn. Oft ſagte ſie zu ihren Nachbarn:„O, ihr ſollt ſehen, der Junge wird noch einmal ein reicher Herr werden.“ Die Aeltern, die es hörten, machten ſich darüber luſtig und dachten nicht weiter daran. Als Sawney, wirklich reich durch ſeine Beute, nach Glasgow zurückgekehrt war, dachte er wol an jene Worte, und meinte die Vorausver⸗ kündung ſeiner alten Amme ſei in Erfüllung gegangen. Er ſchickte zu ihr, um ihr eine Belohnung für ihre Pro⸗ phezeiung zukommen zu laſſen. Sie kam, Cunningham hatte ſich aber ſo verkleidet, daß ſie ihn nicht wieder⸗ erkennen konnte. Er gab ſich für einen Bekannten ſei⸗ ner ſelbſt aus, und ſagte, daß ſein Freund, Maſter Cunningham, befohlen, ſie, die Alte, zum Aſtrologen Peterſon zu führen, wo ſie ihn ſicher und gewiß ſpre⸗ chen ſolle, denn er ſei dahin in einer Angelegenheit ge⸗ gangen, welche ihn nahe intereſſire. Die Amme und der vorgeſchützte Bekannte gingen zum Aſtrologen. Peterſon hielt ſie für Perſonen, welche ſeinen Beiſtand bedurften, und lud Sawney zum Sitzen ein, als Sawney unerwartet ſeine Anſichten über Aſtro⸗ logie und ihre löblichen Eigenſchaften auseinanderſetzte: „Ich und dieſe alte Frau“, begann er,„ſind zwei der vollkommenſten Aſtrologen und Wahrſager in Schott⸗ ———— Anme Flasgon abe auf n. Oſt hen, der n“ Di ſtig un lich nich hrt wal, rausver⸗ cgangen re Pr⸗ ingham wiedet nten ſi⸗ Maſte ſtrologen riß ſpre heit Sitzen erſetzte „ Sawney Cunningham. 355 land; aber indem ich dies ſage, ehrwürdiger Herr, wün⸗ ſche ich durchaus nicht Ihre Kenntniſſe und Erfahrun⸗ gen in der ſo lobenswürdigen Wiſſenſchaft zu verklei⸗ nern. Ich kam nur, um Ihnen eine geringfügige An⸗ gelegenheit mitzutheilen, in der Abſicht, auch Ihr Urtheil darüber zu erfahren, ganz abgeſehen von dem meinigen und dem dieſer alten Frau. Sie müſſen wiſſen, Sir, daß ich von meinem ſechſten Jahre an ein ſehr wüſtes Leben geführt und mich ſolcher großen und vielen Sün⸗ den ſchuldig gemacht habe, daß ich ſie Ihnen gar nicht herzählen kann, noch wären Sie fähig, ſie anzuhören. Denn meine eigentliche Beſchäftigung war, anderer Leute Geld zu theilen, meine Wohnungen ſtets zu escamoti⸗ ren, die Weinſchenker zu ruiniren. Für eine Flaſche verkaufte ich die 12 Zeichen des Zodiacus, und hätte ich nicht eine zu tiefe Achtung vor Perſonen meines ehren⸗ werthen Standes und meiner Zunft, ſo würde ich wol Mercur zu Hülfe rufen, um gerade in dieſem Augen⸗ blicke unter den reichen Vorräthen Eures Hauſes etwas aufzuräumen. Durch meine außerordentlich tiefe Kennt⸗ niß in der Aſtrologie kann ich aller Art Perſonen durch⸗ ſchauen, ich werfe in die verſchiedenſten Angelegenheiten ihres Lebens Blicke, und wenn ich mich nicht fürchtete, Sie zu erſchrecken, ſo würde ich aus den Conjuncturen des Saturn und Vulcan den Schluß ziehen, daß Euer Würden um Ihrer Profeſſion willen gehängt werden dürften. Aber, mein Herr, obgleich das Schickſal dieſes traurige Ende über Ihr Haupt gehängt hat, ſo iſt der Ausgang doch noch fern, und es mag wie ein gewiſſes Schwert noch lange Jahre dort hängen bleiben, ehe es herabfällt. Iſt es nun nicht wunderbar, daß ein Mann ſoll befähigt ſein, die Schickſale Anderer deutlich zu le⸗ ſen, ohne daß er eine Vorauswiſſenſchaft ſeines eigenen —— ——————*— 356 Sawney Cunningham. hat? Und iſt es nicht außerordentlich traurig, zu den⸗ ken, daß Jemand, der ſeiner Zeit ſo viel Gutes gethan und ſo vielen Tauſenden beigeſtanden hat zur Wieder⸗ erlangung von Sachen, die ſonſt auf immer für ſie ver⸗ loren geweſen ohne ſeinen Rath, endlich zu dem ſchmach⸗ vollen Tod auf der Leiter kommen ſoll, wie eine ver⸗ diente Belohnung für ſeine Dienſte? Gott im Hinmel, wo iſt da Billigkeit darin! Nicht wahr, mein Herr, wenn wir die Geſetze der Vernunft zum Maßſtab für die Gerechtigkeit der Dinge nehmen, müſſen wir doch natürlich ſchließen, daß lobenswerthe und gute Handlun⸗ gen eine lobenswerthe und gute Vergeltung verdienen; aber kann Hängen eine gute Vergeltung genannt wer⸗ den? Nein, und doch wollen es die Sterne ſo; und was kann der Menſch dagegen ſagen.“ Peterſon war nicht weniger in Erſtaunen als die alte Bäuerin, wer dieſer merkwürdige Menſch wol ſein könne. Die Amme dachte indeß nur daran, daß nun wol bald ihr kleiner Sawney eintreten dürfte, aller pro⸗ phetiſchen Gabe in dieſem Augenblicke beraubt, daß er ſchon neben ihr ſtand, während es den Aſtrologen von Schauer und Grauen überrieſelte. Da fing Sawney wieder an: „Verehrungswerther Herr, laſſen Sie ſich nicht durch meine Worte erſchrecken. Was man nicht vermeiden kann, dem muß man ſich unterwerfen. Um Sie aus aller Sorge zu ſetzen, will ich Ihnen eine Geſchichte er⸗ zählen. Ein Edelmann hatte einen Sohn, der ſein Lieb⸗ ling war. Er zog ihn daher zu allen Tugenden auf, ſo weit dies mit Geld und durch gute Ermahnungen und Beiſpiele möglich war. Der junge Menſch begann auch anſcheinend einen exemplariſchen Lebenslauf, alle Zeichen verſprachen, daß er ein ſehr feiner Mann wer⸗ zu den⸗ gethan Pieder⸗ ſie ver⸗ ſchmach⸗ ine ver⸗ Himmel, n Her, ſtab für vir doch andlun⸗ rdienen; nt wer⸗ ſo; und S S als di wol ſein aß nun gen von Sawn) Sawney Cunningham. 357 den würde. Und die Erwartungen und Zeichen täuſch⸗ ten auch nicht. Seine Aufführung war durchaus an⸗ ſtändig, ſittlich, er war ein Muſter von Klugheit. Das gefiel ſeinen Aeltern dermaßen, daß ſie glaubten, Alles was ſie für ihn thäten, wäre noch zu wenig gethan. Aber die Mutter drängte es, aus ſchwärmeriſcher Zärt⸗ lichkeit für das Schooskind, zu einem Aſtrologen zu gehen, um von ihm zu erfahren, wie ſein fernerer Le⸗ benslauf ausfallen werde. Da ward das Horoſkop ge⸗ ſtellt, aber es zeigte als Ausgang eine ſchrille Diſſonanz. Die Mutter erfuhr nämlich, daß ihr Sohn durch 32 Jahre auf dem Wege der Tugend wandeln, alsdann aber werde gehängt werden.„Gräßlich und unglaublich!» ſchrie ſie auf, Caber ich will ſchon Sorge tragen, daß er auf dem rechten Wege bleibt, oder Alles, was ich für ihn gethan, iſt umſonſt.“ Nun, ſehen Sie, Verehrte⸗ ſter, die ganze Familie ward bald mit der ſchrecklichen Prophezeiung bekannt, aber die betreffende Perſon war bereits 29 Jahr alt, und da hoffen ſie über die drei noch fehlenden Jahre werden ſie mit Tugend und An⸗ ſtand leicht hinwegkommen und Alles wird gut gehen mit ihrem lieben Verwandten. Aber was helfen alle Vorſichtsmaßregeln der Menſchenkinder! Dieſer ſelbe Sohn erhält das Commando über ein Schiff, er geht zur See, das luſtige, freie Leben da gefällt ihm, er überſchreitet ſeine Anweiſungen, und weil er ſie einmal überſchritten, weil es ſo viel Vergnügliches hat, wird er Pirat. Bei einem Zuſammentreffen tödtet er einen Mann, und als er in ſein Vaterland zurückkehrt, wird er ge⸗ fangen geſetzt, zur Unterſuchung gezogen, verurtheilt und gehängt.— Was denken Sie nun davon, verehrungs⸗ würdiger Bruder? Iſt das nicht ein trauriger Beweis von der überwältigenden Macht der Geſtirne?— Aber 358 Sawney Cunningham. um nicht zu lange dabei zu verweilen, kommen wir zu unſerer Angelegenheit. Sie ſollen nun, was ich nicht ſelbſt kann, mir mein Schickſal vorausſagen, und dieſe alte Frau ſoll Sie controlliren, damit Sie mir keine Lüge ſagen. Entſchuldigungen nehme ich nicht an. Denn beim Himmel, wenn Sie mir's abſchlagen, ſo verlaſſe ich augenblicklich dieſe Ihre Werkſtatt verfluchter Betrü⸗ gerei und nachher, da verlaſſen Sie ſich darauf, ſoll Sie der Teufel holen.“ Die Angſt des Aſtrologen hatte ſich ſo geſteigert, daß er zuerſt ſprachlos war. Er wußte nicht, wohin der Un⸗ bekannte ſteuerte. „Was wünſchen Sie denn nun?“ ſagte er endlich. „Wie, ſehen Sie denn nicht, in welchen Schreck Sie das arme Weib verſetzt haben! Sie zittert ja wie ein Espenlaub.“ „Freund“, rief der Aſtrolog,„der ſich endlich ermannt hatte, ich bin nicht gewohnt, daß Perſonen in mein Haus dringen, die mir ins Angeſicht ſagen, daß ich gehängt werden ſoll, und dann, um es zu beſtätigen, mir eine alte Weibergeſchichte erzählen von einem Hahn und einem Bullen, von einem jungen Mann, der zur See ging und wegen Räubereien gehangen ward, was er wahrſcheinlich vollkommen verdient hatte. Was aber Ihr Schickſal betrifft, ſo will ich mich ſo kurz und deut⸗ lich als möglich ausdrücken, das heißt, Ihr werdet am Galgen baumeln, ſo gewiß Euer Name iſt— Saw⸗ ney Cunningham!“ „Sawney Cunningham!“ rief die Amme und um⸗ ſchlang ſeinen Nacken, um ihn abzuküſſen wie eine Mut⸗ ter, die ihr liebſtes Kind wiedergefunden. Ihm ernſt ins Geſicht blickend, ſchrie ſie noch lauter:„Und du biſt Sawney Cunningham! Da dachte ich doch, du wür⸗ Denn verlaſſt Betti ert, daß der Un endlich. reck Si wie ein ermannt in mein daß ich ſtätigen n Hohn der zur ud, wa us ube nd deut edet am SGaw⸗ nd um n Mut⸗ m en du hiſ u wir Sawney Cunningham. 359 deſt als ein großer Mann kommen, du warſt ſo ein rechter ſchottiſcher Junge.“ „Sehen Sie nun nicht, Doctor“, ſprach Sawney, „wie Sie gelogen, als Sie mir unverſchämt vom Gal— gen ſprachen, während dieſe, meine erprüfte Wahrſage⸗ rin hier mir ſagt, daß ich ein großer Mann bin. Denn große Männer können nicht gehangen werden, man hängt nur kleine.“ „Mich kümmert's nicht, was ſie ſagt, noch ſonſt wer, denn gehängt werden Sie, und das in Zeit eines Mo⸗ nats, oder es wäre nie ein Hund in Schottland gehängt worden.“ „Bitte, gelehrter Bruder, wie kommen Sie dazu, das zu wiſſen, ohne das Horoſkop zu Rathe gezogen zu haben?“ „Wenn Sie es wiſſen wollen— weil Ihre Lage und Aufführung mir deutlicher als das Horoſtop ſagt, daß Sie ſchon ſeit zwölf Jahren den Galgen verdient haben. Ihnen waren unſere Geſetze nur zu günſtig, ſonſt würde Hamilton's Tod ſchon vor der Zeit an Ihnen gerächt ſein. Jetzt aber, um Sie zu überzeugen, daß ich tiefere Kenntniß in der Aſtrologie beſitze, nämlich in dem, daß ſie ihren Einfluß über Jedermanns Handlungen erſtrecken, ſo will ich Ihnen die Handlung vorausſagen und zu⸗ gleich die Perſonen nennen, welche Sie an den Galgen bringen werden. An dieſem ſelben Monatstage werden Sie, trotz aller Ihrer Vorſicht und der Verſuche, es nicht zu thun, gehen, um Ihrem Oheim mütterlicher Seite, Maſter William Beam, einen Beſuch zu machen. Erhiſt ein Mann vom lauterſten Charakter, und den werden Sie ermorden und dann gehängt werden.“ Der feierliche Ernſt, mit welchem der Aſtrolog dieſe Worte ſprach, machte auch einen Sawney Cunningham ——— 360 Sawney Cunningham. betroffen. Er ſagte kein Wort darauf, verfiel in ein düſteres Sinnen und verließ plötzlich das Zimmer, nach⸗ dem er ſeiner alten Amme 5 Schlilling gegeben. Der Eindruck währte indeß nicht lange. Was hatte der alte Mann denn gethan? Er hatte ihn mit der⸗ ſelben Münze wieder bezahlt, die er ihm ausgezahlt. Es war ein Spaß, wie ſeines ein Spaß geweſen. Er verfiel wieder in ſein altes Leben, nur daß er mit mehr Vorſicht zu Werke ging und den Schein des Wohlver⸗ haltens noch zu beobachten ſuchte, während er in Wirk⸗ lichkeit mit derſelben Frechheit auf Abenteuer auszog und Gefahren beſtand. Sie ſind nicht verzeichnet oder ver⸗ geſſen. Einſt hatte er die Unverſchämtheit in ſeines Oheim Beam's Haus zu dringen, um ihn zu beſuchen. Noch unverſchämter rühmte er ſich gegen den alten Mann ſei⸗ nes Glückes und wie Fortuna endlich alle die Unbill ausgeglichen, die er ſo lange erdulden müſſen. Der Oheim empfing ihn, als ſei nichts vorgefallen, er bewir⸗ thete ihn in alter Gaſtfreiheit, wie einen dahin Verirr⸗ ten, und ſtellte das ganze Haus zu ſeinem Befehl. Erſt nachdem er ſich geſättigt und ausgeruht, ſetzte er ſich ihm gegenüber und ſprach: „Neffe, es war mein aufrichtiger Wunſch ſeit lange, eine Veränderung in deiner Aufführung zu entdecken, damit ich ſagen könne, ich hätte einen Neffen, der ſei⸗ ner Verwandtſchaft und meiner Liebe werth wäre, einen, dem ich mein Gut hinterlaſſen könnte, weil er es ver⸗ dient. Aber von allen Seiten werde ich benachrichtigt, daß es mit dir ſchlimmer und ſchlimmer geht, und daß du, anſtatt dich zu beſſern, dich heimlich immer tiefer im Schlamm der Verbrechen wälzeſt. Ich bin immer geneigt, Dem, was Leute thun, die beſte Auslegung zu iel in ei met, nach en. Was hatti n mit der ausgezahl weſen. G mit meht Vohlve r in Vir auszog un oder vet nes Ohein hen. Nol Mann ſi die Unbil ſen. De er bewir⸗ in Perir ſchl. Eiſ e nſt ſeit lang antdeden n, der ſi ire, einen t vn uchichtig , und da net tießt in imn“ legung Sawney Cunningham. 361 geben; aber wenn Tag um Tag neue Gerüchte und Berichte kommen von deinen Ausſchweifungen, deinen gewiſſenloſen Thaten, ſo kann ich nicht anders ſchließen, als daß der größte Theil davon wahr iſt. Ich will nicht Alles aufzählen, was wahr iſt, indem das ans Licht Stellen von Fehlern und Miſſethaten nur dazu dient das Unbehagen und die Beſtürzung zu vermehren. Aber mich dünkt, wenn eine gute Erziehung, ein hüb⸗ ſches Vermögen und ein ſchönes und liebendes Weib etwas zu deiner Beſſerung thun können, ſo hätten ſie es thun müſſen. Deine Frau war dir ein treuer, nach— ſichtiger und liebreicher Freund bei all deinem Misge⸗ ſchick, und die niedrigſte Lebensbeſchäftigung, wenn du dich ihr mit Ernſt gewidmet, würde ſich wohlthäti⸗ ger an dir erwieſen haben, wenn ſie dich nur dir ſelbſt erhalten und dir die Achtung deiner Familie und Freunde. Ich weiß ſehr wohl, daß mein Rath dir ſo viel wie nichts iſt, und Männer meines Alters werden für wenig oder nichts von den jüngern geachtet, die in dieſem entarteten Zeitalter Alles beſſer zu wiſſen glau⸗ ben und von Tadel und Weiſungen nichts hören wol⸗ len. Möge die Vorſehung dir noch eine reichliche Fülle von Jahren aufgeſpart haben, damit Du ſie anders ver⸗ bringſt als die vorangängigen, wenn der Himmel dir nämlich ſeine Gnade zuwenden will. Wenn ich irgend Hoffnung haben könnte, daß du noch wirkliche Reue empfändeſt, dann könnte ich wünſchen, daß Gott mir Kraft gäbe, es noch zu erleben, denn die Zufriedenheit, welche es mir bereiten würde, kennt Niemand als Gott ullein und wer in einer Lage iſt wie ich. Unſere Fami⸗ lie hat durch viele Hundert Jahre ſich einen unbefleckten Charakter in dieſer Stadt erhalten, und wäreſt du der XIX. 16 362 Sawney Cunningham. Erſte, der einen Flecken(1) darauf wirft, was würden die Leute, was die Welt dazu ſagen.(1) Die ganze Laſt des Fluches und der Schmach würde auf dir haf⸗ ten bleiben, denn Alle, die uns kennen und von uns gehört haben, werden uns von der Schande frei ſpre⸗ chen; ſie wiſſen, welche gute Erziehung wir dir ertheilt, wie wir dich ausgeſtattet und wie gut es dir hätte gehen können. Wenn das Gerücht wahr iſt, ſo laſtet auf dir Hamilton's Tod; aber ich kann es nicht übers Herz bringen zu glauben, daß du ſolcher ſchauderhaften Unthat fähig warſt. War er doch, wie es heißt, dein Wohlthäter, er hatte dich in deiner drückenden Lage durch beträchtliche Summen unterſtützt, konnteſt du ihm, zur Belohnung für alle dieſe Güte, den Tod geben? Scham und Schande! Kein Heide, nicht der ſchlech⸗ teſte Ungläubige würde ſeinen Wohlthätern ſo vergelten. Und ſollen wir Chriſten, die wir uns rühmen, ſo weit über Jenen zu ſtehen, Das thun, was jene verabſcheuen! Es kann nicht ſein, Neffe, oder alle menſchlichen, edlen Gefühle ſind aus deiner Seele verbannt, ſonſt wäre doch ſo viel vom Chriſtenthum in dir geblieben, daß du fühlen mußteſt, wie du Hamilton für ſeine Güte verpflichtet warſt. Ich muß mich ſo weit darüber aus⸗ laſſen, denn gerade dies fodert, daß wir uns darüber klar werden. Misverſtehe mich nicht, denn ich will dieſe Dinge nicht vor der Welt enthüllen, um deinen Cha⸗ rakter noch dunkler zu malen, oder gar dich den Ge⸗ richten zu überliefern. Nur in Dich gehen ſollſt du, ein beſſeres, lautereres Leben führen in den Tagen, die dir noch zugemeſſen ſind; dann ſind die Wünſche dei⸗ ner Freunde und deiner Familie erfüllt. Verſuche zu⸗ erſt die Leidenſchaften unter die Fahne der Vernunft zu würde ie gan dir haf von uns frei ſpre r ertheil dit hitt ſo laſt cht über derhaftn ißt, den den Lo d gebn vergelten ſo wel bſcheuen n edlel nſt war ven, do int il über W darübe nil dil nen bti den 6 ſolſt d nunft Sawney Cunningham. 363 bringen und laß dieſen Ausfluß aus Gottes Weisheit jede Handlung deines künftigen Lebens leiten; ſo magſt du deine verlorene Zeit wieder einbringen(1), deinen Ruf wieder herſtellen, der Troſt deiner Familie ſein und die Freude Aller, die dich kennen(1!). Schlimme Thaten gewähren nur Vergnügen im Augenblick, wo man ſie vollbringt, weil das Intereſſe und die Luſt da⸗ bei im Spiel iſt; aber auf die Dauer iſt nichts ſo be⸗ ſeligend und erquickend als ein tugendhaftes Streben, wenn auch der Weg mit Dornen beſetzt iſt. Denn gerade in dieſer Wildniß ſind Entzückungen und Ver⸗ gnügungen, wogegen die Wolluſt, welche das Laſter ge⸗ währt, nichts ſind.— Dieſe Ermahnung iſt wahrſchein⸗ lich die letzte, welche von meinen Lippen kommt, aber du bedarfſt jeden Augenblick des Rathes und bedarſſt der Leitfaden wie ein Kind, und doch fehlt dir nicht der Verſtand. Wie kommt es nun, daß du davon ſo ſchlechten Gebrauch machſt? Iſt nicht das klägliche Schickſal jener verwilderten, elenden Menſchen, das du täglich vor Augen ſiehſt, eine Abſchreckung für dich, daß du nicht auf dem Wege fortfährſt? Wo nicht aller gute Sinn verloren gegangen, müßte doch der An⸗ blick der aufgerichteten Galgen, die kläglichen letzten Stunden der Miſſethäter endlich dir die Augen öffnen und dich zu dir ſelbſt bringen!— Aber ach, ich fürchte, die Wunde iſt zu tief, und da hilft keine Medicin mehr; deine Ueberſchreitungen ſind von einer ſo dunkel geätzten Farbe, daß gar kein Waſſer mehr im Stande iſt, ſie auszuwaſchen. Nun wohl denn, wenn weder die grau⸗ ſamen Folgen deines vergeudeten Lebens, noch alle Rathſchläge, welche deine Freunde und Verwandten dir geben, wenn weder gute Beiſpiele, Schrecken, noch 16* 364 Sawney Cunningham. Tod dich aus deiner tiefen Lethargie und Unthätigkeit der Seele aufwecken kann, dann habe ich wol Recht zu ſagen, deine Lage iſt bejammernswerth, und für Alles in und außer der Welt möchte ich nicht darin ſtecken. du kannſt dir vorausſagen; was du zu erwarten haſt, wenn deine Freunde und Verwandte dich verlaſſen, denn du biſt als Mörder geſtempelt; der Mann, der ein Mal ſeine Hände in Blut getaucht hat, kann keine Freude und kein Glück mehr erwarten, weder in dieſer noch in jener Welt(vorhin ſagte er ihm, wenn er fortan der Fahne der Vernunft folge und ſich beſſere, könne er nicht allein der Troſt ſeiner Familie ſein, ſon⸗ dern auch die Freude Aller, die ihn kennen!); denn da iſt ein inneres Gefühl, Gewiſſen genannt, welches einen ewig dauernden Stachel zurückläßt, wenn die Handlun⸗ gen des Menſchen ſchwarz und ſcheußlich waren. Ja, Einige konnten auf eine ziemlich lange Zeit hinaus dieſe Gewiſſensbiſſe unterdrücken, aber es währte nicht. Das Gewiſſen bricht durch alle Schranken, und malt dann vor dem Böſewicht ſeine eigene Schlechtigkeit in er⸗ ſchreckenden Farben. Was gäbe nicht Mancher, um be⸗ freit zu werden von dieſen Zuckungen und qualvollen Nächten. Müde von des Tages Laſt, wünſchen ſie zu ruhen, aber ſie können nicht. Die Vorſehung iſt es, die ihnen dann einen Vorſchmack gibt der Bitterkeiten in dieſem Leben, welche Millionen Mal ſtärker in dem kommenden ſie zernagen werden.“ Der alte Mann vergoß eine Flut von Thränen, als er geendet. Auch Sawney ſaß, den Kopf zuſammen⸗ geſunken, und wiſchte an den Augen. Aber es waren Krokodilsthränen. Er war nur ins Haus getreten, um den würdigen alten Mann in einem günſtigen Augen⸗ hätigkei Recht zu für Ales n ſteckn rten haſ, verlaſſn ann, de at, kan n, wede m, wen ch beſſer ſein, ſon denn d ches einen Handlun ren. r us dil ht. Dar alt dann tein e t, un b zualvolu hen ſe ng iſ ittektn er in den rinen, uſumme (s war rten, n Aug Samnty Cunningham. 365 blick unbemerkt aus der Welt zu ſchaffen und ſein Gut in Beſitz zu nehmen, denn es mußte bei der Abweſen⸗ heit männlicher Erben geſetzlich ihm zufallen. Unter den Thränen ſchielte er nach dem Redner, der in ſeiner tiefſten Bewegung nichts ſah. Plötzlich war er aufge⸗ ſprungen und, ohne ein Wort, ohne einen Laut, hatte er dem Oheim den Dolch ins Herz geſtoßen. William Beam war auf der Stelle todt. Vom Fall aufgeſchreckt, eilte ein Dienſtmädchen in die Stube. Im ſelben Augen⸗ hlick hatte er auch ſie gepackt und mit der ſcharfen Klinge ihr die Kehle von Ohr zu Ohr durchſchnitten. Um die Entdeckung zu verhindern, legte er Feuer ins Haus, nachdem er die werthvollſten Dinge zuſammen⸗ gerafft und geraubt. Aber die That ſollte diesmal entdeckt werden. Der in die Höhe wirbelnde Rauch rief die Nachbarſchaft auf. Sie ſtürzten nach dem Feuer, und löſchten es, ehe das Haus in Brand ſtand. Beam und ſein Dienſtmädchen fanden ſie— gräßlich ermordete Leichen. Der Mörder war verſchwunden. Jeder ahnte, kannte ihn vielleicht; dennoch ließ ſich über die Mordthat ſelbſt nichts feſt⸗ ſtellen. Doch ward bald darauf eine ganze Räuberbande ängezogen. Sie war mit Sawney in gelegentlicher Ver⸗ bindung geweſen. In der Hoffnung, ihr eigenes Schickſal zu erleichtern, machten ſie Geſtändniſſe, die ihn betrafen. Er ward ergriffen, in den Talbvoth, den berühmten Kerker von Edinburg geſteckt, vor Gericht eſtellt und, da jetzt Zeugen über Zeugen gegen ihn ufzutreten wagten, verurtheilt— wegen welcher ſpe⸗ tellen Verbrechen wird uns nicht geſagt. —.