Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Jeih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der, Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 5 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.— 3 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 3 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 3 4 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———— Bener auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Nk.— Pf. 17„„— 17 2 r—„— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Dieſer Jemand war ihm vorhin auf der Treppe begeg⸗ net, und hatte verwundert über des Schwagers blaſſe, an⸗ gegriffene Miene und ſeinen ſtummen Morgengruß den Lockenkopf geſchüttelt; ſchaute ihm auch durch das vergitterte Hoffenſter nach, als er dem Garten zuſchritt, eine Zeit⸗ lang mit verſchränkten Armen durch die Gänge wandelte und dann in der Laube verſchwand. Vielleicht würde er dort noch lange geſeſſen haben, wenn nicht Molly,(wie auch wir ſie fortan nennen wollen) zu ihm getreten und ſich mit einem halb neugierigen, halb betroffenen:„Nun?“ neben ihn geſetzt hätte. Er ſah empor, wie Einer der geträumt hat und nicht weiß, ob er ſich ſeines Traumes oder ſeines Wachens ent⸗ ſinnen ſoll. „Nun, Bürger, kann's Hochzeit geben,“ ſagte ſie ohne zu lächeln.„Kuchen und Torten ſind aus dem Backhaus zurück und das Gaſtzimmer iſt geſchmückt. Ich bin ſchon müde, obwohl mein Tagewerk erſt beginnt. Denn ich habe Dora's Toilette auf mein geſchmackvolles Gewiſſen genom⸗ men, und will doch auch an eurem Ehrentag nicht wie ein Aſchenbrödel ausſehen. Mich hat's die ganze Nacht nicht ſchlafen laſſen, und mit dem Frühroth war ich aus den Federn.“ Bürger's Stimme bebte, als er ſagte:„Wer wird denn aber dir einſt an deinem Hochzeitstage ſo geſchäftig ſeyn?“ „Da geht's einmal kürzer ab!“ ſagte ſie;„Gott ſoll mich behüten, daß ich meinen Hochzeitstag an die große Glocke hänge und die halbe Welt zu Gaſt bitte. Was braucht's denn auch ſo viel Geſottenes und Gebratenes, wenn zwei Leute, die ſich lieben, ihre Hände auf ewig in einander ge⸗ ben! Ich glaube, das iſt nur in Deutſchland Mode, wo man jedes Hochgefühl als Beilage zum Braten betrachtet.“ ddiggkeit aus ihr hervorſchlagen ſoll.“ ———— „Du biſt ein kleiner Sonderling!“ verſetzte Bürger läch⸗ lend.„Möchte nur einmal wiſſen, wie der Mann be⸗ ſchaffen ſeyn muß, den du ſo frugal heirathen willſt?“ „Ein Dichter zum Wenigſten dürfte er nicht ſeyn,“ ant⸗ wortete Molly.„Denn die ſind, wie ſigura zeigt, an ih rem Hochzeitstag traurig, und Einer, wie ich geleſen, ließ ſich in ſeiner Sterbeſtunde einen Becher Wein bringen, und kränzte ſein Haupt mit Roſen.“ „O du weiſes Herz!“ ſeufzte Bürger und nach einer Pauſe fügte er hinzu:„Doch wollen wir darum den Dich⸗ ter nicht ſo ſchnell verdammen, oder gar belächlen. In ſeinen trüben wie in ſeinen glücklichen Stunden wohnt ihm ja doch jener göttliche Geiſt inne, der ihm in Schmerz und Luſt, in Verlieren und Gewinnen die Kraft entzündet und den Muth, ſich freudig, mit klaren Augen dem reinen unendlichen Leben zuzuwenden, und ſich mit ſeiner Sehn⸗ ſucht in die goldne Welt der Schönheit und Ahnung zu verſenken. Es iſt ja der Dichter nicht allein, es iſt ja jedes edle Gemüth, dem der Schmerz das innere Auge verklärt, und ihn ſchauen und belauſchen läßt alle Wun⸗ der der Liebe in Gott, Natur und Menſchenherz, daß es ſich an der Todesfackel ſeines Glückes die Flamme einer neuen Hoffnung, einer anderen Begeiſterung entzünden darf.“ „O ſtill' doch, ſtille!“ rief Molly bewegt und hielt ihm den Mund zu.„Willſt du mich heute zum erſten Mal in meinem Leben tiefſinnig machen, und gerade heute, wo ich dir die Braut ſchmücken ſoll zu deinem ſchönſten Feſte? Und auch an dich hab' ich gedacht, und will dieſe beklommene Bruſt hinter Flitter und Blumen verbergen, daß es wie ein ganzer Frühling von Liebesluſt und Freu⸗ Mit dieſen Worten nahm ſie ein weißes Tuch ausein⸗ ander, und legte vor den erſtaunten Schwager eine wun⸗ dervoll geſtickte Hochzeitsweſte von weißem Atlas, auf wel⸗ chen ſie in der That eine ganze Idylle von Maienwonne und Blüthenpracht gezaubert hatte. Es war eine überaus reiche und prächtige Arbeit, ein wahres Meiſterwerk von Sinnigkeit, Geduld und Anmuth. „Das iſt mein Gedicht!“ rief ſie mit leuchtenden Augen; „und es ſteht deinem„Dörſchen“ gewiß nicht nach an Naturtreue und Farbenſchmuck. Aber das Beſte davon ſieht man nicht einmal; denn ich hab's hinein gezaubert und du wirſt es fühlen, ſo oft du die Weſte an haſt. Da kann kein Herzleid hindurch, alle Pfeile des Schick⸗ ſals prallen von ihr ab, alle Sorgen des Lebens brechen ſich an ihrem Schimmer, wie die Woge am grünen Blu⸗ menſtrand.“ Bürger betrachtete mit Rührung die holde Gabe ſei⸗ ner jungen Freundin. Er überſchlug die lange Zeit und Geduld, welche ſie auf dieſe mühevolle Stickerei verwendet hatte, und da er wußte, wie wenig ſonſt ihr lebhaftes Temperament zu dergleichen ausdauernden Geduldproben inelinirte, ſo erſchien ihm dieſes Geſchenk doppelt werth, als ein theures Zeichen, daß ſie um ſeinetwillen ſelbſt das Schwerſte überwunden habe. Das liebliche Mädchen mochte dieſe Betrachtung erra⸗ then haben und ſagte darum: „Nun ſiehſt Du, was ich nicht Alles kann! Ich hatte mir's vorgenommen und ſo mußt' es auch durchgeſetzt wer⸗ den. Ihr Alle nennt mich einen Flattergeiſt! Aber ich kann mehr, als ihr wißt, und wenn dir nur dieſe Weſte gefällt, ſo wird ſie für mich eine große Lehre ſeyn.“ „Und die wäre?“ fragte Bürger geſpannt. „Die Arbeit hat mir Freude gemacht,“ verſetzte ſie; „und darum ſollt' ich nicht von der Mühe reden, die ich auf ſie verwandt, und von der Geduld, mit der ich es endlich in dieſer mir fremden Kunſt zu einiger Fertigkeitt gebracht habe. So hat mich dieſe Weſte gelehrt, daß dert Menſch Alles kann, was er liebt; und der Gedanke, daß dir mein Geſchenk Freude machen würde, ſaß mir beſtän⸗ dig, ſo zu ſagen, in den Fingern. An meinem Stickrah⸗ men hab' ich deine ganze Zukunft durchgelebt; oft ſogar vergriff ich in meinem Viſionseifer die Fäden, und merkte es erſt, als roth blau, grün gelb wurde.“ „So ſtelle mir denn heute mein Prognoſtikon,“ ſagte Bürger mit Lebhaftigkeit und ergriff ihre Hand. „Hab' ich dir's nicht ſchon viel tauſendmal geſagt?“ rief ſie mit Innigkeit und Wärme, während die Gluth eines ſchönen Eifers ihr Antlitz höher färbte. Und ſagen's nicht Alle, die Dich kennen und lieben? Klingt's denn ſo fabelhaft, daß ein Mann von deinem Geiſt und Herzen nicht endlich zu Ruhm und wohlverdienter Ehre gelangen ſollte? Hab' ich's doch gehört in Göttingen und Goslar, in Halberſtadt und Weimar, allüberall, wo ich in dieſem⸗ Sommer hinkam, wie die Leute von dir ſprechen, als ſey'ſt du ſchon längſt das, was du doch erſt werden willſt⸗ Alle Augenblicke hieß es da: Klopſtock, Wieland, Bürger, Leſſing, Kleiſt,— und ſprach Jemand zufällig einmal von dem Göttinger Hainbund, ſo zuckte man die Achſeln und meinte, der wolle nicht viel bedeuten und der Herr Amtmann von Wölmershauſen habe wohlgethan, ſich von dieſen Schwindelköpfen bei Zeiten loszuſagen und ſeine eigne Bahn zu verfolgen,“ „O hätt' ich doch ihren Muth und ihre Jugend!“ ſeufzte Bürger trübe und ſein Blick umflorte ſich.„Sie — thuen den Göttingern Unrecht— großes Unrecht. Das ſind lauter junge Helden, Herzen voll Enthuſiasmus, die nicht warten wollen, bis die Trompete ſie zum Kampfe vuft, und darum kühn die Schranken durchbrechen, die das deutſche Geiſtesleben einengen und den Genius, wo er ſich regt, in die Formen der gelahrten Kälte zurückweiſen wol⸗ len. Aber ehe wir's uns verſehen, wird in Göttingen ein Janz neuer Parnaß empor keimen und ſchneller wachſen, als die Weiden am Bache. Da ſind zehn junge Sproßen, von denen wenigſtens vier bis fünf dermaleinſt als ſtolze Bäume prangen werden. Voß— Hölty— Fritz Stol⸗ berg,— ach! und mein wilder, empfindſamer Hahn— eh' die ablaſſen von ihrer Gottbegeiſterung für alles Große und Schöne,— eh' wird dein Freund, den du ſo hoch über dieſe herrlichen Jünglinge erhebſt, vergeſſen und ver⸗ kommen, und Jene die Einzigen ſeyn, welche ſeinen Na⸗ men auf die Zukunft bringen.“ „Nimmer! Nimmer!“ rief Molly mit Heftigkeit und ſtand vor ihm, wie eine grollende Peri. Ihre Locken zit⸗ terten um das flammende Antlitz, ihr Auge leuchtete ſtolz und ſiegesmuthig, ihre Geſtalt wurde ſichtbar größer, er⸗ habener, und wie vom Zauberſtab des Frühlings berührt, ſtand mit einmal die Knospe ihrer Schönheit in voller, entzückender Blüthe vor ihm. „Mann des Kleinmuths,“ ſprach ſie mit weicher, inni⸗ ger Stimme;„Mann des Kleinmuths, wie lange noch willſt du dich und deine Freunde mit ſolchen Reden kränken? Iſt's nicht Sünde über Sünde, ſo dem beſten Geſchenk des Himmels Hohn zu ſprechen, und das, was Tauſende beſeligen und erheben ſoll,— deines Herzens heilige Begeiſterung, deines Geiſtes Kraft und Weihe ſo muthlos zu verleugnen? Wer ſoll noch groß ſeyn in 16 Wort und Geſang, wer das Herz der Menſchen rühren und entzünden für alles Hohe und Herrliche, wenn der Einzige, der dies vermag, wenn der Dichter treulos von ſeiner Begeiſterung abfällt, und der Gunſt der Himmliſchen, die ihn doch auf die ſonnigen Höhen dieſes Lebens rief,— muthlos wie ein Flüchtling den Rücken zuwendet?“— Bürger blickte voll Staunens auf die ſchöne, ſtrenge Richterin, die ihm mit ihren ſechzehn Jahren ſo ſcharf und eindringlich in's Gewiſſen redete. Nie war ſie ihm rei⸗ zender erſchienen, als in dieſem Pathos einer Begeiſterung, die, das wußte er, aus ſeiner Seele in die Verwandte übergeklungen und ihm nun in Molly's Worten wie die Mahnung ſeines eignen Genius widerhallte. Er ſelbſt hatte ſie ja gelehrt, ihm zu grollen wegen ſeines Klein⸗ muths, ſeiner Thatloſigkeit; und die Macht, die er ſo lange auf ihr Innerſtes ausgeübt hatte, kehrte ſich nun mit Einmal gegen ihn; er fühlte, daß das liebliche Mäd⸗ chen, dem in ſeiner Nähe früh das helle Auge des Be⸗ wußtſeyns aufgegangen war, ihm ſein tiefſtes Leiden abge⸗ lauſcht und ſich ſeiner innerſten Empſindung bemächtigt hatte. Das einfache Kind vom Land erkannte ihn und ſeine Zukunft beſſer, als er ſelbſt, als ſeine Freunde; und Bürger ergriff mit ſchneller Hand das Heil, das ihm aus dieſer Betrachtung empor blühte. „Bei Gott! du haſt recht, Mädchen!“ rief Bürger auf das freudigſte erſchüttert.„Aber wer ſagt Einem auch ſo was blank und ehrlich heraus, ſo lang es noch Zeit iſt! Die beſten Freunde ſind in dieſem Punkt der Aufrichtig⸗ keit unſere ſchlimmſten Feinde; und ſtatt uns zur guten Stunde die herbe Pille der Wahrheit ſchlucken zu laſſen, balſamiren ſie unſere Selbſtlüge in Weihrauch, und der bequeme Unſterblichkeits⸗Candidat glaubt ihnen auf's Wort, — 17— hadert mit Gott und Welt, und zieht nöthigenfalls die Bettdecke über den Kopf, wenn ſein Gewiſſen ihn am Schopf faſſen will. Aber du mein Kind, haſt das Herz aauf dem rechten Fleck; und was du mir da zu Gemüth . geführt haſt, ſoll beherzigt werden, wie ein Gottesurtheil. Ja, ich fühl's, meine guten Stunden werden wieder kom⸗ men und in den böſen ſollſt du mein Schutzengel ſeyn, wwie heute!— Er zog ſie mit Innigkeit an ſeine Bruſt, und wie der verſöhnte Genius ſeines Lebens lächelte ſie zu ihm auf, während ihr Arm ſich um ſeinen Nacken ſchlang, als wolle ſie den ſchönen Triumph dieſer Stunde recht lange feſthalten. Da plötzlich, in dieſem entſcheidenden Moment, wo über Beider Häupter die Sterne ihres Lebens einzig und un⸗ zertrennlich in einander zu fallen ſchienen,— in dieſem 4 Moment, wo es vielleicht nur eines redlichen Wortes, einer deutlichen Vorſtellung der Gegenwart bedurft hätte, um ein Verhängniß noch glücklich zu beſchwören, das ſchon in der nächſten Stunde keine Reue und kein Muth mehr verſöhnen ſollte,— tönte vom nahen Kirchthurm die Glocke, und wie in ſeinem innerſten Leben gebrochen und gelähmt, ſchauerte Bürger zuſammen. Mit einem dumpfen Schrei ddees Entſetzens begrüßte er den friedlichen Feierklang, dder ihn an die nahe Entſcheidung mahnen ſollte— Molly die ihn erbleichen ſah, warf ſich an ſeinen Hals, um⸗ ſſchlang ihn krampfhaft, preßte einen innigen, langen 4 Kuß auf ſeine Lippen, flüſterte:„Bürger! Bürger!“ und lriß ſich von ihm los!— Sie war fort, noch eh' er es hindern, eh' er nur die Arme nach ihr ausſtrecken konnte, ie zu empfangen, ſie feſtzuhalten;— er wollte ihr nach⸗ llen, ſie zurückrufen, ſie war dahin, und gleich dem hen, der am öden Meeresſtrand ſehen muß, wie 2 — 18— das Schiff, das ihn ausſetzte, in der unermeßlichen Ferne verſchwindet— ſo ſank er auf die Bank zurück und wie ein Herzſchlag traf ihn zum Erſtenmale der Gedanke: Du liebſt ſie! „Ei! Eil! Herr Schwiegerſohn, Heute machen wir keine„ Carmina!“ ſprach lächlend der alte Amtmann Leonhart, der nach einer Weile feſtlich gekleidet in die Laube trat das ſchwarze goldgeſtickte Sammtkäppchen auf dem ehr⸗ würdigen Silberhaupt, und feſtliche Knaſterwolken aus⸗ blaſend. Er bemerkte in ſeinem gutmüthigen Eifer nicht, was in Bürger vorging, und da er ihn als einen zerſtreu⸗ ten Menſchen kannte, der's nicht allzu genau mit der Glocke nahm und auch überzeugt war, daß dem Glücklichen Keine ſchlage, ſo trieb er ihn faſt mit Gewalt in den Hochzeit⸗ frack hinein und beſtand darauf, daß der Herr Schwieger⸗ ſohn heute in Figaro⸗Locken erſcheinen müſſe. Nach Boie und dem Grafen langten allmählig auch die übrigen Hochzeitsgäſte an und verſammelten ſich in dem zu ihrem Empfang feſtlich mit Guirlanden und Blumenkrän⸗ zen geſchmückten Gaſtzimmer des Leonhartiſchen Hauſes. Alle Freunde und Bekannte deſſelben aus der Umgegend 8 fanden ſich ein, und ſelbſt mehre Familien von dem be⸗ nachbarten Landadel hielten es nicht unter ihrer Würde, gelegentlich vorzuſprechen, ganze Kutſchen voll wohleinſtu⸗ dirter Gratulationen vor dem Amthaus zu Niedeck auszu- laden und ihnen ſelbſt auf dem Fuße nachzufolgen. Als wollte das Mehr noch ein Mehr gebären, hatten Bürger und ſein Schwiegervater alle Hände voll zu thun, die An⸗ kommenden zu empfangen und unter tauſend Förmlichkeiten an der hochzeitlich ruftenden Miuhe vorüber in das Ga zimmer zu ſchieben, wo der gewandte feine Boie und der artige Dichter⸗Graf ſich durch alle Stadien der Geſellſchaft durchzuarbeiten hatten, um jedem Eintretenden etwas Ver⸗ bindliches und Willkommenes zu ſagen. Beide hatten ſich, wie zwei allirte Generale im Voraus ihr Manoevre genau vorgezeichnet; Boie, an der Thüre poſtirt, empfing den erſten Choc und übernahm ſpäter die Bourgeoiſie, die be⸗ klommenen Mütter, Väter und Mademoiſelles aus dem Beamtenſtand und der Geiſtlichkeit; Stolberg turnirte in den Schranken der höheren Ariſtokratie; die jungen Fräu⸗ leins von Stand, die enchantirten Damen und dito ſitzen⸗ gebliebenen Töchter verblühten Angedenkens, ſo wie die al⸗ ten Herrn mit ihren Parforgejagden, ihren Münchhauſiaden und Ahnen, kurz, der Inbegriff alles deſſen, was zur haute volée gehört und auf Ebenbürtigkeit ſieht, war ſeine Aufgabe, und er ſowohl, als Boie löſten dieſelbe ſo glücklich, daß bald in dem gemiſchten Kreiſe alle Scheu und Standesvorurtheile wichen und man ſich sans géne melirte, ſo gut ſich die Gelegenheit gab und nehmen ließ. Das junge Brautpaar ließ lange auf ſich warten; ſchon hatte die Glocke das zweite Zeichen gegeben und noch im⸗ mer wollte Dora's Toilette nicht fertig werden, noch im⸗ mer hatten die Gäſte ihre Hochzeitſprüche und Gratula⸗ tionen auf dem Herzen, auf der Zunge. Endlich öffnete ſich die Thüre und begrüßt von einem einſtimmidgen Ah! der Ueberraſchung trat die bräutlich geſchmückte Dora an Bürger's Hand in die Stube. Sie war äußerſt blaß und angegriffen, und ihre Augen zeigten Spuren von kaum verwiſchten Thränen. Reizend contraſtirten dieſe Zeichen der innerlichen Erregung und Beklommenheit mit dem ſe⸗ lligen Glücke, deſſen nahe Gewißheit in bangender Luſt un und Sehnſucht ihr Weſen verklärte und gar lieblich n 1 24 — 20— dem milden ernſten Ausdruck ihrer Mienen ſtimmte. Und wie das Morgenroth, noch eh' es ſichtbar wird, dann und wann roſig die webende Dämmerung durchfunkelt, als wolle es ungeſehen die nächtliche Erde in ihren Träumen belau⸗ ſchen, ſo überhauchte Dora's Antlitz ein flüchtiger Purpur, als die Gäſte ſie umringten und einen ganzen Muſen⸗Al⸗ manach von Glückwünſchen und Hochzeitſprüchen über ſie ausſchütteten. Da ſetzte es denn, beſonders von Seiten der älteren Herrn mitunter ſehr erbauliche Redensarten ab, ſtämmig wie die Eichen Germanias und derb wie die Fauſt, die ſie der hocherröthenden Braut mit biederem Druck bekräftigte. Denn man lebte noch in der guten al⸗ ten Zeit der langen kölniſchen Thonpfeifen und der großen Pompadour⸗Fächer, und ein Späßchen in Ehren, wenn's nur gehörig belacht und bebauchſchüttelt wurde, war einem alten Knaſterbart, ſelbſt dem ſchönen Geſchlecht gegenüber, wohl geſtattet. Eine Braut zumal, an ihrem Hochzeitstage war dann vor keiner Laune, keiner noch ſo gepfefferten Stichelei ſicher und wie geſpreizt und chineſiſch auch die damaligen ſocialen Verhältniſſe, beſonders in den höheren Ständen nach Außen hin conſtruirt waren, wie tyranniſch auch der ſogenante bon ton auf der Geſellſchaft laſtete— der moraliſche Puder, mit welchem Frankreich deutſchen Sinn und deutſche Sitte überklei't hatte, wurde wacker ausgeklopft und auch in dem geſellſchaftlichen Leben traten die Gegenſätze der Zeit, wie ſie zum Theil, beſonders von Seiten einer jüngeren, ſich immer mehr geltend machenden Generation in der Litera⸗ tur forgirt wurden, zum Theil aber auch naturgemäß ſich entwickelt hatten— einander ſchroff und feindlich gegenüber.— Endlich hatten Dora und Bürger ſämmtliche Gratula⸗ ionen, dürre und ſchwülſtige, gereimte und ungereimte cklich überſtanden und auch die Gäſte athmeten freier. — D — 21— „Aber wo ſteckt denn die kleine Molly?“ fragte der Graf Boien leiſe.„Bürger hat ſie doch nicht etwa mit der übrigen Ausſtattung der Braut nach Wölmershauſen vorausgeſchickt?“ „Pſt! Pſt!“ bedeutete ihn Boie mit geheimnißvoller Miene.„Malen Sie den Teufel nicht an die Wand.“ „Was habt Ihr?“ fragte Bürger, der ihr leiſes Ge⸗ ſpräch bemerkt hatte und eben neugierig hinzutrat. „Der Graf vermißt zu allem Ueberfluß Deine Schwä⸗ gerin,“ flüſterte ihm Boie lächelnd in's Ohr. Bürger wechſelte einen Augenblick die Farbe, faßte ſich aber ſchnell und erwiederte mit gutem Humor: „Sie iſt in der Küche, und will Eure engliſche Gour⸗ mandiſe u. A. mit einem wilden Schweinskopf regaliren, zu dem ſie eigends eine neue Trüffel⸗Sauge erfunden hat.“ „Gott ſey bei uns, wenn ſolche Genies zum Kochlöffel greifen!“ rief der Graf in komiſcher Verzweiflung. Bürger verſetzte lächlend: „Sie ſollen Ihr noch heute dieſen Unglauben aufrichtig abbitten; und was den Champagner⸗Korb anbelangt, den uns Ihre Liberalität geſtern aus Göttingen herüber ge⸗ ſchickt hat, ſo will Molly dafür Sorge tragen, daß er mit den Reſten unſeres Hochzeitſchmauſes bepackt, Morgen nach Göttingen zurückgeſchickt wird, damit ſich der geſammte Hainbund an ſeinem Inhalt gegen die Leipziger Kritiker unſeres diesjährigen Muſenalmanachs ſtärken und wieder zu Kräften kommen kann.“ „Wohlgethan!“ rief Boie;„und ſtranden wir an dieſer Klippe, ſo fiſchen wir doch wenigſtens einen halben wel⸗ ſchen Hahn oder eine brave Hammelskeule unter den Schiffstrümmern auf!“ Der Graf ſagte: — 22— t „Sie wollen heute in Göttingen Ihr Hochzeitsfeſt gleich⸗ falls feierlich begehen und Hahn hat den ganzen Hainbund für dieſen Abend auf ſeine Stube geladen. Cramer dichtete eigends eine Ode, und Voß hat den Plan, Sie, als einen abtrünnig gewordenen Prieſter Apollos bei dem* Hainbund anzuklagen und auf Ihre Excommunication an⸗ zutragen. Hölty will Ihre Vertheidigung übernehmen und Hahn wird zuletzt die Sache vertagen— vermuthlich bis in den hellen Tag hinein. Denn daß der Hainbund heute Abend wie ſchon oft in einem Weinbund ausgehen und Hahn wieder großes Aergerniß geben wird, ſteht kaum zu bezweifeln. Ich habe Leiſewitz für alle Fälle ge⸗ beten, ihn nicht eher aus den Augen zu laſſen, als bis ſich die Carcerthüre hinter ihm geſchloſſen hat.“ In dieſem Augenblick läuteten die Glocken und der Kü-⸗ ſter trat mit der Meldung herein, daß der Herr Pfarrer in der Kirche ſey. Der alte Leonhart führte Dora zu Bürger und unvermögend, ein Wort zu reden, gab er ihre Hand in die des Bräutigams, den er unter Freudethränen in ſeine Arme ſchloß. „Komm, Dora!“ ſagte Bürger mit gehobener Stimme. „Unter dem Klange der Glocken bin ich geboren und jetzt tönen ſie wieder und rufen mich zum Zweitenmal in's Leben! O ihr guten Götter des Himmels, laßt es ſchö⸗ ner enden, als das Erſte!“ Sie ſank an ſeine Bruſt und flüſterte kaum hörbar, mit dem Tone ihrer tiefſten Empfindung:„Ja, es ſoll ſchöner werden!“ Boie nahte ihr jetzt und ſagte: „Der Freund will, daß ich Sie in die Kirche führen ſoll und ich ſchätze mich glücklich, Sie zu dem ſchönſten Ziel ihrer Jugend geleiten zu dürfen.“ — 23— „Ja, gib ihm den Arm, Dora!“ rief Bürger, über⸗ mannt von ſeinem Gefühle und große Thränen ſtürzten über ſeine Wangen.„Er war mein Engel in vielen böſen Stunden, und oft hat er den Wankenden geſtützt, den Ge⸗ ſunkenen aufgerichtet!“ „Und ich nehme Dich!“ rief eine liebe traute Stimme, wie die Ueberzeugung ſelber; und ihm entgegen eilte Molly, weiß gekleidet, mit wallenden Locken, und vor der hellen ſel'gen Zuverſicht in Blick und Miene, mit wel⸗ cher ſie der Gewährung ihrer Bitte entgegenſah, kam kein Widerſpruch auf. Wie in einem Traume nickte er ihr mit dem Haupt Gewährung, ergriff er ihre Hand,— wie in einem Traume wandelte er an ihrer Seite zur Thüre hinaus,— wohin ihn die Glocken riefen. Die übrigen Gäſte folgten. So ging der hochzeitliche Zug durch die gaffende Volks⸗ menge nach der Kirche, deren Thüre feſtlich mit grünen Zweigen geſchmückt war. An der Kirchhofsmauer empfing die Nahenden ein feierlicher Geſang der Schuljugend und in den Gärten hinter den Häuſern ſchoſſen die jungen Bauernburſche aus verroſteten Flinten dem Brautpaare „die Ehe an.“— Die Morgenſonne lugte freundlich durch die runden Scheiben in das Innere der Kirche; ein zitternder Strahl ſpielte in farbigem Prisma mit dem Rauſchgold und den Glasperlen der vergilbten Fichtenkränze und Todtenkronen, welche die trauernde Liebe zum Gedächtniß derjenigen hier aufgehängt hatte, deren Gräber man durch das Fenſter im Chor erblicken konnte. Von den Tönen der Orgel begrüßt, nahten ſie ſich dem blumengeſchmückten Altar, an welchem der ehrwürdige Pre⸗ diger im Amtsornate ſtand, die Agende in den gefaltenen —. 24— Händen. Nach der Sitte damaliger Zeit brannten zwei Wachskerzen auf dem Altare. Der alte Schullehrer, ein Freund unſeres Dichters und mit vielem aus ſeinen Wer⸗ ken bekannt, ſpielte den Choral:„Du, o ſchönes Weltge⸗. bäude“, Bürger's liebſtes Kirchenlied. Dann ſprach der Prieſter in ſchlichten Worten von der heiligen Bedeutung dieſer Stunde für Gegenwart und Zukunft. Innigkeit und Wärme des Gefühles erſetzten ſeiner Rede, was ihr an Eleganz des Ausdruckes und an Originalität der Gedanken abging, und alle Zuhörer waren ſichtbar bewegt, als er mit einem kurzen Gebet für das Glück und den dauernden Frieden dieſes neuen Liebesbundes ſchloß. Dann ſchritt er zu dem eigentlichen Akt der Trauung, der ſacramentaliſchen Einſegnung durch die Kraft und Weihe der Kirche; er ſprach die Formel und forderte dann mit den Worten der Agende zuerſt den Bräutigam auf:„zu einem lauten andächtigen Ja.“— Keine Antwort.— Bürger hörte ihn nicht. Seine Seele war in ſeinen Augen. An die Säule gelehnt, welche die Emporbühne ſtützte, dort wo der goldne Sonnenſtrahl trunken ſich verlor in dem Glanze, der, wie die lichte Nähe eines ſichtbaren Engels von ihrer entzückenden Erſcheinung ab in die Seele Bürger's fiel, ſtand Molly, ihre Hände, zwei Blumen auf dem jungen, zitternden Buſen zuſammengefalten, mit vorgebeugtem Körper und angehaltenem Athem, die Lippe halb geöffnet, und das Haupt lauſchend zur Seite gewen⸗ det, daß die glänzenden Locken ihr Antlitz halb verſchatteten. Wie ſie ſo daſtand, vom Scheitel bis zur Sohle regungs⸗ los, ſchien ſie eine in dieſem Augenblick vom tönenden Pfeill des Gottes erreichte und zugleich in Marmor verwandelte Nio⸗ bide, von deren Antlitz ſelbſt der Todeshauch nicht ganz den letzten Strahl der Hoffnung verwiſchen konnte. .— —— Wie ein Schrecken ohne Ende traf es Bürger. Seine Kniee zitterten, die Kerzen flimmerten ihm dunkel vor den Augen und der alte Prieſter mit ſeinem ſchwarzen Ornat und den weißen dünnen Locken erſchien ihm wie das Ge⸗ ſicht ſeiner Vernichtung. Er wagte nicht, nach Molly hin⸗ überzuſehen und doch ſtanden ſeine Augenſterne feſt und regungslos auf ſie gerichtet. Wie Blei lag es ihm auf Hirn und Zunge, alle Organe ſeiner Empfindung erſtarben und der Wahnſinn griff mit ſpitzen krampfhaften Fingern in die thränenloſe entſetzliche Angſt ſeiner Seele. Kaum vermochte er ſich noch auf den Füßen zu erhalten. Die Pauſe wurde peinlich. Alles ſchaute auf den blaſ⸗ ſen ſtummen Bräutigam, Boie der ihm zur Seite ſtand, räusperte ſich, Dora lehnte leiſe an ihn, ſah betroffen zu ihm auf und folgte dem Blick ſeiner Augen. Der Prieſter wiederholte die Frage, lauter und auffor⸗ dernder, ſichtbar ſchrack Bürger zuſammen; eine dunkle Gluth flammte über ſein Antlitz und wich der Todtenbläſſe, krampf⸗ haft zuckten die Muskeln ſeiner Wimpern und Wangen und wie feurige Kohlen lagen ihm die Augen im Kopfe. „Ja!“ ſtammelte er endlich kaum hörbar, und„ja“ ſagte auch Dora, der Prieſter legte ſegnend ihre Hände in ein⸗ ander, Beide waren kalt wie Eis—„was Gott zuſam⸗ mengefügt hat, ſoll der Menſch nicht ſcheiden!“ ſprach er mit feierlichem Accent, die Trauung war vollzogen— „Amen!“ klang es in Bürger's Seele, wie das Echo aus dem Grabe ſeines Lebens, und begleitet von dem maje⸗ ſtätiſchen Choral:„O Ewigkeit, du Donnerwort“ verließ er an Doras Arm die Kirche.— 26 Der Graf hatte recht geweiſſagt. Hahn, deſſen Vor⸗ name Friedrich ihm unter den Studenten den Annamen „Hahnefritz“ erworben hatte, erwachte ſpät des Morgens im Carcer Nro. III. auch der„„Fuchsbau“ genannt. Der wilde Enthuſiaſt aus Zweibrücken, er, der die Hälfte jener ungünſtigen Anſichten und Vorurtheile, womit Publikum und Profeſſoren, ja ſelbſt das Ausland das Treiben des jungen Dichterbundes betrachtete, auf ſeinem Gewiſſen hatte, hatte in der Nacht, welche auf Bürger's Hochzeitstag folgte, die Mitglieder und Freunde des Hainbundes, zwölf an der Zahl, auf ſeiner Stube um die Punſch⸗Bowle verſam⸗ melt, wo er, als ihn der Weltgeiſt allmählig übermannte und die„Dämonen des Humors“ in ſeiner Bruſt lebendig wurden, den Entſchluß faßte, ſich wie Diogenes alles über⸗ flüſſigen Hausrathes zu entledigen; demzufolge begann er kurzer Hand Tiſche, Stühle, Schreibpult und Colleg⸗ hefte aus dem Fenſter auf die Gaſſe zu werfen, und die Freunde trugen ihm treulich zu, was nicht niet⸗ und nagelfeſt war. Schon ſchleppte Voß, deſſen märkiſch Blut in Wallung gekommen war, den alten ächzenden Kleider⸗ ſchrank herbei, um ihn gleichfalls„den Weg alles Holzes“ gehen zu heißen, als es den Vorſtellungen Hölty's gelang, dieſen letzten Polter von der friedlichen Nicolaiſtraße abzu⸗ wenden. Er that den Vorſchlag, man ſolle, da die Nacht niild und freundlich, unter dem ſternhellen Himmel auf offener Straße das Gelage fortſetzen Das war den heißen Schwin⸗ delköpfen Waſſer auf die Mühle! Mit brennenden Lichtern, Flaſchen und Gläſern eilten die jungen Poeten auf die Straße, ſammelten das zertrümmerte Inventar der Hahni⸗ ſchen Genialität, arrangirten in der Mitte der Straße, ge⸗ rade der Wohnung des Profeſſors Michaelis gegenüber, ſo * 27 Flaſchen auf, warfen die Röcke aus, und ſtimmten plötzlich, in brüllendem Bardenton zum Entſetzen der friedlichen Nach⸗ barſchaft einen welterſchütternden Rundgeſang an.„Bruder, Deine Schöne heißt—?“ ſang Voß zu Hahn hinüber, und dieſer das volle Glas erhebend, antwortete mit lauter Stimme:„Joſephine Michaelis.“ „Soll leben— ſoll leben— leben ſoll ſie hoch“ reci⸗ tirte der wilde Chor im abgemeſſenem feierlichen Rhythmus, zu welchem Voßen's metriſche Fauſt mit einem mächtigen Ziegenhainer den Takt auf die Tafel ſchlug, während Hahn langſam das Glas leerte und als er es niederſetzte, ſchallte das Donnernde: „Hat's brav gemacht, hat's brav gemacht, D'rum wird er auch nicht ausgelacht!—“ Hierauf ſtellte ſich Hahn in den Schatten von Michaelis Hauſe und deklamirte in ſchauerlichem Grabes⸗Tremulo die Erzählung des Geiſtes im Hamlet. Als er geendet hatte, ſprang Voß auf den Tiſch, hieb mit einem Rappier nach den vier Weltgegenden und citirte mit der Stentor⸗ ſtimme eines römiſchen Volkstribuns vor den Richterſtuhl der Vernunft und des guten Geſchmackes: Erſtens: den Rektor; Zweitens: den Senat; Drittens: das Univerſitätsgericht; Viertens: alle Strohköpfe und ledernen Herzen der ehrwürdigen Georgia Auguſta. Dieſe energiſche Citation erndtete von den übrigen Hain⸗ bundsgenoſſen einen ungeheuern Applaus, und die Namen verſchiedener Profeſſoren, welche als erklärte Antipoden des jungen Dichterbundes bekannt waren, wurden nach einem damals üblichen Lieblingsloſungswort der Göttinger Studenten, zugleich dem ſtärkſten Ausdruck ihrer Verachtung — 28— und Mißbilligung„gepfuybalſert“. Wir wollen die Be⸗ deutung dieſes Wortes und die Entſtehung dieſer alle⸗ goriſchen Verunglimpfung nicht näher angeben; eine Anek⸗ dote, durch einen Studenten mit Namen Balſer veranlaßt, hatte die deutſche Sprache mit dieſem eigenthümlichen Ter⸗ minus bereichert und der Hainbund„pfuybalſerte“ mit ihm alle offenen und verſteckten Gegner ſeiner Tendenzen. All⸗ mählig war die Nachbarſchaft durch dieſen ungewöhnlichen Scandal aus dem Schlummer aufgeſchreckt worden; mehre Läden wurden geöffnet, und ein entſchloſſener Philiſter rief ſogar ein lautes:„Wer da!“ in die Nacht hinaus. Man kann ſich denken, mit welchen Augen die ſchlaftrunkenen Bewohner der Nicolaiſtraße dieſes nächtliche Zigeunerge⸗ lage betrachteten. Ein weißgedeckter Tiſch, mit Flaſchen, Gläſern und flackernden Lichtern garnirt, mitten im dich⸗ teſten Straßenkoth aufgepflanzt, d'rum. herum ein Dutzend zechender und commercirender Geſellen in bloßen Hemdär⸗ meln, vielleicht die relegirten Geiſter verſtorbener Muſen⸗ ſöhne, und das Alles in der Stunde der Geſpenſter, um⸗ rahmt von der Finſterniß der Mitternacht— kein Wun⸗ der, daß manches Fenſter faſt eben ſo ſchnell, als es ſich öffnete, wieder zugeſchlagen wurde, manche neugierige Schlafkappe mit einem Stoßgebet ſich in„ihres Nichts durchbohrendes Gefühl“ zurückzog. Auch in dem Michae⸗ lisſchen Hauſe wurde es lebendig, die Fenſter erhellten ſich und Einige glaubten hinter den Gardinen den wohl⸗ bekannten Schatten des lauernden Profeſſors zu entdecken, wie er das Ohr an das Fenſter hielt, und deutlich unter⸗ ſchied man auf dem dünnen zitternden Kopfe die Umriſſe der großen Schlafmütze, deren Quaſte beſtändig hin und her ſchwankte. Esmarch's Vorſchlag, dem guten alten Mann ſeine Nachtruhe zu gönnen, zumal er Einer der Wenigen wäre, die es redlich mit dem Hainbund meinten, wurde von den Andern gebilligt und man ſchickte ſich eben zum Rückzug an, als das, einem Jeden nur zu wohlbekannte, halb ſin⸗ gende, halb weinende zwirndünne Stimmchen des Univer⸗ ſitäts⸗Actuars Kindlinger ihnen zurief:„Im Namen des Geſetzes, meine Herren— Sie folgen mir.“ Und zu glei⸗ cher Zeit trat das kleine koboldartige Männchen, von der Scharwache und mehreren Pedells begleitet, aus dem Schatten der Häuſer hervor, katzenbuckelte unter höhniſchen unartikulirten Tönen näher, hüſtelte und kicherte beſtändig: „Hä! hä! hä! bedauere ſehr, daß ich ſtöre“ und machte Miene, ſich dem Tiſche zu nähern, und die Geſellſchaft beim Licht zu betrachten. Er wurde aber von Voß mit einem donnernden:„Apage!“ empfangen,— und„Ther⸗ ſi ſites! Therſites!“ ſcholl es von allen Seiten; in einem Nu waren die Lichter ausgelöſcht, der Tiſch umgeſtürzt, Gläſer und Flaſchen klirrten auf das Pflaſter,„Holz't die Pudel!“ rief der wilde Hahn wuthſchnaubend, und beide Theile rüſteten ſich zum ernſtlichen Kampfe. In dieſem Augenblick, wo vielleicht die Exiſtenz des Hainbundes auf einem bedenklichen Spiele ſtand, wurde das Fenſter von Michaelis Studirzimmer geöffnet, der berühmte Exeget erſchien im brokatnen Schlafrock, in jeder Hand eine bren⸗ nende Wachskerze, die Schlafmütze unter dem Arme, ver⸗ beugte ſich mehrmals äußerſt freundlich und ſprach dann mit ſeiner ſanften und wohlwollenden Stimme: „Meine Herren Studioſi! Ich bin ſehr gerührt von der zarten Aufmerkſamkeit, womit Sie mir altem viel verkanntem Manne eine Ehre zugedacht haben. Kann mich Etwas für die mannigfachen Kränkungen der letzten Zeit entſchädigen,“ (er ſpielte hiermit ſehr deutlich auf die Mißverhältniſſe an, S— 30— in die er gerade damals mit der hannövriſchen Regierung und der Göttinger Societät gerathen war,)„ſo iſt es dieſer Ausdruck einer Geſinnung, die ich nicht unerwiedert laſſen kann. Sie Alle wiſſen, wie ich die Jugend liebe und in ihrer Begeiſterung ſelbſt wieder jung werde. Sie wiſſen, wie viele meiner verehrten Collegen mich deßhalb täglich auf dem Katheder mit ihren maliciöſen Anzüglichkeiten ver⸗ folgen und mich bei meinen jungen lieben Freunden in Mißcredit ſetzen wollen. Aber ob's ihnen gelingt— ob's ihnen gelingt! Muß es faſt bezweifeln und bezweifle es heute mehr als je. Die Jungen ſind immer beſſer, als die Alten! Herzlichen Dank für Ihre ſchöne Serenade, und wollen Sie, meine Herren Studioſt, morgen Mittag mir die Ehre ſchenken und mit einem einfachen Kalbsbra⸗ ten vorlieb nehmen, ſo werden Sie mir auf dieſe vergnügte Nacht einen noch vergnügteren Tag bereiten! Aben ja Schlag 12 Uhr— hören Sie, meine Herren! Denn mein Joſephinchen iſt eine Freundin der Ordnung.“ Ein donnerndes:„Vivat Michaelis!“ machte der tiefen Rührung der Jünglinge Luft. Der würdige Gelehrte ſchloß mit freundlichem Kopfnicken das Fenſter zeigte ſich noch eine Weile mit beiden Kerzen hinter den Scheiben, ließ dann die Gardine herunter und löſchte das Licht aus. Mit dieſem eben ſo ſchnellen als unerwarteten Ereigniß hatte ſich denn freilich eine andere Wendung der Dinge ergeben. Ein Jeder fühlte, daß die großmüthige Liſt des alten Michaelis die muthwilligen Störer ſeiner Ruhe aller Verantwortlichkeit überhoben hatte, da er ja in ihrem nächtlichen Scandal, der keinenfalls ohne Folgen für ſie geblieben wäre, eine zarte Aufmerkſamkeit erblickt hatte. Actuar Kindlinger zog ſich nach dieſer unerwarteten Mani⸗ feſtation, durch welche Michaelis den Hainbund in ſeinen —— — 31— beſonderen Schutz nahm, mit ſeinen Begleitern an das Ende der Straße zurück, wo ſie ſich in den Hinterhalt legten, um einen Jeden zu ergreifen, der dumm genug geweſen wäre, ihnen ohne hinreichende Begleitung in die Arme zu laufen. Die Straßen der Univerſitätsſtadt Göttingen glichen damals zur Nachtzeit in Wahrheit einem weiten laby⸗ rinthiſchen Kampfplatz; und je ſtrenger die akademiſchen Geſetze ſich gegen den nächtlichen Straßenunfug der Stu⸗ denten äußerten, um ſo toller trieben's dieſe, allen Schar⸗ wachen und Pedellen trotzend. Hierzu kam die Sitte, daß faſt jeder Student in ſeinem Gefolge eine große engliſche Dogge führte, die im Nothfall ein Dutzend dienſtthuender Waden unbarmherzig zerfleiſchte. Aber ſelbſt die Bürger, die doch am meiſten unter dieſem Unfug litten, leiſteten den Studenten allen möglichen Vorſchub; denn Manchen dem die Diener des Geſetzes ſchon auf den Ferſen ſaßen, ine rettende Thüre auf, und er gelangte durch orte des Hauſes, freilich auf einem kleinen Woylbehalten in ſeine Wohnung. Actuar Kind⸗ Unheil krächzendes Käuzchen oder laut⸗ mit ſeinen Häſchern die nächtlichen faſt nicht mehr aus dem ohnmäch⸗ tigen Grimm beele heraus und ſeine trefflichſten Vorkehrungen erten an der Liſt der Studenten. Er kämpfte faſt beſtändig wie Don Quixote gegen Wind⸗ mmühlen. So hatte ſich in einer der verfloſſenen Nächte das Entſetzliche begeben, daß plötzlich wie auf ein unſicht⸗ 3 bares Signal, alle Thürſchellen in ganz Göttingen mit Macht gezogen wurden und die erſchrockenen Bewohner, als ſie ihre Fenſter öffneten, nirgends eine menſchliche Seele entdecken konnten. Das geiſterhafte Schellen und Klingeln währte bis zum Morgen, und Kindlinger, der ſammt ſeinen Straßen dur 3 athemloſen Begleitern, die ganze Nacht auf den Beinen geweſen war, gerieth zuletzt in einen Zuſtand von Ver⸗ zückung und redete heiſer, wie ein Irrer. Erſt das Grauen des Morgens verſcheuchte die Geſpenſter und löſte das Räthſel. An jedem Schellenzug hingen nämlich die abge⸗ nagten Ueberreſte eines Schinkenbeins, und während die Studenten in ihren Betten lagen, oder hinter verſchloſſenen Jalouſieen vor Lachen berſten wollten, zerrten ihre Hunde an den geköderten Schellenzügen, liefen davon, ſo oft ſich Menſchen nahten, kehrten zurück, ſobald es wieder ſtille geworden war. Man bezeichnete auch hier wieder den verſchlagenen„Hahnefritz“ als den Anſtifter dieſer muth⸗ willigen Uebelthat. Dieſes Ereigniß hatte viel Aufſehen gemacht und die akademiſchen Geſetze gegen jede Art von nächtlicher Stö⸗ rung waren um Vieles geſchärft worden. Um ſo mehr ſahen ſich die Mitglieder des Hainbundes dem würdigen Michaelis zum Danke verpflichtet, wenn auch ſich geneigt fühlte, ihm dieſen perſönlich morgen Ni abzuſtatten und ſeiner Einladung Folge zu geben. Man packte ſo geräuſchlos als möglich Tiſche und Stühle auf, ſammelte die Trümmer des Schrei— t's, Glasſcherben in das Tiſchtuch und kehrte damit auf Hahn's Stube zurück. Als die Lichter wieder angezündet waren, ſah man freilich manches ernſte bedenkliche Antlitz, und eine große Einſilbigkeit war an die Stelle des früheren Tumultes getreten. Nur Voß, bei dem die Excentricität, wenn ſie ihm einmal im Fleiſche ſaß, nicht ſo leicht von den Knochen fiel, wollte ſich nicht beruhigen und machte mancherlei ausgelaſſene Vorſchläge. Er wurde jedoch von den Freunden überſtimmt und man entſchied ſich zu einem ruhigen ſoliden Nachhauſegehen. Da man von Seiten — —— —— walte zwiſchen Beiden das ſtillſchweigende Uebereinkommen, 4 2 3 — 33— Kindlinger's einen Hinterhalt befürchtete, ſo wurde der Rückweg durch den Hof angetreten; man überkletterte mehrere Gartenmauern und Jeder fand ſich endlich in ſeinem Numero Sicher. Nur den armen„Hahnefritz“ erreichte die ſtrafende Hand der Nemeſis. Denn kaum hatte er ſich zu Bette gelegt und das Licht ausgelöſcht, als die Thüre geöffnet wurde und ſein erbitterter Hauswirth mit dem dicken Ober⸗Pedell Trumm vor ſeinem Lager ſtanden. Letzterer forderte im Namen des Geſetzes, daß er ihm ſogleich folgen ſolle, und obwohl Hahn ſchnarchte wie der ewige Landfrieden, die Liſt half ihn nichts. Er mußte aufſtehen und ſich in die Kleider werfen, wobei er den Schlaftrunkenen ſo trefflich agirte, daß ihm der Ober⸗Pedell gutmüthig die Hoſen an⸗ ziehen half. Dann ſtopfte er ſich eine große bequaſtete Pfeife und folgte dem Mann des Geſetzes. In jener Zeit der duftigen Dämmerung, welche die Griechen die heilige Frühe des Morgens nennen, durchwandelte er ſtumm neben ſeinem ſchweigſamen Begleiter die Straßen Göttingens; und nur, als das Hofthor des Carcergebäudes von innen geöffnet wurde und er einſchritt, ſprach er mit Pathos die Dante'ſche Höllen⸗Firma: Lasciate ogni speranza voi ch'entrate. Bald entſchlummerte der wilde Sohn ſeiner Zeit auf der hölzernen Pritſche in Nr. III., auch der„Fuchsbau“ genannt. — Bürger und ſeine junge Frau verlebten nun in der Amtswohnung zu Wölmershauſen unter einem ſchadhaften Strohdach ſehr ſtille Flitterwochen, und faſt ſchien es, als 1 — 34— welches ihnen das Gebot auferlegt habe, Eins das Andere zu täuſchen und ſelbſt an dieſe Täuſchung zu glauben. Auf Dora's Seele lag es wie ein ſchwerer undurchdring⸗ licher Nebel, und ſie hatte lange alle Sicherheit und Selbſt⸗ ſtändigkeit ihres Charakters nöthig, um ſich in dieſen ängſt⸗ lichen, ungeahneten Zuſtand zu finden. Wie ihr Bürger, nun ſie ſich auf ewig an ihn gekettet ſah, ſo ganz anders erſchien, als vordem, kam ſie ſich ſelbſt wie verwandelt vor; und ſo wenig konnte ſie ſich in ihre eig'ne, wie in des Geliebten Lage hinein finden, daß es ſie oft in muthloſen Stunden wie eine trübe Vorahnung befiel, ihrem jungen Bunde fehle der beſte Segen des Himmels. Sie ward irre an Bürger, an ſich ſelbſt, und doch wußte ſie nicht, von wannen die trübe Wolke aufgezogen war, die ſich mit Einmal ſo ſchattenhaft auf die freundliche Au ihrer Liebe und Hoffnung gelegt hatte. Sie überließ ſich in den erſten Tagen den niederſchlagendſten Vorſtellungen und maß ſich ſelbſt die größte Schuld dieſes traurigen Zuſtandes bei. Es kam ihr die Betrachtung, ob einem ſo edlen Geiſt wie Bürger ihr Beſitz genügen, ob es ihr möglich ſeyn könne, mit ihrer Liebe ſeine ganze Seele auszufüllen. Den Dichter in ihm, den mit hoher Fantaſie und lebendiger Schöpfungs⸗ kraft erfüllten Genius hatte ſie nie ſo recht in's Auge ge⸗ faßt, und ſie mußte ſich ſagen, daß nächſt Bürgers Per⸗ ſönlichkeit, ſein Ruhm und die allgemeine Verehrung, mit der ſein Name genannt wurde, dazu ſein Unglück, ihr be⸗ deutſamer und reizender erſchienen waren, als ſein tieferes Verſtändniß, als das Glück, ſich in ſein Inneres zu ver⸗ ſenken, mit hellen Augen in den Grund ſeines Geiſtes zu und bewege. So verxirrte und verwirrte ſich ihr Kununeri in einem. ſchauen, und zu theilen und mit zu leben, was ihn entzücke — 35——8 — Labyrinth von Zweifeln und Beſorgniſſen, und doch fand er nicht das Rechte. Zuletzt war es eben nur ein Kum⸗ mer, deſſen Linderung eine ſtandhafte Seele von der Alles verſöhnenden Zeit erwartet; und ſie gewöhnte ſich allmäh⸗ lig daran, ihrem Manne ein ruhiges, unbefangenes Antlitz zu zeigen. Doch jener Muth und jene Zuverſicht waren von ihr gewichen, ohne die es in der Ehe keine Liebe gibt, ſondern nur Dulden. Hätte Dora, mehr zuverſichtlich als ſie war und weni⸗ ger befangen, von dem Gefühl, Bürger nicht das ſeyn zu können, was er von dem Weib ſeiner Liebe erwartete, die Verhältniſſe mit ruhigem Blicke geprüft, hätte ſie das, was ihr darin vor Allem peinvoll und befremdend war, das Plötzliche, Unerwartete ihrer Lage in's Auge gefaßt, ſie würde bald das Loſungswort gefunden haben, um den Gram zu beſchwören, der auf Bürger's Antlitz ruhte, Aber Dora, ſeither ſo glücklich in der einfachen und natürlichen Löſung ſelbſt der verwickeltſten Lebenslagen und Conjekturen, verlor den Standpunkt dieſer glücklichen Naivetät, und der Verſuch, das traurige Räthſel pſychologiſch zu paraphraſi⸗ ren und auf die Organiſation von Bürger's Geiſt und Seelenzuſtände zurück zu führen, ſcheiterte an dem tota⸗ len Mangel des äußeren Moments; und ſie war liebend und unglücklich genug, dieſen auf Koſten ihres eigenen Werthes zu ſuchen. 8 Was ſie einſt harmlos und ahnungslos zu Bürger ge⸗ äußert, was ſie tauſendmal unter Scherz und Lachen ihm und Molly wiederholt hatte:„Ihr beide ſeyd in einander verliebt,“— dieſer Gedanke blieb ihr jetzt ſo fern und fremd, daß ſie ihn wieder völlig neu hätte auffinden K müſſen. Einen ſolchen Gedanken aber nur als Ahnung in ihrer Seele aufkommen zu laſſen, lag für ſie außer dem . 5⸗ — 36— Vermögen ihrer Combination; ſie konnte ihn wohl ehemals neckend ausſprechen, ihn ſogar als einen willkommenen heiteren Anlaß zu verliebtem Schmollen und ferſuͦchtiger Tändelei feſthalten, aber ihm Sitz und Stimme im In⸗ nerſten ihrer Seele zu geben, ihn zur Anklage gegen den Mann ihres Herzens zu erheben, das konnte ſie nicht! Eine unedle That zu denken, wäre für dieſe reine Seele ſelbſt eine unedle That geworden, und ſie hätte mit ſich anfangen müſſen, um dahin gelangen zu können, den Begriff Menſchheit ſo niedrig zu faſſen.„Alle Menſchen ſind gut, und die beſten ſind, die das wiſſen,“ war die Schlußphiloſophie ihres Herzens, und den Mann ihrer Liebe,— einer Liebe, die ihre ganze Seele ausfüllte— mußte ſie noch für beſſer halten. Shavarnnen hatte ſie nie gelernt noch weniger gekonnt. Das innigſte Gefühl war ihr immer das klarſte, der be⸗ wegteſte Zuſtand ihres Gemüthes zugleich auch der ruhigſte. Vürger trat ihr entgegen, wie nur immer einem edlen hochherzigen Weibe ein edler großer Mann nahen kann. Sein Ruhm, ſein Schickſal und die hohe Milde ſeiner Er⸗ ſcheinung rührten und entzückten ſie auf das Tiefſte. Mehr wahr als klug verabſchiedete ſie, noch ehe Bürger ein näheres Verhältniß eingeleitet hatte, einen reichen, ſeither von ihr begünſtigten Gutsbeſitzer aus Waldeck, der ihr ſo⸗ 4 gar ſpäter, da man ſie als Wittwe eines noch lebenden Mannes betrachten konnte, zum Zweitenmal ihre Hand an⸗ geboten haben ſoll, und wählte den armen Juſtitiarius* von Altengleichen, wählte ſein Strohdach, ſeine Dürftig⸗ Ni ſeine ungewiſſe Zukunft,— und das Alles mit dem laren Bewußtſein, daß auf Bürgers Beſitz das erſte und letzte Glück ihres Daſeins geſtellt ſey.— Aber Bürger konnte den Beſitz dieſes trefflichen Weibes nicht ſhagan und de 5 Opfer, welche ſie ihrer Liebe gebracht hatte, erſchienen ihm klein gegen die, womit er ſeiner Pflicht Genüge leiſtete. Und doch, mit welcher erlogenen, wir möchten faſt ſagen, ſpitzfindigen Redlichkeit handelte er nicht an dieſem Herzen voll Hingebung und unbedingten Vertrauens! Mit welcher kalten, erbarmungsloſen Logik hatte er nicht dieſes reine vertrauende Gemüth hintergangen und um ſeinen ſchönſten Traum betrogen! Das aber iſt jener kleinliche engherzige Zug in Bürger's ſonſt ſo edler Natur, der für ihn nach Innen und Außen zu einer ſteten Quelle der feindlichſten und ſchroffeſten Mißverhältniſſe wurde: er konnte ſich nie von einer gewiſſen Sucht zu moraliſiren frei machen, und doch war er nicht ſtark und redlich genug, dieſes ſittliche Gefühl zur erſten Potenz ſeines Herzens zu erheben. Eher ſchied er ſophiſtiſch ſeine Pflicht von ſeiner Liebe, ſtellte beide als widerſtrebende Gegenſätze hin und vernichtete Eine durch die Andere. So kommt zuletzt der ſelbſtiſche Menſch, der ſo edel und heroiſch zu handelnwähnt, in den ungeheueren Conflikt, daß er, um ſeinem Gotte dienen zu können, deſſen Altäre zertrümmert. Als wenn es ohne das ſittliche ein ideales Prinzip gäbe! Hierzu kam bei Bürger der fataliſtiſche Glaube, der all ſeinem Thun und Fühlen aufgeprägt war. Weil er mo⸗ raliſirte, mußte er an ein blindes Fatum glauben, um durch es dieſe unbequeme Moral nöthigenfalls zu anul⸗ liren. Dieſe fataliſtiſche Weltanſchauung, der er nur ſo lange widerſtrebt, als ihm ſeine Illuſion glückt oder er ſich in der Befriedigung des Beſitzes findet, iſt der Grundton ſeiner Natur, und bedingt das Verſtändniß ſeiner ganzen geiſtigen Organiſation. Seine Liebe wie ſeine Poeſie hallen davon wider, und Einer wie der Andern fehlt die Ver⸗ ounng durch's Leben. Eine wie die Andere verſöhnt nur — 38— der Tod und ſeiner Schrecken Schrecklichſter,— der Tod in der Schuld. Man leſe nur die Lenore, den wilden Jäger und die Pfarrerstochter von Taubenheim und man wird unſere Andeutung gerechtfertigt finden. Bürger gehörte nicht zu jenen Menſchen, die, wenn es in ihrem Gemüthe ſtürmt und wogt, der Umgebung ein ruhiges Aeußere zeigen können. Er wußte von keiner Ver⸗ ſtellungskunſt; und ſo ſehr er ſich auch in Dora's Gegen⸗ wart Gewalt anthat, ſie nicht ahnen zu laſſen, was in ihm vorging, die Unruhe und Reizbarkeit ſeines Weſens, die nicht ſelten beim geringſten Anlaß bis zum höchſten Affekt fich ſteigernde Erſchütterung ſeiner Gefühte, die Bit⸗ terkeit gegen alles ihn Störende, und dann wieder eine ertödtende Gleichgültigkeit und Niedergeſchlagenheit hätten ſelbſt einem weniger ſcharfen Auge, als dem der beküm⸗ merten Gattin nicht verborgen bleiben können. So gab es denn freilich in dieſer jungen Ehe manche beklommene Pauſe, manchen ſtummen Monolog; und die wenigen Stunden, welche dem geplagten Amtmann, der den ganzen Tag hinter Stößen von Actenfascikeln„in Sachen“ des.... contra den.... verſchanzt ſaß, für ſeine Erholung übrig blieben, waren ihm ſo karg zugemeſſen, die Sorgen bes unwürdigen Amtes drückten ihn ſo ſchwer, daß er nur wenige Zeit und dann immer grau vor Aerger und An⸗ ſtrengung außer der Gerichtsſtube zubrachte. Und denkt man ſich zu all' dieſem ihm ſo wenig zuſagenden dienſt⸗ lichen Verhältniß noch den am innerſten Herzen gebrochenen Dichter, den hohen Genius, der ſich immer und immer wieder in ihm aufringt, glühend in Haß und Begeiſterung an dem Eiſengitter rüttelt und nach Freiheit ſchreit, denkt man ſich lebhaft in all dieſe Zuſtände hinein, ſp wird es ſein Niemand wundern, daß Jeder, der ihn damals ſah, — * — 39— nahes Ende prophezeihte. Seine unverwüſtliche Lebenskraft ſchien nicht lange mehr gegen dieſe Stürme ausdauern zu können und nur das Bild der Einzigen und Hochgeliebten gab auf Momente ſeinem Auge den alten Glanz, ſeinem Herzen das alte Träumen zurück. Ein Glück für Dora, daß es ihr nicht gegeben war, eine Hand zu ergreifen, die ihr nicht angeboten, in ein Herz zu dringen, das ihr nicht geöffnet wurde. So weich und innig ſie ſchmeicheln und tröſten konnte, ſo vorſichtig und kalt war ſie, wo das Vertrauen fehlte. Und in der That— Bürger ward bezwungen von dem Ernſt, mit dem ſie ſeine Kälte ertrug, von der Freude, die jeder Sonnen⸗ blick ſeines umnachteten Lebens auf ihrem Antlitz ver⸗ breitete. Er beſaß Lügen⸗Dämon und Fantaſie genug, um in ihren weichen Armen ſeine Molly zu lieben und ſo das Heiligſte der Liebe, das reine Bild, ſeiner Sinnlichkeit zu opfern.— Aber auch der Dämon der Lüge hat ſeine ironiſchen Stunden, wo er recht wie ein guter Tragöde, die Täu⸗ ſchung aufgibt und ſich ſelbſt ſpielt. Da hilft kein fatali⸗ ſtiſches Raffinement und keine Sopbhiſtik des Herzens, und wie ein Phönix erhebt ſich der beleidigte Engel der Wahr⸗ heit ſonnenklar aus den unreinen Flammen.. Die Nacht war außerordentlich hell und der Mondſchein blitzte auf dem Schnee. Bürger lehnte an dem offenen Fenſter mit verſchränkten Armen und kühlte Stirn und Buſen am friſchen Hauch, der von der ſüdlichen Höhe über das weiße Gefild ſtrich. Kein Laut regte ſich; nur dann und wann knarrten die Räder der Kirchenuhr in das Rauſchen des Brunnens neben dem Hauſe; oder die — 240 Eiszapfen an dem grünen Tannenbaum vor dem Fried⸗ hofs⸗Thor ſchlugen leiſe im Wind klingend aneinander. Bürger's Empfindung ſtimmte trefflich zu der melancholi⸗ ſchen Umgebung; und wie er es ſchon als Kind geliebt hatte, einſame Orte, die einen romantiſchen Charakter hat⸗ ten, aufzuſuchen, in wilder ſchweigſamer Natur zu wandeln und ſich den Schauern der Oede und Dämmerung zu überlaſſen, ſo war auch dem Manne dieſe Neigung geblie⸗ ben und wohl hauptſächlich Veranlaſſung geweſen, daß er am äußerſten Ende des Dorfes, dicht neben der Kirche, eine Wohnung bezogen hatte. Das eeine Fenſter ſeiner Arbeitsſtube, an dem er oft halbe Nächte verweilte und ſich der angenehmen erſchütternden Empſindung überließ, die der melancholiſche Ort in ihm erweckte, ging nach dem Friedhof, der heute im tiefen Schatten der Kirche lag. Und in der That war die Umgebung, trotz der ländlichen Idylle und Einfachheit, reizend abenteuerlich, und mußte auf eine Fantaſie, wie die unſers Dichters, allen draſtiſchen Zauber der Romantik ausüben. Da das Mondlicht auf der entgegengeſetzten Seite durch die Fenſter in die Kirche fiel, ſo konnte man durch die runden Scheiben der hohen, ſchmalen Fenſter, welche nach dem Amthaus gingen, in das Innere der dämmernden Kirche ſchauen, hinter deren Pfei⸗ lern der Mondſchein wie mit leiſem Geiſterſchritt zu wan⸗ deln ſchien. Deutlich unterſchied man zur Seite der Or⸗ gel den aus Holz geſchnitzten und gemalten Engel mit der goldenen Poſaune des jüngſten Gerichts an dem Mundez und auf dem Leſepult der Kanzel lag die große ſchwarze Bibel aufgeſchlagen, wie der Prieſter einer unſichtbaren Gemeinde. Auf dem Friedhof ſelbſt, der an der Straße mit einer Einfaſ⸗ ſung von kunſtlos übereinander gelegten Feldſteinen ver⸗ ſehen war, ſtanden mehre Tannenbäume, deren Schatten 1 4 — V — 41— wie ein Traueraltar auf die ſchneebedeckten Grabhügel nieder fiel. Hier und da flimmerten von den ſchwarzen Kreuzen ein Gold⸗Buchſtaben oder eine blaue Glasperle. Neben der Kirchthüre lag unter einer bretternen Verdachung die Todtenbahre. Auf ihr hatte der vorige Nachtwächter, ein närriſcher Kauz, während 30 Jahren manches Räuſch⸗ chen und manches:„Bewahrt das Feuer und das Licht“ friedlich verſchlafen, und eines Morgens war er hier aller Dienſtpflicht ledig, als Leiche gefunden. Die Einbildungs⸗ kraft der Dorfbewohner ſieht noch manchmal den alten Geſellen auf der Bahre ſitzen, das Nachtwächterhorn zwi⸗ ſchen den Knieen, und die Wache verſchlafen. Neben dem Amthaus befand ſich in einem Hügel eine gewölbte Brunnenſtube, in der es beſtändig rauſchte und plätſcherte. Auch dieſes Waſſer hatte die geſchäftige Fan⸗ taſie der Landleute mit einer anmuthigen Sage ausge⸗ ſtattet. Denn in der Tiefe des Hügels wohnte eine ver⸗ wünſchte Nixe, die„ſchöne Kalli“ genannt, ein wunderlieb⸗ lich Sarazenenkind aus Damascus. Eine Zauberin und wohlerfahren in hölliſcher Liebeskunſt, hatte ſie einen deut⸗ ſchen Ritter, dem Sarazenen⸗Säbel eine tiefe Wunde in die Bruſt geſchlagen hatten, in ihr Haus aufgenommen und ſeine Wunden geheilt. Als er geneſen war, warf ſie ihre beiden Kinder in einen tiefen Brunnen und floh mit dem Geliebten aus dem Haus ihres Mannes. Mit dem Waſſer des Brunnens neben dem Amthaus wurde ſie ſpäter zur Chriſtin getauft. Aber die ſchöne Heidin mit den ſchwarzen Augen konnte ihre alten Götter und die böſen Zauberkünſte nicht ver⸗ geſſen, und täglich ſchlich ſie in den Abendſtunden vom Schloß nach dem Brunnen, warf fluchend einen Stein in's Waſſer, wobei ſie ſich über daſſelbe beugte und die — 42— Namen ihrer beiden Kinder nannte. Aber das Waſſer er⸗ griff die Abtrünnige und zog ſie hinunter in ſeine ſchatten⸗ hafte Tiefe. Wenn's nun Frühling wird, kommen zwei Heidelerchen aus dem Morgenland geflogen, tauchen die kleinen Schnäbel in das Waſſer und ſingen allnächtlich in dem Fichtenbaum, der auf dem Hügel ſteht. Bürger fühlte ſich am heutigen Abend in einer überaus freien und gehobenen Stimmung der Seele, wie ſie ihm lange nicht gekommen war. Neues verjüngtes Leben floß durch ſeine Adern, ſeine Bruſt wurde weiter und das Auge ſeines Geiſtes ſchaute nach langer Zeit wieder einmal hell über Leben und Sorgen hinaus in die goldne Welt ſeiner Träume und Ahnungen. Wie Trunkenheit überkam ihn dieſe Ruhe, dieſer Frieden in der unendlichen Schöpfung, und hätte er heute, in dieſem glücklichen leid⸗ und neid⸗ loſen Zuſtand am Himmel ſeinen guten Stern geſucht, er würde ihn gefunden haben. Dora war in Niedeck. Ein Brief von Molly hatte ſie dieſen Morgen an das Lager des plötzlich ſchwer erkrankten Vaters gerufen und Bürger wollte ihr mit der Frühe des andern Morgens dahin nachfolgen. Dieſer Gedanke war es, der ihn wach und hell erhielt; und wie bedenklich auch die Veranlaſſung dieſes plötzlichen Wiederſehens der Geliebten war, für ſein Herz gab es nur ein Gefühl, welches wir dem eines Schiffbrüchigen vergleichen mögten, den eine gnädige Welle aus der Bran⸗ dung an das ſichre Ufer trägt. Er erwacht und ſieht ſich geborgen! 3 Es lag der Gedanke ſo nah, was nach dem Tod des alten Leonhart aus Molly werden ſolle? In Niedeck konnte ſie nicht bleiben, denn dort mußte das herrſchaftliche Amt⸗ haus geräumt werden. Molly's Bruder ſtudierte dermalen 3 3 4 1 — ——— 4 4 — 13— noch in Halle; ihre älteſte Schweſter, an einen Arzt im Hannövriſchen verheirathet, lebte zwar in glücklichen ſor⸗ genfreien Verhältniſſen, aber ſie hatte zwei Kinder und ein drittes dazu hätte ihr zu viel Laſt gemacht. Bürger ergriff unwillkührlich das Licht und trat in das anſtoßende grüne Zimmer. Hier lag es bunt und unor⸗ dentlich genug durcheinander, obgleich es das Staatszim⸗ mer war. Auf dem Sopha Wäſche, auf dem runden Tiſch davor unter einer Serviette die Ueberreſte eines kalten Bratens, auf dem Ofen Citronen, unter demſelben ein Vorrath Seife und das Bett ohne Ueberzüge und Gar⸗ dinen. Ohne eigentlich recht zu wiſſen, was er wollte, ſchloß er Dora's nußbaumenen Weißzeug⸗Schrank auf und legte die Wäſche in die Gefächer; dann trug er die Platte mit dem Braten in die anſtoßende Vorrathskammer, und die Citronen, die Seife, und mehre Töpfe mit eingemachten Früchten mußten ihm dahin folgen. Bürger wurde immer geſchäftiger und lächelte ſelbſt über die Ordnungsliebe, die ihm doch ſonſt nicht angeboren war. Erſt als ein Por⸗ cellantopf mit ſüßen Kirſchen unter ſeinen Händen zerbrach und ſein blutrother Inhalt auf der Erde lag, kam er zur Ueberlegung, und ließ das weitere Aufräumen geſchickteren Händen. Der zerbrochene Topf blieb auf den Dielen lie⸗ gen; dieſe Kirſchen zum Wenigſten ſollten nicht gegeſſen werden! Die Natur iſt wie das Auge, das ſie anſchaut, wie das Herz, das ſie ſucht. Als Bürger, aufgeregt durch die ungewöhnliche Arbeit wieder an dem Fenſter ſeiner Studierſtube ſtand, ſchien licherweiſe auch wieder geſunden und Molly dann wie ſeit⸗ her in Niedeck bleiben würde. Auf dieſe Weiſe umfing er — 44— es ihm, als habe die Nacht einen anderen ſchattenhafteren Charakter angenommen. Der Mond, der ſeither voll und leuchtend am Himmel geſtanden, war hinter Wolken ge⸗ treten, und der Schnee, der vorhin in blendender Helle wie Kriſtall geklitzert hatte, bildete nun einen grauen ton⸗ loſen Grund; der Kirchhof mit ſeinen Gräbern lag nun ganz im Schatten, und die Tannenbäume ragten ſchwarz und formlos daraus hervor; kurz alle Gruppen der Um⸗ gebung hatten mit einmal eine and're nachtſchattige Phy⸗ ſiognomie erhalten. Aber Bürger war zuviel mit Anderem beſchäftigt, als daß er von dieſer Verwandlung in der Außenwelt Notiz genommen hätte. Der Gedanke an die Möglichkeit von dem Tod ſeines Schwiegervaters und die Frage was dann aus Molly werden ſolle, beſchäftigte immer lebhafter ſeine Seele; und jenes Gefühl, das ihn vorhin ſo plötzlich an⸗ getriekgam hatte, dem Schickſal vorzugreifen und der ver⸗ laſſenen Molly ein freundliches Aſyl unter ſeinem Dache zu bereiten, wurde bald zum feſten Entſchluß und erfüllte ſeine Einbildungskraft mit den reizendſten Situationen. Wie er vorhin dasjenige, was doch nur bedingterweiſe ge⸗ ſchehen konnte, bereits factiſch in der grünen Stube im voraus durchlebt, und die bloße Sehnſucht nach Molly's beſtändiger Nähe bereits als ſchöne Erfüllung ergriffen und auch, bis auf den Porcellantopf mit den ſüßen Kir⸗ ſchen feſtgehalten hatte, ſo hatte die Clairvoyance ſeines Herzens gleichfalls keinen Grund mehr, an der einen un⸗ bedeu tenden Ausſicht zu erblinden, daß der Vater mög⸗ ſein Herz und ſeinen Verſtand mit eitlen Illuſionen und der fataliſtiſche Philoſoph in ihm ward immer geſchäftiger. — 4— 45—— Jenes unheimliche Erlebniß an dem Altar zu Niedeck, deſſen Erinnerung er ſeither immer, wie ein Schrecken ohne Ende von ſich gewieſen hatte, erſchien ihm mit ein⸗ mal in einer ganz anderen Bedeutung; und von ihm, wie aus einem Brennpunkt gingen aus und kehrten dahin zurück alle Radien ſeiner Fantaſie und Sehnſucht. Hier fand er das Loſungswort ſeines Lebens; hier entwirrte ſich ihm klar und einfach zum holdeſten Glück das grauſe Verhängniß, das ihn zu vernichten gedroht hatte; hier rechtfertigte eine höhere Autorität auch eine höhere Welt⸗ anſicht, und bald ſtand er mit allen Sophismen und Evangelien ſeines Herzens auf einer Höhe, wo er ſich und ſeine Liebe ſicher wähnte vor allen Satzungen und mora⸗ liſchen Zuthaten des gewöhnlichen Lebens, ſelbſt ſicher vor den Conflicten ſeines Inneren und der mahnenden Stimme ſeines Gewiſſens. An dem Altare zu Niedeck hatte ſich ja ſeine Seele in unſterblicher Liebe mit Mollzzg Seele vermählt, dort hatte er ja, a ihr hinüber, für Zeit und Ewigkeit das Wort der Treue geſprochen und die einzige Liebe ſeines Herzens in Gebet und Ahnung zur heiligen Weihe ſeines Geiſtes erhoben. War es auch Dora's Hand geweſen, die der Prieſter ſegnend in die Seine gelegt hatte, war er auch durch den Ausſpruch der Kirche vor der Welt ihr Mann,— Bürger hielt ſich nicht für verpflichtet, eine Autorität anzuerkennen, die ſo unverzeihlich irrt, und ſich ihrem tyranniſchen Geſetz zu fügen.— Sein Tempel war die Gartenlaube von Niedeck. Dort hatte ihm, dem Geäng⸗ ſtigten, dem Bedrängten der unerforſchliche Himmel in Molly ein ſichtbares Zeichen geſandt— dort in dem Gethſe⸗ mane ſeines Lebens war ihm Verheißung geworden, und Molly ſelbſt— als hätte auch ſie dieſen Moment, der ſie auf ewig von ſeinem Herzen zu reißen drohte, in ſeiner +— ÿÿͤ — 46— einzigen wahren Bedeutung erfaßt und empfunden, war ja an ſeine Bruſt geſunken, hatte ihn krampfhaft umſchlun⸗ gen, und den Kuß geſucht und gefunden, der das Symbol ihres Liebesbundes ſeyn ſollte. So corrigirte Bürger den kleinen Sprachfehler in dem Niedecker Kirchenbuch; ſo corrigirte er den groben Verſtoß des Schickſals, und wie vorhin in der grünen Stube, ſo räumte er jetzt in ſeinem Inneren Alles auf, was ihn ſtörte und hinderte, und Scherben und Ruinen kümmerten ihn nicht. In großer Aufregung ſchritt er durch das Zimmer, und achtete nicht der tief herabgebrannten Kerze, nicht des Flü⸗ ſterns der Tannenbäume vor dem offenen Fenſter. Die Thurmuhr verkündete Mitternacht, er ſah nach den Wol⸗ ken, wie ſie dahin zogen am dämmernden Himmel nach den Bergen, hinter denen Niedeck lag. Seitdem er verheirathet war, hatte er Molly nicht wieder geſehen und nur wenige flüchzige Zeilen, die er aber unbeant⸗ wortet gelaſſen hatte, waren das einzige Zeichen ihres Lebens geweſen. Wie vieles hatte ſich nicht ſeit jenem Tage bege⸗ ben, wovon Molly keine Ahnung hatte; wie war ſie, und immer nur ſie während dieſer langen Zeit, die ihm länger dünkte, als ſein ganzes voriges Leben, der einzige Gedanke ſeiner Seele, das einzige Bild ſeiner Träume geweſen? träumt, wovon ſie keine Ahnung hatte und was doch Alles nur zu ihr und ihrem Beſitz hinſtrebte. „Sie wird mich nicht mehr kennen,“ ſagte er ſich und ſein Blut ſtockte, als ihn die Frage überraſchte: Und wie wirſt du ſie finden? Wie wirſt du beſtehen vor dieſer rei⸗ nen Seele, vor dieſem Himmel ihrer Augen? Wie willſt * Was hatte er nicht Alles empfunden, erſehnt und ge⸗ — 47— Lieblichkeit, du, der du es tauſendmal in deiner wilden ſinnloſen Leidenſchaft durch freche Lüge vor Gott und dei⸗ nem Herzen entehrt und getrübt haſt? Er dachte an ſeine Brautnacht— an die ungeheuere Lüge, mit der er damals in Dora's Armen ſeine Molly beſaß, auf Dora's Lippen in ſeiner Molly ſüßeſten Küßen geſchwelgt hatte. Das war Bürger nicht gegeben, ſich Qualen zu er⸗ ſparen und Vorwürfe, die nur in einem ſo fein organiſir⸗ ten Gemüth einen Widerhall finden konnten. Er hatte Stunden, wo er ſich die Hände hätte rein waſchen mögen von dem Mord einer Blume, von der Entweihung eines ſchönen Gedankens; und in ſolchen Stunden einer räthſel⸗ haften, namenloſen Angſt hätte er ſeine Seele dahingegeben, nur um ſie ohne Reue aushauchen zu können. Wohl ſelten hat ein Gemüth von dieſer heiteren, leichten Verfaſſung ein ſo ſchwerfälliger, lähmender Hypochonder bedrängt, als das unſers Dichters. Naiv, wie den Freuden des Lebens, uͤberließ er ſich dann den düſtarſten Gedanken, und die außerordentliche Reizbarkeit ſeiner Nerven, verbunden mit einer leicht erregbaren Fantaſie und der Luſt, ſich mit allen Dämonen ſeines Inneren herumzujagen, plagte und betäubte ihn nicht ſelten bis zum Uebermaß. So war es wenig⸗ ſtens früher geweſen; und ſeine Freunde nannten ihn dann einen indiſchen Fakir, der ſich die Nägel ſeiner zuſammen⸗ gepreßten Hände in's Fleiſch wachſen laſſe. In dieſer Nacht war Bürger glücklicher, wie er dann „ überhaupt von dem Moment an, wo Molly„wie ein Stern vom Himmel in ſein Leben fiel“ ſolcher trübſeligen Hypo⸗ chondrien leichter Meiſter ward, da ſein äußeres Daſeyn und die neue Lage der Dinge um ihn herum ihn bald and Hallloſe einer ſolchen ſublimen Empfind⸗ Aichteit aufflarten. Das Schickſal nöthigte ihm hald die Bemerkung auf, daß die Leiden, die es erfindet, größeren Muth zum Ertragen wollen, als die, welche Trübſinn und Selbſttäuſchung uns bereiten; und wie mehr und mehr die Liebe zu Molly in allmächtiger Wahrheit ſein Gefühl als einzige Sebnſucht beherrſchte, ſo mußten auch jene lähmen⸗ den, prickelnden Sorgen ſchwinden, die er ſonſt ſo geſchickt aus der grauen Atmoſphäre ſeiner Melancholie aufgegriffen hatte. Jeremiä ſchwermuthsvolle Elegie verſtummte, und das„hohe Lied von der Einzigen“ rauſchte in pomphaftem Rhythmus durch ſeine Seele. Jenes Gefühl, das ſonſt eine ſchwärmeriſche Natur aus dem Leben der Realität ſo reizend in das dämmernde Ely⸗ ſium der Träume lockt, es wurde für ihn durch die Ver⸗ hältniſſe, zu einem Object ſeines Verſtandes, zu einer That ſeines Lebens; und er mußte allen Scharfſinn, alle Energie ſeines Geiſtes aufbieten, ſich einen Beſitz anzueignen, den ihm die Welt ſtreitig machte, den er vor keinem Richterſtuhl der Menſchheit als ein Recht anſprechen durfte. Zum erſtenmal bot ihm das Leben einen Kampf um des Lebens höchſten Preis. Er durfte dieſen Kampf mit allen gefei'ten Waffen ſeines Geiſtes, mit der gottvollen Caſuiſtik ſeines Herzens beginnen, und ſein beſtes Blut ihm weihen. Zum erſtenmal galt es dem ſo oft und bitter Getäuſchten, dem ſeither„alle Palmen, eines beſſern Lenzes werth“ früh geſtorben waren, ihm galt es nun, ſeine hohe und einzige Sehnſucht, weit über das Gewöhnliche und Beſtehende hin⸗ aus, in entzückender Liebe feſtzuhalten und ſie zur ſchick⸗ ſalsvollen heroiſchen That zu erheben; ja vielleicht war es eben der tragiſche Moment dieſer Verhältniſſe, was ihm einen Kampf mit ihnen ſo reizend als unabwendbar machte. „Ich wüthender Löwe, der ich oft weder meines Menſche verſtandes noch Herzens mächtig war, hätte Vater un — 49— Bruder, die ſie mir hätten ſtreitig machen wollen, mit den Zähnen zerriſſen; in meinem Wahnſinn hätt' ich lieber meiner eigenen Glückſeligkeit, als dem Himmel ihres Ge⸗ nuſſes entſagt u. ſ. w.