☛ᷣ— Ibibtioche deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur vo Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und TCeſebedingungen. 1. Offensein der. Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 3 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk. Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 3„-. 3„=.. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Köſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ korene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —=— — Deutſche Bibliotheth. ecsere 8 Sammlung auserleſener Original⸗Romane. Unter Mitwirkung von Tudwig Bechſtein, Heinrich König, Hermann Kurz, Hermann Marggrafk, CThegdar Mlüagge, mMalkgang Müller, Otto Müller, Robert Prutz, Keopald Scheker, Georg Schirges, Kevin Schüching, Ludwig Storch, E. Millkomm u. a. m. 4 Herausgegeben von Otto Müller. 7 II. Charlotte Ackermann. Roman von Otto Müller. — APraeeeee Frankfurt a. M. Verlag von Meidinger Sohn& Cie. 1854. 5 Druck von C. W. Leske in Darmſtadt. Charlotte Ackermann. — Ein Hamburger SDSatere em 1 aus dem vorigen Jahrhundert von 1 Otto Müller. Motto: 3 Laſſ' nicht ungerühmt mich zu den Schatten hinabgehn, Nur die Muſe gewährt eintges Leben dem Tod. a (Goethe’'s Euphroſine.) K 2. Frankfurt a. M. Verlag von Meidinger Sohn& Cie. 1854. An Herrn Profeſſor Hermann Hettner in Jena. So lege ich Ihnen endlich das Buch vor, dem Sie ſchon ſo lange freundlichen Antheil und liebevolle Aufmunterung ſchenk⸗ ten. Ihnen dafür zu danken, zugleich aber auch öffentlich es auszuſprechen, wie hoch meine Freunde und ich Ihre Verdienſte um unſere poetiſche Literatur anerkennen, widme ich Ihnen dieſes— Buch und ziere es mit dem Namen eines Mannes, der ſich trotz ſeiner vielſeitigen gelehrten Bildung jene lebensfriſche Begeiſte⸗ rung, jene warme Hingebung und edle Humanität bewahrt hat, die allein den inneren Beruf des Aeſthetikers und Kritikers be⸗ kunden. Fahren Sie fort, uns in dieſer Weiſe auch fernerhin Lehrer, Bildner und anregender Freund zu ſein und ſeien Sie überzeugt, daß Ihr Einfluß auf Sitte, Bildung und Reinheit der An⸗ ſchauung in Allem, was die holden Muſen Schönes und Freund⸗ liches gewähren, immer bedeutſamer und ſegenbringender ſich geltend machen wird. Frankfurt a. M. 1. September 1853. Otto Müller. — — 1. „Am Kugelsort“ heißt noch heutzutage eine der vielen labyrinth⸗ artig ineinander gewundenen engen Gaſſen Hamburgs, welche unter dem Namen„Gänge“ bekannt ſind und ehemals noch mehr wie heute die Quartiere der tiefſten Armuth und Entſittlichung bildeten; dort wo die elendeſte Menſchheit unter der Firma Pöbel und Com⸗ pagniein allen ihren ſchrecklichen und traurigen Schattirungen ſich gleichſam ihre beſondere Stadt des Kummers, der Krankheit und des Laſters inmitten der großen Stadt des Ueberfluſſes und der Herrlich⸗ keit gebaut hat. In dumpfen halbzerfallenen Häuſern oder ſogenann⸗ ten Bauſälen und Höfen, welche letztere meiſt wieder eigene Gaſſen und abgeſchloſſene Winkel bilden, lebt hier der Proletarier Hamburgs ein Daſein, dem vom Glück und der Freude der übrigen Welt eben ſo wenig Glanz beſchieden wurde, als ſeinen feuchten Kellerwohnungen vom Sonnenlicht, welches nur in kümmerlichen Strahlen dieſe trüben Sitze des Elendes und der menſchlichen Entwürdigung beſcheint. Der Fremde, der zum Erſtenmale ſeinen Schritt in dieſes ſeltſam ver⸗ ſchlungene Gewirre von Gaſſen, Gängen und Nebengängen lenkt, die kaum für eine Wagenſpur breit genug ſind, bald in holperigen Ab⸗ ſätzen ſich ſenken, bald wieder hügelartig emporſteigen, wird ſich ver⸗ gebens nach einem Ausweg aus dieſem krummen, engen und winke⸗ ligen Straßenlabyrinth umſehen; ja die Augen der Bewohner blicken ihn eben ſo fremdartig an wie er ſie, ein Beweis, daß er für ſie nicht minder Gegenſtand der Neugierde iſt, als für ihn dieſe ganze fremdartige Umgebung. Bald ſieht er ſich, der noch eben im lauten rauſchenden Gewühle der großen Stadt wandelte, wie durch einen Zauber in ſtille, menſchenleere Bezirke verſetzt; das geſchäftige Leben, das Drängen und Treiben weicht einer tiefen Monotonie; nur das Hämmern und Klopfen des kleinen Handwerkers, der in dunkler Hin⸗ Todes öde Geſtade! — 8— terſtube fleißig arbeitet, dringt zuweilen aus einem der Höfe hervor, oder das Schreien eines Kindes, das buhleriſche Lachen und Kichern einer geſchminkten Dirne hinter dem halberblindeten Fenſter eines armſeligen„Sahles,“ zu welchem eine ſchmale, gewöhnlich ſehr ſteile Treppe von der Straße aus als einziger Zugang hinaufführt, Alles dies erinnert daran, daß auch hier das Leben noch ſich fortſetzt in ſeinem Schaffen und Ringen, ſeinen Tugenden und Sünden, nur in minder durch den Schein berückender und verſöhnender Geſtalt. Hier nun, am Kugelsort war es, wo an einem trüben Nach⸗ mittage des Spätherbſtes 1774 eine Anzahl Menſchen aus der unterſten Volksklaſſe, junge und alte Leute von bettelhaftem Ausſehen, die niedere Thür einer der ärmlichſten Wohnungen dieſes Stadtviertels umſtanden und, ohne trotz ihrer zerlumpten Kleider auf den fein herniederrieſelnden Regen und die kalten Herbſtesſchauer zu achten, neugierig in das Innere der Wohnung blickten. Es war ein Haufe des armſeligſten Geſindels und die ekelerregenden Geſtalten mehrerer offentlichen Dirnen bildeten gleichſam die Hefe dieſer aus Schmutz, Elend und Verworfenheit zuſammengeſetzten Volksgruppe. Theils mit ſtumpfem Gleichmuth, theils mit dem Ausdruck jener frivolen Neu⸗ gierde in den Mienen, die den rohen Menſchen auch bei dem erſchüt⸗ terndſten Anblick nicht verläßt, ſtarrten Alle auf den auf der Diele ausgeſtellten Sarg, darin ein Mädchen lag, deſſen leidvolle Züge noch im Tode und ſelbſt vor ſolchen Zeugen die rauhe Hand anklagen zu wollen ſchienen, die ſolche reine Roſe knickte! So ſchuldlos lag fie da in ihrem armſeligen Todtenkleide, die Tochter der Proſtitution und des Elendes; und der Unehre letzter Schmuck, in der ſie lebte und ſtarb, ein grüner Rosmarinzweig mit ſchwarzem Bande um das Haupt gewunden, hätte wohl auch ohne die Kenntniß des Leides, welches ihr Herz brach, einen gefühlvollen Menſchen zu der Frage bewegen können, warum ſo viel Lieblichkeit und Anmuth wenigſtens nicht im Tode der jungfräuliche Myrthenkranz zieren, warum der dunkle Rosmarinzweig auf ſo reine Stirne noch im Sarge den Dorn der Verachtung drücken ſolle für ein ſchuldbeladenes, nun für immer ausgeweintes Daſein? Ach, des Lebens rauhe Woge, wie manche⸗ Perle ſchleudert ſie nicht ungekannt aus der ſchlammigen Tiefe an des —— —— Das hat ſie nun davon! kreiſchte ein altes Weib aus dem Haufen. Da ſeht den Hochmuth, der noch im Sarge groß thun möchte mit ſeiner vornehmen Unſchuld! Weil's ein Herr Baron war, ein feiner Cavalier, bildete ſie ſich Wunder was auf ihre verlorene Keuſchheit ein und der ſchmucke Matroſe von Helgoland mit der vollen Börſe, der um ſie freite und ſie gar noch im ſiebenten Monat ihrer Schwangerſchaft zum Weibe begehrte, mußte mit Spott und Hohn abziehen, derweil ihr das Röckchen vorn immer kürzer und die Zeit nach der Wiederkehr des vornehmen Liebhabers immer länger wurde. Erſt ſang ſie traurige Lieder, dann wollte ſie beim Graskeller in's Waſſer gehen, als ob ſich's gar nicht ohne Jungfernſchaft leben ließe, am Ende aber hat ſie doch dran glauben müſſen, daß die mit dem Baron fort war, und über dem Nachſehen ging ihr zuletzt das Le⸗ benslicht aus. Ein widerliches Hohngelächter der zunächſt ſtehenden Dirnen und freche Läſterungen gegen die ſchöne Todte im Sarge waren die Ant⸗ wort auf dieſe Grabrede der alten Unholdin; und das gefühlloſe Volk, dem einmal das Stichwort der Rohheit und Unnatur gegeben war, hatte nun gar kein Mitleid mehr mit Einer, die ſo lange gegen jede Gemeinſchaft mit ihm angekämpft, bis der milde Engel des Todes ſie für immer daraus erlöste. So wurde, was nach einer frommen Sitte damaliger Zeit bei Todten galt, daß man nämlich die Leiche vor der Beerdigung aus⸗ ſtellte und Freunden und Bekannten den Zutritt geſtattete, im Hauſe der Sünde zu einer Scene der roheſten Art, und ſelbſt der Anblick einer Leiche machte hier keine Wirkung auf dieſe von Laſter und Elend verhärteten Herzen. Niemand beklagte das traurige Schickſal der Ver⸗ ſtorbenen, man ehrte weder ihr Andenken, noch den Ernſt der Stunde; ja, der Ausdruck von Unſchuld und Seelenreinheit in den todten Zügen ſchien die Gemüther noch mehr zu erbittern, vielleicht weil ein dunkles Gefühl ihnen ſagte, daß die Verſtorbene doch beſſer ge⸗ weſen als ſie Alle, und wenigſtens ihre Schmach nicht lange über⸗ lebt hatte. Eben als die Leichenträger von St. Michaelis anlangten, erſchien auf der Schwelle des Sterbehauſes die hohe Geſtalt einer hagern Frau allen Ständen Hamburgs für die letzte Pflicht der Pietät gegen den — 10— von ältlichem Ausſehen in einem faſt theatraliſchen Koſtäm. Sie trug ein ſafranfarbiges Tuch turbanartig um den Kopf gewunden und ihr buntgeblümtes Kleid von verſchoſſenem Zitz unterſchied ſich eben⸗ ſowohl durch den wenig ehrbaren Schnitt wie durch die große Ueber⸗ ladenheit an Putz und Bändern von demjenigen anderer Bürgerfrauen. Ihr geſchminktes Geſicht mit den ſcharfen Zügen und der ſpitzen Naſe hatte einen ungemein frechen Ausdruck, und die braunen Augen zeigten jenen irren ſtechenden Blick, der bei alten Koquetten den feurigen Glanz der verlorenen Jugend erſetzen ſoll. Einen häßlichen Schooß⸗ hund unter dem Arme, drängte ſie ſich ohne Umſtände mit gebietendem Weſen durch den Haufen der Neugierigen, von denen ſie nicht ſobald erkannt wurde, als von allen Seiten der Ruf ertönte: Madame Fanny! Macht Platz für Madame Fanny! Ihr ſollt mir's alle bezeugen! rief ſie in einem fremden Dialekt in heftigem Zorn, als ſie an dem Sarge vorbei, welchen ſie nur mit einem Blicke ſtreifte, die Thüre zu der einzigen Stube im Erdgeſchoß erreicht hatte. Wo iſt die Stockelhörnin, die ſich erfrecht mir ſagen zu laſſen, ich ſolle das Kind der Verſtorbenen abholen, da ich ihr die Mutter in's Haus geſchafft? Was geht mich der Stockelhörnin ihre Wirthſchaft an! Sie mag ſehen, wer ihr das Kind abnimmt! Das wird ſich bald zeigen, ſagte ein dickes unfläthiges Weibs⸗ bild, welches ſich jetzt in keineswegs gewinnender Geſtalt mit kurz⸗ geſchnittenen grauen Haaren in die niedere Thüre pflanzte. Die da, fuhr die verrufene Herbergmutter, auf die Leiche deutend, fort, iſt durch Sie in mein Haus gekommen; Sie hat für Bertha das Koſt⸗ geld bezahlt, ſpärlich genug; denn ſie hat mir nichts eingebracht als Sorge, Aergerniß und ein Wochenbett dazu. Und nun will Sie mir auch noch das Kind aufladen obendrein? Proſt Mahlzeit! Den Vater muß Sie kennen, Madame Fanny, denn wer anders hat ihn mit der Bertha zuſammengekuppelt; an ihn haltet Euch alſo und macht Euch bezahlt für den Wurm, den ich keine Nacht länger unter meinem Dache behalte. Doch was red' ich da! Die Mutter iſt todt, das Kind lebt und will ernährt ſein— alſo kurzweg, wollt Ihr oder wollt Ihr nicht?— Sonſt ſuch' ich mein Recht da, wo ich's auch ohne Euch kriege— beim Niedergericht! Die Stockelhörnin ſtemmte bei dieſer Frage ihre beiden dicken — 11— Arme mit unbeſchreiblicher Frechheit in die Seiten und hörte mit größter Gelaſſenheit die Wuthausbrüche ihrer Gegnerin an, deren Leidenſchaft keine Grenzen mehr kannte. Nur mit Mühe hielten die Leichenträger Madame Fanny von Thätlichkeiten ab, die ſich wie eine Megäre ihren Armen zu entwinden und mit geballten Fäuſten auf die Stockelhörnin loszuſtürzen ſuchte, während die Zuſchauer in heftigem Wortwechſel Partei für die eine oder die andere der ſtreitenden Ri⸗ valinnen nahmen, und ein gräulicher Tumult um die ſtille Leiche entſtand, den die Zureden einiger wenigen beſonnenen Leute vergebens zu beſchwichtigen ſuchten. Aus einem friedlichen Begräbniß drohte eine Scene roheſter Gewaltthat zu werden, ſelbſt der Ruf nach dem Straßenvogt verhallte in dem heftigen Gezänke von einem Dutzend kreiſchender Weiber und Dirnen. Immer mehr Neugierige, darunter auch Leute aus den beſſeren Ständen, verſammelten ſich vor dem Sterbehauſe, und Eine davon, — gerade Diejenige, deren Erſcheinung an dieſem verrufenen Orte wohl Niemand erwartet hätte, ſah ſich durch das Gedränge bald bis auf die Diele vorgeſchoben, während ihre Begleiterin, eine wohlbeleibte ehrbare Matrone, deren Tracht die Dienerin aus reichem Hauſe verrieth, nur mit Mühe den Platz hinter ihr behauptete, nach allen Seiten hin abwehrend und die Nächſtſtehenden anflehend, ihrem Fräulein nicht zu nahe zu kommen. Es war eine junge Dame aus vornehmem Stande, deren Er⸗ ſcheinung, obwohl ſie ſelber ſichtbar beſtürzt die unheimlichen und häßlichen Geſtalten ihrer Umgebung betrachtete, dennoch hinreichte, den heftigen Streit um das Kind einer todten Mutter mit Einmal zu beſchwichtigen; Neugierde und Staunen, dazwiſchen leiſes Flüſtern und Fragen ließen im Augenblick die noch eben ſo laute Zänkerei verſtummen; die junge Dame, die ſich ſo unerwartet in dieſe ihr fremde Welt des Elends und des Laſters verſetzt ſah, faßte ſich ſchnell, trat feſten Schrittes an den Sarg und fragte mit bewegter Stimme: Iſt das die Mutter von dem armen Kinde? O Lena, ſieh dieſe ſchöne Todte! Wer kann ſie anblicken ohne die innigſte Rührung! Aber nein, man ſoll ſie nicht ſo barbariſch behandeln; holt mir das Kind, daß ich ihm noch einmal die Mutter zeige, eh' Ihr ſie ihm für immer forttragt und es hülflos in der feindlichen Welt zurückbleibt! 8⁸% — 1 2— Der ernſte Ton, die gebietende Miene, mit der ſie dies ſagte, übten auf die Umſtehenden eine unwiderſtehliche Gewalt aus und wie von einer höhern Macht bezwungen, riefen Alle wie aus einem Munde: Das Kind! Bringt der ſchönen Demoiſelle das Kind der armen Bertha! Madame Fanny, welche ſich gleichfalls neugierig zu der Unbe⸗ kannten im reichen Atlaskleid drängte, hatte ihr nicht ſobald unter den feinen ſpaniſchen Federhut geſchaut, als ſie einen Schrei der Ueberraſchung ausſtieß und ganz außer Faſſung gerieth. Wie?— Mademoiſelle Ackermann! ſtammelte ſie und küßte der jungen Dame, ehe dieſe es hindern konnte, mit vieler Affektation die Hand. Jeſu Maria! Wie kommen Ihre Gnaden in das Haus der Stockelhörnin? Ach, nicht wahr, Sie haben draußen auf der Straße den Lärmen gehört, und da wollten Sie zuſehen, worüber man eigent⸗ lich ſo hitzig ſtreitet? Aber ich ſchwöre Ihnen, junge Exeellenz, die Stockelhörnin hat Unrecht, ſo wahr ich die Ehre habe, die hoch⸗ gefeierte Künſtlerin Charlotte Ackermann vor mir zu ſehen! Schweigen Sie! Laſſen Sie mich! ſagte die Angeredete be⸗ troffen, und hatte Mühe, ſich von der läſtigen Perſon loszumachen, die mit Einmal eben ſo geziert und demüthig wurde, als ſie vorhin frech und hochfahrend geweſen war. Voll Beſtürzung, ſich erkannt zu ſehen, wußte Charlotte nicht, ob ſie bleiben oder raſch von dannen gehen ſolle. Lena zupfte ſie ein über's andere Mal am Kleide und bat um Gotteswillen, nicht länger zu verweilen: O Himmel! was werden die Leute ſagen, wenn ſie hören, daß Sie in dieſem Haus waren! Was wird Ihre Frau Mutter ſagen— und Mamſell Dorothea— und der Herr Bruder— ach, der Herr Bruder!— Fort! fort! eh' es noch weiter ruchbar wird, mir geht vor Angſt ſchier der Athem aus!— So flüſterte die beſorgte Matrone ihrer jungen Gebieterin in's Ohr und ſuchte ſie faſt mit Gewalt von dem Sarge hinwegzuziehen. Aber ſchon reichte man Charlotten das Kind der Verſtorbenen, ſie ergriff zitternd den ſchlum⸗ mernden halb nackten Säugling, drückte ihn ſanft an die Bruſt der todten Mutter und ſagte: Nun iſt's gut, Leute! Macht den Sarg zu und gönnt dem 13— armen Weibe den ewigen Frieden. Für das Kind aber will ich ſorgen, und damit es nicht friere, ſo wickelt es einſtweilen in meinen warmen Shawl, bis ich das nöthige Kinderzeug herbei geſchafft habe. Ach, nicht wahr, liebe Frau Stockelhörnin, Sie behalten das arme Weſen noch ſo lange bei ſich und pflegen es treulich, bis ich ihm ein anderes Unterkommen verſchafft habe? Hier iſt Geld für ſeine Pflege, ich zahle gerne noch mehr, ſo viel Sie fordern, nur hüten Sie es mir achtſam, daß es keinen Schaden nimmt. Die Herbergmutter griff mechaniſch zuerſt nach der Börſe, dann nach dem Kinde, wickelte es in den feinen Kaſchemir und verſprach mit ſtotternder Stimme Alles zu thun, was Mademoiſelle befehle. Der Name Charlotte Ackermann hatte wie ein elektriſcher Funke alle Anweſenden durchzuckt, und obwohl die Meiſten kaum wiſſen mochten, wen er bezeichnete, ſo wirkte doch ſein bloßer wohlbekannter Klang ſo mächtig ſelbſt auf dieſe Menſchen der unterſten Volksklaſſe, daß ſie darüber ſogar die rührende Seene mit dem Kinde vergaßen und mit ſtummer Ehrfurcht das Wunder von Hamburgs größter Berühmtheit betrachteten. Wie aber jetzt Charlotte ſich anſchickte, das Haus zu verlaſſen und freundlich grüßend der Thüre zuſchritt, drängten ſich Alle mit ſtürmiſchem Eifer an ſie heran, man faßte den Saum ihres Gewandes, ihn zu küſſen, man beugte ſich vor ihr wie vor einer höhern Erſcheinung, und die eben noch im Grimme einander geflucht, ſegneten vereint den guten Engel und nannten ihn ſchluchzend: Charlotte Ackermann. Nur mit Mühe gelang es ihr auf die Straße zu kommen. Lena trieb haſtend zur Eile;— Schnell, ſchnell, wir haben keine Zeit zu verlieren; in einer halben Stunde beginnt die Komödie und die Garderobiere wartet gewiß im Ankleidezimmer ſchon lange mit Aengſten auf Sie. Komödie? verſetzte Charlotte wie aus einem Traume erwachend. O Lena! Wüßten die Menſchen, wo die wahre Komödie geſpielt wird, ſie beſuchten nicht das Haus der Täuſchung und der blenden⸗ den Kunſt, um ſich von auswendig gelernten Worten erſchüttern, vom einſtudirten Spiel der Empfindungen hinreißen zu laſſen! 1. — 14— 2. 1 3 3 Gegenüber der großen Michaeliskirche, in der Straße, welche noch heut zu Tage der Kreyenkamp heißt, in der Nachbarſchaft des— Krameramthofs, ſtand zu jener Zeit ein zweiſtöckiges Wohnhaus, das ſich ebenſowohl durch ſeine anſehnliche Größe wie durch ſeinen 1 neueren Bauſtyl vor den meiſten Gebäuden der Umgebung auszeich⸗ nete. Den mit durchbrochener Schnitzarbeit verzierten Erker, welcher an der Südſeite vorſprang, ſtützten drei Karyatiden; auch die Fen⸗ ſtereinfaſſungen und Thürpfoſten waren mit ähnlichen Kranzarabesken b woerſehen, deren weiße Farbe freundlich von dem ſteinfarbigen An⸗ ſtrich des Mauerwerks abſtach. 4 Zwei Linden zur Seite der Thüre ſchlangen ihre Zweige in kunſtvollem Geflecht in einander, und bildeten unter der Baumſcheere ſteifmodiſcher Zucht eine breite Laubwand vor den drei mittleren Fenſtern des obern Stockwerks mit eben ſo vielen Ausſchnitten zur freieren 84 Durchſicht auf die Straße. An der ſchweren eichenen Thüre mit blanken Metallverzierungen hing an einer meſſingenen Kette ein Hammer, von Buchsbaum künſtlich gedrechſelt; denn den heutigen Schellenzug kannte man damals noch nicht und wer Einlaß begehrte, that dies durch einen oder mehrere leichte Schläge mit dem Hammer gegen die Thüre kund. Auf dieſes Zeichen erſchien dann gewöhnlich an der Pforte des eben beſchriebenen Hauſes ein altes zierliches Männchen in einer Schneeperücke mit Hunderten von fein gekräußelten Löckchen, die zu dem rothen Geſicht und den freundlich blinzelnden Augen einen Kontraſt bildete wie 2ee ehrwürdiger Silber⸗ ſchein zur fröhlichen Knabenzeit. Das um unſer Männchen X gleich bei ſeinem rechten Namen zu nennen, Niemand anders als Herr Kreyenpeter, der ehemalige Theaterſouffleur bei der Ackermann'⸗ ſchen Truppe, jetzt aber des Hauſes treuer Schirm⸗ und Sthutz⸗ vogt, in der Straße und Nachbarſchaft faſt eben ſo gut bekannt, wie in der halben großen Stadt Hamburg. Denn Niemand, der die Schwelle des Ackermann'ſchen Hauſes überſchritt, konnte Kreyenpeter's wunderlich geſchnörkelte Kratzfüße und ſeine von — 15— leiſem kinderartigen Kichern begleiteten Komplimente und Begrüßun⸗ gen unbeachtet laſſen, wobei er die kleinen Füßchen mit den großen Stahlſchnallen und den hohen Abſätzen ſo zierlich ſpitz über einander ſetzte, als ſei er von Kindsbeinen an nur im graziöſen Sarabanda⸗ und Menuetſchritt durch's Leben geſchwebt und getänzelt. Gewöhnlich trug — er eine große Schreibfeder mit langer Fahne als Zeichen ſeiner amt⸗ lichen Würde hinter dem Ohr; denn ſeine vornehmſte Charge im Hauſe, nachdem das Alter ihn zahnlos und zum Amte eines Souff⸗ leurs unfähig gemacht hatte, war unſtreitig die eines Secretarii im dienſtbefliſſenten Sinne des Wortes. Er führte nicht nur Buch über Alles was die Haushaltung anging; unter ſeiner kunſtgeübten Feden entſtanden auch alle jene mit unendlichem Fleiße mehr gemalten als geſchriebenen Rollenhefte, um welche die beiden berühmten Töchter des Hauſes jederzeit von dem übrigen Theaterperſonal beneidet wur⸗ den. Nur Liebe zur Kunſt ſelber konnte ſolche zierlichen, faſt wie. in Kupfer geſtochenen Schriftzüge auf's Papier malen, und je beſſer b dem emſigen und geſchickten Copiſten eine ſolche Abſchrift gelang, um 34 ſo ſicherer war er zum voraus überzeugt, daß rena der beiden Schweſtern, welche die Rolle auswendig zu lernen uͤnd darin auf⸗ zutreten hatte, am Abend der Vorſtellung jedes Wort feſt im Ge⸗ dächtniß haben und mit Ruhm vor dem Publikum beſtehen werde. Wenn Dorothea in komiſchen, Charlotte in hochtragiſchen Rollen jene Triumphe errangen, welche ihren Namen in der Geſchichte des Ham⸗ burger wie des deutſchen Theaters ſo berühmt gemacht haben, dann hatte Herr Kreyenpeter jederzeit das ſtolze Bewußtſein, zumeiſt durch ſeine unvergleichliche Abſchrift dieſen Erfolg bewirkt zu haben, und 1 er bildete ſich im Ernſte ein, daß nur durch ihn beide Schweſtern dieſe künſtleriſche Vollendung erreicht hätten; er betrachtete ſich als 4 ihren verkörperten Geni⸗ und vermittelte ſie gleichſam durch ſeiner Tinte magiſche Zauberkraft mit dem Dichter, deſſen Worte und Ge⸗ danken ja durch ſeine Feder den Weg zu ihrem Innern gefunden hatten. Dies war gewöhnlich die erſte Erſcheinung, welche dem Frem⸗ den auf der Schwelle des Ackermann’ſchen Hauſes begegnete, deſſen innere Einrichtung ſeinem Aeußern vollkommen tentſprach, in welcher ſich überall der Geiſt einer muſterhaften Ordnung und ſchönen Häus⸗ lichkeit mit edlem Geſchmack und gediegenem Wohlſtand paarte, ſo 9 2 1 daß man, wenigſtens nach dem Begriffe jener Zeit, hier ſchwerlich die Wohnung einer Schauſpielerfamilie hätte vermuthen ſollen. Und doch war es ſo; denn das Haus, in welches wir den Leſer eingeführt haben, hatte ſein Erbauer, der vor drei Jahren verſtorbene Direktor des Hamburger Theaters, Konrad Ernſt Ackermann, kaum ein halbes Jahr bewohnt, als ihn ein plötzlicher Tod aus dem Kreiſe ſeiner geliebten Familie und eines thätigen ſchickſalsreichen Künſtler⸗ lebens abrief. Seitdem bewohnte es die verwittwete Madame Acker⸗ mann mit ihren beiden Töchtern und dem Sohne aus erſter Ehe, Friedrich Ludwig Schröder, welcher gegenwärtig in Verbindung mit der Mutter die Direktion auf eigene Rechnung fortführte und mit des trefflichen Stiefvaters Beruf auch deſſen geachtete bürgerliche Stellung geerbt hatte. Dieſes vorausgeſchickt, nehmen wir den Faden unſerer Erzäh⸗ lung wieder auf, und befinden uns am folgenden Morgen nach jener Scene im Hauſe der Stockelhörnin, in der geräumigen Wohnſtube der Frau Ackermann, wo ſich gewöhnlich die kleine Familie beim Frühſtück zu einer ruhigen und gemüthlichen Stunde zuſammenzu⸗ finden pflegte, ehe des Tages vielfache Pflichten, Sorgen und Zer⸗ ſtreuungen, wie ſie der Künſtlerberuf in Verbindung mit einer ſo großen Geſchäftsleitung mit ſich bringt, Jedes in Anſpruch nahm, ſo daß oft erſt der ſpäte Abend nach beendigter Theatervorſtellung die Geſchwiſter wieder um die Mutter vereinigte. Heute ſchien es jedoch, als walte in dem ſonſt ſo traulichen Kreiſe nicht der unbefangene Ton der gewohnten Herzlichkeit; Char⸗ lotte war nicht anweſend, und ſowohl auf der Miene der Mutter wie auf derjenigen Dorotheens lagerte eine Wolke des Mißmuthes, während Schröder gleichfalls nicht in der beſten Morgenlaune ſein Frühſtück einnahm. Es war augenſcheinlich, daß man ein für Alle unangenehmes Geſpräch abgebrochen hatte, uhne die dadurch hervor⸗ gerufene Verſtimmung und Unbehgglichkeit eben ſo ſchnell beſeitigen zu können. Endlich unterbrach Schröder das Schweigen und ſagte mit einer recht bittern Betonung: Es ſcheint einmal Charlottens Schickſal zu ſein, daß ſie jede noch ſo ſchöne und löbliche Neigung ihres Herzens ſich und Andern —— 1 durch eine Unbeſonnenheit verleiden muß. Indem ſie das Beſte will, 1 läßt ſie ſich vom Eindruck des Augenblicks hinreißen, handelt ohne 1 5 Ueberlegung, nur nach den Eingebungen ihres ſchwärmeriſchen Ge⸗ R fühles und verleiht dadurch ihren Handlungen viel mehr den Anſtrich einer geſuchten Genialität als den der reinen natürlichen Herzensgüte. So hat ſie durch ihr geſtriges Abenteuer ſich und uns mehr Nachtheil bereitet, als ſie damit Gutes geſtiftet hat. Ich muß dir leider nur allzu ſehr beiſtimmen, erwiderte die Mutter mit einem Seufzer. Hat ſie ſchon als Mädchen unverzeihlich gehandelt, daß ſie ihren guten Ruf auf's Spiel ſetzte, ſo iſt ſie noch viel weniger als Künſtlerin zu entſchuldigen, die den Verleumdungen der Welt tauſendmal mehr ausgeſetzt iſt, wie jedes andere Frauen⸗ zimmer. O Herr meine Güte, wie werden unſere Feinde den Be⸗ ſuch von Mademoiſelle Ackermann im Hauſe der Stockelhörnin aus⸗ beuten! Wie wird der maliciöſe Doctor Dreyer den Skandal auf 3 ſeinem Höcker von Haus zu Haus tragen und in ſeinem Wochenblatt die Schauſpielerin entgelten laſſen, was doch nur das unerfahrene 4 Mädchen verſchuldet hat! Von der Börſe werden's heute Mittag die Herren ihren Frauen und Töchtenn nach Hauſe bringen und wir 7 erleben es, daß man ſie Abends im Theater mit Ziſchen und Hohn⸗ 5 gelächter empfängt. 4 3 Sie vergeſſen, liebe Mama, daß Charlotte heute die Rutland ſſpielt, ſagte Dorothea. 4 1 Deſto ſchlimmer! fiel ihr der Bruder heftig in's Wort. Denn die Verleumdung wird eben den Glanz ihres Talentes dazu be⸗ nutzen, um ihr Betragen nur deſto tiefer in den Schatten zu ſtellen, man wird— Charlotten ehren wie immer, verſetzte Dorothea mit Nachdruck 4 und der Blick ihrer ſchönen großen Augen ruhte feſt auf dem Bru⸗ der. Mein Gott! Wohin geräthſt du in deinem Eifer für der . Schweſter Ehre! Nag ſein, daß Charlotte übereilt gehandelt hat; 5 mag ſein, daß vielleicht die Schlechtigkeit einiger Menſchen ſo weit “ —— geht, dieſe edle That zu einer neuen Verleumdung zu benutzen. Laßt's nur geſchehen, die Genugthuung wird nicht ausbleiben, und was den Doctor Dreyer anbetrifft, ſo wird der wenigſtens diesmal ſeine Satyre nicht gegen uns auslaſſen; denn er hat geſtern Abend D. B. II. Müller's Charl. Ackermann. 4 2 3 * — 18— im Weinkeller vor vielen Zeugen feierlich erklärt, er werde dieſes Mädchen niemals wieder mit einem Federſtrich beleidigen. Schröder, den letztere Bemerkung faſt noch mehr zu erbittern als zu überzeugen ſchien, wollte der Schweſter erwidern) als das Hausmädchen kam und den Doctor Unzer meldete. Gott ſei Dank! ſagte Dorothea freier aufathmend, während die Mutter ſie verwundert anblickte und ihr Bruder betroffen fragte: Was will der Freund ſo frühe? Iſt Jemand krank im Hauſe? Schon trat der junge Hausarzt in's Zimmer, eine gewinnende Perſönlichkeit und von jener feinen Haltung im Benehmen, die auf den erſten Blick den Mann von Stellung und geiſtigen Fähigkeiten bekundete. Sein blaſſes Geſicht mit dem ſcharfen Profil und den lebhaften dunklen Augen, die eben ſo viel Güte des Herzens als hellen Verſtand ausdrückten, zeigte deutliche Spuren des anſtrengen⸗ den Berufes und anhaltender Studien, ein Eindruck, der noch da⸗ durch erhöht wurde, daß Unzer bei einem ſchlanken Wuchs den Ober⸗ körper nachläſſig vorgebeugt trug, was ihm zuweilen eine gewiſſe äußere Schwerfälligkeit verlieh, die mit ſeiner jugendlichen und ge⸗ wandten Geſtalt im Widerſpruch ſtand. Du kommſt ja wie gerufen, ſagte Schröder, dem Eintretenden entgegengehend, der die Damen wie ein Hausfreund, welcher ſich jederzeit willkommen weiß, grüßte und ſich dann mit leichtem Humor, hinter dem ſich jedoch eine wirkliche Sorge nur halb verbarg, mit der haſtigen Anrede zum Freund wandte: Nun ja, wie gerufen, wenn auch ungerufen! Aber ich ſah es ſchon beim dritten Morgenbeſuch ein, daß ich heute mit dem Kreyen⸗ kamp den Anfang machen müſſe, wenn ich überhaupt mit meinen Krankenviſiten vor Sonnenuntergang fertig werden wolle. Ich als Euer Hausarzt muß doch zuerſt wiſſen was vorgeht, ſo denken alle vernünftigen Leute in meiner Praxis und fragen mich, beſtürmen mich, ich ſolle ihnen erklären, auseinanderſetzen, erzählen, was ſich bei Ackermann's zugetragen, wie Charlotte an den Kugelsort gekom⸗ men, zu der Portugieſin Fanny, zur Leichenſchau, zum Kinde— zur Stockelhörnin ſogar? Nun, beſte Mama, warum ſehen Sie mich ſo betroffen an und erſchrecken gar? Und Sie, Dorothea— ſo be⸗ wegt— mein Gott, was iſt geſchehen? — 49— Nichts als eine neue Genialität unſerer kleinen Emilia Galotti! fuhr Schröder leidenſchaftlich heraus und drückte den Freund in den nächſten Seſſel. Da ſitze, du delphiſches Orakel aller nach Skandal lüſternen Jodels, Baſen und Booksbeutel der ehrwürdigen Hammonia — höre mich ruhig an— ein weiſer Mann wie du, macht ſich zu Allem einen Vers— warum nicht auch zu Mademoiſelle Charlotte Ackermann in Geſellſchaft von Signora Fanny und Frau Stockel⸗ hörnin! Und in dieſem Tone der Bitterkeit erzählte er nun dem Freunde in raſchem Redefluß die uns bekannte Begebenheit am Kugelsort, nicht ohne hier und da ſeine eigne leidenſchaftliche Aufwallung ſtatt der wirklichen Thatſachen reden zu laſſen; denn Schröder war bei all ſeiner Herzensgüte ungemein heftigen und leicht aufbrauſenden Temperamentes, zumal wenn man ihn in gewiſſen kleinen Vorur⸗ theilen und ängſtlichen Hypochondrien reizte, wozu beſonders in jün⸗ gern Jahren ein übergroßer Reſpekt vor dem Urtheil der leicht be⸗ weglichen Menge gehörte. Dabei war ihm Würde der Kunſt und Würde der Familie faſt gleichbedeutend und die unbegrenzte Liebe, womit er an ſeinen Schweſtern hing, verhinderte ihn nicht, ſie vor⸗ kommenden, wenn auch noch ſo unſchuldigen Falles mit ſeinen ſchwär⸗ zeſten Launen und prickeligſten Eigenheiten zu quälen.* So geht's, wenn man Bruder und Theaterdirektor in einer Perſon iſt! war dann gewöhnlich der Refrain ſeines Klageliedes und auch heute wieder ſchloß er ſeinen Bericht mit dieſem im engern Familienkreiſe ſo wohl bekannten Stoßſeufzer. Unzer hatte ihm ruhig zugehört; er blinzelte nur zuweilen, wie er zu thun pflegte, wenn ihn eine Nachricht froh und lebhaft anregte, den Redenden mit halb geſchloſſenen Augen an, und ſeine Finger ſpielten immer unruhiger an der Stuhllehne, von der er zerſtreut eine ſammtne Quaſte abriß. Auf Schröder's Befragen, was er von der Sache denke, ſah er ihn eine Zeit lang wie träumeriſch an, zuckte dann ungewiß die Achſel und brachte nur eine ausweichende Antwort hervor. Als aber Dorothea ihm ohne Rückhalt erzählte, welche heftige Scene dieſer Vorfall zwiſchen dem Bruder und Charlotten am vorigen Abend hervorgerufen habe und ihn dann um ſeine aufrichtige Meinung er⸗ . 2* — 20— ſuchte, ward er entſchiedener, ſchüttelte mißbilligend den Kopf und ſagte ſehr ernſt: Wenn Sie den Arzt um ſeine Meinung fragen, ſo muß ich auch jetzt meine oft ausgeſprochene Anſicht wiederholen, man möge Charlotten in möglichſt ruhiger und freier Seelenſtimmung erhalten und ihr jede übermäßige Aufregung erſparen. Soll ich aber als Hausfreund ſprechen, ſo muß ich allerdings mit Schröder bekla⸗ gen, daß eine ſo ſchöne Handlung, die uns ganz das hochherzige Weſen Charlottens zeigt, zur Kunde der Welt gekommen iſt, wie⸗ wohl ich kaum einſehe, was man eigentlich daran mißdeuten könnte. Ihr fürchtet im Grunde doch nur das Aufſehen, welches die Ge⸗ ſchichte machen wird, und vergeſſet dabei ganz, daß Charlotte am verrufenen Kugelsort ſo rein in ihrem Triumphe beſtand, wie je am Abend ihres glänzendſten Erfolges auf der Bühne. Ja, eben daß es die Künſtlerin iſt, welche nicht nur in gelernter Weiſe durch ihre Kunſt und Talent unſre Rührung und Bewunderung erweckt, ſondern auch einmal durch eine That der Wirklichkeit dem Drange ihres ſchönen Gefühles folgt, macht dieſe Begebenheit noch um ſo reizender; und ich finde, Alles in Allem betrachtet, daß man eine ſo ſchöne tice That, an der zumal Nichts mehr zu ändern iſt, nur von beſten Seite betrachten ſollte. Ja, Fritz! rief er aufſpringend 1 nach Hut und Stock greifend, ich will dir zeigen, daß ich aller⸗ dings der Hamburger delphiſches Orakel zu heißen verdiene. Selber trag ich die neue Mähre von Haus zu Haus und Aug' in Auge will ich ſie unſern Philiſtern und Stadtbaſen mittheilen. Man muß nur den Muth haben, eine ſchöne That durch ſich ſelber reden zu laſſen, ſo wird auch das öffentliche Urtheil ſie richtig würdigen. Wenn auch ein paar ehrbare Zöpfe ſich mißbilligend darüber ſchüt⸗ teln oder ein paar alte Betſchweſtern ſich vor ſolchem Beginnen in die Schauer ihres heiligen Eifers verkriechen, das ändert ja nichts am Werthe der guten That; alſo Gott befohlen, liebe Mama, ich bitte mir heute Abend einen Platz in Ihrer Gitterloge aus, wir werden's dann erleben, daß unſere Rutland ſo wenig vor der hellen Rampe wie am düſtern Kugelsort das Urtheil der Welt t an ſcheuen braucht. Guten Morgen, guten Morgen! Und fort eilte er, das ſonſt blaſſe Geſicht von eines frohen 4 21— Eifers ſanfter Röthe überhaucht und ſo haſtig, als gälte es einem Todkranken beizuſpringen, während doch nur der innige Wunſch ſeine Schritte beflügelte, Charlotten wenigſtens den zweiten Preis in die⸗ ſem Drama reiner Menſchlichkeit abzugewinnen. Bald hatte er die „Gänge“ erreicht; der treffliche Arzt war hier eben ſo bekannt wie in den Paläſten der Reichen und Vornehmen; ja vielleicht noch be⸗ kannter wie dort, wo nur ſeine Kunſt und Erfahrung allein und nicht auch, wie hier oft geſchah, ſeine Wohlthätigkeit in Anſpruch genommen wurde. Jetzt kam er an den Kugelsort und ſchlüpft un⸗ geſehen in's Haus der Stockelhörnin. 3. Zum Erſtenmal, ſeitdem ſie die Bühne Hamburgs betrat, empfand Charlotte eine ſchwere Beklommenheit und nur in fieberhafter Aufregung dachte ſie an den heutigen Abend. Die mehr unüberlegte als ernſt⸗ lich gemeinte Aeußerung des Bruders, ſie habe durch ihr Abenteuer am Kugelsort ihren guten Ruf geradezu auf's Spiel geſetzt, verfolgte ſie unabläſſig; das ohnedies zu einer ſelbſtquäleriſchen Betrachtungs⸗ weiſe geneigte Nädchen ſah ſich bereits im Geiſte dem Schimpf aumd der Verachtung desjenigen Publikums preisgegeben, von welchem ſie bis dahin auf den Händen war getragen worden. Das Herz der Künſtlerin bebte bei dieſer Vorſtellung faſt eben ſo ſehr wie das des Nädchens, und die ihr bis dahin fremd gebliebene Scheu vor dem Publikum peinigte ſie noch mehr wie die eigentliche Urſache derſelben. Sie fühlte ſich nicht mehr ſicher in der Welt ihrer Kunſtgebilde; ihre Fantaſie durchkreuzte alle Augenblicke das Geſpenſt der angſt⸗ vollen Wirklichkeit, es war ihr beinahe zu Muthe, als habe ſie durch einen einzigen unbedachten Schritt für immer die Bahn perloren, auf der ſie bis dahin ſo ſicher und glücklich gewandelt. K Bei unſern heutigen Anſichten von dem Verhältniß des Schau⸗ ſpielers zum Publikum und bei ſeiner geachteten Stellung in der Geſellſchaft mag es vielleicht befremden, daß eine an ſich ſo gering⸗ fügige Sache dieſes Aufſehen erregte und von den zunächſt dabei betheiligten Perſonen mit ſolcher ängſtlichen Wichtigkeit behandelt —— — 22— wurde. Und doch erklärt ſich dies leicht, wenn man bedenkt, welche Maſſe von Vorurtheilen damals noch auf dieſem Künſtlerſtand laſtete und wie es ihm dadurch faſt unmöglich gemacht war, ſich im bürger⸗ lichen Leben eine geachtete und ehrenhafte Exiſtenz zu erringen. In Hamburg beſonders, wo damals eine orthodoxe Geiſtlichkeit den größten und überwiegendſten Einfluß auf die öffentliche Meinung ausübte, mußte es ſich der Schauſpieler noch kurz vor der Ackermann'ſchen Periode gefallen laſſen, daß man ihm ſeine Rangſtufe in der Geſell⸗ ſchaft dicht hinter Marionettenſpielern, Scheunenkomödianten und Gauklern anwies und ihn ſogar auf den Kanzeln mit Prädikaten wie:„Welſche Walachen und Amadis⸗Syrenen“ beehrte. Es waren eben noch immer die Komödienſpieler von der Fuhlentwiete und man hielt ſelbſt im Allgemeinen noch dann ſtreng auf den Bookesbeutel, d. h. auf die althergebrachten Sitten und Vorurtheile, als ſchon ein beſ⸗ ſerer Geſchmack und gerechtere Würdigung der Kunſt ſich Eingang verſchafften und die Stimme eines Leſſing den Zeloteneifer von Paſtor Götze und Conſorten dämpfte.* Erſt der Familie Ackermann war es vorbehalten, durch einen exemplariſchen Lebenswandel das Vorurtheil gegen den Schauſpieler⸗ ſtand zu beſiegen und auch im bürgerlichen Leben ſich jene Achtung zuggewinnen, welche man den Kunſtleiſtungen ihrer Bühne in ſo hohem Grade zollte. Die ſittliche Tugend der Töchter, Schröder's muſterhafte Theaterverwaltung und der Mutter wohlgeordneter Haus⸗ ſtand waren bei hinreichendem Vermögen auch in dem ehrbaren Ham⸗ burg allzu weſentliche Beweiſe einer„ſoliden Familie, als daß man ſie hätte überſehen ſollen; und bald öffneten ſich ihnen die vornehm⸗ ſten Kreiſe und gewannen beſonders durch die geſellſchaftlichen Talente und das fein gebildete Weſen der beiden Schweſtern Dorothea und Charlotte neue Glanz⸗ und Anziehungspunkte. Es gehörte zum guten Tone, ſie bei ſich zu ſehen; denn ſelbſt der geldſtolze Patrizier, deſſen Flaggen auf allen Meeren wehten, fühlte, daß durch ihre Anweſenheit der Glanz ſeines Hauſes erſt die rechte Bedeutung gewann; und der unantaſtbare Ruf ihrer jungen Künſtlerſchaft ließ den noch jüngſt ſo mißachteten und übel ertragenen Stand der Schauſpieler plötzlich bei Vielen in einem ganz andern Lichte erſcheinen. Nach dem Geſagten erklärte ſich das allgemeine Aufſehen, welches — 23— das an ſich ſo unſchuldige Abenteuer der jüngern Ackermann in allen Kreiſen der Hamburger Geſellſchaft hervorrief, erklärt ſich aber auch die Beſtürzung, womit Schröder und die Mutter die Nachricht da⸗ von aufnahmen. Die einzige Dorothea blieb unbewegt von dieſem des Hauſes guten Ruf und Reputation bedrohenden Ereigniß; mit der ihr eignen ſchönen Sicherheit des Gefühls nahm ſie ſich der Schweſter an; und wenn es ihr auch nicht gelang, das gänzlich muthloſe und niedergeſchlagene Mädchen zu beruhigen, ſo glückte es ihr doch, Bruder und Mutter zu bewegen, Charlotten nicht weiter zuzuſetzen, wodurch dieſe am Ende gar ſich außer Stand fühlen werde, am heutigen Abend die Bühne zu betreten. Als man bei Tiſche ſaß, kam Schröder's Caſſier und meldete dem Prinzipal, daß alle Logenbillette vergriffen wären. Das durch die erſte Aufführung am vorigen Sonntag ſchnell berühmt gewordene Trauerſpiel:„die Gunſt der Fürſten,“ ſollte heute wiederholt werden; man habe ſich faſt an den Kaſſen um Billetts geſchlagen, berichtete der Caſſier, und ſchon dränge ſich die ſchauluſtige Menge in den Opernhof. Charlotte erblaßte; der Löffel entſank ihrer Hand, ein Thränenſtrom entſtürzte ihren Augen und in leidenſchaftlicher Auf⸗ regung vom Stuhle aufſpringend, rief ſie: Da habt Ihr's nun! Ich ſoll Künſtlerin ſein und Ihr wollt mir nicht erlauben, menſchlich zu fühlen! Aber mein Entſchluß iſt gefaßt: Du, Fritz, ſiehſt mich heute zum Letztenmal auf deiner Bühne, wenn die Rutland mir nicht doppelt und dreifach einbringt, was du mir genommen haſt, meinen Frieden und mein gutes Be⸗ wußtſein! Das ſchwöre ich dir, ſo wahr ich in dieſem Augenblick elender bin als du mir's jemals noch empfinden kannſt!— Geh', geh', Grauſamer! rief ſie abwehrend, als der Bruder, erſchüttert durch ihren leidenden Anblick, ſie in die Arme nehmen und beruhigen wollte; noch kann ich dir nicht verzeihen; aber heute Abend nach der Vor⸗ ſtellung.„will ich dir ſagen, ob ich dir dein Betragen gegen mich vergeben darf, vergeben kann! Raſch eilte ſie nach dieſen Worten aus dem Zimmer und hörte nicht mehr, wie Schröder ihr betroffen nachrief: Charlotte! Liebe Schweſter, wie kannſt du mich ſo mißverſtehen! G O—xãx ——J—— —— — 24— 4. Das Hamburger Theater, in welchem unter Schröder's Direktion die dramatiſche Kunſt Deutſchlands ihre höchſten Triumphe feierte, war ein nach dem Geſchmack und Bedürfniß damaliger Zeit zwar nicht prächtiges, aber doch zweckmäßig eingerichtetes und hinlänglich ausgedehntes Gebäude. Auf der Oſtſeite des Gänſemarktes gelegen, führten von dieſem Platze aus zwei ſchmale Gänge in den ſogenann⸗ ten Opernhof und zu dem eigentlichen Muſentempel, was deſſen Aeußerm eben nicht zum Vortheil gereichte. Denn die Geſtalt, welche dieſe beiden Höfe, die zugleich zu Ein⸗ und Ausfahrten dienten, mit ihren kleinen ſchmutzigen Wohnhütten dem Ganzen gaben, bewirkte, daß man das Gebäude eher für eine große herrſchaftliche Amtsſcheune, als für einen der Kunſt geheiligten Tempel halten mochte. An den beiden Ecken der Fronte ſtanden außerdem zwei hölzerne Buden, in welchen die Einlaßkarten verkauft wurden. Dem Aeußern entſprach denn auch die innere bauliche Einrichtung, und die Zugänge und Treppen, welche durch den Haupteingang zu den Logen und Sitz⸗ plätzen führten, waren eben ſo enge als unbequem angelegt. Das innere Haus beſtand außer der Bühne in einem Parterre, zwei Lo⸗ genreihen und einer Gallerie. Zu beiden Seiten des acht Fuß brei⸗ ten Orcheſters erhoben ſich zwei Portale, deren jedes zwei Theater⸗ logen in ſich ſchloß. Hinter dem Orcheſter befand ſich ein freier Raum zum Stehen, worauf die Sitze in neun ſtufenartig angebrachten Bänken folgten. Die Logen hatten ſtarke Vorbuchten, ſo daß nur die Vornſitzenden mit den Blicken die ganze Bühne beherrſchen konnten. Die Beleuchtung wurde durch Spiegellampen bewirkt, welche zwiſchen den einzelnen Logen aufgehängt waren. Den Pla⸗ fond zierten die Büſten von Sophokles, Euripides und Plautus, auf dem Vorhang war die Freiheit, unter einem Baldachin ſitzend, abgebildet; ſie ertheilte der Tragödie und Komödie ihren Schutz. In dieſen Räumen nun, welche bei. vollem Hauſe gegen drei⸗ zehnhundert Zuſchauer faßten, fand ſich am erwähnten Abende ein Publikum zuſammen, wie es in ſolcher Anzahl nur bei außerordent⸗ lichen Gelegenheiten geſehen wurde. Im Parterre ſtand Kopf an — 25— Kopf gedrängt, eben ſo auf der Gallerie; das Orcheſter mußte noch kurz vor der Vorſtellung ausgeräumt werden, um dem noch immer fortdauernden Andrang der Schauluſtigen zu genügen; es war ein unbeſchreibliches Gedränge, während in den Logen die Elité der Hamburger Geſellſchaft, als gälte es eine beſondere Feſtlichkeit, in ihrem höchſten Putze ſaß, ein ſtrahlender Verein von Reichthum, Schönheit und Luxus. 4 Das Trauerſpiel„die Gunſt des Fürſten“ iſt ein aus drei bis vier engliſchen Dramen eines und deſſelben Inhalts glücklich und effektvoll zuſammengeſetztes Bühnenſtück im beſſeren Geſchmack dama⸗ liger Zeit. Zwar die Handlung iſt häufig noch ſehr weitſchweifig und der Dialog leidet hier und da an einer ermüdeten Monotonie; aber ſowohl in der Scenirung wie in der Charakteriſtik der Haupt⸗ perſonen zeigt ſich ſchon ein bedeutender Fortſchritt zum Beſſern, und die Wirkung, beſonders in den beiden letzten Akten, iſt eine echt dra⸗ matiſche zu nennen. Das Stück gehört jedenfalls zu denjenigen In⸗ kunabeln der dramatiſchen Poeſie, welche ſchon den Wendepunkt in der Kunſt andeuten, wo zwar das Sinnliche im Bühneneffekt noch vorherrſcht, andererſeits aber auch ſchon die tieferen Geheimniſſe der dramatiſchen Kunſt, insbeſondere eine richtige Anwendung des Ef⸗ fektes und eine ſichere Steigerung der Leidenſchaften, zum Vorſchein kommen. Dabei iſt es mit großer Bühnenkenntniß angelegt und beſeitigt glücklich die ſteifen Geſetze und Formen einer mehr und mehr zu Ende gehenden falſchen und hausbackenen Geſchmacksrichtung. Das Sujet behandelt den aus der Hof⸗ und Herzensgeſchichte der Königin Eliſabeth genugſam bekannten Untergang des Grafen Eſſex, des allmächtigen Günſtlings der Königin. Den Kabalen ſeiner Feinde gelingt es endlich, den von Ehrgeiz und Herrſchſucht Verblendeten zu verleumden, und die Entdeckung ſeiner geheimen Ehe mit der ſchönen Rutland, dem Hoffräulein der Königin, vollendet ſeinen Untergang: Eſſex ſtirbt als Opfer einer doppelten Eiferſucht auf dem Schaffot, nachdem er zuvor ſeinen Freund Southampton, der mit in ſein Schickſal verwickelt iſt, durch den für ihn verhängnißvollen Ring gerettet hat, welchen ihm einſt Eliſabeth ſchenkte, damit ſie ihm bei Vorzeigung deſſelben nie einen Wunſch abſchlagen könne. Die ſchöne Rutland erliegt bei der Nachricht von ſeinem Tode dem Wahnſinn, und zu ſpät erkennt die reuige Königin die Moral des Stückes,„wie leicht Fürſten getäuſcht werden.“— Wir erzählten bereits, mit welcher Angſt Charlotte der Auffüh⸗ rung dieſes Stückes entgegenſah, da einzelne unvorſichtige Aeuße⸗ rungen ihrer Umgebung ſie ahnen ließen, daß es ſich für ſie am heutigen Abend noch um mehr als die Rolle der Rutland handeln werde. Sie wußte aus früheren Vorgängen, daß das Hamburger Theaterpublikum ſchon mehr als einmal über das Privatleben einzel⸗ ner Künſtler und Künſtlerinnen in dieſem Hauſe ſtrenges Gericht gehalten, und ſo rein auch ihr Bewußtſein war, empfand ſie dennoch eine namenloſe Angſt vor der Möglichkeit einer unfreundlichen Auf⸗ nahme, der ſie Nichts entgegen ſetzen konnte als ihre Unſchuld und ihr ſeitheriges untadelhaftes Leben. Sie war an dieſem Abend im reichen Coſtüme des engliſchen Hoffräuleins reizender als je; und ſelbſt die ungewöhnliche Bläſſe ihrer Züge, die ſie durch Schminke zu verbergen ſich weigerte, ſtimmte zu ihrer tragiſchen Rolle und erhöhte noch den wehmüthigen Eindruck ihrer Erſcheinung. Die Rutland hat ja auch ein böſes Gewiſſen, ſagte ſie lächelnd zu Dorothea, welche ſie bat, doch einiges Roth aufzulegen. Wie kann die Arme da blühend und heiter ausſehen! Muß ſie nicht jeden Augenblick fürchten, daß ihre geheime Ehe mit Eſſex bei Hofe entdeckt und ihr Ruf von der Welt mit Schimpf und Schande über⸗ häuft wird? In dieſem Augenblick hörte ſie den Lärmen des Publikums, welches immer lauter und ungeduldiger den Anfang des Stückes be⸗ gehrte. So gewöhnt ſie ſonſt an dieſen Spektakel war, heute kam ſie darüber faſt aus der Faſſung und Dorothea mußte ihre ganze Ueberredungskunſt aufbieten, um ſie zu beruhigen. Eine der Gar⸗ derobefrauen brachte ihr von unbekannter Hand ein wundervolles Bouquet friſcher Blumen. 4 Nimm's als ein gutes Zeichen, ſagte Dorothea und heftete ihr die Blumen in den Gürtel. Charlotte betrachtete froh bewegt das freundliche Geſchenk, ward aber feuerroth, als die Frau hinzu fügte: Heute erleben wir gewiß Etwas, was ſich nicht alle Tage er⸗ eignet. Bei dem Blumenhändler drüben an der franzöſiſchen Kirche iſt kein Sträußchen und kein Kranz mehr zu haben, obwohl der kluge Mann ſich reichlich für den Abend vorgeſehen hatte. Ich wette, Ma⸗ demoiſelle Ackermann kommt heute nicht mit heiler Haut von der Bühne zurück, das ganze Parterre duftet wie ein Roſengarten. Jetzt verkündigte die Schelle den Beginn der Vorſtellung. Er⸗ muthigt folgte Charlotte der Schweſter, welche die Königin Eliſabeth ſpielte, hinter die Couliſſen. Schröder kam ihnen hier mit dem Schau⸗ ſpieler Brockmann entgegen, der den Eſſex gab, eine vollendete Chevalierfigur, die ihn zum Liebling der Damen machte, ſtrahlend im Glanze männlicher Schönheit und Ritterlichkeit. Er küßte Char⸗ lotten die Hand und ſagte: Wie lieblich meiner holden Rutland dieſe ſchmachtende Bläſſe ſteht. Wer da nicht Eſſex wird vom Scheitel bis zur Sohle, dem hat Thalia nie gelächelt! Der Vorhang ging auf, im Gefolge der Königin betrat Char⸗ lotte in der dritten Scene die Bühne,— tiefes Schweigen empfing ſie, vor ihren Augen flirrte und flimmerte es, wankend ſchritt ſie gegen die Rampen vor, um zu reden, die Zunge verſagte ihr faſt den Dienſt, ſie hatte ihre ganze Kraft nöthig, um die erſten wenigen Worte ihrer Rolle gehörig zu ſprechen,— kein Laut im ganzen wei⸗ ten Haus als der ihrige, und jetzt, da ſie ihre Rede geendet, abermals tiefes Schweigen; ein Glück für ſie, daß ſie abgehen mußte. Das alſo war heute ihr erſter Empfang als Rutland! Sie, die bisher noch niemals ohne Zeichen der lebhafteſten Freude und Aufmunterung die Bühne betreten, ſah ſich heute ſtumm empfangen, mißachtet, in ihrer herrlichſten Kunſtleiſtung gleich einer Statiſtin behandelt!— Doch ſeltſam! Grade Dasjenige, wovon ſie geglaubt hatte, daß ſie es nimmer ertragen würde, erhob ihren Genius wunderbar und gab ihr mit Einmal ihren ganzen edlen Künſtlerſtolz zurück; ſie zerdrückte heimlich eine glühende Thräne, und als ſie ſpäter wieder auf der Bühne zu erſcheinen hatte, entwickelte ſie in der Scene des Wieder⸗ ſehens mit dem aus Irland zurückkehrenden Eſſex ein ſo hinreißendes Spiel der ſüßeſten und erſchütterndſten Leidenſchaften, daß das Publi⸗ kum wie bezwungen von der Gewalt dieſer Genialität und Natur⸗ wahrheit plötzlich in einen wahren Sturm von Beifall ausbrach— und von jetzt an war ihr der Sieg gewiß; jede neue Seene wurde —“ —— —— — 28— ein neuer Triumph für ſie; mit dem Enthuſiasmus der Zuſchauer wuchs ihre eigene Begeiſterung und ſie entwickelte an dieſem Abend die ganze Kraft ihrer genialen Künſtlernatur: das liebende Weib voll Schwärmerei und Innigkeit; das glückliche Weib im jauchzenden Ge⸗ fühl ſeines unendlichen Beſitzes; das heroiſche im Augenblick der Gefahr; das leidende, verzweifelnde Weib— wer ſah je eine ſolche Rutland wieder! Nichts glich dem Eindruck in der Wahnſinnsſcene, als ſie mit erſtorbener Stimme, wobei ſie die Arme ſchlaff herunter⸗ hängen ließ, und ſtarr, als betrachte ſie das Grab all ihrer Liebe und Jugend, vor ſich hinſchaute, die Worte aushauchte:„Thränen kommen aus dem Herzen und meines iſt todt!“ Das war ein Klang ſo tiefer Rührung, ſo unendlichen Seelenleids, daß kein Auge trocken blieb und man im ganzen weiten Hauſe nur noch Schluchzen und Weinen hörte, bis endlich die arme Rutland auf Befehl der Königin abgeführt wurde. Schröder ſchloß die Schweſter, die faſt einer Ohn⸗ macht nahe war, in die Arme und war lange unvermögend, ein Wort zu ſprechen; das ganze Theaterperſonal umdrängte ſie; und während noch draußen auf der Bühne das Stück, dem ſie dieſen ſel⸗ tenen Erfolg verſchafft hatte, zu Ende geſpielt wurde, genoß Charlotte bereits im Kreiſe ihrer begeiſterten Kunſtgenoſſen das beſeligende Ge⸗ fühl jener reinen Befriedigung, welches unter allen Umſtänden des wahren Künſtlers einziger und ſchönſter Lohn bleibt. Wenige Minuten ſpäter rollte der Vorhang nieder, das Stück war ausgeſpielt, mit donnerndem Ruf verlangte das Publikum die Rutland zu ſehen. Zögernd erhob ſich Charlotte aus dem Seſſel, ihr Blick forderte Brockmann auf, ſie zu begleiten. Dieſer aber weigerte ſich entſchieden und ſagte: Dieſer Abend gehört Ihnen allein, ſolchen Lorbeer theilt man nicht! Lauter und ſtürmiſcher wurde der Zuruf, ſchon ging der Vor⸗ hang in die Höhe, Schröder ſchob das zagende Mädchen ſanft vor die Couliſſe, und wie auf ein Signal drängten ſich das anweſende Theaterperſonal ihr nach auf die Bühne. Bei ihrem Erſcheinen gab es einen ſolchen Sturm des Jubels, daß das ganze Haus erzitterte,— plötzlich, wie durch eine unſichtbare Macht gebannt, tiefes Schweigen! Auf der vorderſten Bank des Parterres, dort, wo gewöhnlich die ** — — ——*—,— 2 = — 29— tonangebenden Theaterfreunde ſaßen, meiſt Schriftſteller, Schöngeiſter und Kenner der Bühne, erhob ſich ein kleiner Herr und rief mit lauter, durch das ganze Haus ſchallender Stimme: „Unſerer Rutland der Lorbeer— dem rettenden Engel am Ku⸗ gelsort aber des Himmels Segen,— der Menſchen Liebe und Ver⸗ ehrung. Es lebe die Grazie der reinſten Menſchenliebe— Charlotte Ackermann lebe hoch!“ Der dies ſagte, war kein Anderer, als der in ganz Hamburg durch ſeinen Geiſt und Witz bekannte Schriftſteller und Volksdichter, Doctor Dreyer, derſelbe, von dem wir bereits gehört haben, daß er keineswegs zu den Freunden der Ackermann'ſchen Entrepriſe zählte. Aber um ſo größer war der Eindruck ſeiner Worte und wie ein elektriſcher Schlag durchzuckte es das ganze Publikum. Es war nicht mehr der gewohnte Applaus, der der Künſtlerin galt; alle Damen in den Logen erhoben ſich von ihren Sitzen und ſchwenkten grüßend die Tücher, Hunderte von Armen breiteten ſich wie zum Segen nach ihr aus, ein Blumenregen überſchüttete zu gleicher Zeit die betäubte, durch dieſe unerwartete Ovation aus der Faſſung gebrachte Charlotte, welche am ganzen Körper zitternd beide Hände vor das Geſicht drückte; jetzt fiel auf ein Zeichen Schröder’'s der Vorhang, er ſelber ſtürzte erſchüt⸗ tert auf die Schweſter zu, drückte ſie mit Innigkeit an ſein Herz und rief: Sprich, was ich thun ſoll, Charlotte, daß Du mir verzeihſt? Da legte ſie das Haupt ſanft an ſeine Schulter, ſah ihn mit einem Blick innigſter Rührung an und ſagte mit dem ganzen Liebreiz ihrer freundlichen Herzensgüte: Du ſollſt mich niemals wieder für ſchlimmer halten, als du vor deinem eigenen edlen Herzen verantworten kannſt; das iſt Alles, was ich verlange. Genug der Rührung! rief der ſtets aller fröhlichen Laune volle Reinike, welcher den Southampton mit vielem Glück geſpielt hatte. Dir, Freund Eſſex und deiner Großmuth, ſagte er zu Brockmann gewandt, dank' ich in dem heutigen Stücke das Leben; Ihnen aber, Charlotte, dank' ich, daß ich von heute an weiß, was wahre einzige Kunſtgröße iſt. Aber ein ſo unvergeßlicher Abend darf nicht wie jeder andere Schabbes ſchließlich in der Schlafmütze untergehen; darum 5 44 3 3 —xè — 30 frage ich ſämmtliche Herren Thespiskarrenſchieber: Wer folgt mir zur „Obergeſellſchaft“ in die Pelzerſtraße? Eckhof iſt ſchon nach dem vierten Akt wie toll von der Bühne fortgerannt, um ſeinen Verdruß darüber, daß er mir die Rolle des Grafen abgetreten hat, im Wein⸗ glas zu verſenken. Kommt, Schröder, Brockmann, Lambrecht und ihr andern Unſterblichen mit und ohne Spielhonorar, als engliſche Peers haben wir unſere Rollen ausgeſpielt, als deutſche Komödianten wollen wir trinken, nach dem Ausſpruch des Muſarion:„Ein weiſer Mann zeigt ſeine Theorie im Leben.“ Na, wenn dat nur nich noch duller kummt, ſagte Dorothea lachend und ſchlug im Abgehen nach dem Ankleidezimmer dem über⸗ müthigen Kunſtgenoſſen mit dem Fächer auf die Wange. 5. Der Gaſthof, genannt„zur Obergeſellſchaft,“ war zu jener Zeit der gewöhnliche Zuſammenkunftsort aller Kunſtnotabilitäten Hamburgs, und der lange ſchmale Saal des Erdgeſchoſſes, der zur Weinſtube diente, faßte oft kaum die Zahl der Gäſte, fremde wie einheimiſche, welche ebenſowohl der Ruf ſeines Hauſes, wie der ſeiner Stamm⸗ gäſte herbeizog. Die Schauſpieler und deren Freunde nahmen ge⸗ wöhnlich die hinterſte der blankgebohnten eichenen Tafeln ein und man geſtand es ihnen von Seiten des Wirthes und der übrigen Gäſte gerne zu, daß ſie dieſe Tafel vorzugsweiſe beſetzten, zumal ihre An⸗ weſenheit Vieles zur Erhöhung der allgemeinen Munterkeit beitrug. Am heutigen Abend war die Weinſtube ausnahmsweiſe leer von Gäſten, denn Thalia wollte dem Prieſter des Bacchus nicht lächeln; nur einige Offiziere der Altonaer Beſatzung zechten an dem vorderen Tiſche aus gewaltigen Deckelkrügen und embraſſirten dazwiſchen die ſchöne blonde Kellnerin aus den Vierlanden, die gegen ihre Scherze und Dreiſtigkeiten nicht ganz unempfindlich ſchien. Der kleine dicke Wirth, Herr Anſelmus Klefeker, der echte Prototyp eines in guter Nahrung ſtehenden Hamburger Weinſchenks, ging, das ſchwarze Leder⸗ mützchen auf das linke Ohr geſchoben und beide Hände in die Taſchen 71 — 31— ſeines Hauskamiſols von weißem Piqué vergraben, ungeduldig über dieſe ungewohnte Leere in der Stube auf und ab und philoſophirte wahrſcheinlich mit vielem Tiefſinn über das Nutzloſe und Unchriſtliche der Komödie oder über den Gegenſatz zwiſchen vollbeſetzten Schau⸗ ſpielhäuſern und leeren Weinſchenken. In dieſer melancholiſchen Be⸗ trachtung ward er durch den Eintritt Eckhof's unterbrochen, der gegen ſeine Gewohnheit heute der Erſte auf dem Platze war, während alle übrigen Schauſpieler und Theaterfreunde noch in der Vorſtellung verweilten. Bei der Erſcheinung des berühmten Mimen erheiterte ſich das weinrothe Geſicht des Herrn Klefeker, denn ſehr richtig urtheilte er, daß, wenn ſchon der um ſeiner großen Mäßigkeit willen bekannte Eckhof heute nicht ausbleibe, die übrigen Theatermitglieder um ſo gewiſſer ſich einſtellen würden. 9 Sehr ſchön von Ihnen, Herr Eckhof, daß Sie ſo pünktlich ſind, redete er ſeinen Gaſt ſchmunzelnd an, der ſeine hochſchultrige Geſtalt hinter die Tafel pflanzte und ohne den Hut abzunehmen, den Ellen⸗ bogen nachläſſig auf den Tiſch ſtützte. Er ſchien ſehr zerſtreut und achtete kaum auf des Wirthes Antede, der ſich aber dadurch nicht abhalten ließ, in ſeiner redſeligen Weiſe fortzufahren. Die Komödie wird wohl bald zu Ende ſein und dann heißt es gewiß wieder von allen Seiten: das Stück war recht hübſch, doch ohne Herrn Eckhof geht's nun einmal nicht. Was aber auch nur Herr Schröder mit ſeinen heidniſchen und blutdürſtigen Trauerſpielen will! Und alle Woche ein neues Stück, eins vielgeprieſener wie das andere, ſo daß das Publikum gar nicht mehr aus der Neugierde und Athem⸗ loſigkeit herauskommt. Sonſt, d. h. als auch ich noch Paſſion für die Schaubühne hatte, was freilich ſchon ein geraumes Weilchen her iſt, war die Auswahl zwar kleiner, aber man begnügte ſich doch und war zufrieden mit dem Wenigen. Wer in's Theater ging, der wollte vor Allem amuſirt ſein, ſich einmal tüchtig ausſchütten bei Harlekins artigen Späßen und ſein Hauskreuz darüber vergeſſen. Heutzutage aber— ſo äandern ſich die Zeiten!— geht man in die Komoͤdie, um ſich dick und ſatt zu weinen und vor lauter Lamento Ohnmachten zu kriegen, als wenn man nicht des Elends und der Traurigkeit ſchon genug im Leben auszuſtehen hätte! Ach, ich vergeſſe es Zeit meines u — 32— Lebens nicht, wie Sie damals bei der Schönemann'ſchen Truppe im „Bauer mit der Erbſchaft“ den Jürgen ſpielten und Madame Schöne⸗ mann die Lieſe. Sie ſprachen dabei unſer Hamburger Plattdeutſch ſo natürlich, daß ein Hausknecht von der Gallerie Ihnen zurief: He, Brodder Jürgen, dat häſt de ober mohl dropen! Wo ſieht man jetzt noch die Komödie von den„drei Schwiegermüttern,“ oder den „luſtigen Schuſter,“ oder— was immer mein Leibſtück geweſen— die„Affeninſel.“ Ja wohl, lieber Anſelmus, dieſe ſchönen Zeiten ſind leider für immer dahin! ſeufzte Eckhof mit verſtellter Trauer. Die„Affeninſel“ war auch mein Lieblingsſtück und iſt mir noch jetzt lieber wie ein Dutzend ſolcher Tragödien, in welchen nur Laſter, Schlechtigkeit und Heidenthum verherrlicht, Tugend und Unſchuld aber faſt immer ver⸗ ſpottet und gemordet werden. Ach, wenn ich nur ſagen dürfte, was ich weiß! ſeufzte er geheimnißvoll, indem er haſtig das Glas leerte. An den Trunk komm' ich noch über die verfluchte Geſchichte, denn der Schröder wird uns Alle durch ſeine gottloſen Spekulationen zu Grunde richten, wenn ihn der Satan nicht ſelbſt bald von der Erde wegholt! 4 Herr Jeſus, was für ſchreckliche Redensarten! rief der Wirth, ungewiß, ob er Eckhof's Worte für Ernſt oder Scherz nehmen ſollte, und blickte eben ſo betroffen als neugierig den Künſtler an, der jetzt mit unnachahmlichem Mienenſpiel einen Menſchen vorſtellte, in deſſen Bruſt Himmel und Hölle den letzten verzweifelten Kampf ausfechten. Herr Anſelmus Klefeker, deſſen Leichtgläubigkeit faſt eben ſo ſprüch⸗ wörtlich war, als ſein Glaube an übernatürliche Dinge, ward durch dieſes räthſelhafte Benehmen des Gaſtes zur heftigſten Neugierde auf⸗ geſtachelt, und bald konnte Eckhof nicht mehr umhin, ſein ganzes Herz vor ihm auszuſchütten. Scheuen Blickes zog er den Wirth nä⸗ her an ſich und ſtotterte ängſtlich: Ja, Ihr habt recht, Anſelmus, Reden iſt beſſer als Schweigen, zumal wenn Letzteres uns in Gefahr bringt, unſer bischen Seelenheil eines ſchönen Morgens ſammt der vollen Monatsgage zu verlieren. So erfahrt denn das Unglaubliche, das nie zuvor Erhörte, daß dieſer Schröder mit ſeinem tollen Komödienſpiel nichts Geringeres im Sinne hat, als die Menſchen wieder in die Schlingen des Sa⸗ —,— ——— tans zurückzuführen, und eben dazu braucht er bei ſeinen Tragödien all das Teufelszeug von hölliſcher Miſſethat und Raſerei, Blut, Mord, Dolch, Gift, Meineid, womit er die Zuſchauer unterhält, um ſie allgemach dem Chriſtenthum abtrünnig zu machen und ſie wieder an die heidniſchen Gräuelthaten und Abſcheulichkeiten der grauen Vorzeit zu gewöhnen. Alles läuft bei ſeiner Bühne darauf hinaus, die hölliſche Bosheit und Verruchtheit in Flor zu bringen und das Reich des Satans wieder in der Welt aufzurichten. Hört nur einmal die fürchterlichen Flüche, die gottesläſterlichen Reden, die grimmigen Ver⸗ wünſchungen, welche die Schauſpieler jeden Abend in ihren Rollen ausſtoßen müſſen! Und was meint Ihr wohl, was den Schröder zu ſolchem ſündhaften Treiben bewege? Etwa ſchnöde Gewinnſucht oder Mangel an gutem Geſchmack? Behüte Gott, ſondern einzig und allein der Künſtlerſtolz, weil er der Größte ſein möchte unter den deutſchen Prinzipalen, darum treibt er dieſes heilloſe Blendwerk; denn ſeine Seele iſt nicht mehr ſein— verſchachert, verkauft hat er ſie ſchon längſt dem Gottſeibeiuns,— und ich— in leibhaftiger Geſtalt ſah ich den Schrecklichen ſchon mehrmals hinter den Couliſſen, wie er heimlich mit unſerm Prinzipal verkehrte,— der Theaterteufel, wie er leibt und lebt! Der Theaterteufel! Wie ſah er aus? rief der Wirth und packte voll Entſetzen des Künſtlers Arm. Das läßt ſich eigentlich ſo genau nicht angeben, verſetzte Eckhof ohne eine Miene zu verändern. Es war ein ältlicher Herr von ha⸗ gerer Statur und aſchgrauem Teint, mit einer Habichtsnaſe und zwei Augen, die ihm gleich glühenden Kohlen im Kopfe herumrollten. An⸗ fangs hielt ich ihn für einen Recenſenten, obwohl er ſich ſehr elegant und modiſch trug, ungefähr ſo wie ein franzöſiſcher Abbé, Klapphut unterm Arm, Stahldegen an der Seite, mit ſeidenen Strümpfen und hohen rothen Abſätzen an den Schuhen. Sie ſtanden zuſammen zwi⸗ ſchen den hinterſten Couliſſen, der Theaterteufel und unſer Prinzipal, und ich glaubte deutlich aus ihren Bewegungen wahrzunehmen, daß ſie in einem Wortſtreit begriffen waren. Der Fremde kam mir gleich ſehr unheimlich vor, ich näͤherte mich ihnen unbemerkt und hörte, wie er mit einer ſchnarrenden Stimme unſern Direktor anfuhr, daß er gegen den Pakt handle, indem er fort und fort frouune und mora⸗ D. B. II. Müllers Charl. Ackermann. 3 — —jjjjjj —— — 34— liſche Stücke aufführe und höchſtens alle acht Tage Eins, worin ihm, dem Teufel, der Hauptapplaus zufalle. Schröder ſtand in Angſt⸗ ſchweiß gebadet vor dem Schrecklichen, ſo devot, wie ich ihn noch niemals geſehen habe und konnte kein Wort zu ſeiner Entſchuldigung hervorbringen. Der Theaterteufel kanzelte ihn erbärmlich herunter, auch meinen Namen nannte er mehrmals und warf dem Prinzipal vor, daß er mich nicht genug beſchäftige; ich verſtünde mich am Meiſten auf Rollen von ſeinem Kaliber, er habe es namentlich im Kontrakt ausbedungen, daß ich in abgefeimten und bösartigen Rollen verwendet werde— Ihr könnt Euch alſo denken, Anſelmus, wie mir dabei zu Muthe wurde und welches Licht auf einmal in mir aufging! Laß mir ein für allemal die frommen Salbadereien weg! rief der Grauenvolle, oder ich hole dich ſammt deinem Eckhof in die Hölle hinab, damit ihr dort lernet, wie man Komödie ſpielt! Sprach's und fuhr auf einem Fallbrett ſo jählings unter die Bühne, daß alle Theatermaſchinen in ihren Fugen krachten und die ganze Bretterwelt einzuſtürzen drohte. Herr Anſelmus Klefeker war durch dieſe Erzählung und die ſie begleitenden dramatiſchen Geſten und Pantomimen ſo lebhaft ergriffen worden, daß er einige Zeit brauchte, um Alles zu faſſen und be⸗ ſonders ein deutliches Bild von dem Theaterteufel zu bekommen, von deſſen Exiſtenz er bisher keine Ahnung gehabt hatte. Er machte darum auch einen ſchüchternen Verſuch, Eckhof die Möglichkeit derſel⸗ ben zu beſtreiten; aber dieſer betheuerte dreiſt, was er mit ſeinen Augen geſehen und mit ſeinen Ohren gehört habe, könne ihm Nie⸗ mand ausreden, ſo wenig als die Angſt, in der er ſeitdem beſtändig vor dem unheimlichen Geſellen lebe. Geht nur einmal jetzt gleich in's Theater, lieber Anſelmus, ſagte er unter Anderm, wo man eben den fünften Akt der neuen engliſchen Tragödie zu Ende ſpielt, und überzeugt Euch ſelbſt durch den Augen⸗ ſchein von der dämoniſchen Gewalt, welche der Theaterteufel bereits auf das Hamburger Publikum ausübt. Da iſt auch kein Zuſchauer mehr, der noch ſeine fünf geſunden Sinne beiſammen hätte, der Theaterteufel hat ihnen allen durch die kleine Ackermann den Verſtand bethört, bald raſen ſie wie toll und beſeſſen, bald weinen und ſchluchzen ſie ſo jämmerlich, als wollten ſie das ganze Parterre unter — — 35— Waſſer ſetzen. Und das ſollte, einem verehrlichen Publikum und hochweiſen Senat gegenüber, mit rechten Dingen zugehen? Habt Ihr's nicht ſelbſt vorhin geſagt, daß es früher mit unſerer Bühne anders geweſen, damals, als die Kunſt noch natürlich, einfach und harmlos die erlaubte Fröhlichkeit beförderte, während ſie jetzt dem Teufel überall in's Handwerk pfuſcht, mit Meineiden, Dolch und Giftphiolen wie ſonſt mit Amouretten, Bändern und Roſen ſpielt, das Blut ſtromweiſe über die Bretter läuft und alle Augenblicke ein neuer Satan in verführeriſcher Geſtalt die Moral der Hölle predigt? O glaubt es mir, guter Anſelmus, dieſer Theaterteufel iſt keine Chimäre; in den Logen, auf der Gallerie, im Parterre und hinter den Couliſſen iſt er thätig, und das Ende vom Lied wird ſein, daß er uns eines Tages ſammt und ſonders in die Hölle hinabholt, Dank dem gottvergeſſenen, gewiſſenloſen Schröder, der ihm ſein und unſer Seelenheil verkauft hat!— Ach, wenn ich nur wenigſtens zuvor meine Schulden bezahlt hätte! Auch bei Euch, wackerer Anſelmus, ſitz' ich noch ſtark in der Kreide, nicht wahr? Das laſſen Sie ſich nicht kümmern, beſter Herr Eckhof, verſetzte der Wirth, der den Theaterteufel ſchon im Geiſte auch in ſeiner Wirthſchaft aufräumen ſah. Die draſtiſche Schilderung des Künſtlers hatte ihn an ſeiner ſchwächſten Seite gepackt, und eben ſo abergläu⸗ biſch als gutmüthig, ſchenkte er ihr nicht nur vollen Glauben, ſondern beeilte ſich auch, ſeinem geehrten Gaſte wenigſtens einen Theil der Sorgen abzunehmen, womit dieſer dem Ende von Schröder's Pakt mit dem Böſen entgegenſah. Er holte ein großes Buch, in welches er die Weinſchulden ſeiner Gäſte, beſonders der Theatermitglieder, einzutragen pflegte, und ſchlug darin das Blatt auf, worauf Eckhof's gefeierter Name prangte. Betroffen überflog der Mime mit einem Blick innerſter Zerknirſchung das lange Verzeichniß der von ihm genoſſenen Speiſen und Getränke, ſeufzte ſchwer und ſah dabei den Wirth mit einer ſo flehenden Miene an, daß ſchnell in deſſen Seele ein chriſt⸗ licher Vorſatz zur That reifte und er mit gutmüthigem Lächeln zu ſeinem Schuldner ſagte: Laſſen Sie ſich keine grauen Haare darüber wachſen, der Herr Abbé ſoll Sie um meinetwillen nicht beunruhigen, und damit Sie 3* T.Serrwer — — 36— ſehen, wie gut ich Ihnen bin, ſo ſtreiche ich hiermit die Hälfte Ihrer Schuld und betrachte ſie als berichtigt. Das wollen Sie thun! rief Eckhof freudig, als der großmüthige Wirth nach dieſer Erklärung mit der Feder ſchnell einen Strich durch die halbe Seite machte. Nun ſage mir noch Jemand, ich hätte die Rechnung ohne den Wirth gemacht! Aber undankbar ſollt Ihr mich nicht finden, guter Anſelmus, und damit auch Ihr ſehet, wie gut ich Euch bin, ſo ſtreiche ich hiermit die andere Hälfte meiner Schuld und betrachte ſie als berichtigt. Mit dieſen Worten durchſtrich er gleichmüthig auch den andern Theil ſeiner Rückſtände und Herr Anſelmus, als er ſich von ſeinem erſten Staunen über dieſen unleugbaren Beweis von der Freundſchaft ſeines Gaſtes erholt hatte, erklärte ſich mit Allem einverſtanden, über⸗ zeugt, daß der Theaterteufel ihm wenigſtens dieſen Poſten nicht weiter gefährden werde. Die Ankunft der übrigen Schauſpieler, welche jetzt, zum Theil noch mit Spuren der Schminke im Geſichte, nach beendigter Vor⸗ ſtellung aus dem Theater anlangten, brachte ſchnell in die noch eben ſo ſtille Weinſtube reges Leben und Geſchäftigkeit; man wollte, nach⸗ dem man die Anſprüche des Publikums befriedigt und dafür rühm⸗ lichen Beifall in reichem Maaße errungen, mit Hülfe des Glaſes und einer gemüthlichen Unterhaltung allmälig wieder aus der Welt der Dichtung in diejenige der Wirklichkeit zurückkehren und bald war die Geſellſchaft zur heitern Tafelrunde um Eckhof verſammelt. Von den Künſtlern fehlte nur Schröder, der es abgelehnt hatte, den heutigen Abend im Kreiſe ſeiner Freunde zuzubringen, während Brockmann, Reinike, Lambrecht, Borchers und von Literaten der neuengagirte Theaterdichter Bock, der würdige Hofrath Koch, Licentiat Wittenberg und der geiſtvolle Kritiker und Ueberſetzer ausländiſcher, beſonders engliſcher Bühnenſtücke, Bode, anweſend waren. Den Reſt der Ge⸗ ſellſchaft bildeten mehrere Hamburger Patrizierſöhne, enthuſiaſtiſche Freunde des Theaters, und der erſt neulich aus England angelangte ſchöne reiche Lord Elkins mit ſeinem Hofmeiſter, Mr. Hill. Auch das übrige Zimmer füllte ſich nun mit Gäſten, die aus dem Theater kamen, alle noch voll von dem Eindruck des Geſehenen und Gehörten. Man drängte ſich um die Künſtler, beſonders um ——V—ᷣ⏑·—n,n— 2———— 84 — u Brockmann, gratulirte ihnen zu dem neuen Erfolge, verbreitete ſich bald in platten, bald in richtigen Bemerkungen über die Vorzüge des Stückes und der Darſtellung, bis man ſein Herz ausgeſchüttet und nach ſo viel Gemüthsbewegung und Kunſtenthuſiasmus das Bedürfniß fühlte, ſich für die dabei erduldeten Mühſale, Hitze und Gedränge 153 an Herrn Klefeker's vortrefflichem Weinkeller zu erholen. Auch ſpäter bildete an der Künſtlertafel die heutige Vorſtellung den Gegenſtand der Unterhaltung, wie es denn in dieſem an tüchti⸗ gen Kennern und urtheilsfähigen Stimmen ſo reichen Kreiſe Sitte war, der Poeſie und Kunſt, unbeſchadet einer fröhlichen und oft recht ausgelaſſenen Laune, oberſtes Gaſtrecht zu geſtatten. Es war Geſetz, daß Jeder ſeine Meinung frei und offen ausſprechen durfte; das 4 Maaß des Schicklichen und die perſönliche Rückſicht wurden dabei ſo wenig verletzt, daß ſelbſt nach den lebhafteſten Debatten eine Ver⸗ ſtändigung niemals fehlte, und ein edles, von reiner Begeiſterung getragenes Kunſtſtreben ſchließlich für Alle den verſöhnenden Aus⸗ ſchlag gab. 3. Schade, daß Sie nicht bis zum Schluſſe ausgehalten haben, nahm der alte Koch, zu Eckhof gewendet, das Wort. Ich gebe dem letzten Akt unbedingt den Vorzug vor den übrigen, ja der ganze dichteriſche und dramatiſche Werth des Stückes concentrirt ſich eigent⸗ lich in dieſem Akt. 3 Warun ſoll ich's verhehlen, verſetzte Eckhof, daß es gerade dieſer 4 übergewaltige Eindruck der letzten Scenen war, welcher mich aus dem— Theater forttrieb. Schon bei der erſten Vorſtellung ging mir faſt der Athem aus, das Mitleid mit dem Schickſal der Rutland wirkte auf mich, der ich doch ſelber ein Bischen in's Handwerk pfuſche, ſo 6 unmittelbar, daß ich beinahe darüber vergaß, daß Alles Kunſt ſei⸗ 4 8 — deren meiſterhafte Vollendung ich für die baare Wirklichkeit nahm. Das aber ſoll der Künſtler nun einmal nicht, denn er verliert dar⸗ über ſeine Individualität, die Wirkung der fremden Kunſtgröße über⸗ wältigt ihn dergeſtalt, daß er befangen wird, und eh' er ſich's ver⸗ ſieht, greift er unwillkürlich in die fremde Sphäre hinüber, und bringt ſtatt eigener Originalität im glücklichſten Falle nur eine ge⸗ lungene Nachahmung zu Stande. Für den Schauſpieler beſonders, der ſeine Darſtellungen von dem Moment des ſubiektiven Gefühls — 38— abhängig macht, und mehr, ich möchte ſagen mit dem warmen Her⸗ zen als mit der kalten Berechnung ſpielt, ſind ſolche Nebenbuhler äußerſt gefährlich; ſie verrücken ihm die eigene Bahn, greifen feindlich in ſeine innere Welt und nehmen mit Gewalt Beſitz von derſelben. Das war allerdings ein großes Wort aus dem Munde eines ſolchen Künſtlers, an dem man ſonſt dieſe Scheu vor einer andern Kunſtgröße nicht wahrzunehmen pflegte; und von verſchiedenen Seiten beſtritt man ihn darum lebhaft, ja der Licentiat Wittenberg meinte ſogar, Charlotte habe in der Rutland ſich ganz unter Eckhof's Ein⸗ fluß begeben. Er aber ließ keinen Einwand gelten und fuhr mit erhöhter Stimme fort: So ſehr ich die kleine Ackermann als geniale Künſtlerin ſchätze, mehr noch beuge ich mich vor ihrer genialen Weiblichkeit. Ich habe kein Wort dafür, aber in dieſem Mädchen ruht Etwas wie dämoniſche Gewalt, womit ſie es uns anthut; denn nimmer wird ſolche Vollen⸗ dung auf dem Wege der Kunſt und des Studiums allein erreicht. Das Spiel der Mienen, die Bewegung der Arme, die Betonung der Worte läßt ſich erlernen; aber die Seele, meine Freunde, dieſe wun⸗ derbar tiefe, aller innigen und gewaltigen Gluten volle Seele, die hat ſie nicht erlernt, ſo wenig als das Seherauge, mit dem ſie in die Menſchenbruſt blickt, als die Stimme, mit der ſie jene rührende und erſchütternde Sprache redet, die faſt an jedem Abend anders klingt. Sie iſt Meiſterin im leichten Scherze, Meiſterin in der er⸗ habenen Tragödie; man weiß nicht, ob ſie die Leidenſchaften und Gefühle, welche ſie darſtellt, beherrſcht oder ſich von ihnen hinreißen läßt; dabei dieſe feine Nuancirung in der Charakteriſtik ohne Ko⸗ ketterie, dieſe geiſtvolle Auffaſſung und Durchgeiſtigung der Rolle und die ruhige Plaſtik, ſelbſt in den leidenſchaftlichſten Momenten— und das Alles mit einem Taufſchein, der noch nicht achtzehn Lenze nachweist— wahrlich, wer da nicht an den geborenen Genius glaubt, der möge ewig dem Handwerk ſeine Bewunderung zollen, die wahre Kunſt wird er nie begreifen. Eckhof hat Recht, nahm Bode das Wort; dieſe Künſtlerin be⸗ deutet uns viel, und faſt noch mehr als ihre Leiſtungen begrüß' ich den Umſtand, daß ſie gerade in nche Periode des erwachenden Kunſt⸗ — — 39— lebens in Deutſchland ihren Ruf begründet. Denn das Genie wird niemals ohne inneren Zuſammenhang mit ſeiner Zeit geboren, an dieſem Glauben habe ich immer feſtgehalten und darum behaupte ich: die deutſche Bühne wird den Anfang ihrer Blüthe von Ackermann und Schröder in Hamburg datiren, und nicht Charlotte allein, ihr Alle arbeitet an dem Fundament des herrlichen Tempelbaues, zu wel⸗ chem unſer Leſſing den Grundſtein gelegt hat. Es iſt aber auch wahrlich hohe Zeit dazu, ſagte Borchers. Sind wir nicht von allen gebildeten Nationen längſt überholt, von Eng⸗ ländern, Spaniern, ja ſelbſt von den windigen Franzoſen, während wir uns noch immer mit dem Abfall aus ihrer Küche begnügen und nur originell ſind in der Pedanterie und Unnatur? Ja ſelbſt da, wo wir ſie nachahmen, binden wir noch dreiſt unſern theuern Haar⸗ beutel daran, als käme die Welt aus dem Gleichgewicht, wenn dieſer unſchätzbare Pendant fehle. Wie ſollt' es auch anders ſein! ſagte Brockmann. So lange unſere deutſche Bühnenkunſt ſich nicht aus den Häuten und Flanell⸗ jacken des kleinbürgerlichen Lebens herauswickelt, ſo lange wir nicht den Muth haben, unſer Drama mit der Gegenwart lebendigen Ideen zu durchweben und es zur Vermittlerin zwiſchen Nation und In⸗ dividuum zu machen, ſo lange werden wir uns auch mit der Haus⸗ mannskoſt unſerer ſogenannten Familienſtücke behelfen müſſen. Eine Kunſt, die ſich ſo wie die unſrige ängſtlich abſchließt gegen jedes hö⸗ here geiſtige Intereſſe des Volkes, gegen jede wichtige Tagesfrage, jede nationale Richtung, jeden freien Lebenshauch der Poeſie und Philoſophie, kann unmöglich mehr ſein als der traurige Abklatſch einer erbärmlichen ſteifleinenen Wirklichkeit— eine Winkelkunſt, aber keine weltbewegende Kunſt! Immer und ewig die Familie mit ihren ſeichten Gefühlen und fetten Hochzeitsbraten, mit ihren altherge⸗ brachten Situationen und ſtereotypen Figuren— was kann auf ſo dürrem Boden mehr gedeihen als höchſtens ein Haſelſtock für die haus⸗ backene Moral oder eine Zwiebel für die Thränendrüſen eines über⸗ empfindſamen Publikums! Ihr jungen Leutchen ſeid viel zu ſtürmiſch und wollt Rom an einem Tag erbauen, ſagte der Hofrath kopfſchüttelnd. Mit ſo vielen Mängeln und Hemmniſſen auch die Bühne in Deutſchland noch zu kämpfen hat, glaubt mir, es iſt ſchon unendlich viel beſſer geworden als zu jener Zeit, da ich das Theater zuerſt kennen lernte. Denkt nur an die„Haupt⸗ und Staatsaktionen,“ jene jämmerlichen Nach⸗ bildungen des ſpaniſchen Dramas, die ſo von Schwulſt und Platt⸗ heiten ſtrotzten, daß man ſich unwillkürlich auf den Regensburger Reichstag verſetzt glaubte. Das waren damals unſere Tragödien, mit denen wir unſer höheres künſtleriſches Bedürfniß befriedigten, wenn es mit dem Narionettengeklapper, dem Burleskenſpiel und dem Kaſtra⸗ tengewimmer zu arg wurde, oder dem guten Hanswurſt ſein karger Vorrath an Poſſen und Grimaſſen ausgegangen war. Werft nur einen flüchtigen Blick auf jene Zeit und ihr Alle werdet mir bei⸗ ſtimmen, daß unſere jetzige Bühne ſich kaum noch mit jener After⸗ kunſt vergleichen läßt. Welche Fortſchritte der Künſtler, welche Ver⸗ edlung des Kunſtgeſchmacks! Wo wußte man damals etwas von den heutigen guten Voranſtalten, von ſorgfältigem Rollenſtudium, von Proben, Garderobe und Bühnenpolizei! Von einem Enſemble war nun einmal bei den Vorſtellungen gar keine Rede; Jeder ſpielte ſo zu ſagen auf ſeine eigene Fauſt, es gab weder Vorſchriften für das Koſtüm, noch war von einer richtigen Rollenvertheilung die Rede, und die abgeſchmackteſten Einfälle wurden meiſt am Lebhafteſten be⸗ klatſcht. Daß man durch vereinte Wirkſamkeit den höchſten Gipfel der Kunſt, die Schönheit und Wahrheit des Ganzen, zu erreichen ſtreben müſſe, ahnte man faſt nicht, und was das Traukigſte bei alledem, nicht ſowohl das große Publikum, ſondern grade die ſoge⸗ nannten gebildeten und vornehmen Stände trugen die Hauptſchuld an dieſer Entwürdigung und Demoraliſation der Kunſt. Von den Höfen ging dieſes Unweſen zumeiſt aus, dort waren die Hanswurſtpoſſen und das franzöſiſche Operettengedudel faſt die tägliche Koſt; in Wien und Berlin trieb man's am Aergſten und die andern Potentaten des heiligen römiſchen Reichs trugen nach Kräften das ihrige zur Ver⸗ breitung dieſes ſeichten, ſitten⸗- und geſchmackloſen Bühnenſkandals bei. Sie begünſtigten zum Nachtheil der Kunſt die Afterkomödie, ertheilten Privilegien über Privilegien und ein herumſtreifender Pöbel⸗ prinzipal fand überall, wohin er kam, Schutz, Duldung und Unter⸗ ſtützung. Das ſogenannte regelmäßige Drama vegetirte kaum noch dem Namen nach, und ein Zauberkünſtler wie z. B. Herr Nikolini, — —— viel traurigen Hamburger Angedenkens, mit ſeinen abgerichteten klei⸗ nen Affen, wie Leſſing die Kinderballete nannte, galt damals mehr, als das ganze klaſſiſche Theater der Griechen. Noch im Jahre 1752 durfte in unſrer Stadt ein romantiſches Schneiderlein, Meiſter Reibe⸗ hand, die Nadel mit dem Kothurn vertauſchen und als Theaterdirektor die Leitung der hieſigen Bühne in die Hand nehmen. Ich erinnere mich noch aus meiner Jugend eines Stückes, der„verlorene Sohn,“ das den Beiſatz führte:„Oder der von allen vier Elementen ver⸗ folgte Erzverſchwender mit Arlequin, einem luſtigen Reiſegefährten ſeines verlorenen Herrn.“ Dieſes extramoraliſche Stück ward mit vielem ſceniſchen Aufwand gegeben; Früchte, die der verlorene Sohn eſſen wollte, verwandelten ſich in Todtenköpfe, Waſſer, das ihn zu trinken gelüſtete, wurde zu Feuer. Aber das Schrecklichſte kam zu⸗ letzt. Ein Felſen wurde vom Blitze zerſchmettert und verwandelte ſich in einen Galgen, an welchem ein armer Sünder hing, der ſtückweiſe herunterfiel, ſich wieder zuſammenſetzte und nun den verlorenen Sohn als deſſen Doppelgänger verfolgte. Dann ſah man Erſteren in Ge⸗ ſellſchaft lebendiger, ich ſage Euch, dreier lebendiger, deutſcher, grun⸗ zender Säue auf der Bühne, mit welchen er aus einem Troge höchſt äſthetiſch— Trebern ſchmauſte! Die geiſtvolle Einladung zu dieſer Ausgeburt eines dramatiſchen Schneiderhirnes lautet: „Es ladet der Hanswurſt die Herren und Damen ein, Bei ſeiner Luſtigkeit wird ſie ihr Geld nicht reuen.“ Prügel und Zoten waren überall die Pointen jener ſogenannten Schauſtücke. Hört nur den Anfang eines Prologs zu dem berüch⸗ tigten Stücke:„Die luſtige Nacht⸗Komödie.“ Bon jour, ihr Männer, Volk und Frauen insgemein, Wie auch ihrjenige, die ihr wollt Jungfern ſeyn, ſeyd willkommen tauſendmal, ſeyd fein ſtille überall, ich führe allhiere was Neues Alif die Bahn. Was Luſtigs ſollt ihr ſehen von einem guten Geiſt, Der in dem Schauſpiel ſelbſt ſich den Lyſander heißt, wie dieſer ſich des Nachts verſteckt und Hans den Müller hat erſchreckt, auch wie er bei der Tochter hat wollen deponiren wenn es der Müller nicht hätt' mit dem Spieß verwehrt; u. ſ. w. Ein ſchallendes Gelächter folgte dieſen mit echter Komik geſpro⸗ chenen Worten des launigen Hofraths, der hierauf noch mehrere er⸗ götzliche Anekdoten aus dem früheren Hamburger Theaterleben zum Beſten gab. So erzählte er u. A.; wie einſtmals im benachbarten Altona auf einer keinen Kammerbühne der Hamlet aufgeführt wurde. Den Geiſt ſpielte der Theaterdirektor ſelbſt, ein kleiner dickköpfiger und dickwanſtiger Mann. Die Bühne war zwar hohl, aber nicht tief; eine Maſchine zum Verſchwinden oder ein Fallbrett war nicht vorhanden. Demnach ward in der Scene, wo der Geiſt unter der Erde verſchwindet, eine Diehle ausgehoben und von unten eine kleine Leiter angeſetzt. Aengſtlich beſtieg der dicke unbehülfliche Geiſt der oberſte Sproſſe der Leiter, immerfort geſtikulirend und deklamirend, und ſo verſchwanden die Beine; dann betrat er die zweite Sproſſe, und ſiehe da, der Wanſt verſchwand; erſt bei der vierten Sproſſe ſah man endlich den Dickkopf, der bis dahin über dem Boden zur großen Beluſtigung des Publikums grimaſſirt hatte, gleichfalls ver⸗ ſchwinden. Ophelia raſte wie eine Megäre mit aufgelöſten Haaren auf den Brettern umher und der Darſteller des Hamlet ſpielte den Prinzen wie einen Doctor Fauſtus. Das war die deutſche Bühne noch zur Zeit der Neuberin, fuhr dann der Hofrath fort, ja ſelbſt Schönemann's. Dem Publikum fehlte der Geſchmack, dem Künſtler Bildung und Kritik, der Sprache die Kultur. Die Budenkomödie war faſt eben ſo verrufen wie gewiſſe andre öffentliche Gewerbe, das deutſche Theater hallte wider vom Geſange franzöſiſcher Buhldirnen und italieniſcher Kaſtraten, Roheit galt für Witz und die Freude daran für Kunſtgenuß.. Hier wurde das Geſpräch durch dnrch den Eintritt eines jungen ſchlank gewachſenen Mannes unterbrochen, der ſtudentiſch angekleidet in einem mit Quaſten und Schnüren beſetzten Rocke, einen kleinen runden Hut auf dem Kopfe, in's Gaſtzimmer trat; nicht ſobald wurde er bemerkt, als man an allen Tiſchen das damals erſt bekannt gewordene Lied:„Am Rhein, am Rhein, da wachſen unſre Reben,“ anſtimmte; denn der Neuangekommene war kein anderer als der be⸗ rühmte Volksdichter Matthias Claudius, der Verfaſſer des ſchönſten aller deutſchen Rheinweinlieder, welcher als Privatgelehrter in dem nah gelegenen Wandsbeck lebte und häufig in der Weinſchenke zur „Obergeſellſchaft“ vorſprach. Auch der Künſtlertiſch ſtimmte fröhlich in den herrlichen Geſang ein, mit vollen Gläſern begrüßte man den Sänger des Weinliedes und nahm ihn in die Mitte, wobei er es ſich nach den Schauern der kalten Herbſtnacht in dem traulichen Kreiſe wohl ſein ließ. Nun, Wandsbecker Bote, wie geht's? rief Brockmann freundlich über den Tiſch herüber. Sie ſind lange nicht bei uns in der Stadt geweſen? Haben Studien und Muſen Sie abgehalten, oder hat irgend eine holde Phyllis den keuſchen Liebling der Camöne ge⸗ feſſelt? Claudius ſchüttelte lächelnd den Kopf und verſetzte: weder das Eine noch das Andere; ich kam nicht nach Hamburg, weil ich d'rauf und d'ran bin, mich würdig zum Eintritt in das Philiſterium vor⸗ zubereiten, und dazu gehört vor Allem Abgeſchloſſenheit und ein be⸗ ſchauliches Stillleben; ich ſehe nämlich jeden Tag meinem Dekrete als wohlbeſtallter landgräflich Darmſtädtiſcher Oberlandeskommiſſär entgegen, und obwohl ich in der That kaum eine dunkle Idee von meinem zukünftigen Amte habe, ſo iſt mir doch die feſte Zuſicherung gegeben, daß es mich ernähren wird, wobei ich mich denn für's Erſte beruhige. Der Wandsbecker Bote freilich wird Ränzel und Wander⸗ ſtab in der Darmſtädter Kanzlei an den Nagel hängen müſſen; und wie ſich der Oberlandeskommiſſarius mit den Muſen vertragen wird, i*ſt zur Zeit noch nicht zu ſagen. Aber dafür bin ich ja auch ein deutſcher Dichter, daß ich das himmliſche Manna der Poeſie im Schweiße meines Angeſichtes verzehren ſoll, und es iſt wahrlich ſchon Mäcenenthum genug, wenn ein deutſcher Fürſt einen Sänger über⸗ haupt in das Räderwerk ſeiner Staatsmaſchine aufnimmt. Das ſei Gott geklagt! ſeufzte Bode. Mit den Koſten, die eine einzige franzöſiſche Maitreſſe verurſacht, könnte man den ganzen dar⸗ — 4— benden Parnaß in Deutſchland befriedigen und wenigſtens unſern beſſeren Dichtern eine freie Lebensſtellung gründen. Da ſeid ihr Engländer doch glücklicher berathen, mit dieſen Worten wendete er ſich zu dem jungen Lord und deſſen Hofmeiſter. Bei euch braucht der talentvolle Dichter nicht ſein Brod de⸗ und wehmüthig vor den ſtol⸗ zen Marmorportalen der Paläſte zu erbetteln, denn dort ehrt und ernährt die Nation ihre Dichter, während ſie bei uns durch Miß⸗ achtung und Gleichgültigkeit elend verkommen, ja oft genug zum Schimpfe des deutſchen Namens um ihres Talentes willen noch obendrein verfolgt und unterdrückt werden. Elkins wollte das Wort nehmen, als ſich in dieſem Augenblick eine Hand auf ſeine Schulter legte; wie er ſich umkehrte, ſtand ſein Freund, der däniſche Major Max von Sylburg vor ihm. Beide begrüßten ſich mit einer Umarmung, und beſonders der Major, ein ſchöner ſtattlicher Mann hoch in den Dreißigen, drückte ſeine Freude über dieſes unverhoffte Wiederſehen mit vieler Herzlichkeit aus. Er ſagte zu Elkins: Drei Jahre faſt ſind es her, ſeitdem Sie Trankebar verließen und nach England zurückkehrten; ein halbes Jahr ſpäter folgte ich Ihnen nach Europa nach, da mein Regiment ganz unerwartet aus der Kolonie zurückgerufen wurde und nach Schleswig in Garniſon kam. Nun ich denke, wir haben uns nicht umſonſt ſo manchmal an den Ufern des Ganges des ſüßen Palmweins erfreut, um heute nicht unſer Wiederſehen an der ſchönen Elbe bei einer Flaſche Rheinwein fröh⸗ lich zu feiern.. Elkins ſtellte den Freund der Geſellſchaft vor und der Baron nahm auf die Einladung Bode's zwiſchen ihnen Platz. Seine ein⸗ nehmende Perſönlichkeit, die den Mann von feiner Weltbildung be⸗ kundete, erwarb ihm ſchnell eine günſtige Aufnahme; man fand ſich eben ſo ſehr von den intereſſanten Schilderungen ſeiner Erlebniſſe in Indien angezogen, als die geiſtvolle Lebendigkeit und ſeine heitere Ungezwungenheit ihn zu einem willkommenen Gaſte in dieſem Kreiſe machte. Man vergaß darüber gerne den Standesunterſchied; und ſelbſt die Abneigung, welche man in Hamburg gegen däniſche Offi⸗ ziere hegte, die ſich eben keines ſonderlich vortheilhaften Rufes zu erfreuen hatten, verwandelte ſich bei Sylburg bald in aufrichtige Hochachtung, zumal er ſich im Laufe des Geſprächs als einen großen Theaterfreund bekundete, und ſowohl über Muſik wie über das Schau⸗ ſpiel mit wirklichem Kunſtverſtändniß urtheilte. Es mochte gegen eilf Uhr ſein, die übrigen Gäſte hatten ſich insgeſammt aus der Weinſchenke entfernt, die Lichter an den vorderen Tiſchen waren ausgelöſcht und Herr Klefeker ſchnarchte vernehmlich am Schenktiſch. Nur am hinterſten Tiſche herſchte noch fröhliches Leben und die„offene Wirthſchaft“, wie Brockmann das Ueberſitzen über die gewöhnliche Stunde nannte, war, zumal es draußen recht un⸗ freundlich ſtürmte, im beſten Zuge; als plötzlich aus dem dunklen Vordergrund der Stube die Geſtalt eines häßlichen alten Negers auftauchte, der in einen ſchwarzen Mantel gehüllt, wie ein Geſpenſt der Mitternacht dem Zecherkreis nahte. Der Mohr flüſterte dem Baron mit nach den Gäſten ſchielenden argwöhniſchen Blicken einige Worte in's Ohr, dieſer ſagte: Gut, Olaf, ich komme! und der Alte entfernte ſich wieder aus der Schenke. Sylburg erhob ſich von ſei⸗ nem Sitze und erklärte nicht ohne ſichtlichen Verdruß, daß ihn ſein Dienſt nach Altona zu dem dortigen Kommandanten ſeinem Vorge⸗ ſetzten rufe, nahm dann herzlichen Abſchied von den Gäſten, dankte ſehr artig für den angenehmen Abend und bat um die Erlaubniß, wiederkommen zu dürfen, was ihm mit Freuden zugeſtanden wurde. Bode und die beiden Engländer, welche in des Erſteren Hauſe wohn⸗ ten, begleiteten den Major, da ſie bis zum Millernthor einen gemein⸗ ſchaftlichen Weg hatten; auch die übrigen Freunde brachen nach kur⸗ zem Verweilen auf; nur Eckhof, Brockmann und Koch blieben ſitzen und beſtellten ſich noch eine Bowle Punſch; denn, meinte der trotz ſeiner Jahre noch immer jugendheitre Hofrath: Im Wein ſei nur Wahrheit, im Punſch aber Erleuchtung. Bald dampfte der ſüße, würzige Gluttrank auf dem Tiſche; Brockmann und Koch waren guter Dinge und ließen ſich unter heitern Geſprächen ihre Erleuch⸗ tung eifrig angelegen ſein, Eckhof hingegen, der immer Nüchterne, ſaß in ſich gekehrt und nachdenkend, beide Hände um das warme Glas gelegt, und ſah ſchweigend vor ſich hin. Mit einem Male unterbrach er die Unterhaltung der beiden Andern und ſagte mitten aus dem Zuſammenhang ſeiner ſtillen Betrachtungen heraus, wie im Selbſtgeſpräch: ——— — 46— Nein, ſolche Menſchen mag ich nicht! Dieſes fatale Zucken in den Mundwinkeln bei dieſer gewaltſamen Luſtigkeit— dieſer ſcheue unruhige Blick, wenn er ſich einmal ſelbſt vergißt,— ſagt, was Ihr wollt, ich will ein Tölpel ſein und keine Ahnung vom Charakterſtu⸗ dium haben, wenn dieſer Däne nicht ein anderer Menſch iſt, als er ſich heute Abend uns gab! Ein Narinelli, wenn Ihr wollt— nur mit dem Unterſchied, daß er aus roherem Stoffe gebildet iſt und ſeinen grauſamen Egoismus noch nicht am Diamant der geſchmeidigen Hof⸗ ſitte abgeſchliffen hat. Was haſt du gegen ihn? fragte Brockmann verwundert. Gegen ihn? O nichts— nichts! rief Eckhof in ſteigender Auf⸗ regung. Nur mich ſelber möcht' ich prügeln um des heilloſen Blickes willen, der mir hinter jedem noch ſo ſchönen Menſchenantlitz das häßliche Geſicht der Wirklichkeit zeigt! Ich bin— Gott verdamm mich, vor lauter Komödiantenwuth ein Hellſeher geworden und die klügſte Maske zeigt mir in einer unmerklichen Falte den ganzen Menſchen der dahinter ſteckt. Dieſer Sylburg,— was hat er mir gethan, daß ich, ſo oft ich ihn anblickte, die abſcheulichſten Gedanken über ihn hegte? Immer mußt' ich ihm auf die Hand ſehen, der prachtvolle Diamant in ſeinem Siegelring hatte den Glanz eines Baſiliskenauges— der Menſch iſt in Indien geweſen und erzählt mit ſolchem Humor von dem Sklavenhandel— beluſtigt ſich an dem Elend der entwürdigten Menſchheit und ſchwärmt im nächſten Augen⸗ blick für Gluck's Iphigenia und Piceini's Olympiade! Kinder, ich ſag' Euch, geht dem Herrn aus dem Wege; auch der Kunſtenthuſias⸗ mus läßt ſich ſtudiren, ſo gut wie der Menſchenhandel— alſo auf⸗ gepaßt, wenn er uns wieder die Ehre ſchenkt! Mit dieſen Worten erhob er ſich von der Bank, drückte den Hut tief in die Stirne und eilte ohne weiteren Gruß von dannen. Brockmann ſah den Hofrath kopfſchüttelnd an, dieſer that einen kurzen Zug aus dem Glaſe und ſagte: Laß ihn! Es müßte nicht der große tragiſche Schauſpieler Eckhof ſein, wenn er nicht beſtändig hinter neuen und immer groß⸗ artigeren Charakterſtudien herwäre! Es iſt ja ſein Metier, dem Teufel in allen ſeinen wunderlichen Masken und Vermummungen nachzu⸗ ſpüren— was liegt daran, ob er ihn nun mit dem Auge der Fan⸗ —— taſie oder mit ſeinem leiblichen wahrnimmt! Wie eine Biene nach Honig, ſo fliegt er beſtändig nach Menſchenkenntniß aus und— Kehrt ſehr häuſig als Grille heim! rief Brockmann lachend und beide Freunde leerten auf's Wohl von Sylburg's pſychologiſchem In⸗ terpreten die Gläſer. 6. Unter den am Alſterſtrome gelegenen Landſitzen der vornehmen Patrizierwelt Hamburgs, die hier gewöhnlich einen Theil der ſchönen Jahreszeit zubringt, befand ſich auch die kleine mit reizenden Garten⸗ anlagen und einem Sommerhaus verſehene Villa des Doctors Unzer, jenes uns bereits bekannten Hausfreundes der Ackermann'ſchen Fa⸗ milie. Seitdem er von Altona nach Hamburg übergeſiedelt war, be⸗ wohnte er dieſe anmuthige Beſitzung, welche nicht allzu entfernt von der Stadt gelegen, ihn doch alle Annehmlichkeiten der ländlichen Abge⸗ ſchiedenheit genießen ließ. Denn obwohl mit ganzer Seele Arzt und ſeinem Berufe mit voller Hingebung lebend, bewahrte ihn doch ſeine poetiſche Natur und ein für alles Schöne empfänglicher Sinn vor jeder einſeitigen Richtung, und mit gleicher Liebe lebte er ſeiner Wiſſenſchaft, wie ſeinen Neigungen für Kunſt und ſchöne Literatur. Man ſchätzte an ihm nicht blos den trotz ſeiner Jugend erfahrenen und geſchickten Arzt, ſondern auch den fein gebildeten Schöngeiſt, der, wenn auch ohne hervorragendes produktives Talent, doch in äſthetiſcher Beziehung zu den Männern vom Fach zählte. Reich und unabhängig, dabei nicht ohne Ehrgeiz, wo es galt, das Kunſtleben Hamburgs allen alten Vorurtheilen zum Trotze, einer freieren und ſchöneren Entfaltung entgegenzuführen, war Unzer ſo recht eigent⸗ lich die Seele einer jeden Beſtrebung im angedeuteten Sinne; er förderte ſie und kämpfte für die beſſere Sache der Kunſt, wo er es ver⸗ mochte; ſein heller Verſtand, ſein begeiſtertes Gefühl, ſein ausgebrei⸗ teter Einfluß halfen tauſend Schwierigkeiten überwinden, welche einer beſſeren Geſchmacksrichtung entgegenſtanden; und wer es weiß, was es damals hieß, in Hamburg neue Formen, neue Anſchauungen und Regeln im Gebiete des Schönen zur Geltung zu bringen, zu einer ————— Zeit, da noch jeder höhere geiſtige Impuls fehlte, die Geſellſchaft noch an der nüchternſten Proſa, der Staat noch an den ängſtlichſten Formen und Begriffen einer kaum überwundenen Periode voll hart⸗ f näckiger Stumpfheit und Unnatur laborirte, der wird ermeſſen kön⸗ onen, welcher Muth, welche Ausdauer nöthig war, um Schritt vor 4 Schritt dem freieren Geiſte Bahn zu brechen und die von einem (Jahrhundert geheiligten Altäre eines wahrhaft barbariſchen Kultur⸗ Götzendienſtes umzuſtürzen. Das Theater bildete denn auch hier den Mittelpunkt dieſer Kämpfe, an denen unſer Freund ſo bedeutſamen „Antheil nahm; und leicht erklärte es ſich dadurch, wie Unzer, der ſo viele geiſtige Schäden des Kunſtgeſchmacks mit glücklicher Hand (heilte, auch der Hausarzt in der Ackermann'ſchen Familie wurde; er war dort wie der Sohn im Hauſe und gehörte zu Schröder's intim⸗ b ſten Freunden.— Es war ein wunderſchöner Nachmittag, Unzer hatte bei ſeiner Mutter, die am Steinweg bei ihrer, an einen angeſehenen Kaufmann verheiratheten, Tochter wohnte, zu Mittag gegeſſen und war dann nach ſeiner ländlichen Wohnung hinausgefahren, da er einige Freunde, darunter den jungen Lord Elkins, zum Kaffee bei ſich erwartete. Im umlaubte Veranda führte, wo in einem Meſſingkäfig der prächtige Kakadu ſein buntes Gefieder in der Abendſonne putzte, hatte des Doctors alte Wirthſchafterin den Kaffeetiſch ſervirt. In der Mitte lagen auf einem zierlich gearbeiteten Silberaufſatz rothe Pfirſiche, eine grün geſtreifte Melone und köſtliche Trauben neben duftenden Portwein und abgelagerter Longkork gaben allerdings der Einladung des Hauswirthes, welche einfach auf eine Taſſe Kaffee gelautet hatte, noch einen weitern Begriff, wie ihn die eifrige Wirthſchafterin, auf ihre eigene Verantwortlichkeit hin ausgedehnt hatte. Unzer zündete einſtweilen die Wachskerze an, ſtellte die beſtaubte Havannahkiſte auf den Tiſch, und ging dann, eine brennende Cigarre im Munde, in den Garten, um ſeine Freunde gleich am Wege zu begrüßen. Schon ſenkte ſich der weiße Abendduft auf Strom und Land, zaubriſch blitzten und funkelten dazwiſchen die Alſterwogen; am Strande — eleganten Parterreſalon, von welchem eine Glasthüre mit blank po⸗ lirten Spiegelſcheiben auf die mit herbſtlich geröbthetem wilden Wein Blumen des Südens aus dem Glashauſe. Lachs und Cheſterkäſe, 49 weideten die Kühe und Pferde des benachbarten Pachters, Unzer mußte beim Anblick der friedlichen Landſchaft unwillkührlich einer Aeußerung Charlottens gedenken, als ſie vor wenigen Tagen mit ſeiner Mutter bei ihm geweſen war und die Gegend einem Bilde Ruisdael's verglichen hatte. Auch ſie liebt ja den Herbſt vor allen andern Jahreszeiten; und hat ſie hierin nicht vollkommen recht, wie immer? dachte er und lä⸗ chelte ſtill vor ſich hin. Nur im Herbſte empfinden wir die geheim⸗ nißvolle Macht der Natur auf den Menſchen ſo recht unmittelbar, mit der Schöpfung ſcheint dann auch die Fantaſie noch einmal auf⸗ zuleben, tauſend neue Sinne wachen in uns auf und ſchärfen unſer inneres Auge, jede holde Erſcheinung, ſo nahe dem Grabes⸗ rand, dünkt uns doppelt reizend und geheimnißvoll und bleibt uns lunvergeßlich wie der letzte Blick, der letzte Händedruck des ſcheidenden Freundes. Das kommt davon, wenn man ein Träumer iſt und es nicht „Wort haben will, ſagte plötzlich eine wohlbekannte Stimme hinter ihn, und wie er ſich überraſcht umkehrte, ſtand Bode vor ihm und deutete lächelnd auf drei Herren, die ihnen von der Veranda herunter zuwinkten; es waren Lord Elkins und Mr. Hill, mit einem Frem⸗ den, von welchem ihm Bode in der Kürze mittheilte, daß es der dä⸗ niſche Major von Sylburg ſei, ein Freund von Elkins, welcher gerne des Doctors perſönliche Bekanntſchaft machen wolle. Sie gingen dann ſchnell dem Hauſe zu und Ellins ſtellte Unzer den Baron mit den Worten vor: Ich weiß, daß die Freunde Ihrer Freunde auch Ihre Freunde ſind; erlauben Sie mir darum, Ihnen hier in der Perſon des Majors Sylburg einen Mann vorzuſtellen, den ich perſönlich hochachte und deſſen Freundſchaft ich ſeiner Zeit große Dienſte verdankte. Unzer faßte den Major einen Moment in's Auge und rief plötz⸗ lich überraſcht: Ah, Herr Baron, irre ich nicht, ſo haben wir uns ſchon einmal geſehen, und zwar vor zwei Jahren auf dem Gute des Freiherrn von Schimmelmann in Wandsbeck? Ganz recht! verſetzte Sylburg haſtig, und wer ihn näher beob⸗ jachtet hätte, dem würde eine flüchtige Beſtürzung in ſeiner Miene nicht entgangen ſein. Es war damals eine zahlreiche Geſellſchaft D. B. II. Müller's Charl. Ackermann. 4 13 ——— —— 50 beiſammen, in der Verwirrung des feſtlichen Tages hatte man ver⸗ geſſen, die Gäſte einander vorzuſtellen.— Nun, wir wiſſen's ja alle, der Geheimerath iſt kein Freund von vielen Ceremonien, ſagte Unzer. Aber kommen Sie, meine Herren, zwar finden Sie nur eine Burſchenwirthſchaft— doch daß wir uns kennen, dafür iſt geſorgt! Er nahm bei dieſen Worten des Majors Arm und führte ihn in das Zimmer. Bald ſaß die kleine Geſellſchaft, in Rauchwolken eingehüllt, am Kaffeetiſche beiſammen und labte ſich an dem duftenden Trank der Levante. Sylburg's geiſtvolles Weſen ſagte dem Doctor ungemein zu, Beide verſtanden ſich ſchnell, der Major ſprach ſich heute noch lebhafter und ungezwungener aus als am neulichen Abend und ſeine Anſicht über Kunſt, Leben und Geſchichte verriethen auch Unzer den Mann von Geiſt, Erfahrung und vielſeitiger Bil⸗ dung. Er hatte viel geſehen, viel geleſen; und wenn er von ſeinen reichen Erlebniſſen erzählte, ſo merkte man gleich, daß ein heller Verſtand ihnen überall das rechte geiſtige Reſultat abgewon⸗ nen; er hatte dabei ein glückliches Talent, anziehend zu ſchildern, und was ſonſt noch ſchätzenswerther, er beſaß zugleich den richtigen Takt, ſeine Perſon niemals in den Vordergrund zu ſtellen. Daß mitunter der Leichtſinn des Lebemannes zum Vorſchein kam, that ſeiner Perſönlichkeit keinen weiteren Eintrag; er machte kein Hehl daraus, daß er dem flüchtigen Genuß viel nachgelebt und den gün⸗ ſtigen Augenblick, wo er ſich ihm geboten, ohne lange moraliſche Skrupel ergriffen habe; ſeine Grundſätze in Beziehung auf das weibliche Geſchlecht waren nicht ſchlimmer als die der meiſten dama⸗ ligen Männer von Stand und Bildung; über die Liebe machte er ſich luſtig, aber das verliebte Abenteuer, die flatterhafte Neigung fand an ihm einen eben ſo beredten als feurigen Vertheidiger. Ich habe es mit den Weibern in allen Arten verſucht, mit den kleinen braunen Bajaderen von Tanſchaur und mit den ſchlanken blonden Damen in Kopenhagen; ich habe ſie betrogen und bin von ihnen betrogen worden, habe geſchwärmt für die einen und wurde entnüchtert durch die andern; bei alledem war und iſt mein Grund⸗ ſatz geblieben, daß die ſchönſte Frau ſo wenig wie die tugendhafteſte 5— ein Recht dazu hat, von mir zu verlangen, daß ich ſie heirathe, bloß weil ſie das Glück hat, oder auch das Unglück, mir zu gefallen. Denn awer ſteht mir dafür, daß ich nicht morgen Eine finde, 5 die alle meine ſeitherigen Idole in den Schatten ſtellt, die in mir 5 Flammen entzündet, deren Glut ich bis jetzt ſelbſt nicht geahnt (habe! Das Weib hat nicht umſonſt zuerſt vom Baume der Erkennt⸗ 4 niß gegeſſen; wie dieſe muß man es immer ſuchen, aber es niemals 3 1 als erreicht betrachten; daß Gott dem Adam nur ein Weib erſchuf, 2 hat beide um das Paradies gebracht. „ Hüten Sie ſich vor ſolchen windigen Grundſätzen, lieber Ba⸗ ron, ſagte Bode. Grade die flatterhafteſten Schmetterlinge gerathen oft am Leichteſten in's Garn, zumal es eine bekannte Erfahrung iſt, daß die Frauenzimmer es vornehmlich auf ſolche Männer abſehen, die aus der Treuloſigkeit eine Virtuoſität machen. Die Liebe iſt liſtiger als die Liſt; und Mancher, der noch eben ihrer Gewalt ſpot⸗ tete, beugt ſchon im nächſten Augenblick gern den Nacken unter ihr Joch und dankte Gott im Stillen, daß er's nur tragen darf. Ja, 3 auch der verliebte Wachtelkönig geht mitunter in's Lerchennetz, Herr Major! Wo nur Schröder bleibt! ſagte Unzer, dem dieſe Art von Un⸗ 3 terhaltung nicht zuzuſagen ſchien. 4 Auf Schröder warteſt du? fragte Bode. Der wird ſchwerlich 4 heute kommen; denn er begegnete mir vorhin auf dem Neuen Wall und hatte wie immer den Kopf voll Geſchäftsſorgen. Kaum, daß er ſich Zeit nahm, mir den wirklich romantiſchen Ausgang von Char⸗ (lottens Abenteuer am Kugelsort mitzutheilen. Denkt Euch, das Kind, an welchem ſie ſo ſchöne Barmherzigkeit übte, iſt plötzlich ſpur⸗ los verſchwunden, vorgeſtern Abend hat's ein fremder Herr, den ein Polizeibeamter begleitete, abgeholt; die Stockelhörnin iſt zu keinerlei Art von Geſtändniß zu bewegen und Ackermanns geben ſich vorgeb⸗ (lich alle erdenkliche Mühe, dem kleinen Deſerteur auf die Spur zu kommen. Dieſe Nachricht ward von den Anveſenden mit großer Ueber⸗ raſchung aufgenommen und Unzer beſonders erkundigte ſich ſehr an⸗ gelegentlich nach den näheren Details. Auch der Major erfuhr bei 17 dieſer Gelegenheit die Geſchichte mit dem Kinde, und rief lachend: 4* 4 — Ich ſehe hierin nichts Myſteribſes: der das Kind geholt hat, wird wahrſcheinlich derſelbe ſein, der die Mutter im Stiche ließ. Sie irren, ſagte Bode. Charlotte erhielt an demſelben Tage, da das Kind verſchwand, eine Zuſchrift von unbekannter Hand, in der ihr angezeigt wurde, daß ſich ein Verſorger für die Waiſe ge⸗ funden habe, der das Kind in ihrem Geiſte erziehen und für deſſen Fünftige Exiſtenz ſorgen wolle. Der unbekannte Wohlthäter ſchließt mit der Verſicherung, daß Charlotte das Kind ſpäter zurück erhalten ſolle. Seht Ihr, ſchloß Bode heiter; ſo hat auch der vielverunglimpfte Theaterenthuſiasmus ſeine chriſtliche Seite und unſer hocherwürdiger Hauptpaſtor Götze an der St. Katharinenkirche wird nicht ferner mehr das Theater ein Inſtitut des Satans nennen dürfen. Ich habe die Ackermann noch niemals geſehen, ſagte der Major und blies eine lange Rauchwolke von ſich. So oft ich im Werbe⸗ dienſt nach Hamburg kam, war die Geſellſchaft von hier abweſend; einmal in Braunſchweig, wo es ihnen ziemlich ſchlecht erging und das andre Mal in Schleswig. Ach, ſagen Sie mir doch, iſt denn dieſe junge Dame zugänglich? In Kopenhagen und Schleswig wurde ich in allen Geſellſchaften nach ihr gefragt und allgemein wunderte man ſich, daß ich in Rom geweſen und den Pabſt nicht geſehen hätte. Iſt ſie denn wirklich ſo ſchön?. Schön? fragte Bode und ſah ihn verwundert an; wer hat Ihnen das geſagt? Wie? rief Elkins feurig; Sie zweifeln daran? Die Rutland, die Emilia Galotti, die Oldfield, die Marie, und wie alle ihre herr⸗ lichen Rollen heißen, wären nicht das Schönſte und Reizendſte, was man überhaupt an einem Weibe ſehen kann? Aber dennoch wird Niemand Charlotten für ſchön erklären, ver⸗ ſetzte Bode. Ja, es gibt ſogar Leute, die ihre Figur geradezu für ungünſtig, ihre Geſichtszüge keineswegs für regelmäßig halten; ihr Auge freilich— doch was ſoll ich alter Menſch noch in Ekſtaſe ge⸗ rathen über die Augen einer jungen Künſtlerin, die man nur einmal zu ſehen braucht, um ſie niemals wieder zu vergeſſen! Ja, ſie iſt ſchön, wenn auch vielleicht nicht immer gleich ſchön, (ſagte Mr. Hill mit Eifer. In ihren Blicken, welcher ſchwärmeriſche für ſchön erklären, dann müſſen Sie auch Helena verwerfen. füberhöre er des Majors Frage, bis dieſer ſie wiederholte und lachend Glanz, in ihrem Lächeln, welcher Liebreiz, in ihrem Ernſte, welche ſinnige Tiefe— nein, Bode, wenn Sie Demoiſelle Ackermann nicht Eben wollt' ich's ſagen! rief der Major. Eine Göttin und drei Pariſſe! Das muß in der That eine ſehr eigenthümliche Schön⸗ heit ſein! Und Sie, Herr Unzer wie urtheilen Sie? Wie er ſich bei dieſer Frage nach dem Doctor umkehrte, war deſſen Stuhl leer; denn Unzer hatte ſich während des Wortwechſels erhoben, um noch eine Kerze anzuzünden. Er that anfangs als hinzufügte: Zum Erſten alſo ſchön ohne jedwede Bedingung; zum Zweiten nicht ſchön; zum Dritten ſchön mit Unterſchied, da bliebe alſo nur noch übrig, daß ein Vierter ſie geradezu für häßlich erklärte,— ei, Herr Doctor, iſt die Wachskerze etwa die Anaige Leuchte, um dieſes räthſelhafte Geheimniß aufzuklären? 3 In der That ſchien es ſo; denn Unzer blickte mit filem 4 cheln unverwandt in das Licht und ſagte erſt nach einer Pauſe: Vielleicht hat jeder der Herren recht und ich dazu, wenn ich behaupte, Charlottens Schönheit iſt, ich möchte ſagen, ihres Geiſtes ätheriſcher Körper, die angeborene Grazie, die den irdiſchen Leib um⸗ webt und je nach der mehr oder minder belebten Stimmung ihres Innern dieſen verklärt. Bis zur Stunde hat noch kein Maler ein auch nur annähernd ähnliches Portrait von ihr entwerfen können, vielleicht weil eben die Seele ſich nicht malen läßt, denn ſie ſelber iſt dieſes Antlitzes beſter Maler. Das heiß' ich einen rechten Augurenſpruch thun! rief Bode. Gott weiß, ich habe das Mädchen lieb wie mein eigen Kind; aber den Vergleich mit ihrer wirklich untadelhaft ſchönen Schweſter Dorothea hält ſie nicht aus! Und doch iſt Dorothea niemals ſchöner als wenn man beide Schweſtern zugleich in's Auge faßt, ſagte der Doctor und über ſein blaſſes Geſicht flog eine leiſe Röthe. Wie Plaſtik und Romantik, ſetzte Mr. Hill hinzu. Wer über den Preis der Schönheit urtheilen will, ſagte der Baron, muß vor Allem das Auge definiren, womit er ſie betrachtet. Das iſt aber eben ſo ſchwer als die Definition der Schönheitsidee 54 ſelber, und ein Jeder kann hier nur für ſeinen eigenen Geſchmack mit meinen Augen anzuſehen. Aber dazu kann mir ihre Bühnen⸗ erſcheinung nichts helfen,— ich möchte ſie im Salon ſehen, auf der Promenade, in der Kirche— Da ſitzen Sie ja an der rechten Quelle, unterbrach ihn Bode, auf den Doctor deutend. Der da iſt Hahn im Korbe bei Acker⸗ manns.— Ja, Sie ſollen Charlotte ſehen, noch heute, wenn Sie wollen! ſagte Unzer zuvorkommend. Sie wird dieſen Abend bei meiner Mutter ſein, dorthin führ' ich Sie, ganz en famille und ſtelle Sie vor. Wie, Sie wollten—? 1 Ihnen Gelegenheit verſchaffen, ſich ein eignes Urtheil über die äußere Perſönlichkeit unſerer jungen Künſtlerin zu bilden. Zwar das, was man im gewöhnlichen Leben zugänglich nennt, iſt ſie nicht, fügte 7er mit leichter Ironie hinzu; es hält im Gegentheil ſogar ſchwer, bei ihr anzukommen, da ſie Fremden gegenüber äußerſt zurückhaltend und ſelbſt ſchroff zu ſein pflegt. Es iſt das eben ein Stück Angewohn⸗ heit von ihr, die mit ihrer innern Natur nichts gemein hat. Denn es gibt im Kreiſe von Freunden kein harmloſeres und einfacheres Gemüth. Nous verrons! ſagte der Major und drückte Unzer dankbar die Hand. 7. Es war an demſelben Sonntag Nachmittag, als Charlotte, ge⸗ lockt von der milden Herbſtſonne, in den hinter dem Wohnhaus efindlihen Garten ging und in ſtilles Sinnen verloren an der ſon⸗ nigen Mauerſeite auf- und abwandelte. Noch blühten auf den Ra⸗ batten viele ſchöne Herbſtblumen; die purpurne Levkoje vermiſchte ihren ſüßen Duft mit dem des würzigen Reſedas und um die ſtolzen Aſtern ſchwirrte ſummend noch ein ſpäter Falter, das ſogenannte Taubenſchwänzchen, war bald hier, bald dort, und ſchoß ſchnell wie ein Lichtſtrahl von einer Blume zur andern, ſo daß das Auge kaum einſtehen; darum bin ich nun doppelt begierig, dieſe kleine Sphinx — 4 — 55— ſeinem Fluge zu folgen vermochte. Es ſchien ſich in dem kleinen ſonnigen Garten noch einmal der vollen Luſt ſeines kurzen Sommer⸗ lebens zu überlaſſen, und Charlotte betrachtete lange mit Wohlgefallen das Treiben des reizenden Schmetterlings. O du Bild des Menſchenlebens, leichtgeflügelter Flattergeiſt! ſagte ſie ſinnend. So ſchweifen auch in uns des Geiſtes Träume, des Herzens ſehnſuchtsvolle Wünſche ziellos hin und her, wie em⸗ pfunden ſo verſchwunden, jetzt um dieſe, dann um jene Blume der Hoffnung, immer im Gaukelſpiel voll ſonnigen Scheines, und dennoch ohne inneres Genügen, bis plötzlich der erſte kalte Winterfroſt mit (den Blumen unſerer Sehnſucht auch des Herzens fröhliche Falterluſt vernichtet. O möcht' ich's nie erleben, dieſes Sterben im Winter eines gänzlich verödeten Herzens! Lieber der Jugend holde Täuſchung mit hinüber genommen in's Jenſeits, lieber jetzt gleich den Kelch der Vergeſſenheit ausgetrunken, als ſpäter, wenn uns das Leben ſelbſt ſchon das Vergeſſen durch ſchmerzliches Entſagen gelehrt hat. Ach, es iſt fort! rief ſie, aus dieſen ſo wenig zu ihrer Jugend paſſenden Betrachtungen auffahrend und ſuchte mit den Augen das Taubenſchwänzchen; ſein leiſes Summen war nirgends mehr zu hören und nur die gelben Blätter der alten Ulme flüſterten noch in die ſonntägliche Stille.— Mit Charlotten war in der letzten Zeit eine Veränderung vor⸗ gegangen, von der ſie ſich ſelber keine Rechenſchaft geben konnte. Sie fühlte ſich oft ſo beklommen, ſo beängſtigt, wie wenn eine unſichtbare Macht ſie verfolge, oder Etwas, worauf ſie ſich vergebens beſinnen müſſe, ihr ſeitheriges Leben völlig umgewandelt habe. Dahin war die glückliche Laune, die heitere Unbefangenheit ihres Gemüthes, wo⸗ mit ſie ſonſt ſo unmittelbar das innerſte Weſen ihrer Kunſt erfaßt hatte und in die Seele der fremden Dichtung eingedrungen war, wäh⸗ rend ſie jetzt oft wie in einer fremden Welt umherwandelte und ſelbſt gegen ihren Genius zuweilen mißtrauiſch wurde. Gewiß, die Rutland hat mir's angethan! ſagte ſie, indem ſie ſich auf dieſe Verwandlung ihres Inneren beſann; und in der That ſchrieb ſich die ihr bis dahin fremd gebliebene Gemüthsſtimmung von dem Zeitpunkt her, wo ſie dieſe wie für ihr Innerſtes gefertigte Rolle einzuſtudiren anfing. Sie hatte ſich mit ihrer lebhaften Fantaſie⸗ ihrem ſchwärmeriſchen Gefühl ſo tief in die Lage und die Seele dieſer leidenden, edlen Weiblichkeit hineingelebt, daß die Rutland zuletzt ſie ſelber wurde und es ſie oft wie eine neue fremde Welt aus dem eig⸗ nen Gemüth anſchaute. Die Liebe und der Schmerz des unglück⸗ lichen Weibes hatten ſich ganz ihrer Empfindung bemächtigt; der Rutland tragiſches Geſchick riß ſie aus der Welt ihrer glücklichen Ju⸗ gend, und zum Erſtenmal empfand ſie es wie eine dunkle Vorahnung, daß das Verhängniß, dem ſie ſo oft auf der Bühne entgegengetreten, auch außer dem Reiche der verſöhnenden Poeſie walte, auch im Leben der Wirklichkeit zu Hauſe ſei. Aber mit dieſer Ahnung kam ihr auch das ſichere Gefühl, daß die Kunſt, der ſie bis dahin mit ſo freudiger Begeiſterung gelebt, einer Seele wie der ihrigen, voll ſo glühenden Lebensdranges, ſo ſchwärmeriſcher Empfindung, nicht die letzte Befrie⸗ digung gewähren könne; daß zum wahren Leben mehr gehöre als die flüchtige Täuſchung der Fantaſie, und daß, um dem Daſein ſeinen beſten Reiz abzugewinnen, auch dieſes Daſeins Wahrheit in Glück und Noth nicht fehlen dürfe. Das machte ſie ſeitdem ſo befangen, ſo verwirrt; ſie hatte der Kunſt Triumphe in vollſter Fülle gefeiert und ihr Herz war leer und einſam dabei geblieben wie das der Prieſterin, die allein in der Entſagung der Gottheit dient. Entſagung! ſprach ſie gedankenvoll vor ſich hin; ja, es muß wohl ſo ſein, daß es etwas Großes, Heiliges in der Welt gibt, welches nur durch ſie allein erreicht wird; gleichwie der, welcher eine ſchwindelnde Höhe erklimmen will, Alles von ſich wirft und ſelbſt mit dem Blut ſeiner Fußſohlen an den Eisgletſcher ſich feſtklebt. Auch die Kunſt iſt eine ſtrenge Göttin, und das Feuer, das ich auf ihrem Altare nähre, ſoll nimmer als lebendige Flamme in meinem Herzen glühen; meine Thränen ſind Heuchelei, mein Liebesjauchzen iſt Lüge, gleich wie das Lied, das die von grauſamer Hand geblendete Nach⸗ tigall noch von Waldesluſt und Frühlingsſchein ſingt, von Roſenduft und Mondſcheinnacht! O Rutland! Rutland! Du durfteſt doch lieben und glücklich ſein in ſtill verſchwiegenem Herzen, ehe du ſo elend wurdeſt— ſelbſt das arme Weib am Kugelsort ſtarb gewiß nicht umſonſt— ach, es bedarf ja nicht einmal des tragiſchen Geſchickes, um der wahren Liebe Weihe zu beſiegeln, auch ohne den Dolch Ddos ardo's kann ein edles Herz brechen! — 57— Sie war bei dieſen Worten an den Platz getreten, über welchen der alte Ulmenbaum ſeine Zweige ausbreitete. Im Sommer war es ein ungemein freundlicher ſchattiger Ort, und die Familie ſaß hier häufig mit den Hausfreunden in traulichem Kreiſe beiſammen. Auch die Kunſt hatte die Stelle noch verſchönern helfen; denn als man das neue Haus bezog und nicht wußte, wohin man mit der Mar⸗ morſtatue ſolle, ſetzte man ſie vor die Syringenbüſche unter die Ulme. Es war eine ſchlafende Jünglingsgeſtalt, vielleicht der Hypnos der alten Griechen; aufrecht ſtehend lehnte das Bild, den Kopf ſchlum⸗ mernd in die Hand gelegt, mit dem Ellenbogen auf eine abgebro⸗ chene Säule, die eine Löwenhaut bedeckte, zum Zeichen, daß der Schlaf Alles bezwinge. In der andern Hand hielt er drei Mohn⸗ köpfe. Es war eine ſchöne, werthvolle Statue, und mancher Kunſt⸗ freund hatte ſchon eine bedeutende Summe dafür geboten; aber in der Familie galt der Hypnos für einen unveräußerlichen Hausſchatz und Charlotte zumal hatte ihn ſchon als Kind um ſeiner ſtillen ſanf⸗ ten Schönheit willen liebgewonnen und jedem Gedanken an ſeine Entfernung eifrig gewehrt. Heute lag ein herabgewehtes gelbes Ulmenblatt auf ſeinen Locken und auch die Löwenhaut war faſt ganz von den Blättern des Bau⸗ mes beſtreut. Sie betrachtete ihn eine Weile und ſagte dann wehmüthig: Nun legt dir der Herbſt wieder ſein goldenes Laub in die Locken, und du merkſt es nicht einmal, traumſeliger Hypnos! O daß ich dir's noch nachmachen könnte wie ſonſt, dieſes glückliche Träumen aus dem Win⸗ ter in den Frühling, aus dem Herbſte in den Winter! Darum haben dir wohl die Götter die ewige Jugend verliehen; denn auch dieſe hat ja keinen Blick für des Lebens Leid und Wechſel, und erſt wenn ſie dahin mit ihren goldnen Träumen, werden dem Menſchen die Augen helle, aber des Lichtes feindlicher Strahl zerſtört ihm auch zu⸗ gleich die ganze heitere Jugendwelt. Du, Hypnos, ſchläfſt immer⸗ fort, wenn auch das ſtille Lächeln deiner Züge deutlich ausdrückt, daß dein göttlicher Schlaf heller als unſer menſchliches Wachen; o ſchlafe, ſchlafe fort, du trauter Freund meiner Kindheit, und träume ſie weiter die ſelige mir entſchwundene Zeit; Niemand ſoll dich ſtören — in deinem ſüßen Schlummer, denn du biſt ja mein und ich ſchütze dich ſchon vor feindlichen Händen. Man würde indeſſen ſehr irren, wollte ma Stimmung, der ſie ſich manchmal ſo gern hingab, ſchließen, Char⸗ lottens Gemüth neige vorzugsweiſe zur ſchwermüthigen Träumerei und Empfindſamkeit. Sie war vielmehr in demſelben Grade heiter und aller genialen Laune voll; ja ihr leicht beweglicher Sinn, ihr leben⸗ ſprühender Geiſt ſprang oft plötzlich aus einem Extrem in's andere über und es bedurfte nur eines geringen Anlaſſes, um die noch eben tiefbewegte Stimmung ihres Innern in die heiterſte Ausgelaſſenheit zu verwandeln. Ihr erregbares Gefühl, ihr lebhaftes Temperament ließ ſie ſelten zu einer ruhigen Gemüthslage kommen, und ſie, die auf der Bühne in den leidenſchaftlichſten Momenten doch ſtets die innere künſtleriſche Ruhe behauptete, war im gewöhnlichen Leben oft ein Spiel der verſchiedenartigſten Empfindungen und Widerſprüche; mit andern Worten: Charlotte war eben eine echte Künſtlernatur, jedem Eindruck offen und in Schmerz und Luſt gleich leidenſchaftlich; eine ſchöpferiſche Fantaſie warf bald ihren goldigſten Paradieſesſchein, bald ihren ſchwärzeſten Wolkenſchatten über die Gefilde dieſer echten Geniusjugend. Daß die beſtändige Beſchäftigung mit der Kunſt in ihren vielſeitigſten Richtungen und der glühende Drang nach immer größerer Ausbildung ihren ſchon von Natur lebhaften Geiſt noch mehr aufregte, iſt leicht erklärlich; der Körper ſchien faſt zu zart für dieſen ungeſtümen Geiſt, das Herz zu fein beſaitet für des Lebens feindliche Mißtöne; aber das was ſie zu erſchöpfen und den kaum entwickelten Organismus der phyſiſchen Natur zu zerſtören ſchien, war doch im Grunde ihre beſte Geſundheit und aus dem Quell der göttlichen Be⸗ geiſterung trank ſich die junge Seele ſtets friſche Lebenskraft und Erquickung. „Sie konnte ſpielen was ſie wollte, und neben ihr durften er⸗ ſcheinen die Schönſten ihres Geſchlechtes, mit Putz und Schmuck mehr ausgeſtattet als ſie— ſie überſtrahlte Alle; man ſah nur ſie. Nur einige Worte, nur einen Ton durfte man von ihr hören und man war gewonnen, gefeſſelt für den ganzen Abend. Und ein gleicher. 8 Eindruck wurde bemerkt, ſie mochte ſingen, ſpielen oder tanzen; jeden Gegenſtand ergriff ſie mit Feuer, für Alles war ſie enthuſiasmirt. 4— 1—„ Was ſie war, war ſie immer ganz.“— Wie wahr und treffend dieſes Urtheil eines Zeitgenoſſen über ſie, haben wir bereits bei ihrem Auf⸗ treten als Rutland geſehen und kommen wohl ſpäter auf Charlottens künſtleriſche Bedeutung zurück. Für jetzt begleiten wir ſie mit Do⸗ rothea, die heftig gegen der Schweſter Leichtſinn eifert, daß ſie ſo lange in der kühlen Herbſtluft im leichten Mouſſelinkleide im Garten verweilt, zu der verwittweten Etatsräthin Unzer. A 8. Die alte Frau, wie die Mutter des Doctors gewöhnlich im Kreiſe ihrer Freunde und Bekannten genannt wurde, gehörte unſtreitig zu den intereſſanteſten Perſönlichkeiten der Damenwelt Hamburgs und ihr geſellſchaftlicher Zirkel war, was Geiſt, Namen und Talente an⸗ belangte, der feinſte und gewählteſte der großen Handelsſtadt. Im 4 Hauſe der alten Frau am Steinweg herrſchte zwar nicht die Pracht 4 wund prunkvolle Schauſtellung eines auf Millionen gegründeten Be⸗ ſitzes, im Gegentheil war die innere Einrichtung patriarchaliſch ein⸗ fach; aber dafür bedurfte es auch nicht jener für den Beſucher ſo drückenden Nöthigung, mit Hut und NMantel zugleich den innern Menſchen abzulegen, um als Mann von gutem Ton Aufnahme zu finden. Wer hier eintrat, galt vielmehr im vollen Sinne nur für das, was er war; der geldſtolze Kaufherr, die vornehme feinfrauliche Rathsdante vermieden dieſe Schwelle eben ſo ſehr, als die ehrenfeſte Allongeperücke und der aufgedrähtete Reifrock der orthodoxen Partei; 1⸗ denn der Kreis der Etatsräthin war keineswegs nach dem alt⸗ham⸗ 4 burgiſchen Zuſchnitt; Manche zuckten vielmehr die Achſel über die Geſellſchaft, welche ſich dort zuſammenfand und über die Vorliebe der alten Frau für ſogenannte Schöngeiſter, Verſemacher und Komödian⸗ ten. Die Sittenrichter tadelten die Freigeiſterei, welche in dieſem Zirkel herrſchte; die ehrbare Vetter⸗ und Muhmenſchaft rümpfte die Naſen, weil man bei der Etatsräthin zwar eben ſo gut aß und trank wie bei ihnen, aber dabei den Ton der guten Geſellſchaft ſo weit vergaß, daß es nicht wie anderwärts Sitte war, daß die Herren bei 3 — 60— politiſch⸗merkantilen Geſprächen und häufigem Geſundheitstrinken, wie ein alter Hamburger Geſchichtsſchreiber erzählt,„Gravität und Völlerei . vereinigten, oder freier geſprochen, unter ungeſalzenen Scherzen und ¹ abgeſtumpften Zoten die beſchwerten Bäuche heilſam erſchütterten: während die Frauen und Mädchen in Steifröcken fein ſittſamlich ſchweigend daſaßen oder ſich höchſtens leiſe untereinander zuflüſterten.