——— 366 Sawney Cunningham. Aber er endete am 12. April 1635 zu Leith ſein vielfach verwirktes Leben am Galgen. Auf dem Wege dahin verrieth er nichts von Furcht. Er ſtarb, wie er gelebt hatte, verſtockt, hartnäckig oder ritterlich, bis zum letzten Augenblicke. Man ſollte nicht ſagen, daß er, welcher das Inſtrument ſo vieler Mordthaten ge⸗ weſen, zuletzt kleinmüthig vom Leben ſcheide. ith ſi , wiet lich, bi gen, de hoten Zwei Mütter eines Rindes. fei Der uralte Proceß, den König Salomon einſt geſchlichtet, ſollte im Anfang des vorigen Jahrhunderts in Lyon ſich wiederholen, nur daß ein Salomon und ſeine Weisheit fehlten. Er ſchleppte ſich um deswillen vor den fran⸗ zöſiſchen Gerichten hin und her; ſie wußten den ſtrei⸗ tenden Parteien und ſich ſelbſt nicht zu helfen, woher es denn kam, daß er nicht einmal zu einem wirklichen Ende gerieth. Die Verſchleppung, aus Mangel aller elaſtiſchen Kraft, die Sache von der rechten Seite anzufaſſen, be⸗ wirkte wenigſtens, daß der Proceß die Aufmerkſamkeit des Juriſten anregte, deſſen Namen unſer Werk führt. Gayot de Pitaval, der jener Zeit in Lyon ſeine Praxis anfing, hat ihn publicirt und damit gewiſſer⸗ maßen ſeine ſpätere Sammlung der Causes célébres aus eigener Erfahrung eingeweiht. Ein ſchönes junges Wäſchermädchen, Gasparde Decouſu, ward von einem jungen Manne aus einer der reichſten Familien Lyons verführt. Sie behauptete 368 Zwei Mütter eines Kindes. es wenigſtens. Sie ward von ihm ſchwanger. Der Verführer aber verließ ſie. Gasparde zog ſich in eine der ſtillen Wohnungen zurück, wo uneheliche Niederkunften abgemacht werden. Eine ſehr bekannte Hebamme, Dupré, ward von ihr zu Hülfe gerufen; bekannt aber auch durch ihren nichts weniger als zuverläſſigen Charakter. Durch den Um⸗ gang und den Beiſtand, welche ſie dem Laſter geleiſtet, hatte ſie es ſelbſt zu einer Fertigkeit darin gebracht. Die Unſitte war hier in der Ordnung, und die Ord⸗ nung wäre geweſen, daß die Hebamme das neugeborene Kind ſofort ausgetragen und ausgeſetzt hätte. Aber Gasparde verbot es ihr, nicht aus Mutterliebe, ſondern in der Hoffnung, bei einem hübſchen lebenden Kinde ihren treuloſen Geliebten wieder an ſich ziehen zu können. Die Dupre ging darauf ein. Sie kannte die reiche Familie Orienne, den Charakter des jungen Wüſtlings, der, noch nicht ganz verderbt, Vatergefühlen vielleicht zugänglich war. Sie glaubte auf ein hübſches Jahrgeld rechnen zu können, wenn ſie das Kind ernähre und er⸗ zöge. Sie ſchlug daher ſelbſt Gasparden vor, das Kind zu ſich zu nehmen. Am 13. November 1707 gebar Gasparde Däcouſu eine Tochter. Unter demſelben Datum ſchrieb die Dupré an Gas⸗ parden ein Billet, worin ſie ſich anheiſchig machte, der jungen Mutter das Kind ſo oft zuzuführen, als dieſe es wünſchen würde. ö Am folgenden Tage, 14. Nopember, ward die Dupre zu einem armen Weber gerufen, Jean Chalant, deſſen junge Frau, Jeanne Paſche, gleichfalls in, Kindes⸗ nöthen lag. Jeanne war in ihrer legitimen Ehe ſchon ohnunge twerden von ih en nicht den Un geliiſt racht. die Ord ugeborin e. Abe ſonden en Kind ichen i Jahrgel und das Kn Zwei Mütter eines Rindes. 369 zwei Mal Mutter geworden, einmal war die Dupré Geburtshelferin geweſen. Die junge Frau genas von einer Tochter, die am folgenden Tage ſchon, unter dem Namen Gabrielle, eheliche Tochter des Jean Chalant und ſeiner Frau, in der Kirche von Saint⸗George, der Parochie der Aeltern, getauft ward. Das Kind der Gasparde Decouſu ſtarb. Das iſt kein actenmäßiges Factum, aber das höchſt wahrſchein⸗ liche, welches aus dem Verfolg des Proceſſes und ſeinen Ermittelungen entſpringt, und von dem Berichterſtatter ſchon hier vorausgeſchickt wird.— Es iſt ebenſo viel Wahrſcheinlichkeit dafür, daß die gottloſe Hebamme ſeine Tage verkürzt hat. Und das Günſtigſte, heißt es, was man für die Dupré annehmen könnte, wäre, daß ſie es nur ausgeſetzt und aus den Augen verloren hat. Dennoch hatte ſie die Frechheit, nach 3 Monaten das Koſtgeld für das Kind mit 53 Livres zu fodern. Ob Gasparde das Geld gegeben, ob ſie inzwiſchen einmal das Kind vor ſeinem Verſchwinden geſehen, er— fahren wir nicht. Aber einige Zeit nach jenen drei Mo⸗ naten foderte Gasparde von der Dupré, ihr Kind ihr zu zeigen. Die Hebamme machte Ausflüchte, die Mutter ward dringender, heftiger, ſie drohte endlich mit einem Proceß. Was dies veranlaßt, was dazwiſchen vorge⸗ gangen, ob ſie Verdacht geſchöpft, wird uns ebenfalls nicht geſagt. In ihrer Verlegenheit geſtand die Dupre, ſie habe das Kind nicht mehr bei ſich, ſie habe es ſelbſt ausge⸗ than bei einer andern Familie. Wo?— Sie nannte die Weberleute Chalant. Dieſe hatten ja ein Kind, ein Mädchen, gerade vom ſelben Alter wie das verſchwun⸗ dene; und geboren faſt am ſelben Tage, wollte es das Spiel der Natur, daß beide Kinder ſich außerordentlich 370 Zzwei Mütter eines Kindes. ähnlich geſehen. Die Todesangſt, wegen des Verſchwin⸗ dens des Kindes der Wäſcherin zur Criminalunterſu⸗ chung gezogen zu werden, gab ihr dieſe verzweifelte und gefährliche Ausflucht ein. Die Weberleute Chalant waren in einer dürftigen Lage. Sie hoffte, ſie leicht durch Verſprechungen in ihr Intereſſe zu zichen— ſie konnten eines ihrer Kinder verſorgen, ohne ihren ſpar⸗ ſamen Erwerb zu verkürzen. Die Verzweiflung machte ſie beredt und die Lüge floß dem Weibe von der Zunge: ja, die Chalant hätte ſie längſt ſchon gedrängt, ſie ſolle ihr doch mal eins der Kinder bringen, die ſie ſo oft ins Haus bekomme, und deren ſich Niemand annehmen wolle. Das hätte doch aber mislich werden können, von wegen der Taufe und der Nachfragen, hätte ſie gedacht. Und da habe ſie mit der Chalant überlegt, und ſie ſeien übereingekommen, daß die Chalant ſich ſtellen ſolle, als ob ſie ſchwanger werde, und dann, wenn die Entbindungszeit kommen ſolle, werde ſie ihr ſchon ſagen. Und ſo ſei es gekom⸗ men. Das Kind der Gasparde, das am 13. geboren⸗ habe ſie der Chalant ins Haus geſchmuggelt und am 14. hätte die Chalant dieſes Kind wieder gebären müſ⸗ ſen, und am 16. wäre es als Gabrielle Chalant getauft worden. Die verworfene und thörichte Frau bedachte in ihrer Angſt nicht, daß die Handlung, welche ſie ſich anlog, ihr, wenn ſie zur Cognition der Gerichte kam und die Gerichte ihre Pflicht thaten, eine ebenſo ſchwere Crimi⸗ nalverfolgung zuzog, als die, mit welcher die Wäſcherin ihr drohen konnte. Sie bedachte nicht, wie eine Ge⸗ ſchichte der Art nicht lange geheim bleiben könne und die Wahrheit nur zu bald zu ihrem Schrecken ans Ta⸗ geslicht kommen müſſe. Aber die Angſt des Augen⸗ die Li lant hit eins d me, u kaufe un be ſie N ekomme komm de( ¹ gebore und 0 zren m nt getal ein ih ſich an n und et Grin Piſchel Zwei Mütter eines Kindes. 371 blicks vor der erbitterten Mutter überwog, und ſie ver⸗ harrte feſt bei ihrer Lüge. Die irritirte Mutter ſtürzte ſofort zu den Weber⸗ leuten Chalant und foderte ihr Kind. Hier ſind wieder Lücken, wie in allen Relationen des alten Pitaval, die uns die intereſſanteſten Momente und die wichtigſten factiſchen Fragen entziehen. War es der frechen Lüg⸗ erin nicht einmal möglich geworden, die Chalants vor⸗ her zu benachrichtigen, einen Verſuch zu machen, ſie auf ihre Seite zu ziehen? Es wird uns nichts geſagt, als, daß die Foderung der Wäſcherin nur dazu diente, den Zorn der wahren Mutter aufs höchſte zu erregen. Wieder eine Lücke, eine große Lücke in der Zeit. Es heißt, daß Gasparde Decouſu ſich nunmehr entſchloß ihre Klage vor Gericht zu bringen. Aber wann? Am 12. Auguſt 1709. Waren darüber zwei Jahre vergan⸗ gen? oder iſt ein Irrthum in der Jahreszahl, der frei⸗ lich oft genug in den gedruckten franzöſiſchen Criminal⸗ relationen ſich einſchleicht? Dagegen iſt das Motiv mit klaren Worten angege⸗ ben, weshalb ihre Mutterliebe plötzlich ſo erwacht, daß ſie ihr Mutterrecht mit allen Mitteln durchſetzen wollte. Sie hatte gehört, daß der junge Orienne plötzlich ge⸗ ſtorben war. Auf dem Todtenbette hatte die Gewiſſens⸗ angſt ihn gepeinigt und er in ſeinem Teſtament ſeinem vermeintlichen Kinde eine Penſion ausgeſetzt. Auf dieſe Klage ward die Hebamme ſofort vor Ge⸗ richt geſtellt. Das kleine Mädchen, die Tochter ward den Chalants fortgenommen und zur Aufbewahrung der Familie des Gefangenaufſehers übergeben. Die Dupre ſetzte ihre Lüge vor Gericht fort. Wol mit dem Bewußtſein, daß ſie einer harten Strafe ver— falle, zog ſie doch die eines qualificirten Betrugs der an 372 Zwei Mütter eines Kindes. dern für ein Verbrechen vor, das im Dunkeln lag, das ſie aber als ſo ſchwer ſchätzen mußte, um lieber Alles eher zu ertragen, als eine Recherche danach. Sie log mit Frechheit; dennoch verwickelte ſie ſich dermaßen in das Lügennetz, daß die Richter ſie bald überführen zu können hofften. Gasparde Decouſu, ob wirklich im Glauben, daß Ga⸗ brielle ihr Kind ſei, oder aus Intereſſe, um ein Kind zu erhalten, das Anwartſchaft auf eine Penſion hatte, focht in dieſem Proceſſe feſt geſchart an der Seite der Perſon, welche muthmaßlich ihr wirkliches Kind umge⸗ bracht hatte. Die Inſtruction begann am 19. Au⸗ guſt 1709. Die Hebamme hatte für ihre Angaben einen Zeugen aufgeſtellt, einen armen Seidenweber Frangois Bon⸗ net, welcher, wie ſpäter ermittelt iſt, ihr Schuldner mit 100 Livres war. Frangois Bonnet zeugte, zwar mit Zittern, aber er zeugte, wie die Hebamme ausgeſagt hatte. Er war der fünfte Zeuge, und Alle hatten mehr oder minder zu Gunſten der Dupreé gezeugt. Gasparde Decouſu triumphirte. Sie ſtellte nun den Antrag, daß das kleine Mädchen ihr übergeben und die Weberfrau Chalant und deren Mutter, die Frau Ser⸗ vant, vor Gericht geſtellt würden. Das Arrèt vom 28. Auguſt 1709 entſprach ihren Wünſchen. Beide Frauen wurden zu Red und Ant⸗ wort vor Gericht citirt und ihr ward die Erlaubniß er⸗ theilt, das Kind an ſich zu nehmen, jedoch unter der Bedingung, daß ſie daſſelbe jederzeit, wenn der Ge⸗ richtshof es fodere, wieder vorführe. Die Chalant und die Servant führten vor Gericht eine Sprache, aus der die Wahrheit der Natur zum Durchbruch kam. So konnte nur eine wirkliche Mutter ber All Sle le maßen i ühren daß Gu on hatt Seite d d umge 19. A nZuge is Bon ldner ni zwar m . geſagl Zwei Mütter eines Kindes. 373 ſprechen. Sie blieben bei allen ihren frühern Ausſagen, ſie verwirrten ſich nicht. Jeanne Chalant war ſchwan⸗ ger geweſen ſeit dem April 1707, ſie hatte am 14. No⸗ vember ſelben Jahres ein Kind zur Welt gebracht, wo⸗ fiir der Vater Der war, der es anerkannte. Welchen Grund hatte ſie, ein fremdes Kind ſich anzulügen! Sie erwähnten Umſtände über Umſtände, welche die mora⸗ liſche Ueberzeugung für ſie gewinnen mußten. Die Richter wurden irre an den Zeugenausſagen, die mit Stocken, Zittern und unter Widerſprüchen abgegeben waren. Und doch hatten ſie darauf ihr Urtheil begrün⸗ det! Zur Criminalunterſuchung fanden ſie einſtweilen keinen Grund, ſie verwieſen die Parteien auf das Civil⸗ verfahren. Chalant und ſeine Frau waren jetzt in die wunder⸗ liche Lage verſetzt, in einem langwierigen Civilproceß ihr Kind zurückfodern zu müſſen, nachdem es durch ein Er⸗ kenntniß ihren Feinden zugeſprochen war. Ihr Argument ging dahin: der Taufſchein beſage, daß das fragliche Kind das ihre ſei, alſo müſſe von der Gegenpartei der Beweis geführt werden, daß dieſer Tauſſchein falſch ſei. Nach dem gemeinen Rechte und ollen königlichen Edicten ſei es aber nicht ſtatthaft, den Status eines Kindes durch Zeugenausſagen anzufechten, wo ein feierlicher Titel für dieſen Status da ſei. Uebri⸗ gens ſei es Thorheit und müſſe von ſelbſt zu Ungunſten der andern Partei ſprechen: wenn ein unverheirathetes Mädchen einer verheiratheten Frau ein Kind abſprechen und ſich aneignen wolle, wo auch der Mann dieſer Frau Re Vaterſchaft über das Kind beanſprucht. Wenn dieſe Präſumtionen, die ſo klar zu ihren Gunſten ſprächen, richt durchdrängen, ſo bäten ſie auch noch durch Zeu⸗ gen und andere Mittel Das beweiſen zu dürfen, was Zwei Mütter eines Kindes. 374 doch, ihrer Anſicht nach, in ihrer Lage gar nicht be⸗ wieſen zu werden brauche. Der feierliche Gerichtstag zur Entſcheidung über dieſes Requiſitorium kam heran. Das Datum wird uns nicht genannt, aber es müſſen wieder Jahre darüber vergan⸗ gen ſein. Das Publicum war äußerſt zahlreich und mit außerordentlicher Spannung zugegen. War es nicht ein außergewöhnliches Schauſpiel: ein Kind wird von zwei Müttern als das ihre in Anſpruch genommen, ein Kind, entweder entſprungen aus einer legitimen Ehe oder aus ungeſetzlichem Beiſchlaf; es ward zurückgefodert mit Heß tigkeit von zwei Frauen, von denen die eine es nur beanſpruchen konnte, indem ſie ſich ſelbſt an den Pran⸗ ger der geltenden Sitte ſtellte. Der Gerichtshof ver⸗ fuhr mit großer Umſicht. Der endliche Beſchluß war: Chalant und ſeine Frau ſeien zuzulaſſen, um die Facta, welche ſie behauptet, zu beweiſen. Der Deécouſu wur⸗ den Gegenbeweiſe geſtattet.— Zugleich ward die Ver⸗ haftung der Hebamme Dupre verordnet, und daß ihr Proceß auf außerordentlichem Wege inſtruirt werden ſolle!— Jetzt erſt! Während nach dieſem Beſcheid der Status des ar⸗ men Kindes noch auf lange im Ungewiſſen bleiben ſollte, war über den Status der angeblichen oder wirklichen Mutter bald kein Zweifel mehr erlaubt. Gasparde Decouſu hatte auf andere Art Entſchädi⸗ gung für ihre Mutterängſte geſucht. Sie war ſchön und reizend geblieben und hatte bald eine neue unge⸗ ſetzliche Verbindung mit einem Kaufmann, Guillaume Devaux, geſchloſſen; nicht viel glücklicher als mit Orienne. Schon nach anderthalb Jahren raubte der Tod ihr den ar nicht über di duns n iber verg ich undn es nicht! td von n, ein hi he oder a ert nit 5 ine es n den Pre chtöhof v ſchluß wo die Fart couſu wu nd daß i uirt werd tus des liben l 1 wirllich t Entſchi wol ſch nue un Guillau it Orien ed ihr Zwei Mütter eines Kindes. 875 geuen Geliebten. Als am 30. Januar 1712 das In⸗ ventarium ſeiner Effecten aufgenommen ward, opponirte ſe gegen die Verſiegelung, weil, nach ihrer Behauptung, nehre Gegenſtände ihr gehörten. Sie konnte mit ihrer Intervention nicht durchdringen, vor Gericht ward ihr mtgegengeſetzt, daß ſie nur die Concubine des Todten zeweſen und ſelbſt mehre Kinder von ihm gehabt habe! (So wörtlich. Ob das ein Grund vor dem franzöſiſchem Gerichte war, daß ſie keine Eigenthumsanſprüche an ein⸗ zelnen Sachen haben könne²) Hierdurch, heißt es, hätte ſie ſelbſt den Schatten der Ehre verloren, der ihr noch geblieben.— Aber ſie ſenk immer tiefer und ſuchte ihre Erniedrigung kaum mehr zu verbergen. Bald verurſachte die Eiferſucht ei⸗ nes ihrer neuen Liebhaber ihr neuen Kummer. Er machte ihr wüthende Vorwürfe, ſie antwortete mit Fauſt⸗ ſchlägen. Die Schlägerei ward ſo heftig, daß der Mann— deſſen Namen die Acten und Pitaval aus Schonung für die Familie nicht aufgenommen haben— an den Folgen der erhaltenen Verwundung ſtarb. Aber auch Gasparde, der Siegerin, war ſo ſchwer in dieſem Kampfe zugeſetzt, daß ſie ſich nach dem Hotel-Dieu tringen laſſen mußte, um ihre Wunden zu pflegen. Das Kind aber gab ſie darum nicht auf, ſie klam⸗ nerte ſich vielmehr an daſſelbe mit der Raſerei der Selbſterhaltung. Ward es ihr entriſſen, ſo hörte die Henſion aus Orienne's Nachlaß auf. In das Hotel⸗ Dieu konnte ſie es nicht mitnehmen; ſie übergab es zur Oflege einem Tapezier Bourdin. Chalant und ſeine Frau ließen das Kind nicht aus dem Auge. Sie fürchteten, daß Bourdin es fortgeben önne, und kamen deshalb beim Gericht ein. Neue Ver⸗ bandlungen deshalb. Endlich ward beſchloſſen, daß das 376 Zwei Mütter eines Rindes. Kind den Urſulinerinnen von St.-Juſt übergeben wer⸗ den ſolle, jedoch erſt da, als Gasparde aufgehört hatte, die Penſion für Gabriellen zu zahlen. Die Hebamme, erfahren wir, beſtand am 13. Juli 1713 ein Verhör, in welchem ſie, wie früher, in immer erneute Widerſprüche verfallen ſei. Faſt zur ſelben Zeit, nämlich am folgenden Tage, 14. Juli, war die neue Ausführung der Chalant'ſchen Eheleute eingereicht. Hier wurden 12 Zeugen vorge⸗ ſchlagen. Erſt in dieſer Schrift, heißt es, war der wahre Verlauf der Dinge klar auseinandergeſetzt. Die Gegenſchrift der„falſchen Mutter hätte“, wird ausge⸗ ſagt,„anſcheinend nur den Zweck gehabt, Das zu zer⸗ ſtören, was ſie in der erſten Information aufgeſtellt, und ihren Gegnern Beweisſtücke gegen ſie ſelbſt in die Hand zu geben.“ Aber plötzlich ein neuer Incidenzpunkt. Gasparde hatte Mittel gefunden, mit den Urſulinerinnen in St.⸗Juſt ſich zu verſtändigen. Sie ließen ſich das ihnen zur Pflege übergebene Kind ſtehlen. Die Chalant'ſchen Ehe⸗ leute, außer ſich über das neue Unglück, erhoben Klage deshalb.(Das mußten ſie alſo! Auch da konnte das Gericht nicht ex oficio handeln!) Ein Richter begab ſich ins Kloſter und vernahm Superiorin und Nonnen. Das Reſultat des Protokolls war: ja, das Kind iſt wirklich entführt worden. Jetzt, nachdem der ſtreitige Gegenſtand, das Kind, fort war, rückte der Tag heran, wo entſchieden werden ſollte, welcher von beiden Frauen es gehören ſolle. Die Gründe für die Chalant'ſchen Eheleute waren in folgender Art zuſammengefaßt: ben we hört hat 9 60 13. 3 in inn den Teh alantſch en vor war d ſett. 2 ird aus ſtelt, Un die Hy Gaspart —. — hne chen Eh en Kh onnte d Ronn Kind n SU Zwei Mütter eines Kindes. 377 Wenn der Status eines Kindes zweifelhaft iſt, ſo muß es, in Gemäßheit eines auf die Moral begründeten Satzes, für legitim erklärt werden. Man muß eher ei⸗ ner verheiratheten Frau als einem unverheiratheten Mäd⸗ chen ein ſtrittiges Kind zuſprechen. Mit welchem Rechte varf ein Richter, auf ſchwache Verdachtsgründe hin, einem Kinde den Glauben und die Ehre ſeiner ehe⸗ lichen Geburt abſprechen und ihm damit alle die Vor⸗ theile abſchneiden, welche in ſo vielen Fällen an dieſelbe geknüpft ſind! Wie darf er auf ſolche Präſumtionen hin ihm die Schande aufdrücken, welche von der Mutter ſtammt? Müſſe doch die Decouſu ſelbſt einräumen, daß der Umſtand der abgeſchloſſenen Ehe ihren Gegnern günſtig ſei. Sei es denkbar, daß ein Mann und ſeine Frau einer wirklichen Mutter ihr Kind abſtreiten würden, worauf ſie gar kein Recht hatten? Und wenn hier ein Betrug obwalte, ſei anzunehmen, daß dieſe Perſonen ihn eine ſo lange Reihe von Jahren aufrecht erhalten würden? Dieſe Vermuthung gewönne aber neue Kraft durch die Lage der Chalant'ſchen Eheleute. Arme Seiden⸗ weber, lebten ſie im Schweiß ihres Angeſichts, von der Hand in den Mund. Aus welchem Motiv könnten ſie noch ein Kind zu ihren unbeſtrittenen ſich aufbürden wollen, und mit ſolcher Hartnäckigkeit darauf beſtehen, daß es das ihre ſei, viele Jahre lang, darunter das letzte, ein Hungerjahr, wo viele arme Aeltern ihre Kinder fort⸗ gegeben an wen, der ſie nehmen wollte, um nur die Subſiſtenz der armen Geſchöpfe zu ſichern. Dieſer Um⸗ ſtand verſtärke ungemein die Präſumtion, daß das ſtrit⸗ tige ihr eigenes heißgeliebtes Kind ſei. Die Decouſu habe dieſe natürlichen Vermuthungen 378 Zwei Mütter eines Kindes. nicht anzugreifen vermocht; ſie habe ihrerſeits neue, ins Blaue ſtreifende Motive geſtellt. So: daß die Chalant das Kind abſolut für das ihre erklärt habe, um durch ihre vorgeſchützte Mutterliebe die Liebe ihres Gatten zu gewinnen; wenn ſie ihn glauben gemacht, das Kind rühre von ihm her, müſſe ſeine Liebe auch für ſie wach⸗ ſen! Dann ſei ſie plötzlich von dieſer Motivirung ab⸗ geſprungen und habe der armen Chalant ein anderes verbrecheriſches Motiv imputirt: ſie, die Chalant, habe eine unerlaubte Verbindung mit einem ſehr vornehmen Mann, es ſei ihr nur darauf angekommen, ein Kind zu bekommen, um ihm die Vaterſchaft zuzuſchieben und ſeine Großmuth in Contribution zu ſetzen. Die Chalant behalte ſich wegen dieſer injuriöſen An⸗ ſchuldigung ihre Rechte gegen die Verleumderin vor. In der Sache ſelbſt fielen alle dieſe Anſchuldigungen in ſich ſelbſt zuſammen, als des geſunden Menſchenver⸗ ſtandes entbehrend. Jeanne Chalant, erſt 22 Jahre alt, ſchon Mutter zweier Kinder, hätte die Hoffnung nicht aufzugeben brauchen, noch öfter Mutter zu werden, und es ſei da⸗ her ganz unnöthig geweſen, ſich fremde Kinder anzueig⸗ nen. Ebenſo abſurd ſei die erſonnene Fabel von dem ſehr vornehmen Manne. Im Proceß ſei erwieſen, daß ſie kaum die Mittel aufbringen könne, ihre Kinder zu er⸗ nähren. Warum denn nun, nachdem jener vornehme Mann nichts geben wollen, können, oder gar nicht exi⸗ ſtirt habe, noch durch Jahre hin das Spiel forttreiben, daß ſie Mutter des ihr entriſſenen Kindes ſei? Alle dieſe zu Gunſten der Chalants ſprechenden Ver⸗ muthungen wurden aber noch durch beſtimmte Beweiſe verſtärkt. Aus dem Briefe der Hebamme Dupré an die De⸗ neue, ie Chalan um dur Gatten; das Kir ſie wac itung n ande lant, hi vornehne n Kind ieben röſen A derin vl gungeni nſchenbt Mutte ed ſei d ranzui von do ieſen, d det vornehn nicht ortmibn rden Vu gewei L Zwei Mütter eines Kindes. 379 couſu, worin ſie ſich anheiſchig macht, der Mutter das Kind, wenn dieſe es fodere, vorzuführen, erhellt, daß das Kind am 13. November 1707 geboren iſt. Mehre Zeugen, darunter auch die Perſon, bei welcher die Gas⸗ parde ihre Niederkunft abhielt, Perette Ovage, verehe⸗ lichte Chambri, beſtätigten das Factum, daß die Tochter der Gasparde Decouſu am 13. November 1707 geboren worden. Ebenſo unzweifelhafte Beweiſe exiſtirten aber auch dafür, daß die Ehefrau Chalant erſt am 14. November 1707 niedergekommen war, alſo am nächſtfolgenden Tage darauf. Der Taufſchein atteſtire, daß das Kind am 15. November getauft worden. Alle Zeugen der Frau Chalant bekundeten einſtimmig, daß das am 15. Rovember getaufte Kind erſt am Tage vorher geboren worden. Hätte, wird gefragt, die Hebamme das ihr am 13. übergebene Kind zwei Tage bei ſich behalten können, ohne daß ſie an die Taufe dächte?