“ Wir werden auf dieſes merkwürdige Selbſtgeſtändniß, das er in einer Zeit und in einer Lage gab, die ihm jede Täuſchung ſeines Herzens unmöglich machte, ſpäter zurück⸗ kommen, und erwähnen ſeiner hier nicht ſowohl, um Be⸗ kanntes zu motiviren, als vielmehr um dem Leſer mit Bür⸗ ger's eigenen Worten den Standpunkt anzugeben, von dem aus die folgenden Ereigniſſe ſeines Lebens zu beurtheilen ſind. Wer ſo die unabwendbare Entſcheidung ſeines Verhäng⸗ niſſes zur erſten Bedingung ſeiner glücklichen Zukunft hin⸗ ſtellt, der muß entweder wie Ferdinand Cortez, nachdem er ſeine Schiffe am fremden Strand verbrannt hat, eine neue Welt ſich erobern; oder dem Jammer einer Reue er⸗ liegen, die keine Zeit verſöhnt, und kein Heroismus, kein Gebet und kein Fluch— einer Reue, wie ſie der Lebens⸗ müde fühlt, der ſich in's Waſſer geſtürzt hat und im Sinken nach Rettung ſchreit. Als Bürger auf ſeinem braunen Gäulchen gegen Mittag des andern Tages in den Hof des Niedecker Amthauſes einritt, war es darin ungewöhnlich ſtill und Niemand er⸗ ſchien, ihn zu bewillkommnen. Selbſt Friedrich, der Diener des Hauſes, beeilte ſich nicht, ihm wie ſonſt das Pferd abzunehmen und Bürger mußte es ſelbſt in den Stall füh⸗ ren. Dann trat er in die Hausflur, und auch hier war Alles wie ausgeſtorben; er legte ſein Ohr an die Thüre der Wohnſtube— kein Laut; er ging nach der gegenüber lie⸗ genden Stube, dieſelbe Stille. „Da ſteht es ſchlimm!“ ſagte er ſich, und trat ohne an⸗ zuklopfen in das Wohnzimmer; es war leer. 4 „Sie ſind oben bei dem Kranken“ dachte er, und ſetzte ſich auf einen Stuhl am Fenſter. Er wollte warten, bis Jemand käme, der den Schwiegervater von ſeiner Ankunft benachrichtige, denn unvorbereitet wagte er nicht vor ihm zu erſcheinen. Er ſelbſt fühlte ſich äußerſt beklommen in der ſtillen Stube, und ernſt ſah ihn ſein Portrait an der ” Wand in goldenem Rahmen an, als wolle es ſagen: Ich bin nicht du. Da hörte er Schritte auf der Treppe, es war Molly's Stimme, und in dem:„Ja wohl, Mam⸗ ſellchen“ erkannte er, daß ſie mit Friedrich ſprach. „Geh' ihm bis an den Wald entgegen,“ ſagte ſie;„und wenn er Dich ſieht, wird er ſchon wiſſen, was in Niedeck ſeiner wartet.“ Bei den letzten Worten hatte ſie die Thüre geöffnet; aber ihr Geſicht war noch zu dem Knecht gewendet; und erſt als dieſer durch die geöffnete Thüre Bürger's anſichtig wurde und uͤbervaſcht in die Stube deutete— wandte ſich Molly um. Sie war bleich wie der Tod, kein Blutstropfen in ih⸗ rem Antlitz. Aber kein Zeichen der Ueberraſchung und des Staunens gab ſich in ihren Mienen, ihrer Bewegung kund, als ſie Bürger's anſichtig wurde. Sie gab ihm die Hand, ſie ließ ihm die Hand, und ihr großes Auge blickte ihn lange ſtumm und glanzlos an. „Todt?“ fragte Bürger erſchüttert. „Ich kann nicht weinen,“ erwiederte ſie mit einer Stimme ohne Klang, und ein Fröſteln durchſchauerte ihren Körper. Bürger führte ſie auf das Sopha. Sie legte ihr Haupt ſchwer auf ſeine Schulter und ſeine Hand feſt zwiſchen die ihrigen gedrückt, die kalt waren wie Eis, blickte ſie ſtarr vor ſich hin. „Rede doch, Molly!“ flehte Bürger in namenloſer Angſt. „Mit den Worten kommen Dir auch die Thränen, und mit ihnen Linderung Deines Schmerzes.“ „Mein Schrecken iſt größer, als mein Schmerz,“ erwie⸗ derte ſie.„Hätt' ich ihn nicht ſterben ſehen— ich könnte vielleicht weinen. Aber das Sterben, Bürger, das Ster⸗ ben iſt ſchrecklich! Wer's anſieht mit meinen Augen, der ſtirbt mit.“ „Der edle Mann hatte noch viel zu leiden?“ fragte Bür⸗ ger und barg ſein Antlitz weinend in der linken Hand. Und wie der kühle Thau der milden Nacht auf die lech⸗ zende Blume, ſo fielen ſeine Thränen auf Molly's Hände und in ſeinem Weinen fand auch endlich ſie die lang ent⸗ behrte Thräne; die lähmende Angſt wich von ihrer Seele, ihre Hände erwärmten ſich und ein leiſes Nervenzucken verrieth ihm das wiederkehrende Leben. Bald darauf erſchien auch Dora, die man von Bürger's Ankunft benachrichtigt hatte. Er ſaß noch bei Molly auf dem Sopha, und zog ſie zu ſich nieder an ſeine andere Seite. Aber wie verſchieden von Molly's Trauer war die Ihrige!— Während dieſe wie vergeiſtert, ein leibhaf⸗ tiges Bild der ſtummen Verzweiflung, jedem Troſte unzu⸗ gänglich, ihrem Schmerz um den todten Vater zu erliegen ſchien, zeigte Dora eine Ruhe und Faſſung des Gemüthes, die um ſo mehr zu bewundern war, als es ihr nicht, wie Molly vergönnt geweſen, ſich auf einen ſolchen Verluſt vorzubereiten, als ſie erſt am Krankenbett erſchienen war, da der Engel des Todes ſchon zu ſeinen Füßen ſaß, und der Sterbende ſie nur noch mit einigen unverſtändlichen ſchwachen Lauten begrüßen konnte. Von ihr erfuhr Bürger die näheren Umſtände der Krank⸗ heit und des ſchnellen Todes ſeines Schwiegervaters, und während ſie ihm erzählte, was die Aerzte ihr darüber mit⸗ . 4*½ — 52— getheilt hatten, ſchien Molly, noch immer das Haupt auf ſeine Schulter gelehnt, ſanft zu ſchlummern. Beide betrachteten mit Rührung ihre blaſſen Züge, und Dora äußerte die Befürchtung, ſie möge ihrem Schmerze erliegen.„Fünf Nächte hat ſie nicht geſchlafen,“ ſagte ſie leiſe;„und wie ich ſie auch geſtern Abend bitten mochte, ſich zu Bette zu legen, ſie war nicht von dem Vater weg⸗ zubringen und ſelbſt als er ſchon eine kalte Leiche war, ſaß ſie noch an ſeiner Seite, redete mit ihm und trocknete mit einem Tuche ſeine Stirne. Wir konnten ſie nicht überreden, daß der Vater ihrer Wartung nicht mehr be⸗ dürfe, daß er ihre Worte nicht mehr höre. Sie verſicherte uns, daß er nur ſchlummere, betheuerte, wie ſie den Schlag ſeines Pulſes und die Wärme ſeines Athems ſpüre, und jeden Verſuch, ſie von dem Bette wegzubringen, wieß ſie mit Heftigkeit zurück. Nur wenn ihre Hand ſeine kalte Leiche berührte, ſchrack ſie zuſammen, ſah bald uns, bald den Todten zweifelhaft an und redete in irren Worten. Die Aerzte drangen zuletzt darauf, daß ſie das Zimmer verlaſſen müſſe, aber ſie that es erſt gegen Mitternacht, nachdem wir ſie auf ihren ausdrücklichen Willen durch das Oeffnen einer Ader überzeugt hatten, daß hier alle Hoff⸗ nung dahin ſey. Ich wußt es ja, ſagte ſie, als kein Blut floß; er war ja auch ſo ſtumm— ſo kalt— und hieß mich nicht mehr ſchlafen gehen. Und ohne Widerſpruch verließ ſie nun das Zimmer. Gottlob; daß ſie jetzt ſchläft und ihre zerrüttete Natur ſich erholen kann.“ Dies und anderes erzählte Dora ihrem Manne und Bürger meinte, Molly ſchlafe jetzt ſo feſt und die Er⸗ ſchöpfung ihrer Lebensgeiſter ſey ſo groß, daß man ſie auf das Sopha legen könne, ohne ſie aufzuwecken. Aber ſobald er ſich regte, ſprach ſie ein paar unverſtändliche . 9 — 53— bittende Worte und jeder noch ſo behutſame Verſuch Dora's, ſie in eine bequemere Lage zu bringen, ließ ihr Erwachen befürchten. Einmal ſagte ſie:„Laß mich doch bei ihm!“ und ſpäter:„Du machſt mir Schatten, Dora.“ Es war nichts zu ändern, und Bürger mußte ruhig auf dem Sopha ſitzen bleiben. Molly's Zuſtand glich völlig dem einer Somnambulen; aber nur, wenn ſie zu Bürger redete, war in ihren Worten Sinn und Klarheit. Dora, die nach dem Arzt geſchickt hatte, kehrte mit ihm in das Zimmer zurück. Er verſicherte, daß dieſer traumhafte, ſchlaftrunkene Zuſtand nichts befürchten laſſe, und nur den natürlichen Uebergang der heftigſten Erſchütterung zu einem wohlthätigen, ruhigen Schlummer bilden werde. Und in der That entſchlief Molly allmählig und man konnte ſie auf das Sopha legen. Als Bürger endlich ſeiner ſüßen eigenſinnigen Laſt ledig war, ging er hinauf zu dem alten„Buchonkel“, einem Bruder von Dora's und Molly's längſt verſtor⸗ bener Mutter, der ſeit vielen Jahren in dem Hauſe wohnte, von ſeinem Brode aß und von ſeinen Reben trank.„Buch⸗ onkel“ nannten ihn die Kinder ſeiner Schweſter, weil er beſtändig buchbinderte und pappendeckelte, und ſie ihm gar manches artige Spielzeug abzuſchwatzen wußten. Onkel Chriſtian war ein altes gutmüthiges Kind, in deſ⸗ ſen dünnem, mit äußerſt ſauberen Silberlocken beſetztem Köpf⸗ chen es wohl ehemals gar wunderlich und romantiſch ge⸗ ſpuckt hatte. Der Schalk in ihm war noch immer rüſtig und der himmelblaue Querſtrich der Ueberſpanntheit, der durch ſeinen Verſtand lief, noch immer nicht ganz erloſchen. Man traute ihm fortwährend, beſonders zur Zeit der Juliſonne, ein bischen Narrheit zu und war dann gewöhnt, ein achtbares Auge auf ihn zu haben. Er konnte ſein ver⸗ noch manchmal an Tunis und Algier den Krieg, rüſtete Galeeren aus und ſchloß mit den reichen Venetianern einen lorenes Königreich Korſika nicht vergeſſen und erklärte neuen Handelstractat, wodurch ihm die Schiffahrt in der Levante auf weitere 20 Jahre geſichert wurde. Sonſt lebte er mit aller Welt in Frieden, nur den Portugieſen traute er nicht. Das war ein ſpitzbübiſches Krämervolk, das auf allen Meeren herumſchacherte und ihm ſchon viele Schiffe weggekapert hatte. Als Bürger in ſeine Stube trat, fand er den„Buchonkel“ mit verſchränkten Armen am Ofen ſitzend, die Füße mit den dicken grauen Filzſchuhen gegen deſſen Thürchen geſtemmt. Sein Anzug war äußerſt legèr und nachläſſig, man ſah es ihm an, daß er wenig Sorgfalt darauf verwandte, wie es denn zu den Launen ſeines eigenſinnigen Alters ge⸗ hörte, daß er ein Kleidungsſtück ſo lange trug, bis man es ihm heimlich wegnahm und es mit einem beſſeren ver⸗ tauſchte. Heute war er in einen verſchabten, blauen Rock gekleidet, der mit Hülfe einer Kortel und des einzigen ſtandhaften Meſſingknopfes über der Bruſt zuſammengehal⸗ ten war. Unterfutter und Wattirung ſchauten überall neu⸗ gierig heraus und die Aermel glänzten ſpiegelhell von dem Klei ſter und der Mehlpappe, die ſie überkruſtete. Er trug kurze, braune, lederne Hoſen, die über den Hüften mit einem Schnallengurt feſtgehalten und unter den Knieen mit hochrothen Bändern, welche einem Malvolio Ehre ge⸗ macht hätten, zuſammengebunden waren. Seine unterge⸗; ſetzte Geſtalt war durch die Laſt der Jahre noch mehr zu⸗ ſammengedrückt und eine Lähmung der linken Seite gab ſeinem Oberkörper eine ſchiefe, gebückte Haltung. Der„Buchonkel“ hielt in Allem große Stücke auf Bür⸗ 4 ger und nannte ihn immer nur ſeinen lieben Amplissimus 7 4 7 — 55— laureatus. Auch Bürger hatte es gern mit dem alten, wunderlichen Manne zu thun und die barocke Eigenthüm⸗ lichkeit ſeines Weſens, ſowie die hartnäckige Conſequenz, mit der er ſeit vielen Jahren an gewiſſen firen Ideen feſthielt und ſich durch nichts in ſeinen wunderlichen Chimären irre machen ließ, intereſſirten ihn immer wieder von Neuem, zumal der Alte, trotz ſeiner närriſchen ver⸗ ſchrobenen Einfälle nicht ſelten in ſeinen Gedanken eine Originalität und einen Witz bekundete, der zweifelhaft ließ, ob man es mit einem weiſen Narren oder mit einem när⸗ riſchen Weiſen zu thun habe. Selbſt ſeine Narrheit er⸗ ſchien dann wie eine höhere Inſpiration, oder nahm den Character eines unheimlichen Humors an, der ſich an den Fratzen ſeines eignen Tiefſinns ergötzt, und Wahrheit und Lüge bunt und ſcheckig durcheinander unter die Nebel⸗ kappe der Ironie ſteckt. Der„Buchonkel,“ ohne bei Bürger's Erſcheinen ſeine Stel⸗ lung zu verändern, nickte dem Eintretenden freundlich ent⸗ gegen und mit der Fläche ſeiner beiden Hände mehrmals haſtig auf die ledernen Hoſen klatſchend, ſagte er: „Die Geſchichte wird immer drolliger, und wenn das ſo fort geht, ſchießen mir die Rothnaſen von Liſſabon noch meinen letzten Dreimaſter in den Grund. Wollen Sie mir nicht beiſtehen, lieber Vetter, und mir zu einem leid⸗ lichen Frieden verhelfen? Die Hallunken jagen mich ſonſt noch aus dem mittelländiſchen Meer hinaus, und eines Tag's „ ſegelt der Vasco de Gama an meine Küſten und beſchießt mir Baſtia und Calvi. Aber ſo weit darf es nicht kom⸗ men, und ich überlege eben, wie wir's am beſten angreifen, um für Korſika einen dauernden Frieden zu gewinnen. Da drüben, ach du lieber Gott! da drüben liegt eine ſtumme Leiche, und wenn mein guter Schwager gewußt hätte, wie — 56— ſauer mir das Regieren wird, er hätte mich gewiß nicht im Stiche gelaſſen.“ „Es geht uns Allen ſauer, guter Buchonkel,“ ſagte Bür⸗ ger, ergriffen von der wunderlichen Begriffsverwirrung des Alten, in deſſen Kopf heute gar keine klare Vorſtel⸗ lung haften wollte.„Aber laſſen Sie mich nur machen,“ fügte er zuverſichtlicher hinzu;„ich denke, das Kabinet von Liſſabon wird Vernunft annehmen und uns künftig in Ruhe laſſen.“ „Gut, gut, ich überlaſſe das Ihrer Einſicht, Magiſter laureatus,“ verſetzte Jener.„Sie ſind ein Mann von Geiſt und Kenntniſſen und es iſt ſchändlich, daß man Sie noch immer in ihrer Carriére zurückhält. Welchen Poſten bekleiden Sie jetzt in Hannover?“ Und ohne Bürger's Antwort abzuwarten, rief er zornig, indem er mit der Hand auf die ledernen Hoſen ſchlug:„Die verwünſchten Cabalen! Sie machen mich noch raſend! Aber ich werde den Leuten in's Werk fahren, und Sie ſollen befördert werden, wie Sie's verdienen. Nun gehen Sie, lieber Magiſter, reiſen Sie mit Gott, das Weitere findet ſich von ſelbſt, Apropos! Noch Eins! Hat mein Schwager Leonhart ein Teſtament gemacht? Ich fürchte ſonſt, ſie begraben ihn le⸗ bendig und jagen mich aus dem Haus, wie den guten König Hiero, der in der Verbannung Hungers ſterben mußte.“ „ Dann kommen Sie zu mir nach Wölmershauſen,“ verſetzte Bürger, dem es jetzt klar wurde, was den guten„ „Buchonkel“ heute ſo ungewöhnlich confus und verwirrt in ſeinen Begriffen machte. Er mochte wohl fühlen, daß er mit dem Schwager die letzte Stütze ſeines wankenden Alters verloren habe; und wie Bürger ſich immer für den harmloſen, närriſchen Mann lebhaft intereſſirt hatte, — ſo rührte ihn jetzt ſeine hülfloſe verlaſſene Lage auf das Tiefſte, und es war ſogleich beſchloſſene Sache bei ihm, daß er ſich ſeiner nach Kräften annehmen werde. Ein heller Strahl der Freude verklärte das Antlitz des Buchonkels, als Bürger ſeine Verſicherung wiederholte, daß er künftig bei ihm und Dora in Wölmershauſen wohnen ſolle. Zwei große Thränen rollten über ſeine Wangen, er faltete die Hände und ſein noch immer ſchönes lebendiges Auge blickte lange mit dem Ausdruck frommer Rührung nach Oben. „Sie ſind ein treuer Vaſall,“ ſagte er dann und drückte ihm herzlich die Hand. Aber plötzlich ſtockte er, ſeine Miene wurde ernſt und nachdenklich, und ſchmerzlich das Haupt ſchüttelnd, ſagte er:„Es geht doch nicht.“ Er ſtand auf, ſchritt mehrmals durch das Zimmer, drehte ſich ſinnend nach den vier Ecken des engen Gemachs und widerholte dann ſeufzend:„Es geht doch nicht.“ Als Bürger in ihn drang, ſich deutlicher zu erklären, er⸗ widerte der Alte mit großer Bekümmerniß: „Wer wird ſich dann der kleinen Molly annehmen, wenn ich ſie verlaſſe? Und wer ſoll mir dann meinen Leim kochen und mir die Pappendeckel ſchneiden, wenn Molly nicht bei mir iſt? Nein, nein, es geht nicht! Wir Zwei buchbindern und kleiſtern zuſammen, bis an unſer Lebensende! Ach, warum hat mein armer Schwager kein Teſtament gemacht! Erſt als Bürger ihn verſicherte, daß Molly gleichfalls nach Wölmershauſen ziehen werde, gab ſich der Alte zu⸗ frieden und wurde nun äußerſt geſprächig und mittheilend. Er öffnete Bürgern Herz und Schubladen, langte all' ſeine gekleiſterten Raritäten hervor: Käſtchen, Büchschen, Döschen, Etuis von jeder Form, Alles äußerſt nett und — ———— ,“ — — — 38— ſauber gearbeitet, und zuletzt holte er was ſelten ge⸗ ſchah, aus einem tiefen Wandſchrank die goldne ehrwürdige Königskrone von Corſika, ein Meiſterwerk der edlen Papp⸗ kunſt, und ſetzte ſie ſich mit leuchtenden Blicken auf das weiße Haupt. Hahn, um ihn nicht ſo lange im Carcer allein zu laſ⸗ ſen, fand es bald höchſt befremdend, daß man ihn bereits mehre Tage im„Fuchsbau“ ſitzen ließ, ohne ihn von Seiten des Univerſitätsgerichts zu vernehmen und ſeine Schuld oder Unſchuld an dem nächtlichen Lärmen in der Nicolaiſtraße zu conſtatiren. Ein ſolches Verfahren war allem Herkommen, ja ſelbſt dem Begriff der akademiſchen Freiheit ſo gänzlich zuwider, daß Friedrich Hahn aus Zweibrücken ſich berechtigt glaubte, den Schuldbrief der Menſchheit zu zerreißen und an einem trüben hypochon⸗ driſchen Nachmittag den Entſchluß faßte,„durchzubrennen“, und, wenn auch nicht ſeinem Schickſal, doch wenigſtens der Relegation zu entrinnen. Aber wie dieſes in's Werk ſetzen? Der Fuchsbau lag fünf Stockwerk hoch, und hätte deßhalb eher den Namen„Adlerhorſt“ oder„Krähenneſt,, verdient; man konnte durch das kleine vergitterte Fenſter halb Göttingen aus der Vogelperſpective betrachten, mit⸗ hin war auf dieſem Weg an kein Entrinnen zu denken. Es blieb nur ein Ausgang, und dieſer war durch die niedrige, runde Thüre, welche jedoch erſt von Außen ge⸗ öffnet werden mußte; und hierzu zeigte ſich wenig Hoffnung. Hahn blickte mit wilden blitzenden Augen im Gemach umher; es half nichts. Er ballte die Fauſt; es half aber⸗ mals nichts; er warf ſich in ohnmächtigem Grimm auf die hölzerne Pritſche, daß ſie ſeufzte— umſonſt! Sein — 59— ſonſt ſo erfinderiſcher verſchlagener Kopf verſagte ihm heute zum Erſtenmal, und ſein Witz blieb ſo kahl, wie die vier Wände ſeines Carcers. Um ſich zu zerſtreuen, ſtopfte er ſich eine Pfeife, und ſeinen Unmuth in dichten Wolken von ſich blaſend, beſchäftigte er ſich mit der Lekture der artigen Sinnſpruüche und Aphorismen, und mit der Be⸗ trachtung der Carricaturen, welche frühere Leidensbrüder an die Wand gekritzelt hatten. Man hätte aus ihnen eine eben ſo wahrhaftige als ergötzliche Chronik des Fuchsbau's ſchreiben können; bis an die Decke war kein Plätzchen mehr leer, um einen neuen, noch ſo ſchmalen Witz anzu⸗ bringen. „O holte mich der Teufel doch Aus dem verwünſchten Carcerloch!“ hatte Hahn eben mit vieler Mühe heraus buchſtabirt, als ihm wie ein Blitz der Gedanke durch den Kopf fuhr: „Ja der Teufel muß dich holen!“ Und ſchon war ſein Plan fertig! Er zog einen ſeiner wollenen Strümpfe aus und zerriß ihn in tauſend kleine Stücke; dann ſchnitt er ſich mit ſei⸗ nem Federmeſſer einen Büſchel Haare vom Kopf; ſammelte an der Decke ſämmtliches Spinnengewebe und mengte Alles wohl durcheinander. Hierauf öffnete er das Fenſter, langte mit Hülfe ſeines Ziegenhainers, an deſſen einem Ende er die Lichtputze befeſtigt hatte, ein altes Spatzenneſt aus einem Mauerloch hervor und erhielt dadurch einen großen Vorrath von Stroh und Federn. Sämmtlichen Wuſt wickelte er nachdem er ihn vorher tüchtig aus der Oellampe eingetränkt hatte in einen großen Zunderlappen. Die bretterne Pritſche war mit mehren Bandeiſen an dem Fußboden befeſtigt. Nach langer Anſtrengung glückte es ihm, ſie los zu machen. Er hob den Kaſten auf, und ————— — 60— fand zu ſeinem Entzücken unter demſelben eine todte Maus. Nun ließ er die Bandeiſen, welche an den Seiten⸗ wänden der Pritſche feſt geblieben waren, wieder in die Löcher der Dielen fallen, und ſchellte dem Carcerdiener mehrmals ſchnell hinter einander. Nach einer Weile klirrten die Riegel. Hahn lag mit ausgeſtreckten Armen ſtöhnend auf der Pritſche, als Herr Zacharias Mehlfink, der Gerufene, in ſeinem ſchwarzen Sammetkäppchen mit einem brennenden Licht in der Hand hereintrat, und ſich beſorgt ſeinem Lager nahte. Hahn hatte die Augen weit und wild aufgeriſſen und ſtarrte ihn ſprachlos an. Seine Mienen waren verzerrt, ſeine Bruſt athmete ſchwer. „Um Gott, mein guter Herr Hahn, was fehlt Ihnen?“ rief der alte, gutmüthige Mann mit wehklagender Stimme und ſchlug erſchrocken die Hände zuſammen. „Iſt er fort der Schreckliche? rief dieſer, wie aus einem ſchweren Traum erwachend und ſpähte ängſtlich im Carcer herum.„Gelobt ſei Gott, ich ſehe ihn nicht mehr!“ ſagte er dann freier athmend und richtete ſich auf. „Wer denn, beſter Herr Hahn, wer denn? Es war ja kein Menſch bei Ihnen! ſtammelte Herr Mehlfink, dem es bereits eiskalt über den Rücken lief, deſſen Neugierde aber eben ſo bekannt war, als ſeine Geſpenſterfurcht. „Kein Menſch— nein wahrhaftig kein Menſch,“ ver⸗ ſetzte Hahn zähnklappernd und bekreuzte ſich.„Sagen Sie mir einmal,“ fuhr er dann zutraulicher fort—„ha⸗ ben Sie niemals gehört, daß es in dem Fuchsbau ſpukt?“ „Spukt!“ ſchrie Mehlfink zurückprallend mit der hellen Stimme des Entſetzens und ſpreizte alle zehn Finger in ſeiner Herzensangſt auseinander. — 61— „Ich meine nur, ob's hier herum nicht richtig iſt?“ verſetzte Hahn, nach dem Ofen deutend. Es iſt ſchändlich — es iſt niederträchtig, einen guten Chriſten in ſolch' un⸗ heimliches Loch zu ſperren, und ihm nicht einmal eine Bibel zu geben! Ach holen Sie mir doch eine Bibel, guter Herr Meh fink, oder ſonſt ein frommes Buch. Ich habe. lange nicht einen ſo lebhaften Drang in mir verſpürt, mich an das höchſte Weſen zu adreſſiren, als in dieſer ſchauerlichen Stunde. Ja, ja es gibt Stunden, wo die Hölle ihre Schrecken los läßt, um uns den Weg zum Heile zu zeigen. „3 du meine Güte! ſo ſagen Sie doch!“ „Sagen? Wer kann ſagen?“ deklamirte Hahn mit feier⸗ lichem Pathos, und dur chſchritt, wie auf einem Kothurn das Carcer.„Dort“(auf die Priteche deutend)„ſchlief ich in der Maienblüthe mein er Sünden und träumte von keiner Reue, keiner Beſſerung. Lotterſtreiche waren meine Gedanken und ſelbſt im Tra ume that ich Böſes! Da plötzlich, wie das Donnern des Sinai weckte mich ein Krachen, als wäre mir im Schlaf ein Backenzahn ausge⸗ zogen worden. Ich erwachte und,— wie die Marmor⸗ kiefern des Grabes, ſprang dort neben dem Ofen die Wand auseinander und eine rieſengroße Geſtalt, von der ich noch nicht begreife, wie ſie aufrecht in dieſem Gemach ſtehen konnte, trat aus Flammen und Qualm hervor, ſtreckte zwei Arme aus, ſo lang, als wollte ſie die Erde an beiden Polen packen und ſie mit all ihren Sünden und Peſtbeulen in den Tartarus ſchleudern.„Ich bin da!“ rief der Schreckliche, und faßte mich ſo derb, daß mir alle Rippen krachten, die ausgenommen, aus welcher meine zukünftige Frau formirt iſt. Sie können ſich denken, beſter Herr Mehlfink, wie mir da zu Muth war. Ich ſchrie — 62— aus Leibeskräften Mordio! Aber vor dem hölliſchen Ge⸗ lächter des Böſen verſtummte mein Heulen und ſchon hatte er mich aufgehoben, als ich mit ſchwacher Stimme:„Alle gute Geiſter loben Gott den Herrn“ rief. Wie wenn ich eine Kröte wäre, ſchleuderte er mich von ſich, daß mir's vorkam, als fiele mir das Fleiſch von den Knochen, brüllte: „Ich kriege dich doch!“ und war mit einem furchtbaren Knall in der Mauer verſchwunden. Als Hahn ſeinen Bericht beendet hatte, fühlte er, daß er ſich von ſeiner Fantaſie doch etwas zu weit hatte hinreißen laſſen, und die Farben ſeines Höllenbildes allzuſtark und grell aufgetragen hatte. Aber glücklicherweiſe gehörte Herr Zacharias Mehlfink zu jenen empfindſamen, zartorganiſir⸗ ten Naturen, die das Ueberſinnliche nicht ſowohl in ſeinen ſichtbaren Erſcheinungen, als vielmehr in ſeinen tieferen Offenbarungen hinnehmen, und denen eine Fledermaus oder ein Leichenvogel dieſelbe Gänſehaut bereitet, als ein Geſpenſt ohne Kopf oder ein Toͤdtenens im Mondſchein um den Galgen. Der alte Mann ſah aus, wie ein Fink, der ſich in einem Mehlkaſten gepudert hat, er war kreidebleich und nur ein leiſes Schluchzen, das zuweilen ein tiefer Stoß⸗ ſeufzer unt erbrach, verrieth Hahn die mächtige Wirkung ſeiner Erzählung auf das Nervenſyſtem ſeines Zuhörers. „Ja, lieber Mann,“ fuhr der Schalk mit tremulirender Stimme fort,„wer über gewiſſen Dingen den Verſtand nicht verliert, der hat keinen zu verlieren. War nun, was ich geſehen, ein Traum, ein Geſicht meiner Fantaſie, war's Wirklichkeit,— ich will nicht drüber nachgrübeln, ſondern es gläubig und demuthsvoll als einen Wink des Himmels betrachten, daß ich von meinem ſündhaften liederlichen Burſchenleben ablaſſen und mich zur Reue und Beſſerung —— — 63— bekehren ſoll. Dann wird der Böſe trotz ſeines Dräuens keine Gewalt mehr über mich haben und ich werde auf dieſer harten Pritſche ſo ſanft und unangefochten ruhen, wie in Abrahams Schooße. Daß Sie aber ſehen, wie ernſt es mir mit dieſen Worten gemeint iſt, bitte ich Sie nochmals, mir irgend ein frommes Buch heraufzuholen, am liebſten den„chriſtlichen Herzensſpiegel,“ den Sie mir früher ſchon einmal auf Nummer I. zur Lektüre empfahlen, den ich gottloſer, arger Menſch aber damals in der Verſtocktheit meines Herzens von mir wies. Ach! Wie dürſt' ich nun nach ſeiner Labung!“ „Guter Gott, deine Wege ſind wunderbar!“ ſagte Herr Zacharias Mehlfink mit gerührter Stimme und faltete die Hände. „Es hat aber doch eine räthſelhafte Bewandtniß mit der Geiſterſeherei,“ fuhr Hahn fort.„So leicht mir's um's Herz iſt, ſeit ich mich auf dem Weg der Reue finde, ſo leer iſt mein Magen, ordentlich, als wenn ich acht Tage gefaſtet hätte. Wenn Sie mir vielleicht einen Kartoffel⸗ ſalat—— „Erſt beten, mein lieber Herr Hahn— erſt beten!“ ſagte Herr Mehlfink in bittendem Tone, und deutete be⸗ ſorgt nach der Wand, wo nach Hahn's Ausſage der Böſe eingetreten und verſchwunden war. „Meinen Sie, daß er noch einmal—— 1 das Wort erſtarb ihm auf der Zunge und er warf ſich, ſein Ge⸗ ſicht mit beiden Händen bedeckend„ langen Weg's auf die Pritſche. „Still! Still! mein lieber Herr Hahn!“ flüſterte der alte leichtgläubige Mann.„Ich wollte nur ſagen, daß es für jetzt gerathener ſey, jedes irdiſche Gelüſte fern zu halten—“ — 64— 4 „Ach nur einen Kartoffelſalat und ein Schälrippchen!“ flehte Hahn;„denn ſo lang mich hungert und dürſtet, kann ich keine Buße thun, das iſt Comment!’“ „O weh! O weh!“ ſeufzte Mehlfink, zündete kopfſchüt⸗ telnd die Lampe an, welche aus Mangel an Oel nur düſter brannte und entfernte ſich ſchweigend. Kaum hörte ihn Hahn von Außen die Thüre zuſchlie⸗ ßen, als er von ſeinem Lager ſprang und den Zunder⸗ lappen mit dem übrigen zu dieſem Zweck in Bereitſchaft gehaltenen Apparat anzündete. Oben d'rauf legte er die todte Maus. Bald fing der leicht entzündbare Stoff lichter⸗ loh an zu brennen und ein wahrhaft infernaliſches Arom erfüllte das Carcer. „Fauſt's Höllenfahrt beginnt!“ jubelte Hahn dem Er⸗ ſticken nahe, und nachdem er den glimmenden Wuſt aus dem Waſſerkrug gelöſcht und zum Fenſter hinaus geworfen hatte, ſchlüpfte er unter die Pritſche, wie eine Schildkröte unter ihren Panzer. Sein Herz pochte hörbar, als er nach einer geraumen Weile den langſamen Schritt des Carcerwärters auf dem Gang hörte; gleich darauf raſſelte der Riegel, die Thüre wurde geöffnet,— eine Pauſe— „Herre Gott! mein Herre Gott!“ zeterte Herr Za⸗ charias Mehlfink, Teller und Schlüſſelbund kiirrten auf dem Fußboden, und weit im gewölbten Gang draußen jammerte es:„Herre Gott! Mein Herre Gott!“ Dann war alles ſtill.— Hahn rutſchte ſchnell aus ſeinem Verſteck hervor, brachte die Pritſche in ihre alte Lage, ſetzte ſich die Mütze außs, Ohr und eilte fort. Er gelangte die Treppe hinunter, kam unbemerkt durch den Hof auf die Gaſſe; ſchon war es völlig dunkel. Er eilte nach Boie's Wohnung. — . A — 65— Nicht Alles war ſo gekommen, wie Bürger's Ungeduld es anticipirt hatte, und wenn auch Molly ſogleich nach der Beerdigung des Vaters mit Schweſter, Schwager und dem Buchonkel nach Wölmershauſen abreiſte, ſo konnte es doch Niemand, am allerwenigſten dem ſcharfen Auge der Liebe verborgen bleiben, daß in dem Mädchen eine große Veränderung vorgegangen war.* Der Tod des Vaters war der erſte reelle Schmerz ihres Lebens geweſen, und trat in ſo überraſchender, ſchreckhafter Geſtalt vor ihre Augen, regte ihre Einbildungskraft ſo mächtig auf, griff ſo erſchütternd in das tiefſte Leben ihres weichen, innigen Gemüthes, daß auf all' dieſe Angſt, Er⸗ ſchütterung und Trauer ein Zuſtand gänzlicher Erſchöpfung folgen mußte, dem ihr ſenſibeles Weſen,— zum erſtenmal ſo rauh von des Schickſals Hand berührt, keinen Wider⸗ ſtand entgegen ſetzen konnte. Molly war nicht im Stande, Leiden und Prüfungen zu ertragen, die eine unbedingte Reſignation wollen; ſie hätte mit Freuden ihr Leben dahin gegeben, um das einer geliebten Perſon zu erhalten, um aus dem ſchönen, glücklichen Traum ihres Daſeyns ohne Reue und Täuſchung zu ſcheiden; aber ſich wie Dora in das Unabwendbare fügen und in frommer Ergebung dulden und tragen, was der Himmel auferlegt, das konnte ſie nicht. Es fehlte ihr nicht an einem frommen Sinn; aber heiter und unumwölkt ſollte der Himmel lächeln, dem ſie ihre Gebete zuwandte; ſie mußte glücklich ſeyn, glück⸗ lich und harmlos, wenn ſich ihr Herz, wie bedrängt von dem, was es entzückte und bewegte, in das Aſyl der An⸗ dacht flüchten ſollte, da es ihr hingegen unmöglich war, in einem Unglück, einem Leiden jene erhabene Stimmung der Seele zu bewahren, die ihr den Troſt der Religion zugänglich machte. Noch kannte ſie nicht die Weihe jenes — 66— Schmerzes, der uns wie mit den dunklen Augen der Ewig⸗ keit anſchaut und dem Geiſte, der ihn leidet, der Seele, die ihn erträgt, zugleich Offenbarung wird und Verklärung, den Schmerz der Liebe und der Schönheit.— Aber freilich iſt eine lange Zeit vorüber, ſeit wir ſie zum letztenmal geſe⸗ hen haben, und Manches mag ſich während deſſen anders geſtaltet haben. Wir verließen ſie an dem Altar von Niedeck, nahmen ſo wenig Abſchied von ihr, als Bürger, da er mit Dora nach Wölmershauſen fuhr, und müſſen deßhalb erzählen, wie es geſchah, daß der Tod ihres Va⸗ ters, nachdem der erſte Schmerz, der erſte Schrecken über dieſen unerwarteten Verluſt beſiegt war, Molly zu einer Kraft und einem Bewußtſeyn erſtarken machte, das kein zweiter Schlag des Schickſals je wieder ſo ſchwer und un⸗ erträglich niederbeugen ſollte. Wir glauben nicht, obwohl es ſeiner Zeit Mancher glaubte, der es beſſer wiſſen konnte, als wir, die wir nur wieder dichten, was Andere erlebt, geſehen und gehört ha⸗ ben wollen, wir glauben nicht, daß Molly, als ſie die Hochzeitsweſte für den Schwager ſtickte, dieſe anmuthige Idylle mit den langen Schößen und den bunten Blumen⸗ guirlanden, in ihrem Viſionseifer mehr als falſchgewählte ſeidene Fäden in den Atlas genäht habe; wir glauben auch nicht, daß ſie ſich dadurch ihre mühevolle Arbeit habe verſüßen wollen, und indem ſie an ihrem Stickrahmen die ganze Zukunft Bürger's durchlebte, ihre Freude am Auftrennen und Beſſermachen gehabt habe. Molly war damals noch zu viel kindliche, reine Natur, als daß ihr die bevorſte⸗ hende Heirath Bürger's und Dorg's anders, denn ſachge⸗ mäß erſchienen wäre und ſie zu gegentheiligen Betrachtun⸗ gen angeregt hätte. Man will zwar an dem ſonſt heite⸗ ren, lebhaft erregten Kind, je näher der Tag der Hochzeit 9 —x — 67— kam, eine auffallende Stille und Zurückhaltung bemerkt haben; aber dieſe Wahrnehmung iſt erſt zu einer Zeit ge⸗ macht worden, als man Wahrheit und Dichtung nicht mehr zu unterſcheiden vermochte. Wie wir dieſe ſchöne, hoch⸗ gefeierte Seele kennen lernten, war es erſt die Garten⸗ laube von Niedeck, war es das Glockenzeichen und Bür⸗ ger's Zittern und Erblaſſen, was Molly, wie die Hand der Allmacht an ſeine Bruſt warf und den Jamimerſchrei: „Bürger! Bürger!“ aus ihr herauspreßte. Dieſer krampfhafte, gewaltſame Ausbruch eines Gefüh⸗ les, das ſeither unbekannt in der Tiefe ihrer Seele ge⸗ ſchlummert hatte, war ein Moment, ein Blitz, der leuchtet und verſchwindet. Aber man hat ihn geſchaut, er war da, und im Herzen hallt ſein Donner nach, ſo oft ſich eine Wolke am Himmel zeigt. Wir ſahen, wie Molly ſich los riß, und einen Mann in der Laube zurückließ, den es wie ein Herzſchlag traf:„Du liebſt ſie!“ Von dieſem Moment an datiren wir eine Liebe, ſo leid⸗ voll und traurig, ſo glorreich und herrlich, wie ſie ſelten die Feuerprobe des Lebens in ſo reiner Weihe des Gei⸗ ſtes, in ſo heiterem Muth der Seele, in ſo unausſprech⸗ lichem Weh des Herzens beſtanden hat. Aber wir wollen davon ſchreiben mit der Feder des Dichters, nicht mit der des Biographen, obwohl hier die eine wie die andere nur gleiche Züge führt. Was hinter dieſem Moment liegt, ſoll uns fortan nicht mehr kümmern; wir ſehen Molly, wie ſie den Schwager zum Altare führt neben die Schweſter, und ſich dann an die Säule ſtellt, ihm gegenüber, Aug' im Auge. Und als die Trauung vorüber war und der Hochzeits⸗ tag, als der letzte Gaſt das Haus verlaſſen, als ſie ihrem ermüdeten Vater gute Nacht gewünſcht, das Silber der 3 3*½ 8— * — 68— ſeligen Mutter nachgezählt und verſchloſſen, die Tiſche abge⸗ räumt hatte, und ſich nun in ihrem Kabinet allein befand, da war ihr zu Muth, als ſey dieſer Tag und ſeine Erlebniſſe in ihrer nächſten Erinnerung wie mit einem grauen Schleier umzogen, und trete mit ſeinen erſchütternden Momenten, ſeinen Glockenklängen und Orgeltönen, ſeinem Hochzeits⸗ jubel und ſeinen vielen fremden Geſtalten immer weiter und weiter in die Vergangenheit zurück, bis er zuletzt wie eine räthſelvolle Mythe verhallte. Ihr Herz war ruhig; nur der Lärmen und das Getöſe hatten ihr gegen das Ende des Feſtes den Kopf ein wenig betäubt, und wie eine wahre Wohlthat erquickte ſie darum die Ruhe, welche auf dieſen Tag der Verwirrung und Erſchütterung folgte. Wie jeder plötzliche Uebergang, ſey es nun aus der Stille der Abgeſchiedenheit in das laute, bewegte Leben, ſey es aus dieſem zurück in das Schweigen der Einſam⸗ keit, ein tieferes Gemüth auf ſich zurückführt, ſo fühlte auch Molly durch dieſen ſchnellen Wechſel wie in ihr innerſtes Leben ſich zurückgedrängt und lange ſaß ſie, das Haupt in die Hand gelegt, und die Augen mit den Fingern zuge⸗ drückt, vor dem Tiſche, auf dem ein unbeſchriebener Bogen Papier lag. Er iſt weiß geblieben und wir wollen ihn nicht vollſchreiben mit dem, was in ihrer Seele damals vorging. Endlich erhob ſie ſich, trat an das Fenſter, ſah über den Bergen, über dem Buchwald, durch den heute Abend Dora und Bürger gefahren waren, blinkende Sterne neugierig aus dämmerndem Gewölk bervorlugen und machte eine haſtige Bewegung, um das Fenſter zu öffnen. Dabei ge⸗ ſchah es, daß die Rouleaur⸗Schnur riß und die Gardine raſ⸗ ſelnd zwiſchen ihrem Haupt und hem Fenſter niederfuhr. Molly trat betreten zurüsk, im Käfig ward ihr Blutfink 2 — 69— lebendig, und das Kerzenlicht für den Anbruch des Tages nehmend, hüpfte er munter auf den Stänglein herum und ſang zuletzt ſogar ſein:„Wenn ich ein Vöglein wär'.“ „Dummes Hänschen!“ ſeufzte ſie und hing ein grünes Tuch über das Gitter. Erſt jetzt merkte ſie, daß ihre Hände zitterten und der Schrecken ihr in die Glieder gefallen war. Sie nahm das Licht und trat vor. den Spiegel, um ihre Locken unter ein Netz zu binden. Ihre Wangen glühten, ein dunkler Pur⸗ pur übergoß ihr Geſicht, tief und ſchattenhaft blickten ſie ihre Augen aus dem Glas an. Es lag etwas wie fremde Seele darin, und je länger ſie ſchaute, um ſo deutlicher glaubte ſie in dieſen Augen, wie ſie der Refler des Spie⸗ gels zurückgab, Bürger's Blick zu ſehen, mit dem er heute Morgen beim Klang der Glocken ihr Herz bis in's In⸗ nerſte getroffen hatte; ſie ſtieß einen leiſen Schrei der Ueberraſchung aus, der Hauch ihres Athems flog über das wunderſame Bild, trübte und verlöſchte es. Wir theilen hier die Fragmente einiger Briefe mit, welche Molly um dieſe Zeit an Bürger ſchrieb, obwohl nicht be⸗ kannt geworden iſt, daß ihm dieſelben jemals zu Geſicht gekommen ſind. Der leidvolle Zuſtand des armen Kindes wird dem Leſer gus dieſen Briefen mehr als durch alles Andere deutlich werden. .. Ich mein' es allen Leuten anzuſehen, daß ſie mich für krank halten, und doch weiß ich im Grunde nicht zu ſagen, wo es mir fehlt, vielleicht nur, weil mir Alles fehlt, und ich an jedem Tag, in jeder Stunde deut⸗ — H a-— licher inne werde, wie es ſo leer und traurig in der Welt iſt Sonſt liebte ich den Herbſt vor allen Jahreszeiten, und gar die Zeit, wo er aufhörte und der Winter plötzlich da war, konnt' ich kaum erwarten. Es war dann ſo was Feſtliches in mir, gleich als trät' ich in eine vornehme Stube, wenn über Nacht der erſte Schnee gefallen war und ich nun des Morgens in den Garten ging und die Na⸗ tur eine ſo reine untaſtbare Geſtalt angenommen hatte. Und wenn erſt der Teich im Eiſe donnerte, das Mühlrad plötz⸗ lich wie erſchrocken ſtille ſtand und zuletzt der Tannenbaum allein noch grün war und nichts Weißes auf ſich dulden wollte, ach! dann fing erſt recht meine Freudezeit an und ich hatte Muth und Luſt zu jedem guten Werk. Aber in dieſem Winter iſt's anders, überall, wo ich geh' und ſtehe, ſieht mich's wie mit todten Augen an, und kein Menſch in der Welt kann trauriger ſeyn, als ich! 8.... y.. Da fühlte mir neulich der Arzt den Puls, der Vater ſtand daneben und von der Wand blickte Dein Bild auf mich nieder, wie mein böſes Gewiſſen; aber der Doctor meinte, es habe nichts zu bedeuten und die Sache müſſe ihren Verlauf haben. Ach! So muß man's ja mit Allem halten, was einmal unabänderlich iſt. Alſo heute ein Tag und morgen wieder einer, und übermorgen wie heute,— wohl! Es wird gehen— es muß gehen, die Zeit ändert ja Vieles. Aber was iſt denn eigentlich die Zeit? Wie viel Zeit liegt zwiſchen jener ſchrecklichen Stunde und Heute? Mir iſt, als ſey es wie von Geſtern und wie von hundert Jahren her, daß ich Dich zum Altare führte. Ach! Wenn es wahr wäre, daß man die Seele ausweinen könnte! Dann ihr Thränen werdet Seele, du meine Seele werde Thränen und weine dich aus!... ☛ — 21— ...... Es war ein ſchrecklicher Morgen, als ich auf⸗ wachte und Dora's Bett leer erblickte; auf der Decke lag ihr Hochzeitkleid, lagen die Bänder und Blumen zerknittert, mit denen ich ſie am vorigen Tage geſchmückt hatte, Alles war da und nur ſie fehlte! Mein Kopf war wüſt, ich hatte mich lange zu beſinnen, eh' ich wußte, wo ſie hingekommen war, eh' ich den Muth hatte, mir zu denken, wo ſie jetzt ſeyn möge. Da hatte ich ein Gefühl, das ich Dir nicht beſchreiben kann, und beinah' grollte ich der Schweſter, beinah' hätt' ich ſie verwünſchen mögen! Es war ſo was Herzloſes, ſo was Neidiſches und Eigennütziges in der Art, wie ſie mich verlaſſen, wie ſie mir Alles, Alles mit⸗ genommen hatte, ohne ſich nur im Mindeſten um meinen armſeligen hülfloſen Zuſtand zu kümmern. Ach, Bürger! damals war mir zu Muth, als ſey mir großes Unrecht widerfahren, als ſey eine Grauſamkeit an mir begangen worden, für welche die Welt keinen Namen hat. Alles, was Dora mir ſeither Gutes gethan, ihre aufrichtige Liebe und Treue erſchien mir plötzlich wie eine Täuſchung, wie eine Liſt, mich ſicher zu machen, um mir Alles zu rauben, eh' ich's inne würde. Und je reicher ich ſie wußte, um ſo weniger mocht' ich ihr verzeihen, ſo daß ich ſie zuletzt nicht ſowohl beneidete, als vielmehr wirklich anklagte und in ihr die alleinige Urheberin meiner Leiden erblickte. So blind und lieblos machte mich der Schmerz, daß ich der edelſten, beſten Seele die Schuld meines Unglückes beimaß, welches ich doch allein meinem thörichten kindiſchen Sinne zuzuſchreiben habe....... ...... Ich bin den ganzen Tag in Gedanken bei euch; glaube beſtändig zu wiſſen, wann ſie Dich küßt, wann Du ſie in die Arme nimmſt; ich ſeh' euch zuſam⸗ — 72— men Abends am Tiſche ſitzen, ich erlebe Alles mit, bin ſtets in Eurer Mitte und ſeltſam! ſeltſam!— in den erſten Tagen nach enrer Abreiſe hatte ich beſtändig das Gefühl, als ob Du jeden Augenblick nach Niedeck kom⸗ men und mich abholen würdeſt. Ich wußte ja und weiß es noch, daß Du mich nimmer vergeſſen kannſt....... .... Was iſt das für eine ſchmerzliche Gewohn⸗ heit, welche uns ſelbſt dann noch weinen läßt, wann der Schlummer uns einwiegt. Wach' ich darüber Morgens auf, ſo halt' ich gewöhnlich mein Kopfkiſſen im Arme und es iſt naß von meinen Thränen. Und dann bin ich ſo matt, ſo müde; mein Kopf brennt fieberhaft, und in den Gliedern liegt mir's wie eine Centnerlaſt. Kommt der Buchonkel mich zu wecken, und klopft an die Thüre, ſo kann ich kaum aus den Federn und vertröſte ihn von einer Viertelſtunde zur andern, bis endlich der helle Tag mich gemahnt, daß es doch nichts hilft und Alles ſo iſt, wie es iſt. Ach! Es gibt ſo manche Täuſchung im Leben und über ſo Vieles ſetzt der Menſch ſich hinaus; das Herz macht ſich zuletzt jeden Kummer leicht, die Zeit lin⸗ dert das bitterſte Leid; aber in dieſem Gefühl meiner Trauer iſt eine Beſtändigkeit— ein Verharren in dem einen troſtloſen Zuſtand, wovon mich nichts in der Welt erlöſen wird. Mein Leid will gar nicht altern, tönt die Glocke, ſo ſchaudre ich zuſammen; es iſt Eins, ob ſie Frie⸗ den läute oder Sturm! Jüngſt brannt' es im benachbar⸗ ten Dorfe und nimmer vergeß' ich's, wie mich plötzlich ge⸗ gen Ein Uhr nach Mitternacht ihr Klang aufweckte. Ich ſprang ſinnlos aus dem Bett: Bürger! Bürger! Geh' nicht in die Kirche! rief ich und klammerte mich zitternd an den Vater, der in dieſem Augenblick mich zu wecken kam.... — 73— ...... Einmal bin ich ſeitdem in der Kirche geweſen, einmal und nicht wieder! Ich faßte mir ein Herz und ſetzte mich in unſern Stuhl, dem Altar gerade gegenüber. Aber, o Himmel! was war das für eine Andacht! Ich hatte nur ein Gefühl, nur einen Gedanken, und beſtändig mußte ich an den Augenblick zurückdenken, wo der Prediger Eure Hände in einander legte und dann Amen ſagte. Mir ſchwindelten zuletzt die Sinne, und nur noch dumpf und ver⸗ worren hallte der Geſang der Gemeinde in mein Ohr. Zum Glück kamen ein paar Weiber und führten mich aus der Kirche, in die ich nimmer wieder gehen werde. Und wozu auch ſollt' ich?— Wie kann ich beten vor dem Al⸗ tare, wo ich Dich auf ewig verlor? Wie kann ich Frieden ſuchen und Troſt an einer Stätte, wo ein Wort, ein ein⸗ ziges hinreichte, mich zum unglücklichſten Geſchöpf auf Erden zu machen! Gott! O Gott! Wenn Deine Altäre heilig ſind, warum duldeſt Du ſo Entſetzliches in ihrer geweihten Nähe? Warum mußt' es gerade in deinem Tempel ſeyn, wo der Schrecken mich erfaßte und mich ſeitdem nicht wie⸗ der los läßt...... ..... Siehſt Du, lieber Bürger, das macht mich oft eiskalt bis in's Herz hinein! So manchen Monat lebten wir zuſammen und hatten kein Arg. Du kam'ſt zur Dora, und wenn Du gingſt, ſo gingſt Du nur von ihr weg. Ich kann wahrhaftig nicht ſagen, daß ich auch nur einmal in Verſuchung gekommen wäre, ſie zu beneiden. Ich muß ſogar bekennen, daß ich Anfangs nicht begreifen konnte, warum ſie Dich dem guten Wello vorzog. Verglich ich Dich mit ihm, ſo hatteſt Du am Ende nichts vor ihm voraus, als daß Du ein berühmter Mann war'ſt. Dora freilich war anderer Meinung, und zuletzt, als ich Dich — 24— näher kennen lernte, fand ich, daß ſie Recht hatte. Immer aber warſt Du mir lange Zeit nicht mehr und nicht weniger, als mein zukünftiger Schwager, und ſelbſt wenn ſie mich neckte, daß Du in mich verliebt ſeyeſt, konnte ich nur d'rü⸗ ber lachen und nahm mir ſogar vor, ſie eiferſüchtig zu machen. So geſchah's denn, daß ich mehr als einmal, wenn ich wußte, Du würdeſt kommen, ein ſchöneres Kleid anzog und auch wohl meine Locken ſo friſirte, wie ich wußte, daß ſie Dir am beſten gefallen würden. Hört' ich dann Dein Pferd auf der Straße, ſo rief ich oft im Scherze: Jetzt kommt mein Bräutigam, und war allerdings früher bei Dir, als Dora, die oft nicht eher daran dachte, ſich zu Deinem Empfange vorzubereiten, als bis Du da warſt. Ach! lieber Bürger, wie tändelt man ſich doch in ſein Un⸗ glück hinein! Ich war ſchon eitel, wenn ich Dir gefiel, eh' ich noch ſelbſt wußte, daß ich Dir gefallen wollte, und wenn wir dann Abends durch die Kornfelder wandelten, auf dem ſchmalen Fußpfad, Eins hinter dem Andern, und Du mit der Hand leiſe über die Aehren hinfuhrſt, da that ich im⸗ mer hinter Deinem und Dora's Rücken das Nämliche und ſo oft ich dabei dieſelben Aehren berührte, die noch von Deiner Hand ſchwankten, dacht' ich immer, ſo drücken wir uns die Hände.— Wie nun der Hochzeittag näher und näher rückte, da kam mir allerdings manchmal der Gedanke: Wie wird's ſeyn, wenn er nicht mehr nach Niedeck kommt? Und da war's freilich traurig und einſam genug in Niedeck! Aber Wölmershauſen lag ja doch nicht außer der Welt und dazu war die Vorſtellung von Dora's Glück ſo reizend, daß ich kaum etwas zu verlieren fürchtete. Ich fing heimlich an, Deine Hochzeitsweſte zu arbeiten und nähte und nähte ſo eifrig d'rauf los, daß mir oft das Blut in den Kopf ſtieg. Und 3 *☛ ich meine, es ſey die Seele, die ich verloren und an Dich, — 75— immer, immner war es Deine Zukunft, womit ich mich während des Stickens beſchäftigte, und wenn ich mir jetzt Alles überdenke, ſo mein ich, daß es damals geſchah, wo ich mich zum erſtenmal an Dora's Stelle verſetzte, aber ſo ganz von ungefähr, und dabei ſo ſchüchtern und be⸗ ſcheiden, daß ich's ſelber kaum wußte, ob Du es war'ſt, oder ein andrer Mann, deſſen Bild da meine Einbildungs⸗ kraft beſchäftigte. Und endlich war die Stickerei fertig, ich ſpannte den Atlas aus dem Rahmen, Gott weiß es, ich dachte dabei nur: Wenn doch mein Bräutigam auch einmal ſolch' eine Staatsweſte hätte! Als Du an dem Abend vor Deinem Hochzeittage ankamſt, war noch Alles gut, aber an Dir, Bürger, an Dir nahn ich eine große Veränderung wahr, und wie Du mich einmal an⸗ ſahſt, meint' ich in Deinen Blicken etwas von einer Zärt⸗ lichkeit zu leſen und von einem Kummer, deſſen Geheimniß mich betroffen machte. Und immer beklommener ward mir, ich wagte Dich zuletzt kaum mehr anzuſehen, und du erinnerſt Dich noch, wie peinvoll der Abend vorüberſtrich. In der Nacht konnte ich kein Auge ſchließen. Dora ſprach einmal im Traum Deinen Namen aus und mir graute vor dem ängſtlichen faſt wehklagenden Ton ihrer Stimme, ſchon vor dem Tage war ich aus dem Bett und weckte die Mägde... ..... Wenn ich das Heute mit dem Tag vergleiche, wo ich Dir die Weſte in die Laube nachtrug und doch den Muth nicht hatte, ſie Dir zu zeigen, dann iſt mir's zu Sinne, als müßt' ich noch eine Verſäumniß nachholen, als müßt' ich ein Verlorenes wiederfinden und es mir erret⸗ ten. Dieſes ſeltſame Gefühl, das ich mit nichts verglei⸗ chen kann, faßt mich oft ſo mächtig und betäubend, daß — 76— — an Dich, Bürger, müßt' ich mich halten, wollt' ich meine Seele wieder finden. Mir graut dann vor dieſem Gleichmuth, womit ich alles betrachte, vor dieſem fühlloſen unempfindlichen Zuſtand meines Innern; kein Ton, keine Erſcheinung des äußern Lebens will mich berühren, ich bin ...... Ich ſtehe ſtundenlang vor Deinem Bilde und forſche, wiewohl vergeblich, in ſeinen Mienen nach der Löſung jenes Räthſels, das mir am Leben zehrt. Denn wohl iſt's ein Räthſel, wann mit einmal um eines einzi⸗ gen Gefühles willen der ganze Menſch ſich verändert, und Welt und Leben um ihm herum plötzlich eine andere, fremde Geſtalt annehmen. Wie in einer tiefen Kluft verſinkt dann mein vergangenes Daſeyn, ich begreife nicht, wie dieß und jenes mich einſt beſchäftigen oder mir bedeutſam erſcheinen konnte; denk' ich an meine Kindheit zurück, ſo erſcheint ſie mir wie ein Traum; alles, was ich war und erlebte, da ich Dich noch nicht kannte, kommt mir vor wie eine Täuſchung; kaum daß ich's dann noch faſſe, wie es für mich überhaupt einen Zuſtand geben kann oder jemals geben ſollte, der nicht durch Dich bedingt wäre. Ich lebe erſt, ſeit ich Dich kenne, ſeit Alles, was ich fühle und unternehme, nur da iſt, um mich an Dich zu ermahnen. O nenn's nicht Schwärmerei, aber in dieſer einen Vorſtellung ruht der letzte haltbare Anker meines Daſeyns und ich wäre rettungslos verloren, wollt' ich den Gedanken aufgeben, daß noch einmal ein Tag kommen muß, wo Du mir nah'ſt und mir erklärſt, 3 ſtumpf gegen Alles, und fühle mich zuletzt wie gelähmt an jeder Empfindung. Das nennen ſie dann Zerſtreuung, ſchelten mich gedankenlos oder ſpötteln über meine Ver⸗ wirrung. Der Himmel weiß, was daraus werden ſoll; ich nicht!——— Nur Eins mag ich nicht denken..... —p — — 27?— was dieſer Schmerz bedeuten ſoll. Ja, kannſt Du Dir's denken, daß ich Stunden habe, wo mir mein Leiden zur Hellſehung wird, und mich die Trauer meines Gemüthes wie mit Prophetenaugen anſieht, wo es tief in meiner Seele ſpricht: Harre nur, dulde nur,— Glück will Ge⸗ ..... Ja, ja, Glück will Geſchick! Eigentlich war's der Buchankel, der mir das zuerſt ſagte und nicht meine Seele. Aber ſeitdem hallt' es darin wider, und wenn mich mein Geſchick wie ein Donnerſchlag trifft und betäubt, ſteht's plötzlich groß und ſichtbar vor meinem Geiſte: Glück will Geſchick! Dann mein' ich oft nur darum zu dulden, weil Gott im Schmerz mich prüfen wolle, wie viel Glück und Seligkeit mein Geiſt faſſen, mein Gefühl tragen könne. Dann ſagt mir mein Herz, daß es ſo nicht bleiben, daß ich ſo nicht untergehen darf. Hätte der Himmel mich ver⸗ nichten wollen, es wäre damals geſchehen, wo wir in der Laube beiſammen ſtanden und mit Einmal die Glocken läuteten, daß es wie ein Jammerſchrei durch die ganze Natur tönte und ich einen Schmerz in der Bruſt fühlte, als hätte mir Jemand zwei Schwerter kreuzweis in's Herz gelegt. Ha! Wer ſolchen Moment überlebt, der beſteht auch ſein Schickſal, der ſtirbt nicht langſam hin, wie die Blume am dürren Strauche...... Ich weiß oft nicht, von wo mir dieſer kühne gottvolle Glaube kommt und woher ich den Muth faſſe, mir einzubilden, daß noch nicht Alles verloren ſey. Iſt es das ſichere Gefühl, zu wiſſen, daß ich um meiner Liebe willen Vieles thun könnte, was nicht im gewöhnlichen Lauf der Dinge liegt, daß nicht der Tod und nicht das Leben — 28— dieſes allmächtige Gefühl meiner Liebe erſchüttern würde, ich weiß es nicht,— aber mein Theuerſtes würde ich hin⸗ geben, nur um mir dieſen Glauben an eine beſſere Zukunft zu erhalten. Und doch— was hoff' ich— was erſehn; ich noch! Von welcher Macht Himmels und der Erde darf ich Hülfe erwarten? Eine gibt es, aber ach! die wird nicht dem zu Theil, deſſen Herz, wie das meine vor dem Sterben zittert, weil es weiß, daß es ſo wenig hilft, als zu leben. Zwar ſag' ich mir oft: Beſſer ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende,— aber, o dieſes ſeltſamen Widerſpruchs im Menſchenherzen— ich fürchte den Tod um deſſelben Gefühls willen, das mir das Daſeyn ſo verhaßt und unerträglich macht...... ..... Und dennoch, laut auflachen mußt' ich, als neu⸗ lich Vetter Ernſt, der zum Beſuch bei uns war, mir eine förmliche Liebeserklärung machte und zu guter Letzt' einen Kuß von mir haben wollte. Ich konnt's gar nicht be⸗ greifen, wie ſich ein anderer Mann in mich verlieben mag, und noch dazu Einer, der beſtändig Deine Verſe im Munde hat und Dich ganz auswendig kann. Er dauerte mich nicht einmal, als er am andern Morgen, ohne Abſchied von Jemand genommen zu haben, fort war, wie jener ehrliche Dieb, der nichts mitnahm, weil er nichts fand. Der Vater ſcheint ganz und gar nicht zufrieden mit mir und lobt ſeitdem beſtändig den guten Ernſt als einen ſehr tüchtigen Juriſten, der ſeine Carriere machen wird— doch was hilft's den armen Jungen, er mag ein recht tüchtiger Juriſt ſeyn und ich brauche ihm deßhalb doch nicht um den Hals zu fallen. Aber Eins weiß ich nun durch Ernſt für beſtimmt: daß der Mann, der mich hätte beſitzen wol⸗ len, ein Dichter hätte ſeyn müſſen, und wär' er ſonſt auch — 29— nichts weiter in der Welt geweſen. Das lautet freilich anders, als früher, aber dafür bin ich nun auch um Vieles weiſer geworden, und oft, wenn ich mir nicht mehr zu helfen weiß, wenn ich mir ſelber ganz abſcheulich und ver⸗ dammungswerth vorkomme, beruhigt mich die Vorſtellung, daß meine Liebe in der Poeſie eine Rechtfertigung findet, die höher gilt, als die, welche ihr das Leben zugeſtehen will. Und jemehr ich fühle, je deutlicher ich weiß, daß meine Liebe unſterblich iſt, wie meine Seele, wie die Begeiſterung, die ſie mir einflößt, um ſo lebendiger fühl' ich auch, daß Niemand das Recht hat, mich deßhalb zu verdammen oder gar, was mir eben ſo viel gilt, dieſe Liebe nach den gewöhnlichen Erſcheinungen und Anſichten des Lebens zu beurtheilen. Ich weiß, daß ich ſündige, ſo oft ich an Dich denke; Dein Bild ſelbſt ſtraft mich mit ernſten Blicken, und dennoch— dennoch begreif' ich nicht, wie es anders ſeyn ſollte. Es kam ja Alles ſo natürlich, die Dinge machten ſich ohne unſer Zuthun wie von ſelbſt, und ich möchte den ſehen, der in all dem nicht die Fügung einer höheren Macht erblicken will. Auch hab' ich ja nichts gethan, als daß ich Dich mit Dora ziehen ließ, daß ich mich in mein Schickſal fügte, ſo weit ich es der Welt, und Dir und der Schweſter ſchuldig bin; mehr freilich ſteht nicht in meiner Macht, und vielleicht kommt einſt eine Zeit—— o mein Gott! Mir graut vor dieſem: Viel⸗ leicht wie vor meiner allerärgſten Sünde. Nein, nein! Der Menſch ſoll ſeinem Schmerz nicht untreu werden, und darum, du mein theurer Schmerz, will ich dich feſthalten bis in das Ende meiner Tage und kein Glück des Daſeyns ſoll mich deßhalb verſuchen. Stumme Thränen! O ver⸗ — 80— — Soweit die Brief⸗Fragmente, aus deren Ton und Faſſung man leicht erräth, daß es die erſten Reflexionen ſind, welche Molly über die Liebe, ſo wie über ihr Ver⸗ hältniß zu Burger anſtellt. Wir theilten dieſelben mit, nicht ſowohl, weil ſie ſich durch Pomp der Sprache, oder durch beſondere Bedeutſamkeit und Originalität der Ge⸗ danken auszeichnen, als vielmehr, um in ihnen dem Leſer ein Gemüth zu enthüllen, in dem ſich ſchon, ihm vielleicht ſelber noch unbewußt, die Gewalt einer Liebe äußert, die auch ohne tiefſinnige Reflexion auf dem Wege der Na⸗ tur und der reinen unmittelbaren Empfindung zu jenem idealen Bewußtſeyn erſtarkt, welches aus dem Kampf mit den Schickungen des Lebens ſo glorreich hervorgehen ſollte. Es liegt in dieſen Bekenntniſſen ſo viel innige Zuverſicht, ſo viel Muth und Begeiſterung, daß ſelbſt die Stellen, in welchen die junge Schwärmerin vor dem mächtigen Gefühl in ihrer Bruſt, wie vor einem unſeligen Schickſal erbebt und ſich in den martervollſten Vorwürfen abquält, Zeug⸗ niß geben, wie weit Molly ſchon damals ihr Schickſal überragte, ſo daß die momentane Niedergeſchlagenheit ihres Gemüthes, ſtatt mächtig über ſie zu werden, nur ihr Ge⸗ fühl um ſo höher anregt und es, nach kurzer Zweifels⸗ qual, alles lebendigen Geiſtes voll werden läßt. Doch muß dieſe bedeutſame Periode ihres Lebens nach näher, als es die Brief⸗Fragmente geſtatten, in's Auge gefaßt werden, bevor wir erzählen, was ſich weiter begeben, und nach wel⸗ cher Seite hin der unerwartete Tod des Vaters die erſte Entſcheidung leitete. — — 81— Wir wiſſen, daß in der Wohnſtube des Amthauſes zu Niedeck Bürger's Porträt in einem goldnen Rahmen prangte. Freundſchaft und Kunſt hatten ſich vereint, dieſes bis zum Sprechen ähnliche Bild des Geiſtes werth zu ſchaffen, der in ſeinen milden, ernſten Zügen ruhte; nur Molly neckte den Schwager oft mit ſeinen dicken, häßlichen Lippen, die der Maler allerdings mit mehr Nachſicht angeſchaut hatte, als die muthwillige Schwägerin. Seitdem aber Bürger nicht mehr„zur Dora“ nach Niedeck kam, ſeitdem Alles eine ſo veränderte Geſtalt angenommen hatte, wollte es Molly oft bedünken, als lüge ihr das Porträt ein anderes feindliches Geſicht vor und verwiſche allmählig Bürger's freundliches Bild aus ihrer Erinnerung. Sie konnte es bald nicht mehr ohne Ueberwindung anſehen und wünſchte ſehnlichſt im Stillen, es möge einen anderen Platz finden. So oft ſie durch das Zimmer ging und das Bild zufällig ihrem Blick begegnete, glaubte ſie ſich von ſeinen Augen verfolgt, und wohin ſie ſich auch ſtellen mochte, wie oft ſie auch, gleichſam um ſie in ihrer geheimnißvollen Bewe⸗ gung zu überraſchen, plötzlich den Kopf umdrehte, immer ſtanden die großen, blauen Augen feſt und ſicher auf ſie gerichtet, ach! dieſelben großen, blauen Augen, von denen Bürger ſelber ſagt,„daß ſie, er wiſſe ſelbſt nicht, warum? von Weiblein und Mägdlein eben nicht nachtheilig beur⸗ theilt worden ſeyen.“ Zuletzt zwar gewöhnte ſich Molly daran, das Bild gar nicht mehr anzuſehen, ſo wenig, als den alten Deſſauer über dem Sopha, von dem ſie behauptete, daß er beſtän⸗ dig hinter dem Glas fluche. Sie grollte förmlich mit Bürger's Bild, und war ihm gram geworden— wie ſeinem Original. Ueberhaupt war ſie um dieſe Zeit vielen ein Räthſel. 6 — 82— 2 Zwar nahm ſie ſich Anfangs der Haushaltung, die ſeit Dora's Entfernung auf ſie übergegangen war, mit Eifer und gutem Willen an, aber es fehlte ihr an Sinn und Geſchick, und bald überließ ſie mit ſtillſchweigender Ge⸗ nehmigung des Vaters, das Regiment der alten Köchin, die es beſſer zu führen verſtand. Dem Stri ckſtrumpf war ſie nie gewogen geweſen, das Bedürfniß von Haushal⸗ tungsbüchern wollte ſie nicht anerkennen,„da man nicht zu wiſſen brauche, wie theuer die Zeiten wären,“ und von der Kochkunſt verſtand ſie kaum mehr, als die Zubereitung eines wilden Schweinskopfes, nämlich wenn Bürger ihn, wie er bei Boie und dem Grafen Stolberg that, auf ſein Gewiſſen nahm. Dagegen haben wir aus ihrem Mund gehört, daß ſie Alles konnte, was ſie liebte, und das war freilich für ein ſo liebevolles Gemüth ein großer Aus⸗ ſpruch! 3 Seit der bekannten Kataſtrophe aber war ſie an dieſer freudigen Zuverſicht ihres Herzens irre geworden und nichts von dem, was ſie vornahm, wollte ihr mehr gelin⸗ gen. Ueberall wurde es ihr zu leer und öde, die Men⸗ ſchen in ihrer Umgebung waren ſo unbekümmert und gleich⸗ gültig, als ſey nichts vorgefallen, als müſſe nach einem ſolchen Erlebniß Alles wieder ſeinen gewöhnlichen alten Gang nehmen und nur ſie allein und das böſe Bild mit den großen blauen Augen konnten ſich nicht in den frühern Zuſtand zurückfinden. So dämmerte ſie denn hin, aus einem Tag in den an⸗ dern, und die Träume ihrer leidvollen Nächte folgten ihr in ein noch leidvolleres Wachen. Sie ward bläſſer und ſchwermuthsvoller, und ein Wurm nagte ſichtbar an der jungen ſchönen Blüthe. Ihr Vater, einer jener guten ſtrengen Männer, wie ſie hinter den Akten pünktlich alt ————ꝛ:⅓:·4— —x— 8— 83— 4 1 werden und nicht verſäumen, zur rechten Zeit graue Haare zu kriegen, ſchüttelte bedenklich den Kopf über ſeines lieben Kin⸗ des Hinſiechen und fragte den Arzt, der ihn aber bald beruhigte. Nur zwei Orte gab es, wo Molly leicht und wohl wurde, die Gartenlaube, in deren kahlen Jasmin⸗ und Roſenhecken der Zaunkönig zutraulich umherſchlüpfte, und Buchonkels Stube, wo ſie dem Alten bei ſeinen Buch⸗ binderarbeiten Hülfe leiſtete, und trefflich mit Leimtiegel, Zirkel und Lineal uinzugehen wußte. Zwiſchen Beiden be⸗ ſtand ein eigenthümliches Verhältniß, und faſt ſchien es, als habe Molly nicht nur unbedingte Gewalt über ſein Herz, ſondern auch über ſeinen Kopf. Aber Letztere zum Wenigſten mißbrauchte ſie niemals und der Alt⸗Jüngling durfte ſich in ihrer Gegenwart allen Eingebungen ſeines kauderwelſchen Humors überlaſſen. Es kam, ſo zu ſagen, Sinn und Zuſammenhang in ſeine Narrheit, wenn Molly bei ihm war; ſie ergänzte die Lücken ſeiner abenteuerlichen Begriffe, die oft weit genug auseinander lagen und ent⸗ fernte Alles, was nicht in ſeinen närriſchen Gukkaſten paßte. Hatte ſich Buchonkel, was nicht ſelten geſchah, zu weit in ſeinen firen Ideen verſtiegen, daß die Romantik gleichſam über ſeinen Horizont hinaus ging und er ſelber an ſeinem Kopf irre wurde, ſo war ſie es, die ihm die verſchobenen und verſchrobenen Couliſſen ſeiner Welt wie⸗ der zurechtrückte und den verirrten Odyſſeus mit liebe⸗ voller Hand nach ſeinem glücklichen Ithaka zurückführte. Molly ſah gar nicht ein, was an dem alten Buchonkel Närriſches ſey; ſie hatte ſich ſo tief in ſeine Anſchauungen und Illuſionen hinein gelebt, ſie fühlte ſo lebhaft, wie der Druck der Königskrone das alle ehrwürdige Haupt nieder⸗ beugte, daß ſie ihm oft in die Zügel der Regierung griff und den wankenden Staat vom Untergang rettete. Sie 6*⁸ — 84—„» war der Geheimerath des alten Königs, ihr Herz das Archiv, in welchem er alle wichtigen Dokumente und Ur⸗ kunden ſeiner Regierung niederlegte.„Es fragt ſich noch, wer unter dieſem Dache der größte Narr iſt,“ äußerte ſie oft, wenn Jemand ihr deßhalb Vorwürfe machte. Es war ein reizendes, rührendes Bild, wenn die„bei⸗ den Intimen“ ſo zuſammen, ein Herz und eine Seele an dem Tiſche ſaßen und buchbinderten: Buchonkel auf dem ledergepolſterten Schraubenſtuhl, die Krone auf dem Haupte und beſtändig in ſeiner Emſigkeit leiſe vor ſich hinpfeifend, mehr in's Grobe arbeitend, während Molly dem Dinge Facon und Anmuth gab. Aber auch der Alte hatte ſeine lichten Augenblicke, und wie der blinde Beliſar, ſah er dann tief in das Herz ſei⸗ ner jungen Freundin. Seit Molly ſo ſtill und trübe ge⸗ worden und das jubilirende Lied ihrer Kindheit verſtummt war, wollt' es auch ihm in nichts mehr recht glücken und Phantaſus klopfte nur noch ſelten an die Thüre des Alt⸗ Jünglings. Seine Narrheit ſchlug dann oft plötzlich in ſtillen Trüb⸗ ſinn um, er wandelte unruhvoll, die Tabacksdoſe in der Hand, durch das Haus, Trepp' auf, Trepp' ab, durchkroch alle Winkel, und machte ſich bald hier, bald dort etwas zu ſchaffen. Als es im Hauſe kein Geſchäft mehr für ihn gab, watete er durch den tiefen Schnee in die Ställe, hämmerte, ſägte und nagelte, und machte überall mehr ſchlimm als gut.— Die Portugieſen ließen ihm Tag und Nacht keine Ruhe!— So trieb er's, neben Molly her, bis in den tiefen Win⸗ ter hinein und hielt immer gleichen Schritt mit ihr. Erſt die Krankheit und der Tod ſeines Schwagers, ſo⸗ wie die Ankunft Dora's und Bürger's, hierauf der Ueber⸗ 8 41 —ꝑr — — — — 85— zug nach Wölmershauſen, verändert die Lage der Dinge und den Schauplatz unſerer Erzählung. Man ſchickte und drückte ſich, ſo gut es anging. Buchon⸗ kel bezog in Wölmershauſen ein kleines Hinterſtübchen; aber Molly ward nicht in die grüne Stube einlogirt und Bürger hatte vergebens darin aufgeräumt. Auch hier ging es, wie ſo oft im Leben, wenn man dem, was kommen ſoll, vorgreifen will. Alles geſtaltet ſich zwar, wie wir es nach unſerer Berechnung erwartet haben, Alles trifft nach Wunſch ein, die erſehnten Verhältniſſe ſind da, und wir haben uns in nichts getäuſcht, als in uns ſelbſt. Molly, als hätte ſie Bürger's Seele durchſchaut, war mit ihrem Eintritt in ſein Haus eine Andere geworden. Aus dem betäubenden Schmerz um den Tod ihres Vaters erhob ſie ſich zu einer Selbſtſtändigkeit und einem Bewußt⸗ ſeyn, das ihrem Weſen einen faſt ſchroffen Charakter ver⸗ lieh. Eben ſo ſcheu, wie ſeither ſein Porträt, betrachtete ſie nun ihn ſelbſt, und zeigte ihm nicht ſelten eine Kälte, eine Ruhe, die ihn hätte verletzen müſſen, wenn nicht ſein leider nur allzuſcharfes Auge bald den Grund dieſes auf⸗ fallenden Betragens entdeckt hätte. Er ſah, was es ſie koſtete, dieſe fremde, ihr ſo wenig geläufige Rolle durchzu⸗ führen, ſein Dichterauge las das Gedicht ihrer Furcht und fand bald den Schlüſſel zu dieſer räthſelhaften Verwandlung. Es war zum erſtenmal, daß ihr harmloſes Gemüth, dem ſo köſtliche Wahrheiten, ſo viele wirkſamere Waffen zu Gebot ſtanden, zu einer Lüge griff und eine Verſtel⸗ lung annahm, die ihr im Grunde ſo wenig zuſagte, als ſie ihr nützte. Vielleicht beſtimmte ſie hierzu das dunkle Gefühl einer Schuld; vielleicht wollte ſie ihm zeigen, daß das Herz, welches ſich ſelbſt zu täuſchen vermag, auch — 86— die Kraft habe, zu entſagen und den Muth, Entſagen zu fordern; aber ſie überſah es, wie eben dieſe Täuſchung, wenn auch mit aller Conſequenz durchgeführt, ſich am Ende gegen ſie wenden und eine Entſcheidung herbeiführen würde, deren Folgen nicht abzuſehen waren. Sie war es, die Bürgern herausforderte, eine Macht über ſie geltend zu machen, der ſie ſchon längſt keinen Widerſtand mehr ent⸗ gegenſetzen konnte, ſie war es zugleich, welche Dora zuerſt die Augen öffnete. Das iſt denn die alte vielbeweinte Wahrheit, daß es ge⸗ rade die reinſten Herzen ſind, die das Verhängniß, dem ſie erliegen ſollen, zuerſt heraufbeſchwören; daß es gerade die edelſten Naturen ſind, die einmal irre an ſich geworden, an Allem irre werden, nur nicht an ihrem Unglück und dem, wodurch es verſchuldet ward. An ihm halten ſie feſt wie an ihrem letzten Anker und verſöhnen durch es in langem unendlichem Leid den Groll eines Himmels, der kein Glück will in der Schald.. Molly ſtand allerdings Bürger in einer Selbſtſtändig⸗ keit gegenüber, die ihm imponiren mußte. Nur wenn ſie der Scene in der Gartenlaube gedachte, hatte ſie Mühe, ihm das feſte ruhige Auge einer Seele zu zeigen, die ſich ſicher fühlt. Aber eben dieſe Zuverſicht in Allem, was ſie that und ſprach, die einen ſo reizenden Contraſt zu ihrem übrigen weichen innigen Weſen bildete, täuſchte ſie über das Maß ihrer Kraft und Ausdauer; und indem Bürger ohne Widerſpruch auf den Ton einging, den ſie haben woollte, indem er das, was ſie mit aller Standhaftigkeit ihrer Seele kaum zu ertragen vermochte, unbefangen hinnahm und ſich niemals gekränkt fühlte, ward Molly an ſich irre, und die Maske, mit der ſie Andre täuſchen iypilte, ſchloß ihr ſelbſt die Augen. — — — 87— Aber das fühlte ſie erſt, als es Dora ihr ſagte. Dieſe hatte nämlich mit Befremden das kalte gezwungene We⸗ ſen wahrgenommen, welches Molly, im völligen Widerſpruch mit ihrem früheren vertraulichen Benehmen gegen den Schwager als eine Sache, die ſich von ſelbſt verſteht, neuerdings ihrem Manne zeigte. Dieſer, der ſonſt ſo leicht zu reizen und zu verletzen war, ertrug, wie ſich auch Dora noch ſo ſehr im Stillen darüber wundern mochte, Molly's Benehmen ſo unbefangen, als ſey es niemals zwiſchen Beiden anders geweſen. Dora lächelte, als es ihr zum erſtenmal wie eine leiſe Ahnung durch die Seele fuhr, daß vielleicht in dieſem ſeltſamen Verhältniß mehr als Laune und Zufall walten möchte. Sie lächelte, ließ den flüchtigen Gedanken fallen, aber er kam wieder und wieder, immer weniger wunderlich, bis endlich ibr edles Herz, das ſo lange dem böſen Argwohn widerſtrebt hatte, ihn unfreiwillig feſthalten mußte. Aber ſie hatte Kraft und Klarheit genug, ihm nicht mehr Gewalt über ihr Gefühl einzuräumen, als eben nöthig war, durch ihn zu einer be⸗ ſtimmten Gewißheit zu kommen. „Das iſt keine Sünde gegen meinen Bürger, für ſeinen Verluſt zu zittern, für ſeinen Beſitz zu wachen,“ ſagte ſich das großherzige Weib. Sie faßte Molly ſchärfer in's Auge und dieſe ertrug den großen klaren Blick der Schweſter nicht lange. Sie prüfte Bürger's Benehmen gegen Molly, es war nachſichtsvoll genug. „Täuſchen ſie ſich, oder täuſchen ſie mich?