—— —=—— 3 4.— —FDÜÜ⅛FYÜ+FZ⅛Ü—⅛ 4 Leihbiblivthet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 2 Edulard Ottmann in Gießen, 7 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. SLeih und Ceſebedingungen. 1. Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt; für entlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6. Bücher: ————— auf 1 Monat: 1 Mk. S 1 Mt. 50 Pf.—Pf. „3 5. Auswärtige Khonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen⸗ 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛe.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Fheil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders varauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 6 3 * Der neue Pitaval. Funſzehnter Fheil. Neue Folge. Dritter Theil. — — Der neue Pitaval. Eine Sammlung der intereſſanteſten Criminalgeſchichten aller Laͤnder aus aͤlterer und neuerer Zeit. Herausgegeben vom Criminaldirector Dr.. C. Hitzig und Dr. W. Häring(W. Alexis). Funfzehnter Theil. Neue Folge. Dritter Theil. e p F. A. Broghaus. 1 8 5 0. ——*— Vorwort. Am 26. November 1849 ſtarb der erſtgenannte Mitherausgeber dieſes Werkes, Dr. Julius Eduard Hitzig. Ueber die Betheiligung des Dahingegan⸗ genen an demſelben haben wir uns in den frühe⸗ ren Theilen mehrfach ausgeſprochen, dergeſtalt, daß es nicht nöthig iſt zu wiederholen, wie das Werk ſelbſt durch Hitzig's Tod keine Störung er⸗ leidet, indem auch ſeine berathende Theilnahme ver⸗ möge ſeines langen Krankheitszuſtandes ſchon ſeit mehren Jahren ſich auf gelegentliche freundſchaft⸗ liche Geſpräche des jüngern Herausgebers mit dem ältern Freunde beſchränkte. Aber eine andere perſönliche Pflicht berief uns vielleicht, dem verehrten und edeln Manne eine biographiſche Erinnerung in ſeine Gruft nachzu⸗ ſenden, einem Manne, der es ſich ſelbſt zur Lebens⸗ aufgabe geſtellt, denen ſeiner Freunde, die ihm im Herzen nahe ſtanden, und deren Thätigkeit und Name, über die engeren Freundeskreiſe hinaus, einen VI Vorwort. hellen Klang in der deutſchen Literatur hat, Erin⸗ nerungstafeln zu widmen, die wieder zur Ehrentafel für ihn wurden. Und Hitzig's Name hat ſelbſt einen Klang, der unter den Nachlebenden nicht verhallen dürfte. Es war der Klang aus einem echten, durch ernſten Sinn und Streben, durch ein vielbewegtes und geprüftes Leben geläuterten Metall. Inzwiſchen würden wir an uns die Frage ge⸗ richtet haben, ob wir dazu berufen, ob wir ihm in alle Fächer ſeiner Beſtrebungen und Thätigkeit zu folgen befähigt ſeien, wenn wir nicht der Frage durch die Vorwegnahme der Arbeit überhoben wären, indem Hitzigs Schwiegerſohn, G. R. Dr. Fr. Kugler, ſie als eine Aufgabe der Pietät gelöſt und in einem preußiſchen Regierungsblatte bereits niedergelegt hat. Wir glauben im Intereſſe unſerer Leſer zu handeln, wenn wir mit Zuſtimmung des Autors die Hauptzüge derſelben in unſer Werk aufnehmen, das, wie auch die Zukunft darüber richte, immerhin die Ausſicht auf eine längere Le⸗ bensdauer hat, als die ephemere eines Zeitungs⸗ blattes, wo der morgende Tag das Beſte des ge⸗ ſtrigen unter dem Wuſt des Abgelebten begräbt. Die Lebensgeſchichte eines berühmten Criminaliſten ſteht, auch wenn er nicht allein als Criminaliſt be⸗ trachtet wird, in einem der Criminaliſtik gewidme⸗ ten Buche, wohl an ihrer Stelle. — — „ 18 Nb erk ber e⸗ R⸗ bt. en be⸗ ne⸗ Vorwort. Julius Eduard Hitzig iſt zu Berlin am 26. März 1780 geboren, älteſter Sohn des ſpäter in Potsdam anſäſſigen, vielfach verdienten Stadtrathes Hitzig. Unter Meierotto, auf dem Joachimsthal'ſchen Gymnaſium zu Berlin, empfing er ſeine erſte Schulbildung. Er ſollte die Handlung erlernen und mußte daher ſchon im funfzehnten Jahre das Gymnaſium verlaſſen. Aber ſein geiſtiges Streben verlangte eine andere Nah⸗ rung. Seinem dringenden Wunſche ward nachgegeben: er durfte bereits im Jahre 1796 zur Univerſität abgehen⸗ die Rechtswiſſenſchaft zu ſtudiren. Er beſuchte zuerſt Halle, hernach Erlangen. Er war ein Student von echtem altem Schrot und Korn, fröhlich und ungebun⸗ den bis zum kühnen Uebermuth, und dabei mit Begei⸗ ſterung die Spenden aufnehmend, welche die großen Männer der deutſchen Poeſie damals in ſo raſcher Folge ihrem Volke darboten. Zu ſeinen näheren Univerſitäts⸗ Freunden gehörten Mendelsſohn⸗Bartholdy(der nachmalige General⸗Conſul), Clemens Brentano, der jüngere Wieland und Andere mehr. Im Herbſt 1799 kehrte Hitzig nach Berlin zurück, beſtand die erſte Prüfung im Staatsdienſte und trat in die amtliche Thätigkeit ein. In den damals ausgedehn⸗ ten polniſchen Provinzen des preußiſchen Staats, im ſogenannten Südpreußen, fehlte es an hinreichenden Ar⸗ beitskräften. Er benutzte dieſen Umſtand, ging nach Warſchau und ward bei der Regierung als Auscultator angeſtellt. Er hatte die Freude, hier zwei deutſche Dich⸗ ter von hoher geiſtiger Bedeutung zu finden, Johann Jakob Mnioch und Zacharias Werner. Beide waren älter als er, aber mit Beiden verknüpften ihn bald die innigſten freundſchaftlichen Bande. Werner dichtete damals die„Söhne des Thales“. Tief im Innerſten VIII Vorwort. zerriſſen, aber ſchon von dem entſchieden religiöſen Zuge bewegt, der ihn ſpäter ſein Heil im Schooße der katho⸗ liſchen Kirche finden ließ, fühlte Werner ſich aufs Herz⸗ lichſte zu dem unbefangenen Jünglinge, zu dieſem„rein menſchlichen Menſchen“— wie er ihn ſo treffend be⸗ zeichnete— hingezogen. In dem lebensfreudigen jungen Tempelritter Robert d'Heredon, dem zum Schluſſe des Werkes(der Söhne des Thales) die Hoffnungen der Zukunft übertragen werden, zeichnete er das Bild des jungen Freundes. Aber auch Hitzig empfing Großes von Werner: die erſte tiefere Mahnung zum Streben nach einer endlichen Verſöhnung mit Gott. Im Jahre 1801 verließ Hitzig Warſchau und ging wieder nach Berlin, die weiteren Staatsprüfungen ab⸗ zumachen. Auch hier war es die Poeſie, die aufs Neue zur Anknüpfung herzlicher Bande Gelegenheit gab, aber diesmal mit Altersgenoſſen, Chamiſſo, Wilhelm Neumann, Varnhagen, Theremin, Koreff und andern dichteriſch angeregten Jünglingen. Die hier ge⸗ knüpften freundſchaftlichen Bande waren beſtimmt, für das Leben zu dauern. Bald war Hitzig, ſein geſelliges Talent, ſeine Meiſterſchaft im freundſchaftlichen Zuſammen⸗ halten, die ſpäter noch ſo manche dankenswerthe Erfolge herbeiführen ſollten, ſchon jetzt bewährend, der Mittel⸗ vunkt dieſes jugendlichen Bundes. Man theilte bei den regelmäßigen Zuſammenkünften die dichteriſchen Erzeug⸗ niſſe einander mit, man ſtellte aus ihnen einen„Muſen⸗ almanach“ zuſammen und gab dieſen in den Druck. Hitzig hatte dazu, neben eigenen Poeſien, beſonders Ueberſetzungen aus romaniſchen Sprachen geliefert. Wer⸗ ner gab den Freunden, auf Hitzig' Mittheilung, von Warſchau aus gründliche Kritiken über das Geleiſtete. Schon 1801 war Hitzig als Reſerendar beim Kam⸗ —— me die ſeit un mi wi etr in al keh 7 au un wi ge ⸗ ein be⸗ en s det es 9 es 9 b⸗ ue er m nd ür es ge ⸗ n Vorwort. IX mergericht eingetreten. Im Frühjahre 1804 beſtand er die dritte Prüfung und ſchloß bald darauf, am 22. Mai, ſeine eheliche Verbindung. Er hatte ſich ſeine Gattin unter den widerſtrebendſten Verhältniſſen erkämpfen müſſen; er hatte die ganze Kraft ſeines Charakters ent⸗ wickeln und zuſammenfaſſen müſſen, um dies Ziel zu erreichen. Er war, erſt 24 Jahre alt, doch ſchon ein Mann in der ganzen, vollen Bedeutung des Wortes geworden, als er mit ſeiner jungen Gattin nach Warſchau zurück⸗ kehrte, um bei der dortigen Regierung, nunmehr als Aſſeſſor, wieder einzutreten. Mnioch fand er nicht mehr, er war im Februar 1804 geſtorben. Hitzig hat ſeine Freundespflicht gegen den Dichter im reichlichſten Maße erfüllt. Einer jüngern Tochter deſſelben(die ſpäter einen ſeiner Jugendfreunde heirathete) iſt er im eigentlichen Sinne des Wortes Va⸗ ter geworden und hat auch dem Schickſal ihrer Kinder, noch bis über ſeinen Tod hinaus, vorgeſorgt. Werner dagegen war noch in Warſchau. Außerdem war E. T. A. Hoffmann, gleichzeitig mit Hitzig, als Rath zur warſchauer Regierung gekommen. Hoffmann lebte da⸗ mals mehr in der Muſik, während ſich ſeine ſchriftſtelle⸗ riſche Thätigkeit erſt ſpäter entwickeln ſollte. Bald waren auch ſie durch dichteriſches Intereſſe zuſammengeführt, und eine kurze glückliche Zeit des heiterſten Zuſammen⸗ wirkens und Genießens ging an den Freunden vorüber. Der Umſturz der politiſchen Verhältniſſe zerriß dies ſchöne Beiſammenſein. Die Franzoſen beſetzten War⸗ ſchau, die ſüdpreußiſche Regierung wurde aufgelöſt. Hitzig kehrte im März 1807 mit ſeiner Familie nach der Hei⸗ mat zurück, zunächſt in das väterliche Haus nach Pots⸗ dam. Eine Menge von Beamten war bei dem Umſturz der Dinge brotlos geworden. Er mochte dem Staate 5* X Vorwort. nicht zur Laſt fallen und arbeitete ungeſäumt und mit friſcher Kraft dahin, ſich eine neue Exiſtenz zu ſchaffen. Vorerſt benutzte er ſeine Fähigkeiten zu literariſchen Ar⸗ beiten, wie ſie das augenblickliche Bedürfniß darbot. So überſetzte er u. A. ein großes chemiſches Werk von Chaptal, das unter Hermbſtädt's Namen deutſch erſchien. Seine eigentliche Abſicht war aber, ſein literariſches Intereſſe, die tiefere Auffaſſung der Literatur, die er ſich ſeit ſei— nem frühen jugendlichen Streben zu eigen gemacht, auf eine umfaſſende Weiſe zur Anwendung zu bringen, ſie zu einem bedeutenden praktiſchen Berufe zu geſtalten. Er hatte beſchloſſen, Buchhändler zu werden. Im Herbſt 1807 ſiedelte er nach Berlin über, eignete ſich bei tägli⸗ chem Verkehr in der Reimer'ſchen Buchhandlung raſch die äußeren Handgriffe des Geſchäftes an und eröffnete zu Anfang 1808 mit den Mitteln, die aus dem Erlös jener literariſchen Arbeiten und einem großväterlichen Legat beſtanden, unter eigener Firma eine eigene Buch⸗ handlung. In kürzeſter Friſt, doppelt auffällig bei der Ungunſt der politiſchen Zuſtände, nahm dieſe Buchhand⸗ lung, ſowol in Betreff des Sortimentshandels als des eigenen Verlages, eine achtunggebietende Stellung ein. Das Geheimniß, durch welches Hitzig dieſen merk⸗ würdigen Erfolg erreichte, beſtand ganz einfach darin, daß er, wenig befriedigt durch den gewöhnlichen Schlen⸗ drian des buchhändleriſchen Verkehrs, ſein Geſchäft mit wirklichem Sachverſtand und mit ſelbſtändigem prakti⸗ ſchen Sinne unternahm. Er begnügte ſich nicht, blos Dasjenige auf dem Lager zu haben, was auch die übri⸗ gen Buchhandlungen mit demſelben Poſtwagen erhielten. Er verfolgte die Literatur in ihrem weiteſten Umfange und verſchrieb ſich ein Lager, auf dem nichts von Be⸗ deutung fehlte, mochte man mit den Verlegern auch ſonſt — nit en. Ar⸗ So tal, ine ſſe ſei⸗ auf ſie ten. rbſt ſch nete 155 hen ch⸗ der „d⸗ des erk⸗ rin, len⸗ mit kti⸗ los bri⸗ ten. ng Be⸗ onſt —.— Vorwort. X nicht in Verbindung ſtehen, oder mochten die Länder, in denen die Werke erſchienen, auch keinen regelmäßigen Verkehr mit Deutſchland haben, wie Holland, Schwe⸗ den, Dänemark. So war, um nur ein Beiſpiel ſeines Verhaltens dem der Uebrigen gegenüber anzuführen, im Jahre 1810 Goethe's„Pandora“ bei Geiſtinger in Wien erſchienen. Als er in dieſem Jahre, zum erſtenmal, die leipziger Meſſe bezog, war ſeine erſte Frage nach dieſem Werk. Alle Collegen antworteten, danach habe man nicht zu fragen: Geiſtinger ſei ein Mann, mit dem man keine Rechnung halte. Er begriff die Richtigkeit des Schluſſes nicht, daß, wenn man einem Händler keinen Credit geben wolle, man auch nicht eine gute Waare gegen baare Bezahlung von ihm nehmen könne. Er kaufte dreihundert Exemplare der Pandora von Geiſtin⸗ ger und ſetzte ſie ſämmtlich in einem Vormittage in Berlin ab. Später, als die berliner Univerſität gegrün⸗ det war, fand jeder Student die erforderlichen Compen⸗ dien beim Anfang der Vorleſungen in ſeinem Laden ge⸗ bunden vorräthig, weil er ſich eben bei Zeiten von die⸗ ſen Erforderniſſen unterrichtet hatte, während die anderen Buchhändler in der Regel erſt an Beſtellung dachten, wenn die Anfrage danach an ſie kam. Von weſentlichem Erfolg war auch ein mit ſeiner Buchhandlung verbun⸗ denes Leſezimmer für die Univerſität. Hitzig konnte ſich ſolchergeſtalt in den blühendſten Jahren ſeiner Buchhandlung wohl geſtehen, daß ein ſorgfältiges Verfolgen ihrer Vorräthe einem lebendigen Fortſchreiten mit den Literaturen in Europa gleich zu achten war. Dies Alles aber betraf nur den Sorti⸗ mentshandel. Mit derſelben Gediegenheit ſorgte er für eigenen tüchtigen Verlag. Eine namhafte Anzahl tüch⸗ tiger Werke iſt in ſeinem Verlage erſchienen, und Man⸗ ——— — — XII Vorwort. ches, beſonders zur Poeſie der romaniſchen Sprachen, das im deutſchen Buchhandel ſchwer zu beziehen war, hat er ſelbſt herausgegeben. Natürlich mußte ihn das Geſchäft auch wiederum in die vielſeitigſten perſönlichen Verbindungen mit Schriftſtellern bringen. Die Bezie⸗ hungen zu Einem von dieſen geſtalteten ſich bald zum innigſten freundſchaftlichen Verkehr. Dies war Fouqus. Fouque's„Sigurd“ erſchien bei ihm in einer Prachtaus⸗ gabe, in Quartformat und mit einem Holzſchnitt auf dem Titel(nach einer Zeichnung von Kolbe), was da⸗ mals für Werke der Poeſie unerhört war. Das Jahr 1813 trat ein, natürlich nicht ohne man⸗ cherlei Störung für den Betrieb des Geſchäfts. Hitzig, wenn ſeine Verhältniſſe ihm auch nicht geſtatteten, dem Heere zu folgen, war doch der Erhebung des Vaterlan⸗ des mit lebhafter Hingebung und voller Thätigkeit zu⸗ gewandt. Bei der Organiſirung des Landſturms arbei⸗ tete er(in der General-Adjutantur) mit unermüdlichem Eifer. Im Jahre 1814 aber traf ihn ein Schlag, der aufs Neue eine gänzliche Umgeſtaltung ſeines Lebens zur Folge hatte. Am 22. Mai, am Hochzeitstage, ſtarb ſeine Gat⸗ tin. Er hatte ſie unausſprechlich geliebt und ſtand nun allein mit ſeinem tiefen Schmerze und mit der Sorge für die Erziehung einer Schar von unmündigen Kindern. Er konnte ſein Leben nicht in dem gewohnten Gleiſe fortführen. Er verkaufte die Handlung an den Buch⸗ händler Dümmler(deſſen Namen ſie noch gegenwärtig führt) und trat wieder in den Staatsdienſt zurück, zu⸗ nächſt als Aſſeſſor beim Kammergericht, worauf im April 1815 ſeine Ernennung zum Criminal- und Pupillenrath, im Februar 1827 die zum Director des Inquiſitoriats beim Kammergericht folgte. — — — Vorwort. XIII Von vorn herein hatte er ſich, nach eigener Neigung, und weil er ſeit einer Reihe von Jahren der Jurispru⸗ denz entfremdet geweſen und den inzwiſchen erfolgten Neugeſtaltungen derſelben nicht durchaus folgen zu kön⸗ nen meinte, auf das beſondere Fach des Criminalrechtes beſchränkt. Der Criminal⸗Senat erkannte in ihm einen ſeiner ausgezeichnetſten Referenten, der in der Regel die wichtigſten Sachen zu bearbeiten hatte. Seine uner⸗ müdliche Thätigkeit, der Scharfblick, mit welchem er die Gegenſtände aufzufaſſen gewohnt war, gaben die ehren⸗ volle Veranlaſſung, daß ihm mehrfach die ſchwierigſten Commiſſionen übertragen wurden.— Es war die Zeit der demagogiſchen Umtriebe. Hitzig wurde, 1826 und 1827, mit der Schlußführung der Unterſuchung wider die in Köpenick bei Berlin Verhafteten beauftragt. Er entledigte ſich deſſen nach dem ganzen Umfange ſeiner Pflicht, unbeirrt durch die bedenklichen Drohbriefe, die ihm die Tyrannenmörder„Harmodius und Ariſtogiton“ ſchrieben. Manch einer der Angeklagten aber fühlte das warme Herz des Richters, und aus dem Boden des Gefängniſſes keimte, fruchtbar für die Folgezeit, manch ein freundſchaftliches Verhältniß. Schon im Jahre 1825 war das Kammergericht mit der Reviſion des Strafrechtes beauftragt worden. Hitzig, als Commiſſar, hatte den Bericht auszuarbeiten. Bei dieſer Gelegenheit nahm er wahr, daß, bei der Kritik des beſtehenden Zuſtandes der Strafrechtspflege in Preu⸗ ßen, das übrige Deutſchland zu wenig Kenntniß von dieſem Zuſtande, Preußen dagegen eine eben ſo dürftige von den diesfälligen Beſtrebungen in anderen Ländern hatte. Dies gab die erſte Idee zu Begründung ſeiner „Zeitſchrift für die preußiſche Criminalrechtspflege“(24 Bände, von 1825 bis 1833), und ſpäter ſeiner„Anna⸗ n Vorwort. len für deutſche und ausländiſche Criminalrechtspflege“ (7 Bände, von 1828 bis 1837, von da ab fort⸗ geſetzt durch Demme und Klunge). Ueberhaupt kam es ihm bei dieſen Unternehmungen darauf an, die vermeint⸗ liche Kluft zwiſchen Theorie und Praxis, die er auf dem Felde ſeiner amtlichen Wirkſamkeit wahrnahm, möglichſt auszufüllen, den intelligenten Theil des Volkes zur Kennt⸗ nißnahme an dieſem wichtigen Zweige der vaterländiſchen Rechtspflege, zur Aneignung eines Urtheils über denſel⸗ ben heranzubilden. Doch noch ein ungleich Höheres, das auf ſeiner ganzen, ſtreng religiöſen und moraliſchen Anſchauung beruhte, ſuchte er hierbei zu erſtreben. Es galt ihm den Kampf gegen die laxen Grundſätze der Neuzeit, gegen die falſche Humanität, die das Verhält⸗ niß von Wille und That verrückt hatte, die aus viel⸗ fachen inneren und äußeren Verhältniſſen Beweiſe her⸗ nahm, um die Zurechnungsfähigkeit des Verbrechers möglichſt zu beſeitigen, und die ſolchergeſtalt auch die Schlußfolgerung von Schuld und Sühne ſchwankend gemacht hatte. Fort und fort wurde dieſer Kampf, während der langen Dauer jener criminalrechtlichen Mit⸗ theilungen, geführt?). Von dem Ertrage der Zeitſchrift beſtimmte Hitzig eine beſtimmte Summe(50 Thaler von jedem Bande) zur Remuneration bedürftiger, beim Kam⸗ mergerichts⸗Inquiſitoriat arbeitender Referendarien. Die Wunde, die Hitzig ſeit dem Tode ſeiner Gattin *) Und zwar geſchah dies im bewußten Einklange auch mit einem Manne wie Goethe, der vom Standpunkte ſeiner Welt⸗ anſchauung über denſelben Gegenſtand an Zelter ſchrieb:„Die Strafloſigkeit der niederträchtigſten Handlungen, beſonders wenn ſie ganz außer Maßen und Geſchick ſind, haben wir der Läßlich⸗ keit unſerer Criminaliſten zu danken, welche eigentlich nur berufen und angeſtellt ſcheinen, um Mord und Todtſchlag zu entſchul⸗ digen. — m Vorwort. XV in ſich trug, ſollte nimmer verharrſchen; aber er hatte Kraft genug, ſie vor der Welt ſtreng verdeckt zu tragen, und nicht blos ſeine nächſten Pflichten getreulich zu er⸗ füllen— auch für ſeine literariſchen Intereſſen aufs Neue thätig, auch mit den Fröhlichen wieder fröhlich zu ſein. Zunächſt war es ſein alter College E. T. A. Hoff⸗ mann, der, während Hitzig den Buchhandel betrieben, ein abenteuerndes Leben als Muſikus geführt hatte, und der ihm nun aufs Neue als Rath am grünen Tiſche gegenüber ſaß. Die alte Weiſe des geiſtreichen Beiſam⸗ menſeins wachte wieder auf, ſo gut es die neuen Ver⸗ hältniſſe verſtatteten; bald aber war Hoffmann in den Strudel der Zerſtreuungen hineingezogen, denen er zu widerſtehen nicht die Macht beſaß. Da wurden auf Hitzigs Betrieb jene ſchönen Serapionsabende ge⸗ gründet, von denen uns in Hoffmann's„Serapions⸗ brüdern“ ein ſo anziehendes Bild erhalten iſt. Sie gewährten dem phantaſtiſchen Feuergeiſte Hoffmann's einen feſten gemüthlichen Halt. Conteſſa und Ko⸗ reff, zuweilen auch Gäſte, wie Fouqus, waren die Mittheilnehmer dieſer Abende, welche beſonders die ge⸗ diegenſten Leiſtungen Hoffmann's entſtehen ſahen. Aber aufs Neue ward Hoffmann in jene Zerſtreuungen, in ein wüſtes Weinhausleben hinausgeriſſen, das ſeine Ge⸗ ſundheit, bei ſteter geiſtiger Production, raſch zerſtörte. Er ſtarb am 25. Juni 1822. Im Januar des folgenden Jahres ſtarb auch Zacha⸗ rias Werner, dem Freunde äußerlich durch ſeinen Lebens⸗ gang lange entfremdet, als katholiſcher Prieſter zu Wien. Hitzig ſetzte jedem der beiden Freunde, Hoffmann und Werner, ein Denkmal in den Biographien, die er von ihnen ſchrieb und noch im Jahre 1823 herausgab. Beide Biographien ſind als Meiſterwerke ihrer Art ———— 6 . XVI vorwort. allgemein anerkannt. Hitzig hat ſpäter, in der Vorrede de zu ſeiner Biographie Chamiſſo's, die Bezeichnung, welche ch H. Heine beiden Werken ertheilt, indem er ſie als„ge⸗ H wiſſenhafte Arbeiten“ benannte, für diejenige erklärt, bl die ihnen, unter ſo manchen anderen Lobſprüchen, wol de mit Recht zukomme. Gewiſſenhaft ſind ſie freilich; es du iſt die ſchöne Gewiſſenhaftigkeit der richterlichen Gewöh⸗ di nung, mit welcher hier aus mannigfachem Material und w vornehmlich aus dem eigenen Zeugniſſe der beiden Freunde b (aus ihren Briefen) der Kern ihres Weſens, die Art a und Weiſe ihres Thuns, die ſittliche Folgerung ihres Lebensganges entwickelt wird. Aber es iſt nicht allein N die Gewiſſenhaftigkeit, und, hiermit verbunden, auch zu nicht allein die gemüthliche Theilnahme des darſtellenden B Freundes, was dieſen Biographien ihren eigenthümli⸗ di chen literariſchen Werth gibt; es iſt zugleich die Friſche de der Anſchauung, die ſo lebendige wie naive Darſtellung Nu ſelbſt, was ſie vollkommen in den kleinen Kreis biogra⸗ 13 phiſcher Kunſtwerke einreiht. Der gemüthliche Verkehr mit Hoffmann war, wie angedeutet, ſchon vor deſſen Tode zerriſſen worden. Um 5 ſo inniger erhielt er ſich mit anderen Freunden: mit E keinem aber mehr als mit Chamiſſo. Schon früh war ſt Hitzig für Chamiſſo, bei der Unentſchiedenheit des Stre⸗ N bens, die dieſen quälte, Halt und Stütze geweſen. Er S hatte ihm gerathen, ſtatt ſolcher Bedrückung hingege⸗ 6 ben zu ſein, lieber irgend einen dummen Streich zu thun, damit er wenigſtens darauf aus leben müſſe, ihn wieder gut zu machen. Er betrieb die Unterhandlungen, p die Chamiſſo im Jahre 1815 als Naturforſcher der von„ dem ruſſiſchen Grafen Romanzoff ausgerüſteten Ent⸗ deckungsreiſe um die Welt zuführten; er empfing ihn nach der Rückkehr im Jahre 1818 mit väterlicher Freun⸗ — Vorwort. XVII desſorge, und bald war das Band durch Chamiſſo's eheliche Verbindung und durch ſeine Gattin, die Hitzig's Hauſe nahe ſtand, noch inniger geknüpft. Von nun an blieben ſie in ausdauerndem freundſchaftlichen Verkehr, der erſt mit Chamiſſo's Tode endete. Chamiſſo hatte durch Hitzig den Hafen ſeines Lebens gefunden, und als die reiche Nachblüte ſeiner dichteriſchen Thätigkeit auf⸗ wuchs, war es Hitzig, der darauf, von der Conception bis zur letzten Feile, ſtets den unmittelbarſten Einfluß ausübte. Im Jahre 1824 erließ Hitzig in der Zeitung, ohne Nennung ſeines Namens, eine öffentliche Aufforderung zur geſellſchaftlichen Vereinigung der Literaturfreunde Berlins. Auch hiermit war wieder ein lebhaftes Be⸗ dürfniß getroffen. Die Gründung der Geſellſchaft für deutſche(ſpäter auch für ausländiſche) ſchöne Literatur— der ſogenannten Mittwochsgeſellſchaft— war die Folge des Aufrufs. Auf die Belebung des literariſchen Treibens in Ber⸗ lin zu Ende der zwanziger und zu Anfang der dreißiger Jahre, auf den gegenſeitigen Austauſch der Dichter, Schriftſteller und Leſer, war ſie von weſentlichem Ein⸗ fluß. Es war eine Zeit friſcher Bewegung, als ſie Namen, wie Chamiſſo, W. Neumann, Fouqus, Streckfuß, Raupach, Eichendorf, Holtei, Uech⸗ tritz, Häring, Simrock, Gaudy u. ſ. w. zu den Ihrigen zählte. Hitzig aber war wieder das feſte Band, welches die Geſellſchaft zuſammenzuhalten wußte; auch ſpäter, als die Reihen mehr und mehr ſich zu lichten be⸗ gannen, war er unabläſſig für den Fortbeſtand der Ge⸗ ſellſchaft bemüht.— Aber in jeder Beziehung ließ er es ſich angelegen ſein, Lebensgewinn von den Männern der Literatur zu ziehen und reichlich zurückzugeben, wie S—— —— XVIII Vorwort. er empfing. Sein eigenes Haus ſtand ihnen offen; den Jüngeren war er in jeder freien Stunde mit Rath und That bereit. Jede Erſcheinung der Art, die in Berlin bemerklich ward, faßte er ins Auge. So ward einſt ein junger Württemberger, der nach Berlin kam, wo er keine näheren Verbindungen hatte, ſchon in den nächſten Ta⸗ gen zu ihm entboten. Nicht ohne einige Beſorgniß folgte dieſer dem Rufe des Criminalgerichts⸗Directors, wurde von dem Letztern aber ſofort als der Verfaſſer eines Heftes von Gedichten, deren Kunde er hier am wenig⸗ ſten erwartet hatte, begrüßt. Der heitere Beginn brachte wie⸗ der eine innige, für das Leben ausdauernde, in anderen lieben Verhältniſſen noch nachwirkende Freundſchaft.— Bei Gele⸗ genheit einer karlsbader Kur bildete ſich ein herzliches Ver⸗ hältniß Jean Paul's zu Hitzig. Im Jahre 1834 unternahm er eine Reiſe nach Straßburg und Paris, bei der Hitzig es ſich angelegen ſein ließ, von dem franzöſiſchen Rechts⸗ verfahren, und namentlich von der Einrichtung der Ge⸗ ſchworenengerichte, nähere Kenntniß zu nehmen.(Indeß kehrte er ungünſtig geſtimmt zurück, und konnte ſeine Abneigung gegen die Geſchworenengerichte ſchwer ver⸗ winden.) Hitzig's Wirkſamkeit für die Literatur war vorzugs⸗ weiſe eine vermittelnde. Er ſelbſt hat ſich als eine„li⸗ terariſche Natur“, im Gegenſatz der poetiſchen, bezeichnet. Hierunter darf freilich nicht verſtanden werden, daß er nicht auch zum eigenen künſtleriſchen Schaffen befähigt, nicht auch ein Dichter geweſen ſei. Schon jene Bio⸗ graphien Hoffmann's und Werner's mußten wir als literariſche Kunſtwerke bezeichnen; und wie er an dem jugendlichen Muſenalmanach Theil genommen, ſo hat er gelegentlich auch ſpäter, auf äußere Veranlaſſung oder im Drange des ſtarken Gefühls, einzelne Gedichte hin⸗ ge de tu u lie ine 5 em ot der Vorwort. XIX geworfen, die durch die Kraft des Gedankens, die Fülle des Wortes und der Form die wahrhaft dichteriſche Na⸗ tur erkennen laſſen. Dennoch trieb ſeine vorwiegende Neigung, ſein ganzes, zwiſchen rüſtigem, äußerem Thun und innerem Herzensdrange getheiltes Weſen ihn an, lieber zu pflegen und zu fördern, was durch Andere ge⸗ leiſtet ward. Den wichtigſten Hebel hierzu fand er in dem ihm vor Allem eigenthümlichen ſelte⸗ nen Talente zur Freundſchaft. Nicht nur, daß er im Allgemeinen angeborene Güte, raſche Auffaſſung, aufrichtige Anerkennung fremden Verdienſtes beſaß, daß er, durch eigene Erfahrungen reichlich belehrt, ein Ken⸗ ner des menſchlichen Herzens war: er wußte die Inter⸗ eſſen des Freundes aufs vollkommenſte mit den ſeinigen zu identificiren und ſie in anſpruchloſeſter Weiſe gleich dieſen zu behandeln. Oder vielmehr ſtellte er ſie ſtets den ſeinigen voran. Dabei ließ er die Eigenthümlich⸗ keiten des Freundes, wie entſchieden ſie oft von ſeinem innerſten Weſen abwichen, ſtets unbedingt gelten, und gerade hierdurch hat er für die Pflege dieſes Eigenthüm⸗ lichen auch in den literariſchen Leiſtungen der Freunde ſo weſentlich mitgewirkt. Es konnte nicht fehlen, daß Hitzig im Laufe ſeiner amtlichen und außeramtlichen Wirkſamkeit mancherlei ehrenvolle Auszeichnung empfing. Keine gewährte ihm größere Freude, als die, daß ihn die juridiſche Facultät zu Tübingen, am 1. Januar 1832, in Anerkennung ſei⸗ ner Verdienſte als Beförderer der Rechtswiſſenſchaft und praktiſcher Rechtsgelehrter, zum Doctor der Rechte er⸗ nannte. Er widmete die in demſelben Jahre mit dem zwanzigſten Bande erſcheinende Fortſetzung ſeiner„Zeit⸗ ſchrift für preußiſche Criminalrechtspflege“(im erſten Bande war ſie Feuerbach gewidmet worden) der Facul⸗ Vorwort. tät, und meinte in den Zueignungsworten, den Kranz nur als Repräſentant all der verdienten Männer, die mit ihm an der Zeitſchrift gearbeitet, tragen zu dürfen. Indeß war es Abend geworden. Hitzig hatte ſich, zur ſteten Mahnung für die Pflichten des Lebensweges, eine Gedenktafel entworfen, in welcher die Stunden des Lebens mit denen des Tages zuſammengeſtellt waren. Sein Zeiger war ſchon den Stunden nahe, da die Däm⸗ merung einzutreten pflegt. Auch andere eindringlichere Mahnung kam hinzu. Hitzig war vielfach von körper⸗ lichen Leiden heimgeſucht geweſen; er fühlte jetzt die Kräfte ſchwächer werden; er erblindete auf dem linken Auge und mußte auch den Verluſt des rechten befürch⸗ ten. Er ſuchte im Jahre 1832 die Verabſchiedung aus ſeiner amtlichen Stellung nach, die ihm vorerſt jedoch auf ehrenvolle Weiſe in der Art verweigert ward, daß der Juſtizminiſter ihn aller ſchriftlichen Arbeiten ent⸗ band und nur ſeine fortgeſetzte Theilnahme an den Sitzun⸗ gen des Gerichtes für wünſchenswerth erklärte. Hitzig folgte dem Begehren; doch ſeine krankhaften Zuſtände ſteigerten ſich, und ſo kam er im Jahre 1835 nochmals um ſeinen Abſchied ein, der ihm nunmehr, unter dem 30. September dieſes Jahres, bewilligt ward, mit Ge⸗ währung der ſeinen Verhältniſſen entſprechenden Penſion. Die Muße, deren ſich Hitzig nach der Entbindung von ſeinen amtlichen Pflichten erfreute, konnte ihm doch nur, ſeinen körperlichen Leiden zum Trotz, zu mannig⸗ fach anderweitiger Thätigkeit Anlaß geben. Seine Dop⸗ pelſtellung zur Rechtspflege des Vaterlandes und zu den Angelegenheiten der Literatur hatte ſein Auge ſchon zei⸗ tig dem Verbindungspunkte beider, der geſetzlichen Regelung des literariſchen Verkehrs, zugewandt. Mit lebhaftem Eifer verfolgte er die geſetzlichen Beſtim⸗ = ie en l ig de l v Vorwort. XXI mungen des Auslandes über den Schutz des geiſtigen Eigenthums und die Verhandlungen, welche über dieſe Angelegenheit in Preußen geführt wurden. Unter dem 11. Juni 1837 erſchien das preußiſche Geſetz„zum Schutze des Eigenthums an Werken der Wiſſenſchaft und Kunſt gegen Nachdruck und Nachbildung“. Er commentirte daſſelbe in einer beſondern Schrift(838), überall auf die Motive, welche bei deſſen Erlaß vorge⸗ legen hatten, zurückgehend. Zu dieſem Behuf war ihm von der Behörde das entſprechende Material bereitwillig zur Dispoſition geſtellt worden. Als darauf nach An⸗ weiſung des Geſetzes die Sachverſtändigen⸗Vereine, zur techniſchen Begutachtung der vorkommenden Einzelfälle, conſtituirt wurden, ward er zum Vorſitzenden des„Li⸗ terariſchen Sachverſtändigen⸗Vereins“ berufen, in wel⸗ cher Eigenſchaft er geraume Zeit hindurch bemüht gewe⸗ ſen iſt, zugleich die generellen Grundſätze durch die that⸗ ſächlichen Erfahrungen fortſchreitend klarer durchzubilden. Für andere literariſche Zwecke war er in anderen öffentlichen Blättern wirkſam. So hatte ſich in jenen Jahren eine beſondere Art belletriſtiſchen Gewerbes auf⸗ gethan, wo man meinte, daß Feder und Tinte zum Be⸗ ruf und tönende Phraſen zur Erbauung der Menſchheit hinreichten. Zufällige Auslaſſungen gaben Hitzig die Gelegenheit, mit entſchiedener Energie, eben ſo derb wie ſarkaſtiſch, gegen dieſe Thorheiten aufzutreten, theils um die Literatur vor ſolchem Unglimpf zu ſchirmen, theils und beſonders um die jungen Leute, die ſich in dieſen zweideutigen Beruf eingelaſſen, möglichſt davon abzu⸗ mahnen. Seine Aufſätze wurden als zwei Broſchüren, „über belletriſtiſche Schriftſtellerei als Lebensberuf“ ¶838), beſonders abgedruckt. Wie ſehr er übrigens, wenn nicht in dem Kampfe ſelbſt, doch in der Wahl der XII Vorwort. Waffen Unrecht hatte, iſt uns durch die jüngſte Zeit klar geworden, wo Feder und Tinte und Phraſen, ungeknickt, noch zu ganz anderer Rieſengröße anzuwachſen vermoch⸗ ten. Eine zweite Folge kleiner Artikel erſchien unter dem Titel:„Vier Variationen über ein Zeitthema“ (1842), gleichfalls als beſondere Broſchüre. Redlich das Redliche fördernd, ein Vorläufer freierer Bewegung auf dem Gebiete der öffentlichen Preſſe, behandelte ſie die ſchiefe Stellung der Regierung zur Publicität und gab die Vorſchläge zur Abhülfe. Es iſt hier noch ſeiner Betheiligung bei einer ande⸗ ren literariſchen Arbeit zu gedenken, die das für ſeine Charakter⸗Auffaſſung ſo wichtige Verhältniß der Literatur zu den religiöſen Momenten des Lebens betrifft. Sie führt den Titel:„Zuruf eines Chriſten an die Schrift⸗ ſteller des franzöſiſchen Volkes von G. de Felice. Ein Spiegel auch für die deutſche Schriftſtellerwelt. Aus dem Franzöſiſchen überſetzt von Dr. K. Dielitz und mit einem Vorwort herausgegeben von J. E. Hitzig(1843)“. Der Standpunkt des Verfaſſers, der die Schriftſteller ſeiner Nation zur Wirkſamkeit für das Chriſtenthum gewinnen will und nur dadurch eine erhebendere Geſtaltung der nationalen Literatur erwartet, ergibt ſich aus dem Titel. Auch Hitzig theilte ihn und hatte gerade deshalb die Ueberſetzung veranlaßt. Sehr ſchön und ſeine freiere, tiefere Auffaſſung bezeugend iſt die Wendung, die er im Vorwort beiläufig gegen die blinden Eiferer der gläu⸗ bigen Richtung nimmt, indem er ihnen die Bedeutung von Kunſt und Literatur, auch für die von ihnen ver⸗ tretenen höchſten Intereſſen, vor Augen führt. Auch noch eine größere literariſche Arbeit war Hitzig's ſpäteren Jahren vorbehalten. Am 2l. Auguſt 1838 ſtarb Chamiſſo, und wie jenen früher dahingegangenen Freun⸗ — ar kt, tet uf die Vorwort. XXIII den, ſo ſetzte er nun auch dieſem, mit gleicher Gewiſſen⸗ haftigkeit, wenn vielleicht auch nicht mehr ganz mit jener Friſche der Darſtellung, das biographiſche Denkmal. Im Jahre 1839 erſchienen Chamiſſo's„Leben und Briefe“, den Schriften Chamiſſo's angereiht, den„Vorausgegan⸗ genen“ gewidmet.„Es iſt meine letzte biographiſche Arbeit(ſo ſagt Hitzig zum Schluſſe des Vorworts) denn es kann mir kein Adelbert mehr ſterben.“— Gierauf wird ſeine Betheiligung am„Neuen Pitaval“ erwähnt.) War aber auch der Abend ſeines Lebens gekommen mit mancherlei Beſchwerniſſen und Entbehrungen, ſeine Liebe zur Poeſie, ſeine jugendliche Empfänglichkeit für ihre Leiſtungen, wie ſie die Welle des Tages ihm zu⸗ trug, war dieſelbe, wie in ſeinen friſcheſten Zeiten. Es war ein“ glücklicher Tag für ihn, wenn er ein neues wirkliches Gedicht entdeckt hatte. Indem ich dies ſchreibe, iſt es mir wie geſtern, da er einſt mit ſtrahlendem Ge⸗ ſicht haſtig zu mir ins Arbeitszimmer trat und mir die erſten, in einem Journale gedruckten Fragmente von Heine's„Atta Troll“ mit den Worten hinreichte:„Lies! es iſt doch noch der alte Löwe!“— Für Heine's dich⸗ teriſches Talent hatte er freilich von früh an das leb⸗ hafteſte Intereſſe bewahrt. Und doch gab es vielleicht keinen größeren Gegenſatz, als die Frivolität, die Heine gern zur Schau trug, und den ſtrengen Ernſt ſeiner ſittlichen Lebensforderungen. Er wußte eben zu unter⸗ ſcheiden und die Dinge, die keine Berührungspunkte haben, oder ſo weit ſie deren nicht haben, auch geſon⸗ dert zu betrachten. Indeß gibt alles Vorſtehende noch kein volles Bild von Hitzig. Eine, die tiefſte Seite ſeines Weſens, iſt hierin noch unberührt geblieben oder nur vorübergehend an⸗ gedeutet worden— ſein Verhalten in religiöſer Beziehung. XXKIV Vorwort. Wahrheit, Redlichkeit, Selbſtloſigkeit waren die den Grundzüge ſeines ſittlichen Charakters; ſie mußten ihn ſin unwillkürlich ſchon, wie jenen jungen Templer in den ſir „Söhnen des Thales“, der nach ihm gezeichnet ward, an ten die Schwelle höherer Erkenntniß führen. Dann war es, et wie angedeutet, ſein erſter Verkehr mit Zacharias Wer⸗ Ne ner, der ihm das Bedürfniß nach göttlicher Verſöhnung näher legte. Aber erſt der zerſchmetternde Schlag, der wi ihn durch den Tod der Gattin traf, rief ihn in der That ſch zu einem neuen geiſtigen Leben auf. Von jenem Tage M ab beginnt in ihm ein ſtarkes unabläſſiges Ringen nach ſu einer wahren Gemeinſchaft mit dem Erlöſer, und wie vr ſchwer, wie ſchmerzlich oft dieſer dem Auge der Welt ſit verborgene Kampf war, davon geben hinterlaſſene Tages⸗ um und Jahresblätter eine eindringliche Kunde. In dieſen in Blättern liegen die Zeugen bangdurchwachter Nächte, St die nicht ſelten auf die heiterſten Tage folgten. Doch war Hitzig keinesweges der Mann, ſich von di unbeſtimmten Gefühlen beherrſchen zu laſſen. Was in 3 ihm rang, mußte zugleich geiſtig verarbeitet, mußte zur 8 That geſtaltet werden. So nahm er das Neue Teſta⸗ ment, und zwar den griechiſchen Urtert deſſelben, zur K Hand und wandte demſelben das emſigſte Studium zu. t So ging er, wie er es vor langen Jahren als Student i gethan, in die Collegien und wohnte den theologiſchen Vorleſungen ſeines Jugendfreundes Neander mit pünkt⸗ lichſter Genauigkeit bei. So arbeitete er, eine Reihe von Jahren hindurch, die Predigten, die er ſonntäglich von Schleiermacher gehört hatte, jedesmal daheim in ſorgfältigem Entwurfe aus. Und auch für das prakti⸗ ſche Leben trieb es ihn, zumal in ſeiner ſpäteren freieren 8 Zeit, dieſe Richtung ſeines Thuns und Strebens zu be⸗ ſ währen. Er war ein ſehr thätiges Mitglied in verſchie⸗ die hn en ng det hot age ch vie elt es⸗ ſen te, in zu ur Vvorwort. XXV denen wohlthätigen Vereinen(namentlich auch im Ge⸗ fängniß⸗Verein); bei der Direction des Haupt⸗Vereins für chriſtliche Erbauungsſchriften in den preußiſchen Staa⸗ ten und bei der preußiſchen Haupt⸗Bibelgeſellſchaft war er längere Zeit hindurch, nach jeder Wahlperiode aufs Neue gewählt, betheiligt. Unermüdlich war er im perſönlichen Wohlthun. Doch wäre es allzuſehr ſeinem Sinne und der ſtillen Weiſe ſeines Wohlthuns zuwider, wenn hier näher auf dieſen Punkt eingegangen würde. Eine hierher gehörige That⸗ ſache aber darf wol mit ein paar Worten näher berührt werden. Er hatte einige Jahre nach ſeiner Penſionirung ſeinen Geſundheitszuſtand ſich erheblich beſſern gefühlt und es ſtiegen nun Zweifel in ihm empor, ob er nicht ein wirkliches Unrecht damit begangen, daß er dem Staate ſeinen Dienſt als Richter entzogen und Jahre lang Lohn genommen habe, ohne etwas dafür zu leiſten. Die Zweifel wurden immer peinlicher, und ſo beſchloß er, nach Spener's Anleitung(in deſſen„Theologiſchen Bedenken“, Bd. Il. S. 453), das mögliche Unrecht in thunlicher Weiſe wieder gut zu machen. Er erbat vom Könige die Erlaubniß, ein dem etwa zehnjährigen Be⸗ trage ſeiner Penſion gleichkommendes Kapital dem Staate als Vermächtniß darbringen zu dürfen, nachdem die Zin⸗ ſen deſſelben die Witwe eines ſeiner Freunde auf Lebens⸗ zeit oder ihre Kinder bis zum Zeitpunkte der Majoren⸗ nität des jüngſten genoſſen haben würden. Er ſtellte das Kapital zur freieſten Dispoſition des Königs und ſprach nur den Wunſch aus, daß es ganz oder getheilt derjenigen oder denjenigen der milden Anſtalten des Staates zugewendet werden möge, welche der König in ſeiner Weisheit für die wohlthätigſte halten würde. Sei⸗ nen Kindern glaube er hierdurch keine allzuſchwere Laſt XV.* XXV Vorwort. aufzuerlegen. Die auf dieſen Antrag erlaſſene Cabinets⸗ Drdre iſt ſo bezeichnend für den edeln Sinn des hoch⸗ ſeligen Königs und ein ſo ſchönes Denkmal ehrenvollſter Anerkennung, daß ſie hier gewiß einen nicht unange⸗ meſſenen Platz findet. Sie lautet: Je weniger Sie nach dem Inhalt Ihrer Eingabe vom 18. v. Mts. Urſache haben, einen Zweifel dar⸗ über zu hegen, ob Sie nicht, ehe die höchſte Noth dazu drängte, Ihr Amt aufgegeben und ſich zu früh in den Penſionsſtand hätten verſetzen laſſen, um deſto achtbarer erſcheint Ihre Geſinnung in dem Anerbieten in Bezug auf ein Kapital von 6000 Thlr., welches Sie Mir zu milden Anſtalten angeboten haben, als muthmaßlichen Betrag der bereits bezogenen und noch zu beziehenden Penſion. Ich ſage Ihnen dafür Mei⸗ nen Dank, und verbinde mit demſelben den Wunſch, daß die Ihnen nach anerkannten Verdienſten und nach Ihrem Geſundheitszuſtande dringend nothwendig be⸗ willigte Ruhe vom Staatsdienſt Sie noch lange dem Geſchäftskreiſe erhalten möge, in welchem Sie Ihre Kräfte auch jetzt noch wohlthätig wirken laſſen. An, den Juſtiz⸗Miniſter habe Ich Ihren Wünſchen gemäß verfügt. Berlin, den 25. April 1839. Friedrich Wilhelm. Im Sommer 1839 ward Hitzig von einem ſchlag⸗ ähnlichen Zufall betroffen. Rechtzeitige Blutentziehung beugte ſchwereren Folgen vor, doch hatte ſein Weſen ſeit dieſer Zeit einen Theil der früheren elaſtiſchen Spannkraft verloren. Zeitenweiſe, beſonders in den erſten Jahren nach jenem Zufall, war er einen Zuſtande der Schwer⸗ muth verfallen, dem ſich zu entreißen, obgleich er das bo ſch no be I L s⸗ er be t⸗ th ih ſto n 6 6 h 5 n iß Vorwort. XVII volle Bewußtſein des Zuſtandes hatte, es ihm an Kraft fehlte. Indeß hatte ſein Befinden allmälig wieder eine normale Geſtalt angenommen, als ihn, am 14. Novem⸗ ber 1845, ein ſtärkerer, ſchlimmerer Schlaganfall traf. In den erſten Tagen ſchien die größte Gefahr für ſein Leben vorhanden. Dieſe ging vorüber, aber die ganze rechte Seite ſeines Körpers blieb gelähmt. Unfähig zu eigener Handreichung und ſelbſtändiger körperlicher Be⸗ wegung, mußte er ſeine Tage von dieſer Zeit ab im Bett oder auf dem Lehnſtuhl liegend zubringen. So waren ihm noch vier Jahre eines engbegrenzten Stilllebens beſchieden. Doch nicht eigentlich ſchwere Leidensjahre. Sein körperlicher Zuſtand war, trotz der Lähmung, nicht durch weitere empfindliche Krankheiten getrübt; ſein Geiſt hatte nicht mehr das Bedürfniß zur Bethätigung nach außen hin, ſo daß ihm die Pein des Gebundenſeins minder drückend ward; ſeine Lie⸗ ben waren in der Nähe und konnten vielfach um ihn verſammelt ſein. Vor Allem war es ſeine unbedingte Hingebung in den Willen Gottes, die ihn über das Un⸗ gemach dieſer Jahre hinweghob und ihn auch hierin nur eine höchſte Fügung zur Läuterung ſeiner Seele erken⸗ nen ließ. Die Gewohnheit des Fortlebens mit dem Gange der Weltgeſchicke, mit dem Treiben und den Be⸗ dürfniſſen der Literatur, mit den Geſtaltungen des kirch⸗ lichen Daſeins gab ihm noch jetzt fortlaufende Beſchäf⸗ tigung. Vorleſer erſetzten, ſo gut es ſich thun ließ, die Stelle der eigenen Lecture, die ihm meiſt ſchwer fiel. Manches auch wurde von ihm noch in die Feder dictirt. Von früh ab hatte er der Politik lebhafte, männ⸗ liche Theilnahme zugewandt, ohne ſich zwar zur Auf⸗ ſtellung eigener Combinationen für mögliche künftige —.— XXVIII Porwort. Ereigniſſe oder zum Meiſtern der zur Leitung der Poli⸗ tik Berufenen für befugt zu halten. Und noch weniger hatte er eine Neigung zu dem beliebten Gewerbe der politiſchen Kannegießerei; er meinte, alter Gewöhnung gemäß, daß dazu mindeſtens Kenntniß der Acten nöthig ſei, und konnte bei derartigem politiſchen Geſchwätz leicht ungeduldig werden. So folgte er auch jetzt noch dem Gange der großen politiſchen Stürme der jüngſten Zeit mit voller Aufmerkſamkeit, nur freilich, ſelbſt von der Mitwirkung abgetrennt und auf den kleinen Um⸗ kreis ſeines Zimmers angewieſen, in der ruhig betrach⸗ tenden Weiſe, wie man ſonſt die Berichte über die Flut der Ereigniſſe in fremden Ländern zu leſen pflegte. Wol aber waren bei alledem ſein altbewährtes patriotiſches Gefühl und ſeine perſönlich treue Anhänglichkeit an das königliche Haus dieſelben wie ſonſt, und äußerten ſich nicht ſelten in gemüthvollſter Weiſe. Die Tage einer größeren geiſtigen Friſche hatten ab und zu mit denen einer mehr oder weniger bemerklichen Theilnahmloſigkeit gewechſelt. In der letzten Zeit ſchien dieſe die Oberhand gewinnen zu wollen. Da traf ihn, am 20. November dieſes Jahres(1849), ein dritter Anfall, der eine Gehirn⸗Erweichung herbeiführte, ihm die Sprache und alle Fähigkeit zur Bewegung raubte. Doch war ihm das Bewußtſein auch jetzt noch geblieben. Mehr und mehr aber ſchwanden ſeine Kräfte hin. Umgeben von allen Seinen, ſo viel ihrer in Berlin anweſend waren, entſchlief er ſanft und ſchmerzlos am Abende des 26. Novembers, nach 8 Uhr, im faſt vollendeten ſieb⸗ zigſten Lebensjahre. 5 i⸗ get der ng i ch ten n m⸗ ut ol es s ſch ob en ien hy, all, ar hr en nd es b⸗ vorwort. Unſere eigene Anſicht noch hinzuzufügen, wäre überflüſſig. Die Biographie iſt eine Arbeit der Pietät und als Bild des Verewigten im Sinne und Geiſt ein wahres; es kommt daher wenig dar⸗ auf an, wenn unſere Anſicht, gegründet auf lange Erfahrung und eigene Geſtändniſſe Hitzig's, über „ſeine lebhafte Theilnahme an der Politik“ eine verſchiedene von der ſeines Biographen iſt. Frägt es ſich doch vielleicht, ob ein ſtreng lutheriſcher Proteſtant überhaupt ein Politiker ſein kann, was wir dem ſtrengen Katholiken nicht abſprechen, der den weltlichen Dingen neben der Kirche ihr Be⸗ ſonderrecht läßt. Wenn Hitzig Theilnahme für den Gang der Weltereigniſſe hatte, wozu übrigens Nie⸗ mand geradezu verpflichtet iſt, ſo war ſie durchaus harmoniſch mit ſeiner ganzen Natur. Als chriſtli⸗ cher Optimiſt ſuchte er die rauhen grellen Erſchei⸗ nungen ſanft zu erklären und irgend wie mit dem lutheriſchen Syſtem der Deutung, wonach alle Obrigkeit von Gott iſt, in Einklang zu bringen. Als die politiſchen Stürme zu Orkanen und Wol⸗ kenbrüchen wurden, denen ſein Auge nicht mehr folgte(und wer kann ſich rühmen, daß er ihnen gefolgt iſt!), verſchloß er ſich ohne große Beküm⸗ merniß in ſein Gottvertrauen, daß, wenn es aus⸗ getobt, Alles wieder in die Richte kommen werde. Auch über den Schmerz, daß die Poeſie und Lite⸗ ratur von der Politik ſo ganz in den Hintergrund — XXX vorwort. gedrängt worden, entfloſſen ihm zuletzt keine Kla⸗ gen mehr. Es werde auch wol wieder beſſer wer⸗ den, dachte er. Den gedeihlichen Fortgang des„Neuen Pitaval“ verfolgte er mit derſelben Freude, wie zur Zeit, als er noch regeren Antheil daran nehmen konnte. Den großen und verwickelten Prozeſſen der letzten Jahre, mit denen die Wirklichkeit unſer Werk fort und fort bedenkt, wollte oder konnte er nicht mehr die volle Aufmerkſamkeit widmen. Er ſuchte nach Harmonien und hielt deshalb das Disharmoniſche von ſich entfernt. Auch mochte er ſich nicht über Criminal⸗ fälle ausſprechen, wo das, was ihm das Fundament der Beurtheilung war, fehlte— die eigentlichen Acten. Wer ſtreitet ab, daß hierin ein Moment liegt, welches überhaupt in der Anſchauung und Behand⸗ lung der Criminalprozeſſe eine Umwandlung nöthig macht. Wir ſind aus dem Urkundenbeweiſe ge⸗ wiſſermaßen auf die Tradition verwieſen, denn was iſt der Bericht der Zeitungsreporter über einen Prozeß anderes, als eine Tradition! Sie faſſen mit ihren Sinnen auf, und das Urtheil ſchleicht ſich von ſelbſt bei dieſer Auffaſſung ein. Damit iſt nicht geſagt, daß die Berichterſtatter nicht auch zuweilen richtiger und feiner auffaſſen mögen als vormals beeidete Actuare und Richter, die nur pflichtſchuldig das Nothwendigſte niederſchrieben und mittelſt der groben Züge die feinen oft ver⸗ Vorwort. XXXI wiſchten, aus denen der Pſycholog, und der Rich⸗ ter auch das beſte Urtheil ſchöpft. Läßt ſich doch nicht einmal Alles niederſchreiben, auch nicht vom gewiſſenhafteſten Beobachter, was beim mündlichen Verfahren ein Geſchworener, ein Richter ſieht, und innerlich wird der Zug um die Muskeln, das Lä⸗ cheln, der erſchrockene Blick zum Indicium, zum fehlenden Gliede in der Beweiskette für ihn. Es iſt nur damit geſagt, daß es jetzt anders iſt, als es war, und daß man auch an unſere Behand⸗ lung der neuern Fälle einen andern Maßſtab der Beurtheilung anlegen muß, als in Wiedergabe der nach älterem Verfahren inſtruirten und abgeurtheil⸗ ten. Es mag ſein, daß die wichtigeren, wo An⸗ kläger, Richter, Vertheidiger, Geſchworene und das Publicum eine ganz beſondere Aufmerkſamkeit an⸗ wenden, wo die Zeugen einer Controle der Oeffent⸗ lichkeit unterliegen, wie nie zuvor, auch jetzt er⸗ ſchöpfender behandelt, wogegen die minder wichtigen möglicherweiſe leichter abgethan werden, was ſchon bei der Anhäufung der Fälle ſich als nothwendiges Uebel von ſelbſt macht; aber wo wir dieſe neuern wichtigern Prozeſſe wiedergeben, handeln wir nur dann getreu, wenn wir das Bild, wie es uns ge⸗ geben iſt, abzeichnen, natürlich cum grano salis. nicht aber, wozu die Verſuchung oft nahe liegt, es in die alte Manier übertragen. Dieſe Geſchichts⸗ erzählung, die Aburtheilung mit den ſyſtematiſch 4 ſi 6 Vorwort. aufgereihten Zweifels⸗ und Entſcheidungsgründen liegt oft verführeriſch nahe, gäben wir uns aber der Neigung hin, ſo zerſtörten wir gerade das eigenthümliche Intereſſe der vor der Feuerſchmiede der Geſchworenengerichte verarbeiteten Fälle. Die⸗ ſes Intereſſe iſt durchaus dramatiſcher Natur, wäh⸗ rend der Schwerpunkt in den ältern Criminalfällen in der epiſchen Erzählung ruhte, die ſich novel⸗ liſtiſch bis zur Kataſtrophe(der That oder der Entdeckung) ſteigerte, hinterher die Abfälle. Während wir dies Syſtem bei den älteren Fällen, die als Reſultate klar abgemacht vor uns liegen, auch noch künftig in Anwendung bringen, müſſen wir bei den berühmten neuern oft dem Pro⸗ zeßgange, Tag um Tag, folgen, die Zeugenauſſagen in der Regel nach der Folge, wie ſie vernommen wurden, wiedergeben, denn gerade hierin, in der allmälig, oft überraſchend aus der Wüſte, aus dem Stein vorquellenden Wahrheit, liegt ſo oft das Intereſſe, was einem berühmten Fall Leſer und Theilnehmer durch die ganze Welt verſchafft, und wir dürfen uns und den Leſern die Wiederholun⸗ gen nicht erſparen, während es ein Leichtes geweſen wäre, durch das Zuſammenfaſſen des Hauptinhalts „der Zeugenausſagen in möglichſt beſchränktem Raum das Sachverhältniß wiederzugeben, damit aber nicht den Nerv der Entwickelung, der gerade den Fall zu einer cause célöbre gemacht hat. ——— em nd ————— vorwort. XXWIII Wir behaupten damit nichts weniger, als daß dies die an und für ſich richtige Art ſei; im Ge⸗ gentheil glauben wir, daß, wenn ein„Neueſter Pitaval“ nach funfzig Jahren wieder geſchrieben wird, der dann lebende Verfaſſer diejenigen unſerer Fälle, welche wir auf dieſe dramatiſche Weiſe be— handelten, wieder das Recht gewinnt, für ſein Pu⸗ blicum hiſtoriſch oder epiſch zu behandeln. Aus der Zeit vor uns fordern wir Reſultate, möglichſt bündig abgeſchloſſen, in der Gegenwart die leben⸗ dige Entwicklung. Wir haben es früher verſucht einige der neuern Fälle, die durchaus dramatiſch vor den Geſchworenen ſich entwickelten, als zu⸗ ſammengefaßte Erzählung zu bringen(wie z. B. den Fall Bletry— er lag ſchon hiſtoriſch um einige Jahre hinter uns, wie der Fall Fonk und Fualdes um viele Jahre); wir ſind indeß zweifel⸗ haft, ob die andere Art, die Sache, wie ſie zur Erſcheinung kam, ſich ſelbſt erzählen zu laſſen, nicht auch in dieſen Fällen mehr Theilnahme er— regt hätte. Der Leſer will ſelbſt richten. Dies ſagen wir beſonders in Bezug auf die jüngſte engliſche cause célebre, die Ermordung O'Connor's durch die Eheleute Manning. Das Reſume der That ſelbſt, wie es bald ermittelt ward, wäre einfach und nicht beſonders intereſſant. Das hohe Intereſſe, welches der Fall beanſprucht, erregte derſelbe durch den Kampf der beiden An⸗ „ XXXIV Vorwort. geſchuldigten unter einander über den Antheil ihrer Thäterſchaft, der ſich erſt vor der Jury entwickelte und die furchtbaren Aufſchlüſſe, die allmälig für den Pſychologen zu Tage ſtiegen, bis der Prozeß durch die tragiſche Stunde vor der Hinrichtung und wäh⸗ rend der Execution ein noch ganz anderes in An⸗ ſpruch nimmt. Ganz London war der aufmerkſame Zuſchauer, und jeder Tag, jede Stunde brachte Enthüllungen oder Muthmaßungen. Wollte man dieſe ſtreichen und nur den wahrhaften Kern des wirklich Ermittelten geben, ſo iſt es zweifelhaft, ob dieſer merkwürdigſte Prozeß überhaupt der Aufnahme werth iſt. Welches ungemeine Intereſſe erregt der Prozeß Görlitz. Was wäre er, wenn man auf wenige Seiten die Geſchichtserzählung, die Verdachtsgründe, die Zeugenauſſagen, das Gut⸗ achten der Sachverſtändigen ſummirte, um ſchnell zu dem Schluß zu kommen, zu dem auch die Ge⸗ ſchworenen kamen; aber erſt im Verlauf der langen Aſſiſen, bei deren Beginne ſich ganz entgegengeſetzte Anſichten, namentlich unter den Juriſten, laut machten. Zu dem ungleich inhaltreichern aus der neueſten Zeit, dem Mord der Jermy⸗Familie durch Ruſh, ging uns das vollſtändige Material durch gütige Vermittelung eines Gentleman aus Norwich ſo ſpät ein, daß wir gegen unſere Abſicht ihn erſt im folgenden Theil bringen können. in 9, t⸗ ll en eſt Fees Fadn 60 Pßbine 824 18525 Wichias Sezbaue 1807 Eine Entführung 1837— 1838. George Frederick Manning und Maria Manning 1849 Eine Hinrichtung in Appenzell 1849........ Conſtantin Weiſe 1835— 1837. ——— —— — Fieschi. 1835— 1836. Der Julithron ſchien in Frankreich befeſtigt, ſo nach Innen wie nach Außen. Aber die republikaniſche Partei war nur überwältigt, nicht vernichtet. Nach blutigen Aufſtänden, die zurückgeſchlagen waren, machte ſie ihrem Ingrimm nicht mehr in offener Empörung, ſondern in einer Reihe von Attentaten gegen das Leben Louis Phi⸗ lipp's Luft, des Fürſten, deſſen Klugheit ſie um die Früchte eines Sieges betrogen, auf den ſie mit der Zu⸗ verſicht fanatiſcher Schwärmer gerechnet. Daß, nachdem alle dieſe Mordverſuche verunglückt, ein Zufall, ein Puff, eine Luftblaſe ſcheinbar Das ermöglichen ſollte, was ſo viele Mörderhände, Feuergewehre und Höllenmaſchinen umſonſt verſucht, lag außer der Berechnung der Weit⸗ ausblickendſten, ſo außer der Berechnung als das Re⸗ ſultat, das kaum ein Jahr darauf wieder alle Berech⸗ nungen umſtießs daß weder Mörderwaffen, Verſchwö⸗ rungen einer Patkei, einer Stadt, noch, wenn man will, eines ganzen Landes im Stande geweſen, das monarchi⸗ ſche Princip Frankreichs an der Wurzel anzugreifen. Der Mord eines Fürſten hätte wahrſcheinlich dieſes letztere Reſultat nicht ſchneller herbeigeführt als ſeine übereilte XV. 1 2 Fieschi. Flucht. Zu langſam, feſt und ſicher ward ſeit Richelieu an dem neuen Frankreich gebaut, das nur in einer Alles überragenden Spitze, in einem alle Glieder durchädernden Pulsſchlage ſeine Einheit, ſeine Bedeutung, ſein Glück, ſeine Gloire findet, heiße dieſe Spitze, dieſer Pulsſchlag nun König, Kaiſer oder Republik. Wo durch zweihun⸗ dert Jahre künſtlich und mit vollem Bewußtſein alle Gemeindeſelbſtändigkeit und Freiheit vernichtet ward, die Grundlagen der germaniſchen Freiheit, konnte die Idee der Republik, im modernen wie im antiken Sinne, nur als ein Phantom auf Augenblicke die Gemüther be— rauſchen. Unter allen Nationen der Welt ſcheint keine ihren Lebensbedingungen nach entfernter vom Ideal einer auf Selbſtregierung baſirten Republik als die franzöſiſche. Louis Philipp ward fruchtlos verjagt. Er wäre auch fruchtlos ermordet worden, hätte eines jener Geſchoſſe ihn tödtlich getroffen. Ueber den Zuſammenhang aller dieſer mannigfachen Mordverſuche iſt gerichtlich, vielleicht auch hiſtoriſch, nichts mit Gewißheit ermittelt. In jener Zeit mochte, durfte man nicht Alles ergründen, man war zufrieden, wenn man die einzelnen Schuldigen und Thäter erfaßte; Dem nachzugehen, wie ſie verädert und verwurzelt waren mit weiteren Kreiſen, konnte ein Chaos aufwühlen, das zu bewältigen die Kraft fehlte; man ließ ſich genügen, auf ſeiner blitzenden Oberfläche zu ſpielen. Jetzt, nach den letzten Enthüllungen, ward es gleichgültig. Die Legiti⸗ mität hatte die Aufgabe, und zugleichlag es in ihrer Politik, den Verſchwörungen nachzuſpöen bis auf ihren verborgenſten Herd, vielleicht noch weiter; es war und iſt ihr Intereſſe, jede vereinzelte That darzuſtellen als das Product, die Frucht revolutionairer Principien und Verbindungen, während es im Intereſſe der Julidynaſtie n⸗ le rd, die me, ine ner he. uch oſſe hen ht ufte enn Dem mit zu auf den giti hrer hren und als und Fieschi. lag, dieſen Herd bei Seite zu laſſen, weil auch ſie ge⸗ legentlich daran geſchmiedet, weil zu viel Enthüllungen auch aufdecken konnten, was ſie gern in der Verborgen⸗ heit ließ. Der damaligen Unterſuchung war es daher ganz genehm, wenn die Hochverrathsverbrechen im Lichte vereinzelter Verirrungen ſich auffaſſen ließen. Fieschi's Attentat iſt, trotz der Unterſuchung, in ſeinen Motiven und Verbindungen das dunkelſte geblieben, es war aber zugleich das erſte und furchtbarſtez alſo ſchon um deswillen verdient es einer beſondern Aufzeichnung, unbeſchadet des pſychologiſchen Intereſſes, daß ein Cha⸗ rakter, wie der Fieschi's, bis da ein Unicum, ein Räth⸗ ſel geblieben iſt. Das fünfiährige Erinnerungsfeſt der drei Julitage ſollte Dienſtag am 28. Juli 1835 in gewohnter Weiſe durch große Heerſchau über die Nationalgarde gefeiert werden. Der König erſchien auf den Boulevards, um⸗ geben von der glänzenden Suite ſeiner Söhne und ſei⸗ nes Generalſtabes, und ritt die aufgeſtellten Reihen der bewaffneten Bürgerwehr entlang. Verſchiedene Weiſungen und Winke waren der hö⸗ hern Polizei ſchon früher gekommen. Man erfuhr ſogar, daß Feuerwaffen, auf die Perſon des Königs gerichtet, aus einem Hauſe vom Boulevard Saint⸗Martin beim Vorüberreiten deſſelben ſich entladen ſollten. Man konnte Alles glauben, doch war ebenſoviel Grund, die An⸗ gaben für Geſpinnſte des Argwohns oder betrügeriſcher Denunciationen aus Gewinnſucht zu achten. Es war eine Zeit, wo wirkliche Verſchwörungen und Attentate mit dem Kitzel, ſie zu fingiren, ſo bunt wechſelten, als zur Zeit des zweiten Karl in England. — — Fieschi. Indeſſen hatte man von Seiten der Polizei dieſes Revier aufs ſorgfältigſte umſtellt. Seit 3 Uhr Morgens hatten die Polizeiinſpectoren es durchlaufen, doch ohne etwas Verdächtiges zu gewahren. Ein Detachement Po⸗ lizeiagenten, alle bewaffnet, ging dem Militairzuge vor⸗ auf und wenige Schritte vor dem Könige. Ihnen war aufgegeben, ihr Augenmerk namentlich auf alle Einmün⸗ dungen der Seitenſtraßen zu haben und beim geringſten drohenden Anzeichen den Weitermarſch aufzuhalten und, wenn es nöthig würde, auch die Reihen der Truppen zu durchbrechen. Der König ritt über den Boulevard du Temple, als plötzlich in der Nähe des Jardin Turc eine furchtbare Exploſion die Luft erſchütterte. Ein Blutbad, eine Nie⸗ derlage, noch wußte man nicht woher, brachte den Zug in Verwirtung. Vierzehn Perſonen von denen, die Louis Philipp umgaben, ſanken, tödtlich verwundet, nie⸗ der, unter ihnen die Napoleon'ſche Berühmtheit, Mar⸗ ſchall Mortier, der bald darauf ſtarb. Der König ſelbſt war von einer Kugel getroffen, die ihm die Stirn ge⸗ ſtreiſt. Sein Pferd war an der Schulter verwundet. Auch die ſeiner beiden Söhne, des Herzogs von Ne⸗ mours und des Prinzen von Joinville. Doch mitten im allgemeinen Entſetzen hatten die Augen der Polizei gewacht. Der Rauch, die Exploſion waren aus einem obern Fenſter aus einer Seitenreihe des Boulevard gekommen. Haufen von Nationalgarden hatten ſich gegen das Haus geſtürzt, es umzingelt. Man ſah einen Mann, der ſich an einem Stricke aus einem Hinterfenſter bis auf eine Terraſſe herabließ, welche von der Höhe des erſten Stockwerkes war. Er blutete am Kopfe, an der linken Hand ſelbſt, mit der er, mit ſel⸗ tener Energie, ſich herabgleiten ließ, denn drei Finger Fieschi. 5 derſelben waren zerſchmettert. In der Rechten hielt er einen Dolch und eine Art Geißel, mit drei Bleiriemen verſehen, um ſich zu vertheidigen. Das war vergeblich, er ward ſofort ergriffen und zuerſt nach der Wache des Chateau d'Eau, dann nach der Conciergerie gebracht. Nationalgardiſten und Sergeanten der Municipal⸗ garde waren zu gleicher Zeit in das Haus geſtürzt, deſ⸗ ſen Thor offen ſtand. Im dritten Stockwerk erbrachen ſie mit Kolbenſchlägen die verſchloſſene Thür zu der Wohnung, aus welcher die Schüſſe unzweifelhaft ge— kommen waren. Man fand hier eine Reihe kleiner Zimmer. Von dem nach vorn hinaus, wo geſchoſſen worden, führten zwei Kammern nach der Küche, die nach dem Hofe hin⸗ ausging. Hier war das Fenſter, an welches der Mör— der das Seil befeſtigt und die Flucht verſucht hatte. Noch erfüllte ein dicker Rauch die Gemächer, dergeſtalt, daß man die Gegenſtände darin kaum erkannte. Nach— dem er ſich zerſtreut, fand man die Wohnung leer. In der erſten Kammer lagen zwei Flintenläufe, zwei andere in der Entrie zur zweiten. Alle waren noch heiß. Darauf entdeckte man auch die Höllenmaſchine. Eine Menge Flintenläufe derſelben lagen zerſtreut auf der Erde. Ein zehn andere ſaßen noch feſt, wie eine Batterie in zwei Querbalken, von denen der hintere beweglich war, um damit aus dem Fenſter hinauszuzielen. Auch dieſe Läufe waren ſämmtlich noch heiß. Zwei auf der Batterie waren geſprungen; auch von denen, die auf der Erde lagen, waren es zwei; muthmaßlich die Urſache, weshalb der ergriffene Mörder eine ſo ſchwere Verwundung erlitten, denn die Flintenläufe auf der Bat⸗ terie waren mit Blut befleckt. Der Kalk von den Mauern umher war von der Wirkung des plötzlichen Losfeuerns * Fieschi. an vielen Stellen abgeſprungen. Auf dem Fußboden, be⸗ ſonders in der mittlern Kammer, war viel Blut ver⸗ goſſen. Der Ergriffene nannte ſich Girard. Er wollte nichts von Mitſchuldigen wiſſen und ſonſt nichts von den De⸗ tails, über die man ihn befrug. In dieſem Ableugnungs⸗ ſyſtem verharrte er aber nur drei bis vier Tage und endete damit, daß er die allervollſtändigſten Bekenntniſſe ablegte. Er hieß nicht Girard, ſondern Fieschi und war von Geburt ein Corſe. Er nannte viele Mitſchuldige, Pepin, Morey und Boireau, die ſämmtlich gefan⸗ gen geſetzt wurden. Der ſummariſche Inhalt ſeiner Aus⸗ ſagen, in Bezug auf ſich ſelbſt und die Verbrecherthat, iſt folgender. Joſeph Maria Fieschi war, der Sohn armer Eltern, am 3. Dechr. 1790 zu Murato in Corſica geboren. Bis zum 18. Jahre war er Schäfer, wie es ſein Vater ge⸗ weſen. Im Jahre 1808 trat er in ein Bataillon, wel⸗ ches, in Dienſten der Großherzogin Eliſe Napoleon, nach Toscana ging. Später ward er nach Neapel in die dortige corſicaniſche Legion geſchickt. Er machte den Feldzug nach Rußland unter König Murat mit. Jung und feurig gab er hier Beweiſe großen Muthes und ward mit dem Orden der Ehrenlegion geſchmückt. Er war glücklich aus Rußlands Schneegefilden, von der Berezinanacht zurückgekehrt in ſein ſonniges Italien, ohne den Muth zu kühnen Wagniſſen eingebüßt zu ha⸗ ben. Er ſchloß ſich der Handvoll Soldaten an, mit denen Murat den Thron von Neapel wiedererobern wollte. Nachdem Murat fuſilirt war, drohte auch Fieschi Fieschi. 7 daſſelbe Loos. Doch gelang es ihm, zu entkommen und ſein Vaterland Corſica wieder zu erreichen. Nach ſolchen Wagniſſen lebte es ſich für den Aben⸗ teurer ſchlecht beim kümmerlichen Verdienſt von ſeiner Hände Arbeit. Er ward als betheiligt bei einem Ochſen⸗ diebſtahl vor die Aſſiſen geſtellt, ſchuldig erklärt und zu 10 Jahren Gefängniß verurtheilt. Fieschi erduldete dieſe volle Strafe im Gefängniß von Embrun. Als Oberkoch im Krankenhauſe angeſtellt, zeigte er ſich als ein hals⸗ ſtarriger, trotziger, ſtolzer Menſch, der auch hier ſchwer an Subordination zu gewöhnen war. Als er ſeine Freiheit erhalten, trieb er ſich in den Provinzen um, bis Paris wieder das Feld ſeiner Thä⸗ tigkeit ward. Hier fand er ſie, wie er ſie wünſchte: er ward ein rüſtiger Kämpfer in den Julitagen. Hier fand er auch eine alte Bekannte wieder, eine Witwe Laſſave, mit der er in Embrun gefangen ge⸗ / ſeſſen. Trotz der Strenge des Gefangenenreglements hatte die Liebe Mittel gefunden, die Schranken der inneren Kerkerverſchlüſſe zu umgehen. Im freien Paris gab es keine Schranken für Beider Neigung. Fieschi ſpielte den Großmüthigen gegen die Geliebte. Er ſchenkte mehr, als er ſelbſt beſaß. Er miethete unter dem Namen der Witwe Laſſave eine Wohnung, die er mit einigem Luxus ausſtattete. Aber die Liebe ohne Schranken ging über 3 ihr urſprüngliches Ziel hinaus. Die Witwe Laſſave ent⸗ 6 n in n d deckte zu ihrem Verdruß, daß Fieschi eine noch zärt⸗ lichere Neigung zu ihrer Tochter Nina Laſſave empfand und jagte ihn dafür aus ihrer Wohnung, wie aus ihrem Herzen und ihrem Umgang. Ohne Aſyl, ohne Brot, ohne Hülfsmittel, verſuchte it er als Polizeiagent ein Unterkommen zu erhalten. Der . Polizeipräfect Baude, früher Redacteur, dem die Juli— i R e Fieschi. revolution einen hiſtoriſchen Namen gemacht, wußte auch die Eigenſchaften eines ſolchen Mannes zu ſchätzen. Dieſe Unterſtützung fehlte ihm aber bald und er arbeitete eine Zeit lang in einer Fabrik von buntem Papier. Aber. er fand es gerathener, ſich ſelbſt Papiere zu eigenem 5 Gebrauch zu färben. Er fertigte ſich Certiſicate als politiſch von der Reſtauration Verfolgter an und ge⸗ wann dadurch einige Unterſtützung, auch eine kleine An⸗ ſtellung, die aber wieder nur kurze Zeit dauerte. Da, ohne alle Hülfsquellen und ſchon wegen Betrü⸗. gereien verfolgt, machte er Pepin's Bekanntſchaft. Pepin war ein nicht unvermögender Kleinhändler in der Rue du Faubourg Saint⸗Antoine. Er war ein alter Republikaner; die Vermuthung ſtritt bereits gegen ihn, daß er bei allen demokratiſchen Aufſtänden im Hin⸗ tergrunde betheiligt ſei. Wegen des Aufſtandes vom 5. und 6. Juni 1832, an dem er Theil genommen, war er ſchon einmal zum Tode verurtheilt geweſen. Der Caſ⸗ ſationshof hatte das Urtheil caſſirt. Mit Pepin gingen noch zwei politiſch verdächtige * Perſonen um, ein Arbeitsmann Boireau und ein Satt⸗ ler Morey. Fieschi machte auch deren Bekanntſchaft. Obgleich er wenig gelernt hatte, beſchäftigte er ſich doch gern mit mechaniſchen Arbeiten und Kunſtſtücken. Der Plan zu einer Höllenmaſchine war ihm ſchon lange im Kopfe umgegangen. Es ſollte zur Vertheidigung einer Feſtung dienen. Die Zeichnung, die er davon gefertigt und Pepin gezeigt, erregte die Aufmerkſamkeit deſſelben (ſagt Fieschi), deſſen Haß gegen die neue Regierung unerſchöpflich war. Pepin ſprach darüber mit Morey und Boireau. Man berieth ſich und verſtändigte ſich. Fieschi erhielt Geldunterſtützungen. Die Zuſammenkünfte wurden fort⸗ Fieschi. 9 geſetzt. Endlich kam man überein, Louis Philipp müſſe ſterben. Fieschi übernahm es, mittels der von ihm erfunde⸗ nen Maſchine den König vom Leben zum Tode zu brin⸗ gen. Nachdem ein Modell jener hergeſtellt war, machte man verſchiedene Verſuche. Der Erfolg ſchien unzweifel⸗ haft, und man ſetzte den Tag auf den 28. Juli 1835 feſt, wenn der König auf den Boulevards die Heerſchau über die Nationalgarde abhalten werde. Fieschi miethete das oben erwähnte Quartier auf dem Boulevard du Temple im Hauſe No. 50 Meubles brachte er nicht hinein, aber er bezahlte den Miethzins im vor⸗ aus und nannte ſich dabei Girard.* Von dem Augenblicke an kamen die Verſchworenen ſehr oft zuſammen. Pepin und Morey gaben Fieschi das benöthigte Geld, um die Maſchine ſelbſt vollkommen herzuſtellen. Boireau nahm nicht entſchieden daran Theil. Er ſchien die Sache als einen Spaß betrachten zu wol⸗ len. Fieschi aber arbeitete mit Feuereifer. Er hatte die Ausführung zu einer Ehren⸗ und Gewiſſensſache gemacht. Er ſelbſt kaufte alles zur Maſchine Nöthige ein, das Holz, die Flintenläufe, das Pulver, das Blei. Die Ma⸗ ſchine ſelbſt beſtand, die Beſchreibung iſt nicht deutlich, aus einem eichenen Kaſten oder Rahmſtück, das auf vier Ständern oder Sparren ruhte. Auf der Oberfläche befanden ſich vierundzwanzig Flintenläufe, die auf ſtarken Querbalken ruhten und in dieſelben eingeſchnitten waren. Es war nun ein doppelter Mechanismus angebracht. Einmal konnte man die ganze Batterie in die Höhe oder herunter ſchrauben; dann, mittels des hinterſten Querbalkens, die Batterie tiefer oder höher richten und viſiren. Ein Pulverfaden verband die Zündlöcher ſämmt⸗ licher vierundzwanzig Flintenläufe. — 10 Fieschi. Dies, wie angeführt, iſt der ſummariſche Inhalt von Fieschi's Geſtändniſſen über die Vorangänge der That, oder Das, was man als gewiß annehmen konnte. Daß man nicht Alles, was von den Lippen des lebhaften, vom ſanguiniſchen Blut der Südländer getriebenen Man⸗ nes kam, für Wahrheit nehmen konnte, daß in ſeinen Ausſagen nur Lichter aufzuckten, die freilich Vieles auf⸗ hellten, dafür aber deſto größere Dunkelkeit auf Anderes warfen, ergibt ſich aus dem Folgenden. Pepin, Morey und Boireau ſtellten alle Betheiligung in Abrede und ſuchten Fieschi als einen verworfenen Menſchen und un⸗ glaubwürdigen Schwätzer darzuſtellen. Durch dritte Zeu⸗ gen iſt über die Thatſache der Verſchwörung nicht viel ermittelt worden, wie denn überhaupt aus der Unter— ſuchung, die dem Gerichtsverfahren voranging, wenig der Oeffentlichkeit übergeben iſt. In der Anklage liegt die Vermuthung ausgeſprochen, daß Fieschi's Complicen ihrerſeits die Höllenmaſchine ſo überladen hatten, daß ſie durch Zerſpringen ihn ſelbſt tödte und ſie damit des Thäters, Mitwiſſers und möglichen Angebers erledigt würden. Pepin war es einmal, während man in ſeiner Woh⸗ nung eine Hausſuchung anſtellte und ihn dabei zuzog, gelungen, zu entſpringen. Zwei Monate hatte er ſich zu verſtecken gewußt, ward aber endlich in einer Pächterei in den Umgebungen von Meaux wieder eingefangen. Am 30. Jan. 1836 wurden Fieschi, Pepin, Mo⸗ rey, Boireau und ein fünfter ſchwächer Angeſchuldigter, Beſcher, vor den Gerichtshof der Pairs geſtellt. Auf die Frage des Präſidenten leugneten die vier Letzteren, wie ſie bis da gethan, und verharrten in Fieschi. 11 . dieſem Syſtem durch den ganzen Proceß. Sie ſtellten 3 Fieschi als einen unverſchämten Lügner dar, und es fehlte nicht an der Parteianſchuldigung, daß er von den Freunden des Regierungsſyſtems gedungen ſei, um durch ſeine Ausſagen dieſem verhaßte Männer und Anhänger . des republikaniſchen Princips zu verderben. Ernſtlich und mit der Hoffnung auf Erfolg konnte dieſes Verthei⸗ digungsſyſtem nicht gemeint ſein, galt es doch vielmehr nur den Schein retten, den Schein, den man doch noch d für wichtig hielt, daß die republikaniſche Partei nicht zu einem Mittel gegriffen, vor dem die öffentliche Stimme, der Reſt von Sittlichkeit, der in der Nation geblieben, ſich entſetzte. Fieschi verharrte bei ſeinen Geſtändniſſen. Er wie⸗ derholte ſeine Erzählung von Allem, was vorangegangen, . was während der That ſich ereignet, aber in dem leb⸗ haften, von einem Gegenſtande zum andern überſprin⸗ — genden Styl, den wir kennen lernen werden. Mehr als s zwanzig Perſonen hatten inzwiſchen das Leben in Folge t ſeiner Mordthat verloren, eine That, die er durchaus nicht zu rechtfertigen oder nur zu entſchuldigen verſuchte. Pepin vertheidigte ſich ſchwach. Bei jeder Angabe, welche Fieschi gegen ihn erhob, begnügte er ſich mit der u Erwiderung:„Herr Fieschi täuſcht ſich“. i Morey ſchien um den Ausgang des Proceſſes wenig bekümmert. Er ſprach wenig, gab nur auf die wichtig⸗ ſten Fragen Antwort und blieb dabei, daß Fieschi ein elender Kerl ſei, mit dem er nur in unbedeutenden Be⸗ ziehungen geſtanden. So auch die beiden Anderen. — Juerſt ward als Zeuge über den Vorfall ſelbſt ein Brigadier der Stadtſergeanten, Dorville, vernommen, welcher in der Suite des Königs geweſen. Seine Aus⸗ ſage iſt in der obigen Geſchichtserzählung enthalten und 8 Fieschi. wir entnehmen nur einige Züge daraus, die für die An⸗ ſchauung charakteriſtiſch ſind. „Nachdem ich den König bis zu dem Hauſe escortirt hatte, wo wir waren, doch von der andern Seite des Boulevard, ſah ich einen der Söhne des Königs, ich glaube, es war der Herzog von Orleans, der ſeinem Vater zur Linken ritt, plötzlich durch eine Bewegung ſeines Pferdes auf die Perſon ſeines Vaters zugedrängt. Von dieſer Berührung glitt der Hut des Königs von ſeinem Kopfe und der König konnte ihn kaum feſthalten, indem er ſchnell die Hand daran drückte. In dieſem Augenblicke machte das Pferd des Königs plötzlich Kehrt, dergeſtalt, daß der König der Nationalgarde, welche am Jardin Turc aufmarſchirt ſtand, den Rücken wandte. Kaum aber hatte das Pferd dieſe Bewegung gemacht, als ich einen furchtbaren Knall hörte, in Mitte deſſen man aber mehre einzelne Schüſſe unterſcheiden konnte. Dieſe Schüſſe kamen aus einem kleinen Fenſter unter— halb des Daches des Hauſes. Vom Fenſter hing eine Jalouſie halb herunter und ein dichter Rauch quoll aus ihr hervor. Ich ſah nur noch zwei Oberoffiziere zur Erde ſtürzen und einen Marſchall, deſſen Geſicht ganz mit Blut bedeckt war, wie er ſich auf ſein Pferd ſtützte, als ich augenblicklich auf das Haus ſtürzte.“ Hierauf folgen die uns bekannten Entdeckungen. Vom Präſidenten aufgefordert, Näheres anzugeben über Das, was ſich nach der Exploſion zugetragen, wie er verwundet worden und ob er zu Boden gefallen ſei, nahm Fieschi das Wort: „Nein, ich weiß beſtimmt, daß ich nicht gefallen bin, obgleich der Trumpf ein Bischen hart war. Ich fuhr nur mit der Hand an meine Stirn, und dann ſtützte ich mich an die Mauer, um zum Fenſter zu gelangen. m — —— Fieschi. 13 Den Strick ergriff ich noch und ſo ließ ich mich hin— unter. Die Perſon, die mich arretirt, habe ich vollkom⸗ men erkannt. Ich danke ihr recht ſehr, daß ſie mich nicht maltraitirt hat. Ich entſinne mich auch ſehr gut auf Alles, was im Billard vorging. Auf der Wache kriegte ich einen Fauſtſchlag von einem braven National⸗ gardiſten. Das vergebe ich ihm. Auch erinnere ich mich, als wir über die Brücke Louis Philipp kamen, wie ich da den Vorhang der Sänfte lüftete und ſprach:„Ach, wenn ſie mir nur was zu trinken gäben, das würde mir viel Schmerzen erſparen.“ Ich erkannte auch die Conciergerie, als wir dort eintraten, und da ſagte ich: Wohlan, hier gehe ich nicht wieder hinaus, als auf dem Wege zum Schaffot.“ Fieschi's Geſtändniß ward zum Theil durch das Zeug⸗ niß ſeiner Geliebten, Nina Laſſave, bekräftigt. In den erſten Tagen des April kam Fieschi zu ihr nach der Salpetrière, wo ſie angeſtellt war(employée), und ſagte ihr, ſie könne jetzt ungehindert ihn beſuchen. Er habe ſich auf dem Boulevard du Temple eine Woh⸗ nung gemiethet. Aber das erſte Mal möge ſie zu Pepin kommen und ihn dort aufſuchen. Sie begab ſich auch dorthin unter dem Vorwande, ein halb Viertelchen Zucker zu kaufen. Fieschi war im Laden und ging mit ihr aus. Am Sonntag vor dem Attentat ging ſie abermals zu Pepin, unter dem Vorwand, Kaffee zu kaufen. Fieschi war wieder im Laden und führte ſie dann in ſeine Woh⸗ nung. Sie ſah den Anfang der Maſchine, die am Fen⸗ ſter ſtand, und ſagte zu Fieschi:„Du arbeiteſt alſo wieder in deinem Metier?“ Er antwortete Ja, ſchien aber ſehr verſtört. Er nannte abermals einen andern Ort, wo ſie ſich treffen könnten, wie es auch geſchah. Dort forderte er aber Nina den Schlüſſel zu ſeiner 14 Fieschi. Wohnung wieder ab, den er ihr früher gegeben, indem er ſagte, ſein eigener wäre verdorben. „Am 27. Juli“, fuhr ſie fort,„ging ich wieder aus, um Fieschi zu beſuchen. Er war ausgegangen, aber er hatte hinterlaſſen, ich ſolle nur zu dem Mädchen Annette gehen, dort würde er mich aufſuchen. So geſchah es auch, aber er ſchien da über alle Maßen traurig. Er ſagte mir, er wäre leidend, er hätte die ganze Nacht nicht geſchlafen. Am andern Morgen ſolle ich ihn nicht wieder beſuchen, er würde zu mir in die Salpetriere kommen. „Am Dienſtag konnte ich nicht denken, daß er kom— men würde; ich ging alſo um 11 Uhr Morgens aus der Salpetriere mit der Frau Laroux, die dort dient, und ihrem kleinen Jungen, der 8 Jahre alt iſt. Sie wollte ihren Mann aufſuchen, der Nationalgardiſt iſt und den ſie beim Chateau d'Eau treffen mußte, und ich ging nach dem Boulevard du Temple, um zu Fieschi hinaufzuſteigen, deſſen ſeltſames Benehmen ſeit einigen Tagen mich wirklich beſorgt gemacht. Wir gingen ganz ſacht; das machte ſich aber von ſelbſt wegen der großen Hitze und des Kindes und weil Alles ſo voll war. „Es war ungefähr eine halbe Stunde nach Mittag, als wir auf dem Boulevard du Temple ankamen. Etwa dreißig Schritte war ich noch von Fieschi's Hauſe ent⸗ fernt, als wir ein furchtbares Geräuſch hörten. Alles war entſetzt. In den Menſchenhaufen ſagte man ſich überall, daß man auf den König geſchoſſen hätte, und daß die Schüſſe aus der dritten Etage eines Hauſes kamen, welches dicht am Caft Mille Colonnes wäre und grad gegenüber dem Jardin Turc. Da hatte ich im Augenblicke eine furchtbare Vorahnung. Fieschi's ver⸗ wirrtes Anſehen in letzter Zeit, wie er immer zu hin⸗ 7— Fieschi. 15 dern wußte, daß ich nicht zu ihm hinaufſteigen ſollte, alles Das kam mir plötzlich zu Sinn und ich zweifelte kaum mehr daran, daß er es ſei, der das Verbrechen begangen hätte. „Um mich davon zu überzeugen, drängte ich mich vor, bis nahe an ſeine Wohnung. Leute zeigten mir das Fenſter, aus welchem die Schüſſe gefallen, und— es war Fieschi's Zimmer! Man ſagte zugleich, daß der Mörder ſelbſt ſchon umgekommen wäre, indem einige Flinten im Innern ſeiner Stube geſprungen ſeien. „Einen Augenblick hatte ich den Kopf verloren. Fieschi war ja meine einzige Stütze. Meine Mutter hatte mich ſchon ſeit länger verlaſſen. Die Größe ſeines Verbrechens machte mich erſtarren. Einen Augenblick hatte ich den Gedanken, man könne mich verfolgen, weil ich ja ſeine Geliebte war. Dieſer Gedanke ver⸗ folgte mich noch eine gute Weile. „Ich lief nach der Rue Saint⸗Sebaſtien zu Annette. Sie wußte ſchon davon, und als ich ſie bei Seite zog und ihr meine Vermuthung mittheilte, hatte ſie, nach Dem, was ſie gehört, ebenfalls gleich gedacht, das könne nur Girard ſein. Annette empfahl mir auf die Seele an, daß ich ſtill ſein ſolle, und tröſtete mich, daß man vielleicht gar nicht wiſſen werde, daß ich ſeine Geliebte ſei. Ein paar Augenblicke mußte ich im Hinterflur aus⸗ ruhen, um wieder zu mir ſelbſt zu kommen, denn ich war halb todt, als ich ins Haus ſtürzte. Nun ſagte ich ihr, ich wollte in die Salpetriere zurück, um meine Sachen zu holen, und dann möchte ſie mich doch nur dieſe Nacht bei ſich aufnehmen. Sie willigte auch ein, nachdem ihre Herrin es ihr erlaubt. Dann ſtürzte ich nur ſo nach der Salpetrière zurück, wechſelte das Hemde, indem ich das vom Hauſe zurückließ, ſchnürte mein 16 Fieschi. kleines Bündel und eilte, daß ich nur wieder zu An⸗ nette käme, wo ich mich allein für ſicher hielt, und bei ihr bis am andern Morgen blieb, ohne nur den Kopf zur Thüre hinauszuſtecken. „Mittwoch um 9 Uhr Morgens ging ich auf ein Leihhaus, um ein Paar Ohrringe zu verſetzen, denn ich hatte auch keinen Sou, um mir nur fünf Francs zu verſchaffen. Am Mittag ging ich dann in die Wohnung des Herrn Morey, Rue Saint⸗Victor No. 23. Und nun muß ich ſagen, warum ich zu dieſem Herrn ging. „Es ſind nun zwei Jahre, daß ich ihn mehrmals in der Wohnung meiner Mutter geſehen, als wir mit Fieschi zuſammen in der Rue Croulle Barbe wohnten. Am Montag hatte ich ihn auch mit Fieschi auf dem Boulevard geſehen; und da ich keinen andern Menſchen kannte, der mit Fieschi Verbindungen hätte, da dachte ich, ich würde doch bei ihm einigen Rath und Troſt finden. Ich ſtieg eine Treppe hinauf und da fand ich ihn auch. Ich war ganz in Thränen und er ſagte: „Nun, was gibt es denn?“— Ich erwiderte:„Ach, Sie wiſſen es eben ſo gut als ich.“— Da ſagte er: „Alſo Fieschi iſt's, der den Schuß gethan? Iſt er todt?“— Ich erwiderte:„Man ſagt, ſo wäre es. Sie waren mit ihm am Montage?“—„Nein“, ſagte er; ausgegangen bin ich am Montage, aber mit ihm kam ich nicht zuſammen.“—„Warum“, erwiderte ich,„ſu⸗ chen Sie mir das zu verbergen? Ich habe Sie ja mit meinen eigenen Augen geſehen. Sie waren mit Fieschi in einem Caft auf dem Boulevard.“— Da ſagte er: „Ja, das iſt wahr.“ Ich ſetzte ihm auseinander, wie unglücklich ich wäre, daß ich nicht wüßte, was aus mir werden ſolle; ach, ich konnte vor Thränen nicht ſprechen. Fieschi. 17 „Da ſagte er mir nach einigen Augenblicken:„Ge⸗ hen Sie nach der Barrière du Trone, erwarten Sie mich dort; wir wollen dann miteinander ſprechen.“ Nina Laſſave, früher verhaftet, weil ſie durch ihr Benehmen und ihr Verhältniß zu Fieschi verdächtigt ſchien, iſt nächſt Fieschi die Hauptzeugin, um gegen Pepin und Morey die Anſchuldigung, die Jenes Ge⸗ ſtändniß auf ſie geworfen, zu kräftigen. Die übrigen vernommenen Zeugen bekundeten nur ſo unbedeutende Details, daß die ſpäteren Berichte über dieſe Hochver⸗ rathsproceſſe es nicht mehr der Mühe werth hielten, ſie aufzunehmen. Das Hauptgewicht der Anklage ruhte in Fieschi's Geſtändniß, auf die Glaubwürdigkeit deſſel⸗ ben kam Alles an; es lag daher der Anklage und der Vertheidigung ob, im Deductionswege daſſelbe zu ver⸗ theidigen und anzugreifen. Der Proceß nahm vierzehn Sitzungen in Anſpruch. Martin du Nord trat als Generalprocurator auf. Par⸗ quin ſprach als Vertheidiger Fieschi's, eine Rolle, die, ſeltſamerweiſe, in dieſem Proceſſe eher die eines An⸗ klägers genannt werden muß, denn indem er die Glaub⸗ würdigkeit ſeines Clienten zu verfechten hatte, war ſeine von den Verhältniſſen bedingte Aufgabe, die Schuldbar⸗ keit ſeiner Complicen ans Licht zu bringen. Parquin ſchloß ſeine Rede, die als ein Meiſterſtück betrachtet wurde, folgendermaßen: „Nehmen wir an, daß Fieschi fortwährend ſtumm geblieben wäre, daß er auf keine Fragen ſich eingelaſſen, keine Mitſchuldigen genannt hätte, und daß er heute, allein auf dieſe Bänke geführt, ausriefe:„Ich habe Mitſchuldige, aber ich will ſie nicht nennen. Ich nehme 18 Fieschi. mein Geheimniß mit ins Grab. Wenn man es aber durchaus wiſſen will, wohlan, ich will es verkaufen: der Preis iſt mein Leben. „Iſt da Jemand unter Ihnen, der zweifelt, daß die Behörden vor der Höhe dieſes Preiſes zurückſchrecken würden? daß Sie es vorziehen würden, den Kopf die⸗ ſes armſeligen Menſchen fallen zu ſehen, ſtatt des grö⸗ ßern Vortheils, dafür alle Verzweigungen eines unge⸗ heuern Complottes zu entdecken? „Meine Herren, Fieschi war größer und großmüthi— ger. Als er die Wahrheit ſagte, geſchah es, ohne daß er eine Belohnung forderte, ohne daß ſie ihm verheißen war. Nicht ein flüchtiges Wort kam von ſeinen Lippen, daß er eine ſolche Hoffnung hege. Im Gegentheil, er hat proteſtirt, immerfort, in allen Verhören und Unter— redungen, und er proteſtirt auch noch dagegen, daß ihm Gnade gewährt werde. Sollte nun ſein Schickſal der Theilnahme weniger werth ſein, weil er freiwillige Ent⸗ hüllungen gemacht hat, weil er, mit dem Willen, das Schreckliche, was er verübt, was an ihm, auszugleichen, der Behörde den Weg gezeigt und der Juſtiz in ihren Nachforſchungen geholfen hat? Wenn er feigerweiſe darum gehandelt hätte, würde man ihm das Leben ge⸗ laſſen haben. Und dieſes Leben, gegen das er die aller⸗ tiefſte Verachtung zeigt, ſollte man ihm nun wirklich entreißen! „Nein, meine Herren, das wäre nicht Gerechtigkeit, das wäre nicht Billigkeit! Ich ſetze noch hinzu: Es wäre eine Lehre für künftige Verbrecher.“ Aber Fieschi wollte wirklich nicht gerettet werden. Er verſtand vollkommen, was ſein Vertheidiger bezweckt, und ergriff darauf das Wort: „Ehrenwerthe Pairs! Geben Sie nicht Achtung auf Firschi. 19 die Fehler meiner Sprache. Ich will mich ſchon ver⸗ ſtändlich machen, ſo gut es geht. Ich fühle mich glück⸗ lich, daß ich bis heute gelebt habe. Morgen kann ich ſterben. Ich kann Ihnen gar nicht ſagen, wie es mich frzut, wie ich zufriedengeſtellt bin, daß ich den heutigen Tag noch erlebt, daß ich meine Mitſchuldigen angegeben und daß ich das Vergnügen habe, meinem Vaterlande nützlich geworden zu ſein. Aber was Großes kann ich weiter nicht ſagen, nachdem meine Advocaten Alles aus⸗ geſprochen haben. „Ich war Soldat. Sie haben meine Dienſtzeugniſſe darüber. Ich habe die Feldzüge in Calabrien und Sici⸗ lien mitgemacht. Ich wurde gefangen genommen und nach Malta geführt. Aber ich entwiſchte und kam wie⸗ der zur Armee, um mit ihr den furchtbaren Feldzug in Rußland zu machen. Da gewann ich das Kreuz auf dem Schlachtfelde; es ſoll mich ins Grab mit begleiten. Die Advocaten meiner Complicen haben mich kurz und klein gehackt. Ich verzeihe es ihnen. Das iſt meine Schuldigkeit. Ich wünſche auch, daß ich ganz allein aufs Schaffot gehe, denn Niemand kann mich davon losmachen. „Sieben Jahre war ich in Embrun Gefangener. Ich habe mich als ein rechtſchaffener Menſch aufgeführt. Ich habe mir das Vertrauen meiner Obern erworben. Man wird mich fragen, wie, wenn ich mich gut aufge⸗ führt, ich zu zehn Jahren Gefängniß kam? Ja, man wußte, daß ich ein geſchickter Kerl war, und daß man mich darum nun einmal verfolgen wollte, während man Leute, die ſich beſtrafen ließen und nachher ihre Obern guälten, auf Gnadenwege laufen ließ, um ſie nur los zu werden: laß dich hängen, wo du willſt.“ „Die Frau Petit, ſage ich Ihnen, wird es ihr 20 Fieschi. ganzes Leben gereuen, daß ſie gegen mich ausgeſagt hat. Ich habe ſie geliebt, ich liebe ſie noch, und doch hat ſie mich ohne Hemde, ohne Hülfe, ohne fünf Sous in der Taſche aus dem Hauſe gejagt. Ich traf einen guten alten Mann, der hat mich an ſeinem Tiſche ernährt und mich gehütet. Das Herz möchte mir platzen, daß ich gezwungen bin, gegen ihn auszuſagen. Ich habe es nicht aus Rache gethan. Aber wenn Sie Mittags ein brennendes Licht in die Sonne ſetzen, ſo können Sie es nicht mehr anzünden, als es ſchon iſt. Der Stärkſte trägt den Sieg davon. Ich habe nur mein Vaterland geſehen. Leute, die, wie ich, bis Moskau geweſen ſind, kennen die Tyrannen anderer Länder. Aber darauf will ich mich gar nicht einlaſſen. „Ich habe niemals Ruhe an einem Orte. Ich ſitze mich niemals. Ich eſſe ſelbſt im Stehen. Iſt das nun ein Fehler? Iſt's eine Tugend? Ich ſage es nicht, aber es iſt ſo: Eines Tages, als ich bei Morey ſpeiſte, ent⸗ warf ich den Plan zur Maſchine. Morey nahm das Ding an ſich und zeigte es⸗Pepin. Was hilft's, das Schaffot erwartet mich, und ich werde mit feſtem Schritt hinaufſteigen. „Pepin und Morey gehörten zu republikaniſchen Ge⸗ ſellſchaften. Aber ſie waren ſchon vor dem 28. Juli unter ſich einig, ſie wollten glauben machen, daß der Schlag von der karliſtiſchen Partei ausginge. Man hat Ihnen geſagt, Alles an mir wäre Verſtellung; aber um den Titel nicht zu verdienen, müßte ich ja ein Plapper⸗ maul ſein, wie der Lump, der Boireau. Der ſchwatzt freilich ſein Geheimniß allen ſeinen Freunden aus, und er zählt ſie nur nach Dutzenden. Was mich betrifft, ſo glaube ich, man muß nur an einen einzigen Freund, an ſeinen Advocaten oder an ſeinen Beichtvater ſein Ge⸗ i A (⸗ Fieschi. 21 heimniß vertrauen. Meine feſte Meinung iſt, daß die geheimen Geſellſchaften von dem Schlage vorauswuß⸗ ten. Ein Liedlein will ich darüber nicht ſingen, denn ich bin nicht Dichter. „Damit ſah es nun ſchlecht aus, wie man Fieschi geholfen hat. Morey iſt gut, großmüthig; aber es muß mit dem Schießen losgehen, dann weicht er nicht zurück. Was Pepin anlangt, der kann ſelbſt keinem Kinde den Finger krümmen. Der muß einen Andern haben, der ihm die Kaſtanien aus dem Feuer holt. „Nun komme ich zu meinem Unglück. Am letzten Tage war ich traurig, niedergeſchlagen, gar kein ange⸗ nehmer Gedanke kam mir zu Sinn. Die Unterhaltung hatte nichts Reizendes für mich. Das Leben war mir verſauert, der Schlaf ſelbſt unruhig. Aber ich hatte ein⸗ mal mein Wort gegeben, und was ich verſprochen, führte ich aus. „Mein Kopf iſt zerſchellt worden, aber ich habe Ihnen doch die Wahrheit geſagt. Meine Complicen wer⸗ den ſie auch ſagen, wie ich, denn es wird ſich in ihnen ſchon löſen. Was mich anlangt, ſo weiß ich nur etwas, das iſt, daß mein Vaterland und die Welt wiſſen, daß ich die Wahrheit geſagt habe. Wenn Morey mit Abſicht einige Flintenläufe überladen hat, ſo vergebe ich ihm. Habe ich mich getäuſcht, indem ich das glaube, ſo verzeihe er mir. Ich habe nur meine Schuldigkeit gethan. „Sehen Sie, meine Herren, dieſe zerſchmetterte Hand, dieſen Kopf, aus dem man ganze Stücke genommen hat. Wenn ich gewollt, hätte ich ein Mittel gehabt, um zu ſchlafen, wenn ich will. Ich hätte mich ja nur zu ver⸗ giften brauchen; ich hätte ja nur gebraucht mich gehen zu laſſen und ein Gehirnfieber hätte mich fortgerafft. 22 Fieschi. „Als ich Herrn Lavocat ſah, meinen Wohl⸗ thäter, da ſenkte ich die Maſchine. Es hat Opfer genug gekoſtet, es hätte aber noch mehr gekoſtet. Noch einmal in mein Gefängniß! Ich ſagte zu mir: Fieschi, Du gehſt von hier aus nicht anders fort als auf das Schaffot. „Man hat geſagt, ich wäre gebrandmarkt worden, gebrandmarkt!— Armer Fieschi! ich bedaure dich! Aber iſt denn mein Herz auch gebrandmarkt?— Uebrigens vergebe ich ihnen, aber— meine Herren Pairs, Sie werden ſehen, wer die Wahrheit geſagt hat! „Auf meinem ſtürmiſchen Lebenswege finde ich zwei Straßen, zwei Verzweigungen— ich wählte die ſchlechte, die, welche mich in achtundvierzig Stunden auf das Schaffot führte. Ich werde mit Muth gehen, um mein Verbrechen zu ſühnen. Aber ich fordere Gnade für meine Mitſchuldigen. Nochmals, der gute Alte da iſt nicht zu fürchten. Pepin, den will ich vernichten, er ſoll nicht mehr wagen, das Haupt zu erheben. In den Juliangelegenheiten hatte er ſich, das iſt wahr, einen Ruf gemacht. Aus ſeinem Hauſe hat man viel(auf die Truppen) geſchoſſen; aber ich glaube nicht, daß er ſelbſt mit geſtritten hat, denn Pepin und die Furcht können ſich nun einmal nicht trennen.(Hier konnte ſich der Pairshof eines herzlichen Gelächters nicht erwehren.) „Er iſt glücklich, daß er einen Vater gehabt, wel⸗ cher vor ihm zur Welt kam und, als er aus der Welt fortging, ihm einige Sous zurückließ. Auf dieſe Weiſe hat er in ſeinem Revier ſich eine Art Namen gemacht. Denn der Arbeiter ſtimmt immer für Den, der ihm etwas zu verdienen gibt. Er trägt die Julidecoration; aber ſtraf mich Gott, wenn er auch nur einmal auf den Barrikaden ſich ſehen ließ. Da hat's keine Noth. hl⸗ fer chi, das en, ber ens Sie wei te, das ein füt iſt er den nen die lſt nen der el⸗ elt iſe ht. hm n auf Fieschi. 23 Ich fordere nochmals Gnade für meine beiden Compli⸗ cen, denn Boireau iſt es nicht. Für mich fordere ich keine Gnade, denn ich werde auf Erden nicht mehr glücklich ſein. „Ich habe immer den Tod als ein allgemeines Ge⸗ ſetz betrachtet. Als die Natur uns machte, ſprach ſie nicht: Du wirſt lange leben. „Was mich anlangt, habe ich die Wahrheit geſagt. Ich fordere nur Etwas. Wenn man mir mein Urtheil lieſt, vielleicht geſchieht es in vierundzwanzig Stunden, da ſoll der Gerichtshof nur zu mir ſagen: Du haſt die Wahrheit geſagt, das Geſetz verdammt dich zur To⸗ desſtrafe. „Ich bin ein großer Sünder. Aber hören Sie nur noch zwei Worte von mir an. Das Verbrechen, welches ich beging, verſchonte glücklicherweiſe den König und ſeine Söhne. Mitten unter den Todten und Sterbenden, die ihn umgaben, hat er den Muth gehabt, weiter zu reiten, er hat ſeinen Söhnen das Beiſpiel gegeben. Der Franzos liebt die Muthigen. Darum hat er Napo⸗ leon ſo geliebt. Alle Napoleoniſten ſind heute um das Nationalbanner verſammelt. „Noch einmal zum Schluß: Ich fordere Gnade für meine beiden Complicen. Der eine iſt ein armer Greis, der andere iſt nicht zu fürchten. Nun habe ich Alles geſagt. Wenn's zum Schaffot geht, werde ich mit ſchnel⸗ len Schritten gehen, ich werde meine Seele Gott em⸗ pfehlen und Frankreich wird ſehen, daß ich zu ſterben weiß.“ Eine ſeltſamere und merkwürdigere Rede hat der Pairshof wol niemals in einem Criminalproceſſe gehört. Durch das Aufgeblaſene und Lügenhafte dringt indeß der Kern und Stamm einer innern moraliſchen Wahr⸗ 24 Fieschi. heit hervor, über welche der Pſychologe nicht in Zweifel ſein wird. Die Debatten waren geſchloſſen. Der Pairshof trat zur Berathung zuſammen. Das Urtheil fiel dahin aus: Fieschi, Morey und Pepin wurden zum Tode verur⸗ theilt, Boireau zu 20 Jahren Einſperrung, Beſcher ward losgeſprochen. Die drei zum Tode Verurtheilten hörten ruhig ihr Todesurtheil verleſen, Fieschi beſonders mit der ruhig⸗ ſten Miene von der Welt. Aber als man ihm nach der Verleſung die Zwangsjacke anlegen wollte, brach ſeine ganze corſicaniſche Heftigkeit heraus. Er beklagte ſich bitter: „Man fürchtet, daß ich mir ans Leben will!— So ſchlecht kennt man mich!.... Ich will ja auf dem Schaffot ſterben, um Anderen zum Beiſpiel zu dienen! Ich will ihnen eine Hinrichtung zeigen, wie ſie nie eine geſehen haben!.... Das Wort eines Corſen iſt heilig.... Wahrhaftig! Wenn man mir die Thüren meines Gefängniſſes öffnete und mir ſagte: ſtelle dich morgen ein um 10 Uhr an der Barrière Saint⸗ Jacques zu deiner Hinrichtung, meine Herren.... ich würde da ſein ſchon um auf 10 Uhr.... o, meine Herren, ich bitte, ich flehe Sie an, befreien Sie mich von dieſer Zwangsjacke, es iſt die einzige Gnade, um die ich Sie erſuche.“ Fieschi hatte ſich durch ſeine Aufführung viele Gön⸗ ner erworben. Der Mörder und Bandit war ſogar, was man beiden vorwarf, das gehätſchelte Lieblingskind der Juſtiz und Regierung geworden, welche ihn hin⸗ richten ließ. Vor allem begünſtigte ihn Herr Lavocat, it ne m Fieschi. 25 ein Bürger, der in den erſten Jahren der Julidynaſtie bei derſelben eines großen Anſehens genoß. Lavocat, was wir aus Zeitungsnachrichten uns erinnern, hatte Fieschi vor dem Attentat kennen gelernt; er war ſein Wohlthäter geweſen. Daß der Anblick dieſes Mannes in der Umgebung des Königs(als oberer Offizier der Nationalgarde) den Mörder beſtimmte, das Mordwerk⸗ zeug anders zu richten, um nicht auch ſeinen Wohl⸗ thäter zu treffen, wiſſen wir wenigſtens aus Fieschi's Rede. Lavocat's moraliſcher Einfluß dürfte dazu bei⸗ getragen haben, den Mörder ſo bald zu einem Geſtänd⸗ niſſe zu bewegen. Jetzt war er es, der mit Parquin und Chaix d'Eſt⸗Ange auf die Bitten ihres Schützlings einging. Sie verbürgten ſich beim Polizeipräfecten da⸗ für, daß Fieschi ſich kein Leides anthun werde, und er⸗ wirkten darauf die Vergünſtigung, daß ihm die Zwangs⸗ jacke erlaſſen ward. Pepin ſchien bei der Verleſung von einem hitzigen Fieber ergriffen, aber er unterwarf ſich, ohne einen Laut von ſich zu geben. Morey hörte es an mit einer halb gleichgültigen, halb verächtlichen Miene. Boireau aber, der nur zu 20 Jahren Gefängniß verurtheilt war, fiel während der Verleſung in Ohnmacht. Der 16. Februar 1836 war zur Hinrichtung beſtimmt. Man führte die drei Verurtheilten in den Saal, wo die üblichen Vorbereitungen ſtattfanden. Fieschi erſchien zuerſt mit ſeinen Wächtern. Er trug blaue Pantalons und eine wollene Weſte, auf dem Kopfe eine ſchwarzſeidene Mütze. Er ging leichten Schrittes, den Kopf aufrecht, und ließ ſeine Augen aufmerkſam umherfliegen, als er ſich auf die Bank der Verurtheilten niederſetzte. Man bemerkte gegen ihn: ob er denn keinen Ueberrock habe?—„Warum das?“— Weil es kalt XV. 2 26 Fieschi. iſt.—„Ah, bah, ich werde nicht lange zu frieren ha⸗ ben. Aber Ihr habt Recht, holt mir einen Ueberrock. Aber nehmt alles Geld heraus, laßt ja nichts in den Taſchen.“ Als man ihm die Hände auf den Rücken band, bat er, man möge nicht zu ſtark ziehen.„Zu ſtark!“ wieder⸗ holte er mehre Male.„Ich muß mich frei bewegen kön⸗ nen. Es iſt zu ſtark, ſage ich Euch, Ihr thut mir weh.“ Als einer der Häſcher den Strick bereit hielt, um ihm die Füße zu binden, ſagte er:„Sieh mal, ich habe ge⸗ rade dieſe Nacht geträumt, daß Du es ſein würdeſt, der mir die Beine feſſelte.“ Während der ganzen trau⸗ rigen Vorbereitungen ſtockte Fieschi's Zunge keinen Au⸗ genblick. Mit einer merkwürdigen Geläufigkeit richtete er ſeine Fragen und Bemerkungen gegen einen Jeden, der ihm zu Geſicht kam:„Ah, biſt Du's, Pruſſien“, rief er einen der Wächter an;„Du, Du, das iſt nicht gut.... Und auch Du, Petit, der immer mein Freund war, Du willſt mich ſehen, wie ſie mich anbinden?.... Hol Dich— warte! Alle dieſe Herren, die hier ſind, thun es, weil's ihre Pflicht iſt; aber Du, das iſt nicht Dein Platz. Pack Dich, Guter.“ Nachdem dieſe Vorbereitungen beendet, erhob ſich Fieschi und ließ ſeine Augen umherwandeln:„Meine Herren“, ſprach er,„ich nehme Sie Alle zu Zeugen, daß ich meinen Kopf Herrn Lavocat vermacht habe. Ich habe es ſchriftlich hinterlaſſen, und ich denke, daß das Geſetz ſo weit ſür mich iſt, daß mein Wille geachtet wird.... Wo iſt nun Der, der meinen Kopf aufnehmen wird? Ich erkläre ihm hiermit feierlich, daß er nicht ihm gehört, ſondern Herrn Lavocat.... Ja, mein Kopf gehört Herrn Lavocat— meine Seele Gott, mein Leich⸗ nam der Erde.“ ——————————— 1——— N 5— JFieschi. 27 oc. Kaum hatte Fieschi dieſe Worte ausgeſprochen, als der Executor ihn beim Arm faßte und nach dem Wagen führte. Er bat ihn, Platz zu nehmen.„Aber laſſe man bat doch erſt die Andern kommen“, ſagte Fieschi mit einem er⸗ ſardoniſchen Lächeln,„und gebe ihnen ihren Platz vor ön⸗ mir. Ich muß ſie doch ins Auge faſſen.... Es iſt ja h“ mein Banquet hierin.“ hm Da nahte ſich ihm der Abbé Grivel. Kaum hatte ge Fieschi ihn erblickt, als er lebhaft ihm das Geſicht ent⸗ eſ, gegenhielt, mit dem unverkennbar ausgedrückten Wunſch, au⸗ ihn zu umarmen, wenn ſeine gebundenen Arme es er⸗ lu⸗ laubten. Der Geiſtliche drückte ihn ans Herz, mehre ete Male, und ſo innig, daß alle Anweſenden gerührt wa⸗ en, ren. Als Fieschi Thränen in den Augen des Abbe ſah, rief er:„Und Sie weinen! Alſo muß ich Ihnen wol cht Muth zuſprechen?.... Muth, Muth! ich bin glücklicher nd als Sie. Ich ſterbe ohne Furcht!“ 45 Morey, der zunächſt vorgeführt wurde, benahm ſich w wie beim Urtheilsſpruch ruhig, gelaſſen, faſt verächtlich. iht Pepin war ſchwach während der Debatten geweſen; jetzt zeigte er ſich zum erſten Male voller Energie. Er ſch warf ſeinen Ueberrock und ſeine Halsbinde ab, ohne die int Pfeife, die er rauchte, fortzulegen. ,„Mein alter Morey“, ſprach,% ſo ſcheint es denn, 3 daß wir miteinander in die andere Welt hinübermüſſen.“ dai„Ein wenig früher, ein wenig ſpäter, was thuts“, entgegnete Morey.