(Eine Schlußfolge, deren Bündigkeit wir nicht verſtehen, denn auch angenommen, daß die religiöſe Sitte überall in Frankreich die ſchnell auf die Geburt folgende Taufe ge⸗ ſodert, ſo war doch die Dupré eine Frau, deren ver⸗ mutheter und aus den Acten erwieſener Charakter dieſe Scrupuloſität nicht unterſtützt.) Endlich ein überführender Umſtand, daß wirklich zwei Kinder exiſtirt haben. Viele Zeugen(die man nur nicht vorgeführt hat) waren bei der Niederkunft der Gasparde Decouſu gegenwärtig; ſie hatten alle Vorbe⸗ reitungen und Handlungen der Hebamme geſehen, die bei der Entbindung ſtattfinden.— Gleichfalls eine große Anzahl Zeugen waren am 14. November bei der Nie⸗ derkunft der Frau Chalant. Eine Frau darunter be⸗ kundete ſogar, daß ſie der Hebamme bei der Entbindung 380 Zwei Mütter eines Bindes. geholfen oder ihr nachher bei der Sorge für das Kind beigeſtanden habe. Noch mehr Zeugen, die den betref⸗ fenden Perſonen ganz fern ſtanden, bekundeten, daß ſie vorher die Chalant unzweifelhaft in ſchwangerm Zu⸗ ſtande geſehen, Andere hatten ſie geſehen, wie ſie ihr Kind ſäugte. Alſo die Chalant, iſt erwieſen, war vorher ſchwan⸗ ger, ſie hat am 14. November 1707 eine Tochter ge⸗ boren, dieſe Tochter iſt am 15. November getauft wor⸗ den; ſie hat dieſe Tochter durch mehre Wochen mit ihrer Milch genährt. Dann hat ſie es(wofür gleichfalls Zeu⸗ gen auftreten) einer Amme übergeben, aber nur um für ihre Wirthſchaft und die Arbeit zu ſorgen, welche zur Beſtreitung derſelben unerlaßlich war. Und dieſes Kind wollte man ihr abſtreiten. Ferner habe die Foderung der Chalant ſchon Das für ſich, daß ſie im Beſitz des Kindes geweſen, als man es ihr ſtreitig machte. Dazu komme aber nun noch der Schriftbeweis durch den Taufſchein und die angeführten Zeugenausſagen. Indem Chalant und ſeine Frau zur Beweisführung über die angeführten Punkte zugelaſſen worden, habe der Gerichtshof ſchon ein Urtheil dahin abgegeben, daß er den von dem Mädchen Decouſu geführten nicht für vollſtändig und in der Ordnung erachte. Ja, die ganze an und für ſich unwahrſcheinliche Geſchichte der Gas⸗ parde Decouſu beruhe eben auf nichts, und werde durch nichts unterſtützt, als durch die perſönliche Ausſage der Hebamme Dupré und des Zeugen Frangois Bonnet. Auf die Ausſagen der Hebamme könne aber gar kein Gewicht gelegt werden, weil ſie als Zeugin in ihrer eigenen Sache ſpreche, weil ſie ferner als Zeugin ſich ſelbſt eines ſchweren Verbrechens anſchuldige, aber ein den bett deten, do ngerm wie ſi i et ſchwe ochter tauft we mit ih ur unf welche jl „ chon O alb mal „ hk bi eführte iführun den, he „ de (ben,* nicht der Gi Zwei Mütter eines Kindes. 381 Geſtändniß im Munde eines Angeſchuldigten ſei kein Beweis gegen ihn. Alle Vermuthungen, die außſtie⸗ gen, vereinten ſich vielmehr zu der Annahme, daß ſie ein noch größeres Verbrechen begangen, daß ſie nämlich das Kind, welches das Mädchen Découſu ihr anver⸗ traut, umkommen laſſen und daß ſie der Nachforſchung dadurch zu entgehen verſucht, daß ſie ſich ein anderes angedichtet. Was nun den einzigen außer den Parteien ſtehenden Zeugen Frangois Bonnet betraf, ſo war ſchon früher (ob in der Criminalunterſuchung gegen die Hebamme²) ermittelt, daß ſein Zeugniß aller Glaubwürdigkeit er⸗ mangele. Mit Stocken und Zittern hatte der arme Seidenwirker, verſchuldet mit 1000 Livres der Hebamme, deren Schickſal von ſeinem Zeugniß abhing, ausgeſagt, er wäre die Mittelsperſon zwiſchen der Chalant und der Dupre geweſen und hätte das Kind von der Letztern zur Erſtern gebracht. Aber obgleich die Dupre die Vorſicht gebraucht, Alles vorher aufzuſchreiben, was Bonnet aus⸗ ſagen ſollte, und es ihn auswendig lernen zu laſſen, ſo brachte er doch in ſeinem Zittern Dinge vor, die mit ver eigenen Ausſage der Dupré nicht ſtimmten, natür⸗ liche Folge davon, daß die Hebamme ſelbſt in ihren Be⸗ enntniſſen variirt hatte. Daß er ein inſtruirter Zeuge war, ward auch durch das Zeugniß ſeiner eigens ver⸗ nommenen Ehefrau klar. Iſabeau Tiſſeur, ſo hieß dieſe, erklärte vor den Richtern, ihr Mann ſei von den Ge⸗ wiſſensbiſſen über das Verbrechen fortwährend gefoltert, u dem er ſich hergegeben. Endlich hätte er es ihr ge— radezu geſtanden: die Hebamme Dupré habe ihn durch Drohungen und Verſprechungen dazu beſtimmt vor Ge⸗ richt auszuſagen, was nicht wahr ſei; auch hätte noch eine andere Frau dabei geholfen, Namens Rouſſi. Er 382 Zwei Mütter eines Kindes. habe von alle Dem, was er bekundete, nichts geſehen und wiſſe auch nichts davon. Später habe Bonnet ſelbſt vor dem erſten Präſi⸗ denten das Eingeſtändniß gemacht, ſeine ganze Ausſage im Vorproceſſe ſei falſch und die Dupré habe ſie ihm eingegeben.— Die andern von der Decouſu aufgeſtellten Zeugen thäten nichts dazu, ſie zu bekräftigen, die Mei⸗ ſten ſprächen nur vom Hörenſagen. Der Advocat der Däcouſu mußte hiernach die Hoff⸗ nung auf Erfolg ſchon ziemlich herabgeſtimmt haben. Er ſuchte nur die Theilnahme der Richter zu gewinnen, in⸗ dem er ſeine Clientin mehr als das Opfer des von der Hebamme begangenen Verbrechens darzuſtellen ſuchte, und dagegen proteſtirte, ſie als Mitſchuldige zu betrach⸗ ten. Uebrigens ſei auch das Verbrechen nichts weniger als erwieſen.— Hier erfahren wir ganz beiläufig, daß die Dupreé inzwiſchen, wahrſcheinlich noch während der Unterſuchung, geſtorben war.— Nicht einmal auf dem Todtenbett habe die Dupre ein Geſtändniß gemacht. Könne man annehmen, daß ſie auch in dieſem ernſten Momente beabſichtigt eine Lüge und Intrigue fortzu⸗ ſetzen.— Dagegen ward eingewandt, daß ſie überhaupt ohne Beichte geſtorben, indem ſie die Nähe ihres Todes nicht vorausgeſehen. Der Advocat der Decouſu verweilte länger bei der Aehnlichkeit zwiſchen dem ſtreitigen Kinde und der Wä⸗ ſcherin.— Kann man, war die Antwort, aus ſolchem zufälligen unbeſtimmten Moment, der von der ſubjecti⸗ ven Anſchauung abhängig iſt, Schlüſſe ziehen? Was iſt übrigens die Aehnlichkeit zwiſchen einem Kinde von ſo zartem Alter und einer Erwachſenen! Wenn die Züge auswachſen, kann dieſe Aehnlichkeit mit jedem ſten Pr ze Mſt abe ſi ih aufgeſel die T h die Hoſ haben( winnen, des von! len ſuch zu betre bts wen läufg, d ährendd 1 auf de gemad ſem ernt gue for eübechel ihrs I get bu nd du n ſil der ſub bn! 2 Kinde Penn Zwei Mütter eines Rindes. 383 Tage verſchwinden und einer andern Aehnlichkeit Platz machen. Anfänglich, erfahren wir, war das Publicum in Lyon zu Gunſten der ſchönen jungen Wäſcherin geſtimmt ge⸗ weſen. Begierig nach allem Wunderbaren, hatte es willig alle Gerüchte aufgenommen, die zu ihrem Vortheil aus⸗ geſprengt waren. Dieſe Stimmung hatte ſich geändert, ſeit Bonnet eingeräumt, daß ſein Zeugniß falſch war, und die Widerſprüche in den Auslaſſungen der Heb⸗ unme ihre ganze Angabe als ein Gewebe von Lug und Trug zu erkennen gab. Jetzt intereſſirte man ſich für die armen Aeltern, denen man ſo unverantwortlich ihr Kind entriſſen hatte. Der Antrag Jean Chalant's und ſeiner Frau ging dahin: daß das Mädchen Gasparde Decouſu verurtheilt werde, ihnen als Schadenerſatz mit Zinſen 6000 Livres zu zahlen und ihnen das Recht vorbehalten bleibe, we⸗ gen dieſer Summe ſich auch an die Erben der Hebamme zu halten, als ſolidariſch durch das begangene Verbre⸗ chen mit der falſchen Mutter verpflichtet. Uns wird geſagt, daß dieſer Antrag ganz in der Billigkeit begründet geweſen. Durch 7 Jahre hätten die Angeklagten einen qualificirten Betrug und Ver⸗ kumdungen gegen die Chalants ſpielen laſſen, ihnen den Schmerz bereitet, das eigene Kind ihnen fortzureißen und fremden Händen zu überliefern, 7 Jahre ſie in To⸗ besangſt und allen Qualen eines bekümmerten Mutter⸗ terzens ſchweben laſſen, und jetzt in der noch größern Ungſt, wo das Kind ſei, und ob ſie es jemals wieder⸗ ſchen würden. Dies ſeien ausreichende Motive geweſen, um eine ſolche Entſchädigungsfoderung zu begründen. Demnächſt ging der Antrag, wie ſich von ſelbſt ver⸗ and, dahin, daß das kleine, jetzt verſchwundene, am 384 Zwei Mütter eines Rindes. 15. November 1707 Gabrielle getaufte Kind für die rechtmäßige und cheliche Tochter der Eheleute Chalant erklärt werde, und demnächſt die Superiorin und Non⸗ nen des Urſulinerinnenkloſters verurtheilt würden, ſofort bei Publication des Urtheils das Kind ihnen herauszu⸗ geben; auch im entgegengeſetzten Falle ihre weltlichen Güter mit Beſchlag zu belegen ſeien. Zugleich Antrag, daß ſämmtliche Koſten der Gasparde Decouſu zur Laſt gelegt würden. Der Procurator des Königs ſtimmte dem Antrage inſoweit bei, daß das Kind den Chalant'ſchen Eheleuten zuzuſprechen ſei.— Damit aber hatte die Sache ihr Bewenden— es fand kein Urtheilsſpruch ſtatt. Die Däcouſu hatte das Kind geraubt und die Chalant'ſchen Eheleute mußten die Hoffnung aufgeben, es wiederzuerlangen. Sie ver⸗ folgten die Sache nicht und— die Acten blieben ruhen. Die armen Aeltern waren müde, leeres Stroh zu dreſchen. Wer ſagt uns freilich, ob ſie es ſelbſt gedro⸗ ſchen haben! Wer da weiß, was ein Proceß vor den alten franzöſiſchen Gerichten koſtete, fragt ſich, woher nahmen die armen Weberleute, woher das öffentliche Mädchen Gasparde Dicouſu das Geld, um einen ſolchen Proceß 7 Jahre durch zu führen! Es hat viel Wahr⸗ ſcheinliches, daß die pikante Rechtsfrage einige Juriſten dermaßen intereſſirt hat, daß ſie die eigentlichen dramatis personae hinter den Couliſſen geweſen, welche die Mittel vorſchoſſen und zu eigener Ergötzlichkeit den Salomon' ſchen Proceß in Lyon in ihrer Art ausgeführt haben, in ihrer, d. h. altfranzöſiſcher Advocatenweiſe, die Haupt⸗ ſache glänzende, feine, witzige Plaidoyers, Wahrheit und Recht Nebenſache. So trägt denn auch ſchon dieſe er ſt Arbeit Pitaval's den Mangel, den wir bei allen ſeinen für die Chalant d Non⸗ n ſofort erauszu⸗ veltlichen Antrag, zur Aſt Antrage Fheleuten n— ntte dai mußte Sie ver nruhen troh zu t gedro⸗ vor den wohe fentich nſolche Pehr ranii ie Nit lomon thaben bun heit un ieſt i * ſein Zwei Mütter eines Kindes. 385 ſpätern, hochintereſſanten und fein durchgearbeiteten Pro⸗ ceſſen wiederfinden, daß wir Geſchichtserzählung, Zeu⸗ genausſagen, ja die Notorietät ſelbſt, aus den Advoca⸗ tenreden uns herausſuchen müſſen. Hier fehlt ſelbſt das Endurtheil.— Für die Geſchädigten war ſchon die Welt untergegangen, ihr Kind war ihnen durch die Juſtiz⸗ pflege fortgekommen, was kam es ihnen nun noch darauf an, daß Gerechtigkeit werde? Sie verhalf ihnen nicht zu ihrem Verluſt, und die Beitreibung der gefoderten Entſchädigungsſumme mochte ihre Bedenken haben. Wir wiſſen auch nicht, welche Verſtändigung außer den Acten ſtattfand, welche Rückſichten hier obwalteten, verſtändige oder Rückſichten, welche durch den ganzen ſiebenjährigen Verlauf der proceſſualiſchen Handlung ihren eigenen Ver⸗ lauf mögen gehabt haben. XIX. Die Rosenmädchen von Salancy. 1. Das Feſt der Wahl und Krönung eines Roſenmädchens im Oertchen Salancy bei Noyon iſt uralt. Die Tra⸗ dition, vielleicht auch Urkunden, die aus ihr geſchöpft, laſſen den heiligen Medardus, Biſchof von Noyon und Herrn(Seigneur) des Fleckens Salanchy, zu Zeiten Chlod⸗ wig's leben. Wenn er das erſte Roſenmädchen krönte, iſt alſo die Krone der Roſenmädchen von Salancy älter als die der Bourbonen, Valois, Capetinger, Karolinger, ja der Merovinger, ſie iſt die älteſte Frankreichs. Ueber dem Altar in der Kapelle dieſes Heiligen in der Ortskirche von Salanch ſah man ehedem ein ur⸗ altes Bild, welches dieſe Ceremonie darſtellte. Der Bi⸗ ſchof in Pontificalibus ſetzte die Roſenkrone auf das Haupt ſeiner Schweſter, die vor ihm auf den Knien lag. Tradition oder Wahrheit aber war— erſtere minde⸗ ſtens zur letztern durch die langen Jahrhunderte ununter⸗ brochener Fortſetzung geworden— daß der heilige Medar⸗ dus das Feſt in der Art geſtiftet, daß in jedem Jahre die tugendhafteſte unter den jungen Mädchen in ſeinem nädchen die Tu eſchöhft, on und Chlod⸗ krönte, ich ilt olinger iigen in ein der i uf du nien lg⸗ ninde ununtel⸗ Medol n Jthi ſein Die Rosenmädchen von Salancy. 387 Drte einen Hut oder eine Krone von Roſen erhalte und dazu eine Summe von 25 Livres. Um dieſe Ausſteuer für alle Zeit zu ſichern, habe er von ſeinen Ländereien mehre Aecker abgetrennt, deren Ertrag zur Jahlung der 25 Livres und zur Beſtreitung der Koſten bei der Krö⸗ nung verwandt werden ſolle. Dieſe Aecker hatten ſeit⸗ dem den Namen des Feudum der Roſe erhalten. Die Tradition ſagt, daß die Inſtitution jenem durch das Bild verewigten Factum vorangegangen ſei, daß alſo, nachdem der Biſchof das Roſenmädchenfeſt geſtiftet, derſelbe die Freude gehabt, daß alle Einwohner von Sa⸗ lanch eine ſeiner Schweſtern zur tugendhafteſten gewählt hätten, worauf der Bruder ſie krönte. Nach der Logit᷑ der Geſchichte würde das Factum der Inſtitution vorauf⸗ gegangen ſein. Die Roſenkrönung erbte, heißt es, nicht unterbro⸗ chen, von Chlodwig's Zeiten bis zu denen der Senti⸗ mentalität fort. Das Roſenmädchen zu werden, war der böchſte Wunſch der jungen Mädchen von Salancy. Außer dem Vortheil, welchen die Krönung gewährte, die öf⸗ ſentliche Anerkennung ihrer Tugend, verband ſich damit ein auch traditionell gewordener Umſtand, daß das ge⸗ rönte Roſenmädchen in der Regel ſchon im Verlauf des Fahres unter die Haube kam. Franzöſiſche Schriftſteller behaupten, daß vermöge dieſer Inſtitution, mitten unter der fortſchreitenden Sit⸗ tenverderbniß, die Einwohner von Salanch einfach, na⸗ türlich, gutmüthig, beſcheiden geblieben wären, ein Ab⸗ wruck der Natureinfalt ihrer Vorfahren. Denn, um den Preis zu erhalten, genügte es nicht nur, daß das junge Mädchen ſelbſt die erfoderlichen Ei⸗ genſchaften beſaß, auch die ganze Familie deſſelben mußte tieder und rein ſein, ohne Furcht und Tadel. Die 7* 31 1. 47 388 Die Rosenmädchen von Salancy. Krone, dem jungen Mädchen dargereicht, war zugleich das Atteſt der Ehrbarkeit für die ganze Sippſchaft. Es wurden daher Ariſtokratien der Tugend in Salanch ge⸗ gründet, und man verſichert uns, daß eigentlich alle Fa⸗ milien von Salancy in dieſe ariſtokratiſche Kette aufge⸗ nommen geweſen, ein Geſammtadel wie in Polen und Catalonien. Der Gebrauch wollte es ſo: Einen Monat vor dem zur Ceremonie angeſetzten Tage verſammelten ſich ſämmt⸗ liche Einwohner von Salancy und ernannten— es iſt nicht geſagt ob durch Stimmenmehrheit oder durch Ab⸗ wägen der Schwere der Stimmen, oder durch ander⸗ weitige Prüfungen, es ward wol vielmehr ein Gottes⸗ urtheil wie in der engliſchen Jury durch Einſtimmigkeit erwartet— drei junge Mädchen als die der Roſe wür⸗ digſten. Dieſe drei präſentirten ſie darauf dem Seigneur des Ortes, der nun unter den Dreien die der Roſen⸗ krone allerwürdigſte ernannte. Am nächſtfolgenden Sonntag verkündete darauf der Pfarrer von der Kanzel herab den Namen des erwählten Roſenmädchens. Demnächſt hatten weder die Einwohner von Salanch für ſich allein, noch ſeinerſeits der Seigneur das alleinige Recht der Wahl; es war in vernünftiger Weiſe zwiſchen beiden getheilt, und konnte nur durch eine Vereinbarung der Mächte ausgeübt werden. Am Tage des heiligen Medardus, Nachmittags, ſchritt das Roſenmädchen, angethan in weißem Kleide der Unſchuld, die Haare wallend in langen Ringelzöpfen, nach dem Schloſſe. Zwölf ebenfalls weiß gekleidete Mäd⸗ chen und ebenſo viel männliche Einwohner der Ortſchaft begleiteten ſie dahin, unter dem Schall von Pfeifen und Geigen. Der Seigneur empfing ſie im Schloſſe, und ſobald die Vesperglocke zu läuten anfing, faßte er ſie zugleit haſt. G lanch g h ole ße tte auſg polen un vor de ch ſimm — es i duch A ch ande n Gottt ſinnigt Roſe wil E er Roſu folgend er Kane n. Suu ʒ allinh e wriſhe teinborl chnit en ſ ngehiſe u V Oriſcho ſiſn v oſſe, U ſte 6 Die Rosenmädchen von Salanch. 389 bei der Hand und führte ſie in die Kirche, bis zu einem eigens dazu beſtimmten Betſtuhl im Chor. Sobald die Vesper vorüber, gingen die Geiſtlichen in Proceſſion nach der Medarduskapelle, hinter ihnen das Roſenmädchen, wieder an der Hand des Seigneur. Dort ſprach der Adminiſtrant einige Gebete und ſegnete den Roſenhut, der mit einem breiten blauen Bande und ſlatternden Schleifen, außerdem mit einem ſilbernen Ringe geziert war. So wenigſtens war es ſeit den Zeiten Ludwig's XIII. Ein Herr De Bellay, damals Seigneur in Salancy, hatte den König um eine Auszeichnung für das Roſen⸗ mädchen gebeten. Dieſer hatte durch den erſten Capi⸗ tain ſeiner Garden, den Marquis de Gordes, ein blaues Band und einen ſilbernen Ring nach Salancy geſchickt; eine Auszeichnung, die, zur Erhöhung des Feſtes, in alle Zeit fortdauern ſollte. Ehe das Mädchen gekrönt ward, hielt der Pfarrer in der Regel eine Anrede an die Verſammlung. Nach dem Act ward das Roſenmädchen auf einen beſtimmten Fleck freier Erde geführt, wo ſie die ländlichen Geſchenke der Vaſallen zu empfangen hatte. Dieſe Gaben, eben⸗ ſalls genau beſtimmt, erinnerten in ihrer Einfachheit an die uralte Zeit der Inſtitution des Feſtes; es war ein Blumenſtrauß, ein Pfeil, eine Pfeife von Horn, ein Liſch u. ſ. w. Von den 25 Livres, welche ſie empfing, nußte ſie dagegen eine ländliche Collation geben, Bän⸗ der unter die jungen Burſchen und Mädchen austheilen und Denen noch einen Thaler zahlen, welche den Mai⸗ kaum vor die Thür des Roſenmädchens gepflanzt hatten. Was noch übrig blieb, ging darauf zur Bezahlung der Muſikanten und am folgenden Tage für ein Mittagsbrot, welches den Juſtizbeamten gegeben werden mußte. Nach 390 Die Rosenmädchen von Salancy. heutiger Berechnung wäre es ſchwer, mit 25 Livres ſo viel Ehre aufzuwiegen. Im Jahre 1766 war der Intendant von Soiſſons, Pelletier de Morfontaine, bei einer Rundreiſe nach Sa⸗ lancy gekommen. Der Baillé erſuchte ihn, dem Ort die Ehre anzuthun und ſelbſt dem vom Seigneur ernannten Roſenmädchen den Hut aufzuſetzen. Pelletier übernahm es mit Vergnügen und war ſo großmüthig, daß er noch eine jährliche Rente von 40 Thalern ausſetzte, die auch nach ſeinem Tode noch den künftigen Roſenmädchen ausgezahlt werden ſolle. So ſtanden die Dinge bis zum Jahre 1774; eine uralte Sitte, ein Gewohnheitsrecht, das ſich von ſelbſt machte, an das Niemand zweifelte, das aber noch nie zur Cognition der Gerichte gekommen war, noch hatte eine Verwaltungsbehörde davon Act genommen. Da kam es dem zeitigen Beſitzer von Salanch, ei⸗ nem Sieur Danre, in den Sinn, daß ſeine Vaſallen ein Recht ausübten, wozu ſie kein Recht hätten. Nicht daß er das Feſt und die Inſtitution, durch welche das kleine Salancy in ganz Frankreich berühmt geworden, aufheben wollte, aber in ſeiner Seigneurlaune fiel es ihm ein, daß er, welcher die Koſten und die Ausſtat⸗ tung des Roſenmädchens beſtritt, auch das alleinige Recht haben müſſe, ſie zu wählen; kurz, er bezweifelte und ver⸗ nichtete durch ein Factum das Präſentationsrecht der Gemeinde. Ob dazu ein poſitiver Anlaß geweſen, ob die Gemeinde parteiiſch gewählt, ob die ihm vorgeſtellten Roſenmädchen ihm nicht gefielen, wird uns nicht geſagt, genug, er wollte die Wahl und das Präſentationsrecht zugleich ausüben und meinte, die Salanchaner müßten Lvres ſ Sriſſons nach So m Ort d ernannte übernahr er woe „die aut enmädcht 774z en vn ſil noch n noch hat n. anch, à PVaſall n. Nit velche gewodi ne ſil“ e Uſt rige Ne te und ber encht de mſn, riſeli t giſih tionst r wiß⸗ Die Rosenmädchen von Salancy. 391 zufrieden ſein, wenn er mit ſeinem weiterſchauenden gutsherrlichen Verſtande ihre Angelegenheiten beſorgte. Die Salancyaner, ſo einfach und harmlos ſie wa⸗ ren, waren aber damit nicht zufrieden, daß ihnen, kraft vorgeſchützter beſſerer Einſicht ihres Gutsherrn, ein Recht verkümmert werde, welches ſie und ihre Vorfahren ſeit unvordenklicher Zeit unbeſtritten ausgeübt. Sie fühlten den ganzen furchtbaren Eingriff in ihr Heiligthum, und ſcheuten nicht den Rechtskrieg, um Das wieder zu er⸗ obern, was, wenn ſie ein Mal dazu ruhig ſchwiegen, ihnen für alle Zeiten geraubt, wenigſtens gefährdet er⸗ ſchien. Das actenmäßige Factum war folgendes. Im Jahre 1773 hatte der Syndicus die Einwohner von Salanch nicht zur Wahl der drei Mädchen zuſammenberufen. Man ſagte, im Einverſtändniß mit dem Gutsherrn. Es fand daher keine Präſentation ſtatt, und Danre hatte ein Mädchen aus dem Orte erwählt, ohne Jemand zu befragen, ja ohne daß er den Ortsbewohnern irgend ei⸗ nen Antheil an der Feier gönnte. Sie war bis da in der Kirche und der Kapelle des heiligen Medardus unter dem Zuſtrömen der ganzen Be⸗ völkerung begangen worden. Danré ließ an die Thür zwei Berittene von der Marächauſſé ſtellen, die män⸗ niglich den Eintritt verweigerten. Es ſollte Niemand die größte Tugend ſehen! Salancy gerieth in Aufruhr. Das war den Fried⸗ lichen, Getreuen, Geduldigen zu viel geboten. Sie beeilten ſich eine Proteſtation gegen dieſen doppelten Act der Willkür einzulegen: gegen die Wahl ohne ihre Prä⸗ ſentation, gegen eine That, welche ihr unverjährbares Recht antaſtete, in die Kapelle zu treten, wo die Krö⸗ nung gefeiert ward. 392 Die Rosenmädchen von Salancy. Auf den Proteſt, vor dem königlichen Bailliamt zu Chauni angebracht, ward dem Seigneur die Aufgabe geſtellt, ſich darüber zu erklären: ob er beabſichtige, von der Wahl, die er ohne ihr Wiſſen vollzogen, Vortheil zu ziehen? Da Danré mit der Einlaſſung zögerte, er⸗ hielten ſie ein Contumacialerkenntniß gegen ihn. Jetzt appellirte Danré dagegen und der Kampf unter den Rechtsanwalten begann. Der Seigneur Danre behauptete: Seit allen Zeiten habe der Seigneur das Recht gehabt, zu erwählen und zu ernennen, und ohne Zuziehung der Einwohner, das⸗ jenige unter den Mädchen ſeines Dorfes, welches er für das würdigſte erachtete, um den Roſenhut zu empfan⸗ gen; und es ſei nur aus Gefälligkeit geſchehen, und erſt ſeit 1766, daß er zugeſtimmt, daß die Einwohner, in Gegenwart ſeiner Beamten, die Mädchen erwählen ſoll⸗ ten, deren Namen ſie ihm anzugeben hätten. Der Seigneur Danre redete ſchon eine Sprache der modernen Zeit: es ſei lächerlich, daß die Salancyaner dem Roſenfeſt eine ſolche Bedeutung gäben, in ihrem En⸗ thuſiasmus ſähe er nichts als„chimäriſche und ro⸗ mantiſche Ideen“. Er kenne nur ein Document, welches über den Fall ſpreche und hier das Recht mache; das ſei das Protokoll der Juſtizbeamten von Salancy, aufgenommen über den Actus der Krönung.