“ Das war bald der letzte Zweifel, den ihr ein guter Himmel noch ließ. 8 Wenn es wahr iſt, daß in jedes Menſchenleben ein mächtiges Schickſal hereinragt, das nur ungeahnet bleibt, * — 88— weil ihm keine Stunde ſchlägt, o warum mußte dir, du reine ſtille Seele, dieſe Stunde ſchlagen? Du war'ſt ſo wenig geſchaffen für einen Kampf mit den wilden Elemen⸗ ten dieſes Lebens, dein helles klares Auge blickte durch keine Blumendecke in die Nacht der Vernichtung, du glaub⸗ teſt noch an den Sieg deiner Liebe, als er dir ſchon lange entriſſen war, und gewiß war es nur dein Gebet, das aus drei friedeloſen Herzen den Weg der Erhörung fand. Bürger war in Appenrode, das in ſeinem Amtsbezirk lag. Der Abend dämmerte ſchon heran, Schnee und Re⸗ gen machten das Wetter draußen äußerſt unfreundlich, und noch immer wollte der wohlbekannte Hufſchlag des Braunen nicht ertönen. Molly und Dora ſaßen Unten in der Wohnſtube, die Eine in der Sophaecke, die Andere am geöffneten Klavier, die Hände regungslos auf den Taſten. Oben hörte man den Buchonkel in ſchweren Filzſchuhen durch ſeine Stube wandeln. „Sie haben ihn gewiß wieder in Appenrode aufgehalten,“ ſagte Dora. „Wir wollen die Lampe anſtecken,“ antwortete Molly nach einer Pauſe. Dora ſtand vom Klavier auf, ſchloß daſſelbe und ſetzte ſich ſchweigend neben die Schweſter auf das Sopha. „Sag' mir einmal, Molly, was haſt Du mit Bürger?“ fragte ſie ruhig, indem ſie ihre Hand ergriff, und die durch dieſe unerwartete Frage höchlichſt Ueberraſchte, welche eine Bewegung zum Aufſtehen machte, ſanft in die Sophaecke zurückdrückte. Als Molly ſchwieg, fuhr Jene fort: „Es iſt nicht recht von Dir und ich kann es nimmer gut heißen, daß Du ihm ſo auffallend fremd und befangen „— 89— begegneſt. Das war ſonſt anders, wenn er zu uns nach Niedeck kam.“ „Mag ſeyn,“ ſtotterte Molly und fügte ſcherzhaft hinzu: „Damals war er mir auch noch intereſſant.“ g„Ich ſollte denken,“ erwiederte Dora,„er müßt' es jetzt noch mehr ſeyn.“ „Dein Mann?“ „Wie er damals mein Bräutigam war,“ ſagte ſie mit großer Ruhe und lehnte das Haupt an die Wand zurück. 3„Es iſt wahr! Du haſt recht!“ rief Molly in äußerſter Verwirrung und Dora fühlte das Zittern ihrer Hände. „Du mußt doch wiſſen, was Du thuſt,“ fuhr Jene be⸗ wegt fort.„Bürger iſt ſo gut und edel und war immer Dein Freund; gewiß, es muß ihn kränken, wenn er ſieht, wie Du Dich ſo ſichtbar von ihm abwendeſt, als hätte er, Gott weiß, wie ſchwer Dich beleidigt. Iſt's nicht ſo, Molly?“ „Es iſt ſo und iſt doch nicht!“ rief dieſe und umſchlang ſie mit Heftigkeit, als wolle ſie an ihrer Bruſt Schutz ſuchen vor der ſtrengen Schweſter.. „O frag' mich nicht!“ rief ſie dann in der höchſten Er⸗ ſchütterung.„Weiß ich doch oft ſelbſt nicht, was ich bin und thue! Seit des Vaters Tod leb' ich in einer beſtän⸗ digen Angſt, ohne daß ich ihr einen Namen geben kann. Auf Schritt und Tritt verfolgt's mich wie mein böſer Geiſt, oft weht mir's kalt in's Geſicht, in den Nacken, oder ich glaube ſeinen bleichen Schatten zu ſehen, wie er mir winkt, daß ich ihm folgen ſolle.“ „Sey doch klug, mein Kind,“ verſetzte Dora und ſtrei⸗ chelte ſanft die Wange der Weinenden.„Er ruht in Frie⸗ den und denkt nicht daran, Dich zu erſchrecken.“ „Erſchrecken,— das iſt das rechte Wort,“ ſagte Molly — 90— ſchwer athmend.„Ich erſchrecke, wenn eine Fliege durch das Zimmer ſummt, ich erſchrecke vor dem Schweigen der ſtillen Nacht, vor dem Pochen meines eignen Herzens! Ja, er ruht in Frieden, aber mir, mir fehlt der Friede, ſeit er todt iſt, ſeit—“ „Du bei uns biſt in Wölmershauſen,“ ergänzte Dora ohne Vorwurf, wenn er nicht vielleicht in dem Seufzer lag, mit dem ſie es ſagte. Molly lauſchte auf und ſich raſch empor richtend, durch⸗ ſchritt ſie in großer Aufregung das Zimmer, trat dann an das Fenſter, drückte ihre heiße Stirne wider die kalte, feuchte Scheibe und ſagte, ohne den Kopf umzuwenden, mit einer Ruhe, einer Feſtigkeit, welche den unwiderruflichen Ent⸗ ſchluß bekundete: „Du haſt Recht! Ich bleibe nicht länger hier! Ich geh' zur Tante Catharina nach Goslar, und leſe ihr die Po⸗ ſtille vor.“ Dora erſchrack. Sie kannte dieſen Ton in Molly's Stimme, ſie wußte, daß die junge, ſtolze Seele in einem Vorſatz, den ſie mit dieſem Accent betonte, nicht leicht zu erſchüttern war, und ſchnell überblickte ſie mit ſicherem Auge die Folgen, welche es haben würde, wenn Molly auf ihrem Entſchluß beharren ſollte. Sie fühlte, daß ſie ſelbſt durch ihre Bemerkung dieſen Vorſatz hervorgeru⸗ fen hatte, allein ſie hütete ſich wohl, ihr zu widerſprechen und ſagte bloß: „Das läßt ſich überlegen. Jedenfalls muß Bürger ein⸗ willigen.“ Molly wendete mit einer haſtigen Bewegung das Ge⸗ ſicht nach der Schweſter und erwiederte: „Bürger? Was geht es den an, wo ich lebe? Ich frage — — 91— Niemanden, als meinen Vormund, und der, das weiß ich, hat mich lieber in Goslar, als in Wölmershauſen.“ Jene war aufgeſtanden und zu ihr getreten. Sie ſagte mit feſter Stimme: „Mädchen, Mädchen! Dich plagt wahrlich ein böſer Geiſt! Faſt möcht' ich mich vorſehen, daß Deine Geſpen⸗ ſterfurcht mich nicht anſteckt!“ Molly ſchaute ſie groß, mit blitzenden Augen an, plötz⸗ lich ihre beiden Hände vor das Geſicht ſchlagend, brach ſie in Schluchzen aus, ſtieß Dora, die ſie beruhigen wollte, ungeſtüm von ſich und eilte mit dem Ausruf:„Laß mich, Du hartherzige Perſon!“ weinend aus dem Zimmer. In demſelben Augenblick tönte der wohlbekannte Huf⸗ ſchlag vor dem Thor, Dora blickte zum Fenſter hinaus und erkannte in der Dunkelheit Bürger, der einer fremden, männlichen Geſtalt vom Pferde half. Sie öffnete das Fenſter. „Guten Abend, Weibchen!“ rief ihr Bürger fröhlich ent⸗ gegen:„Komm ſchnell herunter mit Deinem beſten Will⸗ komm, denn ich bringe Dir einen Gaſt, der bei mir Hahn im Korbe ſeyn wird, ſo lang ich noch einen Herzſchlag für meine Freunde habe!“ — Und ſchon auf der Hausflur trat ihr ein langgeſtreckter fremder Menſch entgegen, deſſen ſeltſame, faſt abenteuer⸗ liche Figur wenig zu der Erwartung ſtimmte, die Bür⸗ ger's Empfehlung in ihr erweckt hatte. Betroffen maß 4ie den Unbekannten vom Kopf bis zu den Füßen und ſah ungewiß auf ihren Mann, als habe ſie nicht übel Luſt an irgend eine Myſtification zu glauben. Denn daß er ſie necken wollte, indem er ihr einen Landſtreicher oder ſo etwas in's Haus brachte, und ihn für ſeinen Freund aus⸗ — 92— gab, war ihr faſt gewiß, und ſie blieb nur noch unſchlüſ⸗ ſig, ob ſie in den Scherz eingehen, oder den Fremden, der ſie ſo ſchalkhaft verlegen anlächelte, ohne Complimente in die Geſindeſtube verweiſen ſolle. Sie wählte einen Mit⸗ telweg und ſagte halb im Scherz, halb im Ernſt: „Wo haben Sie Ihren Paß, mein Herr, und Ihr Wan⸗ derbuch?“ Der Fremdling, ohne ſich zu beſinnen, griff in die Sei⸗ tentaſche ſeines ſchlottrigen, durchnäßten Oberrocks und langte ein Papier heraus, das er ihr ſchweigend über⸗ reichte. Dora entfaltete das naſſe Blatt, es war— die Relegation des„unverbeſſerlichen“ Studiosi theol. Fried⸗ rich Hahn's aus Zweibrücken,„wegen Verhöhnung aka⸗ demiſchen Senats, vieler erwieſener Geſetzwidrigkeiten und Schelmenſtreiche nicht zu gedenken,— binnen zweimal vierund⸗ zwanzig Stunden Göttingen zu verlaſſen,“ lautete der Schluß. „Das iſt was anders,“ ſagte ſie mit ihrem anmuthigen, gewinnenden Lächeln und reichte dem Relegirten die Hand; indem ſie ſchalkhaft auf Bürger blickte, fügte ſie hinzu: „Die Unverbeſſerlichen ſind oft die Beſten.“ Sie führte dann den bis auf die Haut durchnäßten Gaſt in die warme Stube. Bürger, der heute, wie lange nicht, leichten, guten Humors war, nahm ſie in die Arme, küßte ſie und rief: „Danke Gott, Hahn, daß Du aus dem vertrackten Neſt heraus biſt! So muß es Jedem ergehen, der aus Göttin⸗ gen noch einen friſchen Lebensfunken mitnehmen will! Ueber Nacht am Kragen gepackt und zum Stadtthor hinausge⸗ worfen, das iſt das größte Glück, das einem idealen Men⸗ ſchen dort paſſiren kann! Und wie ich Dich immer für den beſten Kopf des Hainbundes hielt, ſo erkenn' ich auch in Deiner Relegation nur den Wink eines guten Himmels . — 4 * 4 5 — 93— der Dich nicht in dieſem Hamſterloch von praktiſcher Ge⸗ lehrſamkeit, hiſtoriſchen Principien und achſelzuckender, herz⸗ loſer Vornehmheit wollte umkommen laſſen. Dort ſingt keine Nachtigall im grünen Buſch, keine Lerchenkehle im heiteren Morgenhimmel, daß nicht alsbald von allen Ka⸗ thedern auf belletriſtiſche Ungründlichkeit, brodloſe Phanta⸗ ſie und nichtige Ruhmſucht geſtichelt wird; man zieht dem Genie die Haut über den Kopf und ſpannt ſie als Kalbs⸗ fell über die Trommel des Rationalismus; Philoſophie und Poeſie iſt auf dieſen Stoppelfeldern der Gelahrheit und Pedanterie eine Wucherpflanze, ein übermüthiger Luxus— Hahn! Hahn! ich ſage Dir, ſchüttle den Staub von Deinen Füßen und preiſe Allah und ſeinen Pro⸗ pheten!“ „Die Wolken haben ihn ſchon abgewaſchen,“ verſetzte dieſer zähnklappernd und ſchütteſte ſeinen naſſen, ſchweren Flausrock. Bürger führte ihn hinauf in ſeine Stube, wo er ſich aus des Freundes Garderobe mit trocknen Kleidern ver⸗ ſah. Dora hatte unterdeſſen mit Hülfe des Buchonkels für den erſtarrten Gaſt einen kräftigen Punſch bereitet und bald war der Relegirte wieder warm von Innen und Außen. Nur Molly wollte lange nicht in dem traulichen Kreiſe erſcheinen und Bürger mußte ſeine Frau mehrmals nach ihr fragen, ehe dieſe aufſtand, um ſie zu holen. Endlich kam ſie, mit verweinten Augen, recht wie ein verſtockter, trutziger Querkopf, dem man es nirgends recht machen kann, wünſchte mit einer ihr neuerdings ſehr ge⸗ läufigen Einſylbigkeit dem Schwager einen dürren, guten Abend, blickte Hahn kaum von der Seite an, biß ſpöttiſch die Lippen zuſammen, als ſie den hageren, linkiſchen Ge⸗ ſellen in Bürger's Sonntagsrock ſtecken ſah und ſetzte ſich, — 94— ſtumm wie ein Fiſch, neben den Buchonkel. Sie ſchien ſich darin zu gefallen, daß mit ihrem Erſcheinen die Un⸗ terhaltung nach allen Seiten ſtockte und Jedes dem Punſch⸗ glas auf eignes Riſico zuſprach. Die wunderichſt Figur in dieſer gepreßten Situation machte allerdings Hahn. Er ſah bald den Freund, bald ſein ſchönes, ſtummes vis à vis mit befremdeten, fragen⸗ den Augen an und die Pfeife ging ihm darüber öfters aus. Um wieder die frühere heitere Stimmung in dis kleine Geſellſchaft zurückzuführen, ſchilderte er ſeine Befreiung aus dem Fuchsbau und wußte ſein Abenteuer ſo komiſch unnd draſtiſch zu erzählen, daß ſelbſt Molly mehrmals un⸗ wwillkürlich lachen mußte. Beſonders imitirte er mit un⸗ übertrefflicher Wahrheit den alten Zacharias Mehlfink, wie er denn überhaupt in der Nachahmung und Carici⸗ rung fremder Perſönlichkeiten bis zum Erſchrecken glücklich war; er konnte jede nur einigermaßen markirte Stimme auf das Täuſchendſte nachmachen, und hatte dabei ein be⸗ wundernswürdiges Talent, gerade die beſonderſten, am wenigſten bemerkten Eigenthümlichkeiten und Lächerlichkei⸗ ten desjenigen, den er nachahmte, zur Anſchauung und zum Verſtändniß zu bringen. Dabei beſaß er eine ſe olche Mo⸗ dulation ſeiner Stimme, daß er im Stande war, eine ganze Geſellſchaft redend einzuführen, und man brauchte nur die Augen zu ſchließen, um alle die wohlbekannten Leute, welche aus ſeinem Mund rrdeien, leibhaftig vor ſich zu ſehen. Bürger lag faſt vor Lachen auf der Erde, als Hahn zuletzt mit unübertrefflichem Humor die Unterredung wie⸗ dergab, welche der fromme Zacharias Mehlfink mit dem Stadtpfarrer gehabt hatte, zu dem er ſpornſtreichs gelau⸗ fen war, nachdem er das Carcer leer gefunden hatte. Es 3 war die brillanteſte Disputation, die jemals zwiſchen or⸗ thodorem Naturalismus und romantiſchem Supernatura⸗ lismus ſtattgefunden hat, und endete damit, daß der Stadt⸗ pfarrer mit dem hannöveriſchen Conſiſtorium wegen der Offenbarungsfrage in die ärgerlichſten Mißhelligkeiten ge— räth, Zacharias Mehlfink aber dem Buddhaismus anheim⸗ fällt. Bürger's Augen thränten vor Lachen, der alte Buch⸗ onkel rückte immer näher an Hahn's Seite und klatſchte beſtändig in innerlichem Vergnügen auf die ledernen Ho⸗ ſen, Molly konnte nicht länger mehr an ſich halten, und lachte unmäßig, Dora lachte— alle trüben Augen glänz⸗ ten. Es war, als hätte man ſich das Wort gegeben, die Leiden der Vergangenheit und Gegenwart an dieſem glück⸗ lichen Abend auf immer wegzulachen. „Herzensjunge, Du bleibſt bei uns!“ rief Bürger mit leuchtenden Blicken, den Freund mit Innigkeit umarmend. „Wie wollen wir dichten und ſtreben, ermuthigt und angeregt Einer durch den Andern, und aller Welt beweiſen, daß wir Zwei es mit Jedem aufnehmen, der in Apollo wan⸗ delt. Nur die Freundſchaft macht den Dichter, nur die beſtändige Nähe des Freundes gibt uns den Muth und den Enthuſiasmus, deſſen der Geiſt bedarf, um ſich immer friſch und freudig zu erhalten, und das hohe Ziel nicht zu verlieren, das uns beſtändig in dem Auge des Freundes entgegen leuchtet!“ Hahn blickte lächlend auf Dora und ſagte gerührt.„Sie haben einen treuen Mann, werthe Frau. Denn nur der weiß zu lieben, der ſo wie er den verlaſſenen, hülfloſen Freund an die Bruſt nimmt und ihn mit ſeinen ſtarken, rettenden Armen umfaßt.“ „Ich ſollte wohl eiferſüchtig ſeyn,“ verſetzte Dora ihm die Hand über den Tiſch reichend, während ſie mit dem — 96,— linken Arm Bürger's Hals umſchlang.„Aber ich hatte nie recht die Anlage dazu, und weil der Mann, den ich da habe, mir nicht allein Geliebter iſt, ſondern, was minde⸗ ſtens ebenſo viel, auch Freund, ſo will ich ihn gerne mit Ihnen theilen.“ „Bravo, Frau Amtmännin!“ rief Bürger mit freudigen Blicken.„Und was ſagt Buchonkel zum neuen Hausge⸗ noſſen?“ Der Alte ſchmunzelte gar närriſch und ſchalkhaft, und ſah Hahn mit Augen an, als wolle er ſagen: Mit die⸗ ſem iſt gut hauſen! Er tätſchelte ihm vertraulich auf die Wange und ſagte:„Männlein! Männlein! Kannſt noch vieles von einem alten Manne lernen!“ Bürger blickte dann fragend auf Molly; und es hätte ſich wohl geſchickt, daß ſie gleichfalls, wenn auch nur mit einem Wörtchen, den Freund des Schwagers willkommen geheißen. Aber wie ſank dem armen Hahn das Herz in die Schuhe, als die Unartige in dem Moment, wo er glaubte, daß ſie Anſtalten dazu machen wolle, zwar den Mund öffnete, aber ſchnell die Hand vorhielt, und gähnte, — gähnte wie ein Lazzaroni. Dieſe lakoniſche Erklärung war ſo frappant als katego⸗ riſch, und Bürger ſowohl als Hahn brachen in ein lautes Gelächter aus. Nur Dora wurde ernſt, und ſah ſtumm in das Licht. Molly biß unmuthsvoll mit ihren kleinen, weißen Zähnen auf die Unterlippe, zog aus Dora's Spinn⸗ rocken einen Bündel Flachs, wickelte ihn leicht zuſammen und hielt ihn über die Lampe. Er flog brennend in die Höhe und der Buchonkel blies mit vollen Backen die niederfallende Aſche in die Luft zurück. —— —— — 97— Hahn beſchloß ſich zu revanchiren und ſagte: „Bei den Bewohnern des traurigen Feuerlandes iſt es, nach dem glaubhaften Bericht eines engliſchen Reiſenden, Sitte, den Gaſt mit Gähnen zu empfangen, was ſtatt des Willkomms dient. Wenn Fräulein Leonhart dieſelbe For⸗ malität der Bewillkommung wählt, ſo ſehe ich nicht ein, was mich abhalten könnte, das gaſtliche Dach des Freun⸗ des für's Erſte als mein Aſyl zu betrachten. Ja, wenn ich es mir recht überlege, ſo iſt es die letzte Stätte, die mir noch übrig bleibt, will ich nicht anders wie ein Frem⸗ der in einer fremden Welt herumvagiren. Und Voß und Hölty ſagten es auch. Ich habe keine Seele auf Erden, von der ich Liebe und Theilnahme zu fordern berechtigt wäre; meine Eltern ſind todt, vor einem Jahre ſtarb meine einzige Schweſter und Verwandte habe ich keine, außer einem alten weitläuftigen Vetter, der ſich's angelegen ſeyn läßt, mein väterliches Erbtheil in Ordnung zu erhalten und mir immer pünktlich meinen Wechſel zuſenden. „Ein charmanter Vetter!“ ſagte Bürger. „Ich muß ihm morgen des Tages ſchreiben,“ fuhr Hahn fort,„denn wie droben meine Weſte an dem Ofen hängt, hoch taxirt, finden ſich noch fünf Silbergroſchen in der lin⸗ ken Taſche und ſelbſt dieſe hab' ich gegen gründliche Verſchrei⸗ bung von Voß, dem damaligen Rechner der Hainbundkaſſe, entliehen. Als ich Boie um einen Vorſchuß erſuchte, zeigte er mir mit wahrem Herzeleid eine leere Caſette; Fritz Stolberg, nachdem er mir erſt ſeine neueſte Ode vorgele⸗ ſen hatte, ſtand zwar ſogleich auf und ging nach ſeinem Sekretär, als ich ihm meine Verlegenheit ſchilderte, machte aber dabei eine ſo troſtlos reſignirende Miene, als wolle er ſagen:„die Aeſthetik iſt heut zu Tag eine theure Paſ⸗ ſion; ein Graf ſollte niemals griechiſch lernen und Verſe . 7 * — 98— machen.“ Ich konnt' es nicht anſehen, wie er an dem Schlüſſel drehte, ſchützte Eile vor, und lief fort. Ich lenkte nun mein leckes, dem Verſinken nahes Schiff auf Hölty's Stube. Als ich eintrat, ſah er mich groß an und ſagte, indem er mir das Wort aus dem Munde nahm, mit ſeinem gut⸗ müthig⸗pfiffigen Lächeln:„Geld hab' ich nicht, ſondern ein Butterbrod kann ich Dir vorſchießen.“ Dieſe liebevolle Abfertigung war mir mehr werth, als zehn und zwanzig Kronen. Nachdem ich mir das Herz um Vieles leichter gelacht hatte, ging ich in ſeiner Beglei⸗ tung zu Voß. Du lieber Gott! der arme, fleißige Menſch ſaß in einen wollenen Teppich eingewickelt an ſeinem Ofen, die Füße in einem Korb voll Stroh, und ſtudierte den Homer. Sein Stübchen war eiskalt und er wärmte ſich die erſtarrten Finger mit Hülfe ſeiner großen dampfen⸗ den Meerſchaumpfeife an der Idee, daß der Menſch Vie⸗ les ertragen müſſe, was ihm Zähnklappern bereite, n. A. denn auch zehn Grad Kälte. Hölty und ich legten uns in ſein Bett, und berathſchlagten nun mit ihm gemein⸗ ſchaftlich über die Mittel, mich flott zu machen. Denn am andern Tag mußte ich Göttingen verlaſſen, und mich über die angeſetzte Friſt in der Stadt zu verbergen, war nicht rathſam. Endlich war Hölty's Scharfſinn unter Voßen's Bettdecke in Tranſpiration gekommen; er ſprang mit glei⸗ chen Füßen vom Lager auf, drehte ſich einigemal in kin⸗ diſcher Freude auf dem linken Abſatz herum und jubelte händeklatſchend: Ich hab's! Ich hal's! „Ich hab's auch, ſagte Voß; und ich hab's zum Dritten! rief ich, und wie aus einem Mund nannten wir Deinen Namen.“ 83 „Das war brav von Euch,“ verſetzte Bürger gerührt. Sein Blick verdüſterte ſich aber, als er ihn dann fragte: — 99— „Hat denn Fritz Stolberg wirklich ſo lange am Schlüſ⸗ ſel gedreht?“ Unmuthsvoll erwiederte Hahn: „Ich habe mich nie um die Grafen viel bekümmert!— Sie hatten nichts mit uns gemein, als die Ueberſchweng⸗ lichkeit und den Klopſtocks⸗Enthuſiasmus. Darin überbo⸗ ten ſie uns freilich noch zu Zeiten, wie ſie denn überhaupt den Hainbund vollends durch ihre hochgräfliche Betheili⸗ gung an demſelben in den Mund der Leute gebracht ha⸗ ben. Sie konnten ſich nie ihres edelmänniſchen Bewußt⸗ ſeyns, ihrer ariſtokratiſchen Perſönlichkeit entäußern und die Poeſie diente ihnen nur zum Firniß für ihr altadeli⸗ ges Wappenſchild.“ „Bei Chriſtian will ich das zugeben,“ verſetzte Bürger; „aber Fritz iſt eine edle, tüchtige Natur, die ich aus Lei⸗ beskräften gegen Deine Vorwürfe in Schutz nehme. Mag ſeyn, daß ihm in der Politik gewiſſe Sympathien mit dem Hainbund abgehen, und daß es ihm zuweilen unheimlich zu Muth iſt, wenn ihr ſo mir nichts dir nichts die Art an ſeinen ehrwürdigen Stammbaum ſetzet; aber er iſt doch ein Dichter durch und durch, ein feuriger, genialer Kopf, ſein Geiſt voll lebendigen Dranges, ſeine Weltan⸗ ſchauung eine unbedingt ſchöne und großartige. Und was ſeine claſſiſche Bildung anbelangt, ſo iſt er jedenfalls darin uns Allen voraus. Wer ſo, wie Fritz Stolberg für das Hellenenthum ſchwärmt, mit Homer und Pindar, mit So⸗ phokles und Plato verkehrt und ſo, wie er, beſtändig zu ihnen zurückkehrt, für deſſen Geſinnung kann man ſchon einſtehen. Du nennſt ihn einen Ariſtokraten; aber er iſt es gewiß nur im allerbeſten, ich möchte ſagen, im äſtheti⸗ ſchen Sinne, wie es wohl im Grunde ein jeder iſt, der 7* die That der Schönheit zum erſten Moment ſeines Stre⸗ bens und ſeiner Begeiſterung erhebt.“ „Da ſind wir wieder auf dem bekannten, ſtörrigen Thema,“ verſetzte Hahn kopfſchüttelnd.„Als ob ein Dich⸗ ter, der es treu meint mit ſeinem Genius, und dem der Strom des Lebens und der Gegenwart um die heiße Bruſt rauſcht, immer rückwärts blicken und jene alten Sterne einer verlorenen Welt wieder heraufbeſchwören ſolle? Oder ob er nicht vielmehr ſeinen Blick hell und friſch dahin wen⸗ den ſolle, wo eine neue Menſchheit ſich erhebt, in einer anderen Begeiſterung, in einer anderen Weltanſicht, als jene, in der einſt Homer und Sophokles dichteten? Legt mir das Jahrhundert, dem ich diene, eine warme Hand auf die Bruſt, warum ſoll ich ihm nicht mit dem lebendi⸗ gen Pochen meines patriotiſchen Herzens antworten? Warum ſoll ich griechiſch reden, wo man deutſche Laute hören, warum meine Leyer mit Pindar's Saiten überſpannen, während meine Zeit ganz andern Tönen lauſchen will?“ „Gemach, Franzoſenfreſſer! Du gibſt mir ſelbſt die Waf⸗ fen in die Hand, womit ich Dich ſchlagen werde,“ ant⸗ wortete Bürger.„Es iſt eine große Befangenheit von euch Hainbündnern, daß ihr die krampfhaften Zuckungen der Gegenwart, ihre Grimaſſen und Geſpenſter, ihre Lügen und Halbheiten für die neue meſſianiſche Zeit haltet, wie ſie fir und fertig aus dem Haupte Jovis herausſpringt, während doch in all dieſen excentriſchen Bewegungen, wie ſie euch fortreißen, nur ein äußerer, vorübergehender Pro⸗ zeß der Entwickelung ſtattfindet, den ihr ſympathetiſch theilt, ohne euch von ſeinem feindlichen Einfluß auf die Poeſie frei zu erhalten. Es muß doch ſehr ſchlimm und bedenk⸗ lich um den deutſchen Genius ausſehen, der nichts Höhe⸗ res kennt und ſchafft, als was im Grunde jeder Philiſter — 101— will und kann. Was kümmern den Dichter wit dem dunk⸗ len Prophetenauge die Tagesfragen der Politik, die Fauſt⸗ ſchläge der impertinenten Proſa? Sollen wir denn immer Barden bleiben, die in die Schlacht hineinbrüllen? Soll denn immer unſere Poeſie dem Werkeltags⸗Intereſſe die Abſätze von den Schuhen treten? Aber nein, nein!— Ich ſeh' es anders kommen, und täuſcht mich nicht mein beſter Glaube, ſo iſt die Zeit nahe und ihr Flügelſchlag rauſcht bereits über unſeren Häuptern, wo die herrlichen Geſtalten, die Götterbilder in unſere Poeſie wiederkehren und die freundlichen Genien der Kunſt auch die Fantaſie des deut⸗ ſchen Dichters zur reinen Anſchauung des ewig Schönen und Wahren zurückführen werden. Oft webt es wie Glo⸗ rie in Dämmerung vor meinem inneren Auge, ich meine es greifen zu müſſen dieſes freundliche Licht eines neuen Tages, wie es mächtig in unſere Literatur hineinbricht, und aus dem rohen Marmorblock der Gegenwart das ſchöne Götterbild entzaubert, das drinnen ſchlummert. Ja, Freund, er wird kommen, dieſer Liebling der Himmliſchen, der das Alles, was wir mit unſerem Dichten und Trach⸗ ten nicht erringen können, mühlos und glücklicher, gleich einer Roſe vom Strauch bricht und unſere Namen aus den Regiſtern des Capitols ſtreicht! Und daß ich auf ſeine Nähe, wie auf ein theures Evangelium ſchwöre— ſiehſt Du, das hab' ich vor euch Göttingern voraus und darum will ich ihm auch freudig unter die Augen treten, und ihm meinen beſcheidenen Lorbeerkranz zu Füßen legen.“ Hahn war nachdenkend geworden und ſagte: „Aber was ſoll es denn ſeyn, und von wannen ſoll es kommen? Haben wir nicht dem Alterthum ſeine höchſten Ideen, der Natur ihre rührendſten Laute abgelauſcht? Iſt nicht Klopſtock ſelbſt in den Himmel geſtiegen und hat das neue Teſtament in Hexametern überſetzt? Sind nicht alle Töne des Lebens angeſchlagen, alle Empfindungen des Herzens ausgeſprochen, alle Formen erſchöpft? Kann man noch etwas Neues ſagen, was Tauſende nicht als veraltet und dageweſen betrachten?“ „Das iſt's nicht, lieber Freund,“ verſetzte Bürger.„Für den ſchöpferiſchen Genius bleibt jedes Reſultat des Geiſtes, jede Erſcheinung des Lebens und der Natur immer neu und das Nächſte und Bekannteſte, was Tauſende vor ihm ungerührt und gleichgültig anſahen, iſt für ihn oft gerade das Bedeutſamſte und Reizendſte. Wenn Du mich aber fragſt, wovon ich dieſes Wunder erwarte, ſo kann ich Dir nur erwiedern: Von jener Macht, die auch uns dann und wann anfaßt und aufrüttelt, kühn und gewaltig alle Or⸗ gane unſeres Geiſtes anſpannt, und uns wie mit den leuchtenden Augen einer großen Zukunft oder einer gött⸗ lichen Miſſion in die Seele ſchaut. Aber was wir dann ſo deutlich wiſſen, ſo lebendig ahnen, was wir dann ſo tief in unſerem Geiſte als glänzenden Sonnenblick einer unerfaßlichen Sehnſucht herumtragen, wir können's nicht bemeiſtern, nicht von unſerer Subjectivität frei machen, können nicht den Funken zur ſchönen lichten Flamme ent⸗ zünden. Es ſehlt uns das eine, das bildende und bele⸗ bende Wort, und wir empfinden's zuletzt in der wehmuths⸗ vollen Niedergeſchlagenheit unſerer Seele, daß das, was uns in ſo hoher Ahnung und unſterblicher Sehnſucht, be⸗ wegt und erſchüttert, nur Akkorde ſind einer Harmonie, die in andern beſſeren Saiten, als den unſeren rauſchen ſoll.“ Hahn ſagte: „Daß es Klopſtock nicht iſt, und auch nicht Wieland, am allerwenigſten aber der Hainbund und Boie's Muſen⸗ almanach, die in unſere Literatur neue und friſche Ele⸗ — 103— mente bringen, hab' ich ihnen oft genug dürr und dünn herausgeſagt. Wir alle, nur Einen ausgenommen, der Gottfried Auguſt Bürger heißt, laboriren an einem Ueber⸗ maß von Subjectivität und Pathos, das wir umſonſt in abſtracte Formen einzuzwängen ſtreben. Es iſt zu viel m Unnatur in unſerer Natürlichkeit, zu viel Widerſpruch in dem, was wir dichten und in dem, was wir ſind; Hölty trinkt Milch, und ſalbt ſich wie Anakreon Haar und Bart; Voß kann keine Kaffeemühle raſſeln hören, ſo hat er ſchon eine neue Versart im Kopf; Stolberg ſchwingt ſich auf den Pegaſus, als wollt' er ſagen: Bin ich nicht ein ſtatt⸗ licher Dichter⸗Graf? Miller kokettirt beſtändig mit dem Mondſchein durch die Lorgnette der objeetiven Empfind⸗ ſamkeit; Leiſewitz ſchreibt eine Tragödie, worin wacker ge⸗ hauen und gepoltert wird, während er ſelbſt für ſeine Per⸗ ſon ſich einbildet, er ſey von Glas und beſtändig nach den Dächern ſieht, ob keine Ziegel herunter fällt; und Boie— ach! er iſt noch im Grunde der Beſte, denn er will nur ſeyn, was er iſt: Mentor, Prinzenerzieher, Herausgeber eines Muſenalmanachs, Protektor von eirca einem Dutzend Schwindelköpfen, ſelbſt aber ein gar lebensweiſer, prakti⸗ ſcher Mann, der genau da ſeinen Fuß hinſetzt, wo die Idealität anzuerkennen und die Realität nicht zu verwer⸗ fen iſt. Er kommt mir in ſeiner literariſchen Thätigkeit immer vor, wie Einer, der Sonntags in weißen Strümpfen ſpazieren geht und auf dem Feld von einem Strichregen e überraſcht wird. Dabei paſſirt ihm das Seltſame, daß er haarſcharf zwiſchen Regen und Sonnenſchein zu ſchrei⸗ ten kömmt, und auf der linken Seite durchnäßt wird, wäh⸗ rend ſeine Rechte trocken bleibt.“ Molly lachte laut auf über dieſe komiſche Vergleichung, und zum erſtenmal nahm ſie das Wort, indem ſie ſagte: *¼⅛ — 104— „Gerade ſo hab' ich ihn betrachtet, nicht naß und nicht trocken, nicht kalt und nicht warm. Ihh wette, der gute Dichter Boie hat noch in ſeinem Leben keinen Vers gemacht!“ „Das ſind mir ſchöne Leutchen!“ ſagte Bürger, ſehr vergnügt darüber, daß Molly endlich ihr hartnäckiges Schweigen aufgab.„Keine Seele iſt vor ihren böſen Zun⸗ gen ſicher!“ „Es wird immer mehr Mode, daß man über ſeine be⸗ ſten Freunde raiſonnirt,“ ſagte Dora lächlend.„Es ge⸗ hört das wohl mit zur Aeſthetik.“ „Auch ein Fortſchritt unſeres ſoeialen Lebens, daß wir äſthetiſch maliciös ſeyn können,“ verſetzte Bürger. Erſt jetzt wurde die Geſellſchaft durch einen Wink Mol⸗ ly's darauf aufmerkſam gemacht, daß der Buchonkel feſt eingeſchlafen und bereits im beſten Zuge war, mit allen Gurgelklappen und Naſenwindladen den melodiſchen Cho⸗ ral„Nun ruhen alle Wälder“ abzuſpielen „Selbſt im Schnarchen iſt er noch rüſtig,“ ſagte Molly und betrachtete mit Rührung das ehrwürdige auf die Bruſt geneigte Haupt ihres alten Freundes. Dann ſtand ſie auf, legte ſanft beide Hände auf ſeine Wangen und füüſterte: „Onkelchen! Wollen ſchlafen gehen.“ Der Alte erwachte, ſah ſie mit hellen Augen an, lächelte wie in einem glücklichen Traume zu ihr auf, und ließ ſich von ihr nach ſeiner Stube voranleuchten. Molly kam nicht wieder und auch Hahn fielen faſt vor Müdigkeit die Augen zu. Er wünſchte Dora gute Nacht, und Bürger führte ihn in die für ihn eingerichtete grüne Stube. Das Aſyl, das er ſeiner Liebe zugedacht hatte, wurde nun der Freund⸗ ſchaft zu Theil. —— Als Bürger nach einem langen Geſpräch, an welchem Hahn zwiſchen Wachen und Schlummer einige Zeit An⸗ theil genommen hatte, endlich an dem Schnarchen des Freundes merkte, daß er nicht mehr auf ſeine Worte hö entfernte er ſich um hinunter zu Dora zu gehen. Er ſah durch eine Thürritze in Molly's Stube noch Licht.* Ohne daß ſein Weg ihn daran vorbei führte, näherte er ſich der Thüre und merkte bald, daß Molly noch auf war. Er hörte ſie in dem Zimmer auf und abgehen, Stühle rücken, Schränke aufſchließen, Schubladen öffnen, und konnte ſich dieſe ſpäte Geſchäftigkeit nicht erklären. Er legte die Hand auf die Klinke, und nur die Beſorgniß, daß Dora heraufkommen möchte hielt ihn ab, ſie zu öffnen So ſtand er, wie lange wußte er nicht und noch immer wollte es nicht ruhig in Molly's Stube wer⸗ den. Einigemal glaubte er zu hören, wie ſie mit ſich redete, glaubte ſogar ſeinen Namen zu hören. Das Schlüſſelloch hätte ihm vielleicht Aufſchluß über dieſes räthſelhafte Treiben und Schaffen geben können, allein zum Unglück ſtack von Außen der Schlüſſel darin und ſein Kamm verhinderte jede Durchſicht. Er be⸗ mühte ſich, ihn ſo leiſe als möglich umzudrehen; plötzlich knackte die Feder im Schloß, und Molly öffnete ſchnell, das Licht in der Hand, die Thüre. Betreten wich ſie einige Schritte zurück, Bürger ſtand vor ihr, ſo verdutzt und un⸗ ſchlüſſig, wie damals, als ihm der Kirſchentopf aus den Händen gefallen war. Er warf einen Blick in die Stube. „Was ſollen dieſe ſeltſamen Anſtalten?“ rief er er⸗ ſchrocken. „Ich packe,“ verſetzte ſie mit Ruhe. „Du willſt—“ das Wort erſtarb ihm mit dem Ge⸗ danken. — 106— „Ich muß— ich muß! Um Gotteswillen, geh'!“ bat ſie zitternd, und ſuchte ihn ſanft vom weiteren Eintritt ab⸗ zuhalten.„Gel', geh',— Du weckſt ſonſt Dora auf— ihr Schlummer hat böſe Träume genug——“ „i-Du willſt fort?“ ſtammelte Bürger, neben ihr her in das Zimmer tretend, wo er wirklich die ernſtlichſten Vor⸗ bereitungen zu einer baldigen Abreiſe erblickte. Molly nickte und ſetzte ſich dann ſtumm neben den Tiſch, auf den ſie ihren Arm ſtützte, indem ſie ſtarr und unver⸗ wandt in das Licht ſchaute. Bürger ſtand mit zuſammen⸗ geſchlagenen Händen vor ihr und alle Faſſung hatte ihn verlaſſen. Er wagte nicht, ſie eines ſo kalten grauſamen Entſchluſſes fähig zu halten, und doch, je plötzlicher ihn derſelbe überraſcht hatte, um ſo wahrſcheinlicher erſchien er ihm. Er ſchloß von dieſem zurück auf ihr ſeitheriges, fremdes Weſen, welches ſie gegen ihn angenommen hatte, er erblickte darin lange nicht mehr jene Berechnung und Abſichtlichkeit, und was er ſich ſeither in ſeiner Blindheit ganz anders gedeutet hatte, erſchien ihm nun als die Con⸗ ſequenz einer Entſchloſſenheit, deren Entdeckung ihn an Molly irre werden ließ. Ja, er war völlig irre an ihr geworden, und die tyranniſche Ruhe, mit der ſie jetzt ſeine Gegenwart ertrug, und nichts that, ihn zu tröſten oder ſich wenigſtens zu rechtfertigen, erſchütterte ihn vollends. Er ſagte mit Bewegung: „Gut, ich will Dich nicht hindern— ich habe kein Recht, Dich in dieſem freudeloſen Daſeyn zurückzuhalten,— Du biſt mir keine Entſagung ſchuldig— ich find' es natürlich, daß Du den traurigen Ort verläſſeſt. Aber eins ſey ver⸗ ſichert, Molly: Du gehſt und ich bleibe nicht hier— Du entfernſt Dich und ich folge Dir, Deine Wege ſind die meinigen, Dein Ziel— noch ſo fern, das meinige; Du — 107— kannſt Dich von mir losreißen— ich nicht von Dir— Du kannſt meinen Anblick fliehen— aber den Deinigen, Molly— den Deinigen muß ich haben, wie ich den Him⸗ mel über mir, die Erde unter mir haben muß, wenn ich exiſtiren ſoll und müßt' ich Dir auch in die dürren Wü⸗ ſten Arabiens, oder in die Urwälder Amerikas folgen. Der Menſch kann Vieles entbehren— aber die Reſignation, die Willenskraft hat ihre Gränzen, und ein Thor, wer die ewigen Geſetze der Natur vernichten, wer den Bach berg⸗ an leiten und behaupten will, den Hunger hungre nicht— den Durſt dürſte nicht.“ Es lag ein fürchterlicher Ernſt in dem Lächeln, mit dem er dieſe letzten Worte begleitete. Die Reihe, aus der Faſ⸗ ſung zu kommen, war nun an ihr, und in der That, was ſie antwortete, mußte ihm wie Engelsmuſik in die Seele klingen. Sie ſagte, ohne die Kerzenflamme aus dem Auge zu laſſen, ohne das Haupt, das in ihrer rechten Hand ruhte, nach ihm umzuwenden. „Warum ſchleichſt Du auch an meine Thüre und belau⸗ ſcheſt meinen Kummer? Wär's nicht beſſer geweſen, Du hätteſt von meinem Entſchluß erſt Kenntniß bekommen, wenn Du mich nicht mehr darin hätteſt wankend machen können? Ich will ja nicht in die Wüſte Arabiens fliehen, nicht in die wilden Urwälder Amerikas, nur auf einige Zeit wollt' ich Wölmershauſen verlaſſen und bei der from⸗ men Tante in Goslar beten lernen, was mir ſehr Noth thut. Heut' Abend hatt' ich's beſchloſſen und morgen ſollte es ausgeführt werden!— Da ſchleichſt Du an meine Thüre, ſchauſt mir durch das Schlüſſelloch in mein Ge⸗ heimniß und nun—“ ſie ſtand auf, trat haſtig vor ihn, legte ihre Hand in die ſeine und ſagte:„Nun iſt mir — 108— auch dieſes unmöglich und ich bleibe. Ja, ich bleibe!“ wiederholte ſie mit gehobener Stimme und ſich ſanft an ihn ſchmiegend und die Hand auf ſeinen Arm legend, fügte ſie hinzu: „Zudem, wer weiß, ob ich überbaupt fortgekommen wäre. Nun Du mich auf meinem Vorhaben ertappt haſt, ſcheint es mir faſt, als könn' es nicht ſeyn.“ Entzückt rief Bürger:„Nein, Du hätteſt es nicht gethan, denn Du wußteſt, daß Du mich dadurch zum elendeſten und ärmſten der Menſchen gemacht hätteſt! Aber Eins mußt Du mir ſagen:„Was veranlaßte Dich, an unſere Trennung zu denken, ja ſie ſelbſt zu betreiben??“ Molly verſetzte traurig:„Wenn Du mich darnach fragſt, o! dann möcht' ich lieber gleich zuſammen packen und auf und davon gehen! Dann erſcheint es mir wie ein ſchwe⸗ aes, unmenſchliches Verbrechen, daß ich noch zögere, dieſes Haus zu verlaſſen!“ Sie warf ſich auf einen Stuhl und heiße Thränen ſtröm⸗ ten aus ihren Augen. 4 „Molly! Meine theure Molly! Was bewegt Dich?“ rief Bärger und ſtürzte vor ihr auf die Knie nieder, indem er ihre Hände, ihre Arme mit zärtlichen Küſſen bedeckte. „O ſprich, mein Eins und Alles, welches Verbrechen iſt es, daß Du hier bleibſt, daß Du einen Menſchen nicht verlaſſen willſt, der ohne Dich nicht leben möchte, den nichts abhalten könnte, ein Daſeyn zu enden, dem Du und Deine Gegenwart fehlteſt?— Siehſt Du, Kind, das iſt unn mein Verbrechen, daß ich in Dir das einzige und letzte beſitze, um deſſentwillen ich noch zu leben und zu hoffen wage! Iſt das ein Verbrechen, dann mag es ſo ſeyn, dann mag der Himmel ſeine Seligkeit, und die Erde ihre Tem⸗ pel mir verſchließen, ich tauſche mein Verbrechen um keine —.,—— — 109— noch ſo glorreiche erhabene That der Weltgeſchichte, um keine Seelengröße, keine Tugend, wie ſie das Herz der Menſchen noch nach Jahrbunderten rührt und entzückt und in goldenen Sternen am Himmel prangt!“ „Sie hat mich geliebt, ſo unendlich geliebt!“ ſagte Molly mit bewegter Stimme.„Ich war die Sorge und das Glück ihres Lebens, und meine ganze ſchöne glückliche Kind⸗ heit war ihr Werk; mir eine Freude zu machen, ſcheute ſie kein Opfer, keine Entſagung, ſie bildete mich, leitete mich, fühlte und lebte nur für mich und mein Wohl. Wenn es wahr iſt, daß Gott jedem Menſchen einen Genius mit⸗ gibt, der ihn durch das ganze Leben begleitet,— dann war mir Dora dieſer Genius— und ich—“ Hier ſtockte ſie und mit einem blitzenden, ſtrafenden Blick auf Bürger, fügte ſie hinzu:„Und ich habe nicht einmal den Muth, das zu thun, was ich doch thun ſollte, was ich thun muß, einen Menſchen zu fliehen, der ſie verräth und längſt mit falſchen Schwüren die beſte Seele um ihren theuerſten Glauben betrog. Gott, o Gott! Welch' ein Frevel!“ rief ſie aufſpringend und ſchritt, die Hände ringend in einer fürchterlichen Bewegung durch das Zimmer. Umſonſt ſuchte ſie Bürger zu beruhigen. Sie hörte nicht auf ſeine ſüßen und ſchwärmeriſchen Worte, auf ſeine Bit⸗ ten und Betheuerungen’, er mochte ſagen, was er wollte. In ihrer Aufregung erſchien ihr jedes Wort aus ſeinem Munde als ein Verrath an Dora's Lebensglück; ſie wies mit Heftigkeit jede andere Vorſtellung zurück, und je inniger er ſprach, je erſchütternder die Beredtſamkeit ſei⸗ ner Liebe wurde, er fand keinen Zugang zu ihrem Ver⸗ trauen,— das Bewußtſeyn ihrer eignen Schuld ſchützte ſie noch vor dem Schuldigen.— Ich klage Dich nicht an, Du brauchſt Dich nicht vor mir zu rechtfertigen!“ ſprach ſie abwehrend mit glühendem Antlitz.„Ich bin es allein, die das heiligſte Gefühl, das in der Menſchenbruſt wohnt, das Gefühl der Dankbarkeit vernichtet hat. Du thuſt nur, was Tauſende ohne Reue vor Dir gethan, was Tauſende nach Dir thun werden;— aber meine Schuld iſt unerhört; denn ich frevle nicht an dem Aitare, nicht an einem ungeliebten Weſen, ich frevle an der ſüßen Gewohnheit meines Herzens, an der Stimme der Natur, frevle an dem Grabe meiner Mutter, wo Dora mich beten lehrte, freyle an der Schweſter, die mich liebt, die meiner Treue, meiner Unſchuld vertraut, gleich einem ſchönen Werke ihres Lebens, und vernicht es wie man eine Blume knickt, und ſie dem, der ſie ſo lange pflegte und hegte, mit Hohn vor die Füße wirft!— Pfui! Pfui! dem Weibe, das kein Mitleiden hat, und wär' es ſeine ärgſte Feindin, mit einem liebenden, betrogenen Weibe!“ „Nun dann, ihr Engel des Himmels, geht in die Hölle und ſchmeckt die ſiebenfachen Qualen der Verdammniß ſie⸗ benmal ſiebenfach!“ rief Bürger und ſchlug ſich erſchüttert vor die Stirne.„Wenn Du frevelſt, ſo weiß ich nicht, was der fromme Märtyrer vor den Ruchloſen voraus hat, daß er ſich einen Heiligenſchein um das Haupt legt und in die Freuden des Himmelreichs eingeht!“ „Nein, nein, Molly! das kann nicht Frevel ſeyn, was ſich in ſo ewiger Gewalt der ſüßeſten Gefühle unſeres Herzens bemächtigt, eine Gottheit von Liebe uns an die Bruſt legt, daß wir ſie umarmen, und in Schmerz und Luſt, Entzücken und Sehnſucht über Welt und Zeit hinaus, in das glänzende Auge einer Ewigkeit blicken, die, das ahnen wir in dem Beben unſerer Seele, in dem Muth un⸗ ſerer Begeiſterung, uns Bürgſchaft iſt, daß die Liebe, die uns bewegt, die Se önſucht, die uns entzündet, ſo wenig — 111— untergehen wird, als der Geiſt, der ſie mit dieſen unſterb⸗ lichen Gefühlen begnadigt. Schau, ſchau', mein Kind, in die ſtille Nacht hinaus, dort, wo mit goldnen Zügen in dem Buche des Himmels von dieſer Liebe geſchrieben ſteht, daß ſie durch alle Sphären wandelt und ſich immer neu entzündet, Welt an Welten, ohne Anfang, ohne Ende. Da ſchelte mir Einer den guten, ſtillen Mond, wie er ſo leiſe üͤber Thal und Hügel blinkt, als wollte er fragen: Erde, weißt auch Du von jener Liebe? Nein, Molly! Wem das helle Auge der Sehnſucht leuchtet, der ſoll es ſich nicht verdüſtern laſſen von den Nebeln dieſer Erde, der ſoll es frei und freudig aufſchlagen und nicht mit Gott grollen, daß es mehr ſieht, als andere Augen. Mag auch die Wim⸗ per manchmal ſchmerzlich zucken in dem allzuhellen Licht, mag auch aus dem dunklen Grund unſeres Geiſtes, wohin es nicht zu leuchten vermag, der Schmerz um dieſes Le⸗ bens harmvolle Prüfung ſich regen und es mit Thränen der Wehmuth füllen— auch in dieſem Schmerz iſt Hell⸗ ſehung, und die Thränen, mit denen er unſer Auge ver⸗ düſtert, fallen wie kühler Thau in unſer lechzendes Ge⸗ müth, erquicken und beleben es. Ach, dieſe Thränen— dieſe ſchönen, liebevollen Räthſel in dem Wunder, das wir Auge nennen— wir wollen ſie weinen, Molly, Herz an Herz, und ſie nicht zählen, und ſie nicht trocknen! Denn auch ſie ſind Liebe und wollen da ſeyn!“ „O du mein Gott und mein Frieden ſagte Molly und ihre Stimme erſtickte in Schluchzen und Küſſen. Wie in das Mark ſeines Lebens hineingewachſen, hing ſie an ſeinem Halſe, und durch die Wolken flog ein leuchtender Stern, gleich dem Auge eines Gottes, welcher der Erde dieſes Glück neidet, vielleicht auch die Thräne eines mitleidsvollen Engels. — 112— Dora wartete lange auf ihren Mann. Sie war ent⸗ ſchloſſen, ihm noch an dieſem Abend von Molly's Plan, Wölmershauſen zu verlaſſen, Nachricht zu geben; nur wußte ſie nicht, wie ſie dieſe Eröffnung, die ihn jedenfalls höchlichſt überraſchen mußte, einleiten ſollte. Keinenfalls durfte ſie ihn merken laſſen, daß ſie ſelbſt die Veranlaſſung wäre, eben ſo wenig als er hören durfte daß am heuti⸗ gen Abend zwiſchen ihr und Molly Dinge zur Sprache gekommen waren, die ihn ſo nahe berührten; es ſollte Alles vermieden werden, was ihn auchnur entfernt hätte vermuthen laſſen können, daß ſie an ſeiner Liebe zweifle und Molly's Entfernung nurum funenlen für wünſchenswerth halte. Deß⸗ halb beſchloß ſie, ihm den Vorſatz der Schweſter in der Art mitzutheilen, daß Bürger glauben mußte, ſie entdecke ihm denſelben nur, um an ihm einen Beiſtand gegen Molly's Eigenſinn zu haben, um ihn zu beſtimmen, ſeine Einwilli⸗ 3 gung zu ihrer Abreiſe nun und nimmer zu geben. So hoffte ſie Bürger jeden Verdacht zu benehmen, während im Hintergrund ihres Planes die durch ihre Kenntnißetzon Molly's Charakter faſt zur Gewißheit gewordene Voraͤus⸗ ſetzung ruhte, daß gerade Bürger's Widerſpruch dieſe in ihrem Entſchluß nur noch beſtärken werde. Sie zweifelte nicht daran, daß Bürger Alles aufbieten würde, Molly's Abreiſe zu hintertreiben, ſie zweifelte nicht daran, daß Molly ihm keinen Widerſpruch, keine Entſchloſſenheit ſchul⸗ dig bleiben würde So war ſie gewiß, daß ihr, indem ſie gerade das Gegentheil von dem betrieb, was ſie wünſchte, 5 der Erfolg nicht verſagen könne. Nur in einem verſah ſie es freilich, daß nämlich die Beiden, deren ſchleunige Tren⸗ nung ſie ſo ſehnlichſt als angſtvoll wünſchte, und die ſie ſchon im Geiſte als geſchehen betrachtete, in dieſer Stunde, vielleicht in dem Augenblick, wo Dora das Glück über⸗ — 113— ſchlug, das ihr aus Molly's Entfernung für künftige Tage erblühen ſollte, einen Bund ſchloſſen, den zu ſcheiden nicht in ihrer Macht ſtand. Es war die letzte ſchöne Täuſchung, die ſie aus dem Wachen mit hinüber nahm in die holde glückliche Welt, in welcher die ſchönen Täuſchungen unſeres Herzens zu noch ſchöneren Träumen werden;— die letzte, wir müß⸗ ten denn Täuſchung nennen, was die gekränkte Seele in uns, das zerſtörte Gemüth, das in ſeiner heiligſten Liebe gebrochene Herz, nachdem ihm keine Hoffnung und keine Täuſchung, alſo auch kein Traum mehr bleibt, dahin blicken läßt, wohin jedes Auge ſchaut, dem keine Sonne und kein Tag je wieder leuchten ſoll. Spät in der Nacht kam Bürger, und da ſie das Licht hatte brennen laſſen, trat er mit dieſem vor ihr Lager. Wie der Frieden des Grabes wehte es ihn an aus dieſem Schlummer, den ſo holde Träume umwebten; regungslos lag ſie da, mit den lächelnden Zügen, wie ſie manchmal deßgſt den blühenden Leben ablernt und ſie täuſchend über die gebrochenen Blüthen der Jugend und Liebe haucht. Bräutlich, wie noch berauſcht vom erſten Kuß der Liebe, waren die Lippen halb geöffnet und in ſanftem Purpur röthete die Erquickung des Schlafes ihr Antlitz. So lag ſie vor ſeinen Blicken, den Kopf in den linken Arm gedrückt und kaum, daß ſie athmete, kaum daß ihr Buſen ſich leiſe hob und das Leben in dieſem anmuthigen Bild verrieth. Bürger betrachtete ſie lange, mit welchem Gefühl iſt ſchwer zu beſchreiben. Dieſer friedliche Schlum⸗ mer, dieſes in ſeinem Gott ruhende, vertrauende Leben, dieſe Traumesluſt eines reinen, argloſen Herzens— wie furchtbar mußten ſie nicht ihn anklagen, wie erſchütternd nicht ihn rühren! Da lag das Opfer, mit dem er ſich ſei⸗ . 3 — 114— 9 nen Himmel erkauft, da ſchlummerte ſanft und arglos das Herz, das er ſo grauſam getäuſcht, ſo unausſprechlich ge⸗ kränkt hatte und nur die milden Genien des Traumes ſchienen noch den glücklichen Glauben, den freundlichen Be⸗ ſitz ihrer Liebe ihr erhalten zu wollen, um den er ſie be⸗ trogen, ſchienen noch eine Weile ihr Herz in dem benenſ Zauber der Täuſchung umfangen zu wollen. Aber das war es eigentlich nicht, was Bürger empfand, als er ſo vor ihr ſtand und mit irrem, verſtörtem Blicke die verrathene Gattin betrachtete. Aufgeregt wie er war, ergriff ihn weniger die unmittelbare Vorſtellung ihres Schickſals und ſeiner Schuld, weniger die Betrachtung deſ⸗ ſen, was geſchehen; der Anblick ſeiner Gattin, wie ſie ſo unbewußt und ahnungslos ſchlummerte, während die ihrem Herzen Theuerſten ſie ſo furchtbar verrathen hatten, der grelle, ſchneidende Contraſt dieſer Ruhe, dieſes Friedens mit dem wilden Sturm ſeines Inneren, mit den erſchüt⸗ ternden Eindrücken der letzten Stunden, dazu noch die rührende Aehnlichkeit dieſer Züge mit denen Molly's, die ihn ſeines Glückes als einer unſeligen Schuld anzuklagen ſchienen, das war es, was ihn ergriff, und zum erſtenmal überkam ihn die Allgewalt eines Verhängniſſes, das er wohl in kühnem, feurigem Muthe beſchworen, dem er aber erbebte, da es nun wirklich erſchien und rieſengroß, feſten Schrittes, als eine Macht, die den Kampf zwar nicht ſucht, aber herausgefordert, entweder bekämpft ſeyn, oder den Uebermüthigen, der ſie weckte, vernichten will, näher und⸗ näher trat. Was er gewollt, was er geträumt, was er ſo kühn und groß in ſeiner dichteriſchen Fantaſie tauſend⸗ mal durchlebt und beſtanden, alle Schrecken, alle Wonnen ſeines Herzens waren erfüllt, Molly war ſein, von ihren Lippen hatte er das Geſtändniß ihrer Liebe weggeküßt, und — 3 — 115— es wie ein köſtliches Evangelium in dem Schrein ſeines Herzens geborgen. Und dennoch erbebte er, erbebte er zumeiſt vor dem, was er, ſo lange es bloß im feindlichen Widerſpruch mit ſeiner Sehnſucht, ſeinem idealen Leben ſtand, ſo heroiſch über⸗ wunden, ſo glücklich beſeitigt hatte. Aber ſeine Sehnſucht, ſeine Träume waren erfüllt, und dennoch wollten jene Ge⸗ ſpenſter noch immer nicht weichen; im Gegentheil, ſie wuch⸗ ſen dräuender, mächtiger empor, wurden zu Geſtalten der Wirklichkeit, zu Feinden von Fleiſch und Blut, die ihm mehr als Sehnſucht, als Träume ſtreitig machen wollten; und ſein leichter Sinn, ſeine lebendige Fantaſie vermochte nicht mehr, wie ſonſt in den guten, gottvollen Stunden der Begeiſterung, ſie als bloße Chimären zu verachten. Die leuchtende Wunderblume auf dem ſteilen Felſen war er⸗ reicht, vr hielt ſie entzückt, hochathmend in den blutenden Händen, aber die Schluchten und Abgründe, die er im Ringen und Klimmen, im Streben und Schmachten nach dem herrlichen einzigen Beſitz ſo leicht und mühlos über⸗ wunden hatte, ſie donnerten ihn jetzt an, wie tauſendfacher Tod, wie Gefahren, die erſt mächtig und furchtbar werden, wenn wir etwas zu verlieren haben. Und ſo fiel es auch wie ein Schrecken ohne Ende auf Bürger's ſelig müdes, berauſchtes Herz, als er jetzt die ſchlummernde Dora erblickte. Dein Weib, dir angetraut am Altare, ſprach es aus dieſen ruhigen Zügen! deine Schwüre mein— dein Leben unter meinem Herzen, Alles, was du biſt— mein, ewig nur mein! Und dies Alles ſagte ſie ihm mit ſtummem Munde, dies Alles träumte ſie ſo heiter und zuverſichtlich, wie ſie es wachend wußte— ihr Lächeln duldete keinen Widerſpruch. Bürger konnte es nicht länger ertragen; er wankte einige 3* — 116— Schritte zurück, ſtellte das Licht auf den Tiſch neben dem Bette— Liebe und Argwohn ſchlummern leiſe— Dora erwachte bei ſeiner Bewegung. Sie ſah auf, ſie traute kaum ihren Blicken. Er ſtand aufrecht mitten im Zimmer, die linke Hand vor den Augen, das Haupt ſchwer und tief auf die Bruſt geneigt; der rechte Arm hing ſchlaff an der Seite herunter. Sie wartete vergebens auf eine Bewegung, er rührte ſich nicht, ſchien wie gewurzelt auf die Stelle, und nur ein leiſes Zucken der von der Hand beſchatteten Mundwin⸗ kel verrieth ſein Leben. Es ward ihr unheimlich in dieſem Schweigen, dieſer Regungsloſigkeit, ſie wußte nicht, was ſie von all' dem denken ſollte. Jetzt ließ er die Hand von den Augen niederſinken und das Kerzenlicht flackerte über ein todtbleiches, verſtörtes Antlitz. Dora drückte erſchrocken mit einem bangen Schrei ihr Geſicht in die Kiſſen; ſie wußte nicht, war es Bürger, der vor ihr ſtand, oder hatte ſie in ein fremdes Antlitz ge⸗ ſchaut. Erſt, als ſie ſich am Arme ergriffen fühlte, als ſie ſeine Stimme erkannte, richtete ſie den Kopf wieder in die Höhe. „Dora! Dora!“ ſprach er mit ängſtlicher Haſt.„Was haſt Du? Warum fürchteſt Du Dich vor mir? Kennſt Du mich nicht mehr, oder ſiehſt Du mir's an, wie elend ich bin? wie das Kainszeichen der Verdammniß immer feuriger auf meiner Stirne brennt? O zittre nicht!— fluche nicht!— Du ſiehſt nur, was Alle ſehen— aber hier— hier—“ Er riß ſeine Weſte auf. „Du biſt krank!“ rief ſie erſchrocken, als er ſich ermattet auf den Rand des Bettes niederſetzte und ſie ſeine kalte — 117— Hand fühlte. Sie wollte das Lager verlaſſen und ihm Beiſtand leiſten, allein er drückte ſie abwehrend in das Kiſſen zurück und ſagte ſchwerathmend: „Krank— ja— das iſt's, damit ſprichſt Du's aus, krank an Allem, was dieſes Leben ſchön und glücklich macht; krank, wie der Falke, dem der Pfeil des Jägers den Flügel gelähmt,— krank wie der Baum, deſſen Mark ein zündender Blitz ausgehöhlt hat.“ Er hielt inne und ſuchte ſich zu faſſen, als er den Ein⸗ druck bemerkte, den dieſe in dem ſchneidendſten Accent der Reſignation ausgeſprochenen Worte auf die liebende Gat⸗ tin machten. Sie legte ihre Hand auf die ſeinige und ſagte mit einem Tone, der trotz ſeiner Ruhe die ſchmerzlichſte Bewegung ihres Inneren verrieth. 1 „Gottfried! Gottfried! Du redeſt mich um mein Leben! Was muß ein Weib thun, das ſo unglücklich iſt, von dem Manne ſeiner Liebe ſolche Worte zu hören! Wohin ſoll ſie ſich retten vor dem ungeheueren Vorwurf, den er da⸗ mit gegen ihr heiligſtes Gefühl ausſpricht? Biſt Du nicht mein Eins und Alles, iſt Dein Glück nicht der erſte und letzte Zweck meines Daſeyns?— Darf ich leben, darf ich mein Auge zum Himmel erheben, wenn ich dieſe eine Be⸗ dingung nicht zu erfüllen vermag? Was iſt die Liebe des Weibes, wenn ſie nicht dem Manne, deſſen Leben ſie ge⸗ weiht iſt, wie dem Schmerz die Thräne, wie dem Glück das Lächeln, zum Genius wird, der ſchützend und ſchir⸗ mend ihm zur Seite wandelt, und für jede Wunde einen Balſam, für jeden Verluſt einen Erſatz, für jede Gefahr ein Aſyl ihm bieten?“ Sie hielt inne; noch zuckte ihre Lippe, aber wie von einem plötzlichen Entſchluß ergriffen, glänzte auf ihrem Ant⸗ — 118— litz der hohe, freudige Muth einer Seele, die ſich über ihr Schickſal erhebt und ſich wie erlöſt einem großen Gedan⸗ ken, einer herrlichen That in die Arme wirft.. Sie hatte ſich ein wenig emporgerichtet, und ſtützte ihren Oberkörper auf den linken Arm; immer leuchtender fiel es auf ihre Mienen, ein anderer Traum verklärte nun ihre Züge und ſpannte alle Muskeln ihres Antlitzes höher, le⸗ bendiger. Und jetzt— mit der Inbrunſt eines Herzens, das ſich ſtark fühlt zum Höchſten, mit der Schwärmerei einer Seele, die aus der tiefſten Tiefe ihrer Innigkeit einen großen, rettenden Entſchluß heraufholt, in einem Moment ihn er⸗ faßt und erfüllt, ſchlang ſie den Arm um ſeinen Hals, zog ihn nieder, drückte einen langen, wie für die Ewigkeit be⸗ ſtimmten Kuß auf ſeinen Mund und ſagte dann mit geho⸗ bener Stimme: „Mann meiner Liebe, Du ſollſt mich finden, wie ich mich Dir gab, Du ſollſt erkennen, daß ich nicht umſonſt für Dein Glück einſtand vor Gott und meinem Herzen! Ja, Dyu ſollſt glücklich ſeyn— glücklicher noch, als in den glücklicſten Stunden Deines Lebens!— Ich habe die Kraft es zu können, und wie Dein Glück in meiner Hand ruht, hererlich und unermeßlich, ſo ſollſt Du es auch em⸗ pfangen, ganz und ungetheilt— und ich will nichts für mich zurüt kbehalten, als—“ Hier ver ſtummte ſie und warf ſich in das Kiſſen zurück, indem ſie w ie ſchwindelnd die Augen zudrückte. Aber was ſte mit Wor en nicht ſagen konnte, das erklärten ihm nun ihre Thränen, die ſich gewaltſam durch die geſchloſſenen Wimpern Ba hn machten. Alles dies atte ſie in ſo leidenſchaftlicher Erregung ge⸗ ſagt und gethe m, es war ſo wenig Uebergang in dieſem „ —— — 119— Affekt, dieſem plötzlichen Verſtummen, daß Bürger, als er ſie jetzt in Thränen vor ſich ſah, noch ganz betäubt von dem, was er ſo eben vernommen und geſehen hatte, vor ihr ſaß. Es war kein Zweifel. Dora hatte ſein Herz durchſchaut, ſie wußte um Alles, ſie hatte mit ſcharfem, ſicherem Auge ihn verfolgt, von dem erſten Beginnen ſei⸗ ner Leidenſchaft, bis zu dem Moment, wo ſie, wie Flamm' in Flamme in Molly's Liebe zuſammenſchlug; und beſchämt, erſchüttert, in ſeinem Innerſten ſich verrathen ſehend, wußte er nicht, was er ihr ſagen ſollte. Er ſtand auf, durch⸗ ſchritt mit verſchränkten Armen das Zimmer, ſtarrte eine Weile hinaus nach den Wolken,— ſchwarz, wie zu einem ſchweren Fluch waren ſie unbeweglich zuſammengeballt, aber es kam kein Rath in die Verwirrung ſeiner Seele, kein Vorſatz in ſeinen Willen, und zuletzt blieb ihm keine andere Antwort übrig, als mechaniſch mit den Fingern an der Fenſterſcheibe zu trommeln. Dora blieb ſtumm; ſie hatte ihr Geſicht nach der Wand gekehrt, und als er ſich endlich nach ihr umwandte, ent⸗ ſchloſſen, ihr Alles zu entdecken, was ſie ſchon wußte, ſah er, daß ſie eingeſchlafen war. Wenigſtens ließ ſie es ge⸗ ſchehen, daß er einige Minuten vor ihrem Lager ſtand, dann das Licht putzte, und zuletzt, als er ſah, daß ſie nicht wieder wach werden wollte, ſehr gepreßten Herzens ſein Bett ſuchte. Außerdem iſt nur noch bekannt geworden, daß von Allen, die in dieſer Nacht unter dem Dach des Amthauſes von Wölmershauſen ſchlummerten, Hahn am ſpäteſten erwachte. Wie nach jedem großen entſcheidenden Erlebniß unſeres Inneren auch unſer äußeres Leben ſich anders geſtaltet, unnd Alles ringsum ein anderes Weſen annimmt, andere — 120— Erſcheinungen uns begegnen, andere Eindrücke uns empfan⸗ gen, und wir nirgends mehr das Gewohnte an ſeinem alten Platz, das Bekannte in ſeiner alten Bedeutung wie⸗ derfinden, ſo war auch mit dem Tage, der auf dieſe Nacht folgte, in Bürger's, Dora's und Molly's Leben jene Ver⸗ wandlung da, und alle drei ſahen ſich mit einmal wie in neues, unbekanntes Leben hineingeſchoben. Keins von ih⸗ nen fand ſich mehr da, wo man ſich am vorigen Abend verlaſſen hatte, alle Verhältniſſe und Erſcheinungen in Gegenwart und Zukunft waren weit aus einander gerückt, die ſeitherige Windſtille war über Nacht gewichen, unbe⸗ kannte Strömungen hatten ſchnell die Fahrzeuge ihres Lebens ergriffen, am Morgen war bereits die Linie paſſirt und man ſteuerte nun in anderem Fahrwaſſer. Und das iſt ſowohl der gewöhnliche Gang der Dinge, als auch die wunderbare Magie unſeres Herzens, daß wir in einem großen Erlebniß, einem mächtigen Kampfe, gerade den Moment, wo die Kataſtrophe über unſeren Häuptern ſchwebt und die Waage unſers Schickſals ſtille ſteht, am wenigſten gewahren. Wie in einen Blumenkorb greifen wir in die Urne unſerer heiteren und ſchwarzen Looſe, wir ahnen nicht, daß in dieſem Moment unſer Herz Iliaden und Odyſſeen erlebt— und erſt, wann der Würfel ge⸗ fallen und die That hinter uns liegt, erleben wir nach der Hand die einzelnen Geſchicke und Rhapſodieen jenes gro⸗ ßen Momentes, erbeben ſeinem Donner, erliegen ſeiner Se⸗ ligkeit. Hahn war zur rechten Stunde relegirt worden; der Himmel ſelbſt ſchien es dem akademiſchen Senat der ehr⸗ würdigen Georgia Auguſta eingegeben zu haben, dieſes bodenloſe Genie aus der Gemeinſchaft der Gläubigen und 4 Verſtändigen zu ſtoßen und ihm ohne viele Umſtände das —— — 121— concilium abeundi zu ertheilen. Er war auch diesmal wieder der Sündenbock, der das Weltübel auf ſeine Schul⸗ tern nehmen und den Sophokleiſchen Vers:„Glückſelige, deren Geſchick das Weh' nicht ſchmeckte“ mit vieler Weihe recitiren ſollte. Seine Anweſenheit in Wölmershauſen wurde ſchon am nächſten Morgen von Allen, denen dieſe Nacht ſchlaflos vorübergegangen war,(vielleicht erklärt es ſich ſpäter, warum auch Buchonkel heute ſo ungewöhnlich „portugieſiſch“ ſeinen Kaffee trank,) im Herzen als eine gnädige Schickung Gottes empfunden und geprieſen, und Bürger zumal fand an ihm einen Troſt und eine Stütze, wie ihn nur die Freundſchaft in ähnlichen Lebenslagen bie⸗ ten kann. Hahn war vom Kopf bis zur Zehe der Menſch, fir und fertig ausgewachſen und disponirt genug, um mit der Impertinenz eines Humors, der vollends einreißt, was wankt, jeder krankhaften Halbheit, jedem erlogenen Zuſtand, jeder peinlichen Unentſchloſſenheit den Garaus zu machen, zwar dies Alles nicht ſowohl durch unmittelbares Eingrei⸗ fen, Corrigiren und gutes Exempel, als vielmehr dadurch, daß ſeine Anweſenheit und das, was an ihr hing von Verwirrung, Unordnung, Haſt und Ungeduld es unmöglich machten, ein einſeitiges Intereſſe feſtzuhalten und ein Ge⸗ fühl mit Ruhe und Beſtändigkeit auszubilden. Hahn war in dieſem Punkt einer der unbequemſten und eigenwillig⸗ ſten Menſchen. Er ſtörte Alles um und auf, ſprach allem Herkommen und Gewohnten Hohn, trotzte jeder Hausord⸗ nung, jedem Küchenreglement— kurz, Molly hatte recht, wenn ſie ſchon nach wenigen Tagen behauptete, ſeitdem er da ſey, gingen alle Uhren im Haus falſch und alle Hähne im Dorf kräheten confus. Ein ſolcher Gaſt, der in alle Verhältniſſe des Beſtehen⸗ 5 1 — 122— den, wie ein Wolf in die Hürde brach und zwar, wohl⸗ verſtanden, mit einer Unbefangenheit, einer Lebensunkennt⸗ niß, daß man ihm unmöglich gram werden konnte, ein ſol⸗ cher Gaſt mußte in einem Hauſe willkommen ſeyn, wo alle Säulen wankten, und ein Bruch mit der Welt For⸗ men und Anſichten unvermeidlich war. Sein erxcentriſches Gefühl, das Maßloſe und Fantaſtiſche in Allem, was er vornahm, ſein brühheißes Temperament, ſein romantiſcher Humor, der nichts verſchonte, was eine Achillesferſe hatte, und doch bei all dieſen Auswüchſen und Schroffheiten ſeine ſinnige, weiche Natur, ſein unendlich tiefes, von ſchwär⸗ meriſcher Sehnſucht verzehrtes und nach Innen ſich ver⸗ blutendes Herz, wie ſtimmte nicht Alles dies zu den Ver⸗ hältniſſen und Perſonen des Hauſes, in dem er ſo zuver⸗ ſichtlich ein Aſyl geſucht hatte. Unſer Jüngling aus anno Sturm und Drang hatte ſeine Kindheit und Jugend im Walde verlebt. Niemals war er aus ſeinen Schatten hervorgetreten und die Welt hörte für ihn auf, wo es keine Bäume mehr gab und kein wald⸗ grünes Träumen. In der Wildniß ſeiner Heimath, in dem donnernden Sturz des Bergſtromes, in dem Widerhall am Felſen, in dem kühlen Waldesgrund, wo zwiſchen Felsge⸗ ſtein und Quellenrieſeln der Thymian duftet und glänzende Träume auf dem ſilbernen Farrenkraut ſich wiegen, dort, wo es in blauen Düften im Laube aufwallt, ſonnen⸗dun⸗ ſtig zwiſchen den Aeſten hängt, im Gold des Abends wie flüchtiger Tag über die Blätter hüpft, oder träumeriſch durch die Schluchten und über die Waldwieſe ſchleicht, halb wie Mondesſchein, halb wie Elfentanz— dort ſind uns die ſtillen Sympathien ſeines Lebens, die tiefen Echo's ſei⸗ nes Gemüthes, und der ſchattenhafte, verzehrende Glanz ſeiner Augen kein Räthſel mehr. Die Wildniß hatte ihbn — 123— großgezogen, mit dem Honig ihrer Bienen ihn genährt, mit dem Trunk aus harter Steinquelle ihn gekühlt; in ihren weichen Elfenarmen hatte er geruht, in ihrem Ber⸗ gesdröhnen und Waldesſchluchzen durfte er träumen; ja, ſie war erſt Wildniß geworden, als ſie ein Herz hatte, das ſie liebte, das ſeine Sehnſucht und Liebe zu ihr hin⸗ austrug und an ſie die Fragen ſeiner Ewigkeit richtete. Aus dieſem Stillleben war er nun plötzlich hinausge⸗ treten, der waldgrüne, träumeriſche Jüngling und wie Ge⸗ bete für einen Verſtorbenen rauſchte es ihm nach aus ſei⸗ nen dunklen Bergen; ehe acht Tage dahin waren, fand er ſich in Göttingens Mauern, zwiſchen ſchmutzigen Gaſſen, im dürren Staube verknöcherter Wiſſenſchaft, vor einem bretternen Kaſten, aus dem der Oberkörper eines graduir⸗ ten Profeſſors bonarum artium hervorragte,— und es währte nicht lange, ſo waren die ſtillen Waldblumen ſeines Gemüthes verkümmert und verblichen, und in die blüthen⸗ loſe Oede ſeines Herzens zog ein ſtiller, verzehrender Schmerz ein. Alles was ein junges, heißes Leben vor der Zeit aufreiben kann, fanatiſcher Haß und dämoniſche Liebe, thatenloſer Unmuth, unbändiger Ehrgeiz, ſtete feindliche Oppoſition gegen das Leben und zu all' dem noch das Unvermögen, die hohe Kraft ſeines Geiſtes, die Fülle ſei⸗ ner Fantaſien und Gedanken bewältigen und ſie in ſchö⸗ nen Formen ſchöpferiſch geſtalten zu können, ließen ihn zu keinem Frieden, keiner Beruhigung kommen. Genießend ohne Genuß ſtürzte er ſich zuletzt in den Strudel des wil⸗ deſten Burſchenlebens; aber überall in das Maßloſe grei⸗ fend, und aus einem Exrtrem in das ander überſchweifend, mußte er auch hier bald erlahmen, und zu den Opfern, die ihm ſeine Ausſchweifungen an Geſundheit und Jugend⸗ friſche gekoſtet hatten, kam nun noch ein bis zum Ueberdruß — 124— geſättigtes, lebensmüdes Herz.— Er war einer der erſten blasé's, die in der deutſchen Literatur genannt werden; der Vulkan ſeines Geiſtes ſchien ausgeſprüht; an ſeinem innerſten Leben gebrochen, hatte er kaum noch die Kraft zu dem Entſchluſſe, ſich wieder in ſeine letzte Rettung, in ⸗ die Wälder ſeiner Heimath zurückzuflüchten; da erſchien Bürger, der von dem fähigen Kopfe gehört hatte, eines Abends in ſeiner Stube und nahm den verlorenen Liebling des Genius an ſeine Dichterbruſt. Was Hahn mit aller Energie ſeines moraliſchen Bewußtſeyns nicht vermochte, gelang dem liebevollen Zuſpruch des verwandten Geiſtes, Bürger wußte ja, was die heißen Wunden einer Dichter⸗ ſeele kühlt und heilt, der trübe, wilde Jüngling entſagte dem ſeitherigen Leben, und des Freundes Begeiſterung ward ihm zum goldenen Schlüſſel für die eigene, himmliſche Welt des Schönen, die noch immer unentweiht in ſeiner Bruſt ruhte. Die mächtige Ruhe, die gehobene Stimmung des geweihten Dichtergeiſtes, womit Bürger ihn überragte, ward auch für ihn der Grundton ſeines Inneren, mit den Augen der Freundſchaft ſchaute er wieder in's Leben, in die Zukunft, die verlorenen Ahnungen ſeiner Kindheit und Jugend kehrten zurück, und er begann wieder an ſeinen alten Muth zu glauben. Die Genoſſenſchaft des Hainbundes, in die er durch Bürger's und Boie's Vermittelung aufgenommen wurde, wirkte durch ihre äſthetiſchen Elemente und den Ernſt, wo⸗ mit die Poeſie dort als ein Fach behandelt wurde, äußerſt wohl⸗* thätig auf ſeine Beharrlichkeit, wenn ihm auch das Sta⸗ tuten⸗ und Zunftmäßige einer ſolchen poetiſchen Korpora⸗ tion und die Nüchternheits⸗Tendenzen des Hainbundes ſo wenig zuſagten, als Bürger. Aber bei aller ſeiner Be⸗ kehrung blieb Hahn doch immer ein ercentriſcher Kopf, 6 — 125— und wie entſchieden günſtig auch die ungetheilte Beſchäfti⸗ gung mit Literatur und Poeſie und der anregende Umgang mit Bürger auf ſeine äußere Lebensweiſe wirkten, manch⸗ mal erfaßte ihn doch wieder ſein alter Schwindel und der friedliche Hainbund, dem es ſo wenig um Demonſtrationen zu thun war, gerieth durch ihn mehr als einmal in die bitterſte Bedrängniß. Bei jeder Gelegenheit, wo die junge Dichtergenoſſenſchaft ihren zahlreichen Antipoden Veran⸗ laſſung zu Tadel und Spott gab, konnte man ſicher ſeyn, daß Hahn den erſten Stein aufgehoben hatte. Auch war er der Einzige im Hainbund, der bei den Studenten in An⸗ ſehen ſtand und mehr als einmal auf der Menſur erſchien, um den tuſchirten Muſen Satisfaction zu verſchaffen. Nach dieſer flüchtigen biographiſchen Skizze, die auf ſo manches verſchollene, jung und friedlos dahingeſchwundene Dichterleben Anwendung finden könnte, nehmen wir den Faden unſerer Geſchichte wieder auf. Allmählig kamen ſchönere Tage und der Winter ſchmolz ſichtbar vor der jungen Wärme des Vorfrühlings. Der Buntſpecht im Walde klopfte ſchon das grüne Leben in Eich' und Buche wach, und die Knospen öffneten hier und da ihre Augen, um nach dem frühen Pocher zu ſehen. Der zahme Buchfink ward wieder ſcheu, und hier und da unter dem Eiſe hervor, an den Abhängen und Erhöhungen der Wege und Hage fing es an zu rieſeln und zu quellen, die getränkte Scholle mit ihrem keimenden Leben wurde weich, und die Erde hauchte ſchon unter dem Schnee her⸗ vor Erquickung und Wärme aus. Es kamen jene Tage, wo uns die Glieder ſo ſchwer und müde werden, und die Herzen ſo weit und ſehnſuchtsvoll, wo wir, wie aus lan⸗ gem Kerkerleben wieder heraus treten, und in dem freien, — 126— ſonnigen Leben gewahren, wie kalt und ſchwer es uns auf der Seele liegt. Noch verlangt den gehärteten Körper nach der derben Winterkoſt, die zarteren Organe leben erſt nach und nach wieder auf, mit dem Veilchen im Buſche und den Schneeglöcklein im Mooſe, oder möchten mit Allem, was hold und ſüß in uns ſchlummert, vollends hinſterben in dem lauen, thauigen Frühlingsweben. Aber zwei Herzen findeſt du doch, junger, ſonnengold⸗ gegürteter Lenz, die deinem Leuchten, deinem Drängen und Schmachten nicht beben, zwei Herzen, die dem ſtrengen 1 4 Gebot des Winters zum Trotz, in allen prächtigen Far⸗ ben und Blüthen prangen, und denen du ſchwerlich was Neues und Schöneres bieten kannſt. Nur wie einen Freund begrüßen ſie dich, eilen dir entgegen, und lächeln deinem ſcheuen, ängſtlichen Harren und Zaudern. Sie könnten dich wohl ganz entbehren, und nur, weil ſie glücklich ſind, wollen ſie auch rings um ſich Alles in Blüthe und Jubel ſehen. Halbe Tage lang wandeln Bürger und Molly in der Umgegend herum und beſchauen ſich die Welt, wie ſie ausſieht, wenn das Herz ſie um nichts mehr neidet. „Bürger! Hilf mir!