— nen Pepin's Augen trafen Fieschi:„Ah, ſieh da, Fieschi“, ict ſagte er lächelnd,„Du biſt zufrieden. Nicht wahr, Aug in Aug mit Deinem Freunde(auf ſich deutend), Deinem Schlachtopfer. Höre, nur zwei Dinge kümmern mich. Das erſte iſt: daß ich in Geſellſchaft eines ſo ſcheuß⸗ . lichen Ungeheuers von Deinem Gepräge ſterben muß; 28 Fieschi. das zweite: daß ich vor dem Gerichtshof ordentlich auf die Lügen geantwortet habe, die Du gegen mich vorge⸗ bracht. Man hat das für Schwäche im Publicum ge⸗ nommen. Man hat geſagt, daß es mir an Muth fehle, daß ich Furcht hätte,— ich Furcht!.... Ach, könnte ich noch einige Zeit leben, ſo hätte ich nur ein Verlan⸗ gen, einen Gedanken, ich könnte mir nur einen Wunſch bilden, das wäre, einen Tiger, wie Du, vor mir zu haben und ein geſchloſſenes Kampffeld.... Ich Furcht! — Aber ich werde es den Leuten bald zeigen, die das geglaubt haben, die das geſagt haben, die mich ver⸗ leumdet haben.... Ich habe nur ein Unrecht begangen, ich habe Dir Almoſen gegeben, und ich habe das vor der Juſtiz abgeleugnet.... Für mich naht ſich die Stunde der Befreiung; für Dich wird es die Stunde der himm⸗ liſchen Rache ſein, die Du ſo lange verhöhnt haſt.“ Fieschi wollte antworten, der Abbé Grivel verhin⸗ derte es.. Um 7% Uhr war Alles fertig, die Verurtheilten er⸗ hoben ſich. „Meine Herren“, ſprach Pepin, die Pfeife noch immer im Munde,„Fieschi's Verbrechen liegt in Fieschi ſelbſt... Hier ſind keine andern Schuldigen als er allein.“ „Ich habe meine Pflicht gethan“, erwiderte Fieschi. „Alles, was ich bedaure, iſt, daß ich nicht noch vierzig Tage gelebt habe, um viele Dinge niederzuſchreiben.“ „Ja“, entgegnete Pepin,„da ſieht man die Wir⸗ kungen aller der Hätſcheleien und Liebkoſungen, mit denen man dieſen elenden Kerl ſeit ſeiner Verhaftung überhäuft hat; man hat ihn belobt, ihm geſchmeichelt, als Lieblingskind behandelt, und er hält ſich nun für eine große Perſon, einen erhabenen Charakter, er, der nur ein Skorpion iſt. Die Art, wie man dieſe Sache net i ig r⸗ ſit ng lt, der Fieschi. behandelt hat, iſt wahrhaft erſchrecklich. Ich könnte außer mir gerathen über das ungeſetzliche Verfahren, aber ich habe in dieſem Augenblicke Anderes zu thun.— Laſſe man ihm doch, was er fordert, laſſe man ihn als Almoſen die vierzig Tage leben; ich will mich nicht des⸗ halb beklagen. Ich für mich wahrhaftig begehre nicht ſolcher Gunſt.“ Es iſt bekannt, daß ſich in Paris Fremde und Ein⸗ heimiſche drängten, etwas von dem Original Fieschi zu ſehen und als Erinnerung zu erhaſchen. Namentlich war unter Engländern Nachfrage nach ſeiner Handſchrift. Er fertigte immer neue Billets auf Anfrage und verkaufte ſie zu guten Preiſen. Darauf bezieht ſich Pepin's Be⸗ merkung. Die Stunde zur Hinrichtung ſelbſt war inzwiſchen erſchienen. Man führte die Verurtheilten in ihre Wagen, und bald ſtanden ſie am Fuße des Schaffotes. Der Polizeicommiſſarius Vaſſel, der eine beſtimmte Miſſion ad hoc erhalten, trat jetzt auf Pepin zu, wel⸗ cher ebenfalls von ſeinem Beichtvater begleitet war. Die Sitte unter den Republikanern in Paris hatte damals gewechſelt: ſie wieſen den geiſtlichen Zuſpruch nicht mehr von ſich. „Herr Pepin“, ſagte der Commiſſar,„Sie ſtehen vor dem letzten, feierlichſten Augenblicke Ihres Lebens. Sie haben keine Rückſichten mehr, keine Intereſſen zu beachten. Sie haben die Pflicht und Aufgabe, die ganze Wahrheit zu ſagen. Ihr Beichtvater wird Ihnen dieſe Pflicht ans Gewiſſen gelegt haben. Haben Sie nun noch Enthüllungen zu machen, ſo iſt man bereit, Sie zu hören.“ Pepin erwiderte mit der Zuverſicht, die ihn keinen Augenblick verlaſſen hatte: „Ich habe nichts hinzuzuſetzen zu Dem, was ich ſchon — 30 Fieschi. geſagt. Ich hahe Alles geſagt, was ich zu ſagen hatte. Ich ſterbe unſchuldig; das Opfer niederträchtiger Machi⸗ nationen. Das Verbrechen, welches dieſer Auswurf began⸗ gen, dies Verbrechen iſt ſo abſcheulich, daß es allerdings in uns ſich ſträubt, zu glauben, daß ein— Menſch es hätte ausſinnen und ausführen können.... Und doch liegt darin die Wahrheit.... Aber genug. 66 iſt ſchon übergenug davon geſprochen. Der große Richter erwartet uns. Ich bin bereit, vor ihm zu erſcheinen.“ So ſprach Pepin, mit einem Fuß auf dem Schaffot. Mit jenen Worten übergab er ſich dem Scharfrichter. Wenige Augenblicke darauf fiel ſein Haupt. Die Scharfrichtergehülfen bemächtigten ſich darauf Morey's. Die letzten Worte deſſelben waren:„Mein Gott! So geht es denn wirklich zu Ende!“ Fieschi war der Letzte. Es trat feſten Schrittes vor und bat um die Erlaubniß, die Menge noch einmal anreden zu dürfen. Vaſſel erlaubte es ihm, doch unter der Bedingung, ſich ſo kurz als möglich zu faſſen. Fieschi ſtieg nun mit außerordentlicher Schnelligkeit die Stufen hinauf. Oben nahm er die Stellung eines Red⸗ ners an und mit kräftiger Stimme ſprach er die Worte: „Ich werde nun vor Gott erſcheinen. Ich habe die Wahrheit geſagt. Ich ſterbe zufrieden. Ich habe mei⸗ nem Lande einen Dienſt gethan, indem ich meine Mit⸗ ſchuldigen angab. Ich habe die Wahrheit geſagt und keine Lüge. Ich rufe den Himmel zum Zeugen an. Ich bin glücklich und zufrieden. Ich bitte Gott und alle meine Mitmenſchen um Verzeihung, vor allem aber Gott. Ich bedaure mehr Die, ve durch mich ums Leben kamen, als mein eigenes Leben.“ Dann wandte er ſich raſch um und kieferte ſcch in die Hände des Scharfrichters. * Fieschi. 31 So ſprach Fieschi— ſchon auf dem Schaffot. Wer ſprach die Wahrheit, Pepin oder Fieschi? Ein Mittelweg ſcheint kaum denkbar. War in Pepin Alles, auch dieſer letzte feierliche Moment, Kunſt, hervorgegan⸗ gen aus dem Fanatismus, ſeine Partei nicht zu ver⸗ rathen, ſich ſelbſt in ein ſtviſch-herviſches Ende hinein⸗ zulügen?— So viel wir der öffentlich gewordenen Stimmen in Frankreich uns entſinnen, hat man doch nicht gewagt, mit der Zuverſicht, welche die Unſchuld eingibt, zu behaupten, daß Pepin unſchuldig hingerichtet worden. Wir wiſſen auch nicht, daß in der kurzen Zwiſchenzeit, wo die demokratiſche Republik, welcher Pepin angehörte, den Sieg davongetragen, man Pepin und ſeinen Freund als einen Märtyrer, als das Opfer eines Juſtizmordes, der Verſchwörung der Tyrannei gegen die Freiheit, darzuſtellen verſucht hätte. Man ließ ihn fallen. Das iſt ein charakteriſtiſches Zeichen. Anderſeits erſcheint Fieschi als ein Unicum, dieſer fana⸗ tiſche Schwärmer, um ſich ſelbſt als ein ſcheu icher Verbrecher darzuſtellen; und dies geſchieht nicht aus einer religiöſen Ueberzeugung, aus Zerknirſchung und Reue, ſondern in einem Anfall neuer Eitelkeit und mit aller Ruhmredigkeit eines Abenteurers. Nicht Alles, was er ſpricht, darf man als Wahrheit annehmen; aber aus dieſem Strohfeuer von Ehrgefühl, Patriotismus, Ruhm⸗ ſucht, Plapperei, Selbſtüberwindung, züngelt doch eine Flamme hervor, die ſich nicht erkünſteln läßt. Es iſt eine Wahrheit in ihm: im Leichtſinn, im corſicaniſchen Rauſch der Thatenluſt, in einem Parteieifer, für den Begriff und Bewußtſein ihm fehlen, hat er ſich hin⸗ reißen laſſen zu einem entſetzlichen Verbrechen, und als die Ahnung ihn drückt, daß er die That auch bei ſich ſelbſt nicht verantworten kann, fühlt er ſich doch geſta⸗ 32 Fieschi. chelt, ſie auszuführen, ja eiſerne Arme reißen ihn fort zum Vollbringen, denn er hat ſein Wort eingeſetzt— und er iſt ein Corſe! Eine Möglichkeit dämmert indeſ⸗ ſen doch, um in Pepin's letzten Betheuerungen eine Wahrheit, wenn auch nur auf jeſuitiſchem Grunde, zu erblicken. Möglich nämlich, daß der warmblütige Fieschi, kraft ſeiner beweglichen Phantaſie, Geſtalten und Dinge geſehen, wo man ihm nur Erſcheinungen und Schatten zeigte. Freilich wollte man, daß er es für Wahrheit halte, aber für ſich ſelbſt wollte man für den ſchlimmen Fall den Schein und den Beweis retten, daß es nur Scherz geweſen, Misverſtändniſſe. Man ließ ihn ſich aufreden, geſchickt Worte und Zeichen hineinwerfend, bis er des vollen Glaubens war, daß er ein Werkzeug An⸗ derer ſei, nur ausführe, was Andere ihn geheißen, wäh⸗ rend dieſe Andern die Früchte ernten wollten— wenn es gelang, ihn verleugnen, wenn es mislang. Daher konnte Pepin lächeln über Fieschi's Anführungen, Mo⸗ rey verächtlich die Achſeln zucken; Fieschi ſagte nicht die Wahrheit aus, nämlich nicht die Wahrheit, die ſie ihm hingehalten, ſondern wie er ſie in ſeiner Einbildungs⸗ kraft ſich ausgebildet; im Grunde gab er aber doch die wahre Wahrheit, die, welche ſie verderben mußte. Eine klügere Wahl konnten für ſolches Unternehmen Verſchwo⸗ rene nicht treffen; vielleicht gab es auch kein ſichreres Mittel, des Werkzeugs ſich zu entledigen, wenn die Flintenläufe geplatzt wären, wie ſie ſollten. So endeten, ſagt ein Berichterſtatter zehn Jahre nach der That, dieſe wahrhaft außerordentlichen Men⸗ ſchen, höchſt wahrſcheinlich in ihr Grab ein Geheimniß mitnehmend, welches, enthüllt, Ströme Blutes gefor⸗ dert haben würde. —— —— Alibaud. 1836.„ Am 25. Juni 1836 gegen 5 Uhr Nachmittags ſah man einen jungen Mann von etwa 26 Jahren auf dem Carrouſelplatze in Paris in der Nähe des Triumphbogens umherſpazieren. Er ſchien auf Jemand mit lebhafter Ungeduld zu warten. Um ſich die Zeit zu vertreiben, knüpfte er mit den Schildwachen Geſpräche an. In der Hand trug er einen ſchwarzen Stock, den er immer in der Mitte anfaßte, ohne die Spitze auf das Pflaſter zu ſetzen. Darüber mochte eine Stunde verſtrichen ſein, als man im Hofe der Tuilerien die Wagen rollen hörte. Der König, der damals ſein Schloß Neuilly bewohnte, kehrte, nachdem er einige Stunden in den Tuilerien verbracht, dahin zurück. In demſelben Augenblicke brach der junge Mann ſchroff und kurz ſein Geſpräch ab, verließ den Carrou⸗ ſelplatz und begab ſich ins Innere des Gitters desjenigen Tuilerienhofes, der nach dem Seinequai hinausgeht. Dort ſetzte er ſich auf einen Eckſtein und plauderte mit Einigen, welche auf die Durchfahrt des Königs warteten, wahrſcheinlich Alle nur aus Neugier. 255 34 Alibaud. Der königliche Wagen rollte vor. Ein Piquet Na⸗ tionalgarde zu Pferde und ein Piquet Huſaren escortir⸗ ten ihn. In dem Augenblicke war der junge Menſch aufge⸗ ſprungen und hatte ſeinen Stock mit der Spitze auf die Wagenthür des Königs gelegt. Der Stock war nichts Anderes als ein Flintenrohr von neuer Erfindung. Er ließ einen verborgenen Drücker los und der Schuß ent⸗ lud ſich. Auf den König hatte er gezielt, aber der König ward nicht getroffen. Die Kugel des Feuerrohrs ging in den obern Theil der Seitenwand des Wagens, wäh⸗ rend die noch brennende Patrone auf Louis Philipp's Kopf fiel. Im ſelben Augenblicke hatte auch ſchon ein dienſt— thuender Adjutant den jungen Menſchen bei den Haaren ergriffen. Mehre Leute ſtanden ihm bei. Man entriß ihm einen Dolch, mit dem er ſich einen Stich verſetzen poſten der Nationalgarde. Er verweigerte ſeinen Namen zu nennen. Durch einen merkwürdigen Zufall befand ſich unter dem dienſtthuenden Perſonal der Nationalgarde im Tuile⸗ „rienhofe an jenem Tage ein Sergeant, der Büchſen⸗ macher und zugleich derſelbe Büchſenmacher war, welcher dieſe neuen Stockgewehre erfunden und eines derſelben dem jungen Menſchen verkauft hatte. Das Mordgewehr, mit dem Louis Philipp getödtet werden ſollte, war von dem Sergeanten gefertigt, welcher zur Bewachung der königlichen Perſon commandirt worden! Der Sergeant, Büchſenmacher Devisme, wohnhaft Rue du Helder, erkannte auch ſofort den Mörder. Es war ein junger Kaufmannscommis, der vor einigen Mo⸗ wollte, und ſchleppte ihn nach dem nächſtgelegenen Wacht⸗ — — — Alibaud. 35 naten ſich bei ihm eingefunden, um ſeine neuerfundenen Stockflinten zu beſichtigen. Der Commis hatte erklärt, daß er ſich wol im Stande glaube, ihm einen reich⸗ lichen Abſatz für dieſelben in der Provinz zu verſchaffen, wenn er, der Fabrikant, ihm eine kleine Anzahl davon, als Proben, überlaſſen wolle. Der junge Commis hieß Alibaud und wohnte Rue de Valois⸗Batave No. 5. Devisme hatte ihm Glauben geſchenkt und fünfund⸗ zwanzig Stück der neuen Flintenſtöcke in ſeine Woh⸗ nung geſchickt. Kurze Zeit nachher erhielt aber der Büchſenſchmied vierundzwanzig dieſer Flinten mit einem Schreiben Ali⸗ baud's zurück, worin dieſer ihn benachrichtigte, daß es ihm nicht gelungen, einen Abſatz für die Gewehre zu verſchaffen. Die fünfundzwanzigſte Flinte wäre ihm au⸗ genblicklich abhanden gekommen; ſobald er ſie aber wie— derfinde, werde er ihm auch dieſe zurückſtellen. Der Gefangene verleugnete nun nicht mehr ſeinen Namen. Ja, er heiße Alibaud und Alles, was Devisme ausgeſagt, ſei richtig. Er rief: B5 „Wenn ich im erſten Augenblicke meinen Namen ver— ſchwieg, ſo geſchah es nur aus Rückſicht für meine Fa⸗ milie. Denn ich bereue nicht, was ich gethan, und wenn ich frei wäre, würde ich es wieder thun.“ Indem er ſich zu den Nationalgarden wandte, ſagte er: „Ach, Ihr wißt Alle nicht, was eine wahrhafte Ueberzeugung vermag!.... Fragt da den Soldaten, die Schildwacht, mit der ich vor einer Stunde plauderte, dort am Triumphbogen, fragt ihn, ob ich nicht voll— kommen ruhig war.“ Nach der Conciergerie geführt, blieb er in der Rolle, die er bis da geſpielt. Auf alle Fragen erklärte er, daß 36 Alibaud. er die That mit vollem Bewußtſein verübt, daß er ſie jeden Augenblick wiederholen wolle und würde, wenn ihm die Mittel dazu geboten wären. Mitſchuldige habe er nicht. Schon am folgenden Tage, 26. Juni, berief eine königliche Ordonnanz die Pairskammer, um ſich als Ge⸗ richtshof zur Aburtheilung dieſes neuen Attentats zu verſammeln.— Der Proceß war kurz; man hatte, aller Bemühungen ungeachtet, keine Mitſchuldigen entdeckt. Ebenſowenig konnte man in der Inſtruction mehr von Alibaud ſelbſt entdecken, als was er freiwillig gleich nach ſeiner Verhaftung ausgeſagt. Mit vollkommener Faſſung erwartete er den Tag, wo er vor dem hohen Gerichtshofe erſcheinen ſollte. Er verhehlte ſich nicht, was ſein Loos ſein werde. Man hatte ihn in dieſelbe Gefängnißzelle geſetzt, in welcher Fieschi vor ihm geſeſſen. Er beſah ſich die Mauern, auf denen ſein Vorgänger mit Kohle allerlei trübſelige Figuren gezeichnet und Verſe und Sentenzen geſchrieben hatte. „Dieſer Menſch iſt völlig zum Dummkopf gewor⸗ den“, ſagte er, die Achſeln zuckend.„Und dennoch wird er und ich zugleich auf die Nachwelt übergehen. Aber Sie ſollen ſehen, wie anders ich mich betragen werde als er. Er war nichts als ein Schwätzer, ein Plapper⸗ maul, der wunder was für Wirkung ſich verſprach mit ſeinem aufgeblähten Froſchgequak, ſeiner Geſpreiztheit und ſeinen Autographen! Nichts half's ihm, der Kopf ward ihm doch abgeſchnitten.“ Der Pairshof tagte ſchon am 8. Juli als Gerichts⸗ hof unter Pasquier's Präſidentſchaft. n ie lei en et de it d d — — Alibaud. 37 Alibaud erſchien in einem ſchwarzen Ueberrock, ſchwar⸗ zer Weſte und weißen Pantalons. Sein bleiches, abge⸗ magertes Geſicht war eingeſchloſſen in einen mächtigen Backenbart, der ſowie ſein Haar ſchwarz und glatt wie Ebenholz war. Mit feſtem Schritte, doch ohne theatra⸗ liſchen Anſtand ging er auf den Seſſel zu, der ihm hin⸗ geſtellt war. Auf die Generalfragen nannte er ſich Louis Alibaud, geboren zu Nimes, früher Soldat und 26 Jahre alt. Er bekannte Alles, deſſen er in der Anklage bezüchtigt ward, und erkannte auch den Flintenſtock, der ihm vor⸗ gelegt ward, als denjenigen, mit welchem er den König töd⸗ ten wollen. Desgleichen den Dolch, den man ihm entriſſen. Auf die Frage: gegen wen er dieſe Waffe beſtimmt, antwortete er mit feſter Stimme: „Für mich.“ — Ihr Zweck, indem Sie dieſes entſetzliche Verbre⸗ chen ausführen wollten, war es nicht, einen vollkomme⸗ nen Umſturz herbeizuführen und demnächſt die Errichtung einer Republik? mein Herr — Seit wie lange haben Sie dieſen furchtbaren Plan genährt? „Seit Philipp I. Paris in Belagerungszuſtand er⸗ klärt hat. Seit Philipp I. hat gouverniren wollen, ſtatt zu regieren. Seit Philipp I. die Bürger in den Stra⸗ ßen von Lyon maſſacriren laſſen und am Kloſter Saint⸗ Merry. Seine Regierung iſt eine Regierung des Blu⸗ tes. Die Regierung Philipp's I. iſt eine infame Regie⸗ rung. Darum habe ich den König tödten wollen.“ Weiter war nichts von ihm herauszubringen. Er wiederholte, daß er keine Mitſchuldigen habe und auch nicht bereue, was er gethan. Alibaud. Unter den vernommenen Zeugen war der wichtigſte ein Kaufmann Corbière zu Perpignan. Alibaud hatte ihm viermal aus Paris geſchrieben, daß er den Ent⸗ ſchluß gefaßt, den König umzubringen. Der Zeuge ent⸗ ſchuldigte ſich damit, daß er nicht an die Wahrhaftigkeit der Verſicherung geglaubt, ſondern ſie für Renommiſterei gehalten. Alibaud hatte bis da dieſen Umſtand abge⸗ ſtritten. Vor den Pairs räumte er ihn jetzt ein. Andere Zeugen legten ein gutes Zeugniß für Ali⸗ baud's Sittlichkeit ab. Zwei bekundeten, daß Alibaud in der Julirevolution als Soldat in Paris ſtand, daß er ſich aber geweigert, auf das Volk zu ſchießen, und ſich darauf entwaffnen laſſen. Aber ebenſo hatte er ſich geweigert, auf den Barrikaden zu kämpfen, weil er dann auf ſeine frühern Kameraden hätte ſchießen müſſen. Die Advocaten Ledru und Bonjour traten als Ali⸗ baud's Vertheidiger auf. Es war eine ſchwere Aufgabe. Der Erſtere ſchloß ſeine Vertheidigungsrede mit den„ — Worten: 1 *„In dieſer Nacht, gequält von der Unruhe, die mich ergriffen, ſeit mir dieſe ſchreckliche Aufgabe geworden, wo ich doch nichts weiß, was ich für dieſen Mann ſagen ſoll, wo ich nichts um mich ſehe als Abgründe, werfe ich meinen Blick auf ein Buch.... Ich öffne es, es iſt Corneille, der große Corneille. Von ihm forderte ich Rath in meiner troſtloſen Rathloſigkeit. Ich las darin, meine Herren, daß eines Tages Auguſtus die Verſchwörung Cinna's entdeckt hatte, deſſelben Cinna, den er mit Wohlthaten überhäuft hatte. „Er ließ ihn kommen: Du willſt im Capitol mich morgen niederſtoßen, Am Opferſteine; vor dem heil'gen Opferbrand — Soll ich das Opfer ſein von Deiner Mörderhand. Alibaud. 39 „Auguſtus war das Opfer und der Richter. Er war gnädig.... Seitdem ſuchte nicht mehr der Dolch der Mörder nach ſeiner Bruſt. „Meine Herren, ſeien auch Sie gnädig gegen Ali⸗ baud. Das iſt die allerſicherſte Politik!“ Darauf erhob ſich Alibaud und zog ein Manuſcript aus der Taſche, das er mit Ruhe vorlas. Der Präſident mußte ihn indeſſen bald unterbrechen, indem er ihm vorſtellte, daß er durch dieſe Art der Vertheidigung, durch ſo heftige Declamationen ſeine Lage nur verſchlim⸗ mere. Alibaud ließ ſich dadurch nicht ſtören: „Mein Herr Generalprocurator, Sie haben durch Ihre Anführungen mein Leben zu brandmarken verſucht. Indeſſen wiſſen Sie, daß ich alle Anſtrengungen ge⸗ macht, um ehrenwerthe Mittel zu meiner Exiſtenz zu finden, und daß ich durch meine Arbeitskräfte auch mei⸗ nen alten Eltern zu Hülfe zu kommen verſucht habe. Aber ach, in dieſem Zeitalter der Corruption iſt der ehrliche Mann überall zurückgeſtoßen und wird überall geopfert. Ich verlangte nach den Mitteln, mich zu recht⸗ fertigen gegen dieſe Vorwürfe, die gegen meine Ehren⸗ haftigkeit gemachten Angriffe zurückzuweiſen, man hat ſie mir verweigert, während Sie, meine Herren der Macht, zu Ihrem Gebot die Telegraphen, Präfecten, die Departementalagenten haben“.... Hier ward der Redner abermals unterbrochen. Der Präſident befahl ihm, ſich niederzuſetzen. Aber er blieb ſtehen, den Kopf aufrecht, den Blick feſt. Die Muni⸗ cipalgarden mußten ihn mit Gewalt zum Niederſitzen bringen. Alibaud faltete jetzt ſein Manuſcript zuſammen und reichte es ſeinem Vertheidiger Ledru; aber auf Befehl des Präſidenten mußte dieſer es dem Greffier übergeben. Da erhob ſich der andere Vertheidiger, Bonjour, und rief: Alibaud. 4⁰ „Ich kann den Gerichtshof nicht unter dem Eindruck von Worten laſſen....“ Alibaud unterbrach ihn, indem er ihm auf die Schul⸗ ter faßte: 5 „Ich verſtehe Sie, mein Herr Advocat, Sie wollen Gnade und Mitleid für mich erbitten; aber ich will keine andern Gefühle einflößen als Achtung oder Haß!“ Inzwiſchen hatte der Präſident, nachdem der Gene⸗ ralprocurator ſich ausgeſprochen, Alibaud das Manuſcript zurückgeben laſſen. Ihm ward jetzt erlaubt, daſſelbe vor⸗ zuleſen; doch müſſe er ſich jeder Vertheidigung des Kö⸗ nigsmordes enthalten. Kaum aber hatte Alibaud wieder angefangen weiter zu leſen, als der Procurator das Verlangen in aller Form ſtellte, daß ihm das Wort unterſagt werde. Alibaud lächelte und übergab das Papier dem Huiſ⸗ ſier, der ſich ihm näherte. Mit der vollkommenſten Ruhe ſagte er: „Ich wußte wohl, daß an dieſem Orte die Wahr⸗ heit für gewiſſe Ohren nicht angenehm zu hören ſein werde.“ Um 12 ½ Uhr war die Verhandlung geſchloſſen. Der Gerichtshof trat in ſein Berathungszimmer. Nach zwei Stunden kamen die Richter zurück und der Präſident verkündete das Urtheil, welches Alibaud zum Tode ver⸗ dammte. Er ſolle im Hemde, barfuß, den Kopf mit einem ſchwarzen Schleier bedeckt, hinausgeführt werden und dort auf dem Schaffot ſo lange ausgeſtellt bleiben, bis ein Huiſſier das Urtheil dem Volke verleſen habe. Alibaud hatte es, ungeachtet ſeine Vertheidiger dar⸗ auf drangen, abgelehnt, ein Gnadengeſuch einzureichen. Ledrü begab ſich hierauf nach Neuilly und überreichte dem Könige eine Vorſtellung, in welcher er ausſprach, — — —— — ůů——— ——————— ² v Alibaud. 41 daß es des Erſten Bürgers des Staates würdig ſei, ſeinem Mörder zu vergeben. Der König übergab die Bitte den zum Rathe ver⸗ ſammelten Miniſtern, die aber nicht die Anſicht theilten. Das Gnadengeſuch ward verworfen. Das Urtheil war an einem Sonnabende ausgeſpro⸗ chen. Alibaud verbrachte den folgenden Sonntag, wie er alle Tage bisher ſeit ſeiner Verhaftung zugebracht, er aß und trank wie gewöhnlich, empfing den Abbé Grivel, dem er beichtete, und verbrachte dann einige Stunden mit Leſen in Thomas a Kempis„Nachfolge Chriſti“. Als die Nacht kam, legte er ſich nieder und ſchlief ruhig ein. Um 3 Uhr Morgens weckte man ihn: er ſolle ſich zum Tode vorbereiten. Er forderte ſein Frühſtück und aß mit gutem Appetit. Alsdann bat er um Feder und Papier, um zu ſchreiben. „Ich will nicht Fieschi nachahmen“, ſagte er;„ich will nur einige Zeilen, ein Lebewohl an meinen Vater ſchreiben.“ Dann aber, wie ſich zuſammennehmend, rief er: „Nein, nein, ich werde doch nicht ſchreiben. Er würde dieſe letzten Zeilen aufbewahren, ſie immer wieder leſen, und es würde eine Erinnerung werden, die ihn tödten müßte.“ Nur ein Gefühl ſchien Alibaud noch in dieſem feier⸗ lichen Augenblicke zu beſchäftigen: es war die Furcht, für einen gemeinen Meuchelmörder zu gelten. „Ich wünſche vor allem“, wiederholte er oft,„daß man wiſſe, wie ich nicht tödten wollte, um zu tödten. Die Kugel in meiner Flinte galt nicht einem Menſchen, ſondern einem Princip.“ Während der traurigen Vorbereitungen ſeines Anzugs 42 rauchte er ruhig. Als der Taback in ſeiner Pfeife aus⸗ gebrannt war, bat er einen ſeiner Wächter, ſie ihm von neuem zu ſtopfen. „Mein Gott!“ rief er, als man ihm den Kopf mit dem ſchwarzen Schleier der Vatermörder verhüllte,„wel⸗ ches Ceremoniel. Und alles Das, um einen Menſchen zum Tode zu führen!“„3 Um 4 Uhr Morgens kam der Leichenzug am Fuße des Schaffotes an. Alibaud ging raſch, nachdem er ſei⸗ nen Beichtvater umarmt, die Stufen des Schaffotes hinauf. Hier hörte er mit Ruhe die Verleſung ſeines Urtheils an, rief aber dann mit einer Donnerſtimme: „Ich ſterbe für die Freiheit! Für das Wohl der Menſchheit! Für die Ausrottung der fluchwürdigen Mon⸗ archie!.... Lebt wohl, meine braven Kameraden!“ Während er noch dieſe Worte ſprach, ſtellte er ſich zurecht und faſt im ſelben Augenblicke fiel ſein Kopf. Es wird dem Leſer nicht entgangen ſein, daß wir nach einer Alibaud im Ganzen nicht ungünſtigen fran⸗ zöſiſchen Relation dieſen Fall wiedergegeben haben. Wir entſinnen uns, daß ſeine Perſönlichkeit damals in den Zeitungen in minder günſtigem Lichte geſchildert ward; es kommt indeß nicht darauf an, aus dieſer halb ver⸗ geſſenen Miſere des Heroismus auf der hiſtoriſchen Gold⸗ wage das rechte Gewicht für den moraliſchen Charakter des eiteln Meuchelmörders zu ermitteln. Wir nehmen ihn nur, wie er uns in jener halb ſympathiſirenden Dar⸗ ſtellung gegeben iſt, und finden aber auch da nichts in ihm als eine jener eiteln, halb blaſirten Erſcheinungen, die ohne ſittlichen Grund, ohne eine wahrhafte Begeiſte⸗ rung und Kenntniß der Dinge, vom Modewahn ſich gedrängt fühlen, eine theatraliſche Rolle zu ſpielen, die ihnen einen Nachruhm verſpricht. Die Naturwahrheit, Alibaud. ———— ————— Alibaud. 43 die in dem tragiſchen Buffo Fieschi aus ſeiner Verwor⸗ fenheit herausbrach, hatte die franzöſiſche Eitelkeit belei⸗ digt. Seine Bekenntniſſe hatten den ganzen Luſtre der Harmodius⸗ und Ariſtogitonmanie verlöſcht, und es war kein Wunder, wenn irgend ein anderer lebensſatter Menſch, der nichts zu verlieren hatte, ſich berufen fühlte, die Ehre der Königsmörder wiederherzuſtellen. Daß ein ſolcher ſich in ſeine Rolle hineinlügt, bis er an ihre Wahrheit glaubt, iſt eine oft wiederkehrende pſychologi⸗ ſche Erſcheinung. Alibaud erſcheint in jedem kleinen Zuge, der von ihm aufbewahrt iſt, als der Schauſpieler, der ſeine Rolle ſich ſo wohl zurechtgelegt hat, daß er ſie in keinem Augenblick vergißt. Sein erſtes Wort nach der Gefangennahme iſt: Fragt die Schildwacht, mit der ich vorhin ſprach, und ſie wird Euch ſagen, welche Seelenruhe ich vor dem Attentat gezeigt! Ein Menſch, deſſen Seele erfüllt war von Königshaß, würde doch über den Schmerz, daß er ſeine Aufgabe verfehlt, ſich ſelbſt in dem Augenblicke nicht in den Vordergrund geſtellt und es nicht ſeine erſte Sorge haben ſein laſſen, den Leuten zu beweiſen, daß er mit Seelenruhe an ſein Mordwerk gegangen. Und ſeine nächſte wohl zurechtge⸗ legte Phraſe iſt: daß ihn die That nicht gereue, ſondern er dieſelbe jeden Augenblick, wenn er frei wäre, zu wiederholen bereit ſtehe. Sie bleibt der Refrain ſeiner Angaben. Dann ſeine officiöſen Betrachtungen in Fies⸗ chi's Gefängniß über deſſen Verſchmitztheit, er wolle ganz anders beweiſen, wie man eine That, wie ſeine, auf ſich nehme, wie man ſterbe. Theaterſcenen ſind ſein Auftre⸗ ten, ſeine Antworten vor dem Pairshofe. Desgleichen ſeine letzten Augenblicke. Das Chriſtenthum zu verſpot⸗ ten und Gott zu leugnen, war damals in Frankreich nicht mehr Mode. Darin hatte die erſte Revolution ſich Alibaud. erſchöpft. Alibaud beichtete, wie Pepin gebeichtet hatte, er las ſogar im Thomas a Kempis. Ein Bericht ſeines Beichtvaters Grivel, wenn die Pflicht eines Geiſtlichen. ihn erlaubt hätte, würde uns die beſten Aufſchlüſſe ge⸗ geben haben, wie Alibaud gebeichtet, wie er las. Ob. für ſich oder die Berichterſtatter ſeiner letzten Augenblicke. Er ſchrieb keinen Abſchiedsbrief an ſeinen Vater, obwol er Papier und Feder gefordert, damit ſein Vater nicht ewigen Schmerz aus den Zeilen ſauge— vorhin hatte er geſagt, er ſchreibe nicht, um mit Fieschi in keiner Art einen Vergleich ausſtehen zu müſſen. Seine einzige Sorge und Bekümmerniß, und die iſt wahr, daß man. ſich über die Motive ſeiner Mordthat täuſche, ihn für einen gewöhnlichen Meuchelmörder halte. Daher die hohle Phraſe: er habe nicht den Menſchen, ſondern nur das ʒ Princip erſchießen wollen! Und dabei immer der Ge⸗ danke an die Nachwelt; er wird mit Fieschi auf dieſelbe kommen, aber in wie anderer Glorie!— Seine letzte* Phraſe auf dem Schaffot iſt dann die Quinteſſenz der wohlſtudirten Rolle. Tönende Worte ohne einen Ge⸗ danken, als der tauſendmal ausgeſprochen war.— Mit welcher Kraft der Lüge auch nichtpolitiſche Charaktere in Paris ihre Tugendrolle bis auf das Schaffot fortzuſpie⸗ len verſtanden, wiſſen wir aus den letzten Augenblicken des Giftmörders Doctor Caſtaing. Schon damals waren nicht Alle, weder in Frankreich noch auswärts, der Meinung des Miniſterraths, als er Ledru's Gnadengeſuch verwarf. Man meinte, ein Ver⸗ brecher wie Alibaud würde in anderer Weiſe zweckmäßi⸗ ger beſtraſt als durch ſein Blut, und gar durch die Hinrichtung mit dem altfeierlichen Ceremoniel, wie es bei Vatermördern herkömmlich. Zum Wolleraspeln ver⸗ dammt, oder auch eine tüchtige körperliche Züchtigung, — Alibaud. ſei ſowol angemeſſener der Perſönlichkeit des Thäters, als wirkſamer, um vor ähnlichen Verbrechen abzuſchrecken; ja geeignet, um die ganze Manie des Königsmordes in der franzöſiſchen Nation zu tödten. Gelte es doch nur die Eitelkeit zu erſticken, und die Macht des Lächerlichen iſt in Frankreich furchtbar, ſie hat alle Revolutionen überdauert. Aber eben der Inſtinct dagegen im franzö⸗ ſiſchen Blute, mit Humanität umkleidet, hat dieſe Strafe verboten und verbietet ſie noch heute; und wir ſind nicht geneigt, für ſie an ſich das Wort zu reden. Aber etwas Anderes wäre es doch, Menſchen, die ſich ſelbſt zum Thiere erniedrigen, oder auch einen Komödianten Ali— baud, zu züchtigen, wie man Thiere züchtigt, wenn da⸗ mit das große Ziel wirklich erreicht wird, einer furcht⸗ baren Krankheit ein Ziel zu ſetzen, etwas Anderes als die jüngſten Executionen der Art in Italien, die nichts ſind, als Akte eines rohen Rachgefühls und nichts be⸗ zwecken, als ein Volk, das kein anderes Verbrechen be⸗ ging, als für ſeine Nationalität zu glühen und gegen die Fremdherrſchaft aufgeſtanden zu ſein und gekämpft zu haben, bis aufs Herzblut zu erbittern und jede Aus⸗ ſöhnung, auch in weiter Zukunft, unmöglich zu machen. Der Erfolg hat gezeigt, daß die Meinung des Mi⸗ niſterrathes nicht die richtige geweſen. Alibaud's feierlich vergoſſenes Blut lockte eine ganze Reihe nichtsnutziger Menſchen an, auf ähnliche Weiſe ihr werthloſes Leben mit Eclat ſchnell zu Ende zu bringen und vielleicht einen Namen dabei zu erwerben. Andere Miſerable ſtellten ſich ſogar nur, als hätten ſie einen Mord am Könige verüben wollen, um durch den Proceß ins Gefängniß, vor den Pairshof und dadurch jedenfalls in eine Lage zu kommen, die erträglicher war, als die, in der ſie ſich befanden. Da kam man ſpät zu beſſerer Ueberzeugung. 46 Alibaud. Es ward kein Blut mehr auf dem Schaffot vergoſſen, aber man gerieth in der Verlegenheit, der Schufte ſich zu entledigen, auf ein anderes Extrem: man ſchickte ſie mit Unterſtützung nach Amerika. Das republikaniſche Amerika weigerte ſich, einen dieſer penſionirten Aſſaſſinen an ſeiner gaſtlichen Küſte aufzunehmen. Er mußte, von Hafen zu Hafen fortgeſchickt, irgendwo unter einem frem⸗ den Namen ſich einſchleichen, um die Vergeſſenheit zu ſuchen, das einzige Ziel und Glück, was ihm übrig blieb. Franſois Ravaillac. 1610. krönt worden. Seine ganze heitere Laune, bemerkt ein Geſchicht⸗ ſchreiber, ſchien durch den Aufwand, den er am Krö⸗ nungstage davon gemacht, erſchöpft zu ſein. Am Mor⸗ gen des 10. Mai ſah man den König ſo traurig, in ſich verſunken, wie ſeine Hofleute es nie bemerkt. Das große Ziel ſeiner Beſtrebungen war doch er⸗ reicht; die Furcht ſchien der Held, der bereits ſiebzehn⸗ mal den Dolchſtößen von Meuchelmördern entgangen, verlernt zu haben! Denn ſiebzehn Mordverſuche zählen die Hiſtoriker auf; Louis Philipp trug dieſe ſiebzehn verfehlten ſtets im Sinn. So oft man ihn wegen einer neuen Lebensrettung beglückwünſchte, erinnerte er daran, daß ſein großer Ahnherr erſt dem achtzehnten Attentat erlegen war. Die Hiſtoriker rechnen darunter als erſte Mord⸗ androhung die Worte, die Karl IX. an Heinrich von . Bearn richtete, als er ihn zu ſich kommen ließ: Mort ou messe!— Pierre Barrière wollte ihn erdolchen. Verrathen und verkauft vom Italiener Bianchi, dem er ſich vertraut, ward er gefangen geſetzt, mit Zangen geknif⸗ Im Mai 1610 war Heinrich IV. endlich in Paris ge⸗ 48 Frangois Ravaillac. fen und lebendig am 26. Auguſt 1593 verbrannt. Jean Chatel, ein Zögling der Jeſuiten, überraſchte den Für⸗ ſten bei ſeiner Maitreſſe Gabrielle und verſetzte ihm einen Stoß, der unſicher geführt war. Er ward gekniffen, geviertheilt und am 29. Septbr. 1595 verbrannt. Alle übrigen Attentate, wie das d'Arger's, Ridicovi's, eines mailänder Kapuziners, des Vicars von Saint⸗Nicolas des Champs und eines gewiſſen Charles, der ſich für einen natürlichen Sohn Karl's M. ausgab, hatten keinen andern Erfolg gehabt, als daß ſie die Thäter an den Galgen führten. Zwar wußte man, daß es der Fanatiker noch immer gab, die nur auf die Gelegenheit warteten, am Leben des Hugonottenkönigs ihren düſtern Bigotismus zu kühlen; aber man hatte diesmal weder Anzeichen, noch Heinrich eine Vorahnung, daß ihm ein neuer Mordſtahl drohe. Auch ſchien der Augenblick, wo der König ſoeben gekrönt worden, wenig geeignet, zu einem neuen Ver⸗ ſuche aufzufordern. 2 Nachdem der Fürſt die Meſſe bei den Feuillants ge⸗ hört und längere Zeit dort in ſtillem Gebete verbracht, warf er ſich am Nachmittag mehre Male in Thränen auf ſein Bett. Er konnte nicht ſchlafen. Um ſich zu zerſtreuen, befahl er anſpannen zu laſſen, um ſeinen Sully im Arſenal zu beſuchen, der, unpäßlich, das Zimmer hüten mußte. Er fuhr aus in Begleitung der Herzöge von Eper⸗ non und Montbazon, des Marſchalls von Lavardin, de Roquelaure's, de Mirabeau's und ſeines erſten Stall⸗ meiſters Liancourt. Der Kutſcher hatte beim Einſteigen gefragt: wohin er fahren ſolle? Der König hatte ärgerlich geantwortet: „Schaff mich nur fort von hier.“ Jean Für⸗ inen ffen, Ale ines olas fir einen den unet eben zu noch ſtahl eben Ver⸗ s ge⸗ acht, änen E inen das prr de tall rtet: Frangois Ravaillac. Als er aus dem Louvre war, ſchickte er ſeine Garde zurück. Auch ließ er an beiden Seiten des Wagens die Vorhänge aufziehen, ein bemerkenswerther Umſtand, da, wenn es nicht geſchehen, er möglicherweiſe auch diesmal dem Schickſal entgangen wäre. Heinrich verfiel hier wie⸗ der in ſeine tiefe Träumerei, als plötzlich die Carroſſe, die langſam durch die Rue Saint⸗Honoré fuhr, am Ausgang der Rue de la Ferronnerie, nahe an der Fon⸗ taine des Innocents, anhalten mußte, weil ſich zwei Wagen, der eine mit Heu, der andere mit Wein bela⸗ den, hier verfahren hatten. Die Fußdiener ſprangen vom Wagen ab, die einen, um die Paſſage freizumachen, die anderen, um die Straße Saint⸗Denis im voraus zu er⸗ reichen, indem ſie beim Brunnen vorübergingen. Durch dieſen Zufall war der Wagen unbewacht. Seit dem Morgen dieſes Tages hatte Jemand am Thorweg des Louvre geſtanden, wie auf etwas wartend. Als die Carroſſe durchfuhr, folgte er ihr, bei ſich, wie er nachher geſtand, ausrufend:„Nun hab ich dich.“ Als er ſie anhalten ſah, drängte er ſich eilig durch die Menſchenmaſſe, ſprang mit einem Fuße auf eine Speiche des Hinterrades, auf der Seite, wo der König ſaß, hielt ſich mit der linken Hand am Kutſchenſchlage und ver⸗ ſetzte mit der rechten, in welcher er ein zweiſchneidiges Meſſer hielt, dem Könige einen Stoß. Das Meſſer fuhr durch die zweite und dritte Rippe; der Stoß war tödtlich. Der Mörder führte noch einen zweiten, der aber nur eine leichte Verwundung zur Folge hatte. Wie von einem Mordfieber geſchüttelt, ſtach er, ehe Jemand in der allgemeinen Ueberraſchung zuſpringen konnte, in einem fort, doch ohne Anderes zu treffen als den Rockärmel des Herzogs von Montbazon, der ſeinen Arm aufgehoben hatte, um den König zu ſchützen. XV. 3 Franfois Ravaillac. „Ich bin verwundet!“ rief Heinrich; es waren ſeine letzten Worte. Der Mörder war unbeweglich neben der Carroſſe ſte⸗ hen geblieben, ohne das blutige Meſſer aus der Hand zu werfen. Nach Einigen in dumpfer Erſtarrung, nach Andern hätte er triumphirend das Meſſer in die Höhe gehalten. Man ſtürzte jetzt auf ihn los; er würde in Stücke auf der Stelle zerriſſen worden ſein, wenn nicht der Herzog von Epernon ihn geſchützt, der ſeine Arretirung befahl. Man ſchaffte ihn nach dem Hotel de Retz. Die Bogenſchützen, die ihn geleiteten, konnten kaum die Wuth des Volkes zurückhalten. Der König ward nach dem Louvre zurückgebracht. Die Seigneurs im Wagen ſagten zum Volke, er ſei nur verwundet, er war aber ſchon todt oder verſchied im Augenblick des Hineinfahrens. Die erſten Worte, welche der Mörder vorbrachte, als der furchtbare Tumult um ihn her erlaubte zu hö⸗ ren, was er ſprach, war die Frage:„Iſt der König todt?“ Man erwiderte: es ſei ihm gar nichts geſchehen. „Das wundert mich“, rief er aus,„denn ich habe ihm gewiß einen böſen Stoß gegeben.“ Als Einer der Umſtehenden ihn fragte, was ihn dazu bewogen, ein ſo entſetzliches Verbrechen zu verüben, er⸗ widerte er, ohne zu ſtocken:„Ich würde Dich doch in eine furchtbare Verlegenheit verſetzen, wenn ich ſagte, Du wäreſt es.“ Erſt bei einbrechendem Dunkel wagte man ihn aus dem Hotel Retz nach der Conciergerie zu bringen. Ihm wäre eine Wohlthat geſchehen, wenn das Volk ihn er⸗ kannt und zerriſſen hätte. Im Thurme von Montgom⸗ mery empfingen ihn die Präſidenten Jeannin und Boullon, ſeine ſte⸗ and nach öhe e in det irung Die die acht. ner d im Frangois Ravaillar. um ihn zuerſt zu vernehmen. Er gab folgende Aus⸗ ſage. „Ich heiße Frangois Ravaillac. Ich bin gebürtig aus Angouleme und jetzt 32 Jahre alt. Ich war niemals verheirathet. Mein Gewerbe iſt, daß ich jungen Men⸗ ſchen das Leſen und Schreiben beibringe. Vierzehn Jahre lang beſchäftigte ich mich mit dem Betreiben von Proceſſen. Nach Paris kam ich um eines Proceſſes willen, den ich vor längerer Zeit beim Parlamente gewonnen. Es han⸗ delte ſich um Taxation von Abgaben. Weder ich, noch Jemand von den Meinen hat jemals ein Unrecht vom Könige erlitten. Es war daher weder ein Verlangen nach Rache von meiner Seite, noch Anſtiftung von irgend Jemand ſonſt, ſondern lediglich eine Verſuchung der Hölle, die mich dahin gebracht hat, ihn zu tödten. Ich bin aber nach Paris mit dem feſten Entſchluß ge⸗ kommen, dieſe That zu verüben. Heute früh zwiſchen 6 und 7 Uhr verließ ich meine Herberge und ging ganz allein in die Kirche Saint⸗Benoit, um die Meſſe zu hören. Dann kehrte ich in meine Wohnung zurück, im⸗ merfort von demſelben Gedanken erfüllt.“ In den Verhören vom 17. und 19. Mai, vor der dazu ernannten Commiſſion, die aus dem erſten Präſi⸗ denten Achille de Harlai, dem Präſidenten Nicolas Po⸗ tier und den Räthen Jean Courtin und Prosper Bauyn beſtand, legte er dann ein vollſtändiges Bekenntniß ab, deſſen bemerkenswertheſte Züge folgende ſind: „Ich bin nun jetzt, das letzte Mal, etwa drei Wo⸗ chen in Paris. Vor Luſt und Verlangen, in mein Vaterland zurückzukehren, hatte ich mich ſchon auf den Weg gemacht; aber kaum war ich in Etanges, als der Wunſch, den König umzubringen, wieder mächtig in mir aufſchoß, und da mußte ich umkehren. Ich konnte 3. 52 Frangois Ravaillac. es in mir nicht ertragen, daß dieſer Monarch nicht die Hugonotten zwingen wollte, zur wahren Kirche zurück⸗ zukehren, eine Sache, die ich mir ſo leicht dachte. Aber bevor ich meinen Vorſatz ausführte, wollte ich den Kö⸗ nig zu ſprechen verſuchen, um zu ſehen, ob ich ihn nicht dahin bringen könnte, daß er es thäte. Zu dieſem Zwecke war ich mehrmals im Louvre, aber ich konnte Niemand finden, der mich Sr. Majeſtät vorſtellen wollte.... „Ich habe dem Vater d'Aubigny, einem Jeſuiten, eine Menge von Viſionen erzählt, die mich ſehr quälten. Ich hatte Empfindungen wie von Feuer, von Schwefel und von Brand. Wenn ich Pſalmen ſang, glaubte ich auch Kriegstrompeten zu hören; und Rachts, wenn ich das Feuer in meinem Kamin anblies, war's mir doch, als ob aus meinem Athem Hoſtien zur Communion hervorgingen. Um mich von dieſer Geiſteskrankheit zu heilen, empfahl mir der gute Pater Aubigny, recht oft den Roſenkranz zu beten und Gott anzuflehen, und dann mich an irgend einen Großen zu wenden, damit ich dem Könige vorgeſtellt würde. „Als ich von den Feuillans fortkam, hatte ich große Luſt, Jeſuit zu werden. Ich wandte mich an den Vater d'Aubigny, aber umſonſt. „Nach Weihnachten bin ich dem Könige in ſeiner Carroſſe begegnet. Es war in der Nähe der Innocents. Da rief ich ihm zu:„Sire, im Namen unſers Herrn Jeſus Chriſtus und im Namen der heiligen Jungfrau Maria, erlaubt mir, daß ich ein Wort zu Eurer Maje⸗ ſtät ſpreche.“ Aber man ſtieß mich mit der Hellebarden⸗ ſtange zurück und ich konnte ihn nicht ſprechen. Da nun entſchloß ich mich, in mein Vaterland zurückzukeh⸗ ren, und ich führte es aus, und gab auch den Gedanken auf, dieſen Fürſten zu tödten. Aber er wachte wieder — die ck⸗ ber Kö⸗ icht ecke and iten, ſten. fel ich ich och, ion zu oft ann dem roße ater iner rrn rau aje⸗ en⸗ Da keh⸗ ——————— Frangois Ravaillar. auf, als ich letzte Pfingſten nach Paris zurückkehrte. Ich ging zu Fuß und ich brauchte acht Tage. „In der Herberge bei den Quinzevingt, wo man mich nicht aufnehmen wollte, ſtahl ich das Meſſer, was mir ganz geeignet ſchien zu meinem Vorhaben, und in der Scheide trug ich's in meiner Taſche.— Und da gab ich abermals meinen ſchrecklichen Vorſatz auf und reiſte abermals ab. „Und unterwegs brach ich die Spitze des Meſſers ab in der Karre, in der ich fuhr. Aber in Etanges packte es mich wieder heftiger als je. Der Gedanke war fürchterlich, daß der König die Hugonotten nicht zwin⸗ gen wolle, in den Schooß der heiligen Kirche zurückzu⸗ kehren. Und dazu kam das Gerücht, welches allerwärts erzählt wurde, daß er dem Papſt den Krieg machen wolle und den heiligen Stuhl nach Paris verlegen. Da mußte ich zurück und wollte ihm noch einmal begegnen. „Und nun ſchliff ich mir wieder an einem Steine eine Spitze an mein Meſſer und wartete, bis die Köni— gin gekrönt ſein würde und zurückgekehrt ins Louvre, um dann meinen Stoß zu thun; denn ich glaubte, daß die Ermordung des Königs dann im Königreiche weniger Verwirrung und Vorurtheil hervorbringen werde.... „Ich begab mich mehrmals nach dem Louvre, um ihn zu erſtechen. Am Freitag, wo es denn gelang, lauſchte ich zwiſchen den beiden Thorwegen, und wie ich ſah, daß er ausfuhr, folgte ich ihm bis gegenüber den Innocens. Zufällig war's gerade der Ort, wo ich ihn auch das erſte Mal traf und wo er mich nicht hören wollte. Da, als die Carroſſe anhielt von wegen der an⸗ dern Wagen, ſah ich den König, wie er das Geſicht dem Herzog von Epernon zugewandt hielt, und da gab ich ihm die zwei Stiche in die Seite über das Rad weg. 54 Frangois Ravaillac. „Das Meſſer war oben an der Spitze zweiſchneidig und der Griff iſt von Hirſchhorn. Einer der Edelleute zu Pferde hat es mir fortgeriſſen. „Ich bin nur dadurch angereizt worden zum Atten⸗ tat, daß die Truppen doch allgemein ſagten, wenn der König, der, was er vorhatte, aller Welt mittheilte, dem Papſt den Krieg machen wollte, ſo würden ſie ihm auch da dienen und für ihn ſterben. Das hat mich nun in die Verſuchung fallen laſſen, ihn zu tödten, denn der Papſt und Gott ſind doch Daſſelbe!(parceque le pape et Pieu sont une méme chose¹) „Als ich in Etanges über dieſe Reden der Soldaten nachdachte, fühlte ich in mir das Verlangen wieder auf⸗ leben, ihm den Tod zu geben. Unter Andern hatte ich auch den Herrn von Saint-Georges ſagen hören, daß, wenn der König dem Papſte den Krieg erkläre, er ihm gehorchen werde, und daß, wenn Seine Majeſtät Unrecht thäte, ſo fiele die Sünde auf ihn zurück. „Die Karte, die man bei mir gefunden hat, auf der die Wappen von Frankreich ſtehen mit zwei Löwen, von denen einer einen Schlüſſel hält und der andere einen Degen, die habe ich aus Angouléme mitgebracht, mit der Abſicht, den König zu tödten. Denn nämlich, als ich in jener Stadt war, bei einem gewiſſen Beliard, hörte ich ſagen, der Nuncius habe dem König erklärt von Seiten Seiner Heiligkeit, daß, wenn er ihn mit Krieg überzöge, würde er ihn excommuniciren. Und der König habe darauf erwidert:„„Meine Vorfahren haben ſich damit beſchäftigt, die ſouverainen Päpſte auf ihrem Throne feſtzuſetzen; wenn mich aber der Papſt excom⸗ municirt, ſo werde ich ihn entthronen.““— Da alſo entſchloß ich mich, dieſen Monarchen zu tödten, und darum ſchrieb ich auf die beiden Löwen dieſe Worte: —. dig ute en⸗ der em en m — g Frangois Ravaillar. 55 Garde toi de souffrir qu'on fasse en ta présence, Au nom du Tout-Puissant, la moindre irrévérence. „Der Herr Erzbiſchof von Aix und viele andere Perſonen haben mich gedrängt, daß ich nur geſtehen ſollte, was mich dazu angetrieben, das Verbrechen zu begehen. Aber ich habe geantwortet, daß es mein Wille ganz allein geweſen. Und meine Antwort iſt die Wahr⸗ heit. Und alle möglichen Qualen würden mich nicht zwingen, was Anderes zu erklären. Wenn's mit Hef⸗ tigkeit ginge, mich zu zwingen, da habe ich ja ſchon eine Probe davon, und eine ſchlimme. Ein Herr von den Hugonotten, der hat aus freien Stücken, als ich Gefangener war im Hotel Retz, mir beinahe die Dau⸗ men ausgeriſſen.“ Die Commiſſare fragten ihn, wann er in Brüſſel geweſen. Er behauptete, nie das Königreich verlaſſen zu haben, er kenne nicht einmal Brüſſel und wiſſe nicht, wo es liege. In ſeiner Schule habe er vierundzwanzig Schüler gehabt, von denen er wol leben gekonnt und allenfalls nach Paris reiſen. Vater und Mutter habe er noch; die müßten aber den größten Theil des Jahres hindurch ihr Brot erbetteln. Er, obwol er ſein Brot durch ſeine Schulmeiſterei hinlänglich gehabt, hätte ſich damit nicht genügen laſſen, er hätte nur einen Gedanken gehabt, Gott zu rächen, und der gehe allen andern Gedan⸗ ken vor. Als die Commiſſare ihm vorſtellten, daß ſein Ver⸗ brechen eine teufliche Eingebung ſei, erwiderte er: „Es iſt eine Verſuchung, die dem Menſchen kommt, um ſeiner Sünden halb. Ich bin auch betrübt, daß ich mich habe gehen laſſen. Aber da es nun einmal geſche⸗ hen iſt, ſo habe ich das Vertrauen auf Gott, daß er 56 Franfois Ravaillac. mir die Gnade der Ausdauer gewähren wird bis zu meinem Tode in Glaube, Liebe, Hoffnung. Sein Lei⸗ den hat weit mehr Kraft, um mich zu retten, als das Verbrechen, das ich beging, Kraft hat, mich zu ver⸗ dammen.“ Dann fuhr er fort: „Ich habe mein Vorhaben Niemandem zu entdecken gewagt, weder an Pfarrer noch andere Prieſter, weil ich verſichert war, daß ſie mich würden haben arretiren laſſen und der Juſtiz ausliefern, aus dem Grunde, weil, wenn es ſich um Staatsangelegenheiten handelt, ſie nie⸗ mals das Geheimniß bewahren von wegen der Verpflich⸗ tung, die ihnen obliegt, es zu enthüllen... „Aus Furcht, daß man mich könne zu Tode führen wegen der bloßen Abſicht ſchon, enthielt ich mich in der Beichte, gegen wen es auch ſei, darüber zu ſprechen. Und ich bitte Gott deshalb um Verzeihung. „Blos im Allgemeinen bat ich einen Franciscaner⸗ mönch, mir doch zu ſagen, ob, wenn ein Menſch ſich gedrungen fühle, einen König zu tödten, und er beichtete es, der Prieſter verpflichtet wäre, es anzugeben? Aber er ſprach ſich nicht darüber aus, denn wir wurden da von andern Mönchen unterbrochen. Endlich habe ich zu Niemand anderm darüber geſprochen, und ſie ſprachen natürlich auch zu mir nicht darüber. „Wenn Jemand, ſei es ein Franzos oder ein Frem⸗ der, mich aufgefordert hätte, darüber zu ſprechen(beich⸗ ten?), da wäre ich doch auch nicht ſo von Gott verlaſ⸗ ſen, um lieber ſterben zu wollen, als es vom Herzen zu thun. Denn ich glaube, dann wäre kein Paradies für mich. Mein Verbrechen wäre dann ein doppeltes, da ich ja Urſach wäre, daß der König, und vor allem die Königin, das ganze Haus Frankreich, der Hof, der — zu ei⸗ das ken veil ren eil, li⸗ er⸗ ſch ete ber da zu en ür da die der Frangois Ravaillac. 57 Adel, das Volk, ſie Alle erregten den göttlichen Zorn, weil ſie einen ungerechten Argwohn ſchöpfen würden bald auf dieſen, bald auf jenen Unterthan Seiner Ma⸗ ieſtät(). Daher wurde es mir ſchwer, zu glauben, daß es ſo ſchlecht berathene Menſchen gäbe, die an Anderes denken könnten, als treu ihrem Fürſten zu dienen. „Weder Franzos noch Fremder hat mir irgend einen Wink gegeben. Ich habe mich auch gegen Niemand ausgelaſſen. Ich wäre ja der jämmerlichſte aller Men⸗ ſchen, wenn ich mich dazu hätte beſtimmen laſſen durch was Anderes es ſei, als was ich ſo oft erklärt habe. Das iſt die Ueberzeugung, in der ich war, daß der König dem Papſt den Krieg machen wolle. Wenn ich nur den Monarchen geſprochen hätte, vielleicht daß dann die Verſuchung gewichen wäre; aber der Teufel hat von meiner Schwäche Vortheil gezogen, und da bin ich ge⸗ fallen.“ Im Verhör vom 19. blieb er in allem bei ſeinen vorigen Ausſagen und ſetzte nur Folgendes hinzu: „Ich bitte von ganzem Herzen den König, die Kö⸗ nigin, den Hof und Frankreich glauben zu wollen, daß ich mein Gewiſſen von dem Fehler rein fühle, den ſie begehen, indem ſie ſich überreden wollen, ich ſei durch irgend einen Einfluß von außen angetrieben geweſen. Ich habe ja immer geſagt, daß die Abſicht in mir ſelbſt geboren iſt und in mir gewachſen. Ich flehe ſie an, daß ſie aufhören, den Irrthum weiter zu nähren, in dem ſie ſich befinden, daß ich nämlich andere Complicen hätte als mich ſelbſt. „Wäre ich durch Geld oder andere menſchliche Rück⸗ ſichten verführt worden, ſo hätte ich doch nicht dreimal die Reiſe von Angoulèéme nach Paris gemacht, Städte, die ungefähr hundert Lieues voneinander entfernt ſind, 3** 58 Franpois Ravaillac. und allein um den König zu ermahnen, daß er die Hu⸗ gonotten in den Schooß der katholiſchen Kirche zurück⸗ führe, eine Sekte, die dem Willen Gottes ſtrict entgegen iſt und auch der heiligen Kirche. Denn wer ſich un⸗ glücklicherweiſe vom Geiz beſtechen läßt, um ſeinen Für⸗ ſten zu ermorden, der denkt nicht an die Zukunft. „Ich war drei- oder viermal im Louvre. Ich rufe darüber Herrn de la Force, den Capitain der königlichen Garden, als Zeugen auf, den ich inſtändigſt erſucht, mich dem Könige vorzuſtellen. Aber er ſchlug es mir immer ab, er hielt mich immer hin, wie einen Ultra⸗ papiſten.... „Meine Abſicht war da, mit dem Könige zu ſpre⸗ chen und ihm meine Verſuchung zu erklären, um gänz⸗ lich darauf zu verzichten. Ich bekenne, daß ich mich gedrängt fühlte, ihn zu tödten, durch eine innere frei⸗ willige, ganz beſondere Bewegung, entgegen dem Willen Gottes, dem Vater alles Guten und der Wahrheit. Ich erkenne, daß ich dieſer Verſuchung nicht widerſtehen konnte, weil es nicht im Willen des Menſchen liegt, das Uebel zu überwinden. „Da ich nun die ganze volle Wahrheit erklärt habe, und ohne irgend einen Rückhalt, ſo hoffe ich, daß Gott der Allgütige und Allbarmherzige mir gnädig ſein wird wegen meiner Sünden, weil er weit ſtärker und kräfti⸗ ger iſt, um eine Uebertretung auszulöſchen mittels der Beichte und der Abſolution durch Prieſtermund, als die Menſchen der Macht ſind, ihn zu beleidigen.“ 4 Hier fing Ravaillac bitter zu weinen an, und wäh⸗ rend des heftigſten Thränenerguſſes flehte er die Jung⸗ frau und alle Heiligen an, für ihn bei Gott ſich zu verwenden. „Ich hoffe“, ſagte er,„auch auf meinen Antheil an u⸗ en Frangois Ravaillac. 59 den Verdienſten unſers Herrn Jeſu Chriſt. Ich flehe ihn demüthigſt an, mich Denen zuzugeſellen, die theilhaft wurden der Schätze, die er in die apoſtoliſche Macht eingoß, als er ſprach: tu es Petrus. „Ich communicirte am erſten Sonntag der Faſtwoche; aber ich communicirte nicht am Pfingſttage, wo ich aus Angouléme abreiſte. Statt deſſen ließ ich eine Meſſe leſen in der Kirche Saint⸗Paul, meiner Parochie, da ich mich ſelbſt für unwürdig hielt, mich dieſem erhabe⸗ nen Sacrament voller Myſterien und unbegreiflicher Tu⸗ genden zu nähern. Denn die Verſuchung, den König zu tödten, war damals größer als je.“ Man fragte ihn, welche Andacht er denn da beim Meßopfer gehabt haben könne, da er die Abſicht gehabt, ein ſo gräßliches Verbrechen zu begehen?— Er ſtarrte einige Augenblicke vor ſich hin, ſchien verwirrt und ſagte dann: „Die Liebe für das heilige Opfer am Altar hat mich dazu bewogen. Meine Mutter communicirte bei der Meſſe, die ich leſen ließ, und ich hoffte, daß ich an ihrer Com⸗ munion theilnehmen könne.“ Ein neuer Thränenſtrom. Dann fuhr er ſo fort: „Ich bat damals Gott, und ich höre nicht auf, ihn anzuflehen, daß ich bis zu meinem Tode der Vergunſt theilhaftig werde, mit den Frommen zu communiciren, die im Glauben der heiligen Mutterkirche das Abend⸗ mahl empfangen und den koſtbaren Leib unſers Erlöſers. Ich bitte, daß, wenn ſie von ſeinem Leibe eſſen, auch mir davon zukomme, da ich ein Mitglied von ihnen bin in dem einen Jeſus Chriſtus.“ Auf ſeiner Bruſt hatte man ein Herz von Baum⸗ wolle gefunden und ein Papier, worauf der Name Jeſus geſchrieben war; auch einen Roſenkranz, den ihm ein F— 60 Franfois Ravaillac. Canonicus von Angoulèeme geſchenkt. Als er das Pro⸗ tocoll über ſein Verhör unterzeichnete, ſchrieb er folgende Verſe unter ſeinen Namen: Que toujours dans mon cœur Jésus seul soit vainqueur. Der erſte Präſident erhob ſich jetzt, nach dem Schluß des Protocolls, und ſprach zu ihm feierlich: „Der Gerichtshof wird jetzt nach Angouleme ſchicken, um Deinen Vater und Deine Mutter holen zu laſſen. Man wird ſie in Deiner Gegenwart grauſam zu Tode martern, weil Du nichts bekennen willſt. Die menſch⸗ lichen und göttlichen Geſetze autoriſiren zu einer ſolchen Härte, wo es ſich um ein ſo entſetzliches Verbrechen, wie das Deine, handelt.“ Ravaillac erwiderte: etwas dem Aehnliches ſei doch noch nicht vorgekommen. Er ſchien ſehr beſtürzt über die Drohung, machte aber auch keine Miene, etwas zu bekennen. Der Jeſuit, Pater d'Aubigny, dem Ravaillac zuletzt gebeichtet hatte, ward ebenfalls verhört. Er beantwortete die ihm vorgelegten Fragen nur mit den Worten:„Ich erinnere mich niemals Deſſen, was man mir in der Beichte geſagt hat.“ Alle Anſtrengungen, mehr von ihm zu erlangen, waren umſonſt. So mußte man zur Folter ſchreiten. Man berieth, welche Tortur die ſchmerzhafteſte ſei? Ein Scharfrichter ſchlug vor, ihn lebendig zu ſchinden. Unter den Richtern ſchlugen einige vor, daß man die Folterwerkzeuge und den Modus von Genf in Anwen⸗ dung bringe, weil er der allerſchärfſte ſei. Dieſen ent⸗ ſetzlichen Qualen könne kein Verbrecher widerſtehen. Ei⸗ nige Patrioten waren dagegen; man brauche nicht zu fremden Werkzeugen ſeine Zuflucht zu nehmen, auch Franfois Kavaillac. 61 Frankreich habe deren, um den Verbrechern den Mund zu öffnen. Man ſchwankte. Da erhoben ſich andere Räthe zur Unterſtützung der Oppoſition, doch aus ganz andern Gründen: Sei es auch, daß die Folter von Genf die beſte von der Welt wäre, ſo könne man ſich doch chriſtlicherweiſe ihrer nicht bedienen, weil ſie von Ketzern herrühre. Dieſe Anſicht gab den Ausſchlag. Aber die franzö⸗ ſiſche Folter erpreßte nichts aus ihm als die Verſiche⸗ rung, daß er nichts mehr zu ſagen habe. Man hat auch ſonſt nichts Poſitives über Mitwiſſer oder Urheber ſeines Verbrechens, weder vor, noch nach ſeinem Tode ermittelt. Alles, was man darüber geſagt, beruht auf Vermuthungen, die freilich nahe genug lie⸗ gen, aber auch ebenſo täuſchen konnten. Der Meuuchel⸗ mord ſtand im Katechismus der Zeit als ein letztes Mittel zur Erreichung politiſcher Zwecke, er iſt oft in dem entſetzlichen Parteienkampfe des ausgehenden Mittel⸗ alters und zu Anfang der Neuzeit angewandt worden. Namentlich in Frankreich hielt der Fanatismus der ligui⸗ ſtiſchen Partei ihn für erlaubt und geboten, um die Ketzerei auszurotten. Wenn wir davor zurückſchaudern, mögen wir auf uns Näherliegendes blicken. In einer hellern und ſentimentalern Zeit, wo der Fanatismus längſt das Gebiet der confeſſionellen Streitigkeiten ver⸗ laſſen, kommen Anklänge dieſer Fiebertheorie wieder vor. Hatte nicht ein Bürger der freien Staaten von Amerika, und ein Deutſcher von Geburt! eine Geſellſchaft geſtiftet und verſchiedene Preiſe ausgeſetzt für die künftigen Kö⸗ nigsmörder auf dem Continent! Dieſe Thatſache iſt nicht abgeſtritten; ein Brief des Mannes in Neuyork, der nirgend verleugnet ward, beſpricht mit unendlicher Naiv⸗ 62 Frangois Ravaillac. heit klar die Motive. Auch demokratiſch ſocialiſtiſche Zeitungsſchreiber in unſerm Vaterlande haben den Satz faſt unumwunden ausgeſprochen, daß, wenn kein ander Mittel hülfe, die Welt von den Tyrannen zu befreien, der Mord den Unterdrückten zur Pflicht und Nothwen⸗ digkeit würde. Daß man es alſo in Frankreich zu An⸗ fang des 17. Jahrhunderts nicht allein mit der That, ſondern mit der Theorie zu thun hatte, daß Viele, von der Richtigkeit derſelben erfüllt, dafür begeiſtert waren, darf weder befremden, noch unterliegt es einem Zweifel, daß eine große Verbindung exiſtirte, welche die Ermor⸗ dung Heinrich's IV. aus politiſchen und religiöſen Grün⸗ den wünſchte und den Individuen, welche ſich dazu ver⸗ ſtanden, mit Rath und Mitteln gern an die Hand ging. Damit iſt aber noch nicht erwieſen, daß gerade Ravaillac ihr erwähltes Werkzeug geweſen, und daß er in ihrem Auftrag und auf ihre Inſtigation am 14. Mai gehan⸗ delt hätte; es ſpricht vielmehr Vieles gegen dieſe An⸗ nahme. Neben der politiſchen Diatribe geht in der Regel eine Dröhnung durch die Luft, die in ihren Wirkungen auf die Gemüther oft furchtbarer iſt, als die Intrigue und die Machination. Die bezüchtigte Partei ver⸗ ſchmähte Werkzeuge wie Ravaillac nicht, im Gegentheil ſind ihr die Unzurechnungsfähigſten die Willkommenſten. Aber daß ſie, die ſo oft ihre Dolche gegen den Fürſten ſchleifen laſſen, jetzt den Augenblick erwählt haben ſollte zu einem neuen Attentat, wo er errungen, was er er⸗ ſtrebt, den Tag nach der Krönung, wo Paris von Freude berauſcht war, wo der eitle Glanz das dafür empfängliche Gemüth des Franzoſen erfüllt hatte, wo es ein neues ſtrahlendes Spielzeug geſchenkt erhalten, wo die vielen verwundeten Herzen auf die Wirkungen tiſche Satz ander reien, wen⸗ An⸗ That, von varen, weifel, rmor⸗ rün⸗ er⸗ ging. aillac ihrem chan⸗ An⸗ Regel ungen trigue vet⸗ nthil enſten⸗ irſten ſollte er er⸗ von dafür „ w olten, ungen Frangois Kavaillac. der königlichen Gnade rechneten, daß er ihre und die Wunden des Reiches heilen werde, widerſpricht der Klug⸗ heit der Partei. Sie konnte und mußte, wenn ſie ge⸗ ſchickt rechnete, eine Zeit abwarten, wo dies neue Ge⸗ ſtirn ſich wieder zu verdunkeln anfing, wo die vielen erregten Hoffnungen ſich nothwendig getäuſcht finden mußten. Die That am 14. Mai trägt den Stempel des Impulſes, der Eingebung, des Fanatismus, nicht der Berechnung. Dieſen Stempel trägt der ganze Charakter, das Auf⸗ treten Ravaillac's, ſo weit es uns bekannt iſt. Haben die Richter nicht Falſches niedergeſchrieben— und um die Ausſagen Ravaillac's zu erfinden, gehört wieder eine Dichtergabe, welche die innerſte Natur der Menſchenſeele kennt—, ſo erkennen wir in ihm einen jener ſtumpfen, faſt kindiſch angethanen Schwärmer, deren Geiſt nicht fähig iſt, die Tragweite der empfangenen Eindrücke zu überfliegen. Er iſt Eingebungen unterworfen, albernen, ohne der Kraft zu ſein, ſie zu prüfen. Wäre er ein zugeſtutzter Schauſpieler, der auch für dieſe Rolle vor⸗ bereitet war, würde er wenigſtens andere Erfindungen vorgebracht haben. Seine ſind die eines dürftigen Gei⸗ ſtes, einer verkümmerten Seele. Es überkam ihn, daß er ihn tödten mußte, und er konnte nicht widerſtehen.— Die agirenden Parteien zur Zeit der Wahnkrankheiten arbeiten doppelt, ſie wirken unmittelbar und mittelbar. Sie erhitzen die Luft, und wenn ein Gegenſtand in Brand geräth, an den ihre Hand auch nicht direct die Flamme angelegt, iſt das Feuer doch ihr Werk. Dieſe Parteien ſind überall von unſichtbaren Dämonen um⸗ ſchwebt, die für ſie ſchaffen und weben und wirken. Manches, was zu ihrem Zwecke dient, kommt auch den Leitern oft unerwartet, auch ſie ſind zuweilen dadurch ver⸗ 64 Franpois Ravaillac. führt, ein Numen darin zu erkennen, das ihrem Schaf⸗ fen zulächelt, und es iſt doch nur das Product ihrer eigenen Thätigkeit, die Wirkung in die Ferne. Wie wir in Alibaud nicht das Werkzeug einer Par⸗ tei erkannten, nur das Product einer Luftdröhnung, der ſeine geiſtige Armſeligkeit und Eitelkeit nicht wider⸗ ſtehen konnte, ſo erſcheint uns auch Ravaillac— ein faſt unzurechnungsfähiges Product des dumpfeſten Fana⸗ tismus, für deſſen Exiſtenz der Beweis nicht geführt zu werden braucht. Die Geſchichte tiſcht uns ſchichtweiſe von dieſer dicken Luft auf, die auch Verſtändigen jener Zeit die Ausſicht raubte.— Und war es das, und nicht mehr, und hat man uns nichts vorenthalten, mit wel⸗ chen Gefühlen müſſen wir das Urtheil über ihn leſen, und wie es executirt ward. Geſchichtlich ſteht über Ravaillac als ermittelt feſt, daß er der Sohn eines ſehr armen Sachwalters in An⸗ gouleme war, wo er 1578 geboren ward. Seit ſeiner Kindheit verrieth er viele Neigung zum Mönchsleben. Nachdem er mehre Jahre, kläglich wie ſein Vater, das Sachwalteramt zu führen verſucht, trat er in das Klo⸗ ſter der Feuillants. Weshalb man ihn hier ausſtieß, iſt nicht mit Beſtimmtheit ermittelt. Nach Einigen waren es ſeine Ausſchweifungen, der Verdacht eines nicht er⸗ wieſenen Verbrechens, nach Andern fürchteten die Mönche ſeine düſtere Schwärmerei, die ſich bis zu Ausbrüchen des Wahnſinns geſteigert hatte. Er hatte überall Viſio⸗ nen und wälzte ſich daneben in tauſenderlei Ausſchwei⸗ fungen. Man hatte umſonſt verſucht, ihn zum Beſſern zu bekehren. Er ward darauf Schulmeiſter in ſeiner Geburtsſtadt. pchaf⸗ ihret Par⸗ ung, ider⸗ ein Fana⸗ rt zu weiſe jener nicht wel⸗ und feſt, An⸗ ſeinet leben. das Klo⸗ ſit aren ter⸗ nche chen iſio⸗ wei⸗ ſern tadt. Franfois Ravaillac. 65 Seine Geiſteskräfte kehrten indeß nicht zurück. Von ſei⸗ ner Jugend auf hatte er mit ſinnlicher Gier den fanati⸗ ſchen Predigten der Liguiſten gelauſcht und deren Schrif⸗ ten geleſen. Der Haß gegen den König loderte ſchon früh in ihm. Er erblickte in ihm nur den hugonotti⸗ ſchen Feind ſeines Vaterlandes. Seiner Bekehrung traute er nicht. Unter ſeinen vielfachen Viſionen ſah er ſich oft in die Kreiſe der heiligen Märtyrer entrückt, die ihre Arme verlangend nach ihm ausbreiteten. Da ward der Entſchluß in ihm reif, auch ein Märtyrer zu werden und ihrer würdig. Aber zur Ausführung entſchloß er ſich erſt dann, als ihn ein vor dem Parlament in Paris gewonnener Proceß dahin rief. Das furchtbare Erkenntniß der Grand'chambre des Parlaments von Paris ward Ravaillac am 27. Mai publicirt. Er mußte es auf ſeinen Knien anhören: „Alles erwogen, ſo hat der Gerichtshof erklärt und erklärt hiermit beſagten Ravaillac als mit Recht und Ordnung bezüchtigt und überführt des Verbrechens der Majeſtätsbeleidigung, ſo der menſchlichen als göttlichen, begangen am Oberhaupt(au premier chef, von wegen des ſehr niederträchtigen, ſehr verabſcheuungswürdigen und ſehr verwerflichen Meuchelmordes, begangen an der Perſon des ſeligen Königs Heinrich IV., ſehr guten und lobenswerthen Gedächtniſſes; zur Sühnung deſſen er ihn verdammt hat und verdammt, eine Ehrenbuße zu thun vor dem Hauptthor der Kirche Notre Dame zu Paris, wohin er in einer Armenſünderkarre zu führen;— dem⸗ nächſt daſelbſt, nackt, im Hemde, eine brennende Kerze, zwei Pfund im Gewicht, in Händen haltend, zu ſagen . Frangois Ravaillac. und zu erklären, daß er unglückſeligerweiſe und ver— rätheriſcherweiſe begangen beſagten ſehr niederträchtigen, ſehr verabſcheuungswürdigen und ſehr verwerflichen Meu⸗ chelmord, und getödtet den beſagten König und Herrn mit zwei Meſſerſtichen in ſeinen Körper, worüber er Reue empfindet und um Gnade bittet Gott, den König und die Juſtiz;— daß er von da geführt werde auf den Greveplatz und auf ein Schaffot, welches daſelbſt aufzurichten, und daſelbſt mit Zangen gekniffen an den Bruſtwarzen, Armen, Schenkeln und Waden; daß dar⸗ auf ſeine rechte Hand, in der er das Meſſer halten muß, mit welchem er beſagten Vatermord begangen, verbrannt werde in Schwefelfeuer, und auf die Stellen, wo er gezwickt worden, geſchmolzenes Blei geträufelt werde, auch kochendes Oel und brennendes Pech, des⸗ gleichen Wachs und Schwefel zuſammengerührt;— wel⸗ chem nach ſein Körper ſoll zerriſſen und getheilt werden durch vier Pferde, ſeine Glieder und ſein Leib aber vom Feuer verzehrt, zu Aſche verbrannt und in die Winde verſtreuet.— Erklärt demnächſt alle ſeine Güter dem Könige verfallen. Verordnet auch, daß das Haus, in dem er geboren, der Erde gleich gemacht werde, nach⸗ dem Der, dem es gehört, vorher entſchädigt worden, dergeſtalt, daß auf dem Grund und Boden, wo es ge⸗ ſtanden, nie wieder ein Haus gebaut werden darf;— ſowie daß, vierzehn Tage nach Publication beſagten Ur⸗ theils, beim Schall der Trompeten und öffentlichem Aus⸗ ruf in der Stadt Angoulème, ſein Vater und ſeine Mutter auswandern und das Königreich verlaſſen, mit dem Verbot, jemals dahin zurückzukehren, widrigenfalls ſie gehängt werden ſollen und erdroſſelt, ohne daß irgend vorher etwas von einem Proceſſe wider ſie anhängig gemacht würde.— Verbieten wir des Weitern ſeinen ———————— et⸗ en, eu⸗ ren nig guf lbſt den dar⸗ ſten en, en, felt eb⸗ Nn om nde em in ſch⸗ en, ge⸗ r⸗ 5 it l6 nd ig — 67 Frangois Kavaillac. Brüdern und Schweſtern, ſeinen Oheimen, Baſen und Andern von nun ab den Namen Ravaillac zu führen, und heißen wir ſie, unter denſelben Strafen, einen an⸗ dern Namen anzunehmen;— und dem Subſtitut des Generalprocurators zu publiciren und zu executiren ge⸗ genwärtiges Erkenntniß, unter Verwarnung, daß wir uns an ihn halten werden; und vor der Execution be⸗ ſagten Ravaillac's, daß derſelbe von neuem auf die Folter geſpannt werde, um von ihm ſeine Mitſchuldigen zu erpreſſen.“ Mit dieſem Muſterſtück einer barbariſchen Henker⸗ phantaſie ward das Andenken des humanſten Königs, den Frankreich hervorgebracht, geehrt! Ravaillac ward demgemäß noch einmal auf das Fol⸗ terbett geſtreckt; doch ließ man ihn vorher noch einmal ſchwören, die Wahrheit zu ſagen!! Dann ermahnte man ihn: noch könne er der Tortur vorbeugen, wenn er er⸗ kläre, wer ihn zur begangenen Gottloſigkeit verführt und — Init wem er darüber geſprochen. So wahr Gott ihn verdammen möge, rief er, er habe zu keinem Manne, zu keiner Frau davon geſprochen, noch zu irgend wem. Auf der Folterbank ſchrie er zu verſchiedenen Ma⸗ len auf: „Mein Gott! mein Gott! Mitleid mit meiner Seele! Vergebung für mein Vergehen!— Aber vergib mir nicht, wenn ich einen Mitſchuldigen habe und ihn nicht angebe.— Bei meinem Eidſchwur, bei Allem, was ich Gott ſchuldig bin und der Gerechtigkeit, ich habe ja kein Wort geſagt von meinem Vorhaben,— nicht meinem Beichtvater— Niemandem!“ Man ſchraubte ſchärfer. Sein Schreien war ent⸗ ſetzlich! „Mein Gott! mein Gott! Das ſind die Strafen um 68 Franpois Ravaillac. die großen Sünden, die ich in dieſer Welt beging!— Beim allerheiligſten Glauben, ich weiß ja nichts, als was ich bekannt.— Gnade!— Laßt mich nicht an meiner Seele verzweifeln!“ Der Scharfrichter führte ihn in die Kapelle, um ihn durch kräftige Speiſen für die letzten Qualen zu ſtärken. Die Doctoren Fileſac und Gamache ſtrengten hier um⸗ ſonſt ihre Ueberredungskraft an, um ihn zu einem Ge⸗ ſtändniß zu vermögen. Er erwiderte: „Ich bin nicht ſo unglücklich, um noch etwas, was hierher gehört, zu verbergen, da ich vollkommen davon überzeugt bin, daß mein Schweigen mich von der gött⸗ lichen Gnade ausſchließen würde, auf der allein meine Hoffnung ruht. Ueberdem würde ich ja auch, wenn ich meine Mitſchuldigen angäbe, meine unerhörten Qualen abkürzen. Ich habe furchtbar geſündigt, indem ich der Verſuchung verfiel, meinen Souverain zu tödten. Ich flehe dafür um Gnade beim Könige, bei der Königin, bei der Juſtiz, bei aller Welt. Ich flehe ſie an, bei Gott für mich zu bitten, daß mein Leib allein die Strafe meiner Seele ertrage, und ich bitte inſtändigſt, daß man mein Geſtändniß drucke und bekannt mache.“ Beide genannte Doctoren erfüllten dieſen Auftrag und publicirten ſpäterhin ſein vollſtändiges Bekenntniß. Das Urtheil ward pünktlich executirt. In einem Kar⸗ ren ward Ravaillac vor die Notre Dame gebracht zur Bußerklärung, von da nach dem Greveplatz. Der Zug langte hier gegen 4 Uhr anz aber nur mit ber größten Mühe gelang es, den Verdammten bis zum Schaffot zu bringen, ſo groß war die Menſchenmaſſe auf dieſem Platze und in den angrenzenden Straßen. Nach dem Herkommen hätte er eigentlich auf einer Schleife dahin gezogen werden müſſen, aber man durfte He⸗ n ne Franpois Ravaillac. 69 es nicht wagen. Das wuthkochende Volk hätte ſich auf ihn geſtürzt und ihn zerriſſen. Andern Nachrichten zufolge wäre Ravaillac, als er die Wuth des Volkes gegen ſeine Perſon gewahrte, er⸗ ſtaunt geweſen. Er hatte nicht geglaubt, daß ſie mit ſolcher Liebe an dem Ketzerkönige hingen. Das erinnert an das Attentat eines andern Königsmordes(Tſchech), wo der Mörder auch verwundert die Theilnahmebezei⸗ gungen des Volkes anſtaunte. Die Prinzen des Hauſes Guiſe ſahen aus den Fen⸗ ſtern des Stadthauſes dem Schauſpiel zu. Außer den benöthigten Truppen hatten ſich noch mehre Hundert Edel⸗ leute zu Pferde freiwillig eingefunden, um das Schaffot zu umſtellen. Auch die beiden Beichtväter des Verurtheilten hiel— ten zu Pferde am Schaffot und unterließen keine Ueber— redungskünſte, um Ravaillac zur Nennung ſeiner Mit⸗ ſchuldigen zu veranlaſſen. Später ſtiegen ſie ſelbſt aufs Gerüſt. Trotz der unerhörten Leiden ſchien Ravaillac ruhig und gefaßt. Als er auf der Plateform des Schaffotes angekommen, verrichtete er ein kurzes Gebet und über⸗ gab ſich ſeinen Henkern. Dieſe legten ihn auf den Rücken und banden ihm den Leib zwiſchen zwei kleinen Pfoſten; die Füße und die Hände wurden ſchon jetzt an vier Pferde befeſtigt. Einer der Prieſter intonirte das Salve Regina! Aber er ward augenblicklich vom Volke unterbrochen. Von allen Seiten erhob ſich ein Geſchrei:„Kein Gebet für einen Verdammten!.... Zur Hölle mit dem Judas!“ Die Zangen glühten ſchon roth auf einem Feuer⸗ becken. Der Henker ergriff ſie und zwickte damit den Stöhnenden an allen im Urtheil bezeichneten Theilen 70 Frangois Kavaillar. ſeines Leibes. Darauf ward ſeine rechte Hand, in die man das Mordmeſſer preßte, über das Feuer gehalten. und langſam bis zur Handwurzel abgebrannt. Und in dem Maße, als die Fleiſchtheile ſich verzehrten und die Knochen ſich caltinirten, goß der Henker aus kleinen Hörnern immer neuen Schwefel auf das Feuer. Erſt als die Hand und ihre Wurzel vollkommen ver⸗ zehrt waren, goß er in die Wunde, welche die Zangen geriſſen, kochendes Oel, ſiedendes Pech und zuſammen⸗ geſchmolzenes Wachs und Schwefel. Während dieſer langen und gräßlichen Marter ward Ravaillac Zug um Zug auch noch mit der Ermahnung geplagt, ſeine Mitſchuldigen zu nennen. Die Hoffnung, welche die Humanität ſchöpft, daß er von ſo vielen Qualen beſinnungslos dagelegen haben müſſe, fällt dahin. Die Protocolle ſagen: er habe mit derſelben Ruhe und Faſſung fortwährend auf die Frage nach ſeinen Mitſchuldigen geantwortet, daß er keine habe! Wenn er nun unter den unerträglichen Schmerzen, aus Verzweiflungswuth, ſeine Henker genannt, die Prä⸗ ſidenten des Gerichts, die Guiſe, die Königin Maria, oder gar den tugendhaften Miniſter Sully! Wäre das Parlament, ein Gericht bethört, wahnſinnig genug ge⸗ weſen, darauf eine Unterſuchung einzuleiten?— Oder kannten Die, die ihn peinigen ließen, den Stumpfſinn des Fanatikers ſo genau, daß ſie in voraus wußten, auch die haarſträubendſte Qual könne dieſem Halbmenſch, Halbthier die Lippen nicht öffnen? Jetzt peitſchte man die Pferde an. Sei es, daß man ſchlecht gewählt, oder daß die Zähigkeit ſeines Leibes ſo ſtark war als die ſeiner Seele, ſie konnten ihn nicht zerreißen. Man peitſchte und peitſchte, und eine Stunde ging vergeblich hin. ——————— die alten. d in die inen ver⸗ ngen men ward ung daß ben mit age bel zen, pri⸗ ria, das ge der inn en, ſh, an ſo ht nde Frangois Ravaillac. 71 Und auch jetzt noch— es iſt entſetzlich, die Feder ſträubt ſich, es niederzuſchreiben— hatte Ravaillac ſein Bewußtſein noch nicht verloren. Der halb Zerriſſene und Verbrannte empfahl laut ſeine Seele Gott. Da ſprang einer der Edelleute, die aus Ehrenſache Wache hielten, als er gewahrte, daß eines der Pferde ſeine Kraft völlig erſchöpft und trotz der furchtbarſten Peitſchenhiebe nicht mehr ziehen wollte, von ſeinem Roß, ſchirrte das ermattete Pferd los und ſpannte ſeines an. Er ſelbſt trieb. Auch dieſer heroiſche Patriotismus half nicht. Der Henker mußte endlich zu einem Hackemeſſer greifen, um den Körper völlig auseinander zu trennen. Jetzt flogen die Pferde auseinander mit ihrer bluti⸗ gen Beute. Aber das Volk ließ ſie ihnen nicht. Auch die Stücke noch riß es in Stücke und verſchleppte die gräßlichen Trophäen triumphirend in verſchiedene Stadt⸗ theile. Aber man ließ ſie ihnen nicht. Nach wenigen Stunden waren ſie wieder eingeſammelt und bald darauf zu Aſche verbrannt. Ravaillac's Vater hat den Tod ſeines Sohnes über⸗ lebt, auch der ihn betreffende Theil des Urtheils mußte alſo vollſtreckt werden. Jacques Clement. 1589. 3 Heinrich IV., an deſſen Mörder eine ſo cannibaliſche Rache genommen ward, vielleicht mit Zuthun Derer, die am zufriedenſten waren über ſeinen Tod, war beim An⸗ tritt ſeines Königsamtes ſelbſt berufen, eine ähnliche gegen den Mörder ſeines Erblaſſers zu üben. Ihn trifft kein Verdacht, daß er an der Mordthat auch nur einen leiſen Antheil hatte, denn der Dolch war gegen den dritten Heinrich geſchliffen zu eines Andern Gunſten. Nicht der Bourbon, ſondern ein Guiſe ſollte die vom Haupt des Gemordeten fallende Krone aufgreifen. Aber der Bour⸗ bon mußte als Erbe das Rächeramt aufnehmen, er mußte gegen den Königsmörder die ganze barbariſche Wuth auslaſſen, welche das Geſetz und die Stimmung, die Meinung der Zeit forderte.— Und der Zufall wollte, daß er nicht gegen einen Lebenden, gegen einen Todten als Richter und Rächer auftrat. Wir haben es hier mit einem Proceß auf Hochverrath und Königsmord gegen einen kalten Leichnam zu thun, einem der ſeltſamſten Criminalproreſſe, den die Geſchichte uns aufbewahrt hat. Um den Lebensodem zu erhalten, müſſen wir weiter zurück in ihren Papieren blättern. ZJacques Element. Karl IX., fluchwürdigen Andenkens, war im Mai 1574 geſtorben. Er hat ſich ſelbſt ein ewiges Monument geſtiftet— die Bartholomäusnacht. Dem Caligula ſollte ein Heliogabal folgen. Die Laune des Schickſals hatte den Thronerben Frankreichs zum Könige von Polen gemacht. von Polen ſtahl ſich heimlich aus ſeinem Reiche, das Wahlkönigreich mit kn Erbkönigreiche zu ver⸗ tauſchen.. So zerriſſen und wüſt Kin dort die Dinge, daß er nur eine heilige Pflicht erfüllte, wenn er ſeine Perſon, 1 iche ſeine Dienſte vor allem ſeinem Vaterlande widmete. So die dringend war ſeine Anweſenheit durch den Kampf der Ln⸗ religiöſen Parteien, durch die wachſende Erbitterung zwi⸗ egen ſchen den Seigneurs des Reiches, den Prinzen von Ge⸗ fein blüt, welche die Religion zum Schilde ihrer Intereſſen eiſen machten, daß er mit Sturmeseile hätte nach Frankreich iten zurückkehren müſſen. „. Er brauchte fünf Monate zur Reiſe über Wien, Ve⸗ — nedig, Mailand, Savoyen nach Paris, überall von Feſten und Banketten zurückgehalten. Er wollte ſich hu amuſiren, und er amuſirte ſich, wie kein König ſoll. n Einen Vortheil hatte dennoch dieſe Reiſe. Kaiſer riſhe Maximilian hatte ihm in Wien den Rath gegeben, die ung⸗ Diſſidenten zu ſchonen. ollt Von den Prinzen von Geblüt fand er ſeinen Bru⸗ odten der Frangois, Duc d'Alengon, Heinrich von Bearn und den Prinzen von Conde auf Seiten der Reformirten. moth nwe zu Rheims(13. Februar 1575) gekrönt thun, worden, er er im Mai 1576 das Edict, welches den hicht Cuttus der„ſogenannten reformirten Religion“. alten freigab. Zugleich bewilligte er den Proteſtanten acht Städte, die ſogenannten Sicherheitsplätze, die in der 3 74 Jacques Clement. Geſchichte der Religionskriege in Frankreich eine ſo be⸗ deutende Rolle ſpielen. Aber er ſelbſt ſpielte unwürdig die Königsrolle. Er verfiel in eine tiefe Melancholie. Man ſchreibt ſie dreien Urſachen zu: der Scham über ſeine fluchtähnliche Abreife aus Polen, den unangenehmen Nachfolgen einer in Aus⸗ ſchweifungen verbrachten Nacht in Venedig und dem Schmerz über den Tod einer Prinzeſſin von Condé, die er geliebt. Faſt unzugänglich für Alle, war er nur von einer kleinen Zahl Favoriten umgeben, jungen Leuten, die ſeine Einſamkeit zerſtreuen ſollten und ſeine Einbil⸗ dungskraft vergifteten. Sie fröhnten den unwürdigſten Ausſchweifungen. Ehrbare Männer errötheten über den weibiſchen Schmuck des Königs. Seine Finger waren mit Ringen überladen, ſeine Arme mit Perlenketten um⸗ ſchlungen, an den Ohren hingen weit hinab reiche Ohr⸗ ringe. Auf dem hochfriſirten Haare erhob ſich ein über— reich geſtickter Hut, unter dem Kinne durch ein Band befeſtigt, welches von Perlen und Edelſteinen ſtrotzte. Dazu ſpielte er beſtändig mit einem Fächer, um ſeinen Teint vor dem Sonnenbrande zu bewahren. Alle ſeine Kleider bis auf die Degenſcheide mußten von Biſam und den damals bekannten und beliebten Wohlgerüchen duften. Dann aber riß er ſich zuweilen los. Die reichen Kleider wurden vom Leibe gethan, das wollüſtige Leben verlaſſen. Er ſteckte ſich in einen Büßerſack; einen gro⸗ ßen Roſenkranz in der Hand, ſah man ihn durch die Straßen von Paris gehen. Er folgte den Proceſſionen, er wälzte ſich auf den Knien bei den Kapuzinern und ließ ſich nur Bruder Heinrich nennen. Ja, er ließ ſich ein großes und ſchönes Haus auf dem Pferdemarkt bauen mit kleinen Zellen, um in den⸗ aren um⸗ Ohr⸗ über⸗ gand otzte⸗ einen ſeine jiſam üchen eichen Leben gro⸗ die onen, und auſ dil Jacqurs Clement. 75 ſelben einen Curſus von einigen Wochen der ſchreckhaf⸗ teſten Devotionsübungen abzuthun. Papſt Sixtus V., der von dieſen Bizarrerien hörte, drückte ſehr charakteriſtiſch ſeine Verachtung darüber aus: „Ich habe alles Mögliche gethan, um den Mönch in mir auszuziehen, und der König von Frankreich thut Alles, was er kann, um ihn anzuziehen“. Seine Favo⸗ riten, gebrandmarkt durch den Namen Mignons, theil— ten ſowol ſeine Lüſte als ſeine Buße; es iſt aber anzu⸗ nehmen, daß ſie bereitwilliger zur erſtern Theilung er⸗ ſchienen. Ihnen wurden die einträglichſten Aemter des Reichs verliehen und ihre Verſchwens auf Koſten des. Königs war ungeheuer. Ein ſolcher Monarch, der ſeine Zeit zwiſchen gemei⸗ nen Ausſchweifungen und Acten des dumpfſten Bigo⸗ tismus vergeudete, konnte die Achtung ſeiner Unterthanen nicht erwecken. In alken Ständen verbreitete ſich ein inneres Misvergnügen, zumal wo er in ſeiner läppiſchen Vergnügungswuth auch die Rechte der Bürger verletzte. „Er fuhr ſehr oft,“ ſchreibt ein Zeitgenoſſe,„mit der Königin, ſeiner Gemahlin, in einer offenen Kaleſche durch die Straßen und Häuſer(2) von Paris, um da die kleinen Hunde fortzunehmen, die ihm gefielen. Gin⸗ gen die Beiden auch durch die Frauenklöſter in den Um— gegenden von Paris, um in ſelber Weiſe dorten die kleinen Hunde zu requiriren, zum großen Verdruß der Damen, denen ſie gehörten. Ließen Ihro Majeſtäten ſich auch die Grammatik vorleſen und decliniren lernen von Doron, und machten ſelben darum zum Rath im großen Staatsrath.“ Der König war verachtet, er ward aber auch bald gehaßt. Die fanatiſchen Katholiken beklagten ſich über die den Hugonotten gemachten Zugeſtändniſſe; die Prieſter * 1 76 Jacques Clement. donnerten von den Kanzeln und Placate über Placate forderten zum Haß und zur Verachtung des Königs auf, ja zur offenen Revolution. Ein Mönch Poncet ſagte einſt in einer— in der Notre⸗Dame: „Ich weiß es genau, meine Andächtigen, gohhen Freitag Abend, als ſie ihre Proceſſion hielten(der Kö⸗ nig und ſeine Favoriten), drehte ſich ſchon der Brat⸗ ſpieß zum Abendeſſen dieſer großen Sünder, und nach⸗ dem ſie ihr fettes Kapaun verſchlungen, dampften ſchon zur Nachtcollation die fetten Küchlein überm Kohlen⸗ brand. D Ihr unglückſeligen Heuchler! Ihr höhnt Got⸗ tes unter der Maske und tragt zum Schein eine Geißel an Euerm Gürtel. Nicht da, bei Gott, müßt Ihr ſie tragen; auf Euern Rücken und Euern Schultern iſt der Ort; da ſolltet Ihr Euch zerfleiſchen, denn es iſt Keiner unter Euch, der es nicht verdient hätte.“ Am Ende einer andern Predigt führte ein Mönch folgenden Quatrain an: Puisque Henri, roi des Frangois, N'en aime que quatre ou trois, Il faut que trois ou quatre Aillent ses ennemis combattre. Die Placatenliteratur, die im Jahre 1848 eine ſolche Bedeutung gewonnen, war vor drei Jahrhunderten in Paris nicht weniger fruchtbar und furchtbar, ihre Sprache nur noch unumwundener als die in den Straßen von Wien und Berlin. Wir theilen einige der überkomme— nen Placate mit, doch da viele Ausdrücke, oder vielmehr Schimpfreden, ſich nicht überſetzen laſſen, oder, überſetzt, ihre Kraft verlieren würden, im Original: „Valois est un Turc par la téte, un Allemand par le corps(2), une harpie par les mains, un lacate auf, redigt eſtern t Kö⸗ Brat⸗ nach⸗ ſchon ohlen Got⸗ eißel hr ſi ſt der ſeinet Nönch ſolche en in pracht n von mme lmehr ſetzt mand Jacques Clement. Anglais par la jarretiére, un Polonais par les pieds⸗ et un vrai diable en l'àme.“ Ein anderes entwirft folgende Titel: „Henri, par la gràce de sa mère, inutile roi de France, et de Pologne imaginaire, concierge du Louvre, marzuillier de Saint-Germain-l'Auxerre, bateleur des églises de Paris, gendre de Colas, gauderomeur des collets de sa femme, et friseur de ses cheveux, mercier du palais, visiteur d'étuves⸗ gardien des Quatre-Mendians, père conscrit des Blancs-Battus, et protecteur des Capucins.“ Aber die Placate machten keine Revolution, auch nicht der Haß, und nicht die Verachtung, noch die außerordentliche Verſchwendung des Hofes. Man hätte auch die Calviniſten in den von ihnen beſetzten Pro⸗ vinzen gewähren und ihren Particularkrieg fortſetzen laſ⸗ ſen. Die große Bund der Ligue, der gegen die Refor⸗ mirten und den König zugleich abgeſchloſſen ward, verdankt ſeine erſte Entſtehung dem Ehrgeiz eines Sei⸗ gneurs, der das Commando ſeiner Provinz zu verlieren fürchtete. Der Gouverneur von Peronne und Lieutenant-Ge⸗ neral der Picardie, ein Sieur Jacques d'Humieres, fürch⸗ tete, daß in Folge früherer Verträge der(reformirte) Prinz von Condé ihn aus dem Beſitz ſeines Gouverne⸗ ments verdrängen könne. Es galt, ihm Hinderniſſe zu bereiten.. Das beſte Mittel war die Religion. Er bearbeitete den Adel der Provinz, ſich feierlich zu einer Einigung zuſammenzuthun, die den Zweck habe, nichts zu dulden, was dem Wohle der katholiſchen Religion nachtheilig ſein könne. Die Edelleute der Provinz waren eifrige Katho⸗ liken und perſönlich ihrem Gouverneur zugethan. Sie 78 Jacques Clement. unterzeichneten die Conföderationsacte, und bald war die ganze Picardie, Stadt und Land, im Bunde. Das Formular in ſeinem Anfang und der ausge⸗ ſprochene Zweck enthielten auf den erſten Blick nichts als Lobenswerthes. Durch Eidſchwur gelobte man, bis zum Tode feſtzuhalten bei der heiligen Union, geſtiftet im Namen der heiligen Dreieinigkeit, um zu vertheidigen die katholiſche Religion, den König Heinrich den Drit⸗ ten und die Vorrechte, deren das Königreich ſich unter Chlodwig erfreute. Hier war die erſte Weiche, mittels deren die Liguiſten auf Dinge übergehen konnten, die mit der Religion nichts zu thun hatten. Aber das feinſte Gift war in den Geſetzen der Aſſociation ſelbſt enthal⸗ ten, wo es hieß:„Wir verpflichten uns, unſere Güter und unſer Leben daran zu ſetzen für den Erfolg der heiligen Union und bis zum Tode Diejenigen zu verfolgen, die ihr ein Hinderniß entgegen— ſetzen wollten. Alle Die, welche unterzeichnen, ſollen unter dem Schutze der Union ſtehen, und ſollten ſie an⸗ gegriffen werden, verfolgt oder beläſtigt, ſo übernehmen wir ihre Vertheidigung, ſelbſt durch Waffengewalt und gegen wen es auch ſei. Wenn Einer oder der Andere, nachdem er den Schwur abgeleiſtet, dann wie⸗ der loskommen wollte, ſoll er als Rebell und Auf⸗ ſäſſiger gegen Gottes Willen betrachtet werden, ohne daß Die, welche bei dieſer rächenden Züchtigung geholfen, jemals darum zur Rechenſchaft gezogen werden dürften. Man wird vielmehr einen Chef wählen, dem alle Conföderirten zu gehorchen verbunden ſind, und die da nicht gehorchen wollen, ſollen nach ſei⸗ nem Willen beſtraft werden!— Wir verpflichten uns, nach unſern Kräften der heiligen Union Partiſa⸗ nen zu verſchaffen, Waffen und Alles, was ihr nöthig ar die möge⸗ nichts bis ſtiftet idigen Drit⸗ unter nittels , die einſte thal⸗ üter rfolg igen gen⸗ ſollen ſe an⸗ ehmen walt r der Auf⸗ erden, igung erden dem ſei⸗ chten ttiſa⸗ thig Jacques Clement. 79 iſt, Jeder nach ſeinen Kräften.— Diejenigen, welche es ausſchlagen würden, ſich aufnehmen zu laſ⸗ ſen, ſollen als Feinde behandelt werden und verfolgt mit den Waffen in der Hand.— Der Chef allein entſcheidet über die Zwiſtigkeiten, welche unter den Conföderirten ausbrechen, und ſie dürfen zu den ge⸗ wöhnlichen Behörden und Gerichten nur mit ſeiner Erlaubniß ihre guflucht nehmen.“ So ward alle königliche Macht auf den künftigen Chef der Ligue übertragen, von dem man aber wohl begriff, daß er ein Anderer ſein müſſe als der König. Von der Picardie aus breitete ſich der Bund ſchnell über die andern Provinzen und wurzelte beſonders feſt in dem trotzigen Paris. Bürger, Kaufherren, Adel, Prieſter, ſogar Hofleute, die überall in dieſer Zeit ihre abgeſonderten, heimlichen Verbindungen hatten, vereinig⸗ ten ſich jetzt zu größern Aſſociationen. Die größern Aſſociationen conföderirten ſich wieder, und dieſe große Conföderation nahm nun den Namen der Sainte-union unter ihren Chefs, im Volksmunde aber den der Sainte- ligue an. Zu ſolcher monſtröſen Geſtaltung führte in Frank⸗ reich zu Ende des 16. Jahrhunderts das freie Aſſocia⸗ tionsrecht. Im Staatskörper ſchuf es einen neuen Staats⸗ körper, der, wäre er zum Auswachſen gekommen, den ältern zerſprengt und zermalmt hätte. Zur Freiheit hätte er nicht geführt, indem er alle vorhandenen Elemente und Reſte der germaniſchen Volksvertretung zerſtörtr. Seine Mittel waren der Fanatismus, ſein Ziel ein neuer Despotismus. Neue Bluthochzeiten, Bürgerkriege und Richelieu's kalt berechnende Grauſamkeit und ſcharf ein⸗ greifender Arm waren nöthig, um den Staat Frankreich zu retten. —— —— Jacques Clement. Mit ſolchen Beiſpielen vor ſich, wagen Die, welche für die Volksfreiheit zu kämpfen glauben, von den neuen Staatsbildungen die unbedingte Aſſociationsfrei⸗ heit zu fordern. Ihnen ſelbſt zum Spott, die das Mittelalter bis in die letzten Faſern ſeiner Wurzeln zer⸗ ſtören möchten, rufen ſie als Palladium für die neue Freiheit und Gleichheit eine Inſtitution, ein Recht an, was nur dem Mittelalter angehörte, dort bedingt und nothwendig, was aber zu allen Zeiten den Keim des abſoluteſten Despotismus in ſich trägt. Die Ligue war fertig, ihr fehlte nur der Chef. Auch dieſer fand ſich, er ſtand ſchon fertig, vollkommen ge⸗ rüſtet, im Hintergrunde: die Guiſe von Lothringen. Zu den Fröſchen, die nach einem König ſchrien, hub er ſeinen Arm und rief: Ich bin es! Herzog von Guiſe, genannt le Balafré, derſelbe tapfere Häuptling, welcher das Blutbad der Saint⸗Barthelemi geleitet hatte. Er war ein ganzer Mann, im franzöſiſchen Sinne. Ihm zur Seite zwei Brüder, die ihm an Willensſtärke, Schlauheit und Muth wenig nachgaben, Louis, der Cardinal von Guiſe, und Karl, Duc de Mayenne. Alle drei(die Oheime Maria Stuart's) Söhne Frangois, Herzogs von Guiſe, der 1560 bei der Belagerung von Orleans ermordet wurde. Die Prinzen von Lothringen blickten ſchon lange lü⸗ ſtern nach dem Throne von Frankreich. Sie hatten ge⸗ herrſcht unter dem königlichen Kinde Franz II.; auch unter dem Henkerkönige Karl IX. Nur Heinrich III. beherrſchten ſie nicht; die Guiſe hatten ſeinen Mignons weichen müſſen. Die Guiſe, in voller Ritterlichkeit und der edeln Galanterie, die den Franzoſen ein Schmuck des Mannes iſt, und gegenüber das entartete Geſchlecht der Valvis, 3% elche ſeuen rei⸗ das zer⸗ neue n, und des Auch nge⸗ hub uiſe, ſcher inne. tärke, der Ale cis von li⸗ ge⸗ auch III. ons deln nnes * Jacques Clement. 81 der weibiſche, alberne, mönchiſch bigotte Heinrich mit ſeinen Mignons. Die Wahl war nicht ſchwer. Die Her⸗ zen der Kräftigen und Bewußten ſchlugen in Frankreich für die Guiſe. Ihnen gegenüber ſtanden nur zwei mäch⸗ tige Feinde: die Calviniſten und— die Legitimität. Die letztere ſuchten ſie zu bekämpfen, indem ſie für ſich einen Schein von Legitimität vindicirten. Sie ließen Druckſchriften durch das Land verbreiten, in denen ſie ihre Abkunft von Karl dem Großen zu beweiſen ſuchten. In einer dieſer Broſchüren heißt es:„Seit zum Nach⸗ theil der Abkömmlinge dieſes Kaiſers(Karl des Großen) die Nachkommen Hugo Capet's den Thron an ſich ge⸗ riſſen, hat ſich der Fluch Gottes über dieſe Uſurpatoren ergoſſen. Den Einen nahm er ihre Vernunft, den An⸗ dern ihre Freiheit, die Dritten wurden vom Bannſtrahl der Kirche getroffen. Die Mehrzahl derſelben, ohne Ge⸗ ſundheit und Kraft, ſind in der Blüte ihres Alters geſtorben, ohne Kinder zu hinterlaſſen. Das Königreich iſt unter ihren unglückſeligen Regierungen die Beute der Ketzer geworden, wie der Albigenſer und der Armen von Lyon. Der letzte, für die Calviniſten ſo vortheilhafte Friedensſchluß wird ihnen eine feſte Stellung in Frank⸗ reich gewähren, wenn man nicht dieſe Gelegenheit be⸗ nutzt, den Seepter Frankreichs wieder den rechtmäßigen Nachkommen Karl des Großen zu übergeben.... Man muß Monſieur(den Duc d'Alengon) aufheben, ihm einen Proceß machen als ſchuldig der laesae majestatis, ſo der göttlichen als der menſchlichen, weil er vom König, ſeinem Bruder, die den Rebellen ſo günſtigen Bedin⸗ gungen erpreßt hat. Der Herzog von Guiſe, an der Spitze ſeiner Heere, wird die Rebellen verfolgen, er wird ſich der vorzüglichſten Städte verſichern, er wird alle Mitſchuldigen Monſieurs wohl bewachen und ihnen 4** —— — 82 Jacques Clement. den Proceß machen laſſen, und endlich, wie der Papſt es anräth, wird er, wie einſt Pipin mit Childerich ge⸗ than, den König für den Reſt ſeiner Tage in ein Klo⸗ ſter ſperren.“ Die Guiſe griffen nicht mit halber Hand zu. Mit ganzer Seele und voller Kraft förderten ſie die Organi⸗ ſation der Ligue, jeden Augenblick bereit, ſich officiell an deren Spitze zu ſtellen. Ihre Unterhändler wirkten für ſie in Rom. Alles das blieb am Hofe zu Paris nicht geheim. Der armſelige König zauderte aber lange, welche Partei er ergreifen ſolle. Länger zu ſchweigen, hieß den Muth und die Kräfte ſeiner Feinde ſtärken; um loszuſchlagen, mußte er der Kräfte ſicher ſein, auf die er vertrauen konnte, er mußte ſelbſt Vertrauen und Muth haben. Ihm fehlte Beides; in ſeiner Furcht ergriff er einen Mittelweg; auf dem Ständetage zu Blois erkannte er die Ligue an und erklärte ſich ſelbſt zu ihrem Chef. Ein Formular ward aufgeſetzt, der König beſchwor es, ließ es von den Ständen annehmen und gab Befehl, daß es in Paris und ganz Frankreich unterzeichnet werde. Die Guiſe perſönlich waren in ihren Planen em⸗ pfindlich getäuſcht, aber Heinrich's Lage ward nicht beſ⸗ ſer. Aus einem Souverain ward er ein Parteihäuptling, der König mußte einen Bürgerkrieg anheben. Die Proteſtanten ſchloſſen, nothgedrängt, ſofort eine Contreligue mit Schweden, Dänemark, England und ihren Sinnesgenoſſen in Deutſchland. Jahre vergingen in blutigem Bürgerkrieg, Intriguen und Verhandlungen. Heinrich ſchonte und fürchtete die Proteſtanten; er hatte Grund, ſie nicht mit ſeiner vollen Kraft zu erdrücken. Des Königs Bruder, der reformirte Duc d'Alengon, war 1584 geſtorben. Er hatte keine Kinder hinterlaſſen, Jacques Clement. 83 upſt der König hatte keine Kinder. Der Bearnaiſe, Heinrich ge⸗ von Bourbon, war der nächſte Thronerbe. Den Katho⸗ Kb⸗ liken und den Prinzen von Lothringen drohte alſo neue Gefahr. Heinrich Guiſe ſtrengte von neuem alle Kraft Mit an, das Volk für ſich zu fanatiſiren. Neben dem Fa⸗ ani⸗ natismus liefen unendliche Intriguen, Bündniſſe her. iciell Am Hofe ſelbſt die unnatürlichſten Verbindungen. rkten Der König, ſo viel ſeine Schwelgereien, der Aufwand eitler Luſt ihm erlaubten, aus Haß gegen die Guiſe ein. mehr als aus Neigung zu Heinrich von Bearn haltend; rtei die Königin Mutter ganz im Intereſſe der Guiſe, alle uth Plane ihres Sohnes und ſeiner Mignons hintertreibend. en, ⁰ Heinrich Guiſe ſelbſt, freundlich zum Könige und Hofe uen dem Schein nach ſtehend, aber von brennendem Verlan⸗ en. gen getrieben, ihn bei erſter Gelegenheit vom Thron zu nen ſtoßen. er Da ſchreckten 1588 ungewöhnliche Kriegserfolge Hein⸗ in rich's von Navarra den König aus ſeiner Schlemmerei li und Trägheit auf— er hatte ſie durch die Unterſtützung diß Eliſabeth' von England errungen.— Ein neues Edict zu einer Union gegen die um ſich greifende Ketzerei ward erlaſſen; die Stände wurden abermals nach Blois zu⸗ ſammenberufen. Der König hätte ſich jetzt an die Spitze b⸗ ſeiner Truppen ſtellen müſſen. Er war zu träg, zu feig. , Er ernannte den Herzog von Guiſe zum Generaliſſimus, mit einer abſoluten Macht über alle ſeine Heere. Aus — ſeinen Städten und Schlöſſern zog er ſeine Comman— nd deure zurück und überließ ſie Denen, welche die Ligue — ihm beſtimmt hatte. — Kaum daß es geſchehen, ſo gereute es ihn wieder. te Auf ſeinem Lotterbette flüſterten ihm die Lotterbuben zu: was er denn gethan? Sie empfanden wol Luſt, die n, gedankenloſen wüſten Gelage mit ihrem Herrn, nicht en, — 84 Jacques Clement. aber die einſame Kloſterzelle zu theilen, die ihm drohte, ſobald Guiſe's eiſerner Arm das Scepter in die Hand nahm. Er erwachte vollkommen, ſogar mehr als din Günſt⸗ lingen lieb war, und in ihm die ganze Luſt, wieder Herr und König zu ſein. Er entfernte ſeine Mignons, wechſelte die Miniſter, die ihm gerathen, Guiſe zum Generaliſſimus zu ernennen, und umgab ſich mit Män⸗ nern, auf die er rechnen konnte. So wurden die Stände von Blois eröffnet. Die Liguiſten fürchteten ſich nicht. Sie verwunderten ſich nicht einmal darüber. Sie hielten es für eine der gewöhnlichen Inconſequenzen des gedankenloſen Fürſten. Die Deputirten der Stände waren faſt ſämmtlich Anhänger der Guiſe. Herzog Heinrich, der Balafré, trat in Blois mit dem Glanze und der Fürſtlichkeit eines Herrn auf, der ſeiner Sache ſicher iſt. Er hielt ja die Krone in der Hand. Man verhandelte über eine Geld⸗ forderung. Der König verlangte eine Summe zu einem Kriege gegen den Herzog von Savoyen, Guiſe prote⸗ ſtirte mit Heftigkeit dagegen; er forderte, daß dieſes Geld vor allem zum Kriege gegen die Calviniſten ver⸗ wandt werde. Zugleich forderten Andere eine Herab⸗ ſetzung der Taxen. Beide Forderungen hießen das königliche Anſehen vernichten. Der König war erwacht. Zugleich waren untrügliche Anzeichen da, ſelbſt nahe Verwandte Guiſe's beſtätigten es, daß der Prinz einen entſcheidenden Streich vorbereite. Jetzt galt es nicht mehr zaudern. Eine Ar⸗ retirung hätte dem Könige nichts geholfen. Welche Ge⸗ fängnißmauern in Frankreich waren ſtark genug, um einen Guiſe feſtzuhalten? Der König lud den Herzog zu einem Privatconſeil — mm—— hte, and nſt⸗ det ns, um tän⸗ inde Jacques Clement. 85 am Morgen des 22. December in ſeine Zimmer. An der Schwelle ſeiner Thür ward er von beſtellten Mör— dern niedergeſtoßen. Mehre ſeiner nächſten Anverwandten und Anhänger wurden gefangen genommen. König Heinrich ſtieg ganz heiter die Treppen im al⸗ ten Schloſſe von Blois zu ſeiner Mutter hinunter und ruft ihr beim Eintritt entgegen:„Der König von Pa⸗ ris lebt nicht mehr, Madame. Von nun an bin ich König.“—„Du haſt den Herzog von Guiſe ſterben laſſen“, erwidert ſie ſeufzend.„Walte Gott, daß Du nicht König von Richts wirſt!— Du haſt gut geſchnit⸗ ten, mein Sohn, nun aber mußt Du auch nähen. Haſt Du auch alle Deine Maßregeln wohl getroffen?“ Der König bat ſie, ſich zufrieden zu geben. Dann zeigte er ſich dem Volke. Tages darauf ward auch der Cardinal von Guiſe durch Hellebardiere niedergeſtoßen. Sein Bruder, der Duc de Mayenne, war entflohen; die Mörder kamen um eine Stunde zu ſpät. So ſicher wi die Guiſe ihres Erfolgs geweſen, als ſie nach Blois abreiſten, daß der Cardinal mehr⸗ mals vergnügt ausgerufen:„Ich kann nicht ruhig ſter⸗ ben, wenn ich nicht vorher den Kopf des Königs zwi⸗ ſchen meinen Beinen hielt, um ihm die Mönchskrone aufzuſetzen.“ Seine Schweſter, die Herzogin von Mont⸗ penſier, eine ſehr galante, lebensfrohe und für ihre Sache fanatiſirende Dame, bat ihren Bruder: daß man ſich ihrer Scheere bediene, um dem Könige die Haare zu ſchneiden. Die Guiſe waren auf Alles gefaßt und vorbereitet, nur nicht auf einen männlichen Entſchluß des Königs. Der Charakter ſeiner That, als Meuchelmord, liegt außer Streit; aber es war ein Act der Nothwehr. Der „ 86 Jacques Clement. König war verloren, wenn er die Guiſe nicht vernich— ten konnte. Heinrich's III. wahrer Charakter bewährte ſich aber auch jetzt. Statt den Sieg zu benutzen und mit den Truppen, auf die er rechnen konnte, auf Paris loszu⸗ marſchiren, verſank er in ſeine vorige Schlaffheit und unthätigkeit. Er war aus ſich herausgegangen. Die Er⸗ ſchöpfung nach dieſem Ueberbieten ſeiner Kräfte folgte. Das Entſetzen in Paris, als die Nachricht eintraf, war außerordentlich. Man ſah nur wildtraurige Geſich⸗ ter. Schweigend umarmte man ſich, aber mit knirrſchen⸗ den Zähnen. Die Kirchen füllten ſich mit ſchluchzenden Frauen. Die wüthendſten Prieſter ſchwiegen auf der Kanzel, die fanatiſirteſten Liguiſten verſchloſſen ſich in ihren Häuſern.