“— Das unerbittliche gravitätiſche Ennui der Geſellſchaft hatte durch die 4 Etatsräthin den Gnadenſtoß erhalten; man unterhielt ſich dort, ſtatt von der Chronique scandaleuse und der Küche, vom Theater, von— Kunſt, Literatur, las ſtatt Schmolkens Andachtſammlung das äſthe⸗ tiſche Wochenblatt, den Hagedorn, ja ſelbſt den Gottesläſterer Leſſing, muſieirte, und die jungen Mädchen ſangen ſogar, gegen alle Zucht und Ehren, vom Notenblatt franzöſiſche und italieniſche Arien am Klavier; kurz das Haus der alten Frau war bei der altbürgerlichen Societät faſt eben ſo verrufen, als wenn Satan dort in leibhaftiger ¹ Geſtalt ſeinen Hof halte. Daß ſogar etliche Paſtoren aus⸗ und ein⸗ gingen, konnte das Interdikt, mit welchem die Anhänger des Alten 4 die Etatsräthin und ihre Hausfreunde belegt hatten, nicht mildern;. denn auch unter der Geiſttlichkeit ſelber herrſchte ein erbitterter Mei⸗ nungsſtreit und der Kanzelzelotismus einiger theologiſchen Eiferer verſchmähte keine Waffe der Dialektik und des ſtrengen Dogmas, um den neuerwachten Sinn für die Kunſt und das Schöne zu verdam⸗ men und die von den Wölfen einer heidniſchen Aeſthetik verſcheuchte Heerde wieder unter den Hort des rechtgläubigen Lutherthums zu ver⸗ ſammeln. Aber die alte Frau, deren böſes Beiſpiel entſetzlich ſchnell auch iin andern vornehmen Häuſern Nachahmung fand, ſo daß ſtets alle Ranglogen des Sündentempels der buhleriſchen Göttin Thalia, 4 „Opernhaus“ genannt, mit der Elite der Hamburger Geſellſchaft * beſetzt waren, die alte Frau, ſagen wir, gehörte nicht zu den zag⸗ haften Naturen, die ſich von jedem Luftzug der öffentlichen Meinung wie ein ſchwankes Rohr hin und her jagen laſſen. In ihrem ſchönen gemüthlichen Hauſe, unter ihren reizenden Gewächſen und Blumen⸗ gruppen, zwiſchen denen die bunten Papageie mit einander wett⸗ eiferten, um es den Baſen und Gevattern der guten Stadt Hamburg noch an Zungenfertigkeit zuvorzuthun, konnte ſie ſchon ihren Feinden — —— — 6— und Widerſachern alles Liebe und Gute wünſchen, und ſie that es auch aufrichtig, ſo lange man ihr perſönlich Ruhe ließ. Ein wahrer Engel der Güte und Barmherzigkeit, theilte ſie ihr Leben zwiſchen dem Dienſte des Schönen und der thätigen Menſchenliebe. Nicht allein die gefeierte Größe der Kunſt und Wiſſenſchaft, das ſtrebende Talent, der junge, von heißem Wiſſensdrang beſeelte Gelehrte, fan⸗ den bei ihr jederzeit die gaſtlichſte Aufnahme, die edelmüthigſte Un⸗ terſtützung; ſie war auch die Mutter der armen Waiſen, die Freundin und Tröſterin aller Bedrückten, und der Name, der in manchem ſtolzen Hauſe nur mit bitterem Hohne genannt wurde, ihn ſegnete man in Hütten und Krankenhäuſern, und der Gott, der nicht den frommen Schein will, ſondern die fromme That, er erhörte die Ge⸗ bete der leidenden Menſchheit und der alten Frau Lebensabend war ein ſonnig heiterer, denn alle ihre Saaten umſtanden ſie in reichen vollen Garben. Den angebeteten Gatten und den herrlichen Leſſing, ihres Herzens Stolz und Liebling, hatte zwar den Einen der uner⸗ bittliche Tod, den Andern das unerbittliche Leben von ihrer Seite geriſſen; aber ein ſo innig gläubiges Herz wie das ihre trennt ſelbſt das Grab und die Ferne nicht von dem, was es einmal in Wonne und Begeiſterung beſeſſen, und mit um ſo treuerem Sinne hielt auch ſie an dem unvergänglichen Beſittze feſt. In ihren feinen bildſchönen Zügen wollte trotz des Hauptes grauem Haar der Jugend verklärender Glanz nicht weichen; die geiſtvollen braunen Augen hätten einem Mädchen von achtzehn Jahren alle Herzen entzündet, und was wirklich von Alter, Gram und herben Erfahrungen ihrem Antlitz eingegraben war, trug einen ſo milden Ausdruck, daß man auch ohne beſonderen Menſchenkennerblick ſogleich merkte, wie in dieſem Herzen nur noch jene Wunden bluteten, die des Lebens höhere Weihe und ſeine göttliche Kraft bedingen. Die Quelle des Kummers um verlorenes Glück rieſelte ſo ſanft durch dieſe ſchöne Seele voll Harmonie und Innigkeit, daß ſich ſogar noch in ihrem Grunde die lieblichſten Blüthen der Jugend widerſpiegelten, was ihre Nähe vielen theuren Menſchen zum wahren Bedürfniß machte. Das war die Mutter Unzer's, und wenn je ein Mutterherz für den einzigen Sohn geglüht hat, ſo war es das der Etatsräthin. — 62— Und der Doctor, ihr wie aus dem Geſicht geſchnitten, war einer ſolchen Mutter nicht unwerth. Er lebte nur für ſie, ſeine ganze Kunſt, ſeine ganze Wiſſenſchaft erhielt ihre Weihe durch den theuern Namen: Mutter; er war zwar Medieciner geworden aus innerſter Neigung, aber die Mutter hatte doch den beſten Segen über ſeinen ſchönen Beruf geſprochen:„Denn ich brauche nun einmal einen Sohn zum Arzte für meine vielen Armen,“ ſagte ſie, und erklärte damit Unzer's ganze Lebensbeſtimmung. Doch wir ſind noch nicht fertig mit dem eigenthümlich reizenden Bilde der alten Frau und es erübrigt uns noch zu ſagen, daß auch die Freundſchaft heiligen Beſitz genommen von dieſem allen ſchönen und reinen Empfindungen zugänglichen Herzen; zwar nicht die gleich⸗ gealterte, in den Stürmen des Daſeins geprüfte und erſtarkte Freund⸗ ſchaft; ſondern eine, die ihr Leben faſt erſt im Niedergang umfangen, mit ihrer Jugend grünſten Ranken ſie umſchlungen hatte: Charlotte Ackermann, die achtzehnjährige, war der ſechzigjährigen Etatsräthin das, was man unter dem ſchönen Namen Buſenfreundin verſteht; und das Alter und die Jugend hatten ſich hier ſo nahe zuſammen⸗ gefunden, daß der Jahre großer Unterſchied für Beide nur vorhanden ſchien, um jede auf der andern Beſitz nur deſto eiferſüchtiger zu machen. Es war eine Freundſchaft von ſo ſeltener Innigkeit, ſo wahren Herzens⸗ und Seelenverſtändniß, daß die alte Frau oft im Scherze äußerte: Sie wiſſe beſtimmt, Charlotte werde nicht vor ihrem Tode heirathen, und dieſe dann ihrerſeits ſicher behauptete: Aber du, Sophie, gehſt mir nicht aus der Welt, bevor ich geſtorben bin. Du und du— ein Herz und eine Seele, ſo lebten hier Jugend und Alter ſich ſo innig in einander, daß die Jüngere oft die Alte mit ihrem Jugendenthuſiasmus, dieſe die Junge mit ihrer ernſten Alt⸗ mütterlichkeit neckte, keine aber ohne die andere beſtehen zu können glaubte. Charlotte hatte Leſſing's Platz im Herzen der alten Frau eingenommen, und dieſe nannte ſie oft, wenn des fernen Freundes Bild, den ſie krank und leidend in Wolfenbüttel wußte, gar nicht aus ihrem Gedächtniß weichen wollte, in glücklicher Selbſtvergeſſenheit Ephraim. Am heutigen Abend ſchien es faſt, als ſollten Dorothea und Charlotte die einzigen Gäſte der alten Frau bleiben, denn alle übri⸗ gen Freunde, die ſich gewöhnlich zum Thee einzufinden pflegten, blie⸗ ben aus und die drei Damen ſaßen in traulich heiterm Geſpräche im kleinen Saale beiſammen, den heute das erſte Kaminfeuer in dieſem Jahre angenehm erwärmte. Dorothea bereitete den Thee und Charlotte plauderte und ſcherzte mit der Freundin, als der Diener des Sohnes kam und dey Etatsräthin meldete, daß der Doctor ihr heute Abend in der Perſon des Majors von Sylburg einen neuen Bekannten vorſtellen werde. Sylburg? ſagte Frau Unzer nachdenkend, als der Burſche ſich entfernt hatte. Wie kommt Karl zu dieſer Bekanntſchaft? Ich kenne ihn nicht, verſetzte Dorothea, welche die Beſtürzung der alten Frau nicht bemerkte. Ich auch nicht, ſprach dieſe nachſinnend; ja, ich weiß nicht einmal, wer mir von ihm erzählt hat; doch erinnere ich mich des Namens von früher her; es iſt eine ganz ſonderbare Geſchichte ge⸗ weſen. Die Gräfin Lindenkron hatte mit einem däniſchen oder ſchleswig'ſchen Offizier dieſes Namens ein Verhältniß, das zu den abenteuerlichſten Gerüchten Veranlaſſung gab. Man erzählte ſogar, ihr Gemahl, der Graf, habe noch auf ſeinem Sterbebette eine Piſtole nach ihm abgefeuert. Doch das iſt gewiß ein Anderer dieſes Na⸗ mens geweſen, ſetzte ſie ſich ſelber zum Troſte hinzu; Karl ſtiftet ſo ſchnell mit keinem Menſchen Freundſchaft, deſſen Charakter ihm nicht hinreichende Bürgſchaft gewährt. und gar mit einem däniſchen Offizier, meinte Charlotte. Was doch ein bloßer Name nicht thut! ſagte die alte Frau; ich mag nun ſchon dieſen Mann nicht, blos weil er Sylburg heißt. Der Name iſt aber auch oftmals der halbe Menſch, bemerkte Dorothea. Wenigſtens geſchieht es mir häufig, daß ich eine unbe⸗ kannte Perſon blos nennen höre, und der Klang ihres Namens ver⸗ körpert mir gleichſam ihr Aeußeres. Dieſer Sylburg, zum Beiſpiel, hat gewiß einen krauſen Bart, feurige Augen, ritterliche Figur und 8 ſpricht raſch mit einem ſchnarrenden Accente. Vortrefflich! Und trägt Sporen an den Füßen, raſſelt mit dem Säbel, hat einen weißen Federbuſch auf dem Hute! rief Charlotte lachend, ganz ſo wie hundert andere däniſche Offiziere! Nein, liebe Dorta, auf deine Namens⸗Magie, wenn ich's ſo nennen ſoll, gebe — 64— ich nicht viel. Ich kannte Leute mit ſehr häßlich klingenden Namen und ihre Perſönlichkeit war ſehr angenehm; denk' nur einmal an den Unterſchied zwiſchen dem Namen unſeres Klopſtock und ſeiner liebens⸗ würdigen Perſönlichkeit; ich kannte aber auch andere, die einen Na⸗ men zum Verlieben hatten und in Wahrheit ſpielten ſie die traurigſte Figur. Der Name iſt erſt Etwas, wenn man ſeinen Mann kennt; nur unſre Romanſchreiber machen häufig aus dem Namen ihren Men⸗ ſchen, das Beſte was ſie oft von ihm zu ſagen wiſſen. In dieſem Augenblick öffnete ſich die Thür und der Doctor führte den bekannten Unbekannten ein. Die Etatsräthin warf einen 6 ſchnellen prüfenden Blick auf den ſchönen ſtattlichen Mann mit der 8 freien geiſtvorllen Miene, und alsbald verſchwand die Wolke des ggwyeifels von ihrem Antlitz; ſie hieß den Major mit vieler Herzlich⸗ keit willkommen, machte ihn ſelber mit ihren beiden jungen Freun⸗ dinnen bekannt und nöthigte den Gaſt zum Sitzen. Der Baron hatte ſich ſchnell in dem kleinen Kreiſe zurechtgefunden und benahm ſich in Allem wie ein Mann, der auch für die freundliche Gemüthsſeite des Lebens und den traulichen Familienton nicht unempfänglich iſt. 8 Er hatte ſich dadurch ſchnell die Gunſt der alten Frau erobert, die den Menſchen am Liebſten nach ſeinen einfachen Neigungen beur⸗ theilte und der es dabei ungemein zuſagte, wenn ſich der Fremde ſchnell bei ihr heimiſch fühlte. Die Etatsräthin intereſſirte ſich ſehr lebhaft für Länderkunde; ſie hatte ſelbſt ein kleines artiges Kabinet von ausländiſchen Raritäten und Kunſtſchätzen und wer ſich bei ihr gut einführen wollte, durfte nur ihr„Muſeum“ mit einem neuen Ge⸗ 3 genſtand bereichern, ſo war ihm ihre Zuneigung gewiß. Wie über⸗ glücklich war ſie daher, als ihr der Major verſchiedene Seltenheiten des indiſchen Kunſt⸗ und Gewerbfleißes, darunter den ganzen Prieſter⸗ ¹ anzug einer jungen indiſchen Tänzerin aus dem Tempel Brahmas zu⸗ ſagte, den er mit von Trankebar gebracht hatte. Hieran knüpfte ſich denn ein Geſpräch über Reiſen und deren Einfluß auf die Indivi⸗.. duualität des Menſchen, wobei der Major eben ſo geſunde als ſelbſt⸗ . ſtändige Anſichten entwickelte. Unter Anderm ſagte er: 3 Der Wanderſtab iſt nur ſelten ein Stab Moſis, womit wir den Quell der Erkenntniß gewinnen. Viele Menſchen haben die halbe Welt durchreist und wenn ſie nach Hauſe zurückkehren, wiſſen ſie von V— 65— nichts Anderem zu erzählen, als was jeder Schulknabe aus ſeinen Lehrbüchern kennt. Man ſagt, das Reiſen bilde und präge den Charakter immer beſtimmter aus; ich aber habe im Allgemeinen ge⸗ funden, daß Nichts mehr den Geiſt verflacht und den Charakter ver⸗ wiſcht, als vieles Reiſen; wer in ſeiner Heimath Nichts iſt und Nichts . erlebt, aus dem wird die Fremde erſt gar Nichts machen, und nur der Nimbus, mit dem wir ſo gerne den weitgereisten Mann um⸗ 1 kleiden, täuſcht uns hierüber. Der Doctor nahm das Wort und ſagte: 6 Das Letztere mag allerdings häufig genug der Fall ſein; aber dafür gibt es auch ſehr intereſſante Ausnahmen, Menſchen, die wirklich erſt durch ihre Reiſen und Fahrten zu einem geiſtigen Fond kamen. Ich will nicht daran erinnern, daß Gott die Juden vierzig Jahre lang in der Wüſte herumreiſen ließ, damit ſie klüger und beſſer würden; aber denkt nur z. B. an die coloſſale Charakterſtärke und Willensenergie, welche den amerikaniſchen Urwäldler auszeichnet, der mitunter Jahre hindurch mit ſeiner Flinte auf der Schulter die 4 unermeßlichen Waldöden durchſtreift und in Gegenden dringt, wohin ihm vielleicht erſt in hundert Jahren menſchliche Kultur und Geſit⸗ tung nachfolgt. Das iſt freilich ein anderer Fall, entgegnete der Major. Hier verliert das Reiſen ſeinen proſaiſchen Charakter, und die wilde Ro⸗ mantik einer vielleicht ganz unbekannten Welt wirkt allerdings för⸗ dernd und belebend auf den Geiſt und Sinn deſſen, der ihren Spu⸗ ren folgt. Wie viel innige Naturpoeſie liegt nicht im Gemüthe der Nomadenvölker, da hingegen diejenige unter den gebildeten Nationen, 4 welche bekanntlich am Meiſten reist, die engliſche, uns die Proſa des ¹ engen nüchternen Egoismus und die ſtereotype Pedanterie am Stärk⸗ ſten repräſentirt. Was mich anbelangt, ſo iſt mir die lebendige. Rückerinnerung an Indien ungleich reizender, ſtoffhaltiger und an⸗ 1 regender als mein wirklicher Aufenthalt in jenen Ländern, wohin man ſo gerne die poetiſchen Wiegenträume der Menſchheit verlegt, während die Fantaſie dort wirklich mehr betäubt als angeregt wird. Derſelben Meinung bin ich auch, ſagte Charlotte; wenn ſich ———— gleich meine Erfahrungen faſt nur auf den Kreis meiner Kunſt be⸗ ſchränken. Gerade diejenigen Schauſpieler, die ſich beſtändig wie D. B. II. Müller's Charl. Ackermann. 5 5 — 66— Zugvögel in der Welt herum treiben, haben am Wenigſten Künſtler⸗ individualität, entbehren der tieferen Menſchenkenntniß und ſind meiſt auf der Bühne und in ihren Rollen eben ſo zerfahren wie im Leben. Sie haben weder gelernt zu beobachten, noch kennen ſie die richtige Nutzanwendung des Lebens auf die Kunſt; kurz, ſolch ein Schau⸗ ſpieler, der beſtändig auf Gaſtrollen oder auch ohne ſie in der Welt herumfährt, kommt mir immer vor wie ein Handlungsreiſender, der mit Muſtern reist und nebenbei die Flöte bläst; in allen ihren Geſten und Manieren, in ihrer Deklamation erkennt man den ewigen Paſ⸗ ſagier, ſelbſt die Routine ſchleift ſich am Ende dadurch ab und zu⸗ letzt bleibt von dem ganzen Künſtler nichts mehr übrig als das Sig⸗ nalement ſeines Reiſepaßes. Und was das Schlimmſte, ſagte der Major, man ſieht oft auf Reiſen nicht einmal das Sehenswürdige. Ich kenne z. B. einen Mann, der war ſchon mehrmals in Hamburg, iſt dabei ein großer Theaterfreund und hat doch noch niemals das Glück gehabt, die bei⸗ den berühmten Demoiſelles Ackermann auf der Bühne zu ſehen. Der Mann iſt vielleicht ſelbſt ein großer Schauſpieler, ſagte Charlotte mit einem ironiſchen Lächeln. Da mögen Sie recht haben! verſetzte Sylburg raſch. Wenig⸗ ſtens hat er ſchon oft im Leben ſchwere Rollen, die ihm das Schickſal auf's Repertoire ſetzte, mit einigem Glück durchgeführt und iſt ſogar ſchon gerufen worden. Er ſah ſie dabei ruhigen, und wie es Charlotten vorkommen wollte, faſt wehmüthigen Blickes an und es entſtand in dem kleinen Kreiſe eine jener ſonderbaren Pauſen, bei denen Jedes das Wort zwar auf der Zunge hat, aber dennoch wünſcht, daß es ihm ein An⸗ derer abnehmen möge. Die gewandte Dorothea fand zuerſt das glückliche Wort und indem ſie wieder, als habe ſie des Majors letzte Rede ganz überhört, zu dem erſten Gegenſtand der Unterhaltung zurückkehrte, ſagte ſie: Aber auch das ewige Daheimſitzen iſt ſchädlich, ſpannt den Geiſt ab und läßt den Menſchen niemals aus ſeiner engen Einerlei⸗Sphäre heraus treten. Das Leben wird zwar häufig ſelbſt mit einer langen Reiſe verglichen, und ſo könnte auch der Menſch, der niemals von ſeiner Scholle wegkommt, ſich mit dieſem Gleichniß tröſten; doch gibt — — 627— es auch ſelbſt auf einer langen Reiſe reizende Abſtecher, man verläßt gerne einmal die ermüdende Heerſtraße der Gewohnheit, ergeht ſich in ſchattigen Waldgründen, in reizenden Seitenthälern und kehrt neu⸗ geſtärkt an Leib und Seele in die ſchwerfällig dahin rollende Reiſe⸗ kutſche zurück. 1 Wir reden da immer nur über das Reiſen und haben doch einen weitgereisten Mann in unſerer Mitte, ſagte die Etatsräthin. Nein, nein, ſo kommen Sie nicht von uns los, Herr von Sylburg! Etwas müſſen Sie uns wenigſtens von Ihren reichen Erlebniſſen in Indien zum Beſten geben, und damit ſie nicht lange über die Wahl in Ungewißheit ſind, ſo ſchlage ich vor, daß Sie uns Einiges von den Bajaderen mittheilen, die ja durch Ihre Güte künftig ein dop⸗ peltes Intereſſe für mich haben werden. Der Major ſchien durch dieſen Wunſch ſichtbar überraſcht und erwiderte: Wie? Von den Bajaderen ſoll ich Ihnen erzählen? Und ge⸗ rade das war meine Abſicht und zwar wollte ich Ihnen die Geſchichte einer indiſchen Liebe mittheilen, die an Poeſie ſelbſt der Sakontala nicht nachſteht, obwohl meine Geſchichte nichts, wie dies bei jenem be⸗ rühmten indiſchen Liebesgedicht der Fall iſt, mit überirdiſchen Weſen zu thun hat, dennoch aber zeigt, wie auch in jenen fernen Zonen die Liebe noch ihre tragiſchen Geſchicke hat ſo gut wie bei uns civili⸗ ſirten, ſentimentalen Europäern. Hierauf erzählte der Major: Es war in den letzten Monaten meines Aufenthaltes zu Tranke⸗ bar, als die Brahminen, welche die große prächtige Pagode daſelbſt inne haben, das Feſt der Göttin Purucha zu begehen ſich anſchickten, ein Feſt, welches in früheren Zeiten noch mehr wie heutzutage, mit allem möglichen Pomp des indiſchen Gottesdienſtes gefeiert wurde und wobei ſogar ehemals neben wilden Orgien Menſchenopfer eine nicht unbedeutende Rolle geſpielt haben ſollen, während es jetzt nur in einer Menge von religiöſen Ceremonien, Reinigungen und Buß⸗ übungen beſteht, welche aber die klugen Brahminen dem Auge des neugierigen Europäers ſehr wohl zu entziehen wiſſen. Das Einzige, was noch an jenen düſteren Kultus alter Zeiten erinnert, wo oft⸗ mals, um einem Feinde zu ſchaden, Eltern die eignen Kinder er⸗ 5* mordeten, damit durch deren Blut der Zorn der Rachegöttin auf das Haupt des Feindes geleitet werde, iſt der Gebrauch daß bei dieſem Feſte junge Mädchen von ihrer Familie dem Dienſte der Gottheit als lebende Opfer geweiht werden, ſei es nun um dieſe zu verſöhnen oder um irgend eine Gnade zu erlangen; gerade ſo wie in katholiſchen Ländern die Nonnenklöſter häufig genug mit unfreiwilligen Novizen bevölkert wurden, ein Beweis, daß in jeder Religion Bigotterie ſelbſt die Stimme der Natur erſtickt. Jene armen Geſchöpfe nun, welche der Aberglaube der Eltern dem Dienſte der Pagode weiht und ſie auf Lebzeiten unter die Gewalt der Gottheit oder richtiger in die Leibeigenſchaft herrſchſüchtiger und gewiſſenloſer Prieſter bringt, ſind gewöhnlich Töchter aus vornehmen Familien und das gläubige Volk Indiens verehrt ſie unter dem Namen Devadaſi, Gottgeweihte, zum Unterſchiede von jenen Mädchen, die blos bei beſonderen Gelegen⸗ heiten in den Pagoden vor den Götzen tanzen, ſonſt aber, was ihren Lebenswandel anbelangt, keineswegs in allzu frommem Rufe ſtehen und auch bei uns unter dem Namen Bajaderen eben nicht vortheil⸗ haft bekannt ſind. Jene Devadaſi aber ſind dem eigentlichen Tem⸗ peldienſte geweiht, unterhalten die heiligen Altarflammen, reinigen das Innere der Pagoden, welches nur von den Brahminen betreten werden darf und begleiten bei feſtlichen Gelegenheiten den Gottes⸗ dienſt mit ihren heiligen Tänzen und Hymnen. Sie haben ſtets ihre Wohnung neben der Pagode in Hütten von Bambus, wo ſie oft in Mitten einer zahlreichen Bevölkerung die ſtrengſte klöſterliche Zurückgezogenheit beobachten, keinem Manne den Zutritt geſtatten und beſonders, Dank der Eiferſucht der Brahminen, dem Europäer auf's Aengſtlichſte ausweichen. Letzteren zu fliehen und ſelbſt zu ver⸗ achten, ſchreibt ihnen die Ordensregel vor, und wehe der Abtrün⸗ nigen, welche jemals dieſes Gebot auch nur dem Scheine nach ver⸗ letzte! Sie würde ihr Leben auf dem Scheiterhaufen beſchließen, eine Beute der Aſuras, was gleichbedeutend mit böſen Geiſtern, und ihre Seele wäre noch nach tauſend Jahren verdammt, in den Leibern verachteter und mißhandelter Parias auf Erden fortzuleben. Das Feſt der Purucha war für die Offiziere unſrer Garniſon jedesmal von beſonderem Intereſſe, da es faſt die einzige Gelegenheit bot, einen Blick in die Myſterien des indiſchen Gottesdienſtes zu⸗ 69 werfen, jenes Gottesdienſtes, der nicht weniger als 333 Millionen Deutas oder Götter zählt und in ſeinen einzelnen Handlungen und Ceremonien häufig ein eben ſo burleskes als tragiſches Schauſpiel gewährt. In dieſem Jahre aber hatte das Feſt für uns jüngere Offiziere noch eine ganz beſondere Bedeutung, denn an dieſem Tage ſollte das Wunder von Trankebars Schönheit, die fünfzehnjährige Amany, dem Gotte Perumala vermählt und als jüngſte Devadaſi in die Pagode aufgenommen werden. Amany war die Tochter eines reichen Cſhatrya, eines Mannes aus jener Kaſte, die nach den Brahminen für die vornehmſte in Indien gilt, weil ſie dem Mythus zufolge aus den Armen Brahma's entſproſſen iſt. Amany's Vater war der erſte Kauf⸗ mann der Stadt, er beſaß beträchtliche Reichthümer und bedeutende Waarenvorräthe und ſtand bei Europäern und Eingebornen im Rufe großer Rechtlichkeit und Frömmigkeit. Die Urſache, welche den Cſhatrya bewog, ſeine Tochter dem Tempeldienſt zu weihen, war eben ſo eigenthümlich als bezeichnend für den religiöſen Aberglauben der Hindus. Zwei ſeiner Söhne nämlich, die bereits erwachſen, waren auf einer Reiſe durch's Land von mörderiſchen Thugs überfallen und ſtrangulirt worden; der unglückliche Vater, ſeiner ſchönſten Lebens⸗ hoffnung beraubt, erblickte darin einen Zorn der Götter, denn die blutige Sekte der Thugs gilt bei manchen frommen Indern für Werkzeuge des zerſtörenden Gottes Schiwa und der Cſhatrya ſah darum in dem Tode ſeiner beiden älteſten Söhne einen Wink des Schickſals, der ihm gebiete, ſeine jüngſte und geliebteſte Tochter Amany dem Prieſterſtande zu weihen, um durch dieſe der Gottheit wohlgefällige That von ſeinem und ſeiner übrigen Kinder Haupt fer⸗ neres Unheil und Verderben abzuwenden. Wie vielen Antheil an dieſem in Indien eben nicht ſeltenen Fatalismus der Einfluß der liſtigen und ſowohl nach der holden Amany Reizen wie nach ihres Vaters Schätzen lüſternen Brahminen hatte, iſt zwar nicht mit Be⸗ ſtimmtheit zu ſagen; doch war die Anſicht allgemein verbreitet, daß die Prieſter der Pagode allerdings ihren ganzen Einfluß bei dem ohnedies ſtrenggläubigen Alten aufgeboten hatten, um ihm ſein Kind zu entreißen und mit dieſem die Ausſicht zu bekommen, der⸗ maleinſt einen Theil von den Schätzen des Cſhatryas als Tempelgut * — 70— zu erhalten. Genug, am Feſte der Göttin Purucha, zu welchem von nah und fern viele Gläubige herbeiſtrömten, wurde die ſchöne Amany wirklich als Devadaſi in die Pagode aufgenommen und ſollte zugleich zum Erſtenmal vor dem Volke tanzen. Der beſonderen Gunſt des Oberprieſters hatten wir es zu dan⸗ ken, daß ſämmtliche Offiziere, nachdem die Hauptfeier im Inneren der Pagode beendigt war, zu den nun folgenden Tänzen der Baja⸗ deren im Vorhofe des Tempels zugelaſſen wurden. Wir Dänen er⸗ freuen uns überhaupt, Dank des weiſen und milden Verfahrens der Regierung, in unſern indiſchen Kolonieen von Seite der Eingebore⸗ nen einer ungleich größeren Sympathie, als dies bei Engländern und Franzoſen der Fall iſt; auf dem Wege der Humanität haben wir im Lauf der Jahre in Indien mehr Einfluß auf den Charakter und den Geiſt des Volkes gewonnen, als Jene durch ihre blutigen Kriege und ihre grauſame Eroberungspolitik jemals zu erlangen ver⸗ mochten, ſo daß die der däniſchen Krone unterworfenen Diſtrikte und Völkerſchaften, anſtatt unter dem fremden Joche zu ſchmachten und allmälig unterzugehen, kaum den Unterſchied bemerken, der zwiſchen Siegern und Beſiegten beſteht. Es war ſchon gegen Abend, als wir in den von unzähligen Zuſchauern angefüllten großen Vorhof der Pagode eintraten, woſelbſt unter einem mit Blumen und Draperieen geſchmückten Thronhimmel zur Linken des Altares für den Gouverneur und ſeine Offiziere be⸗ ſondere Sitze bereitet waren. Die ganze indiſche Bevölkerung Tran- kebars und der angrenzenden Landſchaft war außerdem in dem Vor⸗ hof verſammelt, welcher geräumig genug war, um wohl noch dreimal ſoviel Menſchen bequem zu faſſen. Zahlloſe buntfarbige Lampen, rings um den Altar an Bambusſtöcken befeſtigt, verbreiteten einen— feenhaften Glanz und erhellten mit ihrem blendenden Lichte den für die Tänzerinnen beſtimmten mit Silberſand beſtreuten Raum, in deſ⸗ ſen Hintergrund, dicht vor dem Hauptthor des Tempels, ein Altar aufgerichtet war, den die reizendſten Blumen der indiſchen Zone ſchmückten. Alles war glühend prächtig und farbenſchimmernd; ſüße Weihrauchdüfte erfüllten die Luft; junge Brahminen in weißen Feier⸗ kleidern mit ſilbergeſtickten Schärpen umſtanden in einem Halbkreis regungslos den Altar und hielten weiße Stäbe in der Hand, an —— deren oberem Ende blaue Lotosblumen prangten. Unter der Zu⸗ ſchauermenge herrſchte tiefes Schweigen, dazwiſchen vernahm man zu⸗ weilen aus dem Inneren der Pagode den gedämpften Feiergeſang der Brahminen, in welchen ſich bald in längeren, bald in kürzeren Pauſen die melancholiſchen Lieder der Bajaderen miſchten, um durch dieſe erhabenen Klänge die Andacht der Verſammlung zu dem bevor⸗ ſtehenden heiligen Tanze vorzubereiten und die feierliche Stimmung der Gemüther noch mehr zu erhöhen. Jetzt verkündigte eine verworrene rauſchende Muſik von Cym⸗ beln, Trompeten und Tam⸗Tams das Nahen des Oberprieſters und der ihm untergebenen geiſtlichen Schaar, und wenige Minuten ſpäter erſchienen in feierlichem Zuge die Brahminen in ihrem höchſten Feſt⸗ ornat, an ihrer Spitze der greiſe Oberprieſter Ramalingam, deſſen langer ſilberweißer Bart ſeltſam gegen den kupferfarbenen Teint ſei⸗ nes ehrwürdigen Antlitzes abſtach. Seine Stirne war mit weißen und blauen Linien bemalt, den ſymboliſchen Zeichen ſeiner hohen kirchlichen Würde, und ein blankes Opfermeſſer, das uralte Attribut des indiſchen Oberprieſters, hing an funkelndem Perlenband an ſeiner Bruſt, von Nalinablumen anmuthig bekränzt. Die Brahminen ſtellten ſich zu beiden Seiten des Altares auf, während die Muſikanten hinter demſelben ihren Platz einnahmen. Gleich nachher erſchienen die Bajaderen, fünfzehn an der Zahl, die ausgeſuchteſten Schönheiten unter dem weiblichen Prieſterperſonal der Pagode, lauter junge liebreizende Elfengeſtalten, die wohl auch ein vom Glanze europäiſcher Salons verwöhntes Auge noch entzücken und blenden konnten. Keine von ihnen mochte über fünfzehn Jahre zählen, die Jüngſte vielleicht erſt zehn: dennoch war der Ausdruck in den Mienen aller ein ſeelenvoller Verein von Anmuth und Würde, ohne daß ſie auch nur mit einem Blick jene Koketterie verrathen hätten, welche ſonſt ihrem Stande eigen zu ſein pflegt. Ein fantaſtiſches Koſtüm erhöhte noch den Reiz ihrer Erſcheinung und war eben ſo glänzend als eigenthümlich; ein goldner Gürtel umſchloß die ſchlanke Taille, um den Oberleib ſchlang ſich ein weißer Shawl gleich einer Schlange und ließ hier und da die ſchwarzgoldene, wie Seide glänzende Haut ein wenig durchſchimmern. Auf dem Kopfe trugen ſie Käppchen von gewundenem Golde, in welches eine ſieben⸗ 8 4 — ——— ———— 2, — 2— köpfige Schlange eingegraben war, das heilige Schadegpileh der Devadaſt. Die Arme waren mit Armbändern von Gold geſchmückt und außerdem blau tätowirt; kleine goldne Ringe ſchmückten Ohren, Naſenflügel und Lippen. Das Haar von dunkelmattem Schwarz, lag platt auf dem Kopf, fiel in zwei Flechten, die ſich in langen Schellenreihen endigten, auf die Schultern nieder und wurde auf der Stirne von einer goldenen Binde mit funkelnden Steinen zu⸗ ſammengehalten. Um den Hals hing ein Schmuck in Form eines Herzens, das Symbol der Liebe. Alle Bajaderen waren mit einer Sorgfalt verhüllt, welche zugleich ihre Schamhaftigkeit und die Eifer⸗ ſucht ihres hohen unſichtbaren Gemahles, des Gottes Perumala ver⸗ rieth; Schultern und Buſen verbargen ſich hinter einem dichten Wall von goldgeſtickter Seide und die lange blendend weiße Schärpe hüllte ſie vom Kopf bis zu den Füßen in ein eben ſo reizendes als zier⸗ liches Geheimniß; ein ſeidenes Beinkleid bedeckte ſie bis zum Knö⸗ chel, die kleinen kaffeebraunen Füße ſelbſt zeigten an mehren Zehen goldne Ringe. Augen, ſchwarz wie Ebenholz, deren wunderbare Sprache nur die indiſche Bajadere redet, erhellten dieſe braunen Züge, auf welchen ſich das Feuer der Jugend mit der ſanften Ruhe, der unausſprechlichen Süße des orientaliſchen Typus vermählte. Ein keuſches träumeriſches Lächeln ſpielte um die Lippen und bildete einen reizenden Kontraſt zu dem ſchlauen kecken Flammenblick, der europäiſchen Herzen faſt noch mehr als indiſchen gefahrbringend war. Als ſie vor dem Altare ſtanden, neigten ſie gleichzeitig den Kopf bis zu den Füßen, ohne die Kniee zu biegen, im Wiedererheben beide Hände an die Stirne legend, welchen Gruß ſie mit anmuthigem Lächeln und Augenblinzeln begleiteten. Hierauf begann der Tanz, der ſich ohngefähr zu unſerm deutſchen verhält, wie,— nun, wie Indien zu Deutſchland! Denn die Bajaderen tanzen nicht allein mit den Füßen, ſie tanzen mit dem ganzen Körper, Arme und Haupt tanzen mit und beſonders die Augen folgen merkwürdig genau der Bewegung, ja der Wuth des Tanzes. Jeder Schritt iſt Poeſie, iſt Grazie, der ganze religiöſe Fanatismus des Volkes drückt ſich in dieſen Tänzen aus und jeder iſt wieder ein Gedicht für ſich. Von der eintönigſten Muſik begleitet, ſind es die Tänzerinnen, welche den ſchläfrigen Spielleuten Takt, Leben und Feuer mittheilen und zugleich — 73 die Zuſchauer durch den Zauber ihrer Bewegungen hinreißen. Sie tanzen die Leidenſchaften, die wir empfinden, ein Taumel ſcheint Prieſterinnen und Zuſchauer zu ergreifen, wenn ſie in raſendem Wirbel ſich im engſten Kreiſe herumſchwingen, die Füße auf dem Boden widerhallen, die Arme ſich wild bewegen, die Augen mäna⸗ denartig glühen und die Lippen wie zum Angſtſchrei ſich öffnen. Da möchte man vor Staunen oder Schwindel die Augen ſchließen, aber immer von Neuem reißt der Zaubertanz uns mit ſich fort in ſeine magiſchen Verſchlingungen und faſt betäubt überläßt man ſich dem ſeltſamen Eindruck. Fremdartig, unerhört, ſtürmiſch und leiden⸗ ſchaftlich, bildet dieſer wunderbare Tanz ein Gemiſch von Wolluſt und Verſchämtheit, von lockendem Syrenenreiz und jungfräulicher Zurückhaltung, von fanatiſcher Wuth und zärtlicher Tändelei; kurz eine Geſchichte des menſchlichen Herzens in allen ſeinen Sympathieen, Neigungen und Gefühlen. Es war der Malapu oder„überraſchende Tanz“, den ſie aufführten, eine Art raſend ſchneller Quadrille mit einer Menge Pantomimen, Lächeln, Seufzern und einem unbeſchreib⸗ lich lebendigen Augenſpiel; zuweilen irrt ein melancholiſcher Geſang auf den Lippen der Tänzerinnen; es iſt einer der Geſänge, die im Innern der Pagode zur Nachtzeit ertönen; dabei wird der Blick im⸗ mer belebter, glühender, das Auge rollt wie im Wahnſinn, jede Mus⸗ kel, jeder Nerv zuckt fieberhaft, es iſt als wäre der Körper flüſſig geworden und die Luft wolle ihn entführen; ſie gehen, kommen, ſchreiten vor und zurück, bald iſt der Charakter des Tanzes grotesk, bald drückt er die Sehnſucht der Liebe, bald Hohn und Spott aus; immer aber iſt er voll Leben, Glut und Hingebung. Und jetzt, mitten in dieſem wunderbaren Spiel ein Caſtagnettenſchlag— gleich darauf ein heller durchdringender Schrei, als ränge ſich eine Seele vom irdiſchen Leibe los und ein Gott reiße ſie mit ſich fort in ſein dunkles Schattenreich, und aus der Pagode ſtürzt ein junges Mäd⸗ chen, bleich, mit aufgelösten Haaren und allen Zeichen des Schreckens und der Verzweiflung in den Mienen. Es iſt Amany, die Neuvermählte des Gottes Perumala; ſie wendet ſich, wie verfolgt von einem un⸗ ſichtbaren Feinde, mehrmals im Laufe rückwärts, eilt dann wieder flüchtigen Fußes von dannen, Schutz ſuchend an dem Altare, um den ſie dreimal herumläuft, bis ſie zuletzt wie ohnmächtig auf der ——— unterſten Stufe niederſinkt, indem ſie die Arme flehend nach den Bajaderen ausſtreckt, damit dieſe ſie, die Schwerverfolgte, vor dem furchtbaren Gotte ſchützen ſollen, vor dem es doch für ſie keine Er⸗ rettung mehr gibt. Aber auch die Bajaderen ergreift bei ihrem An⸗ blick Furcht und Entſetzen, ſie wollen fliehen, hierhin, dorthin— um⸗ ſonſt, eine unſichtbare Macht ſcheint ihre Schritte zu feſſeln und ſie faſt mit Gewalt zu Amany hinzuziehen, um die Verfolgte, wenn auch nicht zu ſchützen, doch mit ihren Gewändern den Augen des furchtbaren Gottes zu verbergen. Wer dieſes ſtumme und doch ſo lebendige Pantomimenſpiel noch nicht geſehen hat, iſt ſchwer zu überzeugen, daß Alles nur eine Täu⸗ ſchung ſein ſoll, eine Ceremonie, wie ſie von Alters her das Reli⸗ gionsgeſetz bei der Aufnahme einer Devadaſi anordnet. Aber noch mehr als dieſe über alle Beſchreibung rührende und ergreifende Scene feſſelte die Erſcheinung Amany's ſelber alle Blicke und wir jüngeren Offiziere beſonders hatten von nun an blos Augen für ſie, deren faſt überirdiſche Schönheit Alles ringsum verdunkelte. Gott Peru⸗ mala durfte auf eine ſolche Braut in Wahrheit ſtolz ſein, und ſelbſt den frommen Indern, die gewiß an ſo heiliger Stätte keinen pro⸗ fanen Gedanken hegten, ſah man es an, daß Amany's Anblick ihre Andacht ſtörte und ſie zur Bewunderung hinriß. Sie erlaſſen mir eine weitere Beſchreibung von dieſer holden Devadaſi; genug, wenn ich ſage, daß ich noch heute, nach ſo manchem langen Jahre, nur mit Rührung und Entzücken an dieſes reizende Weſen denken kann, das uns gleichſam die indiſche Poeſie in ihrer wunderbaren Lieblich⸗ keit und elegiſchen Innigkeit ſichtbar verkörperte. Aber um ſo weniger wollte auch Gott Perumala dieſer holden, ſeinem Dienſt geweihten Prieſterin entſagen und bald entdeckte ſein ſcharfes Auge die Fliehende, trotz der Schleier, womit die andern Bajaderen ihm Amany's Geſtalt zu verbergen ſuchten. Durch dieſe Bemühungen war ſie unſeren Blicken einige Sekunden entzogen wor⸗ den, als plötzlich auf ein Zeichen der Muſik die Bajaderen zurück⸗ wichen und Amany nun wie von einem Zauberſtab berührt, im völ⸗ ligen Prieſterſchmuck vor uns ſtand, eine Metamorphoſe, welche von dem europäiſchen Theil der Verſammlung mit einem Schrei der Ueberraſchung begrüßt wurde. Hierauf ſtimmten die Brahminen einen —— höchſt eigenthümlichen Feiergeſang an, deſſen Melodie nur aus weni⸗ gen Noten beſtand, während der Oberprieſter der neuen Devadaſi den vorhin erwähnten Halsſchmuck in Form eines goldnen Herzens um⸗ band, durch welche Ceremonie er Amany unauflöslich mit Perumala vermählte. Hierauf begann der Tanz von Neuem, indem die Bajaderen auf die nun erſt völlig in ihren Bund Aufgenommene zueilten und ſie vom Altare weg in ihre Mitte zogen. Es war der ſogenannte „Brauttanz“, worin ſich die neue Devadaſi zum Erſtenmale vor Brahminen und Volk öffentlich als Tänzerin des Tempels zeigte, während die andern Bajaderen nur den Chor bildeten und durch wechſelnde Gruppen zum Verſtändniß des pantomimiſchen Spieles mitwirkten. Amany überſtrahlte auch im Tanze alle übrigen, und bezauberte durch ihre Grazie und beiſpielloſe Gewandtheit die ganze Verſammlung. Sie verdiente in der That den Beinamen„Tochter der Luft“, welchen die Bajaderen führen; denn kaum ſah man ſie mit den Fußſpitzen den Boden berühren und nur der melodiſche Klang der ſilbernen Schellen an ihren Gewändern erinnerte uns daran, daß ihr Körper aus anderem als aus ätheriſchem Stoffe be⸗ ſtand. Ich beſchließe hiermit meine Schilderung von dem Feſte Pu⸗ rucha und komme nun zu meiner eigentlichen Geſchichte zurück, in der, wie Sie wohl ahnen werden, die holde Amany eine Hauptrolle ſpielt. Der Major hielt hier einen Augenblick inne, wie um einer in⸗ neren Bewegung Meiſter zu werden und erzählte dann ſeinen lau⸗ ſchenden Zuhörern folgende Begebenheit aus ſeinem Aufenthalt in Indien. Ein vom Könige befohlener Wechſel der däniſchen Garniſon von Trankebar ſollte uns endlich nach vierjährigem Aufenthalt nach Eu⸗ ropa zurückbringen, eine Ausſicht, die von Offizieren und Mannſchaft mit Jubel aufgenommen wurde, ſo daß wir bald mit lebhafter Un⸗ geduld der Ankunft der Fregatte„Medea“ entgegenſahen, welche die neuen Truppen von Dänemark nach den Kolonieen bringen ſollte. Nur einer unſerer Kameraden, Lieutenant Aßmann von der Artillerie, ein junger ebenſo talentvoller als liebenswürdiger Offizier, theilte ————— nicht die allgemeine Freude, und er, ſonſt der Fröhlichſte unter den Fröhlichen, zeigte gerade um dieſe Zeit eine auffallende Niederge⸗ ſchlagenheit und Zurückhaltung, ſo daß ſeine Kameraden bald Arg⸗ wohn zu ſchöpfen anfingen, es möchte ihm aus irgend einem gehei⸗ men Grunde die Rückkehr in's Vaterland weniger willkommen ſein als uns Andern. Er mußte darum manche Neckereien hören, vermied in Folge davon die fröhliche Geſellſchaft der Freunde immer häufiger und ward uns zuletzt ein vollkommenes Räthſel. Nur Einer erfuhr endlich aus ſeinem Munde die Löſung deſ⸗ ſelben, und dieſer Eine iſt der Nämliche, welcher ſie Ihnen hier wiedererzählt. Es war Amany, des eiferſüchtigen Gottes Perumala holde Ge⸗ mahlin, welche ſeit dem Feſte Purucha in der Bruſt des Freundes alle Glut einer ſchwärmeriſchen Liebe entzündet hatte, ſo daß er von dem Augenblick an, wo er ſie zum Erſtenmale ſah, keinen andern Gedanken mehr hatte als ſie, auf deren Beſitz alle ſeine Wünſche gerichtet waren. Vergebens ſuchte er anfangs gegen dieſe Leidenſchaft anzukämpfen, denn er ſah ſehr wohl die Unmöglichkeit ein, den Ge⸗ genſtand ſeiner Sehnſucht zu gewinnen, ſelbſt wenn Amany ſeine Neigung erwidert hätte. Sie war ja eine der Gottheit geweihte Prieſterin, eine furchtbare Kluft lag zwiſchen ihm und der Geliebten der uralte Fanatismus der indiſchen Religion, deren ſtarre Satzung noch keine Hand ſtraflos angetaſtet hatte, und hundert Argusaugen eiferſüchtiger und verſchlagener Brahminen bewachten außerdem die köſtliche Perle, Mancher darunter wohl nicht ohne den geheimen Wunſch, Amany für ſich ſelber zu beſitzen; denn die Prieſterinnen können, was auch bei den meiſten der Fall iſt, unbeſchadet ihrer Vermählung mit dem Gotte, einen Brahminen ehelichen, der dann gleichſam als irdiſcher Stellvertreter des himmliſchen Gemahles gilt. Trotz aller dieſer Hinderniſſe und alle perſönliche Gefahr bei Seite ſetzend, wagte Aßmann das Aeußerſte und nach undenklicher Mühe gelang es ihm endlich, Amany ungeſehen zu nahen und der holden Devadaſi ſeine Liebe zu bekennen. Er fand den Weg zu ihrer Hütte, und ſo groß auch anfangs ihr Schrecken über dieſe unerhörte Kühnheit geweſen war, dem Flehen der Liebe aus dem Munde eines ſo ſchönen und ritterlichen Anbeters konnte ſie, allen ihren Gelübden entgegen, nicht widerſtehen und der glückliche Aßmann ſah ſich bald am Ziele ſeiner heißeſten Sehnſucht. Ohne den Werther oder die neue Heloiſe geleſen zu haben, war Amany's Gemüth ſchwärmeriſch, ihr Herz liebebedürftig genug, um in dieſes ebenſo romantiſche als gefährliche Verhältniß einzugehen, ſo daß ſie nach kurzem Widerſtreben den muthigen Entſchluß faßte, mit dem Ge⸗ liebten nach Europa zu entfliehen, wohin weder die Macht Brah⸗ ma's noch ſeiner Prieſter Gewalt reichte. Den ſichern Flammentod vor Augen, wenn ihr Vorhaben vor der Zeit entdeckt werden ſollte, flocht ſie dem Geliebten den bräutlichen Strauß aus duftendem Ra⸗ vapon und Nalla⸗Mullablüthen, durch welches Zeichen ſich das indiſche Mädchen dem Manne ihres Herzens verlobt; und unter dem Schutze holder Ginnares, der Genien der Muſtk, ſang ſie allabendlich in ihrer Hütte jene ſüßen Liebesſtrophen, worin die Devadaſi zur Nachtzeit dem hellleuchtenden Geſtirn des ihr anvermählten Gottes die Gebete ihrer keuſchen Liebe entgegenſchickt. Auf dieſes Zeichen nahte dann der glückliche Bräutigam, und am heiligen Teich hinter der Pagode, auf deſſen Fluthen das Somalicht träumeriſch erglänzte, im Schatten duftender Elengis und Azaleen, trank er von Amany's Lippen den feurigen Amrita, den Unſterblichkeitstrank der Liebe, während aus dämmerndem Nachtgewölk die Manampadhi oder indiſche Lerche ihre Lieder auf die beiden Glücklichen niederſtreute und dem jungen Dänen vom fernen Nordſeeſtrand erzählte. So überließen ſich Beide unbe⸗ ſorgt dem Glück ihrer Liebe; denn„rein iſt das Herz, das keinen Willen hat,“ heißt es in den heiligen Büchern der Vedas, welchen Spruch die Bajaderen gewöhnlich an die Thürpfoſten ihrer Hütte ſchreiben.. Ich erſchrack nicht wenig, da mich Aßmann in ſein Herzensge⸗ heimniß einweihte und mir mit trunkenen Worten das Glück ſeiner Liebe ſchilderte; denn ich kannte die Eiferſucht und Wachſamkeit der Brahminen und wußte, daß ihr und des Volkes fanatiſcher Re⸗ ligionseifer bei ähnlichen Fällen ſchon mehr als ein Doppelopfer erreicht hatte. Nicht Amany allein, auch dem Freunde drohte die höchſte Gefahr, wenn man ihr Verhältniß entdeckte, und ich hielt es darum für meine Pflicht, ihn dringend zu warnen und ihm die äußerſte Vorſicht anzuempfehlen. Er verſprach es Wr zwar. allein — —— 78 ich ſollte bald das Gegentheil davon erfahren; denn Aßmann, von der Liebe verblendet und tollkühn obendrein, ſetzte nicht nur ſeine geheimen Zuſammenkünfte mit der Devadaſi fort, ſondern wagte es ſpäter ſogar, in das innere Heiligthum der Pagode ſelbſt zu dringen, wenn Amany bei dem Altarfeuer den Wachedienſt hatte. Und das in einem Lande, wo der feige Thug niemals das Opfer verfehlt, das er ſich zum Morde auserſehen; wo der furchtbare Phanſegar den Feind in Folge eines religiöſen Geſetzes erdroſſelt und zwar nach einem Codex anerkannter und von allen Bekennern Brahma's reſpektirter Frömmigkeit, ja wo der Mord ſelbſt unter Umſtänden zu einem Akte der Reinigung und Buße für ſeinen Urheber ſelber wird. Und die⸗ ſer Religion, in der Alles Gott iſt außer Gott ſelber, die Mord, Raub und Verbrechen aller Art unter ihren Dogmen zählt, trotzte der kühne Jüngling, wagte ſich in ihre Tempel, die vor ihm noch kein Chriſt betreten, ja die der gläubige Hindu ſelbſt, ſobald er nicht zur Prieſterſchaft gehört, niemals betreten darf. Solch eine Pagode iſt eine bizarre, gigantiſche, unermeßliche Architektur; alle Bauſtyle ſcheinen ſich da zu vereinigen, alle Urbilder der Häßlichkeit ſind da vergöttert neben Statuen von helleniſcher Schönheit; man brennt Weihrauch, deſſen Duft noch Monate nachher nicht aus den Haaren und Kleidern der Opfernden weicht, und hängt Blumenkränze vor einem widerlichen Ungeheuer auf, das auf einem ſteinernen Rieſen⸗ elephanten kauert. Der Altar Perumala's, an welchem Amany alle fünf Nächte je einmal zu wachen hatte, und an dem die geweihte Prieſterin des Gottes das nach indiſchem Religionsbegriff ungeheuerſte Sakrileg verübte, indem ſie einem verworfenen Chriſten den Anblick des Hei⸗ ligthums verſtattete, dieſer Altar lag auf der innern Südſeite der Pagode und bildete den prächtigſten Theil derſelben. Das Mond⸗ licht glänzte in weiten, unbedeckten und von Marmor ſchimmernden Höfen; eine niedrige Pforte, von zwei ſteinernen Löwen, den unbe⸗ weglichen und ewigen Wächtern des Heiligthums gehütet, führte in ein weites Gewölbe und aus dieſem trat man in einen langen Gang, deſſen Decke wunderſam gearbeitete und an allen Nachahmungen des zarteſten Meißels reiche Marmorſäulen trugen. Im Hintergrund rieſelte eine Quelle aus dem Boden und führte einem großen inne⸗ 1 ————— —— — 0— Boſſin das Waſſer zu, welches Steinbilder von ſchrecklichem Anſehen umgaben. In dieſen Tiefen, in dieſem Heiligthum, zugleich dem Aufenthalt des Schreckens und der Schönheit, führten bei feierlichen Gelegenheiten die Bajaderen ihre Tänze auf; hier war es, wo in früheren Zeiten die Menſchenopfer gebracht wurden, und hier brüteten die Brahminen, die erſten Metaphyſiker der Erde, über der Lehre von dem göttlichen Puruſch, über Sein und Nichtſein, Ich und Nicht-⸗Ich. Wolluſt, Mord, Weisheit hatten dieſe ſchauerliche Stätte geheiligt. Zur Seite des kleinen See's ſtand der Altar, geſchmückt mit dem Marmorbild des Gottes, ein Gott, ſo ſchön wie der griechiſche Apoll, deſſen Antlitz an die reizendſten Ideale eines Phidias erin⸗ nert hätte, wenn er nicht— mit fünfzehn Armen geziert geweſen wäre und zum Ueberfluß einen dreifachen Körper gehabt hätte, deſſen Füße häßliche Eidechſen und Schlangen von Bronce bildeten. Das war der Gemahl der ſchönen Amany, dem ſie die Treue gebrochen, und doch mußte ſie noch immer das Symbol dieſer Treue, das heilige Feuer, Dewajagna genannt, auf dem viereckigen ſchwarz⸗ ſteinernen Herde der Kunda unterhalten, von Zeit zu Zeit das röth⸗ lich flackernde Gupalholz mit Kokosnußöl beträufeln, auch die vier Seitenwände der Kunda mit Weihwaſſer aus dem nahen See be⸗ ſprengen und dazu dreimal in der Nacht unter Gebeten das ſtark⸗ duftende Räucherwerk in die Flammen ſchütten, ſo daß der ganze ge⸗ wölbte Gang und ſelbſt die äußere Vorhalle beſtändig von einem betäubenden Kamphergeruch erfüllt wurden, der alle Stoffe durch⸗ dringt und ſogar im Freien die Anweſenheit eines Tempeldieners oder Prieſters ſchon aus der Ferne errathen läßt. Bis in dieſes allerinnerſte Heiligthum der Pagode drang der verwegene Aßmann und ſaß dort ſtundenlang im Schatten eines rie⸗ ſigen Götzenwagens bei Amany traulich koſend wie unter Jasmin und Gaisblatt. Noch einmal wurde der Plan zur Flucht überlegt, ſchon hatte er alle Vorbereitungen dazu getroffen, der Gouverneur ſelbſt wußte um die Sache, ſobald die„Medea“ angelangt, ſollte Amany heimlich an Bord derſelben gebracht werden, kurz Alles war auf's Beſte ausgedacht und beide Liebende beſchäftigten ſich nur noch mit Bildern ihrer glücklichen Zukunft. ——— ——y — j— —— —— 80 Endlich ſignaliſirten die Kanonen des Forts die lang erſehnte Fregatte, die Truppen wurden ausgeſchifft und es fanden zu ihrem Empfang mehrere Feſtlichkeiten von Seiten des Militärs und der Ein⸗ wohner ſtatt. Ein reicher Brahmine, Laos mit Namen, der ſeine Abkunft von dem Königsgeſchlecht von Tandſchur herleitete und von der däniſchen Regierung häufig zu wichtigen Miſſionen an die benachbar⸗ ten indiſchen Fürſtenhöfe gebraucht wurde, wollte bei dieſer Gelegen⸗ heit gleichfalls ſeine Anhänglichkeit an die Europäer kundgeben und veranſtaltete deßhalb in ſeinem ganz nach europäiſchem Geſchmack ge⸗ bauten, an der Meerſeite gelegenen Landhaus den ſcheidenden Offi⸗ zieren zu Ehren ein Abſchiedsfeſt, wozu er noch außerdem die ange⸗ ſehenſten Einwohner der Stadt gebeten hatte. Es war am Vorabend des verhängnißvollen Tages, an welchem Amany, ſobald die Dunkel⸗ heit angebrochen, aus der Pagode entfliehen und als Schiffsjunge ver⸗ kleidet auf das Schiff gebracht werden ſollte. Schon wußten auch andere Freunde Aßmann's um das Vorhaben und gratulirten ihm be⸗ reits zum Gewinne dieſer holden Wunderblume Indiens; das Ro⸗ mantiſche ſeines Liebesverhältniſſes hatte ſelbſt in jener fremden, an Wunderſamkeiten ſo reichen Zone noch Reiz und Intereſſe, und Jeder, der in das Geheimniß eingeweiht wurde, wollte auch zugleich eine Rolle dabei ſpielen; Aßmann war einer der beliebteſten Offiziere, er würde im Nothfall über uns Alle haben disponiren können, darum war es ſicherlich keiner der Mitwiſſenden, der den Plan verrieth; viel eher glaube ich, daß es der Freund ſelbſt, je näher die Stunde der Entſcheidung und mit ihr die Erfüllung ſeines heißeſten Wunſches rückte, an der nöthigen Vorſicht fehlen ließ. Andere hielten dafür, daß die Prieſterſchaft der Pagode ſchon längere Zeit zuvor um die Tempelentweihung gewußt hätte, wie es denn allerdings auffallend war, daß bei dem erwähnten Feſte keiner der geladenen Brahminen erſchien; ja, es wäre ſelbſt denkbar, daß der eigenthümliche Geruch jenes Weihrauchs, welcher ſtets nur im innerſten Heiligthum gebraucht wird, den feinen Naſen der argwöhniſchen Brahminen zuerſt den Ein⸗ dringling verrathen und dadurch zur Entdeckung der ungeheuern Fre⸗ velthat geführt hätte; kurz, gegen das Ende des Feſtmahls, welches bis tief in die Nacht hinein währte, eben als die indiſchen Jongleurs ihre Spiele beginnen wollten, traf die Nachricht ein, daß die Pagode —;— — —— — — — 8— brenne. In der That ſah man eine dichte Rauchſäule, die ſich in ſchwarzen ſchweren Wolken aus dem Innern des Götzentempels erhob; von einem eigentlichen Feuer aber war nichts zu entdecken, nur ein⸗ zelne Funken leuchteten zuweilen im Rauche auf. Während die indi⸗ ſchen Gäſte und unſer Wirth beſorgt nach der Stadt eilten, blieben wir Offiziere in dem Landhauſe zurück und betrachteten von einem erhöhten Standpunkt am Meeresufer aus die Pagode, als wir plötzlich durch die Stille der Nacht einen ſonderbaren Geſang vernahmen, deſſen ſchauerlich wilde Töne, begleitet von einer Trauermuſik mit gedämpften Inſtrumenten, bald allein unſere Aufmerkſamkeit feſſelten, da augenſcheinlich keine Feuersgefahr zu beſorgen war. Der Geſang kam aus der Pagode, doch wußte Niemand von uns ſeine Bedeutung, wir glaubten daher anfangs, es gelte irgend einer uns unbekannten Kirchenfeier. Da langte plötzlich ein Bote des Gouverneurs athem⸗ los aus der Stadt an, welcher meldete, daß Unerhörtes geſchehen und ganz Trankebar darüber in Bewegung geſetzt ſei. Die Brahminen hatten nämlich, o des entſetzlichen Fanatismus! eine junge Prieſterin Perumala's, die ſich des Verbrechens der Tempelſchändung ſchuldig gemacht, lebendig verbrannt, und die von ihrer Religion geheiligte, von der däniſchen Regierung aber auf das Strengſte verbotene Miſſe⸗ that ſo eilig und geheim ausgeführt, daß erſt die Rauchwolke und der Wehgeſang der fanatiſchen Prieſter die Kunde davon in der Stadt verbreitete. Sie können ſich denken, wie uns dieſe Nachricht erſchreckte, denn Keiner von uns zweifelte daran, daß es die ſchöne Amany ſei, welche dieſes furchtbare Schickſal erreicht hatte. Aßmann geberdete ſich wie ein Raſender und wollte ſich im erſten Eindruck des Schmerzes ver⸗ zweiflungsvoll von dem Felſen in's Meer ſtürzen. Wir eilten ſogleich mit ihm nach dem Fort, denn die geſammte indiſche Bevölkerung Trankebars ſtand auf dem Punkte, zu den Waffen zu greifen und die, wie ſie wähnte, bedrohten Altäre des Landes gegen die Euro⸗ päer zu ſchützen. Der Beſonnenheit und Klugheit des Gouverneurs gelang es jedoch, die der Kolonie drohende Gefahr glücklich abzuwen⸗ den, indem er geradezu von dem Vorfall keine Notiz nahm und den empörenden Gebrauch eines uralten religiöſen Aberglaubens ungeahn⸗ det ließ. Bei den damaligen mißlichen politiſchen Verhältniſſen In⸗ D. B. II. Müller's Charl. Ackermann. 6 ——— ——— —— — ——-— — 82 „ diens war an einen erfolgreichen Kampf mit der fanatiſchen Prieſter⸗ ſchaft nicht zu denken, man mußte darum gute Miene zum böſen Spiele machen und die— dieſer unmenſchlichen Sitte auf gelegenere Zeit verſparen. Iſt es doch bis zum heutigen Tage dem Einfluß der Civiliſation ſelbſt in den engliſchen Beſitzungen Oſtindiens noch nicht gelungen, jenen blutigen Gebräuchen des Götzendienſtes zu ſteuern, denn die Sutties oder das Verbrennen der Frau nach dem Tode ihres Mannes, ſind noch bis zur Stunde im Gebrauche und liefern ſchauerliche Beweiſe von der barbariſchen Frömmigkeit der Hindus. Unſere Furcht in Betreff Amany's beſtätigte ſich nur allzubald, denn ſchon am folgenden Tage erfuhr man, daß die jüngſte Devadaſi den Flammentod geſtorben ſei. Ueber die Natur ihres Verbrechens verlautete jedoch keine beſtimmte Nachricht; wahrſcheinlich hielten es die Brahminen nicht für rathſam, das unerhörte Verbrechen der be⸗ leidigten Gottheit zur Kunde der Menſchen gelangen zu laſſen, da ſie dadurch einen Eintrag für das Anſehen ihres Tempels befürchte⸗ ten. Daß ihnen ſelber aber das Verhältniß Amany's zu dem däni⸗ ſchen Offizier vollſtändig bekannt geworden ſei, ſollte uns bald zur ſchrecklichen Gewißheit werden und dieſe zugleich den eben ſo myſteriö⸗ ſen als ſchauerlichen Schluß der tragiſchen Liebesgeſchichte bilden. Kaum kannte nämlich mein armer Freund den ganzen ſchrecklichen Thatbeſtand und durfte nicht länger an dem durch ſeine Schuld her⸗ beigeführten Tode der Geliebten zweifeln, ſo bemächtigte ſich ſeiner eine düſtere Melancholie, die ihm bald das Leben zur unerträglichen Laſt machte. In dieſer trüben Stimmung wies er jeden Troſt von ſich, aber auch jede Warnung vor der Rache der tückiſchen Brah⸗ minen, der doch ſchon ſo mancher Europäer, welcher ſich in ähnlicher Weiſe gegen ſie vergangen hatte, zum Opfer gefallen war. Noch jüngſt hatte die Zeitung von Calcutta von einem jungen Spanier berichtet, der in Folge eines verliebten Abenteulers mit einer Bajadere ſein Leben unter Mörderhänden verlor. Die ſchrecklichen Thugs, jene Prieſter der menſchenfeindlichen Göttin Kalie, die den Mord zu einem Gewerbe machen, ſtanden damals noch überall in Indien unter dem Einfluß, ja ſelbſt im Dienſte der Brahminen und verbreiteten durch ihren blutigen Kultus Schrecken über das ganze Land. Wehe dem ——⏑——*„ — Unglücklichen, den ſie ſich zum Opfer auserſehen! Er verſchwindet eines Tags ſpurlos von der Erde, uan. dieſe Mörder⸗Sekte verſteht ſich trefflich auf ihr entſetzliches Handwerk. Mit einem Tuche, Palu ge⸗ nannt, erwürgen ſie ihr Opfer, um keine Blutſpur zu hinterlaſſen, ſo plötzlich, daß nicht der mindeſte Laut von dem Sterbenden gehört wird, und dann verſcharren ſie die Leiche des Ermordeten ſo heimlich und ſicher, daß ſelbſt der hungrige Pariahund ſie nicht auffindet. Wahrſcheinlich iſt auch der unglückliche Aßmann das Opfer eines ſolchen Thugs geworden; denn anders läßt ſich ſein plötzliches Ver⸗ ſchwinden aus dem Reiche der Lebendigen nicht erklären, ſo viel man ſich auch Mühe gab, das ſchauerliche Geheimniß ſeines ſpurloſen Unterganges aufzuklären. Eines Abends war er von Hauſe fortge⸗ gangen, um ſich nach dem Fort zu begeben, iſt aber weder dort an⸗ gelangt, noch auch ſpäter wieder in ſeine Wohnung zurückgekehrt. „Der Phanſegar iſt in ſeinen Schatten getreten,“ ſagen die Hindus von Einem, der auf dieſe Weiſe ſpurlos aus der Welt verſchwindet, und nach uraltem Gebrauche wallfahren dann die hinterbliebenen näch⸗ ſten Angehörigen des Verlorenen nach dem Tempel zu Binda Choul, um daſelbſt drei Tage lang für die Seele des Gemordeten und für ſeinen Mörder zu beten. 9. Der Eintritt des Majors in den Künſtlerkreis der„Obergeſell⸗ ſchaft“, ſowie in Doctor Unzer's engeren Zirkel war, wie wir bereits geſehen haben, nicht ohne einiges Aufſehen geblieben, wenn auch Eckhof's ungünſtiges Urtheil über ihn wenig mit der guten Meinung der übrigen Kunſtgenoſſen über dieſen Herrn übereinſtimmte. Auch die alte Frau war von der erſten Bekanntſchaft befriedigt und Syl⸗ burg hatte glücklich durch ſeine einnehmende Perſönlichkeit jenen ver⸗ dächtig⸗romantiſchen Schatten bei ihr zerſtreut, welchen allerhand dunkle Gerüchte über ſeine Vergangenheit geworfen; dennoch beruhigte ſich die Etatsräthin nicht bei ihrer eigenen guten Meinung von ihm und ſuchte durch ihre Kanäle Näheres von ſeinem vergangenen Leben und hauptſächlich von ſeinem Verhältniß zu der Gräfin Lindenkron zu 6* — 84 erfahren, ehe ſie ihm ganz traute. Die alte Frau durfte in dieſer Hinſicht ſchon Etwas unternehmen; denn ihre intimen Verbindungen mit einflußreichen und in alle möglichen Lokalverhältniſſe eingeweihten Perſonen verſchafften ihr bei ſolchen Nachforſchungen faſt immer ge⸗ wiſſe Reſultate und ſelbſt ältere Senatsmitglieder und Beamte im ſtädtiſchen Dienſte waren ihr zuweilen hierbei gefällig. Aber nicht die Sorge um ihres Hauſes guten Ruf allein bewog ſie, ſich des Majors zuvor zu verſichern; es war ihr auch eine wahre Herzens⸗ angelegenheit, ſeine Denkart und Geſinnung kennen zu lernen, denn der Mann gefiel ihr ſehr wohl und ſie verſprach ſich in ihm für ihre Geſellſchaftsabende ein neues, angenehmes und belebendes Element. Zu ihrer großen Freude und Beruhigung lauteten alle einge⸗ zogenen Nachrichten über den ſchönen Offizier aus Schleswig unbe⸗ dingt zu deſſen Gunſten und ſelbſt ſeine Landsleute, die ſich in Hamburg aufhielten, ſprachen nur mit Achtung von ihm und ſeinem Charakter. Was die Geſchichte mit der Gräfin Lindenkron anbe⸗ langte, ſo blieb hier allerdings Manches im Dunkeln; nur ſoviel brachte die alte Frau heraus, daß die junge verwittwete Gräfin ſchon ſeit dem Tode ihres Gemahls ihr Gut im Holſteiniſchen bezogen habe und wahrſcheinlich auch den Winter nicht in die Stadt kommen werde. Zugleich erfuhr ſie, daß an dem ganzen Gerede von der Feindſchaft des verſtorbenen Grafen gegen Sylburg kein wahres Wort ſeei, daß dieſer vielmehr bis zum letzten Augenblick an ſeinem Sterbe⸗ bette verweilt und ihm die treueſte Zuneigung bewieſen habe. Das iſt wieder einmal die Welt! ſagte die alte Frau und är⸗ gerte ſich faſt über ſich ſelber, daß ſie dem falſchen Gerede einen Augenblick Glauben geſchenkt hatte. Der wackre Sylburg! Man braucht ihm nur in die aufrichtigen Augen zu ſehen, ſo weiß man, daß auch er ſeine bitteren Feinde haben muß, ſo gut wie jeder an⸗ dere brave Menſch. Aber warte nur, du vornehmes Hamburger Pack! . Den ſollſt du mir nicht mehr verunglimpfen und allen Läſterungen zum Trotze wird der Baron mein Hausfreund! Sylburg's alter Neger Olaf kam und brachte ihr von ſeinem Herrn die verſprochenen indiſchen Seltenheiten, darunter den aus feinſtem Seidenſtoff mit Silberblumen durchwirkten Bajaderenanzug, in deſſen Gürtel mit goldnen Fäden ein heiliger Spruch der Vedas 85„ eingewirkt war, und den ein durchſichtiger geſchliffener Kieſel von lichtblauer Farbe in Geſtalt einer Camalablume zuſammenhielt. Die Etatsräthin empfand eine lebhafte Freude über dieſe ange⸗ nehme Bereicherung ihres kleinen Muſeums; ſie hätte am Liebſten auch den alten Neger, trotz ſeines abſtoßenden Aeußern, gleich bei ſich behalten und entließ ihn erſt nach langem Hin⸗ und Herfragen über ſein Vaterland und ſeine Schickſale, reichlich beſchenkt, ganz entzückt von dieſem mißgeſtalteten, hinkenden und ſchielenden Unge⸗ thüm, welches mit ſo grenzenloſer Treue an ſeinem Herrn hing. Wie ſie ihm beim Abſchied das große Geldſtück in die Hand drückte, fun⸗ kelten Olaf's Augen tigerartig, ſeine vom Alter gedrückte ſcheinbar hinfällige Geſtalt verjüngte ſich bei dieſem Zauberanblick, und in wilder fanatiſcher Freude aufjauchzend, ſprang er mehre Fuß hoch in die Luft, daß die Papageye auf ihren Stangen ängſtlich kreiſchend umherflatterten, worauf er wie beſeſſen fortſtürzte, als ſei ihm ein Königreich geſchenkt worden. Gleich nachher fuhr des Doctors Wagen vor und er ſelber trat zum Morgengruß in das„Kunſtkabinet“, wo er die Mutter mit dem Ordnen und Aufſtellen von Sylburg's Geſchenken beſchäftigt fand. Welch' ein ſchöner Geiſt, welch' ein poetiſcher Sinn ſprach aus dieſer ganzen Einrichtung! Jedes Plätzchen zeigte da eine neue Seltenheit, jeder Gegenſtand faſt hatte ſeine liebe Bedeutung; denn von Hun⸗ derten von freundlichen Händen waren ſie ja hier aus allen Theilen der Welt zuſammengetragen, die großen und kleinen Wunderdinge der entfernten Zone, bald Werke der Kunſt, bald der Natur; antike Produkte und moderne; chineſiſche Vaſen und römiſche Weinkrüge, ſeltne Schmuckſachen des Alterthums, ägyptiſche Idole neben fabel⸗ haften Thierknochen und wunderbar feinen Elfenbein⸗Arbeiten; hier eine prächtige Colibri⸗Gruppe, die mit der furchtbaren faſt hand⸗ großen Curaſſao⸗Spinne einen Kampf auf Tod und Leben um die junge Brut im zarten Neſte begonnen hat, und gleich daneben wieder ein herrlicher Silberpokal aus Benvenuto's berühmter Werk⸗ ſtätte— kurz, eine ſo bunte und mannichfaltige Sammlung, daß der Doctor, indem er ſeinen Blick über dieſe wunderliche Zuſammen tel⸗ lung hinſtreifen ließ, ſcherzend äußerte, es fehle nun bald Nichts mehr, 8 als daß die Mutter einen beſonderen Conſervator anſtelle und dem Publikum den freien Eintritt zu ihren Raritäten geſtatte. Hinaus, du loſer Schwätzer! rief die Etatsräthin. Hier iſt kein Muſeum für die Allerweltsneugierde, hier iſt mein Tempel der Freundſchaft; Das was hier ſteht, braucht keine kunſthiſtoriſche Be⸗ rühmtheit, um ihm Werth zu verleihen; zwar habe ich die Schätze nicht alle ſelber zuſammengetragen, aber dafür haben Andere an Ort und Stelle für mich geſorgt, und ſiehſt du, Karl, das Beſte daran und was mir mein kleines Muſeum am Theuerſten macht, iſt der Ge⸗ danke: Bei dieſem Stück hat man an mich in China gedacht, bei jenem in Grönland, bei dem in Tauris; hier rief ein Freund in Neapel: Den herrlichen Apollokopf muß die alte Frau haben; dort handelte Capitain Luytges mit einem Häuptling der Südſee um das buntfarbige Federkleid für die Etatsräthin auf dem Steinweg in Hamburg— darum laß' mich mit dem Publikum ungeſchoren und erzähle mir lieber, was du von unſerm neuen Freunde, dem Baron Sylburg gehört haſt. Ich komme eben aus ſeiner Wohnung, fand ihn jedoch nicht zu Hauſe, verſetzte der Doctor; er war ausgeritten, dafür entſchädigte mich jedoch der Wirth zum„Kaiſershof“, bei dem er wohnt, durch ſehr gute Mittheilungen über ihn. Sylburg mag ein Lebemann ſein, er hat auch ganz das Ausſehen darnach, aber ein herzensguter vor⸗ trefflicher Menſch iſt er ſicherlich. Der Wirth weiß gar nicht genug zu rühmen, was er an den Armen thut; ſeit der Baron ſein Hotel bezogen, werde das Haus nicht leer von Bettlern, und je mehr er hergebe, um ſo größer ſei der Andrang; die Wirthin nennt ihn mit Rührung einen„kinderlieben“ Herrn; denn er ſei ganz vernarrt in ihre Jungen und ſpiele oft den halben Morgen mit ihnen auf ſeiner Stube; er lebt dabei ſehr ſolide, beſchäftigt ſich viel mit Muſik, und der einzige Aufwand, den er treibt, beſteht in ſchönen Pferden, deren er drei im Stalle hat. Er ſoll ein ebenſo geſchickter als ver⸗ wegener Reiter ſein. Da haben wir's! ſagte die alte Frau lebhaft. Die Herzensgüte iſt doch immer die erſte Zielſcheibe für die Verleumdung; wer für ſeine Nebenmenſchen ein Bischen mehr thut, als der erbärmliche Krä⸗ mergeiſt begreifen kann, gilt gleich für einen Verſchwender, einen —*— —— ——— . 1 87 Leichtfuß und man zuckt über ſeine Chriſtenliebe die Achſel, wie über die allerärgſte Frivolität. Das kommt daher, weil die meiſten Men⸗ ſchen an Nichts mehr Aerger nehmen, als wenn man ihnen durch die That heweiſt, durch welche Tugenden man ſich von ihnen und Ihres⸗ gleichen unterſcheidet. Mir ſoll noch Einer ein Wort gegen dieſen trefflichen Mann ſagen! Aber die Verſchwendung bei ſeinen Wohl⸗ thaten muß ich ihm legen; nein, das geht nicht an, daß er ſo mir nichts dir nichts in's Chriſtliche hineinwirthſchaftet! Ich werde ihm ſagen, daß gerade der gute Menſch in dieſer herzloſen Welt eine doppelte Pflicht hat, das Seinige zu Rathe zu halten und es richtig anzuwenden. Nun ſind Sie ſchon ganz eingenommen für dieſen Herrn! ſagte der Doctor und drohte ihr lächelnd mit dem Finger. Mama, Sie haben mir ſelbſt das Amt angewieſen, Sie vor Ihrer allzugroßen Leichtgläubigkeit zu warnen. Denken Sie an den polniſchen Grafen und Ihre ſilbernen Löffel! Ei was! rief die alte Frau ärgerlich. Jener Menſch war ein ganz gemeiner Abenteurer, ein Dieb, und wenn ich ihn für was Beſſeres hielt— 1 So war Ihre unendliche Herzensgüte daran ſchuld, ſagte der 5 machen! Auch das gehört ja zu Ihrem ſchönen edlen Gemüthe, daß Sie niemals an den Menſchen irre werden, auch wenn ſo und ſo viele Ihnen mit Undank lohnen. Ich bin ja auch ganz Ihrer Meinung, daß wir den Herrn von Sylburg hochſchätzen und ihn unſerer Freundſchaft werth halten ſollen; ja, ich habe ſelbſt noch eben eine Lanze für ihn gebrochen bei Ackermanns, und zwar ſehr tapfer. Denken Sie ſich, Charlotte mag ihn nicht! Sie findet ihn,— nun rathen Sie mal, was ſie an ihm auszuſetzen hat. 8 4 Iſt er ihr zu rückhaltlos? Zu ungezwungen? Behüte! 4 Zu chevaleresk? Zu ariſtokratiſch? Auch das nicht. Oder gefällt ihr ſein Aeußeres nicht? Iſt er ihr zu alt? Zu ernſt? 8 Nichts von alled Doctor und ſtreichelte ihr ſanft die Wange. Nicht böſe, liebes Ma⸗ em! erwiderte der Doctor. Denken Sie ſich, Dorrothea einen aufrichtigeren Freund wie mich? Mama, ſie behauptet, der Major ſei ihr zu romantiſch, ſeine Sen⸗ timentalität habe Lücken! Das iſt nun wieder meine Charlotte! Lücken in der Sentimen⸗ talität! rief die Etatsräthin heiter. Dorothea nahm dagegen ſehr lebhaft ſeine Partei, fuhr der Doctor fort; ſie hat ſeine Unterhaltung ſehr anziehend gefunden und 3 5 meinte ſogar, es ſeien ihr wenig Männer vorgekommen, die mit einer ſo ſcharf ausgeprägten und bedeutſamen Perſönlichkeit ſo viel natür⸗ 6 liche Einfachheit und Liebenswürdigkeit vereinigten. Das ſagt Dorothea? rief die alte Frau betroffen. Aber ſie ſprach ja vorgeſtern Abend keine zehn Worte mit dem Baron! Iſt Ihnen das ſo auffallend an ihr? fragte der Doctor. Hör', Karl, nahm die Etatsräthin nach einer kurzen Pauſe in ganz verändertem Tone das Wort, während ſie Zeit gefunden hatte, ſich wieder zu ſammeln; mir iſt hier Nichts auffallend an Dorothea, als daß du mir das mit ſo großer Ruhe von ihr erzählſt. Du weißt es ja doch, wie ſie dich verehrt, wie ſie nur auf das Wort 8 deines Herzens wartet, um dir ihre ſchöne treue Seele ganz zu 1 eigen zu geben, während du noch immer zögerſt, jenes Wort aus⸗ zuſprechen, während du noch immer nicht ſiehſt, daß ſie die Krone der reinſten reizendſten Weiblichkeit iſt! Wer ſagt das, liebe Mama? rief Unzer betroffen. Wo hat Ach ſchweige! entgegnete die alte Frau gereizt. Mit deiner auf⸗ richtigen Freundſchaft für das holde Geſchöpf gehſt du nun ſchon anderthalb Jahre meinem theuerſten Seelenwunſch aus dem Wege und 4 Dorothea ſteht eben ſo rath⸗ und hoffnungslos vor dir wie ich ſelber. Als wenn du nicht wüßteſt, daß ſie dich glühend und mit der ganzen Innigkeit ihres Gefühls liebt! Als wenn es dir gleichgültig ſein* könnte, welches treue Herz ſeiner Jugend beſte Tage um dich dahin⸗ 8 trauert! O Karl, wo ſind die Augen deines Geiſtes, daß du dieſe ſeltne Wunderblume, die ſo recht eigentlich vom Himmel für dich beſtimmt ſcheint, nicht ſehen willſt? Wo iſt, wenn ich auch nicht ein⸗ mal nach deinem Herzen fragen will, wo iſt dein Verſtand, dein richtiges Urtheil, das dir ſagen müßte: Dorothea Ackermann iſt das einzige Weib auf Erden, das meiner werth wie ich ſeiner—? — 80— Mein Gott, liebe Mama, in welches Geſpräch gerathen wir da wieder! rief Unzer. Sie, die Sie Dorotheens Werth ſo ſehr aner⸗ kennen wie ich ſelber, wollen haben, daß Verſtand und kalte Ueber⸗ legung mich zu einem Schritt nöthigen ſollen, über den doch allein nur das Herz entſcheidet? Nimmermehr! Das kann nicht Ihr Wille ſein, beſte Mama; denn Sie ſelber haben mir ja tauſendmal geſagt, daß Sie den Mann verachten, der hier nicht allein ſeinem Herzen folgt! Aber wenn das Herz blind iſt— wenn es keine Ahnung hat von dem herrlichen Glück, das dicht an ſeinem Wege blüht—! rief die Etatsräthin. Iſt es da nicht Mutterpflicht, es zu wecken, ihm zu ſeinem Glücke zu verhelfen? Mein Herz iſt nicht blind! ſagte Unzer ruhig und blickte der Mutter mit Rührung in's Auge. Vielleicht heller als Sie denken, theure Mama; denn das herrliche Glück, welches Sie mir zeigen wollen, wird verdunkelt von einem noch herrlicheren, das gleichfalls dicht an meinem Wege blüht, vielleicht allzunahe dem Ihrigen, um dieſem letzteren noch eine Gewalt über mich zu verleihen. Und Sie ſelber, Mutter, ſind davon geblendet, daß Sie's nicht ſehen— Sie ſelber und Dorothea wandeln in ſeinem Glanze und erkennen doch nicht, wie es mein Herz ganz und gar entzündet hat! Sie ſtaunen noch, Mutter? Ahnen noch immer nicht, warum ich Dorothea von ganzer Seele lieben und doch eine Andere noch glühender lieben kann? Ich verſtehe dich nicht, lieber Karl, ſagte die Etatsräthin und konnte nur mit Mühe ihre Faſſung behaupten. Sie ahnte, daß der Augenblick da ſei, der über ihres Herzens heißeſten Wunſch, ja viel⸗ leicht über ihres noch übrigen Lebens ganzes Glück entſcheiden ſollte. Der Doctor hatte ſich zu ihr niedergeſetzt und indem er ihre Hand ſanft zwiſchen ſeine beiden Hände legte, ſagte er: Nicht ſo ernſt und feierlich, liebe Mutter, nicht dieſe Sorge in der ſonſt ſo heitern Miene! Wozu auch? Mein Herz hat ja mit Ihrem Auge entſchieden, meine Wahl iſt zugleich die Ihres eigenen Herzens. Ja, liebe Mutter, nicht Dorothea— aber Charlotte heißt der angebetete Gegenſtand meiner Liebe und wenn ich Ihnen ſeither meine Neigung verbarg, ſo geſchah es, weil ich meines Glückes erſt bei ihr gewiß ſein wollte. Charlotte? ſagte die alte Frau und ſtrich ſich, wie wenn ihr —— ʒõÿõÿõÿõÿõů——— 2 1. 5 5 ———e — — dieſer Name plötzlich ſeltſam fremd geworden, mit der Hand ſinnend über die Stirne; Charlotte Ackermann liebſt du? Mein Gott, wie geſchieht mir denn! Warum höre ich das erſt jetzt von dir? Und welche ſonderbare Vorſtellung machſt du dir von dieſem Mädchen? Sie deine Frau? Nein, ſage mir Nichts, Karl, jetzt nicht, ich bin zu aufgeregt, deine Erklärung hat mich allzuſehr überraſcht, ich finde hier noch keinen Zuſammenhang zwiſchen unſern Gedanken— Charlotte und du— 2 Was bewegt Sie, liebe Mama? rief der Doctor zwiſchen Sorge und Staunen. Reicht der Name Charlotte nicht hin, um Ihnen für den Sohn alles Schöne und Freundliche in dieſem Leben zu verheißen? Charlotte iſt keine Frau für dich, erwiderte die Etatsräthin nach einer Pauſe mit milder aber feſter Stimme. Ihr paßt nicht zuſammen, Ihr zwei grundverſchiedene Menſchen; Das was dich jetzt an ſie feſſelt, was dich entzückt und hinreißt, würde in der Ehe der Abgrund werden, in dem Euer beiderſeitiges Glück rettungslos verſänke. Nein! Nein! Der allmächtige Gott wolle verhüten, daß Ihr jemals ein Paar wer⸗ det! rief ſie mit gefalteten Händen, während ihre Augen von einem wunderbaren Glanze verklärt wurden. Das wäre ein unnatürlicher Bund, der die Seelen, ſtatt ſie zu verſchmelzen, verzehren würde und ſowohl dir wie meinem holden Mädchen den Untergang brächte! Unzer war auf dieſe Rede der Mutter keines Wortes mächtig, dieſe Entſcheidung hätte er am Wenigſten erwartet und faſt feindlich hallte ihre Stimme mit der an ihr ſo ungewohnten Leidenſchaftlichkeit und Erregung in ſeinem Innern wieder. Die Etatsräthin fühlte, daß ſie ſich von ihrer Empfindung zu weit hatte fortreißen laſſen; ſie ſah den Schrecken in des Sohnes Zügen, und indem ſie ihn mit Innigkeit an ihr Herz drückte, rief ſie bewegt: Vergieb mir, Karl, aber ich ſagte dir ja ſchon, daß mich deine Erklärung ganz aus der Faſſung bringt. Laß⸗ mich's ruhig über⸗ legen, es iſt nicht gut, wenn man ſo Etwas in einem Augenblick hören und darüber urtheilen ſoll;— ich habe zu viel geſagt— alle meine Gedanken und Hoffnungen waren ſeit Langem auf Dorothea gerichtet, ich hatte Euch mir bis auf's Kleinſte als glückliches Paar ausgedacht, Euer ganzes Leben lag bereits wie eine einzige ſonnige — —— — — —— Frühlingsau vor mir— da kommſt du mir plötzlich mit deiner Char⸗ lotte in den Weg; nein, die kann nicht deine Frau werden, Karl, überlege dir's nur einmal recht, die kann auch ſonſt keinen Mann nehmen, die iſt eine Elfe— ein Zauberkind— ein Genius— zu zart für des Lebens rauhe und herbe Geſchicke— ach! ihr Gang zum Altare wäre für ſie der Gang in's Verderben!— Wie, Mutter! rief Unzer im höchſten Erſtaunen; Sie halten Charlotte keiner Liebe fähig? Nennen Sie mir in ganz Hamburg ein Mädchen, das ſo wahr und tief empfindet wie ſie, das mit ihrem Geiſte, ihrer Bildung dieſe echte Weiblichkeit vereinigt? Aber zu deinem Weibe taugt ſie darum doch nicht, erwiderte die Etatsräthin hartnäckig. Glaube mir, Karl, wir Frauen haben, was unſere Beſtimmung als Gattin und Mutter anbetrifft, über unſer Geſchlecht ein viel ſichereres Urtheil als ihr Männer; denn ihr ſeht in uns nur euch ſelber mit euren Neigungen, euren Wünſchen und Idealen; die Frau hingegen beurtheilt die Frau immer am Wahrſten, indem ſie ſich zu derſelben gleich den rechten Mann denkt, und da fand ich denn bis dahin keinen Einzigen, der für Charlotten gepaßt hätte, du nicht ausgenommen. Hat ſie mir doch ſelber oft geſtanden, daß der intereſſanteſte und liebenswürdigſte Mann ihr von dem Augenblick an gleichgültig, ja fatal würde, wenn ſie ihn ſich in ſich verliebt dächte; hat ſie mir doch erſt neulich geſagt, ſie glaube gewiß, daß die Kunſt ihr Herz und ihren Geiſt ſo vollſtändig aus⸗ fülle, daß eine andere Neigung oder Sehnſucht ſie entſetzlich elend machen müſſe, weil Das, was ſie beſeele, ſich mit keiner andern Liebe vertragen würde. Und dieſes Mädchen willſt du ehelichen, ſie, deren ganzes Weſen in der Kunſt aufgegangen, die gar keinen andern Le⸗ bensſtoff mehr kennt als ihre Kunſt, ſie ſoll plötzlich ihre ganze Na⸗ tur verläugnen, um in einer neuen Sphäre neuen Pflichten, neuen Anforderungen zu genügen? Bilde dir Das nicht ein, Karl, dieſer holde Paradiesvogel iſt für die Wolken beſtimmt und wird niemals die Erde anders als zu ſeinem Schaden berühren. Sie rauben mir da mit wenigen Worten eine große, reiche Hoffnung, erwiderte Unzer mit ſchmerzlicher Bewegung. Es iſt wahr, Mutter, es gehört einiger Muth dazu, Charlotten beſitzen zu wollen; viele Seele voll ſchöner Begeiſterung, herrlicher Liebe und 2 V 1 t —ͤͤͤ poetiſcher Lebenswärme gehört dazu, um ein ſolches Herz zu gewin⸗ nen und auszufüllen; aber wenn nun doch, was Ihnen und mir jetzt ſo ſchwer dünkt, wenn nun doch die allmächtige Liebe das Wun⸗ der bewirkte, daß Charlotte ſich ganz und gar einem Manne zu eigen hingäbe und dieſer Mann ihr Sohn Karl hieße, was hätten Sie dann mir zu ſagen? Einfach, lieber Karl, erwiderte die alte Frau gerührt; einfach würde ich ſagen: Sei deines Glückes werth, und du, o gütiger Himmel, erhalte es ihm recht lange! Eine Pauſe folgte dieſem Geſpräche; die Etatsräthin ging zu ihren Blumen, und bückte ſich zu den duftenden Winterlevkojen nie⸗ der, die in gemalten Töpfen auf dem Boden ſtanden. Eine Thräne fiel aus ihrem Auge auf die Blumen nieder, ach! ſie hatte lange nicht mehr ſolche Thränen auf holde Blüthen geweint!— Haſtig fuhr ſie ſich mit der Hand über die Augen, aber der Doctor hatte doch dieſe Bewegung bemerkt, erſchüttert ſprang er vom Stuhle auf, drückte die Mutter mit Ungeſtüm an ſeine Bruſt und eilte dann ohne ein Wort zu ſprechen, aus der Stube. Gut, daß er geht! ſagte die alte Frau. Am Bette ſeiner Kran⸗ ken findet er die beſte Linderung für den eignen Schmerz, und meine kluge Charlotte ſoll ihn mir vollends heilen. 10. Es war eine ſtürmiſche Regennacht; unter Windesbrauſen und Schneegeſtöber hielt der Winter ſeinen Einzug in die verödeten Gaſ⸗ ſen Hamburgs und jagte einem einſamen Wanderer, der in einen weiten Reitermantel gehüllt, vom großen Neumarkt her durch die Schlächterſtraße der Michaeliskirche zuſchritt, ſeine kalten Grüße in's Antlitz. Es war Sylburg, der ſich aus einer fröhlichen Zechergeſell⸗ ſchaft beim Dragonerſtall fortgeſchlichen hatte, um ſein entferntes Quartier im„Kaiſerhof“ aufzuſuchen, da die wilde Luſtigkeit der von Altona herübergekommenen Kameraden ſchlecht zu ſeiner heutigen 4 Verſtimmung paßte, und die Neckereien, womit ſie ihn aufzogen und an alte Zeiten erinnerten, ihn noch mehr gereizt hatten. Es war darüber zwiſchen ihm und einem holſteiniſchen Offizier zu einem leb⸗ haften Wortſtreit gekommen und ohne die begütigende Dazwiſchen⸗ kunft beſonnenerer Freunde hätte aus dem Scherze leicht blutiger Ernſt werden können; zumal damals Duelle und Raufereien in der holſteiniſchen Armee an der Tagesordnung waren und derjenige für keinen tüchtigen Offizier galt, welcher nicht gehörig mit groß⸗ ſprecheriſchen Bravaden und Terzen und Quarten um ſich zu wer⸗ fen wußte. Bei dem Aufruhr ſeines durch den Wein und den Wortwechſel erhitzten Blutes war ihm die ſtürmiſche Nacht mit ihren ſchwarzen Schatten und verworrenen Tönen faſt willkommen, und der kalte Luft⸗ zug, der vom Strome heraufwehte, kühlte bald ſeine heiße Stirne. Aber in dem Grade, als ſich ſeine innere Aufregung legte, trat jene Zeit, an welche ihn die Kameraden ſo zur Unzeit vorhin erinnert hatten, wieder lebendig vor ſeine Seele; denn wie manchmal war er da in ſolchen Nächten durch dieſelben Straßen gewandelt, bald zu einem Rendez⸗ vous, bald zum Weinkeller, oder auch wohl zu beiden, wie es eben den Neigungen und Launen ſeiner leidenſchaftlichen Natur zuſagte. Faſt fremd in der großen Stadt, hatte er ſich damals ohne ängſt⸗ liche Rückſicht in den Strudel der wildeſten Ausſchweifung geworfen, ſeinen ſinnlichen Begierden war dieſe Freiheit ſelten in ſo ſchranken⸗ loſer Weiſe zu gute gekommen, und er wurde bald da wo man ihn kannte, bei den Mädchen wie bei den Weingelagen, für einen Men⸗ ſchen gehalten, der die vortheilhaften Seiten ſeiner Perſönlichkeit ab⸗ ſichtlich verläugnete und dem zur Befriedigung ſeiner Begierden nicht leicht ein Mittel, eine Gelegenheit zu ferne lag. Er gehörte in dem Kreiſe von gleichgearteten Männern, wo die berüchtigtſten Orgien nichts Ungewöhnliches waren, zu den Tonangebern und ſelbſt hier wichen ihm noch Manche aus und vermieden ſeinen näheren Umgang. Da aber dieſer Kreis faſt nur aus fremden Offizieren beſtand und ſich ſehr abgeſchloſſen hielt, ſo blieb Sylburg's Charakter und Ruf nach Außen hin geſichert, zumal ihm hierbei ſeine Klugheit und eine angeborene chevalereske Liebenswürdigkeit trefflich zu ſtatten kamen. FIEr hatte außerdem Wege und Orte ſo geheim und vorſichtig gewählt — 94 daß ſeine perſönliche Stellung in der Geſellſchaft niemals mit ſeinem Privatleben in Konflikt kam und die erſten Familien der Stadt ihn der Aufnahme in ihre Zirkel würdigten. Seitdem er ſich neuerdings wieder als däniſcher Werbeoffizier in Hamburg aufhielt, blieb er den früheren Exceſſen ferne. Er hatte den Geſchmack daran verloren, und ohne tiefere moraliſche Reflexion ſagte er ſich, daß ein ſolches Leben der Ungebundenheit und ſy⸗ ſtematiſchen Ausſchweifung einmal aufhören müſſe, wenn der kalte Verſtand ohne Reue darauf zurückblicken ſolle. Zudem war, was unſerer ſpäteren Erzählung zu erläutern übrig bleibt, der nächſte und unmittelbare Anlaß, der ihn in dieſes zügelloſe Leben geſtürzt hatte, verſchwunden; die alten Flammen ſeiner Bruſt hatten ſich abgekühlt und glühten nur noch in heißen Kohlen tief in ſeinem Innern; äußerlich aber war der Krater ſeiner Leidenſchaft kalt geworden, und ſein wirklich lebendiger und empfänglicher Sinn auch für die höheren Genüſſe und Intereſſen des Lebens, bot ihm Anregung und Berüh⸗ rungspunkte genug, um auch hier einmal die merkwürdige Elaſticität ſeiner geiſtigen Natur zu erproben und ſich in die Kreiſe und Zu⸗ ſtände eines edleren Daſeins ſicher einzuleben. Wie viel Wahrheit und Selbſterkenntniß für ihn darin lag, werden wir freilich ſpaͤter eben nicht zu ſeinem Vortheil erfahren. Während er ſo durch die dunklen Gaſſen ſchritt, kamen ihm dieſe Reminiscenzen, und in ihrem Gefolge Betrachtungen über ſich ſelber wie die eben angedeuteten. Es war ihm heute ſogar von Intereſſe, ſich mit ſeinen alten Fehlern und Verirrungen wieder einmal in jene Labyrinthengänge ſeiner Vergangenheit zurückzuverſetzen und ſelbſt mit einer gewiſſen Genugthuung an dieſe Tage zu denken. Erſt an dem großen Eckhauſe zur Rechten, da wo der ſogenannte„Hohle Weg“ auf den Schaarmarkt ausmündet und noch weiter rechts hin⸗ auf der Venusberg liegt, endeten Sylburg's Rückblicke in die Ver⸗ gangenheit; hier blieb er plötzlich wie an den Boden gewurzelt ſtehen und ſtarrte eine Weile das hohe alterthümliche Gebäude an, deſſen Fenſter alle mit Gardinen verſchloſſen waren. Ein Ton, halb Seufzer halb Fluch, entrang ſich endlich krampfhaft ſeiner Bruſt, hef⸗ tig ſtampfte er mit dem Fuß gegen das Steinpflaſter, daß ſeine Sporen weithin klirrten und eben trat der Mond hinter zerriſ⸗ △ — 1 1. . ſenem Gewölke hervor und beleuchtete das Haus und den weiten öden Markt. O Linde, du ſollſt deine ſtolze Krone noch vor mir beugen! murmelte er düſter vor ſich hin, kehrte dann plötzlich um, als ver⸗ ſperre ihm eine unſichtbare Macht der Finſterniß oder eine ſchwarze Erinnerung aus vergangenen Zeiten den Weg, und eilte raſchen faſt flüchtigen Fußes den„Hohlen Weg“ zurück, über den Kreyenkamp „und durch die Paſtorenſtraße nach dem alten Steinweg. Aber was lauf' ich dir denn aus dem Weg, du heimlicher Schatten? ſagte er, ſeine Schritte mäßigend und athmete tief auf. Du biſt mir ja lange nicht mehr ſo feindlich wie früher und ich kann dich ſchon mit kaltem Blute in dein Nichts zurückweiſen! Einſt freilich lief ich vor dir wie ein Feigling davon, gerade denſelben Weg wie heute, doch damals hatte auch der Schatten noch Fleiſch und Blut und hieß Arthur von Lindenkron,— jetzt aber iſt er todt und ſie lebt, die Verrätherin an meinem beſten Herzen!— Ach und du, ſchöne Bertha— damals mein letzter Troſt, wo du wohl jetzt weilen magſt; du, die mir einſt die brennenden Wunden meiner Seele mit eben ſo heißen Liebesküſſen zudrückte und mich vor den Schrecken von Ulrikens Unſchuld und Schönheit an ihrem liebewarmen Buſen ſchützte!— Ach Bertha! Bertha! Das iſt ja der Weg zu dir— hier durch den Ebräergang hab' ich mich manchmal in noch dunklerer Nacht zu dir hingefunden— warum ſollt' ich nicht heute wieder an deine Thüre klopfen, du ſchöne Buhlerin! Laß' ſehen, ob dein Tugendſchein noch nicht verblichen, ob ich noch wie ſonſt in deinen Armen an Ulrike denken kann!. Trotz der flüchtigen Bewegung, in welche ihn dieſe Erinnerung an vergangene Zeiten verſetzte, lag doch in den letzten Worten ſeines Selbſtgeſprächs zugleich ſo viel erkünſtelte Leidenſchaftlichkeit, daß Syl⸗ burg ſelbſt über ſeine pathetiſche Gefühlsaufwallung lächeln mußte. Haſtig ſchritt er in dem engen ſtockfinſtern Ebräergang vorwärts und hatte 8 bald deſſen Ende erreicht, worauf er die Richtung nach dem Kugels⸗ ort einſchlug. Es war in der That, neben der Neugierde, ſie wieder zu ſehen, auch das ſinnliche Verlangen nach dem reizenden Mädchen, was ihn zu Bertha hinzog; ſeit einem Jahre dachte er vielleicht heute zum Erſtenmale wieder an ſie, die ihn einſt faſt allnächtlich an 96 ihrer Thüre erwartet hatte, wenn er aus den Salons des gräf⸗ lich Lindenkron'ſchen Hauſes am„Hohlen Weg“ zu ihr kam, bald in wilder Ausgelaſſenheit, bald eine Beute der martervollſten Empfin⸗ dungen. Jetzt hatte er das wohlbekannte Haus erreicht, in deſſen hinterem Hofe die Portugieſin Fanny ihre Doppelwirthſchaft hielt, eine ſogenannte Matroſenherberge und gleich daneben einen„Salon“ für„reſpektable“ Leute.— Sylburg ſchritt mehrere Stufen zu dem Eingang hinunter und trat in einen gewölbten ſchmalen Kellergang, der unter dem Hauſe hin nach dem Hofe führte. Es war hier ſtockfinſter, doch hörte er, der mit dieſer verrufenen Lokalität genau bekannt war, bald wie aus weiter Entfernung einen verworrenen Tumult, welcher ihm anzeigte, daß noch Geſellſchaft anweſend ſei. Am andern Ende des gewölbten Ganges befand ſich gleichfalls eine Thüre, die gewöhnlich verſchloſſen war; doch that ſie ſich ihm auf ein leiſes Klopfen ſofort auf und ein altes häßliches Weib, die würdige Pförtnerin zu dieſem Tempel der eypriſchen Göttin, leuchtete ihm mit einer kleinen Hand⸗ laterne ſpähend in's Geſicht. Guten Abend, Mutter Jule, ſagte der Major und warf dabei den Mantel zurück; ſie erkannte ihn auf der Stelle, ſtieß einen Schrei der Ueberraſchung aus und rief mit widerlicher Freundlichkeit; Was! Der ſchöne Baron aus Dänemark iſt wieder da? Will vielleicht gar ſein Liebchen beſuchen, die feine Berthag? O Jemine! O Jemine! Sylburg ging raſch, von der Alten gefolgt, die Treppenſtufen hinauf und gelangte in den engen Hof, der rings mit einſtöckigen Baracken beſetzt war; nur im Hintergrund ſtand ein altes Haus mit zwei Stockwerken, und dort brannte eine trübe Laterne.— Wo iſt Fanny? fragte der Baron. Ich höre, daß ihr noch luſtige Geſell⸗ ſchaft habt; iſt Bertha etwa da drinnen? Er deutete bei dieſer Frage auf eine Reihe erleuchteter Fenſter des Erdgeſchoßes, durch die man in einen langen Saal blicken konnte, aus welchem ein wüſter Tumult von männlichen und weiblichen Stimmen, mit Geſang, Gelächter und Glläſerklingen untermiſcht, ge⸗ hört wurde.. Die Bertha hat ſich niemals mit dem Matroſenvolk abgegeben, — — 97— entgegnete die Alte barſch; darum braucht ſie auch der Herr Baron dort am Wenigſten zu ſuchen. Sie iſt ſchlafen gegangen, ſetzte ſie gedehnt hinzu, als Sylburg durch Eins der Fenſter neugierig in das Innere des Gemachs ſpähte. Ein halbes Dutzend betrunkener Matroſen verführte hier mit den Nymphen aus der unterſten Kategorie einen wahren Höllenſpektakel und trieben's ärger als arg auf die⸗ ſem Feſtland. Das ſind ſchlimme wüſte Geſellen, flüſterte Jule. Der beſon⸗ ders dort, der Seelöwe, der eben den heißen Grog hinunterſtürzt, iſt der verſchmähte Liebhaber Eurer Bertha; ſie hat nichts von dem Schlurian wiſſen wollen— um Euretwillen, und ſo oft er ihren Namen nennt, greift er darum nach ſeinem Meſſer im Gurt, als könne er ihr noch ein Leids anthun! Komm, ſagte Sylburg und ſchritt dem Hintergebäude zu, dort wo die Laterne an dem niedern Eingang zur Treppe brannte, deren unterſte Stufe zugleich die Thürſchwelle bildete. Oben am Geländer ſtand in weißem Nachtkleid eine Dirne mit aufgelösten Haaren, nack⸗ ten Schultern und geſchminktem Geſicht und leuchtete neugierig dem ſpäten Gaſt entgegen. 5 Den kennſt du nicht, Minna, rief die Alte hinter dem Major kichernd. Er war einmal unſer keckſter Hahn und will heute blos zur Madame.— Sie flüſterte dann dem Mädchen noch einige Worte in's Ohr und öffnete die Thür zu dem eleganten Salon, wo mehre Herren mit den in loſen fantaſtiſchen Gewändern gekleideten Mädchen an den verſchiedenen Tiſchen eine eben nicht ſehr ſittſame Unterhaltung führten, reiche Wüſtlinge, die ſich nur noch in dieſer Geſellſchaft wohl befanden. Der Major, den Niemand kannte, obwohl er hier ſeinerſeits ſehr bekannt ſchien, ſah ſich vergebens nach Bertha um; Jule war fortgeeilt, um die bereits zur Ruhe gegangene Fanny von der An⸗ kunft des Barons zu unterrichten, und bald holte ſie ihn ab in der Madame Kabinet, da dieſe keinen Anſtand nahm, den alten Freund des Hauſes im Negligé zu empfangen. Doch war die Be⸗ grüßung von ihrer Seite ſo wenig eine freundliche, daß Sylburg ihr ſchon nach den erſten Worten eben nicht ſehr höflich Schweigen gebot und eine ſo beſtimmte Drohung hinzufügte, 215 die giftige D. B. II. Müller's Charl. Ackermann. ———— — 98— Nantippe einen gelinderen Ton anzuſchlagen für gut fand. Sie ſetzte ihm nun auseinander, daß er ihr noch dreihundert Mark ſchulde für der Bertha Unterhalt, Wochenbett und Leichenbegängniß, und daß er außerdem Gott noch dafür danken könne, ſo billigen Kaufes davon gekommen zu ſein, indem er leicht auch noch zur Verſorgung des Kindes hätte angehalten werden können, da er ein Ausländer ſei, für deren Nachkommenſchaft die Stadt keinerlei Unterhalt gewähre. Der Baron hatte Mühe, aus dem Fluß ihrer Rede das was ihn zu⸗ nächſt intereſſirte, Bertha's Schickſal und Ende, zu erfahren, und erſt als er ſich bereit dazu erklärte, den geforderten Schadenerſatz zu leiſten, beruhigte ſich die Portugieſin und befriedigte ſeine Neugierde, indem ſie ihm ausführlich erzählte, was ſich während ſeiner Abweſen⸗ heit mit Bertha begeben hatte. Sie berichtete ihm, wie das arme verlaſſene Geſchöpf bis zur letzten Stunde ihres Lebens feſt auf ſeine Rückkunft gebaut habe, verſchwieg ihm aber klüglich, mit welcher Grauſamkeit ſie die Bedrängte von ſich geſtoßen und der verrufenen Stockelhörnin gegen ein geringes Koſtgeld deren Pflege überlaſſen habe; bis ſie denn auf die Frage des Barons nach dem Kinde nicht mehr umhin konnte, ihm auch den uns bekannten Vorfall mit Char⸗ lotte Ackermann beim Leichenbegängniß Bertha's mitzutheilen. Es iſt leicht zu begreifen, daß der Major durch dieſe Nachricht nicht wenig überraſcht wurde; die Geſchichte mit Charlotten und dem verſchwundenen Kinde war ihm ja, wie wir wiſſen, ſchon bei Unzer bekannt geworden; aber daß es die von ihm in's Unglück geſtürzte Bertha, daß es ſein Kind geweſen, welches dieſen ſo großes Auf⸗ ſehen erregenden Vorfall veranlaßt hatte, erfuhr er erſt heute an dem Orte ſeiner treuloſen und grauſamen That. Fanny's ſcharfem Auge entging der Eindruck nicht, den dieſe Betrachtung auf ihn machte; er, der ihr anfangs ruhig, faſt gleichgültig zugehört hatte, gerieth mit Einmal in unruhvolle Bewegung, ſeine Stimme wurde unſicher, zwar wollte er ihr ſeine Beſtürzung verbergen, aber alle ſeine Fragen nach den näheren Umſtänden galten jetzt keineswegs mehr der armen Bertha 6 und dem Kinde, ſondern er redete faſt nur noch von Charlotten und wollte genau wiſſen, wie ſich die Künſtlerin an Bertha's Sarge be⸗ nommen, ſo daß die Portugieſin auch ohne ihre große Verſchlagenheit leicht hätte wahrnehmen können, daß dieſer neue Gegenſtand ſeiner 99 Wißbegierde ihm intereſſanter ſei als Bertha und ihr Kind. Sie ſagte daher mit ſpöttiſchem Tone, indem ſie ihn ſcharf in's Auge faßte: Ei, Sie ſind ja plötzlich ganz toll geworden, Baronchen! Kennen Sie denn etwa Mademoiſelle Ackermann, daß Sie dieſe Nachricht ſo in's Feuer bringt? Wollen Sie vielleicht gar auch mit Der anbinden? Das wird ſchwer halten, ſage ich Ihnen, äußerſt ſchwer; denn dieſe junge Dame, die ich perſönlich zu kennen die Ehre habe, trägt ihr Köpfchen— allen Reſpekt vor meinem ſchönen liebenswürdigen Ba⸗ ron— gar hoch, weit über alle Cavaliere und Offiziere der Welt hinaus, vielleicht gar nach einem Prinzen oder Grafen— hi! hi! da iſt nichts zu machen, Baron, ſolch' ein ſelten Vöglein geht nicht ſo leicht in's Garn, da hilft nicht gluck! gluck!— kling! kling!— wirklich, ſo leid mir's um Sie thut— ich weiß ganz ſicher, daß Demoiſelle Ackermann— Verfluchte Metze, ſofern du noch ein Wort von ihr redeſt, drücke ich dir die vermaledeite Kehle zu! rief Sylburg mit ſo wüthender Geberde, daß die alte Courtiſane erſchrocken mit dem Kopf unter die Bettdecke fuhr. 1 In dieſem Augenblick hörte man in dem vorderen Theile des Hauſes ein lautes Schreien, gleich darauf ſtürzte eins der Mädchen bleich vor Schrecken in's Gemach und rief zitternd: Ach, Madame! Die Matroſen wollen in den Salon dringen! Sie haben gehört, daß der Herr da— ſie deutete auf den Baron— im Hauſe iſt, und wollen ihn ermorden!— Im Tanzſaal unten haben ſie ſchon Alles zertrümmert, kaum hatten wir noch Zeit, die Treppenthüre zu ſchließen! Fanny verlor in dieſer kritiſchen Lage ihre Geiſtesgegenwart nicht, obgleich es wohl den Anſchein dazu hatte. Denn ſie ſprang ohne Weiteres aus dem Bette, warf nur einen Pudermantel um und gebot dem Mädchen mit kaltblütiger, ſchon oft bei ähnlichen Affairen erprobter Ruhe, durch eine hintere Thür eiligſt nach dem Gänſemarkt zu laufen und die Wache herbeizuholen. Den Baron drängte ſie, ſich auf demſelben Wege zu flüchten, denn, fügte ſie hinzu, wenn der wilde Ralph von Helgoland dabei iſt— der hat Ihnen den Tod geſchworen um der Bertha willen— fort! fort! Mit dem Matroſen⸗ volk iſt nicht zu ſpaßen! — 100— Sylburg nahm den Säbel aus der Scheide, würdigte die Por⸗ tugieſin keines Blickes und ging ruhig in den Salon zurück. Unter der hier anweſenden Geſellſchaft herrſchte eine große Beſtürzung; denn draußen an der Treppenthüre im Hofe tobten die betrunkenen Ma⸗ troſen und brüllten wie hungrige Wölfe nach ihrer eingeſchloſſenen Beute; die anweſenden Herren, ſonſt gar tapfere Helden auf dieſem Terrain, ſpielten bei der drohenden Gefahr eine noch traurigere Figur als die Dirnen; ängſtlich verkrochen ſich Einige hinter die Ofen⸗ ſchirme und in die Alkoven, ein Anderer flüchtete auf den Boden des Hauſes und ein Vierter hatte ſogar nicht übel Luſt, den Matroſen ſeine Börſe durch's Fenſter zuzuwerfen und für ſeine Perſon um freien Abzug zu unterhandeln. Am Drolligſten geberdeten ſich zwei elegante ſchwarzlockige Herrchen, Volontairs in einem Bankiergeſchäft; ſie hatten weder Muth zum Bleiben noch zum Fliehen und beſchworen den Baron in den gewählteſten Ausdrücken, ſie, da er doch eine Waffe habe, vor den Meuchelmördern zu ſchützen. Sein Sie mein Gaſt, Herr Cavalier, nächſten Sonntag im Alſterpavillon, ſagte der Eine, indem er den Baron krampfhaft am Arme faßte, während der Andere mit ſcheuer Kennermiene die Schärfe von Sylburg's Säbel prüfte und dabei ehrfurchtsvoll⸗freundlich deſſen ſtattlichen Träger anſchmunzelte: Was gilt's, Herr Offizier,'s iſt türkiſcher Stahl— koſtet fünfzig Thaler unter Brüdern— wo haben Sie den Prachtſäbel gekauft, wenn ich fragen darf? 1 Sylburg lachte unmäßig und rief, indem er den Mantel abwarf: Beruhigen Sie ſich, meine Herren! Ich werde Sie Alle ver⸗ theidigen, laſſen Sie nur die Trunkenbolde heran kommen, es ſoll Keinem von Ihnen ein Leid geſchehen! Mit dieſen Worten faßte er den Säbel; ſein zuverſichtlicher Ton, die hohe athletiſche Geſtalt des kühnen Salonvertheidigers flößte wirk⸗ lich den Zagenden, wenn auch keinen Muth, doch wenigſtens Ver⸗ trauen zu ſeinem Muthe ein, während Sylburg an das Treppen⸗ geländer trat und hier eine vortheilhafte Poſition einnahm. Eine halbe Minute ſpäter war die Thür nach dem Hofe zu erbrochen und die wüthenden Matroſen drangen auf der ſteilen ſchmalen Stiege wuthbrüllend herauf. — 101— Nur näher, liebe Jungens! rief der Baron, indem er ſeinen Säbel ſchwang. Hätt' ich ein tüchtig Schiffstau zur Hand, brauchte ich dieſen Pallaſch nicht, um Euch die Köpfe abzukühlen, ſo aber müßt Ihr ſchon vorlieb nehmen, nur herauf,— munter— ich bin da! Böſewicht! Vornehmer Spitzbube! ſchrie mit vor Wuth heiſerer Stimme und glühendem Racheblick der wilde Ralph, eine breitſchult⸗ rige Seemannsgeſtalt, und ſprang die Treppe herauf; mit der linken Hand faßte er das Geländer und riß es zuſammen, während er in der rechten Fauſt das breite Schiffsmeſſer ſchwang, die vornehmſte Waffe bei allen Matroſenhändeln, und damit auf den Feind eindrin⸗ gen wollte. Dieſer aber wich einen Schritt zurück, holte mit dem Säbel aus und mit einem dumpfen Schrei taumelte Ralph rückwärts; der Baron hatte ihm die Hand, welche das Meſſer hielt, mit einem Streiche abgehauen; ſein Fall riß die Hinteren zurück und mit einem furchtbaren Gepolter ſtürzten ſie ſämmtlich die ſteile Treppe hinunter in den Hof. Aber ſchon nach einer Minute kehrten die Angreifenden mit ge⸗ ſteigerter Wuth zurück, ihren Kameraden zu rächen; noch einmal traf Sylburg den Vorderſten mit der flachen Klinge ſo gewaltig auf den Kopf, daß auch dieſer betäubt zuſammenſtürzte, worauf die Raſenden den Angriff auf die ſteile Treppe aufgaben und Miene machten, mit Leitern durch die Fenſter in den Salon einzudringen. Die Lage des Barons ward kritiſch, ſchon ſah er ſich nach einem paſſenden Rück⸗ zugsweg um, als plötzlich der Ruf:„Wache! Stadtſoldaten!“ die Matroſen zur eiligen Flucht beſtimmte. Mit Hülfe ihrer Dirnen, die auch für dieſen andern Fall vortrefflich vorgeſehen ſind, und deren Vortheil es jederzeit iſt, daß nach ſolchen Raufhändeln die Polizei das Neſt leer findet, glückte es den Seeleuten, ſich bei Zeiten mit ihren verwundeten Kameraden aus dem Staube zu machen, und als die Wache anlangte, fand ſie nur noch den angegriffenen Theil bei⸗ ſammen, während die Urheber des Tumults das Weite geſucht hatten. In dem Salon herrſchte eine maleriſche Rathloſigkeit im Ho⸗ garth'ſchen Style; nur Sylburg ſtand beim Eintritt der Wache in ſeinen Mantel gehüllt ruhig am Fenſter und rauchte ohne ſich umzu⸗ kehren eine Cigarre in die dunkle Nacht hinaus. Zitternd krochen ——— — 10²2 die Gäſte aus ihren Verſtecken hervor, und die beiden feinen Herrchen beeilten ſich ſofort, dem die Wache führenden Offizier mit großer Zungengeläufigkeit den gewaltigen Vorgang zu berichten, wobei ſie natürlich für ihre Perſon ganz unbetheiligt geblieben ſeien. Das Alles wird ſich vor Gericht finden, wie iſt Ihr Name? herrſchte ſie Jener kurz an. Julius Heymann und Compagnie. Und Sie? Moſes Moſenthal, erlauben Sie gütigſt, Herr Offizier— hier meine Adreſſe— Der Reihe nach mußten ſodann auch die übrigen Herren ſich legitimiren, der Offizier trug ihre Namen in eine Schreibtafel ein und trat hierauf mit der Frage: Und Ihr Name, mein Herr, zu Sylburg. Dieſer kehrte nur halb den Kopf nach ihm um und flüſterte: Laſſen Sie Alle laufen, ich bin hier der einzige Uebelthäter, obwohl ich mich nur meiner Haut wehrte. Sie hier! ſtotterte der Kriegskamerad, faßte ſich aber ſchnell, wandte ſich zu den Uebrigen und ſagte in höflichem Tone: Es iſt gut, meine Herren! Die Sache hat für Sie keine wei⸗ teren Folgen; entfernen Sie ſich. Dann hieß er ſeine Leute im Hofe unter's Gewehr treten, der Major erzählte ihm, als Beide mit Fanny allein waren, in der Kürze den ganzen Vorgang und Jener ſicherte ihm auf ſeine Bitte die tiefſte Verſchwiegenheit zu. Sylburg war der Letzte, welcher das Haus der Portugieſin ver⸗ ließ; als er auf die Straße kam, ſchlug es drei Uhr. Verdammtes Neſt! murmelte er zwiſchen den Zähnen; das Erſte⸗ mal, daß mich nicht die Lüderlichkeit hineinführt, paſſirt mir dieſes Malheur! Verwünſcht ſei die Sentimentalität! 11. Als der Major am andern Morgen erwachte, war es ſchon ſpät am Tage und die Bilder des erlebten nächtlichen Abenteuers hatten, nun 5 ſie die Sonne beſchien, ihre romantiſche Schattirung verloren. Syl⸗ burg war nicht der Mann mehr, ſolche Abenteuer, die nicht den mindeſten Gewinn abwerfen, vom Standpunkte genialen Uebermuthes zu betrachten; er ärgerte ſich darum bis zur gallenbittren Selbſtironie über ſeinen thörichten Leichtſinn, für Nichts und wieder Nichts die tollen Streiche vergangener Zeiten aufgewärmt zu haben, die eben⸗ ſowenig mehr zu ſeiner gegenwärtigen Stellung wie zu ſeinem ge⸗ genwärtigen Menſchen paßten. Am Allerfatalſten war es ihm, daß er durch dieſen unbeſonnenen Schritt in das Haus der Portugieſin die längſtvergeſſene Geſchichte mit Bertha wieder aufnehmen ſollte, um vielleicht gar noch nachträglich in allerhand ſchwierige Händel ver⸗ wickelt zu werden. Jedenfalls dünkte es ihm kein gutes Vorzeichen, daß ſich ihm jenes alte Verhältniß grade jetzt ſo unerwartet und hin⸗ derlich in den Weg ſchob; er war kein Freund von dieſer Sorte von— Zufall, der dem Menſchen rückſichtslos eine Sünde längſtvergangener Zeit an den Kopf wirft, während er vielleicht ſchon mit neuen Ver⸗ wickelungen zu kämpfen hat; und doch war er auch wieder Fataliſt genug, um den Umſtand, daß jene alte Geſchichte gerade durch Char⸗ lottens Vermittlung in direkten Zuſammenhang mit ſeinen jüngſten geſellſchaftlichen Verhältniſſen trat und ſich ihm gleichſam wie ſein böſer Schatten in den neuen Lebenskreis nachdrängte, keineswegs für einen bloßen Zufall zu nehmen. So gleichgültig es ihm vielleicht unter andern Umſtänden geweſen wäre, ob ſein oder ein fremdes Kind Veranlaſſung zu dieſem Aufſehen erregenden Vorfall gegeben habe, ſo mußte er doch in dem gegenwärtigen Falle ſeine ganze ni⸗ hiliſtiſche Philoſophie anwenden, um hier nicht an eine beſondere Schickſalsfügung zu glauben; und rathlos, wie noch ſelten in ſeinem Leben, kam er lange mit allem Scharfſinn nur zu dem einen wenig troſtreichen Reſultate, der Sache im Stillen ihren Lauf zu laſſen und den günſtigen Moment abzuwarten, um weiter zu operiren. Niemand außer Fanny kannte ſeinen Namen in jenem Kreiſe des Laſters, und dieſer ſchloß Gold den Mund beſſer als eine Hoſtie;. däniſche Offiziere und Edelleute, die das verrufene Haus beſucht 8, gab es zu Dutzenden; mithin konnte er hier nöthigenfalls leicht ein Mährchen erfinden, das ihn auch nach dieſer Seite hin vor Ent⸗ deckung ſchützte; und ſo blieb zuletzt das Einzige, was ihm wirklich A —— — 104 noch ſein böſes Gewiſſen zur Laſt machte, die Frage, wo Bertha's Kind hingekommen, wer es wohl der jungen Künſtlerin ſo heimlich wegge⸗ nommen haben möge? Von Fanny wußte er nur, daß es die Stockel⸗ hörnin, wahrſcheinlich für Geld, an Jemand weggegeben habe, und dieſer Jemand blieb, wie ſehr auch die Portugieſin hinter das Geheim⸗ niß zu kommen geſucht hatte, der Stockelhörnin allein bekannt. Eine Vergangenheit wie die Sylburg's, ſo reich an eigenthümlichen Ver⸗ hältniſſen, Intriguen und verwickelten Beziehungen zu andern Men⸗ ſchen, ließ hier manche verhängnißvolle Deutung zu, er hatte mehr als einen Feind, dem des Kindes Beſitz ein willkommenes Werkzeug der Rache geweſen wäre oder auch— der gerechten Vergeltung! Ha, Ulrike! Dir ſähe das ähnlich! rief er plötzlich, wie von einem Blitze durchzuckt. Mit dieſem Zeugniß meiner Schuld könnteſt du mich allerdings noch härter treffen als damals— ſie liebt's ja, mir den Tugendſpiegel vorzuhalten und mich auf Sünden zu ertap⸗ pen— verdammt, verdammt! Wohin gerathe ich da wieder mit meiner Geiſterſeherei! Am Ende iſt's doch nur ein gutmüthiges Chriſtenherz, das ſich des armen Wurmes erbarmte, eine fromme alte Jungfer, der ihr Mops oder ihre Katze geſtorben und die für ihre zärtlichen Bedürfniſſe einen Erſatz ſucht,— meinethalben, ich will nicht weiter darüber nachgrübeln; wozu hätte ich denn meinen ver⸗ ſchlagenen Olaf, um mir über ſolcher Ungewißheit lange den Kopf zu zerbrechen! Er hat eine feine Naſe— ihn ſchicke ich in die Höhle der Stockelhörnin, vielleicht daß ſeinem Inſtinkte gelingt, was allen Scharfſinnes ſpottet! Er war im Begriffe, ſeinem Neger zu ſchellen, als ſich die Thüre des vorderen Zimmers öffnete und Elkins eintrat. Der junge Eng⸗ länder ſchien ſehr aufgeregt; er drückte dem Baron mit Wärme die Hand und ſagte ihm, daß er in einer Angelegenheit komme, die ihm nicht länger mehr Ruhe laſſe. Er müſſe ſein Herz einem Freunde ausſchütten, der ihn richtig verſtehen werde; und weil Mr. Hill ein Menſch ſei, der Alles nur mit dem nüchternen Verſtand beurtheile, ſo habe er zu dem Freunde Vertrauen genug, ſich dieſem offen mitzu⸗ theilen. Ehe Sylburg noch recht wußte, wie er ſich das erregte Weſen des jungen Lords erklären ſolle, hatte dieſer ihn ſchon neben ſich auf das Sopha gezogen und machte plötzlich aller Ungewißheit —2— — 105— mit dem excentriſchen Ausruf ein Ende: Kurz und gut, ich bin ver⸗ liebt und Sie ſollen mir ſagen, Baron, was ich zu hoffen habe? Und da kommen Sie zu mir? Nun, das iſt luſtig! rief dieſer lachend, ward aber gleich nachher ernſthaft als er ſah, wie Elkins bei ſeinem Spotte unmuthsvoll auffuhr. Seien Sie mir nicht böſe, ſagte er einlenkend. Ich ſoll Ihnen alſo ſagen, was Sie zu hoffen haben? Nichts leichter als das; Alles, ſag' ich Ihnen, Alles können Sie hoffen, wenn Sie den Gegenſtand Ihrer Neigung nicht merken laſſen, wie viel Ihnen an ihm gelegen iſt. Wie viel? O mein Gott, Alles— mein ganzes Glück, ja mein Leben, wenn Sie wollen, rief der junge Engländer mit Ek⸗ ſtaſe. Ich habe keinen andern Gedanken mehr als ſie— die ganze Welt könnte meinethalben in Trümmer gehen, wenn ich zuvor nur ein einziges Wort der Gegenliebe erhalten— ach, Sylburg, wenn Sie wüßten, mit welcher Glut ich dieſes Mädchen liebe, wie ihr Name mir als das reinſte Gebet erſcheint, ihre himmliſche Nähe mir beinahe die Faſſung raubt! Damit kommen wir nicht vom Flecke, mein Lieber, erwiderte Sylburg trocken, obwohl er in der That von dieſer Leidenſchaftlich⸗ keit ſeines in Bezug auf das weibliche Geſchlecht ſonſt ſo kühlen Freundes auf das Höchſte überraſcht war und Edward's phlegmatiſcher Natur dieſe Gefühlsſchwärmerei kaum zugetraut hätte. Nicht vom Flecke kommen wir mit ſolchen ſentimentalen Exklamationen; denn daß Sie's wiſſen, Elkins, ich bin nicht verliebt, war nie verliebt, und habe darum kein Verſtändniß für die Sprache verliebten Wahn⸗ ſinns. Ernſthaft müſſen wir reden; der kalte Verſtand allein macht den Strategiker, und auch die Liebe iſt ein Schlachtfeld. Auf dem manches edle Herz verblutet, ſeufzte Elkins und ließ traurig den Kopf hängen. O weh! Sie ſcheinen mir ſcharf angeſchoſſen, armer Romeo! ſagte Sylburg kopfſchüttelnd. Aber wiſſen Sie denn auch, daß es ein Vertrauen gibt, das ſchlimmer iſt, als das größte Mißtrauen, nämlich das halbe Vertrauen? Was Sie mir bis jetzt geſagt haben, kann ich ebenſo gut in einem Romane von Richardſon leſen, Ihnen rathen aber, und wenn es ſein muß, als treuer hülfreicher Freund Ihnen zur Seite ſtehen, vermag ich zur Zeit noch nicht. Ach, Ed⸗ — 106— ward, Sie ſind nicht der erſte junge Mann, der mich ahnen läßt, daß wir einer ſehr ſentimentalen Periode entgegengehen, wo die Liebe wieder im Schäferkleide einherwandelt und ihre Opfer mit Vergiß⸗ meinnichtkränzen geſchmückt, in klaren Wieſenbächen ertränkt. Ich aber ſage: Mann muß der Mann ſein, ſonſt hat er kein Recht das Weib zu beſiegen; das Herz liebt nur, aber der Verſtand gewinnt; darum keine ſentimentale Seufzer, keine neumodiſche Herzwaſſerſuchtt! Weib iſt Weib und das ſchönſte verdient nicht, daß man den Kopf darüber verliert. O weh, da bin ich an den Rechten gerathen! rief Elkins, den des Majors reſolute Lebensphiloſophie, ſo wenig er damit überein⸗ ſtimmte, zu erheitern anfing. Gewiß ſind Sie das, wenn Sie mir folgen wollen, verſetzte Spylburg. Ein Mann von Ihrem Stand und Vermögen, dabei von Ihren geiſtigen und perſönlichen Vorzügen, braucht nicht zu verzweif⸗ len, wenn ihm eine Dame nicht gleich in die Arme fällt. Aber ſo ſeid ihr Engländer: Eisgletſcher im Gleichmuth und feuerſpeiende Berge, wenn ihr einmal eine Idee erfaßt habt! Doch ich hoffe, wir verſtändigen uns, vollenden Sie zuerſt Ihre Beichte aber ich bitte herzlich, ganz ohne romantiſche Zuthat. Vor Allem, ſeit wann ſind Sie verliebt? Seitdem ich ſie zum Erſtenmal ſah, antwortete Elkins. Alſo Liebe mit Exploſion, ſagte der Baron. Und wo ſahen Sie Ihre Dame zum Erſtenmal? Im Theater.. Ah, eine Liebe erſter Rangloge! Bitte um Vergebung, hinter den Couliſſen. Wie! rief Sylburg elektriſirt von dem Wort Couliſſe. Eine Aktrice? Ah, nun verſteh' ich! Was verſtehen Sie? fragte Ellins gereizt. Daß Sie den ſchmachtenden Liebhaber ſpielen, verſetzte der Ba⸗ ron, weil es eben ihre Fantaſie angenehm beſchäftigt. Wahrlich, Sie haben mich gut myſtifizirt! Eine Aktrice! Nun gefallen Sie mir wieder, Elkins! In ſolcher Amourſchaft iſt doch wenigſtens Sinn und Verſtand, man kommt dabei in die verſchiedenartigſten Situationen, heute liebt man eine feine Kokette, morgen eine ſenti⸗ — — 107— mentale Schäferin, übermorgen eine hochtragiſche Heldin— ach! und die Beinkleiderrollen— ich ſage Ihnen, Freund, das Geheim⸗ niß der dramatiſchen Kunſt verſteht ſich erſt recht in den Armen einer hübſchen Aktrice und dann laſſe ich mir ſelbſt das Schmachten zu⸗ weilen gefallen! Der junge Engländer ſchien keineswegs in der Stimmung, auf dieſe leichtfertige Auffaſſung ſeiner Liebe einzugehen; er biß ſich viel⸗ mehr unmuthig auf die Lippen, und es lag eine recht große Bitter⸗ keit in dem Tone, womit er ſagte: Wenn Ihnen das Verſtändniß der dramatiſchen Kunſt nicht beſſer aufgegangen iſt, ſo mögen Sie allerdings recht haben, auch die Liebe von dieſem Geſichtspunkt aus zu beurtheilen. Dann würd ich Ihnen aber doch rathen, Ihren Kunſtenthuſiasmus ausſchließli auf das Ballet zu beſchränken, wo die Wade allein entſcheidet. W mich anbetrifft, ſo halte ich das Schmachten nach einer Aktrice für überflüſſig, ſo lange ich noch eine Banknote in der Taſche und Nei gung oder Langeweile genug habe, ſie daran zu wenden. 3 Sylburg ſah den Freund, der ſich die Reitgerte mit lebhaftem Verdruß gegen das Bein ſchlug, betroffen an und verſetzte: Wie? Sie nehmen meinen harmloſen Scherz für Ernſt? Sie glauben nicht mehr, daß ich trotzdem den innigſten Antheil an Allem nehme, was Sie angeht? Nein, nicht dieſen Groll in den Mienen gegen einen Freund, weil ihm vielleicht ein unvorſichtiges Wort ent⸗ fallen, das Sie in einer andern Stimmung gewiß anders aufgenom⸗ men hätten: geben Sie mir Ihre Hand, Elkins, ich habe wenig Menſchen in der Welt ſo lieb wie Sie, darum darf ich aber auch von Ihnen verlangen, daß Sie mich nehmen wie ich bin. Edward's düſtre Züge erheiterten ſich wieder, er drückte mit Wärme die Hand des Freundes und ſagte: Es iſt nur meine Schuld, daß mich Ihr Spott verletzt hat; aber wem die Glut der heftigſten Leidenſchaft das Mark verzehrt, der wird empfindlich gegen jeden Mißton, der nicht zu ſeinen Gefüh⸗ len paßt. Kenne ich mich doch ſelber kaum mehr und komme mir vor wie Hamlet, der nur noch von großen Entſchlüſſen lebt und von der Furcht, ſie auszuführen. Aber iſt denn die Sache wirklich ſo ſchwierig? fragte Sylburg — 108— mit ebenſo viel Neugierde als Theilnahme. Ein Mann wie Sie, der ſeine Gemahlin— wenn denn einmal dieſes fatale Wort unver⸗ meidlich iſt,— in die hohe engliſche Geſellſchaft einführt, ſollte nicht überall ein willkommener Anbeter ſein? Der junge Lord ſchüttelte ſchmerzlich lächelnd den Kopf und erwiderte: Die, deren Beſitz ich erſehne, fragt ſchwerlich nach meinen Ahnen und meiner Stellung in der hohen Geſellſchaft; denn ihr Adel iſt älter als der meinige, ſelbſt in England ſehr ſelten,— der Adel des Genies, der unübertroffenen Kunſt, Shakeſpeare's Geiſt hat ihr im Schlummer die reine lorbeergeweihte Stirne geküßt und ſie zu ſeiner holdeſten Julia erwählt. Charlotte Ackermann! rief Sylburg, faſt ebenſo beſtürzt als er⸗ ſtaunt über dieſe unerwartete Wendung. Eine Aktrice freilich! ſagte Edward achſelzuckend. So? So?— Ei der Tauſend— die kleine Dame— ja, die kenne ich! ſtotterte der Baron; mit der iſt freilich nicht zu ſpaſſen, die macht eine allerliebſte Ausnahme von der Regel— und hat auch wirklich etwas recht Unüberwindliches im Auge; aber die Flügel ſol⸗ len Sie darum doch nicht hängen laſſen— dazu iſt es noch immer Zeit— apropos! Sind Sie ſchon im Hauſe eingeführt? Elkins nickte bejahend mit dem Kopf. Und haben ſchon eine Poſition genommen? Mein Gott! Welche ſtrategetiſche Begriffe! rief, der Engländer und diesmal lachte er wirklich aus vollem Herzen. Steh' ich denn etwa auf der Menſur? Nein, ich habe noch gar keine Poſition ge⸗ nommen, es müßte denn die ſein, daß mir die würdige Mutter nicht abgeneigt ſcheint, und Charlotte mich um mein reines Engliſch be⸗ beneidet. Das hat ſie geſagt? rief Sylburg. Dann gratulire ich von Herzen, Edward! Sie werden ihr dieſes reine Engliſch beibringen, höre ich doch, daß ſie ſehr ſprachgelehrt iſt und drei fremde Sprachen fertig reden ſoll. Superb! In der Grammatik iſt Amor ſehr zu Hauſe— zumal im Engliſchen gibt es eine Menge Wörter, bei deren Ausſprache man die Lippen vorzugsweiſe belehren muß; Muth darum, Freund, ich wette Eins gegen Hundert, Charlotte wird Ihr — 109— reines Engliſch ſehr gut faſſen und den liebenswürdigen Englän⸗ der dazu! In der That gelang es endlich den heiteren und ernſten Zureden des Majors, ſeinen verliebten Freund zu ermuthigen und ihm eine frohe Zuverſicht auf ſein Glück bei der jungen Künſtlerin einzuflößen, nicht ohne im Stillen Edward's faſt mädchenhafte Schüchternheit zu belächeln. Er begnügte ſich jedoch damit, die begeiſterten Lobprei⸗ ſungen, in denen ſich dieſer über den angebeteten Gegenſtand ſeiner Neigung ergoß, als erfahrener und entnüchterter Weltmann mit theil⸗ nehmender Geduld anzuhören, hier und da eine abkühlende Zwiſchen⸗ bemerkung einwerfend, damit der excentriſche Freund ihm nicht, wie er ſich ausdrückte, ganz und gar in poetiſchem Schaume zerfließen, ſondern auch den Realitäten des Lebens ihr Recht gönnen möge. Sie glauben nicht, beſter Edward, ſagte dann der Baron im Tone der warnenden Freundſchaft und der überlegenen Erfahrung; Sie glauben nicht, wie ſehr es grade bei den Frauen, die ſelber zur Schwärmerei neigen, darauf ankommt, daß man ſeine Leidenſchaft mäßigt und dem heißen Blut keine Gewalt über den Verſtand ein⸗ räumt. Dieſe kleine Ackermann ſcheint mir ganz danach angethan, die romantiſche Seite eines Liebesverhältniſſes grade in den Gegen⸗ ſätzen zu ihrer eignen Natur zu ſuchen und den Mann am Intereſ⸗ ſanteſten zu finden, der ihrer Fantaſie Etwas zu rathen aufgibt und ihr durch Zurückhaltung imponirt.— Hüten Sie ſich darum ja vor allzugroßer Hingebung; ſchwärmeriſche Frauen wollen die Sentimen⸗ talität am Manne höchſtens nur als einen äußern Effekt hinnehmen, der mehr angelernt als natürlich iſt, während ſie den feurigen Cham⸗ pagnerwein der Leidenſchaft am Liebſten mit Eis gekühlt nehmen. Charlotte, das ſchwöre ich Ihnen, obwohl ich ſie nur ein einziges Mal ſah, braucht einen Liebhaber, der ſich ſehr weſentlich von jenen lebendigen Marionetten unterſcheidet, mit welchen ſie allabendlich auf der Bühne zu thun hat; denn ſie müßte weniger genial und ſchwär⸗ meriſch ſein, ſollte ihr nicht grade der Mann das meiſte Intereſſe ein⸗ flößen, der die gewöhnliche Routine der Liebhaber, die verbrauchten Stich⸗ wörter unſerer Roman⸗ und Komöͤdiendichter verſchmäht und auf ſei⸗ nem eigenthümlichen Wege ihr Herz zu erobern ſucht. In ihren ſanf⸗ ten Zügen leſe ich dennoch eine große Willensenergie und ungemein — — 110— viel ſelbſtändiges Herz. Ein verzogenes Kind des Genius, der ih alle Herzen dienſtbar macht, hat ſie ſchwerlich bis zur Stunde einen Mann gefunden, der ihr anders als in athemloſem Enthuſiasmus oder mit überſtrömendem Hochgefühl genaht wäre; o, mon dieu, beſter Freund, oder God⸗dam, wenn Sie das lieber hören— ſo packen Sie doch die kleine Dame ein wenig derb an, ohne Mondſchein und empfindſame Phraſen, und ich ſtehe Ihnen dafür, ſie wird den Ingwer Ihrer Leidenſchaft beſſer goutiren, als alle Ambroſia der Poeſie und Ueberſpanntheit! Edward, der zwar zum Erſtenmale liebte, aber dafür auch mit der ganzen Glut und Reinheit eines unverdorbenen Gemüthes, konnte dieſe Rathſchläge des leichtfertigen Freundes nur mit einem ſtillen Lächeln beantworten, dann und wann ungläubig den Kopf ſchüttelnd zu den Grundſätzen dieſes chevaleresken Lebensphiloſophen, die ihm überall eher als bei einem Mädchen von Charlottens Geiſt und We⸗ ſſen am Platz ſchienen. Sylburg ſeinerſeits hörte jedoch nicht auf, ihm jenes Benehmen einzuprägen, durch welches er ſelber, wie er ſich ohne Ruhmesrede ſchmeicheln dürfe nicht nur die ſprödeſten Frauenherzen im Sturme erobert, ſondern ſie auch mit Erfolg behauptet hätte.. Nur keine lange Belagerung, nur keine Kapitulation auf freien Abzug! rief er lebhaft. Die meiſten Ehen zwiſchen geſcheidten Leuten verfallen nur deßhalb dem Fluch der Alltäglichkeit, weil der Mann ſich im Siegesmoment zur demüthigen Rolle des Beſiegten herbeiläßt und mehr oder minder ſeine Zärtlichkeit auf Koſten ſeines Charakters verſchwendet. Und nun gar Charlotte, dieſer leibhaftige Inbegriff einer ſchwärmeriſchen, glutvollen Mädchenſeele, wo wollten Sie da all' das Fantaſiezeug hernehmen, um ihrer Empfindſamkeit auch nur acht Tage lang Paroli zu bieten? Andererſeits aber wird dieſe junge Dame, falls Sie Ihr Spiel verſtehen und ſich nicht von dem erſten Syrenenton der Liebe verzaubern laſſen, bald in allen Flammen der Romantik für Sie entbrennen und vom eignen Schein geblendet, ſich zuletzt blind in Ihrem Netze fangen laſſen. Ein Netz, das ſoll es ſo wenig heißen als ein Spiel, entgeg⸗ nete Elkins haſtig. Aber Sie kennen ja Charlotten nicht, ſonſt — 111— würden Sie nicht ſo ſchnell bei der Hand ſein, dieſes Mädchen nach dem gewöhnlichen Maaßſtabe zu beurtheilen. Der Major ſah eine Weile ſchweigend vor ſich hin, ſchnellte leicht mit dem Finger die Aſche von der Cigarre und erwiderte dann lächelnd: Ich ſetze freilich bei Alledem voraus, daß Sie ſelber Charlotten ſchon jetzt nicht gleichgültig ſind, ſonſt möchte weder meine noch irgend eine andere Weisheit Ihnen dens Iſisſchleier lüften. Vor Allem müſſen Sie alſo darüber in's Reine kommen, das Weitere findet ſich dann ſchon. Die Weiber ſtudirt überhaupt Niemand aus, ſo wenig als die Mediein; und beide Studien haben außerdem noch darin Aehnlichkeit mit einander, daß man die ſicherſten Erfahrungen jeder⸗ zeit an ſich ſelber macht, wenn auch nicht immer die angenehmſten. Elkins war froh, als hier der Major das Geſpräch abbrach und die Unterhaltung auf andere Dinge lenkte, wobei ihre Anſichten we⸗ niger ſchroff auseinandergingen. Eins jedoch glaubte der junge Eng⸗ länder von dem Baron heute zu ſeinem Nutzen gelernt zu haben, daß man nämlich mit ſehr vielen Frauen verliebte Abenteuer beſtanden haben kann, ohne darum von dem Geheimniß der edlen Weiblichkeit auch nur eine leiſe Ahnung erhalten zu haben, jene Ahnung, die den ſchwärmeriſchen liebeglühenden Jüngling durchſchauerte, ſo oft er in Charlottens Auge blickte, oder auch nur ihr holdes Bild im Geiſte ſich vergegenwärtigte. 1 12. In dem ſtattlichen am Jungfernſtiege gelegenen Hauſe des Se⸗ nators H., eines der erſten Hamburger Handelsherrn, ward an einem der darauffolgenden Abende die diesjährige Winterſaiſon mit einem Balle eröffnet, zu welchem Alles, was auf Rang, Reichthum und Berühmtheit Anſpruch machen durfte, geladen war. In den glän⸗ zenden Räumen, welche die Geſellſchaft aufnahmen, herrſchte eine Luxusentfaltung, wie ſie nicht nur dem Rufe des Hauſes und dem Anſehen ſeines Beſitzers, ſondern auch dem Range und Reichthum „derer entſprach, welchen die Ehre, in dieſem tonangebenden brillanten 112 Kreiſe Zutritt zu haben, zu Theil geworden war. Alles was die vornehme Welt Hamburgs an Schönheit, Eleganz und Nobleſſe auf⸗ zuweiſen hatte, war hier verſammelt, und die Damen überboten ſich einander am Reichthum ſtrahlender Brillanten und prachtvoller Toi⸗ letten. Ein Schwarm von eleganten Herren, darunter viele mili⸗ täriſche und diplomatiſche Uniformen, drängte und bewegte ſich mu⸗ ſternd, bewundernd und bekomplimentirend durch dieſe, ſelbſt ein mit ſolchem Glanz vertrautes Auge, blendende Gruppen lieblicher und blühender Mädchengeſtalten, die ihrerſeits wiederum trotz der ſtrengen Salonsetikette bald mehr bald minder verſtohlen die Wirkung beob⸗ achteten, die ihre Reize auf die verwöhnten Dandy's und die ſchon weniger wähleriſchen Offiziere machten. Auch Schröder befand ſich mit den beiden Schweſtern unter den Anweſenden; denn der Rathsherr H. hatte mit unter den erſten Nota⸗ bilitäten Hamburgs ſeinen Salon der Kunſt und ihren Repräſentanten geöffnet, und beſonders ſchmeichelte es dem alten Herrn, wenn man ihn einen Beſchützer des Theaters nannte, obwohl er im Grunde mit den Preiſen von Zucker und Kaffee ungleich vertrauter war als mit Leſſing'ſchen und Moliere'ſchen Stücken.„Ein ſchönes Stück, die Rutland, ſchade daß es keine Oper iſt!“ Dieſes Urtheil des guten Mannes über das neue Drama hatte ſeinen Ruf als Aeſthetiker in allen Geſellſchaftskreiſen bekannt gemacht. Der Eintritt der beiden gefeierten Schweſtern in den Tanzſaal erregte allgemeine Aufmerkſamkeit und bald waren ſie von einem Schwarme junger Herrn umringt, die alle nach der Ehre eines Tan⸗ zes mit ihnen ſtrebten. Lord Elkins allein fehlte der Muth, ihr zu nahen, und unbeweglich an eine Säule gelehnt, beobachtete er die Huldigungen, mit denen das von ihm angebetete Mädchen von allen Seiten überſchüttet wurde; eine tiefe Melancholie bemächtigte ſich ſei⸗ ner inmitten der allgemeinen Heiterkeit, er merkte nicht, wie manche berühmte Ballſchönheit ihn mit Ungeduld betrachtete, ob er nicht bald ſei gedankenloſes Hinſtarren aufgeben und ſich gleichfalls nach einer Tänzerin umſehen werde, und ebenſowenig achtete er darauf, wie hier und da die jungen Damen die Köpfe zuſammenſteckten und über den ſchönen Lord, den heute wieder der Spleen plage, ihre Bemerkun⸗ gen machten. 113— Da klopfte ihm Jemand von hinten auf die Schulter und nannte ſeinen Namen; es war Sylburg, der in glänzender Gallauniform, die Bruſt mit mehreren Orden geſchmückt, durch eine Seitenthüre eingetreten war und auf den erſten Blick den Freund und den Gegen⸗ ſtand von deſſen ſtiller Betrachtung wahrgenommen hatte. Sind Sie ein Säulenheiliger geworden? flüſterte ihm der Ba⸗ ron in's Ohr. Heute iſt die beſte Gelegenheit, Ihr reines Engliſch anzuwenden. Ah, charmant! Das hellblaue Atlaskleid ſteht Ihrer kleinen Blondine vortrefflich; aber auch Dorotheens Toilette iſt nicht zu verachten und ihrer Figur gebe ich geradezu den Vorzug vor der Charlottens. Wie? Meint man nicht in Wahrheit, Juno und Hebe beiſammen zu ſehen? Ach wer da ſagen könnte, ob er lieber Alexan⸗ der oder Diogenes ſein möchte! Edward antwortete zerſtreut und flüchtig, Sylburg drang in ihn, die günſtige Gelegenheit zu nützen und es am heutigen Abend bei Charlotten zu einer Entſcheidung zu bringen. In unſerm heutigen Leben ſagte er, ſind Bälle faſt noch die einzige Zuflucht für verliebte Herzen. Im Mittelalter warb der Ritter in den Schranken des Turniers, geharniſcht und geſpornt, um Minne; in der Schäferwelt Arkadiens war's ein ſchattiger Hain oder ein wallendes Kornfeld, wo der Liebhaber ſein ſcheues Herzensbe⸗ kenntniß ablegte; heutzutage aber flüchten ſich die Verliebten in das bunte Gewühl des Tanzes, ein Wort, ein Händedruck— von Nie⸗ mand bemerkt, weil Alle in derſelben Weiſe mit ſich beſchäftigt ſind, und die Liaiſon iſt noch vor dem Menuet fertig,— die Tour be⸗⸗ ginnt von Neuem. Muthig, Freund, der Glaube macht ſelig, aber die Kühnheit gewinnt! Elkins war es zufrieden, als der Major ihn nach dieſer Er⸗ munterung verließ, um ſich der Dame des Hauſes vorzuſtellen. Die Muſik begann, die Quadrille nahm ihren Anfang, der junge Eng⸗ länder ging aus dem Saale und warf ſich in einem entfernten Ka⸗ binet in einen Seſſel. Die Töone der Muſik zauberten ihm das Bild der Geliebten vor die Seele, wie ſie leicht und elfenartig dahin⸗ ſchwebte und in des Tanzes anmuthigen Verſchlingungen die ganze Grazie ihrer reinen Schönheit entfaltete. Hunderte von Augen folgen ihr entzückt, dachte Edward. Warum ſoll nicht hier im ſtillen Winkel D. B. II. Müller's Charl. Ackermann. 8. Einer ſitzen dürfen, dem ſein inneres Auge ſie noch ſchöner und wahrer zeigt, als es alle jene faden Anbeter und Bewunderer mit ihren frivolen Blicken zu ſchauen vermögen! Was Sylburg anbelangt, ſo verfehlte ſeine Erſcheinung nicht ihre große Wirkung auf die Damen, und ſelbſt die Herren betrach⸗ teten mit geheimem Neid den ſchönen ſtattlichen Offizier, deſſen ritter⸗ liche Geſtalt und feingebildetes Weſen allgemeine Aufmerkſamkeit er⸗ regte, manches ſchöne Auge an ihn feſſelte, mancher enggeſchnürten Bruſt einen frohen Seufzer entlockte. Es war ein Bild männlicher Schönheit und ruhiger Siegesgewißheit, das ſelbſt da noch, wo der Mann nach Tonnen Goldes zählte, alſo zunächſt in dieſen glanzer⸗ füllten Räumen, ſeine bedeutende Geltung behauptete. Der Name Baron Sylburg ging bald von Mund zu Mund und manches be⸗ klommene Mutterherz beobachtete theils mit Zagen, theils mit Hoff⸗ nung ſeinen Blick, wem unter den jungen Tänzerinnen dieſes feurige Augenpaar vorzugsweiſe ſeinen gefährlichen Strahl zuwende. Als der Tanz beendigt war, ſah er ſich vergebens nach dem Freunde um; Charlotte war auf ihren Platz zurückgekehrt, Elkins noch immer nicht bei ihr. Er ging daher raſch auf ſie zu und knüpfte mit ihr eins jener gewöhnlichen Ballgeſpräche an, die man ſo recht eigentlich als die Mutterſprache der nichtsſagenden Artigkeit bezeich⸗ nen kann und in der ſich darum Leute von Verſtand und Bildung nur ſo lange zu unterhalten pflegen, als das wirre Getöſe ringsum es unmöglich macht, mehr als einzelne abgeriſſene Laute zu verſtehen. Dann verbreitete ſich der Major mit vieler Geläufigkeit über den Unterſchied zwiſchen den Bällen von Kopenhagen und denen von Hamburg und geſtand, daß ihm der feine und doch ungezwungene Geſellſchaftston Hamburgs ungleich mehr zuſage, als die ſteife fran⸗ zöſiſche Etikette an dem däniſchen Hofe. Beide ſcherzten dann über Einzelne der Anweſenden, Sylburg wurde immer heiterer angeregt und ſagte es zuletzt gerade heraus, daß für ihn das Hauptvergnügen eines Balles darin beſtände, die lächerlichen Eigenthümlichkeiten ein⸗ zelner Perſonen herauszufinden, ſie in ihrem Thun und Treiben zu beobachten, dieſes und jenes geheime Einverſtändniß zu errathen, mit einem Worte, ſeine Ironie vollſtändig auszulaſſen. Ironie! Ein häßliches Wort! entgegnete Charlotte. Ich mag — 115— dieſes Talent, oder was es ſonſt iſt, ſo wenig als ironiſche Men⸗ V ſchen. Der Witz ſoll ſcharf ſein, meinetwegen boshaft, aber wo er bitter wird, ſchmeckt er mehr nach der Galle als nach dem Verſtande ſeines Urhebers. Und doch ſuchen ſo viele geiſtreiche Leute in der Ironie ihre Stärke, ſagte Sylburg. Vielleicht auch ihren Geiſt in der Ironie, verſetzte Charlotte. Denn immer bleibt dieſe doch nur ein Lückenbüßer des Verſtandes, ſo gut als die Harmloſigkeit, die manche Menſchen affektiren, wenn ſie nicht mehr wiſſen, was ſie ſagen ſollen. So muß ich wohl recht harmlos ſein, erwiderte der Baron, wenn Fräulein Ackermann mich fragt, warum ich ſo ſpät erſt erſcheine, um mir die Ehre zu einer Ecoſſaiſe zu erbitten. Harmlos aber aufrichtig, Herr Baron, Sie kommen in der That zu ſpät, ſagte Charlotte heiter. Schreckliches Loos, ich bin nicht mehr zu haben! Denn eine Tänzerin von Profeſſion muß auch da noch tanzen, wo Andere es blos zum Vergnügen thun. Ach, wenn ich nur ein einziges Mal einem Balle beiwohnen dürfte, wo Niemand mich zum Tanz aufforderte! So tanzen Sie nicht gerne? fragte der Baron. Und doch ent⸗ zücken Sie ſo häufig das Publikum als Tänzerin auf der Bühne? Dann iſt es meine Kunſt, antwortete ſie; dann tanze ich zugleich mit der Seele und kann es mir erklären, wie der Tanz einſtmals b bei alten frommen Völkern ein Gottesdienſt geweſen iſt und am Altare aufgeführt wurde. Wir aber tanzen hier in Wahrheit nur um eine vollbeſetzte Gaſttafel, da der Hausherr für gut befunden hat, uns zuvor mit ſo und ſo viel Tänzen zu regaliren, ehe er Champagner und Auſtern ſerviren läßt. Das iſt wohl keine Ironie? rief Sylburg lachend. Doch muß ich Ihnen, was die Realität von Champagner und Auſtern betrifft, vollkommen beiſtimmen. Auch ich habe niemals große Paſſion das Tanzen gehabt, nur die Ecoſſaiſe gefällt mir und ich beda unendlich, darauf verzichten zu ſollen. Iſt es denn gar nicht möglich—? 3 Es wird Ihnen nichts anderes übrig bleiben, wenn Sie ſich 8*½ 1 — 116— keine andere Tänzerin ſuchen wollen, verſetzte Charlotte mit unſicherer Stimme: Ich tanze die Ecoſſaiſe mit Lord Elkins. Mit Lord Elkins? entgegnete Sylburg überraſcht. Das muß ein Mißverſtändniß ſein! Eben klagte er mir noch, er habe nicht dazu kommen können, Sie zu engagiren. So iſt es jedenfalls ein Mißverſtändniß von meiner Seite, ſtot⸗ terte Charlotte und ward feuerroth, was dem ſcharfen Blicke des Barons nicht entging, denn ſogleich rief er lebhaft: Bei Leibe, kein Mißverſtändniß! Der Korb, den Sie mir ge⸗ geben haben, wird für Elkins das Füllhorn höchſter Glückſeligkeit werden! O wenn Sie wüßten, wie er Sie anbetet! Mit dieſer Ecoſſaiſe rette ich ihn von der Verzweiflung. Er eilte ſo ſchnell fort, daß Charlotte, die über ſeine letzten Worte in die äußerſte Beſtürzung gerieth, keine Zeit fand, ihn zurückzuhalten. Was haſt du mit Herrn von Sylburg? fragte Dorothea hinzu⸗ tretend, die den Schrecken in ihren Mienen geleſen hatte. 4 Mit wenigen Worten unterrichtete ſie die Schweſter von ihrer unvorſichtigen Aeußerung in Betreff Elkins' und von dem, was der Baron darauf zu ihr geſagt hatte; Dorothea erſchrak gleichfalls heftig und rief beſtürzt: 3 Du haſt Elkins den Tanz nicht zugeſagt und erzählſt es doch dem Major? Mein Gott, welche Unüberlegtheit! Was wird Jener nun anders denken als daß der Major ihm die Wahrheit berichtet? Er mag denken was er will! rief Charlotte. Der Baron iſt ein Unverſchämter! Ich werde Elkins ſagen, daß ich nur jene Aus⸗ flucht gewählt hätte, um den zudringlichen Menſchen los zu werden! Schöne Geſchichten! ſagte Dorothea. Gott gebe ſeinen Segen dazu! Willſt du meinem Rath folgen, ſo ſagſt du Elkins blos, daß du die Eeoſſaiſe gar nicht tanzen würdeſt und warteſt ab, wie er ies aufnimmt. Dann iſt es noch immer Zeit, den Baron ablaufen laſſen, wie er es verdient. Sylburg hatte endlich den Freund gefunden; Edward lag lang ausgeſtreckt im Seſſel, hatte beide Arme unterm Kopf in einander geſchlungen und ſah, weil er die Augen halb geſchloſſen, den Baron — ſelbſt dann noch nicht, als dieſer auf dem Teppich leiſe neben ihn hingetreten war und ihn lächelnd betrachtete. Da kommt auch Einem wieder das Glück im Schlafe! Bei dieſen Worten Sylburg's fuhr Elkins raſch in die Höhe. Auf, Freund! rief Jener und faßte ihn am Arme; die Zeit des Träumens und Schmachtens iſt vorüber, die Ecoſſaiſe wird ſogleich beginnen und Sie— Sie ſollen ſie mit Charlotten tanzen. Ich? ſtammelte der junge Engländer und ſprang in die Höhe. Sie ſehen, man kann das große Loos zuweilen auch ohne Ein⸗ ſatz gewinnen! ſagte der Major lächelnd. Eben hat ſie mir's, blut⸗ roth im Geſicht, geſtanden, daß ſie die Ecoſſaiſe nur mit Ihnen tanzen wolle. Himmel, Sylburg, was ſagen Sie da! rief Elkins im höchſten Entzücken. Ihr Wort zum Pfande, daß ſie's geſagt hat? Mein Wort als Offizier! Was zweifeln Sie daran? entgegnete Sylburg ruhig. Daß Charlotte Sie liebt, iſt mir nun eben ſo gewiß, als daß ſie die Ecoſſaiſe mit Ihnen tanzen will. Damit wirft ſie Ihnen das Stichwort zu und nun überlaſſe ich Sie Ihrem guten Genius und Ihrem— reinen Engliſch! Er zog den Freund, der noch immer nicht wußte, was er von alledem denken ſollte, am Arme in den Saal, wo er ihn im Ge⸗ dränge ſeinem Glücke überließ. Charlotte, die ſich unterdeſſen wieder geſammelt hatte, ſah ihn mit Ruhe auf ſich zukommen. Sie reichte ihm, als er jetzt ſprachlos vor ſie hintrat, freundlich die Hand und ſagte unbefangen: Man macht uns Hamburgern häufig den Vorwurf, wir ſeien gegen Fremde nicht zuvorkommend genug. Sie wenigſtens dürfen ſich nicht darüber beklagen, Sir! Elkins küßte ihr glühend die Hand und flüſterte: Miß Charlotte, Sie geben mir in dieſer Stunde das Leben zurück! 