“ ruft Molly lachend, ſo oft ſie auf dem ſchlüpfrigen Fußpfad ausglitſcht, aber ehe er noch zu ihr kann, iſt ſie ſchon gefallen und längſt wieder auf den Füßen. Oder ſie läuft ihm voran auf dem Wege nach der Höhe und plötzlich ſteht ſie mitten im Schnee und Waſſer auf einem wackelnden Stein.„Warte, ich hole Dich!“ ruft Bürger, reicht ihr aber nur vom Trocknen aus höchſt bedächtig die Hand und ſie hüpft lachend und ju⸗ belnd aus der Todesgefahr in ſeine rettenden Arme. Ueber⸗ all Scylla! Ueberall Charibdis! Das Eis auf der Wieſe wird mürbe, aber Molly drüber hinweg wie eine leichte Gemſe, und nur ihr Jäger bricht bis an die Knie in's 4 * f 83 — 127—. Waſſer ein. Obendrein empfängt er dann noch manchen Schneeballen⸗Wurf, den ſie mit ſicherer Hand thut, um ihm Muth zu machen, und zur Vergeltung darf er ſie bei der nächſten gefährlichen Stelle auf die Arme nehmen und ihr die weißen Strümpfe ſchonen helfen. Und als endlich die lauen Frühlingswinde den Erdbo⸗ den getrocknet, die Waſſer ſich verlaufen und der Winter ſich auf die Berggipfel retirirt hat, wo er wie ein Cuno- tator noch lange hartnäckig gegen den jungen, ſiegreichen Mai Stand hält, da hat Molly eines ſchönen Morgens die Wette gewonnen, die ſie mit Bürger eingegangen, und hört die erſte Lerche, welche hoch über ihnen aus ſonnengoldenem Gewölk ihrer Liebe den Frühlingsgruß der Natur entgegenſendet. Auch die Schwalben kommen, die freundlichen Penaten des Hauſes, und bald klappert der Storch auf des Nachbars Scheune, Angeſichts der ganzen lieben Welt. Manche gutmüthige Hausmutter des Dorfes fängt an, der Frau Amtmännin, die ſo trüb und nachdenklich in das heitere Frühlingsleben hineinſchaut, und ſich lange nicht mehr ſo freundlich gegen geringe Leute bezeigt, als ſonſt, im Geheimen ihre delphiſchen Orakelſprüche und Kürbel⸗ ſuppen⸗Weisheit auszukramen; aber dieſe will ſie nicht bis zu Ende anhören und weiß tauſend Ausflüchte und Widerreden, womit Jenen gar nicht gedient iſt. Ueberhaupt iſt um dieſe Zeit in dem ganzen Hauſe eine wunderliche Wirthſchaft en vers und en prose. Oben in der grünen Stube ſitzt Hahn über einem fünfaktigen Drama und trinkt ſchwarzen, ſtarken Kaffee; er kann vor lauter Tabakswolken zu keiner klaren Stimmung kommen, und wehe dem weißen Papierbogen, der ihm unter die Hände geräth. Die erſte Scene und der Schluß des letz⸗ — 128— ten Aktes ſind zwar bereits in's Reine geſchrieben, aber dabei bleibt es denn auch Hahn gehört nämlich zu jenen ewig knospenden Poeten⸗Naturen, die zwar beſtändig mit dem Gedanken umgehen, etwas Großes und Außerordent⸗ liches zu leiſten, und welche dies auch zu thun im Stande wären, ſobald ſie ſich nur einmal entſchließen wollten, das, was ſie innerlich ſchaffen und erleben, darzuſtellen, die aber eben durch den Mangel an aller Form und künſtleriſchen Mäßigung niemals zu einem Abſchluß kommen. Beſtändig erregt, beſtändig producirend, ſchaffen ſie doch niemals, bleiben mit all' ihrem poetiſchen und idealen Bewußtſeyn Torſo's, und der Genius, den ſie in ihrer Bruſt tragen, wird ihnen zum Dämon, in deſſen Auge nur manchmal der böſe, helle Blick des Todes aufzuckt. Wenn Einer in dem Hainbund war, dem die Poeſie in lebendigem, unmittelbarem Bewußtſeyn aufgegangen, dem das wahre Ideal des Dichters und das, was in der deut⸗ ſchen Literatur kommen ſollte, kein Geheimniß war, ſo iſt es dieſer edle Dichtergeiſt. Die Morgenröthe der neuen Zeit leuchtete längſt in ſeinem Buſen, als die übrigen Göt⸗ tinger Poeten noch in der Dämmerung Wallhalla's irrten und mit ihrem Klopſtock's⸗Enthuſiasmus kokettirten, aber er ſelbſt war unter Allen der Befangenſte und konnte ſich nicht über den Kampf mit der nüchternen Gegenwart und ihre engen Begriffe erheben. Und ſo iſt er auch unterge⸗ gangen, ein trüber Stern, und vielleicht weil er zu helle ſah, hat ihn die Morgenröthe der neuen Zeit namenlos in ihren Glanz hinabgezogen.— 4 Wie anders dagegen leuchtete der Frühling in Bürger's Seele. Er ſtand dem Freund gegenüber, wie ein blühen⸗ der Apfelbaum der düſteren Tanne; alle Quellen ſeiner Begeiſterung ſtrömten, alle Pulſe ſeines Dichterlebens poch⸗ — h — 129— ten, ſein Herz war eine einzige entzückende Lyrik und Molly's Lippen küßten ihm die köſtlichſten Lieder von dem ſo lang verſtummten Sängermund. Seine unſterbliche Liebe hallte wider von dem unſterblichen Geſang, und Lied auf Lied, eins herrlicher als das andere, drängte aus ſei⸗ ner vollen Dichterbruſt.— Buchonkel aber kleiſterte nun allein, oder er ſaß bei Hahn und half ihm Tragödien dichten, ſtumm, ſtundenlang ſtumm vor ſich hinſtarrend. Ein feindlicher, ſcheuer Geiſt ſchien den ſonſt ſo harmloſen, gutmüthigen Alten überkom⸗ men zu haben, er war oft äußerſt mißtrauiſch und launig, ging beſonders Bürgern überall knurrend und murrend aus dem Weg, und Molly ſah er entweder gar nicht mehr an, oder mit einem Blick, der ſie ſtrafte, wie das Auge der Allwiſſenheit ſelber. Dabei war es ein fataler Zufall, daß der unruhige, raſtloſe Alte immer da war, wo Molly und Bürger gerne allein geweſen wären. Selbſt bis hinaus in's Freie beläſtigte ſie ſeine Gegenwart, und es blieb ihnen bald kein Zweifel mehr, daß Buchonkels Herz mehr als portugieſiſche Geſpenſter fürchtete. Er war zu Zeiten wahrhaft demens, und wenn ſein Ingrimm ſich zunächſt auch nur gegen die Hühner wandte, welche auf Dora's friſch gegrabenen Gartenbeeten großen Schaden anrichteten, ſo äußerte ſich derſelbe doch bald in ſolcher Erbitterung und Leidenſchaftlichkeit gegen das geſammte Federviehvolk, daß man ernſtlich für ihn zu ſorgen anfing. Auch konnte man ihm das geheime, boshafte Vergnügen anſehen, wenn es ihm glückte, Bürger und Molly durch ſeine Gegenwart unbequem zu fallen; ja, er ſchien es ſie mit Abſicht mer⸗ ken laſſen zu wollen, daß es ihm ordentlich darum zu thun war, ihnen aufzulauern und ihre liſtigen Anſtalten zu zerſtören. Er war beſtändig, wie ihr böſes Gewiſſen hin⸗ 8 9 — 130— ter ihnen her, und ſelbſt bis hinauf in den blühenden Kirſch⸗ baum kletterte der alte Spion, um plötzlich zwiſchen die beiden unten Sitzenden ſeine ſchwarze Sammetkappe fallen zu laſſen. Zuletzt gar wurde er ſo argwöhniſch, daß man nirgends einen Schlüſſel ſtecken laſſen durfte, deſſen er ſich nicht alsbald bemächtigt hätte, vorgebend,„die Hausdiebe ſeyen die ſchlimmſten Diebe“. Auch machte er an alle Thüren Kreuze mit Kohle, und an der Laube, worin Bür⸗ ger und Molly oft Abends beiſammen ſaßen, war einſt ein Bogen Papier angeheftet, welcher die lakoniſche Warnung enthielt:„Hier liegen Fußangeln“. Sogar die Pfade um das Dorf herum, auf welchen beide Liebende gewöhlich zu wandeln pflegten, ſtacken voll ſogenannter Hegewiſche, und mit gekritzelter Schrift fand man hier und da an Bäu⸗ men und Pflöcken Placate angeheftet, welche die Aufſchrift trugen:„Verbotene Wege“. Zuletzt war ihnen nur⸗ der Friedhof noch freigegeben, was man ſich erklärt, wenn man weiß, daß der Buchonkel das eine Fenſter ſeines Zimmers, welches nach der Kirche und den Gräbern ging, längſt mit Papier doppelt und dreifach verklebt hatte. Daß Bürger bei dieſem Leben weniger in ſeinen Amts⸗ geſchäften thätig war, als er es hätte ſeyn ſollen, und die zu erledigenden Acten ſich oft wie Berge vor ihm aufthürm⸗ ten, wird man gerne glauben. Sein Gerichtspatron, der alte General von***, ein bei all' ſeiner natürlichen Gut⸗ müthigkeit äußerſt pünktlicher, ſtrenger Polterer, der noch obendrein manche ungünſtige Vormeinung gegen Bürger's praetiſche Brauchbarkeit und ſeine juriſtiſchen Kenntniſſe hegte, fing an, die Unordnung in dem Geſchäftsgang vo Tag zu Tag merklicher zu verſpüren und erließ deßhalb Ser + — 131— ſcharfe Mandate gegen jedwede Die nſtvernachläßigung und poetiſche Licenz in Amtsſachen. Bürger ſäumte nicht, ſich zu rechtfertigen, der an keinen Widerſpruch gewöhnte Ge⸗ neral wurde dadurch noch mehr erbittert, er glaubte durch Drohungen den verwegenen Juſtitiarius einzuſchüchtern, dieſer wurde nun auch heftig, die Satyre ſchoß ihm in die Galle, er erlaubte ſich einige ſarcaſtiſche Bemerkungen über „Vollblut⸗-Adel“ und„ hannöveriſches Landjunker⸗Bewußt⸗ ſeyn“— kurz, es kam bald zwiſchen Amtmann und Gerichts⸗ herrn zum völligen Bruch, und die Folge davon war, daß der General bei der hannöveriſchen Regierung auf Bür⸗ ger's Entfernung antrug und ihn beſchuldigte, er ſuche weder die landesherrlichen Hoheitsrechte, noch die Gerecht⸗ ſame der Familie gegen die Eingriffe ausländiſcher Nach⸗ barn gehörig zu vertheidigen; er vernachläſſige die ihm obliegende Juſtiz⸗ und Polizei⸗Verwaltung gänzlich und habe beſonders die Kirchenſachen in gänzliche Unordnung gebracht. Dieſe ungünſtige Wendung der Dinge war nicht geeig⸗ net, die inneren Störungen des Hauſes zu mindern, und die aufgeregten Gemüther zu beruhigen. Zunächſt war es freilich nur Dora, welche darunter litt, während Bürger und Molly all' dieſe Widerwärtigkeiten faſt mit Gleichgül⸗ tigkeit betrachteten, und Eins an dem Andern Troſt genug fand gegen das immer näher heranziehende Ungewitter. Bürger lebte damals in einem wahrhaft poetiſchen Tau⸗ mel, alle Flügel ſeiner Seele hoben ſich leicht und mäch⸗ tig, und verklärt von dem unendlichen Gefühl ſeines Glückes lag die Zukunft wie eine einzige, glänzende Fläche, wo die Siege aus der Erde wachſen, vor ſeinen Augen. Alles in ſeinem Geiſt blühte und ſtrömte, und da noch um jene Zeit eine Sammlung ſeiner Gedichte von der deutſchen — 132— Nation mit Enthuſiasmus aufgenommen wurde, von nah und fern die Bewunderung und Anerkennung ſeiner Zeit⸗ genoſſen ihm zu Theil ward, und faſt jeder Tag einen neuen Triumph brachte, ſo war es nicht zu verwundern, daß ſich der gefeierte Dichter bei der hannöveriſchen Re⸗ gierung gegen die unwürdigen Beſchuldigungen ſeines Pa⸗ trons, des alten Generals, in einer Sprache vertheidigte, die von allen denen verkannt werden mußte, welche das Bewußtſeyn, das der Genius einflößt, nach ihren ſubalter⸗ nen Anſichten taxiren.. Die Vertheidigung war meiſterhaft abgefaßt; er wider⸗ legte die gegen ihn erhobenen Beſchuldigungen auf das Bündigſte, und enthüllte alle Ränke und Chikane. Merk⸗ würdig iſt darin folgende Stelle, die ihm ſchwerlich von den Mitgliedern des damaligen Miniſteriums in Hanno⸗ ver verziehen worden iſt:——„Hierbei iſt es mein un⸗ glückliches Schickſal, und, wie Rouſſeau es nennt, der Fluch der unſeligen Celebrität, daß Mängel, die an andern mei⸗ nes Gleichen kaum der nächſte Nachbar bemerkt und davon den Mund aufzuthun der Mühe werth hält, ſobald ſie mich betreffen, laut durch's ganze Land erſchallen.“— Buürger war feſt entſchloſſen, dieſe unwürdige Stellung, je eher, je lieber aufzugeben, und Molly, die immer muthig und vertrauend war, wo es den Ruhm und die Zukunft des Freundes galt, hieß dieſen Entſchluß unbedenklich gut. Sie machte tauſend Pläne, einen abentheuerlicher als den andern, wie ſich derſelbe am beſten realiſiren laſſen möge, und zuletzt wurde gerade der abentheuerlichſte von allen von Bürger mit Enthuſiasmus aufgegriffen. Es galt nämlich nichts geringeres, als Friedrich II,, den großen Preußen⸗ König um eine angemeſſene Verſorgung im preußiſchen Staatsdienſt zu bitten, und das Schreiben, welches unſer keerwerben, ſondern, worum es ihm jetzt hauptſächlich zu — 133— Dichter im erſten Feuereifer nach Berlin abſchickte, konnte bei einem König von Friedrich's Eigenſchaften unmöglich ohne Wirkung und Erfolg bleiben. Molly jubelte; ſie war eines günſtigen Ausgangs dieſer Angelegenheit ſo gewiß, daß ſie, als nach einigen Wochen der Poſtbote mit einem großen Brief die Straße herauf kam, mit dem Freude⸗ ruf:„der König ſchreibt uns!“ dem Manne entgegen⸗ ſtürzte. Voll Entzücken kehrte ſie zurück, und den Brief auf den Tiſch werfend, ſank ſie von ihrem Gefühl überwäl⸗ tigt, auf einen Stuhl. Bürger nahm den Brief— er trug das königliche Kabinetsſiegel. Mit zitternden Hän⸗ den erbrach er ihn, durchflog mit irren Blicken ſeinen In⸗ halt und ſtammelte:„Gelobt ſey Gott! Uns iſt geholfen!“ Der preußiſche Großkanzler meldete auf Befehl ſeines Königs in einem ſehr gütigen Schreiben, daß dem talent⸗ vollen Dichter, deſſen Gedichte den allerhöchſten Beifall gefunden hätten, eine angemeſſene Stelle, ſobald eine ſolche erledigt wäre, zu Theil werden ſollte. Dieſe Nachricht, verbunden mit dem Gefühl, ſich von einem König, deſſen Ruhm ganz Europa erfüllte, und deſ⸗ ſen ſtrenges, kritiſches Urtheil eben ſo gefürchtet war, als ſeine Waffen, anerkannt zu ſehen, ja, was noch mehr, in ihm, dem Großen und Einzigen, ſeinen Retter aus der bedrängten Lage zu erblicken, überſtieg Bürger's kühnſte Hoffnung. Er ſah ſich ſchon im Geiſte in ſorgenfreien, glücklichen Verhältniſſen, in einem ſeinen Kräften, wie ſei⸗ nen Neigungen angemeſſenen Wirkungskreis, er zweifelte ſo wenig an der Erfüllung der königlichen Zuſage, daß er ſich entſchloß, die abgebrochene Ueberſetzung des Homers wieder aufzunehmen, um durch ein Werk von dieſer Be⸗ deutſamkeit nicht nur die Achtung der Zeitgenoſſen ſich zu — 134— thun war, ſich durch daſſelbe als Mann der Biſſeenſchaft auszuweiſen. Er wollte Alles aufbieten, um einen Lehrſtuhl der Geſchichte und Aeſthetik auf einer der preußiſchen Uni⸗ verſitäten zu gewinnen, und hierzu ſollte ihm zunächſt die Verdeutſchung Homers den Weg bahnen. Das iſt das Dichterherz! Wo ein Schimmer der Hoff⸗ nung ihm winkt, wo es, auch noch ſo fern, ihm tagt und freudigen Ausgang verheißt, dahin dichtet es die Erfüllung ſeiner Sehnſucht, dahin winken ihm alle verlorenen und wiedergefundenen Träume ſeines Lebens. Und wie es er⸗ bebt, wenn die rauhe Hand dieſes Daſeyns es berührt, wie es dann ſelber vollends zerſtört, was ihm noch übrig bleibt an Lebensmuth und Freudigkeit,— gebt ihm nur einen Sonnenſtrahl für den umnachteten Blick, nur einen friſchen Hauch für die enge, ſchwüle Bruſt, und eine Gott⸗ heit im glänzenden Auge, eine Welt voll mächtiger Bewe⸗ gung im Buſen, tritt es vor das feindliche Geſchick und lächelt ihm ruhevoll. Wir kennen unſeren Dichter zu gut, um nicht zu wiſſen, wie dieſer, man darf wohl ſagen, erſte Sonnenblick For⸗ tuna's in ſeinem Leben ihn aufregen und ermuthigen mußte. Er fing an, mit erneutem Muthe zu ſchaffen und zu dichten. Ganze Nächte hindurch arbeitete er an ſeinem Homer und Molly ſaß oft bis in den ſpäten Abend binein bei ihm und half ihm die Jamben abzählen. Sie lernte dabei manches griechiſche Wort, und ergänzte ihre mythologiſchen und hiſtoriſchen Kenntniſſe. So war eines Sonnabends mit dem Schluſſe des fünf⸗ ten Buches der Ilias die zehnte Stunde herbeigekommen und Bürger ſchob Lexica's, Texte und Varianten zurück, um für heute das Tagewerk zu beſchließen. Hahn war - g- V den Todten gehen,“ ſagt er ſich, und geht hinüber nach dem noch nicht von ſeiner Excurſion zurück, welche er gewöhnlich des Nachmittags in die benachbarten Berge anzuſtellen pflegte, der alte Buchonkel ſaß bei dem Förſter im Walde, bei dem er in neueſter Zeit die Abende zubrachte und Molly war unter irgend einem Vorwand von der Magd abgerufen worden. Sie blieb lange aus und Bürger ging ungeduldig, auf ihre Rückkehr wartend, im Zimmer auf und ab. Plötzlich hört er, wie die Thüre ſchnell geöffnet wird und Jemand das Haus verläßt; durch das Fenſter blickend, glaubte er Molly's Geſtalt zu ſehen, welche flüchtigen Fußes die Straße hinauf eilt. Noch verwundert er ſich über dieſe ungewöhnliche Eile und kann ſich nicht erklären, was ſie noch ſo ſpät im Dorf zu ſchaffen hat; da tritt die Magd in's Zimmer und ſtottert einige Worte, die er nicht ver⸗ verſteht. Aber was er fragen will, erräth er faſt, da das Mädchen eben ſo ſchnell, als es gekommen iſt, davon eilt. Er folgt ihm auf dem Fuß; doch auf der Hausflur begeg⸗ net ihm Molly, die ſchon wieder zurück iſt, und ihn bittet, auf ſeine Stube zurückzukehren. Dabei lehnt ſie ihre glühend heiße Wange an ſein Antlitz, ihr Herz pocht heftig. Ihr nach keucht eine kleine, runde Weibsge⸗ ſtalt, grüßt kaum und tritt eilfertig in die Wohnſtube. Molly ſchiebt Bürger zwiſchen Küſſen und Drängen zur Thüre hinaus, und ohne Widerſpruch läßt er es geſchehen, daß ſie dieſelbe haſtig hinter ihm verſchließt. So ſteht er baarhaupt unter Gottes freiem Himmel. Dennoch muß er lächeln, als er ſich ſo unerwartet aus der Gemeinſchaft der Heiligen ausgeſtoßen ſieht. Er tritt vollends in die heelle Nacht hinaus; überall winkt ihm der Mondſchein zau⸗ beriſch entgegen. „Soll ich nicht bei den Lebenden ſeyn, ſo will ich zu — 136-— Friedhof. Das Gatter iſt offen, und die Statte des Frie⸗ dens nimmt ihn auf. Er ſteigt die wenigen ſteinernen Stufen hinan und wandelt zwiſchen den Furchen, in welche Gott die Saat geſäet, zu reifen am Tage der Aerndten. und wie man ſagt, daß die Blumen ſtärker duften, welche auf Gräbern wachſen, ſo liegt es auch auf dem ſchattigen Ort rings um die Kirche herum wie ein ſchwerer, würzi⸗ ger Veilchengeruch, und Jasmin und Aurikel, Geisblatt und Nägelein ſtrömen dazwiſchen ein Meer von Düften, das ebbet und fluthet. So weht das unbekannte Land über den weiten Ocean herüber den Schiffer an, noch eh' er es ſchaut und er zieht in tiefer Erquickung die Düfte ein, welche ihm Fluren ſen⸗ den, die er nicht kennt, Berge und Auen, Wälder und Almen, die noch weit hinter jenen Wolken liegen, welche das ferne Meer begränzen. Bürger war in einer ganz eigenen Stimmung. Wun⸗ derbar ſpielte die Ruhe des frommen Ortes in die Aufre⸗ gung und Erwartung ſeines Inneren und wie ein flüſtern⸗ des Gebet ſäuſelte der Nachtwind in die Beklommenheit ſeiner Seele. Jetzt kam er in den Hintergrund des Friedhofs, dort, wo altes Mauerwerk die Stätte bezeichnete, auf welcher einſt ein Kloſter geſtanden haben ſollte. Schauriger huſchte hier der Wind durch den Haſelſtrauch und den Epheu und⸗ das Mondlicht träumte über verſunkenen Gräbern. Bürger ſetzte ſich auf die Bank nieder, die er hier gleich im Anfang ſeines Aufenthaltes zu Wölmershauſen hatte aufſtellen laſſen, wie es denn eine lange Zeit hindurch zu ſeinen liebſten Gewohnheiten gehörte, allabendlich einige Stunden an dieſem ſtillen Orte zuzubringen. Später war er ſeltener dahin gekommen, bis Molly hi er — 137— den Ort entdeckte, wo ſie vor dem argwöhniſchen Buchon⸗ kel und ſeinen Argusaugen ſicher waren. So wurde das letzte Aſyl des Lebens auch die Zuflucht ihrer Liebe, denn die Todten neiden nicht, verfolgen nicht, und bald ſchirmten dieſes traute Plätzchen die Genien der ſeligſten Erinnerung. Auch heute wieder ſangen die Haidelerchen in dem Tan⸗ nenbaum auf dem Brunnenhügel und gleich einer ewig leuchtenden Blume ſtand der Mond am wolkenloſen Fir⸗ mament. Durchſichtig, wie Silberhauch, dämmerte die Nacht über Thal und Hügel, leichte graue Nebel wandel⸗ Veen gleich lautloſen Wollheerden über die Triften und dunſtenden Wieſen, und in ſcharfen Umriſſen ſtanden die ſchattenhaften Höhen und zackigen Ruinen der alten Ritter⸗ burg in der klaren, ſternhellen Luft. Wir haben ſchon mehrmals geſehen, wie es für unſeren Dichter kein lieberes Geſchäft gab, als an Orten des Schauers und der Oede zu verweilen und ſich ſeinen Träu⸗ men zu überlaſſen. Heute freilich, ſo geeignet auch dieſe Nacht dazu gewe⸗ ſen wäre, wollte es ihm damit nicht glücken, und die leich⸗ ten, gaukelnden Geiſter der Traumwelt, die ihm ſonſt ſo eilig und freundlich gehorſamten, ſchienen diesmal auszubleiben. Statt ihrer gewahrte Bürger plötzlich inmitten des Friedhofs eine aufrecht ſtehende, menſchliche Geſtalt, welche etwa dreißig Schritte von ihm entfernt in dieſem Augen⸗ blicke einem der Gräber entſtiegen zu ſeyn ſchien und nun regungslos, wie eine Bildſäule, daſtand. Da die Stelle, wo ſie erſchien, frei und ohne einen anderen Hintergrund, als die niedere Mauer war, ſo ſchnitt ſich der Obertheil der Figur, ſo weit er über die Mauer hinausragte, in ſcharfen Umriſſen von dem Horizont ab, was die Erſchei⸗ huns rieſenhafter und impoſanter machte, als ſie in Wahr⸗ 5 8— — 138— heit ſeyn mochte. Bürger, der nicht ganz frei von Ge⸗ ſpenſterfurcht war, wußte nicht, was er aus dem ſeltſamen, vermummten Gaſt machen ſollte. Ein langes, talarähn⸗ liches Gewand ſchien von den Schultern deſſelben nieder⸗ zufließen, auf ſeinem Haupte ſaß eine Art von Turban und in der Hand hielt er einen langen, weißen Stab. So ſtand der Unheimliche, wie ein Magier der Vorzeit, dort an der Kirchhofmauer, und ſeine geſpenſtiſche Geſtalt ragte groß und gebietend in die dämmernde Nacht hinaus. Be⸗ klommen wartete Bürger der Dinge, die da kommen ſoll⸗ ten, und vielleicht hätte er nicht gewartet, wenn nicht der einzige Weg zur Flucht dicht an Jenem vorüber geführt hätte. So mußte er denn bleiben und warten. Endlich fing die Erſcheinung an ſich zu regen; anfangs zwar ſchien es nur der Nachtwind, der an ihrem faltigen Gewand zerrte, dann aber hob ſie die Hand empor, welche den wei⸗ ßen Stab hielt, bewegte das Haupt und fing an, vor⸗ wärts zu ſchreiten, erſt langſam, dann immer haſtiger, wo⸗ bei der Unheimliche mit ſeinem Stabe auf die Gräber und gegen die Kreuze ſchlug, als wolle er ſie alle zertrümmern. Es war ein wunderlicher, grauenhafter Kampf mit dem Tode und ſeinen ſtillen Gräbern. Immer wüthender ſchlug er um ſich, wie ein Recke der Vorzeit; hier und da bra⸗ chen die Kreuze unter der Wucht ſeiner Hiebe, flogen die Splitter umher, raſſelten die blechernen Schildlein, auf welchen die Namen der Geſtorbenen geſchrieben waren; dann wieder ſchlug er lange und anhaltend auf die Grä⸗ ber, daß es hohl widertönte, riß auch wohl hier und da einen Strauch mit Stiel und Wurzel aus der Erde und ſchleuderte ihn über die Kirchhofmauer hinaus, kurz, es war nicht abzuſehen, wie weit ſein raihſelhafter⸗ Ißrinm gegen die Todten noch gehen werde. 4 A 2 A Bürger, der lange voll Erſtaunen dem frevelhaften Trei⸗ ben zugeſehen hatte, welches den friedlichen Anger des Todes mit völliger Verwüſtung bedrohte, konnte nicht län⸗ ger mehr ein müßiger Zuſchauer dieſer unheimlichen Ver⸗ nichtungsluſt bleiben und als jetzt der feindliche Fremdling ihm näher gekommen war und mit aller Anſtrengung in wüthendem Eifer auf ein altes, großes Kreuz losſchlug, daß es ſchon nach den erſten Schlägen den einen ſeiner ausgeſtreckten Arme ſinken ließ, ſprang Bürger mit einem donnernden:„Satanas!“ aus ſeinem Verſteck her⸗ vor und war im Begriff, den Frevler an den Schultern zu packen, als er über einen Grabhügel ſtolpernd, langen Weges niederfiel und Jenen im Sturz am linken Fuß packte. Der Verwüſter der Gräber ſtieß einen lauten Schrei des Entſetzens aus, als er ſich ſo plötzlich am Beine feſtge⸗ halten fühlte, er ſuchte ſich loszumachen, und noch ehe Bürger ſich aufrichten konnte, war es Jenem gelungen, ſich zu befreien, worauf er nun mit Hinterlaſſung ſeines langen Stabes über Stock und Stein davon eilte. Mit einem Sprunge war er über die niedere Kirchhofmauer und als Bürger, den erbeuteten Stab in der Hand, dort anlangte und nachſah, wohin er gekommen, glaubte er hinter den Bäumen ſeines Gartens einen flüchtigen Schatten zu ge⸗ wahren, der ſich in der Richtung nach dem Amthauſe fort⸗ bewegte. Noch ſtand er unſchlüſſig, als der bekannte Klang ſeiner Thürſchelle ihn erinnerte, wie er hierher gekommen. In dieſem Augenblick trat Molly ins Freie, ſah ſich eine Weile nach allen Seiten um, er winkte ihr mit der Hand, ſie aber bemerkte ihn nicht und kehrte in das Haus zurück. Bürger, dem dies eben erlebte ſeltſame Abenteuer das Blut in heftige Wallung gebracht hatte, verwechſelte es in ſei⸗ ner Aufregung mit dem, was er drüben im Hauſe vermu⸗ — 140— thete, das Geheimniß fand ſich zum Geheimniß, und wie ſeine Einbildungskraft immer geſchäftig war, die hetero⸗ genſten Erſcheinungen an einander zu reihen, ſo glaubte er auch in der Kirchhofs⸗Scene eine Beziehung zu den Dingen auffinden zu müſſen, die ſeiner drüben warteten. So wurde die Angſt, die er ſo eben ausgeſtanden, Eins mit derjenigen, welche ihm die bangende Erwartung ein⸗ flößte; zu dem Grauen, das ihm die Erſcheinung des Ver⸗ wüſters der friedlichen Gräber und ſein heilloſes Begin⸗ nen eingeflößt hatte, geſellte ſich nun die Vorſtellung deſſen, was möglicherweiſe aus dieſer Nacht für ſein Leben Ereig⸗ nißvolles und Bedeutſames erwachſen konnte, und bald waren alle Viſionen ſeines Inneren lebendig, ihm dieſe Nacht zu einer der Schickſalsvollſten ſeines Lebens zu machen. Ihm war, als ſchaue er durch die durchſichtige Erde in die ſtillen Kammern des Todes, in die Werkſtätte der Ver⸗ nichtung. Es war das Mondlicht, welches die Erde durch⸗ leuchtete, und wie er ſo zwiſchen den Gräbern auf und abwandelte, glaubte er immer deutlicher zu ſehen, wie es da unten ſo friedlich nebeneinander ſchlummerte, Jugend und Alter, Erdenluſt und Erdenleid. Sarg an Sarg ruh⸗ ten da die müden Todten und alle lächelten ſie, von dem Säugling an, der kaum das Sonnenlicht ſchaute, als er auch ſchon die kleinen Aeuglein wieder ſchloß, bis zu dem ſtillen, ehrwürdigen Greiſenantlitz, das dort unter verſunkenem Hügel, wo der alte Tannenbaum ſeine Wurzeln wie zum Schutze um den morſchen Sarg breitete, ſo freundlich an⸗ zuſehen war. Glänzende Träume wallten um ihren Schlummer, und die Thränen, welche einſt Freundſchaft und Liebe ihnen in's Grab nachgeweint hatten, lagen wie Perlen auf den geſchloſſenen Augenliedern. Mühelos, leid⸗ los ruhten ſie alle und die ſchwere Grabesdecke drüchte ſi — 141— nicht; glbſ der Schrecken des Todes hatte keinen Zugang zu den dämmernden Stiegen des Grabes, ſo wenig, als der des Lebens, und wo es noch wie längſt verweinter Schmerz auf den bleichen Mienen lag, ſchien die Ruhe wie mit leiſer, ſilberner Engelshand ſeinen trüben Aus⸗ druck zu verwiſchen. Bürger fühlte kein Grauen in dieſer wunderbaren Ge⸗ noſſenſchaft; er ſchaute und ſchaute, wandelte träumeriſch ab und nieder und ihm war wohl, wie lange nicht. End⸗ lich hob er das Haupt empor, ſah über ſich den geſtirnten, tiefblauen Himmel, während im Hintergrund der Landſchaft ein Wetterleuchten goldene Tapeten vor die in ſeinem Wi⸗ derſchein wankenden Berge und Wälder ſchob, und auf den dampfenden Wieſen des Dorfes flackernde Flämmchen flüchtig hin⸗ und herhüpften, und mit den Elfen im Ne⸗ belflor unter den alten Weiden Verſteckens zu ſpielen ſchie⸗ nen. Es war ein zauberiſch Blitzen und Funkeln und bis in den dämmernden Waldgrund hinein, dort wo das glei⸗ tende Mondlicht an den weißen Stämmen der Birken feſt zu hängen ſchien, ſchaute die Nacht wie mit tauſend; Liebes⸗ augen in das einſame Dichterherz. In dieſem Augenblick glaubte Bürger in dem Hohlweg welcher von der Höhe nach dem Dorf herabführte, einen weiblichen Geſang zu hören, u und bald unterſchied er deut⸗ lich die mit hellem Aecent in die ſtille Nacht geſungenen Worte: Der Mond, der ſcheint ſo helle, Die Todten reiten ſo ſchnelle, Feinsliebchen, graut dir nicht? Seltſam ergriff ihn die einfache Weiſe und wie Klänge einer alten, fernen Erinnerung hallte die ſchauerlich rüh⸗ rende Melodie dieſes ihm unbekannten Volksliedes in ſei⸗ = i:=—— nem Inneren wider. Immer weiter entfernte ſich die nächt⸗ liche Sängerin, aber ſelbſt noch hinter der Höhe aubie er deutlich den Refrain zu hören: Der Mond, der ſcheint ſo helle, Die Todten reiten ſo ſchnelle, Feinsliebchen, graut dir nicht? ᷣ Er konnte die geheimnißvollen Worte nicht wieder los⸗ werden, immer mußte er ſich dieſelben wiederholen, und ſtets mächtiger ergriffen ſie ihn mit ihrer unerfaßlichen Gewalt. In ſeiner Seele wurde das Gehörte zum Jammerlaut eines unendlichen Weh's, das der Erde nicht mehr ange⸗ hört, bald tönte es ihm nur noch wie die Stimme einer andern Welt und faſt war er überzeugt, daß der Mund, der dieſe Worte geſungen, längſt für der Erde Lieder ver⸗ ⸗ ſtummt ſey. Selbſt daß die einförmige Melodie ſeinem Gedächtniß entſchwunden war und, wie er ſich auch ab⸗ mühte, ſie wieder aufzufinden, ihm entſchwunden blieb, war ihm merkwürdig und ſeine aufgeregte Fantaſie begann all⸗ mählig aus den Schrecken des Todes herauf, der zu ſei⸗ nen Füßen lagerte und den er vorhin in ſo milder Ver⸗ ſöhnung geſchaut hatte, die Ergänzung jenes ſchauerlichen Liedes zu holen. Und als wolle die Natur dem Genius des Dichters zu Hülfe kommen und ihm die Couliſſen ſei⸗ ner inneren Welt zurechtrücken, trat der Mond hinter wal⸗ lendes Gewölk und in ſchleierhafter Dämmerung, die nur dann und wann wie mit Geiſterhand aufgeriſſen wurde und auf Momente einzelne Gruppen der Umgebung in geſpenſtiſch⸗phantaſtiſcher Beleuchtung ſichtbar werden ließ, umzog ſich die ganze Gegend. Die Situation war reizend maleriſch, und das geweihte Auge des Dichters erfaßte ſie in ihrer ganzen ſchauerlichen Majeſtät. Er durfte nur um — 143— ſich ſchauen, und die Nacht ſelbſt und das Wetterleuchten und der bleiche Mond miſchten ihm die Farben zu dem impoſanten Bild, das mehr und mehr in ſichtbaren Geſtal⸗ ten und Situationen vor ſeiner Seele ſtand. „Ja, ja, das muß eine Romanze werden!— nein, eine Ballade— die beſte— die köſtlichſte Ballade!“ rief er jauchzend und ſprang auf, wie von allen unſterblichen Ge⸗ walten ſeines Genius emporgeriſſen!— Seine Bruſt war voll zum Zerſpringen, glühend, aller ſeligen Trunkenheit der Gottbegeiſterung voll, leuchtete ſein Auge— mit aus⸗ gebreiteten Armen ſah er in den wolkenzerklüfteten Him⸗ mel, über die ſchattenhafte Erde, in dieſem Moment fiel durch das Tannengezweig ein Mondſtrahl auf ein wei⸗ ßes, einſames Kreuzlein in der Ecke der Kirchhofsmauer, er las mit einem Blick den auf ſchwarzen Grund mit Gold⸗ buchſtaben geſchriebenen Namen: Lenore,— und ſchon nannte er mit dieſem ſchlichten, braunlockigen Namen ſein werden⸗ des, unſterbliches Gedicht.— Er ſank vor dem Kreuzlein nieder, umklammerte es mit ſeinen Armen, küßte den theue⸗ ren Namen und ſtammelte entzückt:„Ja, Lenore, Lenore heißt meine Ballade!“ Nach einer Weile ſtolperte Jemand zum Kirchhof her⸗ ein und Hahn rief mit einer Stimme, der man es anhörte, wie ſauer ihm dieſer Gang wurde:„Bürger! Papa Bür⸗ ger! Wo ſteckſt Du? Dein Bube ſchreit ſich ja die Lunge nach Dir aus und will, eh' er ſich weiter entwickelt, vor allen Dingen den väterlichen Segen! Bürger! So höre dooch; es iſt ja ſo finſter, daß man keine Hand vor den Augen ſieht! Wie kann nur ein vernünftiger Menſch, der Vaterfreuden erlebt und obendrein ſchwache Nerven hat— zum Teufel auch, Bürger! Wenn Du mir keine Antwort — 144— gibſt, ſo zieh' ich an dem Glockenſtrang und läute das ganze Dorf zuſammen!“ Jetzt ſtand die lange Figur des Relegirten mitten auf dem Kirchhof und ſpähte murrend nach allen Seiten herum. Als aber in der Ecke der Mauer eine dunkle Geſtalt ſich von einem der Gräber aufrichtete und lautlos auf ihn zu⸗ wandelte, wich er beſtürzt einige Schritte zurück und rief halb im Scherz, halb im Ernſt:„Heda! Du da drüben, Menſch oder Maulwurf— alle guten Geiſter loben na⸗ mentlich Gott den Herrn!“ Bürger mußte laut auflachen, was denn Hahn's Muth und Humor ſehr gelegen kam. „Wo in aller Welt ſteckſt Du?“ rief Jener, den Freund am Arme faſſend.„Weißt Du denn nicht, daß drüben im Hauſe ein Erbe Deiner Tugenden erſchienen iſt, wie die Amme verſichert, dem Herrn Amtmann leibhaftig aus dem Geſicht geſchnitten? Schöne Geſchichten! Nun bleib ich Dir keinen Tag länger unter Deinem Dache; denn Kinderge⸗ ſchrei und alt Weibergeſchwätz und die ganze Wirthſchaft von Lutſcher und Milchbrei, von Windelwaſchungen und Eio⸗Poppeio's könnten mich in einer Woche um den Ver⸗ ſtand bringen! Ich weiß mir nichts Schrecklicheres zu denken, als die Umſtände, Kraftbrühen und Weitläuftig⸗ keiten, die mit einem Kindbett verknüpft ſind. Und wie man da ein Drama ſchreiben kann, begreife ich erſt vollends nicht; denn weder von Sophokles, noch von Aeſchylus, weder von Shakespeare noch von Calderon finden ſich Nachrichten, daß ſie unter ſolchen, der poetiſchen Stim⸗ mung ſo ungünſtigen Situationen eine Tragödie producirt hätten.“ Unter dieſen Klagen und Citaten hatte er den Freu 3 — 145— nach dem Hauſe gezogen, und faſt eben ſo willenlos, als es dieſer vor einer Stunde verlaſſen hatte, kehrte er nun in daſſelbe zurück. Der Buchonkel ward immer feindlicher, menſchenſcheuer, und wenn Hahn ſich ſeiner nicht angenommen und mit einer Geduld, die ihm ſonſt nicht eigen war, den Diabo⸗ lus in des Alten Seele beſänftigt hätte,— wer weiß, was Onkel Chriſtian noch angeſtiftet hätte. Immer dichter wurde das Fenſter, welches nach dem Kirchhof ging, mit Packpapier verklebt, und während nach einigen Wochen in dem untern Stock die Kindtaufsgäſte jubelten und den klei⸗ nen Karl hochleben ließen, ging der Alte in ſeiner Stube auf und nieder, ſchlug grimmig ein Schnippchen nach dem andern und redete ſinnverwirrtes Zeug durcheinander. Er mußte durch Hahn Etwas von dem Kabinetsſchreiben des Königs von Preußen und deſſen tröſtlichem Inhalt ver⸗ nommen haben, und wirklich fand er an dem Tage, wo der kleine Karl getauft wurde, Gelegenheit, ſich in Bür⸗ ger's Studierſtube zu ſchleichen und den Brief des Groß⸗ kanzlers in ſeine Hände zu bekommen..Er verſchloß ſich mit dieſem in ſein Zimmer und nachdem er ihn wohl ein Dutzendmal durchleſen hatte, ſchnitt er das königliche Sie⸗ gel heraus und ſchob den Brief wieder unter Bürger's Papiere. Dann ſetzte er ſich hin und ſchrieb an den Kö⸗ nig von Preußen folgenden merkwürdigen Brief: „Viellieb getreuer Vetter! Sir und König! Inſonderheit freut es mich, aus der vom 5. d. M. da⸗ Ktirken, an den Amtmann Bürger im Amt Altengleichen er⸗ Pangenen Kabinetsordre zu erſehen, daß Ew. Siehden noch — wohl auf ſind und bei Hochdero ſchätzbarer Geſundheit ver⸗ harren. Mit meinen alten Knochen will ſich's nicht ſo günſtig vermelden laſſen, und namentlich hat mir die letzte See⸗ ſchlacht, in der ich die portugieſiſchen Flotte bei kühler Nacht⸗ zeit unverſehens auf's Haupt ſchlug und ihr mehrere Ma⸗ ſten zertrümmerte, große Moleſten hinterlaſſen. Ew. Liebden Großkanzler, der Herr von*s, muß übrigens, unter uns geſagt, ein Menſch ohne alles judi- cium und esprit ſeyn; denn der Amtmann Bürger, den ich ſeit vielen Jahren perſönlich zu kennen die Unehre habe, iſt keineswegs das große lamen mundi, ſondern im Gegentheil ein recht paupre sujet, das ich wohl dem Prin⸗ zen von Marocco, nicht aber Ew. Majeſtät, meinem viel⸗ geliebten Vetter zum Dienſt recommandiren möchte. So⸗ dann iſt ſothaner ꝛc. Bürger, was ſeine moraliſche und ſonſtige Conduite anbelangt, ein erzſchlechtes Kaliber; er hat in ſeinem Hausſtand zwei Schweſtern, von denen ei⸗ gentlich nicht beſtimmt zu ermitteln iſt, mit welcher er's ernſtlich meint. Mit der Jüngſten, einem verliebten Wickel⸗ wiſch⸗Mädel, die ihm an Pfiffen und Kniffen nichts nach⸗ gibt, carreſſirt er ganz sans façon, wie ein Fiſch im Waſ⸗ ſer, zum Spektakel der Menſchheit, obwohl doch ſeine recht⸗ mäßige Frau, mein Schweſterkind, die Treu' und amour ſelber iſt, daß mir oft das Herz brechen will, wenn ich die heilloſe Wirthſchaft in der ganzen Gemarkung Wölmers⸗ hauſen herum in's Augenmerk nehme. Ich möchte Ew. Majeſtät in all' dem vorausſichtlich bit⸗ f ten, einmal gelegentlich extra post zu nehmen und von Sansſouci herüber zu kommen, wo ich dann mit eignen Augen Höchſtderoſelben Weisheit überzeugen wollte, was der ꝛc. Bürger und die kleine Molly für ein gottloſes Un⸗ 8 — 147— weſen verführen, wie's gar nicht länger anzuſehen iſt. Die Haushaltung geht darüber erbärmlich zu Grund und oft iſt nicht das liebe tägliche Brod im Schrank, wo denn der Hunger und Kummer aus allen Ecken guckt!— Ich verbleibe Ew. Majeſtät, meines viellieb getreuen Vetters wohlaffectionirter Chriſtian.“ Dieſer vetterſchaftliche Brief, an dem nichts weiter aus⸗ zuſetzen iſt, als daß er dem großen König niemals in die Hände kam, wurde nun äußerſt ſauber abgeſchrieben und das preußiſche Kabinetsſiegel darunter geklebt. Hahn, der ſonſt ſein Vertrauen genoß, erhielt dießmal nur in unbe⸗ ſtimmten, geheimnißvollen Andeutungen Nachricht von dem Inhalt des Briefes, und man kann ſich denken, daß er es übernahm, denſelben auf die Poſt zu beſorgen. Da er ſich indeſſen nicht erklären konnte, was der Buchonkel mit Friedrich dem Zweiten zu correſpondiren habe und auch wahrſcheinlich die Faſſung der Adreſſe(ſie lautete nämlich höchſt lakoniſch: „An meinen lieben Vetter Fritz in Sansſouci“) von dem Poſtbeamten in Duderſtadt beanſtandet worden wäre, ſo öffneten er und Bürger das Schreiben und erkannten dar⸗ aus die boshafte Abſicht des Buchonkels. Es ward be⸗ ſchloſſen, ihm eine Antwort des Königs zugehen zu laſſen, welche dann auch nach einigen Tagen auf Hahn's Veran⸗ ſtaltung richtig in ſeine Hände gelangte. Friedrich ſchrieb darin ſeinem lieben Vetter von Kor ſika beiſtimmend, wie er nicht umbin könne, ihm für die ſchätz⸗ bare Warnung in Rückſicht des Amtmanns B. von Wöl⸗ mershauſen zu danken, es ſey ihm auch ſchon von anderer Seite abgerathen worden, den Mann in ſeine Dienſte zu ziehen, und er werde nun gewiß die Sache in Ueberle⸗ 10* — — 4 V — 148— gung nehmen, bevor er ſich definitiv darüber entſcheide. Nach einigen Staatsmarximen erkundigte ſich der König u. A. nach einem gewiſſen Friedrich Hahn aus Zweibrücken, von dem er viel Rühmliches vernommen habe und meinte, ſein treuer Vetter ſolle ihm den hoffnungsvollen jungen Mann abtreten. Der Brief ſchloß mit der Bitte an den vielgetreuen Vetter von Korſika, derſelbe möge doch bei nächſter Ge⸗ legenheit einige Pfund Spaniol nach Potsdam ſenden, da der Vorrath des Königs auf die Neige gehe. Das preußiſche Kabinetsſiegel mußte zum drittenmal das Ganze beglaubigen. Der Buchonkel zweifelte keinen Augenblick an der Au⸗ thenticität des königlichen Handbillets, triumphirend theilte er es Hahn mit, der ihn natürlich in ſeiner Einbildung beſtärkte und ihm den Rath gab, abzuwarten, was der König weiter beſchließen werde. Uebrigens war Bürger froh, daß der boshafte Plan des Buchonkels dieſe ergötzliche Wendung genommen hatte. Wie leicht wäre es möglich geweſen, daß der argwöhniſche Alte Hahn nichts mitgetheilt, in einer vernünftigen Stunde die Adreſſe an ſeinen„lieben Vetter Fritz in Sansſouci“ geändert und den gefährlichen Brief wirklich hätte abge⸗ hen laſſen. Hahn beluſtigte ſich und den Freund oft mit der Vorſtellung des Eindrucks, den der Brief des Königs von Korſika auf Friedrich den Großen gemacht haben würde. Es war faſt anzunehmen, daß dieſer das wun⸗ derliche, confuſe Schreiben nicht ad acta gelegt haben würde. b. Unter all' dieſen wechſelnden Eindrücken von Hoffnung und Muthloſigkeit, Entzücken und Kummer, hatte Bürger jenes unvergleichliche Gedicht vollendet, zu welchem er, — 149— wie wir ſahen, die erſte Anregung in der Nacht erhielt, in der ihm der kleine Karl geboren worden war. 5 Die Lenore war fertig, und als ſie Bürger eines Abends, mit einem Antlitz, das im Triumph der Unſterb⸗ lichkeit leuchtete, ſeinen Hausgenoſſen vortrug, konnte er ſchon an der machtvollen Wirkung, welche das Gedicht auf dieſelben ausübte, den Erfolg vorausſehen, den es in dem Publikum finden würde. Alle ſaßen wie vergeiſtert, Hahn wollte gar nicht wie⸗ der aus dem ſchauerlichen Balladenton herauskommen und antwortete mehrere Tage lang auf alle Fragen faſt nur mit Strophen aus der Lenore. In Dora's Gemüth hallte das Gedicht in ſeinen dunkelſten Tönen wider und zum erſtenmal ergriff ſie die Gewalt einer Poeſie, die ihr ſeit⸗ her ungeahnet geblieben war; aber nicht mit Bewunde⸗ rung, mit innerem Grauen und Widerſtreben nahm ſie dieſelbe in ſich auf, und vielleicht erkannte ihr Auge am beſten die Kämpfe und Empfindungen, aus denen die Le⸗ nore hervorgegangen war. Nicht minder fühlte ſich Molly erſchüttert und beängſtigt, und lange vermochte ſie nicht den unheimlichen Eindruck zu überwinden, den das geſpen⸗ ſtiſche Gedicht in ihr zurückgelaſſen hatte. Zu dem Gefühl der eignen Schuld geſellte ſich bei ihr noch der Gedanke an ein Verhängniß, das Jeden ergreift, der in blindem Vermeſſen ſeine irdiſche Liebe der ewigen Wahrheit und dem, was als heilig und göttlich beſteht, feindlich gegen⸗ überſtellt, und über ihr keine Macht mehr anerkennt. So wurde Lenoren's Leid das ihrige, und hätte Bürger ahnen können, mit wie unausſprechlichen Zügen ſich ihrem Gemüth dieſes furchtbar ſchöne, erſchütternde Bild einprägte, 2 — 150— er würde vielleicht mit weniger Stolz die Hand auf ſein großes Gedicht gelegt haben. Hahn beſtand darauf, daß der Freund ſelbſt die Lenore dem verſammelten Hainbund vorleſen müſſe. „Ach! könnt' ich dabei ſeyn und die langen Geſichter von Voß und Miller anſehen!“ rief er aus;„und Hölty's Gänſehaut und Boie's warmen Händedruck, mit dem er Dir andeuten will: Freundchen, ich zähle darauf: die Lenore kommt in den nächſten Muſenalmanach! Ich ſage Dir, mit dieſer einzigen Ballade ſchlägſt Du den ganzen Hainbund todt. So was war noch nicht da und kommt auch nicht wieder! Aber Du ſelbſt mußt ihnen die Lenore recitiren, bei einer trüben Lampe und einem Todtenkopf auf dem Tiſche. Die Haare werden ihnen zu Berge ſte⸗ hen und Fritz Stolberg kriegt ſein ariſtokratiſches Nerven⸗ zittern.“ Dieſe Aufmunterungen beſtimmten endlich Bürger, ſich eines Nachmittags, mit ſeinem Manuſcript in der Taſche, auf den Weg nach Göttingen zu machen. Es dunkelte ſchon, als er an dem Gartenhauſe vor der Stadt anlangte, wo, wie er von Boie's Hauswirth gehört hatte, die Freunde heute ihre poetiſche Zuſammenkunft hielten. Mit lautem Jubel wurde er empfangen, und auf den Ehren⸗ ſeſſel geführt, den ſonſt nur Klopſtock's Meſſias, in rothen Saffian gebunden, einnehmen durfte. Es war eine herz⸗ liche, aufrichtige Freude, die ſich in den Worten und Mie⸗ nen eines Jeden kund gab, als ſie wieder einmal nach ſo langer Zeit den edlen Sänger in ihrem Kreiſe erblickten. Tauſend Fragen mußte er unbeantwortet laſſen, und doch wollte Jeder wiſſen, wie es ihm ſeither ergangen, wie er den Winter verlebt, was er geſchaffen und gedichtet, was die Frau, was der Aleine Karl, was Hahn machten? So — 151— ging's lange bunt und laut durcheinander, und ſchon war mehr Wein getrunken worden, als ſonſt in einem halben Dutzend Hainbundsſitzungen geſchah. Ueber dem Freunde und dem Glück der Freundſchaft vergaß man Poeſie und ſchöne Literatur, und Bürger mußte zuerſt darauf hindeu⸗ ten, daß er eigentlich nicht im Geleite des Vaters Bacchus, ſondern in dem der Muſen gekommen ſey, und den kriti⸗ ſchen Bullenbeißern des Hainbundes einen tüchtigen Kno⸗ chen mitgebracht habe. Man fragte, man forſchte, man wollte hören, Hölty klatſchte jubelnd in die Hände, und Esmarch bemerkte, daß dem Grafen Stolberg ſchon der Mund vor Neugierde wäſſere. „Ja“ rief Bürger lachend und zog das Manuſcript aus der Taſche;„Ihr ſollt Alle mit bebenden Knieen vor mir nideerfallen und mich für den Dſchingis⸗Chan in der Bal⸗ lade erklären; und ich will meinen Fuß, zum Zeichen mei⸗ ner Superiorität, auf Eure Hälſe ſetzen. Denn Alle, die nach mir Balladen machen, werden meine unbezweifelten Vaſallen ſeyn und ihren Ton von mir zu Lehn tragen. Ihr luftiges Geſindel dort! Ich will Euch zeigen, qui siem? Ihr meint, ich könnte nichts mehr machen, wie ich habe munkeln hören? Aber meine Wurzel iſt noch nicht abgehauen, treibt noch herrliche Sproſſen, und wird ihrer noch viele treiben. Alle Zungen auf Erden und unter der Erde ſollen bekennen, ich ſey ein Balladen⸗Adler und kein Anderer neben mir. Solltet aber Ihr, luftiges Geſindel, oder Einige unter Euch, ſo inſolent ſeyn, und Eure Kniee nicht vor mir beugen wollen, ſo will ich's mit der Lenore, wie die Sibylle mit ihren neun Büchern beim Tarquin machen. Sebt Ihr! Ein Drittel davon will ich gleich ver⸗ brennen, und wenn Ihr dann vor den übrigen zwei Drit⸗ teln noch nicht niederfallen werdet, ſo ſoll auch das zweite — 152— Drittel in's Feuer. Vor dem letzten Drittel fallt Ihr ge⸗ wiß dann mit großem Geheul nieder.“ Wie verabredet ſtürzten auf dieſe vermeſſene Drohung Hölty und Chriſtian Stolberg auf die Kniee nieder und riefen:„Gnade! Gnade!“ Die ganze Verſammlung wie⸗ derholte:„Gnade! Gnade!“ und Bürger ließ ſich endlich erweichen und zog das Manuſcript von der Lampe zurück. Nachdem er die Geſellſchaft in der rechten Stimmung glaubte, um ſein Gedicht aufzunehmen, fing er an zu leſen. Bürger war kein Declamator, ſeine Stimme hatte, wenn er vorlas, etwas Weiches und Singendes, was nicht worll that; aber die Lenore hat keiner ſeiner Freunde je ſo treff⸗ lich vortragen hören, als aus dem Munde ihres Dichters. Schon bei der erſten Strophe lauſchten die Anweſenden hoch auf und wechſelten bedeutungsvolle Blicke, aber immer höher wuchs ihr Erſtaunen, je weiter Bürger las und Jeder hielt beklommen den Athem an. In allen Mienen konnte man den erſchütternden Eindruck wahrnehmen, den das Gedicht hervorrief; Voß war todtenbleich und ſaß mit offenem Munde da, Fritz Stolberg zuckte alle Augenblicke leiſe zuſammen, Hölty hielt das linke Bein, welches er auf das rechte Knie gelegt hatte, wie ſeinen letzten Anker feſt, Boie drehte beſtändig ſchmunzelnd das kleine, ſilberne Dös⸗ chen zwiſchen den Fingern und dem trefflichen Leiſewitz liefen ſchon nach den erſten Strophen die hellen Thränen über die Wangen. 4 Bürger kannte ſeine Herzen, und mit geheimem Vergnü⸗ gen beobachtete er während des Leſens die Wirkung, welche das Gedicht auf ſeine Zuhörer machte. Er konnte es jedoch nicht über ſich gewinnen, ſie ſo ganz mit heiler Gänſehaut davon kommen zu laſſen. Bei der Stelle: —— 153— 1„Raſch auf ein eiſern Gitterthor Ging's mit verhängtem Zügel, Mit ſchwanker Gert' ein Schlag davor Zerſprengte Schloß und Riegel,“ 2 ſchlug er plötzlich mit ſeiner Reitgerte an die Thüre des S Zimmers und der jüngere Stolberg ſprang mit einem lau⸗ ten Schrei des Entſetzens vom Stuhle auf, während Hölty erſchrocken ſein langes Bein polternd niederfallen ließ. Ohne ſich aber dadurch ſtören zu laſſen, las Bürger bis zu Ende, und als er nach den Worten: „Gott ſey der Seele gnädig,“ das Manuſeript zuſammenlegte und mit einem lächelnden: „Nun, was ſagen die Herren?“ ſich in dem Kreiſe um⸗ ſchaute, fand er lange nur in ihren tiefen Seufzern eine Antwort. Boie nahte ihm und ſchloß ihn ſtumm in die Arme, Stolberg ſagte tief athmend: „Ich weiß nicht, Bürger, ob ich Ihnen für dieſes Ge⸗ dicht danken ſoll? Gott im Himmel, wie kann man nur ſo Gräßliches dichten!— Mit Ihrer Lenore will ich den verſtockteſten Sünder zur Reue und Rührung bewegen, und er ſoll weich werden wie ein Kind, wenn ich ſie ihm vorleſe.“ Voß ſprach mit Begeiſterung:„Ich weiß nicht, was Klopſtock ſagen würde, wenn er eben bei uns wäre, aber das weiß ich, daß die Lenore ein Gedicht iſt, das keinem andern zu weichen braucht. Nicht Shakeſpeare und nicht 4. Aeſchylus in ihren mächtigſten Tönen haben mich ſo tief eerſchüttert und dieſe Empfindung des Schauerlichen und Erhabenen in mir hervorgerufen, als Ihre Lenore. Ich möchte den Eindruck dieſes Gedichtes demjenigen verglei⸗ chen, den eine ſchöne, poetiſche Volksſage auf uns ausübt. Auch hier iſt es weniger der romantiſche Zauber, das — 154— Abenteuerliche und Fantaſtiſche, als vielmehr der ſchlichte, unerſchütterliche Glaube, der ſie durch Jahrhunderte fort⸗ pflanzt und ſie immer friſch und lebendig erhält. Wer dieſe Lenore hört, ſey's nun zum erſtenmal oder zum zwan⸗ zigſtenmal, wird ſie ſtets wie eine alte Erinnerung in ſich aufnehmen, wie ein Erlebniß, das plötzlich wieder nach langen, langen Jahren in uns auftaucht und wie ein Echo aus entſchwundenen Zeiten in unſerem Inneren wider⸗ hallt.“ „Damit ſprechen Sie der Lenore das Prognoſtikon der Unſterblichkeit aus,“ ſagte Boie.„Denn alles Große und Schöne in der Kunſt und Poeſie muß dieſes unerfaßliche Gefühl einer dunklen Erinnerung in uns wecken, daß uns bei ſeinem Anſchauen zu Muthe iſt, als ſey es nur eine ſchöne verlorene Mythe unſeres Herzens, welche uns der Genius des Dichters in ihrer alten, herrlichen Glorie zu⸗ rückführt. Das Gedicht, das Kunſtwerk, welches ſo unſer Gemüth rührt und ein altes, verlorenes Leben in verjüng⸗ ter, ſchöner Form uns wieder gibt, muß irgendwo in un⸗ ſerm Inneren einem verwandten Weſen begegnen, es ent⸗ hüllen und ihm aus ſeinen dunklen Ahnungen zum lichten Bewußtſeyn verhelfen. Und das verſteht, wie kein Ande⸗ rer, der Mann dort, der mir meinen guten Wein trinkt, als ſey's eitel Waſſer und nicht denkt, daß es ächter Nier⸗ ſteiner iſt, den mir jüngſt Lord Medham, mein dank⸗ barer Schüler aus Worms, geſchickt hat. Apropos, Bür⸗ ger! Gabe um Gabe, Labe um Labe!“ rief er lachend, indem er dem Freunde eine neue Flaſche hinſchob und da⸗ gegen das Manuſeript der Lenore ſehr gewandt und fin⸗ gerfertig in die Taſche ſteckte. Ein lauter Bravoruf der Anweſenden ließ Bürger zu keiner Gegendemonſtration kommen. Boie ſagte mit ver⸗ 4 8/ —2 V — 155— gnügten Blicken, indem er auf den zugeknöpften Oberrock klopfte, hinter welchem er ſeinen köſtlichen Raub ſicher ge⸗ borgen wußte: „Siehſt Du, Brüderchen! Dieſer Muſenalmanachs⸗Wein hat mir ſchon manches feine Carmen für den diesjährigen Almanach eingetragen, und wer ihn trinkt, iſt mir tribut⸗ pflichtig und muß dafür leyern und ſingen, nicht ob er will. Aber das will ich Dir gerne geſtehen, und Ihr An⸗ dern dürft es mir nicht übel nehmen, für dieſe Lenore geb' ich die letzte Flaſche aus meinem Keller und ſollt' ich auch nie wieder eine Dichterkehle laben und zur Sangesluſt ſtimmen!— Das iſt der Wein des Lebens, den ich bin⸗ nen vier Wochen dem deutſchen Volk kredenze, daß es ſich daran berauſchen ſoll bis in die ſpäteſten Zeiten, daß es bekennen ſoll: War auch der Boie nur ein ſehr mittelmä⸗ ßiger Dichter, ſo war er doch ein excellenter Muſenalma⸗ nachs⸗Herausgeber, und die Lenore erſchien zum erſtenmal in ſeinem Muſenalmanach!“ „So nimm ſie denn hin,“ verſetzte Bürger und drückte dem wackeren Freunde herzlich die Hand. Jetzt gab es einen Anblick, der, ſo oft er auch ſchon da geweſen, doch immer wieder von Neuem belacht und beklatſcht wurde. Der gute linkiſche Hölty„freute ſich“ nämlich, d. h. er ſprang plötzlich wie beſeſſen vom Stuhle auf, drehte ſich mehremale und zwar ſo ſchnell, als es ihm ſeine unbehülfliche, lange Figur erlauben wollte, auf dem rechten Abſatz herum, wobei er jubelnd in die Hände klatſchte unb ein über's andremal ausrief:„Ich freue mich! Ich freue mich!“ Aber ſo plötzlich und unerwartet dieſer eigenthümliche Ausbruch ſeines Vergnügens gewöhnlich zu kommen pflegte, ſo ſchnell verſchwand er auch wieder, das Antlitz, welches noch eben in Heiterkeit und Entzücken ge⸗ G 157— des unſterblichen Dichters der Lenore„in Schweigen und Andacht“ die Gläſer lehren.“. Alle Mitglieder des Hainbundes ſtanden ehrerbietig auf, und wenn auch die Seene, die nun folgte, Manchem äußerlich = und geſucht erſcheinen mag, für die ſchwärmeriſche Jugend, in deren Kreis wir uns befinden, war ſie von hoher Be⸗ deutung und galt dem, welchem dieſe Auszeichnung zu Theil wurde, für den größten Ehrengrad, den der Hain⸗ blund austheilen konnte. Ein jeder Bündner ergriff näm⸗ lich das volle Glas, und in der Reihenfolge, wie ſie das Bundesgeſetz beſtimmte, ſchüttete Jeder von dem Wein auf den Boden, nannte dabei den Namen des Gefeierten und leerte dann langſam das Glas. Nur Klopſtock und Her⸗ der war bis jetzt dieſe Auszeichnung zu Theil geworden, ſelbſt den Verfaſſer des Götz von Berlichingen hatte man nicht„in Schweigen und Andacht“ geehrt und heute war es zum erſtenmal, daß der Hainbund ſich einſtimmig erhob, um Einen aus ſeiner Mitte und zwar gerade denjenigen, der dieſe Formalitäten am wenigſten anerkennen wollte, alſo zu ehren und auszuzeichnen. Als die Ceremonie vor⸗ über war, ſtürzten Stolberg und Voß an Bürger's Bruſt und umarmten ihn unter lautem Weinen; nachdem die Uebrigen unter mehn oder minder hervortretendem Unge⸗ ſtüm ihrem Beiſpiel gefolgt waren, umarmten ſie ſich un⸗ tereinander und gelobten ſich Freundſchaft bis in den Tod. Bürger befand ſich wie in einem Taumel in dieſer all⸗ 4 gemeinen Aufregung und Gefühlsüberſchwenglichkeit, es ſauſte ihm vor den Ohren und ſeinen Sinnen ſchwindelte, als er ſich ſo plötzlich zum Gegenſtand einer faſt abgötti⸗ ſchen Verehrung gemacht ſah, und mit Recht fürchtete er noch weitere Excentricitäten. Er dachte deßhalb auf den Rückweg, da es ſchon ſpäter Abend war; aber kaum hatte ——;—;—— ſtrahlt hatte, wurde mit einmal ernſt, ſeine Miene nahm wieder den früheren Ausdruck einer unüberwindlichen In⸗ elaſtiſche Körper, als hätte er die Balance verloren, zu⸗ ſammen, und es war, als ſey nichts in der Welt im Stande, dieſen gebückten, hellblauäugigen Geſellen wieder aus ſeinem träumeriſchen Gleichmuth empor zu reißen. Aber heute, wo zum erſtenmal die Lenore in ſeiner Seele widergehallt hatte, war auch Hölty alles lebendigen Gei⸗ ſtes voll, ſeine eingefallenen Wangen rötheten ſich, Stirn und Augen glänzten in ſchwärmeriſcher Freude, und ſein ganzes Weſen war Enthuſiasmus. Auch ihn drängte es, den Dichter der Lenore zu ehren; bis zum Rande füllte er das Glas, erhob ſich dann und ſprach: „Freunde in Apoll! Es iſt ausgemacht, daß wir gegen dieſen da weder in corpore noch solo auffkommen können. Mit Recht nennt er ſich den Balladen⸗Adler, und es bleibt uns nichts übrig, als mit den Spatzen zu zwitſchern und mit den Finken zu trillern. Ich für meinen Theil bin es zufrieden, und freue mich im Voraus des Ruhmes, den ſein herrliches Gedicht ihm aus allen Zonen der Welt zu⸗ führen wird. Die Lenore iſt das Köſtlichſte, das Ausge⸗ zeichnetſte, was bis jetzt die deutſche Volkspoeſie aufzuwei⸗ ſen hat, ja, ich zweifle ſelbſt, ob die alt⸗-engliſchen und ſpaniſchen Balladen mit ihr den Vergleich aushalten. Doch heute keine Kritik! Waren wir die Erſten, welche die Le⸗ nore zu hören bekamen, ſo wollen wir auch die Erſten ſeyn, die ihrem Dichter die verdiente Ehre zollen. Erhebt Euch alſo zum Zeichen, daß Ihr mir beiſtimmet und laßt volenz an, ſchwerfällig ſank der eben noch ſo bewegliche, uns, wie jüngſt auf Klopſtock's, ſo heute auf das Wohl — 158— er ſeine Abſicht merken laſſen, als Voß, indem er ihm neuerdings den Bruderkuß gab, ausrief:„Wir begleiten Dich alle bis an die Bundeseiche!“ Dieſer Vorſchlag fand allgemeinen Beifall, man rüſtete ſich zum Aufbruch, nahm den heirikehrenden Dichter in die Mitte und zog ſingend und jubelnd in die monderhellte Nacht hinaus. Dicht am Walde, durch den der Fußpfad nach Wöl⸗ mershauſen führte, ſtand auf einer Trift die Bundeseiche; unter ihr hatte der Hainbund ſeine germaniſchſten Stun⸗ den verlebt und ihr heiliges Laub mußte ſchon manchen Schwindelkopf bekränzen. Unter der Bundeseiche, dem heiligen Symbol des Vaterlandes tanzten die Jünglinge laubbekränzt in ſtiller Mitternacht, ſtimmten Bardenchöre an, oder ſangen ihre patriotiſchen Lieder. Hier wurden die neuen Mitglieder in die Myſterien des Hainbundes auf⸗ genommen, hier empfingen ſie die Weihen der Poeſie, der Freundſchaft und der Vaterlandsliebe, hier mußten ſie Haß ſchwören den Franzoſen, Haß dem Sittenverderber Wie⸗ land und die Fama behauptet ſogar, daß ſie hier in Bä⸗ renhäuten dem Wodan⸗Klopſtock einen ſchwarzen Bock geopfert hätten. Als die Hainbündner in der Nähe ihrer Eiche angelangt waren, ſtanden ſie ſtill und Boie, als Präſident des Bun⸗ des, trat vor, indem er dreimal mit feierlicher Stimme ausrief:„Wir nahen! Wir nahen! Wir nahen!“ Dann traten Alle ſchweigend, mit entblößten Häuptern unter den weitgeäſteten Baum und Esmarch, als der jüngſte im Bunde, ſprengte, rings den Stamm umwan⸗ delnd, Wein auf ſeine Wurzeln. Dann fragte Voß bei Boie an, ob er einen Zweig abbrechen dürfe für die Stirne eines deutſchen Dichters? Er erhielt die Genehmigung und 4 — — ——— — 159— von mehren Brüdern in die Höhe gehoben, brach er den Zweig ab, mit dem er Bürger's⸗Haupt bekränzen wollte. Aber als er ihn beim Namen rief, war er verſchwunden und Niemand wußte, wohin er gekommen. Man rief ihn nach allen Seiten, umſonſt! Er hatte die Dunkelheit der Nacht benutzt und war auf und davon gegangen. Meh⸗ rere Stimmen ſprachen ſich mißbilligend über dieſe heim⸗ liche Entfernung ohne Gruß und Abſchied aus, Voß er⸗ blickte darin ſogar eine Kränkung für den Hainbund, wäh⸗ rend Andere Bürger vertheidigten, ſeine Beſcheidenheit in Anſchlag brachten und darauf drangen, ihm das Bundes⸗ lied nachzuſingen und ihm den für ihn beſtimmten Eichen⸗ zweig nach Wölmershauſen zu ſchicken. Dieſer Vorſchlag wurde nach kurzen Debatten angenommen, und in feier⸗ lichen Tönen ſchallte das Bundeslied der Brüder dem ge⸗ flüchteten Sänger durch die ſtille Nacht in den Wald nach. Nun war er allein, und aus der noch eben ſo belebten Umgebung trat er mit einmal in die Stille des nachtdurch⸗ dämmerten Waldes, und ſein von den verſchiedenartigen Eindrücken des heutigen Abends erregtes Gemüth, das ſich ſchon lange dieſes tumultuariſchen Lebens entwöhnt hatte, kehrte, je weiter er vorwärts ſchritt, zu einer ruhigen, gleichmäßigen Stimmung zurück, und bald lag Waldes⸗ rauſchen und Bergesdröhnen zwiſchen ihm und Jenen, aus deren Mitte er ſich ſo eilig fortgeſtohlen hatte. Eben ſchritt er auf ſteinigtem Pfade den Berg hinan, als der Geſang des Bundesliedes zu ihm herübertönte, und wie das heilige Lied der Braminen, wenn ſie in ſtil⸗ ler Nacht an dem Ganges beten, ſchallten die feierlichen Töne des Bardenliedes, wie auf den dunkeln Schwingen 4 der Nacht herüber getragen, durch das Schweigen der Ein⸗ — 160— ſamkeit und verloren ſich, gleich einem fernen Choral in dem Rauſchen der Wälder. Bürger hielt ſeinen Schritt an, und an einen Baum⸗ ſtamm gelehnt, lauſchte er dem Geſange der Freunde, der ihn gleich Stimmen ſeiner Jugend an eine Zeit gemahnte, wo ſein Herz noch nichts von jenen Leiden und Käm⸗ pfen ahnte, die ſein inneres Leben zu einer ſo ſchickſals⸗ vollen Bedeutſamkeit erhoben hatten. Er wurde weich und Thränen der Rührung füllten ſein Auge. Er breitete die Arme aus, als wolle er den Gruß der Freunde an ſeine Bruſt drücken und bald ſtimmte er leiſe in das Lied ein, das er ſo oft mitgeſungen hatte. Als es zu Ende und mit dem Echo in den Waldgrün⸗ den der letzte Ton erſtorben war, ſtand er noch lange an den Baum gelehnt und dachte nicht an das Weitergehen. Die Träume ſeiner Vergangenheit, in die der Geſang der Freunde ihn eingewiegt hatte, geſtalteten ſich allmählig zu Bildern einer glücklichen Zukunft, und der Ruhm dieſes Tages wurde ihm die Bürgſchaft ſeiner freudigſten Hoff⸗ nungen. Gottvolles Vertrauen auf ſeinen Genius erfüllte ſein Herz. Der Muth des Helden überkam den Sänger, und die Begeiſterung ſeiner Jugend zündete in ſeiner Seele alle Kerzen und Liebesflammen der alten Trunkenheit und Inbrunſt an. Weit und frei dehnte das unſterbliche Ge⸗ fühl ihm die Bruſt; der Glaube an ſeinen Geiſt hatte wieder einen Ankergrund gefunden und die Palmen ſeiner Hoffnung grünten, die Sterne ſeiner Sehnſucht leuchteten ihm wieder. Und als habe die Natur wieder einmal ein Dichterherz, an das ſie ihr geheimſtes Walten und Weſen offenbaren, in ihren tiefſten Accorden widerhallen könnte, fing es an, durch den ſtillen Wald zu flüſtern und zu tönen, wie die — — 161— Stimmen eines Lebens, das auf dieſer Erde geſchäftig war, noch ehe das menſchliche Ohr es belauſchte, noch ehe das Herz mit ſeinen Leiden und Freuden dazwiſchen pochte, und ſein ſeliges Walten und Schaffen ſtörte. Wie ein leiſer Schauer zog es durch die Wipfel der Bäume, regte es ſich in den Büſchen; aus dem Waldthal herauf ſchluchzte der Bach nach der Quelle, die zwiſchen den Moosfelſen hervorrieſelte und ihr kühles Leben dem keuſchen Mondes⸗ ſtrahl vermählte, der ſich zitternd auf dem ſchwankenden Farrenkraut wiegte. Und was in der Nähe nur ein leiſes geiſterhaftes Regen, wurde in der Ferne zum impoſanten Dröhnen, wie es im hohen Dome dem Eintretenden ent⸗ gegen hallt. Der Flug eines Nachtvogels, der jetzt mit tonloſen Schwingen durch die Aeſte ſtrich, weckte Bürger aus ſeinen Träumen auf; er ergriff den Wanderſtab und ſchritt vor⸗ wärts durch das raſſelnde Laub. Zur Rechten im Thal⸗ grund funkelte zauberiſches Mondglänzen, das dann und wann zwiſchen den Baumſtämmen durchſchimmerte, wäh⸗ rend links der Wald in ſchwarzen Maſſen bergan ſtieg zu den Ruinen der Burgen, in denen die Kobolde und böſen Geiſter der Umgegend hauſten. Es war eine entzückende Sommernacht, der ganze Aether nur ein einziger tiefblauer Hauch, und die Luft ſo rein und durchſichtig, daß ſelbſt das Sternengold in ihrem Glanze zu zerſchmelzen ſchien und nur hie und da einen Strahl ausſchickte, um die Erdennacht in ihrem holden Geheimniß zu belauſchen. Aber wie mit ſilbernen Fäden wob die Dämmerung ihren neidiſchen Schleier um die Träume der ſchlummernden Erde, und nur die keuſche Luna durfte die Gefilde des Friedens und der Ruhe betreten. Jetzt neigte ſich der Pfad bergab, und unſer einſamer 11 Wanderer bog in ein Thal ein, aus welchem der er⸗ quickende Harzduft dunkler Fichtengruppen ihm entgegen⸗ ſtrömte. Hier lichtete ſich zu beiden Seiten der Wald, ſchob ſich zu einer weiten Perſpective auseinander, und man hatte bei Tage eine reizende Ausſicht in die ebene Land⸗ ſchaft. Bürger, der bis jetzt rüſtig vorgeſchritten war und mit den wechſelnden Träumen und Bildern ſeines Innern glei⸗ chen Schritt gehalten hatte, ſchaute vollen Herzens empor und fand zu ſeiner Verwunderung, daß er in der kürzeſten Zeit einen ziemlich langen Weg zurückgelegt hatte. Ein kühler Lufthauch ſtrich ihm über die heißen Wangen; er wiſchte ſich den Schweiß von der Stirne, und wandelte langſam das Thal entlang auf dem weichen, elaſtiſchen Pfad der Waldwieſen, an deren Saume mehrere Rehe friedlich weideten. „Wenn jetzt Molly bei mir wäre!“ dachte er, als es ihm, indem er den Blick ein wenig rückwärts wandte, vor⸗ kam, als gleite eine dunkle Luftgeſtalt wenige Schritte von ihm entfernt an den Weidenbäumen hin, die am Uferrand des kleinen Waldwaſſers ſtanden. Es war eben ſo wenig Furcht als Muth, was ihn be⸗ ſtimmte noch eine Weile ſtehen zu bleiben und unverwand⸗ ten Blickes nach der Richtung zu ſpähen, wo er die Luft⸗ geſtalt geſehen hatte. Es ſtanden hier herum viele Wei⸗ denbäume, während ſich in der Niederung zwiſchen Erlen⸗ gebüſch ein kleines Waſſer durchwand, das mit ſeinem me⸗ lancholiſchen, monotonen Geplätſcher das Schweigen der Einſamkeit, ſtatt es zu ſtören, noch ſchweigſamer machte. Der Ort hatte, ſelbſt am Tage eine eigenthümlich ſchat⸗ — 7 — 163— tenhafte und verödete Phyſiognomie, und man erzählte ſich von einer Stelle, wo niemals Gras wachſe und allnächt⸗ lich ein molkichter Flammendunſt aus dem Boden aufſteige, nach dem Waſſer hingleite und ſich in ihm, wiewohl ver⸗ gebens, zu löſchen ſtrebe. Auch Bürger kannte die bezeichnete Stelle in der Nie⸗ derung unter den alten Weiden; aber noch niemals hatte er jenes Phänomen beobachtet, ſo oft er auch in ſtiller Nacht hier geweilt und ſich an dem ſchauerlichen Orte wohl befunden hatte. Heute aber ſollte auch er ſein Theil Spuk zu erleben bekommen; denn plötzlich ſah er, wie es ſich langſam hin⸗ ter den Büſchen hin und her bewegte, und bald erkannte er in dem dämmernden Zweifel des Mondlichtes eine weib⸗ liche Geſtalt, die mit gerungenen Händen langſam auf und nieder wandelte und manchmal einen leiſen Jammerton ausſtieß, der mit dem Seufzen des Baches und dem Flü⸗ ſtern in den grauen Weiden zu verſchmelzen ſchien. Dann band ſie die Schürze ab, breitete ſie über dem Boden aus und indem ſie ſich darauf niederſetzte, begann ſie mit leiſer Stimme eins jener rührenden Lieder zu ſingen, die das Volk ſich dichtet, componirt, und in ihnen zu Luſt und Leid, in frohen und trüben Stunden den poetiſchen Ausdruck ſei⸗ ner Gefühle findet. Plötzlich glaubte Bürger in dem weh⸗ müthigen Geſang die Stimme jener nächtlichen Sängerin wieder zu erkennen, welche ihm den Grundton zu ſeiner „Lenore“ gegeben hatte. Er näherte ſich ihr mit leiſen Schritten bis zu dem Abhange des Weges, kaum mehr zweifelnd, daß es das arme Elſewittchen ſey, die Tochter des alten herrſchaftlichen Förſters Eckhart, welcher eine Viertelſtunde von hier entfernt im Walde wohnte, allein mit ſeinem armen Kinde, das ſeit ungefähr zwei Jahren 1 1* — 164— in ſtillem Wahnſinn lebte, nachdem ſein treuloſer Gelieb⸗ ter, ein in der Gegend übel renommirter Landjunker die reine Waldblume ſeiner rohen Sinnesluſt geopfert und ſie dann verlaſſen hatte. Bürger kannte die näheren Umſtände dieſer traurigen Geſchichte aus dem Munde des von Gram und Herzleid niedergebeugten Vaters, mit dem er ſonſt faſt allabendlich einige Stunden verplaudert und deſſen Bekanntſchaft we⸗ ſentlich dazu beigetragen hatte, ihn auf längere Zeit zum leidenſchaftlichen Jäger zu machen. Neuerdings aber war es, wie wir geſehen haben, der Buchonkel, der regelmäßig jeden Abend die Förſterwohnung beſuchte, ja bald war er dort, nächſt dem Vater, der einzige Menſch, welchen das arme Elſewittchen nicht fürchtete und deſſen Nähe ſogar wohlthätig und tröſtend auf die Seelenkranke wirkte, wäh⸗ rend ſeinerſeits auch der Buchonkel in ihrer Gegenwart von all' den närriſchen und dämoniſchen Ideen zurückkam, die anderswo in ſeinem Kopfe ſpukten. Es war ein rührendes, inniges Einverſtändniß zwiſchen dieſen beiden, den Sphären des Lebens und dem gewöhnlichen Gange der Dinge ſo weit entrückten Seelen, eine Art von Hell⸗ ſehung, womit ſie, denen ſich ſonſt Alles verdunkelte oder in barocken und phantaſtiſchen Geſtalten und Fantomen zeigte, Eines das Andere verſtanden, ergänzten und in ihrer eigenſten, nur ihnen allein verſtändlichen Sprache auslegten. Und je mehr das junge Kind über das Alte Gewalt bekam, je tiefer die Welt ſeines in unheilbarem Weh ver⸗ glühenden Herzens in das vom letzten Abendroth des Be⸗ wußtſeyns beleuchtete Leben des guten Buchonkels hinein⸗ ragte, um ſo lichter löſten ſich die dunklen Hieroglyphen ſeines Geiſtes, und mancher goldene Stern einer längſt⸗ — 165— verlorenen Erinnerung tauchte noch einmal in altem, ſeli⸗ gem Geheimniß aus der Nacht ſeines Gemüthes empor. Da war es kein Gram mehr um Molly, kein Grimm gegen Bürger, was das alte, ehrliche Herz bedrängte und erbit⸗ terte, dieſe Leiden und Sorgen waren dann überwunden, und nur das wehvolle Leben des ſchönen Förſterkindes fand noch ein Echo in ſeiner Seele. Kehren wir nun zu Bürger zurück, der noch immer auf⸗ merkſam dem Geſange Elſewittchens lauſchte, wie ſie in rührender Weiſe um die verlorene Liebe klagt, und ſich ein Kränzlein wünſcht von Rosmarin und weißen Roſen. „Das hab' ich wohl erfahren In meinen jungen Jahren.