— Der König hätte Paris auf einen Streich genommen, wenn er gewagt, es zu nehmen. Doch hatte man ſich bald erholt. Die Sechszehn riefen das Volk zur Vertheidigung und zur Rache auf. Das Volk ernannte den Herzog von Aumale, einen Halbbruder von Guiſe, zum Gouverneur von Paris, und eine Armee organiſirte ſich, um Orleans beizuſpringen, welches vom Könige hart eingeſchloſſen ward. Bald kam auch der Herzog von Mayenne an der Seite des ſpani⸗ ſchen Geſandten nach Paris und ward vom Conſeil der Union zum général de T'état royal et couronne de France erklärt. Die Ligue ſchnaufte neue Wuth und das Feldgeſchrei ward„Rache!“ Die Guiſe wurden zu Märtyrern der katholiſchen Religion erhoben. In allen Kirchen feierliche Meſſen zu ihren Ehren; alle Brüderſchaften, Corporationen, Ma⸗ giſtrate wohnten dem Gottesdienſte bei. Bei der Cere⸗ monie ſtellte man ein Bild des Königs von Wachs auf den Altar und ſtach es während der Meſſe ſe 87 Zacques Clement. mit Nadeln an allen Theilen des Körpers, be⸗ ſonders aber ins Herz. Eine magiſche Beſchwö⸗ rung, in chriſtlicher Kirche, durch welche man ſeinen Tod zu erwirken hoffte! Eine große, allgemeine Proceſſion in Paris von ein⸗ hunderttauſend Perſonen, deren jede eine gelbe Kerze in der Hand trug. Beim Eintritt in die Kirche der heili⸗ gen Genoveva löſchten ſie dieſelbe aus, traten ſie mit Füßen und ſchrien aus Leibeskräften: Gott löſche aus die Race der Valois! Einhunderttauſend intellectuelle Urheber des Königs⸗ mordes, den Jacques Clement nachher verübte. Gegen den todten Jacques Clement iſt die Gerechtigkeit einge⸗ ſchritten, gegen die lebenden Urheber iſt kein Gerichts⸗ hof aufgetreten. Die Beichtväter wühlten und wütheten in ihren Beichtſtühlen. Die Sorbonne erklärte den dem Könige geleiſteten Unterthaneneid für aufgehoben. Das Parla⸗ ment war nicht ſo fanatiſirt; man warf ſeine Räthe, wegen mangelnden Eifers für die gute Sache, unter mannichfachen Beleidigungen und Beſchimpfungen in die Baſtille. Die Flamme in Paris entzündete faſt alle größern Städte des Reiches. In dieſen Nöthen mußte Heinrich III. ſich Heinrich von Navarra nähern. Sie verſöhnten ſich, ſie vereinten ihre Heere. Der Herzog von Mayenne mußte vor der Uebermacht ſich bis vor Paris zurückziehen. Die beiden Könige ſtanden ſchon mit 40,000 Mann um Saint⸗ Cloud und Meudon, als die Liguiſtenanführer in Paris Alles aufboten, um den Fanatismus der Bürger bis zum Aeußerſten zu ſteigern, damit die Hauptſtadt ge⸗ halten werde. 88 Jacques Clement. Man verſchanzte ſich ſehr geſchickt. Eine beſſere Waffe war der aus Rom gegen den König angedrohte Bann. Die Prieſter ſtürzten von Platz zu Platz, von Thor zu Thor, das Crucifix in der Hand: der König wird ex⸗ communicirt! Die Mutter, die Witwe, die Schweſter der ermordeten Guiſe, die ſchon erwähnte Herzogin von Montpenſier, liefen durch die Straßen und beſchworen das Volk. Jene rührten durch ihre tiefe Wärme, ihre Thränen, ihren wahrhaften Schmerz; die Montpenſier durch die Heftigkeit und Leidenſchaftlichkeit ihrer feuer⸗ ſprühenden Reden, vielleicht auch durch ihre Reize. In dieſem kochenden Feuermeere von Wuth, Haß, Begeiſterung ſchwellten viel Tauſend Herzen von brün⸗ ſtiger Luſt, den König zu ermorden. In einem ward ſie zum Entſchluß, zur That. Ein junger Dominicanermönch, 25 Jahre alt, Jacques Clement, faßte dieſen Entſchluß, zur Ehre Gottes, zum Heil der wahren katholiſchen Religion, ſeines Vaterlan⸗ des und des Fürſtenſtammes, von dem er das Heil deſ⸗ ſelben erwartete. Jacques Clement war 1564 in den Ardennen gebo⸗ ren. In früher Jugend ſchon war er nach Paris ge⸗ kommen und ſtudirte bei den Jacobinern. Er hatte eben ſein Gelübde abgelegt und die Prieſterweihe empfangen. Uebrigens war er, ſagt ein Geſchichtſchreiber, ein grober und unwiſſender Menſch, aber von ſehr melancholiſchem Temperament und empfänglich für alle ſchwarzen Bilder der Einbildungskraft in einem galligen Sinn und ver⸗ brannten Gehirn. Ein anderer Hiſtoriker ſagt: Unbe⸗ ſchadet ſeiner Ungeſchliffenheit und Unwiſſenheit war er ein Libertin und immer in Geſellſchaft der gemeinſten S Jacques Clement. 89 Volksclaſſen, bei denen er ſich mit ſeinem Muth etwas wußte und ohne Aufhören wiederholte: man müſſe den Ketzern den Krieg erklären, ſie austilgen und auslöſchen. Spottweiſe nannten ſeine Genoſſen ihn den Capitain Clement. War ſein Entſchluß ein Verbrechen?— Von allen Kanzeln ward es gepredigt, es ſei jedem guten Katho⸗ liken erlaubt, den Thrannen zu tödten, den Bundes⸗ genoſſen der Ketzer, den Feind der heiligen Union, den König, der von der Kirche getrennt war, über deſſen Haupte ſchon der Bannſtrahl zückte. Clement vertraute ſich ſeinem Prior, dem Pater Bourgoing, und einem andern ehemaligen Geiſtlichen. Beide billigten ſeinen Entſchluß. Einige von den Sechszehn(der damaligen Regierung in Paris) wußten darum und theilten die Angelegenheit den Herzögen von Aumale und Mayenne mit, welche ſie nicht mis⸗ billigten- Die Herzogin von Montpenſier erfuhr davon durch den Pater Bourgoing und ſie belohnte ihn„durch den Fanatismus ihrer Entzückung darüber und ihre Gunſt⸗ bezeigungen“. Sie ließ ſich den herrlichen Menſchen zu⸗ führen. Sie ermahnte ihn auszuharren; ſie verſprach ihm, von Seiten des Papſtes, wenn er mit dem Leben davonkäme, den Cardinalshut; wenn er ſtürbe, die Ca⸗ noniſation. Um ganz ſicher zu gehen, nahm ſie ihm einen Eid ab; als Lohn für den Eid gewährte ihm die Prinzeſſin die Vergünſtigungen, welche den Lüſtling und Fanatiker ſchon hier in den Himmel verſetzten. Acten⸗ mäßige Wahrheit fordert Niemand für dieſe Angabe, frühere Hiſtoriker haben ſie aufgenommen, ſpätere als wahrſcheinlich, und dem Charakter der Rinzeſin n ent⸗ ſprechend, nacherzählt. 90 Jacques Clement. Wir leſen, was danach kaum nöthig ſcheint, daß auch noch ſeine Ordensbrüder, die Mönche, das Ihrige thaten, ihn in ſeinem Vorſatz zu beſtärken. In der Nacht auf ſeinem Lager hörte er himmliſche Stimmen, die ihm befahlen, den Tyrannen zu tödten. Selbſt ein Engel erſchien ihm mit gezücktem Schwerte in der Hand mit demſelben Geheiß. Am 3l1. Juli 1589 machte er ſich auf den Weg zu ſeinem Mordgeſchäfte. Um ihm mehr Vertrauen einzu⸗ flößen, ließ der Herzog von Aumale mehr als 150 der angeſehenſten Bürger von Paris, die es mit der könig⸗ lichen Partei entweder hielten oder als loyal geſinnt galten, ins Gefängniß ſetzen. Man ſteckte ihm zu, wenn Jemand ſein Leben angreifen wolle, würden alle dieſe mit ihrem Blute es entgelten. Nie in der Geſchichte iſt ein Meuchelmörder mit ſol⸗ chen Vorbereitungen, mit dem Vorwiſſen und der Hülfe ſo Vieler, mit ſolchen Geleitsbriefen, zu ſeinem Mord⸗ werk ausgezogen. Denn auch einen Geleits- und Empfehlungsbrief an König Heinrich führte er mit ſich, und zwar ausgeſtellt von einem loyalen Anhänger deſſelben, dem Parlaments⸗ präſidenten von Harley, der als Gefangener in der Ba— ſtille ſaß. Harley hatte ſich von Leuten täuſchen laſſen, die er für dem König ergeben hielt, und auf den Glau⸗ ben, daß Clement dem Könige ſehr wichtige Mittheilun⸗ gen zu machen ausginge, ihm das Schreiben ausgeſtellt. Der ebenſo getäuſchte Graf von Brienne, gleichfalls in der Baſtille, fertigte ihm einen Paß aus. Clement kam glücklich durch die beiderſeitigen Vor⸗ poſten, ſo wenigſtens iſt die wahrſcheinlichere Annahme, und traf auf dem Wege von Vanvres nach Saint⸗Cloud den Generalprocurator La Guesle, der mit ſeinem Bru⸗ He———-„——.— c— Jacques Clement. 91 der nach letzterm Orte, wo der König ſich aufhielt, ritt. Als La Guesle auf ſein Befragen erfuhr, daß der Mönch dem Könige wichtige Dinge zu hinterbringen habe, ſchlug er ihm vor, um ſchneller dahin zu kommen, ſich hinter ſeinem Bruder aufs Pferd zu ſetzen. Auf dieſe Weiſe kam Clement nach Saint⸗Cloud. Er benahm ſich bewunderungswürdig ruhig und un— erſchrocken. Sehr heiter ſpeiſte er zu Abend mit den Leuten des Generalprocurators, antwortete mit Feſtigkeit auf alle Fragen, die man an ihn richtete, und ſchlief dann ebenſo ruhig die Nacht durch. Aber man war damals auf Dolche und Meuchel⸗ mörder gefaßt. La Guesle ſchickte Lauſcher in der Nacht zu ihm. Sie fanden ihn in feſtem Schlafe. Neben ihm lag ſein Brevier. Aufgeſchlagen war die Stelle von der Ermordung Holofernes' durch Judith.— Auch das er⸗ regte keinen Verdacht. Andern Morgens, am 1. Aug., erfuhr König Hein⸗ rich bei ſeinem Lever, daß ein Mönch draußen ihn zu ſprechen wünſche, der von den Gefangenen in Paris vertraute Aufträge an ihn überbringe. Der König ließ ihn vor ſich führen. La Guesle und Andere waren zu⸗ gegen. Aber der Mönch erklärte, ſeine Aufträge wären der Art, daß er ſie dem Könige nur allein ſagen dürfe. Der König las Harley's Brief und neigte ihm das Ohr zu, um allein zu hören. Clement beugte ſich, zog ein großes Meſſer aus dem Aermel ſeiner Kutte und ſtieß es dem Könige in den Bauch. Heinrich riß ſelbſt das Meſſer aus der Wunde und ſtieß damit mehrmals den Mörder ins Geſicht, indem er ſchrie:„O Unglücklicher, was hatte ich Dir gethan, mich ſo zu ermorden!“ Auf das Geräuſch ſtürzten La Guesle und andere 92 Jacques Clement. Edelleute ſogleich vor, riſſen ihre Degen heraus, fuhren auf den Mörder los und tödteten ihn auf der Stelle. Man hörte, wie Clement unter dieſen Todesſtößen rief: „Ich preiſe Gott, daß ich ſo ſanft ſterbe; denn ich dachte nicht auf dieſe Weiſe loszukommen und ſo wohlfeilen Kaufes.“ In den nächſten Augenblicken war auch ſchon der Grandprévoͤt von Frankreich zur Stelle, um den procos- verbal aufzunehmen. Dies merkwürdige Actenſtück, merk⸗ würdig um ſeines Inhaltes, ſowie um der berühmten Perſon willen, die es aufgenommen, hat ſich vollſtändig erhalten, ein ſeltſamer Umſtand bei Criminalfällen von jenem frühen Datum. Wir theilen es als Curioſum, aber auch, um der Sache ſelbſt willen, vollſtändig mit. „Im Jahr Tauſend Fünfhundert Neun und Achtzig, am Erſten Tage des Auguſt, in dem Orte Saint⸗Cloud, als der König und ſeine Armee daſelbſt waren, ſind wir Frangois Dupleſſis, Herr von Richelieu, Ritter der Königlichen Orden, Mitglied Seines Staatsrathes, Prévöt Seines Schloſſes und Grand-Prévoͤt von Frank⸗ reich, ungefähr um Acht Uhr Morgens, auf die Nach⸗ richt, daß Seine Majeſtät verwundet worden, augen⸗ blicklich in die Wohnung beſagter Seiner Majeſtät ge⸗ gangen, wo itzo ſeiend, wir Dieſelbe gefunden haben liegend auf dem Bette;— Und iſt uns geſagt worden, wie Selbige ſitzend sur la chaise d'affaires, ſei ver⸗ wundet worden durch einen Jacobiner, welcher hinein⸗ geführt geweſen durch Seinen Generalprocurator;— als welcher Jacobiner Ihm ein Meſſer in den untern Theil des Bauches geſtoßen;— welches Meſſer aber beſagte Seine Majeſtät ergriffen und damit bemeldeten Jacobiner —— Jacques Clement. n zwei Stöße verſetzt habe;— welcher Jacobiner ſodann getödtet worden durch einige Edelleute und Hofdiener Seiner Majeſtät;— Und lag der Körper bemeldeten te Jacobiners in der Garderobe beſagter Seiner Majeſtät,. n wo wir ſofort eingetreten ſind;— Und daſelbſt einge⸗ treten, haben wir gefunden den Leichnam eines kleinen 7 r Menſchen, mit ſchwarzem Bart, ſehr kurz, mit großen 3 Augen, trug die Tonſur nach Form der Jacobiner, auch das Habit des Jacobiners, Alters von Acht und Zwan⸗ n zig bis Dreißig Jahren;— als von welchem man uns geſagt, daß es der Leib ſei des Jacobiners, welcher ver⸗ wundet und gefrevelt gegen beſagte Seine Majeſtät;— Und daß man gefunden auf beſagtem Körper einen Paß, . der uns vorgezeigt ward, und trug die Unterſchrift Charles de Luxembourg, datirt vom 29. Juli letzten, aus welchem beſagten Paß erſichtlich, daß beſagter Jacobiner ſich nen⸗ net Bruder Jacques Clement;— als zu welchem todten , Körper beſagten Clements, des Jacobiners, behufs der Inſtruction des Proceſſes wegen der Exceſſe, begangen gegen beſagte Seine Majeſtät, wir, ſoweit es deſſen be⸗ dürfen könnte, einen Curator ernannt haben in Perſon ⸗ des Monſ. Jehan de la Verchiere, Procurator in beſag⸗ ter Prevotei des Schloſſes;— welchem wir zu dieſem ⸗ Zwecke den erforderten Eid abgenommen, und, nachdem . dies geſchehen, haben wir Information über die an be— n ſagter Seiner Majeſtät begangenen Exceſſe aufgenommen, wie hier folgt. „Frangois Dupleſſis. „Erſter Zeuge. 6„Meſſire Jacques de la Guesle, Königlicher i Rath im Staatsrath, und des Königs Generalprocura⸗ te tor, alt ungefähr 31 Jahre, nachdem er den geforder⸗ 94 Jacques Element. ten Eid abgeleiſtet, hat ausgeſagt: wie er am geſtrigen vic Tage, etwan um 4 oder 5 Uhr Nachmittags, heimkeh⸗ u rend vom Dorfe Vanvres, allwo Deponent ein Haus Yr beſitzt, auf einen Jacobinermönch traf, einen kleinen he Menſchen mit ſchwarzem Bart, und bei ſelbem zween uut Soldaten; und als er dieſe gefragt, ob das ihr Gefan⸗ wi gener ſei, hätten ſie ihm geantwortet nein, nämlich es o wäre ein Geiſtlicher, der ſich aus Paris auf den Weg ih gemacht, um den König aufzuſuchen und Selbem etwas he mitzutheilen, was ſeinen Dienſt betreffe; als welches de hörend Deponent zu bemeldetem Jacobiner geſagt, weil wi er denn käme in Dienſtangelegenheiten Seiner Majeſtät, ſin wolle er ihn dahin führen, möge inzwiſchen beſagter hal Jacobiner ihm frei herausſagen, ob es Dinge von Wich⸗ ſch tigkeit wären, um deren willen er zu Seiner Majeſtät ein ginge, und könne er ſie ihm, Deponenten, wiſſen laſſen,*h ohne ſie ſonſt Jemand mitzutheilen oder zu communici⸗ St ren; worauf bemeldeter Jacobiner ihm erwiedert, daß er de von Seiten des Herrn erſten Präſidenten und anderer gr Diener komme, ſo Seine Majeſtät in Paris habe, die et Alle ſehr betrübt ſeien, gar keine Kunde von Seiner h Majeſtät zu haben; und würden ſehr gequält von den ei Aufſtändiſchen, und daß am Tage zuvor der Herzog J von Mayenne von ihnen habe einſtecken laſſen mehr als w Hundert und Fünfzig oder Zwei Hundert von den an— ſt geſehenſten;— als welches vernommen habend, Depo⸗ ih nent ihn nun mit ſich geführt und Einer der Brüder S des Deponenten ihn hinter ſich aufs Pferd genommen; tr — und wie ſie nun ins Logis gekommen hierſelbſt, habe ſie Deponent beſagten Jacobiner bei Seit gezogen und ihn 6 insbeſondere befragt, was es wol ſein könne, was er be mitzutheilen hätte, damit er Gelegenheit fände, davon n zu Seiner Majeſtät zu ſprechen, falls es nicht eine ſehr 95 Jacques Clement. en wichtige Sache wäre;— und habe darauf bemeldeter h⸗ Jacobiner zum Deponenten geſagt, daß es der erſte Herr 6 Präſident und andere Diener des Königs ſeien, die ihn en herſchickten, um ihn wiſſen zu laſſen, daß er noch eine en gute Zahl Diener in beſagter Stadt habe, ſo entſchloſſen „ wären, Alles, was ſie beſäßen, zu Seinem Dienſt zu õ 6 opfern, und daß, fallè es nur Seiner Majeſtät gefielc, 6 ihnen eine Stunde zu beſtimmen, ſie ihm ein Thor offen a6 halten würden;— und wie nun Deponent noch beſon⸗ ders den Mönch inquiriren wollen, um ſich zu verge⸗ wiſſern, ob ſeine Ausſage etwas Zuverläſſiges habe, ſintemalen er den Verdacht hatte, daß er ein Spion ſei, habe beſagter Jacobiner ein kleines Papier in Italieni⸗ ſcher Schrift hervorgezogen, von dem er geſagt, es ſei ein Brief des Herrn erſten Präſidenten;— und in der . That habe er, Deponent, der ſchon ehedem von den Schriftzügen beſagten Herrn erſten Präſidenten Verſchie⸗ * denes geſehen, gedacht, daß Dem ſo ſei, von wegen der * großen Aehnlichkeit dieſer Schriftzüge mit denen beſagten . erſten Herrn Präſidenten;— wie er aber jetzt dafür 6 halte, nachdem das gräßliche Unglück geſchehen, daß es 5 ein untergeſchobener Brief ſei, wie es denn leicht ſei, die n Italieniſchen Schriftzüge nachzuahmen. Beſagter Brief war des Inhalts, inſoweit Deponent ſich deſſelben ent⸗ 6 ſinnen kann, daß ſie demüthigſt Seine Majeſtät bäten, * ihnen von Dem, was vorginge, zu vermelden und was Seiner Majeſtät Wille, daß er eine weit größere Anzahl e treuer Diener in der Stadt habe, als er denke, und daß n ſie ihn bäten, daß er dem Ueberbringer des Briefes be Glauben ſchenke in Allem, was er zu Seinen Dienſten berichten würde. Außerdem habe beſagter Jacobiner auch er noch dem Deponenten einen Paß vorgezeigt, unterzeich⸗ n net vom Grafen von Brienne, Charles de Luxembourg; 96 Jacques Clement. als deſſen, nach ſeinem Fürgeben, er ſich bedient, um aus der Stadt zu kommen, und hierher, indem er zu verſtehen gegeben, er wolle nach Orleans; und daß be⸗ ſagter Deponent darauf bemeldeten Jacobiner gefragt, ob er keine andern Papiere habe, noch ſonſt etwas zu ſagen, worauf ſelber ihm geantwortet Nein, außer Ort und Stelle, wo man in Paris eindringen könne und anderes Beſondere, was er aber nur Seiner Majeſtät mittheilen dürfe. Habe Deponent alles Obige nur mit einer gewiſſen Mühe von beſagtem Jacobiner entdeckt, als welcher ihm ein ſehr einfältiger Menſch geſchienen; dergeſtalt, daß Deponent gedacht, daß Die, welche ihn hergeſchickt, ſich ſeiner nur bedient, weil ſie keinen Beſ⸗ ſern gefunden, und habe er nichtsdeſtoweniger, um ihn zu ſondiren, ihn gefragt, wann er denn den erſten Herrn Präſidenten zum letzten Male geſehen; worauf der ihm geantwortet, das ſei vorgeſtern geſchehen, und habe er bei ihm geſehen den Abbé de Rivaux und die Söhne von Portail, und habe er ihm deren Geſichtszüge be⸗ ſchrieben und ihr Weſen auf die Frage, ſo Deponent deshalb an ihn that, und daß er in die Baſtille Eintritt erhalten unter dem Schutz des Sohnes von Portail, von wegen ſeiner Bekanntſchaft mit der Ehefrau beſagten Portails; und wie Deponent fortgefahren ihn weiter auszuforſchen und ihn gefragt, ob er nicht den Abbe de Cerizy, ſeinen Bruder, geſehen? Worauf bemeldeter Jacobiner erwiedert Nein;— und indem der Deponent immer fortgefahren ihn zu ſondiren, habe er ihm geſagt, daß er ſich wohl vorſehen möge, was er ſage, und daß er nicht hierher kommen möge, um den Spion zu ma⸗ chen, und Denen etwas Falſches anzugeben, die nach Paris ſchlichen, um das Thor zu nehmen; worauf be⸗ ſagter Jacobiner erwidert, daß er ſich wohl hüte etwas Arz len und ſch St ſpr ſag we Pa des Lh et] auch au was ma mer Ob fen de geg et Der dete Ne votz Stu Sti Por mel Zacques Clement. 97 Argliſtiges anzuſtiften, und daß, ſobald er nur den Wil⸗ len Seiner Majeſtät an den erſten Herrn Präſidenten und die andern überbracht, er zurückkehren werde und ſich in die Hände Seiner Majeſtät liefern, was auch Selbe über ihn verhänge. Nachdem ſo das lange Ge⸗ ſpräch zu Ende, habe Deponent zu ſeinem Bruder ge⸗ ſagt, man müſſe ja nichts von dem Zweck ſagen, warum der Jacobiner gekommen, ganz das Gegentheil, damit, wenn Seine Majeſtät ſich ſeiner bedienen wolle, er nach Paris zurückkönne.(Hier ſcheint eine Lücke im Abdruck des Protocolls..— Daß er ſich gehalten außerhalb vom Thor Saint⸗Jacques und Saint⸗Germain, als wie wenn er wolle den Weg nach Orleans einſchlagen, und ließ auch wirklich von einem ſeiner Freunde das Gerücht ausſtreuen, und ſagte es auch Einigen, die ihn fragten, was es Neues gebe. Nachdem er Auftrag gegeben, daß man ihn in ſeiner Wohnung behüte, ſei er in die Zim⸗ mer Seiner Majeſtät gegangen, um Selben von dem Obigen zu benachrichtigen, und da er ihn nicht getrof— fen, ſei er inzwiſchen zum Abendeſſen bei dem Sieur de Rambouillet gegangen, und darauf wieder zurück⸗ gegangen in die Zimmer Seiner Majeſtät, und nachdem er einige Zeit gewartet, habe er Seine Majeſtät bei der Tafel geſprochen und ihn ſummariſch unterrichtet von Dem, was oben erzählt, und ihm geſagt, daß er bemel⸗ deten Jacobiner bei ſich eingeſchloſſen; und habe Seine Majeſtät ihm darauf befohlen, ihn heute Morgen ihm vorzuführen, und er, Deponent, nachdem er ſich die Stunde ſagen laſſen, ſei um die Zeit in die Zimmer Seiner Majeſtät getreten, und auf dem Wege ſei ihnen Portail begegnet, zu welchem Deponent geſagt, daß be⸗ meldeter Jacobiner ſeine Frau und ſeinen Sohn geſehen, und wie bemeldeter Jacobiner darauf dieſem deutliche XV. 5 ————— 98 Jacques Clement. Kennzeichen angegeben, ſelbſt von der Form des Hauſes, und wie ſeine Frau gezwungen worden, 500 Thaler zu zahlen, und daß einer von ſeinen Meiern in die Stadt gekommen wäre um einer Pachtung willen, die er bei Paris hatte, den Namen derſelben habe er aber nicht gehört, da er, Deponent, vorausging. Von da wären ſie in die Zimmer des Königs gekommen, und hätten erfahren, daß er noch im Garten ſchliefe mit den Sieurs Duhaller, Compagnolle und Andern; darauf wären ſie aber vom Sieur Duhaller gerufen worden, und nachdem ſie in eine Galerie geſtiegen, ſo in die Apartements Seiner Majeſtät führt, wäre er gerufen worden von be⸗ ſagtem Sieur Duhaller, und der habe geſagt, daß er bemeldeten Jacobiner mitbringe; und nachdem ſie nun Beide in das Zimmer des Königs getreten und gefun⸗ den, daß er auf ſeinem Stuhle ſitze, habe er oben be⸗ meldete Papiere des beſagten Jacobiners genommen und habe den Jacobiner an der Thüre warten heißen; und nachdem er, der Deponent, ſich Seiner Majeſtät genä⸗ hert, habe er ihm beſagte Papiere gezeigt, und Seine Majeſtät habe den Brief geleſen, von dem bemeldeter Jacobiner vorgegeben, daß er vom erſten Herrn Präſi⸗ denten herrühre; und nachdem er den Jacobiner vortre⸗ ten laſſen, habe Seine Majeſtät denſelben von der an⸗ dern Seite, als wo er, Deponent, ſtand, zu ſich gerufen, indem Niemand bei Seiner Majeſtät war, als M. Le⸗ grand, und Seine Majeſtät habe bemeldeten Jacobiner gefragt, was er ſagen wolle, und der Jacobiner habe erwidert, daß das etwas ganz Geheimes ſei, und da habe er, Deponent, zwei oder drei Mal das Wort ge⸗ nommen, er ſolle nur ganz laut ſprechen, und es ſei dabei gar keine Gefahr; und wie ſie nun geſehen, daß Seine Majeſtät den Kopf ihm zugeneigt, habe beſagter ſes, zu adt bei icht iren tten eur ſie dem ents be er nun fun⸗ be⸗ und und eni⸗ eine detet raſi rt an ufen, Lr⸗ biner habt d da t ge⸗ z ſei dß ſagte Jacques Clement. 99 Sieur Legrand und er, Deponent, ſich ein oder zwei Schritte zurückgezogen;— und wie nun faſt zur ſelben Zeit bemeldeter Jacobiner Miene gemacht, ſich Seiner Majeſtät zu nähern, und ſie gleich darauf Seine Ma⸗ jeſtät ſchreien gehört, nämlich die Worte: daß der Un⸗ glückliche Sie verwundet gehabt; und wie ſie hingeſehen, wäre Seine Majeſtät aufgeſtanden, herausziehend das Meſſer aus Ihrem Leibe und mit beſagtem Meſſer nach dem Leibe bemeldeten Jacobiners ſtoßend;— als welches er, Deponent, ſehend, und das Blut, was aus dem Leibe Seiner Majeſtät ſchoß, und wie er die Eingeweide mit der Hand zurückhielt, die aus der Wunde platzten, und erſtaunt und verwirrt über ſolch entſetzliches Un⸗ glück, und da er noch immer ſah bemeldeten Jacobiner dem Könige gegenüber ſtehen und gefürchtet, daß er noch andere Waffen bei ſich führen möchte, da habe er, De⸗ ponent, den Degen herausgeriſſen, den Menſchen zurück⸗ geſtoßen und ihm eins übers Geſicht gegeben, als auf welches Geräuſch mehre Edelleute und Hofleute Seiner Majeſtät hereingeſtürzt wären, die den bemeldeten Jacobi⸗ ner getödtet, während doch Deponent ihnen zugeſchrien, daß ſie ihn nicht tödten möchten;— allein durchdrungen von einem nur zu gerechten Zorn wiſſe er nicht, ob ſie ſeine Worte gehört;— und darauf zu Seiner Majeſtät gerichtet, habe er ſich auf ſeine Knie geworfen und gebeten, ihn, Deponenten, auf der Stelle ſterben zu laſſen als den unglückſeligſten Menſchen, der auf dem Erdboden lebe, in⸗ dem der böſe Geiſt Frankreichs ſich ſeiner bedient zu einer ſolchen und ſo unglückſeligen Handlung. Und dies iſt es, was er ausgeſagt hat. Wird ihm vorgeleſen und er hat ſeine Angabe wiederholt, und bei ſelber verharrt und dies unterzeichnet. De la Guesle. Frangois Dupleſſis.“ 5* 100 Jacques Clement. „Zweiter Zeuge. „Frangois Dumont, Bogenſchütz am Thor des Königs, wohnhaft zu Paris, au logis du Temple, alt etwa 45 Jahre, nachdem er den Eid abgelegt über Das, was man ihn befragen werde, hat ausgeſagt: daß er den Bruder Clement gekannt, einen Jacobiner, ſinte⸗ malen er ihn geſehen Meſſe leſen bei den Mathurins in beſagter Stadt Paris, ungefähr drei Wochen nach letztem Weihnachten, mit dem Bruder Pierre Boufrayt, die Beide von Notre⸗Dame kamen; und daß er den Körper deſſelben heut todt liegen geſehen in dem Hofe der kö⸗ niglichen Wohnung hier in dieſem Ort Saint⸗Cloud; daß er erfahren, wie er getödtet worden durch einige Edelleute und andere Hofleute Seiner Majeſtät, weil er mit dem Meſſer eine Wunde geriſſen(Paillé) im Kör⸗ per beſagter Seiner Majeſtät, als Selbe 6tant à ses affaires. Und dies iſt es, was er ausgeſagt hat. Ward ihm vorgeleſen und hat er ſeine Angabe wiederholt und bei ſelber verharrt und dies unterzeichnet. Dumont. Francois Dupleſſis.“ „Dritter Zeuge. „Bernard de Monſiries, Edelmann des Königs, etwa 30 Jahre alt, nachdem er den Eid abgeleiſtet wie Die vor ihm, ſagt und deponirt: heutiges Tages, etwa um 8 Uhr des Morgens, als er im Vorzimmer war, hat er ein groß Geräuſch im Zimmer des Königs ver⸗ nommen, iſt er auf dies Geräuſch hineingeſtürzt und hat er Seine Majeſtät gefunden, wie Derſelben die Einge⸗ weide aus dem Bauch fielen, und hat ſie gehalten mit der Hand; was ſehend, iſt er zwiſchen die beiden Betten geſtürzt, wo er einen Jocobiner gefunden, weiß geklei⸗ des alt tem die rper ud ige er 808 ard und wie etwa war, ver⸗ hat inge⸗ mit etten Zacques Clement. 101 det, von welchem ihm der Generalprocurator geſagt, daß er Seiner Majeſtät einen Meſſerſtich gegeben; welchen Jacobiner er bei den Haaren und bei der Bruſt ergrif⸗ fen hat, und hat ihn ſofort in die Kammer geſchleudert und zugleich geſagt, daß man ihn nicht tödte; welchem nach der Jacobiner wieder aufgeſtanden, und da ſind andere Edelleute hineingeſtürzt und haben ihn umge⸗ bracht, ohne daß er ſonſt etwas geſagt. Und dies iſt, was er ausgeſagt hat u. ſ. w. Monſiries.“ „Vierter Zeuge. „Frangois Daupou, ebendesgleichen Edelmann des Königs, etwa 26 Jahre alt, nachdem er den Eid geleiſtet wie die Andern, hat ausgeſagt, daß an dieſem Tage, etwa um 8 Uhr, als er im Vorzimmer des Kö⸗ nigs war, wo er ſchläft, er ein groß Geräuſch im Zim⸗ mer des Königs gehört, ſei er darauf hineingeſtürzt, und habe er gefunden, in beſagtem Zimmer, Seine Ma⸗ jeſtät, verwundet, wie Selbe da zu einem Jacobiner ge⸗ rufen:„Ach, Elender! was hatte ich dir gethan?? Und augenblicks hat er ihn am Arm gepackt, und während er ihm den Arm hielt, ſind einige Edelleute und Haus⸗ leute des Königs zugeſprungen, die dieſen ſelben Jaco⸗ biner getödtet haben, während man noch ſchrie, daß man ihn nicht tödten ſolle. Und dies iſt's, was er ausgeſagt hat, und hat's unterzeichnet. Daupou.“ „Fünfter Zeuge. „Frix de Bas, desgleichen Edelmann Seiner Ma⸗ ieſtät, etwa 27 Jahre alt, nachdem er den Eid geleiſtet hat ausgeſagt, daß er um 8 Uhr, als er im Vorzimmer geweſen mit mehren andern Edelleuten, ſeinen Kame⸗ ————— 102 Jacqurs Clement. raden, ein groß Geſchrei gehört hat, und die Stimme des Herrn Legrand, der rief:„Ach Jeſus!“ auf welches Geſchrei er in beſagtes Zimmer geſtürzt iſt, wo er den König gefunden hat, der im Hemde war, verwundet im Bauch, und die Hand auf die Wunde haltend, wor⸗. aus die Eingeweide vorplatzten; in welcher Kammer er geſehen hat, zwiſchen den beiden Betten, einen Jacobi⸗ ner, den der Sieur de Monſiries am Halskragen ge⸗ packt, während der Generalprocurator zugegen war und ſchrie:„Ach Unglückſeliger, was haſt du gethan? Und im Augenblick darauf hat nun beſagter Monſiries be⸗ ſagten Jacobiner auf die Erde geworfen, worauf Viele zugeſtürzt ſind, den Degen in der Hand, die ihn ge⸗ tödtet haben, während man noch ſchrie, daß man ihn nicht tödten ſolle. Und dies iſt, was er ausgeſagt hat und hat's unterzeichnet.“ (Dieſe Zeugenausſage iſt, man weiß nicht weshalb, „Dufort“ unterzeichnet.) „Sechster Zeuge. „Der gewaltige(puissant) Seigneur, Meſſire Royer de Bellegarde, Seigneur benannten Ortes, Baron von Termes, erſter Edelmann der Kammer und Großſtall⸗ meiſter von Frankreich, alt etwa 22 Jahre, hat, nach geleiſtetem Eide, ausgeſagt, daß, ſich befindend in der Kammer des Königs, qui était sur sa chaise d'af- faires*), Duhaller, der erſte Kammerdiener Seiner Ma⸗ *) Die Art der Audienz, welche uns als königlicher Cynismus bedünkt, wird indeß dadurch erklärt, daß, nach andern Hiſtori⸗ kern, Heinrich II. ſich ſchon einige Tage früher, umherziehend in den Feldlagern, einen heftigen Durchfall zugezogen. Freilich wird jetzt, auch in dieſem Falle, ein König nicht leicht auf dem Nacht⸗ ſtuhl ſeine Großen und Botſchafter empfangen. her von al⸗ nuch der aſ⸗ Na⸗ zmus ſori⸗ wird acht⸗ Jacques Clement. 103 jeſtät, ihm geſagt, wie der Generalprocurator beſagter Seiner Majeſtät Selbem zugeführt habe einen Jacobiner, um mit beſagter Seiner Majeſtät zu ſprechen, als welche auch befohlen habe, daß man ihn eintreten laſſe; und ſelben Augenblicks hat er geſehen beſagten Generalpro⸗ curator, mit einem kleinen Papier und einem Paſſe, den er in den Händen hielt, wie er beſagtem Jacobiner ein Zeichen gab, daß er näher herantrete zu Seiner Maje⸗ ſtät, welches Papier und Paß beſagter Generalprocurator an beſagte Seine Majeſtät überreicht hat, welcher es geleſen und zu bemeldetem Jacobiner geäußert hat, was er zu ſagen hätte, welcher Jacobiner darauf erwidert: Sire, Monſieur der erſte Präſident befindet ſich wohl und küßt Ihnen die Hände?. Und nach dieſen Worten hat er zu bemeldetem Generalprocurator geſprochen, daß er gern zum Könige à part ſprechen wolle, und daß Niemand dabei ſei, was beſagten Generalprocurator ver⸗ anlaßt hat, ihm zu ſagen, zu zweien Malen, daß er laut ſprechen ſolle, und daß im ganzen Zimmer Niemand ſei, zu welchem Seine Majeſtät nicht Vertrauen hätte; und wie nun Seine Majeſtät geſehen, daß bemeldeter Jacobiner doch Schwierigkeit mache, zu ſprechen, hat er dieſe Worte zu ihm geſprochen: Approchez vous! Was auch bemeldeter Jacobiner gethan hat, und hat ſich hin⸗ geſtellt auf den Platz, wo der Herr Deponent geſtanden, welcher ſich zurückzog in Seiner Majeſtät Nähe, allwo er augenblicks darauf die laute Stimme Seiner Maje⸗ ſtät vernommen hat, die ausrief:„Ach, mein Gott!“ was beſagten Sieur und Deponenten veranlaßt hat, den Kopf umzudrehen, wo er denn Seine Majeſtät aufrecht ſtehend geſehen, wie Selbe aus ihrem Leibe ein Meſſer zog, mit welchem Sie in voller Kraft zwei Mal bemel⸗ deten Jacobiner ins Geſicht geſtoßen, ſprechend:« Ach, ——————————— 104 Jacques Clement. Schändlicher, du haſt mich umgebracht!? Was ſehend, daß Seine Majeſtät ſo unmenſchlich getroffen worden (inhumainement frappée), hat beſagter Herr Depo⸗ nent ſich bewogen gefühlt, auf die Bruſt bemeldeten Jacobiners loszuſpringen, wo dann, da er ihn mit den Armen feſthielt, mehre Edelleute und andere Hausdiener des Königs zugekommen ſind, die ihn niedergeriſſen und getödtet haben. Und dies iſt, was er ausgeſagt hat, und hat's unterzeichnet. Royer de Bellegarde.“ „Siebenter Zeuge. „Savary de Saint⸗Pastours, Stallmeiſter, Seigneur von Bonrepans, Edelmann im Dienſt beſagter Seiner Majeſtät, alt etwa 26 Jahre, nachdem er den Eid geleiſtet wie die Vorherigen, hat ausgeſagt, daß an dieſem Tage, etwa um 8 Uhr, als er mit ſeinen Kame⸗ raden im Vorzimmer war, er die Stimme gehört be— ſagten Herrn Legrand's, auf welche er in das Zimmer des Königs geſtürzt, allwo er Seine Majeſtät geſehen hat, die ihren Bauch in der Hand hielt. Was ſehend, er augenblicks nach dem Bett geſtürzt iſt, wo er einen Jacobiner getroffen, den der Sieur de Monſiries bei den Haaren gepackt hielt und auf ihn loswarf. Im Augen⸗ blick ſind mehre andere Perſonen ins Zimmer geſtürzt, die ſich auf bemeldeten Jacobiner geworfen; und wie viel auch Deponent und Andere ſchrien, daß man ihn nicht tödte, haben ſie ihn doch getödtet, weil Seine Majeſtät ſagte, es ſei der bemeldete Jacobiner, welcher ihn verwundet. Sagt ferner, daß er beim Eintreten in bemeldetes Zimmer den Herrn Generalprocurator gefragt: Aber, mein Gott, wer hat den Elenden hergeführt? hat er ihm darauf erwidert, daß er es ſei. Auf welche end, den po⸗ eten den ener und hat, er, ter den an ne⸗ be⸗ er hen nd, nen den en⸗ wie ihn ine er gr Jacques Clement. 105 Antwort er, Deponent, ſagt, er habe große Luſt ge⸗ ſpürt, beſagten Generalprocurator niederzuſtoßen, vermei⸗ nend, er ſei die Urſach des Todes ſeines Herrn. Iſt aber davon wieder abgebracht worden, weil er(La Guesle) ſelbſt rief, daß man ihn tödten möchte. Das hat er ge⸗ ſagt und unterzeichnet. Bonrepans.“ „Achter Zeuge. „Antoine Portail, Wundarzt und Kammerdiener im Dienſt des Königs, ungefähr 60 Jahre alt, hat, nachdem er den Eid geleiſtet, wie die Andern, geſagt und deponirt, daß heute, ungefähr um 7 Uhr Morgens, als er aus der Wohnung des Herrn Marſchall d'Aumont kam, um in die Wohnung des Königs zu gehen, er dem Herrn Generalprocurator begegnet iſt, der von einem Jacobiner begleitet geweſen, welcher Herr Gene⸗ ralprocurator ihn angerufen und zu ihm geſagt:„Siehe da einen Ordensbruder, der Ihnen Neuigkeitrn von Ih⸗ rem Hauſe in Paris bringt»; was vernehmend, er ſich an den beſagten Jacobiner gemacht, der ihm auch ge⸗ ſagt:„Ich habe Ihre Frau geſehen, zwei oder drei Mal, die gewaltig betrübt iſt und gequält.“ Hat er ihn ge⸗ fragt, bei welcher Gelegenheit er denn in ſeiner Woh⸗ nung geweſen? Hat er ihm geantwortet, er habe ſeinen Sohn in der Baſtille beſucht, der da Gefangener wäre, und der habe ihn gebeten, ſeine Mutter zu beſuchen und ihr Nachricht von ihm zu bringen. Hat er den Jaco⸗ biner gefragt, wohin er denn ginge? Hat er ihm ge⸗ antwortet, daß er nach Orleans ginge, daß er aber auf dem Wege gefangen genommen worden. Und das hat er geſagt, wäre ſeine Wiſſenſchaft und hat's unterzeichnet. An. Portail.“ 5** 106 Jacqurs Clement. „Neunter Zeuge. „Jehan Bachet, gebürtig zu Laran, Gascogne, alt etwa 16 Jahre, gegenwärtig Laquai des Sieurs de Bonrepans, Edelmanns in Dienſten des Königs, hat, nachdem er den Schwur geleiſtet, ausgeſagt: daß heute Morgen, etwa um 7 Uhr, als er im Garten kleine Nüſſe aß, ein Jacobiner ſich an ihn gewandt, der ihn gefragt, wem er angehöre; hat er geantwortet, daß er einem Edelmann des Königs angehöre, der in der Woh⸗ nung des Königs ſchlafe; hat bemeldeter Jacobiner ge⸗ fragt, ob er(Deponent) ſeinem Herrn beim Außſtehen aufwarte. Hat er ja geantwortet. Das iſt ſeine Wiſ⸗ ſenſchaft, und hat er erklärt, er könne nicht ſchreiben und nicht unterzeichnen. Frangois Dupleſſis. Chesneau.“ In dieſem uns erhaltenen merkwürdigen Protocoll fehlt indeß Manches, was anderweitig als geſchichtlich ermittelt uns überkommen und ſchon angegeben iſt. Die Verwundung des Königs ward anfänglich nicht für tödtlich erachtet. Er ſchrieb ſogar noch an die Kö⸗ nigin, welche ſeit ſeiner Verbindung mit Heinrich von Navarra in Chinon zurückgeblieben war, folgendes Billet. Die zitternden Schriftzüge verriethen indeß die Hand eines Sterbenden: „Mein Leben, Du haſt erfahren, wie ich jämmerlich verwundet worden bin. Ich hoffe, daß es nichts ſein wird. Bitte Gott für mich. Adieu, mein Leben!“ Ueber die letzten Momente Heinrich's III. von Valois beſitzt man in den Memoiren des Herzogs von Angou⸗ leme, eines Sohnes Karl's IX. und der Maria Touchet, ne, at, ute ine hn er g hen iſ en tol lich icht von let. nd ein vis ou het, Jacques Clement. 107 unter dem Titel: Mémoires tros-particulières sur This- toire d'Henri III., den ſehr intereſſanten Bericht eines Augenzeugen. Deutlicher können wir kaum in das Le⸗ ben jenes blutigen Morgens in Saint⸗Cloud eingeführt werden. „Als ich eintrat, ſah ich gleich im Hofe das ſchreck⸗ liche Schauſpiel dieſes Dämonen, den ſie zum Fenſter hinausgeworfen hatten. Alle Gardes du Corps ſtanden in Waffen die Treppen entlang und vergingen in Thrä⸗ ns „Ich trat nun in das Zimmer des Königs, und ich fand ihn auf ſeinem Bette und er war noch nicht ver⸗ bunden, ſein Hemde war ganz voll Blut. Er hatte die Verwundung ein wenig unterhalb des Nabels erhalten, auf der rechten Seite. „Als er mich nun erblickte, that er mir die Ehre an, mich bei der Hand zu faſſen, und er ſagte zu mir: „Mein Sohn(ſo nannte er mich immer, wenn er be⸗ ſonders zu mir ſprach) laß Dich's nicht verdrießen. Dieſe Schändlichen haben mich tödten wollen, aber Gott hat mich geſchützt vor ihrer Bosheit. Es wird nichts ſein.“ „.. Monſieur d'O. und einige Andere zogen mich dann zurück von Seiner Majeſtät... und wie ich mich nun ein wenig erholt,.... kam ich wieder zu Seiner Majeſtät, und ich fand ihn jetzt unter Portail's Händen, ſeinem erſten Wundarzt, welcher gerade die Wunde ſon⸗ dirte, und wie er denn ein ſehr erfahrener Mann war, und ſcharfen Blickes, da konnte er ſich nicht enthalten, auf lateiniſch zu einem ſeiner Collegen zu ſagen, der hieß Pigré, und einem andern Arzt, der hieß Lefebre, daß er glaube, die Eingeweide wären durchſtoßen. „Nachdem der erſte Verband aufgelegt, beriethen ſie, was man thun müſſe, um Seiner Majeſtät Lage zu 108 Zacques Clement. erleichtern. Ihr Beſchluß fiel dahin aus, daß man Sei⸗ ner Majeſtät ein Lavement beibringen müſſe, und Por⸗ tail, wie er denn auch beſonders zu meinen Dienſten war, ſagte zu mir:„Mein Herr und Gebieter, denken Sie an ſich; denn ich ſehe nicht, wie der König zu retten wäre.» „.. Nichtsdeſtoweniger erzählten Seine Majeſtät, und zwar mit feſter Stimme und deutlich geſprochenen Worten, an alle Prinzen und Seigneurs, die im Zim⸗ mer waren, die Art und Weiſe, wie der unglückſelige Menſch ſich ihm genähert, bis dahin, wo Boulogne, ſein Almoſenier, die Meſſe anfing, was Seine Majeſtät befohlen hatte, gleich nachdem er ſich verwundet fühlte, da er weit mehr ſorgte für das Heil ſeiner Seele, als für die Erhaltung ſeines Lebens, wie denn das auch aus den Worten hervorgeht, welche der Prinz ſprach, als Boulogne beim heiligen Sacrament der Meſſe den Leib des Sohnes Gottes in den Händen hielt: (Mein Gott, mein Schöpfer und Erlöſer, wie ich mein Leben hindurch geglaubt, daß alles Gute, was ich erlebt, nur von dir käme, daß der Beſitz meiner König⸗ reiche mir nur geworden durch den Befehl, den es dei⸗ ner ewigen Macht gefallen, darin feſtzuſetzen, ſo flehe ich denn auch jetzt, wo ich ſehe, daß meine letzten Au⸗ genblicke gekommen, deine göttliche Barmherzigkeit an, daß es dir gefallen möge, Sorge für meine Seele zu tragen; und wie du biſt der einzige Richter unſerer Ge⸗ danken, der Erforſcher unſerer Herzen, ſo weißt du auch, mein Herr und mein Gott, daß nichts mir ſo theuer und heilig iſt, als die Aufrechterhaltung der wah⸗ ren katholiſch⸗apoſtoliſch⸗römiſchen Religion, die ich ſtets bekannt habe; und dies veranlaßt mich, noch einmal dieſes Wort und dieſe Bitte an dich zu richten, damit, Sei⸗ or⸗ ſten en zu ſät, enen Zim⸗ lige gne, te, als uch ach, den ich ich nig⸗ dei⸗ ſcht Au⸗ an, zu Gl⸗ du ſo vh⸗ ſtets mal nit, Jacques Clement. 109 wenn ich den Völkern nöthig bin, die du mir anver⸗ traut haſt, du mir, indem du meine Tage verlängerſt, durch die Gnade deines heiligen Geiſtes beiſtehen mögeſt, damit ich nie von Dem abirre, was ich ſoll. Wenn nicht, ſo verfüge darüber, wie deine göttliche Güte es am geeignetſten hält für den allgemeinen Nutzen dieſes ganzen Reiches und für das beſondere Heil meiner Seele, indem ich hiermit feierlich betheure, daß mein ganzer Wille ſich ohne Widerſtreben und Kummer den unaus⸗ löſchlichen Beſchlüſſen deiner Ewigkeit unterwirft.» „Alle, die im Zimmer waren, hörten ohne Anſtren⸗ gung dieſes Gebet, weil Seine Majeſtät alle Worte ganz deutlich ausſprach, daß man hätte glauben ſollen, er habe gar keinen Schmerz. „Das war nur dazu angethan, daß alle Zuhörer aufs neue in Thränen ausbrachen, und Seine Majeſtät merkte es; dann ſich auf mich ſtützend, ſprach Selbe: (Ich bin traurig, daß ich meine Diener betrübt ſehe.» „Nachdem die Meſſe abgehalten, fing der König an, die Wirkungen der Wunde zu fühlen, und da das Herz ihn ſchmerzte, ließ er etwas Waſſer. Die Aerzte nun, nach ihrem Beſchluß, gaben ihm ein Lavement; aber es wirkte nur zur Hälfte. Die andere Hälfte verbreitete ſich im ganzen Bauche von wegen der Wunden im Un⸗ terleibe, und da wurden die Aerzte mit ſich einig, daß er nicht davonkommen könne. „Unmittelbar darauf kam nun der König von Na⸗ varra an, an welchen der König einen Edelmann abge⸗ ſchickt hatte, der Vantajoux heißt, um ihn von ſeiner Verwundung zu unterrichten. Als er in das Zimmer trat, reichte Seine Majeſtät ihm die Hand:„Mein Bruder, Sie ſehen, wie Ihre Feinde und die meinigen mich behandelt haben; nun müſſen Sie ſich wohl in 110 Jachues Clement. Acht nehmen, daß ſie es mit Ihnen nicht eben ſo machen. „Das ſind die getreuen Worte, ſo der König zum Könige von Navarra ſprach, der ganz nach ſeiner Natur vom Mitleid erfüllt war, und ſo erſchrocken und bewegt, daß er eine Zeit lang nicht ſprechen konnte; und dann antwortete er ihm, wie er hoffe, daß ſeine Verwundung nicht gefährlich ſei, und daß er bald wieder auf ſein Pferd werde ſteigen können und Die züchtigen, ſo die Urſach ſeien dieſes Attentates. „Ich war gerade am Fuße des Bettes vom König und dieſer antwortete da ſo:„Mein Bruder, ich habe das richtige Gefühl. An Ihnen iſt es nun, das Recht zu beſitzen, an dem ich gearbeitet habe, um Ihnen zu erhalten Das, was Gott Ihnen gegeben. Und das hat mich in den Zuſtand verſetzt, darin Sie mich finden. Ich bereue es nicht, denn die Gerechtigkeit, deren Schutz⸗ herr ich mein Leben hindurch geweſen, will, daß Sie mir nachfolgen in dieſem Königreiche, in welchem Ihnen noch vieles Widerwärtige begegnen wird, wenn Sie ſich nicht entſchließen, die Religion zu wechſeln. Ich ermahne Sie dazu, ſowol um das Heil Ihrer Seele, als um des Glückes willen, das ich Ihnen wünſche.» „Der König von Navarra hörte dieſe Anrede, die ganz allein an ihn gerichtet war, mit ſehr großer Ehr⸗ furcht an und mit Zeichen tiefer Trauer; aber er erwi⸗ derte nur wenig Worte und ſehr leiſe, und der Sinn war, daß er Seine Majeſtät überreden wollte, wie es nicht ſo ſchlimm mit ihm ſtände und wie er nicht an ein ſo ſchnelles Ende denken möge. „Aber der König, ganz entgegengeſetzt, erhob ſeine Stimme in Gegenwart der vielen Seigneurs und vor⸗ nehmen Herren, von denen das Zimmer ganz voll war, um tur gt. n ung ſein die nig abe cht zu hat en. ut⸗ Sie nen ſih hne des die hr⸗ wi⸗ inn kö an ine ot var, Jacques Clement. 111 und ſagte:„Meine Herren, treten Sie näher und hö⸗ ren Sie meinen letzten Willen über Das, was Sie zu beobachten haben, wenn es Gott gefallen wird, mich aus dieſer Welt zu nehmen. Sie wiſſen, wie ich Ihnen immer geſagt, daß Das, was geſchehen iſt(ce qui s'est pass6— die Ermordung der Guiſe), nicht die Rache war wegen beſonderer Handlungen, die meine rebelliſchen Unterthanen gegen mich und den Staat vollbracht, und was gegen mein Naturell mich veranlaßt, zum Aeußer⸗ ſten zu ſchreiten, ſondern die gewiſſe Wiſſenſchaft, die ich hatte, daß ihre Abſichten ſo weit gingen, meine Krone gegen alles und jedes Recht zu uſurpiren und zum Nachtheil des wahren Erben. Und daß ich vorher alle ſanftern Mittel verſucht, um ſie davon zurückzu⸗ bringen, daß ihr Ehrgeiz aber ſo maßlos erſchien, daß alles Gute, womit ich ſie überſchüttet, um ſie zu ſänf⸗ tigen, nur dazu gedient, ihre Macht zu vermehren, ſtatt daß ſie ihren böſen Willen gebrochen oder gemind ert Nach einer langen Geduld und Nachſicht, die ſie nur für Gleichgültigkeit und Trägheit hielten, und nicht für das wahrhafte Verlangen, ſie von ihren böſen Abſichten zurückzuziehen, da konnte ich nicht anders meinen gänz⸗ lichen Untergang vermeiden und die totale Umwälzung meines Staates, als nun ſo weit in der Gerechtigkeit vorzugehen, als ich in der Güte vorgegangen war. Ich war gezwungen, der ſouverainen Autorität mich zu be⸗ dienen, welche es der göttlichen Vorſehung gefallen, mir über ſie zu ertheilen. Aber da ihre Wuth erſt ausge⸗ löſcht iſt in dem Meuchelmorde, den ſie an meiner Per⸗ ſon begangen, ſo bitte ich Euch wie meine Freunde, und befehle Euch wie Euer König, daß Ihr nach meinem Tode meinen Bruder hier anerkennt, daß Ihr für ihn dieſelbe Treue und Liebe habet, ſo Ihr ſtets für mich 112 Jacques Clement. gehabt, und daß Ihr ihm, zu meiner Genugthuung und zu Eurer Pflichterfüllung, den Unterthaneneid leiſtet in meiner Gegenwart. Und Sie, mein Bruder, daß Gott Ihnen in ſeiner göttlichen Macht und Weisheit beiſtehe. Aber desgleichen bitte ich Sie, mein Bruder, daß Sie dieſen Staat regieren mögen, und alle dieſe Völker, die Ihrer legitimen Erbſchaft und Nachfolge unterworfen ſind, dergeſtalt, daß ſie Ihnen gehorſam ſeien ebenſo aus eigenem freien Willen, als ſie es vermöge ihrer Pflicht ſind.» „Nachdem dieſe Worte geſprochen, auf die der Kö⸗ nig von Navarra gar nichts erwiderte, als daß er Thrä⸗ nen vergoß und die allergrößten Zeichen von Hochachtung verrieth, zerfloß die ganze Nobleſſe auch in Thränen, die nur von einzelnen Worten unterbrochen wurden, aber dann ſeufzten ſie wieder und ſchluchzten, und dann ſchwo⸗ ren ſie dem Könige von Navarra alle und volle Treue, und verſicherten dem König, daß ſie pünktlich ſeinen Be⸗ fehlen nachkommen würden. Und der König zog nun den König von Navarra zu ſich, und indem er auf mich wies zu ſeinen Füßen, ſagte er zu ihm: „Mein Bruder, ich hinterlaſſe Ihnen hier meine Krone und meinen Neffen. Ich bitte Sie, für ihn Sorge zu tragen und ihn zu lieben. Sie wiſſen auch, wie ich Monſieur Legrand ſchätze. Sichern Sie ihm ſeine Stelle. Ich bitte Sie darum, er wird Ihnen treu dienen.» „Das nahm der König von Navarra ſehr freundlich und gütig auf, und verſprach Seiner Majeſtät, ſeine Anordnungen zu befolgen. „Einige Augenblicke darauf nahm der König wieder das Wort und ſagte zum König von Navarra: Mein Bruder, gehen Sie ſchnell und beſichtigen ——————— und in zott ehe. Sie die rfen enſo ihrer K⸗ hr⸗ ung nen, aber wo⸗ eue, Be⸗ nun nich neine ihn auch, ihm trel dlich ſeine ieder tigen „. Jacques Clement. 113 alle Poſten. Ihre Gegenwart iſt da nothwendig, und befehlen Sie Tremouille, auf ſeiner Hut zu ſein, denn die Nachricht von meiner Verwundung könnte den Fein⸗ den Muth geben, daß ſie etwas unternehmen wollten.» „Er befahl auch noch Sanch, daß er ſich ins Quar⸗ tier der Schweizer begebe, und dem Marſchall d'Aumont, in das der Deutſchen, um ſie zu verpflichten, wenn es mtt ihm ſchlimm ginge, feſt bei der Partei zu bleiben und nun dem Schickſal des Königs, ſeines Nachfolgers, treu zu folgen. Alle ſeine Befehle hatten gar nichts, wie von einem Manne, der den Tod vor Augen ſieht. Und in dieſen großartigen und ſouverainen Worten ſprach Alles von ſeinem Muth und ſeiner Würde. „Das geſchah etwa um 11 Uhr Morgens, und nun wandte er ſich zu der Nobleſſe, die im Saale verſam⸗ melt war, und bat ſie, ihn allein zu laſſen. Und nach⸗ dem dies geſchehen, blieben nur noch die Herren von Epernon, von Bellegarde, von Mirepoix und ich, der ich ihm immerfort die Füße hielt und an einer Art Zuſammenziehen der Zehen fühlte, wie der ganze Körper leiden müſſe. Das ſagte ich dann den Aerzten und Wundärzten, welche die Hand anlegten und eben daſ⸗ ſelbe urtheilten. „Nichtsdeſtoweniger ruhten Seine Majeſtät in Ruhe nunmehr eine Stunde aus, und nach Ihrem Wieder⸗ erwachen nahmen ſie eine Bouillon zu ſich. Aber gleich darauf warfen ſie ſie wieder aus, und ſeit dieſer Stunde bis zu Ihrem Ende verlor ſich die natürliche Wärme immer weiter, und nichts, was er zu ſich nahm, blieb mehr bei ihm. „Als Sie nun auf mich geſtützt ſchliefen, fuhren Sie um Mitternacht plötzlich auf und riefen mich, indem Sie zu mir ſagten:(Schnell, mein Neffe, und hole mir 114 Jacques Clement. Boulogne'. Monſieur Legrand fragte Majeſtät, ob Die⸗ ſelbe ſich unwohl befinde?„Ach», erwiderte Sie, und ſo, daß das Blut mich erſticken will. Man brachte nun ſofort Kerzen in das Zimmer, aber Seine Majeſtät ſa⸗ hen ſchon nicht mehr. Als Boulogne angekommen, er⸗ holte Sie ſich zwar in etwas, aber augenblicks darauf hauchte Sie in meinen Armen Ihr Leben aus.“ So ſtarb Heinrich III.— als König, nachdem er als ein Lump gelebt. Es war am 2. Auguſt 1589, 2 uhr Morgens; er war 38 Jahre, 10 Monate und 13 Tage alt. Die Geſchichtſchreiber behaupten, daß der Beſchluß zur Bartholomäusnacht in dieſem ſelben Schloſſe Saint⸗ Cloud gefaßt worden, und die Mehrzahl auch, daß es in demſelben Zimmer geſchehen, wo Clement Heinrich IM. ermordete. Und Heinrich II. war mit im geheimen Con⸗ ſeil geweſen und hatte ſeine Stimme mit in die ver⸗ hängnißvolle Wagſchale fallen laſſen! Der neue König befahl ſofort, den Proceß gegen die Leiche Jacques Clement's anzuſtellen. Der Grandprävöt von Frankreich, Marquis de Richelieu, übernahm die Inſtruction, Jean de la Verchière vertrat den Mönch, in der Eigenſchaft als Curator ſeines Leichnams. Auch dieſes Actenſtück über den ſeltſamen Proceß iſt uns erhalten, und eben der juriſtiſchen Curioſität und der bedeutenden Perſönlichkeiten wegen verlohnt es wol, es wörtlich hier aufzunehmen. Der ganze Proceß be⸗ ſchränkte ſich nämlich auf ein Confrontationsprotocoll. Jacques Clement. 115 dir⸗„Confrontation des erſten(2) Tages des Auguſt und Tauſend Fünf Hundert Neun und Achtzig, im Orte Saint⸗Cloud, in Gegenwart des Königs. d⸗ er⸗„Vor uns, Frangois Dupleſſis, Seigneur de Riche⸗ nuf lieu, Ritter der Orden des Königs, Mitglied des Staats⸗ rathes, Provöt ſeines Schloſſes und Grandprévot von ner Frankreich 569, ſt vorgeladen worden Me. Jehan de la Verchiere, und Procurator in bemeldeter Prevotei des Schloſſes, ernann⸗ ter Procurator des Leichnams und todten Körpers des 4luß geweſenen Jacques Clement, Jacobiners, gebürtig aus int der Stadt Sens, welchem de la Verchière wir vorge⸗ 6 ſtellt haben den Meſſire Jacques de la Guesle, erſten . Zeugen, verhört und vernommen in der von uns vor⸗ — genommenen Inſtruction von wegen der Verwundung — und der auf die Perſon des Königs durch beſagten Cle⸗ ment gemachten Angriffe, und nachdem reſpective dem Einen von dem Andern der Eid abgenommen worden, hat beſagter de la Verchiere, befragt: ob er einen Ein⸗ wand zu machen habe gegen beſagten Sieur de la Guesle, indem man ihn wohl bedeutet, es bald und augenblicklich it auszuſprechen, und ehe denn ihm die Depoſition dieſes . gegenwärtigen Sieur de la Guesle vorgeleſen werde, i ſintemalen kein Anderer als er ſelbſt, de la Verchiere, für bemeldeten Clement laut der ihm zugekommenen Ordon⸗ zii nanz werde gehört und vernommen werden? d„Hat alſo bemeldeter de la Verchiere darauf ausge⸗ ſagt, daß er beſagten de la Guesle, Zeugen, wohl kenne, der da Generalprocurator des Königs iſt, und habe er ⸗ keinen Einwand gegen ihn. Jedennoch, wenn beſagter ol. Clement noch am Leben wäre, könnte er einwenden, daß man der Depoſition gegenwärtigen Sieurs de la Guesle, 116 Jacques Clement. Generalprocurators, nicht Glauben zu ſchenken habe, da er Partei ſei in dieſer Sache. „Hat darauf beſagter Sieur de la Guesle geſagt, daß, wiewol er Generalprocurator des Königs ſei, das ihn nicht abgehalten, noch abhalten werde, die Wahr⸗ heit zu ſagen über Das, was er geſehen und gehört. „Nachdem nun die Depoſition beſagten Sieurs de la Guesle beſagtem gegenwärtigen Sieur de la Verchière vorgeleſen worden, hat ſelbiger Sieur de la Guesle bei ſelber beharrt, und nachdem ihm der todte Körper be⸗ meldeten Clement's gezeigt worden, hat er bemeldeten Körper wieder erkannt als denjenigen des Jacobiners, von dem er in ſeiner Depoſition geſprochen, die er der Wahrheit gemäß abgelegt, und der den Angriff gegen Seine Majeſtät ſich zu ſchulden kommen ließ, wie es in ſeiner Depoſition enthalten iſt. Und das hat er ge⸗ ſagt und unterzeichnet. „de la Guesle. „Haben wir ferner confrontirt beſagten de la Ver⸗ chidre mit bemeldetem Frangois Dumont, Bogenſchützen am Thore des Königs, zweitem Zeugen, verhört und vernommen in beſagter Information, und nachdem wir ihnen Beiden den Eid abgenommen, hat beſagter de la Verchière, befragt, ob er einen Einwand gegen beſagten Dumont zu machen, indem man ihn wohl bedeutet, es gleich und augenblicklich auszuſprechen, ſintemalen er nachher nicht mehr nach der ihm zugekommenen Ordon⸗ nanz darüber werde gehört werden. „Hat er geſagt, daß beſagter Dumont, da er Offi⸗ zier des Königs und zu deſſen Hofſtaat gehöre, nicht gehört werden dürfe. „Hat beſagter Dumont darauf erwidert, obwol er de ire bei eten ers, der gen es Per⸗ ützen und wir e la gten et don⸗ nicht Jacques Clement. 117 Offizier und zum Hoſſtaat des Königs gehört, daß er doch nichts ſagen wolle als die Wahrheit. „Nachdem nun die Depoſition beſagten Dumont's vorgeleſen worden in Gegenwart beſagten de la Ver— chiere's, hat beſagter Dumont bei ſeiner Ausſage ver⸗ harrt, die der Wahrheit getreu ſei, und ſagt, daß der todte Körper, ſo ihm gezeigt worden, der Körper des Bruder Jacques Clement iſt, eines Jacobiners, von dem er hat die Meſſe leſen hören in der Kirche der Mathu⸗ rins in der Stadt Paris, und daß er gehört, daß er einen Meſſerſtich in den Leib Seiner Majeſtät gegeben. Das hat er geſagt und unterzeichnet. „Dumont. „Haben wir deſſelbigengleichen confrontirt mit be— meldetem de la Verchière Bernard de Monſiries, Edel⸗ mann im Dienſt des Königs, dritten Zeugen, gehört und vernommen in bemeldeter Information; und nach⸗ dem man ihnen Beiden den Eid gegenſeitig abgenom⸗ men, wie es in ſolchem Fall erfordert wird, hat beſagter de la Verchière, aufgefordert, ob er etwas einzuwenden habe gegen beſagten de Monſiries, ihn bedeutend, wenn er Einwände habe, ſie gleich und zur Stelle vorzubrin⸗ gen, ſonſt werde er nachher nicht mehr damit gehört werden, wie es ihm in der Ordonnanz geſagt worden, „hat er geſagt, daß beſagter de Monſiries Edelmann in Dienſten des Königs und in ſeinem Hoſſtaate ſei, und um derowegen nicht Zeugniß ablegen könne für Seine Majeſtät. „Von beſagtem de Monſiries iſt darauf erwidert worden, daß, obgleich er Edelmann des Königs und deſſen Koſtgänger, das ihn nicht abhalten ſolle, die reine Wahrheit zu ſagen. „Nachdem nun die Depoſition beſagten Monſiries' — 2——— 118 Jacques Clement. vorgeleſen worden, in Gegenwart beſagten de la Ver⸗ chidre's, hat beſagter Monſiries auf ſeiner Ausſage be⸗ harrt, daß ſie der Wahrheit getreu ſei, und hat den todten Körper, der ihm gezeigt worden, anerkannt als den des Jacobiners, von dem er in ſeiner Ausſage ge⸗ ſprochen. Und das hat er geſagt.(Die Unterſchrift fehlt hier in der Urkunde.) „Haben wir gleicherweiſe auch confrontirt mit be⸗ meldetem de la Verchière Frangois d'Aupou, gleichfalls Edelmann in Dienſten des Königs, vierten Zeugen, ge⸗ hört und vernommen in beſagter Information, und nach⸗ dem man ihnen Beiden, wie es erforderlich, den Eid abgenommen, hat bemeldeter de la Verchière, befragt, ob er Einwände zu machen habe wider beſagten d'Au⸗ pou, ihn wohl bedeutend, ſie gleich vorzubringen und gegenwärtig, ſintemalen er nachträglich damit nicht werde gehört werden, wie es ihm angezeigt, „hat er geſagt, daß er keinen andern Einwand zu machen habe, als daß bemeldeter d Aupou Edelmann in Dienſten des Königs ſei; und deshalb könne er nicht Zeugniß ablegen für Seine Majeſtä. „Hat beſagter d'Aupou darauf geſagt, obwol er Edelmann ſei in Dienſten des Königs, das ſolle ihn doch nicht abhalten, die Wahrheit zu ſagen. „Nachdem nun die Depoſition beſagten d'Aupou's gegenwärtigem beſagten de la Verchière vorgeleſen wor⸗ den, hat beſagter d Aupou bei ſelbiger verharrt; und nachdem ihm der todte Körper gezeigt worden, hat ſel⸗ ber ihn erkannt für den Körper des Jacobiners, von dem er in ſeiner Depoſition geſprochen, die der Wahr⸗ heit getreu iſt. Das hat er geſagt und unterzeichnet. (Dennoch fehlt im Original die Unterſchrift.) . zer⸗ be⸗ den gl gl⸗ chlt be⸗ fal ge⸗ nach⸗ Eid ragt, Au⸗ und erde d n in nicht ol er eihn vous wol⸗ und t ſel von Lohr⸗ ichnet Jacqurs Clement. 119 „Deſſelbigengleichen haben wir beſagtem de la Ver⸗ chiere confrontirt Frix de Bas, auch Edelmann in Dien⸗ ſten des Königs, fünften Zeugen, gehört und vernom⸗ men in bemeldeter Information, und nachdem Beide den Eid abgeleiſtet, hat bemeldeter de la Verchière, als Curator, befragt, ob er einige Einwände zu machen habe gegen beſagten de Bas, ihn bedeutend, ſie gleich und auf der Stelle vorzubringen, er ſonſt nicht damit gehört werden würde, wie es ihm vorbedeutet worden, „hat er geſagt, daß beſagter de Bas, da er Edel⸗ mann im Dienſt des Königs ſei und an deſſen Tiſch eſſe, kein Zeugniß ablegen könne in der Sache Seiner Majeſtät. „Von bemeldetem de Bas iſt darauf entgegnet, wie⸗ wol er in Dienſten des Königs ſei und an Königs Tiſch eſſe, habe er doch um deswillen nichts geſagt und nie⸗ dergelegt als die Wahrheit. „Nachdem die Depoſition bemneldetem de Bas vor⸗ geleſen worden, in Gegenwart beſagten de la Verchiere's, hat ſelber de Bas erklärt, daß er bei ſeiner Ausſage verharre; und nachdem man ihm den todten Körper ge⸗ zeigt, hat er ihn erkannt als den Körper des Jacobiners, von dem er in ſeiner Ausſage geſprochen, die der Wahr⸗ heit getreu iſt. Das hat er geſagt und unterzeichnet. (Auch hier fehlt in der Urkunde die Unterſchrift.) „Haben wir auch confrontirt bemeldetem de la Ver— chikre den wohlmögenden Seigneur Meſſire Roger de Bellegarde, Seigneur an gedachtem Ort und Baron de Termes, erſten Kammerherrn des Königs, ſechsten Zeu⸗ gen, gehört und vernommen in beſagter Information, und nachdem ihnen Beiden der Eid abgenommen, wie es erforderlich, hat beſagter de la Verchidre, befragt, 120 Jacques Clement. ob er einige Einwendungen gegen beſagten Sieur de Bellegarde zu machen, ihn wohl bedeutend, ſie gleich und auf der Stelle vorzubringen, nach dem Befehl, der ihm zugeſtellt worden, „hat er geſagt, wie er ſchon oben geſagt hat(1), daß beſagter Sieur de Bellegarde Tiſchgenoſſe ſei im Hauſe des Königs, und könne daher kein Zeugniß ab⸗ legen für Seine Majeſtät. „Von beſagtem Sieur de Bellegarde iſt darauf ge⸗ ſagt worden, wiewol er erſter Kammerherr und Tiſch⸗ genoſſe beſagter Seiner Majeſtät geweſen, daß er darum doch nichts ſagen wolle noch geſagt und niedergelegt habe, als die Wahrheit. „Nachdem Verleſung gemacht worden von der De⸗ poſition beſagten Sieurs de Bellegarde, in Gegenwart beſagten de la Verchière's, hat beſagter Herr de Belle⸗ garde beſtanden auf ſeiner vorbemeldeten Depoſition und hat den ihm vorgezeigten Körper wiedererkannt als den Körper des Jacobiners, welcher mit dem Könige geſpro⸗ chen und Seine Majeſtät verwundet hat, wie er in ſei⸗ ner vorbemeldeten Depoſition ausgeſagt hat, die er der Wahrheit getreu erklärt. Und hat er dies geſagt und unterzeichnet.“ (Auch hier wie bei den folgenden Confrontations⸗ protocollen fehlt die Unterſchrift. Auch die Zeugen ſchei⸗ nen der Formalien müde geworden zu ſein.) „Haben wir weiters confrontirt mit beſagtem de la Verchidre Savary de Saint⸗Pastours, Seigneur de Bonrepans, Edelmann im Dienſt Seiner Majeſtät, ſie⸗ benten Zeugen, gehört und vernommen in bemeldeter Information, und nachdem ihnen gegenſeitig der erfor⸗ derliche Eid abgenommen, hat der beſagte de la Ver⸗ b⸗ f ge iſch⸗ arum elegt De⸗ wart zelle⸗ und den eſpro⸗ nſei der und ions⸗ ſchei⸗ mde ur de ſi⸗ deter erfor⸗ Per⸗ Jacques Clement. 121 chiere, darüber befragt, ob er Einwendungen gegen be— ſagten de Bonrepans zu machen, und bedeutet, das ſo⸗ gleich und auf der Stelle anzugeben, widrigenfalls man nachher nichts mehr entgegennehmen werde, wie ihm zuvor angekündigt worden; „hat er geſagt, daß er gegen ihn keinen andern Einwand zu machen habe, als daß beſagter Saint⸗Pas⸗ tour ein Tiſchgenoſſe des Königs ſei, und könne er ihn aus dieſem Grunde nicht als Zeugen in einer Sache für Seine Majeſtät den König gelten laſſen.(Hier fehlt die Gegenproteſtation.) „Nachdem die Depoſition beſagten Saint⸗Pastour's verleſen, in Gegenwart beſagten de la Verchiere's, hat beſagter Saint⸗Pastour auf ſeiner Depoſition beſtanden, und wiedererkannt den ihm gezeigten todten Körper als den Körper des Jacobiners, den er im Zimmer des Königs geſehen, ſowie er in ſeiner beſagten Depoſition es niedergelegt, die er der Wahrheit getreu erklärt. Und hat er dies geſagt und unterzeichnet. Unterſchrift fehlt.) „Haben wir gleicherweis confrontirt beſagtem de la Verchière Antoine Portail, Wundarzt und Kammerdiener des Königs, achten Zeugen, gehört und vernommen in beſagter Information, und nachdem ihnen Beiden der Eid abgenommen, wie es in ſolchen Fällen erforderlich, hat beſagter de la Verchiere, befragt, ob er gegen be⸗ ſagten Portail Einwendungen zu machen, und bedeutet, ſie bald und auf der Stelle zu machen, widrigenfalls man ſie, wie es ihm nach Vorſchrift zu verſtehen ge⸗ geben, nicht mehr annehmen werde; „hat er als Einwand aufgeführt, daß beſagter Por⸗ tail als angenommener Diener und Hausgenoſſe des Königs kein Zeugniß ablegen könne für Seine Majeſtät. XV. 6 122 Jacques Clement. „Nachdem die Depoſition beſagten Portail's verleſen worden, in Gegenwart beſagten de la Verchiere's, hat beſagter Portail bei derſelben beharrt und geſagt, daß ſie die Wahrheit enthalte, und erkennt den ihm vorge⸗ zeigten Körper als den des Jacobiners, mit dem er ge⸗ ſprochen, wie er in ſeiner bemeldeten Depoſition ausge⸗ ſagt. Und hat er dies geſagt und unterzeichnet.(Ohne Unterſchrift.) „Haben wir auch noch ſelbigem de la Verchière con⸗ frontirt Jean Bachet, neunten Zeugen, gehört und ver⸗ nommen in beſagter Information, und nachdem ſie Beide ihren Eid abgeleiſtet, hat beſagter de la Verchière, be⸗ fragt, ob er Einwendungen zu machen habe gegen be⸗ ſagten Jean Bachet, und bedeutet, ſie gleich und auf der Stelle zu machen, widrigenfalls er damit nicht wei⸗ ter gehört werden würde, nach der ihm gewordenen In⸗ ſtruction; „hat er geſagt, daß beſagter Bachet, da er ein Diener ſei eines der Edelleute in Dienſt und Haus⸗ genoſſe des Königs, ſelber nicht Zeugniß ablegen könne für Seine Majeſtät, und daß kein Glaube ſei⸗ ner Depoſition zu geben ſei von wegen ſeines gerin⸗ gen Alters. „Nachdem beſagten Bachet's Depoſition verleſen wor⸗ den, in Gegenwart beſagten de la Verchieère's, iſt beſag⸗ ter Bachet bei ſeiner Angabe verharrt, und nachdem man ihm den todten Körper gezeigt, hat er dieſen todten Körper für den des Jacobiners erkannt, von dem er in beſagter Depoſition geſprochen, als der mit ihm im Garten geredet, wie er oben in ſeiner Depoſition aus⸗ geſagt, die er für wahr erklärt. Und das hat er ge⸗ ſagt, und beſagter de la Verchière hat's unterzeichnet; erleſen , hat daß vorge⸗ ausge⸗ (Hhne re con⸗ nd ver⸗ Beide e, be⸗ en be⸗ d auf wei⸗ en In⸗ er ein Hau⸗ arlegen b ſir gerin⸗ n wor beſag⸗ n man todten er in in n aus er ge eichneti Jacques Clement. 123 beſagter Bachet aber hat erklärt, daß er nicht ſchreiben und auch nicht ſeinen Namen zeichnen könne. Frangois Dupleſſis.“ Für einen Geiſt, wie Richelieu's, eine eigene Arbeit, ein ſolches Protocoll zu ſchreiben oder auch nur zu dic⸗ tiren(es findet ſich der Name keines Protocollführers darunter); man bemerkt indeß die Mühe, ſelbſt in dieſe Chablone des alten Kanzlei- und Gerichtsſtils einzelne Variationen anzubringen. Am ſelben Tage ward der Staatsrath zuſammen⸗ berufen. Beide Verbalproceſſe des Grandprevöt wurden verleſen. Hierauf ergriff König Heinrich IV. das ſchon fertig gehaltene Arret und verlas es mit lauter Stimme. Es lautete ſo: „Der König in ſeinem Rathe, nachdem er den Be⸗ richt vernommen, abgeſtattet durch den Sieur de Riche⸗ lieu, Kanzler ſeiner Orden, Mitglied des Staats rathes, Prövöt ſeines Hauſes und Grandprévöt von Frankreich, in Bezug auf den Proceß, geführt wider den Leichnam des geweſenen Jacques Clement, Jacobiners, von wegen des Meuchelmordes, begangen an der Perſon des ſeligen Heinrich von Valois, guten Angedenkens, Königs von Frankreich und Polen; „Hat Seine Majeſtät auf den Rath ſeines beſagten Staatsrathes befohlen und befiehlt, daß beſagter Körper des geweſenen beſagten Clement von vier Pferden zer⸗ riſſen werde; dies geſchehen, daß beſagter Körper ver— brannt und in Aſche gelegt werde, und die Aſche in den Fluß geſtreut, auf daß alles Gedächtniß daran in der Zukunft verloren ſei. 6* 124 Zacqurs Clement. „So geſchehen zu Saint-Cloud, in Gegenwart be⸗ ſagter Seiner Majeſtät, am zweiten Tage des Auguſt Tauſend Fünf Hundert Achtzig und Neun. Heinrich.“ Tiefer darunter:„Rupe.“ Nach Voltaire hat am ſelben Tage Heinrich W. noch über einen andern Jacobiner Recht geſprochen. Jean Leroi, des gedachten Ordens, hatte den Commandeur de Coutenon in der Normandie meuchlings umgebracht. Der neue König verurtheilte ihn, in einem Sack erſäuft zu werden. Zwei Tage darauf ward er in der Nähe von Saint⸗Cloud in die Seine geworfen. Aber während man in Saint-Cloud die Leiche des Meuchelmörders zerriß und verbrannte, feierten alle ka⸗ tholiſchen Länder(mit Ausnahme von Venedig, bemerkt ein franzöſiſcher Berichterſtatter) die Mordthat des Mön⸗ ches! In Rom löſte man die Kanonen, man verkün⸗ dete das Lob des heiligen Ordensbruders, und Sirtus V. ſprach in vollem Conſiſtorium dieſe ſchrecklichen Worte aus:„Dieſer Tod, der ſo viel Erſtaunen und ſo viel Bewunderung erregt, wird kaum von der Nachwelt ge⸗ glaubt werden. Ein gewaltiger König an der Spitze einer Armee, welcher das große Paris ſo weit gedrängt, daß es um Erbarmen fleht, iſt getödtet durch einen ein⸗ zigen Meſſerſtich von einem armen Mönche. Gewiß iſt dieſes große Beiſpiel gegeben, damit Jeder die Kraft der Gerichte Gottes erkenne. Jacques Clement's Hand⸗ lung iſt vergleichbar, als zum Heil der Welt, der Fleiſch⸗ werdung und Auferſtehung unſers Herrn und um ihres Heldenmuths willen den Thaten Eleazer's und der Judith.“ Jacques Element. Das Parlament von Toulouſe verordnete, daß jedes⸗ mal am wiederkehrenden Jahrestage der Ermordung des Königs eine feierliche Proceſſion ſtattfinden ſolle. In Paris ſelbſt aber brach eine unmäßige Freude aus. Die Herzogin von Montpenſier fiel dem Boten, der ihr die erſte Nachricht vom Verbrechen überbrachte, um den Hals und rief:„O mein Freund, ſei willkommen. Aber iſt's auch. gewiß wahr, daß dieſer abſcheuliche, treu⸗ loſe Tyrann todt iſt? Gott, wie du mich froh machſt! Ich bin verdrießlich nur um Etwas: daß er es nicht gewußt vor ſeinem Tode, daß ich es bin, die ihn ſterben ließ.“ Die Herzogin von Montpenſier, die Herzogin von Nemours(die von der Treppe ihres Hotels herab das Volk haranguirte) und faſt alle adeligen Damen in der Stadt warfen ſich in ihre reichſten Kleider und liefen ſo durch die Straßen und die neuen Boulevards, überall rufend:„Frohe Neuigkeit, meine Freunde! Gute Neuig⸗ keit! Der Tyrann iſt todt! Es gibt keinen Heinrich von Volois mehr!“ Sie hingen ſich ſelbſt grüne Schärpen um und theil⸗ ten ſie aus. Grün galt damals als die Trauerfarbe der Narren. Ueberall wurden Tiſche gedeckt, daß die Armen und Hungrigen ſich daran ſetzen konnten. Ohne Unter⸗ ſchied von Stand, Alter und Geſchlecht umarmte man ſich, wünſchte man ſich Glück. Man trank auf das allge⸗ meine Glück. Die Luft dröhnte bis in die Nacht hin⸗ ein vom allgemeinen Frohſinn; man ſang die anſtößigſten Gaſſenlieder. Die Fenſter erleuchteten ſich, Freudenfeuer flammten auf den Plätzen. Ja, die obrigkeitlichen Per⸗ ſonen, Räthe, Edelleute, Offiziere gaben ſich her, die Wühler zu ſpielen, denn das Volk, betäubt oder ver⸗ wirrt vom Wirrwar des Tages, hatte die kluge Rolle ergriffen, ſich zurückzuziehen. 126 Jacques Clement. Vor allem waren die Mönche, die Prieſter und Prä⸗ laten in Extaſe. Clement ward in den Himmel erho⸗ ben. Sie ließen ſein Bildniß in verſchiedenen Formaten ſtechen und ſtellten es auf die Altäre, mit der Palme der Märtyrer geſchmückt, darunter die Worte:„Hei⸗ liger Jacques Clement, bitte für uns!“ Unter andern ſeiner Bilder ſtand der Quatrain eingegraben: Un jeune Jacobin nommé Jacques Clément, Dans le bourg de Saint-Cloud une lettre présente A Henri de Valois, er vertueusement Un couteau fort pointu dans l'estomac lui plante. Ja, die Geiſtlichkeit ging noch weiter. Clement ſollte durchaus ein Heiliger werden. Man wollte ihm eine Statue in Notre⸗Dame errichten! Seine Mutter ward aus ihrer Hütte herbeigeholt, nach Paris gebracht, einquartiert bei der Herzogin von Montpenſier, geliebkoſt, geehrt, und die Prediger for⸗ derten das Volk auf: hinzugehen und zu verehren dieſe glückliche Mutter eines heiligen Märty⸗ rers! Die Wühler und Wortführer unter den Sechs⸗ zehnern begrüßten die alte Frau in feierlichen Deputa⸗ tionen und redeten ſie an, wie ſie die Mutter der Guiſe angeredet, mit den Worten der Schrift:„Glückſelig der Leib, der dich getragen hat, und geſegnet die Brüſte, die dich geſäugt“. Als dieſe unglückliche Mut⸗ ter, mit Geſchenken überhäuft, von Paris abreiſte, gaben ihr 140 Geiſtliche bis eine Meile von der Stadt das Geleit. Als Heinrich IV. ſpäter Saint⸗Cloud verließ, zu ſeinen militairiſchen Manveuvres, die ihn nach der Nor⸗ mandie riefen, ſtürzten die Fanatiker aus Paris dahin, um von der Erde das heilige Blut des heiligen Märty⸗ rers einzuſammeln. Aber als die mit den Reliquien ollte eine olt, von for⸗ ren tty⸗ puta⸗ Guiſ ſelig die Mut⸗ reiſt, Stadt zu Nor⸗ hin⸗ Zacques Clement. Beladenen nach Paris auf einem Kahne zurückkehren wollten, ſchlug ein Windſtoß dieſen um, und ſie und die Reliquien ertranken. Am 3. Aug. hatte der neue König an die verwit⸗ wete Königin Louiſe geſchrieben, daß er ſie rächen wolle. Am 8. Nov., als er in Etampes war, überreichte ihm die Königin ſelbſt ihre Klage, in welcher ſie die Maje⸗ ſtät bat, durch den Generalprocurator die nöthigen Ver⸗ folgungen einzuleiten, ſie ſelbſt wolle ihr Alles daran ſetzen, damit die Mitgenoſſen des Verbrechers beſtraft würden. Heinrich IV. verſammelte ſeinen Rath, und die Eingabe der Königin ward an das Parlament, das in Tours ſaß, geſandt, mit dem Befehl, demgemäß einzu⸗ ſchreiten. Fünf Jahre lang konnte nichts in dieſem Proceß geſchehen, ſo lange beſchäftigte die gewaffnete Ligue den König. Aber am 30. Jan. 1594 erſchien Louiſe von Lothringen noch einmal vor Heinrich, der zu Mantes Hof hielt, und erneuerte ihre Klage mit aller Feierlich— keit. Der König empfing ſie in der Hoflirche der Stadt. Sie und ihr zahlreiches Gefolge waren in tiefer Trauer. Der König ſaß auf ſeinem Throne, unter einem drap⸗ d'ornen Thronhimmel. Die Königin ließ ihre Klage durch ihren Kanzler erheben. Heinrich verſprach ihr, Alles zu thun, was in ſeinen Kräften, um auszuſüh— nen einen ſo ſchrecklichen und ewig jammerns⸗ werthen Meuchelmord. Die Königin fiel in Ohn⸗ macht. Man zweifelte ſelbſt, daß ſie den Tag überleben würde. Aber Clement's Mitſchuldige wurden von der Juſtiz nicht erreicht. Nur einer war es ſchon und hatte ſchon gebüßt; doch, wie es ſcheint, ohne beſonders juridiſche Formen. Der Pater Bourgoing, der, 1591, bei Ver⸗ 128 Jacques Clement. theidigung der Barrikaden in der Faubourg Saint⸗Jacques mit den Waffen in der Hand von der königlichen Armee ergriffen ward, war von Heinrich IV. verdammt wor⸗ den, von vier Pferden zerriſſen und dann verbrannt zu werden. Das Urtheil war executirt worden. Die übri⸗ gen Complicen gehen über oder verſchwinden in der ge⸗ ſchichtlichen Entwickelung. Die hiſtoriſchen Begebenheiten, welche dieſen Crimi⸗ nalfall einleiten und begleiten, ſind nach den letzten Dar⸗ ſtellungen der franzöſiſchen Hiſtoriker hier wiedergegeben, ohne in ihren Details auf actenmäßige Beglaubigung Anſpruch zu machen. Wo findet ſich dieſe überhaupt in der Geſchichte und insbeſondere in den Zügen, welche ihr Charakter, Leben und Wärme geben! Nicht in Jacques Clement's That, noch in der Rich⸗ tung ſeines Leichnams, deren actenmäßige Beglaubigung über allen Zweifel conſtirt, iſt der Silberblick dieſes Criminalfalls aus den höchſten Lebensregionen, er ſcheint und flimmert aus dem Sumpf des Wahnes, in dem eine ſolche That entſpringen, in dem ſie in ſolcher Weiſe, wie es in den Straßen und Kirchen von Paris geſchah, ſich wiederſpiegeln kann. Wenn wir vor ſolchem Wahn⸗ ſinn aus der Vergangenheit ſchaudern, wird uns der Troſt, daß auch der Wahnſinn, der in der Gegenwart uns oft den Muth raubt, nur ein Sumpffieber iſt, das ein friſcher Morgenwind wieder forttreibt. Wer in Paris, Frankreich, wer in der ganzen Welt belobt, rechtfertigt, vertheidigt nur den Fanatismus der Pariſer von 1589! Damiens. 1757. Am 5. Jan. 1757 ſahen die Schildwachen im Hofe des Schloſſes von Verſailles einen Fremden umherſtreifen. Das war nichts Beſonderes; denn zur Zeit, daß der König ausfahren wollte, pflegten ſich viele Neugierige in den Höfen und an den Thorwegen einzufinden, um die Perſon des Monarchen zu ſehen. Unter dem Thor⸗ weg, welcher in die Zimmer der Mesdames, Schweſtern des Königs, führt, begegnete Nachmittags gegen 4 Uhr jener Fremde, wie der Thürhüter ſpäter ausſagte, einem Andern von etwa 5 Fuß Höhe und ſchmächtigem Wuchs, welcher Andere an ihn heranging und ihn fragte:„Nun, wie ſteht's?“ Der Erſtere erwiderte:„Nun, wie ſoll es ſtehen. Ich warte.“ Zwiſchen 5 und 6 Uhr, es war ſchon ganz dunkel, kam der König Ludwig XV. aus den Zimmern ſeiner Schweſtern, die er von Trianon aus, am Nachmittage, beſucht, um nach dieſem ländlichen Luſtſchloß zurückzu⸗ kehren. Der ganze Hof und der Dauphin folgten ihm. Jener erſte Fremde, wir nennen ihn ſofort bei ſeinem Namen, Damiens, hatte ſich in eine kleine Vertiefung am Fuße der Treppe und in der Nähe des Thorweges 130 Damiens. geſtellt. Unter dieſem wenig erhellten Thorwege befand ſich eine große Zahl Höflinge und Neugieriger. Es war ſehr kalt und ſie mußten ſich in ihre Mäntel hüllen. Im Augenblicke, wo der König in den Wagen ſteigen wollte, ſich auf den Grafen von Brienne, ſeinen Ober⸗ ſtallmeiſter, und den Margquis de Beringhen, ſeinen erſten Stallmeiſter, ſtützend, drängte ſich Damiens, der gleich⸗ falls einen Mantel trug, durch die Höflinge. Er ſtieß im Vorbeigehen den Dauphin und den Herzog von Ayen, den dienſtthuenden Capitain der Gardes du Corps, und nachdem es ihm gelungen, durch die Gardes du Corps und die hundert Schweizer zu dringen, welche aufge⸗ reiht ſtanden, ſtieß er mit einem Meſſer den König in die rechte Seite, unter die fünfte Rippe. Der König rief:„Man hat mir einen furchtbaren Stoß verſetzt!“ Dann mit der Hand unter die Weſte fahrend, zog er ſie ganz blutig zurück und ſchrie:„Ich pin verwundet!“ Im ſelben Augenblick wandte er ſich um, gewahrte Damiens, der den Hut auf dem Kopfe trug und ſagte:„Der Menſch da hat mich geſtoßen. Man arretire ihn, aber thue ihm nichts Böſes an.“ Damiens hatte nach der That ſein Meſſer in die Taſche geſteckt und ſich in den Haufen zurückgezogen. Vielleicht, wenn er die Vorſicht gehabt, ſeinen Hut, wie Alle umher, abzuziehen, wäre er davongekommen. Der König ward ſofort in ſein Zimmer zurückgeführt und man brachte ihn auf ſein Bett. Er war durch⸗ ſchüttert von einer entſetzlichen Angſt, die noch vermehrt ward durch die ſeiner Umgebung, welche die Vermuthung ausſprach, die Waffe könne ja vergiftet geweſen ſein. Die Königin, die königliche Familie umgaben das Bette des hohen Verwundeten. Als Ludwig die Pom⸗ padour nicht ſah, ſtieg ſeine Angſt. Er beſorgte, daß [3 fand war illen. eigen Obet⸗ etſten eich⸗ ſiieß Ayen, „und borps ufge⸗ ig in baren Weſie „Ich ſih Kopfe ſtoßen in die zogel⸗ wie eführ durch⸗ rmehrt thung ein⸗ n das pon⸗ 5 daß Damiens. 131 man die Maitreſſe entfernt, weil ſein Zuſtand überaus gefährlich ſei. Er ſah ſeine letzte Stunde nahen und forderte nach dem Beichtvater. Sein Beichtvater, ſeine Almoſeniere waren nicht am Ort. Seltſamerweiſe war überhaupt kein Beichtvater im Schloſſe von Verſailles aufzutreiben, der ſchicklicherweiſe einem Könige von Frankreich die Beichte hätte abneh⸗ men können. Da greift man endlich den erſten beſten Kaplan auf. Der ſchlichte arme Geiſtliche, der von ſeinem gelegent⸗ lichen Meſſeleſen kümmerlich ſich ernährt, iſt außer ſich vor Schreck; er ſträubt ſich, das wage, könne er nicht, er ſei zu unwiſſend, am wenigſten verſtehe er, wie er einen König abſolviren ſolle. Es hilft nichts, man packt ihn und ſchleppt ihn zum Monarchen, und der unglück⸗ ſelige Menſch muß mit Gewalt zu ſeinen Füßen einen König als Büßer ſehen! Ungewißheit, Verwirrung, Schrecken herrſchten die ganze Nacht durch. Nicht allein an Seelſorgern, ſon⸗ dern auch an Wundärzten ſcheint es im Königsſchloß von Verſailles gefehlt zu haben, und Ludwig XV. mußte ſich in ſeiner Todesangſt bis zum nächſten Morgen wäl— zen, wo ein endlich herbeigeſchaffter geſchickter Chirurg den erſten Verband abnahm und ſtatt der Todeswunde eine kleine Ritzung fand, auf die ein kalter Waſſer⸗ umſchlag das beſte Mittel geweſen wäre. Jeder Andere als ein König, der ſein Leben für ſein Land einzubüßen fürchtete, würde davon ungenirt ſeinen gewöhnlichen Be⸗ ſchäftigungen nachgegangen ſein. Zuerſt ergriffen von einem der Diener des Königs, ward Damiens in die Hände der Gardes du Corps 132 Damiens. überliefert. Dieſe führten ihn in ihren Saal. Man zog ihn nackend aus und fand das Meſſer. Es hatte zwei Klingen, die eine ziemlich breit, lang und ſcharf, wie bei einem gewöhnlichen Taſchenmeſſer, die andere war ein Federmeſſer, vier bis fünf Zoll lang. Dieſer letztern hatte er ſich bedient. Er mußte Zeit gefunden haben, dieſe Klinge zu reinigen, denn ſie war nicht mit Blut befleckt. In ſeinen Taſchen fand man 36 Louisd'or, einiges Silbergeld und ein Buchd betitelt:„Instructions et Prières chrétiennes“. Er ſagte, er habe es von ſeinem Bruder in Saint⸗Omer erhalten. Sobald er ſich in den Händen der Gardes du Corps ſah und man verſchiedene Fragen an ihn richtete, rief er mehre Male aus:„Man bewache nur den Dauphin gut!— Daß der Herr Dauphin heut nur ja nicht ausgehe!“ Man drängte ihn, ſeine Mitſchuldigen zu nennen. Er erwiderte:„Sie ſind weit von hier. Man würde ſie nicht mehr finden. Wenn ich ſie nennen wollte, ſo wäre Alles zu Ende.“ Man hoffte durch den Schmerz ihn auf der Stelle zu mehren Geſtändniſſen zu bringen. Wo das Geſetz noch die große Tortur zuließ, glaubten die Gardes du Corps ſich zu einer kleinern auf eigene Hand in ihrem Wachtlocal berechtigt. Man brachte ihn ans Kaminfeuer und kniff ihn mit den glühend gemachten Feuerzangen an den Füßen. Der Grandprévot des Hauſes, der hin⸗ zukam, entriß ihn dieſer grauſamen Marter und ließ ihn ins Gefängniß bringen, wo er ordnungsmäßig vernom⸗ men und die Inſtruction gegen ihn eingeleitet ward. Nach mehren Verhören übergab er nach dem am 9. Jan. abgehaltenen dem Granbprévöt folgenden Brief an den König: — zog zwei wie war tern ben, Blut d'or, ions von orp rief ohin icht nen. ürde 0 tele eſet s du hrem ſeuer ngen hin⸗ ihn om⸗ am Brif Damiens. „Sire! „Ich bin ſehr betrübt, daß ich das Unglück gehabt, mich Ihnen zu nähern; aber wenn Sie nicht die Partei Ihres Volkes nehmen, dann, ehe einige Jahre vergehen, werden Sie und der Herr Dauphin, und einige Andere noch, umkommen. Es wäre betrübt, wenn ein ſo guter Prinz wegen der großen Güte, die er den Geiſtlichen erzeigt, denen er ſein ganzes Vertrauen ſchenkt, ſeines Lebens nicht ſicher wäre. Und wenn Sie nicht die Güte haben, hier eben Auskunft zu treffen, und zwar binnen kurzem, dann werden ſehr große Unglücksfälle eintreten: Ihr Reich iſt nicht mehr in Sicherheit. Das iſt ein Unglück für Sie, daß Ihre Unterthanen Ihnen Ihre Entlaſſung gegeben haben, indem die Angelegenheit nicht von Ihrer Seite ausging. Und wenn Sie nicht die Güte haben, für Ihr Volk, daß man ihm die Sacramente im Todesfalle verabreicht, was Sie verweigert haben ſeit Ihrem lit de justice, worauf der Chätelet die Möbel des Prieſters verkaufen laſſen, der ſich gerettet hat, dann, wiederhole ich Ihnen, iſt Ihr Leben nicht mehr in Si⸗ cherheit, auf die ſehr richtige Warnung, die ich mir die Freiheit nehme, Ihnen zuſtellen zu laſſen durch den Be⸗ amten, welcher gegenwärtiges Schreiben Ihnen über⸗ bringt und in den ich mein ganzes Vertrauen geſetzt. Der Erzbiſchof von Paris iſt die Urſach aller Verwir⸗ rung von wegen der ee r laſ⸗ ſen. Nach dem grauſamen Verbrechen, welches ich gegen Ihre geheiligte Perſon begangen habe, läßt mich das aufrichtige Bekenntniß, welches ich mir die Freiheit nehme, Ihnen zu machen, auf Euer Majeſtät Güte und Gnade hoffen. ⸗ Damiens. „Ich vergaß, die Ehre zu haben, Euer Majeſtät 134 Damiens. vorzuſtellen, wie, trotz der von Ihnen gegebenen Be⸗ fehle, als Sie ſagten, daß man mir nichts Böſes an⸗ thun möchte, dies Monſeigneur den Herrn Siegelbewah⸗ rer nicht abgehalten hat, zwei Feuerzangen im Saale der Garde du Corps glühend zu machen und, indem er mich ſelbſt hielt, zweien Garde du Corps zu befehlen, daß ſie mir die Beine verbrennten. Und das ward in der Art ausgeführt, daß er ihnen Belohnung verſprach, indem er den beiden Garden ſagte, ſie ſollten zwei Rei⸗ ſigbündel holen, und ſie ins Feuer werfen, um mich dann hineinzuwerfen, und daß ohne Herrn Leeclerc, der ihr Vorhaben verhindert hat, ich nicht die Ehre gehabt haben würde, Sie von dem Obigen zu unterrichten. Damiens.“ Aus dieſem Briefe blickt doch ſchon hindurch, wes Geiſtes Kind der unglückſelige Menſch war, dem man die Ehre und die Grauſamkeit erwies, einen ſolchen Hochverrathsproceß gegen ihn anzuſtellen. Seine Lebens⸗ geſchichte war inzwiſchen ermittelt worden, oder wurde es noch in Folge des Proceſſes. Sie iſt unintereſſant genug, darf indeß wenigſtens in ihren Hauptzügen zur Beurtheilung der Straffälligkeit des Angeklagten nicht übergangen werden. Robert Frangois Damiens war am 9. Jan. 1715 in einem kleinen Dorfe bei Arras geboren. Sein Vater, dem es in einer Pacht ſchlecht gegangen, lebte als Tagelöhner. Von zehn Kindern waren ihm nur vier am Leben geblieben. Auch Robert Frangois mußte ſchon von früh an bei Andern ſein Brot zu verdienen ſuchen. Man hat uns aus den Acten ſeine Geſchichte bei ſeinen — wes man ſchen ben⸗ wurde eſſant nzur nicht Jan. Sein lebte vier ſchon uchen⸗ ſeinen Damiens. ſämmtlichen Brotherren und deren Namen überliefert, wir glauben aber genug zu thun, wenn wir nur einige derſelben nennen. Schon als ſechszehnjähriger Burſche hatte er auf dem Lande wegen ſeiner unverbeſſerlichen Aufführung einen ſo ſchlimmen Ruf, daß er nur Robert der Deu⸗ fel genannt wurde. Mit dem Schreiben und Leſen ging es ſchlecht. Er ſollte das Schloſſerhandwerk lernen, aber ihm misfiel es, und ein gutmüthiger großmütterlicher Dheim mußte ihn vom Meiſter loskaufen. Robert ver⸗ galt es ihm ſchlecht, er kümmerte ſich nicht um ihn. Zu Arras in der Abtei Saint⸗Weſt verſuchte er die Küche zu erlernen. Um 1733 war er Domeſtik eines Schweizeroffiziers, dann beim Grafen Raymond, den er nach Baiern begleitete. Bei der Rückkehr wollte er ihm nicht auf ſeine Güter folgen und trat als Reſectoriums⸗ diener beim Collége Louis le Grand in Paris ein. Weil er ſich einer Züchtigung nicht unterwerfen wollte, mußte er nach funfzehn Monaten von hier fort. Während eines Jahres verſchiedene Dienſte. Endlich nahm man ihn im College wieder auf und er bediente zwei junge Penſio⸗ naire deſſelben. Während der neuen funfzehn Monate, daß er es wieder hier aushielt, zeigte er ſich ſchweigſam, verdroſſen, von ſich eingenommen und wenig zum Ge⸗ horſam geneigt. Um 1739 heirathete er ein Dienſtmädchen der Gräfin von Crouſſol, Eliſabeth Molerienne. Aus dieſer Ehe war noch ein Mädchen am Leben, die, bei ihrer Mutter lebend, durch Coloriren ſich ernährte. In Folge ſeiner Verheirathung hatte er abermals aus dem Collége ſcheiden müſſen; er unterhielt ſeine Frau, ſo gut es ging; ſpäter trat ſie als Köchin in Dienſte. Er wechſelte fort und fort ſeine Herren. Zu⸗ 136 Damiens. weilen kündigte er, weil er es nicht aushalten konnte öfter ward er fortgejagt. Von Madame de Verneuil Saintreuſe war er fort⸗ geſchickt. Befragt, weshalb? gab er zur Antwort: Sie beſchäftigte ſich mit dem Horoſkopſtellen. Und nachdem ſie mehrmals in meine Hand geblickt, ſagte ſie mir vor— aus, ich würde lebendig gerädert werden. Das wieder⸗ holte ſie mehrmals, und ebenſo ihre Kammerfrau, die ihm ebenfalls, nachdem ſie ſeine Hand beſehen, die⸗ ſes Schickſal vorausſagte. Man glaubte, er könne ſich wol im Hauſe Gewaltthaten erlaubt haben, in Folge deren man ihm dieſe ſehr natürliche Drohung geſtellt. Er beſtritt es. Die Dame Saintreuſe hatte eines Tages einen Korb mit Spänen über das Treppengeländer ge⸗ ſchüttet oder fallen laſſen und er mußte die Späne auf— ſammeln. Sie ſagte zu ihm: das wäre ein Zeichen dafür, daß er einſt lebendig verbrannt werden würde. Am 4. Juli 1756 war Damiens bei einem ruſſiſchen Kaufmann, Johann Michel aus Petersburg, in Paris in Dienſte getreten. Am 6. des Monats hatte der Ruſſe, als er ausging, ſeinem neuen Diener befohlen, das Haus zu hüten, bis er wiederkehre. Er war aber bei ſeiner Rückkunſt nicht zu finden. Der Kaufmann ſchöpfte Ver⸗ dacht und fand ſein Portefeuille erbrochen und mehre Goldrollen zum Betrage von 240 Louisd'or verſchwunden. Damiens hatte ſie geſtohlen; dieſes Factum iſt erwie⸗ ſen. Gleichfalls iſt ſein ganzer Lebenslauf, faſt jeder Schritt und Tritt, den er gethan, gerichtlich ermittelt; aber es iſt nur eine Reihe gleichgültiger Handlungen, die keine Spur liefern zu den Anfängen des Verbrechens und die aufzuzählen ermüdet. Er war noch in der Nacht des Diebſtahls mit der Poſt nach Arras gefahren und hatte ſich dann abwechſelnd bei ſeinen Verwandten auf — nnte fort⸗ Sie hdem vor⸗ icder⸗ „die die⸗ könne Folge tellt. ages ge⸗ auf⸗ ichen e. ſchen paris ſuſt, Haus ſiner Ver nehre nden. wie⸗ jeder telt⸗ igen, hens Nacht und auf Damiens. 137 dem Lande aufgehalten, auch in Saint-Omer, dem Je⸗ ſuitenlager, ohne daß n nähere Beziehungen ſeiner Perſon zu denſelben darthun könnte. Er hatte einzelnen dieſer Verwandten Geld geliehen, anderen geſchenkt, um ſich in ihren Geſchäften beſſer zu etabliren. Sein Bruder Joſeph Anton, bei dem Robert ſich gerade aufhielt, empfing am 14. Juli einen Brief von ſeinem dritten Bruder, Louis, der in Paris war, worin dieſer ihn von dem Diebſtahl unterrichtete, den Robert begangen. Als er Robert dieſe Nachricht mittheilte, ge⸗ rieth derſelbe in eine unausſprechliche Wuth, daß man ihn kaum beruhigen konnte, und verfiel dann in eine Krankheit. In einem Anfall von Verzweiflung ver⸗ ſchluckte er eine Maſſe Brechpulver, in der Abſicht, ſich damit das Leben zu nehmen. Die Wirkung war aber eine ganz entgegengeſetzte: er genas. Jetzt ermahnte ihn ſein Bruder Joſeph Anton, der ein rechtſchaffener Mann war, er ſolle in ſich gehen, was an ihm wäre, das geſtohlene Geld zurückerſtatten und ſich Troſt und Hülfe bei ſeinem, des Bruders, Beichtvater, dem Pater Fenes in Saint-Omer, durch offenes Bekenntniß verſchaffen. Robert lachte den Bruder wegen ſeines Bigotismus aus. Damiens trieb ſich von nun ab unſtät an der Grenze der Niederlande um. Es waren Steckbriefe gegen ihn ergangen. Sein Bruder kam mehrmals, um ihn zu warnen, und ſuchte umſonſt für ihn ein Aſyl in geiſt⸗ lichen Brüderſchaften zu erwirken. Damiens lebte in den Schenken unter dem Namen Pierre Guillement. Bei einem Schenkwirth in Zutnoland bewohnte er eine Dach— kammer. Er nahm hier einen Aderlaß. Als die Wir⸗ thin zufällig hinaufkam, fand ſie ihn in Blut ſchwim⸗ mend, doch nicht ohnmächtig. Er ſagte, die Bandage ſei ihm aufgegangen. Er ließ ſich verbinden und ver— —— Damiens. 138 brachte die nächſten Tage theils im Bett liegend, theils Karten ſpielend mit einem en Vom 9. Aug. ab lag er vierzehn Tage in Poperingue in einer kleinen Taverne in derſelben Kammer mit einem Strumpfwirker Nicolas Playouſt, welcher, ſpäter als Jeuge vernommen, über ihr Zuſammenleben Folgendes ausſagte: „Der Franzos, der ſich immer Monſieur von mir nennen ließ, theilte mit mir mein Bette. So lange ich mit ihm lebte, hatte er immer etwas Unſicheres und Geſtörtes, ſo daß ich wirklich glaubte, er ſei etwas ge⸗ ſtört. Er ſprach, bei Tag und bei Nacht, immer für ſich, und erwähnte, daß eine Demoiſelle Henriette, die er nicht näher bezeichnete, ihm prophezeiet, er werde mal einen böſen Streich ausführen.“ Der Zeuge erin⸗ nerte ſich, daß er eines Tages ſogar vor ſich hingeſpro⸗ chen:„Wenn ich nach Frankreich zurückkehre, ja, und ich werde zurückkehren, und wenn ich ſterbe, wird der Größte auf der Erde auch ſterben, und Ihr werdet da⸗ von hören.“— Auch erinnerte er ſich eines Briefes, den ſein Kamerad entweder ſelbſt geſchrieben oder ihm dictirt hatte, deſſen erſte Zeilen ungefähr ſo lauteten: „Mademoiſelle Henriette hat mir's immer vorausgeſagt, daß mir ein Unglück paſſiren würde.“ Dem Zeugen ward es auf die Länge unheimlich mit einem ſolchen Bettgenoſſen, und er beſorgte, daß derſelbe in einem Anfall von Wuth etwas Schreckliches thun könne. Ohne ein Wort zu ſagen, war Damiens eines Tages verſchwunden. Einen Monat etwa darauf kam ein Mann zu Pferde, der ſich Lejeune nannte und für einen Vetter des Davongegangenen ausgab. Er brachte zwei Briefe deſſelben, einen an die Wirthin, den andern an den Zeugen, beide unterzeichnet Damiens, und bat darin, theils ingue einem r als endes n mir ge ich 5 und as ge⸗ er für , die werde erin⸗ ſpro⸗ und d der et da⸗ riefes, ihn uteten geſugt h mit erſelbe thun Tage Mann Vettel Brieſe n den darin Damiens. 139 ihm ſeine zurückgelaſſenen Effecten zu ſenden. Der Rei⸗ ter ſagte noch mündlich, daß ſein Vetter das Unglück gehabt, bei einem Streite in den Straßen von Paris einen Domeſtiken mit dem Meſſer zu erſtechen. Anfangs September war er wieder in der Nähe von Saint⸗Omer bei ſeiner Familie. Hier verlangte er von ſeinem Bruder und ſeiner Schweſter das ihnen darge⸗ liehene Geld zurück; ſie hatten aber das Empfangene, auf den Rath ihres Beichtvaters, bereits wieder an den ruſſiſchen Kaufmann zurückgeſchickt. Damiens blieb nun bei einem andern Vetter, einem Pachter, zu Fies, wo er bis Ende October verweilte, immer träumeriſch, traurig, unruhig, mit ſich ſelbſt ſprechend. Am 3. Nov. ſchlief er wieder bei einem andern Vetter ſeines Namens zu Auſtreville, wo er aber deſſen Frau dermaßen erſchreckte, daß ſie am andern Morgen einen Aderlaß nehmen mußte. Am 19. Nov. findet die Unterſuchung ihn zu Villers⸗ Chatel bei einem dritten Vetter, Beaucourt, desgleichen Pachter, wo er zwei Nächte blieb und wacker gegen die Geiſtlichen ſchimpfte. Darauf treibt er ſich fort und fort bei Verwandten und in Kneipen um, vollzieht mehre gerichtliche Acte, in denen er bekennt, Geldſummen von Jenen empfangen zu haben; immer aber iſt er, auch beim Spielen und Trinken, ſchweigſam, verſchloſſen. Am 20. Nov. nahm er abermals einen Aderlaß, befahl aber dem Wundarzt, ja eine recht große Wunde zu machen. Mehre Tage nahm er Opium. Am folgenden Tage erſcheint er wie⸗ der bei einem neuen Verwandten, in der Nähe von Arras, in der Maske eines Verzweifelten; er rief hier aus: das Königreich, ſeine Frau und ſeine Tochter wä⸗ ren verloren! 140 Damiens. Unter den Zeugen, die über Allgemeines aus jenen Tagen über ihn vernommen wurden, ſagte einer:„Da⸗ miens iſt ein Menſch, 5 Fuß 5 Zoll wenigſtens groß, mit eingeſunkenen Augen, länglichem Geſicht und einer Adlernaſe. Die Haare ſind braun und dicht, ſeine Haut⸗ farbe blaß, ſein Teint aber lebhaft. Wenn er ſpricht, ſtockt er, ſein Geiſt iſt unruhig, melancholiſch, unzufrie⸗ den, frondirend; ja, er ſcheint gar nicht in Ordnung, denn er ſpricht ſehr oft mit ſich ſelbſt.... Schon im vorigen Juli ſchien er ſehr eingenommen gegen die Geiſt⸗ lichen in der Zeitfrage und ganz ſich auf Seiten des Parlaments zu neigen.... Er führte Geſpräche wie ein Verzweifelter und äußerte: er wolle von ſich reden machen.“ Zum Commiſſar Brauvart hatte er einſt, als ſie ruhig nebeneinander gingen, geſagt:„Alles iſt verloren, das Königreich iſt umgeſtürzt. Was mich anlangt, ich bin für immer verloren. Eine ſchlimme Aufgabe liegt mir ob, und man wird von mir ſprechen.“ Worauf Brauvart erwiderte:„Sei ruhig, mein Kind, Du biſt närriſch. Ich mag nicht mehr mit Dir reden. Aber Gott will ich bitten, daß er Dir beſſere Gedanken ſchenkt. Brauvart ſah ihn ſeitdem nicht wieder. Am 28. Nov. fuhr Damiens in einer Landkutſche unter dem Namen Bravel nach Paris. Seine Mitrei⸗ ſenden waren Pater Duparcq, ein Jacobiner Laborne, ein Sergeant im Regiment Poiton und ein junger Geiſtlicher Chouet. Als er des Morgens zwiſchen 2 und 3 Uhr an den Barrikren angekommen, nahm er einen Fiacker und brachte den jungen Geiſtlichen in die Penſion, an die er adreſſirt war. Dann begab er ſich in eine Kneipe, wohin er ſeinen Bruder Louis beſtellt hatte, der in 3 jenen „Da⸗ groß, einer Haut⸗ npftie⸗ dnung, hon im Geiſt ten des he wie reden als ſi rloren, gt, ich liegt Votuf Du biſt Aber ſchent dkutſche Nitri aborhe, junger an den er und an dir Kneib⸗ der in Damiens. 141 Paris als Bedienter conditionirte. Louis Damiens war höchlich verwundert, ſeinen Bruder Robert hier anzu⸗ treffen, da dieſer es natürlich vermieden, ihn unter ſei⸗ nem wahren Namen zu ſich zu beſtellen. Robert gab ſeinem Bruder als Grund an, weshalb er nach Paris gekommen, wie er zu Arras gehört, daß die Herren vom Parlament ihre Entlaſſung eingegeben; und deshalb ſei er wieder hier. Der Bruder wollte ihm keine Herberge nennen zur Unterkunft. Da rief er im Zorn wenn er Das geahnt, würde er in einem pot de chambre direct nach Verſailles gefahren ſein.— Louis fragte ihn was er da wolle; Robert erwiderte nur: er habe nun einmal Luſt, dahin zu gehen. Beim Abſchiede fiel er, wie gerührt, dem Bruder noch einmal um den Hals und ſagte: es wäre vielleicht das letzte Mal, daß er ihn ſähe; worauf Louis erwiderte: das wünſche er, auch, daß er fortan keine Nachrichten von ihm mehr erhalte. Damiens ſuchte hierauf ſeine Frau auf, die im Hauſe Ripandelly diente, ſchlief bei ihr und ſah ſie und ſeine Tochter, ſo lange er in Paris verweilte, täglich. Mon⸗ tag am 3. Jan., Abends 8 Uhr, machte er ſich, von Frau und Tochter begleitet, auf den Weg nach der Rue Saint⸗Martin, wo er ſich von ihnen trennte. Nach ſeinen Geſtändniſſen auf dem Folterbett hätte er in einer Kneipe in der Univerſitätsſtraße zu Abend gegeſſen, wäre dort eingeſchlafen und Abends zwiſchen 10 und 11 Uhr erwacht, worauf er ſich nach dem Landkutſcherbureau, was nahe iſt, begeben, um einen Platz nach Verſailles zu nehmen. Der Kutſcher, der ihn gefahren, ſagt, er habe ſich um 11%½ Uhr ungefähr eine Chaiſe genommen und ſei etwa um 3 Uhr Morgens, Dienſtag den 4., in Verſailles angekommen. Dort blieb er im Bureau der —————— —, „ 142 Damiens. Landkutſcher bis um 7 Uhr. Nachdem er mit dem Kut⸗ ſcher einen Ratafia getrunken und ihn ſehr liberal be⸗ zahlt, ſchlief er ruhig zwei Stunden. Als er erwachte, bat er den Burſchen im Bureau, ihn in ein Wirths⸗ haus zu führen, und nahm ſein Quartier bei einem ge⸗ wiſſen Fortier. Da er keine Sachen bei ſich führte, forderte die Wirthin ein Draufgeld, was er ſofort zahlte. Er ließ ſich wieder zu trinken und ein Bett geben, in dem er bis 2 Uhr Nachmittag ſchlief. Dann kleidete er ſich an, ging aus und kehrte erſt gegen 11 Uh d nach Hauſe. 3 Er gab vor, daß er in der Zwiſchenzeit und in den Höfen ſpazieren gegangen und in einer Schänke getrunken habe. Aller Nachforſchungen unge⸗ achtet hat man aber über dieſen Punkt nichts Gewiſſes in Erfahrung bringen können. Bei ſeiner Rückkehr be⸗ klagte er ſich nur, daß man in Verſailles ſeine Ge⸗ ſchäfte nicht zu Ende bringen könne, indem der König bis künftigen Sonnabend zu Trianon verweilen wolle. Er ſorderte ein Huhn. Man brachte ihm Hammelbraten; er aß nur ein Stück davon und ging dann wieder zu Bett. Mittwoch am 5., dem Tage der That, trat die Frau Fortier, ſeine Wirthin, etwa gegen 11 Uhr zufällig in ſeine Stube. Er bat ſie, einen Chirurg kommen zu laſſen, um ihm zur Ader zu laſſen. Die Fortier glaubte, er faſele; es war bitter kalt. Sie antwortete ihm, wie man auf ſolche Bitte antwortet, die man für Albern⸗ heit hält. In allen Verhören behauptete Damiens: hätte man ihm damals zur Ader gelaſſen, ſo würde er das Ver⸗ brechen nicht begangen haben. um 2 Uhr kleidete er ſich an. Seit 4 Uhr ſah man m Kut⸗ ral be⸗ wachte, Virths⸗ nem ge⸗ führte, tzahlte. hen, in tidete er n nt neiner unge jewiſſes keht be⸗ in Ge⸗ König 1 wolle. braten; ieder zu tie r filig in men ſ glaubte m, wi Albern tte man a Ver⸗ ſch man war man beſorgt, daß ſeine That kein vereinzeltes Wage⸗ Damiens. 