4* Sie ſchien dieſe Worte nicht gehört zu haben, er og ihm ſch die Hand und ſagte mit lachender Miene: Herr von Sylburg freilich wußte gar nicht, was er davon den⸗ ken ſolle, daß ich mit Ihnen tanzen will, obwohl Sie mich nicht einmal dazu aufgefordert haben. Aber er ſieht auch ganz darnach aus, — 118— als habe er niemals dergleichen von einer Dame erfahren. Faſt hätt⸗ ich ihm in's Geſicht lachen mögen! Elkins wechſelte die Farbe. Charlotte fuhr in ihrem ungezwun⸗ genen Tone fort: Ja, dieſer Herr von Sylburg! Aber es gibt genug ſolche Männer, die ſich Wunder was auf ihren Scharfblick einbilden und doch den einfachſten Scherz falſch auffaſſen. Doch kommen Sie, Freund; die Muſik beginnt, nun wollen wir den guten Baron vol⸗ lends quer tanzen! Nichts Luſtigeres in der Welt, als ſolch' einen klugen Weltmann zu myſtificiren! Sie ſprang bei dieſen Worten leicht vom Stuhle auf, warf den Shawl ab und zog ihren zaudernden Tänzer faſt ungeduldig in die Reihen der Tanzenden. Der junge Engländer war wie betäubt von dieſer ſonderbaren, mit Sylburg's Ausſagen ſo wenig übereinſtimmenden Art, womit ihn Charlotte behandelte; ihr unbefangenes Weſen, der leichte Scherz, die zutrauliche Freundlichkeit, die ſie ihm erwies, wie ſchlug es nicht all' ſeinen Muth gänzlich darnieder und raubte ihm in dem Augen⸗ blick, da er ſich allzu voreilig ſchon dem Gefühle ſeines Glückes überlaſſen, die letzte Hoffnung! Zwar verſuchte er noch einmal, ihr mit ſcheuen Worten ſeine Liebe zu bekennen, aber aus war es mit ſeinem Glücke, Sylburg hatte ihn entweder abſichtlich hintergangen oder ſich ſelber arg getäuſcht,— Charlotte hörte ihn kaum, war unge⸗ mein heiter angeregt, und wußte ihn vor und während des Tanzes durch ihre muntere Laune völlig zu überzeugen, daß das, was er bei ihr von Neigung und Gegenliebe vorausgeſetzt hatte, nur in ſeiner und Sylburg's Einbildung beruhe. Dieſe furchtbare Gewißheit machte ihn zu jedem andern Gedanken unfähig und raubte ihm faſt die Be⸗ ſinnung; nur mechaniſch folgte er dem Takte der Muſik, ſeine Stirne glühte fieberhaft, tiefe Bläſſe bedeckte ſein Antlitz, er benutzte einen günſtigen Augenblick, wo es unbemerkt geſchehen konnte und trat aus r Kolonne zurück; Charlotte fand eben ſo ſchnell ihren alten Freund of, der mit ihr weiter tanzte, ſie dankte Gott im Stillen für dieſen glücklichen Wechſel und Niemand bemerkte, was in ihrem In⸗ nern vorging. Nur Sylburg hatte den ganzen Vorgang beobachtet und als er des Freundes haſtige Entfernung aus dem Saale bemerkte, * — 119— ging er ihm nach und fand ihn im letzten Zimmer, wie er den Mantel bereits umgeworfen hatte und eben im Begriffe war, davonzueilen. Was haben Sie vor, Edward? fragte er ihn beſtürzt; iſt es zwiſchen Ihnen und Charlotten zur Erklärung gekommen? 5 Jener verſetzte mit ſchwer errungener Faſſung: Sie ſind mir ein ſchöner Prophet geweſen! Ich glaube wirklich, Sie verſtehen ſich auf Pferdedreſſur beſſer als auf's weibliche Herz! Ihrem unbeſiegbaren Blicke kann freilich keine Dame widerſtehen, darum ſehen Sie auch bei andern Männern nur die Schattenbilder Ihrer eigenen Eitelkeit! Ja, es iſt zu einer Erklärung gekommen, lieber Sylburg, aber Sie werden mir erlauben, daß ich heute zum Letztenmal mit Ihnen über jenes Mädchen geſprochen habe! Er ſchleuderte dem Baron einen wüthenden Blick zu und ſtürzte in höchſter Aufregung aus dem Zimmer. Dieſer ſah ihm ruhig nach, kein Zug ſeiner Miene veränderte ſich; doch hatte er genug gehört, um zu wiſſen, daß er diesmal einen ſehr dummen Streich gemacht habe, der ihn faſt noch mehr um ſeinet⸗ als um des Freundes willen ärgerte. 1 Charlotte war nach beendigtem Tanze von Eckhof auf ihren Platz zurückgeführt worden, wo Dorothea ſie ſchon mit eben ſo viel Sorge als Neugierde erwartete. Es iſt Alles gut gegangen, flüſterte ſie der Schweſter in's Ohr; Elkins hat das Weite geſucht und mit dem Baron werde ich auch ſchon fertig werden. Eckhof, der noch immer im Wahne ſtand, Charlottens Tänzer ſei unwohl geworden, fragte ſie, als der Major wieder in den Saal trat:. Wie kommen Sie denn zu der Bekanntſchaft des Herrn von Sylburg? Ich ſah ihn ja vorhin ſehr angelegentlich mit Ihnen reden! Mir iſt der Herr im Grund der Seele fatal, ohne daß ich wüßte, in welche Klaſſe von Antipoden ich ihn eigentlich ſetzen ſoll. Charlotte lauſchte auf und bat den Freund, den ſie über Alles liebte und hochſchätzte, um nähere Aufklärung. Ich weiß es Ihnen wirklich nicht zu ſagen, erwiderte Eckhof. Nur ein einziges Mal ſah ich dieſen Herrn in der Obergeſellſchaft, und wie Sie wiſſen, bin ich ein ſo eifriger Charakterſtudio, daß ich mir keinen Fremden von nur einiger bedeutſamer und hervorſtechender — ͦ—— —— 120 Perſönlichkeit entgehen laſſe. Bei dieſem Herrn von Sylburg aber iſt mir das Sonderbare begegnet, daß ich ihn nur in den ſchroffſten pſychologiſchen Gegenſätzen faſſen kann; in der Silhouette erſcheint er mir als ein ganz anſtändiger und gebildeter Menſch, en face aber hat ſein Geſicht für mich einen ſo unheimlichen Ausdruck, deutet mir einen ſo herzloſen, verſchloſſenen und eigenſüchtigen Charakter an, daß ich bis jetzt zu keinem andern Reſultate gekommen bin, als zu dem, daß in dieſem Menſchen zwei grundverſchiedene Naturen in ewig feindlichem Streite liegen müſſen, die ihn ebenſowohl zum Guten und Schönen, wie zum Häßlichen und Verwerflichen geneigt machen. O Sie eingefleiſchter Lavater! rief Charlotte lachend. Was mich betrifft, ſo habe ich dieſen Herrn ungleich weniger tiefſin⸗ nig aufgefaßt, aber gewiß eben darum auch richtiger. Das, was Hofmänniſches und Feines an ihm iſt, erinnert mich beinahe an ſeinen Landsmann, den alten Polonius, ſonſt aber ſcheint er mir ein Cavalier und Lebemann wie hundert Andere und eine wirklich höhere geiſtige Richtung traue ich ihm nicht einmal zu. Er drappirt zwar den Mantel des romantiſchen Nimbus ſehr geſchickt um ſeine Heldenfigur, doch hat ſicher die Eitelkeit mehr Antheil an dieſem intereſſanten Faltenwurf, als das Gefühl ſeiner perſönlichen Ueber⸗ legenheit. Er iſt ein Salonsmenſch, der von der Geſellſchaft ſehr verhätſchelt worden zu ſein ſcheint und jedenfalls mehr durch Andere als durch ſich ſelber zu dieſer eigenthümlichen Haltung gekommen iſt. Alſo erſcheint er Ihnen doch auch eigenthümlich? ſagte Eckhof. Wie es am Ende jeder Menſch iſt, wenn man ihn länger be⸗ trachtet, erwiderte Charlotte. Ja, ſehen Sie ſich nur ſelber einige Zeit ruhig im Spiegel an, ſo haben Sie plötzlich ein fremdes un⸗ begreifliches Etwas in Ihrem Geſicht, das Ihnen äußerſt geheimniß⸗ voll vorkommt, obgleich es doch Ihr beſter Bekannter iſt. Gehen Sie mir mit Ihrem Caglioſtroblick, Eckhof! Ich ſage Ihnen, dieſer Herr von Sylburg wird weder einem verſtändigen Mann noch einer klugen Dame gefährlich ſein. Die Dänen haben alle etwas diplo⸗ matiſch Verſtecktes im Weſen, das ſich hinter ihrer feinen Politur allerdings dämoniſch ausnimmt, im Grunde aber nur ein anderer Lack iſt, niemals wahre Naturfolie. — — — 121— Da kommt er wirklich ſchon wieder! ſagte Eckhof, kehrte ſich ärgerlich um und ging weg. Der Major nahte Charlotten, nahm mit einer leichten Verbeugung neben ihr Platz und ſprach im Tone innerſter Bewegung: Sie zürnen mir, Mademoiſelle, und doch wollte ich mit Freuden hier zur Stelle den Haß der halben Welt auf mich laden, könnte ich dadurch ungeſchehen machen, was mich die blinde Freundſchaft verſchulden ließ. O nur das glauben Sie mir, Edward iſt an Allem unſchuldig! Ich allein, den er allzu voreilig zu ſeinem Herzensver⸗ trauten machte, ich allein bin anzuklagen, zu verdammen; denn wer . hieß mich auch, fügte er mit gedämpfter Stimme hinzu, meine un⸗ glückſelige Hand zur Rettung dieſes edlen Herzens ausſtrecken? Wer hieß mich, das für Wahrheit bei Ihnen zu halten, was doch nur ein ſtiller heißer Wunſch meiner Seele für den armen Freund war? Nicht für mich flehe ich Sie darum um Nachſicht an, aber ihn, den ich ſelber unabſichtlich täuſchte, wollen Sie nicht verdammen— nein, Sie nicht, deren höchſter und reinſter Lebensberuf ja die Erkenntniß der innerſten Wahrheit in der Menſchenbruſt iſt. Ich verſtehe Sie nicht, Herr Baron, verſetzte Charlotte, ſeltſam ergriffen von dieſer aufrichtigen Sprache einer ſo tiefen Reue und Beſchämung, daß ſie einen Augenblick nicht wußte, was ſie ihm an⸗ ders darauf erwidern ſollte. Wollte Gott, ich dürfte das hoffen! ſeufzte der Major. Aber Edward's grenzenloſer Schmerz und ſein Zorn gegen mich, den un⸗ ſchuldigen Urheber dieſes Schmerzes, hat mir nur zu klar gezeigt, in welchen Abgrund ich ihn ſtieß, als ich ihn faſt gegen ſein Gefühl beſchwor, ſeinem Zweifel ein Ende zu machen und Ihnen Alles zu bekennen. Nein, wenden Sie ſich nicht im Unmuth von mir ab, edles Fräulein! Ich habe das letzte Wort in dieſer unglückſeligen Angelegenheit geſprochen, und wenn Sie gerecht ſind, ſo werden Sie wenigſtens Edward verzeihen. Eine kleine Pauſe entſtand; der Major war ſichtlich ergriffen, trübe Wehmuth umflorte ſein Auge, ſeine Hand ſpielte mit dem goldnen Porteépée, jetzt machte er eine Bewegung zum Aufſtehen, doch blieb er wie feſtgebannt ſitzen, Charlotte ſelbſt ſaß wie auf heißen Kohlen. Wie ſo ganz anders erſchien ihr plötzlich dieſer Mann, den ſie noch eben ſo vorſchnell beurtheilt hatte! Die Schuld, deren er ſich anklagte um der Freundſchaft willen, wie verſchieden war ſie nicht von dem ungünſtigen Eindruck, den ſein Betragen vorhin auf ſie gemacht hatte! Sie fühlte, daß es ihre Pflicht ſei, ihn wenigſtens einigermaßen zu beruhigen und ſagte darum mit Wohlwollen: Wenn es aus Freundſchaft geſchah, ſo verzeihe ich Ihnen gerne Ihre Unüberlegtheit. Freundſchaft iſt ſo ſelten in der Welt anzu⸗ treffen, daß man ihr billig jede Rückſicht ſchenken muß. Sie iſt eine ſeltne Perle, die noch ſeltner in edles Gold gefaßt wird, entgegnete der Baron, noch immer in ſich gekehrt. Mir frei⸗ lich iſt's jederzeit ſchimm mit meinen Freunden ergangen; ja, wenn ich blos aus meinen eignen Erfahrungen auf dieſes große heilige Gefühl ſchließen müßte, ſo wäre das Wort Freundſchaft nur ein leerer Schall, noch obendrein gedämpft durch des Lebens feindlichſte Mißtöne. Der Beſte, den ich beſaß, ſtürzte ohne es zu wiſſen und zu wollen, mein ganzes Lebensglück in Trümmer und ward ſelber darunter begraben, und ſeitdem feiere ich ſein Andenken nur noch in der ewig nagenden Erinnerung an das Schickſal, das er mir un⸗ ſchuldig bereitet hat. Doch was erzähle ich Ihnen dies auf einem Balle! Eins, was keine Kunſt uns lehrt, kein Studium uns ge⸗ winnen läßt, iſt ja noch Ihr glückliches Eigenthum: die frohe Jugend und der Zukunft goldner Traum. Auch Elkins wird ſich daran wie⸗ der erholen,— ich aber will ihm das Glück nicht neiden, das mir niemals zu Theil wurde, einen in ſeiner Urſache ſo heiligen, durch ſeinen holden Gegenſtand ſo berechtigten Schmerz aus der Jugend in das ernſte Mannssalter hinüberzutragen. Ja, ja, ich werde vielleicht auch noch eine Thräne finden, um in dieſer ſchönen getäuſchten Jüng⸗ lingshoffnung meinem eignen alten Weh nachzuweinen. Er erhob ſich raſch; Charlotte ſah, wie ſein Auge feucht wurde, ein Zug unendlichen Leides, den ſie niemals in dieſem ſtolzen Antlitz geſucht hätte, zuckte um ſeine Lippen, der ſtarke Mann und der weiche Mann, welche für ſie bis dahin unbekannte Schönheit lag nicht in dieſen Gegenſätzen; aber nur einen Augenblick übermannte den Major ſein Gefühl, leiſe drückte er einen Kuß auf ihre Hand, flüſterte: Gute Nacht! Verzeihen Sie Edward und mir! und eilte raſch aus dem Saale. 123 Erſt beim Beginn der Muſik merkte Charlotte, daß er wegge⸗ gangen war und erſt jetzt glaubte ſie klar zu wiſſen, was ſie ihm hätte ſagen ſollen. 2 13. Unſere junge Künſtlerin war, wie ſo manche höher begabte Na⸗ tur, nicht frei von einer gewiſſen fataliſtiſchen Gefühlsrichtung und ſie beſchäftigte gerne ihre Fantaſie damit, bei dieſem oder jenem an ſich unbedeutenden Umſtand eine nähere Beziehung zu ihrem Innern zu ſuchen. Die ſonderbare Weiſe, mit welcher der Major ſich faſt gegen ihren Willen Geltung bei ihr verſchaffte, trug nicht wenig dazu bei, das Intereſſe an ſeiner Perſon zu vermehren; die für ſie ſo peinvolle Situation, in der ſie ihn zuerſt von einer tieferen Seite hatte kennen lernen, war darüber bald vergeſſen, kurz, Sylburg hatte, indem er doch nur für den Freund und zu deſſen Rechtferti⸗ gung redete, eine ungleich mächtigere Saite ihres Herzens berührt, als Elkins bei all' ſeiner glühenden Neigung jemals vermocht hätte. Denn ſo ſicher ſie ſich auch dem Baron gegenüber fühlte, ſo hatte dieſer doch bei ihr erreicht, was bisher keinem Manne geglückt war,— er hatte ein wirklich recht ſchlimmes Vorurtheil gegen ſich in ebenſo wahre Theilnahme und Hochachtung verwandelt. Indem Sylburg den tragiſchen Ton bei ihr anſchlug und ſie ein von ſchwe⸗ rem Schickſale heimgeſuchtes Leben ahnen ließ, beſiegte er damit ſchnell den ungünſtigen Eindruck, und nicht minder mußte die ruhig ſichere Art, mit der er bei ihr ein tieferes Verſtändniß ſeines Innern vor⸗ ausſetzte und ſie einen Blick in ſeine Seele thun ließ, einem Mäd⸗ chen von Charlottens inniger Herzensgüte mehr als vorübergehende Rührung entlocken. Das Geheimnißvolle reizt uns beſonders dann, wenn es als Räthſel einer bedeutſamen Perſönlichkeit oder einer fremden intereſſanten Exiſtenz erſcheint, zu der es gleichſam den dunklen Hintergrund bildet; und ſo kam es auch bei Charlotten, daß ſie die Frage nach des Majors unbekanntem Schickſal Anfangs faſt noch mehr beſchäftigte, als deſſen Perſon ſelbſt. 124 Die Nachricht, daß Lord Elkins am Tag nach dem Balle ab⸗ gereiſt ſei, war ihr eine Beruhigung mehr, daß der Vorfall mit ihm ohne weitere Folge bleiben werde und dieſer Meinung war auch Dorothea. Mehrere Wochen verſtrichen ſo; Charlotte, die faſt allabendlich auf der Bühne beſchäftigt war, dachte kaum mehr an jenes Ballaben⸗ teuer und ſelbſt Sylburg kam ihr nur noch in die Erinnerung, wenn zufällig einmal ſein Name bei der alten Frau genannt wurde und man ſich dort über ſein Ausbleiben in der letzten Zeiten wunderte. Sie hatte in dieſem Winter mehrere große Rollen neu einzuſtudiren und vornehmlich war es das Studium von Shakeſpeare, welches ihre ganze innere Welt umwandelte und ihr plötzlich das Ziel ihrer Kunſt in eine hohe weite Ferne rückte, dem ſie aber deßhalb nur mit verdoppelter Begeiſterung entgegenſtrebte. Schröder ging nämlich damals ernſtlicher als je mit dem Gedanken um, ſeinem Publikum zum Erſtenmal die großen Dichterwerke des un⸗ ſterblichen Britten in deutſchem Gewande vorzuführen, zuerſt den Othello, dann den Hamlet, dann Romeo und Julie. Mit Enthuſiasmus ergriffen ſämmtliche Kunſtgenoſſen den kühnen Plan ihres Direktors und wenn auch die Anhänger des Alten und Herkömmlichen, insbeſondere die Freunde der franzöſiſchen Tragödie, über ein ſo keckes, faſt bar⸗ bariſches Wagniß bedenklich die Köpfe ſchüttelten und darin den Un⸗ tergang des Theaters erblickten, Schröder und die Seinigen ließen ſich dadurch nicht abhalten, vielmehr befeuerte dieſe falſche Oppoſi⸗ tion, welche bald den Weg in öffentliche Blätter fand, unſere Künſtler nur zu noch größeren Anſtrengungen und der heilige Geiſt einer neuen, bis dahin ungeahnten Kunſt ſchien über Schröder und ſeine treffliche Geſellſchaft gekommen. Daß ein Hamburger Aeſthetiker Shakeſpeare öffentlich mit einer Wallnuß vergleichen durfte und mit einem Kothhaufen, worin einiges Gold verborgen, ſei hier nur bemerkt, um den Standpunkt zu bezeichnen, welchen ein Theil des Theaterpublikums damals noch dieſen würdigen Beſtrebungen gegen⸗ über einnahm; während Schröder gerade aus ſolchen ſchroffen Ge⸗ genſätzen in der Geſchmacksrichtung ſehr richtig ſchloß, daß der Zeit⸗ punkt, Shakeſpeare in Deutſchland einzubürgern, gekommen ſei. Das neue Jahr ſollte demzufolge mit dem Othello eröffnet werden und — 125— bis dahin gab es für die dabei Betheiligten noch ſo viel zu thun und zu lernen, daß all der rühmliche Fleiß und Kunſteifer aufgeboten werden mußte, welcher das Schröder'ſche Bühnenperſonal von jeher b ausgezeichnet hatte. Denn damals lernte der Künſtler, der ſich ſei⸗ ner Aufgabe bewußt war, ſeine Rolle noch aus ihrem und des 2 Stückes Geiſt heraus, während heutzutage ſelbſt von den beſſeren Schauſpielern nur die Wenigſten daran denken, andere als blos tra⸗ ditionelle Figuren auf die Bühne zu bringen, und weniger die Ge⸗ ſtalten des Dichters als vielmehr die Rollenſtudien dieſes oder jenes berühmten Vorgängers in ihrem Fache, zu veranſchaulichen. Das Talent freier ſelbſtändiger Darſtellung und ſorgfältiger Individuali⸗ ſtrung des Charakters galt damals, und gewiß mit Recht, für die erſte Bedingung des Künſtlers; man war vielleicht einfacher und be⸗⸗ ſchränkter in den äußern Hülfsmitteln der Täuſchung, aber dafür hielt man um ſo beſtimmter an der Idee des Dichters feſt, opferte ihr gerne die eitle Künſtlerperſönlichkeit und neben der Rolle war auch noch der poetiſche Totaleindruck des Stückes Aufgabe eines jeden Einzelnen, ſtatt daß wir heutzutage häufig genug mit der äußern Darſtellung auch den innern Organismus des Dramas in die Brüche fallen ſehen. Unter den neueſten beliebten Stücken jener Periode war es be⸗ ſonders der Göthe'ſche Clavigo, welcher die Hamburger entzückte und den ſchon durch Leſſing gehobenen Sinn für das nationale Drama weiter anregte und befriedigte. Unſtreitig gehörte aber auch die Darſtellung dieſes Stückes zu dem Vollendetſten was die deutſche Bühne bis jetzt im deutſchen Drama geleiſtet hatte und der Zudrang war bei der fünften Vorſtellung faſt noch größer als bei der erſten. Brockmann als Beaumarchais, Reinike als Clavigo, Schröder als — Carlos erlangten in dieſen Rollen einen Ruf, der noch heute nicht ganz verklungen iſt, und Charlotte flocht als Marie einen der un⸗ verwelklichſten Zweige in ihren jungen Ruhmeskranz. Selbſt die . Rutland ward von Kennern ihrer Rolle im Clavigo nachgeſtellt, ſo 2 aaußerordentlich war der Erfolg, den ſie mit dieſem reizenden Cha⸗ akterbild voll reinſter Naturwahrheit und herrlicher Leidenſchaft er⸗ rang. Sie ſpielte dieſe Rolle weniger, als daß ſie vielmehr in die⸗ ſelbe nur die ganze Tiefe und Innigkeit ihres eigenen Gefühls hin⸗ einlegte und damit eine Wirkung erreichte, die vielleicht der Dich⸗ ter ſelbſt nicht einmal ahnte. Noch hatte keine Rolle von ſo außerordentlichem Erfolge ihr ſo wenig Studium und Anſtrengung gekoſtet wie dieſe; aber keine war auch ſo recht eigentlich wie für ihre innerſte Gemüthslage geſchrieben; ja, ſie fühlte ſelbſt ein gewiſ⸗ ſes Grauen vor dieſem Seelendoppelbild, und noch am Abend vor der fünften Vorſtellung des Clavigo äußerte ſie halb im Scherz, halb im Ernſt zu Dorothea: Wenn die Marie mir nur nicht gar ſo ähnlich wäre! So aber muß ich oft mitten im Spiel mich beſin⸗ nen, daß ſchon nach wenigen Stunden Alles wieder vorbei iſt und ich dann wieder Charlotte bin. Es gibt doch nichts Gräßlicheres in der Welt als eine reine Liebe, die zuletzt den Gegenſtand ihrer glühenden Schwärmerei verachten muß. Das iſt, als wenn ein ſchö⸗ nes Götterbild ſich plötzlich vor den Augen des Betenden zur Teu⸗ felsmaske entlarvt oder das Herz ſich ſchaudernd von ſeinem eignen Heiligthum abwendet! Laßt mich nur nicht die arme Marie zu häufig ſpielen; ſolche Rollen haben eine magiſche Anziehungskraft auch für das wirkliche Schickſal, und zum neuen Clavigo findet ſich dann auch leicht ein anderer Carlos. Sie könnten in einer Perſon erſcheinen! erwiderte Dorothea. Denn dieſer Clavigo und dieſer Carlos ſind eigentlich nur ein Menſch, den der Dichter blos in zwei Geſtalten auseinander gelegt hat, weil ſie ſonſt in einem Charakter ihm und dem Stücke über'’n Kopf ge⸗ wachſen wären. Und dann, wo fände ſich der Schauſpieler, der dieſe beiden feindlichen Gegenſätze in der Menſchennatur in einen Rahmen zuſammenfaſſen könnte? Wenn wir nur heute für recht lange Zeit mit dieſem Stücke abſchließen! ſagte Charlotte. Clavigo ſelbſt kann mich niemals in⸗ tereſſiren, er gehört nicht auf ſpaniſchen Boden; es iſt ein handwerks⸗ mäßiger Autor ganz nach deutſchem Zuſchnitt, von dem niedrigen Charakter, der Alles ſeiner Schreibſucht aufopfert und ſich träumen läßt, Miniſter zu werden, blos weil er ein Wochenblatt ſchreiben kann. Auch mag ich nicht auf der Bühne im Sarg liegen, den ſollte kein Dichter vorbringen, weil es ein häßlicher Kaſten iſt, der dem Schreinerhandwerk angehört und nicht der Kunſt. Was hinter dem Sterben liegt, gehört auch hinter die Couliſſen. —— — 127— Das Stück hatte am heutigen Abend den gleichen Erfolg, wie bei früheren Vorſtellungen, obwohl die der neuen Richtung des deut⸗ ſchen Dramas feindliche Partei zahlreich unter den Zuſchauern ver⸗ treten war und es ſelbſt an einigen Stellen verſuchte, den jungen Göthe'ſchen Genius, der ſich ſo ungeſtüm und gewaltig auf die Bühne drängte und mit dem einzigen Clavigo ein halbes Hundert ehrbarer Rühr⸗ und Trauerſtücke gnadenlos in den Staub warf, durch Schar⸗ ren und Ziſchen zu Falle zu bringen. Vergebens ſuchte man beſon⸗ ders an Schröder, der bis jetzt nur als Komiker geglänzt hatte, eine kleinliche Rancüne auszulaſſen, da ſein Carlos bei aller geiſtvollen Auf⸗ faſſung und gelungenen Darſtellung dieſes feinen Böſewichts gegen die mehr das Gefühl beſtechenden Rollen eines Beaumarchais und Clavigo zurücktrat und dadurch das größere Publikum, welches ſo leicht die Rolle mit dem Schauſpieler verwechſelt, feindlich abſtieß; der beſſere Geſchmack ſiegte auch heute über den Neid und die Be⸗ ſchränktheit unwürdiger Kunſtrichter. Im dritten Akte, wo der reuige Clavigo zu der verlaſſenen Geliebten zurückkehrt, in jener erſchütternden Verſöhnungsſcene, in elcher ſein beſſerer Geiſt noch einmal über die Werke der Hölle, die ihn bereits mit ihren Banden unentrinnbar umſchlungen hat, zu triumphiren ſcheint, war Charlotte, als Clavigo vor ihr auf die Kniee niederfiel, mit abgewendetem Antlitz, in welchem ſich Schrecken und Liebe in wunderbarem Ausdruck vereinigten, vor ihm bis an die Rampen zurückgewichen und hielt wie zur Abwehr vor dem Ge⸗ liebten, der ſie ſo ſchwer betrogen, die Hand gegen ihn ausgeſtreckt; da, im Moment der leidenſchaftlichſten Aufregung ihrer Gefühle, wo das Glück der Liebe und der Schmerz der Liebe in ihrer Bruſt kämpfen, ſieht ſie plötzlich an der vorderſten Säule des Parterres unter den Zu⸗-⸗ ſchauern einen Herrn ſtehen, der in einen Mantel gehüllt, ſie regungslos aus zwei dunklen Augen anſtarrt; ſie erſchrickt heftig, die Wahrheit, Cit der ſie ſich in Mariens leidvoll entzückten Zuſtand hineinverſetzt, täuſcht ſie ſelber ſo lebhaft, daß ſie den lauernden Carlos, der wie ein böſer Engel ihr auch diesmal den Geliebten wieder entreißen ſoll, leibhaftig vor ſich zu ſehen glaubt, ſie erbebt in innerſter Seele vor dieſem unheimlich glühenden Blick—„kennſt du meine Stimme nicht mehr, nicht mehr den Ton meines Herzens?“ ruft Clavigo in — ſteigender Verzweiflung; noch einmal ſucht da Charlottens irres Auge den vermeintlichen Feind an der Säule im Parterre, ein heftiger Schreck mit ebenſo viel frohem Staunen gemiſcht, durchbebt ſie, denn ſie hat Sylburg erkannt und ſtürzt in demſelben Moment mit dem Ausruf: „Clavigo!“ verſöhnt in des Geliebten Arme.„Laßt, laßt mich! Meine Sinne vergehen!“ in dieſen wenigen Worten liegt eine ganze Welt voll namenloſen Entzückens und ihren Abgang von der Bühne begleitet ein donnernder Beifallsſturm. Erſt hinter den Couliſſen erholt ſie ſich von dem ſeltſamen Doppelſpiel ihrer Fantaſie, die den Mazjor, der doch nur einen bloßen Zuſchauer abgab, in unmittelbare Verbindung mit der von ihr geſpielten Rolle brachte; ſie muß ſelbſt über ihre lebhafte Einbildungskraft lächeln, aber der Blick, womit er ſie ange⸗ ſehen, verläßt ſie den ganzen Abend nicht wieder, obwohl ſie bei ihrer Rück⸗ kehr auf die Bühne ſeine Geſtalt nicht mehr unter den Zuſchauern findet. — Dies erklärt ſich ſehr einfach dadurch, daß der Major, dem Charlottens Bewegung bei ſeinem Anblick nicht entgangen war, ſchnell zurücktrat, wie wenn er da, wo er eben die für ihn ſo überraſchende Wahrnehmung gemacht, nicht zum zweiten Mal geſehen werden dürfe. Auch ihn hatte die gewaltige Wirkung dieſes Stückes auf das Tiefſte ergriffen; es war das erſte Mal, daß er Charlotten in einer tra⸗ giſchen Rolle ſah, er war wie gefeſſelt von dem Zauber ihres herr⸗ lichen Spiels, ihrer hinreißenden Leidenſchaft; in dieſer hohen Kunſt⸗ vollendung hatte er ſie ſich niemals gedacht, auch er verwechſelte in ſeiner feurigen Einbildungskraft die Rolle mit der Perſon; Charlotte erſchien ihm plötzlich in einer ſo feenartig reizenden Geſtalt, daß er ſie kaum wieder erkannte und nicht begriff, wie ſeinem ſonſt ſo kun⸗ digen Auge dieſer Verein von Liebenswürdigkeit und geiſtigen Vor⸗ zügen hatte entgehen können. Er war wie berauſcht von dem Ein⸗ zuck, den ſeine Sinne und vielleicht auch ſeine tiefere Seele 2 a dieſem Abend empfangen hatten, der Zauber ihrer Erſcheinung feſſelte ihn von Scene zu Scene immer mehr, er fühlte Etwas, was ihm bis dahin noch kein Weib eingeflößt hatte, ein freudiger Stolz ergriff ihn bei dem Gedanken, daß ſie ſich ihm gütig erwieſen, daß das, was er ihr neulich beim Balle halb aus Gefühlskoketterie, halb in wirklicher momentaner Empfindung geſagt, vielleicht einen tieferen Ton bei ihr angeſchlagen habe, und nahe lag dieſem beſſeren Stolze —— — —— — 129— die angenehme Selbſttäuſchung, daß ihn Charlotte heute nicht nur ſogleich wieder erkannt, ſondern auch bei ſeinem Anblick durch ein freudiges Erſchrecken ſich verrathen hätte. Menſchen von oberfläch⸗ lichem und ſanguiniſchem Temperament ſind nur zu leicht verſucht, einer ſcheinbar gleichgültigen Sache, ſobald es nur ihrer Eitelkeit ſchmeichelt, eine tiefere Bedeutung beizulegen, und eben dadurch ge⸗ winnen ſie nur allzu häufig, ſelbſt einer wahren Natur gegenüber, jenen Erfolg, der dem wirklich tiefen Charakter ſo ſelten und beſon⸗ ders bei den Frauen faſt nie zu Theil wird. Sylburg wartete mit Ungeduld das Ende der Vorſtellung ab; in der Begräbnißſcene, als Charlotte im Sarge lag, den drei in ſchwarze Mäntel gehüllte Männer mit Fackeln umgaben, fiel ihm un⸗ willkührlich Bertha ein und. das Bild, das ihm Fanny von der Scene im Sterbehauſe entworfen hatte, trat lebendig vor ſeine Seele. Schon dort war ja Charlotte, lange zuvor ehe er ſie und ſie ihn geſehen, ahnungslos in den Kreis ſeiner Schuld getreten, hatte ſich ſeines und Bertha's verlaſſenen Kindes angenommen; Sylburg war Fataliſt genug, dies Alles in Zuſammenhang mit dem zu ſetzen, was er in dieſem Momente empfand— Clavigo's und Mariens Schick⸗ ſal rührte ihn nicht mehr, und mit ebenſo viel Leichtſinn als Leiden⸗ ſchaft faßte er den Entſchluß, dieſe unter ſo eigenthümlichen Auſpi⸗ cien begonnene Bekanntſchaft mit der liebenswürdigen Künſtlerin fortzuſetzen, alle ſeine Talente bei ihr anzuwenden und um jeden Preis ein näheres Verhältniß mit ihr anzuknüpfen. Die nächſte Gelegenheit hierzu ſchien ihm die beſte; nach dem Schluſſe der Vor⸗ ſtellung harrte er darum im Opernhof, bis die Zuſchauer ſich ent⸗ fernt hatten, wohl eine halbe Stunde lang wartete er in der kalten Decembernacht; ein Theaterdiener kam, um die Lichter am Portale auszulöſchen, von ihm hörte er, daß beide Demoiſelles Ackermann noch in der Garderobe ſeien und gleich herauskommen würden. J der nächſten Minute fuhr der Wagen vor; Charlotte erſchien mit der Schweſter, Beide in dichte Mäntel gehüllt; Sylburg trat raſch auf ſie zu, beim Scheine der Wagenlaterne erkannten ſie ihn Beide zu gleicher Zeit, Dorothea wandte ſich unmuthig von ihm ab, Char⸗ lotte aber rief betroffen: Wie, Herr von Sylburg, Sie noch hier? D. B. II. Müller's Charl. Ackermann. 3 ——— Um Ihnen zu ſagen, Mademoiſelle, verſetzte er im Tone innerſter Bewegung, daß Marie Beaumarchais mir heute den langentbehrten Frieden meines Herzens zurückgegeben hat. Ich wollte nicht die Schwelle dieſes Tempels verlaſſen, bevor ich nicht ſeiner ſchönſten Prieſterin ein Wort des Dankes für dieſen unvergeßlichen Abend geſagt hätte. Ja, Fräulein Charlotte, laſſen Sie die Thräne der Rührung aus einem kalten Mannesauge auch eine Perle ſein an dem Lorbeer, der heute wie in ſpäten Jahren Ihre Stirne unver⸗ welklich umgrünen wird— o nun bin ich wieder glücklich, denn ich bin verſöhnt mit meinem Schickſal! Gute Nacht! Gute Nacht! rief er mit bewegter Stimme und fort ſtürmte er in die Dunkelheit wie ein Menſch, der ohne viele Ueberlegung Das gethan und ausgeſpro⸗ chen hat, wozu ihn gerade ſein innerſtes Herz drängte. Das hätte er dir auch bei einer paſſenderen Gelegenheit ſagen können, ſprach Dorothea unmuthig im Abfahren. Charlotte drückte ſich ſtumm in die Wagenecke; ein Seufzer, und gleich darauf ein leiſes Kichern war Alles, was ſie der Schweſter antwortete.— Auch im Verlaufe des Abends war ſie ſtill und einſylbig, obwohl ſie innerlich ſehr heiter angeregt ſchien und mit froher Miene im Kreiſe der Ihrigen ſaß. Ihr Bruder hatte einige Freunde nach der Vorſtel⸗ lung eingeladen, darunter Unzer und den geiſtreichen Schriftſteller und Journaliſten Dr. Dreyer, derſelbe, der ſo lange Zeit ein heftiger Gegner Schröder's und der Ackermann'ſchen Bühne geweſen, ſeit der berühmten Vorſtellung der Rutland aber, wo er Charlotten jene ſchöne Huldigung darbrachte, ſein aufrichtiger Freund geworden war. Es war ein ältlicher kleiner Mann, den die Natur in ſeinem Aeußern ſehr ſtiefmütterlich behandelt hatte; denn ſie gab ihm zu einem inter⸗ eſſanten Antlitz mit lebhaften geiſtvollen Augen einen häßlichen Höcker und eine zwerghaft zuſammengezogene Therſitesgeſtalt, damit er ſeine ſatyriſche Laune an ſich ſelber auslaſſen könne, wenn er ſonſt keinen Gegenſtand dafür fand, was er denn auch häufig in einer ſo wenig ſchonungsvollen Weiſe that, daß man es ihm gerne verzieh, wenn Andere nicht beſſer bei ihm wegkamen. Er war ein äußerſt fähiger talentvoller Kopf voll unerſchöpflichen Witzes und echt kau⸗ ſtiſchen Humors, dabei ein ſehr leckerer Aeſthetiker, der mit großer —, — 131— kritiſcher Verſtandesſchärfe eine ſeltene Beleſenheit und Literatur⸗ kenntniß vereinigte. Seit vielen Jahren beherrſchte er mit ſeiner ſcharfen Feder den Hamburger Lokalparnaß und behauptete ſich trotz aller Kabalen und Anfeindungen im Rufe des zumeiſt gefürchteten und geiſtig bedeutendſten Kritikers. Man ging ihm auf dieſem Ge⸗ biete gerne aus dem Wege, oder ſuchte ſich mit ihm auf einen guten Fuß zu ſtellen, obwohl er außerhalb der Arena der äſthetiſchen Po⸗ lemik ein höchſt gutmüthiger harmloſer Menſch war, dabei ein feiner Epikuräer und vortrefflicher Geſellſchafter, der in den erſten Gaſt⸗ höfen freie Tafel hatte, weil ſeine Anweſenheit dem Wirthe vermehrten Zuſpruch verſchaffte und ſein Witz jederzeit große Anziehungskraft auf die Gäſte ausübte. Seinem feindlichen Auftreten gegen Schröder, womit er dieſem und deſſen Bühne längere Zeit hindurch viel zu ſchaffen gemacht hatte, lagen allerdings noch andere als reine Kunſtintereſſen zu Grunde, obwohl Dreyer's ſcharfe Feder und ſeine richtige Einſicht von dem Weſen der dramatiſchen Kunſt manchen wirklichen Schaden aufgedeckt, manchen Mißgriff mit ſeinem wahren Namen bezeichnet hatte. Denn auch Schröder mußte häufiger als ihm lieb war, die Klaſſicität bei Seite ſetzen und dem Geſchmack des Tages huldigen. Ballette und Singſpiele ließ man ſich in Hamburg ebenſowenig als an⸗ derswo nehmen, ſelbſt die fade Harlekinspoſſe hatte noch immer ihr großes Sonntagspublikum und mußte die Koſten für manches beſſere Stück, das nur halben Beifall fand, decken helfen; dies und der Umſtand, daß Schröder neben einem hochmüthigen Benehmen gegen den gefürchteten Theaterkritiker, auch die äußere Ausſtattung der Vorſtellungen ſo brillant als möglich machte, und in glänzenden Apparaten, reichen Koſtümen und prachtvollen Dekorationen einem oft übertriebenen Luxus huldigte, erregte Dreyer's Groll und Mißfallen der eitel und reizbar, dieſes hochfahrende Weſen des Theaterdirektors ſehr übel empfand, und darum mit unerbittlicher Konſequenz an deſ⸗ ſen Bühne nicht nur die höchſten idealen Anforderungen ſtellte, ſon⸗ dern auch in der Ueberhandnahme von blendenden Aeußerlichkeiten das Verderben des beſſeren Geſchmacks erblickte. Er hielt an der Einfachheit der engliſchen Schaubühne feſt, haßte die Oper bis in den Tod, und an dem Abende, wo Ballet getanzt wurde, war ihm 9* ſ elbſt Schröder's Theater nur eine Taſchenſpielerbude, in welcher der liſtige„Räuberhauptmann“, dieſen Ehrentitel verdankte Schröder ſeinem neuen Freunde, den Zuſchauern das Geld mit den Fußſpitzen ſeiner Tänzerinnen aus den Taſchen holte. Doch das Alles war am heutigen Abend vergeſſen und vergeben, und zwei wackere Männer, von denen Jeder ein Anrecht auf des Andern Hochachtung hatte, reichten ſich verſöhnt die Hand und baten einander aufrichtig den alten Hader ab.— Im Ackermann'ſchen Hauſe blieb Niemand lange ein Fremdling, der Bildung, Talente und einen gemüthlichen Charakter dahin mitbrachte. Es war hier von jeher löbliche Sitte geweſen, daß Jedermann frei und ungeſcheut ſeine Herzensmeinung ſagen durfte; denn jener ängſtliche Zwang, jenes ſteife Formenweſen, welches damals noch auf dem Familienleben la⸗ ſtete und beſonders zwiſchen Eltern und Kindern ein nur dem Namen nach patriarchaliſches, in Wahrheit aber höchſt despotiſches Verhältniß erzeugte, war dort niemals aufgekommen. Vielmehr herrſchte in dem Familienton die heiterſte Ungezwungenheit, die in Scherz und Ernſt gleich geiſtvoll belebte Stimmung, welche dem Fremden ſchon bei ſei⸗ nem erſten Beſuch ſagte, daß hier eine auf gegenſeitiges Verſtänd⸗ niß begründete Harmonie waltete, die Jedem erlaubte, trotz des innigen Zuſammenlebens eine ſelbſtändige Stellung einzunehmen. Nach dieſem Grundſatze waren die Kinder trefflich erzogen und her⸗ angebildet worden; ſie kannten und verehrten in ihren Eltern nicht ſowohl die ſtrengen Gebieter über ihren Willen und ihre Neigungen, als vielmehr die wahren Freunde und Vertrauten ihrer Herzen, und dieſes innige Wechſelverhältniß hatte die weitere ſchöne Folge gehabt, daß ſie, obwohl Kinder aus zwei Ehen, doch ein unzertrennliches Kleeblatt bildeten; drei Herzen, bei denen ſchon um deßwillen kein eigentliches Mißverhältniß aufkommen konnte, als ſie ja im Dienſte freundlicher Penaten zugleich vereinigt jener hehren Kunſt lebten, der ihr ganzes Denken und Streben geweiht war. Dreyer, der ein ziemlich zerfahrenes Leben führte und ſich von den Wogen der literariſchen Oeffentlichkeit heimathlos hin⸗ und her⸗ tragen ließ, fühlte ſich ungemein angeregt von dieſer ihm bis dahin ſelten, in Schauſpielerkreiſen aber noch niemals vorgekommenen edel einfachen und gemüthlichen Häuslichkeit. Die Mutter zwar zankte — 133— beſtändig; aber es war der Eifer der Liebe, der aus jedem ihrer Worte ſprach, und ihr Auge leuchtete ſtolz bei jedem neuen Lobe, welches der von ihr ſo lange verwünſchte Rezenſent, von dem man keine Schmeichelei zu hören gewohnt war, den einzelnen Kunſtleiſtun⸗- gen der letzten Zeit ſpendete. Ich lebe nur noch für die Theatergarderobe, ſagte Frau Acker⸗ mann; und Ihr mögt auch dagegen ſchreiben was Ihr wollt, ſo bleibe ich doch dabei, daß zur ſchönen Rolle auch ein ſchönes Kleid gehört. Es iſt eben der Flitter, den auch die Wahrheit braucht, um ſich dem Auge der Menſchen freundlich und angenehm zu machen. Zu Hauſe können die Mädchen meinethalben in Kattun einhergehen, aber da, wo ſie Etwas vorſtellen ſollen, hab' ich meine ganze Freude daran, wenn ſie auch äußerlich das Beſte zeigen, was ſich leiſten läßt. Selbſt das Bettlerkleid muß in der Kunſt noch von feinem Stoffe ſein, ſo gut wie die Flicklappen darauf. Doctor, ich rathe Ihnen, hüten Sie ſich vor den Nadeln meiner Mutter! rief Schröder lachend. Seitdem Sie einmal Brock⸗ mann's rothſammtnen Königsmantel mit der prächtigen goldenen Stickerei für Hochverrath auf einer republikaniſchen Bühne erklärt haben, iſt meine Mutter Ihre geſchworene Feindin und kauft immer Ihnen zum Tootze die theuerſten Stoffe, was der Kaſſe ſchon häufig ſehr empfindlich fühlbar wurde. Frau Ackermann, eine ſehr erfahrene Direktrice, ſchenkte haſtig Dreyer's Glas voll und ſagte: Er mag mir daheim auch eine ſchöne Garderobe haben, Er Federheld! So ein Theaterkritikus und gelehrter Stubenhocker trägt oft kein Hemd auf dem Leibe und ſtolzirt doch in ſeinem eleganten Frack vor dem Schneider einher, als gäb's gar keine unbezahlte Rechnungen in der Welt und keine Herbſt⸗ und Oſtermeſſe! 4 Dreyer lachte herzlich und erwiderte: Dem Himmel ſei Dank, daß ich wie das ſanfte Kameel eine tüchtige Tracht chriſtlicher Liebe auf meinem Höcker nach Hauſe tragen kann! Aber meine unbezahlten Rechnungen ſollen Sie mir nicht aufladen, Madame. Seitdem ich mich mit meinen Manichäern in Güte verſtändigt habe, machen die mir keine Sorge mehr, ja ich habe ſogar noch eine ſehr intereſſante Unterhaltung dabei, ſo oft — — 134 ich meine Schulden bezahle, was gewiß wenige Leute von ſich rüh⸗ men können.. Man drang in ihn, ſich näher zu erklären und er erzählte denn auch mit wahrer Philoſophenruhe, er habe ſo viele Schulden gehabt, daß er zuletzt keinen andern Ausweg mehr gewußt hätte, als dem blinden Glück die Bezahlung derſelben zu überlaſſen, und alle un⸗ bezahlten Rechnungen in eine Schickſalsurne zu werfen. An dieſe träten nun an einem beſtimmten Tage des Jahres ſämmtliche Gläu⸗ biger zagend heran, rüttelten und ſchüttelten zuerſt der Reihe nach den verhängnißvollen Topf, worauf ein Knabe aus dem Waiſenhauſe mit unſchuldiger Hand drei der fatalen Looſe herauslange. Dieſe drei Rechnungen bezahle er dann auf der Stelle prompt, die drei glücklichen Inhaber quittiren freudig, den Uebrigen bleibe der Troſt auf die nächſtkünftige Ziehung. 4 1 So hat doch Jeder wenigſtens an einem Tag im Jahre die Ausſicht, daß er zu ſeinem Gelde kommt, ſagte Dreyer, während ſie früher völlig verzweifelten. Schade, daß Sie kein deutſcher Finanzminiſter geworden ſind! rief Unzer lachend. Doch wer weiß, ob es nicht noch dahin kommt, daß man die Staatsſchulden auch in einen ſolchen Schickſalstopf wirft und die Gläubiger daran rütteln läßt. Ich weiß nicht, was ich lieber möchte: Schulden haben oder keine Schulden, ſagte der Literat ganz ernſthaft, obwohl Alles um ihn herum lachte. Denn, fuhr er fort, wer keine Schulden hat, hat auch keine objektive Lebensanſchauung und kennt weder die elegiſchen Rückerinnerungen an vergangene Freuden und Genüſſe, die über ſeine Börſe hinausgingen, noch das ſüße Gefühl, ſie endlich zu bezahlen. Solch' eine unbezahlte Rechnung ſieht mich immer an wie ein alter Freund, der nicht von mir läßt, ich mag noch ſo mißlaunig mit ihm verfahren, und in welchem ich in guten Stunden doch immer mein beſſeres Selbſt wiedererkenne. Nein, meine Verehrteſten, Schul⸗ den ſind weder etwas Unmoraliſches noch etwas Unglückliches. Wie die Nerven die Seele mit dem Leibe, ſo verbinden ſie uns mit der Menſchheit, geben uns erſt recht das Bewußtſein, daß wir unſerm Jahrhundert angehören und erhalten uns beſtändig in ſcheuer Ehr⸗ furcht vor dem Schuldthurm, ohne den nun einmal kein Staat und 8* Nebentiſch den Punſch zu bereiten, und indem er an ihre Seite trat, — 135— keine Geſellſchaft beſtehen kann. Schulden ſind die einzige Realität im Leben, denn ſie folgen uns ſelbſt in's Jenſeits nach und noch 3 lange ſeufzt der Manichäer, wenn er an meinem verſunkenen Grab⸗ hügel vorbeiwandelt: Der da iſt mir auch noch ſo und ſo viele* 3 Mark ſchuldig. In dieſer Weiſe fuhr der Redner fort, die kleine Geſellſchaft heiter zu unterhalten und ſein guter Humor theilte ſich bald auch ö den Uebrigen mit. Nur Charlotte ſaß zerſtreut im Kreiſe der Fröh⸗ lichen und wenn ſie auch zuweilen mitlachte, ſo ſah man es ihr doch an, daß ſie den witzigen Einfällen des neuen Hausfreundes nur halbes Gehör ſchenkte. Unzer, der bald merkte, daß ſie etwas An⸗ 1 deres angelegentlich beſchäftigte, ohne darum ihre innere Heiterkeit zu trüben, nahm den Augenblick wahr wo ſie aufſtand, um an einem ſagte er: Man erkennt Sie ja heute gar nicht wieder. Im Theater fallen Sie aus der Rolle und ſpielen ſtatt der ſtillleidenden Marie die leb⸗ hafte Charlotte, zu Hauſe hingegen ſind Sie ſchweigſam und einſylbig wie Marie Beaumarchais. 1 WViee ſo? ſtotterte Charlotte und ward glutroth. Ei, Sie werden es doch nicht leugnen wollen, fuhr der Dodtor lächelnd fort, daß Sie uns heute eine ganz andere Marie gegeben haben als in den früheren Vorſtellungen? Beſonders in den beiden letzten Akten war der Unterſchied ſo auffallend, daß ſogar mein Schwager, der ſich doch ſehr wenig mit dem Schauſpiel befaßt, der Anſicht war, Sie hätten die Rolle diesmal ganz anders aufgefaßt wie früher. Und wenn es nun der Fall wäre? verſetzte ſie, indem ſie den Saft einer Citrone in die Schale preßte. Warum ſollte man denn eine Rolle nicht auf zwei verſchiedene Arten darſtellen können? Die Marie beſonders läßt ſich gewiß von mehr als einer Seite auffaſſen, gerade weil ihr der Dichter ſo wenig Worte in den Mund legt und 4 ſie ganz dem Nachdenken der Darſtellerin überläßt. 8 Sonſt waren Sie in dieſem Punkte anderer Anſicht, ſagte Unzer, und meinten, wer eine und dieſelbe Rolle heute ſo und morgen ſo darſtelle, könne unmöglich deren Charakter ſicher aufgefaßt haben. Offen geſagt, ich vermißte den pſychologiſchen Uebergang aus dem dritten in den vierten Akt. Dieſe exaltirte Leidenſchaft in der Sterbeſcene war nicht gehörig motivirt; nachdem Marie dem Clavigo ſeine Treuloſigkeit vergeben hat und dann zum zweiten Mal von ihm getäuſcht wird, hat ſie wenig anders mehr zu thun, als ſchweigend ihr Herz brechen zu laſſen. Der Kampf iſt ja ausgekämpft und es erfüllt ſich an ihr nur, was ſie ſelber längſt geahnt hat. Wenn Sie dieſer Anſicht ſind, lieber Doctor, erwiderte Charlotte verwirrt, ſo will ich das nächſte Mal meinen Fehler verbeſſern. Ich war auch heute wirklich nicht in der rechten Stimmung, ein Kopfſchmerz plagte mich und dann, Sie wiſſen ja— der verwünſchte Sarg— Indem ſie dies ſagte, wollte ſie eine neue Citrone anſchneiden; ihre Hand zitterte aber ſo heftig, daß ihr das Meſſer ausglitt und ſie am Finger leicht verwundete. Da haben Sie's! rief ſie, die Wunde an die Lippen drückend. Ein Sprüchwort ſagt: Schuſter bleib' bei deinem Leiſten! Nun kön⸗ nen Sie gleich den Kritiker mit dem Chirurgus vertauſchen und mich wieder heilen. Unzer griff haſtig nach ihrer Hand, es war nur ein einziger Blutstropfen, aber doch recitirte Charlotte mit vielem Pathos die Worte Emilia Galotti's, womit dieſe den Todesſtoß empfängt:„Eine Roſe gebrochen, ehe der Sturm ſie entblätterte.“— Schnell, ſchnell, Doctor, ich verblute mich ſonſt! Am Tiſche der Geſellſchaft vernahm man dieſen Ausruf, und Alles eilte beſtürzt herbei; Charlotte ward tüchtig von der Mutter ausgeſcholten, daß ſie ihr dieſen Schrecken eingejagt habe, ſie aber fuhr in Emilia's Rolle fort: „Ich habe Blut, meine NMutter; ſo jugendliches, ſo warmes Blut als Eine. Auch meine Sinne ſind Sinne, ich ſtehe für Nichts, bin für Nichts gut!“ 9 Man lachte und beklatſchte den Einfall und Charlotte dankte Gott im Stillen, daß Unzer durch dieſen kleinen Zwiſchenfall ver⸗ hindert wurde, noch weiter ihr heutiges verfehltes Spiel zukritiſiren. Aber trotz der heitern Stimmung, die ſie äußerlich zeigte, war doch ihr Inneres von nun an verwirrt und befangen und ſie athmete erſt freier, als die Geſellſchaft aufbrach, nachdem man vorher verabredet — 137— hatte, am folgenden Nachmittag der feſtlichen Eröffnung der Eisbahn auf der Elbe beizuwohnen.— Was hatteſt du denn mit dem Doctor? fragte Dorothea, als ſich die Schweſtern auf ihrem Schlafzimmer befanden. Ihr wart ja ſehr angelegentlich in ein Geſpräch vertieft? O du liebe Eiferſucht! rief Charlotte lachend. Doch du kannſt diesmal ganz ruhig ſchlafen. Der Doctor äußerte über mein heuti⸗ ges Spiel ganz das Gegentheil von dem, was Sylburg mir vorhin im Opernhof ſagte. Dann hat der Doctor gewiß Recht, verſetzte Dorothea haſtig. Ein Tadel von Unzer hat mehr Gevicht, als alle empfindſamen Kutſchenſchlag⸗Huldigungen von einem däniſchen Werbeoffizier! Hüte dich, Charlotte, daß du kein Handgeld von ihm annimmſt. Wer weiß, ob du den„Kleinen Deſerteur“ in der Wirklichkeit mit eben ſo viel Erfolg ſpielen würdeſt, als auf der Bühne. Schon gut! Schon gut, Frau Doctorin! rief Charlotte boshaft, indem ſie haſtig in ihr Bett ſprang und ſich die Decke über den Kopf zog. Du biſt niemals ungerechter gegen die Männer, als wenn dir Unzer Anlaß zur Unzufriedenheit gegeben hat. Meinetwegen, Einer iſt mir ſo gleichgültig pie der Andere. 14. * Der folgende Tag, ein Sonntag, war ganz wie geſchaffen zu einem ſo reizenden Winter⸗Volksfeſt, wie dasjenige, welches Alt und Jung in Hamburg begeht, ſobald der Hafenmeiſter auf ſeine Dienſt⸗ pflicht erklärt hat, daß die Elbe ſtehe, das heißt, daß das Elbeis feſt genug ſei, um die ſtärkſten Laſten zuntragen. Herrlich beſchien die Sonne die weite glänzende Eisfläche, auf welcher ſich Tauſende von fröhlichen Menſchen aus allen Ständen in den bunteſten Gruppen bewegten. Vom Grasbrok an und an Altona vorbei bis unterhalb des Rainville'ſchen Gartens hatte der vom Boreas gebannte Strom das Anſehen eines wie durch Zauberei entſtandenen großartigen Luſtlagers, das trotz ſeines nordiſchen Charakters an die bunten Karnevalsfeſte des Südens erinnerte, ſo bewegt und fröhlich ging es hier zu; denn der Strom, der das ganze Jahr hindurch dem mächtigen Hamburg die Reichthümer und Erzeugniſſe aller Welttheile zuführt und auf welchem noch jüngſt, als die erſten Winterſtürme heranbrausten, ge⸗ waltige Eismaſſen mit der Ebbe und Fluth auf⸗ und niederwogten und donnernd gegen die hohen Bollwerke der Ufer ſtießen, derſelbe Strom war mit einmal zum Tummelplatz der Luſt und Freude geworden und eine Stadt von Zelten, Buden und Pavillons zog ſich auf dem Eiſe längs dem Strande hin. Wie ein endloſer Knäuel, der ſich ewig entwirrt und ſich ebenſo ſchnell wieder ineinander verſchlingt, flog die muntere Schaar Schlittſchuhläufer dahin; Leute aus allen Ständen, Alte und Junge, Knaben und Mädchen, elegante Herren und Damen laufen um die Wette, dazwiſchen raſſeln mit hellklingenden Schellen behangen, leichtbeſpannte Schlitten in den mannichfaltigſten Formen vorbei, mit dem glänzenden Tiger⸗ oder Bärenfell als Schneedecke, darin die Dame im Zobelpelz ſitzt, hinter ihr der Gemahl oder Galant, der mit ſicherer Hand die Zügel lenkt, vornauf der muntere Jockey in ſcharchlachrother, goldgeſtickter Livrée; hier eine Gruppe ſchreiender Kinder, die glitſchend, ſtolpernd und fallend einem Schilling nachlaufen, den ihnen ein Vorübergehender zuwarf und der nun ohne Aufhören auf der glatten Fläche dahin tanzt; dort ein großer Moorburger Familienſchlitten mit buntem Farbenanſtrich, worin acht bis zehn Perſonen bequem Platz finden und der von zwei ſtämmigen Holſteinern gemächlich auf der breiten Schleife dahingezogen wird— dies Alles im Vereine mit dem bun⸗ ten, tauſendgeſtaltigen Treiben in den Zeltgaſſen, mit Muſik, Geſang und Tanz, gewährt in der That das Bild eines Volksfeſtes, wie man es in ſo eigenthümlicher Weiſe und in dieſer rauhen Jahreszeit vielleicht nur auf der Newa wiederfindet. Niemand ſchließt ſich von demſelben aus, der Reiche wie der Arme nimmt daran mit den Seinigen Antheil, Matroſen und Dandys, Handwerker und Raths⸗ herrn, Nymphen vom Berge und Salonsdamen, Alle betheiligen ſich in gemeinſamer Freude an der Eispromenade, ja ſelbſt der ehrwür⸗ dige Hauptpaſtor, der doch allſonntäglich von der Kanzel gegen der Welt ſündige Luſt eifert, ſetzt bedachtſam ſeinen Fuß auf dieſen ſchlüpf⸗ rigen Boden, Alles ſtrömt bunt und wirr durcheinander und Jeder 8. 1 — ggroße und kleine, bald in Geſtalt von gold — 139— findet hier das ſeinem Rang und ſeiner Börſe angemeſſene Lokal, wo er ſich's unter Seinesgleichen wohl ſein läßt. Man hört hier die Sprachen faſt aller Nationen; dort wird Schwediſch geſungen, hier Däniſch geflucht; an jener Amſterdamer Waffelbude erſchallt beim Glaſe ächten Schidammers das fröhlich⸗patriotiſche:„Oranien bovenl“ hier ſchleicht mit dem Schacherbeutel, dem ſpitzen Bart und dem dreieckigen Hut ein Sohn aus dem Stamme Israels vorſichtig über den Strom,„unter den Moſes die Balken gelegt hat;“ Engländer und Franzoſen, Spanier und Amerikaner, alle fühlen ſich einheimiſch auf dem ſonſt ſo feindlichen Element und freuen ſich dieſes gaſtlichen Winterhafens. 1 „London Tavern!“ heißt das Loſungswort der eleganten tanz⸗ luſtigen Welt; dort, in dem auf's Eis gebauten glänzenden Hotel erſchallt luſtige Muſik; die kräftigen Beefſteaks liegen auf dem Roſte und in den Bowlen dampfen Punſch und Glühwein; daneben in dem blanken feenartig ſtrahlenden Saale wird getanzt und gejubelt, Niemand denkt daran, daß man ſich auf dem Waſſer befindet. Aber plötzlich ſchrecken alle Gäſte heftig zuſammen und ſtürzen davon; denn krachend und dröhnend zuckt es durch den Boden, als ob der alte Stromgott in der Tiefe unwillig ſein Haupt erhöbe und die ihn einengende Decke zerſprengen wolle. Doch es iſt nur ein Sprungeis geweſen und bald beruhigt man ſich wieder; Muſik und Tanz begin⸗ nen von Neuem, denn um ſo feſter iſt ja der geſprungene Boden und der ſcharfe Südoſt läßt noch lange keine Gefahr beſorgen. Auch Charlotte und Dorothea fanden ſich in Begleitung von Schröder und Unzer ein, und ihnen hatte ſich noch eine größere Ge⸗ ſellſchaft von Herren und Damen, meiſt Mitglieder der Bühne, an⸗ geſchloſſen. Scherzend und lachend wandelte man langſam mit dem Menſchenſtrome längs den Buden vorwärts und ergötzte ſich an den wechſelnden Erſcheinungen des buntbewegten Treibens. Ach! Was hätte Charlotte nicht darum gegeben, wenn ſie mit dem Schlittſchuh⸗ laufen vertraut geweſen wäre! Oder wenn ſie wenigſtens auf einem dieſer flüchtigen Schlitten, die wie Pfeile dahinſchoſſen die blanke Eis⸗ bahn mit Windeseile hätte hinunterfliegen dürfen! Ihre Sehnſucht ſollte lange nicht befriedigt werden, obwohl underte von Schlitten, “— — 140— von Tritonen oder Muſchelwagen, ja ſelbſt in Schiffsgeſtalt mit ge⸗ ſchwellten Segeln, ohne Unterbrechung an ihnen vorbeifuhren. Keiner der Herren der Geſellſchaft war des Fahrens auf dem Eiſe kundig und ſo entſchloß man ſich endlich, nach„London Tavern“ zu gehen und dort bis zum Abende zu verweilen. In dieſem Augenblick raſſelte es wieder hinter ihnen; ein pracht⸗ voller Schlitten mit ſilbernen Arabesken, den ein weißes Roß mit purpurner Schabracke zog, hielt neben der Bahn ſtill, ein Herr in enganſchließendem Pelzkleid ſprang von der Pritſche; es war Syl⸗ burg, der, während ſein Mohr das Pferd hielt, auf die Geſellſchaft zukam, dem Doctor herzlich die Hand ſchüttelte, der ihn ſeinem Freund Schröder vorſtellte, worauf Unzer ihn verwundert fragte: Aber wo haben Sie denn Ihre Dame, Baron? Ich fahre wie Pluto auf Raub aus, erwiderte Sylburg lachend; und ſich zu Dorothea wendend, ſagte er: Die Bahn iſt wundervoll, mein Schimmel zudem ein vortreff⸗ licher Eisläufer und verdient es ſchon, daß Fräulein Ackermann ſeine Bravour kennen lernt. Dank, Dank, Herr von Sylburg! verſetzte Dorothea. Meine Nerven vertragen dieſes ſchnelle Fahren nicht, der Doctor weiß es, wie ich vergangenen Winter dafür büßen mußte. So will ich Ihre Proſerpina ſein, vorausgeſetzt, daß es nicht in die Unterwelt geht! rief Charlotte und war ſchon mit einem Sprunge im Schlitten. Der Schweſter warf ſie dabei mit flüchtigem Erröthen einen vielſagenden Blick zu, der Major nahm hinter ihr Platz und ſchwang die Peitſche:„Sie finden uns in London Tavern!“ rief ihm Schröder noch nach und dahin flog der Schlitten auf dem glat⸗ ten Eisſpiegel unter dem hellen Gewieher des Pferdes, das es zu wiſſen ſchien, welche holde Laſt es davonführe. In wenigen Mi⸗ nuten lag Altona hinter ihnen, die Landhäuſer und Gärten gingen wie im Fluge vorüber, in ſo raſender Eile jagte der Schlitten da⸗ hin und hatte bald allen übrigen die Bahn abgewonnen. Nehmen Sie ſich in Acht, Herr von Sylburg, wir fliegen ſonſt auf einmal an Kuxhaven vorbei in die Nordſee! rief Charlotte lachend. Wie kommt Einem da das Leben doch ſo kurz vor! Kaum, daß man eine Sekunde zählt, ſo iſt ſchon wieder ein Scenenwechſel — 2— rein und unſchuldig im Herzen tragen, in ihrem Verrath uns zu⸗ — 141— da, als hätte die Zeit gar kein Maaß mehr und keuche athemlos hintendrein. Da hat Dorothea recht— eine ſolche Fahrt greift wirklich die Nerven an— o ich bitte, ein wenig langſamer! Ein leiſer Ruck mit dem Zügel und das Pferd, welches bis dahin nur zu fliegen ſchien, faßte wieder Fuß auf dem Eiſe und mäßigte ſeine Eile. Sylburg ſagte: Ich denke, der Menſch lebt immer ſo ſchnell dahin, nur teien ihm die wechſelnden Eindrücke der Außenwelt nicht ſo ſichtbar abge⸗ riſſen vor die Seele und auch die Uebergänge aus einer Empfindung in die andere ſind weniger merklich. O wer es wüßte, wie oft unſer Leben in einer einzigen Minute um ſeine Spiralfeder läuft! Jeder Herzſchlag iſt ja ein Daſein für ſich, und ich glaube beſtimmt, daß der kleinſte Eindruck, den wir von Außen empfangen, unſer ganzes Inneleben umwandelt. Ein Glück, daß ſich ſo was nicht mathematiſch beweiſen läßt, verſetzte Charlotte. Man hat ſo ſchon genug mit den wahrnehmbaren Eindrücken böſer Stunden und Tage zu thun, um ſie wieder los zu werden, was braucht es da noch der ſchmerzlichen Empfindungen von Minuten und Sekunden. Aber es gibt einen Schmerz, Fräulein Charlotte, der uns die Sekunde in Atome, die Seele in Monaden zerlegt, ſagte Sylburg; wo das Zucken einer einzigen Fiber uns eine Pein verurſacht, wie vielleicht keine Kugel und kein Säbelhieb vermöchte. Davon können wir Beide nicht reden, antwortete ſie ſonderbar bewegt. Denn ich denke mir, daß nur ein böſes Gewiſſen ſolche Qual bereitet. Ganz recht! rief Sylburg lebhaft. Ein böſes Gewiſſen iſt ein ſchlimmer Secirer in unſern Seelenfaſern, aber noch ſchlimmer, wenn wir das böſe Gewiſſen nicht durch eigne Schuld empfinden, wenn wir es für einen Dritten tragen, ſo ohngefähr wie Sie geſtern Abend die arme Marie Beaumarchais ſpielten, dieſe reine ſchuldloſe Seele, der eine dunkle Hand das Verbrechen des von ihr geliebten Mannes aufbürdet, bis ſie der furchtbaren Doppellaſt ihrer getäuſchten Liebe und des an ihr verübten Verbrechens erliegt. Das iſt gewiß der furchtbarſte Fluch dieſer Welt, daß die Liebe, die wir ſo lange gleich auch die ganze Folterqual des böſen Gewiſſens von dem ſchul⸗ digen Theil auf die Seele wälzt— doch ſtille! ſtille! Ihnen dank' ich's ja ſeit geſtern Abend, daß ich weiß, wo die Grenzſcheide liegt zwiſchen unſerm Schmerze und der fremden Schuld. Jahrelang trug ich das Verbrechen einer großen Verrätherin wie mein eigenes Ver⸗ brechen; denn ich liebte noch dieſes Weib, das mich ſo heillos ver⸗ rathen, mit der ganzen Glut und Innigkeit wie damals, als ich noch an ihre reine Seele glaubte, jeder Gedanke an ſie war eine Follter, als hätt' ich ſelber dieſen Verrath geübt— o Marie Beau⸗ marchais— himmliſches Mädchen, wie haſt du mich wunderbar von dieſem qualvollen Irrthum befreit durch die einzigen Worte:„Ich ſtehe vor Gott in meiner Unſchuld!“ Wie? rief Charlotte mit ebenſo viel Theilnahme als Neugierde. Sie ſpielten auch einmal im Leben die Rolle dieſer Marie? Gott ſei Dank, ich habe ſie ausgeſpielt, erwiderte Sylburg gedämpft. Aber nicht wahr, Mademoiſelle, rief er nach einer kurzen Pauſe mit erzwungener Heiterkeit; das kommt Ihnen ſonderbar vor, daß ein Mann, der heute ſeinen achtunddreißigſten Geburtstag be⸗ geht, Ihnen ein ſolches Bekenntniß während einer Schlittenpromenade ablegt, derſelbe Mann, den Sie noch jüngſt für einen großen Schau⸗ ſpieler erklärten? Das iſt ein Mißverſtändniß, ſo hatte ich es nicht gemeint, ſtot⸗ terte Charlotte. Ich hab's gerne vergeben, ſagte Sylburg bewegt. Sie konn⸗ ten ja auch damals nicht wiſſen, welchen ſonderbaren Geſellen der Doctor bei ſeiner Mutter einführte, ſo wenig, als es Ihnen ein⸗ gefallen ſein mag, die verrätheriſchen Clavigo⸗Naturen anders als bei unſerm Geſchlecht zu ſuchen. Das glaubt mir freilich die edle Marie Beaumarchais nicht! fügte er mit einem leiſen Seufzer hinzu, beluſtigte ſich aber gleich nachher an ſeiner ſentimentalen Geburts⸗ tagsſtimmung, wie er's nannte, und bat ſie um Entſchuldigung, daß er ihr ſo Vieles vorplaudere, woran ſie doch nicht das kleinſte In⸗ tereſſe nehmen könne. Apropos! da hab ich ja gleich eine Neuigkeit, die ſie unendlich mehr intereſſiren wird, ſagte er in raſchem Ueber⸗ gang des Geſprächs: Elkins hat mir heute von London aus geſchrie⸗ ben, und zwar ſo, daß wir wieder vollkommen ausgeſöhnt ſind. . Liebe ſchlägt, am Heftigſten blutet, ſo ſtählt ſie doch auch zugleich vertraute, zu meinem eignen Leben und ich betrachtete es beinahe als eignes Gefühl für ſie beſchäftigte. Sie empfand bei dieſer Vorſtellung 143 Nichts hätte mir eine größere Geburtstagfreude bereiten können als dieſer Brief, ſo wehmüthig auch die Stimmung iſt, in der Edward ſchreibt. Nun, ich denke, die Luft der Heimath und die Einſamkeit ſeines ſchottiſchen Bergſchloſſes, wohin er ſich zu begeben gedenkt, werden unſern philoſophiſchen Heißſporn vollends geneſen machen. Er iſt ja noch jung, und wenn auch die Wunde, die uns die erſte den Mann und kräftigt ihn für des Lebens fernere Geſchicke. Die erſte Liebe— wäre ſie ſo ſchön, ſo poetiſch, wenn ſie nicht meiſt auch zugleich die erſte Entſagung in ſich ſchlöſſe? Es mag vielleicht barock klingen, aber ich habe es immer durch die Erfahrung beſtä⸗ tigt gefunden, daß diejenigen Menſchen, die aus ihrer erſten Liebe ein Roſenband für's Leben knüpfen wollten, gerade das Gegentheil von dem erreichten, was ſie zu finden hofften. Und doch waren Sie ſo ſchnell bei der Hand, Ihren Freund in dieſe Gefahr zu bringen? ſagte Charlotte halb im Tone des Vor⸗ wurfs, halb neckend. Ich denke, verſetzte Sylburg, den dieſer Einwand keineswegs aus der Faſſung brachte, daß der Mann, der eine Charlotte Ackermann heimführt, zu den Ausnahmen gehört, auf die jener Fall keine An⸗ wendung findet. Sonſt aber, fügte er zögernd hinzu, gehörte Ed⸗ ward's Glück von der Stunde an, wo er mir ſeine Liebe zu Ihnen eine innere Nothwendigkeit für mich ſelber, ihn zum erſehnten Ziele faſt mit Gewalt zu drängen. Wie er dies ſagte, lag Etwas in dem Ton ſeiner Stimme, was die junge Künſtlerin faſt berührte, als habe ſie's ſelber ausgeſprochen und ſie wiſſe nun erſt klar, was ihr ſeither an dieſem Manne ſo räthſelhaft erſchienen. Sie dachte wieder an den Eindruck, den er auf dem Balle auf ſie gemacht; ſein ganzes unſicheres und erſchüttertes Weſen an jenem Abend ſtand wieder lebhaft vor ihrer Seele; er hatte da⸗ mals nicht anders über Elkins geſprochen, als rede er von ſich ſelber; denn die Art und Weiſe, wie er ſich nach der unglücklichen Bewerbung des Freundes gegen ſie benahm, ließ ſie ſchon damals in Ungewißheit darüber, ob ihn mehr Edward's Mißgeſchick oder ſein — 144— einen leiſen Schauer, der ihr bis in's innnerſte Herz drang; Syl⸗ burg hatte ihr ein Gefühl von Zuneigung und Scheu eingeflößt, das ſie in dieſer ſeltſamen Doppelwirkung bis dahin noch keinem Manne gegenüber empfunden, es war ihr zu Muthe, als halte er gewaltſam eine weichere Stimmung ſeiner Seele, ein Bekenntniß ſeiner eigentlichen Herzensmeinung mit ſtolzkalter Berechnung zurück und zeige ihr nur unfreiwillig, faſt wie im Kampfe mit ſich ſelber, dann und wann ein Bruchſtück ſeines wahren Menſchen. Dieſes Gefühl, verbunden mit dem Gedanken, ſich in der ein⸗ ſam winterlichen Natur mit ihm allein zu ſehen, beängſtigte ſie ſo ſehr, daß ſie faſt mechaniſch die Hand auf die Leine legte, womit Sylburg das Pferd leitete, und mit einem leiſen Zug den Schlitten umlenkte. Der Major ließ es geſchehen und flüſterte nur wie zer⸗ ſtreut vor ſich hin: Bis hierher alſo und nicht weiter! Schon dämmerte der Abend heran, als ſie wieder der Stadt zufuhren; Charlotte athmete leichter auf, je näher ſie London Tavern kamen, wo die Ihrigen ſie erwarteten. Der Schlitten flog wie ein Pfeil über die mondbeglänzte Spiegelfläche dahin, Sylburg ließ den Zügel in ihrer Hand und rief mit überſtrömendem Gefühl: O lenken Sie— lenken Sie“s fort zum Guten, Charlotte, dieſes wilde, und doch ſo ſanfte Roß, es hat auch Untugenden und iſt ſtörriſch, wenn eine fremde Hand es anrührt— aber Sie ſehen, Ihnen gehorcht es doch und freut ſich ſelbſt des Zwanges, den Sie ihm anthun! Jetzt hielt der Schlitten vor London Tavern, aus deſſen glän⸗ zend erleuchteten inneren Räumen fröhliche Muſik ertönte. Olaf ſprang aus dem Hotel und hielt das Pferd, während der Baron Charlotten aus dem Schlitten half. Sie hatte ihm dabei die Hand gereicht und noch auf dem Rande des Schlittens wie zaudernd ſtehen bleibend, ſagte ſie: Das war eine köſtliche Fahrt, erſt jetzt, da wir ſtille halten, möcht' ich, daß wir ſie noch einmal zu machen hätten. Meinen ſchönſten Dank, Herr Baron; zu Ihrem Geburtstag werde ich Ihnen ein an⸗ dermal gratuliren, denn jetzt bin ich nur beſorgt, wie ich unſre Leutchen drinnen wegen meines langen Ausbleibens zufriedenſtelle. Sie ſprang bei dieſen Worten leicht vom Schlitten herunter, 4 und er fühlte den leiſen Gegendruck ihrer Hand in der ſeinigen. An ſeinem Arme trat ſie dann in den Saal, Dorothea eilte ihr entgegen und rief: Mein Gott, wo bleibſt du ſo lange? Charlotte verſetzte auf Sylburg deutend: An dieſen Herrn halte dich mit deiner Strafpredigt, er hat den Zügel geführt und Ihr habt's ſo gewollt. Uebrigens ſind wir ja wieder da und Zeit zum Nachhauſegehen wird ſich auch noch finden. Schröder und Unzer traten jetzt gleichfalls auf ſie zu und auch in ihren Mienen las Charlotte ein deutliches Mißvergnügen. Schrö⸗ der ſah nach der Uhr, ſagte jedoch nichts als: Laßt uns gehen Kinder, die Mutter wird ſchon ſeit einer Stunde auf uns warten, und empfahl ſich dem Baron mit einer ſtummen Verbeugung. Was haſt du, Mädchen? flüſterte Dorothea der Schweſter arg⸗ wöhniſch in's Ohr. Du glühſt ja über und über? Die Kälte macht heiß! verſetzte ſie leicht und nippte mit freund⸗ lichem Blick noch einmal an dem Punſchglas, welches ihr Sylburg auf einem Teller präſentirte. 15. Die Schweſter hatte es bald entdeckt, daß mit Charlotten eine Veränderung vorging, die ihr dieſe um ſo weniger zu verbergen ſtrebte, als ſie ſelber kaum eine Ahnung davon hatte. Aber Do⸗ rothea gehörte zu jenen ruhigklaren Naturen, die das Feindliche, noch ehe es ſtörend in ihren Kreis eintritt, mit richtigem Blick zum Voraus erkennen, eben weil ſie dieſen Kreis vollſtändig beherrſchen. Sie kannte die Schweſter vielleicht noch beſſer wie ſich ſelber, denn ſie lebte erſt für dieſe und dann für ſich und betrachtete ſich in ihrer ſchweſterlichen Zuneigung als den dem holden hochgeiſtigen Weſen vom Himmel beſtimmten irdiſchen Schutz und Schirm, als die für das Daſein feſter organiſirte, mit gehöriger Kraft und Widerſtands⸗ fähigkeit ausgerüſtete Freundin, die das zärtere geliebte Leben vor jedem Schaden behüten müſſe, damit es eigentlich niemals empfinde, D. B. II. Müller's Charl. Ackermann. 10 — 146— daß es außer der ſchönen Welt der Poeſie noch eine andere gibt. Nichts entging dem liebevollen Schweſterſinn, was Charlotten in Leid und Freud bewegte; ſie hätte kein Glück im Leben, keinen Triumph in der Kunſt gekannt, wovon dieſer nicht der beſſere Theil ugefallen wäre, und Charlotte wußte es auch in der That nicht 85 anders als daß Dorothea blos in der Welt ſei, um für ſie zu leben und für alles Das zu ſorgen, was ſie ſelber nicht verſtand oder wozu ihr Sinn und Neigung fehlten. Sie empfand die Ueberlegen⸗ heit Dorotheens in Allem, was praktiſchen Sinn und Lebensklugheit erheiſchte; das Gefühl, unter ſo treuem Schutze in dem Reich ihrer Ideale nur um ſo ſichrer und freier leben zu können, hatte dieſer bei ihr eine Autorität verſchafft, der ſie ſich unbedingt unterwarf, da ja Alles, was die Schweſter verlangte, nur darauf berechnet war, ſie zu erfreuen und ihr nützlich zu ſein. Dieſe freundliche Gewohn⸗ heit hatte ſich Charlottens Gemüth ſo ſehr bemeiſtert, daß ſie im ge⸗ wöhnlichen Leben und ſelbſt bei geringfügigen Dingen, wo es einen raſchen Entſchluß, eine ſelbſtändige Handlung galt, völlig rathlos war, ſo oft Dorothea ihr fehlte, um ihr z. B. zu ſagen, welches Kleid ſie heute anziehen, welchem neuen Hut im Modeladen ſie den Vorzug geben ſolle. Alle Menſchen, nur ſie allein nicht, wunderten ſich über dieſe bei ihrem ſonſt ſo ſicheren und ſelbſt oft recht eigen⸗ willigen Charakter doppelt auffallende Abhängigkeit von der ältern Schweſter, während Charlotte ſehr wohl fühlte, daß ſie damit mehr an innerer Selbſtändigkeit gewann, als wenn ſie verſucht hätte, wozu ihr bis dahin nie die Verſuchung gekommen war, ſich dieſer freundlichen Schutzherrſchaft zu entziehen. Da kam Sylburg, und es war wie ein Moment lichter Ein⸗ gebung, daß Dorothea ſchon aus ſeinem Benehmen auf dem Balle einen dunklen Argwohn ſchöpfte, es könne dieſer Mann und gerade dieſer unter Umſtänden ihrer Schweſter gefährlich werden. Mit einem ſolchen Argwohn war denn auch ihre anfängliche gute Meinung von ihm ſchnell dahin und ihre Abneigung ſteigerte ſich in dem Grade, als ſie mehr und mehr merkte, daß der Baron Charlotten ein wirkliches Intereſſe einzuflößen anfing. Die Scene im Opernhof war auch nicht geeignet, ſie günſtiger für ihn zu ſtimmen, ſo wenig als das Schweigen, womit Charlotte der Schweſter üble Stimmung gegen — 147— den Baron erwiderte. Die Schlittenfahrt endlich beſtätigte es ihrem ahnungsvollen Herzen vollends, daß der gefährliche Mann es auf ihren Liebling abgeſehen habe und Charlotte ſchwerlich mit ihrem ſeit⸗ herigen Benehmen gegen ihn ausreichen werde. 8 Schröder theilte dies Gefühl der Abneigung gegen den Baron 8 und beſchuldigte die Schweſter der Uebereilung, die Einladung zu der Schlittenpromenade, die er geradezu eine Zudringlichkeit hieß,— angenommen zu haben. Er ſagte: Nach Hamburger Schicklichkeitsbegriffen gehört eine Dame nicht zu einem ihr faſt fremden Herrn in den Schlitten und am Wenigſten eine Schauſpielerin zu einem Werbeoffizier, dem man nachſagt, daß er ſich mit ſolchen Galanterien gern befaſſe. Du hätteſt ihn klüger mit ſeinem rothgallonirten Neger ſollen davon fahren laſſen, denn an des Mohren Farbe iſt nichts zu verderben, ein Mädchen aber ſoll ſich den Schnee zum Muſter nehmen, der lieber verſchwindet als ſich warm anhauchen läßt. Wiewohl er dies mehr in einem neckiſchen Tone ſagte, fühlte ſich doch Charlotte auf's Tiefſte davon verletzt und nur der Mutter Vermittlung verhütete weiteren Zank unter den Geſchwiſtern. Frau Ackermann ſelbſt nahm dieſen Fall gegen ihre Gewohnheit leicht hin und meinte ſogar ärgerlich: Wenn die Mädchen ſich den Schnee zum Muſter nehmen ſollten, der falle bei Tag und Nacht rein vom Him⸗ mel und liege breit auf allen Gaſſen.— Damit hatte es für diesmal ſein Bewenden. Charlotte aber kam durch den Widerſpruch, den Dorothea und der Bruder ihrer beſſern Meinung von Sylburg's Charakter entgegenſetzten, in eine ihr ſelber ſo fremde und eigen⸗ thümliche Lage hinein, daß ſie, vielleicht zum Erſtenmal in ihrem Leben, eine geheime Luſt daran empfand, ſich gerade das günſtigſte Gegentheil von dem auszumalen, was man ihr als Ueberzeugung aufzunöthigen ſuchte. Der erſte Mann, der ſie lebhafter beſchäftigte, war zufällig derjenige, den man ihr als einen Menſchen ſchildern wollte, der ohne alle tiefere Bedeutung ſei und von deſſen Exiſtenz man überhaupt nur rede, weil ſie dazu Veranlaſſung gegeben habe. Vielleicht war es anfangs nur eine bloße Laune von ihr, Sylburg in Schutz zu nehmen und ſich in dieſem edlen Mitleiden zu gefallen. Auch reizte 40* — 8 — 148— es ſie, diesmal einen andern Geſchmack zu haben wie Dorothea; ohne jede tiefere bewußte Neigung für dieſen Mann ſchmeichelte es doch ihrer Eitelkeit, den Ihrigen gegenüber eine Gefühlsſelb⸗ ſtändigkeit zu zeigen, die ihr weniger um des Gegenſtandes als um des Widerſpruchs willen intereſſant genug war, um ſie bald auch da zu behaupten, wo ihr eignes Gefühl ſich gegen ſie ent⸗ ſchied. Es gibt keine gefährlichere Illuſion für das weibliche Ge⸗ müth als die, welche ihre Träume aus dem feindlichen Gegenſatz zwiſchen Herz und Welt aufbaut, ohne weder der Wahrheit des einen noch der Philoſophie der andern gerecht zu werden. Ein zur Schwär⸗ merei geneigtes Herz verſieht ſich dann leicht in der Wahl der Mittel, um dieſe Neigung zu befriedigen, und die Empfindſamkeit, die ohne inneren Drang, blos den Eingebungen des Moments fol⸗ gend, an einem Gegenſtand feſthält, geht oft irre auf ihrem ſicherſten Pfade, verwirrt ſich gerade mit ihren feinſten Gefühlsfäden in den Dornen und Neſſeln des wirklichen Lebens. Charlotte wandelte dieſen gefährlichen Pfad. Sie litt und ſtritt gegen Dorothea für einen Mann, der ihr doch faſt kein anderes In⸗ ttereſſe einflößte, als daß er ihrer Sehnſucht nach einem unbeſtimmten Ideale den Namen lieh und erſt in der Fortentwickelung dieſes Kampfes, bei einem immer hartnäckigeren Widerſtand, mit dieſer Sehnſucht Eins wurde. Mit brennender Begierde griff ſie nach der Märtyrerkrone, noch ehe ſie die Liebe kannte, die ſolche erringt; ſie ſchwelgte in dem reinen Glücke eines Leids, das ihr um ſo ſüßer dünkte, je mehr Wermuth die Wirklichkeit hineinſchüttete; denn ein Ideal in ſolchem Herzen, über welches einmal die Täuſchung Gewalt bekommen hat, läßt ſich ſchwerer in den Himmel zurück⸗, als ein Schatten aus dem Grabe heraufbeſchwören. Weder der Mutter noch dem Bruder durfte Dorothea ſagen, was zwiſchen ihr und Charlotten vorging, und wie dieſe in Gefahr ſtand, ſich und ihr beſſeres Gefühl in einer ebenſo gefährlichen als fantaſti⸗ ſchen Leidenſchaft zu verlieren. Zwar ſah und hörte man mehre Wochen lang Nichts wieder von dem Baron, und der Einzige, der ſeiner zuweilen noch flüchtig erwähnte, war der Doctor, obwohl auch dieſer ſeit jener Schlittenfahrt aus leicht begreiflichen Gründen in ſeinem Urtheil über Sylburg ſehr zurückhaltend geworden war. Letz⸗ — — 149— terer ſelbſt kam nur noch dann und wann zur alten Frau, und war es nun Zufall oder Abſicht, immer traf es ſich ſo, daß Charlotte dann auf der Bühne zu thun hatte. Sie ſchloß hieraus, daß er ihr gefliſſentlich auswich und auch im Theater ſuchte ſie ihn wäh⸗ rend der Vorſtellung unter den Zuſchauern vergebens.„Er iſt un⸗ glücklich, er ſtrebt dich zu vergeſſen,“ war dann gewöhnlich das Re⸗ ſultat ihrer ſchwermüthigen Betrachtungen und mit erneutem Nachdruck wollte ſie es Dorotheen beweiſen, daß ein Mann, der dieſe zarte Rückſicht beobachtete, wenigſtens eine unbefangene Beurtheilung verdiene. Jene konnte hiergegen nichts einwenden; doch nahm ſie ſich vor, die Etatsräthin über den Baron zu befragen und ſich nöthigenfalls ihres Beiſtandes zu verſichern. Die Gelegenheit hierzu fand ſich bald, und eines Nachmittags, da ſie bei der alten Frau allein war, brachte ſie wie zufällig das Geſpräch auf Sylburg. Zu ihrem Erſtaunen aber wollte die Etats⸗ räthin in ſeinem Benehmen auf der Eisbahn durchaus keine Incon⸗ venienz erblicken und nahm ſowohl den Baron wie Charlotten mit Wärme in Schutz. Ja, ſie geſtand ſogar, daß ſie Erſteren ſelber dazu aufgemuntert habe und fügte eifernd hinzu: Ich begreife gar nicht, was Ihr gegen ihn habt! Er iſt ein ebenſo beſcheidener als gebildeter Menſch, den ſich mancher Hamburger Luftikus zum Vorbild nehmen ſollte. Ich gebe zu, daß ſeine Facon zuweilen etwas Derbes und Ungenirtes hat, das bringt ſeine mili⸗ täriſche Stellung mit ſich; ſonſt aber laß' ich Nichts auf Sylburg kommen, denn ich verſtehe mich auf meine Leute und mit ſeinem Cha⸗ rakter bin ich auch im Reinen. Dieſe Erklärung ſchlug Dorotheens letzte Hoffnung nieder, daß ſie bei der Freundin einen kräftigen Beiſtand gegen Charlottens Herzenscaprice finden werde. Das fehlte noch, daß auch Sie ſeine Partei nehmen, erwiderte ſie kleinlaut. Er hat ſo ſchon Charlotten den Kopf verrückt, ſo daß ſie ſich alles Ernſtes einbildet, in ihn verliebt zu ſein. Die alte Frau horchte hoch auf. Davon hat mir ja Lotte noch kein Wort geſagt! rief ſie über⸗ raſcht, faßte ſich jedoch ſchnell und ſetzte ruhig hinzu: Und darum ————— 8 8 150 glaube ich's auch nicht, obgleich es mich nicht wundern ſollte, wenn ihr der Sylburg ein wirkliches Intereſſe einflößte. Wie, Frau Unzer— Charlotte und ein Werboofftzier! rief Dorothea heftig erſchrocken. Nun, nun, der König braucht Leute, erwiderte die Etatsräthin nicht ohne einige Betroffenheit; und weil er ſie braucht, läßt er ſie von ſeinen Offizieren im Ausland anwerben. Aber ich glaub's noch nicht, daß Charlotte grade auf dieſen Mann verfallen ſollte; er iſt zudem viel zu alt für ſie. Gott gebe, daß Sie Recht haben! erwiderte Dorothea gepreßt. Die Unterhaltung endigte damit, daß die Etatsräthin ver⸗ ſprach, Charlotten zu beobachten und ihr wegen des däniſchen Offi⸗ ziers in's Gewiſſen zu reden. In Wahrheit aber war die alte Frau keineswegs von dem Gedanken beunruhigt, daß Charlotte wirklich den Major lieben könne; denn einmal hatte ſie zu dieſem eine auf⸗ richtige Zuneigung gefaßt und hielt ihn ſogar in vielen Stücken für den einzig paſſenden Mann für das Nädchen; zum andern ſah ſie darin den glücklichſten Ausweg, um den Sohn von ſeiner Leidenſchaft zu Charlotten zu heilen und ihn ihren Wünſchen in Bezug auf Do⸗ rothea geneigter zu machen. 16. Die ſchöne Michaeliskirche, die um ihres impoſanten einfach⸗edeln Bauſtyls willen den Namen eines Gotteshauſes in Wahrheit verdient, war der gewöhnliche Ort, wo Charlotte und die Ihrigen ihre ſonn⸗ tägliche Andacht zu verrichten pflegten. Einer der hintern vergitterten Stühle rechts vom Eingang gehörte der Familie Ackermann, ein ſtilles halbdunkles Plätzchen, deſſen Gitterwerk noch obendrein von Innen durch Vorhänge gegen zudringliche Blicke geſchloſſen werden konnte. Kein Sonntag verging, wo nicht wenigſtens ein Mitglied der Künſtlerfamilie dem Gottesdienſt beiwohnte; denn Frau Acker⸗ mann hielt ſtreng an dem guten Glauben feſt, daß in der Pflege und Heilighaltung des Chriſtenthums auch der Künſtler ſeinen höch⸗ ₰ — 151— ſten Beruf erfülle und der kein wahrer Darſteller der Menſchen ſein könne, der nicht vom Geiſte der Religion lebendig durchdrungen ſei und mit ihr die Weihe der Kunſt auf's Innigſte verbinde. In dieſem Sinne hatte ſie ihre Kinder von früh auf zur Frömmigkeit und Gottesfurcht angehalten und der ſchönen Sitte waren dieſe auch dann noch treu geblieben, als mit der Berühmtheit ihrer Namen auch der Welt Zerſtreuungen und die mehr und mehr ſich häufenden Mühen und Anſtrengungen des Berufes ſie vollauf in Anſpruch nahmen. Wenn darum Sonntags die Glocken der nahen Michaeliskirche zum Morgengottesdienſt läuteten, konnte man gewiß ſein, daß ſich gegen den Schluß des Geläutes hin die Thüre des Ackermann'ſchen Hauſes öffnete und von Herrn Kreyenpeter gefolgt, der mit zierlicher Gra⸗ vität das Geſangbuch und Winters auch zuweilen das blankgeſcheuerte Kohlenbecken nachtrug, Eine oder auch wohl beide Schweſtern zuſam⸗ men dem Tempel zueilten und faſt ungeſehen durch die dämmernde Vorhalle in ihren Gitterſtuhl ſchlüpften. Am Sonntag vor dem heiligen Weihnachtsfeſt war an Charlotten die Reihe zum Kirchengang. In einen mit feinem Pelzwerk ver⸗ brämten ſchwarzen Atlasmantel gehüllt, ging ſie diesmal ohne Herrn Kreyenpeter's Begleitung, der trotz des Ruhetags eifrig in ſeinem Kämmerlein mit der Rollenabſchrift der„Desdemona“ für Dorothea beſchäftigt war, zur Kirche hinüber. Bei ihrem Eintritt brausten ihr ſchon die erſten Orgeltöne des Chorals entgegen, faſt erſchreckte ſie der mächtige Klang und ſchüchtern eilte ſie durch die Reihen der Andächtigen ihrem Stuhle zu. Nachdem ſie hier knieend unter dem Beginn des Kirchengeſanges ihr Gebet verrichtet, nahm ſie ihren ge⸗ wöhnlichen Sitz ein und ſchob das offene Gitter zur Hälfte zu. Aber es wollte heute keine rechte Andacht in ihre Seele kommen und alle Augenblicke verloren ſich ihre Gedanken in unbeſtimmbare Ferne. Eine unruhvolle Bangigkeit ergriff ſie, durch den frommen Geſang der Gemeinde ſchrillten ihr zuweilen unheimliche Mißtöne in’s Ohr, bald wie das Weinen von Kindern, bald wie das Hohnge⸗ lächter eines wilden Feindes; dann wieder glaubte ſie eine Grabes⸗ melodie zu hören, zwiſchen der die Orgeltöne wie dumpfes Sterbe⸗ geläute hindurchklangen. Sie verſank allmälig ganz in dieſes träu⸗ meriſche Hinbrüten, in welchem uns die Sinne nur den halben — —* e ee “ — 1⁵52— Dienſt leiſten und die Eindrücke der Außenwelt, eben weil ihnen der Geiſt ſeine innere Harmonie entzieht, nur in ihren Gegenſätzen auf uns einwirken. Die Predigt begann, der Geiſtliche, ein treubewährter Freund ihres Hauſes, hatte zum Text der heutigen Kanzelrede den Spruch aus Hiob gewählt:„Ich habe eine Verſöhnung gefunden.“ Dieſe Worte berührten die junge Künſtlerin in tiefinnerſter Seele und ſie lauſchte mit Rührung und Theilnahme dem beredten Vortrag, der wie für ſie ausgedacht ſchien. Verſöhnung durch Gott, Verſöhnung durch die Menſchheit und die Liebe, das war der Kern der Betrach⸗ tungen, welche der Prediger ſeiner Gemeinde nach den verſchiedenſten Lebensbeziehungen mit Wärme an's Herz legte, wobei er nicht ver⸗ gaß, auch jener Lage des Zweifels und der Sorge zu gedenken, in welche der edle Menſch ſo oft geräth, wenn er ſein heiligſtes Gefühl mißverſtanden, ſeinen redlichſten Willen verkannt ſieht. Als er aber den Spruch:„Selig ſind, die reinen Herzens ſind,“ wie zum Troſte hinzufügte, erſchrak Charlotte ſo heftig, daß ſie bebend zuſammen⸗ fuhr, als hätte dieſes Wort ihr plötzlich den innerſten Nerv ihres Schmerzes bloßgelegt und ſie wiſſe nun mit Einmal, was ſie ſich ſeither nicht zu bekennen getraut, daß ihr Herz nicht mehr rein von Schuld ſei, ja, daß ſie ſelber die Hand der Zerſtörung an den Frie⸗ den ihres Gemüthes gelegt habe. R Und gerade in dem Moment als ſie dies dachte und zugleich an ihn, deſſen Bild in der letzten Zeit ſo häufig vor ihrer Seele ſtand, erblickt ſie ihn an einem der Pfeiler, welche die Emporbühne trugen! Nein, ſie hatte ſich nicht getäuſcht, denn der zweite ſcheue Blick nach jener Richtung gab ihr nicht nur die ſichere Gewißheit, daß die hohe Geſtalt mit dem bleichen Antlitz und den dunklen Locken Sylburg ſei, ſondern ſie ſah zugleich, wie ſein Auge unbeweglich auf ſie ge⸗ heftet war, als wenn er, wie durch Zauber gebannt, den Blick nicht wieder von ihr abwenden könne. Aber wie ſonderbar verwandelt kam ihr der Baron heute vor! Tiefe Bläſſe bedeckte ſeine Züge, der Glanz ſeiner Augen war von einer ſchattenhaften Schwermuth getrübt und um ſeine Lippen zuckte es wie ein Gebet aus gramerfüllter Seele. So hatte ſie Sylburg noch nicht geſehen, und ſein Anblick regte in ihr jenes gemiſchte Gefühl inniger Theilnahme und ſcheuer Be⸗ „ — 153— fangenheit mit verdoppelter Stärke wieder auf, das ſie ſchon bei ihrem letzten Zuſammenſein mit ihm auf der Eisbahn empfunden hatte. Wir brauchen nicht zu ſagen, daß es mit ihrer Andacht für heute vorbei war; zwar wagte ſie nicht mehr nach dem Baron hin⸗ überzuſehen, aber an der Glut ihrer Wangen, am Beben ihres Her⸗ zens empfand ſie es, wie ſein Blick fortwährend auf ſie gerichtet war; ſie ahnte, daß er ihr hierher gefolgt, und glaubte in ſeiner Miene geleſen zu haben, was ſein Innerſtes bewegte und warum er hier ſei. Dieſe Betrachtung machte ſie dermaßen beſtürzt, daß ſie darüber vor ſich ſelbſt erſchrak, als wenn es ihr erſt jetzt klar werde, welche Gefahr ſie heraufbeſchworen, welcher Macht ſie Gewalt über ihr Herz eingeräumt habe. Der Gedanke, daß der Baron ſie im Ernſte wieder lieben könnte, ſtand plötzlich ſo neu und fremd vor ihrer Seele, daß ſie ſich ſelber in dieſem Gefühl nicht wiedererkannte, und zum Erſten⸗ mal überkam ſie eine dunkle Ahnung von jenem Schickſal, mit wel⸗ chem der Menſch ſo lange ſorglos ſpielt, bis es ihn ergreift und unter ſeine Macht beugt. Faſt mechaniſch und mehr wie zum Schutze vor ihrer eignen Angſt als vor ſeinen Blicken, ſchob ſie raſch das Gitter zu und wartete mit Herzklopfen das Ende des Gottesdienſtes ab; denn ſie war faſt überzeugt, daß der Major ſie anreden werde, und jetzt, da ſie ihn ungeſehen beobachten konnte, glaubte ſie auch wirklich Et⸗ was von dieſer Abſicht in ſeiner Miene zu leſen. Sein noch eben bleiches Geſicht hatte plötzlich Farbe bekommen, ſeine Züge drückten eine lebhafte Bewegung aus; augenſcheinlich war er damit zufrieden⸗ daß ſie ſich ſeinen Blicken entzog und Charlotte erkannte zu ſpät, daß ſie ihm dadurch am Wenigſten den Muth benommen hatte, ſeinen Vorſatz auszuführen. Die Predigt war zu Ende und die Gemeinde ſtimmte die Schluß⸗ ſtrophe des Liedes an. Nachdem das Altargebet geſprochen war, verließ die Verſammlung die Kirche; die junge Künſtlerin wartete mit ſteigender Beklommenheit auf den Moment, wo Sylburg ſich gleichfalls entfernen würde; aber unbewegt von dem ihn umwogenden Gedränge behauptete er ſeinen Platz an dem Pfeiler und ſpähte un⸗ verwandt nach der Thüre ihres Stuhles. Jetzt mußte auch Charlotte, wollte ſie nicht zuletzt allein mit ihm in der Kirche zurückbleiben⸗ 154 an ihr Weggehen denken; denn nur noch hier und da ſchlich ein alter Mann, ein gebücktes Mütterlein dem Ausgange zu; ſie trat daher raſch aus ihrem Stuhle, den ſie hinter ſich verſchließen mußte, was ſie noch länger aufhielt, ſo daß ſie, als ſie jetzt an Sylburg vor⸗ übergehen wollte, ſich mit dieſem in der That allein in der Kirche befand. ſprach er, ihr entgegentretend, mit unſicherer Stimme. Lebewohl? ſtotterte ſie, von dieſer unerwarteten Nachricht faſt noch mehr verwirrt als von ſeiner Anrede, und eine tiefe Bläſſe be⸗ deckte ihre Züge. Wollen Sie uns denn verlaſſen? 4 Ich habe geſtern meine Abberufungsordre erhalten und ſoll ſchon morgen abreiſen, verſetzte Sylburg mit ſchwererrungener Faſſung. Der Soldat muß gehorchen, wenn auch der Menſch darüber zu Grunde geht. Aber ſagen wollt' ich Ihnen doch wenigſtens, daß ſo, wie ich eben vor Ihnen ſtehe, Charlotte, mein Unglück entſchieden iſt, daß der Gang aus dieſer Kirche mich in eine Welt zurückführt, in der es fortan nur noch einen Gedanken, nur noch einen Schmerz für mich gibt, und ſonſt ringsherum Trauer und Oede! Doch was hilft es, daß ich Ihnen dieſes ſage, fügte er mit gedämpfter Stimme hinzu und ſein Auge ruhte voll düſteren Sinnens auf dem erblei⸗ chenden Mädchen. Was heute mir geſchieht, hätte ja doch über kurz oder lang eintreten müſſen— darum will ich nicht murren, daß ſich mein Geſchick ſchnelle erfüllt— leben Sie wohl, Charlotte— ſo lange dies Herz ſchlägt, wird Ihr Bild darin leben,— und wenn auch längſt von Ihnen vergeſſen, als ſein ſchönſtes Kleinod es be⸗ wahren. Vergeſſen— o daß ich es noch könnte, Sylburg! rief Charlotte und ihre Stimme erſtickte in Thränen. Außer ſich vor Schmerz und Entzücken preßte er ihre Hand an ſeine Lippen, einen Moment lehnte ihr Haupt an ſeiner Schul⸗ ter, dann rief ſie in höchſter Angſt: Fort! Fort! Schonen Sie mich!— Ewig, Charlotte, dein auf ewig! ſtammelte er und verließ raſch die Vorhalle. Sie wußte nicht, wie ſie aus der Kirche kam; als hätte der So ſehe ich Sie noch einmal und kann Ihnen Lebewohl ſagen, — 155— Tod ihr mit kalter Hand das innerſte Herz berührt, ſo verſtört wankte ſie nach Hauſe, fieberdurchſchauert und kaum vermögend, ihren Angehörigen den ſchrecklichen Zuſtand ihres Gemüthes zu ver⸗ bergen. 17. In Sylburg war viel leichtaufwallendes Blut, das ihn im Guten wie im Schlimmen ſchon zu manchem Extrem im Leben ge⸗ führt hatte, welches eine ruhiger organiſirte Natur ſchon um deswillen vermeidet, weil ſie niemals in die Gefahr kommt, ſich in ausſchwei⸗ fenden Leidenſchaften zu verirren. Ohne eine eigentlich höhere geiſtige und ſittliche Realität lagen doch in ſeinem Weſen viele Anſätze zu einem fähigen Menſchen; aber keiner davon war in entſchiedener Rich⸗ tung in ſeinen Charakter eingedrungen und dieſer ſtand gleichſam iſolirt, ohne inneren Halt zwiſchen einer beſtändig nach neuen Rei⸗ zungen und Genüſſen verlangenden Sinnlichkeit und einem kaltegoi⸗ ſtiſchen Verſtandesraffinement. Bei einer lebendigen Einbildungskraft war ihm doch eine eigentliche Gefühlsbeſtändigkeit ebenſo fremd, als ein Glaube an ſein beſſeres Gefühl überhaupt. Ihn reizte ſtets nur das Neue und Beſondere, dann aber auch bis zur excentriſchen Lei⸗ denſchaft, in der er weder ein Hinderniß noch eine Reſignation kannte. Jeder Widerſtand erhöhte nur ſeine Willenskraft, und er war niemals um die Hülfsmittel verlegen, Dasjenige, was er ſich einmal vorgeſetzt, zu erreichen. Der entſchloſſene Kampf fand ihn ebenſo bereit wie die geheime und langſame Machination; er hatte ſich noch keine Begierde verſagt, die überhaupt einer Befriedigung werth war, und jenes blinde Glück, das ſo häufig dem am Meiſten anhängt, der es, kaum genoſſen, auch ſchon mit Füßen tritt, kam ihm faſt bei allen ſeinen Affairen auf halbem Wege entgegen. Bei den Frauen, und den em⸗ pfindſamen zumeiſt, war er ein Ritter von hundert Sporen; er ver⸗ ſtand ſich eben ſo gut auf die ſentimentale Routine, wie auf den heroiſchen Mantelwurf und ſein wunderbar zwiſchen derb⸗ſinnlicher Begierde und poetiſcher Innerlichkeit getheiltes Weſen erwarb ihm hier faſt eben ſo viele Siege als es Kampfpreiſe für ihn gab. Er — 156— hatte Talent für alle Künſte, und man überſah darum leicht, daß er in allen nur dilettirte; das Einzige was er in hohem Grade be⸗ ſaß, war eine feine Beobachtungsgabe und eine Menſchenkenntniß, die ihn ſelten täuſchte, ſo daß er niemals lange über die Rolle in Ungewißheit blieb, die er in den verſchiedenartigſten Kreiſen und Lebensverhältniſſen zu übernehmen hatte. Seine jugendliche Friſche, der ſinnige Ernſt in ſeinem Weſen und dabei eine große An⸗ regungsfähigkeit mögen uns das Bild eines Mannes vervollſtändigen, der uns bald noch mehr als ſeither beſchäftigen wird, da er, und zwar nicht von uns, die wir nur Dageweſenes und Geſchehenes im Gewande der Poeſie wieder erzählen, ſondern von einem höheren Rathſchluß dazu beſtimmt war, die Chronik des menſchlichen Herzens auf einem ihrer reinſten Blätter mit einer neuen, bis zur Stunde nicht gelösten Hieroglyphe zu beſchreiben und dadurch bei ſeinen er⸗ ſchütterten Zeitgenoſſen eine Berühmtheit zu erlangen, an die er wohl ſelber niemals zuvor gedacht hatte. Heftig aufgeregt kam er aus der Kirche nach Hauſe; ſein Ge⸗ ſicht glühte, ſeine Augen waren geröthet, ſo daß der Beſitzer vom „Kaiſershof“ aus ſeinem verſtörten Weſen ſchloß, es müſſe ihm ein Unglück zugeſtoßen ſein. Und in der That befand ſich der Major nach der Scene mit Charlotten in der Michaeliskirche in einer ſo exaltirten Gemüths⸗ ſtimmung, daß es längerer Zeit bedurfte, ehe er ſich von dieſer ge⸗ waltſamen Ueberraſchung ſeiner Gefühle erholte und ſeine Beſonnen⸗ heit wieder gewann. Er war auf eine pathetiſche Abſchiedsſcene, etwa im grand style der nouvelle Helofse gefaßt geweſen, und plötz⸗ lich hatte ihn ſeine ſtudirte Gefühlskoketterie verlaſſen und aus der ſentimentalen Herzenslüge war eine wirkliche Tragödie, oder im feine⸗ ren Deutſch jener Puderperiode zu reden, eine affaire de coeur ge⸗ worden! Die ſichere Gewißheit, daß Charlotte ihn liebe, warf ſeinen ganzen erlogenen Menſchen zuſammen und der Schrecken darüber glich anfangs viel eher dem ſtarren Gefühl, das ein Wunder in uns erweckt, als dem ſtolzen Bewußtſein des herrlichſten Triumphes. Aber Sylburg war trotzdem nicht der Menſch, der länger als er ſich ſelber vergißt, an ſeinem Glücke verzweifelt oꝛ ſcheu zurückweicht, wenn das Bild von Sars ſich ihm entſ chleiert. der wohl gar ——— ——yö — 157— . 1 Es bedurfte darum nur einiger Sammlung ſeiner erregten Lebensgeiſter, und er war mit Hülfe ſeiner leidenſchaftlichen Fantaſie bald zu dem Reſultat gelangt, daß ihm ganz Dänemark nicht bieten könne, was er jetzt in Hamburg zu gewinnen hoffen durfte.. Hoffen? Brauch' ich denn noch zu hoffen, wo ich bereits Alles gewonnen habe? rief er im Uebermaß ſeiner Empfindung. Sah ich ſie nicht beim Abſchied blaß werden wie eine Lilie, während ihre Augen ſich mit Thränen füllten? Ach, und wie reizend war ſie nicht, als ſie im Schrecken über mein Scheiden ihre Liebe mir ver⸗ rieth und mir bekannte, daß ſie mich nicht mehr vergeſſen könne! Ha, Ulrike, das hätteſt du ſehen ſollen! Sie, die mich haßt und verachtet— wenn ſie wüßte, wer jetzt den ſo ſtolz von ihr ver⸗ ſchmähten Sylburg liebt! Aber ſie ſoll's ſchon zur rechten Zeit er⸗ fahren; nur Geduld, Geduld— auch dieſe Stunde der Rache wird ſchlagen, wenn ſie hört, daß das Herz einer Charlotte Ackermann mein iſt, die, was man denn doch zugeben muß, ein ganz anderer Triumph iſt als die Gräfin Ulrike von Lindenkron. Die ſtolze Lilie wollte ſich nicht von mir brechen laſſen, wohlan, fe greif' ich nach der königlichen Roſe, in ihrem Duft mich zu berauſchem, an ihrer Glut mich zu entzücken! ½ Dies war ohngefähr der Ideengang, welcher den Major allmälig wieder aus dem erſten Taumel ſeines Glückes zur Wirklichkeit zurück⸗ führte, obwohl er ſich ſagen mußte, daß er erſt jetzt erfahre, was eine Liebe heißt, deren Gegenſtand neben der glühendſten Leidenſchaft zugleich auch die höchſte Verehrung fordert. Noch hallte der reine Klang von Charlottens Stimme zu tief in ſeinem Innern wider, noch hielt der Zauber ihrer Unſchuld, der ihn wie ein höheres Leben angeweht hatte, jeden niederen Gedanken von ihm ferne; und das reizende Bild der Geliebten, wie es in ſeiner Anmuth und Lieblich⸗ keit vor ihm ſtand, weckte in ihm alle beſſeren Vorſätze und ſchwär⸗ meriſchen Träume ſeiner erſten Jugendliebe wieder auf. Er fühlte ſich wie neugeboren und ſchwelgte Anoftndungen, die er ſo oft bei ſeinen leichtfertigen Liebesabenteuern erheuchelt, an die er aber höchſtens nur ſo lange geglaubt hatte, als der flüchtige Sinnenrauſch währte. 3. Sein Entſchluß war bald gefaßt, Hamburg für's Erſte nicht — 158— zu verlaſſen, was er leicht ausführen konnte. Er ſchrieb deßhalb auf der Stellenſeinem einflußreichen Freunde, dem Major von T. nach Kopenhagen und vertraute dieſem ſeine Herzensgeſchichte an mit der dringenden Bitte, all' ſeinen Einfluß beim Miniſter geltend zu machen, damit man ihn noch längere Zeit in Hamburg laſſe. Einige Auszüge aus dieſem intereſſanten Briefe, die wir wörtlich wieder⸗ geben, werden uns am Beſten die Stimmung bezeichnen, in welcher Sylburg im erſten Eindruck ſeines Glückes den Freund in ſein Geheimniß zog*). Unter Anderm ſchrieb er ihm: „Du mußt nur nicht glauben, daß es mir leicht ſein werde mich einer Schauſpielerin zu bemächtigen. Habe von Charlotte andere Begriffe. Ich würde in dieſem Falle gleich von ihr ab⸗ laſſen, denn ich 8 der alltäglichen Poſſen überdrüſſig. Das Haus darin ſie wohnt, iſt keineswegs ein ſolches, wo man einen Roman nach deinem Geſchmack ſpielen kann. Gewiß iſt Keinem da ohne die gehörige Beſcheidenheit der Eintritt geſtattet. Char⸗ lotte hat in der ganzen Stadt den Ruf der Tugend, ſie ſteht unter der Außscht einer Mutter, welche ſie nach den Regeln des Anſtandes erzogen hat. Ich ſchwöre dir, es gibt in jedem Sebens ung rechtſchaffene Leute als unter dem Adel. Herr S., ihr Stiefbruder, iſt der Direktor des hieſigen Theaters, ein braver Kerl, wie es ſcheint. Er iſt ein guter Schauſpieler, in vielen Rollen unihahmlich, im Komiſchen beſſer als im Tra⸗ giſchen; man unhn im Umgang den Schauſpieler gar nicht an. Ihre ältere Schweſter wird ebenſowohl als ſie für ein Mädchen von Geiſt und Sittſamkeit gehalten. Sie ſpielt vor⸗ trefflich, mehr gebildet als Charlotte, verbindet ſie die Kunſt mehr dem Talente. Charlotte hingegen iſt ganz Natur.“ Und an einem andern Orte ſchreibt er im Hinblick auf ſeine Vergangenheit: „O wie bin ich der abgeſchmackten Geſchöpfe müde! Sie entſtehen, werden, wachſen, Reben, empfinden und ſterben, wo ſie *) Da der Briefwechſel, welcher ſich in Folge dieſes erſten Schreibens zwiſchen Sylburg und ſeinem Buſenfreund von T. entſpann, in unſern Händen iſt, ſo werden wir auch ſpäter noch mehrmals auf denſelben zurückkommen. 4 8 8 — 159— der liebe Schlendrian, den ſie große Lebensart nennen, hinſchiebt. Wie gerne wollt' ich der Gräfin noch jetzt meinen Rang und Alles überlaſſen, wenn nur Charlotten mein Herz bliebe!—— Bei Allem was heilig iſt, ich liebe dies Mädchen! Und willſt du Alles wiſſen? Charlotte liebet mich, ſie liebet mich— un⸗ ausſprechliche Wonne! O! Ich müßte nicht durch die Spiegel deiner Augen jeden Pulsſchlag deines Herzens geſchaut haben, Charlotte, jenes innere Gefühl das meinige nicht überzeugt haben, wenn meine Gedanken Wahnſinn wären! Ich müßte nicht leb⸗ hafter jettes Weſen, das Sympathie in den Staub goß, verehren, wenn mir nicht jede kleine Bewegung, jeder Athemzug ſagte, daß ſie mich liebt! Könnte ich eine Seele finden, die warm ge⸗ nug wäre, den Taumel meiner Bruſt zu theilen. Aber du, Freund, du biſt kalt wie die Eiszapfen des Nordpols!—— Du willſt vielleicht eine Beſchreibung von ihr haben? Charlotte — doch mit welchen Farben ſoll ich ſie dir ſchildern? Bedenkeſt du nicht, daß deine Augen nicht die meinigen ſind? Sie iſt ſchön, wirſt du ſagen. Freilich; aber glaubſt du, daß ein Mäd⸗ chen, das man liebet, eben ſchön ſein müſſe? Ich für meinen Theil würde das vollkommenſte Muſter der griechiſchen 8 chönheit das doch wohl nirgends in der Natur iſt, nicht gegen die aus⸗ drucksvollen Züge meiner Charlotte vertauſchen; nenn' es Grille oder wie du willſt. Ich bin nicht vnrfe und werde nicht der Letzte ſein, dem ſeine Grille ehrwulkdig iſt.—— Ge⸗ wiß, unter allen Kreaturen, die der Schöpfer auf die Erde geſetzt hat und laufen läßt, iſt keine ſo räthſelhaft, die ſo wenig ihre Grenzen kennet und weiß was ſie will als der Menſch! Und was will ich denn eigentlich? Charlotten beſitzen? O ich würde eine Welt darum geben, ſie in meine Arme ſchließen zu können; und das Mädchen ſollte nicht für meine Arme geſchaffen ſein? Mein lieber T**, in dem Gedanken iſt eine Kette Trüb⸗ ſales. Ich würde mein Daſein verwünſchen, würde der Vor⸗ ſehung grollen, wenn ſie das Gute mir nur zur Marter vor⸗ legte.“ „Wo das Alles hinaus will? fragſt du mich. Ich habe die Frage mein btas nicht leiden können; weiß noch nicht wo es hin will, geſchweige wo es hinaus will. Glaubeſt du, daß ich ſeit geſtern weiß wie ihr Andern denkt; ihr, die ihr wie aus den Wolken herabfallet, wenn ihr nur ein wenig aus eurem Kreiſe gerückt werdet? Stelle dir ein Mädchen vor, das die Perſonen einer Minna, einer Rutland nicht nachbildet, ſondern das Vor⸗ bild dazu gegeben zu haben ſcheint; das den anmuthigſten Witz mit unbeſcholtener Tugend verbindet; das, wenn du es wiſſen willſt, drei fremde Sprachen fertig redet, das Reize beſitzt,— und ſage mir, was ihr weiter als ein altes Stück Pergament fehlet, um alle jene falſchglänzenden Geſchöpfe in Popanze zu ver⸗ wandeln? Verdammt mit euren Vorurtheilen! Doch über ihre Beſchreibung bin ich ſchon wieder gut geworden!“—— Nachdem dieſer Brief, aus dem wir ſchon die Unſicherheit ſeines Gefühls herausleſen, beendet war, ſchellte er ſeinem Diener Olaf, der denſelben auf die Kommandantur nach Altona tragen ſollte, welche grade einen Kourier mit Depeſchen nach Kopenhagen abzu⸗ ſchicken im Begriff war. Der Schwarze empfing mit gewohnter Unterwürfigkeit den Befehl, doch entging es ſeinem ſcharfen Auge nicht, daß der Inhalt des Briefes und die frohe Aufregung in dem Weſen ſeines Herrn in einem nahen Zuſammenhang ſtehen müßten. Auch er verließ Hamburg höchſt ungern, das ſeinem Hang zu Ausſchwei⸗ fungen ungleich mehr Spielraum gewährte als der einförmige Auf⸗ enthalt in der Stadt Schleswig, woſelbſt ſeines Gebieters Regiment in Garniſon lag, und wo es weder ſo leckere Biſſen, noch ſo trefflichen Grog, noch ſo ſchöne Muſik, ſo luſtige Kameraden und gefällige Dirnen gab. Wie entzückt war er daher, als er hörte, daß er für's Erſte noch hier bleiben dürfe, und die bereits getroffenen Vorkeh⸗ rungen zur Abreiſe wieder eingeſtellt werden ſollten. Seine beküm⸗ merte Miene erheiterte ſich zur ſeligſten Verklärung, er wußte ſich vor Freude kaum zu faſſen, küßte des Majors Hände und überſchüt⸗ tete ihn in ſeinem däniſch⸗deutſchen Kauderwelſch mit tauſend Be⸗ theuerungen ſeiner Liebe und Anhänglichkeit. Unaufgefordert erzählte er ihm von Allem, was er Gutes und Schönes, freilich nicht immen in allzu geſchmackvoller Auswahl, genoſſen; wie er trotz ſeiner ſchwar⸗ zen Haut mancher Dirne vom Berge den Zinober von den Wangen geküßt, dabei auch mitunter von den eiferſüchtiäf Matroſen und 82 — 161— anderm Hallunkenvolk tüchtig Schläge gekriegt, aber doch immer wiedergekommen ſei. Ach, ich weiß es ja ſchon lange, was du für ein lockrer Zeiſig biſt! rief der Major lachend. Aber wie ſteht's denn eigentlich mit der Stockelhörnin? Du haſt dich wohl ſehr dumm und tölpelhaft angeſtellt, daß du mir noch immer nichts Gewiſſes von dem Kinde melden kannſt? Geh', alter Pudel, du biſt ſtumpf geworden und haſt keine Naſe mehr! Ich werde dich am Ende doch dem Schinder überlaſſen müſſen—! Bei dieſen Worten ſtieß der Alte einen ſeltſamen Schrei aus, ſprang mit einem Satze nach dem ſpaniſchen Rohr in der Ecke, drückte es mit lebhaften Pantomimen dem Gebieter in die Hand und rief, indem er ihm den Rücken, wie um Schläge zu empfangen hinhielt, mit flehender Stimme: Hau', Maſſa— hau' zu! Olaf iſt dumm Vieh— Pudel— aber nicht alt— nicht ſtumpf— ſpürt nach Schläge— braucht nicht zum Schinder— hat noch feine Naſe— hau' zu, Maſſa— weil Stockelhörnin nichts verrathen will— alt Schwein— Kind iſt fort,— bei vornehmen Leuten— iſt Alles, was ich weiß— hau' zu, Maſſa— ſpür' noch Schläge— glücklicher Olaf, der Schläge kriegt! Bei vornehmen Leuten? fragte der Major auflauſchend. Fürchte dich nicht vor dem Schinder, Olaf; ich machte nur Scherz, du ſollſt bei mir bleiben bis an dein Lebensende und es jeden Tag beſſer haben. Bei dieſer ungewöhnlich gütigen Zuſage ſeines Gebieters nahm des Negers Miene, der noch eben mit Ungeduld um Schläge wie um eine Gnade gebettelt hatte, einen wehmüthigen Ausdruck an, er ſenkte das krauswollige Haupt tief auf die Bruſt und ſtarrte eine Weile mit gekreuzten Armen bekümmert vor ſich nieder. Es koſtete den Major Mühe, ihn ſeiner Betrübniß wegen der nicht erhaltenen Schläge zu entreißen, durch welche ihm Olaf den augenfälligen Be⸗ weis hatte liefern wollen, daß er trotz ſeines Alters noch eine tüch⸗ tige Tracht auszuhalten vermöchte. Endlich erfuhr Sylburg das Nähere über des Negers ſeitherige Bemühungen im Hauſe der Stockel⸗ hörnin nach dem verſchwundenen Kinde Bertha's und überzeugte ſich, D. B. II. Müller's Charl. Ackermann. 11 162 daß es ſein ſchwarzer Spion weder an Liſt noch an Eifer hatte fehlen laſſen, um hinter das Geheimniß zu kommen, bei dem verſchmitzten Weibe aber wenig mehr ausgerichtet hatte, als daß ſie ihm zu verſtehen gab, das Kind ſei bei vornehmen Leuten gut auf⸗ gehoben. Olaf erklärte ſeinem Gebieter ſchließlich, er gebe darum doch die Hoffnung nicht auf, noch mehr zu erfahren, und was ihm nicht in Gutem gelungen ſei, wolle er nun dem alten Weib durch ein anderes Mittel um ſo ſicherer entlocken; die Stockelhörnin ſei bei all ihrer Frechheit ungemein feig und fürchte ſich kindiſch vor böſen Geiſtern. Darauf baue er ſeinen Plan, vielleicht daß ein plötzlicher Schrecken ihr die Zunge beſſer löſe als alle Liebkoſungen und Galanterien, die ihr ein alter häßlicher Neger erzeige. Sylburg war jedoch heute mit viel wichtigeren Angelegenheiten beſchäftigt, als daß ihm das Geheimniß mit dem Kinde noch jenes Intereſſe hätte einflößen ſollen wie jüngſt. Die, um derentwillen es ihn beſonders gereizt hatte, war ja nun in ganz anderer Weiſe Ge⸗ genſtand ſeines Nachdenkens geworden, und für jetzt kümmerte es ihn darum wenig, welche Entdeckungen ſein Neger noch weiter auf der einmal aufgefundenen Spur machen werde. Er begnügte ſich alſo damit, ihm fernere Vorſicht anzuempfehlen, ſchenkte ihm eine Mark und ſandte ihn mit dem nach Kopenhagen beſtimmten Brief nach — Altona. Olaf aber ging mit dem feſten Vorſatz weg, ſeinem Gebieter durch einen, wie er wähnte, höchſt wichtigen Dienſt zu beweiſen, daß die alte Energie für ſolche Unternehmungen, bei denen es ebenſo viel Liſt als Kühnheit galt, noch in ihm wohne, und Das, was ihm einſt nicht unmöglich geweſen, ihm auch jetzt noch agen ſolle. 18. Charlotte war mit ihrem Gefühle für den Major kaum zu einer beſtimmten Entſcheidung gekommen, als ſie auch ſchon das in leiden⸗ ſchaftlicher Erregung geſprochene Wort zu bereuen anfing und mit — 163— Schrecken erkannte, wie daſſelbe gleich einem dunklen Zauberſpruch plötzlich ihr ganzes Daſein umgewandelt habe. Der Muth, den ſie ſo lange im leidvollen Widerſtand behauptet, war ihr ſeit jener Stunde wie gebrochen und das Bewußtſein der unwiderruflichen Schuld trat an die Stelle des früher ſo begeiſterten und ſchwärme⸗ riſchen Gefühles für den Major. Das ſtumme, ihr ſelbſt kaum ver⸗ ſtändliche Räthſel ihrer Bruſt hatte plötzlich eine Stimme bekommen und doch beſann ſie ſich vergebens auf den fremdartigen Klang, der wie aus einer unbekannten Welt ihre Seele durchzitterte. Sie wußte kaum mehr was ſie ſeither geweſen, noch weniger was aus ihr wer⸗ den ſolle, der Zweifel an der Wahrheit ihrer Liebe war plöͤtzlich ebenſo groß als die Furcht, ſich am Ende dennoch in ihm getäuſcht zu haben; und alle Schreckgeſpenſter, welche Dorothea ſeither gegen dieſen Mann heraufbeſchworen hatte, gewannen nun, da ſie gegen ihr eignes Herz mißtrauiſch zu werden anfing, plötzlich eine ſo un⸗ heimliche Verwirklichung, daß ſie ſich kaum vor ihren drohenden Ge⸗ ſtalten zu retten wußte.. Das Einzige, was ſie in dieſer peinvollen Lage wie den letzten Sonnenblick ihrer Hoffnung feſthielt, war der Gedanke, daß Syl⸗ burg fort ſei und vielleicht niemals wiederkehren werde. Dann war ja der Konflikt, in den ſie durch jene Abſchiedsſcene mit ihrem Her⸗ zen und ihrer Umgebung gerathen, für immer beſeitigt, und ſie 4 athmete freier, ſo oft ſie dieſen wahrſcheinlichen Ausgang ihrer ver⸗ hängnißvollen Lage überdachte. Die fieberhafte Ungeduld, auch noch von einem andern Menſchen die Beſtätigund kalten, daß der Major wirklich nicht mehr in ihrer Nähe verweile, trieb ſie am Abend des zweiten Tages nach jenem Sonntag zur alten Frau, obwohl ſie feſt entſchloſſen war, ihr ſcheues Kirchengeheimniß ſelbſt vor dieſer zärtlichen Freundin zu bewahren, mehr aus Angſt vor ihrem eignen Gewiſſen als aus Mißtrauen gegen das treueſte Herz von der Welt.. Die Etatsräthin war allein zu Hauſe; auch ſie hatte ſich vor⸗ genommen, mit Charlotten über Sylburg zu reden, was ſie um ſo unbefangener thun zu können glaubte, als ja des Majors Entfer⸗ nung von Hamburg das letzte Bedenken aufhob, daß ein wenn auch noch ſo leiſes Verhältniß zwiſchen ihm und der Freundin obgewaltet .— 11* — —— —— 5 1 1 — 464— habe. Der Abſchied von Sylburg hatte ſie ungemein nahe berührt, und feſter als je zuvor war ſie überzeugt, daß Alles, was ſie Gu⸗ tes und Vortheilhaftes von ſeinem Charakter behauptet, ſeine volle Richtigkeit habe. Das wollte ſie heute ihrem theuren Mädchen ſagen, und den Major, wenn es ſein mußte, auch bei ihr vertheidigen. Gottlob, daß du da biſt! rief ſie ihr beim Eintritt freudig entgegen. Ich dachte ſchon, du hätteſt wieder eine Abhaltung be⸗ kommen. Charlotte warf ſich ihr ſtumm in die Arme und hielt ſie lange krampfhaft umſchlungen. Sie war kaum im Stande, ihr Gefühl zu bemeiſtern und beinahe hätte ſie der alten Frau Alles geſagt. Dieſe ſelbſt war durch Charlottens ſtürmiſche Bewegung ſo beſtürzt, daß ihr einen Augenblick der Gedanke durch die Seele fuüͤhr:„Es iſt alſo doch wahr, ſie liebt ihn!“ und nichts Anderes erwartete, als Charlotte ſei zu ihr gekommen, um ihr Herz bei ihr auszuſchütten. Da aber dieſe ſich zuſammennahm und glücklich ihre Unbefangenheit wie⸗ dergewann, ſo kam auch die Etatsräthin bald wieder von ihrem Verdacht zurück. Um ſich vollends zu überzeugen, daß ſie ihr Un⸗ recht gethan, ſagte ſie plötzlich: Aber mein Gott, Lotte, du weißt wohl noch nicht mal, daß Herr von Sylburg geſtern früh nach Schleswig abgereist iſt? Dieſe unerwartete Frage jagte Charlotten eine dunkle Glut in's Geſicht und verwirrt ſtotterte ſie: Wie? Was? Er iſt abgereist ohne Abſchied? Nun, das nenn⸗ ich doch wirklich recht unhöflich! Die Etatsräthin kam abermals auf ihren vorigen Argwohn zu⸗ rück und abermals ärgerte ſie ſich über ſich ſelber, als Charlotte ſchnell mit Unbefangenheit hinzufügte: Aber ſo ſind dieſe däni⸗ ſchen Offiziere alle! Erſt belagern ſie förmlich die Salons, laſſen ſich alle mögliche Gaſtfreundſchaft erzeigen und werden unſichtbar, ſobald der Schornſtein nicht mehr für ſie raucht oder die Trompete zum Abmarſch bläst. Ei wer ſagt das, Unhold? rief die alte Frau in ihrer eifrigen Art. Sylburg weiß, was Sitte iſt und trug mir bei ſeiner Ab⸗ ſchiedsviſite auf, die jüngere Demoiſelle Ackermann noch beſonders — 165— ᷣ von ihm zu grüßen. Da haſt du's nun mit deiner loſen Zunge, wenn's wirklich, was ich beinah' nicht glauben möchte, dein Ernſt war. Diesmal hielt Charlotte mit lachender Miene den forſchenden Blick der Freundin aus und erwiderte dreiſt: Mir geſiel der Herr ſchon ganz gut, wenn er nur nicht ſo et⸗ was Unbeſtändiges in ſeinem Weſen hätte, was Einem doch kein rechtes Vertrauen zu ihm einflößt. Ach, und dieſe fatale Ironie, die ſich zuweilen in ſeinen Geſichtszügen ausdrückt! Die Etatsräthin nahm lebhaft des Majors Partei und meinte, dieſe Ironie ſei mehr eine äußere Manier, um dahinter eine gewiſſe Befangenheit zu verbergen. Nun, blöde iſt er doch wahrhaftig nicht! ſagte Charlotte. Da ſollteſt du Dorothea und Fritz über ihn reden hören. Aber ich glaube beinahe ſelbſt, daß dieſe Ironie mehr angelernt, als Natur an ihm iſt. Gewiß, er hat etwas Beſonderes in ſeinem Weſen, ein Feuer, das ſteigt und fällt und ſich manchmal blendet. Ich ſtelle mir ſeine Seele liebenswürdig vor, weil er ihr ſo wenig Stärke zutraut. Jede Bewegung, jedes leichte Wort verräth dieſen Zug ſeines Herzens. Sie hielt, wie erſchrocken vor dem Laut der eigenen Stimme, inne, worauf die Etatsräthin ſagte: Es ſind nicht immer die ſchlimmſten Menſchen, liebe Lotte, deren Perſönlichkeit ſelbſt ihre Fehler zu Liebenswürdigkeiten macht, aber gewiß ſind es häufig die gefährlichſten für unſer Geſchlecht. Ich hatte ein⸗ mal in meiner Jugend eine Freundin, ein allerliebſtes und feinge⸗ bildetes Mädchen aus reicher Familie, die verliebte ſich bis zur hef⸗ tigſten Leidenſchaft in einen Mann, an dem die Welt kein gutes Haar laſſen wollte, obwohl er viel Geiſt beſaß und durch ein ein⸗ nehmendes Weſen ſeine ſchlimmen Eigenſchaften trefflich zu ver⸗ decken wußte. Als ſie ihn näher kennen lernte, ſah meine arme Lueinde wohl ſelber ein, daß der Mann, den ihr Herz gewählt, dieſer Liebe durchaus unwürdig ſei; aber ſo feſt hatte er ſie mit ſeiner ge⸗ fährlichen Liebenswürdigkeit umgarnt,„mit jenem Feuer, das ſteiget und fällt und ſich manchmal blendet,“ daß ſie nicht mehr von ihm loskommen konnte, und denke dir— ſie iſt eines Tages heimlich mit ihm davongegangen und erſt nach zwei Jahren erfuhren die armen Eltern, daß ſie elend in einer Dachkammer, man kann wohl ſagen — 166— den Hungertod geſtorben ſei, nachdem der niederträchtige Menſch ſie und ſein Kind ſchon ein Jahr zuvor heimlich verlaſſen hatte. Das ſoll doch nicht gar auf deinen Schützling geſtichelt ſein? fragte Charlotte verwundert. Behüte Gott! rief die alte Frau. Nur beweiſen wollt⸗ ich dir, daß die Fehler der Männer oft eben ſo gefährliche Schlingen für das weibliche Herz werden können, als ihre Tugenden. Da muß ſchon die Liebe halber Wahnſinn geworden ſein, er⸗ widerte Charlotte kleinlaut. Ich kann mir Vieles im Herzen einer Frau für möglich denken, worüber man vergebens nachſinnt und ſich nach einem ähnlichen Falle umſieht; aber einen Mann lieben, der uns ſchlecht, laſterhaft und charakterlos erſcheint, das kommt mir vor, als wenn Jemand Roſen im Winter pflücken wollte. Das iſt gegen die Natur, und darum halt⸗ ich eine ſolche Liebe, wie ſie deine Lucinde verdarb, für eine todte Liebe, die nur noch am Zweige ihrer Hoffnung hing, wie ein welkes Sommerblatt im Winterſturm. Behüte Gott! widerholte die Etatsräthin noch einmal gedanken⸗ voll vor ſich hin. Der Sylburg iſt aus gutem Holze geſchnitzt und treulos wär' er gewiß nicht. Grade das möcht' ich ihm am Erſten zutrauen, ſagte Charlotte. Er ſcheint mir ſo excentriſch, oder richtiger geſagt, viel zu ſehr mit ſich ſelbſt im Zwieſpalt, wie ein Menſch, der an Nichts mehr eine Weil er vielleicht Allem den rechten Geſchmack abgewinnt, er⸗ widerte die Etatsräthin. Ach, geht mir doch mit euern neumodiſchen Männern, die nur ſeufzen und ſchmachten, mit Ring und Doſe brilliren und vor lauter Ueberſtudirtheit keinen menſchengeſunden Fa⸗ den mehr an ſich haben. Wollte Gott, mein Doctor hätte eine Ader von dieſem muntern däniſchen Wetterhahn! Der Doctor iſt ein Philoſoph, der Major ein Lebemann, ſagte Charlotte. Beider Naturen ſind ſo grundverſchieden, daß ich gar nicht wüßte, wo ſie überhaupt einen Berührungspunkt finden ſollten; ja, ich kann es mir kaum anders vorſtellen, als daß ſie einander bald feindſelig abſtoßen müßten, wenn es wirklich je zu einen inti⸗ meren Annäherung zwiſchen ihnen käͤme.. * — 167— Es ſind oft die grundverſchiedenſten Menſchen, die auf den zu⸗ meiſt entgegengeſetzten Wegen einem Ziele zuſteuern, erwiderte die alte Frau mit einem ſonderbaren Nachdruck; zumal, wenn dieſes Ziel, fügte ſie mit einem beobachtenden Blick auf die Freundin hinzu, auf Beide die nämliche mächtige Anziehungskraft ausübt. Wie oft hat nicht ſchon die Liebe zwei ganz verſchiedenartige Charaktere zu einem und demſelben Gegenſtande geführt, ohne daß man ſagen konnte, wer von beiden Nebenbuhlern wahrer und glühender liebte. Das iſt freilich ein ſehr gelehrtes Kapitel, ſagte Charlotte und blickte ſinnend in das Kerzenlicht. Und welches Mädchen wollte von ſich ſagen, wie der Mann beſchaffen ſein ſolle, den es allein und von ganzem Herzen lieben wird! Ich z. B., was meinſt du, Sophie, welche Sorte von Mann brauche ich zu meinem Glücke? Du kennſt mich ja doch in⸗ und auswendig, ei, ſo laß' hören, ob du auch diesmal aus meiner Seele redeſt? Die Etatsräthin ſah ſie einen Moment forſchend an und er⸗ widerte dann verwundert: Du? Was du für einen Mann brauchſt? Als wenn das noch eine Frage ſein könnte! Der, für den dein Herz ſich entſcheidet, wird jedenfalls der Rechte ſein. Aber wenn ſich nun mein Herz in ſeiner Wahl täuſcht, oder, was kaum ſchlimmer, wenn es getäuſcht würde? fragte Charlotte. Frevle nicht, Mädchen! rief die alte Freundin zwiſchen innerer Bewegung und leichtem Humor. Du wirſt dich ſo wenig täuſchen, daß ich beinahe glaube, du wähleſt lieber gar keinen! Doch davon iſt hier nicht die Rede, ſondern du willſt wiſſen, wie dein künftiger Mann beſchaffen ſein ſolle? Vielleicht könnte dir das die portugieſiſche Kartenſchlägerin Fanny am Kugelsort beſſer ſagen, wie deine Freun⸗ din, und doch— auch ohne geheime Zauberkünſte und Horoſkop glaube ich's zu wiſſen, daß der Mann dir am Beſten zuſagen würde, der in Allem, worin du vollkommen biſt, die Anſätze dazu in ſeiner Natur vereinigte; alſo, zum Exempel, ohne übermäßige Leidenſchaft, aber dafür um ſo beſtändiger in ſeiner Liebe; feurig entſchloſſen, ja ſelbſt ein Bischen herriſch in Wort und That, aber dabei milde und ruhig in ſeiner Gemüthsart; kein Schwärmer, aber doch fähig, deinen Enthuſiasmus füß alles Schöne zu theilen und ihn doch zugleich ———— — wieder auf das Wirkliche zurückzuführen. Dabei müßte er verſtehen, ſich mehr von dir lieben zu laſſen, als dir ſeine eigne Liebe durch ein Uebermaaß von Zärtlichkeit und Sympathie zu erkennen geben; ja, er müßte ſogar die derbere Mannesſeite nicht allzuſelten gegen dich herauskehren. Nur ſeine Perſönlichkeit ſollte dir imponiren, ſein ſicheres Weſen dich anziehen und feſſeln, aber niemals dürfte er dir eine geiſtige Ueberlegenheit zeigen, noch weniger in deine ideale Le⸗ bensrichtung eingreifen. Das wäre der Mann für meine Lotte und beſſer, er reizte mehr deine Fantaſie, als daß er dein Inneres voll⸗ ſtändig ausfüllte und befriedigte. Ein ſonderbares Geſchöpf von Mann! ſagte Charlotte nach⸗ denklich. Hier wurde das Geſpräch durch Unzer's Eintritt unterbrochen und Beide merkten ſogleich, daß er eben ſo zerſtreut als aufgeregt war. Auf der Mutter Befragen wollte er dies Anfangs in Abrede ſtellen, bis er ihnen denn zuletzt mittheilte, es ſei ihm am heutigen Abend ein Fall vorgekommen, den er in ſeiner ärztlichen Praxis noch niemals erlebt habe.. Man rief mich nämlich, fuhr er fort, als Armenarzt heute Abend in die„Gänge“, in eines jener verrufenen Häuſer, die dort ſo zahlreich ſind. Auf die Herbergmutter war unter höchſt ſonderbaren und räthſelhaften Umſtänden ein Nordverſuch gemacht worden. Als ich hinkam, fand ich das Weib blutend im Bette, mit einer zwar großen aber doch nicht lebensgefährlichen Schnittwunde am Halſe. Die Kammer war voll von Leuten des verdächtigſten Schlags — ich ſage Ihnen, ich war froh, als der Verband umgelegt und ich wieder aus der unheimlichen Umgebung fort war. Nun, das iſt denn doch eben nichts beſonders Neues für dich, meinte die Mutter. In jenen Quartieren mag dergleichen häufig genug vorkommen und es kräht weiter kein Hahn darnach. Mag ſein, entgegnete der Doctor zerſtreut, daß mich die Ge⸗ ſchichte ohne Noth aufgeregt hat. Aber die ganze höchſt unliebliche Oertlichkeit, das Heulen und Wehklagen der Hausbewohner und Nachbarn, dazu das räthſelvolle Verſchwinden des Thäters, Alles zuſammen machte einen Eindruck auf mich, den ich ſonſt niemals bei ähnlichen Vorfällen empfunden habe. Man holt ſih bei ſolchen Scenen — einen Ekel und Abſcheu vor der Menſchheit, daß man eben ein Arzt ſein muß, um dergleichen zu überwinden; denn das Gold unſerer Wiſſenſchaft liegt auch häufig genug im Schlamme! Das Laſter iſt ſchon an ſich häßlich, aber im Unglück wird es gar widerwärtig und die Beſtie Menſch ſträubt dann alle Borſten ihrer Entartung in die Höhe. Ein Mordverſuch unter Menſchen, die vielleicht ſelber zu Aehnlichem fähig ſind, hat eine ganz eigenthümliche Romantik; denn wer kann wiſſen, ob der, welcher das Verbrechen verübt hat, ſich nicht dicht neben uns befindet, vielleicht mit heult und flucht, wie ich denn gerne bekenne, daß mir der ſaubere Ehemann der verwun⸗ deten Dame für eine derartige Zärtlichkeit gegen ſein holdes Ge⸗ mahl ganz wie gemacht ſchien. Schröder kam, um die Schweſter nach Hauſe abzuholen; wie gewöhnlich, ſo hatte er auch heute Eile, hörte nur flüchtig des Doc⸗ tors Abenteuer an und wünſchte bald darauf mit Charlotten dem Freund und der Freundin gute Nacht. Als die Etatsräthin, nachdem ſie den Beiden noch das Geleite bis zur Treppe gegeben, in die Stube zurückkehrte, lag Unzer mit dem Kopf wie erſchöpft auf dem Tiſche und richtete ſich erſt langſam wieder auf, da ihn die Mutter beſorgt fragte, ob ihm Etwas fehle. „Sie erſchrak, als ſie ihn anſah, über die ungewöhnliche Bläſſe ſeines Geſichts und rief, von einer böſen Ahnung ergriffen: O Gott, Karl! Dir iſt gewiß noch Mehr paſſirt? Sagt' ich's Ihnen vorhin denn nicht, daß ich einen ähnlichen Fall noch nie zuvor erlebt hätte? erwiderte Unzer, faßte dann ihre Hand und fragte ſie nach einer kurzen Pauſe mit geheimnißvollem Lächeln, ob ſie ſich noch des Kindes erinnere, mit dem Charlotte im Spätherbſt das Abenteuer im Hauſe der Stockelhörnin gehabt habe, und das auf ſo unbegreifliche Weiſe verſchwunden ſei? Wie? rief die alte Frau in höchſter Beſtürzung; was hat dies Kind mit dem Nordattentat zu ſchaffen? Wüßt' ich's, gäb' ich Viel darum! entgegnete der Sohn und holte tief Athem. Ja, das iſt eine wunderbar unheimliche Geſchichte, Mama; doch konnt' ich ſie Ihnen am Wenigſten in Charlottens Ge⸗ genwart ausführlich erzählen. Denken Sie ſich, das verwundete Weib iſt Niemand anders als die Stockelhörnin, die heute Abend —— * tte überfallen wurde, welcher ng des Todes aufforderte, ihm zu entdecken, wohin gekommen ſei. Zum Glücke kamen auf ihren „ der Unbekannte mußte die Flucht ergreifen n. rief die alte Frau und faltete erſchüttert die Hände. Welch' ein verhängnißvolles Geheimniß umgibt dieſes un⸗ glückliche Kind! Nicht genug, daß es ſpurlos verſchwindet, ſucht man es jetzt gar mit Mörderdolchen! Ach! Es iſt gewiß nicht mehr am Leben! 4 Darüber ſeien Sie völlig unbeſorgt, entgegnete der Doctor mit größter Ruhe. Das Kind iſt gut aufgehoben— bei mir! Bei dir? ſtammelte die Mutter und wollte kaum ihren Ohren Antheil an einem Kinde nehmen, um deſſentwillen die edle Charlotte ſo viel zu leiden hatte? Da war es gleich beſchloſſene Sache bei mir, ſie aus dieſer fatalen Lage, in die ſie ihre Herzensgüte ge⸗ bracht hatte, zu befreien, ohne dem armen Kinde Etwas von dem Schnell, ſchnell, bringe mich zu ihm! rief die Etatsräthin; ich muß ſehen, ob's die Leute auch gut halten, cht 171 kein Auge zu— denn das Kind iſt nun mein,— nicht wahr, Karl, mir allein gehört's? Denn ich hab's ja wieder aufgefunden— ach! Was iſt'’s denn eigentlich— Bube oder Mädchen? Und hat's ſchon einen chriſtlichen Namen erhalten? Meinen Sie denn, ich wollte dieſer argen Welt noch mehr Hei⸗ den erziehen? entgegnete Unzer lachend. Freilich hat's einen Namen, einen chriſtlichen und einen himmliſchen dazu, denn es iſt zugleich der Name ſeines guten Engels— Charlotte! Du! rief die Mutter und drohte ihm ſtrahlenden Blickes mit dem Finger. Unzer zog die theure Hand an ſeine Lippen, aber ſeine Züge verdüſterten ſich, als er ſagte: Ach, das Alles iſt jetzt Nebenſache; wir vergeſſen darüber ganz, was ſich heute Abend Schreckliches bei der Stockelhörnin zugetra⸗ gen hat.. Wahrhaftig, ſo geht's, wenn man über ſeine Freude den Kopf verliert! ſagte die Etatsräthin, die ſich noch immer nicht ganz von ihrer großen Ueberraſchung erholen konnte. Die arme brave Frau! Was mag ſie leiden! Ich will ihr gleich einige Erfriſchungen ſenden, Wein und Eingemachtes, auch altes Linnen und Charpie zum Ver⸗ band— oder ſoll ich ihr eine kräftige Suppe kochen laſſen— oder ein paar Flaſchen Limonade zurechtmachen? So wenig es auch dem Doctor gegenwärtig um Scherz zu thun war, brach er doch bei dieſer Fürſorge der Mutter für die Stockel⸗ hörnin in ein lautes Gelächter aus und verſetzte: Vortrefflich! Vortrefflich! Aber noch beſſer als Limonade wird der braven Frau Cognae munden, dazu ein tüchtig Stück Rauch⸗ fleiſch ſtatt der Confituren!— Was kümmert uns der alte Drache! Ob ihn der Teufel heute holt oder in zehn Jahren— das iſt gleich⸗ gültig. Das Kind, das arme unſchuldige Kind— an das müſſen wir denken, ihm ſtellt man nach und wer weiß, welcher neue ver⸗ ruchte Gedanke in dieſem Augenblick ausgebrütet wird, um ſich ſeiner zu bemächtigen. Denn nach dem, was wir heute Abend erfahren haben, muß irgend einem abſcheulichen Menſchen viel, vielleicht Alles daran gelegen ſein, um es uns zu entreißen, der allwiſſende Gott. weiß, um welcher Urſache willen! Ich habe keine ruhige Stunde mehr, — — — 172— bevor ich das Kind nicht in völliger Sicherheit weiß. Darum rathen Sie mir, beſte Mutter, was ich anfangen ſoll? Die Etatsräthin war im erſten Augenblick von des Sohnes Sorge gleich lebhaft ergriffen; aber als eine Frau von Verſtand und großer Klugheit fand ſie für den vorliegenden Fall ſchnell den rechten Ausweg, indem ſie ſagte: Da Niemand außer dem Gärtner Paul und ſeiner Frau, die ja ganz zuverläſſige Leute ſind, des Kindes Aufenthalt kennt, ſelbſt nicht mal die Stockelhörnin, ſo bin ich der Anſicht, daß wir es ru⸗ hig da laſſen wo es iſt. Es hat ſich einmal an die Muttermilch gewöhnt, warum wollten wir ſie ihm ohne Noth wieder entziehen? Selbſt wenn die alte Weibsperſon verrathen ſollte, daß du es in Verwahrſam genommen, weiß darum noch kein Menſch, wo du es hingethan haſt. Sein guter Engel, der den armen Wurm bis dahin ſo wunderbar beſchützte, wird ihn auch ferner nicht verlaſſen; darum nur nicht allzu ängſtlich, lieber Karl, das Kind iſt jetzt beſſer und ſicherer aufgehoben, als es vielleicht ſein würde, wollten wir ihm ein anderes Unterkommen ſuchen. Laß' es den Gärtnersleuten wenigſtens ſo lange, bis es den Windeln entwachſen iſt, dann läßt ſich die Sache noch immer weiter überlegen. An dieſem Kinde hängt nun einmal der Glaube an mein Glück, ſagte Unzer lächelnd, und bei ſich dachte er: Die kleine Charlotte ſoll mir am Ende doch die große noch gewinnen helfen. — 19. Charlotte kam in einer ungleich freieren Stimmung von der Etatsräthin nach Hauſe, als die geweſen, in der ſie weggegangen war. Denn das, was ſie von der Freundin gehört hatte, diente — — 173— nicht allein zu ihrer Beruhigung nach Außen, ſondern gab ihr auch die verlorene Zuverſicht wieder, indem ja Sophiens Urtheil über Sylburg in Allem wie die Stimme ihres eigenen Herzens gelautet hatte. Wie ein Alp fiel es ihr von der Seele, alle bangen Sorgen von geſtern und heute ſchwanden, als hätte ſie niemals einen Anlaß dazu gehabt, und ſie hatte ein Gefühl, als wäre ſie glücklich einer großen Gefahr entronnen, die zuletzt doch nur eine eingebildete ge⸗ weſen ſei.. Lena, ihre Amme und von früher Kindheit an diejenige Perſon im Hauſe, welche in Charlottens Herzen neben deren Liebe und Anhänglichkeit noch ein beſonderes Plätzchen hatte, wo das unbe⸗ dingteſte Vertrauen zu der treuen Seele wohnte, dieſelbe Lena hatte heute etwas ſonderbar Verlegenes in ihrem Weſen, ging ihrer jungen Herrin überall nach und wich ihr doch auch wieder aus, gab auf verſchiedene Fragen oft ganz verkehrte Antworten, kurz, war in Rede und Benehmen ſo ganz das Gegentheil von ſonſt, daß Charlotte end⸗ lich aufmerkſam darauf wurde und ſie fragte, was ſie vorhabe und warum ſie ſich bei Allem ſo verkehrt und beklommen anſtelle? Da konnte ſich die gute Alte nicht länger mehr einer Erklärung entziehen, kam nun erſt vollends aus der Faſſung und ſtotterte: Du lieber Gott, ich hätt's nicht thun ſollen— das weiß ich jetzt ſo gewiß, als ich mich einer großen Sünde ſchuldig fühle; aber ich hatte Anfangs gar nicht den Kopf beiſammen und fühlte den Brief erſt in meiner Hand und das Goldſtück dazu, als er ſchon längſt aus der Gaſſe verſchwunden war, auf und davon in die ſtock⸗ finſtere Nacht hinein. Du ſprichſt wohl im Fieber, Lena! rief Charlotte auffahrend. Was für einen Brief meinſt du— was für ein Goldſtück? Und wer iſt der Er? Kann ich's denn ſagen? entgegnete Lena zitternd. Aber ſcheinen wollt' es mir doch, als ſei's eine ausländiſche Sprache geweſen, da er mich beſchwor, den Brief an mein„gnädiges Fräulein“ zu be⸗ ſtellen, weil ich ſonſt ſeinen Tod auf meine Seele laden würde— und was weiß ich, was er ſonſt noch Alles ſagte— als hätt' er's zuvor in einem Buche geleſen oder in der Komödie gehört— ſtellte —— — 174— ſich dabei ganz erſchrecklich elend— und beſchwor mich flehentlich, den Brief ſogleich an Sie abzugeben. Sie zog bei dieſen Worten ein zierlich gefaltetes Billet mit zitternder Hand aus dem Buſentuch und hielt es der beſtürzten Char⸗ lotte mit abgewendetem Geſicht entgegen. Dieſe griff haſtig darnach; die Adreſſe, an ſie gerichtet, zeigte eine ſchöne feſte Handſchrift, wie ſie nur ein Mann geſchrieben haben konnte, doch waren ihr die Züge gänzlich unbekannt. Wie ein Blitz durchfuhr ſie der Gedanke, daß der Brief von Sylburg ſein könne. Lena! Was haſt du gethan! ſtammelte ſie erbleichend und warf das Billet mit leiſem Schauder auf den Tiſch. Ich werf's in's Feuer, ſollt’ auch gleich die Hand mit verbren⸗ nen, die es annahm! rief die treue Dienerin und wollte den Brief wegnehmen. Charlotte aber preßte ſchnell die Hand darauf und fragte ſtotternd: Was hat er dir geſagt? Daß er den Tod davon hätte, wenn ich ſeinen Brief nicht leſen würde? Nein! Nein! Das hat er nicht geſagt, rief die Alte eifrig, ſon⸗ dern wenn ich Ihnen den Brief nicht geben würde; nun, ich habe es ja gethan, der fremde Herr hat in Allem ſeinen Willen gehabt, ſo geben Sie mir denn das verwünſchte Papier zurück— Wie ſah er denn aus? fragte Charlotte, die ſchon nicht mehr ge⸗ neigt ſchien, dieſe ſophiſtiſche Auslegung der treuen Amme zu theilen. Ich ſagt's Ihnen ja ſchon, es war ſtockfinſtre Nacht, als er mich anſprach. Aber ſeine Statur? War er groß oder brünett— klein wollt' ich ſagen? Es war ein ſtattlicher Herr, trug Sporen und hatte einen lan⸗ gen faltigen Mantel umgeworfen. Und redete einen fremden Aeccent? Geben Sie mir den Brief, liebſtes Fräulein! flehte Lena in ſteigender Angſt und Beklommenheit. O, mir ahnt heilig nichts Gutes davon, wenn Sie ihn leſen! Mein Rath wäre, wir gäben ihn in's Feuer und das Goldſtück in den Almoſenkaſten. Thu's, liebe Lena, ich ſchenke dir gerne doppelt ſo viel, ſagte Charlotte, die allmälig durch die fremde Sorge von der eignen Angſt befreit wurde. Aber den Brief wollen wir nicht verbrennen — 175— — ich muß ja ſo Vieles im Leben anhören, was mir nicht gefällt oder worüber ich lache,— warum ſollt' ich's nicht auch leſen dürfen! Ach Gott! Ach Gott! ſeufzte die Alte. Ich habe mir ſchon oft ſagen laſſen, Geſchriebenes ſei weit gefährlicher als das Gerede; und der böſe Feind ſelber, wenn er einen frommen Chriſtenmenſchen ver⸗ ſuche, thue es am Liebſten mit ſo einem Uriasbrief, weil das Auge ſich leichter verlocken laſſe als das Ohr. Du haſt recht, Lena, der Grund läßt ſich hören, erwiderte Charlotte, die nun feſt entſchloſſen war, nicht nur den Brief zu leſen, ſondern auch die treue Dienerin glauben zu machen, daß ſie ihn nicht leſen werde. Ich will den Brief nicht öffnen, wer weiß zudem, welche häßliche Redensarten darin ſtehen, aber aufbewahren müſſen wir ihn ſchon aus Klugheit, damit wir im Nothfall ein Zeugniß gegen den fremden Menſchen in der Hand haben, wenn er es wagen ſollte, uns noch weiter zu beläſtigen. Und hörſt du, Lena, wenn dir meine Liebe werth iſt— nimmſt du mir niemals wieder einen Brief von einem Unbekannten an! O Himmel, wenn das die Mutter er⸗ führe! Darum mache, daß kein Menſch im Hauſe Etwas davon merkt — wir ſtecken auch ſchon zu lange heimlich die Köpfe zuſammen— geh' fort, ſie möchten ſonſt Unten Wunder denken, was wir Oben Wichtiges zu verhandeln hätten— nimm ein heiteres Ausſehen an, — ich komme gleich nach. Sie drängte bei dieſen Worten die Alte, die trotz ihrer Verſtö⸗ rung mehr an ihr geliebtes Fräulein als an ſich ſelber dachte, mit Ungeduld nach der Thüre, und kaum hatte Lena das Zimmer ver⸗ laſſen, ſo rieß Charlotte mit zitternder Haſt das Siegel von dem Brief, preßte ihn nach einem Moment in ſtummem Gebet an's hoch⸗ klopfende Herz und entfaltete dann das Blatt, das über ihr Leben entſcheiden ſollte. —„Max von Sylburg“ lautete die Unterſchrift. 