“ ſchloß das Trauerlied eines gebrochenen Herzens, worauf ſie von der Erde aufſtand und mit emporgeſtrecktem Halſe in der Richtung nach Wölmershauſen ſpähte. Und in der That kam eben jetzt Jemand des Weges her und Bürger erkannte zu ſeinem Erſtaunen in dem Ankommenden den Buchonkel. „Ein ſeltſames Rendezvous!“ ſagte er ſich, als Elſe⸗ wittchen beim Anblick des alten Freundes, den ſie erwar⸗ tet zu haben ſchien, fröhlich in die Hände klatſchte und ihm entgegeneilte. Darauf führte ſie ihn nach dem Platze, wo ſie ſeither geſeſſen hatte, und ſo viel Bürger aus der Ent⸗ fernung beobachten konnte, ließ ſich Buchonkel auf einem Feldſtein nieder und ſetzte ſich die Königskrone auf's Haupt, während Elſewittchen neben ihm auf der Erde niederkauerte und den Kopf wider ſein Knie lehnte. Zwar konnte Bürger kein Wort von dem verſtehen, was ſie ſprachen, doch unterſchied er deutlich, daß es hauptſäch⸗ lich das Mädchen war, welches das Wort führte. — 166— Die geheimnißvolle Unterredung dauerte ſehr lange und endete damit, daß Elſewittchen aufſtand und nach der Mu⸗ ſik einer großen Maultrommel, welches Inſtrument der Buchonkel in früheren Zeiten meiſterhaft zu ſpielen ver⸗ ſtand, zu tanzen begann. Anfangs zwar war es weniger ein Tanz, als vielmehr ein nach dem Takte der Maul⸗ trommel abgemeſſenes, pantomimiſches Hin⸗ und Herſchrei⸗ ten, wobei ſie ihr Antlitz dem Buchonkel zuwandte, bis all⸗ mählig die Bewegungen ſchneller, die anmuthigen Panto⸗ mimen leidenſchaftlicher wurden und zuletzt in wilde, krampf⸗ hafte Sprünge und Verzerrungen ausarteten. Der Tanz wurde zur Krankheit, und wie eine vom Thyrſusſtabe des Gottes berührte trunkene Mänade ſprang ſie in unſinni⸗ ger Luſt mit aufgelöſten Haaren, den Kopf in den Nacken zurückgeworfen und mit ſchlaff am Körper herabhängenden Armen unter den Weidenbäumen hin, während Buchonkel der Maultrommel immer unheimlichere, dämoniſchere Töne entlockte, bis endlich das geplagte Geſchöpf der überenſch⸗ lichen Anſtrengung erlag und mit einem leiſen Schrei, der dem gellenden Metallklang einer geſprungenen Glocke zu vergleichen war, bewußtlos zu ſeinen Füßen niederſank. Der Alte aber ſchien ſich nicht im mindeſten um ihren hülfloſen Zuſtand zu bekümmern und maultrommelte fort, wie in den unheimlichen Zauber ſeiner eignen Muſik verſtrickt; er würde vielleicht, wer weiß wie lange noch, ſeine Virtuo⸗ ſität bewieſen haben, wenn es Bürger, der ſich allmählig von ſeirem Staunen erholte, nicht gedrängt hätte, dem unglücklichen Mädchen, das noch immer regungslos aus⸗ geſtreckt auf der Erde lag, zu Hülfe zu eilen. Er klomm leiſe den Abhang des Weges herunter und trat hinter dem Rücken des Alten, von Beiden unbemerkt, näher. Jetzt ſchaute er über einen Erlenbuſch, der ihn noch von der — 162— Stätte trennte, wo Buchonkel ſaß, nach Elſewittchen. Sie lag auf dem Rücken, das marmorbleiche Antlitz dem Him⸗ mel zugekehrt, der es mit ſeinem Sternenlicht überſchim⸗ merte. Ihre Augen waren weit und ſtarr geöffnet, aber um ihre Lippen ſpielte ein ſeliges, ruhevolles Lächeln und die ſchneeweißen Hände waren wie zum Gebet auf dem jungen Buſen zuſammengefalten. Bürger, der nach dem vorhergegangenen Auftritt einen ganz anderen Anblick erwartet hatte, glaubte einen Engel zu ſehen, den der Donner des ſtrafenden Himmel zerſchmet⸗ tert und an ſeinem ſeligen Leben gebrochen, auf die Erde geworfen hat. Keine Regung war in dieſem Bilde leid⸗ voller Anmuth und ſelbſt das Lächeln, welches ihre Miene verklärte, ſchien nur Marmorglanz. Und drüber hin flüſterten die Weiden, murmelte der Bach, tönten die melancholiſchen Stahlſchwingungen der Maultrommel. Mit einem Schritt war Bürger geräuſchlos hinter dem Buſch hervorgetreten und ſein Schatten glitt über Elſe⸗ wittchens Antlitz. Da hielt Buchonkel plötzlich mit ſeiner Muſik inne, wandte langſam, faſt zögernd das Geſicht nach der Seite, von wo der Schatten gekommen war,— und vor Schrecken fiel ihm die Krone vom Haupt, als er Bürgers anſichtig wurde. „Was machen Sie hier mit dem Mädchen?“ fragte die⸗ ſer, indem er ihn kräftig am Arm faßte und den außer aller Faſſung Gerathenen auf ſeinen Sitz zurückdrückte. „Da— da— das iſt mein Kind, mein liebes Todten⸗ kind!“ ſtotterte der Alte ſchwerathmend, als er endlich wie⸗ der der Sprache mächtig war.„Hab's nur ein wenig in den Schlaf geſungen, weil es müde war und gerne ſterben — 168— möchte,“ fügte er mit zitternder Stimme hinzu und ſuchte ihn abzuhalten, näher zu treten. die Höhe gerichtet, und als ſie einen Dritten auf dem Platze ſah, erwachte ſie aus ihrem traumähnlichen Zuſtand, erhob ſich ängſtlich von der Erde und wollte entfliehen, indem ſie den Alten mit ſich fortzuziehen ſuchte. „Bleibe mein Kind,“ ſagte Bürger und hielt ſie ſanft zurück.„Dein Vater hat mich hergeſchickt, um Dich nach Hauſe zu führen.“ Mit irren, ſcheuen Blicken betrachtete ſie ihn eine Weile und ſuchte ſich dann von ihm loszuarbeiten. „Rühre Sie nicht an, Unreiner!“ rief jetzt Buchonkel mit drohender, gebietender Stimme und Bürger ſah eine wilde Wuth in ſeinen Augen aufblitzen. Mit einem Satz war der Alte vom Steine aufgeſprun⸗ gen, riß Elſewittchen aus ſeinen Armen und ſchlug ihm dabei unverſehens mit der Fauſt ſo kräftig in's Auge, daß ihm die Funken herausſprühten. „Hüte Dich vor dem! Hüte Dich vor dem!“ rief er mit einem Gelächter, das Bürgern das Blut vor Entſetzen ſtocken machte.„Dieſer Menſch weiß, wie man Spott und Frevel treibt mit dem Heiligſten und dennoch ſein Prieſter bleibt, wie man Engel aus ihrem Paradieſe lockt, ihre Unſchuld mordet und obendrein die verruchte That in hoch⸗ poetiſche Verſe bringt, und damit um den eitlen Ruhm des Dichters buhlt!“ Bürger wollte ſeinen Ohren nicht trauen; in dieſem Vorwurf des kindiſchen Onkels lag für den Angeklagten mehr Sinn und Wahrheit, als Jener vielleicht ſelbſt ah⸗ nen mochte und Bürger wußte nicht, worin mehr Ironie Aber ſchon hatte Elſewittchen das Haupt lauſchend in ſey, in den Worten des Buchonkels, oder in dem Umſtand, — 160— daß gerade der alte Pappendeckel⸗König von Korſika ihm dieſe Wahrheit ſo eindringlich zu Gemüth führen durfte. Das ſcharfe, mißtrauiſche Auge des alten Spähers hatte ihn dießmal auf einem Zerwürfniß ſeiner innerſten Natur, auf einem Widerſpruch ſeines Geiſtes ertappt, den er ſich ſeither nur mit den dunklen Augen des Humors anzu⸗ ſchauen gewagt hatte. Es lag etwas dämoniſch⸗fremdar⸗ tiges in dem pſychologiſchen Scharfblick oder Taſtſinn des alten Buchonkels und faſt fühlte ſich Bürger verſucht, ihm ſeine Brutusmaske vom Geſicht zu ziehen. Zum erſtenmal trat ihm der Gegenſatz ſeines wirklichen Lebens zu dem, was er künſtleriſch erlebt und empfunden hatte, in feind⸗ licher Differenz entgegen und ſeine Thaten, ſein ſchuldvol⸗ les Bewußtſeyn drängten ſich mit ihrer nüchternſten Wahr⸗ heit und Geltendmachung in die idealiſche Welt ſeiner Poeſie. Wie er vor Monden auf dem Wölmershäuſer Friedhof durch die dünngewobene Grabesdecke die Leichen geſchaut hatte, ſo blickte er jetzt in die Todtengrüfte ſeines Buſens, wo ſie alle ſchlummerten, die erſtorbenen Blüthen ſeines Lebens, die hochheiligen Träume ſeiner Jugend, die ſtillen, ſchönen Erinnerungen, und nichts war ihm geblie⸗ ben, als ein erlogenes Glück in erlogenem Beſitz, in erlo⸗ gener Fantaſie. Er ließ es unter dieſen Betrachtungen ohne Wider⸗ ſpruch geſchehen, daß der Alte mit Elſewittchen ſich ent⸗ fernte und den Weg in der Richtung nach dem Walde verfolgte. Faſt lächelte er, da ihm von dieſem ſtolzen Tage des Triumphes, der ihn noch vor wenig Stunden im unbe⸗ ſtreitbaren Beſitz unſterblichen Dichterruhmes geſehen hatte, nichts übrig geblieben war, als die goldpapierne Königs⸗ krone von Korſika, die Buchonkel unbeachtet auf der Erde — 170— hatte liegen laſſen. Er hob ſie auf und betrachtete ſie mit demſelben pathetiſch⸗nihiliſtiſchen Gefühl, wie Hamlet den Todtenkopf. „Eitles, vergängliches Daſeyn! So ſinken dir die Kro⸗ nen vom Haupt und die Dornen von der Meſſiasſtirne! So findet Alles den Weg zum Nichts, und die donnern de Lawine wird zum Schneeball für den ſpielenden Knaben. Hier halt' ich dich nun in den Händen, du Symbol der höchſten irdiſchen Macht, du Inbegriff aller menſchlichen Hoheit und Größe. Mich kümmert es nicht, ob du von Gold biſt oder von Pappendeckel, ob der Goldſchmied dich verfertigte, oder der Buchbinder dich kleiſterte; das iſt alles eins vor jenem tiefſinnigen Geiſt der Weltironie, den wir Schickſal nennen; und ich erbebe ihm, bewundere ihn in dieſer Krone, wie ſie hier verkrumpelt und verſchmäht auf der Erde lag, eben ſo ſehr, als wenn ſie im Wanken der Weltgeſchichte von dem Haupte des römiſchen Imperators gefallen wäre. Kein Kaiſer und kein König hat eine beſ⸗ ſere zu verlieren, ja, was dieſe Krone noch köſtli⸗ cher macht, als alle Diademe der Welt, das iſt ihre pap⸗ pendeckelne Naivetät, der Tiefſinn des Weltgeiſtes in ſei⸗ ner unmittelbarſten Auffaſſung, die hiſtoriſche Idee in ihrer objektivſten Anſchauung auf Kleiſter und Pappendeckel, als den Grundſtoffen alles irdiſchen Seyn's zurückgeführt. Wahrlich! Mit dieſer Krone auf dem Haupt und unter dem Triumphmarſch von Buchonkels Maultrommel wollte ich der Weltgeſchichte von Alexander dem Großen an bis auf die neueſte Zeit unter die Augen treten und von Schlö⸗ zer's Katheder herunter den Beweis wagen, daß der Ni⸗ hilismus ſeit Adams Apfelbiß der einzige geſunde Gedanke der Menſchheit geweſen und das Weltübel nur da ſey, weil die Büchſe Pandora's nicht von Pappendeckel gemacht war.“ — 171— Bürger war nach dieſem Monolog durch Alles, was er am heutigen Tage und in dieſer Nacht erlebt hatte, in jenes Stadium des Humors gerathen, wo es ihn wenig Ueberwindung gekoſtet hätte, über dem Schickſal einer ver⸗ lebten Pelzkappe den auf Karthagos Trümmern weinen⸗ den Marius zu vergeſſen. Er war aber dabei ſo redlich, daß er in ſeiner Ironie niemals verſäumte, mit ſich ſelbſt den Anfang zu machen, und ſo beſann er ſich denn auch heute nicht lange und ſetzte ſich getroſten Muthes die pap⸗ pendeckelne Königskrone auf das Haupt, feſt entſchloſſen, ſie um keinen Dichterlorbeer der Welt zu vertauſchen. Alſo mit dem Symbol der höchſten Majeſtät bekleidet, ſetzte er ſich, den Kopf in beiden Händen, auf den Stein nieder, den vor ihm Buchonkel eingenommen hatte, und ließ ſich von dem murmelnden Bache in jenen glücklichen Zuſtand des Gemüthes einlullen, wo das Stillleben der Natur ſich in unſere Seele, wie von dieſer ausgehend und dahin zurück⸗ kehrend, concentrirt und jene ſüße Magie, aus der einſt in wiegenheimlichem Träumen unſere erſte Empfindung auf⸗ tauchte, das Herz wieder beſchleicht, jene Magie eines Räth⸗ ſels in unſrem Geiſte, an dem wir löſen und wieder löſen, ſo lange dieſer Geiſt noch einen Schmerz hat und eine Luſt, und zwiſchen beiden eine Tiefe, die wir Vergeſſenheit nennen, und in welche wir die Leichen unſerer todten Freuden und Leiden verſenken. Er hatte Vieles erlebt und Vieles war ihm geſtorben in dem Traume, aus dem er erſt aufwachte, als die Kühle des Morgens ihm über das Antlit ſtrich und in ſilberduf⸗ tigen Nebeln das Geheimniß der Nacht, wie vor dem nahenden Tage flüchtend, an dem Waldesſaum hinwallte. Ein Schauer ermunterte ibn vollends, er ſtand auf, mehr — 172— müde als erquickt von der ungewöhnlichen Nachtruhe auf dem harten Stein, in der unbequemen Lage. Aber bald ſtärkte und belebte ihn wieder der friſche Morgenduft, durch den die köſtlichſte Sommernacht ihren letzten balſamiſchen Athem hauchte Schon küßten die Blumen am Rande des— Waſſers ſich einander wach in dem linden Wehen des Windes, ſchon ſummte hier und da ein rüſtiger Käfer un⸗ ter den Moosſteinen hervor, und die Vöglein in den Bü⸗ ſchen ſchüttelten ſich den Thau von den Flügeln. Das iſt die heilige Frühe des Morgens, wie die Griechen dieſe Zeit nannten, jene duftige, ſilberdurchwobene Dämmerung, wo an dem Himmel die Sterne erbleichen und es durch die Schöpfung zieht wie der keuſche Schauer der Semele, wenn ſie dem nahenden Geliebten entgegen harrt. Bürger nahm ſich vor, dieſe Nacht bis zu ihrem letzten Moment zu rurchwachen und von der nächſten Höhe den Aufgang der Sonne zu betrachten. Nachdem er die Krone in einem Buſche verſteckt hatte, ſchritt er auf dämmerndem Pfad durch die wallende Saat den Hügel hinan, welcher ihn noch von Wölmershauſen trennte. Plötzlich fiel ihm ein, daß Molly noch keinen Sonnenaufgang in ſeiner Ge⸗ ſellſchaft geſehen und ihn deßhalb ſchon oft gebeten hatte, ſie einmal mit hinaus zu nehmen. Er beſann ſich alſo nicht lange und eilte, ſo ſchnell er konnte den Hügel hin⸗ unter, durch die Felder des Dorfes auf dem nächſten Wege ſeiner Wohnung zu. Er gelangte bald an die Gärten hinter den Häuſern, drängte ſich, von manchem wachſamen Spitz angebellt, durch die wohlbekannten Lücken in den Gartenhecken und kam an die Hinterthüre ſeines Gras⸗ gartens. Er eilte in den Hof, wo ihm ſein treuer Hund mit lautem Bellen entgegenſprang und ſich lange nicht beſchwichtigen laſſen wollte; ſo geräuſchlos als mög⸗ — 173— lich lehnte er die Leiter an das Rebgeländer, welches bis zu Molly's Fenſter hinanlief. Als er ſich dieſem nahte, entdeckte er zu ſeiner Freude, daß der eine Flügel geöffnet war und nur die neidiſche Gardine ihm den Weg zu ver⸗ ſperren ſuchte. Eben im Begriffe, ſie wegzuſchieben, fühlt er ſich von Innen an dem Arm ergriffen und erhält mit einem Pantoffel mehre tüchtige Schläge auf die Hand. Er reißt ſchnell die Gardine hinweg— Molly ſteht vor ihm, fir und fertig zum Sonnenaufgang. Kaum traut er ſei⸗ nen Augen, als er ſie ſo gerüſtet ſieht; ſelbſt der Stroh⸗ hut iſt nicht vergeſſen. Sie ſchlingt den Arm um ſeinen Hals:„Nachtſchwärmer Du!“ ſchmollt ſie unter Küſſen und erzählt ihm, daß die Sorge wegen ſeines Ausbleibens ſie kein Auge habe ſchließen laſſen. Dann ſagte ſie: „Schon ſeit einer Stunde bin ich aus den Federn und überlegte eben, wie ich aus dem Haus komme, um die Sonne aufgehen zu ſehen. Dora hat den Schlüſſel, durch das Küchenfenſter kann ich auch nicht ſteigen, weil die Thüre von Innen zugeriegelt iſt und ſo wollte ich eben an dem Rebgeländer herunterklettern, als Phylar bellte und ich Dich durch den Garten laufen ſah. Nun ſteig' herunter und halte mir die Leiter.“ Geſagt— gethanz; ſie ſchwingt ſich über die Fenſter⸗ brüſtung, ſelbſt die Engel auf Joſeph's Himmelsleiter konn⸗ ten nicht flinker niederklettern, und bald hat er die liebliche Bürde mit ihrem Herzklopfen in den Armen und ſetzt ſie wohlbehalten auf die ſichere Erde nieder. Dann ſtellt er die Leiter weg, legt den Phylar an die Kette und Beide wandeln Hand in Hand durch die Gärten des Dorfes hinaus in das Feld. Schon fing es an im Oſten zu weben und zu wallen, als ſie auf dem Gipfel der Höhe anlangten; immer durch⸗ — 174— ſichtiger und dünner wurden die grauen Schleier, welche die Landſchaft umzogen und mehr und mehr trat der wer⸗ dende Tag, ſeiner Sonne voran, aus der Dämmerung hervor. Die Schatten löſten ſich von den einzelnen Grup⸗ pen der Umgegend ab, an ihre Stelle traten ſchon hier und da die freundlichen Farben des Tages, und wie ein blaſſer Silberſtreif flog es manchmal durch die Landſchaft, glitt über das wallende Korn, zuckte durch den dampfenden Nebelflor. Die Wachtel ließ nicht lange auf ſich warten, ihr heller Schlag ſchallte durch das Geſild und weckte die Lerche, die ſich, wie noch ſchlaftrunken, in die dunklen Wol⸗ ken erhob und den Pfad der Liebenden mit leiſen Liedern beſtreute.. Bürger erzählte auf dem Wege Molly ſein Abenteuer mit Elſewittchen und dem Buchonkel, und ſie that ihm den Vorſchlag, ſobald ſie den Sonnenaufgang geſehen hätten, nach der Förſterwohnung zu gehen und Eckhart den Vor⸗ fall mitzutheilen. Bürger hörte, daß Buchonkel gar nicht nach Hauſe gekommen ſey, was ihn natürlich beunruhigen und um das Schickſal des alten Mannes beſorgt machen mußte. „Das Alles, fürcht' ich, führt noch zu böſen Häuſern,“ ſagte Molly.„Seitdem er wieder die Maultrommel ſpielt, iſt eine bedenkliche Veränderung in ihm vorgegangen und der arme Mann muß oft recht elend ſeyn. Der Vater, der ihn und ſeinen unglücklichen Zuſtand genau kannte, duldete nie das widerliche Inſtrument und behauptete auf das Beſtimmteſte, daß dieſe Muſik auf Buchonkels Seele den allerſchädlichſten Einfluß übe. Auch konnte man es ihm immer drei Tage im Voraus anſehen, wenn er die Maultrommel ſpielen werde, und ſo viel Mühe man ſich auch gab, ihm keine in den Händen zu laſſen, ſo fand er * 4— 175— doch ſtets auf den Jahrmärkten Gelegenheit, die weggenom⸗ mene zu erſetzen. Einmal kamen wir ſogar dabinter, daß er ſie in ſeinen Haarbeutel verſteckt hatte.“ Bürger ſagte: „Jedenfalls wird es rathſam ſeyn, ihn von dem wahn⸗ ſinnigen Mädchen zu entfernen; es wäre nicht unmöglich, daß ihre Krankheit ihn anſteckte; und ſein unheimlicher Zug nach der Förſterwohnung macht wenigſtens dieſe Be⸗ fürchtung nicht grundlos.“ 4 „Ich denke oft mit Schrecken daran, daß ich die meiſte Schuld an ſeinem gegenwärtigen Zuſtand trage,“ verſetzte Molly.„Es wäre gewiß nicht ſo weit mit ihm gekom⸗ men, wenn ich ihm immer meine ungetheilte Liebe hätte zuwenden können. So aber ſah er ſich plötzlich von mir vernachläßigt und in jener Zeit, wo ich keinen anderen Gedanken mehr hatte, als Dich, begann auch ſeine Trau⸗ rigkeit. Und jetzt iſt er mein ſtrafender Engel——“ „Vor dem ich mein ſüßes Leben ſchütze und ſollt' er es gleich verfolgen bis in den hochheiligen Himmel hinein,“ ſagte Bürger und umarmte ſie zärtlich.„Du und ich— wir ſind ſtark und fürchten nur jene Götter, die neiden, nicht jene, ſo ſtrafen.“ „Ja, wenn Du bei mir biſt,“ verſetzte Molly und ſchmiegte ſich mit ihrer ganzen Innigkeit an ihn.„Und ſiehſt Du, Bürger,“ fuhr ſie dann getröſtet fort;„das iſt das Einzige, worüber ich nicht nachdenken mag. Seit ich den Vater ſterben ſah, weiß ich, was Tod iſt, und darum zittere ich oft in Deinen Armen und Dein Kuß fällt mir dann wie Eis in die Seele. O! Wenn Du mir ſtirbſt, wenn Du von mir gehſt, nur eine Sekunde früher, als ich Dir folgen kann—— meine Seele würde in Atome ver⸗ fliegen und durch die ganze Unendlichkeit Dich ſuchen.“ Bürger ſagte lächelnd:„Wir ſind herausgeſchritten, um die Sonne aufgehen zu ſehen und Du redeſt von Sterben; ich wollte Dich ihr zeigen, wollte prahlen: Sonne, die iſt mein, beleuchte ſie mir einmal, ob du noch in ihrem We⸗ ſen was entdeckeſt, das mich nicht liebt— und ſie ſchwärmt vom Tode!— Das iſt arg, Molly!“ „Freilich!“ antwortete ſie und ſchüttelte mit Lachen den letzten Ueberreſt der muthloſen Reflexionen ab, welche ihr eine ſchlafloſe Nacht bereitet hatten.„Freilich! Zumal es heute ein Jahr iſt, wo Du zum erſtenmal nach Niedeck kamſt und ich Deinen dicken Mund ſo poſſierlich fand, daß ich mir's im Leben nicht hätte träumen laſſen, dieſer häß⸗ liche Mund werde mich noch einmal küſſen. Ach, komm nur, daß ich ihn mit Küſſen bedecke, ſonſt gefällſt Du mir nicht! Und weißt Du auch noch, was Du zu mir ſagteſt, als ich Dir aus unſerem Ziehbrunnen Waſſer holte? fuhr ſie fort, nachdem ſie den häßlichen Mund unſichtbar gemacht hatte;„gib Acht, daß Du nicht hinein fällſt! riefſt Du erſchrocken, als ich mich über den ſteinernen Rand des Brunnens beugte und den Krug herüberzog. Faſt wär' ich vor Scham wirklich hineingefallen, als Du mich duzteſt. Kein Herr ſagte mehr Du zu mir, und nur Du allein behandelteſt mich noch als Kind! Ich hab' Dir's lange nachgetragen, bis ich mich endlich daran gewöhnte und Dein„Du“ ſo lieb hatte, als alle„Sie's“ der Welt.“ „Alſo ein Jahr,— macht dreihundert fünfundſechzig Tage,“ ſagte Bürger und wurde nachdenkend.„Das ſind viele— viele Sekunden, von denen ſich mir manche zu Ewigkeiten ausdehnte. Und Eine, Molly— Eine war darunter, die ich Dir nicht vergeſſen kann und die in mei⸗ nem Leben widerhallt, ſo oft ich eine Glocke höre.“ genüber um Begeiſterung, Innigkeit und Gottvertyguue 12r nur verſchlafen, beute aber haben wir ſie in Wahrheit verwacht.“ 4 „Das iſt eine alte Wahrheit, liebes Kind,“ ſagte Bür⸗ ger.„Gerade was wir am eifrigſten betreiben, und wozu wir lange vorher die lebhafteſten Vorkehrungen treffen, überraſcht uns oſt am plötlichſten und tritt, heute als Glück, morgen als Leid, unerwarteter in unſer Leben, als jenes, deſſen wir uns weniger oder gar nicht verſahen. Je mehr der Menſch ſorgt, und dem, was kommen ſoll, vorgreift, je mehr er ſeine Wünſche und Erwartungen, ſeine Furcht und ſein Bangen auf einen Moment ſetzt, um ſo leichter iſt er in Gefahr, ſich in ſeinen Vorausſetzungen zu täuſchen.“ „Doch iſt's noch ein Glück, daß wir auf den Berg ge⸗ ſtiegen ſind, um die Sonne aufgehen zu ſehen,“ antwortete Molly.„Wie viel ſchmerzlicher würde unſere Enttäuſchung und Reue ſeyn, wenn wir einen Sonnenuntergang ver⸗ paßt hätten. So aber haben wir doch wenigſtens einen köſtlichen Morgen vor uns, und wo wir vergebens auf die Blüthe warteten, wollen wir nun um ſo gewiſſer die Frucht genießen.“ Gegen dieſen Vorſchlag war um ſo weniger etwas einzuwen⸗ den, und er wurde mit ſo zuverſichtlichen, leuchtenden Au⸗ gen gethan, daß Bürger auch in ihm wieder das uner⸗ ſchütterliche, von dem Muth ſeiner Liebe gehobene Ge⸗ müth erkannte, für das es keinen Verluſt und keine Täu⸗ ſchung gab, woraus ihm nicht eine neue und herrlichere Hoffnung aufgeblüht wäre. Und darin ruhte für ihn jene mächtige, ſieghafte Gewalt, die ſie mit eben ſo viel An⸗ muth als Zuverſicht über ihn geltend zu machen wußte. Molly war das Herz, das nicht leicht dem Geliebten ge⸗ — 189— verlegen geworden wäre, undaus dem die Liebe wie mit feurigen Zungen redete, wenn es galt, den Muthloſen auf⸗ zurichten und ſeiner geſunkenen Seelenſtimmung wieder den alten, freudigen Schwung zurückzugeben. Es koſtete ihr wenig Ueberredung, ihn zu einem Mor⸗ genſpaziergang nach der gegenüberliegenden Ruine zu be⸗ ſtimmen. Auf dem Rückwege wollte man dann in der Förſterwohnung vorſprechen und über Elſewittchen und den Buchonkel Erkundigung einziehen. Es konnte nicht fehlen, daß di ſes Verhältniß eines Mannes, der eben nicht im Rufe allzugroßer Dienſtbe⸗ fliſſenheit und Amtseifers ſtand, zu einem Mädchen, wel⸗ ches, wie Molly Alles in der Welt konnte, außer der ſonſt ihrem Geſchlechte ſo geläufigen Kunſt, Gefühle zu beherr⸗ ſchen und in ihrem äußern Weſen das Gegentheil von dem zu lügen, was ihre Seele als ſchönſte Wahrheit er⸗ füllte; es konnte nicht fehlen, daß ein ſolches Verhältniß, zumal es von den dabei am meiſten betheiligten Perſonen nicht ſelten auf die unklugſte Weiſe verrathen wurde, bald in dem Munde vieler Leute die entſchiedenſte Mißbilligung fand und zu den zweideutigſten Gerüchten Veranlaſſung gab. Selbſt die ſonſt ſo vorſichtige Dora vergaß nicht ſelten, ihren nagenden Gram hinter der Maske der Unbefangen⸗ heit zu verbergen, und wo hätte ſie auch immer die Ruhe und Beſonnenheit hernehmen ſollen, einen Kummer zu beherrſchen, der ſich bald nur allzudeutlich in ihren blaſſen Mienen, in der unverkennbaren Melancholie ihres Weſens ausdrückte. Aus ihren trüben Augen ſchaute etwas wie gebrochenes Herz, und nur die, welche Urſache hatten, ih⸗ 4 . ren Blick zu meiden, erkannten darin bloß ein ſtillſchwei⸗ gendes Zugeſtändniß und die Ergebung einer beſonnenen Seele in ein unabwendbares Schickſal. Auch iſt es viel⸗ leicht keine allzukühne Behauptung, wenn wir uns beide Liebenden, ſo weit Menſchenblick in's Menſchenherz ſchauen kann, der hochherzigen Dora gegenüber von einem Wahne befangen denken, der ſich immer da in unſer innerſtes Ge⸗ fühl einzuſchmeicheln weiß, wo wir uns einer Schuld gegen ein edles Weſen bewußt ſind, und doch nicht den Muth und die Kraft beſitzen, dieſe Schuld zu tilgen. Jener Wahn, der unſerem Egoismus oft ſo trefflich zu Statten kömmt, nimmt aus der Seele, die er mit ſeiner Täuſchung umfangen hält, eine Märtyrerglorie für den beleidigten Theil, und unſer eigenes ſchuldvolles Bewußtſeyn verleiht ihm eine Tugend und Reine, von der wir erröthend be⸗ kennen, daß wir gegen ſie nicht beſtehen. Mehr noch als Bürger war es Molly, die ſich allmäh⸗ lig mit der Vorſtellung abfand, daß die Schweſter ihr nicht um eines Glückes willen fluchen werde, durch welches Jene ihr ſo groß und herrlich gegenüberſtand, und ſie betrach⸗ tete es bald als das gnädige Geſchenk einer neidloſen, großen Seele, mit der ſie ſich nicht meſſen durfte. Aber die Todtenglocke in Dora's Bruſt, das gebrochene Herz, läutete immer tiefer und tiefer, und nur in dem Le⸗ ben ihres Kindes lebte auch ſie noch.— Seitdem ihr über ihr Schickſal kein Zweifel mehr übrig blieb, war ihr das Daſeyn eine Qual, und ſie wünſchte ſich den Tod eben ſo wohl um ihrer ſelbſt, als um Jener willen, denen ſie durch dieſes gequälte Daſeyn noch obendrein Schuld auf Schuld auf die Seele häufte und es als feindliche, ren⸗ nende Macht zwiſchen ſie ſtellte. Es iſt nicht das Amt der verſöhnenden Poeſie, dieſen Jammer eines Herzens zu ſchildern, das ſelbſt an ſeinem * — 182— letzten Glauben, an dem Glauben an ſeinen Schmerz irre wird und ihn zur vernichtenden Anklage gegen ſich erhebt. Das aber that Dora, indem ſie ſich zuletzt als die einzige Veranlaſſung dieſes unſeligen Verhältniſſes betrachtete und in jenem bleichen Genius mit der erlöſchenden Fackel, der ihr den Friedenskuß des Todes auf die Lippen drücken ſollte, zugleich den einzigen rettenden Engel für Bürger und Molly erkannte. Der Mann ihrer Liebe ſollte ſie finden, wie ſie ſich ihm gegeben, er ſollte erkennen, daß ſie nicht umſonſt vor Gott und ihrem Herzen für ſein Glück eingeſtanden,— er ſollte glücklich ſeyn,— ja, glücklicher noch, als in den glücklich⸗ ſten Stunden ſeines Lebens. Das hatte ſie ihm gelobt in jener Nacht, als ſie es wußte, daß er unglücklich war,— daß die Liebe, die ſie ihm bieten konnte, ſeiner Sehnſucht nicht genügte und ſein Geiſt unter einer anderen Sonne wandelte. Und die Entſagung wurde einem Herzen leicht, das nach ſolcher Gewißheit nichts mehr zu verlieren hatte, als ein Leben, welches ſeinem theuerſten Leben zur Quelle des ſchuldvollſten Bewußtſeyns wurde. So lehrte der Schmerz ein Gemüth ſchwärmen, das ſo wenig dazu geſchaffen war, mit dem ruhevollen, klaren Auge des Bewußtſeyns in die Welt jener Weſen zu blicken, die bald dämoniſch, bald beſeligend in die Menſchenbruſt niederſteigen, und den Geiſt, den ſie mit ihrer ewigen Ge⸗ walt ergreifen, entweder in die lichten Sphären der Schön⸗ heit und Ahnung, wie in ſeine eigentliche Heimath führen, oder ihm die dunkle Seherbinde vor die Augen legen, daß kein Farbenglanz und kein Jugendprangen ihn täuſchen kann über den Ted,„der unter Blumen ſchleicht und ro⸗ 1hen Wangen.“ Was das Verhältniß anbelangt, in welchem Molly zu der Schweſter ſtand, ſo haben wir es bereits oben ange⸗ deutet, und es bleibt nur zu ſagen übrig, daß Dora nie wieder mit einem Worte ſie ſtrafte oder ſie auch nur ah⸗ nen ließ, welches Glück die grauſame Schweſterhand ihr geraubt habe. Ruhevoll ſtand ſie der Bewegten gegen⸗ über, hatte für jede ihrer Freuden ein Lächeln, für jede ihrer Klagen einen Troſt, und würde es ſelbſt nicht an der alten Vertraulichkeit haben fehlen laſſen, wenn nur nicht Molly vor dieſem liebevollen Auge eine Scheu gehabt hätte, die ihr oft, mitten in dem gleichgültigſten Geſpräche plötzlich das Blut in's Geſicht jagte bis tief hinter die Locken. Da geſchah es denn nicht ſelten, daß ſie ſich ihr krampf⸗ haft in die Arme warf, das glühende Antlitz an ihrem Buſen barg und dort, wo das Herz kloͤpfte, das ſie ver⸗ rathen hatte, Schutz ſuchte vor dem Beben ihres eigenen. Hahn hatte allmählig angefangen, das, was um ihn Hahn! gen, herum vorging, mit Mißbehagen zu bemerken, und das unruhvolle Weſen Bürger's, ſeine Zerſtreutheit und die unſtäte Haſt, mit der er in dem einen Augenblick ergriff, was er in dem andern eben ſo ſchnell wieder fallen ließ, am meiſten aber die Wahrnehmung, daß der Freund ſeine Anweſenheit im Hauſe oft Tagelang nicht zu beachten ſchien und ihn faſt immer ſich ſelbſt überließ, machten ihm mehr und mehr den Aufenthalt unter dem gaſtlichen Dache pein⸗ voll, und bald ſprach er offen den Entſchluß aus, zu ſei⸗ nem Oheim nach Zweibrücken zu reiſen, und ſich dort auf längere Zeit niederzulaſſen. Er beſtimmte ſchon den Tag ſeiner Abreiſe und traf die dazu nöthigen Vorkehrungen. Doch ließ er ſich bald von Bürger, bald von Dora be⸗ wegen, immer noch einige Tage zuzugeben, und ſo gab — 184— es denn ein beſtändiges Aus⸗ und Einpacken, ein Zau⸗ dern, Schwanken und Planemachen, bis er zuletzt nur noch 8 mit dem Finger auf der Landkarte reiſte. Da erzählte ihm Bürger, als er mit Molly gegen Mit⸗ tag von dem Beſuch in der Förſterwohnung nach Hauſe zurückkehrte, ſein Abenteuer mit Elſewittchen und dem Buchonkel. Sie hatten den Letzteren wirklich beim kranken Mädchen getroffen, troſtlos über den Verluſt ſeiner Kö⸗ nigskrone, deren Verſteck ihm Bürger angab. Die Nachricht von der ſchönen Wahnſinnigen reizte Hahn's Neugierde auf das Lebhafteſte und er nahm ſich vor, bei eheſter Gelegenheit die Bekanntſchaft des roman⸗ tiſchen Weſens zu machen. Schon am andern Tage ging er frühmorgens nach dem Walde und gelangte auf wenig beſuchten Pfaden zu der Förſterwohnung, welche tief in einer Thalſchlucht verſteckt lag und in ihrer grünen, wald⸗ ſchattigen Umgebung und dem Frieden, welcher den idylli⸗ ſchen Ort umſchwebte, wie geſchaffen war für das Aſyl eines Herzens, das aus den herben Prüfungen des Lebens in die dämmernde Mährchenwelt der Kindheit zurückver⸗ ſetzt wurde und vielleicht kaum noch eine Erinnerung be⸗ wahrte von jener Zeit, wo ſich unter Waldesrauſchen und Blumenflüſtern die Sünde in ihr junges Herze ſchlich und im Birkenwäldchen, dort wo in's kühle, wonnige Quellge⸗ tön die Nachtigall ihre ſüßeſten Lieder ſtreut, mit dem Traume ihrer Liebe auch die Seele ihr ſchwand, als ſeyen Liebe, Traum und Seele ſo innig in einander verwebt, daß wo Eine dahin, auch die Andern folgen müßten. So wenigſtens erzählten unſerem Freund Birfen und Quelle die traurige Liebesgeſchichte des ſchönen Förſterkin⸗ — des, und dazwiſchen nickten und winkten ihm aus dem A — 185— Gärtlein herüber die rothen und weißen Roſen, als wüßten 4 auch ſie eine Geſchichte aus Elſewittchens„jungen Jahren“. Noch ſtand er unſchlüſſig auf der andern Seite der Waldlichtung, neben einer Felſengruppe und über dem, —= was ihm der traute Ort von dem armen Kind erzählte, vergaß er beinahe, was ihn hierher geführt hatte. Da hörte er eine männliche Stimme, gleich darauf wurde die Thüre geöffnet und der alte Eckhart trat heraus, hinter ihm Elſewitichen, das den braunen Jagdhund an der Leine führte. Derr Förſter war ein großer, ſtämmiger Mann von rau⸗ hem Anſehen, den die Laſt der Jahre nur wenig nieder⸗ ggebeugt hatte. Er trug Büchſenranzen und Jagdflinte, und ſchien gerüſtet zum Gang in's Revier. „Du warteſt, bis er fort iſt,“ dachte Hahn, und trat, von Beiden unbemerkt, hinter die Felſengruppe. Elſewittchen begleitete ihren Vater bis zu der großen ſchönen Fichte, inmitten des freien Platzes, wo ſich Beide VWlaauf einer kunſtloſen Bank von ungeſchälten Birkenäſten niederließen. Und hier gab es nun für den Lauſcher hinter den Fel⸗ ſen eine Scene, ſo lieblich und rührend, daß ihr Anblick ihm die Augen mit Thränen füllte. Der Alte und ſein krankes, bleiches Kind ſtimmten nämlich ihr Morgengebet aan, er mit dem monotonen Tremulo der ſonoren Mannes⸗ ſtimme, ſie mit dem hellen, trillirenden Glockenton, wie ihn die Lerche in das Grollen der dunklen Wolke miſcht, und bald milderte ſich des Alten Stimme, wurde weich und weicher, bis ſie zuletzt wie die elegiſche Verſöhnung eines alten Weh's in das goldne Lied Elſewittchens hinüber⸗ tönte und mit ihm in dem Choral verhallte, den der Wald um ſie rauſchte, wie durchſchauert von der Gottesnähe. — y—-rõͤͤͤͤͤſſ 186 b Dann ſtand der Förſter auf, legte ſeine Hände ſegnend auf des Mädchens Haupt und Hahn hörte ihn ſagen: „Bleibe fromm, mein Kind, und hüte Dich, daß Du in keine Sünde willigeſt, noch thueſt wider Gottes Gebot. Amen,“ ſprach der Alte und fügte noch warnend im Ab⸗ gehen hinzu:„Geh' mir bei Leibe nicht vom Hauſe, ſonſt kommen die böſen Leute und deuten mit Fingern auf Dich.“ Elſewittchen, als hätte ſie den Sinn dieſer Worte ver⸗ ſtanden, nickte nachdenkend mit dem Kopfe, und ſah ihm trüben Blickes nach, wie er den Waldpfad hinaufſtieg und bald hinter den Bäumen verſchwand. Hahn fühlte das innigſte Mitleid mit dem armen Kinde, das nun verlaſſen in der einſamen Wildniß zurück⸗ bleiben mußte, aus Furcht vor den böſen Leuten, die mit Fingern auf es deuteten. Auch er wagte nicht, ihr, die ſelbſt noch in ihrem ſtillen Walde die Menſchen ſcheute, die ihr hier ſo Böſes gethan, unter die Augen zu treten, bis er zuletzt auf den Einfall kam, ſie, die nach Allem, was er von ihr gehört hatte, eine große Freundin des Geſanges ſeyn mußte, durch ein Lied auf ſeine Gegenwart vorzubereiten. Er wählte dazu das damals überall ge⸗ ſungene und durch ſeine einfache, rührende Melodie ſo be⸗ rühmt gewordene Lied ſeines Freundes Hölty:„Der alte Landmann an ſeinen Sohn“ und ſang mit ſeinem ſchö⸗ nen Tenor deſſen letzte Strophe: Ueb' immer Treu und Redlichkeit+ X Bis an dein kühles Grab, Und weiche keinen Finger breit Von Gottes Wegen ab. Dann ſuchen Enkel deine Gruft Und weinen Thränen drauf, 1 Und Sommerblumen, voll von Duft, Blühn aus den Thränen auf. — thuen weh, und hätt' ich mein Lebtag nicht geweint, wer Schon bei dem erſten Ton lauſchte Elſewittchen auf und blickte verwundert nach allen Seiten, bis ihr ſpähendes Auge auf der Felſengruppe haften blieb, von wo der fremde Geſang herkam. Zaudernd that ſie einige Schritte vor⸗ wärts, Neugierde und Entzücken ſprachen aus ihren Mie⸗ nen, aber dennoch wagte ſie nicht näher zu treten, und das ihr eigne ſcheue Weſen, welches ſie mit den Rehen ihres Waldes gemein hatte, gab ſich in allen ihren Bewe⸗ gungen kund. Hahn, der ſie ungeſehen beobachten konnte, wiederholte die Strophe, inniger und ausdrucksvoller, und als wieder die Sommerblumen voll von Duft aus den Thränen aufblühten, da konnte ſie ſich nicht mehr halten und ſchritt mit emporgehobenen Händen raſch dem Orte zu, wo eben der holde Geſang verſtummt war. Eben ſo ſchnell trat Hahn hinter dem Felſen hervor, unbeweglich ſtand ſie vor ihm und ſah ihn ſtumm mit ihren großen, nachtſchattigen Augen an, mehr verwundert als erſchrocken über die fremde Erſcheinung. „Kannſt Du auch ſingen, Elſewittchen?“ fragte er, ohne ihr Zeit zu laſſen, ſich von ihrem Erſtaunen zu erholen. Sie nickte vergnügt mit dem Kopfe. „Ich ſinge Dir noch ein Lied, viel ſchöner als das erſte, wenn Du bei mir bleibſt,“ fügte er dann zutraulich hinzu und ſetzte ſich ruhig auf den Moosfelſen. Sie trat dicht an ihn heran, legte ihre Hand auf ſeinen Arm.—„Ach, ſing,, lieber Bube, ſinge,“ ſprach ſie mit bittender Stimme und die Erwartung beſiegte den letzten Reſt ihrer Scheu. „Du fürchteſt Dich ja vor mir,“ ſagte Hahn und hielt die Hand vor die Augen. Haſtig riß ſie ihm dieſelbe weg. „Du mußt nicht weinen!“ rief ſie flehend.„Thränen — 188 weiß, ob ich jetzt ſo elend wäre! Wie heißt's doch zuletzt in Deinem ſchönen Lied: Und Sommerblumen, voll von Duft, blühen aus den Thränen auf, nicht ſo? Ach! das lautet ſchön,— aber meine Thränen ſind's doch nicht,“ ſeufzte ſie wehmüthig,„es müſſen denn die kleinen, blauen Blümchen ſeyn, die am Bache ſtehen, wo ich ſo viel ge⸗ weint habe, wann ich den Kukuk im Walde rufen hörte und die Birken ſaftig wurden. Ach! Nun weiß ich's, warum man ſie Vergißmeinnicht heißt, weil ſich die Thrä⸗ nen nicht vergeſſen laſſen, die man um verlorene Liebe weint, nicht wahr, und weil ſie ſich ſchämen es zu ſagen, werden ſie Blümchen und heißen Vergißmeinnicht?“ „Haſt Du denn ſo viel geweint, armes Kind?“ fragte Hahn, den dieſer innige Naturlaut eines ſelbſt noch in ſei⸗ ner Zerſtörung ſchönen Gemüthes eden ſo ſehr rührte als ſtaunen machte. Sie ſah ihn nachdenkend an und nickte langſam mit dem Haupte, deutete dann ſtumm nach dem Waldpfad und gab ihm durch eine mehrmalige Bewegung der Hand, die ſie mit trauriger Geberde begleitete, zu verſtehen, daß der, den ſie liebte, dort hingegangen und nicht mehr zurückge⸗ kehrt ſey. „O, wenn er wieder käme!“ rief ſie mit leuchtenden Blicken,„einen Kranz wollt' ich ihm binden von lauter Thränenblumen, die ich um ihn geweint und die Blumen ſollten es ihm erzählen, was ich ihm nicht ſagen darf und was doch alle Leute wiſſen.“ Sie hielt plötzlich inne, eine leiſe Röthe flog über ihr Antlitz und mit mißtrauiſchen Blicken maß ſie eine Weile den Jüngling. Dann ſagte ſie: „Nicht wahr, Du weißt's nicht und deuteſt d'rum auch nicht mit Fingern auf das arme Elſewittchen? Der alte 2 — 189— Mann thut's auch nicht, und ſpricht immer, die Leute ſeyen bös, die mir das nachſagten.“ „Da hat er vollkommen recht!“ erwiederte Hahn.„Aber ſag' mir nur, Elſewittchen, wer iſt denn eigentlich der alte WMann, und was E thuſt Du bei Pan, von den Fel ſen und ſagte dann: „Ich meine, er heißt Rübezahl, wohnt tief in dem Berge, wo er die kleinen Waldbächlein murmeln lehrt, daß ſie's können, wenn ſie herauskommen und hat mir verſprochen, mich einmal mit hineinzunehmen in ſeinen dunklen Berg. Abends kommt er immer zu mir und macht mir ſchwin⸗ delig.“* „Wie macht er das?“ fragte Hahn, dem die Schilde⸗ rung einfiel, welche ihm Bürger von Elſewittchens Tanz nach Buchonkels Maultrommel gegeben hatte. Unbefangen erwiederte das Mädchen: „Wie er's macht, weiß ich nicht; aber wenn er zu ſpie⸗ len anfängt, brennt und ſticht's mich im Magen, faßt mich dann wie ein Schwindel, hebt mich vom Boden, und ich muß mich immer im Kreiſe drehen, bis mir die ſüße Liebe in das Herz ſteigt und die Sterne blaue Funken ausſprü⸗ hen, die ſich klingend in einen Ring zuſammenthun und mich immer enger und enger in ihn einſchließen. Zuletzt hör' ich nichts mehr, als ein leiſes Tönen, wie fernes Glockengeläut im linden Abendwind.“ Hahn horchte erſtaunt auf und verwünſchte bei ſich den unheimlichen Maultrommel⸗Virtuoſen, feſt überzeugt, daß er auf das arme Kind eine unheilbringende, dämoniſche Gewalt ausübe. Kanzeſt D du gerne?“ fragte er ſie. — — 190— „Erſt iſt mir bange, ach! ſo bange,“ verſetzte ſie haſtig; „aber bald wird mir leichter und immer leichter, ich fühle das Gras unter meinen Füßen, und zuletzt iſt's nur noch meine Seele, die in dem blauen, zitternden Sternenring tanzt.“ So erzählte Elſewittchen ihrem neuen Freunde, und die⸗ ſer glaubte bald zu ſeinem innigſten Vergnügen die Ent⸗ deckung zu machen, daß in dieſer zerrütteten, holden Seele noch eine andere Seele wohne, in welche ſich, wie in ein ſchützendes Aſyl, all' die Unſchuld, Anmuth und Lieblichkeit geflüchtet habe, die dem ſchönen Kind des grünen Waldes noch vor zwei Jahren alle Blicke und Herzen zugewendet hatten. Er fand Saiten in dieſem zerſtörten Gemüthe, die noch nicht geſprungen, und bei der leiſeſten Berührung den reinen, vollen Ton erklingen ließen, und nach einer mehrſtündigen Unterhaltung mit Elſewittchen war er bei⸗ nahe ungewiß, was ihm mehr an ihr anziehend erſcheine, die Innigkeit und Naivetät der Empfindung, das Poetiſche und Sinnige ihrer waldgrünen Natur,— oder das, was mit allem dieſen einen ſo feindlichen Contraſt bildete, das plötzliche Abirren ihres Geiſtes in verworrene Fantaſien, dann wieder das beſtändige oft lange anhaltende Fixiren von gewiſſen Ideen, an denen ſich der Gram und die Angſt ihrer Seele, wie an ihrem letzten Bewußtſeyn eigen: ſinnig feſtklammerte, kurz Alles das, woran dieſes ſchöne Gemüth krankte, und was ſein geiſtiges Weſen zwiſchen Seyn und Nichtſeyn ſchied. Und was, ſeitdem Elſewittchen in dem gegenwärtigen jammervollen Zuſtand lebte, noch keinem Menſchen außer dem Buchonkel durch den Zauber ſeiner Maultrommel ge⸗ lungen war, gelang dem blaſſen Jüngling mit den trüben, ſchwärmeriſchen Augen und dem friedeloſen Herzen; er ge — 191— wann ihr Vertrauen, und dieſes wuchs, je mehr er ſie in ihrem eigenſten, innerſten Verſtändniß auffaßte, bis zu dem wohlthätigen Einfluß, mit welchem er zuletzt ihren Geiſt ſo vollſtändig beherrſchte, daß ſie in ſeiner Nähe völlig frei von Irrſinn blieb. Bis gegen Abend verweilte er bei ihr, wandelte mit ihr durch den Wald, beſuchte ihre ſtillen Lieblingsplätzchen, und war in ihrem ganzen einſamen Le⸗ ben einheimiſch, noch ehe Elſewittchen ihm bemerkte, daß der Vater bald zurückkehren werde. Es war vielleicht mehr als bloße Grille von ihm, daß er ſie bat, keinem Menſchen, ſelbſt dem Vater nicht, von ſeiner heutigen Anweſenheit etwas mitzutheilen. Sie verſprach es mit einem heißen Kuß und geleitete ihn dann bis auf den Fußpfad, der nach Wölmershauſen führte. So weit ſie ihn mit den Blicken verfolgen konnte, blieb ſie ſtehen und ſchaute ihm unver⸗ wandt nach, bis eine Biegung des Weges ihn unſichtbar machte. Hahn aber kam mit Anbruch der Nacht in die freie Landſchaft, und als die letzten Bäume hinter ihm rauſchten, war ihm zu Muthe, als ſey er in ſein ſchönes Augendleben zurückgekehrt und werde nicht ſo bald von vbiinnen ſcheiden. Das kranke, ſchöne Kind aber und ſein reizendes Aben⸗ teuer mit ihm blieb ſein Geheimniß, ſo viel auch die Haus⸗ genoſſen bei ſeiner Ankunft fragen mochten, was ihn heut⸗ ſo ungewöhnlich zerſtreut, ſo ungewöhnlich nachdenkend mache. Es war an einem Sonntag Nachmittag, als Bürger von Molly, mit der er ſich eben zum Spaziergang nach dem Förſterhaus anſchicken wollte, benachrichtigt wurde, daß ein fremder Herr zu Pferd vor der Thüre halte, der einen großen ſilbernen Stern auf der Bruſt trage, auch — 192—. 3 ſonſt was recht Vornehmes ſcheine und nach dem Amtmann Bürger frage. Alsbald eilte er zu ſeinem Empfang hin⸗ unter und auf der Hausflur trat ihm der Angemeldete mit einem herzlichen: bon jour, lieber Bürger! entgegen. Es war ein junger Mann, mit hellem Blick in dem großen Auge, heiterer Hoheit auf der Stirne und jener gewinnen⸗ den Milde in den Mienen, die auch ohne den brillantnen Stern auf der Bruſt, das auf die Höhe des Lebens geſtellte Herrſcherhaupt bekundete.. „Wir kennen uns noch nicht, obwohl Sie mir ſchon lange lieb und werth ſind,“ ſagte der unbekannte Herr, indem er ihm herzlich die Hand drückte.„Als ich geſtern Abend nach Göttingen kam, erkundigte ich mich ſogleich nach dem Weg zu Ihrem Dörfchen, und bin nun hier, um einmal den Pult zu viſitiren, beſonders aber um zu ſehen, wie weit der Homer gediehen iſt.“— „Gnädigſter Herr!“ ſtotterte Bürger, dem es plötzlich wie Schuppen von den Augen fiel, und verbeugte ſich tief, in dem Fremden den regierenden Herzog von Weimar er⸗ kennend. „Ohne Umſtände, lieber Mann,“ ſagte der freundliche Fürſt.„Wir trinken ein Glas Wein zuſammen, Sie zei⸗ gen mir Ihre Einrichtungen, damit ich's denen in Weimar recht ausführlich erzählen kann, und gegen Abend reiten Sie dann mit mir nach Göttingen, da ich Sie gerne ſo lang als möglich um mich haben möchte.“ Er trat in das Zimmer, wo Dora im einfachen Haus⸗ kleid am Tiſche ſaß und den kleinen Karl auf den Knieen ſchaukelte. Bürger ſtellte ſie dem Herzog vor, und ſo un⸗ erwartet ihr auch dieſe vornehme Erſcheinung kam, der ſichere, ruhevolle Takt und die Anmuth ihres Weſens be⸗ Meeiner Soirée der Herzogin, wo Göthe die Lenore vorge⸗ 13 zauberten Carl Auguſt dermaßen, daß er, als ſie hin⸗ ausgegangen war, ausrief: „Nun tarir' ich Sie ſchon um zehn Procent geringer; denn im Beſitz einer ſolchen Frau iſt's wahrlich keine Kunſt, ſchöne Gedichte zu machen!“ Bürger wurde einen Augenblick verlegen. Es fragte ſich: Gehörte der Fürſt zu den wenigen Menſchen, die nichts von ſeinem Verhältniß zu Molly wußten, oder ſollte dieſe Aeußerung ein leiſer Vorwurf für ihn ſeyn, oder galt es ſchließlich ein Compliment für Dora's Liebenswürdigkeit. „Er ſoll ſie ſehen!“ dachte er, und als der Herzog, der einen„durchlauchtigſten“ Appetit mitgebracht hatte, mit der jovialiſchen Aeußerung:„Thun wir, als wären wir zu Haus“ auf dem Sopha Platz genommen und tüchtig den köſtlichen Forellen, von denen die Waldbäche einen gro⸗ ßen Ueberfluß lieferten, und Boie's Muſenalmanachs⸗Wein zuſprach, ging Jener auf einen Augenblick hinaus und überließ den hohen Gaſt Dora's Fürſorge, welche mit der ihr eigenen Grazie beſtändig darauf bedacht war, dem Her⸗ zog die delikateſten Biſſen vorzubereiten und ſie ihm mit Pfeffer, Oel und heiteren Geſprächen zu würzen. Das Oberhaupt eines der feingebildetſten Höfe von Deutſchland erſtaunte über dieſes vornehme, ihr ſo geläufige Weſen, und mußte ſich geſtehen, daß ſie damit in jedem Zirkel von Weimar ausgereicht haben würde. Carl Auguſt brachte die Unterhaltung auf Bürger's dermalige Stellung in der deutſchen Literatur, er erzählte ihr, welche Senſation die Lenore in Weimar gemacht habe, wie Wieland, mit Boie's Muſenalmanach in der Hand und im Schlafrock und Haus⸗ käppchen über die Straße gelaufen ſey, um ſie ſeinem Nach⸗ bar, dem Hofrath R. vorzuleſen, und wie neulich noch in — 194— leſen, eine fromme, alte Dame des Hofes die ganze Nacht über mit ihrem Beichtvater gebetet habe und in Folge der Aufregung ernſtlich krank geworden ſey. Dora fand die letztere Geſchichte äußerſt drollig, und meinte darüber ließe ſich eine zweite, wo möglich noch ſchauerlichere Ballade ſchreiben, wenn nämlich der Beichtvater mitten in der An⸗ dacht den Kopf von den Schultern genommen und ihn der gnädigen Frau von X mit der Bemerkung präſentirt hätte, er ſey ihm ſchon vor vielen Jahren von einem Scharfrich⸗ ter abgeſchlagen worden. Der Herzog ſtutzte. Wollte ſie damit das Schauerliche in der Lenore parodiren? Dora löſte ihm ſeinen Zweifel, indem ſie ſagte: „Wenn mich Jemand fragen ſollte, welchen Eindruck die Lenore auf mich gemacht hätte, ſo könnte ich ihn nur dem⸗ jenigen vergleichen, den ein Geſpenſt auf mich ausübt, an das ich aber trotz meiner Furcht, dennoch nicht glauben würde,“ und mit ſchüchterner Stimme fügte ſie hinzu: „Auch wird die Lenore zu hart geſtraft, und ich kann es nicht mit der allgütigen Vorſehung vereinigen, daß ſie die Schrecken der Hölle aufbietet, um ein gebrochenes Herz zu ſtrafen. Es iſt wahr, der Menſch ſoll nicht mit Gott hadern, aber wenn's eine Liebe im Himmel gibt, ſo halte ich die letzten Worte in der Lenore„Gott ſey der Seele gnädig“ für überflüſſig.“ „Daſſelbe ſagte meine Wutieri ſprach der Regent über⸗ raſcht. „Jedes Weib wird es ſen dem mit ſeiner Liebe auch ſein Gott ſchwand,“ verſetzte Dora, und der Fürſt glaubte zu ſehen, wie ihre Hand zitterte, als ſie ſich bei dieſen Worten eine aufgelöſte Locke hinter das Ohr ſtrich. 8 „So iſt's doch wahr!“ ſagte er ſich, und mit jenem in⸗ f — 195— nigen Blicke, von dem wir leſen, daß Carl Auguſt mit ihm jedes Herz durchſchaute und ſeinen Werth und ſein Leiden erkannte, ſah er in dieſes trauernde Gemüth, und ſelbſt das Lächeln, womit Dora die Prüfung des klaren Herr⸗ ſcherauges ertrug, täuſchte ihn nicht. Doch faſt verdüſterte ſich ſeine Stirne, als in dieſem Moment die Thüre geöffnet wurde und Bürger Molly einführte. Er ſtellte ſie dem Fürſten vor, und dieſer mußte ſich geſtehen, daß wenn Dora ihn durch das Edle und Gediegene in ihrem Weſen entzückt hatte, die brillante Er⸗ ſcheinung Molly's ihn faſt frappirte. Aber wie verſtand ſie es auch, die großen, leuchtenden Augen zu einem Für⸗ ſten aufzuſchlagen, der„expreß“ gekommen war, den Dichter ihres Herzens, den Sänger ihrer Liebe kennen zu lernen und ihm ſeine Achtung zu bezeugen; wie verklärte ſich ihr Antlitz bei dem Gedanken, daß es der Herzog von Wei⸗ mar ſey, der Freund und Beſchützer alles Großen und Schönen im deutſchen Geiſtesleben, deſſen Hof die berühm⸗ teſten Coriphäen der deutſchen Literatur zierten, der ihr jetzt gegenüber ſaß und bald nur noch allein mit ihr re⸗ dete. Sie war Weib genug um nicht lange über den Eindruck im Zweifel zu bleiben, den ſie auf den Herzog gemacht hatte und zu jenem ſicheren Gefühle, welches eine höhere Natur ſo leicht über die conventionellen Formen des bens, ohne daß ſie dieſelben darum aufgeben muß, hin⸗ wegkommen läßt, geſellte ſich noch bei ihr das angeborene Talent, Allen, die ihrem Kreiſe freundlich und vertrauend nahten, die eigene thätige Harmonie ihres Inneren mitzu⸗ theilen und dieſe auf ihre ganze Umgebung überzutragen. Carl Auguſt fand ſich in dem trauten Kreiſe äußerſt rwohl und heimiſch, und gewiß war ſein Bedauern ein aufrichtiges, als er ſich erſt ſpät am Nachmittag an ſeine 1 3* — 196— Rückkehr nach Göttingen erinnerte. Er machte Bürger den Vorſchlag, die Pferde bis an den Wald vorauszu⸗ ſchicken, bis wohin die Damen ſie begleiten ſollten. Die Nachricht von der Anweſenheit des erlauchten Für⸗ ſten hatte längſt das ganze Dorf um das Amthaus ver⸗ ſammelt, und eben, als der Fürſt mit Dora an dem Arme vor die Thüre trat, erſchien der Majoratsherr in Generals⸗ Uniform, um Sereniſſimus einzuladen, die Nacht unter ſeinem ſchlichten Dache zuzubringen. Der Herzog lehnte jedoch d inladung mit dem Bemerken ab, daß er noch dieſen nach Göttingen zurück müſſe, da er morgen in aller Frühe nach Hannover reiſen werde. Er dankte dem Ge⸗ neral für ſein gaſtliches Anerbieten und ſagte lächelnd: „Wie ſehr ich Eile habe, ſehen Sie aus dem Umſtand, daß ich mir den lieben Mann da(er deutete auf den Juſtitiarius des Generals) mit nach Göttingen nehme, um ihn ſo lang als möglich bei mir zu haben.“ Der General wechſelte die Farbe— der Herzog winkte dem Betroffenen gnädig mit der Hand, grüßte die Dorf⸗ bewohner äußerſt leutſelig und ſchritt zum Dorfe hinaus nach dem Wieſengrund. Daß der Herzog von Weimar nicht allein den Amtmann von Wölmershauſen und ſeine Molly beſucht, ſondern auch Erſteren mit ſich nach Göttingen genommen hatte, ja, daß Bürger ihn am andern Tage noch fünf Stunden weit über Göttingen hinaus begleiten mußte, war ſchon bis zum Nachmittag deſſelben Tages in der ganzen Stadt bekannt, und der Verleger von Boie's Muſenalmanach ſtand ſich gut dabei, indem nun Jedermann die Lenore leſen wollte. Selten iſt ein Gedicht einzig um ſeines poetiſchen Wer⸗ thes willen mit dieſer ungemeinen Begeiſterung aufgenom⸗ — 197— men worden und Bürger begründete ſich durch dieſes einen Ruf als Volksdichter, welcher ihm, hätte er denſelben, freilich in einer anderen Lebenslage weiter begründet und zugleich durch eine bedeutende größere Production ihm eine nachhaltigere Wirkung verſchafft, unfehlbar zu Gewinn und Vortheil ausgeſchlagen ſeyn würde. In allen Herzen zündete die Lenore, in allen Ständen wurde ſie mit gleich großem Intereſſe geleſen, und wie bald ſie in das Volk eingedrungen war, ſollte ihr gefeierter Dichter mit am erſten erfahren. Nachdem er ſich bei dem Herzog beurlaubt und von ihm unter den Ausdrücken der aufrichtigſten Freundſchaft und Theilnahme entlaſſen worden war, trat er ſeinen Rückweg nach Göttingen an, wo er ſein Pferd eingeſtellt hatte. In einer ihm unbekannten Gegend überraſchte ihn plötzlich ein ſtarkes Gewitter und er mußte die Hoffnung aufgeben, noch an dieſem Abend Göttingen zu erreichen und im Freundeskreiſe einen Theil der Nacht zuzubringen. Es war ein kleines, armſeliges, zwiſchen die Berge ge⸗ drücktes Dorf, in dem er endlich, bis auf die Haut durch⸗ näßt, beim völligen Anbruch der Nacht anlangte und da⸗ ſelbſt in dem einzigen Krug ein nothdürftiges Unterkom⸗ men fand. Die Wirthsſtube, deren Decke einem faſt auf dem Kopf lag, war bis zum Erſticken mit Bauern angefüllt, die bei ihrem Dünnbier oder Doppelkümmel ſaßen und den ein⸗ tretenden Fremden theils mit neugierigen, theils mit ſpöt⸗ tiſchen Blicken betrachteten, da ihm ſeine Kleidung völlig durchnäßt um den Leib hing und von Regen triefte. Die Wirthin, ein gutmüthiges Hausmütterchen mit der Petz⸗ prille auf der Naſe, holte ihm jedoch aus der Truhe ihres Mannes ein zwar grobes, aber wenigſtens trockenes Hemd, — 198—. und bald ſaß Bürger in Hoſen von Zwilch und im ſchlich⸗ ten Bauern⸗Wamms an dem Feuerheerd im Hintergrund des Zimmers, wo er ſich ſelber ein kräftiges Warmbier zu ſeiner Reſtauration zubereitete. Allmählig wurde die Herberge von den Gäſten verlaſ⸗ ſen, und die Zurückbleibenden rückten immer näher nach dem obern Theil der langen Tafel, wo der Schulmeiſter des Dorfes, ein graubärtiger Invalide mit Stelzfuß in einem hölzernen Lehnſtuhl präſidirte und die ungeheuerſten Heldenthaten verrichtete, während ſeine Zuhörer mit offenen Mäulern vor ihm ſaßen und ſich nur manchmal ſchmun⸗ zelnd zuwinkten, wenn der alte Eiſenfreſſer im Eifer der Rede am Schluß einer jeden haarſträubenden Hiſtorie bald dieſes, bald jenes Glas der ihm zunächſt Sitzenden ergriff, und mit der Betheuerung:„Wenn's nicht wahr iſt, will ich Gift aus dieſem Glas trinken!“ einen tüchtigen Schluck daraus that, und es dann eben ſo unbefangen wieder hin⸗ ſtellte. So wurde der ganze Türkenkrieg durchgetrunken, dann kam's an die Geſpenſter, und Bürger beluſtigte ſich eben ſowohl an den vergeiſterten Geſichtern der Zuhörer, als an der abenteuerlichen Fantaſie des alten Erzählers. Endlich fielen ihm die Augen vor Müdigkeit zu und er bat die Wirthin, ihm ſein Nachtlager anzuweiſen. Dieſe führte ihn in die anſtoßende Kammer, welche nur durch eine Bretterwand, die noch dazu viele Ritze und Aſtlöcher hatte, von der großen Stube getrennt war Bald ſank der Ermüdete in das hohe Federbett und die große ſchwere Decke, in welcher mehre Generationen dieſer Dorfherberge ihren Vorrath an Bettfedern aufbewahrt zu haben ſchienen, lag wie ein Alp auf ihm. Eben war er am Einſchlummern und die Worte des redſeligen Schul⸗ meiſters ſummten ihm nur noch wie unverſtändliche Laute 1 8 „ * 6 * 3 — 199— einer fremden Sprache in die Ohren, als er plötzlich auf⸗ fuhr, da er ganz deutlich den Alten ſeine Lenore vorleſen hörte. Er ſprang erſtaunt aus dem Bett, ſah durch einen Riß in der Wand,— der Schulmeiſter ſtand aufrecht an der Tafel und las mit ſchrecklichen Geſten und Pantomi⸗ men, während die Bauern wie zu Salzſäulen verwandelt, regungslos daſaßen und ihm mit immer ſteigenderem In⸗ tereſſe zuhörten. Es war in der That eine draſtiſche Gruppe und das Licht der Kienſpäne warf einen flackernden Schim⸗ mer über die kreidebleichen Mienen. Zwar las der alte Stelzfuß eben nicht nach den Geſetzen einer guten Deecla⸗ mation, er hackte die Verſe ab, wie vorhin die Türkenköpfe, und oft wurde ſeine Stimme ſo rauh, daß man hätte glau⸗ ben ſollen, er habe im Eifer des Vortrags einen Theil ſeines grauen Schnurrbarts hinuntergeſchluckt— nichts⸗ deſtoweniger aber machte das Gedicht auf dieſe rohen und unäſthetiſchen Naturen die außerordentlichſte Wirkung, und wie hier ein dummes großes Auge immer dümmer und größer aufglotzte, dort eine Pelzkappe, wie von den unter ihr ſich aufſträubenden Haaren verſchoben, immer tiefer auf das Ohr ſank, hier ein Mund noch mechaniſch an der längſt erkalteten Pfeife ſchmauchte und das alte Hausmütterchen mit der Petzprille auf der Naſe zuletzt mit zum Gebet gefaltenen Händen vor dem Vorleſer ſtand, den der Schauer wieder völlig entnüchtert zu haben ſchien, hätte Bürger fär dieſen Anblick allen künftigen Dichter⸗ ruhm hingegeben. Stürmiſch pochte ſein Herz,„das hab' ich gewollt!“ ſtammelte er entzückt, und was er durch ſein ganzes Leben als höchſtes und einziges Ziel ſeines Genius betrachtet hatte, ein Volksdichter zu werden,— an dieſem Abend hatte er es erreicht, und er betrachtete die Dorfberberg⸗Scene als die ſichere Bürgſchaft, daß die — 290— Lenore ein Gedicht des geſammten deutſchen Volkes wer⸗ den würde. 8„Gott ſey der Seele gnädig!“ ſagte der alte Schulmeiſter und legte das Buch zu, aber wie ſehr auch Bürger lauſchen mochte, er hörte nur noch dann und wann ſeinen Rhapſoden ein lang gezogenes „Prrrrr!“ zwiſchen den Zähnen ausſtoßen, wobei er mit den Fingern auf der Tafel trommelte. Ueber ſeine Umge⸗ bung war ein mäuschenſtiller Geiſt der Beklommenheit ge⸗ kommen, Einer nach dem Andern leerte ſchweigend ſein Glas, zündete die Pfeife an und ſchlich davon, zuletzt be⸗ fand ſich nur noch ein alter Bauer bei dem Schulmeiſter, der ihm, als ſie Anſtalten zum Aufbruch machten, auf die Schulter klopfte und mit feierlicher Stimme ſagte:„Ge⸗ vatter, dat war e ſtolz Predigt— ſo kanms unſer Paſter nit!“ Indem ſich unſere Erzählung mehr und mehr dem Zeitpunkte nähert, wo wir die von Freundeshand auf uns gekommene treffliche Biographie unſers Dichters*) bei Seite legen, und es verſuchen wollen, ohne Rückſicht auf Zeit und geſchichtliche Ueberlieferung, die poetiſche Wahrheit un⸗ ſerer Erzählung von der hiſtoriſchen noch mehr, als bis jetzt geſchah, zu ſcheiden, drängt ſich uns wie zur Verſöh⸗ nung zwiſchen Beide, durch Waldesrauſchen und Quellen⸗ flüſtern, gleich dem Abendroth, wenn es zum letztenmal durch die Wipfel bricht und zwiſchen den Wald, der be⸗ reits dunkel iſt, und den Wald, der noch im Sonnenglanz prächtig leuchtet, ſein goldenes Geheimniß webt, wie eine *) Einige Nachrichten von den vornehmſten Lebensumſtänden Gott⸗ fried Auguſt Bürger's; nebſt einem Beitrage zur Charakteriſtik deſſelben. Von Ludwig Chriſtoph Althof.. — 201— ſchöne, abendſonnige Mythe die Geſchichte jener beiden Men⸗ ſchen mit der waldgrünen Lieb' in dem Buſen und den ſchattigen Augen, in denen es manchmal aufleuchtet, bei dem Einen wie eine wiedergefundene Jugend, bei dem An⸗ dern, wie eine wiedergefundene Liebe. Und des Einen Jugend und des Anderen Liebe wandeln Hand in Hand unter Thymianduft und Birkengeflüſter und wünſchen ſich, daß ſie immer grünen bliebe, die ſchöne Zeit der Jugendliebe.— Es iſt der relegirte Student und das kranke Elſewitt⸗ chen, die noch einmal die grüne Wald⸗Idylle ihrer Ver⸗ gangenheit durchleben, ſo zwar, daß ſie ſich in ihr, wie in einem neuen, noch ſchöneren Daſeyn befinden, als das war, welches ſie einſam, Jedes für ſich, in der Waldeseinſam⸗ keit ſchon einmal gelebt haben. Aus dem friedloſen, zerriſſenen Jüngling mit dem ſchwär⸗ meriſchen Humor in der Bruſt, und der verzehrenden Trauer um ſein verlorenes Leben in der Seele, iſt mit einmal ein ſtiller, ſinniger Träumer geworden, dem es wie ein Glück, eine Zufriedenheit ohne Ende aus den Augen lächelt, und der ſich niemals wohler fühlt, als wenn er allein,— denn er iſt oft mit dem lieben Kinde allein,— den ſtillen Träumen ſeiner Kindheit durch die Waldeseinſamkeit nach⸗ ſtreifen oder ſich von ihnen in kühler Bergesſchlucht auf⸗ ſuchen laſſen kann. Dort, wo die Echo's wohnen, die ſchönen Wunder des Waldes, in den dämmernden Thal⸗ „gründen, bei den ſtillen Bächlein, die noch nichts von der Ebene wiſſen, von ihrem rauhen Ruderſchlag, von ihrem einförmigen Mühlengeklapper, wie fallen ihm dort die Schatten von der Seele, wie legt ſich da Waldesrauſchen und Bergesdröhnen ſo ſicher und ſchützend zwiſchen ihn und das eitle, friedloſe Leben; ſein Geiſt findet doch hier wieder Töne, die er in ſich aufnehmen und in denen er — 202— die ſo lang geſtörte Harmonie ſeines Innern wieder ge⸗ winnen kann, ſein Herz, wie pocht es nicht in dem alten freudigen Muth, wenn er es an den harten Felſen drückt, ſeine Zukunft, wie ſchaut ſie ihm nicht mit den großen, trunkenen Augen aus dem Waldesdunkel in die Seele.— Er iſt wieder ganz der ſinnende Brutus, der ſein Haupt in die Toga hüllt und von der Unſterblichkeit träumt. Was das Förſterkind anbelangt, ſo hatte es wirklich den Kuß gehalten, mit welchem es Hahn zu ſchweigen gelobte, und ſeinem Vater kein Wort von der neuen Bekanntſchaft ge⸗ ſagt. Doch ihm ſelber fiel bald die ungewöhnliche Erregt⸗ heit und Munterkeit des ſonſt ſo trüben Mädchens auf, und es wollte ihn ſogar bedünken, als ſey in dem kranken Gemüth eine plötzliche, wohlthätige Veränderung vorge⸗ gangen. Elſewittchen ſah ihn Morgens ohne die frühere Niedergeſchlagenheit ſcheiden, und wenn er Abends aus dem Revier zurückkehrte, kam ſie ihm ſo heiter und glück⸗ lich entgegen, als ſey alles Leid vergangener Tage ver⸗ geſſen, als ſchaue eine neugeborne Seele aus ihren beleb⸗ ten Augen. Sie fragte nicht mehr nach dem alten Mann, ſchlich auch nicht mehr des Abends nach dem Moorenteich, um ſich vom Schilfrohr Lieder lehren zu laſſen, und die Krämpfe, die ſich ſonſt zeitweiſe bei ihr eingeſtellt hatten, wurden immer ſeltener, immer ſchwächer. Sie ſchien ge⸗ neſen bis auf die bleichen Wangen, die nicht wieder roth werden wollten; und der Vater, der ſie bereits unrettbar verloren glaubte, wandte ſich nach einigen Wochen mit er⸗ neuter Hoffnung an einen tüchtigen Arzt in Göttingen. Dieſer kam, ſah Elſewittchen und wußte nicht, ob er ſei⸗ nen Augen trauen ſollte. Er hatte die Kranke nach der ſorgfältigſten Prüfung und nach ſeiner innigſten Ueberzeu⸗ gung als unheilbar aufgegeben, und nun kam ſie ihm ent⸗ A. 3 ₰ — — 203— gegen, reichte ihm anmuthig die Hand und nannte ihn bei ſeinem Namen Doctor Junghof. Dieſer, ein intimer Freund Bürger's, benutzte die Ge⸗ legenheit, in dem Amthaus vorzuſprechen, fand aber nur Dora zu Hauſe, da Bürger mit Molly auf ein benachbar⸗ tes Dorf gefahren war, wo Letztere in einer befreunde⸗ ten adeligen Familie zu Gevatterin ſtehen ſollte, eine Ehre, gegen welche ſie ſich lange geſträubt hatte, da ſie es für ſchrecklich hielt, einem Menſchen ſeinen Namen zu ſchenken. „Wer weiß, was aus dieſer zukünftigen Molly wird!“ hatte ſie beſtändig geſagt und war nur ſchwer zu überre⸗ den geweſen, die ihr angeſonnene Ehre anzunehmen. Spä⸗ ter freilich entdeckte ſie Bürger, daß ſie nur mit geheimem Grauen daran habe denken können, ihm noch einmal an einem Altare gegenüber zu ſtehen. Doctor Junghof fand Dora auffallend verändert und ein leiſes faſt unmerkliches Hüſteln, ſowie der tonloſe harte Klang ihrer ſonſt ſo weichen melodiſchen Stimme entging ihm nicht. Auch ihm war manches von den nachtheiligen Gerüchten über Bürger und Molly zu Ohren gekommen; aber da er zu jenen wenigen Freunden unſers Dichters gehörte, die ihn nach ihrer langen Kenntniß ſeines Herzens und ſeines edlen, keiner falſchen Handlung fähigen Cha⸗ rakters beurtheilten und dieſen unbedingten Glauben an ſeine Ehrenhaftigkeit ſelbſt dann noch feſthielten, als ſelbſt wackere Männer und Männer, die ihm wohlwollten, ſich mißtrauiſch von ihm abwandten, ſo waren jene fatalen Nach⸗ richten von ihm mit der dem Arzte ſo geläufigen Antwort, dem Achſelzucken, abgefertigt worden, obwohl er ſich vorge⸗ nommen hatte, einmal gelegentlich bei Bürger die Sache in Anregung zu bringen und ihn nöthigenfalls zu warnen. „Aber Sie ſind wirklich krank, beſte Frau,“ ſagte Jung⸗ hof nach der erſten Begrüßung und faßte Dora ſicher ins Auge. Sie ward betreten, und jene für den kundigen Arzt ſo bedenkliche dunkle Röthe unter den Augen hauchte über ihr Antlitz. „Ich glaub' es ſelbſt,“ verſetzte ſie lächelnd und ihm die Hand hinhaltend und die großen treuen Augen zu dem edlen Freunde erhebend, fragte ſie ihn:„Nicht wahr, mein Puls iſt in Unordnung?“ Er fühlte ihre Hand, ſie war kalt und feucht, ihr Puls ging ſehr unregelmäßig. Seine Sorgen hinter Sorgen verbergend, ſagte er mit ſcheinbar bedenklicher Miene:„Allerdings, liebe Frau, Sie ſind krank und ich verordne Ihnen hiermit als Ihr Haus⸗ arzt, mir eine Flaſche Wein und eine friſche Cervelatwurſt zu holen. Denn ich bin in Wahrheit ſo hungrig, daß ich vor Durſt keinen Biſſen eſſen kann.“ Als Dora ſich entfernt hatte, und er allein war, trat er zufällig vor Bürger's Porträt, das früher in Niedeck ge⸗ hangen und ſeiner Zeit Molly ſo viel zu ſchaffen gemacht hatte. Er betrachtete es lange, und je länger er es an⸗ ſah, um ſo deutlicher glaubte er in dieſen Zügen etwas zu leſen, was er bei dem Original niemals gefunden hatte. Und war's nun ein Verſehen des Malers, war's eine Wahrheit deſſelben— Junghof fand in Bürger's Porträt einen recht fatalen Zug um den Mund, der eine Selbſt⸗ ſucht und Grauſamkeit ausdrückte, welche er mit dem Cha⸗ rakter des Freundes nicht vereinigen konnte. Noch über⸗ ließ er ſich ſeinen phyſiognomiſchen Betrachtungen, als Dora hereintrat, in der rechten Hand die Collation, auf dem linken Arm den kleinen Karl, der eben von ſei⸗ — 205— nem Nachmittagsſchlaf erwacht war und rothwangig den fremden Mann anlächelte. Dora trat neben den Doctor. „Es iſt gut gemalt, nur etwas zu ernſt,“ bemerkte ſie. „Man ſoll kein Porträt zu lange betrachten,“ ſagte der Arzt, wandte ſich von dem todten zu dem lebendigen Bild des Freundes, das er auf den Arm nahm und es herzte und mit ihm tändelte. Dann erkundigte er ſich nach Freund Hahn.„Er wird im Walde ſeyn,“ verſetzte ſie. „Im Walde— bei wem?“ fragte er überraſcht. Sie ſah ihn lächelnd an, drohte ihm mit dem Finger und erwiederte:„Sie wiſſen, daß ich anderer Leute Ge⸗ heimniſſe nicht ausplaudere. Nur ſo viel will ich Ihnen ſagen, daß unſer Freund aller Vermuthung nach bis über die Ohren in ein Mädchen verliebt iſt, welches Sie noch aus früheren Zeiten kennen müſſen“ „Elſewittchen!“ rief der Doctor, dem es mit einmal wie Schuppen von den Augen fiel. Dora nickte und erzählte ihm dann, wie Hahn ſein ro⸗ mantiſches Verhältniß zu dem kranken Kind zwar ſehr ge⸗ heim halte, aber dennoch bereits entdeckt ſey, ja ſich ſelbſt verrathen habe, indem er neulich unvorſichtigerweiſe be⸗ hauptet hätte, den Förſter Eckhart nur oberflächlich zu ken⸗ nen, während er doch zugeben mußte, daß er täglich in ſein Haus komme. „Freilich kann nur ein Menſch von Hahn's Compoſition an einem ſo wunderlichen Verhältniß Geſchmack finden,“ fügte ſie hinzu. Junghof's Mittheilungen über Elſewittchens dermaligen günſtigen Zuſtand waren ihr eben ſo neu als merkwürdig, und am Schluſſe derſelben bemerkte ſie: „Das wäre ein Wunder der Liebe, von dem man in — 206— Wahrheit ſagen könnte, daß es noch nicht dageweſen. Glauben Sie denn aber wirklich im Ernſte an die voll⸗ ſtändige Geneſung des armen Mädchens?