143 ihn in den Höfen des Schloſſes umherſtreifen; was nun folgt, iſt aus dem Obigen bekannt. Der Prevot des Hauſes befahl die Arretirung von nicht weniger als folgenden Perſonen: einen Julien Guermays, mit dem Damiens in Arras gelebt und der ſich zufällig in Paris befand; Damiens' Frau und Toch⸗ ter; ſeinen Bruder Louis und deſſen Frau; eine Demoi⸗ ſelle Maré, Kammermädchen der Dame Ripandelly, welche Damiens in Abweſenheit ſeiner Frau aufgenommen. Auch gegen Damiens' Vater, ſeinen Bruder Joſeph Antvine, die Frau deſſelben und die Witwe Colet, ſeine Schwe⸗ ſter, wurden Verhaftsbefehle nach Arras und Umgegend geſandt. Warum nicht gegen alle ſeine Vettern und Verwandten und deren Frauen, Kinder, Dienſtleute? Bei wie vielen hatte er nicht die Nächte verbracht, welche dem Königsmorde vorangingen? Am 15. Jan. verordnete der König durch einen of⸗ fenen Brief, daß die Inſtruction des Proceſſes von der grande chambre des Parlamentes zu Paris geführt werde; alle bisherigen Acte des Prévöt ſeines Hauſes zu Verſailles wurden als zu Recht beſtändig erkannt. Zur Inſtructionscommiſſion wurden ernannt de Maupeou, erſter Präſident, Mole, zweiter Präſident, und die Räthe Severt und Denis⸗Louis Pasquier, Namen, welche, trotz der Verdammung aller Ariſtokratie und Erblichkeit, in der franzöſiſchen Juſtiz immer wiederzukehren beſtimmt ſcheinen. Ein ganzes Garderegiment mußte den Königsmörder (am 18. Jan.) von Verſailles nach Paris escortiren; ſo — 144 Damiens. ſtück eines Desparado, vielmehr der Act einer großen Verſchwörung ſein könne. Die Vorſicht, mit welcher man dieſen Menſchen zu behüten ſuchte, damit nicht allein jeder Befreiungsverſuch, ſondern auch jeder Selbſtmordsverſuch verhütet werde, überſteigt alles bis da Vorgekommene. Von außen umgab man die Conciergerie, wo Zugänge zu derſelben waren, mit zwei Reihen Paliſſaden. Hundert Mann Garde hiel⸗ ten Tag und Nacht innerhalb derſelben Wacht, ihre Po⸗ ſten vertheilend. Sie wurden alle vierundzwanzig Stun⸗ den abgelöſt. Auf jedem Treppenabſatz ſtand eine Schild⸗ wacht und die Patrouillen durchtrabten wie ein per— petuum mobile die Höfe, Gänge und Treppen der Conciergerie— um einen verkommenen Bedienten. Im erſten Stockwerk des Thurmes von Montgom⸗ mery war die Kammer, in die man Damiens geſetzt. Sie war nur 12 Fuß im Durchmeſſer, 12 Fuß hoch und nur durch zwei Mauerlöcher, 3 Fuß hoch und 9 Zoll breit, erhellt. Ein doppeltes Gitter verſchloß ſie; ſtatt des Glaſes hatten ſie geöltes Papier. Im Rund⸗ zimmer war kein Kamin, ſie ward indeß genügend er⸗ wärmt durch den eiſernen Ofen, der in dem Wachtzim⸗ mer darunter fortwährend glühte, ſowie durch die große Zahl Lichter, welche Tag und Nacht in dem Gefängniß ſelbſt brannten. Anfänglich hatte man Talglichter ge⸗ brannt; da dieſe aber, nach der Anſicht der Aerzte, Damiens' Geſundheit ſchaden könnten, wurden ſie mit Wachskerzen vertauſcht. Die Beſchreibung des Bettes, auf welchem Damiens lag— es war nicht ſein ſchlimmſtes Marterbette—, nimmt in allen Berichten über die Procedur mehre Sei⸗ ten ein. Das Kopfkiſſen lag vis à vis der Thür; 3 Fuß — Damiens. 145 von der Mauer entfernt. Das Bette ſelbſt war auf einer Eſtrade angebracht, die ſich 6 Zoll über den Flie⸗ ſen des Bodens erhob. Alles Holzwerk daran war mit Matratzen tapezirt, namentlich die 3 Fuß hohe Kopf⸗ lehne, welche zu ſeiner Bequemlichkeit mittels einer ge⸗ kerbten Eiſenſtange derart eingerichtet war, daß er den Kopf höher oder niedriger legen konnte. In dieſem Bette lag nun Damiens befeſtigt in einem netzförmigen Geſchlinge von ſtarken Riemen von unga⸗ riſchem Leder, deren jeder 2% Zoll breit war. Zwei dieſer Riemen, mit eiſernen Ringen an den Boden befeſtigt, hielten die Schultern feſt, zwei andere die Arme, cor⸗ reſpondirend mit einem, der ſeinen Bauch umſchlang, und auslaufend in zwei Handſchlingen, dergeſtalt ihm freie Bewegung laſſend, daß er mit der Hand den Mund erreichen konnte. Auch dieſe mit Eiſenringen am Boden befeſtigt. Desgleichen ſchnallten ihm zwei ſolche Riemen die Schenkel feſt, dergeſtalt, daß von jeder Seite des Bettes drei Riemen den Körper an den Fußboden ket⸗ teten. Vom Gurt, der ſeinen Leib umſchloß, ging aber noch ein perpendiculairer zu ſeinen Füßen herab und war hier wieder durch einen Eiſenring am Boden befe⸗ ſtigt. Gleichermaßen ging von den Riemen, die ſeine Schultern feſſelten, ein Gurt über die Kopflehne und war draußen an dem Boden mit einem Ringe befeſtigt. Sorgſamerweiſe hatte man aber alle dieſe Ringe und Riemen, wo an Armen und Händen eine Reibung und damit Entzündung hätte entſtehen können, mit Rehleder ausgeſtopft, damit das Opfer kühl und geſund für die Qualen aufbewahrt werde, die man ihm in geſetzlichem Wege und mit aller Kunſt präparirte. Außerdem hatte man aus der Garde zwölf der un⸗ terrichtetſten und gewitzigtſten Sergeanten gewählt, die XV. 7* —— —— 146 Damiens. Tag und Nacht bei ihm Wache halten mußten; immer je vier, die alle vier Stunden abgelöſt wurden, unter Anführung eines Offiziers, der es jede Stunde ward. Die übrigen acht verweilten während deſſen in einem obern Gemache, jeden Augenblick bereit, auf das ge⸗ ringſte Geräuſch hinunterzuſtürzen. Dieſe zwölf Ser⸗ geanten verließen erſt den Thurm mit Damiens ſelbſt. Sie allein waren es, die ihn ſehen und ſprechen durften. Doch war ihnen aufgetragen, ihn lieber ſprechen zu laſ⸗ ſen, als ſich mit ihm zu unterhalten. Die Brandwunden, welche man ihm durch die un⸗ geſetzliche Tortur in Verſailles beigebracht, waren be⸗ trächtlicher, als es anfangs ſchien. Mehr als zwei Mo⸗ nate ward er ſchon durch ihre Nachfolgen gezwungen, ſtill auf dem Bette zu liegen, das er dann nur um der nöthigſten Bedürfniſſe willen verließ. Außer den zwölf Sergeanten hatte man ihm zur Pflege noch vier wohl⸗ unterrichtete Soldaten beſtellt, die ihn keinen Augenblick außer Acht ließen und während der ganzen Zeit mit Niemand ſonſt, als den zwölf in Berührung kamen. Auch zum Eſſen war ein eigener Beamter ihm be⸗ ſtellt, der, nach Vorſchrift der Aerzte, die Speiſe zu⸗ richtete und ſie ihm eingab. Vor jedem Speiſeneinneh⸗ men mußte ſie aber ein Chirurg koſten, der zu dieſem beſondern Zwecke im Gefängniß ſchlief. Denn außerdem beſuchten ihn täglich dreimal die zu ſeiner Geſundheits⸗ pflege vom Parlament Beſtellten: der Arzt Boyer und der Wundarzt Foubert. Der letztere verband ſeine Wun⸗ den. Beide mußten alle Morgen dem erſten Präſiden⸗ ten Bericht abſtatten über ſeinen Geſundheitszuſtand. In dieſem engen Käfig ſelbſt, vielleicht in Gegen⸗ wart der vier bewachenden Sergeanten, wurden von den vier Commiſſaren fünf Verhöre mit Damiens abgehalten, — — öſf hl⸗ vit zu⸗ h⸗ ſem em und un⸗ en e den ten, Damiens. 147 vom 22. Jan. bis 17. März, deren einige bis ſechs Stunden dauerten. Am 22. Jan. hatte man eine große Entdeckung zu machen geglaubt. Im Hauſe der Dame Ripandelly war beim Abkehren in der Küche ein Sack mit Metall vom Rauchfange gefallen, der bei näherer Unterſuchung 1206 Livres in Louisd'oren enthielt. Man glaubte dabei zu⸗ gleich myſteriöſe Papiere zu finden, aber es ſtellte ſich bald heraus, daß es nichts ſei, als der Reſt des dem Ruſſen geſtohlenen Geldes, welches Damiens, von ſeiner Frau in jenem Hauſe aufgenommen, unbewußt derſelben, an jenem Orte verborgen hatte. Die Geſchichte des Proceſſes vor dem großen Par⸗ lamentshofe, dem auch die Prinzen beiwohnten, iſt bis in ſeine Minutien uns aufbewahrt, jedoch ohne anderes Intereſſe, als was man ſchon aus dem Obigen weiß, daß man mit einer krankhaften Begierde aus der Maus einen Elephanten zu machen ſuchte. Auch die Angeber⸗ luſt geſellte ſich dazu. Ein verkümmerter Abbe, der längſt durch Enthüllungen furchtbar drohender Verſchwö⸗ rungen ſich wichtig zu machen geſucht, verſuchte ſeine chimäriſchen Denunciationen auch auf Damiens' That zu beziehen und ſetzte mehre vornehme Perſonen dadurch in Bewegung, indeß war man ſo vernünftig, nicht darauf zu achten. Auch andere Verbrecher, Diebe, die in Un⸗ terſuchungsarreſt ſaßen, ſchnappten nach Rettung oder einem beſſern Looſe, indem ſie von Verſchwörungen ſpra⸗ chen und denuncirten, in die man ſie einweihen wollen; die Spur verlor ſich aber oder zeigte ſich bald als eine rein fingirte. Ebenſowenig führten die Confrontationen mit allen Zeugen zu anderm Reſultate als dem oben angegebenen. Der Generalprocurator ſchloß ſeinen Ans 7* N „ 148 Damiens. dem Antrage, daß Damiens mit derſelben Strafe belegt werde, welche den Königsmörder Ravaillac getroffen, und daß er zuvor, gleich dieſem, zur Nennung ſeiner Mitſchuldigen auf die Folter gebracht werde. Bevor man das Urtheil gegen Damiens ausſprach, fand eine ſehr gelehrte Sitzung und Berathung darüber ſtatt, nicht ob man die Folter überhaupt, ſondern welche Folter man in Anwendung zu bringen habe. Man über⸗ gab dem Generalprocurator alle Berichte und Schriften über dieſen Gegenſtand und zog auch die unterrichtetſten Aerzte zu Rath. Ihr Gutachten ging nun dahin, daß unter allen Torturarten, deren der menſchliche Geiſt in den vergangenen Jahrhunderten eine ſo reiche und man⸗ nichfaltige Auswahl ins Leben gerufen, eine unbedingt den Vorzug verdiene, ſowol weil ſie das Leben des Gefolterten am wenigſten gefährde, zufälligen Einwir⸗ kungen am mindeſten ausgeſetzt und zugleich die aller⸗ ſchmerzlichſte ſei. Dies wäre aber zugleich diejenige, deren ſich das hohe Parlament ſchon immer und für gewöhnlich bedient habe. Sie führt den franzöſiſchen Na⸗ men: Question des brodequins, deutſch: Spaniſche Stiefeln. Die Spaniſchen Stiefeln wurden aber in doppelter Art angewandt. An einigen Orten fertigte man von Pergament eine Art Stiefeln oder Schuhe, die man anfeuchtete und dann dem Beine des Inquiſiten anlegte. Alsdann ward das Bein ans Feuer gebracht, und das an der Wärme trocknende Pergament ſchrumpfte allmä⸗ lig dermaßen zuſammen, daß der Schmerz nicht zu er⸗ tragen war. Dies war die ſanftere Art und minder im Gebrauch. Andern Ortes, und in der Regel, nahm man vier Ei⸗ die mit ſtarken Stricken umwickelt wurden. 5 er ch, ber che et⸗ ten ſen duß in m⸗ gt es ir⸗ er⸗ ge, für Na⸗ ter von nan gte. das mi⸗ den⸗ Damiens. 149 Zwei dieſer Bretter wurden an die innere Seite der Beine des Verbrechers gelegt, die andern beiden an die äußere. Dieſe Bretter mit den Beinen dazwiſchen ſchnürte man feſt zuſammen, dergeſtalt, daß die innern Bret⸗ ter ſich berührten, doch nicht ſo hermetiſch geſchloſ⸗ ſen, daß man nicht von oben die Spitze eines Keils hätte dazwiſchen klemmen können. Auf dieſen Keil ward gehämmert bis entweder die Beine in eine unerträgliche Preſſe kamen, oder die Bretter zerſprangen und mit ihnen die Knochen des Beins. Der Schmerz ſoll dem, welchen die zuſammentrocknende Haut verurſachte, nichts nachgegeben haben. Bei der Zuerkennung auf Tortur ward auch zugleich auf die Zahl der Keile, welche in die Spaniſchen Stiefeln zu treiben wären, erkannt. Eine gewöhnliche Folter beſtand aus vier, eine außerordent— liche aus acht Keilen. Die ehrenwerthen Aerzte und Wundärzte hatten noch ihre eigenen Bemerkungen und Beobachtungen hinzu— gefügt: in welcher Art man die Schmerzen des Gefol⸗ terten verlängern und doch zugleich noch empfindlicher herſtellen könne, ohne Gefahr zu laufen, daß der Ge⸗ folterte unterliege, oder auch nur auf dem Folterbett die Beſinnung verliere. Man nahm dieſen loyalen Eifer der Wiſſenſchaft um das Königthum mit Dank an. Desgleichen ging man, des außerordentlichen Falles wegen, von der Regel ab, die einem Verbrecher ſeiner Art einen Beichtvater erſt dann gewährt, wenn er zum Tode abgeführt werden ſoll. Nein, man ſchickte ihm ſofort einen ſolchen in der Perſon des Dr. Gueret von der Sorbonne, Pfarrer in Paris, der ihn vor der ge— richtlichen Folter moraliſch foltern ſollte, ſeine Complicen zu nennen. Die Religion iſt in allen Zeiten vom Ab⸗ 150 Damiens. ſolutismus für gut erachtet worden, ihm Polizeidienſte zu leiſten. Sonnabend am 26. März erſchien Damiens zum erſten und auch zum letzten Male vor dem Gericht des Parlamentshauſes. Auf ſeinem Armenſünderſtuhl ſaß er ziemlich unbefangen der hochanſehnlichen Verſammlung gegenüber; er erkannte mehre ſeiner Richter, es ſollen ſogar leichte Scherze über ſeine Lippen gekommen ſein. Von 8 Uhr Morgens bis gegen Abend dauerte die Sitzung. Noch einmal ward er über alle Hauptpunkte vernommen. Um 7 Uhr Abends ward folgendes Urtheil vom pariſer Parlamente publicirt: „Der Hof, die Prinzen und die gegenwärtigen Pairs.... zu Recht erkennend über die Anklage wider beſagten Robert Frangois Damiens, erklären beſagten Robert Frangois Damiens von Rechts wegen bezüchtigt und überführt des Verbrechens der beleidigten Majeſtät, ſo der göttlichen als menſchlichen, begangen am Ober⸗ haupt, von wegen des ſehr niederträchtigen, ſehr verab⸗ ſcheuungswürdigen und ſehr verwerflichen Meuchelmor⸗ des, begangen an der Perſon des Königs; weß zur Sühne ſie ihn verdammen, eine Ehrenbuße zu thun vor dem Hauptthor der Hauptkirche zu Paris, wohin er zu bringen und zu führen in einem Armenſünderkarren, nackt, im Hemde, eine brennende Kerze, zwei Pfund im Gewicht, in Händen; und dort, auf ſeinen Knien, ſoll er ſagen und erklären, daß er ſchändlicher⸗ und verrä⸗ theriſcherweiſe begangen hat beſagten ſehr niederträchti⸗ gen, ſehr verabſcheuungswürdigen und ſehr verwerflichen Meuchelmord, und verwundet den König mit einem Meſſerſtich in die rechte Seite, worüber er Reue em⸗ — te gt it, t⸗ b⸗ ur r zu , 151 Damiens. pfindet und um Gnade bittet Gott, den König und die Juſtiz;— daß er von da geführt werde auf den Grove⸗ platz, und auf ein Schaffot, welches daſelbſt aufzurichten, und daſelbſt mit Zangen gekniffen an den Bruſtwarzen, Armen, Schenkeln und Waden;— daß darauf ſeine rechte Hand, in der er das Meſſer halten muß, mit welchem er beſagten Vatermord begangen, verbrannt werde in Schwefelfeuer, und auf die Stellen, wo er gezwickt worden, geſchmolzenes Blei geträufelt werde, auch kochendes Del und brennendes Pech, desgleichen Wachs und Schwefel zuſammengerührt;— welchem nach ſein Körper ſoll zerriſſen und getheilt werden durch vier Pferde, ſeine Glieder und ſein Leib aber vom Feuer verzehrt, zu Aſche verbrannt und in die Winde ver⸗ ſtreut.— Erklären demnächſt alle ſeine Güter, fahrende Habe und Immobilien, an welchem Orte ſie auch ſeien, dem Könige verfallen.— Verordnen auch, vor beſagter Execution, daß beſagter Damiens auf die ordentliche und außerordentliche Folter gebracht werde, um ſeine Com⸗ plicen zu nennen.— Verordnen auch, daß das Haus, in dem er geboren, der Erde gleichgemacht werde, nach⸗ dem Der, dem es gehört, vorher entſchädigt worden, dergeſtalt, daß auf dem Grund und Boden, wo es ge⸗ ſtanden, nie wieder ein Haus gebaut werden darf.... Gegeben im Parlament, in der verſammelten Grande chambre, am 26. März 1757. Richard.“ Das Urtheil iſt uns bekannt; es iſt faſt Wort für Wort abgeſchrieben dem Parlamentsurtheil gegen Ra⸗ vaillac. Was man 1610 hinnahm ohne Schaudern, weil es das Product einer noch barbariſchen Sitte war, wie nahm man es 1757 hin? In hundertſiebenundvierzig Jahren war die Sitte eine andere geworden! 152 Damiens. Und Ravaillac hatte ſeine That vollbracht, Damiens nur ein Attentat! Den Lump Damiens dem Fanatiker Ravaillac an die Seite zu ſtellen, war den Richtern ſchon eine ſchwere Aufgabe; in ihrem Loyalitätseifer hatten ſie vergeſſen, daß man damit das Maß des vierten Heinrich auch an den funfzehnten Ludwig legen könne. Schwerer konnten ſie nicht ſich gegen ihren König verſündigen. Montag am 28. März ward Damiens, Morgens 6 Uhr, in die Folterkammer gebracht. Seine militairiſche Wache übergab ihn fortan dem Lieutenant des Chatelet. Der Greffier Lebreton las ihm hier ſein Urtheil noch einmal vor. Er hörte es aufmerkſam und unerſchrocken an und ſagte nur:„Das wird heute ein heißer Tag werden.“ Von dieſem Lebreton hat man eine Broſchüre, welche aufs umſtändlichſte alle Begebenheiten dieſes Proceſſes mit ſammt allen Momenten der Tortur berichtet. Einige wörtliche Auszüge aus dem Protocoll über letztern, die wir hier folgen laſſen, mögen die Leſerinnen überſchla⸗ gen; für viele Leſer wird es von Intereſſe ſein, ein letztes Actenſtück aus den Zeiten der Barbarei genauer ins Auge zu faſſen. „Im Jahre 1757, Montag den 28. Mätz, 6 Uhr Morgens, ſind wir Alerander Andre Lebreton, Advocat des Gerichtshofes u. ſ. w., begleitet von u. ſ. w., in die Folterkammer geſtiegen, allwo ſeiend wir aus den Ge⸗ fängniſſen der Conciergerie des Palaſtes entnehmen und vor uns führen laſſen Frangois Robert Damiens, An⸗ geſchuldigten, und haben ſelbigem, auf den Knien lie⸗ gend, vorleſen laſſen das am 26. gegenwärtigen Monats 5 Damiens. 153 gegen ihn ergangene Erkenntniß, lautend.... Und iſt augenblicks darauf der Verurtheilte ergriffen und vom Executor gebunden worden. Als worauf wir, unterzeich⸗ neter Greffier, gegangen ſind, um Rechenſchaft abzuſtat⸗ ten den committirten Herren Präſidenten und Räthen des Hofes, auf welche Nachricht wir, René Charles de Maupeou und Mathieu Frangois Molé, Ritter, Mit⸗ glieder des Staatsrathes, erſter und zweiter Präſident des Parlamentshofes, Aimé Jean Jacques Savert und Denis Louis Pasquier, Rapporteure, Jean Baptiſte Ce⸗ rentin Lambelin und Pierre Barthelemi Rolland, Räthe des Königs in ſeinem Parlamentshofe, der Grande chambre, ernannte Commiſſare in dieſer Sache, hin⸗ aufgeſtiegen ſind in die Folterkammer, begleitet von be⸗ meldetem Lebreton, allwo ſeiend wir vor uns kommen ließen beſagten Robert Frangois Damiens, Verurtheilten, welchkr, auf den Knien liegend, geſchworen, daß er die Wahrheit ſagen will, die Hand auf dem Evangelium und geſetzt auf den Schemel.... „Aufgefordert, zu erklären, in welchem Momente er das Vorhaben gefaßt, vatermörderiſche Hand anzulegen an den König, hat er geſagt, es ſei die böſe Aufführung des Herrn Erzbiſchofs der Anlaß, und daß er ſchon vor drei Jahren den Gedanken gefaßt. „Befragt, ob der Entſchluß ihm von Jemand anderm eingegeben worden, hat er geſagt, ihm ſei es eingegeben von aller Welt, die er darüber ſprechen gehört.... „Befragt, ob er nicht zu Playouſt geſagt, am Orte Poperingue, daß er ſich in dem Lande nicht accommodiren könne, daß er nach Frankreich zurückmüſſe, und ob er nicht auch geſagt:„Ja, ich werde dahin zurückkehren, ich werde daſelbſt ſterben und der Größte wird auch ſter⸗ ben“, hat er erwibert, daß er dieſe Worte geſprochen. 7** Damiens. „Befragt, was er ſich dabei gedacht, hat er erwi⸗ dert, daß das Bezug gehabt auf ſein Vorhaben, und daß ihm daſſelbe nicht mehr aus dem Kopfe fortgewollt. „Befragt, was ihn denn von Arras nach Paris zu⸗ rückgeführt, da er doch gewußt, daß er bei der Juſtiz angegeben worden, von wegen ſeines Diebſtahls, verübt am Sieur Michel, und ob es nicht geweſen, um ſein Verbrechen zu begehen, hat er geantwortet, er ſei ge— kommen, um ſein Verbrechen auszuführen, da er es ſchon lange im Sinne gehabt. „Befragt, ob kein weltlicher oder kein Ordensgeiſtlicher ihm den Gedanken eingegeben, hat er geſagt, daß ihm Niemand den Gedanken eingegeben, daß er aber viele der geiſtlichen Herren übel habe reden hören. „Befragt, worin denn das Böſe beſtanden, was dieſe Geiſtlichen geſprochen, hat er geantwortet, er habe von ihnen gehört, daß der König große Gefahr laufe, wenn er nicht der böſen Aufführung des Herrn Erz⸗ biſchofs Einhalt thuc. „Hat man ihm vorgeſtellt, daß man ſolche gefähr⸗ liche Reden(1) nicht vor Leuten führe, die man nicht kenne, daß er alſo Verbindungen mit ihnen gehabt haben müſſe, und er ſolle ſie nur nennen, hat er geantwortet, daß er keine andern Verbindungen mit ihnen gehabt, außer daß er ſie alle Tage im Palais geſehen, und übri⸗ gens wiſſe er nicht ihre Namen.... „Befragt, was er denn unter den in ſeinem Briefe an den König gebrauchten Worten verſtehe:„„Das iſt ein Unglück für Sie, daß Ihre Unterthanen Ihnen ihre Entlaſſung gegeben haben, indem die Angelegenheit nicht von ihrer Seite ausging““, hat er geantwortet, daß die Angelegenheit nicht vom Parlamente kommen konnte, ſondern von Seiten des Erzbiſchofs, der angefangen — — Damiens. 155 habe, indem er die Sacramente verweigert und Billets in die Sakriſteien geſchickt.... „Hat man ihm vorgeſtellt, wie das, was von Sei⸗ ten des Herrn Erzbiſchofs geſchehen, niemals einen Men— ſchen ſeines Schlages beſtimmen können, ſein Verbrechen zu begehen; hat er darauf geſagt, daß er nichts Anderes zu ſagen wiſſe, außer daß, wenn er die Sacramente nicht verweigert hätte, das auch nicht geſchehen wäre.... „Befragt, ob ihm ſelbſt etwa das Sacrament ver— weigert worden wäre, oder einem ſeiner Verwandten und Freunde, hat er Nein geantwortet, er habe ſich gar nicht darum geſtellt..„ „Und wurde nun der Verurtheilte auf dem Schemel feſtgebunden.“ Dieſes Verhör hatte ſchon eine und eine halbe Stunde gedauert. Damiens' Feſtigkeit war keinen Augenblick ge⸗ wichen. Jetzt klemmte man ſeine Beine in die Stiefel⸗ bretter und ſchnürte die Stricke ſo feſt zu, wie es bisher nie geſchehen war. Dieſe Preſſung war vielleicht ſchon der ſchmerzhafteſte Augenblick der Tortur. Damiens ſtieß entſetzliche Schmerzenslaute aus. Er ſchien in Ohnmacht zu fallen; aber Arzt und Wundarzt erklär⸗ ten, es ſei keine wirkliche Ohnmacht. Damiens forderte zu trinken. Man gab ihm Waſſer. Er wünſchte es mit Wein vermiſcht:„Ich brauche hier Kraft.“— Wir fah⸗ ren im Protocoll fort: „Und nachdem er den Eid geleiſtet und befragt wor⸗ den, wer ihm ſein Verbrechen eingegeben, hat er geſagt, daß es der Erzbiſchof ſei, durch alle ſeine ſchlimmen Praktiken, und hat gerufen:„„Herr, ich flehe um deine Gnade!““ „Befragt, wer ſeine Complicen ſeien, hat er geſagt, er ſei es allein.. 156 Damiens. „Hat man ihm vorgeſtellt, wie dies nur der An⸗ fang ſeiner Schmerzen wäre, daß er ſie lindern könne, wenn er ſeine Complicen nenne, und hat er aufgeſchrien: „„Dieſer Schuft von Erzbiſchof!““ Dieſe Vortortur hatte etwa eine halbe Stunde ge⸗ dauert, bis man zur Einhämmerung des erſten Keiles ſchritt. Auch dieſe Verzögerung war nicht ohne wiſſen⸗ ſchaftliche Berechnung. Das Fleiſch der Beine ſollte inzwi⸗ ſchen durch die Preſſung ſchwellen und ſich inflammiren, damit es deſto empfindlicher werde für den nachfolgenden Schmerz!! Als der erſte Keil nun wirklich hineinſchmet⸗ terte, ſtieß der Gefolterte zwar einen entſetzlichen Schmer⸗ zenslaut aus, es geſchah aber ohne den Ingrimm, dem er bei den frühern Ausſagen Luft gemacht. Das Pro⸗ tocoll fährt fort: „Befragt, wer ihn denn bewogen, ſein Verbrechen zu begehen, hat er geſagt, daß Jedermann davon ge⸗ ſprochen, und daß man ihm geſagt: den König umbrin⸗ gen, damit wäre Alles zu Ende; und daß ein gewiſſer Gautier, ein Geſchäftsmann, wohnhaft bei Monſieur de Ferrieres, rue des Magons, ſolche Reden in der Zeit da geführt.... „Befragt, wo er denſelben geſprochen, hat er geſagt, daß er denſelben in der rue de Magons geſprochen, in Gegenwart des Sieur de Ferrieres, ſeines Herrn....“ Dies war das erſte Mal, daß er beide Männer nannte. Augenblicklich wurden Commiſſaire ausgeſandt, um beide Männer herbeizuführen. Inzwiſchen ward die Tortur fortgeſetzt. Beim vierten Keile ſchrie er auf:„O Herr des Himmels! Meine Herren!“— Weiter nichts. Es ward der fünfte Keil, der erſte der außerordentlichen Folter, hineingetrieben. N — —.———————— ——.—— Damiens. 157 „Aufgefordert, ſeine Complicen zu nennen, hat er geſagt: wie er des Glaubens geweſen, ein dem Himmel wohlgefälliges Werk zu verrichten, und alle Prieſter, die er im Palais gehört, hätten daſſelbe geſagt.... „Aufgefordert, die Namen dieſer Prieſter zu nennen, hat er geſagt, daß er ſie nicht kenne....“ Es kam der ſechste Keil an die Reihe. „Hat man ihm vorgeſtellt, daß ſeine allgemeinen Ausrufungen zu nichts dienten, und daß er perſönlich ſeine Complicen zu nennen habe, hat er geſagt: er habe keine.“ Der achte und letzte Keil. „Befragt, wer denn von ſeiner Schwäche des Gei⸗ ſtes Nutzen gezogen und ihn gereizt, das Verbrechen zu begehen, hat er geſagt, daß er es allein ſei. „Hat man ihm vorgeſtellt, daß das gar nicht ſein könne; da hat er mehrmals aufgeſchrien:„„Herr, mein Gott!““ „Und auf den Rath, den uns die Aerzte und Chir⸗ urgen dieſes Hofes gegeben, daß der Verurtheilte itzo in Gefahr für ſein Leben ſei, ſintemalen die Folter ſchon ein und eine halbe Stunde angedauert, iſt er losgebun⸗ den worden und auf die Matratze gelegt... „Aufgefordert nochmals, die Namen Derer zu erklä⸗ ren, welche ihn zu der That gereizt, hat er geſagt, daß es der benannte Gautier ſei, rue des Magons, und die Anderen, die er im Palais reden gehört.... „Nachdem ihm nun dieſes Protocoll vorgeleſen wor⸗ den, hat er bei Allem, ernſtlich ermahnt, dabei beharrt, daß es der Wahrheit gemäß ſei, und hat nichts hinzu⸗ fügen wollen, und hat erklärt, daß er nicht leſen und ſchreiben könne.“ 158 Damiens. Gautier ward herbeigeführt. Man las ihm Damiens' Erklärung vor, und er zeigte ein außerordentliches Er⸗ ſtaunen und leugnete Alles entſchieden. Da aber Da⸗ miens ebenſo auf ſeine Erklärung beſtand, decretirte die Unterſuchungscommiſſion ſofort ſeine Verhaftung.— Bald darauf ward auch Lemaiſtre de Ferrière dem Gericht geſtellt. Dieſer leugnete ebenſo beſtimmt, bei einem Geſpräche gegenwärtig geweſen zu ſein, das Gau⸗ tier mit Damiens gehalten haben wollte. Da Damiens in Bezug auf dieſen ſchwankender zu ſein ſchien, ließen die Commiſſaire de Ferrières wieder los. Noch hoffte man durch geiſtlichen Zuſpruch von dem Zermarterten etwas zu erpreſſen. Der Pfarrer von Saint⸗ Paul ward ihm zugeführt und Damiens blieb mit ihm in der Folterkammer beinahe eine Stunde allein. Als⸗ dann ward er in die Kapelle der Conciergerie hinunter⸗ geſchafft und der Bearbeitung des Doctors der Sorbonne de Marcilly übergeben. Nach einer Stunde kam auch noch der Pfarrer von Saint⸗Paul zum zweiten Mal hinzu, um die geiſtliche Folter fortzuſetzen. Hierauf heißt es im Protocoll: „Und beſagten Tages, Ein Uhr Nachmittags, ſind wir, unten benannter Greffier, in Beiſtand bemeldeter Huiſſiers des Hofes, in die Kapelle der Conciergerie hinabgeſtiegen; und nachdem wir uns bemeldetem Ver⸗ urtheilten genähert, haben wir ihn gefragt, ob er keine Declarationen weiter zu machen habe, und geſagt, daß bemeldete Commiſſaire bereit ſeien, dieſelben entgegenzu⸗ nehmen. Hat derſelbe Verurtheilte nur darauf erwidert, daß er keine Erklärungen weiter zu machen habe, als wovon ich dem Herrn Präſidenten und den Commiſſai⸗ ren Notiz zukommen laſſen. Und nachdem ich darauf in die Conciergerie zurückgekehrt bin, um die Anordnungen Damiens. 159 zur Execution zu ertheilen, auch die Bitten geſungen und die Benediction des heiligen Sacramentes in beſag⸗ ter Kapelle gegeben worden, ward der Verurtheilte an das Thor der Conciergerie geführt, allwo ich ihm vor⸗ leſen ließ das Urtheil des Gerichtshofes, in Gegenwart des Volkes, nachdem der Executor vorher mit lauter Stimme Achtung geboten. Von da iſt er geführt wor⸗ den in einem Karren vor das Hauptthor der Kirche von Paris, und nachdem er angekommen und abgeſtiegen, hat er die Ehrenbuße gethan und die Worte geſprochen, wie das Urtheil ſie feſtſetzt. Nachdem er dann wieder in den Karren geſtiegen, iſt er auf den Groveplatz ge⸗ führt, allwo ich das Urtheil in Gegenwart des Volkes verleſen ließ. Und nachdem ich mich nochmals beſagtem Verurtheilten genähert, habe ich ihm geſagt, daß es jetzt Zeit ſei, zu zeigen, daß er von den heilſamen Rathſchlägen Vortheil gezogen, welche die weiſen Pfar⸗ rer und Doctoren dort in der Kapelle der Conciergerie ihm ertheilt, indem ſie ihm in ſeinen letzten Momenten beiſtanden;— daß für ihn, Verurtheilten, der ſeine blutigen und vatermörderiſchen Hände gelegt an den Geſalbten des Herrn, auf den beſten der Könige(1), die grauſamen Martern, deren Werkzeuge er jetzt vor ſich ſähe, kaum ausreichten, um der menſchlichen Gerechtigkeit genug zu thun;— daß die göttliche Gerechtigkeit ihm ganz andere größere und ewige Martern aufſpare, wenn er in ſeiner obſtinaten Weigerung verharre, ſeine Com— plicen anzugeben;— daß er endlich geſtehen möge, um ſein Gewiſſen zu entlaſten, um Buße zu thun vor der Gerechtigkeit und der Wahrheit, und die Ruhe und den Frieden im Staate herzuſtellen, deſſen Heil in der ge⸗ heiligten Erhaltung Seiner Majeſtät beſtehe.— Und habe 160 Damiens. ich ihm zu verſtehen gegeben, daß der Herr Präſident und die Herren Commiſſaire ſich in das Stadthaus be⸗ geben, um ſeine Erklärungen entgegenzunehmen. Und da Verurtheilter mir nun erklärt, daß er mit den Herrn Präſidenten und Commiſſairen zu ſprechen habe, habe ich ihn vor ſie führen laſſen.“ Schon ſeit mehren Tagen hatte man zu dem großen Augenblick, wo man ſeit hundertundfunfzig Jahren wie⸗ der einen Königsmörder in Paris zu Tode martern konnte, die Vorbereitungen getroffen. Auf dem Greve⸗ platz war ein Raum von hundert Fuß im Geviert mit Paliſſaden abgeſteckt worden. Er hatte nur zwei Ein⸗ gänge, einen im Winkel, durch welchen das Opfer hin⸗ eingebracht werden ſollte; der andere, gleichfalls paliſſa⸗ dirt, ging in das Stadthaus. Von innen und außen war dies Quarreé ſtark mit Soldaten beſetzt. Auf allen Zugängen zum Greveplatz ſtanden an den Ecken Pikets der Garde; eben desgleichen auf dem ganzen Wege von der Conciergerie nach der Notre⸗Dame. Ueberhaupt wa⸗ ren alle Plätze in Paris militairiſch beſetzt, um einem möglichen Aufſtande vorzubeugen, der ſich zu Gunſten des Mörders des beſten aller Könige erheben könnte. Im Stadthauſe ſaßen ſchon gegen 3 Uhr Nachmit⸗ tags die Unterſuchungscommiſſare mit den erwähnten Geiſtlichen. Sie ermahnten nun noch einmal den armen Sünder, den letzten Augenblick zu benutzen, um Alles zu erklären, was er wiſſe. Ununterbrochen reichten ihm dabei die Doctoren der Sorbonne das Crucifix, und er küßte es jedesmal mit Reſpect. „Und nachdem ihm nun der Eid abgenommen Gum wievielten Male?), daß er die Wahrheit ſagen wolle, hat er geſagt, daß, um ſein Gewiſſen zu entlaſten, er ſich verpflichtet halte, zu erklären, daß— er den 6 Damiens. 161 Herrn Erzbiſchof beleidigt habe, daß es ihm leid thue, und daß er ihn deshalb um Verzeihung bitte; daß er uns ſeine Familie empfehle, die ganz unſchuldig ſei, während er doch hartnäckig dabei verharrte, zu erklären, daß es weder ein Complot gebe, noch daß er Compli⸗ cen habe. Und das iſt Alles, was er geſagt, daß er uns zu erklären hatte.“ Und aller Wahrſcheinlichkeit nach hatte er auch nichts mehr zu erklären. Hatte man doch das Letzte dem un⸗ ſeligen Zerquetſchten und Zermarterten ausgepreßt, was ſich nicht im Winkel ſeines Herzens, ſondern ſeiner Angſt fand, eine Abbitte gegen den Erzbiſchof, wahrſcheinlich das milde Werk der gelehrten Doctoren der Sorbonne, die ihm einen Wink hinwarfen, wie er ſeine Blutſauger befriedigen könne, zugleich für ihren Herrn und Gebieter dabei Sorge tragend. Pſychologiſch bleibt hier wol kein Räthſel. Ganz Frankreich verwünſchte den funfzehnten Ludwig; der Wunſch, daß er zur Hölle fahre, mag tauſendfältig in den Spelunken, in den Bürgerhäuſern und in den Pa⸗ läſten den Lippen entſchlüpft ſein. Aber welcher ver⸗ nünftige Menſch hätte ſich, abgeſehen von Religion und Moralität, in ein Complot einlaſſen können, um einen ſolchen Lumpenkönig aus der Welt zu ſchaffen! Da⸗ miens war kein vernünftiger Menſch in dieſem Sinne. Ein verlaufener Bedienter, von Jugend auf bösartigen Sinnes, ſchwarzen Blutes, von dunkeln melancholiſchen Bildern verfolgt, die in ſeinem Müßiggang, in ſeinem Herumtreiben Nahrung fanden, ohne irgend ein Gegen⸗ gewicht durch ſittliche Eindrücke oder Kenntniſſe, begeht er einen großen Diebſtahl, vielleicht ein erſtes wirkliches Verbrechen, deſſen Größe ſo auf ihm laſtet, daß er von da ab unfähig erſcheint, irgend etwas vorzunehmen und 5——— ———— —— —— ——— — —— — 2 4ℳ—— ——— —— 162 Damiens. einen Lebensplan, ſelbſt den eines Verbrechers, zu er⸗ greifen. Wie oft kommt es vor, daß nichtswürdige Menſchen dieſer Art ſich für vom Schickſal beſtimmt halten, ein Verbrechen zu begehen, weil ſie der Kraft er⸗ mangeln, ſich zu Beſſerm aufzurütteln. Sie ſehen überall Schickungen, Weiſungen, weil das bequem iſt und ſie vor dem Nachdenken ſchützt, was ſie vor ſich ſelbſt ver— nichten würde. Da hört er jene tauſendfältigen Stoß⸗ ſeufzer des elenden Landes, ohne den Grund zu begrei⸗ fen, er hört die Klagen, die all das Elend auf einzelne unbedeutende Ereigniſſe in der miſerablen Tagesgeſchichte jener Zeit zurückverweiſen, auf den Streit der Parla⸗ mente mit dem König, auf den Hader des Erzbiſchofs mit dem Parlament und dem Klerus, auf die Sacra⸗ mentsverweigerung, Alles kleinliche Ereigniſſe, die faſt ſo untergegangen ſind im Strome der Zeit, daß wir Mühe haben, uns ihrer zu entſinnen. Das ſchnappt ſein unklarer Geiſt auf, ohne alle Kenntniſſe der Ver⸗ hältniſſe, und in jenem düſtern Drange ſich ſchneller an den Abgrund des Verderbens zu rollen, wohin er doch über kurz oder lang muß, ſchießt es ihm durch den Sinn, daß er in dem Verlorengehen noch eine heroiſche Rolle ſpielen könne. Wie verwirrt ſeine Begriffe waren, davon gibt ſein Brief an den König die deutlichſte Aus⸗ kunft; auch alle ſeine Antworten vor Gericht. Er iſt unfähig, ſich ſelbſt darüber Rechenſchaft zu geben, alle Folterqualen bringen ihn auch zu keiner Aufklärung, da es chaotiſch-ſimpel in ſeinem erbärmlichen Innern aus⸗ ſieht. Um deshalb ſei nicht geſagt, daß er verrückt und ſo unzurechnungsfähig geweſen, um aller Straße zu ent— gehen, denn ſelbſt in dieſer ſeiner Verſeſſenheit kommen ihm lichte Blicke, und er fühlt, daß er vielleicht etwas thun könne, um ſich freizumachen, und in Verbindung Damiens. 163 mit der Furcht vor ſich ſelbſt, verlangt er die mehren Aderläſſe. Es iſt gar nicht unmöglich, daß, wenn man ihm am 4. Jan. in Verſailles einen Aderlaß gegeben, er am 5. dem Könige nicht aufgelauert und Frankreich die Schande ſeines Proceſſes und ſeiner Hinrichtung er⸗ ſpart worden wäre.. Nachdem die Commiſſaire der Ueberzeugung geworden, daß ſie nichts mehr erpreſſen konuten, ſandten ſie ihr Opfer auf den Grsveplatz. Trotz aller Folterqualen war es durch die vorangängige und ſie begleitende diätetiſche Behandlung ſo wohl conſervirt, daß ſie dem Henker zu den neuen Qualen ein menſchliches Weſen überlieferten, welches leiblich und geiſtig noch vollkommen empfänglich für dieſelben war. Das hatte der Scharfſinn der Wiſ⸗ ſenſchaft bewirkt, zu Frommen und Ehren der Legitimi⸗ tät, im philoſophiſchen neunzehnten Jahrhundert! In einzelnen Schriften findet ſich die Angabe, daß man Damiens beim Hinunterſteigen vom Stadthauſe einen Becher auf das Treppengeländer geſtellt mit ſchnell wirkendem Gifte. Wer die Wohlthäter geweſen, wird nicht geſagt. Die Firma war: ein letzter Labetrunk vor dem letzten Gange. Er verſtand den Liebes dienſt nicht und ging vorüber. In den actenmäßigen Mittheilungen findet ſich nichts davon. Damiens mußte am Fuße des Schaffotes noch eine geraume Zeit warten. Der Scharfrichter war mit allen Vorbereitungen noch nicht fertig. Es koſtete ihm einige Tage Gefängniß! Das Schaffot ſelbſt war 8— 9 Fuß lang und breit, etwa 3 ½ Fuß über der Erde in der Mitte des Platzes erbaut. 164 Damiens. Als man den Delinquenten entkleidete, will man be⸗ merkt haben, daß er alle ſeine Glieder mit Aufmerkſam⸗ keit betrachtete. Feſten Blickes ſah er ſich um nach den Maſſen Volkes, welche den Platz, die Fenſter und die Häuſer bedeckten. Mit Eiſenringen an Armen und Schenkeln ward er an das Schaffot befeſtigt. Noch einmal mußte der Scharfrichter Achtung laut ausſchreien, worauf dem Volke noch einmal das Urtheil verleſen ward. Als ihm die Hand in der vorgeſchriebenen Art ab⸗ gebrannt wurde, ſtieß Damiens einen ſo fürchterlichen Schrei aus, daß man ihn in den entfernteſten Gaſſen hörte. Einen Augenblick darauf hob er den Kopf auf und betrachtete die brennende Hand eine Weile, ohne doch ſeinen Schrei zu erneuern, auch ohne Verwün⸗ ſchungen oder Bitten. Es heißt ferner im Protocoll: „Da haben wir uns dem Verurtheilten genähert und haben ihn von neuem ermahnt, ſeine Complicen anzu⸗ geben, und haben ihm zu verſtehen gegeben, daß die Herren Präſidenten und Commiſſaire des Hofes ſich gern herbegeben würden, um ſeine Erklärungen entgegenzu⸗ nehmen, wenn er deren zu machen hätte. Welcher Ver⸗ urtheilte uns aber erklärt, daß er keine Complicen habe, auch keine weitern Erklärungen zu machen. Im ſelben Augenblicke wurde beſagter Verurtheilter gezwickt an den Bruſtwarzen, Armen, Schenkeln und Waden und auf die bezeichneten Stellen demnächſt geträufelt geſchmolzen Blei, kochendes Oel, brennendes Pech, Wachs und Schwefel zuſammengeſchmolzen, während welcher Leiden der Verurtheilte zu mehren Malen geſchrien hat:„„Mein Gott! Kraft, Kraft!— Herr, mein Gott, habe Mit⸗ ——˖—— ———— — Damiens. leid mit mir!— Herr, mein Gott, was ich leide!— Herr, mein Gott, ſchenke mir Geduld!““ Bei jedem Zuſchnappen der Zange ſtieß er einen ent⸗ ſetzlichen Schmerzensſchrei aus; aber wie er es beim Verbrennen der Hand gethan, betrachtete er darauf jedes⸗ mal die Wunde und der Schrei hörte auf, ſobald die Jange zurückgezogen war. Endlich ſchritt man dazu, die Arme, Beine und Schenkel an die Pferde zu befeſtigen. Dieſe Präparation dauerte lange. Da die nothwendigerweiſe feſtgeſchnürten Stricke die friſchen Wunden berührten, entlockte ihm das neue Schmerzenslaute. Dennoch hinderte dies den Unglücklichen nicht, ſich immer mit derſelben Neugierde zu betrachten. Die angepeitſchten Pferde riſſen. Es war der ent⸗ ſetzlichſte Schrei, den man aus dem Munde des Opfers gehört. Die Glieder wurden zu einer unglaublichen Länge gedehnt; aber ſie riſſen nicht. Die Thiere waren jung und ſtark, eigens dazu ausgeſucht, aber der Körper wollte nicht auseinander. Der Act dauerte ſchon eine Stunde und es war noch kein Ende abzuſehen. Da traten Aerzte und Wundärzte zuſammen und er⸗ klärten, die Vierpferdekraft möchte die Glieder ins Un⸗ endliche und Unförmliche recken und dehnen, ohne daß ſie doch ſtark genug wäre, dieſelben wirklich auseinander zu reißen, inſofern man ſich nicht entſchließe, die Haupt⸗ nerven zu durchſchneiden. Da traten Präſident und Commiſſaire zuſammen und rathſchlagten. Das Gutachten der Aerzte war nicht zu widerlegen. Zudem ward es ſchon dunkel. Es war ein Schauſpiel, das Jeder ſehen ſollte, zur Abſchreckung und Warnung; in der Nacht hätte man es nicht geſehen. Sie ertheilten alſo den Befehl, mit ſcharfem Stahl die 166 Damiens. Amputation zu erleichtern. Darauf zerſchnitt man die Sehnen unter den Armen und an den Hüften. Damiens war noch nicht todt. Seine gläſernen Au⸗ gen ſtierten noch auf die neue Operation. Er behielt noch das Bewußtſein, wird uns berichtet, bis die beiden Schenkel und ein Armgelenk durchſchnitten waren. Zum Schmerzensſchrei ſcheint ihm die Lungenkraft ausgegan⸗ gen zu ſein. Erſt bei der Trennung des zweiten Armes vom Rumpfe verſchied er. Man ſpannte die Pferde an, und zuerſt löſte ſich ein Schenkel, dann ein Arm. Das Protocoll ſchließt: „Zogen darauf die vier Pferde, und nachdem ſie mehrmals angeſpornt, iſt er zerriſſen worden, und nach⸗ dem ſeine Glieder und der todte Rumpf auf den Schei⸗ terhaufen geworfen worden, haben wir davon Rechen⸗ ſchaft abgeſtattet den Herrn Präſidenten und Commiſſa⸗ rien und ſind geblieben auf beſagtem Greveplatz bis zur vollkommenen Vollſtreckung des Urtheils. Und dieſes iſt das Protocoll, von uns aufgenommen über beſagte Hin⸗ richtung. Geſchehen am Tage und Jahre wie oben, und von uns unterzeichnet. Lebreton.“ So mußte Robert Frangois Damiens ſterben, weil er einen König mit einem Federmeſſer geritzt hatte, am 28. März 1757! In der Nachwelt hat ſich Niemand gefunden, der Damiens vertheidigt hätte; aber auch kaum Einer, der für Ludwig XV. das Wort geführt. König und Königsmör⸗ der auf eine Sündenwage gethan, wer wog ſchwerer? Wie das Urtheil und ſeine Vollſtreckung auf die Na⸗ tion nachgewirkt, davon ſpricht die Geſchichte. e Damiens. 167 Vor Nachtanbruch war das Schauſpiel zu Ende. Die Zuſchauer konnten noch ins Theater gehen. Was am Abend des 28. März 1757 im ThCätre frangais ge⸗ geben ward, iſt uns nicht berichtet. Am Morgen des nächſten Tages, 9 Uhr, ſah man die Richter wieder in der Grande chambre verſammelt. Der Greffier las ihnen das Folter- und Executionspro⸗ tocoll vor. Darauf ward das Urtheil gefällt, bezüglich der Fa⸗ milienglieder Damiens'. Sein alter Vater, ſeine Frau und ſeine Tochter wur⸗ den auf ewig aus dem Königreiche verbannt, unter An⸗ drohung der Todesſtrafe, wenn ſie ſich je wieder blicken ließen. Der alte Vater um den verlorenen Sohn, das Weib um den Mann, der ſie verlaſſen, die Tochter um den Vater, den ſie kaum gekannt, verdammt, am Bet⸗ telſtabe über die Grenze zu wandern. Seine Brüder und ſeine Schweſtern mußten ihre Namen ändern; das Haus, wo er geboren, ward nieder⸗ geriſſen. Dann beſchäftigte man ſich mit Gautier, dem Ge⸗ ſchäftsmann, welchen Damiens auf der Folter genannt. Durch ein Arrèt vom 23. April ward beſchloſſen, daß ein Jahr hindurch gegen ihn inquirirt werden ſolle. Während deſſen ſollte er im Gefängniß bleiben. Ein Geſchichtſchreiber, Dampmartin, ſagt:„Dieſe trau⸗ rige Angelegenheit machte im Lande nur einen mäßigen Eindruck. Der König, tief gekränkt über eine Gleich⸗ gültigkeit, die ſo ſehr abſtach gegen die Liebe, von der er früher ſo rührende Beweiſe erhalten, bekam einen Widerwillen gegen ſeine Unterthanen, die er des Leicht⸗ ſinnes anklagte; aber der Schlag war geſchehen, er ließ ſich nicht rückgängig machen.“ Damiens. 168 Ein anderer Geſchichtſchreiber ſagt:„Ueberall fragte man nach Neuigkeiten über den Monarchen, man wollte 1 gern alle kleinen Umſtände dieſer unglaublichen Kata⸗ 4 ſtrophe kennen lernen; aber es war nur Neugierde, kein Intereſſe. Man war mehr betroffen als betrübt. Das Herz nahm keinen Antheil an der Geſchichte; die Thrã⸗ nen floſſen nicht, die Kirchen waren leer. Welche Lehre für Ludwig XV., wäre er ihrer fähig geweſen, wenn die Schmeichelei nicht ſein Ohr vor den wahren Gefüh⸗ len ſeines Volkes verſchloſſen hätte!“ Vom Meſſer eines Damiens nicht getroffen, mußte er, angeſteckt von einem jungen Mädchen im Hirſchpark, an den Pocken ſterben. Das ſchien ein würdigeres Ende eines ſolchen Lebens. Louvel. ih⸗ 1820. uft Am 13. Febr. 1820 hatte der Herzog von Berri, der r Sohn des damaligen Grafen Artois, ſpäter Karl N., ſr den Abend mit ſeiner Gemahlin, der Herzogin, in der Dper verbracht. Es war gegen 11 Uhr Nachts, als das prinzliche Ehepaar ſich hinausbegab, um nach Hauſe zu fahken. Die Herzogin war ſchon, von ihrem Ge⸗ mahl unterſtützt, in den Wagen geſtiegen, oder ſtand doch auf dem Tritt, als ein Mann, der ſich unter die Suite des Herzogs gedrängt, denſelben mit der linken Hand an der Schulter, nach Andern am Hinterhaar heftig ergriff und mit der rechten ihm einen Dolchſtoß in die rechte Seite verſetzte. Den Dolch, ein Stilet, ließ er in der Wunde ſitzen; das Blut beſpritzte die Herzogin. Der Mörder floh. Auf das Geſchrei des Prinzen ſtürzten zwei ſeiner Adjutanten und die Schildwacht an der Opernthür dem Fliehenden nach. Derſelbe ward durch den Gargon aus einer Conditorei, der ihm entgegenkam, aufgehalten. Die Schildwacht ſchleuderte ihn aufs Pflaſter; ſo ward er nach geringem Widerſtande arretirt. ſ Es war ein Sattlergeſell, Namens Louvel, der weder ſeinen Namen verſchwieg, noch die That und XV. 8 170 Louvel. ſeine Abſicht, die königliche Familie zu vernichten, einen Augenblick in Abrede ſtellte. Es ward auf der Stelle ein vorläufiges Verhör mit ihm vorgenommen, bei dem er mit ſeltener Aufrichtigkeit und Ruhe Folgendes aus⸗ ſagte, was ſich durch ſpätere Ermittelungen als richtig ergab und ergänzte. Louis Pierre Louvel war 1783 zu Verſailles gebo⸗ ren. Er hatte bis da kein Verbrechen begangen. Man ſtellte ihm von allen Seiten ein gutes Zeugniß über ſeine moraliſche Aufführung. Er war immer arbeitſam, mäßig, ein guter Wirth und redlicher Menſch geweſen. Düſter und verſchloſſen, war er doch von ſeinen Herren und ſeinen Kameraden immer gern geſehen, denn er ver⸗ richtete, was ihm oblag, mit Pünktlichkeit und vergalt jeden ihm erwieſenen Dienſt. Im Jahr 1806 war er, in Folge der Conſcription, in Dienſt getreten, aber ſchon nach ſechs Monaten wegen Schwächlichkeit entlaſ⸗ ſen worden. Aber er war ein fanatiſcher Bonapartiſt; er ſah in Napoleon die Ehre und das Glück ſeines Vaterlandes verkörpert. Als er 1814, in Metz arbeitend, den Sturz des Kaiſers und die Reſtauration der Bourbonen erfuhr, empfand er einen tiefen Schmerz. Er faßte damals ſchon den Entſchluß, den künftigen Thronerben, den Herzog von Berri, zu ermorden. Darauf beſann er ſich, ſein Meſſer ſolle den Grafen Artois(Karl X.) zuerſt treffen, welcher ſich gerade in Nancy aufhielt. Er änderte die⸗ ſen Entſchluß aber wieder, und begab ſich von Metz nach Calais, um Ludwig XVIII., wenn er dort lande, umzubringen. Er kam auch wirklich nach Calais, aber nicht zur Ausführung ſeines Vorhabens, vielmehr ging er mit dem Kaiſer nach Elba, wo er bei deſſen Hofſattlermeiſter inen telle dem ws⸗ htig ebo⸗ Man übet ſam, eſen. tren ver⸗ galt et, aber tlaſ⸗ h in udes öturz führ, ſ chon erzog ſein ffen, die⸗ Met ande t jur nit iſter Louvel. 171 in Dienſte trat. Aus ökonomiſchen Gründen entlaſſen, mußte er nach Frankreich zurück, arbeitete zuerſt in Chambery, und zögerte dann keinen Augenblick, zu ſei⸗ nem vergötterten Herrn zu eilen, welcher eben wieder auf Frankreichs Boden gelandet war. Er traf ihn in Lyon und folgte ihm nach Paris. Wieder beim Hof⸗ ſattleramt angeſtellt, machte er die Schlacht von Water⸗ loo mit und begleitete den Kaiſer in deſſen Wagenpark bis La Rochelle. Ein Verwandter verſchaffte ihm darauf eine Anſtel⸗ lung in den Ställen des Königs, wo er durch vier Jahre, ohne Anlaß zu einer Klage zu geben, ſeinem Geſchäfte nachging. Dies hinderte ihn aber nicht, ſei⸗ nem andern Geſchäfte nachzudenken, und ſein Geſchäft war, mit Schillers Tell zu ſprechen— der Mord. Es waren faſt ſeine erſten Worte, die er nach ſeiner Verhaftung ſprach: „Seit meiner Rückkehr von Elba, und ſelbſt ſchon ſeit der Reſtauration von 1814 habe ich von meinem Vorſatze, die Bourbonen auszurotten, nicht abgelaſſen. Ich wollte es ſchon in Calais ausführen. Ich wollte den König niederſtoßen, oder auf welchen der Prinzen ich zuerſt träfe. Auch als ich von Calais nach Fon⸗ tainebleau kam, hatte ich den Vorſatz nicht aufgegeben. „Seitdem habe ich, ohne Unterbrechung, nach der Gelegenheit mich umgeſehen, um mein Vorhaben aus⸗ zuführen, ſei es nun in Paris, in Verſailles, in Saint⸗ Germain, Saint⸗Cloud oder in Fontainebleau. Ich wußte, daß ich dabei untergehen müſſe, daß es meinen Kopf mich koſten würde; aber die Bourbonen ſchienen mir ſo ſchuldig, daß ich das gern hinopferte. Wie bin ich hin⸗ und hergelaufen, um endlich zum Ziel zu kommen! „Im Jahr 1816, als die Frau Herzogin von Berri 8* 172 Louvel. nach Frankreich kam, mußte ich im Dienſt der Equi⸗ pagen nach Fontainebleau. Da ſchon ſuchte ich alle Gelegenheiten auf. Ich ging auf die Jagden. Ich ging auch in Saint⸗Germain auf die Jagden. Ja, ich bin hier mehr als funfzig Mal bei den Jagden zugegen ge⸗ weſen, d. h. bei allen denen, wo ich muthmaßte, daß die Prinzen gegenwärtig ſein würden. Ich folgte immer zu Fuß. Ebenſo ging ich zu den Jagden nach Meudon und Vincennes, ohne es aber meiner Schweſter zu ſagen. Um Zeit dafür zu gewinnen und zugleich meinen andern Pflichten obzuliegen, überarbeitete ich mich oft und that mehr als mir aufgetragen war. „Ich trug immer einen Dolch bei mir, wo ich nur glauben konnte, daß ich auf einen Bourbon ſtoßen würde, aber immer mit dem feſten Entſchluß, daß ich mit dem Herzog von Berri anfangen müſſe, weil er der jüngſte war. Ich fing aber mit dem jüngſten an, weil es das ſicherſte Mittel war, die ganze Race aus⸗ zutilgen. Außerdem, weil ich ja nur ein Leben hatte, und weil ich es möglichſt theuer verkaufen wollte. „Nach dem Herrn Herzog von Berri würde ich den Herrn Herzog von Angoulème getödtet haben, dann Monſieur(d'Artois), endlich den König. Denn ich wollte mit allen Bourbonen zu Ende kommen. „Nach dem Könige würde ich vielleicht inne⸗ gehalten haben; ja, es iſt ſelbſt möglich, daß ich ſchon nach Monſieur innegehalten hätte, wenn ich den König nicht hätte treffen können. Die einzig Schuldigen ſind Diejenigen, Prinzen oder Andere, welche die Waf⸗ fen gegen ihr Vaterland geführt haben. „Ich folgte den Bourbonen übrigens auch nicht al⸗ lein auf die Jagd. Seit drei Jahren ſtreife ich beinahe alle Abende um die Schauſpielhäuſer, wo ich glauben Louvel. 173 kann, daß die Prinzen hingehen. Um das zu wiſſen, las ich die öffentlichen Anſchläge; denn aus der Eigen⸗ ſchaft der Stücke, welche gegeben wurden, ſchloß ich, wohin die Prinzen wol gehen könnten. Nur wenn der Herr Herzog nach dem Theater Feydeau ging, ſtellte ich mich nicht ein, weil dort für den Hof ein beſonderer Eingang iſt. Es war daher dort für mich nichts zu thun. Wenn ich um die Dper ſtreifte und er war um 8 Uhr noch nicht angekommen, begab ich mich auch nach Hauſe, denn ich wußte, dann käme er nicht mehr. „Ich habe gar keine Religion. Dennoch bin ich dem Herrn Herzog von Berri auch in die Kirchen gefolgt, in die er ging. So bin ich durch eine Reihe von Jah⸗ ren bei allen chriſtlichen Hauptfeſten, bei denen er nicht fehlen durfte, in den Kirchen geweſen. Aber die Men⸗ ſchenmenge und die Wächter haben mich dort immer verhindert, zu meinem Ziele zu kommen. Beſonders am letzten Feſttage habe ich mir alle nur mögliche Mühe gegeben, an ihn heranzukommen, aber es war mir un⸗ möglich. „Seit den letzten Tagen habe ich aber auch alle und jede Gelegenheit mit doppeltem Eifer aufgeſucht. Ich ſtreifte den 11. um die Oper, den 12. um das Feydeau, immer umſonſt. „Sonntag vor Faſtnacht ſtand ich zu guter Zeit auf. Nachdem ich mich in meiner Stube angezogen, früh⸗ ſtückte ich bei Dubvis, dem Aubergiſten, rue Saint- Thomas du Louvre, wo ich immer eſſe. Ich ſprach einige Augenblicke mit Barbé, ſeinem Perruquier, und ein paar andern Perſonen, die zugegen waren, über gleichgültige Dinge. Dann ging ich wieder in meine Wohnung, um den Dolch einzuſtecken, wie ich immer thue, wenn ich umherſtreifen gehe. Es war mein kleinſter 174 Louvel. Dolch. Ich ging aus, um mir die Masken zu beſehen und den fetten Ochſen. Es konnte da etwa 1/% Uhr ſein.“ Er beſchreibt nun den Weg, den er durch die pariſer Straßen gemacht.„Als es dunkel zu werden anfing, machte ich mich wieder auf den Weg zu Dubois zurück. Da kam ich ungefähr um 5 ½ Uhr an und aß zu Mittag mit einem gewiſſen Beſemont, einem Huf⸗ ſchmied. Wir unterhielten uns, aber er ſagte mir nichts von Bedeutung und ich ſagte ihm auch nichts. Da ſchlug es 7 Uhr. Ich ging nun in meine Wohnung zurück und nahm meinen zweiten Dolch. Den ſteckte ich in die eine Hoſentaſche und den erſten in die andere. So bewaffnet machte ich mich auf den Weg nach der Oper. Nach meiner Anſicht mußte das beſondere Stück, was heute gegeben ward(der„Carneval von Venedig“ und die„Hochzeit des Gamacho“), den Prinzen anlocken. Ich hatte mich nicht getäuſcht; um 8 Uhr kamen der Prinz und die Prinzeſſin. „Als der Herr Herzog von Berri ausſtieg, wollte ich ſchon auf ihn los; aber da fehlte mir der Muth, wie mir das ſchon oft paſſirt iſt. Er ging vorüber. Ich hörte, wie den Kutſchern, von Mund zu Munde und ganz laut, der Befehl gegeben ward, um 11 Uhr, weniger ein Viertel, wieder auf dem Platze zu ſein.“ Dieſen Bericht ſtattete Louvel mit einer außerordent⸗ lichen Kaltblütigkeit ab und— in den erſten Momenten nach der That, wo ſeine Hand noch rauchte vom Blute ſeines Opfers. Dieſes Opfer lebte noch. Man hatte es in das Opern⸗ haus zurückgetragen und in einem kleinen Salon neben der prinzlichen Loge niedergelegt. Aber alle ärztliche Hülfe war vergebens. Die Herzogin von Berri verließ ihren Gemahl keinen Augenblick; ſein Vater, der Graf llte uth ber. nde Uhr, ent⸗ ten lute ern⸗ eben ſche rließ Fruf Louvel. 175 d'Artois, holte ſelbſt den Wundarzt Dupuytren und half ihm beim Anziehen, um ihn ſchneller in den Wa⸗ gen zu bekommen. Anfangs hofften die Aerzte, die Wunde ſei nicht tödtlich, bald kam man zu anderer leberzeugung. Später erſchien auch der König, und Morgens um 6 Uhr verſchied der Herzog von Berri nach mehren qualvollen Stunden in deſſen Armen. Die Zeitungen erzählten viel von den letzten rührenden Au⸗ genblicken und Worten des Todten. Er ſollte ſich noch einmal aufgerichtet und vom Könige für ſeinen Mörder Verzeihung, Schonung ſeines Lebens erfleht haben. Man mußte die legitimiſtiſchen Zeitungen mit Vorſicht leſen, beſonders wo ſie Geſchichten erzählten, welche den Hoch⸗ ſinn und die Vaterlandsliebe der Bourbonen ins Licht ſtellen ſollten; in Erzählung dieſes Umſtandes ſtimmen übrigens alle Zeitungsberichte überein. Der König ant⸗ wortete'ihm abwehrend, er möge ſich nur beruhigen, ſeine Bitte werde nach Möglichkeit berückſichtigt werden. Man war in der Nacht nicht ohne Beſorgniß, daß die Ermordung des Herzogs das Signal zu einem all⸗ gemeinen republikaniſchen oder bonapartiſtiſchen Aufſtande ſein könne. Aber Paris blieb ganz ruhig. Louvel ward in die Conciergerie gebracht und blieb daſelbſt bis zum 5. Juni, wo er vor die Kammer der Pairs geſtellt ward. Während ſeiner ganzen Gefangen⸗ ſchaft bewahrte er die äußerſte Geiſtesruhe. Er ſprach gern von ſeinem Verbrechen; nicht um ſich deſſen zu rühmen, doch wie von einem Etwas, was nothwendig geweſen wäre, um das allgemeine Elend zu lindern. In der Unterhaltung zeigte er ſich immer eifrig und 176 Louvel. blieb bei ſeiner Meinung, ohne daß er ſie doch Andern durchaus aufdringen wollte. „Ich weiß ſehr wohl“, ſagte er,„daß ich kein Red⸗ ner bin, aber ich verfolge die Regeln der Vernunft. Ich hatte nichts gegen den Prinzen perſönlich; ich glaube ſogar, daß er ein guter Menſch war. Aber es war ein Bourbone, und ich bin einmal überzeugt, daß Frank⸗ reich nicht glücklich ſein kann unter dieſer Race; und man kann mich tödten, aber von dieſer Ueberzeugung nicht abbringen. Was mich ſehr verdrießt, iſt, daß man meine Angelegenheit ſo lange aufſchiebt. Was hofft man, was erwartet man denn noch? Habe ich mich denn nicht vom erſten Augenblicke an mit der größten Freimüthig⸗ keit ausgelaſſen?— Jemand hat ein Verbrechen began⸗ gen. Er geſteht es und auch die Motive. Er ſucht ſich nicht zu entſchuldigen und verſichert, daß er nicht die geringſte Reue empfinde; da, ſcheint es mir, handelt es ſich um nichts, als den Code pénal aufſchlagen und ihm die zuſchlägige Strafe zudictiren. Aber mir ſcheint, man wolle von der Sache ein Aufhebens machen, und ich habe kein Recht, mich dem zu widerſetzen.“ „Was übel für mich iſt“, ſagte er ein ander Mal, „iſt, daß man ſich anſtrengt, ich bin deſſen ganz gewiß, mich für einen großen Verbrecher gelten zu laſſen, für einen Blutſäufer, und doch habe ich, mit Ausnahme Deſſen, was ſich hier ereignet hat, niemals ein Unrecht begangen und Niemanden etwas zu Leide gethan. Zu⸗ frieden mit meinem Schickſale, habe ich immer von mei⸗ ner Arbeit gelebt. Ich bin weder dem Stolze, noch dem Haſſe, noch dem Neide unterworfen. Glücklicherweiſe kommt die Wahrheit endlich immer an den Tag, welche Mühe man ſich auch gibt, ſie zu verbergen, und ge⸗ wiß wird man einſt auch wiſſen, daß ich nicht vom dern ed⸗ ft. mbe ein ank⸗ und ung man man, nicht hig⸗ an⸗ ſich die Louvel. 177 Durſt nach Blut zu dieſem Verbrechen gedrängt wor⸗ den bin.“ Dieſe Zuverſicht, dieſe Gleichgültigkeit gegen das Le⸗ ben und vollkommene Reſignation war nicht das Pro⸗ duct einer künſtlichen Anſtrengung, ſie zeigte ſich vielmehr in ſeinem ganzen Benehmen und bei den kleinſten Um⸗ ſtänden. Als einer der Wächter, die ihn ſtets umgaben, ſich über die Mühſeligkeit beklagte und das beſtändige Wachen, das der Dienſt ihm auferlege, tadelte Louvel höchlich die Art, wie man ihn bewachen zu müſſen glaube. „Es iſt wol von der höchſten Wichtigkeit, daß man ſieht, wie ich ſchlafe! Ich habe ja erklärt, daß ich nicht an mein Leben will, und das könnte ihnen doch genug ſein, denn man dürfte doch wiſſen, daß ich mein Wort halte und wenn ich einen Entſchluß gefaßt, ihn aus⸗ führe.“ Die Advocaten Bonnet und Archambault waren ihm von Gerichtswegen zu Vertheidigern ernannt worden. Sie beſuchten ihn am 19. Mai, erklärten ihm aber, daß es ihm freiſtehe, eine andere Wahl zu treffen. Er er⸗ widerte: „Meine Herren, ich verlaſſe mich vollkommen auf Sie. Uebrigens iſt da wenig zu ſagen. Man hat mir die Anklageacte mitgetheilt. Ich finde ſie gut. Ich glaube auch, daß Sie mit ihr zufrieden ſein werden. Montag werde ich vor Gericht ſtehen, Dienſtag wird man mich verurtheilen.... Nun gut. Am Mittwoch kann Alles vorüber ſein.“ Bei einem andern Beſuch, den er von ihnen em⸗ pfing, ſagte er: „Ich bin eigentlich ſehr neugierig, zu erfahren, was Sie ſagen könnten, um mich zu vertheidigen, voraus⸗ 8S** 178 Louvel. geſetzt, daß Sie nichts ſagen, was mit meinen Bekennt⸗ niſſen in Widerſpruch ſteht.“ — Am 5. Juni erſchien Louvel vor der Pairskammer, die zum Gerichtshof beſtellt war. Ruhig und gelaſſen benahm er ſich auch hier und hörte ſo der Verleſung der Anklageacte zu. In ſelber Art antwortete er auf alle Fragen des Präſidenten und gab noch ein Mal eine vollſtändige Erzählung des Vorfalls ſelbſt, gerade wie er ſie im Augenblick ſeiner Verhaftung gethan. — Wenn Sie ſo unglücklich ſind, an keine göttliche Gerechtigkeit zu glauben, ſagte der Präſident zu ihm, ſo mußten Sie doch die menſchliche Gerechtigkeit fürchten und die Züchtigung Ihres Verbrechens. „Was will das bedeuten!— Man muß in mir nur einen Franzoſen erblicken, der ſich ſelbſt aufopfert.“ — Sie haben den Schmerzensſchrei des Prinzen ge⸗ hört, der ſelbſt im Augenblick des Todes, den Ihr Stoß verſchuldet, Ihnen vergab und für Sie bat. Het Sie auch das nicht gerührt? „Verzeihen Sie.“ — Hätten Sie kein Verlangen, zu der Religion zurück⸗ zukehren, welche ihm ſo ſchöne Gefühle eingeimpft hat? „Die Religion iſt kein Heilmittel für das Verbre⸗ chen, welches ich begangen.“ — Sie anerkennen alſo doch, daß Sie ein Verbre⸗ chen begangen haben? „Ja, es iſt eine ſchreckliche Sache, hinter einem Menſchen zu lauern, um ihm den Dolch in die Bruſt zu ſtoßen. Ich erkenne an, es iſt ein ſchreckliches Ver⸗ brechen. Ich habe es im Intereſſe Frankreichs gethan und für Frankreich habe ich mich hingeopfert.“ nnt⸗ mer, ſſen ſung auf eine wie liche ſo ten nur toß Sie rüc⸗ rbr⸗ bre⸗ nem ruſt than Louvel. 179 Die vernommenen Zeugen ſagten nichts aus, was man nicht ſchon wußte. Aller Verdacht einer Compli⸗ cenſchaft ſchien von dem Augenblicke entfernt, wo man Louvel's Charakter kannte. Die Sitzung ward aufgehoben, um am nächſten Tage wieder zu beginnen. Der Großreferendar von Frankreich, der Marquis de Sémonville, beſuchte Louvel in ſeinem Gefängniß. Zu ihm hatte Louvel nichts zu ſagen als Folgendes: „Seit ich im Gefängniß bin, habe ich immer auf ſehr groben Betttüchern gelegen. Ich wünſchte wol, daß man mir für die letzte Nacht feine Betttücher ge⸗ währte.“ Nachdem ihm dieſe Gunſt bewilligt war, verzehrte er ſein Abendbrot mit gutem Appetit, legte ſich nieder und ſchlief ruhig bis zum nächſten Morgen um 6 Uhr. Um 10 Uhr ſtand er abermals vor dem Gerichtshofe. Mit gleichgültiger Miene hörte er das Regquiſitorium des Generalprocurators an und ebenſo die Vertheidigungs⸗ reden ſeiner beiden Advocaten, die ſich fruchtlos bemüh⸗ ten, ihn als einen Unſeligen darzuſtellen, der, von einer Monomanie ergriffen, zur gräßlichen That getrieben wor⸗ den. Er zog darauf aus der Taſche einige Papiere und verlas mit feſter Stimme Folgendes: „Ich habe heute über ein Verbrechen zu erröthen, welches ich allein begangen habe. Ich habe den Troſt, zu glauben, daß ich ſterbend weder meine Nation, noch meine Familie entehrt habe. Man muß in mir nur einen Franzoſen erblicken, der ſich ſelbſt als Opfer hin⸗ gegeben, um, nach ſeinem Syſtem, eine Menſchenclaſſe zu vernichten, welche die Waffen gegen mein Vaterland geführt haben. Ich bin angeklagt, einem Prinzen das Leben genommen zu haben. Ich bin der allein Schul⸗ 180 Louvel. dige. Aber unter Denen, welche die Regierung in Hän⸗ den haben, ſind ebenſo Schuldige wie ich. Sie haben, nach meiner Ueberzeugung, Verbrechen für Tugenden er⸗ kannt. Auch die ſchlechteſten Regierungen, die Frank⸗ reich je gehabt, haben doch immer Diejenigen geſtraft(²), welche das Vaterland verrathen oder Waffen gegen daſ⸗ ſelbe geführt haben. „Nach meinem Syſtem müſſen, wenn die feindlichen Heere von außen drohen, im Innern alle Parteiungen aufhören, alle Parteimänner müſſen ſich zuſammenthun, um zu kämpfen und gemeinſchaftliche Sache gegen die Feinde aller Franzoſen zu machen. Die Franzoſen, welche ſich nicht geſtellen, ſind ſchuldig. Nach meinem Dafür⸗ halten, wenn ein Franzos gezwungen iſt durch eine Un⸗ gerechtigkeit der Regierung, Frankreich zu verlaſſen, und er ergreift dort die Waffen für die fremden Heere, um mit ihnen gegen Frankreich zu fechten, iſt er ſchuldig. 5 kann nicht mehr als franzöſiſcher Bürger zurück⸗ ehren. „Nach meinem Urtheil kann ich mich nicht des Glau⸗ bens enthalten, daß die Schlacht bei Waterloo ſo ver⸗ hängnißvoll für Frankreich geworden iſt, weil es in Gent und Brüſſel Franzoſen gab, welche den Verrath in das Heer gebracht und dem Feinde Hülfe geleiſtet haben. „Nach mir und nach meinem Syſtem war der Tod Ludwig's XVI. nothwendig, weil die Nation dafür ſtimmte.... Wäre es eine Handvoll Intriguanten ge⸗ weſen, welche in die Tuilerien gebrochen und ihn niedergeſtoßen hätten, ſo wäre das eine andere Sache. Aber da Ludwig XVI. und ſeine Familie lange Zeit im Gefängniß geweſen, ſo kann man nicht anders den⸗ ken, als daß es der Wille der Nation war. Dergeſtalt, Hän⸗ ben, ner⸗ rank⸗ t(), daſ⸗ Michen ungen hun, en die welhe ufür⸗ e Un⸗ „und u uldig. Glau⸗ ſo vr es in Berruth gclift r Tod dafüt ten ge nd ihn Socht geit in t den⸗ tgeſul Louvel. 181 daß, wenn es nur einige Menſchen geweſen wären, er nicht ums Leben gebracht worden wäre. Die ganze Na⸗ tion würde ſich dem widerſetzt haben.... Heute nun behaupten ſie, die Herren der Nation zu ſein. Aber nach meinem Urtheil ſind die Bourbonen die Schuldigen, und die Nation würde entehrt ſein, wenn„ie ſich von ihnen beherrſchen ließe.“ Louvel ward zum Tode verurtheilt. Er ſaß gerade beim Mittagbrot, als der Greffier kam, um ihm das Urtheil vorzuleſen. Er hörte es an, ohne im geringſten ſeine bisherige Ruhe zu verlieren. „Sie haben nun nichts mehr von den Menſchen zu hoffen“, ſagte der Greffier.„Ihre einzige Hülfe iſt bei der Barmherzigkeit Gottes. Dieſer barmherzige Gott ver⸗ gibt auch dem allergrößten Sünder, wenn er aufrichtige Reue und wahre Buße bekundet.“ „Reue!“ unterbrach ihn Louvel.„Ich habe keine.“ „Die Pforte der Ewigkeit öffnet ſich vor Ihnen“, ſagte der Greffier,„beſchäftigen Sie ſich mit Ihrem Seelenheil.“ „Ich bedarf keines Prieſters. Und da ich ſterben muß, warum morgen erſt? Warum nicht heute? Ich bin bereit?“ Mehr ſagte er nicht und fuhr ruhig fort, ſein Mit⸗ tagbrot zu eſſen. Am andern Morgen willigte er indeß doch ein, den Abbe Montès und einen andern Geiſtlichen zu empfan⸗ gen. Um 6 Uhr Morgens, am 7. Juni, beſtieg er den Karren, ohne die geringſte Unruhe zu verrathen. Am Fuß des Schaffotes verdoppelte der Abbé ſeinen Eifer, um ihn zum Bekenntniß ſeiner Reue zu bewegen. „Nun wohl“, rief er,„ich bin ja darüber betrübt. Aber eilen wir, man erwartet mich da oben.“ 182 Louvel Feſten Fußes ſtieg er die Stufen hinauf. Oben auf der Plateforme ließ er die Blicke ruhig auf die verſam⸗ melte Menge umherſchweifen und übergab ſich mit der⸗ ſelben Faſſung, die er bis da beobachtet, dem Scharf⸗ richter. Wenn Louvel, nach der Darſtellung, welcher wir folgten, auch nur ein blaſſer froſtiger Abklatſch gerühm⸗ ter Antikenbilder iſt, ſo iſt es doch ein Lichtbild nach dem grauenvollen Nacht- und Schmutzgemälde, welches Damiens' That, ſeine Motive, ſein Proceß, das Urtheil und deſſen Execution auf das Gemüth zurücklaſſen. Ver⸗ irrung hier wie dort, aber kein Hohn gegen Menſchen⸗ würde und Gerechtigkeit. Die Bourbonen begnügten ſich nicht mit dem Blute des Mörders. In altfranzöſiſcher Weiſe mußte auch das Opernhaus, wo die That begangen ward, das Verbre⸗ chen büßen. Es durfte nicht mehr darin geſpielt werden, es ward niedergeriſſen bis auf Grund und Boden. Francesco Fava. 1607— 1608. Zum Biſchof von Concordia, der in Padua ſeine Reſi⸗ denz hatte, kam im Frühjahr 1607 ein Mann in mitt⸗ leren Jahren, deſſen ſchlichtes ehrwürdiges Anſehen der einfachen Prieſtertracht entſprach, welche er trug. Er kam, um ſeine Hülfe anzuflehen, und der Stand und Name, den er nannte, verfehlte nicht auf den Kirchen⸗ fürſten den Eindruck zu machen, den der Fremde wünſchte. Auch er war ein Biſchof, Biſchof von Venafri im Königreich Neapel. Seine Feinde hatten eine Intrigue gegen ihn angeſponnen, und auf die falſche Anklage, daß er ein Liebesverhältniß mit der Tochter des Herzogs von Caetano unterhalten, war er ſeines Bisthums ent⸗ ſetzt worden. Er war nach Rom gegangen, um ſich zu rechtfertigen. Die Wuth ſeiner Feinde hatte ihn aber auch bis dahin verfolgt. Er war ſeines Lebens unter den gedungenen Dolchen nicht mehr ſicher, und verklei⸗ det entflohen. Der Flüchtling flehte ſeinen geiſtlichen Bruder um ein Aſyl und Schutz gegen ſeine Verfolger an. Der Biſchof in Padua, ein freundlicher, wohlgeſinn⸗ ter Mann, war gerührt durch die Leidensgeſchichte und 184 Francesco Fava. verſprach ihm alle Unterſtützung. Dieſer aber wollte ihn nicht durch einen langen Aufenthalt beläſtigen, und noch weniger ſeine Kaſſe in Anſpruch nehmen. Sein Anlie⸗ gen ging mehr auf Vermittelung, welcher ſein College ſich unterziehen möge. Der Biſchof von Venafri hatte bei ſeiner Flucht in Neapel 10000 Ducaten zurückgelaſſen. Sie lagen bei einem Freunde, dem Marquis de Ste. Arme. Er wünſchte dieſes Geld nach Venedig zu haben, getraute ſich aber nicht, ſelbſt deshalb Schritte zu thun, weil dies augen⸗ blicklich die Aufmerkſamkeit ſeiner Verfolger auf ihn len⸗ ken müſſe. Die Gunſt, welche er bei ſeinem Collegen in Anſpruch nahm, war, daß dieſer ihm behülflich ſei, dieſes Geld in Venedig aufzunehmen. Für dieſe 10000 Ducaten wollte er in Venedig Dia⸗ manten, Perlen und goldene Ketten zu Geſchenken für gewiſſe Seigneurs und Kirchenfürſten einkaufen, mit deren Hülfe er hoffte, daß ſeine Angelegenheiten aus⸗ geglichen werden und er ſein Bisthum wieder erhal⸗ ten könnte. Der Biſchof von Concordia fand das ſehr natürlich und löblich. Er hatte in Venedig einen Freund, den Banquier Bartoloni, und verhieß ihm, daß durch deſ⸗ ſen Beiſtand das Geſchäft ſehr leicht abgewickelt wer⸗ den könne. Gerührt und dankbar über die Bereitwilligkeit ſeines Amtsbruders empfahl ſich der Flüchtling, ohne ſich mehrere Tage hindurch ſehen zu laſſen, oder ihm ſonſt durch Anliegen läſtig zu fallen. Er blieb gerade ſo lange aus, als ein Courier nöthig hatte, von Padua nach Neapel zu reiſen und nach Abmachung ſeiner Ge⸗ ſchäfte daſelbſt nach Padua und nach Venedig zurück⸗ zureiſen. „ hn ch ie⸗ ge in bei chte ber en⸗ len⸗ gen ſei, für mit us⸗ hal⸗ rlich den deſ wer⸗ ines ſch onſt ſo d rick⸗ Francesco Fava. 185 Der Courier kam auch wirklich in der Perſon eines gewiſſen Octavio Oliva mit einem ganzen Paket Briefe in Venedig an, welches an den großen Banquier An⸗ gelo Boſſa daſelbſt adreſſirt war. Es enthielt erſtens ein Schreiben des Banquiers Aleſſandro Boſſa, der das größte Banquierhaus in Neapel hatte und Angelo's Neffe war, an ſeinen Oheim in Venedig, mit dem Aviſo, daß er ihm in einigen Tagen 10000 Ducaten überſen⸗ den werde, welche er dem Banquier Antonio Bartoloni in Venedig übermachen möge. Zweitens ein directes Schreiben deſſelben Ausſtellers an dieſen Bartoloni mit der Nachricht, daß er ihm in wenigen Tagen einen Wech⸗ ſel auf 10000 Ducaten überſenden werde. Eingeſchloſ⸗ ſen waren zwei Briefe des Marquis de Ste. Arme, der eine an den Biſchof von Venafri, der andere an den Biſchof von Concordia, in welchem der Brieſſteller die⸗ ſem für die freundliche Aufnahme ſeines Freundes, des Biſchofs von Venafri, dankte. Die letzteren beiden Briefe gingen ſofort nach Padua ab. Der flüchtige Biſchof erſchien aber auch jetzt noch nicht bei ſeinem Gaſtfreunde, entweder aus Beſcheiden— heit, oder um ſeinen Verfolgern keine Spur zu geben, ſondern erſt dann, als auch er eine directe Zuſendung aus Neapel erhalten, und darin einen Brief und Wech⸗ ſel, unterzeichnet von Francesco Bordenali, dem Aſſocie Aleſſandro Boſſa's in Neapel. Der freundliche Biſchof von Concordia redete dem Flüchtling zu, nunmehr ſelbſt nach Venedig, wo er ganz ſicher ſein könne, mit ſeinem Wechſel zu gehen. Mit Empfehlungsbriefen des Biſchofs an ſeinen Freund Bartoloni machte er ſich nun auf den Weg nach der Inſelſtadt, und ward ſofort von Bartoloni in deſſen 186 Francesco Fava. Hauſe aufgenommen und mit aller, einem Kirchenfürſten gebührenden Hochachtung behandelt. Bartoloni war aber ein ſicher gehender Geſchäfts⸗ mann. Erſt nachdem er bei Angelo Boſſa angefragt, ob dieſer den Wechſel honoriren werde, beeilte er ſich den Wünſchen ſeines Gaſtes nachzukommen. Er ließ in den beſten Kaufläden und Werkſtätten Venedigs die koſt⸗ barſten und ſchönſten Diamanten und Perlen aufſuchen und ſie dem Biſchof vorlegen, damit dieſer, was ihm gefällig, auswähle. Der Biſchof ſchien die Gegenſtände wohl zu kennen und zu würdigen, er prüfte ſehr ſorg⸗ fältig und nahm nur das Beſte, aber in großer Anzahl. Es konnten viele große Herren damit beſtochen werden. Bartoloni zahlte Alles ſofort baar aus. Der Biſchof von Venafri benahm ſich übrigens wäh⸗ rend dieſes Handels und ſeines ganzen Aufenthaltes in Venedig und in Bartoloni's Hauſe mit der Würde, die man von einem Kirchenfürſten und Dulder erwarten konnte. Miene und Bewegungen waren die Demuth ſelbſt; ſein Blick hatte myſtiſche Süßigkeit. Er ſprach wenig, aber mit Salbung; Sprüche aus dem Evange⸗ lium miſchten ſich unwillkürlich in ſeine Unterhaltung. In der Hand hielt er immer ſein Breviarium, auf das ſeine Blicke hafteten, wenn keine andern Gegenſtände ſie beanſpruchten. So gewann er denn durch ſeine Würde und ſeine Beſcheidenheit Aller Herzen im Hauſe des Banquiers. Beſonders gefiel der würdige Prieſter durch ſeine Tiſchgeſpräche. Er ließ nur dann und wann Erinnerun⸗ gen an ſein früheres Leben, Begebenheiten während ſei⸗ nes Biſchofamtes einfließen, ſtets gelegentlich, nie um ſich zu rühmen, die Andern durch das Gefühl ſeiner Würde zu drücken. — ſten t, ſich in oſt⸗ chen ihm inde org⸗ ahl. en. ih⸗ in die ten uth tch igl⸗ ng. das ſie irde des ine un⸗ ſei⸗ um ner Francesco Fava. 187 Die Pretioſen waren jetzt ſämmtlich eingekauft, noch aber im Verwahrſam des Banquiers. Denn Bartoloni war ein zu guter Geſchäftsmann und ſeinem Freunde, dem Biſchof von Concordia, dienſtgetreu, als daß er ſie, ohne deſſen ſpecielle Anweiſung, Jemandem ausge⸗ antwortet hätte. Der Biſchof von Venafri ſchrieb aber jetzt an die⸗ ſen, daß er ſeine Geſchäfte glücklich in Venedig beendet, und erinnerte ihn an ein Verſprechen, welches jener ihm mündlich in Padua gemacht. Der Biſchof von Con⸗ cordia hatte einen alten, treuen, ehrenhaften Diener, Don Martino, den er ſeinem Collegen als Begleiter auf ſeiner Reiſe angeboten. Denn jener Zeit pflegte man mit ſolchen Schätzen nicht gern ohne bewaffneten Schutz zu reiſen; was mehr ein verfolgter Kirchenfürſt, der die Dolche ſeiner Feinde fürchtete. Er erſuchte ihn, daß Don Martino ſich bereit halte, wenn er nächſten Tages ankomme, um ihn von Padua aus zu begleiten. Der Brief war unterzeichnet Don Pirottv. Der gute Biſchof von Concordia hatte ſich nicht einmal ge⸗ müßigt gefunden, vorhin ſeinen Amtsbruder nach deſſen Familiennamen zu fragen, noch war ihm derſelbe ſonſt bekannt. Auch Bartoloni erhielt vom Biſchof auf ſpecielle Anfrage einen Brief, daß er ſofort alle Pretioſen ſeinem Gaſte gegen Quittung übergeben möge, die dieſer denn auch ausſtellte unter dem Namen: Carlo Pirotto, Bi— ſchof von Venafri. Der Abſchied war würdevoll und herzlich. Der Bi⸗ ſchof konnte ſeinen Dank dem Gaſtfreunde nicht herz— licher ausdrücken, und der Banquier konnte ſich ſchmei⸗ cheln, in ihm einen Gönner für ſein Leben erworben zu haben. Doch begleitete Bartoloni ihn noch ſelbſt, aus 188 Francesco Fava. Reſpect für ſeine Würde, bis Padua. Außerdem war in ſeinem Gefolge Pietro Oliva, der Bruder deſſen, der für ihn die Courierdienſte geleiſtet. Man glaubte in ihm einen Anverwandten des Biſchofs zu erkennen. In Padua war natürlich ſein erſter Beſuch beim Biſchof von Concordia. Dieſer wollte ihn zu Tiſch be⸗ halten, aber der Reiſende entſchuldigte ſich. Er wollte, ſo ſchnell es ging, nach Turin, wo er den Marcheſe D'Eſte zu treffen hoffe, durch deſſen Vermittelung ſeine Angelegenheiten arrangirt werden ſollten. Leider war Don Martino abweſend. Dies hinderte ihn aber nicht, nur in Begleitung Pietro Oliva's abzureiſen. Bartoloni kehrte nach Venedig zurück. Folgenden Tages, als er eine Geldkiſte öffnete, ſtimmte die Summe darin nicht mit ſeinen Büchern, und es blieb kein Zwei⸗ fel, daß 400 Kronenthaler fehlten. Bei näherer Unter⸗ ſuchung fand er Spuren einer Feile oder eines andern Inſtrumentes. Die Eiſenſtangen waren erbrochen gewe⸗ ſen, aber ſehr geſchickt wieder verſchloſſen worden. Die Kiſte hatte entweder in den Zimmern geſtanden, welche der Biſchof bewohnt, oder doch in deſſen Bereich. Ein leiſer Verdacht ſtieg in ihm auf; er ließ ihn indeß nicht aufkommen. Nach acht Tagen präſentirte er Angelo Boſſa den ihm vom Biſchof cedirten Wechſel, ausgeſtellt von Aleſ⸗ ſandro Boſſa und erhielt darauf die Bezahlung. Andern Tages kam aber ſchon ein Courier aus Nea⸗ pel mit einem Briefe von Aleſſandro Boſſa an ſeinen Oheim Angelo, des Inhalts: er wiſſe durchaus nichts von dem fraglichen Geſchäft, und habe auch keinen Wech⸗ ſel dem Marcheſe de Ste. Arme ausgeſtellt. Angelo Boſſa's Beſtürzung war groß. Er eilte Klage zu erheben bei der venetianiſchen Juſtiz, aber der war der ihm Francesco Fava. 189 Verklagte fehlte und das Inſtitut der Steckbriefe war ſehr unvollkommen zu einer Zeit, wo die Zeitungen noch hinkende Boten waren. Inzwiſchen vereinigten ſich Boſſa, Bartoloni und der Biſchof von Concordia zu allen mög⸗ lichen Anſtrengungen, um den Betrüger zu entdecken und ſeiner habhaft zu werden. Denn daß er es mit einem falſchen Biſchof zu thun gehabt, daß der Biſchof von Venafri, wenn er lebte, nicht abgeſetzt worden und wahrſcheinlich auch nicht Carlo Pirotto heiße, davon hatte muthmaßlich der Biſchof von Concordia mittler⸗ weile ſich unterrichtet. Der ſchlaue und kühne Betrüger, der Alles ſo geſchickt angefangen, hatte, wie man ſpäter erfuhr, nur den Umſtand vergeſſen, ſich nach dem Ge⸗ ſchlechtsnamen der Perſon zu erkundigen, die er ver⸗ trat, und erſt in Venedig auf's Gerathewol den Namen Pirotto angenommen. Man ſchickte in alle Länder und Provinzen Italiens genaue Beſchreibungen der erſchwindelten Gegenſtände. Man verſprach das Viertel des Geſammtwerthes Dem, der zu ihrer Wiederbeſchaffung verhelfe. Alles umſonſt. Glücklicherweiſe hatte man aber auch außer Italien einige Hauptſtädte beſchickt, und eine dieſer Schriften kam an den Banquier Aumagres in Paris, der davon Abſchriften verfertigen und an die Goldſchmiede und Ju⸗ weliere der Hauptſtadt vertheilen ließ. In Paris hatte ein kleiner Goldſchmied, Namens Bourgoin, ſeinen Laden nahe an der Kirche St.⸗Lenfroy, unweit des Pont au Change. Eines Tages, im Januar 1608, erſchien hier ein Italiener, der ihm Diamanten zum Kauf anbot. Bourgoin war nicht der Mittel, ſie ſelbſt zu erſtehen, aber er verſprach ihm Käufer zu ver⸗ 190 ſchaffen, und das vielleicht auf der Stelle. Der Italiener ging darauf ein und ließ ihm vier Schächtelchen mit Brillanten gegen einen Empfangſchein zurück, um nach einigen Stunden wiederzukehren. Bourgoin kannte ſeine Leute und hoffte ein gutes Geſchäft zu machen. Er wandte ſich an zwei Kaufleute und größere Juweliere, Maurice und Paris Turquet. Beide aber hatten von dem vorhin genannten Banquier Abſchriften von der Beſchreibung der in Venedig geſtoh⸗ lenen Pretioſen erhalten. Im erſten Augenblick er⸗ kannten ſie die Schachteln, in denen die Diamanten lagen, für die in jener angegebenen. Nachdem ſie die Schrift genauer mit dem Gegenſtande verglichen, und gefunden, daß kein Zweifel bleibe, ſchloſſen ſie ſofort eine Societät, um gemeinſchaftlich zur Entdeckung des Diebes zu operiren und gemeinſchaftlich das verſprochene Viertel des Diebſtahls zu gewinnen. Sie benachrichtig⸗ ten auf der Stelle den Lieutenant der Grande prévoté de la Conetablie de France, Herrn Denis de Qui⸗ queboeuf, davon, der ſich auch ſofort beim Juwelier Bourgoin einfand. Der Italiener kam. Denis de Quiqueboeuf gab ſich für einen Kaufmann aus, der gern eine große Anzahl Edelſteine erſtehen möchte. Der Italiener hatte keinen Arg und zeigte ihm außer den erſteren noch mehrere Schäch⸗ telchen. Die beiden großen Kaufleute erkannten auch in dieſen Gegenſtände des venetianer Raubes. Ihre Auf⸗ merkſamkeit auf Faſſung und Schachteln, ihre Mienen und Blicke erregten im Italiener denn doch Verdacht. Er ſchützte plötzlich einen andern, dringenden Beſuch vor und wollte in Kurzem wiederkommen. Da gab ſich Qui⸗ quebveuf zu erkennen. Der Italiener betheuerte ſeine unſchuld, daß er auf die redlichſte Weiſe, durch den Francesco Fava. aliener n mit ſ nach gutes ufleute urquet. anguier geſoh⸗ ick et⸗ manten ſi die und ſofort g des ochene ichtig⸗ révote Dui uwelier Anhl einen 2cih⸗ uch in eAuf⸗ Mienen docht. uch Du⸗ ſein ch den Francesco Fava. 191 Handel, in Beſitz der Steine gekommen. Der Polizei⸗ mann ließ ſich aber nicht überreden, ſondern verhaftete ihn. Man durchſuchte zugleich ſeine Wohnung, die er nennen müſſen, und fand dort eine noch junge, ſchöne Frau und einen Familienkreis, der unverdächtig ſchien, in den Schränken und Kiſten aber alle die Pretioſen, welche, außer den ſchon zu Tage gekommenen, als in Venedig geſtohlen in der Beſchreibung angegeben waren. Dies geſchah am 12. Jan. 1608. Beim erſten, am ſelben Tage vorgenommenen Verhör nannte ſich der Italiener Francesco Fava, gebürtig aus Capria an der Grenze von Ligurien, alt etwa 45 oder 46 Jahr. Er ſei ſeines Standes Doctor der Medicin, habe ſich aber von früh auf mit dem Handel mit Edelſteinen abge⸗ geben, und die jetzt bei ihm vorgefundenen in Piacenza für 5150 Ducaten erkauft. Zugleich mit Fava war der uns ſchon bekannte Pie⸗ tro Oliva, den Fava für ſeinen Schwager ausgab, ent⸗ weder auf der Straße oder in ſeiner Wohnung gefan⸗ gen worden. Noch am ſelben Abend fand dieſer indeß Gelegenheit zu entkommen, und ward nie wieder geſehen. Am folgenden Morgen, den 13. Jan., fuhr man mit dem Verhöre fort. Man hielt ihm die genaue Beſchrei⸗ bung der in Venedig entwandten Kleinode vor, zeigte, wie Stück für Stück auf die in ſeinem Beſitz gefun⸗ denen paſſe, wie man nur dieſe und keine andern Pre⸗ tioſen bei ihm gefunden. Er war ſichtlich betroffen, ver⸗ wirrte ſich in ſeinen Antworten, und endete damit, daß er in Thränen ausbrach, den Richtern zu Füßen ſtürzte und Alles bekannte. ———— ——* 192 Francesco Fava. Die franzöſiſche Juſtiz jener Tage ließ ſich in der Regel genügen, wenn ſie einen Verbrecher ertappt und er zum Geſtändniß der That, um deren willen er er⸗ griffen war, torquirt worden, ohne ſich ſehr viel um ſeine frühere Verbrecherlaufbahn zu bekümmern, zumal wenn er ein Ausländer war. Francesco Fava's Kühn⸗ heit und Glück muß doch aber ihr beſonderes Intereſſe erregt haben, denn aus den Acten der Zeit hat ſich mehreres aus ſeiner Vorgeſchichte erhalten, unb es ſind dabei zugleich die Zweifel angedeutet, ob er nicht früher, in anderer Geſtalt, noch andere anſehnliche Betrügereien begangen habe. Er hatte oft ſeinen Namen wie ſeinen Stand gewech⸗ ſelt, indem er hier als Arzt, dort als Kaufmann auf⸗ trat. Den Namen Fava gab er aber vor Gericht als ſeinen wahren an und wollte aus einer ehrbaren Fa⸗ milie aus Finale bei Genua ſtammen. Von Jugend ab war er durch einen großen Theil Italiens gereiſt. Seine glänzende Laufbahn, heißt es, begann er als Arzt; ja, er hatte in der Arzneiwiſſenſchaft einen gewiſſen Ruf erlangt, bezüglich ſeiner genauen Kenntniſſe aller Arten von Vergiftungen. Um ſein Loos zu beſſern, oder vielmehr, um mehr Anſehn und Einfluß zu gewinnen, hielt er es für ange⸗ meſſen, ſich nach einer ſchönen und geiſtreichen Frau um⸗ zuſehen. Er fand ſie in Katharina Oliva, der Tochter eines Kaufmanns in Orta. Unter dem Namen Ceſar Fiori führte er ſich bei der Familie der jungen Neapo⸗ litanerin ein. Er hoffte, ſein Ruf(als Giftdoctor ²) allein werde ihm beim Vater zur Empfehlung gelten. Dieſer aber verlangte Geburtsatteſte, und Fava über⸗ brachte ihm ein Atteſt des Richters von San Severino, worin ihm bezeugt ward, daß er aus der Familie der n der t und er er⸗ Aum zumal Kühn⸗ tereſſe ſch ddabei er, in gereien ewech⸗ auf⸗ al n Fa⸗ nd ab Seine 3 ja, nJuf Arten neht ange⸗ m um⸗ ochter Crſat Neapb⸗ tor!) gelten über⸗ werin lit du Francesco Fava. 193 Fiori von San Severino ſtamme. Das Atteſt und Siegel darunter waren aber von ihm allein gefertigt. Der Kaufmann glaubte, die Hochzeit ward gefeiert, und Francesco zog bald darauf mit ſeiner jungen Gat⸗ tin von Orta weg nach Caſtelarca, einer Stadt, einige Meilen von Piacenza, wo er wieder den Namen Fran⸗ cesto Fava annahm und als Arzt practicirte. Ob und wie ihm ſeine ſchöne Frau in ſeiner ärzt⸗ lichen oder andern Praxis geholfen, wird uns nicht ge⸗ ſagt. Wir erfahren nur, daß ſie ihn zum Vater vieler Kinder gemacht, und daß ſeine zahlreiche Familie ihm Sorgen verurſachte, die ſein Erwerb als Arzt nicht zu beſeitigen vermochte. Der Geiſt der Intrigue, der immer in ihm lebendig geweſen, trieb ihn, durch einen kühnen und verzweifelten Streich ſich Mittel zu verſchaffen, um den Reſt ſeines Lebens in Ruhe zu verbringen. Im Jahre 1607 um Pfingſten, verließ er Caſtelarca und ging nach Neapel, wo er als Abbe ankam. Sein erſtes Geſchäft war, ſich nach den anſehnlich⸗ ſten Banquiers daſelbſt zu erkundigen. Der reiche Aleſ⸗ ſandro Boſſa war der erſte. Er meldete ſich bei ihm mit der Bitte, ihm einen Wechſel auf 50 Colonnaten auf Rom zu geben, wo er eines ſtudirenden Neffen habe. Der Banquier ſtellte ihm Jieſen Wechſel gegen Empfang des Geldes aus. Fava behielt den Wechſel vierzehn Tage bei ſich, die er dazu benutzte, Schrift und Unterſchrift dergeſtalt nachzuahmen, daß die Täuſchung vollkommen war. Alsdann brachte er dem Banquier den Wechſel zurück, vorgebend, daß er des Geldes in Rom nicht mehr bedürfe, und erhielt ſein eingelegtes Geld wieder. Bei der Gelegenheit hatte er indeſſen mehre Beſuche XV. 9 194 Francesco Fava. im Comtoir des Banquiers gemacht und ſich dabei manche unnütze Scripturen angeeignet, die aber für ihn nicht unnütz waren, weil ſie die Handſchrift Aleſſandro Boſſa's und ſeines Compagnons Bordenali in aller Ausführlichkeit enthielten. Als eines Tages Aleſſandro Boſſa nicht zu Hauſe war, bat er den jungen Mann, der im Comptoir arbeitete, auf den Banguier hier warten zu dürfen, und zugleich um etwas Papier, Siegellack oder Wachs und Petſchaft, um während der Zeit einige dringende Briefe erpediren zu können. Zweck war, die Papierſorte kennen zu ler⸗ nen, auf der der Banquier gewöhnlich ſchrieb, und ſein Siegel ſich zu verſchaffen. Sein Aufenthalt in Neapel, oder vielmehr dieſes vor⸗ bereitende Geſchäft, hatte zwei Monate gedauert. Nach⸗ dem er ſein Studium für vollendet hielt, reiſte er ab, und wir ſahen ihn in Padua als abgeſetzten Biſchof von Venafri ankommen. Was hier und in Venedig ge⸗ ſchah, und wie geſchickt er ſeine erworbene Wiſſenſchaft ausbeutete, iſt aus dem Obigen bekannt. Der Pietro oder Octavio Oliva, der ihm als Courier diente und ſein beſtändiger Begleiter war, war einer der Brüder ſeiner Frau. Als er eiligſt Pqua verließ, um vorgeblich nach Tu⸗ rin zu gehen, kehrte“er in ſeine Wohnung nach Caſtel⸗ arca zurück, und ſchützte hier gegen ſeine Frau vor, daß es ihm gelungen, auf ſeinen Reiſen von einigen faulen Schuldnern mehre Reſtſummen zu erheben. Mit dieſen wolle er in Frankreich ſich niederlaſſen und dort ſein Glück verſuchen. Auch reiſte er bald darauf mit der gan⸗ zen Familie und einem ſeiner Schwäger dahin ab. Er wagte es, über Venedig zu gehen, wo er indeß nur ſo kurze Zeit blieb, als es unerläßlich war, und kam durch dabei ür ihn ſandro aller Hauſe heitete, zuglich ſcheſt pediren zu ler⸗ nd ſein s vor⸗ Nach⸗ er ab, iſchof ig ge⸗ nſchaft ietr t und Bridet 2u boſte⸗ r, daß faulen dieſen tt ſin er gul⸗ b. 6r nr ſo dut Francesco Fava. 195 die Schweiz nach Frankreich und Paris, wo er im No⸗ vember ſich eine meublirte Wohnung am Platze Maubert miethete. Hier hielt er ſich in voller Sicherheit. Dennoch fürchtete er, daß der Haß Derer, die er betrogen, ſpäter ihm doch auf die Spur kommen könne, und ſein Plan war, wenn es ihm gelungen wäre, ſeine Diamanten an den Mann zu bringen, ſich mit dem Erlös in irgend eine kleine Stadt des Poitou oder Anjous zurückzuziehen. Noch zauderte er indeß. Er ſchrieb an einen ſeiner vertrauteſten Freunde von früher, Francesco Corſina, der in Flandern als Apotheker etablirt war, er wolle ſich mit ihm vereinigen. Sie könnten Beide, vermöge der Mittel, die er mitbringe, eine ſchöne, große Apotheke anlegen und ein vortheilhaftes Geſchäft, mit Theilung des Gewinnſtes, betreiben. In Erwartung auf die Antwort Francesco's, ver⸗ ſuchte Fava jetzt einige der Diamanten loszuſchlagen. In gerechter Beſorgniß, daß die größern und reichern Ju⸗ welenhändler Notizen und Beſchreibungen des venetia⸗ niſchen Diebſtahls erhalten haben könnten, ſuchte er einen der kleinern auf, und ward darauf im Bourgoin ſchen Laden, wie oben angegeben, verhaftet. Fava ward in das Fort Leväque abgeführt. Hier überdachte er ſchnell ſein Schickſal. Wie auch ſein Pro⸗ zeß ſich entſcheide, er ſchloß richtig, daß ſeine Zukunft in der bürgerlichen Geſellſchaft verloren ſei. Entweder der Brandmarkung der Schande oder dem ſchmachvollen Tode verfallen, wollte er ſich ſelbſt den letztern geben, und löſte ſich mit einem Federmeſſer die Adern an ſeinen beiden Armen an fünf verſchiedenen Stellen. Da aber 9* 196 Francesco Fava. der Froſt hinzutrat, hörte das Blutſtrömen auf. Er war zu ſchwach, um den Selbſtmord zu vollenden, und mußte in ſeinen Schmerzen nach dem Kerkermeiſter rufen, der ihn mit aller Anſtrengung ins Leben zurückbrachte. Leidlich geheilt, legte er vor dem Richter ein voll⸗ ſtändiges Bekenntniß des von ihm verübten Verbrechens ab. Befragt, ob ſeine Frau betheiligt geweſen, erklärte er, ſie ſei zu unſchuldig und einfach, als daß er ihr das Geringſte davon mittheilen dürfen. Bei der Confron⸗ tation mit ihr zeigte ſich, daß er die Wahrheit ange⸗ geben. Sie ſchien von Schmerz und Scham über ſein Verbrechen ganz überwältigt, und warf ſich todtenblaß, und ohne ein Wort ſprechen zu können, an ſeine Bruſt. Auch er ward gerührt und ſagte zu ihr in zärtlichem Tone„Mein theures Weib, beruhige Dich, bleibe ich am Leben, ſo wirſt Du für immer Das beſitzen, was Du liebſt; ſterbe ich aber, ſo verlierſt Du die Urſache Deiner Betrübniß.“ Fava's Richter zweifelten lange Zeit, daß er allein, ohne Beihülfe Anderer, im Stande geweſen, einen ſo fein durchgeführten Betrug zu begehen. Auch blieben ſie ſteif und feſt dabei, wie es unmöglich ſei, daß er allein alle dieſe falſchen Briefe geſchrieben haben ſollte. Fava erklärte ihnen lächelnd, daß ſie ſich irrten, ſei er zwar weder Biſchof, Marquis noch Kaufmann, ſo kenne er doch ihre Titel, Ehrenbezeigungen, kurz das ganze Formular des geſelligen Lebens, deſſen ſich dieſe Stände untereinander bedienten. Außerdem könne er fremde Handſchriften nur zu gut nachmachen. Sei dieſe ver⸗ derbliche Wiſſenſchaft doch leider der Grund ſeines Un⸗ glücks geworden. Ja, er wäre ſo fertig in dieſer Kunſt, daß er in weniger als einer Stunde 50 verſchiedene Handſchriften nachahmen könne, und in ſolcher Vollkom⸗ Er und rufen, achte. voll⸗ echens ewlärte ihr das onſton⸗ ange er ſein enblaß, Bruſt. lichem ibe ich wes Urſoche llein, nen ſo hlieben daß er ſollte ſe o kenne — ganze Stände frende ſe vet⸗ es Un Kunſt, thicden⸗ ollom Francesco Fava. 197 menheit, daß es ſchwer falle, ſie von den Originalen zu unterſcheiden. Wenn er nur einen Wachsabdruck von einem Petſchaft habe, ſo könne er davon andere Pet⸗ ſchafte deſſelben Stempels ſchneiden, wie nur der ge⸗ ſchickteſte Graveur. Während der gerichtlichen Unterſuchung war Fran⸗ cesco Corſina nach Paris gekommen, und hatte Mittel gefunden, den Gefangenen zu ſehen. Er verſprach ihm, ſeine Flucht zu ermöglichen, und bis dahin ihm Nach⸗ richt von Allem mitzutheilen, was auf ſeinen Prozeß Bezug habe. So erfuhr Fava am 25. Febr. durch ihn, daß der Courier von Venedig angekommen ſei, und daß Antonio Bartoloni ihm auf dem Fuß folgen werde, um ihm den Prozeß zu machen. Dies bewog ihn, keine Zeit zu verlieren, um Alles zu ſeiner Rettung zu verſuchen, da der Ausgang dieſes Prozeſſes unzweifelhaft ſchien. Er hatte bemerkt, daß ein Sprung aus dem Fenſter des Zimmers, in welchem ſein Kerkermeiſter wohnte, leicht ſei, von dort brauchte er nur eine Mauer zu erklettern, die nicht unüberſteigbar war. In das Zimmer des Kerkermeiſters zu dringen aber war nicht ſchwer. Corſina mußte ihm Stricke ver⸗ ſchaffen, und erhielt dafür das Verſprechen, daß er ihm eine Apotheke herſtellen wolle, in welcher ſie Beide, zu⸗ ſammen wirkend, Schätze zu erwerben hofften. Am 27. Febr. ward dieſer Fluchtverſuch gemacht, aber im Augenblick der Ausführung entdeckt. Folge war engere Einſperrung. Antonio Bartoloni war angekommen und hatte alle nöthigen Beweisſtücke zur Führung des Prozeſſes mit⸗ gebracht. Dies und das Eingeſtändniß des Verbrechers ſchien aber jener Zeit doch noch nicht zu genügen, um einen unſers Bedünkens ſo einfachen Prozeß zu Ende zu —— 198 Francesco Fava. führen. Denn Bartoloni brachte zuvörderſt ein Empfeh⸗ lungsſchreiben ſeiner Republik mit, dann erforderte er die Unterſtützung des venetianiſchen Geſandten in Paris, und durch dieſen dem Könige vorgeſtellt, der ſich für die Angelegenheit ſehr intereſſirte, erhielt er von demſelben ein offenes Schreiben an den Kanzler, des Inhalts, daß man ihm pünktliche und volle Gerechtigkeit ange⸗ deihen laſſe. An Flucht war nicht mehr zu denken. Fava faßte den Entſchluß zu einer andern Flucht, er wollte ſich, ſeine Frau und Kinder vergiften, um ſie insgeſammt der Schande, die ihrer warte, zu entziehen. Am 4. März ließ er ſich einen Barbier kommen, um Haare und Bart ihm zu ſcheeren. Er klagte ihm über Inflammation der Augen und bat ihn, ihm Ro⸗ ſenblätter, Roſinen von Korinthen, Zucker und eine halbe Unze Antimonium zu verſchaffen. Davon wollte er ſich eine Salbe bereiten. Der Barbier zeigte ſich auch be⸗ reit und kaufte; da aber Antimonium ein Gift war, glaubte er dem Kerkermeiſter davon Notiz machen zu müſſen. Das Antimonium ward dem Gefangenen nicht ausgeantwortet. Indeſſen ſcheint es, daß Fava ſich auch ſchon damals etwas Antimonium anderweitig verſchafft haben müſſe, denn er wurde krank und litt ununterbro⸗ chen an Erbrechungen und Kolik. Alle Formalitäten des Proceſſes waren beobachtet und die Acten dem Advocaten Roland Bignon übergeben, um den Bericht zu machen. Fava wußte am 22. März, daß der Bericht fertig und ſein Prozeß am folgenden Tage entſchieden werden ſollte. Seine Frau war bei ihm zum Beſuch. Er drückte gegen ſie den Wunſch aus, eine italieniſche Paſtete zu eſſen, die ſie ihm ſchon mehre Male bereitet hatte. Sie Francesco Fava. 199 npfeh⸗ ſandte ihm dieſelbe am andern Morgen durch ihren rte er Sohn. Sobald er ſie erhalten, brach er ein Stück aus, Paris, und nach einigen Manipulationen damit verſchlang er es ir die wie mit Heißhunger. Er ward blaß, entſtellt und litt ſſelben ſichtbar. Seine Frau kam, er klagte über fürchterliche holts, Schmerzen, ohne den Grund zu ſagen. Der Tod ſtand ange⸗ auf ſeiner Stirn, er nahm von der Gattin Abſchied auf immer, ſegnete zwei Mal ſeinen Sohn und drängte foßte dann, daß ſie fortgingen. Dann verlangte er nach ei⸗ te ſich, nem Prieſter. Man wies ihm einen zu, der ſelbſt Ge⸗ mt der fangener im Hauſe war. Dieſen wollte er nicht. Aber während man nach einem andern ſchickte, wurden ſeine mnen, Qualen ſo furchtbar, daß er es nicht im Bette aus⸗ eihm hielt. Man mußte ihn herausheben und auf eine Stroh⸗ Ro⸗ decke legen, wo er unter ſchrecklichen Convulſionen nach halbe einigen Augenblicken ſtarb, ohne dem Kerkermeiſter ein e ſch Wort zu ſagen, und ohne daß Dieſer Zeit fand, ihm b Heilmittel beizubringen. t'wo, Er hatte in der Paſtete eine ſtarke Portion Arſenik verſchluckt, ohne daß es der eifrigſten Unterſuchung mög⸗ en niht lich geworden, zu entdecken, woher er daſſelbe erhal⸗ ten. Man fand das Gift bei der Leichenöffnung am u 24. März 1608 rſchoft F5 5 r br⸗ Der Prozeß ward nichtsdeſtoweniger gegen den Leich⸗ ſer nam fortgeſetzt, aber ſchon am ſelben Tage der Ob⸗ ud duction entſchieden. Francesco Fava ward als über⸗ Fi führt erklärt: des Diebſtahls, des Betrugs mit Schwin⸗ geben delei(escroquerie), Führung eines falſchen Namens, der Fälſchung in Schriften und Siegeln, des vielfach futig wiederholten Selbſtmordverſuchs in ſeinem Gefängniß, weden endlich der vollbrachten Selbſtentleibung, als ſein Urtheil vidt doch ſchon vor der Thür ſtand. Zur Buße deſſen ſollte u ſein Leichnam mit dem Geſicht gegen die Erde zur Richt⸗ Francesco Fava. ſtätte geſchleift und dort bei den Füßen an einem eigens dazu errichteten Galgen aufgehängt werden. Sein ſämmtliches Vermögen ſolle confiscirt werden zu Gunſten Deſſen, der darauf ein Recht habe, nachdem zuvor ſo und ſoviel für Angelo Boſſa zur Erſtattung ſeiner Schäden zurückbehalten worden. Auch ſollte auf Octavio Oliva, Pietro Oliva und Francesco Corſina ge⸗ fahndet werden, und wenn man ſie fände, auch ihnen der Prozeß gemacht werden. Die Kaufleute und Juweliere erhielten nicht das ver⸗ ſprochene Viertel, da Angelo Boſſa ſie ſchon vorher mit 100 Kronenthalern abgefunden und abgekauft hatte. igens erden hdem ttung eauf a Re⸗ ihnen 5 ver⸗ r mit Papavoine. 1824— 1825. Sonntag am 10. Octbr. 1824 geriethen die Bewohner der Umgegend von Vincennes durch ein tragiſches Er⸗ eigniß innerhalb der Alleen und des Parkes in nicht geringe Aufregung und Beſtürzung. Eine Demoiſelle Malſervait aus Paris, die ſich hier ein Rendezvous gegeben, war in den Laden der Frau Jean getreten, um einen Liqueur zu trinken. Zur ſelben Zeit ſah man einen Herrn, in ſchwarzen Pantalons und einem blauen Ueberrock, von oben bis unten zugeknöpft, vor dem Laden ſtehen, der, als die Malſervait fortging, ihr in das Gebüſch nachfolgte. Auch eine zweite junge Dame, die Demoiſelle Höérin, ging um dieſe Zeit in den Alleen mit zwei Kindern ſpazieren. Dieſe, Knaben von fünf und ſechs Jahren, waren ihre eigenen natürlichen Kinder, aus einer Art Gewiſſensehe entſprungen. Sie hatte dieſelben in Vin⸗ cennes in Penſion gegeben und machte ihnen ihren Sonntagsbeſuch. Die Malſervait, nachdem ſie den Laden verlaſſen, begegnete in der Allee der Demoiſelle Herin und ſchien von der Anmuth der Kinder entzückt; ſie bat die Mut⸗ 9** — Papavoint. ter um die Erlaubniß, ſie zu küſſen. In dem Augen⸗ 1 blicke ging jener Fremde im blauen Ueberrock vorüber, 1 zog den Hut ab, grüßte ſie und ging ſeines Weges. Die Malſervait ging alsdann nach derſelben Rich⸗ tung. Als ſie mit dem Fremden zuſammenkam, fragte 5 dieſer ſie:„Kannten Sie die Kinder, die Sie eben ge⸗ küßt?“— Sie erwiderte:„Man kann doch Kinder küſ⸗ ſen, die man auch nicht kennt.“ Der Fremde trennte ſich von der Malſervait und kehrte in den Laden der Frau Jean zurück, wo er ein Meſſer forderte. Die Frau handelte auch mit Meſſern, aber verkaufte ſie nur dutzendweis. Indeſſen wurden ſie einig, daß ſie ihm eines aus dem Paket ablaſſe, wofür er dann einen höhern Preis als im Gebinde ſich zu zahlen verſtand. Mit dem Meſſer ging der Fremde in die Allee zu⸗ rück, wo die Mutter mit den Kindern noch immer ſpa⸗ zierte. Die Malſervait ſah man nicht mehr. Es war gegen 11%½ Uhr, als der Fremde ſich De⸗ moiſelle Hérin näherte. Sein Geſicht war blaß, ſeine Stimme zitterte.„Ihre Promenade iſt bald zu Ende“, ſagte er zur Mutter, indem er ſich bückte, wie um eines der Kinder zu küſſen. Aber er ſtieß ihm das Meſſer ins Herz. Beim Schrei des Knaben, deſſen wahren Grund ſie noch nicht wußte, ſtieß die entſetzte Mutter mit dem Regenſchirm nach dem Thäter. Sie traf den Hut; die Spuren des Stoßes waren am Hute geblieben. Aber während dieſer ohnmächtigen Wuth der Un⸗ glücklichen hatte das Ungeheuer ſich umgewandt und daſſelbe rauchende Meſſer ſchon in das Herz des andern Kleinen geſtoßen. Dann ſtürzte er ſich ins Dickicht. In ihrer Verzweiflung ſchrie die Herin als Leibes⸗ kräften um Hülfe. Mehre Perſonen kamen herbei. Sie ugen⸗ rüber, es. Rich⸗ fragte en ge⸗ r küſ⸗ tund er ein eſſern, en ſie wofür ch zu er zl ſpe⸗ d ſein 6nde“ eines Meſſer vahren Putter f den lieben t Un⸗ und ndern t. Sie Papavoine. 