20. In dem graäflich Lindenkron'ſchen Hauſe am Schaarmarkt, das wir bereits flüchtig beſchrieben haben, herrſchte in den letzten Tagen m von kehr in unſrer In dem npfing, in lin⸗ beſſere ſieht freund⸗ n fern Arthur m wir einen Frau. n dem keine krufen 3 mehr nahm, freier noch eine hend, nklen 3 “ verſchloſſenen Fenſterläden thaten ſich auf und Handwerker gingen beſtändig aus und ein, um die ſo lange unbewohnt geweſenen Räume wieder in wohnlichen Zuſtand zu ſetzen. Der alte gräfliche Haus⸗ meiſter, der ſeit dem Tode ſeines Gebieters als einziger Bewohner in dem großen vereinſamten Hauſe zurückgeblieben war, hatte von früh bis ſpät mit Anordnungen aller Art zu thun, und bald wußte es die ganze Nachbarſchaft im„Hohlen Weg“, daß die junge ver⸗ wittwete Gräfin Ulrike zur Stadt zurückkehren werde, um nach Ab⸗ lauf des auf ihrem Gute im Holſteiniſchen verlebten Trauerjahres wieder ihre Wohnung in Hamburg zu beziehen. Die Nachricht hier⸗ von erregte beſonders bei dem ärmeren Theile der Anwohner große Freude, denn der Gräfin Wohlthätigkeitsſinn lebte noch in Aller Er⸗ innerung; aber nicht minder freuten ſich auch Handwerker und kleine Geſchäftsleute, die mit dem Aufhören des großen prunkvollen Haus⸗ halts einen ſehr fühlbaren Ausfall in ihrem Verdienſt erlitten hatten, über die Rückkehr ihrer ſchönen, reichen Gönnerin. Endlich, am letzten Tage des Jahres, rollten mehre ſchwer⸗ bepackte Reiſewagen durch das gewölbte Thor; die Gräfin, noch in tiefe Trauer gekleidet, reichte freundlich dem alten Hausmeiſter, der ihr aus dem Wagen half, die Hand, hieß ihn ſogleich ein namhaftes Geldgeſchenk unter die armen Leute vertheilen, welche die Rückkunft ihrer Wohlthäterin an den Thorgang gelockt hatte, und begab ſich dann, während die Dienerſchaft unter Aufſicht des Jägers mit dem Abpacken der Koffer beſchäftigt war, mit ihren beiden Knaben von drei und vier Jahren und ihrer Geſellſchafterin in die zu ihrem Em⸗ pfang eingerichteten Gemächer. Erſchöpft von der Reiſe und dem Eindruck, den die Rückkehr in die wohlbekannten Räume ihrer Vergangenheit auf ſie gemacht hatte, warf ſie ſich in ihren Reiſekleidern ſtumm in einen Seſſel am Kamine und überließ ſich ſchmerzbewegt den wehmüthigen Betrach⸗ tungen, welche der Gegenſatz von Jetzt und Sonſt in ihr her⸗ vorrief. Erſchüttert zuckte ſie zuſammen, als der dreijährige Walde⸗ mar ſich ungeduldig an ſie drängte und fragte, wo der Papa ſei? Krampfhaft drückte ſie den holden Knaben an ihr Herz, winkte der des alten Jahres eine ungewöhnliche Bewegung und Rührigkeit, die — 177 Wärterin, die Kinder wegzuführen und rief, in einen Strom von 3 — Thränen ausbrechend: Hab' ich dir's nicht geſagt, Frances, daß mich die Rückkehr in dieſes Haus heftiger alteriren würde als Alles, was ich ſeit unſrer Entfernung erduldet habe? Ach, der Menſch ſollte niemals von dem Orte ſcheiden, wo er den letzten Sterbeblick ſeines Glückes empfing, wo gleichſam jeder Gegenſtand ſeinen Schmerz theilt und ihn lin⸗ dert, weil er uns doch auch zugleich wieder die Erinnerung an beſſere Zeiten wach ruft. Jetzt dagegen, nach ſo langer Trennung, ſieht mich Alles hier ſo fremd und ausgeſtorben an, ich habe die freund⸗ lichen Penaten gekränkt als ich ihnen den Rücken zukehrte, um fern von ihnen in unbekannter Umgebung der Trauer um meinen Arthur nachzuweinen; o meine Liebe, hilf mir doch erklären, warum wir eigentlich von hier wegzogen? Frances nahte der trauernden Gräfin, ſetzte ſich auf einen Schemel zu ihren Füßen nieder und erwiderte tröſtend: — Es war aber doch beſſer ſo, glauben Sie's mir, gnädige Frau. Nicht der Erinnerung an ſchönere Zeiten entflohen wir, ſondern dem ſchrecklichen Moment, da Alles in dieſem Hauſe uns ſagte, daß keine Thränen und keine Gebete Ihnen den theuren Gemahl zurückrufen könnten! Da gereichte es Ihnen allerdings zum Troſte, nichts mehr von Alledem zu ſehen, was Ihnen dieſen ſchrecklichen Moment auch äußerlich beſtändig vergegenwärtigen mußte; der Schmerz gehörte allein der Seele an, die ihn ja ganz und ungetheilt mit ſich nahm, und dann— ſoll ich Sie noch daran erinnern, daß Sie ſelber freier aufathmeten, als wir Hamburg hinter uns hatten, weil Sie hier noch mehr als eine furchtbare Prüfung zu beſtehen gehabt hätten? Ulrike fuhr bei dieſer Bemerkung erſchrocken in die Höhe, eine Todtenbläſſe bedeckte ihr Antlitz, die Thräne, nach eben ſo glühend, ſchien plötzlich in ihrem Auge zu erſtarren, und von einer dunklen Angſt durchſchauert, rief ſie: Woran mahnſt du mich, Frances? Meinſt du jenen Elenden, der noch tauſendmal verworfener iſt als es ſeine ſchwarze Seele, zum Glück für die Menſchheit, ausführen kann? Ha! Welche ſchreckliche Erinnerung rufſt du in mir wach! Nun weiß ich, warum mir ſo tief vor Hamburg, vor dieſem Hauſe graute— denn die friedliche D. B. II. Müller's Charl. Ackermann. 12 des verſe beſtä wied meiſt in d früh es d wittn lauf wiede von Freu inner Geſch halts über — 178— Todtengruft meines Arthur's hatte keinen Schrecken für mich; Gott⸗ lob! Der Engel der Verſöhnung ſchützt ja ihren ſtillen Frieden und der edle Mann durfte noch in ſeiner letzten Stunde mit dem vom Tode erhellten Blick den ſchändlichen Verräther erkennen, den er ſo lange für ſeinen wahren Freund gehalten hatte. Himmel, Frances! Was wäre aus mir geworden, wenn Arthur mit dieſem Verdacht gegen mich aus dem Leben geſchieden wäre! Sein Tod hätte auch mich vernichtet, und die hölliſche Rache, auf die es jener Sylburg abgeſehen, triumphirte jetzt wie ein ewiger Hohn gegen Alles, was heilig und treu in der Menſchenbruſt lebt! Beruhigen Sie ſich, gnädige Frau, ſagte Frances, welche die Gräfin lange nicht in dieſer heftigen Aufregung geſehen hatte. Jener Menſch verdient nicht, daß Sie noch an ihn denken, geſchweige ſich ſeinetwegen ängſtigen. O, er ſollte es nur wagen— Wagen? rief Ulrike und ihre Züge nahmen plötzlich einen ſtolzen entſchloſſenen Ausdruck an. Was ſollte er noch wagen können? Sein Spiel iſt ausgeſpielt, und wie ich ihn kenne, wird er ſich hüten, mir noch einmal unter die Augen zu treten. Solche Menſchen ſind von dem Moment an feig und ohnmächtig, wo ſie wiſſen, daß man ſie in⸗ und auswendig kennt. Wagen? Ha! Ha! Das Wort macht mich lachen! In dieſem Augenblick ertönte aus einem der anſtoßenden Zimmer der Klang einer Uhr, welche in langſamen Schlägen die neunte Abendſtunde anzeigte. Die Gräfin ſchreckte leiſe zuſammen, bezwang jedoch ſchnell ihre innere Bewegung und ſagte, als der letzte Klang verhallt war, in ruhigem Tone: Neun Uhr! Das war dieſelbe Stunde, in welcher Arthur ſtarb, und mit dem letzten Schlage hauchte er auch ſeinen letzten Seufzer aus. Wie doch ein ſolcher Ton in unſrer Seele forthallt! Ich glaube, mein Ohr würde dieſe Uhr unter Tauſenden herausfinden, ſo un⸗ vergeßlich iſt mir ihr Klang. Frances, von Natur abergläubiſch, graute vor dieſer plötzlichen Mahnung an eine alte Unglücksſtunde in einem Moment, da die Rückerinnerung daran auch ohne dieſes äußere Zeichen ſie und ihre Gebieterin ſchon lebhaft genug beſchäftigte. Der Ton dieſer ehernen Zunge, der ſie vielleicht zu einer andern Zeit kaum berührt hätte, — 179— dünkte ihr von keiner guten Vorbedeutung, obwohl ſie ſich von ihrer Angſt keine Rechenſchaft geben konnte. Ulrike erhob ſich nach einer Pauſe aus dem Seſſel, legte ſchwei⸗ gend den Mantel ab und ließ dann den alten Ingbert, ihren Haus⸗ meiſter, zu ſich beſcheiden. 2 Ihr habt Alles gut beſtellt während meiner Abweſenheit, treuer Freund, redete ſie den Greis mit gütigem Tone an. Schon jetzt fühl' ich mich wieder heimiſch und denke, daß ich mich bald vollſtän⸗ dig bei Euch eingelebt haben werde. Sie erkundigte ſich dann bei ihm nach Verſchiedenem, was die neue Hauseinrichtung anbetraf, fragte nach Dieſem und Jenem, was ſich während ihrer Abweſenheit zugetragen, und Ingbert gab ihr auf alle Fragen getreulich Auskunft. Erſt als ſie der einzelnen früheren Hausfreunde erwähnte und von ihm erfahren wollte, ob man ſich auch zuweilen nach ihr erkundigt habe, ſchien es der Gräfin, als verlaſſe ihn ſeine ſeitherige Unbefangenheit, er ſtotterte verlegen einige be⸗ kannte Namen und wollte nicht mit der Sprache heraus, was Ulriken auffiel. Sie drang daher in ihn, ihr offen zu ſagen, was er auf dem Herzen habe und fügte ſcherzend hinzu: Erinnert Euch doch, Alter, daß ich von jeher neugierig war! Beſonders die Leute, die zu uns in's Haus kamen, mochte ich gerne auch in ihrem Thun und Treiben außerhalb unſeres Geſellſchafts⸗ kreiſes kennen lernen; nun ich gar länger als anderthalb Jahre von Hamburg fortgeweſen bin, habt Ihr gewiß viel Neues gehört, viel⸗ leicht ſelbſt Manches, was mich ſelber angeht. Der ehrliche Ingbert kam durch die letzten Worte ſeiner Gebie⸗ terin vollends aus der Faſſung und bat ſie faſt in flehendem Tone, nur heute nicht weiter in ihn zu dringen, heute, wo er ſo freudigen Herzens voll ſei über die glückliche Rückkehr der geliebten Herrin. Das, was er ihr ſagen wolle und ſagen müſſe, tauge ſchlecht zu einem fröhlichen Willkomm und er habe heute nicht den Muth, ihr dieſe ſchmerzliche Empfindung zu bereiten. Mein Gott, Ingbert, welche ſeltſame Reden führt Er da! rief Ulrike betroffen. Was ſollte Uebels geſchehen ſein, was ich heute nicht eben ſo gut wie morgen oder übermorgen anhören könnte! Ich finde mein Beſitzthum in gutem Zuſtand, nähere Freunde, deren 12* —— Schickſal mich tiefer berühren könnte, habe ich nicht in dieſer Stadt; Alles, was mir nach dem Tode meines Gemahls gehört und meinem Herzen nahe ſteht, iſt wohl— ſo ſagt's denn offen heraus, Ing⸗ bert, denn ich will es haben und befehle Euch, daß Ihr mir Nichts verheimlicht. Der Alte ſah ſie auf dieſen faſt in herriſchem Tone ausgeſpro⸗ chenen Befehl mit einem ſcheuen und doch zugleich mitleidigen Blicke an und verſetzte niedergeſchlagen: Ach, meine liebe gnädige Frau! Muß es denn grade geſtorben und verdorben heißen, wenn uns etwas Schmerzliches begegnen ſoll? Gibt's nicht auch falſche, grundſchlechte Menſchen in der Welt, welche die reinſte Tugend, die lauterſte Treue und Unſchuld verdächtigen möchten und die ſchändlichſten Dinge gegen ſie ausſagen? So ver⸗ zeihen Sie ſich's denn ſelber, wenn ich Ihnen Dasjenige ſage, was mir ſelber mehr Kummer und Herzeleid verurſacht, als ich noch in meinen alten Tagen und nach dem Tode meines geliebten Herrn zu erleben gedachte. Ja, gnädige Frau, Sie ſind der Gegenſtand der abſcheulichſten Nachreden geweſen, daß Sie zu Lebzeiten des hochſeligen Herrn Grafen mit dem Baron Sylburg ein Liebesverhältniß gehabt und daß der Baron, dem man ſchon jede Schlechtigkeit zutraut, nicht nur ſeinen Freund, den Herrn Grafen, ſondern auch Sie ſelbſt verrathen habe, und was der gottverfluchten und abgeſchmackten Re⸗ densarten mehr ſind! Das habe ich mit meinen eignen Ohren hören müſſen, zum Schimpf und Schande der erbärmlichen Menſchen, die in dem einen Augenblick alle dieſe Affenmährchen eifrig nacherzählten und im andern eine ehrliche Miene annahmen, die Hände zuſammen⸗ ſchlugen und ſprachen, ſo was ſei eine abſcheuliche Lüge und wer einer Frau wie Ihnen dergleichen nachſage, verdiene den Staupbeſen auf offenem Markte. Ulrike hatte die Erzählung ihres Hausmeiſters ohne eine Miene zu verändern, ruhig angehört; nur bei ſeinen letzten Worten knickte ihre hohe Geſtalt ein wenig zuſammen, einen Moment ſtarrte ſie den alten Mann wie verwundert an, als könne ſie den Sinn ſeiner Worte nicht recht faſſen, worauf ſie ſich wieder feſt und ſicher empor⸗ richtete und ruhig zu ihm ſagte:— Es iſt gut, Ingbert. Die Menſchen, die Euch geärgert haben, 41 1 4 — 181— ſind im Grunde lange nicht ſo ſchlecht wie ihre Zungen und wir 8 werden darum ſchon Nachſicht mit ihnen haben müſſen. Was aber den Baron betrifft, der hat freilich klug daran gethan, Hamburg zu verlaſſen und ſich ſo dem öffentlichen Urtheil zu entziehen. Den Herrn von Sylburg meinen Sie? entgegnete Ingbert. Ei, der iſt ja ſchon den ganzen Winter über in Hamburg und noch geſtern Mittag ſah ich ihn zum Altonaer Thor herein reiten. Der Major hier? ſtammelte Ulrike wie vom Donner gerührt und zitterte heftig. Ha, Frances, haſt du gehört, was Ingbert eben ſagte? Jene blickte die Gräfin, die kaum ihre Beſtürzung bemeiſtern konnte, verwundert an und erwiderte: Wie kann Sie Das ſo ſehr überraſchen, gnädige Frau? Und was iſt denn im Grunde daran gelegen, wo der Herr von Sylburg ſich aufhält? 8 Du haſt recht, ſprach Ulrike und ſuchte ſich zu faſſen. Ich weiß auch wirklich nicht, warum mich dieſe Nachricht erſchreckte. Die Reiſe hat wohl meine Nerven ſehr angegriffen und Ruhe thut mir darum noth. Geht, lieber Ingbert, und feiert einen fröhlichen Sylveſter. Morgen reden wir weiter und ich ſage Euch dann auch, wie ich mir unſer Leben für die Zukunft ausgedacht habe. Gute Nacht! Nachdem ſich der Alte entfernt hatte, ſank Ulrike erſchöpft auf den Sopha und barg ihr Geſicht in dem Lehnkiſſen. Lange redete ſie kein Wort und Frances, die ihr gegenüber ſaß, wagte nicht das trübe Schweigen zu unterbrechen. Die Uhr hatte ſchon lange Zehn geſchlagen, da richtete ſich endlich die Gräfin auf, und ſagte, indem ſie der Freundin die Hand über den Tiſch reichte, mit trübem Lächeln: Der Menſch bleibt doch immer ein Kind, ſeinem Schickſal ge⸗ genüber, und in welcher neuen Geſtalt ihm dieſes auch entgegentritt, ſtets findet es ihn doch in ſeiner alten Schwäche wieder. So lange ich dieſen Sylburg kenne, hatte er für mich eine unheimliche Bedeu⸗ tung und immer folgte ſeinem Schritte ein Unheil. Selbſt zu jener Zeit, da ich als unerfahrenes Mädchen in Kopenhagen ſeinen Hul⸗ digungen ein allzuſchnelles Gehör ſchenkte, fürchtete ich mich im Grunde mehr vor ihm als ich mir ſelber eingeſtehen mochte, und völlig unbekannt mit meinem eignen Herzen, hielt ich das ſcheue — 182— Gefühl, das er mir einflößte, für Liebe, während ich doch in ſeiner Gegenwart keinen freien Athemzug wagte. Ach, Frances, was iſt der Menſch für ein wunderliches Geſchöpf, daß er ſelbſt ſeine ge⸗ heimſte Empfindung, die Stimme ſeines innerſten Herzens mißver⸗ ſteht!— Ich bildete mir ein, dieſen Mann zu lieben, ſein glühender Ungeſtüm betäubte, ſeine heftige Leidenſchaft erſchütterte mich, und plötzlich, faſt ſchon ſeine ſichre Beute, lenkt es ein guter Himmel zu meinem Glücke, daß ich ihn noch rechtzeitig als den erkenne, der er iſt, als einen kalten egoiſtiſchen Menſchen ohne alle Grundſätze, ohne Glauben an Gott und Menſchheit, dem Nichts zu rein und heilig iſt, das er nicht ſeiner zügelloſen Sinnlichkeit opfert! Da erſt tagte es ſchrecklich in meiner Seele, ich ward irre an meinem innerſten Herzen und wollte vor Schmerz, Scham und Reue ver⸗ gehen, als ich den Mann, der mich faſt ſchon ſein eigen nannte, auf der niedrigſten Geſinnung ertappte. Meine ſeitherige Scheu vor ihm verwandelte ſich in die tiefſte Verachtung, und erſt jetzt, da ich den Abgrund erblickte, dem ich ahnungslos zugeeilt war, fand ich mich ſelbſt wieder und zugleich die Kraft, ihm zu widerſtehen und jede fernere Verbindung mit ihm abzubrechen. Und doch blieb er auch nach Ihrer Vermählung der Freund Ihres Gemahls! ſeufzte Frances kopfſchüttelnd. Du haſt den Grafen nicht ſo gekannt wie ich, ſonſt würde dir das weniger auffallend erſcheinen, entgegnete Ulrike. Arthur war bei all' ſeiner Herzensgüte ungemein eigenwillig, grade die Liebe ver⸗ mochte in gewiſſen Lebensverhältniſſen am Wenigſten über ſeine an⸗ deren Neigungen; Sylburg war ſein älteſter Jugendfreund, ich glaube, er hätte eher an ſich ſelbſt als an dieſem Menſchen gezweifelt, ſo furchtbar war die Macht, die der Verräther vermöge ſeiner wunder⸗ baren Verſtellungskunſt auf ihn ausübte, indem er ihn beſtändig am innerſten Herzen feſthielt und ihm jede noch ſo geheime Empfindung ablauſchte. Einigemal wagte ich, ihm die Augen über den Mann zu öffnen, der ſeiner Freundſchaft ſo wenig werth war, aber, o Himmel, wie bereute ich meine Kühnheit! Nicht daß mich der Graf darum weniger geliebt hätte; aber bald ward ich inne, daß Sylburg dadurch ſeinem Herzen um ſo näher rückte, als wenn die Ge⸗ fahr, ihn durch mich zu verlieren, Arthur angeſpornt hätte, ſich nur —— — 183— noch feſter an ihn zu ketten. Gegen mich beobachtete der Elende während der ganzen ſchrecklichen Zeit, da er faſt täglich in unſer Haus kam, eine Ruhe und Sicherheit des Benehmens, die mich oft⸗ mals aus der Faſſung brachte, bis denn endlich auch ſein Maaß voll war, als er meinen Gemahl ſo weit umgarnt glaubte, daß er ſein teufliſches Spiel ſchon gewonnen wähnte. Der todtkranke Graf hatte nur noch wenige Stunden zu leben, es galt, für mich und die Kinder einen Beſchützer und Vormund gerichtlich zu beſtellen— da wagte es Sylburg, ſeinen lang genährten Racheplan gegen mich in's Werk 3 4 zu ſetzen, dafür, daß ich mich einſt mit Abſcheu von ihm losgeriſſen hatte; du kennſt die Geſchichte mit dem unglücklichen Brief, den er blendung von mir im Beſitz hatte noch aus jener Zeit meiner Ver 4 und den er dem ſterbenden Grafen als Zeugniß meiner Schuld in die Hände ſpielte! Aber, Gottlob! der Pfeil war denn doch zu ſpitz, er flog weit vom Ziele weg und traf den ſchlechten Schützen- ſoweit dieſer überhaupt verwundbar war. Es iſt mir gewiß, fuhr die Gräfin nach einer Pauſe fort; der Baron hatte nichts Geringeres im Plane, als den ſterbenden Grafen zu bewegen, ihn zum Vormund der Kinder zu beſtellen, wodurch er mich und Alles was ich beſitze, in ſeine Gewalt bekommen hätte. O Frances! Was iſt alle Verleumdung und nichtswürdige Nachrede der Leute gegen dieſen einen ſchrecklichen Gedanken! Stelle dir vor, es wäre Sylburg gelungen, den Grafen gegen mich aufzubringen, und es wäre mir nicht geglückt, mich zu rechtfertigen! Was wäre mein Loos geweſen! Aber ein guter Himmel fügte es anders; denn auch ich hatte noch ſeine Briefe aus früherer Zeit in Händen, wäh⸗ rend er wähnte, daß ich ſie längſt vernichtet hätte. Nie vergeß' ich den Schrecken, als der Piſtolenſchuß fiel, ſagte Frances. Gleich darauf ſtürzte der Baron leichenblaß aus dem Sterbezimmer und wir haben ihn ſeitdem nicht wieder geſehen. An jene Stunde laß uns heute nicht denken, entgegnete Ulrike zuſammenſchaudernd. Hätte Arthur ihn getödtet— welche ſchreck⸗ liche Verwirrung würde dann erſt entſtanden ſein! Ja, gewiß, es war beſſer ſo, daß der Verräther nicht hier ſeinen Lohn empfing, nicht von der Hand eines Sterbenden. Auch ſo iſt er ja gerichtet! — —— Bruchſtücke aus Charlottens Briefen. „— Lange hab' ich dich nicht geſehen, meine Sophie. Müſſen denn die unſchuldigſten Schritte dieſes Lebens ſo viele Hinderniſſe erfahren? In dem Wirbel der Geſchäfte, bei dem Zwang der Ge⸗ wohnheit, unter der Aufſicht unzähliger neugieriger Augen, kommt nach langen Tagen eine Stunde, in der wir die Wonne unſrer Freundſchaft fühlen, unſere geheimen Freuden einander mittheilen, Freuden, die vor den Augen einer verwöhnten Welt lächerlich ſind, vor einer Welt, die ſich ihrer Empfindungen ſchämt und es ſelbſt bedenklich findet, eine gute That zu thun, wenn ſie nicht in ihrem Sinne iſt. Wir leben in dem Zirkel einer Mauer und dennoch ſind wir getrennt.— Mein Leben flattert dahin und ich wünſche bald aus einem Traume zu erwachen, um nie wieder zu träumen. Seit einiger Zeit ſehe ich Alles in einem traurigen Lichte, die Zeit der Kindheit iſt vorüber und ich werde frühzeitig nachdenkend. O ich befürchte, Sophie, meine künftigen Tage werden nicht ſo heiter ſein als die vergangenen! Meine Seele iſt kalt wie die Jahreszeit, aber ich werde zu dir kommen und du ſollſt mich tröſten. Wir haben wieder den Clavigo geſpielt; als ich da im Sarge lag, die geſtor⸗ bene Marie vorſtellte, todt, blaß, ohne Empfindung mich dachte, und dennoch das Geräuſch der Welt um mich her vernahm, o meine Sophie, ich kann dir nicht ſagen——“. 4 * 3** * „— Alles was man dir von dem Baron Ste und mir geſagt hat, gehört zu den Mährchen, deren man täglich ein neues haben muß. Du weißt, wie ſehr ich die Leckereien verabſcheue, welchen Per⸗ ſonen meines Berufes ſo ſehr ausgeſetzt ſind, und die im Stande wären, mir die Kunſt ſelbſt verhaßt zu machen. Muß man denn eine Schauſpielerin anſehen wie ein Tuch, daran jeder ſeine Hände trocknen kann, weil ſie ſich öffentlich unter ſo verſchiedenen Geſtalten zeigt, weil es ihre Beſchäftigung mit ſich bringt, den Augen einer lüſternen Verſammlung zu gefallen? Denn wie Wenige beſuchen uns — — ————9 185 4* mit dem Herzen! In dem Geſchwirre ſo vieler um uns her flattern⸗ der Gecken müſſen wir Manchen ertragen lernen, ob mir gleich Alles unausſtehlich iſt, was dieſer Beſchreibung ſich nähert. Schlimm genug, daß Einige unter uns zu dieſer Meinung Anlaß gegeben haben und es noch thun! Und dieſes Vorurtheil gegen unſern Stand hat mich manchmal ſo ſehr entrüſtet, daß mehr als Einer davon Beiſpiele er⸗ lebt hat. Du weißt, daß ich Gelegenheit hätte, das Theater mit Anſtand zu verlaſſen, wenn ich nur in einem jeden andern Stande glücklicher zu ſein hoffen könnte. Sophie! Alle Wege, die wir zu wandeln haben, ſind mit Dornen und Roſen beſtreut und mit den erſteren oft am Meiſten——“. ** *X „— Du biſt grauſam, Sophie, mich ſo mit dem Baron zu quälen. Wenn du mich liebeſt, ſo ſage mir nichts weiter mehr von ihm.— Sag' ihm, ich bitte dich, daß er mich meiden möge, um meiner Ruhe willen, mich nicht weiter verfolge——“. ** * „— Sophie, muß es nicht eine recht feindliche Welt ſein, wo Zwei 8 eine Straße wandeln können, ohne einander im Wege zu ſein, ſo breit und betreten ſie auch ſein mag? Ich habe Verdrieß⸗ lichkeiten gehabt, die mich von der Bühne verbannen möchten. Und dennoch, iſt es wohl etwas Anderes, das die Talente anſpornet, als dieſer neidiſche Ehrgeiz? Ich ſelbſt, die ich ſo mit dir rede, bin verſichert, daß es mich kränken würde, wenn eine kleine Belohnſang der Ehre mir die Mühe nicht verſüßte. Aber haſſen könnte ich doch Niemand, wenn er auch beſſer ſpielte als ich. Dieſes hat bisher meinen Geſchmack am Theater erhalten, und ich bin verſichert, daß die Welt ſo wie ſie nun einmal iſt, Theater und Romane haben muß, um Muſter zu haben ihnen nachzueifern, daß erdichtete Muſter dazu am Schicklichſten ſind, weil wirkliche Muſter mehr Neid als Nacheiferung erregen würden——“. ** * „— Ich habe einen entſetzlichen Schrecken gehabt, einen Brief von dem Baron Ser. Es iſt als ob ihn der Wind hergewehet hätte, — 186— — um urſerer Freundſchaft willen, Sophie, was ſoll ich thun? Seine Ausdrücke ſind ausſchweifend. Rathe mir, was ich ihm ant⸗ worten ſoll? O wie gerne wäre ich heute bei dir! Du biſt mir nie ſo unentbehrlich geweſen als jetzt.— Himmel! Was wird aus mir werden! Ich bin todt für alle Empfindungen, nur nicht für die Freundſchaft. Ich werde dir ſchreiben, du ſollſt mich nicht beſuchen; denn ich würde in Ohnmacht ſinken. Ich kann dich nicht ſehen, will dich nicht ſehen!——“ ** 2* „— Gewiß, er iſt leichtſinnig! Ich habe den feſten Vorſatz gefaßt, nichts weiter mit ihm zu ſchaffen zu haben. Ich will nicht einmal mehr mit ihm reden. Ich werde ſehen, welche Wirkung das auf ihn haben wird. Er ſoll erfahren, daß er mir gleichgültig iſt. Seine Abſichten mögen ſein, welche ſie wollen, ſo ſind ſie nicht die lauterſten. Er ſoll mich wenigſtens achten lernen, wenn er mich auch nicht lieben darf. Ich bedaure das Herz, das er hintergeht——“. ** 3 „— Seitdem ſich meine Empfindungen aus den Regungen der Kindheit entwickelten, habe ich eine Sehnſucht in mir verſßürt, die ihren Gegenſtand nicht kannte. Dieſe Sehnſucht wurde oft zu einer wahren Marter für mich. Ich fühlte beſtändig, daß mir Etwas fehlte und konnte doch den Grund meiner Wünſche nicht finden. Du würdeſt dich wundern, wenn die Sehnſucht eines jungen Mäd⸗ chens nichts mit der Liebe zu thun hätte. Erinnerſt du dich noch der Zeit, da wir den Grandiſon zuſammen laſen? Mit welcher Be⸗ gierde verſchlangen wir nicht Alles, was der gute Romanſchreiber uns vorlegte! Wir ſtimmten Beide darin überein, das ſei der rechte Mann, und wir waren faſt eiferſüchtig auf einander, wer ihn am Meiſten liebte. Später lernten wir einſehen, daß Grandiſon eine Copie ohne Original ſei. Die Empfindung dieſer Wahrheit war mir Anfangs ſchmerzlich. Ich mußte meine Gedanken herabſtimmen; aber unter den unzähligen Originalen, die ſich mir darſtellten, war keines, das meinem Ideale entſprochen hätte. Da waren Geſchöpfe, die Vollkommenheiten beſaßen und die dabei ſorgfältig bemüht waren, 187 ſie zu zeigen und jeden kleinen Fehler zu verſtecken; andere Geſchöpfe, die blos Vollkommenheiten affektirten; andere, die ſelbſt ihre Fehler zu zeigen ſuchten, und wie könnte ich all' die wunderlichen Fratzen in männlicher Geſtalt beſchreiben! Bei Allen bildete ſich in mir Et⸗ was zur Idee, deren Wirklichkeit ich faſt zu beſitzen glaubte. Der⸗ jenige, den ich mir ausmalte, beſaß Vollkommenheiten und Fehler, die ihn liebenswürdig machten. So wenig er ſich beſtrebte, ſeine Vollkommenheiten zu zeigen, ebenſo wenig war er beſorgt, ſeine Fehler zu verbergen. Eine ſüße Einbildung mußte dieſem Weſen Geſtalt und Bildung geben, die begleitete mich wo ich war. Ich unterhielt mich mit ihr und es waren ſüße Stunden, die ich dieſen Fantaſieen widmete. Oft war dieſes Bild das Traumgeſicht deiner Charlotte. Wenn ſie dann erwachte und es vermißte, es nie zu finden glaubte, floß eine geheime Zähre aus ihrem Auge—— Sophie! Sophie! Dieſes Bild iſt das Bild des Barons Str!—“ ** * „— Ich darf in der Emilia Galotti nicht oft ſpielen, ſo ge⸗ waltſam wirkt dieſes Stück auf meine Empfindungen. Unter hundert Rollen bekomme ich kaum eine, worin ich ſo wenig Schauſpielerin zu ſein nöthig habe. Du weißt, daß ich die Emilia neulich ſpielte. Ich bin noch heute ſchwach davon. Ich habe ihren Gram gefühlt, wie ſie ihren Vater reizt, ſie zu tödten; ich habe den Dolchſtich ge⸗ fühlt, wie er nicht ſchmerzt, wie er Labſal in meinem bedrängten Herzen war. Wenn ich nun manchmal bedachte, wie Wenige der Zuſchauer Dasjenige empfinden können, was ich empfand, dann weckte mich das Händeklatſchen aus der tiefen Fantaſie und ich war wieder zur Schauſpielerin geworden. Sophie! Wenn ich die ſchiefen Ur⸗ theile vernenme, die über dieſes Stück, gefällt werden, ſo muß ich bekennen, daß die Leute, die nicht ſo empfinden können, auch nicht anders urtheilen können. Sie ſchreien wider den Odoardo, daß er ſeine Tochter ermordet. Sollte Odoardo nicht ebenſo handeln, als einſt der Vater Virginia's, weil er einige hundert Jahre ſpäter lebt als dieſer und doch ebenſo empfindet? Sie vergeſſen, daß wir nicht Herr und Meiſter unſerer Empfindungen ſind, und daß man ebenſo⸗ wohl ſagen könne: Ich habe ein Bedürfniß zu tödten, als: Ich habe ein Bedürfniß zu leben. Freilich gibt es Empfindungen, die verab⸗ ſcheuungswürdig ſind, und andere, die unſer volles Mitleid verdienen. Ein Vater, wie Odoardo, der ſeine Tochter tödtet, um ſie vor der Schande zu retten, und ein Menſch, der einen Andern ermordet, um ihn zu berauben, ſind gewiß zwei ſehr verſchiedene Charaktere. Eben dieſes ließe ſich auch vom Selbſtmorde ſagen, der gewiß nicht anders als durch gewaltſame Empfindungen eingegeben werden kann. Man nenne ihn Wahnſinn, oder wie man will. Die Empfindungen ſetzen der Vernunft ihre Grenzen und ſind fähig, ſie gänzlich zu unterdrücken. Der Mann hatte recht, der, als ihm die Piſtole drei⸗ mal vor dem Kopf verſagte, ſie gelaſſen hinlegte und ſprach: Sie iſt klüger als ich. Aber man ſoll Gott nicht vorgreifen, ſpricht man. Sophie, welch ein ſtolzer Gedanke, daß man Gott vorgreifen könnte! Er, der Herr unſrer Natur, der uns nach ſeinem unerforſch⸗ lichen Endzweck ſo und nicht anders erſchuf, der durch verborgene Wege unſere Schritte leitet, der jedem Ding ſeine Urſache gegeben hat, und ohne deſſen Willen kein Sperling vom Dache fällt, Dem ſollte von uns ſchwachen Menſchen vorgegriffen werden können? Ich denke, daß der Menſch immer eines natürlichen Todes ſtirbt, Gott mag ihn nun an der Apoplexie oder am Selbſtmorde ſterben laſſen. Sophie, dieſe milden Gedanken ſollen die meinigen ſein trotz allen denen, die zu ſtolz auf die Menſchheit, durch ihre kalte Weisheit der Natur ihre Rechte nehmen wollen. Die Urſache liegt ebenſowohl in ihren Empfindungen, und ſie mögen die ihrigen behalten. Ich aber will mein Auge der Thräne des Mitleids nicht verſchließen, ſie möge nun geweint ſein bei der Urne der Hirtin, die auch einſt in Arka⸗ dien war, oder bei dem Anblicke der beiden Verliebten, welche man todt am Grabe des Minos gefunden hat.——“ ** * „— Eine Schauſpielerin hat ſich ſo ſehr an die Theaterſprache gewöhnt, daß ſie dieſe gar zu oft, ja auch dann braucht, wenn ſie mit ihrer Freundin ſchriftlich redet. Aber wie wehe thut es mir, wie grauſam quält es mich, meiner Freundin dadurch Leiden gemacht zu haben! Es iſt wahr, wenn ich die Galotti ſpiele, iſt mir der Tod ſüß, und ſelbſt der Tod des jungen Werther ſcheint mir zuläſſig, 1* — 189— ob ich ihn gleich nach meiner Vernunft verachte. War Odoardo wohl ganz Vater, da er den Dolch ſeiner edlen geliebten Tochter in's Herz drückte? Nein, er war ein Ungeheuer, ein Barbar! Waren 1 denn ſonſt keine Wege mehr übrig, ſein geliebtes Kind zu retten? Ich weiß nicht, warum man die Thorheiten der Spanier und anderer„ 4 Nationen auf's deutſche Theater bringt. Haben denn die Deutſchen 1 nicht ſelbſt Thorheiten genug, daß man ihnen noch fremde aufdringen muß? Ein empfindſames Herz leidet bei ſolchen raſenden Vorſtel⸗ lungen zu viel, und ich glaube, jeder gefühlvolle Zuſchauer wird dadurch hingeriſſen. Aber dem Himmel ſei Dank, Sophie! Deine Charlotte ermannet ſich und deine Philoſophie heilt ſie vollends. Iſt der Menſch ſo hoch geadelt, daß er durch ſeine Macht, die er über ſeine Leidenſchaften hat, über andere Kreaturen erhaben iſt, ſo muß auch unſer Leben dem Schöpfer höchſt angenehm ſein. Du haſt recht, wenn du behaupteſt, daß dieſes Leben nur Laſterhafte nicht zu ſchätzen 4 3 wiſſen. Ich ſchrieb vom Bedürfniß, welches man hat, ſich zu tödten. Entſteht dieſes Bedürfniß aber nicht aus der Leidenſchaft? Gewiß⸗ liebe Sophie, du mußt eine Schauſpielerin jederzeit anders anſehen, wie andere Menſchen. Wir ſind gar zu oft im Affekt, in einer Art von Enthuſiasmus, mit dem wir ja auch unſre Rollen ſpielen müſſen. Ich halte immer dafür, daß Werther, welcher eben nicht laſterhaft war, die Rolle eines verkehrten Philoſophen mehr als die eines ver⸗ 5 zweifelten Liebhabers geſpielt habe. Und iſt es nicht wahr, daß ihn eben dieſes bei ſeinem Ende zu einem Laſterhaften machte? Der Ver⸗ faſſer ſeines Lebens hat nur Alles in ſeiner reizenden Schreibart ſo angenehm geſchildert, daß viele die Luſt ankommt, ihn nachzuahmen. 4 O Sophie, wozu kann uns nicht ein ſolcher Zauberer mit ſeiner 4 Ueberredungskunſt verleiten! Doch glaube ich nicht, daß der junge Goethe an ſich ſelbſt je den Verſuch machen wird; denn ihm iſt ſein Le⸗ ben in den Armen einer Schönen noch gar zu ſüß. Aber wie ſoll man einen Selbſtmörder eigentlich nennen? Einen der ärgſten Diebe? Doch nein, dieſer Ausdruck iſt noch zu gering. Es iſt abſcheulich, Gott ein Kleinod zu rauben, welches er uns nur geliehen hat! 4 Meine Hände zittern. Ach könnte ich jenen enthuſiaſtiſchen Brief an dich wieder zurücknehmen! Ach, daß er nie geſchrieben worden wäre! Doch die Antwort war mir ja nöthig von einer 190 Freundin, die mich liebet, die meine andere Seele iſt. O dieſe Seele, dieſes arme Herz iſt gar zu ſehr verwundet, es wird, es iſt zerriſſen! Ach, wenn du es wieder heilen könnteſt! Doch was wünſche ich! Die Wunden von ihm ſind mir ja noch angenehm! Meine Seele iſt voll, voll von ihm!“ 22. Die Stimmung, welche ſich in dieſen Brieffragmenten aus⸗ ſpricht, wird uns die innere Gemüthslage Charlottens zu jener Zeit deutlich genug ausdrücken und es bedarf kaum eines weitern Com⸗ mentars zu denſelben. Wir leſen darin die ganze leidvolle Geſchichte eines jungen Herzens, das faſt zu tief für den Gegenſtand, der ihm große und ſchwärmeriſche Liebe einflößt, in bangem Zweifel ſich abmüht, um ihn, für den es ſo ungeſtüm ſchlägt, in derſelben reinen „ und unſchuldvollen Geſtalt zu erblicken, wie die Empfindung iſt, die er in ihm erweckt hat. Als wenn ein guter Engel ihr beſtändig, um ſie zu warnen und zu retten, in den Schneichellaut der Liebe die prophetiſche Stimme ihres unglücklichen Irrthums miſche, nicht anders erſcheint uns dieſer innere Kampf zwiſchen der Furcht ge⸗ täuſchter und der Hoffnung beglückter Liebe. Sie fühlt, daß ſie träumt, und wünſcht zu erwachen, um nie wieder zu träumen; jetzt will ſie ſich aufraffen, um dieſer unglückſeligen Leidenſchaft zu wider⸗ ſtehen und ſchon im nächſten Augenblick erfaßt ſie dieſelbe mit ver⸗ doppelter Gewalt und ſie fühlt es aus dem Schmerze Emilia Ga⸗ lotti's heraus, wie ſelbſt der Dolchſtich Labſal ihrem bedrängten Her⸗ zen wäre. So gaukeln helle und dunkle Träume beſtändig vor ihrer Seelle und laſſen ſie zu keiner klaren Betrachtung über ihre Ge⸗ müthslage kommen; ja ſogar der Selbſtmord erſcheint ihr keineswegs ſchreckhaft und verabſcheuungswürdig und ſie philoſophirt über Goethe's Werther mit jener Reſignation, die ſich lächelnd am Vorgefühle von Schmerzen ergötzt, welche ja doch einmal nicht ausbleiben können. In dieſem faſt von Anfang an klar und ſicher empfundenen Vorge⸗ 3 fühl, daß dieſe Liebe für ſie zum Verhängniß werden könne, liegt — — 191.— dünkt uns, die einfache pſychologiſche Löſung dieſes ſo wunderbar aus hoher idealer Begeiſterung und arger Selbſttäuſchung gemiſchten Seelengeheimniſſes. Charlotte greift gleichſam ihrem tragiſchen Schick⸗ ſal voraus und berauſcht oder betäubt ſich unter den Roſendüften ihres jungen Liebesfrühlings mit Todesahnungen, weil ſie's jetzt ſchon em⸗ 8 findet, daß dieſe Roſen nur blühen, um dereinſt in ihr das ſchönſte Opfer getäuſchter Liebe zu ſchmücken.— 2 Wir nehmen nach dieſem den Faden unſrer Erzählung wieder auf, den wir durch die Mittheilung obiger Brieffragmente unter⸗ brechen zu müſſen glaubten, um uns in ihren eignen Worten die Situation zu vergegenwärtigen, in welche Charlotte durch den Brief Sylburg's verſetzt wurde, der ſie, wir werden dies bald ſehen, nach mehr als einer Seite hin unentrinnbar an den Mann feſſeln ſollte, von dem ſie ſich jüngſt erſt für immer befreit wähnte. Den Inhalt des Briefes, den der Major an Charlotten ſchrieb, brauchen wir nicht näher anzugeben. Er athmete die glühendſte Liebe, und ſein Ton war ſo leidenſchaftlich ſtolz und doch wieder ſo weich erregt, wie der Menſch, deſſen heftig ſanguiniſche Gemüthsart ihn diktirt hatte. Sylburg beſchwor ſie am Schluſſe mehr gebietend als flehend, ihm, und ſei's auch zwiſchen Himmel und Hölle, eine Zuſammenkunft zu gewähren, um aus ihrem Munde die Entſchei⸗ dung über ſein Schickſal zu empfangen, weil es ja, ſo ſchloß der Brief, für ihn fortan nur eine Wahl gebe, entweder in Charlot⸗ tens Beſitz vielbeneidet zu leben, oder ohne ſie neidlos zu ſterben. Charlotte empfand, da ſie dieſe Zeilen zum Erſtenmal mit irrendem Auge überflog, in ihrer Beſtürzung keinen andern Eindruck als den des Zornes und der gekränkten Chre, und ihr ganzer Stolz empörte ſich gegen eine Sprache, die ſo offen und entſchloſſen Wahr⸗ heiten bekannte, Gefühle ausdrückte und herriſch forderte, für die ſie bisher nur den geheimnißvollen Zauberton der Poeſie in ſeinen rein⸗ ſten Accorden gekannt hatte. Sie mußte lachen über den ihr ſo fremd⸗ artigen faſt trotzigen Styl eines Briefes, der ihr an einigen Stellen viel eher wie eine militäriſche Ordre vorkam, als wie eine Liebes⸗ erklärung voll ſchwärmeriſcher Empfindung und zartgewählten Aus⸗ druckes. Aber gerade Dasjenige, was ſie beim erſten Leſen ſo verletzend — 192— berührt hatte, wurde ihr, je länger ſie die feſten ſchönen Schriftzüge anblickte, immer weniger unverſtändlich, und zuletzt mußte ſie ſich eingeſtehen, daß dieſer Brief in keiner Sylbe den Charakter und das Weſen des Barons verleugnete, vielmehr deſſen innerſter Ge⸗ fühls⸗ und Denkweiſe vollkommen entſprach. Kaum war ſie hierüber mit ſich im Klaren, als auch ſchon der Brief eine ganz andere Wir⸗ kung auf ſie machte und die Sprache der glühenden Leidenſchaft ihr die Flammen in's Geſicht, die Glut derſelben Empfindung in's be⸗ bende Herz jagte. Jetzt erſt hatte ſie den rechten Blick für dieſen Brief gefunden, jetzt erſt ſtand der Mann, der ihn geſchrieben, wie⸗ der in ſeiner ſtolzen und doch ſo milden Erſcheinung, in ſeiner ganzen unwiderſtehlichen Zauberkraft vor ihr, und jedes ſeiner Worte ward für ſie zum ſchmeichelnden Echo deſſen, was ſie ſelber in innerſter Seele lange zuvor empfunden, für ihn empfunden hatte. Wie hätte er ihr auch anders ſchreiben ſollen, ohne ihr ſein ſchönſtes Gefühl zu verleugnen? Was bedurfte es für ihn der überſchwenglichen Liebes⸗ betheuerungen, der poetiſchen Blumenſprache, um ihr zu ſagen, daß er bezwungen ſei, daß ſein Glück einzig bei ihr ſtehe? Er flehte wie ein Gebieter und herrſchte wie ein Bittender, und bald fand ſie kein einziges Wort mehr in dem ganzen Brief, das nicht zu dem reizen⸗ den Bild paßte, wie ſie ſich's von dem Ideal ihrer Liebe ſo oft entworfen hatte; ſelbſt der ſiegesgewiſſe Ton, der ihr vorhin faſt rauh vorgekommen, wie weich und bezwingend ſchlug er nicht an ihr Herz, wenn ſie ſich ſeine Stimme, ſeinen ſinnend ernſten Blick dazu dachte!—„Sie lieben mich,“ ſchrieb der Baron;„das allein gibt mir das Recht und den Muth, keine Macht der Erde, ſelbſt Sie nicht, Charlotte, ferner zu fürchten. Und wenn Sie mir heute auch wieder entrinnen wollten, ich wäre im Stande, mir vor Ihren Augen eine Kugel durch den Kopf zu jagen, um Sie zu ſtrafen für den Verrath, den Sie— nicht an mir, denn wie verdiene ich Ihre Liebe!— nein, den Sie an Ihrem eignen edlen Herzen verüben würden.“ Bald weinte Charlotte, über den wilden und doch ſo ſanften Brief niedergebückt, Thränen der Rührung und der Erſchütterung; ſie ſchwelgte in dem Gefühl, von dieſem Manne geliebt zu werden, und zitterte doch auch wieder vor dem Gedanken, ihm angehören zu — 193 ſollen, ihm, der ſie ſchon jetzt, da ſie noch ihr Schickſal in der Hand hatte, ſo völlig beherrſchte! Und welchen Kampf, welche Verwirrung bereitete dieſe Liebe ihrem ſonſt ſo friedlichen Daſein! Wie ſollte ſie's den Menſchen, die ihn nicht kannten, die ihn vielleicht gar haßten, klar machen, was ſie mit ſo mächtiger Gewalt gerade in dieſes Mannes Arme zog? Aber je öfter ſie Sylburg's Brief überlas, um ſo mehr ſchwand die Sorge aus ihrem Herzen; ſeine Zuverſicht, ſein ruhig ſicherer Ton ſtärkten auch ſie und die Betrachtung, daß ſich mit einem ſolchen Manne ſchon ein oder der andere Wetterſturm des Lebens beſtehen laſſe, gab ihr den freudigen Muth zurück, ſo daß ſie bald nur noch daran dachte, was ſie ihm antworten ſolle. Es bedarf nur des Funkens, und in einem liebegeweihten Ge⸗ müthe entzünden ſich ſofort alle Flammen des Heroismus und der opferbereiten Entſchloſſenheit. Ja, der Kampf mit der Welt um ein Hohes und Heiliges wird dann zugleich die kühlende Flut, in die das lechzende Herz mit Entzücken ſich taucht, um in der Feuerprobe ſeiner Liebe zugleich die Erquickung ſeiner Schmerzen zu ſuchen. Charlotte lechzte im Grunde, trotz der Furcht vor ihren Ange⸗ börigen, nach dieſem Kampfe mit der ihrem Herzen feindlichen Welt und es bereitete ihr eine geheime Luſt, ſich in die Vorſtellung zu verſenken, daß ſie um ihrer Liebe willen Leiden ertragen, Prüfungen beſtehen ſolle, vor denen der gewöhnliche Menſch zurückbebt. Die Künſtlerin des tragiſchen Kothurns, ſollte ſie nicht auch einmal im Leben eine Rolle übernehmen können, denen ähnlich, die ſie ſo oft auf der Bühne als wirkliches Erlebniß empfunden hatte? „Wozu iſt denn die Poeſie, wozu ſind ihre edlen Geſtalten, ihre erhabenen Ideen überhaupt da, fragte ſie ſich, als daß wir 1 unter den gleichen Verhältniſſen auch die gleichen Empfindungen hegen, der gleichen Begeiſterung uns hingeben, zu der uns die Dicht⸗ kunſt befeuert? Was wäre das Daſein, wenn wir ſeine großen Mo⸗ mente nicht mit demſelben poetiſch innerlichen Gefühl und unter den⸗ ſelben äußeren Bedingungen erleben wollten, wie es im Werke des Dichters geſchieht? Soll denn die Poeſie ewig nur eine außer uns ſtehende fremde Welt bleiben, ohne daß es erlaubt wäre, ſie als Wirklichkeit in unſer Daſein überzutragen? Empfinde ich die Liebe D. B. II. Müller's Charl. Ackermann. 13 — 194 einer Julia, warum ſoll ich nicht auch wie Julia handeln dürfen? Erſcheint die Rutland nur darum ſo edel, ſo hinreißend ſchön und tief, weil ſie blos eine Geſtalt der Fantaſie iſt, oder nicht vielmehr darum, weil jeder edle Menſch, jede ſchöne und tiefe Natur es ihr nachfühlt, daß ihre Liebe die wahre und ihr leidvolles Schickſal eine innere Nothwendigkeit dieſer Liebe iſt? Fort darum mit ſo kleinlichen Bedenken! Wen es ängſtigt, das im Leben zu ſein und zu dulden, was uns in der Poeſie entzückt und erſchüttert, der mag meinet⸗ halben noch gut genug für dieſes Leben ſein, aber in der ſchönen Welt der Ideale iſt ſeine Heimath nicht— er lügt, er lügt die himmliſche Göttin, wenn er nicht den Muth hat, den Pfad zu ihren lichten Höhen auch unter den rauhen Dornen dieſes Erdenthales zu ſuchen!“ Nachdem ihr Entſchluß, Sylburg's Brief zu beantworten und ihm die erbetene Zuſammenkunft zu bewilligen, feſt ſtand, ſah ſie ſich nach einem Mittel um, wie ſie ihren Brief ohne Gefahr für ſich in des Majors Hände bringen könnte und ſchon hier, bei dieſem erſten Schritte, erſchrak ſie vor der Schwierigkeit, ja Unmöglichkeit, auch nur einen einzigen bekannten Menſchen aufzufinden, dem ſie ſich und ihr Geheimniß anzuvertrauen wagen durfte. Weder im Hauſe noch unter ihren ſonſtigen Bekannten hatte ſie eine Seele, von der ſie dieſen Dienſt hätte fordern können und ebenſo durchging ſie ver⸗ gebens die ganze Reihe des dienenden Theaterperſonals, um Jeman⸗ den zu finden, der hierzu geeignet geweſen wäre. O weh, das fängt ſchlimm an! ſagte ſie und beſann ſich auf alle ihr bekannten Liſten und Schleichwege, mit denen Verliebte in der Komödie bei ähnlichen Fällen gewöhnlich ſo geſchickt zum Ziele kommen. Aber keines von allen den vielen Mitteln, die im Schau⸗ und Luſtſpiel ſo vorzügliche Dienſte leiſten, wollte ihren Beifall finden, eins ſchien ihr noch bedenklicher als das andere, und ſie ward darüber zuletzt ſo muthlos, daß ſie beinahe an ihrem ganzen Plan verzweifelte. Da kam ihr plötzlich der Einfall, eine ganz außer ihrem Kreiſe ſtehende Perſon, die ſich auf Dergleichen verſtünde und wohl gar ein Geſchäft aus ſolchen Liebeshändeln mache, zu dieſem Dienſte zu 8 Ahnung, in welches Haus ſie ihr Leichtſinn führte. 195 wählen; denn es war ihr eben nichts Neues, daß es in Hamburg genug Frauen gab, die unter einer ehrbaren Außenſeite große Ta⸗ lente für dergleichen Unterhändlerrollen verbargen und ſelbſt in den höheren Ständen Kundſchaft genug hatten.„Feen“ nannte man da⸗ mals ſolche Zwiſchenträgerinnen, die im Nothfall— und der ſchwie⸗ rigſte war ihnen jederzeit der angenehmſte, weil einträglichſte— vor keiner Liebes-Kommiſſion zurückbebten, die eben ſo verſchlagen als verſchwiegen, und wie geſagt, in allen möglichen Herzens⸗ und Fa⸗ miliengeſchichten häufig eine ſehr einflußreiche und entſcheidende Rolle ſpielten. Charlotte hatte wohl manchmal im Kreiſe ihrer Kunſtge⸗ noſſinnen von ſolchen„Feen“ reden hören und eine der letzteren, zugleich eine berühmte Kartenſchlägerin, war ihr unter dem Namen „Madame Fanny,“ als eine vortreffliche Unterhändlerin in Liebes⸗ ſachen genannt worden. Auch wußte ſie, daß häufig junge Damen aus dem gebildeten Stande, von Neugierde oder wirklichem Aber⸗ glauben getrieben, dieſe Frau beſuchten, um ſich von ihr aus den Karten wahrſagen zu laſſen. Obwohl ſie wenig Vertrauen zu dieſer Kunſt hatte, ſo war es ihr doch ein willkommener Vorwand, mit Madame Fanny an⸗ zuknüpfen und ſich dieſer Frau zu bedienen, um den Brief an den Major zu befördern. Sie wußte ſonſt kein anderes Mittel, und das brennende Verlangen, ſo ſchnell als möglich Sylburg eine Antwort zukommen zu laſſen, ſchlug bald ihre letzte Bedenklichkeit nieder. Es war ja die Geſchichte von ſo manchem jungen Mädchen, das mit Hülfe einer ſolchen Frau mit dem Gegenſtand ſeiner Sehnſucht ein Verhältniß unterhalten und aller Welt zum Trotze, den Geliebten ſich auf dieſem Wege endlich doch errungen hatte. Warum ſollte ſie, die ſich in gleicher Weiſe bedrängt und verlaſſen ſah, nicht auch dieſen Weg einſchlagen, um Dasjenige mit Liſt zu erreichen, was man ihr ſicher von Seiten ihrer Angehörigen ſchwer, ja unmöglich gemacht haben würde. Schon an einem der nächſten Abende, da ſie Nichts auf der Bühne zu thun hatte, ſchlich ſie ſich nach dem erſten Akte unbemerkt aus dem Theater fort und eilte auf kürzeſtem Wege über den Gänſe⸗ markt nach dem Hauſe von Madame Fanny am Kugelsort, ohne — — — N 5 8 — 196 Wir kennen bereits dieſes Haus; jedoch nicht ſo genau, um hier nicht noch zu bemerken, daß der nach der Straße zu gelegene Theil deſſelben, obwohl von düſterem alterthümlichen Ausſehen, doch keine Spur des Gewerbes verrieth, welches ſeine Beſitzerin betrieb, und das ſie klüglicherweiſe auf die mehr verſteckten Hintergebäude beſchränkte, während das Vorderhaus von mehren armen aber ehr⸗ lichen Handwerkerfamilien bewohnt wurde. Da es bereits in der engen Gaſſe völlig dunkel war, ſo konnte Charlotte ungeſehen eintreten. Sie war zudem dicht verſchleiert und trug, um ganz unkenntlich zu ſein, über ihrem Gewande eine Art von Pagenmantel, den ſie aus der Theatergarderobe genommen hatte. Auf der Diele erhielt ſie von einem alten Manne den Be⸗ ſcheid, daß Madame Fanny eine Treppe hoch wohne. Zugleich leuchtete ihr derſelbe mit einer Oellampe die ſteile Stiege hin⸗ auf, die ſie nicht ohne Herzklopfen erklomm. Oben angelangt, deutete der Alte nach der hinterſten Thüre und rief dabei die Haus⸗ beſitzerin mit Namen, worauf ſich ſogleich die bezeichnete Thüre öff⸗ nete und Madame Fanny's hagere Geſtalt mit einem Licht in der Hand ſichtbar wurde. Da ſie wahrſcheinlich an den Beſuch von ver⸗ ſchleierten Damen gewöhnt war, ſo nöthigte ſie ſogleich Charlotten zum Eintritt in die Stube und ſagte mit grinſender Freundlichkeit: Nur näher, mein Fräulein! Es iſt Niemand da, vor dem Sie ſich zu geniren brauchten; wir ſind ganz allein, darum ohne Scheu — womit kann ich Ihnen dienen? Jetzt fiel das Licht auf die ſcharfen Züge der Redenden, Char⸗ lotte erſchrak heftig, denn auf den erſten Blick erkannte ſie die Perſon wieder, die ihr damals an der Leiche Bertha's durch Nennung ihres Namens ſo große Verlegenheit bereitet hatte. Sind Sie Madame Fanny? ſcotterte ſie. Zu dienen, mein gnädiges Fräulein, die bin ich, verſetzte die Portugieſin mit gezierten Knixen, während der ſtechende Blick ihrer braunen Augen den Schleier durchdringen zu wollen ſchien, der ihr das Geſicht der Unbekannten verbarg. Ach, wollen Sie nicht Hut und Mantel ablegen, ſchönes Kind? fuhr die Courtiſane mit frecher Zudringlichkeit fort. Hier braucht ſich Niemand zu verſchleiern,— o Joſeph und Maria, mit meiner Reputation bei vornehmen Herr⸗ — 197— ſchaften wär's aus für ewige Zeit, wenn ich nicht Geheimniſſe zu wahren wüßte! Danke Ihnen, liebe Madame, entgegnete Charlotte und ließ ſich erſchöpft auf dem alten Lehnſeſſel nieder, den ihr Fanny an den Tiſch rückte. Für heute muß ich Ihnen noch unbekannt bleiben, weil ich nur dadurch bei Ihnen erreichen kann, was ich wünſche. Ich habe ſchon viel von Ihnen gehört und wäre darum begierig, die Probe Ihrer Wahrſagerkunſt an mir ſelber zu machen. Wohlan, laſſen Sie ſehen, was mir Ihre Karten weiſſagen! Mit dem Schleier! rief Fanny, die ſich nicht ſo ſchnell zu dieſer unbefriedigten Neugierde verdammen laſſen wollte, ärgerlich. Nein, Mademoiſelle, das geht nicht an. Hinter einem Schleier kann ich Niemanden wahrſagen! Wer mir ſein Geſicht verbirgt, in deſſen Zukunft vermag ich auch nicht zu leſen; denn in den Augen, in den Zügen Desjenigen, der mich befragt, liegt eigentlich das Geheimniß meiner Kunſt noch mehr verborgen, als in meinen Karten. Aber ich dachte, Sie verſtänden ſich auf's Kartenſchlagen, ent⸗ gegnete Charlotte. Wozu bedarf es da der Phyſiognomie? Die Portugieſin muſterte nochmals mit einem mißtrauiſch for⸗ ſchenden Blick die zarte Geſtalt der Unbekannten und ſchien ſich noch immer nicht entſchließen zu können, das in dieſer ungewöhnlichen Weiſe an ſie geſtellte Begehren zu erfüllen. Sie wurde jedoch un⸗ gemein freundlich, als Charlotte einen blanken Thaler auf den Tiſch legte, nicht ſowohl um des Geldes, als um des feinen Handſchuhes willen, der dabei ihrem ſcharfen Luchsauge nicht entging und ſie ſogleich in ihrem Beſuche eine Dame aus vornehmem Stande erra⸗ then ließ. Sie nahm daher, ohne weiter ein Wort zu ſprechen, aus einem kleinen Wandſchrank ein Kartenſpiel, trat damit an den Tiſch und fing an, die Karten in einer Sternfigur, wie es ſchien nach gewiſſen Regeln, auseinanderzulegen. Zuweilen murmelte ſie da⸗ zwiſchen unverſtändliche portugieſiſche Worte und die hageren Finger zuckten immer raſcher über die Karten hin, auf die ihre Blicke ſtarr geheftet waren. 4 Nachdem die Figur vollſtändig auf dem Tiſche lag, breitete ſie ein rothſeidenes Tuch über die Karten aus, ſo daß es dieſe voll⸗ ſtändig bedeckte, hieß dann Charlotten aufſtehen und fragte ſie mit 198 gedämpfter Stimme, ob ſie vielleicht Etwas von ihrer Zukunft zu wiſſen begehre, was mit der Gegenwart in unmittelbarem Zuſam⸗ menhang ſtehe, oder ob ſie ihr blos im Allgemeinen zukünftige Dinge enthüllen ſolle. Charlotte beſann ſich einen Augenblick und verſetzte dann: Sagen Sie mir vorerſt etwas Allgemeines über meine Zukunft. Wenn ich finde, daß es allenfalls ſo eintreffen könnte, wie Ihre Karten es verkünden, ſo ſage ich Ihnen dann auch, was ich noch beſonders aus der Gegenwart wiſſen möchte. Die Portugieſin nickte ſtumm mit dem Haupte, trat einen Schritt von dem Tiſche zurück, erhob in feierlicher Weiſe beide Arme und hieß dann die Unbekannte das Tuch vorſichtig von den Karten hinwegnehmen, indem ſie hinzuſetzte, daß keine andere Hand als die des Forſchenden ſelbſt den Schleier von ſeiner Zukunft ziehen dürfe. Charlotte folgte dem Gebot, und wie ſie das Tuch vorſichtig weggenommen hatte, ſah ſie zu ihrem Erſtaunen, daß zwar die näm⸗ lichen Karten wie vorhin, aber in einer ganz neuen Figur, auf dem Tiſche lagen, als wenn während der kurzen Zeit eine Zauberhand unter dem Tuche geſchäftig geweſen wäre. Die Portugieſin trat wieder an den Tiſch, drückte beide Hände krampfhaft wider die Schläfen und betrachtete in dieſer regungsloſen Haltung mit ſtarren Blicken und Mienen die Kartenblätter. Das geheimnißvoll feierliche Weſen dieſer neuen Pythia kam Charlotten ungemein komiſch vor, ſie beobachtete die Kartenſchlägerin, deren Züge ſich mehr und mehr anſpannten, während die großen unheimlich glän⸗ zenden Augen ſich immer weiter aufthaten. Endlich athmete die Portugieſin tief auf und ſprach mit ſcharfem Accente: Hier bleibt mir Vieles unklar und das Wenige, was ich zu enträthſeln vermag, hat keinen innern Sinn noch Zuſammenhang. Die Königin ſteht bei der Bettlerin, Kreuz und Krone ſtreiten in wechſelvollem Geſchick, Luſt und Schmerz, Ruhm und Schande— früher Tod und langes Leben liegen hier ohne Unterſcheidung neben⸗ einander und Eines will dem Andern nicht weichen, ſo daß ich— hierbei warf ſie einen faſt ſcheuen Blick auf die verſchleierte dame— von Ihrer Zukunft aus dieſen Karten nichts weiter zu ſagen weiß⸗ — 199— als daß Ihr künftiges Schickſal ſich in lauter ſonderbaren Gegen⸗ ſätzen geſtalten wird: Heute reich, morgen arm, heute glücklich, mor⸗ gen elend! Charlotte verſetzte lächelnd: Ja, ja, ſo kann es ſein, Madame; Ihre Karten weiſſagen nur, was ich ſelber längſt wußte. Beſteht doch auch meine Vergangenheit aus ſolchen wechſelvollen Geſchicken, daß ich heute im Purpur wandle und morgen im Bettlerkleid, warum ſollte es nicht auch in der Zu⸗ kunft ſo ſein? Es erſcheint faſt kein Tag, der mir nicht ein anderes Lebensſchickſal aufbürdet, ſo daß mich die Menſchen, die mich geſtern ſahen, morgen oft nicht wiedererkennen. Die Kartenſchlägerin betrachtete ſie auf dieſe ſonderbare Rede hin mit großen Augen, da ihr der Sinn dieſer Worte ebenſo un⸗ verſtändlich blieb als der ihrer Karten. Charlotte, der es allein nur um die Dinge der Gegenwart zu thun war, und die mehr und mehr durch die Furcht, daß man ſie hier finden möͤchte, in eine fieberhafte Unruhe verſetzt wurde, ſagte hierauf halb mit wirklicher, halb mit angenommener Niedergeſchlagenheit: Ja, liebe Madame Fanny, ganz wie ich Ihnen ſage, ſo iſt es, und wenn Sie wüßten, was ich junges unerfahrenes Blut Alles zu leiden habe, Sie hätten gewiß Mitleiden mit mir. Ach, was jung und lebensfroh bin, beſſere Tage hätte! Die alte Kupplerin lauſchte bei dieſen Worten hoch auf und rief mit affektirter Rührung: Reden Sie, ſchütten Sie Ihr Herz aus, mein armes holdes Fräulein! Mir können Sie ſich ganz vertrauen, auch ich bin einmal jung geweſen und weiß recht gut, daß man da oft elender und ver⸗ laſſener iſt, als es die Leute unſern blühenden Wangen und unſern koſtbaren Kleidern anſehen. Ja, die Liebe hat ſchon manchem jungen Leben ein frühes Grab bereitet, weil es ſich in ſeiner unausſprech⸗ lichen Sehnſucht nicht zu helfen noch zu rathen wußte und lieber elend dahinſiechte, als daß es ſich nach treuem Beiſtand umgeſehen hätte! Wie?— Sie glauben doch nicht— daß ich— ſtotterte Charlotte mit meiſterhaftem Erſchrecken und ſpielte dabei, trotz des dichten Schleiers, den innern Kampf zwiſchen der Furcht, ſich zu ſollte mich die Zukunft kümmern, wenn ich nur jetzt, da ich noch 54 — 200— 1 verrathen und der Angſt, ihr Geheimniß noch länger zu wahren, ſo natürlich, daß die Unterhändlerin dadurch vollkommen überzeugt wurde, ſie habe es hier mit einer unglücklich Liebenden zu thun. Nun gab es für ihr mitleidiges Herz keine Rückſicht mehr und ſie 3 entwickelte im raſchen Strom der Rede eine ſo außerordentliche Ueber⸗ 1 zeugungskunſt, ein ſo ganz von allem Eigennutz freies Mitgefühl, 4. daß es ſchwer zu entſcheiden geweſen wäre, wer von Beiden die 7 größere Schauſpielerin ſei, die berühmte Künſtlerin der Hamburger 4 Bühne oder die verrufene Kartenſchlägerin am Kugelsort. Endlich mußte Charlotte den Vorſtellungen dieſer mitleidigen 4 Frau nachgeben, und ſie ließ ſich, wenn auch mit ſcheinbarem Wider⸗ ſtreben, ihr ganzes Herzensgeheimniß nach und nach von ihr ablocken. Als Fanny genug zu wiſſen glaubte, um eine Conſtellation zu ihrem eignen Vortheil zu machen, nahm ſie die Miene der zwar gekränkten aber dennoch gütigen Freundin an und ſagte: Das Zartgefühl verbietet mir in Sie zu dringen, mir Ihren Stand und Namen zu nennen, obwohl ich dann ſicherlich Ihnen einen beſſeren Rath ertheilen könnte. Doch auch ſo hoffe ich Ihr Ver⸗ 6 trauen zu verdienen und vielleicht ſind Sie ſchon in wenigen Tagen durch den Erfolg überführt, daß Sie ſich in mir an die rechte Frau gewendet haben und es ferner— keines Schleiers mehr zwiſchen uns bedarf. Doch hören Sie, welchen Vorſchlag ich Ihnen zu machen habe. Wenn Ihre Familie Ihnen, wie Sie ſagen, ſo entgegen iſt, dann müſſen Sie vor Allem Ihren Liebſten überzeugen, wie treu Sie ihm trotzdem anhangen. Zum Orte Ihrer geheimen Zuſammen⸗ künfte mit ihm offerire ich Ihnen ein elegantes und ſicheres Zimmer in meinem Hauſe und es wäre wahrhaftig nicht das Erſtemal, daß ſich ein bedrängtes Pärchen hier glücklicher gefühlt hätte als daheim im reichen Hauſe ſtrenger Eltern oder argwöhniſcher Vormünder. Aber den Namen Ihres Liebhabers werden Sie mir doch nicht verheim⸗ 1 lichen wollen, wär's auch nur, weil ich ihn wiſſen müßte, um Ihnen dienen zu können? 6 Das iſt auch nicht meine Abſicht, entgegnete Charlotte zögernd. Ja, wenn Sie ihm womöglich noch heute Abend einen Brief von 1 mir überbringen wollten—— Einen Brief— o herzlich gerne! Wo wohnt der Herr Galant? —. ———— 8 6 — — 201— fragte die Portugieſin mit nur halb verſteckter Freude über dieſen raſchen Fortgang des Geſchäftes und ihre Augen funkelten vor Neu⸗ gierde und Gewinnſucht. Im„Kaiſershof.“ Ah, ganz recht— kenne das Haus. Fragen Sie dort nach einem däniſchen Offizier,— dem Herrn von Sylburg— Syl— das Wort erſtarb der Alten auf der Zunge. Herr von Sylburg, wiederholte Charlotte, ohne zu bemerken, wie Madame Fanny beim Klange dieſes ihr ſo wohlbekannten Na⸗ mens heftig zuſammenfuhr und ſich beinahe durch ihre Ueberraſchung verrathen hätte. Aber nur einen Moment währte der Kartenſchlä⸗ gerin ſtarres Erſtaunen und ohne ein Auge von der verſchleierten Dame zu wenden, ſagte ſie, indem ſie haſtig nach dem Briefe griff, mit zuverſichtlichem Tone: Gut, mein Fräulein; auf ſolche Kommiſſionen verſteh' ich mich. Herr von Sylburg wird noch heute Ihren Brief leſen. Sie dürfen meines Dankes zum Voraus gewiß ſein, fiel ihr Charlotte mit lebhafter Freude in's Wort. Noch einmal ſixirte Madame Fanny die Unbekannte, ein leiſes triumphirendes Lächeln glitt über ihr gelbes Geſicht und diesmal war es mehr als Neugierde, mehr als Gewinnſucht, was ihren Augen dieſen unheimlich funkelnden Glanz verlieh. Als aber Charlotte Anſtalt machte aufzubrechen, ward die Portugieſin plötzlich wie von einem andern Weſen angewandelt und die Künſtlerin konnte ſich kaum ihrer läſtigen Zudringlichkeit, womit Jene ſie zu längerem Verweilen nö⸗ thigen wollte, erwehren. Um jeden Preis beſtand die Alte darauf, ihr vor ihrem Weggehen nochmals die Karten zu ſchlagen. Nein, nein, ich darf Sie ſo nicht fortlaſſen, gnädiges Fräulein! rief ſie mit ängſtlicher Geberde. Es wäre ſicherlich für Sie oder Ihren Herrn Liebſten ein Unglück, wenn Sie ſo von mir weggehen wollten! Warten Sie— warten Sie wenigſtens nur ſo lange, bis ich noch einmal die Karten über Sie befragt habe; denn nun Sie mir ver⸗ trauen, weiß ich auch ganz beſtimmt, daß ich meine Kunſt nicht umſonſt gelernt habe.- Und raſch die Karten zuſammenraffend, begann ſie dieſelben mit — 202— einer Geſchwindigkeit zu miſchen, daß Charlotte kaum mit den Blicken ihren Bewegungen folgen konnte, wobei die Blätter wie von einer magiſchen Kraft angezogen, aus einer Hand in die andere flogen und doch keins davon den unruhig zuckenden Fingern entglitt. Dann wiederholte ſie genau daſſelbe Verfahren wie vorhin, legte die Karten in der nämlichen Sternfigur auf den Tiſch, breitete das rothſeidene Tuch darüber und forderte hierauf Charlotten in der früheren geheim⸗ nißvollen Weiſe auf, die Karten wieder aufzudecken. Auch diesmal hatte ſich die Figur verändert, doch lagen die Blätter anders wie vorhin und bildeten ein von einem Octogon umgebenes Doppelkreuz. Die Wahrſagerin betrachtete die Karten mit vieler Aufmerkſamkeit, allmälig erheiterten ſich ihre ernſten Züge, ſie ſah mehrmals wie überraſcht Charlotten mit großen Augen an und rief endlich im Tone freudigſter Beſtürzung: Ha! Welche wunderbare Fügungen! Achten Sie genau auf jedes meiner Worte, mein Fräulein, denn diesmal reden meine Karten deutlicher und verkünden mir, daß, ſofern Sie nur ſtandhaft aus⸗ harren, das Glück ihren Lebenspfad mit den Roſen der Liebe und dem Lorbeer des Ruhmes überreich beſtreuen wird. Ja, nur aus⸗ harren müſſen Sie; denn Ihr Liebſter hat viele Feinde, die ihm Uebeles nachreden, beſonders drei Menſchen ſtellen ihm nach und möchten ihm gerne ſchaden; eine alte Frau iſt ihm gar feindlich ge⸗ ſinnt und wird's ſpäter noch mehr; dann ein junger Herr und ein junges Frauenzimmer haſſen ihn gleichfalls. Aber Ihr Bräutigam geht nicht von ſeinem Wege ab, er iſt ein ſchöner muthiger Cavalier von vortrefflichen Eigenſchaften und Ihnen bis in den Tod treu er⸗ geben. Glauben Sie niemals, was Ihnen die Leute Schlimmes von ihm ſagen, je mehr Sie ihn lieben, um ſo beſſer wird er werden. Nur getroſt, mein Fräulein! Ueber eine Brücke, unter der kein Waſſer fließt, werden Sie bald zum Ziele gelangen— nachher aber nicht mehr ſein, was Sie jetzo ſind und doch tauſendmal glücklicher. Doch vorher müſſen Sie noch viel Hartes durchmachen, unter Anderm fallen Sie von einem hohen Thurme herab, ohne zuvor hinaufgeſtie⸗ gen zu ſein; aber Alles wird zuletzt zu Ihrem Beſten ausſchlagen, weil ſich das Gegentheil von Dem erfüllt, was Sie wünſchen und eerſtreben. — 203— Charlotte fand trotz einzelner, wohl nur zufällig auf ihre Ver⸗ hältniſſe paſſenden Aeußerungen der Kartenſchlägerin, dieſen Wort⸗ ſchwall ſo abgeſchmackt, daß ſie herzlich froh war, als ſie ſich endlich mit einem zweiten Speciesthaler von der widerwärtigen Perſon frei machen konnte, die ihr Feenamt, ganz gegen die Gewohnheit dieſer ſchweigſamen Weſen, in ſo läſtig aufdringlicher Weiſe verwaltete. Madame Fanny gab ihr das Geleite bis zur Hausthüre und überſchüttete ſie noch beim Abſchied mit einer wahren Flut von Komplimenten, weiſen Rathſchlägen und Ergebenheits⸗Verſicherungen. Sie wollte Charlotten noch weiter begleiten, wenigſtens bis zum Ende der„Gänge“, was dieſe aber durchaus nicht zugab, obwohl ſie ſich ſelber eingeſtehen mußte, daß für ein junges Mädchen aus gutem Stande ſehr viel Muth und noch mehr Leichtſinn dazu gehörte, ſich ohne Führer zur Nachtzeit in dieſen verrufenen Stadttheil zu wagen. Mit triumphirenden Blicken ſah die Portugieſin der flüchtig Dahineilenden nach, bis dieſe in der Dunkelheit verſchwand und kicherte dann höhniſch: Gute Nacht! Gute Nacht, Mademoiſelle Charlotte Ackermann! Hi! Hi! Sollte man's denken, daß eine ſo berühmte Schauſpielerin ſich. nicht beſſer zu verſtellen weiß! Freilich, ihr Lärvchen konnte ſie mir verbergen; aber dafür ſchwatzte neulich der Baron um ſo mehr aus der Schule! Hi! Hi! Nun hab' ich wieder einen Köder für meinen Hecht, der ihn mir gewiß in's Netz zurückbringt, und diesmal ſo er von mir geſchuppt werden, bis kein Silberfaden mehr an ihm iſt 23. Nicht umſonſt erzählt uns die altgriechiſche Mythe von einem Glücke, das in ſeiner überſtrömenden Fülle den Menſchen wie ein Schauer nahenden Unheils anweht und den Weiſen, der die Ge⸗ ſchicke der Erde kennt und des Himmels dunkle Winke richtig zu deuten verſteht, voll banger Ahnungen hinwegſcheucht von dem Mahle — 204— des Königs, dem die Götter noch keine Gunſt verſagten, eben„weil ſie ſein Verderben wollten.“ Wir wiſſen zwar nicht, wie weit dieſer antike Glaube an eine Gottheit, welche das dem vernichtenden Blitze geweihte Haupt ſterb⸗ licher Menſchen zuvor mit dem goldnen Regen der höchſten Glück⸗ ſeligkeit überſchüttet, zu Sylburg's Philoſophie und Weltanſchauung paßte; ja wir möchten faſt, ſo weit wir ihn bis jetzt kennen lern⸗ Begierde bis dahin die Scheu vor allzuvielem Glück grade noch nicht empfunden, er vielmehr deſſen, beſonders bei den Frauen, für ſeine ſinnlichen Leidenſchaften wie für ſeine Eitelkeit und ſeine Sucht nach immer neuen Abenteuern niemals ſatt kriegen konnte; dennoch aber war ſeine feurige Einbildungskraft nicht feurig, ſeine kühne Vermeſ⸗ ſenheit nicht kühn genug, um Charlottens Brief nicht mit jenem ge⸗ miſchten Gefühl von Mißtrauen und Beſtürzung aus Fanny's Hän⸗ den zu empfangen, womit wir gewöhnlich ein Glück erleben, das uns keinen Wunſch mehr verſagt, ja, das vielleicht ſelbſt noch über unſere Wünſche hinausgeht. Der Brief,— nein, durfte er ſeinen Augen trauen, und wenn er es durfte, hatte Charlotte ihn nicht im Fieber oder im Humor geſchrieben?— der Brief, in franzöſiſcher Sprache abgefaßt, enthielt nichts mehr und nichts weniger als das Geſtändniß ihrer leidenſchaftlichen Gegenliebe, als die rührende Bitte, ſie lieber gleich ewigen Tod erleiden zu laſſen, als auch nur einen Moment ihr Herz zu hintergehen. „ Ich glaube daß ich an Denjenigen auch ſchreiben darf, mit Dem zu reden mir erlaubt iſt.“——„Ich kenne nur noch Ein Opfer, das mir zu ſchwer werden würde— mein Herz, das Sie täuſchten, meine Seele, die Sie durch Verrath vernichteten.— Ich müßte aufhören zu ſein, wenn ein einziges Sonnenſtäubchen mir an Ihnen einen andern Fehler zeigen würde, als ſolchen, welchen das Auge der Liebe ſchön und reizend findet.— Max! Bei dem reinen edlen Bilde, das ich von Ihnen im Herzen trage, beſchwöre ich Sie: müthig, und geben Sie mir durch Ihre Tugend den rechten frohen Glauben an meine Liebe!——“ Sylburg hatte einige Zeit nöthig, um ſich in dieſen Ton hinein⸗ ten, behaupten daß ſein heißes Blut, ſeine ſtürmiſche ungenügſame Schützen Sie durch Ihre Liebe meine Tugend, ja, ſeien Sie groß⸗ ——— — 205 zufinden und dieſe Sprache einer ihm unbekannten Schwärmerei zu verſtehen. Charlottens Brief brachte ihn an einigen Stellen faſt aus der Faſſung, und er mußte ſich zum Oefteren das Bild der holden Schreiberin vergegenwärtigen, um durch dieſes das rechte Verſtändniß ihrer Worte zu finden. Und dennoch blieb etwas Fremd⸗ artiges für ihn in dieſem Briefe zurück, das ihm ſelber faſt gewalt⸗ ſam eine fremde Empfindung aufnöthigte und ihm nun ſein ganzes Verhältniß zu Charlotten beinahe zum Räthſel machte. Dieſe un⸗ bedingte Hingebung, dieſe ſchwärmeriſche Gefühlsinnigkeit machten ihn ſo befangen, daß er ſich Anfangs kaum zu ſagen getraute, was aus Alledem werden ſolle. Er war auf Kampf gefaßt geweſen, viel⸗ leicht auf einen nicht zu beſiegenden Widerſtand und der Gedanke, ſich von Charlotten verſchmäht und zurückgewieſen zu ſehen, verletzte nicht einmal ſeine Eitelkeit; gewiß, er hatte niemals im Ernſte mehr bei ihr geſucht als eine neue Variation zum bekannten Thema— und plötzlich ſah er ſich im vollkommenen und unbeſtrittenen Beſitze eines Mädchens, welches nicht allein für das Muſter reiner und edler Weiblichkeit galt, ſondern auch in der Kunſt eine bis dahin nicht erreichte Höhe und Meiſttrſchaft errungen hatte; eines Mädchens, das, wiewohl von Tauſenden gefeiert und mit Huldigungen über⸗ ſchüttet, bis zur Stunde noch keinem Manne eine größere Annähe⸗ rung geſtattet hatte, als Sitte und Anſtand erlaubten; ja, das ſelbſt da, wo der kleinliche Neid und die enge Bornirtheit Mängel an ihren künſtleriſchen Leiſtungen entdecken wollten, im Rufe der größten Sittenreinheit und einer faſt übergroßen ſpröden Zurückhaltung ſtand. Was waren, im Vergleich zu dieſem Siege, alle ſeine Herzenserobe⸗ rungen aus früherer Zeit! Und nun gar die Art, wie Charlotte ihm entgegenkam, ſie, die bis dahin vor lauter Scheu vor den Ar⸗ gusaugen der Welt kaum gewagt hatte, einen fremden Mann anzu⸗ blicken! Welch' ein Geiſt war plötzlich in dieſes Mädchen gekommen, daß es ſich ohne Bedenken in ein Liebesverhältniß einließ, in wel⸗ chem eine berüchtigtee Perſon wie jene Portugieſin, die Zwiſchenträ⸗ gerin machte! Weiber! Weiber, wer ergründet euch! rief Sylburg, und dies⸗ mal war es ihm wirklich Ernſt mit ſeiner Empfindung. Ich glaubte euch in⸗ und auswendig zu kennen mit euren kleinen und großen “ — 206— Ränken, euren ſtudirten und natürlichen Eigenſchaften, hatte darüber faſt allen Geſchmack an euch verloren und ſiehe da, jetzt, wo ich endlich mit euch im Reinen zu ſein glaubte, kommt dieſe kleine Dame, und ich alter Praktikus bin ſo klug wie zuvor, ſtehe ſtarr und ſtumm da, als hätten mir die Hühnchen das Brod gefreſſen, und weiß wahrhaftig nicht, wie ich mich bei dieſem wunderlichen Caſus 2 benehmen ſoll. Lieben mit Feuer und Flamme— ei, das verſteht ſich von ſelbſt! Aber zum Henker, was ſoll am Ende daraus werden? Will ſie mich etwa gar heirathen? Unmöglich! Das hat ſie nicht im Sinne, dazu iſt ſie viel zu geſcheidt, ihre Familie wird auch ſchon dafür geſorgt haben, mich gehörig bei ihr anzumalen; aber was dann—? Was dann? Wenn ſie nicht gar darauf ausgeht, mich höl⸗ liſch zum Narren halten? Mordio, Mademoiſelle, das werden Sie bleiben laſſen——! So kreuzten ſich in des Barons fieberhaft erregtem Gehirne alle möglichen Muthmaßungen und Einbildungen, und die in der That aufrichtige Herzensmeinung über ſich ſelber, einem ſolchen Mädchen gegenüber, war ihm zugleich eine ſo neue Entdeckung an 4 ſeinem eignen Ich, daß er darüber vollends rathlos und ſchüchtern wurde, grade ſo, als habe er heute den erſten Liebesroman in ſeinem Leben zu ſpielen. Sein Geſicht glühte, ſein Herz pochte, jetzt ſprang er vom Di⸗ 2 van auf, ſchellte dem Kellner und beſtellte eine Flaſche Champagner, um mit ihrer Hülfe vollſtändig über die wankenden Grundlagen ſeiner ſtümperhaften Lebensphiloſophie hinauszukommen. Des Weines 4 3 Glut goß neues Feuer in ſeine Adern; aber es war doch wenig⸗ ſtens bald wieder ein vernünftiger Taumel in ihm, vor dem die un⸗ bequemen Realitäten, denen ſein Verſtand nicht die Spitze abbrechen konnte, in Dunſt verflogen; er kam allmälig mit ſeiner Fantaſie in bekanntere Regionen, ſeine Gemüthsbewegungen nahmen wieder das alte Tempo an; und als die Flaſche zur Neige ging, hatte er auch ſeinen beſten Freund im Leben, den leichtſinnigen, frivolen, ganz von eitler Selbſttäuſchung und erlogener Gefühls⸗Romantik zerſetzten Sylburg wieder gefunden. Er riß die enge Uniform auf, Weſte und Jabot, drückte mit. Inbrunſt Charlottens Brief an die heiße Bruſt und rief: ——— 207 Das iſt Gegenwart: Liebe, Leben, Seligkeit! Was kümmert mich die Zukunft! Mag kommen was da will, zuerſt halt' ich feſt an dem was ich beſitze, nachher will ich ſehen, wer es mir ſtreitig macht!— Himmliſche Charlotte! Ja, du ſollſt geliebt werden, wie nur ein Sterblicher es vermag, ſtürmiſch und zärtlich, feurig wie Aetna⸗ glut und milde wie Maienſonne, und ſollſt unumſchränkt herrſchen über dieſes Herz als ſeine einzige Königin!— Aber was zaudere ich noch? Jeder Moment, den ich verliere, iſt ja ein Raub an meinem irdiſchen Himmel! Auf darum, Muthloſer, und hin zur vortrefflich⸗ ſten aller Kupplerinnen, daß ſie mir mein Täubchen auf morgen Abend an den Kugelsort lockt, wo ich dann bald wiſſen werde, was die Stunde geſchlagen hat! Obwohl es ſchon ſpät am Abend war und Madame Fanny ſeine Aufträge in Bezug auf Charlottens Brief erſt morgen er⸗ wartete, ſo trieb ihn doch ſeine Ungeduld, noch heute das Nähere mit ihr zu verabreden und ſich für alle Fälle dieſer ihm nun wieder ſo nothwendig gewordenen treuen„Fee“ zu verſichern. Der Mond ſchien hell, als Sylburg in ſeinen Mantel gehüllt, den Gaſthof verließ und raſchen Schrittes, als gält' es noch heute Alles zu erreichen und auszuführen, wovon ſein Herz voll war, die Straßen durcheilte. In der Gegend der Ellernthorbrücke, als er eben in eine Seitenſtraße einbiegen wollte, um nach dem ſogenannten „Schulgang“ zu kommen, begegnete ihm eine Dame, der ein Diener mit einer Laterne voranleuchtete. Eben als ſie an ihm vorüberſchritt, hörte er ſie ihren Begleiter auf Däniſch nach der Uhr fragen, und zugleich kam ihm die Stimme ſo bekannt vor, daß er unwillkührlich ſtehen blieb und ihr nachblickte. Was war das? ſtammelte er betroffen. Glaubte ich doch bei⸗ nahe der kleinen Frances Stimme zu hören! Und ihre Figur war es auch— richtig, dort biegen ſie in die Düſternſtraße ein, der nächſte Weg zum—— Raſch eilte er, von Unruhe und Neugierde getrieben, Jenen nach und holte ſie auf dem Herrengraben wieder ein; in einiger Entfernung folgte er der Dame und ſah ſie zuletzt über der Schaar⸗ markt geradenwegs dem Lindenkron'ſchen Hauſe zuſchreiten. Bald ſchwand auch der letzte Zweifel, daß es wirklich Frances ſei; denn — 208 eine Minute nachher ſah er, wie der Portier das Thor öffnete und die Dame mit ihrem Begleiter einließ. Sylburg blieb wie an den Boden gewurzelt, vor dem wohlbe⸗ kannten Hauſe ſtehen und es verging eine geraume Zeit, ehe er ſich darauf beſann, was ihn eigentlich in die Nacht hinausgetrieben hatte. Die Entdeckung, daß Ulrike wieder in Hamburg ſei, kam ihm ſo unerwartet, daß er, der noch eben aller kühnen und ſtolzen Pläne voll geweſen, ſich plötzlich wie von einer feindlichen Fauſt im Nacken ergriffen und feſtgehalten fühlte, ſo groß war Anfangs ſeine Beſtür⸗ zung über die Anweſenheit jener Frau, die ihn bis in die innerſte Falte ſeiner Seele kannte. Verflucht! Verflucht! murmelte er grimmig zwiſchen den Zähnen. Was hat ſie hier zu ſchaffen? Welcher Unſtern führt ſie gerade jetzt in meine Nähe, die Intriguantin, gerade jetzt, wo ich am Wenigſten an alte Geſchichten erinnert ſein möchte? Und ſie iſt liſtig, ha! ich kenne dieſe Schlange,— jeden meiner Schritte wird ſie belauern laſſen und am Ende erfährt ſie gar, was ſie niemals erfahren darf, wenn nicht möglicherweiſe mein ganzes Spiel verloren ſein ſoll! Nach dieſem kurzen Selbſtgeſpräch begab ſich der Baron wie ein muthloſer. Krieger, der vor dem Feinde, noch eh' er ihn zu Ge⸗ ſicht bekommen hat, ſchon die Flucht ergreift, auf den Rückweg und ſchritt dem Kugelsort zu, während er bei ſich überlegte, wie er dieſem neuen, ſeinen Plänen mit Charlotten ſo gefährlichen Hinder⸗ niß am Beſten ausweichen könne. Aber trotz ſeines ſonſt ſo erfinde⸗ riſchen Kopfes wollte er lange kein Mittel entdecken, der Gräfin Ulrike zu entgehen und doch zugleich ſein neues Abenteuer glücklich durchzuführen. 1 24. So war denn für Charlotte der Würfel gefallen, der über das Schickſal ihrer Liebe, was bei einem ſolchen Herzen gleichbedeutend mit dem ſeines Lebens iſt, entſcheiden ſollte, und wunderbar, von dem Augenblick an, da ſie mit kühner Hand das letzte Tau löste, A——— — 209— welches ihren Kahn ſo lange zwiſchen Schwanken und Wanken am ſichern Ufer feſtgehalten hatte, ward ihr frei und freudig um's Herz, und furchtlos ſah ſie ſich von unbekannter Strömung jenem unbe⸗ kannten Meere entgegengetrieben, wo der Muth am Sturme, an Felſen und Riffen, die Liebe aber am Glauben an ihre guten Sterne ſich erprobt. Jetzt erſt, in dieſem freien fremden Elemente, nach welchem ihr Auge ſo oft ſehnſuchtsvoll geſchaut hatte, meinte ſie es zu empfinden, was ſie ſo lange und mit dieſer ängſtlichen Be⸗ gierde vergebens im Leben geſucht, und warum ſie ſich eigentlich niemals auf dem feſten Boden der Gewohnheit ſicher gefühlt hatte, ſo daß ſelbſt ihre Kunſt, für die ſie doch in ſo hoher Begeiſterung glühte, dieſe Leere in ihrem Geiſte oft nicht auszufüllen vermochte. Immer nur von Idealen und Dichtergebilden umgeben, mit ihnen lebend, darin ſich verſenkend, und mit ihrem jungen heißen Blute einzig auf die Kunſt als die höchſte Aufgabe, den reinſten Genuß von Herz und Geiſt hingewieſen, hatte ſich ihr Gemüth faſt ganz in dem holden Zaubergarten der Poeſie verloren und nur in einer un⸗ geſtümen Sehnſucht, der ſie ſelbſt keinen Namen zu geben wußte, empfand ſie zuweilen, daß zwiſchen Dem, was die Fantaſie erſchafft und Dem, was das Herz in Luſt und Leid erlebt, ein Unterſchied, und dieſes wohl an jener ſich entzücken, nimmer aber davon allein ſich ausfüllen laſſen könne. Was Wunder, daß ein Herz voll ſo feurigen Lebensdranges gerade in demjenigen Gefühle, das uns am Meiſten Wahrheit und Befriedigung des Daſeins gewährt, ſeine Befreiung ſuchte, und zwar durch das Verhältniß zu einem Manne, deſſen ganze Natur faſt in ſchroffem Widerſpruch zu ihrem eignen Innern ſtand. Das ungeſtüm leidenſchaftliche Temperament Sylburg's ſagte Charlotten eben ſo ſehr zu als ſeine ungekünſtelte und doch imponirende Perſönlichkeit. Bisher hatte ſie faſt nur ſolche Männer gekannt, die der berühmten Künſtlerin ihre Huldigungen darbrachten, im beſten Falle mit Geiſt und Kenntniß ihr Talent zu würdigen wußten. Der Baron hin⸗ gegen gab auffallend ihrer Perſon den Vorzug, vergaß in ihrer Ge⸗ genwart ſelbſt die Kunſt, zeigte aber deſto mehr Intereſſe für Char⸗ lottens äußere Erſcheinung und die im perſönlichen Umgang mit ihr hervortretenden reizenden und liebenswürdigen Eigenſchaften ihres D. B. II. Müller's Charl. Ackermann. 14 — 210— Weſens; kurz, ſein ganzes Benehmen gegen ſie war viel mehr das des feinen Cavaliers als das eines äſthetiſch⸗kritiſchen Verehrers oder gar Kunſtenthuſiaſten. So hatte Sylburg mit einer ihn ſelbſt überraſchenden Schnellig⸗ keit das Herz des Mädchens ſchon erobert, als noch der höhere ideale Sinn in Charlotten ſich mißtrauiſch und unbefriedigt von ihm ab⸗ wandte und ſelbſt feindlich einer Neigung widerſtrebte, die, während ſie dem Gefühl ſchmeichelte, im Grunde doch ſo wenig auf einer tieferen Harmonie der Seelen beruhte. Endlich aber ſiegte doch die Liebe über den Genius, und bald beherrſchte dieſelbe in verzehrender Leidenſchaft die noch jüngſt dem reinen Dienſte keuſcher Muſen ge⸗ weihte Seele der jungen Künſtlerin.— Der Major ließ ſie mit ſeiner Antwort nicht lange warten. Schon am nächſten Vormittag, als ſie zur Leſeprobe nach dem Theater ging, trat ihr im Opernhof eine Frau in ſchlichter faſt dürftiger Kleidung entgegen, winkte ihr verſtohlen in den dunklen Gang, welcher durch eine Seitenthüre nach den Garderobezimmern führte und drückte ihr hier ein Billet in die Hand, worauf ſie ſich ſchnell wieder entfernte. Beim erſten Blick auf die Adreſſe erkannte Char⸗ lotte Sylburg's Handſchrift und verbarg erſchrocken das Briefchen in ihrem Gewande. Später zog ſie es in einem Winkel der Bühne unbemerkt wieder hervor und durchflog mit bebendem Herzen die Zeilen, welche der Geliebte ihr ſchrieb. Es war die zärtlichſte Sprache eines von Seligkeit trunkenen Herzens, jedes Wort darin athmete Liebesglut; er verſicherte ſie nochmals der Reinheit und Unwandelbarkeit ſeiner Liebe und beſchwor ſie, ſein Glück durch eine Zuſammenkunft im bekannten Hauſe am Kugelsort, wo möglich noch am heutigen Abend, vollſtändig zu machen. O ich wußt' es ja, er iſt gut und edel! ſagte Charlotte mit freudezitterndem Herzen. Sonſt könnt' er ſo mir nicht ſchreiben! Kein Menſch, außer der Beſte, fühlt ſich eines Glückes unwerth, das er verdient. Ja, ja, ich ſagt' es immer: Auf den ſonnigſten Bergen ruhen die Wolkenſchatten am Häufigſten. Nur der Vorſchlag zu einer Zuſammenkunft im Hauſe der Kartenſchlägerin machte ſie zaghaft. Das kann nicht geſchehen, das hat er nicht überlegt, dachte ſie bei ſich. Einmal konnt' ich ſchon — 211— jenes Weib aus Noth aufſuchen, aber nun bedarf es ja, Gottlob! dieſer Perſon nicht mehr zu meinem Glücke. Dennoch fand ſie ſich bei näherer Ueberlegung bald wieder eben ſo rathlos, wie geſtern, da es ſich darum handelte, dem Major ihren Brief zu ſenden. Nirgends ſah ſie die Möglichkeit einer Zuſammen⸗ kunft mit dem Geliebten und am Ende blieb in der That der Ku⸗ gelsort der einzige Platz—— Doch nein! Jetzt hatte ſie's beſſer gefunden und wie ein lichter Hoffnungsſtrahl durchzuckte ſie plöͤtzlich der Gedanke, ſich der alten Frau anzuvertrauen und ihre Liebe unter den Schutz dieſer treuen gütigen Freundin zu ſtellen. Nur einen Moment zagte Charlotte und zitterte vor einem Geſtändniß, das ſie doch ſo gerne der ganzen Welt entgegengejauchzt hätte; aber wann wäre ein gefühlvolles überglück⸗ liches Herz lange um ſein Vertrauen verlegen geweſen? Und wer ver⸗ diente dieſes mehr als die zärtliche Freundin?— Sie iſt die Einzige, die mich verſteht, ſagte ſich die Liebeberauſchte; ſie allein hat Syl⸗ burg Gerechtigkeit widerfahren laſſen; aber wäre ſie ihm auch gram wie die Andern, ſie wollte ich nun doch überzeugen, daß er der ein⸗ zige Mann iſt, dem ich in Leid und Freude angehören kann!— Ein ſchwerer Stein fiel ihr vom Herzen und ſie konnte kaum den Abend erwarten, um zu der Etatsräthin zu gehen und bei der Freundſchaft Schutz zu ſuchen für ihre Liebe. Es iſt das Vorrecht eines ſchönen Gemüthes, daß es ſich leicht und mühelos in die fremde Seele hineinverſetzen und mit hellem liebevollen Auge bis in ihre tiefſten Empfindungen eindringen kann. Wir haben bei einer früheren Gelegenheit das reizende Verhält⸗ niß geſchildert, welches zwiſchen der alten Frau und Charlotten be⸗ ſtand, wie hier eine auf das innerſte Bedürfniß und Verſtändniß der Herzen gegründete innige Freundſchaft Beiden gleichſam ein Doppel⸗ leben ſchuf und das Alter mit dem Roſenſchein der Jugend, dieſe mit des Alters ſanftem Abendroth verklärte. Und nun noch der Liebe goldner Himmel dazu! Die Etatsräthin konnte bei dem erſten Bekenntniß Charlottens vor Staunen und Schrecken darüber, daß es nun doch ſo ſein ſolle, wie ſie ſchon früher es ſich vorgeſtellt hatte, kein Wort hervorbringen; denn ſo feſt und ruhig ſie auch im gewöhnlichen Leben das Uner⸗ 14* wartete hinnahm und faſt niemals den klaren Blick in die Nähe wie in die Ferne darüber verlor, ſo gab es doch auch hierin Ausnahmen, und beſonders in Fällen, wobei die Liebe eine Rolle ſpielte, war ihre Gemüthsbewegung faſt eben ſo groß wie ihre Rathloſigkeit. Sie ſelbſt, deren Jugend in eine ungemein nüchterne und poeſiearme Zeit fiel, wo jedes freiere und tiefere Gefühl des Herzens von dem ſtrengen Codex der Moral zum Kapitalverbrechen geſtempelt wurde, hatte eigent⸗ lich niemals die romantiſche Seite der Liebe kennen gelernt; denn damals herrſchte noch, was das Verhältniß der Geſchlechter anbe⸗ langte, eine wahrhaft eherne Gefühls⸗Pedanterie und jene Zeit der ſchweren Truhen und gewaltigen Linnenſchränke, welche die Mitgift enthielten, kannte bei jungen Leuten keine andere Herzensneigung als diejenige, welche zuvor in feierlichem Familienrathe reiflich er⸗ wogen, durch doppelte Ehepakten umſtändlich verklauſelt und ſchließ⸗ lich von allen Muhmen und Baſen der Sippſchaft in hochnothpein⸗ licher Salbung chriſtlich geſegnet worden war. Die jungen Leute, die man für einander beſtimmt hatte, liebten ſich damals faſt ebenſo zärtlich ehrbar, wie die lebensgroßen Marionetten, welche in den ſo⸗ genannten Budenkomödien ihren tragiſch⸗moraliſchen Hochgefühlen in Stücken, wie der„verliebte Tyrann Asphalides“, oder„König Da⸗ vid's Sündenfall mit der Bathſeba“,„Baniſe“ u. ſ. w. mit Em⸗ phaſe aus holzklappernden Mäulern Luft machten.— Eben dieſe Erinnerung an ihre eigne Jugendzeit mochte denn auch der guten Etatsräthin bei all ihrer freieren Denkart und poetiſchen Innerlichkeit, gegenüber dieſem Wechſel in der Stimmung und den Anſichten ihrer Zeit, die wir gewöhnlich als die ſentimentale Werther⸗ Periode bezeichnen, eine ängſtliche Zurückhaltung aufnöthigen und ihr den oft krankhaft genug hervortretenden Drang der jüngeren Generation nach ſchwärmeriſchen Gefühlen und weltſtürmendem Ti⸗ tanenkampf ganz unverſtändlich machen, wenn ſie damit die friedliche, faſt ſelaviſche Pietät verglich, womit ſich zu ihrer Zeit junge Leute auf der Eltern Gebot unter Hymens Roſenſcepter gebeugt hatten. Wie geſagt, die alte Frau war Anfangs ſprachlos; denn eher hätte ſie ſich des Himmels Einfall vorgeſtellt, als daß ihre Charlotte gleichfalls von der modernen Krankheit der ſentimentalen Liebe würde befallen werden, ſie, die bis dahin nur für ihre Kunſt geſchwärmt * 4* 213 und für deren Ideale geglüht hatte! Und um ihr ſtarres Erſtaunen vollſtändig zu machen, mußte es gerade Sylburg ſein, derſelbe Mann, welchen Charlotte noch vor wenigen Tagen bei der Freundin faſt ver⸗ leugnet hatte!— Nein! Das war ihr denn doch zu arg und der Ge⸗ danke, daß ſie am Ende gar ſelber, wenn auch abſichtslos, das Ihrige dazu beigetragen habe, dieſe Neigung in Charlottens Herzen zu be⸗ feſtigen, gab ihrer Beſtürzung zugleich einen ſo komiſchen Anſtrich von eignem Schuldbewußtſein, daß man kaum unterſcheiden konnte, wer von beiden Freundinnen der Andern Troſt und Beiſtand am Meiſten bedurfte. Es koſtete Charlotten die größte Mühe, um die alte Frau zu über⸗ zeugen, daß es ſich ja noch keineswegs um ein wirkliches Liebesver⸗ hältniß handle, wohl aber daß ihre Ruhe davon abhinge, mit ihrem eignen Herzen ſowohl, wie mit dem des Barons in's Klare zu kommen. Die Etatsräthin hatte jedoch faſt eben ſo viel Furcht vor einem bereits beſtehenden Liebesverhältniß, als vor einem ſolchen, zu deſſen Gründung ſie erſt noch die Hand bieten ſolle; kurz, ſie war mit Einmal ſo ängſtlich und befangen geworden, daß Charlotte wohl einſah, ſie werde ohne eine Liſt nimmer zum Ziele kommen. Sie nahm daher plötzlich einen andern Ton an, von dem ſie wußte, daß er beſſer als Bitten und Betheuerungen anſchlagen würde, und rief mit Entſchloſſenheit: Gut, Sophie, du willſt mir nicht beiſtehen— wohlan, ſo helfe ich mir ſelber. Den Major muß ich ſprechen, und Madame Fanny am Kugelsort, auf deren Beiſtand du mich ſchon einmal, wenn auch im Scherze, hingewieſen haſt, wird ſchon Rath ſchaffen! Himmel, Charlotte, welche abſcheuliche Reden! ſtammelte die alte Frau entſetzt. Und das nennſt du kein wirkliches Liebesverhält⸗ niß, wenn ein anſtändiges und gebildetes Frauenzimmer mit einer ſolchen Kupplerin ſich einläßt? Unglückliches Kind, was ſoll ich von dir denken! Entweder haſt du den Kopf verloren oder ich bin durch dich um den Verſtand gekommen! Aber warte nur einmal, ob es denn da gar keinen Ausweg gibt? Der Baron will dich alſo mit aller Gewalt ſprechen? Ei, das kann ja am Ende geſchehen, voraus⸗ geſetzt, daß es wirklich nur beim Sprechen bleibt. Was denn ſonſt noch? rief Charlotte lachend. Hier in dieſem — 214— Zimmer will ich ihn ſprechen, nur eine halbe Stunde, um mich zu überzeugen, ob ich den Betheuerungen ſeines Briefes Zutrauen ſchen⸗ ken darf. Wie? entgegnete die Etatsräthin. In einer halben Stunde willſt du einen Mann kennen lernen, vielleicht für's ganze Le⸗ ben? Ach, Lotte, ich fürchte beinahe, du reichſt mit dieſem Termine nicht aus! Endlich willigte ſie, wiewohl mit ſchwerem Herzen ein, daß die Freundin am folgenden Abend den Major bei ihr ſehen ſollte, jedoch unter der Bedingung, daß nach dieſer Zuſammenkunft die Sache entweder ein für allemal abgebrochen, oder im Falle einer Verſtän⸗ digung an die oberſte Inſtanz, nämlich an die hier allein in Rede kommende Autorität der Mutter verwieſen werde, eine Bedingung, die Charlotte um ſo lieber einging, als ſie an den erſteren Fall be⸗ reits ſo wenig mehr glaubte, daß ſie vielmehr den letzteren unter allen Umſtänden ſchon jetzt für den einzig möglichen hielt. Wer war daher glücklicher als ſie! Mit welcher Zärtlichkeit dankte ſie der gütigen Freundin und bemerkte es kaum in dem Rauſch ihrer Seligkeit, wie dieſe immer ernſter und nachdenklicher wurde. Denn der Gedanke an den geliebten Sohn und deſſen nun für immer vereitelte Hoffnung ſtimmte ſie plötzlich faſt ebenſo traurig, als ein gewiſſes dunkles Etwas, dem ſie keinen Namen geben konnte, ihr Gemüth umdüſterte. Daß die Etatsräthin den noch jüngſt von ihr ſo bevorzugten Sylburg plötzlich viel ungünſtiger beurtheilte, machte Anfangs kaum einen Eindruck auf Charlotten. Es war ja nicht das Erſtemal, daß die alte Frau über ein in ihrem geſelligen Kreiſe entſtandenes Liebesverhältniß außer ſich gerieth und ſich ſelber die bitterſten Vorwürfe darüber machte. Mit ihrem ruhig gemüth⸗ lichen Sinne und harmoniſchen Weſen konnte ſie ſich nun einmal nicht in ſolche ſtörende und aufregende Gefühlszuſtände hineinfinden, und es war ihr ganz unbegreiflich, wie junge Leute ſich ſo ohne Noth und mit Gewalt um die ſchöne fröhliche Jugendzeit bringen mochten.„An all' dem Unheil iſt der verwünſchte Werther ſchuld!“ war eine ſtehende Klage bei ihr und der künftige Altmeiſter der deutſchen Literatur ſtand darum bei ihr in gar keiner beſonderen Gunſt. — — — — — 215— Ich begreife dich wahrhaftig nicht, Sophie! ſagte Charlotte endlich ärgerlich, da die Etatsräthin immer von Neuem anfing, bald Dieſes bald Jenes an Sylburg auszuſetzen. Noch vor wenigen Ta⸗ gen hatte er keine wärmere Freundin und Fürſprecherin wie dich. Dann hätten wir alſo nur unſere Rollen vertauſcht! rief die alte Frau gereizt. Meinetwegen denke von meiner Beurtheilung fremder Menſchen was du willſt, aber das glaube mir, hätte ich den Baron eines ſolchen Streiches für fähig gehalten, er wäre mir einmal und nicht wieder über die Schwelle gekommen! Grade ſeine Gleichgültigkeit und Nonchalance gegen die Frauen machte ihn mir liebenswürdig, ich traute ihm männlichen Ernſt und ſoliden Charakter genug zu, um keinen Geſchmack an Mondſchein⸗Romanen zu finden, und zu allem Ueberfluß war ich beinahe überzeugt, daß er ſich längſt die Hörner abgelaufen habe. Und dieſen Mann willſt du heirathen, Lotte? Gibt's in der ganzen Welt zwei grundverſchiedenere Menſchen als ihr Beiden? Was iſt denn eigentlich ſein Metier? Reiten, Rekruten anwerben und einexerciren, dazu eine tüchtige Portion Bravaden, darin beſteht ſein ganzer Lebensberuf, und dieſen vergleiche einmal mit dem deinigen, Lotte! Aber kommt denn das überhaupt hier in Frage? verſetzte dieſe verwundert. Dürfte ich wirklich mein Herz nur an einen Mann ver⸗ ſchenken, der meinen Beruf theilt? Dann wüßte ich in der That außer Eckhof keinen Einzigen, der für mich paßte, und der könnte doch gut und gern mein Vater ſein! Der Soldatenſtand hat allerdings wenig mit der Kunſt gemein; aber was ſollte ich denn z. B. an⸗ fangen, wenn mich ein Kaufmann zum Weibe begehrte? Oder ein recctsgelehrter Rathsherr? Oder ein Arzt? Oder ein Paſtor? Erin⸗ nere dich nur, liebe Sophie, fügte ſie lachend hinzu, wie oft du mir ſonſt geſagt haſt, daß bei glücklichen Eheleuten der einzige Unter⸗ ſchied darin beſtände, ob die Kinder mehr dem Vater oder mehr der Mutter gleichen.* Da haben wir's! rief die alte Frau und ſchlug verzweiflungs⸗ voll die Hände zuſammen. Vater— Mutter— Kinder! Eil ei, Mademoiſelle, man merkt's Ihnen an, daß Sie vortrefflich aus einem Akt in den andern ſpielen können! Aber zum Glücke iſt dafür ge⸗ ſorgt, daß die Bäume nicht in den Himmel wachſen, und das ſchwör' — 216— ich dir, Lotte, ich mache eher zehn kluge Streiche ehe du mir einen einzigen dummen begehſt. Dein Major— na, zieh' mir nur nicht gleich die Augen ſo kraus— dein Major ſoll's bei mir ſauer krie⸗ gen und ich will ihm den Mund ſchon gehörig abwiſchen! Ha, das fehlte noch, das mir ſo ein däniſcher Windbeutel in's Gehege käme! Und das ſag' ich dir, Lotte, ſpiel' mir keine Komödie mit deinem *½ r* — Herzen! Sonſt pfeif' ich dich aus, daß dir Hören und Sehen vergeht! So werd' ich doch wenigſtens unter Donner und Blitz zur Hölle fahren, ſagte dieſe lächelnd und verſprach Alles, was die be⸗ ſorgte und in ſolchen Herzensangelegenheiten gar zu bedenkliche Freundin von ihr begehrte. 25. Der Baron hatte ſonderbarerweiſe an dem Tage, wo er die Einladung der Etatsräthin zum Abendthee erhielt, zu Nichts weniger Muth und Vertrauen als zu ſeinem Glücke bei Charlotten, und ſelbſt die Ausſicht, ſie dort zu finden, konnte ſeine Verſtimmung nur vorübergehend verſcheuchen. Denn Olaf, den er ſchon in der Frühe auf Kundſchaft ausgeſchickt, war bald mit der ſicheren Beſtätigung deſſen zurückgekommen, was Sylburg ſchon am geſtrigen Abend ſo un⸗ erwartet entdeckt hatte, daß nämlich die Gräfin Lindenkron wirklich nach Hamburg zurückgekehrt ſei, um fortan ihren bleibenden Wohnſitz hier zu nehmen. Es geſchieht gewiß häufiger im Leben als man es beobachtet, daß ſelbſt Menſchen von ganz geringem oder auch von gar keinem innerlichen Halt mehr, durch ein unvorhergeſehenes Ereigniß plötzlich daran gemahnt werden, daß die letzte Lüge ihres Herzens doch noch nicht vollbracht iſt, und eine oder die andere zähe Faſer ihrer Seele noch immer an dem alten, längſt als Wahngebilde verhöhnten Glau⸗ ben an eine höhere Macht über den Sternen feſthängt. Ulrikens Rückkehr nach Hamburg, welche Veranlaſſung konnte am Ende dieſes Ereigniß für einen Menſchen von Sylburg's Cha⸗ ——— rakter abgeben, um ihn ſo plötzlich kleinmüthig und unentſchloſſen zu ſtimmen? Gewiß, eine ſolche Veranlaſſung war nirgends in den ge⸗ genwärtigen Verhältniſſen des Barons begründet, und doch fühlte er ſich in Allem wie gehemmt und ſeine ſtolze Siegesgewißheit, bei Frauen meiſt ſchon der halbe Sieg, verwandelte ſich in eine ſchon lange nicht mehr empfundene Befangenheit, als wenn er nun erſt zur Einſicht deſſen gelangt ſei, was er bei einem Mädchen wie Charlotte Ackermann zu riskiren habe. Es war das dunkle Be⸗ wußtſein einer alten Schuld und deren Nemeſis, was ihm in dieſer neuen, ſonſt ſo überaus günſtigen Situation plötzlich einen feindlichen Schatten in den Weg warf, und jenes Gefühl von Mißtrauen gegen ſich ſelbſt in ihm erzeugte, welches uns gerade in entſcheidenden Augenblicken am Meiſten lähmt und hindert. In dieſer zwiſchen unruhvoller Bewegung und Befangenheit getheilten Stimmung erſchien er bei der Etatsräthin, wo er Char⸗ lotten bereits anweſend fand. Die ſeinem Weſen ſonſt ſo fremde Schüchternheit, die Bläſſe ſeines Geſichtes und die Aufgeregtheit, womit er ſich benahm, legte die gute Etatsräthin ſogleich zu ſeinen Gunſten aus, indem ſie daraus auf die Gewalt der Empfindung ſchloß, die den ſonſt ſo ſicheren und gewandten Weltmann beherrſchte und ihn beinahe aus der Faſſung brachte. Sie ward durch dieſes unſichere Benehmen des Barons ſchnell von ihrer eignen Sorge er⸗ löst und das zuverſichtlich ſtrahlende Auge Charlottens, die ihr ganzes ſichres Weſen beibehielt, beruhigte ſie vollends.— Bei Dem kann ich ſie wohl ſchon ein wenig allein laſſen, dachte ſie, und nahm die erſte ſchickliche Gelegenheit wahr, um aufzuſtehen und ſich unter irgend einem Vorwand, wenn auch zögernd, aus dem Zimmer zu entfernen. Nun waren Beide allein und Sylburg, der mit dem alten Muthe auch den alten Ton der feurigen Ekſtaſe wiederfand, ergriff mit ſtürmiſcher Leidenſchaft Charlottens Hand und ſie mit Küſſen be⸗ deckend, rief er trunken von ſeinem Glücke: So iſt es denn wahr, daß ich noch einmal an meinen guten Stern glauben, noch einmal dieſes ſchwergetäuſchte Herz ſeinem oft ſo trügeriſchen Hoffnungsſchimmer öffnen ſoll! O Charlotte, welche Gewalt ſteht Ihnen zu Gebote, daß Sie mich, der längſt alle Liebe abgeſchworen hatte und in einem düſtern Groll, in einem bittern* 3 218 Hohne gegen Welt und Menſchen den letzten Erſatz ſuchte für das einſt ſo reich erträumte Glück, daß Sie mich noch einmal in den Zauberkreis der Liebe zurückziehen? Als kehrten die Fantaſieen und Träume meiner Jugend zurück, um dem kalternſten Manne, der längſt das bange Schmachten und verliebte Sehnen verlernt hat, noch ein⸗ 8 mal die herrliche Welt der Poeſie zu erſchließen, nicht anders ge⸗ — ſchieht mir jetzt durch Sie,— und Sie, Sie, Charlotte, können mir allein das Räthſel löſen, wie Ihnen dies möglich war? Denn ent⸗ weder iſt's ein holder Zauber, der mich mir ſelber unkenntlich macht, oder die Liebe hat erſt jetzt mein wahres innerſtes Sein erfaßt und Alles, was ich einſt Schmerzliches um ſie litt, war eine Täuſchung wie ſie ſelber. Laſſen Sie's das Letztere geweſen ſein, Sylburg, flüſterte Char⸗ lotte glühend; dann wird die Wahrheit unſrer Liebe nur um ſo leichter die eitlen Täuſchungen und Irrthümer überwinden, die uns die Welt entgegenſetzt und in deren Kampf wir ja doch erſt die Kraft unſerer Liebe bethätigen ſollen. Was bedarf es auch noch ſolcher Zweifel! rief der Major und ſank vor ihr auf die Kniee nieder. Ein einziger Blick in meiner Charlotte ſanfte Augen, und jeder Schmerz, jede Täuſchung der Ver⸗ gangenheit löst ſich in wonnevolles Entzücken auf. Erſt jetzt empfinde ich es in glühender Seele, welchen Schatz ich mein eigen nenne, wie thöricht und vermeſſen mein Stolz war, als ich Ihnen entfliehen und mich nicht freiwillig unter die Gewalt Ihrer Zauberreize beugen wollte. Hier, hier, zu deinen Füßen iſt mein Platz, himmliſches Mädchen, gebiete über mich wie über deinen Sclaven und laſſe nur dann mich dein Herz beherrſchen, wenn dir ſelbſt der Gehorſam ſüßer dünkt als das Gebieten. Zitternd vor Rührung und Seligkeit legte Charlotte ihre Hand auf ſein Haupt und mit ſchwärmeriſcher Zärtlichkeit zu ihm nieder⸗ blickend, entgegnete ſie:. Nein, nein, mein theurer Max, du allein ſollſt herrſchen, und ich will dir folgen, dir dienen wie meinem einzigen Gebieter, ja, wie meinem Gotte ſelber! Wußt' ich's doch ſchon längſt, daß Nichts mich vor deiner Uebermacht rettet, du ſüßer trotziger Mann, als die treueſte hingebendſte Liebe, daß jeder Weg, auf dem ich dir angſtvoll 7 3 r — 219— zu entfliehen ſtrebte, mich doch zuletzt rettungslos in deine Arme führen müſſe; denn da entfliehe einmal Jemand einem ſolchen Men⸗ ſchen, der uns in der Furcht faſt noch reizender erſcheint als in der Stärke, und der ſogar, o welcher Frevel, unſer Herz ſchon beſiegt hatte, als er es noch verſchmähte und einem Andern gönnen wollte, was ihm doch von Gott und Rechtswegen allein gehört! So ſei denn auch meine Buße der Schuld gleich, die ich ver⸗ übte, ſprach Sylburg, indem er die zarte Geſtalt umſchlang und den Mund, der ihm ein ſo ſüßes Geheimniß ausplauderte mit feurigen Küſſen bedeckte. Charlotte ließ den Reuigen ohne Viderſtand ſeine ungeſtüme Buße beenden und rief dann lachend mit von Purpur be⸗ decktem Antlitz: Max, Max, welche Wildheit! Und der rauhe Bart dazu! Wenn du das deine Buße nennſt, ſo weiß ich wahrhaftig nicht, was du unter Schuld verſtehſt! Daß nicht jeder Athemzug dir geweiht, nicht jeder Herzſchlag meine glühendſte Liebe dir verbürgt, das ſoll fortan meine einzige Schuld ſein, verſetzte Sylburg. Ja, Charlotte, nun ich deiner ge⸗ wiß bin, fürchte ich Nichts mehr, und was du Wildheit nannteſt in meinen Küſſen, es ſoll zum hohen freudigen Muthe werden, ſobald es einen Feind gibt, der dich mir ſtreitig machen will. Das ſchwöre ich dir— Halt, keinen Schwur, Geliebter! fiel ſie ihm mit zärtlicher Sorge in's Wort. Haben wir uns ſelber gefunden, ſo werden wir auch den Weg finden, auf dem wir vereinigt durch's Leben wandeln können. Mit ſolchen Schwüren aber fordert man leicht ein Schickſal in die Schranken, das, wenn ungenannt, auch unbekannt geblieben wäre. Laß' uns frohen Herzens dem guten Sterne vertrauen, der uns zuſammenführte, und ſei für alle Fälle meines Muthes ebenſo gewiß wie meiner Liebe. Ich bin dein, bleibe ewig dein und das mein Schwur! Sprach's, und einen innigen Kuß auf ſeine Lippen drückend, ſah ſie ihn mit einem ſo tiefen ſtrahlenden Blick in die Augen, als wolle ſie mit dem Glanz ihrer Liebe ſeine innerſte Seele verklären. Dann legte ſie ſanft die heiße Wange an ſeine Stirne und ſagte: Nun aber ſteh' auf, ehe die alte Frau zurückkehrt. Knieen — 220— ſollſt du auch nicht wieder vor deiner Charlotte, du müßteſt denn einmal ſo arg ſündigen, daß du nur in dieſer demüthigen Stellung Abbitte thun dürfteſt. Er ſah zerſtreut zu ihr auf und erhob ſich mit einem nur halb unterdrückten Seufzer, wie ihr den auch eine plötzliche Umſtimmung in ſeinem ganzen Weſen nicht entgehen konnte. Ernſt und ſinnend ruhte ſein Auge auf ihr, eine Wolke des Zweifels oder ſchwerer Sorge umſchattete die noch eben ſo heitere Stirne, jetzt ſchüttelte er mit ſchmerzlichem Lächeln den Kopf und druückte krampfhaft die Hand auf's Herz. Als ſie ihn zärtlich beſorgt bat, ihr zu ſagen, was ihn noch bekümmere, wollte er ihr Anfangs ausweichen, bis er end⸗ lich, der Bewegung ſeines Innern nicht mehr Meiſter, in ſtürmiſchem Affekt aufſprang, ihre beiden Hände ergriff und ausrief: Du fragſt noch, Charlotte, was mich mit Einmal ſo traurig ſtimmt? Ich, auf der ſchwindelnden Höhe irdiſcher Glückſeligkeit, ſollte nicht vor dem Abgrund zittern, der mein Glück, kaum gewonnen, mir wieder zu entreißen droht? O mein ahnendes Herz, welche Dämonen der Angſt haben noch immer Gewalt über dich!— Char⸗ lotte, Charlotte! Noch bin ich erſt dein, aber du, wirſt auch du jemals die meinige ſein? Werden die Menſchen, die dir zunächſt ſtehen, dich mir gönnen? Dein Bruder, deine Schweſter, und ſicher auch deine treffliche Mutter, werden ſie nicht Alles aufbieten, um dich wieder wankend zu machen? Charlotte kam dieſe Frage ſo unerwartet, daß ſie darüber heftig erſchrak und einen Moment ſelbſt die Faſſung verlor; denn Sylburg hatte deutlich ausgeſprochen, was ſie ſelber nur im Taumel ihrer Empfindungen und hingeriſſen von der Gewalt, die dieſer Mann über ſie ausübte, bis jetzt vergeſſen konnte: die Noth, den Kampf, den vielleicht unbeſiegbaren Widerſtand, den ſie von Seiten ihrer Familie finden würde. Daran erinnerte ſie nun plötzlich ſein pro⸗ phetiſch geſprochenes Wort und rief ihr zugleich alle die heftigen Scenen in's Gedächtniß zurück, die ſie bereits um ſeinetwillen zu Hauſe gehabt hatte. Doch nur eine Sekunde zeigte ſie ihm ihre Be⸗ ſtürzung und ſchnell die alte freudige Zuverſicht wiedergewinnend, rief ſie heiter: Es muß doch wahr ſein, daß wir Frauenzimmer eine gewiſſe — 221— Sorte von Muth beſitzen, wovon die Männer keine Ahnung haben. Vielleicht weil wir in der Liebe einen Talisman gewinnen, der uns vor allen Gefahren beſchützt, während ihr nur im Triumphe über uns Muth und Energie zeiget, aber der Welt gegenüber, die uns euch ſtreitig machen will, weder Heroismus noch Ausdauer habt. Ei, mein ſüßer Freund, welche Muthloſigkeit trauſt du mir zu! Mich ſollte ein Menſch in der Welt wankend machen in meiner treuen Liebe zu dir? Hätte ich mich darum von früh auf in der Kunſt des tragiſchen Spiels geübt, um jetzt, wo es vielleicht ein bischen Ernſt gilt und Entſchloſſenheit, um jetzt meinen Kothurn zu verlaſſen? Behüte! Oder glaubſt du vielleicht, daß, weil ich eine Schauſpielerin ſei, die ſich in den verſchiedenartigſten Rollen bewegen muß, ich auch mit meinem Herzen Komödie ſpielen wolle? Nein, nein, das glaubſt du nicht von deiner Charlotte, denn du weißt, daß mein Herz eher tauſendmal brechen als einmal wanken würde. Der Baron ſchien durch dieſe Verſicherung ebenſo beruhigt als entzückt; nur das Eine machte ihm noch Sorge, wo er in der Zu⸗ kunft die Geliebte ſehen und ein Stündlein mit ihr ungeſtört allein ſein könne? Auch hier wußte Charlotte nach kurzem Ueberlegen Rath, indem ſie ſagte: Allerdings wird unſere Freundin, die uns heute ſo großmüthig allein läßt, damit wir unſere Herzen austauſchen können, wohl ſchwerlich die Hand zu weiterer Gelegenheit bieten. Aber wozu auch? Iſt daheim bei uns nicht auch manches ſtille Plätzchen, wo wir ſo lange allein ſein können, als es uns gefällt? Aber wie ſoll ich in Euer Haus kommen? fragte der Baron ſichtbar überraſcht, ja ſelbſt beſtürzt. Gewiß nur über die Schwelle! rief ſie lachend. Morgen früh beim Kaffee melde ich dich der Mutter an, du erſcheinſt Nachmittags gegen vier Uhr in unſerm Hauſe, ich ſelber ſtelle dich den Meinigen als meinen Bräutigam vor und Alles iſt abgemacht! Sylburg kam durch dieſen Vorſchlag einigermaßen aus der Faſ⸗ ſung, ſo daß er Anfangs nicht recht wußte, wie er ſich dabei be⸗ nehmen ſollte, und Charlotte begriff gar nicht, wie ein Mann, dem man ſo viele Liebesabenteuer zuſchrieb und der doch auch ſonſt nicht zu den blöden und unſicheren Charakteren zählte, jetzt, wo ihm doch — 222— die Thüre zu ſeinem Glücke offenſtand, ſo wenig Selbſtvertrauen zeigen konnte. Nein, nein, theuerſte Charlotte, das geht nicht! rief er, ohne noch recht zu wiſſen, was er ihr ſagen wollte. Bedenke, welcher Gefahr wir uns ausſetzen, wenn deine Familie ihre Einwilligung verſagen, oder dieſelbe an Bedingungen knüpfen ſollte, deren Erfüllung nicht in meiner Macht ſteht! Welche ſollten das ſein? ſtotterte ſie betroffen. Ich bin feſt überzeugt, daß Niemand uns ein ernſtliches Hinderniß in den Weg legen wird, wenn wir ſelber nur Entſchloſſenheit zeigen. Glaubſt du, ich würde es im rechten Moment daran fehlen laſ⸗ ſen? fragte der Major mit ſchmeichelndem Tone, indem er ſie zärtlich um⸗ armte. O, dann kennſt du dieſes glühende Herz nicht, dem man wahrlich nicht allzugroße Geduld zum Vorwurf machen kann! Was mich jetzt noch abhält, mich deiner Mutter zu Füßen zu werfen und ihren Segen zu erflehen, iſt freilich nur eine äußere Rückſicht, darum aber nicht minder wichtig für mich. O glaub' es mir, meine holde Liebe, Nie⸗ mand verwünſcht ſo ſehr als ich das tyranniſche Geſetz, welches dem däniſchen Offizier bei Strafe der Caſſation verbietet, ſich ohne des Königs Einwilligung zu vermählen; doch beſteht es einmal, und meine Ehre, meine Pflicht verlangt, daß ich es befolge. Und wenn der König ſeine Einwilligung verweigert? fragte Charlotte zögernd. Das wird er nicht, entgegnete Sylburg ſicher. Dafür bürgt mir nicht nur ſeine perſönliche Zuneigung für mich, ſondern auch dein Name, mein ſüßes berühmtes Kind. Aber auch angenommen, der König mißbillige aus mir unbekannten Gründen unſere Verbin⸗ dung, dann ſteht es noch immer bei mir, meinen Abſchied zu nehmen und damit das letzte Hinderniß zu beſeitigen. Höre, Max, mir fällt ein Mittelweg ein, nahm Charlotte nach einer Pauſe das Wort; damit wir, bis du des Königs Einwilligung erlangt haſt, uns ungehindert ſehen und ſprechen können. Denn am Ende kommt es ja doch nur darauf an, daß die Welt nicht früher Etwas von unſrer Liebe erfährt und dies iſt leicht zu erreichen, wenn ich die Mutter und allenfalls auch die Schweſter in unſer Geheimniß ziehe; Beide werden es nur billigen, daß unſer Verhält⸗ 5 — 223— niß bis dahin geheim bleibt und du beſuchſt einſtweilen als Haus⸗ freund unſer Haus, was Niemanden auffallen wird. Der Major ſah ſie einen Augenblick wie zerſtreut an und er⸗ widerte dann mit leichtem Humor: Ja, ja, ſo ſoll's ſein; es bleibt dabei, daß ich Euch morgen beſuche, ſelbſt auf die Gefahr hin, daß mich Herr Schröder für einen verkappten Theaterrezenſenten hält. Da ſieht man doch wieder einmal, daß Amor trotz ſeiner Blindheit nicht nur ein guter Schütze, ſondern auch ein trefflicher Diplomat iſt. Hier wurde das Geſpräch durch die Rückkehr der Etatsräthin unterbrochen, welche der erſte Blick auf Charlotten errathen ließ, daß es zwiſchen den Liebenden zur Erklärung gekommen ſei. Sie ver⸗ ſtand es jedoch mit vielem Takte, Nichts wahrnehmen zu wollen, ſpielte die Unbefangene ſo gut, daß ſogar Charlotte darüber er⸗ ſtaunte, und ſchalt im Verlaufe des Geſpräches den Major tüchtig aus, daß er das einſame Leben des Hageſtolzen dem eines glücklichen Ehemannes vorziehe; er, der doch ſicherlich, wie ſie mit einem ſchalk⸗ haften Blick auf die Freundin hinzuſetzte, ſein hinreichendes Aus⸗ kommen habe, um eine Familie anſtändig zu erhalten. Charlotte ward feuerroth, Sylburg küßte der Eifernden unterwürfig die Hand und gelobte reumüthig Beſſerung, bald nachher verſammelten ſich noch andere Hausfreunde um den Theetiſch der alten Frau und dieſe dankte Gott im Stillen, daß das für ſie ſo ganz erſchreckliche Ereigniß eines unter ihrem Dache ſtattgefundenen, von ihr ſelber ſogar protegirten Stelldicheins ſo glücklich und gefahrlos abgelaufen ſei. 26. Dorothea war am folgenden Morgen die erſte Perſon im Hauſe, welche Charlotte von ihrer Verlobung mit Sylburg unterrichtete, und zwar in ſo ruhiger und beſtimmter Weiſe, daß die Schweſter dieſe Neuigkeit keinen Augenblick länger bezweifeln konnte als eben ihr Schrecken, ihre Beſtürzung währte. Das haſt du gethan! ſtammelte ſie erbleichend. O Himmel, dieſe unſelige Verblendung wird dich noch in's Unglück ſtürzen, ——— „* — 224— Charlotte!— Sylburg dein Bräutigam? Er, den ich niemals ohne ein geheimes Grauen anblicken kann! Das ſollteſt du mir nicht ſagen, meine Liebe, entgegnete die jüngere Schweſter ſanft. Ich wählte dieſen Mann aus innerſter Her⸗ zensneigung, und indem ich ſo der Stimme meines Gefühles folge, blicke ich heiter dem Schickſal entgegen und zittre nicht vor dieſer oder jener dunklen Möglichkeit. Mag ſein, daß mir Prüfungen vor⸗ behalten ſind, die der Größe meiner Liebe gleichkommen, aber wozu wäre denn das Leben überhaupt da, wenn man nicht einmal um der Liebe willen ſeine Geſchicke ertragen ſollte? Darum beſchwör' ich dich, theure Dorta, nimm du wenigſtens keinen Antheil an dem feindlichen Widerſtand, den die Welt meinem Glücke entgegenſetzt, und willſt du mir auch nicht helfen, ſo ſei wenigſtens nicht gegen mich und erſchwere mir nicht meine Lage noch mehr, als es ſo ſchon geſchehen wird. Und die Mutter,— der Bruder? Was werden ſie zu dieſer Verbindung ſagen? rief Dorothea, ſchon halb von Charlottens flehen⸗ dem Worte bezwungen. Das werden wir bald erfahren, da ich entſchloſſen bin, noch heute der Mutter Alles zu entdecken, entgegnete dieſe mit Ruhe. Ihrer Zuſtimmung glaub' ich beinahe gewiß zu ſein, da ſie's ja ſelber an ſich und dem Vater erfahren hat, unter welchen ſonderbaren Schickungen ſich manchmal zwei Herzen zuſammenfinden. Und Fritz, — nun, mit dem will ich, wenn es ſein muß, kämpfen, bis er nach⸗ gibt, und im äußerſten Falle nehme ich den Doctor zu Hülfe, der ja Alles über ihn vermag. Das thue bei Leibe nicht, erwiderte die Schweſter mit einem halb ſchlauen, halb ſchmerzlichen Lächeln. Unzer's Stimmung in Betreff des Majors kenne ich genau, vielleicht beſſer als du den ganzen Doctor kennſt. Baue nur nicht auf ſeine Hülfe; denn Unzer — hier bedeckte Purpurröthe ihr Antlitz und das Zittern der Stimme verrieth, was in ihrem Innern vorging— denn Unzer gönnt dich weder deinem Sylburg, noch ſonſt einem Manne, er mag heißen wie er will! Dorothea, welche abenteuerliche Gedanken machſt du dir wieder! rief Charlotte. Glaubſt du im Ernſte daran, daß Unzer auf den — 225— Major eiferſüchtig ſein würde? Er, der mir niemals ein anderes Gefühl als das der reinſten aufrichtigſten Freundſchaft gezeigt hat? So und nicht anders wird dir die Liebe bei jedem edlen Manne erſcheinen, antwortete die Schweſter, und ſuchte ihr vergebens ihre Verwirrung zu verbergen. Aber was brauch' ich dir noch Zweifel zu benehmen, an die du ſelber nicht glaubſt! Denn blind müßteſt du ſein, wollteſt du nicht ſchon lange bemerkt haben, daß Unzer dich glühend liebt, und eben darum den Major nicht mag. Zwei große brennende Thränen traten ihr bei dieſen Worten in die Augen, erſchüttert warf ſie ſich der Schweſter in die Arme und rief: Nun haſt du ihn für immer unglücklich gemacht, indem du einem Manne den Vorzug gabſt, den du kaum kennſt, deſſen Charak⸗ ter dir ſelber noch jüngſt ein ſo gerechtes Mißtrauen einflößte! Ach, Charlotte! Ich war auf Alles gefaßt, auf Alles,— ſelbſt daß Unzer dich heirathen würde, konnte ich mir ausdenken, und fühlte noch eine gewiſſe Genugthuung darin, dich nicht um ſeine Liebe zu beneiden. Aber dieſem Sylburg ihn zu opfern, nein, das verſteh' ich nicht, weiß kaum, für wen ich mehr zittern ſoll, für dich oder für ihn, den du verſchmähſt und den ich mehr liebe wie mein Leben!— Ja, ja, fuhr ſie mit erhöhter Stimme fort und ihre Miene ſtrahlte wie ver⸗ klärt; nun brauch⸗ ich mich nicht mehr zu verſtellen und dir eine Liebe zu verbergen, die mein ganzes Sein erfüllt und die ich, wärſt du Unzer's Frau geworden, als einziges Geheimniß zwiſchen dir und mir mit in's Grab genommen hätte. Aber eben darum beſchwör⸗ ich dich auch, Schweſter, bei allem Heiligen und Schönen, was unſre Herzen vereint, mache Unzer nicht unglücklich,— glaube mir, er iſt deiner werth wie kein anderer Mann, und du— du biſt die Ein⸗ zige, die ihn ſo glücklich machen kann wie er es verdient! Nein, nein, du kannſt, du darfſt keinen Andern lieben als ihn, es iſt nicht möglich, daß ein Menſch wie dieſer Sylburg den Sieg über ihn davonträgt, ihn, den Alles adelt und auszeichnet, was Jenem ab⸗ geht, und deſſen Beſitz dich zum beneidenswertheſten Weibe auf der weiten Erde machen müßte! Charlotte ſah die Schweſter ſtaunend an und hatte einen Moment ein Gefühl, als müſſe ſie vor ihr auf die Kniee niederfallen und D. B. II. Müller's Charl. Ackermann. 15 21 ———— — 226— ein höheres Weſen in ihr anbeten, ſo tief erſchütterte, ſo mächtig rührte ſie dieſe Sprache einer Liebe, die ihr Höchſtes freudig zu opfern bereit war, um damit das Glück des geliebten Mannes zu erkaufen. Von einer ſolchen Reſignation hatte ſie bisher keine Ah⸗ nung gehabt, ein Thränenſtrom entſtürzte ihren Augen und erſchüttert rief ſie aus: Nun, beim ewigen Himmel! Wenn Unzer ſolch' ein Herz ver⸗ ſchmähen kann, ſo gibt's in der ganzen Welt keine Liebe mehr, oder ſie iſt niemals dageweſen und nur blinde Thoren und Fantaſten haben an die Macht der Sympathie geglaubt! Wie? Du willſt, daß ich den Mann lieben ſolle, für welchen du ſelber dieſe innige Neigung hegſt? Willſt, daß ich, weil er dir vielleicht nicht die gleiche Aufmerkſamkeit erzeigte wie mir, ihn noch in ſeinem Irrthum beſtärken, ihn vollends an mich feſſeln ſoll? Aber hieße das nicht uns Alle zugleich un⸗ glücklich machen, dich, ihn und mich, ſtatt daß wir einfach der Wahr⸗ heit folgen, die dein und mein Herz beſeelt? Ich habe Sylburg Treue gelobt, er beſitzt meine Liebe wie Unzer die deinige, wär' es nun nicht ein doppelter Verrath von mir, wollte ich ihn verlaſſen und dir zugleich den Mann deines Herzens rauben? Nimmermehr! Der Wille Gottes ſelber, den wir oft ſo vermeſſen corrigiren wollen, hat uns Beiden das Ziel gezeigt, an dem unſer Heil erblüht; wohlan, ſo laß' uns den Einen, der es noch nicht inne ward, deinen Unzer nämlich, gleichfalls auf die rechte Bahn leiten, und er wird bald ein⸗ ſehen lernen, wem von uns er den Vorzug geben ſoll. Ich verſtehe dich nicht, ſagte Dorothea beklommen. Iſt auch nicht nöthig, entgegnete Charlotte lebhaft. Genug, daß ich dich um ſo beſſer verſtehe, nun ich mit Beſtimmtheit weiß, daß du den Doctor liebſt. Ja, Dorta, rief ſie begeiſtert, indem ſie die Schweſter zärtlich umarmte; ſo gewiß als ich niemals von Syl⸗ burg laſſen werde, ſo gewiß ſoll Unzer der deinige werden, wenn er aanders der Mann iſt, der ein ſolches Herz zu würdigen verſteht! Ich ſelbſt, ich ſelbſt will ihn dir ſchon auf die rechte Bahn leiten, laß⸗ mich nur gewähren; du aber, Dorta, hilf mir dagegen mit deiner treuen Schweſterliebe die Mutter für Sylburg gewinnen, damit ſie ihn heute Nachmittag, wenn er ihr aufwartet, freundlich empfängt und ihm erlaubt, ſie ſeiner Liebe und Ergebenheit zu verſichern. —,—— probe der Ehe gehalten wird und die Frau wiſſen muß, wie ſie mit. Sie unterrichtete hierauf die Schweſter von dem Wunſche des Majors, die Verlobung für's Erſte noch geheim zu halten, indem ſie ihr zugleich die Gründe auseinanderſetzte, welche ihn hierzu veran⸗ laßten. Dorothea fand im Ganzen Nichts dagegen einzuwenden; ihr einziges Bedenken war die Mutter, die, je wichtiger dieſer Fall, um ſo weniger gern von dem gewöhnlichen Gebrauch, wie ihn Sitte und Herkommen vorzeichneten, abgehen werde. Doch iſt ja deine ganze Liebesgeſchichte ſo neu und eigenthüm⸗ lich, daß man am Ende über dieſe kleine Ausnahme ſchon hinweg⸗ ſehen kann, bemerkte ſie, und verſprach ihr mit Wort und Kuß ihren Beiſtand, wenn Mutter oder Bruder Schwierigkeiten machen ſollten.