“ „Warum nicht!“ verſetzte Junghof in ruhigem Tone. „Wir Mediciner ſehen ſo manches, was wir glauben müſ⸗ ſen, ohne uns von ſeinen tieferen Erſcheinungen Rechen⸗ ſchaft geben zu können, daß mir nichts mehr unwahrſchein⸗ lich iſt, wovon ich einmal überzeugt bin, daß ich es ſehe. Hat die Liebe das Mädchen krank gemacht— warum ſoll ſie es nicht auch wieder geſund machen können?“ Dagegen konnte Dora frei ich nichts einwenden. 4 Dora hatte mehre Gründe, Junghof beim Abſchied zu bitten, den alten Förſter ohne Rückhalt von der Möglich⸗ keit eines geheimen Beubärnnſes ſeiner Tochter zu Hahn in Kenntniß zu ſetzen und ihn zu erſuchen, Elſewittchen mit Vorſicht zu beobachten und ihm die Reſultate dieſer Beobas tung mitzutheilen. Junghof entſchuldigte bei dem Förſter dieſe Bitte ſowohl durch das wiſſenſchaftliche Intereſſe, womit er eeiner Entdeckung von der Kranken wunderbarer Geneſung ent⸗ gegenſähe, als auch durch die Theilnahme, die er noch insbeſondere an ſeinem und ſeines Kindes Wohl habe. Der alte Förſter wollte kaum ſeinen Sinnen trauen, als er den Brief geleſen hatte; er mußte ihn zwei und drei⸗ mal leſen, bis ihm klar wurde, was der Doctor eigentlich damit gemeint haben wollte. Jetzt erinnerte er ſich, wie häufig ihm ſchon der junge Herr im Walde begegnet, und 2 ihm immer, wenn es möglich war, ſo ſcheu und ängſtlich aus dem Wege gegangen ſey, daß er ſich öfters Gedanken darüber gemacht hatte, was wohl derſelbe in dem Walde zu ſchaffen habe, und warum er immer ſo ſpähend wie ein Wilddieb umherſchleiche. 8 * 1 5 — 207— Der ſchon ſo hart geprüfte Mann gerieth durch alles dieſes in die qualvollſte Unruhe, und wenig fehlte, ſo hätte er in ſeiner Unſchlüſſigkeit das Mädchen ſogleich zur Rede geſtellt. Doch beſann er ſich noch zur rechten Zeit eines Beſſeren und beſchloß, dem Rath des bewährten Arztes Folge zu leiſten, zumal ihn die er dringend und wieder⸗ holt erſucht hatte, Alles zu vermeiden, was Elſewittchen allzuheftig alteriren und ihr reizbares Nervenſyſtem erſchüt⸗ tern möge. Demzufolge trat er in der Frühe des andern Morgens wie gewöhnlich ſeinen Gang in's Revier an und bezeich⸗ nete ſeinem Kinde einen weit entfernten Theil des Waldes, wo heute eine große Holzverſteigerung abgehalten werden ſollte. Elſewittchen begleitete ihn bis zu dem Fichtenſchlag, und da er einige Unruhe und Bewegung in ihrem Weſen zu bemerken glaubte, ſo fragte er ſie unbefangen, ob ſie ihn Pegleiten wolle?— Sie ward verwirrt, gab mit zit⸗ ternder Stimme eine ausweichende Antwort, worauf er ſie, ohne weiter in ſie zu dringen, mit ſeiner gewöhnlichen Aeußerung verließ, auf das Haus Acht zu geben und ſich nicht allzuweit von demſelben zu entfernen. Das verſprach Elſewittchen und ſah ihm dann nach, bis er hinter den letzten Fichten verſchwand. Kaum wußte er ſich aus ihren Blicken, als er, anſtatt auf dem eingeſchlagenen Weg nach der bezeichneten Wald⸗ gegend weiter zu ſchreiten, links einbog und bald eine Höhe gewann, von wo aus er, hinter Felſen verſteckt, die Wald⸗ lichtung und die Umgebung ſeines Hauſes überſehen konnte. Wirklich entdeckte ſein ſcharfes Jägerauge bald das Mäd⸗ chen, welches jetzt an der anderen Seite des Thales ſtand, dort, wo der Fußweg nach Wölmershauſen führte und die uns bekannte Felſengruppe, wo ſich die Beiden zuerſt ge⸗ — 208— funden hatten, aus den Bäumen hervorſchimmerte. Hier ſtand ſie lange, und ſchaute unverwandten Blickes in den Wald. Plötzlich ſchritt ſie haſtig vorwärts und verſchwand ſeinen Blicken. Er murmelte einen Fluch zwiſchen den Lippen und war eben im Begriff, den Berg hinunter und ihr nachzueilen, als er ſie hinter den Felſen wieder her⸗ vortreten ſah, an der Hand eines Mannes, an deſſen Strohhut er alsbald den ihm vom Doctor bezeichneten Herrn erkannte. Wie ein Hammer klopfte dem Alten das Herz in der Bruſt, er ſchlug grimmig mit der geballten Fauſt wider den nächſten Felſen, da er jetzt ſah, wie der Schelm, der ihm immer ſo ſcheu aus dem Wege gegangen war und von dem er ſich, wie er jetzt ganz beſtimmt zu wiſſen glaubte, nie etwas Gutes verſehen hatte, ſo vertraut mit ſeinem Kinde that, und es zuletzt gar auf den Mund küßte. Er kam, je länger er den Beiden zuſchaute, in die äußerſte Wuth, und als Elſewittchen ſich jetzt unter der Fichte vor dem Förſterhaus auf den Schooß ihres Begleiters ſetzte und den Arm um ſeinen Hals ſchlang, da flimmerte es ihm grün und blau vor den Augen, und unwillkürlich griff er nach ſei⸗ ner Jagdtaſche, wo das Pulverhorn und, vielleicht zum großen Glücke, auch Doctor Junghof's Brief ſtack. Er zog ihn hervor, entfaltete ihn haſtig und fing an, darin zu leſen, als müſſe ihm der Brief beſtätigen, was er ſeinen Augen nicht glauben wollte, als müſſe ihm der Doctor ſagen, was er jetzt thun und laſſen ſolle, um ſein theures Kind nicht zugleich mit dem Verführer zu verderben. Aber ſo flüchtig er auch den Brief überlas, ſo haſtig er ihn auch wieder in die Taſche ſchob, die Beiden in der Thalſchlucht hatten Zeit gehabt, ſich unſichtbar zu machen, und wie ſcharf er auch nach allen Seiten umherſpähte, nirgends 5 — — 209—* entdeckte er ſie, ſie waren und blieben verſchwunden. Von einer furchtbaren Angſt ergriffen, eilte der Förſter den Berg hinunter, ſeiner einſamen Wohnung zu. Die Thüre war verſchloſſen. Er rief ſein Kind beim Namen, keine Ant⸗ wort; er ſtieß ein Fenſter ein, kletterte in das Zimmer, durchſuchte das ganze Haus, nirgends eine Spur von den Beiden! Erſt als er ſich überzeugt hatte, daß ſie nicht im Hauſe ſeyen, prüfte er das Schloß der Thüre und fand, daß ſie von Außen verriegelt worden war und Elſewitt⸗ chen wahrſcheinlich den Schlüſſel mitgenommen hatte. Wohin ſollte er ſich nun wenden, um ſein Kind zu ſuchen? Ohne ſich dieſe Frage zu beantworten, eilte er in den Wald, durchſtrich ihn nach allen Seiten und ſuchte bis gegen Mittag in allen Schluchten, auf allen Triften, bis er ſich zuletzt ermattet unter einer Fichtengruppe nieder⸗ ſetzte und trüben Blickes in das dämmernde Waldthal hinunterſchaute, von wo graues Geſtein bis zur Höhe ſich emporthürmte und dazwiſchen unter kühlem Quellenrieſeln Farrenkräuter und Epheu üppig aufwucherten. Weiter un⸗ ten, dort wo ſich aus den Felſenſpalten mehrere ſchlanke Birken erhoben, auf einer freien Platte, wo die Abend⸗ ſonne ſo gerne zu träumen pflegt, hatte er vor vielen Jahren, als noch Elſewittchens Mutter lebte, zu deren zwanzigſtem Geburtstage, eine allerliebſte Mooshütte er⸗ richtet und daneben einen Feuerheerd, und hier ſaß er oft allabendlich mit ſeiner Marie und dem kleinen Elſewittchen, lauſchte dem hellen Schlag der Goldamſel, oder es fanden ſich wohl auch am Sonntag Nachmittag die Freunde der Förſterfamilie aus der Umgegend hier zuſammen und lab⸗ ten ſich an der Waldeskühle und dem duftenden Kaffee. Aber die Mooshütte war längſt zerfallen und nur ſelten führte 8 14 — 210— ihn ſein Weg an der vereinſamten Stelle vorüber, wo er einſt ſo manche trauliche Stunde verlebt hatte, bis das Un⸗ glück auch den Weg in ſeine ſtillen Wälder fand, im Som⸗ mer ihm die Gattin ſtarb und im Herbſte darauf, als das Laub ſchon fahl wurde, der gnädige Junker ſeinen Reit⸗ knecht ſchickte und nach alter Väterſitte in einem Brief voll Hohn und Rohheit achtzehn Ahnen aufzählte, mit deren ritterlichem Gedächtniß er ſich nicht brouilliren dürfe. Das waren die holden und trüben Erinnerungen, die ſich auch heute wieder in das Herz des rauhen Mannes mit dem ſinnigen Gemüth einſchlichen und ihm die Augen feuchteten, bis er zwei große Thränen unter den grauen Wimpern zerdrückte. So ſaß er lange mit dem Rücken wider eine der Fich⸗ ten gelehnt, die er im erſten Jahre ſeines Förſterdienſtes hierher gepflanzt hatte. Da war es ihm, als höre er Elſewittchens Stimme, er lauſchte, ſah hinunter nach dem Felſenvorſprung und ihm war, als ſchane er jetzt in der Wirklichkeit, was er noch eben bloß geträumt hatte. Und iſt es wahr, daß die Erde von keinem Glücke läßt, welches ihr der Himmel einmal zugeſtanden, iſt es wahr, daß die Menſchheit bis zum letzten Menſchenherzen in der einen alten Liebe, in der einen alten Sehnſucht fort liebt und fort und fort ſich ſehnt, dann war es da unten bei den fünf Birken, wo es den Alten an ſeine Jugend ge⸗ mahnte, nicht im Bild jener Erinnerung, die auf Gräbern träumet von dem, was im Grahe ſchlummert— ſondern in dem Bilde jener Erinnerung, die aus den Erſcheinun⸗ gen und Begebenheiten des wechſelnden Lebens uns ent⸗ gegentritt, das, was einſt Morgenroth war in den Tagen unſerer Jugend, nun wie verglühendes Abendroth uns — 1 — 211— zurüͤckführt, und mit leiſer Hand noch einmal an die längſt verklungenen Saiten rührt.. Ja, da ſtand ſie wieder, die ſchöne Mooshütte, bekränzt mit Wieſenblumen, wie am Gebnrtstage ſeiner Marie, und es war dieſelbe Liebe, welche hier ſchon einmal unter wildem Felsgeſtein, nur belauſcht von dem Walde, der nicht plaudert, ihr Aſyl gefunden hatte. Und dennoch webte Etwas darüber, was die ſtille Scene noch ſtiller und trau⸗ licher machte, und die Schweigſamkeit der Wildniß wurde noch erhöht durch das holde Geheimniß, das ſich hier ſo ſicher wähnte, wie der Zeiſig, in ſeinen grünen Zweigen. Es war nicht mehr der Ort, wo ein glückliches Liebes⸗ paar wohl zu Zeiten allein verweilt, dann aber auch wie⸗ der die Freunde dorthin mitnimmt, daß ſie gleichfalls ſeiner reizenden, waldſchattigen Einſamkeit ſich erfreuen mögen; ein anderes Weſen waltete jetzt um die Mooshütte, und eine Liebe, die von keiner anderen Stätte des Friedens in der Welt mehr wußte, hatte ſich dort in Unſchuld und Gottesreine ihre Hütten gebaut. Was Bürger und Molly ſo oft im lauten Gewühl des Lebens und verfolgt von tauſend Späheraugen ſich erſehnten,— eine Robinſons⸗ Inſel mitten im ſtillen Ocean, das hatte der treue Wald ſeinen Kindern, die ihn verſtanden, geboten und ſie vom grünen Zeiſig und der klugen Blautaube lernen laſſen, wie die Liebe ſich Hütten baut. Und wie ſie ſo daſaßen, Hand in Hand, Elſewittchen das Haupt an des Freundes Schulter gelehnt und Beide ſo ſchweigend, als dächten ſie etwas Unbegreiflichem nach, unverwandten Blickes in den dämmernden Thalgrund hin⸗ abſchauten, wie in das waldgrüne Räthſel ihrer Liebe, da ward es mit einmal in dem Herzen des alten Förſters leicht und frei, und aller böſe Argwohn ſchwand ihm aus 14 — 212— der Seele.„Die thuen nichts Böſes,“ ſagte er ſich ge⸗ rührt, und mit dem ruhigen Auge, mit dem zufriedenen Gemüth, womit er auf ſein langes Leben zurückblicken durfte, betrachtete er nun die Beiden und freute ſich ihres Glückes, wie Einer, der auch einmal ſo glücklich war. Er war nicht lange unentſchloſſen über das, was er den Bei⸗ den gegenüber vornehmen ſolle, und mit dem ſicheren Ver⸗ trauen, daß der Geiſt der Mutter an dieſem Orte ſein Elſewittchen beſſer, als das beſorgte Vaterauge ſchützen werde, ließ er ſein Kind bei dem fremden Mann, von dem er ja im Grunde auch nichts Böſes weiter wußte, als daß er ihm immer aus dem Weg gegangen war. „Kommt Zeit, kommt Rath— und bis dahin Goites Wille!“ ſagte ſich der fromme Greis, nahm die Büchſe unter den Arm, warf noch einen Blick hinunter und ſchritt dann ſeiner Wohnung zu.— Auch er verſtand die Sprache des Waldes und wußte darum wohl, weßhalb dieſer ſo freudig hinter ihm aufrauſchte und die Wipfel ſchüttelte, als ſey er erſt jetzt wieder um das bedrohte Liebesglück ſeiner beiden Schützlinge außer Sorgen. Buchonkel vermerkte es ſehr übel, daß ihm der Förſter, von Bürger gewarnt, nicht nur ſein Haus, ſondern auch den Wald auf das Strengſte verbot, und jeden Verſuch, in Elſewittchens Nähe zu kommen, auf das Härteſte zu ahn⸗ den drohte. Zwar hatte der Alte, der ſich ſo auf allen Meeren von den Portugieſen geſchlagen ſah, kein Wort zu ſeiner Vertheidigung geſagt, ſondern ſich kleinlaut da⸗ von geſchlichen, dennoch merkte man bald, daß er die Hoff⸗ nung nicht aufgab, wieder in Elſewittchens Nähe zu kom men, und verſchiedenemale auch wirklich Anſtalten machte, — 213— hinter des Forſters Rücken in den Wald einzudringen und ſein liebes„Todtenkind“ zu beſuchen. Aber wir wiſſen, wie wenig von Seiten des Mädchens ſelber geſchah, das wunderliche Verhältniß wieder anzuknüpfen, und wenn ſie „ auch in der erſten Zeit oft nach dem„alten Mann“ fragte und nur durch den ſtrengen Blick des Vaters abgehalten wurde, dem geheimnißoollen, krankhaften Zug ihres Her⸗ zens zu folgen und den verbannten Freund aufzuſuchen, ſo war doch mit Hahn's Erſcheinung für Jenen bald die letzte Ausſicht verſchwunden, ſich wieder mit dem ſtillen, trauten Kinde in Verbindung zu ſetzen, und er mußte nun ſeine Maultrommel für ſich allein ſpielen. Dieſes that er denn auch mit der vollen Reſignation oſſianiſcher Trauer, und wie es mehr und mehr in dem alten Leben einſam und öde wurde, ein Troſt nach dem andern ihn verließ, „ und das letzte befreundete Weſen, das ihn verſtand, treu⸗ los von ihm abfiel, da wurde in dem alten Herzen ein Gott lebendig, der, von dem zauberhaften Ton der Maul⸗ trommel geweckt, oft wie in einer fremden Stimme aus ihm redete von Tagen, die da kommen werden und Weh bringen über das Haus der Labdakiden. Von dem gan⸗ zen griechiſchen Mythus war es nur die Schickſals⸗Idee, die ihm aus Hahn's unvollendet gebliebener Tragödie: „Perſepolis“ zum klaren Verſtändniß aufgegangen war; aber dieſe Idee eines ewig waltenden Dämonions ergriff den Alten wie mit unerfaßlicher Gewalt und in einer Stunde der Energie, wo der Weltgeiſt unter den Akkorden der Maultrommel eine retrogade Bewegung machte, war aus dem alten König von Korſika ein leidvoller Oedypus geworden, den das Schickſal ſchwer kränkte. Aber all' dieſe tieffinnige Weltanſchauung verhinderte ihn dennoch nicht, zu Zeiten bei den Honoratioren der Umgegend vorzuſpre⸗ — 214— chen und tüchtig aus dem Haus zu ſchwatzen. Er trug die abſcheulichſten Gerüchte über Bürger und Molly aus einer Familie in die andere, ſagte Dinge aus, die ihm kein Menſch glaubte und ſie dennoch, als aus guter Quelle ge⸗ kommen, weiter verbreitete, kurz, er ging zuletzt förmlich mit den„Skandälern“ im Wölmershäuſer Amthaus hau⸗ ſiren. Auch ſchrieb er um dieſe Zeit einen zweiten Brief, datirt„Kolonos“ an ſeinen lieben Vetter Fritz in Sans⸗ ſouci, worin er Bürger einen Atheiſten nannte und förmlich das Kreuz gegen ihn predigte. Das Projekt wurde jedoch von Hahn entdeckt und Buchonkel erhielt von Potsdam aus eine ſo derbe lakoniſche Antwort, daß ihm auf immer die Luſt verging, mit ſeinem lieben Vetter in Sansſouci weiter zu correſpondiren. Aber je erbitterter ſich die allgemeine Stimme gegen Bür⸗ ger's Verhältniß zu ſeiner Schwägerin ausſprach, um ſo ruhiger ließen Beide das Gericht über ſich ergehen, der Dichter zeigte zuletzt ſeinen Feinden die helle Stirne der Begeiſterung und antwortete auf alle verdeckten und offe⸗ nen Angriffe nur mit jenen herrlichen Liedern, welche ſeine Liebe zu Molly, wie ſie es längſt in ſeinem Geiſte war, ſo auch nun in der Geſchichte der Poeſie unſterblich ge⸗ macht haben. Und mancher Mund des Tadels verſtummte, manche Feder der Zeitungsſchreiber wurde ſtumpf, als durch die Saiten des gefeierten Dichters jene gottvollen Liebeshymnen tönten, die zugleich das mächtigſte und das innigſte Gefühl athmen und von der Weihe eines Herzens „zeugen, dem der Genius ſein ſüßeſtes Geheimniß abge⸗ lauſcht hat. Das war nicht mehr die leichtfertige Sprache verliebter Tändelei, nicht mehr die blanke Verleugnung von Sitte und Schicklichkeit, wodurch Bürger's erſte Gedichte einen ſo zweideutigen Ruf erhielten, und die ihm ſeine =—* Feinde bis an ſein Lebensende nicht vergeſſen konnten, die Lieder an Molly wußten nichts von den Verirrungen ſei⸗ ner jugendlichen Muſe, und den Kern ihres reinen Gedan⸗ kens umhüllte die anmuthigſte Form. Den Schmerz der Sehnſucht und die Sehnſucht ſelbſt in leidvoller Liebe hat kein Dichter wahrer und inniger ge⸗ ſchildert, als Bürger, und Molly, die ſich ſo gerne von ihm beſingen ließ, ſagte oft zu ihm:„Ich bin nie ſo mit Rührung eitel, als wenn Du mir Deine Gedichte vorlieſeſt. Dann mein' ich's erſt recht zu fühlen, wie ich Alles, was ich bin, nur durch Dich und um Deinetwillen bin, und wie ich Dir ſelbſt glauben muß, was ich nicht bin, näm⸗ lich ſchön; denn,“ d ſie ſchalkhaft hinzu:„Ich könnte viel ſchöner ſeyn, wenn ich nicht immer einen ſo häßlichen Mund küßte.“ Hahn und ſein romantiſches Verhältniß mit dem ſchönen Elſewittchen war ihr ganz und gar fatal, und ſie ließ ihn dies oft ſehr deutlich fühlen. Bürger machte ihr deßhalb Vorwürfe. „Wo ich liebe, ſoll Niemand neben mir lieben,“ pflegte ſie dann zu ſagen.„Dieſes Gefühl will ich für mich allein und auf meine eigne Art haben, und nicht ſehen, wie es ſich bei einem andern Menſchen äußert.“ Oder ſie ſagte:„Wie kann ich zugeben, daß noch ein anderer Mann in dieſer Welt durch die Liebe glücklich iſt, abgeſehen davon, daß das, was Hahn kopfhängeriſch macht, gar keine Liebe iſt, ſondern bloß ein dolce far niente des Gemüthes, ein melancholiſches Hindämmern in unbeſtimm⸗ ten Gefühlen. Und dabei ſcheint mir das Abſonderliche, das Seltſame und Piquante, was er in dieſem Verhält⸗ niß zu finden glaubt, mehr Antheil daran zu haben, als die innige und wahre Empfindung. Auch ſeh' ich niemals, ——————yy — 216 E daß er ein anderes Weſen aus dem Wald bringt, als das, was er mit hineinnahm.“ Wir dürfen uns über dieſes ungünſtige Urtheil keines⸗ wegs wundern, denn wie Molly liebt, und wie ſie ſich ge⸗ liebt weiß, iſt ihre Seele eine einzige entzückende Harmo⸗ nie, die keinen Mißklang in ſich duldet und aus dem ſon⸗ nigen Leben, wie es in dieſer Liebe ihr aufgegangen iſt, alle nachtſchattige Schwärmerei verbannt. Darum ver⸗ gleicht ſie Hahn's Liebe mit den Waldblumen, die in kein Bouquet taugen, weil ſie alsbald verwelken, ſie erblickt in ihr mehr Affektation, als Wahrheit, mehr einen bloßen Lie⸗ bes⸗Roman, als Liebes⸗Romantik. Vielleicht war es der feindliche Widerſpruch zwiſchen ihrer Liebe und dem Leben, was dieſes weiche Gemüth ſo früh erſtarken machte und zu dieſem ruhevollen Bewußt⸗ ſeyn gelangen ließ. Sie erkannte in der Liebe die einzige und ſchönſte That ihres Daſeyns und war ſo begnügt in dieſer Vorſtellung, daß Mancher und zunächſt freilich der Mann ihres Herzens, die Ruhe und den Muth bewunderte, mit der dies eine freudige Bewußtſeyn ſie für alle Kränkungen und Widerwärtigkeiten der Welt entſchädigte. Aber nicht allein ſich ſelbſt, auch dem Geliebten erhielt und bewahrte ſie dieſe beſtändige Harmonie, und wußte ihn in ſeinen muthloſen und verzweifelten Stunden mit der ganzen Verklärung ihrer ſeligen Natur zu erfüllen. Sie war in Wahrheit die treue Rebe, die oft den Stab ſtützte, der ſie ſtützen ſollte, und mit einem Wort, mit einem leuchtenden Blick d das Gewölk von der umdüſterten und gebeugten Dichter⸗ ſeele verſcheuchte. So wie einſt an ſeinem Hochzeitsmorgen in der Garten⸗ laube zu Niedeck, als ihr zum erſtenmal aus der Trauer ſeines Geiſtes der eigne Muth erwuchs, ſtand ſie ihm im * 0 — — mer gegenüber, wenn es galt, mit dem Finger auf ſeine große Zukunft zu deuten und ihm wie das Echo ſeines Geiſtes in das Herz zu ſprechen. Einmal ſagte ſie:„Wenn Du nicht mehr dichten willſt, ſo muß ich's thun, denn Eins von uns Beiden muß noth⸗ wendig ein Wort finden für des Andern unausſprechliches 1 Glück. Aber eine ungalante Nachtigall, die der Roſe zu⸗ muthet zu ſingen!— Wirklich verſuchte ſie ſich in der edlen Verskunſt. „Ach! das iſt Alles zu naiv, zu hansſachſiſch!“ rief ſie aus, als ſie den Freund eines Tages mit einem Gedicht über⸗ raſchte, und dieſer die Verſe lobte.„Das Tiefſte, was ich fühle, das Schönſte, das Erhabenſte, was ich mir denke — ſobald ich es in's Bild und Gedicht faſſe, wird es mir unverſtändlich, erſcheint mir unbedentend, und ich verliere 2 ſeine erſte unmittelbare Anſchauung. Ich weiß nicht, wie Du es anfängſt, daß Dir immer die ſchönſten und zarte⸗ ſten Empfindungen ſo leicht und wohlbehalten aus dem Gemüthe auf das Papier fließen. Nein! Nein! Ich bin zur Dichterin nicht geboren, und warum ſollt' ich auch dichten, da es mir ohne Worte um ſo viel wahrer und inniger erſcheint!“ Es iſt bekannt, daß weder Bürger noch Molly viel Zeit zu äſthetiſchen und ſchöngeiſtigen Geſprächen fanden. Ihr, deren Weſen durch und durch Poeſie und Schönheitsbegei⸗ ſterung— war nichts mehr in den Tod zuwider, als eine weitläuftige Unterhaltung über Poeſie und Kunſt; ſie nahm ein Gedicht mit denſelben trunkenen Augen auf, wie ſie in das Abendroth ſchaute oder in die glänzende Morgenland⸗ ſchaft; immer fand die ſchöne Erſcheinung ihr Gemüth in der ſchönen Stimmung, und oft bedurfte es nur eines in der Abendwolke verklingenden Lerchenliedes, um alle ent⸗ 3 — 218— zückten Melodien ihres Inneren aufzuwecken. Im Win⸗ ter war eine Hyazinthe ihr Frühling, und der blüthenpran⸗ gende Mai machte ſie nicht ungenügſamer. Und in die⸗ ſem ſo in ſich ſelbſt begnügten harmoniſchen Herzen war nur ein Gefühl unbegränzt, dehnte es aus bis zum Sprin⸗ gen, wurde ſein Traum und ſein Gott, und nichts in der Welt war für es da, was nicht nach dieſem einen Gefühl hinſtrebte und in ſeiner Verklärung unterging. Oft ſtaunte Bürger, manchmal ſogar ängſtigte ihn dieſes mächtige, in allen Hymnen ſeiner Begeiſterung aufiauchzende Herz,„es bricht aber doch nicht,“ ſagte dann Molly lächelnd und fügte tröſtend hinzu:„Iſt die Blume der Tod der Pflanze, ſo muß die Liebe wohl auch der Tod des Herzens ſeyn, denn ſie iſt ja ſeine ſchönſte Blume.“ „Trink' ich ſie denn aus dem Kelch Deiner Seele, die ſüße Blume!“ ſagt Bürger eines Abends zu der am Kla⸗ vier ſitzenden Molly, die ſeinen Eintritt in das dunkle Zimmer nicht bemerkt hat, und küßt ſie wie der Durſt ſel⸗ ber. Von kalten Lippen küßte er Blumen, kalt wie der Tod.— „Das ſoll unſer letzter Kuß geweſen ſeyn!“ ſpricht Dora mit Ruhe, ſteht auf, ſchließt das Klavier und will aus dem Zimmer gehen. Bürger, noch halb außer Faſſung, hält ſie an dem Arme feſt; ſie ſieht ihn lächelnd an und ſagt ſelbſt nicht ohne Laune:— „Ich will Dir nur ein Licht anſtecken, damit Du binter den Ofen leuchten kannſt.“— So geht ſie aus dem Zim⸗ mer und läßt ihn noch lange bei Molly im Dunkeln. —jõõů———C—————õꝛ—— — 7———.— 4 So war der Herbſt gekommen, der Wald wurde braun, und über die Stoppelfelder fuhren ſchon die ſchaurigen Winde. Zwar gab es auch mitunter noch ſchöne, köſtliche Tage voller Sonne und Wolkenhläue, wo die Natur noch einmal in den reizenden Früh nin zurückkehren zu wollen ſchien, hier ein Pfauenauge im Mittagsſchein an der Kir⸗ chenmauer ſich ſonnte, dort ein wilder Roſenſtrauch noch eine verſpätete Knospe öffnete; aber immer ſeltener wur⸗ den die freundlichen Erſcheinungen, woran ein naturſinni⸗ ges Gemüth das ſchöne, verſchwindende Leben noch recht Konge feſthalten möchte, und nur der Abend, wenn er den Weſten in dunkle Purpurdünſte hüllte, als habe dort hin⸗ ein alles farbige Leuchten und Prangen der Erde ſich ge⸗ flüchtet, hatte noch nichts an ſeiner alten Schöne verloren, und oftmals noch ſtanden Bürger und Molly auf der Höhe hinter dem Dorfe, glanzumfloſſen, und ſchauten dem leuchtenden Sonnenjüngling nach, wie es ihn mit roſigen Armen hinabzog in die Schattendämmerung, bis ihnen zu⸗ letzt, vor lauter Schauen in's Licht, dunkle Funken in blauen, flimmzernden Kreiſen vor den Augen umherhüpften, was Molly ſo reizend fand, und was ſie„Luftaugen“ nannte. Was das Verhältniß Hahn's zu dem ſchönen Förſterkind anbelangt, ſo war darin der Herbſt bei weitem nicht ſo ſtörend, als man vielleicht glauben möchte; denn ſchon lange ging er dem alten Eckhart nicht mehr ſcheu aus dem Wege, und hatte bei guter Zeit ſeine Vorkehrungen für den Winter getroffen. Schauerte der Wald, wie vor der Ahnung der beverſtebenden Stürme zuſammen, ſo ſaßen ſie nun in der traulichen Stube, und wie es auch draußen immer lichter nnd entlaubter werden mochte, in ihrem Her⸗ zen lebte die waldgrüne Liebe, und die zahmen Turteltau⸗ ben unter der Bank, neben dem warmen Ofen, wußten ſo 220— wenig von der Trauer der Natur, als Hahn und Elſe⸗ wittchen.. Der Förſter hatte den Jüngling, den Freund ſeiner bei⸗ den Freunde Junghof und Bürger, und was noch mehr, den Retter ſeines Kindes liebgewonnen, und gewann ihn täglich lieber. Oft ging er ihm Abends, ſo müde er auch war, mit Elſewittchen bis vor den Wald entgegen und holte ihn auf halbem Wege ein; oder er kam wohl auch zeitweis in das Amthaus und fand dort mit ſeinem Kinde die freundlichſte Aufnahme. Je mehr der Winter ſich an⸗ kündigte, um ſo näher rückte man zuſammen, und Alles ſchien gut, bis auf das, was zwei Augen ſchlimm daran fanden. Das aber waren des blinden Buchonkel⸗Oedi⸗ pus Augen. So ſaß man eines Sonntags Abends bis gegen zehn Uhr zuſammen beim Glühwein⸗Napf, und Eckhart unter⸗ hielt die Geſellſchaft mit der Erzählung von den Sagen und Geſchichten der Umgegend. Auch die Sage von der „ſchönen Kalli“, deren wir bereits im Anfang unſerer Er⸗ zählung gedacht haben, wurde von ihm erwähnt, und dies führte ihn auf die Geſchichte jener Ritterburg, wo die Türkin getauft worden war. „Dort in der Kapelle,“ fuhr der Erzähler fort,„befand ſich auch eine Glocke, die immer von ſelbſt, ohne daß man ſich's erklären konnte, geläutet haben ſoll, wenn der Fami⸗ lie oder der Umgegend ein Unglück bevorſtand. Als die Schweden in das Land kamen, wurde die Burg zerſtört; aber jene Glocke iſt ſeitdem noch mehrmals gehört worden, und zum letztenmal am Tage vor dem Abſterben des Groß⸗ vaters unſers Majoratsherrn. Ich entſinne mich noch recht gut, daß meine Mutter uns Kindern oft von der„Tannen⸗ glocke“ erzählte, deren Klang weithin durch die Nacht—“ — 221— Mit einem lauten Schrei ſprang Molly in dieſem Au⸗ genblick vom Stuhl auf—„es läutet!“ rief ſie entſetzt,— Alle lauſchten auf, der Förſter öffnete das Fenſter, man hörte deutlich Glockenklang, und wohl eine Minute währte das Läuten,— Elſewittchens Haupt lag ſchwer auf des Freun⸗ des Schultern. „Das iſt doch in der That wunderlich!“ ſagte Dora d trat neben den Förſter an das Fenſter.„Mir dünkt, es kam drüben aus der Kirche.“ Molly fing laut an zu weinen. „Es wird in der Nachbarſchaft brennen!“ ſagte Eckhart, faſt außer Faſſung, und trat zu ſeinem Kind. Dieſes er⸗ griff ſeine Hand und lächelte einen Moment zu ihm auf mit einem Blick, der ihm wie ein Meſſer in das Herz ſchnitt. Er kannte dieſen unheilvollen Blick, der wie todte Seele aus gläſernen Augen ſchimmerte, während die Lip⸗ pen ein Krampf auf einander preßte. Aber, Gottlob! es war nur ein Moment und noch, während Eckhart nicht ohne inneres Grauen ſein Kind betrachtete, erwärmte ſich das kalte Lächeln der ſtarren Mienen, aus dem Auge ſchwand der unheimliche Strahl und die Lippen öffneten ſich wieder.— Bürger ſuchte Molly zu beruhigen, während Dora ab⸗ und zuging und auch einmal die Nachricht brachte, daß der Buchonkel nicht auf ſeiner Stube ſey. Man beachtete je doch dieſen Umſtand nicht weiter, erſchöpfte ſich in Muth⸗ maßungen aller Art, und da ſpäter Lärm auf der Straße entſtand, immer mehr Dorfbewohner ſich vor der Kirche zuſammen fanden, die alle das Läuten gehört hatten und Alle behaupteten, es ſey aus der Kirche ſelbſt gekonnnen, ſo machte Eckhart dem Schulzen den Vorſchlag, das In⸗ nere der Kirche zu unterſuchen, was denn auch geſchah, — 222— ohne jedoch eine andere Entdeckung herbeizuführen, als die, daß man die Thüre, welche zur Sacriſtei führte, nur an⸗ gelehnt gefunden hatte. „Sollte nicht vielleicht der Buchonkel den ganzen Spuk veranlaßt haben?“ äußerte Bürger. „Was denkſt Du!“ rief Molly.„Die Kirche liegt ja Mitten auf dem Friedhof, und wir Alle kennen ſeine Scheu vor den Gräbern.“ „Es wird ſich aufflären,“ ſagte der Förſter und machte Anſtalten zum Aufbruch, da morgen in dem Wald eine große Jagd ſtattfinden ſolle, zu welcher der gnädige Herr vornehmen Beſuch aus der Umgegend erwartete.„Ich muß früh auf und die Treiber anſtellen,“ ſetzte er hinzu und winkte Elſewittchen. Vater und Tochter nahmen Ab⸗ ſchied und Hahn begeeitete die Beiden noch bis vor's Dorf hinaus. „Morgen ſind wir den ganzen Tag allein,“ flüſterte ſte hinter dem Rücken des Vaters. „Ich komme früh zu Dir,“ verſprach er ihr beim Abſchied. Schon ſeit der Nacht, wo Bürger, von Göttingen heim⸗ kehrend, in der Nähe ſeines Dorfes unter den Weiden in der Niederung den Buchonkel und Elſewittchen belauſcht hatte, trug er den Stoff zu einer neuen Ballade in ſich herum, in welche er die Geſchichte des Förſterkindes ver⸗ weben wollte. Später kam er jedoch wieder davon ab, und es blieb zuletzt von der ganzen Compoſition nur noch das Bild übrig, wie es ihm Elſewittchen in jener Nacht, als ſie auf der Erde ſaß, ſo wehmuthsvoll dargeſtellt hatte. Die⸗ ſes aber verwebte ſich ihm ſchon damals, und ſpäter noch mehr mit dem Bilde, welches ſich ſeine Phantaſie von jener — 223— nächtlichen Sängerin machte, die ihm durch die bekannte Strophe aus der Lenore: Der Mond, der ſcheint ſo helle ꝛc., die erſte Anregung zu dieſer Ballade gegeben hatte. Nie⸗ mals konnte er mit Beſtimmtheit erfahren, ob Elſewittchen und dieſe unbekannte Sängerin eine und dieſelbe Perſon wäre, und ſelbſt, als er ſie einſt, nachdem ſie geneſen, fragte, ob ihr nicht ein Volkslied bekannt ſey, in dem jene Strophe, die er ihr dabei vorſagte, vorkäme, wußte ſie ſich ihrer, ſo oft ſie auch dieſelbe wiederholte, nicht zu entſinnen, ge⸗ ſtand ihm indeſſen, daß ſie oft des Nachts, wenn ſie den Vater im feſten Schlaf gewußt habe, aus dem Hauſe ge⸗ ſchlichen und nach dem Teich im Walde geeilt ſey, wo ſie von dem geheimnißvollen Flüſtern und Tönen des Schilf⸗ rohrs manches Lied gelernt habe. „Das waren oft recht ſchauerliche Geſchichten, die mir das Schilfrohr zuflüſterte, aber ich habe ſie alle vergeſſen,“ hatte ſie ihm geſagt, und ſo ließ er allmählig den Plan fallen. In der Nacht jedoch, wo der myſteriöſe Glockenflang auch ihn auf das Tiefſte erſchreckt und alle Geſpenſter ſei⸗ ner Einbildungskraft aufgeregt hatte, ſetzte er ſich, nachdem er ſein Bett, wo er keine Ruhe fand, wieder verlaſſen hatte, an den Tiſch nieder, um mit Hülfe der Poeſie der Erſchütterung ſeines Inneren Meiſter zu werden. Und wie jener Glockenton noch tief in ſeinem Gemüthe nach⸗ hallte, ſo trat auch die ſchauerliche Vorſtellung eines durch die unſchuldvollſte Liebe bis zum blutigen Verbrechen ge⸗ führten Herzens, wie ſie ihm ſchon ſo lange dunkel vorgeſchwebt hatte, wieder vor ſeinen Geiſt, und das trauernde Kind unter den Weiden, und das durch die monderhellte Nacht von den Furien der Sünde verfolgte Mädchen wurden Eins, wurden des„Pfarrers von Taubenhain“ un⸗ glückliche Tochter. Was dieſer Ballade den Vorzug vor der Lenore gibt, iſt der rührende, wir möchten ſagen, idyl⸗ liſche Ton in dieſer tieftragiſchen Geſchichte, das unver⸗ gleichliche Hineinweben der friedlichen Natur in das von ſchwarzer Schuld und Trauer umfangene Menſchenher⸗ Bis zum Grauen des Morgens ſchrieb Bürger; und ſchon war ſeine Lampe dem Erlöſchen nahe, als er noch die drei letzten Verſe auf das Papier warf, jene Verſe, die zu dem Köſtlichſten und Geheimnißvollſten gehören, was die Poeſie aufzuweiſen hat. Selten hatte er ein größeres Ge⸗ dicht ſo unmittelbar, in einem Guſſe und in einer Weihe geſchaffen, als dieſes, und aller ſtolzen Freude voll, rief er, vom Stuhle aufſpringend, aus:„Hab' Dank, heilige Nacht! Das iſt einer von jenen Geſängen, wie dein Ster⸗ nenlicht ſie erklingen läßt aus der Bruſt des alten Mem⸗ nons, wenn er müde iſt ſeine Sonnentöne! Ach! Was iſt die Lenore mit all' ihren Uhu's und Schauerlichkeiten gegen mein Pfarrers⸗Töchterlein! Nun ſoll mir Jemand ſagen, wir bätten geſtern Abend läuten hören und wüßten nicht: wo?“ Er nahm die Papierbogen und lief ſchnurſtracks hinüber zu Hahn. Feſt, wie auf den Lorbeern ſeiner noch zu erringenden Unſterblichkeit ſchlummerte dieſer, während der rüſtigere Freund ſich abermals für den Tempel ſeines Ruhmes eine Säule aufgerichtet hatte. Bürger zündete ſo leiſe als möglich das Licht an, ſtellte ein Tiſchchen mitten in die Stube, ſetzte ſich daneben, und räuſperte ſich dann ſo feier⸗ lich, wie Einer, der in einer großen Geſellſchaft einen Vor⸗ trag halten will, erſt leiſe, dann endlich ſo laut, daß Hahn wirklich aufwachte. „Wer da?“ rief er erſchrocken und ſetzte ſich im Bette auf. — 225— Statt aller Antwort hörte er: „Im Garten des Pfarrers von Taubenhain Geht's irre bei Nacht in der Laube. Da flüſtert und ſtöhnt's ſo ängſtiglich, Da raſſelt, da flattert und ſträubt es ſich, Wie gegen den Falken die Taube.“ „Aber ſo ſag' mir doch erſt——“ „Es ſchleicht ein Flämmchen am Unkenteich, Das flimmert und flammert ſo traurig. Da iſt ein Plätzchen, da wächſt kein Gras, Das wird vom Thau und vom Regen nicht naß, Da wehen die Lüftchen ſo ſchaurig.“ Immer höher horchte Hahn auf, von Strophe zu Strophe wuchs ſeine Spannung, ſeine Ueberraſchung, und als Bür⸗ ger die Ballade zu Ende geleſen hatte, ſprang Jener mit gleichen Füßen aus dem Bette und umhalſte ihn unter dem beſtändigen Freuderuf:„Herrlich! Herrlich! Nun müſſen Dir die Göttinger erſt recht an dem Zipfel kauen und Dir die Schleppe tragen! Zwar um meinen ſüßen Morgen⸗ ſchlaf haſt Du mich durch Dein Gedicht gebracht; aber da ich nun einmal munter bin, ſo laß ich's mich nicht der Müßhe verdrießen und hör' es zum zweitenmal.“ „Ich will Dir einen Vorſchlag machen,“ verſetzte Bür⸗ ger.„Wie Du mich hier ſiehſt, habe ich heute Nacht noch kein Auge geſchloſſen und fühle mich nach der ungewöhn⸗ lichen Aufregung an Geiſt und Körper ſehr abgeſpannt. Doch möcht' ich das Gedicht heute in aller Frühe mit dem Poſtboten an Boie ſchicken und dazu fehlt mir eine Rein⸗ ſchrift. Wenn Du's nicht willſt, ſo weck' ich Molly,“ fügte er zögernd hinzu, als er ſah, wie der übermüthige Hahn, ob dieſes degradirenden Vorſchlags, ein ſehr ſchiefes Ge⸗ 15 — 226— 3 ſicht zog und mit einem vielſagenden Blick nach ſeinem warmen Bett zurück ſchielte. „Na! Weil Du's biſt!“ ſagte er dann, ihm das Con⸗ cept aus der Hand nehmend.„Bei Dir kann ich ſchon einmal eine Ausnahme machen. Aber das verſichere ich Dich, kein anderer Poet in der Welt dürfte mir mit einer ſo craſſen, ſubalternen Anmuthung kommen! O Friedrich Hahn aus Zweibrücken, Dichter der Tragödie„Perſepolis“, wie weit bis du herunter gekommen, daß du einem Bän⸗ kelſänger Schreiberdienſte thun mußt!“ Nachdem Hahn das Gedicht in's Reine geſchrieben und einige Zeilen an Boie beigefügt hatte, worin er ihm den geſtrigen Spuk mit der Glocke, ſo wie die Art erzählte, wie Bürger ihm die Pfarrerstochter von Taubenhain heute Morgen vorgeleſen hätte, rüſtete er ſich mit Tagesanbruch zum Gang in den Wald. Ein dichter Morgenduft um⸗ hüllte die Landſchaft und bereifte unſerm frühen Wanderer Haar und Bart. Er gerieth, je näher er dem Walde kam, in eine ihm unerklärliche Stimmung, und wie er ſo durch den Nebel hinſchritt, war ihm zu Muth, als ginge er et⸗ was Außerordentlichem entgegen, als ruhe hinter dieſem Nebelflor die Entſcheidung einer ihm noch unbekannten Frage ſeines Lebens. War es Bürger's Gedicht, was ihn in dieſe ungewöhnliche Stimmung verſetzt hatte, oder war es das wunderbare Ereigniß des geſtrigen Abends, was ihm ſo ſchwer auf der Seele lag, er konnte ſich's nicht enträthſeln und trat in den Wald mit einem Gefühle der Bangigkeit, daß er jeden Augenblick ſtille ſtand und im Zweifel war, ob er vorwärts ſchreiten oder ſogleich um⸗ kehren ſolle. Erſt als er der Förſterwohnung anſichtig wurde und Elſewittchen am offenen Fenſter ſah, verlor ſich 2 — 227— ſeine Beklommenheit, und er eilte im raſcheſten Schritte dem Hauſe zu, unter deſſen Thüre er, wie befreit von einer ſchrecklichen Bedrängniß ſeines Gemüthes, die Ge⸗ liebte in die Arme ſchloß. Das Mädchen war ſo heiter, ſo ausgelaſſen heiter, wie er ſie noch niemals geſehen hatte. Ihr ganzes Weſen glänzte von Freude und Glückſeligkeit, als ſie den Freund in dem traulichen Stübchen hatte und ihm den Kaffee einſchenkte. Sie erzählte ihm, daß der Vater ſchon vor einer Stunde mit den Treibern abgezo⸗ gen ſey, gab ihm einen Plan der bevorſtehenden großen Jagd und bemerkte, daß ſich dieſelbe gegen Abend bis in dieſe Gegend ziehen werde. „Die fremden Herren werden wieder einmal in unſeren Wäldern aufräumen!“ ſagte ſie.„Aber meine Lilli(ſo hieß ihr zahmes⸗Reh), bab' ich angebunden, daß ſie mir nicht mit den andern todtgeſchoſſen wird. Einmal war ſie ſchon in ein Treiben gerathen, und ein fremder Herr hatte ſchon die Büchſe auf ſie angelegt, als ein Jäger un⸗ ſers Majoratsherrn ihm noch zu rechter Zeit zurief, daß es meine Lilli ſey. Weiß Gott! Er hätte mir ein Stück vom Herzen geſchoſſen, wenn er mir mein Thierchen getödtet hätte!“ So plauderte das liebe Kind und machte ihm verſchie⸗ dene Vorſchläge, wie ſie den Tag recht vergnügt und glück⸗ lich mit einander zubringen wollten. Hahn nahm ſie ent⸗ zückt in die Arme und ſagte: „Wir ſollten eigentlich niemals von einander gehen! Da wohnſt Du im Walde, ich in dem Dorfe, und beinah' eine halbe Stunde dauert's, bis wir beiſammen ſind.“ Elſewittchen ſah ihn ſchalkhaft an „Du kannſt ja zu uns herausziehen,“ verſetzte ſie,„ſo wär' es Dir und mir bequemer. Auch hätte ich dann keine Furcht mehr, daß das ſchöne Fräulein Molly Dich 5* 8 — 228— mir zuletzt doch noch untren macht. Denn die iſt mir in Allem weit, weit voraus, und ſo oft ich bei ihr bin, ſchäm ich mich immer, wenn Du mich anſiehſt. Ach! Hätt' ich nur ihre Augen!“ rief ſie in vollem Ernſte aus.„So was Himmliſches, Seliges hab' ich noch in keinem Auge geſehen, und wenn ich ein Mann wäre, dann würd' ich mein Lebtag hinein ſehen!“ 4 „Was würdeſt Du denn aber machen, wenn ich Dir untreu würde?“ fragte er ſie. Sie ſah ihn betroffen an.„Friedrich! Lieber Friedrich! So was mußt Du mich nicht fragen!“ rief ſie bewegt, und mit einem Tone, der ihm auffallend war, fügte ſie nach einer Pauſe hinzu:„Wenn Du mir treulos würdeſt, hätt' ich ja keine Seele mehr.“ Er ſtand auf und trat, mit der Taſſe in der Hand, an das Fenſter. Die Nebel wallten empor, ein blauer Duft hing an den Bäumen. In der Ferne hörte man ſchießen. „Das iſt ſchon die Jagd!“ ſprach Elſewittchen;„ach! meine armen Rebe! Wie wird's ihnen heute ergehen! Wenn ſie ſich nur alle hierher flüchteten, wie die kluge Lilli, die in den Garten gelaufen kam, als ihr die Jäger die Mutter todtgeſchoſſen hatten. Sie war noch ganz winzig, und mein Lebtag vergeß' ich's nicht, wie ſie ſich zitternd in die Bohnen duckte, bis ich ſie holte und ſie groß zog.“ „Da lauft ſie ja!“ rief Hahn, und Elſewittchen ſah wirk⸗ lich ihr zahmes Reh, das ſie angebunden glaubte, unter den Birken herumſpringen. „Um Gott! Um Gott!“ ſchrie ſie erſchrocken und eilte aus dem Haus nach dem Thier. Hahn folgte ihr. Aber Lilli war heute ſehr mißgelaunt und ſchien ihre junge Herrin nicht einmal zu kennen. Wahrſcheinlich hatte die ungewohnte Bebandlung das ſonſt ſo folgſame zutrauliche 1 — 8 1 — 229— Thier ſcheu gemacht, und ſo viel auch Elſewittchen rufen mochte, ſie kam nicht, ſetzte endlich ſogar, als abermals einige Schüſſe, vom Echo herübergetragen, an dem Berge widerhallten, mit flüchtigen Sprüngen über die Wieſe in den Wald. Alles Rufen war vergeblich, und das Mäd⸗ chen fing laut zu weinen an. „Wir wollen ihr nachgehen,“ ſagte Hahn, und Beide liefen in der Richtung, welche das Reh genommen hatte. Aber nirgends war es zu finden. Einigemal zwar glaub⸗ ten ſie in weiter Entfernung zwiſchen den Bäumen die Entflohene zu ſehen; doch ſobald ſie an die Stelle gelang⸗ ten, ſahen ſie ſich in ihrer Erwartung getäuſcht. So ſuch⸗ ten ſie bis zum Mittag und waren endlich an die Felſen gekommen, wo die Mooshütte ſtand. „Vielleicht iſt ſie dort!“ ſagte das Mädchen, und eilte nach der bezeichneten Stelle. Hahn, der ſich ſehr ermüdet fühlte, folgte ihr langſam nach und ſuchte noch zwiſchen den Felſen, als plötzlich der herzzerſchneidende Jammer⸗ ſchrei Elſewittchens:„Lilli! Meine arme Lilli!“ ſein Ohr berührte. Er ſprang nach der Mooshütte und ſah das Mädchen mit gerungenen Händen vor dem Thiere knieen, das im Verenden lag. Ihr Schmerz war gränzenlos. Sie legte die Hand auf die blutende Wunde, küßte und ſtreichelte ſie, rief ſie mit den zärtlichſten Namen und war eben aufge⸗ ſtanden, um aus der nahen Quelle Waſſer zu holen und die Wunde auszuwaſchen, als Hahn, der ihr zur Seite ſtand und ſie vergebens zu tröſten ſuchte, ſah, wie ſie ſich plötzlich hoch in die Höhe richtete und über ſeine Schul⸗ ter hinweg, mit einem ſtummen Blick des Entſetzens nach Er Mooshütte deutete. Er ſah hin, ein unbekannter 1 — 230— 1 Mann in grünem Jagdkleid ſtand dort, der äußerſt betre⸗ ten bald ihn, bald das Mädchen betrachtete.. Sie that einen Schritt vorwärts, fuhr ſich mit beiden Händen auf das Herz, nannte mit einem leiſen Schrei den Namen Adalbert, und ſank entſeelt neben dem todten 5 Reh nieder, gleich einer vom Blitzſtrahl getroffenen Lilie. Es war die andere Geneſung dieſer ſchönen Seele. So endet unſere waldgrüne Idylle, und drei Tage ſpä⸗ ter iſt von ihr nichts mehr übrig, als ein kleines, ſchwar⸗ zes Grab im ſtillen Waldgrund, dort, wo die Echo's woh⸗ nen und die Bächlein, die der alte Rübezahl das Mur⸗ meln lebrte, damit ſie ſein liebes Todtenkind in den Schlaf wiegen.— Es ſey uns erlaſſen, den traurigen Zuſtand des Jünglings zu ſchildern. Drei Tage lang geberdete* er ſich wie ein Unſinniger, und wollte von keinem Troſt und keinem Freundeszuſpruch hören. Erſt, als am vierten Morgen der alte Eckhart in ſein Zimmer trat und ihm erzählte, daß ſie ihm geſtern Abend in der Dämme⸗ rung das Töchterlein aus dem Hauſe waldeinwärts getra⸗ gen, und als er ihm dann ſchweigend eine glänzende Locke auf die Bettdecke legte, da wurde der wilde Jüngling mit einmal weich, und wunderbar ſtärkte ihn der Segen des alten Förſters. Fortan aber war ſeines Bleibens nicht mehr in dieſer Gegend, und im Schneegeſtöber wanderte er eines früben Morgens, ohne von Bürger und den übrigen Hausgenoſſen Abſchied zu nehmen, zum Dorfe hinaus auf der Straße nach Duderſtadt. Er hatte einen Brief an den Freund zurückgelaſſen, worin er ihm und den Frauenzimmeern Le⸗ bewohl ſagte. Dabei lag eine namhafte Summe in G „ 4 — 231— „für Koſt, Logis und Heizung“. Mehr ſollte nachfolgen, ſobald er in der Heimath angelangt wäre. Die Bruch⸗ ſtücke der Tragödie„Perſepolis“ verblieben dem Buchon⸗ kel. Zugleich erfuhr Bürger, daß Niemand anders, als das„alte Hausübel“ an jenem Abend die Glocke geläutet habe. Auch hätte ihm der Buchonkel in vollem Ernſte den Vorſchlag gemacht,„ſämmtliche Kreuze des Friedhofs zu zertrümmern, die Grabhügel zu ebenen und dem ganzen Unfug mit dem Sterben und Begrabenwerden ein Ende zu machen.“ So hatte denn jene Glocke in der That einen recht trü⸗ ben Winter eingeläutet, und es währte lange Zeit, bis die Gemüther ſich nach dieſer Seite hin allmählig beruhigt hatten, und die ſolchergeſtalt geſtörten Verhältniſſe wieder ausge⸗ glichen waren. Es kann nicht Zweck unſerer Erzählung ſeyn, den Din⸗ gen, wie ſie im gewöhnlichen Leben ihren Verlauf haben, aus einem Jahr in das andere zu folgen, und mit ibrer Entwickelung gleichmäßigen Schritt zu halten. Wer einen Kranz winden will, muß ſich ja auch mit den Blumen von einem Lenze begnügen, und wer die Geſchichte des Her⸗ zens im Gedichte niederzulegen hat, der wird ſie gewiß nicht nach Tagen und Jahren abſpinnen, ſondern ſich mit dem begnügen, was imuier dieſes Herz in Freud' und Leid' Wonn⸗ und Wehvolles entzückt und bedrängt hat. Haben wir bis jetzt unſer Dichterleben, wie es in einer Reihe von Jahren vor uns liegt, in den Zeitraum von noch nicht ganz anderthalb Jahren zuſammengedrängt, und war, was wir in ihm gaben, ein Bild der Wahrheit und der unge⸗ trübten Anſchauung, ſo genügt uns das, und wir fragen nicht, wie vielmal während deſſen Bürger und Molly den Sennenanſgang nicht geſehen haben. — 232— Und ſo ſey es uns denn nur vergönnt, ſtatt Alles deſſen, was wir etwa noch aus der zurückgelegten Periode unſers Dichterlebens nachzuholen und zu ergänzen hätten, an die⸗ ſem Platz einige jener köſtlichen Lieder einzuſchalten, welche Molly in Frühling und Sommer, in Herbſt und Winter ihrem Sänger von den Lippen Zwar leben ſie längſt im Mund und Herzen der der ſchen Nation, ſind den köſtlichſten Perlen angereiht, womit der deutſche Ge⸗ nius ſeine Krone ziert, dennoch aber will es uns nicht eines müßigen Geſchäftes bedünken, wenn wir in dieſen Liedern die Geſchichte jener Liebe, die in der Schuld zum gottvollen Bewußtſeyn erſtarkte, mit der Geſchichte jener Liebe vermitteln, die ſich endlich, wo andere Herzen ihren Sabbath feiern, geſühnt durch langes unendliches Leid, wie ein Phönix aus der Flamme erhebt, und in reinem, verjüngtem Glücke, lächelnd dem Blitze aus heiterem Himmel entgegen⸗ ſieht, der ihn ſo lange ſchwarzumwölkt, gnadig zurückhielt. J.. Ach, könnt' ich Molly kaufen 3 Für Gold und Edelſtein, Und hätte große Haufen; Die ſollten mich nicht reu'n. Zwar wühlt ſich's hübſch im Golde; Wohl dem, der wühlen kann!— Doch ohne ſie, die Holde, Was hätt' ich frohes d'ran? Ja, wenn ich der Regente Von ganz Europa wär', Und Molly kaufen könnte; So gäb ich alles her. Vor Städten, Schlöſſern, Thronen, Und mancher fetten Flur, Wählt' ich mit ihr zu wohnen, Ein Gartenhüttchen' nur. — 233— Mein liebes Leben enden Darf nur der Herr der Welt. Doch dürft' ich es verſpenden, So wie mein Gut und Geld; 8 So gäb' ich gern, ich ſchwöre! Für jeden Tag ein Jahr, Da ſie mein eigen wäre, Mein eigen ganz und gar. II. Ich habe was Liebes, das hab' ich zu lieb; Was kann ich, was kann ich dafür? D'rum ſind mir die Menſchengeſichter nicht hold: Doch ſinn' ich ja leider nicht Seide, noch Gold, Ich ſpinne nur Herzeleid mir. Auch mich hat was Liebes im Herzen zu lieb; 3 Was kann es, was kann es für's Herz? * Auch ihm ſind die Menſchengeſichter nicht hold: Doch ſpinnt es ja leider nicht Seide noch Gold, Es ſpinnt ſich nur Elend und Schmerz. Wir ſeufzen und ſehnen, wir ſchmachten uns nach, Wir ſehnen und ſeufzen uns krank. Die Menſchengeſichter verargen uns das; Sie reden, ſie thun uns bald dieß und bald das, Und ſchmieden uns Feſſel und Zwang. Wenn ihr für die Leiden der Liebe was könnt, Geſichter, ſo gönnen wir's euch. Wenn wir es nicht können, ſo irr' es euch nicht! — Wir können, ach leider! wir können es nicht, Nicht für das mogoliſche Reich! Wir irren und quälen euch Andre ja nicht; Wir quälen ja uns nur allein. D'rum, Menſchengeſichter, wir bitten euch ſehr, D'rum laßt uns gewähren, und quält uns nicht mehr, O laßt uns gewähren allein! — 234— Was drängt ihr euch um die Kranken derum, Und ſcheltet und ſchnarchet ſie an? Von Schelten und Schnarchen geneſen ſie nicht. Man liebet ja Tugend, man übet ja Pflicht; Doch Keiner thut mehr, als er kann.„ Die Sonne, ſie leuchtet; ſie ſchattet, die Nacht; Hinab will der Bach, nicht hinan; Der Sommerwind trocknet; der Regen macht naß; Das Feuer verbrennet.— Wie hindert ihr das?— O laßt es gewähren, wie's kann! Es hungert den Hunger, es dürſtet den Durſt; Sie ſterben von Nahrung entfernt. Naturgang wendet kein Aber und Wenn.— O Menſchengeſichter, wie zwinget ihr's denn, Daß Liebe zu lieben verlernt? III. In dem Himmel quillt die Fülle Heiß erſehnter Seligkeit. Ich auch, wär' es Gottes Wille, Tränke gern aus dieſer Fülle Labſal für der Erde Leid; 5 Für den Wurm, der meiner Tage Noſenblüthe giftig ſticht; Deſſen Schmerz ich in mir trage, Den ich Arzt und Prieſter klage: Aber ach! das hilft mir nicht. Längſt ſind über Thal und Hügel Alle Freuden mir entflohn. Lahm ſind meiner Hoffnung Flügel. Rauber Hinderniſſe Hügel Sprechen ſelbſt den Wünſchen Hohn.— — 235— Dennoch ſetzt' ich auch auf Erden Gern noch fort den Pilgerſtab. Sollte Molly mir nur werden, Trüg' ich aller Welt Beſchwerden Noch den längſten Pfad hinab. IV. Um von Ihr das Herz nur zu entwöhnen, Der es ſich zu ſtetem Grame weiht, Forſchet durch die ganze Wirklichkeit, Ach umſonſt! mein Sinn nach allem Schönen. Dann erſchafft, bewegt durch langes Sehnen, Fantaſie aus Stoff, den Herzchen leiht, Ihm ein Bild voll Himmelslieblichkeit, Dieſem will es nun ſtatt Molly fröhnen. Brünſtig wird das neue Bild geküßt; Alle Huld wird froh ihm zugetheilet; Herzchen glaubt von Molly ſich geheilet. O des Wahns von allzu kurzer Friſt! Denn es zeigt ſich, wenn Betrachtung weilet, Daß das Bild leibhaftig— Molly iſt. V. Nicht zum Fürſten hat mich das Geſchick, Nicht zum Grafen, noch zum Herrn geboren, Und fürwahr nicht hellerswerth verloren Hat an mich das goldbeſchwerte Glück. Günſtig hat auch keines Weſſirs Blick Mich im Staat zu hoher Würd' erkoren. Alles ſtößt, wie gegen mich verſchworen, Jeden Wunſch mir unerbört zurück. — 236— Von der Wieg' an, bis zu meinem Grabe, Iſt ein wohl erſung'nes Lorbeerreis Meine Ehr' und meine ganze Habe. Dennoch auch dieß Eine, ſo ich weiß, Spendet' ich mit Luſt zur Opfergabe,* Wär', o Molly, dein Beſitz der Preis. VI. Licht und Luſt des Himmels zu erſchauen, Wo hinan des Frommen Wünſche ſchweben, Muß dein Blick ſich über dich erheben, Wie des Betenden voll Gottvertrauen. Unter dir iſt Todesnacht und Grauen. Würde dir ein Blick hinab gegeben, So gewahrteſt du mit Angſt und Beben Das Gebiet der Höll' und Satans Klauen. Alſo ſpricht gemeiner Menſchenglaube. Aber wann aus meines Armes Wiege Molly's Blick empor nach meinem ſchmachtet: Weiß ich, daß im Auge meiner Taube Aller Himmelsſeligkeit Genüge Unter mir der trunkne Blick betrachtet. Alles ſollte kommen, wie es kommen mußte, um das ſo ſchickſalsreiche als vielgeprüfte Leben unſeres Dichters, dem durch eine lange Zeit vorbereiteten tragiſchen Moment und durch dieſen bedingt, ſeiner endlichen Verſöhnung entgegen⸗ zuführen. Freilich trat dieſe Verſöhnung, die nur der Tod auf der einen, und das Leben im kurzen Beſitz ſeltener Glückſeligkeit auf der andern Seite vermitteln konnte, lang⸗ ſam und wie ein Orakelſpruch, räthſelhaften Sinnes voll, — 237— zu einer Zeit ein, als Bürger ſchon lange nicht mehr den Muth hatte, darin bloß eine natürliche Conſequenz ſeines Schickſals zu erblicken. Sie trat zu einer Zeit ein, als er, völlig zerfallen mit der Welt und ſeinem Inneren, „ kaum noch einen anderen Troſt hatte, als den, daß es kaum noch ſchlimmer werden könne. An dem Krankenlager Dora's, fünf Monden ſchon von der Geliebten getrennt, die in Oberſachſen ſeine kranke Schweſter verpflegte, und von der er nur ſelten eine dürf⸗ tige Nachricht bekam, hatte er Zeit und Muße genug ge⸗ habt, das letzte Decennium ſeiner Vergangenheit einer Prü⸗ fung zu unterwerfen, die eben nicht ermuthigend für ihn ausfallen konnte.. Er mochte fühlen, daß die Tage der freudigen Jugend dahin ſeyen und der alte Schwung ſeiner Energie ihn nicht mmehr wie ſonſt über die Enttäuſchungen ſeines Lebens hinweg⸗ führen konnte. So im Anblick der leidenden Gattin, die ihm langſam vor den Augen hinſtarb, täglich und ſtünd⸗ lich an die Kränkungen gemahnt, mit denen er dieſem ed⸗ len Herzen ſeine Liebe vergolten, gab es Momente, wo ſein ganzes Leben, dem der letzte Troſt, der es hätte auf⸗ richten können, dem die Nähe der Geliebten fehlte, wie in einer grauenhaften Oede verſank, und nicht ſelten aus den Schatten ſeiner Erinnerungen die Reue ihm mit den boh⸗ len Augen der Vernichtung in die Seele ſchaute. Da, zur guten Stunde für den Muthloſen, kam, wie „ ſchon einmal, als er ſich von Gott und Welt verlaſſen ah, gleich einem Friedensboten von Jenſeits, die rettende, ehrwürdige Erſcheinung Vater Gleim's, der eines Mor⸗ gens am Frühlingsſchluß des Jahres 1784 mit dem Doctor Junghof von Göttingen anlangte, um den Mann, der ihm theuer war, wie kein Anderer, vor dem größten Unglück — 238— im Leden zu bewahren, im Unglück ohne Freund zu ſeyn. Denn wen Vater Gleim liebte, der hatte eben, ſo wußte es der redliche Greis nicht anders, keinen anderen Freund, als den Vater Gleim, und war verlaſſen, wenn dieſer nicht bei ihm war.— Ein ſolcher Mann, deſſen Herz nach ſeinem eignen Ausſpruch, ſeit fünfzig Jahren von den Blüthen und Früchten der Freundſchaft lebte, und dem es mit die⸗ ſen ſchönen Worten ein heiliger Ernſt war, mußte auch wohl die Kunſt verſtehen, ein niedergebeugtes Gemüth auf⸗ zurichten und ihm einen Theil jenes Friedens einzuflößen, der ſeine Mienen gleich dem Abendlächeln nach einem langen glücklichen Tage, überglänzte. Und wie verſtand Vater Gleim dieſe Kunſt! Wie war es ihre beſtändige liebevolle Ausübung, was ſeinen Namen dem der edelſten Menſchen⸗ freunde aller Zeiten gleichſtellt. Mehr als ſein ſchriftſtel⸗ leriſches Wirken iſt es dieſer unerſchütterliche Glaube an die Freundſchaft, was ſeine Erſcheinung in der deutſchen Literatur eben ſo einzig als erhebend macht. Was Klop⸗ ſtock von ihm in der an ihn gerichteten Ode ſagte, das konnte Jeder ſeiner Freunde von ihm ſagen:„Du Eifer⸗ ſüchtiger, der Du mein Herz tyranniſch, liebreich, herr⸗ ſchend bewahrſt.“. „Gottes Frieden dem Hüttchen meines Bürger'’s,“ ſagte er, als er von dem Freunde unterſtützt, in das Haus kam, und wirklich ſchien mit ſeinem Eintritt ein guter Engel in dieſer Wohnung der Trauer und der Leiden eingekehrt; ſo liebreich wußte er hier zu tröſten, ſo freudig dort zu er⸗ muthigen. Selbſt Dora, obwohl ſie heute den verehrten Greis zum erſtenmal ſah, fühlte ſich durch ſeine Gegen⸗ wart wunderbar gehoben. Der„Halladat“ Gleim's, dieſes„rothe Buch“ des weiſen Derwiſches aus dem Mor⸗ 8 genland, war ja auf ihrem Schmerzenslager ſo oft ihr — 239— 8 Troſt und ihre Erhebung geweſen, und nun erſchien der weiſe Seher ſelbſt, ganz ſo, wie ſie ihn ſich gedacht, mit der ſchlichten Einfalt im Weſen und der herzinnigen Freund⸗ lichkeit in Blick und Sprache. Selbſt das Sterben dünkte ihr füß in ſolchen Mannes Nähe, und ihm die Hand drückend, ſagte ſie zu ihm. „Nicht wahr, auch ich darf Sie Vater nennen? Und wenn es Gottes Wille ſeyn ſollte, daß ich dieſen Frühling nicht überlebe, ſo ſterbe ich doch nun um Vieles beruhigter, da ich meine letzte und theuerſte Sorge in das Herz des edlen Halladat's niederlegen darf.„In einigen Tagen,“ ſagte ſie, als Junghof ſich mit Bürger entfernt hatte und Beide in den Garten gegangen waren;„ſind es zehn Jahre, daß ich Bürger's Braut wurde, und nun ich von ihm ſcheiden ſoll, möcht' ich gerne mit dem Bewußtſeyn ſterben, daß ich ihn nicht einſam zurücklaſſe. Bringen Sie ihm darum, wenn ich geſtorben, dieſen Ring, daß er ihn mit meinem letzten Segen an Molly's Finger ſtecke und ſich gleich nach meinem Tode in der Niedecker Kirche mit ihr trauen laſſe. Sie ſollen nicht warten,“— fügte ſie mit lei⸗ ſer Stimme hinzu und ſank in das Kiſſen zurück. Gleim, dem das Schickſal des edlen Weibes nicht unbe⸗ kannt geblieben war, wurde durch dieſe Bitte auf das Innigſte gerührt und die Hand auf ihre Stirne legend, nickte er nur ſtumm mit dem Haupt. Es war einer der wenigen Fälle, wo ihm, einem fremden Leiden gegenüber, das Wort des Troſtes verſagte, und er mußte ſich lange ſammeln, eh' er ſeines ſchmerzlichen Gefühles ſo weit Mei⸗ ſter wurde, um ihr in liebevoller Rede Muth und Zuyver⸗ ſicht einzuſprechen. „Sagen Sie Bürger, daß er Molly kommen laſſe,“ bat ſie ihn dann.„Ich möchte ſie gerne noch einmal ſehen. — 240— Gleim ſtand auf, und verſprach, ihrem Manne ſogleich dieſen Wunſch mitzutheilen, indem er hinzuſetzte:„Er hoffe, daß ſie bis zu Molly's Ankunft geneſen ſeyn werde.“ „Vielleicht, lieber Vater,“ ſagte Dora mit dem ihr eige⸗ uen, anmuthigen Lächeln. Er ging hinaus in den Garten, wo er beide Freunde auf der Bank unter dem blühenden Apfelbaum ſitzen ſah. Junghof blickte ihn ernſt und fragend an. „Wir haben Sie lange bei der Kranken allein gelaſſen,“ ſagte er aufſtehend und trat ihm entgegen. „Ach, welch' ein herrlicher Baum!“ rief Gleim und be⸗ trachtete mit einer Miſchung von Freude und Wehmuth im Auge, die Blüthenpracht über ſeinem Haupte. Dann eröffnete er Bürger Dora's Wunſch, Molly bei ſich zu ha⸗ ben, indem er bemerkte, die Pflege der Schweſter ſey jedenfalls zu wünſchen.“ „Gott, o Gott! Sie wird es nicht überleben!“ rief Buür⸗ ger aufſpringend, und ſchritt, beide Hände vor dem Ge⸗ ſicht, in heftiger Bewegung mehrmals auf und nieder. „Laſſen wir Molly vorerſt in Sachſen,“ ſagte Junghof nach einer Pauſe.„Bis ſie käme, und wenn ſie auch gleich mit Extrapoſt reiſte, würde ſie doch nur eine leere Stätte finden.“ „Was ſagen Sie?“ rief Gleim erſchrocken.„Iſt es wirklich ſo ſchlimm?“ Junghof legte des Greiſen Hand in die B ſagte bloß mit einem bedeutſamen Blick auf das Haus: „Bleiben Sie bei dieſem, ich will zu ihr gehen.“ Er entfernte ſich und Bürger ſank mit lautem Weinen an Gleim's Bruſt. Dieſer, der die Wohlthat der Thrä⸗ nen kannte, ſuchte ſie nicht zu trocknen. Er fübrte ihn na K zürger's und A — 241— der Bank und erſt, als ſich die Erſchütterung ſeines Ge⸗ müthes einigermaßen gelegt hatte, und er feſter geworden war, fing der Greis an zu reden, und ergriff, was ihm zunächſt lag, den Gegenſatz der ruhigen, ſchönen Natur zu dem immer leidenden, ringenden Menſchenherzen, holte dann aus dem Leben Jener die Troſtgründe für dieſes, und ſo einfach ſie auch waren, ſo oft ſie auch ſchon ausgeſprochen waren, auf den Lippen Vater Gleim's hatte das Wort eine höhere, innigere Bedeutung, denn ein Herz voll Liebe und Milde betonte es mit dem Accent der freudigſten Zu⸗„ verſicht. Das war des alten Halladat's große Kunſt, ge⸗ rade aus den nächſten und ſchlichteſten Lebensbeziehungen die höchſten Ideen von Gott, Seele und Unſterblichkeit zu entwickeln und auf rein menſchlichen Standpunkt zurückzu⸗ führen. Dann wurde, wie ein Biograph von ihm ſo ſchön als treffend äußert,„der Seher Gottes zum Menſchenfreund“, und ſchwerlich mochte Einer es beſſer verſtehen, ſo mit Liebe weiſe zu ſeyn. Je länger er ſprach, um ſo getröſteter fühlte ſich Bür⸗ ger, und ſelbſt der Gedanke, daß der Mann mit dem liebe⸗ vollen Wort, wie wenig Menſchen, die Gunſt der Himm⸗ liſchen erfahren, ſo daß es ſchien, als ſey er nicht ſowohl da, Leiden zu ertragen, als vielmehr Leiden zu lindern, trug nicht wenig zu ſeiner Ermuthigung bei. Es war für den Viel⸗ geprüften ein herzſtärkendes Gefühl, hier einen Menſchen zu ſehen, deſſen langes reiches Leben faſt nur von einem Schmerz wußte, welchen er aber darum auch bis an ſeinen Tod ſo heilig hielt, wie das Gedächtniß Deſſen, dem er galt. Das war der Schmerz um den Tod ſeines Freun⸗ des Chriſtian von Kleiſt, und aus ihm trat er geweiht und erhoben wie aus einem Tempel, wo nur er beten durfte, in das fremde Leiden ein, denn das Auge, das um Kleiſt 16 — 242—— weinte, wußte, was Thränen ſind und durfte darum auch mit andern weinen. Erſt ſpät erinnerte ſich der Greis, daß Junghof ſo un⸗ gewöhnlich lange ausbleibe, und ſie waren eben im Be⸗ griff, aus dem Garten zu gehen, als der Doctor ihnen mit den bibliſchen Worten entgegentrat:„Die ihr ſuchet, werdet ihr nicht mehr finden.“ Dora hatte vollendet, und Dank der Nähe der Freunde, Bürger fand die Kraft und Faſſung des Gemüthes, von Jenen geleitet, in die Sterbekammer zu treten und an ihrer Leiche aus Gleim's Hand den Ring, und aus ſeinem Mund den letzten Willen ſeiner Gattin zu empfangen. Als der Abend yerannahte, kehrte Junghof nach Göt⸗ tingen zurück und ließ Vater Gleim in Wölmershauſen, mit dem Verſprechen, ſich am Begräbnißtag Nachmittags„ bei guter Zeit wieder einzufinden. Gleim, der ſich durch die Reiſe ſehr ermüdet fühlte, ſuchte noch bei Tage das Bett, und Bürger, nachdem er an Boie und Dora's ältere Schweſter in Sachſen den leidloſen Heimgang der treuen Gattin in wenigen Zeilen gemeldet hatte, ſchritt mit dem Sinken der Sonne zum Dorfe hinaus, gebeugten Hauptes nach der theueren Höhe, wo er ſo oft mit Einer, die ihm nur heute, ach! heute nicht hätte fehlen ſollen, Abends und Morgens, in frohen und trüben Stunden, geweilt hatte. Dort hin, wo der wilde Birnbaum ſtand, umblüht von dem weißen Schlehdorn, von dem ſich Molly ſo manchen Zweig auf den Hut geſteckt hatte, zog es ihn, ſo heute wie immer, wenn ein Leid ſein Gemüth bewegte, und ſchon auf halbem Wege kamen ihm dann die Erinnerungen jener Tage entgegen, wo ſein Herz, eingefriedigt in Mollys Liebe, des Anblickes der freundlichen Natur bedurfte, um — 243— ſich erſt recht ſeines Glückes bewußt zu werden. Er langte auf dem Hügel an, eben als das Abendroth an dem Ge⸗ birge aufglühte und wie aus einer großen, leuchtenden Opferſchale über den in hellem Grün prangenden Wald das Gold des Abends in die von tiefblauem Duft erfüll⸗ ten Thalgründe niederſtrömen ließ. Schweigend, wie verſunken in den Anblick des Lichtes, ruhte rings die ganze Natur, gleich jenem Frieden, wie er in ſeliger Verklärung Dora's Antlitz überglänzte, als ſey auch das Sterben nur ein Traum, dem man lächeln könne, wie jeder Traumestäuſchung. Wer jenes Gefühl kennt, welches das Herz beſchleicht, wenn wir vom Sterbebette eines theuren Menſchen weg, mit dem Eindruck des Todes in das Schaffen und Walten der lebendigen Natur hinausſchreiten, ſie und uns ärmer wiſſend um ein Leben, und doch nirgends eine Störung, eine Lücke in der Schöpfung entdecken, der wird die Em⸗ pfindung verſtehen, mit welcher Bürger, das Haupt an den Birnbaum gelehnt, in den goldnen Tod der Sonne ſchaute, als ſey es dort, wohin Dora gegangen, um nimmer wie⸗ derzukehren. „Ja, ja, das iſt's!“ ſagte er leiſe.„Dorthinaus muß es gehen, wenn noch ein Ausweg iſt aus dieſer Welt der Dämmerung und der Prüfung. Und darum, du freundliches Licht, grolle mir nicht im Scheiden, daß ich dich ihr ſo oft verdüſterte und ihrem Leben ſo wenig heitere Sonnenblicke bereitete. Es war ja nicht anders in meine Macht gege⸗ ben, und als ich ihr Liebe und Treue gelobte bis in den Tod, da wußt' ich noch nicht, daß auch ein Gott in unſrem Geiſte lügen kann, ſelbſt wenn er uns die theuerſten Eide 1 auf die Zunge legt. O dieſe Eide, arme Dora, die ich Dir in der Blindheit meiner Liebe gelobte, die ich Dir in 16 — 244— der Hellſehung derſelben Liebe brach, laß ſie nicht auf meine Seele fallen!— Du ſiehſt vielleicht nun heller; dort wo Dein ſeliger Geiſt im Lichte wandelt, gibt's keine Täu⸗ ſchung, dort, wo die ewige Liebe wohnt, wird auch das Herz nur gerichtet nach ſeiner ewigen Liebe, nicht nach ſei⸗ nem menſchlichen Irren. Lebe wohl und ſey verſöhnt!“ rief er mit ausgebreiteten Armen, als in dieſem Augenblick die Sonne in dem Purpur unterſank, und ſiel weinend auf die Kniee nieder. 4 Und wie geſandt aus dem Lichte, welches Dora's letzten Tag mit hinunter nahm in die Schattendämmerung, beugte ſich jetzt der Engel der Verſöhnung über ſeine Schultern und aufſchauend ſah er in das vom Abendroth überhauchte Antlitz ſeiner Molly, die unter Thränen zu ihm niederlächelte. Noch eh' er ſich von ſeiner Ueberraſchung erholt hatte, noch eh' er nur wußte, wie ihm geſchah, hing ſie an ſei⸗ nem Halſe und unter Weinen und Küſſen, unter Thränen, ſo heiß wie ihre Lippen, erzählte ſie ihm, wie ſie eben jetzt aus Sachſen gekommen, wie ſie, um ihn und Dora zu überraſchen, durch die Hinterthüre in's Haus getreten ſey, und den Buchonkel auf der Treppe ſitzend gefunden habe, der ihr die erſte Nachricht vom Tod der Schweſter gegeben hätte. Das Alles erzählte ſie ihm, noch eh' er recht wußte, ob er wache oder träume. Erſt als ſie ſchwieg und mit einem Blick des Schreckens nach dem Dorf hinunter ſchaute, ſtumm nach dem Friedhof deutete, wo die weißen Kreuze aus dem Tannengrün hervorſchimmerten, kam er allmählig aus ſeinem Staunen heraus, er ſtand von der Erde auf, die nicht mehr unter ihm wankte, und wußte nun, daß der Himmel ihm in Molly's Ankunft ein ſichtbares Zeichen ge⸗ geben habe, daß ſein Gebet, welches ihn vorhin auf die Kniee niedergeworfen hatte, erhört war. Er riß ſie mit Ungeſtüm an ſeine Bruſt, wie die letzte Rettung ſeines Lebens.„Bleibe bei mir!“ ſtammelte er unter häufigen Thränen;„geh nicht in Deinen lichten Him⸗ mel zurück, eh' meine Seele Dir nachfolgen kann, Du mein Engel, mein Schutzgeiſt!“ Sie erwiederte nichts; aber in dem Auge, das ſie zu ihm aufſchlug, glaubte er zu leſen, daß der Himmel, dem er ſie entſtiegen wähnte, noch tief in ſeinem Glanze ruhte, in der Innigkeit, mit der ſie ſich an ihn ſchmiegte, glaubte er zu fühlen, daß ſie nichts mehr von Scheiden wiſſe. So ſtanden ſie dort, feſt umſchlungen, wie zwei durch die wilden, feindlichen Stürme des Lebens von einander getrennte Herzen, die ſich endlich nach langer, leidvoller Trennung Mitten im Sturme wiederfinden und das Schick⸗ ſal ſegnen, das ſie ſchied und einte. Und wie das Abend⸗ roth mehr und mehr im Weſten verglühte, bis zuletzt nur noch ein leiſer Purpurſtreifen, gleich der Narbe eines aus⸗ geweinten Schmerzes, durch den Himmel glitt, wie die Glocken ſo traumhaft durch die Landſchaft tönten, als woll⸗ ten ſie den Frieden der Natur in das Menſchenherz läuten und auf ihren verhallenden Feierklängen die letzte Mühe des Tages hinübertragen in das unbekannte Land, da glaubten ſich Bürger und Molly von einem großen Leid geneſen, da hatte ihre Sehnſucht die langerſehnte Robin⸗ ſons⸗Inſel endlich gefunden, und ihre Liebe, lange gejagt, wie von dem Falken die Taube, durfte ſich nun mitten im Leben, wie in einem ſtillen Ocean, ihre Hütten bauen. Süß duftete der Schlehdorn, da Molly mit der Hand leiſe über ſeine Blüthenzweige ſtrich, als wollte ſie ſagen: Auch du blühſt wieder. „Mir iſt noch Alles wie ein Traum,“ ſprach ſie;„und von Allem begreif' ich nichts, als die fürchterliche Angſt 2 — 246— und Unruhe, die mich hierhertrieb und, je näher ich Wöl⸗ mershanſen kam, in mir zur ſicheren Gewißheit wurde, daß ein Unglück meiner bei euch warten werde. Ich wollte euch durch meine Ankunft überraſchen und wußte doch, daß mir ſelbſt die ſchmerzlichſte Ueberraſchung bevorſtünde. Es lag mir wie Blei in den Füßen, als ich durch den Garten wandelte und mir Alles ſo verödet entgegentrat. Schon an dem vielen Unkraut auf den Beeten erkannte ich, daß hier lange Dora's Hand unthätig geweſen war, und der Rebſtock unter meinem Schlafzimmer ließ recht wie eine Trauerweide die langen Zweige hängen.