203 beſchrieb ihnen den Meuchelmörder, ſo gut ſie konnte, die Farbe ſeiner Kleider, Geſtalt, Haltung, die ſie mit der Schärfe eines weiblichen Auges aufgefaßt und auch in der Verzweiflung des tiefſten Schmerzes einer Mutter nicht vergeſſen hatte. Mehre erinnerten ſich nun nach der Beſchreibung, den Fremden ſchon vorhin geſehen zu haben, und Jeder eilte, nachdem er ſah, daß die Sorge für die Kinder eine fruchtloſe ſei, nun wenigſtens Alles zu thun, damit der Verbrecher nicht dem Arme der Ge⸗ rechtigkeit entfliehe. Man ſchloß die Thore des Gehölzes von Vincennes und die königliche Gendarmerie, von Soldaten aus der Garniſon unterſtützt, ſtreifte durch die Büſche. Demoiſelle Malſervait ward in einem Kaffeehauſe entdeckt. Nächſt dem unbekannten Thäter war der erſte Verdacht auf ſie gefallen, denn ſie ſchien in nächſter Verbindung mit ihm zu ſtehen. Als ſie im Laden den Liqueur trank, hatte Jener anſcheinend draußen auf ſi gewartet, er war ihr zuerſt nachgegangen, dann, nachdem ſie die Kinder geküßt, war ſie ihm nachgeeilt. Sie hatte mit ihm geſprochen und bald darauf war die Mordthat verübt worden. Die Herin hatte nicht anders ge⸗ glaubt, als ſie ſei die Frau des Fremden. Sie hatte die Kinder geliebkoſt, ihnen den Weihekuß zum Tode gegeben. Man arretirte ſie. Die Localbehörde war inzwiſchen thätig. Bei der Frau Jean ward das Factum des Meſſerkaufs ermittelt. Dieſe gab eine noch genauere Beſchreibung von dem Fremden, aber ſie ſtimmte vollkommen mit der von der unglücklichen Mutter entworfenen. Frau Jean hatte au⸗ ßerdem bemerkt, daß der Fremde einen Krepp um den Hut trug, in einer beſondern Art umgeſchlungen und befeſtigt. Papavoine. Man durchſuchte Gebüſch für Gebüſch. Endlich ſah gegen Mittag ein Gendarm in einer der Parallelalleen mit derjenigen, wo der Mord begangen worden, doch durch ein beträchtliches Buſchwerk von ihr getrennt, einen fremden Herrn, der mit einem Soldaten ſich unterhielt. Das Signalement, welches die Herin gegeben, paßte auf ihn. Der Gendarm forderte ihn auf, ihm zu folgen. Der Fremde zeigte ſich bereit, bemerkte aber mit voll⸗ kommener Ruhe, daß er ſich nichts vorzuwerfen habe, und daß ſeine Arretirung vielleicht von den Spuren des wahren Thäters ablenken könne. Aber der Soldat neben ihm ſagte, daß er dieſen Mann erſt vor wenig Minuten aus dem Dickicht kommen geſehen, wie er da mit großer Aufmerkſamkeit ſeine Kleider gemuſtert, als ob er nach einem Flecken ſuche. Auch habe er ihn, den Soldaten, gefragt, ob ſein Geſicht auch nicht beſchmutzt wäre. Dies genügte dem Gendarm, um ihn zu arretiren. Man führte ihn in das Haus, wo die Heérin unter⸗ gebracht war, und kaum daß die Unglückliche ihn er⸗ blickte, als ſie aufſchrie:„Das iſt das Ungeheuer, was meine Kinder getödtet hat!“ Ebenſo erkannte ihn die Frau Jean auf den erſten Blick wieder. Mehre andere Zeugen hatten ihn, wenige Augenblicke vor der Mordthat, in der Allee geſehen. Der Fremde war nicht im entfernteſten betroffen. Er ſagte, daß er Papavoine heiße, aus der Provinz ſei, vor kurzem erſt in Paris eingetroffen und in Vincennes nur auf einem Spaziergange. Mit vollkommener Ruhe und in geſchickter Sprache wies er die Anſchuldigung, die Kinder ermordet zu haben, zurück.* Die beiden Kinder waren todt. Die ärztliche Unter⸗ ſuchung, die auf der Stelle eintrat, ſtellte feſt, daß ihr —— Papavoinr. 205 h ſah Tod die augenblickliche Folge von Stichen eines In⸗ lalleen ſtrumentes ſei, deſſen Form der eines Meſſers gleiche. doch Man nahm eines von den eilf Meſſern, welche in —. dem Paket der Jean, nach dem Verkauf des zwölften, chilt, zurückgeblieben waren, und es paßte in die Wunden paßte der Kinder. filgen. t vol⸗ Der Thãter war ſo gut wie ermittelt, aber damit heb, nichts über die Motive zu der räthſelhaften That, über die möglichen Mitwiſſer und Complicen. Die That war nhen kein Raubmord, ebenſowenig ſchien ſie die That eines uten Wahnſinnigen; der nächſte Verdacht war daher, daß es r ein Mord aus Rache oder aus ihr verwandten Motiven ſei. Es kam daher zunächſt auf Betrachtung der Per⸗ ſönlichkeiten an und ihrer Verhältniſſe, und wir haben — es hier mit drei Parteien zu thun: der Mutter der Kin⸗ Di der, Demoiſelle Hérin und Anhang, der Demoiſelle Mal— verſait und Papavoine's ſelbſt. te Die Unterſuchung hat die Familienverhältniſſe und ihn e⸗ den Lebenslauf jeder dieſer drei Perſonen aufs genauſte r, wis erforſcht, aber obgleich alle Drei in ſo wunderbarer Weiſe ſm zur ſelben Zeit und Stunde im Park von Vincennes et ſich getroffen und näher oder entfernter in die Mordthat wenige verflochten ſind, ſo iſt doch das Reſultat, daß keine en. dieſer Perſonen mit einer der andern vorher im Gering⸗ en. E ſten in Verbindung geſtanden, ein Intereſſe für oder n ſi, gegen den Andern gehabt, ja, daß ſie ſich nicht einmal ncenne vorher gekannt haben. Es war ein Zufall, der ſie zu⸗ t uhe ſammenführte, und ſie ſahen ſich hier in der verhängniß⸗ digun, vollen Stunde zum erſten Mal in ihrem Leben. Demviſelle Herin, 24 Jahre alt, war die Tochter Unt des Portiers in der Militairintendantur. Vor neun Jah⸗ doß ih Vapavoine. ren, im Alter alſo von funfzehn Jahren, hatte ſie die Bekanntſchaft des jungen Gerbod gemacht und eine lei⸗ denſchaftliche Neigung hatte Beide zu einander geführt. Die Eltern des jungen Mädchens müſſen ſie geduldet haben, und die Frucht derſelben waren zwei Kinder ge⸗ weſen— die ermordeten. Der junge Gerbod hatte nicht allein beide Kinder als ſeine anerkannt, ſondern erklärte ſchon ſeit lange, daß es ſein feſter Wille ſei, ſeine Geliebte, die ihn zum Vater gemacht, zu heirathen. Aber ſein Vater war ent⸗ ſchieden gegen dieſe Verbindung. Der alte Gerbod hatte ſeit einer langen Reihe von Jahren eine ſehr anſehnliche Wagenfabrik. Durch ehren⸗ werthen und ausdauernden Fleiß hatte er ſich zu einem ziemlichen Wohlſtande aufgeſchwungen, und es iſt natür⸗ lich, beſonders nach franzöſiſchen Begriffen, daß ihm eine Ehe ſeines Sohnes und Erben mit einem Mädchen ein Stein des Anſtoßes war, die gar nichts beſaß, ſich außer der Ehe von ſeinem Sohn zwei Kinder machen laſſen, und das anſcheinend unter den Augen ihrer Eltern, welche den Verkehr mit dem jungen Gerbod ruhig dul⸗ deten. Der Widerwille des Vaters war um ſo be⸗ greiflicher, als derſelbe gerade jetzt ſein ſehr ausge⸗ dehntes Etabliſſement ihm in vortheilhafter Weiſe über⸗ laſſen wollte. Nun ſollte der Sohn zur Vergeltung auch eine vor⸗ theilhafte Heirath ſchließen. Der junge Gerbod wies aber alle Anträge entſchieden zurück mit Rückſicht auf ſeine beiden natürlichen Kinder und deren Mutter. Es war zu feierlichen und ernſten Scenen, auch zu einer ſehr lebhaften zwiſchen der Familie Gerbod und der De⸗ moiſelle Herin gekommen; doch war damit die Eintracht zwiſchen Vater und Sohn nicht vollkommen geſtört. —.—— 2 ——— —— ——— on em ir⸗ ine ein Fe ſen, ern, dul⸗ he⸗ 39e⸗ er⸗ ies auf Es ner De⸗ Papavoine. 207 Ein erſter Verdacht fiel unter dieſen Verhältniſſen begreiflicherweiſe auf die Familie, auf den Vater Ger⸗ bod. Nur er hatte ein Intereſſe dabei, daß die beiden unehelichen Kinder ſeines Sohnes aus der Welt geſchafft würden. Aber es fehlte alles und jedes weitere Ju⸗ dicium, es widerſprach dem Charakter eines pariſer guten Bürgers und Hausvaters, daß er Banditen dingen ſollte, um zwei unſchuldige Kinder ohne weiteres ermorden zu laſſen. Endlich hat ſich ergeben, daß zwiſchen Papa⸗ voine und der Familie Gerbod nie die geringſte Be⸗ kanntſchaft ſtattgefunden. Ebenſo wenig zwiſchen Demoiſelle Herin und Papa⸗ voine. Sie hatte am 10. October ganz aus freien Stücken, ohne mit Jemand ſich zu verabreden, ſich zum Beſuch der Kinder nach Vincennes begeben. Demoiſelle Malſervait war eine Putzmacherin, die in einem weit entfernten Quartiere von Paris wohnte. Ein Freund, der früher in nahen Verhältniſſen zu ihr ge⸗ ſtanden, und noch jetzt ſie dann und wann beſuchte und unterſtützte, da ſie in bedrängten Umſtänden war, hatte ſie an dieſem Sonntag morgen in der Frühe beſucht, und wollte von dort aus zu ſeinem Bruder aufs Land. Die Malſervait, welche ſchon längere Zeit nicht im Freien geweſen, wünſchte ihn zu begleiten, um ein Mal wieder friſche Luſt zu ſchöpfen. Fournier hatte auch nichts da⸗ gegen, nur wünſchte er gerade nicht bei ſeinem Bruder in ihrer Begleitung zu erſcheinen. Sie verabredeten des⸗ halb, nachdem ſie zuſammen aus Paris gegangen, daß die Malſervait im Park von Vincennes ſpazieren gehen ſolle, während er beim Bruder ſeinen Beſuch mache. In einem der Cafés des Parks wollte er ſie wieder tref— fen.— Die Malſervait traf vorher auf die Mutter mit den Kindern, dann auf Papavoine. Es ſtellte ſich her⸗ Papavoine. aus, daß ſie mit dem Letztern ebenſo wenig als mit den Erſteren die geringſte Bekanntſchaft gehabt. So ſtand alſo Papavoine allein da, räthſelhaft, als er die That ableugnete, und noch räthſelhaft, als er ſie längſt eingeſtanden und zum Schaffot geführt ward. Ueber ſeine frühern Verhältniſſe ward Folgendes ermittelt. Louis Auguſt Papavoine war 1783 oder 1784 in Mouy im Departement de l'Eure geboren Sein Vater, ein wohlhabender Tuchfabrikant, wandte etwas auf ſeine Erziehung und beſtimmte ihn zur Marineverwaltung. Vom zwanzigſten Jahre ab diente der junge Papavoine auf mehren Staatsſchiffen und ſtieg allmälig bis zum Range eines Commis der erſten Claſſe im breſter Ha⸗ fen. Sein Amt brachte es mit ſich, daß bedeutende Geldzahlungen durch ſeine Hände gingen. Ueberall aber hatte Papavoine ſich als ein Mann von ungefälligen Sitten gezeigt. Er floh den Umgang ſeiner Kameraden und ſchien finſter und melancholiſch. Er ging allein ſpazieren, er wählte die einſamſten Orte. Man weiß nicht, daß er jemals zarte Verhältniſſe ange⸗ knüpft, noch daß er ſich den gewöhnlichen Schwächen der menſchlichen Natur hingegeben hätte. Nie vertraute er ſeine Gedanken einem Andern; in allen Geſchäfts⸗ angelegenheiten hatte man dagegen ſeine Gedanken und Vorſtellungen immer klar und richtig gefunden. Als ſein Vater 1823 ſtarb, hinterließ er ſeine Fabrik und Handelsangelegenheiten der Witwe und dem Sohne in der größten Unordnung. Papavoine nahm deshalb Urlaub von ſeinen Obern und reiſte zur Mutter. Hier fand er aber die Dinge noch verwickelter als er gedacht, und, der Ueberzeugung geworden, daß ſeine Mutter ſie 4 Hon den Ha⸗ ende Rann gong liſch Orie· ange⸗ ächen raute ifts⸗ und abrik ohne zholb Hier dacht, e ſe Papavoine. 209 nicht allein betreiben könne, entſchloß er ſich ſeinen Ab⸗ ſchied zu nehmen. Er erhielt ihn mit einer Penſion von 360 Francs und ſiedelte ſich nach Mouy über. Aber ein neues Unglück. Die Fabrik hatte ihre Hauptnahrung von den Lieferungs⸗Aufträgen für die Armee. Das Kriegsdepartement zog ſeine Beſtellungen zurück, und die Lage des Hauſes ward dadurch ſehr kritiſch. Papa⸗ voine ſchien zu bedauern, daß er ſeine ſichere Stellung aufgegeben. Er that deshalb Schritte, wiewol vergeb⸗ lich, in ſein voriges Amt wieder einzutreten. Dieſe Widerwärtigkeiten wirkten ſichtlich auf ſeine Stimmung. Er ward ſo unerträglich, daß die eigene Mutter den erſten beſten Vorwand ergriff, um wenigſtens nicht mehr am ſelben Tiſche mit ihm zu ſpeiſen. Doch blieben Beide im ſelben Hauſe. Gegen Ende September 1824 behauptete Papavoine krank zu ſein. Der Arzt fand auch einige Fieberſymptome und rieth ihm ein Vomitiv zu nehmen und eine kleine Reiſe zu machen. Jenes half ihm etwas und er folgte auch dem zweiten Rathe, er machte ſich auf den Weg nach Beauvais, wo er am 2. October ankam. Hier fand er einige Verwandte und einen Handelsfreund, Na⸗ mens Branchi. Er betrug ſich, wie man es von ihm gewohnt war. Indeſſen hatte die Mutter an die Ver⸗ wandten einen Brief gerichtet, der einige Beſorgniſſe über den Zuſtand ihres Sohnes ausdrückte, und die Ver⸗ wandten erinnerten ſich, daß Papavoine ihnen eine Frage vorgelegt, bezüglich auf den Tod ſeines längſt verſtor⸗ benen Oheims und ſeines Bruders, die ihnen ſehr be⸗ fremdend geklungen. Am Morgen nach ſeiner Ankunft in Beauvais er⸗ hielt Papavoine, der inzwiſchen immerfort beim Kriegs⸗ miniſterium ſollicitirt hatte, unerwartet durch ſeine Mutter 210 Papavoine. zwei Beſtellungen, welche in ſeiner Abweſenheit vom Miniſterium für ihn eingelaufen waren. Die Papiere deshalb bedurften aber noch einiger Förmlichkeiten, welche zu beſorgen er ſich ſchnell entſchloß nach Paris zu reiſen. Nachdem er etwas Geld zu der Reiſe aufgenommen, kam er am 6. October in Paris an. Da er nichts bei ſich hatte, als was er von ſeinen Sachen zum kleinen Ausflug nach Beauvais mitgenommen, ſchrieb er an die Mutter, ſie möchte ihm das Nöthigſte nachſchicken. Es iſt beachtenswerth, daß ſich unter den Sachen, die er ſelbſt aus Mouy mitgenommen, zwei Meſſer befanden, beide ſcharf, aber nicht zum Zuſammenlegen. Er ſtieg ab im Hotel de le Providence in der Rue Saint⸗Pierre⸗Montmartre und begab ſich augenblicklich zu ſeinen Geſchäftsfreunden, ſehr ehrenwerthen Kaufleu⸗ ten, denen er die Miniſterialpapiere übergab, um ſie ſtempeln zu laſſen. Die vier Tage bis Montag, den 10., hatte er zurückgezogen in Paris gelebt. An dieſem Tage lockte ihn, nachdem er ein beſcheidenes Frühſtück eingenommen, das ſchöne Wetter zu einem Spaziergange nach Vincennes. Daß er nicht in Mordabſicht ausge⸗ gangen, dafür ſpricht der Umſtand, daß er keines der beiden Meſſer mitgenommen, ſondern ſich eines, aber ein ähnliches(ein Tiſchmeſſer), erſt in Vincennes kaufte. Vor dem Inſtructionsrichter ſtellte Papavoine ent⸗ ſchieden jede Betheiligung an der That in Abrede. Er beſtritt die Ausſagen gegen ihn als ganz falſch, oder ſuchte ſie anders zu erklären, und verrieth dabei eine Klarheit und Schärfe des Verſtandes, ja eine Geſchick⸗ lichkeit, die nicht gewöhnlich war. vom wiere velche riſen. nmen, s bei leinen m die 66 die et nden, Rue cklich fleu⸗ n ſi „den ieſem hſic gange musge⸗ 6 der et ein te. ent⸗ oder eine ſchic⸗ Papavoine. 211 Bei dieſem Ableugnungsſyſteme verblieb er vom 10. October bis zum 15. November, ohne ſich zu widerſpre⸗ chen. Von dem Tage an verfiel er, zur Ueberzeugung gekommen, daß Jenes ihm nicht mehr gegen die Maſſe von Beweiſen helfen könne, ja daß es ſeine Lage ſehr verſchlimmere, in ein neues Syſtem, welches er mit eben ſo viel Geſchicklichkeit entwickelte. Papavoine erklärte, er habe wichtige Entdeckungen zu machen, von einer Wichtigkeit, deren ſich Niemand ver⸗ ſehen werde. Bedingung aber ſei: daß er ſie nur in Gegenwart zweier erlauchten Prinzeſſinnen mache. Der Reſpect vor ihrem Range und die Criminalformen ge⸗ ſtatteten das aber nicht; auch ſcheint man von Anfang an nicht großen Glauben dieſer Andeutung geſchenkt zu haben, daß ein politiſches Verbrechen hier zum Grunde liege. Als man es obſchlug, bat er wenigſtens um die Gunſt, vor einer der beiden Prinzeſſinnen allein er⸗ ſcheinen zu dürfen. Auch das ward nicht gewährt. Er mußte ſprechen. Er bekannte jetzt, ja er ſei der Mörder der beiden Kinder, aber er habe ſich furchtbar getäuſcht, indem er das Blut der beiden unſchuldigen Knaben der Demoi⸗ ſelle Herin vergoſſen, ſeine Abſicht ſei geweſen: die beiden Kinder der königlichen Familie um— zubringen. Dieſe Erklärung täuſchte Niemand. Ihr widerſpra⸗ chen die Thatſachen, Papavoine's politiſche Anſichten, die Wahrſcheinlichkeit ſelbſt. Es war nur ein neues Syſtem der Vertheidigung: er wollte ſich den Schein eines Ra⸗ ſenden geben. Er fuhr in dieſem Syſteme fort. Ungefähr um die⸗ ſelbe Zeit ſollten ihm ſeine Mitgefangenen ein Meſſer 212 Papavoine. verſchaffen, aber ein recht ſcharfes. Einſt ſprang er in der Nacht auf und gab vor, er ſuche nach einem ſolchen Meſſer. Dann verſuchte er ſein Bett in Brand zu ſtecken. Am 17. November riß er wirklich einem Mit⸗ gefangenen ein Meſſer aus der Hand und ſtieß damit auf einen jungen Menſchen, Labiey, der ihm nichts ge⸗ than hatte. Man verhinderte ihn glücklicherweiſe an einer neuen Mordthat, dennoch hatte er ihm gefährliche Verwundungen beigebracht.— Einer der Verbrecher, die neue Verbrechen begehen, um darin Rechtfertigungsgründe für ein älteres ſich zu präpariren. Die ſchwierigſte Aufgabe der Anklageacte war, die Beweggründe, die Papavoine zu der entſetzlichen That getrieben, aufzufinden. Sie ſtellte folgende Fragen: „Iſt Papavoine der allein Schuldige, oder hat er Mit⸗ ſchuldige, Urheber ſeiner That, oder iſt er gar nur ein Werkzeug Anderer? „Alle deshalb aufgeſtellte Vermuthungen ſind von der Juſtiz aufs ſorgfältigſte geprüft worden, um die Wahr⸗ heit zu erforſchen. „Die allgemeine Urſach der Verbrechen iſt das Ver⸗ brechen. Welches Intereſſe kann Jemand gehabt haben, zwei arme uneheliche Kinder umzubringen? Iſt Papa⸗ voine nur ein Werkzeug, von Andern ausgeſchickt, ſo kann es nur die Familie Gerbod ſein,— denn es iſt Pflicht, vor keiner Vermuthung zurückzuſchrecken,— welche ihm den Auftrag ertheilt, um eine ihr verhaßte Heirath zu verhindern.“ Die Anklageacte weiſt dieſe Vermuthung aus mora⸗ liſchen und juridiſchen Gründen vollſtändig zurück. „Wenn nun aber Papavoine keine Mitſchuldige hat, was kann ihn perſönlich getrieben haben? „Er hat gewagt ein Motiv aufzuſtellen, was uns —————— + er in olchen d zu Nit⸗ damit ts ge⸗ iſe an hrliche et, die gründe r, die That Mit⸗ n det Pahr Pet⸗ haben, Papo⸗ ft, ſo es iſt welche eirath mora⸗ e hat, uns Papavoine. 213 zittern macht. Ueberführt durch Thatſachen, und in der Unmöglichkeit, einem furchtbaren Beweiſe zu entſchlüpfen, wollte er ſein Verbrechen wenigſtens aus der Claſſe der gemeinen Meuchelmorde zur Würde eines politiſchen Ver⸗ brechens erheben. „Kann man glauben, was er jetzt will, daß ſein Ver⸗ brechen das Reſultat iſt einer Raſerei? Als ſolches wünſchte, ſo wünſcht er auch heute noch es darzuſtellen. Um daran glauben zu machen, verſuchte er einen zwei⸗ ten Mord ohne Grund und Urſach. „Aber ſeine Anſtrengungen ſind auch in dieſer Be⸗ ziechung vergeblich. In der ganzen Unterſuchung hat ſich kein Factum ergeben, aus dem wir nicht ſchließen müß⸗ ten, daß ſeine Vernunft ebenſo klar iſt als die anderer Menſchen. Ja, ſeine Antworten in den Verhören ſind wahre Meiſterſtücke der Dialektik, voll Scharfblick, leuch⸗ tenden Ideen und trefflicher Argumente. Man muß ſie leſen, man muß ihn ſehen und hören, um überzeugt zu werden, daß in Papavoine kein geſtörter Sinn lebt. Er iſt ein Mann, der ſpricht, denkt und handelt wie jeder Andere, in dem es aufblitzt wie bei Andern, und der Ver⸗ ſtand genug hat, um ſich über alle Dinge eine richtige Anſchauung zu verſchaffen, wie jeder Andere. „Allerdings mag dieſe Vernunft, wie es auch andern Menſchen paſſirt, nicht immer die ſtärkſte ſein im Kampf mit den Leidenſchaften. Allerdings mögen in ſeiner ge⸗ heimen, düſter finſtern, gallichten Organiſation furchtbare Neigungen ſchlummern, ein Inſtinct angeborener Wild⸗ heit, Gelüſte einer barocken Grauſamkeit, ſcheußliche miſanthropiſche Launen, die bis zu einer Art Wuth auf⸗ kochen können gegen Weſen, die glücklicher als er ſind, Neigungen und Gelüſte, die man nur nach ernſten Käm⸗ pfen und mit äußerſter Willensſtärke beſeitigt, und dieſe ——— 214 Papavoine. diaboliſche Dispoſition mag ihn hingeriſſen haben, ſich einem barbariſchen Durſt nach dem Blute Anderer zu übergeben und ſeinen entzügelten Neid im Glücke An⸗ derer zu befriedigen. Da könnte man vielleicht den Grund ſeines Verbrechens ſuchen. „Möglich bleibt aber immer, daß es das Reſultat irgend eines entſetzlichen Myſteriums iſt, welches die Obrigkeit trotz alles Eifers und allen Scharfſinns nicht zu entdecken vermocht hat. Alles dies würde uns aber zu tief ins Gebiet der Vermuthungen ſtürzen, und die Juſtiz hat nicht nöthig, in die Abgründe des menſchlichen Herzens ſich zu verirren. Was ſie nöthig hat zu wiſſen, iſt bewieſen: das Verbrechen ſteht feſt; die Leichen der beiden unglücklichen Kinder ſind da; der Schuldige iſt überführt, die Beweiſe ſchmettern ihn nieder, ſein Ge⸗ ſtändniß verſtärkt die Beweiſe. „Das Geſetz iſt da, welches über Die urtheilt, welche aus Begierde oder Neid, aus Rache oder inſtinctmäßig aus Wildheit ſich freiwillig im Menſchenblute gebadet haben. Es iſt erlaubt, ungewiß zu bleiben über die wahre Urſache des Verbrechens, wenn man es nur nicht über das Verbrechen ſelbſt iſt. Das Uebrige gehört vor Gott und das Gewiſſen des Schuldigen; die menſchliche Gerechtigkeit weiß genug davon, um die Geſellſchaft zu vertheidigen. „Demgemäß iſt Louis Auguſt Papavoine angeklagt: 1) am 10. October 1824 freiwillig, mit Vorbedacht und hinterliſtig einen Meuchelmord an den Perſonen der beiden Kinder Gerbod, 2) am 17. November ebenfalls freiwillig und mit Vorbedacht einen meuchelmörderiſchen Anfall auf die Perſon eines gewiſſen Labiey ausgeführt zu haben; wel⸗ cher letztere Anfall, bekundet durch vorangängige Hand⸗ Papavoine. 215 lungen und gefolgt durch theilweiſe Vollſtreckung, nur durch Umſtände, die mit dem Willen ihres Urhebers in keiner Verbindung ſtehen, mislang.“ Der Anfang der Debatten dieſes Prozeſſes ward mit beſonderer Reugier erwartet, indem man ſich der Hoff⸗ nung hingab, daß ſich in ihrem Verlaufe ein wunder⸗ bares Geheimniß enthüllen könne. Sie fanden am 23. Februar 1825 vor dem Aſſiſen⸗ hof der Seine unter dem Präſidium von Hardouin ſtatt, natürlich unter großem Zudrang, beſonders von Damen. Papavoine erſchien ſorgfältig gekleidet. Er war ruhig und ſeine Züge trugen den Ausdruck einer zur Gewohn⸗ heit gewordenen Traurigkeit. Seine Hautfarbe blaß, Kopfhaare und Bart kaſtanienbraun, Wuchs ſchlank und elaſtiſch. Um Papavoine in ſeiner ganzen Erſcheinung aufzu⸗ faſſen, iſt es zweckdienlich, mit ſeinen Antworten auch über die unerheblichen Umſtände, die den Ausſagen über die That ſelbſt vorangingen, anzufangen. Präſident. Papavoine, um welche Zeit traten Siec in die Marine? Papavoine. Um 1803; ich war bei der Seeadmi⸗ niſtration von Breſt angeſtellt. Präſ. Ihr Vater hatte ſchlechte Geſchäfte gemacht? Pap. Ja, mein Herr, ſein Manufacturgeſchäft war mit Schulden überladen, bis zu einer Höhe, die dem Werthe gleich kam. Präſ. So waren Sie und Ihre Mutter, beim Tode Ihres Vaters auf die Penſion von 360 Francs be⸗ ſchränkt, welche Sie aus der königlichen Marine bezogen? Pap. Ja, mein Herr! 216 Papavoine. Präſ. Warum reiſten Sie von Mouy nach Beau⸗ vais? Pap. Ich hatte eine innere Unruhe, ich war krank, gequält, verſtimmt. Präſ. Warum kamen Sie nach Paris? Pap. Meine Mutter hatte mir die Papiere des Kriegsminiſters, bezüglich der Lieferungen überſandt. Sie waren noch nicht in voller Ordnung; ich mußte ſie in Ordnung bringen laſſen. Präſ. Sie brachten zwei Meſſer mit, die Sie in der Regel nicht mit ſich führen? Pap. Ich nahm ſie zu meiner Vertheidigung mit. Präſ. Warum gingen Sie Sonntag am 10. October nach Vincennes? Pap. Um mich zu zerſtreuen. Meine innere Un⸗ ruhe war groß. Ich fühlte mich unwohl; ich mußte Luft ſchöpfen. Nachdem er über ſeine Bekleidung Auskunft gegeben, fragte der Präſident weiter:„Sie folgten einer Frau in einem Roſakleide?“ Pap. Möglich, daß ich es that; aber es geſchah mechaniſch. In meiner Unruhe wußte ich nicht, was ich that. Präſ. Sie folgten dieſer Frau in einen Kaufladen? Pap. Ich erinnere mich nicht. Präſ. Sie ſahen dieſe roſa gekleidete Dame, wie ſie mit einer andern Frau ſich unterhielt, die zwei Kin⸗ der bei ſich hatte? Pap. Ich erinnere mich nicht. Ich war in einem beklagenswerthen Zuſtande, ich wußte nicht, was ich that. Präſ. Sie kauften in dem Laden, in den die Roſa⸗ dame eingetreten, ein Meſſer? Pap. Ja, mein Herr. de zu ie in nit. ober Un ußtt ben, Frou ſchch was dent wie Kin⸗ inen thal Roſo Papavoine. 21 Präſ. Welche Abſicht hatten Sie dabei? Pap. Ich ſah einen Donjon in Vincennes. Ich glaubte, daß Gefangene darin wären. Ich glaubte, ich würde ſie mit meinem Meſſer be— freien können. Präſ. Sie kauften das Meſſer aber erſt, nachdem Sie die Roſadame geſehen, wie ſie die Kinder liebkoſte... Auch haben Sie früher nichts davon geſagt, daß Sie die Gefangenen befreien wollten. Pap. Ich war im Fieber. Meine Gedanken waren nicht klar. Ich wußte nicht, was ich that. Präſ. Das Meſſer war in Ihrer Taſche verſteckt. Pap. Ich glaube ja. Präſ. Erſt nachdem Sie die Kinder geſehen, haben Sie das Meſſer gekauft. Weshalb haben Sie die Kin⸗ der niedergeſtoßen? Pap. Mein Wille war nicht klar, nicht geſund. Ich weiß ja nicht, wie es kam, daß ich zuſtieß. um all mein Blut wünſchte ich, daß ich ihres nicht vergoſſen hätte. Es iſt ja eine vollſtändige Raſerei, in der ich das Unbegreifliche gethan. Präſ. Aber Sie erinnern ſich doch, daß Sie die Kinder erſtachen? Pap. Ja, mein Herr! Präſ. Was machten Sie mit dem Meſſer? Pap. Ich ſtieß es in die Erde. Präſ. Doch hatten Sie nachher das Bewußtſein, daß Sie ein Verbrechen begangen, denn Sie ſuchten zu fliehen? Pap. Die Handlung, die ich wider meinen Willen beging, hat eine plötzliche Revolution in mir hervorge⸗ bracht. Da wußte ich denn freilich, was ich gethan. Präſ. Im Fliehen ſtießen Sie auf einen Kanonier? XV. 10 218 Papavoine. Pap. Ja, mein Herr. Präſ. Sagten Sie nicht zum Gendarmen, der Sie anhielt, daß er ſeine Zeit verlieren, und daß er darüber vielleicht den wahren Meuchelmörder entſchlüpfen laſſe? Pap. Ich glaube, daß ich das geſagt habe. Präſ. Sie verharren alſo nicht dabei, daß es in Ihrer Abſicht gelegen, die königlichen Kinder Frank⸗ reichs umzubringen? Pap. Dieſe Abſicht habe ich nie gehabt. Wenn ich es ein Mal geſagt, geſchah es, um endlich der Laſt von Fragen überhoben zu ſein. Ueber dieſen Umſtand gab die Verleſung eines Pro⸗ tocolls aus den Unterſuchungsacten genügende Auskunft. Als man Papavoine vor den Unterſuchungsrichter führte, bat eine Frau die Gendarmen, man möchte ihr doch Pa⸗ pavoine zeigen. Ein Gendarm ſagte:„Da ſieh ihn, das iſt er, der die Kinder von Frankreich hat umbringen wollen.“ Papavoine hörte die Worte, und ſie entzün⸗ deten in ihm den Gedanken, ſich für einen intentionirten Mörder der königlichen Kinder auszugeben. Präſ. Sie ſchützen vor, daß ein hitziges Fieber, eine Art Abweſenheit des Geiſtes Sie zu der That ver⸗ leitet habe, aber Alles, was Sie ſeit Ihrer Abreiſe von Beauvais gethan, ſpricht für das Gegentheil. Die Briefe an Ihre Mutter ſind voll geſunden Menſchenverſtandes. Ein Wahnſinn kann daher Ihre Arme nicht geleitet haben. Pap. Aber ſagen Sie mir, welch ander Motiv konnte ich denn gehabt haben? Ich hatte ja nicht das geringſte Intereſſe dabei. Präſ. Das iſt Ihr Geheimniß. Bisher hat man darüber nichts entdecken können... Wenn man indeſſen Alles prüft, was vor und nach dem Morde geſchehen, ſo muß der Anfall von Raſerei Sie gerade beim Anblick ———— c Sie rüber es in jtant⸗ nn ich ſt von Pro⸗ kunft ihrke, Pe⸗ ingen tzun⸗ nirten iebtl, t ve⸗ ſe von Brifft ande habel⸗ Noti t da t man ndeſin chehe ſ Anbl Papavoine. 219 der Kinder ergriffen haben, um Sie gleich nach der That wieder zu verlaſſen.— Gleich nach dem Morde führte man Sie vor die Mutter, die ausrief:„Da iſt der Mörder meiner Kinder!“ Und Sie erwiderten: Sie kennten die Frau nicht. Man führte Sie vor die Lei⸗ chen der Kinder, und Sie erklärten, Sie kennten ſie nicht. Alle Ihre Antworten zeigten von klarer Beſinnung. Pap. Dieſes Verbrechen war ſoweit von mei— nen Gedanken entfernt, daß ich wirklich glaubte, ich hätte es nicht begangen. Uebrigens hatte ich ja eine Familie und ich dachte, ich dürfe ſie nicht ent⸗ ehren, indem ich das Verbrechen eingeſtände. Präſ. Aber Sie leugneten 6 Wochen durch hart⸗ näckig, daß Sie der Urheber des Doppelmordes in Vin⸗ cennes wären! Sie erklärten, daß es ein Misverſtänd⸗ niß ſei, und vertheidigten dieſe Behauptung mit vielem Verſtande, und erſt nachdem Sie erfuhren, daß die Aus⸗ ſagen der Mutter und vieler anderer Perſonen gegen Sie zeugten, erklärten Sie, daß es Ihre Abſicht geweſen, die königlichen Kinder Frankreichs umzubringen. Erklären Sie das den Herren Geſchworenen. Alles zuſammen genommen ſpricht gegen Sie und dafür, daß Sie nicht toll waren. Pap. Ich bin voller Entſetzen, voll Angſt, aber nie habe ich das Verlangen geſpürt, Blut zu vergießen. Ich habe nicht mit Vernunft gehandelt. Präſ. Als Sie ſagten, daß Sie die Kinder von Frankreich umbringen wollten, ſo ſchmückten Sie dieſe Erklärung mit ſo vielen Umſtänden aus, mit wahren und wahrſcheinlichen, daß es außer allem Zweifel iſt, Sie waren damals im vollen Beſitz Ihrer Vernunſt. Zum Beiſpiel ſagten Sie, daß eines der Kinder, die Sie getödtet, einem der Kinder von Frankreich ſo ſehr ähn⸗ 10* 220 Papavoine. lich ſehe. Auch Ihre Vertheidigung jetzt ſpricht davon, daß Sie im vollkommenſten Vernunftzuſtande ſind. Pap. Auch gebe ich ja nicht vor, daß ich immer toll wäre. Präſ. Warum verwundeten Sie am vorigen 17. November einen armen Gefangenen? Pap. Es geſchah in einem Anfall von Wahnſinn. Die Entlaſtungszeugen, welche die Vertheidigung auf⸗ geſtellt, bekundeten, daß er allerdings dann und wann Proben eines kranken Gehirns, aber in den meiſten Fällen einen ſehr geſunden Verſtand und den vollen Ge⸗ brauch aller ſeiner Sinne gezeigt. Jetzt ward Demoiſelle Hérin vorgeführt. Sie ſah ſehr angegriffen aus, der Präſident ließ ſie ſich nieder⸗ ſetzen. Kaum aber hatte ſie einige Worte vorgebracht, als ſie in Ohnmacht fiel. Man mußte ſie aus dem Saal bringen, aber der Präſident erklärte, ſo gern er ihr auch das ſchmerzliche Zeugniß erlaſſen hätte, ſei es doch nothwendig. Der junge Gerbod zerfloß in Thrä⸗ nen. Nachdem ſie wieder zu ſich gekommen und herein⸗ geführt war, ſprach ſie ſo leiſe, daß der Präſident ihre Worte den Geſchworenen wiederholen mußte. Die Herin ſagte aus: nachdem ſie ihre Kinder ange⸗ zogen, hätte ſie ſie auf die Promenade geführt. Eine Frau in einem Roſakleide näherte ſich den Kindern, ſtellte verſchiedene Fragen an ſie, und ſchlug dem älteſten (ſcherzhaft) vor, es mit ſich zu nehmen. Der Knabe aber wollte nicht. Die Fremde küßte die Kinder und ging fort. Bald darauf bemerkte die Herin einen Herrn, deſ⸗ ſen Geſicht ihr ſchon unangenehme Ahnungen erweckte. Aus ſeinem blauen zugeknöpften Ueberrock und ſeiner ſchwarzen Cravatte ſchloß ſie, daß er ein Offizier ſei und hielt ihn für den Mann der Roſadame. won, nmer 17. ſinn. auf⸗ wann riſten nGe⸗ ſah eder racht, dem net ei es Lhrä⸗ erein⸗ t ihre ange Eint ndern teſten e aber gin , deſ vect ſeine in ſi Papavoine. 221 Kaum hatte ſie das bei ſich gedacht, als ſie auch ſchon Beide mit einander ſprechen ſah. Sie führte ihre Kinder jetzt ins Gehölz und theilte unter ſie das frugale Früh⸗ ſtück, welches ſie mitgebracht. Da fing es an zu regnen, und ſie führte ihre Kinder nach der Seite von Vincen⸗ nes zurück, als derſelbe Mann, der ſchon ein Mal bei den Kindern vorübergegangen, ſich ihr näherte und mit einer abſcheulichen Stimme zu ihr ſagte:„Ihre Prome⸗ nade iſt bald zu Ende.“ Im ſelben Augenblicke iſt er ſchon bei dem einen Kinde, ſticht es und wirft es in den Graben. Sie glaubt, er habe dem Kinde nur einen Fauſtſtoß gegeben und ſie verſetzt dafür dem Menſchen einen Stoß mit dem Regenſchirm. Ohne ſich daran zu kehren, hat ſich Dieſer aber raſch umgewandt, hat das zweite Kind ergriffen und es mit ihm ebenſo gemacht. „Als ich meine Kinder umgebracht ſah, fiel ich in Dhnmacht.“ Sie ſelbſt mußte nach dieſen Worten hin⸗ ausgeführt werden; ſie hatte nichts mehr zu ſagen. Als eine eigenthümliche Perſon in dieſem Proceß trat der Zeuge Davesne, Notar zu Vincennes und Stellver⸗ treter des Friedensrichters auf. Er benachrichtigte mit Wichtigkeit den Präſidenten, daß er ſehr Vieles über die Familie Gerbod wiſſe, daß er es aber nicht ſagen könne, weil alles ihm nur in ſeiner Eigenſchaft als Notar mit⸗ getheilt worden. Indeſſen gab er doch einige Auskunft über das, was beim erſten Verhör mit Papavoine vor⸗ gefallen war. Dieſer ſchien nicht im geringſten bewegt. Auch da nicht, als man in ſeiner Gegenwart mit der Leichenſchau der Kinder verfuhr. Präſident. Papavoine, Sie ſchienen ohne Theil⸗ nahme und Bewegung vor den Leichen der geſchlachteten Kinder, und Sie haben dieſe anſcheinende Ruhe in einem Verhör vor dem Inſtructionsrichter erklärt, indem Sie 222 Papavoine. ſich der Worte bedienten:„Ich war von Schmerz zer⸗ riſſen; aber ich ſuchte meiner Bewegung Herr zu wer⸗ den.“ Jemand, der ſo Herr ſeiner ſelbſt iſt, iſt nicht geſtört. Der Präſident wandte ſich noch ein Mal zum Zeu⸗ gen Davesne und fragte ihn: ob das Viele, welches er über die Familie Gerbod wiſſen wolle, Bezug habe auf den gegen Papavoine geführten Prozeß und auf die Er⸗ mordung der Kinder? Davesne antwortete nicht, machte aber ein Zei⸗ chen, welches anzudeuten ſchien, daß ſie darauf bezüg⸗ lich wären. Präſ. Sagen Sie aus, was Sie wiſſen. Ich frage Sie kraft meiner richterlichen Gewalt. Sie können, Sie müſſen antworten. Davesne. Herr Gerbod, der Vater, wollte nicht in die Ehe ſeines Sohnes willigen. Dieſer junge Mann iſt ſehr ſanften Gemüthes und ich lud ihn ein, dem Wil⸗ len ſeines Vaters ſich zu fügen. Endlich willigte er auch ein und entſagte. Man ſtellte nun dem Vater vor, daß er das Schickſal der Kinder ſichern müſſe, und er ver⸗ ſprach ihnen, eine Penſion auszuſetzen. Im Verlauf des 10. October nun kamen die Schwiegerſöhne des Herrn Gerbod, die Herren Longueil und Belhomme zu mir, und fragten mich über die Umſtände der Mordthat aus. Ich antwortete ihnen nur, daß ich als Stellvertreter des Friedensrichters, das iſt als Beamter der richterlichen Polizei, eigentlich von Dem nichts ſagen dürfe, was Pa⸗ pavoine in ſeinen Verhören ausgeſagt. Präſ. So hatte Sie doch Herr Longueil gefragt, ob Papavoine Entdeckungen gemacht? Davesne. Ja, mein Herr Präſident, das iſt gerade die Frage, die er an mich richtete. Auch Herr Belhomme zer⸗ wer⸗ nicht Zeu⸗ e auf ie Er⸗ ezüß⸗ frag . Sit nicht Nann auch „daf vet⸗ f des Herrn mit, allb des lichen Pe⸗ fragl eradt mm Papavoine. 223 richtete ſie an mich und ſchien ſehr dringlich, daß ich ihm antworten ſolle. Longueil ward vorgerufen, konnte ſich aber nicht er— innern, daß er dieſe Frage gethan. Davesne wiederholte es mit Beſtimmtheit und fügte hinzu, ihm habe ge⸗ ſchienen, als ob Herr Longueil ein ſehr lebhaftes In⸗ tereſſe an allen Umſtänden der Begebenheit genommen. Präſ. Schien er bewegt? Davesne. Er war ſehr erhitzt. Longueil. Ich war gelaufen. Einer der Geſchworenen forderte hier von Longueil, daß er davon Rechenſchaft gebe, wie er den Tag am 10. October verbracht. Der Zeuge führte einige Ein⸗ zelheiten an. Ein anderer Geſchworener verlangte, daß auch Bel⸗ homme erſcheine. Er ſolle erklären, ob er ſich bei Da⸗ vesne am Tage des Mordanfalls eingeſtellt und in wel⸗ cher Abſicht dies geſchehen ſei? Belhomme erſchien auch wirklich, aber ſagte nicht mehr aus, als daß er etwa 5 Minuten bei Herrn Da⸗ vesne geblieben, und Herrn Davesne über nicht mehr befragt habe, als was alle Welt in ſeiner Stelle ge⸗ than haben würde. „Nein, mein Herr“, ſagte Davesne zu Belhomme, „die Fragen, welche Sie an mich richteten, waren durch⸗ aus nicht in ſo gleichgültiger Weiſe vorgebracht. Sie drangen darauf, ich ſollte Ihnen ſagen, ob nicht Papa— voine Enthüllungen gemacht habe?“ Belhomme entgegnete: Wenn dieſe Fragen mich wirk— lich ſo intereſſirt hätten, wie hier behauptet wird, würde ich ſie doch nicht vor den Schreibern des Herrn Da— vesne gethan haben. Ich habe aber gar nicht ſo ſehr 224 Papavoine. darauf gedrungen, da ich im Ganzen nur 5 Minuten dort geblieben bin. Davesne ſenkte den Kopf und antwortete nicht. Am 26. hielt der Generaladvocat ſeine Schlußrede. Es war dieſer Generaladvocat ein Mann, der bald dar⸗ auf zu einer traurigen politiſchen Berühmtheit gediehen, und ſeine Plaidoyers nicht mehr gegen Mörder aus Mo⸗ nomanie, ſondern im Sinne autokratiſcher Monomanie gegen die Forderungen einer ganzen Nation vor einer höhern Curie abhalten ſollte— der Vicomte de Pey⸗ ronnet. Seine Rede dürfte daher, ſchon der perſönli⸗ chen Bedeutung des Redners wegen, hier auf einen Platz Anſpruch machen, wenngleich ſie mehr oratoriſch als von tiefer eindringenden pſychologiſchen Blicken be⸗ gleitet iſt: „Meine Herren, der Haß, der Ehrgeiz, die Rache und die wilde Begier ſind im Allgemeinen die Leiden⸗ ſchaften, welche Gemüther zu den Verbrechen hinreiße unter denen die menſchliche Geſellſchaft leidet. Unglück⸗ licherweiſe ſah man aber auch bisweilen Menſchen zu Verbrechern werden durch einen zügelloſen Hang zum Laſter, und mit dem einzigen Zwecke, einer Wildheit zu fröhnen, von der in der Regel die menſchliche Ratur frei iſt. Müſſen wir Handlungen dieſer Art Ihrer Juſtiz anzeigen, ſo werden Sie uns ohne Verſicherung glauben, daß unſre Aufgabe zugleich ſchmerzlich und ſchwierig iſt. k „Es koſtet Mühe, an ſo viel Grauſamkeit in einem Mitmenſchen zu glauben, und man empfindet das Be⸗ dürfniß, die furchtbare Wahrheit immer wieder in Zwei⸗ fel zu ziehen. Auch Sie, meine Herren, mögen immer⸗ inuten Frede d dar⸗ diehen, omanie einer Meh⸗ ſönli einen oriſch en be⸗ Rache eiden⸗ reißen, glüc⸗ en zu zum eit zu Natut Ihrer erung und einen E ʒwei nml Papavoine. 225 hin nachgeben der erſten Regung Ihrer Herzen, denn können Sie glauben, daß Ihre Zweifel, eingegeben von Ihrer Humanität, über die Beweiſe den Sieg davon⸗ tragen werden? Sie werden den Angeklagten ſo wenig als wir unſchuldig erklären können. Die Ihnen vorge⸗ legte Anklageacte iſt nicht zerſtört; die Beweiſe, welche ſie unterſtützen, haben durch die Oeffentlichkeit eine furchtbare Stärke erhalten. „Sie zeigt Ihnen ein großes Verbrechen. Sie zeigt Ihnen den Schuldigen, und die Geſellſchaft ſetzt ihr Ver⸗ trauen auf Ihre Erleuchtung und Ihre Unparteilichkeit. Indeſſen, meine Herren, müſſen wir Ihnen die Gründe unſter Ueberzeugung auseinanderſetzen.“ Der Ankläger prüfte nun mit großer Genauigkeit und Schärfe die ganze Lebensgeſchichte des Angeklagten. Er verfolgte ihn auf den Staatsſchiffen, auf denen er gedient, in den Hafen von Breſt, in die Manufactur von Mouy. Ueberall findet er ihn, ſeine Pflichten er⸗ füllend, und mit merkwürdiger Klugheit und Pünktlich⸗ keit. Bei der Betrachtung der Thatſache des Verbre⸗ chens ſelbſt prüfte er beſonders, ob hier der Begriff des Auflauerns daſei. „Um den erſchwerenden Umſtand des Vorbedachts zu entfernen, hat der Angeklagte vorgeſchützt, er habe das Meſſer gleich nach ſeiner Ankunft in Vincennes gekauft. Das Mädchen Malſervait, als Zeugin, hat dieſe Erklä⸗ rung unterſtützt. Sie werden mir beiſtimmen, meine Herren, wie wenig Vertrauen man dieſer Zeugin ſchen⸗ ken kann, wenn man die ganz beſondere Lage betrachtet, in der ſie ſich befunden, in der ſie ſich befindet, in der ſie ſich vielleicht einſt befinden wird.“(Wozu das! Wie wenig kommt darauf an; wie wenig wäre daraus zu ſchließen, da der Meſſerankauf ſelbſt auch durch das 226 Papavoine. Zeugniß der Frau Jean feſtſteht. Peyronnet's Art war es auch als Staatsmann, mit giftigen Pfeilen zu ver⸗ wunden.) Nachdem er auch das Attentat auf Labiey dargeſtellt, fuhr er fort:„Von uns fordern, daß wir die Motive zu wiſſen thäten, welche die Arme des Schuldigen be⸗ wegten, als er mitleidlos ſeine Opfer niederſtieß, hieße mehr von uns fordern, als wir zu thun verpflichtet ſind, und wir hätten das Recht zu antworten: Welches auch die Leidenſchaft geweſen, die ihn mit ſich riß, das Ge⸗ ſetz will den Schuldigen erfaſſen. Aber wir wollen uns dieſes Rechts nicht bedienen. Denn nichts darf in einer ſo wichtigen Sache ohne Aufklärung bleiben. Ver⸗ ſuchen wir daher dieſes bis da undurchdringliche Myſte⸗ rium zu enthüllen.“ Der Staatsanwalt entwickelte ſeine Anſicht, daß man den Argwohn, der auf die Familie Gerbod gefallen, ganz entfernen müſſe. Nur der wilde Inſtinct habe Pa⸗ pavoine geleitet.„Er hat nur getödtet, um menſchliches Blut zu vergießen und einer wilden Leidenſchaft zu ge⸗ nügen.— Wohl wiſſen wir, daß beim erſten Blick dieſe Auffaſſung nicht Ihre Beiſtimmung hat. Wenn Sie aber den von uns geſammelten Beiſpielen einige Auf⸗ merkſamkeit ſchenken wollen, zweifeln wir nicht, daß das Unwahrſcheinliche auch vor Ihnen verſchwindet, wie es allmälig auch vor unſeren Augen verſchwand. Wir wol⸗ len nicht alle in der Geſchichte enthaltenen Beiſpiele von verwilderten Menſchen aufzählen, die aus keinem andern Grunde als aus ihrer Grauſamkeit Anderen den Tod gegeben; denn dieſe Beiſpiele ſind leider nicht ſelten; wir erlauben uns aber, Sie an die minder beranie Fälle zu erinnern. „Der vielgenannte Don Carlos, Philipp's II. Sohn, war ver⸗ tellt, otive ube⸗ hieße ſind, auch uns einet Ver⸗ man Aen, vr iches 1 ge dieſe Sie Auf⸗ das ie es wol⸗ von dern Tod teni nten john, Papavoine. 227 kannte kein größeres Vergnügen, als den Todeszückungen der Thiere zuzuſehen, die er unmenſchlich getödtet hatte. Als er noch ein Knabe war, hatte ihm eines Tages ein anderer Knabe misfallen. Er drang darauf, daß man ihn hängen ſolle. Und dieſer ſcheußlichen Laune wurde kaum genug gethan, als man das arme Kind in ei⸗ ner naturgetreuen Abbildung vor ſeinen Augen wirklich aufknüpfte. „Calvino Fonduli ward wegen verſchiedener Verbre⸗ chen zum Tode geführt. Im letzten Augenblicke des Schreckens erklärte er, daß er gar keine Reue empfinde und nur einen Verdruß: den, daß er den Papſt Jo⸗ hann XXIII. und Kaiſer Sigismund nicht von den Zin⸗ nen des Thurmes von Cremona herabgeſtürzt, auf wel⸗ chen er Beide geführt hatte. Sein einziger Beweggrund: daß man doch von ihm geſprochen haben würde. „Ein großer Monarch, der aber ſein Andenken durch furchtbare Thaten befleckt hat, Peter der Grauſame, weidete ſich an den Hinrichtungen, die er zuweilen ſelbſt vollſtreckte. Er geſtand ſelbſt ein, daß er darin ſeine Sinnesart nicht habe überwinden können. „Möchten dieſe Lehren nicht verloren ſein! Möchten ſie Denen, die ihrer Zügelloſigkeit keine Zügel anzulegen vermögen, als Warnungen dienen am Rande des Ab⸗ grundes, daß ſie zittern und zurückſchaudern, indem ſie ſeine Tiefe meſſen.“ Aus den angeführten Gründen beſtritt Peyronnet die Annahme eines temporellen Wahnſinns:„Papavoine hat ſchon längſt gefühlt, daß er den gethürmten Bewei⸗ ſen nicht entſchlüpfen könne. Deshalb hat er ſich dahin geflüchtet, wo möglicherweiſe die einzige Rettung ihm blühte, in die Fiction einer Geiſtesabweſenheit. Dem widerſpreche aber ſein ganzes Leben, und man dürfe Papavoine. und könne dieſe Annahme nicht gelten laſſen.“— Der Schluß der Rede iſt rein oratoriſcher Art und enthält keine neuen Momente. Zur Vertheidigung Papavoine's war der jüngere Pail⸗ let aus Soiſſons, ein Freund der Familie Papavoine, nach Paris gekommen. Die Rede dieſes auch berühmt gewordenen Advocaten wird als ein Muſterſtück aufge⸗ führt, wir können in ihr indeß von dem nicht viel mehr finden, worauf es hier ankommt, von einer tiefer gehen⸗ den Anſchauung eines ungewöhnlichen Seelenzuſtandes, als in der des Staatsanwalts, wogegen auch ſie im declamatoriſchen Element ſich ergeht, entſchuldbarer bei einem Vertheidiger als bei einem Ankläger. „Meine Herren Geſchworenen! In einer Sache, wie dieſe, iſt es vor allem Pflicht, daß Sie mit Ernſt in die Aufgabe eingehen, welche das Geſetz Ihnen über⸗ trägt. Indem Sie dieſe heilige Schwelle übertreten, müſſen Sie ſich aller trüben Vorurtheile entkleiden, die nur zu oft die Tugend ſelbſt irren machen. Und mit wel⸗ chen feindſeligen und doch ganz allgemein gehaltenen Vor⸗ urtheilen iſt man gegen meinen Angeklagten zu Werke gegangen! „Das Verbrechen ſelbſt iſt furchtbar. —— Ach noch ſo jung! Wie konnten ſie ein ſolches Loos verſchulden! „Hat man doch ſogar verſucht, vor Ihnen einen jener Menſchen erſcheinen zu laſſen, welche in andern Ländern aus dem Meuchelmorde ein Gewerbe machen, und deren Dolch ſeinen beſtimmten Preiscourant hat. „Man wußte auch, daß dieſe unglücklichen Kinder, die Früchte einer von der Familie ihres Vaters verdamm⸗ — —„— — e „—— — Der thält Pail⸗ vine, ühmt ufg⸗ mehr hen⸗ des, m bei wie in her⸗ ten, die wel⸗ Bor⸗ etke net ern ren der, Papavoine. 229 ten Verbindung, in dieſe Familie eine Art Zwietracht geworfen. „Und ſiehe da, ein Weib, unbekannt in dieſem Lande, von bizarrem Gepräge und noch bizarrerem Benehmen, hatte im voraus dieſe Schlachtopfer des Meuchelmör⸗ ders, der ihr auf dem Fuße folgte, ſignaliſirt. Sie hatte auf ihre Stirn den Kuß des Todes gedrückt! „Und doch ſagte man ſich ſchon damals: Wie! dicht vor den Thoren von Paris! An einem Sonntag! Bei hellem Tage! An der großen Landſtraße! Mitten unter der Garniſon von Vincennes!... „Wir wiſſen jetzt, daß die Familie der Kinder über allen Verdacht hinaus iſt. „Wir wiſſen, daß jenes Weib, die anfänglich in die Verfolgung einbegriffen war, ſich nichts zu Schulden kommen ließ als einige Liebkoſungen, gerührt von den Reizen der Kleinen.— Sie gab ihnen nur einen ewi⸗ gen Scheidekuß. Alle die weiblichen Weſen, die mich jetzt hören, würden ebenſo gehandelt haben, ſie würden Alle Mitſchuldige des Meuchelmörders geworden ſein. „Und nun dieſer Meuchelmörder! Wer iſt er denn ſelbſt! Sie kennen ihn auch, meine Herren Geſchwo⸗ renen! Er gehört der ehrenwertheſten Familie an. Er genoß die trefflichſte Erziehung. Jetzt 42 Jahr alt, legt er Ihnen das Zeugniß eines bürgerlich und öffentlich wohlgeführten Lebens vor. Es war faſt ganz dem Dienſte des Vaterlandes gewidmet; nicht der kleinſte Makel bis da haftet daran. Er war ein guter Sohn, guter Freund, guter Bürger. „Gerechter Himmel! Könnte ein ſolcher Mann für das Schaffot, plötzlich für das Schaffot reif gewor⸗ den ſein!“ Papavoine. Der Vertheidiger ſchilderte nun den Angeklagten als einen Menſchen, der von Natur finſter und melancholiſch iſt. Er habe in ſich den Keim der Krankheit getragen, die ſein Verbrechen erzeugt.(Dieſe Ausführung, auf die hier viel ankäme, hat man nicht für nöthig gefunden aufzubewahren; nach dem, was man von dem Darum und Daran mitgetheilt, iſt indeß nicht zu beſorgen, daß viel verloren iſt.) Dies ſei das einzige Erbtheil, wel⸗ ches ſein Vater ihm hinterlaſſen.(Auch ob dies gegrün⸗ det, alſo eine Familienanlage dageweſen, finden wir nicht weiter berührt.) Nach dem Zeugniſſe aller Aerzte habe man aber den Kummer als eine der accidentiellen Ur⸗ ſachen zu betrachten, welche auf unſere moraliſchen Fähig⸗ keiten die furchtbarlichſte Zerſtörung ausübten. „Wenn es eine unbeſtrittene moraliſche Wahrheit gibt, ſo iſt es die, welche der Dichter in den Verſen aus⸗ gedrückt hat: Quelques crimes toujours précédent les grands crimes: Ainsi que la vertu, le crime a ses degrés. „Aber wo denn nun das Motiv dieſes Verbrechens? „Soll man es in den Enthüllungen ſuchen, die der Angeklagte zu einer gewiſſen Epoche des Proceſſes ge⸗ macht hat? „Geſetzt, dieſe Enthüllungen ſeien wahr geweſen, mit andern Worten, wenn es wahr, daß, als er die Kinder Gerbod niederſtieß, der Angeklagte viel erlauchtere Opfer zu treffen glaubte, ſo müßte man doch eingeſtehen, daß die Abſicht ſelbſt, und dann der Misgriff in der Ausführung die allerdeutlichſte Probe ſeines verirrten Verſtandes damals liefern. „Die Abſicht! ſage ich. Denn ſie ſteht in offenbarem Widerſpruch mit den politiſchen Geſinnungen, welche Pa⸗ Papavoine. 231 pavoine beſtändig bekannt hat und die er mit ſeiner ganzen Familie theilt. vliſch„Der Misgriff in der Ausführung! ſage ich ferner. agen, Wenn er den Gebrauch ſeiner Vernunft gehabt, würde nals f die er dann Madame la Dauphine in der Oper erwartet unden haben, während der Hof in Trauer war?(Eine Aus⸗ Mum ſage, die uns nicht mitgetheilt iſt.) , daß„Wenn er den Gebrauch ſeiner Vernunft hätte, „wer würde er vermuthet haben, die Kinder von Frankreich egrun⸗ in Vincennes zu treffen, wo ſie niemals ohne Escorte nicht erſcheinen, in einem Gehölz, welches aller Welt offen habe ſteht? Hätte er vermuthen können, daß zwei Kinder in nUr Knabenkleidung einem verſchiedenen Geſchlecht angehörten? ihig„Aber Sie wiſſen, meine Herren, wie Anklage und Vertheidigung darin einig ſind, daß dieſe Angabe des rheit Angeſchuldigten, die er ſpäter ſelbſt zurücknahm, nichts aus als eine Chimäre iſt. „Die öffentliche Anklage will ſie nur einem Recht⸗ fertigungsſyſtem zuſchreiben, welches Papavoine ſich da⸗ . mals gebildet; ich aber behaupte, auch dieſe Enthüllun⸗ gen ſind nichts als eine deutliche Spur des Wahnſinns. chens Denn es gehört zu den eigenthümlichen Bizarrerien die⸗ ie der ſer Krankheit, daß der Frre ſich häufig anklagt und es ge⸗ oft mit nicht zu überwindender Hartnäckigkeit ſolcher Verbrechen, die er nicht begangen hat, und die er zu n mit begehen auch außer Stände wäre. ſindet„Papavoine weiß auch ſehr wohl, daß, als er dieſe Opfu angeblichen Enthüllungen machte, er einen beſtimmten daß Zweck in ſeinem Wahnſinn hatte. Er wollte untergehen, der er wollte den Tod, die Hinrichtung. Und„merken Sie rirten wohl, meine Herren, unter welchen Umſtänden er ſie machte. Am 15. ſprach er zuerſt davon, am 16. waren benn ſie fertig. An demſelben Tage wollte er, wie es Nar⸗ he P 232 Papavoine. renart iſt, Feuer anlegen an das Stroh ſeines Bettes, um die Flöhe zu zerſtören, die ihn beläſtigten. Tages darauf, am 17., brach er in die heftigſte Wuth und Thätlichkeit gegen einen ſeiner Mitgefangenen aus! „Iſt es denn möglich, meine Herren, ich frage Sie, in dieſen verſchiedenen Handlungen, die ſich ſo anein⸗ ander drängen, die gemeinſchaftliche Quelle zu verkennen, nämlich einen Rückfall in die Raſerei, der möglicher⸗ weiſe durch die ganz neue Geſellſchaft veranlaßt iſt, in welche der Angeklagte gebracht worden, die Reden, die er da hören mußte, und er litt immer an Schlaf⸗ loſigkeit!... „Aber Sie fragen noch immer nach dem Motiv des Verbrechens!— Ja, wenn wir der Anklage glauben ſollten, hat ſie es endlich entdeckt. Papavoine iſt ein Ungeheuer, ein anderer Leger! „Alſo, lieber als einen Wahnſinnigen entſchuldigen, deſſen Delirium ebenſo bewieſen iſt als ſeine vorwurfs⸗ freie Moralität, möchte man aus ihm einen Kanni⸗ balen machen, einen Vampyr, um ihn dem Henker zu überliefern! „Dieſes Motiv, meine Herren, laſſen Sie nicht gelten. Es ſcheint Ihnen noch leerer, eitler, chimäriſcher als alle andern. Was bleibt aber dann vor Ihren Augen?— Ein Verbrechen ohne Motiv. Ich glaube nicht der Lüge geſtraft zu werden, wenn ich behaupte, daß ein ſolcher Fall unter der Sonne noch nicht vorgekommen iſt. Ein Verbrechen ohne Motiv! Fühlen Sie, meine Herren, was Alles dieſes Wort umſchließt?— Und welches Ver⸗ brechen! Der Meuchelmord zweier Kinder! Wer von Ihnen wird denn nicht ausrufen: Nein, der Menſch iſt toll! Und doch, dieſer triviale Ausruf, oder vielmehr dieſe naturgemäße Bemerkung hat Alles geſagt. Ja, dieſer Papavoine. 233 Menſch war im Delirium, das iſt bewieſen. Das ganze Geheimniß des Proceſſes iſt uns enthüllt. ae„Ehe ich ende, meine Herren, ſei es mir vergönnt, an den Herrn Generalprocurator noch einige Worte zu richten, eine Betrachtung, die mir von Einfluß ſcheint „ für den vorliegenden Fall. ,„Es gibt verſchiedene Claſſen von Wahnſinnigen und Atn Tollen. Solche, welche die Natur verdammt hat zum icher ewigen Verluſt ihrer Vernunft; andere, die ſie nur zeit⸗ ia. weilig verlieren, in Folge eines großen Gemüthsſchmer⸗ eden, zes, einer furchtbaren Ueberraſchung oder aus ähnlichen chluf Urſachen. „Sonſt iſt kein Unterſchied zwiſchen beiden Tollhei⸗ ten, als daß die eine kürzer, die andere länger dauert. Der, deſſen Kopf die Verzweiflung auch nur auf einige des wben ſt ein Tage oder Stunden verwirrt macht, iſt während dieſer ephemeren Aufregung ebenſo vollſtändig toll, als Der, digen, welcher lange Jahre im Irrſein verharrt. uns⸗„Iſt dies anerkannt, ſo wäre es eine höchſte Unge⸗ nn rechtigkeit, den einen oder den andern dieſer beiden Toll⸗ ker zu häusler wegen einer Handlung zu beſtrafen, die ihnen entſchlüpft iſt, während ſie den Gebrauch ihrer Vernunft gelten nicht hatten. i alle„Außerdem wäre es eine unnütze Ungerechtigkeit für n— die menſchliche Geſellſchaft. Denn da die Strafen nur(²) rLügt des Beiſpiels wegen verhängt werden, iſt die Züchtigung ſolcher eine Barbarei, wo das Beiſpiel null wäre. Ein„Iſt das Beiſpiel aber gleich null, ſo wäre es nur Heren, Rache, die man an einem Verbrechen beginge, welches Ver von einem Menſchen begangen worden im Erceß der e won Wuth, der Liebe, der Trunkenheit oder der Verzweiflung. nſch iſ Denn das Beiſpiel kann nicht hindern, daß unſere Sinne t diſ nicht wieder fortgeriſſen werden, nicht hindern, daß 234 Papavoine. nicht ähnliche Exceſſe und Verbrechen nach wie vor be⸗ gangen werden. Noch weniger kann die öffentliche Todes⸗ ſtrafe, an einem Fieberkranken vollzogen, hindern, daß Andere in ein raſendes Fieber verfallen. „Umſonſt wird man anführen, hier ſei doch aber ein Mord begangen, und der Mord müſſe beſtraft werden. Noch ein Mal ſage ich, der Tod des Mörders gibt den Gemordeten das Leben nicht wieder. Wenn ein Wahn⸗ ſinniger ein großes Unglück begangen hat, ſo iſt er aller⸗ dings zu fürchten, ſo muß man ihn ſtreng bewachen, meinethalben feſſeln und einſchließen; das fordert Ge⸗ rechtigkeit und Vorſicht. Aber man muß ihn nicht aufs Schaffot ſchicken, das wäre Grauſamkeit. „Nein, meine Herren Geſchworenen, Sie werden den Angeſchuldigten nicht dahin ſchicken, Sie werden nicht die Menge beklagenswerther Opfer noch vergrößern wol⸗ len, von denen eine ärztliche Autorität geſprochen, Opfer, die weit mehr das öffentliche Mitleid als die Rache der Geſetze in Anſpruch nehmen. „In dieſem Augenblicke, meine Herren, ſpreche ich nicht mehr zu Ihnen im Namen des Angeſchuldigten. Denn was kümmert ihn, im Grunde genommen, der Ausſpruch, den Sie thun? Leben oder ſterben, es wird immer ein Henkerſpruch für ihn ſein. Verurtheilen Sie ihn zum letztern, ſo iſt er nur der kürzere... „Aber ich ſpreche zu Ihnen im Namen einer 60 jäh⸗ rigen Mutter, einer geliebten, hochverehrten Matrone, die von Schmerz und Unglück erdrückt iſt... „Ach, meine Herren Geſchworenen, dieſer Proceß hat uns nur zu furchtbar gelehrt, was es eine Mutter koſtet, die ihre Kinder verliert!“ r be⸗ Todes⸗ duß er ein verden⸗ bt den Wahn⸗ r allet⸗ wachen, tt Ge⸗ t auft n den nicht wol Opfer, Rache che ich digten n, der s wird n Si 60jäh atrone, uiß hat koſtet Papavoinr. 235 Es wird uns geſagt, daß der Ton der Stimme des jungen Advocaten, ſeine edle und rührende Haltung, das tiefe Gefühl, mit dem er ſprach, die ganze Verſammlung bewegt hätten. Man hätte nicht wärmer und hinrei⸗ ßender plaidiren können. Von allen Seiten empfing Pail⸗ let Händedrücke und Glückwünſche der erſten juridiſchen Notabilitäten von Paris. Auch erwiderte der Generalprocurator nichts auf die Vertheidigungsrede, und doch war ſie ohne Erfolg. Der Präſident reſumirte klar und kurz die Thatſachen des Proceſſes. Gegen 5 Uhr traten die Geſchworenen zur Berathung ab. Um 6 Uhr kehrten ſie zurück und erklärten Papavoine auf alle ihnen vorgelegten Fragen: Schuldig! Der Präſident ſprach das Todesurtheil aus. Auf Papavoine's Geſicht zeigte ſich keine Aenderung. Er ſtand auf und ſprach mit Ruhe:„Ich appellire an die göttliche Gerechtigkeit.“ Dann richtete er einige Worte des Dankes an ſeinen Vertheidiger. Papavoine legte ein Caſſationsgeſuch ein. Es ward verworfen. Die Familie kam mit einem Begnadigungs⸗ geſuch beim Könige ein; auch dies war vergeblich. Seine That bleibt ein Räthſel, alle Schlüſſel ſind dazu verloren, oder man hat ſie nicht zu finden ver⸗ ſtanden; einen Nachſchlüſſel mag Jeder ſich ſelbſt ferti⸗ gen. Nur die Nebenmotive ſcheinen durch die Unter⸗ ſuchung gründlich entfernt. In der Natur des Menſchen ſelbſt, in der geiſtigen Vorgeſchichte des Verbrechers iſt das Motiv zu ſuchen, eine Vorgeſchichte, die uns nicht vorliegt, nach der man wahrſcheinlich auch im Proceſſe nicht auf die rechte Weiſe ſuchte. Doch hätte ein Um⸗ ſtand unſers Erachtens wenigſtens vom Vertheidiger zur Sprache gebracht werden müſſen. Angenommen, daß 236 Papavoine. Papavoine durch das über ihn und ſeine Familie herein⸗ ſtürmende Unglück in jenen Zuſtand der Schwermuth verſetzt worden, wo er aus Haß gegen die Glücklichen und Unſchuldigen zum Mordſtahl griff, ſo entlud ſich dieſer Groll doch nicht im Augenblick, wo ſeine Aus⸗ ſichten ganz darniederlagen, ſondern wo ſich wieder durch die Aufträge der Regierung ein Lichtſtrahl ihm zeigte. Angenommen, daß er die That in einem Anfall jener menſchenfeindlichen oder menſchenfreundlichen Me⸗ lancholie beging— denn möglich iſt auch letzteres, der Wahn, Unſchuldige aus dieſer Welt der Trübſale zu retten, ehe ſie deren Druck empfanden— ſo iſt es eine That, die wir Wahnſinn nennen, aber ein Wahnſinn, auf den die Richter dieſer Welt keine Rückſicht nehmen dürfen. Der Wahnſinn, der ſich nur in momentanen Ausbrüchen zeigt, und mit ſoviel Ueberlegung und Ver⸗ nunft eingefaßt, iſt der gefährlichſte; ſeinen Wirkungen iſt am ſchwerſten vorzubeugen. So lange die Strafe auch als Nothwehr gilt der gefährdeten Geſellſchaft, gegen den ihr täglich neue Gefahr drohenden Verbrecher, ſo lange die Todesſtrafe Giltigkeit hat, konnte ein ſol⸗ cher Wahnſinn nur mit dem Tode beſtraft und abge⸗ wehrt werden, ein Wahnſinn, der, eben nicht ſichtbar, da hervorbricht, wo man ſeiner zum wenigſten ſich ver⸗ ſieht, der anfängt mit dem Ende, und gegen den Schloß und Riegel, ja die Aufſicht von Gefangenwärtern und Mitgefangenen nicht hilft. War Papavoine ein Ra⸗ ſender, den man ohne eine Verletzung heiligerer Men⸗ ſchenrechte an den Boden angeſchloſſen zeitlebens in Kerkermauern einſperren durfte? Und wenn man erwi⸗ dert, und wir wollen es glauben, daß dieſer Anfall, der Labiey traf, nicht wiedergekommen ſein würde, ſo iſt das ein Grund mehr, bei Jenem die Störung der herein⸗ ermuth icklichen ud ſich e Aus⸗ wieder hl ihn Vnfil en Me⸗ res, der bſale zu es eine hnſinn, nehmen entanen id Ver⸗ tkungen Strafe lchaft. rbrecher, in ſol d abge⸗ ſichtban, ſich ver 1chlo ern und ein R er Mel bens i an erw Afil ürde, ſo ung d Papavoine. 237 Vernunft ganz zu bezweifeln und darin ei rechnete Handlung zu erblicken. Es gibt—— ſinn, der gefährlicher iſt als die Tobewuth, und— die gewöhnlichen Mittel nicht ausreichen uns davor zu ſchützen, iſt der Tod das letzte, aber nicht das ſhlimmſe ſo lange die menſchliche Geſellſchaft das Geſet der Nothwehr anzuerkennen genöthigt iſt.— Am 24. März 4 Uhr Abends wurde Papavoine auf dem Greveplatz hingeri i zu geben. platz hingerichtet, ohne neue Aufſchlüſſe Mathias Lenzbauer. 1807 Eine Viertelſtunde von Alt-Oettingen, dem berühmten baierſchen Wallfahrtsorte, fängt, in der Richtung nach Burghauſen zu, der Oettinger Forſt an, welcher ſich, wenigſtens vor 40 Jahren noch, in der Länge bis an den Fluß Alz erſtreckte, und durch den ungefähr 2 Stun⸗ den lang der Weg nach Burghauſen führte. Als ein Bauer aus Altenötting am 1. Juni 1807 zur Holzarbeit im Walde gehen wollte, fand er in die⸗ ſem Walde, ungefähr 50 Schritt vom ſogenannten Für⸗ ſtenwege, einen todten Knaben mit aufgeſchnittenem Bauch, aus dem die Gedärme heraushingen. Das Landgericht Burghauſen begab ſich ſofort auf die Anzeige an Ort und Stelle und fand den Leichnam, wie angegeben, im Dickicht liegen. Er mochte ein Alter von 10— 11 Jahren haben; der Körper lag auf dem Rücken. Das Geſicht war voll blauer und ſchwarzer Quetſchungen, Blut hatte ſich aus Mund, Ohr und Naſe ergoſſen. Die rechte Hand war durch Quetſchun⸗ gen ſo entſtellt, daß kaum die Fingerglieder zu unter⸗ ſcheiden waren. In der Mitte der Stirn eine Wunde, die bis auf den Knochen eindrang; über dem rechten — — — ————— rühmlen ng nach er ſich, 2Stun⸗ ri 1807 t in di⸗ ten Für⸗ nBauch ſort uf eichnan, in At auf den ſchwari Ohr uutſchln un . ucht Mathias Lenzbauer. 239 Auge eine ähnliche Wunde; überdem noch mehre Quet⸗ ſchungen und Wunden am ganzen Kopfe. Der Sternbruſtknochen war ganz durchſchnitten, ſo— daß die innern Theile der Bruſt offen dalagen. Ebenſo war der ganze Oberleib bis zu den Schamtheilen ge⸗ öffnet. Dieſer Bauchſchnitt war bis in die Leber ein⸗ gedrungen. Ein Theil der Gedärme lag außer dem Bauch, und ein davon losgeriſſener Darm, ungefähr 4 Ellen lang, war mit dem einen Ende vereint um den Hals des Todten gewunden, mit dem andern an einen jungen Fichtenaufwuchs feſtgebunden. Der Leichnam war ſo friſch, daß man ſchließen durfte, die Mordthat ſei höchſtens erſt am vorigen Tage verübt. Einige Schritte vom Ort, wo er lag, fand man Blutlachen; eine grobe Jacke und ein Filzlappen zwi⸗ ſchen den Bäumen. Das wundärztliche Gutachten erklärte die Mehrzahl der Wunden für abſolut tödtlich, und die am Kopfe bei⸗ gebrachten durch ein Schlaginſtrument, welches ſtumpfe, keilenförmige Schneide gehabt haben möchte, die am Bauch durch ein ſcharfſchneidendes Inſtrument. Der todte Knabe war ſofort erkannt, es war Joſeph Kunger, der Sohn einer Häuslerin in Burghauſen. Die Mutter lebte noch dort. Ihr erſter Mann, Lenzbauer, war ein Pflaſterer geweſen. Sie hatte von ihm einen Sohn Mathias Lenzbauer, der jetzt 25 Jahr alt war. Nach dem Tode des Pflaſterers hatte ſie ſich noch drei Mal verheirathet. Auch ihr vierter Mann, der Vater des ermordeten Knaben, war ſchon vor 8 Jah⸗ ren geſtorben. 240 Mathias Lenzbauer. Der Verdacht ſprach ſich ſogleich dahin aus, daß der kleine Joſeph von ſeinem ältern Stiefbruder Mathias umgebracht worden; denn dieſer war mit jenem von Burghauſen nach Altenötting gegangen, und war ohne ihn wieder zurückgekehrt. WMathias Lenzbauer war gerade kein Menſch, zu dem man ſich nach ſeiner bisherigen Aufführung einer ſolchen That verſehen können, aber man wußte auch nicht viel Gutes von ihm, und es war eine faule, ſchlechte Wirth⸗ ſchaft in dem Hauſe der Mutter. Sie ſelbſt verdiente ſich ihr Brot zumeiſt durch Bettelei. Auf die Kainsfrage: Wo iſt dein Bruder? gab er eine verdächtige Antwort. Sein ganzes Benehmen ſchien verdächtig; ſo ſeine Zudringlichkeit, den Ermordeten in der Todtenkapelle ſehen zu wollen, ſeine Beſtürzung und verſchiedene ſeltſame Aeußerungen beim Anblick der Leiche. Das Landgericht ließ ihn verhaften. In zwei Verhören leugnete er. Plötzlich begehrte er ſelbſt ein drittes, und legte ein vollſtändiges Bekenntniß ab, in dem er ſich als Mörder bekannte. Er blieb auch bei dieſem Geſtändniß in der Hauptſache, nur daß er mehrfach ſeine Ausſagen über die Veranlaſſung und die Beweggründe zur That änderte. Wir ſchicken ſeinem Geſtändniſſe einiges ſonſt über ihn und die Familie Ermittelte vorauf. Von Kindererziehung war in der Hütte der Häus⸗ lerin, wo die Väter ſo oft wechſelten und die Mutter auf Betteln ausging, wenig zu finden. Durch Vernach⸗ läſſigung in ſeiner früheſten Kindheit war Mathias lahm geworden. Es bedurfte oft obrigkeitlicher Weiſung, die Kinder nur in die Schule zu bringen, doch hatte er Leſen und Schreiben gelernt. Er ward zum Maurer⸗ handwerk beſtimmt, lernte in Neuötting bei einem Meiſter, aß der lathias m von rohne zu dem ſolchen cht viel Virth⸗ erdiente gab er ſchien ten ng und Liche ehrte et enntniß cb auch dof und die ſi ibn Hius⸗ Mutte gernch as lohn atte 6 un Neiſtl Mlathias Lenzbauer 241 kehrte aber vor der Losſprechung ins elterliche Haus zu⸗ rück, nachdem jener geſtorben war. Es war ihm ein Dorn im Fleiſch, daß er nach fünfjähriger Lehrzeit noch nicht losgeſprochen war, ſeine fortwährende Bekümmer⸗ niß, daß er nicht Geld genug beſitze, ſich losſprechen zu laſſen. Er klagte gegen Jedermann, oft brach er in Thränen des Zornes und der Wehmuth darüber aus. Zu einem neuen Meiſter in die Lehre zu gehen, konnte er ſich nicht entſchließen. Er tagelöhnerte oder faullenzte im mütterlichen Hauſe. Er war nie in Unterſuchung geweſen und Spuren tiefer ſittlicher Verdorbenheit,„welche ſonſt den großen Verbrecher im Werden zu verkündigen pflegen“, waren in ſeinem Leben nicht aufzuweiſen. Eine ſchlimme Krank⸗ heit, die man in ſeiner Verhaftung entdeckte, konnte für ein liederliches Leben ſprechen. Wo er arbeitete, war man nicht mit ihm zufrieden. Ein Zeuge ſagte:„So lange der Meiſter zugegen, arbeitet er fleißig; ſobald der den Rücken wendet, dreht ſich auch Mathias von der Arbeit weg.“ Gegen die Mutter war er roh und hart. Nach der Ausſage einer Zeugin trieb er ſie oft zum Betteln hinaus mit den Worten:„Geh nur wie der, Du altes Luder; warum haſt Du mich krumm gemacht!“ Das ſind ſchlimme Antecedentien, doch noch nicht ſolche, die einen ſolchen kannibaliſchen Brudermord mo— tviren. Mathias vertrat ſonſt im Hauſe die Stelle des Hausvaters, handhabte eine Art häuslicher Ordnung, ſorgte ſogar für die Erziehung ſeines jüngern Stiefbru— ders mit ſchonendem Ernſt, hielt die Mutter zum ge⸗ börigen Beſuch der Kirche an, den kleinen Stiefbruder zur Schule. Ja, er beſuchte ſelbſt regelmäßig den Gottes— dienſt, und war eifrig beim Beten und Singen. XV. 11 242 Mathias Lenzbauer. Man bemerkte nie an ihm gegen den Bruder Haß oder Abneigung. Ja, er ſchien ſogar Zuneigung zu ihm zu hegen. Oft ſah man ihn mit ihm gehen, ſpielen und ſcherzen. Nur dann zankte er, wenn der Bub nicht in die Kirche wollte oder zu zeitig aus der Schule kam, oder gab ihm höchſtens einen ſanften Schlag. Beide ſchliefen im ſelben Bette. Noch in der Nacht vor der unglücklichen Reiſe nach Neuötting ſchäker⸗ ten Beide ſo laut und anhaltend miteinander, daß die Grenzdorin, ein Weib, das im Hauſe mitwohnte, an die Wand klopfen mußte, um nur einſchlafen zu können! Sein erſtes Geſtändniß lautete ſo: Sonnabend am 30. Mai ging er Morgens um 3 Uhr mit ſeinem kleinen Stiefbruder und dem Schneidersſohn Radlbrunner nach Oettingen, um für ſich und den Letz⸗ tern nach Verdienſt zu ſuchen. Er klopfte, wie er ſagt, überall vergebens an. Radlbrunner war ſchon am ſelben Tage nach Burghauſen zurückgekehrt. Mathias über⸗ nachtete bei einem Maurer, den Bruder brachte er bei einem Bauer unter. Auch bei dieſem Maurer klagte er, daß er nicht losgeſprochen worden, der gab ihm den Rath, er möge ſich an den und den Meiſter wenden, der es ihm um ein gutes Wort vielleicht thue. Beide Brüder blieben bis Sonntag Nachmittag in Altenötting. Dann gegen 4 Uhr machten ſie ſich auf den Rückweg. Lenzbauer trug in einem Tuch ein Dutzend Weidlinge, irdene Milchgeſchirre, die er aus Neuötting für eine Bäuerin mitgenommen. Ehe ſie den großen Oettinger Forſt erreichten, ſetzte er ſich im Kornfeld mit dem Bruder nieder. Eine Weibsperſon, die Anna Pongratzin, die vorüberging, ſah, wie der Mathias dem jüngern Bruder das Kappchen aufſetzte. Sie fragte ihn: Geht Ihr nicht nach Haus? Haß u ihm nund icht in kam, Nacht ſchäker⸗ aß die an die ſen! 3 Uhr rsſohn nLet⸗ r ſagt, ſelben über⸗ er hei gte(, Rath, der e tteg in ich auf dutzend uöttin ſeh Eint 9, ſch pych Hous Mathias Lenzbauer. Der Lenzbauer antwortete:„er ſei noch wenig dazu geſchickt; ſie müßten ſich zuvor noch beſſer zuſammen richten.“ Er ließ die Pongratzin etwa hundert Schritt voraus⸗ gehen, dann ging er nach, blieb jedoch nicht auf der ordentlichen Straße, ſondern ſchlug einen Fußweg, den ſogenannten Fürſtenweg, ein. Die Pongratzin ſah es noch. Sie mochten eine kleine Viertelſtunde im Walde fort⸗ gegangen ſein, als Mathias die Richtung veränderte, angeblich, um vom Fürſtenwege wieder auf den ordent⸗ lichen Weg zu kommen. Kaum waren ſie hier 50— 60 Schritt auf einem ſehr ſchmalen Wege im Dickicht fort⸗ gegangen, als— Mathias Lenzbauer die Mordthat voll⸗ führte. Er drückt ſich ſelbſt wörtlich ſo darüber in dem erſten Verhöre aus: „Ich gab ihm einen Streich über den Kopf mit ei⸗ nem großen Stock, worauf er zuſammenfiel und nichts mehr ſagte, ſondern nur ein wenig noch mit den Armen ſich bewegte. Ich glaubte, es ſei ſchon gefehlt, ich hätte ihn todtgeſchlagen, es fiel mir alſo ein, daß ich ihm noch mehre Streiche geben ſolle, damit er ganz todt ſei und ich nicht aufkomme(entdeckt werde). Ich verſetzte ihm alſo noch drei Streiche, auf welche er aufſtand und mich anpacken wollte. Auch dieſes ſah ich, daß er kreuzweis im Kopfe offen ſei und das Blut häufig herabrinne. Ich dachte mir nun, es ſei ſchon verfehlt, ich gab ihm alſo noch zwei Streiche auf den Kopf, worauf er zu⸗ ſammenfiel, Maria, meine Mutter Gottes!» ſchrie und mit den Füßen zappelte. Ach, hätte ich gewußt, daß es ſo ausfallen würde! Das war mir ein Anblick, daß ich ſelbſt glaubte, ich müßte ſterben. Ich glaubte, ich müßte in Ohnmacht ſinken. Allein ich dachte mir, wenn er noch reden könnte, ſo müſſe er mich verrathen. Ich 244 Mathias Lenzbauer. wußte wirklich meines Leids kein Ende mehr. Auf die⸗ ſes habe ich— o! es kommt mich ſo hart an, es zu ſagen, mein Taſchenmeſſer gezogen und habe ihm den Bauch aufgeſchnitten. Hierauf habe ich nicht mehr zuſehen können und habe mich eilends davon⸗ gemacht. Er hat ſich zwar noch ein wenig bewegt, aber keinen Laut mehr von ſich gegeben. Ich glaubte zwar, er wollte noch ſeufzen und Athem ſchöpfen, allein ich kann es nicht für gewiß ſagen, ich verwußte mich vor Wuth nicht mehr— vor Schrecken ſatt— und lief durch das größte Dickicht dem Altenöttinger Gangſteig zu, wo ich glaubte, daß es am nächſten hinginge. Als⸗ dann bin ich auf dieſem Wege fortgegangen, bis unge⸗ fähr hundert Schritte in die Mitte des Waldes, und habe dann meine Nothdurft verrichtet. Dann ging ich noch eine Meile abwärts am Wege, ſetzte mich ſodann nieder, bis der Aloys Harraſſer mit dem Wagen daher⸗ kam, welchen ich bat, die Weidlinge auf ſeinen Wagen zu nehmen. Dieſer ſah mir gleich an, daß ich ſo er⸗ ſchrocken war und an mir Alles zitterte, ſagte aber nichts zu mir.“ In ſeinen folgenden Verhören erklärt er ſich über die einzelnen Momente der Handlung auf folgende Weiſe:„Zuerſt gab ich ihm einen ſtarken Streich auf den Kopf über dem Schlaf, ich weiß nicht mehr, an der rechten oder linken Seite, worauf er ſo⸗ gleich auf die Seite hinfiel und ein wenig unbeweglich liegen blieb.“— „Ich gab ihm dann noch mehre Streiche, um ihn ganz todtzuſchlagen. Ich gab ſie ihm alle über den Kopf, weiß aber nicht mehr, wie viel ich ihm gegeben habe: beilaufig ſechs oder acht Streiche. Ich gab ihm darum ſo viele Schläge, weil er immer wieder aufſtehen wollte. Beim fünften oder ſechsten Streich ſtand er wirklich f die⸗ es zu habe ich avon⸗ aber zwal, in ich h vor d lief ſei Als⸗ unge und g ich Hann ahet⸗ Jagen ſo er— ber erklärt auf ſtarke nicht er ſo⸗ eglich n ihn Koyf habe darun wolle Mathias Lenzbauer. 245 auf und wollte auf mich zu, dann gab ich ihm noch zwei oder drei Streiche, um mich von ihm loszumachen.— Wir werden vom erſten bis zum letzten Streich drei oder höchſtens vier Schritte von dem Platz gekommen ſein.— Nach dem letzten Streich bewegte er ſich noch mit den Händen und auch etwas mit den Füßen. Ich konnte vor Unmuth und Leid dies nicht mehr anſehen, und da iſt mir eingefallen, ich wollte ſeinen Leiden ein Ende machen. Da habe ich mein Taſchenmeſſer genom⸗ men und habe ihm eilends den Bauch aufgeſchnitten, habe aber ſogleich getrachtet, daß ich wieder bald von ihm los werden möchte, damit ich nicht von ihm mit Blut bemakelt würde. Nach dieſem nahm ich meine Weidlinge, und machte mich eilends davon.“ Die Kappe und die Jacke des Ermordeten waren nicht mit Blut befleckt. Auch hierüber gab Lenzbauer eine genügende Erklärung. Die Kappe war beim erſten Streich vom Kopf geflogen; die Jacke trug der Knabe zuſammengerollt auf dem Rücken. Dieſe hatte Mathias mit Abſicht erfaßt und bei Seite geworfen,— damit ſie nicht blutig würde! Einen ſehr merkwürdigen Umſtand läßt er in allen Feinen wiederholten Geſtändniſſen im Dunkel, nämlich: ob und warum er ſeinem ſterbenden Bruder den Darm abgeriſſen, dieſen mit dem einen Ende ihm um den Hals geſchlungen, mit dem andern an ein Fichtenbäum⸗ chen geknüpft habe? Nirgend geſteht er dieſes ein, leug⸗ net es aber auch nicht mit ganz entſchiedener Beſtimmt— heit. Seine Aeußerungen darüber ſind mehr ausweichend als leugnend, indem er zwar die Möglichkeit dieſer Handlung einräumt, aber den Mangel deutlicher Erin⸗ nerung aus der Verwirrung und dem Taumel, welche ſich zuletzt ſeines Gemüthes bemächtiget, zu erklären ſucht.— 246 Mathias Lenzbauer. Auf die Vorhaltung des Unterſuchungsrichters: man habe an dem Körper des ermordeten Bruders noch etwas be⸗ merkt, was erſt nach aufgeſchnittenem Bauche habe ge⸗ ſchehen können; antwortete er:„ich weiß es nicht, aber es könne freilich noch in der größten Wuth geſchehen ſein, was ich nicht wüßte, ich kann mich nicht erinnern.“ So auf ähnliche Fragen in den folgenden Verhören „Wie ich ihm den Bauch aufgeſchnitten, bin ich gleich fort, ich habe es nicht mehr anſehen können vor Un⸗ muth und Schrecken, weil er ſo im Blute dalag und mit den Händen Bewegungen machte.“—„Es kann meinetwegen möglich ſein, daß noch etwas geſchehen iſt; bewußt bin ich mir es nicht. Es iſt freilich wahr, daß ich mich vor Schrecken nicht verwußte.“ Ueber den Thatbeſtand und die Thäterſchaft war alſo jeder Zweifel weggeräumt, da Mathias auch noch zum Ueberfluß die ganze Mordgeſchichte einem Mitgefangenen im Gefängniß, und ebenſo wie oben, erzählt hatte. Das Dunkele und das Merkwürdige des Verbrechens blieb das Motiv. Wir verdanken die Mittheilung dieſes Falles Feuerbach, der hier wieder volle Gelegenheit fand, ſeine pſychologiſche Sonde in die tiefe Wunde eines kanniba⸗ liſchen, der Natur widerſtrebenden Verbrechens zu ſen⸗ ken, und mit ſeiner Meiſterhand den feſten poſitiven Grund fand, den wir leider beim vorangängigen, dieſem ſo verwandten Papavoine'ſchen Fall nicht gefunden, weil kein Meiſter ſich der Sache bemächtigt hatte. Wir laſ⸗ ſen, wo es geht, Feuerbach mit ſeinen eigenen Wor⸗ ten reden: Die gewöhnliche erſte Ausflucht der Mörder, den Vorwand eines in der Hitze des Zorns unüberlegt geführ⸗ ———————— habe o be⸗ eRe⸗ aber hehen eru.“ ören gleih Un⸗ . und kann niſt daß aiſo zum genen Dab hlitb ʒulls ſeine nnibo⸗ ſen⸗ ſitiven dieſen wel ir lo⸗ Por „den fiht Mathias Lenzbauer. 247 ten Streiches, wählte auch er anfangs, um von der That, welche er nicht leugnen konnte, wenigſtens die mörderiſche Abſicht zu entfernen. Sein Bruder habe ein kleines Stöckchen bei ſich gehabt; als ſie nun in dem Gebüſch gegangen, ſei ihm dieſes Stöckchen zwiſchen die Füße gekommen, ſodaß er darüber mit den Weidlingen niedergefallen ſei und ſich an dem Schienbein ſehr wehe gethan habe. Hierüber aufgebracht, habe er im Zorn ſeinem Bruder den erſten Streich auf den Kopf gege⸗ ben; jedoch ohne die Abſicht, ihn zu tödten. Erſt nach dieſem Streich, der ſeinen Bruder niedergeſtreckt, habe er, um die Folgen ſeiner erſten Unbeſonnenheit von ſich abzuwenden, ihn völlig todtzuſchlagen beſchloſſen und ihm endlich, um ſein Sterben zu erleichtern und zu beſchleu⸗ nigen, den Bauch aufgeſchnitten. Dies iſt ſeine Aus⸗ ſage in dem dritten Verhör. Dieſe Erzählung trug aber offenbar alle Eigenſchaften der höchſten Unwahrſcheinlich⸗ keit an ſich. Er will ſeinen Bruder völlig todtzuſchlagen beſchloſſen haben, weil er ihn zuvor ſchon unabſichtlich durch tödtliche Streiche verwundet habe; er will durch ſeines Bruders Schuld mit den zwölf irdenen Milch⸗ geſchirren zu Boden gefallen ſein, obgleich, wie acten⸗ mäßig, von allen dieſen kein einziges zerbrochen oder nur beſchädigt worden iſt. Auch iſt die ganze Veran⸗ laſſung, wie ſie hier angegeben wird, im Vergleich gegen die Größe der dadurch angeblich beſtimmten That, viel zu unbedeutend, geringfügig und klein. Gleichwol blieb Inquiſit in den zwei folgenden Verhören dabei ſtehen.— In dem ſechsten machte er zwar ebenfalls noch den Verſuch, die Unwahrſcheinlichkeit ſeiner früheren Angaben durch eine neue, nicht minder unwahrſcheinliche Erzäh⸗ lung zu verbeſſern. Ich muß ſagen, antwortete er bei dem zweiten Fragſtück, daß ich einen einzigen Umſtand 248 Mathias Lenzbauer. in meinem Bekenntniſſe nicht recht angegeben. Es iſt etwas anders zugegangen. Wir ſind vom Fürſtenwege weg in einen Seitenweg auf den Gangſtieg hinüberge⸗ gangen. Dieſer Seitenweg wurde immer ſchmaler und verlor ſich endlich ganz im Dickicht. In der Gegend, wo die That geſchehen iſt, ſtolperte ich über einen Stein oder Stock. Mein Bruder lachte mich aus, und weil ich etwas berauſcht war, ſo lief ich ihm nach und gab ihm mit dem Stock einen Streich...— Dies einzige iſt alſo nicht wahr, daß mich mein Bruder in die Füße geſtoßen.— Allein nun war der Muth ſeiner Erfin⸗ dungskraft und ſein kleiner Vorrath von Lügen auf ein⸗ mal erſchöpft. Denn gleich bei dem folgenden Frag⸗ ſtück, wobei ihm der Richter ſein öfteres Seufzen, ſeine unruhige Verlegenheit und die grelle Unwahrſcheinlichkeit ſeiner Angaben vorhielt, nahm er ſeine letzte Ausflucht mit den Worten zurück: Ich will es nur geſtehen, dies iſt freilich nicht die Urſache geweſen; die wahre Urſache war dieſe: Mir lag am Herzen, daß ich ſo lang nicht freigeſagt wurde. Ich hatte überall Hülfe geſucht, bei allen Freun⸗ den und Bekannten. Auch bei dem Herrn Polizeicom⸗ miſſair war ich und ſuchte Hülfe; dieſer ſagte mir aber, er könne mich nicht für arm erklären, ich ſollte mich ſelbſt um einen guten Freund umſehen. Ich ſagte ſo⸗ dann, er ſolle mir das Geld auf das Haus meiner Mutter vorſtrecken, ich wollte es ihm verzinſen, wenn ich es in Jahr und Tag nicht zurückbezahlen würde; oder er möchte mir nur einen guten Freund verrathen. Ich wußte nun alſo meines Leids kein Ende, da mir der Commiſſair ſagte: er könne mir nicht helfen. Ich verfiel auf den Gedanken, meinen Bruder um⸗ zubringen, weil er von ſeinem Vater her noch 50 Fl. — Fs iſt nwege berge⸗ und egend, Stein weil d gab inzige Füße Erfin⸗ f ein⸗ ſeine chkeit lucht ſache geſagt relh⸗ ichm⸗ abet, nich ſo⸗ einet wenn ürdei then. r der um⸗ E Mathias Lenzbauer. 249 Erbtheil einzubringen hatte. Ich glaubte alſo, daß ich mich freiſagen laſſen könnte, wenn ich die⸗ ſes Erbtheil an mich brächte. Er(mein Bruder) hatte auch noch 100 Fl. auf unſerm Haus zu ſuchen und bei dem Bader Schuſter hat er ein Capital von 100 Fl. aufliegen, wovon jährlich das In⸗ tereſſe die Mutter zur Erziehung bezog. Ich dachte mir alſo, ich könnte eines oder das andere be⸗ kommen, und könnte mich dann freiſagen laſ— ſen. Wenn halt der Menſch keine Hülfe mehr hat, ſo verfällt er ja auf allerlei Sachen, mir iſt halt allezeit das Freiſagen im Kopfe gelegen. Das Hofgericht zu München hatte nach geſchloſſener Unterſuchung gegen den Mörder auf das Rad mit vor⸗ herigem Gnadenſtoß und Zuziehung der Schnur erkannt.⸗ Die Sache kam, auf dem damals in Baiern üblichen Wege, in das Cabinet und zum Vortrage durch Feuer⸗ bach, der in ſeiner Relation das Verbrechen mit allen begleitenden Nebenumſtänden bis in die kleinſten Theile zergliedert und dieſe Elfenbeinarbeit zugleich ſo durch⸗ ſichtig herſtellt, daß wir ein Uhrwerk von Kriſtall ge⸗ ſchnitzt vor uns zu ſehen glauben. Arbeiten der Art können nicht mehr vorkommen, wo die Geſchworenen— gerichte die Wiſſenſchaft wieder zur Empirik, die Kunſt zur Natur zurückgeführt haben. Wir könnten es be⸗ dauern, wenn das Bedauern vor einer Nothwendigkeit zu Recht beſteht. Die Aufgabe des Staates, dem Ver⸗ brechen gegenüber, iſt eine andere, als daſſelbe zu wiſſen⸗ ſchaftlichen Experimenten den Männern der Wiſſenſchaft hingeben. Es iſt ſeine nächſte Pflicht, daſſelbe dem Er— kenntniß und der Strafe ſo ſchnell es geht zu überant⸗ ———— — E —. — —,— — Mathias Lenzbauer. worten, damit es verſchwinde, nicht aber ſeine Kräfte und die ſeiner gelehrten Richter darauf zu verwenden, daß jedem einzelnen Verbrechen ſein volles Recht pſycho⸗ logiſch, philoſophiſch und juridiſch werde. Bei der zu⸗ nehmenden Maſſe der Verbrechen iſt dies ſchon eine phyſiſche Unmöglichkeit, die ſchon lange vor Einführung der Geſchworenen, oder des ihnen vorangängigen münd⸗ lichen Verfahrens zur Geltung kam. Pſychologiſche Ob⸗ ductionen, wie ſie Klein und Feuerbach mit Verbrechen und Verbrechern vornahmen, werden uns fortan fehlen, aber ſie waren auch ihrer Zeit nur Ausnahmen von der Regel, gewiſſermaßen Liebhabereien jener Meiſter. Den⸗ noch iſt es fern von uns, ihre Arbeiten etwa jetzt im Lichte von Spielereien zu betrachten, wir müſſen im Gegentheil ihnen dafür dankbar ſein, denn ſie haben eine Leuchte angezündet, die, wie ſie uns aus der Barbarei der ältern Criminaliſtik hinausgeführt, auch noch ein weithinſcheinendes Licht in die Aera hineinwirft, wo wir, um uns von der Maſſe der Verbrechen, vor neuer Will⸗ kür und Barbarei zu retten, den neuen Weg zu betre⸗ ten gezwungen ſind. Den Franzoſen fehlten dieſe wiſ⸗ ſenſchaftlichen Wegweiſer aus ihrer ältern barbariſchen Criminaljuſtiz; daher gab es, wie es die Parlaments⸗ urtheile ſo oft waren, auch unter den erſten Sprüchen der Jury Juſtizmorde. Von den deutſchen Geſchworenen⸗ gerichten, eingeleitet durch das vorangängige mündliche Verfahren und geleitet von Richtern, welche aus jenen Schulen wiſſenſchaftlicher Jurisprudenz hervorgingen, darf man mit Zuverläſſigkeit erwarten, daß ſie Deutſchland vor dieſer Unbill bewahren. Es iſt auch ein gutes Zei⸗ chen, daß Feuerbach's Rechtsfälle jener Zeit eine ſolche Verbreitung und Kenntnißnahme in dem großen Publicum gefunden haben, aus dem unſre Jurys hervorgehen müſſen. Kräfte nden, ſycho⸗ r zu⸗ eine hrung münd⸗ e e⸗ rechen fehlen, n det Den⸗ t im ſ im eine barei ein wir, Vil⸗ betre⸗ piſ⸗ riſchen nents⸗ rüchen renen⸗ dliche jenen darf clond s Ze⸗ ſolcht licum ſüſſen Mathias Lenſbauer. 251 In Papavoine's That war es Richtern und Ge⸗ ſchworenen nicht möglich, das wahre Motiv zu ermitteln. Ihnen fehlte der wiſſenſchaftliche Hebel. Auch in der That des Lenzbauers war man geneigt, eine Geiſtesver⸗ wirrung, einen partiellen Wahnſinn anzunehmen. Ver⸗ theidiger und Aerzte ſuchten eine Unzurechnungsfähigkeit herauszuſtellen, ja, auch Richter neigten dazu. Aber die Unterſuchung ließ nicht nach in ihren Bemühungen, bis eine Hülle nach der andern abfiel, Hüllen, die der Ver⸗ brecher, in der Schlauheit, welche auch der Stumpfſinn eingibt, zum Theil ſelbſt ſich umgelegt, und endlich der nackte egoiſtiſche Kern zu Tage kam. In der Deduction dieſer Zurechnungsfähigkeit geht Feuerbach Schritt für Schritt vorwärts, bis er faſt mit einer mathematiſchen Gewißheit ſchließt. Eine Mitbewohnerin des Hauſes ſagte mit dem praktiſchen Scharfblick der Naturmenſchen aus:„Von Verrücktheit oder Blödſinn habe ich auch nie was an ihm bemerkt; er hat ſchon ſeinen ordent⸗ lichen Verſtand. Da fehlt ihm nichts.“ Eine andere ſagte:„Er wiſſe Alles genau zu unterſcheiden.“ Ein dritter:„Er hat ſeinen vollen Verſtand; er kann Alles wohl unterſcheiden, ich kenne ihn ja von Jugend auf. Blödſinnig iſt er nicht, aber er hat ſo was ſchliffel⸗ haftes an ſich, und ſo ein ſonderbares Betragen, daß man ihn zur Arbeit nicht brauchen kann. Scheint's mir, daß er zum Guten bloß dumm iſt, zum Böſen aber hat er Verſtand genug.“ Am meiſten, ſchließt Feuerbach, verdient die Ausſage der Johanna Schnitzlein hervorgehoben zu werden, weil ſie, in dieſer Beziehung, eine durch Beobachtung und Thatſa⸗ chen am genaueſten motivirte Charakteriſtik des Inquiſiten uns vor Augen ſtellt. Am Verſtande, ſagt ſie, hat es ihm gar nicht gefehlt, er war ordentlich; als Hausherr — ——— — .—— ——=— 5. 2— —————————* ——*. 252 mathias Lenzbauer. wäre er nicht zu verachten geweſen. Wenn ein Fehler im Hauſe vorging, ſo ahndete er ihn, aber mit Beſchei⸗ denheit; wenn ein fremder Menſch ins Haus kam, ſo forſchte er genau nach, ob man ihn nicht etwa behielt, und geſtattete es auch nicht. Auch war er nachläſſig gegen die Zinsleute in Einforderung des Zinſes. Ich erſuchte ihn z. B., mir mit meiner Zinszahlung zuzu⸗ warten, weil ich den Winter über viel Holz kaufen müßte; er that es auch und ſagte: ſtehlen und betteln darf ſie nicht, und das Geld durch Arbeit gewinnen kommt hart an, ich weiß es aus eigener Erfahrung. Selbſt diejenigen Perſonen, welche von ihm Verrückt⸗ heit oder Blödſinn ausſagen, dienen, indem ſie die Gründe ihrer Urtheile angeben, zur Beſtätigung des Gegen⸗ theils. So antwortete die Thereſia Schlagmann auf die Frage: Ob ſie nicht Spuren von Verrücktheit oder Blöd⸗ ſinn an dem Inqguiſiten bemerkt habe?— Gemeint habe ich ja, daß er verrückt ſein müßte; es ging ihm manch⸗ mal im Reden nicht paſſend aufeinander, wie bei andern Leuten, und er war im Anzug ſehr ſchlumpig; ich glaubte auch daher, daß er nicht ganz geſcheit ſein möge, weil er mit den Kindern kindiſch redete, wie ein Kind. Ich hielt ihn halt für einen Talpen, der den ganzen vollen Verſtand nicht hat.— Ebenſo das Zeug⸗ niß des Maurers, welcher auf gleiche Frage antwortet: Gemeint hat man ja wohl, daß es nicht ganz juſt in ſeinem Kopfe ſei. Man kann aber nicht ſagen, daß er verrückt, oder daß er blödſinnig ſei; er ſinnirt halt ſo, geht in Gedanken, und redet nicht gar viel, und wenn er auch redet, ſo ſpringt er von einem Gegenſtand zum andern. Wenn es für ein entſcheidendes Zeichen des Wahnſinns gelten ſoll, daß ein Menſch in Gedanken geht, wenig oder unordentlich ſpricht, in ſeinem Anzuge ehler ſchei⸗ 1 ſo hielt, 3ö6) zuzu⸗ kaufen betteln innen rung. rückt ründe egen f die Blöd nanch⸗ undern i t ſein ie ein r den Zelg⸗ ortet uſt in aß alt ſe, wenl d un des danke nz Mathias Lenzbauer. 253 nachläſſig iſt und mit Kindern kindiſch redet: ſo werden unter die Zahl der Verrückten und Wahnſinnigen ſehr viele durchaus verſtändige Männer aufgenommen wer⸗ den müſſen. Am lauteſten und unverwerflichſten gibt die Hand⸗ lung ſelbſt für den geſunden Verſtandesgebrauch des Lenzbauer Zeugniß. Er ging bei der Ausführung des Mordes mit ſo viel Ueberlegung und Bedachtſamkeit zu Werke; alle ſeine Schritte ſind ſo beſonnen und abge⸗ meſſen; die genaue Erinnerung aller Haupt⸗ und ſo vie⸗ ler kleinen Nebenumſtände läßt ſo gewiß auf die volle Macht ſeines Bewußtſeins, ſogar noch während der Aus⸗ führung der Mordthat, ſchließen; die Abſicht ſelbſt, aus welcher er handelte, iſt ſo verſtandesgemäß, und das dazu gewählte Mittel, des Bruders Tod, im Ganzen ſo richtig auf den Zweck berechnet; endlich ſein Benehmen nach der That und die vorſichtigen Lügen, womit er anfangs dem Bekenntniß auszuweichen, dann die einge⸗ ſtandene That wenigſtens zu beſchönigen und zu mil⸗ dern verſuchte,— beweiſen ſo vollſtändig ſein inneres Bewußtſein der Strafwürdigkeit, ſammt der Geſundheit ſeines Verſtandes: daß in ihm gewiß keine andere Ver⸗ kehrtheit gefunden werden mag, als die Verkehrtheit des Herzens und jene ſittliche Zerrüttung des Geiſtes, ohne welche noch kein Menſch zu großen Miſſethaten gekommen iſt. Nur einen Moment, den gräßlichſten, wußte auch Feuerbach nicht zu erklären, das Herausreißen des Darms und die künſtliche Verknotung, welche der Mörder damit angeſtellt. Von dem Wolluſtkitzel der Grauſamkeit finden ſich ſonſt keine Spuren in dem Verbrecher. Daß er die Thäterſchaft dieſes Moments nicht eingeſtehen mochte, findet dagegen ſeine Erklärung in der Scham, die auch 254 Mathias Lenzbauer. ihn überkommen, anzuerkennen, dieſen Kannibalismus mit Bewußtſein ins Werk geſetzt zu haben. Das Meſſer, mit dem er die That vollführt, ward lange Zeit vergeblich geſucht. Er hatte es hinter ein Muttergottesbild an der Wand ſeines mütterlichen Hau⸗ ſes geſteckt! Zu Anfang hatte der Verdacht der Mitthäterſchaft auch gegen den Radlbrunner und gegen die eigene Mut⸗ ter des Mörders und Ermordeten obgewaltet. Gegen den Erſtern ward nichts ermittelt; der Mutter hatte Lenzbauer wahrſcheinlich die That ſchon vor ſeiner Ver⸗ haftung eingeſtanden. Sie war ein ſtumpfes Weib, die durch ihr Betragen Verdacht gegen ſich erregte. Aber es war ihre Natur. Das Urtheil ward beſtätigt, doch das Rad in die Strafe des Schwertes verwandelt. Sein Kopf fiel erſt auf wiederholte Streiche. s mit ward r ein Hau⸗ ſchaft Mut⸗ Gegen hatte Ver⸗ Abet die erſt Eine Enttührung. Das herrſchaftliche Schloß der Freiherren— deren Namen der(aus den Acten von Biſchoff uns mitgetheilte) Bericht verſchweigt, obgleich dieſer Name mit dem romanhaf⸗ ten Criminalfall in gar keine ſie entehrende Berührung kommt— liegt in einem großen, hie und da mit Buſch⸗ werk und Baumgruppen beſetzten Garten, an welchen ein nicht unbeträchtlicher Wald grenzt, der durch verſchiedene Wege mit dem Garten in Verbindung gebracht iſt, ſo⸗ daß das Ganze einen großartigen Park bildet. Das Schloß liegt am ſüdlichen Ende eines Fleckens, welcher gleichfalls, wenigſtens 1837 noch, zur Herrſchaft der Freiherren gehörte, der Flecken wird uns Bärwalde ge⸗ nannt, und liegt in Sachſen. Etwa 200 Schritte vom Schloß entfernt ſtand, oder ſteht noch in dieſem Park ein Gartenhaus, beſtehend aus einem großen Gartenſaal, an welchen ſich links und rechts Zimmer anſchließen. Es war unbewohnt, und der Gutsherr pflegte daſſelbe ſeinen Unterthanen bei feſt⸗ lichen Gelegenheiten herzuleihen. Es ſcheint überhaupt ein patriarchaliſches Verhältniß, im beſten Sinne des Wortes, zwiſchen dem Freiherrn Eine Entführung. und ſeinen damaligen Unterthanen obgewaltet zu haben. Er wohnte den feſtlichen Gelegenheiten gewöhnlich ſelbſt bei, und bekümmerte ſich auch ſonſt, wohlthätig eingrei⸗ fend und Hülfe leiſtend, um die Familienangelegenheiten der Ortsangehörigen. Die Herrſchaft mußte nicht unbedeutend ſein. Der Freiherr hatte mehrere Adminiſtrativbeamte, auch einen Oberförſter— Kaver Bamberger, einen Mann aus guter Familie und in ſeinen beſten Jahren, 36 Jahr alt, noch unverheirathet, in voller männlicher Kraft und ein Mu⸗ ſter an Pflichttreue, Kenntniſſen, Ordnungsliebe und Mäßigung. Der Freiherr konnte ſich glücklich ſchätzen, einen ſolchen Mann zur Verwaltung ſeiner bedeutenden Forſten gewonnen zu haben. Am 20. Januar feierte der herrſchaftliche Tiſchler, Wilhelm Klett, ein braver junger Mann von 26 Jahren, Hochzeit mit einem ausgezeichnet ſchönen und liebens⸗ würdigen Mädchen. Roſalie Wiesner, 22 Jahr alt, war die Tochter des herrſchaftlichen Brauers Wiesner. In der proteſtantiſchen Kirche zu Bärwalde wurden ſie ge⸗ traut. Darauf zog das junge Ehepaar mit den Hoch⸗ zeitgäſten, unter Muſikbegleitung, in das Gartenhaus. Der Gutsherr, die Verwalter, der Oberförſter waren mit bei dem Brautzuge und blieben Gäſte bei dem feierlichen Hochzeitmahle. Erſt als die Tiſche fortgeräumt und die Anſtalten zum Tanz gemacht wurden, entfernten ſich der Freiherr und die Verwalter. Der Oberförſter ließ ſich überreden, oder blieb aus freien Stücken als theilneh⸗ mender Gaſt auch bei dem rauſchenden Tanzvergnügen welches weit in die Nacht hin zu dauern beſtimmt war. Nur ein Mal, Nachmittags gegen 5, war der Ober⸗ förſter in ſeine Wohnung fortgegangen, aber bald wie⸗ dergekehrt. Er unterhielt ſich mit mehreren Gäſten, haben. ſelbſt ingrei⸗ heiten Der einen guter noch Mu⸗ e und ſchler hren, bens⸗ war e In ſie ge n nit rlichen nd die ch der ſich ilnch⸗ nügen war. Obe⸗ wll“ Eine Entführung. 257 ſpeiſte auch noch Abends in der Geſellſchaft, erſchien aber unter den froh Jubelnden wie ein Gleichgültiger, ja verſtimmt. Als er mit der Braut tanzte, fiel ihr dies auf, ſodaß ſie ihn mit theilnehmender Beſorgniß fragte, ob ihm etwas fehle? Bamberg drückte ihre Hand an die Bruſt, indem er ihr ſagte, er müſſe ſie unter vier Augen ſprechen. Er habe ihr etwas ſehr Wichtiges zu ſagen, was nur ſie wiſſen dürfe. Es müſſe heut Abend noch geſchehen, weil es ſonſt zu ſpät wäre. Roſalie war betroffen. Der Oberförſter war ein Biedermann. Acht Jahr ſchon auf ſeinem Poſten, kannte man ihn im Ort, und er mußte die Verhältniſſe und Perſonen kennen. Sie wurde immer bänger, und eine große Angſt erfüllte ſe, nachdem ſie ihm zugeſagt, denn was konnte der Ehrenmann Anderes, und ſo dringend ihr mitzutheilen haben, als Nachrichten, die ihren Ehe⸗ mann betrafen, in deſſen Haus und Beſitz ſie in weni⸗ gen Stunden treten ſollte. Konnte er ihr etwas mit— theilen, was ihrem Manne nachtheilig wäre, wollte er ſie warnen? Aber ſie war ja ſchon verheirathet, der Ehebund am Altar geſchloſſen. Sie konnte kaum den Augenblick abwarten, ihn zu ſprechen, um ihrer Ungewißheit ledig zu werden. Es war ſchnell verabredet, wenn der nächſte Tanz begonnen, ſolle jeder einzeln in den Garten gehen und der Andere an einer beſtimmten Stelle treffen; Einer nach dem An⸗ dern, dämit es Niemand merke. Um Mitternacht ſtellten ſich die Tänzer zum nächſten Tanze an und die Muſik begann. Der Oberförſter ſteckte ſich einige Stücke Kuchen in die Taſche und ging in die Kühlung hinaus. Bald darauf trat auch Roſalie in den Garten. Niemand hatte es bemerkt, oder darauf Acht gegeben. 258 Eine Entführung. Erſt um 1 Uhr vermißte man die Braut. Man rief ſie; keine Antwort. Man durchlief den Garten, den Park, ihren Namen laut ſchreiend; auch da keine Antwort, keine Spur. Man ſuchte in ihrer Wohnung, bei ihren Freundinnen nach, überall vergebens. Einige Gäſte äußerten die Vermuthung, das junge Mädchen könne ſich in der Angſt, die wol Bräute von reizbarem Nerven⸗ ſyſtem vor der myſteriöſen Nacht ergriffen und überkom⸗ men hat, ein Leides angethan und in den Schloßteich geſtürzt haben. Man hatte den Freiherrn geweckt, und er war ſofort in den Garten gekommen und traf An⸗ ſtalten, den Schloßteich abzulaſſen, um nach dem Körper der Verunglückten ſuchen zu laſſen. Denn auch ihm ſchien dieſe Vermuthung die wahtſcheinlichſte. Nach 4 Uhr Morgens trat der Oberförſter ins Gar⸗ tenhaus, deſſen Abweſenheit Niemand bemerkt hatte. Ging er doch oft ab und zu. Er kam gerade zu, als ein herbeigerufener Arzt ſich mit der Mutter der Ver⸗ ſchwundenen beſchäftigte. Sie war in eine andauernde Ohnmacht gefallen, als die Vermuthung, daß ihre Toch⸗ ter ertrunken ſei, laut geworden. Sein Benehmen war theilnehmend, ruhig, unbefangen. Das allgemeine Wehklagen, Jammern, der Schrei der Verzweifelnden und Neugierigen hatte auch Jemandes Ohr erreicht, der bis dahin hier gar nicht zum Vor⸗ ſchein gekommen iſt. Der Kutſcher des Oberförſters, Samuel Hänel, der vor kurzem mit dem Geſchirr ſeines Herrn von einer Fahrt durch den Forſt zurückgekehrt war, lief plötzlich, von innerer Angſt gepeinigt, auf das Schloß. Er wollte beim Freiherrn gemeldet werden. Der Freiherr war im Park; er hatte Befehle zum Ablaſſen des Teiches gegeben und wollte dabei gegenwärtig ſein. Hänel lief in die Oberförſterwohnung zurück; aber er ief ſi; Park, twort, ihren Gäſte Me ſich terben⸗ etkom⸗ oßteich t, und f An⸗ förper ihm Gar⸗ hatte. 1 als Per⸗ netnde Toch⸗ n war Schrei undes Vor⸗ rſters, ſeines ekehr Der laſſen ſein⸗ er er Eine Entführung. 259 hatte keine Ruhe. Wieder ſtürzte er ins Schloß. Er beſchwor den Kammerdiener Helm, ſeinen Herrn aus dem Park zu rufen, denn er habe ihm ſehr Wichtiges zu melden. Aber er beſchwor ihn auch, ſeinem Herrn es insgeheim zu ſagen, und ja Niemand wiſſen zu laſ⸗ ſen, wer den Freiherrn zu ſprechen wünſche. Der Freiherr kam. Hänel ſtürzte ihm zu Füßen und bat ihn, ſich ſeiner anzunehmen; er verliere ſonſt Dienſt und Brot, und bekomme noch Strafe obenein. Der Freiherr war durch das, was Hänel ihm mit⸗ theilte, nach ſeinen Worten, wie aus den Wolken ge⸗ fallen— wir geben hier nicht Hänel's Eröffnung, da wir ſie aus einer be Quelle ſofort mittheilen wer⸗ den— er glaubte, Wel ſei betrunken, denn was die⸗ ſer von ſeinem Herrn, dem Oberförſter ſagte, paßte wie die Fauſt aufs Auge, es klang wie ein Märchen zu dem Charakter des ruhigen, gelaſſenen, pflichtgetreuen Beamten, den er ſeit 8 Jahren kannte, und er hatte nie eine Klage gegen ihn gehabt. Aber Hänel beſchwor auf ſeine Seligkeit, daß es ſo ſei, und er beſchwor den Freiherrn noch um etwas, daß er einem andern Weſen Hülfe ſchaffe, ehe es zu ſpät ſei, und es war die Pflicht des Freiherrn, auf dieſe Vorſtellung einzugehen. Er entließ ihn und befahl ihm die ſtrengſte Verſchwiegenheit über das, was er ihm mitgetheilt. Sofort, in der frühen Morgenſtunde, ließ der Frei⸗ herr den Oberförſter aus dem Garten zu ſich rufen und übertrug ihm eine, wie er ſagte, dringend nothwendige Juſammenſtellung der Reinerträgniſſe der Waldungen in den letzten 10 Jahren, nebſt dem Entwurfe eines gründ⸗ lichen Gutachtens über die hier und da erforderliche Waldcultur. Der Oberförſter mußte ſich dem wunder⸗ lichen Anſinnen als Untergebener fügen, wahrſcheinlich 260 Eine Entführung. ſchon ahnend, was es bedeute. Er ging in die Kanzlei. Der Amtsverwalter erhielt Anweiſung, ihn nicht eher aus dem Schloſſe zu laſſen, bis die Bamberger aufge⸗ tragene Arbeit vollendet ſei, und ihn auch dort zu Mit⸗ tag ſpeiſen zu laſſen. Der Freiherr hatte inzwiſchen anſpannen laſſen, er fuhr am Brauhaus vorüber, tröſtete die inzwiſchen da⸗ hingeſchaffte, kranke Wiesner mit der Hoffnung, daß ihre Tochter am Leben, daß ſie wahrſcheinlich bald wieder bei ihr eintreffen werde, und forderte den Vater, den Brauer Wiesner, auf, ſich zu ihm in den Wagen zu ſetzen. Sie fuhren dann an der Oberförſterwohnung vorüber. Der Freiherr ließ ſich vom Kutſcher Hänel den Schlüſſel zum Reinecksthurm Und Bambergers Dop⸗ pelterzerol ausfolgen, und die Roſſe mußten in Ga⸗ lopp— nach dem Forſte fahren. Im tiefen Forſte, 3 Stunden etwa von Bärwalde, liegt der Reinecksthurm, der Ueberreſt eines ehemaligen Raubſchloſſes, ein uraltes, viereckiges, hohes Gebäude, welches nebſt dem Walde umher zur Herrſchaft Bär⸗ walde gehört. Eine ſteinerne Wendeltreppe führt im Innern hinauf, und in der oberſten Etage hatte Bam⸗ berger ſchon früher, unter Zuſtimmung des Freiherrn, ein Stübchen einrichten laſſen, in welchem er wohnte, wenn Amtsgeſchäfte ſeine längere Anweſenheit in dieſem Forſte erforderten. Die ganze Einrichtung beſtand nur in einem Schemel, einem Tiſche, einer Matratze und einer wolle⸗ nen Decke. Sie ward vor Dieben durch eine, unten am Thurm angebrachte und mit einem Rieſenſchloß ver⸗ ſehene, alte, eiſerne Thür geſchützt. Das Stübchen war 14 Fuß im Geviert, 13 hoch, und hatte nur 4 kleine Fenſter, welche ganz oben, nahe an der Decke, angebracht ſind und das Stübchen nur ſparſam erhellen. Eine Entführung. 