— Erſtere war bei der Nachricht von der Verlobung ihrer Tochter mit einem unbekannten däniſchen Offizier mehr überraſcht als beſtürzt, und die ſonſt ſo heftige, ſtrenge und nicht ſelten auch ſehr eigen⸗ willige Frau benahm ſich diesmal gegen Erwartung ruhig und nach⸗ giebig. Zwar ſprach ſie lange kein Wort, lauſchte aber um ſo auf⸗ merkſamer, als Charlotte ihr die Geſchichte ihrer Liebe, ſoweit dieſe für der Mutter Ohr taugte, mittheilte und ihr in ruhiger Weiſe ihr Verhältniß zu dem Major auseinanderſetzte. Frau Ackermann verſank hierauf in ein längeres Nachſinnen, und Dorothea mußte ſie zweimal bitten, nun auch ihre Meinung von der Sache zu ſagen, ehe ſie ſich erinnerte, daß es hier vor Allem auf ihre mütterliche Einwilligung ankomme. Ach, liebe Kinder, was iſt da zu ſagen! rief ſie in ihrer ſelbſt noch bei dieſem ernſten Falle komiſchen Zerſtreutheit. Eine Partie, wie ich ſie dir wünſchte, Dorta, ſcheint es allerdings nicht zu ſein. Mir, beſte Mutter? fragte dieſe verwundert. Gleichviel, ob dir oder Lotten! verſetzte ſie ärgerlich und klappte ihr ſilbernes Döschen zu. Euch Beiden wünſch' ich vor Allem ſolche Männer, die etwas Reelles in der Welt vorſtellen, Männer von Reputation und Solidität. Denn vön der Liebe kann der Menſch nun einmal nicht leben, ſo wenig wie von Nektar und Ambroſia, und hinter den Flitterwochen kommen die Bitterwochen, wo die Haupt⸗ dem Manne daran iſt. 2 15* A —-O——— — 228— Inn dieſem bald mürriſch auffahrenden, bald zärtlich beſorgten Tone fuhr die wackere Matrone, die trotz ihrer alten Tage die gei⸗ ſtige Regſamkeit und trotz ihrer Korpulenz das heftige Temperament ihrer Jugend behalten hatte, fort, den Töchtern die Gefahren des Leichtſinns bei einem ſo wichtigen Schritte wie die Ehe zu ſchildern, und hatte wohl ſchon eine halbe Stunde geredet, ohne daß man eigentlich errathen konnte, ob ſie mehr für oder mehr gegen Char⸗ lottens Verbindung mit dem Major ſei. Sie ſchien abſichtlich jede nähere Erklärung zu vermeiden und wollte ſo lang als möglich Friſt gewinnen, da ihr wohl ebenſo ſehr vor ihrem eignen Ausſpruch bangte wie der Tochter ſelber. Dorothea jedoch, welche die Mutter gut genug kannte, um nicht vom Einfluſſe des Stiefbruders auf deren Entſchließung Alles für Charlotten zu fürchten, gab endlich den Ausſchlag, indem ſie ſagte: Aber wie viele unglückliche Ehen gibt's nicht, welche doch unter den günſtigſten Verhältniſſen geſchloſſen wurden, wo alle Welt den jungen Leuten den Himmel auf Erden prophezeihte und es kaum denk⸗ bar ſchien, daß nicht immerfort die vollkommenſte Harmonie der Herzen zwiſchen Mann und Frau beſtehen werde. Und doch waren ſie kaum vereinigt, ſo ſah man von Allem das Gegentheil; während wiederum andere Ehen, zu denen Jedermann Anfangs den Kopf ſchüttelte, von allen guten Genien des Lebens begleitet waren. So hab' ich einmal in einem Theaterkalender von einer berühmten Schauſpielerin geleſen, die als junge ſchöne Wittwe ihren nachmaligen zweiten Mann bei ſeiner erſten Bewerbung mit einer Ohrfeige abfertigte, und doch war ſie wenige Wochen nachher ſeine glückliche Gattin und die Ohrfeige hat der Empfänger womöglich noch weniger bereut als die, welche ſie austheilte.. Es war aber auch der Mann darnach! ſprach Frau Ackermann mit einem Blick voll Rührung auf das Bild ihres verſtorbenen zweiten Mannes, welches über dem Sopha hing. Dorothea benutzte den günſtigen Moment, da im Herzen der Mutter die Erinnerung an das Glück ihrer eigenen Liebe erwachte und ſagte zu der Schweſter: 1 Ob dein Herr von Sylburg wohl auch wieder kommen würde, wenn du ihn auf ähnliche Art abfertigteſt, wie einſt die Mutter den — — „ — — b Vater? Beinahe möchte ich's nicht von ihm glauben, denn er ſieht nicht darnach aus, als wenn er ſich eine derartige Zärtlichkeit bieten ließe. Aber du kannſt ihn ja heute gleich auf die Probe ſtellen! Und ohne auf die Beſtürzung der Mutter bei dieſem Vorſchlag zu achten, erzählte ſie dieſer mit vieler Laune und ohne ihr Zeit zu einem Einwand zu laſſen, wie der Major, der ſich ihr heute vor⸗ ſtellen werde, ganz gegen Sitte und Brauch zuerſt bei ſeinem Könige um die Erlaubniß, Charlotten heirathen zu dürfen, anhalten müſſe und von der mütterlichen Einwilligung für's Erſte noch gar nicht die Rede ſei, weßhalb ſie ihn auch noch keineswegs als ihren künf⸗ tigen Schwiegerſohn zu empfangen brauche. Dieſes ſonderbare Verhältniß wollte Frau Ackermann keineswegs zuſagen, und es koſtete beide Töchter große Mühe, ſie zu überreden⸗ dem Major, bis die königliche Genehmigung eingetroffen ſei, wenig⸗ ſtens als Hausfreund den Zutritt zu geſtatten. Endlich gab ſie zwar ihre Einwilligung hierzu, jedoch nur unter der Bedingung, daß bis dahin überhaupt noch von keiner Verlobung zwiſchen Charlotten und ihm die Rede ſein ſolle, da ein Verhältniß, welches nicht vor aller Welt ſtattfinden dürfe, auch in ihrem Hauſe nicht geduldet werden könne. Ebenſo entſchieden beſtand ſie darauf, vor Allem Schröder's Meinung zu hören, dem in einer des Hauſes Ehre und Glück ſo nahe berührenden Angelegenheit die erſte Stimme gebühre, eine An⸗ ſicht, die Charlotten von Neuem in die angſtvollſte Ungewißheit ver⸗ ſetzte. Denn welche günſtige Entſcheidung konnte ſie von dem Bruder erwarten, deſſen perſönliche Abneigung gegen den Major ihr nur zu wohl bekannt war, und der außerdem einer Verbindung entgegen ſein mußte, die ſie vorausſichtlich für immer von der Bühne entfernte? War doch der letztere Umſtand ihr ſelber ſo ängſtlich, daß ſie ſich kaum vorſtellen mochte, wie überhaupt je eine Zeit für ſie kommen könne, in der ſie ihrer Kunſt und damit dem eigentlichen Element ihres geiſtigen Lebens für immer entſagen ſollte. Ja, die Gewohnheit, einzig ihrer Kunſt zu leben und in ihr die Grundbedingung ihres Daſeins zu erblicken, zeigte ihr ſchon jetzt im ahnenden Gemüthe den feindlichen Gegenſatz zu einer Liebe, die ſie nothwendig auf an⸗ dere entgegengeſetzte Bahnen führen mußte und ihrer ganzen ſeitheri⸗ gen Lebensbeſtimmung plötzlich eine ſo unerwartete Wendung gab. ——— — 230— Nur im Widerſtand gegen die ihrer Liebe feindliche Welt ſiegte die Leidenſchaft des Herzens über der Seele eingebornen Genius; wie es aber das Opfer ihrer Kunſt in Wahrheit galt, regte ſich auch ſchon in ihrem Inneren jene geheimnißvolle Macht, welche das Künſt⸗ lerherz mit magiſchen Banden an ſeinen höhern Beruf feſſelt und ihm ein völliges Aufgeben deſſelben faſt ebenſo unmöglich macht als ein theilweiſes. Auch war, was Charlotte von ihrem Stiefbruder Schröder be⸗ fürchtete, keineswegs unbegründet; denn eher hätte dieſer des Him⸗ mels Einſturz erwartet, als die Nachricht von der Schweſter Verlo⸗ bung mit einem Manne, der ihm in jeder Hinſicht ſo fatal war. Schröder's ſtreng freimaureriſche Grundſätze, welche ihn ebenſo⸗ wohl bei ſeinen eignen Handlungen wie bei Beurtheilung ſeiner Nebenmenſchen leiteten, wie hätten ſie ſich mit einem Manne von Sylburg's Ruf und Perſönlichkeit befreunden können? Er, dem Nichts über ſeine Kunſt und ein immer thätiges Leben ging und der ſich ebenſowohl als Künſtler wie als Geſchäftsmann oder im geſell⸗ ſchaftlichen Umgang ſtets als Charakter von reinſter Sitte und Gediegenheit bewährte, wie hätte er mit ſeiner idealen Lebensan⸗ ſchauung und ſeinem praktiſchen Sinne an einem Manne Gefallen finden können, der ihm von verſchiedenen Seiten her als ein galanter Abenteurer, ja ſelbſt als ein Menſch von zweifelhafter Geſinnung und Moralität geſchildert worden war? Dennoch behielt er, als ihm ſpäter die Mutter in Dorotheens Gegenwart das verhängnißvolle Ereigniß mittheilte, ſeine äußere Ruhe bei, wenn es auch Keiner von Beiden entging, welchen furcht⸗ baren Eindruck dieſe Kunde auf ihn machte. Erſt als er hörte, daß die alte Frau am geſtrigen Abend die entſcheidende Zuſammenkunft zwiſchen den Liebenden in ihrem Hauſe vermittelt habe, in Folge deren ſich der Major heute Nachmittag der Familie ſeiner Braut vorſtellen wolle, ſprang er in heftiger Erregung vom Stuhle auf und rief beſtürzt: Und das wollen, das können Sie zugeben, Mutter? Deinen Rath will ich vor Allem hören, lieber Sohn, entgegnete Frau Ackermann ſanft, doch mit Nachdruck; vorausgeſetzt, daß du mir ihn ohne Leidenſchaft geben willſt. Denn hier handelt es ſich in 3 — 231— erſter Linie weder um uns noch um den Herrn von Sylburg, ſondern um deine Schweſter Charlotte, deren Glück und Frieden, ja deren Leben ſelbſt auf dem Spiele ſteht. Darum, um Gotteswillen, keine blinde Heftigkeit, keine ungemeſſene Leidenſchaft! Wir können hier, das zeigt mir Charlottens ganzes Weſen, durch eine einzige Ueber⸗ eilung mehr verderben als wir jemals wieder gut zu machen ver⸗ möchten. Die Wahrheit dieſer mütterlichen Ermahnung machte auf Schröder einen unverkennbaren Eindruck, er küßte dankbar ihre Hand und ſagte bewegt: Sie haben recht, theure Mutter; hier ſteht zu Viel auf dem Spiele, als daß ich mich von meinem heißen Blute dürfte hinreißen laſſen. Gewiß, Sie ſollen mich ruhig ſehen, ſo ruhig, als man es ſein kann, wenn plötzlich eine ſchreckliche Ahnung in noch ſchrecklichere Erfüllung geht. O wie lange bangt mir ſchon vor dem Augenblick, wo die Liebe den Weg zu Charlottens Herzen finden und ein Mann ihre Seele ganz und gar für ſich einnehmen werde! Ich weiß nicht, welche Angſt es in mir war, die mir dann immer zuflüſterte, daß dies ein großes Unglück für ſie und uns alle ſein werde, ein dunkles Verhängniß, das ſich wohl heraufbeſchwören aber niemals wieder bannen läßt. Wie oft, wenn ich von der Couliſſe aus ihrem Spiele auf der Bühne zuſah und die Gewalt ihrer tragiſchen Empfindung, das Dämoniſche in ihrer Künſtlernatur mit der zarten Geſtalt, dem ſenſitiven Weſen unſrer Charlotte verglich, wie oft mußte ich mich da unwillkührlich fragen, was daraus werden ſolle, wenn einmal wirklich ſolche Gefühle und Leidenſchaften, wie ſie hier als Künſtlerin ſie darſtellte, in ihrer Bruſt lebendig würden und das Schickſal einer verſchmähten oder betrogenen Liebe ſie anderswo als auf der Bühne und im Koſtüme einer Emilia oder Rutland erreichen ſollte? Du ſprichſt damit meinen innerſten Gedanken aus, ſagte Dorothea. Auch ich konnte mir eigentlich niemals Charlotten in einem Liebes⸗ verhältniß zu einem Manne denken und ebenſowenig hatte ich eine Vorſtellung von dem Manne, der ihr eine wirkliche Neigung einflößen werde. Von allen Herren, die ihr nahten, erweckte auch keiner ein ſo tiefes Intereſſe in ihr, daß ich für die Ruhe ihres Herzens hätte fürchten ſollen; ja, ich mußte oft bei wirklich bedeutenden und ge⸗ — winnenden Perſönlichkeiten über Charlottens gänzlichen Mangel an jedem tieferen Verſtändniß des männlichen Charakters erſtaunen. Davon gibt uns jedenfalls der Herr von Sylburg den beſten Beweis! rief Schröder; obwohl ich ihn weder zu den bedeutenden noch zu den gewinnenden Perſönlichkeiten zähle. Sollte man es für möglich halten, daß ein Mädchen von Charlottens geiſtiger und ſitt⸗ licher Bildung ſich in einen Mann verlieben kann, der, und wär⸗ er auch in Wahrheit das Alles, wovon er den Schein annimmt, bei der nachſichtsvollſten Beurtheilung doch höchſtens nur als gewandter Weltmann und angenehmer Geſellſchafter gelten mag, nimmer aber für einen Mann, der einem ſo reichen Geiſte, einem ſo zart und tief⸗ fühlenden Gemüthe, wie dem Lottens, für die Dauer genügen kann? Welche unglückſelige Verblendung, welche räthſelhafte Verirrung! Sie, die bei allen edlen und kunſtbegeiſterten Menſchen für die reine Muſe ſelbſt gilt, die man faſt als Ideal der Weiblichkeit vergöttert, und dieſer— Werbeofftzier! Er durchſchritt einigemal mit verſchränkten Armen das Zimmer und ſein ganzes Weſen zeigte deutlich die fieberhafte Aufregung, in welche ihn dieſer Fall verſetzte. Ebenſo die Mutter, deren Herz durch des Sohnes Alteration von den widerſtreitendſten Gefühlen beherrſcht wurde, ſo daß ſie im Grunde ebenſowenig wie dieſer ſelbſt im Stande war, einen ruhigen Entſchluß zu faſſen. So war es denn Dorotheens Sache, zu verhüten, daß man einen übereilten Plan faßte und vielleicht in der erſten Beſtürzung das Aeußerſte verſuchte, um Charlotten durch ſtrenge Maßregeln zu nöthigen, Sylburg aufzugeben und das kaum geknüpfte Band ebenſo ſchnell wieder zu löſen. Das hieße fürwahr Oel in's Feuer gießen! ſagte ſie, als Schröder ſich wirklich in dieſem Sinne ausſprach. Wie, oder wollteſt du eine Leidenſchaft, die vielleicht kaum noch dieſen Namen verdient, zum heftigſten Triebe aufſtacheln? Vergeßt um Gotteswillen nicht, daß ihr es bei Lotten mit einem Gemüthe zu thun habt, das an einer un⸗ verſtandenen Sehnſucht krankt; mit einem Geiſte, deſſen feurige Ein⸗ bildungskraft keine Schranken kennt, und zum Ueberfluß mit einem Herzen, das ſich ſelber den ſeltſamen Widerſpruch zwiſchen ſich und — 44 — 233— ſeiner Liebe nicht einmal zu erklären vermag, ihn vielleicht kaum noch ahnt. Das Einzige wozu ich unter dieſen Umſtänden rathen kann, iſt ein ruhiges Verhalten von unſerer Seite, bei Leibe aber keine Gewaltthätigkeit. Man laſſe ihr vollkommene Freiheit, an Sylburg zu lieben, was ihr gefällt, und hindere ſie nicht, ihn täglich näher kennen zu lernen. Vielleicht wird ſie dann ſelber über kurz oder lang das Gefährliche ihrer Illuſionen erkennen, die ſie ſich von die⸗ ſem Manne macht; ſie wird mehr und mehr den geiſtigen Abſtand zwiſchen ſich und ihm inne werden, und darauf baue ich meine Hoff⸗ nung, daß der Stolz ihres Herzens, womit ſie ihre Liebe jetzt noch hartnäckig feſthält, bald der allergefährlichſte Feind dieſer Liebe wer⸗ den wird. Die beſſere Einſicht wird in dem Augenblick den Sieg gewinnen, wo ſie merkt, daß ihr ſchwärmeriſches Gefühl ſie zu einem großen Irrthum verleitet hat, und dann dürfte es vielleicht auch an der Zeit ſein, ihr mit vorſichtiger Hand vollends die Binde von den Augen zu ziehen.. Obwohl Schröder dieſen Vorſchlag Anfangs in mehrfacher Be⸗ ziehung bedenklich fand und ihn beſtritt, ſo gab er dennoch nach, als auch die Mutter ſich für Dorotheens Anſicht entſchied, da man ja den Major hierdurch ſelbſt unter die Augen bekäme und dem Herrn ein Bischen in's Gewiſſen blicken könnte. Mit innerem Wider⸗ ſtreben fügte ſich Schröder in den Gedanken, jenen Mann als Haus⸗ freund bei ſich ſehen und ihm freundlich begegnen zu ſollen; allein er konnte nicht leugnen, daß die Verwicklung bereits zu weit ge⸗ diehen und die Lage für ihn und die Seinigen, dem Baron gegenüber, ſchon zu ſchwierig geworden ſei, um von einem offenen Widerſtand noch Heil zu erwarten. So ward denn beſchloſſen, den Major für's Erſte freundlich aufzunehmen, ſein künftiges Verhältniß zu der Fa⸗ milie ganz und gar zu ignoriren, ſonſt aber beiden Liebenden Nichts in den Weg zu legen und, allerdings mehr aus Noth wie aus freiem Antrieb, an dem Grundſatz der Toleranz auch diesmal als oberſtem Familiengeſetz feſtzuhalten. Unterdeſſen aber ſollte Schröder darauf bedacht ſein, den unbeſtimmten Gerüchten über Sylburg's Charakter und Lebenswandel eifrig nachzugehen, um diejenigen Beweismittel gegen ihn in die Hand zu bekommen, mit denen man ihn dann für immer entfernen konnte; ein Plan, der uns den biederen — 234— und offenen Charakter des großen Künſtlers um ſo weniger verleiden ſoll, als er ja demſelben Motive entſprang, welches ihn um das Glück und den Frieden einer geliebten Schyeſter ſo beſorgt machte, daß er ſelbſt ſein eignes Gefühl mit Gewalt zurückdrängte. „ 27. So wurde denn der Major, wenn auch ein unwillkommener Gaſt, dennoch im Ackermann'ſchen Hauſe willkommen geheißen und ſein erſter Beſuch fiel ſogar gegen alle Erwartung günſtig für ihn aus. Die Mutter fand ſeine Perſönlichkeit einnehmend, ſein Be⸗ nehmen fein und gebildet, und ſelbſt Dorothea erklärte nach ſeinem Weggang, er habe heute einen angenehmeren Eindruck auf ſie ge⸗ macht wie bei früheren Gelegenheiten. Nur Schröder war mit ſeinem Urtheil über ihn zurückhaltend; denn er mochte nicht eingeſtehen, daß ihn das ruhige und beſcheidene Auftreten Sylburg's unter an⸗— dern Umſtänden ſehr für dieſen Mann würde eingenommen haben. 2 Der Major hatte ſich beſonders ihm gegenüber mit ſo viel Würde und maaßvoller Zurückhaltung benommen, hatte im Verlauf des Ge⸗ ſpräches über Schröder's Bühne und deren große Bedeutung für das deutſche Theater, mit ſo viel wahrer Kunſtkennerſchaft geurtheilt, daß Jener dem gebildeten Verſtand des neuen Hausfreundes Gerech⸗ tigkeit widerfahren laſſen mußte und ſogar geneigt war, die Liebe des Barons dem Eindruck zuzuſchreiben, den eine Künſtlerin wie Charlotte auf einen ſo begeiſterten Freund ihrer Kunſt nothwendig habe machen müſſen. Aber Schröder, der welt⸗ und menſchenerfahrene Künſtler, der in ſeinem vielbewegten Leben die verſchiedenartigſten und merkwürdig⸗ 4 ſten Charaktere kennen gelernt hatte, blieb trotzdem, daß er dem Baron geiſtige Fähigkeiten nicht abſprechen konnte, ſeinem Vorſatze getreu, dieſen Mann ſtets nur mit argwöhniſchem Blick zu beobachten und jetzt mit doppelt argwöhniſchem, da er ſich ja ſelbſt von deſſen Ver⸗ ſtand überzeugt hatte. Sylbburg ſeinerſeits war mit der Einleitung ſeines neuen Ver⸗ 3 hältniſſes zum Ackermann'ſchen Hauſe ſo wohl zufrieden, daß er bald — 23⁵5 keine andere Sorge mehr hatte, als die, dieſelbe in der ihm darge⸗ botenen Weiſe möglichſt zu befeſtigen und die ihm ſtillſchweigend von der Familie zugeſtandene Doppelrolle als erklärter Hausfreund und geheimer Verlobter der jüngeren Tochter, mit allen ihm zu Gebote ſtehenden Mitteln durchzuführen. Was hätte auch ſeinem Geſchmack mehr zuſagen ſollen als ein ſolches Liebesverhältniß, welches ihm er⸗ laubte, ganz auf dem ſeitherigen unabhängigen Fuße fortzuleben, und ihm doch alle die Reize und Annehnlichkeiten bot, welche einem glück⸗ lichen Bräutigam den Weg von der Erde zum Himmel verkürzen. Ein angenehmes Haus, eine angenehme Geliebte, und das Alles um⸗ rahmt von dem Nimbus, womit die Kunſt ihre gefeierten Lieblinge umkleidet, was hätte einen Menſchen von Sylburg's leichtfertiger Lebensanſchauung und von ſeiner aller Beſtändigkeit, allem Zwange abholden Natur mehr befriedigen ſollen? Keine ungefügige Rückſicht hinderte, keine unbequeme Pflicht beſchränkte ihn hier; er brauchte ſich nur der Familie gegenüber als Mann von Grundſätzen und ſolidem Charakter zu benehmen und Nichts ſtand ſeinen Wünſchen in Betreff Charlottens im Wege. So ungefähr reflektirte der Major, als er am ſpäten Abend von ſeinem erſten Beſuche im Ackermann'ſchen Hauſe nach ſeiner Wohnung zurückkehrte, noch ganz trunken von ſeinem Glücke; denn Charlotte hatte ihm beim Weggehen das Geleite bis an die Haus⸗ thüre gegeben, bei deren Oeffnen ihr ein Windſtoß unvermuthet die Kerze auslöſchte. In feurigem Kuß drückte ſie dem Glücke dieſes Tages ſein letztes Siegel auf; noch eine kurze Umarmung, dann war ſie raſch wieder die Treppe hinaufgeſprungen, und hatte ihn, dem noch die Glut ihres Kuſſes auf den Lippen brannte, ein⸗ ſam in der dunklen unfreundlichen Nacht ſtehen laſſen, faſt betroffen von dieſer ungeſtümen Innigkeit und Hingebung. Aus dieſem Gefühlsrauſch wurde Sylburg erſt herausgeriſſen, als ihm ſein Hauswirth bei ſeiner Rückkehr in's Hotel einen Brief von ſeinem Freunde, dem Major von T. aus Kopenhagen überreichte, worin ihm derſelbe meldete, daß der von ihm nachgeſuchte Urlaub von ſeinen Oberen bewilligt worden ſei. In Bezug auf Sylburg's Verhältniß zu Charlotten war der Brief ſehr kurz und enthielt faſt Nichts als die gewöhnlichen Redensarten, wie ſie zwiſchen lebens⸗ —— luſtigen und leichtſinnigen Cavalieren noch heute ebenſo gut als da⸗ mals Mode ſind, wenn es ſich um dieſes oder jenes Liebesabenteuer handelt. Indeſſen meinte doch der Schreiber am Schluſſe, das Ver⸗ hältniß mit einer ſo berühmten und mit Recht gefeierten Künſtlerin könne dem Freunde leicht theuer zu ſtehen kommen und er ſolle ſich. wohl hüten, ſein gewöhnliches Manöver bei Frauenzimmern auch hier anzuwenden. Er erinnerte ihn an den Skandal, den ſein Verhält⸗ niß mit der Gräfin Lindenkron in den Kopenhagener Salons her⸗ vorgerufen hatte und ſchloß mit der freundſchaftlichen Warnung, ſich lieber mit den Brombeeren am Wege zu begnügen, als bei Trauben, die zu hoch am Stocke wachſen, Hals und Renommée zu riskiren. Sylburg mußte Anfangs herzlich über dieſe Beſorgniß lachen, und in der That war auch durchaus kein Grund für ihn vorhanden, um jenen alten böſen Stern noch zu fürchten, der ihn einſt bei Ul⸗ riken verfolgt hatte. Heute ſtand vielmehr Alles nach Wunſch, ja ſelbſt über ſeine Wünſche hinaus war das Glück ihm hold geweſen! Charlotte war ſein, die Familie zeigte ſich keineswegs ſo ſtreng als er Anfangs vermuthete, hatte ihm ſogar ohne großes Bedenken Thür und Pforte zu der Geliebten aufgethan; was blieb ihm daher noch zu wünſchen übrig? Er brauchte nur den königlichen Conſens zu zu ſeiner Heirath einzuholen, dann bei der Mutter förmlich um Charlottens Hand anzuhalten, und er führte ſie als Braut zum Al⸗ tare, führte ſie im Triumphe als ſeine Gemahlin nach Kopenhagen, Freund T. aber mochte ſich auch fernerhin mit ſeiner ſaueren Brom⸗ beermoral behelfen! Sonderbar! Was war es doch eigentlich, was plötzlich den Major trotz dieſer reichen Fantaſien und romantiſchen Träume wie ein gewiſſes Mißbehagen anwandelte, wenn nicht gar wie eine bange Sorge um ein Etwas, das er ſich ſelbſt nicht zu nennen wußte? War es die Ungenügſamkeit, die gerade das große, unerwartete Glück erzeugt? War es die Unzufriedenheit mit ſich ſelber oder mit den Verhältniſſen? Oder war ihm etwa gar ſein Gewinn allzuleicht ge⸗ worden, ihm, der ſchon ſo oft mit dem Schickſal va banque ge⸗ ſpielt hatte? 3 Gleich dem Schiffer, deſſen Schritt erſt unſicher wird, wenn er das feſte Land betritt, nicht anders fühlte ſich Sylburg von der un⸗ 1 „ — 237— gewohnten Luft angeweht, die ihm endlich nach langen Irrfahrten die Nähe des friedlichen Hafens verkündete. Er hatte es ja heute ſchon im Ackermann'ſchen Hauſe vorahnend empfunden, jenes ihm ſo fremdartige Glück der Familie, das die ſtrenge Sitte und des Da⸗ ſeins freundliche Gewohnheit harmoniſch aus einem Tag in den an⸗ dern fortleiten und deſſen Walten ſich fügen muß, wer in ſeinen ſtillen Kreis eintritt. Ja, ja, Das und nichts Anderes war es, was ihn, je aus⸗ ſchweifender ſich ſeine Fantaſie noch eben das neue Eldorado ſei⸗ nes Liebesglückes ausgemalt hatte, plötzlich um ſo dringender an die unabweisbaren Bedingungen gemahnte, durch welche jenes Glück allein Beſtand und Bürgſchaft für ihn erhalten ſollte. Es war der Eindruck, den die Familie, und noch mehr, den Charlottens Er⸗ ſcheinung in dieſer Familie auf ihn gemacht hatte, jene berühmte Künſtlerfamilie, deren häusliches Bild er ſich ſo ganz verſchieden vonn dem ausgemalt hatte, wie er es nun in Wirklichkeit gefunden, ein d aus ſtreng ſittliches, einfach bürgerliches Hausweſen, das in allen ſeinen Einrichtungen und Gewohnheiten ganz das Gepräge von je andern ehrbaren und gebildeten Patrizierfamilie Hamburgs an ſich trug. Da war Nichts von der Zerfahrenheit und genialen Unord⸗ nung wahrzunehmen, wie er ſie ſonſt wohl im häuslichen Leben von Schauſpielern vorgefunden hatte; keine frivole Verleugnung des Schicklichen erinnerte daran, daß man ſich hier unter Menſchen be⸗ fand, deren Standesgenoſſen nicht ſelten die Farbe der Unſchuld allein vom Schminktopf erborgen müſſen; auch jene Selbſtüber⸗ ſchätzung, welche den gefeierten Künſtler der Bühne ſo häufig in ſein Privatleben begleitet und den tragiſchen Helden der Couliſſe noch in ſeinem häuslichen Auftreten verräth, fehlte gänzlich; die Exiſtenz dieſer Künſtlerfamilie hatte vielmehr überall einen ſoliden Boden und jene ſtilleren Tugenden des Gemüthes, welche am Liebſten beim friedlichen Herd der Penaten wohnen, blühten hier in reichſter Entfaltung. Erſt jetzt erkannte der Baron, daß er ſich einer ſehr voreiligen Täuſchung hingegeben hatte, als er ſich einbildete, die Familie ſei⸗ ner Verlobten werde jemals ein Verhältniß zugeben, das auch nur entfernt den guten Ruf ihres Hauſes verletzen und wobei an andere als die reellſten Abſichten von ſeiner Seite gedacht werden könne. 238 So viel wenigſtens ſagte ihm nachträglich ſeine kältere Ueber⸗ legung, daß bei aller Artigkeit, womit man ihn aufgenommen, ſeinem Verhältniß zu Charlotten doch zum Voraus ſehr beſtimmte und ſcharfe Grenzlinien gezogen ſeien und Schröder beſonders in ſeinem Be⸗ nehmen gegen ihn den gemeſſenſten Ton beobachtet habe. Aber was will ich denn eigentlich? rief er aufſpringend und* ſchleuderte zornig den Brief des Freundes zur Seite, den er für die alleinige Urſache ſeiner ihm ſelber räthſelhaften Stimmung anſah. Bin ich nicht ein Thor, daß ich mir von Einem, der weder Char⸗ lotten noch die Verhältniſſe kennt, ſolche Bedenklichkeiten einreden laſſe? Hat ſie mir nicht ihr Jawort gegeben? Und liebe ich ſie nicht mit jedem Blutstropfen in meinen Adern? Freilich, das Heirathen war ſeither meine Sache nicht, ſo manches Mal ich auch ſchon den Anlauf dazu nahm; aber welches von allen den Frauenzimmern, die nich vorübergehend feſſelten, konnte ſich auch nur entfernt mit meiner 4 Charlotte meſſen? Gewiß keine von ihnen, ſo viele auch bemüht ge⸗ we en ſind, mich für einen flatterhaften und treuloſen Menſchen aus⸗ zuſchreien, der die arme Unſchuld bethöre, und vor dem ſich uner⸗ fahrene Mädchenherzen hüten müßten. Ha! Ha! Als wenn ich der einzige Mann wäre, der an Caſanova's Philoſophie Geſchmack findet! Bald war ſein Entſchluß gefaßt und ohne langes Bedenken 4 meldete er dem Freunde ſeine Verlobung mit der jungen Künſtlerin, 6 unterrichtete ihn von ſeinem Verhältniß zu der Familie und erſuchte ihn die nöthigen Schritte einzuleiten, damit ihm ſo bald als mög⸗ lich der königliche Heiraths⸗Conſens zu Theil werde. Zu dieſem Zwecke ſetzte er ein Geſuch an den König auf, das der Freund bei der erſten Gelegenheit dem Monarchen perſönlich überreichen und, wenn nöthig, die erforderlichen Erläuterungen dazu geben ſollte. Zum 1* Schluſſe ſchrieb er dieſem noch: 1 „Ich vertraue dem Eifer deiner Freundſchaft zu mir, daß du mich nicht lange warten läſſeſt, anſonſten die heftigen Flammen meiner Bruſt mich leicht verzehren oder gar vor allzuheißer Ungeduld in ſich ſelbſt erlöſchen möchten. Allerdings hängt die Traube meiner Sehnſucht hoch am Stocke, aber ein geſchickter Kletterer wie ich— denk' nur an Agneschens Kammerfenſter!— holt ſie herunter oder bricht mit Anſtand das Genick bei dem Wagniß. Die Gräfin iſt wieder 1 —— 239 † hier, lebt jedoch ſehr eingezogen,— im Vertrauen, jetzt grade ſäh' ich ſie lieber am Weltende als hier in Hamburg. Ich muß ſehr vor ihr auf meiner Hut ſein— denn ſie wäre wohl gar im Stande —— darum viſſe auch du zu ſchweigen, beſonders vor unſern alten graubärtigen Regimentsbaſen, und rede nicht eher ein Wort über meine theatraliſche Amourſchaft, als bis ich dich zuvor weiter avertirt habe. Gute Nacht, Bruderherz! In den Armen meiner lie⸗ benswürdigen Emilia Galotti hoffe ich bald alle Brombeerdornen und ſaure Beeren meiner Vergangenheit zu vergeſſen. Honni soit qui mal y pense!“ 28. In der That war der Major gut unterrichtet geweſen, als er ſeinem Kopenhagener Freund meldete, daß die Gräfin Lindenkron ſeit ihrer Rückkehr nach Hamburg ein ſehr eingezogenes Leben führe, indem ſie faſt alle ihre früheren Verbindungen aufgegeben hatte und 4 ſich nur auf den Umgang derjenigen Perſonen beſchränkte, an deren Freundſchaft ihr wirklich Etwas gelegen war. Der frühzeitige Tod ihres Mannes hatte ohnedies den Schwarm der ſogenannten Freunde, wie er ſich einſt um den lebensluſtigen Grafen und ſeine reizende Gemahlin verſammelte, zerſtreut, da die Gräfin ſich wenig geneigt zeigte, ihr Haus wie ehemals der glänzenden Geſellſchaft zu öffnen, oder gar, wie ſich Anfangs Mancher im Stillen geſchmeichelt hatte, von ihrem Reichthum und ihrer Freiheit denjenigen Gebrauch zu machen, den man bei jungen Wittwen nach Ablauf des Trauer⸗ jahres gewöhnlich vorausſetzt. 3 Wir haben erzählt, wie die Nachricht von Sylburg's Anweſen⸗ heit in Hamburg, den ſie fern in Schleswig bei ſeinem Regiment wähnte, Ulriken heftig erſchreckte, da ſchon die bloße Nähe dieſes Menſchen ihr ein Unheil dünkte. Als aber gar Frances eines Abends athemlos nach Hauſe kam und behauptete, der Major ſei ihr durch mehre Straßen nachgegangen, erreichte der Gräfin Angſt den alten Höhegrad wieder und ſie war beinahe überzeugt, daß er noch immer 6 Tückiſches gegen ſie im Schilde führe. Wie glücklich und beruhigt fühlte ſie ſich daher, als kurze Zeit 240 darauf ihr würdiger Oheim und Pflegevater, der alte Obriſt von Hollbach, unvermuthet und ohne alle Abrede bei ihr eintraf, um fortan ſeinen bleibenden Aufenthalt bei ihr zu nehmen, da er ſich, wie er ſagte, in der Kopenhagener Hofluft einen ſtarken Schnupfen geholt hatte. Die Wahrheit davon war, daß der alte Haudegen durch ſein eigenſinniges und bizarres Weſen in allerhand unange⸗ nehme Conflikte mit einflußreiche Perſonen am Hofe gerathen war und in Folge davon ſeinen Abſchied genommen hatte. Dieſe Krän⸗ kungen hatten ſeine Stimmung ungemein verdüſtert und ihn bitter gegen die undankbare Welt gemacht, deren gute Zeit er, wie die meiſten alten Leute, weit in die Vergangenheit zurückverlegte. Es war überhaupt ein origineller Kauz, dieſer alte Onkel Anton, mit der hageren ſtockgraden Figur und dem großen ſchwarzen Pflaſter auf dem linken Auge, das er bei einem Seekampf mit einem tune⸗ ſiſchen Raubſchiff verloren hatte. Von Natur gut und weichherzig wie ein Kind, hatten ihn die Strapazen des Soldatenlebens ſo ſchroff und einſeitig gemacht, daß man ihn, wie Ulrike, genau kennen mußte, um mit ihm im täglichen Umgang auszukommen. Sein Charakter war eine wunderliche Miſchung von Sanftmuth und herber Rauheit, von Naivetät und bizarrem Eigenſinn; im Punkt der Ehre feuerfeſt, war Nichts im Stande, einen einmal gefaßten Entſchluß in ihm zu erſchüttern oder ihn von dieſer und jener Anſicht abzubringen. Man hätte ihm eher die Kugel, die ihm ſeit zwanzig Jahren zwiſchen den Rippen ſaß, herausſchneiden als ihn von einer einmal beſchloſſenen Sache abbringen können. Und dieſe Konſequenz des Charakters war ſo ganz auch das Gepräge ſeines äußeren Weſens, daß ſeine erſte Erſcheinung durchaus keinen angenehmen Eindruck machte und man ihm gerne aus dem Wege ging. Seine Sprache war ebenſo eigenthüm⸗ lich wie der ganze Menſch, und es hielt ihm ungemein ſchwer, auch nur drei Worte im fließenden Zuſammenhang herauszubringen oder ſeine Meinung klar auszudrücken. Der größte Theil deſſen, was er ſagen wollte, blieb ihm gewöhnlich zwiſchen Stottern und Räuspern im grauen Barte ſtecken und jeder angefangene Redeſatz endete als⸗ bald in einem langgezogenen unartikulirten Schnarren, in welchem nur der Buchſtabe R noch ſeine Geltung behauptete, wobei er das eine große hellgraue Auge ſo unheimlich blitzend in der tiefen Höhle * 1 † ſchnell ihre Munition an Wörtern und Sylben verſchoſſen, die Re⸗ — 241— herumrollte, als wenn er damit, nachdem die ſchwerfällige Zunge ſerve ſeiner Gedanken in's Vordertreffen führen wolle. Das einzige Wort, welches Onkel Anton ohne Anſtoß der Zunge und ſo deutlich, daß es Jedermann verſtehen konnte, auszuſprechen vermochte, war„Gradaus!“ und er brauchte dieſes Wort in den aller⸗ verſchiedenartigſen Stimmungen und Ideenverbindungen. Es ſaß ihm faſt immer auf der Zunge und er konnte damit Alles ſagen, was er auf dem Herzen hatte; er mochte fluchen oder ſegnen, zornig oder fröhlich ſein, ohne„Gradaus!“ ging es nun einmal nicht ab, und ſein„Gradaus Donnerwetter!“ war ebenſo populär bei ſeiner Umgebung als ſein„Gradaus ſegen’'s Gott!“ Dieſer Mann nun, der treue Pflegevater ihrer Jugend war es, den Ulrike wie einen ihr vom Himmel geſandten Beſchützer in ihrer einſamen und verlaſſenen Lage begrüßte, denn nun erſt, da ſie eine Stütze gefunden, fühlte ſie auch wieder feſten Boden unter ihren Füßen und Sylburg's Nähe verlor ihren Schrecken für ſie. Der Obriſt, der ſich ſtandhaft geweigert hatte, zu Lebzeiten ihres Mannes ihr Haus zu betreten, ward bald einheimiſch bei ihr und auch das Leben in der ſchönen reichen Stadt Hamburg ſagte ihm bald un⸗ gleich mehr zu als ſein Kopenhagener Aufenthalt. Die hagere graubärtige Kriegergeſtalt mit der ſteifſoldatiſchen Haltung und dem ſchwarzen Pflaſter auf dem einen Auge war eine zu bedeutſame Erſcheinung für die Nachbarſchaft, als daß die Leute nicht bald auf ihn aufmerkſam hätten werden ſollen, ſo oft er ſich auf der Straße blicken ließ und durch ſein ernſtes Ausſehen die Kinder in die Häuſer ſcheuchte. Weil man aber weder ſeinen Charakter noch ſeine ſonſtigen Verhältniſſe kannte, ſo nannte man ihn bald im ganzen Quartier nur den Hauptmann von Kapernaum, ein Spitzname, der ſich von Mund zu Mund immer weiter verbreitete, je mehr die mythiſche Figur des alten Obriſten populär wurde.— Um dieſe Zeit ſollte denn endlich nach längerem Hinausſchieben das erſte Shakeſpeare'ſche Stück, der„Othello,“ über die Bühne gehen; und man kann wohl ſagen, das ganze gebildete Publikum Hamburgs, mit Ausnahme einiger rigoroſen Stimmführer der alten Kunſtrichtung, ſowie derjenigen Halbfrommen, denen es bei jedem Theaterbeſuch D. B. II. Müller's Charl. Ackermann. 16 242 theil. Kenner und Dilettanten beeiferten ſich, den„Othello“ zum Voraus als das größte und gigantiſcheſte Meiſterwerk der neuern dramatiſchen Kunſt zu preiſen, während die näheren Freunde Schrö⸗ der's die Aufführung dieſes Stückes zum Voraus als das Gelungenſte bezeichneten, was der treffliche Theaterunternehmer und ſeine herrliche Truppe im Fache der höheren Tragödie leiſten werde. Auch Ulrike war eine Freundin des Theaters und da man in ihrem kleinen Geſellſchaftskreiſe in der jüngſten Zeit gleichfalls von Nichts weiter als dem„Othello“ ſprach, ſo entſchloß ſie ſich, mit Frances das Stück zu ſehen, das Erſtemal, daß ſie nach dem Tode des Grafen das Theater beſuchte. Onkel Anton war jedoch, trotz aller Zureden, nicht zu bewegen, der Vorſtellung beizuwohnen; denn es gab Nichts in der Welt, was dem Alten mehr zuwider geweſen wäre, als Opern und Komöͤdienſpiel:„Gradaus der Weg zum Narrenhaus!“ Schröder hatte, wie er dies bei beſonderen Gelegenheiten liebte, Alles aufgeboten, um die Erwartung des Publikums auf's Höchſte zu ſpannen, und zugleich den großen Shakeſpeare, der Majeſtät ſei⸗ nes Genius würdig, auf der deutſchen Bühne einzuführen. Neue Koſtüme, neue Couliſſen und ſonſtige Theaterverzierungen waren auf dem Anſchlagzettel angekündigt und im Altonaer„Reichspoſtreuter“, einem damals in Hamburg vielgeleſenen Lokalblatte, hatte Unzer in mehren gutgeſchriebenen Aufſätzen die Theaterfreunde zum Voraus auf dieſes großartige Nachtgemälde der menſchlichen Leidenſchaften auf⸗ merkſam gemacht und deſſen pſychologiſches Verſtändniß eingeleitet. So kam es, daß ſchon einige Tage vor der Vorſtellung kein Platz mehr zu haben war und die Polizei am Abende den Opernhof und Gänſemarkt mit Sicherheitswachen beſetzen laſſen mußte, ſo ungeheuer war der Zudrang des Publikums zu den Kaſſenbuden. Seit der „Rutland“ war das Haus nicht ſo voll beſetzt geweſen, obwohl gerade Diejenige, die ſonſt gewöhnlich ſolche mächtige Anziehungskraft übte, Charlotte, heute nicht unter den Darſtellenden war, da Schröder die Rolle der Desdemona der älteren Schweſter zugetheilt hatte, deren ganze Perſönlichkeit ſich trefflich für dieſes Ideal der ächten Weib⸗ lichkeit eignete, jene Desdemona, von welcher der eigne Vater ſagt, daß ſie bei jeder Regung ihrer Seele erröthete, deren Name ſelbſt für ihre eigene Moral bangt, nahm daran den lebendigſten An⸗— — * V — 243— „klar wie Dianens Antlitz.“ Den Othello gab Brockmann,„ein heftig⸗wüthiger Othello,“ wie ihn ein Kritiker damaliger Zeit nennt, während Schröder als Jago die Hölle für ein paar Stunden um einen Teufel ärmer machte, ſo meiſterhaft und gelungen war ſeine Darſtellung dieſes ſteinharten raffinirten Böſewichts, der von ſich ſelber bekennt:„Solch einen Menſchen gibt es nicht, es iſt un⸗ möglich!“ Ulrike, die mit Frances in einer Loge des erſten Ranges ſaß, folgte wie ſämmtliche Zuſchauer, dem Gange der Handlung mit ſtets wachſender Spannung, und ſchon im erſten Akte zuckte ſie mehr⸗ mals angſtvoll zuſammen, ſo oft Jago erſchien, deſſen Bild ſie, war es nun das Spiel ihrer aufgeregten Einbildungskraft oder die Kunſt des Darſtellers, oder vielleicht auch Beides, unwillkührlich mit jenem Menſchen verwechſelte, der einſt die ähnliche Rolle in ihrer nächſten unmittelbaren Wirklichkeit geſpielt hatte. Schröder gab als echter und denkender Künſtler den Jago ohne Uebertreibung; er hütete ſich wohl, die„Theologie der Hölle“, wie ſie der Dichter in dieſer Ge⸗ ſtalt verkörperte, noch weiter auszumalen, ſondern ließ ſeinen furcht⸗ baren Rollencharakter leiſe und allmälig angehen, und nur in lang⸗ ſamen Abſtufungen trat aus dem menſchlichen Weſen, hinter dem er ſeinen Jago verſteckte, das ſchrecklichſte Werkzeug hervor, womit je⸗ mals das Schickſal ein herrliches Erdenglück zerſtört hat. Die Zu⸗ ſchauer mußten mit innerlichem Grauen an dieſes Bild der ent⸗ arteten Menſchennatur glauben, weil es der weiſe Künſtler verſtanden hatte, daſſelbe langſam vor ihren Blicken zu enthüllen und die Linie der dichteriſchen Wahrheit nicht zu überſchreiten. Noch nie zuvor herrſchte aber auch in dieſen Räumen eine ſolche athemloſe Spannung, eine ſolche fieberhafte Erregtheit, wie an dem Abende, wo der Mohr von Venedig gegeben wurde, und die Wirkung, welche die bis dahin noch nicht gekannte Gewalt der tragiſchen Schickſalsidee bei den Zuſchauern hervorbrachte, war ſo groß, daß man den ſolcher heftigen Erſchütterungen ungewohnten Sinn und die ganze ſentimentale Gefühlsrichtung jener Periode mit in An⸗ ſchlag bringen muß, um ſich dieſe Wirkung bei einem Publikum zu erklären, das doch wahrlich nicht aus lauter Schwärmern und Kunſtenthuſiaſten beſtand. Ein durchaus glaubhafter und urtheils⸗ 16* D — 244 fähiger Zeitgenoſſe Schröder's erzählt von der erſten Aufführung des Othello u. A. Folgendes: .„Aber dieſer Othello, dieſe Desdemona, dieſer Jago und alle V dieſe furchtbaren und grauſenhaften Ausbrüche der Eiferſucht, Scha⸗ 3 denfreude und Mordluſt waren für einen großen Theil, voraus der weiblichen Zuſchauerſchaft, zu furchtbar, zu unaushaltbar. Ohnmach⸗ f — ten über Ohnmachten erfolgten während der Grausſcenen dieſer erſten Vorſtellung. Die Logenthüren klappten auf und zu, man ging da⸗ von oder ward nothfalls davongetragen, und, beglaubten Nachrichten zufolge, war die frühzeitige mißglückte Niederkunft dieſer und jener namhaften Hamburgerin Folge der Anſicht und Anhörung dieſes über⸗ tragiſchen Trauerſpiels.“. Es war in der Scene, wo der tückiſche Jago den Giftſtachel der Eiferſucht gegen die herrliche Desdemona in die Seele Othello's ſenkt; die alten Schauer jener furchtbaren Tage, in denen Sylburg bei ihrem Gemahle gegen ſie daſſelbe verſuchte, kehrten immer leben⸗ diger in den Worten und Geſtalten des Dichters in Ulrikens Herz . 3 zurück, bis ſie zuletzt, faſt halb ohnmächtig, die Wirkung dieſer Scene nur noch in der angſtvollen Täuſchung empfand, es ſei das Geſchick ihrer eignen Vergangenheit, es ſei jener furchtbare Tag, wo ihr Jago mit denſelben Künſten der Hölle den Grafen bethörte, den ſie jetzt noch einmal erleben müſſe, und nicht gegen Desdemona's, ſondern gegen ihre eigene Ehre ziſche jene giftige Schlange in Men⸗ ſchengeſtalt den Peſthauch der Verleumdung— da, mit Einmal, 4 eben als der unglückliche Othello, durch die Liſt des Falſchen mit dem verhängnißvollen Taſchentuch völlig von der Schuld Desdemona's 3 überzeugt, in die jammernden Worte ausbricht: „Du ſagteſt— o es ſchwebt um mein Gedächtniß Gleichwie der Rab' um ein verpeſtet Haus, 3 Verderben dräuend——“ entringt ſich Ulrikens Bruſt ein leiſer Schrei des Entſetzens, Leichen⸗ bläſſe bedeckt ihr Antlitz und mit bebender Stimme flüſtert ſie ihrer Geſellſchafterin in's Ohr: Blick' in jene Loge, Frances, dort ſitzt der andere Jago und 1 blächelt mit Kennermiene ſein wohlgelungenes Ebenbild auf der Bühne! Ja, er iſt's,— Jago applaudirt dem Jago,— und jene — — ‿ , 4 1 — 245— junge Dame dort in der andern Loge, mit der er ſo angelegentlich plaudert, o könnt' ich das ſchöne unſchuldige Mädchen warnen, auf ſeiner Hut zu ſein! Frances' Auge ſuchte und entdeckte alsbald den Gegenſtand von Ulrikens Schrecken, den Major Sylburg, welcher ihnen gerade gegen⸗ über im tieferen Schatten einer Loge ſaß, und ſich, während Alles ringsum nur Blick und Ohr für die Bühne hatte, verſtohlen und wie es faſt ſchien, mit großer Vertraulichkeit mit einer jungen Dame in der nächſten Loge unterhielt, die ſeinem leiſen Flüſtern ein ſehr aufmerkſames Gehör ſchenkte. Ulrike ſah ſie mehrmals erröthen, dann erhob ſich Sylburg und verließ mit einem vielſagenden Blick auf ſeine ſchöne Nachbarin die Loge, dieſe nickte mit dem Kopf, und wenige Minuten nachher war auch ſie aus ihrer Loge verſchwunden. Für die Gräfin gab es nach dieſer Beobachtung keinen Othello, keinen Jago, keine Desdemona mehr; ſie ſah und achtete kaum noch auf das, was auf der Bühne vorging, ſondern ihre Gedanken waren beſtändig bei dem ſchönen jungen Mädchen; ja ſelbſt Sylburg's Wiederſehen nach ſo langer Zeit verurſachte ihr lange nicht ſo viel innere Angſt als die Ahnung, daß ſie in jener Unbekannten ein neues Opfer von Sylburg's Verrätherei erblickt habe. Beide waren zu gleicher Zeit aus dem Theater verſchwunden,— Beide kehrten nicht wieder zurück. Ulrike hatte Scharfblick genug gehabt, um aus dem Be⸗ nehmen von Sylburg's Nachbarin auf deren feine Erziehung und gute Familie zu ſchließen und ein Schauer nach dem andern überrieſelte ſie daher, ſo oft ſie daran dachte, welches Unglück möglicherweiſe je⸗ nes arme, ſo unſchuldig ausſehende Mädchen erreichen könnte! Das Stück ging unter dem lautloſen Schweigen des Publikums zu Ende, und ſo tief war der Eindruck, den die Kataſtrophe in der Schlußſcene auf die Gemüther machte, daß nach dem Sinken des Vorhanges im ganzen weiten Hauſe kein Applaus gehört wurde, Alles vielmehr wie von einem ſchweren Alpdrücken erlöst, das Freie zu gewinnen ſuchte. Dennoch wagte es Schröder, wie uns der oben angeführte Schriftſteller erzählt, den Othello am folgenden Tag zu wiederholen, aber—„bei nicht ſehr vollem Hauſe.“ Selbſt von Seiten der größten Verehrer Shakeſpeare's ward eingeräumt, daß man den — 246— 3 Nerven und der Empfindſamkeit des Hamburger Publikums zu Viel zugemuthet habe und man ſich gerne damit begnügt haben würde, wenn den ſchändlichen Jago allein des Himmels Strafgericht erreicht hätte. Und als Schröder einige Wochen ſpäter die dritte Vorſtellung ankündigen wollte, ward ihm ſogar vom Rathe die Bedingung ge⸗ 3 ſtellt, daß die allzugrauſenhaften Scenen und beſonders der blutige* Schluß des Stückes ausfallen müßten; und Dank dieſer weiſen Vor⸗—* ſicht der Väter der Stadt, der wüthige Othello war bei der dritten Vorſtellung, trotz ſeiner afrikaniſchen Bluthitze vernünftig genug, um einzuſehen, daß zwiſchen der halbheidniſchen Inſel Cypern und der gutlutheriſchen Stadt Hamburg doch einiger Unterſchied beſtände und man nicht gradezu unter den Augen eines hochweiſen Senates eine unſchuldige Frau aus purer Eiferſucht ermorden dürfe, ſelbſt nicht einmal mit einem Theaterdolche! So blieb denn aus Rückſichten für das öffentliche Wohl Desdemona am Leben, eine rührende Verſöh⸗ nungsſcene zwiſchen beiden Ehegatten feierte den Triumph treuer Liebe über boshafte Verleumdung, und nur den tückiſchen Jago er⸗ reichte, wie billig, die Strafe für ſeine Verrätherei. Er wurde erbärm⸗ lich zu Tode gemartert, Othello aber und Desdemona kehrten als glückliches Ehepaar nach Venedig zurück. Nur der orthodoxe Theil der Geiſtlichkeit, an ihrer Spitze der auch in weiteren Kreiſen unter dem Namen des Zionswächters be⸗ kannte Streittheologe, Senior Götze, wollte ſich auch bei dem„ver⸗ änderten Othello“, wie das Stück jetzt auf dem Anſchlagzettel beti⸗ telt wurde, nicht beruhigen und erneuerte darum mit altem Eifer den kirchlichen Kampf gegen das Theater. Nicht zufrieden mit den Citaten aus alten Kirchenvätern, holten dieſe Eiferer ſelbſt das 2 Gutachten der theologiſchen Facultät in Göttingen zur Beglaubigung 2 ihrer Anſichten über die Sittlichkeitsverderbniß der heutigen Schau⸗ 92 bühne ein. In Wort und Schrift bekämpfte Paſtor Götze das Ko⸗ mödiantenweſen, und am nächſtfolgenden Sonntag nach der erſten Aufführung des Othello griff er in ſeiner Predigt gegen das ſündhafte Treiben der Opernmacher und Komödienbeſucher ſeine Lunge ſo heftig an, daß ihm zuletzt die Sprache ausging und er die Kanzel verlaſſen mußte, die ſeine apoſtoliſchen Fauſtſchläge nie zuvor ſo grimmig bearbeitet hatten. Bald pflanzte ſich der ärgerliche Streit „ u — 247— in der Preſſe fort, die Blätter nahmen ſich mit Wärme der vielge⸗ ſchmähten Bühne und ihres wohlthätigen Einfluſſes auf die geiſtige und moraliſche Ausbildung des Volkes an, und trieben den Paſtor Götze dergeſtalt in die Enge, daß er ernſtlich mit dem Vorſatze um⸗ ging, ſein Senoriat niederzulegen. 29. Seit dem Eintritte des Majors in die Familie Ackermann, wodurch dieſe ſtillſchweigend ſein Verhältniß zu Charlotten zugegeben hatte, wollte der ſeitherige Zuſtand, in dem man ſich ſo lange wohl befunden, Niemand mehr recht befriedigen und bald hier, bald da empfand man den Einfluß eines Dritten, der ebenſowohl dem Geiſte des Hauſes im Allgemeinen, wie den einzelnen Perſönlichkeiten in demſelben fremd war und deſſen eigenthümliche Stellung zu der Familie nicht minder ängſtliche Rückſichten nach Außen, wie ihm ſel⸗ ber gegenüber, erheiſchte. Schröder hatte ſich, wie wir wiſſen, der Mutter darin nachgiebig gezeigt, daß von einer eigentlichen Verlobung zwiſchen dem Baron und der Schweſter auch in der Familie nicht eher die Rede ſein ſolle, als bis man der Welt gegenüber kein Hehl mehr daraus zu machen brauche; eine Anſicht, die zwar an ſich von ſittlicher Denkart zeigte, die aber unter den obwaltenden Ver⸗ hältniſſen nichts weniger als klug war. Einestheils ließ man im Stillen geſchehen, was man öffentlich niemals zugegeben hätte, und andererſeits ſtellte man ſich, als ſähe man nicht, was doch zuletzt ſo öffentlich wurde, daß der böſe Schein, dem man ſo ängſtlich aus dem Wege gegangen war, nun erſt recht zu Tage kam, und man bald nicht mehr das Verhältniß allein desavouiren mußte, ſondern auch Das, was die öffentliche Meinung darüber urtheilte. Denn es konnte nicht fehlen, daß die Aufnahme des däniſchen Offiziers unter die Zahl der Hausfreunde und ſeine tägliche An⸗ weſenheit im Ackermann'ſchen Hauſe bald zu Auslegungen Veran⸗ laſſung wurde, die der Wahrheit näher kamen als ihre Urheber ſelber im Grunde glaubten. Wer hätte auch bei dem tadelloſen Ruf von dieſes Hauſes ſtrenger Sittlichkeit, bei ſeinem ausgewählten Cirkel von lauter namhaften und gebildeten Perſonen der Stadt, im Ernſte 6 248 daran glauben können, daß ein Werbeoffizier, deſſen Stand und Be⸗ ruf ſo wenig mit dem der berühmten Künſterfamilie gemein hatte, in einigen Wochen größere Rechte und Anſprüche gewinnen ſollte als Leute, die ſeit Jahren dort aus⸗ und eingingen und durch ihren Geiſt, ihre Bildung und bewährte Geſinnung ſich ungleich beſſer em⸗ pfehlen konnten wie er, der doch im Grunde keine andere Vorzüge hatte, als eine ſtattliche Reiterfigur, gewandte Manieren und einige Beleſenheit in den belles lettres. Schröder mußte bald zu ſeinem Verdruß bemerken, wie einzelne treue vieljährige Freunde des Hauſes durch die neue fremdartige Er⸗ ſcheinung in dem ſonſt ſo traulichen Kreiſe befangen gemacht wurden und darüber der frühere harmloſe Ton der geſelligen Unterhaltung mehr und mehr verloren ging. Auch fehlte es nicht an Aeußerungen der Neugierde und des Befremdens, wer denn eigentlich dieſer Herr von Sylburg ſei, und welcher gewichtigen Empfehlung er ſolche Auf⸗ merkſamkeit verdanke,— kurz, Schröder ſah nur zu bald ein, wie ſehr er und ſeine Angehörigen gefehlt hatten, da ſie in ein Verhält⸗ niß willigten, welches gerade in dieſer unbeſtimmten Form am Erſten mißdeutet und verdächtigt werden konnte. Waren ja doch die nächſten Freunde faſt geneigt, den häufigen Beſuchen des Majors eine ſchlimme Auslegung zu geben; wie viel mehr erſt jene boshaften Neider und Feinde, die, weil ſie den Künſtlerruf der Familie nicht antaſten konn⸗ ten, um ſo begieriger waren, das Privatleben derſelben zu verdächtigen und ihm in den Augen des Publikums einen Flecken anzuhängen. Von dieſen Sorgen gequält, von der Laſt ſeiner Berufsgeſchäfte niedergedrückt, war Schröder bei all ſeinem ſonſtigen Lebensmuth und ſeiner Gemüthsheiterkeit in dieſer Zeit oft gegen ſeine Umgebung übellauniſcher und gereizter als er ſelber es empfinden mochte, und ſeine Unruhe, ſein Mißmuth ſteigerte ſich, je länger das Verhältniß zwiſchen Sylburg und der Schweſter in dieſer unentſchiedenen Weiſe fortdauerte. Der Major kam jetzt täglich in's Haus und ſein ganzes Benehmen verrieth bald nur allzudeutlich, wie ſehr er ſich der Vor⸗ theile bewußt war, die ihm die Nachſicht und Fügſamkeit der Fa⸗ milie verſchafft hatte. Ohne ſich Charlotten auffallend zu nähern, hatte er doch faſt zu jeder Stunde Gelegenheit, ſie ungeſtört zu ſprechen und ſich ihres Herzens immer ſicherer zu bemächtigen; ja, — d— — — — — 249— Schröder faßte ſogar allmälig den Verdacht, daß Sylburg, nicht zufrieden mit dieſem ungehinderten Verkehre, auch noch außer dem Hauſe geheime Zuſammenkünfte mit der Schweſter habe, wozu ihm beſonders das Theater und die oft ſtundenlange Abweſenheit Char⸗ lottens von Hauſe die beſte Gelegenheit bot. Des Bruders ſcharfem Auge entging es nicht, daß Charlotte ſich in einer beſtändigen in⸗ neren Aufregung befand, die ihre Kräfte aufrieb und ſie unſtät und unruhvoll aus einem Gefühlsextrem in das andere trieb. Er be⸗ merkte, wie ſie oft plötzlich die Farbe wechſelte oder bei der ge⸗ ringſten Veranlaſſung heftig zuſammenſchrak; war ſie allein, ſo hörte man ſie oft laut mit ſich reden, und dabei beobachtete ſie gegen ihre nächſten Angehörigen ein ſo ſcheues und zurückhaltendes Benehmen, als fühle ſie ſich nirgends mehr heimiſch, ſondern überall von lauern⸗ den Blicken verfolgt. Ihre Kunſt vernachläſſigte ſie mehr und mehr, war auf der Bühne ebenſo zerſtreut wie bei den Proben und mochte gewiſſe Rollen, die ſonſt zu ihren Lieblingsrollen gehört hatten, gar nicht mehr ſpielen, darunter beſonders ſolche, worin ſie ehemals durch Munterkeit, ſchalkhaftes Weſen und feine Koketterie das Publikum entzückt hatte, oder Tanzrollen und Pantomimen, die ihr jetzt ganz und gar zuwider waren, ſo vielen Beifall ſie auch ſonſt in dieſem Fache eingeerntet hatte. Schröder ward durch alle dieſe Wahrnehmungen in die pein⸗ lichſte Rathloſigkeit verſetzt, zumal es ſeinen Nachforſchungen über die Vergangenheit des Majors nicht an Reſultaten fehlte, die ſeine an⸗ fängliche ungünſtige Meinung von dieſem Mann nur allzuſehr beſtätigten. Seine grenzenloſe Liebe zu Charlotten, in der er die Zierde ſeines eignen Künſtlerruhmes und desjenigen ſeiner Familie herrlich vollendet ſah, ließ ihm zuletzt nicht länger mehr Ruhe und der Vor⸗ wurf, daß er ſelber dieſes unglückſelige Verhältniß habe anſtiften helfen, folterte ihn wie die erſte böſe That ſeines Lebens, ſo daß er ſich endlich entſchloß, dem treueſten Freunde ſein Herz auszuſchütten und mit ihm Mittel und Wege zu berathen, um endlich aus dieſer unerträglichen Lage herauszukommen. Unzer war ſeit Wochen nicht mehr im Hauſe am Kreyenkamp geweſen, und erſt als Schröder ſich in ſeiner Verlegenheit nach dem Freunde umſah, fiel ihm deſſen langes Wegbleiben auf. An einem — 250— der nächſten Abende ſuchte er ihn daher in ſeiner Wohnung vor dem Thore auf und langte beim Anbruch der Dunkelheit an dem einſamen Landhauſe an. Nirgends ſah er ein Licht, auch war die äußere Gartenthüre verſchloſſen und Niemand kam, um ſie ihm zu öffnen, obwohl er wiederholt ſehr vernehmlich klopften Die eiſige Kälte der Nacht, zu der ſich bald ein heftiges Schneegeſtöber geſellte, endigte raſch ſeine Geduld und beſſer als er bei der ziemlichen Wohl⸗ beleibtheit ſeiner Figur erwartet hatte, kam er über die Mauer in den Garten. Eine tiefe Stille herrſchte auch im näheren Bezirk des Hauſes; nur der Wind bewegte die Taxushecken und ſeufzte ängſt⸗ lich im Gezweige der alten Eichen. Da die vordere Terraſſenthüre verſchloſſen war, umging Schröder das Haus und gelangte an den Speiſeſaal im Erdgeſchoß, wo er endlich durch eine Spalte des Fenſterladens Licht entdeckte. Auch glaubte er gleich nachher den Freund drinnen reden zu hören; leiſe drückte er den Laden auf, der nur angelehnt war, und ſpähte durch das Fenſter in's Zimmer. An⸗ fangs wußte er kaum, ob das, was er ſah, ein Gaukelbild ſeiner Fantaſie oder Wirklichkeit ſei, ſo wenig war er auf die Scene vor⸗ bereitet, die ſich ſeinen Blicken darſtellte. Mitten im Saale ſtand nämlich auf einem mit weißen Linnen bedeckten Tiſche ein kleiner offener Sarg, darin unter friſchen Blumen anmuthig gebettet eine Kindesleiche lag, überglänzt vom Scheine vieler Wachskerzen, die rings um den Sarg auf ſilbernen Armleuchtern brannten. Das Ganze, weit entfernt an den Tod zu erinnern, machte vielmehr einen ſo heiter feſtlichen Weihnachtseindruck, daß ſelbſt das Kind im Sarge nur zu ſchlummern ſchien, vielleicht ein⸗ gewiegt von den wunderſchönen Mährchen, die ihm die rothen und weißen Blumen noch eben erzählt hatten; ja, der Anblick war ſelbſt ſo mährchenhaft, daß Schröder trotz der kalten Februarnacht wie mit mildem Frühlingshauche davon berührt wurde, ſo daß er in ſeiner tiefen Rührung Anfangs kaum auf den Freund merkte, der in ſtilles Sinnen verſunken, bald das Kind betrachtete, bald mit leiſer Hand die Blumen ordnete, vorſichtig als fürchte er das Schlummernde zu wecken, deſſen Auge doch nimmermehr dieſen Blumen, dieſem Lichter⸗ glanz entgegenlächeln ſollte. Aber heftig erſchrak Schröder, als er jetzt in Unzer's Antlitz ſchaute, das bei dem hellen Kerzenlicht faſt 4* 8 — —— e — 251— noch bleicher erſchien wie das des todten Kindes im Sarge, und deſſen trauernde Züge allerdings mehr als die bunte Blumenpracht und die feſtliche Beleuchtung zu dem Bilde des Todes paßten, das ſich den Blicken des Beobachters wie ein liebliches Wintermährchen darſtellte, in ſeinem geheimnißvollen Räthſel faſt noch reizender als in ſeiner wirklichen Entfaltung. Nicht wenig begierig, eine Aufklärung über dieſe ſonderbare, faſt an die prunkvollen Obſequien ſüdlicher Länder gemahnende Leichen⸗ feier zu erhalten, trat Schröder durch die hintere Thüre in's Haus, wo ihm des Doctors Haushälterin entgegenkam. Die gute Alte, in der Meinung, ſein ſpäter Beſuch ſtände mit dem, was ihr Herr drinnen vorhatte, im Zuſammenhang, rief erſchüttert: Gott ſei Dank, daß Ihr da ſeid, Herr Schröder! Euch wird es ja doch gelingen, den Herrn Rathsphyſicus in ſeinem grenzenloſen Herzeleid zu tröſten und dieſer traurigen Geſchichte ein Ende zu machen. Seit vorgeſtern Abend ſitzt er bei der Leiche ſeines kleinen Findelkindes, will Niemanden ſehen und ſprechen, und iſt ganz troſtlos. Ach, Herr Schröder, redet ihm doch ein Bischen zu, daß er ſich einige Stunden Ruhe gönnt und ſich nicht ganz und gar auf⸗ reibt; es iſt ja doch nur ein fremdes Kind, deſſen Eltern Niemand kennt und das der liebe Gott aus Barmherzigkeit zu ſich genommen hat, weil's auf Erden doch gewiß nimmer glücklich geworden wäre. In dieſem Augenblick öffnete Unzer, der die Haushälterin ſpre⸗ chen gehört hatte, die Thüre; als er den Freund erkannte, ſchien er zwar einen Augenblick betreten, faßte ſich jedoch ſchnell und ſagte, ihn umarmend: Laß' dir von der alten Magarethe Nichts vorſchwatzen, Fritz! Komm' herein und überzeuge dich ſelbſt, in welcher holden Geſtalt der Tod dieſem Hauſe genaht iſt. Dann erzähle ich dir Alles und wir ſchließen in Gottes Namen den kleinen Sarg, den wir morgen in aller Frühe auf dem Michaelis⸗Kirchhof einſenken. Erwartungsvoll folgte Schröder dem Freunde in das hellerleuch⸗ tete Zimmer, wo ihn Unzer zu dem Sarge führte und, auf das Kind deutend, mit ſchmerzlichem Lächeln ſagte: Nun rath' einmal, Fritz, warum ich ſo viel Trauer an dieſes kleine Weſen verſchwende, warum ich es ſelbſt noch im Tode mit des — · — — 252— Lebens freundlichen Symbolen umgebe und mich gar nicht von ihm trennen kann? Aber ich ſehe ſchon, du wirſt es nicht errathen, ſelbſt wenn ich dir ſage, daß dieß Kind nung noch in meinem Herzen lebte, mit ſich hinunter nimmt in ſein ſtilles Grab, ſo ohngefähr wie mit der letzten Blume auch der ſchöne Frühling dahinſtirbt. Um Gotteswillen, Karl, was bedeutet das? rief Schröder tief⸗ erſchüttert. Wozu den Tod ſelbſt noch, dieſes ewige dunkle Geheim⸗ niß unſres Lebens, mit ſo vielen Räthſeln umgeben? Nicht den Tod nenne ein Räthſel! entgegnete Unzer und aus ſeinen Augen zuckte der Strahl eines unendlichen Leides. Das Leben allein iſt die furchtbare Sphinx, die uns durch ihre Räthſel dem Tode in die Arme jagt! Hier, hier, in der lebendigen Menſchen⸗ bruſt, da allein ruht das dunkle Geheimniß des Daſeins, da hinein ſchreibt die Vorſehung die unerforſchlichen Hieroglyphen des Schick⸗ ſals, und wer ſie entziffern wollte, entziffern könnte, müßte zuerſt den Verſtand verlieren, um nicht irre zu werden an allem Hohen, Schönen und Heiligen, ja an Gott und ſeiner Göttlichkeit ſelber! Das Kind da,— hier faßte er krampfhaft des Freundes Arm— das Kind da ſtarb wie ein Licht, das kaum angezündet, wieder er⸗ liſcht, wenn du es in einen dumpfen feuchten Kerkerraum bringſt, ſo und nicht anders ging ſein junges Leben aus!— Nun, dabei iſt doch wahrhaftig nichts Räthſelhaftes, ſollt' ich meinen; aber ein anderes Sterben gibt es, das verdient allerdings den Namen Tod beſſer, jenes Sterben nämlich, in welchem ein reines herrliches Leben voll Tugend, Schönheit, Seele und Gottbegeiſterung, plötzlich wie geblendet vom eignen Glanze, in Nacht verſchwindet, eine Beute feindlicher Gewalten, zerſtörender Leidenſchaften! Das iſt Sterben in Wahrheit, Fritz, wenn ſich der Genius von ſeinem Sonnenpfade ab in die dunklen Irrgänge dieſer Welt verliert, wähnend, er folge einem höheren Geiſte, während er doch nur dem Trugbild ſeiner eignen Bethörung nachläuft! 3 . Aber in welcher Beziehung ſteht das Alles zu dieſem da? fragte Schröder auf das Kind zeigend. Du haſt recht! entgegnete Unzer mit einem trüben Lächeln; ich handle ſündig an dem kleinen Weſen, daß ich mein Unglück in ſeinen Alles, was von Liebe und Hoff⸗ — 253— Tod verwebe, woran es doch ſo unſchuldig iſt wie die Blumen da an des Kindes Tod. Und doch iſt es mir auch wiederum nicht möglich, mir den Tod dieſes Kindes außer Zuſammenhang mit meinem wirklichen Verluſt zu denken, ja, es theilt ſogar den Namen mit ihm, — iſ wie ich dir ſchon ſagte, die letzte Roſe meines Frühlings und ſtarb dahin mit dieſem! Schröder fand noch immer keinen rechten Sinn in den Worten des Freundes, den er noch nie zuvor in dieſer leidenſchaftlichen faſt an Schwärmerei grenzenden Erregtheit geſehen hatte. Aber welches Staunen, welche ſchmerzliche Bewegung ergriff ihn, als Unzer ihm jetzt mit einem Worte das ganze Räthſel dieſer eigenthümlichen Todten⸗ feier und ſeines Schmerzes um das todte Kind löste,— denn es war daſſelbe Kind vom Kugelsort, deſſen ſpurloſes Verſchwinden ihm nun mit Einmal erklärt war! Aber zugleich war ihm damit auch die Löſung von des Freundes räthſelhaftem Weſen gegeben und von dem, was noch ſchmerzlicher als der Tod dieſes Kindes Unzer's innerſtes Herz berührte; wie Schuppen fiel es ihm von den Augen, daß noch ein andres unendlich tieferes Leid den Freund in dieſen traurigen Zuſtand verſetzt haben müſſe— nannte er ja doch das todte Kind mit dem Namen der leben⸗ den Schweſter— nannte es Charlotte,— nannte es ſeines Früh⸗ lings letzte Roſe! Und dieſen Frühling, wie nannte er den? Einen Augenblick noch zögerte Schröder, dieſem plötzlichen Hell⸗ blick in Unzer's Seele Worte zu leihen, bald aber übermannte auch ihn ſein Schmerz und erſchüttert rief er aus: Darum alſo haſt du in der letzten Zeit ſo ängſtlich unſer Haus gemieden, armer Freund! Darum verwebt ſich dir jetzt der Tod die⸗ ſes Kindes mit deinem Unglück! Karl, liebſter Karl, bei unſerer Freundſchaft beſchwör' ich dich, ſprich es deutlich aus, welche Be⸗ wandtniß hat es mit dir und Charlotten? Ddcas könnte dir vielleicht Nadame Fanny am Kugelsort beſſer als ich es kann, aus ihren Karten erklären, erwiderte dieſer mit gedämpfter Stimme, ohne den ſtarren Blick von der kleinen Leiche zu wenden. Ja, ja— Madame Fanny muß es wiſſen,— denn deine Schweſter, Fritz,— die jüngere mein' ich— geht neuerdings — 254— häufig bei ihr aus und ein, aber bei Leibe nicht allein,— denn das ſchickte ſich ja nicht!— ſondern in Begleitung von eurem neuen Hausfreund, dem Herrn von Sylburg! Was ſagſt du, Karl? ſtammelte Schröder zurückprallend und ward weiß wie ein Tuch. Charlotte im Hauſe jener berüchtigten Kupplerin? Und mit Sylburg? Ha! Dacht' ich's doch längſt, daß es mit den Beiden nicht richtig ſein müſſe! Aber woher weißt du das? Haſt du es ſelber geſehen oder iſt noch Hoffnung vorhanden, daß deine Behauptung auf einem Irrthum beruht? Unzer ſchüttelte ſchmerzlich lächelnd den Kopf und erwiderte:. Zweifelſt du etwa daran, daß es nicht auch mich Mühe genug gekoſtet hat, ſo Etwas von Charlotten zu glauben? Meinſt du, ich hätte auf einen bloßen Verdacht hin mein Unglück als gewiß ange⸗ nommen und voreilig den Himmel zertrümmert, den ich mir in Char⸗ lottens Beſitz einſt ſo ſelig austräumte? O Fritz, dann haſt du keine Ahnung davon, mit welcher athemloſen Angſt ein Herz, das liebt, der Spur ſeines Unglücks nachgeht; wie es ſich tauſendmal ſträubt unter den Geierkrallen des Zweifels, der Eiferſucht, und doch lieber langſam ſich von ihnen zerfleiſchen läßt, eh' es bei der vollen Gewißheit ſeines Schickſals ſich beruhigt. Ja, ja, du armer Freund, es iſt ſo wie ich dir ſage; jener Sylburg, nicht zufrieden damit, daß meine Mutter ſchwach genug war, ihn mit Charlotten zuſammen⸗ zubringen; nicht zufrieden damit, daß du und deine Mutter ihm alle die Freiheiten geſtattet, welche man ſonſt nur dem erklärten Bräutigam erlaubt, ſchleicht ſich heimlich, während du im Theater den Jago ſpielſt, mit deiner Schweſter in ein verrufenes Haus und baut den Altar ſeiner Liebe am Kugelsort auf! SKalt ein, Unzer! rief Schröder und ſank wie gebrochen beide Hände vor die Augen ſchlagend, auf das Sopha nieder. Ich ſollte dir ja deutlich ſagen, welche Bewandtniß es mit mir und Charlotten habe, verſetzte dieſer, indem er ſanft des Freundes Hände von deſſen Geſicht wegzog und ihm mit inniger Theilnahme in’s Auge blickte. Nun weißt du, warum ich den kleinen Sarg da mit ſo vielem Gepränge umgab und im Anblick des todten Kindes meine eigne Liebe beweinte. Morgen nach der Beerdigung wollte 255 ich dich beſuchen und dir Alles entdecken; das war mein feſter Vor⸗ ſatz, um ſo beſſer alſo, daß ich ihn ſchon heute ausführen kann. Er ergriff hierauf des Freundes Arm und führte ihn in das anſtoßende Zimmer, wo Schröder ſich allmälig von ſeiner Erſchüt⸗ terung erholte und der Meinung Unzer's zuſtimmen mußte, daß vor Allem ein ruhiges und beſonnenes Handeln in dieſer Sache uner⸗ läßlich ſei, wolle man nicht den letzten Vortheil gegen den Ba⸗ 8 1 — ron verlieren und den Ruf und die Ehre der Familie einem öf⸗ fentlichen Skandale ausſetzen. Sie kamen überein, daß Schröder den Verführer bei nächſter Gelegenheit entlarven, ihm ſein ehr⸗ loſes Betragen gegen eine geachtete Familie offen vorhalten und jede fernere Verbindung mit ihm abbrechen ſolle. Er ſoll an mich glauben, der Bubel rief Schröder, in welchem, ſo ſehr er ſich auch zu beherrſchen ſuchte, das Gefühl der gekränkten Ehre und die Angſt um Charlotten alle Augenblicke von Neuem die kaum errungene Faſſung wieder zuſammenwarf; er ſoll an mich glauben, ſo wahr als dieſe Fauſt ſchon mehr wie einen vornehmen Schuft Sitte und Anſtand gelehrt hat! Und das ſchwör' ich dir, Karl, nicht über die Schwelle darf er mir wieder, müßt' ich ihn auch am offnen Tage zum Hauſe hinausſchmeißen, den tapfern mit Orden decorirten Offi⸗ zier Seiner däniſchen Majeſtät! Um Gotteswillen, Freund, keine Uebereilung! entgegnete der Doctor beſtürzt; du würdeſt grade dadurch herbeiführen, was zu ver⸗ hüten unſre nächſte und eifrigſte Sorge ſein muß, nämlich, daß die Geſchichte ruchbar wird und Charlotte mit dem ſchlechteſten Menſchen in's Gerede der Leute kommt. Das einzige Mittel, dem vorzu⸗ beugen, iſt, daß du dem Major deine aufrichtige Herzensmeinung ſo behutfam als möglich in's Ohr flüſterſt und ſie nach Gutdünken mit einem oder dem andern Wink begleiteſt, den er unmöglich mißver⸗ ſtehen kann. Menſchen ſeines Kalibers fühlen niemals die moraliſche Verpflichtung, ihre Ehre zu vertheidigen, ſobald ſie erfahren, daß man ſie durchſchaut hat, und ſo wird auch Sylburg ſchon ſelber da⸗ für ſorgen, dir nicht zum zweitenmal unter die Augen zu kommen. Schröder mußte bei ruhigerem Blute dieſen Rath gutheißen ind des Freundes eifrigen Zureden gelang es ſogar, ihm das Ver⸗ ———— — 256— ſprechen abzugewinnen, Charlotte nur im äußerſten Falle merken zu laſſen, daß er von ihrem Fehltritt wiſſe. Unzer ſagte unter Anderem: Ihre tiefſte Reue, wenn ſie erſt zur Erkenntniß ihres unverzeih⸗ lichen Leichtſinns gekommen iſt, wird die ſein, ſich ſchuldiger zu wiſſen als ihr bis jetzt ein Menſch in der Welt zutraute. Und dann laß' uns auch nicht vergeſſen, wie groß der Antheil iſt, den ihr ſchwärmeriſches Gefühl, ihre leicht erregbare Fantaſie an dieſem ihrem erſten Fehltritt hat, lauter Eigenſchaften, ohne die ſie nimmermehr die große dramatiſche Künſtlerin wäre, die wir in ihr bewundern. Und welche andere Kunſt wäre denn auch mehr geeignet, in einem jungen heißen Blute Gefühle und Wünſche zu erwecken, die, weil ſie vielleicht einer ganz unbeſtimmten Sehnſucht entſpringen, um ſo leichter auch das Herz zu Verirrungen führen? Gerade in dieſem beſtändigen Nachempfinden und Nacherleben der allerverſchiedenartigſten Gefühle, Leidenſchaften und Schickſale, wie es der Schauſpieler thun muß, liegt der Grund zu der idealen Gefühlsweiſe, aber auch zu der unpraktiſchen Lebensanſchauung, die man ſo häufig in eurem Stande antrifft, da ihr ſelbſt immer eure Individualität verleugnen und euch in fremde Seelenzuſtände hineinleben müßt, um etwas Großes und Wahres in eurer Kunſt zu leiſten. So kommt es, daß die poetiſche Illuſion ſo manchen Künſtler ſelbſt da nicht verläßt, wo das gewöhnliche Leben mit ſeinen Anforderungen, Rückſichten und Beſchränkungen anfängt und ihm, der auch hier überall nur Kunſtge⸗ ſetze erblickt, dann oft fremdartig und unverſtändlich genug erſcheinen mag. Und grade, weil ich dieſes von den Ausgezeichnetſten eurer Kunſt am meiſten behaupten möchte, iſt es mir auch recht gut denk⸗ bar, daß Charlottens Liebe zu jenem Menſchen viel mehr das Pro⸗ dukt ihrer Fantaſie als eine wirkliche Herzensneigung wäre. 1 Schröder erwiderte nicht ohne Bitterkeit: O ja, du magſt recht haben, Freund, daß bei uns Komödianten Vieles in der Ordnung erſcheint, was gewöhnliche Menſchen, die einem bürgerlichen Gewerbe nachgehen, für höchſt anſtößig und un⸗ moraliſch halten. Was hat es denn auch zu bedeuten, wenn ein Schauſpieler Sitte und Anſtand mit Füßen tritt! Die„freie Kunſt“ erlaubt ihm viel und von der ſogenannten guten Geſellſchaft bleibt er ja doch meiſtens ausgeſchloſſen. Aber trotzdem möchte ich doch — * — wiſſen, welcher wahre Künſtler ſich ſo ſehr an ſeinem eignen Herzen verſündigen kann, daß er das Häßliche ſchön, das Gemeine erhaben, das Alltägliche intereſſant findet? Kann ein wirklich gebildeter Geiſt ſich in untergeordneten Lebenselementen heimiſch fühlen? Kann ein echtes Talent Geſchmack am Niedrigen und Frivolen finden?— Du ſagſt freilich, ſeine Kunſt nöthige den Schauſpieler zu einer fortwährenden Verleugnung ſeiner Individualität; aber ſind es denn immer nur gemeine und unedle Charactere, die wir darzuſtellen haben? Sind es nicht noch viel häufiger die Muſter der reinſten Tugend, der erhabenſten Sittlichkeit, die wir euch honetten Leuten veranſchaulichen? Und ſollte der beſtändige Verkehr mit der Poeſie den Künſtler nicht zuerſt bilden, ehe er durch dieſe das Publikum zu ergreifen ſucht?— Ich ſage dir, Freund, unſre Kunſtgeſetze verdammen eben ſo gut die gemeine Denkart eines Sylburg als die krankhafte Sentimentalität Charlottens; und weder eine Rutland, noch eine Emilia, noch eine Julia wird ſich ſo weit vergeſſen, im Hauſe einer verrufenen Kupplerin einem ganz gewöhnlichen Abenteurer ein Rendezvous zu geben. Eine ſolche Ver⸗ irrung liegt unſrer Kunſt ebenſo ferne, wie deiner Wiſſenſchaft eine Vergiftung, obwohl ihr das Gift unter Umſtänden eben ſo wohlthätig anwendet, wie die dramatiſche Kunſt das Böſe und Verwerfliche. Unter ſolchen Geſprächen war Mitternacht herangerückt und in den Freunden hatte allmälig die anfangs ſo leidenſchaftliche Aufre⸗ gung der Gemüther einer ruhigeren Anſchauung Platz gemacht; Beide empfanden bald das Glück des gegenſeitigen Troſtes, welchen die Freundſchaft gewährt, die ſich nach jahrelangem ungetrübten Beſtehen unerwartet von einem und demſelben feindlichen Schickſal bedroht ſieht. Unzer hatte dem Freunde nicht nur die Geſchichte ſeiner Liebe zu Charlotten von ihrem erſten Entſtehen an bis zu der Stunde mitgetheilt, wo er die Geliebte an jenem verhängnißvollen Othello⸗ Abend mit Sylburg in's Haus der Kartenſchlägerin ſchlüpfen ſah; er war auch offen genug gegen ihn geweſen, der Wünſche ſeiner Mutter in Betreff Dorotheens zu erwähnen und eine Parallele zwi⸗ ſchen beiden Schweſtern zu ziehen, aus der Schröder bald die Wahr⸗ nehmung ſchöpfte, wie ſehr der Freund, von Charlottens geiſtigem 7 in geblendet, an dieſer Vorzüge und Tugenden erblickt hatte, die D. B. II. Müller's Charl. Ackermann. 17 — 258— in Wahrheit nur Dorotheen auszeichneten, bei C harlotten hingegen blos als Reflexe der Schweſterſeele zu betrachten waren. Auch den übrigen Theil der Nacht blieben die Freunde auf Unzer's Wunſch beiſammen und als unter einem heftigen Schnee⸗ ſchauer der Morgen graute, war ein großer Theil der Sorgen, die ſie am Abende vorher zuſammengeführt hatten, von ihren Herzen weg⸗ geſprochen und mit neugeſtärktem Muthe ſchickten ſich Beide an, die Vorſätze und Entwürfe dieſer Nacht auszuführen. * 30. Das neue Verhältniß, in welches Charlotte zu dem Major ge⸗ treten war, nachdem dieſer ohne irgend eine ausgeſprochene Abſicht von ſeiner, ohne irgend eine klare Auseinanderſetzung von Seiten der Familie Zutritt in ihrem Hauſe gefunden, war nur allzuſehr geeignet, die inneren Widerſprüche zu vermehren, aus denen ſich in ihrem Herzen dieſe Liebe entwickelt hatte. Denn war ihr auch die Genugthuung geworden, daß ihre Angehörigen der Selbſtändigkeit und Entſchloſſenheit nachgeben mußten, womit ſie ſich ihnen als Syl⸗ burg's verlobte Braut dargeſtellt hatte, ſo ſollte ſie es doch bald genug an ſich ſelber erfahren, wie wenig dieſer Erfolg ihrem inneren Glücke entſprach. Allerdings waren die geſellſchaftlichen Schranken gefallen, welche ſie ſeither von dem Geliebten trennten; der Baron konnte freei bei ihr aus⸗ und eingehen und wurde ſtets von Mutter, Bruder und Schweſter mit Artigkeit aufgenommen; aber damit war denn auch gerade ſo viel und ſo wenig gewonnen, daß das Mehr darüber hinaus einem leidenſchaftlichen Herzen wie dem Charlottens bald näher lag als das wirklich Erreichte. Der Zwang, den ihr des 1 Hauſes ſtrenge Sitte und die Gegenwart derjenigen Perſonen auf⸗ 4 erlegte, die um das eigentliche Verhältniß wußten, ohne es darum —Q— freier walten zu laſſen, wurde ihr in dem Grade mehr und mehr drückend, als Derjenige, mit dem ſie ihn gemeinſam zu leiden hatte, noch weniger Geduld und Entſagung zeigte wie ſie und ihr beſtändig anlag, ſich dieſer läſtigen Bevormundung zu entziehen. Es ward ihm nicht ſchwer, ſie zu überzeugen, welche Refignation für ihn dazu gehbre, das Mißtrauen des Bruders ruhig hinzunehmen und ihm ſelbſt noch 5 5 V 1* 17 dafür dankbar ſein zu ſollen. Oder die Mutter haderte, die Schweſter zankte mit ihr, daß ſie's bald in Dieſem, bald in Jenem verſehen, bald allzu freundlich, bald allzu offenherzig gegen den Baron geweſen ſei, ja ſogar in ſeiner Gegenwart dieſe und jene Angelegenheit der Familie zur Sprache gebracht habe, welche ſich nicht für ein fremdes Ohr eigne. Sie ſolle ihre Kunſt nicht ſo ganz und gar vernachläſſigen, war Schröder's ſtehende Klage und daran knüpften ſich denn gewöhnlich von Seiten der Mutter tadelnde Bemerkungen über unordentliche Garderobe und zerſtreutes, kopfhängeriſches Weſen; während Dorothea, die im Stillen ebenſo ſehr für ihren eignen wie für der Schweſter Ruf zitterte, keinen andern Gedanken mehr hatte als den ihrer Furcht, Charlotte möge einmal in Gegenwart an⸗ derer Perſonen durch ihr Benehmen gegen Sylburg Anlaß zum Argwohn geben. Bei dieſem beſtändigen Hin⸗ und Hermeiſtern ihrer nächſten Angehörigen, hinter welchem ſie doch im Grunde nur der Unmuth und die Reue darüber verſteckte, daß man ſich dieſen Herrn freiwillig aufgeladen habe, konnte es nicht fehlen, daß Charlotte oft ſelber kaum mehr wußte, wofür ſie eigentlich ihr Verhältniß zu dem Baron anſehen ſollte. Denn wie ſehr ſich auch Mutter und Geſchwiſter in ſeiner Gegenwart beſtrebten, unbefangen und freundlich zu thun, ſo durfte er doch kaum das Haus verlaſſen haben, und die Scene ver⸗ änderte ſich ebenſo ſchnell als die Stimmung der Gemüther, deren bittre Seite ſich dann meiſtens gegen Charlotte kehrte; als wenn dieſelbe Liebe, die ihr doch ſo weit den Umgang mit Sylburg zugeſtanden, über die engen Grenzen dieſes Zugeſtändniſſes hinaus nur noch in Tadel, Argwohn und tauſend ängſtlichen Rückſichten für ſie beſtände. Zu dieſer Spannung in ihrem häuslichen Verhältniß kam nun noch, was Anfangs Niemand ahnte, ein anderer Einfluß hinzu, der dem ihr angebornen Drang nach Freiheit und Selbſtändigkeit in ihren Gefühlen und Lebensanſichten nur allzu ſchnell eine Richtung gab, die ſie immer weiter von ihrem ſeitherigen Leben entfernte. Dieſen Einfluß übte Sylburg, der ſich kaum mit den Verhältniſſen und Perſönlichkeiten im Ackermann'ſchen Hauſe vertraut gemacht hatte, als er auch ſchon einſah, daß auf dieſem Terrain wenig für ihn zu hoffen ſei, da die Familie jede weitere Annäherung zwiſchen ihm und ———ÿ——— — ———õõm ꝑ— — 260— Charlotten unmöglich machte. Wohl fühlte er es, trotz der äußeren Höflichkeitsformen, von Tag zu Tag deutlicher, daß ihm Schröder noch mehr als die Mutter und Dorothea im Wege ſtand, indem ihm dieſer durch ſein ſtets ſich gleichbleibendes kaltvornehmes Benehmen zuweilen die Beſorgniß einflößte, daß er einem ſo großen Schauſpieler gegenüber eine doppelt gewagte Rolle ſpiele und es ihm ſchwer fallen werde, ihn zu täuſchen. Aber eben dieſes Benehmen Schröder's war dem Plane des Majors ſehr günſtig; denn bald war es nicht mehr die Liebe allein, ſondern auch der Druck ihrer häuslichen Ver⸗ hältniſſe, was Charlotten mit dem Gedanken vertraut machte, die Freiheit in ihrem Umgang mit dem Geliebten, die man ihr zu Hauſe nicht geſtatten wollte, an einem andern Orte zu ſuchen. Sie ſah, welche Ueberwindung ihn dieſer fremde Ton koſtete, den er ihr gegen⸗ über zu Hauſe annehmen mußte; ſie ſah, mit welcher Selbſtverleug⸗ nung er die ſtolze Kälte des Bruders, die argwöhniſche Ueberwachung von Mutter und Schweſter ertrug; zuweilen ließ er ſie auch wohl in leiſen Andeutungen einen Blick in ſein Inneres thun, der ihr ſagte, was er um ihretwillen litt, welche ſchwarze Hypochondrien ihn plag⸗ ten, Charlotte möge, von ihren Angehörigen gedrängt, ihn aufgeben, wenn der königliche Heiraths⸗Conſens noch lange auf ſich warten ließe,— warum hätte ſie, die ſelber mit freudigem Heroismus Alles für ihre Liebe zu leiden bereit war, einem ſo treuen, würdevollen Benehmen gegenüber noch länger ihrem innerſten Herzen Gewalt an⸗ thun ſollen?— Sie willigte alſo ein, daß er ſie Abends aus dem Theater nach Hauſe begleiten durfte, verließ auch wohl ſpäter, wenn ſie nicht auf der Bühne beſchäftigt war, die Loge, um mit ihm in irgend einem Winkel des weitläuftigen Gebäudes zu plaudern, oder, wenn die Witterung es erlaubte, in dichten Schleier gehüllt, an ſei⸗ nem Arme durch die Straßen zu wandeln. Dieſe heimlichen Zuſam⸗ menkünfte hatten, eben weil ſie ſtets mit einiger Gefahr verbunden waren, für beide Liebende ungleich mehr Reiz und Intereſſe, als der ängſtlich überwachte Verkehr im Hauſe am Kreyenkamp; ſie konnten einander ungeſtört ihre innerſten Gefühle austauſchen, durften ſich ohne Scheu das Glück und die Liebe ihrer Herzen bekennen und zum Ueberfluß noch nach jedem ſolchen Rendez⸗ vous das Bewußtſein mit nach Hauſe nehmen, auch heute wieder 261 die neidiſche Welt um einige Minuten ſeligen Beiſammenſeins be⸗ trogen zu haben. Immer feſter ſchloß ſich das magiſche Band, welches die junge Künſtlerſeele an den Mann feſſelte, den faſt alle ihr naheſtehenden Perſonen mit Mißtrauen betrachteten. Sie lernte, je freier und unge⸗ zwungener er ſich ihr gegenüber benehmen konnte, Eigenſchäften an ihm kennen, die ihr ſeinen Charakter ebenſo achtungswerth wie ſein gan⸗ zes Weſen liebenswürdig machten. Seine leidenſchaftliche Erregtheit, ſein zärtlicher Ungeſtüm weckten in Charlotten eben ſo ſüße als un⸗ bekannte Empfindungen, und ſelbſt eine oft plötzliche Zurückhaltung mitten im feurigen Erguß ſeiner Gefühle, ließ ſie noch tiefere Blicke in dieſe ſo wunderbar aus zarten und rauhen, milden und ſtarken Stoffen gebildete Mannesſeele thun. Oft erſchreckte ſie die Wahr⸗ heit, womit er ihr Gefühle und Zuſtände ihres eignen innerſten Herzens ſchilderte, als habe er ſie mit ihr erlebt; ſein Urtheil über Menſchen und Lebensverhältniſſe zeugte von ſcharfem und überlegenem Verſtande; dabei war er in ſeinem Benehmen gegen ſie eben ſo natür⸗ lich als zart und rückſichtsvoll, und jeder Ton, den ſie in ſeinem Inneren anſchlug, hallte ſtets nur in reinem Echo darin wider. Aus ſeiner Vergangenheit erzählte er ihr manche intereſſante Epiſode, ſelbſt die Verirrungen ſeiner Jugend blieben ihr nicht fremd, ja es ſchien ihm ſogar eine Genugthuung zu bereiten, ſich ſelber, ſeinen Fehlern und Mängeln ſtets den größten Theil der Schuld an früherem Miß⸗ geſchick beizumeſſen. Dann klagte er ſich des unverzeihlichſten Leicht⸗ ſinns, der heftigſten Leidenſchaft, der wildeſten Ausgelaſſenheit an; ſchon als Knabe zeigte er einen unbeſiegbaren Trotz neben den zügel⸗ loſeſten Begierden, und ſpäter, zum Jüngling und Manne herange⸗ reift, dankte er es nur der höheren idealen Richtung ſeines Geiſtes, daß ihn bald die Verſuchungen der Sinnlichkeit anekelten und er noch rechtzeitig von ſeinen Verirrungen zurückkam. Nur über einen verhängnißvollen Moment ſeiner Vergangenheit beobachtete er noch immer daſſelbe dunkle Halbgeheimniß, womit er ſchon auf dem Balle und ſpäter bei der Schlittenfahrt Charlottens Theilnahme in ſo hohem Grade erregt hatte. Mehr als einmal ſchien er zwar auf dem Punkte zu ſtehen, ihr das Nähere dieſes Erlebniſſes mitzuthei⸗ len; aber immer griff ihn die Erinnerung deſſelben ſo heftig an, — langt, und der Major hatte plötzlich den Einfall, ihr den Vorſ — 262— daß er ihr nur in einzelnen abgebrochenen Reden ſagen konnte, wie fürchterlich ihm ſchon der bloße Gedanke daran ſei. Sie wußte im Grunde nur ſo viel, daß er durch eine Verkettung von Umſtänden genöthigt worden war, ſeine erſte Jugendliebe der Freundſchaft zu opfern, daß dieſes Opfer aber für ihn zur Quelle der ſchrecklichſten Leiden geworden, ſo zwar, daß er ſich jahrelang in martervoller Selbſttäuſchung für ſchuldig gehalten, bis endlich die Todesſtunde des Freundes ihm den Glauben an ſich ſelbſt und einen gerechten Gott über den Sternen zurückgegeben habe. Bei verſchiedenen Ge⸗ legenheiten hob er es mit beſonderem Nachdruck hervor, wie er feſt überzeugt ſei, daß ſelten ein Menſch ſo ſchuldlos gelitten habe als er, das Opfer der treueſten Freundſchaft und der verrätheriſchſten Liebe. Was hätte Charlotten veranlaſſen ſollen, weiter in ihn zu dringen? War doch jedes ſeiner Worte der Ausdruck eines Gefühles, das ſelbſt in ſeiner geheimnißvollen Beziehung zu jenem Schickſal, deutlich genug für ſein edles Herz und ſein gerettetes Selbſtbewußt⸗ ſein zeugte. Er war gewiß auch damals ſchon nur gegen ſich allein ſtreng und ungerecht geweſen, wie ſie ja bei verſchiedenen Anläſſen, wo es ſich um Fragen der Ehre und des Rechtes handelte, ſeine ängſtliche Gewiſſenhaftigkeit, ſeine hypochondriſche Gefühlsweiſe hatte kennen lernen. Dieſer Mann hätte ihr ſeine ganze Vergangenheit verheimlichen dürfen, und niemals wäre der leiſeſte Zweifel gegen ſeine treue und ehrenhafte Geſinnung in ihr entſtanden. Der Glaube an ihn war ſo ſtark in ihrem Herzen, daß ſie mit ihm und für ihn Alles gewagt haben würde, was ein Blick ſeiner ſchönen ſtillen Augen von ihr gefordert hätte. Ein Herz von dieſer Innigkeit und poetiſchen Verklärung, wie konnte es in dem Manne ſeiner Liebe etwas Anderes ſehen als die eigne reine Seele!— Eines Abends, da ſie wieder während der Theatervorſtellung an ſeinem Arme durch die Straßen wandelte, waren ſie, ohne daß Charlotte weiter darauf achtete, in die Gegend vom Kugelsort g. zu machen, die Portugieſin Fanny zu beſuchen und ſich Beide ihr die Karten ſchlagen zu laſſen. Ehe ſie noch wußte, ob er es im Scherz oder im Ernſte meine, rief er heiter: Was du ſchon einmal für dich allein thateſt, kannſt du um ſo ſicherer in meiner Geſellſchaft thun. Dein Schleier iſt dicht genug, um ſelbſt einem hundertäugigen Argus deine Züge zu verbergen und zum Ueberfluß geb' ich dich für eine Landsmännin aus. Mir graut vor jenem Hauſe, ſagte Charlotte beklommen. Als Wagniß um der Liebe willen kann man allenfalls einen ſolchen Schritt thun, abet aus bloßem Muthwillen,— nein, Max, laß' es lieber bleiben, beſonders da mir der Kugelsort, wie du weißt, ſchon einmal ſchlecht genug bekommen iſt; und doch war es damals wahr⸗ lich nicht die heidniſche Wahrſagerkunſt, ſondern die reine Chriſten⸗ liebe, was mich in jenes ſchlimme Gerede brachte. Thu' es mir zu lieb, bat der Major ſchmeichelnd. Ich habe ſo viel von der Kunſt dieſer Frau gehört, daß ich wirklich begierig wäre, von ihr einmal Etwas über meine Zukunft zu erfahren. Nun du mein biſt, fügte er zärtlich hinzu, kann ich ja ſchon einmal das Schickſal herausfordern. Und ohne ihr Zeit zu einem neuen Einwand zu laſſen, ging er mit ihr, die ſich ängſtlich an ſeinen Arm hing, raſchen Schrittes dem bekannten Hauſe zu, ließ auf der dunklen Diele den Säbel, den er unterm Mantel trug, klirrend niederraſſeln, und alsbald er⸗ ſchien der nämliche alte Mann wieder, der Charlotten ſchon einmal die Treppe hinaufgeleuchtet hatte. Aber dießmal war es nicht Ma⸗ dame Fanny, welche ſie oben embfing; eine reinlich gekleidete Frau mit blaſſen ſanften Geſichtszügen nöthigte ſie zum Eintritt in ein Zimmer, welches auch nicht dasjenige war, worin Charlotte bei ihrem erſten Beſuche die Portugieſin gefunden; ſie ſagte ihnen, daß Madame Fanny ausgegangen ſei, doch im Augenblick zurückkehren müſſe. So warten wir, bis ſie kommt, entgegnete der Baron, warf raſch ſeinen Mantel ab, rückte für Charlotte einen bequemen Seſſel an den Ofen und fragte ſie auf Engliſch, ob es hier nicht ange⸗ nehmer ſei wie draußen in der kalten ſchneefeuchten Nachtluft? Dabei drückte er ſie ſanft in den Lehnſtuhl, die Frau aber verließ mit der Bemerkung das Zimmer, ſie wolle ſelber in der Nachbarſchaft nach der Madame ſuchen. — 264— Charlotte, die ſich ſo plötzlich in einem ihr fremden und noch dazu ſo alten und unheimlichen Hauſe mit dem Geliebten allein ſah, konnte ſich eines bangen Gefühls nicht erwehren und unwillkührlich fiel es ihr ein, daß ihr damals die Portugieſin ihr Haus zur Zu⸗ ſammenkunft mit dem Geliebten angeboten und dieſer ſelbſt ihr ſpäter den nämlichen Vorſchlag gemacht hatte. Sie ſah ihm daher forſchend in’s Auge und erwiderte auf ſeine obige Frage: Angenehm? Nein wahrhaftig, Max, angenehm iſt es hier gar nicht! Nimm deinen Mantel und laß' uns ſchnell wieder von dan⸗ nen gehn. Wozu dieſe Eile? fragte Sylburg verwundert. Ah, iſt das der Muth meiner kleinen tragiſchen Heldin, ſie, die in ſo manchem Schauer⸗ und Ritterſtück furchtlos in die dunkelſten Burgverließe hinunterſteigt, in öden Kloſterhallen wandelt oder in Räuberhöhlen wohnt? Sei nicht thöricht, Charlotte! Blicke einmal umher und ſage mir, was du hier Verdächtiges findeſt? In der That war das Zimmerchen trotz ſeiner ſchlichten Möbel nett und gemüthlich eingerichtet und würde ihr in jedem andern Hauſe als in dem der verrufenen Kartenſchlägerin, zu einem Stell⸗ dichein gar nicht mißfallen haben. Dichte weiße Gardinen verhüllten beide Fenſter, auf der Kommode ſtand ein blühender Roſenſtock und die Wände ſchmückten mehrere Kupferſtiche, Portraits von theils le⸗ benden, theils verſtorbenen Berühmtheiten Hamburgs. Sogar das Bild des ehrwürdigen Hauptpaſtors Götze fehlte nicht im Hauſe der Kartenſchlägerin und ein kleines Büchergeſtell enthielt neben einigen harmloſen Romanen mehre ſtreng moraliſche Schriften, deren Inhalt doch wahrlich nicht zu dem Gewerbe einer Wahrſagerin paßte. Charlotte, welche mehr aus Verlegenheit als aus Neugierde dieſe Gegenſtände muſterte, fand allmälig ihre gute Laune und Unbefan⸗ genheit wieder, und vergaß ſogar über den Liebkoſungen Sylburg's, daß ſie ſich mit ihm in einem fremden Hauſe allein befand. Er war die Hingebung und Zärtlichkeit ſelber und malte ihr mit glühenden Farben das Glück aus, wenn ſie erſt Beide, ſo wie jetzt im flüchti⸗ gen Augenblick, dereinſt im beſtändigen Beiſammenſein ſich und ihrer Liebe allein leben könnten. Dann, ja dann, rief er, indem er einen feurigen Kuß auf ihre Lippen drückte, biſt du meine beſte Wahrſa⸗ —,—— — 265— gerin, weil ich ja das Glück, das du meiner Zukunft prophezeiſt, ſchon als Gegenwärtiges in dir beſitze! In ſtilles Entzücken verloren lauſchte Charlotte ſeinen Worten; der Frieden, die Sicherheit, welche ſie umgab, dazu das Gefühl der Freiheit in der Nähe des Geliebten, dies Alles war für ſie eine ſo neue Situation, daß ſie erſt jetzt den Druck erkannte, welcher ſeither auf ihrer Liebe gelaſtet hatte. Wie ſo ganz anders erſchien ihr da dieſe Liebe, erſchien ihr ſelbſt der Geliebte, der ſich ihr heute zum Erſtenmal frei und ungezwungen nahen durfte und nicht wie ſonſt ſein offenes grades Weſen in die ſteifen Formen der geſellſchaftlichen Etikette und der ängſtlichen Familienrückſicht einzuengen brauchte. Das Feuer ſeiner Blicke, der Uebermuth ſeiner Liebkoſungen zeigten, wie leidenſchaftlich und glücklich zugleich ihn ſeine Liebe machte, ſo daß ſein ganzes Weſen davon elektriſirt ſchien. Da hätten wir ja gleich den ehrwürdigen Paſtor zur Hand! rief er lachend, indem er auf das Bildniß des Seniors Götze deu⸗ tete und Charlotten mit Innigkeit umarmte. Was meinſt du, Lieb⸗ chen, wenn wir uns zur Stelle hier am Kugelsort von ihm kopuliren ließen? An Zeugen in effigie fehlte es uns auch nicht; dort, Herr Hieronymus Snitger und hier Herr Konrad Jaſtram, haben, trotz ihres angeblichen Vaterlandsverraths, noch immer Kredit genug in Hamburg, um uns dieſen chriſtlichen Liebesdienſt zu erweiſen, und der wackere Doctor Schuppius da unterm Spiegel wäre ganz mein Mann, um das Schlußgebet zu unſrer ehelichen Einſegnung zu ſpre⸗ chen. Hat er doch ſelber auf der Kanzel erklärt, Theologiam müſſe man unter dem Galgen ſtudiren und wenn er ſein Geld zurückhätte, welches er auf die Titulos Doctoris und Magiſtri ſpendirt, wollte er es gerne den alten Weibern im Spital ſchenken, damit dieſe ſich eine warme Bierſuppe dafür kaufen könnten. Gottloſer Menſch, das alſo ſind deine Heiligen! ſagte Charlotte, und hätte ihn wohl wegen ſeines leichtfertigen Spottes tüchtig aus⸗ gezankt, wenn nicht eben jetzt die Frau mit der Meldung zurückge⸗ kehrt wäre, daß Madame. Fanny nirgends in der Nachbarſchaft zu finden ſei. 5 So kommen wir ein andermal wieder, entgegnete Sylburg, gab der Frau ein Stück Geld und entfernte ſich mit Charlotten, da — 266— auch die Zeit nicht mehr ferne war, wo die Theatervorſtellung zu Ende ging.— Wir haben erfahren, daß dieſe erſte Zuſammenkunft am Kugels⸗ ort nicht die letzte blieb, daß vielmehr Charlotte, die in ihrer Arg⸗ loſigkeit keine Ahnung davon hatte, in welchem öffentlichen Verrufe jenes Haus ſtand, bald ohne Widerſpruch faſt allabendlich dem Ge⸗ liebten dahin folgte und oft ſtundenlang mit ihm daſelbſt allein verweilte. Erſt Unzer's Entdeckung an demſelben Abende, an welchem in Theater der Othello, dieſe große Tragödie der Eiferſucht, zur Auf⸗ führung kam, raubte den Liebenden dieſes Aſyl, rechtfertigte aber auch zugleich den Argwohn und die Furcht Schröder's vor einem Menſchen, der ſo ſchlecht und gewiſſenlos war, ſeine ihm anverlobte Geliebte zu einem ſolchen Schritte zu bewegen. 31. Der Zufall hatte es gewollt, daß am nächſtfolgenden Tage nach jener verhängnißvollen Nacht in Unzer's Wohnung, mehre Bekannte der Ackermann'ſchen Familie zum Abendeſſen geladen waren, Künſtler, Literaten, Theaterfreunde, wie man ſie dort häufig im heiter gemüth⸗ lichen Kreiſe beiſammen fand. Schröder mußte ſich bei Sylburg's Erſcheinen zuſammennehmen, um ihm mit der gewohnten ruhigen Haltung entgegenzutreten; es gelang ihm nur mit Mühe, beſonders da der Major nach der erſten üblichen Begrüßung, Charlotten an⸗ redete, die ſich völlig gleichblieb und in ihrem Benehmen gegen ihn eine Unbefangenheit und Natürlichkeit zeigte, die ſelbſt das Auge des ſchärfſten Argwohns hätte täuſchen können. Schröder ward durch dieſes heuchleriſch kokette Spiel der Schweſter, gegenüber ihrem Mit⸗ ſchuldigen und Verführer, ſo heftig alterirt, daß er das Zimmer verlaſſen mußte, um ſich nicht zu verrathen und in der Einſamkeit ſein erſchüttertes Gemüth wieder zu ſammeln. Es gelang ihm durch den Gedanken an Das, was er zu thun ſich vorgenommen; und 8 267 obwohl es vielleicht die ſchwerſte Rolle war, die der berühmte Künſtler bis jetzt geſpielt hatte, kehrte er doch bald mit der heiteren Miene des gaſtlichen und jovialen Hausherrn in die Geſellſchaft zurück, neckte Eckhof mit ſeiner ungekämmten Perücke und fragte ihn lachend, ob er nächſten Sonnabend den Tellheim in derſelben ſpielen wolle? Wenn's drauf ankommt, in der Nachtmütze, entgegnete der gut⸗ müthige Künſtler und ſetzte mit Laune hinzu: Das müßte mir ein ſchöner Tragöde ſein, den ſo Etwas ſtörte. Damals, als noch meine wöchentliche Gage bei der Schönemann'ſchen Truppe aus einem Thaler und ſechzehn Groſchen beſtand, wofür ich mir faſt meine ſämmtliche Garderobe zu ſtellen hatte, ſpielte ich ſogar mal den Orosman in Vol⸗ taire's Zaire im bunten Brocat, den ich dem verſtorbenen Rathsherrn Meurer mit Hülfe von deſſen Frau, die die Komödie leidenſchaftlich liebte, heimlich aus dem Schranke genommen hatte. Ich ſag' Euch, liebe Kinder, Kleider machen nur Leute, aber niemals Künſtler. Verſucht's mal, Eckhof, ſagte Frau Ackermann, die er durch die letztere Aeußerung an ihrer uns bekannten ſchwachen Seite an⸗ griff, ärgerlich. Nicht Jeder iſt ein Garrick, der einmal in einer vornehmen Geſellſchaft wie von ungefähr einen Fußſchemel zum Fenſter hinausfallen ließ und dann den verzweiflungsvollen Vater darſtellte, dem ſein kleines Kind aus dem Fenſter ſtürzte. Herzöge und Grä⸗ finnen zerfloſſen dabei in Thränen, ſo rührend war Garrick's Spiel, Er aber, Eckhof, iſt noch lange kein Garrick! Pfui Teufel auch, mit chriſtlichem Verlaub, Madame Lilienhand, entgegnete der Künſtler halb mit komiſcher, halb mit wirklicher Bit⸗ terkeit. Dafür, daß ich nicht der Garrick bin, bin ich auch kein weltberühmter herzloſer Filz wie dieſer, ſondern der arme Eckhof, dem man einſt auf ſeinen Grabſtein ſetzen ſoll:„Die Zähr', die er erzwang, ſoll hier freiwillig fließen,“ notabene, wenn man ihm überhaupt einen Grabſtein ſetzt. Was aber die Geſchichte mit dem Fußſchemel anbelangt, da wollt' ich denn doch mal ſehen—— Na, na, werd' Er nur nicht gleich kratzig, fiel ihm Frau Acker⸗ mann begütigend in's Wort und klopfte ihm freundlich auf die Wange. Er weiß ja ſchon, Eckhof, warum ich Ihn ſo gerne mit dem Garrick necke, weil's nämlich einmal ſo Sitte in der Welt iſt, daß man den Rieſen niemals mit dem Zwerge, ſondern immer nur mit dem Rieſen — 8 8 8 — 268—: vergleicht. Ihr ſeid und bleibt trotz Dem und Dem da, ſie deutete auf ihren Sohn und Brockmann, doch der Beſte von Allen und ſie Alle im ganzen Reich können noch von Euch lernen, wie man Ko⸗ mödie ſpielt. Leſſing hat's ja ſelbſt ſchon vor Jahren in ſeiner ge⸗ lehrten Dramaturgie geſchrieben, daß Ihr eine Rolle ſpielen mögt, welche es ſei und man erkenne auch in der kleinſten den großen Akteur und wünſche nur, gleich auch ſämmtliche übrigen Rollen von Euch geſpielt zu ſehen; und der berühmte Philoſoph Engel nannte Euch gar als Odoardo einen Teufelskerl, der ſein ganzes Blut in Aufruhr gebracht habe. 3 3 Geht mir doch mit den Philoſophen! entgegnete Eckhof, ſichtlich geſchmeichelt von den Lobpreiſungen ſeiner wackren Freundin und Prinzipalin. Derſelbe gelehrte Engel hat unter Anderm ein Buch geſchrieben, worin er uns Schauſpieler belehren will, welches Geſicht wir zu dieſer und jener Empfindung ſchneiden und wie wir die ver⸗ ſchiedenen Leidenſchaften, die wir darſtellen, durch die Miene ver⸗ deutlichen ſollen. Hätte auch ſein Geſicht dazu malen ſollen, als mich ihm Nikolai in Leipzig vorſtellte, wie er mich erſt ganz verdutzt vom Kopf bis zu den Füßen betrachtete und dann mit ſpöttiſchem Gelächter ausrief:„Das Männchen da ſollte den Odoardo geſpielt haben; der war ja acht Zoll größer und ſtark und ſtämmig!“ Wollte mir's, weiß Gott, recht wie ein deutſcher Profeſſor in“s Geſicht hin⸗ ein wegdisputiren, daß ich ich ſei! Aber wir vergeſſen ganz den Tellheim in der ungekämmten Perücke! ſagte ein alter freundlicher Rathsherr, ein großer und viel⸗ vermögender Gönner des Theaters. Ich ſchlage vor, daß uns Herr Eckhof, bis der Braten aufgetragen wird, durch eine Probe beweist, daß es wirklich ſo wenig bei dem Schauſpieler auf das Koſtüme und die äußere Geſtalt ankomme. Hat Garrick mit einem Fußſchemel ſolche erſtaunliche Wirkung hervorgebracht, ſo wird unſer berühmter Freund auch in einer Nachtmütze beweiſen können, daß er dem engliſchen Mimen nicht zu weichen braucht. Wart' Eckhof, ich will Sie koſtümiren! rief Dorothea, eilte fort und kam bald mit einer Nachtmütze und dem Schlafrock des Bruders zurück. Unter dem lauten Beifall der Geſellſchaft mußte ſich der Künſtler bequemen, ſich von Dorotheen und den andern — ——— — 269— — —, jungen Damen das Haupt mit dem ehrwürdigen Attribut des fried⸗ lichen Philiſteriums ſchmücken und Schröder's ſtattlichen Brocatell anziehen zu laſſen, worauf ihm die kleine muntere Madame Reinike, die mit ihrem Gatten erſt neuerdings bei der Ackermann'ſchen Bühne engagirt war, um das klaſſiſche Bild des deutſchen Hausvaters voll⸗ ſtändig zu machen, die große Brille des gleichfalls anweſenden Dich⸗ ters Bock auf die Naſe ſetzte. So ausſtaffirt, ſaß Eckhof eine Weile ſtockſteif vor ſtummem Erſtaunen über die ihm widerfahrene ſeltſame Verwandlung im Lehnſtuhl, worauf der freundliche Rathsherr ihn erſuchte, ſeine vorige Behauptung in Bezug auf das Aeußere des darſtellenden Künſtlers zu beſtätigen und irgend einen Charakter zu ſpielen, der mit ſeinem gegenwärtigen Koſtüme in direktem Wider⸗ ſpruch ſtehe. Schon das ſtumme Mienenſpiel Eckhof's als alter Mann mit zitterndem Haupte rief ein ſchallendes Gelächter hervor, beſonders da er ſich Anfangs ſtellte, als habe er den Redenden nicht verſtanden, ihm das rechte Ohr hinhielt und ſich, wie alte taube Leute zu thun pflegen, das Geſagte noch einmal deutlich und laut wiederholen ließ. Plötzlich aber erhob er ſich mit einer raſchen Bewegung aus dem Lehnſtuhl, warf das Haupt ſtolz in die Höhe, ſichtbar wuchs die noch eben vom Alter gebeugte Greiſengeſtalt zur jugendlichen Heldenfigur empor, ſeine Augen glänzten wie verklärt und mit jenem wunderbar klangvollen Organe, das eben ſo weich als kräftig, eben ſo rührend als erſchütternd zum Herzen der Zuhörer drang, deklamirte — er eine Scene aus Cronegk's gekröntem Trauerſpiel„Codrus“, worin er ſelber den edlen König Athens darſtellte, der nach dem Spruche des Orakels von Feindeshand ſterben muß, um ſeinem Volke den⸗ Sieg zu verſchaffen. 5 4 Noch hatte der große Mime keine zehn Verſe geſprochen, da war 3 Zipfelmütze und Schlafrock vergeſſen, und Alle ſahen und hörten nur den griechiſchen Helden, dem das Vaterland höher galt als das Le⸗ ben. Selbſt auf der Bühne, im herrlichen Purpurmantel, hatte 1 Eckhof den Codrus nicht wahrer und vollendeter dargeſtellt, und das einſtimmige Urtheil lautete am Schluſſe dahin, daß er ſich ſelber 4 übertroffen habe. Er aber ſaß wieder ſchweigend als alter hinfälliger Greis im Lehnſtuhl und ſtarrte wie in wache Träume verſunken, — 270 eine Zeitlang vor ſich hin, bis er mit Einmal eine Bewegung machte, als träte Jemand zu ihm und ſetze ſich neben ihn. Er faßte ſanft des Andern Hand und begann mit wechſelnden Stimmen jenen Dialog aus dem Luſtſpiel, der„Eheſcheue“ von Gotter, zu ſprechen, das beſonders durch ſeine meiſterhafte Darſtellung ſo berühmt gewor⸗ den iſt. Schloß man die Augen, ſo war die Täuſchung ſo voll⸗ kommen, daß man wirklich zwei Perſonen mit einander reden hörte, und mit welcher Sanftmuth entwarf er nicht dem Eheſcheuen das Bild der Ehe! Mit welchem Wohlwollen, welcher rührenden Innig⸗ keit redete er nicht dem kalten Egoiſten in die Seele! Endlich wird der alte Mann bewegter, er ſchildert das Glück ſeiner eignen Ehe, er redet von denen, die ihm der Tod genommen; plötzlich hält er inne, der Ton verſagt ihm, ſeine Lippen zucken betend, ſein Auge ſcheint in Thränen zu ſchwimmen; dann umfaßt er, wie von einem heftigen Schmerze überwältigt, mit beiden Händen des Andern Arme, lehnt ſich mit Bruſt und Antlitz über ihn und ruft in herzzerſchnei⸗ dendem Jammerton:„Unglücklicher, der du nicht weißt, daß auch der Schmerz der Natur ſeine Wolluſt hat!“ Und wie vernichtet ſinkt der alte Mann in den Lehnſtuhl zurück, während die Anweſenden, ſo tief iſt die Wirkung ſeines wunderbar gewaltigen Spieles in dieſer einfachen Scene, ſich nicht zu rühren wagen. Aber er läßt ihnen nicht Zeit, ſich noch tiefer in die Situation zu verſenken; denn plötzlich ſpringt er vom Sitze auf, ſchiebt die Zipfelmütze tief auf den Hinterkopf zurück, und mit der Zauberkunſt eines Proteus ver⸗ wandelt er ſchnell ſein Geſicht in das eines dreiſt⸗dummen, gutmüthi⸗ gen Bauern, und Jürge, der leibhaftige Jürge aus Marivaux „Bauer mit der Erbſchaft“ ſteht in ſeiner ganzen ungeſchlachten Glückstrunkenheit vor der erſtaunten Geſellſchaft, wie er eben aus der Stadt in ſein Dorf zurückkommt, von dem Leichenbegängniß ſei⸗ nes reichen Bruders, von dem er hunderttauſend Mark geerbt hat. Sein neues unerwartetes Glück hat den Tölpel völlig confus gemacht, er weiß kaum mehr, wer er iſt, titulirt ſeine Liſe Madame und ſein Hans und ſeine Grete ſollen alsbald brillante Partieen machen. Dieſes Bild der drolligſten Laune, der ſchalkhafteſten Satyre war ſo lebendig und naturgetreu, daß man kaum mehr an eine Täuſchung glauben konnte; bis auf die ausgebogenen Kniee, bis auf die her⸗ 1 271 aufgezogenen Schultern, bis auf jede Muskel des Geſichtes war der wirkliche Bauer fertig, die kleinſte Bewegung mit der Hand war komiſch; man mußte es ſehen, wie er die beiden mittleren Finger der rechten Hand hinunterſenkte und Zeigefinger und kleinen Finger tieffinnig emporhob, um zu ahnen, mit welchen ſcheinbar geringen Mitteln dieſer große Künſtler wirkte; die ganze poſſirliche Bewegung des Handgelenkes und des Armes ließ ſich malen, aber nicht beſchrei⸗ ben. Das echt niederländiſche humoriſtiſche Bild wurde obendrein gewürzt durch die naive Bauernſprache und die wenigen Worte, welche Jürge zur Liſe im Hamburger Platt ſprach, als dieſe ihn fragte, warum er zu Fuße gegangen wäre, worauf er antwortet: „Ja, wielt't veel cummoder is“, hätten ſelbſt einem lebensſcheuen Miſanthrapen Lachkrämpfe bereiten können. Ein lautes vielſtimmiges Bravo erſcholl, als Eckhof am Schluſſe der von ihm dargeſtellten Scene zwiſchen Jürge und Liſe, wobei er abwechſelnd bald den Bauer, bald deſſen Frau agirte, mit einem linkiſchen Kratzfuß zurücktrat, den Schlafrock abwarf und ſich wieder in den freundlichen anſpruchsloſen Künſtler verwandelte. Von allen Seiten ward er mit Lob und Beifall überſchüttet, Frau Ackermann ſelbſt erklärte ſich für überwunden und rief in hei⸗ terer Laune: Ja, ja, die Menſchenhaut iſt und bleibt das beſte Koſtüme, be⸗ ſonders wenn ein Eckhof darin ſteckt! Und für den wahren Künſtler wird ſelbſt die Zipfelmütze zur Krone des Ruhmes, er mag nun darin den König Codrus oder den Bauer Jürge vorfägke fügte Schröder hinzu. Herr Kreyenpeter, des Hauſes galanter Ceremonienmeiſter, er⸗ ſchien jetzt und meldete in einem zierlich geſetzten Alexandriner, daß der Braten aufgetragen ſei, worauf man ſich in's Speiſezimmer ver⸗ fügte; den Ehrenplatz an der Tafel erhielt Eckhof und unter allge⸗ meiner Acclamation ward Doctor Dreyer's Vorſchlag angenommen, daß er die Zipfelmütze den ganzen Abend über nicht ablegen dürfe. Auch während des Mahles bildeten vorzugsweiſe Kunſt und Literatur den Gegenſtand der Unterhaltung und vornehmlich war es der Othello und ſeine Aufnahme beim Hamburger Publikum, um den ſich bald ausſchließlich das Geſpräch drehte. Die Einmiſchung — 272— der oberſten Behörde in Sachen der Kunſt fand trotz der Anweſen⸗ heit eines Mitgliedes des Rathes entſchiedenen Tadel und beſonders ſtrenge ſprachen ſich die beiden Kritiker, Doctor Dreyer und Lizentiat Wittenberg, gegen ſolche Beſchränkungen der dramatiſchen Poeſie von Obrigkeitswegen aus. 2 Am Erſten hätte noch die Sanitätspolizei das Recht gehabt, ein Wort d'rein zu reden, meinte Dreyer in ſeiner ſarkaſtiſchen Weiſe, da ja auch die Nerven unſerer zartgegliederten Damen unter ihrem be⸗ ſonderen Schutze ſtehen. Man mußte daher vor allen Dingen den Stadtphyſikus an den Othello ſchicken, um anatomiſch und chemiſch zu unterſuchen, was etwa Peſtartiges unter der ſchwarzen Mohrenhaut verborgen ſei. Daß man aber mir Nichts dir Nichts den Staat in Gefahr erklärt, wenn eine Rathsfrau bei einem Trauerſpiel Nerven⸗ zufälle kriegt, daß man dem Theaterprinzipal unter Strafandrohung amtlich befiehlt, das Kunſtwerk zu verſtümmeln, das gehört weder zu unſern vielgerühmten hanſeatiſchen Privilegien, noch möchte ſich in unſerm Pönal⸗Codex ein Paragraph für dieſe außerordentliche Maß⸗ regel auffinden laſſen. 1 Schlimm genug, daß wir Deutſche in politiſchen Dingen ſo wenig auf der Bühne wie überhaupt ſonſt wo ſagen dürfen, nahm Wittenberg das Wort. In einer Stadt, wie Hamburg ſollte man wenigſtens die Kunſt da frei und ungehindert walten laſſen, wo ſie 4 ſich ausſchließlich mit der Darſtellung von Seelenzuſtänden und Leiden⸗ ſchaften befaßt, die weder den Staat noch die öffentliche Moral be⸗ rühren. Dieſe polizeiliche Verſtümmelung ein berühmten Kunſt⸗ werkes wie der Othello iſt, erinnert mich an eine Vegebenheit aus der florentiniſchen Malergeſchichte im Mittelalter, wo das Volk ein neues herrliches Altargemälde, die Kreuzigung Chriſti darſtellend, blos darum zerſtörte, weil der Schmerzensausdruck im Antlitz des ſter⸗ 3 boenden Heilandes allzumenſchlich dargeſtellt war. Die Wahrheit, die der Künſtler in ſein Bild hineingelegt, erſchien als eine Profanirung des Heiligen; vielleicht auch, daß ſein ſterbender Chriſtus dem durch die Kunſttradition überkommenen Bilde widerſprach, welches ſich die Fantaſie des Volkes von der Perſönlichkeit und den Geſichtszügen des Erlöſers machte, genug das Kunſtwerk wurde, weil menſchlich⸗ wahr und naturgetreu, von den Florentinern zerſtört, die ſich Wun⸗ ——— 273 der was auf ihr religiöſes und äſthetiſches Gefühl einbildeten. Und grade ſo ergeht es dem Othello, der, weil ſein großer Dichter der pſychologiſchen Wahrheit die alte Kunſtſatzung opfert, die poetiſche Illu⸗ ſion gleichſam für das Menſchliche in ſeinem Kunſtwerk hingibt und allein an Letzterem als der wirklichen Aufgabe ſeiner Tragödie feſthält, weder dem verderbten Geſchmack, noch dem morali ſchen Anſpruch un⸗ ſers Publikums genügt. Ja, die Wahrheit, die erſchütternde Wahr⸗ heit in dieſer gewaltigen Menſchennatur allein iſt es, wogegen ſich unſere heutige Entnervtheit auflehnt, und weil man dem Othello ſelbſt in ſeiner haarſcharfen marmorſtarken Charakterzeichnung Nichts anhaben kann, ſo hält man ſich an den Jago und verſchreit ihn für eine Carricatur der Hölle. Ich wollte Eins gegen Hundert wetten, die meiſten Menſchen, die dieſe Tragödie nicht mögen, haben, ſich ſelber unbewußt, viel mehr Furcht vor der gigantiſchen Naturwahr⸗ heit des Othello als vor dem feigen ſchleichenden Böſewicht, der ihn verdirbt.. Brockmann ſagte: Haben wir's denn nicht im vorigen Jahre beim Götz von Ber⸗ lichingen erlebt, wie ſchwierig ein Theil unſeres Publikums bei der erſten Aufführung dieſes herrlichen, echt vaterländiſchen Schauſpiels war, und noch dazu wahrlich nicht der ungebildete Theil? Dieſes Stück, das der Dichter doch aus dem Mark unſrer deutſchen Geſchichte ge⸗ ſchaffen, ward für roh und unmanierlich verſchrieen, blos weil ſo Viele den Werth eines Dramas nur nach Aeußerlichkeiten ſchätzen und oft genug über ein paar ſentimentalen Phraſen die Seichtigkeit des Gan⸗ zen vergeſſen. Man muß bei Allem, was wir heute Abend beſprochen haben, Eins nicht überſehen, nahm der kunſtfreundliche Rathsherr das Wort; daß nämlich der⸗ Rumor, den im vorigen Jahre der Götz in unſerer Theaterwelt hervorrief, ganz aus denſelben Motiven ent⸗ ſprang, welche gegenwärtig den Othello verurtheilen. Wie lange iſt's denn her, daß wir Poeſie und Kunſt nicht als feindliche Ge⸗ genſätze zu unſerem wirklichen Leben betrachten, daß wir auch auf der Bühne die Ideen des Genies an die Stelle mechaniſchen For⸗ menweſens und traditioneller Unnatur verpflanzen wollen? Ohne Leſſing tappten wir mit unſern Kunſtthottion noch heute im Finſtern D. B. II. Müller's Charl. Ackermann. 18 — 274— und hätten uns nicht über einen hochweiſen Rath zu ärgern, der mit einer Majorität von fünf Stimmen beſchließt, daß auch der Fortſchritt in der Kunſt mit der gehörigen Mäßigung vor ſich gehe. Ich brauche wohl nicht zu ſagen, was ich meinen Kollegen zu Ge⸗ müthe führte, um ſie von dieſem Eingriff in die Bühnenfreiheit ab⸗ zuhalten; aber ich hatte gut Leſſing, Herder, Diderot, ja ſelbſt Ari⸗ ſtoteles citiren, um meine Anſichten zu argumentiren; die Anhänger des lieben Schlendrians in Staat und Kunſt ließen ſich dadurch nicht beirren und Einer von ihnen, und wahrlich nicht der Schlimmſte, forderte mich gradezu auf, ihm die griechiſche oder franzöſiſche Tra⸗ gödie zu nennen, welche das Geſetz der Schönheit dem der Pſycho⸗ logie opfere und ſtatt idealer Menſchen nur menſchliche Leidenſchaf⸗ ten in ihrer nackten furchtbaren Wahrheit darſtelle; noch dazu, wie der Redner beifügte, Leidenſchaften, die gleich Othello's Eiferſucht, jeden Mann entadeln und, wie der Geiz, eher eine Krankheit als ein Kunſtmotiv zu nennen ſeien. Kurz, ich ſage Euch, Kinder, trotzdem, daß ich mit meiner Sache durchfiel, hat mich doch dieſe Rathsſitzung in meiner Ueberzeugung beſtärkt, daß die deutſche Kunſt und Lite⸗ ratur an einer gewaltigen Krifis angelangt ſind und die eiſerne Hand des Götz von Berlichingen ſehr vernehmlich an die Pforte geklopft hat, aus der bald der Genius einer neuen Kunſtepoche ſieg⸗ reich hervorgehen wird. Nun, der Mohr wäre ja ſchon da, um den Herrn der harrenden Geſellſchaft anzumelden, ſagte Wittenberg. Denn gewiß hat uns Freund Schröder durch die Aufführung des Othello um ein tüch⸗ tiges Stück vorwärts geſchoben und damit gleichſam den Thron aufgerichtet, auf welchem dereinſt die Muſe unſrer vaterländiſchen Dichtkunſt Platz nehmen wird. Nur immer munter voran, wenn auch alle Zöpfe und Perücken des lieben heiligen römiſchen Reichs ſich dagegen ſträuben!— Hat unſer Leſſing dem fran⸗ zöſiſchen Plunder, der ſo lange das Theater beherrſchte und keine nationale Richtung in der Kunſt aufkommen ließ, Herrn von Vol⸗ taire voran, den Weg über die Grenze gezeigt, ſo wird der Geiſt Shakeſpeare's auf Donnerwolken einherfahren und alles ſentimentale Geſchluchze, alles weinerliche Girren und moraliſche Seufzen auf der Bühne verſtummen machen! Laßt nur erſt einmal den Hamlet, den — 275 Lear, den Macbeth, ach, und meinen göttlichen Falſtaff, in deutſcher Zunge reden, dann wird auch das deutſche Herz lebendig werden und deutſche Köpfe werden Wunderdinge vollbringen. Am Schlimmſten nach dem Othello ſelbſt komme ich bei dem Rathsbeſchluß weg, ſagte Bock, der Theaterdichter, der als beſtallter Dramaturg der Ackermann'ſchen Bühne die Obliegenheit hatte, die neu aufzuſührenden Stücke ſceniſch einzurichten und etwa nöthige Aenderungen daran vorzunehmen. Ja, am Schlimmſten, meine werthen Herrſchaften, da es jetzt wieder überall heißen wird, man habe delt Bock zum Gärtner geſetzt und ich hätte, anſtatt der emſigen Wartung und Pflege des reichen Blumenflors in dieſem Zauber⸗ garten der Poeſie, denſelben ſeiner ſchönſten Zierden beraubt. Gebt nur Acht, wie bald mich die gelehrten Herrn Rezenſenten und Ka⸗ thederkritiker wegen des ſo barbariſch zugeſchnittenen und mißhandelten Othello's in's Gebet nehmen werden, obwohl, wer die Tragödie in ihrer neuen obrigkeitlichen Facon unbefangen beurtheilt, einge⸗ ſtehen wird, daß bis auf den unvermeidlichen Umſtand, daß Othello und Desdemona am Leben bleiben und ſich beim Schluſſe verſöhnen müſſen, auch kein Jota an dem Original geändert worden iſt. Da⸗ mit müſſen ſich die weiſen und humanen Väter der Stadt ſchon zu⸗ frieden geben, und über dem Moralzopfe, den ſie ihm angebunden, verzeihen ſie dem Othello gewiß gerne ſeine wüthige Eiferſucht und ſeinen heidniſchen Aberglauben. Der Rathsherr, ein Mann von freier Denkart und als enthu⸗ ſiaſtiſcher Verehrer und Beſchützer des Theaters längſt an der Künſtler und Poeten reizbares und empfindliches Weſen gewöhnt, lachte herz⸗ lich mit und erinnerte den mißvergnügten Dramaturgen daran, wie es ja vor gar nicht langer Zeit in Hamburg noch Sitte geweſen ſei, bei jedesmaliger Eröffnung der Bühne und ſo oft ein neuer Theaterpacht anfing, den Rath in einem eigens gedichteten meiſt alle⸗ goriſchen Vorſpiel oder in einem Prolog von der Bühne herab zu bekomplimentiren und die dramatiſche Muſe förmlich unter ſeine ſchützende Protection zu ſtellen. Noch im Jahre 1767 habe man dem Rath zu Ehren eine eigne Dankſagungsfeierlichkeit auf der Bühne veranſtaltet; am Ende des Vorſpiels brannten in einer Glorie die ſämmtlichen Namenschiffern der hochweiſen Rathsmitglieder in 1 18 † —— 276 rothem Feuer und zum Ueberfluſſe war auch das Wappen der Stadt im Transparent angebracht, gewiß ein höchſt einleuchtender Beweis, daß die Hamburger Bühne damals noch die Oberhoheit des Raths vollkommen anerkannte und ihn in Sachen des guten Geſchmacks für die oberſte Inſtanz betrachtete. Auch haben, fügte der Rathsherr mit einem ironiſchen Lächeln hinzu, talentvolle Dichter durchaus kei⸗ nen Anſtand genommen, Prologe und Epiloge, ja ſogar ganze Feſt⸗ ſtücke zu dieſem Behufe anzufertigen, und ich müßte ſehr irren, wenn nicht Freund Bock ſelber das Flügelroß ſeiner Fantaſie mehrmals mit Glück auf dieſem officiellen Gebiete der Dichtkunſt herumge⸗ tummelt hätte. Ein ſchallendes Gelächter der Geſellſchaft belohnte den Gönner der Bühne für ſeine gründlichen Kenntniſſe in der Literaturgeſchichte der jüngſt vergangenen Zeit und der beſchämte Dramaturg und Ge⸗ legenheitsdichter retirirte ſich hinter eine neue Flaſche, die ihm Do⸗ rothea gutmüthig zuſchob. Das Geſpräch nahm nach dieſem heiteren Zwiſchenfall wieder ſeinen vorigen ernſten Charakter an; und zwar war es der gute alte Herr Kreyenpeter, der jetzt mit einem verlegenen Blick auf Schröder und ſo ſchüchtern, als fürchte er ein gewaltiges Donnerwetter auf ſein unter dem Souffleurkaſten alt gewordenes Haupt herabzubeſchwö⸗ ren, ganz gegen ſeine ſonſtige Gewohnheit die kritiſche Lanze ergriff und ſie gegen die verfehlte Charakterzeichnung des Jago einlegte, von dem er unter den ſonderbarſten Entſchuldigungen wegen ſeiner Dreiſtigkeit behauptete, es ſei gradezu unmöglich und undenkbar, daß ein ſolcher Menſch exiſtire und der große Shakeſpeare hätte beſſer die ganze Tragödie ungeſchrieben laſſen ſollen, als einen ſolchen Mangel an Menſchenkenntniß und pſychologiſcher Wahrheit zu bekunden und eine Geſtalt zu ſchaffen, die aller Glaubwürdigkeit entbehre und der Natur offen Hohn ſpreche. Noch mehr als dieſe ſcharfe Kritik ſelbſt war es die Perſon des Kritikers, was bei dem gegen Jago ausgeſprochenen Verdam⸗ mungsurtheil ein allgemeines Erſtaunen hervorrief, da es wohl die erſte ſelbſtändige Meinung war, die man von Herrn Kreyenpeter gehört hatte. Er, der ſonſt niemals wagte, ſich gelehrten und künſt⸗ —— — 277— leriſchen Autoritäten gegenüber an Geſprächen über Kunſt und Lite⸗ ratur zu betheiligen, zumal in Anweſenheit ſeines hochverehrten Prin⸗ zipals, von dem jedes Wort für ihn ein Evangelium war; er, das ſtilllauſchende, immer wortgetreue Echo Anderer, deſſen ganze aus⸗ übende Kunſt ſich ſein Leben lang auf den Souffleurkaſten beſchränkt hatte und der ſelbſt im gewöhnlichen Leben nur mit jenem kaum hörbaren Flüſtern redete, welches den guten Souffleur charakteriſirt, er unterſtand ſich heute, eine der Glanzrollen ſeines berühmten Prinzipals für eine Sünde an der Kunſt zu erklären, ja für die mißglückteſte Figur in der ganzen ſonſt ſo vortrefflichen Tragödie! Alle, die ihn näher kannten, und das waren beinahe ſämmt⸗ liche Gäſte, wollten kaum ihren Ohren trauen, da Herr Kreyenpeter ſo in Harniſch gerieth gegen dieſe Böſewichtsfigur, die man für ein Meiſterſtück der dramatiſchen Kunſt zu erklären wage. Aber noch höher wuchs das Erſtaunen der Geſellſchaft, als ſich der kleine poſſierliche Souffleur, während ihm große Schweißtropfen auf der Stirne perl⸗ ten, zu dem Prinzipal wandte und mit der Miene eines ſtrengen Ariſtarchen ihn fragte, ob er wohl glaube, mit ſolchen Rollen wie der Jago ein anderes Publikum als das der Gallerie zu befriedigen und ob es nicht allein gegen den guten Geſchmack, ſondern auch gegen den geſunden Menſchenverſtand geſündigt ſei, wenn ſich ein großer Künſtler mit dergleichen Zerrbildern befaſſe?— Schröder, ohne ſich im Mindeſten durch dieſes Mißtrauen in ſeinen geſunden Men⸗ ſchenverſtand gekränkt zu fühlen, nickte ſeinem alten Souffleur bei⸗ ſtimmend zu und meinte, es habe Jeder ſeine Anſicht und ein Cha⸗ rakter wie der Jago's ſei allerdings von verſchiedenen Seiten aufzu⸗ faſſen, wie dies ja am Beſten die engliſchen Gelehrten bewieſen hätten, die alle in ihrem Urtheil über ihn uneins wären.— Das aber grade wollte Herr Kreyenpeter nicht gelten laſſen, und behauptete wie⸗ derholt, es ſei hier von gar keinem Charakter die Rede, da der Jago ſich durch die inneren Widerſprüche in ſeiner Zeichnung in Nichts auflöſe; eine ſolche hölliſche Ausgeburt ſei im Leben nicht denkbar und könne alſo auch nicht auf der Bühne eine Exiſtenz be⸗ anſpruchen. Nun war der kritiſche Erisapfel in die Geſellſchaft geworfen und Jedes ſuchte ſeine Gründe für und wider den Jago geltend zu —— — — 278— machen. Der Eine hob dieſe, der Andere jene Eigenthümlichkeit an Jago hervor, der Eine wollte ihn mehr als gemeinen, von Haus aus verderbten Schurken, der Andere mehr als feinen Intriguanten mit diplomatiſchem Anſtrich, ein Dritter als einen durch's Leben und widrige Schickſale zum Böſewicht gemachten Menſchen aufgefaßt wiſſen; man ſtritt darüber, ob der Schauſpieler mehr die innern oder mehr die äußern Motipe dieſes Characters hervorheben ſolle, ob nicht etwa durch eine Beimiſchung von dämoniſchem Humor die allzugrellen und ſcharfen Schlaglichter in dieſer menſchlichen Teufels⸗ figur zu mildern ſeien, oder ob man den Jago ohne Weiteres ſo wiedergeben ſolle, wie ihn die Fantaſie des Dichters geſchaffen, ohne Rückſicht auf andere Zeiten, andere Zuſchauer, andere Gefühlsrich⸗ tungen. Nachdem man lange eifrig hin⸗ und hergeredet hatte, ohne zu einer eigentlichen Uebereinſtimmung gekommen zu ſein, ſagte Doctor Dreyer auf Schröder deutend, welcher bisher ein ruhiger Zuhörer bei dieſer äſthetiſchen Debatte geblieben war: Was ſtreiten wir da lange über Henne und Ei und haben den Jago, oder doch wenigſtens ſeinen meiſterhaften Darſteller, in unſerer Mitte. Er kann uns am Beſten ſagen, ob Jago mehr ein idealer oder mehr ein naturaliſtiſcher Schuft, mehr ein Böſewicht aus Philo⸗ ſophie, oder von Natur, oder aus Angewöhnung iſt, ob er mehr faſhionable oder mehr grob und galgenzünftig zugeſchnitten gedacht werden muß. Schröder ſah erſt eine Weile nachdenkend vor ſich hin, leerte langſam ſein Glas und ſprach dann gleichſam wie zerſtreut vor ſich hin: Ja, ja, der Jago— das iſt ein exeellenter Schurke, ein Prachtſtück von einem Schuft, ein wahrer Muſterſchuft, von dem der Gottſeibeiuns ſelber noch manchen Handgriff lernen könnte!— Aber darin muß ich Freund Kreyenpeter, trotz meiner Vorliebe für dieſen herrlichen Kerl, doch beiſtimmen, daß Jago's Teufelei wirklich ein Bischen zu gigantiſch für unſre Bühne zugeſchnitten iſt; die Pro⸗ portionen ſeiner Charakteriſtik gehen weit über das gewöhnliche Maaß unſerer gewöhnlichen Intriguanten hinaus und höchſtens mag die wilde große Natur des edlen Othello dieſem hölliſchen Rieſengeiſt, 8 † — 279— der alle Fugen und Klammern der Tragödie zu ſprengen droht, ge⸗ wachſen ſein. Und doch, wer möchte auch nur einen Moment daran zweifeln, daß Jago, trotz der gewaltigen Dimenſionen in ſeiner Cha⸗ rakteriſtik, nicht aus demſelben Stoffe gebildet ſei, aus welchem der engliſche Dichter⸗Prometheus ſeine anderen Menſchen formt, aus dem Stoffe der Natur, der Wahrheit und Geſchichte? Betrachtet ihn nur genauer, dieſen menſchenfeindlichen und doch ſo witzigen Geſellen, und ihr werdet finden, daß Alles an ihm Zug für Zug menſchlich iſt, ſeine ſchwarze Tücke ebenſo wie ſein Ehrgeiz, ſeine Racheluſt, ſeine Freude am Böſen und Gräßlichen. Es iſt eben der Satan im Menſchen, der an ſeiner eignen Teufelei und Zerſtörungsluſt Freude empfindet, ja ſelbſt ſeine niedriggeartete neidiſche Natur noch zu einem gewiſſen heroiſchen Stolze erhebt, wenn alles Gute und Schöne ringsum von dem Peſthauch ſeiner dämoniſchen Negation vernichtet wird.„Beſſer ein Original⸗Teufel als ein copirter Engel,“ denkt auch er wie Rath Falk in dem Schauſpiel„Gerechtigkeit und Rache,“ und handelt darnach. Sünde und Verrätherei ſind ſeinem unbefrie⸗ digten Herzen allein noch Lebensgenuß, es iſt ein Genie von über⸗ wältigender Bosheit, das Schlechte ergötzt ihn, weil es eben die Tugend vernichtet; eine giftgeſchwollene Kröte in menſchlicher Geſtalt, und grade, daß er von ſich ſelber behauptet, ſolch' einen Menſchen wie er ſei, gäbe es nicht, es ſei nicht möglich, grade dieſe Erkenntniß ſeines Selbſts zeigt uns, daß es möglich iſt. Kein Gefühl, kein Nerv, kein Haar an ihm, das ihn an die beſſere Seite der Menſchheit kettet; er iſt dabei überall ein feiner Sophiſt und redet ſich ſelber bei jeder neuen Unthat vor, daß er recht handle und möglicherweiſe durch ſeine Schlechtigkeit auch das Gute vollbringen könne; ja, er fühlt ſelbſt, daß er ſich über den Abgrund in ſeiner eignen Natur belügen muß, um auszuführen, was ſonſt nur dem officiellen Teufel möglich iſt. Seine Verſtellungskunſt, ſeine Gleisnerei zeigt beim größten wie beim kleinſten Bubenſtück dieſelbe Virtuoſität; er berech⸗ net gleichſam zum Voraus, was er dabei empfinden würde, wenn er plötzlich ein Gewiſſen bekäme und um ganz gewiß zu ſein, daß er niemals in dieſe Verlegenheit geräth, glaubt er ſelbſt an ſeine Heu⸗ chelei wie an die unſchuldigſte Abſicht. Das Höchſte, das Heiligſte, was ſeine Tücke vernichtet, erhöht dieſe„Theologie der Hölle“ in ——— 8 — 280— ihm bis zum fanatiſchen Wahne; er handelt immer ſo, als müſſe er Alles, was er ſinnt und thut, vor einem ſtrengen Richter verant⸗ worten. Voll reicher geiſtiger Mittel, weiß er ſeine innere moraliſche Zerrüttung trefflich unter den edelſten Regungen der Seele zu verber⸗ gen; als Schuft im großen Style beſitzt er eine bewundernswürdige Menſchenkenntniß neben dem Talente, ſeine wachsweiche Heuchelei in jeden fremden Charakter hineinzudrücken, ſich ſelbſt aber durch ſeinen elaſtiſchen und frivolen Witz jederzeit in ſeiner unerhörten Schlech⸗ tigkeit zu beſtärken und das Böſe, das er vorhat, unter der harm⸗ loſeſten Maske zu verbergen, ſo daß er ſelbſt den ſonſt ſo hellſehen⸗ den Engel in der Seele eines unſchuldvollen Weibes wie Desdemona zu täuſchen vermag, ja, daß er damit endlich ſogar den Zauber löst, den dieſe Unſchuld Anfangs ſo mächtig auf Othello's Gemüth aus⸗ übte.— Und ein ſolcher Menſch ſollte nicht auch in der Wirklichkeit exiſtiren? O glaubt mir, Freunde, die Jagos ſind im Leben lange nicht ſo ſelten, als man gewöhnlich denkt, und die Shakeſpeareſche Figur iſt Zug für Zug nur eine ſchauerlich getreue Copie jener Sorte von Menſchen, in denen die edelſten Anlagen des Geiſtes blos vorhanden zu ſein ſcheinen, um den völligen Mangel an allem moraliſchen Gefühl nur deſto greller hervortreten zu laſſen. Ich kannte mehr als einen Jago, dem nur die Verhältniſſe fehlten, um derſelbe entſetzliche Menſch zu werden, den uns der Dichter ſchildert; wie man denn auch bei Beurtheilung des glattzüngigen Geſellen im Othello ja nicht die Umſtände und Perſonen überſehen darf, die ihm dieſes furchtbare Anſehen verſchaffen. Denn darin eben liegt das eigentlich Dämoniſche ſolcher Satans⸗Miſſionäre, daß ihr Genie, wenn man es ſo nennen kann, ſich wie dasjenige von wirklich ſchöpfe⸗ riſchen und fantaſievollen Naturen, nicht ſowohl in alltäglichen und einfachen Lebensverhältniſſen als vielmehr da groß und erfinderiſch erweist, wo es ſich, wie beim Jago, im Vereine mit ungewöhnlichen Schickſalen und bedeutſamen Menſchen zuſammenfindet; ja, wo es gleichſam von dieſen ſeinen Impuls erhält und an ſtarken Charak⸗ teren, an verwickelten, von Anbeginn an ſchickſalsvoll deſtinirten Umſtänden die Macht ſeiner Bosheit, die Schärfe und Aalgeſchmei⸗ digkeit ſeiner zerſtörenden Logik bethätigen kann. Am edlen Opfer ſeiner hölliſchen Künſte, da erſt erweist ſich der echte Jago, wie die ———— — 281— furchtbare Boa, die erſt im Kampf mit dem Löwen ihre ganze Rie⸗ ſenkraft entwickelt. Hier hielt Schröder inne, um zu warten, ob Jemand aus der Geſellſchaft die von ihm angeregten Betrachtungen weiter ausführen werde; da aber keiner der Gäſte das Wort nahm, ſo fuhr er nach einer Pauſe in ſeiner ruhig gleichmäßigen Sprechweiſe fort: Es erſcheint mir als die größte pſychologiſche Wahrheit in der Charakterzeichnung des Jago, daß er nicht nur den edlen, einfachen Othello, dieſen Sohn des rauhen Krieges, dem Diplomatenkünſte ebenſo fremd ſind als ängſtliche Rückſicht und Verſtellung, daß er nicht allein ihn zu täuſchen verſteht, ſondern auch die reine Desde⸗ mona, dieſes Ideal eines liebenden zartfühlenden Weibes, der wohl jeder andere Dichter als eben der große Kenner des menſchlichen Herzens, wenigſtens eine ängſtliche Ahnung, eine ihr ſelber unerklär⸗ liche Scheu vor dieſem teufliſchen Burſchen beigelegt hätte. Wer fände es nicht am Platze, wenn ſie, die reine, unſchuldvolle Seele, in der Gegenwart Jago's von einer unheimlichen Bangigkeit befallen würde, wenn ein hellſehender, auch noch ſo leiſer Caſſandra⸗Nerv ſich unwillkührlich bei ſeinem Anblick in ihr regte und ſie vor ihm warnte? Man würde dann jedenfalls ſagen, es ſei ihr guter Engel geweſen, der ihr dieſes dunkle Gefühl der Scheu vor dem Freunde ihres Ge⸗ mahles einflöße, und würde darin abermals einen Beweis von der feiner organiſirten Seele des Weibes finden; während Shakeſpeare dieſen pſychologiſchen Effekt, und mit Recht, verſchmäht; denn ſeine Desdemona, wie ſie einzig und allein einen Othello mit der ganzen Glut und Hingebung ihres jungfräulichen Herzens lieben kann, hat nur eine Ahnung, die ſie leitet, und das iſt eben die Ahnung von dem unendlichen Glück ihrer Liebe, die Ahnung von der großen herrlichen Seele desjenigen, dem ſie Alles opfert, ihren Ruf, ihre Familie, ein glückliches glänzendes Daſein, nur um ihn ihr eigen nennen zu dürfen. Dieſe ſeligtrunkene Ahnung erfüllt ihr Herz mit der lichten Verklärung des Himmels, der ihrer in Othello's Armen wartet, ſie ſieht die ganze Welt, Natur und Menſchheit ver⸗ herrlicht durch ſein edles Leben, ſeine Liebe iſt für ſie die einzige Perle in der großen Muſchel der Schöpfung. Und tritt uns dieſe treffende Wahrnehmung über das weibliche Gemüth, wie hier in der —“ — 282— Dichtung, nicht auch im wirklichen Leben häufig genug entgegen? Sind es nicht auch hier die edelſten, reinſten Charaktere, welche, von einer einzigen glühenden Leidenſchaft befangen, den Verräther nicht ſehen, der im Schatten ihres Glückes dicht hinter ihnen herſchleicht? Was wäre denn dieſer Jago, wenn Desdemona, weniger von Liebe verblendet, ihr einfaches natürliches Gefühl gegen einen ſolchen Ver⸗ räther hätte reden laſſen; oder Othello, dieſe treue Heldenſeele, den heuchleriſchen Freund weniger voreilig nach ſeiner eignen großen Denkart beurtheilt hätte?— Das eben verſchafft ja ſolchen Geſellen ſo häufig den Triumph über Tugend und Unſchuld, daß letztere ſich ſchlechterdings nicht in die häßliche Seele des Verführers hinein⸗ denken kann, während es grade das gefährlichſte Talent Jago's iſt, ſich gleichſam mit der edlen Natur, auf deren Ruin er es abſieht, zu identificiren und ihr all das Gute und Schöne vorzuheucheln, wo⸗ durch jene gereizt werden kann. Jedenfalls hat der Jago der Dichtung hierbei leichteres Spiel als der des wirklichen Lebens, zumal in unſern geſellſchaftlichen Ver⸗ hältniſſen und bei dem Standpunkt der heutigen Moral, ſagte Syl⸗ burg, indem er eine Mandel aufknackte. Denn ſo meiſterhaft auch dieſes Charakterbild von dem Dichter angelegt, ſo conſequent und lebensgetreu es auch durchgeführt iſt, Eines bleibt bei alledem doch vollkommen räthſelhaft, wie es nämlich dieſem Jago, den doch ſchon in den erſten Scenen alle Zuſchauer als einen qualificirten Böſe⸗ wicht durchſchauen, wie es ihm trotzdem gelingt, ſämmtliche Perſonen des Stückes über ſeinen eigentlichen Charakter zu täuſchen?— Und doch beſteht Jago's Umgebung faſt nur aus gebildeten und in den höchſten Kreiſen des Lebens einheimiſchen Perſonen, von denen wahr⸗ lich nicht anzunehmen iſt, daß ſie ſich mir nichts dir nichts arglos dem erſten beſten Intriguanten oder Abenteurer anvertrauen werden; aber trotzdem, und obwohl der Zuſchauer im Parterre ebenſoſehr wie der in den Logen und auf der Gallerie ſich vor dieſer Erſcheinung gleich von vornherein entſetzt, bleiben die handelnden Perſonen des Stückes völlig ſorglos, ahnen nicht das Mindeſte von ſeiner Tücke, vertrauen ihm alle ihre Geheimniſſe an, enfin, benehmen ſich ge⸗ gen ihn wie gegen ihren beſten und aufrichtigſten Freund, und ſelbſt Emilie, die eigne Gattin des Böſewichts, hilft ihm trotz ihrer — 2½☛3— ſonſtigen Klugheit und Weiberliſt ahnungslos ſeine Intrigue gegen die Herrin in's Werk ſetzen. Schröder ſah den Major eine Weile ruhig an und erwiderte dann: Ich kann hierbei durchaus keinen Verſtoß gegen die Wahr⸗ heit erblicken, Herr Baron, und die Wirklichkeit liefert uns auch hier den Beweis, daß der große Dichter die edlen Menſchen, die er darſtellt, ebenſo ſorgfältig nach dem Leben zeichnet wie die böſen, und ſie niemals etwas Unwahrſcheinliches fühlen, thun oder ſa⸗ gen läßt. Welche Urſachen ſollten aber heutzutage einen Menſchen von Jago's Charakter abhalten, weniger Unheil anzuſtiften, und unter denſelben Umſtänden wie bei Shakeſpeare, daſſelbe grauſe Ver⸗ hängniß heraufzubeſchwören?— Und daß wirklich in unſerem modernen Leben ſolche abgefeimte Intriguanten und Abenteurer ein ſehr gutes Terrain finden, davon habe ich erſt neulich ein tief erſchütterndes Beiſpiel erzählt bekommen, wo es durch die unerhörte Büberei eines ſolchen neumodiſchen Jago beinahe um das Glück und die Ehre einer allgemein geachteten Familie geſchehen geweſen wäre. Doch iſt mir ſelber die Geſchichte nur in einzelnen Details bekannt geworden und ich kann ſie ſchon um deßwillen nicht wieder erzählen. Nur das weiß ich beſtimmt, fügte er mit einer ſonderbar haſtigen Betonung hinzu, als wenn er ſchnell über einen tiefſchmerzlichen Eindruck hinwegkommen wolle; nur das weiß ich beſtimmt, daß der Verräther, den ich meine, ſein heuchleriſches Spiel um deßwillen verlor, weil er neben dem Jago zugleich auch— den Othello ſpielen wollte. Der Major zuckte leiſe zuſammen und in dem ſcheuen Blick, den er einen Moment forſchend auf Schröder heftete, lag ein Erſchrecken, als habe ihn Jener auf ſeiner innerſten Seele ertappt. Ha, ha! Den Herrn möcht' ich wohl kennen! rief er mit einem ſchallenden Gelächter, durch Schröder's argloſe Miene ſchnell wieder ermuthigt. Jago und Othello in einer Figur! Alſo halb ſchwarz und halb weiß,— da begreife ich wahrlich nicht, daß er nicht we⸗ nigſtens in einer Rolle Succeß hatte und Farbe hielt! Schröder ſchien durch dieſen Scherz über einen Fall, der ihn augenſcheinlich ſchmerzlich berührt hatte, keineswegs verletzt; er lä⸗ 284 chelte vielmehr über Sylburg's Einfall und verſetzte mit heiterer Laune:. Ei, Herr Major, Farbe hielt unſer Held allerdings, ſelbſt als er ſchon völlig aus ſeinen beiden Rollen gefallen war; denn aus dem ſchwarzen Othello und dem weißen Jago wurde ſchnell ein ſo vollkommenes Grauthier, daß man ihm den Eſel Zeit ſeines Lebens anſehen wird! Damit brach Schröder ſchnell die Unterhaltung über dieſen Ge⸗ genſtand ab und wußte bald durch ſein heiter angeregtes, launiges Weſen die Geſellſchaft, beſonders den jüngeren Theil derſelben, für die ſeitherige ernſte Converſation zu entſchädigen.— Anekdoten, Scherze und witzige Einfälle traten an die Stelle äſthetiſcher Streitfragen, und der treffliche Wein aus dem Keller des gaſtfreien Hauſes ſtimmte die Lebensgeiſter immer fröhlicher und ausgelaſſener. Als man zum Deſſert kam, war der gute Licentiat Wittenberg bereits in jenem Stadium weinſeliger Gemüthlichkeit angelangt, in welchem er ge⸗ wöhnlich ebenſoviel von den Neckereien Anderer als von ſeiner eig⸗ nen Sucht zu krakehlen, zu leiden hatte. Schon daß er durch einige Stichelreden Brockmann's an einen neulichen, für ihn höchſt tragiſchen Vorfall erinnert wurde, bei welchem er in dem benachbarten Eppen⸗ dorf das Unglück hatte, berauſcht in einen Waſſergraben zu fallen, reizte ſeinen Unmuth, der ſich noch ſteigerte, als Dreyer mit ſeinem immer ſchlagfertigen Witz Wittenberg's Vertheidigung übernahm, die freilich von Anfang bis zu Ende nur in einer Parodie auf das zerfahrene und unordentliche Leben ſeines Clienten beſtand.— Der Licentiat, welcher die verſteckte Satyre bald merkte, womit ihn Dreyer ſcheinbar vertheidigte, um ſeine Schwächen und lächerlichen Eigen⸗ thümlichkeiten nur deſto ſchärfer zu geißeln, ward durch dieſe Doppel⸗ züngigkeit auf das Aeußerſte erboßt und eröffnete nun auch ſeiner⸗ ſeits das Feuer ſeiner Witzbatterien, indem er ſich über Dreyer's berüchtigt gewordenes Debüt als Dichter luſtig machte. Derſelbe hatte nämlich vor mehren Jahren eine Sammlung von Trinkſprüchen unter dem Titel:„Schöne Spielwerke beim Wein, Punſch, Biſchof und Krambambuli“ drucken laſſen, die jedoch das Schicklichkeitsgefühl in einer Weiſe verletzten, daß der Hamburger Magiſtrat die ganze Auflage des Buches gleich nach ſeinem Erſcheinen konfiscirte und es 8 — 285— öffentlich unter dem Geläute der Schandglocke verbrennen ließ. Auf dieſen Vorfall, an den ſich Dreyer, wie leicht begreiflich, nicht gerne erinnern ließ, zielte der beleidigte Licentiat, als er ihm höhniſch zurief: Anno 63 hat Euer Witz doch ganz anders geleuchtet, Dreyer, wie heute. Wie prächtig loderten da die ſteifen Allegorien, die geſchraubten Gelegenheitskomplimente in die Höhe. Selbſt das wäſſ⸗ rigſte Epigramm fing Feuer und die nüchternſte Ode bekam Glut! Ha! Ha! Ha! So geht's, wenn man aus der kaſtaliſchen Quelle nur Punſch und Krambambuli trinkt und ein paar gut oder übel gelungene Impromptu's für die Quinteſſenz aller Poeſie hält! Was ereifert Ihr Euch, lieber Wittenberg, entgegnete der Sa⸗ tyriker mit unerſchütterlicher Gemüthsruhe. Mich hat der Krambam⸗ buli in's Feuer geworfen und Euch in's Waſſer, das iſt der einzige Unterſchied zwiſchen uns Beiden, und ich denke, Jeder bekam damit das ihm als Dichter angemeſſenſte Element zugewieſen. Wer will denn auch leugnen, daß Ihr der Liebling aller Muſen ſeid und Amphions Zauberleier geerbt habt? Spottet nur, Herr Titular⸗Sekretarius! rief Wittenberg, blaß vor Wuth. Euch kann es Niemand verdenken, daß Ihr Haller's herrliches Gedicht, die„Ewigkeit“ zu parodiren wagtet, denn wer möchte an Eurer Unſterblichkeit zweifeln, da Ihr ſelbſt den Feuertod glücklich überwunden habt!