(Wahrſcheinlich das, aufgenommen bei der Krönung 1766 in Gegenwart des Intendanten Pelletier.) Und darin heiße es:„Nach der Einſegnung des Roſenhutes empfing das Roſenmädchen auf ihren Knien die Krone der Seigneurs und ihren Ruf(fame).“ Daraus ſchloß er noch weiter zu ſeinen Gunſten: daß es am Seigneur ſei und nicht am adminiſtrirenden iamt zu Aufgabe ige, von Porthil erte, e pf unte n Zeiten en un er, dot⸗ s er für empfin und eiſ ner, in len ſol che der ner dem en En ndrb den Fil tinl iber nomm ndante ſegnung fihrn ame n di irende Die Rosenmädchen von Salancy. 393 Geiſtlichen, die Krone dem jungen Mädchen auf den Kopf zu drücken. Aber daſſelbe Protokoll, worauf er ſich berief, ent⸗ hielt auch folgende Stelle, welche weniger zu ſeinen An⸗ ſprüchen paßte:„Der Adminiſtrirende, ſegnend und den Roſenhut auf das Haupt des jungen Mädchens ſetzend, welches vom Seigneur erwählt iſt“ u. ſ. w. Im Jahre 1766, behauptete Danré, habe der Intendant(Pelletier) den Hut dem Roſenmädchen aufgeſetzt; alſo, ſchloß er, ſei es nicht am Geiſtlichen, ſondern am Seigneur, dies zu thun. Aber wenn dies wirklich der Fall geweſen, ſo, ſchloß der andere Theil, könne man dies nur als eine Gefälligkeit gelten laſſen, die man dem großmüthigen Manne erzeigt, und daß dieſe Gefälligkeit nicht von Seiten des Seigneurs ausgegangen, ſondern vom Geiſt⸗ lichen, oder unter deſſen Zuſtimmung, werde durch einen Hinblick auf das Altargemälde noch klarer, wo der Bi⸗ ſchof ſeiner Schweſter den Roſenhut aufſetzt. Am 19. Mai 1775 erging von dem Gericht zu Chauni eine Sentenz, deren Inhalt uns nicht mitge⸗ theilt wird, bei der aber, wie es heißt, der Seigneur von Salanch ſich beruhigen zu können glaubte. Plötzlich fiel es ihm aber wieder ein, ſich nicht be⸗ tuhigen zu wollen. Er appellirte. Die Salancyaner hätten formelle Gründe vorſchützen können, ſich auf die Appellation nicht einzulaſſen, ſie zogen es aber vor, ihren Rechtsſtreit gründlich entſchieden zu wiſſen, und zingen aufs neue in den Streit über die Sache ſelbſt ein. Danré behauptete als Recht des Seigneur: 1) die zanze Feierlichkeit allein, und nach ſeinem Gutdünken zu weguliren; 2) daß er allein, oder wen er ſubſtituiren wolle, das Roſenmädchen an der Hand faſſen und füh⸗ 394 Die Rosenmädchen von Salancy. ren dürfe; 3) daß er ſie zu krönen habe; 4) daß die Verpflichtung der Zahlung einer Rente von 25 Livres nur in der Einbildung der Einwohner von Salancy exiſtire. Der Advocat Martineau, Danre's Vertheidiger, ſuchte auseinanderzuſetzen, daß man das ganze Feſt nur als einen Ausfluß der Seigneurierechte von Salancy be⸗ trachten könne. Ihres, der Seigneure von Salaney, Werk ſei die Stiftung, rein aus ihrer Güte entſprun⸗ gen. Sie ſeien die einzigen Stifter, die einzigen Pa⸗ trone, und alle ihre Rechte ſtammten aus dieſen Eigen⸗ ſchaften. Was nun ſein Recht anlange, die ganze Feier⸗ lichkeit, wie es ihm gut dünke, zu reguliren, ſo beruhe daſſelbe nicht allein in ſeiner Eigenſchaft als Begründer des Inſtituts, ſondern auch in der als oberſter Gerichtsherr. Während der Gutsherr, als Obergerichtsherr, bekleidet auf ſeinem Gute auch mit der Polizeigewalt, allein das Recht der polizeilichen Beaufſichtigung hätte, und das auch bei allen denjenigen ländlichen Feſten, die nicht von ihm geſtiſtet waren, ſei es wider alle Vernunft anzunehmen, daß ir⸗ gend ein Gericht den Dorfeinwohnern erlauben ſollte, Trommelſchläger, Geiger und bewaffnete Leute zu ver⸗ ſammeln, und ohne Bewilligung des Obergerichtsherrn zu einem Feſte, deſſen Schöpfer er ſelbſt geweſen. Ebenſo unpaſſend ſei es, zu verſtehen zu geben, daß, wenn der Seigneur die Feierlichkeit anordne und darüber walte, derſelbe Alles daraus verbanne, was ſie impoſant machen könne. Die Art, wie die Seigneurs von Sa⸗ lancy durch dreizehn Jahrhunderte ſich bei Gele⸗ genheit dieſes Feſtes aufgeführt, ſei die ſicherſte Bürg⸗ ſchaft ihres Eifers, den ſie auch künftig aufwenden wür⸗ den. Am wenigſten könnten die beleidigenden Befürch⸗ tungen der Einwohner eine erleuchtete Obrigkeit beſtim⸗ daß d 255 Lior n Salan iget, ſih ſt ure alanch k Salan entſpn igen ſen Gi ane hi ſo bet ünderd erichtshe kleidet a h bei all ngeſiift ben ſoll te z0 v richther gen ben, d ndit b Die Rosenmädchen von Salanch. 395 men, den Seigneurs eine Autorität zu entreißen, deren Weſen ihnen gehöre. Das zweite Recht, das Roſenmädchen an der Hand zu faſſen und ſie zu führen, ſei ebenſo unbeſtreitbar bei den Seigneurs. Es ſei von Natur an die Eigenſchaft des Herrn als Stifters der Ceremonie geknüpft. Und Niemand dürfe es ausüben, als Der, welcher ein Recht von ihm dazu herleite. Eben desgleichen ſei es ein alter Gebrauch, daß der Seigneur das Roſenmädchen neben ſich auf ſeine gutsherrliche Kirchenbank ſetze. Ein Hauptmoment in der Beſchwerdeſchrift war fol⸗ gender: Der heilige Medardus habe die Feierlichkeit der Roſe geſtiftet, nicht in ſeiner Eigenſchaft als Geiſtlicher und Biſchof von Noyon, ſondern nur in ſeiner Eigen⸗ ſchaft als Seigneur von Salancy. Demgemäß ſei die Stiftung kein religiöſes oder kirchliches Inſtitut; ſie ſei eine reine bürgerliche und politiſche Inſtitution. Selbſt die Geſchenke, welche man dem Roſenmädchen darbringe, ſeien eine Art Vermögensabgaben. Auch ſie gehörten ihm von Rechtswegen, und es ſei eine Sache für ſich, wenn er es für gut fände, ſelbige dem Roſen⸗ mädchen zu verehren. In ſelber Weiſe habe man auch die Summe der 25 Livres zu betrachten, welche das Roſenmädchen empfinge; man könne ſie nur als ein freiwilliges Geſchenk betrach⸗ ten, und nicht als eine einzutreibende Schuld, weil durch⸗ aus kein Titel exiſtire, woraus auf eine Verpflichtung geſchloſſen werden könne. Von Gewicht ſei allerdings das alte Gemälde in der Kapelle des heiligen Medardus. Nachdem es theilweiſe von der Zeit zerſtört worden, ſei es durch ein anderes, denſelben Gegenſtand darſtellend, erſetzt worden, als der Margquis de Gordes von Seiten Ludwig's Xlll. dem Ro⸗ 396 Die Rosenmädchen von Salancy. ſenmädchen das blaue Band und den ſilbernen Ring als Geſchenk darbrachte. Danrt behauptete nun, daß dies erſte Gemälde, als das Symbol der Handlung, welche den Actus conſtituirt habe, von unſchätzbarem Werthe ſei, man müſſe es zu erhalten ſuchen, und er erbot ſich ſelbſt die nöthigen Koſten herzugeben, damit es wieder hergeſtellt werde. Endlich verharrte er dabei, daß er nicht verpflichtet ſei, weder die Koſten der Krönung herzugeben, noch die Krone ſelbſt zu liefern, noch das blaue Band, noch den Ring. Kein geſetzlicher Titel verpflichte ihn zu einer von dieſen Ausgaben. Die Einwohner von Salancy wieſen alle dieſe Ein⸗ wendungen zurück. Sie ſtützten ſich auf verſchiedene Acte, welche den Urſprung des Feſtes conſtatirten, und die Rechte, welche ſich daran knüpften. Der Seigneur von Salancy, ſagten ſie, war ver⸗ pflichtet, dem Roſenmädchen 25 Livres jährlich zu zah⸗ len, weil die beſtimmten Aecker, davon er die Nutz⸗ nießung zog, und die zum Territorium von Salancy ge⸗ hörten, nicht den anerkannten Namen des Feudum der Roſe geführt hätten, wären ſie nicht, wie jeder wiſſe, von Anbeginn zur Ausſteuer für die Roſenmädchen be⸗ ſtimmt geweſen. Ferner ſei es ganz gegen die Ordnung, wenn der Seigneur verlange, daß das Roſenmädchen neben ihm auf ſeiner Kirchenbank Platz nehme, indem ihr ein Platz in der Mitte des Chors an einem Betſtuhl angewieſen ſei, und neben ihr hätten ſich 12 ihrer Geſpielinnen nie⸗ derzuſetzen. Dieſe momentane Bevorzugung eines Bauer⸗ mädchens könne den Seigneur nicht kränken, indem das junge Roſenmädchen am Tage ihrer Krönung die wahre Souverainin von Salanchy ſei, alldieweil die Vaſallen ing ah aß dis welcht Werth bot ſch wiede pfichte noch di och de u lin ſe Ein chicden n, und ar vlt u zuh Nutz⸗ ch g um du wiſt hen bl n du en ihn nP itſn en me Bauet m das wohr aſoll Die Rosenmädchen von Salancy. 397 gehalten wären, ihre Opfer derſelben auf freiem Felde darzubringen. Ebenſo ſei es ein Misbrauch und Verſtoß gegen die Ordnung, wenn Danre ſich das Recht zuſpreche, das Roſenmädchen zu krönen, und er ſei völlig im Unrecht, wenn er ſich dabei auf das alte Bild berufe, und meine, daß Sanct Medardus, der im Prälatenkleide den Ro⸗ ſenhut auf den Kopf ſeiner Schweſter ſetzt, dieſes in ſeiner Eigenſchaft als Gutsherr thue. Gerade die prie⸗ ſterlichen Kleider, in denen Sanct Medardus da er⸗ ſcheine, ſeien ein unwiderlegbarer Beweis, daß er als Diener des Altars und nicht als Lehnsherr von Salanch die Krone ſegne und aufſetze. Sie wollten ungeprüft laſſen, wie weit ſich das Recht eines Gutsherrn erſtrecke in Anordnung und Leitung der Dorffeſte und Vergnügungen ſeiner Vaſallen, aber ſie, die Salanchaner, müßten aufs feierlichſte dagegen prote⸗ ſtiren, daß er ſich allein die Regulirung des Roſenfeſtes anmaße, und daß es in ſeinem Willen ſtehen ſolle, ob er es anordnen oder unterlaſſen wolle, weil die angeſe⸗ henſten Einwohner des Ortes in einem feierlich aufge⸗ nommenen Inſtrumente ſich dahin declarirt hätten, daß die Ceremonie von je ab gefeiert worden unter dem Wir⸗ beln von Trommeln und der Muſik anderer In⸗ ſtrumente. Dieſe Ceremonie, ſagte der Advocat Target, war eine einzige in ihrer Art, man findet nirgendwo ein Vor⸗ bild.„Die Ehren, beſtimmt die Tugend zu feiern, ſoll⸗ ten ohne alle Grenzen ſein. Wo die Tugend regiert, ſollte der Stolz ſchweigen und Rivalität nicht ſein. Es iſt wergebliche Bemühung, wenn der Seigneur von Sa⸗ lanch die Unſchuld ehren zu können glaubt und einen Theil ſeines eigenen Ruhmes ihr abzugeben, indem er 398 Die Rosenmädchen von Salancy. ſie auf die Bank neben ſich ſetzt. Nein, er müßte ſeine Würde vergeſſen beim Nahen der tugendhaften Salan⸗ cyanerin und ſich in die Menge ihrer Verehrer verlieren. Möchte doch der Sieur Danreé bedenken, daß dieſe Jung⸗ frau an dieſem Tage Königin iſt, und daß ihr König⸗ thum nur einige Stunden dauert; bedenken, daß dieſe ſüße und gefahrloſe Herrſchaft ſehr bald niedergelegt wird und das junge Mädchen ſchon am nächſten Mor⸗ gen in ihren geringen Stand zurückkehrt.— Warum will denn dieſer Seigneur Das, was zum Beſitzrecht des Roſenmädchens gehört, ihr nur unter dem Titel eines Geſchenks zubilligen? Was, iſt die Huldigung Aller nicht mehr als das Geſchenk eines Einzelnen?— Auf das Roſenmädchen bezieht bei dieſem Feſte ſich Alles; ihre Gegenwart muß Alles verdunkeln und ihr Ruhm löſcht allen Unterſchied des Standes aus. Vor dem Bilde der Tugend verlöſcht jedes andere. Sie muß, in der Mitte Aller, einen Platz haben, der Niemandem gehört und der ſie vor Allen auszeichnet. Ihre Würde hat nichts gemein mit den ſonſt vom Staat und der Ge⸗— meinde anerkannten Würden, es iſt die Liebe und Be⸗ wunderung Aller, und da, wo ſie am beſten geſehen werden konnte, war ihr Thron. Die wichtigſte Bedeu⸗ tung hat dieſes Feſt darin, auf Andere durch das Beiſpiel zu wirken und den Keim der Tugend in alle Herzen zu ſäen. Unter dieſem Geſichtspunkt gehörte dies wohlthätige Feſt nicht allein den Salanchanern, ſondern Allen, der Nation. Es war eine Sache von allgemei⸗ nem Intereſſe, und man mußte ſie nach den Principien, die über öffentliche Angelegenheiten gelten, beurtheilen. Wenn nun der allgemeine Nutzen der Geſichtspunkt iſt, aus welchem wir die Sache zu betrachten haben, dann wird jedes Verſprechen ſchon zu einer Obligation, jedes te ſein Salan verlieren ſe Jung r Köni doß diſ dergelc en W Vam recht de tel ein — Au 5 A rRul n Bild Die Rosenmädchen von Salancy. 399 Anerbieten zu einem Bande. Handelt es ſich um das öffentliche Wohl, dann, nach den Geſetzen, genügt es ſchon, wenn der Anfang der Ausführung da iſt, um die Vollendung zu fodern. Was wäre denn ſonſt ein Gebrauch, gepflegt und beobachtet durch eine Reihe von Jahrhunderten!“ Dies waren die Gründe, heißt es, unter deren Hülfe Target für die Salanchaner die Argumente des Seig⸗ neur zurückwies. Jetzt, rief er, möchten denn die Ge⸗ ſetze über Das entſcheiden, was bis dahin durch die öf⸗ fentliche Meinung und die Ehre entſchieden worden. Wenn dies, wie es uns mitgetheilt iſt, das Sum⸗ marium der Thatſachen enthält, ſo ſehen wir, daß die Tradition der Urkunden entbehrte, und daß der Richter allein aus den Verhältniſſen, wie ſie vorlagen, ſeinen Spruch zu fällen hatte. Die wichtigſte Urkunde über die Inſtitution und Schenkung iſt ein verwittertes Bild aus den Zeiten vor Erfindung der Oelfarben! Es kam demnächſt Alles darauf an, die vorangängigen Zuſtände zu ermitteln, und demnächſt, wenn der Gebrauch ſeit unvordenklichen Zeiten ſo geweſen, wie die Salanchaner angaben, die Frage zu erörtern, ob ein vielhundertjäh⸗ riges Herkommen, unterſtützt durch den traditionellen Namen eines Actenſtückes und die Anerkennung, welche der Inſtitution durch frühere Könige geworden, ein Recht begründete, Das als Schuld und Verpflichtung zu fo⸗ dern, was dem Anſchein nach allerdings nur eine frei⸗ willige Gabe des Gutsherrn war. Es kam darauf an, das weite Capitel der Verjährungen zu durchackern, auf die Frage, ob, wie die Mehrzahl aller Feudalrechte der Gutsherren gegen ihre Vaſallen keinen andern Titel hat— ten, als den einer vielhundertjährigen Verjährung, eine eben ſolche Verjährung auch zu Gunſten der Vaſallen 400 Die Rosenmädchen von Salancy. gegen ihren Lehnsherrn eintreten könne? Ob eine Ab⸗ gabe, Leiſtung, welche dem Anſchein nach allerdings mehr ein Spiel, eine freiwillige Schenkung war, durch die Continuität von Jahrhunderten, durch die Publicität und die Zuſtimmung von Königen, höhern Beamten und gewiſſermaßen der Nation, von der einen Seite zu einem Recht, von der andern zu einer Verpflichtung wer⸗ den könne? War dieſe Frage entſchieden, ſo löſten ſich die übrigen von ſelbſt. Aber es hat den Anſchein, als ob die Advocaten der Salancyaner ſelbſt die Sache mehr von der luſtigen Seite, als ein Spiel betrachtet hätten, und durch den Witz, den ſie ſpielen ließen, mehr zu erwirken hofften, als durch die ernſtere Auffaſſung. Vielleicht hatten ſie ihr Terrain gekannt und gebrauchten demnach die richtigen Waffen. Es wird uns ferner geſagt, daß, nachdem der Seig⸗ neur von Salaney auf ſo merkwürdige Weiſe ſeine Fo⸗ derungen im Lauf des Rechtsſtreites gewechſelt, durch mehre autentiſche Acten die Nullität der Rechte ſich her⸗ ausgeſtellt, auf welche er Anſpruch gemacht. Bei der angegebenen Behandlung der Sache wäre es kaum darauf angekommen. Durch vollwichtige Zeugenausſagen ward dargethan, daß das ältere Bild nur um deshalb fortgenommen wor⸗ den, weil es nicht mehr zuſammengehalten. Der Seig⸗ neur hatte ſelbſt damals die Abnahme gut geheißen. Erſt 5 Jahre nachher hatte man, auf übereinſtimmenden Wunſch der Einwohner, Danré's ſelbſt und ſeiner Gat⸗ tin, das neue Bild in der Kapelle aufgeſtellt. Endlich ſprach der Gerichtshof von Chauni ein Ur⸗ theil, welches ein proviſoriſches Reglement in der Sache enthielt. Es wird uns nicht mitgetheilt. Später er⸗ klärte der Gerichtshof es für ein definitives Reglement. ne Ab erdings „durch ublicitit zeanten eite zu ng wr ten ſch in, as Sache trachte meht faſung auchten rSig ne Fo durch h her⸗ ei der darauf gechen, en wol Sti cheißen menden Gal⸗ k in Ur acht à7 el ker emeh Die Rosenmädchen von Salancy. 401 Dagegen appellirte der Generaladvocat Seguier. Dies Reglement ſei an und für ſich nicht vollſtändig, dem⸗ nächſt aber ſei es eine Anmaßung von einem Gericht unterer Inſtanz ein Urtheil zu ſprechen, welches eine ſtrittige Angelegenheit für alle Zeit regeln ſolle. Dies ſei eine Gerechtſame, welche nur den obern Gerichts⸗ höfen zuſtehe. So kam denn die Sache der Roſenmädchen von Sa⸗ lanch vor den höchſten Gerichtshof, das pariſer Parla⸗ ment. Die große Kammer dieſes Parlamentes hob am 20. December den Spruch der Bailliage von Chauni auf und ſetzte folgendes Reglement feſt, welches von nun ab in alle Ewigkeiten gelten ſollte: 1. Jedes Jahr am erſten Sonntage des Monats Mai habe die Gemeinde der Einwohner von Salancy ſich zu verſammeln, und zwar ſobald die Parochialmeſſe zu Ende, vor den Juſtizbeamten, an einem anſtändigen öffentlichen Orte, innerhalb des Weichbildes des Dorfes Salanch, aber außerhalb der Mauern des Schloſſes an einem Orte, welchen beſagte Juſtizbeamte anzugeben hätten. Allda ſollen von ihnen durch Mehrheit der Stimmen drei Mädchen ernannt werden, die dem Seig⸗ neur vorzuſtellen ſeien, damit dieſer daraus das Roſen⸗ mädchen erwähle. Hier begegnet uns alſo, 14 Jahre vor dem Anfang der großen franzöſiſchen Revolution ein erſtes geſetzlich conſtituirtes Urwählerrecht. Es iſt nur zu bedauern, daß das zum Abdruck gekommene Urtheil nicht näher ſpecificirt, was unter der communauté des habitans de Salancy zu verſtehen? Die Frauen ſind unmöglich ausgeſchloſſen; von welchem Jahre an aber auch die jun⸗ 6 Mädchen und Burſche mit wählen durften, iſt nicht geſagt. 402 Die Rosenmädchen von Salancy. 2. Die Juſtizbeamten hätten darüber ein Protokoll aufzunehmen, und es von denjenigen Einwohnern un⸗ terzeichnen zu laſſen, welche es könnten und wünſchten. 3. Beſagtes Protokoll ſolle am ſelben Tage von dem Syndicus, vier der vornehmſten Ortsbewohner und den Juſtizbeamten dem Seigneur überreicht werden. Der Seigneur ſolle nun gehalten ſein, ſich zur beregten Zeit auf ſeinem Schloſſe finden zu laſſen, oder Jemand ſonſt, der ſeine Vices verrichte, und innerhalb acht Tagen aus den drei Mädchen diejenige zu nennen, welche zum Ro⸗ ſenmädchen erwählt werden ſolle. Dies ſolle von ihm geſchehen durch Unterzeichnung am Schluſſe gedachten Protokolls. 4. Sollte aber der Gutsherr während des Tages und in den nächſten acht Tagen nach der Präſentation vom Schloſſe abweſend ſein und keinen Stellvertreter ernannt haben, dann hätten die Juſtizbeamten das Roſenmäd⸗ chen zu ernennen. Und ſollten auch dieſe abweſend ſein, falle das Recht zur Nomination unter den Präſentirten an die Gemeinde zurück. 5. Es dürfe kein Mädchen zum Roſenmädchen prä⸗ ſentirt und erwählt werden, wenn es nicht, gleichwie der Vater und die Mutter aus Salancy gebürtig. Fer⸗ ner müſſe das Mädchen wenigſtens 18 Jahre alt ſein, und endlich von untadelhafter Aufführung, eben des⸗ gleichen die Familie des Mädchens. 6. Nachdem die Wahl des Roſenmädchens erfolgt, ſolle man am Tage Sanct Medardus zur Ceremonie der Krönung verſchreiten, und zwar nach dem, von dem Stifter eingeführten Gebrauche, öffentlich und feierlich in der Kapelle des heiligen Medardus. In dieſer Ka⸗ pelle ſolle, in Gegenwart aller Geiſtlichen, des Syn⸗ dicus und der vornehmſten Einwohner, der adminiſtri⸗ Protolel nern Un vünſchten von den und den en De gten Zit und ſint, agen aus zun von ihn gedachtu nges un ſion von r ernann oſenwäd end ſein, ſentirten chen pl glih tig ſu lt ſin chen d s ufolh. moni de pon den ieſer F es Syh dninifn Die Rosenmädchen von Salancy. 403 rende Pfarrer aus den Händen des Seigneurs oder ſeines Stellvertreters den Roſenhut entgegennehmen, garnirt mit einem breiten blauen Bande, mit nach hin⸗ ten wallenden Schleifen und vorn geſchmückt mit einem Ringe von Silber. Derſelbe ſolle dieſen Hut demnächſt auf den Altar ſtellen, um ihn einzuſegnen, und nachdem er an die Verſammlung eine Rede, auf das Feſt be⸗ züglich, gehalten, wobei er den Roſenhut in der Hand halten müſſe, ſolle er denſelben auf den Kopf des Ro⸗ ſenmädchens drücken, als welche vor ihm dabei zu knien habe dicht am Altar. 