261 Die tiefe Einſamkeit ringsum braucht nicht geſchil⸗ dert zu werden. Der Angſtſchrei aus dieſen Mauern trifft kein menſchliches Ohr, wenn nicht der Zufall einen Jäger oder Holzhauer in die Nähe führt. Eine Ruine in der Waldeinſamkeit, die der Romantik angehört, und doch iſt ſie nur aus den Criminalacten abgeſchrieben, und Gewährsmann dafür iſt der Großherzoglich Sächſi⸗ ſche Juſtizrath Dr. Biſchoff. Was der Freiherr und der Brauer hier gefunden, davon nachher. Als ſie ins Schloß von Bärwalde zu⸗ rückgekehrt, ließ der Freiherr den Oberförſter verhaften, einſtweilen ins Amtsgefängniß ſperren. Dem Criminal⸗ gericht ward ſofort Anzeige gemacht, und es traf ſchon am nächſtfolgenden Tage mit einem Phyſicus und einer Hebamme in Bärwalde ein. Nachdem die Zeugen ver⸗ nommen waren, die nöthigen Beſichtigungen ſtattgefun⸗ den, ward der Oberförſter Bamberger und ſein Kutſcher Haͤnel, als angeſchuldigt des Verbrechens der gewalt⸗ ſamen Entführung, zur Criminalhaft und Unterſuchung nach der nächſten Kreisſtadt abgeführt. Bamberger verbarg, ſobald die Sache ruchbar ge⸗ worden, ſein Verbrechen nicht, und legte vor dem Cri⸗ minalgericht ein ſo vollſtändiges Bekenntniß ab, als man es nur verlangen konnte. Er hatte ſchon früher, wie er ſagte,„die blühende Roſalie immer gern geſehen.“ An jenem Hochzeittage kam ſie ihm ſchöner als je vor. Er tanzte viel mit ihr, und eine nie gefühlte Sinnlichkeit bemächtigte ſich ſeiner. Es war etwas Dämoniſches, was ihn überkam. Unter der rauſchenden Muſik, im Wirbel des Tanzes, vielleicht auch angeregt durch erhitzende Getränke, entſtand, wuchs Eine Entführung. und war der Entſchluß fertig, das ſchöne Weib zu be⸗ ſitzen, ſie in ſeine Arme zu ſchließen. Koſte es, was es wolle, er wollte, ehe ihr junger Gatte ſieumarme, ſeine Begierde befriedigen. Er fühlte ſich plötzlich ein Anderer geworden.„Stets hatte ihm die Vernunft geſagt, es ſei die Pflicht des Mannes, ſich ſelbſt zu überwinden,“ heute ſagte ihm die Raſerei der Leidenſchaft, um das erwünſchte Ziel müſſe man ſich ſelbſt vergeſſen.„Früher ehrlich, offen, mitleidig, ward er hinterliſtig, verſteckt, grauſam.“ Als er Nachmittags gegen 5 Uhr nach Hauſe ging, war der ganze Plan ſchon in ſeinem Kopfe fertig. Er befahl ſeinem Kutſcher Samuel Hänel, Nachts 12 Uhr Pferde und Chaiſe hinter dem Schloßgarten, am Teichwege, bereit zu halten und dort ſeiner weitern Befehle gewärtig zu ſein. Er ſelbſt ſteckte ein geladenes Doppelterzerol zu ſich und kehrte in den Speiſeſaal zurück. Hier erfolgte nach dem Abendeſſen das Zwiegeſpräch zwiſchen Bamberger und Roſalie. Wäre ſie weniger be⸗ fangen geweſen, würde die wilde Glut, mit welcher er Roſaliens Hand an ſeine Bruſt drückte, ſie bald auf den richtigen Gedanken geleitet haben, in welcher Abſicht er um die Unterredung bat. Als ſie im nächtlichen Garten ſich trafen, reichte der Oberförſter ihr den Arm, und ſie gingen ſchweigend durch den Garten nach dem Teichwege. Die junge Frau zauderte mehrmals und ſuchte ſtehen zu bleiben, indem ſie ihn bat, ſie doch nicht zu fern vom Garten⸗ hauſe zu führen, damit ſie hören könne, wenn man ſie rufe. Er antwortete nicht, er ließ ſie nicht los. Sie waren am Teichwege, Bambergers Kutſche ſtand davor. Der Oberförſter umſchlang mit kräftigem Arm ſeine er⸗ ſchrockene Beute und trug ſie in den geöffneten Wagen. u be⸗ ſeine Stets eihm e Zil offen, Als er gane ſeinem und bereit ig zu ol zu ſpräch be⸗ cher u . ld auf Abſccht hte der „ eigen junge zarten⸗ an ſe Sie davol ine er⸗ Page'“ Eine Entführung. Sie bat, flehte, ſchrie um Hülfe. Vergeblich, die rau⸗ ſchende Muſik aus dem Gartenſaal übertönte ihre Stimme. Der Oberförſter ſchlug die Wagenthür zu und hieß dem Kutſcher, die Pferde in Carriere nach dem Reinecks⸗ forſt zu treiben. Im Wagen kaum zur Beſinnung gekommen, bat Roſalie unter Thränen, ſie loszulaſſen, damit ſie zu ihrem Manne, zu den Gäſten zurückkehren könne. Dann verſuchte ſie mit Gewalt zu entkommen. Sie ſtieß mit dem Fuß die Wagenthür auf, ſie ſchrie aus allen Kräf⸗ ten nach Hülfe, ſie wollte ſich hinausſtürzen. Der kräf⸗ tige Arm des Oberförſters umfaßte ſie und zog ſie zu⸗ rück. Nun flehte ſie den Kutſcher um Erbarmen an. Auch der blieb unerbittlich. Bamberger, der bis da in nicht minderer Benommen⸗ heit und Sinnentaumel als ſein Opfer geſeſſen, fand jetzt Worte für ſeine Begierden. Er erklärte ihr: er könne, er werde nicht dulden, daß ein Anderer ſie beſitze, bevor er nicht ſeinen Zweck erreicht habe. Sie ahnete noch nicht— heißt es in den Acten nach Roſaliens Angabe— was er eigentlich beabſichtige. Sie bat ihn, den Kutſcher halten zu laſſen, indem ſie ja dem Oberförſter Alles zu Gefallen thun wolle, was er nur verlange, wenn er ſie vorher zu den Ihrigen zurückkehren laſſe. Statt Antwort ſchloß er ſie in ſeine Arme und preßte glühende Küſſe auf ihren Mund. Aber ſein Ver⸗ ſuch, ihr Buſentuch und den Rock aufzureißen, ſcheiterte an der äußerſten Kraftanſtrengung, welche ſie entwickelte, um ihn daran zu hindern. Sie klagte, drohte, das ſei ſchändlich, läſterlich von ihm, abſcheulich, ſie von Gatten und Eltern fortzulocken. Wenn er davon nicht ablaſſe, wenn er ſie nicht augenblicklich zurückführe, ſtürze er ja ſie und ſich in ein unüberſehbares Unglück. Er hörte 264 Eine Entführung. nicht, ſie ſchrie wieder um Hülfe. Welches menſchliche Ohr ſollte ſie hier in Nacht und Wald hören!— Da drohte ihr Bamberger: wenn ſie nicht ſtillſchweige, werde er ſie und ſich erſchießen; ſie könne und dürfe keinem Andern angehören. Er zog ſein Doppelterzerol aus der Taſche und ſprach:„Das macht Deinem und meinem Leben ein Ende, wenn Du mir nicht zu Willen biſt. Ich liebe Dich leidenſchaftlich, und Du mußt mich lie⸗ ben lernen, wo nicht, ſo ſtehen wir Beide am Rande des Grabes.“ Die Drohung ward in einem Tone geſprochen, die jeden Zweifel entfernte, daß er entſchloſſen ſei, ſie aus⸗ zuführen. Jetzt ſchwieg Roſalie, ihre innere Angſt hatte keine Worte mehr, ſelbſt die Beſinnung fing ihr an zu ſchwinden. Morgens gegen 2 Uhr hielt der Wagen am Reinecks⸗ thurme. Der Oberſörſter ſprang hinaus, ſchloß mit dem mitgebrachten Schlüſſel die eiſerne Thür auf und trug ſeine jetzt ſchon halb beſinnungslos in der Wagenecke ſitzende Beute die Wendeltreppe hinauf in das oben be⸗ ſchriebene Stübchen. Er legte ſie auf die Matratze, zündete ein Licht an und ſprach dann: „Das iſt Dein Brautbett, ich bin Dein Bräutigam! Wirſt Du thun, was ich will, ſo iſt es gut; thuſt Du es nicht, ſo iſt es Deine und meine letzte Stunde.“ Dabei legte er das Doppelterzerol auf den Tiſch. Roſalie wußte kaum mehr, was mit ihr vorging, als er ſie auf die Matratze niederdrückte, die Bruſt ihr ent⸗ blößte und die Kleider aufriß. Die Acten ſagen es und Biſchoff wiederholt es, daß, nachdem er ſeinen Zweck erreicht, er in Zeit von einer halben Stunde noch zwei Mal ſeiner wilden Luſt fröhnte. Jetzt, vollig befriedigt, zog er die mitgebrachten Stücke nſchliche — Da werde keinem aus der meinem en biſt. nich lie Rande en, di ſie aub⸗ ihr an einecks⸗ nit dem d trug agede oben be⸗ Natrab uhm huſt Du nde.“ tich. ing, ihr eu es und n 3u och zu tüct n6 Eine Entführung. 265 Kuchen aus der Taſche, legte ſie auf den Tiſch, eilte die Treppe hinunter, ſchöpfte in einem Kruge aus dem Brunnen des Thurmes friſches Waſſer, ſprang dann wieder hinauf, ſtellte ihn auf den Tiſch und ſtürzte hin⸗ unter. Er verſchloß die Eiſenthür und ſprang in die Kaleſche. Nach Haus! Auf einem Seitenwege durch das Holz flog die Chaiſe über Stock und Block, ſodaß er ſchon nach 4 Uhr Morgens im Forſthauſe war. Erſt unterweges hatte er überdacht, was denn nun weiter zu thun ſei. In einem Dorfe, 10 Stunden von Bärwalde entfernt, hatte der Oberförſter einen kleinen Freihof, den er als Eigenthümer beſaß. Zu ſeinem Päch⸗ ter, auf den er ſich ganz verlaſſen zu können glaubte, wollte er Roſalie in der nächſten Nacht bringen. Dann, die Mittel wie, ſchwebten ihm wol nur dunkel vor, wollte er Alles anwenden, den jungen Ehemann Klett dahin zu bewegen, daß er gegen ſeine Ehefrau wegen böswilliger oder nicht böswilliger Entfernung auf Schei⸗ dung klagen ſolle. Er hatte vielen Einfluß auf den Tiſchler, und ihn dahin zu bringen ſchien ihm eben ſo leicht, als Roſalien durch liebevolle Behandlung und Ge⸗ ſchenke für ſich zu gewinnen. Auch mochte er denken, daß ihre Eltern noch leichter zu gewinnen ſeien, wenn ſie ſtatt des herrſchaftlichen Tiſchlers den Oberförſter des Freiherrn zum Schwiegerſohn erhielten. So— meinte er— ſei Alles wieder gut gemacht. Unter harter Androhung befahl er dem Kutſcher, von Dem, was er geſehen, gegen Niemand ein Wort zu ſagen. Hänel verſprach es. Nachdem er Thurmſchlüſſel und Terzerol in einen Tiſchkaſten gelegt, eilte er in den Schloßgarten, um zu ſehen, wie die Sachen dort ſtän⸗ den, und um jeden Argwohn abzuwenden, indem er ſich ſelbſt zeigte. XV. 12 266 Eine Entführung. Möglich, daß es ihm gelungen wäre und die Sache einen andern Ausgang genommen hätte, wenn im Kut⸗ ſcher Hänel das Gewiſſen nicht ſo mächtig erwacht wäre. Was hierauf erfolgte, iſt oben erzählt. um 6 uhr Morgens ſehen wir den Freiherrn mit dem Vater der entführten jungen Frau in Galopp nach dem Reineckforſt fahren. Sie waren ſchon eine Viertel⸗ ſtunde vor 7 vor dem Thurme. Kein Laut kam ihnen entgegen, als ſie das Eiſenthor öffneten. Sie ſtiegen die Wendeltreppe hinauf und fanden Roſalie mit geſchloſ⸗ ſenen Augen auf der Matratze im obern Stübchen lie⸗ gen. Der Vater hatte unterweges vom Freiherrn ge⸗ hört, was der Kutſcher Hänel dieſem mitgetheilt. Er trat zu ihr heran, rüttelte ſie, und hob ſie endlich auf, ſie liebkoſend und ſtreichelnd. Sie konnte nicht zu ſich gebracht werden. Der Freiherr nahm Waſſer aus dem Kruge und beſprengte ihr Geſicht. Endlich ſchlug ſie die Augen auf, that einen heftigen Schrei, ſtieß ihren Vater von ſich und fiel wieder auf die Matratze zurück. Der Vater traf endlich die rechten Worte:„Komm, Roſalie, eile zu Deiner Mutter; ſie ſtirbt, wenn Du ihr nicht bald Troſt bringſt.“ Da erhob ſie ſich, reichte ihrem Vater die Hand und ſagte:„Beſſer die Mutter ſtirbt, als daß ſie mich ſo wiederſieht.“ Auch der Freiherr wandte ſich jetzt zu Roſalien man wiſſe, daß ſie ganz unſchuldig ſei, daß der Ober⸗ förſter ein großes Verbrechen an ihr begangen, und ſie werde nun von ihrer Mutter und ihrem Gatten mit Sehnſucht erwartet, ja, Alle in Bärwalde bedauerten ſie herzlich. Sie antwortete unter Thränen: Der Oberförſter habe ihr Gewalt angethan, er habe ſie entehrt; ſie ge⸗ Sache m Kut⸗ t wark. trn mit pp nach Piertel⸗ m ihnen itgen di geſchloſ hen lie⸗ ernn ge it Er l. lich aut, z ſih us dem hlug ſi c ihren „Komn nOu iht und Un 0 nich ſ Roſalien et Db und an n bedauet berfin⸗ rt ſie N Eine Entführung. 267 traue ſich nicht mehr nach Bärwalde zurückzugehen, ſie ſchäme ſich, ſie wolle hier bleiben und hier ſterben, am Ort ihrer Schande, wo der Oberförſter auf ſo ſchänd⸗ liche Weiſe ihre Unſchuld geraubt. Es koſtete viele Mühe, ſie in den Wagen zu brin⸗ gen. Unterweges erholte ſich ihr Schmerz und ihre Er⸗ ſtarrung in einem ununterbrochenen Thränenerguß. Am Brauhauſe gegen Mittag angekommen, mußte ſie aus dem Wagen gehoben werden, ſie zitterte an allen Glie⸗ dern. Man führte ſie an das Bett der Mutter, ſie ſiel ihr um den Hals, konnte aber kein Wort ſprechen. Da trat ihr junger Gatte ins Zimmer, ſchlich leiſe ans Bett und faßte ihre Hand, aber ſie riß ſie fort und ſprach: „Rühr mich nicht an, ich bin entehrt. Das Schick⸗ ſal hat uns auf ewig geſchieden.“ Man brachte ſie zu Bett; man hielt ihre Lage für gefährlich und beſorgte, daß ſie nicht allein pſychiſch, ſondern auch phyſiſch gelitten habe. Mit dem Wortlaut des Unterſuchungsberichts, welchen Phyſicus und Heb⸗ amme über ſie zu Protocoll gaben, behelligen wir unſere Leſer nicht. Sie war in Folge der angewandten Ge⸗ walt verletzt. Die Verletzungen waren zwar an ſich nicht gefährlich, konnten es aber doch in Folge der unge⸗ wöhnlichen Gemüthsaufregung werden. Ihr Puls ging fieberhaft. Ihr Fieberzuſtand währte ſo fort, daß ſie erſt nach 4 Tagen, am 26. Juni, gerichtlich vernommen werden konnte. Ihre Ausſage ſtimmte in Allem mit Dem überein, was Bamberger ſpäter und der Kutſcher Hänel ſchon früher ausgeſagt. Ueber das Thatſächliche des Verbre⸗ chens ſchwebte durchaus keine Dunkelheit. Nachdem der Oberförſter aus dem Thurm fortgeſtürzt, hatte ſie die 12* 268 Eine Entführung. Matratze nicht mehr verlaſſen, und war in den Ohn⸗ macht ähnlichen Zuſtand verſunken, aus welchem ſie durch ihren Vater und den Freiherrn erweckt worden. Der Kutſcher Hänel konnte über den Vorfall nur ausſagen, was vor ſeinen Augen davon vorgegangen. Er hatte nichts von der Abſicht ſeines Herrn gewußt, als dieſer ihn um Mitternacht auf den Teichweg beorderte. Hier ſah er, wie ſein Herr die Roſalie in den Wagen hob. Bei der nächtlichen Fahrt wollte er die größte Angſt ausgeſtanden haben. Manchmal hatte er gedacht: ſein Herr ſei närriſch geworden, weil er„das hübſche Geſchöpf“ ſo barbariſch behandelte. Die Klett habe ihn herzlich gedauert; ſie habe ihn auch um Erbarmen gebeten; aber er habe gefürchtet, der Oberförſter, wie er war, jage ihm eine Kugel durch den Kopf, wenn er etwas thue, um ſie frei zu machen. Er hatte ſich beim Fahren nicht umgeſehn, wußte alſo auch nicht, was im Wagen vorgegangen, und auch nicht eigentlich, was oben im Thurm geſchehen war, aber gehört hatte er einige Mal beim Fahren die„junge Perſon jämmerlich auf⸗ ſchreien.“ Er wollte aber durchaus nicht wiſſen, was die Fortſchaffung der Klett zu bedeuten gehabt. Auch er ward wegen thätiger Beihülfe bei der Entführung zur Criminalunterſuchung gezogen. Der Oberförſter blieb in allen ſeinen Verhören ſeiner erſten Ausſage getreu. Er geſtand unumwunden, daß er in ſeiner damaligen Leidenſchaft Roſalien und ſich er⸗ ſchoſſen haben würde, wenn er nicht zu ſeinem Zweck gekommen ſei. Er habe beſtimmt zu dieſer Abſicht das Terzerol zu ſich geſteckt. Er ſei wie verwirrt, bezaubert geweſen. Man fand das betreffende Terzerol auch wirklich mit Pulver und Kugeln ſcharf geladen; die Cylinder der Percuſſionsſchlöſſer waren mit Zündhütchen beſteckt. den Ohr ſie durch orfall nur ngen. Er vußt, als beorderte. en Wagen die größte ngedecht: as hübſche lett habe Erbarmen er, wie er wenn et ſich beim was im was oben iinige rich auf n, was dil Alch er hrung zlr ören ſint nden, daß nd ſich e, Eine Entführung. 269 Ueber Bamberger's Antecedentien wurden die genaue⸗ ſten Recherchen angeſtellt, obgleich es deren nicht bedurfte, da ſein Leben klar zu Tage lag. Er war aus einer ſehr angeſehenen Familie, ſein Vater war Steuerrath, ſeine Mutter aus einem adeligen ſächſiſchen Hauſe, ſein Bruder Kammeraſſeſſor. Er hatte eine ſorgfältige Er⸗ ziehung genoſſen, auf der Forſtakademie ſtudirt, und, ſeit 8 Jahren als Oberförſter auf der Herrſchaft des Freiherrn, zur größten Zufriedenheit deſſelben ſein Amt verwaltet⸗ Nach der gerichtlichen Ausſage deſſelben hatte er durch Kenntniſſe, Ordnungsliebe, Dienſttreue und Fleiß deſſen ganze Achtung erworben. Alle Zeugen gaben ihm das Lob eines ruhigen, friedliebenden und bedächtigen Man⸗ nes, dem, wie einer der Zeugen, ein Schullehrer, ſagte, Niemand in der Welt ein Verbrechen zugetraut haben würde. Die Unterſuchung, ſo einfach ſie ſchien, ward durch den lange fortdauernden Krankheitszuſtand der Roſalie Klett verzögert. Wäre ſie geſtorben, in Folge der Bru⸗ talität, ſo hätte ſich das Schuldmaß des Angeklagten weit anders geſtellt. Ihre Leiden, Nervenzufälle in Folge der pſychiſchen Erſchütterung, dauerten mehre Monate fort. Im November endlich ging das ärztliche Atteſt ein, daß für ihr Leben keine Gefahr mehr zu beſorgen ſei. Zugleich hatte ſich herausgeſtellt, daß Bamberger's That keine Schwangerſchaft zur Folge gehabt. Die Unterſuchung ward geſchloſſen, Bamberger blieb getreu bei ſeinen Geſtändniſſen und ſagte in einer Schluß⸗ vernehmung:„Ich hätte Manches leugnen und Man⸗ ches in einem mildern Lichte darſtellen können, wovon das Gegentheil nie gegen mich erwieſen worden wäre; allein ich habe die reine Wahrheit, ja jeden Gedanken dem Gericht offenbart, den ich in jener unglücklichen 270 Eine Entführung. Nacht hatte. Und ich hoffe, daß das Gericht ſich über⸗ zeugt haben werde, daß die von mir begangene That gewiß abſcheulicher iſt, als ich ſelbſt bin.“ Bamberger's Defenſor ergriff eine, von dieſem offenen und würdigen Geſtändniß ſehr abweichende ungeſchickte und verletzende Vertheidigungsweiſe, indem er zwei Um⸗ ſtände erfand. In Roſaliens Zuſtimmung, dem Ober⸗ förſter in den Garten zu folgen, erblickte er ein geheimes Einverſtändniß derſelben mit ihrem Verführer zu einer ehebrecheriſchen Umarmung. Sie ſei nach derſelben ſo lüſtern geweſen als er ſelbſt, nur habe ſie dieſe Um⸗ armung irgendwo im Garten, in der Nähe des Tanz⸗ locals gewünſcht, um, wenn ſie gerufen würde, ſofort zur Hand zu ſein. Von Seiten des Oberförſters ſei alſo nur in der Art ein Gewaltact vollbracht worden, daß er, um den Genuß vollſtändiger zu haben, die junge Frau in ſeinen Wagen geworfen und in den Thurm ge⸗ ſchleppt habe. Dies ſei aber von ihm in trunkenem Zuſtande geſchehen, damit alſo dieſes Verbrechen des Rau⸗ bes und der Entführung geſetzlich ſehr gemildert. Da der Angeklagte ſelbſt nicht vorgegeben, daß er in trun⸗ eenem Zuſtande geweſen, da kein Zeuge dieſes Umſtandes erwähnt, bekam der Defenſor von Gerichtswegen für dieſe willkürliche Angabe eine Rüge. Faſt noch ſtrafbarer erſcheint jene Annahme, daß Roſalie in die Umarmung gewilligt und in ſträflicher Luſt dem Verführer in das Dunkel des Gartens gefolgt ſei; denn kein einziger Zeuge gibt zu einer ſolchen Auslegung Anlaß, es widerſpricht der eigenen Ausſage des Oberförſters, Roſaliens Angabe, aus welchen Motiven ſie dem angeſehenen Ehrenmanne in den Garten gefolgt ſei, hat etwas innere Wahrſchein⸗ lichkeit für ſich, es conſtirt, daß ſie als reine Jungfrau in die Arme des Verführers ſiel, und ihr ganzes nach⸗ über⸗ That offenen ſchickte i U⸗ Ober⸗ cheim u einer lben ſo eſe Un⸗ Tan⸗ ſofort vorden, junge mn ge⸗ menem es Jul⸗ t. D in trun⸗ gen für wſbotu armun in das n Zeuge uſpricht ang⸗ nman hrſcheil zungfru es nuth Eine Entführung. 271 folgendes Benehmen legt für ihre Aufrichtigkeit und tugendhafte Geſinnung Zeugniß ab. Ganz willkürlich erfindet alſo hier der Vertheidiger eine Annahme, durch welche er den Ruf einer bis da ganz unbeſcholtenen, argloſen jungen Frau verunglimpft, um die Strafbarkeit ſeines Clienten zu mildern, ohne Auftrag deſſelben, und aller Wahrſcheinlichkeit nach, wie ſich aus dem Folgenden ergibt, ganz gegen den Willen deſſelben. Im Januar 1838 ward das Straferkenntniß gefällt, welches Taver Bamberger, wegen Entführung der verehe⸗ lichten Roſalie Klett, in Betracht:— daß dieſes Ver⸗ brechen wider den Willen der Entführten, unter Anwen⸗ dung großer Gewalt und unter Bedrohung der Ent⸗ führten mit augenblicklicher Ermordung im Falle des Widerſtandes begangen wurde, auch— mit Nothzucht, welche unter Anwendung von Gewalt und unter Bedro⸗ hung mit augenblicklicher Ermordung, im Falle des Wi⸗ derſtandes, wirklich ausgeführt wurde, verbunden war; endlich auch— daß die Entführte in Folge der erlittenen Gewaltthätigkeit ſo gefährlich erkrankte, daß ſie über 5 Mo⸗ nate daniederlag und ärztlich behandelt werden mußte,— mit lebenslänglicher Zuchthausſtrafe belegte. Der Kutſcher Hänel ward, weil er ſich der Theil⸗ nahme am Verbrechen inſofern ſchuldig gemacht, daß er, obgleich wiſſend, daß die der Klett zugefügte Gewalt rechtswidrig war, auf ihren Hülferuf nicht achtete, die Pferde, trotz ihres Angſtgeſchreies und ihrer Bitten, nicht anhielt, ſondern bis zum Reinecksthurm fortfuhr, jedoch mit Beachtung der mildernden Umſtände, daß er nicht gewußt, was die Fortſchaffung der Klett bedeute, und daß er, aus Gewiſſensdrang, ſeinem Gutsherrn ſo⸗ fort Anzeige gemacht, zu 3 Monat Strafarbeitshaus verurtheilt. —— Eine Entführung. Bamberger bat um eine Unterredung mit dem Frei⸗ herrn. Er bezeugte ihm die tiefſte Reue wegen des be⸗ gangenen Verbrechens und bat ihn um ſeine Verzeihung. Er liebe noch jetzt die von ihm ſo tief Beleidigte mit derſelben Leidenſchaft, die ihn zum Verbrechen getrieben; möchte es dem Freiherrn gelingen, ihm die ſchriftliche Verzeihung der ſo ſchwer Gekränkten, ihres Gatten und ihrer Eltern zu verſchaffen. Er hoffe mit dieſen Schriftſtücken in zweiter Inſtanz ein milderes Urtheil zu erlangen. Der Freiherr erklärte ſich bereit, ſoviel an ihm, ſei— nen Wünſchen zu entſprechen. Die ſchriftliche Verzei⸗ hung des jungen Ehegatten konnte er ihm aber nicht mehr verſchaffen. Wilhelm Klett, der ſich ſchon ſeit dem A. Juni 1837, in Folge des unglücklichen Ereigniſſes, Roſaliens Willen gemäß, ganz von ihr zurückgezogen hatte, war am 17. Juni 1838, zwei Tage vor Publi⸗ cation des Erkenntniſſes, geſtorben— ob in Folge des Grams?— und am 21., zwei Tage nach demſelben, beerdigt worden. Ein Strahl der Hoffnung fiel— ſagt das Pro⸗ tocoll— bei dieſen Worten ſichtlich in das Gemüth des gebeugten Mannes.— Roſalie ſelbſt war völlig wieder hergeſtellt.„O könnte ich ſie ſelbſt und ihre El⸗ tern ſprechen!“ rief Bamberger,„ſie würden Mitleid mit mir haben.“ Der Freiherr entfernte ſich, nachdem er dem Gefan⸗ genen wiederholt verſichert, er werde Alles für ihn thun, was er vermöge. Es waren keine leeren Verheißungen. Der Oberförſter hatte ihm nicht allein treue, er hatte ihm auch wichtige Dienſte geleiſtet. Er machte ſich ſelbſt Vorwürfe, daß er den„nächtlichen Vorfall“, wie er bei ſeinem Verhältniß zu dem Brauer und dem jungen Frei⸗ des be⸗ eihung. gte mit trieben; riftliche ten und dieſen Urtheil m, ſir Velzel r nicht eit dem gniſſes, gezogen Publi— olg des nſtlb eh, a5 Pr⸗ Gemith völlig ihr 6. Milleid Grfun n thun ijungen tt holi ſcbl wie jung ſi Eine Entführung. 273 Tiſchler wol gekonnt, nicht auf andere Weiſe behandelt hatte. Er machte ſich Gewiſſensbiſſe, daß er den ſonſt ſo braven Mann, den tüchtigen Beamten, durch ſein zu gewiſſenhaft raſches Einſchreiten dem Criminalgericht und zu ewiger Gefangenſchaft überantwortet habe. Der Freiherr berathſchlagte mit der Familie des Ver⸗ urtheilten, mit dem 6sjährigen Vater deſſelben, dem Steuerrath, und dem Bruder, dem Kammeraſſeſſor. Der Defenſor, hinzugezogen, rieth von einem Begnadigungs⸗ geſuche ab, weil davon weniger zu erwarten ſei, als von einem Geſuche einer Strafverwandelung. Vor Allem ſei die Verzeihung der Beleidigten und deren Eltern zu beſchaffen. Der Landesherr, welcher die Ehen ſehr be⸗ günſtige, werde, wenn alle Verwandte des Beleidigers und der Beleidigten zugleich dieſen Antrag ſtellten, und ihn dahin erweiterten: daß mit der Strafverwandlung zugleich die Erlaubniß zu Eingehung der Ehe zwiſchen dem Entführer und der Entführten nachgeſucht werde, günſtiger geſtimmt werden. Der Brauer Wiesner war vom Freiherrn ohne große Mühe zu einer Einwilligung geſtimmt, aber er konnte für ſeine Tochter nicht beſtimmt zuſagen. Dieſe erklärte: ſie könne unmöglich glauben, daß ein Mann ſie liebe, der ſie ſo ſchrecklich behandelt habe. Sie zittere ſchon vor dem Gedanken, daß ſie jemals im Leben mit dieſem Manne allein zuſammentreffen ſolle. Verzeihen wolle ſie ihm gern die That, obgleich durch dieſelbe ihr ganzes Leben vergiftet ſei. Dies war eine abſchlägige Antwort. Der Freiherr ermüdete nicht. Als noch der Familienrath beiſammen war, ging er ſelbſt zur jungen Witwe. Er brauchte alle Ueberredungskunſt, die zu einem guten Zwecke erlaubt iſt: der Oberförſter werde ſich ſelbſt im Gefängniſſe für den 274 Eine Entführung. glücklichſten Menſchen halten, wenn er höre, daß Roſalie ihm ihre Hand anvertrauen wolle; ſein ganzes Leben hindurch werde er bemüht ſein, durch treue Liebe zu vergüten, was er durch wilde Leidenſchaft verſchuldet. Nur der Gedanke, daß ſie die Gattin eines Andern wer⸗ den ſolle, hätte ihn zu der Raſerei verführt, er ſei in dem Augenblick ſinnlos geweſen. Er könne nicht tiefer bereuen, und neben der Reue glühe noch immer ſeine Liebe für Roſalien. Wenn Roſalie unerbittlich bleibe, werde wahrſcheinlich der alte, gebeugte Vater des Ober⸗ förſters ſeinem Gram erliegen. Einem ſolchen Freiwerber mußte Roſaliens Stand⸗ haftigkeit weichen. Sie weinte, und fragte endlich: ob denn, wenn ſie ihn heirathe, der Oberförſter frei werde? Der Freiherr konnte nur antworten: er glaube es. Da ſprach Roſalie endlich: „Es iſt ein ſchwerer, wichtiger Schritt, gnädiger Herr, zu dem Sie mich beſtimmen. Aber ich will Ihrem Willen nachgeben. Gehe es denn, wie Gott will.“ Die weitern Schritte, die geſchahen, werden uns aus⸗ führlich mitgetheilt. Es iſt nicht nöthig, ſie herzuſetzen, da ſie nur Formalien betrafen, wo die handelnden Par⸗ teien im Weſentlichen einig waren. Am 29. Januar erbaten ſich Roſalie und ihr Vater eine Unterredung mit dem Gefangenen. Bamberger ward vorgelaſſen. Er ſtürzte der zitternden Roſalie zu Füßen, hub die Finger und ſprach:„Ich ſchwöre, Dir Dein Leben zu verſchönern, wenn Gott und mein Landesherr mir gnädig iſt.“ Roſalie reichte ihm ſtillweinend die Hand. Der Vater Wiesner ließ ſich ſeine Rechte von ihm drücken. Die Bittſchrift ward gunſtig aufgenommen, der alte Steuerrath erhielt ſelbſt eine Audienz beim Landesherrn, Eine Entführung. 275 oſulie der ihn troſtreich empfing, und Mitte Februar erging Leben das landesherrliche Reſcript, welches: in Anbetracht des be zu frühern, muſterhaften Lebenswandels des Verurtheilten, uldet. ſeiner tiefen Reue, ſeiner mehr als ſiebenmonatlichen wer⸗ ſchweren Gefangenſchaft, der zwiſchen Entführer und Ent⸗ ſei in führten ſtattgefundenen Verſöhnung, der beſchloſſenen tiefet Heirath, endlich der vielſeitigen Anträge achtbarer Per⸗ ſeine ſonen, insbeſondere aber in favorem matrimonii die bleibe, Zuchthausſtrafe in(wie der Antrag lautete) eine Geld⸗ Ober⸗ ſtrafe von 2000 Thalern, 1000 für die Armencaſſe und 1000 für die Kirchencaſſe zu Bärwalde, verwandelte. tund⸗„Seine Königliche Hoheit verſehen ſich übrigens,“ heißt ob es zum Schluß,„zu Bamberger, daß derſelbe die Heirath erde mit der Klett zu ſeiner Zeit vollziehen und ſein ganzes Da Leben hindurch keine Gelegenheit unbenutzt laſſen werde, der ihm widerfahrenen Gnade ſich würdig zu bezeigen.“ idiger Der Oberförſter ward entlaſſen, zahlte ſeine Strafe Shten und ward vom Freiherrn wieder in ſein Amt eingeführt. Es gelang ihm, wird in einer Nachſchrift verſichert, nach mu und nach Roſaliens Liebe zu erwerben, und die Hochzeit — fand am 21. Auguſt 1838 ſtatt. Par⸗ Vatet ſije Dein deshert t Votet der lte ebhern George Frederick Manning und Maria Manning. 1849. Zu Taunton hatte im Jahr 1847 ein gewiſſer Manning mit ſeiner Frau ein Wirthshaus gehalten, welches ſie aber bald wieder aufgaben und ſich in Miniver⸗Place, Bermondſey, in London niederließen. Auch hier hatten ſie ein ganzes Haus, wie es in London Sitte iſt, ge⸗ miethet, ohne daß man erfährt, in welcher ausgeſpro⸗ chenen Abſicht. In England iſt es nicht Art, ſich danach ſtreng zu erkundigen, wenn die Miether nichts Anſtößiges vornehmen und ihrer Pflicht im Uebrigen nachkommen. George Frederick Manning war bis zum Jahre 1847 bei der Great Weſtern Eiſenbahngeſellſchaft angeſtellt ge⸗ weſen, wo er ſich verheirathete und ſein Glück in dem erwähnten Geſchäft verſuchte Er war ein junger Mann von gegen 30 Jahren und ſtammte aus Somerſetſhire, ſeine Frau am Ende der 20, aus der franzöſiſchen Schweiz gebürtig, ſcheint als Bonne nach England ge⸗ kommen zu ſein, und hatte bis dahin in Dienſten einer Tochter der Herzogin von Sutherland geſtanden. Das Ehepaar lebte in der genaueſten und vertraute⸗ ſten Bekanntſchaft mit einem Herrn Patrick O'Connor, mning es ſie Mack, hatten ſt, ge zgeſpre⸗ dans mmen e 150 ſtelt ge in dem r Mann ſetſhire zöſiſchen lund g⸗ ten einet n. ertroul Conno ———— George Frederick Manning u Maria Klanning. 277 — der in den London Docks angeſtellt war und als ein wohlhabender Mann galt. O'Connor war unverhei⸗ rathet, und man wußte, oder erfuhr doch bald, daß er mit Maria Manning in einem mehr als vertrauten Verhältniſſe ſtand, welches der Ehemann nicht gehindert hat; es ſcheint im Gegentheil, daß er es begünſtigt hat. O'Connor wohnte in Greenwoodſtreet, Mile⸗End, für London nicht ſehr weit von Miniver⸗Place. Donnerſtag am 9. Auguſt 1849 hatte er ſeine Woh⸗ nung ſchon Morgens um 6 ½ verlaſſen. Man ſah ihn im Lauf des Tages an verſchiedenen Orten, gegen Mit⸗ tag auch an der London⸗Brücke, wo er zweien Freun⸗ den ein Billet zeigte, welches ihn zum Mittag einlud und Maria unterzeichnet war. Ein Bekannter ſah ihn gegen 5 Uhr Nachmittags in der Nähe von Miniver⸗ Place. Dies war das letzte Mal, daß man ihn leben⸗ dig geſehen. Von da ab vermißten ihn ſeine Freunde, und alle Nachforſchungen nach ihm, auch bei Mannings, blie⸗ ben vergeblich. Am 13. Auguſt verließen beide Eheleute Manning plötzlich und heimlich ihr Haus in Miniver⸗Place. Am 14. fand es der Hauswirth ganz leer ſtehend, ohne daß ihm die geringſte Anzeige gemacht worden. Die Polizei, davon benachrichtigt, ließ am 17. eine genaue Haus⸗ ſuchung halten, und unter den Flieſen der Küche fand man alsbald den Leichnam des Vermißten in einer fri⸗ ſchen Grube, nackend, die Beine rückwärts gegen die Hüften gebunden. Sein Schädel hatte eine Schußwunde, außerdem war er grauſam zerſchlagen. Patrick O'Connor war umgebracht worden, und zwar zwiſchen dem 9. Auguſt, wo man ihn zum letzten Male geſehen, und dem 17., wo er gefunden ward. Dieſe 278 George Frederick Manning u. Maria Manning. Gewißheit begegnete ſich mit der höchſten Wahrſchein⸗ lichkeit, daß die Manning'ſchen Eheleute die Mörder waren, denn ſie allein hatten das Haus bewohnt, wo der Leichnam gefunden ward, und ſie waren plötzlich, nachdem, wenn auch noch nicht der Mord, doch D'Connor's Verſchwinden ruchbar ward, ebenfalls verſchwunden. Es ward auf beide Eheleute gefahndet. Die außer⸗ ordentlichen Umſtände der gräßlichen Mordthat, unter⸗ ſtützt, wie es ſcheint, durch die Bemühungen der zahl⸗ reichen Freunde des Ermordeten, hatten auch eine außer⸗ ordentliche Thätigkeit der polizeilichen Behörden angeregt. Frederick Manning ward auf der Inſel Jerſey ent⸗ deckt und ergriffen. Er geſtand das Verbrechen inſofern ein, daß er die ganze Schuld bei der erſten außergericht⸗ lichen Vernehmung auf ſeine Frau warf. Dieſe ward, unter einem fremden Namen, in Schottland entdeckt, ohne jedoch zu geſtehen; Beide wurden nach London zurück⸗ gebracht und der Proceß gegen ſie eingeleitet. Dieſe Notizen, als notoriſch geworden, ſchicken wir dieſem nächſtberühmteſten engliſchen Criminalfall aus der Gegenwart vorauf. Außer denſelben hatte ſich aber eine große Menge Gerüchte, auf wahre Umſtände und auf leere Fictionen begründet, im Publicum, zum Theil durch die Preſſe, verbreitet, vor denen der öffentliche Ankläger die Geſchworenen warnte, und ſie bat, auf nichts zu hören und Alles aus dem Sinn zu ſchlagen, was ihnen auf außergerichtlichem Wege zu Dhren gekom⸗ men, indem die gerichtlichen Ermittelungen der Art wären, daß ſie aus denſelben ihr Urtheil vollſtändig ſchöpfen könnten. Auch wir folgen ſeiner Weiſung und geben den Proceß ganz nach der gerichtlichen Verhand⸗ lung, welche am 25. October 1849 vor dem Central Criminal Court von Old Bailey begann und von den George Frederick Manning u. Muaria Manning. 279 ng. Zeitungen in der ſeltenen Ausführlichkeit mitgetheilt iſt, Wen⸗ welche ſie nur Proceſſen widmen, welche die allgemeine — Aufmerkſamkeit in Anſpruch genommen haben. t, W lötich, nnors Seit langer Zeit hatte man kein ſolches Gedränge n. vor dem Gerichtshofe geſehen, als es an dieſem Morgen, ußer⸗ und ſchon in für London ungewöhnlich früher Stunde unter⸗ ſtattfand. Was in engliſchen Gerichtshöfen früher nicht t zahl⸗ gewöhnlich, es hatten die Sherifs Entreebillets ausge⸗ mßer⸗ theilt, und nur gegen dieſe fand das Publicum Zutritt. geregt. Es ward in den Zeitungen gerügt, daß dies für Geld h ent⸗ geſchehen, und doch ſtanden die vornehmen oder wohl⸗ nſofern habenden Käufer, welche gute Plätze haben wollten, ericht⸗ ſchon vor 8 Uhr an den Thüren, während erſt um ward, 9 Uhr geöffnet ward. Gegen Mittag waren die Stra⸗ ohne ßen umher von Volkshaufen faſt geſperrt. Im Saale mrück⸗ ſelbſt brachte man Damen und Herren, unter denen ſich die erſten. Würdenträger und Geſandten befanden, wo ten vi es nur irgend möglich war, unter; Einige wurden auf us der die Bänke der Richter geſetzt, während Andere ſich ſelbſt e ein bequemen mußten, in nicht zu großer Entfernung von dauf den Angeklagten zu ſitzen. ngil Nachdem verſchiedene kleinere Verbrecher und Ueber⸗ . ſiche treter abgeurtheilt waren, trat der Lord Oberrichter nt a Sir Fr. Pollock, von den Richtern, dem Lord Mayor 1, 7 und andern Beamten begleitet, ein. Zugleich wurden , aber auch die beiden Gefangenen eingeführt, auf die das g 3 art Publicum, Monate lang durch die verſchiedenſten Berichte e neugierig gemacht, ſofort die Blicke richtete. Mann und Frau hatten ſich ſeit ihrer Verhaftung noch nicht ge⸗ ng n ſehen, keiner aber warf einen Blick auf den andern, als nien jeder in eine beſondere Ecke der Verbrecherſchranken ge⸗* Cen von de ſtinig 280 George Frederick Manning u. Maria Klanning. wieſen ward. Manning erſchien in anſtändiger ſchwar⸗ zer Kleidung mit ſchwarzem Halstuch. Sichtlich war er von nervöſer Unruhe geſchüttelt. Er wechſelte oft ſeine Stellung an der Schranke, und warf dann und wann verſtohlene Blicke auf ſeine Frau. Maria Manning dagegen verblieb von dem Augen⸗ blicke an, wo ſie an der Schranke ſich hingeſtellt, über eine Stunde in derſelben Stellung, bewegungslos wie eine Bildſäule. Während des ganzen übrigen Tages warf ſie keinen Blick auf ihren Mann. Doch war ſie ſichtbar leidend; die eiſenfeſte Geſundheit, welche ſie noch nach ihrer Arretirung beſeſſen, hatte ſie zugleich mit der Friſche und ſpielenden Keckheit verlaſſen, die man frü⸗ her an dem jungen Weibe bewundert und gerügt. Sie trug ein Kleid von dunklem Zeug, welches bis hoch oben am Halſe ſchloß, einen Shawl von lebhaften Farben, in welchen das Blau vorwaltete, und hellfarbige Hand⸗ ſchuhe. Ohne Haube, hatte ſie über dem Haar einen ſie wohlkleidenden weißen Schleier. Ob ſie ſonſt wohlge⸗ bildet war, haben die Reporter nicht berichtet. Sie wird 28, ihr Mann 30 Jahr alt angegeben, Beide hätten aber viel älter ausgeſehen. Der Frau ward im Verlauf der Verhandlung, auf Antrag ihres Vertheidigers, ein Seſſel zugeſtanden. Die verleſene Anklage ging dahin: daß Frederick George Manning am 9. Auguſt 1849 zu Bermondſey verrätheriſcherweiſe eine Piſtole abgeſchoſſen, geladen mit einer Kugel, auf Patrick O Connor, und ihm eine tödt⸗ liche Wunde beigebracht, an welcher er darauf und da⸗ ſelbſt geſtorben. Ferner eine Anklage: daß beſagter Fre⸗ derick George Manning den Tod von Patrick O'Connor verurſacht, indem er ihn geſtoßen, geſchlagen und ver⸗ wundet am hintern Theil des Kopfes mit einer Brech⸗ ning. Grorge Frederick Manning u. Maria Manning. 281 — ſtange. Die weitern Anklagen: daß er den Tod des O Connor verurſacht zuſammen durch Schießen und Schla⸗ — gen und durch eine Schießwaffe, die eine Windbüchſe i nn geweſen. Die Anklage gegen Maria Manning lautet: ier daß ſie zugegen geweſen, hülfreich und aufreizend beſagten * ger⸗ Frederick George Manning, das Verbrechen zu begehen. Ut, Befragt, wie er ſich auf die Anklage geſtellen wolle, los 6 rief Manning mit lautem und feſtem Tone:„Nicht n Taget ſchuldig.“ h war ſe Für die weibliche Angeklagte erklärte ihr Vertheidi⸗ eſt nc ger Mr. Ballantine, ſie ſei aus Genf gebürtig, und nit der mache deshalb Anſpruch auf das Ausländern geſtattete man fü⸗ Vorrecht, von einer Jury gerichtet zu werden, welche gt. Su zum Theil aus Ausländern zuſammengeſetzt wäre. Der och oben techniſche Ausdruck dafür iſt, ſie verlange ein trial per Farben, medietatem linguae. e Hand⸗ Hierauf fragte der Lord Oberrichter die Gefangenen einen ſie nach der alten Form:„Wie wollt Ihr gerichtet wer⸗ twohlge⸗ den?“ Statt zu antworten:„Durch Gott und mein Si wid Land“, antwortete Maria Manning in ſelber Weiſe: de hitten„Durch eine Jury de medietate linguae.“ n Vuluf Auf die nun auch an ſie gerichtete Frage„Seid Ihr iget ein ſchuldig oder nicht ſchuldig dieſes Verbrechens?“ ant⸗ wortete ſie mit kaum hörbarer Stimme:„Nicht ſchuldig.“ doit Hierauf folgte eine ſehr lange juriſtiſche Verhandlung mondſih zwiſchen dem Staatsanwalt, den Vertheidigern und dem laden mit Lord Oberrichter: ob der Einwand der Angeklagten, daß ine tid⸗ ſie durch eine beſondere, halb aus Ausländern zuſam⸗ und do⸗ mengeſetzte Jury gerichtet werden müſſe, Platz greife? ſogtet Fre Uralte und neueſte Geſetze und Statuten wurden citirt, SConnot der Hof entſchied ſich aber nach einer Berathung: daß nd ve⸗ er nicht Platz greife, indem Maria Manning, durch ihre . Breh Verheirathung mit einem Engländer, als naturaliſirt 282 George Frederick Manning u. Maria Manning. anzuſehen ſei. Die Angeklagte hatte dieſem Rechtsſtreit mit der größten Aufmerkſamkeit zugehört, verrieth aber, als die Entſcheidung zu ihren Ungunſten ausfiel, nicht die geringſte Bewegung. Die Anklageacte lautete mit Weglaſſung Deſſen, was uns aus dem oben Gegebenen bekannt iſt, dahin: Am 9. Auguſt, am Donnerſtag, hatte Patrick D Con⸗ nor Morgens um ſieben ein halb ſeine Wohnung ver⸗ laſſen. Auf den London Docks war er, wie ſein Amt es erforderte, gegen 8 Uhr, zeichnete ſeinen Namen in das Präſensbuch und blieb bis gegen 4 Uhr Nachmit⸗ tags, wo er ihn wieder in ein anderes Buch eintrug, in welches Diejenigen ſich einzeichnen, die das Bureau verlaſſen. Ein Viertel vor 5 ſahen ihn zwei Freunde nahe an der London⸗Brücke. Als ſie ihn fragten, wohin er ginge, zog er ein Billet aus der Taſche und zeigte es den Freunden. Es war eine Einladung zum Mittag⸗ eſſen, unterzeichnet Maria. Um 5 Uhr ſah man ihn in der Weſtonſtreet, unfern vom Miniver-Place. Etwas ſpäter ſah man ihn wie⸗ der auf der London⸗Brücke. Er ſchien unſchlüſſig, wo⸗ hin er ſich wenden ſolle. Seitdem hat ihn Niemand mehr geſehen. Am 13. Auguſt verließen die Manning ſchen Eheleute plötzlich ihre Wohnung. Am 14. fand ihr Wirth das Haus ganz leer. Sie hatten es, ohne ihm eine Meldung zu thun, verlaſſen. Am 17. ſtellte die Polizei eine ſorgfältige Haus⸗ ſuchung an. In der Küche im Hinterhauſe zeigten ſich Flieſen, die nicht ſo feſt wie die andern eingekittet ing. töſtreit h aber, „nicht n was HCon⸗ ng ve⸗ in Ant men in achmit⸗ intrug, Bureau ahe an ohin er cigte t Mittag⸗ unfern ihn wil⸗ ſig, wy Cheleute „6 laſſen Haub atun ſich ngllit Grorge Frederick Manning u. Maria Manning. 283 ſchienen. Man löſte ſie ohne beſondere Mühe, und, nach⸗ grabend in der friſch umgewühlten Erde, fand man 4 Fuß tief unter der Oberfläche, Patrick O'Connor's Leiche, nackt, die Beine hinten an die Hüften hinaufge⸗ bunden. Sie war mit Kalk überſchüttet. Von den Kleidern des Todten fand man in der gan⸗ zen Wohnung keine Spur, auch nicht den Brief, der ihn zum Mittag eingeladen, ebenſowenig eine Waffe, durch welche er vom Leben zum Tode gebracht ſein konnte. Die Identität der Leiche mit dem verſchwundenen D'Connor ward durch viele Zeugen außer Zweifel geſetzt. Den Beweis, daß er ermordet worden, führten die Wunden, die man vorfand. Ein Schuß war durch den Kopf gegangen. Der Schädel war aufs fürchterlichſte zerſchlagen. D' Connor war demnach ermordet, und zwar an Ort und Stelle ſelbſt, in dem Hauſe, welches die Eheleute Manning allein bewohnten, und in dem Zeitraum zwi⸗ ſchen dem 9. und 17. Auguſt. Der dringendſte Ver⸗ dacht fällt ſchon aus dieſen Umſtänden auf die Eheleute, welche das Haus bewohnten; er wird aber durch die folgenden Indicien zur bündigſten Gewißheit. Er fürchte, ſagte der Staatsanwalt, daß die Jury, wenn ſie die Zeugen höre, der Meinung ſein werde, daß es ſich hier um ein tief angelegtes Complot handle; und die Zweifel, die ſich bei ihnen erheben dürften, wür⸗ den nur die ſein, ob einer der Eheleute, oder ob beide zugleich in dieſem Complot betroffen wären; ob Maria Manning dem Opfer den Todesſchlag gegeben, und der Mann nur zugegen geweſen, oder Frederick George Man⸗ ning den Schuß und den Schlag verſetzt oder auch irgend ein dritter Unbekannter, und Maria nur gegen⸗ wärtig geweſen, helfend und anfeuernd; oder ob endlich 284 George Frederick Manning u. Maria Manning. Einer von Beiden allein die That begangen und der Andere nicht zugegen geweſen? Er vertheidigte in Be⸗ zug hierauf die Formel des Anklageantrags, welche das Geſetz bedinge, um in jeder Beziehung ſicher zu gehen, jenachdem die Beweisführung die Schuld des einen oder des andern Theiles in helleres Licht ſtelle. Die gründ⸗ liche Erörterung hierüber iſt für das engliſche juriſtiſche Publicum, nicht für uns von Intereſſe; um ſo weniger als durch den Verfolg der Gerichtsverhandlungen und was ihnen nachfolgte, über die ſubjective Thäterſchaft und das factiſche Verhältniß alle moraliſchen und ſelbſt die juridiſchen Zweifel gelöſt erſcheinen. Der Staatsanwalt ging alsdann zu einer chronolo⸗ giſchen Aufzählung derjenigen Anzeichen über, welche der That vorangingen. Er hatte nicht ermittelt, wie alt die Bekanntſchaft der Eheleute mit O'Connor ſeiz aber er glaubte Grund zur Vermuthung zu haben, daß O'Connor ſchon vor 1847, alſo vor Maria's Verheirathung, mit ihr in Be⸗ rührung geſtanden. Gewiß aber ſei, daß ſie in letzter Zeit auf ſehr vertrautem Fuß miteinander gelebt. Sie beſuchte ihn ſehr oft in ſeiner Wohnung, ſie wußte um alle ſeine Vermögensangelegenheiten, ſie hatte Zutritt in ſeiner Wohnung, auch wenn er nicht zu Hauſe war, und blieb daſelbſt oft lange Zeit. O'Connor war ein Mann von hübſchem Vermögen. Nachdem die Mannings das Haus in Miniver⸗Place gemiethet, nahmen ſie einen Aftermiether auf in der Per⸗ ſon eines Studenten der Medicin, Namens Maſſay. Sie hatten aber keinen Dienſtboten. Maria beſorgte die häuslichen Geſchäfte allein; nur gelegentlich nahm ſie eine oder die andere Frau an, um ihr in der Arbeit beizuſtehen. ning und der he das u gehen, nen oder gründ⸗ utſtiſch weniget gen und iterſchaft nd ſiltſt hronol der ch che mtſchoft Grund chon vor in Be⸗ in letztet bt. Si ußte un zutritt in uſe wor war ein erPlal der Per ſſah⸗ 6i orgie 2 nohm ſt 9 el er Ar Grorge Frederick Manning u. Maria Manning. 285 Manning richtete in Gegenwart ſeiner Frau zuwei⸗ len Fragen an den Studenten, welche jener Zeit ganz harmlos und unbedeutend erſchienen, die aber in Be⸗ ziehung auf das Nachfolgende eine nur zu ſchwere Be⸗ deutung gewinnen. Manning erwähnte, daß O' Connor ein wohlhaben⸗ der Mann ſei, daß er wol an 20,000 Pfund beſitze und ein Teſtament gemacht habe zu Gunſten ſeiner, Manning's, Frau. Er befragte den Studenten über die Natur und Wir⸗ kungen des Chloroform und Laudanum, und ob ſie wol ſo wirkſam ſeien, um einen Menſchen ganz zu betäu⸗ ben; etwa in der Art, daß er ſeinem Freunde O⸗Connor eine 500 Pfund Note aus der Hand nehmen könne?— Er wollte wiſſen, welcher Theil des menſchlichen Körpers am leichteſten eine tödtliche Verletzung annehme? Die Antwort war: die Kehlader.— Er fragte, wo der Sitz des Gehirns ſei? Maſſay zeigte es ihm.— Er fragte: ob Maſſay jemals eine Windbüchſe losgedrückt, und ob ſie Geräuſch verurſache?— Ein ander Mal fragte er ihn, was er über das Ende eines Mörders denke? Maſſay hatte dieſen Unterhaltungen wenig Aufmerk⸗ ſamkeit geſchenkt. Sie fanden vor dem Juli ſtatt. Aber einige Tage vor dem 28. Juli drückten beide Gefangene dem Miether ihren Wunſch aus, daß er ihre Wohnung wieder verlaſſen möge. Sie ſagten, ſie wollten auf einige Zeit verreiſen. Sie drängten immer wieder und wieder, bis Maſſay an jenem Tage wirklich auszog. Am 23. Juli war Manning zu einem Maurermeiſter Wells gekommen, um eine Quantität Kalk von ihm zu kaufen, er ſagte, um die Schnecken in ſeinem Garten zu vertilgen. Auf die Frage, ob er grauen oder weißen Kalk wolle, antwortete er, ſolchen, der am ſchnellſten 286 Grorgr Frederick manning u. Maria Manning. brenne. Man ſchickte ihm darauf grauen Kalk. Der Burſche des Maurers ſollte den Kalk bringen. Als er ihn vor die Hausthür trug, öffnete Manning's Frau, und ohne ein Wort zu ſprechen, oder zu fragen, was er bekomme, gab ſie ihm ein Geldſtück. Der Mann zeigte dem Burſchen einen Korb, in den er den Kalk ſchütten ſolle. Am 25. Juli beſtellte Manning in einem Eiſenwaa⸗ renladen ein ſehr ſtarkes Brecheiſen für eine beſtimmte Summe. Am 28. Juli war es fertig, und ein Arbeits⸗ mann trug es in der Hand, uneingewickelt, nach Man⸗ ning's Wohnung. Auf der Mitte der London⸗Brücke be⸗ gegnete Manning dem Manne, und war ungehalten darüber, daß er das Eiſen ſo blank und baar trage. Er trat mit ihm in einen Laden und kaufte einige Pa⸗ pierbogen, in welche das Eiſen eingewickelt ward. Dann wies er ihn an, es nach Miniver⸗Plate zu bringen, wo Jemand die Stange in Empfang nehmen werde.— Manning's Frau machte dem Arbeitsmann die Thür auf. Dieſer übergab ihr die in Papier gehuͤllte Stange, ohne ein Wort zu ſprechen, und ſie, ohne ein Wort über den Inhalt zu ſagen, fragte nur: was es koſte? Als der Mann die Summe nannte, beklagte ſie nur, daß es theurer ſei, als accordirt war, zahlte ihm aber ſofort und empfing dafür das Brecheiſen, das immer noch in ſeinem Papier verhüllt blieb. Dieſes Brecheiſen hat ſich weder im Hauſe vorgefun⸗ den, noch war es unter Gegenſtänden, welche Manning ſpäter an einen Trödler verkauft hatte. Am S. Auguſt, alſo am Tage vor dem, wo O Connor ʒum letzten Male geſehen ward, kaufte Miſtreß Manning eine Schaufel. Sie ſollte ſtark ſein, ſonſt wäre es ihr gleichgültig, ob der Griff kurz oder lang wäre. Als er 6 Frau, 9 en, wa er Mann den Kalk Eiſenwan⸗ befimmti Arbeits⸗ ach Mun Bricke be ngtholten ar trage⸗ nige Pe d. Dann ugun, wo wed. die Thir George Frederick Manning u. Maria Mlanning. 287 Am 8. Auguſt, nach dem Kaufe des Kalks, des Brecheiſens und der Schaufel, ſchrieb Miſtreß Manning an D'Connor einen Brief, in welchem ſie O'Connor zum Mittageſſen an dem Tage bei ſich einlud. Der Brief lautete: „Mittwoch Morgen. „Lieber O'Connor— wir würden ſehr vergnügt ſein, wenn Sie dieſen Mittag mit uns ſpeiſen wollten, um 5 ½. Ihre ergebene Maria Manning.“ Dies war nicht der Brief, welcher O'Connor zu ſeinem Opfergange veranlaßt hat. Er war erſt Mittwoch am 8. um 3 Uhr Nachmittags auf die Poſt gegeben, adreſſirt an O Connor auf den London Docks. Er konnte nach der Poſtordnung erſt am folgenden Tage ſeine Adreſſe erreichen. In der That ward er auch erſt Don⸗ nerſtag am 9. in O'Connor's Wohnung von einem Portier der Docks abgegeben, nachdem jener ſchon um 7% ſeine Wohnung verlaſſen hatte. Er hat ihn nicht mehr geſehen. Am Abende des Tages, als jener Brief abgeſandt ward, am 8. Auguſt, kam O'Connor zufällig in das Manning'ſche Haus; glücklicherweiſe für ihn in Geſell⸗ ſchaft eines Andern, eines Herrn Welſh. Miſtreß Man⸗ ning ſagte ihm, ſie habe ihm einen Brief geſchrieben, in welchem ſie ihn heut zu Mittag eingeladen, und ſei verwundert, daß er nicht gekommen. O'Connor erwie⸗ derte, daß er den Brief nicht erhalten. O'Connor blieb im Manning'ſchen Hauſe mit ſeinem Begleiter bis gegen Mitternacht. Er rauchte, trank aber nicht. Die Unterhaltung betraf gleichgültige Gegenſtände; unter andern eine Geldſumme, welche Wſtr. Welſh für 288 George Frederick Manning u. Maria Manning. ihn in Empfang genommen. Als er um 12 Uhr ging, klagte er, daß er ſich übel befinde. Vom folgenden Tage, dem 9., weiß man nur Das von ihm, was oben angegeben iſt. um 5 Uhr Abends, oder einige Minuten ſpäter, hatte man ihn, wie angeführt, in der Weſtonſtreet, etwa 3 Minuten von Miniver⸗Place entfernt, zum letzten Mal geſehen, und er ſchien unſchlüſſig, wohin er ſich wenden ſollte. Am Abende dieſes 9. Auguſt, etwa ein Viertel vor 6 Uhr, kam Miſtreß Manning nach OD' Connor's Woh⸗ nung in Greenwoodſtreet. Um von Miniver⸗Place nach dem gedachten Hauſe zu gelangen, braucht, nach ſorgfältigen Ermittelungen, ein Fußgänger etwa 42 Minuten, ein Omnibus 35, ein Cabriolet 20. Die Manning blieb in der Wohnung bis etwa ein Viertel nach 7 Uhr, alſo im Ganzen ſechs Viertelſtunden. Er, Manning, war aber unzweifelhaft den ganzen Abend durch in ſeiner Wohnung; denn um% nach 7 ſahen ihn Nachbarn auf der Plateform ſeines Hinter⸗ hauſes rauchend und plaudernd. Er blieb dort etwa 20 Minuten, ſprang dann aber plötzlich hinunter, indem er ſagte, er habe ſich mit Jemand verabredet. Wahrſcheinlich lag der Mord ſchon hinter Beiden. Am 10. Auguſt, Freitags, begab ſich Miſtreß Man⸗ ning abermals in das O'Connorſſche Haus, wieder um 6 ½ und blieb wieder etwa ſo lange, wie am vorigen Abende. Die Abſicht: von O'Connor's Sachen einen Theil mitzunehmen, ſpringt von ſelbſt in die Augen. Ihr Beſuch erregte keinen Argwohn, man war daran gewöhnt. Eine Zeugin aber bekundet, daß ſie beim Fort⸗ gehen ſehr bleich und nervös ausgeſehen. Nanning. Uhr ging, on nr Das ſpäter, hatte ſtreet, etwa zun letzten ohin et ſih Viertel vor nors Woh⸗ chten Hauſt nittelungen hus 35, in zohnung bi zanen ſechs t den gune m nch eines Hint b dort etwe inden unter, er Beiden . an tiſrß Mo nieder i an vor. ein Sachen 6u Ah ie 1 n war d ſe bein George Frederick Manning u. Mlaria Manning. 289 Am 11. Auguſt, Sonnabend, hatte die Manning ein Mädchen angenommen, um die hintere undvordere Küche in ihrer Wohnung rein zu machen. Auch gab ſie ihr einen Korb zu waſchen, in welchem ſichtlich Kalk aufbe⸗ wahrt geweſen. Das Mädchen konnte nicht damit zu Stande kommen und die Manning machte ſich nun ſelbſt daran, bis alles Waſſer, was im Hauſe vorräthig, erſchöpft war. Am ſelben Tage verkaufte Manning bei einem Wechs⸗ ler, im Namen Patrick O'Connor's, auf deſſen Namen ſie lauteten, und deſſen Namen er oder ein Anderer un⸗ ter die Ceſſionsurkunde geſetzt hatte, 20 Eiſenbahnactien der Eaſtern Counties, die unzweifelhaft O'Connor's Ei⸗ genthum waren, für 110 Pfund. Die Hundertpfundnote, die er dafür empfing, ſetzte er an der Bank um in 50 Sovereigns und 5 Zehnpfundnoten. Dieſe Noten wur⸗ den ſpäter im Beſitz der Miſtreß Manning vorgefunden. D'Connor's Nichterſcheinen im Bureau, ſeine Ab⸗ weſenheit von Hauſe hatten natürlich Beſtürzung und Verdacht im Kreiſe ſeiner Freunde erregt. Diejenigen, welche ihn am Donnerſtag(9.) auf der London⸗Brücke zum letzten Male geſehen, und denen er das Invitationsbillet zum Mit⸗ tag bei Mannings gezeigt, gingen am Sonntag(12.) in die Manning'ſche Wohnung, um ſich zu erkundigen. Auf die Frage: ob O'Connor am Donnerſtag hier gegeſſen, antwortete die Manning: Nein. Sie habe ihn ſeit dem Mittwoch vorher nicht mehr geſehen, wo er mit Maſter Welſh bei ihnen vorgeſprochen geweſen. Sie habe ihn wohl am Donnerſtage erwartet, da er nicht gekommen, wäre ſie in ſeine Wohnung gegangen. Maſter Welſh war mit dieſer Auskunft wenig zufrieden; am Montag (13.) kam Maſter Flynn, ein Verwandter des Verſchwun⸗ denen, in das Manning'ſche Haus, um ſich bei der Shefrau zu erkundigen. Auch ihm gab ſie dieſelbe Ant⸗ XV. 13 290 George Frederick Manning u. Maria Manning. wort, O'Connor habe am Donnerſtag weder bei ihnen geſpeiſt, noch habe ſie ihn während des ganzen Tages zu Geſicht bekommen. Dem Zeugen ſchien ſie im Zu⸗ ſtand großer Aufregung, daß er ſie fragte, ob ſie un⸗ wohl ſei? Sie antwortete, ja, ſie wäre einige Tage vorher unpäßlich geweſen. An dieſem Montag(13.) war Manning am frühen Morgen zu einem Möbelhändler gegangen, Namens Bainbridge, und hatte ihm, unter dem Vorgeben, daß er aufs Land gehe, ſein ganzes Mobiliar für 13 Pfund verkauft. Er forderte, daß die Möbel ihm am folgen⸗ den Tage, und zwar früh um 5 Uhr abgeholt werden ſollten. Der Käufer willigte ein, und es ward abge⸗ macht, daß Manning nun 14 Tage bei ihm wohnen ſollte. Nachdem Manning Bainbridge's Haus betreten, ſandte er einen Diener, um auch ſeine Frau abholen zu laſſen. Der Diener aber kam mit der Nachricht zu⸗ rück, daß Miſtreß Manning ſchon vor einer Stunde ihre Wohnung verlaſſen habe. Manning ging ſelbſt nach ſeinem Hauſe in Miniver⸗Place zurück, etwa um 5 Uhr, und klopfte, aber Niemand gab Antwort. Auf ſein An⸗ fragen in der Nachbarſchaft erfuhr er, daß ſeine Frau das Haus in einem Cabrivlet verlaſſen und einiges Ge⸗ päck mit ſich genommen habe. Die Frau des Möbelhändlers fragte Manning, wenn ſeine Mobilien doch noch bis am nächſten Morgen in ſeiner Wohnung blieben, warum er ſelbſt nicht dort übernachten wolle? Er antwortete: er möge dort nicht ſchlafen, und wenn man ihm 20 Pfund zahle. Aus andern Zeugenausſagen ſcheint hervorzugehen, daß die Manning gegen 4 Uhr Nachmittags eine große Maſſe Kleider und andere Gegenſtände zuſammengepackt hatte; ſie rief dann ein Cabriolet vom Haltepunkte, packte nning. George Frederick Manning u. Maria Manning. 291 bei ihnen mit Hülfe des Kutſchers ihre Schachteln hinein und gen Tages nahm den Weg nach der South⸗Eaſtern⸗Eiſenbahnſta⸗ ſit im Zu⸗ tion. Unterwegs kaufte ſie in einem Laden einige Kar⸗ ob ſi un⸗ ten, auf welche ſie die Adreſſe ſchrieb:„Miſtreß Smith, nige Tuge Paſſagier nach Paris.“ Auf der Station angelangt, beauf⸗ tragte ſie den Thorwärter, dieſe Karten auf zwei ihrer Schach⸗ n ftühn teln anzunageln, welche ſie zu dem Behufe zurückließ. Namens Alsdann ließ ſie das Cabriolet nach der Euſtonſquare⸗ .. deß ſtation fahren, und, ihrer eigenen Erzählung zufolge, — ſnd nahm ſie einen Platz auf der Eiſenbahn nach Newcaſtle.— . m In Edinburg ward ſie am 21. Aug. arretirt. Sie nannte an ſich Miſtreß Smith, aber die Polizei hatte Argwohn, olt— daß ſie die geſuchte Maria Manning ſei. Als man es ud— ihr ins Geſicht ſagte, gab ſie ſich auch nicht mehr Mühe woht es abzuleugnen. Man forderte ihr ihre Schlüſſel ab, „ — die ſie willig hingab. In ihren Schachteln und an ihrer abholen— Perſon fand man 73 Sovereigns, eine Funfzigpfundnote, chricht zu⸗ äne Anzahl Zehnpfundnoten, von welchen fünf zu denen ztude hrt gehörten, welche ihr Mann in der Bank eingewechſelt, ſilbſt nt und eine Fünfpfundnote, welche Manning von einem un 5lh Actienhändler erhalten, eine Anzahl Sambre⸗ und Maas⸗ uf ſin An Eiſenbahn⸗Quittungsbogen, und andere Eiſenbahnbons, ſin hu tie unzweifelhaft O Connor's Eigenthum geweſen waren. iiges be Was ihren Mann betrifft, ſo miethete er am 15. Au⸗ aiſt, zwei Tage, nachdem er ſeine Möbel verkauft und ſch bei Bainbridge einquartiert, ein Cabriolet und fuhr Worgen damit nach der Southampton⸗Eiſenbahnſtation. Man nicht du ſitzte ihm nach und ſchon am 27. Auguſt ward er von edort ſih den Polizeibeamten auf der Inſel Jerſey ergriffen. Man erinnert ſich aus den Zeitungen, daß Manning's enn ning w e. vorzu, Verhaſtnahme auf Jerſey von ſchreckenerregenden Um⸗ ein gh ſſtinden begleitet geweſen. Er wurde Nachts überfallen, menge e hatte ſich vorher nach den Vermögensumſtänden der nkte, b ——— 292 George Frederick Manning n. Maria Manning. Leute erkundigte, bei denen er innen lag, auf ſeinem Tiſche hatte man ein Raſir- oder anderes Meſſer gefunden. Die Meinung hatte obgewaltet, daß der fürchterliche Menſch abgefangen worden, als er im Begriff war, eine neue Raub- und Mordthat zu präpariren. Weder in der Anklage, noch in den übrigen Actenſtücken des Pro⸗ zeßverfahrens finden wir etwas darüber erwähnt, bei ſorgfältiger Nachforſchung mögen die Indicien ſich daher als Schreckbilder der aufgeregten Phantaſie, von den Zeitungsſchreibern ausgebildet, erwieſen haben, und der Staatsanwalt warnte ausdrücklich die Geſchworenen an nichts zu glauben, als was die Anklageacte enthalte und die Zeugen bekunden. Zugleich richtete er an dieſer Stelle noch eine Warnung an die Geſchworenen. Manning hatte nach ſeiner Ver⸗ haftung ein Geſtändniß abgelegt und ſeine Frau als Mörderin angeſchuldigt. Auf dieſe Angabe durfte nach dem engliſchen Geſetz kein Gewicht gelegt werden. Der Attorney⸗General verwarnte daher ſchon jetzt die Jury, wie es ſpäter die Richter thun würden, irgend einen Glauben, ein Vorurtheil gegen die weibliche Gefangene bei ſich zuzulaſſen in Folge der Erklärungen, welche der männliche Gefangene bei ſeiner Arretirung abgelegt. Der ganze, volle Beweis ſolle und werde durch Zeugen und logiſche Schlüſſe geführt werden. Eine formelle Ge⸗ wiſſenhaftigkeit, wie ſie nur in England zu Gunſten der Angeklagten vorkommt, daß ſchon der Ankläger dar⸗ auf bedacht iſt, die Rechte der von ihm Angeklagten nach aller Strenge der Geſetze zu wahren! Nicht alle öffentliche Ankläger üben dieſe Gewiſſenhaftigkeit. Manning, fährt die Anklage fort, leiſtete keinen Wi⸗ derſtand. Er ſagte, er habe im Begriff geſtanden, nach London zurückzukehren, um Alles aufzuklären. Im lanning. inem Tiſche t gefunden. fürchterliche iff war, eine Weder in en des Pro⸗ wihnt, bei n ſich deher e, von den ben, und der hworenen au te enthalt e Warnung ſeiner Ver eFrau alb durſte nahh eiden. Der tzt die Jur irgend a inn e Gefunhe , ne 5 bgelegt. Zeugen mn omell 6 zu Gunſt nkliget du angll 5 icht i igit P te keinn?“ ſtunden, 7 kläten⸗ George Frederick Manning u. Maria Manning 293 Weſentlichen ging ſeine Erklärung dahin: daß nicht er, ſondern ſeine Frau das Verbrechen begangen, und er ſei verſichert, ſie werde es ſelbſt eingeſtehen in ſeiner Ge— genwart und der eines Geiſtlichen. Auch beſchrieb er die Art und Weiſe, wie der Mord begangen worden. Seine Frau habe O'Connor zu Tiſch gebeten, und als ſie zu Tiſch die Treppe hinuntergingen, habe ſie ihren Arm um ſeinen Nacken geſchlungen und ihm in den Kopf geſchoſſen. Aber er gab keine Auskunft darüber, wie D'Connor's Kopf ſo furchtbar und grauſam zer⸗ ſtämmelt worden, denn er war faſt buchſtäblich in Stücke zerſchlagen geweſen, durch ein Inſtrument, welches höchſt wahrſcheinlich ein Brecheiſen war. Mehr ſei nicht ermittelt worden, es genüge aber. Es ſei kein Zweifel, daß O'Connor ermordet worden von Jemandem. Die Frage für die Jury ſei nur die: zu entſcheiden, ob beide oder einer von den Gefangenen den Mord vollbracht, oder ob einer von ihnen es ge⸗ than unter Wiſſenſchaft und Beihülfe des andern? Sie möchten erwägen, daß vor Begehung der That der Kalk offenbar beſtimmt, um das Corpus delicti, wenn das möglich, verſchwinden zu machen, von dem Manne eingekauft und in Gegenwart der Frau abge⸗ liefert worden; daß das Brecheiſen, wohl um den feſten Boden, in welchem das unglückliche Opfer eingeſcharrt werden ſollte, aufzulockern und die Stein⸗ flieſen aufzubrechen, unter denen man die That zu ver⸗ bergen hoffte, daß auch dieſes Brecheiſen vom Manne gekauft und in Gegenwart der Frau abgeliefert, auch von ihr bezahlt worden; daß am 8. Auguſt noch von der Frau eine Schaufel angeſchafft ſei, die, wiewol auch ſonſt zu gebrauchen, doch zur Einſcharrungsarbeit ſehr nützlich geweſen ſei. Ohne alle Anzeige vorher hätten 294 George Frederick Manning u. Maria Manning. beide Angeklagten am 13. Auguſt ihre Wohnung ver⸗ laſſen, doch erſt nachdem bei ihnen verſchiedene Nach⸗ fragen nach O'Connor gemacht waren. Bei den Gefan⸗ genen ſei eine beträchtliche Summe Geldes und andere Effecten gefunden worden, von denen ein Theil O'Con⸗ nor's Eigenthum geweſen; anderes Geld ſei erweislich eingelöſt für Effecten, die O'Connor gehört, oder in ſei⸗ nem Namen. Der Generalanwalt ſchloß, daß er der Jury vertraue, ſie werde„ruhig und redlich“ alles An⸗ dere aus dem Gemüth entfernen, die Zeugenausſagen ferner prüfen und danach ſprechen. Eine lange Reihe Zeugen ward vorgeführt, welche die in der Anklageacte aufgeführten Thatſachen bekun⸗ deten. Es liegt außer unſerer Aufgabe, Alles, was ſie aus⸗ geſagt, noch einmal aufzunehmen, wir beſchränken uns auf die Momente, wo ſie von dem Angeführten abwei⸗ chen, es ergänzen, oder factiſche und pſychologiſche In⸗ cidenzpunkte liefern. Der Conſtabler Clarkſon hatte mit dem Conſtabler Burton am 17. Auguſt die Hausſuchung abgehalten. Eine feuchte, dunſtige Stelle zwiſchen zwei Flieſenſteinen in der hinteren Küche hatte ſeine Aufmerkſamkeit erregt. Sie brachen die Steine auf und fanden zuerſt Mörtel, dann friſch eingeſchaufelte Erde. Die Steine ſchienen erſt vor kurzem gelegt. Zwölf Fuß tief ſtießen ſie auf die Zehen eines Mannes, noch weiter, 6 Fuß grabend, auf ſeine Lenden. Der Körper lag auf dem Bauche und die Beine waren zurückgebogen und mit ſtarken Stricken an die Hüften befeſtigt. Der Leichnam war ganz nackt, und ringsum mit Kalk eingebettet. Der Manning. ohnung ver⸗ iedene Nach⸗ i den Gefan⸗ s und ondere Theil OCon⸗ ſei erweislich oder in ſi⸗ „daß er de alles An⸗ ugenauſcgen ührt, welcht achen bekun mð ſe u ſtrinken in ihrten obu logiſche I m Conſible g abgehelt Fliſenſtu⸗ amkeit nh uerſt Mört eine ſcim George Frederick Manning u. Maria Manning. 295 Wundarzt Lockwood, der hinzukam, nahm ein Gebiß falſcher Zähne aus dem Munde der Leiche. Der Sergeant Wilkins bekundete, daß die aufge⸗ hobenen Flieſenſteine in der Küche 2 und 3 Fuß im Geviert groß geweſen. Sie waren ſo ſchwer, daß die Männer Brecheiſen dazu anwenden mußten. Auch gab er eine genaue Beſchreibung des Hauſes. Es beſtand aus 6 Stuben. Wenn man durch die Straßenthür ein⸗ trat, lag die Hauptwohnſtube rechter Hand nach vorn; die beiden Küchen waren unter den Wohnſtuben. An⸗ dere Häuſer begrenzen das Mordhaus von beiden Sei⸗ ten, hinten hat es einen kleinen Garten. Im Garten fand Wilkins einige Sträucher und rothe Winden an Fäden gezogen, im Hauſe ſelbſt„bei der Gelegenheit“ 28 Leinentücher, die friſch gewaſchen ſchienen, und in der hintern Küche eine Schaufel.(Dies ſcheint aber bei einer frühern Gelegenheit geweſen zu ſein, von der die Anklage nichts erwähnt, einer vorangängigen Privatnach⸗ ſpürung, denn Wilkins ſagt:„als ich am 14.“ wäh⸗ rend die Anklage nur von einer am 17. ſtattgefundenen Hausſuchung ſpricht.) Der Wundarzt Lockwood war ſchon hinzugekom⸗ men, als man den Körper noch nicht ausgegraben hatte. Schon in dieſer Lage nahm er das falſche Gebiß aus den Munde. Als die Leiche in der Vorderküche nieder⸗ gelegt war, fand er über dem rechten Auge einen feſten, doch beweglichen Auswuchs. Er ſchnitt und fand da⸗ runter eine Kugel. Der Hinterſchädel hatte furchtbare Brüche und Quetſchungen, dergeſtalt, daß der Arzt nicht den Lauf beurtheilen konnte, welchen die Kugel genom— men. Auch konnte er die Wunden nicht zählen, glaubte aber, es könnten wol 16 geweſen ſein. Sie durften durch eine Brechſtange oder einen Meißel bewirkt ſein, und 296 Grorge Frederick Manning u. Maria Manning. waren, wie geſagt, theils offene Schnitte und Brüche, theils Zerquetſchungen, die Mehrzahl aber wie die Ku⸗ gelwunde tödtlich. Viele Bekannte und Verwandte O'Connor's re— cognoſcirten die Leiche, zum Ueberfluß erkannte auch ein Zahnarzt in dem Zahngebiß dasjenige, welches der Er⸗ mordete von ihm entnommen. Maſter Welſh, der O'Connor am Abende des 8. Auguſt zu Mannings begleitet und an der vertrau⸗ lichen Unterhaltung Theil genommen, ſagte nicht viel mehr aus, als was wir aus der Anklage wiſſen. Die Manning bedauerte, daß er nicht zu Mittag gekommen, und erklärte es ſich ſelbſt dadurch, daß ſie ihr Billet zu ſpät auf die Poſt gegeben. Man ſprach von verſchiede⸗ nen Schuldforderungen, die O Connor zum Theil einge⸗ klagt hatte, zum Theil noch einklagen wollte; zwiſchen den Mannings und ihm ſchien die größte Eintracht und Vertraulichkeit obzuwalten. Sie rauchten mit einander, als O'Connor plötzlich unwohl wurde; er ſetzte ſich aufs Sofa. Die Manning beſtrich ſeine Schläfe mit Pau de Cologne, was aber keine Wirkung hatte. Man brachte Brantwein und Waſſer, er wollte aber davon nichts nehmen. Er ließ ſich von Welſh nach ſeiner Wohnung führen; unterwegs ward er wieder ganz wohl. Beachtenswerth iſt, daß in ſeiner Gegenwart nichts er⸗ wähnt wurde von der neuen Einladung zum Mittag⸗ eſſen am folgenden Tage. Die beiden Bekannten, welche am Donnerſtag Nach⸗ mittags(am 9.) ein Viertel vor 5 O'Connor zum letz⸗ ten Mal auf der London⸗Brücke begegnet waren, ſagten auch nichts Poſitiveres aus. Beide, Keating und Graham, waten Zollbeamte und mit O'Connor von den Docks her bekannt. O'Connor zeigte ihnen den lanning. George Frederick Manning u. Maria Manning. 297 1d Brüche, Invitationsbrief. Nach einem flüchtigen Geſpräch ent⸗ tie die Ku⸗ fernte er ſich in der Richtung nach dem Manning ſchen Hauſe. Er ſchien geſund und munter. Als Keating onnors re⸗ ſich am folgenden Sonntage nach O'Connor erkundigen nte auch ein wollte, öffnete ihm die Manning die Thüre. Sie ſagte hes der Er⸗ ihm auf ſeine Frage, Herr O'Connor ſei am Donner⸗ ſtag nicht zu Mittag gekommen. Sie ſelbſt wäre dar⸗ Abende des auf am Abend in ſeine Wohnung gegangen, um ſich der vertral⸗ nach ſeinem Wohlſein zu erkundigen, da ſie gefürchtet, e nicht viel er könne krank ſein, weil er am Abend vorher bei ihr riſen. Die unwohl geworden. Keating erwiderte: Das ſei doch ſelt⸗ gekommen ſam, da er ihn an Donnerſtag Nachmittag friſch und r Bilet zu wohl auf der Brücke geſehen und er in der Richtung verſchiede⸗ nach ihrer Wohnung fortgegangen wäre. Sie antwor⸗ heil einge tete nichts. Als Keating fragte, ob er nicht ihren Mann iſchen den ſehen könne, gab ſie die ausweichende Antwort: Maſter racht und Manning fände es ſehr ſeltſam und nicht„gentleman⸗ it tinandet⸗ artig“, daß DConnor nicht zu Mittag gekommen. Sie te ſch aufs ſchien ſehr nervös aufgeregt. Keating fragte noch ein mit Fau Mal nach ihrem Manne; ſie erwiderte, ſie glaube, er ſei . Nan in die Kirche gegangen. Er wünſchte, ihn am Abend — davon zu beſuchen; ſie entgegnete: ſie wären Beide zum Thee cu ſeinet gebeten. Der Zeuge hatte keine eigentliche Vertraulich⸗ uh keit zwiſchen OConnor und der Manning bemerkt, wol 9 et⸗ aber ſie oft mit einander ſpazieren gehen geſehen. t nich Zwei andere Ze der ei f dem Deck eines n Vitg ei andere Zeugen, der eine auf dem Deck eines Omnibus fahrend, hatten OConnor noch eine halbe ach⸗ Stunde ſpäter, um 5% in Weſtonſtreet, etwa 150 Schritte ecſoß⸗ vom Miniver⸗Place geſehen. Er ging ſehr langſam und zum let⸗ 6 or zungun hielt mehrmals an, wie unentſchieden, wohin er gehen ud ſolle? atin Eine Sophie Peyne, die in einem anſtoßenden . 00—.— 6onnot Hauſe wohnt, ſah am Mordabende, etwa“ vor? *„ah del 3 ihnen* 13* 298 Grorge Frederick Manning u. Maria Manning. Manning auf ſeiner Gartenmauer ſitzend und eine Pfeife rauchend. Sie unterhielt ſich mit ihm von ihrem Hauſe aus etwa 20 Minuten, als er plötzlich herunterſprang. Er ſagte, er habe ein Rendezvous vergeſſen und müſſe ſich anziehen. Es war noch heller Tag. Manning war wie gewöhnlich angezogen. Er ſaß mit den Beinen gegen ſeinen Garten, in dem viel Blumen ſind. Die Zeugin wußte aber nicht, ob er ſie beſonders cultivire. Sie hatte um 5 Uhr mit ihrem Manne Thee getrunken, wo es immer ſehr ſtill in ihrem Hauſe zugeht, aber ſie erinnerte ſich nicht, ein verdächtiges Geräuſch gehört zu haben. In ihrem Hauſe iſt eine Steindruckerei, die Ar⸗ beit fängt aber erſt Abends nach 7 Uhr an. Die Kin⸗ der im Hauſe werden ruhig gehalten.— Montag, nach dem Morde, kam Manning um 6 Uhr Abends an die Thür der Zeugin und bat ſie, ihn durch ihr Haus in ſeines zu laſſen, weil ſeine Frau ausgegangen ſei. Sie erlaubte es ihm, und er ſprang über die Gartenmauer. Maſter Flynn, O'Connor's Freund, gleichfalls beim Zollweſen angeſtellt, hatte, wie die vorigen, am Sonn⸗ tage in ſeiner Wohnung ſich nach ihm ernſtlich erkun⸗ digt. Miſtreß Manning ſagte, daß ſie ſo wenig als ihr Mann das Geringſte von ihm gehört hätten. Flynn meinte, das wäre ſehr ſeltſam; ſie entgegnete, es wäre ſehr verdrießlich; einige Freunde hätten ihn doch am 9. auf der London⸗Brücke geſehen. Sie nannte Keating und ließ fallen: O'Connor wäre ein ſehr wankelmüthiger Menſch, er ſei oft in ihr Haus gekommen und ein oder zwei Minuten geblieben, dann aber plötzlich fortgelau⸗ fen. Sie meinte dann, er möchte vielleicht in Vauxhall ſein, wo ſie mit ihm einige Mal geweſen und er einen Freund habe, Namens Welſh. Dann rief ſie plötzlich: „Der arme Herr O'Connor, er war der beſte Freund, ————————————— lanning. Grorge Frederick Manning u. Maria Manning. 299 eine Pfeife den ich in London hatte!“ Bei den Worten aber wech⸗ ren Hauſe ſelte ſie Farbe und ward blaß. Flynn fragte, ob ſie un⸗ unterſprang. wohl wäre oder das Zimmer zu heiß! Sie antwortete: und niſſe Nein! aber ſeit ſechs Wochen ſei ſie nicht recht wohl. Dann anning war gab ſie auch Flynn von ihrem Beſuche in O'Connor's den Beinen Wohnung die bekannte Auskunft. Beim Fortgehen ſud. Die äußerte ſie:„Ihr Herren ſeid auch ſehr argwöhniſch.“ r cultirire Flynn ging nachher in O'Connor's Wohnung und er⸗ grnunn, brach deſſen Geldkiſte mit Gewalt. Seine Caſſette be⸗ tt, cber ſi fand ſich darin, in dieſer aber nur einige Papiere, kein e S 33 0 re bi A⸗ D Connor's Hauswirthin ſagte nicht viel mehr aus, gie Kin⸗ als die Anklageacte enthielt. Die Manning kam ſehr S nch oft zu ihrem Miether, oft allein, oft mit ihm, am mei⸗ nds on die ſten im letzten Monate; doch dürfte die Bekanntſchaft, in⸗ in ſoweit ſie intim war und das Haus der Wirthin damit Sie in Berührung kam, nicht von früher als einem Jahre n ſ. uet datiren. O'Connor und die Manning tranken oft Thee i mit einander. Im Schlafzimmer hatte ſie Beide nicht en zuſammen geſehen. Beachtenswerth iſt die Notiz, daß um die Manning einige Tage vor dem Morde ſich nach Ei⸗ ſenbahnactien bei O'Connor erkundigte, wie ſie ſagte, um deren zu kaufen. Dieſer hatte ſein Caſſabuch dabei vor ſiich rlun erig u ih Ilhm en. it ſich und auch einige Actien. Er deutete auf einige und te, ſagte:„dieſe ſind gut“. Zuweilen kam ſie auch mit dem boch 4 Studenten Maſſay und O'Connor und alle drei Perſonen ating 1 ſchienen in gutem Einvernehmen zu ſtehen.— Am 9. el inn Auguſt ſah die Wirthin Miſtreß Manning um auf 6 d ein 3 nach O'Connor's Zimmer hinaufgehen; um 7%½ kam ſi fuglu wieder herunter. In der Regel ging ſie durch die Haus⸗ in Vanho thür, dieſes Mal ging ſie durch den Laden, in welchem nd er ine die Wirthin war. Am folgenden Abend(Freitag) ge⸗ ſe wi ſchah es ebenſo. Als ſie bei der Rückkehr durch den eſte Frl un 300 George Frederick Manning u. Maria Manning. Laden ging, wechſelte ſie etwas Geld und kaufte Klei⸗ nigkeiten. Sie hatte für die Wirthin etwas Beſonderes. Sie zitterte ſehr; auch gab ſie das Geld mit der linken Hand, da ſie in der rechten etwas hielt.— O'Connor pflegte ſeine Schlüſſel in einem Bunde bei ſich zu tragen. Die Schweſter der Wirthin, in deren Laden zur Aushülfe beſchäftigt, beſtätigte alle Einzelnheiten obiger Ausſage, namentlich auch den Actienhandel, bei welchem Miſtreß Manning ſehr eifrig geſchienen, OConnor ihr aber guten Rath ertheilt habe, Dies zu nehmen und vor Jenem ſich zu hüten. Die Schweſter will die Manning an beiden Abenden, als ſie aus O'Connor's Stube zu⸗ rückkehrte, blaß und ſehr zitternd gefunden haben. Sie erwähnte auch, daß die Manning in einer frühern Nacht, gerade, als jenes Actiengeſchäft abgemacht werden ſollte, in ihrem Hauſe geſchlafen habe. O'Connor beſtellte nämlich bei der Wirthin ein Bett für ſeinen Freund und deſſen Frau; aber nur die Frau und nicht der Freund kam. Auch der Student Maſſay konnte nur bekunden, was in der Anklageacte ſchon aufgenommen iſt. Man⸗ ning ſprach ſehr oft und gern von O'Connor, von deſſen anſehnlichem Vermögen, von dem letzten Willen, den er gemacht, und zwar zu Gunſten ſeiner, Manning's, Frau. Einſt, erzählte er, ſeine Frau habe O'Connor in den Docks in vollkommen trunkenem Zuſtande gefundenz ſo viel Branntwein habe er getrunken, lediglich aus Furcht vor der Cholera.— Maſſay ſcheint in dem Spiel, was die Manning's mit O'Connor trieben, gewiſſermaßen mitzuſpielen, er erſchreckte dieſen durch ſeine Cholerabe⸗ richte und empfahl ihm den Branntwein als Speciſficum dagegen an. Wenigſtens warf Manning dies ſcherzhaft ung. te Klei⸗ onderes. et linken Connot ſich zu den zur nobiger welchen nnor ihr und vor Nanning ube zu⸗ . Sie Nacht, n ſollte, bſtellte Frund icht der ekunden, Man⸗ n deſſen den er 3 Fru. in den denz ſo zu il, w rmaßen olerobl⸗ ceiſiun hetzhaft Grorge Frederick Manning u. Maria Manning. 301 dem Studenten vor. Derſelbe richtete wirklich die in der Anklage enthaltenen, verfänglichen Fragen an denſelben. Einmal aber auch die, als er des Mörder Ruſh Bild⸗ niß im Wachsfigurencabinet der Madame Tuſſaud ge⸗ ſehen; ob Mörder in den Himmel kämen? Der Stu⸗ dent der Medicin antwortete: Nein! Der Kalkankauf erfolgte ganz in angegebener Weiſe. Desgleichen der des Brecheiſens. Unterweges ließ Man⸗ ning, wie geſagt, das Eiſen in Papier wickeln, indem er dabei dem Träger rügte, daß es nicht ſchon geſchehen, „damit nicht Jedermann wiſſe, was er gekauft!“ Ein dem Träger vorgezeigtes Brecheiſen ſchien ihm daſſelbe, welches er zu Mannings gebracht, nur wäre ſeines 5 Zoll länger geweſen. Die wieder vorgerufenen Aerzte erklärten, daß der Körper des Ermordeten, als ſie ihn fanden, die Zeichen an ſich getragen, wie der eines Mannes, der etwa vor einer Woche ums Leben gekommen. Die Einwirkungen des Kalkes hätten ſie dabei wohl berechnet. Eine kleine zwölfjährige Streichhölzerverkäuferin er⸗ regte anfangs große Theilnahme und man erwartete ge⸗ wichtige Aufſchlüſſe über die Myſterien des Mordhauſes von ihr zu hören. Die Manning hatte ſie am Freitag 10.) auf der Straße aufgegriffen, um für einen gerin⸗ gen Tagelohn ihre Wohnung zu reinigen. Hanna Fir⸗ man erbot ſich die Hinterküche zu ſcheuern, aber die Manning ſagte, das habe ſie ſchon ſelbſt gethan. Sie ſollte ſtatt deſſen einen Korb waſchen, in dem Kalk ge⸗ weſen. Das kleine Mädchen ſchützte vor, ſie könne das nicht mit ihrer Hand, und die Frau that es darauf ſelbſt, indem ſie ſo viel Waſſer als möglich durch den Korb rinnen ließ. Befragt, ob ſie die Frau wieder er⸗ kennen würde, ließ Hanna ihre Blicke in der Verſamm⸗ 302 George Frederick Manning u. Maria Manning. lung umgehen, bis ſie ausrief:„Da iſt ſie!“— Sie war am Freitage auch im Kohlenkeller beſchäftigt wor⸗ den, als ſie über ſich den Mann mit der Frau zanken hörte. Er ſtampfte und rief:„Auf der Stelle gib mir das!“ Sie erwiderte,„ſie werde es ja geben.“ Damit endete der Streit. Der erſte Eindruck, den die Kleine durch ihre Ausſage hervorgebracht, ward indeß durch ihr Geſtändniß ſchnell verlöſcht, daß ſie ſich allerhand Mau⸗ ſereien in der Manning'ſchen Wohnung zu ſchulden kom⸗ men laſſen. Der Vertheidiger der Frau, Ballantine, ent⸗ lockte ihr dieſe Geſtändniſſe, eines um das andere, die das ſchlaue Kind naiv von ſich gab, nur möglichſt die geſtohlenen Gegenſtände ins Diminutivum überſetzend. Mannings hatten das Haus Miniver⸗Place auf ein Jahr gemiethet, der Hausherr fand es aber ſchon Dien⸗ ſtag(14. Aug.) von ihnen geräumt, ohne daß er die geringſte Notiz darüber erhalten. Der Möbelhändler oder Trödler Bainbridge be⸗ ſtätigte Alles, was die Anklageacte über den Verkauf der Manning'ſchen Hausgeräthe an denſelben, ſo wie über den Umzug des Ehemannes in das Bainbridge'ſche Haus angibt. Maria Manning ſorderte für ihren ge⸗ ſammten Hausrath 16 Pfund, Bainbridge wollte nur 13 Pfund geben, man ward einig um 13 Pfund 10 Schilling. Manning erklärte ſeinen Wunſch, ein 14 Tage bei Bainbridge zu wohnen, aus dem Umſtande, daß ſein„governor“ vor 14 Tagen nicht fortgehe. Bald nachher ſagte er: er habe ſein Weib aufs Land ſpedirt. Er ſelbſt wolle auch aufs Land und dann in ein Seebad.— Zur Frau Bainbridge hatte er die Worte geäußert: nicht um 20 Pfund möchte er in ſeinem Hauſe noch ſchlafen. Letztere bekundete noch: als ſie die von Mannings angekauften Kleidungsſtücke unterſucht, hätte lanning. — Sie höſtigt wor⸗ Fran zunlen ile gib mit en.“ Damit ndie Kleine ß duch iht rhand Mal chulden kon⸗ lantine, ent andere, di nöglicht die berſtzend. lac auf ein ſchon Dien⸗ dß er du nbridge k. Vertuf ſo wie ib aibripiſ George Frederick Manning u. Maria Manning. 303 ſie einen Fleck bemerkt,„als ob da Blut geweſen wäre,“ man hätte ihn aber nachher viel gewaſchen und gerie⸗ ben, wodurch das Zeug ſtockig geworden.— Bei den Kreuzfragen kam indeß nicht mehr heraus, als daß dies eine Vermuthung der Frau war; ſie hatte das Zeug nur ſehr durchwaſchen und unvollkommen getrocknet gefunden, und gemeint: wenn man es in kochend Waſſer bringe, würden wol die Blutflecke herauskommen!— Zum Dienſtmädchen der Trödler hatte Manning am Abende, ehe die Sachen abgeholt wurden, geſagt; wenn Jemand nach ihm frage, ſolle ſie antworten, ſie habe ihn ſeit 14 Tagen nicht geſehen. Eine Dame, die auf Miniver⸗Place dem Manning'⸗ ſchen Hauſe gegenüber wohnte, hatte Montag(13.) Mi⸗ ſtris Manning in ein Cabriolet ſteigen und mit mehren Schachteln fortfahren ſehen. Dies geſchah um 3 Uhr Nachmittags. Um 5 ½ kam der Mann und klopfte an Thür und Fenſter, ohne daß Jemand antwortete. Er fragte die Zeugin, ob ſie ſeine Frau geſehen. Als ſie ihm jene Auskunft gegeben, dankte er, fragte aber noch beſonders: ob ſie Gepäck mitgenommen? Nachdem er auch hierüber unterrichtet worden, klopfte er ans Ne⸗ benhaus, um(durch den Garten) in ſeines zu klettern. — Die Cabrioletführer und der Portier an der Eiſen⸗ bahn bekundeten alle erwähnten Umſtände über die Ab⸗ fahrt der Manning und ihres Mannes zu den verſchie⸗ denen Eiſenbahnen. Maria Manning hatte in Edinburg wahrſcheinlich durch das zum Verkaufausbieten von Eiſenbahnactien oder Quittungsbogen Verdacht erregt. Der Polizei⸗ ſuperintendant Moxhay, der als Zeuge in London er⸗ ſchien, hatte ſie in ihrer Wohnung in Edinburg aufge⸗ ſucht. Maria gab ſich für die Witwe eines Herrn 304 George Frederick Manning u. Maria Manning. Smith aus, ſie ſei ihrer Geſundheit wegen von New⸗ caſtle hergekommen und habe in Portobello die Seebäder genommen.„Haben Sie nicht Eiſenbahnactien?“ fragte der Beamte. Sie leugnete. Er ſah ſie mit einem ſchar⸗ fen Polizeiblick an:„Meine Vermuthung iſt, daß Sie die Frau von Frederick George Manning ſind?“ Auf ſeinen Wink trat ein Maſter Dobſon ein, und ſagte:„Ja, das iſt die Dame, welche mir Quittungsbogen zum Kauf anbot.“ Der Polizeimann fragte: Ob ſie Einwendun⸗ gen dagegen zu machen habe, daß er ihr Gepäck beſich⸗ tige.„Gar keine“, antwortete ſie und gab den Schlüſſel her. Im erſten Koffer ſchon fand man ein altes Wirths⸗ hausrechnungsſchema, überſchrieben:„F. G. Manning, Taunton.“— Mein Argwohn iſt beſtätigt, rief Moxhay und befahl alle Effecten in Verſchluß zu nehmen, indem er ihr ſeine amtliche Befugniß dazu erklärte. Noch ein⸗ mal leugnete ſie auf ſeine Frage, daß ſie Actien, Quit⸗ tungsbogen und Inſcriptionen beſitze, und erklärte doch, nichts dagegen zu haben, daß man ihr Gepäck durch⸗ ſuche. In einem ihrer Koffer nun fanden ſich die an⸗ geführten Geldſummen, Bankbillets und eine Menge von Eiſenbahnactien und Inſcription der verſchiedenſten Art, die hier aufzuführen überflüſſig iſt. Sie ward auf die Polizei geführt. Befragt nach ihrem Manne, ſagte ſie:„Auf Ehre, ich weiß es nicht. Ich verließ London in aller Eile, als er am Montag Nachmittag ausgegangen war.“ Auf eine Anſpielung auf O Connor rief ſie aus:„O'Connor ermorden! Nein, gewiß nicht. Er war der beſte Freund, den ich je auf der Welt beſaß. Er handelte als Vater an mir. Ich ſah ihn zuletzt in der Nacht zum Mittwoch. Er kam etwas angetrunken und ging ſpät fort. Wir er⸗ warteten ihn Donnerſtag zu Mittag, aber er kam nicht. George Frederick Mlanning u. Maria Manning. 305 Wir waren etwas erſchreckt darüber und ich ging in — ſein Haus, um nach ihm zu fragen.“ In Bezug auf eSecbader ihren Mann klagte ſie, daß er ſie ſchlecht behandle. Er n fugte habe ſie maltraitirt und einſt ſogar mit einem Meſſer von New⸗ nen ſchu verfolgt, drohend, er wolle ihr den Hals abſchneiden. daß Sir Der Hauptgrund ihrer Uneinigkeit ſei, daß ſie ihm ihr d“ Uuf Geld nicht herausgeben wolle. Einen Theil der Eiſen⸗ agte:„Jo, bahnactien, die man bei ihr gefunden, ſei für ſie von zum Kauf D'Connor gekauft worden. inwendun⸗ Der Polizeiſergeant Langley war Manning nach vick beſch⸗ Jerſey gefolgt. Er landete am 25. und erreichte Pro⸗ nSchliſſel ſpecthouſe, wo Manning ſich aufhielt, am 27. Als er, e Wirth im Gefolge mehrer Andern ihn in ſeinem Zimmer über⸗ Munning, raſchte, rief Manning aus:„Hallo, ſeid Ihr Alle da?“ f Morhay Nachdem Langley ihn zum Gefangenen erklärt, ſagte er: en, indem„Seid Ihr's, Sergeant? Ich bin froh, daß Ihr kommt. Noch ein Ich wollte eben nach London und Alles aufklären.“— en, Qult⸗ Später fragte er:„Iſt die Elende ergriffen?“ Der lirte d doch, Sergeant antwortete, er wiſſe es nicht. Manning ſagte: ic dirh⸗„Ihr würdet ein hübſch Stück Geld bei ihr finden; di un 1400 Pfund oder 1300 wenigſtens.“ Der Polizeimann Nangt vn wiederholte, daß er von der ganzen Angelegenheit nichts ſen An⸗ wiſſe und daß Manning ſich als Gefangenen betrachten un müſſe, in Betracht der ſchauderhaften Geſchichte, welche ugt u in ſeinem Hauſe ſich ereignet.„Gut, gut“, rief er,„ich efragt nicht kann Alles aufklären, aber Ihr werdet mir doch nicht e Jonn Handſchellen anlegen“ Als man ihn die Treppe hin⸗ n2 lun unterführte, ſagte er noch:„Sie ſchoß ihn. Das Tiſch⸗ tuch war aufgelegt, und ſie fragte ihn, ob er nicht hin⸗ den i6 jt untergehen wolle und ſich die Hände waſchen? Unten an der Treppe faßte ſie ihn an der Schulter, und mit ner u nn der andern Hand ſchoß ſie ihm hinten in den Kopf.“ moch Ein Capitain Chevalier fragte, was dann mit dem Kör⸗ Pir m ſith 306 George Frederick Manning u. Maria Manning. per geworden?„Sie hat eine Grube für ihn gegraben“, war die Antwort.— Manning drang darauf, bald nach London abgeführt zu werden. Unterwegs verhielt er ſich ruhig und fragte nur: ob, wenn ſein Weib bekenne, er in Freiheit geſetzt würde? Der Polizeimann bat, ihn mit ſolchen Fragen zu verſchonen.„Ich bin ganz ge⸗ wiß“, ſagte er,„ſie wird bekennen, wenn ſie mich ſieht, beſonders wenn ein Geiſtlicher zugegen iſt.“ Der Superintendant der Sicherheitspolizei, J. Hay⸗ nes, hatte in den Schachteln, welche die Manning auf der Eiſenbahnſtation, als Paſſagiergut nach Paris, zu⸗ rückgelaſſen, Kleidungsſtücke gefunden, die mit Blut be⸗ fleckt geweſen zu ſein ſchienen; das Blut war aber aus— gewaſchen. Derſelbe holte den von Jerſey eingebrachten Manning aus Southampton ab. Manning erkundigte ſich bei ihm nach ſeiner Frau, und ob er ſie zu ſehen bekommen werde? Haynes ließ es ungewiß, ſagte ihm aber:„Das iſt eine ſehr ernſthafte Sache, Manning, Sie brauchen aber nichts zu ſagen, was Sie ſelbſt an⸗ ſchuldigt.“„Das weiß ich wohl“, entgegnete er,„ich war recht thöricht fortzulaufen, ich hätte da bleiben müſſen und Alles aufklären. Auch zu Haynes wiederholte er, daß er überzeugt ſei, ſeine Frau werde Alles einge⸗ ſtehen, wenn nur ein Geiſtlicher dabei ſei, denn ſie ſei es, die O'Connor erſchoſſen. Er erzählte die Sache, wie er ſie Langley berichtet. Sie ſei ein ſehr hefti⸗ ges Weib, und einen Menſchen todtſchlagen kümmere ſie ſo wenig als eine Katze todtſchlagen; er ſei oft für ſein eigen Leben beſorgt geweſen, und eines Tages hätte ſie ihn mit einem ſcharfen Meſſer verfolgt. Sie ſei ſchon darum entſchloſſen geweſen, ſich an O'Connor zu rächen, weil der ſie verführt, das Haus in Miniver⸗ Place zu miethen; 30 Pfund hätte es ſie gekoſtet, es zu Manning Grorge Frederick Manning u. Maria Manning. 307 n gegraben möbliren, und O'Connor habe ihnen verſprochen, bei ald nach ihnen zu wohnen. Er, der Mann, wäre damals außer tauf, b „ er ſich der Stadt geweſen, und als er zurückgekehrt, habe ihm eib bekenne, a ſeine Frau geſagt, D Connor wäre nur eine Nacht da nann bat, ihn geblieben und hätte nicht länger bleiben wollen.— Der tin gan g Polizeibeamte fragte ihn: außer dem Schuß ſeien doch ſie nich ſih noch andere Wunden am Kopf gefunden worden? Man⸗ ning ſchwieg darauf!— ci 3 Hen Etwas nach 6 Uhr ward die erſte Gerichtsſitzung ge⸗ ſchloſſen. Als man beide Gefangene abführte, bemerkte man nicht, daß Einer einen Blick auf den Andern warf. Naning au ach Jaris, nit L B ut be . fundigt Die Sitzung der Jury am 26. October war wo (eril 9 ſ möglich zahlreicher beſucht als die vorangängige. Man t ſie zu ſh ſah unter den Lords und Geſandten auch einen Biſchof ſcgte ihn und den Sohn König Wilhelm's IV., den bekannten Wmin Lord Adolphus Fitzclarence, zumal aber viel Damen in Si ſſ glänzender Toilette. Auch die der Angeklagten wird te er„ich 1 uns geſchildert. Sie hatte ihren Anzug gewechſelt und bleiben nniſt ſchien diesmal noch ſorgſamer gekleidet als das erſte wicdetholit Mal. Mann und Frau begrüßten ſich nicht beim Ein⸗ e Als inh treten, ſondern ſtellten ſich ſo weit als möglich von ein⸗ i, den ſieſ ander entfernt in die Schranken. te di⸗ Die erſten heut vernommenen Zeugen waren Che⸗ in ſchr! miker. Sie bekundete, daß die Flecken an den Kleidungs⸗ gen ſtücken, welche die Polizei in den von der Manning auf . er ſti! der Eiſenbahn zurückgelaſſenen Kiſten gefunden, zum d in 0 Theil von Blut herrührten. vu. 2 Demnächſt wurden einige Staatspapier⸗Händler ver⸗ — Obon nommen, mit denen O'Connor in Verkehr geſtanden. n Sie gaben Rechenſchaft von deſſen Ankäufen in indu⸗ zuſ ſit, 308 George Frederick Manning u. Maria Manning. ſtriellen und andern Papieren. Namentlich hatte er viele franzöſiſche Eiſenbahnactien entnommen, und die im Koffer der Manning aufgefundenen gehörten ſämmtlich zu dieſen von O'Connor gekauften. Nur waren ihrer weniger geworden. Der Wechsler Stevens gab aber noch über ein Factum Auskunft, was bis jetzt nicht zur Sprache gekommen war. Er erinnerte ſich nämlich, daß Miſtreß Manning zu Anfang Auguſt, am 2. oder 3., auch bei ihm geweſen, und ſich als zu ihm von O'Connor gewieſen, präſentirt habe. Sie erklärte, ſie wünſche 200 bis 300 Pfund anzulegen, und möchte nun gern wiſſen, welche Papiere oder Actien ſie in London kaufen ſolle, und die ſie im Auslande wieder verkaufen könne. Der Wechsler fragte ſie, wohin ſie denn ginge, um ihr den beſten Rath ge⸗ ben zu können. Nach einigem Zaudern ſagte ſie: nach Paris. Stevens rieth ihr nun zu franzöſiſchen Renten und zeigte ihr einen auswärtigen Courszettel, um ſich ſelbſt zu orientiren. Darauf wünſchte ſie zu wiſſen, welche Actien ſie kaufen müſſe, wenn ſie nicht wollte, daß ſie der Controle ihres Mannes unterworfen wären. Stevens entgegnete: wenn ſie Boulogne⸗ und Amiens⸗ oder Sambre⸗ und Maas⸗Actien nehme, ſo könne ſie dieſelben kaufen, ohne daß ihr Mann etwas davon er⸗ führe. Sie ging darauf fort, und Stevens ſah ſie nicht wieder. (Wahrſcheinlich war auch dies ſchon ein Theil der Vorbereitung zum Mordanſchlage; die Manning unter⸗ richtete ſich nicht allein über den Werth der Papiere, welche ſie rauben wollte, und über die Art, wie und wo man dieſelben losſchlagen könne, ſondern ſie wollte ſich im voraus als eine Perſon zeigen, die wohl befähigt wäre, Actien zu verkaufen, ohne daß nachher um deshalb Manning. hatte er viele und die im ten ſimmtlich waren ihter ens gab aber jett nicht zur Manning zl ihm geweſen en, priſentit 300 Pfnd elche Ppint nd die ſe im choler fragte en Rath g⸗ te ſie: nach chen Renten ttel, m e zu niſn nicht wrlt⸗ worfin wite und Wmien ſo inſt as davon ſih ſt ih n heil der nning mt der Ppit⸗ puhiht wohl b 3 in deh George Frederick Manning u. Maria Manning. 309 ein Verdacht auf ſie geworfen werden könnte. Eine an— dere Deutung iſt wenigſtens nach der Actenlage ſchwer zu finden, da über ihre eigenen, frühern Vermögensum⸗ ſtände nichts ermittelt, und das Verhältniß, in welchem ſie zu ihrem Manne geſtanden, auch durch die nachfol⸗ genden Ermittelungen nicht vollſtändig aufgehellt iſt.) Damit ſchließt die Zeugenaufnahme; die Ausſagen der Wechsler und verſchiedenen Beamten der Bank, bei denen Manning für die verkauſten Actien Noten und Geld gewechſelt, ſind nur inſofern erheblich, als ſie die Identität der Perſon mit dem Angeklagten heraus⸗ ſtellen. Die Vertheidiger hatten eine ſchwierige Aufgabe. Ueber die Thatſache des Verbrechens konnte kaum ein Zweifel obwalten, auch nicht über die Thäter als ein Complex, wohl aber über den Antheil eines jeden der⸗ ſelben. Es ward ein Prozeß zwiſchen Mann und Frau, die ſich gegenſeitig anſchuldigten, ohne es doch deutlich ausſprechen zu dürſen, und dieſer Krieg zwiſchen den Eheleuten iſt es eigentlich, was dieſem Criminalfall ein ſo beſonderes juridiſches und moraliſches Intereſſe lieh. Wir laſſen ihre Advocaten ſelbſt ſprechen. Der Sergeant Wilkins erſchien für Manning. Er erklärte ſeine Stellung für eine ſo eigenthümliche, als ſie vielleicht in der ganzen Geſchichte der Criminalverhand⸗ lungen nicht vorgekommen. Die Schwierigkeiten, die ſich ihm darböten, ſeien ungeheuer. Schon die Anſchul⸗ digung und öffentliche Anklage gegen Jemand fördere in 9 unter 10 Fällen das Vorurtheil gegen ihn, daß er ſchuldig ſei. Er müſſe eine Vertheidigungslinie inne⸗ halten, die auf den erſten Blick ſchon verzweifelt er⸗ —— —,— ———— — 310 George Frederick Manning u. Maria Manning. ſcheine, demnächſt ſtehe aber hinter ihm eine andere Ver⸗ theidigungsſchaar, deren Pflicht es ſei, alle Schüſſe und Stiche zu neutraliſiren, ſo weit es geht, und, wenn möglich, den Mann zu verderben, den er, um Alles, retten möchte.„Ich zürne um deswillen dem Anführer der Schaar hinter mir nicht, noch will ich mit ihm hadern. Welche gewaltige Streiche er auch für ſeine Clientin führen möge, und wie peinlich auch meine Lage dabei wird, ich muß ihm die Gerechtigkeit widerfahren laſſen, daß er nur ſeine Pflicht thut.“ Damit ſei aber ſeine Schwierigkeit noch nicht zu Ende. Es ſei unerhört, daß der Ankläger ſelbſt die Geſchwornen gegen die Eindrücke warnen müſſen, welche ſie durch die Zeitungsnachrichten über das Sachverhältniß erhalten, eine Warnung gegen Diejenigen,„welche ſich ſelbſt vor der Welt als die Ver⸗ theidiger unſerer Freiheiten hinſtellen, die aber, in ſol⸗ chen Fällen, Alles, was ſie können, thun, Euern Sinn mit Vorurtheilen zu füllen, Euch irre zu führen und dem Publicum Umſtände zu erzählen, die für Euch nim⸗ mermehr ein Gewicht haben dürften, und die doch, ob Ihr nun wollt oder nicht, auf Eure Gemüther von Ein⸗ fluß ſind.“ Der Vertheidiger belobte demnach die Hal⸗ tung des öffentlichen Anklägers als eine ſehr würdige. Nicht allein in der Politik, auch in der Criminaliſtik, häufe die ſchlechte Preſſe allerhand Vorurtheile auf eine Sache, bevor ſie gehörig unterſucht worden, wodurch die eigentliche Gerichtsverhandlung, wenn die Geſchworenen darauf hörten, zu einer leeren Förmlichkeit werde. Er beſchwor die Jury, die dicta dieſer Preſſe zu verachten und ſie ganz aus dem Sinne zu ſchlagen. Er wiſſe wohl, er fordere, daß ſie ſich ſelbſt entmenſchten, denn kein Menſch könne ſich ganz den Eindrücken verſchlie⸗ ßen, welche die Preſſe, namentlich die Zeitungen, auf ihn anning. andere Ver⸗ Schiſe und und wenn „un Ales, m Anfihrer ch mit ihn für ſeine meine Lage fahren laſſen, i abet ſine nerhört, daß it Eindrick nachrichten nung gegen bet, W ſol Guern Sim führen und ur Euch n die doch, her von kin al ach du chr würdig⸗ 6tininliſ Grorge Frederick Klanning u. Maria Manning. 311 hervorbrächten, aber er flehe ſie an zur größtmöglichen Aufmerkſamkeit und Vorſicht.— Er bitte ſie nur, daß ſie ruhig und leidenſchaftlos jedes einzelne Factum für ſich betrachten und ihm die ernſteſte Aufmerkſamkeit wid⸗ men möchten. Die Vertheidigung ſei dieſelbe, welche ſein Client vom Augenblick ſeiner Verhaftnahme an geführt. O'Connor iſt ermordet worden. Hiergegen laſſe ſich kein Beweis führen.— Der unglückliche O'Connor, der allein um deswillen unſere Theilnahme errege, weil er ſo raſch und ſchrecklich in die Ewigkeit geſtoßen worden, iſt von— Jemandem ermordet worden. Die nächſten Fra⸗ gen ſind: Wann? Von wem? Wie? und Wo? iſt er ermordet. Wann? Die Anklage behauptet am Donnerſtag, den 9. Es iſt nicht bewieſen, aber wahrſcheinlich. Wo? Dies iſt nicht ganz klar. Die Anklage be⸗ hauptet, im Hauſe der beiden Angeſchuldigten. Wie? Dies iſt über allen Zweifel durch die ärzt⸗ lichen Atteſte erwieſen. Wer iſt der Mörder? Die wichtigſte aller Fragen. Bon beiden Angeſchuldigten, heißt es. Wo aber iſt der Beweis ihrer Uebereinſtimmung? Was ihn, Manning, anlange, ſo ſei kein einziges Factum da, die Hypotheſe zu rechtfertigen, daß Manning O Connor's Ermordung in voraus beſchloſſen. Nichts könne darauf gedeutet nerden, als der Ankauf des Kalkes und des Brecheiſens. Er habe darüber eine eigene Hypotheſe ſich gebildet. Wie Frauen in der Tugend den Mann übertreffen kön⸗ nen, ſo auch im Laſter, wenn ſie ein Mal ſich ihm er⸗ gben haben. Sie, die Manning, entwarf, formirte und unſumirte in Gedanken die Mordthat; ihr Mann ward mur ihr Spielball, ihr Inſtrument. Was habe Manning 312 George Frederick Manning u. Maria Manning. denn gethan?— Kalk gekauft. Nicht unmöglich im Auftrage ſeiner Frau, die wirklich zu ihm geſagt: Kaufe, um die Schnecken im Garten zu vertilgen. Er machte aus dieſem Ankauf kein Geheimniß; dies würde er ge⸗ than haben, wenn er dabei eine ſträfliche Abſicht gehabt. Wenn er den Kalk zu geheimem Gebrauche bedurft, hätte er ihn ohne große Beſchwerde ſelbſt nach Hauſe tragen können, oder er hätte ihn in einem entfernten Stadt⸗ viertel gekauft. Statt deſſen kaufte er ihn in nächſter Nähe und ſchrieb ſelbſt ſeine Adreſſe auf einen Zettel! Obgleich der Kalk zwei Tage nach der Beſtellung nicht ankam, ward er doch nicht ungeduldig. Iſt das ein Zei⸗ chen von einem Geheimniß?— Noch ſtärker trete die⸗ ſes Moment beim Ankauf des Brecheiſens hervor. Da gäbe es in dunkeln Gaſſen zahlloſe Trödelbuden, wo geſtohlene Eiſenwaaren, beſonders von der Marine, ver⸗ kauft würden. Wer ſolcher Mordwerkzeuge bedürfe, werde dort in der Stille, vom Verkäufer nicht um ſeinen Namen befragt, kaufen, nicht aber in einen gro⸗ ßen, offenen berühmten Eiſenladen treten und ſich ein Werkzeug, wie eine Brechſtange, beſtellen, auf ſeinen Namen, mit Hinterlaſſung einer ſchriftlichen Adreſſe, daſſelbe beim hellen lichten Tage in ſein Haus bringen laſſen. Ueber den Umſtand mit der Papierumwickelung ſprang der Vertheidiger leichter weg, er ließ hier eine zufällige Aufwallung gelten. Die Ehefrau müſſe aber als die eigentliche Auftraggeberin erſcheinen, ſie wußte darum, als das Eiſen ankam, ſie empfing, bezahlte, und bezahlte über den bedungenen Preis, obgleich nicht ohne Remonſtration, daß es zu theuer ſei. Uebrigens ſei es unwahrſcheinlich, daß das Brecheiſen überhaupt, um als Wordwerkzeug zu dienen, erkauft worden. Zum Morde hätte die Piſtole und der Feuerſchürer genügt; letzterer Manning. nmöglich in ſagt: Kaufe Er machte würde u ge⸗ bedurſt hit Hauſe tragn ernten Sttdt hn in nächſe einen Zett eſtellung ſih 1das ein 3i rker trele hervor. De elbuden, w Marine, vel ug bedürſt n nicht un in einen hi und ſch ¹ en, auf ſin lichen Wn Hus bilb nnifiln ließ hi George Frederick Manning u. Maria Manning. 313 und andere Werkzeuge, um die Steine in der Küche auszuheben. Und dies ſeien die beiden einzigen(²) vorangängigen Indicien gegen den Ehemann! Könne denn der Mord von beiden Eheleuten began⸗ gen ſein? Alle Umſtände vor und nach der That führ⸗ ten auf eine entgegengeſetzte Annahme. Sie waren nie einig; ſie waren immer uneinig. Beide entfernten ſich nach verſchiedenen Richtungen; man ſah ſie niemals mit einander ſprechen, man ſah ſie niemals mehr zu⸗ ſammen. Könne der Mord von einer Perſon begangen ſein? Darüber ſei kein Zweifel. Denn, angenommen, O'Con⸗ mor ſei durch einen Piſtolenſchuß umgekommen, ſo könne ein Kind die Piſtole abgedrückt haben. Auch reichte die Kraft einer Perſon aus, die Leiche zu begraben. Welche Motive könne Manning gehabt haben? Man habe angedeutet, daß er eiferſüchtig geweſen. Er, der Vertheidiger, glaube, daß Manning nicht eiferſüchtig ſein önne. Er nahm die Pflichten eines Ehemannes nur zu leicht. Er erlaubte ſeiner Frau, O'Connor nächtlich zu beſuchen, er empfing ihn in ſeinem Hauſe mit der zrößten Herzlichkeit und Freundſchaft. Das geſchah noch ganz zuletzt. War es Habſucht?