— Aber in Eurer Polemik mit Bodmer und Breitinger, wofür Euch Euer großer Papſt Gottſched unter die Zahl der Heiligen aufgenommen hat, ſeid Ihr doch den Schweizeriſchen Gelehrten eine Antwort ſchuldig geblieben: Wo nämlich die Univer⸗ ſität liegt, auf der Ihr Eure Studien in ſchönen Künſten und Wiſ⸗ ſenſchaften abſolvirt habt? Keinen Streit, Ihr lieben Herren vom gelehrten Fache, ſagte Frau Ackermann begütigend. Wer was Rechtes kann und weiß, bei dem iſt’s ganz gleichgültig, woher er's hat. Dreyer nickte ihr freundlich zu, trank dann mit einem ſchalk⸗ haften Blick auf ſeinen hitzigen Widerſacher langſam ſein Glas aus, ließ wie zerſtreut den letzten Tropfen auf den Nagel ſeines Daumens fließen und ſagte hierauf zu Wittenberg: 5 — 286— 2 ⅔ 4 Meine Univerſitätengeographie, lieber Bruder in Ayoll, lautet: Wo liegt Leipzig? In Meißen. Wo liegt Königsberg? In Preußen. Wo liegt Tübingen? In Schwaben. Wo liegt Wittenberg?— Bei Eppendorf im Graben. Dieſes zur glücklichen Stunde improviſirte Epigramm, im trocken⸗ ſten Magiſtertone vorgetragen, wirkte wie ein kaltes Sturzbad faſt entnüchternd auf den armen Licentiaten, während die ganze Geſell⸗ ſchaft in ein ſchallendes Gelächter ausbrach, in welches Wittenberg zuletzt ſelber einſtimmen mußte, und womit denn auch, wenigſtens für heute, die Streitſucht zwiſchen den beiden gelehrten Rivalen in der Hamburger Lokalkritik, ihr Ende erreichte.— Vom nahen Michaelisthurme verkündete die Glocke die Mitter⸗ nachtsſtunde, und die Gäſte ſchickten ſich allmälig zum Aufbruche an. Sylburg hatte einen unbewachten Moment in der fröhlichen Geſell⸗ ſchaft benutzt und von Charlotten mit einem flüchtigen Händedruck das Verſprechen erhalten, am nächſten Abend bei der Etatsräthin zu ſein. Als ſie ſich, um jedes Aufſehen zu vermeiden, ſchnell wieder von ihm abwandte, glaubte ſie zu bemerken, wie des Bruders beob⸗ achtendes Auge ſich verdüſterte. Während ſich die übrigen Gäſte von den Damen des Hauſes verabſchiedeten, ging Schröder auf den Major zu und hielt ihn durch ein gleichgültiges Geſpräch ſo lange zurück, bis dieſer als der letzte Gaſt das Zimmer verließ, worauf Schröder ihm das Geleite die Treppe hinunter bis zur Hausthüre gab, wo Herr Kreyenpeter mit einem brennenden Licht in der Hand die letzten Honneurs machte. Apropos, Herr Major! rief Schröder, als Jener ſich ſchon zum Weggehen anſchickte, und faßte dabei vertraulich Sylburg's rechten Arm, um ihn noch einen Augenblick zwiſchen Thür und Angel aufzu⸗ halten. Sie äußerten vorhin den Wunſch, jenen Herrn kennen zu lernen, deſſen ich bei unſerm Geſpräch über Jago erwähnte? O ein Scherz! ſtotterte Sylburg, ganz verwirrt von dem dun⸗ kelflammenden Blick, womit Schröder ihn bei dieſer Frage anſah, während ſeine Hand den Arm des Majors immer feſter drückte. So, ſo— ein Scherz! ſagte der Künſtler nach einer Pauſe, und ſeine Geſtalt richtete ſich unheildrohend empor; das iſt was an⸗ 287 ders!— Sonſt hätte ich Ihnen leicht zu der Bekanntſchaft dieſes mo⸗ dernen Jago verhelfen können.— Sie brauchten ſich nur einmal gelegentlich bei Madame Fanny am Kugelsort einzuführen, wenn Sie anders keinen Ekel vor dieſer ſchmutzigen Spelunke haben,— dort, wo jener quasi Jago Abends ein unſchuldiges Mädchen aus gutem und geachtetem Hauſe, faſt noch halb Kind, hinverlockt, um das arme von einer wahnſinnigen Liebe zu dem feigen Böſewicht bethörte Weſen Gott weiß durch welche Mittel, über kurz oder lang vollends in ſeine Gewalt zu bekommen, ihre Unſchuld zu morden, ihren und ihrer Fa⸗ milie Frieden für immer zu vernichten!— Dort hätten Sie ſehen kön⸗ nen, wie ſich der heuchleriſche Jago, der Geliebten gegenüber, hinter die ritterliche Figur des Othello verſteckt, wie er ſich mit Helden⸗ thaten brüſtet, mit Tugenden prahlt, die er kaum dem Namen nach kennt,— ja, ja, Herr Major, ich ſchwöre Ihnen, daß ich nicht übel Luſt hätte, zur Hundspeitſche zu greifen und dieſen gemeinen Schurken Sylburg,— entſchuldigen Sie, Jago heißt er ja wohl— Laſſen Sie mich los— was wollen Sie von mir! ſchrie der Baron, dem der gewaltige Druck von Schröder's Fauſt faſt den Arm lähmte. Aber vergebens ſuchte er ſich loszumachen, mit einem Ruck riß ihn Schröder auf die Diele zurück, und indem er im Tone der größten Cordialität ausrief:„Gute Nacht, mein lieber Major, auf Wiederſehen, wenn es Ihnen beliebt, dieſen Weg noch einmal zu ma⸗ chen!“— warf er ihn wie einen leichten Federball hinaus auf die Straße, mit einer ſolchen Kraft, daß Sylburg ſich kaum auf den Füßen zu halten vermochte und beinahe taumelnd auf das Pflaſter niedergeſtürzt wäre. Dann ſchloß Schröder die Thüre und ſich zu dem vor Schrecken halb entſeelten Herrn Kreyenpeter wendend, ſagte er, als ſei Nichts vorgefallen, mit der ruhigſten Miene von der Welt: Nun laß' uns zu Bette gehen, lieber Sufflifax; was den Shake⸗ ſpeare'ſchen Jago anbetrifft, ſo ſind wir ja Beide darin einverſtanden, daß er in ſeinem kleinen Finger mehr Witz hat, als hundert ſolche däniſche Windbeutel in ihren Plattköpfen. * —— — — ————— —— — — 288—— Mit dieſer gewaltſamen Selbſthülfe eines ehrlichen Mannes gegen einen verkappten Böſewicht war denn freilich eine Entſcheidung her⸗ beigeführt, wie ſie, wenigſtens nach Schröder's und ſeines Freundes Unzer Meinung, auf anderm Wege nicht raſcher und geräuſchloſer hätte gewonnen werden können. Den Major kurzer Hand zu be⸗ lehren, daß man ihn für einen ausgemachten Schurken halte, ihn zum Ueberfluß noch durch eine eklatante Zurechtweiſung über den Standpunkt aufzuklären, den ſich die von ihm ſo ſchändlich be⸗ trogene Familie der Geliebten ihm gegenüber künftig vorbehalten wollte,— dieſes Verfahren war eben ſo ſehr nach Schröder's Sinne, wenn er den Schimpf, als nach ſeiner Berechnung, wenn er das Unglück überdachte, welches ihm und den Seinigen durch dieſen Menſchen zugefügt worden war. Nur der Größe ſeines Schmerzes über der Schweſter beiſpielloſe Verirrung kam die Verachtung gleich, die er von dem Augenblick an gegen Sylburg hegte, da ſein anfänglicher Argwohn durch Unzer's Mittheilung beſtätigt wurde, und ihn dieſe eine Entdeckung den ganzen verwerflichen Charakter des leichtfertigen Roué's durch⸗ ſchauen ließ. Von dieſem Augenblick an ſtand es bei ihm feſt, und wir wiſſen wie wenig er ſich hierin täuſchte, daß des Majors Abſichten auf die Schweſter keineswegs ſo rein und lauter ſeien, als er ſie glauben gemacht hatte; daß vielmehr ſeine ganze glühende Liebe nur eine Heuchelei, und am Ende gar, wie konnte Schröder noch daran zwei⸗ feln, ſelbſt des Barons Behauptung, er müſſe zuvor den königlichen Conſens einholen, eine abſcheuliche Finte ſei, erſonnen und vorge⸗ ſchützt, um ſein treuloſes Spiel mit einem argloſen Herzen in aller Muße zu vollenden und ſogar auf die nächſten Angehörigen einen Theil der furchtbare! Verantwortlichkeit zu laden, indem dieſe ja ohne Weiteres ſeinen täglichen Beſuch im Hauſe geſtatteten und ihm da⸗ durch ſelber die Verſuchung nahelegten, mit Charlotten ein Liebes⸗ verhältniß in ſeinem Geſchmack anzuknüpfen. 3 ——— ——-———. — 289— Schröder kannte das ſchwarze Laſter und ſeine tauſend gleißen⸗ den Intriguen und Verführungskünſte nicht blos aus dem Studium ſeiner Charakterrollen; er ſelber hatte einen guten Theil ſeiner ſtür⸗ miſchen und leichtſinnigen Jugend, wie uns jeder Biograph dieſes berühmten Künſtlers erzählt, an den Gewinn der Erkenntniß verlo⸗ ren, daß im Leben eines jeden Menſchen zwei Mächte walten, von denen ihn die eine, wenn er ihren Verſuchungen nicht widerſteht, eben ſo ſicher in den Abgrund des ſittlichen Verderbens als die an⸗ dere zur Höhe eines reinen, vom Bewußtſein des inneren Werthes gehobenen Daſeins führt. Und dieſe Erkenntniß wurde für ihn in ſpäteren Jahren zur Grundlage ſeines moraliſchen Menſchen, ja viel⸗ leicht iſt es eben jene ſtreng ſittliche, aus den traurigen Irrthümern und Fehlern ſeiner Vergangenheit erwachſene Lebensphiloſophie, was ihm beſonders in der letzten Periode ſeiner glänzenden Künſtlerlauf⸗ bahn mitunter den Vorwurf zuzog, daß er in manchen Rollen die Laſter und Schwächen der Menſchen allzugrell darſtelle. Schröder, ſchon von Anfang an gegen den Major eingenommen, war darum nicht lange zweifelhaft, welche Deutung er den Abſichten Sylburg's auf Charlotten geben ſollte; ein Mann, dem an ſeiner eigenen und ſeiner Verlobten Ehre ſo wenig gelegen war, daß er ſie, ſei's auch unter welchem Vorwand es wolle, in das Haus einer alten Kupplerin verlockte und dort heimliche Zuſammenkünfte mit ihr hielt, ein ſolcher Mann konnte es unmöglich ehrlich mit ſeiner Bewerbung meinen, ihm war eben nicht weniger als Alles zuzu⸗ . trauen, ja, wenn nicht in Wahrheit ein guter Engel Charlotten zur Seeite geſtanden, ſo fragte es ſich ſehr, wie weit überhaupt noch ein furchtbares Verhängniß zu verhüten ſei. Dieſe ſchreckensvolle Betrachtung würde unter andern Umſtänden einen Mann wie Schröder vielleicht zu einer That der Raſerei ge⸗ trieben haben, wie er denn auch den ganzen folgenden Morgen in einem dumpfen Hinbrüten verbrachte und vor Wuth und Schmerz faſt zu keiner klaren Beſinnung kommen konnte.„Erſt dem Doctor, der ihn beſuchte, gelang es, die ſieberhafte Aufregung ſeines Ge⸗ müths zu beſchwichtigen und ihn einer ruhigeren Betrachtung zugäng⸗ lich zu machen, indem der Freund ihm noch einmal vorſtellte, wie dder gute Ruf ſeiner Schweſter und damit auch der ſeiner Familie D. B. II. Müller's Charl. Ackermann. 19 — —— — — — — ——y— A—— — 290— an einem Haar hinge und jede Uebereilung in dieſer Sache ihn und die Seinen rettungslos der Verurtheilung der Welt preis⸗ geben müſſe. Aber wiewohl dem Verräther an des Hauſes Ehre die verdiente Strafe zu Theil geworden war, hatte doch damit das von ihm an⸗ geſtiftete Unheil noch lange nicht ſein Ende erreicht; denn diejenige, um deretwillen Schröder den Major ſo ſchonungslos behandelt hatte, ahnte noch nicht einmal dieſe eigenmächtige und gewaltſame Löſung ihres kaum geſchloſſenen Liebesbundes, es galt daher vor Allem, auch ſie von dem Baron zu trennen und ihr jede fernere Verbindung mit ihm in und außer dem Hauſe für immer unmöglich zu machen. Wie Schröder die Schweſter kannte, war dies allerdings keine leichte Aufgabe; denn ein ſchwärmeriſches Herz, das vielleicht gar nicht einmal mehr die Kraft hatte, ſich von dem Verführer loszureißen, konnte leicht durch eine allzu heftige Erſchütterung noch weiter als bereits geſchehen, von der Bahn der Vernunft und des Rechten abgelenkt werden. Erſt jetzt, obwohl leider zu ſpät, erkannte es Schröder zu ſeinem großen Schmerze, wie unklug er und die Seinigen gehandelt hatten, als ſie ſich darauf einließen, ein ſolches Verhältniß zwiſchen dem Major und der Schweſter zuzugeben und aus übergroßer Sorge vor Charlottens reizbarem Temperamente und ihrer leidenſchaftlichen Na⸗ tur eine Nachgiebigkeit zu zeigen, die einem ſolchen Menſchen gegen⸗ über der gefährlichſte Ausweg war, den man überhaupt einſchlagen konnte. Um der Möglichkeit eines vielleicht harten und aufreibenden Kampfes vorzubeugen, war man aus übergroßer Zärtlichkeit ihrem bethörten Gefühle noch behülflich geweſen, ſie vollends zu verwirren, und anſtatt ſie rechtzeitig mit ernſter Liebe zu warnen und ihr offen die Gefahr zu zeigen, die ihrem Frieden und ihrem guten Rufe drohte, hatte man ſich völlig unter ihren Willen begeben, als wenn man ſich ſelber nicht die Kraft und die beſſere Einſicht zugetraut habe, ein ſolches Unglück zu verhüten. Das ſind wieder die unſeligen Folgen unſerer Familliendiplo⸗ matie! ſagte Schröder bekümmert. Man will Etwas, was man eigentlich nicht will, und indem man abſichtlich vor ſeinen nächſten 4 und heiligſten Intereſſen die Augen verſchließt, gibt man ſich den An⸗ ſchein, als ſähe man nicht die Sorge, die einem doch Tag und Nacht keine Ruhe läßt. So bürgert man allmälig das Unglück am eignen Herde ein, bildet ſich Wunder was auf die kluge und weiſe Berechnung ein, womit man ſich vor allen ſchlimmen Folgen ſicher geſtellt habe und hat doch derweilen die Noth am eignen Fleiſch und Bein groß werden laſſen! Aus Furcht, den lieben bequemen Haus⸗ frieden auch nur vorübergehend zu ſtören, ſetzt man die ganze Ehre der Familie auf's Spiel und muß nachträglich von fremden Leuten hören, was man ſich früher nicht in ſeinen vier Wänden unterein⸗ ander zu ſagen getraute. Schröder kannte die Schweſter zu gut, um nicht zu wiſſen, daß auf dem gewöhnlichen Wege durch Ueberredung oder ſelbſt durch Strenge am Wenigſten bei ihr auszurichten war. Sie hatte ſich bereits zu weit mit Sylburg eingelaſſen, war ſogar dieſem, und gewiß gegen ihr beſſeres Gefühl, auf Abwege gefolgt, die das ſonſt ſo ſittſame Mädchen früher nicht einnal dem Namen nach gekannt hatte; wie ſollte alſo der Bruder hoffen, daß ſie ſich jetzt ohne Wei⸗ teres von dem Baron losſagen werde, ſie, die noch neulich Dorotheen mit feierlichem Ernſt erklärt hatte, ſie würde Sylburg zu lieb Alles thun, was dieſer auch von ihr fordern ſollte und ſie erkenne im äußerſten Falle nur ſeinen Willen als den allein für ſie maßge⸗ benden an! Bei einer ſolchen Gefühlsſchwärmerei war an ein gutwilliges Nachgeben von ihrer Seite nicht zu denken, und es galt daher ein Mittel ausfindig zu machen, das Charlotten keine andere Wahl übrig ließ, als den Baron nicht nur aufzugeben, ſondern auch womöglich die Ueberzeugung zu gewinnen, daß ſie einem Unwürdi⸗ gen ihr Herz geſchenkt habe. Dieſen Ausweg glaubte Schröder, der in einer außergewöhnlichen Lage auch außergewöhnliche Mittel für zuläſſig hielt, am Erſten und Sicherſten bei derjenigen Perſon zu finden, die er als das gefügige Werkzeug von Sylburg's Intriguen und Verführungskünſte r ker ien gelernt hatte, bei jener gefährlichen und verſchlagenen Portugief am Kugelsort, die bei all' ihrer übel⸗ berüchtigten Celebrität doch in dem Rufe ſtand, dem Grundſatz: Reden iſt Silber, Schweigen Gold, auf das Zuverläſſigſte nachzu⸗ leben.— Gelang es ihm daher, dieſe Perſon zu gewinnen, ſo durfte 19* — — ꝗ—— —. — 292— er faſt mit Gewißheit darauf rechnen, über Sylburg's Privatleben die genaueſten und ſicherſten Nachrichten zu erhalten. Allerdings koſtete es ihn einige Ueberwindung, ſich mit dieſem Entſchluß vertraut zu machen und den Major, den er bereits als Jago aus dem Hauſe geworfen, nun auch noch durch thatſächliche Beweiſe ſeiner Schlechtigkeit als Othello zu entlarven und ihn aus dem Herzen der Schweſter zu drängen. Aber einmal war es ſeine und Unzer's ſichere Ueberzeugung, daß man die Löſung dieſes Kno⸗ tens da verſuchen müſſe, wo er geſchürzt worden, und zum Andern häͤtte Schröder auch in der That mit allem Scharfſinn kein anderes Mittel ausfindig zu machen gewußt, um die Schweſter, ohne ſie durch eine rückhaltloſe Strenge vielleicht zum Aeußerſten zu treiben, ſchnell und durch ihre eigne freie Entſchließung, aus dieſem unglückſeligen Handel herauszureißen. Sie ſollte den Baron für treulos halten, ſollte ihn verachten lernen und dann ſelber den Grad ihrer Reue über dieſe erſte Verirrung ihres Herzens nach der Tiefe des Abgrunds ermeſſen, dem ſie rettungslos zueilte, wenn ſie ihr Herz, ihren Ruf und ihre Ehre länger einem Manne anvertraute, der doch ſo wenig im Stande war, eine ſolche Liebe zu würdigen und zu verdienen.— Unzer hatte, als von der Behörde beſtellter Armenarzt jenes Stadttheils, in welchem der Kugelsort lag, dem Freunde ſeinen wirkſamen Beiſtand bei der Portugieſin zugeſagt und kehrte daher Nachmittags zurück, um ihn zu dem verabredeten Gang nach dem Kugelsort abzuholen. Schröder, obwohl er an ſeinem Vorſatze feſthielt, zauderte dennoch und der Doctor mußte ihn zu wiederholten Malen daran erinnern, was für ihn und die Familie auf dem Spiele ſtand, wenn man nicht zu dieſem einzigen Ausweg ſeine Zuflucht nähme, um dieſelbe Perſon, durch deren Beiſtand es aller Vermuthung nach dem Verführer allein möglich geworden war, Charlotten ſo weit zu bethören, für die Zukunft unſchädlich zu machen. Hilft dein Gold nicht, ſo will ich ſchon das Zauberwort ſpre⸗ chen, das dieſen Drachen gefügig macht, ſagte Unzer. Alles müßte mich trügen, wenn der Name Sylburg in der Chronique scandaleuse ihres Hauſes nicht eine noch bedeutendere Rolle ſpielt, als uns bis jetzt bekannt geworden iſt. Von dieſen und ähnlichen Erwartungen angeregt, folgte endlich ——————ᷓʒᷓʒ—— —— 293 Schröder dem Freunde beim Anbruch der Dämmerung nach dem ver⸗ rufenen Orte, nun aber auch feſt entſchloſſen, das ganze Gewich ſeiner Perſönlichkeit bei dieſem Wageſtück einzuſetzen. Der Beſuch der beiden vornehmen Herrn, von denen ſie nur den einen, nämlich den Rathsphyſicus kannte, ſetzte die würdige Dame, die gerade ihre Toilette für die heutige„Soirée“ beendigt hatte, in keine geringe Verlegenheit, zumal der Ernſt, womit Beide eintraten, ihr nichts Gutes prophezeien wollte. Unzer nahm ſeine ſtrengſte Amtsmiene an, als er ſich ſogleich mit der Frage an ſie wandte, ob ſie ſich nicht bewußt wäre, ein durch's Geſetz ſtreng verbotenes Gewerbe ausgeübt zu haben, indem ſie für Geld jungen Perſonen aus gebildeten Ständen ihr Haus ge⸗ öffnet und ihnen ſomit die Gelegenheit verſchafft habe, gegen den Willen ihrer Familien heimliche Zuſammenkünfte zu halten? Jeſu Maria, Herr Rathsphyſicus, was denken Sie von mir! ſtotterte die Kartenſchlägerin verwirrt und das böſe Gewiſſen ſah ihr aus allen Zügen. Statt ihr zu ſagen, was er von ihr denkte, erwiderte Unzer im vorigen ernſten und beſtimmten Tone: Sie kennen einen gewiſſen Herrn, Namens Sylburg, der ſich ſchon ſeit einigen Jahren alljährlich mehre Monate als däniſcher Werbooffizier in Hamburg aufhält? Die Portugieſin, welche aus dieſer Frage merkte, daß es ſich in erſter Linie nicht um ihre eigene Perſon handle, athmete freier auf und erwiderte in wegwerfendem Tone: 4 Wer ſollte den nicht kennen! Der liebe Gott weiß es, ich kenne den Herrn Baron ſo gut, daß ich herzlich wünſche, er wäre mir nie⸗ mals über die Schwelle gekommen; aber was will eine arme Frau in meiner Lage machen? Ich muß mich mit den reichen flatterhaften Herren auf gutem Fuß zu halten ſuchen, ſonſt bleiben ſie mir weg, und ich kann mit meinen Kindern Hungerpfoten ſaugen. Und die junge Dame? Kennen Sie die junge Dame, mit der er neuerdings in den Abendſtunden hier in dieſem Hauſe Zuſammen⸗ künfte hat? fragte Unzer haſtig. Die Kartenſchlägerin ſtutzte und ſah bald den Fragenden, bald den ihr unbekannten ſtattlichen Herrn, deſſen vornehme ſchweigſame ——— 3 1 4 — 294.— Haltung ihr ſichtlich imponirte, mit verlegenen Blicken an. Als je⸗ doch der Doector ſeine Frage noch beſtimmter wiederholte, verſetzte die ſchlaue Courtiſane mit gezierter Empfindlichkeit: Fragen Sie mich danach nicht, Herr Rathsphyſicus; denn Sie ſelber würden mir's bei Ihrer bekannten noblen Geſinnung am Wenigſten vergeben, wenn ich indiseret genug wäre, den Namen dieſer jungen Dame zu verrathen. An dem Renommeée des Herrn von Sylburg iſt nichts zu verderben, den kennt jeder Menſch am Kugelsort als einen ausgemachten Leichtfuß, aber jenes Frauen⸗ zimmer—— Dennoch müſſen wir uns verſtändigen, nahm jetzt Schröder das Wort; wenn ich nicht eine höhere Autorität zu Hülfe rufen ſoll, was Ihnen ſicherlich noch weniger angenehm ſein dürfte als mir, da ich, und das iſt der Zweck meines Hierſeins, von Ihnen, Madame, eine vollſtändige Aufklärung über das Verhältniß des Herrn von Sylburg zu jener jungen Dame erwarte. Ich bin nämlich, damit Sie wiſſen, was mich hierzu berechtigt, der Bruder und Vormund dieſes leichtſinnigen jungen Mädchens, und bin feſt entſchloſſen, in Güte oder in Strenge Alles aufzubieten, um den ſchändlichen Ver⸗ führer zu entlarven. Gefällt es Ihnen alſo, mich hierbei ehrlich und aufrichtig zu unterſtützen, ſo empfangen Sie von mir fünfzig Spe⸗ eiesthaler, wo nicht—— So werden wir noch heute Abend, ſiel Unzer drohend in's Wort, mit dem Weddeherrn Schrötteringk zurückkehren, und Sie, Madame, möchten es dann zu ſpät in der Frohnerei bereuen, das großmüthige Douceur meines Freundes, des Herrn Theaterprinzipals und berühmten Akteurs Schröder, ausgeſchlagen zu haben. Es war ſchwer zu entſcheiden, welches von dieſen in heftigem Tone ausgeſprochenen Worten die größere Wirkung auf die Portu⸗ gieſin machte; denn in dem Hauſe, worin wir uns mit den beiden Freunden befinden, bildeten Frohnerei und Theater ſo ziemlich die beiden entgegengeſetzten Pole, um welche ſich das ganze Leben ſeiner Be⸗ wohner drehte, das eine der düſtere Ort des Schreckens, der Hungerkoſt und der traurigen Gefängnißeinſamkeit; das andere das Elyſtum aller Freuden, wo man ſich mit der großen glänzenden Welt auf gleichem Fuß befand und mit Hülfe von Putz, falſchen ——— — 295— Pretioſen und geſchminkter Ehrbarkeit alles dasjenige vorſtellen und mitmachen durfte, was der Begriff„anſtändiges Publikum“ umfaßte. Hierzu kam, daß der Name des Rathsherrn Schrötteringk, dem als Weddeherrn die polizeiliche Ueberwachung dieſes Stadtbezirks oblag, in dem Kreiſe, worin ſich Madame Fanny vorzugsweiſe bewegte, ebenſo ge⸗ 2 fürchtet war, wie der des rauhen Minos im Reiche der Schatten; ſo daß der Doctor kaum ſeine Drohung beendigt hatte, als auch ſchon die Kupp⸗ lerin zitternd und flehend ihn und den„berühmten Herrn Akteur“ be⸗ ſchwor, ſie nicht unglücklich zu machen, da ſie ja gerne Alles thun wolle, was man ihr befehlen würde.— Sie betheuerte wiederholt, daß ſie eine arme, aber ehrliche Frau ſei und nur aus purer Noth zuweilen ſolche Geſchäfte mache, wobei ſie ſich zum Oeftern auf ihren gut katholiſchen Glauben berief und auf ihren ſeligen Mann, der ein be⸗ rühmter Balletttänzer geweſen ſei und ſich vor hohen Potentaten auf den erſten Theatern der Welt producirt habe.— Nachdem ſie ſich der⸗ geſtalt wieder aus ihrer anfänglichen Beklommenheit in den ihr ſo V — geläufigen Redefluß hineingeſchwatzt hatte, kam ſie zuletzt nach hun⸗ 3 dert Abſchweifungen wieder auf Sylburg zu reden und erzählte nun, wie ihr derſelbe ſo lange mit Bitten und Geldanerbietungen zugeſetzt habe, bis ſie ihm endlich nachgegeben und ihm für ſeine Rendezvous mit Mademoiſelle Ackermann ein Zimmer in ihrem Hauſe miethweiſe überlaſſen hätte. Der Baron ſei ihr zwar von früherher als ein flat⸗ 6 terhafter und treuloſer Liebhaber bekannt geweſen; ſie habe ihm je⸗ doch keine ſchlechte Abſicht zugetraut, da er ihr wiederholt betheuert hätte, diesmal ſei es ihm vollkommener Ernſt mit ſeiner Liebſchaft, und er werde Demoiſelle Ackermann heirathen, ſobald die Familie derſelben, welche ihm zur Zeit noch abgeneigt ſei, ihre Zuſtimmung hierzu geben werde.— Sie habe denn auch bei der ſtadtkundigen * Sittſamkeit dieſer jungen Dame keinen Zweifel in des Barons Aus⸗ ſage geſetzt und im Glauben, ein gutes Werk zu ſtiften, ihr Haus dazu hergegeben, um die beiden Liebenden heimlich zuſammenzubrin⸗ 8 gen. Unter allerhand Vorſpiegelungen habe der Baron Mademoiſelle Ackermann hereingelockt, die wohl heute noch nicht wiſſe, in wel⸗ ches Haus ſie ihr Bräutigam geführt hätte.— Daß Charlotte ſchon früher ohne den Baron bei ihr geweſen und ihr ſogar einen Brief an Sylburg übergeben habe, verſchwieg die ſchlaue Unterhändlerin —— —— —.— —-ʒÿ—·* —— — 296— woohlweislich, da es ihr jetzt allein darauf ankam, auf den Baron alle Schuld zu wälzen und ſich ſelbſt in ein möglichſt günſtiges Licht zu ſetzen, als habe ſie bei dieſer Sache nur gethan, was allenfalls auch ein anderes mitleidiges Chriſtenherz hätte thun können. Wenn ſich die Sache ſo verhält, dann habe ich allerdings kei⸗ nen Grund, meinen Freund Schrötteringk in dieſer Sache zu be⸗ mühen, ſagte Schröder, um allmälig ſeinem eigentlichen Ziele näher zu kommen. Ich bin Ihnen vielmehr für Ihre Mittheilung verbun⸗ den und frage Sie nun, Madame, ob Sie mir beiſtehen wollen, das geſchehene Uebel wieder gut zu machen und zu verhüten, daß noch größeres Unglück daraus entſpringe? Irre ich nicht, ſo äußerten Sie vorhin, der Herr von Sylburg ſei Ihnen ſchon aus früherer Zeit her bekannt? Seit Jahr und Tag, Ew. Gnaden, entgegnete die Kartenſchlä⸗ gerin mit jenem devoten Eifer, womit Perſonen ihres Schlags ge⸗ wöhnlich die Höflichkeit vornehmer Leute zu erwidern pflegen. Und faſt immer hat mich der Herr Baron bei ſeinen Liebſchaften in einen ärgerlichen Handel verwickelt, ſo daß ich mehr als einmal die Zeche dieſes großen Näſchers bezahlen mußte und Mühe und Ver⸗ druß umſonſt hatte. Ach, wenn ich nur reden dürfte!— Aber das ſind eben die delikaten Geheimniſſe, deretwegen unſereins oft ſo ſchief beurtheilt wird, während wir doch noch obendrein für unſer Malheur mit den jungen Herren verſchwiegen ſein ſollen. Was Sie uns über den Herrn von Sylburg ſagen, bleibt unter allen Umſtänden auch unſer Geheimniß, entgegnete Schröder, der den zarten Wink verſtand und mit einer leiſen Handbewegung eine Thalerrolle in das zur Seite ſtehende Arbeitskörbchen fallen ließ. Es iſt ja auch mein allernächſtes Intereſſe, fuhr er fort, daß die Streiche dieſes Herrn nicht bekannt werden, darum können Sie ungeſcheut reden, zumal ich Eins gegen Hundert wette, daß Sie mir wenig Neues von ihm ſagen werden. Wir wiſſen nicht, ob es mehr dieſe Verſichernng, oder mehr die gewichtige Thalerrolle war, was Madame Fanny über die letzten Bedenken wegen einer Indiskretion hinausbrachte; vielleicht war es Beides, Eigennutz und Eitelkeit, im Vereine mit einem bitteren Gefühle gegen den Baron, der, nachdem er ſo lange Zeit ihr Haus — 297— gemieden hatte, jetzt nur zurückgekehrt zu ſein ſchien, um ihr aber⸗ mals, wie früher bei Bertha, Aerger und Schaden zu bereiten, ihr das Matroſenvolk zu entfremden und ſie am Ende gar in allerhand ſchlimme Conflikte mit der argwöhniſchen Polizei zu bringen; genug, ſte entſchloß ſich, den Baron ohne Gnade Preis zu geben, da ſein 4 Sündenregiſter ihr jetzt größeren Vortheil in Ausſicht ſtellte, als ſeine wirklichen Sünden ſelber. Sie fing demnach an umſtändlich zu erzählen, bei welcher Gele⸗ genheit ſie ihn zuerſt kennen gelernt und in welcher Geſellſchaft der Baron damals ihr Haus beſucht habe. Beſonders ſei es der verſtorbene Graf Lindenkron geweſen, mit dem er am Häufigſten bei ihr einge⸗ kehrt ſei, wie ſie denn auch ſonſt unzertrennliche Freunde geweſen wären. Fanny meinte, es ſei wohl nur der Beiden gemeinſame Hang zu Ausſchweifungen geweſen, was ſie einander ſo unentbehrlich machte, bis zuletzt der Graf ſeinen zügelloſen Lebenswandel mit dem Tode gebüßt habe. Es gehörte die unverwüſtliche und gemeine Natur eines Men⸗ ſchen wie Sylburg dazu, um ein ſo wildes Leben auszuhalten, ſagte die Kartenſchlägerin; und zuletzt wurde es mir ſelber zu toll, obwohl ich ein ſchönes Stück Geld dabei verdiente; denn der Graf hielt immer auf etwas Apartes bei ſeinen Liebſchaften und keine Summe war ihm zu groß, wenn das Abenteuer nach ſeinem Geſchmack war. Der Baron war hierin weniger wähleriſch, wenn auch ebenſo un⸗ beſtändig in ſeinen Neigungen wie ſein Freund, deſſen Sinnlichkeit er ſtets, und wie es mir oft ſchien, aus geheimen Abſichten, durch die ausgeſuchteſten Anſtalten und Verführungskünſte von Neuem zu reizen ſuchte. Ich bin feſt überzeugt, Sylburg hatte es auf den Ruin des Grafen abgeſehen, wie er mir denn auch ſelber einmal, da er ſtark angetrunken war, vertraute, der Graf habe ihm in der Vorahnung ſeines baldigen Todes die Verwaltung ſeiner ſämmtlichen Güter während der Minderjährigkeit ſeiner beiden Söhne anvertraut. — Nach Lindenkron's Abſterben ſetzte Sylburg ſeine Beſuche noch einige Wochen bei mir fort und trieb es bei ſeinen Gelagen womöglich noch ärger als zuvor; doch war Etwas zu ſeinem Weſen hinzuge⸗ . kommen, was ich nicht anders denn als eine wilde Melancholie be⸗ zeichnen kann, ſo düſter war oft ſeine Stimmung bei den tollſten ——— 4 — 294— Ausſchweifungen, als wenn er wie von einem inneren Feind geplagt ſei, der ihn oft plötzlich aus dem Rauſche ſeiner Sinnlichkeit aufſchreckte. Von ſeiner Vormundſchaft über die gräflichen Kinder ſprach er ſeit⸗ dem kein Wort mehr: wohl aber erzählte mir ſpäter die arme Bertha, die er ſo gottvergeſſen ſchändlich hintergangen hat, der Baron, ihr Liebſter, habe ihr vertraut, wie die Gräfin Lindenkron, die eine wun⸗ derſchöne Dame ſei, ſchon zu Lebzeiten ihres Gemahles eine heftige Leidenſchaft zu ihm gefaßt habe, die er aber nicht erwidert hätte. — Das arme Geſchöpf! Sie glaubte dem argen Windbeutel Alles, was er ihr vorſchwatzte und bildete ſich wirklich ein, ein Menſch wie dieſer verlogene Sylburg werde ſie, die Tochter einer armen Obſt⸗ händlerin, einer reichen ſchönen Gräfin vorziehen. Welche Bewandtniß hatte es mit dieſer Bertha? fragte Unzer. O Maria und Joſeph, hätt' ich doch bald über all' meinem Gerede die Hauptſache vergeſſen! rief Fanny in einer ſonderbaren Aufregung und aus ihren braunen Augen zuckte ein unheimlich ſte⸗ chender Blick, als ſie haſtig nach einer Kommode im Hintergrund des Zimmers eilte, eine Schublade aufzog und daraus einen feinen Kaſhemirſhawl hervorholte, den ſie mit den Worten vor Schröder auf den Tiſch legte: Ew. Gnaden werden mir's nicht verdenken, wenn ich das koſt⸗ bare Tuch nicht in den Händen einer ſo gemeinen Perſon, wie die Stockelhörnin iſt, laſſen mochte und ihr gerne den Preis dafür zahlte, den ſie forderte. Was ſoll's mit dieſem Tuch? fragte Schröder verwundert und griff nach dem feinen Gewebe. Fragen Sie Mademoiſelle Ackermann, wem ſie vergangenen Herbſt dieſen Shawl ſchenkte, erwiderte die Kartenſchlägerin mit grinzender Freundlichkeit, nahm aber, als ſie Schröder's ſtarrem Blick begegnete und ſein Erbleichen bemerkte, ſchnell die Miene der tiefſten Rührung an und rief, die Hände faltend, mit Emphaſe: Gott und alle Heiligen wiſſen’s, ich hab' es immer für ein böſes Omen gehalten, daß Mademoiſelle Ackermann grade an dem Kinde Desjenigen Barmherzigkeit üben mußte, der ſie ſpäter ſelber ſo ſchändlich hintergehen ſollte! Auch gibt's ja Leute genug, die glauben, man dürfe die Leiche eines in großem Unglück geſtorbenen 299 Menſchen nicht allzulange betrachten, da ſonſt daſſelbe Schickſal, welches jenem das Herz brach, ſich auch dem Beſchauer an die Ferſen klammern werde. Und eben, als man den Sarg Bertha's ſchließen wollte, führte ihr Weg Mademoiſelle am Hauſe der Stockelhörnin vorüber, ſie trat auf die Diele, man reichte ihr das Kind des Barons, deſ⸗ 4 ſen Vater freilich nur ich allein kannte, über den Sarg ſeiner todten Mutter— da wickelte ſie voll Mitleid den nackten Wurm in dieſen 1 Shawl— Halten Sie ein! rief Schröder vom Sitze aufſpringend, ſeiner Erſchütterung nicht mehr mächtig, während Unzer leichenblaß vor Schrecken daſaß. Die plötzliche Entdeckung, daß Sylburg der Vater jenes Kindes ſei, an dem er um Charlottens willen ſo großen An⸗ theil genommen hatte, machte, verbunden mit dem Abſcheu, den er gegen dieſen Menſchen empfand, einen ſo heftigen Eindruck auf ſein Gemüth, daß ſeine Beſtürzung faſt noch größer war als die Schrö⸗ der's, der ja von dem Kinde überhaupt nicht mehr als deſſen Leiche geſehen hatte. 4 Endlich konnte Unzer die Frage herausbringen, womit ſie ihre Ausſage, daß Sylburg der Vater jenes Kindes ſei, glaubwürdig be⸗ weiſen wolle?— Die ſonſt ſo freche Dame kam durch dieſe Frage in große Ver⸗ legenheit; denn bei der ſchlimmen Rolle, die ſie in jenem Liebes⸗ handel als Zwiſchenträgerin und Vertraute des Barons geſpielt hatte, war es ihr keineswegs angenehm, wenn die Herren noch weiter nach Bertha's Verhältniſſen forſchten.— Da jedoch ſowohl Unzer wie Schröder feſt darauf beſtanden, daß ſie ihre Ausſage in Betreff der Vaterſchaft Sylburg's beweiſen ſolle, ſo entſchloß ſie ſich endlich, ihnen diejenige Auskunft zu geben, welche allen ferneren Zweifel an ihre 1 Wahrheitsliebe beſeitigen mußte. Sie erzählte ihnen daher, daß die Mutter jenes unglücklichen Geſchöpfes, welches ſie nach langer Ueber⸗ redung für den Major gewonnen hätte, hier in Hamburg lebe, und ihnen auf Verlangen Alles beſtätigen würde. Es ſei eine Wittwe Namens Gades, wohne in einem kleinen Keller am Brookthorswall und ernähre ſich redlich vom Obſthandel. Anfangs ſeien die Liebes⸗ bewerbungen des Majors bei der ſchönen Bertha, Dank dem Einfluß der braven und ſtrengen Mutter, wenig erfolgreich geweſen und ſelbſt —— ———— — ———jjjy— 300 reiche Geſchenke ſeien von der Alten und ihrer Tochter mit Entrü⸗ ſtung zurückgewieſen worden. Da habe endlich Sylburg zu ihrer, Fanny's, Hülfe und Vermittlung ſeine Zuflucht genommen, und ſie, von ſeiner wirklich traurigen Lage gerührt und im guten Glauben an ſeine ehrlichen Abſichten bei dem ſchönen Mädchen, habe es über⸗ nommen, Bertha zu überreden und ſie für den Major günſtiger zu ſtimmen. Dies ſei ihr denn auch endlich gelungen, Bertha habe ſich hinter der Mutter Rücken in ein Verhältniß mit dem Baron einge⸗ laſſen, bis ſie die Folgen davon nicht länger mehr hätte verheim⸗ lichen können. Was ſollte nun aus dem armen Mädchen werden, wenn ich mich ſeiner nicht erbarmt hätte? fuhr die Kartenſchlägerin mit er⸗ heucheltem Mitleiden fort. Denn die eigne Mutter, von ihren üb⸗ rigen Kindern und den Nachbarsleuten aufgehetzt, weigerte ſich, ſie länger im Hauſe zu behalten und hieß ſie hartherzig dahin gehen wo ſie ſich ihren Schimpf geholt habe. Da nahm ich ſie denn zu mir in's Haus, und obwohl ſie dem Baron treu blieb und jeden andern Herrn abwies, galt ſie doch in den Augen der Leute für nichts Beſſeres als andere ſchlechte Dirnen. Sie mußte darum viel ausſtehen, blieb aber dennoch ſtandhaft, denn der Baron hatte ihr ja die Ehe verſprochen und war auch noch eine Zeitlang täglich bei ihr. Aber plötzlich blieb er weg, weil er, wie wir ſpäter erfuhren, ſpurlos aus Hamburg verſchwunden und nach Schleswig zurückgekehrt war. Da hatte freilich der kurze Traum der armen Bertha ſein Ende erreicht und ich meine faſt, der Schmerz darüber habe ihr den Verſtand verwirrt; denn ſie ſah nicht mehr ein, wie gut ich es mit ihr meinte, hielt mich für die alleinige Urheberin ihres Unglücks und warf mir oft in ihrer Verzweiflung vor, ich hätte ihre Ehre dem Baron, ihre Seele dem Teufel verkauft. Auch ihre Mutter, die ſie jetzt gerne zu ſich genommen hätte, behandelte ſie wie ihre ärgſte Feindin, ward von Tag zu Tag menſchenſcheuer, und ſuchte zuletzt den Tod im Waſſer, was ihr aber mißglückte. Da verließ ſie heimlich mein Haus, wo ich ſie wie mein eignes Kind behandelt hatte, und zog zur Stockelhörnin hinüber, die ſich wohl von ihrer Schönheit für ſpätere Zeiten Vortheil verſprach. Dort bei dem alten geldgierigen Drachen iſt ſie einige Tage nachher im Wochenbett, nachdem ſie eines 301 Mädchens geneſen, geſtorben, hat ſich aber, wie ich höre, noch in der Todesſtunde ſtandhaft geweigert, den Namen ihres Verführers anzugeben. Und was iſt aus dem Kinde geworden? fragte Unzer, um ſie zu prüfen, ob ſie auch hierin die Wahrheit reden werde. Darüber kann ich Ew. Gnaden keine Auskunft geben, erwiderte die Kartenſchlägerin verlegen. Ich weiß nur, daß die Stockelhörnin ſehr geheim damit thut und behauptet, es ſei ihr von vornehmen Leuten abgenommen worden. Dies hat den Baron Anfangs ſehr beunruhigt und ich mußte auf ſeinen Betrieb jenem Weibe eine be⸗ trächtliche Geldſumme anbieten, wenn ſie den gegenwärtigen Inhaber des Kindes nennen wolle. Ich weiß nicht, welches Intereſſe er da⸗ bei hatte, aber Vaterliebe iſt es ſicherlich nicht geweſen, was ihn um das Schickſal des Kindes ſo beſorgt machte; eher glaube ich bei⸗ nahe, er fürchtete eine Entdeckung ſeiner Schandthat gegen die un⸗ glückliche Bertha, was er um jeden Preis verhüten wollte, beſonders ſeitdem er wußte, daß Mademoiſelle Ackermann, freilich ohne es zu ahnen, dem durch ihn gemordeten armen Geſchöpfe und dem Kinde ſo großes Mitleiden geſchenkt hatte.— Als alle meine Bemühungen bei der Stockelhörnin vergebens waren, beſchloß er ſich durch Gewalt in den Beſitz ihres Geheimniſſes von dem Aufenthalt des Kindes zu ſetzen. Sein alter verſchlagener Neger mußte ſich Nachts durch eine unterirdiſche Kloake vom Brettergang aus in den Hof der Stockel⸗ hörnin arbeiten und ſie unter Androhung des Todes nach dem Kinde fragen. Das war in jener Nacht, wo man Sie, Herr Rathsphyſicus, an's Bett des verwundeten Weibes rief, das der Olaf mit ſeinem langen indiſchen Meſſer geſtochen hatte. Er ſelber entkam durch die Kloake, um zu Hauſe von ſeinem Herrn für den mißglückten Streich, den er eigentlich in dieſer plumpen Weiſe ohne Wiſſen des Barons un⸗ ternommen hatte, furchtbar geprügelt zu werden. Olaf erzählte mir ſelber, ſein Gebieter habe in ſeiner Wuth ſo lange auf das ſchwarze Vieh losgeſchlagen, bis dieſes kein Lebzeichen mehr von ſich gegeben hätte. Das iſt Alles, was ich von dem Schickſal des Kindes weiß, ſo wahr ich eine gut katholiſche Chriſtin bin und an die Sünden⸗ vergebung glaube! Die Freunde wußten nun genug!— — — ꝗ— — — Ich danke Ihnen, Sie haben mir einen großen Dienſt geleiſtet, Madame, ſagte Schröder tief aufathmend. Geben Sie mir nun einfach Ihr Wort, daß Sie über Alles, was wir hier beſprochen, das tiefſte Stillſchweigen beobachten wollen, und Sie ſollen mich auch fernerhin dankbar finden wie heute. Fanny war ſogleich mit Himmel und Fegefeuer bei der Hand, den„berühmten Herrn Akteur“ hierüber zu beruhigen; aber in dem ſcheuflehenden Blick, den ſie dabei auf den Rathsphyſicus warf, lag Etwas, was dieſen mehr als ihre heiligen Gelübde und Betheue⸗ rungen über ihre Verſchwiegenheit beruhigte, und dies Etwas, in Worte überſetzt, lautete: Der weiß es am Beſten, daß ich ſchon ſchweigen werde, denn der Herr Rathsphyſieus macht einen Theil der hochvermögenden Obrigkeit aus, die nicht allein über meine Zunge, ſondern auch über meine ganze übrige Perſon Macht und Gewalt hat. 33. Charlotte hatte keine Ahnung von der bereits vollendeten ge⸗ waltſamen Löſung ihres Liebesverhältniſſes, ſo wenig als ſie die ſchreckensvolle Enthüllung kannte, die ihr bevorſtand. Das Glück ihrer Liebe beſchäftigte ſie einzig, und wir deuteten es ſchon oben an, wie ſelbſt ihre Kunſt der ſtrahlenden Sonne, die über ihr ganzes Leben und Empfinden einen neuen Glanz ausbreitete, weichen mußte, wie wenn ſich ihr Genius nur ſo lange in der Welt der ſchönen Täuſchung und poetiſchen Verklärung heimiſch gefühlt hätte, als ihre Sehnſucht nach wahrem Glücke und einer innerlichen Befriedigung noch in der Kunſt und Poeſie allein ihr Ziel ſuchte. Dieſes holde Doppel⸗ geſtirn, das in ſo reinem Ruhmesglanz ihre Jugend überſchimmert hatte, mußte erbleichen, als die Liebe mit ihrem entzückenden Rauſche in dieſes fantaſievolle Herz einzog und die Glut des erſten Kuſſes ſie belehrte, wie ſo ganz verſchieden doch, wenn auch darum gewiß nicht weniger poetiſch, die wirkliche und erlebte Liebe von derjenigen ſei, welche ſich die Fantaſie ausmalt, welche die Dichter beſingen und * — — 303— in deren Stimmungen und Gefühlen, frohen und leidvollen, ſie ſel⸗ ber ſo oft auf der Bühne geſpielt hatte.— Geſpielt! Das erſchien ihr jetzt als das rechte Wort für Alles, was ſie als Künſtlerin ſo lange geträumt und mit Hülfe ihres ſeltenen Talentes auf der Bühne dargeſtellt hatte, oft allerdings ſo wahr und lebenstreu, daß die Täu⸗ ſchung, von der die Zuſchauer ergriffen wurden, auch die Künſtlerin ſelber in ihren magiſchen Zauberkreis hineinzog, bis zuletzt der Vor⸗ hang niederrollte und der Applaus des Publikums ſie daran erin⸗ nerte, daß ſie doch nur einem höheren Dichtergenius unterthan, fremden Geſtalten Leben, fremden Gefühlen und Leidenſchaften Aus⸗ druck gegeben habe.— Anders aber war es jetzt, wo ihr ſchwärmeri⸗ ſches Herz auf dem eignen Boden ſeines Lebens ſeine Sehnſucht zur glühenden Liebeshymne ausdichten und zugleich in ihrer ſchönſten Erfüllung erleben konnte; wo ſie ſich nicht mehr in fremde Gebilde und Zuſtände hineinzuverſetzen brauchte, um ein ideales Daſein zu gewinnen; wo ein anderes Talent als das der Kunſt, nämlich das Talent der Liebe, wenn auch keinen Lorbeer des Ruhmes, doch die Roſen des ſeligſten Glückes verhieß!— Dies war das ihr allein des Lebens werth dünkende Leben, welches ihre leidenſchaftliche Natur mit glutvollem Ungeſtüm erfaßte, um ſich daran aus dem beſtändi⸗ gen Taumel der widerſprechendſten Eindrücke, der wechſelvollſten Be⸗ wegungen und Leidenſchaften, zur ſicheren Höhe eines ihr ganz und ungetheilt angehörenden Daſeins hinauf zu retten, eines Daſeins, das weder der buntgemalten Couliſſe, noch des Beifalls der Menſchen bedurfte, um ſie innerlichſt zu befriedigen und die Diſſonanz zu löſen, die ſo lange zwiſchen dem Enthuſiasmus ihres Herzens und der Be⸗ trachtung waltete, daß ſie das Beſte, was ſie war, doch nur im trügeriſchen Scheine der Couliſſenlampen ſein ſollte.— Und Sylburg war auch ganz der Mann dazu, den romantiſchen Neigungen eines Mädchenherzens zu ſchmeicheln, das in der Liebe den Culminationspunkt ſeiner ganzen poetiſchen Innewelt erblickte, an dem jeder Nerv Poeſie, jede Empfindung Glut und Innigkeit war. Ein ſolches Weſen, das noch in keiner Lage des Lebens von ſich und den Menſchen eine andere als die idealſte Anſchauung ge⸗ wonnen, wie hätte es jetzt, wo es ſich zum Erſtenmal mit voller Hingebung dem Gefühl ſeiner Liebe überließ, an andere als die edel⸗ 4 ———— — — 304 ſten und uneigennützigſten Abſichten bei dem Geliebten denken, wie hätte es ihn, vor dem ſeine ganze Seele offen wie ein Buch mit reinen Blättern dalag, einer Verſtellung, einer Treuloſigkeit für fähig halten können? War es doch ihre einzige Eitelkeit, daß grade dieſer Mann ihrer allein würdig, nur er im Stande ſei, ihr großes ſchö⸗ nes Gefühl zu faſſen, zu erwidern.— Freilich ſehen wir uns bei Sylburg vergebens nach jenen höheren Vorzügen von Geiſt und Gemüth um, die einem Manne in den Augen einer Charlotte ſolchen Werth und ſolche Bedeutung verleihen konnten; aber was ihm fehlte, was faſt alle Menſchen ſeiner Bekanntſchaft an ihm vermißten, das erſetzte ihm reichlich die Verſchwendung der Liebe, die ein edles tiefes Frauenherz, gleich dem unſrer jungen Freundin, faſt wie eine unbe⸗ ſiegbare Nothwendigkeit dazu drängt, allen eignen Werth und Seelen⸗ adel zum ſchönſten Schmucke des geliebten Mannes zu machen und ſich ſelbſt der reichen Zierden von Geiſt und Gemüth nur bewußt zu ſein, um damit Denjenigen auszuſtatten, der nun einmal, ſo will es der Egoismus der Liebe, alles das in der ſchönſten Har⸗ monie und Vollkommenheit ſein ſoll, was die reineren Begierden reizt und das Uebermaß der Sehnſucht rechtfertigPt.— So kam es, daß Alle, die um das Verhältniß wußten, Charlottens Neigung zu dieſem Manne gradezu unbegreiflich fanden, Niemand den Schlüſſel zu dieſem Räthſel in Charlottens Bruſt entdeckte, und die junge Künſtlerin doch von dieſer Liebe wie mit unſichtbaren Händen em⸗ porgehoben und ihrem ſeitherigen Sein und Leben immer weiter entfremdet wurde.— An dem Tage, da ihr Bruder und Unzer auf ſo unverhoffte Weiſe den Vater von Bertha's Kind entdeckten, das man den Mor⸗ gen zuvor ſtill auf dem Michaeliskirchhof beerdigt hatte, war Char⸗ lotte in der heiterſten Stimmung von Hauſe weggegangen, um ihre Freundin, die Etatsräthin zu beſuchen, bei der ſie den Abend zu⸗ bringen wollte. Der Major ſollte ſie dort wie zufällig finden, vorher aber gedachte ſie noch ein ruhiges Stündchen mit der alten Frau zu verplaudern, um dieſer von Dorotheens Liebe zu dem Doctor zu erzählen und mit ihr einen Plan zu entwerfen, wie man die beiden ſo ganz für einander geſchaffenen Leutchen am Schicklichſten für Zeit und Ewigkeit zuſammenbinden könnte. Sie wußte, daß 4— — 305— dies neuerdings der alten Frau liebſtes Thema war, hatte daſſelbe ſchon manchmal in vertraulichen Stunden mit ihr beſprochen und, wenn es deſſen noch bedurfte, das Ihrige eifrig dazu mitgewirkt, um das mütterliche Herz der Etatsräthin in dieſer ſchönen Hoffnung immer mehr zu befeſtigen. Seitdem ihr gar Charlotte erzählte, daß die treffliche Dorothea Alles aufgeboten habe, die Schweſter für Unzer zu gewinnen, während ſie doch ſelbſt ihn glühend liebte, ſeitdem war die Etatsräthin nicht mehr davon abzubringen, daß ihr Karl Doro⸗ theen wieder lieben müſſe, und ſollte es ſie gleich Alles koſten, was ihr zärtliches Herz für den theuren Sohn opfern konnte. Schon einigemal hatte ſie ihm deutlicher als ihm lieb war, zu verſtehen gegeben, warum er nothwendig auf Charlottens Beſitz verzichten müſſe, deren Herz einem Andern gehöre; und wenn auch Unzer An⸗ fangs nicht geneigt war, der Mutter Meinung zu theilen, die in dem Umſtand, daß Charlotte nie die Seinige werden könne, einen Wink des Himmels erblickte, welcher geradezu auf Dorothea, als die ihm beſtimmte Gattin deutete, ſo war doch jedenfalls mit dieſem Schickſal eine entſcheidende Wendung in ſeinem Inneleben eingetre⸗ ten und bei dem Schmerze, den ihm dieſe Entſagung koſtete, fand wenigſtens in ſeinem Gemüthe die Betrachtung Eingang, daß Do⸗ rothea ja ſchon lange daſſelbe um ihn gelitten habe, was er nun um ihrer Schweſter willen leiden mußte.— Wir beſchäftigen uns indeſſen in dieſen Blättern mit einer an⸗ dern Herzensgeſchichte und wollen darum hier nur andeuten, wie Unzer, noch eh' er ſich ſelber über das Wie und Warum klare Re⸗ chenſchaft ablegen konnte, bei dieſer Betrachtung ſeinen Schmerz weicher und linder werden fühlte, je häufiger der Gedanke an die Schweſter derjenigen, die ſein ſtilles Lieben und Werben verſchmäht hatte, ſich wie ein heiterer Troſt den traurigen und muthloſen Stim⸗ mungen ſeiner Seele zugeſellte, und Dorotheens lebendiges Bild un⸗ merklich den Platz in ſeinem Herzen einnahm, den die nun für ihn geſtorbene Charlotte ſo lange beſeſſen hatte.— Erſt jetzt begriff er, mit welcher Ruhe und Kraft das treffliche Weſen die von ihm ver⸗ ſchmähte Liebe feſtgehalten, wie ſelten und treu ſich dieſe Liebe be⸗ 5 währt hatte, als ſie ihm bei der Schweſter das Wort redete, ein Zug von Edelmuth und Seelengröße, der die alte Frau, da er ihr 0. B. II. Müller's Charl. Ackermann. 20 —— 2 ———— —— — — 306 zuerſt von Charlotten berichtet ward, ſo tief rührte, daß ſie in bei⸗ terer Vorahnung ausrief: Wenn ſolche Liebe bei meinem Sohn kein Echo findet, dann iſt's beſſer, er bleibt unbeweibt, denn dann wäre es Sünde, ihm dieſen Engel von Seelengröße aufzuſchwatzen. Dies zum Verſtändniß deſſen, was ſich ſeitdem zwiſchen Mutter und Sohn begeben, jenen beiden ſo innig verwandten Naturen, daß eben nur die Liebe zu einer dritten Perſon ſolche Differenzen zwiſchen ihnen hervorrufen konnte. Nun aber war ja Alles auf dem beſten Wege zu einer für beide Theile gleich befriedigenden Ausgleichung; und wenn auch noch zu⸗ weilen das ſchwermüthige Weſen des Sohnes die Mutter beſorgt machte, er möge ſich am Ende allzutief mit ſeinem weichen ſinnigen Gemüth in ſeinen Schmerz verſenken, ſo tröſtete ſie doch dafür zu andern Zeiten wieder die frohe Wahrnehmung, daß eben dieſer Schmerz, ſo ſchwer er ihn auch durchzukämpfen hatte, den Ueber⸗ gang zu einem neuen Leben in ihm bilden werde, deſſen friſche Re⸗ gungen das liebende Mutterauge bald hier, bald da entdeckte. Und in der frohen Stimmung, welche dieſe glückliche Ausſicht auf die Etatsräthin machte, war ihr denn auch heute der Beſuch ihrer Char⸗ lotte doppelt willkommen, deren eignes Glück ſie ja im Grunde eben ſo ſehr beſchäftigte wie dasjenige, welches ſie für den einzigen Sohn vom Himmel erflehte. So wollte es der dunkle Doppelſinn des Lebens, daß, während Unzer und Schröder im Hauſe am Kugelsort vor den Entdeckungen erſchreckten, die ihnen über Sylburg's Charakter und Vergangenheit aus dem Munde der berüchtigten Sibylle zu Theil wurde, die beiden Freundinnen, die Junge und die Alte, ſich einander in Lobeserhe⸗ bungen über denſelben Mann erſchöpften und die Etatsräthin ſogar mehr im Ernſt als im Scherz behauptete, ſie fürchte nur Eins, daß nämlich die Fehler des Majors in gar keinem Verhältniß zu ſeinen Vorzügen ſtehen möchten und Charlotte darum niemals die ſchönſte Tugend des Weibes, Geduld, an ihrem künftigen Manne werde üben können.— Darüber ſei unbeſorgt, meine Liebe! erwiderte dieſe lachend. Geduld, wenn ich ſie überhaupt beſitze, werd' ich ſehr häufig bei ihm anwenden können. Iſt er doch ſo wild und aufbrauſend, dabei — 307— ſo ungenügſam in ſeiner Liebe, daß ich ſchon mehrmals meine ganze Autorität anwenden mußte, um ihn wieder gehorſam und beſcheiden zu machen. Wo aber auch nur der königliche Heirathsconſens bleibt! ſagte die alte Frau kopfſchüttelnd. Darüber ſollte man wirklich die Geduld verlieren. Als ob ein König Wochen und Monate dazu brauche, was andere Leute mit einem einfachen Ja abmachen. Denn Nein wird er doch gewiß nicht ſagen, da man ja in Kopenhagen faſt eben ſo gut wie in Hamburg weiß, welchen ſeltnen Fang der glückliche Werbeoffizier diesmal gethan hat. Bitte, liebe Lotte, ſei ein Bis⸗ chen hinter deinem Major her, daß er den Conſens bald herbeiſchafft. Ihr verliebten Leutchen denkt an nichts ſo wenig als an das Nöthige; und nöthig, dringend nöthig iſt's doch, daß dieſe unleidliche Halbheit in eurem Verhältniß endlich zum Schluſſe kommt. Schon munkelt man allerhand von des Barons häufigen Beſuchen in eurem Hauſe und ich ärgere mich ordentlich über die anzüglichen Redensarten, die ich dabei zu hören bekomme. Ein Glück, daß noch Dorothea im Hauſe iſt, was die Spannung im Athem erhält, wem von euch Beiden der hübſche Cavalier ſo eifrig den Hof macht. Aber laß⸗ nur erſt mal unſre guten Hamburger über dieſen Punkt im Reinen ſein, dann wirſt du dein blaues Wunder erleben, wie's über euch losgeht! Ach ja, du haſt Recht, liebe Sophie, es iſt unausſtehlich, daß uns der König ſo lange auf den Conſens warten läßt, ſagte Char⸗ lotte. Zwar die Hamburger Kaffeebaſen kümmern mich wenig, aber daheim werden die Geſichter von Tag zu Tag länger, und Fritz be⸗ ſonders ſcheint mich ordentlich durch ſeine froſtige Toleranz fühlen laſſen zu wollen, daß er ſein letztes Wort in dieſer Sache noch nicht geſprochen habe. Wären ſie Alle meiner Liebe gradezu entgegen, ſie könnten mich nicht mehr quälen, als durch dieſe mit ſtetem Arg⸗ wohn gepaarte Duldung. Doch das Beſte dabei iſt, daß ich ja weiß, wofür ich dieſe Behandlung zu leiden habe! ſetzte ſie ſich ſelbſt zum Troſte hinzu. Und daß dein Liebſter ſtandhaft bleibt, ſagte die Etatsräthin gerührt; denn Treue bleibt doch immer der ſicherſte Kompaß in den Stürmen des Lebens, und wenn ihr Jüngeren, die ihr für den 20 5 —— ————— —— — Werther und die Clariſſa ſchwärmt, auch die Liebe über Alles ſtellt, ſo ſage ich doch, daß mir das Sprichwort: Treu wie Gold, noch heute mehr werth iſt, als alle die Mondſchein⸗ und Piſtolenphraſen eures Goethe.— Apropos, Lotte, was ſagt denn dein Bräutigam dazu, daß die ſchöne Gräfin Lindenkron wieder in der Stadt iſt? Kennt er ſie überhaupt oder war es nur ein müßiges Gerede der Leute, das ihn mit dieſer Dame zuſammenbrachte? Nicht ſo ganz, erwiderte Charlotte lächelnd. Er ſelber hat mir noch neulich erzählt, daß die Gräfin ihm früher ganz unzwei⸗ deutige Beweiſe ihrer Liebe gegeben habe, die er aber ſchon aus Rückſichten gegen den Grafen, ſeinen Freund, unbeachtet gelaſſen hätte. Das Bild, das er mir dabei von dieſer Frau entwarf, ſah auch gar nicht danach aus, als wenn ein nobler Mann an ihr Ge⸗ ſchmack finden könnte. Er ſchilderte ſie mir als eine eben ſo liſtige Kokette wie gefährliche Intriguantin, ſo daß man ſie ſchon vor ihrer Vermählung mit dem Grafen Lindenkron in den Kopenhagener Ge⸗ ſellſchaftskreiſen für nichts Geringeres als die erklärte Maitreſſe des Prinzen Friedrich bezeichnet habe. Ja, ſie ſoll ſogar in die abſcheu⸗ liche Intrigue gegen die unglückliche Königin Karoline Mathilde ver⸗ wickelt geweſen ſein. Wie man ſich doch in den Menſchen, oder vielmehr in ihren Geſichtern täuſchen kann! ſagte die alte Frau kopfſchüttelnd. Heute Morgen nänlich ſah ich ſie in Schlüter's Laden in der Admiralitäts⸗ ſtraße, wo ſie mit ihrer Geſellſchafterin Stoffe ausſuchte; ich konnte gar nicht wieder den Blick von dieſem edlen intereſſanten Geſicht ab⸗ wenden. Auf meine Erkundigung nach der ſchönen Unbekannten, ſagte mir der Ladendiener, daß es die verwittwete Gräfin Lindenkron ſei, und ſie mußte es wohl bemerkt haben, daß ich nun erſt recht neugierig wurde, ſie zu betrachten. Beim Weggehen grüßte ſie mich ungemein freundlich, ganz ſo, als wenn ſie ſagen wollte: Die alte Frau vom Steinweg kenne ich beſſer wie ſie mich. Und dieſes lieb⸗ liche unſchuldvolle Antlitz ſollte einer Kokette, einer Intriguantin an⸗ gehören? Das fällt mir wirklich wie ein Stein auf's Herz, zumal ich gleich bei mir dachte: Wenn die dem Max von Sylburg oder ſonſt einem Manne den Kopf verdreht hat, ſo iſt's kein Wunder, 4 — 309— aber einen gewöhnlichen Liebesroman ſpielt man mit ſolchen himm⸗ liſchen Augen gewiß nicht. Du kannſt dich darauf verlaſſen, Max kennt ihre ganze Lebens⸗ geſchichte wie ſie ſelber, verſetzte Charlotte lebhaft. Was ſollte er denn auch dieſer Dame, noch dazu der Wittwe ſeines beſten Freun⸗ des, Schlimmes und Unedles nachſagen, wenn es ſich nicht wirklich ſo verhielte? Er entſchuldigt ſie ſogar und behauptet, eine falſche Erziehung und ein unbeſchreiblich großer Leichtſinn hätten die meiſte Schuld an ihren Fehltritten gehabt. Ich ſag' es ja immer, man lernt die Menſchen nicht aus, er⸗ widerte die alte Frau niedergeſchlagen und wollte eben der Freundin erzählen, wie manchmal ſie ſich ſchon in Leuten von Stand und Bildung getäuſcht hätte, als Charlotte mit einem Freudenſchrei vom Stuhle aufſprang und dem Major entgegeneilte, der unbemerkt von beiden Damen in's Vorzimmer getreten war und ſie hier ſchon eine Weile beobachtet hatte. In ihrer Freude über ſeine Ankunft bemerkte es Charlotte nicht ſogleich, daß ihr Sylburg heute nicht ſo unbefangen und herzlich entgegenkam wie ſonſt; erſt als ſpäter das Licht auf ſeine Züge fiel, entdeckte ſie ſeinen düſtern Ernſt und den unruhvoll prüfenden Blick, womit er ſie zuweilen betrachtete. Denn war es erſt bei ihm die Ungewißheit geweſen, ob Charlotte von dem geſtrigen Auftritte zwi⸗ ſchen ihm und ihrem Bruder Kenntniß habe, was in beunruhigte, ſo brachte ihn bald ihr völlig harmloſes und heiteres Weſen in eine neue noch größere Spannung, indem er plötzlich vor ſeinem unſichern Blick eine Menge von Muthmaßungen und Möglichkeiten auftauchen ſah, bei denen es ſelbſt einem Menſchen von ſeiner geübten Auf⸗ aſſungsgabe ſchwer ward, das Rechte herauszufinden und im neuen 4 gSg h 5 Fahrwaſſer ſeinen alten Cours zu verfolgen. Was in aller Welt konnte Schröder bewogen haben, nicht gegen die Schweſter in der⸗ ſelben ſchonungsloſen Weiſe zu verfahren, womit er doch deren Ver⸗ lobten behandelt hatte? Während er dieſen tödtlich beleidigte, ſagte er Charlotten kein Wort davon, woraus Sylburg den Schluß zog, der ſich ihm auch nur zu bald beſtätigen ſollte, daß Schröder, als er ihn entlarvte, ſelber noch nicht einmal wußte, welchen Menſchen er vor ſich hatte und wie er die Schweſter von ihm trennen ſollte. Dieſen ————— — 1 3 Umſtand beſchloß der Major, der ſeit der ihm widerfahrenen ſchimpfli⸗ chen Behandlung nur noch von dem einen Gefühl der Rache an dem hochmüthigen Theaterprinzipal und deſſen Familie beſeelt war, zu ſeinen Zwecken zu benutzen und, es koſte was es wolle, den Schimpf zu rächen, den ihm Schröder am geſtrigen Abend angethan hatte. Wir haben es leider in dieſem Buche mit einem Helden zu thun, der nicht leicht vor einem Mittel zurückſchreckte, wenn es der Be⸗ friedigung ſeines Egoismus galt; und wie hätte er, der faſt im Spiele gewonnen, was man ihm jetzt ernſtlich ſtreitig machen wollte, wie hätte er Bedenken tragen ſollen, dieſen Gewinn um jeden Preis feſtzuhalten, nun er ja damit zugleich ſeinen Beleidiger am innerſten Herzen verwunden konnte? 1 Dieſe gewiſſe Ausſicht ließ ihn den ſchon halb verloren gege⸗ benen Beſitz Charlottens ſchnell und mit neuer Begierde wieder er⸗ greifen; und kaum darüber im Klaren, daß Schröder ihr den geſtri⸗ gen Vorfall noch nicht entdeckt habe, war es auch ſchon beſchloſſene Sache bei ihm, die Liebe dieſes unſchuldigen Herzens, wie ſie bis⸗ her ſeiner Eitelkeit und romantiſchen Neigung geſchmeichelt hatte, nun auch zum Werkzeug zu benutzen, womit er den ihm zugefügten Schimpf rächen und zugleich Charlotten für immer, ſelbſt gegen den Willen ihrer Familie, an ſich ketten wollte. Es war das ja auch nint ſein erſtes Probeſtück in der Kunſt, aus gewiſſen der Intrigue und der Rachſucht günſtigen Familienzwiſtigkeiten Vortheil zu ziehen und ſeine verrätheriſchen Abſichten gerade auf die heiligſten Empfin⸗ dungen des Herzens zu bauen, wohl wiſſend, daß der Menſch da am Leichteſten zu hintergehen iſt, wo er den Verrath am Wenigſten vorausſetzt.— Die Etatsräthin, welche ſo wenig wie Charlotte ahnte, was in dem Major vorging und ſeine Zerſtreutheit dem Eindrucke zu⸗ ſchrieb, den die Gegenwart der Geliebten auf ihn mache, glaubte ihn nicht beſſer ſeiner nachdenklichen Stimmung zu entreißen, als wenn ſie Beide einige Augenblicke allein ließe, weßhalb ſie ſich unter dem Vorwand entfernte, nach ihren kleinen Enkeln in der obern Stube ſehen zu wollen. Wie du heute blaß biſt, Max? fragte Charlotte beſorgt. Iſt dir unwohl oder fehlt dir ſonſt Etwas? V V — 311— Sylburg verſetzte in aufgeregtem Tone, wobei er mit leiden⸗ ſchaftlicher Zärtlichkeit ihre Hand drückte. Gottlob, mir fehlt nichts mehr, nun ich dich wiederſehe und in deinen treuen Augen leſen kann, daß keine Macht der Erde je im Stande ſein wird, dich von mir zu trennen! O verzeih' mir, Char⸗ lotte, aber ich hatte wirklich einen recht ſchlimmen Tag um deinet⸗ willen. Himmel, Max, wie ängſtigt mich deine Rede! rief ſie erſchrocken. Was konnte dich auch nur einen Augenblick, geſchweige denn einen ganzen langen Tag hindurch ſo tief verſtimmen, daß du ſogar an der Liebe deiner Charlotte zweifeln mochteſt? Sprich, Geliebter, wel⸗ cher böſe Feind will unſer Glück ſtören? Am Ende iſt's gewiß nur dein Hypochonder, der dich wieder quält; denn wie könnte es im Ernſte einem Menſchen einfallen, mich von dir trennen zu wollen, da ja ſelbſt meine Mutter dir gewogen iſt? So weit es in der Menſchen Macht ſteht, ſind wir bereits ge⸗ trennt, entgegnete Sylburg mit gedämpfter Stimme und heftete da⸗ bei ſeinen düſtren Blick auf das in ſprachloſem Schrecken erbleichende Mädchen. Ja, meine liebe Charlotte, dein Haus iſt mir von nun an verſchloſſen, denn dein Bruder hat mich geſtern Abend beim Ab⸗ ſchiede auf eine ſo entehrende Weiſe behandelt, daß ich den ganzen Stolz meiner Liebe nöthig hatte, um nicht zu vergeſſen, was ich dir, und nur dir allein, ihm gegenüber ſchuldig bin. Denn wahrlich, ſonſt würde ich ihm auf der Stelle mit der blanken Klinge Antwort gegeben haben auf die ſchimpfliche Behandlung, welche ich, der Gaſt ſeines Hauſes, der Verlobte ſeiner Schweſter, von ihm erfuhr, als wenn ich, Gott weiß, welchen Frevel gegen dich und deine Familie im Schilde führte! Und was bewog ihn dazu? fragte Charlotte, eiskalt bis in's innerſte Herz.— Das wollte ich von dir hören, meine Liebe, erwiderte der Ma⸗ jor, ſehe aber nun, daß du ebenſo wenig, die Gründe ſeiner hef⸗ tigen Komödiantenwuth gegen mich kennſt wie ich ſelber. Nur das Eine glaubte ich aus ſeinen Vorwürfen zu errathen, daß er von unſern heimlichen Zuſammenkünften am Kugelsort Wind bekom⸗ men hat, was ihn denn ſo ſehr gegen mich in Harniſch brachte, daß er alle Rückſichten, alle Schicklichkeit gegen meine Perſon, ja ſelbſt gegen meine Eigenſchaft als Offizier, aus den Augen ſetzte.— Doch Gottlob, rief er freudig und ſeine Züge hellten ſich wieder auf; was brauche ich mich darum zu bekümmern, ſo lange meine Charlotte mich nicht verläßt! Hab⸗ ich nur erſt einmal die königliche Geneh⸗ migung, dann mag Herr Schröder ſagen und thun was er will; das Beſte, was ich jetzt ſchon mein eigen nenne, dein Herz, wird er mir dann ſo wenig mehr ſtreitig machen wie deinen Beſitz, mein ſüßes himmliſches Mädchen; und dann, ja dann ſoll er auch ge⸗ legentlich einmal von mir erfahren, wen er beleidigt hat. Ach, und doch— wenn ich bedenke, daß es der Bruder meiner angebeteten Charlotte iſt—— Mein Bruder? Nenn⸗ ihn nicht mit dieſem theuren Namen! fiel ihm Charlotte mit heftigem Zorne in's Wort. So lang ich ihn kenne, war er der Widerſacher meiner ſchönſten Gefühle, der beſtändige Tyrann, der mein geiſtiges Leben ebenſo unbedingt be⸗ herrſchen wollte, wie er ſich Gewalt über mein Thun und Laſſen an⸗ maßte; ich ſollte Nichts ſein, Nichts werden, was nicht ſeine unbe⸗ dingte Zuſtimmung erhielt, ja, was ich nicht gleichſam durch ihn und um ſeinetwillen ward, als wenn er Gott weiß, welches Recht dazu hätte, mich ſo zu behandlen! Ich habe mich oft im Stillen darüber gewundert, ſagte Syl⸗ burg. Und was gilt's, Charlotte, es iſt Nichts als der bloße Künſt⸗ lerneid, was ihn zu dieſem tyranniſchen Betragen gegen dich veran⸗ laßt. Er ahnt es nur zu gut, daß er mit all' ſeinen Studien, all' ſeinen mühſam gewonnenen Kenntniſſen Das niemals in der Kunſt erreichen wird, was du jetzt ſchon biſt und wozu allein das Genie dich gemacht hat. Will ich auch damit nicht behaupten, daß er von Natur bösartig ſei, ſo wirſt du mir doch gewiß zugeben, daß die hoch⸗ müthige Art, womit er ſich beſtändig zu deinem Lehrer und Meiſter aufwirft und in jedes Lob, das er dir ſpendet, immer einen ver⸗ ſteckten Tadel miſcht, nicht weniger ſeine wahre Geſinnung gegen dich verräth, als wenn er dich offen kränkte und deinen Ruhm ſchmälerte. Aber was fangen wir an? rief Charlotte in ſorgenvollſter Un⸗ ruhe. Du willſt, du kannſt nicht mehr in unſer Haus kommen, —— 2 — 313— bald wird Fritz auch die Mutter und Schweſter gegen dich einge⸗ nommen haben, mich wird man auf Schritt und Tritt bewachen und es mir ſo gut wie unmöglich machen, dich ohne Wiſſen meiner Fa⸗ milie zu ſehen, wahrhaftig— Max, nun glaube ich es beinahe ſelber, daß du vorhin recht hatteſt, als du ſagteſt, daß wir bereits getrennt ſeien, ſo weit dies überhaupt in der Menſchen Macht ſteht. Aber den Muth verlieren wir darum doch nicht, Geliebter? Behüte Gott, dann hätten wir ja Alles verloren, entgegnete der Baron wohlgemuth und ſchlang den Arm um die zarte Geſtalt. Ja, meine ſüße Rutland, nun laß' uns der Welt zeigen, was treue Liebe vermag! Wie dort in dem Drama am Hofe der engliſchen Königin den beiden Liebenden, ſo iſt ja auch uns das Schickſal feindlich und verſchwört ſich mit den Menſchen gegen unſre Vereini⸗ gung; aber die Liebe findet doch den Weg zu ihrem Ziele, Rutland willigt freudig ein, ſich unter den Augen der eiferſüchtigen und grauſamen Königin heimlich mit ihrem Eſſex zu vermählen, ſie ſpottet jeder Gefahr und würde Alles an das Glück ihrer Liebe ſetzen, faſt ebenſo reich durch das, was ſie opfert, als durch das, was ſie ge⸗ winnt. Und meine Charlotte, dieſe andere herrliche Rutland, ſollte ſich auch nur einen Moment bedenken, jetzt, da es in ihre Hand ge⸗ geben iſt, uns für immer zu vereinigen? Fordere von mir, was du willſt, ſagte Charlotte mit Entſchloſ⸗ ſenheit, obwohl eine flüchtige Bläſſe ihre Züge bedeckte. Sylburg erwiderte: Dein Bruder hat es mir unmöglich gemacht, dich fernerhin zu beſuchen, wohlan, ſo wollen wir uns nach einem Orte umſehen, wo⸗ hin ſeine Macht nicht reicht. Es koſtet mich nur ein Wort bei mei⸗ nen Oberen und ich werde zu meinem Regiment nach Schleswig zurückberufen. Willſt du mir dahin folgen, Charlotte? Aber es fehlt uns ja noch der Heirathsconſens, ſtotterte ſie, und der Bläſſe des erſten Schreckens folgte auf ihrem Geſichte die Glut jungfräulicher Scham vor dem eignen Gedanken, der ihr in dieſem Moment durch die Seele fuhr. Brauchte ich dich zur Flucht zu überreden, mein ſüßes Mädchen, wenn ich Hoffnung hätte, dich bald in Hamburg zum Altare führen zu können? rief Sylburg in ſchmerzlicher Erregung. Das grade — 314— iſt es ja, was mich zur Verzweiflung bringt!— Da ſitze ich hier wie auf einem verlorenen Poſten, und alle meine Briefe, die ich faſt mit jedem Kourier nach Kopenhagen und Schleswig ſchreibe, um unſre Angelegenheit zu betreiben, fruchten nichts. Der Conſens liegt, wie ich ſicher weiß, ſchon Wochen lang im Kabinet des Kö⸗ nigs, aber der ſchwachſinnige Monarch vergißt über den kindiſchen Spielen, womit ihn ſeine Hofleute unterhalten, ſeine nächſten und einfachſten Regentenpflichten. Anders dagegen würde ſich die Sache geſtalten, wenn ich von Schleswig aus mit Urlaub nach Kopenhagen reiſen und perſönlich bei Hofe die Ausfertigung des Conſenſes be⸗ treiben könnte. Dann ſollten wir bald am Ziele ſein!— Aber ich ſehe ſchon, fügte er ſeufzend hinzu, während ein bitteres Lächeln um ſeine Lippen ſpielte, ich ſehe ſchon, daß du mehr Geduld haſt wie ich, ſonſt würdeſt du Ja ſagen zu Allem, was unſre Verbindung be⸗ ſchleunigen kann.. Bei dieſem Vorwurf überfiel ſie ein heftiges Zittern, ihre Augen füllten ſich mit Thränen und ſchmerzlich rief ſie aus: Wie falſch beurtheilſt du das Herz deiner Charlotte! Eben weil ich dich ſo zärtlich liebe, erſchrecke ich vor den Folgen eines Schrit⸗ tes, deſſen Nothwendigkeit ich wirklich noch nicht einzuſehen vermag. Sage ſelbſt, Max, iſt dieſes Aeußerſte nöthig? Gibt es keinen an⸗ dern Ausweg, den Heirathsconſens herbeizuſchaffen? Warum ſoll ich mit dir nach Schleswig fliehen, meiner Familie dieſes Herzeleid, meinem guten Ruf den Untergang bereiten, während ich es doch eben⸗ ſo gut hier in Hamburg abwarten kann, bis du den Conſens er⸗ langt haſt? Bitte, liebſter Max, überlege es dir einmal ſelber, ob dieſer äußerſte verzweifelte Schritt nöthig iſt? So?— Meinſt du? erwiderte Sylburg gedehnt und ſah ſie dabei mit einem eignen gemiſchten Ausdruck von Verlegenheit und Miß⸗ trauen forſchend an. Nach einer Pauſe fuhr er dann mit großer Bitterkeit fort: Fürwahr, Charlotte, ich hätte dir ſolche Bedenklichkeit nicht zu⸗ getraut! Du hältſt einen ſolchen Schritt nicht für nothwendig und überſiehſt doch dabei ganz, daß wir Beide ſehr bald in eine Lage verſetzt werden können, in der wir gar Nichts mehr vermögen. Oder zweifelſt du etwa daran, daß dein Bruder nicht Alles aufbieten wird, — 3¹5 um unſere Verbindung unmöglich zu machen? Wenn er nun deine Mutter dahin bringt, ihre Einwilligung zurückzunehmen? Wenn er die boshafteſten und abſcheulichſten Dinge erſinnt, um mich zu verdäch⸗ tigen? O wart' es nur ab! Er wird gewiß nicht lange mit ſeiner Feindſchaft gegen mich zurückhalten, und mir ſcheint er ganz der Menſch danach, der einen einmal gefaßten Plan ebenſo hartnäckig verfolgt als er ſich wenig Sorge darum macht, wie er ſeinen Wil⸗ len durchſetzt. Wär' es nicht zum Lachen, ich wollte darauf ſchwö⸗ ren, er habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dich mit ſeinem blaſſen Freund, dem Doctor, zu verheirathen, von dem du mir noch jüngſt erzählt haſt, daß er ſterblich in dich verliebt ſei! Du biſt wahrhaftig noch immer allzuſehr von dieſes Bruders Vortrefklichkeit eingenommen, während mir doch aus ſeinem vergangenen Leben Dinge erzählt wurden, die ſeinen Charakter mindeſtens in einem ſehr zweifelhaften Lichte erſcheinen laſſen. O! Er hat nicht umſonſt in ſeiner Jugend das Auge der Jeſuiten auf ſich gezogen, die ihn gar zu gerne für ihre Dienſte gewonnen hätten! Das iſt wahr, das erzählt er ſelber, ſagte Charlotte beklom⸗ men. Aber für ſo ſchlecht und tückiſch halt' ich ihn nicht. Sagteſt du das doch vorhin ſelber. Laß' gut ſein, Kind, ich wünſche dir keine ſchlimme Erfahrung mit ihm, verſetzte Sylburg zurückhaltend. Jedenfalls habe ich ihn geſtern Abend als einen Menſchen kennen gelernt, der vortrefflich ſeinen Eigennutz als Theaterprinzipal hinter ſorglicher Bruderliebe zu verſtecken weiß. Er ahnt, daß du als Baronin Sylburg für ſeine Bühne verloren biſt,— da liegt das ganze Geheimniß ſeiner brüderlichen Liebe zu dir und ſeines Haſſes gegen mich. In dieſem Augenblick kehrte die Etatsräthin aus der Kinder⸗ ſtube zurück und brach damit die Unterhaltnng der Liebenden ab. Sie merkte bald an Charlottens aufgeregtem Weſen und an ſeiner Verſtimmung, daß zwiſchen Beiden nicht Alles in Ordnung ſei, eine Wahrnehmung, die ihr um ſo ſchwerer auf's Herz fiel, als ſie ſich ſeither mit freudigem Stolze für die Beſchützerin dieſes glücklichen Liebesbundes betrachtet hatte. Das Einzige, was ſie dabei tröſtete, war der Gedanke, daß es ja neuerdings unter den jungen Leuten Mode geworden ſei, ſich durch ſelbſtgeſchaffene oder eingebildete Leiden — 5 — 316— das Glück der Liebe zu verſüßen, eine Mode, deren Urſprung ſie in der ſentimentalen Caprice fand, welche damals aus der ſchönen Li⸗ teratur in's bürgerliche Leben eindrang, und mehr und mehr alle geſellſchaftlichen Zuſtände zu beherrſchen anfing. Grade die friſche urſprüngliche Natur, das ungekünſtelte von aller Sentimentalität freie Gefühl in dem Major hatte ſie für ihn eingenommen, war ihr eine Bürgſchaft geweſen, daß der Gegenſatz ſeines Charakters zu dem der ſchwärmeriſchen und empfindſamen Freundin dem Glück ihrer Herzen nur förderlich ſein könne, und nun— ließ auch er plötzlich den Kopf hängen, hatte ſogar in ſei⸗ nen Blicken etwas recht melancholiſch Nachtſchattiges, als wenn er über den düſterſten Verzweiflungsplänen brüte! Das war ihr denn doch am Ende zu arg, und als eine Frau, der unter Umſtänden Schweigen eine ebenſo große Tortur war als wenn man ihr gradezu verboten hätte, ſich über dies und das gründ⸗ lich zu ärgern, konnte ſie auch diesmal ihre Empfindung nicht unter⸗ drücken, ſondern fragte, da die gepreßte Stimmung der Beiden kein Ende nehmen wollte, den Baron recht boshaft ſpöttiſch, ob denn die Piſtole ſchon geladen ſei und warum er nicht lieber gleich die gelbe Schmachtweſte des jungen Werther angezogen hätte? Sylburg rief mit erzwungener Heiterkeit: Da hörſt du's nun, Charlotte, was du aus mir gemacht haſt! Unſere Freundin liest es in meiner Miene, daß mir das Meſſer an der Kehle ſitzt und du nennſt mich einen verliebten Hy⸗ pochondriſten!— Sagen Sie ſelbſt, alte Frau, iſt es nicht zum Des⸗ peratwerden, daß ich eine Geliebte habe, die meint, es ſei einerlei, ob der königliche Heirathsconſens heute oder in vier Wochen einträfe, denn vor dem Sommer könne ja doch nicht an die Hochzeit gedacht werden? Die verwünſchte Ausſteuer! Mit dieſer Ausrede, die ihr ein bedeutſamer faſt herriſcher Blick des Barons noch näher legte, hatte Charlotte das Stichwort empfangen, mit dem ſie die Freundin über die Urſache ihrer Ver⸗ ſtimmung täuſchen mußte, als wenn in der That nichts weiter ihr Herz beunruhige, wie die Sorge um die Ausſteuer. Die gute Etatsräthin tröſtete ſte, ſo gut ſie konnte, und meinte ſogar, es ſei doch auch wieder ein Glück, daß ſie ſich mit der Heirath „v 317 nicht zu übereilen brauche, da die Ausſteuer der Braut durchaus keine ſo unweſentliche und leicht zu beſchaffende Sache ſei, wie heut⸗ zutage die jungen verliebten Leutchen gewöhnlich meinten. Zu ihrer Zeit habe man einen großen Linnenſchrank und ſchwere Truhen als die beſte Vorbedeutung für eine glückliche und zufriedene Ehe ange⸗ ſehen und das Sprüchwort: Was lange währt wird gut, habe ſich dann auch meiſtens trefflich erprobt. Wirklich gelang es ihren Zureden, den Baron zu erheitern, während Charlotte einſylbig und niedergeſchlagen blieb; denn jedes Wort, das ihr der Geliebte heute geſagt hatte, war wie eine Cent⸗ nerlaſt auf ihre Seele gefallen und nur mit Grauen dachte ſie daran, was ihr noch Alles bevorſtehen werde, ehe ſie das Ziel er⸗ reicht haben würde, das ihr noch vor wenigen Stunden ſo nahe er⸗ ſchienen war. 34. Sie kam in einer fieberhaften Aufregung nach Hauſe und ging klopfenden Herzens an der Wohnſtube vorüber die Treppe hinauf in ihr Zimmer; denn ſo entſchloſſen ſie auch war, an ihrer Liebe feſt⸗ zuhalten, fühlte ſie doch, daß ihre Kraft ſie ſchon vor dem Kanpſe zu verlaſſen drohe. Der Major hatte ihr auf dem Heimweg noch einmal mit frür⸗ miſcher Zärtlichkeit zugeſetzt und alle Gewalt über ihr Herz aufge⸗ boten, um ſie von der Nothwendigkeit ihrer Flucht von Hamburg zu überzeugen und ihr mit der Dialektik der Liebe zu beweiſen, daß ſie durch einen ſolchen heroiſchen Schritte ja gerade der Welt gegen⸗ über ihre Ehre behaupte, indem ſie die Sache des von ihrem Stief⸗ bruder ſo tiefgekränkten Geliebten zu der ihrigen mache, ihm ſelber aber durch ihre Entfernung aus dem elterlichen Hauſe die einzig entſprechende Genugthuung gebe, wobei er ihr heilig gelobte, daß ſie nicht zu ihm nach Schleswig, ſondern zu einer ihm nahe verwandten Dame von Stand kommen ſolle, in deren Hauſe ſie bis zu ihrer Vermählung verweilen würde. —————— ——— — fremden Gemüthe wie dem Charlottens überhaupt entſtehen, geſchweige — 318— Sie hatte zuletzt ſeinen Ueberredungskünſten keinen andern Ein⸗ wand mehr entgegenzuſetzen, als den, daß ſie ſich ſeinen Wünſchen fügen wolle, ſobald es ausgemacht ſei, daß ihre Mutter ebenſo wie ihr Bruder, gegen die Verbindung wäre.* Dann mögen ſie in Gottes Namen die Schuld ihrer Grauſam⸗ keit tragen, dann bin ich nur noch dein und folge dir wohin du willſt, hatte ſie beim Abſchied entſchloſſen zu ihm geſprochen, und jetzt,— wenige Minuten ſpäter, als ſie ſich allein auf ihrem Zimmer befand und noch einmal dieſe ſchnelle unglückliche Wendung der Dinge überdachte,— jetzt fühlte ſie ſich plötzlich wie gelähmt, und tauſend ſchreckliche Zweifel marterten und beſtürmten zugleich ihre Seele. Nur das Eine wußte ſie ſchon jetzt, daß der ihr bevorſte⸗ hende Kampf mit ihrem Bruder ſo gut wie verloren ſei, da ſie von früheſter Kindheit an den großen Einfluß kannte, den derſelbe, auf Mutter und Schweſter ausübte. Nur zu gut für die Unbefangen⸗ heit ihres Urtheils war es Sylburg gelungen, ihr des Bruders Ab⸗ neigung gegen ihn als die Folge einer ebenſo wohlüberlegten wie eigennützigen Berechnung darzuſtellen; ſie glaubte ſchon beinahe ſelbſt daran, daß Schröder ſie um ſeines und ſeiner Bühne Vortheil willen mit Gewalt in ihrem Künſtlerberuf feſthalten wolle, ja ſelbſt die abenteuerliche Idee fand bei ihr Eingang, der Bruder habe den Major nur darum hinter ihrem Rücken fo ſchnöde behandelt, damit dieſer ſie ohne Weiteres treulos verlaſſen ſollte. Dieſer Verdacht, den ſie wohl in jeder andern Gemüthsſtim⸗ mung als völlig unverträglich mit des Bruders Charakter und Denk⸗ art von ſich gewieſen hätte, verſetzte ſie jetzt bei ihrer fieberhaften Aufregung in einen ſo heftigen Zorn gegen den vermeintlichen Urheber ihres Unglücks, daß in ſchnellen Minuten ihre Wuth einer Eiſeskälte wich und die Erbitterung über dieſe unerhörte Hinterliſt Schröder's ſie zu dem Entſchluß brachte, Gleiches mit Gleichem zu vergelten, der Liſt noch größere Liſt entgegenzuſetzen und ſich bei Allem, was man gegen ihre Liebe Feindliches unternehmen würde, den Anſchein der größten Argloſigkeit und des willigſten Gehorſams zu geben.. Daß ein ſolcher Plan in einem ſonſt edlen und aller Falſchheit —— — — 319— denn zum ſicheren Entſchluß heranreifen konnte, beweist am Beſten die grenzenloſe Verwirrung, in die ſie mit ihrem ganzen Sein und Fühlen durch dieſe Liebe hineingerathen war. Sie vermochte nicht mehr das Wahre vom Falſchen zu unterſcheiden und im traurigen Wahne, der höchſten Pflicht ihres Herzens zu folgen, verirrte ſich ihr Gefühl und Verſtand in jene Regionen des Lebens, wo die Ge⸗ nien der Unſchuld und Wahrheit nur nach ſchwerem Kampfe gegen die Mächte der Verführung, der Heuchelei und Lüge das Feld be⸗ haupten, und wo zu ihrem Unglück eben derjenige Mann ſo einhei⸗ miſch war, der ſie dahin verlockt hatte!— Wir ſchreiben die tragiſche Geſchichte eines Mädchens, das, wie es durch die Größe ſeines Genies ein unbeſtreitbares und unbeſtrit⸗ tenes Anrecht an die Liebe und Bewunderung ſeiner Zeitgenoſſen hatte, ſo auch in hohem Grade die Theilnahme verdiente, die ſeine verhängnißvolle Liebesgeſchichte noch lange nachher fand, ſelbſt als ſchon von all' dem ſchönen reichen Jugendleben, das ſo große Hoff⸗ nungen erweckte, nur noch der holde, einſt ſo vielgefeierte Name übrig war.— Beſſere Hände als die unſrigen haben dieſen Namen längſt dem Schönſten und Edelſten an die Seite geſtellt, was die deutſche Bühne im Aufgang ihrer großen, vielleicht nimmer wiederkehrenden Glanzperiode zu früh als verloren betrauern mußte; und dennoch, wenn wir die Anſprüche an den Roman feſthalten wollen, ohne der innern Geſchichte ihres Lebens untreu zu werden, dennoch muß uns bei dieſem ſchlimmen Wendepunkt in Charlottens Daſein bange wer⸗ den, es möchte ſich bei dem fühlenden Leſer nur ſchwer der Zweifel darüber löſen laſſen, wie ein Mädchen von ſo vielen ſeltenen Eigen⸗ ſchaften des Herzens und Geiſtes ſich ſo weit von den reinen Bahnen ſeines Genius in dieſe abenteuerliche und unter allen Umſtänden ge⸗ fährliche Romantik verirren konnte; ja, wie es möglich wurde, daß ſie die ſchmerzliche Schuld, in die ſie ihre Liebe ſtürzte, bald mit noch größerem Enthuſiasmus ertrug als vorher das Vollgefühl ihres Glückes im Bewußtſein ihrer Tugend?— Aber iſt es denn nicht die Geſchichte von ſo manchem edlen Menſchen, daß das Leben diejenigen Herzen am Bitterſten täuſcht, die, ihrem inneren Sehnſuchtsdrange vertrauend, dasjenige in der Wirklichkeit zu finden trachten, was doch ewig nur ein Ideal ihrer 320 Seele bleiben ſollte? Iſt's nicht ſchon oft ſo geweſen, daß Men⸗ ſchen, deren ganzes Daſein dem Dienſte reiner Genien und lieblicher Muſen geweiht war, in dem Augenblick an ſich und der Welt irre wurden, wo ſie ihre Sehnſucht und ihr heiliges Liebesgefühl zu einem andern als dem einmal beſchworenen Gotte führte?— Wahrlich, zwiſchen jenem unſterblichen Himmelsfunken, den wir Poeſie nennen, der die großen Herzen der Menſchheit entzündet, und jenem nähren⸗ den Feuer des häuslichen Herdes, an dem die friedlichen Penaten eines beſcheidenen Daſeins ihre Sitze aufſchlagen, iſt ein gar großer Unterſchied; und doch vergißt die Welt ſo häufig, daß jener einzige Prometheusfunke unendlich heller ſtrahlt, als alle Oellampen der Noral, aber freilich dafür auch der Seele, in der er einmal glüht, zu ganz anderen Geſchicken leuchtet als die ſind, welche den Inhalt des gewöhnlichen Alltagslebens ausmachen. Charlotte, im Leben ein Kind, aber eine ſeltene gottgeweihte Prieſterin im Tempel der Kunſt, wie hätte ſie in ihrer Liebe weni⸗ ger tief, weniger genial fühlen und handeln ſollen, als in ihrer Kunſt, dem Element ihrer Seele? Sie wußte es ja nicht anders, als daß die Liebe dem nämlichen Quell einer unendlichen Sehnſucht und Gottesahnung entſpringe wie Kunſt und Poeſie; daß alle Drei Himmelstöchter eines und deſſelben Vaters ſeien, und eine ſo wenig wie die andere ohne Freiheit und begeiſterte Hingebung gewonnen werden könne. Ihr ſchwärmeriſches Gefühl, ihr fantaſievoller Geiſt, beide frühe gereift unter den Eindrücken und Anſchauungen eines durch die Kunſt verklärten und genährten Lebens, mußten bei dieſem verwöhnten: Kinde des Glückes und des Ruhmes, zumal in einer ſo ſentimental geſtimmten und künſtlich überreizten Zeit, durch die Liebe eine Rich⸗ tung erhalten, die bei Charlottens leidenſchaftlichem Temperamente und ihrem zarten Nervenorganismus allerdings leicht zu einer tra⸗ giſchen Kataſtrophe führen konnte.— Der Ueberzeugung lebte Schrö⸗ der lange vor der unglücklichen Geſchichte mit Sylburg, und dieſe Furcht erklärt uns ſehr einfach ſein ganzes ängſtlich unentſchloſſenes Benehmen, womit er eine Zeitlang dem gefürchteten Geſchick aus dem Wege ging und ihm erſt den Kampf anbot, als es für ihn und die Schweſter zu ſpät war. —, — — — — ‿ —— 8 4 — 321— Indeſſen ſollte es am heutigen Abende doch nicht, wie Charlotte beinahe mit Gewißheit erwartet hatte, zu einer Entſcheidung kommen, obwohl die Stimmung, welche bei ihrem Eintritt in den kleinen Familienkreis herrſchte, ſchwül und unheildrohend genug war. Denn 1 ſowohl die Mutter wie Dorothea zeigten in ihren Mienen Spuren der tiefſten Erſchütterung und Niedergeſchlagenheit, während Schröder, die Hände auf den Rücken gelegt, mit großen Schritten das Zimmer durch⸗ wandelte und Charlottens Gruß gar nicht einmal erwiderte.— Der Leſer erräth, daß wir die Familie in dem Moment wiederſehen, wo Schröder, vom Kugelsort zurückkehrend, der Mutter und Schweſter die ihm von Madame Fanny gewordenen Aufklärungen über den Baron mitgetheilt hat und Dorothea ſowohl wie Madame Ackermann, ſprachlos vor Staunen und Schrecken, Anfangs kaum wiſſen, ob ſie mehr dem Himmel für dieſe noch rechtzeitig ihnen gewordene War⸗ 8 nung danken, oder vor den unheilvollen Folgen erzittern ſollen, die 4 — ⁴— möglicherweiſe noch für Alle aus dieſem Verhältniß entſpringen kön⸗ nen. Die Geſchichte der unglücklichen Bertha, an welche ſich un⸗ mittelbar die ihres Kindes knüpfte, deſſen räthſelhaftes Schickſal ſeither ſo manchmal beſprochen worden war, und als deſſen Vater . jetzt plötzlich der Verlobte Charlottens auftaucht, erſchütterte beſon⸗ ders Dorothea ſo heftig, daß ſie einer Ohnmacht nahe war; wäh⸗ 4 rend die fromme Mutter dem Himmel für die Rettung ihres gelieb⸗ 4 ten Kindes dankte. Ein Stein fiel beiden Damen vom Herzen, als ihnen Schröder zuletzt mittheilte, daß und wie er den Baron bereits am geſtrigen Abend aus dem Hauſe gewieſen; eine Handlung, die bei Mutter 4 und Schweſter die lebhafteſte Beiſtimmung fand, obwohl Dorothea ſorgenvoll hinzufügte, es möchte leichter ſein, den Major aus dem Hauſe als aus dem Herzen Charlottens zu entfernen. Hier wurde das Geſpräch durch den Eintritt der Letzteren un⸗ terbrochen; aber zu neu und ſchwer laſtete noch auf den Gemüthern die Vorſtellung, daß ein großes Unglück nur durch Gottes wunder⸗ bare Fügung abgewendet worden ſei, als daß man ſich ſchon jetzt 1 ggetraut hätte, neue Stürme heraufzubeſchwören und Charlotten Alles u entdecken. Es war der Mutter ausdrücklicher Wille, daß heute nicht weiter von der unglücklichen Geſchichte geſprochen werden ſolle D. B. II. Müller's Charl. Ackermann. 3 21 — 322— und Dorothea beſtand darauf, daß man Charlotten einigermaßen vorbereiten müſſe, ehe man zum Aeußerſten ſchreite und ſie über die Verworfenheit desjenigen Menſchen aufkläre, dem zu liebe ſie ihren und ihrer Familie guten Namen ſo leichtſinnig auf’s Spiel geſetzt hatte. 1 Schröder hielt die Hauptſache für gethan und war ſelbſt der Meinung, daß er nur im Nothfall dazu mitwirken wolle, die Schwe⸗ ſter auf andere Wege zu bringen. So ging denn der Abend zwar ſchweigſam aber doch ungeſtört vorüber; Charlotte wußte indeſſen, auch ohne daß es ihr Jemand im Hauſe geſagt hätte, daß ſte für den andern Morgen einen um ſo härteren Stand haben werde. 35. Der Urheber aller dieſer Sorgen, Aengſten und Verſtimmungen im Ackermann'ſchen Hauſe ſollte ſchon am frühen Morgen des fol⸗ genden Tages auf eine für ihn keineswegs ſchmeichelhafte Weiſe daran erinnert werden, wie wandelbar die Gunſt der Menſchen ſei, zumal bei ſolchen, die in der Kunſt der Intrigue eben ſo erfahren ſind, wie in den Winkelzügen des Eigennutzes. Er erhielt nämlich ein ſehr zierliches Billet, deſſen Pomadeduft ihm irgend ein neues galantes Abenteuer verſprechen zu wollen ſchien, bis er beim Oeffnen zu ſeiner Beſtürzung die Unterſchrift ſeiner würdigen Freundin vom Kugelsort fand, die ihm mit kurzen dürren Worten erklärte, daß ſie ihm ihr Haus nicht ferner mehr zu ſeinen verliebten Stelldicheins geſtatten könne, weßhalb ſie ihn benachrichtige, daß das von ihm gemiethete Zimmer vom Heutigen an eine andere Beſtimmung erhal⸗ ten habe. Sie forderte von ihm unter Androhung gerichtlicher Klage den rückſtändigen Miethzins; und ſo unorthographiſch auch der Brief geſchrieben war, konnte doch Sylburg ſehr deutlich aus demſelben heraus⸗ leſen, daß es nur an ihm gelegen ſei, wenn er ſich durch ſchleunige Erledigung des Geldpunktes größere Unannehmlichkeiten erſparen wolle. Sie hatte mehr als ein gefährliches Beweisſtück gegen ihn in Händen, * * — F — 323 und der überaus freche und zuverſichtliche Ton ihres Briefes ließ ihn beinahe fürchten, daß ſie ihn bereits ſo gut wie verrathen habe. Ha, nun iſt mir Alles klar! rief er wüthend. Sie allein iſt das delphiſche Orakel geweſen, bei dem ſich jener Komödianten⸗Prin⸗ zipal ſeine Weisheit geholt hat, ſie allein verrieth ihm unſre gehei⸗ men Zuſammenkünfte!— Aber warte, Schlange, du ſollſt mir dafür büßen! Und Herr Schröder? Wie kommt dieſer moraliſche Augen⸗ verdreher zur Bekanntſchaft einer ſo tugendhaften Dame? Verdammt! Wenn ich nur gleich wüßte, wie weit die Perfidie dieſes Weibs⸗ bildes geht! Wenn ſie gar im Stande geweſen wäre, ihm meine Geſchichte mit Bertha auszuplaudern? Wahrhaftig, ich glaube bei⸗ nahe, daß ich mich zu tief mit dieſer niederträchtigen Perſon einge⸗ laſſen habe. Selbſt Olaf's dummes Attentat auf die Stockelhörnin kennt ſie, hat obendrein meine Briefe an Bertha in Händen— o wie dumm, o wie dumm, Sylburg!— Da hatte Schröder wirklich Recht als er behauptete, die Rolle des Jago ſpiele ſich leichter unter honnetten Leuten wie bei ſolchem Geſindel. Er war jedoch weit davon entfernt, durch die Aufrichtigkeit die⸗ ſes Selbſtgeſtändniſſes zu einem tieferen Nachdenken über ſich und ſein Betragen gegen die ehrenwerthe Künſtlerfamilie zu kommen; viel⸗ mehr wußte er nur zu gut, daß er ſein Verhältniß zu Charlotten und deren Angehörigen von Anbeginn an, einige flüchtige Wallun⸗ gen ſeines heißen Blutes abgerechnet, mit demſelben Leichtſinn und derſelben Frivolität der Geſinnung behandelt hatte, die ſeine ganze Vergangenheit bezeichneten. Er hatte ſich eingebildet, Charlotten zu lieben, weil es ſeiner Eitelkeit ſchmeichelte und ſeinem abenteuerlichen Sinne entſprach, ein Mädchen von dieſer ſeltenen Begabung des Verſtandes und Gemüthes in ſein Schickſal zu verflechten; weil ihre Berühmtheit und ihr reiner ſittlicher Ruf ihn hoffen ließen, den in der Heimath faſt vollendeten Ruin ſeiner geſellſchaftlichen Stellung trefflich zu verdecken und gleichſam mit dem Werthe ihrer Tugend und ihres Ruhmes das von der Welt längſt zu leicht befundene Ge⸗ wicht ſeines Charakters wiederherzuſtellen.. Aber kaum im Beſitze ihres Herzens, verließ ihn auch ſchoͤn ſeine gewohnte Dreiſtigkeit, und er fühlte bald den ungeheuren Abſtand zwiſchen dieſer edlen liebegeweihten Natur und ſeiner eigenen Perſon. 5 21* — Er erkannte ſehr wohl die Kluft, die ihn von Charlottens geiſtiger Höhe trennte, war aber Weltmann und Kenner des weiblichen Her⸗ zens genug, um das, was ihm an edlen Gefühlen und wahrer In⸗ nerlichkeit abging, trefflich hinter einem feurigen Scheinenthuſiasmus zu verſtecken; ja, er wußte es bald durch ſeine große Verſtellungs⸗ kunſt dahin zu bringen, daß Charlotte ſich in ihrer Unſchuld ſogar dem edlen Stolze überließ, durch ihre Liebe den wohlthätigſten Einfluß auf ihn auszuüben. Indem er ſich ihr gegenüber ſtets nur weich, hingebend und voll Dankbarkeit bezeigte, brachte er ſie zu der für jedes beſſere Herz leicht ſo gefährlichen Täuſchung, daß ſie den ſonſt ſo trotzigen und ſtolzen Charakter vollſtändig beherrſche, daß ſie es zuerſt geweſen ſei, die ſein tieferes Leben geweckt und ihn mit dem Schickſal ſeiner Vergangenheit ausgeſöhnt habe. Der Gedanke, daß er Charlotten heirathen werde, war ihm wohl längere Zeit hindurch ſo wenig unbequem gefallen, daß er ſich im Gegentheil ernſtlich beſtrebte, die Zuneigung ihrer Familie zu gewin⸗ nen, zu welchem Zwecke er Nichts verſäumte, was ſeinen Charakter vortheilhaft empfehlen und ſeiner Bewerbung Nachdruck verſchaffen konnte. Wir wiſſen es auch, daß er wirklich durch Vermittlung ſei⸗ nes Kopenhagener Freundes, des uns bekannten Majors von T., ein Geſuch an den König um Genehmigung ſeiner Heirath richten wollte, und es iſt hier nur noch nachträglich zu erzählen, daß dieſes Geſuch mit dem Begleitſchreiben Sylburg's ſeinerzeit auch richtig beim Ma⸗ jor T. eintraf. 1 Von einer Woche zur andern wartete nun der Baron auf eine Antwort und konnte ſich des Freundes räthſelhaftes Schweigen gar nicht erklären, zumal grade dieſer Freund ihm früher ſchon bei man⸗ chem verwickelten Liebeshandel mit Rath und That hülfreich beigeſtan⸗ den hatte und zum Ueberfluß ſelber ein in Kopenhagen vielberühmter Frauenjäger war, in allen Schlichen und Liſten ebenſo erfahren wie Sylburg ſelber. Und diesmal, wo es Jenen doch ſo wenig Mühe koſtete, ihm zum erwünſchten Ziele zu verhelfen, grade diesmal ließ er ihn im Stiche, ſchrieb ihm nicht einmal die Gründe ſeiner Zöge⸗ rung und verſetzte ihn dadurch der Geliebten und deren Familie gegenüber, in keine geringe Verlegenheit. Endlich kam der langerſehnte Brief— aber welche Nachricht — — 325 enthielt er!— Selbſt ein Menſch von Sylburg's frivolen Grundſätzen mußte von ſolchem Leichtſinn überraſcht werden, denn nichts Anderes meldete T. ſeinem Freunde, als daß er das Geſuch an den König erſt befördern werde, wenn er zuvor Gewißheit darüber erlangt hätte, wer von Beiden den Verſtand verloren habe, ſein theurer Freund Sylburg oder die kleine Mademoiſelle Ackermann. 1 „Biſt du der Candidat zum Narrenhaus“, ſchrieb T.,„dann in Gottes Namen! Die Ehe wird dir ſchon das Delirium aus Kopf und Herzen vertreiben; iſt's aber dein Mädchen, dann wirſt du dich vorher beſinnen, ob du für deine Liebeskomödie keinen andern als dieſen alltäglichen und ſpießbürgerlichen Ausgang erfinden kannſt? Daß ich dir's offen ſage, Bruder, dein letzter Brief hat mir ge⸗ rechtes Bedenken gegen deine Praktik beim Frauenzimmer eingeflößt. Du willſt heirathen, du, und ich ſoll dir den Conſens herbeiſchaffen? — Einen ſolchen abſcheulichen Verrath an unſrer Freundſchaft trauſt du deinem T. im Ernſte zu?— Geſetzten Falls nun, ich hätte wirk⸗ lich dein Geſuch an den König befördert und der Conſens wäre, wie gar nicht zu bezweifeln, ſofort ausgefertigt worden,— die Hand auf's Herz, Bruder, was würdeſt du von mir denken? Ich will es dir ſagen, und zum Beweiſe, daß ich dich kenne wie mich ſelber, ſchreibe ich hier den Monolog nieder, den du gleich nach Empfang des Heirathsconſenſes halten würdeſt: „Verdammt!— Daß doch die beſten Freunde immer diejenigen ſind, die uns den größten Schaden zufügen! Was nur der T. ge⸗ dacht hat? Da liegt der verfluchte Wiſch, der mich zeitlebens un⸗ glücklich macht und das verdank ich einzig dem unzeitigen Eifer die⸗ ſes T., der doch recht gut hätte wiſſen können, daß ich zuweilen ſehr zerſtreut bin und dann eigentlich das Gegentheil von Dem thue, was ſonſt meinen Neigungen entſpricht. Aber ich merke ſchon, wo der treuloſe T. mit dieſem ſaubren Freundſchaftsſtückchen hinaus will. Nichts als tückiſche Rache iſt es, dafür, daß ich bei den Damen von Rang und Stand ſo viele Fortune habe, während er ſich nur mit Kammerkätzchen, Choriſtinnen und einfachen Bürgerstöchtern begnügen muß, und neidiſch auf meine Gräfinnen, Baroneſſen und berühmten tragiſchen Künſtlerinnen blickt, bei denen ich Hahn im Korbe bin!— Sicherlich wußte er recht gut, daß ich jenes Geſuch nicht im Ernſte an — 326— den König gerichtet hatte; daß ich theils um Zeit zu gewinnen, theils um mein Gewiſſen nothdürftig zu beruhigen und mich ſchlimmſten Falls vor der Familie rechtfertigen zu können, jenes Geſuch auffſetzte, worin ich den König um den Conſens zu meiner Heirath bat. Und dieſer Duckmäuſer von T. übergibt meine ſcherzhaft gemeinte Peti⸗ tion wirklich dem Monarchen, und dieſer, der doch wahrhaftig aus langer Erfahrung wiſſen ſollte, welche Bewandtniß es mit dem Heirathseifer ſeiner Offiziere hat, unterſchreibt auch ſofort gnädig, und ich—— ich werde nun mit dem Heirathsconſens ſo wenig an's Heirathen denken, wie ohne ihn!— Denn was der König erlaubt, iſt darum noch lange nicht Sein Befehl!“ „So vürde mein theurer Max ſprechen, während er jetzo Gott auf ſeinen Knieen dafür dankt, daß er ihm einen Kameraden chenkte, der ſehr gut den Punkt zu treffen weiß, wo bei ſeinem Freund das angeborene Talent der verliebten Heuchelei und Koketterie ſich gegen ſein eigenes Ich kehrt und er ſelber nicht mehr weiß, wo bei ihm die Verſtellungskunſt aufhört und wo ſein wirklicher Menſch anfängt.“ „Alle Wetter! Sollteſt du wirklich ganz und gar vergeſſen haben, daß du ſchon zweimal auf dem Punkte ſtandeſt, das Nämliche zu thun, was dir jetzt bei deiner kleinen Theaterprinzeß einfällt? Daß du ſchon zweimal das Geſuch um den Heirathsconſens aufgeſetzt hatteſt und es an einem Haare hing, du hätteſt Amors heitere Cam⸗ pagnen mit Hymens triſtem Kaſernendienſt vertauſcht?— Ich zerbreche mir den Kopf über dieſem pſychologiſchen Räthſel in dir, daß du, der übermüthige Verächter und erklärte Feind des häuslichen Stilllebens, an deiner eingefleiſchten Flatterhaftigkeit ſo häufig zum Märtyrer wirſt. Haſt du nicht hundertmal geſchworen, die Ehe komme dir ſo abge⸗ ſchmackt vor, wie das Schaufenſter eines Perrüquiers mit friſirten Wachspuppen und bunten Schminktöpfen?— Und dir ſollte ich einen Heirathsconſens auswirken?— Dir, der noch keinem Mädchen länger als drei Tage treu geblieben iſt? Deſſen tägliches Lied es ſonſt war, daß er lieber als heidniſcher Türke ſterben wie als chriſt⸗ licher Ehemann leben wolle?“ „Aber wozu rufe ich dir die Worte und Grundſätze deiner Vergangenheit in's Gedächtniß zurück! Laß' uns allein die Gegen⸗ 122 — 327 wart betrachten, ob ſie deinem Heirathsprojekte günſtiger iſt, wie deine ſeitherige Lebensphiloſophie?— Du ſelber ſchreibſt mir, Charlotte be⸗ ſitze kein namhaftes Vermögen, woraus ich beinahe ſchließe, daß es ganz namenlos iſt, d. h. nicht exiſtirt. Nun aber ſage mir um’'s Kukkuks willen, Sylburg, womit willſt du eine Familie ſtandesgemäß unterhalten? Etwa mit deiner Offiziersgage? Oder mit der Geduld deiner Gläubiger? Oder mit der Ausſicht auf die Erbſchaft deiner reichen geizigen Tante?— Du biſt ein fixer, flotter Kerl, das muß dir der Neid laſſen, ſucheſt deinen Meiſter in dem was der Franzoſe noble effronterie nennt, und verſtehſt dich vortrefflich auf die Kunſt, mit anderer Leute Geld den galanten Cavalier zu ſpielen; du haſt Credit vollauf, denn jeder Wucherer borgt dir ſo viel du willſt, weil er überzeugt iſt, daß du keine Frau heirathen wirſt, die nicht min⸗ deſtens eine Tonne Goldes beſitzt.— Und nun, Freund, male dir ein⸗ mal im Geiſte das ſtarre Entſetzen deiner Manichäer, male dir den grauen Niobeblick deiner ahnenſtolzen und ſtrenggläubigen Tante aus, wenn es plötzlich heißt: Baron Sylburg heirathet eine Aktrice von der Hamburger Schaubühne!— Hui! Wie ſchnell werden da alle Geld⸗ kiſten zuklappen, wie ſchnell wird die gnädige Frau Tante ihr Te⸗ ſtament umſtoßen, um für Zeit und Ewigkeit die Hand von einem ſo unverbeſſerlichen debauchirten Neffen abzuziehen,— kurz, ich ſage dir, Max, du ſtehſt im Begriff, durch dieſe Heirath deine ganze Exi⸗ ſtenz zu ruiniren, und wenn du als letzten Troſt auf den Kriegs⸗ zahlmeiſter bauſt, der dir ſeither pünktlich jeden Monat deine Ma⸗ jorsgage ausgezahlt hat, ſo erinnere ich dich einfach an den Para⸗ graphen 115 im königl. däniſchen Militär⸗Codex, wo vom Schul⸗ denmachen der Offiziere die Rede iſt und der König verordnet, daß nothfalls die Hälfte der Gage bis zur vollſtändigen Befriedigung der Gläubiger zurückbehalten wird. Du weißt, ich bin ein ſchlechter Rechenmeiſter, aber ſo viel bringe ich doch heraus, daß du und deine Jungfer Galotti hundert Jahre leben müßtet, ehe ihr in den vollen Bezug deiner Gage gelanget.— Möglich, du ſpotteſt meiner, daß ich mir ſo viele Mühe gebe, dir Etwas auszureden, woran du vielleicht ſelber niemals im Ernſte gedacht haſt. Zeit deines Lebens warſt du ja bei den Frauen da immer am Ehrlichſten, wo du's am Schlimmſten mit ihnen vorhatteſt. Denn ſo oft du bis jetzt an's Heirathen ge⸗ —yy y— — 328— dacht haſt, war es auch ſchon ſo gut wie ausgemacht, daß du deiner Liebe bald überdrüſſig ſein würdeſt und dich nach Quartierwechſel ſehnteſt. Und dennoch, ich weiß kaum zu ſagen, warum ich dießmal wirklich ſo beſorgt um dich bin, und zwar nicht ſowohl aus Furcht, du könnteſt wirklich und ernſthaft an's Heirathen denken, als vielmehr da⸗ rum, daß du dich durch dieſe Liebelei in irgend einen ſchlimmen Handel verwickeln möchteſt, bei dem dir weder dein Witz noch deine diploma⸗ tiſchen Fechterkünſte Etwas helfen.— Schreibſt du doch ſelbſt, das Mädchen ſei zu gut für eine flüchtige Liebſchaft, ihre Familie ſtände in ganz Deutſchland, ſogar bei fürſtlichen Perſonen, im allerbeſten Anſehen und Charlotte ſei der Abgott von Hamburg!— Und trotz⸗ dem willſt du dich in dieſes gewagte Spiel einlaſſen? Denk“ an den Ikarus, Max, mit den wächſernen Flügeln! Es kann dir wahr⸗ lich nicht ſchaden!“ „Mein Rath iſt: Suche ſobald als möglich mit guter Manier aus dem verwünſchten Handel herauszukommen, ehe die Familie Et⸗ was von deinen Avancen bei Charlotten erfährt oder gar das Pub⸗ likum ſich an deiner Herzensgeſchichte betheiligt. Du kennſt das alte dortige Sprichwort:„Dat Hambörger Beer bruußt ſtark.“— Nimm dich in Acht und denk' an eine anſtändige Retirade; auch bei einer ſolchen bewährt ſich der gute Feldherr. Wer weiß, wo dein Weizen noch blüht! Nur keine romantiſche Schwindeleien, keine theatraliſche Poſſen mehr! Sieh' dich nach einem andern Werbeplatz für deine flatterhaften Gefühle um, ſonſt,— gewiß, Sylburg, es läuft nicht gut ab!“ So ſchrieb T. ſeinem Freunde, und wenn auch der Brief da⸗ mals keinen eigentlichen Einfluß auf den Gang der uns zum Theil ſchon bekannten Ereigniſſe ausübte, ſo iſt doch ſicher, daß Sylburg von dieſem ſo ungemein aufrichtigen Urtheil über ſein Verhältniß zu Charlotten ſo ſehr frappirt wurde, daß er weder jetzt noch ſpäter daran dachte, den Freund zu widerlegen. Halb grollte er mit T., halb gab er ihm recht, und der fatale Brief verſetzte ihn ſogar einen ganzen Vormittag in eine Art wilder Desperation, in der er die abenteuerlichſten Entwürfe faßte, wie er, der Ungunſt ſeiner Sterne zum Trotze, Charlotten heirathen, ſeinen Abſchied fordern, mit ihr nach Amerika oder nach Oſtindien gehen und ſich irgendwo und ir⸗ 329 gendwie eine neue Lebensſtellung gewinnen wolle. Ja, hätte er in dieſer Stunde den Beruf in ſich geſpürt, das auf der Bühne zu ſein, was er im Leben war, nämlich ein vollendeter und routinirter Schauſpieler, er wäre vielleicht im Stande geweſen, den Dragoner⸗ ſattel mit dem Kothurn zu vertauſchen, und Eckhof, Schröder, Brock⸗ mann in der Kunſt nachzueifern, aus Geſtalten der Fantaſie wirkliche Menſchen zu ſchaffen. Einmal kam ihm auch der Gedanke, auf der Stelle Poſtpferde zu nehmen, nach Kopenhagen zu reiſen und in voller Paradeuniform einen Fußfall bei ſeiner Tante zu thun. Aber ach! Da fiel ihm plötzlich ein, daß er ja dieſen theatraliſchen Coup ſchon zu verſchiedenen Malen ausgeführt hatte.— Wer kann wiſſen, wie ſie's aufnimmt, ſagte er ſich. Am Ende argwöhnt ſie gar, es ſei mir auf den Knieen viel mehr um ihr Geld, als in grader Poſitur um ihren Segen zu thun, und dann— gute Nacht, Erbſchaft! Sie führt zudem eine eifrige Korreſpondenz mit dem Vorſteher der Brü⸗ dergemeinde zu Herrnhut, ſchwärmt für den Grafen Zinzendorf, ich werde alſo wohl daran thun, meinen dritten und letzten Fußfall bei ihr für die äußerſte Noth aufzuſparen. Auf dieſen Umwegen kam der Baron endlich zu dem ſeiner Denkart am Meiſten entſprechenden Reſultate, ſich in ſeinem Innern mit dem Gedanken abzufinden, daß ja der Heirathseonſens ohne ſeine Schuld ausbleibe, der Geliebten aber und ihrer Familie gegenüber ſich den Schein zu geben, als warte er noch immer von einem Tage zum andern ungeduldig auf die königliche Reſolution. Er war ſchon beinahe ſelbſt davon überzeugt, daß ſein Verhält⸗ niß zu der jungen Künſtlerin einen ganz andern Ausgang nehmen werde als er Anfangs gedacht; auch ſtellte er ſich kaum noch die Unmöglichkeit in Abrede, Charlotten anders als mit den größten Opfern von ſeiner Seite dauernd beſitzen zu können; mithin blieb ihm nach ſeiner Meinung keine andere Wahl, als entweder ſein betrü⸗ geriſches Spiel mit dieſem edlen Herzen raſch abzubrechen, oder die begonnene Komödie, in der bisher die Hauptſache zu ſeinen Gunſten ausgefallen war, weiterzuführen und den kommenden Umſtänden die Entwirrung des von ihm ſo künſtlich geſchlungenen Knotens zu über⸗ laſſen. Vielleicht feſſelte ihn damals, neben ſeiner Eitelkeit, auch noch Charlottens perſönlicher Liebreiz und das Neue und Eigen⸗ 330 thümliche ſeines Verhältniſſes zu einem ſo geiſtvollen und hochbe⸗ gabten Mädchen; vielleicht wagte er auch nicht, aus Furcht vor einem öffentlichen Skandal, ſeinen Ruf in dieſer Sache zu kompromittiren; genug, er ließ das ſo bitter getäuſchte, ſo unerhört betrogene Herz ahnungslos ſeinen ſchönen Jugendtraum weiter träumen, und ebenſo wenig fiel es ihm ein, der peinlichen Ungewißheit der Familie Char⸗ lottens auf eine oder die andere Weiſe ein Ende zu machen.— Wie dies demungeachtet geſchah, haben wir bereits erzählt. Jeder andere Menſch als der rachſüchtige Sylburg würde nach einer ſo em⸗ pfindlichen Züchtigung, wie ſie Schröder ihm widerfahren ließ, ſchon aus Gründen der Klugheit ſeinen ſchleunigen Rückzug genommen haben. Daran dachte indeſſen der Baron nur ſo lange, als er über Charlottens Stimmung Zweifel hegte. Kaum aber war er darüber im Klaren, daß ihre Leidenſchaft für ihn die Rückſicht gegen ihre Familie bei Weitem überwog, ſo ſtand auch ſchon ſein Entſchluß feſt, den Bruch zwiſchen ihr und ihren Angehörigen vollſtändig zu machen und die Gewalt, die er über ihr Herz und ihren Willen ausübte, dazu an⸗ zuwenden, um ſich für den ihm zugefügten Schimpf an Schröder furchtbar zu rächen und zugleich den Triumph zu genießen, den Ruf dieſer auch in ſittlicher Beziehung ſo vortheilhaft bekannten Familie für immer zu vernichten.— Von dieſem ſchwarzen Racheplan geleitet, ſehen wir ihn von nun an all ſein Denken und Trachten dieſem Ziele zuwenden; Schröder hatte ihm ja in der Charakteriſtik des Jago den Spiegel vorgehalten, darin er ſeinen wahren Menſchen Zug für Zug wieder erkannte, und wahrlich— Sylburg war nicht der Menſch dazu, einen ſolchen Blick in ſein Inneres jemals zu verzeihen! 36. Die erſten Morgenſtunden des folgenden Tages vergingen der ar⸗ men Charlotte auf ihrem Zimmer in peinvollſter Unentſchloſſenheit, wie ſie dem gefürchteten Sturm am Beſten ausweichen ſolle, der ſie unten bei der Mutter ſicher erwartete. Unter dem Vorwande, noch mit 8 — 31— dem Einſtudiren der Rolle der Minna von Barnhelm beſchäftigt zu ſein, zögerte ſie ſo lange, bis ſie glaubte, daß das Frühſtuck vorüber ſei und der Bruder ſich in ſein Geſchäftslocal im Opernhof ver⸗ fügt habe; dann betrat ſie mit zitterndem Herzen die Stube der Mutter. Niemand als Dorothea war bei dieſer, in beider Mienen las Charlotte ſogleich das nahe Unheil. Mit ernſtem Blicke ſah die Mutter ſie anz als die Tochter auf ſie zuging, um ihr die Hand zu küſſen, entzog ſie ihr dieſelbe haſtig und ſagte, auf den Tiſch deutend, in kaltem Tone: Erſt frühſtücke, Lotte, hernach will ich dir meine Herzensmei⸗ nung ſagen. Schweigend folgte Charlotte dem Gebote und ſetzte ſich nieder; wie ſie jedoch Brod ſchneiden wollte, zitterte ſie ſo heftig, daß ſie das Meſſer wieder aus der Hand legen mußte. Dabei füllten ſich ihre Augen mit Thränen, die ſie vergebens zurückzuhalten ſuchte. Haſtig ſtand ſie auf und wollte das Zimmer verlaſſen. Bleibe! rief Frau Ackermann in gebietendem Tone und mit jenem zornfunkelnden Blick, der ihrem ſonſt ſo freundlichen Auge ſo fremd war. Du willſt wohl gar der Herzensmeinung deiner Mutter aus dem Wege gehen? Bei deinem ſaubern Baron Zuflucht ſuchen vor den gerechten Vorwürfen deiner Mutter, deiner Geſchwiſter? Ja, ja, ſieh' mich nur mit großen Augen an! Ihr Beide paßt vortreff⸗ lich zuſammen, denn Gott allein weiß, wer von Euch am Beſten Komödie ſpielt, du oder dein liebenswürdiger Rothrock!— Ach, Lotte, ſag' mal aufrichtig, wo war dein Herz, dein Verſtand, deine gute Sitte, als du dem Verführer zum heimlichen Stelldichein in's Haus der ſchmutzigen Weibsperſon folgteſt, jener portugieſiſchen Jüdin, die ihr Geld mit Dem verdient, was dir als Virginia und Emilia den Tod von Vaterhand ſo ſüß und ehrenvoll machte?— Gelten dir denn jungfräuliche Ehre und Unſchuld nur auf der Bühne Etwas, wofür ein edles Frauenherz freudig in den Tod geht? Iſt dir die Kunſt blos ein heuchleriſches Spiel mit ſchönen Gefühlen und erhabenen Tugenden, die man im Leben gradezu mit Füßen treten darf?— Da war dein ſeliger Vater doch anderer Meinung, und nach ſeiner Anſicht war kein Talent, kein Ruhm im Stande, die Fehler des Charakters und einen ſchlimmen Lebenswandel beim Künſtler zu verdecken. Wie — 332— oft hörten wir es nicht aus ſeinem Munde, daß der Schauſpieler den Menſchen auf der Bühne darſtellen müſſe, wie er iſt, im Leben aber, wie er ſein ſollte! Hier hielt die würdige Matrone erſchüttert inne und ſchien zu erwarten, daß die Tochter eine Rechtfertigung verſuchen werde. Dieſe aber ſaß bleich und unbeweglich vor ihr, die Augen ſtarr auf den Boden geheftet und hatte kein Wort zu ihrer Rechtfertigung; ſei es nun, daß das Bewußtſein der Schuld ihr jede Erwiderung unmög⸗ lich machte, ſei es, daß ſie ſchon jetzt anfing, dem Willen ihrer Fa⸗ milie zwar keinen offenen Widerſtand entgegenzuſetzen, im Stillen aber deſto hartnäͤckiger an ihrer Liebe feſtzuhalten. Dieſes beharrliche Schweigen brachte die Mutter noch mehr aus der Faſſung; ſie gab ihm die ſchlimmſte Auslegung, indem ſie bei⸗ nahe überzeugt war, daß Charlotte noch weit von einer aufrichtigen Reue wegen ihres Fehltritts entfernt ſei; ein Verdacht, der aller⸗ dings nahe genug lag, wenn ſie zu den Verirrungen der Tochter deren verſchloſſenes und eigenwilliges Weſen in jüngſter Zeit hinzu⸗ rechnete. 2 Dorothea, welche fühlen mochte, was in der Mutter vorging und die um jeden Preis einem noch heftigeren Ausbruch ihres Zor⸗ nes vorbeugen wollte, nahm ſchnell das Wort und ſagte mit tief⸗ innerſter Bewegung: O Lotte, wie oft warnte ich dich nicht vor dieſem Menſchen! Aber du in deiner blinden Schwärmerei wollteſt mir niemals glau⸗ ben, ſpotteteſt meiner Sorge und warſt immer bereit, den Baron zu vertheidigen!— Ertrag' es darum jetzt auch in Gottes Namen wie du kannſt, wenn ich dir ſage, daß du noch ſchrecklicher von ihm be⸗ trogen biſt als du uns hintergangen haſt, da du dich von ſeinen Schmeicheleien bethören ließeſt und deinen und deiner Familie guten Ruf ſo leichtſinnig auf's Spiel ſetzteſt!— Ja, armes Mädchen, dieſer Sylburg, der dir ſo zärtliche Gefühle heuchelt, iſt ein ganz ge⸗ meiner Böſewicht, ein herz⸗ und gewiſſenloſer Ehrenräuber, dem es ganz gleichgültig iſt, Wen er betrügt, und der dich ſicherlich mit der⸗ ſelben Fühlloſigkeit ſeinem Leichtſinn geopfert hätte, wie die arme Bertha, die kein Anderer als er um Tugend und Leben gebracht hat! — Ha, ſogar auf den alten Schauplatz ſeiner Laſterhaftigkeit kehrt 333 der Böſewicht zurück, um ſein ſchändliches Spiel zu wiederholen und den Fall, welchen er kurz zuvor der Tochter einer armen Obſt⸗ händlerin bereitete, nun auch an ein Mädchen aus gutem Hauſe zu bringen!— Lotte, ich ſage dir die Wahrheit, ſo wahr als ich deine Schweſter bin! Jenes unglückliche Geſchöpf, das du vergangenen Herbſt am Kugelsort im Sarge fandeſt, war das Opfer von Syl⸗ burg's Schändlichkeit, und jenes Kind, welches du damals nach dem Tode ſeiner Mutter zu dir nehmen wollteſt, war Sylburg's Kind, war das lebendige Zeugniß ſeiner Miſſethat! Es iſt ſchwer zu beſchreiben, welchen Eindruck dieſe furchtbare Neuigkeit auf Charlotten machte, da ſie trotz ihres anfänglichen Schreckens doch ſchnell ihre Faſſung wiedergewann. Denn die ganze Geſchichte hatte in ihren Augen ſo viel Unwahrſcheinliches, daß ſie beinahe überzeugt war, man wolle, was man nicht durch Ueberredung bei ihr gewinnen konnte, auf dem Wege der Täuſchung erreichen, zu welchem Zwecke man das Mährchen mit dem Kinde erfunden habe, um ſie von dem Geliebten zu trennen, ja ſogar dieſer Intrigue den Anſchein einer von ihr ausgehenden freiwilligen Entſagung zu ver⸗ leihen. Der böſe Samen des Argwohns gegen ihre nächſten Angehö⸗ rigen, den der tückiſche Sylburg ſo eifrig in ihr Gemüth geſtreut hatte, äußerte alſo noch ſchneller, wie er ſich wohl ſelber vorgeſtellt hatte, ſeine unheilvolle Wirkung; und von dem unglücklichen Vor⸗ urtheile befangen, daß Mutter und Geſchwiſter, wenn auch nur aus Liebe zu ihr, ſich mit allen Mitteln gegen den Baron verſchworen hät⸗ ten, dachte ſie kaum mehr daran, daß die Heuchelei, die ſie bei Jenen vorausſetzte, ſie bereits grade von der entgegengeſetzten Seite in ihren Schlingen gefangen habe. In der Verblendung ihrer wahnſinnigen Leidenſchaft kannte ſie nur noch einen Feind, und ach! ſuchte dieſen Feind da, wo die treueſten und redlichſten Herzen für ſie zitterten. Bei Frau Ackermann hatte, nachdem Dorothea verſtummt war und Charlotte noch immer in ihrem Schweigen verharrte, der An⸗ blick des tiefbleichen erſchütterten Mädchens die jähe Zorneshitze ver⸗ drängt und den milderen Gefühlen der Mutterliebe wieder Platz — 5 — 334— gemacht. Sie beſchwor Charlotten faſt flehentlich, ihre große Schuld doch wenigſtens ſich ſelber und ihrem Gott einzugeſtehen und einen Menſchen zu verachten, der nach Allem zu ſchließen, was Fanny dem Bruder und dem Doctor von ſeinem vergangenen Leben entdeckt habe, kein Mann von redlichem Charakter ſein könne, hinter deſſen gleißen⸗ der Außenſeite ſich vielmehr die ſchwärzeſte Lügenſeele verſtecke. Sie beſchwor ſie beim Andenken ihres trefflichen Vaters, deſſen Liebling ſie geweſen, ſich nicht an einen Unwürdigen wegzuwerfen, den ſchon allein der Umſtand als einen Menſchen von unmoraliſchen Grund⸗ ſätzen entlarve, daß ſelbſt eine ſo verrufene Perſon, wie jene Fanny, ſich von ihm losſage, und deſſen herzloſes Benehmen gegen die un⸗ glückliche Bertha genugſam errathen laſſe, welchen Lebenswandel er früher geführt habe. Dieſer Sprache aus tiefbewegtem Mutterherzen gegenüber mußte die Tochter endlich ihr Schweigen brechen, und ſie that dies, indem ſie voll Verzweiflung ausrief: O Sie haben gewiß Recht, beſte Mama! Der Mann, den Sie mir da ſchildern, verdient nicht meine Liebe, der wäre werth, daß man ihn aus tiefſter Seele verachtete und ihm jede gemeine Hand⸗ lung zutraute!— Aber ſagen Sie mir um Gotteswillen, ſage auch du es mir, Dorothea, iſt's möglich, daß ein ſolcher Menſch exiſtirt, geſchweige denn ſolches Anſehen, ſolche Achtung in der Geſellſchaft ge⸗ nießt, wie es doch bei Sylburg der Fall iſt? Müßte er nicht ſchon hundertmal öffentlich entlarvt und gebrandmarkt worden ſein? Würde eine angeſehene Familie, würden gottesfürchtige Verwandte, deren Briefe er mich doch leſen ließ, ſo große Stücke auf ihn halten und ihn noch ferner in ihrer Gemeinſchaft dulden?— Und Ihr ſelber ſeht ihn nun ſchon ſo lange Zeit täglich in unſrem Hauſe, und doch hat noch Niemand außer Fritz ſeinem Charakter mißtraut!— Ach, er iſt unglücklich, glauben Sie es mir, beſte Mutter; ein dunkles Geſchick, das ich ſelber nicht kenne, laſtet auf ſeiner Vergangenheit; gewiß, wer ſo leidet wie er, der kann nicht ſchlecht, nicht niedrig denken, und wenn er wirklich fehlte, ja, wenn es ſelbſt wahr wäre, daß er mit jener Bertha ein ſolches Verhältniß gehabt hätte, iſt er darum ſchon ein fühlloſes Ungeheuer? Können nicht tauſend uns unbekannte Umſtände noch zu ſeinen Gunſten ſprechen? Und ſollte ich, die einzige — 335— Seele in der Welt, die ihn ganz verſteht, ſollte ich den erſten Stein gegen ihn aufheben? Und wer iſt ſeine Anklägerin? Eine verrufene, intriguante Perſon, die eben ſo gut vom Verrath wie von der Ver⸗ ſchwiegenheit lebt und die—— Und die du trotzdem für gut genug hielteſt, um ſie zur Pro⸗ tektorin deines Liebesverhältniſſes zu machen! ſiel ihr die Mutter ge⸗ reizt in's Wort. Geh' mir mit deinen Sophismen zu Gunſten des Barons! Er iſt ſchlecht, grundſchlecht, ſonſt hätte er beſſer gewußt, dich vor deinem eigenen Leichtſinn zu ſchützen, hätte mehr Reſpekt vor deiner Mädchenehre gehabt, um dich in ein ſolches Haus zu verlocken. Zögernd, aber doch mit feſter Stimme erwiderte Charlotte nach einer Pauſe: Das hatte er nicht einmal nöthig, beſte Mama; denn ich ſchwöre Ihnen, daß ich ſchon mehre Wochen zuvor, als von einem Verhält⸗ niß zwiſchen mir und dem Baron noch gar nicht die Rede ſein konnte, daß ich damals ſchon Fanny in ihrem Hauſe auſſuchte, die erſt durch mich mit Sylburg bekannt wurde. Das lügſt du! rief Frau Ackermann, in welcher zu dem kaum verhaltenen Zorne über der Tochter Widerſpruch, nun noch der Ab⸗ ſcheu gegen dieſe neue vermeintliche Lüge hinzukam, während ihr doch Charlotte wirklich, ſoweit ſie ſelbſt es wiſſen konnte, nur die volle Wahrheit bekannt hatte.— Das lügſt du, ſo wahr ich deine Mutter bin! Denn Fanny ſelbſt hat es eingeſtanden, das dein ſaubrer Lieb⸗ haber ſchon Jahr und Tag zuvor bei ihr aus⸗ und einging, ja, daß ſie es war, die er dazu benutzte, um die Tochter der armen Obſthändlerin, jene unglückliche Bertha, durch allerhand Verführungskünſte zu bear⸗ beiten, bis ſie ſich von ihm bethören ließ.— Geh' hin und frage die elende Perſon ſelbſt, wenn du's noch nicht weißt oder in deiner Mutter Worte Mißtrauen ſetzeſt; ſie wird dir Alles haarklein berich⸗ ten und dir auch die Briefe zeigen, die dein nobler Werbeofftzier an jenes Mädchen ſchrieb. Haſt du aber auch daran noch nicht ge⸗ nug, ſo gehe zum Brookthorswall und frage nach der alten Wittwe Gades, die wird dir erzählen, durch welche Mittel der ſchlechte Menſch ihre arme Tochter um ihre Unſchuld betrog; du kannſt dir das ein Bischen ad notam nehmen, Lotte, und damit die ſchönen —— — 336— Redensarten und Schmeicheleien vergleichen, durch die er dich vom Pfad der Zucht und Ehrbarkeit verlockt hat! Sie würde vielleicht in dieſer heftigen Sprache noch weiter fort⸗ geeifert haben, wenn nicht in dieſem Augenblick der zu ſo früher Stunde ganz ungewöhnliche Beſuch der Etatsräthin ihre Strafpredigt unterbrochen hätte. Von Schröder begleitet, dem ſie unten auf der Straße begegnet war, trat die alte Frau in's Wohnzimmer, und ihre ſchreckensbleiche Miene, die Unordnung ihrer Toilette, da ſie nur ihr gewöhnliches Hauskleid anhatte, verrieth ſogleich Allen, daß ſie von dem Geſchehenen bereits unterrichtet und in ihrer Herzensangſt hierher geeilt ſei, um Charlotten zu tröſten und ſie vor dem Zorn der heftigen Mutter zu beſchützen. Denn nicht ſobald ſah ſie ihr theures Kind in Thränen aufge⸗ löst daſitzen, als ſie in tiefſter Bewegung ausrief: Ach, meine Lotte!— Dacht' ich's doch beinahe, daß ſie dich noch obendrein mit ihren Vorwürfen plagen würden, als wenn du, armes Kind, nicht ſchon Herzeleid genug hätteſt!— Was? Die eigne Mutter ſeh' ich ohne Erbarmen, zornentbrannt gegen die Tochter, die doch wahrlich aus mehr als einer Urſache Mitleid und Schonung verdient! Oder ſind wir etwa nicht Alle an ihrem Unglück ſchuld? Hat der ſchändliche Menſch ſie nicht unter unſern Augen, ja ſelbſt mit unſerm Beiſtand, elend gemacht?— Ja, ſchaut mich nur grimmig an und runzelt die Stirne, böſe Frau; meine Lotte iſt doch unſchuldig, und hätten wir Alten und Erfahrenen beſſer die Augen aufgethan, hätten wir uns nicht zuerſt von dem Heuchler einnehmen und verblenden laſſen, es wäre nimmer ſo weit mit dem unglücklichen Liebeshandel gekommen und meine arme Lotte brauchte ſich jetzt nicht ſo heftig darüber abzuhärmen. Fort darum mit der nutzloſen Moral, wo ge⸗ ſchehene Dinge ſich nicht mehr ändern laſſen! Einmal, daß Ihr's Alle wißt, hab' ich den größten Theil an Charlottens unglücklichem Irrthum, und zum Andern duld' ich⸗s abſolut nicht, daß dem Mäd⸗ chen noch weiter zugeſetzt werde. Sonſt nehm' ich ſie gleich mit in mein Haus und gebe ſie nicht eher wieder los, als bis Ihr mir verſprecht, ſie in Frieden zu laſſen! 4 Dieſe energiſche Drohung, der nöthigenfalls ein energiſcher Wille zur Seite ſtand, hatte wenigſtens für Charlotte die gute Folge, daß x—— — 337— der mütterliche Zorn von ihr auf die Freundin abgelenkt wurde; denn in ſo großem Anſehen ſonſt auch die Etatsräthin im Hauſe am Kreyenkamp ſtand, waren doch weder Frau Ackermann noch Schröder mit dem Einfluß zufrieden, den ſie diesmal ausgeübt hatte, indem ja ſie es vornehmlich geweſen war, welche zuerſt das Ver⸗ hältniß mit Sylburg begünſtigte und den Liebenden in ihrem Hauſe eine Freiſtatt verlieh, zu einer Zeit, da Charlottens Angehörige dem Baron noch entſchieden abhold waren. Frau Ackermann, einmal mit ihrem heftigen Weſen im Zuge, ließ darum die Etatsräthin nicht lange auf eine Antwort warten, ſondern rief in bitterem Unmuth: Ei, nun fehlte blos noch, daß unſre liebe alte Frau auch den Herrn von Sylbburg vertheidigte, der ja zudem von Anfang an in ganz beſonderer Gunſt bei ihr ſtand!— Zwar in meinen Augen iſt und bleibt er ein lüderlicher Gauch, ein Betrüger und Ehrenräuber von Profeſſion, an dem nichts reell iſt als die Heuchelei, womit er ſeine Schandthaten praktieirt! Mein Herz war immer gegen ihn, auch wenn er mich wirklich durch ſeine gleißende Artigkeit für ſich einnahm, im Stillen hatte ich doch beſtändig die Furcht, es werde uns dieſer Handel noch einmal theuer zu ſtehen kommen und dann noch mehr in Rauch aufgehen als die romantiſchen Luftſchlöſſer meines verliebten Töchterleins!— Na, hab' ich etwa Unrecht gehabt? Hat Fritz Unrecht gehabt, der den Herrn Baron vom erſten Augenblick an durchſchaute? Ei, das iſt ja auch Euer Metier, Masken zu erkennen, verſetzte die alte Frau, an der nun die Reihe war, recht boshaft zu werden. Was mich betrifft, ſo will ich's nicht leugnen, daß mich der Baron vollſtändig berückt hatte, ſo vollſtändig, daß er faſt der einzige mir bekannte Mann war, dem ich die Lotte von Herzen gegönnt hätte. Denn ich hielt ihn für einen vollkommenen Cavalier und Ehren⸗ mann; hätte jemals ein Argwohn gegen ihn in meiner Seele Raum gewonnen, hätte ich ihn ſolcher Schlechtigkeiten, die nun auf ihn her⸗ auskommen, für fähig gehalten,— Gott der Allwiſſende ſei mein Zeuge, er wäre nimmer Lottens Verlobter geworden— ja, ja, trotz Mutter und Bruder, die ihn durchſchauten und doch gewähren ließen, D. B. II. Müller's Charl. Ackermann(. 22 — — 338— hätte ich Alles daran geſetzt, ihn vollends zu entlarven und uns von einem ſolchen Ungeheuer zu befreien. Die alte Frau hat Recht, verſetzte Schröder mit ſchwerem in⸗ neren Kampfe. Aber ſo wahr Gott im Himmel lebt, ich allein bin der Schuldige, da ich es gegen meine feſte Ueberzeugung von dieſes Menſchen Unwürdigkeit doch ſo weit mit ihm kommen ließ!— Sie, beſte Mutter, waren ja ſo ſehr von ihm eingenommen, daß ich ſelber eine Zeitlang mich bei Ihrer Sicherheit beruhigte, bis mir denn freilich zu ſpät die Augen aufgingen. Charlotte hatte während dieſes Geſpräches allmälig ihre Faſſung wiedergewonnen und konnte unter dem treuen Beiſtand der Freundin wenigſtens ſo viel erlangen, daß ihr Schröder die Begebenheiten, um die es ſich hier handelte, im Zuſammenhang mittheilte und ſie be⸗ ſonders über das Verhältniß aufklärte, in welchem der Baron zu jener Bertha geſtanden haben ſollte. Das Schickſal des unglücklichen Kindes, das einſt Charlotte am Kugelsort gefunden, machte einen tiefen Eindruck auf ſie, und beſonders ihr zufälliges Zuſammentreffen mit demſelben vor ihrer Bekanntſchaft mit Sylburg kam ihr jetzt, wo plötzlich jene Scene im Hauſe der Stockelhörnin in ſo unmittel⸗ bare Beziehung zu ihrem eignen Leben trat, wie die Vorherbeſtim⸗ mung eines mit ihrer Gegenwart und Zukunft innig verwebten ge⸗ heimnißvollen Schickſals vor,— ein Fatalismus, aus welchem ihr ſchwärmeriſches Gefühl eben ſo ſchnell die weitere Conſequenz zog, grade darum ſei Sylburg noch jetzt der ihr von der Vorſehung beſtimmte Mann. Doch hütete ſie ſich wohl, dieſen Gedanken ihren Angehörigen und der alten Frau zu verrathen; denn Letztere war womöglich noch erbitterter auf den Major als Frau Ackermann ſelbſt und ſchwor hoch und heilig, das ſei der letzte Menſch geweſen, dem ſie, ohne ihn vorher genau geprüft zu haben, ihr Vertrauen ſchenken werde. Mit inniger Theilnahme war ſie dann wieder um Charlotten beſorgt, ſie zu tröſten und ihr den Segen auszumalen, von einem ſolchen Men⸗ ſchen noch zur rechten Stunde erlöst worden zu ſein, da man ja gar nicht wiſſen könne, was nicht noch Alles über ihn und ſeine Vergangenheit an den Tag kommen werde. Viel gäb' ich darum, die Gräfin Lindenkron einmal über dieſen Menſchen und ihr ehemaliges Verhältniß zu ihm zu hören, ſagte ſie 8 — 339— plötzlich in prophetiſchem Tone. Das iſt gewiß auch ein unreiner Kram beweſen, und alle die Verleumdungen, die er gegen ſie vorbrachte, ſind ſicherlich aus ſeiner eignen ſchlechten Seele entſprungen. Wenn ſchon eine Perſon wie jene Fanny Verdacht ſchöpfte, er möge es mit dem verſtorbenen Grafen nicht redlich gemeint haben, wie viel mehr müſſen wir das Schlimmſte bei ihm vorausſetzen! Es war gewiß Etwas an der Geſchichte mit dem Piſtolenſchuß.— Aber laßt uns nicht weiter über dieſen unheimlichen Menſchen nachdenken— Lotte, wenn du mich auch nur ein Bischen lieb haſt, ſo ſchreibſt du ihm auf der Stelle ab und gibſt dem Herrn Baron den Laufpaß. Drei Zeilen ſind genug, denn ein kurzer Styl iſt unter Umſtänden beſſer wie ein langer Prügel. Schreib' ihm, daß du ihn verachteſt, daß wir Alle ihn verachten, weil er dich und uns gottesläſterlich betrogen habe. Ich ſelber ſchick' ihm noch heute ſeine indiſchen Präſente zurück, denn ich will Nichts von ihm im Hauſe haben, was mich ſtündlich an meine eigne Blindheit erinnern müßte. Jener Menſch, der ſich für einen polniſchen Grafen ausgab, ſtahl mir doch nur meine ſilbernen Löffel, dieſer däniſche Windbeutel aber hätte mir ſchier meine Lotte geſtohlen und meinen Lebensfrieden obendrein!— Ja, er ſoll ſeine Bajaderen⸗ lappen wiederhaben. Ach, wer weiß, was uns der däniſche Windbeutel damals mit der ſchönen Amany für eine abenteuerliche Geſchichte auf⸗ gebunden hat! Am Ende iſt Niemand anders als er jener Lieutenant geweſen, um den das arme indiſche Kind den Feuertod erleiden mußte, und von dem er uns erzählte, daß derſelbe ſpurlos verſchwunden ſei. Wer weiß, wie manchmal dieſer Herr von Sylburg ſchon nach ſolchen Liebesaffairen unſichtbar geworden iſt!— Trag' dein Leid mit Kraft und Geduld, theure Lotte, es gehört ja mit zum Leben, daß dem ſchönſten Glauben oft die bitterſte Enttäuſchung folgt. Der beſte Menſch bleibt immer der, welcher darum doch ſeinen Glauben feſthält und die Menſchheit nicht mit den Menſchen verwechſelt.— Adieu, Adieu! Heute Abend bin ich in Eurer Gitterloge und hoffe, daß meine holde Minna den wackern Major von Tellheim nicht wird entgelten laſſen, was der ſchlimme Major von Sylburg ihr Leids zugefügt hat. Sie umarmte nach dieſen Worten Charlotten, drückte der Mutter und dem Freunde herzlich die Hand und ging unter Dorotheens Ge⸗ — 340— leite weg. An der Treppe flüſterte ſie dieſer mit vor innerer Be⸗ wegung zitternder Stimme in's Ohr: Gute Dorta, auch mit dir hab' ich noch ein Hühnchen zu pflücken, aber freilich ein ganz anderes wie mit unſerer Lotte. Komme heute Abend nach der Vorſtellung auf ein Stündlein zu mir! Dann ſollſt du inne werden, daß der liebe Gott uns für den Schrecken, den uns Lotte verurſacht hat, ſchadlos halten will durch eine eben ſo große Freude. Was könnte das ſein? rief Dorothea und ein dunkler Purpur bedeckte ihr Geſicht. Es könnte ſein, verſetzte die alte Frau nach einigem Zögern mit feierlichem Ernſte, daß der liebe Gott am Glück der Schweſter unſrer armen bethörten Lotte ein Zeichen geben will, wie die falſche Liebe ſich von der wahren unterſcheidet, und wie das Herz ſicher am Erſten ſeinen Lohn findet, das ſein Glück nicht um den Preis ſeines Friedens verkaufen will. Komm' nur, komm' nur, liebe Dorta, mein Doctor iſt auch da! 37. Welch' ein Unterſchied zwiſchen der glücklichen Minna von Barn⸗ helm und der armen, von allen Zweifeln des Herzens gequälten Charlotte; zwiſchen dem Kampfe hochherziger Liebe mit einem eben ſo hochherzigen Ehrgefühl, und jenem ſchrecklichen Kampfe, den Charlotte mit ſich und der Welt zu beſtehen hatte!