7. Beim Hinausgehen aus der Kirche ſolle das Ro⸗ ſenmädchen unter Vorantritt und Gefolge der Frauenſchar ſich auf ein zu dieſem Zweck beſtimmtes Stück des freien Feldes begeben, allwo, nach dem beſtehenden Gebrauche, die Vaſallen ihr zu überreichen hätten, in Folge alter Verpflichtung: einen Pfeil, einen Blumenſtrauß, zwei Federbälle, zwei weiße Bälle, eine Pfeife von Horn, in welche drei Mal gepfiffen werden möge von Dem, wel⸗ chem ſie gehört, ein Tiſch, geſchmückt mit einem weißen Nopf, ſechs weißen Handtüchern, ſechs Schüſſeln, ei⸗ nem Salzfaß voll Salz, einem Maß klaren Weines, zwei zinnernen Töpfen, zwei Gläſern, zwei Meſſern, einem halben Maß friſchen Waſſers, zwei kleinen Weiß⸗ broten, jedes 1 Sous werth, einem halben Hundert Nüſſe und einem Käſe für 3 Sous. 8. Wenn Alles vorbei, werde das Roſenmädchen von der Frauenſchar in ihr Haus zurückgeführt. Dort ſolle es ihr freiſtehen, dem Seigneur und ihrem Gefolge eine Collation anzubieten, wie ihr gefällig. Die 25 Livres Jahresrente für das Roſenmädchen ſcheinen alſo, wenn hier keine Unterlaſſungsſünde vor⸗ liegt, ebenſo geſtrichen, als der ſtrittige Punkt über⸗ 404 Die Rosenmädchen von Salancy. gangen iſt, ob das Roſenmädchen auf der Kirchenbank des Seigneurs oder in der Mitte des Chors ſeinen Eh⸗ renplatz einzunehmen habe. Dafür ward der Seigneur verpflichtet, wie es gleichfalls ſcheint, aus Eigenem, das blaue Band mit den vielen Schleifen und den ſil⸗ bernen Ring zu beſchaffen, Gegenſtände, welche früher ein König geliefert hatte. Damit fernerhin kein Streit darüber ſei, ſolle dieſes Urtheil gedruckt werden und angeſchlagen ſowol in Sa⸗ lancy als in Noyon und Chauni auf Koſten des Seig⸗ neur Danré. Außerdem ſolle urkundlich ein Exemplar in dem Archiv der Parochie von Salanch niedergelegt werden, ein anderes beim Greffier der Juſtiz daſelbſt, noch eines in der Baillage von Chauni, damit in zwei⸗ felhaften Fällen man zu finden habe, was Rechtens ſei. Noch ward verordnet, daß dasjenige Bild, welches 1772 auf den Altar der Kapelle des heiligen Medardus geſtellt worden, wieder fortgenommen werde. Den Ein⸗ wohnern von Salanchy bleibe jedoch unbenommen, es an einem andern Ort in der Kapelle wieder aufzuſtellen. An ſeiner ſtatt ſolle jedoch ein neues Bild gemalt wer⸗ den, wie er es angeboten, auf Koſten des Seigneurs, darſtellend den heiligen Medardus in vollen Pontificali⸗ bus, wie er den Roſenhut auf den Kopf ſeiner Schwe⸗ ſter ſetzt. Uebrigens ward Danré zu allen Koſten in beiden Inſtanzen verurtheilt. So ward verordnet für alle Ewigkeit, aber es wa⸗ ren nicht zwei Decennien vergangen, ſo hatte die Revo⸗ lution die Ewigkeit zerſtört, und wir erfahren nicht, daß eine der vielen Reſtaurationen ſie wieder hergeſtellt hat. chenbant nen Eh Seignn Cigenen, den ſir he ftüher lle dieſts in St es Süin Eremplur dergileg daſclbſt in zwi en ſi vrelche Nedardu Nen Ein⸗ . es an zuſtellen⸗ alt wer ignun ontifl⸗ t Echwe n bhn r e Wo die Ko iüt du ſult h Candidat Rüsau. 1803— 1804. Am Montag den 15. Auguſt 1803 wurde das friedliche Hamburg durch ein Gerücht, das ſchon am frühen Mor⸗ gen wie ein Lauffeuer durch ſeine Straßen ging, in Schrecken verſetzt. Es ſchien ein unglückliches Gerücht: ein Hausvater, ein wohlbekannter, ein gebildeter Mann, ein Gelehrter, ja der früher als Theolog auf der Kanzel gepredigt, habe ſeine ganze Familie, Frau und Kinder, im Ganzen 6 Perſonen, in der Nacht umgebracht. Das Gerücht hatte nichts erfunden, nichts hinzugeſetzt. Die Wahrheit, die bald tagte, erſchien noch ſchreckhafter als das Gerücht ſelbſt. In einem Hauſe der alten Gröninger Straße Nr. 40 wollte am Morgen das Dienſtmädchen ihre Herrſchaft wecken. Als ſie in das untere Schlafzimmer eintrat, fand ſie die Hausfrau und einen Knaben in ihrem Blute ſchwimmend todt in ihren Betten. In den obern Stock⸗ werken lagen die übrigen vier Kinder des Ehepaars gleichfalls ermordet, in ihrem Blute ſchwimmend in ih⸗ ren Betten. 406 Candidat Rüsau. Sie ſtürmte zu den übrigen Hausbewohnern, Mie⸗ thern und Nachbarn. Alles drängte ſich heran, von dem ſchrecklichen Schauſpiel ſich zu überzeugen. Schon nach 7 Uhr ward das Haus von der Rathhauswache aus mit Mannſchaften beſetzt. Der Beſitzer des Hauſes, deſſen Familie ermordet lag, hieß Rüſau, bekannt unter dem Namen Candidat Rüſau. Nachdem er ſeine Candidatenlaufbahn aufgege⸗ ben, hatte er eine Erziehungsanſtalt begründet, die mit einer von ſeiner Frau geleiteten Penſionsanſtalt für junge Maädchen verbunden geweſen und eine Zeitlang ſehr ge⸗ blüht hatte. Nachdem er jene aufgegeben, hatte er in Compagnieſchaft mit einem Andern einen Handel in weißen Waaren angefangen, der, wie aus einer andern Nachricht erſcheint, im Hauſe ſelbſt betrieben ward. Man ermittelte, daß während der Nacht Niemand in das Haus gekommen; auch hatte Niemand den ge⸗ ringſten Lärm oder Geſchrei gehört. Am frühen Mor⸗ gen, nach 4 Uhr ſchon, war aber der Hausherr Rüſau ausgegangen, indem er dem Dienſtmädchen, das eben aufſtand, geſagt, er werde bald wiederkommen. Man wußte von Rüſau nichts Schlechtes; er war im Gegentheil als ein ſolider Mann bekannt. Man wußte und ahnte auch nicht das Geringſte, weshalb er ein ſolches Verbrechen ſollte begangen haben, und doch ſtand bei Allen im Augenblick die Ueberzeugung feſt, daß er den Mord an ſeiner Familie verübt. Er war ein finſterer, verſchloſſener Mann, deſſen Phyſiognomie kein Zutrauen einflößte. Ein von ihm erhaltenes Portrait, welches ſehr ähnlich ſein ſoll, zeigt, was man nennt, ein verkniffenes Geſichte, mistrauiſch, voll kleinlichem Hinterhalt. Sobald die Nachricht von dem Ereigniß zum Prätor, Mie n, von Schou uwacht etmotde Fandidat aufgege die mi ür jung ſehr ge te er in ndel in anden ard. ſiemand den go Wor⸗ Riſau s cben er wa Mn holb er d do Er w mie kin nni nennt, nlichen Prai Candidat Rüsau. 407 Senator Jeniſch, gelangt war, verfügte ſich, auf deſſen Anordnung, der Criminalactuar Dr. Matthäi nebſt dem Bruchvogt Wichers in das Haus, der Rathswund⸗ arzt Steffen unterſuchte die Körper der Ermordeten. Er begann mit der Leiche von Rüſau's Gattin und fand bei ihr, wie bei den Uebrigen, tödtliche Halswunden. Die älteſte Tochter, ein hübſches Mädchen von 16 Jah⸗ ren, fand er auf dem Rücken liegend, in ſchräger Lage, die Füße gegen die Wand, mit aufgezogenen Knien und etwas aufgehobenen Händen. An dieſer bemerkte er zwei Halsſchnitte, auf der Bruſt zwei Schnittwunden und an beiden Händen verletzte Finger, woraus zu vermu⸗ then, daß ſie erwacht geweſen und ſich dem Mörder wi⸗ derſetzt hatte. Auf dem Tiſche vor ihrem Bette lagen ein Einlege- und ein Raſirmeſſer, beide blutig. Zwei Penſionairinnen, welche neben Rüſau's Kin⸗ dern in dem oberſten Zimmer geſchlafen hatten, waren verſchont geblieben. Die ſechs todten Kör⸗ per wurden gereinigt, in eine Stube gebracht und das Local verſiegelt. Der Vormittag ging mit dieſen An⸗ ordnungen hin, und gewiß war kein Haus in Hamburg, in welchem nicht von dieſem Vorfalle mit Entſetzen ge⸗ ſprochen wurde. Die Gröningerſtraße war den ganzen Tag beſtändig voll Menſchen und die Aufregung ſtieg noch, als ſich die Nachricht verbreitete, daß Rüſau be⸗ reits arretirt ſei. Nachmittags, gegen 3 Uhr, gingen zwei Bürger⸗ meiſterdiener vor das Deichthor auf die Entenjagd. Als ihr Kahn in der Alſter, unweit des Schlachterhofes an⸗ langte, ſahen ſie einen wohlgekleideten Mann blaß und kraftlos am Ufer im Graſe liegen. Sie ſtiegen aus, re⸗ deten ihn an, fragten nach ſeinem Namen und er nannte ſich— Rüſau. Sie ſagten ihm ſein Verbrechen auf 408 Candidat Rüsau. den Kopf zu, und er machte kein Hehl daraus. Er wußte nicht zu ſagen, wie viel Menſchen er umgebracht. Er hatte ſich aber ſelbſt auch umbringen wollen; davon ſprachen ſeine naſſen Kleider,— er war in die Alſter gegangen, ſie war aber nicht tief genug, durch den heißen Sommer ausgetrocknet— davon ſprach auch das Blut an ſeinem Körper,— er hatte mehre Wunden an Hals und Hand. Die Männer machten ſofort Anſtalt, ihn nach der damals exiſtirenden Wache, genannt bei der Kuhmühle, zu bringen, woſelbſt der wachhabende Gefreite, Krako⸗ witzer, ihn in Verwahrung nahm, aber nicht wenig Mühe hatte, ihn zu ſchützen, indem die zuſammenſtrö⸗ mende Menge an ihm Volksjuſtiz üben wollte. Endlich langte ſeitens der Prätur eine von Dragonern beglei⸗ tete Kutſche an, Rüſau ward, nachdem die Wunden, welche er ſich beigebracht, verbunden waren, in die Kutſche geſetzt und nach der Pferdemarktswache befördert. Schon im erſten Verhör geſtand er mit ruhiger Faſ⸗ ſung und ohne eine Spur von Geiſtesverwirrung, daß er die ſechsfache Mordthat verübt habe. Als ihm die noch blutigen Meſſer gezeigt wurden, erkannte er mit ſichtlicher Erſchütterung ſie für identiſch mit denen, mit welchen er die Seinen ermordet. Zwei andere namhafte Aerzte erhielten vom Prätor den Auftrag, am Donnerſtag den 18. Auguſt die Kör⸗ per noch einmal wiſſenſchaftlich zu unterſuchen. Bei dieſer Beſichtigung ward nur das Zeugniß des erſten Wundarztes beſtätigt. Am Sonnabend, den 20. Auguſt, früh zwiſchen 5 und 6 Uhr erfolgte die Beerdigung der Ermordeten. Ein der Art nie geſehener Leichenzug! Die Mutter und ihr einziger Sohn lagen auf einem, die älteſte Tochter mit aus. 6 ngebrach nz dav die Aſe den heie das Bl an Hil nach d ſuhnih e, Krt cht wen mmenſtt Endli n be Vunde ie Kutſt rt. iger a ng, de ihn d te et enen, Pr di K Rel hen des ſte ſchen niih Fi ten. 6 und! chter Candidat Rüsau. 409 ihrer jüngſten Schweſter gleichfalls auf einem Leichen⸗ wagen; die beiden andern Töchter in zwei Chaiſen. Sie wurden von„Reitendienern“ in ein Grab der Johannis⸗ kirche beigeſetzt. Die Mutter, Anna Eliſabeth Rüſau geb. Päthau, war 45 Jahre, die Kinder, Mariane 16 Jahre, Johanne 12 Jahre, Juliane 7 Jahre, Heinrich 4%½ Jahr, Emilie 3%½ Jahr alt. Die Särge der Töchter hatte man mit Myrthen und Blumenkränzen umſchlungen. Un⸗ geachtet der Frühſtunde war eine große Menge Zuſchauer gegenwärtig, aber eine dumpfe Stille herrſchte, das Ge⸗ fühl der unerhörten Begebenheit lähmte alle Zungen und die aus Vorſicht commandirte Escorte erſchien über⸗ flüfſig. Am ſelben Tage fand das Verhör Rüſau's vor dem Prätor Jeniſch ſtatt. Die Acten des Proceſſes ſind wahrſcheinlich im großen Brande mit vernichtet. Es ſcheint indeß damit nicht viel verloren gegangen. Aus den vielfachen Schriften, welche bald nach dem Verbre⸗ chen darüber erſchienen und es von den verſchiedenen Standpunkten zu betrachten verſuchten, iſt der ſehr ein⸗ fache Thatbeſtand in helles Licht geſetzt, und wir wiſſen auch den ſummariſchen Inhalt der erſten von Rüſau vor dem Prätor gegebenen Ausſage. Sie lautete dahin: „Er heiße Johann Georg Rüſau, ſei 53 Jahre alt, aus Riga gebürtig und 1771 mit ſeinen Aeltern nach Hamburg gekommen; dieſe hätten ſich hier etablirt, worauf er nach Erlangen gegangen, um daſelbſt die Gottesgelahrtheit zu ſtudiren. Hiernach ſei er hierher zurückgekehrt, vom Paſtor Herrnſchmidt examinirt und zur Candidatur zugelaſſen. Er habe Privatunterricht er⸗ theilt, auch die Stelle eines Katecheten am Gaſthauſe erhalten; ſich ein Jahr vor dem Tode ſeines Vaters, der 1784 verſtorben(ſowie ſeine Mutter 1786), mit ſeiner XIX. 18 —— 410 Candidat Rüsau. Frau verheirathet und auf dem Stekelhörn ein Lehrin⸗ ſtitut für Knaben, ſowie ſeine Frau eine Schule für Mädchen errichtet, was ſo guten Fortgang gehabt, daß er von der Katechetenſtelle abgetreten. Späterhin jedoch habe die Zahl ſeiner Schüler abgenommen, weshalb er das Lehrinſtitut aufgegeben und in Compagnie mit ei⸗ nem Herrn Kunſt ein Manufacturwaarengeſchäft ange⸗ fangen habe. Der Verdienſt ſei indeſſen nicht nach Er⸗ wartung ausgefallen, ſodaß er ſich mit den ängſtlichſten Sorgen über die Zukunft gequält und weder Tag noch Nacht die traurigen Bilder von Armuth und Dürftig⸗ keit habe los werden können, womit, nach ſeiner Mei⸗ nung, er und ſeine Familie bedroht würden. Das habe ihn denn zuletzt auf den Gedanken gebracht, es ſei am beſten, wenn er ſie aus der Welt ſchaffe und ſie auf ſolche Weiſe vor aller Noth ſicher ſtelle. Die Nacht vom Sonntag auf Montag habe er unruhig geſchlafen; beim Erwachen, um etwa 4 ½ Uhr, ſei ihm auf einmal ein⸗ gefallen, jenen Gedanken auszuführen. Er wäre ſchnell aufgeſprungen, habe aus ſeinem Schreibpult ein Einlege⸗ und ein Raſirmeſſer herausgenommen, ſei zuerſt zu ſei⸗ ner Frau gegangen und habe ſie mit dem Raſirmeſſer übern Hals geſchnitten, woran ſie ſogleich geſtorben. Er wäre hier ſehr erſchrocken, aber ſogleich zu den in der zweiten und dritten Etage ſchlafenden Kindern gegangen und habe ſie gleichfalls ermordet. Seine älteſte Tochter habe, wie er ſich dunkel entſinne, ihm Widerſtand, jedoch vergeblich, geleiſtet. Dann habe er ſich ebenfalls ermorden wollen. Daß es nicht geſchehen, könne er ſelbſt nicht begreifen. Er habe nun ſich gewaſchen, ſich angekleidet und ſei weggegangen, zum Deichthor hinaus, um ſich im Stadtgraben zu ertränken, die Vorübergehenden hät⸗ ten ihn jedoch daran gehindert. Er ſei dann zum Thor in Lhrin öchule fir habt, daß hin jedoc veöhalb ie mit häft ang nach E ngſtlichſe Tag n E inet M Das hob es ſei an d ſie au acht von ſen bein mal ein⸗ re ſchnel Einlege ſt zu ſi aſimſt rben. Er n in de gegonge P d, jcdoc emorde ſit nich un ſih den ho m 2 — Candidat Rüsau. 411 Nr. 4(Lübeckerthor) hinausgegangen, um eine Stelle an der Alſter zu ſeinem Vorhaben zu ſuchen. Dieſe habe er indeſſen nicht gefunden und ſei deshalb nach dem Schlachterhof und daſelbſt in voller Kleidung in die Al⸗ ſter gegangen; weil dieſelbe aber nicht tief genug gewe⸗ ſen, ſei er wieder herausgeſtiegen und habe mit ſeinem Taſchenmeſſer ſich über den Hals und über die Hand⸗ wurzel geſchnitten, ſich auch einen Stich in den Leib gegeben, in der Meinung, daran zu verbluten. Trotz des ſtarken Blutverluſtes ſei aber ſein Tod nicht erfolgt, jene Männer hätten ihn gefunden und er fühle nun mit erſchütternder Angſt, daß die göttliche Vorſehung ihn ſeinen Richtern lebendig überliefern wolle.— Er bereue ſeine That von Herzen und hoffe von der Barmherzig⸗ deit Gottes Vergebung, da er hienieden nach deſſen Willen Strafe leiden ſolle. Die Erhaltung ſeines Le⸗ hens ſehe er als einen dahin zielenden Wink der Vorſe⸗ hung an und wünſche nur, ſein Urtheil recht bald zu erfahren.“ Dies Alles erzählte er mit einer Faſſung, welche nicht den entfernteſten Gedanken an Irrſinn aufkom⸗ men ließ. Die Unterſuchung, nach ſolchen Eingeſtändniſſen, in Verbindung mit dem notoriſchen corpus delicti konnte ſich nur auf die Motive der That und auf des Thäters Seelenzuſtand erſtrecken. Hinſichts des erſtern Punktes ſcheint man nur einen Hauptzeugen vernommen zu ha⸗ ben, den Compagnon Rüſau's in ſeinem Handelsgeſchäft. Wenigſtens finden wir in den über den Fall handelnden Schriften nur auf deſſen protokollariſche Ausſage hin⸗ gewieſen. Dies wiederholt ſich aber auch in allen, die uns zu Geſicht gekommen, man muß alſo kein anderes Zeugniß von größerer Ausführlichkeit und mehrem Ge⸗ 185 412 Candidat Rüsau. wicht gehabt haben, obgleich man aus verſchiedenen hin⸗ geworfenen Aeußerungen annehmen möchte, daß auch die Perſönlichkeit dieſes Zeugen weiter keine gewichtige ſchien. Kunſt, früher Schauſpieler, dann das Handelsge⸗ ſchäft mit Rüſau übernehmend, mußte ein Mann ſein, der ſich in allen Geſchäften verſuchte, denn noch wäh⸗ rend des Proceſſes treffen wir ihn wieder in einer neuen Thätigkeit, als„Schenkwirth“, wie es heißt, bei dem deutſchen Theater. Man lobte nicht ſein ferneres Benehmen beim Proceß, ſeine Gleichgültigkeit, ja man ſah einen beleidigenden Hohn darin, daß er ſpäter der Hinrichtung ſeines Compagnons ohne Bewegung zugeſehen. Aus einer andern Schrift erſehen wir, daß das Gerücht nicht zurückſchreckte ihm noch ein anderes Verhältniß zur Fa⸗ milie des Mörders anzudichten. Er ſcheint in letzter Zeit der Speiſegaſt derſelben geweſen zu ſein. Von alle dem abgeſehen, trägt ſeine gerichtliche Ausſage den Stempel der Wahrſcheinlichkeit, und wir haben es mit einem von der Sache wenig berührten, darum parteiloſen Beob⸗ achter zu thun, der Dingen ein Auge geſchenkt hat, welche wahrſcheinlich den näherſtehenden und berührten entgingen. Er hatte ausgeſagt: „Er kenne Rüſau ſeit fünf Jahren und habe vor zwei Jahren mit ihm das Manufacturwaarengeſchäft errichtet, wozu Kunſt 3000 und Rüſau 4000 Mark eingeſchoſſen. Er habe Rüſau ſtets als ehrlich und brav, aber zur Beſorgung des Detailverkaufs wenig paſſend und als ſehr kleinmüthig gekannt. Beſonders ſeit Errichtung des Geſchäftes habe Rüſau ſtets befürchtet, es werde Das nicht abwerfen, was ſein Lehrinſtitut eingebracht habe. Uebrigens habe ſeine Frau ihm öfters verheimlicht, was dies und jenes gekoſtet; denn obgleich er namentlich gutes Eſſen ſehr geliebt, ſo ſei er doch immer krank geworden, icdenen hi uß auch d chtige ſhi Handeläge Mann ſeil noch wih einer neu ſt, bei de 6 Benchne nſeh inn Hintichtu chen. A jeticht it niß zur hi n letter 3 on alle de E einem vo ſen Bobt chenkt hu berühr be vor zwe jt ni⸗ ingeſchoſ“ „cher d und ichung d H V welb aucht hob tlich gul Candidat Rüsau. wenn er Rechnungen erhalten. In vertrauten Stunden habe Rüſau ihm geklagt, daß ſeine Frau die Töchter zu großartig erziehe und ſie zu elegant kleide. Die älteſte Tochter habe ihm ſogar, als er ihr über das viele Tan⸗ zen einige Vorſtellungen gemacht, etwas naſeweis geant⸗ wortet, er möge ihr doch die Vergnügungen ihrer Ju⸗ gendzeit erlauben, woran freilich ſein Alter keinen Ge⸗ ſchmack mehr fände. Auch das habe ihm misfallen, daß ſeine Töchter in den Gärten derjenigen Kaufleute ge⸗ ſchlafen, deren Kinder bei ihm in die Schule gingen. Ueber alles Dies habe Rüſau ſeiner Frau öfters Vor⸗ ſtellungen gemacht, dieſe aber ihm immer freundlich er⸗ widert: ces iſt gut, mein Kind», und habe dann doch gethan, was ſie gewollt. Gleichwol habe Rüſau mit den Seinigen in Eintracht gelebt. Eine Neigung zum Trunke habe er nie an ihm bemerkt, wol aber zum Spiel, jedoch nicht zum hohen Spiel. Jeden Nach⸗ mittag habe er einige Stunden geſchlafen, auch wol gar des Vormittags unter dem Vorwand von Kopfſchmerzen vis zum Mittag. Dagegen ſei er oft des Morgens um 4 Uhr aufgeſtanden und habe auf dem Klavier geſpielt.“ Die beiden Dienſtmädchen des Hauſes, zwei Be⸗ wohner deſſelben und eine Franzöſin, welche den Sprach⸗ unterricht in der Mädchenſchule der Mad. Rüſau er⸗ theilt hatte, wurden zwar auch verhört, ihre Ausſage ging aber nur dahin, ſie hätten niemals Zank in Rü⸗ ſau's Familie bemerkt. Da Rüſau in letzter Zeit ſehr zurückgezogen und von der Geſellſchaft, mit der er ehemals verkehrt, abgeſchie⸗ den gelebt, ſo iſt es möglich, daß man keine mehren Zeugen über ſein äußeres und inneres Leben citiren kön⸗ nen. Wichtig wären die Beobachtungen der Mutter ſeiner unglücklichen Frau, der Witwe Päthau, die, wenn 414 Candidat Rüsau. ſie überhaupt in Seelenzuſtände zu blicken im Stande geweſen, das beſte Zeugniß ablegen müſſen, da ſich an⸗ nehmen läßt, daß ſie die meiſte Gelegenheit gehabt. Mit ihr hatte Rüſau den Umgang nicht abgebrochen. Aber indem die Päthau einen allerdings wichtigen Moment bekundete, legt ſie dadurch das Zeugniß ab, daß die Wahrnehmungen Dritter, Fremder, etwas entdecken kön⸗ nen, was ihr ſelbſt entgangen. Sie ſagte nämlich aus: „Als Rüſau mit ſeiner Familie am 14. Auguſt bei ihr zum Beſuch geweſen, habe eine gleichfalls anweſende Freundin ſie(die Päthau) auf den fürchterlich dü⸗ ſtern Zug aufmerkſam gemacht, den ihr Schwie⸗ gerſohn zwiſchen den Augen zeige, und ſie ge⸗ beten, die Frau zu warnen. Sie habe auch des⸗ halb mit ihrer Tochter ſprechen wollen, es ſei aber am Abend nicht möglich geweſen und der folgende Morgen habe ſchon die ſchreckliche Beſtätigung der Ahnung jener Freundin gebracht.“ Dieſe ſcharfblickende Freundin ſcheint nicht vernom⸗ men worden zu ſein. Wenn man hiernach, denn mehr ſcheint nicht ermit⸗ telt, anuimmt, daß eine Verzweiflung, welche ſeiner, in Bezug auf ſeine Vermögensumſtände, Herr geworden, mit andern Worten Nahrungsſorgen für die Zukunft das Motiv geweſen, ſo ermittelte ſich nachher, daß dies Motiv nur ſubjectiv da war, nämlich in ſeiner eigenen Vor⸗ ſtellung, wogegen objectiv zur Evidenz erwieſen ward, daß zu einer ſolchen Verzweiflung kein Grund vorhan⸗ den geweſen. Er hatte allerdings in letzter Zeit verlo⸗ ren, von ſeiner Lehranſtalt, die früher blühend geweſen, waren etwa zwei Drittel der Schüler im Verlauf abge⸗ gangen, weshalb er zu andern Beſchäftigungsarten ge⸗ griffen, und auch das Schnittwaarengeſchäft warf nicht ———,—— n Stand ſich en habt. A hen. Abe n omnn , deß decken lin mlich a Auguſt b anweſn rlich di Schwie d ſie ge auch de ei aber a de Morhe nung jn t vernol icht em ſeinet, gewordin uhunft de dis Notn enen Ve eſen wor d vorhal it vnl qweſu uf aby zarten g wunf ni Candidat Rüsau. 4¹⁵ ſo viel ab, als er erwartet. Alles dies gab aber keinen Grund für ihn ab zu verzweifeln; denn eines Theils war die Schul- und Penſionsanſtalt ſeiner Frau noch immer im Gange, ſein eigenes Handelsgeſchäft keines⸗ wegs ruinirt, er noch ein Mann in kräftigen Jahren, um zu ſchaffen, und endlich hatte er aus der frühern blühenden Periode ſeiner Thätigkeit ſo viel zurückgelegt, daß ihm für die Noth noch immer übrig blieb. Sein Haus(ein Hamburger Erbe) für 18,000 Mark erkauft, war ſo im Werth geſtiegen, daß es damals auf 40,000 Mark geſchätzt ward und in der Subhaſtation auch wirklich für über 35,000 Mark fortging. Kurz, nach der Inventur ſeines Vermögens und dem Verkauf ſeiner fah⸗ renden und liegenden Habe ergab ſich ein Vermögensreſt von einer Höhe, daß er, ohne eigene Thätigkeit, mit ſeiner Familie noch einige Jahre ſich anſtändig erhalten können. In ſeinem Teſtamente konnte er wenigſtens über 8800 Mark frei disponiren. Ein objectiver Grund, aus Nahrungsſorgen ſich umzubringen, war alſo durch die Unterſuchung als nicht daſeiend ermittelt. Hinſichts der äußern Procedur erfahren wir, daß Rüſau am Donnerſtag Abend, den 1. December 1803, vom Pferdemarkt nach dem Winſerbaum gebracht und Freitag Mittag im ſchwarzen Bürgermantel mit gehö⸗ riger Bedeckung vor das NRiedergericht geführt ward, wo ihm ſeine zeitherigen Ausſagen(die wir nicht kennen) nochmals vorgeleſen wurden, mit dem Bedeuten, daß nach einer nochmaligen Bekräftigung derſelben von ſei⸗ ner Seite keine Verneinung oder Einrede mehr ſtatt ha⸗ ben könne. Nach dieſer Bekräftigung klagte ihn der Fiscal öffentlich an, als ſechsfachen Mörder. Rüſau blieb, trotz des Schauerlichen, was dieſe feierliche Ge⸗ richtspflege hat, in ſeiner ruhigen Gemüthsſtimmung. . 