— Betrachten wir die Thatſachen. Es ſcheint nicht, daß Manning uch nur einen Schilling von Dem, was O Connor ge⸗ hört, für ſich beſeſſen hat. Indem er die Hundertpfund⸗ vote wechſelte, erſcheint er als der reine Spielball, die Duppe ſeines Weibes, wie er es ſein ganzes Leben durch eweſen.— Man habe geſagt, daß Manning ſich mit Infamie bedeckt, indem er alle Schuld auf ſeine Frau warf. Wenn das Verhältniß aber wirklich ſo war, ſollte XV. 14 314 Grorge Frederick Manning u. Marin Manning. er auch noch nach der gräßlichen That ihr gehorſamer und willenloſer Diener bleiben! Sie, Maria Manning, ſei dagegen ein Weib, zu der man ſich der That, und daß ſie dieſelbe allein vollbrin⸗ gen könne, vollkommen verſehen dürfe; ein Weib, wie es glücklicherweiſe wenige gibt. Sie ſchrieb den Einla⸗ dungsbrief an ihn; ſie war beſtändig in ſeiner Woh⸗ nung, ſie wußte um ſeine Geheimniſſe. Dann ihre heuch⸗ leriſche Art, wie ſie Die empfing, welche nach dem Ver⸗ ſchwundenen fragten, ihre verfänglichen Redensarten, das ſcheinheilige Bedauern, daß O'Connor ihr beſter Freund geweſen.„Armer OConnor! riefen Sie(zur Ange⸗ klagten gewandt) und wußten, daß ſein Leichnam in Ihrer Küche modere, daß Sie ſchon im Beſitz ſeines Ei⸗ genthums waren. Sie wußten, daß ſeine Stimme nie wieder vernommen werde. Sie hatten ihn in die Ewig⸗ keit geſtoßen, und konnten in dem Augenblick, wo Sie ihn bedauerten, ihn als eigenſinnig, unbeſtändig, wankel⸗ müthig verſchreien!“ Sie ward im Beſitz ſeiner Papiere, Gelder gefun⸗ den. Dieſe waren in ſeinem Geldkaſten verſchloſſen; die Schlüſſel dazu führte er ſtets in ſeiner Taſche. Wie konnte ſie zum Beſitz dieſer Schlüͤſſel kommen, ohne un⸗ behindert in ſeine Taſche greifen zu dürfen! Warum ging ſie(gleich nach der Mordthat) in O'Connor's Wohnung? Warum kam ſie blaß, zitternd herunter? Wahrſcheinlich fand ſie mehr, als ſie fortragen konnte; und deshalb kam ſie am andern Tage wieder. Eins iſt aber evident: ſie wußte, wo O'Connor ſein Vermögen aufbewahrte und ſie ward ſpäter im Beſitz deſſelben ge⸗ funden. Er, Manning, ward, vermuthlich kurze Zeit nach Begehung der Mordthat, gemüthlich rauchend, auf der anning. gehorſamer Web, zu der lein volhrin⸗ Veib, wie t den Einla⸗ ſeinr Voh⸗ m ihr huc ch den Per enbarten, dus beſer rund (zur Ange Leichnam i it ſins& Stimme n in die Erig id, wo Su nig, wun Glder gn m wuſtlh Grorge Frederick Manning u. Maria Manning. 315 Mauer ſeines Gartens geſehen! Der Vertheidiger wollte nicht in Abrede ſtellen, daß er, nachdem die That ge⸗ ſchehen, vielleicht aus Furcht, vielleicht aus Rückſicht für ſeine Frau, ihr bei der Beerdigung der Leiche beigeſtan⸗ den, damit ſei aber nichts gegen ihn bewieſen, daß er den Mord mit ihr verabredet, oder bei Verübung deſſel⸗ ben ihr beigeſtanden. Jenes Rauchen auf der Garten⸗ mauer ſei vielleicht eine Schauſtellung geweſen, um eine That zu verbergen, die auch ihm, wie unſchuldig er im⸗ mer ſei, ans Leben gehen könne. Die Zeugin ſah ihn in ſeinem gewöhnlichen Anzuge, ohne Unordnung, ohne Blutflecken. Als Manning am Montage zu Bainbridges über⸗ gezogen war, ließ er um 5 Uhr ſeine Frau zum Thee rufen. Sei irgend ein Motiv anzunehmen, daß er nicht Zeglaubt, daß ſie noch in ihrem Hauſe ſei? Als das Mädchen zurückkam, meldend, ſie wäre nicht da, lief er ſelbſt hin. Er klopfte und erhielt keine Antwort, er erkundigte ſich und erfuhr, daß ſie entflohen war. Iſt da irgend ein vernünftiger Grund anzunehmen, daß er Komödie geſpielt? Sie war ihm wirklich, und uner⸗ wartet, auf und davongegangen, und mit dem geraub⸗ en Gute, welches ſie für ſich geraubt. Daß Manning O'Connor's Tod zu verbergen ge⸗ ucht, dafür ließe ſich noch immer ein Grund finden in dem Reſt von Theilnahme, welche er für ſeine Frau mpfand. Wenn aber, was ihre Vertheidiger ſchon an⸗ vedeutet, Miſtreß Manning O'Connor wirklich mehr ge⸗ bebt als ihren Gatten, dann würde ſie gewiß nicht ſei⸗ ven Tod verborgen haben. Hätte ſie den Geliebten von der Hand Deſſen fallen ſehen, den ſie verachtete, ſo würde ſie ohne Zaudern den Mörder der Juſtiz angege⸗ len haben; ſie würde nicht heimlich ins Zimmer des 14* 316 Grorge Frederick Manning u. Maria Manning. Ermordeten geſchlichen ſein, nicht ihn beraubt und ſich auf den Weg nach Edinburg gemacht haben, um die Sachen, ſo gut es ging, loszuſchlagen. Eiferſucht ſei leider nicht ſeinem Clienten vorzuwerfen, leider müſſe er bekennen, daß dieſer ſich ganz gut befunden zu haben ſcheine, indem er dem Verhältniß O'Connor's und ſeiner Frau zugeſehen. Am Freitag Abend vor der Ermordung war die Manning bei O Connor in deſſen Wohnung, wo eine Menge Actien und Inſcriptionen auf den Tiſch gelegt wurden, und O Connor ſeiner Freundin Unterricht gab, was ſie gälten, welchen Vorzug die einen vor den andern hätten. Die Vermuthung liegt nahe, daß ſie dieſen Un⸗ terricht impetrirt hatte, um zu erfahren, wie viel er be⸗ ſaß, und wie man dieſe Effecten am beſten losſchlage. — Bei alle dem ſei ihr Mann unbetheiligt.— Weshalb ſei ſie am Donnerſtag Abend(nach dem Mordel) bei ihrem Beſuch in OConnor's Wohnung eine Stunde dort geblieben, da ſie doch, nach ihrer eigenen Angabe, nur kam, um ſich nach ihm zu erkundigen, ja ſpäter an⸗ gab, ſie hätte vermuthet, er werde ſich inzwiſchen in ihrem Hauſe eingefunden haben. Des Studenten Maſſay Ausſagen erſchienen dem Ver⸗ theidiger ſehr unerheblich. Ja, er gebe zu, es könne ein Verdacht gegen ſeinen Clienten daraus entſpringen, wenn alle die Fragen, die Manning an ihn gerichtet, hinter einander vorgebracht wären; es ergebe ſich aber, daß ſie gelegentlich während eines langen Zuſammenſeins von ihm gethan wurden, wo ſie dann gar nichts Auffälliges hätten. Ob nachdem ſie das Wachsſigurencabinet mit den Bildniſſen von Ruſh und andern Mördern geſehen, die Frage etwas Beſonderes ſei: ob Mörder wol in den Himmel kämen? Daß Manning den Studenten anning. bt und ſic en, um die Eiſerſucht ſei ider müſſe er en zu haben z und ſeiner ng wer di ng, wo tint iſch gelegt ntericht gab or den andern ſie dieſen ln e viel er be n losſchlog — Vesholb Vondel) b ein Stund enen Wgb une jnzriſcen George Frederick Manning u. Maria Manning. 317 einſt gefragt: wo denn der Sitz des Gehirnes wäre? ſei allerdings eine beſondere, aber eine ſehr einfältige Frage.— Bei dieſer Bemerkung verzogen ſich die Züge der Angeklagten, welche bis da in melancholiſchem Ernſt an der Barre geſtanden, zu einem Lächeln. Dem Vertheidiger kam es ſehr darauf an, das Zeug⸗ niß des Möbelhändlers Bainbridge und ſeiner Frau, nicht gerade zu verdächtigen, aber in der Art anzufechten, daß ſie ſich wahrſcheinlich verhört hätten: Manning werde und könne nicht geſagt haben: Ich habe meine Frau aufs Land„ſpedirt“(Started, ein vulgair kräftiger Ausdruck), ſondern der Sinn ſeiner Rede müſſe geweſen ſein:„ſie hat ſich aufs Land gedrückt.“ Wenn er ein Socius ihres Verbrechens geweſen, wäre es denkbar ge⸗ weſen, daß er es zugelaſſen, daß ſie über alle Berge ging, das Beſte, alle Beute, mitnahm und daß er noch geſagt haben ſollte, er ſelbſt habe ſie aufs Land ge⸗ ſandt? Am deutlichſten zeige das wahre Sachverhältniß die unwillkürliche Aeußerung, welche Manning bei ſeiner Verhaftung gegen einen Polizeibeamten ausſtieß:„Ich war ein großer Narr, daß ich nicht blieb und Alles auf⸗ klärte.“ Bei ungebildeten Leuten ſei es gewöhnlich, daß ſie, wenn ſie ſich in unangenehme Dinge verwickelt ſehen, aus Angſt Schritte thun, die ſie immer tiefer verwickeln und als Beweiſe ihrer Schuld gelten können. Der Vertheidiger ſtellte eine Hypotheſe auf: Man⸗ ning ſaß oben im Eßzimmer, als ſeine Frau hinunter⸗ ging und O'Connor durch den Kopf ſchoß. Von Ent⸗ ſetzen ergriffen, habe der Mann bei ſich überlegt: hier hat mein Weib einen Mitmenſchen umgebracht. Was habe ich zu thun? Gebe ich ſie an, ſo bringe auch ich einen Nebenmenſchen, und zwar mein eigen Weib, um. Die 318 George Frederick Manning u. Maria Manning. Welt aber würde mich doch anſchuldigen, daß ich die That begangen, oder, da ſie im Hauſe, wo ich wohne, begangen ward, ich ſie doch hätte verhindern können! Er war ſchwach, und gab die That nicht an. Möglich, daß er darauf bei der Verſcharrung der Leiche geholfen. Seine Angſt ließ ihn nun einen Misgriff nach dem an⸗ dern begehen, bis er ſich mit den Worten gegen die Polizeibeamten löſte:„Ich bin ganz unſchuldig. Ich bin ein großer Thor, daß ich fortging, ohne die Sache anzugeben.“ Es ſcheint ſogar, daß er mit der Abſicht zu ſprechen in London länger verweilt, als er nöthig hatte. Ja, es ſcheint, daß er die Abſicht gehabt zurück⸗ zukehren, denn er ließ bei einem Freunde einen neuen Hut, den er ſehr leicht mit ſich nehmen können. Der Vertheidiger hob den ſchlagenden Gegenſatz her⸗ vor zwiſchen den Verhaftungsformen der beiden Ange⸗ ſchuldigten. Sie, in Edinburg, ſpielt die vollkommene Weltdame, durch keine der auf einander folgenden Ent⸗ deckungen erſchreckt, mit einem, wie es ſcheint, vollkom⸗ men vorbereiteten Vertheidigungsſyſtem; er gibt ſich dem Augenblick hin und zeugt ſofort gegen das Weib, die Diebin, bei der man ein hübſches Stück Geld fin⸗ den werde, gewiß 1300 bis 1400 Pfund Sterling. Da man nun nur ungefähr 150 Pfund bei ihm gefun⸗ den, ſo ergebe ſich auch daraus, daß er nichts vom Um⸗ fang der Beute ſeiner Frau gewußt, daß er der eigent⸗ lichen Verbrecherin fern geſtanden. In den Taſchen ſei⸗ nes Jagdrockes hatte man etwas Pulver und Reſte eines Papierpfropfens gefunden. Dieſes Indicium gegen ihn ſcheint man ſpäter haben fallen zu laſſen; die Verthei⸗ digung bemächtigte ſich jetzt deſſelben. Wenn Manning der Mörder geweſen, würde er nicht vor allem dafür geſorgt haben, daß die Spuren wenigſtens, welche ſich Nanning. daß ich dir ich wohne, dern können! m. Niglich, iche gehofen ach dem al⸗ en gegen hi chuldig. I6 ne die Sah t der Abſcht is er nithi chot bt zuüt einen neuen nen egenſat het⸗ eiden Angl⸗ volkomment g uden Eut int, wlm bt ſi 3 Weib, das 2 i 6eb ſn n 5 ui 3 ei ihn gjur — vom Un r der eigen ziſen ſi Riſe ein ihn gegen mn. ie Pe c⸗ Grorge Frederick Manning u. Rlaria Manning. 319 in ſeinen Kleidern vorfinden könnten, vertilgt würden! Daß er ſie nicht vertilgt, ſpricht für ſein gutes Ge⸗ wiſſen. Wie Maria Manning zu ihrem Manne geſtanden, gehe klar aus des Banquier Stevens Ausſage hervor. Sie wollte ihren Mann betrügen, wie jeden Andern. Könne da ein Zweifel obwalten, daß im Augenblick, wo ſie ſich nach den Sambre⸗ und Maas⸗ und den Amiens⸗ und Boulogne⸗Actien, die O'Connor gehörten, erkun⸗ digte, ſie ſchon die Abſicht gehabt, England zu verlaſſen, und ihrem Manne davonzulaufen? Ihr Mann ſei in Allem und Jedem von ihr als Inſtrument gebraucht wor⸗ den. So habe er nach dem Verkaufe der geſtohlenen Eiſenbahnactien die Ceſſion der dafür empfangenen Bank⸗ note zwar mit ſeinem Namen unterſchrieben(was er auf Weiſung ſeiner Frau gethan, ohne zu ahnen, wie ge⸗ fährlich es für ihn ſei), wahrſcheinlich aber die Banknote nicht perſönlich bei der Einwechſelung präſentirt(ſo lie⸗ ßen ſich wenigſtens einige Ausſagen der Bankcommis interpretiren) und die Früchte des Actes habe allein ſeine Frau gezogen, bei der das eingewechſelte Geld, und ſo⸗ gar noch in Natura, in Edinburg vorgefunden ward. Der Vertheidiger ſchloß ſeine ſchwierige Aufgabe mit der Bemerkung, daß er wohl fühle, wie er gegen eine Maſſe von Vorurtheilen zu kämpfen gehabt, von denen hervorgerufen, welche die Sache beſſer verſtehen ſollten, und daß er die dem Gefühl widerſtrebende, ja herzzerreißende Poſition, in der er ſich befinde, vollkom⸗ kommen würdige und empfinde, indem er, einen Ehe⸗ mann zu vertheidigen, ſein Eheweib anſchuldigen und ſich bemühen müſſe, ſie in ihrer vollen Schuld darzu⸗ ſtellen. Aus einem Vertheidiger ſei er ein Ankläger ge⸗ worden. Aber es ſei eine unabweisliche Pflicht, und er 320 George Frederick Manning u. Maria Mlanning. vertraue den Geſchworenen, daß ſie in dieſem ernſten Falle nicht den gewöhnlichen Impulſen von„gut“,„göttlich“, „ſittlich“ folgen würden, Impulſe, von denen ſie mit Recht in ihrem Privatleben ſich leiten ließen, ſondern daß ſie mit ihrem Verſtande die Sache auffaſſen, ſich zergliedern und ein Verdict, nicht ihrer moraliſchen Stimmung, ſondern der Vernunft, abgeben würden. Wir geben nur ein kurzes Reſumeé der ſehr langen Vertheidigung, und auch dies nimmt einen größern Raum ein, als wir ihn in den meiſten Fällen der Defenſion ge⸗ währen konnten. In dem vorliegenden iſt aber gerade die Frage, welche der Vertheidiger behandelt, bei der ſonſtigen Klarheit des Hauptfactums, nämlich die über die relative Thäterſchaft, die Hauptſache, und da weder Anklage, noch das Verdict, noch auch die Zeugenausſagen ſelbſt darüber ein klares Licht verbreiten, mußten und müſſen wir zu den Deductionen der Advocaten deshalb unſere Zuflucht nehmen. Nach einer Erholungspauſe von 20 Minuten erhielt der Vertheidiger der weiblichen Angeklagten das Wort, indem auch er mit einem Compliment für die würdige und gemäßigte Art begann, mit welcher der öffentliche Ankläger die Sache behandelt. Auch er wies darauf hin, wie die Preſſe dieſe Sache unförmlich vergrößert und entſtellt, wie ſie ſeiner Clientin Dinge angedichtet, von denen die Jury erſtaunt ſein werde, nun, da der Beweis aufgenommen, auch gar nichts zu finden. Uebri⸗ gens könnte ſie ſich darauf verlaſſen, daß auch gar nichts mehr ermittelt ſei, als was geſtern und heut ihr vorgelegt worden, denn Juſtiz und Polizei hätten mit der allergrößten Aufmerkſamkeit dieſe Sache bis in ihre Uanning. etnſten Falle „göttlich“, denen ſie mit ßen, ſondern uffaſſen, ſch noruliſchen würden. t ſeht langen rößern Raun Defenſion ge⸗ aber gerede delt, bei der lich di über d da weder genausſagen mußten und aten debhal inuten erhict n das Vor die würdige e öfitliht daruf vergrößer „da de Grorge Frederick Manning u. Klaria Manning. 321 Minutien verfolgt. Seine Clientin ſei aber, ſchon vor den Gerichtsverhandlungen, von der andern Seite(des Ehemanns) ſo verleumdet worden, daß die Jury ſich nicht wundern dürfe, wenn er für ſie ein beſonderes Ge⸗ richt gefordert. Dieſe Verleumdung ſei von ſeinem gelehrten Freunde, dem Vertheidiger des Ehemanns, auch jetzt vor Gericht in einer Art ausgebeutet, die er— wenigſtens grauſam nennen müſſe. Schon die perſönliche Gegenwart der Unglücklichen hätte ſeinen gelehrten Freund vom Gebrauch ſolcher Ausdrücke abhalten müſſen.([) Er wolle aber dem Beiſpiel ſeines gelehrten Freundes nicht folgen, und nicht die Anſchuldigung auf deſſen Clienten zurückſchleu⸗ dern; ja, wenn Das nöthig würde, nämlich ſo zu handeln, wie Wilkins gethan, wolle er lieber ſeinem Berufe ent⸗ ſagen. Der Jury ſei in der Anklageacte geſagt worden: daß ſie ſeine Clientin entweder als Hauptthäkerin befinden müßte oder als zutretend vor der That. Letzteres ſei ſchwer denkbar. Beim chelichen Verhält⸗ niß zwiſchen Beiden wäre es ſchwer zu beſtimmen, wo der Eine gehandelt und der Andere geholfen. Wenn die Jury nicht etwa die poſitive Ueberzeugung gewonnen, daß die Frau beim Morde zugegen geweſen, ſo würde ſie es auch unmöglich finden, daß ſie vor der That zu⸗ getreten und hülfreich geweſen. Er glaube aber beweiſen zu können: daß zur Zeit, als der Mord begangen ward, die Frau nicht zugegen war. Falle dieſe Annahme fort, dann ſinke die andere von ſelbſt zuſammen. Zuvörderſt möge man bedenken, daß nichts zu der Vermuthung berechtige, daß Miſtreß Manning ein Weib ſei, die ihr Geſchlecht vergeſſen kann, und daß ſie von 322 George Frederick Manning u. Maria Manning. Natur prädisponirt ſei, einen kaltblütigen, gräßlichen Mord zu begehen. Das Verhältniß zwiſchen den Eheleuten war nicht der Art, in ihr die tugendhaften Neigungen, die ſie beſitzen mochte, zu ſtärken. Manning hatte ſein Weib ſchlecht behandelt. Wenn ſie nun Troſt in ihrem Verhältniß zu O'Connor geſucht, ſei es da denkbar, daß ſie dieſen um⸗ bringen wollen! O'Connor war über die mittlern Le⸗ bensjahre hinaus. In dieſem Alter werden die Männer ſchwach gegen Frauen, ſie geben denen, welchen ſich ihre Neigung zugewandt, gern Alles hin. Die Manning konnte ohne Piſtole und Brecheiſen in ſchwachen Stun⸗ den, die ſie zu benutzen gewußt, den Weg zu O'Connor's Geldkaſten finden. Welche Motive konnte ſie daher zur That haben? Entweder war ſie ein ausgelaſſenes Weib von ſchlech⸗ tem Charakter, ohne alle Scham, nun dann konnte ſie durch gemeine Liebkoſungen und Schliche Alles erlangen, was ſie wünſchte;— oder ſie war von edlerer, zarterer Gemüthsart, dann konnte ſie nicht zur gemeinen Ver— brecherin werden. O'Connor ward am 9. Auguſt auf der London⸗ Brücke geſehen, um 5 Uhr,— in der Weſtonſtreet 10 Minuten ſpäter, und wieder auf der London⸗Brücke um ℳ nach 5. Er ſchien alſo unſchlüſſig, ob er zu Man⸗ nings gehen ſolle oder nicht. Aber er nehme an, ſagte der Vertheidiger, daß ſeine Unſchlüſſigkeit damit geendet, daß er wieder umkehrte und nach Miniver⸗Place ging, wo er jetzt allerdings ſpäter ankommen mußte, als er erwartet ward. Man aß bei Mannings gewöhnlich um 5 Uhr. Er mußte weit ſpäter als um 5 Uhr eingetrof⸗ fen ſein. Dies ſtimme nun ganz mit Miſtreß Manning's An⸗ anning. grůflichen n icht der ſie beſtzen eib ſchlcht erhiltniß zu dieſen um nittlern A⸗ die Männet hen ſih ihr ie Naming ſchen Stun⸗ O6onnors daher zut von ſchlech⸗ onnte ſi es erlngll, rer, zortert ninen Ver der Lnden ſunſrut 0 George Frederick Manning u. Maria Manning. 323 gabe. Als er nicht zur beſtimmten Zeit kam, ging ſie nach ſeiner Wohnung, um ihn zu ſuchen. Dort kam ſie, nach der Ausſage einer Zeugin, welche der Manning eben nicht gewogen ſchien, um 5 ½ an(um vor 6) und blieb bis ℳ nach 7. Die Entfernung zwiſchen Miniver⸗Place und Greenwoodſtreet beträgt 3 engliſche Meilen, ſeine Clientin brauchte alſo an 6 Stunden, um den Weg zurückzulegen. Demnach mußte ſie um 5. von Hauſe fortgegangen ſein. Wenn dann der Mord begangen wäre zwiſchen 5%½ und 7), ſo ſei es ganz un⸗ möglich, daß die Manning daran Theil genommen, denn während dieſer Zeit war ſie vom Hauſe fort. Ward denn nun der Mord in dieſer Zwiſchenzeit verübt? Für die Anklage iſt nach dem erhobenen Zeu⸗ genbeweiſe keine andere Annahme möglich, als daß der Mord conſumirt ſein mußte, bevor Manning auf der Gar⸗ tenmauer mit ſeiner Pfeife im Munde geſehen ward, und das war um„ nach 7 Uhr. Als Miſtreß Manning nach Hauſe kehrte, was frühe⸗ ſtens um 7%½ ſein konnte, mußte der Mord ſchon be⸗ gangen ſein. Die Anklage der Krone will die Manning als zu⸗ tretend und hülfreich vor der That darſtellen. Sie nehme an, daß eine That wie dieſe eher von einem Manne, als von einer Frau begangen werde. Der Ver⸗ theidiger des Mannes ſtelle die Anſicht auf, daß die Mordthat wahrſcheinlich nur von einer Perſon verübt worden. Darin ſei er, der Vertheidiger der Frau, mit ſeinem gelehrten Freunde ganz einer Anſicht. Die Jury möge nun aber auch ihre Anſicht faſſen, ob es wahr⸗ ſcheinlich, daß eine ſolche Mordthat von einem Manne oder einer Frau begangen werde? Die Anklage führt drei Momente auf, woraus das ——— 324 George Frederick Manning u. Maria Manning. Zutreten ſeiner Clientin und ihre Hülfe vor der That erhellen ſolle, den Ankauf des Kalkes, des Brecheiſens und der Schaufel. Er ſuchte ſie als drei ganz harm⸗ loſe Handlungen ihrerſeits darzuſtellen, die weniger von der Krone als von dem mitangeklagten Ehemann ſeiner Clientin zur Laſt gelegt würden.„Es war ein Expoſt⸗ gedanke, die Schöpfung eines ſchwachen Geiſtes, welcher dem Einfluß der Feigheit und Furcht nachgab. Ein Pol⸗ tron, der er iſt, opfert er hin, was es ſei, um nur ſein Leben zu retten.“— Er, der Vertheidiger, könne ſich gar nicht vorſtellen, wie ein Ehemann, wäre ſeine Frau auch noch ſo ſchuldig, und das Verbrechen noch ſo gräß⸗ lich, ſich dahin überwinden könne, alle Schande auf ſie zu werfen, und in der Art, wie es hier geſchehen. Er ging dann auf die Blufflecken in den Kleidungs⸗ ſtücken ſeiner Clientin über, und wollte gar kein Gewicht darauf gelegt haben. Theils könnten die Chemiker ſich geirrt haben, es möchten Eiſenflecke ſein, theils kämen Blutſpuren auf weibliche und andere Kleidungsſtücke auch aus andern Urſachen, deren fänden ſich auch auf Effecten der Manning, welche ſie in ihren früheren Dienſtverhältniſſen geſchenkt erhalten, und die mit dem Morde in keine Berührung gekommen ſein könnten, und endlich hätte ein ſolches Blutbad ganz andere, furchtba⸗ rere Blutſpuren zurücklaſſen müſſen, als die kleinen Flecke, welche man an den Halskragen und ſonſt hier und da wo an den Kleidern bemerkt haben will. Was die verfänglichen Geſpräche mit dem Studen⸗ ten Maſſay betrifft, ſo ſeien ſie nicht in ſeiner Clientin Gegenwart geführt worden; aus ihnen könne alſo gar kein Verdacht gegen dieſelbe entſpringen. Hätte Herr Maſſay bei Zeiten ihrer Erwähnung gethan(vor der Frau?), ſo würden ſie alle jetzt vielleicht nicht als Mit⸗ nning. der That Brechtiſens an hen⸗ eniget von ann ſeiner ein Erpoſt es, welcher Ein Pol⸗ m mur ſein fönne ſih ſeine Fru ſo giß⸗ de auf ſie — ileidungs⸗ Gmicht eni et ſch eils känen ugſii auch al n flihen ie nit dem önnten, und ſurchtbe⸗ ie kleinen ſenſ hin ill. nSt tuden r Glini alſo go zitt ben er, t al N George Frederick Manning u. Maria Manning. 325 ſpieler in dieſer traurigen Tragödie ſitzen, und der arme Patrik O'Connor lebe wahrſcheinlich noch! Nach Annahme der Klage mußte am Abend des 8. Auguſt Alles zum Morde vorbereitet ſein, die Pi⸗ ſtole war geladen, um O'Connor zu erſchießen, die Brech⸗ ſtange gekauft, ihm den Hirnſchädel zu zerſchlagen und die Steine zu ſeinem Grabe aufzuwälzen, die Schaufel, um das Grab zu graben, der Kalk, um ſeine Gebeine zu verbrennen. Und als am Abend dieſes S8. Auguſt, am Mittwoch, O'Connor mit ſeinem Freunde Welſh zu⸗ fällig bei Mannings eintrat, verrieth die Frau auch nicht das Geringſte in ihrem Benehmen, was auf ſolche Mordabſicht deuten konnte, oder auch nur irgend etwas Unſicheres. Dies mochte ſein. Aber, mit der fertigen Mordabſicht im Kopfe, wie konnte ſie laut, vor Zeugen, klagen, daß O'Connor ihrer Einladung zum Mittageſſen nicht gefolgt wäre! Sie lud dadurch gegen ſich einen Zeugen für den morgenden Tag, wenn an dieſem O'Con⸗ nor verſchwände. Mußte es ihr nicht im Gegentheil darum zu thun ſein, daß von ihrer dringenden Intention, ihn zum Mittageſſen bei ſich zu ſehen, ſo wenig als möglich verlautbare?— Und am ſelben Abend konnte ſie ihm die Schläfe waſchen, als ihm vom Rauchen übel geworden. Konnte ſie das mit der Abſicht im Herzen, am andern Tage ihn umzubringen?„In ſolchem Mo— ment würde auch das Herz des verworfenſten Weibes ſich geregt haben, ſie würde zurückgeſchaudert haben, ſich in der Art einem Manne zu nähern, mit dem ſie auf dem vertrauteſten Fuße gelebt.“(2) Hätte die Manning, die augenſcheinlich ſo viel von dem lebenden O'Connor zog, nicht weit mehr Vortheil gehabt, wenn ſie ihn fortwährend gerupft, als bei dem unſichern, gefährlichen Wageſtück, ihn todtzuſchlagen? 326 George Frederick Manning u. Maria Manning. Er gebe zu, ſagte der Vertheidiger, daß Maria Man⸗ ning wirklich von dem Morde erfahren, wann, laſſe er dahingeſtellt. Vielleicht am Donnerſtag, vielleicht noch ſpäter; mit Wahrſcheinlichkeit aber vor ihrer Abreiſe von London. Dann aber ſei ihr ganzes Benehmen ſehr erklärlich. Angenommen, ſie hörte von ihrem Manne, daß D'Connor ermordet worden. Der Eindruck auf ſie mußte, bei ihrem Schuldbewußtſein, beim Bewußtſein ihres ſträflichen Umganges mit dem Ermordeten, ein furcht⸗ barer ſein. Ihr erſter Gedanke konnte nur ſein: er iſt aus Eiferſucht umgebracht! Konnte ein Weib, durch⸗ drungen von ihrer ſündlichen und ſträflichen Handlung gegen ihren Ehemann, die That bekannt machen, wo ſofort der Verdacht der Thäterſchaft auf ihren Mann fallen mußte?— So erſchien ſie am nächſtfolgenden Tage in O'Connor's Wohnung. Da mag man eine Todtenbläſſe, ein Zittern ihrer Hand wahrgenommen haben. Wie ſollte es auch anders ſein! Man hatte Papiere und Actien, die O'Connor ge⸗ hört, in ihrem Beſitz gefunden. Nun, O'Connor hatte ja für ſie Actien der Sambre⸗ und Maaseiſenbahn ge⸗ kauft. Sie hielt ſich für berechtigt dieſelben mitzuneh⸗ men.„Und indem ſie das that, nahm ſie auch Anderes mit, wozu ſie ſich vielleicht für berechtigt hielt.“() Je⸗ denfalls hätte ſie Geld anlegen wollen ohne Wiſſen ihres Mannes, und aus den bekundeten Geſprächen zwiſchen ihr und O'Connor gehe hervor, daß ſie es durch O'Con⸗ nor in Eiſenbahnactien anlegen wollte.„Denkt Euch nun die unſchuldigſte und tugendhafteſte Frau von der Welt und die allerſittenloſeſte und verworfenſte in die⸗ ſer Lage. Was ſie thun würden, wenn ſie entdeckt, daß ihr Ehemann ihren Freund ermordet, würde doch ſehr anning. aria Man⸗ m, laſe er lleicht noch rer Abriſ nehmen ſchr anne, daf f ſie mußte, tſein ihrs ein furht⸗ ein: tiſ ib, durch⸗ Handlung chen, wo en Mann ſrlgenden man en rgenmn 6onnr g onnot hatt ſenbahn 9, nitzun uch unmu 10 5 zſen ihr n ſiſhn ch döun enkt 6uh u von du Grorge Frederick Manning u. Maria Manning. 327 abhängen von dem Temperament einer jeden. Hier ent⸗ ſchloß ſich die Frau von ihrem Manne fortzugehen, und indem ſie es that, nahm ſie einen anſehnlichen Betrag von Geld und Geldeswerth mit ſich.“ Er hoffe nun, daß Jeder ſich erinnern werde, wie es ihm nie in Sinn gekommen, ſeine Clientin der Jury als ein Weib von reinen Sitten, oder von hohen moraliſchen Gefühlen ge⸗ lenkt, darzuſtellen. Ja, er gebe zu, daß ſie, auf die Nachricht von O'Connor's Tode, in deſſen Wohnung geeilt, und nicht allein ihr eigenes Eigenthum, ſondern auch anderes mitnahm,„von dem ſie nicht deutlich wußte, ob es ihr, oder ob es ihr nicht gehörte.“ Seiner Anſicht nach, habe der Ehemann auch einen Theil des ſo Genommenen an ſich genommen, und, wie er angab, ſeine Frau aufs Land ſpedirt. Gewiß ſcheine, daß ſie beide in Uebereinſtimmung ſich getrennt, worauf ſie den Namen Smith annahm. Sein Reſumé war, bei der That kann ſie nicht geweſen ſein, alſo ſie iſt nicht Thä⸗ terin, weil ſie während der Zeit, wo der Mord vollbracht ſein muß, außer dem Hauſe war, und ebenſo wenig könne ſie nach dem von ihm Angeführten als zutretend und hülfreich vor der That gedacht werden. Er rechne von der Jury auf eine unparteiiſche Würdigung des Sachverhältniſſes, damit ſie nicht klagen könne, daß ſie, als Fremde, ungerecht von engliſchen Geſchworenen be⸗ handelt worden. Der Vertheidiger hatte gewiß Alles vorgebracht, was zur Vertheidigung geſagt werden konnte, ohne daß wir glauben, daß unſere Leſer, wie die Jury, dadurch von ihrer vorgefaßten Meinung abgebracht werden. Es ge⸗ hört aber zu dieſem merkwürdigen Prozeß, auch dieſe — S ———— —————„— 328 George Feederick Manning u. Maria Manning. Ausführung des andern Vertheidigers, da beide als Ankläger gegen einander auftraten, in ihren Hauptzügen wiederzugeben. Das Hauptmoment der Vertheidigung iſt die Zeitbeſtimmung, in welcher der Mord verübt ſein muß. Wenn die Zeugen die Minuten richtig angaben, wo man O'Connor zum letzten Mal ſah, und die Mi⸗ nute, wo Marie Manning in ſeinem entfernten Quar⸗ tier wieder geſehen ward, ſo ſchien es allerdings unglaub⸗ lich, daß von ihr in dem Zwiſchenmoment die entſetzliche That verübt worden, und daß ſie Zeit gewonnen, das Blut von ihren Kleidern, oder dieſe ſelbſt abzuthun, um, wie ſie erſchien, in der Greenwoodſtreet zu erſcheinen. Aber es gehen nicht allein die Uhren verſchieden, ſondern auch die Zeitauffaſſung ſeitens der Zeugen iſt, wie wir hundertfach erfahren, in Criminalfällen eine der bedenk⸗ lichſten Sachen. Der Attorney⸗General hielt darauf ſeine Gegenrede, obwol der Rath der Verklagten dagegen proteſtirte, weil dies dem Herkommen entgegen ſei, wenn die Angeklagten keine Zeugen für ſich aufgerufen. Der Lord⸗Oberrichter erklärte aber den Staatsanwalt in ſeinem Recht. Die Anwalte der Verklagten wollten es ihm nun zur Ge⸗ wiſſensſache machen, ſich dieſes Rechts freiwillig zu be⸗ geben, in einem Falle, wo das Leben zweier ſeiner Mitmen⸗ ſchen auf dem Spiele ſtehe. Er aber glaubte auf dieſes Recht beſtehen zu müſſen, weil es gelte, die Wag⸗ ſchale der Gerechtigkeit zwiſchen den verſchiedenen Par⸗ teien, die in dieſem Prozeſſe aufträten, ins Ebenmaß zu bringen. Zuvörderſt gab er dem Vertheidiger des Ehemanns in dem von demſelben eingeſchlagenen Verfahren gegen den Vertheidiger der Ehefrau Recht. Jener habe nur ſeine Pflicht als Advocat erfüllt, und es ſcheine ihm mning. beide als utzügen tthedigung verübt ſin g angeben, d die Ri⸗ ten Quar⸗ 6 unglaub⸗ entſetliche onnen, dis uthun, un erſcheinen n ſondern wie wir er hedent⸗ Grgecdt, ſirn, wil Angclogun Oherichte Recht. Die n zr„ ilig zube er Mitmin⸗ uf hieſes die Wag⸗ denen Par zbenmß l George Frederick Manning u. Maria Manning. 329 männlicher gehandelt, geradezu dem andern ein Verbre⸗ chen zur Laſt zu legen, als es nur anzudeuten, und nicht den Muth zu haben, die Anklage auszuſprechen. Zugegeben ſei von beiden Theilen, daß der Mord am 9. Auguſt, Abends, im Manning'ſchen Hauſe, wo nur die Mannings wohnten, ohne Domeſtiken, begangen worden, entweder durch eine Piſtole, oder durch ein Brecheiſen, oder durch beide Inſtrumente. Beide Theile wären aber auch darin in Uebereinſtimmung, daß der Mord von einer Perſon allein begangen ſein müſſe. Das ſei ihm aber ſehr unwahrſcheinlich. Weder könne und werde eine Perſon allein die Steine in der Küche ausgehoben, das Grab gegraben, es wieder bedeckt, und vor allem den Körper in der beſchriebenen Lage hinein⸗ geworfen haben. Er könne ſich keinen Grund denken, wes⸗ halb Manning allein den Mord verübt haben ſollte, denn wenn ſeine Frau ihm nicht beiſtand, hatte er auch kein Motiv. Eiferſucht war es nicht, es konnte nur Habſucht, das Verlangen nach O Connor's Vermögen ſein. Nur ſeine Frau aber hatte Eintritt in O'Connor's Wohnung. Hätte er ihn gefordert, würde das ſofort Verdacht erregt haben. Der Staatsankläger hielt dafür, daß der Beweis nicht geführt, wann der Mord verübt worden. Ihm erſcheine es ſogar ſehr möglich, daß erſt, nachdem Maria Man⸗ ning aus Greenwoodſtreet zurückgekehrt, die That voll⸗ bracht wäre. O'Connor ward nach 5 Uhr nahe am Miniver-Place geſehen. Nachher ſah man ihn auf der Brücke, zaudernd und ungewiß, wie Jemand, der einen Andern erwartet. Wahrſcheinlich alſo, daß er, nachdem er die Frau nicht zu Haus gefunden, bald nach 5 Uhr Miniver⸗Place wieder verließ, aber ſpäter zurückkehrte, ob mit der Manning läßt ſich nicht beſtimmen. Aller 330 George Frederick Manning u. Maria Manning. Wahrſcheinlichkeit nach ward erſt da der Mord begangen. Manning habe(außergerichtlich) ausgeſagt, er ſei im Hauſe geweſen, als es geſchah, er nannte aber nicht die Stunde; er ſagte nur, er ſei zugegen geweſen und zeihte ſeine Frau der Mordthat. Gegen 7 Uhr rauchte Man⸗ ning ſeine Pfeife auf der Gartenmauer und ſprang dann hinunter. War es vielleicht, daß er erſt jetzt DConnor ankommen ſah, und in Begleitung ſeiner Frau? Ballantine wandte ein, daß es ſchon 7 ½ geweſen, als er auf der Gartenmauer geraucht. Der Attorney⸗General fuhr fort, es komme ihm nur darauf an, der Stunde ſo nahe als möglich zu kommen, um wahrſcheinlich zu machen, daß der Mord nicht ſchon um 5 Uhr verübt worden. Am 8. ſeien Kalk, Brech⸗ eiſen und Schaufel bereits gekauft geweſen, aber beide Eheleute ſeien auch ſchon vor dem 8. wegen des Verkaufs ihrer Geräthſchaften in Unterhand⸗ lung geweſen, die ſie dann zwei Tage nachher wirk⸗ lich verkauften.(In den Zeugenausſagen finden wir nichts darüber.) Warum kauften ſie nun noch am in⸗ tendirten Tage der Mordthat eine Schaufel, wo ſie ſchon mit einem Trödler verhandelten, ihm für 13 oder 13 Pfund 10 Schilling ihr geſammtes Geräthe zu über⸗ laſſen? Dies kann nur geweſen ſein, um die Erde zum Grabe damit wegzuſchaufeln.— Daß Maria Manning am Abend des S. ſo offen vor Zeugen von ihrer Mit⸗ tagseinladung geſprochen, habe auch nichts auf ſich, denn verrathen war dieſer Umſtand ja ſchon durch den abge⸗ gangenen Brief. Uebrigens lud ſie O'Connor nicht mündlich in Welſh's Gegenwart zum andern Tage, Don⸗ nerſtag, zu Tiſch; ſondern ſie ſchrieb ihm Nachts nach 12 einen neuen Einladungsbrief. lanning. er MWord erſti im et niht die und zihte uchte Man⸗ ſprang dan t O Connot ni ½ geweſin, me ihm nur zu kommel nicht ſchon k, Brech⸗ vegen des ntethand⸗ uchher wit ſnden u nch an u fel, wo 6 fi 13 e ithe zu itr it Erde n j Namin ihrer M uf ſch 3 den onnor 1 Tage,* hm Nach f. George Frederick Manning u. Maria Manning. 331 Dafür iſt kein Beweis, rief Ballantine. Factum iſt, entgegnete der Ankläger, daß er zwiſchen Mitternacht vom S. und 9. und andern Tages gegen 5 Uhr eine ſchriftliche Einladung zum Mittageſſen er⸗ halten hat, daß Maria Manning aber nicht ein Wort davon in Welſh's Gegenwart ſagte. Woher war ſie ſo ängſtlich, als O'Connor nicht kam, in ſeine Wohnung zu laufen, um(nach ihrer Angabe) ihn zum Eſſen zu holen? Als ſie zum zweiten Mal dahin ging, war es, um die Hinterlaſſenſchaft auszubeuten. Sie geſteht ſelbſt, die hintere Küche am(Mord⸗) Tage gereinigt zu haben, um deswillen muß ſie den Zu⸗ ſtand derſelben geſehen haben. Was den Ehemann anlangt, ſo leugne er nicht beim Morde gegenwärtig geweſen zu ſein, aber er ver⸗ ſuche alle Schuld auf ſein Weib zu werfen. Er wolle dabei geſtanden haben, aber unſchuldig! Iſt es denk⸗ bar, daß ein Mann bei einer Mordthat, unter die⸗ ſen Umſtänden verübt, unſchuldig als Zuſchauer dage— ſtanden! Am Tage nachher wird er geſehen, ein werthvolles Papier des Ermordeten umwechſelnd. Er verſchwindet dann, und bei ſeiner Ergreifung iſt das Erſte, was er thut, die ganze Schuld auf ſeine Frau zu ſchieben. Es iſt unmöglich, ſich nicht zu denken, daß beide Angeſchul⸗ digte in das Verbrechen verwickelt ſind. Beide handeln in Uebereinſtimmung beim Ankauf der Werkzeuge; Beide verſtecken ſich und Beide wurden betroffen im Beſitz von Eigenthum, welches dem Ermordeten gehörte!— Er, ſchloß der Ankläger, rüge es nicht, daß jeder der beiden Vertheidiger, ſeiner Pflicht gemäß, Alles gethan, ſeinen Clienten zu retten, und die Schuld von ihm ab auf den andern zu werfen verſucht; ſeine Pflicht aber, 332 George Frederick Manning u. Maria Manning. als Ankläger, ſei eben desgleichen, die Schuld auf Beide zu vertheilen. Hierauf nahm der Lord Oberrichter das Wort und gab der Jury nochmals eine Ueberſicht der ganzen Sach⸗ lage. Auch er bat die Geſchworenen, Alles aus dem Sinn zu ſchlagen, was ſie außer der Gerichtshalle über die That und die Perſonen gehört, und nur die Zeugenausſagen zu beachten. Die Sache fordere eine ungewöhnliche Aufmerkſamkeit, da das vorliegende Verbrechen in der engliſchen Criminalge— ſchichte vielleicht ohne Beiſpiel ſei. Er ſetzte die ver⸗ ſchiedenen Fragen, die er ihnen vorlegen müſſe über den Antheil der Angeſchuldigten an dem Verbrechen, mit Klarheit und in populairer anſchaulicher Sprache ausein⸗ ander, ſich doch dabei jedes Urtheils, das den Geſchwore⸗ nen allein zuſteht, enthaltend. Wir bedauern dieſe Rede unſern Leſern nicht mittheilen zu dürfen, aus Furcht von einer Wiederholung des ſo oft Geſagten, aber ſie war ein Muſterſtück, wie ein bewährter, kennt⸗ nißreicher und humaner engliſcher Richter einen ſchwie⸗ rigen Fall abwägt, und auch da noch, wo jeder Urtheils⸗ fähige die Verdammung auf den Lippen trägt, zu Gun⸗ ſten des Angeklagten Alles und Jedes herauskehrt, was die Geſetze und Umſtände für ihn anführen können. Doch können wir uns nicht enthalten, wenigſtens den Schluß ſeiner Rede zu überſetzen, welche als Leitfaden auch für unſere Geſchworenen von Wichtigkeit wäre. „Was die Zweifel anlangt, die Ihnen etwa auf⸗ ſtoßen, ſo meine ich, es iſt Ihre Pflicht, ruhig und ernſt den Fall zu erwägen, um dann zu ſehen, zu welchem anning. auf Beide Wort und nzen Sach⸗ s aus den töhale übe d nur die e fordete „da du ßriminalge⸗ e die ver⸗ eübet den chen, mit che aubein⸗ Gihn dit aus Futcht gten, cbt ter, kennt⸗ Urtheil⸗ George Frederick Manning u. Maria Manning. 333 Eindruck und Beſchluß Sie als Männer von Welt, als Männer von Gefühl und Verſtand, als Männer einer feſten Gerechtigkeit gelangen. Sind Sie zum Schluß gekommen, daß Sie die Gewißheit erlangt, welche das Geſetz erfordert, ſo werden Sie Ihr Verdict der Schuld gegen einen oder beide Angeklagte abgeben. Es iſt aber nicht nothwendig, daß ein Verbrechen dermaßen feſtge⸗ ſtellt werde, daß auch die Möglichkeit eines Zweifels ausgeſchloſſen bleibt. Es gibt Verbrechen, begangen in der Stille und Dunkelheit, denen man nur nachſpüren kann und die nur ans Licht gebracht werden durch eine Vergleichung aller Umſtände, die, einer zum andern ſich fügend, endlich durch ihre Anzahl einen Eindruck auf das Gemüth hervorbringen. Zweifel gibt es bei jeder menſchlichen Handlung. Wir ſind häufig getäuſcht in Bezug auf Das, was wir geſehen, noch häufiger in Dem, was wir gehört zu haben glauben. Wie geſagt, bei allen menſchlichen Handlungen läuft ein gewiſſer Zwei⸗ fel mitunter, aber dies ſind nicht die Zweifel, welche Sie, meine Herren, bewegen dürfen, indem Sie über eine Sache urtheilen, welche für das Publicum und die An⸗ geklagten von gleich großer Wichtigkeit iſt. Ich hege keinen Zweifel, daß Sie Ihre Pflicht mit aller Treue erfüllen werden. Sie werden erwägen, daß Sie auf der einen Seite eine Verpflichtung haben gegen das Ge⸗ ſammtwohl Ihrer Mitbürger, nämlich, daß der Schul⸗ dige nicht entſchlüpfen darf, daß Sie auf der andern aber auch eine gegen die Angeklagten haben, nämlich Sorge zu tragen, daß ſie nicht auf bloßen Argwohn und Verdacht, ſondern auf ſchwere und feſte Gründe, die Ihr Verſtand geprüft hat, verurtheilt werden, Gründe, welche Sie zu einer ausreichenden Ueberzeugung führen, daß Einer oder Beide des Verbrechens ſchuldig 334 George Frederick Manning u. Maria Manning. ſind. So entlaſſe ich Sie zur Ihrer gewichtigen Auf⸗ gabe mit dem Wunſch und der Zuverſicht, daß Ihre Entſcheidung auf Gerechtigkeit und Wahrheit gegrün⸗ det ſei!“ Um 6 Uhr zog ſich die Jury zurück und kam um 6 ſchon wieder. Die laute Unterhaltung, welche in der Zwiſchenzeit geherrſcht, verſtummte im Augenblick. Die erſte Frage: ob die Jury in ihrem Verdict ganz einig geworden, beantwortete der Vormann mit Ja. Sind die Gefangenen ſchuldig oder nicht ſchuldig? Der Vormann antwortete: Beide Gefangene ſind ſchuldig. Nach dem Herkommen wurden nun die Gefangenen befragt: ob ſie etwas für ſich anzuführen hätten, wes⸗ halb das Todesurtheil nicht an ihnen vollſtreckt werden dürfe? Da erhob ſich Maria Manning in einem Zuſtande großer Aufregung. Mit ſtarkem fremden Accent, aber mit einer ungemeinen Heftigkeit ſtieß ſie folgende Worte aus: „Es gibt keine Gerechtigkeit, es gibt kein Recht für einen fremden Unterthan in dieſem Lande; für mich iſt kein Geſetz. Ich hatte keinen Beſchützer— weder bei den Richtern, noch bei den Anklägern, noch bei mei⸗ nem Manne. Ich bin ungerecht verurtheilt von dieſem Gerichtshofe. Wäre ich im Vaterlande, da könnte ich beweiſen, daß ich Geld von auswärts hergeſandt, wel⸗ ches jetzt in der Bank von England iſt. Meine Rechts⸗ freunde würden Zeugen aufgerufen haben, um zu erhär⸗ ten, daß ich Actien für mein eigen Geld gekauft habe. Maſter O'Connor war mehr für mich als mein Ehe⸗ anning. tigen Auf⸗ daß Ihre it gegrün⸗ d kam un wllche in Vedic mn nit It ſchuldiy! efangent zefangenen t wetder n Zuſtnde erent, ob ende Vort geht fi für mi . medu hei mel⸗ von icn tönnte i ⸗ ne Ni t⸗ zu chi tuit hi⸗ mein 6 George Frederick Manning u. Maria Manning. 335 mann. Er war mir ein Freund und Bruder, ſeit ich in dieſes Reich kam. Ich kannte ihn ſieben Jahre. Er wollte mich heirathen, und ich hätte ihn nur heirathen ſollen. Ich habe Briefe von ihm, die beweiſen würden, wie er mich achtete und ehrte, und wenn ich denke, daß ich ein Weib bin und ganz allein ſtehe, und zu kämpfen habe gegen meines Mannes Angaben, und zu fechten gegen meine Ankläger, und daß ſelbſt der Richter gegen mich iſt, dann denke ich auch, daß man mich nicht wie einen Chriſtenmenſchen behandelt hat, ſondern wie ein wildes Thier des Waldes, und Richter und Geſchworene werden es auf ihrem Gewiſſen haben, daß ſie gegen mich ge— ſprochen. Ich bin nicht ſchuldig der Mordthat, die an Maſter O'Connorverübt iſt. Wenn ich ge⸗ wünſcht einen Mord zu begehen, würde ich doch nicht nach dem Leben des einzigen Freundes getrachtet haben, den ich auf der Welt hatte,— eines Mannes, der mich in einer Woche zu ſeiner Frau gemacht hätte, wenn ich eine Witwe geweſen wärc. Ich habe in achtbaren Fa⸗ milien gelebt, und kann Zeugniſſe für meine Rechtlichkeit in jeder Beziehung aufweiſen, wenn man danach fragt. Ich kann mehr Geld aufweiſen, als die Lumperei, die paar Actien, die man bei mir gefunden hat. Wenn mein Mann aus Eiferſucht oder was ſonſt aus Rache gegen O Connor ihn ermordet hat, ſo ſehe ich keinen Grund ab, weshalb ich dafür beſtraft werden ſoll. Ich wünſchte nur, ich könnte mich beſſer in der engliſchen Sprache ausgedrückt haben.“ Manning ſagte nichts. Der Richter erhub ſich: Frederick George Manning und Maria Manning, Ihr ſeid überführt des Verbre⸗ chens des Mordes— „Nein! Nein! ſchrie Miſtreß Manning heftig auf. 336 Georgr Frederick Manning u. Maria Manning. Ich geſtehe es nicht zu. Schämen müßtet Ihr Euch. Da iſt doch kein Geſetz und keine Gerechtigkeit hier.“ Sie ſchien dabei aus den Schranken fortſtürzen zu wollen, ward aber durch den Gefangenmeiſter von New⸗ gate daran verhindert. Der Richter redete ſie wieder an:„Ein tüchtiger Vertheidigungsrath ſtand Ihnen zur Seite. Alles, was zu Ihrer Vertheidigung dienen konnte, iſt geſchickt an⸗ gewandt worden. Die Jury hat auf einen Zeugenbe⸗ weis geſprochen, der bei keinem menſchlichen Weſen mehr einen Zweifel zurücklaſſen konnte. Die Jury konnte nur mit einem Verdict: Schuldig! zurückkehren. Hätte ſie kein ſolches Verdict gebracht, ſo wäre es mir ſchwer zu glauben, daß ſie ihre Pflicht gethan.“ Hier ließ die Verurtheilte durch ihre heftigen Ausbrüche ihn kaum zum Weiterreden kommen.„Mord iſt das größte Ver⸗ brechen, welches ein Menſch gegen einen andern begehen kann, in dieſem Lande. Es iſt zu aller Zeit ein entſetz⸗ liches Verbrechen, aber ich erinnere mich keiner Mord⸗ that, die ſo kaltblütig und planmäßig vollbracht worden. Unter dem Vorgeben der Freundſchaft, ja der Liebe, lock⸗ ten Sie ihn an den Platz, wo ſein Grab wahrſcheinlich ſchon gegraben war, und wo nachher die That vollführt ward, die wahrſcheinlich tagelang vorher ſchon hin und her erwogen war. Dies iſt eins der ſchanderhafteſten Beiſpiele, welche die Geſchichte menſchlicher Schwäche liefert. Man hat geſagt, der Verſtorbene habe ein laſter⸗ haftes Leben mit Einem von Ihnen Beiden geführt. Darüber habe ich nicht zu ſprechen, das müſſen Sie mit Ihrem Gewiſſen abmachen. Aber, ſei ſein Leben gewe⸗ ſen, wie es iſt, er ward von Euch in die Ewigkeit ge⸗ ſtoßen, ohne daß man ihm einen Augenblick ließ, an ſie zu denken, ohne daß er Zeit hatte zu Reue und Buße. Manning. t Ihr Euch git hir.“ fortſtien zu ſter von Rew⸗ „Ein tüchign . Ales, wo ſt geſchikt on nen Zlugenbe en Veſen meht ty konnte n u hün es nir ſchwe hir liß di ihn kun zgrößtt Ver ndm beghel zit in mn finet Nn worde Grorge Frederick Manning u. Maria Manning. 337 Das Geſetz iſt mitleidiger, als Ihr es waret: es geſtat⸗ tet Euch Zeit zur Vorbereitung. Einer von Euch hat mit dem Studenten Maſſay ein Geſpräch darüber ge⸗ pflogen, wohin wol die Seele Derer fährt, die einen Mord begingen. Die Zeit iſt gekommen, wo Ihr das wieder fragen mögt. Da ich Euch nicht die geringſte Hoffnung machen kann, daß Euer Strafurtheil verwan⸗ delt wird, muß ich Euch auch ſagen, daß Eure Hin⸗ richtung unmittelbar nach der Beſtätigung des Urtheils erfolgen wird. Ich rathe Euch daher, bußfertig dem Rathe des Dieners des Evangelium zuzuhören, der Euch beſuchen wird. Lernet von ihm, was Ihr zu fürchten habt. Wohl ihm und Euch, wenn er mit gutem Ge⸗ wiſſen Euch eine Hoffnung verheißen kann, welche in dieſer Welt unmöglich iſt.— Welche Qual und Ver⸗ druß Euch auch die Proceduren dieſes Tages bereitet haben, glaubt, daß Andere anders als Ihr darüber urtheilen, ja ich zweifle, ob irgend Jemand, der dieſen Verhandlungen zugehört, nicht ebenſo zufrieden iſt als äch mit dem Reſultate, welches das einzige mit der Ge⸗ eechtigkeit harmonirende iſt. Nach dieſer Warnung und Ermahnung habe ich Euch nur den herben Spruch des Geſetzes anzukündigen: daß Ihr von hieraus gebracht werdet in Ihrer Majeſtät Kerker der Grafſchaft Surrey, und von dort auf den Executionsplatz, allwo ihr gehenkt verden ſollet am Halſe bis Ihr todt ſeid; und daß Eure todten Körper nachher verſcharrt werden im Hofe des Kerkers, in welchem Ihr nach dieſem Urtheil gebracht werdet, und ſei der Herr gnädig Eurer Seele.“ Die Manning wollte noch einmal gegen den Ge⸗ nchtshof loseifern, als man Befehl gab, ſie fortzubrin⸗ gen. Sie ſchrie, es ſei ſchandvoll, ſolches Urtheil über fe zu ſprechen; ja, ſie ſchimpfte zu denen um ſie her: XV. 15 338 George Frederick Manning u. Maria Manning. „Elendes England!“ Herkömmlich hatte man Raute auf die Bank vor den Schranken geſtreut. Sie raffte davon in die Hand und warf es den Richtern vor die Füße, um ihre Verachtung und ihren Ingrimm auszu⸗ drücken, für die ihr die Worte fehlten. Der Director von Newgate und eine weibliche Gefangenwärterin muß⸗ ten ſie fortſchleppen. Manning beugte ſich tief vor dem Hof und zog ſich urück. Er ſchien ſehr niedergeſchlagen, blieb aber Herr ſeiner ſelbſt. Die Gerichtsſitzung ſchloß um 7 Uhr. Die Manning war durch ihren Prozeß zu einem Lion des Tages geworden; die Zeitungen beſchäftigten ſich vorzugsweiſe mit ihrer Perſon, und brachten faſt ſtündliche Bulletins über Alles, was ſie that und ſprach, ja ihre Blicke und Bewegungen wurden zur Begebenheit. Damit aber nicht genug, ſetzte die Tagespreſſe den ab⸗ geſchloſſenen Prozeß fort, ſie brachte neue Zeugenaus⸗ ſagen und Documente, um Das, was geheimnißvoll ge⸗ blieben war, aufzuhüllen, und man muß bekennen, daß deſſen nicht wenig war. Auch dieſe Enthüllungen ge⸗ hören zur Prozeßgeſchichte, und in ihrer Steigerung ſind ſie nicht ohne dramatiſches Intereſſe. Wir geben ſie, wie wir ſie in dieſer Steigerung in den Zeitungen fin⸗ den, das Drama verfolgend, wie es ſich Stück um Stück vor dem londoner Publicum aufrollte, und mit einer Schlußkataſtrophe, welche an Schauer und Wahrheit ſelbſt die eigentliche überbietet, und um deshalb ſchon die Berühmtheit dieſes Prozeſſes rechtfertigt. Wir machen nur darauf aufmerkſam, daß, was von hier an folgt, nicht auf die Authenticität der vorigen Gerichtsverhand⸗ lungen Anſpruch macht, ſondern nur von den Reporters ning. Raute ie raffte or die n auzu⸗ Directot erin muß⸗ dz ſch aber Hir Uhr. zu einem chäftigten hten fa nd ſprach genhel ſe den ab⸗ Zuuguul rißvol g mnen, do lugn g. igerung i gehen 45 ungen ſe S Vehhe chalb ſcho George Frederick Manning u. Maria Manning. 339 der Zeitungen aufgerafft iſt. Ein kritiſcher Maßſtab da⸗ für iſt indeß ſchon durch das Vorangängige gegeben, und die Warnung des Anklägers vor dem leichtſinnigen Be⸗ richterſtatten dürfte auch auf die Reporter gewirkt haben. Als beide Verurtheilte in ihren Kerker zurückgebracht worden und man ihnen ankündigte, daß ſie, dem Urtheil gemäß, auf der Stelle nach dem Horſemanger⸗lane⸗ Kerker transportirt werden ſollten, fuhr die Frau in derſelben gereizten Weiſe auf, die ſie vor Gericht gezeigt. Sie ſchimpfte auf ihre Advocaten, daß ſie, gegen ihren Willen, die Zeugen zu ihren Gunſten nicht aufgerufen, die ſchon bereit geſtanden hätten, der Jury und ganz England zum Trotz. Als man ihr Erfriſchungen an⸗ bot, ſtieß ſie dieſelben mit Entrüſtung von ſich. Auch Manning lehnte ſie ab, aber in milder, verbindlicher Weiſe. Um 7% Uhr ſtanden zwei Cabriovlets vor dem Fleet⸗ gefängniß. Maria Manning erſchien an der Seite des Maſter Wright, des Directors von Newgate; ihre linke Hand war durch Handſchellen an ſeine rechte Hand ge⸗ kettet; ſie nahmen Beide im erſten Cabriolet Platz, wel⸗ ches in Carriere fortfuhr. Als die Handſchelle ihr zu⸗ erſt angelegt worden, brach ihre ganze Leidenſchaftlichkeit hervor; jede Muskel in Affect, die Hände ballend, die Zähne knirrſchend, ſchrie ſie mit der heftigſten Geſticula⸗ tion:„Hol Euch Alle der—“— Ihr Mann ſtieg ruhig, mit beiden Händen an zwei Gerichtsdiener ge⸗ feſſelt, in den Wagen. Der ganze Transport ging ſchnell vor ſich. In 20 Minuten waren die Gefangenen ſchon in ihren neuen Kerker abgeliefert, obgleich ungeheure Volksmaſſen ſich auf dem Wege geſammelt hatten. 15* 340 George Frederick Manning u. Maria Manning. Auf dem Wege ſchien die Manning jedoch plötzlich aus ihrem Tobefieber zu erwachen. Sie unterhielt ſich in mildem Tone ganz vernünftig mit dem Director, ja ſie ſcherzte mit ihm über das Band, welches ſie Beide verknüpfe. Plötzlich aber nahm ſie, als Maſter Wright in dieſe Scherze nicht eingehen wollte, einen hochmüthi⸗ gen Ton an, und indem ſie von der letzten Gerichts⸗ ſcene ſprach, ſagte ſie:„Ich habe ihnen doch einige Entſchloſſenheit gezeigt, nicht wahr?“ Von ihrem Mann ſagte ſie:„Ich hatte Gelegenheit genug, ihn im Ge⸗ fängniſſe zu ſprechen, äuch noch während der Gerichts⸗ ſitzung, aber ich mochte nicht. Er redete mich auch nicht an, Gott ſei Dank, der unmännliche Wicht.“ Dabei ballte ſie wieder die Fauſt und ſchlug gegen die Kutſch⸗ wand. Als der Wagen vor einem großen Mauerplacat vorüberrollte, worin eine vollſtändige Beſchreibung ihres Prozeſſes dem Publicum zum Kauf angeboten ward, gerieth ſie aufs Neue in Wuth, knirſchte, ſtöhnte und murmelte Verwünſchungen: der Lump, ihr Mann, hole ſie der— wenn ſie mit ihm ein Wort ſpräche! Manning's Benehmen blieb anſtändig und ruhig. Seine Stimme klang melancholiſch, er ſchien die Hoff⸗ nung nicht aufgegeben zu haben, daß man ihm nicht ans Leben gehen werde. Als Maria Manning von den weiblichen Schließerinnen in ihre Gefängnißzelle gebracht wurde, brach ſie in helle Thränen aus, ſchluchzte wie aus tiefſter Bruſt, daß ſie das Mitleid ihrer Wärterin⸗ nen erregte. Dann aber ſtampfte ſie auf den Boden, diesmal nicht aus Wuth, ſondern aus Schmerz— ſagen die Zeitungen nach dem Bericht der Schließerinnen. In wie weit dieſe pſychologiſche Diagnoſtikerinnen ſind, bleibe dahin geſtellt. Manning warf ſich, in ſeine Zelle angekommen, ning. plötzlich hielt ſich tector, ja ſie Beide r Wright ochmüthi⸗ Gerichts⸗ och äinige rem Mann im Ge⸗ Gericht auch nicht „Dabel eKutſch⸗ merplatat ung ihr u word, öhnte und ann, hol nd nhi die Hof⸗ ihn niht g von den l genh uchzte wi Pirtrin * Boden — ſih inn 3 ſind, b mmel Grorge Frederick Manning u. Maria Manning. 341 einen Schemel und ſtützte, wie in tiefen Gedanken, den Kopf im Arm. So blieb er lange Zeit ſitzen. Aus ſeinen Träumen aufſtarrend, ſprach er wiederholentlich, wie für ſich: er ſei ja unſchuldig am Morde, er könne darum nicht hingerichtet werden. Am 28. erklärte er mit Beſtimmtheit ſeinem Wächter: O'Connor ſei nicht durch ſeine Hand umgekommen; ſein Weib habe es ge⸗ than, ſie habe ihn nur vermocht, die Leiche zu verſchar⸗ ren.— Beide Verurtheilte empfingen die Beſuche des Geiſtlichen und wohnten am Sonntage mit einem an⸗ dern zum Tode Verurtheilten dem Gefängnißgottesdienſte bei, wo die Predigt beſondern Bezug nahm auf das Loos Derer, die durch das Schwert der Gerechtigkeit ſterben müßten. Beide indeß mit der Hoffnung, daß die Predigt ihnen noch nicht gelte. Maria Manning hoffte, daß der Proteſt ihrer Vertheidiger, welche auf eine ge⸗ miſchte Jury, halb von Ausländern, auch nach dem Ur⸗ theil angetragen, von Erfolg ſein werde. Ein merkwürdiges Actenſtück, welches im Prozeß nicht vorgebracht, ward jetzt erſt aufgefunden, oder doch zuerſt mitgetheilt, ein Brief des todten O'Connor„an Miß Maria Roux, durch die Güte der Lady Blan⸗ tyre, Sutherlandhaus.“ Ein Brief an die alte Geliebte, nach ihrer Verheirathung geſchrieben, um das frühere Verhältniß wieder anzuknüpfen: Cuſtoms, St. Katharine Docks, Juni 11. 1847. „Theuerſte Miſtreß— Ihren wahren Getzigen ²) Na⸗ men nicht kennend, adreſſire ich an Sie, wie früher. Ich hoffe, der Brief wird Sie erreichen. Ich kann Ihnen meine Gefühle nicht beſchreiben, noch was ich litt, ſeit ich Sie am letzten Abend ſah. Wüßten Sie es nur zur Hälfte, ſo würden Sie Mitleid mit mir haben, und wäre ich Ihr größter Feind, den Sie je ge— 342 George Frederick Manning u. Maria Manning. habt. Ich habe einen einſamen und traurigen Winter verlebt, einen melancholiſchen, monotonen Frühling, in der Hoffnung, einen frohen und angenehmen Herbſt zu erleben. Ich gab alle und jede Geſellſchaft auf, brach Ihretwegen allen Umgang mit meinen Freunden ab, in⸗ dem ich nur ſorgte und ſparte, um uns den Reſt un⸗ ſers Lebens annehmlich und glücklich zu machen. Ich wollte meinen monatlichen Urlaub am 6. Auguſt neh⸗ men, wo ich glaubte, daß Sie vom Continent zurück ſein würden, dann wollten wir am 7. Hochzeit machen, von London am S. nach Boulogne gehen und dort un⸗ ſern Honigmonat feiern. Ach, wie ſind dieſe Träume zerronnen. Sie haben alle Annehmlichkeiten, welche Ihr Herz wünſchen kann, und ich bin zufrieden. Für mich Armen iſt kein Troſt geblieben, als der traurige Ge⸗ danke, wie ich um meine Hoffnung gekommen bin. Ach, Maria, Sie haben grauſam gegen mich gehandelt. Wa⸗ rum haben Sie nicht, ihrem Worte gemäß, geſchrieben und geſprochen, was Sie zu thun vorhatten, dann wäre ich, auf die Gefahr hin meine Stelle zu verlieren, wie es auch ging, nach Erskine Haus gekommen, um das einzige Weſen auf Gottes Erde zu heirathen, das mich glücklich machen konnte. Und Maria, Theure, hätten Sie nur die Gefühle meines Herzens leſen können, Sie würden nicht gehandelt haben, wie Sie gethan. Doch, jetzt iſt es zu ſpät, darüber noch zu ſprechen. Wir müſſen mit Gottes Willen uns verſöhnen, und hoffen, daß alle Dinge von ihm nach einer weiſen und wohlwollenden Abſicht geordnet ſind. Genug nun von dieſer traurigen und melancholiſchen Angelegenheit; denn das iſt ſie für mich. Indeſſen hoffe ich, wir werden immer dieſelben liebevollen Gefühle gegen einander hegen— wie es alten Freunden zukommt. Ich kann mich deſſen rühmen nning. n Winter chling, in Hurbſt zu uf, brach en ab, in⸗ Reſt un⸗ chen. 3ch uguſt neh⸗ unt zuric it machen, dort un⸗ ſe Lräun welche Ihr Für mich rige Gr⸗ bin Ah delt. Wo⸗ geſchicben dann wile ieren, uh mm di d ni n, hitten anen, 6i n. Do 6 bir miſſen daß l nolendu traurige iſlb ni n rühm George Frederick Manning u. Maria Manning. 343 und will es halten. Wann werde ich das Vergnügen haben, Sie hier zu ſehen?— Bringen Sie Ihren Mann mit, und wen Sie ſonſt lieb haben. Ich will Ihnen die Docks und die Gewölbe zeigen; aber bemerken Sie, daß Damen in die Gewölbe nur nach 1 Uhr geführt werden. Kommen Sie recht bald. Hier liegt ein Schiff aus China, auf meiner Station in den Docks, der Vis⸗ count Sandon. Sonntag fährt er ab. Es würde für Sie etwas Neues ſein, die drei Chineſen darauf mit ihren langen Zöpfen zu ſehen. Sie ſprachen davon am Sonn⸗ tag zu kommenz ich wünſchte, Sie thäten es. Wenn Sie kommen, ſchreiben Sie mir, und um welche Zeit, damit ich Sie gewiß treffe. Sie können mir dann wol einige Erklärungen geben über die Sache, welche ſie ein wenig verſüßen können. Ich wünſchte nur, ich könnte Sie ganz freiſprechen vom Vorwurf der Untreue bei der Gelegenheit. Ich hoffe, daß Gottes Segen auf Allem ruhe, was Sie thun, und betrachten Sie mich, unter allen Umſtänden, bis zum Tode, als Ihren treu ergebenen Patrick O'Connor.“ Man wird bekennen, daß die Sache dadurch in⸗ tereſſanter wird, als ſie in den trockenen Gerichtsverhand⸗ lungen erſcheint, aber auch um ſo viel räthſelhafter. O'Con⸗ nor erſcheint als ein gebildeter Mann; ſein Verhältniß zu Maria hatte nicht nur einen ſinnlichen, ſondern auch einen ſentimentalen Anſtrich. Bald nach jenem Briefe ward der Ehemann bei ihm eingeführt, und von da ab ſchreibt ſich der intimſte Verkehr zwiſchen den Dreien. Bekannt ward ferner noch ein Factum, daß die Mannings ſofort nach der Mordthat an ein Verſchwin⸗ den dachten, und Sorge trugen, daß ihre Entfernung keinen plötzlichen Verdacht errege. Sie bemühten ſich 344 George Frederick Manning u. Maria Manning. daher einen Studenten Craven(einen Freund des Stu⸗ denten Maſſay) auf alle mögliche Weiſe dahin zu be⸗ wegen, daß er bei ihnen einziehe. Sie gingen ihn wie⸗ derholentlich an, bewirtheten ihn mit Wein und ſetzten ihm einen wahren Spottpreis. Er ſchlug es aber hart⸗ näckig aus. Auch wußte man ſchon am 30. October, daß Man⸗ ning ein vollſtändiges Bekenntniß abgelegt, wie die Mordthat verübt worden, was aber erſt nach der Execution bekannt gemacht werden ſollte. Schriftlich hatte er ſeinem Vertheidiger Wilkins mitgetheilt: ſeine Frau habe O Connor erſchoſſen, und nachher gedroht, auch ihn zu erſchießen, wenn er ihr nicht hülfe, die Leiche begraben. Er empfing auch einen Brief ſei⸗ ner Schweſter,„welche eine höchſt achtbare Dame in der Provinz ſei.“ Erſchüttert ſchrie er beim Leſen mehr⸗ mals auf. Man erfuhr ferner, daß Maria Manning aus ihrem Kerker, vor den Gerichtstagen, mehrmals Billette an ihren Mann geſchrieben„in der allerobſcönſten Sprache“ und in gebrochenem Engliſch, die ihren Vertheidigern mitgetheilt wurden. Sie machten aber natürlich keinen Gebrauch davon. Der Mordthat geſchah nirgend darin Erwähnung. Ja, es häuften ſich jetzt die Beweiſe, wenn es deren noch bedurft hätte. Man erfuhr, daß O'Connor kurze Zeit vor ſeiner Ermordung einer jungen Dame Heirathsanträge gemacht, daß ſie auf dem Punkte ſtanden, ſich zu verheirathen, und daß Manning und ſeine Frau darum wußten. Wäre die Ehe zu Stande gekommen, ſo hörte wahrſcheinlich das Verhältniß zwiſchen OConnor und Maria Manning auf, und damit verſchwanden die Vortheile, welche beide George Frederick Manning u. Maria Manning. 345 Eheleute davon zogen. Hier alſo auch ein nahe liegendes es Stu⸗ Motiv zur That. z be⸗ Während der beiden Gerichtstage, wo die Gefange⸗ itn wie⸗ nen in unvermeidliche Berührung mit den Zuſchauern nd ſtten kamen, wurden ſie beim jedesmaligen Hinabführen in n hr der Zwiſchenzeit ſtreng durchſucht. Am zweiten Tage fand man in Mariens Taſche ein großes abgebrochenes e Nnn⸗ Glasſtück, welches ein gefährliches Geſchoß in ihrer Hand ie di hätte werden können. Man vermuthete, daß ſie es einem . per Geſchworenen oder Richter in ihrer Heftigkeit an den — 1i6 Kopf werfen wollen. W Die Piſtolen wurden bei einem Trödler aufgefunden ilt und von Manning anerkannt. Er erklärte dabei, ſeine — Frau habe beide geladen, und nachdem ſie mit der einen — die That verübt, die andere auf ihn gerichtet, mit der — Drohung loszuſchießen, wenn er ihr nicht beiſtehe. Die — Kugel, welche der Wundarzt aus O'Connor's Schädel en mehr gezogen, paßte in die Piſtolen. Am 1. November wußte man auch aus Manning's us ihrem Munde, daß O'Connor's Kleider mit ſeinem Taſchenbuch illette— in der Küche verbrannt worden. Früher war die Poli⸗ Spracht zei der Meinung geweſen, daß die Mörder die Kleider theidigen um das verſchwundene Brecheiſen gewickelt und Beides lich keinen in die Themſe verſenkt hätten. London hoffte alſo auch end dunn noch das Brecheiſen aufzufinden. Ja, man wollte aus Manning's Munde wiſſen, daß es der das Grab ſchon ſeit dem Mai gegraben gewe⸗ ſen! So lange der Mord vorbereitet! Aber der Muth or ſeinet fehlte zur Ausführung bis zum Abend des 9. Auguſt. geni Ein Fenſterladen der Hinterküche war darüber gelegt, hen, un über dieſe ein Teppich. O'Connor pflegte, wenn er bei n. Vit Mannings zu Mittag aß, vorher in die hintere Küche ſchinit zu gehen, um ſich unter der Waſſerröhre die Hände zu Tn eche w 346 George Frederick Manning u. Maria Manning. waſchen. O'Connor mußte mehre Male über ſein eigenes Grab geſchritten ſein! Die Zeitungen vom 5. November bringen uns eine Notiz über die Zuſammenkunft Manning's mit ſeinem Bruder Edmund im Kerker, in Gegenwart des Gefäng⸗ niß⸗Kaplans Roe und anderer beaufſichtigender Be⸗ amten. Manning ſaß in der Halle der Verurtheilten an einem kleinen Tiſche, ſo verändert und geiſtig niederge⸗ drückt, daß ſein Bruder ihn kaum wiedererkannte. Er ſchüttelte ihm fieberhaft die Hand, und hielt ſie eine Weile krampfhaft gedrückt, ohne während der Zeit fähig zu ſein, nur ein Wort zu äußern. „Gewiß, Friedrich, du biſt unſchuldig an dieſem 16 ſchrecklichen Verbrechen?“ ſagte endlich der Bruder.— 3„Nein, ich bin nicht ſchuldig“, erwiderte der Gefangene. „ich habe Alles an Maſter Roe geſagt. Nicht wahr, 9 Maſter Roe?(Dieſer nickte.) Edmund, ſie ermordete ihn. Ich war oben und zog mich an, als ſie ihn er⸗ ¹ ſchoß. Ich wußte nicht, daß ſie deshalb hinunterging. Maſter Roe weiß, ich bin unſchuldig.“ Mit Heftigkeit z fuhr er fort ſeine Unſchuld zu betheuern. Als ſein Bru⸗ der ihn fragte, ob er denn nicht in ſeine Frau gedrun⸗ 4. gen, ein volles Bekenntniß abzulegen, war ſeine Ant⸗ wort:„Ja, und ich habe Maſter Roe autoriſirt, habe 1 ich das nicht immer wieder und wieder gethan, daß ſie zu mir kommen ſolle, weil ich ihr ſolche Fragen vor⸗ legen wolle, daß ſie nicht entſchlüpfen ſollte!“ Der Geiſtliche beſtätigte es, die Manning habe aber nicht kommen wollen. Manning übergab ſeinem Bruder eine Abſchrift ſeines Briefes an ſeine Frau, worin er ſie zum 3 Bekenntniß drängt, damit die Welt den himmelweiten 1 unterſchied zwiſchen ihrer Schuld kennen lerne, denn 1 . ning. eigenes uns eine it ſnem Gefüng⸗ der Br⸗ eilten an niederge⸗ tt. Et ſie eine it fihig ndieſem uder.— fangene⸗ t wahr, tmordete ihn e mnterhing Heftigk ſein Bu u gedrun⸗ eine An⸗ ſirt, hab daß ſte gen vor⸗ 1 Der bet ſich udet eine n ſi ſun melweite n dan Seorge Frederick Manning u. Maria Mlanning. 347 davon hänge für ihn Leben und Tod ab. Da ſie doch beſtimmt wiſſe, daß er unſchuldig ſei, beſchwor er ſie, ihn durch ein Wort von dem ſchmählichen Tode am Galgen zu retten. Der Brief ſchloß mit der Bitte wenigſtens um eine Zuſammenkunft. Maria Manning hatte ſchriftlich geantwortet. Der Brief fing an:„Ich richte dieſe Zeilen an dich, als meinen Ehemann“, und mehrmals war der Ausdruck gebraucht:„Mein Theuerſter“. Aber im Verlauf ſagt ſie: ſie wäre ganz unſchuldig an der teufliſchen Beſchuldigung, die man ihr zur Laſt gelegt, und er allein könne ſie retten; ſie könne ihm keine Zuſammen⸗ kunft bewilligen, bis er ſchriftlich ihr erklärt, daß ſie an O'Connor's Tode unſchuldig! Darauf folgte ein merkwürdiger Paſſus, worin ſie urplötzlich die Schuld auf einen Dritten ſchiebt.(Dieſer und der Brief des Mannes werden in der Folge buchſtäblich mitgetheilt, wir gehen daher hier über die ungenauen Mittheilungen derſelben durch die Zeitungen hinweg.) Als Manning's Bruder den Brief geleſen, ſagte er: „Friedrich, ſie wäſcht ſich ſelbſt rein und beſchuldigt einen Dritten; wen meint ſie?“— Der Gefangene er⸗ widerte:„Alles iſt falſch. Niemand begleitete mich nach Jerſey. Du wirſt mir glauben, Edmund, wenn ich dich verſichere, daß ich unſchuldig bin, denn du warſt immer mein beſter Freund, und wenn ich deinem Rathe gefolgt wäre, hätte ich das Weib gar nicht geheirathet.“— Der Bruder ermahnte ihn nach einer Pauſe, ſeinen Frie⸗ den mit Gott zu ſchließen, der ihm gnädig ſein werde, wenn er wirklich unſchuldig ſei.„Liebſter Edmund!“ ref Manning,„ich bin unſchuldig. Maſter Roe weiß das ganz gut. Ich hoffe, der allmächtige Gott wird meine Seele in die hölliſchen Flammen ſtoßen, wenn 348 George Frederick Manning u. Maria Manning. ich dieſes Mordes ſchuldig bin. Maſter Roe weiß und hat Alles, was ich ausgeſagt habe. Feierlichſt erkläre ich, daß ich unſchuldig an O'Connor's Morde ſterbe. Ich habe ihm kein Haar an ſeinem Haupte gekrümmt.“ Man wollte am 5. November wiſſen, daß der un⸗ glückliche Mann ſich außerdem der Theilnahme an eini⸗ gen Räubereien beſchuldigt, um auf dieſe Weiſe einen Aufſchub vom Miniſter des Innern zu erhalten, während ſeine Frau ihre Appellation im Wege der Beſchwerde gegen die Jury aus Engländern und durch den Antrag auf Zuſammenſetzung einer gemiſchten Jury verfolgte. Im Uebrigen hoffte ſie auf vornehme Fürſprache. Ihre Gönnerin, Lady Blantyre, oder deren Mutter, die Her⸗ zogin von Sutherland, werde ſie doch nicht verlaſſen und ihr Leben retten. Sie fuhr fort ſich mit großer Sorgfalt anzukleiden, ſie aß mit vollem Appetit und ſchlief vortrefflich. Jeden Morgen beſuchte ſie regelmäßig den Gottesdienſt, und ſchien ſich wenig um ihre Wäch⸗ ter zu kümmern. Es ſcheint übrigens, daß Intriguen mancherlei Art angewandt wurden, um die Manning ihrem Schickſal zu entreißen. Ihr Privatanwalt, Salomons, empfing einen anonymen Brief, offenbar von weiblicher Hand, des Inhalts: „Ich bitte Sie zu beachten, daß Miſtreß Manning wahrſcheinlich ein vollkommenes Recht hat, durch eine Jury de medietate linguae gerichtet zu werden, da ihre Eigenſchaft als Fremde nicht wirklich verwirkt iſt. Bemühen Sie ſich nach der Kirche St. Marylebone und blicken in die Kirchenbücher. So werden Sie finden, daß George Frederick Manning, jetzt unter dem Todes⸗ urtheil ſchmachtend, dieſelbe Perſon iſt, welche 1832 Mary Roberts heirathete, und daß ſein Bruder Richard nning. weiß und ſt erkläre de ſterbe. unmt.“ ß der un⸗ e an eini⸗ eiſe einen wihrend Beſchwerde en Antrah verfolgte verlaſſen it großer petit und egelmüßi hre Pich hnli in nSij s, enpf her Hud Namil 5 durch ein erden, d etwirkt iſ George Frederick Manning u. Maria Manning. 349 Manning Zeuge bei der Trauung war. Finden Sie das nicht ſo, ſo würden Sie(da und da) nähere Um⸗ ſtände erfahren.“ Wenn Manning rechtsgültig vorher verheirathet war, und Mary Roberts noch lebte, ſo war ſeine Ehe mit Maria Roux ungültig, dieſe ſelbſt alſo eine Fremde, die nur durch eine gemiſchte Jury geſetzlich gerichtet werden durfte. Eine andere Zeitung läßt den ehrenwerthen Maſter Salomons nach der Morylabonekirche eilen, und es fin⸗ det ſich Alles, wie es im Briefe angegeben iſt. Im Kirchenbuche ſteht die Notiz: „März 2. 1832. „George Frederick Manning, Junggeſell und Mary Roberts, Jungfrau, wurden durch Aufgebot von der Kanzel verheirathet. Sarah Lawrence Richard Punning Zengen, Organt Burgaß, B. A. Pfarrer.“ Eine nächſte Nummer der Times brachte an ihren Herausgeber aber ſchon wieder folgenden Brief: „Sir, da mir Ihre Bereitwilligkeit bekannt iſt, alle Irrthümer zu berichtigen, die darauf ausgehen, das Pu⸗ blicum zu täuſchen, beſonders in dem Fall, auf den ich anſpiele, ſo fühle ich mich, als Bruder des unglücklichen Frederick George Manning, veranlaßt, um mir, meinen Brüdern und der ganzen Familie Gerechtigkeit wider⸗ fahren zu laſſen, einer Angabe zu widerſprechen, welche auch Ihre Zeitung in Betreff einer angeblichen frühern Ehe meines Bruders mit einer gewiſſen Mary Roberts gebracht, welche 1832 in der Marylebonekirche ſtattge⸗ funden haben ſoll, und in Folge welcher mein Bruder des Verbrechens der Bigamie ſchuldig erſchiene. Ich 350 George Frederick Manning u. Maria Manning. bitte Sie demnach zu bemerken, daß er am 20. Mai 1820 geboren ward, woraus die gänzliche Unmöglichkeit dieſes Factums entſpringt, indem er zur Zeit jener Hei⸗ rath gerade 13 Jahr alt war. Ich bin u. ſ. w. Edmund Manning.“ Noch einmal fand in dieſer Sache vor dem Appell⸗ hofe in Criminalſachen, the Court of error in crimi- nal cases, eine feierliche Gerichtsſitzung ſtatt, in wel⸗ cher über Maria Manning's Appellation auf das Recht, als Fremde gerichtet zu werden, verhandelt ward. Das übergroße Intereſſe, welches London für dieſen Prozeß hatte, bewirkte einen Zudrang wie bei den wirklichen Gerichtsverhandlungen, obwol nur über eine Rechtsfrage debattirt wurde. Der Anwalt der Interpellantin, Ballantine, ſprach beinahe eine Stunde: Nach zwei Parlamentsacten, aus dem 28. Regierungsjahr Eduard III., und dem 6. Georg IV. habe jeder Fremde das Recht, von einer Jury gerichtet zu werden, die zum Theil aus Fremden be⸗ ſtehe; das Eingehen in eine Ehe mit einem geborenen Unterthan könne die Berechtigte ihres Rechtes nicht be⸗ rauben. Zwar beſage eine Parlamentsacte, ergangen unter der gegenwärtigen Regierung der Königin Victoria: daß Perſonen aus der Fremde, welche mit einem Eng⸗ länder verheirathet ſeien, dadurch aller Privilegien gebore⸗ ner Unterthanen des Reiches theilhaft würden und des⸗ halb auch wie geborene Unterthanen behandelt und ge⸗ richtet werden müßten. Dieſes Statut ſei aber erſt durchgegangen, nachdem die Ehe vollzogen wor⸗ denz es ſei ferner durchgegangen, ohne daß ſeine Clien⸗ tin darum gewußt oder beigeſtimmt, und ſie ſei des⸗ George Frederick Manning u. Maria Manning. 351 ng. Mi halb durch daſſelbe in keiner Art gebunden. Auch ſei i gteit der Wortlaut jenes Statutes der Königin Victoria nicht — der Art, daß es ſeine Clientin aller Rechte beraube, welche ſie als Fremde vor der Heirath gehabt. Nach — den alten Statuten ſei aber Jemand, der in der That ing kein Fremder ſei(Gif a person was not in fact an alien), aber vor Gericht ſich darauf berufe, daß er ein ſolcher wäre, berechtigt, auf eine Jury de medietate Awel⸗ linguae anzutragen. Die Motive wurden auseinander⸗ geſetzt; ſie liegen zu Tage. in mi⸗ Der Kronanwalt widerlegte die Gründe des Appel⸗ Rht, lanten: Wenn eine Frau einen engliſchen Unterthan De heirathe, ſo mache ſie ſich dadurch von ſelbſt zur Unter⸗ yrzeß thanin des Reiches, ſie könne ſich davon nicht losmachen. lichen Und wenn ſie das nicht könne, wie, frage er, könne ſie tfrage die doppelte und ſich widerſprechende Stellung behaup⸗ ten, zu gleicher Zeit eine Fremde und eine Eingeborene ſprach zu ſein? Uebrigens, wenn in dieſem Falle die Ehefrau n, ous durch eine Jury de medietate linguae gerichtet werden en b. müſſe, ſo müſſe ihr ein von ihrem Mitangeklagten ge⸗ er Jurh trenntes Gericht beſtellt werden, indem natürlich der den be⸗ Andere nicht auch daſſelbe Recht fordern dürfe, noch von borenen einer Jury gerichtet werden könne, die zum Theil aus icht be Ausländern beſteht. gangen Das Gericht entſchied ſich kurz: die Frage ſei ein⸗ icthie: fach die, ob die Gefangene eine Fremde oder naturali⸗ nErg⸗ ſirt ſei? Wenn naturaliſirt, habe ſie jenes Privilegium gebert nicht. Sie war zur Zeit des Gerichts die Ehefrau d des⸗ eines geborenen engliſchen Unterthanen, alſo naturaliſirt, dge alſo nicht mehr eine Ausländerin. Die Appellation ward . einſtimmig verworfen. wor“— Clien⸗ ſei des⸗ 352 George Frederick Manning u. Maria WManning. Am 9. empfing Manning ſeinen Sachwalter Brie in ſeinem Gefängniſſe. Er ſchien wieder gefaßt und ſchuttelte dem Beſuche herzlich die Hand, indem er ihm für ſeine Güte, die er ihm erwieſen, dankte. Er ver⸗ ſicherte jetzt auf den Tod ganz vorbereitet zu ſein, und wolle ganz zufrieden ſterben, wenn nur ſeine Frau die Wahrheit bekennen wolle. Er bekannte: einige Eiſenbahnactien auf ſeiner Flucht mit ſich genommen zu haben; aber aus Furcht vor der Entdeckung habe er ſie in Jerſey verbrannt. Das Brech⸗ eiſen wollte er auf einer gewiſſen Eiſenbahnſtation, die er nannte, zurückgelaſſen haben. Brie ſolle ſeine Schul⸗ den bezahlen und was übrig bleibe(2) ſeinem Bruder Edmund ausantworten. Auch übergab er Brie folgende zwei Briefe, deren Inhalt bereits erwähnt iſt und die ſchon am folgenden Tage in den Zeitungen publicirt wurden. Der erſte war der, welchen er an ſeine Frau geſchrieben: „29. October, geſchrieben in der Zelle der Verdammten, Horſemangerlane„Kerker. „Ich ſchreibe an dich, als an eine Mitſünderin und eine Mitdulderin, nicht als an mein Weib, indem unſer Ehecontract doch als zerriſſen muß betrachtet werden, weil er nur bis zum Tode dauert, nicht darüber. Und wie wir Beide ſchon am Rande der Ewigkeit ſtehen, mögen wir uns auch ſchon als von dieſer Welt abge⸗ trennt betrachten. Das Bewußtſein dieſer Wahrheit hält mich indeſſen nicht ab, dir meine ernſte Sorge und Betrübniß, wegen des Heils deiner und meiner Seele auszudrücken. Um deswillen bitte und beſchwöre ich dich, wahr in Allem zu ſein, was du äußerſt, und dich nicht verſuchen zu laſſen durch die Lockungen des böſen Feindes, daß du einen Augenblick nur dem Zweifel Raum — —————————— D ning George Frederick Manning u. Maria Manning. 353 ter Brie aßt und gebeſt, als würden wir nicht in kurzem vor unſerm net ihm Gott und ſeinem Gericht erſcheinen; daß ſein Auge auf Et ver⸗ uns niederſieht; daß die Zeit ſehr nahe iſt, wo wir in ſin, ud die Ewigkeit geſchnellt werden, ja daß ſie gewiß ſchon ʒru di ſehr nahe iſt. Und nun bitte ich dich ernſtlich bei all den freundlichen Gefühlen, die wir jemals Einer gegen ʒucht den Andern gehabt, du mögeſt zu Gott blicken nach der ⸗ der Gnade, die dir noth thut, ach, die auch mir ſo ſehr — noth thut. Glaube mir, bei den Verdienſten unſeres „ die gekreuzigten Erlöſers, ich bin überzeugt, daß alle ſeine Verzeihung und Vermittelung uns nichts hilft, wenn 3 wir nicht bereuen und Proben dieſer Reue abgeben. n Pn Glaube mir, ich will dich nicht reizen, ſondern vertraue, — daß auch du verſichert biſt, daß ich Jedermann vergebe, ſe,— wie ich bitte und hoffe, daß mir Gott vergebe. Und — nun ſchließe ich, denn meine Gefühle ſind zu ſehr auf⸗ er geregt, um mehr ſchreiben zu können. Möge der Herr gnädig ſein und in ſeinen Verheißungen ausharren. Laß zedunnben uns aber treu und aufrichtig ſein in Allem, was wir ſagen und thun. Dies iſt der letzte Brief, den du von mir empfangen wirſt. Nun bitte ich dich, gewähre mir, wo möglich heute, eine Zuſammenkunft. Ich wünſche 2 5 nderin U dem unſet et K das ſo ſehr, ehe ich von dieſer Welt ſcheide. ibr. F. G. Manning.“ it ſteht Der andere Brief iſt Maria Manning's Antwort. Pelt„30. Oetober 1849. Vehthe„Ich ſchreibe an dich, als an meinen Ehemann.— Sorge un Ich bin weit fort von meinem glücklichen Geburtslande. iner Sul Daran ſchuld iſt der Ehecontract und dies Land, wel⸗ chwöre ches du für mich zu einem Gefängniß gemacht haſt. 1und dit Der Friede und die Annehmlichkeit(wellbeing) der pes böſt Geſellſchaft, die Geſetze der Wahrheit, die du gebrochen ifi Faln haſt, haben meine Verbannung aus dem Lande nöthig 354 George Fredtrick Manning u. Maria Klanning. gemacht, welches mir das Leben ſchenkte.(²) Aber ich gehe darum nicht von Gott fort. Er iſt überall gegen⸗ wärtig und jederzeit gnädig Denen, welche ſeine Gnade und ſeine Gunſt ſuchen. Was hat mich nur zu dieſer ewigen Folgerung gebracht.() Wenn du lebſt und ſtirbſt, vhne Gottes Verzeihung, daß dieſe Sünden durch die Geſetze der Menſchen geſtraft werden, aber ſie ſind auch eingeſchrieben alle in die Tafeln des einigen Got⸗ tes.(22) Alles, was ich zu ſagen habe, iſt dies:— ich habe nie ein Bekenntniß irgend einer Art gemacht, um dich in dieſer Angelegenheit zu kränken oder zu ver⸗ dammen. Das weißt du ſehr wohl, von Anfang zu Ende.— Ich bin hier verurtheilt nur auf deine An⸗ gabe. Wäre es dir von Nutzen geweſen, ſo würde ich zufrieden ſein. Mit Allem, was du gethan, und allem Aufwand von Gelehrſamkeit deiner Rathgeber, haſt du nichts durchgeſetzt für dich; du haſt mich nur unbarm⸗ herzig mit dir zugleich in dies ſchreckliche Loos hinein geſtürzt. „Um was ich dich nur noch bitte, iſt die Thatſachen zu bekräftigen, da du wohl weißt, daß ich nicht im Hauſe war, als O'Connor ſeinen Tod fand. Sondern ich war ausgegangen, um ihn zu ſuchen, und während deſſen, daß ich abweſend war, kam er, und wurde von dem jungen Mann aus Guernſey erſchoſſen, der mit dir in der Hinterſtube rauchte. Daß ich nicht das Geringſte davon erfuhr bis zum Sonnabend, und daß Alles in der Küche abgethan war. Ich war der Hoffnung, du würdeſt den jungen Mann vor Gericht geſtellt haben, aber das thateſt du nicht, du thateſt nichts als mich blosſtellen, und das haſt du vom erſten Tage an gethan. Aber, mein Theurer, da du weißt, daß dich dies ſelbſt nicht retten kann, beſchwöre ich dich, die nning. Aber ich all gegen⸗ in Gnade zu dieſer lebſt ud nden durh er ſi ſind tigen Got⸗ ſt dies:— t gemncht der zu ve⸗ Anfang ju deine An⸗ würde ich und allen haſt du nubm⸗ oos hintin zſhe ich nicht Tod find ſuhn, u m et, ſchoſen ich m end,—. wat vo Guich 3 George Frederick Manning u. Maria Manning. 355 Thatſachen, die wahr ſind, anzugeben, und zu verſuchen dein Weib zu retten. Indem du ſo handelſt, wird es deinem Herzen und deiner Seele zur Rechtfertigung gereichen, zu wiſſen, daß du gegen mich gerecht und gut gehandelt, ehe du aus dieſer Welt ſcheideſt. Unſer Herr Gott wird dir vergeben und dich tröſten. Glaube mir, ich will dich nicht reizen, ſondern ver⸗ traue, daß auch du verſichert biſt, daß ich dir und Jedermann vergebe, wie ich bitte und hoffe, daß mir Gott vergebe.(NB. das ſind die⸗ ſelben Worte, abgeſchrieben aus dem Briefe ihres Man⸗ nes.) Wenn du mit mir einverſtanden biſt in dieſer wahrhaften Angabe, will ich dich gern noch einmal ſehen. Meine Hoffnung und mein Leben ruhen in dei⸗ nen Händen. Wenn du willſt, kannſt du mich retten. Erinnere dich, du kannſt nicht Rede ſtehen für unſere Sünden und Uebertretungen, wenn alle unſere geheimen Sünden vor Seinem Lichte zu Tage kommen, und wenn der Elende, der in den Tag hinein lebte und jämmerlich ſtarb ohne die Furcht und Gnade Gottes ohne Zweifel in alle Ewigkeit verdammt iſt. O wie wird an dem Tage das ſchwache Herz unter der Laſt des Gewiſſens ſchlottern, und ein zorniger Richter wird durchbohrend auf den Elenden blicken.. „Demüthig blicke ich zu Dir, o Herr! Du haſt als Buße für die Erlöſung von den Sünden, die hinter uns liegen, durch Deine Vermittelung— doch, ich kann nicht mehr ſchreiben. Gott ſegne dich, und fei gnädig uns Beiden. M. Manning.“ Einen Commentar bedarf der Brief dieſes merkwür⸗ digen Weibes nicht, trotz der ſtiliſtiſchen Dunkelheiten des Anfangs. Ihre Abſicht iſt klar genug. 356 George Frederick Manning u. Maria Manning. Am 10. wußten die Zeitungen bereits Umſtändliche⸗ res über die Enthüllungen, welche Manning gegen ſeine Verwandten gemacht. Einen Monat vor der Ausführung des Verbrechens ſprach ſeine Frau zu ihm von ihrer Abſicht, O'Connor zu ermorden, um ſich in Beſitz der großen Summe Gel⸗ des zu ſetzen, von der ſie wußte, daß er ſie bei ſich hatte. Er verſuchte, ſie von dem Gedanken abzubringen, und ſagte ihr, ſie würde dafür gehängt werden. Sie aber ſagte, ſie ſei einmal entſchloſſen, ihn zu erſchießen, und er müſſe ihr helfen, ihn in der Küche zu begraben. Um dieſe Zeit kaufte ſie ein Dutzend Flaſchen Brannt⸗ wein, und obſchon ſie gerade damals nicht bei Caſſe waren, um ſolche Ausgabe zu machen, ſo that ſie es dennoch und ſchenkte ihrem Manne ſo reichlich ein,„daß er während der ganzen Zeit niemals recht bei Sinnen war“. Anfangs wollte er die Sache bei der Polizei angeben; aber er fürchtete ſeine Frau, ſie hatte große Gewalt über ihn. Dann dachte er auch wol, ſie wird es nicht ausführen. Aber mehrmals ſagte er zu ihr: er wolle mit der Sache nichts zu ſchaffen haben. Um jene Zeit(4) hatte O'Connor von einigen Freun⸗ den eine Einladung nach Boulogne erhalten, und Maria Manning ſollte auch dahin.() Sie meinte, wenn ſich in ihrer Wohnung in Miniver⸗Place die Gelegenheit nicht fände, würde es ſchon in Boulogne ſein, und es würde niemals herauskommen. In der Abſicht kaufte ſie ein Paar kleine Piſtolen im Laden des Büchſenma⸗ cher Blanch, der, auf ihre Bitte, ſie unterrichtete, wie man ſie laden müſſe. Um beſſer vorbereitet zu ſein, wie man den Körper verſchwinden mache und alle Spuren der Schuld vertilge, mußte er in ihrem Auftrage das Brecheiſen und den Kalk beſtellen. Sie ſelbſt aber grub nning ſtändliche⸗ egen ſeine Jerbtechens O Connbt umme Gel ſie bei ſch bzubringen, tden. Sit begraben. n Bronn⸗ bei Cuſt hat ſie es ein„duß ei Sinnen e Pole hut guhe lſe wi * zu ihr! 6 . igen Ireln und Mari wenn ſi George Frederick Manning u. Maria Manning. 357 mit der Schaufel 14 Tage vor dem Morde das Grab und trug die Erde ſchürzenweiſe hinaus in den Müll⸗ kaſten, oder miſchte ſie mit der Aſche. Im Juni fand mit Maſſay das Geſpräch ſtatt, wie man es anfange, Jemanden eine 500 Pfundnote aus der Hand zu neh⸗ men. O Connor galt für einen Teatotaller, und Maſſay ſagte zu Manning, wenn er ihm Morphin, das wie ein weißes Pulver ausſehe, in den Thee ſchütte, würde er ſo betäubt werden, daß man Alles mit ihm vornehmen könne. Man habe das aber nie verſucht. Manning befand ſich damals in ſehr gedrückten Ver⸗ hältniſſen. Man erinnerte ihn an den Abend vor der Mordthat, wo O'Connor die Eheleute beſucht, unwohl geworden und mit Fau de Cologne gerieben wurde. Man fragte ihn, ob er ihn da vielleicht ſchon einſchlä⸗ fern wollen? Manning beſtritt es; O'Connor's Un⸗ wohlſein wäre die Folge des Branntweins geweſen, von dem er aus Furcht vor der Cholera zu viel zu ſich genommen. Nun die Enthüllung des Mordabends. O'Connor kam(wahrſcheinlich vor 5) in ihre Woh⸗ nung, wechſelte dort einige Worte mit der Manning und ging dann fort. In einer halben Stunde kam er zurück; ſein Benehmen zeigte Unentſchloſſenheit, ob er bleiben oder gehen ſolle. Daher erklärt ſich, daß man ihn gegen 5 Uhr auf der London Brücke ſah, nach der Stadt zu gehen. Er hatte ſich aber anders entſchloſſen und ging wieder nach dem Miniver⸗Place. Die Manning erſuchte ihn zu bleiben, und er trat in die Wohnſtube und ſetzte ſich nieder. Bald darauf ſagte ſie zu ihm:„Kommen Sie herunter und waſchen ſich die Hände vor Mittag.“ O'Connor erwiderte:„Ach vas, heut kümmere ich mich nicht darum.“—„Ei“, 358 George Frederick Manning u. Maria Manning. entgegnete die Manning,„es wäre doch gut, wenn Sie es thäten, denn Miß Maſſay kommt auch und Sie wiſſen, das iſt eine ſehr eigene Dame, und Sie ſollten ſich ihr in vortheilhaftem Lichte zeigen.“ Die Manning wußte, daß die Maſſay damals gar nicht in der Stadt war. Manning beſchwört, daß er in jenem Moment nicht daran gedacht, daß ſeine Frau jetzt mit dem argen Vor⸗ ſatz umginge. O'Connor ſtieg die Treppe hinab nach der Hinter⸗ küche, während Miſtreß Manning ihm dicht folgte. Er blieb oben im Vorderzimmer und zog ſich an. Nach einigen Minuten kam ſeine Frau herauf und rief:„Ich hab's gethan— der ſteht nicht wieder auf.“ Manning war todtenbleich. Er konnte ihr nur ſagen: „ſie wäre ein geliefert Weib und würde wegen des Mor⸗ des an den Galgen kommen.“ Sie geriethen Beide in Affect. Sie ſagte ihm, er wäre ein„verfluchter Feigling“, ſie legte das Piſtol auf ihn an, welches geladen war, und ſchrie mit ent⸗ ſetzlicher Stimme:„Wenn du nicht runter kommſt und ihn anſiehſt, ſo mache ich's mit dir ebenſo.“ Er fragte ſie, wie ſie es gethan, und was O'Connor geſagt? Sie ſchluckte ein Glas reinen Branntweins herunter, ehe ſie antwortete: Wie O'Connor die Treppe hinunterge⸗ gangen, habe er ausgerufen:„Was, ſeid Ihr mit der Goſſe noch nicht fertig?“ Statt Antwort drückte ſie die Mündung der Piſtole ihm dicht an den Hinter⸗ kopf und ſchoß ihn todt.— Man meinte, dies ſei der Grund, daß weder Manning noch Jemand in der Nach⸗ varſchaft etwas von dem Geräuſch gehört habe! Nach einigem Zaudern, aber von ihren Drohungen überwältigt, ging er hinunter. Es war ein entſetzlicher nning. venn Sie und Sie ie ſollten Naning der Stidt ment nicht rgen Vor⸗ er Hintel⸗ ozt Er etauf und eder auf“ ur ſagen des Mor⸗ te ihn, e ts u ie mit„. ommſt un 6r ſuht eſegt! S. nter, che imnt⸗ ht mit vicn ſt Hinte dies ſi n der No be guhun⸗ niſtib⸗ George Frederick Manning u. Maria Manning. 359 Anblick. O'Connor lag auf ſeinem Geſicht, zuſammen⸗ gekauert, der Kopf hing ſchon in das Grab, welches ihm bereitet worden, die Hände zu beiden Seiten des Kopfes. Um dieſe Stellung zu erklären, ſiel Manning ſelbſt auf die Knie, in Gegenwart ſeines Bruders und ſeiner Schweſter, des Gefängnißdirectors und des Ka⸗ plans, und bildete ſie ihnen nach. Es war etwa eine Viertelſtunde nach der Mordthat ſelbſt. Die Frau drehte den Körper um, und ſchlug ihn drei bis vier Mal auf den Hinterkopf mit der Brech⸗ ſtange, indem ſie dabei ausrief:„Du verdammter, alter Schuft, du wirſt mich und keinen ſonſt mehr be⸗ trügen.“ Manning ſtürzte voll Entſetzen die Treppe hinauf. Sie folgte ihm bald darauf und zeigte ihm die Schlüſſel, welche ſie aus den Taſchen des Ermordeten genommen. Sie zog ihr Keid aus, das mit Blut befleckt war, daſ⸗ ſelbe, welches bei der Gerichtsverhandlung vorgezeigt worden, und wuſch ſich die Hände, die ganz mit Blut beſudelt waren. Dann ging ſie aus und ſagte, ſie würde bald zurück ſein. Ihn, Manning, ſchauerte im Hauſe allein zu blei⸗ ben. Darum ging er in den Garten, ſetzte ſich auf die Mauer, rauchte und plauderte mit der Nachbarin. Er wollte überhaupt aus dem Hauſe fort, aber ſie überre⸗ dete ihn zu bleiben. Maria kam zurück. Sie war in O'Connor's Woh⸗ nung geweſen. Sie brachte mehre Scripturen u. ſ. w. mit, von denen ſie einige ſofort verbrannte, weil ſie für ſie werthlos waren; die übrigen verwahrte ſie. Auch die Kleider wurden verbrannt. Manning muthmaßte, daß ſeine Frau das Brecheiſen mit ſich genommen und auf einer der Eiſenbahnſtationen zurückgelaſſen habe. 360 George Frederick Manning u. Maria Manning. Am nächſten Tage verſetzte ſie zwei goldene Uhren aus O'Connor's Erbſchaft. Am Montag erzählte ſie ihrem Manne, daß zwei fremde Herren bei ihr geweſen und nach O'Connor gefragt hätten. Sie fürchtete, es wären verkleidete Polizeibeamte und zitterte am ganzen Leibe. Er ſagte ihr zu ihrem Troſt: ſie ſei gewiß ent⸗ deckt und werde gehängt werden. Sie fiel darauf in Ohnmacht, aber einige Schluck Branntwein, die Man⸗ ning ihr eingab, brachten ſie wieder zu Kräften. Jetzt erklärte auch ſie, es nicht länger hier aushalten zu wollen. Sie wollte nach Amerika; aber, ſetzte ſie hinzu, wenn es herauskäme, würde ſie aushalten bis auf allerletzt. Nach einiger Ueberlegung ſagte ſie:„Nu, Fritzel(Freddy), geh zu Bainbridges und ſuche, daß du unſere Möbel verkaufſt. Aber nicht zu haſtig. Be⸗ ſinne dich ein bischen und rauch deine Pfeife. Ich will auch da ſein in ein paar Stunden.“ Er that, wie ſie geſagt. Aber ſie kam nicht zu Bain⸗ bridges. Er ſchickte und er ging ſelbſt hin. Das Haus war leer, ſie fort. Da er faſt ohne alles Geld war, verſetzte er die Piſtolen bei einem Pfandleiher, verkaufte dann alles Geräthe und machte ſich auf den Weg nach Jerſey. Alles Geld, welches er in der Bank aufgenom⸗ men, hatte ſein Weib ihm abgenommen. Dieſe Erzählung Manning's, wie die Zeitungen ſie am 10. brachten, iſt zwar nicht beglaubigt wie die von ihm zu Protocoll gegebene und nach ſeinem Tode publi⸗ cirte, ſie enthält aber an ſich ſelbſt weit mehr Glaub⸗ würdigkeit durch die warmblütigen Züge der That, die ſchwerlich erfunden worden, und welche die Geiſtlichen, die jenes Protocoll niederſchrieben, wahrſcheinlich für un⸗ geeignet zur Aufnahme in die Bekenntniſſe eines Ster⸗ benden hielten.— anning. Grorge Frederick Manning u. Maria Manning 361 dene Uhren Es iſt ſchon Erwähnung gethan, daß der oder die mihlte ſe Verurtheilte ſich anderer Räubereien ſelbſt bezüchtigt, um iht gweſen einen Aufſchub ihrer Strafe zu erlangen. Auf der fürchttt, es Great⸗Weſtern⸗Eiſenbahn war ein ſolcher Raub vorge⸗ an gan follen. Manning erklärte aber gegen ſeinen Bruder, i gewij et daß er davon nichts wiſſe. Ein gewiſſer Poole und d druf in Andere möchten wol darin verflochten ſein. Wahr⸗ die Nm ſcheinlich wiſſe ſeine Frau darum, die mit Poole ver⸗ ften. traut ſei. er aushalten Der Unglückliche hatte noch eine Bitte an ſeine r, ſctte ſe Aufſeher: daß man nicht erlauben möge, einen Abdruck ushlten bis von ſeinem Kopfe nach ſeinem Tode zu machen, damit te ſe:„Nu⸗ er nicht in die verfluchte Wachsbude der Madame Tuſ⸗ ſiche, dß ſaud geſperrt werde. Er bitte das inſtändigſt, um ſei⸗ aſig. Be⸗ ver Familie willen. Man verſprach ihm, wenn möglich, Ich wil es zu hindern. Er ſchien davon erleichtert, und be⸗ theuerte nun noch ein Mal: wenn er hingerichtet werde, 6t nBun ſo würde einem Unſchuldigen das Leben genommen. Zum dos du Schluß bat er alle Anweſende mit ihm niederzuknien Beb wu, und zu beten. ert, wüu n% Schmach und Schande genug in der That und was t aufg ihr folgte. Dieſe ruht auf den Schultern eines verwil⸗ derten, ruchloſen Weibes und des halb ſtumpfſinnigen de vo Schwächlings, ihres Ehemanns. Aber damit iſt das wie ub Maß der Schande dieſes Prozeſſes nicht gefüllt, den Ww u nachfolgenden Theil trägt leider das Polk„mit der Erbweisheit“ von Jahrhunderten. Alle dieſe Erbweis⸗ ichn heit und das tiefe religiöſe Fundament, auf welches ſein Geiſ Staatsleben begründet iſt, hat die cannibaliſche Wahr⸗ gn heit nicht zu entfernen vermocht, welche erſt dann grauen⸗ nes huft erſcheint, wenn ſie mit der Blaſirtheit und Frivv⸗ XV. 16 zeitungen ſ 362 George Frederick Manning u. Maria Manning. lität der Bildung und Verfeinerung der Zeit ſich miſcht. Hören wir Engländer ſelbſt darüber ſprechen. Nach der Hinrichtung hat bekanntlich Boz(Dickens) ſeine Stimme dagegen erhoben; über die Vorbereitungen ſagt aber be⸗ reits ein Schriftſteller: Die krankhafte Neugier des Publicums, bei der Exe⸗ cution großer Verbrecher gegenwärtig zu ſein, iſt für uns ſchon lange ein Vorwurf und eine Schande; aber wer es nicht ſieht, der hätte das nicht geglaubt, was man ſeit zwei Tagen vor dem Kerker von Horſemanger⸗ Lane erblickt und hört. Von früh Sonnabend Mor⸗ gens bis ſpät in die Nacht ertönen die Hammer der Zimmerleute. Kein Moment Ruhe dazwiſchen. Viele Hundert Handwerker zimmern möglichſt bequeme Sitze für die Zuſchauer des Schauſpiels, welches wahrſchein⸗ lich künftigen Dienſtag dort ſtattfinden wird. Die Häu⸗ ſer, dem Gefängniß gegenüber, ſind unanſehnliche Ge⸗ bäude, jedes hat zur Seite Gärten, die ſich 30— 40 Fuß in der Fronte erſtrecken. Dieſe Gärten werden nun mit Galerien von drei Rängen überbaut für Zuſchauer; in den Häuſern erhält jedes Fenſter ſeine Sperrſitze; ſie werden angebracht auf den Dächern, an den Schornſtei⸗ nen. Alles iſt ernſtes Geſchäft, Contracte vor dem No⸗ tar werden abgeſchloſſen. Es werden Einlaßbillete ge⸗ druckt des Inhalts: „Hinrichtung Manning's und ſeiner Frau.“ „Einlaß für den Inhaber dieſes zum Sitzplatz Nr.— im Hauſe, Numero— Horſemanger⸗Lane.“ In zweien dieſer Häuſer haben die Vertreter der Preſſe Plätze erhalten, da nach einer neuen Verordnung am Tage der Execution Niemand im Gefängniß ſelbſt Zu⸗ tritt erhält bis auf die Polizei⸗ und Gerichtsperſonen. — Im Winkel vor dem Hauſe in der Swansſtreet, iſt nning. George Frederick Manning u. Maria Manning. 363 ſich miſcht. ein hölzernes Gebäude mit amphitheatraliſchen Sitzen er⸗ Nach der richtet, ſo kunſtgerecht gebaut, daß Jeder ſehen kann, was ne Stinne vorgeht. Zwei ähnliche(da und dort), dazu eine Plate⸗ form, welche beide Arenen verbindet.„So wird denn gar kein Mangel an Bequemlichkeit für Alle ſein, welche i det Eu die Ceremonie mit ihrer Gegenwart zu beehren wün⸗ in iß fir ſchen.“— Höchſt ehrenwerthe Geſellſchaften bemühten ⸗ d ber ſich mit einem unerſchöpflichen Eifer bis Sonnabends — wsé um Plätze. Für Stehplätze in ziemlicher Entfernung 16 ng ward eine Guinee gezahlt.„Auch heißt es, daß bereits orſan Nr nnehre Mitglieder der Ariſtokratie ſich ihre Plätze ge⸗ — der ſichert haben, und in einem Hauſe, dem Gefängniß ge⸗ damme genüber, macht der Wirth kein Hehl daraus, daß ſeine gt cbe be⸗ el— Gäſte ihn um ein Champagner-Frühſtück a discretion erſucht haben. Ein anderer alter Herr, der das Ge⸗ wahr piu. dränge am Morgen fürchtet, hat ſich ein Bette für die Die Mau 6 Nacht bedungen, um, wenn er die Augen öffnet, die chulihe Ge Fallklappe ſchon im Morgenlicht zu ſehen.“ Das Schaf⸗ 30-0 bi ſot wird erſt am Tage vorher errichtet werden. Zu die⸗ den ſer Hauptſache beim Schauſpiel braucht man nur wenige ſchuer Stunden. it Während des Sonnabends ward auch eine Zahl Ar⸗ Schmſt⸗ beitsleute damit beſchäftigt, die loſen Pflaſterſteine vor or den W dem Gefängniß fortzuſchaffen; eine nothwendige Vor⸗ ußtilet ſcht, um dem Pöbel die Waffen zu entziehen, entweder um Kampf unter ſich, oder um ſie gegen die Verur⸗ r Fral⸗ weilten zu ſchleudern. Die Gegend umher glich einem lat W. Markte, ſo ward um die Billette gehandelt. Ja— un⸗ „ echört für England— dies Geſchäft dauerte noch am er de u Gonntag fort. otdnung Conſtabler wurden in der Zahl von 400—500 ge⸗ ſch 3 frdert. Aber damit begnügt man ſich nicht, man führt ityn n allen Zugängen Barrieren auf, um den gefürchte⸗ nefltt 16* n⸗ 364 George Frederick Manning u. Maria Manning. ten Zudrang zu verhindern, da möglicherweiſe die Quet⸗ ſchungen allein viel Menſchenleben koſten dürften. Vor dem Polizeigerichtshofe kam eine ſeltſame Klage vor. Ein Miether beſchwerte ſich über ſeinen Wirth. In einem der Häuſer in Horſemanger⸗Lane wohnhaft, gegen hundert Schritt vom Gefängniß, war ihm von ſeinem Wirth ein Gerüſt dermaßen hoch vor die Naſe gebaut, daß das Licht nicht mehr in ſein Zimmer drang. Der Miether behauptete, der Wirth habe nicht das Recht, ihm das Licht zu entziehen, und trug darauf an, daß das Gebäude niedergeriſſen werde. Sofort verordnete der Richter die Beweisaufnahme, und ein Polizeiofficiant, der an Ort und Stelle beordert ward, brachte ſchon in 10 Minuten den vollſtändigen Beweis mit, daß es ſich ſo verhalte, wie der Miether angegeben. Der Wirth replicirte, daß der Miether kein Recht habe, ſich zu be⸗ klagen, denn ſeine Miethzeit ſei mit dieſer Nacht ver⸗ ſtrichen, indem er ihm vorigen Sonnabend nach Wochen⸗ friſt gekündigt. Der Miether beſtritt ihm das Recht. Der Polizeirichter erklärte, daß er mit dieſer Civilange⸗ legenheit nichts zu thun habe; weil aber der Wirth ſein Thurmgebäude über den öffentlichen Weg gebaut, müſſe es auf der Stelle wieder eingeriſſen werden. Eine Anzahl Conſtabler ward auf der Stelle hingeſchickt, um für die Ausführung des Befehls zu ſorgen. Vor demſelben Polizeigerichtshofe erſcheint auch der Geiſtliche des Horſemanger⸗Lane⸗Gefängniſſes, Maſter Roe: der Zuſtand um das Gefängniß ſei ein höchſt be⸗ trübender. Faſt alle Einwohner des Bezirks hätten vor ihren Häuſerfronten hohe Stangen aufgerichtet; an dieſe kleine Querſtangen befeſtigt und darüber Planken ge⸗ bunden, Sperr⸗ und Luftſitze für die Neugierigen zu dem gräßlichen Schauſpiel am Dienſtag Morgen. Alles ———————————————— 1 Nanning. George Frederick Manning u. Maria Manning. 365 ſe die Dut dies ſei ſo leicht aufgeführt, man werde ſo viele Perſo⸗ gn. nen auf die Stangenbretter ſetzen, daß Unglücksfälle gar me Klage nicht zu vermeiden wären. Sein Antrag daher die einen Virth. Obrigkeit möge dieſe Ständer ſammt und ſonders nieder⸗ ewohrhi reißen laſſen.— Der Polizeirichter fragt: ob ſie auf „ n öffentlichem Grund und Boden errichtet wären?— Ant⸗ *— wort: Nein.— Dann kann auch die Obrigkeit nicht — helfen. Der Polizeirichter bedauerte nur zu hören, daß auch verſtändige Leute in ſo das Gefühl empörender Weiſe handeln könnten. Er hoffe, das Publicum, werde Achtung vor der Moral haben und ſolche Leute nicht begünſtigen.— Wenn nun aber Unglücksfälle einträten, immer drang ht das Rcht uf an, daß rt verordnete — würden die Eigenthümer und Gerüſtebauer nicht zur —— Verantwortung gezogen und wegen Todtſchlags belangt daß de Vitt werden müſſen?— Zweifelsohne, entgegnet der Polizei⸗ — be richter; er hoffe aber, das Publicum werde nicht ſein ſch zu Leben dran ſetzen um des Vergnügens halber, zuzuſehen, Juht wie man zweien ihrer Mitmenſchen das ihre nehme. nich Pochn Polizei, Moral und Religion intervenirten umſonſt; das Icht man hämmerte, baute, ſchichtete und ſchacherte— um ſet Buil Billets. e Vith ſe erden. 6i Noch am Freitag(9. November) hatte Manning ei⸗ iſhit m nen Brief an den Geiſtlichen Roe geſchrieben, in wel⸗ bem er ihn dringend erſuchte, ſeine Frau zu einer Zu⸗ int auch. ſammenkunft mit ihm zu bewegen, damit ſie Beide in ſſes, Mu Frieden von dieſer Welt ſchieden, um in Frieden vor ein hih* Sott zu erſcheinen.