“ „Dort unten,“ er deutete dabei auf das Dorf,„bleiben wir nicht,“ ſagte Bürger tiefathmend.„Wenn wir unſere Dora beerdigt haben, müſſen wir fort!“. „Wenn wir unſere Dora beerdigt haben, wie das doch ſo ſchauerlich klingt!“ ſagte ſie nach einer Pauſe und drückte ſich feſter an ihn. Sie zitterte heftig.„Bürger! Bürger! Es liegt etwas in dieſen Worten, das mir die Bruſt wie ein Alp zuſammenſchnürt. Wenn wir Dora beerdigt ha⸗ ben, ol dann wird es ein Grab ſeyn,— ein Grab, das wir täuſchen, ein ſtummes, kaltes Grab!“ „Mein Kind, mein ſüßes Herz! Was haſt Du?“ ver⸗ ſetzte Bürger, der alle ſeine Faſſung nöthig hatte, um ihr die Bewegung ſeines Innern zu verbergen. „Oft hab' ich mich gefragt, was aus uns werden ſollte, was aus Dir und mir werden ſollte, wenn Dora uns ſtürbe!“ ſagte ſie zögernd.„Und da war es immer, immer wie ein Schrecken ohne Ende, was mir die Antwort aus dem Munde nahm. Ihr Leben konnt' ich ertragen, denn ſie hatte ja Augen, zu ſtrafen, hatte ein Herz voll Liebe, der Schuldigen zu vergeben. Gott weiß es, ich mußte ihr manchmal in's Auge ſehen, mußte ihr manchmal an das Nv Herz ſinken, um nur zu wiſſen, daß ich Dich lieben dürfe, ſo wie ich Dich einmal lieben muß, ganz und ungetheilt. Aber nun iſt das anders? Was wird mir das Grab ſagen, das ſtumme, todte Grab, wenn ich zu ihm trete und es frage: Darf ich— darf ich ihn lieben, wie ich ihn ein⸗ mal lieben muß?— Es wird ſtumm bleiben und todt, und keine Blume wird darauf gedeihen, die ich mit meiner Hand pflanzte, kein Strauch, als die Myrthe, mir zum Hohne, weil ich ſie entweihte. Bürger! Bürger! Halte mich, küſſe mich, daß ich nicht vor Scham in die Erde ver⸗ ſinken muß, tiefer als Dora's Grab, tiefer als das Grab Deiner gottverfluchten Lenore!“ Bei dieſer Vorſtellung gerieth ihr ganzes Weſen in eine ſichtbare Erſchütterung und wenig fehlte, ſo hätte auch ihn die Angſt überwältigt. Was ſie eben ausgeſprochen hatte, war ihm ja ſelbſt ſchon lange kein Geheimniß mehr; auch ihm graute ſeit Monaten vor dem Moment, wo mit Dora's Grab die Kluft ſich ſchließen ſollte, die ihn ſeit zehn Jah⸗ ren von der Geliebten trennte, und ſein einziger Troſt war der Gedanke geweſen, daß in Molly's Herzen, glücklicher als das ſeine, dieſe Vorſtellung nicht auffommen werde. Und doch lag ſie ihr ſo nahe, ſo nahe als ihm ſelbſt; doch mußte auch ſie vor der fornaigen Stunde zittern, wo Dora's Leben ihr keinen Schatten mehr machen würde, und ſie ein Glück ohne Schuld beſitzen dürfe, das ſie durch eine Schuld erkauft hatte. Und dieſe Stunde hatte nun geſchlagen, der Himmel hatte von den drei Menſchen, die ſich zehn Jahre lang an dem Räthſel ſeines unerforſchli⸗ chen Rathſchluſſes in Leid und Gram abmühten, Eines zum Opfer gefordert, und gerade das ſchuldloſe, duldende Haupt war es geweſen, das ſich dem unerforſchlichen Rath⸗ ſchluß in Ergebung neigte. Das Brett, welches drei Schiff⸗ — 248— brüchige durch den wilden Orkan tragen ſollte, war zu ſchmal, die Hand der Liebe ließ es los, winkte noch ein⸗ mal den beiden Andern aus den Wogen und ſank unter. Erſt auf dem grünen Eiland, wo ſich Beide gerettet in die Arme ſanken, fehlte ihnen jene Hand der Liebe, den Bund„ ihrer Herzen, ſo theuer erkauft, zu ſegnen. So ſtraft das Glück in ſeinem Lächeln die Schuld, die es in der Trübſal verzeihen mochte; ſo verliert der Schmerz der Sehnſucht ſeine heilige Weihe, und in ihr das muth⸗ voll begeiſterte Auge, mit dem es noch eben in den grollen⸗ den, flammenden Himmel ſchaute, wenn die Stürme end⸗ lich ſchweigen, die Donner verhallen und der erlöſte, ge⸗ rettete Geiſt, ſo muthig in dem Kampf, zagend das goldne Frühroth begrüßt. Sonnenglanz im Auge, Nachttrauer im Herzen— o wer ein Tireſias wäre, hier ein ewiges Räthſel in der Menſchenbruſt zu löſen, ohne dem Auge„ die Sonne, ohne dem Herzen die Trauer zu rauben! Längſt war der dämmernde Purpurſtreifen im Weſten 3 erloſchen, aus dem Walde herüber, dort, wo einſt in bir⸗ kengrüner Einſamkeit zwei Herzen ſich geliebt, von denen das eine vermodert, das andere verſchollen, rauſchte die Nacht nach der Höhe, flüſterte in dem Schlehdorn, der wie mit Geiſterhand weiße Blüthen über Bürger und Molly ſtreute, und noch hatte keines von ihnen den Muth, in das Haus zurückzukehren, in deſſen Garten Unkraut wucherte, an deſſen Wand der Weinſtock wie eine Trauerweide nie⸗. derhing. Aber was die Sonne nicht kann, thut der Mond, ſagt ein altes Sprüchwort, und ob es ihr auch bei dem Anblick„ wie ein Stich durch das Herz fuhr, ſie griff nicht nach dem Herzen, ſie griff nach Bürgers Hand, wo der Ring mA — Strahl des Mondes erglänzte, den Vater Gleim ihm von Dora überbracht hatte. „Das iſt ihr Brautring!“ rief Molly bewegt.„O! Warum ließeſt Du ihr nicht das Letzte, was ſie noch von ihrem guten Recht feſthielt bis in den Tod?“ „Behüte Gott!“ ſagte Bürger, dem ſich mit einmal ein Felſen von der Bruſt wälzte;„behüte mich Gott vor die⸗ ſer allerärgſten Sünde!— Sie hätte den Ring mit in's Grab genommen, wenn ſie nicht ſelbſt, als das Letzte, was ſie von ihrem guten Recht Dir abtreten konnte, ihn Dir freiwillig überlaſſen hätte. Ja, Molly! Du ſollſt ihn fort⸗ an tragen, ein Symbol jener Liebe, mit der ihn Dora trug bis an ihr Lebensende, und mit dieſem theuren Ringe, mein Liebchen, wollen wir denn einen Bund ſchließen, glücklicher als der, den ich einſt in der Gartenlaube von Niedeck mit Deiner Schweſter ſchloß. O komnr, komm', laß mich Dir den Brautkuß geben, zwar um manches Jahr zu ſpät, aber dafür auch mit dem Bewußtſeyn, daß unſere Liebe, erſtarkt und geweiht durch lange, leidvolle Prüfung, ihre Feuerprobe längſt beſtanden hat.“ „Warte noch, mir ſcheint das zu früh,“ verſetzte ſie zö⸗ gernd.„Es iſt etwas in mir, das mir ſagt, die wahre Feuerprobe unſerer Liebe ſey noch nicht beſtanden, es müſſe hier noch Etwas geſchehen,— etwas ganz Außergewöhn⸗ liches, Etwas, was über gewöhnliche Menſchenkräfte geht, um Dora's gekränkten Geiſt mit unſerer Liebe zu verſöh⸗ nen. Aber noch weiß ich's nicht, noch hat das Alles kei⸗ nen Halt in meinem Kopfe, ich muß erſt darüber nach⸗ „denken,— und bis dahin,“ fügte ſie mit zitternder Stimme hinzu,„bis dahin behalte den Ring, Bürger, den Du nicht um zweitenmal übereilt aus den Händen geben darfſt.“ — 250— „Molly, Molly! Welche Gedanken kommen Dir?“ rief er erſchüttert, als er ſie ſo erbangend vor ſich ſtehen ſah, die eine Hand auf dem klopfenden Herzen, die andere an der brennenden Stirne. Ihr ganzes Weſen war in der höchſten; Aufregung und Verwirrung, Angſt und Unent⸗ ſchloſſenheit malten ſich in ihren Zügen, ihre Blicke irrten unſtät durch die Ferne, kurz, er wußte nicht, wie er ſich dies Alles erklären ſollte. Er legte den Arm um ihre Schulter, er zog ſie ſanft an ſich und ſuchte ſie durch die zärtlichſten Betheuerungen ſeiner Liebe aufzurichten und ihr Muth einzuſprechen; aber, obwohl ſie ſich mit der alten Innigkeit an ihn ſchmiegte, obwohl ſie ihm lächlend zu⸗ hörte, es war Etwas in ihr, das ihm widerſtrebte, das er nicht beſiegen konnte, ſo viel er auch in ſie drang, ſich ihm zu entdecken. „Wenn ich es ſelber weiß, dann ſollſt Du es hören,“ verſicherte ſie ihn.„Aber noch iſt es mir ſelbſt eine un⸗ bekannte Gewalt, die mich erfaßt; noch trau' ich nicht dem unerklärlichen Gefühl, das mir alle Sinne durcheinander wirft. O laß mich erſt zur Ruhe kommen, laß mich erſt nur einmal an Dora's Grab gebetet haben, dann ſollſt Du ſehen, daß ich das Rechte wähle und es Dir überlaſſe, darüber zu entſcheiden. Nur jetzt nicht, Bürger, nur jetzt nicht!“ rief ſie und warf ſich unter Küſſen an ſeinen Hals. „Komm, laß uns hinunter gehen zum Vater Gleim. Er wird ſich ſchon um unſretwillen noch ein Stündchen von ſeinem Schlafe abbrechen und uns durch ſeine freundliche Rede aus dieſer Verwirrung heraushelfen.“ Sie nahm ihn an dem Arm und zog ihn mit liebreicher Haſt nach dem Pfade zum Dorf hinunter. Als ſie an dem blühenden Hollunderſtrauch anlangte, der in der Ecke des Friedhofs ſtand, nahm ein Geräuſch hinter dem Buſch 1 „ 3 * „ — 251— ihre Aufmerkſamkeit in Anſpruch. Beide ſahen über die Hecke und erkannten zu ihrem Erſtaunen beim Mondſchein den Buchonkel, der mit Hack und Spaten eifrig beſchäftigt war, unweit des Grabhügels, auf welchem das uns wohl⸗ bekannte Kreuz mit dem Namen„Lenore“ ſtand, ein fri⸗ ſches Grab zu bereiten. Bürger ſchauerte zuſammen; Molly aber ſagte leiſe:„Laß ihn gewähren, Lieber! Das Alter macht Gräber und die Jugend legt ſich hinein; daran find' ich nichts auszuſetzen, als daß der Buchonkel, ſelbſt noch bei dieſem traurigen Geſchäft ſeinen alten Groll nicht vergeſſen mag. Denn ſieh' nur, gerade dicht an dem trauten Plätzchen, wo wir ſo oft glücklich beiſammen ſaßen, will er für ſie die letzte Ruheſtätte bereiten, gewiß nicht ohne die geheime Abſicht, uns in Dora's Grab ein Denk⸗ mal des ewigen Schreckens zu errichten, uns anzudeuten, daß ſie da, wo wir ihren Frieden raubten, den Frieden wieder gefunden habe. Aber es ſoll ihm nicht gelingen und un⸗ ſer Diefſiun wird den des Atten noch zu Schanden machen.“ Bürger konnte die Nacht kein Auge ſchließen und ſtand mehrmals im Begriff, zu Molly hinüber zu gehen und bei ihr Schutz und Troſt gegen die wachſende Unruhe und Beklommenheit ſeines Inneren zu ſuchen. Nur der Ge⸗ danke, daß ſie durch die Reiſe allzu ermüdet ſeyn möchte, hielt ihn davon ab, und ſo öffnete er denn gegen Mitter⸗ nacht das Fenſter, welches nach dem Friedhof hinausging, um ſich in der kühlen Nachtluft die heiße Bruſt zu kühlen. Aber die Luft war ſo ſchwül, und ein Gewitter, das erſte in dieſem Jahre, ſtand wie eine Nacht in der Nacht, in dem Hintergrund der Landſchaft. Und wie es jetzt, noch ohne Blitz und ohne Donner, durch die Wälder rauſchte, gleich der Flucht der Erdenſünden und Nachtgeiſter vor —— — —„. 6 — 252— dem Zorne des ewigen Himmels, da wurde ihm, der ſonſt eben kein Freund von ſolchen gewaltſamen Naturſcenen war und beſonders eine unbeſiegbare Furcht vor Gewit⸗ tern hatte, bald ſo heimlich und traulich zu Muthe in die⸗ ſem Bangen der Natur, in dieſem allmähligen Nahen und Näherkommen einer ewigen Macht über den Wolken, die in finſterer Majeſtät herantrat. Die Beklommenheit ſei⸗ ner Seele verlor ſich, je näher das Ungewitter heranzog, ſchon zuckten Blitze durch die ſchwüle Atmoſphäre, ſchon donnerte es in den Bergen, und noch immer wollte in der Seele des einſamen Wittwers keine Angſt aufkommen. Ruhigen Blickes, feſt den Zorn des Himmels im Auge, ſchaute er in das ſchwarze Gewölk, wo hier ein dunkles Gorgonenhaupt auftauchte, ſeine Schlangen die Blitze, ſein Schrecken der Donner; dort eine weite Pelikans⸗Wunde ſich aufthat, ein anderes Golgatha jenſeits der Wolken, brennend im uralten Schmerze der Welt, und auf Augen⸗ blicke die Erde wie mit dem Blut einer ſterbenden Gott⸗ heit übergießend. Nie hatte Bürger noch ſolch ein majeſtäti⸗ ſches Gewitter geſehen, nie ſo tief und mächtig empfunden, was der Menſch wäre, wenn Gott nicht ſeiner gedächte, und dennoch war das Gefühl kein geängſtigtes, was ihm etzt eine Thräne in die Augen drückte, als er bei einem neuen Blitz die Kirche und den Friedhof auf einen Mo⸗ ment im hellen Glanze vor ſich erblickte, ein Gethſemane, durch das der Engel der Erlöſung in lichter Glorie zu wandeln ſchien. Und noch ſtand dieſe Thräne in ſeinem Auge, als plötz⸗ lich die Thüre aufgeriſſen wurde, Molly, bleich wie das Ent⸗ ſetzen in das Zimmer ſtürzte und ihm mit dem Angſtſchrei: „Bürger! Bürger! Welch' eine Nacht“ um den Hals fiel. Erſt jetzt, als er ſie, die ihr Antlitz zitternd mit beiden Händen bedeckte und es feſt wider ſeine Bruſt drückte, in » — 253— den Armen hielt, erſt jetzt fiel ihm ein, daß ſie von jeher eine lindiſche Furcht vor Gewittern gezeigt und ſie niemals ohne eine wahre Seelenangſt überſtanden hatte. Sie war im Nachtkleid und ihre ganze Erſcheinung zeigte, daß ſie ſich wenig Zeit genommen hatte, um aus dem Bett in ſeine ſchützenden Arme zu eilen. Erſt, als ſie ſich ein wenig erholt und in ſeiner Nähe wieder auf⸗ gelebt war, dachte ſie an die Unordnung ihrer Toilette und ſchnell überlegt, fuhr ſie in Vater Gleim's damaſtenen Schlafrock, der auf einer Stuhllehne hing. Einen ihrer grünen Saffian⸗Pantoffel hatte ſie auf dem Gange ver⸗ loren und Bürger mußte ihn ihr holen. So wenig es ihnen um das Lachen zu thun war, war doch dieſe Metamorphoſe zu komiſch, als daß nicht Beide, der Eine aus ſeiner Ueberraſchung, die Andere aus ihrer Angſt heraus, auflachen mußten, als Molly ſo ehrwürdig auf dem Sopha ſaß, daß Vater Gleim, wenn er jetzt zu⸗ fällig in das Zimmer getreten, gewiß zurückgeprallt wäre und an ſeinen Doppelgänger geglaubt hätte. „Da lacht man auch noch!“ ſprach Molly, als ein neuer Donner, heftiger als alle vorhergehenden, das Haus er⸗ 4 ſchütterte.„Das iſt die wahre Nacht, wie ſie auf einen ſolchen Tag des Unglücks folgen mußte,“ fuhr ſie nach einer Weile ſchwerathmend fort.„O Bürger! Bürger! Was iſt aus der Welt geworden, ſeit Dora nicht mehr in ihr iſt. Siehſt Du, wie ſchnell ſich der Himmel beeilt, uns mit ſeinen Schrecken heimzuſuchen. Hab' ich mein Lebtag ſolch ein Gewitter geſehen!— Ich war eingeſchlafen, mein Kopfkiſſen getränkt von heißen Thränen, der Schlaf hatte mir im Weinen die Augen zugedrückt und noch im Traume weinte ich fort. Ich befand mich wieder in Sachſen bei der kranken Lyiſe in dem kleinen Garten neben dem Hauſe. — 254— Sie war, ſo träumte mir, heute zum Erſtenmal im Freien und erlabte ſich des Roſenduftes und des Anblickes ihrer beiden dicken Buben, die vor uns in dem Kieſe ſpielten. Wir ſaßen in der blühenden Bohnenhütte. Mir aber war ſo unheimlich in dem ſonnigen Garten und alle Blumen und Sträuche kamen mir vor, wie aus buntem Papier und Flittergold gemacht, gerade ſo, als hätte der Buchonkel ſie bis zum Täuſchen ähnlich zuſammengeſetzt und ſo in die Erde geſteckt. Da trateſt Du in den Garten, die Hand vor der Stirne und hatteſt Deine Hochzeitsweſte an. Ich wollte Dir entgegen eilen, aber Luiſe hielt mich am Arme feſt und ſagte lächelnd:„Er iſt es ja nicht.“ Und wirk⸗g lich, wie ich Dich näher anſah, war's ein anderer Mann, und nur die Weſte war die rechte. Er ging auf die Kin⸗ der zu, nahm Eins nach dem Andern in den Arm, und küßte ſie liebreich. Dann kehrte er ſich um und wie er ſo langſam den Weg, den er gekommen, zurückwandelte, ward es hinter ihm dunkel und immer dunkler. Die Kinder aber liefen erſchrocken in das Haus und Luiſe eilte ihnen nach. Ich wollte ihr rufen, wollte ihr nachlaufen, aber Stimme und Füße verſagten mir den Dienſt, ich konnte nicht aus der Laube heraus und die rothen Bohnenblüthen ſperrten Mäuler auf, wie kleine Nattern und züngelten und ziſchten nach mir, als wollten ſie mich ſtechen. Und wie es ſo ganz ſchattenhaft um mich war, öffnete ſich plötzlich die Gartenthüre, und herein traten zwei Frauengeſtalten, die eine dritte, welche blind zu ſeyn ſchien und vom Haupt bis zu den Füßen in einen langen ſchwarzen Schleier ge⸗ hüllt war, der beſtändig an der Buchs⸗Einfaſſung des Weges hängen blieb, an den Händen führten. So wie ſie nä⸗ her kamen, wußte ich, daß es die Lenore war und die Pfarrerstochter von Taubenhain. Die Eine hatte ihr — 255— ſchwarzes Rabenhaar zerrauft, der Baſt hing ihr an den »Händen herab und die braunen, glanzloſen Augen ſahen beſtändig ſtarr auf die verſchleierte Geſtalt. Die Pfar⸗ rerstochter trug ein welkes Kränzlein in den blonden Locken, von welchen Blumen, weiß ich nicht, dazwiſchen ſtack die große Haarnadel, womit ſie ihrem Kind in das Herz ge⸗ ſtochen hatte, und war blutig. Doch erſchien ſie mir lange nicht ſo ſchrecklich, als die Lenore, war auch ſchmächtiger und zarter gebaut, und viel bläſſer als dieſe. Nur Eins machte mir Grauen. Das war ein rother, ſchmaler Strei⸗ fen, der um ihren ſchneeweißen Hals lief und an dem ſie beſtändig mit der linken Hand hin und her fuhr, als ſey es ein rothes Schnürchen, das zu feſt gebunden, ihr den Athem beklommen mache. Langſam nahten ſie der Laube, wo ich, wie gelähmt an allen Gliedern auf der Bank ſaß, und deutlich fühlte, wie durch meine Adern das Blut nur noch langſam rollte. Und als ſie nun dicht vor mir ſtanden, zogen ſie Beide, wie verabredetermaßen zu gleicher Zeit langſam den Schleier von der unbekann⸗ ten Frauengeſtalt, und als er niederfiel, ſah ich——— aber vergiß nur nicht, daß es ein Traum iſt, lieber Bür⸗ ger, was ich Dir da erzähle,“ ſagte ſie bittend, und be⸗ mühte ſich, trotz ihrer inneren Erregung, die Sache als einen Scherz zu erzählen;„denke Dir, ich ſah mich ſelbſt, aber todt, maustodt, bleich wie die Pfarrerstochter, die Augen geſchloſſen, und doch ſtarrte mich's an aus den Augen, wie ein kaltes Marmorbild. In dieſem Augenblick hörte ich donnern, ich ſchrie auf und erwachte dabei ſo ſchnell, daß ich mich noch im Traum ſchreien hörte. Aber ſo ſehr ich auch ſonſt den Donner fürchte, diesmal kam er mir doch willkommen, denn ich glaube, daß ich wirklich in dem Traume noch geſtorben wäre, hätte ich länger in meine — 256— todte Geſpenſter⸗Miene geſchaut. Ach! Es iſt poſſirlich ſchauderhaft geweſen, wie ich ausſah!“ rief ſie lachend, während ein leiſer Schauer bei dieſer Erinnerung ſie durch⸗ fröſtelte. „Das bedeutet ein langes Leben, ſagen die alten Wei⸗ ber im Dorf,“ ſprach Bürger, den die fieberhafte Aufre⸗ gung ihres Weſens beſorgt machte und der ſich darum alle Mühe gab, ihre Seele aus der Beängſtigung herauszu⸗ bringen, in welche der Traum und das Gewitter ſie ver⸗ ſetzt hatten. Da dieſes allmählig an Heftigkeit nachließ, die Donner immer ſeltener und ſchwächer wurden und der Wind, der mit dem Regen kam, die Wolken verjagte, ſo ward es Bürger endlich möglich, Molly's Gemüth zu beruhigen. Sie trat ſogar mit ihm an das Fenſter und mit verſchlun⸗ genen Armen ſchauten Beide Eins an das Andere, wie an ſeinen letzten Stab gelehnt, in den wolkenzerklüfteten Him⸗ mel, an dem nur noch manchmal ein blaſſes Flimmern und Weben ſichtbar wurde, während die empörte Nacht, ſchreckens⸗ müde, allmählig zu dem friedlichen Regiment des ſtillen Mondes zurückkehrte, der jetzt groß und leuchtend hinter der Kirche hervortrat und zu der Erquickung der duften⸗ den Gewitterkühle ſein mildes Licht geſellte. 3 „Ah! das iſt doch wieder Leben in dieſer Welt der Ge⸗ ſpenſter und der Leichen! Das thut wohl nach Alpdrücken und Gewitterſchwüle!“ ſagte Molly, indem ſie ſich zum Fenſter hinaus lehnte und mit tiefen Zügen die friſche, würzige Luft einathmete. Bürger verſetzte nach einer Pauſe:„Mir iſt an Deinem ganzen Traume nichts fatal, als der fremde Menſch, der Luiſens Buben küßte und meine Hochzeitsweſte anhatte.“ „Still davon!“ rief Molly und legte ihm haſtig die — 257— Hand auf den Mund. Und mit zitternder Stimme ſetzte ſie hinzu:„Ich will Dir's nur ſagen, wer's war; er kam oft zu uns nach Niedeck, ein ganzes Vierteljahr hindurch faſt jeden Abend, und ich ging dann gewöhnlich mit ihm und Dora in der Allee ſpazieren. Er war ein Frieſe von Geburt und hielt ſich damals in unſerer Nachbarſchaft auf, wo er bei einem tüchtigen Landwirth die Oekonomie lernte. Sein Name war Franz Wello und jetzt lebt er in Waldeck, wo er ſich ein ſchönes Gut angekauft hat. Dora hätte ihn geheirathet, wenn Du nicht gekommen wäreſt. Wie er aber in Deine Weſte und in meinen Traum hinein kam, begreif' ich nicht.“ „Franz Wello?“ wiederholte Bürger nachdenkend. Dann eilte er, wie von einer plötzlichen Ahnung ergriffen, nach ſeinem Pult, holte einen verſiegelten Brief hervor, den er aufriß und nach ſeiner Unterſchrift ſah. Molly trat ver⸗ wundert zu ihm, ſah gleichfalls in den Brief und ſagte überraſcht:„Ach! das iſt ja Wello's ſchöne Handſchrift! Und da ſteht ja auch wirklich ſein Name.“ Stumm überreichte er ihr den Brief, der an Dora ge⸗ richtet war, von welcher ihn Bürger vor ohngefähr drei Jahren, nachdem ſie ihn wieder verſiegelt hatte, mit der Bitte empfangen, ihn erſt nach ihrem oder Wello's Tode zu leſen. Von ſeinem Inhalt aber iſt nichts weiter bekannt geworden, als was wir ſchon früher andeuteten— Bürger und Molly haben ihn und ſein Geheimniß zu Dora in's Grab gelegt. * In dem Hauſe ſchweigſamer Trauer, wo noch die gel⸗ ben Citronen dufteten, welche an die Leichenträger vertheilt worden waren, gab's aber dennoch an dem ſpäten Nach⸗ mittag von Dora's Begräbnißtag einen Ort, wo es feſt⸗ . 17 4 4 — 258— lich und ſonnig, wie lange nicht, ausſah. Das war Buch⸗ onkel's Stübchen, in das heute zum erſtenmal ſeit vielen Jahren die Abendſonne durch das weſtliche Fenſter leuch⸗ tete, durch daſſelbe Fenſter, welches nach dem Friedhof hinauslief, und, wie wir wiſſen, von Buchonkel in ſeinen „portugieſiſchen“ Stunden mit Packpapier dicht verklebt worden war, ſo daß ſchlechterdings kein Sonnenſtrahl durch⸗ dringen konnte. Heute aber war das Fenſter plötzlich hell und blank, und ſogar noch beide Flügel weit geöffnet, als ſey von dieſer Seite ferner nichts mehr zu beſorgen, als hätte mit Dora's Grabhügel der Friedhof ſeinen unheim⸗ lichen Charakter verloren. Der Buchonkel ſelbſt ſaß im hellgelben reinlichen Kami⸗ ſol an dem Fenſter, ſchaute beſtändig mit lächelndem, ver⸗ klärtem Angeſicht nach dem Kirchhof, und war aller guten Dinge froh. Friedlicher, getröſteter kann es ſeinem elaſſi⸗ ſchen W Vorbild, dem Oedypus auf Kolonos, im dämmern⸗ den Haine der Eumeniden, nicht um's Herz geweſen ſeyn, als ihm an dem Fenſter, von wo er den ſtillen Anger des Todes überblicken konnte, und mit der Abendſonne um die Wette lugte er hinüber nach der traulichen Stätte, wo die Müden ſchlummerten neben den Nichtmüden. Wie in ſeiner Klauſe, ſo war es auch in ſeiner alten Seele hell und freundlich geworden, und die frühere trübe Dämmerung und jaidiüihe Stimmung mußte dem heiteren Sonnenlicht weichen. Alle Dämonen ſeines In neren waren wie ausgetrieben, er nannte wieder Molly ſein liebes Kind und Bürger ſeinen wackeren Amplissimus laureatus, und that ſo vertraut und herzlich mit Beiden, als ſey es ſein Lebtag nicht anders geweſen. Er wußte gar nicht, was er ihnen Alles zu lieb thun ſollte; er war wieder ganz die alte Dienſtfertigkeit und M Leiſtergeſchäftt tig⸗— 4 3 keit ſelber, verſorgte Haus und Dorf mit ſeiner Gut⸗ müthigkeit und ſeinen artigen Schächtelchen, und wollte Jedermann etwas ſchenken. Auch in den häuslichen Ange⸗ legenheiten wußte er bald die durch Dora's langes Siech⸗ thum herbeigeführte Unordnung zu entfernen; er füt⸗ terte die Hühner, bis ſie ſo ſeit wurden, daß ſie keine Eier mehr legten, ſägte den Kühen im Stall die Hörner ab, damit ſie nicht einander die Augen ausſtießen, gätete im Garten Kraut und Unkraut aus, ſtellte überall Mäuſe⸗ fallen, und als er einmal unbeachtet war, ſchleppte er das Sauerkrautfaß aus dem Keller nach dem Boden, und hing ſämmtliches Sauerkraut zum Trocknen auf den dort ausge⸗ ſpannten Waſchleinen auf. Vater Gleim kehrte nach einem vierzehntägigen Aufent⸗ halt nach Göttingen und von da nach Halberſtadt zurück, in der freudigen Gewißheit, daß er ſeinen Bürger am Aufgang eines neuen Lebens zurückgelaſſen habe, noch zu⸗ verſichtlicher, als dieſer ſelbſt, überzeugt, daß das Schickſal nun den Köcher ſeiner herben Pfeile leergeſchoſſen habe und endl ich aufhören müſſe, den vielgeprüften Dichter zu ver⸗ folgen. Es war ein erſchütternder Abſchied geweſen, am Waldesſaum, bis wohin ſie den ehrwürdigen Gaſt beglei⸗ tet hatten. Alle drei weinten laut, Molly zumal war ganz untröſtlich, und hing wie ein Kind, das von dem Vater ſcheiden ſoll, an des Alten Bruſt. Endlich riß ſich dieſer blos, lgte beide Hände in einander und mit den thränen⸗ erſticken Worten:„Seyd Eures Glückes werth, wie Eurer Liebe!“ eilte er ingſeinen Wagen, aus dem er ihnen noch zuwinkts, bis der Wald ihn den weinenden Blicken der Zurückgebliebenen entzog. AAch! Welch' ein Menſch iſt da von uns gegangen!“ ſeufzte Bürger wehmüthig. 4 17* 8. — 260— „Das ſind die Engel, die in unſer Leben treten!“ er⸗ wiederte Molly und trocknete ſich die naſſen Augen.„Sie leiden mit uns, ſie tröſten uns, und wenn ſie von uns ge⸗ ſchieden ſind, fühlen wir erſt, was wir mit ihrer Gegen⸗ wart entbehren. Man dünkt ſich ſo ſicher, ſo wohl aufge⸗ hoben in einem Herzen, welches, wie das unſeres Gleim's, nicht für Einen oder den Anderen, nein, für alle Menſchen in gleicher Liebe und Wärme ſchlägt; man ruht an ihm aus, wie an dem Herzen der Menſchheit und denkt doch bei ſich: Für Dich ſchlägt's am wärmſten. Und daß ich Dir, Dir dieſen Freund danke, mit den Silberlocken und dem jungen Geiſte, das iſt's, was mir ihn doppelt theuer macht, denn einen Freund, empfangen aus der Hand der Liebe, wird für dieſe ſelbſt das heiligſte Band, weil im Freund die ſo vereinigten Seelen eine dritte finden, in deren Beſitz ſie ſich ſelbſt erſt recht beſitzen dürfen.“ „Du ſüße Schwärmerin!“ ſagte Bürger und zog ſie an ſein Herz.„Gut, daß Vater Gleim's Silberlocken mich vor dieſem Freunde ſchützen! Aber nun, mein eigenſinni⸗ ges Mädel, da wir doch von aller Welt, ſelbſt von Vater Gleim verlaſſen ſind— nun wär' es doch wohl an der Zeit, an Dora's letzte Worte zu denken.“ „O Mann meiner Liebe, wie kannſt Du mich ſo quälen!“ ſprach ſie bewegt mit erſchütternder Stimme.„Sagt's Dir denn nicht Dein Herz, was ich die ganze Zeit über leide— nur um meiner Liebe willen leide! Und willſt dennoch dieſen Schmerz nicht gelten laſſen? O das iſt hart, das iſt grauſam!“* „Ich verſtehe Dich nicht!“ erwiederte Bürger betroffen und wurde ſehr ernſt.„In dieſem einen Gefühl verſteh' ich Dich nicht— kann mir's nicht deuten, kann es nicht faſſen, warum Du, gerade Du es biſt, N * folly, die zehn — 261— Jahre lang in Noth und Kampf, unter tauſend Leiden und Kränkungen mein eigen war, mein eigen, wie die Flamme in Flamme, die Welle in der Welle ſich beſitzet, und die nun mit einmal, da der freundliche Port des Friedens ſich uns öffnet, da es nur eines Wortes bedarf, und die Glocken von Niedeck läuten zum Zweitenmal,— ſo ſeltſam mir widerſtrebenmag!— Das iſt unbegreiflich,— wenigſtens, das mußt Du mir zugeben, für Einen, der's nicht begreifen kann,“ ſagte er mit einem bittern Lächlen, während ſeinen Blick Trauer und Unmuth verdüſterten. „Halt!“ rief Molly mit heller Stimme und hob die Hand, wie gebietend, indem ihr Auge ſelig lächlend ihm in das Herz glänzte.„Hätt' ich doch mein Lebtag nicht ge⸗ dacht, daß auch Deine Molly nicht ſicher wäre vor Deinem ironiſchen Mundwinkel,“ ſagte ſie und ſchüttelte das Haupt. „Willſt mir wohl gar ſagen, was ich Dir zehn Jahre durch war und was ich Dir nicht mehr bin? Ei! Ei! Herr Dichter, das ſind ungereimte Liebesklagen, die nicht mit den andern gedruckt werden dürfen. Es iſt wirklich gut, daß Vater Gleim fort iſt,“ fügte ſie mit zitternder Stimme hinzu und zerdrückte haſtig zwei große Thränen. Dieſe Ruhe in dem Kampfe ihres Innern, dieſe Beherr⸗ ſchung ihrer Rührung vor den Augen des Geliebten, ver⸗ liehen ihrem Weſen einen unbeſchreiblichen Reiz, und als ſie jetzt die Hände faltete, ihn eine Weile ſo innig mit dem getrübten Blicke anſchaute und dann, im Siegesjauch⸗ zen in ſeine Arme ſtürzte, da hätte er noch Vieles an ihr unbegreiflich finden können und würde es doch begriffen haben. „Laß ſie nur gewähren,“ ſchrieb ihm Luiſe aus Sach⸗ ſen, der er ſeine Noth mit Molly geklagt hatte.„Ohne daß ſie mir ein Wort mitgetheilt hat, kenne ich doch den — 262— Zuſtand ihres Inneren auf das Beſtimmteſte, und kann es mir recht gut erklären, wie ſie bei ihrer ſchwärmeriſchen Gefühlsweiſe, und nach ſo traurigen und erſchütternden Eindrücken, als die der letzten Zeit, eine ſo ſchnelle Ver⸗ bindung, wie Du ſie wünſcheſt, und wie ſie die ſelige Dora wünſchte, nicht gutheißen mag. Ich ſelbſt, wie ich ſie nach meinem innerſten Gefühl beurtheile, kann Molly um dieſes Eigenſinnes willen, wie Du es nennſt, nicht einmal ver⸗ dammen, und bin ſogar überzeugt, daß eine ſo ſchnelle Ent⸗ ſcheidung Eures Schickſals eher ſchädlich, als glücklich zu nennen wäre. Abgeſehen davon, was die Welt zu einer ſo raſchen Verbindung ſagen würde, iſt mir's eine ſchreck⸗ liche Vorſtellung, daß Dora's Tod ſo plötzlich beſtätigen ſollte, woran während ihrer Lebzeit kein Menſch zweifelte. Ich ſehe es darum als eine heilige Pflicht an, die ihr euch ſelbſt, aber mehr noch, die ihr dem Gedächtniß der edlen Seele ſchuldig ſeyd, wenigſtens ſo lange zu warten, bis man aufgehört hat, euch aus einem Verhältniß ein Ver⸗ brechen zu machen, das, wenn es eins iſt, euch ſelbſt das meiſte Herzeleid bereitet hat.“ So ſchrieb die Schweſter, ein beſonnenes, klares Ge⸗ müth, das freilich mit ſeinen Gefühlen und Anſichten nicht in jene Welt der Ideale paßte, worin Bürger und ſeine Geliebte ſo einheimiſch waren. Auch irrte ſie darum total in der Auffaſſung von Molly's Benehmen, und entſchul⸗ 1 digte es durch Gründe, welche dieſe gewiß am allerletzten würde gelten haben laſſen. Gerade das Reinmenſchliche in Molly's Gefühl überſah ſie eben ſo gut, als Bürger ſelbſt, jenes Gefühl, in dem ein edles Herz erbebt, wenn plötzlich das Glück da iſt, und ein einziger Moment herr⸗ lich und vollſtändig erfüllen ſoll, woran ſich die Sehnſucht dieſes Herzens viele Jabre lang, wie an einem ſeligen 3 * Traume nährte, und darüber vergaß, daß es nur ein Traum war So zaudert der Fuß des müden Wanderers, wenn er endlich, halb verdürſtet der grünen, kühlen Oaſe naht und die Palmen ihm von ferne Ergquickung winken; ſo wankt der Kranke, der vom langen Schmerzenslager ſich erhebt, in der Frühlingsluft, und der Duft der leuchtenden Roſe berauſcht ihn faſt;— ſo iſt es mit Allem, was wir in heiliger Sehnſucht, begeiſterter Inbrunſt erſtreben, was uns voranwandelt gleich einer leuchtenden Feuerſäule, bis wir endlich vor der goldnen Pforte unſeres Himmels ſte⸗ hen und an ſeiner Schwelle uns erſt entſinnen, daß hier der Neid der Götter wohne Zehn Jahre lang war es die hohe und einzige Begeiſte⸗ rung ihres Herzens geweſen, an einem Beſitze feſtzuhalten, den ihr das Schickſal ſtreitig machte; nicht nach dem Blut ihres Herzens zählte ſie die Opfer, womit ſie dieſes uner⸗ bittliche Schickſal zu verſöhnen ſtrebte; jener Enthuſiasmus, wie ihn nur die Liebe des Weibes in dieſer reinen Weihe, in dieſem unwandelbar heiteren Gefühle ſich erhalten kann, ließ ſie das Leben überſehen, wie es ſich ihr feindlich und drohend gegenüber ſtellte, wie es beſtändig neue Leiden, neue Kämpfe erfand, ihren Muth und ihren Glauben wan⸗ ken zu machen; und wenn ſie es zuweilen nicht überſah, wenn ihre Kraft wirklich an dieſem beſtändigen Widerſtand der äußeren Verhältniſſe einmal erlahmte, ihr Geiſt irre ward an ſich ſelbſt und an Gott, und ſie mit Grauen und Schrecken den Muth aus ihrer Seele ſchwinden ſah— was hatte dann nicht ein tröſtendes Wort aus des Freun⸗ des Mund, ein Blick aus ſeinem Auge, für eine herzſtär⸗ kende Zaubergewalt, ja, wie war es nicht ſelten die Muth⸗ loſe, die Gebeugte ſelbſt, die den Muthloſen tröſtete, den Gebeugten aufrichtete und in ſeinem Schmerze ſich ermannte. — 264— Es iſt eben die Geſchichte einer jeden Liebe, welche in der Poeſie ihre erſte Bedingung, ihre letzte Rechtfertigung ſucht; die Geſchichte einer jeden Liebe, welche auf der einen Seite der Tadelſucht und dem moraliſchen Achſelzucken der Men⸗ ſchen, auf der andern dem idealen Bewußtſeyn derer zu gute kömmt, welche dieſer Menſchen Stimme und Urtheil nicht gelten laſſen, und nur ihr Glück als einzigen com⸗. petenten Richter anerkennen wollen. 3 Aber kein Glück in der Schuld! lautet des Himmels ewiger Spruch, womit er den Engel der Strafe ausſchickt, ihn in Schmerz und Reue den Menſchen zu verkündigen, die ſein Paradies verloren haben; kein Glück in der Schuld, es müßte denn eine Schuld geben, die den Muth hätte, ihres Glückes zu entſagen, um das, was an ihm rein und göttlich war, dem Himmel, der es ſo nicht wollte, rein und göttlich zurückzugeben und von jenem Glücke nichts zu behalten, als den Schmerz der Reue, als den Troſt der Entſagung. So hatte Molly den ſchwärmeriſchen Muth, in dem Moment, der dieſes Glück ihr in ſeiner erſten Reinheit zurückführte, der es noch einmal ihr ſchenkte, ohne die traurige Bedingung, ſeinen reinen Beſitz auf Koſten alles deſſen zu erringen, was ihr ſo lange heilig und theuer war, und ſo als ſchnöden Raub an fremdem Gut hinzu⸗ nehmen, was doch ihr Eigenſtes war, ſie hatte den Muth, in dieſem Moment die endliche Verſöhnung ihres Schick⸗ ſals zu erblicken, und daſſelbe Bewußtſeyn, welches ſie durch lange, leidvolle zehen Jahre zu all' dem ſchweren Glücke ſtark und freudig gemacht hatte, es ließ ſie nun eben ſo ſtark und freudig dieſem Glücke entſagen, nicht um ihm den Rücken zu wenden,— nein, um es wie eine hei⸗ lige Schuld an jene Stunde abzuzahlen, wo dieſes Glück ihr zum erſtenmal gelächelt hatte. Mag Schwärmerei, wie — 265— ſie das Unglück eine edle Seele lehrt, im Verein mit dem Gefühle, dieſes Unglück nicht unverſchuldet zu tragen, ihren großen Antheil an dieſem Entſchluß haben, ſo finden wir doch in dieſer harmoniſchen Seele, in dieſer ſo ruhevoll begnügten Natur mehr als eine tiefere Beſtätigung ſeiner Wahrheit und Redlichkeit. Nicht büßen wollte Molly, in⸗ dem ſie ihrem Bürger entſagte, nicht den Schleier neh⸗ men und in's Kloſter gehen, wollte ſie; mit ſich ſelbſt war ſie verſöhnt von dem Augenblick an, wo ſie liebte; und nur ihrem Schickſale gegenüber, vielleicht auch den Schmerzen, die ſie ſich und Andern bereitet, wollte ſie durch eine freudige Entſagung beweiſen, daß ein Herz, welches den Muth hat, um ſeiner Liebe willen mit der Welt in den Kampf zu treten, auch den Muth habe, um derſelben Liebe willen, mit der Welt Frieden zu ſchließen. Ja, ſo innig und hochheilig hielt ſie noch immer, und mehr noch, indem ſie mit ſichrem Fuße zu dem Altare wandelte, wo ſie dem Himmel, den ſie ſich ſchon verſöhnt wußte, ihre Liebe opfern wollte, ſo innig und hochheilig hielt ſie noch immer dieſe Liebe feſt, daß ihr eine jede an⸗ dere Ausgleichung als die beſchloſſene, unmotivirt und all⸗ täglich erſchienen wäre. Sie war überzeugt, daß nach ſolcher Liebe und ſolchem Glück den Geiſt nichts Ge⸗ wöhnliches befriedigt; daß er, welcher ſo liebte und ſo litt, ſich ſelbſt, ſeiner Liebe und ſeinen Leiden den Stab brechen würde, wenn er ſeines Muthes, ſeiner Freiheit ſich begäbe, um das in Ruhe zu beſitzen,„was nun einmal nicht für die Ruhe taugt.“ „Flog ich zur Sonne, ſo will ich auch in der Sonne ſterben,“ ſagte ſie ſich, und beſchloß, Bürger zu ſchreiben. — — 266— Allein wie es oft zu geben pflegt, wenn wir mit einem großen Entſchluſſe fertig ſind, ſo geſchah es auch hier. Ihr Entſchluß ſtand feſt, wie ſie glaubte, unabänderlich feſt, aber von Tag zu Tag zauderte ſie dennoch, ihn Bür⸗ ger zu entdecken, und zuletzt kam ihr dieſer mit der uner⸗* warteten Nachricht in die Quere, daß er ſeine Entlaſſung aus dem Edelmannsdienſt bei der adligen Familie nachge⸗ ſucht und ſie am heutigen Morgen wirklich erhalten hätte. Dieſes Ereigniß vereitelte ihren ganzen Plan; denn: „Ich rechne dabei nur auf mich, wie ich durch Dich be⸗ ſtehe,“ ſagte Bürger.„Mit meiner Molly im Bunde, wird es mir überall beſſer, als in dieſem Hungerdorf glücken, ihr und mir ein ſorgloſes Daſeyn zu bereiten. Und was haben wir hier zu verlieren, was wir nicht überall eben ſo gut und viel beſſer noch wiederfinden werden? Das elende Amt, welches mich an Leibes⸗ und Seelenver⸗ 4 mögen zu Grund zu richten droht, iſt doch wahrlich nicht der Rede werth, und das bischen Armuth, welches es ab⸗ wirft, läßt ſich anderswo viel leichter erwerben. Nein! Nein! Der Menſch ſoll kein Hund ſeyn, ſo lange noch ein Gottesfunke in ihm! Wir laſſen dem gnädigen Herrn ſeine abgenagten Knochen, mit denen er uns recht im wahren Sinne zu Tode fütterte, und ziehen im künftigen Monat hinüber nach Göttingen auf den Katheder. Da ſind für's Erſte Briefe von den dortigen edlen Gönnern und Freun⸗ den, einer herzſtärkender wie der andere,“ ſagte er, indem er ſich an Molly's Ueberraſchung weidete, welche mit zit⸗ ternder Haſt die Briefe durchflog, die er ihr auf den Tiſch legte. 4 Heyne ſchrieb:„Ich gebe Ihnen die aufrichtige Ver⸗ ſicherung, daß ich Sie freundſchaftlich und nach allem mei⸗ nem geringen Vermögen in Ihrem Vorhaben mit Rath und — 267. That unterſtützen werde. Ihr Vorhaben ſelbſt und den Plan deſſelben kann ich nicht anders, als vollkommen bil⸗ ligen. Auf der andern Seite freue ich mich, inen Mann zu den Wiſſenſchaften zurückkehren zu ſehen, der eigentlich für dieſelben beſtimmt war. Ich zweifle gar nicht, wenn Sie einmal dieſe Laufbahn wieder betreten, ſo werden Sie gar bald Anderen voreilen u. ſ. w.“ Käſtner ſchrieb:„Ich wünſche von Herzen, daß Ihre Unternehmung Ihnen ſehr vortheilhaft ſeyn möge. Brau⸗ chen Sie meinen Rath, ſo werde ich mir ein Vergnügen daraus machen, Ihnen meine Dienſtfertigkeit zu zeigen. Ich bin bis zu Ende des Juni Decanus. An der Ge⸗ währung Ihres Verlangens, dächte ich, wäre nicht zu zweifeln.“ 3 Lichtenberg meldete:„Kommen Sie ja bald herein, lie⸗ ber Freund. Ich habe allerlei zu reden. Zu meinem Col⸗ legia haben ſich 112 Zuhörer aufgeſchrieben und an acht⸗ zig Louisd'or habe ich eingenommen. Ich ſage dies, um Appetit zu machen. Mit Ihnen wird's wahrlich noch beſ⸗ ſer gehen, denn Sie ſind ein geſunder Mann und können leicht drei Stunden des Tages leſen. Machen Sie nur, daß Sie bald herkommen. Sie machen gewiß Ihr Glück, ſobald Sie nur dieſen Zweck recht in's Auge faſſen, und mit unverwandtem Blicke immer gerade darauf zugehen, ſollten auch, wie in der herrlichen Erzählung in„Tau⸗ ſend und eine Nacht“, tauſend Stimmen hinter Ihnen drein belfern.“ „Wie haſt Du mir aber nur das Alles verheimlichen können!“ ſagte ſie beklommen, nachdem ſie die Briefe der drei berühmten Profeſſoren durchleſen hatte.„Was ſie Dir da ſchreiben, hätt' ich Dir ja Alles viel ſchöner und troſtreicher ſagen können.“ — 268— „Ich ſage Dir's ja noch immer früh genug,“ erwiederte Bürger;„denn nun die Würfel gefallen und ich meines elenden Amtes quitt und ledig bin, beginnt erſt Deine lieb⸗ reiche Thätigkeit, und ich erwarte und erflehe von Dir als die erſte Bedingung meiner glücklichen Zukunft, daß Du mir jetzt Dora's Ring abnimmſt.“ „Est-ce là tout?“ rief Molly und ſtürzte an ſeinen Hals. „Ja, nun gib ihn mir, Bürger, n un gib ihn mir gleich, eh' mir das Herz bricht vor lauter Seligkeit!— Ach! Du weißt nicht, Lieber, was ich ſeither gelitten habe, und wie ich unglück⸗ lich war, weil ich mich berufen glaubte, Dein und mein Schickſal nach Willkür zu lenken. Ich war thöricht genug, mir einzubilden, daß es in meiner Macht ſtünde, Dir zu entſagen, auf ewig zu entſagen. Ja, denke Dir nur, ich wollte heroiſch ſeyn, wollte wie Abraham mein Liebſtes und Einziges dem Himmel opfern, um Deinem und mei⸗ nem Herzen die ſchwerſte Reue zu erſparen, ein großes unendliches Glück zum gewöhnlichen Lebensbedarf herab⸗ ſinken zu ſehen. Wie wir es angefangen hatten, ſo ſollt' es auch ausgehen, ein ſchöner Stern, der im Abendroth aufging und im Morgenroth unterſank; es mochte ein Torſo bleiben, ein unvollendet Gedicht, und ſein Schluß ſollte einem anderen Leben vorbehalten ſeyn. Ich träumte mir's ſo ſchön, ſo rührend, dieſes Entſagen, dieſe Heiligung un⸗ ſerer Liebe, aus ſeinem lichten Himmel ſollte Dora's ver⸗ ſöhnter Geiſt zweien Menſchen lächlen, die ihrem Grabe kein höheres Glück danken wollten, als das geweſen, wel⸗ ches ſie ihnen im Leben zugeſtanden— ſiehſt Du, Bürger, ſo ſchwärmte ich und befürchtete kaum, daß Du mir mei⸗ nen Entſchluß vernichten würdeſt.“ Stumm und ſtaunend hatte er ihr bis dahin zugehört; aber länger konnte er's nicht ertragen, ſich ſo, wenn auch 1 — 269— nur im Gedanken, von Molly aufgegeben zu ſehen, und mit bebender Stimme ſagte er: „Nenn' ihn mir nicht heroiſch, dieſen Entſchluß. Ich er⸗ blicke darin nichts weiter, als die Verirrung eines ſchönen Gefühles, das ſich vor ſeiner eignen Sonnenhelle flüchtet, und ſich, wie der Magier Perſiens, eine Binde vor das Auge legt, wenn er zum Urquell des ewigen Lichtes beten will. Und dieſer Egoismus, Molly! dieſer grauſame Egois⸗ mus! Als wenn Du das Recht hätteſt, Dir aus meinem Lebensglück eine Märtyrerkrone zu flechten! Als wenn ich Deinen theuren Beſitz von Dir zum bloßen Lehen trüge, das du mir kündigen könnteſt, wie jeden andern Pakt! Nein, Kind, das war zu hoch gezielt, dieſer Pfeil, der mir das Herz durchbohrt hätte, er mußte, weit vom Ziele ab, in's Blaue fliegen.“ „Grolle nur fort!“ ſagte Molle gerührt.„Ich hab's ſchon verdient, daß Du mich tüchtig ausſchmälſt. Wie ich's nun anſehe, komm' ich mir vor, wie die Unnatur ſel⸗ ber!— Denn während ich im halben Rauſche des Fana⸗ tismus meine Liebe gottſelig ſpreche, während ich immer mehr Boden unter mir verliere und zuletzt nur noch in einem Taumel fortwanke, haſt Du das Leben im Auge, das ſchöne, beglückende Leben im ſicheren Beſitze, ſchreiteſt ruhig voran und handelſt mit Verſtand und Beſonnenheit. Ja, Du haſt Recht! Es war zu viel Sonnenhelle über mich gekommen, zu viel Glück, als daß es mich nicht wie ein Schwindel hätte faſſen ſollen. Wer mag denn aber auch zehn Jahre lang einen Stern im Auge haben und ruhig zuſehen, wie er uns plötzlich in die Bruſt ſinkt! Wer mag zehn Jahre lang mit Sturm und Wogen rin⸗ gen, und nicht die Augen wie zum ewigen Schlummer ſchließen, wenn uns endlich eine rettende Welle 1n grüne, glückſelige Inſel trägt!“ Und ihr Auge feſt in dem ſeinen, zog ſie ihm leiſe den Ring ſeiner erſten Gattin von dem Finger, betrachtete ihn eine Weile und ſteckte ihn dann ruhig an ihre rechte Hand „als Symbol und Erbtheil“.— 3 Zitternd an ihn geſchmiegt, flüſterte ſie:„Nun ſchreib' aber auch dem Pfarrer in Niedeck. Haben wir den einen Willen Dora's erfüllt, ſo dürfen wir auch mit dem andern nicht ſäumen.“ Er zog ſie an ſein Herz und in langem, innigem Kuß, als ſey es der erſte und ſolle der letzte ſeyn, hing ſie an ſei⸗ nem Munde, und der Buchonkel, der eben mit einem gro⸗ ßen Butterbrod in die Stube trat, als er ſah, daß Alles gut war, ſprach im wunderlichen Gegenſtz zu ſeinem Gefühle, die Worte der ſchönen Roxane aus Hahn's unvollendet 1 gebliebener Tragödie:„Perſepolis“: „Schwer rächt und furchtbar das Geſchick den Frevel, Den einmal ſchon die Götter uns vergaben.“ M Die Briefe Käſtner's, Heyne's und Lichtenberg's hatten keineswegs zu viel verſprochen, und als Bürger, der nun öfters nach Göttingen kam, die Univerſitätsverhältniſſe im⸗ mer genauer kennen lernte, glaubte er bald nicht anders, als daß ſie ſeinem Plane über alles Erwarten günſtig ſeyn würden. Je näher er dem Ziele ſeiner Erlöſung rückte, deſto friſcher und grüner ſchlugen ſeine Kräfte und ſein Muth aus der noch geſunden Wurzel des bisher von oben verwüſteten Baumes. Er war bald feſt entſchloſſen, ſich dem akademiſchen Leben und insbeſondere dem Studium der Geſchichte, Philoſophie und Aeſthetik zu widmen. Zwar gab es auch Freunde, welche von dem Schritte 4— und bis zum letzten Moment der E —— 271— abriethen und meinten, Göttingen ſey keineswegs der Ort, wo ein Dichter gedeihen könne. Die Zeiten des Hainbun⸗ des lagen Manchem, der dort in Amt und Anſehen ſtand, 9 hem,) noch ſchwer in den Gliedern; aber die angeborene Elaſti⸗ cität von Bürger's Geiſt war ſchon mit der Ausſicht auf eine Veränderung ſeiner Lage hergeſtellt, immer lebendiger erwachte ſein Muth, immer mächtiger trieb ihn ſein Ehrgeiz, er lächelte jenen wohlgemeinten Warnungen und im Bewußt⸗ ſeyn der ihm von Gott verliehenen Kräfte, begann er ſeine häuslichen Anſtalten zum Ueberzug nach Göttingenzu treffen. Wir haben im vorigen Abſchnitt geſehen, wie Molly in dem Augenblick, der ihr die Gewißheit gab, daß Bürger, hätte er's auch gewollt, nicht mehr zurück konnte, und daß nur ein muthiges Vorſchreiten auf der einmal betretenen Bahn allein zum Ziel und Heil führen könne, wie ſie in dieſem Augenblick jeden Gedanken an eine Trennung ver⸗ warf und nun als freundliche und heilige Beſtimmung er⸗ kannte, was ſie noch eben mit allem ſchwärmeriſchen Ge⸗ fühl ihrer Seele aufgeben wollte, da ſie nur in einer voll⸗ ſtändigen Reſignation auf ſeinen Beſitz die alleinige Ret tung und Rechtfertigung ihrer Liebe erblickte. Aber ſo tef ſie auch von dieſem ethiſchen Gefühle durchdrungen war, ſo unmittelbar ihrem Gemüth dieſer Gedanke kam, eben ſo leicht gab ſie ihn wieder auf, als Bürger ſie durch dieſe unerwartete Wendung der Dinge aus ihrer idealen Welt zurückrief und ſie dadurch überzeugte, daß die Miſſion ihres Herzens noch dich zu Ende, daß er noch auf ihre liebreiche Thätigkeit zählen mußte. Wir wollen in allem dem wahr⸗ lich keinen Widerſpruch, keine Inconſequenz ihrer Gefühle entdecken. Eine Liebe, die während eines Zeitraums von zehn Jahren allen Wolken und Stürmen des Lebens lächelte Entſcheidung dieſen idea⸗ — 272—. 3 len, madonnenhaften Charakter ſich bewahrte, eine ſolch Liebe darf allerdings heroiſch genannt werden, und wenn Bürger recht hatte, ſie des Egoismus zu beſchuldigen, ſo 4 war es ſicher nur jener edle Egoismus eines Herzens, das die keuſche Veſtaflamme ſeiner Liebe ſchirmen will bis zu ſeinem letzten Schlag; jener edle Egoismus, der uns ſo weich und innig aus den frommen Legenden der Religioſen in die Seele klingt, wie die Glocke, wenn ſie das mit Gott und ſeinem Glück verſoͤhnte Herz zur Hora ruft. Schon war Dora's Grab ein einziger Blumenflor und unter den Vorbereitungen zur Abreiſe, die ſich dem anfäng⸗ lichen Plane Bürger's zuwider bis in die Mitte des Octo⸗ bers verzogen hatte, war endlich der Tag gekommen, an welchem eines frühen Morgens Bürger auf ſeinem brau⸗ nen Pferdchen, das er heute zum letztenmal reiten ſollte, denn es war bereits, als ein zu koſtbares Vergnügen für einen unbeſoldeten Magiſter der Philoſophie an einen Pach⸗ ter verkauft worden, und hatte ſogar die Promotions⸗ Koſten müſſen decken helfen, durch den Wald ritt, deſſelben Weges, auf dem am Abend vorher Molly in der Chaiſe des Niedecker Amtmanns mit Karl, der für's Erſte dort bleiben ſollte, ihm vorausgefahren war. Mehr Träumen als Sinnen im Herzen, ritt er ſo da⸗- hin eines Weges, der ihn ſchon einmal in den Hafen des Glückes hatte führen ſollen. Wie damals der Abend, ſo war es jetzt der Morgen, welcher ſonnig den Wald durch⸗ funkelte, hier einen Buſch in Feuer hüllte, dort als einzi⸗ ger Strahl durch die Buchwipfel glänzte und mit dem Liede der Goldamſel an Helle wetteiferte. Aber wie es ihn auch, je weiter er in den Wald hinein kam, in r lebendiger an ſeine erſte Brautfahrt gemahnte, wie ſie auch wieder in ihm auflebte, dieſelbe Empfindung der Ruhe —— — 273— der Sehnſucht, der Gewißheit in der Erwartung, des Mu⸗ thes in dem Bangen, doch dünkte ihm heute das Alles bedeutungsvoller, denn der Wald mit ſeinem Rauſchen legte ihm ja in das Geheimniß der Zukunft die Räthſel der Vergangenheit, rauſchte prophetiſch aus dieſer herüber in die Tage der Zukunft, und zwiſchen Geheimniß hier und Räthſel dort pochte das Dichterherz unter der wohlerhal⸗ tenen Bräutigamsweſte, mit der geſtickten Frühlingsidylle auf den langen Schößen. Zwar die Weſte war aus der Mode gekommen; man trug jetzt Weſten en paille mit Goldſchlitzen und ſilber⸗ nen Treſſen, knapp um die Bruſt gelegt und oft bis an den Hals zugeknöpft. Aber was auch Molly gegen die alte Atlasweſte einwenden mochte, Bürger beſtand darauf, fie anzuziehen,„denn erſt jetzt ſoll ſie erfüllen, was Du damals ſagteſt,“ hatte er ihr geantwortet;„ob Du's wirk⸗ lich hinein gezaubert haſt, daß kein Herzleid hindurch kann, alle Pfeile des Schickſals von ihr abprallen, alle Sorgen des Lebens ſich an ihr brechen, wie die Woge am grünen Blumenſtrand.“ „Guten Morgen, Herr Amtmann!“ ſagte eine wohlbe⸗ kannte Stimme, und aus ſeinen Träumen aufſchauend, ſah er den alten Schullehrer aus Wölmershauſen in ſeinem beſten Sonntagskleid am Wege ſtehen, der jetzt, nachdem unſer Reiter das Pferd angehalten hatte, näher trat und ihm die Hand reichte. „'s iſt ein ſchöner Morgen, Herr Amtmann, für Einen, der noch etwas in der Welt zu ſuchen hat,“ ſagte der Alte und ſtreichelte des Braunen Hals.„Nun gehen Sie auch fort aus der Gegend, und wer weiß, wie's nun wird mit den armen Leuten. Der neue Amtmann ſoll ein gar bar⸗ ſcher, ſtrenger Herr ſeyn, grauſam bis zum Blutſchinden, 1s — 274— und auf die Sporteln erpicht, wie der Jud' auf den Zins. Da haben mich denn die Dorfleute, weil ſie ſich's nicht ſelbſt getrauen vor dem gnädigen Herrn, an den Weg ge⸗ ſtellt, daß ich Ihnen, Herr Amtmann, auflauern und Ih⸗ nen in ihrem Namen ſagen ſolle, wie weh' es Allen thut, daß Sie von uns gehen und ſelbſt nichts aus dem armen Dienſt mitnehmen, als Herzleid und Kränkung. Na! Herr Amtmann!“ fügte er hinzu, als er die Thränen bemerkte, welche über Bürger's Wangen rollten,„heut' dürfen Sie nicht weinen, heut' iſt Ihr zweiter Ehrentag, und daß Sie den Segen der armen Leute mitnehmen, iſt auch ein Troſt! Schön'n Gruß an Mamſell Molly!“ ſagte der Alte mit thränenerſtickter Stimme, ſchüttelte noch ein⸗ mal zum herzlichen Lebewohl Bürger's Hand und eilte, ſich die Augen wiſchend, ſchnell in den Wald. Bürger's weiches Herz war für ſolche Auftritte nicht geſchaffen. Er weinte wie ein Kind und konnte lange nicht der Rührung Meiſter werden, welche dieſe ſo unerwar⸗ tete Scene ihm bereitet hatte. Er ſchämte ſich faſt dieſes ſchlichtten Beweiſes von der Anhänglichkeit ſeiner armen Bauern wie einer großen unverdienten Ehre, und die Scheu und Furchtſamkeit, womit ſie ihm ihren Segen gleichſam verſtohlen hinter dem Rücken des gnädigen Herrn in die Taſche ſchoben, war ihm mehr werth, als wenn ſie ihm mit Glocken und Böllern das Geleit gegeben hätten. Endlich hatte er den Wald hinter ſich und gelangte, nachdem er einen Hohlweg durchritten, in die freie Land⸗ ſchaft. —— „O Camoens! Camoens! 2 rief er gerührt aus, da in dieſem Augenblick die Glocken von Niedeck durch Songen⸗ glanz und Lerchenjubel herübertönten;„das muß Dein Ent⸗ zücken geweſen ſeyn, als Du nach langer Verbannung — 275— Liſſabon wieder ſaheſt, und den Hain und das Haus, wo Du einſt in den Tagen der Jugend Katharinen von Attayde iebteſt! Und liegt's nicht auch hinter mir wie eine lange, 4 endlos lange Verbannung? Nehm' ich mehr daraus mit, als die alte eine Liebe, die alte eine Sehnſucht? Hab' nicht auch ich Jahrelang auf ödem Felſen geſeſſen, abge⸗ ſchieden von Welt und Menſchen, trauernd wie Jener auf Macaos Felſen? Darum flink, mein Brauner, flint! Trag' mich zum Hafen hinüber, und frage nicht lange nach die⸗ ſes Lebens wunderlichem Doppelſinn! Am Ende iſt es ja doch nur die alte Mähr von dem ausgeweinten Schmerz und dem jungen Glücke; von dem Frühling, der todt und dem Frühling, der lebt!“— Mit dieſen. Worten gab er dem Pferde die Sporen, und raſch, als wollt' es aus dem todten Frühling in Je⸗ nen, der lebte hinüber fliegen, ging es dahin in ſcharfem Trab, den er erſt mäßigte, als er an dem Pachthof an⸗ langte, welcher nur noch wenige Minuten von Niedeck ent⸗ fernt lag. Er wollte, obwohl mit ſeinem Bewohner be⸗ kannt, vorüberreiten, als das Fenſter des unteren Stockes aufgeriſſen wurde und ein Mann in Hemdärmeln:„Bür⸗ ger! Herzlieber Bürger!“ hinausrief. Hinter dieſem ſtand ein Anderer, der jubelte und grüßte in einem fort, und an der Meerſchaumpfeife, mit der er ihn beſtändig näher winkte, erkannte er endlich Voß und ſeinen Boie. Das war eine Ueberraſchung! Er ſprang vom Pferde, welches, als wüßt' es den Weg zum Hafer noch beſſer als den zum Hafen, den Zaum auf dem Sattelknopf, in ge⸗ ſtrecktem Galopp die Allee hinauf nach Niedeck fortſprengte. Und nun gab's ein Wiederſehen, wie ſich's nicht glück⸗ licher hätte treffen können.„Ach! Du Schelm!“ ſagte Boie gerkhute Schon vor zehn Jahren ſah ich Dir's, an 18 — 276— daß Du heute dieſen Weg kommen würdeſt; da bin ich mit meinem Schwager Voß und ſeiner Frau auf einer Reiſe nach Kaſſel heute hier angelangt und wir legten uns in den Hinterhalt, um Dich aufzufangen und uns bei Dei⸗ nem Hochzeitsſchmaus zu Gaſte zu bitten.“ Voß,„der wackere eutiniſche Leue“, wie ihn A. W. v. Schle⸗ gel ſcherzhaft nannte, mit den großen Freudethränen in den redlichen Augen, warf ſich jubelnd an ſeinen Hals und rief überglücklich:„O je, Bürger! Was ſind Sie für ein ſtattlicher Mann geworden! Ich dachte mir Sie verküm⸗ mert und verkommen in dem elenden Leben, und Sie grü⸗ nen und blühen ja, wie die Geſundheit ſelber! Sieh nur, Boie, klagte er nicht beſtändig über theure Zeiten und nimmt doch ein ganz ſtattliches Bäuchlein mit aus dem Edelmannsdienſt! Erneſtine! Erneſtine! So komm doch;“ rief er in das Haus hinein, und wirklich trat alsbald eine junge, ſchlanke Dame in hellblauem Kleide aus der Thüre, die unter herzlichem Willkommen auf den Dichter zueilte und ihm die Hand drückte. „Küſſe ihn, Erneſtine! Es iſt Bürger, unſer Balladen⸗ könig!“ rief Voß und ſchob ſie dem Freunde zu. „Das würde ſeine Molly mir nicht vergeben,“ meinte ſie lachend; aber Bürger verſicherte, daß er ſich das zu ver⸗ antworten getrauen wolle, nahm die anmuthige Frau in die Arme und herzte ſie tüchtig ab. „Ach! Sie müſſen ein guter Freund von meinem Mann ſeyn,“ ſagte ſie mit einem ſchalkhaft traurigen Blick auf+ Voß.„Der iſt ſonſt die Eiferſucht ſelber, und ich wollte faſt wetten, daß er mir acht Tage lang dieſen Kuß nach⸗ tragen wird.“ „Da wäre wieder einmal ein wacker Stück von unſrem ſeligen Hainbund beiſammen!“ rief Boie.„Aber nun auch — dem Gaule ohne Dusn wacker unſzaziehen.. — 277— fort nach Niedeck! Was wird Molly denken, wenn der Gaul ohne den Bräutigam anlangt!“— Er eilte in das Haus, holte ſeinen Rock, und die kleine glückliche Geſell⸗ ſchaft wanderte unter heiteren Geſprächen dem Dorfe zu. Voß war der Erſte, welcher nach einer Weile ein in Weiß gekleidetes Frauenzimmer mit fliegenden Haaren und ge⸗ rungenen Händen durch die Allee ihnen entgegen eilen ſah. „Ach! meine arme Molly!“ rief Bürger erſchrocken und lief ihr entgegen. „Gott! O Gott! Was iſt geſchehen?“ jammerte dieſe und warf ſich ihm krampfhaft um den Hals.„Eben kommt Dein Pferd in den Hof gelaufen, das halbe Dorf hinter ihm d'rein und Alles ruft Deinen Namen!“ Bürger ſuchte die vor Schrecken Halbentſeelte zu beru⸗ higen, und erzählte ihr den Vorgang. Sie aber zitterte an allen Gliedern, und die Angſt hatte ihr ganzes Weſen ſo heftig ergriffen, daß ſie ſich lange nicht über das Grund⸗ loſe derſelben beruhigen wollte. Andere Hochzeitsgäſte, und unter ihnen auch der befreun⸗ dete Amtmann von Niedeck, eilten jetzt voll Sorge, ein Unglück ahnelld, der Geſellſchaft entgegen, und Alle dank⸗ ten Gott, als ſie Bürger wohlbehalten erblickten. Unter Jubel zog man in das Dorf ein, deſſen Einwohnerſchaft durch das ungewöhnliche Ereigniß in Bewegung gerathen war. In dem Amthauſe angelangt, wo die zurückgebliebe⸗ nen Gäſte in banger Erwartung einer Nachricht entgegen⸗ ſahen, gab's neue Freude, und man wünſchte ſich Glück, daß dieſer Tag, welcher der Freude geweiht ſeyn ſollte, ſich nicht in einen Trauertag verwandelt hatte. Man⸗ ſcherzte über die voreilige Beſorgniß, und die alten Herren konnten es nicht unterlaſſen, Molly zu necken und ſie mit Bürger mußte einen Augenblick die Einſamkeit ſuchen, um aus dieſer Verwirrung ſeines Gemütbes berauszukom⸗ men. Der Gedanke an das Unglück, welches, wenn auch nur als blinder Lärm, dieſen ſo entſcheidenden Tag ange⸗ kündigt hatte, beunruhigte ihn, je mehr die übrige Geſell⸗ ſchaft bemüht war, daraus manche heitere Nutzanwendung für die frohe Zukunft des Brautpaares zu entnehmen. Freilich war es nur ein Wetterleuchten geweſen, kein ver⸗ nichtender Donnerſchlag, aber wie jenes oft in ſchwüler Sommernacht dem wirklichen Gewitter vorausgeht, ſo äng⸗ ſtigte es auch ihn und erſchien ihm faſt in ſeiner Täuſchung eben ſo unbeilvoll, als wenn es ſich wirklich erfüllt hätte. Erſt in der Gartenlaube, unter den Roſen der alten Erinnerung, fand er ſich allmählig wieder ruhiger, und wie aus dunklen Wolken trat ihm der ſchöne Tag wieder in ſeiner hellen Verheißung, in ſeixer himmliſchen Erfül⸗ v lung vor die Seele. Bald war die letzte bange Abnung überwunden, und ein gewiſſer heiterer Fatalismus ließ ihn ſogar in dem eben erlebten Schrecken einen Wink des Him⸗ mels erblicken, daß er ihn von nun an vor Schmerz und Unheil bewahren wolle. Und wie dieſer Schrecken ſich als Täuſchung errriefen, 4 als eine Wolke ohne Donner, ſo erſchienen ihm nun auch in dieſer Stunde alle die Schmerzen und Kämpfe, welche ſie von jener Stunde trennten, wo er ſich ſchon einnal von den dunklen Ahnungen ſeines Herzens in dieſe Laube geflüchtet hatte, als Bilder der Täuſchung, als Wolken, 1 vor denen er ohne Noth gebebt hatte, und über der aus⸗ geglühten Lava dieſer Schmerzen grünte und blühte ſch ner als zuvor, der alte Frühling wieder auf. Er hatte in dieſem langen leidvollen Kampfe ſich ein Bewußtſeyn der Kraft errungen, eine Freudigkeit des 3 Wches eine Rr 82 4 — — 279— der Seele, ohne welches Alles er das Glück dieſes Tages kaum ertragen zu können glaubte. Das iſt der Lohn des Siegers, unter ſeines Sieges Pal⸗ men ruhen und das Feld überſchauen, wo er ſo lang in heißem Kampf um ihren Schatten ſtritt; das iſt die Wohl⸗ that des Schmerzes, der ſich ſelber ſeine Wunden heilt und ſein Weh in Narben begräbt. Und ſo tritt der Geiſt des edlen Menſchen, um Vieles reicher, um Vieles geſtärkter, aus der Nacht der Leiden hervor, in ſich den Engel, der ihm den Kelch des Schmerzes reichte, denſelben Kelch, aus dem er den Tod trank und die Erlöſung. Dann wird der Schmerz zur Weihe, die des Sehers Auge klärt und in das verſöhnte Gemüth, wie ein andrer Seher niederſchaut. Solcher Träume voll, merkte er nicht, wie Jemand nahte, draußen durch die Hecke ihn eine Weile beobachtete und dann leiſe, ſchwebenden Fußes in die Laube trat. „Da ſind wir nun wieder,“ ſagte Molly, und auf⸗ ſchauend war ihm zu Sinne, als überglänze ihre Erſchei⸗ nung ein Strahl der Gottheit,— ſo entzückend ſchön, wie neugeboren in dem Leben ihrer eignen Schönheit, ſtand ſie vor ihm. Das Gefühl ihres Glückes verlieh ihrem Weſen einen Reiz, den er ſo in dieſen ſchwärmeriſchen dunklen Augen, in dieſem Roſenhauch ihrer Wangen noch nicht ge⸗ ſehen hatte. 38 „Ja, da ſind wir nun wieder, mein Kind!“ rief der entzückte Bräutigam, und zog ſie neben ſich auf die Bank. „Ruhe hier, ruhe! Hier iſt Ziel und Ausgang,— hier dürfen wir ruhen!— Weißt Du's noch, Molly, wann wir zum letztenmal hier beiſammen waren? Und wie Du mir da ſagteſt, then?“— Siehſt Du nun, wie man ſich irren kann!“ Sie erwiederte:„Damc wußt' ich aber auch nicht, wie ein Dichter lieben kann ich datte ganz falſche Begriffe von euch Herren mit der Leyer, und meinte immer, ihr liebtet nur, weil ihr's für eure Poeſie nöthig hättet, weil ihr ſonſt keine Lieder ſchreiben könntet. Nun aber weiß ich das Alles viel beſſer, nun weiß ich, warum ich nie einen Mann würde geliebt haben, der nicht die Poeſie nö⸗ thig hat, um ſo zu lieben, wie ich geliebt ſeyn will. So viel ſich auch die Menſchen anſtellen mögen, es zu ändern, es gibt ja doch nur eine Wahrheit im Leben, und das iſt der Geiſt, der liebebeſeligte Geiſt, der den Gottesfunken der Menſchheit in ſich trägt. Aber es iſt auch eine Liebe geweſen, Bürger!“ ſagte ſie mit tieferer Stimme und blickte ihm feſt in die Augen.„Als ich heute Morgen die Sonne in meinem Zimmer ſah, in demſelbe mer, wo ich ſo viele Jahre mit Dora geſchlafen hatte, da war's mir, als ſey es wieder der Morgen, an welchem ich einſt ihr Bett leer erblickte und wußte, daß ſie fort war, fort mit Dir, der mich ohne Abſchied zurückgelaſſen hatte. Ich fuhr mit dem Kopf unter die Decke und mußte mich wirklich beſin⸗ nen, ob es heute ſey, oder vor zehn Jahren.“ „Arme, arme Molly!“ ſeufzte er aus tiefer Bruſt.„Was haſt Du um meinetwillen erdulden müſſen! Wie hab' ich Dein junges Leben ſo lange in Noth und Trübſal nieder⸗ gehalten! Wie hätteſt Du ſo glücklch, ſo zufrieden werden können, wenn——“ „Ja, wenn Du mich damals in den Ziehbrunnen hätteſt, fallen laſſen, ſtatt mich am Kleid feſtzuhalten und mich zu duzen,“ fiel ſie ihm haſtig in's Wort. „Und iſt Dir's denn vielleicht beſſer ergangen, armer, Du würdeſt nie einen Dichter heira⸗ * — 281— armer Bürger?“ ſagte ſie dann, indem ſie ſeinen betrüb⸗ ten Ton annahm.„Ach! Ich dächte, wir hätten einander, was das betrifft, nichts vorzuwerfen. Ich kann Dir nicht beſchreiben, welches Gefühl es mir iſt, heute, an dieſem Tage, zu wiſſen, daß wir Beide gelitten haben, was nur Menſchen immer leiden können. Ja ich glaube beſtimmt, es mußte ſo kommen; in Leid und Freud', in Trübſal und Wonne mußten wir's erfahren, wie ſchwer ein ſolcher Tag ſich vom Himmel erkaufen läßt! Ach! ſo was Patriarcha⸗ liſches liegt in dieſem Gefühl, ſich ſagen zu können, daß man durch Jahr' und Tag', in allen Stunden nichts that, litt und duldete, was nicht nach dieſem einen Ziel hin⸗ ſtrebte, was nicht nothwendige Bedingung war, ohne welche es nimmer erreicht und errungen werden konnte. So be⸗ tracht' ich alle dieſe Leiden nur als die einzig mögliche Rettung, als den glücklichen Ariadnefaden, der uns endlich aus dieſem Labyrinth herausführte, bis zu dem Punkte, wo er angeknüpft war. Und das iſt hier— an dieſer Stelle, in dieſer Laube, und jetzt erſt mein' ich's zu erken⸗ nen, warum Dora wollte, daß wir uns in Niedeck trauen laſſen ſollten.“— „Aber der Myrthenkranz, Molly,— ich ſeh' ihn nicht in Deinem Haar?“ fragte Bürger.„Hat nicht das Fräu⸗ lein von U. unſere edle Gönnerin und die einzige Seele im Wölmershäuſer Herrnhaus, von der wir Gutes erfuh⸗ ren, hat ſie ſich's nicht ausbedungen, daß Du ihn tragen müßteſt?“ „Wenn Du's willſt, dann in Gottesnamen!“ verſetzte ſie.„Aber kein anderer Menſch in der Welt, ſelbſt unſre großmüthige Freundin nicht, könnte mich beſtimmen, einen Brautkranz in mein Haar zu ſtecken.“ „So laſſen wir ihn weg,“ ſagte er lächelnd. Sie drückte erfreut einen innigen Kuß auf ſeine Lippen unnd ſprach:„Führ' mich zum Altar, ſo wie ich hier bin— nicht anders. Was kümmert es uns, wenn's auch die Leute auffallend finden, daß mir jener grüne Zweig fehlt. Seit⸗ dem ich einmal als kleines Kind ein Dorfmädchen im Sarge liegen ſah, mit dem Myrthenkranz in den Locken, graut mir vor dieſer Sitte, die das Grab mit dem Altar gemein haben ſoll.“ „So zieh' den Harniſch an, wie Du damals ſagteſt,“ verſetzte Bürger mit Laune. „Dazu iſt es auch zu ſpät,“ erwiederte ſie errötbend und ſchmiegte ſich ſchüchtern an ihn.„Mit Dir kämpf ich nicht mehr und ſpreche höchſtens mit Leonidas: Komum und hole ſie!“ „Sonne! Sonne! ſteh' ſtill!“ rief Bürger begeiſtert, als in dieſem Augenblicke die Glocke ertönte, dieſelbe Glocke, die ihn ſchon einmal zur Kirche gerufen hatte. Er ſtürzte erſchüttert vor Molly nieder, nieder zog es ihn, wie die Allmacht ſeines Schickſals, und unter dem fried⸗ lichen Geläute der Glocke, die ſo lange in ſeinem Leben als grauenvolles Echo jener Stunde nachgehallt hatte, wo Molly ſich von ihm riß, betete er heute das heiße Dank⸗ gebet ſeiner Erlöſung, ſein Altar ibre Kniek, ſein Himmel ihre Augen und ſein Gott in dieſem Himmel ihrer Augen die Liebe. Und wieder ſtanden über Beider Häuptern die Sterne ihres Lebens, ein Stern, einzig und unzertrenſiche und wie von dorther: „Wo das Auge des Betrübten Seine Thränen ausgeweint, Und Geliebte mit Geliebten Ewig das Geſchick vereint.“ — — 283— fiel der Glockenklang in ihre Bruſt und läutete darin wie⸗ der in allen Tönen des Entzückens und der ⸗Seügkeit. „Komm, mein Geliebter, komm'!“ rief Molly.„Die Glocken läuten uns den Himmel offen, retten wir uns in ſeine Seligkeit hinein, eh' uns das Herz bricht!“ Sie zog ihn von der Erde empor aus der Laube, und wie trunken wandelte er an ihrem Arme dem Hauſe zu. An der Thüre empfing ſie Boie, recht wie ein behäbiger Brautführer, einen großen Hochzeitsſtrauß im Knopfloch, und neben ihm ſtand die freundliche Erneſtine Voß; Beide nahmen das Brautpaar an der Hand, den Bräutigam die Schweſter, der Bruder die Braut. Am Thore harrten ſie, bis die übrigen Gäſte ſich ihnen angeſchloſſen hatten. Dann ſetzte ſich der bochzeitliche Zug durch die verſammelte Volks⸗ menge nach der Kirche in Bewegung. Es war derſelbe ſchöne, feierliche Choral:„Du o ſchö⸗ nes Weltgebäude,“ womit auch heute, auf Bürger's aus⸗ drücklichen Wunſch, der Schullehrer des Ortes das Braut⸗ paar begrüßte; aber an dem Altare, wo einſt der greiſe, ehrwürdige Prieſter ihn mit Dora getraut hatte, erſchien jetzt ein junger Pfarrer, und auch die Kerzen waren ver⸗ ſchwunden. „Dort ſtand ich,“ flüſterte Molly, im Vorſchreiten und blickte nach dem Pfeiler, der die Emporbühne ſtützte. Bür⸗ ger nickte ihr bedeutſam zu, und ſie traten vor den Geiſt⸗ lichen. Dieſer, als ein ausgezeichneter Kanzelredner in der ganzen Umgegend berühmt, hielt einen herrlichen Vortrag, recht aus dem Feuer der unmittelbaren Eingebung und Begeiſterung beraus. Alles lauſchte bewegt ſeinen Wor⸗ ten, worauf er den Aet der Trauung in der üblichen Weiſe vollzog und mit dem Kirchengebet ſchloß. Molly ſank mit dem Amen an Bürger's Herz und ſtammelte: 284— „Nun iſts gut!“ Er hielt ſie lange mit Innigkeit um⸗ ſchloſſen, bis der Prieſter nahte und ihm die Hand drückte. Dann folgte eine allgemeine herzliche Beglückwünſchung und die beiden Neuvermählten wanderten von einer Bruſt an die andere. An dem Altare, der ſie eben mit ihrem Bürger auf ewig verbunden, empfing Molly mit Wort und Mund von Erneſtinen die Verſicherung unwandelba⸗ rer Freundſchaft, und Beide ſchloſſen an dieſer heiligen Stätte einen Bund, den nur der Tod trennen ſollte. „Ah! Das iſt wieder die Welt!