416 Candidat Rüsau. Am Freitag, den 3. Februar 1804, wurde er abermals vor das Niedergericht gebracht, wo ſein Defenſor(Dr. Schleiden) ihm die Vertheidigungsrede vorlas und eben⸗ daſelbſt erhielt er am 10. Februar ſein Urtheil, daß er mit dem Schwerte vom Leben zum Tode gebracht wer⸗ den ſolle; und zwar 1)„weil er, da er doch die Freiheit des Willens und die Fähigkeit gehabt, ſeine Nahrungsſorgen zu be⸗ ſiegen, dieſes doch nicht gethan, ſondern ſich feige der Verzweiflung überlaſſen, 2) weil er den unglücklichen Wahn, den Mord an ſich und ſeiner Familie begehen zu müſſen, um ſich und ſie einem wiewol eingebildeten Elende zu entziehen, nach großer Ueberlegung bei ſich erzeugt, genährt und gerecht⸗ fertigt habe; 3) weil Inquiſit die ihm bekannten Geſetze, welche . den Mord unbedingt verbieten, nicht bei ſich hat wirken laſſen wollen.“ — Nicht der Verurtheilte, ſondern ſein Defenſor appel⸗ lirte gegen dieſes Urtheil des Niedergerichts an das Ober⸗ gericht. Seine Schrift ward als meiſterhaft anerkannt. Er konnte natürlich nichts Anderes beweiſen wollen, als daß Rüſau's That, als aus einem firen Wahne herrüh⸗ rend, ihm nicht zugerechnet werden könne. Er berief ſich in dieſer Beziehung auf Reil's Worte:„Der fixe Wahn beſteht aus einer einſeitigen Verkehrtheit des Vorſtel⸗ lungsvermögens, die ſich auf einen eingebildeten Gegen⸗ ſtand bezieht, von deſſen Nichtdaſein der Kranke nicht zu überzeugen iſt. Da die firen Ideen in der Regel ſich auf gehäſſige Dinge beziehen, ſo ſind dergleichen Gei⸗ .* * —— ————— abermals nſor O und ehen l, diß e racht w s Vills en zu be ftige de Mord an ſich und hen, nahh d gerecht e, welht t wirken ot appi us Oher merkunt len, a e herih berief ſih rt Pah Porſt Gegen⸗ ne nicht u ſ ſi en Gi Candidat Rüsau. 417 ſteskranke niedergeſchlagen, weinen leicht, ſuchen die Ein⸗ ſamkeit und haſſen ihr Daſein.“ Wo keine Zurechnung ſei, müſſe auch die Beſtrafung wegfallen. Eine Beſtrafung nur um des Beiſpiels len, oder gar um dem Volkswillen zu fröhnen, über⸗ ſchreite die Befugniß der Juſtiz, da wo nur Gerechtig⸗ keit, nicht Politik entſcheiden ſolle. Wehe! ruft er, dem Staate, wo der Pöbel es wagen darf ſich in die Juſtiz⸗ verwaltung zu miſchen. Der Vertheidiger ſtellte zugleich formelle Bedenken auf: ob es in dieſer wichtigen Angelegenheit angemeſſen geweſen, daß das Niedergericht gerade jetzt ſein Urthei geſprochen, wo ein Mitglied eben verſtorben, ein an verreiſt ſei. Bei der geringen Anzahl von 9 Rich fielen zwei fehlende ſchon ins Gewicht. Ferner ſeien d unter den Richtern ehemalige Zöglinge des Angeklagten; ein Uebelſtand ſei es, wenn Schüler über ihren Lehrer zu Gericht ſäßen. Sein eventueller Antrag lautete auf Einholung des Gutachtens einer mediciniſchen Facultãt. Ganz anders lautete die Volksſtimme, welche dies⸗ mal auch die des größten Theils der Gebildeten geweſen zu ſein ſcheint. Das Urtheil war ihr zu mild. Eine ſo abſcheuliche That, von der Einige meinten, daß zur Expiation derſelben der Staat, in welchem ſie geſchehen, auf kurze Zeit eine Landestrauer anordnen müſſe, fodere eine außerordentliche, in die Augen fallende, abſchreckende Strafe. Die Unzurech⸗ nungsfähigkeit des Verbrechers ward gänzlich in Abrede geſtellt. Da es ja erwieſen war, daß Rüſau nicht am Bankerott geſtanden, ſo könne er auch nicht aus Angſt vor dem Bankrott gemordet haben. Das war der Wenz klar; weiter ging ihr Argumentiren wol nicht. In einer Kaufmannsſtadt iſt es die erſte Pflicht, daß 18** 418 Candidat Rüsau. jeder Bürger über ſeine Zuſtände klar ſei. Aber auch die Andern, die weiter gingen, die im Subject den Wahn für möglich hielten, auch wo das Object ihm wider⸗ ſprach, eine Verblendung, eine fixe Idee, die ihn über⸗ wältigt haben könnte, auch dieſe mochten ſich nicht über⸗ reden, daß im vorliegenden Falle die fixe Idee in dem unglückſeligen Menſchen mächtiger geweſen, als die Kraft der Vernunft, ihr zu widerſtehen, falls er die letztere, wie es ſeine Pflicht war, walten laſſen. Dieſer Anſicht werden auch wol die Mehrzahl unſerer Leſer ſein, in⸗ ſofern das Thatſächliche ſich ſo verhält, wie wir nach dem Ueberlieferten es aufgezeichnet, woran zu zweifeln kein Grund vorliegt. Das Gutachten einer mediciniſchen Facultät hielt man nicht für nöthig einzufodern. Die erkennenden Richter in letzter Inſtanz gaben ſich ebenſo wenig, ſo weit die Sache bekannt iſt, damit ab, pſychologiſch den Fall zu ergründen, wo ihnen die Facta und die Notorietät genügte. Dagegen bemächtigte ſich das wiſſenſchaftlich gebildete Publicum nachträglich mit ungemeinem Eifer der Sache, und ergänzte oder motivirte mit Gründen das trockene Todesurtheil. Das geſchah von der Kanzel herab und in beſondern Schriften. Unter den vielen, die uns vorliegen, wollen wir aus der einen, betitelt:„Rüſau's Leben und Hinrichtung in pragmatiſcher, moraliſcher und pſychologiſcher Hin⸗ ſicht“ Hamburg, 1804, Neſtler) Dasjenige ſchöpfen, was die Acten, oder vielmehr die thatſächlichen andern Berichte uns nicht ſagen. Sie verſucht Rüſau als Menſch darzuſtellen. Dabei bringt ſie auch manches von, die That begleitenden oder ihr vorangängigen, Umſtän⸗ den, welche auf dieſelbe wenigſtens etwas mehr Licht werfen. „ 6 Sei tiget Han übe gew ſo ſche St wi Le ve Candidat Rüsau. 419 Johann Georg Rüſau war 1751 zu Riga geboren. Sein Vater, ein Goldſchmied, lebte dort in faſt dürf⸗ tigen Umſtänden. In der Hoffnung, daß es ihm in Hamburg beſſer gehen werde, ſiedelte er 1771 dahin über. Der Sohn, der ſich dem Studium der Theologie gewidmet— der Autor bezweifelt aus Beruf, ſondern wie ſo viele Theologen aus den untern Claſſen der Geſell⸗ ſchaft, nur um ſich über ihre Geburtskreiſe zu erheben— zog faſt zur ſelben Zeit nach Erlangen. Ein dürftiges Studentenleben; von den Geſchenken, die er aus Riga mitgenommen, von Stunden an kleine Kinder kaum ſein Leben friſtend. Er bezog ſpät, im 21. Jahre, die Uni⸗ verſität; über ſeine Jugendjahre ruht ein Schleier. Die erſte Tugend, die er üben mußte, war die Sparſamkeit; in zu gründlicher Ausübung derſelben ſucht der Verfaſſer den Keim zu der ſpätern Untugend, dem Geiz. Sein eingeſammelter Vorrath gelehrter Kenntniſſe fiel nur dürftig aus„und alle Umſtände, welche von ſeinem Le⸗ ben und Verhältniſſen bekannt ſind, berechtigen uns nicht, ihn für etwas mehr, als einen gewöhnlichen Menſchen zu halten.“ Im Jahre 1774 kehrte er nach Hamburg zurück und ward nach ſeinem Examen als Candidat des hamburgi⸗ ſchen Miniſteriums aufgenommen, ſein Leben durch Un⸗ terrichtgeben friſtend. Das Candidatenleben in Ham⸗ burg war eine traurige Exiſtenz.„Hat der Charakter eines ſolchen geplagten Mannes einmal eine ſchiefe Rich⸗ tung erhalten, ſo kann man mit Gewißheit vorausſetzen, daß er nun ganz und gar verdorben wird.“([) Wenn nicht beſonderer Eifer für Wiſſenſchaft die Seele durch⸗ glühe, werde der vorhandene Funke durch Noth oder Wohlleben erſtickt.„Nach dem Grade ſeiner Biegſam⸗ keit müſſe er entweder durchs Leben ſeufzen und ſchlei⸗ — — 420 Candidat Küsau. chen, oder— hüpfen und jeden Ton angeben, welchen die feine Geſellſchaft koſten und hören will.“ Rüſau war nicht der Mann, um zu hüpfen, er lebte durch 10 Jahre eingeſchränkt bei ſeinen Aeltern; in der großen Kirche drang ſeine Stimme nicht durch. Die Düſterheit und Verſchloſſenheit ſeines Charakters ſtieg ſchon damals bei ſeiner Ausſichtsloſigkeit. Ihm fehlte es an Connexionen. Die Katechetenſtelle am Spinnhauſe und Gaſthauſe war eine traurige Verwirklichung ehe⸗ mals glänzender Erwartungen. In der geachteten Schule einer Madame Zier gab er Privatſtunden; ein Zeichen dafür, daß er wenigſtens eines bürgerlich guten Rufes ſich erfreute. Hier war ſeine künftige Frau Eliſabeth Päthau Unterlehrerin. Als die Zier 1785 die Schule der Letztern übergab, hielt Rüſau um deren Hand an. Er erhielt ſie. Es war keine Ehe aus Liebe, er dachte nur an eine ſichere und anſtändige Stellung, einen gewiſſen Broterwerb. Aber die Ehe, aus gegenſeitigen Rückſichten geſchloſſen, war nicht unglücklich; Achtung und Intereſſe knüpften die Bande feſter, ſeine Frau liebte ihn außerordentlich, und eine Reihe von Kindern beſiegelte das Glück der Ehe. In 18 Jahren wurden 10 Kinder geboren. Außer der Mädchenſchule ſeiner Frau legte er ein Erziehungsinſtitut für Knaben an. Es ward ſtark beſucht. Die Penſions⸗ anſtalt für Mädchen machte ein größeres Haus zum Be⸗ dürfniß. Er kaufte deshalb ein ſogenanntes Erbe zu vortheilhaften Bedingungen. Die Eheleute lebten ſehr mäßig und zurückgezogen. Der wenige Umgang nach außen zum Theil eine Folge ſeines verſchloſſenen Charakters, zum Theil Sparſamkeit. Er mußte an die Zukunft denken. Ein ausgedehnter Umgang, auch ohne Neigung zur Verſchwendung, kanh welchen „et lebt z in der ch. Di ers ſtie in fehlt innhouſ ung che gier gat enigſen ier wal in. W b, hielt ere und Abet n, wal ſten di ich, und der Ehe ußer du ginſtün enſiolb zum eogen⸗ nolg ſunkeit⸗ dehnte d , kan Candidat Rüsau. 421 bei mäßigen Mitteln in großen Städten wie Hamburg eine Familie zu Grunde richten. Er beſuchte die Kirche, genoß das Abendmahl, und verſicherte, daß er den größten Theil der Lehren ſeiner Religion glaube. Andere wollten haben, ſeine Religionsmeinungen ſeien bizarr und in⸗ conſequent, er ſelbſt halb Schwärmer, halb Freigeiſt ge⸗ weſen. Sichtlich war das aber mehr Mangel an reiferm Nachdenken oder metaphyſiſche Grübeleien. Andere be⸗ haupten zwar, er ſei ein Spinoziſt geweſen, und dies der Grund, weshalb er viele Schüler verlor. Der un⸗ genannte Verfaſſer der genannten Schrift befreit ihn aber von dem Vorwurf, indem er ihm geiſtige Unbedeutend⸗ heit vindicirt, die ihn von der Art Speculationen fern gehalten. Wahrſcheinlicher ſei, daß er als junger Menſch in Riga ſeinen Aeltern aſcetiſche Schriften vorleſen müſ⸗ ſen, was ſeinen Kopf etwas verwirrt. Dazu ein ein⸗ förmiges, einſeitiges Leben, durch keine großen Erlebniſſe und Anſchauungen geſtärkt. Sein Kopf war ſchwach, ſein Herz blieb es, empfänglich für jeden Eindruck. Der einzige Charakterzug, der Gelegenheit fand ſich auszu⸗ bilden, war die Sparſamkeit. Sie ward zum Geiz, es wird uns geſagt zum ſchmutzigen Geiz. Entſchuldigung dafür: ſeine Familie ward immer zahlreicher und beſtand faſt ganz aus Mädchen. Er verſagte ſeinen Kindern Manches, wozu Stand und Einkommen berechtigten, ſagten Fremde! Wer konnte es beurtheilen? Hier übernimmt es der Verfaſſer plötzlich als Mo⸗ raliſt den Gerichteten zu vertheidigen. Er hält eine Strafpredigt an Hamburgs Frauen, daß ſie es im All⸗ gemeinen wären, die durch ihre Vergnügungsluſt, Hof⸗ fahrt, Eitelkeit, Sinnenluſt, ja Wolluſt, das Glück und den Frieden ihrer Ehemänner untergrüben, und ſo oft, indem ſie den Samen derſelben Luſt ihren Töchtern ein⸗ 422 Candidat Rüsau. impften, ein ganzes künftiges Familienglück untergrüben. Er wolle keinen Schatten auf die todte Madame Rüſau werfen, er wiſſe nichts von ihr, wie überhaupt Wenige etwas von ihr gewußt, als daß ſie im Allgemeinen ei⸗ nen bürgerlich guten Ruf gehabt, er wolle auch dem Zeugniß des Kunſt nicht unbedingt trauen.„Aber“, ruft er,„denkt euch einen Mann wie Rüſau, auf den jeder Eindruck dauerhafter, ſtärker und unauslöſchlicher wirkt, muß der nicht erbeben, wenn ihm die Zukunft ſeine Töchter an Leib und Seele verdorben, ſeine Gattin in der bitterſten Armuth und Dürftigkeit, ſeine Söhne in den Armen von Buhlerinnen vorſpiegelt.(Warum nicht ſeine Töchter in den Armen von Buhlern²) Fehlte Rüſau's Gattin auf irgend eine Weiſe hier, wo es jetzt der herrſchende Ton iſt zu fehlen(1), ſo trug ſie dadurch zu dem Unglück bei, welches dieſe Fa⸗ milie von der Erde vertilgt hat.“ Wenn aber die Rüſau eine gute, brave Frau geweſen, ſo ſei es immerhin mög⸗ lich, daß ſie doch zu nachſichtig gegen die herrſchenden Modethorheiten geweſen, und das einen argwöhniſchen Mann wie ihn zu finſtern Vorſtellungen über die Zu⸗ kunft veranlaßt habe. Obgleich er angeſehene hamburger Bürger unter ſei⸗ nen Schülern gehabt und ſie ſo wohl erzogen, daß die⸗ ſelben ſich noch immer ſeines Unterrichts mit Dankbar⸗ keit entſännen, ſank doch um Oſtern 1802 die Zahl dieſer Schüler auf 10 herab. Urſache ſei wol nicht ein falſches Syſtem, als daß er ſelbſt die Luſt zum Unter⸗ richten verloren, und nicht mehr mit der Anſtrengung und dem Eifer gearbeitet, die bei dieſem hochwichtigen Geſchäft zum Erfolg unerläßliche Bedingung wären. Seine Einnahmen minderten ſich. Neben dem Gelde meldete ſich auch ein Ehrgeiz; er hielt ſich für verkannt. Tro delb lich nac St etg ſitz we tgrüben Rüſo einen ei uch den „Aber“ auf du Zukunf Gitti Shr Warn Fchl wo es 0, ſ ieſe i Riſo n möh chenden niſcher die 3 nter ſi⸗ de anbi it 3uh it i Unt⸗ nngun chtigen ren⸗ ckunt Wenigl Candidat Küsau. 423 Trotz der Straffheit in ſeinen Meinungen, war er wan⸗ delbar in ſeinen Entſchlüſſen. Schon jetzt griff er plötz⸗ lich, wenn er ſich getäuſcht hatte, raſch, unüberlegt, nach jedem Mittel, das ſich ihm darbot. So gab er in einer unmuthigen Aufwallung die Schule auf, um ein anderes, einträglicheres Gewerbe zu ergreifen. Nach Einigen hätte er ſich eine ländliche Be⸗ ſitzung gekauft, um als Philoſoph und Bauer zu leben, wäre aber hier bald geſcheitert, wie ſo viele Gelehrte, die Daſſelbe unternahmen, ohne etwas vom Landbau zu ver⸗ ſtehen. Dies ſtimmt jedoch damit nicht, daß er, nach⸗ dem er Oſtern 1802 die Knabenſchule aufgegeben, ſchon zu Johanni deſſelben Jahres das Laden⸗ und Ellenwaa⸗ rengeſchäft mit Kunſt unternimmt. Es fehlte ein großes Capital, um die Waaren aus erſter Hand zu kaufen, und,„was in Hamburg durchaus nothwendig iſt, ein großes Lager halten zu können“. Er ſah ſich getäuſcht in Rückſicht des ſchnellern Reichwerdens. Schon im November fing er an zu bereuen. Seine Phantaſie malte ſich die Unternehmung als völlig unglücklich aus. Er ſah ſich ſchon verarmt und wünſchte die Handlung wieder aufgeben zu können. Kunſt redete ihm Muth zu, auch mehrte ſich der Waarenabſatz. Sein Blick in die Zukunft ward heller; aber nicht auf lange. Er fing wie⸗ der Grillen. Der Verfaſſer ſchließt auch hieraus, daß keine wahre, männliche Kraft in Rüſau's Charakter ge⸗ legen, der ſcharfe umſchauende Blick, die Kenntniß des Thuns und Treibens der Menſchen, geradezu vielleicht— der geſunde Menſchenverſtand ihm gefehlt. Ein Mann wie er hätte in Hamburg, wo Alles handelt, Alles mit Gewinn und Verluſt ſpielt, die Quellen aufſuchen müſſen, aus wel⸗ chen ſo viele ſeiner Mitbürger unaufhörlich ſchöpfen und Schätze daraus hervorſchoſſen. Aber dreißig Jahre in 424 Candidat Küsau. dieſer großen Stadt, hatte er ſich nach nichts umgeſehen, was zu dieſem Geſchäft gehört.„Eine Elle feines Zeug, für welches er den Preis von 13 Mark beſtimmte, gab er ſpäter für 4 Mark weg, und beklagte ſich nach⸗ her bei der Käuferin, daß ihm ſein Compagnon bittere Vorwürfe darüber gemacht.“ Begreiflich, daß Kunſt einem ſolchen Compagnon nicht viele Aufmerkſamkeit er⸗ wies. Wenn im Laden verkauft wurde, litt er nicht, daß Rüſau das Geringſte anfaßte, weil er die vorge⸗ legten Waaren nie wieder ordentlich wegräumte.„Ich weiß nicht“, pflegte er zu ſagen,„warum der Menſch ſich mit Dingen abgibt, die er nicht verſteht, und wozu er nicht geſchickt iſt.“ So ſoll Kunſt Rüſau mehrmals aus dem Laden gewieſen, und dieſer jedesmal betrübt, geſenkten Hauptes, davongeſchlichen ſein. Misverhältniſſe, die bei Rüſau's verſchloſſenem Weſen zu immer neuen Misverſtändniſſen ſich ſteigern mußten, gekränktes Selbſtgefühl und eingebildete Nahrungsſorgen wirkten noch mehr zur Verſtimmung.„Es fehlte auch nicht an Leuten“, heißt es ferner,„welche mehre Gründe zu dieſen Misverhältniſſen angaben. So ſagt man, ſei Rüſau ſtets und vorzüglich in letzter Zeit in ſich gekehrt und ſtumm erſchienen, während ſein Handelsgeſellſchafter mit der Hausfrau und den Kindern geſcherzt und ſie mit witzigen Einfällen, woran es ihm nie fehlen ſoll, unter⸗ halten habe. Doch wagt man es nicht, Rüſau einer Eiferſucht zu beſchuldigen, die indeß bei ihm, nach ſeiner Denkungsart wol ſtattgefunden haben könnte. Man hält es für ſehr merkwürdig, daß Rüſau während ſeiner Gefangenſchaft ſich nie nach ſeinem Compagnon erkun⸗ digt, ihn nie zu ſprechen verlangt; und für noch merk⸗ würdiger, daß Kunſt nie ein Verlangen getragen, ſeinen unglücklichen Freund zu ſehen und zu ſprechen, da er geſehen feinet ſtimmte ch noch bitter Kunſ nkeit e r nicht, vorg „3 Munſt d woh ehrmal betrübt WVeſen nußten ſorgen e auch Hründe mn, ſi gelihn ſchaftel ſi nit unte u eintt ſin Man ſeinet erkun⸗ merk ſeinen da 6 Candidat Küsau. 425 doch ſein Endurtheil auf dem Rathhauſe mit angehört, ſelbſt der Execution mit beigewohnt und ſich dabei in ſeiner gewöhnlichen Laune gezeigt habe.“ Indicien, die nur wie leichte Nebelſtreifen auf den Gegenſtänden lie⸗ gen, erlauben keine Folgerungen. Dagegen ſpeciellere Momente. Er hatte Anfang 1803 an ſeinem Hauſe gebaut; die Reparatur koſtete mehr, als er erwartet. Die Rechnungen der Handwerker drückten ihn, obgleich er nicht einmal gemahnt wurde. Er hätte ſie bezahlen können, denn Geld war vorräthig, dies war aber von dem ſparſamen ordentlichen Manne ſchon für kommende Ab- und Ausgaben, für Wintervorräthe u. ſ. w. zurückgelegt. Gemüthsunruhe bemächtigte ſich aber⸗ mals ſeiner: keine Extraeinnahme aus dem Handel, und jene Extraausgabe! Die Brücke war raſch in ſeinem verſchloſſenen Nachdenken geſchlagen bis zur gänzlichen Verarmung, bis zum Gedanken, mit ſeiner Familie den Hungertod ſterben zu müſſen. Er entdeckte die Beſorgniß Niemandem, nur gegen ſeine Frau warf er gelegentlich etwas hin: wie es denn nur mit ihnen werden würde! Er erging ſich einſt am Fortepiano in düſtern Phantaſien. Die älteſte Tochter fragte, um ihn aufzuheitern:„Lieber Vater, warum ſpie⸗ len Sie immer ſolche traurige Sachen? Wollen Sie mir nicht einen Walzer vorſpielen?“—„Liebes Kind, ich bin nicht geſtimmt, luſtige Sachen zu ſpielen“, war ſeine Antwort.„Die ſchlechten Zeiten drücken mich ſehr. Du lebſt noch in Unwiſſenheit und daher glücklich.“— Sie entgegnete:„O Vater, wenn's ſonſt nichts iſt, wir wollen ſchon rathen. Geht der Handel nicht wie er ſoll, ſo geben Sie ihn auf, und fangen Sie wieder ein In⸗ ſtitut an. Ich habe ja ſo Manches gelernt, kann Ihnen mit der Mutter zu Hülfe kommen. So lange wir le⸗ 426 Candidat Rüsau. ben, ſollen Sie keine Noth leiden. Quälen Sie ſich nicht mit der Zukunft.“— Rüſau war gerührt, weinte und umarmte die Tochter:„Du biſt ein gutes Kind! Ich bin ein glücklicher und ein unglücklicher Vater.“ Auch gegen Kunſt ſprach er von ſeiner traurigen Lage; er wollte ſogleich die ganze Handlung aufgeben, wofür dieſer keinen Grund abſah. Rüſau ſchlief keine Nacht mehr ruhig. Der heftige Schweiß, der ihn befiel, ehe er zum Schlafe kam, zwang ihn bisweilen bis gegen Mittag im Bett zu bleiben. Sein Körper magerte ab. Die Troſtgründe der Religion, die er ſuchte, ſeinen Kummer zu lindern, ſchlugen nicht an. Er entbehrte der Seelenklarheit und Reinheit, die ſich über die Kleinlichkeiten des Lebens und unvermeidliche Schickſale erhebt. Er entbehrte der Klar⸗ heit des Verſtandes, um ſimpel auszurechnen, daß er noch ſehr weit vom Bettelſtabe entfernt war. Nach Aus⸗ ſage eines unbefangenen Mannes, der mit ihm in ver⸗ ſchiedenen Verhältniſſen geſtanden, war er, beſonders einige Zeit vor ſeiner That, nicht im Stande, beim Ver⸗ kauf kleinere Summen zuſammenzuzählen. Er war der ſaumſeligſte Bezahler. Die Auszahlung einer Rechnung verſtimmte ihn für geſellige und häusliche Freuden. Sein Schuhmacher verlangte Bezahlung für eine längſt über⸗ gebene Rechnung. Rüſau entſchuldigte ſich, er habe die Rechnung verlegt und wiſſe den Betrag nicht mehr. Der Schuhmacher holt ſofort eine neue. Rüſau entſchloß ſich, das Geld, einige 40 Mark, zu holen, aber er zau⸗ derte, es aufzuzählen und rief die älteſte Tochter. Mit ſichtlichem Widerſtreben ſah er den Schuhmacher die Summe einſtreichen. Es kamen noch einige Momente hinzu. Rüſau hatte einen Ausbau in ſeinem Hauſe gemacht,„um dadurch“, heiß Va hun ger wa dor Ri nic B un Sie ſi weint es Find ater.“ traurig aufgebe er heft aſe kun Bett j oſtgrin linden theit un bens und der Ko „daß ach Au in bel eſonders im Vl war d Rechnun n. St habe d hr De entſchlo et ju „ Mit t. chet die u hotl durch“ Candidat Rüsau. 427 heißt es,„wie es jetzt in Hamburg ſehr gewöhnlich, ſeine Waaren ins hellſte Licht zu ſtellen.“ Vor einem Jahr⸗ hundert waren ſolche Ausbauten durch Rath⸗ und Bür⸗ gerſchlüſſe verboten worden. Die Verordnung war et⸗ was antiquirt, denn außer den vorhandenen entſtanden doch hier und da neue. Der Senator Peterſen befahl Rüſau ſein Schaufenſter fortnehmen zu laſſen. Als er nicht gehorchte, ward es von Obrigkeitswegen abgebrochen. Bei einiger Kenntniß der Verhältniſſe würde er Mittel und Wege gefunden haben der harten Maßregel zu be⸗ gegnen. Die Kränkung, der Geldverluſt bohrten an ihm. Er wollte, um ſeine Schulden zu bezahlen, noch 4000 Mark auf ſein Erbe aufnehmen. Es gelang ihm nicht, obgleich es ihm ein Leichtes geweſen, wenn er die gewöhnlichſte Vorſicht und die einſchlagenden Mittel an⸗ gewandt. Er hätte nur ſein Haus höher verſichern laſ⸗ ſen dürfen, was er mit gutem Gewiſſen konnte, da es bei weitem mehr werth war, als die letzte Abſchätzung beſtimmte; aber er ſcheute die Koſten, die Umſtände, den höhern ſtädtiſchen Schoß. Er fühlte ſich wieder gekränkt. Eine Dame, in deren Hauſe er mit ſeiner Familie einer Hochzeit beiwohnte(ob dieſelbe, welche ihn am Tage vor der That beobachtet?