— Roe's Vermittelung war ohne ts hittn„ Erfolg. Die Manning beharrte bei ihrem Entſchluß, ut; on ti hren Mann nur unter der Bedingung wiederzuſehen, xlnln ieß er ſich zu den Erklärungen verſtände, welche ſie ihm uirin ſictirt. Manning hatte noch immer auf eine Verwand⸗ ſorgin 366 George Frederick Manning u. Maria Manning. lung ſeines Urtheils gehofft; als ſein Advocat ihm die Nachricht brachte, daß alle Anſtrengungen deshalb frucht⸗ los geweſen, ſank er wieder in große Muthloſigkeit. So am Freitag. Als ihn ſein Bruder Edmund am Sonnabend Nachmittag beſuchte, erklärte er ſich ganz zufrieden geſtellt und in ſein Schickſal ergeben. Er rich⸗ tete Beſtellungen an alle ſeine Verwandte, namentlich an ſeine Schweſter, auch an einen frühern Prinzipal, einen Wagenfabrikanten in Taunton, dem er danken ließ für alle Freundlichkeit, welche dieſer ihm bei Leb⸗ zeiten erwieſen. Zugleich holte er eine von ihm entwor⸗ fene Skizze hervor, die Hinterküche darſtellend, mit der Situation, in welcher er O'Connor's Leiche gefunden, und war bemüht zu beweiſen, wie es gar nicht möglich ſei, daß er bei dem Morde betheiligt geweſen. Auf die Frage des Bruders, ob er ihn noch ein Mal vor der Execution beſuchen ſolle, lehnte er es ab; es ſei wol beſſer, daß dies das letzte Mal wäre: er ſcheide ja nur auf kurze Zeit von ihm, und bald, hoffe er, würden ſie ſich in einer beſſeren Welt wiederſehen. Auf ſein Ver⸗ langen knieten abermals alle Anweſenden mit ihm nie⸗ der und der Kaplan mußte ein Gebet ſprechen. Auch ein katholiſcher Prälat beſuchte aus eigenem Antriebe beide Verurtheilte, die er früher gekannt. Sie blieb ſtarr und rauh, wie gegen Alle. Manning em⸗ pfing ihn dankbar für den Beſuch, aber ließ es nicht zu religiöſen Geſprächen kommen, aus Furcht, daß er ihn in ſeinem reinen proteſtantiſchen Glauben irre machen könne. Die Manning hatte einen Brief an die Königin gerichtet, mit der Bitte, ſie vor dem Schaffot zu be⸗ wahren, mit der Betheuerung, ſie ſei am Morde un⸗ ſchuldig. Der Brief, eingeſchloſſen in einen andern an Ranning. George Frederick Manning u. Maria Manning. 367 eut ihm die die Herzogin von Sutherland, ſchon am vorigen Montag tulb frucht auf die Poſt gegeben, war aber nicht im Sutherland'⸗ hiſgtüt ſchen Hotel angenommen worden, weil 6 unfrankirt Edmund am war. Er ward erſt am Sonnabend eröffnet. Unzwei⸗ ſih qn felhaft hätte er, auch wenn der Zwiſchenfall nicht ein⸗ ben Ertih⸗ trat, keine Wirkung gehabt. Am Sonntag, 11., wohnten beide Verurtheilte dem Gottesdienſt in der Gefängnißkapelle bei; es ſchien, als habe jeder das Verlangen den andern zu ſehen. Die Einrichtung iſt aber ſo getroffen, daß dies unmöglich wird. Manning ſah ſehr blaß aus; ſeine Frau war ſorgfältig gekleidet. Die ergreifende Rede des Geiſtli⸗ e chen bezog ſich, wie zu erwarten, auf ihr Verbrechen che gn 16 und Schickſal, und Beide weinten bitterlich. Ja, man — gab ſich der Hoffnung hin, daß ſie endlich auch das n Afd br Weib zum Bekenntniß ſtimmen werde. Mil vor. Nach einer Stunde beſuchte der Kaplan die letztere. ſs ſi un Seine Mittheilung hatte nichts Tröſtliches. Er brachte ſcheide j u ihr jene auf der Poſt eröffneten Briefe zurück. Des⸗ r, würdu ſ gleichen die abſchlägliche Antwort der Königin auf ein ufſ ſin bu Geſuch, welches„ein Gentleman, der mit der Regierung nit ihm i Lpuis Philipp's in Verbindung geſtanden und den ſie chen. ihren Vormund nannte“, zu ihren Gunſten eingelegt. gus igen Wir erfahren, daß dieſer Gentleman ſie in ihrem Ge⸗ geknt 6 fängniß mit einigem Gelde unterſtützt hatte. , nanentlch rn Prinzipl, m er danken ihm bei Leb⸗ ihm entwor lend, nit de Wi S ß es nicht deß in Dieſer kirchlichen Sonntagsfeier war aber, wie man jrte machi ſpäter erfuhr, ein anderes Ereigniß vorangegangen, das wenig mit der Sonntagsſtimmung harmonirte.— Man di Köniy patte ſich ſchon längere Zeit auf den Verſuch vorgeſehen, ot jub ven die Manning machen könne, ſich ſelbſt ums Leben otde u bringen. Nicht allein alle gefährlichen Gegenſtände 368 George Frederick Manning u. Maria Manning. hatte man, wie es Ordnung iſt, von ihr entfernt, ſon⸗ dern man that dies auch mit ihren Kleidungsſtücken, wenn ſie beim Zubettegehen ſich ausgezogen, aus Be⸗ ſorgniß, daß ſie einen Strangulationsverſuch damit ma⸗ chen könne. Die Länge ihrer Nägel, die ſie ſich wach⸗ ſen ließ, waren Einigen ſchon aufgefallen. Auf Fragen deshalb gab ſie eine ſcherzhafte Antwort; Andere hatten bemerkt, daß ſie die Hand im Geſpräch, wie ſpieleriſch mit einem Tuch umwickelte.— Am Sonntag Morgen waren ihre Wächterinnen, von Müdigkeit überwältigt, eingenickt. Gegen 4 Uhr weckte ſie ein convulſiviſches Röcheln. Sie ſtürzten nach dem Bett und ſahen die Gefangene ganz ſchwarz im Geſicht. Sie hatte, ihre Nägel in die Kehle drückend, ſich zu erdroſſeln verſucht. Sobald die Unglückliche ſich beobachtet ſah, fuhr ſie mit dem Kopf unter die Decke. Und einige Stunden darauf ſah man ſie in ſorgfäl⸗ tiger Toilette und mit anſcheinender Andacht dem Gottes⸗ dienſt beiwohnen! Der Sonntag, der Tag geweiht in England der Andacht des Müßiggangs, hatte von früh ab um Hor⸗ ſemanger⸗Lane eine Menſchenmaſſe verſammelt, wie man ſie nie dort geſehen. Schon jetzt, berichten die Zeitun⸗ gen, waren die Geſprache empörend, welche man über das muthmaßliche Benehmen der Todescandidaten führen hörte. Um 1 Uhr wurden die Wirthshäuſer und Läden geöffnet. Alles ſtürzte hinein, die Wirthe hatten kaum Hände genug zum Bedienen. Noch immer wuchs die Menge, unter der ſich aber auch viel anſtändig Geklei⸗ dete befanden, nach den Giebeln des Gefängniſſes und nach den Gerüſten Uhre Blicke wendend. Es konnte, in der ſonſt öden Gegend, buchſtäblich kaum ein Apfel zur Erde, und die Cabriolets und Wagen, die hindurch woll⸗ lanning. tfernt, ſon⸗ ungſtücken n, us Be⸗ dait wa ie ſich wach⸗ Auf Fragen ndete hatten ie ſpicleriſch tag Morgen ibewiliy nvulſuiſcht dſun i hatte, ihn uin verſucht. ſuhr ſie mil in ſorgfül dem Gottes⸗ England de ab un Ho t, wie mal die ei un emn ile daten fihru und Lidu uin— it ndig 6u. iſ„ s lont, in n A indurh 5 Grorge Frederick Manning u Maria Manning. 369 ten, waren entweder ſelbſt in Gefahr oder brachten ſie Anderen. Es ſchien dem Berichterſtatter etwas Auffälli⸗ ges, daß außer einigen niedergeworfenen und getretenen Menſchen kein Unglück an dieſem Sonntage entſtand. Aber was auch nur entfernt auf den Prozeß Bezug hatte, intereſſirte London dermaßen, daß es einen vollen Platz in den Zeitungen erhielt. So ward auch ein Prozeß, welcher vor dem oben erwähnten Polizeirichter am Sonnabend ſtattfand, vollſtändig mitgetheilt, als hätten auch dort Stenographen geſeſſen und Alles auf⸗ notirt. Der Pfandleiher Adam forderte die Piſtolen zurück, die ihm abgenommen waren, weil mit einer der⸗ ſelben angeblich der Mord vollbracht worden. Der Rich⸗ ter weigerte ſich, ſie herauszugeben, weil alle Werkzeuge, mit welchen ein Mord verübt, ein der Krone verfallenes Gut wären. Der Pfandleiher wandte ein: er habe dieſe Piſtole in unverdächtiger Weiſe für eine dargeliehene Geldſumme von einem unverdächtigen Manne als Pfand angenommen. Es conſtatire nicht, daß dieſer Mann ſie geſtohlen, vielmehr daß die Piſtolen in rechtlicher Weiſe erworben, alſo der Mann vollkommen befugt geweſen, darüber zu disponiren, wie ihm gefiele. Die Piſtolen ſeien ganz neu geweſen, und nur an der einen habe er bemerkt, daß ein Mal daraus geſchoſſen worden. Ferner habe er, der Pfandleiher, auch nicht einmal in Manning den Mann wiedererkennen mögen, welcher die Piſtolen bei ihm verſetzte, da Letzterer ihm von anderer Statur erſchienen. Für ihn ſei demnach auch gar nicht der Beweis geführt, daß ſeine Pfandpiſtolen das Mordwerk⸗ zeug geweſen, denn daß die Kugel im Schädel des Er⸗ mordeten auch in eine ſeiner Piſtolen gepaßt, ſei kein 16** 370 George Frederick Manning u. Maria Manning. bündiger Beweis; er habe alſo ein volles Recht auf ſein Pfandeigenthum, und mache Richter und Krone verantwortlich für allen Schaden, der ihm daraus ent⸗ ſpringe. Der Polizeirichter blieb indeſſen bei ſeiner Ver⸗ weigerung: dadurch, daß Manning ſelbſt in den Piſtolen die Mordwerkzeuge anerkannt, ſei der Beweis dafür genügend geführt; um deshalb ſeien und bleiben ſie der Krone verfallen und der Pfandleiher erhielt den Rath, ſich mit ſeinen Anſprüchen an den Lordkämmerer des Schatzes zu wenden. Adam dankte und verhieß dem Rath zu folgen. Welchen Erfolg ſeine Klage gegen die Krone, angeſchuldigt, ſich mit ſeinem Verluſt berei⸗ chern zu wollen, gehabt oder haben wird, iſt uns nicht bekannt. Dienſtag, am 13. Nov., Morgens um 9 fand die Hinrichtung beider Eheleute ſtatt. Vom Montag Nachmittag an ward der Platz um Horſemanger⸗Lane von Menſchen keinen Augenblick leer. Sie blieben auch durch die ganze Nacht. Nur um Mit⸗ ternacht ſchienen die Maſſen ſich etwas zu lichten, aber mit jeder folgenden Stunde preßte und ſtopfte es ſich, und bei Tagesanbruch war ein Geſumme von der noch ſtillen Menge, daß die älteſten Leute ſich deſſen nicht entſannen. — Es war ein ſchöner Morgen; der Anblick der beiden in der Front des Gefängniſſes auf dem Dache aufge⸗ richteten Galgen deſto widerwärtiger. Dicht gedrängt, Kopf an Kopf, ſchien darunter die ganze zerlumpte Be⸗ völkerung der Weltſtadt verſammelt. Es war kein Ge⸗ ſumme mehr, ſondern ein verworrenes Stimmenmeer. Die trefflichen Maßregeln der Polizei verhinderten das Hin⸗ und Herſchwanken der Maſſen, welches ſo leicht zu ning. echt auf d Krone taus ent⸗ einer Vu⸗ Piſtolen eis dafür en ſe der en Rath, meret des hieß den ge gegen luſt bere⸗ uns nicht fond die Plat um blick lut. um Nit⸗ ſch, ud noch ſtilen ntſannen der heiden he aufge⸗ gedringt mpte Br kein Ge⸗ George Frederick Manning u. Maria Manning. 371 Aufſtänden führt, denn überall waren Barrieren errichtet, um den Ungeſtüm zu brechen. Ringsum an den Fen⸗ ſtern, Dächern, Gerüſten, Amphitheatern war kein Platz unbeſetzt geblieben. Die Preiſe waren noch in der letz⸗ ten Stunde ins Enorme geſtiegen. Die von der Poli⸗ zei verbotenen oder niedergeriſſenen Plateformen waren über Nacht wieder auferſtanden. Was kümmerten ſich die Eigenthümer um die Geldſtrafen, denen ſie verfielen, da ihr Gewinn weit größer war! Der Pöbel, ſagt ein Berichterſtatter des Globe, war nicht roher als ſonſt; einige Fauſtkämpfe und Taſchengriffe gehören zur Tages⸗ ordnung. Die Polizei hatte mehr zu thun mit Denen, die ohnmächtig wurdenz ſie fortzuſchaffen, war die ſchwie⸗ rigſte Arbeit. Das Weiber⸗ und Kindergeſchrei war dem Ohr empfindlicher als die rohen Flüche. um 9 Uhr ging die kleine Thür auf und die Pro⸗ zeſſion trat heraus. Manning kam zuerſt, von zwei Männern geführt. Der Kaplan las ihm aus der Litur⸗ gie vor. Seine Glieder zitterten, als er die Stufen nach der Fallklappe hinaufſtieg. Er ſchien einen Augen⸗ blick kaum mehr die Kraft zu haben, ſich zu bewegen; aber oben kehrte die Kraft zurück. Sein Kopf ward mit der weißen Nachtmütze bedeckt, der verhängnißvolle Strick befeſtigt.— Einige Secunden nach ihm trat ſeine Frau heraus. Sie ward in ähnlicher Weiſe begleitet. Schwarz angezogen, bedeckte ein Schleier derſelben Farbe Kopf und Geſicht. Auch ſie ſtieg mit ſichtlicher Schwierigkeit die Stufen hinan; oben aber ſtand ſie feſt, ohne Wan⸗ ken und Zittern. Man ſah, daß ihr unglückſeliger Mann zwei Mal mit ihr die Hand ſchüttelte. Es wurden noch Worte gewechſelt(wir geben hier den erſten Bericht eines Zei⸗ tungsreporters), ſichtlich Worte gegenſeitigen Vergebens. 372 George Frederick Manning u. Maria Manning. Ehe der Kaplan ſich zurückzog, flüſterte er einige Worte der Frau ins Ohr. Nun war Alles fertig. Die Gerichteten wandten das Geſicht nach dem Volke unten zu. In dem Augenblick ſank das Fallbrett unter ihren Füßen.— Mann und Weib waren in einem Augenblick, es ſchien ohne Todes⸗ kampf, in die Ewigkeit geſchleudert.— Um 10 Uhr wur⸗ den die Leichname abgeſchnitten, um im Umkreiſe des Gefängniſſes verſcharrt zu werden. So nach der Schilderung eines Augenzeugen, der die Tragödie aus einem gegenüberſtehenden Hauſe, alſo von außen, betrachtete. Wir haben aber noch eine an⸗ dere ergreifendere Schilderung, deren Verfaſſer die letzten Momente der beiden Verurtheilten im Innern des Hau⸗ ſes, wir möchten ſagen, auch im Innern des Herzens belauſcht hat. Sie würde in der Ausdehnung, wie eng⸗ liſche Zeitungen ſie mittheilen, den Raum eines Bogens in unſerem Werke füllen, wir geben ſie daher nur im Auszuge, obgleich Alles darin von pſychologiſchem In⸗ tereſſe iſt, den Schluß der Tragödie. Montag 12. Abends gegen 8 beſuchte der Kaplan Rowe die weibliche Gefangene und blieb über zwei Stun⸗ den bei ihr. Auf ſeine Ermahnungen, Frieden mit ihrem Gott zu ſchließen, und daß dies nur geſchehen könne, wenn ſie ihr Gewiſſen durch ein vollſtändiges Bekenntniß erleichtere, entgegnete ſie, übrigens in der verbindlichſten Weiſe, daß ſie ſich gar keiner Schuld bewußt ſei, der Mord ſei von einem jungen Manne aus Guernſey begangen, den ihr Mann kenne, und ſie ſelbſt ſei gänzlich unbekannt mit den näheren Umſtänden. nning. ge Worte ndten das Augenblck ann und ne Todes⸗ Uhr wut⸗ reiſe des gen, dr uſe, alſo eine an⸗ ie letzten des Hal⸗ Hrtens wie eng⸗ s Bogni rnt im ſchem In⸗ Kaplan wei Stun ſden mit geſchehen ſtündigt s in der Schud annt u ſie ſilbſ mſtnd George Frederick Manning u. Maria Manning. 373 Ueber den Beſitz der Schlüſſel des Ermordeten gab ſie leere Ausflüchte. Als die Ermahnungen des Geiſtlichen ohne allen Eindruck blieben, ſuchte er ſie wenigſtens für den Wunſch ihres Ehemannes empfänglich zu machen, ſie noch ein Mal vor dem Tode zu ſehen. Auch hier⸗ auf erwiderte ſie ſehr verbindlich, ſie wolle den Wunſch gern erfüllen, nur müſſe er auch ihrer Bitte nachkommen und die Beſchuldigungen, die er gegen ſie vorgebracht, zurücknehmen. Uebrigens vergebe ſie ihm Alles, was er ihr gethan. Als der Geiſtliche ging, warf ſie ſich unentkleidet auf ihr Bette, ſchlief aber wenig. Mehr⸗ mals ſtand ſie auf, und klagte über Unwohlſein. Rowe ging in Manning's Zelle. Dieſer zeigte noch immer dieſelbe Ergebung, zugleich aber auch den lebhaf⸗ teſten Wunſch, daß ſeine Frau bekennen möchte. Ja, er drängte mit einigem Ungeſtüm den Prediger, es ihn wiſſen zu laſſen. Dieſer machte ihn darauf aufmerkſam, daß in ſeiner Lage ihm nichts darauf ankommen könne, was ſeine Frau oder irgend ein Anderer thue und den⸗ ke, daß er vielmehr nur für ſich zu ſorgen habe, mit ſeinem Gott Frieden zu machen. Auch hier blieb Rowe zwei Stunden. Manning hoffte beim Scheiden ihn Morgen um 5 Uhr wiederzuſehen. Er blieb in einem traurigen Zuſtande zurück, er wollte ſich weder zu Bett legen, noch auf einen Stuhl ſetzen. Zuweilen griff er nach der Bibel und las Pſalmen, dann ergriff er die Fe⸗ der und ſchrieb kurze Memoranda, die er als Geſchenke für ſeine Gefangenwärter zurücklaſſen wollte, indem er ihnen für ihre Freundlichkeit dankte. Eines lautete: „Frederick George Manning, geboren zu Taunton, in der Grafſchaft Somerſetſhire, im Jahr 1821, April 16. Geſtorben, Horſemanger⸗Lane⸗Gefängniß, am Dienſtag. Nov. 13. 1849. Möge der Herr gnädig ſein ſeiner ar⸗ 374 George Frederick Manning u. Maria Manning. men Seele! Amen. Mit Frederick George Manning's Grüßen an Mr. Moore.“ Zwei oder drei Mal warf ſich der Unglüchliche auf das Bett, aber ſeine Wächter glauben, daß er auch kei⸗ nen Augenblick die Augen geſchloſſen habe. Sehr oft fragte er, ob Der viel zu leiden habe, der ſo zu ſterben verurtheilt ſei, wie er. Der Gedanke ſchien ihn fort⸗ während zu peinigen. Nach 6 am Morgen erſchien Rowe wieder, bald ge⸗ folgt von den Magiſtratsperſonen, welche bei der Hin⸗ richtung fungiren ſollten. Manning ſchien über ſeinen Anblick erfreut und entſchuldigte ſich wegen ſeines ge⸗ ſtrigen Ungeſtüms. Nachdem ſie miteinander gebetet, verließ ihn Rowe, um noch einmal die unbufßfertige Frau aufzuſuchen. Manning frühſtückte etwas Thee und Butterbrot und hörte jetzt das Geräuſch der Volksmaſſe draußen. Es ſchien ihm unheimlich zu werden, und er verlangte, ſo ſchnell als möglich in die Kapelle gebracht zu werden. Maria Manning fand der Geiſtliche körperlich und geiſtig niedergedrückt.„Sie haben kaum noch eine Stunde zu leben, in ſo kurzer Zeit ſtehen Sie vor Gott, wo keine Falſchheit hilft und die Meinungen der Menſchen nichts gelten; haben Sie nun noch etwas zu bekennen, zu widerrufen oder Aufträge, ſo eilen Sie Ihr Herz zu erleichtern.“ Die Unglückliche erwiderte, ſie habe nichts Dem hinzuzuſetzen, was ſie geſtern geſagt, Alles ſei ſo wahr und richtig, und ſie erſuchte nur den Geiſtlichen an zwei vornehme Damen zu ſchreiben und denſelben ihren Dank für die Freundlichkeit abzuſtatten, welche ſie ihr während ihrer Gefangenſchaft erwieſen. Manning hatte inzwiſchen in der Kapelle ſein heißes Verlangen ausgedrückt, ſeine Frau noch ein Mal zu — anning. NRannings liche auf r auch kei⸗ Sthr vjt zu ſterben ihn fort⸗ r, bald ge⸗ i der Hin⸗ über ſeinen ſeines gl⸗ er gebetet nbuftige Thee und ßollsmaſſe n und er le gibucht perich und ine Stund Gott, wo Manſchen u— Her — nih Guiſtichn denſilbe velh ſie ſein his in Nul George Frederick Manning u. Maria Manning. 375 ſehen. Etwa 20 Minuten nach 8 Uhr kam ſie und ſetzte ſich auf dieſelbe Bank, ein Schließer und eine Schließe⸗ rin zwiſchen ihnen. Sie ſahen ſich freundlich an. Man⸗ ning konnte ſeine Gefühle nicht mehr beherrſchen, er lehnte ſich nach vorn gegen ſeine Frau und ſprach mit dem rührendſten Ton der Stimme:„Ich hoffe, Du gehſt nicht aus dieſem Leben mit Gefühlen des Grolls gegen mich.“— Das war auch für das Weib mit dem Felſenherzen zu viel. Sie bog ſich ebenfalls vor und ſagte:„Ich hege keinen Groll gegen Dich.“—„Willſt Du mich nicht küſſen?“ ſagte er.„Ja“, erwiderte ſie. Beide ſtanden auf, ſchüttelten ſich die Hände und küß⸗ ten ſich mehre Mal. Jetzt trat der Geiſtliche ein und reichte Beiden das Abendmahl. Der Ritus dauerte etwa eine halbe Stunde, dann ließ man Beide wieder zu einander. Manning umarmte ſeine Frau mit großer Innigkeit:„Gott ſegne Dich, ich hoffe, wir finden uns im Himmel wieder.“ Sie erwiderte die Umarmung, hörbar ſchluchzend. Die Gefängnißglocken läuteten feierlich durch mehre Minuten. Der Gefängnißmeiſter mußte Manning erin⸗ nern, daß ſeine Zeit gekommen ſei. Nach einem letzten Scheidekuß ward er in ein anſtoßendes Zimmer geführt, um dort gebunden zu werden. Manning übergab ſich dem Manne, welcher ihm als der Henker Calcraft ge⸗ nannt ward. Während des Bindens fragte er ihn, ob er viel leiden werde? Calcraft erwiderte, wenn er ſich ganz ſtill verhalte, werde er ganz und gar nicht leiden. Dieſe Verſicherung ſchien ihn zu beruhigen. Als Calcraft in das Zimmer trat, wohin man die Verurtheilte gebracht und dieſe ihn zu Geſicht bekam, ſank ſie zuſammen und war einer Ohnmacht nahe. Man mußte ihr Branntwein einflößen, um ſie wieder zu ſich 376 George Frederick Manning u. Maria Manning. zu bringen. Als ſie ſich erholte, zog ſie aus der Taſche ein klein ſchwarzſeiden Tuch und bat, man möge es ihr feſt ums Geſicht binden, ehe ſie das Zimmer verlaſſe. Der Wundarzt des Gefängniſſes erfüllte den Wunſch, desgleichen zog er ihr einen ſchwarzen Florſchleier über das Geſicht und den ganzen Kopf, wie ſie es angab und befeſtigte ihn unter dem Kinn. Nun ſchnürte ſie Cal⸗ craft; Maria Manning ertrug die empfindliche Operation mit Stärke. Der Henker wollte auch, ſie ſolle einen Mantel über den ganzen Körper ſich hängen laſſen, da⸗ mit die Stricke verſteckt blieben; dagegen ſträubte ſie ſich und es unterblieb. Eine der Schließerinnen, von den Schrecken des Auftrittes ſelbſt ergriffen, weinte laut auf. Die Manning ſagte mit großer Ruhe:„Schluchze nicht, bete lieber für mich.“ Man führte ſie nun in den Kirchhof des Gefäng⸗ niſſes, wo ihr Mann bereits wartete. Die Prozeſſion ordnete ſich. Er mit ſeinen Begleitern ging voran, ſie folgte. Maria wankte, als ſie an der Mauer des Ge⸗ fängniſſes vorüberging, mehrmals mußte ſie geſtützt werden. Weil ſie nichts ſehen konnte, ging ſie ängſtlich und bat den Wundarzt neben ihr, ſie zu leiten. Auch klagte ſie, die Stricke um ihre Handgelenke wären zu feſt gebunden, es ſchmerze ſie. Ihr Weg, als ſie den Kreuzgang der Kapelle ſtreiften, führte über die Gräber, welche ſchon für ſie gegraben waren. Man hatte unge⸗ löſchten Kalk hineingeworfen, als eine buchſtäbliche Wiedervergeltung für Das, was ſie an D'Connor be⸗ gangen. Eine enge Treppe führte aufs Dach des Gefäng⸗ niſſes, wo die Galgen errichtet waren. Sie hier hin⸗ aufzuſchaffen, ſchien ſehr ſchwierig, aber es ging leichter, als man erwartet. Oben hielt man einen Augenblick Nanning. der Taſche nöge es ihr ner verlaſſe. en Punſch, ſchleiet iber angab und tt ſe Cuk he peration ſolle einen n laſſen, da ſträubte ſe nen, von den nte laut auf luche nich des Gefing e Prozeſſion vorau, ſt — des Ge ſe giit i ſ ingſti leiten. 692 George Frederick Manning u. Maria Klanning. 377 ſtill, um Luft zu ſchöpfen. Der Henker nahm das Tuch ab, womit Manning's Augen verbunden waren. Das bleiche, abgemagerte Geſicht des Mannes ſtarrte geſpen⸗ ſterhaft den 50,000 und mehr Geſichtern entgegen, deren Blicke nur auf ſeines gerichtet waren. 50,000 Men⸗ ſchen, londoner Pöbel, und in dem Augenblick war es ſo ſtill, daß man einen Athemzug hören konnte. Zuerſt ward Manning unter den Balken geſtellt. Calcraft zog ihm die Nachtmütze über das Geſicht und ſchlang den Strick um den Hals. Demnächſt folgte Maria. Man hatte erwartet, daß bei ihrem Anblick Aeußerun⸗ gen der Wuth und des Unwillens ſich Luft machen wür⸗ den. Aber es blieb auch jetzt ſtill.„War es doch ein Anblick, der Herzen von Diamant hätte erweichen können.“ Als Manning, der nicht mehr ſehen konnte, inne ward, daß auch ſeine Frau auf dem Schaffot ſtand, bog er ſich zu ihr hin, ſo weit der Strick um ſeinen Hals es zuließ. Er flüſterte ihr etwas zu und ſtreckte ſeine gebundene Hand nach ihr zum letzten Händedruck. Einer der Schließer brachte mitleidig die Hand des Man⸗ nes mit der Hand der Frau in Verbindung. Das Todespaar nahm den letzten Abſchied. Calcraft hatte einige Schwierigkeit mit der Frau, die enge Mütze ihr über den Kopf zu ziehen, und über Tuch und Schleier zugleich. Während der ganzen Zeit verlas der Kaplan das Ritual, wie er vom Augenblick an gethan, wo die Prozeſſion die Kapelle verlaſſen. Als Alles bereit war, trat Maſter Rowe noch ein⸗ mal an das Weib und fragte: ob ſie noch etwas zu ſagen habe? Am Rande von Vernichtung und Ewig⸗ keit, vom Stricke berührt, der in der nächſten Secunde ihr die Lebensluft nehmen ſollte, antwortete ſie mit 378 George Frederick Manning u. Maria Mlanning. Feſtigkeit:„Nichts, außer meinen Dank für Ihre Güte.“ Im nächſten Augenblick fiel die Klappe. Beide ſchie⸗ nen ohne Convulſionen zu ſterben. Wenigſtens be⸗ merkte man weit weniger musculöſe Bewegungen als gewöhnlich. Manning trug den ſchwarzen Anzug, in welchem er vor Gericht erſchienen war, Maria ein ſchönes ſchwarzes Atlaskleid. Nach einer Stunde wurden die Leichen abgenommen, und nachdem man Abdrücke von ihren Köpfen genom⸗ men, wurden ſie am Nachmittag im Kreuzgang der Ka⸗ pelle begraben. Wie aufrichtig die Vergebung gemeint war, welche Maria gegen ihren ungücklichen Mann ausſprach, mag man aus dem Umſtand entnehmen, daß ſie noch in der letzten Nacht einen Brief an ihren Kerkermeiſter richtete, in welchem ſie, wiederholt ihre Unſchuld betheuernd, aus⸗ ſpricht: ſie ſei von ihrem Manne ermordet worden und er habe bei Gott ihr Blut zu verantworten! Von der Roheit und den Exceſſen, welche während und nach der Execution vorfielen, machen die Zeitungen ſchreckenerregende Schilderungen. Manche Plätze ſahen, als die Volksmenge fortgetrieben war, Schlachtfeldern ähnlich. Gequetſchte, getretene Menſchen lagen umher, mehre ohne Beſinnung, mit gebrochenen Beinen, Hüte, Mützen, Stöcke, Fetzen von Kleidern umhergeſtreut. Die ohnmächtig gewordenen Frauen hatten die Conſta⸗ bler mit Stricken aus dem gequetſchten Haufen ziehen müſſen. Die Spitäler Londons wurden mit den Ver⸗ unglückten gefüllt. Hanning. it für Ihre Biide ſchie⸗ migſtens be⸗ egungen a nwelchem et nes ſchwatzes abgenommn, pfen genom ang der Ke war, welcht prach, mag noch in de iſtr richtete, eurnnd, us⸗ rorden ud . 1 he ze wihrud it Zingn lite ſahen, un ide agen umher, einen, Hit⸗ mh hergeſrul die Conſt aufen i it den George Frederick Manning u. Maria Manning. 379 Dickens(Boz) ſchrieb darüber jenen Brief an die Times, der ſo großes Aufſehen erregte und in allen Zei⸗ tungen beſprochen ward. Wir geben ihn als Document zu dieſem Prozeß und zugleich auch um des berühmten Autors willen. Faſt ein Jahrhundert vor ihm hatte auch Fielding ſich gegen die Oeffentlichkeit der Hinrich⸗ tungen ausgeſprochen. „Sir— ich war Zeuge der Execution an dieſem Morgen. Ich ging hin, um die verſammelte Menge zu beobachten, und ich hatte vortreffliche Gelegenheit dazu; ich beobachtete ſie in der Nacht und vom frühen Mor⸗ gen bis zum Ende des Schauſpiels. „Ich richte dieſen Brief nicht an Sie mit der Ab⸗ ſicht, die abſtracte Frage über die Todesſtrafe noch ein Mal durchzuſprechen, noch mich mit den Argumenten ihrer Vertheidiger und ihrer Gegner zu befaſſen. Ich wünſchte nur meine gräßliche Erfahrung zu etwas all⸗ gemein Gutem zu verwenden, indem ich durch dieſes Mittel der Oeffentlichkeit dazu beitragen möchte, daß die Regierung endlich bewogen werde, einen Antrag(von Sir G. Grey im Parlament vorgebracht) zu unterſtützen, der zum Zweck hat, daß alle Hinrichtungen künftig in⸗ nerhalb des Gefängniſſes mit angemeſſener, aber privater Feierlichkeit(natürlich unter Zuziehung ſo vieler unver⸗ dächtigen Zeugen, daß das Publicum von der ſtrengen und unerbittlichen Vollſtreckung der Geſetze überzeugt wird) vorgenommen werden, und indem ich noch ein Mal mit allem Ernſt Sir G. Grey beſchwöre, es ſich zur heiligen Pflicht gegen die Geſellſchaft zu machen, ja zur Verantwortlichkeit, die er nicht mehr von ſich weiſen kann, ſelbſt und aus eigenen Kräften dieſe legislative Maßregel zu bewirken. „Ich glaube, daß der Anblick und Eindruck, der 380 George Frederick Manning u. Maria Mlanning. mir heut von dem Leichtſinn und der Verworfenheit der ungeheuern Pöbelmaſſe geblieben, ſo furchtbar und un⸗ ausſprechlich gräßlich iſt, daß Niemand ihn ſich denken kann. In keinem heidniſchen Lande unter der Sonne könnte Aehnliches vorkommen. Der Schrecken des Gal⸗ gens und des Verbrechens, welches die unglücklichen Mörder an denſelben brachte, traten vor meinen Sinnen ganz in den Hintergrund vor den Scheußlichkeiten, die ich ſah, vor dieſem Benehmen, dieſen Blicken, dieſer Sprache der verſammelten Zuſchauer. Als ich um Mittternacht ankam, machte ſchon das ſchrillende Geſchrei und Ge⸗ heul von Knaben und Mädchen, die an den beſten Plätzen verſammelt waren, mein Blut erſtarren. Im Verlauf der Nacht wuchs dies Geheul, Kreiſchen und Gelächter. Man parodirte bekannte Negermelodien, nur ſubſtituirte man für die„Suſanna“„Miſtreß Manning“. Als der Tag graute, ſtreiften mit beleidigendem, unverſchämtem Benehmen bekannte Diebe, Dirnen der ſchlechteſten Art, Raufbolde, Säufer und Vagabunden jeder Art umher. Fauſtkämpfe, Ohnmachten, Gepfeif, Imitationen des Punch, brutale Späße, ein Aufkreiſchen der Luſt mit obſcönen Geſten, wenn ohnmächtige Frauen von der Polizei fortgezogen wurden und ihre Kleider dabei in Unordnung geriethen, gaben willkommene Intermezzos der allgemeinen Unterhaltung. Als die Sonne herrlich aufſtieg— und das that ſie— vergoldete ſie Tauſende und Tauſende von aufwärts gewandten Geſichtern, die ſo unausſprechlich viehiſch und cannibaliſch glotzten, daß ein Menſch faſt Scham fühlen mußte vor ſeiner eigenen Geſtalt, die Teufeln ähnlicher ſei als dem Ebenbilde Gottes. „Als die beiden elenden Geſchöpfe, welche den Ge⸗ ſpenſterblick der Maſſe auf ſich zogen, in der Luft zit⸗ inng. nheit der E des Gal⸗ glůcklichen en Sinnen rSprucht litternacht und Ge⸗ en Plite Verluf 6e ichter. bſtituirte As der chimtem uſun W lrt unher⸗ ionen do Auſ ni von der dabei in ntermezi' ne hi Luſud 5 daß tten, er eigenl Ebabid den e George Frederick Manning u. Maria Manning. 381 terten, da war doch nicht mehr Rührung, nicht mehr Mitgefühl, nicht mehr Gedanke daran, daß zwei unſterb⸗ liche Seelen zu Gericht gegangen ſeien, nicht mehr Zu⸗ rückhaltung vor den vorigen Obſcönitäten, als wäre der Name Chriſtus nie in dieſer Welt gehört worden und als gebe es unter allen dieſen Menſchen keine andere Vorſtellung, als daß auch ſie ſterben würden wie die Thiere. Ich habe doch in meinem Leben ſo manche der Quellen und Wiegen kennen gelernt und ſtudirt, wo in dieſem Lande die Befleckung und Corruption eingeimpft wird, und ich meine, es gibt nicht viele Phaſen des lon⸗ doner Lebens, die mir neu wären. Ich bin aber feſt und feierlich davon überzeugt, daß Nichts von Allem, was man nur ausſinnen könnte, ſo mächtig zum Ruin der Moralität wirkt als eine öffentliche Hinrichtung, und ich ſtand erblaßt und niedergeſchmettert von der Schlechtigkeit, die ſie hervorruft. „Ich kann nicht glauben, daß irgend ein Gemein⸗ weſen gedeihen könne, wo ſolche Scenen des Schreckens und der Demoraliſation, wie heut Morgen vor dem Horſemanger-Lane⸗Gefängniß, ſich vor den Thoren guter Bürger ereignen können, und man übergeht ſie mit Schweigen oder vergißt ihrer. Und wenn wir in un⸗ ſern Gebeten und Dankgebeten für die Ernte demü⸗ thigſt vor Gott unſern Wunſch ausdrücken, daß er die moraliſchen Uebel des Landes von uns nehme, dann möchte ich Ihre Leſer fragen, ob ſie nicht auch dieſes eine Uebel für wichtig genug achten, um ernſt daran zu denken und es auszurotten. Mein Herr, Ihr ergebenſter Diener Charles Dickens. Devonſhire⸗Terrace, Dienſtag Nov. 13.“ 382 George Frederick Manning u. Maria Manning. Man hat Dickens' Darſtellung nicht widerſprochen, aber ſie ergänzt. Wenn er den Pöbel denuncire, deſſen cannibaliſch glotzende Geſichter ihn zweifeln machten an ſeiner Menſchenwürde, warum habe er denn nicht auch den feinen Pöbel der Ariſtokratie denuncirt, der in ge⸗ wiſſen Häuſern mit derſelben Luſt hinter Jalouſien dem entſetzlichen Schauſpiel zugeblickt. Wie Herren und Da⸗ men daſelbſt bei Champagner und Auſterfrühſtück mit Opernguckern und Glacthandſchuhen die intereſſante und pikante Neuigkeit betrachtet, die letzten Todeszuckungen am Seil einer Gehenkten in Atlaskleidern! Am folgenden Tage, 14. November, brachten alle londoner Zeitungen die letzten wahrhaften Bekenntniſſe George Frederick Manning's, wie er dieſelben an zwei aufeinander folgenden Tagen vor dem Geiſtlichen Maſter Rowe abgelegt. Sie ſind roh, d. h. ohne pſychologiſche Einblicke, wie man ſie von dem unglückſeligen Menſchen erwarten durfte, über deſſen Geiſteskräfte ſchon nach dem actenmäßig Ermittelten keiner unſerer Leſer im Zweifel ſein wird. Wir theilen die Bekenntniſſe nur im Auszuge mit, über Das, was uns ſchon bekannt, kürzer hinwegeilend. Die Manning'ſchen Eheleute ſcheinen ſich durch ver⸗ ſchiedenartige Wirthshausunternehmungen haben forthelfen zu wollen, zugleich aber dadurch ruinirt zu haben. Ob und welche zweideutige Rolle Maria Manning dabei geſpielt, geht aus des Ehemanns Bekenntniß nicht klar hervor. Manning war im März nach der Inſel Guernſey gereiſt. Warum, ſagt er nicht. Als er nach drei Wo⸗ chen, am 3. April, zurückkehrte, hatte ſeine Frau das Haus auf Miniver⸗Place gemiethet. In der Nacht auf den erſten Sonntag, wo ſeine anning. erſprochen, ite deſſen nachten an nicht uuch der in ge ouſien den nund De⸗ hſtück mit ſſante und szuckungen chten alle kenntniſſ an zwei n Muſter hologiſche Nenſchen nach dn weif ſel zzuge mi migeilu durch be furtheli Ob und geſpiel. herwor. Guemſe drei Vo zru d wo ſei George Frederich Klanning u. Maria Manning. 383 Frau das Haus bezogen, ſchlief O'Connor dort, und verſprach die nächſte Nacht wieder zu kommen, aber er hielt nicht Wort. Am nächſten Donnerſtag kam er und ſagte ihr, er hätte ſeinen Sinn geändert. Grund: er fürchte, er und Manning würden ſich nicht lange ver⸗ tragen, wenn Letzterer betrunken nach Hauſe komme und mit ihm Händel anfange. Maria Manning erklärte ihrem Manne: O'Connor ſei kein Mann, nicht werth des Namens; und das wäre nicht das erſte Mal, daß er ſie ſo getäuſcht. Er habe ſie ſchon letzthin allein verleitet, das Wirthshaus King Johnshead zu übernehmen, und ſie habe dabei 100 Pfund verloren. Dann noch ein anderes Mal, als ſie ein Haus in Milend miethen wollen. Aber ſie wäre, wie ihre Väter waren, die einen Mann verachtet, auf deſſen Wort man nicht bauen könne, und eher als einen ſolchen möchte ſie einen Teufel bei ſich einziehen laſſen. Nach dem 25. März ſtellte Miſtreß Manning eine Rechnung aus für drei Wochen Quartier, als wie lange D'Connor verſprochen bei ihr zu wohnen, und citirte ihn deshalb vor Gericht. Am Tage vor dem Termin kam O'Connor und zahlte 30 Schilling für die Woh⸗ nung. Er entſchuldigte ſich und hoffte, daß darum zwi⸗ ſchen ihnen keine Feindſchaft ſein werde. Manning war damals ſchon zurückgekehrt und erwiderte ihm, das habe nun nichts mehr auf ſich, da er ja nun gezahlt habe. Aber O'Connor habe unchrerbietig von ihm geſprochen, and wenn er deſſen gewiß wäre, würde er ihn injuriarum belangen. Darüber vergoß O'Connor Thränen, leugnete Alles, ſchüttelte Manning die Hand und bat ihn, mit ihm ein Slas Porter zu trinken und eine Pfeife zu rauchen.— Manning erwiderte: O'Connor, ich trage Euch nicht die 1 384 George Frederick Manning u. Maria Manning. geringſte Feindſchaft, noch that ich es je.— O Con⸗ nor drang nun in ihn Den zu nennen, der gegen ihn ausgeſagt, aber er that es nicht. Denn ſein Weib hatte ihm geſagt, es O'Connor nicht zu ſagen. Da ſchieden ſie denn als gute Freunde.„Als er fort war, ſagte mein Weib zu mir:„Dieſer alte Schuft iſt die Urſache, daß ich viel Geld verloren habe, und ich bin entſchloſſen, ſo wahr ich lebe, mich an ihm zu rächen.“ Und ſie ſetzte hinzu,«ſie wolle ihn erſchießen und wenn ſie auch darum gehängt würdev. Ich ſtellte ſie zur Rede, aber ſie ſagte,«dabei wäre nichts Schlim⸗ meres, als wie wenn ich einen Hund ſchöſſe, und daß er ein vollkommen Vieh wäre». Ich ſagte: verbanne Du in Gottes Namen ſolche Gedanken aus Deinem Sinn; worauf ſie ſagte:„Ich werde Dich ſchon über den Plan in Kenntniß ſetzen, nach dem ich handeln werde. Ich werde ihn häufig hier fragen und auch recht oft in ſein Haus gehen, um mich über die Geldſummen zu vergewiſſern, die er baar bei ſich hat, und auch über die Zahl der Eiſenbahnactien, die er beſitzt, denn ich bin gewiß, er hat in fremden Actien mehr als für 4000 Pfund, über die ich dann frei verfügen kann, da ſie auf den Inhaber lauten.* „O'Connor kam jetzt häufig und ſie beſuchte ihn in ſeiner Wohnung regelmäßig etwa zwei Mal die Woche bis zu ſeiner Ermordung. Einmal hat ſie O'Connor betrunken gefunden; ſie kam nach Haus und ſagte es mir gleich, indem er Branntwein getrunken, als Präſer⸗ vativ gegen die Cholera. Da hat ſie ihn nach Hauſe geführt, und in dem Zuſtande hat er ſie in die Schlaf⸗ ſtube geführt und ihr alle ſeine Verſchreibungen und Bons vorgezeigt, und ihr geſagt, daß er ſeinen letzten Villen ſchon gemacht und ihr 1300 Pfund ausgeſetzt, lanning — OCon⸗ gegen ihn Wiib hatte „As tr alte Schf abe, undich an ihm zu n erſchießen Ich ſtelle hts Schin e, und deß verbanh Deinem 6 handeln d uch recht Geldiuwne d uch dem ich b 6ſi 1W n, da ſi a , chte ihn„ die Po O6on d ſogte als vriſ die 6l bungen nen da Grorge Frederick Manning u. Maria Manning. 385 und er hätte ihn ſo gemacht, daß ich, wenn ſie ſtürbe, nichts damit zu thun haben ſolle. Sie aber ſagte, eſie glaube dem alten Schufte nicht. Alles, was er ſage, ſei eine Lüge und er würde ihr keinen Schilling hinter⸗ laſſenv. Sie war ganz zufrieden, als ſie nun endlich den vollen Betrag ſeines Vermögens kannte, und ſagte: Nun müßte ich mir doch bald Schüſſel und Pfanne anſchaffen, um ſeine Gans zu kochenv. „Das geſchah ſo um den 21. Juli. Dann ward Manning eine Stelle als Reiſender für ein Handlungs⸗ haus angeboten, zwei Pfund wöchentlich und Procente vom Abſatz. Da ſagte er zu ſeiner Frau:„Jag die böſen Gedanken fort, was O'Connor betrifft; denn das iſt ja eine herrliche Stellung, und ich kann ein hübſches Stück Geld zurücklegenv. Sie ſagte:(Du Narr, Du, Du wirſt nie im Stande ſein ſo viel zu erwerben, als ich, wenn ich dieſen O'Connor umbringe. Und wenn Du die Condition annimmſt, wirſt Du von Thür zu Thür klopfen und auf den Straßen Dich umtreiben müſſen wie die erbärmlichen Mädchen in London und auf dem Lande?. Wenn er die Stellung annähme, würde ſie ihm überall nachlaufen. Lieber ſolle er ihr erlauben ihren Plan auszuführen, da ſie entſchloſſen wäre, ſich an vem alten Vagabunden zu rächen. Als er doch zu den Kaufleuten gehen wollte, verſchloß ſie ihm Rock und Hut und ſagte ihm:„Er ſolle ſich lieber anſchicken das Srab zu graben». „Da ging ſie und kaufte die Schaufel in Tooley⸗ treet und begann am nächſten Tage das Grab zu gra⸗ den, und in 14 Tagen war es fertig und drei Wochen vor der Ermordung. O'Connor war in der Küche ge⸗ weſen drei oder vier Mal, nachdem das Grab ſchon fer⸗ ig war, und indem er darüber wegging, machte er Be⸗ XV. 17 ——————— 386 George Frederick Manning u. Maria Manning. merkungen, was hier wol geſchehen ſei, und ſie ſagte ihm, der Wirth, Herr Coleman, wolle die Waſſerröhre ändern, und er ſagte, das währe ja lange, und ſie ſagte, es wäre viel daran zu thun, und die Arbeiter wären nicht hinterher. In die Küche aber ging er, um ſich die Hände zu waſchen.“ Am 26. Juli ließ ſeine Frau durch den Studenten Maſſay einen Brief an O'Connor ſchreiben: „Lieber O'Connor, ich würde ſehr glücklich ſein, wenn Sie heut mit mir und meiner Schweſter zu Mit⸗ tag ſpeiſen wollten, indem ſie von Derbyſhire in die Stadt gekommen iſt, um einige Wochen hier zu bleiben, und ſie wird ſich ſehr freuen Ihnen vorgeſtellt zu wer⸗ den. Das Mittagbrod wird fertig ſein um 5 ℳ½. Sind Sie ſchon engagirt, ſo laſſen Sie es mich durch eine Zeile wiſſen. In der Hoffnung, daß Sie ganz wohl ſind— theuerſter Freund, Ihr treu ergebener William Maſſay.“ Welche Rolle der Student Maſſay bei dieſer Komö⸗ die geſpielt, wird aus dem Bekenntniſſe nicht klar. „O'Connor kam, Donnerſtag am 26., zur beſtimm⸗ ten Stunde. Als er ins Haus trat, fragte er nach Miß Maſſay und ihrem Bruder, und meine Frau ſagte ihm, ſie wären eben ausgegangen, und ſie würden bal⸗ digſt zu Mittag zurückkehren. Ich ſaß im Wohnzimmer mit O'Connor und erzählte ihm von meiner Abſicht, eine Klage anzuſtellen gegen zwei Leute in Taunton, die mich verleumdet hätten. Währenddem rief mich meine Frau hinaus und fragte mich, warum ich nicht fortginge, denn ſie wollte ihn in die Küche haben(um ſeine Gans zu kochen. Worauf ich ſagte, ſie ſolle mir damit vom Halſe bleiben. Während dieſer Unterhaltung mit meiner Frau ſtand O'Connor auf, nahm ſeinen Hut lanning. d ſie ſagt Waſſetröhre nd ſie ſagte heiter witen er, un ſch n Studenten idlich ſin ſur zu Ni ſhirc in di zu bleiben ult zu wer 5 ½ Sind durch eine ganz wohl dieſer Kom ubn ate er nob Fral ſcht wůrden bi Pohrzin“ ur ſt Tauntl * i Grorge Frederick Manning u. Maria Manning. 387 und ging. Sie rannte nun die Treppe hinauf, ſetzte ihren Hut auf und holte O'Connor ein, etwa 300 Schritt vom Hauſe, und ſagte ihm, ſie ſelbſt wäre es, die mir geſagt, daß ich von ihm, D' Connor, verleumdet worden wäre, und ſie ſagte zu ihm:« Patrick, was lauft Ihr ſo ohne Weiteres fort? „Er antwortete ihr: Meine Bemerkung gefalle ihm nicht, daß ich Klage anſtellen wolle gegen die beiden Leute, und daß ich ihn auf dieſelbe Weiſe fangen wollte, und deshalb wollte er nicht umkehren. Sie ſetzte ihm nun ſehr zu, daß er es doch thäte, aber er that es nicht. Nun kam ſie ins Haus zurück, ſehr aufgebracht und ließ mich an:(Du kuhblütiger Schuft, Du haſt mich ge⸗ hindert, meinen Plan auszuführen?, und dann ſchrie ſie bitterlich und ſagte noch:„Du wirſt mir dafür ein⸗ ſtehen, denn nun wird ſich's nie mehr ſo machen. Ich bin nun gewiß, er kommt nie wieder her». „Ich fragte ſie nun: was denn aus ihrer Seele werden ſolle, wenn ſie eine Mordthat beginge? Da ant⸗ wortete ſie:(Ich habe keine Seele.— Wenn wir todt ind, ſind wir ein Stück Koth und Erde und nichts bleibt von uns übrig; und ich habe nachher nichts mehr dafür zu leiden, daß ich den Mann umbrachtev. „Am nächſten Morgen, Freitags, ſagte ſie zu Maſſay: D'Connor war vorigen Abend hier, und ich ſagte ihm, Sie wären mit Ihrer Schweſter ausgegangen. Ich nünſchte, Sie ſchrieben noch ein Mal an D'Connor. Naſſay entgegnete:(Sehr gern, aber Sie müſſen es detiren?. Da ſetzte ſich Maſſay nieder und ſagte: Nun, Miſtreß Manning, laſſen Sie mich wiſſen, was Sie zu ſagen wünſchen“, worauf er ſchrieb, wie folgt: „Lieber OConnor, als ich geſtern Abend ſpät nach Fauſe kam, erfuhr ich, daß Sie hier geweſen; ich bin ſehr 17* 388 George Frederick Manning u. Maria Manning. betrübtldarüber, daß es mir und meiner Schweſter nicht möglich ward, zum Mittageſſen nach Hauſe zu kommen. Wir mußten zu unſerm Onkel am Nachmittage, und während wir dort waren, wurde er plötzlich ſehr, und bedenklich, unpaß, und meine Schweſter war ſogar ge⸗ nöthigt die ganze Nacht bei ihm zu bleiben; aber wir würden ſehr glücklich ſein, wenn wir Sie wenigſtens nächſte Woche eines Tages unter uns ſehen könnten. In der Hoffnung, daß Sie ganz wohl ſind, lieber O'Connor, Ihr treu ergebener William Maſſay.“ Maſſay's Rolle oder Charakter ſcheint danach nur noch räthſelhafter. Möglich, daß man ihm die Sache im Lichte eines Scherzes vorgeſtellt. Aber wenn dies, wie konnte die Manning den Todesanſchlag gegen O Con⸗ nor am Ende Juli wagen, wo Maſſay noch im Hauſe wohnte, und nachdem ſie ſich ſeiner bedient hatte, um das Opfer ins Haus zu locken, während ſie Anfang Auguſt Alles anſtrengte, ihn aus dem Hauſe fortzuſchaf⸗ fen, um ungeſtört und unverdächtigt an ihr Mordgeſchäft zu gehen? K „Meine Frau ſchrieb an ihn, daß er doch zu Mittag kommen möchte. Aber er kam nicht, nur am Mittwoch kam er dann, aber zu ſpät, da er den Brief nicht er⸗ halten, und als er kam, war er ganz betrunken. Welſh war mit ihm, und er ſchien der Ohnmacht nahe. „Am nächſten Tage, Donnerſtags, um 9 Uhr Vor⸗ mittags, ſchrieb ſie einen Zettel an O'Connor, und trug ihn ſelbſt auf das Poſtamt, und ſagte mir, nun ſei es gewiß, daß er ihn erhalten würde. Der Zettel lautete: „Lieber O'Connor, ich würde ſehr froh ſein, wenn Sie heute um 5 ½ mit uns ſpeiſen wollten. Ich hoffe, Sie ſind ganz wohl. Ihre treu ergebene Maria Manning.“ lanning. weſter nicht zu kommen ittge, und h ſehr, und ar ſogat ge enz cber wi e werigſten hen könnten ſind, i Mſſh“ danach n ndie Sich vwenn die egen O bol im Hal t hotte, un ſie Anfan e fotthich Pordgehi ch Niti m N it 4 Mannis George Frederick Manning u. Maria Manning. 380 „Er kam auch am Donnerſtag, 10 Minuten nach Uhr, am 9. Auguſt. Vorher hatte ſie den Tiſch ge⸗ deckt für fünf Perſonen, mit Couverts und Alles ſonſt, aber ſie hatte auch gar nichts zugekocht. Als er ins Haus trat, fragte er, wo iſt Maſter und Miß Maſſay? Meine Fru antwortete: Oben; ſie ziehen ſich an zu Mittag. Er fragte dann, wie lange ſie ſchon oben wären?— Meine Frau erwiderte:„Sie ſind eben erſt hinaufgegangen. Sie haben Sie ins Haus treten ſehenv.— Maſſay war aber gar nicht im Hauſe, noch war ſeine Schweſter in London, und ich glaube bis heute, daß ſie nie in ihrem Leben London geſehen hat. „Meine Frau forderte nun O'Connor auf, in die Küche hinunterzugehen. Er wollte nicht. Da ſagte ſie zu ihm:(Patrick, Miß Maſſay iſt eine ſehr feine junge Dame(er war etwa 10 Minuten im Hauſe), ommen Sie nur herunter, Patrick, und waſchen Sie ſich die Händev. „Ich hörte ihn noch die Treppe hinuntergehen, in— dem ich in meiner Schlafſtube war und mich wuſch. Ich hörte auch den Knall der Piſtole, etwa eine Mi⸗ kute nachdem ſie hinuntergegangen waren, dann kam ſe zu mir herauf und ſagte:„Gott ſei Dank, ich habe hn endlich zurecht gekriegt— es wird nie raus kom⸗ men. Da wir auf ſo gutem Fuß mit'nander ſtehen, vird Niemand den geringſten Verdacht ſchöpfen, daß ich hn gemordet hätte. „Da erwiderte ich darauf:„Ich bin ganz ſicher, daß Du dafür gehängt wirſt?. Da ſagte ſie:„Du wirſt wenigſtens nicht darum leiden, das bin ich'. Und nachdem ſie ihn erſchoſſen, ſagte ſie:«(Ich kümmere mich richt mehr darum, als wenn ich eine Katze erſchoſſen bätte, die auf der Mauer ſpazirt. 390 George Frederick Manning u. Maria Manning. „Wie ſie zu mir rauf kam, beſtand ſie darauf, daß ich augenblicklich runter käme. Und als ich in die Küche kam, fand ich ihn auf ſeinem Grabe liegend. Er ſtöhnte noch. Ich habe ihn nie gemocht, und ich zerſchlug ihm den Kopf mit einem Brecheiſen. „Sie nahm die Schlüſſel aus ſeiner Taſche, und zehn Minuten vor 6 hatte ſie ſchon ihren Hut aufgeſetzt und Mantel umgenommen und ging nach ſeiner Woh⸗ nung. Ich ſagte, es wäre mir unmöglich, im Hauſe auszuhalten, und ging in den Garten und rauchte eine Pfeife auf der Mauer mit dem Wirth(Wirthin ²) vom Nachbarhauſe. „Etwa 20 Minuten nach 8 Uhr war meine Frau wieder zu Haus und ſagte, Miß Arens(O'Connor's Wirthin) hätte ſie eingelaſſen. Nachdem ſie etwa 15 Minuten in der Wohnung geweſen, ging ſie in O'Con⸗ nor's Schlafſtube, öffnete ſeinen Schrank und nahm alle Eiſenbahnactien, die ſie finden konnte, ſeine beiden gol⸗ denen Uhren und Ketten, auch ſah ſie das Bankbuch nach, wonach es ſchien, als hätte O'Connor gegen 3000 Pfund in der Bank. Das Buch aber ſchien ihr unnütz und ſie nahm es nicht mit. Nachdem ſie nach Haus gekommen, rief ſie aus:„Die fremden Stocks habe ich nicht gekriegt, und ich weiß doch, er hat ſie, zwiſchen 2000 und 3000 Pfund werth. Er hat ſie beſtimmt, denn ich ſah ſie, ehe ich verheirathet war». Freitag ging ſie wieder hin, aber die Stocks fand ſie nicht.“ Die Erzählung, wie Manning auf Geheiß ſeiner Frau von den Actien verſetzt, dabei aber den Namen O'Connor's annehmend und zeichnend, und wie er die Noten in der Bank eingewechſelt, iſt umſtändlich und klar, zu unſerm Zwecke genügt das Eingeſtändniß, daß er es gethan. Als er ſeiner Frau das eingelöſte Geld, anning. rauf, daß ndie Er ſüöhnte erſchlug ihm aſche, und ut aufgeſeht ſeiner Woh⸗ in Huſt tauchte eine thin ¹) von meine Ful O bomors eetwa 1 in Oon dnchm al biden grl 6 Ben nbuch n nihr nit nach Hul z hobei ſe, iſh ebe ſim Freit niht. cheiß ſül“ den Nun wie ed ndlih, u indriß,*. ſil oſt b George Freverick Manning u. Maria Manning. 391 110 Pfund brachte, verlangte ſie von ihm, daß er noch andere Actien, auf O'Connor's Namen lautend, ver⸗ werthen ſollte. Sie ſagte ihm, es ſei dabei keine Ge⸗ fahr, da O'Connor todt wäre. Als er nicht wollte, ward ſie ſehr aufgebracht und beſtand darauf. Er ſetzte auch ſeinen Hut auf und that, als ob er zu einem Wechsler ginge. Nach zwei Stunden kehrte er zurück und ſagte, er ſei bei einem Wechsler geweſen; der wolle aber am Donnerſtage kein Geld darauf vorſchießen. Sie fand das ſeltſam und meinte, er wäre gar nicht bei einem Wechsler geweſen. Als er am Montage einige Stunden ausgegangen war, kam ihm Maria mit der Nachricht entgegen, daß zwei Herren da geweſen, die ihr gar zu ſehr als verklei⸗ dete Polizeimänner vorgekommen wären. Er gab ihr die tröſtliche Antwort:„Da kannſt Du Dich darauf verlaſſen, ſo gewiß Du ein Weib biſt, werden wir ge⸗ faßt.“— Sie antwortete:„Sprich nicht davon, mir wird unwohl.“— Nach dem Mittageſſen ſagte ſie:„Du ſollteſt zu Bainbridges gehen, Alles verkaufen, und wir nähmen den Nachtzug nach Liverpool, um nach New⸗ york abzuſegeln.“ Manning ging darauf zum Trödler Bainbridge, und das Weitere, wie er nach ſeiner Frau ſchickte, und end⸗ lich ſelbſt ging, ſie nicht fand und durch das Neben⸗ haus in ſeine Wohnung dringen mußte, iſt vollſtändig bekannt. Sie hatte, bis auf die Möbel, Alles mitge⸗ nommen. Er ſaß ohne einen Heller da. Ebenſo weiß man, wie er zu Bainbridges zurückkehrte, dort ſich ein⸗ miethete und endlich nach Jerſey entfloh. Einen be⸗ ſtimmten Plan ſcheint er nicht gehabt zu haben. Zu erwähnen iſt nur, daß wir aus Manning's Bekenntniſſe gelegentlich erfahren, wie der viel beſprochene Student 392 Grorge Frederick Manning u. Maria Manning. Maſſay, nachdem er von Mannings fortgegangen, bei Bainbridges ſich einquartirt hatte, oder vielleicht von Mannings einquartirt worden war. Zum Schluß ſeiner Bekenntniſſe ein wahres mistum compositum und doch das Charakteriſtiſchſte des ganzen Berichts: „Als mein Weib, Donnerſtag 9. Auguſt, aus O Con⸗ nor's Wohnung etwa 20 Minuten vor 8 zurückkehrte, ging ſie die Treppe hinunter mit einer großen Scheere und ſchnitt dem Leichnam die Kleider ab, und zündete ein Feuer an in der Vorderküche. Den Reſt dieſes Ta⸗ ges und den folgenden war ſie damit beſchäftigt, ſie zu verbrennen. Dann nahm ſie einen Strick und wir ban⸗ den zuſammen die Füße an die Hüften. Nachdem wir ſo gethan, warfen wir den Kalk auf den Leichnam und machten ihn naß, und dann warfen wir Erde darauf und trampelten das Grab nieder bis Mitternacht, als wo das Begräbniß für den Leichnam noch nicht ganz fertig war. Wir ſtanden nun am andern Tag zwiſchen 5 und 6 auf und wurden mit der Verſcharrung zwiſchen 10 und 11 fertig. Als nun Alles geſchehen war, ſagte ſie:„Gott ſei Dank, nun iſt Alles in der Richte— Niemand wird dran denken ihn hier zu ſuchen— in weniger als 14 Tagen hat der Kalk den Leichnam ganz zerſtört. Sie hatte auch 1% Flaſche Vitriol ſich ver⸗ ſchafft, ſchon zehn Tage vorher, in einem Laden in Barmondſeyſtraße, und dies ward auf den Leichnam ge⸗ goſſen, ehe wir noch den Kalk darauf thaten. Dann ſagte ſie,«wie glücklich ſie ſich fühle, daß ſie einen der größeſten alten Schurken in der Welt aus dem Wege geräumt habe'. Sie ſprach auch ihren Willen aus, noch 12 Monat in dem Hauſe zu bleiben, und das Geld, was ſie gewonnen, in Eiſenbahnactien lanning. George Frederick Manning u. Maria Manning. 393 zngen, bei anzulegen. Jetzt rieth ſie mir ſelbſt an, die Stelle als Uicht von Reiſecommis bei den Herren Govers anzunehmen, in⸗ dem ſie ſagte,«wenn wir jetzt das Haus verließen, res misum würde das Argwohn erregen v. Sie ſetzte hinzu:«Kommt des ganzen Jemand und fragt nach O'Connor, dann laß mich nur antworten, denn ich habe Nerven wie ein Pferdv. au Dbon Sie ſagte auch, wenn der Mord jemals raus kommt, ricftchr wäre ich daran Schuld, weil ich nicht feſt genug wäre. „Wenn es raus kommt, ſagte ſie auch,(wirſt Du jen Scher— eben ſo daſtehen wie ich, weil Du beim Morde mir bei⸗ und zündet t dieſes Zn geſtanden haſt. Aber wenn Jemand mich greifen will, — ſe j erſt ſchieß ich ihn nieder, und dann mich ſelbſtv.— Sie füz*. ſprach ſehr oft von der Franzöſiſchen Revolution und — ni bedauerte, daß ſo viele brave, junge Leute ihr Leben da⸗ — bei verloren hätten. Sie ſagte, eſie wolle lieber — ſterben als kein Geld erwerben. Siebedauerte rde aber, daß ſie über den Todten keine Gebete t, als unucht, a geſprochen habev. Ich fragte ſie:«Wozu ſie denn ſicht gu das thun gewollt? Sie antwortete mir:„Sie hätte ag zuiſtu Gott bitten ſollen, daß er ihm ſeine Sünden ng zriſhi vergeben mögev.— Sie ſagte,«ſie hätte ihm nicht war, ſcht wieder ins Geſicht ſehen können?. Und von den Miſſes rRichte Arens(DConnor's Wirthinnen) ſagte ſie:(Dieſe alten chen— Jungfern haben einen guten Miether verloren; und da chnan gu ich ſie nicht leiden kann, bin ich recht froh, daß er fort ol ſch iſt v.„Wenn irgend Verdacht aufkäme, ſagte ſie,(ſie Lnden wolle die Stadt verlaſſen im Anzuge einer Witwe; die eichnam 9 Locken würde ſie ſich fortkämmen und glattes Haar tra⸗ Dann ſil⸗ gen v.— Früherhin hatte meine Frau mir auch gedroht, ſie ein ſie wolle nach Weymouth gehen und meine Schweſter Pelt al todtſchießen in Folge einiger Familienſtreitigkeiten, die uc ih ſie miteinander gehabt.“ u hlibl 17** nbehr 394 George Frederick Manning u. Maria Manning. So ſchloß ſein Bekenntniß. Auf ſein Verlangen ward darunter geſetzt: „Ich erkläre hiermit feierlich, daß die vorangehende Erzählung, wie ſie der Reverend W. S. Rowe, Kaplan, auf mein Dictat niedergeſchrieben, correct und treu iſt. Frederick George Manning. „In der Verdammten⸗Zelle, Horſemanger⸗Lane. No⸗ vember 9. 1849. „Unterſchrieben in Gegenwart von W. S. Rowe, G. Hallet und S. Deal.“ Unſer Pitaval hat bereits ein Weib dieſer furchtbaren Natur den Leſern vorgeführt, die Gattenmörderin und Schlächterin Wunſch aus Hamburg. Die halb ver⸗ brannten lückenhaften Acten des Senats lieferten uns aber Das, was wir in dieſem, mit der allergrößten Aus⸗ führlichkeit und in allen Details uns mitgetheilten Falle vermiſſen, ſolche Blicke in das Vorleben der Verbreche⸗ rin, welche ihr Sein und Weſen und die That erklären. Welche wichtige Aufſchlüſſe über Maria Manning's Weſen ſind dem Pſychologen entgangen, indem die eng⸗ liſchen Gerichte keine Zeugen über ihr früheres Leben vor die Schranken citirten. Was hätten die vornehmen Gräfinnen und Herzoginnen, in deren Dienſt ſie geſtan⸗ den, die ſie mit Gunſt überhäuft zu haben ſcheinen, die auch noch der Gefangenen und Verurtheilten davon zu⸗ wandten, über ſie ausſagen können! Nicht daß man dieſe hohen Perſonen nicht bemühen oder bloßſtellen wollte — vor der engliſchen Juſtiz müſſen auch die ariſtokrati⸗ ſchen Rückſichten verſchwinden— aber es that nicht noth. Die engliſche Juſtiz hat nichts mit Tendenzen, aber auch nichts mit der innern Verbrechergeſchichte zu thun, ihr genügt die That. Manning, der Ehemann, würde mit einem aufrichtigen, zur Zeit abgelegten Bekenntniſſe, mit unning. Perlangen rangthende ve, Kahlan, d treu iſt. anning. Lane. Nn⸗ S. Rowe, furchtbaren rderin und holb ver⸗ futen uns n Aus ilten Fille Penhe at erili men Mamin en die ei ere Ahen rornhn ſi gſu — daron i daß mi llen wli ninn nicht ut abit un thn, winde n Grorge Frederick Manning u. Maria Manning. 395 einem Vertheidiger, der nicht ſtreng an engliſches Ge⸗ richtsherkommen ſich hielt, und vor anderen Gerichten vielleicht wenigſtens ſein elendes Leben gerettet haben. Wir ſagen damit nicht, daß er unverdient ſtarb, noch daß ein Juſtizmord an ihm begangen iſt. Den neueſten engliſchen Zeitungsnachrichten zufolge iſt des ermordeten O'Connor Vermögen keinesweges in dem Zuſtande gefunden worden, welcher die Mörder zu ihrem Verbrechen wahrſcheinlich angereizt hat. Bei der Nachlaßregulirung hat ſich ergeben, daß er kaum Das beſeſſen, was ihm geſtohlen worden, ein alter Mann, der zu ſeinen andern Eigenſchaften und Laſtern noch die Eitelkeit hatte, für einen reichen Mann gelten zu wollen! Schwerer konnte die Nemeſis dieſe Schwäche nicht be⸗ ſtrafen, eine Nemeſis, die auf die Mörder als Parodie zurückfällt. Eine Hinrichtung in Appenzell. 849. Die Geſchichte der Hinrichtung des Manning ſchen Ehepaares lief noch durch alle Zeitungen, mit Boz' Be⸗ trachtungen und Gegenbetrachtungen, als man der All⸗ gemeinen Zeitung ein Seitenſtück von einer eben in Appenzell ſtattgefundenen Hinrichtung berichtete, was in ſeiner draſtiſchen Kürze wohl verdient als Anhang zum vorigen Falle in unſerer Sammlung aufbewahrt zu wer⸗ den. Wir haben keinen Grund, die Worte des Bericht⸗ erſtatters, da er von St.⸗Gallen aus am 4. December, von einem geſtern erlebten Ereigniß ſchreibt, umzuändern. Die Friſche des Eindrucks hat auch ihren Werth. Nur bemerken wir für den mit den Verhältniſſen der Schweiz minder bekannten Leſer, daß der Halb⸗ Canton Appenzell⸗Innerrhoden nicht allein in der Juſtiz, ſondern in vielen Dingen dem Mittelalter noch weit näher ſteht, als irgend ein anderer der Schweiz. Das gewerbfleißige Außerrhoden bildet ſchon dazu einen merk⸗ würdigen Gegenſatz. Ich ſchreibe Ihnen heute unter dem Eindruck einer entſetzenvollen Hinrichtung einen neuen Beitrag ring ſchu gez Be der Al eben in was in — zum t zu Wel⸗ Buicht Detenbe ſchritt uch ihu hilniſu der Hub Eine Hinrichtung in Appenzell. 397 zur Beurtheilung derſelben, der ſich in der That den Boz'ſchen Betrachtungen genau anſchließt. Das fürchter⸗ lichſte Schauſpiel, das ſich denken läßt, iſt ſoeben ge⸗ wiſſermaßen unter unſern Augen an uns vorübergegan⸗ gen: ein Menſch, der ſich für ſein junges Leben aufs äußerſte wehrt, von der erbarmungsloſen Gerechtigkeit unter und vermöge furchtbarer Anſtalten zum Tode ge⸗ bracht. Geſtern wurde bei Appenzell, dem Hauptflecken des Cantons Appenzell⸗Innerrhoden, ein Mädchen, Namens Koch, wegen Mords enthauptet— unter Um⸗ ſtänden, welche dieſe Hinrichtung zu der gräuelvollſten, die je mit dem Schwerte vollzogen worden, ſtempeln. Im Lauf des vergangenen Sommers war eine junge Bauerntochter erſchlagen und ertränkt gefunden worden. Der Beſitz von Silbergeräthen, welche derſelben bei Lebzeiten unzweifelhaft gehört, führte bald die Spur auf jene Koch, welche jedoch im gütlichen Verhör den Ver⸗ dacht ſo geſchickt auf einen jungen Mann, ihren„Ge⸗ liebten“, zu lenken wußte, daß dieſer auf Verweigerung des Geſtändniſſes hin der Folter unterworfen ward(in den Schweizern Bergen hat ſich die Tortur neben vie⸗ len andern Juſtizgräueln bis auf den heutigen Tag fort⸗ geerbt). Dieſer, ein ſtarker Burſche, beſtand die Probe, wogegen daſſelbe Mittel der ſchwächern Jungfrau ſehr bald das(unzweifelhaft richtige) Geſtändniß ihrer That abzwang. Sie hatte, wol hauptſächlich von Eiferſucht bethört, ihr unglückliches Opfer unter heuchleriſcher Freundlichkeit an einen Teich verlockt, dort durch einen Streich betäubt und die Ohnmächtige im Teiche er⸗ tränkt. Nach erfolgtem Geſtändniß konnte es einem Zweifel nicht unterliegen, daß der Mörderin das Leben werde abgeſprochen werden. Sie wurde daher von der hieſigen Geiſtlichkeit fleißig beſucht, um auf ihr nahes 398 Einr Hinrichtung in Appenſell. Ende vorbereitet zu werden. Allein die Unſelige, weniges über zwanzig Jahre alt, konnte ſich mit dem Gedanken, ſterben zu müſſen, ſo gar nicht vertraut machen, daß ſie alle Tröſtungen der Religion verzweifelnd von ſich wies und erklärte, nicht ſterben zu können. Der Große Rath, geſtern verſammelt, um über Begnadigung oder über Urtheilsvollzug endgültig zu entſcheiden, verwarf die erſte und ordnete nach Landesſitte auch ohne weitern Verzug die Hinrichtung an, zu welcher eventuell ſchon alle Vorkehrungen getroffen waren. Die dem Tode Geweihte nahm die Nachricht ihres Schickſals ſo auf, wie nach allem Vorhergehenden zu erwarten war. Sie widerſetzte ſich den Bütteln, welche ſie in die öffentlichen Schranken vor das hochnothpeinliche Gericht führen ſoll⸗ ten, mit Aufbietung aller Kräfte, mußte daher von vier Männern aus dem Gefängniß auf den Markt hin⸗ untergeſchleppt werden, und wurde dort bei fortgeſetztem Widerſtand unter herzzerreißendem Geſchrei, welches die Vorleſung des Urtheils völlig unverſtändlich machte, auf einen Schlitten gebunden. Unter gleichem Tumult und Ablehnung alles Beiſtandes eines Pfarrers ward ſie nunmehr, nachdem der Stab über ſie gebrochen worden, fortwährend betheuernd, daß ſie nicht ſterben könne und wolle, auf den Rabenſtein geſchafft, wo ein junger Scharfrichter ſein„Meiſterſtück“ an ihr verrichten ſollte. Allein dies machten ihm die unabläſſigen leidenſchaftli⸗ chen, ja verzweiflungsvollen Bewegungen der Armen unmöglich, ſo daß endlich der Reichsvogt(auch dieſe uralthergebrachte Benennung des Blutgerichtsvorſitzers hat ſich ſelbſt ofſiciell erhalten) an den Rath berichten mußte, mit der Frage, was unter ſolchen Umſtänden zu thun ſei. Der Beſcheid lautete lakoniſch: der Nachrich⸗ ter ſolle ſehen, wie er mit ihr fertig werde. Alſo neue weniges Gldanken, en, diß ſi oße Rath, odet über nwurf di te weiten tuell ſchu dem Tode lö ſo auf wat. Si fentlichen ihren ſoll von vier akt hin⸗ rtgiſebten wlchti di nachte u umult um word ſ en vurde könne u in jmg hten ſol denſcheft er n (uch töſt h biht ſtünd 5 Nachn Aſ n Eine Hinrichtung in Appenſell. 399 Verſuche, neues Sträuben und betäubendes Geſchrei des Juſtizopfers; bis endlich ein alter grauer Mann hinzu⸗ trat, rathend, es ſollte der Zopf der Unglücklichen um eine Stange gebunden, vermittels derſelben ihr Kopf ſtraff emporgeriſſen, zugleich aber unten der Körper feſt⸗ gehalten werden. Geſagt, gethan! Unter ſolchen An⸗ ſtalten ward im Jahr 1849 ein ſchwaches Mädchen glücklich enthauptet.— Was ſoll man zu einer ſolchen Geſchichte ſagen? Soll man mit Boz vor allem wenig⸗ ſtens darauf dringen, daß dergleichen empörende, ent⸗ menſchende Schauſpiele nicht, wie geſtern geſchah, vor vielen Tauſenden, jedes Alters und Geſchlechts, aufge⸗ führt werden? Oder ſoll man ſeinem entrüſteten Er⸗ ſtaunen Worte leihen, daß ein Rath(zumal ein katho⸗ liſcher) es wagt und über ſich nimmt, einen Menſchen ohne Bekehrung, ohne Troſt, ohne alle Vorbereitung unter tumultuariſchen Formen erbarmungslos hinrichten zu laſſen? Ich geſtehe, daß mir bei Anhörung der Er⸗ zählung die Haare gen Berge ſtanden und die Worte im Hals erfroren ſind. Und welche Roheit muß dazu gehören oder dadurch erzeugt werden, wenn einem Todes⸗ kampf, wie der geſtern ausgekämpfte war, während an⸗ derthalb Stunden zugeſchaut werden kann! Gehört das vielleicht zur ſittlichen Erziehung des Volks oder kann ein derartiger Auftritt dazu dienen, ſeinen Abſcheu vor dem Verbrechen zu vermehren? Zu einiger Genugthuung habe ich denn auch vernommen, daß ſich alle nicht ganz allem Gefühl Abgeſtorbenen vielmehr mit Abſcheu vor der Unmenſchlichkeit menſchlicher Satzungen hinwegge⸗ wendet haben. Braucht es, um aus dieſem neuen und erſchütternden Beitrag zur Geſchichte der öffentlichen PHinrichtungen eine Geſchichte zu machen, wohlgeeignet das Blut im Herzen zu erſtarren und Geſetzgeber aus ————— 400 Eine Hinrichtung in Appenſell. ihrer ſchauderhaften Indolenz aufzuſchrecken, noch des Beiſatzes: daß der unſchuldig gefolterte Jüng⸗ ling in einen Zuſtand ſich verſetzt ſieht, der ſeine Wie⸗ derherſtellung billigen Zweifeln unterſtellt! Machen Sie, wenn Sie wollen, zu dieſem Aufſatz die Ueberſchrift: „Ein Stück Cultur des 19. Jahrhunderts!“ woch des 6 te Jüng⸗ ſein Vie⸗ achen Sie, eberſchtift Constantin Weise. 1835 1837. Der Commiſſionsrath Weiſe, ein angeſehener, reicher Mann in ſeiner Stadt, war am Abend des 22. Sep⸗ tember 1835 wohl und munter am Arm ſeiner jugend⸗ lichen und ſchönen Gattin aus einer heitern Geſellſchaft nach Hauſe gekehrt. Jovialer Natur, war er es auch dieſen Abend geweſen. Er war ein Mann, kaum 51 Jahr alt, von kräftiger Conſtitution und angenehmem Aeußern. Vor einigen Jahren erſt hatte er ſeine zweite Frau, im Anfang der Zwanziger, geheirathet. Um ſo mehr überraſchte am folgenden Tage die Nach⸗ richt, daß er plötzlich geſtorben ſei. Sein Sohn, Con⸗ ſtantin Weiſe, Candidat der Rechte, überbrachte ſelbſt die traurige Meldung dem Ortsgeiſtlichen. Man erzählte, daß der Commiſſionsrath gleich nach ſeiner Nachhauſekunft ſich unwohl gefühlt. Gattin und Sohn wollten den Hausarzt rufen laſſen. Der Kranke ſelbſt aber verbat es ſich, da er die Krankheit für einen Anfall von Kolik hielt, an der er zuweilen litt. Aber 4 der Anfall wurde heftiger, und nach öfterem Erbrechen und heftigen Krämpfen verſchied er Nachmittags um 2 Uhr. — —— 402 Constantin Weise. Sein Leichenbegängniß, mit großem Gepränge voll⸗ zogen, fand am 26. ſtatt. Die Theilnahme war allge⸗ mein, da Weiſe eben ſo wohlhabend als bieder, eben ſo geachtet als beliebt war. Weiſe war, wie erwähnt, zwei Mal verheirathet ge⸗ weſen. Aus erſter Ehe hatte er einen Sohn, Conſtan⸗ tin, geboren 1809, und eine Tochter Adelaide, geboren 1811. Beiden hatte er eine ſeinem Stande und ſeinen Vermögensverhältniſſen angemeſſene Erziehung gegeben. Adelaide hatte ſich, zur Freude des Vaters, bald nach dem 1829 erfolgten Tode ſeiner erſten Frau, mit dem Regierungsaſſeſſor von B... verheirathet. Weiſe, an weibliche Pflege gewöhnt, heirathete 1830 zum zweiten Mal, Anna W.. die Tochter eines verſtorbenen Steuer⸗ rathes, ein Mädchen von 22 Jahren, die ihm zwar kein Vermögen mitbrachte, dagegen alle Reize, die einen Mann zu beglücken vermögen. Man hielt auch die Ehe für eine glückliche. Conſtantin hatte im Jahr 1829, vor der zweiten Verheirathung des Vaters, die Univerſität Jena bezogen, hier Jura ſtudirt, war dann 1831 nach Haus zurückge⸗ kehrt, hatte ſein Examen glücklich gemacht, und darauf, auf Wunſch des Vaters, eine mehrjährige große Tour durch Deutſchland, Frankreich und Italien. 1834 war er ins elterliche Haus zurückgekehrt und bereitete ſich, in eifrigen praktiſchen Studien, zu einer Regierungsaſſeſſor⸗ ſtelle vor, um die er ſich bewarb, als ſein Vater ſtarb. Das Teſtament des Commiſſionsrathes, beim Ma⸗ giſtrat der Stadt niedergelegt— in welcher Stadt Sach⸗ ſens dieſe Geſchichte ſpielt, die ihrer Zeit ſo offenkundig geweſen ſein muß, ſagt uns Pr. Biſchoff nicht, aus deſſen„Merkwürdigen Criminal⸗Rechtsfällen“, wir die⸗ ſen entnehmen; er bezeichnet ſie gleich den meiſten vor⸗ tinge voll war allge⸗ er, cben ſo irathet gi „Conſtn e, geboren und ſeine g gegeben bald nac mit den Veiſe, on m zweitn en Stelet war kein die einen b„ ch die Ehe der zin na bezego und dn große à0 1631 m ngaſſſ ater ſut beim* Stodt oftkun richt, wit ſen* 10 cht, Constantin Weise. 403 kommenden Namen nur mit einem Anfangsbuchſtaben, ein Verfahren, das vor unſern heutigen Grundſätzen keine Entſchuldigung mehr findet, aber auch jener Zeit kaum gerechtfertigt erſcheint, da alle übrigen Bezeichnun⸗ gen ſo deutlich ſind, daß jeder entfernt mit der Locali⸗ tät und den Perſönlichkeiten Vertraute die wirklichen Namen herausräth, ein Fremder aber zu falſchen Schlüſ⸗ ſen und Verdächtigungen verführt wird— das Teſta⸗ ment des plötzlich Verſtorbenen ward am 28. Septem⸗ ber den Weiſe'ſchen Kindern und der Witwe eröffnet. Conſtantin erhielt das väterliche Wohnhaus nebſt allen Mobilien darin, außerdem 20,000 Thaler Capital; Adelaide, die bei ihrer Verheirathung bereits 8000 er⸗ halten, noch 22,000 Thaler an Capital; die Witwe 10,000 Thaler und ein wohleingerichtetes kleines Haus am Ringe. In die Pretioſen ſollten ſich die Kinder gleichmäßig theilen. Beide Kinder hatten übrigens ſchon ihr mütterliches Erbtheil vorweg erhalten. Die Theilung fand am 29. September ſtatt. Hier⸗ bei vermißte Adelaide drei ihr wohlbekannte Brillant⸗ ringe. Conſtantin verſicherte, die Dinge nie geſehen zu haben; die junge Witwe, die man herbeirief, um wo möglich Auskunft zu geben, bezweifelte ſogar, daß ihr Mann dieſe Ringe im Beſitz gehabt. Bei dieſem Theilungsgeſchäfte entging dem ſcharfen Auge der jungen Frau von B... nicht, daß zwiſchen ihrem Bruder und ihrer Stiefmutter ein Verſtändniß obwaltete, über das ſie ſchauderte. Beide flüſterten oft mit einander, gaben ſich verſtohlene Winke, ja ſie glaubte zu ſehen, daß ihre brennenden Blicke auf einander hafteten. Man hatte Adelaide, obgleich in derſelben Stadt wohnend, nicht zum kranken Vater gerufen. Erſt als 404 Constantin Weise. er unerwartet geſtorben, ſchon die Leiche gewaſchen und angekleidet war, hatte man es gethan. Vielleicht daß dieſe Verſäumniß ſie empfindlich, argwöhniſch geſtimmt hatte. Als die Erbtheilung vorüber war und Adelaide das Haus verließ, ſagte ſie zu ihrem Bruder im Fortgehen: „Conſtantin, habe Gott vor Augen und im Herzen und hüte Dich, daß Du in keine Sünde willigſt.“ Es waren noch nicht drei Wochen verſtrichen, als der Rechtscandidat Conſtantin Weiſe, ſeinen Bekannten unerwartet, ſeine Vaterſtadt verließ. Er hatte die er⸗ erbten Capitalien eingezogen oder cedirt und das Erb⸗ haus verkauft. Seine Schweſter erhielt folgenden Brief von ihm ſtatt Abſchiedes: Liebe Adelaide! Deine Mahnung iſt auf guten Boden gefallen; Du haſt mein Innerſtes durchſchaut; ich verlaſſe K.—, weil ich mich für zu ſchwach fühle, eine Leidenſchaft zu be⸗ kämpfen, deren Befriedigung ein großes Verbrechen ſein würde. Ich kehre erſt dann wieder nach K.— zurück, wenn ich völlig geheilt ſein werde. Lebe wohl! K—, am 19. October 1835. Dein Dich herzlich liebender Bruder Conſtantin. Seltſamer Weiſe hatte auch die verwitwete Commiſ⸗ ſionsräthin Weiſe am 21. October die Stadt verlaſſen, auch ſie hatte die ihr zugefallenen Capitalien eingezo⸗ gen, auch ſie ihr Haus am Ringe verkauft. Sie gab vor, ihre Tante in Altona beſuchen, oder vielleicht ſich ganz dahin zurückziehen zu wollen. In Adelaidens Bruſt ſtieg ein neuer Argwohn auf. ſchen und leicht duß geſinnt rlaide das Fortgehen: derzen und tichen, alö Bekanntel te die er⸗ daß Erb den Brif lenz Qu K.—, weil ſt ju be richen ſu zuit hl Buder e Comm n einge Sie 9. ſich icllicht ſlo gwohn 60 Constantin Weise. Aber ſie kannte, liebte, achtete ihren Bruder. Sein Brief beruhigte ſie, ſie drängte mit Gewalt alle böſen Gedan⸗ ken zurück und war genug Herrin ihrer ſelbſt geweſen, Niemanden etwas von ihrem Verdacht mitzutheilen, auch ihrem Manne nicht. Am 10. November ließ ſich das Stubenmädchen ihres Vaters bei ihr melden. Julie Brenner bat um eine ganz geheime Unterredung. In einem abgelegenen Zim⸗ mer fiel ſie vor der jungen Frau auf die Knie, und bat ſie um Gottes willen ihr zu vergeben, daß ſie ihr erſt jetzt Thaten entdecke, vor denen die Menſchheit ſchaudere. Adelaide bebte an allen Gliedern. Was ſie hören mußte, ſollte ſie noch tiefer erſchüttern. Die Ausſage der Brenner, nachdem ſie zu ſich gekommen, lautete: Als der junge Herr Weiſe gegen 1834 von ſeinen Reiſen zurückgekehrt war, merkte ich gar bald, daß dem jungen Herrn die Stiefmutter nicht gleichgültig war. Er ſuchte, ſo oft es nur irgend möglich war, in ihrer Nähe zu ſein; er ſagte ihr Worte, wie nur eine heftige Liebe ſie eingeben kann, und leider nahm ich auch bald wahr, daß die junge Frau ſolche Reden gut aufnahm. Gegen Pfingſten verreiſte der Herr Commiſſionsrath Weiſe auf einige Tage, und während dieſer Zeit ſah ich den jungen Herrn faſt ſtets in dem Zimmer der jungen Frau. Am dritten Pfingſtfeiertage früh trat ich in ihr Zimmer und traf Beide auf dem Canapee in fleiſchlicher Umarmung. Der junge Herr ſprang auf und fuhr ganz erboſt auf mich zu, allein die junge Frau, nachdem ſie ihr Kleid etwas in Ordnung gebracht hatte, nahm mich bei Seite, gebot mir Schweigen und gab mir zwei Ducaten. Seitdem haben ſich Beide vor mir nicht mehr geſcheut. Wenn der Herr Commiſſionsrath zu Bette gegangen 406 Constantin Weise. war, ſchlich der junge Herr ſich in das Schlafgemach der Frau und verließ daſſelbe gewöhnlich erſt früh Mor⸗ gens. Das geſchah jede Woche zwei, auch drei Mal. Selbſt in Gegenwart des Herrn Commiſſionsraths war⸗ fen ſie ſich verſtohlene Kußhände zu, und über Tiſche hafteten ihre brennenden Blicke oft aufeinander. Am 14. Trinitatisſonntage(20. Sept. 1835) lauſchte ich Abends gegen 10 Uhr an der Thüre, welche zur Schlafſtube der jungen Frau führt. Ich hörte leiſe ſprechen, erkannte aber doch die Stimme des jungen Herrn und der Frau. Das Zwiegeſpräch drehte ſich, wie ich hörte, um ihre leidenſchaftliche Liebe und darum, daß es anders werden müſſe, daß ſie ſich des Alten ent⸗ ledigen und dann mit dem väterlichen Vermögen in einem fremden Lande niederlaſſen müßten. Mir ſtiegen die Haare zu Berge! Zwei Tage ſpäter war Geſellſchaft bei dem Herrn Rath Wagner; der Herr Commiſſionsrath Weiſe und die junge Frau gingen auch hin. Während dieſer Ab⸗ weſenheit war der junge Herr ſehr ängſtlich; er ging von einem Zimmer in das andere! Als es Abends 10 Uhr geſchlagen hatte, befahl er mir, dem Vater ſein Glas Zuckerwaſſer an das Bett zu ſtellen; ich that es auch ſogleich und ſah dann, daß der junge Herr ſich noch mit dem Glaſe beſchäftigte. Er hob es einige Mal in die Höhe, rüttelte die Flüſſigkeit einige Mal um und ging dann wieder ängſtlich auf und ab. Endlich kam der Herr Commiſſionsrath und die junge Frau; der junge Herr gab ihr einen bedeutenden Wink, der auch auf das Glas mitfiel; ich hätte aber eher des Himmels Einfall befürchtet, als daß der junge Herr etwas Böſes in das Glas gebracht hätte! Der Herr Commiſſionsrath entkleidete ſich, trank das Waſſer, wie er gewohnt war, hlafgemach frih Mor⸗ drei Mal. zraths war⸗ iber Tiſch er. 5) luſcht welche zu hörte liſ des jungen rehte ſih ind darum, Alten eh mügen in lir ſtiegen den Hertn Weiſ un dieſer A z e gin 6 Ae Pater ſein ch thet Her ſt irige V al um un ndlich kn Fral der ol ie iſſnn vohnt Constantin Weise. 407 auf ein Mal aus, äußerte aber auch zugleich, daß es ſonderbar ſchmecke. Er legte ſich zu Bette; es war aber kaum 11 Uhr, als ich Thee kochen mußte, weil der Herr unwohl war. Er erbrach ſich, hatte Krämpfe, ächzte heftig und warf ſich im Bette herum. Jetzt ge⸗ bot der junge Herr mir, ich ſolle aus der Stube gehen, was ich auch that. Ich habe dann den guten Herrn lebend nicht mehr geſehen. Als ich den Leichnam wie⸗ der ſah, war er ſchon völlig angekleidet, was Niemand anders als der junge Herr oder die Frau, oder Beide zuſammen gethan haben konnten, weil kein fremder Menſch ins Haus gekommen war. Ich glaube, der gute Herr iſt vergiftet worden; ich glaube auch, daß die junge Frau vom jungen Herrn ſchwanger iſt, weil ſie ihre Reinigung in der letzten Zeit nicht gehabt hat, auch glaube ich, daß ſie zuſammen in ein fremdes Land ent⸗ wichen ſind. Ich hätte das Alles gleich geſagt, aber ich fürchtete mich vor dem jungen Herrn, auch hatte ich zu wenig geltenden Beweis. Das muß ich noch ſagen, daß der junge Herr auch die Ringe genommen hat, welche fehlen; ich habe ſie bei ihm geſehen.“ Adelaide war, einer Ohnmacht nahe, auf das Sopha geſunken. Sie gebot dem Mädchen fürs erſte gegen Jedermann das tieſſte Schweigen und ließ dann ihren Mann rufen. Sie gewann die Kraft, ihm den ganzen Inhalt der Anklage mitzutheilen, und fragte ihn, unter einem Strom von Thränen, was da zu thun ſei? Der Regierungsaſſeſſor war, als Staatsdiener und Juriſt, kei⸗ men Augenblick unſchlüſſig. Das vorliegende Verbrechen, mit einer ſo beſtimmten Anklage, unterſtützt durch ſo wiele Umſtände, ſei der Art, daß es nicht mehr aus Verwandtenrückſichten vertuſcht und in der Familie be⸗ Halten werden dürfe, die Pflicht vielmehr gebiete, es dem ——— 408 Constantin Weisr. Criminalgericht anzuzeigen. Es ſei auch Pflicht gegen den Bruder ſeiner Frau, damit, wenn er unſchuldig, er ſich vor ſolcher Anſchuldigung rechtfertigen könne; ſei er ſchuldig, könne er nur durch Erleidung der Strafe ſeine That ſühnen. Schon am Nachmittag deſſelben Tages machte der Aſſeſſor von B... beim Criminalgericht die Denun⸗ ciation. Sofort ward die Brenner, ein unverdächtiges Mädchen, 26 Jahr alt und Tochter eines verſtorbenen Regierungstanzelliſten, zu Protocoll vernommen; ſie wie⸗ derholte die obige Erzählung, ward darauf vereidet und zur Verſchwiegenheit angewieſen. Am 11. ward der Leichnam des verſtorbenen Weiſe ausgegraben, von mehren Perſonen, die ihn genau ge⸗ kannt, recognoſcirt und vor vollſtändig beſetztem Ge⸗ richt, mit der Obduction und Secirung verfahren. Die Fäulniß hatte den wohlgenährten, kräftigen Körper noch wenig angegriffen. Im Magen und den dünnen Där⸗ men fand man zwar Spuren von Entzündung, ſonſt aber„nichts Bedenkliches“. Bei der am folgenden Tage vorgenommenen chemiſchen Unterſuchung fand man jedoch „in den Contentis des Magens weißen Arſenik in auf⸗ gelöſtem Zuſtande“ Das Gutachten fiel dahin aus, „daß der Entſeelte ſo viel davon verſchluckt, daß er daran hätte ſterben müſſen“. So ſtand denn feſt: Weiſe war vergiftet worden. Denn an einen Selbſtmord konnte Niemand denken. Er war ein notoriſch lebensfroher Mann; der Rath Wag⸗ ner und ſeine Frau bekundeten eidlich, daß er am Abend vor ſeinem Tode in ihrer Geſellſchaft äußerſt luſtig ge⸗ weſen und von einer Reiſe mit wahrem Enthuſiasmus Pſlcht gegen unſchldig, e n könn; ſei g der Sfe s machte de die Denn mverdichtige verſtorbenn men; ſi wi vereidet un benen Weiſ n genau ge een Ge fahren. D Körper ne dünnen Di dung, ſo gendn u dmn ic ſnik in e dahin ckt, daß ftt vot denlen Juch V n i ſ hiz nthuſon Constantin Weise. 409 geſprochen habe, die er im Frühjahr mit ſeiner Gattin nach Florenz unternehmen wollen. Die gewichtigſten Indicien wieſen auf eine beſtimmte Thäterſchaft: die Ausſage der Brenner; die der jungen Frau von B... über das verdächtige Benehmen ihres Bruders und ihrer Stiefmutter; Conſtantin's ſchnelles Verſchwinden, nachdem er das Haus übereilt verkauft und die Capitalien ein⸗ gezogen; daſſelbe Verfahren der verwitweten Weiſe, die, nach amtlichen Nachrichten, nicht nach Altona gekommen war. Endlich hatte der Apotheker Veit, in einem zwei Stunden entfernten Marktflecken, unaufgefordert, auf das verbreitete Gerücht hin, daß der Commiſſionsrath Weiſe vergiftet ſei, beim Gericht die Anzeige gemacht, daß der Rechtscandidat Weiſe am 21. Sept.— alſo am Tage nach dem Trinitatisſonntage, wo die Brenner das geheime Geſpräch zwiſchen dem jungen Weiſe und der Stiefmutter in dem Schlafzimmer der Letztern be⸗ lauſchte— in ſeine Apotheke gekommen und für einen Groſchen Arſenikpulver, angeblich zur Vertilgung der Mäuſe, gekauft habe. Somit hielt ſich das Gericht für berechtigt, Steck⸗ briefe gegen Conſtantin und Anna, verwitwete Weiſe, zu erlaſſen. Sie ſind uns leider nicht mitgetheilt. Dieſe Steckbriefe waren vom 16. November 1835. Aber beinahe zwei Jahre vergingen, ohne daß man die geringſte Spur von den Entflohenen erhielt. Man durfte glauben, daß ſie über das Atlantiſche Meer ge⸗ gangen und in Amerika für immer verſchwunden wären. Auf einer Reiſe nach Italien beſuchte der Profeſſor Auguſt M... im Frühjahr 1837 den Lago Maggiore. Am 12. Mai ſchiffte er nach den Borromeiſchen Inſeln. XV. 18 410 Constantin Weise. Auf der Iſola Madre traf er einen ſihm bekannt ſchei⸗ nenden jungen Mann, auf deſſen blaſſem Geſicht eine tiefe Schwermuth lagerte. „Wir müſſen uns“, ſagte der Profeſſor,„ſchon ir⸗ gendwo geſehen haben, darum entſchuldigen Sie, wenn ich mir die Freiheit nehme, nach Ihrem werthen Namen zu fragen.“ „Nennen Sie mich Troſtlos“, erwiderte der junge Mann;„ich bin in der That, was dieſer Name ſagt. Ich verlor vor 14 Tagen meine Gattin in Arona und bin nur hierher gekommen, die Stellen noch ein Mal zu beſuchen, die ich noch kürzlich mit einem weiblichen We⸗ ſen durchwanderte, deſſen Tod mein irdiſches Paradies zertrümmert hat.“ Er brach dabei in einen Strom von Thränen aus und ſagte nach einer Pauſe zum Lands⸗ mann:„Ich reiſe in einigen Tagen nach K... ab, um meine Schweſter zu beſuchen, die ich lange nicht ſah.. „Nach K..., fiel der Profeſſor ein,„im Herzog⸗ thum—2“ „Eben dahin“, erwiderte der junge Mann, und Beide trennten ſich. Der Profeſſor nicht ohne einen Schauer⸗ Der ganze Zuſammenhang der Dinge ſtand ihm augen⸗ blicklich vor der Seele, er kannte genau die gräßliche Geſchichte in der, ſeinem Domicil benachbarten, ſächſi⸗ ſchen Stadt; der des Vatermords und der Blutſchande geziehene Sohn hatte in der Geſtalt des blaſſen, düſtern Troſtlos vor ihm geſtanden. Der Profeſſor fuhr nach Arona und ſtellte Erkun⸗ digungen an. Ohne Mühe erfuhr er, daß ſeit dem No⸗ vember 1835 ſich hier ein junges deutſches Ehepaar aufgehalten. Die junge Gattin ſei im April 1836 von einem todten Kinde entbunden worden, und ein Jahr Constantin Weise. 411 mt ſchei darauf, in dieſem April 1837, an einem nervöſen Fie⸗ ſich ein ber, verſtorben. Bald nach der Beerdigung ſeiner jun⸗ gen Gattin hatte der Ehemann Arona verlaſſen, an⸗ ſchon i geblich, um in ſein Vaterland zurückzureiſen. In ſeinem ie, wem Paß war er Julius von Erbach genannt. Der Paß en Namen war vom Magiſtrat in M... ausgeſtellt. Der Profeſſor ſchrieb ſofort an den ihm bekannten der jung Schwager Conſtantin Weiſe's, den Regierungsaſſeſſor ame ſigt von B.., welcher den Brief, zur etwanigen weitern tonn und Verfolgung, an den Criminalrichter abgab. nMl jn So romanhaft dieſe Begegnung und Geſchichte klingt, ihen Ve iſt ſie doch in allen ihren Zügen wortgetreu aus den gurit Acten entnommen. Aus dem Briefe des Profeſſors in trom von denſelben hat Biſchoff buchſtäblich das Zuſammentreffen Lands⸗ und Geſpräch mit dem jungen Weiſe aufgenommen. ngt nicht Einer weitern Verfolgung auf dieſe Anzeige, ſeitens des Gerichtes, bedurfte es nicht. bn Am Tage Peter und Paul, am 29. Juni 1837, in dBeh der Abenddämmerung, trat ein Reiſender in das Haus „. 6. des Regierungsaſſeſſors. Er trat in Adelaidens Zimmer, 6. und ihr Bruder Conſtantin Weiſe warf ſich vor ihr m 2 nieder und klagte ſich mit dürren Worten des Vater⸗ ijt mordes und der Blutſchande an. Unter heftigem Schluch⸗ zen bat er, daß ſie, die Schweſter, ihm wenigſtens ver⸗ utſch gebe. Er ſtand dann auf, legte ſtumm ein Packet auf Vdi den Tiſch, ergriff der Schweſter Hand, preßte ſie heftig an die Bruſt und eilte zum Hauſe hinaus. Die Schwe⸗ e ſter war bei dem ganzen Vorfall nicht im Stande ge⸗ dn weſen, ein Wort zu ſprechen. 6heh In dem Packet fanden ſich ſpäter 30,100 Gulden 635 18* (n 412 Constantin Weise. Conv.⸗Münze in öſterreichiſchen Banknoten und die drei bei der Erbtheilung vermißten Brillantringe. Weiſe ging aus dem Hauſe der Schweſter ſofort zum Criminalrichter, wiederholte hier dieſelbe Anklage und verlangte ausdrücklich, in das Gefängniß abgeführt zu werden. Schon am folgenden Tage wurde Conſtantin ge⸗ richtlich vernommen. Nachdem er über ſeine Familien⸗ verhältniſſe das uns Bekannte zu Protocoll gegeben und namentlich der zweiten Verheirathung ſeines Vaters er⸗ wähnt hatte, ſagte er: „Ich kannte Anna, ja ich liebte ſie früher, ehe der Vater ſie heirathete. Sie war meine Jugendgeſpielin und, als ich älter wurde, meine Geliebte. Wenn ich die Ferien im väterlichen Hauſe verlebte, trafen ich und Anna öfters auf Spaziergängen zuſammen; wir ent⸗ warfen den Plan für die Zukunft und dachten damals nicht, welch großes Unglück uns bevorſtehe. Im Som⸗ mer 1830 ſchrieb Anna, deren Vater ein halbes Jahr früher verſtorben war, mir nach Jena und machte mir Vorwürfe über meinen angeblichen Umgang mit der Tochter des Profeſſor K—d. Ich antwortete ihr in einem empfindlichen Tone und erhielt zu meinem Schrek⸗ ken gegen Michaeli 1830 vom Vater die Nachricht, daß er ſich mit Anna vermählt habe. Ohne das väterliche Haus zu beſuchen, ließ ich mich im Herbſte 1831 vor der Regierung in M... eraminiren, ging, wie geſagt, auf Reiſen und kehrte erſt vor Oſtern 1834 in die Hei⸗ mat zurück. Das Verhältniß zwiſchen mir und Anna war in den erſten Tagen höchſt drückend, bald aber waren wir Beide nicht mehr mächtig, unſere frühere leiden⸗ ſchaftliche Liebe zurückzuhalten; wir wurden Verbrecher!“ — Da Weiſe bat, das Verhör abzubrechen, er auch und die drei eſter ſcſort lbe Anklag abgeführt ſtantin ge⸗ e Fumilien⸗ egeben und Vuters er⸗ het, che de endgeſielu Venn ic en ich und wir eh ten damals Im Son ubes Iih machtt ui g nit de en ihr! en Schn richt, viterit sl v Constantin Weise. 413 ſichtlich angegriffen war, ſo wurde er, nachdem das Protocoll vorgeleſen und von ihm genehmigt worden war, wieder abgeführt. Am 1. Juli 1837 ſetzte man das Verhör mit dem Inculpaten fort: „Ich ſprach geſtern“— ſagte Weiſe—„daß Anna und ich Verbrecher geworden wären. Wir haben lange gekämpft, aber umſonſt! Anna fühlte ſich im Septem⸗ ber 1835 ſchwanger von mir. Sie eröffnete mir dieſe Nachricht unter den Aeußerungen banger Beſorgniſſe. Mein Vater hatte ſeit längerer Zeit, wie ſie ſagte, ihr nicht ehelich beigewohnt; Schimpf und Schande werde, wie ſie unter Thränen äußerte, ihr Loos ſein! Ich war um ſo weniger im Stande, ſie zu tröſten, da ich ſelbſt über dieſe Nachricht zum Tode erſchrocken war. Lieber wollte ſie ihrem Leben im Waſſer ein Ende machen, falls ein anderer Ausweg nicht mehr möglich ſei. Der Vater war zu jener Zeit unzufrieden mit mir, weil der Magiſtratsrath Dr. S... ihm geſagt hatte, ich ſei nachläſſig und zerſtreut, er wiſſe nicht, was er aus mir machen ſolle. Wäre— dachte ich— der Vater todt, ſo wäre alle Schmach von mir und Anna genommen! An dieſen Gedanken knüpfte ſich die Hoffnung, daß ich dann irgendwo mit ihr ehelich leben könne, während ich mich überzeugt hielt, daß Anna ſich ums Leben bringen werde, wenn ſie nicht von der ihr drohenden Schmach befreit werde. Dieſer Gedanke beſchäftigte mich einige Tage; ich äußerte denſelben endlich gegen Anna; ſie ſchwieg einige Augenblicke, dann aber ſagte ſie: Con⸗ ſtantin, Du haſt Recht; ein Leben muß vernichtet wer⸗ den, wenn zwei Leben(damit meinte ſie ſich und ihr Kind, mit dem ſie ſchwanger ging) erhalten werden ſollen! Ich ſprach dann einige Tage vor der Ausfüh⸗ — 3 3 1 K ————.——— 414 Constantin Weise. rung meines Vorſatzes noch ein Mal mit ihr in ihrer Schlafſtube, und hier kamen wir überein, daß der Vater vergiftet werden ſolle und daß wir dann unter fremden Namen in Arona, wo ich früher geweſen war, uns niederlaſſen und dort als Mann und Frau leben woll⸗ ten. Ich ritt am 21. Sept. 1835 nach M... ließ mir in der dortigen Apotheke für einen Groſchen Arſe⸗ nikpulver, angeblich gegen die Mäuſe, geben, kehrte an demſelben Tage wieder nach K... zurück, konnte aber damals Anna nicht allein ſprechen. Am 22. September war Abends Geſellſchaft bei Wagner's. Ich ſollte auch daran Theil nehmen, allein ich blieb zu Hauſe, um die Vorkehrung zur Ausführung des Verbrechens zu treffen, was ich der Anna vor ihrem Weggange mit wenigen Worten ſagte. Als ich glaubte, der Vater werde nun zurückkehren, ließ ich durch das Stubenmädchen Brenner das Zuckerwaſſer zurecht machen, welches der Vater jeden Abend vor dem Schlafengehen zu trinken pflegte. Ich that die größere Hälfte des Arſenikpulvers hinzu, rüt⸗ telte die Flüſſigkeit einige Mal um und wollte mich eben entfernen, als der Vater und Anna von Wagner's zu⸗ rückkamen. Ich gab Anna einen Wink, mit dem ich ſagen wollte, was geſchehen ſei, und entfernte mich. „Gegen 11 Uhr war der Vater heftig krank; er hatte das Waſſer getrunken, Erbrechen bekommen und Krämpfe. Er verlangte nach dem Arzte, ich that, als eile ich ihn zu rufen, ging aber nach einer Weile wieder in das Zimmer und ſagte, der Doctor ſei verreiſt. Ich ſollte dann einen Chirurg rufen, allein auch dieſer war, wie ich fälſchlich vorgab, nicht einheimiſch. Gegen Morgen war der Vater ſchon gefühlloſer; er verlangte nicht mehr nach dem Arzte, trank eine große Menge Waſſer und verſchied am 23 September Nachmittags 2 Uhr. Das t in ihrer der Pter frenden war, unt eben wol⸗ licß chen Arſe⸗ kehrte an onnte abet September ſolle auc ſe um di zu treffen, twenigen verde nun Brennel zuttt joden egte⸗ 3 inzb, tit nich ebe gner it dem ih nich⸗ tz n ho dKrin ilt ih in 1 in do Constantin Weise. 415 Erbrochene habe ich und Anna weggebracht, und ich ſelbſt habe den Vater gereinigt und angekleidet. Das Waſſerglas habe ich weggeſchleudert und dann die Schwe⸗ ſter vom Tode des Vaters benachrichtigen laſſen, auch das Leichenbegängniß bei dem Geiſtlichen beſtellt. Am Tage der Beerdigung des Vaters haben ich und Anna uns auf die Knie geworfen und Gott um Verzeihung für unſer Verbrechen gebeten, uns aber auch ewig treue Liebe geſchworen!“ Auf die Specialfragen bekannte er, daß die Angaben der Brenner in allem Weſentlichen richtig ſeien, auch daß er dem Vater drei Brillantringe heimlich entfrem⸗ det gehabt— aber er habe ſie der Schweſter Adelaide auch wieder gegeben, wie er denn ſein ganzes Vermö⸗ gen in ihre Hand gelegt. Es ſolle ihr Eigenthum ſein; blos die Unterſuchungskoſten und— kaum hörbar ſprach er die folgenden Worte aus— die Koſten ſeiner Hin⸗ richtung ſolle ſie davon bezahlen. (Conſtantin's Erbtheil hatte, außer dem mütterlichen Vermögen, 20,000 Thaler betragen, dazu das Haus mit Mobilien, welches, in Anbetracht des baaren Erbtheils der Tochter von 30,000 Thaler, wenigſtens 10,000 Tha⸗ ler betragen mußte. Immobilien ſtanden zu jener Zeit (1835) zuhöchſt im Werthe. Conſtantin Weiſe durfte alſo, ohne den Werth der Pretioſen u. ſ. w., ein baares Vermögen von 30,000 Thalern mitgenommen haben. Kommt das der Witwe hinzu von 10,000 Thalern baar und, den Werth des kleineren aber wohleingerichteten Hauſes auf die Hälfte des größeren, alſo 5000 veran⸗ ſchlagt, ſo hatten die Flüchtlinge, als ſie die Vaterſtadt verließen, über mindeſtens 45,000 Thaler zu disponiren. Conſtantin brachte als ſein ganzes Vermögen p. p. 30,000 Gulden, alſo etwas über 20,000 Thaler zurück. In 416 Constantin Weise. anderthalb Jahren hätten alſo zwei einzelne junge Leute, welche ſich in die Verborgenheit eines Alpenſees zurück⸗ zogen, gegen 25,000 Thaler verzehrt; ein Umſtand, der zuſammengenommen mit dem der Diamantenentfernung, in der Hauptſache freilich nichts ändert, aber doch zu Vermuthungen Anlaß gibt, welche den ſentimentalen Lichtſchein, den die Darſtellung auf Conſtantin wirft, etwas dämpft.) Als der Criminalrichter ihn fragte, ob er glaube, daß er hingerichtet werde, antwortete er: „Ja, meine Verbrechen verdienen den Tod. Dieſe Strafe zu erleiden, bin ich hierher gekommen. Hätte ich das nicht gewollt, ſo wäre ich nach Anna's Tode nach Amerika gegangen, wozu ich Mittel und Kenntniß hatte.“ Zur Ergänzung ſeiner obigen Geſchichtserzählung fügte er noch Folgendes hinzu: „Als wir unſer Vermögen hier veräußert hatten, verabredeten wir die Tage unſerer Abreiſe. Ich reiſte am 19. October bis A..., wo ich einen Reiſewagen kaufte, und am 21. October 1835 kam auch Anna dorthin. Wir reiſten unaufgehalten nach Arona, wo wir uns eine freundliche Wohnung mit einem Garten mietheten. Wir unternahmen von da aus kleine Reiſen, bis Anna's vorgerückte Schwangerſchaft uns in Arona feſthielt. Am 16. April 1836 wurde ſie von einem todten Kna⸗ ben entbunden. Bis zu ihrem Tode, der am 28. April d. J. erfolgte, haben wir zuſammen gelebt wie Mann und Frau, wofür wir uns auch ausgaben.“ Befragt, wie es ihm möglich geworden, ohne poli⸗ zeiliche Legitimation in einem fremden Lande ſich nie⸗ derzulaſſen, bekannte er, ſich ſelbſt aus der Magiſtratur eines der dort vorräthigen Paßſchemata auf den Namen Jul ſein Rü die An geſt mit mitt Leb falſ bäu ſon dar kon ſeit ſeit wa Ve ſch an A lie lei ge Aute, z zück⸗ and, det tfernung, doch zu mentalen n wirft, aube, daß .— — en ſenntniß zblung tzahluns t hatten/ riſt on en kuſt⸗ dort tin wir uns nihu is An vſil dten Ku . Wi e Wn vie chne w ſh otl whn n an n Constantin Weise. 417 Julius von Erbach ausgefüllt und vorſorglich zugleich ſeine Gattin darin aufgenommen zu haben. Auf ſeiner Rückreiſe hatte er den Paß verbrannt. Er bekannte wiederholentlich alle ſeine Verbrechen: die Vergiftung des Vaters, in der Abſicht, ſich und Anna von der Schmach zu befreien, die ihnen bevor⸗ geſtanden; ſich vor und nach dem Tode ſeines Vaters mit ſeiner Stiefmutter fleiſchlich vermiſcht und ein Kind mit ihr gezeugt zu haben; endlich ſeinem Vater bei deſſen Lebzeiten drei Brillantringe entfremdet und ſich einen falſchen Paß, deſſen Schema er aus dem Magiſtratsge⸗ bäude entfremdet, angefertigt zu haben. Alle ſeine Angaben wurden als richtig befunden, in⸗ ſoweit die betreffenden Behörden, auch die in Arona, darüber um Auskunft erſucht, Nachricht darüber geben konnten. Auch im articulirten Verhör blieb Weiſe bei allen ſeinen Ausſagen. Er drückte ſich noch beſtimmter über ſeine Schuld und die Motive dazu aus. Auf die Frage: warum er, trotz ſeines Entſchluſſes, nachdem er das Vaterhaus von ſeinen Reiſen zurückkehrend, wiederge⸗ ſehen, ſofort abzureiſen, doch in K... geblieben ſei? antwortete er:„Weil meine alte Leidenſchaft für Anna erwachte und Anna ſelbſt mich leidenſchaftlich liebte.“ — Woraus ſchloſſen Sie, daß Ihre Stiefmutter Sie leidenſchaftlich liebte? „Gott! nennen Sie Anna nicht meine Stiefmutter. Ich fühle bei dieſem Ausdrucke jedes Mal einen Stich in meinem Herzen. Anna hat mir ihre grenzenloſe Liebe ſelbſt geſtanden.“ Auf die Frage: wie er zu den Ringen gekommen? gab er eine Antwort, die noch Manches unklar läßt: — —— 418 Constantin Weise. „Ich habe ſie aus dem unverſchloſſenen Pulte mei⸗ nes Vaters entfremdet; es iſt nach Pfingſten 1835 ge⸗ ſchehen. Ich wollte ſie Anna geben, unterließ es aber, weil ich glaubte, bei Anna zu verlieren, wenn ſie er⸗ führe, daß ich es geweſen, der die vermißten Ringe entfremdet hätte.“ Auf die Schlußfrage: ob er die Strafen kenne, wo⸗ mit das Geſetz die von ihm begangenen Verbrechen be⸗ drohe, ſagte er: „Ja! ich habe Criminalrecht ſtudirt und weiß, daß die Strafe des Verwandtenmordes alle andern Strafen, die ich noch verwirkt habe, unanwendbar machen wird. Ich habe den Tod verdient, den ich ſuche und wünſche.“ Dem, wie es ſcheint, vom Gerichtshof beſtellten, Defenſor blieb kein anderes Motiv zur Vertheidigung, als das Daſein eines Zuſtandes hervorzuheben, in wel⸗ chem die Möglichkeit aufgehoben geweſen, entweder über⸗ haupt nach Willkür zu handeln, oder dieſe Willkür dem Strafgeſetz gemäß zu beſtimmen. Wie beim Wahnſinn die zur Zurechnungsfähigkeit nothwendige Klarheit des Bewußtſeins geſtört ſei, ebenſo ſei ſie auch geſtört beim Wahnſinn der Leidenſchaft. Mit Strafe bedrohte Hand⸗ lungen könnten nicht beſtraft werden, wenn der Han⸗ delnde ſich in ſolchem Zuſtande vorhandener Angſt und Qual befinde, denen gewöhnliche menſchliche Standhaf⸗ tigkeit nicht gewachſen ſei u. ſ. w. Auch verſuchte er den Thatbeſtand des Verbrechens anzufechten, da ihm nach dem oberflächlichen Gutachten der Sachverſtändigen keinesweges ermittelt ſcheine, daß der Todte an der ge⸗ ringen Quantität Arſenik verſtorben ſein müſſe, die man in ſeinem Körper gefunden. Gewichtiger war nur ſein Pulte mei⸗ n 183 ge⸗ eß es aber, enn ſie er⸗ ten Ringe kenne, wo⸗ brechen be⸗ n Strafen chen witd wünſche“ beſtelten theidigung n, in wi veder übe Lillkir den Pehnim larheit d ftt bin de d Ang u Stndh rſuhle b0 Constantin Weisr. 419 Proteſt gegen die Anſchuldigung des Familiendiebſtahls. Da keiner von der Familie deshalb Klage erhoben, dürfe auch, nach der Corolina, hier nicht von Amts⸗ wegen verfahren werden. Am 3. October 1837 fällte das Juſtiz⸗Collegium zu M... das Urtheil, wonach Conſtantin Weiſe, des Va⸗ termordes geſtändig, auch der Blutſchande mit ſeiner Stiefmutter ſich ſchuldig gemacht zu haben,„dafern er bei ſeinen Geſtändniſſen vor öffentlich gehegtem peinli⸗ chen Halsgericht nochmals freiwillig beharre, oder ſeiner begangenen Verbrechen ſonſt mit Recht überführt würde“, in Kerkerkleidung zum Richtplatz zu führen und mit dem Rade von oben vom Leben zum Tode zu richten ſei.— Von den Unterſuchungskoſten würden die, durch die ge⸗ ſetzwidrige Unterſuchung des von ihm begangenen Fami⸗ liendiebſtahls entſtandenen, niedergeſchlagen. Die Entſcheidungsgründe bedürfen keiner Aufführung; daß hier eine volle Zurechnungsfähigkeit ſtattfand, welche die Strafe rechtfertigt, wird aufs bündigſte dargethan. Der Verurtheilte verzichtete auf das Rechtsmittel einer nochmaligen Vertheidigung, bat aber, ſich mit einer Vorſtellung an den Landesherrn wenden zu dürfen. Es war kein Begnadigungsgeſuch. Das höchſte Reſcript vom 23. October, in Folge der Vorſtellung erlaſſen, ver⸗ wandelte die Strafe des Rades in die des Schwertes. Conſtantin Weiſe beſuchte am Tage vor der Hinrich⸗ ung in Begleitung des Criminaldieners und des Geiſt⸗ ichen das Grab ſeines Vaters, kniete betend auf dem⸗ elben nieder und empfing Nachmittags den Beſuch ſeiner Schweſter und ſeines Schwagers. Der Auftritt, ſchreibt der Geiſtliche, war herzzerreißend. Die Schweſter warf ſch dem Bruder ſchluchzend in die Arme. Kein Vor⸗ wurf kam über ihre Lippen, ſie ſprach vielmehr Worte 420 Constantin Weist. des Troſtes und ſchied nach langer, ſtummer Umarmung des Unglücklichen unter den Worten: ſie hoffe, daß ſie ihn entſündigt in einer beſſern Welt wiederfinden werde. Er ſchlief die Nacht vor der Hinrichtung ruhig, ſtand früh gegen 6 Uhr erſt von ſeinem Lager auf, verrichtete, nachdem er ſich angekleidet, ein langes inbrünſtiges Ge⸗ vet, ſchrieb dann ſeiner Schweſter noch einen Brief, in welchem er ſie bat, den Ortsarmen 1000, dem Geiſtli⸗ chen 200, dem Gefangenmeiſter 100, und dem Gefan⸗ genwärter 50 Gulden Conv.⸗Münze von ſeinem Vermö⸗ gen auszufolgen und das Uebrige als ein Geſchenk eines unglücklichen Bruders anzunehmen, der ihr bis zum Tode ſeine Liebe widme. Sollte— ſo ſchrieb er an den Rand des Briefes— Anna arme Verwandte nach ſich gelaſſen haben, ſo wirſt Du ohnehin für ſie ſorgen. Am 3. November 1837 ward, nach gehegtem pein⸗ lichen Halsgericht, auf dem Marktplatz zu K.. die Hinrichtung wirklich vollzogen. Conſtantin empfing, nach dem Berichte des Ortsgeiſtlichen, als ein reuiger Sünder mit Ruhe und Standhaftigkeit den Todesſtreich. Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig warmung ſe, deß ſi den wade. hig, ſted verrichtete, ſtiges Ge⸗ Brirf, in m Geiſtit em Gefan⸗ n Vermi⸗ cent ein his zum Brilfes— ſo wirſt gtem pin⸗ anyi, ein wuigt deſreic ——————— Constantin Weist. . „ £ — 8 — — — — — — 8 ₰ — — — 8 — — — 1 — ₰ — — 3 6 8 — — 2 Srey Gont Sreen Nellow rol Cha Hed rt Magenta danes pið 6 „