— Wahrlich, es ſoll uns nicht Wunder nehmen, daß ſie heute, wo Minna von Barnhelm gegeben werden ſollte, mit dem Gefühle in's Theater fuhr, ſie werde in ſolchem Zuſtand gänzlicher Niedergeſchlagenheit und Verzweiflung weder die Minna noch überhaupt eine Rolle ſpielen können. Wie ein ſchwarzer Flor lag es ihr auf Seele und Sinnen, die heftigen Er⸗ ſchütterungen des heutigen Morgens hatten ihr Gemüth völlig ge⸗ lähmt und ſie zu jedem andern Gedanken als dem an ihr Unglück unfähig gemacht; mechaniſch ließ ſie ſich von ihrer Garderobejungfer ankleiden und alle Troſtreden von Mutter und Schweſter vermochten — 341— * nicht, ſie den Schauern zu entreißen, mit denen Angſt und Ver⸗ zweiflung beſtändig ihr Herz erfüllten. Zuletzt ging Frau Ackermann beſorgt in’'s Prinzipalzimmer und erklärte dem Sohne, daß man Charlotten in dieſem Zuſtand nicht auftreten laſſen dürfe, man müſſe das Aeußerſte für ihre Geſundheit beſorgen, ſie werde im beſten Falle ihre Rolle nicht zu Ende ſpielen können. Und doch wußte Schröder keinen Rath, da es längſt zu ſpät dazu war, um noch ein anderes Stück einzuſchieben. Das Publikum hätte ſich auch ſchwerlich in eine ſolche Enttäuſchung gefunden, wiewohl die noch heutzutage ſo beliebte Ent⸗ ſchuldigung„eingetretener plötzlicher Hinderniſſe wegen u. ſ. w.“ ſchon damals im Gebrauch war; es blieb daher keine andere Wahl übrig, als bei der angekündigten Vorſtellung zu beharren und das Stück, das bei den Hamburgern in ſo großer und wohlverdienter Gunſt ſtand, ſeinem guten Schickſal und dem wunderbaren Genius Eckhof's, der den Tellheim ſpielte, zu überlaſſen. Kurz vor der Vorſtellung verlangte plötzlich Charlotte dieſen zu ſprechen, und Eckhof erſchien ſogleich, um nach ihrem Wunſche zu fragen. Er war bereits im vollen Koſtüme des verabſchiedeten Ma⸗ jors und ſelbſt den gelähmten Arm hielt er unwillkührlich ſteif, als ſtände er ſchon auf der Bühne vor ſeinen Zuſchauern. Mit mili⸗ täriſchem Anſtande fragte er, womit er ſeiner angebeteten Minna dienen könne, war aber nicht wenig erſtaunt, als Charlotte ihre Mutter und Schweſter bat, ihr ein Wort unter vier Augen mit dem Freunde zu gönnen. Nach deren Weggehen ſagte ſie zu dieſem mit einer Thräne im Auge: Sie wiſſen, daß ich ſonſt die Franziska mit einigem Glück ge⸗ ſpielt habe, lieber Eckhof. Ich habe jedoch auf des Bruders Wunſch dieſe Rolle an Madame Reinike abgegeben und ſpiele heute zum Zweitenmal die Minna. Um auch dieſe Rolle, wie Leſſing noch neulich ſchrieb, gleich Allem was Sie ergreifen, zum Werk Ihres Genies zu machen, er⸗ widerte Eckhof mit Wärme. Denn das glauben Sie mir, Lotte, ſeitdem Sie ſtatt der Franziska die Minna ſpielen, hab' ich erſt den Tellheim richtig begriffen und Ihr Meiſter, wie ſie ſonſt mich nann⸗ ten, eifert der Schülerin nach. Der werden Sie ewig bleiben, mir und Allen, die nach Ihnen — . 8. 8 3 8 4 k— 8383 31383383 ſſ“ deutſche Komödie ſpielen, ſagte Charlotte gerührt. Aber dennoch, fügte ſie zögernd hinzu, während ihr Auge unſicher auf dem Kunſt⸗ genoſſen ruhte; dennoch iſt Etwas an Ihrem Tellheim, was mich ſchon bei der erſten Vorſtellung, da ich Ihnen als Minna gegenüber⸗ ſtand, ganz aus der Faſſung brachte. Heute, wo es wieder vor⸗ kommen ſoll, bin ich,— ich geſtehe es offen,— nicht im Stande, es zu ertragen und Sie müſſen darum mir zu Liebe einige Worte Ihrer Rolle ungeſagt laſſen. Davor ſoll mich Gott und Leſſing behüten! rief der große Künſtler beſtürzt über dieſe unerwartete Zumuthung. Eher wollte ich mir als Eckhof eine Kugel vor den Kopf ſchießen, wie als Tellheim gegen dieſes herrliche Gedicht fündigen. Reden Sie, reden Sie, Charlotte, was kann Ihnen an meiner Rolle ſo fatal ſein, daß Sie Solches von mir fordern? Iſt dieſer Tellheim nicht ein vollkommen muſter⸗ hafter, ſtreng ſittlicher Charakter? Spricht er auch nur ein einziges Wort gegen Tugend und Anſtand? Aber er ſagt Etwas, das ich nicht hören kann, heute nicht! erwiderte Charlotte mit allen Zeichen einer wahren Seelenangſt in Blick und Miene. Eckhof, wenn Sie mir nur ein Bischen gut ſind, wenn Ihnen am Frieden meiner Seele Etwas gelegen iſt, ſo ſchwö⸗ ren Sie mir, daß Sie nur einige wenige Worte in Ihrer Rolle nicht ſprechen wollen, heute nicht, denn es könnte ſein, daß ich— ſie nicht ertrüge! 8 Was haben Sie, Lotte? fragte der Künſtler, ebenſo erſchüttert durch ihren leidvollen Anblick wie durch den flehenden Ton ihrer Bitte. Nun ja denn, ich will jene Worte ungeſprochen laſſen, obwohl es zum Erſtenmal in meinem Leben geſchieht, daß ich einen großen Dichter verketzere und obendrein gegen das Theatergeſetz handle. An dieſem klaſſiſchen Stück zumal, das die Hälfte unſres Publikums auswendig weiß,— doch ich ſage Ja, ich will Ihnen zu Liebe nach⸗ nachgeben, nur geſchwind, nennen Sie mir die Stelle, die Ihnen ſo furchtbar iſt— heute ſo furchtbar. Welche iſt’s? Charlotte ſenkte erbleichend den Blick zu Boden und erwiderte: Im vierten Auftritt in der ſechsten Scene ſagt Tellheim zu Minna:„Es iſt eine nichtswürdige Liebe, die kein Bedenken trägt, ihren Gegenſtand der Verachtung auszuſetzen.“ Dieſe Worte dürfen * na, Seue * 343 Sie heute nicht zu mir ſprechen, Eckhof,— ſie ſind mir dieſen Mor⸗ gen mit einer kleinen Abänderung ſchon einmal geſagt worden,— man hat mir damit ein Meſſer in die Bruſt geſtoßen und Sie, Eck⸗ hof, Sie wollen dieſes Meſſer gewiß nicht noch tiefer drücken!— O es blutet ſchon zu lange, dieſes unglückliche hartgeprüfte Herz! Lotte, was haben Sie? Was iſt Ihnen begegnet? rief der treue, väterliche Freund in tiefſter Bewegung. Denn er liebte ſie wie ſein eignes Kind, und es war ſein höchſter Stolz, ſich den Lehrer dieſer jungen ihm ebenbürtigen Künſtlerſeele nennen zu hören.— Be⸗ ruhigen Sie ſich, armes Kind, fuhr er in ſanfterem Tone fort, da Charlotte in Thränen ausbrach. Ja, ich werde die Ihnen ſo fatalen Worte weglaſſen und hoffe es vor unſerm Leſſing entſchuldigen zu können. Aber nun müſſen Sie ſich auch faſſen, Lotte, hören Sie, gleich⸗ beginnt das Stück, und Sie kennen meine Gewohnheit, daß ich gerne mit kaltem Blute auf der Bühne erſcheine. Ein andermal ſprechen wir weiter davon, der alte Eckhof darf ſeine junge Freundin nicht unglücklich wiſſen,— ha, und ich wollte den ſehen, der mir das Recht ſtreitig machte, meine Charlotte zu beſchützen, wenn es nicht,— fügte er mit einer eignen Betonung hinzu und faßte ſie dabei ſcharf in's Auge— wenn es nicht jener mir ſo fatale Menſch iſt, der—— Er konnte ſeinen Satz nicht beenden, denn in dieſem Augen⸗ blick ertönte auf dem Corridor die Schelle des Regiſſeurs, welche die im erſten Akte Mitſpielenden nach der Bühne und auf ihre Plätze rief. Eckhof drückte ihr daher nur noch haſtig die Hand, drohte ihr 38. „Minna von Barnhelm oder das Soldatenglück?“ Donner⸗ wetter, das fehlt noch, daß die Komödianten den edlen Soldatenſtand durch ihre Poſſenreißereien herabwürdigen! ſagte der alte Obriſt von —— — Hollbach, Ulrikens wackrer Oheim, als ihm ein Zufall den Theater⸗ zettel zur heutigen Vorſtellung in die Hand ſpielte. Der militäriſche Beiſatz des Titels hatte ſeine Neugierde gereizt, er las die Namen der handelnden Perſonen des Stückes und der Erſte, der ihm in's Auge fiel, war:„Major Tellheim, verabſchiedet.“ Was? Ein Major ſpielt Komödie, und verabſchiedet obendrein! murmelte unwillig der alte Haudegen. Kann man ſo ſehr ſein Porteépée beſchimpfen, daß man ſich und ſeinen ehrenwerthen Stand zum Amuſement einer ſchauluſtigen Menge hergibt? Und„Paul Werner, geweſener Wachtmeiſter des Majors?“ Alle Teufel, das mag mir auch eine ſchöne Sorte von Wachtmeiſter ſein, dieſer Paul Wer⸗ ner, der ſich zu ſolchem Affenſpektakel hergibt! Auf die Latten müßte mir der Kerl!— Grimmig warf der Obriſt den Theaterzettel auf den Boden und trat ihn mit Füßen, hätte vielleicht auch ſeinem ſonderbaren Zorn noch durch weitere Wuthausbrüche Luft gemacht, wenn ihm nicht plötzlich der Gedanke durch den Kopf gefahren wäre, er wolle die ſeinem Stand zugedachte Ehrenkränkung, daß ſich hergelaufene Komödianten und Poſſenreißer öffentlich als penſionirte Wachtmeiſter und Majore zu produciren erlaubten, mit eignen Augen anſehen und bei dem erſten reſpektswidrigen Attentat auf die militäriſche Ehre, grimmig mit ſpaniſchem Rohr und blanker Klinge dazwiſchen fahren und an frechen Komödienſpielern, die mit einem penſionirten Major und einem geweſenen Wachtmeiſter ſo läſterliche Späße vorhätten, furcht⸗ bare Rache nehmen. Wir kennen den alten Obriſten von Hollbach und ſeine Bizar⸗ rerien aus früherer Schilderung ebenſowohl, wie ſeine Abneigung gegen jede Art von Opern⸗ und Komödienſpiel; er hatte überhaupt von Theater und Kunſt nur höchſt unklare Begriffe, ſeine Moral und ſeine rauhe Soldatennatur konnten ſich ſchlechterdings nicht mit ſolchem ſinnenreizenden Augen⸗ und Ohrenkitzel befreunden und die Ankün⸗ digung des heutigen Stückes entflammte darum in dem ſonſt ſo gut⸗ müthigen Hauptmann von Kapernaum ſeinen Widerwillen gegen die Schaubühne zur höchſten Wuth. Ohnedies genugſam verbittert durch die ihm ſelber, einem alten verdienten Offizier ſeines Königs, zu Theil gewordene Kränkung und Zurückſetzung, war es ihm ein — 8 —, — — — 345— doppelter Gräuel, daß ein gleichfalls verabſchiedeter Major, der ſich von Tellheim nannte, vor vielen hundert Zuſchauern zum Geſpötte werden ſollte. Und in weniger als einer halben Viertelſtunde war ſein Plan fertig und ohne einem Menſchen im Hauſe ein Wort von ſeinem Vorhaben zu ſagen, warf er ſich in volle Paradeuniform, darüber ſeinen gewöhnlichen Reitermantel, und begab ſich nach dem Opern⸗ hofe. Wirklich fand er noch einen Platz in einer der vorderen Par⸗ terrereihen, wo er ſich ohne große Umſtände zwiſchen die Sitzenden eindrängte, was von Seiten derſelben nicht ohne Unbequenlichkeit empfunden wurde. Man begaffte neugierig die ſonderbare verwitterte Erſcheinung, deren Geſicht von dem aufgeſchlagenen Mantelkragen faſt ganz bedeckt wurde; hier und da wurde ein vernehmliches Mur⸗ ren laut, Andere lachten, aber der alte Soldat kümmerte ſich wenig um die verwunderten und ärgerlichen Blicke, ſondern faßte unerſchüt⸗ terlich immer feſter Poſto und ließ nur einmal, als der ihm zunächſt Sitzende, ein kleiner ältlicher Herr mit einem Höcker, ihn mit iro⸗ niſcher Höflichkeit fragte, ob er ſich ihm nicht lieber gleich auf den Schooß ſetzen wolle, ein zorniges Brummen hören, das ungefähr wie„Gradaus!“ lautete. Bald ging der Vorhang in die Höhe und das in der Geſchichte der deutſchen Bühne epochemachende militäriſche Luſtſpiel, welches bald zahlloſe Nachahmungen hervorrief, nahm ſeinen Anfang. Knurrend und murrend und trotz des beſchränkten Raumes zum großen Aerger ſeiner Nachbarn beſtändig unruhig auf dem Sitze hin⸗ und herrückend, ſchenkte unſer theaterfeindlicher Hauptmann von Kapernaum den beiden erſten Scenen zwiſchen Juſt und dem Wirthe nur eine ärgerliche Theilnahme und unterbrach alle Augenblicke den Dialog durch eine unzufriedene Randgloſſe. Das Pſt! ſeiner nächſten Um⸗ gebung ſtörte ihn dabei wenig, und erſt, da Eckhof als penſionirter Major Tellheim, vom donnernden Applaus des vollen Hauſes em⸗ pfangen, auf der Bühne erſchien, fing ſein Kriegskamerad im Parterre an, der Vorſtellung mit größerer Aufmerkſamkeit zu folgen und ſeine ſtörenden Zwiſchenbemerkungen einzuſtellen.— Der Schauſpieler⸗Major war aber auch eine ſo vollkommen reſpektable Soldatenerſcheinung, daß man's dem Manne auf den erſten Blick anſah, wie der jeden⸗ —————— — 346 falls auf dem Schlachtfeld, im heißen Kampfgewühle beſſer an ſeinem Platze ſei als in dem Vorzimmer von Miniſtern und Hofleuten. Dieſe echt ſoldatiſche Haltung, dieſe würdevolle Ruhe und Sicherheit in jedem Wort, jeder Bewegung bekundete ebenſowohl den im Kriege bewährten wie in Friedenszeit tüchtigen Bataillonschef, jeder Zoll an ihm war Bravour, echte Mannesehre, es wurde dem alten däni⸗ ſchen Obriſten, je länger er dieſem deutſchen Major in's Geſicht ſchaute, immer wärmer um's Herz, er durchlebte noch einmal im Geiſte ſeine eigene kriegeriſche Vergangenheit und zuweilen war es ihm zu Muthe, als ſei er dieſem Major Tellheim ſchon früher ein⸗ mal irgendwo begegnet und ſchon damals ganz von dem Ehrenmann eingenommen worden. War aber ſchon der Eindruck der äußern Erſcheinung ein ſo günſtiger, um wie viel mehr mußten Tellheim's Lebensſchickſale, die ihm widerfahrene ſo unverdiente Zurückſetzung und ſeine gegenwär⸗ tige traurige und verlaſſene Lage das tiefſte Mitgefühl bei dem alten Obriſten erwecken, er, der ja das Alles an ſich ſelber erfahren, den man ebenſo ungerecht gekränkt und zurückgeſetzt hatte, ohne daß ihm bis zur Stunde Satisfaction geworden wäre! Auch über ihn trium⸗ phirten boshafte Verleumder, niedrige Intriguanten, und der alte, verdiente Offizier mußte es erleben, daß er verabſchiedet wurde, weil man von Seiten ſeiner Oberen ſeine wahren Verdienſte ebenſowenig einſehen wollte wie beim armen Tellheim.— Alle dieſe trüben Bilder und Rückerinnerungen an ſeine eigne Vergangenheit verwebten ſich allmälig, ihm ſelber unbemerkt, ſo innig mit denen des wha ſäne ler-Majors, daß er zuletzt kaum mehr zu unterſcheiden wußte, was davon eignes Erlebniß und was Tellheim's Schickſal war. So kam es denn, daß des Letzteren Liebesverhältniß zu dem ſchönen Fräulein von Barnhelm ſich im Fortgang der Handlung mehr und mehr zur Reminiſcenz ſeiner eignen Vergangenheit geſtaltete, die einmal geweckte Einbildungskraft des guten Obriſten dieſe Minna mit dem Gegen⸗ ſtand ſeiner erſten und einzigen Jugendliebe verwechſelte und ttauſend lebendige glückliche Erinnerungen in ſeinem gerührten Herzen wach wur⸗ den. Auch er hatte ja einſt geliebt und war wieder geliebt worden, ganz ſo wie Tellheim; und wenn auch ein anderes Schickſal als dasjenige, welches über dieſem und Minna waltete, ihm die geliebte Braut 2 1 ——— — 347— geraubt hatte, ſo war das im Grunde doch nur eine Nebenſache, und die Hauptſache blieb am Ende doch die Liebe ſelber. Die Erſcheinung Charlottens als Minna von Barnhelm im zweiten Akte vollendete die glückliche Täuſchung des alten Soldaten⸗ herzens, und ihr liebreizendes Weſen, ihre bezaubernde Anmuth und Innigkeit ließen ihn bald ganz vergeſſen, daß er nicht Mitſpielender, ſondern nur Zuſchauer, und ein ganz Anderer als er dieſe Minna zu lieben und zu beſitzen beſtimmt ſei. Die Bewegung ſeines In⸗ nern wuchs, je länger Tellheim dem herrlichen Weſen gegenüber den Spröden und Unbeugſamen ſpielte, bald arbeitete wieder die Zunge mit, um dem vollen Herzen Onkel Anton's Luft zu machen, in län⸗ geren oder kürzeren Sätzen unterbrach er alle Augenblicke den Dialog der beiden Liebenden und zog dadurch neuerdings die Aufmerkſamkeit der in ſeiner Nähe Sitzenden auf ſich. Sein Nachbar zur Rechten, jener kleine Mann mit dem Höcker, deſſen wir bereits erwähnten und der, wie der Leſer wohl ahnen wird, zu ſeinem und des alten Obriſten Unſtern kein Anderer war, als der uns ſchon bekannte geiſtvolle Schriftſteller und Poet, Doctor Dreyer, dieſer fing allmälig an, dem, was ihm alle Augenblicke von dem alten närriſchen Herrn in's Ohr geflüſtert wurde, eine größere Aufmerkſamkeit zu ſchenken als dem Stücke und den Reden der han⸗ delnden Perſonen. Er glaubte bald zu merken, daß es in dem Kopfe des wunderlichen Alten nicht richtig ſei, dieſe neue Art von Doppel⸗ ſchauſpiel im Parterre und auf der Bühne, wobei der Zuſchauer re⸗ dend an der Handlung Theil nimmt, beluſtigte ihn ungemein und er belauſchte darum mit wachſender Neugierde, was Jener in ſtillem Selbſtgeſpräche dem Leſſing'ſchen Text eigenmächtig zufügte. Da fehlte es denn freilich nicht an höchſt pikanten und kernigen Re⸗ densarten, an derben Kaſernen⸗Flüchen und Ausrufungen; wollte Tellheim das Fräulein durchaus nicht beſitzen, ſo war ſein alter Kriegskamerad im Parterre ſogleich bereit, ihre Partei zu nehmen; wollte der Wirth den armen verabſchiedeten Offizier aus ſeinem Gaſthof hinausweiſen, ſo war er in Onkel Anton's Meinung ein geiziger Schuft, ein Malefizſchurke; der muntern Franziska ſchenkte er den Ehrennamen„Blitzmädel“, und dem edelmüthigen Wachtmeiſter Paul Werner, der ſo treulich bei ſeinem armen Major aushielt, rief er 348 alle Augenblicke ein:„Bravo, Kamerad!“ zu, und zwar that er dies endlich ſo laut und ungenirt, daß zu verſchiedenen Malen ein Mur⸗ ren im Publikum gehört wurde, nicht unähnlich dem Brummen des Löwen, dem eine läſtige Fliege um's Ohr ſchwirrt. Von Scene zu Seene, von Akt zu Akt ſteigerte ſich der En⸗ thuſiasmus des guten Obriſten; über dem Mitgefühl, das ihm das Schickſal der handelnden Perſonen einflößte, vergaß er gänzlich, daß er ſich in einem Komödienhaus und vor einem Bilde der Täuſchung befand und der wackre Tellheim beſonders erſchien ihm mehr und mehr in der meiſterhaften Darſtellung Eckhof's als das vollendete Ideal eines Soldaten und Edelmanns. In der Scene, wo endlich Tellheim's gekränkter Ehre durch das gnädige Handbillet des Königs die ſo lange vergebens nachgeſuchte glänzende Genugthuung wird, eine Scene, welche von den Zeitgenoſſen einſtimmig dem Vorzüglichſten an die Seite geſetzt wurde, was Eckhof im Fache des bürgerlichen Schau⸗ und Luſtſpiels geleiſtet hat, konnte ſich Onkel Anton nicht mehr faſſen; er weinte wie ein Kind und die gewaltige Rührung ſeines Innern machte ſich plötzlich in dem lauten Ruf Luft:„Vive le roi! Vivent tous les braves soldats!“ Das Publikum fand mit dieſem Ausruf das Loſungswort für ſeine eigne Bewegung, man vergaß darüber die gewöhnlichen Beifalls⸗ zeichen, Klatſchen und Bravorufe und wie aus einem Munde jauchzte das ganze Parterre:„Vive le roi! Vivent tous les braves soldats!“ Das militäriſche Luſtſpiel„das Soldatenglück“ hatte damit von Seiten der begeiſterten Zuſchauer ſeinen würdigſten Applaus gefunden und für immer verſtummte die Stimme derer, welche der Anſicht waren, daß ein Offizier ſich ſchon um deßwillen nicht zum Helden eines Dramas eigne, weil er ſich ſtets nur in den eiſernen Feſſeln der Subordination bewegen könne. Ein ſchönes, ein herrliches Stück, die Minna, nicht wahr, Herr Nachbar? flüſterte Dreyer dem Obriſten in's Ohr, als der Vorhang niederfiel. Dieſer ſah ihn ſtarr an, wiſchte ſich die Thränen aus dem Auge, dann ergriff er des Fragenden Hand, drückte ſie herzlich und rief wie aus einem glücklichen Traume erwachend: 4 2 — 349— O nennen Sie mir den Namen des Verfaſſers! Gradaus iſt er ein Ehrenmann— gradaus muß ich ihn kennen lernen und ihm meinen Reſpekt bezeigen— gradaus— mein Herr— wie heißt der Schreiber? Pſt! das iſt Niemand anders als unſer hochwürdiger Hauptpaſtor Johann Melchior Götze, flüſterte ihm der Schalk mit der ernſthafte⸗ ſten Miene in's Ohr. Aber ſagen Sie es um's Himmelswillen kei⸗ nem Menſchen, denn unſer vortrefflicher Senior iſt ein überaus ſtrenger geiſtlicher Herr und treibt dergleichen Theatralia nur ganz im Geheimen, hinter dem Rücken eines hochlöblichen Miniſterii. Wohnt? Wohnt? fragte der Obriſt haſtig. Dicht an der Katharinenkirche, verſetzte Dreyer im vorigen geheimnißvollen Tone und es gelang ihm, im Gedränge von dem über dieſe Nachricht ſichtbar erfreuten Fremden loszukommen. Voll von den Eindrücken des Geſehenen und Gehörten kam der Alte nach Hauſe, völlig verſöhnt mit der ihm noch jüngſt ſo verhaßten Komödie; denn wo er unſittliche Harlekinsſpäſſe, frivole Poſſen, ſinnenreizenden Augen⸗ und Ohrenkitzel und wie all' der Apparat der ihm aus ſeiner Jugend her bekannten franzöſiſchen Schaubühne in Kopenhagen heißen mochte, erwartet hatte, da waren ihm Ernſt und Wahrheit des Lebens, Tugend und Anmuth, Sitte und Würde der Menſchennatur in den edelſten Geſtalten vor's Auge getreten, eine herrliche Dichterſprache hatte mit ihren tiefſten Akkor⸗ den ſeine Seele berührt, ſeine innerſten Gedanken, ja ſein eignes Schickſal waren gleichſam verkörpert vor ihm hingegangen, Alles begriff er, Alles billigte er— nur Eins nicht, warum nänlich Hauptpaſtor Götze, der Verfaſſer des Stückes, mit der Autorſchaft dieſer herrlichen Komödie ſo geheim that und welche ängſtliche Rück⸗ ſicht ihn abhalten konnte, ein an ſich ſo unſchuldiges und ſegens⸗ reiches Geſchäft wie die Komödienſchreiberei nicht vor aller Welt Augen zu treiben. Denn ein Paſtor, ſo dachte der alte Obriſt, der den Menſchen und gar den Soldaten ſo in⸗ und auswendig kennt, wie der wackre Schreiber der Minna von Barnhelm, der muß wahrlich ein tapfres Herz unter ſeiner Kutte tragen und ſollte auch wiſſen, daß er mit der beſten Predigt nicht mehr ausrichtet wie mit einem ſolchen Stücke. — 350— Dieſe ſeine innerſte Herzensmeinung beſchloß er denn auch dem würdigen Herrn am folgenden Morgen nach der Hauptpredigt „gradaus“ in's Geſicht zu ſagen und ihn zu ermuthigen, brave Soldaten und wackere Degen noch ferner durch ſeine feine Schrei⸗ berei vor einem hochanſehnlichen Publico bei Ehren und Reputation zu erhalten. 39. Herr Johann Melchior Götze, der ſeiner Zeit ſo berühmte Streittheologe und Hauptpaſtor an der St. Katharinenkirche, dazu Senior und Nitglied des geiſtlichen Miniſteriums zu Hamburg, eine in gelehrten und weltlichen Kreiſen hochangeſehene, von Vielen ſelbſt gefürchtete Perſönlichkeit, in der ſich gleichſam die ganze ſtrengkirch⸗ liche Gelehrſamkeit des Jahrhunderts zum ſtattlichſten Embonpoint verkörperte; derſelbe Herr Johann Melchior Götze, dieſer eifrige Wäch⸗ ter und Verfechter Zions, hatte ſich grade damals, wie wir bereits erzählten, in eine eben ſo heftige als erfolgloſe Polemik gegen die Schaubühne eingelaſſen und zur Arena derſelben in einem, wenigſtens nach unſeren Begriffen, gewiß nicht evangeliſchen Sinne Kanzel und Gotteshaus gemacht, woſelbſt er neuerdings faſt allſonntäglich in ſeinen Predigten gegen dieſes heidniſche Unweſen losdonnerte und Hamburg mit Sodom und Gomorrha verglich, wobei gelehrte Citate aus alten Kirchenvätern den Hauptnachweis bildeten, daß das Thea⸗ ter eine„Satansſchule“ ſei, in der nichts als Unſittlichkeit und Frei⸗ geiſterei gelehrt werde. Am heutigen Sonntage war unſer ehrenfeſter Hauptpaſtor, mit dem Erfolge ſeiner Predigt ſattſam zufrieden, in ſeine Pfarrwohnung zurückgekehrt und ruhte nun, nachdem er ſich ſeines geiſtlichen Or⸗ nates entledigt und daſſelbe mit einem weichen pelzverbrämten Brokat vertauſcht hatte, im weichen Polſterſtuhle bei einem Gläschen Mus⸗ katwein von der Anſtrengung, phyſiſcher wie moraliſcher, aus, die ihn ſeine heutige kraft⸗ und ſalbungsvolle Predigt gekoſtet hatte. Den Text derſelben bildete der Spruch aus dem Prediger Salomo⸗ — 351— nis:„Siehe, es iſt Alles eitel unter der Sonne“, ein Text, den der ſtrenggläubige Homiletiker ſeiner andächtigen Gemeinde in allen mög⸗ lichen Variationen zu Gemüthe geführt hatte, wobei denn auch aber⸗ mals das Kapitel von dem„Sündentempel der buhleriſchen Göttin Thalia“ mit theologiſcher Gründlichkeit abgehandelt und dieſem„Sar⸗ danapalshaus“ ſchließlich ſein Platz dicht neben dem heidniſchen Ve⸗ nusberge angewieſen wurde. Als Rhetoriker, freilich im grobkörnig⸗ ſten Sinne des Wortes, nicht ohne Talent, dabei ſchonungslos bis zu einem ſeltenen Grade, wo es die Bekämpfung ketzeriſcher Irr⸗ lehren und freigeiſtiger Richtungen in Kirche und Leben galt, war er ſogar in ſeinen Gleichniſſen mitunter originell, wie er denn z. B. in ſeiner heutigen Donnerrede gegen die Komödie behauptete, der allweiſe Gott ſei nur darum gegen dieſen Unfug noch immer ſo nachſichtsvoll, weil Er dann beim jüngſten Gericht, wo Er doch ge⸗ wiß alle Hände voll zu thun haben werde, um die ſchwarzen Schaafe von den weißen zu ſondern, jede Seele nur einfach zu fragen brauche, ob ſie bei Lebzeiten in der Komödie geweſen ſei und Freude an der⸗ gleichen Reizungen des Böſen empfunden habe? Es bedarf kaum der Erwähnung, daß der bei Weitem größere, nämlich der ſtrenggläubige Theil der Zuhörerſchaft, von dieſer Pre⸗ digt höchlichſt erbaut und angezogen wurde; denn ſchon damals, wie noch heutzutage, hatten Kanzelzeloten und theologiſche Eiferer die gedan⸗ kenloſe Menge für ſich, theils weil eine derartige gewürzte Beredtſam⸗ keit den Ungebildeten beſticht, theils weil das Intereſſe am Spektakel ſich nur allzuhäufig aus dem Theater in das Gotteshaus verirrt. Die Anhänger des ehrwürdigen Seniors hatten ſich denn auch heute wieder nach dem Schluſſe des Gottesdienſtes vor der Kirche verſammelt, um den feuerfeſten Streiter für das wahre und reine Chriſtenthum nun auch in der Nähe zu betrachten und ſich den Mann anzuſehen, der ſo gewaltigen Rumor in der Welt anrichtete, und faſt beſtändig in Zeitungen und Broſchüren gegen die Irrlehrer und Socinianer des Jahrhunderts zu Felde zog. Meiſtens Leute aus dem kleinbürgerlichen Stande, pflegten dann die eigentlichen An⸗ hänger Paſtor Götze's ihrem kirchlichen Hirten, wenn derſelbe zuvor recht gewaltig von der Kanzel gegen der Welt Sünde und Verderb⸗ niß losgedonnert hatte, von der Sakriſtei bis zur Pfarrwohnung — 352— ein Spalier zu bilden, um ihn damit gleichſam zu überzeugen, daß man ihn auch außerhalb des Gottestempels und im bürgerlichen Le⸗ ben für einen erſtaunlichen Mann halte, grade ſo, wie in alten Zei⸗ ten römiſche und athenienſiſche Bürger ihre berühmten Volksredner zum Zeichen ihrer Achtung von der öffentlichen Rednerbühne in de⸗ ren Privatwohnungen zurückbegleiteten. Paſtor Götze war ein ganz beſonderer Freund von dergleichen öffentlichen Ehrenbezeigungen, und das Häuflein ſeiner Getreuen in Chriſto verfehlte denn auch niemals die Gelegenheit, ihm eine derartige Huldigung darzubringen. Je nach dem Zuſammenlauf, welchen dieſelbe verurſachte, konnte er dann leicht auf die Wirkung ſchließen, die ſeine Predigt auf die Zuhörer ausgeübt hatte; und die große Anzahl derer, die ihm heute die Straße entlang das Geleite bis zu ſeiner Wohnung gegeben, war ihm eine neue ſichre Bürgſchaft, daß ſein Anhang in der guten Stadt Hamburg noch immer im Wachſen be⸗ griffen ſei und Gevatter Schneider und Handſchuhmacher ihn ſatt⸗ ſam für die unbarmherzigen Streiche entſchädigten, womit ein Leſſing und andere Freigeiſter dem Haupte der Hamburger Orthodoxie imn ihren gelehrten Schriften und Kritiken beſtändig zuſetzten. Voll von dieſen angenehmen und tröſtlichen Betrachtungen ruhte er, derweil in der Küche Jungfer Beate, die alte Haushälterin mit den weiblichen Domeſtiken beſchäftigt war, ein„feines“ Sonn⸗ 4 tagsmahl für ihren geiſtlichen Herrn zuzurichten, in ſeinen Sorgen⸗ ſtuhl zurückgelehnt, als plötzlich auf der Diele eine fremde männ⸗ liche Stimme nach ihm fragte und gleich darauf von der Küche her der Beſcheid ertheilt wurde, des Herrn Seniors Ehrwürden pflegten zwiſchen Predigt und Mahlzeit keinen Beſuch zu empfan⸗ gen, der fremde Herr möge ſich darum zu einer gelegeneren Zeit wieder herbemühen, jetzt könne man ihn nicht anmelden. Jener wortete darauf in einer faſt zudringlichen Weiſe und wollte nicht abweiſen laſſen, ſchon nahte er der Thüre, um ſich eigenmät 1 Eingang zu verſchaffen; da erhob ſich der würdige Senior aus ner Vormittagsruhe, halb zornig, halb neugierig, wer dieſer zud 3 liche Beſucher ſein möge, und öffnete ſelber die Thüre. 7 Eine ſteife hagere Geſtalt mit verwitterten Zügen und eisgr Schnurrbart, dazu ein ſchwarzes Pflaſter auf dem einen Auge, den Ehrenmann von Angeſicht zu Angeſicht kennen zu lernen, der Beileid,— wackrer Mann! Haben mich weich gemacht— habe ge⸗ — 353— der Störenfried der geiſtlichen Wohnung vor ihm, trat, als er ihn durch eine ſtumme Handbewegung einlud, mit einem raſchen großen Schritt über die Schwelle in die Stube, machte erſt einen ſteif gra⸗ vitätiſchen Kratzfuß, nahm dann eine kerzengrade militäriſche Poſitur an, ganz ſo, wie er es am vorigen Abend beim Wachtmeiſter Paul Werner auf der Bühne geſehen hatte, und ſprach in ſeinem rauhen, kaudernden Jargon: Votre serviteur, Herr Paſtor! Gradaus iſt meine Parole, grad⸗ aus red' ich vom Herzen weg, gradaus komm' ich zu Ihnen, um — mir durch ſein herrliches Opus ſo große Hochachtung eingeflößt hat. Mein Name iſt Obriſt von Hollbach, penſionirt— Schwerenoth! degradirt wollte ich ſagen— Kopenhagen— erſtes Königliches Garderegiment zu Fuß,— fünfundvierzig Dienſtjahre— viel bleſ⸗ ſirt, Campagne mitgemacht— hol' der Teufel alle Hofleute und Ränkeſchmiede, wiſſen's ja ſelber am beſten, Herr Paſtor, wie's alten Soldaten in Friedenszeiten ergeht, brauch' auch von Niemanden beint wie ein Kind— habe allen meinen Feinden vergeben, bin zun ſtolz auf meinen Abſchied, und Alles durch Sie, Paſtor, auf Ehre, nur durch Sie! Obgleich der würdige Senior von dem, was der alte Kriegs⸗ nann ihm ſagte, vielleicht nur die Hälfte verſtanden hatte, begriff r doch, daß dieſer gekommen ſei, ihm ſeinen Reſpekt zu bezeigen, ndd wem anders hätte derſelbe gelten können, als dem berühmten ³ der allerdings eitel und befangen zenug war ſich einzubilden, daß alle Welt⸗ ihn kenne und ſeine di⸗ größte Aufſehen machten. Paſtor afte Kompliment, welches der alte machte, als eine aufrichtig gemeinte „Gott ſei Dank, der uns den Sieg gegeben hat durch unſern Herrn Jeſum Chriſtum,“ ſpreche auch ich mit dem Evangeliſten und D. B. II. Müller's Charl. Ackermann. 23 füge noch die Worte aus Matthäus 5, 6. hinzu:„Selig ſind die da hungert und dürſtet nach der Gerechtigkeit, denn ſie ſollen ſatt werden.“ Seien Sie mir darum herzlich willkommen, mein ver⸗ ehrter Herr Obriſt. Wahrlich, es thut noth, daß die Streiter Got⸗ tes und die der weltlichen Macht zuſammenhalten, denn bald wird die ſogenannte Aufklärung, wenn ſie erſt die Kirche zertrümmert, auch den Thron angreifen und hier wie dort die göttliche Autorität zu vernichten trachten. Der gute Obriſt ließ ſich durch dieſe im Munde eines Luſtſpiel⸗ dichters allerdings ſonderbar klingende Antwort keineswegs in ſeinem Glauben beirren, daß er den Verfaſſer der Minna von Barnhelm vor ſich habe, ſondern ſagte vielmehr mit Nachdruck: Gradaus, Herr Paſtor, was Sie da ſprechen, verſteh' ich nicht, und halt' auch nicht viel davon! Was ſchiert mich Bibel und Ca⸗ techismus, ſo lang ich ein guter Chriſt und ein braver Soldat bin! Gradaus ſäh' ich auch in Ihnen viel lieber einen ehrlichen Kriegsmann, wie zum Exempel der Tellheim einer iſt, als einen ängſtlichen Stuben⸗ hocker und Schriftgelehrten, der vor lauter Gottesfurcht zuletzt nicht mehr weiß, wo er Courage gegen die Menſchen hernehmen ſoll.— Aber thut nichts! Pfaff' oder Soldat, Sie ſind doch ein Ehrenmann, denn Sie wiſſen's den Leuten klar zu machen, was ein alter abge⸗ dankter Offizier Alles zu leiden hat, wie man ihn bei Hof kujonirt und erbärmlich um ſein Recht betrügt,— geben Sie mir die Hand, Herr Paſtor, Sie ſind der erſte Kanzelmann, vor dem ich Reſpekt habe, und ich möchte wohl den ſehen, der's Ihnen an kernhafter Sprache, an gut ſoldatiſcher Geſinnung und luſtigen Schnurren gleich thäte! Der Senior nahm auch dieſes Kompliment gleich dem vorigen für eine in die rauhe Soldatenſprache überſetzte Anerkennung ſeines heutigen Kanzelvortrags hin, wenn auch ſein neuer kirchlicher An⸗ hänger in Betreff der Bibel eben kein tiefes Verſtändniß der heiligen Schrift und ihrer geoffenbarten Religion verrieth. Dies ſagte er denn auch dem Obriſten offen heraus und zwar ſo eindringlich und mit ſo viel Paſtoral⸗Salbung, daß dieſem ganz ſchwül dabei zu Muth wurde, und er kaum mehr begriff, warum der muntere und kräftige Schreiber der Minna von Barnhelm, zumal einem alten Offizier gegenüber, beſtändig nur von alten Kirchenvätern reden und ſo gar — — 355— ängſtlich und zerknirſcht der Welt Sünde und Abfall vom heiligen Geiſt bejammern mochte. Endlich riß dem Alten der Faden der Geduld, und um der vermeintlichen Verſtellung des guten, nur allzu furchtſamen Komö⸗ dienſchreibers ein Ende zu machen, rief er zwiſchen Laune und Aerger: Auf Ehre, Herr Paſtor, Sie ſind trotz Kutte und Luther⸗ thum doch ein recht großer Schalk, und nun begreif' ich auch, wie das geiſtliche Miniſterium Ihnen bei ihren weltlichen Schnurren ſo ſcharf auf die Finger ſieht! Wie, Herr Obriſt? ſtammelte Paſtor Götze mehr beſtürzt als entrüſtet. Das geiſtliche Miniſterium? Bin ich nicht ſelber Senior und Mitglied deſſelben? Allerdings hab' ich auch unter meinen Amtsbrüdern manchen geheimen Feind und Widerſacher, aber—— Ihre Komödie wollen Sie doch nicht vor den Herrn Amtsbrü⸗ dern verantworten! fiel ihm der alte Haudegen lachendln's Wort und ſchlug ihm dabei ſo kameradſchaftlich ungenirt auf die feine Kanzelperrücke, daß eine ganze Puderwolke das Haupt des ehrwürdi⸗ gen Herrn umwallte. 1 Den Senior wandelte jetzt wirklich die Furcht an, es möge am Ende im Kopfe des alten Soldaten nicht ganz richtig ſein, zumal deſſen wunderliche Manieren und Artigkeiten ihm gleich anfangs aufgefallen waren, und ängſtlich ſchielte er daher nach der Thüre, um im Nothfall ſeine ſchleunige Flucht in die Küche bewerkſtelligen zu können. Mit erkünſtelter Freundlichkeit ſagte er zu dem Obriſten: Ja, Sie haben vollkommen recht, mein verehrter Herr Baron, mit Komödien darf ſich unſereins nicht befaſſen, der Herr bewahre jeden guten Chriſten vor ſolchem ſündhaften Unfug! Da wurde der Obriſt plötzlich ganz wild, ſprang zornig vom Stuhle auf und rief mit heftiger Geberde: Unfug? Sündhaft?— Gradaus, Herr Paſtor, nun gefallen Sie mir ſo wenig wie der liſtige Wirth, der den ehrlichen Tellheim be⸗ trügt und belügt!— Was brauchen Sie ſich mir gegenüber länger zu verſtellen? Was brauchen Sie überhaupt Ihre herrliche Komödie zu ver⸗ leugnen? Ich, ein alter ausgedienter Offizier ſage Ihnen, in Ihrer Minna von Barnhelm ſteckt mehr Weisheit, mehr Bravour und auch mehr Chriſtenthum als in hundert und aber hundert Ihrer Pre⸗ 23*. —ꝛ—ꝛ;ℳ;½—11111— — —————ͤ——— — 356— digten!— Der Tellheim iſt ein Muſter von einem braven Major, der Paul Werner ein Staatskerl von Wachtmeiſter, und mit einem Dutzend ſolcher Soldaten, wie der Juſt Einer iſt, wollte ich den Schweden aus der Welt hinausjagen. Das ganze Hamburger geiſtliche Mini⸗ ſterium iſt nicht halb ſo viel werth als dieſer eine gemeine Lanz⸗ knecht!— Gradaus! Sie ſind der Schreiber vom„Soldatenglück“, das geſtern Abend im Komödienhaus aufgeführt wurde, und wovon ich weiß, daß Sie's heimlich aufgeſetzt haben zu Nutz und Frommen aller guten Leute, inſonderheit aber zur Ehre und Verherrlichung aller penſionirten Offiziere! Was! ſchrie Paſtor Götze mit wuthblitzenden Augen und erhob drohend die Fauſt gegen den Mann, der ihm eine ſolche ketzeriſche Ruchloſigkeit anzudichten wagte. Ich der Verfaſſer einer Komödie? Ich ein frivoler Gottesläugner, ein Atheiſt, ein— Schöngeiſt?— Auf der Stelle widerrufen Sie das, mein Herr, oder—— Ha! ha! das fehlte noch, daß man mich mit einem ſolchen Schandſchriftſteller, mit dieſem Leſſing, verwechſelte!— Widerrufen Sie auf der Stelle, oder— hierbei trat er entſchloſſen und mit der ganzen imponiren⸗ den Würde eines beleidigten Prieſters vor den erſtaunten Obriſt— oder ich muß annehmen, daß ſie mich in meinem eignen Hauſe in⸗ juriiren und meine Perſon in dreifacher Eigenſchaft, nämlich als Hauptpaſtor, theologiſcher Schriftſteller, ſowie als Senior eines hohen geiſtlichen Miniſterii, dem Spott und Gelächter der Abtrünnigen Preis geben wollen! Darum alſo drängen Sie ſich unberufen in meine friedliche Wohnung, überfallen mich mitten in meinen geiſtlichen Betrachtungen und glauben mich ungeſtraft blasphemiren zu können? Aber nur Geduld! Sie ſollen bald das Gegentheil erfahren!— Auf der Stelle mache ich dem Prätor Anzeige, Sie haben in meiner Perſon nicht allein den Prediger, Sie haben auch Gemeinde und Presbyterium der St. Katharinenkirche gröblich beleidigt, und ſo wahr ich nicht Leſſing, ſondern der Hauptpaſtor Götze bin— das ſoll Ihnen theuer zu ſtehen kommen! Dieſe Sprache, dieſer Wutheifer des ergrimmten Seelenhirten, der am ganzen Leibe zitternd und nach Luft ſchnappend wie unſinnig im Zimmer auf⸗ und abrannte, öffnete denn endlich dem guten Haupt⸗ mann von Kapernaum die Augen über ſein unſeliges Mißverſtändniß, — 357— und die Gewißheit, daß jener Unbekannte im Parterre ihn abſcheu⸗ lich myſtificirt habe, ſchlug plötzlich wie ein vernichtender Blitz in ſeine Seele.— Zu ſpät erkannte er den Irrthum, in den ihn ſeine Leichtgläubigkeit und ſein Enthuſiasmus für den unbekannten Schrei⸗ ber der Minna von Barnhelm geſtürzt hatte, und dieſer Gedanke brachte den im Punkt der perſönlichen Ehre äußerſt empfindlichen alten Mann in womöglich noch größere Wuth als den ſtrenggläubigen Senior die Verwechslung mit dem Atheiſten Leſſing. Gradaus infam! Gradaus niederträchtig! war Alles, was Onkel Anton Anfangs in ſeinem Grimm gegen den unbekannten Urheber dieſes Mißverſtändniſſes hervorzubringen vermochte, bis er ſich endlich ſo weit faßte, daß er dem wüthenden Hauptpaſtor, der ihn zuerſt gar nicht anhören wollte, den Hergang erzählen konnte, und zwar mit dem Ausdruck einer ſo tiefen Zerknirſchung und Beſchämung, daß der in ſeiner perſönlichen Eitelkeit eben ſo tief wie in ſeiner apoſtoliſchen Würde beleidigte Senior ſich endlich überzeugte, wie der alte gut⸗ müthige Kriegsmann von irgend einem boshaften Menſchen myſtificirt gegangen ſei. 4 Aber wenn auch hiermit das arge Mißverſtändniß aufgeklärt war und Paſtor und Soldat ſich wieder mit einander ausſöhnten, ſo blieb doch die Erbitterung gegen den Urheber dieſer abſcheulichen Fopperei bei Beiden gleich heftig, und Paſtor Götze ſchwor hoch und theuer, es ſei gewiß ein Soeinianer geweſen, womit er alle ſeine theologiſchen Widerſacher zu bezeichnen pflegte. Dem guten Obriſten brannte der Boden unter den Füßen, er hatte nach dieſem mißlichen Ausgang ſeines erſten Debuts als dra⸗ matiſcher Enthuſiaſt nichts Eiligeres zu thun, als ſich dem tief er⸗ grimmten Hauptpaſtor höflichſt zu empfehlen; und ſo trennte er ſich denn, vor Wuth und Beſchä 358 Ueber das Verhalten Paſtor Götzens in Bezug auf die ihm widerfahrene Ehren⸗ und Amtsbeleidigung gibt zwar die Geſchichte keine weitere Auskunft; indeß iſt wohl mit einiger Gewißheit anzuneh⸗ men, daß der vom Witz und von der Satyre ſeiner literariſchen Feinde ſo oft heimgeſuchte Eiferer den klügeren Theil erwählte und kein Sterbenswörtlein von dem ganzen Vorfall verlauten ließ, vielleicht gar aus Furcht, es möchte ihn am Ende doch eins oder das an⸗ dere aus der frommen Schaar ſeiner geiſtlichen Kinder für einen geheimen Freigeiſt halten, wenn nicht gar für einen Krypto⸗Leſſing. Dem guten Hauptmann von Kapernaum aber nagte die Erin⸗ nerungnan dieſe unglückliche Morgenviſite wie ein Wurm am inner⸗ ſten Herzen und raubte ihm den letzten Reſt ſeiner Heiterkeit. Ver⸗ gebens bemühten ſich Ulrike und die muntere Frances, hinter den Grund ſeiner Schwermuth und fieberhaften Unruhe zu kommen; er verharrte in ſeinem düſtern Schweigen und benahm ſich in Allem wie ein Menſch, der einen einzigen und noch dazu vielleicht einen unheilvollen Plan Tag und Nacht mit ſich herumträgt und dieſem einen Gedanken all ſein Dichten und Trachten zuwendet.— Schon in der Frühe des Morgens verließ er ſeitdem regelmäßig das Haus am Schaarmarkt und durchſtrich mit unermüdlichem Eifer die große Stadt; kein Gaſthof, kein öffentliches Lokal, keine Promenade blieb von ihm unbeſucht, er war plötzlich der Ueberall und Nirgends von Hamburg geworden, denn an keinem Orte fehlte er, hielt ſich aber auch an keinem Orte länger auf, als er eben Zeit brauchte, um mit ſeinem einen unruhig rollenden Auge die Anweſenden zu durchmuſtern und eben ſo ſchnell wieder von dannen zu eilen. Nirgends ruhte und raſtete er; gleich Schlemihl, der ſeinen verlorenen Schatten ſucht, war er bald hier bald dort, zumeiſt aber doch in der Gegend des Gänſe⸗ marktes, wo er ſchon ſtundenlang vor dem Beginn der Vorſtellung zwiſchen den beiden Eingängen zum Opernhof Poſto faßte und nun jeden der Hineingehenden mit einem wahren Cerberusblick fixirte; oder er erſchien regelmäßig zur Mittagszeit in den Hotels, durch⸗ ſchritt gravitätiſch die Speiſeſäle und faßte jeden der Gäſte ſcharf in's Auge. Seine ſtrenge Inquiſitoren⸗Miene, ſeine militäriſche Haltung erweckten bald die ſonderbarſten Vermuthungen über ſeine geheimnißvolle Sucherei; Einige hielten ihn für einen geheimen — 359— Spion, Andere ſogar für den Agenten einer fremden Regierung, der ſich vorläufig in Hamburg umſchauen und die Geſinnung der Bür⸗ ger ausſpähen wolle, um ſpäter offen mit ſeiner feindlichen Abſicht ge⸗ gen die gute Stadt und deren reiche vielbeneidete Blüthe aufzutreten. Patriotiſche Bürger ſteckten ängſtlich die Köpfe zuſammen und dachten an die Zeiten, wo von Wien aus kaiſerliche Commiſſäre mit unbe⸗ ſchränkten Vollmachten in Hamburg erſchienen, im Namen Römiſch⸗ Kaiſerlicher Majeſtät einen neuen„Receß“ entwarfen und unter An⸗ drohung allerhöchſter kaiſerlicher Ungnade im Contraventionsfalle, die alten reichsſtädtiſchen Geſetze und Freiheiten abſchafften; kurz, die Fantaſie der Leute erſchöpfte ſich in den ſonderbarſten Ausſegungen über den myſteriöſen Fremdling mit dem ſchwarzen Pechpflaſter auf dem einen Auge, der doch in Wahrheit Nichts weiter im Schilde führte, als daß er jenen boshaften Menſchen mit dem verwachſenen Rücken und der Satyrmiene ausfindig machen wollte, der ihm den Streich mit dem Hauptpaſtor Götze geſpielt hatte. Eine ganze Woche hindurch hatte er in dieſer unermüdlichen Weiſe ſeine Jagd nach dem unbekannten Parterrenachbar an allen Orten und öffentlichen Lokalen der Stadt fortgeſetzt, als ihn endlich am Abend des achten Tages der Unſtern des armen Stadtpoeten in die Pelzerſtraße und zwar richtig in das uns bekannte Weinlokal, die ſogenannte„Obergeſellſchaft“ führte, jener gewöhnliche Zuſammen⸗ kunftsort aller Schöngeiſter, Gelehrten und Künſtler, und dasjenige Lokal, welches unſer guter Doctor Dreyer nun ſchon ſeit vielen Jah⸗ ren faſt täglich zu beſuchen pflegte, nach dem von ihm ſelber einſt aufgeſtellten Grundſatze: Je mehr du einem Wirthe ſchuldeſt, um ſo häufiger beſuche ihn. Viele Gäſte waren anweſend, welche die Tiſche zu beiden Sei⸗ ten der langen ſchmalen Weinſtube dicht beſetzt hatten und ſich's beim Knaſterdampf und den vollen blankgeſcheuerten Deckelkrügen behaglich und wohl ſein ließen. Ein alter Muſikant vermehrte noch den fröhlichen Tumult durch die Mißtöne ſeiner Bratſche, während die helle Diskant⸗ ſtimme des Herrn Anſelmus Klefeker von der Einſchenke aus die muntere Kellnerin aus den Vierlanden bald an dieſen, bald an jenen Tiſch commandirte, ſo oft das ſeinem muſikaliſchen Ohr ſo wohlbe⸗ kannte Klappern mit den zinnernen Deckeln ertönte, zumeiſt aber doch 360 an dem hinterſten Tiſche, den die luſtige Kumpanei der Theater⸗ künſtler und ihrer Freunde beſetzt hatte. Faſt Keiner der gewöhnlichen Gäſte fehlte heute; der Staat im Staate war vollſtändig organiſirt, Schröder war gleichfalls anweſend und ſaß neben einem ältlichen Herrn mit ungemein ausdrucksvollen milden Zügen, der ſtille lächelnd aus großen jugendlichſtrahlenden Augen dem tollen Spektakel am Künſtlertiſch zuſah und den ſeine bereits vorgeſchrittenen Lebensjahre nicht abhielten, ſich in dieſer fröhlichen Geſellſchaft ſo wohl zu be⸗ finden, wie nur immer der Jüngſten Einer. Es war Klopſtock, der Meſſiasſänger, der zwar ſelten, aber dann auch mit doppeltem Jubel begrüßt in der„Obergeſellſchaft“ erſchien, der erklärte Gönner des Schröder'ſchen Theaters und ſeiner talentvollen Mitglieder, die ihn gleichſam als den ſichtbaren Genius von Poeſie und Kunſt in ihre MNitte aufnahmen und ſich hoch durch ſeine Anweſenheit geehrt fühl⸗ ten. War er ja doch der größte Dichter, den Deutſchland in dieſer Zeit beſaß; denn eben damals erſchienen neben dem Schluß der be⸗ rühmten Meſſiade die herrlichſten ſeiner Oden und ſein rührendes Lied: „Auferſtehn, ja auferſtehn,“ ward faſt allſonntäglich in proteſtantiſchen Kirchen geſungen. Auch er hatte natürlich,— denn er war ja ein weltlich geſinnter Schöngeiſt, der ſelbſt den Heiland beſungen— die ſtrenggläubige Partei von Paſtor Götze und Conſorten gegen ſich, und ſo verband ihn ſchon, obwohl er ſonſt ſehr ſtill und eingezogen in Hamburg lebte, der gemeinſame Feind mit den Jüngern Thalia's, die ſich um die Fahne Leſſing's, Eckhof's und Schröder's geſammelt hatten. Das waren die lebendigen„Kirchenväter“ dieſer neuen Kunſtgemeinde, zu welcher Klopſtock's Name den vierten Eckſtein bildete, ein herrliches Quadrifolium von Geiſt, Genie und Ruh⸗ mesglanz!. Doctor Dreyer hatte ſich eben mit noch einigen Freunden zu einer 4 Partie Tarok⸗Hombre an einen abgeſonderten Spieltiſch in der hin⸗ terſten Ecke der Weinſtube niedergeſetzt, denn die äſthetiſche Unter⸗ haltung der Uebrigen wollte ihm niemals zum Weine munden; da erſchien die langgeſteifte einäugige Geſtalt des alten Obriſten von Hollbach in der„Obergeſellſchaft“ und zog alsbald viele Blicke auf ſich. In den faltigen Feldmantel gehüllt, durchſchritt er gravitätiſch die Weinſtube, rechts und links die Tiſche der Stammgäſte muſternd und — 3 4 — 361— mit ſeinem einen Argusauge jedes einzelne Geſicht betrachtend, bis er plötzlich beim Anblick Dreyer's einen Moment wie angewurzelt ſtehen blieb,— denn endlich hatte er ja den Vielgeſuchten gefunden, auf den erſten Blick erkannte er ſeinen Parterrenachbar wieder, das Männlein mit dem gnomenartig verwachſenen Rücken und der bos⸗ haften Schalksmiene!— Ganz in ſein Spiel vertieft, ſah und hörte Dreyer Nichts von dem, was um ihn herum vorging, da erhält er plötzlich von hinten einen ſo gewaltigen Backenſtreich, daß ihm Hö⸗ ren und Sehen vergeht. Wie er ſich raſch auf dem Stuhle um⸗ dreht, erkennt er auf den erſten Blick den alten Herrn aus dem Par⸗ terre wieder, ſeine beſtürzte Miene erheitert ſich, er betrachtet ihn vom Kopf bis zu den Füßen und ruft dann im Tone größter Vertrau⸗ lichkeit: Ah, Sie kommen gewiß direkt von Paſtor Götze, lieber Herr? Der ſchalkhaft ironiſche Ton, die heitere unbefangene Miene, womit er dieſe Frage an den alten Obriſten richtete, war das Signal zu einem ſchallenden Gelächter, was jedoch den unbekannten Angrei⸗ fer des guten Doctors nur zu neuer Wuth reizte. Aber ſchon ſprangen die Freunde des Letzteren zu ſeinem Schutze herbei und verhinderten weitere Thätlichkeiten. Dreyer mußte in der Eile ſeinen unzeitigen Scherz erzählen, den er ſich neulich mit dem alten würdigen Herrn erlaubt hatte, und wenn auch das Lachen den Meiſten näher war als Ernſthaftigkeit, ſo verlangte doch die Rückſicht für den Unbekann⸗ ten und der Reſpekt, den ſeine echtmilitäriſche und noble Haltung einflößte, daß man die von ihm genommene Revanche anerkannte; Eckhof und Schröder nahmen alsbald den tiefbeleidigten Mann in ihre Mitte, und Klopſtock, der ihn von Kopenhagen her kannte, ſprach gleichfalls Worte der Verſöͤhnung und des Friedens. Er prä⸗ ſentirte ihm in Eckhof den trefflichen Darſteller des Tellheim und in Schröder den des Wachtmeiſters Paul Werner, und Beide ſpielten dem alten Offizier gegenüber ihre militäriſche Rolle noch einmal ſo vortrefflich, daß der Obriſt einen nach dem Andern umhalste und ſie bald ſeine lieben Kriegskameraden nannte. Er hielt ſich durch die neue Bekanntſchaft des wackren Tellheim und ſeines braven Wachtmeiſters für hinreichend entſchädigt für die des„Schreibers“, wurde immer aufgeräumter und zeigte ſich bald auch lange nicht mehr ſo unver⸗ — 362— ſöhnlich, als Dreyer ihn aufrichtig um Verzeihung bat und offen⸗ herzig geſtand, er habe die erhaltene derbe Lektion dreimal verdient. Da reichte ihm der gute Obriſt mit einem biederen: Gradaus! die Hand, ſchwor aber hoch und heilig, er wolle einem„Schreiber“ ſein Lebtag nicht wieder nachlaufen, weder in Gutem noch in Böſem. Dafür ſolle ihm jedoch der Theaterprinzipal recht bald die Freude ma⸗ chen und die Minna von Barnhelm wieder auf den Rapport ſetzen. So endigte das tragikomiſche Abenteuer Doctor Dreyer's mit dem alten däniſchen Obriſten, und es ſei hier nur noch erwähnt, daß er ſich für den derben Backenſtreich in der nächſten Nummer ſeines Wochenblattes an Paſtor Götze ſchadlos hielt durch die dem ganzen Publikum Hamburgs auch ohne weiteren Commentar leicht verſtänd⸗ liche Notiz: Es ſei nun bis zur ſchlagenden Evidenz erwieſen, daß Leſſing und kein Anderer der Autor des Luſtſpiels:„Minna von Barnhelm oder das Soldatenglück,“ wäre. 40. Der heftige Auftritt mit ihrer Familie hatte wenigſtens für Charlotten das Gute zur Folge gehabt, daß man ihr nicht weiter mehr zuſetzte und ſogar Alles vermied, was ihre Schwermuth noch vergrößern, ihre Nerven noch mehr aufregen konnte. Man behandelte ſie mit der äußerſten Schonung und Milde, erwähnte der ganzen unglücklichen Geſchichte mit keinem Worte weiter und unterließ ſelbſt Alles, was ſie hätte vermuthen laſſen können, daß man ſie bearg⸗ wöhne oder ſie wohl gar für fähig halte, nach den ihr über den Baron gewordenen Mittheilungen noch an ein ferneres Verhältniß zu dieſem Menſchen zu denken. Wenn ſie noch Etwas rettet und zur Vernunft zurückbringt, ſagte Schröder, ſo iſt dies nur ihr eignes Herz und die volle Er⸗ kenntniß der Schuld gegen ſich ſelbſt, gegen uns und ihren Genius. Und damit ſie dieſer Erkenntniß um ſo gewiſſer theilhaftig werde, ſei es unſre Sorge, ihrem Gefühl volle Freiheit zu laſſen und ſie nicht durch Argwohn von unſrer Seite neuerdings zu verwirren. Charlotte 4 363 iſt auf dem Punkte angelangt, wo der Menſch, der ſich nicht verlo⸗ ren geben will, ſich ſelber helfen und für ſein Heil einſtehen muß, alſo laßt uns ihr den Rückweg zu dem alten glücklichen Zuſtand ſo leicht als möglich machen— den Herrn Baron behalte ich ſchon ſel⸗ ber im Auge. In letzterer Hinſicht hatte Schröder in der That ſeine Maßregeln ſo gut getroffen, daß Sylburg, dem ſich nun plötzlich auch das Haus der Etatsräthin verſchloß, einige Tage in vollkommener Ungewißheit darüber blieb, ob Charlotte ſich nicht gleichfalls von ihm losgeſagt habe, da ihr und ihren Angehörigen, das war ihm nun kein Zweifel mehr, über ſein vergangenes Leben, beſonders über ſein Verhältniß zu Bertha, durch Fanny's Verrätherei die allergewiſſeſten Aufſchlüſſe zu Theil geworden, ein Gedanke, der einem Menſchen von ſo leiden⸗ ſchaftlichem Temperament und ſo brennendem Rachedurſt, die größte Pein verurſachen mußte. Denn ſelbſt der Verluſt Charlottens würde ihn nicht ſo ſehr aus der Faſſung gebracht haben, wie es dieſer Ausgang that. Seine Eitelkeit fühlte ſich durch dieſen Gedanken um ſo mehr verletzt, als er bis dahin in der Kunſt der galanten Intrigue eine ſehr große Meinung von ſich gehegt hatte und zum Voraus ſeines Sieges ſo gewiß geweſen war. Zu ſpät erinnerte er ſich der Warnung ſeines Freundes T., ſein böſer Geiſt hatte ihm diesmal einen Streich ge⸗ ſpielt, gegen den alle widrigen Zufälle bei ſeinen früheren Liebes⸗ affairen eine Kleinigkeit waren, und der höchſtens jenem gänzlichen Fiasko gleichkam, womit er ſein teufliſches Intriguenſpiel gegen die edle Ulrike hatte abbrechen müſſen. Aber damals war es doch wirklich nur der unberechenbare Zufall geweſen, welcher ſeinen tückiſchen Plan vereitelte, zudem deckte ja das Grab den größten Theil ſeiner Ver⸗ rätherei; während jetzt zwei der geachtetſten und eins der verrufen⸗ ſten Häuſer Hamburgs gleichzeitig ihre Pforten vor ihm verſchloſſen, und obendrein eine Perſon wie dieſe Fanny die ſchlimmſte Seite ihres widrigen Gewerbes, die Indiscretion, gegen ihn herauskehrte, und zu dem Verrath ſeines neueſten Liebeshandels dreiſt auch den ſeiner früheren Streiche mit in den Kauf gab. Sylburg's Blut kochte vor Wuth und ohnmächtigem Grimme gegen die treuloſe Mitgenoſſin ſeiner ſchlimmen Thaten und er würde — 364— ihr ſicherlich in ſeiner blinden Raſerei den Olaf mit dem indiſchen Meſſer des Phanſegar auf den Hals geſchickt haben, wenn er damit jetzt noch ihre Verrätherzunge hätte verſtummen machen können. Aber ſo wie die Dinge für ihn ſtanden, kam er mit dieſem Mittel eben ſo zu ſpät, wie mit jedem andern, und⸗das Einzige, was ihm noch übrig blieb, war ſchleunige Entfernung von Hamburg, unverweilte Rück⸗ kehr in ſeine Garniſon. Er hielt ſein ganzes Spiel für verloren, denn ein Tag nach dem andern verging, von Charlotten keine Nachricht! Vergebens war Olaf von früh bis ſpät auf der Lauer, verge⸗ bens ſtrich der Baron ſelbſt, ſobald die Dunkelheit angebrochen war, um ihr Haus; er fand ſie dort ebenſowenig wie im Theater, und acht Tage hindurch zeigte der Komödienzettel nicht ein einziges Mal ihren Namen unter den Mitſpielenden.— War ſie krank? Wurde ſie von ihrer Familie mit Gewalt von ihm getrennt gehalten, oder war ſie freiwillig zu dem Entſchluß gekommen, jedes fernere Verhältniß mit ihm abzubrechen? Nichts von Alledem, wohl aber ein Anderes, was der Baron freilich nicht ahnen konnte, daß nämlich das arme Mädchen ſich in einer nicht minder rathloſen Lage befand wie er ſelber, indem ſie weder den Muth hatte, ihr Verhältniß mit ihm fortzuſetzen, noch die Kraft, ihrer Liebe zu entſagen. Ueberhaupt lebte Charlotte in dieſen Tagen qualvollſter Zweifel wie in einem halbwachen Traume und ſelbſt der Kampf mit der ihrer Liebe feindlichen Welt trat in den Hintergrund vor dem Zwieſpalt ihres eignen Herzens, vor der ſchrecklichen Ungewißheit über Sylburg und deſſen wahren Charakter.— Der Schleier, den man von ſeiner Vergangenheit weggezogen, war es nicht vielleicht ſelbſt wieder nur ein Trugbild, gleich jenem gemalten Schleier des alten griechiſchen Malers, um ihren Glauben an den Geliebten zu erſchüttern? Und doch durchrieſelte ſie ein eiſiger Schauer, ſo oft ſie ſich den Baron wirklich ſo dachte, wie ihn Mutter, Schweſter und Bruder, ja wie ihn ſelbſt die alte treue Freundin am Steinweg, beurtheilten!— Sollte ſie an ihm oder an ſich ſelber irre werden, wenn ſie ſein edles Bild mit demjenigen verglich, das ihr ihre Umgebung von ihm entwarf? Hatte ein Gott ſie ſo mit Blindheit geſchlagen, daß ſie auch nicht * * 36⁵ ein einziges Mal hinter der gleißenden Außenſeite die ſchwarze Verrätherſeele ahnte, die ihre Jugend und Unſchuld mißbrauchte, und ſo viel inniger Liebe, ſo viel herrlichem Glauben an ihn mit der ſchnödeſten Treuloſigkeit lohnte? Oder hatte Sylburg ſie durch böſen Zauber berückt, daß ſie noch jetzt— noch jetzt, wo ſie doch oft beim leiſeſten Gedanken an ihn von einer Todeskälte durchſchauert wurde, nur ein theures Wort ſeiner Lippen, nur einen Blick ſeiner ſeelenvollen Augen ſich zurückzurufen brauchte, um mit freudigem Er⸗ ſchrecken inne zu werden, daß ſolche Liebe nimmer lügen könne und daß er trotz Allem und Allem doch der Abgott ihrer Seele ſein und bleiben werde! Ja wohl war's ein böſer Zauber, der ſie umfangen hielt; aber nicht ſowohl Sylburg, ſondern ihr eignes Herz zog ihr junges Le⸗ ben immer tiefer in ſeinen dunklen Bann hinein. Endlich glaubte ſie den rettenden Faden gefunden zu haben, der ſie entweder aus dem Labyrinth ihrer Zweifel gegen den Geliebten glücklich hinausführen, oder ſie für immer mit ihrem zerſtörten Le⸗ bensfrieden in dieſem dunklen Irrgang, Welt genannt, feſthalten ſollte; und ſo ſchnell, wie er ihr gekommen, ſtand auch ſchon der Entſchluß bei ihr feſt, nämlich die Mutter jener Unglücklichen vom Kugelsort aufzuſuchen, jener Bertha, die man ihr als das warnende Schreckbild von Sylburg's unedlem und verworfenem Charakter hin⸗ geſtellt hatte.— Bertha's Mutter lebte ja noch, am Brookthors⸗Wall ſollte die alte Obſthändlerin Gades wohnen, zu ihr wollte ſich Char⸗ lotte begeben, und ſie nach dem Namen Desjenigen fragen, der ihre Tochter ſo ſchändlich betrogen und noch über deren Grab hinaus den Verrath bis zur beiſpielloſen Verleugnung fortgeſetzt haben ſollte. War aber Sylburg wirklich dieſer Verräther, ja, dann, nach dieſer Beſtätigung wollte auch ſie ihn für den Menſchen halten, der wohl im Stande geweſen wäre, ihr ſelber ein ähnliches grauſes Schickſal zu bereiten und auch ihr den dunklen Rosmarinzweig der Schande mit in's Grab zu geben! Barmherziger Gott, nur dieſen Kelch laß' gnädig an mir vor⸗ übergehen! ſtammelte Charlotte und zählte mit bebendem Herzen die Stunden bis zum Anbruch des Abends.— — — 366— Unter dem Vorgeben, die alte Freundin am Steinweg zu be⸗ ſuchen, ging ſie von Hauſe weg und dankte Gott, daß er dieſe Nacht, die über ihr ganzes Lebensglück entſcheiden ſollte, rabenſchwarz auf die Erde gelagert habe. Denn ſo konnte ſie ja, von Niemanden be⸗ merkt, den fremden Stadttheil erreichen, der, faſt am äußerſten Süd⸗ ende Hamburgs gelegen, unter dem Namen Broockthors⸗Wall noch heute beſteht, obwohl die Feſtungswälle, die ihm dieſe Bezeichnung verliehen, längſt verſchwunden ſind. Vielleicht nicht dreimal in ihrem Leben hatte ihr Fuß jene Quartiere am Hafenbaſſin betreten, in de⸗ nen damals vorzugsweiſe Schiffer, Matroſen und wer überhaupt mit der Schifffahrt zu thun hatte, wohnten; ein Quartier, das in ſeiner Art faſt ebenſo verrufen und von anſtändigen Leuten gemieden war wie der Kugelsort; denn das wilde Matroſenvolk läßt ſchon bei Tage nicht mit ſich ſpaßen und iſt Abends noch händelſüchtiger und zü⸗ gelloſer. 8 Dennoch wagte Charlotte ohne alle Begleitung den gefährlichen Gang, um in einer ihr faſt unbekannten Gegend, in der ſich bei Tag und mehr noch bei Nacht ſo viel verdächtiges Geſindel umher⸗ trieb, eine alte Obſthändlerin aufzuſuchen; um mit all' ihrem Ruhme als erſte tragiſche Künſtlerin Hamburgs und Deutſchlands, in eine feuchte Kellerwohnung hinabzuſteigen und dort von einer alten un⸗ bekannten Frau die Entſcheidung über ihr ganzes Lebensglück zu erhalten! Kein Wunder, daß ähnliche Betrachtungen über die feindlichen Gegenſätze, in welche ſie nun ſchon zu verſchiedenen Malen, ihrem früheren Leben und ihrem Künſtlerberuf gegenüber, durch dieſe Liebe hineingerathen war, heute ihr Gemüth lebhaft beſchäftigten und ihr den Gedanken nahe legten, wie viel Leid und Schickſal ſie ſchon ſeit der kurzen Zeit, daß ſie Sylburg kannte, erlebt, um wie manchen ſchönen Jugendtraum ſie durch dieſes Verhältniß ſchon ärmer geworden ſei. Heute, in der rauhen finſtern Märznacht, wo ſie faſt einer Obdachloſen und Verſtoßenen gleich, durch die Straßen eilte, um bei fremden Men⸗ ſchen aus dem niederſten Stande Aufklärung über die Vergangenheit Desjenigen zu erhalten, deſſen Gefährtin für's Leben ſie werden wollte, heute fiel dieſe Betrachtung wie eine Centnerlaſt auf ihre Seele, und doch ſtand ſie damit noch lange nicht am Ziel ihrer —— 367 Sorgen, ja vielleicht waren ihr noch ganz andere ungleich ſchwerere Prüfungen als die bereits erlebten, vorbehalten, die am Ende erſt mit dem völligen Erwachen aus ihrem noch jüngſt ſo reichen und herrlichen Liebestraum ihren Schluß finden ſollten! So kam ſie in die Gegend des Hopfenmarktes, und da heute Markt⸗ tag geweſen war, ſo herrſchte hier noch, trotz der abendlichen Stunde, ein reges Leben, beſonders an dem neuen Schrangen, wo die Flei⸗ ſcher vom Küterhauſe ihre Blöcke haben. Auch die Antsfiſcher und Grünhöckerinnen hielten noch beim Scheine farbiger Laternen ihre Waare feil, und wenn auch der Verkehr bei Weitem nicht mehr dem vom Tage glich, ſo waren doch noch immer Käufer und Verkäufer genug da, um dem Marktplatz ein belebtes Anſehen zu verleihen. Wie Charlotte an den Ständen und Bänken der Fiſcher vorüber in die ſüdliche Straße, die„Neue Burg“ genannt, einbiegen wollte, glaubte ſie plötzlich eine gedämpfte Mannesſtimme dicht hinter ſich ihren Namen ausſprechen zu hören, und im nächſten Moment ſtand Sylburg an ihrer Seite! Sie war ſprachlos vor Schrecken und Ueberraſchung und wenig hätte gefehlt, ſie wäre ohnmächtig vor ihm auf's Steinpflaſter nieder⸗ geſunken. Der Baron ſchlang jedoch ſeinen Arm um die Wankende und ſagte dabei halb in zärtlichem, halb in vorwurfsvollem Tone: Meine ſüße Lotte erſchrickt ſo heftig vor meiner plötzlichen Er⸗ ſcheinung, und doch finde ich dich hier auf die natürlichſte Weiſe von der Welt. Ich ſah dich nämlich vorhin aus eurem Hauſe gehen, folgte dir unbemerkt nach, konnte aber nicht wagen, dich früher als in dieſer menſchenleeren Straße anzureden. Nun, nun, wohin, mein Liebchen, wenn ich fragen darf? Denn in der That ſind zu einer ſo weiten Promenade und noch dazu mutterſeelenallein Zeit und Wetter wenig geeignet, wenn es nicht gar darauf abgeſehen war, mich, den man vielleicht trotz der Dunkelheit erkannt hat, ſo weit aus einer Straße in die andere zu verlocken. Charlotte hing noch immer wie gelähmt an ſeinem Arme und nur mühſam vermochte ſie einige unzuſammenhängende Worte zu ſtottern. Denn bei ſeinem plötzlichen Erſcheinen hatte ſie es ſo⸗ gar einen Moment vergeſſen, auf welchem Wege er ihr begegnete, — - daß ſie ja die Mutter ſeines unglücklichen Opfers vom Brookthors⸗ Wall hatte aufſuchen wollen. Und nun dieſe Begegnung!— Führe mich nach Hauſe, Max, du ſollſt Alles wiſſen, flüſterte ſie zitternd. Es bleibt auch ſo der ſchwerſte Gang, den ich in mei⸗ nem Leben gethan habe und ich weiß, auch ohne mein Ziel erreicht zu haben, daß ich das ärmſte Geſchöpf auf Gottes Erdboden bin! Bei dieſen Worten brach ſie in ein krampfhaftes Weinen aus und vergebens bot Sylburg ſeine ganze Beredtſamkeit auf, ſie wieder zu beruhigen. Sie konnte ihm, ebenſo ſehr von ihrem Schmerze wie von ihrem Schrecken überwältigt, längere Zeit hindurch nur durch Seufzen und Schluchzen antworten, wobei ſie ihm jedoch willenlos ihre Hand ließ und auch duldete, daß er ſie einigemal zärtlich und ungeſtüm an ſich zog, während ſie noch immer ſtumm neben ihm her⸗ ſchritt. Was aber auch der Baron ihr ſagen mochte, ſeine Betheue⸗ rungen, ſeine Anklagen gegen ihre Familie, ſowie ſeine Anſpielungen auf Fanny's Verrätherei, Alles das war ja noch lange keine Recht⸗ fertigung, kein Beweis ſeiner Unſchuld; denn wie hätte er ihr früher ſo Vieles verheimlichen können, was jetzt, da ein Zufall es an den Tag brachte, ſelbſt das vertrauenvollſte Herz an ihm irre ma⸗ chen mußte! Dieſe mehr als ſchmerzliche Betrachtung gab endlich Charlotten die Kraft, ihm zu antworten, um, koſte es ihr auch das Leben, zu erfahren, wie er ſich ſo ſchweren Anſchuldigungen gegenüber verthei⸗ digen werde. Und wenn ihr auch beinahe die Stimme darüber aus⸗ gehen wollte, ſo vermochte ſie doch endlich die Frage an ihn zu rich⸗ ten, ob es wahr ſei, daß er ſchon früher Fanny's Haus beſucht und daſelbſt mit Hülfe jener abſcheulichen Perſon ein unſchuldiges Mäd⸗ chen, Namens Bertha Gades, elend gemacht habe? Kaum hatte ſie den Namen ſeines unglücklichen Opfers ausge⸗ ſprochen, als der Baron an ihrem Arme heftig zuſammenfuhr und wie an den Boden gewurzelt ſtehen blieb. Sein Haupt auf die Bruſt geneigt, ſtarrte er ſie aus zwei glühenden Augen regungslos an, eine tiefe Bläſſe hatte dabei ſeine Züge bedeckt und gab dieſen einen ſo eigenthümlichen Ausdruck von Verſtörung und furchtbarer Seelenangſt, daß ſie davor in innerſter Seele erbebte. Doch ſchon im nächſten Moment war Sylburg wieder Herr ſeiner ſelbſt, ruhig 369 erhob er das Haupt, feſt ſah er ſie an und ſagte nach einer Pauſe im Tone der ſchmerzlichſten Bewegung: Iſt's das alſo, was meine Charlotte nun ſchon eine ganze Woche lang von mir getrennt hält? Noch jüngſt mußte ich den Vor⸗ wurf von dir hören, daß ich dein Herz nicht genug kenne, weil ich einen Tag, nur einen einzigen Tag, um Dies und Jenes allzuängſt⸗ lich ſorgte, worüber mich doch ſpäter ein Wort von dir beruhigte! Und wieder verſtummte er, ſchüttelte gedankenvoll den Kopf und murmelte Etwas vor ſich hin. Noch ſchien er nicht mit ſich einig, was er ihr ſagen ſolle, eine dunkle Sorge überſchattete ſeine Züge, offenbar kämpften in ſeiner Bruſt widerſtreitende Gefühle, doch jetzt ſiegte die beſſere Ueberzeugung in ihm und mit freierem Herzen rief er aus: Nun, ja denn, in Gottes Namen, ja!— Jenes Mädchen war ſchön, verliebte ſich in mich, und ich, der damals noch die äußere Schönheit für die einzig werthvolle Eigenſchaft an euch Frauen hielt, war leichtfertig genug, die ſüße Frucht, welche mir die Tochter der Obſthändlerin anbot, nicht zu verachten. Aber nicht Fanny, das ſchwör' ich dir, Lotte, verhalf mir zu Bertha's Beſitz, ſondern erſt als ich ſie beſaß, gab ihr dieſe Perſon in ihrem Hauſe eine Zu- fluchtsſtätte vor der Mutter Zorn— und— und— o mein Gott, Lotte, wie ſchwer fällt nun erſt die Reue auf mein Herz— und das arme Geſchöpf glaubte den Liebesſchwüren eines Barons, baute auf ſie— und— Da verließeſt du ſie? fragte Charlotte, eiskalt bis an's Herz, und wußte nicht ob ſie wache oder träume, ſo ſehr verwirrte ſie dieſe aufrichtige Sprache eines eben ſo leichtfertigen als reuigen Li⸗ bertins. Nein, ich kam nux nicht wieder zu ihr, ſagte der Baron klein⸗ laut und fügte erſt, nach einer Pauſe mit Nachdruck hinzu: Denn als ich nach Hamburg zurückkehrte, war ſie todt, die ganze Stadt war eben voll von deinem Abenteuer am Kugelsort, dies reizte zuerſt meine Neugierde, dich zu ſehen, und weil ſchon dein erſter Anblick über mein Herz entſchied, ſo kann ich in Wahrheit ſagen, daß jene unglückliche Geſchichte für mich die Veranlaſſung wurde, dich zu lieben. D. B. II. Müller's Charl. Ackermann. 24 ———xxxE — 370— Und niemals erwähnteſt du doch dieſer Geſchichte mit einem Wort bei mir! rief Charlotte entrüſtet; niemals bekümmerte dich das Schickſal deines und ihres Kindes!— Das nenn' ich wirklich eine Hartherzigkeit ohne Beiſpiel! Und doch verdien' ich grade dieſen Vorwurf am Wenigſten, ent⸗ gegnete der Major mit Ruhe. Denn einmal hätte es dir und mir wenig geholfen, den beleidigten Schatten Bertha's heraufzubeſchwö⸗ ren, und dann war ich ja ſogar nicht einmal in der Lage, mich um das Schickſal des Kindes bekümmern zu können, da ich trotz meines unermüdlichen Eifers nicht die mindeſte Spur von ihm ausfindig ma⸗ chen konnte. Was ſagſt du? rief Charlotte, von einer plötzlichen Eingebung ergriffen, mit verſtelltem Erſtaunen; in Wahrheit aber hocherfreut, nun eine Gelegenheit zu haben, um den Baron wirkſam auf die Probe ſtellen zu können. Was ſagſt du, Max, du wüßteſt nichts von dem Kinde, während ich doch beinahe mit Gewißheit erfuhr, daß du das arme Würmchen heimlich fortſchaffteſt, bevor ich es von der Stockel⸗ hörnin wegnehmen konnte? O leugne es nicht,— du allein weißt, wo das Kind hinkam,— denn dein und keines andern Menſchen In⸗ tereſſe forderte deſſen ſpurloſes Verſchwinden von dem Schauplatze deines Unrechts. War es nun die Natürlichkeit, womit ſie ihren erdichteten Vor⸗ wurf betonte, war es das böſe Gewiſſen Sylburg's wegen ſeiner übrigen Streiche, genug, er, der ſich ſonſt ſo trefflich zu verſtellen wußte, verſtummte bei dieſer unerwarteten Anklage, die ihm eine Schuld zur Laſt legte, von der ihn diesmal wirklich ſein innerer Richter frei ſprach. Der Schein zeugte allerdings ſtark gegen ihn; und er, der dieſen Schein ſonſt ſo nothwendig brauchte, ſah ſich in der ſonderbaren Lage, einmal in Wahrheit beſſer zu ſein als dieſer. Er betheuerte ihr daher hoch und heilig, nicht mehr von dem Kinde zu wiſſen, als was Fanny und ſie ſelbſt ihm früher von deſſen ſpur⸗ loſem Verſchwinden erzählt habe. Denn glaube mir, fügte er, zu ſeinem alten Lügenſyſtem zurück⸗ kehrend, hinzu; hätte ich das Kind ausfindig machen können, das Bekenntniß meiner Schuld gegen deſſen Mutter wäre dir ſo gewiß geworden, als mir die Freude, dem verwaisten Geſchöpf in dir eine 371 zweite Mutter zu ſchenken. Es war nur die Furcht, du nicht und Niemand möchte mich an des Kindes Verſchwinden für unſchuldig hal⸗ ten, was mich abhielt, dir Alles zu entdecken; und dann frag' ich dich noch einmal: Was ſollte der beleidigte Schatten Bertha's in dem hellen Sonnenſchein, den deine Liebe über den düſteren Gram meiner Seele warf? Charlotte athmete freier auf und ein inbrünſtiges„Gelobt ſei Gott!“ rang ſich als Dankgebet für den wiedergewonnenen Glauben an den Geliebten aus ihrer ſchwer geängſtigten Seele.— Um aber auch den letzten dunklen Zweifel über ſeine Vergangenheit aus ihrem Herzen zu verſcheuchen und ſich für immer ſeiner aufrichtigen Geſin⸗ nung verſichert zu halten, unterdrückte ſie ihr freudiges Gefühl bei ſeiner Reue und ſagte keinlaut: Ach, lieber Max, du glaubſt nicht, in welche Verzweiflung ich gerieth, als ich die Geſchichte mit Bertha erfuhr und den Mann, dem ich mein ganzes Herz geſchenkt hatte, plötzlich für treulos halten mußte! Aber doch war mein Kummer Nichts im Vergleich zu dem Schrecken, den mir die Nachrichten über die Gräfin Lindenkron und deren verſtorbenen Mann verurſachten.— In dieſer Sache wirſt du dich doch ſchwerlich auf den Freibrief berufen wollen, den euch Männern die Natur gegen unſer ſchwaches Geſchlecht geſchrieben hat— denn die Gräfin— das weiß ich nun ganz ſicher,— ſoll eine eben ſo vor⸗ treffliche als hochgebildete Dame ſein, eins jener edlen Weſen, die kein Mann ungeſtraft beleidigt. War der Baron ſchon vorhin bei Nennung von Bertha's Namen aus der Faſſung gekommen, ſo ſchlug jetzt die plötzliche Erinnerung an Ulrike wie ein vernichtender Blitz in ſeine Seele, denn der lang gefürchtete verhängnißvolle Moment war ja nun da, wo ſein Verrath offenbar werden und es ſich entſcheiden ſollte, ob er auch dieſer Ne⸗ meſis zu entgehen, auch dieſer Anklage die Stirne der Unſchuld ent⸗ gegenzuhalten im Stande ſein werde? Er vermochte es nicht; denn ihr guter Engel hatte Charlotten, wenn auch ihr ſelber unbewußt, grade ſo viele Worte auf die Zunge gelegt, als nöthig waren, um ihm die volle Entdeckung ſeiner Unthat gegen Ulrike zur Gewißheit zu machen.— Im Schrecken darüber ver⸗ ſtummte er gänzlich und fand erſt nach einer langen Pauſe, als Beide 24* 372 ſchon in der Nähe des Ackermann'ſchen Hauſes angelangt waren, ſeine Sprache wieder, indem er mit ſchneidendem Hohn zu ihr ſagte: Wenn die Gräfin Lindenkron dein Orakel iſt, das dich über meinen Charakter und meine Vergangenheit belehrt hat, dann iſt aller⸗ dings mein Freibrief geſchrieben, der mich in deinen Augen zu jeder Schlechtigkeit fähig macht.— Wohlan, ſo forſche immerhin bei deinem Orakel, wer ich bin und wie es kam, daß du dich eine Zeitlang ſo arg in mir täuſchen konnteſt?— Ich aber ſage dir, Lotte, ſo gewiß ich dich einſt für hochherzig und freidenkend genug hielt, um dieſer erbärm⸗ lichen Welt mit ihrer Tücke und Bosheit dieſelbe Weihe des Gefühls entgegenzuhalten, welche dich in deiner Kunſt beſeelte, ſo gewiß zer⸗ reiße ich hiermit das Band, das mich für Zeit und Ewigkeit an dich feſſeln ſollte!— Geh' hin und ſpiele die Rutland, die Emilia Galotti, die Marie Beaumarchais noch einmal ſo heroiſch wie ſonſt, ich werde niemals wieder an die innere Wahrheit deiner Kunſt glauben; denn wer ſo wie du ſeine große herrliche Liebe den kleinlichſten Rückſichten aufopfert, ſelbſt der tückiſchen Verleumdung mehr glaubt, als der Stimme des eignen Herzens, iſt weder eine große Künſtlerin, noch iſt ſie einer großen Liebe fähig. Um Gotteswillen, Max, hab' Erbarmen mit mir! ſtammelte Charlotte, mehr todt als lebendig. Ich will ja gerne glauben, daß die Gräfin—— Glaube was du willſt! rief der Herzloſe mit affektirter Ver⸗ zweiflung. Nur fordere nicht von mir, daß ich auch ferner noch an dich glauben ſoll!— Geh' zur Gräfin Lindenkron, ſelbſt du kannſt noch von ihr lernen, wie man mit dem Heiligſten Komödie ſpielt! Mit einem ſchallenden Hohngelächter riß er ſich gewaltſam von Charlotten los, die ihn krampfhaft feſthielt, ſchleuderte mit Heftigkeit ihren flehend erhobenen Arm zurück, und ehe ſie noch ein Wort zu ihrer Vertheidigung ſprechen konnte, ſtürzte er mit furchtbarem Fluche von dannen. Die junge Künſtlerin that einige Schritte vorwärts, um ihm nachzueilen und ihn zu verſöhnen, aber ihre Kraft verließ ſie, ſo daß ſie ſich wankend, von einem heftigen Schwindel ergriffen, an die Kirchenmauer lehnen mußte. In dieſem ⸗Augenblick eilte eine dunkle männliche Geſtalt von der andern Seite der Straße auf ſie zu, es war — 373— Schröder, der ein unſichtbarer Zeuge des ganzen erſchütternden Auftritts geweſen war und noch im rechten Augenblick hinzukam, um die ohn⸗ mächtig gewordene Schweſter in ſeinen Armen aufzufangen und ſie in's Haus der Mutter hinüber zu tragen. Hier gelang es endlich den vereinten Bemühungen ihrer Ange⸗ hörigen, ſie ihrer Ohnmacht zu entreißen, aber mit dem Bewußtſein kehrte ihr auch die Erinnerung an das zurück, was ſie ſo eben er⸗ lebt hatte, und damit zugleich die Gewißheit, daß Sylburg ſie für immer verlaſſen habe. Er iſt fort! Ich habe ihn von mir geſtoßen! rief ſie in herz⸗ zerſchneidendem Jammerton und rang verzweiflungsvoll die Händez kein Troſt, keine Ermahnung wollte fruchten, ihre heftige Natur gab dem lange verhaltenen Schmerz der Seele einen ſo wild fanatiſchen Ausdruck, daß ſie zuletzt in Krämpfen zu Boden ſank, ſchreiend und tobend mit Bruder und Schweſter rang, die ſie zu Bette brin⸗ gen und daſelbſt feſthalten wollten, während ſie ſich ihren Armen mit übermenſchlicher Kraft zu entreißen anſtrengte, um dem Geliebten nachzueilen und ihn wieder zu verſöhnen. Endlich erſchien Unzer und verordnete ſogleich einen Aderlaß; doch auch die Erſchöpfung der phyſiſchen Natur verhinderte nicht, daß das bis zum Tode getroffene Herz fortblutete, bis gegen Morgen ein Zuſtand äußerer Fühlloſig⸗ keit eintrat, dem bald nachher die Symptome eines hitzigen Fiebers folgten. * 41. Mehre Tage ſchwebte Charlottens Leben in höchſter Gefahr und nur ſelten ſtellten ſich lichte Augenblicke bei ihr ein, Augenblicke, die vielleicht für ihre Umgebung noch ſchrecklicher waren als für die Kranke ſelbſt; denn dann trat eine andere Krankheit, die des unheil⸗ bar verwundeten Herzens, an die Stelle wilder Fiebergluten, und in allen Wehlauten der verſchmähten treuen Liebe jammerke und klagte ſie um den verlorenen Geliebten, rief ihn mit den zärtlichſten Namen und verrieth damit zugleich ihrer ſtaunenden und erſchütterten Umgebung die Gewalt eines Geiſtes, deſſen reine und doch ſo un⸗ — 374— geſtüme Sehnſucht ſchwerlich noch lange im Leben irdiſcher Täuſchung und Mühſal ausdauern werde. Endlich ſiegte ihre Jugend über die Gewalt der Krankheit, und ſie erholte ſich ſogar, wenigſtens dem äußern Anſchein nach, ſchneller als man erwartet hatte. Aber die Blüthe war geknickt, und wer die junge Künſtlerin nach dieſer Zeit wiederſah, erſchrak über die auffallende Veränderung in dem ſonſt ſo heiteren und lebendig an⸗ geregten Weſen Charlottens. Dahin war der ſeelenvolle Glanz ihrer Augen, das ausdrucksvolle Lächeln ihrer Mienen, welche jede Em⸗ pfindung der Seele wie in einem hellen Spiegel widerſtrahlten und ihr Geſicht ſelbſt in ruhigen Momenten zum immerberedten Ausleger ihres Innern machten. Statt deſſen ruhte ein ſchattenhafter Ernſt auf ihrem Antlitz, und die noch jüngſt ſo ſchwärmeriſchen Augen zeigten jenen trüben melancholiſchen Blick, der nur zuweilen in einem ſcheuen Strahl aufzuckt, wenn irgend ein unvorſichtiges Wort aus fremdem Munde, oder irgend ein unbewachter Gedanke der eignen Bruſt, der Seele Weh aus ſeiner ſtummen Trauer aufſchreckt, und das Herz, das noch zuweilen, wie in den Tagen ſeines Glückes, vor dem Ende mit Schrecken zittert, daran erinnert, daß bereits der Schrecken ohne Ende waltet. Sie trug, ſo rein liebt dieſes edle ſchwärmeriſche Künſtlerherz noch immer den treuloſen Urheber ſeines Unglücks, in jedem Tropfen ihres Blutes die innige Ueberzeugung, daß ſie ſelber, und nur ſie allein, das Glück ihrer Liebe freventlich zerſtört habe, und daß ſie nun für ihren Unglauben an des Geliebten Treue und Ehre büßen müſſe, was doch in Wahrheit nur der unerhörte Verrath Sylburg's verſchuldet hatte. Aber davon hatte ſie keine Ahnung; denn vor der lauten Anklage gegen ihr eignes Herz war längſt der letzte Zweifel verſtummt, daß der Baron aus einer andern Rückſicht als der tiefgekränkten Ehre, ſie verlaſſen und aufgegeben habe. Und ſprach ſie ihn auch nicht frei von dem Vorwurf des un⸗ barmherzigen Stolzes, der grauſamen Kälte, womit er ſie ungehört verdammt hatte, ſo lag doch zugleich für ſie in dieſem Vorwurf ein ſo mächtiger Reiz, daß ſelbſt der Gedanke, ſich von ihm verſchmäht und verſtoßen zu wiſſen, ſein Bild nur noch tiefer in ihre Seele — 375— eingrub, und ſeine ſtolze kalte Grauſamkeit ihn ihr noch liebenswür⸗ diger machte, als früher ſeine glühendſte Hingebung. Den entflohenen treuloſen Falken wiederzugewinnen, oder darüber vor ſeinen Augen im Abgrund des Nichts zu verſinken, dieſer Vor⸗ ſatz bildete bald den einzigen Anker ihrer Lebenshoffnung. Wir ſchlagen hier, wo in Charlottens Leben der letzte entſchei⸗ dende Wendepunkt eintritt, noch einmal ihre Briefe auf und laſſen uns zugleich von ihnen den Fortgang unſerer Geſchichte erzählen. Denn neben dem pſychologiſchen Intereſſe, das ſie hervorrufen, bil⸗ den ſie auch ein Stück äußerer Biographie, und verdienen darum in doppelter Beziehung unſere Aufmerkſamkeit. So ſchreibt Charlotte der mehrerwähnten Freundin u. A. „— Er hat mich verlaſſen; der Unwürdige hat mich verlaſ⸗ ſen, und ich muß leben und jammern! Was bin ich, in wel⸗ chem Zuſtand befinde ich mich? O! Wenn er in meinem Herzen ge⸗ leſen, wenn er geſehen hätte, wie es nur für ihn ſchlägt, dieſe Bruſt nur für ihn athmet, er hätte nimmer ſo grauſam handeln können! Aber ſo hat er mich nur geliebt, um mich zu verlaſſen, um mich zur Verzweiflung zu bringen. Ich ſollte ihn darum haſſen, und doch ſagt mir jeder Schlag meines Herzens, daß ich ihn anbete! Sein Bild umſchwebt mich, wo ich gehe und ſtehe: Aber was klage ich! Muß ich ihn nicht meiden? Nicht verachten? O, meine Sinne ſind ſo verwirrt; ich kann nichts weiter hinzufügen!——“ ** * „— Wie ſoll ich dir meinen Schmerz ausdrücken? Ich habe den Baron geſehen, aber ein feindlicher Dämon hat ſeine Ge⸗ ſtalt angenommen, um mich zu täuſchen. Er ritt vorgeſtern an mei⸗ nem Wagen vorbei, ach! der Treuloſe würdigte mich keines Blickes, ſondern wandte das Geſicht von mir ab. Ich mußte alle meine Kraft zuſammennehmen, um nicht in Ohnmacht zu ſinken; was mich noch tröſtete, war die Hoffnung, daß ich mich vielleicht geirrt hätte. Heute aber habe ich erfahren, daß er wirklich noch hier iſt. Wie viel Leid ſoll mein Herz noch vor dir ausſchütten? Steh' mir bei in dieſem verwirrten Zuſtand, oder ich gehe unter! ** — 376— „— Vielleicht erhalte ich einen Brief von ihm! Wenn er mir Vorwürfe machte, ich glaube, ich würde vor Schmerz vergehen. Oder hat er mich wirklich verlaſſen?— Und ich, ich liebe ihn noch mit aller erſinnlichen Stärke. Er wird nie ein Mädchen finden, das ihn mit ſolcher Innigkeit liebt wie ſeine arme Charlotte, und doch iſt er ſo grauſam gegen mich! Aber er wird mit der Zeit inne wer⸗ den, welches Herz er verloren hat. Verloren? Ach er wird es nie verlieren, dieſes arme vielgequälte Herz, das ſo ganz ſein eigen iſt und ewig nur für ihn ſchlägt. Wenn er nur nicht ſo ungerecht ge⸗ gen mich wäre!——“ * „— Gerechter Himmel, ich bin in der größten Verzweiflung! Ich fühle mein Daſein nicht mehr, ich werde zu ſehr gequält. Ich kann es nicht mehr ertragen! Was iſt aus mir geworden!? Meine Mutter, meine ſonſt ſo zärtliche Mutter iſt ſchon wieder grauſam gegen mich geweſen!— Ein Unbekannter hat einen Brief an ſie geſchrieben. Was hat ihr der Nichtswürdige geſchrieben?—— Nein, nein, es iſt nicht auszuhalten! Du ſiehſt meine grenzenloſe Verwirrung, Sophie! O du, den ich liebe und ewig lieben werde, wenn du meine Marter kennteſt! Aber nein— dein Herz würde bluten.——“ 4 * „— Sophie, mein Jammer nimmt kein Ende. Der Baron hat ſich verſchworen, mich methodiſch zu Grunde zu richten. Ich habe mich beſtrebt, ſein Bild gänzlich aus meiner Seele zu verban⸗ nen, aber umſonſt! Es kehrt immer wieder mit neuen Schrecken dahin zurück. Ich fürchte ſeine Liebe, aber ſeine Kälte tödtet mich. Er ſucht mir dieſe auf alle Weiſe zu zeigen; denn ſo oft ich ihn durch Zufall ſehe, drückt er immer neue Pfeile in mein verwundetes Herz. Geſtern— ich kann es dir mit den Worten der Maria im Clavigo erzählen— o geſtern, als wir ihm begegneten, ſein Anblick wirkte volle, warme Liebe auf mich! Und wie ich wieder nach Hauſe kam— und ich über ſein Betragen nachdachte— der ruhige kalte — 377— Blick, womit er mich anſah, an der Seite der glänzenden Dame, die er am Arme führte,— da ward ich Spanierin in meinem Her⸗ zen, griff nach meinem Dolche, nahm Gift zu mir und verkleidete mich. Du erſtaunſt, Sophie— Alles in Gedanken, verſteht ſich! Meine Einbildungskraft führte mich ihm nach, ich ſah ihn zu den Füßen ſeiner neuen Geliebten alle die Freundlichkeit und reizende De⸗ muth verſchwenden, womit er mich ſo oft bethört hat; ich zielte nach dem Herzen des Verräthers— Sophie, einzige Freundin, von der ich noch Mitleid erwarte, ſchaffe mir Linderung, oder ich ſtoße mir den Dolch in's eigne Herz!——“ ** * „— Du willſt Nachricht von mir haben. Was kann ich dir ſagen, meine gute Sophie? Mein Herz fröſtelt unter den Qua⸗ len der furchtbarſten Eiferſucht. Ach, ich weiß ja, daß ich nicht mehr geliebt werde, und doch kann ich den unglücklichen Gegenſtand nicht ertragen, der den Grauſamen feſſelt. Er war geſtern in der Komödie, ſah ſo heiter und aufgeräumt aus, daß es mich viele Thränen koſtete. Er hat Bekanntſchaft mit einer Dame gemacht, die in der vierten Loge ſaß. Mich hat er nicht anſehen mögen! Ich habe darüber ſo viel geweint, daß mein Auge noch ſchlimmer geworden iſt.——“ ** * „— Ich bin in der äußerſten Verzweiflung! Meine Mutter i*ſt auf mich erzürnt, ſie will mich nicht mehr ſehen und vielleicht wird man mich weit von hier wegbringen. Ich bin ſo elend, daß ich mich beinahe fürchte, dir mein Herz zu öffnen, das für die Liebe geſchaffen war, das der Freundſchaft würdig iſt und das— ein beſ⸗ ſeres Schickſal verdient hätte! Nie gab's eine reinere Liebe als die meinige, nie ward eine ſchwärzere Verrätherei verübt. Er liebt eine Andere,— Sophie, denk' es dir aus. Mit ihm habe ich Alles verloren— alle Welt verläßt mich! Aber was iſt die Welt noch werth, wenn man nicht mehr geliebt wird. Unmenſchlichkeit, wie verächtlich iſt der Menſch in meinen Augen! Glaube nicht, daß ich ihn noch liebe, ich fliehe, ich verabſcheue ihn, und bin ſtolz darauf! — CEitle Verblendung meines Schmerzes, meine Rache verwirrt mich. Ach, ich liebe ihn mehr als jemals! Was ſage ich da? Ich will ja den Treuloſen vergeſſen, ich will ihn vergeſſen!— Gott, welch' ein elendes Geſchöpf bin ich! Beſuche mich nicht, denn auch dich beargwohnt man hier im Hauſe.——“ ** * „— Mein Kopf iſt ſo ſehr verwirrt von all' dem unſäglichen Un⸗ glück, welches mein Herz erfüllt, daß ich fürchte, den Verſtand zu verlie⸗ ren. Großer allgütiger Gott, iſt das deine Welt?— Welche ſchwarze Verrätherei! In welcher Bewegung ſind meine Sinne! Er hat ſich gegen mich verſchworen, er will mein Verderben. Ich ſollte ihn verabſcheuen und— weine über ihn. Ja, über dich, den ich ewig liebe, ach! wie haſt du ſo undankbar gegen mich ſein können? Nein, es iſt nicht möglich.— Glaube mir, Sophie, er liebt mich entweder noch, oder er hat mich nie geliebt. Er könnte mich ſonſt nicht ſo fürchterlich martern. Er war das Letztemal in der Komödie. Als ich ihn erblickte, fing ich ſo heftig an zu zittern, daß es Jedermann bemerkt hat. Ich verſtummte und konnte kein Wort mehr hervor⸗ bringen!——“ ** * „— Hör' mich, meine theure Sophie, ich habe an S. geſchrieben. Ich habe ihn beſchworen, nicht mehr grauſam gegen mich zu ſein. Was wirſt du dazu ſagen? Ich habe ihm geſchrieben, daß ich ihn noch immer anbete. Ich zittere vor mir ſelbſt und kann mich nicht faſ⸗ ſen. Seine Antwort entſcheidet mein Schickſal. Die Feder entfällt mir. Lebe wohl, lebe wohl!——“ ** * „— Du kennſt meine Schwachheit, meine Reue, meine Trauer, ach!— und kennſt meine Liebe, die ſtärker iſt als das Alles. Du haſt geſehen, welche Laſt auf meinem Herzen liegt, welche Schrecken es erfüllen. Dazu mein unglücklicher Entſchluß, den — 379— Mann bis zu meinem letzten Athemzug zu lieben, der mich zeitlebens unglücklich macht. Jetzt, mitten in dieſer ſchrecklichen Situation, bekomme ich einen Beſuch von dem Grafen P'* und dem Herrn B, welche geſtern bei mir waren. Gott, wie viel Böſes hat man mir nicht von dem Baron geſagt!— Wenn das Alles wahr iſt, ſo iſt er der Verächtlichſte unter allen Menſchen. Ich habe verſprochen, dieſer Liebe auf immer zu entſagen; ja, Sophie, mein Mund hat das ver⸗ ſprochen, und meine Pflicht— aber nicht mein Herz, dieſes zärtliche Herz, das ewig brennen wird für den unwürdigen Gegenſtand, der es entflammte. Ach, Grauſamer! Warum haſt du dich beſtrebt, ge⸗ liebt zu ſein von einer ſo empfindſamen Seele wie die meinige, die mehr Stärke, mehr Standhaftigkeit beſitzt, als du, unwürdiger Abgott meines Herzens?— Aber Gott wird mich an dir rächen! Eine Frau, die das Gegentheil von mir iſt, ſoll ebenſo unempfindlich ge⸗ gen deine neue Liebe ſein, als du gegen die meinige biſt, denn im⸗ mer und immer wieder ſage ich: Ein Mann, der mich verläßt, kann nicht treu ſein. Nein, du wirſt es nie ſein, Max, aber der Fluch deiner Unbeſtändigkeit ſoll deine größte Marter werden. Mein Herz ſoll dich unaufhörlich verfolgen, und noch nach meinem Tode ſoll mein finſteres Schattenbild dich mit Grauſen erfüllen. Ah, du Mit⸗ leidloſer, ich werfe mich in die Arme meines Gottes! Ich will dein Opfer nicht ſein!— Wenn er doch nur die Menſchlichkeit gehabt hätte, mir mein Unglück, ſeine angeborene Treuloſigkeit zu entdecken. Lieber ſterben durch einen Wetterſtrahl, als durch ſchleichendes Gift! Bin ich einmal zum Tode verwundet, dann reiße man mir die Wunde, ſtatt ſie zu verbinden, vollends auf und laſſe mich verblu⸗ ten. Hätte er mir ſelbſt die Augen über ſeinen wahren Charakter geöffnet, es wäre doch noch einiger Troſt dabei geweſen, ich würde ihn jetzt nicht zu verachten brauchen, ich würde wenigſtens noch in dieſer Aufrichtigkeit eine Tugend an ihm bewundern können. Aber was ſage ich? Er hat mich nie geliebt; nie, nie, das ſind ſeine eignen Worte, die er irgendwo ausgeſprochen hat. Kann man un⸗ menſchlicher ſein?— Ungeheuer! Iſt es nicht ſchon ſchrecklich genug, von dem Liebſten auf der Welt getrennt zu werden? Muß man es auch noch verachten? Wie ſehr iſt der Tod dieſem Leben vorzu⸗ ziehen! Denn die Vernichtung ſelbſt iſt kein Unglück mehr für Den, — 380— den die Liebe flieht. Oder ſind wir wirklich nur geboren für den inneren Streit, für den beſtändigen Verluſt? Soll das ſchwächſte Geſchöpf ein Muſter des Heroismus ſein, und das arme Herz wäre nicht berechtigt, ſich irgendwo einen Gegenſtand des Troſtes zu ſu⸗ chen, ſelbſt ihn zu erzwingen? Wie, oder ſind wir Frauen bloß ein Spielzeug, ein Unterhaltungsſtoff für die Geſellſchaft, Opfer der Natur?— Ach, wo die Flamme der Liebe brennt, da kann ja wohl keine Schande ſein! Solche heftige Leidenſchaften finden ihre Recht⸗ fertigung in ihrer Stärke; aber der Stolz, einen würdigen Gegen⸗ ſtand zu lieben, iſt er etwa mehr gerechtfertigt, als der, einem Un⸗ würdigen treu zu bleiben? O, welches Herz hat er zerriſſen! Ein Herz, das noch gänzlich das Seinige iſt!——“ 42. Wir erhalten aus dieſen Briefen neben dem erſchütternden Zeug⸗ niß von Charlottens innerer Zerriſſenheit, zugleich Andeutungen über Dasjenige, was ſich faſt unmittelbar nach ihrer Krankheit ereignete, und wodurch der bejammernswerthe Zuſtand der hartgeprüften Acht⸗ zehnjährigen einen Höhegrad von Verzweiflung erreichte, dem ſelbſt ein ungleich weniger tiefes, weniger zartfühlendes Herz als das der jungen Künſtlerin, hätte erliegen müſſen. Wir erfahren, daß die Leidenſchaft auch diesmal wieder den Sieg über jede andere Rück⸗ ſicht davon trägt und ſelbſt der verſtärkte Argwohn gegen Sylburg's Charakter und Handlungsweiſe nicht im Stande iſt, Charlotten auf einen andern Weg zu bringen. Ja, ſein Einfluß auf ſie wird immer mächtiger, je lauter und dringender die Verdachtsgründe gegen ihn reden, ſo daß es beinahe den Anſchein gewinnt, als wenn eine innere dämoniſche Gewalt ſie unrettbar zu dem Gegenſtand ihrer verhängniß⸗ vollen Liebe hintreibe. Allerdings war aber auch der Baron, der nur allzugut die Schwächen des weiblichen Herzens kannte, auf die letzte und wirk⸗ ſamſte Liſt verfallen, um Charlotten entweder vollends zu verlieren, — 381— oder ſich ihres Herzens gänzlich zu bemächtigen und jeden ihm feind⸗ lichen Einfluß auf ihr Gefühl für immer abzuſchneiden. In der Täuſchung ſeines ſchuldvollen Bewußtſeins nahm er es mehr und mehr für gewiß an, daß die Familie Ackermann auf einem ihm unbekannten Wege hinter ſein ehemaliges Verhältniß zur Gräfin Lindenkron gelangt ſei, und Charlotte brauchte daher kaum den Namen dieſer von ihm ſo ſchändlich betrogenen Frau auszuſprechen, als auch ſchon ſein böſes Gewiſſen ihm zuflüſterte, daß Alles ver⸗ rathen ſei, und wenigſtens die ſeitherige Maske ihm Nichts mehr fruchten könne. In dieſem aus ſeinem Schuldbewußtſein entſprunge⸗ nen Mißverſtändniß ergriff er ſchnell und faſt unwillkührlich diejenige Partei, von der er ſich noch den meiſten Vortheil verſprach, indem er nämlich die Miene des tiefbeleidigten, an Herzen und Ehre gleich ſchwer gekränkten Mannes annahm und mit dem Anſchein höchſter Verzweiflung auf die Geliebte die Schuld ſeines zerſtörten Lebens⸗ glückes wälzte.— Schwerlich hätte Jago ſelber dieſes letzte Meiſter⸗ ſtück der vollendeten Bosheit mit größerem Erfolg ausführen können, als dies ſein würdiger Schüler that, und ſchon die ſchreckensbleiche Miene Charlottens, da er ſich gewaltſam an jenem Abend von ihr losriß, überzeugte den Baron, daß der Pfeil, den er mit ſeinen Vorwürfen in dieſes treue unſchuldige Herz gedrückt hatte, darin nur allzufeſt haften geblieben war. Von da an beobachtete er mehre Tage hindurch die ſtrengſte Zurückgezogenheit, was bald den ſeit Charlottens Krankheit im Publi⸗ kum umlaufenden Gerüchten von ihrer Liebſchaft mit dem ſchönen däniſchen Werbeoffizier aus dem„Kaiſershof“ neue Beſtätigung gab und Sylburg's Freunde veranlaßte, ſich näher nach den Gründen ſeines plötzlichen Verſchwindens aus ihrem Kreiſe umzuſehen. Bald war ganz Hamburg davon unterrichtet, daß die Familie Charlottens gegen dieſes Verhältniß ſei, und zwar mit dem verleumderiſchen Zu⸗ ſatz, weil Schröder die jüngere Schweſter um ſeines Privatvortheils als Theaterprinzipal willen, mit Gewalt von dem Geliebten getrennt habe. Dieſe Meinung wurde um ſo eher von Vielen, die den treff⸗ lichen Mann nicht näher kannten, getheilt, als die Befürchtung, Charlotte werde, im Falle ſie ſich verheirathe, von der Bühne ſchei⸗ den, ſehr nahe lag und eben ſo nahe die Frage: Wer die geniale, — 382— in allen Fächern gleich ausgezeichnete Künſtlerin mach ihrem Abgang erſetzen ſolle? Dieſe Sorge des kunſtſinnigen Hamburger Publikums war zu wohl begründet, als daß es nicht einigen boshaften Feinden Schröder's hätte gelingen ſollen, Charlottens unglücklichen Liebes⸗ handel zu ihrem Zwecke auszubeuten, indem ſie ausſprengten, Schrö⸗ der opfere die Schweſter ſeinem Privateigennutz, und auch Frau Ackermann, die man als eine kluge wirthſchaftliche Theaterprinzipalin kannte, ſei gegen das Liebesverhältniß ihrer Tochter aus— Kaſſen⸗ rückſicht!— Kurz, die Geſchichte machte ſchon damals das größte Aufſehen, that dem Rufe Schröder's, Dank der Bosheit ſeiner Feinde und Rivalen, den allergrößten Abbruch und diente dazu, das Leid, welches der wackern Künſtlerfamilie ſchon in ſo reichem Maaße aus dieſer unglücklichen Neigung Charlottens erwachſen war, zu vergrößern und die ohnedies durch dieſen Handel genug geſpannten Verhältniſſe des Hauſes noch mehr zu verwirren. Man erhielt anonyme Briefe mit den abſcheulichſten Vorwürfen, dienſtfertige Freunde brachten die ein⸗ zelnen Urtheile des Publikums zu Ohren der Betheiligten, und eines Tages erſchien ſogar in einem öffentlichen Altonaer Blatte eine mit vielem Geiſte, aber auch mit großer Malice geſchriebener Aufſatz über die Schröder'ſche Schaubühne, worin mit Ausnahme Charlottens über ſämmtliche Mitglieder und deren künſtleriſche Befähigung ein ſchweres Gericht gehalten wurde. Nur die jüngere Demoiſelle Acker⸗ mann fand Gnade vor dem unbekannten Kritiker und wurde auf Koſten der Andern mit Lob überſchüttet.— Das Ganze war offenbar darauf berechnet, Schröder's Theaterunternehmung als eine bloße Privatſpekulation in den Augen des Publikums herabzuſetzen, zugleich aber auch in wenig zarter und gerechter Weiſe indirekt das Gerücht zu beſtätigen, daß er die Schweſter um ſeines eigenen Vortheils willen nicht ziehen laſſen wolle. Was ſollten der treffliche Künſtler und ſeine würdige Mutter ſolchen ungegründeten und zum Theil höchſt boshaften Anſchuldigungen entgegenſtellen?— Eine Vertheidigung, ſelbſt den redlich geſinnten und wohlwollenden Freunden des Hauſes gegenüber, war nicht mög⸗ lich; denn wen anders würde die Wahrheit, hätte man ſie auch ent⸗ hüllen wollen, compromittirt haben als Charlotten ſelber, da man ja vor Allem eingeſtehen mußte, daß ſie es ſo weit mit dem Baron — 383— habe kommen laſſen und im Bunde mit ihm Mutter, Schweſter und Bruder getäuſcht habe. Dieſe Rückſicht auf Charlottens Ruf gebot die äußerſte Mäßi⸗ gung, und Schröder und die Seinigen entſchloſſen ſich daher, in keiner Weiſe gegen alle dieſe falſchen und verleumderiſchen Nachrichten einzuſchreiten, vielmehr auf die Hoffnung zu bauen, daß endlich doch die Wahrheit ſiegen und eine gerechtere Würdigung der Perſonen und Verhältniſſe nicht lange auf ſich warten laſſen werde. Man ſchonte Charlotten, ſo viel man ſelber über ſich und den innern Un⸗ muth vermochte; aber ihr ſo tief verwundetes und darum doppelt reizbares Gemüth mußte trotzdem häufig genug in Blicken und Mie⸗ nen der nächſten Umgebung leſen, wer die Schuld an allen dieſen Kümmerniſſen und Kränkungen trage, und wem man dafür mit ſo großer Schonung und Zärtlichkeit lohne. So viel ſtille Noth, ſo großer ſtummer Kampf zwiſchen ihrem Herzen und ihrem Schickſal, zerſtörte endlich in ihrer Bruſt das letzte Gefühl von Sicherheit nach ſo heftigen Stürmen, und nur die Ge⸗ wohnheit des Daſeins ließ ſie auch dieſe harte Prüfung ertragen. Von Sylburg ſah und hörte ſie Nichts mehr, er war verſchollen, kein Menſch nannte mehr ſeinen Namen. Nur in ihrem Innern hallte noch immer der Ton ſeiner Worte nach, mit denen er von ihr geſchieden war, und in den Schauern, die ſie dann jedesmal empfand, glaubte ſie es noch zu hören, wie er ihr die Schuld ſeines zerſtörten Le⸗ bensglückes beimaß und ſie ſogar in ſeinem heftigen Weſen des Treu⸗ bruchs und Verrathes anklagte. O Himmel! Das hat wohl nur die Verzweiflung aus ihm ge⸗ ſprochen, dieſen ſchrecklichen Irrthum theilt nimmer ſein edles Herz! war dann gewöhnlich ihr letzter Troſt, daran knüpfte ihre Einbil⸗ dungskraft tauſend glückliche Möglichkeiten, und wenigſtens für Augen⸗ blicke konnte ſie ſich's verhehlen, daß er ſie für immer verlaſſen habe, im Zorne, ach, im unverſöhnlichſten Zorne!— Aber wenn dann wieder die Wirklichkeit ihr trauriges Recht auf ſie geltend machte, wenn ſie aus ſolchen glücklichen Träumen erwachte und nun das edle, noch immer geliebte Bild mit demjenigen verglich, das ihr die Menſchen von ihm entwarfen; wenn ſie alle dieſe ſchlimme Nachrichten über . — 384— ſeine Vergangenheit in Zuſammenhang mit Dem brachte, was er ihr ſelber Schreckliches zugefügt, wie er ſie ſo mitleidlos verlaſſen, faſt mit triumphirendem Hohn ſich von ihr losgeriſſen hatte;— dann freilich war auch ſie nicht mehr im Stande, ihn zu vertheidi⸗ gen, ja ſelbſt das bleiche ſanfte Bild der unglücklichen Bertha, wie ſie's einſt im Sarge am Kugelsort geſehen, trat dann wie ein ſtra⸗ fender Racheengel zwiſchen ſie und dieſen Mann, ſchützte ſie vor ſeiner furchtbaren Liebe, und Sylburg brach wie vernichtet unter der Laſt ſolcher Anklagen zuſammen. In dieſen martervollen Zweifeln ruhte aber leider eben ſo wenig Heilkraft für das kranke Gemüth, wie in dem glücklichen Wahn von Sylburg's wahrer und ungeheuchelter Liebe. Denn weder jene Zwei⸗ fel, noch dieſer Wahn hatten Beſtand, einer bekämpfte fortwährend den andern, und in ſolchem Zwieſpalt ihres inneren Lebens verlor ſie mehr und mehr den letzten ſichern Boden unter den Füßen. Sie wandelte in der Irre, wohin ſie auch den Schritt lenkte, und doch fühlte ſie es in einzelnen Augenblicken mit der ganzen Beſtimmtheit ihrer Seele, daß Sylburg noch jetzt, ſelbſt unter der vernichtenden Anklage einer ganzen Welt, nur vor ihr zu erſcheinen brauche, und ſie würde ſich jauchzend an ſeine Bruſt werfen, lodere auch gleich darin der Hölle Flamme oder umſtricke ſein Arm ſie mit den Banden ewiger Vernichtung. Daß bei einer ſolchen Gemüthsſtimmung die Kunſt alles In⸗ tereſſe für ſie verlor, ja ſelbſt ein innerer Widerwille gegen ihren Beruf ſich bei ihr feſtſetzte, erſcheint uns als die natürliche Folge der erlittenen Schickſale, und es würde uns ſogar Wunder nehmen, wenn ein ſolcher Genius den Tod ſeines Herzens im Morgenroth der Ju⸗ gend und der Liebe häͤtte überleben ſollen.— Charlotte war zu ſehr Künſtlerin des Gefühls und der ſchöpferiſchen Fantaſie, als daß der Sturm, welcher ihres Lebens ſchönſte Blüthe knickte, nicht auch zu⸗ gleich den ganzen Frühling ihres Herzens hätte zerſtören ſollen. Sie, die ſonſt nur für ihre Kunſt lebte und glühte, die das Daſein der Wirklichkeit nur im Reflex der ſchönen Täuſchung, welche ihr die Poeſie erſchuf, zu ſehen gewohnt war, ſollte plötzlich mit Bewußtſein die Schmerzen und Täuſchungen ihres Herzens im ſtrengen Dienſt der Muſen vergeſſen, verleugnen; ſollte, mit einem Worte, aufhören, an — 385— die innige Harmonie zwiſchen Ideal und Leben zu glauben!— Was in ſpäteren Jahren der hochbegabten Natur gewiß auch noch zu Theil geworden wäre, nämlich die Erfahrung, daß grade das Leben mit ſeinen feindlichen Gegenſätzen den wahren Künſtler bildet und frei macht, dieſer Gedanke konnte ihr bei ihrer großen Jugend, da ſie ſchon im Aufgang ihres ſtrahlenden Geſtirnes hinter ſich das ganze übrige Leben in Nacht und Trauer verſinken ſah, unmöglich zur rettenden Leuchte dienen, ſelbſt wenn ſie nicht blos Künſtlerin der unmittelbaren Eingebung, ſondern auch Künſtlerin des Verſtandes und der Reflexion geweſen wäre. Dieſer Einfluß ihres Schickſals auf ihren Beruf war es wohl vornehmlich, was Charlottens Stellung in einem Hauſe, deſſen Exi⸗ ſtenz nun einmal auf die Kunſt gegründet war, beſonders der immer eifrigen Mutter gegenüber, drückend genug machte, da Schröder bald durch mehr als einen dringenden Umſtand daran gemahnt wurde, wie nachtheilig ihm ſowohl in artiſtiſcher wie ökonomiſcher Hinſicht Char⸗ lottens wochenlange Unthätigkeit wurde. Er mußte ihr dies endlich, wenn auch ſo ſchonend als möglich mittheilen, wobei er es nicht an treffenden Bemerkungen über den ſchweren Beruf des Schauſpielers fehlen ließ, der, wie er ſagte, nun einmal dazu beſtimmt ſei, ſeinen innerſten Menſchen zu verleugnen, um in fremder Geſtalt, fremdem Weſen die Poeſie zur lebendigen Anſchauung zu bringen, wobei das Publikum freilich nicht frage, wie's ihm in ſolchen Stunden zu Muthe ſei. Er redete dann der Schweſter eindringlich und liebevoll zu, grade jetzt zu beweiſen, daß nicht allein das ihr von der Natur verliehene Talent, ſondern auch der über ſeinen Schmerz erhabene Geiſt und der ſtarke, vom Schickſal ungebeugte Charakter ſie würdig mache, dereinſt die höchſte Kunſtſtufe zu erreichen, und forderte ſie dann auf, zu dem verlaſſenen Beruf zurückzukehren, um im heiteren Dienſt der Kunſt neuen Muth, neue Lebensfreudigkeit zu gewinnen. Lange konnte Charlotte ihm nur durch Thränen antworten; ſie war ſo ergriffen von dem, was ihr der Bruder geſagt hatte, daß ſie ihm unmöglich Unrecht geben konnte, und ſo faßte ſie endlich Muth und verſprach ihm ſeinen Wunſch zu erfüllen, ſelbſt wenn es ſie die größte Ueberwindung koſten ſollte. D. B. II. Müller's Charl. Ackermann. 25 So wähle dir ſelber die Rolle, in der du zum Erſtenmal wie⸗ der auftreten willſt, rief Schröder hocherfreut. Nächſten Sonntag möge das Publikum erfahren, daß Charlotte Ackermann auch in ihrem ſchmerzlichen Schickſal nicht aufgehört hat, Künſtlerin zu ſein, ſondern ihrem Genius treu geblieben iſt. Sprich, mein Kind, welches Stück ſoll es ſein? Das ſchönſte Perlenband in Hamburgs Juwe⸗ lierläden meiner Lotte für dieſen Abend! Perlen bedeuten Thränen, ſagte ſie mit ſchmerzlichem Lächeln; ſo laß’ es denn das neue Stück von Brandes,„Olivie“ ſein, das ſchon ſo lange auf dem Repertoire ſteht. Ich bin dann als Olivie ich, und brauche nicht viel zu ſpielen. Die Olivie? rief Schröder beſtürzt. O, das iſt eine namenlos traurige Rolle, ich wollte, du wählteſt lieber ein Luſtſpiel oder die erſte beſte heitere Operette. Laß' es die Olivie ſein, verſetzte Charlotte bewegt. Auch ich mag das Stück nicht, ſo viel es auch Hofrath Wieland in Weimar empfiehlt; denn es iſt wirklich nur eine ganz verfehlte Nachahmung der Rutland und der Emilia Galotti. Aber doch wüßte ich gegen⸗ wärtig keine Rolle, in der ich meiner Sache ſo gewiß wäre, als in dieſer. Die Hamburger mögen dann entſcheiden, ob man nicht un⸗ ſchuldig ſein und doch höchſt ungerecht beurtheilt werden kann. Ja, ja, die Olivie, Bruder, ich halte dich beim Wort, die Olivie wähle ich mir. Gut, du ſollſt deinen Willen haben, erwiderte Schröder; wenn es mir auch, trotz des großen Erfolges, den dieſe ſentimentale Farce in Weimar gefunden hat, ein entſchiedener Rückſchritt ſcheint. Die Rollen ſind längſt einſtudirt, Dorothea ſpielt die Gräfin Montani, Brockmann den Leontio, Reinike den Marcheſe, Lambrecht den Rik⸗ kaldo, die übrigen Perſonen werden ſich finden, alſo es bleibt dabei, Lotte, wir ſpielen künftigen Sonntag die Olivie. Gelobt ſei Gott, daß du's durchgeſetzt haſt! ſagte nach Schrö⸗ der’s Weggang Frau Ackermann zu der Tochter. Seit Wochen und Monaten ſchiebt er das köſtliche Stück hinaus, bloß weil es eine mittel⸗ mäßige Arbeit iſt. Aber ich wette Eins gegen Hundert, die„Olivie“ wird eine Einnahme machen, dagegen ſelbſt der klaſſiſche„Othello“ und die„Rutland“ nicht aufkommen. Nun, liebes Kind, bin ich 387 wieder mal mit dir zufrieden und verzeihe dir auch deine lange Pauſe von Herzen. Allerdings war das ungünſtige Urtheil Schröder's und Char⸗ lottens über das fragliche Stück vollkommen gegründet, und Letztere würde auch ſchwerlich in einer andern Gemüthsſtimmung ihre Wahl auf ein Trauerſpiel gelenkt haben, in welchem ein ſtockblinder Zufall von Scene zu Seene nach neuen und immer kraſſeren Couliſſeneffekten greift und worin im eigentlichen Sinne des Wortes Dolch und Gift und Gift und Dolch die aequa lanx der ganzen Action bilden. Eine heimliche Ehe, ganz ſo wie in der Rutland, aber dazu noch ein heimlicher Gattenmord, und wie alle die heimlichen Unheimlich⸗ keiten lauten, aus denen ein nüchterner Kopf ein Trauerſpiel in fünf Akten zuſammenzuflicken pflegt, bilden ebenſo viele offenkundige Be⸗ weiſe für die Erfindungsarmuth und Gedankenleere des Verfaſſers, welcher noch obendrein dieſes Stück jener berühmten Amalie von Weimar zu widmen ſich erlaubte, auf deren Freundſchaft ſpäter ein Goethe und Schiller ſtolz ſein durften. Und dennoch wählte es Charlotte zur Antrittsrolle nach ihrer Krankheit? Dennoch beſtand ſie ſogar gegen den Wunſch ihres Bruders auf der Vorſtellung dieſes ſentimentalen Rühr⸗ und Trauerſpiels?— Löſen wir das Räthſel mit einem Worte, indem wir ſagen, daß ſie nicht ſowohl das Stück, als vielmehr die Rolle Olivie wählte, und dieſe Rolle war allerdings wie für ſie geſchrieben.— Sie konnte darin in Spiel und Wort dem Hamburger Publikum ſagen: Siehe, ſo bin ich; und ſtellt man mir noch einen Teufel von Stiefmutter wie dieſe Gräfin Montani, im Leben zur Seite, dann werd' auch ich, gleich der armen Olivie, wahnſinnig, und Beide theilen wir dann das nämliche grauſe Schickſal der verſchmähten und unſchuldig verleumdeten Liebe.— Das war bis auf den Grund der Wahrheit die einzige Urſache ihrer Vorliebe für die Olivie. Sie wollte eben nur ſich ſelbſt und ihr Schick⸗ ſal ſpielen; denn der Böſewicht Rikkardo, den Olivie heirathen ſoll, obwohl ſie ihn verabſcheut, glich er nicht auf's Haar jenem Syl⸗ burg, wie ihn die Menſchen ihr ſchilderten? Aber Leontio, der edle ritterliche, wilde und ungerechte Leontio, den Olivie wirklich liebt und den ihr das Schickſal entreißen will, war er nicht bis auf den kleinſten Charakterzug Sylburg's Ebenbild, deſſelben Sylburg den 25* * ſie vergötterte, obwohl er ſie ungerecht verdammte, verſtieß,— grade ſo wie Leontio die arme Olivie? Im Kopfe einer jungen Künſtlerin von Charlottens feurigem Temperament, gehen oft noch wunderlichere Dinge vor als in ihrem Herzen; und ſo bildete ſie ſich denn wirklich ein, ihre Olivie werde Sylburg, der ja an dieſem Abend gewiß nicht im Theater fehlen würde, mehr als alles Andere von ihrer Unſchuld überzeugen, werde ihn mit ihr verſöhnen und ihn gleich dem edlen, nur allzuheftigen Leontio, in die Arme der verkannten Geliebten zurückführen.— Ja, ihre Kunſt, in der ſie ſonſt ſo manchen ſeltnen Erfolg errungen hatte, ſollte ihr diesmal den ſchönſten und höchſten Triumph bereiten, den Sieg treuer Liebe über ungerechten Verdacht, ein Triumph, der in den Augen einer Charlotte unendlich mehr Reiz haben mußte, als aller Ruhm, alle Lorbeerkränze der Welt.— So empfahl ſie denn ihre Liebe vertrauenden Herzens dem Schutze Thaliens, dieſer mäch⸗ tigen und ihr ſo holden Muſe, und ſchickte ſich an, aus einer Rolle, die nach ihr in den Händen von hundert andern Künſtlerin⸗ nen zum Zerrbild weiblicher Unnatur herabgeſunken iſt, und die man heutzutage höchſtens als eine gelungene Satyre auf verliebte Schwärmerei würde gelten laſſen, eine ihrer vollendetſten Kunſtge⸗ ſtalten zu ſchaffen.— O weh! Wo Nichts iſt, hat der Kaiſer ſein Recht verloren! ſagte nach der letzten Hauptprobe am Sonnabend Eckhof, indem er bedenklich den Kopf ſchüttelte und dieſer Vorſtellung ein ſchlimmes Prognoſtikon ſtellte. Ja, der Kaiſer, da haben Sie recht, Eckhof, entgegnete Char⸗ lotte. Aber der Künſtler, Freund, der Künſtler, dem Sie Muſter und Vorbild ſind,— ſein Recht fängt erſt an, wo er aus Nichts Alles ſchaffen muß. Ach, mein guter ehrlicher Brandes, mit dieſer Auffaſſung dei⸗ ner Olivie würdeſt du ſchwerlich bei all' deiner großen Beſchei⸗ denheit einverſtanden ſein! rief Eckhof. Aber das ſag' ich Ihnen, Lotte, die Beichte wegen der Minna, wo ich auf Ihren Wunſch aus Viel Nichts machen mußte, erlaſſe ich Ihnen nicht. Wie war's damit? Was hatten Sie gegen die bewußten Worte Tellheim's ein⸗ zuwenden? — 389— Die junge Künſtlerin wechſelte bei dieſer Erinnerung flüchtig die Farbe, deutete dann auf die geſchriebene Rolle in ihrer Hand und ſagte verwirrt: Darin ſteht's; die Olivie ſoll Ihnen Alles erklären, warten Sie nur, Freund,— die Olivie beichtet Ihnen mehr von Ihrer Lotte, wie dieſe ſelbſt es könnte! —x 43. Die Nachricht, daß Charlotte wieder die Bühne betreten werde, übte auf das Publikum unter ſo bewandten Umſtänden noch eine ungleich größere Anziehungskraft aus als das neue Stück ſelber; und wer nur immer ein Intereſſe am Theater, an der Künſtlerin und ihrer Familie hatte, oder wer auch nur von den verſchiedenartigen Ge⸗ rüchten gehört hatte, die in jüngſter Zeit über Charlottens Liebſchaft und ihr häusliches Verhältniß verbreitet geweſen waren, der bemühte ſich für dieſen Abend um einen Platz im Schauſpielhaus.— Denn die Privatangelegenheiten der Künſtler hatten für einen Theil des Hamburger Publikums oft ein größeres Intereſſe, als Kunſt und Theater ſelber; und jetzt gar, wo ſich an den gefeiertſten Namen der Bühne eine ſo romantiſche, vielbeſprochene Liebesgeſchichte knüpfte, war die Neugierde doppelt groß; in dem patriarchaliſchen Verhält⸗ niß, welches damals noch zwiſchen dem Theater und ſeinem Pub⸗ likum beſtand, war ja jeder Parterre⸗ und Logenabonnent an dieſer Sache betheiligt, und das Privatleben der Künſtler gehörte nach der Meinung Vieler ſo gut vor das Forum der öffentlichen Kritik, wie ſeine Kunſtleiſtungen ſelber.— Keiner von den Hunderten, die an dieſem Abend die Komödie beſuchten, zweifelte auch daran, daß es zu irgend einer Demonſtration kommen würde; ja, es gab ſogar ein⸗ zelne junge Herren, die ſich in ihrem Enthuſiasmus für Charlotte vornahmen, den Theaterprinzipal herauszurufen und wegen ſeines ge⸗ waltthätigen Eingriffs in die Herzensgeſchichte der Schweſter öffent⸗ lich Rechenſchaft von ihm zu fordern. „ Dies unterblieb nun zwar, und gewiß aus mehr als einem ver⸗ nünftigen Grund; doch zeigte das dichtbeſetzte Haus ſchon vor dem Beginn der Vorſtellung eine ganz ungewöhnliche Aufregung. Da der Vorhang endlich in die Höhe ging, fehlte die ſonſtige Stille und Aufmerkſamkeit, und die unruhvolle Bewegung des Publikums nahm eher noch zu als ab. Erſt als Dorothea, welche die Gräfin Mon⸗ tani gab, ihrem Diener Franzesko befahl, Olivien zu rufen, legte ſich die Gährung, und alle Gläſer, alle Blicke richteten ſich auf die Zwiſchencouliſſe, aus der Olivie heraustreten ſollte. Jetzt erſchien Charlotte, in Trauerkleider gehüllt, weiße Roſen im Haar, und gab damit das Signal zu einem donnerähnlichen Applaus, den ein Thea⸗ terannaliſt jener Zeit mit dem„Donner des Sinai“ vergleicht. Das Publikum heulte und tobte mehre Minuten lang fort, und wäre Herr Anſelmus Klefeker, der Wirth aus der„Obergeſellſchaft“ heute zugegen geweſen, er hätte ſicherlich zum andern Mal an die Einwir⸗ kung des Theaterteufels auf die Menſchen geglaubt, ſo furchtbar war der Tumult, bis plötzlich eine ungeheure Baßſtimme aus dem Parterre, und zwar die des alten Hofraths Koch, dem brüllenden Berge Ruhe gebot und durch ihren wahrhaft moſaiſchen Jehovahton plötzlich eine Todtenſtille bewirkte.— Olivie konnte ihre Rolle begin⸗ nen, und bald feſſelte ſie durch den Zauber ihres Spiels alle Herzen. Aus einer Rolle der larmoyanteſten Sorte hatte Charlotte ſchon nach der erſten Scene ein Bild von ſo tieftragiſcher Wirkung ge⸗ ſchaffen, daß ſich bald das ganze Intereſſe an der Darſtellung auf ihre Perſon concentrirte und ſelbſt bei ſolchen Zuſchauern, die ſonſt nur mit dem Verſtand zu urtheilen pflegten, das Gefühl die Ober⸗ hand gewann.— Bald war kein Auge mehr thränenleer, die leidende Unſchuld Oliviens erweckte in den rauheſten Herzen Sympathie und Mitgefühl, ihre treue Liebe leuchtete wie ein holder Stern ſelbſt durch die grauſe Nacht der Verhängniſſe und der zerſtörten Seele, und jedesmal, ſo oft ſie den Namen Leontio ausſprach, überſtrahlte ihr ganzes Weſen trunkene Seligkeit, ſo daß Niemand, der dieſem Tone lauſchte und dabei den Ausdruck des Entzückens, der Rührung in ihrer Miene beobachtete, des innigſten Mitleids ſich erwehren konnte.— Wenn wir heute dieſe Olivie leſen, ſo begreifen wir nicht, mit welchen Mitteln der Kunſt und des tragiſchen Gefühls Charlotte — — — 391,— aus dieſer Rolle ein vollendetes Werk ihres Genies machte, ſo daß ſelbſt ein Mann, deſſen Schriften uns noch jetzt Achtung vor ſeiner äſthetiſchen Bildung und ſeinem ſtrengen Kunſtrichterſinn einflößen, F. Schütz, behaupten konnte,„die jüngere Ackermann, die unſchuldig gekränkte, leidende Olivie, habe jedes fühlende Herz zum Mitgefühl hingeriſſen und ſelbſt dem kälteſten Zuſchauer Thränen erpreßt.“ Auch liegen uns neben dieſem noch ſo viele gleichlautende Zeug⸗ niſſe über ihren großen Erfolg an dieſem Abend vor, daß wir nicht daran zweifeln können, ſie habe wirklich erfüllt, was ſie ihrem Freunde Eckhof verhieß und— aus Nichts Alles gemacht! Genug, der Ein⸗ druck, den ſie als Olivie hervorrief, war ein ſo großer und enthu⸗ ſiaſtiſcher, daß ſich die älteſten Theaterbeſucher keines ähnlichen erin⸗ nerten und dieſe eine Vorſtellung auf der Hamburger Buͤhne dem ſonſt ſo mangelhaften Stück bald einen Ruf durch ganz Deutſchland verſchaffte.— Unter der wachſenden Theilnahme der Zuſchauer war man bis zur Schlußſcene des vierten Aktes gekommen, zu jener Scene, wo die Gräfin Montani ihrer Stieftochter Olivie mit dem Dolch in der Hand das Geheimniß abzupreſſen ſucht, von wem dieſe den an ihrem Vater verübten Mord erfahren habe, als ein höchſt ſonderbares Ereigniß die Vorſtellung unterbrach, indem plötzlich Charlotte, auf die alle Blicke geheftet waren, mitten in ihrer Rede ſtockte, wohl eine Minute lang unbeweglich nach einer der Logen des erſten Ranges hinaufſtarrte und dann dem Schauſpieler Reinike, der eben als Marcheſe auf der Bühne zu erſcheinen hatte, um Olivien vor dem Dolch der rachſüchtigen Stiefmutter zu retten, ohnmächtig in die Arme taumelte. Eine unbeſchreibliche Aufregung entſtand unter den Zuſchauern.„Sie iſt todt! Sie iſt todt!“ ſchrieen Hunderte von Stimmen, Reinike hingegen, die Ohnmächtige im Arme, rief mit vieler Geiſtesgegenwart in's Parterre hinab:„Nein, bloß eine Ohnmacht— ſchon erholt ſie ſich wieder!“ und raſch rollte der Vorhang nieder VVon allen Seiten eilte man Charlotten zu Hilfe, Schröder ſelbſt trug ſie mit zitternden Knieen in ihr Zimmer, wo man ihr die Gewänder abriß und ſie mit Eſſenzen beſtrich, bis ſie ſich end⸗ lich wieder erholte und matt die Augen aufſchlug. Aber ihre Er⸗ . 1 — 392— ſchöpfung war ſo groß, daß man ſich bald von der Unmöglichkeit überzeugte, ſie die Rolle der Olivie ausſpielen zu laſſen, und der Theaterprinzipal ſelbſt erklärte, er werde lieber den Zuſchauern ihr Eintrittsgeld zurückzahlen, als die Schweſter heute noch in Anſpruch nehmen. In der Eile mußte daher Madame Vetter, eine junge tragiſche Schauſpielerin aus Braunſchweig, welche ſchon früher dort mit Glück als Olivie aufgetreten war, die unterbrochene Rolle übernehmen, um ſie zu Ende zu ſpielen. Der Schauſpieler Lambrecht kündigte zuvor dem Publikum dieſen durch das plötzliche Unwohlſein der jüngeren Demoiſelle Ackermann nothwendig gewordenen Perſonenwechſel an und empfahl Madame Vetter der gütigen Nachſicht der Zuſchauer; endlich, nach einer peinvollen Viertelſtunde, konnte der Vorhang wie⸗ der aufgezogen werden und der fünfte und letzte Akt des durch ſo böſen Zufall geſtörten Trauerſpiels beginnen. Schröder, der über dem Schrecken ſeine äußere Faſſung nicht verloren hatte, leitete ſel⸗ ber, was bei der entſtandenen Verwirrung höchſt nöthig war, den Schluß der Vorſtellung und war Souffleur, Theatermeiſter und Di⸗ rektor in einer Perſon; Madame Vetter gab ſich alle Mühe, um nach einer ſo großen Künſtlerin wie Charlotte, würdig vor dem Publikum zu beſtehen, das aufmerkſam und artig genug war, dies bei verſchie⸗ denen Stellen durch Applaudiren anzuerkennen; und ſo ward endlich das ſo ſchwer bedrohte Stück mit Glück und ohne weitere bemerk⸗ bare Störung zu Ende geſpielt.— Schröder athmete tief auf, als der Vorhang niederfiel und das Publikum einſtimmig die baldige Wie⸗ derholung der Olivie mit Charlotten begehrte, er ließ dies durch 3 Lambrecht zuſagen und zugleich auch in ſeinem und der Schweſter Namen für die bei dem unglücklichen Zwiſchenfall bewieſene Güte und Nachſicht danken. Auf dem Corridor vor den Damenzimmern kam Dortor Unzer oem Freunde entgegen. Schröder eilte auf ihn zu und ſagte: O hätte ich dir gefolgt und Lotten nicht in dieſem unglücklichen Jammerſtück auftreten laſſen! Auch mir ahnte von vornherein nichts Gutes, zumal dieſe Rolle ſo ganz mit ihrem eignen Schickſal zuſam⸗ mentrifft und faſt jedes Wort darin eine Wunde ihres Herzens auf⸗ — — 393 reißen mußte. Ich ſah's ihr ſchon nach dem erſten Akte an, daß ſie's nicht durchmachen würde. Wie? Du glaubſt, der Inhalt des Stückes ſei an dem Unfall Schuld geweſen? entgegnete der Doctor verwundert. Wollte Gott, ihre Ohnmacht hätte keinen andern Grund gehabt! Wie ſo? fragte Schröder betroffen. Ich und Viele mit mir haben es geſehen, fuhr Unzer fort, daß Charlotte plötzlich mitten im Spiele aus der Faſſung kam und wie von einer magiſchen Gewalt gefeſſelt, nach der vierten Loge hinaufſtarrte. Viele Blicke nahmen dieſelbe Richtung, man ziſchelte ſich in die Ohren: Er iſt's, ja er iſt's! und ich konnte deutlich ſehen, wie Sylburg ſich verfärbte und betroffen gemacht durch die allgemeine Aufmerkſamkeit, deren Gegenſtand er ſo plötzlich geworden war, ſich zurücklehnte, um einer neben ihm ſitzenden fremden Dame mit lachender Miene Etwas in's Ohr zu flüſtern. Ich hatte ihn ſchon früher beobachtet, und bin feſt überzeugt, daß er es darauf abgeſehen hatte, Charlotten zu verwir⸗ ren, indem er grade den vorderſten Platz wählte, wo ihn ihr Blick vom Proſcenium aus entdecken mußte. Iſt's möglich! Dieſer Schurke, dieſer freche niederträchtige Schurke ſollte ſo Etwas wagen? ſtammelte Schröder, blaß vor Wuth. Aus meiner Privatwohnung hab' ich ihn hinausgeworfen, und hier, in meinem andern Eigenthum, drängt er ſich ein und bereitet mir ſol⸗ ches Unglück!— Aber warte, Burſche, du ſollſt mir nicht zum Zwei⸗ tenmal hierher kommen!— Meine beiden Lampenputzer ſchick' ich dir mit Hundspeitſchen auf den Hals und laſſe dich vor dem ganzen Publikum zur Loge hinauswerfen. Das kannſt du nicht, Fritz, um Gotteswillen keine Uebereilung! ſprach der beſonnenere Freund mit Nachdruck. Ein beſſeres Mittel, ihn unſchädlich zu machen, wäre, Charlotten baldigſt von Hamburg wegzuthun. Ja, es iſt mir heute Abend zur ſichern Gewißheit ge⸗ worden, daß ſie fort maß,— fort aus der Nähe dieſes Menſchen— denn nun bin ich davon überzeugt, und wenn auch die ganze Welt es in Abrede ſtellte,— daß ſie ihn noch immer liebt, daß er noch immer die Macht in Händen hat, ſie und euch Alle unglücklich zu machen!— Darum fort mit Charlotten, fort mit ihr aus Hamburg, bis wir in Kopenhagen durch mächtige Gönner und Freunde ſo viel 4 erreicht haben, daß er ſelbſt vom hieſigen Schauplatz ſeiner Unthaten entfernt wird. Aber wohin ſoll ich mit ihr? fragte Schröder in rathloſeſter Beſtürzung. Nicht ſo weit, daß wir ſie nicht beſtändig im Auge hätten, aber auch nicht ſo nah, daß jener Menſch ſie erreichen kann, entgegnete Unzer. Thue ſie nach Wandsbeck zum Freiherrn von Schimmelmann; das iſt ein treuer Freund eures Hauſes, der ſchon ein ſcharfes Auge auf ſie haben wird. Aber grade dort, im Schimmelmann'ſchen Schloſſe haſt du ja ſelbſt vor Jahren zuerſt des Barons Bekanntſchaft gemacht? ſagte Schröder. Doch weiß ich ſeit einigen Tagen aus beſter Quelle, daß der Freiherr ſowohl wie ſeine Umgebung auf's Höchſte gegen ihn auf⸗ gebracht ſind, erwiderte Unzer. Der alte Herr nannte ihn ſogar in Gegenwart von Altonger Offizieren ein mauvais sujet, da ihm, wie er hinzufügte, Dinge über dieſes Menſchen Vergangenheit zu Ohren gekommen ſeien die er nicht einmal weiter erzählen könne, weil er dadurch ihm naheſtehende, lebende und verſtorbene Perſonen auf das Aeußerſte compromittiren würde. Du kannſt dir denken, daß ich mir dieſe Aeußerung wohl gemerkt habe. Der Freiherr war auch ſchon von Sylburg'’s Verhältniß zu Charlotten unterrichtet, bezeigte ſich ſehr zufrieden, als ich ihm dein kräftiges Auftreten gegen den verdächtigen Galant der Schweſter mittheilte, warnte aber trotzdem vor allzugroßer Sicherheit und meinte mit ſehr bedeutſamer Betonung: Nicht umſonſt gelte Sylburg für den beſten Werbeoffizier in der dä⸗ niſchen Armee, man könne ihm Alles zutrauen; er habe dabei eine Art an ſich, die ihn für ein poetiſches, unſchuldvolles Mädchenherz noch gefährlicher mache, als für Damen gewöhnlichen Schlags.— Du magſt daraus entnehmen, daß Charlotte an keinem andern Ort ſicherer vor ſeinen Nachſtellungen und Einflüſſen wäre als in Wands⸗ beck, unter der Obhut des Mannes, der bei Sylburg's König und beim Hofe zu Kopenhagen in großem Anſehen ſteht und vor dem er ſich ſchon darum wohl hüten wird. Es ſei! ſagte Schröder nach kurzem Ueberlegen mit Entſchloſ⸗ ſenheit; obwohl ich bei Gott nicht weiß, was nach Lottens Entfer⸗ nung aus der Bühne werden ſoll. Doch habe ich heute Abend — — 395— genugſam Lehrgeld gegeben und will mich nicht zum Zweitenmal von der Gefahr überraſchen laſſen. Hier meine Hand darauf, mor⸗ gen nach der Probe reite ich ſelbſt hinaus zu unſrem wackren Frei⸗ herrn, mache ihn mit dem ganzen Unglück bekannt und bitte ihn für einige Zeit um Schutz für die Schweſter. Ich begleite dich, entgegnete Unzer. Vor Allem aber ſuche deine Mutter für den Plan zu ſtimmen; und dann mache, daß Lotte ihn nicht eher erfährt, als bis die Einladung des Freiherrn an ſie gelangt. Sie wäre im Stande— Pſt! da kommen ſie, ſagte Schröder, und deutete auf eine Ge⸗ ſellſchaft von Damen, die eben aus dem Garderobezimmer traten, um Charlotten, die ſich wieder völlig erholt hatte, nach dem Wagen zu begleiten. Nur Dorothea hatte ihren Bruder und den Freund bemerkt, blieb einige Schritte zurück und flüſterte Beiden in's Ohr: Denkt Euch, daß ſie uns eben mit großer Feſtigkeit erklärt hat, ſie ſei heute zum Letztenmal auf der Bühne geweſen und werde eher in's Waſſer gehen, als noch einmal vor dem Publikum auftreten. Das hat ſie geſagt, mit dem Blick, mit dem Ton, den Ihr an ihr kennt, wenn ſie ſich Etwas vornimmt, wovon keine Macht der Welt ſie wieder abbringt. Der Doctor ſah den Freund bedeutungsvoll an, Schröder ver⸗ ſtand ihn und ſagte in ſchmerzlicher Bewegung: Bedürft' es noch eines Beweiſes, daß du ſie vollkommen durch⸗ ſchaut haſt, ſo wäre es dieſer. O, welches Unglück bringt dieſer elende Menſch über uns Alle!— Erſt zerſtört er ihren und unſeren Frieden, dann verſetzt er ihrem guten Ruf den Gnadenſtoß, und nun, um das Maaß des Unheils voll zu machen, verleidet er ihr auch noch ihre Kunſt, das Letzte, wovon ich noch Heil und Rettung für das arme Herz hoffte!— Jetzt iſt's nicht Zeit, fügte er zu der Schweſter ge⸗ wendet hinzu, die ihn um eine nähere Aufklärung bat. Mache, daß ihr nach Hauſe kommt und Lotte zu Bette geht,— ich bin bald mit dem Doctor dort und erzähle euch Alles! — — Er —— 1 I 8 5 ¼¾ * 4 4 — — 396 44. Einige Abende ſpäter ſaßen in einem Weinkeller in der Nähe des Dragonerſtalls mehre holſteiniſche Offiziere von der Altonaer Beſatzung beim Weinglaſe beiſammen und feierten in gut kamerad⸗ ſchaftlicher Weiſe das Avancement eines der Jüngeren unter ihnen, den eine heute angelangte königliche Ordre zum Hauptmann ernannt hatte. Eyerol war ſein Name, ein ebenſo wackrer Soldat als an⸗. genehmer und gebildeter Geſellſchafter, und der kleine Kreis beſtand aus ſeinen nächſten Freunden im Regimente. Man hatte den Flaſchen tüchtig zugeſprochen, der Wein öffnete mehr und mehr die Herzen und die Unterhaltung wurde immer fröhli⸗ cher und ungezwungener. Die jüngſten Vorkommenheiten beim Re⸗ giment waren längſt durchgeſprochen; Jagd, Pferde und die neueſten Altonger Stadt⸗ und Familiengeſchichten kamen nacheinander an die Reihe und zuletzt folgten, wie dies bei einer Unterhaltung von le⸗ bensluſtigen Offizieren und Edelleuten faſt unausbleiblich iſt, galante und ungalante Liebesabenteuer von dieſem und jenem Kameraden, wobei es nicht an munteren Neckereien und Stichelreden fehlte. Auch der neue Kapitän Eyerol war als guter und glücklicher Schütze in Amors Gehegen beim Regiment bekannt, er hatte mit ſeinen feuri⸗ gen braunen Augen ſchon in manches ſpröde Herz Breſche geſchoſſen und die ſchönen Altongerinnen errötheten dutzendweiſe, wenn in Ge⸗ ſellſchaft zufällig ſein Name genannt wurde.* —,— Sein Herz iſt immer in der Campagne geweſen! rief der alte Kapitän Palmſted, Eyerol's ſeitheriger Vorgeſetzter. Und gebt Acht, was für Eroberungen er erſt in den Hauptmanns⸗Epaulettes machen wird. Laßt nur Eure Taille nicht zu ſchnell avanciren, Eyerol, dann könnt Ihr's wahrhaftig noch bei den Frauen zum Generaliſſi⸗ mus bringen! Behüte Gott! Da müßte ihm ja zuvor Major Sylburg Platz machen, ſagte der blonde Lieutenant von Dirking mit trockenem Tone. 4 r — 397— Danke ſchönſtens für ein ſolches Avancement! entgegnete Eyerol in lebhaftem Unmuth. Dieſen Poſten mag Sylburg für ſich behalten, ich beneide ihn nicht darum. Was weißt du Neues von ihm und ſeiner kleinen Bachſtelze, dem Ackermännchen? fragte Rittmeiſter Starklof neugierig. Die ganze Stadt iſt ja voll von ſeiner Geſchichte mit der berühmten Charlotte, und doch ſind es die widerſprechendſten Nachrichten, die man darüber erzählt bekommt. Bald ſoll er ihr, bald ſie ihm den Abſchied gege⸗ ben haben und in einem mir befreundeten Hauſe hörte ich heute ſogar erzählen, der Bruder der Aktrice habe ihn sans fagon zur Thüre hinausgeworfen. Faul iſt die Sache jedenfalls, da Sylburg dabei im Spiele iſt, meinte Eyerol. Es geſchähe ja auch nicht zum Erſtenmal, daß eine teufelsmäßige Intrigue auf ſeinen Kopf zurückgeprallt wäre. Nein, Freunde, mit einem ſolchen Geſellen dürft Ihr mich nicht an einem Tage zuſammen nennen! Was ich am letzten Montag über ihn und ſeine Vergangenheit in einem höchſt angeſehenen Hauſe, wo ich faſt nur unter Landsleuten war, zu hören bekam, hat mir vollends die Augen über ihn geöffnet. Beim Freiherrn vom Schimmelmann alſo, ſagte Dirking, wo du an dieſem Tage zu Gaſte warſt? Dann freilich ſteht es mit des Majors Ausſichten ſchlecht. Welch' eine erbärmliche Seele gehört aber auch dazu, ein Mäd⸗ chen wie dieſe Charlotte zu betrügen! rief jetzt Eyerol mit der ganzen Heftigkeit ſeines lange verhaltenen Abſcheus gegen den Major. Denkt Euch, Freunde, er hat das herrliche Geſchöpf ſo weit herunterge⸗ bracht, daß ihre Familie ernſtlich um ihre Erhaltung beſorgt iſt! Und nun, nachdem man ihm ſo ſchimpflich den Laufpaß gegeben, verfolgt er ſie obendrein auf allen Wegen, ſetzt ſich, da ſie zum Er⸗ ſtenmal nach ihrer Krankheit wieder die Bühne betritt, auf den vorder⸗ ſten Platz in der vorderſten Loge, ſpreizt ſich wie ein kalkuttiſcher Hahn, damit er ihr ja während des Spiels in die Augen fällt, und als er zum Aufſehen des ganzen Publikums ſeinen Zweck erreicht hat, und das arme Mädchen auf der Bühne eine Ohnmacht anwandelt, iſt er der Einzige, der dabei ganz kalt bleibt und ſich mit der gleichgültigſten Miene von der Welt mit der neben ihm ſitzenden Dame unterhält. — 398— Die vermuthlich ſeine neue Geliebte iſt, eine reiche Baroneſſe von Steinau aus Schwerin, ſagte Capitän Palmſted. Wenigſtens führt er dieſe Dame neuerdings überall herum und Ihr könnt Beide jeden Nachmittag in der Alſterallee promeniren ſehen!