— wir haben es hier, wie geſagt, nicht mit actenmäßigen Zeugniſſen zu thun), er⸗ ſchrak vor ſeiner düſtern Phyſiognomie. Sie warnte Rüſau's Frau: ſie ſolle nicht zu ſorglos ſein, und den Zuſtand ihres Mannes nicht außer Acht laſſen.„Nie“, ſagte ſie,„habe ich einen ſolchen Blick geſehen; er kann unmöglich etwas Gutes im Sinne haben.“ Sie dachte nicht an das Verbrechen, das kurz darauf eintreten ſollte, ſondern an einen Selbſtmord. Rüſau's Frau ſoll jetzt ſelbſt bange geworden ſein; 428 Candidat Rüsau. ſie ſoll gezittert haben vor„einer möglichen, unbeſonne⸗ nen, raſchen That ihres Mannes“. Sie bat ihn den Hausarzt zu conſultiren. Seine ewige Gegenrede war: ihm könne kein Arzt helfen. Es heißt nun, die Quelle wird nicht angegeben, er ſei einige Zeit wirklich mit dem Gedanken umgegangen, ſich ſelbſt zu entleiben. Er gab ihn auf, weil es ja doch nur eine Quelle geworden wäre unauslöſchlicher Schande und neuen Elends für ſeine Familie. Da wurzelte in ihm der Gedanke: das beſte Ret⸗ tungsmittel ſei, ſich und ſeine Familie zugleich aus der Welt zu ſchaffen. Er beſchloß ſchon einige Tage vor dem 15. Auguſt dieſen Gedanken auszuführen,„als ein nothwendiges, durch keine Gewalt abzuwendendes Uebel“ Ob dies ein actenmäßiges Eingeſtändniß iſt, bleibe dahingeſtellt. Aber bei der Unbeſtändigkeit ſeiner Entſchlüſſe war es möglich, daß auch dieſer vor der Ausführung ſich wandelte. Sonntag am 14. Auguſt 1803 war er mit ſeiner Familie bei ſeiner Schwiegermutter, der Witwe Päthau. Er aß wenig, trank nur zwei Gläſer Wein, auch dieſe nur auf Zureden ſeiner Frau, und war wie immer ſehr ſtill und verſchloſſen. Man ſchonte ihn, da man den Grund ſeines Kummers wußte, man mochte auch nicht die Art verſtehen, einen ſolchen Seelenkranken zu be⸗ handeln. Gegen Abend ging die Familie nach Hauſe, um 10 zu Bett. Alle ſchliefen, nur Rüſau wachte. Das Ge⸗ ſpenſt einer grauenvollen Zukunft, des Hungertodes ſeiner Familie, wollte, bis der erſte Morgenſtrahl durch die Fenſterläden fiel, nicht von ſeinem Bette weichen. beſonne ihn den de war: eben, et cgangen, ja doch Schande ſte Ret aus der Auguſ endiges, Oh die geftlt. war es ſeiner päthal⸗ ch diet er ſcht an den h nicht zu he⸗ um 00 Gl⸗ nodes duch eichen Candidat Rüsau. 429 Die ſtrahlende Auguſtſonne ging auf, aber ſein Ent⸗ ſchluß war ſchon gefaßt.*) „Mit vollem Bewußtſein“, heißt es,„aber auch mit voller Ueberzeugung der Nothwendigkeit und der Unver⸗ meidlichkeit der ſchrecklichſten That, ſprang Rüſau nach 4 uhr aus dem Bette.“ Er eilte an ſein Pult und nahm ein Raſirmeſſer, das ſeit zwei Jahren ungebraucht darin lag, und ein franzöſiſches Einlegemeſſer, das er vor einem Vierteljahre ſchleifen laſſen, doch damals nur zum Brotſchneiden, heraus. Mit einem Druck ſchnitt er der neben ihm liegenden Gattin die Gurgel ab. Sie verſchied, ohne einen Laut von ſich zu geben. Er will darauf erbebt ſein, doch ſtand ſein eiſerner Glaube an die Nothwendigkeit der That augenblicklich wieder feſt da. Er konnte ja nicht mehr zurück, er mußte weiter. In derſelben Stube ſchlief ſein einziger Sohn, ein Knabe von 5 Jahren. Er ſtarb ebenſo raſch. Er ging die Treppe hinauf. Hier ſchliefen in einem Zimmer ſeine älteſte Tochter und ſeine beiden jüngſten. Jene, ein blühendes, hübſches, allgemein geliebtes Mäd⸗ chen, 16 Jahre alt, lag ſo, daß er den mörderiſchen Schnitt nicht auf ein Mal ausführen konnte. Sie er⸗ wachte, und, nach ihrer Wunde zu ſchließen, muß ſie mehrmals in das Meſſer gegriffen haben. Rüſau wußte nichts Gewiſſes darüber. Er ſah nichts mehr. Die bei⸗ den jüngſten Mädchen von 7 und 3 Jahren waren von dem Kampfe nicht erwacht. Sie ſollten überhaupt nicht mehr erwachen. *) Nach einer andern gedruckten Nachricht blieb Rüſau allein auf und ließ ſich jetzt eine Bouteille rothen Wein von einem in der Nähe wohnenden Weinhändler holen. Eine Bouteille macht in Hamburg keinen Mann trunken. Bis 4 Uhr ſei er nun brütend in dem Schlafzimmer aufgeblieben. 430 Candidat Rüsau. Von fünffachem Blute triefend, ſtieg er noch eine Treppe höher und tödtete ſeine zweite Tochter Johanna, die mit zwei Koſtgängerinnen in einem Zimmer ſchlief. Auch hier kein Erwachen, kein Aufzucken, keine Ahnung. Es blieb todtenſtill nach der Mordthat, wie es todten⸗ ſtill vorher war. Ein anderer Berichterſtatter läßt ihn ſein ſchlafendes Kind, das zwiſchen den beiden Penſio⸗ nairinnen lag, leiſe herausheben und ihm die Gurgel ſo abſchneiden. Die ſchöpferiſche Romantik war alſo auch da geſchäftig, und es fehlt nur noch, daß alle drei Kin⸗ der in einem Bett geſchlafen, und er ſeines in die Luft gehoben, ihm dort, noch im Schlaf, den Hals abge⸗ ſchnitten und dann wieder den blutenden Leichnam zwi⸗ ſchen die beiden Penſionairinnen zurückgelegt hätte! Von einem der jungen Mädchen, denen ſein Mord⸗ ſtahl ſo nahe geblitzt, erzählte man nachher, daß es je⸗ des Mal, wenn während der Unterſuchung Rüſau's Name genannt ward, krampfhaft zuſammengezuckt ſei; nach ſei⸗ ner Hinrichtung war ſie in eine lebensgefährliche Krank⸗ heit verfallen. Die verſchiedenen Erzählungen, die wir vor uns ha⸗ ben, weichen hier übrigens von einander ab. Eine vom Jahre 1803(zweite Auflage„Rüſau, der Theologe und Kaufmann, als ſiebenfacher Familienmörder u. ſ. w. dar⸗ geſtellt von einem Rechtsgelehrten“) läßt ihn ſeine Fa⸗ milie in anderer Ordnung umbringen und zuletzt erſt in die Kammer der Gattin treten, die mit dem kleinſten ihrer Kinder im Arme geſchlafen hätte. Er läßt auch dieſe ſich wehren und endlich mit ihrem jüngſt geborenen an ihrem Buſen ſterbend hinſinken. Um die ſiebenfache Mordthat voll zu machen, muß bei dieſem Verfaſſer die 45 jährige Madame Rüſau noch ein Mal ſchwanger ſein.— Wir haben allen Grund der gebildetern, ſpätern Dar⸗ ——.———— —— ch eine ohanna, ſchli Ahnng todten läßt ihn Penſo urgel ſt lſo ach rei hin die Af ls abge an jri te! Mord⸗ s j s Name ch ſei Krank uns he ine von oge ud w. dar ine a in linſtin ſt uch horenen ufuche ſſer di ſein— Har⸗ n Du Candidat Rüsau. 431 ſtellung des unbekannten Verfaſſers, dem wir hier ge⸗ folgt ſind, auch in Angabe der factiſchen Umſtände meht zu trauen, da, was aus actenmäßigen Ermittelungen übrig iſt, mit ſeiner Erzählung ſtimmt, wenngleich der Verfaſſer geſtändlich kein Rechtsgelehrter war und ſich im Moraliſiren zu weit ergeht. Der angebliche Rechts⸗ gelehrte ſcheint mehr im Buchhändlerauftrag ein haar⸗ ſträubendes, pathetiſches Schriftchen fürs Volk verfaßt zu haben, wo es weniger auf die Wahrheit ankam, als auf eine ſchnell zu erzielende zweite Auflage. Aus der Vergleichung beider geht hervor, daß man, trotz der un⸗ gewöhnlichen Publicität, welche der Fall gewonnen, eine actenmäßige Mittheilung der Wahrheit nicht für nöthig gehalten habe. X Er ſchleicht aus der unheimlichen Stube, wo vier Verrätheraugen ſchlafen mögen, wieder herab. Es ſcheint, daß ihn jetzt die Beſinnung verlaſſen. Er hat ſich vor— geſetzt, er fühlt, er muß ſich ſelbſt das Leben nehmen, aber er hat vergeſſen, wie er es ins Werk ſetzen gewollt. Er hätte vielleicht entfliehen können, daran hat er nie gedacht. Sich ſelbſt unter den ausrauchenden Leichen umbringen! Das war das Nächſtliegende. Aber unſer Verfaſſer läßt einen guten Genius ihm einhauchen, daß er es nicht thun ſolle, denn es hätte unverdiente Leiden und Kränkungen für die Hausgenoſſen hervorbringen können. Der ſogenannte Rechtsgelehrte, welcher anſchei⸗ nend den Theologen dabei einen Seitenhieb verſetzen will, ſagt:„Der kalte, entmenſchte Theolog geht ruhig wie⸗ der in ſein Zimmer, wäſcht die Hände von der bluten⸗ den That, die die Fluten der Ewigkeit nicht von ſeiner Seele waſchen können, kleidet ſich an und will ins Freie— wahrſcheinlich um ſich feierlich zum Tode in der Einſam⸗ keit vorzubereiten und alsdann zu ſterben.“ 432 Candidat Rüsau. Es heißt, er fand im Vorübergehen das Stuben⸗ mädchen ſchon wachend. Nach einem Andern trat er an ihr Bette und klopfte ihr leiſe auf die Schulter, um zu forſchen, ob ſie vielleicht durch das Geräuſch wach ge⸗ worden. Sie erwachte, er ſagte ihr, er gehe aus, ſich zu baden, ſie möge ruhig noch ein Paar Stunden ſchla— fen, aber um 7 Uhr den Kaffee bereit halten. Er ſpricht ſo ruhig, daß in ihr kein Verdacht aufkommen kann. Er öffnete ſich ſelbſt die Hausthür, die hinter ihm wieder von ſelbſt ins Schloß ſprang. Er wartet am Deichthor, bis es geöffnet wird, und will ſich dort in den Graben ſtürzen. Es ſind aber zu viel Menſchen da. Ueber den Steindamm ſucht er ſich einen Weg nach der Alſter. Am Schlachterhofe geht er wirklich ins Waſſer hinein. Aber in dem ſehr heißen Sommer iſt es ſo ausgetrocknet, daß, ſelbſt als er ſich darin nieder⸗ wirft, er ſeinen Zweck nicht erreichen kann. Ans Ufer zurückgekehrt, ſucht er nach einem Werkzeug, um ſich zu tödten. Er hat nur ein kleines Meſſer in ſeiner Taſche. Damit verſetzte er ſich mehre Schnitte in die linke Seite des Halſes, einen an der Handpulsader, einen Stich unter dem Herzen. Alle an und für ſich nicht tödtlich; die Halswunde blutete jedoch ſo ſtark, daß er daran zu verbluten hoffte. Aber das Blut ſtillte ſich von ſelbſt. Dies war ihm ein Zeichen: der Himmel wolle, daß er zur Verſöhnung der Menſchheit die That büßen müſſe. Er ließ ſich gehen, d. h. er blieb erſchöpft liegen, mit dem Vorſatz, wenn er ſich erholt, ſich ſelbſt dem weltlichen Richter zu übergeben. Die Art ſeiner Verhaftung iſt in dem oben Geſagten genügend dargeſtellt. Stich und Verwundung waren aber der Art, daß ſie eine bedeutende Zeit zur Heilung erfoderten, woher die Verzögerung, bis er vor Gericht —— —— 4—— — S Stuben trat er an ter, um zu h wach ge⸗ N als, ſic unden ſchla⸗ Er ſpricht en kann. hintet ihn wartet am ſch dort in Nanſchen Veg nach rirklich in ommer iſ nin nieder Anẽ lfn mm ſch in ſeiner itte in di ndpulsoden in ſch niht nk, daß ſille ſc r Hinn ti 3u b uſhiht ſih ſilbſt niſgte ng war rHeilun . Gerich Candidat Rüsau. geſtellt ward, wogegen ſpäter mit ſeiner Verurtheilung ſehr geeilt ward. Rüſau war ſeiner Zeit ein Räthſel und ein Unge⸗ heuer. Letzteres wird er zu aller Zeit ſein; aber um ſeine That noch unbegreiflicher zu machen, hob man hervor einerſeits, daß er ein Theologe geweſen, daß er von der Kanzel die Pflichten gepredigt, gegen die er ge⸗ ſündigt, andererſeits, daß die That um ſo unerhörter von ihm ſei, als er durch den Ankauf ſeines Hauſes die Ehre hatte, unter der erbgeſeſſenen Bürgerſchaft Ham⸗ burgs, alſo unter den demokratiſchen Geſetzgebern des Staates mitzuzählen. Um es zu erklären, nahm man zwar nicht Zuflucht zur Dämonologie, wie einige Jahtzehnde ſpäter in der andern freien Reichsſtadt Bremen, wo der Teufel ſelbſt der Geſche Gottfried ihre Thaten ſollte ein⸗ gegeben haben, denn dieſe Erklärung vertrug ſich weder mit der Aufklärung, noch mit der Humanität im Be⸗ ginn dieſes Jahrhunderts, aber man machte ihn zu ei⸗ nem Schwärmer, Phantaſten, Myſtiker: er habe, wie einige wohlunterrichtete Männer verſichert, den Geſtirnen einen nothwendigen und unwandelbaren Einfluß auf die Schickſale der Menſchen zugeſchrieben, und man eiferte gegen die Aſtrologie und Sterndeuterei, als eine der gröbſten geiſtigen Verirrungen. Wir ſind ſeitdem vielleicht in der Pſychologie, gewiß in den Gebieten der menſchlichen Verirrungen und Ver⸗ ſündigungen, welche die Criminaljuſtiz berichtet, unter⸗ richteter, und die Löſung des Räthſels von damals wird Vielen heute, durch ſo viele ähnliche ſeitdem bekannt ge⸗ wordene Beiſpiele, vertrauter ſein. Uebrigens ſcheint ſie uns ſchon durch jenen ungenannten Schriftſteller, dem 19 434 Candidat Rüsau. wir gefolgt ſind, gegeben. Der Quell iſt nur unſerm Auge entrückt, aus welchem Rüſau zuerſt jene Hypo⸗ chondrie ſchöpfte, die endlich, überall Nahrung fangend, in ihm zur fixen Idee ward; dieſe fixe Idee ſelbſt, daß man verhungern werde, iſt in neuern Zeiten nicht mehr eine Seltenheit, und ebenſo wiſſen wir Beiſpiele, wo ſie, genährt durch die Kriſen und Umſtürze in der Po⸗ litik, bei reichen Leuten bis zum Wahnſinn und Selbſt⸗ mord führte. Rüſau war freilich kein reicher Mann, und dieſe weltgeſchichtlichen Kriſen, damals von Ham⸗ burg noch weit entfernt, ſcheinen ihn nicht berührt zu haben; aber in einer Kaufmannſtadt kannte er die Wan⸗ delbarkeit des Schickſals und hatte ſie, verſchuldet oder unverſchuldet, zum Theil an ſich ſelbſt erlebt. Wodurch dieſe Grille Schritt um Schritt Nahrung erhielt, wie er in ſeiner Iſolirung und Abgeſchloſſenheit, ſelbſt ohne ſchaffenden, klar blickenden Geiſt, ohne die Fähigkeit, ſich in Bedrängniſſen zurecht zu finden, die Mittel ſich ſelbſt abgeſchnitten, die finſtere Ahnung zu bekämpfen, das iſt Alles ſo deutlich geſagt, daß es keiner Wieder⸗ holung bedarf. Er mag myſtiſchen Träumen nachgehan⸗ gen, eine eigene Philoſophie ſich gebildet haben, durch welche er ſeine That vor ſich rechtfertigte, das bleibe außer dem Spiel, weil außer unſerer Kenntniß. Aber auch ohne ſie erſcheint uns heut die dunkle That erklärt, wenn wir alle die einzelnen Thatſachen verfolgen, welche eine um die andere ſein wundes Gemüth mehr und mehr verletzte, ohne daß ein Heilmittel, ein Tropfen Balſam darauf fiel. Denn die Frau, die ihn nur belächelte, wenn er ſeine Sorgen ausſprach, die doch that, unbe⸗ kümmert um ihn, was ſie für nöthig hielt, ſcheint ebenſo wenig als Jemand ſonſt es verſtanden zu haben, ihn durch wahren Troſt aufzurichten. Das einzig helle Wort nſerm Hypr⸗ ngend. t, daß mchr r Po⸗ Selbſ⸗ Mann, Ham⸗ hrt zu Wan⸗ t oder odurch , wie tohne igkeit, pfen, icder⸗ gehan⸗ durch hleibe Aber rklätt, welht dmhr zalſuhn ichelte⸗ unbe enſo ihn Von Candidat Rüsau. 435 in dieſer Beziehung hören wir von der Tochter, als er am Klavier trüben Phantaſien nachhing. Es war aber auch nur ein vorübergehender Lichtſtrahl. Iſt indeß ein Gemüth erſt einmal ſo reizbar, wird die kranke Stelle durch alle vorkommenden Ereigniſſe immer mehr aufge⸗ ſtachelt, dann kann auch der geringſte äußere Umſtand, das Zuſammentreffen von Zufälligkeiten, die einen Ge⸗ ſunden kaum berühren, eine Todeswunde beibringen. So mögen wir uns vorſtellen, daß der Umſtand, wie der Senat ihm das Schaufenſter abbrechen ließ, für den Mann einer der letzten Todesſchläge geweſen, der, von allen Seiten ſich verrathen und verlaſſen glaubend, we⸗ nigſtens auf ſeinen bürgerlichen Ruf glaubte ſich etwas zu gut thun zu dürfen. Und nun verleugnet und ſtraft ihn ſogar die Obrigkeit, und im nämlichen Augenblick wird ihm ein Anlehen verweigert, für das er die beſte Sicherheit zu beſitzen glaubte. Jeder kommt in ſolcher Hypochondrie nicht auf die fire Idee, um deswillen Weib und Kinder todtſchlagen zu müſſen. Aber ein Beiſpiel vom vorigen Jahre, im vorigen Theile unſers Werks erzählt, der Proceß Bomal zeigt uns, daß eine ſolche Verirrung des Geiſtes zu denſelben Reſultaten führen mag. Hinter Bomal lag freilich eine andere blutige hiſtoriſche Zeit, die auch ins Privatleben revolutionirend hineingegriffen. Hiſtoriſches Blut war allerdings 1803 ſchon ſeit mehr als einem Decennium, und in Strömen, gefloſſen, aber das Leben des deutſchen Spießbürgers hatte es noch nicht eigentlich berührt, es waren ihm Dinge,„draußen fern in der Türkei“, und er verwahrte ſich gegen den Glauben, daß ſie auch ihn perſönlich, in nächſter Nähe einſt treffen könnten. Der unglückſelige Rüſau mußte alſo aus ſich heraus die Blutgedanken ſchöpfen, und möglich iſt es 6 436 Candidat Rüsau. immerhin, daß der Boden, in dem er grub, ein düſterer Fatalitätsglauben war, den weder Umgang, noch Bildung und Studien zu Tragbarkeit edlerer Früchte cultivirt hatten. In der Verſchiedenheit der That eines Bomal und eines Rüſau drückt ſich indeß auch wieder die Verſchiedenheit der Zeiten aus. Bomal grollte mit ſeinem Schickſal, mit der Welt um ihn her, ein roher Menſch, der ſich, indem er die Seinigen aus dieſer ſchlechten Welt befreite, ſich ſelbſt eine Freiheit, wenigſtens eine geringere Por⸗ tion von Sorgen, bereiten wollte. Der Egoismus ſprach mit, der ſich für berechtigt hält, über das Leben An⸗ derer zu ſchalten, um das eigene zu beſſern. Bomal führte den Schlag, indem er einen wiederholten Krieg mit der ſittlichen und geſetzlichen Ordnung führte, in der Hoffnung, aus den Ruinen, die er hinſetzte, ſich ſelbſt zu retten, zugleich ſich zu rächen an der Vorſehung, daß ſie es nicht beſſer mit ihm gemeint.— Von einem ſol⸗ chen Kampfe und Bewußtſein iſt bei Rüſau wenigſtens nichts zu merken. Er fühlte nichts weniger in ſich als den titaniſchen Beruf, mit dem Schickſal zu ringen. Er erkannte nur ein Fatum, dem man ſich nicht entziehen kann; er fügte ſich darin, nachdem die ſchwachen Ver⸗ ſuche, die er angeſtrengt, mislungen waren, und das einzige Ziel des Schwächlings war, die Leiden, die er kommen ſah, ſo raſch wie möglich zu einem Ende zu bringen.*) *) Später erzählte man ſich folgenden Zug: Acht Tage vor dem Blutmorgen unterhielt ſich Rüſau am Tiſche ſehr freundlich mit ſeiner Frau.„Ich werde dich und deine Kinder bald ſehr glücklich machen!“ ſagte er bedeutungsvoll.„Kann ich glücklicher ſein, als ich wirklich bin?“ erwiderte ſie.„Du liebſt mich, un⸗ ſere Kinder ſind geſund, und wir leben ohne Kummer und Brot⸗ ſorgen.“—„Dennoch ſollſt du bald vollkommen glücklich ſein“, ſagte Rüſau und ſah gen Himmel. üſteret ildung hatten. d eines denheit hickſal, et ſich, efteite e Por⸗ ſptach en An⸗ Bomal Frieg in der ſelbſt g, daß m ſol⸗ ſten ch als . Er tichen Prr mmen zen Candidat Rüsau. 437 War es in Jenem Trotz und Verbiſſenheit, ſo war es in Dieſem Verzagtheit und Angſt. Jener wollte ſelbſt Richter ſein, Dieſer glaubte das Inſtrument eines Willens zu ſein, dem er ſich unterwerfen müſſe, weil ihm alle gei⸗ ſtige Kraft abging, alle hellere Erkenntniß, um ihm zu widerſtehen. Der dämoniſchen Macht ergaben ſich Beide, Jener vielleicht mit dem Gedanken: si superos nequeo Acheronta movebo, Dieſer mit einer Misdeutung des Verſes: Mit unſrer Macht iſt nichts gethan u. ſ. w. Daß die Vertheidigung verſuchte, Rüſau als unzu⸗ rechnungsfähig darzuſtellen, war ihre Pflicht. Im Jahre 1803, und noch weit ſpäter, hatte ſie Hoffnung, damit durchzudringen. Wir leugnen nicht den Wahn, der bis zur Stärke einer fixen Idee ſich ſteigerte, wir wollen auch nicht den Einfluß dämoniſcher Gewalten abſtreiten, die über dem Unglückſeligen ſchwebten, als er den Ent⸗ ſchluß gefaßt, als er zur That ſchritt; aber weder die Idee, noch dieſe Gewalten waren ſo unwiderſtehlich, mit ſolcher übermächtigen Naturkraft den Menſchen und Bür⸗ ger Rüſau niederdrückend, daß er nicht mit mäßiger Anſtrengung der auch ihm von der Natur gegebenen Kräfte der Lockung zu widerſtehen im Stande geweſen wäre. Er mochte ſich wirklich für bankrott halten, ohne es zu ſein— was die Hamburger jener Zeit ihm nicht vergeben wollten, vergeben wir ihm—, aber indem er in gutem Glauben ſich und ſeine Familie dem Hunger⸗ tode entgegengehen ſah, war es ſeine Pflicht die mög⸗ lichen Anſtrengungen zu machen, dieſem Looſe zu be⸗ gegnen und nicht ſofort der Verzweiflung ſich in die Arme zu ſtürzen. Er hatte kein Recht, Weib und Kind umzubringen, ohne ſie zu befragen, ob ſie darein wil⸗ ligten. Er hätte es auch nicht gehabt, wenn ſie ja ge⸗ ſagt. Dieſe beiden Fragen ſich zu beantworten hatte 19** 438 Candidat Rüsau. er volle Geiſteskraft und Beſinnung. Er handelte, ohne dieſe erſte nächſte Pflicht zu üben, während er in allen andern Dingen vor, während und nach der That mit voller Beſinnung, mit richtiger Würdigung der Ver⸗ hältniſſe gehandelt hat. Somit war er zurechnungs⸗ fähig, er erkannte die Folgen ſeiner That, er vollbrachte ſie dennoch, er mußte ſie demnach büßen. Die menſch⸗ liche Geſellſchaft hatte ein Recht darauf, daß ein Un⸗ menſch, der in dieſer Weiſe das Leben Anderer hin⸗ opferte, außer Stand und Verſuchung geſetzt werde, dieſe Unthat zu wiederholen, und das Leben noch Anderer aus ähnlichen hypochondriſch phantaſtiſchen Gründen ei⸗ ner Gefahr auszuſetzen. Wir glauben damit der Pflicht überhoben zu ſein, die Gründe für und gegen noch ein⸗ mal aufzuführen, welche ſeiner Zeit über das Todesur⸗ theil laut wurden, oder vielmehr darüber, ob er wahn⸗ ſinnig geweſen oder nicht? Als poſitive Thatſache wird angeführt, daß, wenn ſich ja Spuren des Wahnſinns bei ihm gezeigt haben ſollten, ſie während ſeines ganzen Proceſſes ſich durchaus nicht geäußert haben und daß er ſelbſt ſich nie für wahnſinnig, als er die That voll⸗ bracht, angegeben, noch, wenn man zu ſeinem Beſten den Einwand machte, es zugegeben hat. Dies wird genügen. Nachdem Rüſau am Freitag, den 17. Februar 1804, vors Obergericht geführt und daſelbſt nochmals öffentlich angeklagt worden(er war hierbei ſo entkräftet, daß man ihm mehrmals unter die Arme greifen mußte; auch ver⸗ ſchloß er die Augen), ſo geleitete man ihn am 16. März, im ſchwarzen Bürgermantel, wieder dahin. Das Erkenntniß zweiter Inſtanz, die obergerichtliche e, ohne in allen hat mit e Ver hnung Ubrachte menſch⸗ ein Un⸗ ret hin⸗ de, dieſ Andetet inden ei⸗ yficht och ein⸗ Lodest⸗ r wahn⸗ che wird hnſinns ganzen daß e t vol⸗ Btſten is wird 1501, uß man uch vet⸗ ichtih Candidat Rüsau. Findung, hat ſich(während die des Untergerichts ver⸗ loren gegangen) in Acten erhalten. Sie lautet buch⸗ ſtäblich: „Veneris, den 16. März 1804. In peinlichen Sachen des Rechtens fiscalis in Cri- minalibus ex officio inquirentis und peinlichen An⸗ klägers, entgegen und wider Johann Georg Rüſau, Ge⸗ fangenen, Inquiſiten und peinlich Angeklagten werden acta für beſchloſſen angenommen und erkennt E. E. Rath darauf zu Recht: daß die vom 10. Februar dieſes Jahres im Niedergericht abgegebene Findung zu confir⸗ miren und zu reformiren, folgendergeſtalt und alſo: daß Gefangener, Inquiſit und peinlich Angeklagter, da er geſtändlich den grauſamen Vorſatz gefaſſet, ſeine Ehefrau und ſeine Kinder zu ermorden, auch dieſes abſcheuliche Vorhaben dadurch ausgeführet, daß er am frühen Mor⸗ gen des 15. Auguſt vorigen Jahres, ſeiner Ehefrau und ſeinen fünf Kindern mit zwei, aus einer verſchloſſenen, und von ihm geöffneten Schublade hervorgezogenen Meſ⸗ ſern die Gurgeln abgeſchnitten, und ſie ſolchergeſtalt nacheinander unmenſchlicher- und grauſamerweiſe ermor⸗ det; wogegen die von ihm angeführten vorgeblichen Nah⸗ rungs⸗Sorgen, Mismuth und Verzweiflung ihm zu kei⸗ ner genugſamen rechtmäßigen Entſchuldigung dienen kön⸗ nen, wegen dieſer geſtändlich mit Vorbedacht und Be⸗ wußtſein verübten ſechsfachen Mordthaten, ihm zur wohlverdienten Strafe, andern dergleichen grauſamen und Mordgeſinnten Ehemännern und Vätern aber zum Abſchreckenden Beiſpiele mit einer haarenen Decke, und einem blutigen Meſſer auf der Bruſt, nach dem Richt⸗ platz zu führen, daſelbſt mit dem Rade von oben ab vom Leben zum Tode zu bringen, der Körper aber an der Gerichtsſtätte zu verſcharren; Wie E. E. Rath die Candidat Rüsau. niedergerichtliche Findung confirmiret und reformiret, und Gefangenen, Inquiſiten und peinlich Angeklagten zu dieſer Strafe verdammt. V. R. W.“ Nach Verleſung des Urtheils wurde Rüſau der ſchwarze Bürgermantel abgenommen, er ſelbſt aber den Frohnknechten übergeben, welche ihn, die Hände mit Stricken gebunden, zum Niedergericht führten, wo ihm das Urtheil nochmals vorgeleſen ward. Dann brachte man ihn nach der Frohnerei auf dem Berge, und zwei Geiſtliche, ein Prediger zu St.⸗Jakobi und der Candidat Samuel Lentz, damals Collaborator am Johanneo, ver⸗ fügten ſich zu ihm, um ihn zum Tode vorzubereiten. Mit dem Erſtern kam Rüſau, den Ideen Spinoza's huldigend, wie uns von einer Seite geſagt wird, über das Wiederſehen nach dem Tode faſt in Streit, ſodaß der Prediger wegblieb; Lentz hingegen bequemte ſich mehr den Gedanken des Unglücklichen an und harrte bei ihm aus bis zum Montag Mittag. Nach einem Bericht betrug er ſich in der Frohnerei ſehr ruhig und mit Faſſung. Er ſetzte ſich zu Tiſch, aß mit vielem Appetit und ſagte zu der Frau, die das Eſſen beſorgt hatte:„Eine ſo gute Suppe habe ich in meinem Gefängniß nur ein Mal bekommen, und ich werde es Ihnen danken.“ Für den Abend beſtellte er ſich Fiſche mit Kartoffeln. Am Nachmittage unterhielt er ſich mit den andern Gefangenen über moraliſche und religiöſe Gegenſtände. Des Nachts ſchlief er, fuhr aber doch mehrmals im Schlaf auf. Der ungenannte Schriftſteller hat eine ganze Reihe charakteriſtiſcher Züge aus den letzten Tagen des Verur⸗ theilten geſammelt, die für den Pſychologen von In⸗ tereſſe ſein werden. Als man ihm, noch in ſeiner Gefangenſchaft auf „und n zu 72 u der er den e mit o ihn rachte dzwei ndidat , ver⸗ reiten. inzt „über ſodeß mehr ei ihm hnerei Liſch, ie das ich in dic elte et terhiet e und r aber Reihe Verl⸗ W t auf Candidat Küsau. 441 dem Winſerbaum, ein verſiegeltes Billet gebracht, gab er es unerbrochen mit den Worten zurück:„Wie darf ich, als ein auf den Tod Angeklagter, einen ſolchen Zettel annehmen! Könnte nicht irgend einer meiner Feinde mir Gift zuſchicken wollen, damit ich mich da⸗ durch von meinen Leiden und meiner Strafe befreien ſollte?“ Einem Mitgefangenen wurde eines Tages Schwarz⸗ ſauer von ſeiner Familie geſchickt. Rüſau ſchien Luſt zu haben, davon zu koſten. Freundlich ſchob ihm jener die Schüſſel hin und gab ihm Meſſer und Gabel: er möge ſich ſatt eſſen! Rüſau ſchob Meſſer und Gabel zurück: „Das iſt wider den Willen meiner Obrigkeit. Schnei⸗ den Sie mir gefälligſt etwas zurecht und leihen mir Ihren Löffel dazu.“ Seine tägliche Unterhaltung war das Spiel! „Man kann nicht begreifen, lieber Rüſau, wie Sie zu dieſem ſchrecklichen Unglück gekommen ſind“, ſagte zu ihm ein vieljähriger Bekannter.„Niemand kann die Urſach ergründen.“—„Das glaube ich“, erwiderte er. „Doch ich weiß Einen, der kennt ſie, Gott! Menſchen müßten in einer ſolchen Lage geweſen ſein, um über eine ſolche Lage urtheilen zu können. Haben Sie nie ſchreckliche Träume gehabt? Meine That war ein ſol⸗ cher Traum. Doch, Gottlob, ich bin erwacht, und kann über mein Schickſal nachdenken.“ Beim Abſchied ſagte er zu demſelben Bekannten: „Möchte doch jeder Menſch, wenn er Kummer hat und ſeine Gedanken nicht rein ſind, ſich einem Freunde ent— decken. Wie viel Unglück könnte dadurch verhindert werden. Hätte ich mich meiner Gattin nur halb ent⸗ deckt, vielleicht lebten wir Alle glücklich, und jetzt muß ich den ſchimpflichen Tod eines Verbrechers ſterben.“ 442 Candidat Rüsau. Freudig und ſtandhaft trat er jedesmal den Gang zu ſeinen Richtern an. Aus ſeinen Augen, die er nieder⸗ ſchlug, aus ſeinen Schritten, die ſchwankten, wollte man ihn der Verſtellung und Heuchelei beſchuldigen. Aber es war unrichtig. Die Veränderung der Luft machte ihn nur ohnmächtig, und die Augen ſchloß er, um Men⸗ ſchen und Gegenſtände um ſich herum nicht zu ſehen. Wenn er faſt immer mit den Zähnen an ſeiner Unter⸗ lippe nagte, nannte er das Vergeſſenheit ſeiner ſelbſt. Von den Tauſenden, die zugelaſſen wurden, ihn zu beſuchen, ging keiner ohne Theilnahme, ohne Rührung und Thränen fort. Auch ſehr ſtrenge Männer, die frü⸗ her keine Strafe für zu ſchrecklich gegen ſolchen Böſe⸗ wicht erachtet, kamen von ihren Gedanken zurück und beklagten ihn. Seine Unterhaltung war ſanft und einnehmender Art, er ſuchte zu belehren. Mit ſeinen beiden Mitgefangenen ſprach er viel und ſuchte ſie zu überzeugen, daß ſie ihre Vergehen durch Rechtlichkeit und ſtrenge Befolgung der Geſetze wieder gut machen könnten. Er wies jedem 10 Thaler an, damit ſie, wenn ſie frei kämen,„nicht nö⸗ thig hätten, gleich wieder aus Noth zu ſtehlen“.(Alſo mit zwei gemeinen Dieben hatte man einen Verbrecher der Art zuſammengeſperrt!) Er wünſchte ſehnlichſt die Stunde ſeiner Verurthei⸗ lung und wurde immer unruhig, wenn es hieß: heut werden Sie nicht vors Gericht gebracht. Wenn ein anderer Zug beglaubigt wäre, ſo würfe er ein bedeutendes Licht auf Rüſau's Charakter. Zu ei⸗ nem Bekannten hätte er geäußert: wie gern er in dem Gedächtniß ſeiner Mitbürger eine mildere, beſſere Mei⸗ nung von ſich zurücklaſſen möchte. Als dieſer erwidert: „Sorgen Sie nicht, Ihr Name ſoll noch mit Ehrfurcht — ang zu niedet⸗ lte man Aber machte m Men⸗ ſchen. t Untet⸗ ſelbſt. ihn zu Kührung di fri⸗ n Böſt⸗ ück und det Ath, angenen ſie ihre ing der den 10 icht no (Uſo erbrecher murthe⸗ 6 heut nhe ſ vinf 3u 6 in dem widert: hrſucht Candidat Rüsau. genannt werden!“ hätte es wie ein elektriſcher Schlag auf Rüſau's Seele gewirkt. Sein ganzes Weſen ſchien ſich zu verjüngen. So hätten Eitelkeit und Ehrgeiz einen größern Einfluß auf ihn gehabt, als man nach dem Vorangängigen anzunehmen berufen war. Es gäbe aber auch eine edlere Deutung für den Moment. Eine große Partei ſagte: er iſt ungerecht gerichtet, er iſt wahnſinnig; nun habe die Freude ihn belebt im Ge⸗ danken, daß man ſeine Handlungsweiſe recht würdigen werde: daß er ſelbſt ſich nie darauf berufen, unzurech⸗ nungsfähig im Affect gehandelt zu haben, ſondern ſich willig und gelaſſen der Strafe unterworfen, welche ihn mit der bürgerlichen Geſellſchaft wieder ausſöhnen ſollte. In der Regel werden jedem Gefangenen in der Froh⸗ nerei nach gehaltenem Gottesdienſt und bis zum letzten Tage die Feſſeln wieder angelegt. Rüſau's Bitte, ihn damit nicht wieder zu belaſten, war von der Prätur be⸗ willigt worden. Am Sonntag Vormittag empfing er das Abendmahl. Nach der Predigt hielt er ſelbſt an die Anweſenden eine kleine Anrede und bat darin: Man möge ihn morgen ſeinen letzten, ſchrecklichen Weg ruhig gehen laſſen und ſeinem Andenken nicht fluchen. Auch dieſe Rede iſt als Flugblatt publicirt worden, ſie iſt aber ſehr unbedeutend. Nachmittags hielt Lentz noch eine Predigt. Er hatte Rüſau das Concept mitgetheilt, und dieſer ihn gebeten, einige Ausdrücke zu ändern, er fand es hart, daß ihm ſein Verbrechen ſo oft, und jetzt vor ſeinem letzten Gange noch ein Mal vorgehalten werde.. Lentz ſchlug es ab; vielleicht war es ihm vorgeſchrieben. Nach der Predigt wandte ſich Rüſau an einen Mann, der ihn bis in den Tod nicht verließ:„Liebſter Freund, warum thut man mir das!— Glauben Sie wohl, daß —— —— 444 Candidat Rüsau. meine Theuern, die ich vernichtet, mich dort oben freund⸗ lich empfangen werden?“ Als Jener die Frage mit Zu⸗ verſicht beantwortete, umarmte Rüſau ihn heftig, und nannte ihn ſeinen wahren Tröſter in der größten To⸗ desangſt. Die letzte Nacht ſeines Lebens ſchlief er ziemlich ruhig. Am Morgen frühſtückte er noch mit Appetit und trank eine Flaſche Rheinwein aus. Dem Paſtor Renzel und dem Candidaten Lentz geſtand er, daß er einige Aengſtlichkeit bei der Annäherung ſeiner Todesſtunde empfände. Auf die Frage: ob der Strom von Men⸗ ſchen, der ſich heranwälzte, ihm in ſeinen letzten Au⸗ genblicken nicht läſtig wäre, erwiderte er:„Ich freue mich, daß ich ſo viel theilnehmende Menſchen ſehe.“ Kurz vor ſeinem Austritt aus der Frohnerei gab ihm die Frau des Scharfrichter Hennings, die ihn mit aller Aufmerkſamkeit gepflegt hatte, ein Papier mit et⸗ was Confect, daß er ſich deſſen auf dem letzten Wege bedienen möge.„Ich bedarf nichts mehr, meine Liebe“, ſagte er.„Soll es aber mir gehören, ganz(1) mein Ei⸗ genthum ſein?“ Als die Frau es bejahte, theilte er es unter beide Mitgefangene:„Dies iſt auf dieſer Welt das Letzte, was ich habe und verſchenken darf. Erin⸗ nern Sie ſich Beide meines Unglücks und Sie werden redliche Menſchen werden und bleiben.“ Erfunden wird dieſer Zug nicht ſein; wir theilen ihn mit, weil wir ihn unter den andern berichtet fanden. Der Pathos der Sentimentalität gehört der Zeit an. Er ſträubte ſich dagegen die haarene Decke und das Meſſer anzulegen. Es war zu ſpät, um Remonſtrationen dagegen zu machen. In dem Tenor des uns mitge⸗ theilten Urtheils ſteht nichts davon, aber ein Berichter⸗ ſtatter ſagt, daß er zufolge deſſelben„in fliegenden Haa⸗ reund⸗ ſit Zu⸗ „und n To⸗ ienlich it und Rerzel inige ſtunde Nen⸗ n Au⸗ freue e.“ hn mit mit et Vene iebe“, in G et es Erin⸗ werden n vird vir ihn os der n das tionen nitge⸗ ichter⸗ Hos⸗ Candidat Rüsau. 445 ren“ zum Richtplatz geführt werden ſollen. Da habe es ihm Freude gemacht, daß er ſich ſeiner Perücke be— dienen dürfen. Der älteſte Bruchvoigt fragte ihn: ob er den Weg nach dem Richtplatz zu Fuß machen oder fahren wolle? „Darf ich noch wollen!“ ſagte er.„O man ver⸗ fährt menſchlich mit mir. Wenn ich denn wählen kann, ſo will ich fahren.“ Im Wagen ſchlug der Frohn mit Schonung ſeine Arme um ihn, während Rüſau ſich an ſeine Bruſt lehnte. Des Hutes, den er mitgenommen, bediente er ſich nicht. Des Frohn Geſicht war von tiefer, ängſtli⸗ cher Theilnahme bewegt, auf Rüſau's ſpiegelte ſich ſchon die Stumpfheit und Erſchöpfung des Geiſtes. Er ſchien ein Todter zu ſein, den man zur Schau vor⸗ überführte. Der Weg führte durch eine zahlloſe Menſchenmenge in die Vorſtadt St.⸗Georg nach dem dort befindlichen alten„Köpfelberg“. Der Raum iſt jetzt von neuen Straßen eingeſchloſſen. Beim Abſteigen am Schaffot ſammelte er ſich wie⸗ der und ſtieg in der Haltung eines Betenden mit auf⸗ gehobenen Händen die Treppe hinauf.„Ich ſteige em⸗ por“, ſoll er geſagt haben,„um durch den Tod die Menſchen mit mir zu verſöhnen; möchte ich auch bei Gott Vergebung empfangen.“ Er entkleidete ſich, bat, ſeine Chenille der Frau Hen— nings zu übergeben, welcher er beim Abſchiede ſchon ſei⸗ nen einfachen goldenen Ring geſchenkt hatte, warf einige Blicke auf das Rad und fragte nach dem Scharfrichter: „Wo iſt der Executor, mein lieber Hennings?“ Hier ſteht er, ſprach der Scharfrichter. „O, mein Freund“, rief Rüſau,„Gott ſtärke das XIX. 20 446 Candidat Rüsau. Werkzeug in Ihren Händen! Machen Sie, daß meine Leiden bald enden.“ Es waren ſeine letzten Worte. Die ungeheure Menſchenmaſſe beobachtete ein tiefes Stillſchweigen, ſodaß man die gräßlichen Stöße des Rades deutlich hören konnte. Man hatte nicht die mildere Praxis der kommenden Jahre geübt, durch eine heimliche Strangulation die Barbarei des Geſetzes auszugleichen. Aber Rüſau war der Letzte, an welchem in Hamburg die Strafe des Rades vollzogen ward. Die rohe Menge, ſagt ein Berichterſtatter, zählte die fürchterlichen Stöße, und empfindſame Damen tauchten ihre Taſchentücher in das Blut des Dulders. Damit iſt der Zwieſpalt der damaligen öffentlichen Meinung in Hamburg charakteriſirt. Der aufgebrachten Menge war das erſte Urtheil, welches das Niedergericht gefunden, viel zu milde, während auf der andern Seite das Mitleid für den Mörder zu einer Art von ſtillem Cultus für denſelben ſich ſteigerte. Dieſe warfen dem Obergericht vor: daß es aus Furcht vor Unruhen das erſte Urtheil geſchärft habe. Hiergegen vertheidigt unſer Ungenannter das hohe Gericht; gewiß habe das ehr⸗ würdige Collegium weiſe und gerechte Gründe zu dieſer Schärfung gehabt. Bei der„jetzigen“ ſo glücklichen „auf Conſtitution und Geſetz“ gebauten Einigkeit zwi⸗ ſchen Senat und Bürgerſchaft,„die auf keine Weiſe wieder getrennt werden können“, habe der Senat keine Revolten von der Menge zu fürchten. Dies mag ſehr richtig geweſen ſein; ſchwerer aber iſt es für unſere Be⸗ griffe, zu faſſen, weshalb die Todesſtrafe, die mit Recht vom Niedergericht gefunden und unerläßlich war, auf eine den burg die hten ichen hten richt tite lem dem das unſer ehr⸗ irſer ichen zui Beiſe — keine ſchr ſcht guf Candidat Rüsau. 447 dieſe das Gefühl beleidigende Weiſe gegen einen geſtändigen und reumüthigen Verbrecher verſchärft werden mußte, ohne daß irgend ein neuer Umſtand hinzugetreten, der eine bar⸗ bariſche Execution zur Abſchreckung oder ſonſt warum nö⸗ thig machte oder rechtfertigte; und das im Jahre 1804! Hamburg war wirklich in zwei Parteien getheilt. Mitleid und Theilnahme für einen Verbrecher hatten ſich nie lauter und faſt, konnte man ſagen, ungeſtümer geäußert. In der Art, dieſe Gefühle zu bezeigen, ſei, wird uns geſagt, vieles Bemerkenswerthe geweſen und für einen kleinen Freiſtaat Individuelles, und es ſei nicht abzuleugnen, daß ſich hierbei wol etwas Affectation, Schwärmerei und Fanatismus für die Aufklärung ein⸗ gemiſcht habe. Während die große Maſſe den Tag der Execution mit Sehnſucht herbeigewünſcht, ertönten von den Kanzeln und in Flugſchriften, deren eine die andere drängte, Meinungen und Urtheile,„die faſt immer, und nur mit wenigen Ausnahmen, den Stempel der Unbe⸗ ſonnenheit und des Mangels an Ueberlegung und der cübelverſtandenen»? Preßfreiheit“ an ſich getragen. So ſchlug der engherzigſte Particularpatriotismus in die Trom⸗ mel, Gott dankend, daß der Mörder Rüſau kein ge⸗ borner Hamburger, ein Ausländer geweſen! An⸗ dere antworteten; ſo eine Flugſchrift:„Die Ehre aller rechtſchaffenen Ausländer gegen den ſcheußlichen Aufſatz u. ſ. w. vertheidigt u. ſ. w.“ Auch darüber Krieg! Der Vertheidiger, Dr. Schleiden, hatte ſeine Defenſionsſchrift veröffentlicht. Man verargte es ihm, beſonders, da es vor Findung des Obergerichtsurtheils geſchehen; dies rief neue Angriffsſchriften gegen ihn hervor. Kurz, die Menge dieſer Broſchüren und„das Unverdaute und In⸗ humane in denſelben“ bewog den Senat dagegen ein⸗ zuſchreiten. Er verbot ſie zwar nicht,„welches er in 20* 448 Candidat Rüsau. Fällen dieſer Art, wo es auf innerliche, bürgerliche An⸗ gelegenheiten ankommt, gewiß höchſt ſelten für nöthig findet“, ſondern er unterſagte nur die Anzeige ihrer Exi⸗ ſtenz in öffentlichen und privilegirten Blättern. Gegen die Kanzeln ſcheint kein Interdict deshalb ergangen zu ſein. Das einfachſte Mittel, die aufgeregten Stimmen zu beruhigen, erſchiene nach der Anſicht von heut, daß man die Acten, oder doch das Weſentlichſte daraus publicirt hätte. Daß die damalige Weisheit aber gerade das Ge⸗ gentheil beſchloſſen habe, ſcheint aus einer Stelle des un⸗ genannten Schriftſtellers hervorzugehen, der im Uebrigen den Senat, die Todesſtrafe und ſogar die verhängte Schärfung derſelben ſo entſchieden in Schutz nimmt. Sie lautet:„Daß er jetzt, nach vollendetem Rechts⸗ handel, die Anſicht und Mittheilung der Acten ſtrenge ſollte verboten haben und über den ganzen Proceß den Schleier der Vergeſſenheit zu ziehen wünſche, kann ich mir gar nicht als möglich gedenken, weil ſich auch nicht eine einzige Urſache angeben ließe, warum man ſolche wichtige Documente für die Geſchichte der Menſchheit dem redlichen und wahrheitsliebenden Menſchenforſcher verſagen und den Zugang zu ihnen auf ewig verſchließen wollte.“ In anderer Beziehung verfuhr der Senat milder. Geſetzlich, wird uns geſagt, mußte Rüſau's Vermögen der Kammer anheimfallen. Allein der Senat leiſtete auf dies Recht Verzicht und erlaubte ihm, darüber zu teſtiren. In ſeinem erhaltenen Teſtament, im Namen der Allerheiligſten Dreifaltigkeit beginnend, erkennt Rüſau dieſe Erlaubniß dankbar an und vermacht von Dem, was, nach Abzug ſeiner Proceß⸗ und Hinrichtungskoſten, noch übrig bleibe, den Kindern zweier Schwäger 4000 Mark Banco, ſeiner Schwie⸗ germutter 4000 Mk., ſeiner Kinderwärterin 300 Mk. Was dann noch übrig, ſolle verhältnißmäßig vertheilt werden. eAn⸗ öthig Gegen u ſein. un zu mon blicitt es un⸗ brigen hängte immt. echté⸗ ſtrenge eß den mn ich nicht ſolche t dem rſagen ollt.“ ilder. en der f dies n. In ligſen ubniß ſeiner den chwie⸗ Wrs den⸗ Candidat Rüsau. 449 Als Belege der Volksſtimme hier zum Schluß Ei⸗ niges in Proſa und Poeſie, denn auch dieſe bemächtigte ſich natürlich des Ereigniſſes, welches alle andern ver⸗ ſchlang.„Dieſer Unſinn des Fanatismus muß aus⸗ gerottet werden wie die Hundswuth“, ruft ein Volks⸗ mann gegen die Vertheidiger.„Denn Menſchen dieſer Art haben ein anſteckendes Gift bei ſich. Wer ſie erſt bemitleidet und vertheidigt, wird leicht ſelbſt zum Schwär⸗ mer. Man ſollte, wie Nero, allen dieſen entmenſchten Phantaſten nur einen Hals wünſchen, damit der Scharf⸗ richter ſie alle mit einem Schlage von der Erde vertil⸗ gen könnte; denn zu bekehren ſind ſie nicht.“ Die Poeten eifern insgeſammt in ihren Verſen gegen den„grauſa— men“ Menſchen. Ein Trauergedicht beim Grabe der 6 ſechs Ermordeten ruft: Eine Greuelthat ganz ohne alle Gleichen Hat hier die Gemüther plötzlich ſo empört, Eine That, wovon die Weltgeſchichten ſchweigen, Und wovon noch nie ein ſterblich Ohr gehört. Am Hinrichtungstage ward für zwei Schillinge ein flie⸗ gendes Blatt verkauft, die ſchreckliche That und Hin⸗ richtung ſchildernd,„nebſt einem für dieſen Gegenſtand ſchicklichen Liede“, worin es heißt: Nicht Pflicht, nicht Gaſtrecht war ihm heilig, Nicht Bürgerglück, Geſetz, Natur; Sein Herz, entmenſchet und abſcheulich, Denkt Tod, Mord und Vernichtung nur. Die Gattin und fünf Kinder fällt Sein Mordſtahl für die andre Welt. Für eine beß're Welt?— Er glaubet Den tröſtenden Gedanken nicht. Vernichtung denkt er ſich und raubet Den Seinen Leben, Freud' und Licht. Ihr höchſtes Gut nach ſeinem Sinn Nimmt er mit Räuberhänden hin. Candidat Rüsau. So mordete im Heiligthume Der Menſchheit nie ein Böſewicht; Griff nach dem höchſten Eigenthume Ein ſchändlich feiler Räuber nicht. Die Mordluſt ihm ins Herz gebrannt Hat ihm die Hölle zugeſandt. Entweder hatte die Volksmeinung vom Tage der That bis zu dem der Hinrichtung ſich geändert, oder ſie klagte ihn auf der einen Seite als religiöſen Schwär⸗ mer, auf der andern als Atheiſten an. Ein Schrift⸗ ſteller der gebildeten Claſſe, der ihn von dem Tode ret⸗ ten will, indem er ihm eine tiefe in Wahnſinn überge⸗ gangene Schwermuth beilegt, gibt übrigens in charakte⸗ riſtiſcher Weiſe den Gegnern Waffen in die Hand, ein⸗ räumend, daß die Präſumtion nicht für den Wahnſinn ſtreite, weil der Wahnſinn und die Schwärmerei, Gott⸗ lob, in Hamburg nicht ſehr einheimiſch ſind. Aber der Aberglaube, wenn er es iſt, doch. Rüſau's Haus ſtand lange verlaſſen. Auch nachdem es andere Eigenthümer und Bewohner erhalten, betrachtete man es mit ſtillem Grauen. Die Geſchäftsleute, die ſich darin niedergelaſſen, machten kein Glück, viele fallirten. Es war der Fluch der That, der an dem Gebäude haftete. Endlich entſchloß ſich ein Käufer es ganz niederzureißen. Dies geſchah noch vor dem Brande, und damit ſchien der Unhold, der die Beſitzer unglücklich machte, von der Stelle verſchwunden. Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig. — —— harakte⸗ nd, ein⸗ chnſin „Gott⸗ te wan 6 darin 6 haftet ureißen⸗ der der hien von danes pið Bed Magenta