— Baroneſſe von Steinau?— Aus Schwerin?— Reich?— Ha! Ha! rief Eyerol mit ſchallendem Gelächter. Kennt Ihr denn unſre Karoline aus Glückſtadt nicht mehr, jene verrufene Courtiſane, die ſo lange auf Regiments⸗Unkoſten ihr Weſen in Kiel trieb, bis ſie end⸗ lich per Schub in ihre Heimath zurücktransportirt wurde?— Dieſe Abenteurerin, die ſchon früher einmal in Dresden die Rolle einer polniſchen Gräfin ſpielte, und in Folge davon mit dem Spinnhaus mehrjährige Bekanntſchaft machte, hat Sylburg jetzt zur Baronin Steinau herausſtaffirt, treibt mit ihr einen horrenden Aufwand, ſpielt ihren Galant und Verlobten, Alles, damit die Welt ſehen möge, wie wenig ein Cavalier von ſeinen Vorzügen um eine brillante Partie verlegen zu ſein braucht.— Ein Theatercoup, nichts weiter, um dahinter ſeine Blame im Ackermann'ſchen Hauſe zu verbergen! Wenn's auch nicht wahr wäre, ähnlich ſähe ihm der Streich! rief Dirking. Aber es iſt wahr, entgegnete Eyerol; ſo gewiß, als Sylburg ſelber bei ſeinem Freunde Vieborg mit dieſem ſeinem neueſten Mei⸗ ſterſtückchen geprahlt hat, hinzufügend, er wolle es mit der Karoline noch ſo weit treiben, daß Ackermanns Hamburg verlaſſen müßten. Sagt nun ſelber, Freunde, iſt ſolche Denkart und Aufführung eines Offiziers würdig?— Kann man dergleichen noch für einen Genieſtreich oder eine zu entſchuldigende Libertinage erklären?— Fürwahr, es ſollte mich gar nicht wundern, wenn durch dieſe Geſchichte die däniſche Offiziersuniform in Hamburg noch mehr in Mißkredit käme, als ſie es ohnedies ſchon iſt, und das königliche Werbehaus vollſtändig in Verruf erklärt würde! Die Freunde ſtimmten dieſer Anſicht bei, und ein unſichtbarer Zuhörer hätte auch noch im Verlauf ihres Geſprächs über Sylburg's Charakter aus dem Munde der eignen Kriegskameraden Urtheile ver⸗ nehmen können, die unzweideutig bewieſen, daß die Uniform, die er trug, und ſelbſt die höhere Charge, die er bekleidete, in den Augen ſeiner Standesgenoſſen Nichts an dem Menſchen änderten, als der er — 399 überall, wo man ihn wirklich kannte, verabſcheut und verrufen war; ja, daß ſelbſt der bei jungen Offizieren ſonſt ſo mächtige Esprit de corps in dieſem Falle nicht weiter in Frage kam. 45. So war denn, was Schröder ſo lange befürchtet, und was er und die Seinigen mit jedem Mittel der Klugheit und Vorſicht zu verhüten geſtrebt hatten, allen Bemühungen zum Trotze, in Erfül⸗ lung gegangen, und ſchon am nächſten Tage nach der Vorſtellung der „Olivie“ war die unglückliche Liebesgeſchichte Charlottens mit dem däniſchen Werbeoffizier in allen ihren Einzelheiten nicht allein ſtadt⸗ kundig, ſondern es verbreiteten ſich auch zugleich die ungünſtigſten und abenteuerlichſten Nachrichten über des däniſchen Werbeoffiziers Charakter und Lebenswandel, ſo daß wenig fehlte, man hätte ihn für einen verkappten Gauner im Style Caglioſtro's gehalten, von welcher Abenteurerſorte damals faſt jede größere Stadt ein Exemplar aufzuweiſen hatte.— Die Folge davon war ein Umſchwung des öf⸗ fentlichen Urtheils zu Gunſten Schröder's und ſeiner Mutter; und ſo viele Stimmen auch noch Tags zuvor Charlotten bedauert und ihre An⸗ gehörigen des Eigennutzes und der Grauſamkeit beſchuldigt hatten, ſo viele und mehr noch lobten heute die Familie, daß ſie gegen dieſes Liebesverhältniß geweſen ſei; denn welcher Menſch von nur einigem Gefühl für Sitte und Ehre wäre, gleich jenem Werbeoffizier, einer ſo niedrigen Rache fähig geweſen, um ein Mädchen, blos weil deſſen Familie ihn nicht mochte, einem öffentlichen Scandale auszuſetzen und durch eine ſo beiſpielloſe Rohheit die Augen aller Welt auf dieſes Verhältniß zu richten. Bei dieſem gerechten Verdammungsurtheil über Sylburg mußten freilich ſelbſt die erklärten Freunde und Verehrer der jungen Künſtlerin eingeſtehen, daß Charlotte ſich einer unbegreiflichen Verirrung ſchuldig gemacht habe, als ſie ihre Neigung einem ſo unwürdigen Gegenſtand zuwandte, ohne über ſeinen Chärakter und ſein vergangenes Leben eine hinreichende Bürgſchaft zu beſitzen. Nur ein großer Leichtſinn, verbunden mit einer krankhaft aufgeregten ſchwärmeriſchen Einbil⸗ — 400— dungskraft, die ja ſo oft mit einem von Kindheit an geübten Künſt⸗ lerberuf zuſammentrifft, konnten nach der Meinung der meiſten Menſchen, ein Mädchen von Charlottens Geiſt und ihrem ſonſt ſo unbeſcholtenen Rufe zu ſolcher Herzensverirrung geführt haben, daß ſie, die Vielgefeierte, der die edelſten Geiſter Hamburgs huldigten, ihre Neigung einem Manne ſchenkte, deſſen perſönliche Stellung in der Welt von der ihrigen eben ſo ſehr verſchieden war, wie ſein Herz, ſein Geiſt und Charakter von dem ihren. Dies war das einſtimmige Urtheil im Publikum über dieſen bis dahin unerhörten Fall; ein in der That überaus mildes Urtheil, wenn man bedenkt, wie viele Menſchen ſchon aus bloßer Gewohnheit, oder weil ihnen nun einmal jedes romantiſche Streiflicht im Leben Verdruß und Widerwillen erweckt, den Stab bei jedem, auch dem unbedeutendſten Anlaß über ihren Nächſten zu brechen pflegen. Man beklagte und bemitleidete Charlotten viel mehr, als daß man ſie ſtreng und ſchadenfroh verdammt hätte, Niemand vertheidigte den Baron, aber für ſie ſprachen tauſend mildernde Umſtände; kurz, man konnte es überall wahrnehmen und beſtätigt finden, in wie hohem Grade die unvergleichliche Künſtlerin alle Herzen beherrſchte, als wenn ſie auch jetzt noch, in ihrem eignen Leiden, jenen magiſchen Zauber aus⸗ übe, womit ſie ſonſt auf der Bühne, im Bild und Wort der Poeſie, ſo große Wirkung hervorbrachte.— Ihre Rutland, ihre Emilia Galotti, ihre Marie Beaumarchais, ihre Olivie, und wie alle ihre berühmten Glanzrollen heißen mochten, ſtanden ihr in dieſen Tagen, wo über ſie und ihre Liehe dieſes ſchwere Gericht gehalten wurde, als eben ſo viele ſchützende und fürſprechende Genien zur Seite, und im Hinblick auf jene rührenden, reinen und lieblichen Geſtalten wollte es ſelbſt dem kalten Sittenrichter nicht ganz gelingen, Diejenige zu verur⸗ theilen, durch welche dieſe holden Bilder der Fantaſie Leben, Athem und Bewegung erhalten hatten.„Unſre arme Rutland, unſre edle Emilia, unſre unſchuldige Olivie,“— das waren die Namen, wo⸗ mit man im Geſpräche das Mädchen bezeichnete, das jetzt durch ſein eignes Schickſal eine womöglich noch größere Theilnahme erweckte, als alle jene erdichteten Geſtalten der Bühne, welche ihr Genius, wenn auch nur für Stunden, in Menſchen der Wirklichkeit und ſicht⸗ baren Wahrnehmung umgeſchaffen hatte. —— n nn— — 4101— Ganz anders ſprach ſich dagegen die öffentliche Stimme über den Mann aus, in dem man den Urheber von Charlottens Unglück erblickte und dem die Herzensverirrung eines achtzehnjährigen Mäd⸗ chens mit Einmal dieſe unrühmliche Berühmtheit verſchafft hatte. Syl⸗ burg's Name wurde durch den Charlottens ſchnell in allen Kreiſen der Hamburger Geſellſchaft bekannt; wo er ſich öffentlich zeigte, nahm er die Aufmerkſamkeit des Publikums in Anſpruch, nicht anders, als wenn ſich an ſeine Perſon irgend ein bedeutendes Ereigniß knüpfe, das alle Welt gleich nahe berühre.— Anfangs machte ihn das Auf⸗ ſehen betroffen, welches ſeine Erſcheinung überall erregte, bis er ſich zuletzt daran gewöhnte, daß man ihn von allen Seiten fixirte, um den Mann zu ſehen, der einer Charlotte Ackermann Herz erobert hatte. Mit dreiſter Haltung und ſtolzkalter Miene ſchritt er, dieſe Neugierde ignorirend, durch die Straßen, häufig auch ſah man ihn hoch zu Roß mit wallendem Federbuſch durch die Alſterallee ſpren⸗ gen, wenn zur Mittagszeit die beau monde dort promenirte, wobei er ſo heiter und unbefangen umherblickte, als wenn er eben ſiegreich von einem Turnier zurückkehre; kurz, er ſpielte den Ritter ohne Furcht, wenn auch nicht ohne Tadel, mit ſo viel echtdäniſcher Gas⸗ connade, daß er dadurch wenigſtens ſeinen einen Zweck erreichte, in⸗ dem er den Leuten bewies, wie wenig er ſich aus dem Urtheil der Welt mache und wie weit erhaben über die ſpießbürgerliche Moral der guten Reichsſtädter er ſich fühle. Um aber auch zugleich ſein Ver⸗ hältniß zu der jungen Schauſpielerin vor den Augen der Welt in die rechte Perſpektive zu rücken und ſelbſt den Schein einer wah⸗ ren und aufrichtigen Herzensneigung zu der Tochter aus bürgerlichem „Hauſe von ſich und ſeinem altadeligen Wappenſchild abzuſtreifen, ver⸗ fiel Sylburg auf ein Mittel, deſſen wenigſtens er ſich nicht zu ſchä⸗ men brauchte, ſelbſt wenn ſein zweiter und eigentlicher Plan, den er noch außerdem dabei im Schilde führte, nämlich Charlotten an ihrem innerſten Herzen zu verwunden, mißglücken ſollte. Wir haben bereits aus dem Munde Cyerol's erfahren, welche Bewandtniß es damit hatte und wie der Baron plötzlich, da noch alle Welt ſeines ſchlimmen Rufes voll war, ein neues Verhältniß anknüpfte, eins, das unter allen Umſtänden ein ihm ebenbürtiges zu nennen war!— Zwar der Name ſeiner neuen Eroberung war den D. B. II. Müller's Charl. Ackermann.* 26 — 402— Hamburgern, die ſich mehr um tüchtige Maſtbäume, als um altadelige Schweriner Stammbäume bekümmerten, völlig neu; aber der Glanz ihrer Erſcheinung, der triumphirende Stolz in ihrer Miene, als ſie zum Erſtenmal an des Barons Arme durch die Alſterallee wandelte, ver⸗ rieth doch Jedermann die Dame aus vornehmem Stande, und ſchon nach drei Tagen wußte es ganz Hamburg, daß es die verwittwete Baroneſſe von Steinau ſei, die reichſte Erbin im Schweriner Lande, welche ihren golddurchwirkten Wittwenſchleier dem übelverrufenen Wer⸗ beoffizier als neueſte Siegesfahne überlaſſen habe. Kein Menſch ahnte freilich bei dieſer Nachricht, aus welchem Stoffe der Fehdehandſchuh angefertigt ſei, den Sylburg damit ſo prahleriſch der öffentlichen Meinung hinwarf, und hätte er ſich nicht ſelber im Vollgefühl ſeines neueſten Bravourſtückchens gegen einzelne Bekannte dieſer Myſtification gerühmt, wer weiß, wie ſpät Publikum und Poli⸗ zei der ſtolzen Baroneſſe von Steinau auf die Spur gekommen wä⸗ ren und letztere ſie wegen wiederholten verbotwidrigen Betretens des Hamburger Gebietes in ſtrenge Pön genommen hätte. So aber ſchlich ſich die Entdeckung allmälig aus den vertrau⸗ lichen Zirkeln des Altonger Offizierscorps durch’s Millernthor in die alte Hanſeſtadt, wurde hier Anfangs mit ungläubigem Kopfſchütteln vernommen, bis plötzlich eines ſchönen Morgens der unerbittliche Wedde⸗ herr Schrötteringk, dieſer abgeſagte Feind aller Romantik, Kunde davon bekam und ſofort die Baroneſſe von Steinau ſammt ihrer Zofe aus ihrem eleganten Quartier am Jungfernſtieg in die Frohnerei abholen ließ, woſelbſt ſchon nach dem erſten Verhör aus der vornehmen Salonsdame eine übelverrufene Landſtreicherin und berüchtigte Courtiſane wurde, welche bald durch ihre Geſtändniſſe ihren galanten Ritter eben ſo rück⸗ ſichtslos blosſtellte, wie es früher Madame Fanny gethan hatte. Bevor jedoch dieſe Kataſtrophe ſich ereignete, in deren Folge der Baron auch diesmal ſein ſchändliches Spiel mit dem Opfer ſeiner Eitelkeit und Rachſucht verloren geben mußte, trat im Leben Char⸗ lottens jene verhängnißvolle Wendung ein, die von dem Abende da⸗ tirte, wo ſie ihrer Mutter, Schweſter und ihren Freundinnen im Theater erklärt hatte, daß ſie nie wieder die Bühne betreten würde. Denn wie der höchſte Schmerz und das höchſte Glück bei er⸗ regten Naturen das miteinander gemein haben, daß ſie die Seele ———Q— — 403— plötzlich und ohne äußeren Uebergang, ihrem innerſten Leben ent⸗ fremden und alle feindlichen Gegenſätze deſſelben herauskehren, ſo hatte auch Charlotte an jenem Theaterabende ſich kaum von ihrer Ohnmacht erholt, als ſie fühlte, daß der Moment, der ſie beim Anblick des treulo⸗ ſen Sylburg der Beſinnung beraubte, ihr ganzes ſeitheriges Leben ver⸗ nichtet, und ſie ſich nur von jenem Wetterſchlag des Schickſals erholt habe, um für immer einem Beruf zu entſagen, der ihr plötzlich wie eine furchtbare Ironie gegen ſich und ihr Unglück vorkam. Ihre Berühmtheit, ihr Talent und ihre begeiſterte Liebe für die Kunſt, wie nichtig und ſchaal erſchien ihr mit Einmal dies Alles, dem einen Menſchen gegenüber, der ſie ſo furchtbar elend machte und von dem ein einziger Blick hinreichte, um ihr die ganze ideale Welt ihrer Kunſt zu zerſtören!— Ach, was hätte ſie darum gegeben, wenn ſie niemals berühmt geworden, wenn ſie niemals an dieſe blendende Welt der Fantaſie und holden Täuſchung geglaubt hätte, die ihr jetzt, wo die Wirklichkeit ſie mit allen Schrecken eines betrogenen Her⸗ zens überkam, wie ein buntes Schattenſpiel oder wie ein fantaſtiſches Mährchen erſchien, das, aus Schaum geboren, wieder in Schaum zer⸗ fließt, ſobald die Hand danach greift, um ſeine duftigen Gebilde zu erfaſſen, ſeine holden Elfengeiſter zu haſchen. Und war es denn nicht gerade die Kunſt geweſen, deren ſtrahlen⸗ der Nimbus zuerſt Sylburg's Auge auf ſie gelenkt, deren blendende Außenſeite ihn zuerſt für ſie eingenommen hatte? Gewiß würde er ſie in ſtillen einfachen Lebensverhältniſſen, beſchirmt von des Daſeins ruhig gleichmäßiger Gewohnheit, ohne Talent, ohne Namen, ohne Stellung in der Welt, nie beachtet haben; während die Höhe, zu der ſie ihr Genius und die Bewunderung der Menſchen emporhob, ebenſowohl ſeinem Ehrgeiz ſchmeicheln, als ſeine ganze heftige Lei⸗ denſchaft für ſie entflammen mußte.. Aber nicht darum allein empfand ſie plöͤtzlich mit verdoppelter Stärke dieſe Scheu vor einem Berufe, dem ſie ſich mit ſo glänzen⸗ dem Erfolge gewidmet hatte; tiefer noch faßte das unbeſiegbare Gefühl Wurzel in ihr und wurde zum Grauen, zum hellen Caſſandrablick ihrer Seele, wenn ſie bedachte, welch' ein Unterſchied zwiſchen dem gedichteten und dem wirklichen Schickſal, zwiſchen jener erhabenen Tragödie, in welcher der Dichter alle rührenden und gewaltigen Töne .. 26*† der Menſchheit redet und durch die Weihe der Poeſie Himmel und Erde verſöhnt, und jenem erbärmlichen, martervollen, proſaiſchen Werkeltagselend der Wirklichkeit, das nur in Ergebung, in chriſtlicher Geduld und ſtumpfer Selbſtverleugnung ertragen ſein will, das keinem erhebenden, keinem gottbegeiſterten Gedanken Raum in ſeiner engen Sphäre geſtattet; während die Menſchen, die doch in der Kunſt und Poeſie immer nur das Außerordentliche bewundern wollen, in einer ſo ſeltenen Verkettung des wirklichen Lebens bloß den gewöhnlichen Ver⸗ lauf der Dinge erblicken und kaum ahnen, daß in ſolchem Schmerz jeder Moment eine Tragödie, jede Thräne eine ausgeweinte Welt bedeutet. Es war der Fluch der Proſa, welcher für ſie auf einem Schick⸗ ſal ruhte, das doch auf der Bühne jederzeit die höchſte tragiſche Weihe und Berechtigung behauptete, und das, eben weil ſie es dann nur als Künſtlerin und in der Fantaſie erlebt hatte, ſelbſt noch in ſeinen furchtbarſten Kataſtrophen ihr reizender und poetiſcher erſchie⸗ nen war, als dieſer traurige poeſieloſe Ausgang ihrer großen ſchwär⸗ meriſchen Liebe, ein Ausgang, der ihr nicht minder unwürdig dünkte, als wenn man ihr zugemuthet hätte, glücklich zu ſein nach der ge⸗ wöhnlichen Glückſeligkeitstheorie der meiſten Menſchen. Dieſes lähmende Gefühl, mit ſo vielem Muth, ſo vieler Begei⸗ ſterung einem ſo gewöhnlichen, proſaiſchen Schickſal erliegen zu ſollen, ohne ihm eine höhere poetiſche Berechtigung abgewinnen zu können, war ihr unerträglich, und bald faßte ſie darum mit ihrer leidenſchaft⸗ lichen Schwärmerei den Vorſatz, das ihr unebenbürtige Schickſal zu einem wirklich tragiſchen zu machen und auf dem Grabe ihrer Liebe den Kranz ihres jungen Ruhmes für immer niederzulegen. „Wozu ſoll ich noch länger Künſtlerin ſein, da ich doch niemals das höchſte Ziel des Lebens erreichen werde, jenes Ziel, in welchem allein Poeſie und Wahrheit in Eins zuſammenfallen?— Denn was iſt die Kunſt ohne dieſen freudigen Glauben, daß einmal und irgendwo ein Punkt gefunden wird, wo das Herz athemlos ſtille ſteht, weil da die Poeſie anfängt, Wahrheit und Wirklichkeit zu werden und alle ihre ſehnſuchtsvollen Träume ſich in irdiſche Glückſeligkeit verwandeln? Die bleiche Nonne in ihrer Kloſterzelle, ja ſelbſt das indiſche Weib auf flammendem Holzſtoß, mögen noch an die Poeſie des Lebens glauben, indem ſie ja ihre Liebe wie einen irdiſchen Abglanz derſelben — 40⁰5— feſthalten und mit ſich in's Grab nehmen dürfen. Was aber ſoll ich mit dieſer vergifteten, grauſam zertretenen Blume im Heiligthum der Kunſt, wo nur ſchöne, heitere und lebendige Blüthen gedeihen? Zu tief hab' ich geliebt für mein ſterbliches Herz, zu kurz und flüch⸗ tig für meinen dauernden Geiſt, um noch fernerhin an den wahren Gewinn der Poeſie hienieden glauben zu können und ihren holden Verheißungen zu trauen. Laßt mich alſo in Gottes und der Muſen Namen dem Kothurn für immer Lebewohl ſagen; denn Niemand, der mich künftig noch auf der Bühne ſähe, würde mir glauben, daß ich die Rutland, die Emilie, die Olivie ſpielte, ſondern Alle würden ſagen, daß ich mein eignes Schickſal zur Schau trüge, und trotz des fremden Namens und Koſtümes doch nur die unglückliche, verrathene Charlotte ſei.— Nun ſehe ich ein, Bruder, wie recht du hatteſt, als du ſo oft mich warnteſt, den Menſchen keine Veranlaſſung zu geben, ſich um meine Perſon zu bekümmern. Denn wo einmal das Privat⸗ leben des Künſtlers die Linie überſchreitet, die daſſelbe von der Bühne trennt, da hört alle Illuſion auf, und das Publikum ſieht in jeder ſeiner Rollen bloß den gewöhnlichen Menſchen, während es ihn in ſeinem bürgerlichen und häuslichen Leben nur noch als krankhaf⸗ 7 tes, verirrtes Genie beurtheilt.“ In dieſer Weiſe vertheidigte Charlotte ihren Angehörigen ge⸗ genüber, den einmal gefaßten Entſchluß, der Kunſt für immer zu entſagen, während es ihr, wie wir wiſſen, die einzige, wenn auch unausgeſprochene Genugthuung bereitete, durch dieſen Schritt ihr Schickſal über das Niveau des alltäglichen Liebesromans zu erheben. Sie entſagte dem Ruhm, dem Glanz eines gefeierten Namens, ent⸗ ſagte ihrem Talent und der innigen Freude an ihrem Künſtlerberuf, Alles, um damit ihrer unglücklichen Liebe das Siegel einer höheren Weihe aufzudrücken und nach ſo traurigem Ausgang das einzige letzte Band freiwillig zu löſen, welches ſie noch an die Welt der Ideale und ihrer jugendlichen Begeiſterung knüpfte. Sylburg ſollte daran zugleich erkennen, wie groß ihre Liebe, wie unbegrenzt ihr Unglück ſei; denn nach einer ſo ſeltenen innigen Hingebung, wie ſie ihm bewieſen, dünkte ihr Nichts mehr zu hoch und theuer, um es nicht als Todtenopfer ihres kurzen ſchönen Liebes⸗ traumes dahinzugeben. 1 Es lag ein großer Stolz, aber doch der Stolz eines edlen Künſt⸗ lerherzens in dem Gedanken, daß ihr Rücktritt von der Bühne zwar dem Publikum Hamburgs als ein unerſetzlicher Verluſt erſcheinen, dafür aber auch den kleinen Seelen und engherzigen Rigoriſten, die ihre Liebe verdammt und an ihr Verhältniß zu dem Baron den Maßſtab der ſpießbürgerlichſten Moral gelegt hatten, eine wohlver⸗ diente Strafe bereiten werde.—„Denn“ ſagte Charlotte zu den Freun⸗ den, die ihr dieſen Entſchluß auszureden ſuchten;„wollen ſie mich in meinen heiligſten Gefühlen beurtheilen wie ihresgleichen, dann mögen ſie ſich auch ihre Künſtlerinnen aus ihren Salons und Kaffeezirkeln holen, mich aber ſoll dieſes Volk der vornehmen Nüchternheit und der tugendhaften Entrüſtung mit ſeiner Bewunderung ebenſogut ver⸗ ſchonen wie mit ſeinem Tadel. Leider ſind wir nicht in den Stand geſetzt, über den Inhalt des Briefes zu berichten, den Charlotte, wie wir ſchon aus ihren eignen Briefen wiſſen, um dieſe Zeit an den Baron geſchrieben hat, und worin ſie ihm, wie ſie ihrer Freundin Sophie meldete, geſteht, daß ſie ihn, obwohl für ewig von ihm getrennt, noch immer an⸗ bete, worin ſie ihn beſchwört, nicht mehr grauſam gegen ſie zu ſein, und am Schluſſe ihm für dieſes Daſein ein Lebewohl zuruft!— Bekannt iſt nur, daß dieſer Brief in der Eingebung der ſchrecklichſten Eiferſucht geſchrieben wurde, die je ein armes Mädchenherz gequält hat, da Charlotte eben damals Kunde von dem neuen Verhältniß Sylburg's zu der Baroneſſe von Steinau bekam und wir gleichfalls aus ihren Briefen an die Freundin wiſſen, in welcher ausgeſuchten Weiſe er es darauf anlegte, ſie ſeinen Kaltſinn und ſeine Treuloſigkeit em⸗ pfinden zu laſſen.— Nicht allein, daß er ſie bei einer zufälligen Be⸗ gegnung auf der Straße keines Blickes würdigte, er ging ſogar ſo weit, mit ſeiner neuen Eroberung im eleganten Kariol an ihren Fenſtern vorüberzufahren, wobei die edle Dame an ſeiner Seite mit ſpöttiſchem Lächeln das Haus belorgnettirte, in welchem ihres Galants jüngſt verlaſſenes Liebchen wohnte. Unter dieſen Umſtänden hielt es zuletzt auch Frau Ackermann, obwohl ſie ſich Anfangs entſchieden dagegen erklärt hatte, für das einzige Heil, Charlotten auf einige Zeit von Hamburg zu entfernen; und ſo gab ſie endlich, wiewohl mit ſchwerem Herzen, ihre Einwilli⸗ — — 407— gung dazu, daß man die ſchon oft bewährte Freundſchaft des wackern Freiherrn von Schimmelmann im nahegelegenen Wandsbeck anſprechen ſolle, um das von allen Seiten bedrängte Mädchen für einige Wo⸗ chen bei ſich aufzunehmen und ihm auf ſeinem reizenden Landſitz ein Aſyl vor den feindlichen und ſchmerzlichen Eindrücken zu gewähren, die täglich auf ſie einſtürmten und den letzten Reſt ihres Lebensmu⸗ thes zu zerſtören drohten. Der Frühling war im Anzuge; ſchon gab es ſonnige Tage, und der herrliche Elbſtrom rollte ſeine letzten Eisſchollen als Symbole der wiedergewonnenen Freiheit, der Nordſee zu. Wie in der Natur, ſo regte ſich auch im Handel und Wandel neues verjüngtes Leben, und mit der Erde um die Wette ſchüttelten die Menſchen des Winters rauhe Bürde von ſich ab. Was hätte für Charlotten, die zudem eine große Vorliebe für die ländliche Natur und deren idylliſche Reize hegte, heilſamer ſein kön⸗ nen, als ein völliges Heraustreten aus dem Kreiſe ihrer Gewohnheit, als Befreiung von einem ſo traurigen und aufregenden Zuſtand, wie der war, in dem ſie ſeit ihrer Wiedergeneſung beſtändig lebte? Sie wußte, daß ihre Liebesgeſchichte mit dem Baron öffentliches Stadtgeſpräch geworden war; wußte, daß der Urheber ihrer Leiden, unbekümmert um ihre troſtloſe Lage, alsbald ein neues Verhältniß angeknüpft hatte und daſſelbe, gewiß nicht ohne die grauſamſte Berechnung, offen zur Schau trug; ſie hörte ihn faſt täglich verdammen und verwünſchen, ohne daß ſie ein Wort zu ſeiner Vertheidigung wagen durfte; was hätte ihr alſo unter ſo mannichfachen ſchmerzlichen Eindrücken und Demüthigungen willkommener ſein ſollen, als ein Wechſel ihrer Um⸗ gebung, als eine Entfernung von dem Orte, wo Alles ſie an das unglückſelige Verhängniß gemahnte, das ihre Jugend zerſtört, ihren Ruf gefährdet und ſie für immer aus ihrem herrlichen Künſtlerleben herausgeſchleudert hatte; und wo, um das Maaß ihres Elendes voll zu machen, der Mann ihrer unglücklichen Liebe fortfuhr, für ſie ein beſtändiger Gegenſtand des Schmerzes, der Angſt und Demüthigung zu ſein, ohne daß er darum, ſie hat ja dieſes räthſelhafte Geſtändniß noch in ihren letzten Briefen ausgeſprochen, aufhörte, der angebetete, ſchwärmeriſch geliebte Abgott ihrer Seele zu ſein und zu bleiben? ——— 4 2—,— Und dennoch zitterte Charlotte und der letzte Blutstropfen wich aus ihrem Geſicht, als eines Vormittags plötzlich und unangemeldet der Geheimerath von Schimmelmann in's Zimmer trat und ihr ohne Weiteres ankündigte, daß er eigens in die Stadt gekommen ſei, um ſie nach Wandsbeck abzuholen, wo ein Freund aus früherer Zeit ſie mit Ungeduld erwarte. Ja, ja, ein lieber Freund, der eben von weiten Reiſen zurück⸗ kehrt, fuhr der wackere Herr in ſeiner heiter gemüthlichen Weiſe fort und weidete ſich an ihrer Verlegenheit.— Aber ich ſehe ſchon, Sie rathen's nicht, wer es iſt, auch wenn ich Ihnen ſage, daß es der ſchönſte und angenehmſte Jüngling unter Gottes Sonne iſt, der ſchon manchem Mädchen den Kopf verrückt hat. Ach, und wie er jüngſt mit einem duftenden Veilchenſtrauß am Hute zu uns nach Wandsbeck kam, war ſeine erſte Frage: Iſt Lottchen noch nicht da? — Nein, lieber Herr Frühling, ſagte ich, Lottchen iſt noch nicht da, aber kehren Sie demungeachtet gefälligſt bei uns ein und machen ſich's bequem; Frau Lerche und Herr Kukkuk draußen im Holz mögen Ihnen einſtweilen Geſellſchaft leiſten, ich aber laſſe ſogleich anſpannen, fahre ſelbſt zur Stadt und hole Ihnen noch vor Abend ihre kleine Schäferin heraus auf's Land, dann kann morgen gleich Arkadien bei uns in Scene gehen.“ In dieſer freundlichen Weiſe belehrte der alte Herr ſeine junge Freundin über den Zweck ſeines Beſuches, und die Mutter gab nach einigen ſcheinbaren Bedenken gerne ihre Einwilligung dazu, daß Char⸗ lotte der Einladung ihres Gönners Folge leiſte. Den Herrn Theaterprinzipal fragen wir diesmal gar nicht weiter um ſeine Erlaubniß, ſagte der Geheimerath, indem er dem Freunde auf die Schulter klopfte; ſondern riskiren es in Gottes Namen, daß wir wegen Kontraktbruches und geſetzwidriger Entfernung vom Orte die halbe Jahresgage an die Kaſſe zurückzahlen müſſen. Charlotten konnte es nicht entgehen, daß des Freiherrn ſo un⸗ vermuthete Ankunft und die Bereitwilligkeit, womit die ſonſt ſo um⸗ ſtändliche und bedächtige Mutter ihre Einwilligung zu ihrer Abreiſe gab, auf einer geheimen Verabredung beruhten. Dies ward ihr noch ge⸗ wiſſer, als ſpäter der alte Herr mit Mutter und Bruder eine mehr⸗ ſtündige geheime Unterredung hatte, in Folge deren Schröder ganz — a0g— wie verwandelt erſchien; denn ſeine niedergeſchlagene Stimmung war mit Einmal verſchwunden und eine freudige Erregtheit drückte ſich in ſeinen Zügen aus; während Frau Ackermann nach jener Unter⸗ redung mit rothgeweinten Augen vor den Töchtern erſchien und nur mit Mühe ihre Faſſung behaupten konnte. Selbſt Dorothea wußte nicht, was die Drei unten verhandelt hatten, bis ihr ſpäter die Mutter zuflüſterte, der Freiherr habe ihnen ſeinen Plan mitgetheilt wie er ihre Schweſter für immer von ihrer unglücklichen Leidenſchaft zu heilen hoffe. Damit mußte ſich Dorothea für's Erſte begnügen, war aber doch um Vieles heruhigter; denn Charlotte konnte nicht leicht beſſeren Händen anvertraut werden, zumal der Freiherr und ſeine Gemah⸗ lin ſie wie ihr eignes Kind liebten, und ſie ſchon früher auf dem ſchönen Schloſſe zu Wandsbeck ihre glücklichſten Tage verlebt hatte. Es war darum auch nur das Geheimnißvolle und Plötzliche, was für Charlotten in dieſer Entfernung von Hauſe lag, wodurch ſie Anfangs beunruhigt wurde. Auch entging es ihr nicht, daß ihr väterlicher Freund und Gönner ſie bei Tiſche mehrmals mit ernſt prüfendem Blicke betrachtete, als wenn er ein ihm räthſelhaftes Etwas aus ihrer innerſten Seele herausleſen wolle, was freilich nicht dazu beitrug, ihre Beklommenheit zu verſcheuchen. Nachmittags kamen mehre Freunde und Nachbarn des Hauſes, theils um den Freiherrn zu begrüßen, theils um Charlotten vor ihrer Abreiſe noch einmal zu ſehen. Auch Klopſtock war darunter, der ihr gleich den Uebrigen verſprach, ſie, wenn das Wetter günſtig bliebe, ſchon am nächſten Sonntag in ihrem ländlichen Aufenthalt zu beſuchen. Kommen Sie Alle, Alle, ſagte Schimmelmann in ſeiner ge⸗ wohnten herzlichen und gaſtfreien Weiſe beim Abſchied. Wen wir nicht im Schloß unterbringen können, den ſtecken wir in den alten Thurm Tycho de Brahe's. Sie wiſſen ja, Lotte, aus früherer Zeit wie angenehm es ſich darin wohnen läßt. Alſo auf baldiges Wieder⸗ ſehen, meine Freunde! Und fort rollte der Wagen, von zwei feurigen Rappen gezogen, in der Richtung nach Wandsbeck, und Schröder wußte wohl, was er ſagte, als er zu den Freunden in die Wohnſtube zurückkehrend, ausrief: Gottlob, daß ſie fort iſt!— Denn ſo ſchwer auch die Prüfung ſein mag, die ihr noch in Wandsbeck bevorſteht, einen andern Weg zu ihrer Rettung gibt es nicht, und mit voller Ueberzeugung ſtimme ich unſerm Herrn von Schimmelmann bei: Hilft dieſes Mittel nicht, dann müſſen wir es aufgeben, Lotten ihrem unſeligen Verhängniß zu entreißen; dann ſind in ihrer Seele Gewalten mächtig, die jeder menſchlichen Vorausſicht und Bemühung ſpotten und gegen die es keine andere Hilfe mehr gibt, als bei Gott allein! †☚ 46. 63 Charlotte wurde von der Familie des Freiße mit aller nur er⸗ denklichen Liebe und Herzlichkeit aufgenommen und fand ſowohl an der Freifrau, wie an den beiden liebenswürdigen Töchtern Juliane und Ir⸗ mengard Herzen, die, wie in allem Schönen und Guten, ſo auch in der Sorge mit einander wetteiferten, der jungen Künſtlerin Gram zu verſcheuchen und ihr von Schwermuth gedrücktes Weſen zu zerſtreuen und aufzuheitern. In dieſem Kreiſe, der ſo viel Schönes, Zartes und Gediegenes in ſich vereinigte, empfand Charlotte bald den wohl⸗ thätigen Einfluß, den der Umſtand auf ſie ausübte, daß man ihr nicht nur mit größter Liebe, ſondern auch mit jener Unbefangenheit begegnete, die ſie ſeit ihrem unglücklichen Verhältniß zu dem Baron, zu Hauſe häufig ſo ſchmerzlich vermißt hatte. Ein neuer Familien⸗ geiſt voll ſchöner und friedlicher Eindrücke nahm ſie ſchützend in ſeine Mitte auf; kein unwillkührlicher Seufzer der Mutter, kein ernſter Blick des Bruders, keine ſtille Thräne des Schweſterauges erinnerte ſie hier an ihr Unglück und ihre Schuld; vielmehr wurde Alles ver⸗ mieden, was darauf Bezug hatte, und kaum erwähnte man in ihrer Gegenwart Hamburgs oder des Theaters. b Auch verging faſt kein Tag, wo nicht in dem gaſtlichen Schloſſe des reichen und hochangeſehenen Freiherrn Gäſte von nah und fern eintrafen, theils um ſich bei dem am Hofe in Kopenhagen noch immer einfluß⸗ —— — — — 411— reichen Staatsmann in Gunſt zu ſetzen, theils aus wirklicher An⸗ hänglichkeit an ihn und ſeine treffliche Familie, ſo daß der Freiherr oft im Scherze äußerte, der König habe ihn wohl nur um deßwillen in den Ruheſtand verſetzt, damit er hier in ſeiner ländlichen Zurück⸗ gezogenheit erſt recht inne werde, wie ſelten ein wahrer Frieden im Leben zu gewinnen ſei. War es aber ſchon dieſer beſtändige Wechſel im geſellſchaftlichen Leben, was Charlotten mehr und mehr aus ſich herausführte und ihrem zur Hypochondrie und Schwermuth ohnedies ſo geneigten We⸗ ſen einen wohlthätigen Convenienz⸗Zwang auferlegte, ſo wirkte ande⸗ rerſeits die überaus reizende Natur ihrer ländlichen Umgebung nicht minder belebend und heilſam auf ihr Gemüth; denn ſie konnte ſich zerſtreuen, mußte ſich ſelbſt Gewalt anthun, und verlor doch darüber nicht das Glück jener Einſamkeit, welche ihr geſtattete, in ihren trü⸗ ben Stunden ſich ſelber anzugehören. Beſonders war es der große Park mit ſeinen dunklen Fichten⸗ gruppen, ſeinen grünen Triften und ſtillplätſchernden Teichen, wo ſie am Liebſten verweilte, um ſich ganz dem holden Zauber zu über⸗ laſſen, den das Erwachen des Frühlings auf ſie ausübte. Sie konnte ſtundenlang auf den ſonnigen Pfaden auf⸗ und abwandeln, ohne einen andern Wunſch zu hegen als den, daß es immer ſo ſtill und friedlich um ſie herum bleiben möge, und dabei überſchlich ſie häufig jenes Gefühl der wiederauflebenden Seele und erhöhten Sinnenfreu⸗ digkeit, welches der von ſchwerer Krankheit Geneſene beim erſten Maien⸗ ſonnenſchein empfindet. Mit Erquickung athmete ſie der Erde friſchen Duft, während ſeidenweiche Lüfte ihr Stirn und Schläfe umſpielten, gleich dem wehenden Hauche aus milderer Zone. Ihr Schmerz verlor unter dieſen ſanften Eindrücken der Früh⸗ lingsnatur allmälig ſeine düſtre Geſtalt, der Schrecken wich von ihrer Seele, und eine weiche elegiſche Stimmung war bald auch der auf⸗ merkſamen Beobachtung ihrer Umgebung ein glückliches Vorzeichen, daß die Jugend und Poeſie ihres Herzens noch nicht gebrochen ſei, und auch dieſer holden Blume vielleicht ein neuer Frühling wieder⸗ kehren werde. Solche frohe Wahrnehmung beſtimmte den Freiherrn in richtiger Erkenntniß von Charlottens Gemüthszuſtande, den verabredeten Be⸗ ſuch ſeiner und ihrer Freunde aus Hamburg bis auf Weiteres hin⸗ auszuſchieben, damit, wie er an Schroder ſchrieb, dieſe wohlthätige Kriſis zuvor ihren ungeſtörten Fortgang nehmen möge und ſeine holde Schutzbefohlene durch Nichts daran erinnert würde, an welchem furcht⸗ baren Abgrund ſie ahnungslos vorübergewandelt ſei.—„Im Uebrigen,“ ſo ſchrieb Herr von Schimmelmann,„bleibt es bei unſerer Verabre⸗ dung, und ich werde genau den günſtigen Moment abpaſſen, wo wir die letzte Hand an ihre Heilung legen und es getroſt der edlen Ul⸗ rike überlaſſen dürfen, dieſen ſchönen Irrſtern in ſeine rechte Bahn zurückzulenken. Von Kopenhagen habe ich zwar noch immer keine Nachricht; doch kenne ich den Gerechtigkeitsſinn des Herzogs von Au⸗ guſtenburg zu gut, um hierüber auch nur die mindeſte Sorge zu em⸗ pfinden. Spät, aber nicht zu ſpät, werden Sie gewiß von dort volle Satisfaction erhalten!“ 47. Beinahe wären jedoch alle dieſe frohen und tröſtlichen Voraus⸗ ſagungen des edlen Gönners für immer zerſtört worden, wenn nicht eine höhere Hand ſichtbar über Charlotten gewaltet und ihr Leben beſchützt hätte, diesmal freilich vor einer Gefahr, die außer dem Be⸗ reiche menſchlicher Berechnung und Nachſtellungen lag, und wobei es ſich folgendermaßen zutrug. Es war in der dritten Woche ihres Aufenhaltes zu Wandsbeck, als der Freiherr ſeinen Damen und zwei zum Beſuche anweſenden Gutsbeſitzern aus dem Schleswig'ſchen, nach der Tafel den Vorſchlag machte, ſeinen, eine halbe Stunde vom Schloſſe entfernt liegenden Sof, den ſogenannten Hirſchenfelder Hof, zu beſuchen, woſelbſt er den beiden Gäſten ſeine nach engliſchem Muſter neu eingerichtete Pferde⸗ züchterei zeigen wollte, auf die er und mit Recht, ſtolz war; denn im ganzen Lande Holſtein gab es keine ſchöneren Ragepferde wie die des dortigen Geſtütes. Die Damen zu Wagen, die Herren zu Pferde, langte die Ge⸗ ſellſchaft beim herrlichſten Frühlingswetter auf dem Hofe an und — 413— wurde vom Hofmeier in die für die Herrſchaft bereit gehaltenen Gemächer geführt, von wo man ſich nach eingenommenem Kaffee nach den Ställen begab, da die Weidezeit erſt in ſechs bis acht Wochen ihren Anfang nahm. Was die innere Einrichtung, Zweckmäßigkeit und Reinlichkeit, beſonders aber was den Werth und die Schönheit der Thiere anbe⸗ traf, ſo erklärten die beiden Gutsbeſitzer aus S hleswig dieſe Pferde⸗ züchterei für die größte und anſehnlichſte, die ſie jemals geſehen hätten. Langſam von Stand zu Stand wandelnd, bewunderten ſie mit Kennerblick die herrlichen Roſſe, in deren Adern bald voll, bald in edler Miſchung, das Blut von Flandern, Cornwallis und Arabien rollte, und mit denen demungeachtet die reinen Zuchtpferde vaterländi⸗ ſcher Race, die feurigen braunrothen Holſteiner, in Schönheit der Ver⸗ hältniſſe und Muskelkraft recht gut den Vergleich aushalten konnten. Der Freiherr kannte jedes Pferd bei ſeinem Namen, wußte alle ſeine rühmlichen Eigenſchaften, ſchmeichelte dieſem und tadelte jenes, und die klugen Thiere ſchienen ihn, wie er ſcherzhaft bemerkte, beſſer zu verſtehen, als manche Diplomaten und Hofleute, die ihm oft bei ſeinen bitterſten Wahrheiten lächelnd aus goldner Tabatidre eine Prieſe offerirt oder wohl gar ſeine derben Zurechtweiſungen für ein feines Kompliment hingenommen hätten. Sie ſind ja auch eine geſchickte Reiterin, liebe Lotte, mit die⸗ ſen Worten wandte er ſich hierauf zu ſeiner jungen Schutzbefohlenen. Sehen Sie hier meine braune Sibylle mit den klugen Hexenaugen; kein zweites Damenpferd in der Welt, das dieſem an Güte und echt weiblichen Tugenden gleich käme!— Irmengard hat es im vorigen Sommer geritten, aber in dieſem Jahre ſoll es Ihnen gehören, und Sie können, wenn Sie wollen, jetzt gleich eine Probe mit ihm machen. Von Herzen gern! rief Charlotte, die eine eben ſo gewandte als leidenſchaftliche Reiterin war, und auf einen Wink des Freiherrn wurde die Sibylle nebſt mehren andern Pferden, für welche die fremden Herren Kaufluſt bezeigten, nach der Reitbahn geführt. In Irmen⸗ gard's Reitrock ſchwang ſie ſich flink auf den Sattel, und bald be⸗ wunderte die Geſellſchaft die Kunſt, Grazie und Sicherheit, womit ſie des Freiherrn Lob rechtfertigte, indem ſie ſich in der That als eine vorzügliche Reiterin bekundete. Die Herren klatſchten ihr Bei⸗ — 414— fall zu, und Schimmelmann meinte ſcherzend, ſie könne es dreiſt in der Reitkunſt mit einem Koſakenmädchen vom Don aufnehmen. Wollen ſehen! entgegnete Charlotte, hochroth im ganzen Geſicht von des ſcharfen Rittes Anſtrengung, und wie jede Reiterin ſtolz auf ein Lob, das die Männerwelt ſo gern für ſich allein in Anſpruch nimmt. Raſch lenkte ſie hierauf ihr Pferd in die Mitte der Bahn, und in⸗ dem ſie dem Thier einen ſtarken Schlag mit der Gerte gab, ſetzte ſie plötzlich zum Schrecken der Anweſenden mit einem kühnen Satz über die ziemlich hohe Barridre der Reitbahn. Einen Moment ſtand das Pferd jenſeits der Umzäunung wie ſchreckgelähmt regungslos ſtill und zitterte heftig; als es aber das Gebiß wieder fühlte, ward es plötzlich wild, bäumte ſich ſchnaubend, ſprang in gewaltigen Sätzen rechts und links und jagte dann, trotz Zügel und Zuruf, hellwiehernd in raſen⸗ der Eile mit Charlotten querfeldein in der Richtung nach Wands⸗ beck, ein entſetzensvoller Anblick für die im Hofe Zurückbleibenden, welche jeden Augenblick den Sturz der verwegenen Reiterin erwarte⸗ ten. Schimmelmann war der Erſte, der ſich auf eins der andern Pferde warf und ihr nachſprengte, die beiden fremden Herren folgten ſeinem Beiſpiel, aber der Vorſprung, den die wildgewordene Sibylle gewonnen hatte, war zu bedeutend, und bald verlor man Roß und Reiterin aus den Augen. Als der Freiherr fünfzehn Minuten ſpäter an der Grenze ſeines Parks anlangte, hörte er in der Ferne den Hülferuf eines Mannes; er folgte dieſer Richtung und kam in die Nähe der alten Stern⸗ warte, wo ihm ſein Gärtner Konrad ſchreckensbleich mit der Nachricht entgegenſtürzte, Mademoiſelle Ackermann liege todt neben dem Thurme, von dem ſie heruntergefallen wäre. Als er dem bezeichneten Orte zueilte, hatte er einen Anblick, welcher allerdings den Irrthum des alten Gärtners, daß Charlotte vom Thurme heruntergeſtürzt ſei, in nur allzuſchrecklicher Weiſe er⸗ klärte; denn ſie lag dicht am Thurme mit blutender Schläfe auf der Erde, von ihrem Pferde aber war nirgends eine Spur zu ſehen. Barmherziger Gott! rief der Freiherr entſetzt, und lehnte, neben ihr niederknieend, die Todtgeglaubte an ſeine Bruſt; da fühlte er, daß ſie noch athmete, Konrad beſprengte ſie mit Waſſer aus der nächſten Quelle, bald kehrte ihre Beſinnung zurück und ſie erwachte aus der — 445— durch den heftigen Sturz verurſachten Betäubung. Als ſte das blutige Tuch erblickte, womit ihr Herr von Schimmelmann die Wunde zuge⸗ drückt hatte, ſtieß ſie einen Schrei aus und fühlte jetzt erſt den Schmerz an der Schläfe; doch beruhigte ſie der Freiherr durch die Verſicherung, daß die Verwundung nur unbedeutend ſei, und gleich nachher rief ſie auch ſchon wohlgemuth. Ich glaube es beinahe ſelber, daß ich diesmal ganz heil geblieben bin! Aber dieſen Salto mortale macht mir ſelbſt Herr Sacco, unſer Balletmeiſter, ſchwerlich nach! Da galt es aufgepaßt!— Denn grade auf die Bäume dort lief das Pferd zu, deren niederhängende Aeſte mir ſicher den Abſalonstod bereitet hätten; ſo warf ich mich denn raſch vom Pferd herunter in die grünen Fichtenarme und traf mit dem Kopfe gegen die rauhe Wurzel hier. Gelobt ſei Gott! ſagte der treue Konrad und faltete erſchüttert die Hände. Ich war dort hinter den Taxuswänden am Teiche be⸗ ſchäftigt, hörte einen Schrei und dachte, als ich Mademoiſelle bleich und blutend am Boden liegen ſah, in meinem Schrecken nicht anders, als daß Sie vom Thurme heruntergeſtürzt ſeien. Ei, Konrad, wie konnteſt du ſo was denken? entgegnete ſein Ge⸗ bieter, der nun auch wieder freier aufathmete. Wer von einem Thurme herunterfällt, muß doch vor allen Dingen hinaufgeſtiegen ſein, nicht ſo? Was ſagen Sie dar rief Charlotte betroffen. So wäre wirklich erfüllt, was mir erſt vor wenigen Monaten eine Kartenſchlägerin prophezeite, und ich wäre wirklich, wenn auch nur in der Meinung des guten Konrad, von einem Thurme heruntergeſtürzt, ohne zuvor hinaufgeſtiegen zu ſein! Das beweist jedenfalls, daß Sie ſich künftig vor Sibyllen, auch vor vierfüßigen, hüten müſſen, entgegnete Herr von Schimmelmann. Leider zu ſpät ſiel mir ein, wie ſehr Ihr Bruder immer gegen das Reiten von Damen geeifert hat; und bei Gott, er hat Recht! Denn wie ſelten wißt ihr jungen Amazonen, wenn ihr euch erſt einmal eurer angebornen Aengſtlichkeit entwöhnt habt, Muth von Tollkühnheit zu unterſcheiden! Die Ankunft der beiden andern Herren, welche jetzt auf ſchweiß⸗ bedeckten Roſſen heranſprengten, machte der Strafpredigt des Freiherrn ſchnell ein Ende. Charlotte erhob ſich vom Boden, und wenn ihr auch in Folge der ausgeſtandenen Angſt die Glieder noch ein wenig zitterten, ſo konnte ſie doch, auf den Arm ihres Beſchützers geſtützt, ohne Mühe das Schloß erreichen. Sie klagte nur über einen leiſen dumpfen Schmerz an der linken Kopfſeite, war aber ſonſt völlig mun⸗ ter und weigerte ſich ſtandhaft, eine andere ärztliche Hülfe anzuneh⸗ men, als die des alten Chirurgus von Wandsbeck, der denn auch endlich mit einer großen Weisheitsbrille auf der kupferrothen Naſe erſchien und zu ſeinem Leidweſen die kleine Wunde bereits mit einem Streifchen engliſchen Pflaſters geſchloſſen fand.— Wie es ſo häufig im Leben geſchieht, wenn ein unerwartetes Ereigniß wohlberechnete Entwürfe durchkreuzt und die ganze Conſtel⸗ lation der Dinge verändert, ſo war es auch diesmal der Fall, und der zum Glück ohne unmittelbar nachtheilige Folgen gebliebene Unfall ſollte dennoch nicht ſpurlos vorübergehen.— Denn wiewohl Herr von Schimmelmann den Angehörigen Charlottens unverweilt Nachricht ge⸗ geben hatte, erzählte man ſich's doch ſchon am folgenden Tage in vielen Kreiſen Hamburgs als neueſte Neuigkeit, die jüngere Tochter der Madame Ackermann habe ſich in einer Anwandlung von Lebens⸗ überdruß zu Wandsbeck von einem hohen Thurme heruntergeſtürzt und ſei nur wie durch ein Wunder vom ſchrecklichſten Tode gerettet worden. Grade ſo hörte auch Sylburg die Geſchichte von Charlot⸗ tens Unfall erzählen, und wenn er auch ſeit ihrem traurigen Ab⸗ ſchiedsbriefe kaum mehr anders wußte, als daß ſie ihn völlig und für immer aufgegeben habe, ſo bedurfte es doch nur einer ſolchen Nachricht, und ſeine ganze vorige Verwegenheit kehrte zurück, ſein durch die lauten und unzweideutigen Meinungsäußerungen des Publi⸗ kums auf das Empfindlichſte gereizter Stolz ſchöpfte neue Hoffnung. Zudem drohte damals ſeine Komödie mit der„Baroneſſe Steinau“ ein baldiges Ende zu nehmen; er begriff, daß er Eile nöthig habe, um nicht mit in dieſe polizeiliche Kataſtrophe hineingezogen zu wer⸗ den, und ſo entwarf er denn in ſeiner ſo vielfach verwickelten Lage einen Plan, dem zum Prädikat: Genial! faſt nichts fehlte, als daß er ihm geglückt wäre.— Er beſchloß, ſich Charlotten wieder zu nähern, ſie durch einen Brief zu einer Zuſammenkunft zu bewegen und ihr zu dieſem Zweck eine in der Nähe Wandsbecks gelegene einſame Haide⸗ ſchenke vorzuſchlagen. Hier wollte er ſich der Schutzloſen bemächtigen, 2 —-—— —O˖˖˖ę—Q—Q— —— — K -— 417— um ſie in Güte oder Gewalt ihrer Heimath zu entführen und mit ihr nach Dänemark zu fliehen. Ueber die Folgen dieſes Schrittes dachte er nicht weiter nach; und ſelbſt, als er einige Tage nachher den wahren Verlauf von Charlottens Unglück beim Reiten erfuhr, als er mithin von ſeinem anfänglichen Irrthum zurückkam, daß ſie ſich ſeinetwegen vom Thurme heruntergeſtürzt habe, war er bereits ſo tief in die Entwürfe ſeiner von Rachſucht und Leidenſchaft geſtachelten Seele verſtrickt, war ſeiner Sache ſchon zum Voraus ſo gewiß, daß er, anſtatt zur Beſinnung und ruhigen Ueberlegung zurückzukehren, nur um ſo hartnäckiger auf ſeinem Vorſatz beharrte und mit wahrer Fieberhaſt die Vorbereitungen dazu betrieb. Mitten in den Entwürfen zu der abſcheulichſten That ſeines an Intriguen und Verräthereien ſo reichen Lebens, kam plötzlich wie ein Donnerſchlag aus heiterer Luft der Befehl ſeiner Oberen, ſich binnen acht Tagen in der Stadt Schleswig bei ſeinem Regimente zu ſtellen und ſich vor einer von dem König eigens dazu ernannten Com⸗ miſſion wegen verſchiedener ihm zur Laſt gelegter, ſowohl ſeine Stan⸗ des- wie ſeine perſönliche Ehre ſchwer gravirender Anſchuldigungen zu rechtfertigen, im Fall des Nichterſcheinens aber ſeiner ſofortigen Caſſation gewärtig zu ſein. Eine nähere Andeutung über das, was ihm bevorſtand und von wem dieſer furchtbare Schlag gegen ihn geführt worden ſei, fehlte gänzlich; er hatte nur zu wählen zwiſchen der Möglichkeit, ſich zu vertheidigen, und dem gewiſſen Schimpfe, der ihn neben dem Ver⸗ luſt ſeiner militäriſchen Stellung für ewig brandmarkte!— Mehre Stun⸗ den lang war er wie betäubt und völlig unfähig, einen Entſchluß zu faſſen; mechaniſch griff er von Neuem nach der verhängnißvollen Ordre und ſtierte mit glühenden Blicken auf die Schriftzüge. Seine Stirne pochte wie ein Hammer, und wenig hätte gefehlt, er wäre in einem Anfall von Raſerei mit dem Kopfe gegen die Wand gerannt. So vergingen ihm mehre Stunden wie Minuten, die wirren Geiſter ſeines Innern kamen zu keiner Abklärung, tauſend Muthmaßungen durchkreuzten ſeine Einbildungskraft, aber vergebens ſuchte er in dem Chaos ſeiner ſchuldbeladenen Vergangenheit nach der Hand, die ihm dieſen Streich verſetzt hatte; das Wrack ſeines Scharfſinnes trieb entmaſtet und ſteuerlos auf unbekannten Meeren. D. B. II. Müller's Charl. Ackermann. 27 8 —— — 418— Da, in der rathloſeſten Stunde ſeines Lebens, als er ſich um⸗ ſonſt auf alle die Praktiken und Ausflüchte zurückbeſann, die ihm ſchon ſo manches Mal gute Dienſte geleiſtet und ihn vor dem Aeußer⸗ ſten bewahrt hatten, brachte ihm der Wirth vom„Kaiſershof“ einen Brief, bei deſſen Anblick Sylburg einen Freudenſchrei ausſtieß; denn er erkannte die Handſchrift des Majors T. und wußte auch alsbald, daß dieſer Brief mehr Weisheit für ihn enthalten werde, als alle ſybilliniſchen Bücher der Welt zuſammengenommen.— Und ſeine Er⸗ wartung täuſchte ihn nicht; denn kaum hatte er mit zitternder Hand das Couvert abgeriſſen und einen Blick in das Blatt geworfen, als ihm auch ſchon ein Name in die Augen fiel, welcher ihm Alles ſagte, der Name Schimmelmann, der ihn allein in dieſe verzweifelte Lage gebracht hatte.— Freilich konnte ihm der Freund nicht mehr ſagen, als was man ſich bei Hofe und in den höheren Offtzierskreiſen in die Ohren flüſterte, daß nämlich Freiherr von Schimmelmann, der als ehemaliger Schatzmeiſter und Geheimerath des Königs noch immer in großem Anſehen bei dem Monarchen ſtand, Letzterem einen Brief geſchrieben habe, worin das ganze Benehmen Sylburg's gegen Char⸗ lotten und deren Familie in einer Weiſe dargeſtellt ſei, daß der Kö⸗ nig ſofort Befehl zur ſtrengſten Unterſuchung gegeben habe.—„Du mußt, ſchrieb T. ſeinem Freunde, ärger als arg gewirthſchaftet haben, denn aus dem Munde des alten Generals W. weiß ich es, daß der Herzog von Auguſtenburg ihm geſagt hat, es ſeien Dinge über dich an den Tag gekommen, die einen Offizier in Rußland ohne Weiteres zeitlebens nach Sibirien bringen würden. Aber um's Himmels⸗ oder wenn du's lieber willſt, um's Teufelswillen, Max, was haſt du eigent⸗ lich angerichtet, daß man dich ſo cum infamia in's Gebet nehmen will? Ich ſinne und ſinne vergebens darüber nach, was ein Menſch von deiner Klugheit und Taktik Abſcheuliches begangen haben kann, daß man ihm ohne Weiteres einen Caſſationsprozeß an den Hals wirft?— Angenommen auch, du hätteſt die kleine Ackermann durch einen Zaubertrank behext; oder du hätteſt ſie bei Nacht und Nebel entführt; oder du hätteſt ſie ſogar in einer oder der andern Weiſe mehr als billig zu Schaden gebracht— ſo ſehe ich doch ſchlechter⸗ dings nicht ein, daß du darum ein größerer Majeſtätsverbrecher ſein ſollſt, wie hundert Andere, die dir gleichen!— Seit wann wird ein V — 419— däniſcher Offizier wegen einer Liebesgeſchichte vor eine Specialkom⸗ miſſion geſtellt? Seit wann iſt eine auswärtige Schauſpielerin und deren Anhang in Dänemark allmächtig genug, um wegen einer ſol⸗ chen Bagatellſache einen Major vor den Richterſtuhl zu bringen?— Das ſind Räthſel, über die ſich hier alle Welt den Kopf zerbricht; ich, für meinen Theil laſſe das bleiben, ſondern erwarte von dir, daß du mir über Alles reinen Wein einſchenkeſt; und bald, hörſt du, Max, bald!— Denn die Schlinge, in der diesmal dein Hals ſteckt, iſt wahrlich leichter zu als aufgezogen, daher ſäume nicht und ſchreibe!— Gib mir die Mittel an die Hand, daß ich den Herzog von Auguſtenburg von deiner Unſchuld überzeuge, ja, daß ich ihm auch nur einen Theil der üblen Meinung benehmen kann, die er gegen dich hegt; und ſo wahr ich's treu mit dir meine— ich werde deine Sache verfechten, mit der Zunge oder mit dem Degen, wie ich es eben am Beſten vermag.— Haſt du aber in Hamburg ſo viel Unkraut geſäet, daß dein Weizen darin erſticken muß, dann rath' ich dir, je eher je lieber dem Beiſpiel deines ehemaligen Nebenbuhlers, des jun⸗ gen Lord Elkins, zu folgen, und dich für einige Zeit nach England zu abſentiren, nachdem du zuvor um deinen Abſchied eingekommen biſt. Warte aber ja nicht, bis man ihn dir ertheilt— ich ſage dir, Max, wenn ich weiß, was dieſe ganze vertrackte Geſchichte be⸗ deuten ſoll, ſo will ich nicht mehr dein Freund und Waffenbruder heißen, ſondern denen beiſtimmen, die ſagen, dir geſchähe recht. Schreibe, ſchreibe, und laß' den Courier, der mir deinen Brief über⸗ bringt, auf meine Koſten ein Paar Pferde zu Grunde reiten, nur reiße mich aus dieſer unerträglichen Ungewißheit.“ Nachdem Sylburg den Brief mehrmals durchleſen hatte, glaubte er endlich den Inhalt deſſelben vollkommen begriffen, ja ſogar noch Mehr daraus erfahren zu haben, als der Freund ſelber wußte. Denn dieſem war es ſchwerlich bekannt, daß der Herzog Friedrich Chriſtian von Auguſtenburg ſchon ſeit mehren Jahren mit Schröder in einem intimen Briefwechſel ſtand; daß der Bruder Charlottens dieſes trefflichen Fürſten innige Hochachtung beſaß; daß mithin, wenn der mächtige Herzog, ſein oberſter Vorgeſetzter, ihn als Feind Schrö⸗ der's betrachtete, ſein Ruin ſchon jetzt ſo gut wie entſchieden ſei. Aber ſo wenig ermuthigend dies auch unter andern Umſtänden 27* — 420— für ihn hätte ſein müſſen, in ſeiner gegenwärtigen Lage, wo für ihn Alles auf dem Spiele ſtand, ja wo dieſes Spiel faſt ſchon ver⸗ loren war, war es grade die Freundſchaft zwiſchen dem Herzog und dem Theaterprinzipal, worauf er ſeinen letzten Rettungsplan baute, der nichts Geringeres bezweckte, als ſich durch Charlottens Beſitz zum Herrn und Meiſter des ihn von allen Seiten bedrohenden Geſchickes zu machen. Charlottens Herz wieder zu gewinnen, ſie zur heimlichen Flucht aus dem Lande zu bewegen, ſie ſogar zu heirathen, und dann in ihrem Beſitze dem Herzog, dem Freiherrn, ihrer Familie, jede Mög⸗ lichkeit abzuſchneiden, ihn zu verderben, das waren die Pläne, die tollkühnen Entwürfe, deren Gelingen ihm ſeine aufgeregte Fantaſie bald als ſo leicht darſtellte, daß er darüber ſelbſt die nächſte Schwie⸗ rigkeit vergaß, wie er überhaupt bis zu Charlotten gelangen ſollte, die er doch unter dem unmittelbaren Schutze desjenigen Mannes wußte, der ihn in dieſe verzweifelte Lage gebracht hatte.— In ſeiner leidenſchaftlichen Haſt verſäumte er es, ſich zuvor der günſtigen Ge⸗ legenheit zu verſichern; ſeine Klugheit, ſeine Vorſicht, die ihn ſonſt den Frauen ſo gefährlich gemacht hatte, verließ ihn diesmal gänzlich; und der wilde Aufruhr ſeiner Lebensgeiſter, die fieberhafte Angſt, in welche ihn dieſer plötzliche Blick in den vor ihm aufgähnenden Ab⸗ grund verſetzt hatte, raubte ihm die letzte Beſonnenheit.— Dem ver⸗ zweifelten Schwimmer gleich, der, je mehr er dem Lande zuſtrebt, immer tiefer in die Brandung hineingeräth, warf er ſich auf ſein ſchnellſtes Roß und ſprengte, ohne ſich ſeiner Abſicht klar bewußt zu ſein, in der Richtung nach Wandsbeck, mit einer Eile, als theile der Renner die Ungeduld ſeines Reiters. Erſt als er Wandsbecks anſichtig wurde, hielt er das dampfende Pferd an; der Anblick des Schloſſes, das auch ihn ſonſt gaſtlich in ſeinen Räumen aufgenommen hatte, brachte in die Verworren⸗ heit ſeiner Gedanken einige Ordnung, und mit fliegenden Pulſen lauſchte er mehre Minuten lang nach dem Park hinüber, wo er Stim⸗ men zu hören glaubte; aber es war nur das Pochen ſeiner Bruſt, oder der Abendwind, der mit den Büſchen und Bäumen ſpielte, was ihn getäuſcht hatte; allmälig begann er zu überlegen, was er nun beginnen, wohin er ſich wenden ſolle, und faſt hatte er —,— — 421— dabei ein Gefühl, als ſei er einem Irrlicht oder einer Viſion ſeines Innern nachgeritten, und ſuche nun vergebens am Ziele nach dem Ziele, welches er hier zu erreichen gehofft hatte. Er war ſo nahe bei Wandsbeck, daß er deutlich die Schloßuhr ſchlagen hörte; da fiel ihm plötzlich ein, welcher Gefahr er ſich ausſetze, wenn man ihn hier entdeckte; daß dann nothwendig die letzte Ausſicht auf das Ge⸗ lingen ſeines Entführungsplanes verloren ſei; und dieſer Gedanke machte ihn ſo beſtürzt, daß er raſch ſein Pferd herumwarf, und ebenſo ſchnell, wie er gekommen, wieder davon ritt.— Aber er kehrte nicht nach Hamburg zurück, ſondern jagte auf's Gradewohl über die Haide, bis er in der Ferne die Schenke entdeckte, auf deren ein⸗ ſame Lage er ſchon früher, freilich unter andern Umſtänden, ſeinen Plan zu einer Zuſammenkunft mit Charlotten gebaut hatte. Das Haus dort ſtand keineswegs im beſten Rufe, es galt für die Her⸗ berge von allerhand verdächtigem Volke, welches die Nähe der reichen Handelsſtadt herbeilockte, da es Landſtreichern und paßloſen Vaga⸗ bunden, die ſich aus Furcht vor der Hamburger Polizei nicht offen in die Stadt wagen durften, einen trefflich gelegenen Schlupfwinkel bot, woſelbſt ſie leicht die günſtige Gelegenheit abwarten konnten, um ſich in das Gebiet der freien Stadt einzuſchleichen. Der Wirth, eine verdächtige Gaunerfigur, und ſeine wenigen Hausgenoſſen, machten große Augen, da ein ſo vornehmer Gaſt bei ihrer geringen Herberge abſtieg und ſogar Quartier für die Nacht begehrte. Sylburg aber, der ſich mit Menſchen dieſes Schlages treff⸗ lich zu verſtändigen wußte, nahm den Alten auf die Seite, flüſterte ihm einige Worte in's Ohr, und hatte ſofort nicht nur für die Nacht ein Quartier, ſo gut es nur des Hauſes Armuth bieten konnte, ſondern auch alles Das gefunden, was er ſonſt noch zur Ausführung ſeines Planes bedurfte,— einen Helfershelfer, wie er ihn ſich nicht beſſer wünſchen konnte. 48. Aber noch einmal wachte das Auge der Vorſehung über Char⸗ lotten, um die ſo vielfach Gefährdete und Bedrohte auch diesmal „ eeer 5 4 — 422— vor den Nachſtellungen eines Menſchen zu beſchützen, der ſo recht eigentlich dazu beſtimmt ſchien, dieſes junge edle Leben beſtändig von Neuem zu bedrohen und es aus einer Noth, einer Drangſal in die aandere zu treiben. mmenn kaum hatte der Baron ſeinen Rückzug aus dem freiherr⸗ zirke angetreten, als auch ſchon Herr von Schimmelmann, die Maßregeln ſeiner Wachſamkeit vortrefflich genommen hatte, durch ſeine Leute von der Anweſenheit eines fremden Herrn in der Nähe des Parks unterrichtet wurde, und noch vor Anbruch der Nacht erhielt er die ſichere Gewißheit, daß kein Anderer, als der Major von Sylburg, ſein Abſteigequartier in dem verrufenen Haidekrug ge⸗ nommen habe. Einen Augenblick machte dieſe Nachricht den Geheimerath ſehr beſtürzt, und er ging ſogleich zu ſeiner Gemahlin, um dieſe von der drohenden Gefahr zu unterrichten. Denn wem anders, als Charlot⸗ ten, konnte Sylburg's Ankunft gelten?— Die Beſorgniß jedoch, daß ddieſe am Ende gar ſelbſt darum wiſſen und noch immer ein heimliches Verhältniß zwiſchen Beiden beſtehen möge, zerſtreute Frau von Schim⸗ melmann bei ihrem Gemahl durch die Verſicherung, ſie ſei entſchieden von dem vollen Gegentheil überzeugt.— Lotte müßte eine ausgemachte Heuchlerin ſein, ſollte ich mich darüber täuſchen, ſagte die Geheime⸗ räthin. Nein, nein, ſie hat gewiß keine Ahnung von des Barons Nähe; denn noch heute Mittag vertraute ſie Irmengard an, ſie habe ihm ſchon in Hamburg den Abſagebrief geſchrieben, halte ihn für keinen edlen Charakter, und wolle auch nicht eher wieder zu ihrer Mutter zurückkehren, als bis dieſer Mann die Stadt verlaſſen habe und ſie vor ſeiner Zudringlichkeit ſicher wäre. Was ſollte ſie zu dieſem Geſtändniß bewegen, wenn ſie um des Barons Hierſein wüßte? Das Mädchen mag einmal unter dem Einfluß dieſes Menſchen übel genug berathen geweſen ſein, aber jetzt iſt das anders; ihre ſtille Heiterkeit in den letzten Tagen, ihr wiederkehrender Lebensmuth ſind gewiß keine trügeriſche Maske, und ich bin daher jedenfalls dagegen, daß man ihr auch nur das kleinſte Mißtrauen zeige. Bei Leibe, das darf auch nicht geſchehen, erwiderte der Frei⸗ herr mit Eifer. Im Gegentheil ſoll ſie weder von Sylburg's An⸗ weſenheit, noch von unſerer Beſorgniß Etwas erfahren, ſondern ſich, — 423— wie ſeither, vollkommen ſicher und unbefangen bei uns fühlen. Dennoch aber halte ich es nun an der Zeit, daß wir der Gräfin einen Wink zugehen laſſen, hierher zu kommen. Du weißt, wie Ulrike vor Be⸗ gierde brennt, das holde Weſen für immer von dieſem unheilvollen Menſchen zu befreien, der ihr ſelber ihr beſtes Lebensglück Ktort ¹ hat, und es entſpricht ganz ihrer edlen Denkart, durch Lotte⸗ t tung dem Himmel für ihre eigne Rettung von dieſem Menſchen danken. 8 Ich habe Alles zum Empfang der Gräfin eingerichtet, ſagte Frau von Schimmelmann; und ebenſo halte ich unſre junge Schwär⸗ merin für hinreichend vorbereitet, um die letzten Entdeckungen über Sylburg mit Standhaftigkeit zu ertragen und ſich daran zu einem neuen Daſein emporzurichten. Auch wird der Gräfin Gegenwart jenen Elenden, der ſich ſo verwegen in unſre Nähe drängt und ſicher nichts Gutes im Schilde führt, mehr als alle Hüter, vor weiteren Nachſtellungen abhalten. 13 Es müßte mich Alles trügen, ſagte nach einer Pauſe der Frei⸗⸗ 1 herr kopfſchüttelnd, oder er hat bereits von meinen und des Herzogs Schritten beim König Kunde erhalten und will uns durch einen Handſtreich zuvorkommen. Dieſem abenteuerlichen Geſellen iſt Alles zuzutrauen!— Hüte darum das Mädchen wie dein eignes Kind, liebe Caroline, bis die Nemeſis den Verräther erreicht hat. Ich ſende ſo⸗ gleich der Gräfin einen reitenden Boten und bitte ſie, der rettende Engel dieſer jungen Seele zu werden.— Eine halbe Stunde ſpäter trat der Freiherr heiter und aufge⸗ räumt wie ſonſt, zu den Damen, die ſchon beim Thee ſaßen, und ließ ſich neben ſeiner Gemahtin zum gemüthlichen Plauderſtündchen auf dem Sopha nieder. Erſt neckte er Irmengard wegen ihrer neuen Friſur, und fragte dann Charlotten ſchalkhaft, wem zu Ehren ſie ſich heute den Strauß junger Roſen vorgeſteckt habe? Dabei klopfte er ihr freundlich auf die Wange und ſagte mit geheimnißvollem Lächeln: Ja, ja, ihr Frauen habt doch einen merkwürdigen Inſtinkt, wenn ein intereſſanter Mann in der Nähe iſt. Gleich merkt man das an der größeren Sorgfalt, womit ihr euch herausputzt, ehe ihr doch ſelber wißt, wer er iſt und ob er euch gefallen wird?. —————ꝙꝑ . .—— N — 5 4 8 Frreiherr. Mein neuer Freund wird zwar allerdings für's Erſte hier Von wem redeſt du denn eigentlich, lieber Papa? fragte Frau von Schimmelmann beklommen; denn ſie glaubte in der That, daß ihr Gemahl den Baron gemeint habe. Charlotte aber blieb vollkom⸗ men unbefangen, und der Freiherr fuhr fort: Ihr ſollt ihn noch heute Abend perſönlich kennen lernen; ein höchſt intereſſanter Mann, auf deſſen Bekanntſchaft ich wahrhaft ſtolz bin. Zwar reiſt er für jetzt noch incognito, gibt ſich ſelbſt mir noch nicht völlig zu erkennen, aber auch ſo hat er gleich mein ganzes Herz erobert, und ich kann wohl ſagen, daß ich in meinem Leben keinen edleren und liebenswürdigeren Mann kennen gelernt habe. Wer? Wer?— Vo iſt er?— Wie heißt er?— Mit dieſen Fragen ſtürmten die drei jungen Damen auf den Geheimerath ein, während die Hausfrau voll Beſtürzung ausrief: Aber mein Gott, Schimmelmann, warum ſagſt du uns das erſt jetzt? Er wird doch gewiß dieſe Nacht unſer Gaſt ſein und unſre Fremdenzimmer ſind, wie du weißt—— Maache dir darüber keine Sorge, beſte Caroline, entgegnete der im Schloſſe bleiben; allein er iſt bei allen ſeinen großen Vorzügen ein ſo anſpruchloſer und einfacher Menſch, daß,— daß wir ſeinet⸗ wegen keine Umſtände zu machen brauchen. Als ein rechtgläubiger Jude— Jude! ſchrieen ſämmtliche Damen wie aus einem Munde, und in allen Mienen ſpiegelte ſich das höchſte Erſtaunen. Als ein rechtgläubiger Jude, fuhr der Freiherr fort, befolgt er auch in ſeiner äußern Lebensweiſe das einfache Geſetz ſeiner Väter und hält trotz ſeines Reichthums, ſeiner Aufklärung getreulich an den Vorſchriften und Geboten ſeiner Religion feſt. 5 Gottlob, nun weiß ich, daß du uns zum Beſten hälſt! ſagte die Geheimeräthin. Denn ein ſolcher Jude, wie du ihn da ſchilderſt— Exiſtire nicht, meinſt du? ſiel ihr der Gemahl lebhaft in's Wort. Und doch ſage ich Euch, fuhr er begeiſtert fort, Ihr werdet dieſen Juden noch heute kennen lernen und mir dann beiſtimmen, daß er eine ganze Legion von kanoniſirten Heiligen aufwiegt. Hört nur, mit welcher Wärme unſer Leſſing mir dieſen ehrwürdigen Mann empfiehlt. 425 Er zog bei dieſen Worten einen Brief hervor und las ſeinen ſtaunenden Zuhörerinnen Folgendes daraus vor: „Nathan ſoll hoffentlich nicht bei ſeinem Volke allein den Bei⸗ namen des Weiſen führen, ſondern auch uns Chriſten dafür gelten. Denn ſeine Weisheit iſt ja Eins mit Liebe, Eins mit jener höchſten Idee, ohne welche keine Religion der Welt Anſpruch auf dieſen hei⸗ ligen Namen hat, mit der Idee der Verſöhnung und Toleranz. Gönnen Sie ihm daher immerhin eine Freiſtätte in Ihrem Hauſe, Ihrem Herzen; denn ich fürchte beinahe, Paſtor Götze und Conſorten werden mit dieſem frommen Pilger aus dem Morgenlande kaum mehr Umſtände machen, als ſie mit dem Heilande ſelber thun würden, käme er heute noch einmal in ſeiner wahren gottreinen Geſtalt auf die Erde zurück. Dieſe Phariſäer und Afterprieſter zu bekämpfen, ihnen die Heuchlermaske der Gottſeligkeit vom Geſicht zu reißen, hat ſich Nathan vorgeſetzt; und wahrlich, zu dieſer Miſſion braucht er die Liebe und Unterſtützung von echten Chriſtenherzen ebenſo ſehr, wie die von Gott ſelber.“* Das ſchreibt unſer Leſſing, Deutſchlands größter Schriftſteller von dieſem Juden, ſagte der Geheimerath nach einer Pauſe bewegt; und nun entſcheidet ſelber, meine Lieben, wie wir einen ſolchen Fremdling in unſrer Mitte aufnehmen ſollen? Nicht anders, als käme Leſſing ſelber, entgegnete die Geheime⸗ räthin hocherfreut. Ah, da iſt er ja ſchon! ſagte der Freiherr und deutete nach der Thüre, wohin ſich raſch alle Blicke wandten. Aber Niemand klopfte an, Niemand öffnete, wohl aber ſtieß gleich nachher Charlotte einen Schrei der Uebexraſchung aus, denn unbemerkt hatte ihr freundlicher Gönner ein Manuſcript vor ſie hingelegt, ſo daß ihr ſogleich der Titel in die Augen fiel:„Nathan der Weiſe, ein dramatiſches Gedicht in fünf Aufzügen, von Gotthold Ephraim Leſſing.“ Erſt jetzt begriffen die Damen, in welcher Weiſe ſie myſtificirt worden ſeien und welchen Gaſt der Geheimerath angemeldet hatte. Ein Gedicht von Leſſing? rief Irmengard. O Papa, dieſen Juden küß' ich unbeſehen, wäre auch ſein Bart ſo rauh und grau wie der unſrer Wandsbecker Schacherer! 2 Und das ſchöne Mädchen drückte ſeine roſige Lippen auf den Namen Nathan mit einer Inbrunſt, als wolle ſie ihm alle ſeine Weisheit abküſſen. Introite, nam et heic Dii sunt! ſagte der Freiherr lächelnd; indem er das Motto auf dem Titelblatt las. Das heißt aus dem Lateiniſchen frei in's Deutſche überſetzt: die Rolle der Recha hab' ich für meine Freundin Charlotte Ackermann geſchrieben.— Was mei⸗ nen Sie, liebes Kind, mit dieſen Worten wandte er ſich zu der be⸗ ſtürzten Künſtlerin; wäre das nicht ein Lohn für unſern Leſſing, ſelbſt ſeines herrlichen Nathans nicht unwerth?— Indem er die Welt mit einem Gedicht beſchenkt, dem kein anderes an Pracht der Sprache und Tiefe der Gedanken zu vergleichen iſt, führt er zugleich unſre Charlotte in den verlaſſenen Tempel der Kunſt zurück, und dieſe ſelber lernt vom weiſen Nathan, wie der wahre Menſch das ihm von Gott auferlegte Geſchick durch Vergebung und Edelmuth an der Menſchheit wieder gut macht, und es für ſich und Andere zum Heile wendet? Charlotte kam durch dieſe unerwartete Wendung des Geſprächs in eine große Bewegung; es war zum Erſtenmal, daß man im Wands⸗ becker Freundeskreiſe ihr Unglück berührte; außer mit Irmengard, hatte ſie noch Niemanden darüber geſprochen, und ſo war es denn erklär⸗ lich, daß ſie des Freiherrn letzte Worte auf's Heftigſte Erſchtterten und ſie bald erbleichen, bald erröthen machten. Der freundliche Gönner aber fuhr nach einer Pauſe mit nach⸗ drucksvoller Betonung fort: Was hat nicht unſer edler Leſſing in den letzten Jahren ſo viel des Schmerzlichen erlitten, und doch verlor er niemals den freu⸗ digen Muth des Geiſtes, ſondern hielt ſtandhaft an. ſeinem Berufe feſt, ein Lehrer und Erwecker ſeines Volkes zu ſein. Doch Sie ſol⸗ len ſelber entſcheiden, liebe Lotte, ob Sie einem Buche, wie dem Nathan gegenüber, auch fernerhin auf Ihrem traurigen Vorſatz, Ihrer Kunſt, Ihrem Talente zu entſagen, beharren wollen. Leſen Sie das große Gedicht unſres Freundes, leſen Sie es mit jenen Augen, womit Sie einſt in anderer Dichter unſterbliche Werke ein⸗ drangen, und ich hoffe zu Gott, daß Leſſing's großer Geiſt auch Sie zu neuem Daſein erwecken wird, zumal er mich ja ausdrücklich — ——— — — 427— bittet, Ihnen vor Allem den Nathan zu geben; denn er glaube, daß die Rolle der Recha keine würdigere Darſtellerin finden könne, als Sie. Das laſſen Sie ſich geſagt ſein, Lotte, bei Ihrem und des herrlichen Nathans Genius! Er erhob ſich bei dieſen Worten vom Sitze, nahm den Kopf der jungen Künſtlerin zwiſchen beide Hände, drückte einen Kuß auf ihre Stirne und ging raſch aus der Stube. Frau von Schimmelmann ſagte nach einer Pauſe, indem ſie ſich die Augen trocknete: Laſſen wir Lotten für den Reſt des Abends mit dem neuen Gedicht unſres Freundes allein auf ihrer Stube; denn habe ich den Papa richtig verſtanden, ſo iſt der Nathan eins von jenen Büchern, die, wie Gott beim Gebet, in der Einſamkeit erſt recht empfunden werden, ſo innig und lebendig, als ſpräche unſre eigne Seele aus des Dichters geweihtem Munde. Sie gab ihr hierauf das Manuſcript in die eine und eine bren⸗ nende Kerze in die andere Hand, küßte ſie und ſagte: Morgen erzählſt du uns dann, was dir der Nathan vertraut hat. So haben wir den doppelten Genuß, erſt ſeine Wirkung auf das empfindſame Herz der Freundin, und dann durch ihre Vorleſung den künſtleriſchen Eindruck des Ganzen kennen zu lernen. Nun, gute Nacht, Lotte, gute Nacht! 49. Als ſich die Sonne am folgenden Morgen durch die Gardinen in Charlottens Zimmer ſtahl, hatte ſie einen Anblick, den wir dem Dichter des Nathan lieber, als dem leuchtenden Helios gönnen möch⸗ ten, obwohl es auch dieſer nicht an Glanz und Strahlen fehlen ließ, um das liebliche Bild eines von den Genien der Poeſie verklärten Morgentraumes mit des Frühlings goldnen Lichtern roſig zu um⸗ weben.— Denn in der That war's ein Bild inneren Glückes, ſeliger Befriedigung, wie ſie da ſchlummerte, den Roſenſtrauß in den ge⸗ faltenen Händen, mit denen ſie zugleich das Manuſecript des Nathan, — 428— als hätte ſie ſich ſelbſt im Schlafe nicht von dem neuen Evangelium ihres Herzens trennen können, feſt an ihren jungen Buſen gedrückt hielt, die ſchönſte Ruheſtätte für ein ſolches Gedicht der Unſterblich⸗ keit.— Und wie ihre Hände das Buch, ſo hielt auch ihre Seele noch im Schlummer den Eindruck des Geleſenen feſt: im Traume war ſie ſelber die holde Recha und erlebte Alles, wie dieſe, ihr Leid, ihre Liebe, des ſchönen Tempelherrn Kaltſinn, und zuletzt die erſchüt⸗ ternde Entdeckung, daß der Geliebte ihr Bruder und Nathan nicht ihr Vater iſt,— Alles das träumte jetzt Charlotte ſo lebhaft, wie ſie's am Abend zuvor beim Leſen des Gedichtes empfunden hatte. Bald ſah ſie ſich im goldſtrahlenden Palaſt des Kalifen, bald unter den Palmen am heiligen Kloſter; alle Wunder, Töne und Geſtalten des Morgenlandes gingen an ihrer entzückten Seele vorüber; da plötzlich weckte ſie ein ſonderbar dumpfes Dröhnen und Brauſen aus ihrem Schlummer auf, und im Erwachen griff ſie mit der Hand nach der linken Schläfe, wo ſie einen Schmerz fühlte, als ſteche man ihr mit einer ſpitzen Lanzette mehrmals ſchnell hintereinander in's Fleiſch; aber ſowie ſie ſich völlig ermunterte, hörte das Dröhnen in ihrem Ohre auf, auch der Schmerz ließ bald nach, doch fühlte ſie noch einige Zeit nachher einen lähmenden Druck an der Stelle. Sie war überzeugt, daß Alles nur die Folge ihres jüngſt er⸗ lebten Unfalls beim Reiten ſei, machte ſich indeß keine weitere Sorge darüber, ſondern erhob ſich wohlgemuth vom Lager, um noch vor dem Frühſtück einen Gang durch den Park zu machen. Erſt jetzt, in der ſonnigen Frühlingsnatur, wo Alles ringsum knospete und glänzte, empfand ſie es deutlich, daß auch in ihr ein neuer Mai angebrochen ſei und der Jugend ſanfte und holde Melo⸗ dieen noch einmal in ihre Seele zurückkehrten.— Ja, ſie hatte ihn wiedergefunden, den ſchönen tiefen Ton ihres Herzens, und ein fröh⸗ licher Muth erhob ihr Gefühl mächtig wie auf Adlerflügeln zu den alten Höhen ihrer Begeiſterung. Sie empfand eine ſo innige Freude, als trete ſie plötzlich wie aus düſteren Schatten in eine neue Welt voll Poeſie und Paradieſesſchein;— und das Alles hatte der Na⸗ than bewirkt, dieſes große ernſte Gedicht voll erhabener philoſophi⸗ ſcher Würde und reinſter poetiſcher Schönheit, das wie mit hellen Seheraugen in ihre tiefſte Seele geblickt und ſie ſelbſt zu klarerem —— 429 Schauen zurückgeführt hatte. Und jetzt war es ihr zu Muthe, als wandle ihr im Nathan der gute Genius ihrer Jugend, den ſie auf den dunklen Pfaden ihrer Schuld verloren, entgegen, und winke ihr, ihm wieder zu folgen; das Schickſal ihrer jüngſten Vergangenheit wich gleich einem ſchwarzen Wolkenſchatten immer weiter aus der Ge⸗ genwart zurück, während vor ihr die Gefilde der Poeſie in morgen⸗ ſonnigem Glanze ausgebreitet lagen, das verlorene und nun wieder gefundene Paradies ihrer glücklichen Jugend. Was der edle Leſſing in ſeinem großen Gedicht der Menſchheit, und vornehmlich ſeinem deutſchen Volke hatte offenbaren wollen, das Myſterium der Liebe, der Duldung und Verſöhnung, das war für ſie zum ſanften Kuſſe der Erlöſung geworden, unter deſſen Balſam⸗ duft ſich die Wunden ihrer Seele ſchloſſen, unter deſſen weihevollem Eindruck ihr Gemüth von all' ſeinen Leiden und Kümmerniſſen genas. Der Nathan hatte eben im rechten Moment den rechten Ton in ihrer Bruſt angeſchlagen, und mit dem Muthe, mit der freudigen Zuver⸗ ſicht, die den wahren Künſtler über alle Klippen und Dornenwege des Lebens hinausführt, folgte ſie dem tiefen Zauberton zu einem neuen, freien Daſein. Die Perle ihrer Liebe war zertreten, aber dafür funtkelte der Diamant der Poeſie um ſo herrlicher,— ein Tauſch, den ſich ein Herz, das ſeinen Werth wiedergefunden hatte, gerne gefallen ließ. War es denn nicht hier, wo ich noch vor wenigen Tagen wie todt und zerſchmettert am Boden lag? ſagte Charlotte, als ſie jetzt auf dem Platze neben der alten Sternwarte ſtand, wo ſie der Gärtner neulich ohnmächtig und blutend gefunden hatte.— Und doch lebe ich noch und freue mich ſelbſt meines geretteten Daſeins! Denn wahrlich, die Höhe, aus der ich vor dieſem Fall herunter⸗ ſtürzte, war doch noch eine ganz andere wie dieſer alte Thurm, gipfelte ſteil in die Wolken des höchſten Glückes und hatte tief unter ſich einen Abgrund, ſo ſchwarz wie das Grab der Vernichtung ſelber.— O Himmel, wer hätte gedacht, daß ich ſelbſt den Sturz aus dieſer Höhe überleben würde!— Wie? Oder wär' es vielleicht nur ein Irr⸗ thum geweſen, und ich hätte auch damals nicht zuvor in Wahrheit die Höhe erſtiegen, von der mich jener treuloſe Menſch ſo unbarm⸗ herzig niederſtießs?— Ach! Wer kann ſagen, von welcher Höhe wir 7 in den Abgrund niederſtürzen, wenn alle Sinne uns ſchwinden und der letzte Zweig, an dem wir uns feſthalten wollen, abknickt wie ein ſchwaches Rohr?— Am Ende iſt ja jedes Schickſal im Menſchen⸗ leben nur eine Täuſchung, und wir wähnen immer aus einer größe⸗ ren Höhe herabzuſtürzen, als ſie in der Wirklichkeit erſcheint.— Aber gleichviel, fuhr ſie nach einer Pauſe ſinnend fort und blickte zum Thurme hinan; Fanny's Prophezeiung hat ſich wenigſtens darin als richtig erwieſen, und es käme jetzt nur darauf an zu wiſſen, was die abgefeimte Perſon mit der Brücke gemeint hat, unter der kein Waſſer fließen ſoll und auf welcher ich mein Ziel bald erreichen würde?— Ach, wie viele Brücken gibt es nicht im Leben, die uns über Abgründe hinausführen, ohne daß wir dieſe ſehen oder auch nur ahnen!— Und ſo könnte ja auch, wenn es ſich wirklich um den Glauben an ſolche abgeſchmackte Wahrſagerei handelte, die Brücke eben ſo gut vorhanden ſein, wie der Thurm da, und wäre am Ende eben ſo gleichgültig, wie dieſer. Doch, was kümmere ich mich überhaupt um das Geſchwätz einer Kartenſchlägerin! Hab' ich ja doch in Wahrheit eine Brücke gefunden, die mich zum Ziele führen ſoll, ein beſſerer Prophet, als alle Ma⸗ gier und Zauberer der Welt!— Nathan, Nathan, du ſollſt ſie ſein, die Brücke zu einem neuen Leben, in dem ich fortan nur jener Pro⸗ phetenſtimme lauſchen will, welche die heilige Gottheit der Poeſie und ihre Prieſterin, die Kunſt, zu mir reden! O, ſei mir darum geſegnet, ehrwürdiger Thurm des alten Tycho de Brahe! fuhr ſie nach einer Pauſe mit erhöhtem Gefühle fort und blickte gerührt zu der Plateform der alten Sternwarte hinan.— Auf dir hat einſt in ſtillen Mitternächten der weiſe Aſtronom den Lauf der Geſtirne beobachtet und neue Syſteme und Welten entdeckt; hat durch das Dunkel der Nacht, welches dem irdiſchen Auge ſo lange die Geſetze der Ewigkeit verhüllte, mit ſeherkundigem Blicke manch⸗ großes Räthſel der Ewigkeit entdeckt und gelöst, und iſt den Spuren der Gottheit nachgegangen bis zu den fernſten Tiefen ihrer lichtſtrah⸗ lenden Unendlichkeit; und heute, heute finde auch ich bei dir, du ehrwürdiger Thurm, den guten Stern meines Lebens wieder, und fortan ſollen ihn mir, das ſchwör' ich dir, verklärter Geiſt des weiſen — 431— Tycho, keine düſteren Wolken der Schuld und Verirrung wieder verhüllen!— Voll von dieſem muthigen Entſchluß begab ſich Charlotte auf den Rückweg in's Schloß, da die Zeit gekommen war, wo ſich die Familie zum Frühſtück zuſammenzufinden pflegte; doch ſchlug ſie, um 3 ſchneller dort zu ſein, den kürzeren Pfad durch die Eichenallee ein, welche dicht an der Landſtraße hinlief und von dieſer nur durch eine niedrige Planke getrennt war.— Eben hatte ſie den großen Teich er⸗ reicht, deſſen tiefblaue Fläche zaubriſch im Morgenſonnenſchein er⸗ glänzte, als ſie einen kleinen etwa zwölfjährigen Bettlerknaben er⸗ blickte, der ihr von der Landſtraße aus eifrig zuwinkte und durch ſein kluges muntres Schelmengeſicht, in dem zwei große braune Au⸗ gen gleich zwei feurigen Kohlen brannten, ihr Intereſſe erregte. Als ſie neugierig ſtille ſtand und ihm zurief, kletterte der Kleine ſogleich mit großer Behendigkeit über die Planke, ſprang ohne Scheu auf ſie zu und ergriff ihre Hand, die er haſtig umkehrte. Beim Anblick— des kleinen Rubins an dem goldnen Reif, den ſie trug, ließ er ein eigenthümliches helles Schnalzen mit der Zunge hören, ſchlug dann auf dem Raſen mehre Burzelbäume, hüpfte, als Charlotte den drolli⸗ gen Jungen nach ſeinem Namen fragte, raſch in die Höhe, ſah ſie einen Moment ſtarr an und warf ihr plötzlich, ohne ein Wort zu ſagen, ein feingefaltetes Billet vor die Füße. Mit der Geſchwindig⸗ keit eines Wieſels ſchlüpfte er dann in die nächſten Büſche und durch eine Lücke im Zaune wieder auf die Landſtraße hinaus, auf der er, ohne ſich umzuſehen, davoneilte, in der Richtung nach der Haide. Als ſie den Brief aufhob, war ihr Staunen faſt noch größer wie ihr Schrecken, da ſie Sylburg's Handſchrift und ſein Wappen⸗ ſiegel erkannte. Nur einen Moment dunkelte es vor ihren Augen, zitterte ihr Herz vor ſeiner eigenen Schwäche; aber ebenſo ſchnell ſich wieder ermannend und ihrer guten Vorſätze eingedenk, war ſie feſt entſchloſſen, den Brief ungeleſen zu vernichten, und ſich damit für immer von der Gewalt eines Menſchen zu befreien, der ſelbſt bis in dieſes ſichre Aſyl hinein ſie verfolgte und ihr durch ſeine Verwegen⸗ heit dieſen Schrecken bereitete.— Schon hatte ſie einen Stein vom Boden aufgehoben und ihn in des Briefes Falte geſteckt, ſchon war ſie im Begriff, Stein und Brief mitten in den Teich zu werfen, ſo 432 weit die Kraft ihres Armes reiche, als ſie ſich plötzlich eines Andern beſann. Das Billet Sylburg's in ihrem Buſentuch verbergend, ſagte ſie entſchloſſen: Behüte Gott, das hieße ja, mich vor mir ſelber fürchten!— Nein, der Brief ſoll nicht vernichtet werden, vielmehr ſoll er mir, ſo hoff' ich, bald gute Dienſte leiſten. Gleich nach dem Frühſtück gebe ich ihn uneröffnet dem Geheimerath, und will dann den ſehen, der mich fer⸗ nerhin noch beargwöhnt!— Mußte es ſo weit durch ſeine Schuld mit mir kommen, dann möge auch in Gottes Namen der Treuloſe, der mich verließ, in dieſen Zeilen ſelbſt meine letzte Rechtfertigung ge⸗ ſchrieben haben! 50. Aber der Freiherr, ſonſt ſo pünktlich in Allem, was des Hauſes Ordnung anbetraf, erſchien heute nicht zur gewohnten Stunde beim Frühſtück, und ließ ſogar ſpäter durch ſeinen Schreiber den Damen herüberſagen, man möge nicht auf ihn warten, indem ihn dringende Geſchäfte an den Arbeitstiſch feſſelten. In Wahrheit hatte es jedoch mit ſeinem Wegbleiben eine ganz andere Bewandtniß, und Charlotte wäre heute gewiß nicht ſo frohen Muthes geweſen, hätte ſie gewußt, was den Geheimerath fernhielt.— Denn dieſer ſaß weder in Akten vergraben am Schreibtiſche, noch rührte er das Frühſtück an, welches Frau von Schimmelmann herübergeſchickt hatte; er ging vielmehr mit großen Schritten, die Hände auf dem Rücken zuſammengelegt, in der Stube auf und ab und ſuchte vergebens einer heftigen Gemüths⸗ bewegung Meiſter zu werden. Dabei drückte ſein ſonſt heiteres Antlitz eben ſo viel wahre Sorge als tiefen Unmuth aus, und zuweilen machte er letzterem in einzelnen Ausrufungen und Verwünſchun⸗ gen Luft: Der elende Menſch!— Ach, mein armer Schröder!— Sollte man's für möglich halten?— So jung und ſchon ſo verderbt!— Wahrhaftig, die Beiden halten's noch immer heimlich miteinander!— Aber warte, Coujon, mir ſollſt du keinen Streich ſpielen!— — 433— Aus dieſen zum Theil mit lebhaften und ſelbſt drohenden Ge⸗ ſtikulationen begleiteten Redeſätzen wird es dem Leſer klar ſein, was den Freiherrn ſo ſehr in Harniſch gebracht hatte und weßhalb er den Anblick Charlottens am heutigen Morgen abſichtlich vermied. Vom Treib⸗ hauſe aus, wo er ſeine ausländiſchen Vögel fütterte, hatte er näm⸗ lich ungeſehen beobachten können, wie ein fremder Bettlerknabe ihr einen Brief zuwarf, den ſie aufhob und nach kurzem Beſinnen zu ſich ſteckte. Da er den Baron in der nächſten Nachbarſchaft wußte, ſo war es nun kein bloßer Verdacht mehr, ſondern ausgemachte Sache bei ihm, daß Charlotte von der Anweſenheit des gefährlichen Men⸗ ſchen bereits Kenntniß gehabt und vielleicht gar, ſo flüſterte ihm ſein Argwohn zu, nur um deßwillen den frühen Spaziergang in den Park unternommen habe, um daſelbſt den erwarteten Brief in Empfang zu nehmen. Selten hatte ein Fall den beſonnenen, an Menſchen⸗ und Le⸗ benskenntniß ſo reichen Mann dergeſtalt aus der Faſſung gebracht wie dieſer; und wenig fehlte, der erfahrene Weltmann und gewandte Diplomat wäre an ſeiner ganzen Lebensphiloſophie irre geworden. Wie manche Intrigue habe ich ſchon durchſchaut, wie manchen feinen Heuchler entlarvt, ſprach er unmuthsvoll; und nun ſollte die⸗ ſer offenkundige Böſewicht, dieſer Sylburg, mich in meinem beſten Rechte, in der Beſchützung der Unſchuld ungeſtraft angreifen dürfen? Nimmermehr, und wenn ſelbſt das unbeſonnene Mädchen ihm hierzu hülfreich die Hand böte!— Bei Gott! Dieſe Charlotte iſt ſchlimmer berathen als ich dachte!— Wußte ſie ſich nicht ſo unſchuldig, ſo reue⸗ voll anzuſtellen, daß ich völlig von ihrer Beſſerung überzeugt war, und nun geht die alte Wirthſchaft von Neuem los!— Hölle und Teufel, Mademoiſelle, ſo haben wir nicht gewettet! Aber nur Geduld, ich will Ihr Beſchützer ſein wider Ihren Willen, ja wider Ihr eignes undankbares Herz!— Wenn nur erſt die Gräfin da wäre! Sie allein kann hier helfen, denn ſie hat die Beweiſe von der bodenloſen Schlech⸗ tigkeit dieſes Menſchen in Händen, jene Briefe, womit er ſie einſt bei dem eignen Gemahl zu verleumden ſuchte.— Ja, Ulrike mag dieſer verlieb⸗ ten Schwärmerin ein Licht anzünden, davor ihr alle überſpannte Mondſchein⸗Romantik für immer erbleichen ſoll! Ich aber will, bis ſie kommt, dafür ſorgen, das Wandsbecker Gebiet, ſo weit meine D. B. II. Müller's Charl. Ackermann. 28 Patrimonal⸗Gerichtsbarkeit reicht, ein für allemal von dem gefähr⸗ lichen Gaſt zu ſäubern. Er war eben im Begriff, nach dem Juſtizbeamten zu ſenden und dieſen zu ſich beſcheiden zu laſſen, als die Ankunft eines Wagens vor der Avenue des Schloſſes ihn dieſen Entſchluß wieder aufſchieben ließ. Er erkannte die Chaiſe der Gräfin, eilte hinunter, um ſeine ſchöne Freundin zu begrüßen und ſie unverzüglich von der ganzen Lage der Dinge zu unterrichten. Aber ſchon war Frau von Schim⸗ melmann mit ihren beiden Töchtern dem vielwillkommenen Gaſte ent⸗ gegengeeilt und gleich nachher erſchien auch Charlotte, ſo daß der Geheimerath ſehr gegen ſeinen Wunſch ſich entſchließen mußte, das, was ihm ſo nah am Herzen lag, hinauszuſchieben und ſeine innere Sorge unter den Formen des gaſtlichen Wirthes zu verbergen. Charlotten machte die unerwartete Erſcheinung der Gräfin im Schloſſe zu Wandsbeck faſt noch beſtürzter, als vorhin der Empfang von Sylburg's Briefe. Sie war auf das Eine ebenſowenig vorbe⸗ reitet geweſen, als auf das Andere, und der Anblick der ſchönen Frau, die ihr Sylburg einſt auf ſo gehäſſige Weiſe geſchildert hatte, rief ihr alle jene traurigen Erinnerungen zurück, die ſich für ſie an jene Zeit und an ſeinen Namen knüpften. Sie kam gänzlich aus der Faſſung, da Frau von Schimmelmann ſie der Gräfin vorſtellte, dieſe ihre Hand ergriff und in einem Tone, der ihre innere Bewegung verrieth, zu ihr ſagte: Ah, Mademoiſelle Ackermann, wie freue ich mich, Sie hier zu finden im Kreiſe von Menſchen, auf deren Liebe wir Beide denſelben gemeinſamen Anſpruch haben! Laſſen Sie das immerhin eine gute Vorbedeutung für mich ſein, daß auch wir uns bald recht nahe ſtehen werden, ſo nahe,— fügte ſie zögernd und mit einem beſondern Nach⸗ druck hinzu,— als es eben des Schickſals Wille zu ſein ſcheint! Charlotte ward durch dieſe herzliche Anſprache und die ihr ſo⸗ gleich deutliche Anſpielung auf das frühere Verhältniß der Gräfin zu dem Major ſo tief ergriffen, daß ſie ihre Thränen nicht zurückzuhalten vermochte, und ſich, unvermögend ein Wort zu ſprechen, mit ſtürmi⸗ ſchem Gefühl an Ulrikens Bruſt warf. So iſt's recht, Charlotte, hier ſollen Sie immer Schutz und Troſt ſuchen, flüſterte ihr dieſe in's Ohr und umarmte ſie zärtlich, * worauf der Freiherr, dem ſein böſer Argwohn fortwährend die ge⸗ heime Correſpondenz Charlottens mit dem Major in's Gedächtniß zurückrief, die Gelegenheit wahrnahm, ſich in ſein Arbeitskabinet zu begeben, um, wie er der Gräfin bemerkte, vor Allem das Geſchäft abzumachen, dem er diesmal das Vergnügen ihres Beſuches verdanke. Ich denke, fügte er mit einem flüchtigen Blick auf Charlotten hinzu, daß wir die Sache endlich zu Ihrer vollen Zufriedenheit geordnet ſehen werden; ich habe als Ihr pünktlicher Sachwalter die Akten zu Ihrer Einſicht bereit gelegt, ſobald es Ihnen daher gefällig iſt, mich in meiner Stube aufzuſuchen, ſtehe ich zu Ihren Dienſten. Ulrike verſtand ſogleich den Wink, ſeufzte:„Ach, dieſer abſcheu⸗ liche Prozeß!“ und verſprach dem Geheimerath, ihn in einer Stunde unter ſeinen Aktenſtößen aufzuſuchen. Der Baron hatte unterdeſſen in ſeiner Haideſchenke wie auf einem verlorenen Poſten dem Erfolg ſeines Briefes mit wachſender Ungeduld entgegengeſehen, und Stunde auf Stunde war verſtrichen, ohne daß er von Charlotten eine Rückantwort oder ſonſt ein Lebzei⸗ chen erhielt. Er wußte, daß der Brief ſicher in ihre Hand gelangt ſei, und ſeine Lage war allerdings verzweifelt genug, um ihn nicht mit tauſend peinigenden Zweifeln über den Ausgang ſeines letzten Rettungsverſuches zu erfüllen. Bald war er gewiß, daß ſie ihn er⸗ hören und ihm das erbetene Rendezvous im nahen Gehölze bewilligen werde; er hatte Himmel und Erde aufgeboten, um ſie von ſeiner Reue, ſeiner glühenden Liebe zu überzeugen; und doch verzweifelte er wieder, wenn er bedachte, wie ſehr er dieſes edle unſchuldige Herz früher getäuſcht und in frevlem Spiele ſeinen ſchönſten Glauben zer⸗ ſtört hatte. Wenn Charlotte nicht mehr als verblendet war, ſo mußte ein einziger Blick in die Vergangenheit ſie vor ihm warnen, und in dieſem Falle war ſein Ruin unausbleiblich. Nur ihr unbeſtrittener Beſitz konnte ihn vor Anklagen ſchützen, die ſein ferneres Verbleiben im Dienſte zu einer Sache der Unmöglichkeit machten. Und wer - 28 436— konnte wiſſen, was ſonſt noch durch dieſe Unterſuchung über ihn und ſeine Vergangenheit an den Tag kam? Faſt zählte er daher die Sekunden bis zum Anbruch des Abends, und mit jenem Fatalismus, der ſich ſo oft dem Schuldbewußtſein in der letzten Stunde der Entſcheidung zugeſellt, beobachtete er aus dem niederen Fenſter der Haideſchenke Alles, was ihm eine günſtige oder ſchlimme Vorbedeutung dünkte. Endlich ging die Sonne zur Neige, und in ihrem Abendroth funkelte die ganze Haide wie ein einziger Scharlach; die Arbeiter kehrten von ihren Feldern nach den Höfen oder in die Stadt zurück, im nahen Holze, dort wo ſich des Barons Schickſal entſcheiden ſollte, ließ ſich ein Kukkuk vernehmen, und gleich nachher kam des Wirthes kleiner Junge, derſelbe, der ſchon am heutigen Morgen den Brief ſo geſchickt in Charlottens Hand geſpielt hatte, über die Haide gelaufen und meldete dem Baron, daß ſoeben zwei Damen aus dem Park gefahren ſeien, in der Richtung nach dem Gehölze. Dann iſt ſie's gewiß! rief Sylburg in froher Beſtürzung. Wann hätte auch jemals ein Frauenzimmer ohne ein anderes ein Geheimniß gehabt!— Victoria! Nun mögen die Herren zu Schleswig mich in's Gebet nehmen!— Bald werd' ich in meiner Charlotte einen Advokaten gewinnen, gegen den weder jener alte Graukopf von Dip⸗ lomat dort drüben, noch der Herzog, noch die ganze Juriſterei der Welt Etwas ausrichten können! Letztere kühne Herausforderung ſollte er auf der Stelle bereuen. Denn im Begriffe, aus dem Hauſe fort und nach dem Gehölze zu eilen, vertrat ihm unter der Thüre ein ältlicher Herr, den mehre hol⸗ ſteiniſche Landdragoner begleiteten, zu höchſt ungelegener Stunde den Weg, und fragte ihn mit kalter Höflichkeit nach dem Zweck ſeines Hierſeins. Wer ſind Sie, mein Herr, und was berechtigt Sie dazu, dieſe Frage an mich zu richten? entgegnete der Baron zwar betreten, aber dooch in ſeinem gewohnten hochfahrenden Tone. Ich bin der Juſtizbeamte von Wandsbeck, entgegnete Jener; und der üble Ruf dieſes Hauſes, ſowie mein Amt gibt mir das Recht, Sie nach Ihrer Legitimation zu fragen?— Ihr Name? — — — 437— Was geht Sie mein Name an! rief Sylburg, dem es nicht wohl bei der Sache zu Muth zu werden anfing. Ich bin geſtern Abend zu meinem Plaiſir aus Hamburg herausgeritten, es hat mir beliebt, heute Nacht hier zu ſchlafen, und in einer Stunde werde ich wieder nach der Stadt zurückkehren. Nicht ohne mir vorher die nöthige Aufklärung über Ihre Perſon, Ihren Stand und Namen gegeben zu haben, entgegnete der Beamte mit Nachdruck und warf dabei einen bedeutſamen Blick auf ſeine mi⸗ litäriſche Begleitung.— Der Herr da, ſagte er dann ſo trocken und gleichgültig, als handle es ſich hier um den allergewöhnlichſten Poli⸗ zeifall; der Herr da wird nicht eher das Haus verlaſſen, als bis ich von ſeiner Unſchuld vollkommen überzeugt bin. Wer Sie auch ſein mögen, fuhr er hierauf gegen Sylburg gewendet, fort; achten Sie in mir die Autorität des Geſetzes. Schon zweimal habe ich hier ge⸗ fährliche Diebe in Haft genommen, alſo entſchließen Sie ſich entweder, mich auf der Stelle über Ihre Perſon und den Zweck Ihres Hierſeins aufzuklären, oder Sie folgen mir ohne Einrede in das Wandsbecker Amtsgefängniß zu weiterer protokollariſcher Vernehmung. Mein Herr, ich bin ein Edelmann! ſtotterte der Baron, der mehr und mehr begriff, um was es ſich für ihn hier handelte. Wenn Sie das wirklich ſind, ſo werden Sie es auch beweiſen können, entgegnete der Amtmann. Und Offizier des Königs! Dann thut es mir doppelt leid, wenn es Ihnen nicht ſofort beliebt, mich auch hiervon zu überzeugen, entgegnete Jener mit uner⸗ ſchütterlicher Ruhe. Für jetzt ſpricht der Schein ſtark gegen Sie; denn ein Edelmann pflegt nicht ſein Nachtquartier in einer Haide⸗ ſchenke zu nehmen, deren Beſitzer ſchon mehrmals als Diebshehler beſtraft wurde; und ein Offizier des Königs hat niemals und am Wenigſten in Ihrer gegenwärtigen Lage Urſache, ſeinen Namen einem königlichen Beamten zu verweigern. Begleiten Sie mich nach Hamburg, dort will ich Ihnen jeden Ausweis geben, verſetzte der Baron ausweichend. Sie vergeſſen, daß ich nur auf holſteiniſchem Gebiete berechtigt bin, Sie nach einem ſolchen zu fragen, ſagte der Beamte, — 438— Sylburg verſtummte; aber ſeine Miene, ſein ganzes Weſen ſprach deutlicher, als Worte, die grenzenloſe Verlegenheit und Wuth aus, in die ihn dieſer Fall verſetzte. So nahe am Ziele, ſah er nicht nur plötzlich ſeine letzte Bf auf Charlottens Wiedergewinn vernichtet, ſondern ſich auch noch obendrein durch den Dienſteifer eines obſcuren Landbeamten einem offenbaren Schimpfe ausgeſetzt, wenn es ihm nicht gelang, ſeine Anweſenheit in dieſem verrufenen Hauſe zu erklären. Nach kurzem Beſinnen entſchloß er ſich daher, einen letzten Verſuch zu wagen und an die romantiſche Gefühlsſeite des ſtrengen Geſetz⸗ vollſtreckers zu appelliren. Er nahm ihn darum auf die Seite und bekannte ihm, daß eine Liebſchaft mit einem jungen Frauenzimmer aus gutem Hauſe ihn hierher geführt habe, und daß ein mit dieſer Dame verabredetes Rendezvous die einzige Urſache ſeines Verweilens in der Haideſchenke wäre. Das Gericht fragt nicht nach ſolchen intimen Beziehungen, mein Herr, es fragt nur nach dem Paß, entgegnete der Amtmann mit einer Miene, in der jeder Zug ein Geſetzesparagraph ſchien.— Aber, fuhr er nach kurzem Nachſinnen fort und fixirte dabei den Baron ſcharf; es wohnen ja viele adelige Herrſchaften in der Nähe; als Edelmann kennen Sie wohl eine oder die andere der hier angeſeſſenen Familien von Diſtinction? War es nun ſeine Beſtürzung bei dieſer Frage, war es ſeine Rathloſigkeit, genug, der Baron verlor ſeine letzte Faſſung und ge⸗ rieth mit einmal in die heftigſte Leidenſchaft. Er tobte, fluchte, ſtampfte den Boden mit den Füßen und überſchritt zuletzt ſo ſehr alles Maaß der Schicklichkeit und Klugheit, daß er dem Beamten Dinge in's Geſicht ſagte, die dieſer unter andern Umſtänden gewiß nicht mit ſolchem Gleichmuth hingenommen haben würde, wie er wirk⸗ lich that.— Denn ruhig ließ er ihn austoben, veränderte bei den Wuthausbrüchen Sylburg's keine Miene, und benahm ſich in Allem wie ein Mann, den weder Schmeicheleien, noch Beleidigungen in ſei⸗ ner Berufspflicht irre machen können. Und als jetzt der Baron auf Cavaliersparole betheuerte, er werde ſich nicht wie ein gemeiner Ver⸗ brecher behandeln und arretiren laſſen, war der Wandsbecker Amt⸗ mann ſo zuvorkommend, daß er ihn plöͤtzlich ganz treuherzig verſicherte, daran denke ja auch kein Menſch, ſofern nur der angebliche Herr 8 Baron ſich dazu verſtehen wolle, dem Gericht ſeinen Namen anzugeben, in welchem Falle er ungehindert ſeine Rückkehr nach Hamburg an⸗ treten könne. Ich heiße Baron Sylburg, bin Major in königlichem Dienſte, und ſchmeichle mir, daß ich Mittel und Einfluß genug beſitze, Sie bald zu Ihrem Schaden davon zu überzeugen. Mit dieſer in wuthzitterndem Tone ausgeſprochenen Erklärung bildete die kalthöfliche, faſt ironiſche Antwort des Amtmanns, daß er ja nun vollkommen befriedigt ſei, einen allzu auffallenden Contraſt, als daß der Baron, nachdem er ſein Incognito abgelegt, nicht endlich hätte merken ſollen, wer ihm dieſe Lection ertheilt habe.— Nicht das Gericht, ſondern der Gerichtspatron hatte ſich in dieſer eifrigen Weiſe um ſeine Perſon, ſowie um den Zweck ſeines hieſigen Aufenthaltes bekümmert und den ſo ſchlau angelegten Plan des gefährlichen Gaſtes mitten in ſeinem beſten Gelingen von„Amtswegen“ vereitelt. Aus dem Rendezvous mit Charlotten war ein Rendezvous mit holſteini⸗ ſchen Landdragonern geworden, und Sylbburg erhielt dadurch einen Vorgeſchmack von dem Schickſal, das ſeiner in Schleswig harrte, wenn es ihm nicht gelang, ſich dort beſſer, als in der Haideſchenke bei Wandsbeck, zu legitimiren. Dieſer Argwohn, daß ihm nämlich kein Anderer, als Charlottens Beſchützer, das Fleuret ſeiner Fechterkünſte für immer aus der Hand geſchlagen habe, ſollte ihm ſchnell zur vollen Gewißheit werden; denn als er wenige Minuten nachher in wilder Eile aus der Haideſchenke fort und nach Hamburg zurückſprengte, begegnete er einer offenen Chaiſe mit der Schimmelmann'ſchen Livrée. Zwei Damen ſaßen darin, und obwohl er ſie nur im Vorüberflug mit einem Blick ſtreifte, hatte er doch genug geſehen, um zu wiſſen, daß er hier nichts mehr zu hoffen habe. Denn neben Charlotten, deren Miene von Glück und Heiterkeit ſtrahlte, ſaß Ulrike, jene Frau, deren Mann ihm einſt ſterbend eine Kugel nachgeſandt hatte, welche, trotz des Grafen todtumnachteten Blick, ihr Ziel endlich doch noch erreichen ſollte. 2 — 410— Beide hatten ihn erkannt, und wiewohl es nur ein flüchtiger Moment geweſen war, in welchem ſie den wilden Reiter an ihrer Seite vorüberſtürmen ſahen, war doch ſeine Erſcheinung hinreichend geweſen, um zwiſchen beiden Seelen einen Bund zu ſtiften, der ſie ſchnell zum vollkommenſten gegenſeitigen Verſtändniß führen ſollte. Der Augenblick war da, wo der Name Sylburg zum Erſtenmal zwi⸗ ſchen ihnen genannt wurde, und indem dies die Gräfin that, war ſie ſelbſt zugleich ſo tief davon ergriffen, daß Charlotte ihren eignen Schrecken beim unerwarteten Anblick des Barons darüber vergaß. Ja, das iſt er geweſen! ſagte Ulrike und ihr Auge verdüſterte ſich; der einzige Menſch in der Welt, den ich haſſen könnte, wär' er nicht zugleich ſo ſchlecht, ſo grundverderbt, daß ich vor lauter innerem Grauen eher Mitleid als Haß empfinde.— O, gewiß, liebe Lotte, es gibt Menſchen in der Welt, die ſo viel Böſes und Unheilvolles an⸗ ſtiften, daß man zuletzt bei ihrer Beurtheilung jeden Maßſtab verliert, und zu dieſen Abarten der Menſchennatur gehört Sylburg. Ich weiß, wie Viel auch Sie durch ihn zu leiden gehabt haben; von unſerm herrlichen Klopſtock erfuhr ich zuerſt die Geſchichte Ihrer Liebe zu dem Mörder meines Friedens— geben Sie mir die Hand, Lotte, ſehen Sie mir in die Augen und ſagen Sie mir aufrichtig: Sind Sie mit dem Baron zu Ende, wie man allgemein glaubt, oder halten Sie noch immer im Geheimen an ihm feſt,— gehen immer ſicherer Ihrem Abgrund entgegen? Ha! Sie verſtummen, Sie erbleichen?— Nun wohlan denn, ſo will ich Ihnen ſagen, daß auch ich einmal dieſen Mann liebte, anbetete, vergötterte,— daß ich aber, dem Him⸗ mel ſei Dank, noch zur guten Stunde vor ihm gewarnt wurde— und Kraft genug hatte— meine Tugend, meine Unſchuld mehr zu lieben, wie ihn! O Gott, woran denken Sie bei mir? rief Charlotte, durch der Gräfin letzte Worte auf das Heftigſte erſchüttert. Halten Sie mich für ſo ſchlecht, oder für ſo— unglücklich, daß ich einen Mann noch lieben ſollte, der mich in dieſer entſetzlich treuloſen Weiſe verlaſſen — — 441— und beſchimpft hat?— Nein, nein, ich bin mit ihm zu Ende— er flößt mir das nämliche Grauen ein wie Ihnen— ich habe Nichts mehr mit ihm zu ſchaffen, weder offen noch geheim— das ſchwöre ich Ihnen bei Allem, Frau Gräfin, was Ihnen und mir heilig iſt! Aber was hat der Baron in dieſem Falle hier zu ſuchen? fragte Ulrike nach einer Pauſe und ſah dabei die Freundin mit einem Blicke an, der ebenſo vielen Kummer als Zweifel an ihrer Betheue⸗ rung ausdrückte. Kann ich ihm verbieten, mich zu verfolgen, mich zu quälen? rief die junge Künſtlerin und brach vor Schmerz über dieſen unge⸗ rechten Verdacht in Thränen aus. Das iſt ja eben der Fluch meiner Verirrung, daß jeder Schritt, den dieſer Unbeſonnene thut, nicht ihn, ſondern mich verdammt, da nur mich allein das Auge des Arg⸗ wohns bewacht! 3 Sagen Sie: das Auge der Liebe, armes Kind, entgegnete die Gräfin ſanft, obwohl noch lange nicht von Charlottens Unſchuld überzeugt, da ihr bereits Herr von Schimmelmann die Geſchichte mit dem Bettlerknaben aus der Haideſchenke mitgetheilt und dadurch auch in ihrem Herzen den Verdacht geweckt hatte, daß Sylburg noch immer ein geheimes Einverſtändniß mit ihr unterhalte. Liebe? rief Charlotte, im Bewußtſein ihrer Unſchuld, mit großer Bitterkeit. Nein, gnädige Frau, das nenne ich keine Liebe, die ein tiefgekränktes Herz durch beſtändigen Argwohn zu Tod martert und ihm ſelbſt ſeine aufrichtige Reue noch zur Pein macht!— Zu Hauſe, wo man mich von jeher verkannt hat, wußte ich's freilich nicht beſſer, und duldete gerne, was ich nicht ändern konnte, was ich zum Theil ſelbſt verſchuldet hatte; aber hier— wo ich nichts verbrochen, nichts Unrechts gethan habe— wo ich ſogar noch heute Morgen die beſten Vorſätze faßte, hier iſt mir ein ſolcher Argwohn gradezu unerträg⸗ lich, und ich kehre lieber noch heute nach Hamburg zurück, als daß ich mich von Leuten verkannt ſehen will, die mich ſo lange liebevoll behandelt haben. Charlotte gerieth bei dieſem Gedanken in eine ſo heftige Auf⸗ regung, daß Ulrike ihre ganze Beredſamkeit aufbieten mußte, um ſie wieder zu beruhigen. Nachdem ihr dies einigermaßen gelungen war⸗ ſagte ſie: Laſſen Sie uns ausſteigen und zu Fuß nach dem Schloß zurück⸗ kehren. Es iſt ein ſo herrlicher Abend, daß Einem auch ohne be⸗ ſondere Veranlaſſung das Herz zur freien Mittheilung aufgeht. Sie ſollen nun auch meine Geſchichte mit dem Baron hören und dann ſelbſt entſcheiden, ob ich wenigſtens nicht Urſache habe, für Sie zu zittern. Beide verließen hierauf den Wagen und ſchritten eine Zeitlang Hand in Hand ſchweigend durch die dämmernden Laubgänge des Parks. Auch die Gräfin war durch das letzte Geſpräch ſo erſchüttert worden, daß ſie einige Sammlung nöthig hatte, bevor ſie der neuen Freundin die leid⸗ und ſchickſalsvolle Geſchichte ihrer Jugendliebe mit⸗ theilen konnte. Dann ſagte ſie: Wir Frauen ſcheinen nun einmal dazu beſtimmt, die Erkenntniß unſeres Innern erſt dann zu gewinnen, wenn es für die Meiſten zu ſpät iſt, dieſen Gewinn zu dem Kapital ihres Herzens zu ſchlagen, und damit deſſen dauerndes Glück zu begründen. Wir lieben zumeiſt die Liebe um der Poeſie willen, die ſie uns einflößt und weil wir nicht anders wiſſen, als daß wir reinen Herzens ihren heiligen Stim⸗ men lauſchen. Jedes Opfer, jeder Schmerz, womit wir dieſe ſüße Schwärmerei erhöhen, ſcheint uns ein Grund mehr, um an die Wahr⸗ heit unſeres Gefühles wie an ein heiliges Evangelium zu glauben; während wir recht abſichtlich die Augen verſchließen und es nicht ſe⸗ hen wollen, wenn dieſe Wahrheit mit Dem in Widerſpruch geräth, was uns das angebetete Ideal unſeres Herzens zum Gotte macht. So kommt es denn, daß ſich oft die reinſte Liebe, die doch ſonſt in Allem einem hellſehenden Engel gleicht, grade da am Meiſten in ihrem Ge⸗ genſtand irrt und verſieht, wo wir das Muſter eines vollkommenen, edlen und liebenswürdigen Mannes zu erblicken wähnen, weil eben unſer an Poeſie und Selbſttäuſchung ſo reiches und obendrein ſo lie⸗ beſehnſüchtiges Herz in ſeinem großen herrlichen Gefühle keine Ahnung davon hat, welche Armuth, welcher Mangel an aller höheren Begei⸗ ſterung und ſchönen Empfindung der Mann in ſich trägt, den wir durch unſre Liebe für ſo reich, ſo hochbeglückt halten. Weil wir trun⸗ ken ſind vor lauter Hingebung und Seligkeit, ſehen wir die Eitelkeit, den kalten Egoismus nicht, womit der Abgott unſerer Seele, der Held unſeres Herzens unſere Liebe wie einen ihm ſchuldigen Tribut hin⸗ — 443— nimmt, und im Stillen eine Schwärmerei belächelt, die höchſtens nur Werth für ihn hat, weil ſie uns blind und widerſtandlos unter ſeinen Willen beugt. Er braucht uns kaum noch zu bethören, da uns ja das eigne übervolle Herz dieſen grauſamen Dienſt erzeigt,— und in einem ſolchen Falle befand ich mich in Ihren Jahren, liebe Lotte, dem Baron Sylburg gegenüber, wie Sie nun erfahren ſollen. Sie zog bei dieſen Worten die Freundin auf eine Bank in der Niſche des Laubganges, und hier war es denn, wo Charlotte zum Erſtenmal volle glaubhafte Aufklärung über Sylburg's Charakter und vergangenes Leben erhielt, und zwar von einer Frau, die er noch in ungleich ſchrecklicherer Weiſe verrathen und angefeindet hatte, als ſie ſelbſt.— O Himmel, wie tagte es da furchtbar in der jungen Seele! Wie gewann da mit Einmal ihr eignes Unglück noch in ſei⸗ nem letzten Nachhall eine ſo grauenvolle Bedeutung! Wie wurde ſie erſt jetzt von der Schändlichkeit und Herzloſigkeit des Mannes über⸗ zeugt, in dem ſie ſo lange das Ideal eines vollkommenen Menſchen erblickt, in deſſen Hand ſo lange ihr Glück und ihre Ehre geruht hatte!— Ihm, dem Nichts heilig und ehrwürdig war, ihm hatte ſie ahnungslos das köſtlichſte Gut ihrer Jugend, ihre Unſchuld, anver⸗ traut; hatte ſeinen Liebesſchwüren geglaubt, hatte, von ſeinen Armen umſchlungen, von ſeinen Küſſen betäubt, die Schauer jener Selig⸗ keit empfunden, die das Herz nur erträgt, weil es ſie nicht zu faſſen vermag, und jetzt— welcher entſetzensvolle Blick in den Abgrund der ſchwärzeſten Menſchenſeele that ſich plötzlich vor ihr auf!— Was waren alle Anklagen, alle Warnungen, womit einſt Mutter, Bruder, Schweſter, Freunde, und zuletzt ſelbſt die allgemeine Stimme des Publikums ſie aus ihrer unſeligen Verblendung zu reißen geſucht hat⸗ ten, ja, was war ſelbſt Sylburg's eigne Verrätherei und Grauſam⸗ keit, womit er ihre treue Liebe vergalt, gegen das Bild der Unnatur und vollendeten Bosheit, wie es ihr jetzt Ulrike von dem Manne ent⸗ warf, von dem doch die Gräfin ſelber geſtand, er habe ihr einſt ſogar noch mehr Liebe und Vertrauen eingeflößt, wie jetzt Haß und Verach⸗ tung!— Nicht die Furcht vor ihm, nicht der Abſcheu vor einem ſolchen Charakter, wohl aber das Grauen vor dem eignen Herzen war es, was Charlotten in innerſter Seele erbeben machte. Denn welche Wahr⸗ heit gab es nach ſolchem Irrthum überhaupt noch für ſie?— Welcher Gott ſchützte ſie künftig noch vor ähnlichen ſchreckensvollen Täuſchungen, wenn eine ſolche Liebe nicht wenigſtens in ſich die Berechtigung fand, die ihr Welt und Verhängniß verſagten?— Das war die dunkle Stunde in ihrem jungen Leben, als ihr unter dem Blinken des Abendſternes, der wie mit tauſend feinen Dolchſpitzen ihr Herz durchſchnitt, nicht nur der Glaube an den Geliebten, ſondern auch der Glaube an die Liebe ſelbſt geraubt wurde.— Seinen Verluſt, ſeinen grauſamen Verrath hatte ſie ertragen können, denn ihr blieb ja noch noch die Poeſie ihres Schmerzes und ihrer Erhebung aus unverdientem Schickſal; während jetzt das häßliche, von Sünde und Lüge entſtellte Bild, wie es ihr die Gräfin von Sylburg entwarf, die Liebe ſelbſt in ihrer erſten und letzten Grundbedingung vernichtete, indem ſie ihr Herz einer Ver⸗ irrung überführte, die von Anbeginn an nicht ihn, ſondern ſie verurtheilte, um des erſten unſeligen Selbſtbetrugs willen, den dieſes Herz an ſich ſelber verübt hatte. Sie konnte nicht mehr ihr Schick⸗ ſal, nicht mehr den treuloſen Geliebten, ſie konnte nur ſich ſelber an⸗ klagen, daß ſie mit ſehenden Augen, noch dazu von allen Seiten gewarnt, blind in ihr Unglück hineingerannt ſei, und in welches Un⸗ glück!— Einen Menſchen zu lieben, der faſt nur ihr allein in ihrer ganzen Umgebung ohne Falſch und Tadel erſchienen war, während Alle ſonſt ſich von ihm zurückzogen und Etwas an ihm entdeck⸗ ten, das ihnen Scheu und Mißtrauen gegen ihn einflößten. Und nun war es ihr mit Einmal klar, welches dunkle und doch ſo richtige Gefühl ihre Freunde und Angehörige geleitet hatte, als ſie dem Ba⸗ ron mißtrauten, als ſie ihn ſogar fürchteten, und dieſes Liebesverhält⸗ niß für ein Räthſel erklärten. Furchtbar tagte es in der Seele der armen Charlotte, und jetzt glaubte auch ſie ſich zu erinnern, wie manchmal ſie in Sylburg's Nähe ein Gefühl der Unheimlichkeit beſchlichen habe, als wenn ihr in einem Blicke, ſeinem Weſen etwas Fremdes, etwas wofür ſie keinen Namen zu finden gewußt hatte, aufgefallen ſei, ſo daß ſie ein gehei⸗ mer Schauder anwandelte, ſo oft ihr das Gewaltſame und Aufge⸗ regte in ſeinem ganzen Weſen auffiel.— Ja, es kam ihr nun ſogar vor, als ſei es eigentlich blos dieſe dunkle unerklärliche Angſt ihres Gemüthes geweſen, was ſie an ihn gefeſſelt, was ihm dieſe Gewalt über ihr Herz verſchafft habe, während es doch im Grunde nur das — — 445— Schreckbild ihrer aufgeregten Fantaſie war, welches jetzt dieſe Täu⸗ ſchung in ihr bewirkte. Es war faſt ſchon dunkel geworden, als Ulrike mit ihrer Erzählung zu Ende kam; durch die Baumwipfel ſilberte der Mond, das Plät⸗ ſchern der Brunnen und Fontainen unterbrach allein die feierliche Stille des Abends; Charlotte lehnte mit geſchloſſenen Augen an der Gräfin Bruſt, die ihren Arm um ſie geſchlungen hatte und ihr nun Zeit ließ, ſich von dem Eindruck des Gehörten zu erholen, feſt über⸗ zeugt, daß der Moment gekommen ſei, welcher ihr Herz für immer von der Liebe zu dem entlarvten Verräther heilen werde. Als aber jetzt Charlotte, wie aus ſchwerem Traume erwachend, ſich aufrichtete, mechaniſch mit der Hand über die Stirne fuhr, und dabei die Gräfin mit einem ſtarren fremden Blicke anſah, erſchrak dieſe heftig über die Bläſſe und den verſtörten Ausdruck ihrer Züge, wie wenn ein weißes Marmorantlitz ſie aus todten Augen anſchaue, die das Mondlicht geiſterhaft beſtrahlte. Ich danke Ihnen— wir wollen nach Hauſe gehen— mich friert,— war Alles, was Charlotte endlich hervorbringen konnte, wobei ſie ſich von der Bank erhob und ſich ſchauernd in ihren Shawl wickelte. Nehmen Sie die Unglücksgeſchichte meiner erſten Liebe als einen Warnungsruf Ihres guten Engels, liebe Charlotte, ſagte Ulrike, die zu fürchten anfing, daß ſie dem Gemüth der Freundin durch ihre Er⸗ zählung doch eine allzugroße Laſt aufgebürdet habe. Für uns Beide iſt es ein Glück, daß wir uns gefunden haben; für mich, indem ich mich endlich einmal ſo recht von Herzen ausſprechen konnte; für Sie, in⸗ dem mein Schickſal Sie warnt, vor dem Baron auf der Hut zu ſein. Sie ſollen auch ſpäter noch die Briefe leſen, mit denen der Verrä⸗ ther mir die Liebe meines Arthurs noch in deſſen Sterbeſtunde zu rauben ſuchte, Briefe voll ſo teufliſcher Bosheit, daß ich ſie nur dem furchtbaren Gifte vergleichen möchte, welches langſam aber ſicher mordet! — Wollen Sie die Briefe morgen haben, liebe Charlotte? Wer weiß, welchen Dienſt ſie Ihnen noch einmal leiſten! Mir? ſtotterte dieſe, von einem Fieberſchauer durchſchüttelt, mir leiſten dieſe Briefe keinen Dienſt mehr!—— Genug, daß ich meinen ſchreck⸗ lichen Irrthum nun ganz und vollſtändig kenne!— O mein Gott, o mein Gott, wie werd' ich es ertragen! 4 Sie müſſen ſich's nicht allzuſehr zu Herzen nehmen, beſte Lotte, entgegnete Ulrike, tieferſchreckt von dieſem unwillkührlichen Jammerruf der jungen Seele. Jedes Schickſal, auch das härteſte, will ertragen ſein und läßt ſich ertragen, wenn wir ihm mit Gottvertrauen unter die Augen treten und nur an unſrer eignen Kraft nicht verzweifeln. Sie ſind noch jung, Ihr Leben beginnt erſt— glauben Sie mir, theure Freundin— ſolche Prüfungen in der Jugend erſparen uns viele Thränen in künftigen Jahren, wo die Wunden der Seele nicht mehr ſo ſchnell heilen wie jetzt; ja, wo wir den inneren Gewinn an erweiterter Lebenserfahrung und Weltanſchauung, den ein junges Ge⸗ müth aus ſolchen Geſchicken zieht, nicht einmal mehr hoch anſchlagen dürfen. Faſſen Sie ſich, Charlotte, damit unſere Freunde im Schloſſe nicht merken, was uns ſo lange aus ihrem heiteren Kreiſe ferne ge⸗ halten hat— es iſt Ihre und meine Pflicht, den guten Menſchen keinen Anlaß zur Sorge zu geben. Aber umſonſt war dieſe ermuthigende Zuſprache der Gräfin; Charlotte blieb den ganzen Abend über ſtill und in ſich verſunken, und nahm faſt keinen Theil an dem, was um ſie vorging. Sie rührte bei Tiſche keinen Biſſen an, ſtarrte regungslos vor ſich hin und zog ſich bald auf ihre Stube zurück. Irmengard, die ihr ſpäter nachging, kam mit der Meldung zurück, ſie habe ſie bereits ſchlafend im Bette gefunden. Ob die vereitelte Zuſammenkunft mit dem Baron, oder die Mit⸗ theilung Ulrikens, oder Beides zuſammen die Urſache von Charlottens verſtörtem Weſen ſei, dieſe Frage blieb auch jetzt noch für den Frei⸗ herrn und die Gräfin ein ſorgenvoller Zweifel, und Erſterer ſprach es offen aus, daß ſein Vertrauen zu ſeiner jungen Schutzbefohlenen heute einen harten Stoß erlitten habe. Nach dem Weggang ſeiner beiden Töchter ſagte er: Drei Tage wollen wir noch ruhig zuſehen, welche Wendung dies Alles nimmt, und ob die Nachrichten unſerer edlen Freundin ihr end⸗ lich die Augen über ihre unheilvolle Leidenſchaft öffnen; iſt dies nicht der Fall, dann ſende ich ſie ihrer Familie zurück. Denn, ſo ſchwer mir auch dieſes Wort auszuſprechen fällt, wir ſind es unſern eignen 4 447 Kindern ſchuldig, ihnen die Kenntniß einer ſolchen traurigen Herzens⸗ verirrung zu erſparen. Letzterer Bemerkung wußte das zärtlich beſorgte Mutterherz der Geheimeräthin keinen Einwand entgegenzuſetzen; die Gräfin aber er⸗ klärte ſich ſofort bereit, Charlotten zu ſich in ihr Haus nach Hamburg und unter ihre unmittelbare Aufſicht zu nehmen. Indem man ſie heilen wollte, hat man ſie erſt recht krank ge⸗ macht, ſagte die kluge Frau. Ihre Mutter, ihr Bruder, ihre Schwe⸗ ſter mögen treffliche Menſchen ſein, allein dieſem Herzen iſt ihre Liebe nicht gewachſen. Nicht die verirrte Tochter, ſondern das kranke, an ſeiner innerſten Poeſie kranke Gemüth muß bei Lotten geheilt wer⸗ den; gebt der armen, in ihrem Lenze dahinwelkenden Blume den rech⸗ ten Boden und den rechten Sonnenſchein, und ſie wird bald wieder friſch und fröhlich ihr Haupt erheben,— ſo Gott will, mein Werk und meine Freude! Der Freiherr, nachdem er ſich noch an dieſem Abend bei dem Wirthe perſönlich die Gewißheit verſchafft hatte, daß wirklich der fremde Gaſt der Haideſchenke jenen Brief geſchrieben habe, den ſpäter der jüngſte Knabe des Wirthes an die junge fremde Dame im Schloſſe heimlich hatte überbringen müſſen, war dadurch gewiß nicht von dem Argwohn geheilt worden, daß Charlotte nicht nur fortwährend ein ge⸗ heimes Liebesverſtändniß mit dem Baron unterhalten, ſondern auch die Gräfin offenbar belogen habe, als ſie dieſer betheuerte, Nichts von der Anweſenheit Sylburg's im Haidekrug gewußt zu haben. Hatte doch der Baron ſelbſt dem Juſtizbeamten eingeſtanden, daß er um eines beabſichtigten Rendezvous willen hier ſei; ein Mißverſtändniß oder ein ungerechtfertigter Argwohn war alſo kaum mehr denkbar, und ſo hielt es denn der Freiherr für eine Pflicht gegen ſich ſelbſt, wie gegen die Familie der ſo übelberathenen jungen Künſtlerin, ſeinem Freunde Schröder den ganzen Vorfall ſchriftlich mitzutheilen, wobei er aus ſehr naben Gründen ein entſchiedenes Gewicht auf Charlottens Läug⸗ —— — 448— nen, der Gräfin gegenüber, legte. Zugleich deutete er dem Freunde ſo ſchonend als möglich an, daß er ſich unter dieſen Umſtänden nicht ferner mehr getraue, Charlotten vor Schaden und Nachſtellungen zu behüten, weßhalb ſich die Gräfin Lindenkron erboten habe, ſie für einige Zeit zu ſich in ihr Haus in Hamburg zu nehmen, ein Aner⸗ bieten, deſſen Annahme der Freiherr dringend empfahl. Schröder erhielt dieſen Brief Nachmittags im Theater, während der Probe zu dem neuen Ballet, der Faßbinder. Dorothea, die ihren Bruder beim Leſen die Farbe wechſeln ſah, dachte ſogleich in ihrer ahnenden Seele an Charlotte und irrte ſich nicht.— Stumm über⸗ reichte er ihr den Brief und winkte ihr, ihn ohne Zeugen zu leſen. Dann ließ er die Probe ihren Fortgang nehmen, wiewohl alle An⸗ weſenden es dem würdigen Prinzipal anſahen, daß der Inhalt des Briefes ſein innerſtes Herz berührt hatte. Erſt nach Beendigung der Probe ging er zu Dorotheen und fand dieſe in Thränen aufgelöst, in ihrem Ankleidezimmer. Zwiſchen beiden Geſchwiſtern gab es einen erſchütternden Auftritt; Schröder erklärte, Charlotten noch heute von Wandsbeck abholen zu wollen, da ſie ſich der dort genoſſenen Gaſt⸗ freundſchaft ſo ganz unwürdig gezeigt habe; Dorothea dagegen be⸗ ſchwor ihn, das arme Mädchen zu ſchonen, es ſei ja noch immer möglich, daß Sylburg ſich gegen ihr Wiſſen und Wollen in ihre Nähe gedrängt habe. Ei was! rief Schröder heftig. Sie hat den Brief von ihm an⸗ genommen, während ſie ſpäter jene herrliche Frau, die ihr ſo große wahre Theilnahme erzeigte, ſchändlich belog und ihr betheuerte, ſie habe Nichts von des Barons Anweſenheit gewußt.— Das ſind faule Fiſche, und ich begreife nicht, wie du noch dieſes falſche, jeder Ver⸗ ſtellung fähige Geſchöpf vertheidigen magſt!— Genug des Mitleidens und der Geduld! Nun ſie Das thun konnte, glaube ich ſo wenig mehr an ihre aufrichtige Beſſerung, wie an ihren ernſtlich gemeinten Willen dazu! Darum will ich ſie wieder hier haben; nicht bei der Gräfin und bei Niemand ſonſt, ſondern bei uns, die wir ſie vollſtändig ken⸗ nen, ſoll ſie wohnen.— Aber halt! Da fällt mir ein, wir haben ja für die nächſten Tage den Clavigo auf's Repertoire geſetzt; die Scene, in welcher Beaumarchais den treuloſen Verderber ſeiner Schweſter in deſſen eigner Wohnung zur Rede ſtellt, ſie will ich zuvor mit dieſem — — — — — 449— neumodiſchen Clavigo vornehmen,— meinen Hut, meinen Stock— ah! mein vortreffliches ſpaniſches Rohr! Um Gottes Willen, was willſt du thun, Fritz? rief Dorothea und klammerte ſich angſtvoll an den Bruder. Du willſt gewaltſam in Sylburg's Wohnung dringen, bedenke, daß er Waffen hat— daß ihm vielleicht Nichts erwünſchter iſt, als wenn du dich durch deine Heftigkeit zu einem unbeſonnenen Schritt gegen ihn hinreißen ließeſt, — Bruder, ich beſchwöre dich, denk' an einen andern Ausweg, dies iſt gewiß nicht die rechte Art, den niederträchtigen Menſchen von uns abzuhalten. Du haſt Recht, Dorothea, erwiderte Schröder, bei dem die Ver⸗ nunft ſchnell wieder über das heiße Blut ſiegte. Man ſoll Nichts im blinden Eifer thun, am Wenigſten einem ſolchen Feigling gegenüber. Aber gezüchtigt muß er werden, damit wir ihn für alle Zeit los ſind. Ha, nun hab' ich's!— Womit ich einſt ſeiner ſchmutzigen Kupplerin drohte, das will ich bei ihm ausführen, indem ich unſern wackeren Freund, den Weddeherrn Schrötteringk bitte, mich nach dem Kaiſers⸗ hof zu begleiten; ſein Name, ſein Anſehen als Rathsherr gibt der Sache gleich ein anderes Geſicht, und der Schurke Sylburg wird ge⸗ nöthigt ſein, mit der Farbe herauszurücken, ob er mit, oder ohne Charlottens Wiſſen und Einwilligung nach Wandsbeck kam. Und wenn er nun Letzteres behauptet, iſt denn damit auch bewie⸗ ſen, daß er wirklich die Wahrheit ſpricht? ſagte Dorothea kopfſchüttelnd. Dann iſt bewieſen, daß ich ihn grün und blau ſchlage! rief der ſchon wieder aufbrauſende Schröder. Und im andern Fall? Im andern Fall— wie du nur ſo fragen magſt— im andern Fall,— nun, da ſchlag' ich ihn blau und grüg!— rief er mit jenem Humor, der ſeinem Charakter grade in der heftigſten Leiden⸗ ſchaft oft eigen war. Grün und blau, oder blau und grün,— mir einerlei, aber den Liebesteufel prügele ich ihm aus, darauf verlaſſe dich, Dorothea! Wie doch der Menſch Schröder und der Künſtler Schröder zwei ſo ganz verſchiedene Naturen ſind, entgegnete dieſe, ihn ſinnend an⸗ blickend. Auf der Bühne dieſe Ruhe, dieſe Klarheit und Beſonnenheit, daß man noch in der bewegteſten und leidenſchaftlichſten Action die D. B. II. Müller's Charl. Ackermann. 1 29 zurückkehren muß, ſobald dieſer unſelige Menſch nicht mehr in ihrer — 450— ſichere Selbſtbeherrſchung erkennt: dagegen im Leben immer heftig, jähzornig, ach, und wie oft ſogar höchſt ungerecht gegen ſein beſſeres Ich!— Das iſt mein guter Bruder in dieſem Augenblick wieder, wo er zum Stocke greift, um einen Menſchen zu züchtigen, den er noch jüngſt zur Thüre hinauswarf, ohne daß dieſer eine Satisfaction für ſolchen Schimpf verlangt hätte! So geh' denn, geh', und tritt den Feigling zum Ueberfluß auch noch mit Füßen, beſchimpfe ihn auf jede mögliche Weiſe, das Unheil, welches er über uns Alle gebracht hat, wirſt du damit doch nicht ungeſchehen machen, vielmehr nur neuen Seandal hervorrufen. Schröder mußte bei all' ſeinem leidenſchaftlichen Temperamente doch die Wahrheit dieſer Worte anerkennen, Dorotheens Ruhe ent⸗ waffnete abermals ſeinen Zorn, und indem er das treffliche Weſen an ſein Herz drückte, rief er bewegt: 3 Ach, was ſoll aus mir werden, wenn du im Herbſt von mir gehſt und ich in böſen Stunden deine treue Warneſtimme nicht mehr höre! Aber ſo kommt immer ein Unglück zum andern, und mit Charlotten verliere ich nun auch dich! Darum verdenk' es mir nicht, wenn ich zuweilen dem heißen Blute mehr als klug und billig, Gewalt über den ruhigen Verſtand einräume. Denn wie gern ich dich auch dem Freunde gönne, Dorta, ſo will mir doch oft das Herz vor Wehmuth ſpringen, wenn ich bedenke, daß du und Charlotte euch von der Kunſt abwendet. Wie ſchön hatten wir Drei es im Sinne!— Wie durften wir in Wahrheit darauf ſtolz ſein, wenn Männer von Geiſt und Bildung behaupteten, die Geſchichte des Theaters habe keine zweite künſtleriſche Ebenbürtigkeit unter drei Geſchwiſtern aufzuweiſen, gleich der unſeren. Und das Alles ſoll nun mit einem Schlage vorbei ſein! Das ſchöng Doppelband, das Natur und Kunſt um unſere Herzen ſchlang, ſoll ſich löſen gleich jedem andern zufälligen Verhält⸗ niß,— ſprich ſelbſt, Dorta, muß ich da nicht zuweilen auch an meiner eignen Zukunft irre werden? Von Lotten laß' ich es gelten, entgegnete die Schweſter, daß ihr Verluſt für die Bühne ein unerſetzlicher wäre, wenn ich überhaupt daran glauben könnte. Nein, nein, noch gebe ich die Hoffnung nicht auf, daß ſie ſelbſt gegen ihren Willen zur Kunſt zurückkehren wird, — — 451— Nähe weilt, ſobald ſie ſich in ihrem Gemüthe wieder ſicher und ge⸗ rettet fühlt!— Laſſe nur um Gotteswillen die Stürme, die jetzt noch ihr Herz durchbeben, ruhig vorüberziehen, und du wirſt's erleben, daß ihr Genius mächtiger iſt als ihr Schmerz, daß er, aber auch nur er allein dieſen überwindet und ſie der Kunſt zurückgibt.— Hier wurde ſie durch ein Klopfen an die Thüre unterbrochen; es war Herr Kreyenpeter, der bleich und athemlos den Geſchwiſtern die Schreckensbotſchaft überbrachte, daß Charlotte ſoeben zu Fuße von Wandsbeck eingetroffen ſei, jedoch in einem ſo elenden Zuſtand, daß Alles zu beſorgen wäre. Man habe ſie ſogleich zu Bette gebracht und nach Aerzten geſchickt, Madame Ackermann verlange ſchleunigſt nach dem Sohne und Dorotheen. Großer Gott! Wenn wir ſchon beim letzten Akte angekommen wären! rief Schröder, den dieſe Nachricht völlig aus der Faſſung brachte. Eilt zu Doctor Unzer, lieber Kreyenpeter, ſagte die beſonnene Dorothea; ſucht ihn ſo lange, bis Ihr ihn findet, er iſt gewöhnlich um dieſe Zeit in der Gegend des Jungfernſtiegs— ſchnell, ſchnell — er ſoll kommen— ach meine Lotte— meine ſüße arme Lotte — was iſt dir geſchehen?— ⁴„ *⁴ Aus ihrem Munde hat es Niemand erfahren; doch wiſſen wir nach dem, was ſich Tags zuvor in Wandsbeck begab, daß es Mehr war, als ihr Herz ertragen konnte. Ulrikens Erzählung hatte es gebrochen, dieſes junge, ſo viel geprüfte Herz; was ſie retten ſollte, die Wahrheit nämlich, die volle ganze Erkenntniß ihres ſchrecklichen Irrthums, das wurde für ſie zum Dolchſtoß Odoardo's; denn das Licht, welches die Gräfin in Syl⸗ burg's Vergangenheit warf, zündete zugleich die Fackel zu Charlot⸗ tens Grabe an. Niemand im Schloſſe ahnte ihre heimliche Entfernung; erſt als ſie nach mehren Stunden noch immer nicht von ihrem gewöhnlichen Morgenſpaziergang im Parke zurückkehrte, ſchöpfte man Verdacht und durchſuchte nun vergebens die ganze Umgebung. Was ſie angetrie⸗ 29* — ben hat, ſo plötzlich in das elterliche Haus nach Hamburg zurückzu⸗ kehren, iſt gleichfalls nicht genau ermittelt worden; denn der Arzt fand ſie bereits in wilden Fieberphantaſieen raſen und mußte bald die Ueberzeugung ausſprechen, daß ſie die Nacht nicht überleben werde. In ihren Kleidern hatte man den Brief Sylburg's gefunden, uneröffnet,— das letzte Zeugniß ihrer Unſchuld!— Als gegen fünf Uhr der Freiherr mit ſeiner Gemahlin und der Gräfin am Hauſe vorfuhren, rang ſie bereits mit dem Tode, aber erſt nach Mitternacht hauchte ſie friedlich in den Armen der alten Frau ihre Seele aus.— Das Morgenroth des zehnten Mai fand von der großen hochbegabten Künſtlerin Charlotte Ackermann nur noch eine ſtilllächelnde Leiche, nur noch einen in Deutſchlands Kunſtge⸗ ſchichte unſterblich fortlebenden Namen. Ihr Sterbetag war für ganz Hamburg ein Tag der Trauer, ja, wir leſen ſogar, daß an dieſem Tage wenig oder gar keine Geſchäfte an der Börſe gemacht wurden. Wohl aber wandelten Tauſende von Menſchen an dieſem Tage über den Kreyenkamp, und betrachteten ernſt und ſchweigend das Haus, in dem ſie geſtorben war. Auch vor dem„Kaiſershof“ bildeten ſich gegen Mittag zahlreiche Gruppen, und der Name des berüchtigten Werbeoffiziers wurde mit lauten Verwünſchungen genannt; Leute aus dem Volke konnten nur durch das Zureden beſonnener und angeſehener Perſonen von Steinwürfen gegen die Fenſter des oberen Stockwerkes abgehalten werden, obwohl der Wirth betheuerte, daß der Baron ſchon in der Frühe des Mor⸗ gens abgereist ſei. 4 Man hat ihn auch in der That in Hamburg nicht wieder ge⸗ ſehen und ebenſowenjg von ſeinem ſpäteren Schickſal Etwas er⸗ fahren.—— Am Tage vor ihrer Beerdigung hatte man Charlottens Leiche nach der damals herrſchenden Sitte im offenen Sarge ausgeſtellt. Der Andrang von Perſonen aus allen Ständen, die ihr die letzte Ehre erzeigen und ſie noch einmal ſehen wollten, war ſo groß, daß man ſich einen Unteroffizier mit einigen Mann Wache erbitten mußte, um die Ordnung vor dem Sterbehauſe aufrecht zu erhalten. Das Zim⸗ mer, worin ſie ausgeſtellt war, wurde nicht leer von Leidtragenden; man beſtreute ihren Sarg mit Blumen und Gedichten, ſchnitt Haare 453— von ihrem Haupte, die in Ringe gefaßt oder geflochten, ihr zum Andenken getragen wurden. Der Anblick der jugendlichen, ganz in Weiß gekleideten und mit dem wohlverdienten Lorbeer geſchmückten Leiche rührte ſelbſt das kälteſte Herz zu Thränen; wer ſie ſo da liegen ſah, wußte, daß ſie reinen Herzens geſtorben ſei; denn im Tode ſelbſt noch Künſtlerin, glich ſie im Sarge einer anmuthvollen Emilia Ga⸗ lotti, einer liebreizenden Marie Beaumarchais. Faſt an Schwärmerei grenzend äußerte ſich die Trauer um die Verſtorbene am Tage ihrer Beerdigung; vom Opernhof aus, wohin man Nachts zuvor die Leiche geſchafft hatte, ward ſie Sonntag, den 14. Mai, Abends gegen ſieben Uhr, in einem mit Blumen und Myr⸗ thenkränzen gezierten Todtenwagen nach der St. Petri⸗Kirche gefahren; der Gänſemarkt und Jungfernſtieg, ſowie die Kirche und der Kirchhof war mit Tauſenden von theilnehmenden, meiſt in Trauer gekleideten Menſchen bedeckt; am Eingang zur Kirche empfingen die nächſten Freunde und Kunſtgenoſſen, ſowie einige der angeſehenſten Rathsmit⸗ glieder, den Sarg und trugen ihn auf einer Bahre nach der Gruft. Brockmann ſprach die Trauerrede; den Sarg zierte folgende einfache Grabſchrift: Iſt das Leben nicht ein Traum Flüchtiger Gefühle? Ausgelaufen war ich kaum, Und bin ſchon am Ziele. Die ihr meinem Staub euch naht, Wer's doch fühlen lernte! Hoffnungsvoll verwest die Saat Auf den Tag der Ernte. *½ —— 8 6 7 9