“ ſagte Molly tiefath⸗ mend, als ſie an Bürger's Arm aus der Kirchenthüre trat, ihr Auge leuchtend, jetzt wie in milder Rührung der Andacht, jetzt wie in der Verklärung des Triumphes. Es war ſchon ſpät am Abend und die Nacht ſo dunkel, daß man keine Hand vor den Augen ſehen konnte, als die ſchwerfällige Landkutſche, wo hinein der Niedecker Amt⸗ mann das junge Ehepaar unter Segenswünſchen, Hochzeits⸗ kuchen und Braten ſicher emballirt hatte, an einem Gar⸗ tenhauſe vor dem Gronerthor in Göttingen ſtille hielt, und Bürger aus dem Schlag heraus den Hausbeſitzer, einen ehrlichen Seiler ſeines Handwerks, welcher eben ein Fen⸗ ſter im unteren Stocke geöffnet hatte, um ein Licht anſprach. „Ach! Sind Sie es, Herr Magiſter?“ rief der Mann, verwundert über die ſo ſpäte Ankunft.„Und iſt Ihre Frau Liebſte auch da?““ Er kam mit einer Laterne heraus, öffnete den Schlag und half Bürger aus dem Wagen, worauf ſich auch Molly unter einer Laſt von Schachteln und Gepäck aller Art la⸗ chend hervor und in's Freie arbeitete. — 285— „Da ſind wir, Meiſter, mit Sack und Pack, und wollen nun in Frieden beiſammen unter einem Dache wohnen,“ ſagte ſie freundlich, und beſah ſich in der Dunkelheit das kleine, beſcheidene Häuschen, deſſen oberen Stock Bürger gemiethet hatte. Es lag einige Dutzend Schritte von der Straße entfernt, halb unter großen Bäumen verſteckt, und vor ihm befand ſich der Hausgarten. Der Seiler ſagte treuherzig:„'s iſt freilich ein bischen eng beiſammen, Frau Magiſterin; aber man behilft ſich eben, und eine freundlichere Wohnung finden Sie in der ganzen Stadt nicht. Mit dem früheſten haben Sie hier Außen die Sonne und behalten ſie bis zum Abend. O! 's iſt prächtig hell, und wer einmal hier wohnt, der zieht ſo leicht nicht wieder in die rauchige Stadt.“ Drauf führte Bürger, während der Seiler dem Kutſcher die Koffer und das übrige Gepäck in das Haus ſchaffen half, ſeine junge Gattin die ſchmale Treppe hinauf,„in die Hütte, die ihm ihre Liebe zum Palaſt machen ſollte.“ „Grüß Dich Gott, Molly!“ ſagte er dann, als ſie Hut, Shawl und Mantel abgelegt hatte und ſich das trauliche Stübchen betrachtete: „Hier wohnſt Du,“ ſagte er, und die Thüre zu ſeinem anſtoßenden Arbeitszimmer öffnend,„hier ich.“ „Lieber Bürger, das iſt wirklich recht eng beiſammen!“ rief ſie lachend.„Da müſſen wir guten Frieden halten, wenn wir Platz haben wollen. Denn wahrhaftig— aus dem Wege können wir uns hier nicht weit gehen! Aber wohnlich iſt's— wohnlich, wie ich noch kein ander Logis geſehen habe. Ich bin erſt ein paar Minuten darin, und ſchon mein' ich Jahr und Tag hier gelebt zu haben. Was gilt's, in dieſem Wandſchrank kann man eine halbe Haus⸗ haltung unterbringen!“ — 286— Sie eilte mit dem Licht in der Hand auf den Wand⸗ ſchrank zu, öffnete die mit einer Tapete überzogene Thüre, um hinein zu ſehen, trat aber ſchnell wieder zurück, indem ſie die Thüre mit Heftigkeit zuwarf. „Nun, der Wandſchrank iſt doch geräumig?“ ſagte Bür⸗ ger unbefangen, und faßte die tief Erröthende unter dem Kinn.„Siehſt Du, Neugierde, ſo geht's, wenn man den Leuten in die Wandſchränke guckt.“ „Da faͤngſt Du gleich an zu hofmeiſtern,“ erwiederte ſie über und über roth, und drückte ihr glühendes Antlitz wi⸗ der ſeine Wangen. „Nun zeig' mir aber auch die Küche,“ flüſterte ſie und zog ihn aus der Stube auf den Gang.„Ich muß heute Abend noch die ganze Einrichtung kennen lernen, damit ich morgen beim Einräumen nicht kange zu ſuchen habe.“ Er mußte über dieſen Einfall lachen, ſchloß ihr jedoch bereitwillig die Küche auf, die Speiſekammer daneben, und fragte ſie dann in vollem Ernſt, ob ſie auch noch den Bo⸗ den und den Keller und die Waſchküche heute in Augen⸗ ſchein nehmen wolle?“ 3 „Ach ja, die Waſchküche! Wo iſt die?“ rief ſie, nahm ihm haſtig das Licht aus der Hand, lief damit an das Küchenfenſter, welches ſie öffnete, um in den Hof hinunter zu leuchten. Da kam ein Zugwind und löſchte ihr das Licht aus, eh' ſie noch wußte, wo die Waſchküche war.—— 3 “ — Wenn's nicht der Buchfink war auf dem alten Apfel⸗ baum vor dem Hauſe, ſo war's ſicherlich das wilde Roth⸗ kehlchen auf dem Scheuerdach, welches in der Frühe des anderen Morgens den Kutſcher des Niedecker Amtmanns beim Anſpannen der beiden Nappen vor die ſchwerfällige 7 1 ¹ 1 ——— —— —— —— — — Landkutſche, luſtig accompagnirte. Nachdem Joſt Alles in Ordnung hatte, die Stränge noch einmal geprüft, den Ha⸗ ferſack in den Wagen geſchoben, war er eben im Begriff, auf den Bock zu ſteigen, als er noch einmal zufällig hin⸗ auf nach der Wohnung des jungen Paares ſchaute, das er geſtern Abend von Niedeck herein geführt hatte. Der Alte traute kaum ſeinen Augen, als er die Frau Magiſterin im Morgenkleide am geöffneten Fenſter erblickte mit von der Arbeit und der Morgenluft gerötheten Wangen, wie ſie ſchon emſig beſchäftigt war, die Fenſterſcheiben blank zu putzen, als gält' es Gott weiß, welchen Tag der Herr⸗ lichkeit. „Na! Das fängt früh an zu wirthſchaften,“ ſagte er ſich und ſchaute, an ſeinen Rappen gelehnt, vergnügt nach der jungen munteren Frau hinauf, die jetzt den Aer⸗ mel des Gewandes, der ſie an der Arbeit hinderte, in die Höhe geſchoben hatte, und ſcheuerte und putzte, bis die Fenſter ſo blank and glänzend waren, wie der weiße runde Arm, der ſich dieſer ungewohnten Arbeit unterzog. Dann ſtellte ſie mehre blühende Nelkenſtöcke auf das Brett vor das Fenſter, und hierbei geſchah es, daß ſie des Mannes änſichtig wurde. „Guten Morgen, Joſt,“ grüßte ſie freundlich hinunter, und er:„Guten Morgen, Mamſell Molly— nir für un⸗ gut, Frau Magiſterin!“ eben ſo freundlich hinauf.„Na! Das muß ich ſagen,“ fuhr er dann ſchmunzelnd fort;„der Herr Amtmann hat ſich da eine ganz neue Sorte von Weibchen heimgeführt, wie ſie nicht alle Tage in Sachſen und Hannover wachſen. Aber mit dem Fenſterputzen hätt's wahrlich heut' Morgen noch ein Biſſel Zeit gehabt und der Herr Liebſte würd' es heute gewiß nicht ſo genau mit der Propertät genommen haben.“ — 288— Molly wurde roth, drückte eine Nelke unter die Naſe und drohte ihm lachend mit dem Finger, indem ſie ſagte: „Er war immer ein Schalk, Joſt, und ließ Niemanden un⸗ geneckt. Aber wenn ich wieder nach Niedeck komme, ſoll Er eine Antwort kriegen, von der Er ſich zur Zeit nichts träumen läßt. Ihr wißt's von Alters her, daß mit mir h h nicht gut Kirſchen eſſen iſt. Und bis dahin Adien, Joſt; grüßt mir die Niedecker vielmals und haltet Eure Rappen hübſch im Zaum, daß ſie nicht mit Euch durchgehen.“ Noch einmal nickte ſie ihm freundlich mit dem Kopf und ſchloß ſchnell das Fenſter. „Wenn das keine Ehe wie im Himmel gibt, ſo hat ſie nicht Schuld daran,“ murmelte der Alte, indem er auf den Bock ſtieg und langſam zum Garten hinausfuhr. „So, nun heißt's Muth, Molly!“ ſagte ſie ſich, als ſie hinter den Blumenſtöcken dem Wagen nachſah, der jetzt raſch von den munteren Rappen gezogen, auf der Land⸗ ſtraße dahinrollte.„Ja, Muth, o Gott, Muth gib mir, daß ich ihn erfüllen, daß ich beſtehen kann vor dem ſeligen Traum meiner Jugend, einmal an einem Tage Bür⸗ ger's Gattin zu ſeyn, und für ihn zu ſorgen und zu ſchaf⸗ fen, was in meinen Kräften ſteht. Frühling, Frühling meiner Liebe! Verlaß mich nicht im heißen, mühevollen Sommer, wo die Aehre langſam reift, nicht im Herbſte, wo das Korn des Fleißes und des Schweißes gemeſſen, und nicht im rauhen Winter, wo das Brod theuer und die Armuth noch einmal ſo arm wird— Frübling meiner Liebe, o verlaß mich an keinem Tage, wo es eine Sorge gibt für den Andern!“ — 289— So war denn endlich der edle Dulder Odyſſeus in ſei⸗ nem Ithaka angelangt, und die freundliche Herbſtſonne, welche am erſten Morgen des Göttinger Aufenthaltes durch die niederen blanken Fenſter in das trauliche Dichterſtüb⸗ chen fiel, ſah darin einen Mann, der in köſtliche Knaſter⸗ wolken gehüllt, aller glücklichen Hoffnung voll, und zu allem guten Werk wie neugeboren, Pläne für die Zukunft machte: wie hier ein Nagel eingeſchlagen, dort ein griechiſcher Tra⸗ giker überſetzt, hier Molly's Arbeitstiſchchen dicht neben ſeinen Schreibtiſch zu ſtehen kommen, dort junge reiche Engländer in Koſt und Logis genommen, hier ein Aſtloch im Fußboden ausgefüllt werden, dort altengliſche Balladen, mit Benutzung der Göttinger Bibliothek an's Tageslicht gezogen, manchen blanken Honorar⸗Gulden in die Wirth⸗ ſchaft liefern ſollten. Die ganze Elaſticität ſeines thätigen Geiſtes erwachte wieder, er konnte nicht müde werden, in die weiteſte Zukunft hinein zu bauen; da gab's ja, nun man dem Leben muthvoll zu Leibe gerückt, tauſend Aus⸗ ſichten und Hülfsquellen, an die früher kein Menſch ge⸗ dacht hatte, am allerwenigſten der vom Gram entmuthigte, von tauſendfachem Herzleid niedergebeugte Dichtergeiſt. Und ſo von dem Muthe ſeiner Liebe gehoben, ſo von der Ge⸗ wißheit ſeiner Erlöſung beſeelt, fühlte er ſich wie verjüngt in dem neuen Leben, er hatte die verlorenen em enfe i⸗ ner Jugend wieder gewonnen, hatte die freudige Ger iß⸗ heit, daß der Boden, auf dem er wandelte, die Luft, die er einathmete, ihn nicht ſinken, ihn nicht verkommen laſſen werde; er war ja hier am Heerde der Wiſſenſchaft und Intelligenz, auf einer Univerſität, wo mit jedem Semeſter eine friſche, kräftige Jugend zum Erſatz in die lichtgewor⸗ denen Reihen der Zurückgebliebenen einrückte, wo der Um⸗ gang mit ſo manchem edlen, gebildeten Manne fördernd . 149 — 290— und anregend auf Geiſt und Gemüth einwirken konnte,— und auch war's ja ſeiner Molly freundliches Werk, daß die Sonne ihm ſo hell und glücklich durch die blanken Scheiben in das Herz ſchien, aus dem Herzen in die Zu⸗ kunft, aus dieſer in das Herz zurück. In freudigſter Rührung hörte ſie ihm zu, wie er aus dem Neichthum ſeiner Phantaſie die glänzendſten Träume für zukünf⸗ tige Tage ſchuf, und wie Alles, was er thun und gewinnen wollte, als müſſ' es ſo ſeyn, von ihr ausging, zu ihr zurück⸗ kehrte, als verſteh' es ſich von ſelbſt, daß ſie bei all' dem mit Hand an's Werk lege und jede Unmöglichkeit, jedes un⸗ überwindliche Hinderniß mit einem Lächeln leichtlichſt beſeitige. Da klopfte es an der Thüre. „Gib Acht, ein Student, der mein Colleg über Aeſthe⸗ tik belegen will,“ ſagte er lächelnd und rief ein kurzes, herriſches:„Herein“, ſo ohngefähr, wie er es von Käſtner und anderen Profeſſoren gehört hatte. Und ſtatt Eines rückten ſchon drei Muſenſöhne in das Zimmer, entſchuldigten mit vieler Beſcheidenheit ihren frü⸗ hen Beſuch, Einer, ein artiger Oſtpreuße, erzählte Bürger ganz aufrichtig, daß er ſchon ſeit acht Tagen jeden Mor⸗ gen vor das Gronerthor gehe, um zu ſehen, ob der ge⸗ feierte Dichter noch nicht angelangt ſey, und alle drei drückten ihm zuletzt ihren lebhaften Wunſch aus, daß er ſie zu ſeinen Zuhörern in den Vorleſungen über Aeſthetik und Literaturgeſchichte zählen möge. Bürger, der ſchon für dieſe Fälle gerüſtet war, nöthigte die Studenten zum Niederſitzen, antwortete mit aufgehobenem Zeigefinger, gab manchen ſchätzbaren freundlichen Wink, den ſie, die Hände auf den Knieen, ehrerbietig aufnahmen und begleitete ſie zuletzt, nachdem er ihre Namen auf einen Bogen Papier gekritzelt hatte, bis an die Treppe. 8 „ — — 291— „O Du Seneca!“ rief Molly lachend, als er zurück⸗ kehrte und klingelte munter mit den neun Dukaten, welche die Studenten auf den Tiſch gelegt hatten, in den hohlen Händen. Es kamen ſchon an dieſem erſten Morgen noch mehre Studenten, und als Bürger gegen Mittag im wohlgeſetzten akademiſchen Schritt in die Stadt wandelte, um einige Beſuche abzuſtatten, hatte er bereits die Namen von eilf Zuhörern auf dem Papierbogen und dreiunddreißig Duka⸗ ten Colleggeld in der Kaſſe. Das Gerücht von ſeiner Ankunft und das Gerücht von Molly's Ankunft, liefen bald neben einander her durch die ganze Stadt, und man beeilte ſich von verſchiedenen Sei⸗ ten, dem intereſſanten Ehepaar alle mögliche Aufmerkſam⸗ keit zu erzeigen. Die wenigen gebildeten Kreiſe Göttin⸗ gens, in welchen damals noch einiger Sinn für Poeſie und ſchöne Literatur herrſchte, und in denen die nüchterne Wiſ⸗ ſenſchaft und jene herzloſe Verſtandesphiloſophie auf der einen, jene triviale Moralſucht, die den Göttinger Gelehr⸗ ten noch bis auf dieſe Stunde häufig erkennen laſſen, auf der anderen Seite, das Intereſſe am Schönen nicht völlig erſtickt hatten, öffneten ſich bald dem Dichter und ſeiner Gattin, und mehr noch als die Seinige, war es Molly's reizende, herzgewinnende Erſcheinung, der Adel ihres We⸗ ſens, was ihr in jenen Kreiſen die unbedingteſte Huldi⸗ gung erwarb. Daß auch die Neugierde, eine Frau kennen zu lernen, in deren leidvolle Liebesgeſchichte gute und böſe Zungen ſo manche romantiſche Epiſode einzuflechten ge⸗ wußt hatten, ihr gutes Stück Antheil an dieſer Zuvorkom⸗ menheit haben mochte, läßt ſich wohl vermuthen, eben ſo, wie wir zur Ehre der Göttinger Moralität damaliger Zeit berichten müſſen, daß in mancher Geſellſchaft niemals ſo 198 ———V—V—xx?j;— — 292— viel dünner Thee in die bitterſte Galle geſchüttet wurde, als in jenen Tagen, wo Bürger und ſeine Molly mora⸗ liſche Spißruthen laufen mußten. Da war die Fran Pro⸗ feſſorin Z., und die Frau Syndikus W., da war die Frau Geheimeräthin K. und ihr thränentriefender Mops, knurrſeligen Angedenkens, ferner die drei wohlbeleibten Stiftsfräuleins von rs, und ihr ſuperbes„Domdechant⸗ chen“, der Herr von H— g. mit dem Kandiszucker im Mund, welche insgeſammt Himmel und Hölle aufboten, einen Seandal zu verhüten, und die leichtfertige Schön⸗ geiſterei nicht in ihrer geweihten Nähe aufkommen zu laſſen. „Die Ehe ſoll unter allen Umſtänden heilig ſeyn,“ ſagte die Frau Geheimeräthin K. und die Frau Profeſſorin 3. ſchluchzte:„Ach Gott! Wohin würde es mit der Welt kommen, wenn ſo was, dem Himmel ſey Dank, nicht zu den ſeltenen Ausnahmen gehörte!“ „Sagen Sie, zu den ſeltenen Verirrungen des menſch⸗ lichen Herzens!“ ergänzte die Frau Syndikus W., und die drei Stiftsfräuleins blickten mit leiſem Erröthen auf ihr Orakelchen, das Domdechantchen, dieſes aber nahm bedäch⸗ tig den Kandis aus dem Mund und ſagte mit zwirndün⸗ nem Tremulo:„Ja, meine Gnädigen, ſolche Geſchichten gehören in das Kapitel des Unerhörten, und ich fände es ganz in der Ordnung, wenn die öffentliche Meinung eine ſolche Aufführung mit ihrem wahren Namen: Verbrechen bezeichnete. Wär' ich Mitglied des Cardinal⸗Collegs, ich würde den Antrag ſtellen, die Poemata dieſes Magiſters als ein Satanswerk durch Henkershand auf dem Kapitol den Flammen übergeben zu laſſen. Nur das verbrannte Gehirn eines Freigeiſtes kann ſo teufliſchen Unſinn, wie die Lenore“, , den„wilden Jäger“, die„Pfarrerstochter von Taubenhain“, in das Publiko bringen. Ach! Und dieſes Publikum, dieſes blö⸗ — 293— ſinnige Publikum iſt entzückt, enchantirt von ſolchem Raffin⸗ nement; die Töchter leſen den„Raub der Europa“, die„Frau Schnips“, die„Nachtfeier der Venus“, leſen die abſcheulich⸗ ſten Lieder, die ſchlüpfrigſten Sonette, als ſeyen's elaſſiſche Meiſterwerke; die Studioſi brüllen in allen Wirthshäuſern „Herr Bacchus iſt ein Ehrenmann“, ja, es gibt ſogar ge⸗ wiſſe Ehefrauen aus den höhern Ständen, welche die Ge⸗ dichte an Molly in der Kirche leſen, denken Sie ſich, meine Gnädigen, während der Predigt!— O! Es iſt ganz un⸗ glaublich, welches Unheil ein einziger Mriüſih, 2 der nicht einmal ein Examen mit Ehren beſtehen konnte, durch ſeine Freigeiſterei auf Erden anrichten kann, und unſere ſonſt ſo hochweiſe Regierung in Hannover wird es noch früh ge⸗ nug erfahren, welchen Gewinn die Georgia Auguſta an dieſem ſauberen Hainbunds⸗Früchtchen erhalten hat.“ Nichts deſto weniger war der Hörſaal bei der erſten Vorleſung Bürger's bis zum Erſticken mit Zuhörern an⸗ gefüllt und ein dreimaliges begeiſtertes Lebehoch empfing ihn, als er zum erſtenmal den Katheder beſtieg. Die Neu⸗ heit ſeines Vortrags, die eigenthümliche poetiſche Auffaſ⸗ ſung der Wiſſenſchaft, welche ſo ganz von der ſeitherigen dürren und trockenen Methodik des Katheder⸗Schlendrians abwich, zumeiſt aber ſein Ruf und das Intereſſe, das man an des berühmten Dichters Perſon nahm, machten ſeine Collegia's längere Zeit zu den beſuchteſten des Curſus, und ſelbſt durchreiſende Fremde, Gelehrte, Künſtler, Dichter, mitunter auch Perſonen von hohem Range, ſaßen vor ſei⸗ nem Katheder und betrachteten ſich den Mann in der Nähe, deſſen Genius bereits zu ſo großer Anerfeunun bei der Nation gelangt war. Freilich fehlten ihm die glänzenden — 294— 4 Eigenſchaften des Vortrags. Unſcheinbar trat ſeine Ge⸗ ſtalt auf; die für ſeinen übrigen Körper faſt zu großen und markirten Züge des Geſichtes, die Kühnheit in ſeiner Stirn und Naſe, die ſchönen Augen voll Empfindung und Fantaſie, die zum Himmel gerichtete Haltung des Kopfes* hätten jedoch ſowohl das Anſpruchloſe ſeiner Figur, als auch den Kummer ſeines bleichen Geſichtes, den das Glück der Gegenwart nicht verwiſchen konnte, bald in Vergeſſen⸗ — beit gebracht, wäre nur der Strom ſeiner Rede raſcher und kühner gefloſſen. Abrr ſo leicht und brillant er ſich auch im traulichen Freundeskreiſe ausſprach, wenn er der un⸗ mittelbaren Eingebung ſeines Genius folgte, wenn er einen bedeutſamen Gegenſtand mit Begeiſterung auffaßte, oder eine große Idee ihn anregte und das Dichterfeuer in im emporglühte, ſo ſehr er dann Meiſter der Sprache und Rhetorik war, auf dem Katheder war ſein Vortrag keines⸗ 2* wegs bedeutſam;*) er ſprach langſam, oft matt; und wenn auch ſeine Gewohnheit, mitunter lange Pauſen zu machen, und erſt während der Rede zu verſuchen, ob ein Gedanke ihm ſelbſt ganz klar werden wolle, dem gebildeten Zuhörer intereſſant ſeyn mochte, ſo verloren doch die Gewöhnlichen, die größere Menge darüber die Geduld, und ſeine Worte fanden bei ihnen keinen Nachhall. Aber auch die alltäg⸗ lichſten Köpfe fühlten einen Hauch ſeiner Begeiſterung, wenn er auserleſene poetiſche Stellen recitirte, mit ſeiner klangvollen Stimme, die beſonders für lyriſche Declama- tion, unterſtützt von ſeiner genauen Kenntniß des Vers⸗ 3 baus, jede Art des Wohllauts in ſich vereinigte. So machte er denn allmählig die Wahrnehmung, die ihm uübrigens keine weitere Beſorgniß verurſachte, daß ſeine **) Siehe G. A. Bürger's Leben von H. Döring. — 295— Vorleſungen, wie die der meiſten übrigen Profeſſoren, nur noch von Studenten, und bald auch unter dieſen nur von Solchen beſucht wurden, die ein höheres künſtleriſches Stre⸗ ben, ein wahres wiſſenſchaftliches Bedürfniß zu ihm hinge⸗ führt hatte. Immer aber blieb noch ein artiges Häuf⸗ lein von Auserleſenen zurück, in deren jungen Herzen er den Funken des eignen Geiſtes entzünden durfte, und die ihm in unbedingter Verehrung zugethan waren. Das Verhältniß zwiſchen Lehrer und Lernenden wußte Keiner ſo ſchön und bedeutſam für beide Theile feſtzuſtellen, als Bürger, und bald fand ſich mancher junge, fähige Kopf ebenſo durch ſeine Freundſchaft beglückt, wie ihn früher der Geiſt des edlen Dichters und die Vorleſungen des feinge⸗ bildeten Kenners des Schönen, des tiefſinnigen Denkers angezogen hatten. 4 Während Bürger ſich in dieſer, ſetnet Nrigung wie ſei⸗ nen Talenten angemeſſenen würdigen Thätigkeit bewegte, und Tag und Nacht in den verſchiedenen Disciplinen der ſchönen Wiſſenſchaften und Philoſophie arbeitete, um das gewonnene Terrain zu erhalten und immer weiter auszu⸗ dehnen, war Molly ihrerſeits in frühen und ſpäten Stun⸗ den thätig, des geliebten Mannes Daſeyn in einer beſtän⸗ dig heiteren und ſorgloſen Unabhängigkeit von jenen drückenden Plagegeiſtern zu erhalten, welche ſich ſo oft in einer poetiſchen Haushaltung einzuſtellen pflegen. So fremd und ungeläufig ihr auch Anfangs dieſe tauſenderlei kleineren und größeren Vorkommenheiten des häuslichen Lebens erſchienen, ſo wenig ſie ſich ſeither Mühe gegeben hatte, die Anſpruchloſigkeit und Einfachheit ihres Weſens auch auf äußere Verhältniſſe überzutragen, ſo leicht und ſicher fand ſie ſich doch bald in den ungewohnten Zu⸗ ſtand, und mit muſterhafter Gewiſſenhaftigkeit ſtand ſie ih⸗ rem ſchönen Berufe vor. Gab's auch noch manche ver⸗ brannte und verſalzene Suppe, und wetteiferte ſie auch eine geraume Zeit hinter ihrem Spinnrocken mit dem Seiler, † wer von ihnen den dauerhafteſten Faden verfertigte,— die ver⸗ brannte oder verſalzene Suppe wurde doch zuletzt unter Scherz und Lachen gegeſſen, und das Fädchen lief immer dünner und feiner auf die Spule. Es gab bald für Beide keine Sorge, keine Entbehrung des Lebens mehr, die nicht unter der Hand zum glücklichſten Gegentheil ausgeſchlagen wäre. Was man nicht ändern konnte, wurde belacht; das Merks⸗ tibi! flog wie ein Federball aus der Hand des Einen in die des Andern, und in der Schule der Liebe lernten ſie das Leben. Was verſchlug es ihnen auch 3. E., wenn bei der erſten empfindlichen Kälte, als man nicht mehr ohne ruer in der Stube ſeyn konnte, Molly das Brennmate⸗ 3 iat, woran Keins von Beiden gedacht hatte, aus der Rum⸗ pelkammer holte, und ein paar wackere Holzſchuhe und ein wurmſtichiger Rohrſtuhl ein luſtig Flackerfeuer gaben!— Bis dieſes ausgebrannt war, lag ja ſchon das ſchönſte Klafter Holz vor der Thüre, und Molly ſetzte ihrem Manne auf das Tiefſinnigſte auseinander, daß der Menſch wohl thue, wenn er auch in ſeinen Sorgen ökonomiſch ſey. „Was hat man denn von dem Leben, wenn man immer in der Zukunft herumtappt und für Brod ſorgt, das noch nicht einmal gebacken iſt? Den läßt der Himmel am erſten im Stich, der ſein Glück nicht in der allernächſten Gegen⸗ wart ſucht, der nicht dieſes Glück leicht und heiter ergreift, und ſich daraus das goldene Fädchen: Zufriedenheit ab⸗ ſpinnt. Die Zeit iſt ja ſo gut und läßt Einem Zeit, ſich nach dem nöthigen Lebensbedarf umzuſehen. Hätt' ich das Holz früher fahren laſſen, ſo hätt' ich auch früher an den Win⸗ ter denken müſſen, im warmen Sonnenſchein hätte mich dann gefröſtelt, kurz, der Winter wäre vor dem Helz ge⸗ kommen! Nun ſind beide da, und von heute an wird das Feuer in der Küche eingeſtellt und wir lochen im Ofen.“ Man darf übrigens nur nicht glauben, daß Molly das Leben wirklich ſo leicht genommen habe; es war nur die liebevolle Sorge, den Gatten, der ſo gern zu muthloſen Reflerionen über ſeine Zukunft hinneigte, und welchem ſolche trübſeligen Betrachtungen nicht ſelten den Schwung der Begeiſterung lähmten, nur ihn wollte ſie dadurch in ſeiner idealen Welt frei und unabhängig erhalten, und es ſollte immer ſonnig und ſorglos in dieſer Welt ſeyn. Er wußte nicht, und ſie war glücklich, daß er nicht einmal ein Auge dafür hatte, mit welchem Ernſt ſie dieſen ſchönen Vorſatz ausführte, wie ſie das Kleinſte zu Rathe hielt, ohne ihn auch nur ahnen zu laſſen, daß dies mit Abſicht und Vorbedacht geſchähe. Es war, ſeit ſie in der Stadt lebten, mehr Idylle in ihrer Liebe, ihren Gefühlen, als in dem grünſten Saatfeld von Wölmershauſen, wenn die Wach⸗ teln ſchlugen und die Dorfglocken läuteten; und wie ſie in Allem das Echo ſeiner Seele war, ſo verſtand ſie auch dieſes idylliſche Leben, das nun einmal zu den Sympathien ſeines Herzens gehörte, ihm ſelbſt dann noch zu retten, als ſeine äußeren Verhältniſſe, ſein Beruf und ſeine Umgebung eine ſo ganz veränderte Geſtalt gewonnen hatten. Wie ſie für ſeine Zukunft ſorgte, in ſeiner Gegenwart thätig war, ſo ha ſie auch die glücklichen Tage der Vergangen⸗ heit nicht aus dem Auge gelaſſen, und wenn ſie von ihnen erzählte, war die Erinnerung faſt eben ſo ſchön, als das, woran man ſich erinnerte. 3 So war das neue Jahr vor der Thüre, unter Schnee⸗ geſtöber und grimmiger Kälte ging der letzte December trüb und traurig vorüber. Man hatte verſchiedene Ein⸗ ladungen für den Abend erhalten, darunter eine zu Lich⸗ tenberg's, wo heute großer Ball ſtattfinden ſollte. Aber weder Bürger noch Molly zeigten große Luſt, dieſen Ein⸗ ladungen zu folgen, denn im Grunde waren ſie ſich gerade genug, um ſelbander aus dem alten Jahre in das Neue zu gehen, wie aus der blauen Stube in die grüne. Bür⸗ ger zudem hatte den ganzen Tag in einer ungewöhnlich gedrückten und beklommenen Stimmung zugebracht, das traurige Wetter draußen machte ihn hypochondriſch, und als mit dem Anbruch der Dämmerung Molly in ſeine Stube trat, um ſeine letzte Entſcheidung zu vernehmen, ob man gehen oder bleiben wolle, fand ſie ihn auf dem Divan ausgeſtreckt, wie er ihr ſelbſt ſagte, in einer Verfaſſung des Gemüths, wie ſie ihn lange nicht heimgeſucht hatte. Sie ſetzte ſich vor ihn auf den Divan nieder und fragte ihn beſorgt, ob er ſich etwa unwohl fühle?— „Ich leide Höllenſchmerzen, liebes Kind,“ ſagte er lächelnd; „denn ich leide wieder einmal an meinem lieben alten Ich. Du glaubſt nicht, wie mir eben zu Muthe iſt; ich habe das Gefühl, als ſtünd' ich vor einer verſchloſſenen Thüre, von der ich weiß, daß ſie ſich plötzlich, wie durch Zauberei aufthun und mir etwas ganz Außerordentliches zeigen würde. So oft dieſer Tag in mein Leben trat, war er mir fatal, und ich athmete erſt wieder freier, als der letzte Glockenſchlag der Mitternacht verhallt war und ich wußte, daß ich das alte Jahr glücklich hinternmir hatte. Guter Gott! Man erlebt ja ſo Vieles in einem Jahr, daß man ſich nicht wundern darf, wenn Einem vor ſeinen letzten Athemzügen bangt, als müſſe es da noch einnal — 299— alle Kraft zuſammen nehmen, um uns mit einem recht tüchtigen Rippenſtoß Valet zu ſagen.“. „So wollen wir zu Hauſe bleiben,“ antwortete Molly. „Ich laſſe Citronen holen und wir brauen heute unſeren Punſch auf eigne Rechnung. Was ſollen wir uns auch unter die langen Geſichter ſetzen und ihnen die letzten Stunden des Jahres durch unſere Gegenwart verkümmern! Lieber Himmel! Das arme Geſindel hat ja doch, ſeitdem wir in Göttingen ſind, ſo wenig glückliche Stunden, daß mau's ihm ſchon gönnen muß, bei einer ſo außerordentlichen Gelegenheit, wie ein Jahreswechſel iſt, einmal vor uns ſicher zu ſeyn.“ „Du wirſt es noch mit allen Leuten verderben!“ ſagte Bürger und mußte laut auflachen über die Treuherzigkeit, mit welcher ſie heute aller Welt Frieden vor ihrer böſen Zunge verhieß. „Der Profeſſor Querner, Dein Todfeind, zum wenig⸗ ſtens küßt mir gewiß nicht wieder ſobald die Hand,“ er⸗ wiederte ſie haſtig.„Dem hab' ich's neulich in Junghofs eingetränkt; und ſelbſt der gute F., der daneben ſtand, ſchüttelte den Kopf über meine Bosheit.“ Nun war es für diesmal mit Bürger's Hypochondrie zu Ende. Er lachte ſo unmäßig, daß er Milzſtechen be⸗ kam und ihm die hellen Thränen über die Wangen elen. „Erzähl's noch einmal, Molly! Ach, nur noch einmal!“ rief er bittend.„Wie war's doch gleich? Der Hemdeknopf ging ihm auf und fiel auf den Boden—?“ „Grad' als er mir die Hand küßte mit demſelben ſeigen Schnabel, mit dem er gegen Dich am Morgen auf dem Ka⸗ theder gemault hatte.“ „Und da ſprangſt Du auf—“ — 300— „Nein, ich ſtand ganz ruhig auf, bückte mich, hob' das elfenbeinerne Hemdeknöpfchen von der Erde auf und ſagte: Herr Profeſſor, es iſt Ihnen da der Giftzahn ausgefallen.⸗ „O! O! O!“ ſtöhnte Bürger und hielt ſich den Leib. „Der arme Querner iſt nun auf Lebzeiten ein geſchlage⸗ ner Mann! Wo er ſich ſehen läßt, wird er mit dem Zahne gefoppt! Am anderen Morgen ſchon hatten ihm boshafte Studenten einen Zahnſtocher auf den Kathederpult gelegt, und als beim letzten Doctorſchmauß der ſatyriſche Käſtner mit ſeinem trocknen unerſchütterlichen Ernſte zu ihm ſagte: Nun Herr College, wollen wir dem Herrn Candidaten ein⸗ mal auf den Zahn fühlen, gab's durch den ganzen Saal ein olympiſches Gelächter.“ „Er wird nicht der Letzte ſeyn, der ſeine Lektion kriegt,“ ſagte Molly mit frohem Muthe.„Geh Du nur immer getroſt vorwärts, ich decke Dir den Rücken! Nächſtens kom⸗ men die Philologen daran, die den Leuten ſo geheimniß⸗ voll in die Ohren flüſtern, Du ſeyſt kein Grieche. Und hab' ich die abgefertigt, ſo treff' ich die Anti⸗Kantianer und dann die Juriſten, und zuletzt die Herren von der Weltgeſchichte, die beſtändig an den Quellen ſitzen und darüber den Strom nicht rauſchen hören.“ „Du biſt eine geborene Profeſſorsfrau!“ rief Bürger und herzte das liebe, muntere Weſen.„Wenn Du mir beiſtehſt, kann mir ſchwerlich die nächſte Profeſſur ent⸗ gehen!“— „Haſt Du mich unter die Haube gebracht, ſo denk ich Dich auch mit Gotteshülfe noch unter den Doctorhut zu bringen,“ verſetzte ſie.„Aber im Ernſte, Männchen!— So weit ich bis jetzt die Räder des Univerſitäts⸗Fatums habe ſchnurren hören, ſind's doch zuletzt die Weiber, die den Faden drehen, und es wird mir oft ordentlich ungeim⸗ — 3091— lich, wenn ich ſehe, wie ſo mancher Coriphäe in der Wiſſen⸗ ſchaft von ſeiner Frau am Gängelband geführt wird. Bis in den Plenar⸗Senat hinein tragen dieſe Sokrateſſe den Pantoffel ihrer Xantippen, und ich glaube z. E., der be⸗ rühmte Rechtsgelehrte B. fragt immer erſt vorher bei ſei⸗ ner Frau an, ob er dieſen oder jenen Paragraphen im Juſtinian angreifen oder vertreten, ob er dieſe oder jene Rechtsgrundſätze aufſtellen ſolle. Und was nun gar die Beſetzung der Aemter anbelangt, ſo gleicht hierin vollends die Univerſität einem Amazonenſtaat. Da geht Alles nach Weibergunſt. Vom Pedellendienſt bis zum erſten Lehrſtuhl der Theologie gibt's keine Vacanz, daß nicht alsbald in allen Kaffeegeſeliſchaften über deren Wiederbeſetzung bera⸗ then würde; oft ſteht ein Katheder Jahrelang leer, bloß weil man ſich nicht über die Wahl des Candidaten verei⸗ nigen kann, bis endlich zuletzt die meiſten Stimmen ob⸗ ſiegen, und es nun in allen gelehrten Zeitſchriften heißt: Die und die Fakultät hat den und den rühmlichſt bekann⸗ ten Gelehrten zum Profeſſor ernannt. Da iſt der Pro⸗ feſſor K. So oft ich den Mann ſehe, möcht' ich auf die Kniee niederſinken und Gott danken, daß das Pulver er⸗ funden iſt! Und welches Verdienſt hat der Mann? Kein anderes, als daß er ein einzig Mal in ſeinem Leben eine kluge Antwort gab, was geſchah, als die Frau Geheime⸗ räthin B. ihn fragte, ob er ihre älteſte Tochter heirathen wolle?— Ein Vierteljahr darauf hatte er eine Frau und einen Katheder, und wird, ſo Gott will, noch einmal ein tieffinniges Buch über irgend einen griechiſchen Autor ſchreiben, von dem man nicht mit Beſtimmtheit ſagen kann, ob er wirklich erxiſtirt hat.“ 3 „Nein! das iſt zu arg!“ rief Bürger aufſpringend und nahm die Muthwillige in die Arme.„Wenn das Deine — 302— wahren Anſichten ſind, ſo wollen wir noch heute Nacht auf⸗ packen und nach Wölmershauſen oder zum Förſter Eckhart in den Wald ziehen, und nach Buchonkels Maultrommel oder des alten Generals Pfeife tanzen.“ „Hätteſt Du heute Abend bei Lichtenbergs mit der Frau Profeſſorin E. eine Menuet getanzt und der Frau Ge⸗ heimeräthin B. ein artig Neujahrsgedicht überreicht, das wäre geſcheidter,“ ſagte Molly und lachte unmäßig. „Darauf kann die Eine netto gerade ſo lang warten, als die Andere,“ betheuerte er ihr ernſthaft und durchſchritt, wie ein entſchloſſener Held, mit verſchränkten Armen das Zimmer. 8 An eben demſelben Abend war es, wo ein einſamer Wanderer mit Anbruch der Nacht aus dem Walde ſchritt, durch welchen der Weg nach Wölmershauſen führte. Auf dem Hügel ſtand er ſtill und ließ ſich vom kalten Nordoſt die Schneeflocken in das Geſicht jagen. Die Kälte nahm mit jedem Augenblick zu, die Luft wurde immer ſchneiden⸗ der, der Schnee fiel immer dichter und rieſelte hörbar durch die Aeſte der Bäume. Der Wanderer aber, obwohl er nur einen gewöhnlichen Tuchrock anhatte und ohne Man⸗ tel auf der windigen Höhe ſtand, ein Spiel der Wolken und Stürme, ſchien das Alles nicht zu beachten, und ſtarrte, auf ſeinen Stab geſtützt, ohne Regung in die Nacht hin⸗ aus, als ſey er völlig fühllos gegen ſolches Ungemach, oder wolle des Sturmes und des Winterfroſtes ſpotten. Plötzlich fuhr er ſich mit der Hand an die Stirne und lachte wild auf, daß ſelbſt der Sturm vor dieſem gräßli⸗ chen Lachen einen Augenblick zu verſtummen und die Nacht wie in ihrem eignen Schrecken zu erſchauern ſchien. — 303— ——— Er war der letzte Menſch, Alles um ihn todt, keine Seele mehr in der Welt, ſein Herz der letzte Puls⸗ ſchlag des Erdenlebens. Nur das Nichts war noch da und träumte in ſtummer, willenloſer Finſterniß über Men⸗ ſchengrüften und ausgeloderten Vulkanen. Die Zeit, die Allesvernichtende ſelbſt, hatte ſich ihres Rechtes begeben, ſtand ſtill am Weltende, wie eine abgelaufene Uhr, und der Tod hielt ſeinen ſchwarzen Sabbath. Unter ſich, tief in der Erde, hörte er das Wimmern der alten Titanen, und über ſeinem Haupte jauchzten die Dämonen der Ver⸗ nichtung ihr uraltes, grauſiges Lied. Kein Stern am Him⸗ mel, keine Leuchte auf Erden!— Das Licht war dahin, das freundliche Lebenſpendende, und nur hier und da aus dem Moder wankten blaue bleiche Flämmchen empor, wie der Athem der Verweſung. Der große Pan war todt, und wie ein Kind am todten Vaterbuſen hielt er die ge⸗ ſtorbene Natur in ſeinen Armen. Eine namenloſe Angſt erfaßte den Letzten, der noch ſterben ſollte; er wollte beten, aber es war kein Gott mehr auf Erden, er wollte fluchen, aber die Hölle war dahin, noch einmal lachte er auf, gel⸗ lender, als zuvor, und ſtürzte, mit rückwärts gewandtem Antlitz, als verfolg' es ihn, wie die letzte Schuld der Menſchheit, den Hügel hinunter, der Nacht in die Arme, die immer vor ihm zurückwich und ihn immer tiefer in ihre finſtere Umgarnung hineinlockte. Wild und wilder tobte das Fieber in ſeinem Hirne, je weiter er vorwärts eilte, ſein Blut kochte in allen Adern, in allen Nerven zitterte der Tod. Und jetzt, er war ſchon an den erſten Häuſern der Vorſtadt, verließ ihn die letzte Kraft, der ge⸗ brochene Körper ſtürzte zuſammen, ein Jammerſchrei, der weithin gehört wurde, rang ſich noch aus ſeiner Bruſt, und mit dem Geſicht vorwärts, fiel er bewußtlos auf die — 304— ſchneebedeckte Erde nieder. Es kamen ſogleich Leute mit einer Laterne aus dem nächſten Hauſe am Wege, fanden den Unglücklichen und trugen ihn unter lautem Wehklagen als Leiche in das Haus. ——V—. Unterdeſſen ſaß Bürger im traulichen Stübchen bei ſei⸗ ner Molly, und hatte ihr aus Romeo und Julie einige Seenen vorgeleſen, die er ſelber überſetzt hatte. Es mochte gegen zehn Uhr ſeyn, und ſie berathſchlagten eben, ob man noch bis zum Anfang des neuen Jahres wachbleiben, mit⸗ hin auch noch einen neuen Punſch anbrauen, oder ſchlafen gehen wolle, als unten im Garten eine wohlbekannte Stimme gehört wurde, die um Einlaß bat. Bürger eilte mit dem Hausſchlüſſel hinunter und öffnete mit dem Ausruf„Proſt Neujahr, Auguſt Wilhelm!“ die Thüre. Unter jedem Arm eine Champagner⸗Flaſche trat der alſo Begrüßte, ein lie⸗ benswürdiges Bürſchchen von höchſtens achtzehn bis zwan⸗ zig Jahren, im Ballkoſtüm, mit friſirtem Haar und feinen Glacehandſchuhen, in eine Wolke von Parfümerien gehüllt, in das Zimmer und erzählte in äußers munterer Laune, wie er auf dem Ball beim Buchhändler Dietrich geweſen ſey, ſich dort erſchrecklich ennuyrt habe, drei Liebeserklä⸗ rungen und einen Heirathsantrag gemacht und ſechs Körbe erhalten hätte. 8 „Ich ſpielte eben,“ fuhr der heitere Erzähler fort,„mit„ der ſchönen Miß Ellwood„Hero und Leanderches“, d. h. ſie ſtand liebäugelnd am einen Ende des Saales und ich lieblorgnettirend an dem andern, und überlegte eben, ob ich mich in den Bosporus werfen ſollte, der zwiſchen uns 8½ wogte, um zu ihr hinüberzuſchwimmen, als der Gaſtgeber * 3 s— zu mir trat und mich kopfſchüttelnd fragte, wo Frau Molly und der Freund geblieben ſeyen?— Ich war eben d'rauf und d'ran, Dich bei dem alten Herrn, der in ſollen Fällen keinen Spaß verſteht, mit Naſebluten zu entſchuldigen, als in dem Saale eine auffallende Bewegung entſtand, welcher bald auf allen Seiten ein unmäßiges Gelächter folgte. Endlich erfuhr man denn, daß dem Profeſſor Querner, als er eben im Begriffe ſtand, der Baroneſſe von Rauenthal die Hand zu küſſen, abermals ein Hemdeknöpfchen abge⸗ ſprungen und auf den Parketboden gerollt wäre. Der arme, ſo von einem tückiſchen Schickſal verfolgte Profeſſor hatte ſich unſichtbar gemacht, und Dietrich ſuchte ihn ver⸗ gebens in allen Zimmern. Von ungefähr, als ich ihm nachging, ſah ich auf einem Tiſch in der Niſche verſchie⸗ dene blanke Weinflaſchen mit vielverſprechenden Etiquetten. Du weißt Bürger, ich gönne dem Philiſter Alles: Einen neuen Sonntagsrock, ein redlich Gewiſſen, Nankinghoſen, eine gute Beſoldung, Freude an Kindern und Kindskindern, Alles gönn' ich ihm, nur Champagner nicht! Ein Philiſter, der Champagner trinkt, verſündigt ſich in meinen Augen gegen den Weltgeiſt und nimmt mir den Glauben an die Menſchheit. Eher mag er noch ein Gelegenheitsgedicht machen, oder ſonſt jeden dummen Streich— nur Cham⸗ pagner ſoll er nicht trinken. Von dieſer letzten Grund⸗ wahrheit meiner Weltanſicht ausgehend und ſie noch auf den Burgunder ausdehnend—“ hier zog er wirklich zu Bürger's und Molly's Erſtaunen mit dem triumphirenden Blick der innerſten Ueberzeugung aus jeder Taſche ſeines Fracks eine Burgunderflaſche hervor und ſtellte ſie neben die zwei Champagnerflaſchen auf den Tiſch—„ſchob ich mit der Gewandtheit Philadelphia's dieſe da in die Ta⸗ ſchen, ſtellte die zwei andern in meinen Hut, legte mein 4 20 ☛ Sacktuch drüber und ging aus der Stube. Auf der Haus⸗ flur begegnet mir der alte Dietrich: Was haben Sie da? frug er mich neugierig und blickte verwundert auf den verdeckten Hut. Ich aber lege den Finger auf den Mund, ziehe ein Geſicht, wie ein Leichenbitter, ſage nichts als: Pſt! Pſt! das Hemdeknöpfchen! und paſſire. Nach dieſem erſchöpfenden Bericht ſeiner Heldenthat ließ ſich Schlegel neben Molly auf dem Sopha nieder und nahm geduldig die Vorwürfe hin, mit welcher ſie ihm, während Bürger nach dem Ausruf:„Pah! Es iſt ja nur ein Buchhändler!“ die geſtohlene Flaſche entkorkte, in ſein „Elſter⸗Gewiſſen“ redete. Jetzt ſprang der Propfen an die Decke und machte mit ſeinem Knalle der moraliſchen Vorleſung Molly's ein Ende. Sie ſchlürfte den Schaum vom Glaſe, und ſagte lächelnd: „Das iſt und bleibt doch vom geſtohlenen Gut das Beſte, und da's eben nur Schaum iſt, beunruhigt es auch mein Gewiſſen nicht weiter!“ Bürger leerte das Glas auf Dietrich's Wohl. Schle⸗ gel, der ſchon mit einer ganz artigen Weinlaune an⸗ gelangt war, wurde immer munterer, und Alles an ihm ſprudelte von Witz und heiterem Leben. Er küßte Molly's Hand, indem er vorſichtig ſeine Hemdeknöpfchen feſthielt und rief: „Es iſt und bleibt alſo Grundwahrheit: Wir Dichter ſind allein dem Champagner ebenbürtig! Nur wir verſte⸗ hen ihn zu trinken, nur in unſerem Geiſte leuchten ſeine Funken, duften ſeine Blumen, und die Würze, die Weihe, womit er die Organe durchdringt, den Sinn beſeligt, fin⸗ den nur durch eine Dichterkehle den Weg zu ihrer wah⸗ ren Beſtimmung. Ach! Wenn ich einmal den Kelch der Erlöſung leeren ſollte, müßt' es von dieſem Wein ſeyn, * „- G und ich wollte aus ihm den Schmerz der Schönheit bis auf die letzte Neige leeren. Was wiſſen die andern Men⸗ ſchen von Genuß; ihnen iſt Genuß Alles, was ihnen die Mühe erſpart, die uns keine Mühe dünkt, nämlich poetiſch zu fühlen. Nur der Genius genießt, nur er weiß, daß er ge⸗ nießt, nur er fühlt, daß das, was ihn beſeligt, nicht von Außen als ein Fremdes in ihn kommt, ſondern nur als Theile ſeines geiſtigen Weſens, ja, als dieſes geiſtige We⸗ ſen ſelbſt zu ihm zurückkehrt. Darum kann ich an einer Roſe riechen, was ich nicht ausſprechen kann, darum hör' ich in den Tönen einer entzückenden Muſik nur die Stim⸗ men meines Inneren, darum tritt mir aus dem Meiſter⸗ werke der Kunſt mein Ich entgegen und ſchaut mich an, wie mit der Hellſehung meines eigenen Geiſtes, wie ein längſt geahnetes, längſt beſeſſenes Glück.“ Bürger richtete das ſinnende Auge auf den jungen Freund und ſagte mit Rührung:„Aus Dir ſpricht eine Zukunft, die ſchöner ſeyn wird, als dieſe Gegenwart. Ihr Dichter von Heute habt Vieles voraus vor Jenen, die Geſtern kamen und Vorgeſtern. Ich habe nur wenige Lieder, welche das ausſprechen, was mir von Außen kam wie eine Rückkehr meines eigenſten Lebens in mein Leben. Es gab eine Zeit, Du weißt ſie Molly, da hätt' ich Bände ſolcher Lieder ſchreiben können, da hätt' ich Sonnengold und Blu⸗ menduft, Plato und Raphael in meine eigenſte Sprache überſetzt. O! daß nur im Schmerze der Genius die trun⸗ kenen Augen öffnet, und ſie ſo oft wieder ſchließt, weil ihm genügt, daß er ſah, was noch Keiner ſah!“ In dieſem Augenblick hörte man im Garten eine rauhe „Mannesſtimme, und es pochte Jemand mit einem Stock ſehr vernehmlich wider den Laden des Seilers. — 308— „Iſt das nicht der Förſter Eckhart?“ fragte Molly be⸗ troffen und eilte an das Fenſter.„Wer da?“ rief ſie hin⸗ unter. „Guten Abend, Frau Magiſterin,“ erwiederte wirklich die wohlbekannte Stimme.„Haben Sie ihn?“ „Es iſt wahrhaftig der Eckhart!“ rief Molly, und Bür⸗ ger, der des Förſters Frage gehört hatte, ſagte erſchrocken: „Gewiß iſt dem Buchonkel ein Unglück zugeſtoßen.“ Er eilte, nichts Gutes ahnend, mit dem Licht hinunter, und holte den Förſter herauf, der weiß wie ein Schneemann, mit einer ausgelöſchten Laterne in die Stube trat und ſich erſchöpft auf den nächſten Stuhl niederwarf. „Um's Himmelswillen, was habt Ihr, Eckhart?“ fragte Bürger.„Mit guter Botſchaft kommt Ihr ſicherlich nicht bei dieſem Wetter nach Göttingen?“ „So iſt er nicht hier? So wiſſen Sie nicht——?24 rief der Alte erſchrocken. „Ach, der Onkel!“ ſagte jetzt auch Molly, von einer dunklen Ahnung ergriffen und faßte zitternd des Förſters Arm. „Den ſuch' ich nicht bei Ihnen,“ erwiederte der Alte. Der iſt daheim und wohl: Ich ſuche einen Andern, den ich hier zu finden glaubte, einen Schwerkranken, der mir heute Abend in der Fieberhitze aus dem Bette ſprang und in Sturm und Nacht davon ging. Ja, ſtaunen Sie nur, Herr Magiſter! Ich ſuche Niemand anders, als den ar⸗ men Menſchen, der vor drei Tagen, mit dem Tod in dem blaſſen Geſicht, in mein Haus kam, ein Bild des leibhaf⸗ tigen Jammers, den ich nicht wieder erkannt hätte, wenn nicht der Buchonkel ſich ſeiner beſſer, als ich, wieder erin⸗ nert hätte. Jetzt werden Sie's wiſſen, wen ich bei Ihnen * zu finden hoffte——“ ſetzte er zögernd hinzu. * N „Nein! Nein!“ rief Bürger in der peinvollſten Unge⸗ wißheit, während Molly ſchon einen Namen rathen wollte, den ihr der Förſter aus dem Munde nahm, indem er die Hände faltete und mit einer Thräne im Auge bewegt ſagte: „Ach! Daß der edle Menſch, den Sie einſt ſo lieb hat⸗ ten— ſo enden mußte! So ſchmählich, wie ein Fluchbe⸗ ladener, in ſtockfinſterer Nacht, auf der kalten Erde!— Das Lied war dem armen Herrn Hahn gewiß nicht an ſeiner Wiege geſungen worden,— nein gewiß nicht!“ „Hahn! Mein armer Hahn!“ rief Bürger erſchüttert und lief, den Kopf in beiden Händen, aller Faſſung baar und ledig, in der Stube umher. Es war ein ſchrecklicher Auftritt; Niemand wußte, was anzufangen ſey; Molly wollte ihren Mann tröſten, und war ſelber untröſtlich, der alte Förſter weinte ſtille vor ſich hin, Schlegel, obwohl er Hahn nicht perſönlich kannte, war von der Vor⸗ ſtellung eines ſo jammervollen Untergangs auf das tiefſte ergriffen. Noch war kein Wort geſprochen, als jetzt mit Einmal die Glocken aller Kirchen in Göttingen das neue Jahr einläuteten und man deutlich den Jubelruf hörte, mit wel⸗ hem es von Jung und Alt in den Straßen begrüßt wurden Bürger ſtürzte laut weinend auf die Knie nieder und be⸗ tete; der Förſter ſtand aufrecht in der Stube und ſtam⸗ melte mit gefaltenen Händen:„Das gilt dem armen Herrn Hahn!“ kurz, ein Jeder glaubte das feierliche Glockenge⸗ läute zu verſtehen, glaubte zu wiſſen, daß der Unglückliche in dieſem Augenblick ſeinen letzten Kampf kämpfe, Eckhart, obgleich auf das Aeußerſte erſchöpft, war doch der Erſte, der zu einem Entſchluß kam. „Etwas muß geſchehen!“ ſagte er.„Wir dürfen nicht müßig in der Stube ſitzen bleiben, und uns ſelbſt zum — 316— Troſte müſſen wir ihn ſuchen, bis er gefunden iſt. Als ich ſein Bett leer fand, ſeine Kleider fort, ſammt Hut und Stock, da glaubte ich's ganz beſtimmt zu wiſſen, daß ich ihn auf dem Wege nach Göttingen finden würde. Ich ſchickte den Knecht in's Dorf, um ſchleunigſt Leute zu holen, die den Wald nach allen Seiten durchſuchen ſollten; ſelbſt aber machte ich mich mit einer Laterne auf den Weg und habe wohl tauſendmal ſeinen Namen in die ſtockfinſtere Nacht hinausgerufen. Denn ich muß es Ihnen nur ſagen, Herr Magiſter, er hatte eine rechte Sehnſucht nach Ih⸗ nen, ſo eine wahre Herzensſehnſucht, und je wilder die Fiebergluth in ſeinen Adern tobte, je mächtiger ſtrebte ſeine letzte Kraft, ſein letzter Wunſch nach Ihnen. Es war, als hätte ſein Geiſt nur noch den einen Gedanken, und beſtändig rief er: Küſſe mich, Bürger, küſſe mich! Auch ſah er Sie oft, beſonders am heutigen Nachmittag, an ſei⸗ nem Bette ſtehen und fantaſirte ſo anmuthig von dem Lor⸗ beerkranz auf Ihrer Stirne, von der goldnen Leyer in Ihrem Arme, von dem Schimmer um Ihr Haupt, daß man's nicht ohne Rührung anhören konnte. Einmal blickte er lange, lange ſtarr auf eine Stelle, lächelte dann, ach! ich kann's Ihnen nicht beſchreiben, wie glücklich er lächelte und ſagte, als wäre er plötzlich geneſen, als ſey es mit einmal klar in ſeinem Kopfe geworden, indem er mir die Hand drückte: Eins war doch auch mir vergönnt, Eckhart, und den Freund, wie ich ihn habe, findet ſo leicht kein Andrer. Ich glaube gewiß, daß Bürger längſt da wäre, wenn er wüßte, wie krank ich bin.“ „O Gott! Das ſagte er, und ich eiſe nicht, ihn zu ſu⸗ chen!“ rief Bürgen bewegt unter häufigen Thränen.„Kommt, Eckhart, kommt! Ihr wißt Beſcheid im Walde, wir neh⸗ men Leute mit Fackeln, und ruhen und raſten nicht, bis — 311— wir ihn haben! Es iſt immer möglich, daß er noch lebt— geh' zu Junghof, lieber Schlegel—— bitt' ihn, daß er——⸗ Eine Stimme, welche in dieſem Augenblick laut nach dem Seiler rief, unterbrach ihn jetzt. Er öffnete das Fenſter, faſt zu gleicher Zeit mit dem Seiler unten, und eine Frau erzählte unter Weinen und Wehklagen, daß in ihrem Hauſe, dem letzten an der Straße linker Hand, ein fremder junger Menſch im Sterben liege, der nach dem Herrn Magiſter ver⸗ lange und wohl die nächſte Stunde nicht überleben werde. Alsbald eilte Schlegel fort, um Junghof zu bolen. Bürger lief, wie er war, ohne Hut, in Schlafrock und Pantoffeln die Treppe hinunter, und der Förſter mit Molly konnten ihm kaum folgen, ſo ſchnell ſtürzte er auf das bezeichnete Haus zu. An der Thüre erſt erreichten ſie ihn und alle drei traten zu gleicher Zeit in die Stube. Es war die Wohnung der größten Armuth, das ganze Zim⸗ mer ſchwarz und rauchig. An dem Bette, wo der Ster⸗ bende in den letzten Zügen lag, ſaß ein hundertjähriger, ſilberhaariger Greis, der Urgroßvater der ſieben kleinen Enkel, die ihn zitternd umſtanden, und hielt des fremden Mannes Hand in der ſeinigen. 4 Hahn ſchien zu ſchlummern, und ſein Athem ging leicht und frei, kein Schmerz, kein Kampf war in ſeinen Mie⸗ naen, und nur die naſſen, dunklen Locken, welche ihm auf der Stirne klebten, gaben ſeinem Geſicht einen entſtellenden Ausdruck. Bürger ſank ſtumm neben dem Lager in die Kniee nie⸗ der und legte leiſe ſeinen Arm um des Freundes Haupt. Der Greis ſagte mit Rührung:„So 8 ich noch kein Sterben geſehen, und wenn Siein die Augen blicken könnten, 1 Herr Magiſter, wie ſie glänzen, Sie, möchten den armen fremden Herrn gewiß nicht bedauern, daß er ſo jung dahin ſterben muß.“ „Friedrich! Mein Friedrich“ ſtammelte Bürger, und ſtreichelte ihm ſanft die Wangen und die Stirne, auf welche ſchon der Todesengel mitleidsvoll, wie zur letzten Erquickung ½ des nach Erlöſung lechzenden Lebens, ſeinen kühlen Thau nie⸗ derträufelte. Bei dem Tone der Stimme ſchlug Hahn die dunklen Augen groß auf, ſah den Freund, ohne ein ſichtbares Zeichen von Ueberraſchung, lange mit Innigkeit und Rüh⸗ rung an, und ſchüttelte dann lächelnd den Kopf, als könne er ſich die Trauer in ſeinen Mienen nicht erklären. „Schön, o wie ſchön!“ ſagte er hierauf mit dem Ausdruck der ſeligſten Befriedigung in Blick und Stimme.„Wie hätt' ich auch mein Leben in Gottes Hand zurückgeben können, ohne Dir vorher noch einmal ſeine glücklich⸗ ſten Stunden gedankt zu haben? Nun aber, ich fühl' es am Zittern der ungeduldigen Seele, nun aber bin ich auch am Ende, und es rinnt mir das flüchtige Leben immer unauf⸗ haltſamer aus dieſem ſo lange ſtandhaften Körper in den Strom der Ewigkeit hinüber; ſie laſſen es los, die müden, zerſtörten Organe, und ich hab' ein Gefühl, ſo ſelig, als zög' es mich wie an Sommerfäden fort und empor in reine frühlingstrunkne Lüfte. Es müſſen Blumen hier herumſtehen,“ ſagte er mit tie⸗ ferem Athem,„ja viele Blumen aus dem grünen Wald, und darunter iſt's der Thymian und der erdige Moosgeruch, der mich faſt betäubt. Schafft das Moos fort, das dumpfe, moderige Moos— ich kann's nicht mehr aushalten!“ rief er, und ſeine Bruſt hob ſich ſchwer und ſchwerer. Molly wiſchte dem Schwergeängſtigten mit einem Tuche den Schweiß von der Stirne, dankbar lächelte er aus ſeinem Kampfe zu ihr auf, und ſah einmal erſt ſie, dann den — *— 313— Freund lange an, mit einem Blicke, ſo mitleidsvoll und weh⸗ müthig, daß Bürger ihn lange nicht wieder loswerden konnte, dieſen unheimlichen Prophetenblick des brechenden Freundes⸗ Auges Ja, er hat oft in ſpäteren Jahren geſtanden, daß ☛. ihm in dieſem Moment der Gedanke gekommen ſey, Hahn habe mit dieſem Blick ein Jahr und weiter in ſeine Zu⸗ kunft geſehen. Jetzt kam Junghof mit Schlegel. Er überzeugte ſich ſogleich, daß der Kranke, der ihn nicht zu erkennen ſchien, ſchwerlich bis zum Tagesanbruch leben würde. Er ließ die Kinder in ein Nachbarhaus ſchaffen und gab ſeine ärztlichen Verordnungen. Eckhart mußte ihm den Verlauf der Krankheit erzählen, und Junghof glaubte ſchon jetzt, 3 was ſich auch ſpäter beſtätigt hat, aus Allem mit Gewiß⸗ heit ſchließen zu können, daß der Arme, als er in das Förſterhaus gekommen, bereits dem Wahnſinn anheimge⸗ fallen war. Er äußerte jedoch nichts und bot ſeine ganze Kunſt auf, dem Tode die theure Beute zu entreißen. Ver⸗ gebens. Als der Morgen graute und die Chorknaben am Gronerthore, nahe bei Bürger's Haus, das Neujahrslied ſangen, hatte Hahn vollendet, und war ruhmlos, namen⸗ los— doch in Frieden dahin gegangen, wohin, wie die frommen Chorknaben ſangen: „Wir eilen mit dem Strom der Zeit „Stets näher hin zur Ewigkeit. „Wo, was den Geiſt uns dann beſeelt, „Nicht mehr nach Tag und Stunden zählt.“ Die Studenten begruben ihn nach zwei Tagen Abends bei Fackelſchein mit den üblichen Ehren, und Bürger, obwohl ihn das Ganze ſehr erſchütterte, hielt an ſeinem Grabe eine im⸗ N proviſirte Rede, worin er in kurzen, meiſterhaften Zügen das 8— 314— Verhältniß andeutete, in welchem der Dichter zum Leben ſteht. Seine Worte machten eine außerordentliche Wir⸗ kung auf die Zuhörer, und mehr als hundert Studenten begleiteten ihn ſchweigend vom Kirchhof bis an ſein Haus zurück, wo ſie, als üblichen Schluß der Trauerfeier, die Ueberreſte der Fackeln, die dem Freunde zum Hades hin⸗ untergeleuchtet hatten, auf einen Haufen zuſammenwarfen, und ſie unter dem Abſingen eines Göthe'ſchen Liedes ver⸗ brannten. Aber wie ſehr auch ſolche Beweiſe der Verehrung und Anerkennung von Seiten der Studenten ihn überzeugten, welchen großen Werth die Jugend auf ſeine Anweſenheit legte, und mit welchem Erfolge hier ſein Dichterruhm auf ſeine akademiſche Thätigkeit zurückwirkte—. die werthe Collegſchaft dachte anders, und beſonders die philoſophiſche Fakultät war faſt ohne Ausnahme gegen ihn. Man er⸗ zählt ſich ganz ſaubere Hiſtörchen, wie weit jene Herren in ihrer Feindſeligkeit gegen den Dichter gegangen ſind. Auch die Herren Philologen konnten's ihm nicht vergeben, daß er ſich an den Homer gewagt hatte, und daß er bei ſeinen äſthetiſchen Vorleſungen ſo oft ohne grammatikali⸗ ſche Gründlichkeit von den Schönheiten der claſſiſchen Dich⸗ ter, als ſey er dazu berechtigt, redete. Wir wollen jedoch dieſe Verhältniſſe nicht mehr als eben nur andeuten. Sie beſtehen noch immer und allenthalben da, wo der Genius des Dichters mit ſeinen Kärnern und Hand werkern, den Männern„vom gelehrten Fach“, an einem Tiſche und hier zwar natürlich zu unterſt ſitzen muß. Es gibt in dem deutſchen Gelehrtenthum keinen noch ſo winzigen Zopf, keinen noch ſo blinzigen Tropf, der ſich nicht dem Dichter gegenüber in ſeiner ganzen Ueberlegenheit fühlte. Vom katalogiſirenden Tiefſinn des Bücher⸗Trödlers bis zu — 315— jenen umgekehrten Herkuleſſen, die den Augiasſtall der Ge⸗ lehrſamkeit mit immer erſchöpfenderer Gründlichkeit anmi⸗ ſten, bis ſie ſich zuletzt als Mumien zu Mumien legen, ihren Geiſt Petit gedruckt und in Halbfranz gebunden, gibt es keinen Schluchzer und Achſelzucker, keinen Citatenlecker und Notizenſchmecker, der nicht dem dichteriſchen Geiſte ge⸗ genüber, und wär's auch das Einzigemal in ſeinem ganzen Leben, ein erlaubtes Knurren hören ließe.„Collegen! liebe Herren Collegen, ihr ſeyd mir unter allen Mitchriſten juſt die Allerfatalſten!“ pflegte Bürger oft in gutem Hu⸗ mor zu ſagen, wenn ſie's ihm zu bunt machten.„Denn ich kann euch im Grunde nichts vorwerfen, als daß ihr exiſtirt, daß ich euch auf der Straße begegne, daß ich weiß, da und da wohnt die Kanaille, die mir das Leben ſauer nachen möchte.“ Es war ein Glück, daß der ſonſt ſo empfindliche und reizbare Mann mit einem unerſchütterlichen Gleichmuth die Chika⸗ nen ertrug, mit denen ihn das ſaubere Völkchen tagtäglich heimſuchte und in allen Winkelzügen der Feigheit an ſei⸗ nem Ruine arbeitete. Aber auch ein wackres Häufchen von tüchtigen Männern ſtand in Wehr und Waffe gerüſtet, immer ſchlagfertig um den vielverunglimpften Dichter; Lichtenberg's ſcharfe Zunge, Käſtner's ſcharfe Zunge, Schlegel's ſcharfe Zunge durch⸗ ſchnitten manches mehr oder minder fein angelegte Schel⸗ menſtückchen, und beſonders der edle Jüngling griff oft ſtark in's Zeug und zog manchem liebreichen Graukopf, noch eh' er nur recht in's Achſelzucken des Mitleids über ſo„ungründliche Studien, ſo lückenhafte Kenntniſſen und dgl. mehr kommen konnte, den Flanell aus dem Buſen. Einigemal ließ ſich auch Bürger herab, ſeinen Feinden die blanken Zähne zu weißen, und mepre artige Epigramme — 316— wurden von den Studenten jedem Spatz, der auf der Her⸗ ren Collegen Dächer zwitſcherte, an den Schwanz ge⸗ bunden. „Ich muß nur einmal donnern!“ ſagte Bürger eines Abends zu Junghof, der ihm die ſichere Nachricht brachte, daß die Fakultät ſich heute mit großer Stimmenmehrheit egen ſeine Anſtellung als Profeſſor ausgeſprochen hätte. „Ich muß nur einmal donnern, daß die Möpſe zu bellen aufhören!“ Und er riß dabei das Fenſter auf und rief gebietend in die Nacht hinaus:„Ruhig, Meſſieurs, ſonſt geht der Dichter mit euch in's Gericht!“ Und lachend ſchloß er das Fenſter und die Sache hatte ihr Bewenden. Das traurige Ereigniß mit Hahn, dieſes ſo unerwartete Wiederſehen nach langer Trennung und dann dieſes Trennen für immer, gab ihm und den Freunden lange Stoff zu wehmüthigen Betrachtungen. „Es war ein ſchöner Irrſtern,“ ſagte Bürger;„und hätt' er es über ſich eddyht, die Menſchen in eben dem Grade, wie er ſie im Allgemeinen haßte, zu lieben, wir hätten ein Geſtirn erblickt, das mit den ſchönſten am Himmel deutſcher Poeſie an Glanz hätte wetteifern dürfen. Aber wo er's auch anfaßte, am Franzoſenhaß wie an der Liebe, am Zeitereigniß wie an der Theologie und ſpäter an der Ju⸗ risprudenz, er konnte das Leben nicht packen; es war und blieb ihm eine völlig fremde, unverſtandene Erſcheinung, etwas, wofür er weder Talent noch Neigung hatte, und darum ging bei ihm Alles in das Ungeheure und Koloſſale. Ich habe nie einen Menſchen von dieſer zarten Organiſation der Empfindung gekannt, der ſo eigenſ ſimmigrer ſo willensſtark an den erſten Syudentien ſeines Lebens feſthielt, als er; in dieſem armen Herzen ein beſtändiges Verzehren, in die⸗ nur ein nothdürftiger Erſatz für das, was er nicht haben — 317— und da er nicht in dem Walde ſterben konnte, ſo roch er wenigſtens noch den Thymian, und ſtarb in der Einbil⸗ dung des Moosduftes. Es iſt mir oft bei ihm der Ge⸗ danke gekommen, als ſey in der Natur etwas Dämoni⸗ ſches, das ihn ſchon frühe angepackt, bis an ſein Lebens⸗ ende ihn beſtändig bedrückt, und wie eine unbeſiegbare Macht feſtgehalten haben müſſe. Er zitterte, wenn der Wald rauſchte, und ich verglich ihn immer mit jenen Indianern in Nordamerika's Urwäldern, die in die Ebene gehen, wenn ſie ihre Todesſtunde nahe fühlen. Junghof meinte:„Darum behandelte er asch Alles, ſelbſt das Gewöhnlichſte und Praktiſchſte, wie eine Illuſion, und es gehörte zur Bedingung ſeines Weſens, daß er nie zu jenem Punkt gelangte, wo der Menſch ſich der Natur als ein Höheres gegenüberſtellt. Er konnte nie dieſen und andere Gegenſätze harmoniſch in ſich ausbilden, und ich bezweifle darum, daß er es je in der Poeſie zu einem nach⸗ haltigen Reſultat gebracht haben würde. Bis auf dieſen Augenblick begreife ich nicht, wie er ſich für die Tragödie entſcheiden konnte; denn einen Charakter zu zeichnen, der nicht aus ſeiner unmittelbarſten Subjektivität herausging, war ihm eben ſo unmöglich, als einen Menſchen mehr denn oberflächlich zu beurtheilen.“ „Have, pia anima!“ ſagte Bürger, und wehmüthig fügte er hinzu:„Das ſind die Meteore, die bei all' ihrem Glanze und Leuchten nichts zurücklaſſen, als Dunkelheit. Es war ſem gequälten Geiſt ein ſtets ungeſtümes Verlangen nach Thaten, er fand in nichts Genuß, und die Poeſie war ihm konnte, für ein ußtenreiches Leben. O Freund! Dieſem Perſepolis⸗Dichter ein Schwert in die Hand, und er hätte — 318— ſich wie ſein Held Alexander, ein anderes Königreich ge⸗ ſucht!“ In der Thätigkeit ſeines Berufes, in dem Gefühle ſei⸗ nes Glückes, zumeiſt aber in den Erinnerungen an den Hingeſchiedenen, fand Bürger allmählig wieder die durch Hahn's plötzlichen Untergang erſchütterte Ruhe ſeines Ge⸗ müthes wieder. Er arbeitete, liebte und trauerte, und es gehörte zu ſeinen ſchönſten Plänen, künftig einmal in freier Muſe dieſem ſo früh geſcheiterten Leben ein ſchönes Denkmal in einer würdigen poetiſchen Charakteriſtik bei der Nachwelt zu ſetzen.„Wie er noch ſterbend nach mir hin⸗ ſtrebte und bei mir Rettung ſuchte, ſo will ich ihn auch nicht untergehen laſſen, denn die Geſchichte des Dichters und des Genius kann und ſoll nur der Freund ſchreiben,“ — So wurde es endlich Frühling, ein Frühling, wie ihn Bürger und Molly noch nicht erlebt hatten; denn er war der erſte ihrer glücklichen Liebe, und wie es ein Gefühl von Glück gibt, das keineswegs ängſtigt, ein Gefühl, das uns beſtändig zuruft: Denk' der Minute, die Du lebſt, ſo ward auch dieſer Frühling von Beiden bis zur ſon⸗ nentrunkenen Seligkeit gekoſtet, als ſollt' es der letzte ſeyn. Das war eine Herrlichkeit, da Molly eines Morgens mit einem großen blübenden Apfelzweig in Bürger's Stube trat. „Ach! Wie Schade!“ rief dieſer betroffen, und ſah im Geiſte ſchon den Herbſt an ſeinem ſchönſten Segen gekränkt. „Das iſt Sünde! Sünde, ſo mit den beſten Gottesgaben umzugehen!“ „Der Seiler war anderer Meinung!“ entgegnete ſie * — 319— eifernd.„Denn der Seiler iſt ein poetiſch Gemüth, und meinte, er wolle mir die Aepfel ſchenken, ſo lang ſie noch blühten. Damit ſtieg er auf den Baum und ich genirte mich gar nicht, und ließ mir den allerſchönſten Zweig ab⸗ ſchneiden. Nun ſeh' ich mich ſatt an den Aepfeln, wäh⸗ rend gewiſſe andere Leute, die beſtändig mit ihrer Poeſie prunken, hübſch warten, bis ſie ſich daran ſatt eſſen können!“ Er ſchüttelte den Kopf. Sie aber rief lachend: „Gelt', wenn ich den Schaum vom Champagner ab⸗ trinke und Dir den Wein laſſe, ſo ſagſt Du nichts von Verſchwendung und biſt's ganz wohl zufrieden, daß ich mich mit dem Frühling begnüge und Dir unten im Glaſe den Herbſt laſſe. Ach Mann, lieber Mann! Wenn Du Dir nur einmal ad notam nähmſt, wie es Neichthümer gibt, die immer mehr anwachſen, je mehr man ſie verſchwendet, ja, wie's zuletzt gar keinen endes Reichthum gibt, der wirklich glücklich macht! Da verſchwend' ich Liebe auf Liebe und liebe immer mehr! Da verſchwendeſt Du die Poeſie, wirfſt das Gold der Schönheit mit vollen Händen auf die Straße, und immer reicher ſpringt Dir der Quell der Lie⸗ der und Fantaſien. Und ebenſo das zukünftige Glück in ſeiner Blüthe erfaſſen, die Frucht, die uns der träge heiße Sommer nur langſam gereift hätte, vorn'weg brechen im friſchen, freudigen Lenz, das heiß' ich das Leben an Blüth' und Frucht zugleich erfaſſen und genießen. Merkstibi, Männchen! Wer auf keinen blühenden Zweig kommt, kommt auch auf keinen grünen!“ „Hier Grünigkeit— hier Blüthe!“ rief er entzückt und ſchloß ſie in ſeine Arme. Dann wurde der blühende Zweig in's Waſſer vor den Spiegel geſtellt, und er war noch nicht verwelkt, ſo hatte Bürger ſchon in einem halben Dutzend * — 320— frreundlicher Lieder dem Herbſt Molly's Sünde innigſt apbgebeten. Das war der Zauber in dieſer ſonnigen, liebeſeligen Na⸗ tur! Sie redete dem geliebten Manne wie Echo im Echo in die Seele, beherrſchte ſein ganzes ſchwärmeriſches Ge⸗ fühl auf das Vollſtändigſte und hatte doch die weiſe Mä⸗ ßigung für ſich. Es gab keinen Ton in ſeinem Geiſte, der nicht in den Saiten ihres Gemüthes widergehallt hätte, der nicht aus der glücklichen Harmonie ihres Herzens heraus ſchöner und wahrer in ihn zurückgekehrt wäre. „Ich bin auf Alles eiferſüchtig, was Dir gefällt, mag's nun lebendig ſeyn oder todt,“ ſagte ſie einſt.„Und immer mein' ich, das Schönſte ſey nicht ſchön genug für meinen Bürger, wenn er's nicht aus meiner Hand empfinge. Das mag recht eigennützig klingen, aber es iſt ſo, und ich will nun einmal, daß er mit meinen Augen Alles ſehen ſoll, was ihm gefällt,— ſelbſt mich. Gibt's eine Liebe, und es gibt eine, ſo hat ſie das Recht und die Sorge, nicht mehr und nicht weniger zu thun, als eiferſüchtig zu we ichen, daß kein Stern und keine Sonne anders, als durch die Ihre in das geliebte Herz leuchten darf. Ich liebe die Roſen, und die feurigſten am meiſten, weil ſie mich an Deine Küſſe erinnern, ich liebe die Natur, weil ich mir denke, daß Dir das Alles noch viel ſchöner vorkommt, ich liebe Gott, weil Du es biſt, der für mich zu ihm betet— ich liebe endlich mich, Bürger, weil Du— Du mich liebſt, und weil es nun einmal ſo ſeyn muß, lieb' ich Dich noch viel mehr, als mich. Der Tod iſt ein Scherz— aber die Vergeſſen⸗ heit— die Vergeſſenheit iſt ſchrecklich!— Mir denken zu müſſen, daß es einen Zuſtand gibt, wo Du nicht mehr für mich eriſtirſt, ich nicht mehr für Dich— ſiehſt Du, das kann mich zittern machen bis in den Traum hinein. Als —ſ 5 Du fort war'ſt aus Niedeck— ich allein, allein mit dem Bild Deiner Züge in dem goldnen Rahmen, und hier im Herzen Dein ander Bild, da hatt' ich ein Gefühl von die⸗ ſem Zuſtand, da wußt' ich, was ſeelenlos ſeyn heißt. Selbſt das Porträt in dem Rahmen fing an, mich zu täu⸗ ſchen, kein Gebet kam in meine Seele, ich mochte mit nichts Lebendigem mehr verkehren, als mit dem närriſchen Buch⸗ onkel oder mit dem Zaunkönig in der kahlen Jasminlaube, wo Du mich geküßt hatteſt; ja, ich glaube, wenn der Vater nicht geſtorben wäre, wär' ich geſtorben, und darum war mir ſein Tod ſo entſetzlich; denn er gab mir ein Glück, daß für mich zu ſpät kam; er ließ mich mit Dir in einer Welt zurück, die Dich mir ſtreitig machte, und wär' mir damals nicht ſo angſt vor Dir geweſen, ich hätte mich noch in den Ziehbrunnen geſtürzt. Und nun, wenn ich an das Alles zurückdenke, und mir denke, was aus Dir und mir geworden wäre, wenn ich geſtorben wäre— ohne Dich beſeſſen zu haben—“ „Einfach, mein Kind,— einfach ein Grab,— Dora eine Wittwe,“ ſagte Bürger.„Mir war es anders. So lang ich Dich im Leben wußte, ſchützte mich das Pochen meines Herzens, das Gefühl meines eignen Seyn's vor der Ver⸗ zweiflung. Aber freilich, die Eisdecke war dünn, auf der wir zu einander nach dem ſicheren Ziele hinſtrebten——“ „Und iſt der Boden unter uns nun feſter— oder bloß der Glaube an ſeinen Halt?“ fragte ſie gedankenvoll, und hatte wirklich in ihren Mienen etwas wie Wolken. Schnell aber, als habe ſie ſich auf einer Unüberlegtheit ertappt, rief ſie lachend: „Das iſt die rechte Höhe der Menſchlichkeit, in ſeinem Glücke Schickſalches zu ſpielen! Als wenn man nur nach den vorherigen Leiden und Kämpfen das Errungene ſchätzen, 21 — 322 ſeinen Werth und ſeine Größe feſtſtellen koͤnnte! Aber auch darin iſt das Beſte, daß es menſchlich iſt, eben ſo menſch⸗ lich, als die Neigung, ein verlornes Glück nach den Freu⸗ den zu zählen, die es uns einbrachte.“ In dieſem Augenblick ſtürmte Schlegel die Treppe herauf,„ riß die Thüre weit auf und warf ſich mit einem lauten: „Ach! O! Ach!“ athemlos auf das Sopha. „Um Gott! Was haben Sie, Freund?“ rief Molly er⸗ ſchrocken. 1 „Ruinirt! Ruinirt!“ entgegnete dieſer aufſpringend und ſchlug ſich mit der Hand vor die Stirne. „Halt!“ rief Bürger.„Nicht ſo ſchnell mit der Fauſt in die Haare, junger Held! Was gibt's? Wohinaus geht der Ruin? Hat man Schulden gemacht? Oder ehrlicher Leute Fenſter eingeſchlagen? Oder ſich duellirt? Oder den Reſpekt ſo weit aus den Augen gelaſſen, und den Pro⸗ feſſor N. N. einen Schafskopf genannt? Oder—— „Oder! Oder! Oder!“ erwiederte der Deſperate mit ver⸗ zweifelter Grimaſſe, biß ſich in die Lippen und durchſchritt mit verſchränkten Armen das Zimmer, indem er von Zeit zu Zeit ganze Stöße von Hypochondrie und Herzensbraſt ausbließ. Bürger und Molly ſahen ſich erſtaunt an und wußten nicht, ob ſie ihn auslachen oder bedauern ſollten. Dann trat er an das Fenſter, trommelte eine Weile an der Scheibe, wandte hierauf haſtig ſein Geſicht nach Molly und fragte mit dem ſcharfen Accent eines Richters der heiligen Vehme: „Wiſſen Sie auch, Madame, was es heißt, wenn ein Menſch von meiner Anſtändigkeit ſich verplemperte,— „Verplempert? Was iſt das für ein poſſirliches Wort? Mein Lebtag hab' ich's noch nicht gehört!“ betheuerte dieſe, und ſah ihn erwartungsvoll an. 8999 „Weißt Du's auch nicht?“ frug er Bürger in demſel⸗ ben Tone. 1 „Verplempert? Nein! Das Wort iſt mir funkelnagel⸗ neu,“ erwiederte dieſer, ebenſo geſpannt auf die Auslegung als ſeine Frau. Schlegel ſchüttelte mit einem ſauerſüßen Lächeln den Kopf, griff dann nach einem kurzen Kampfe in die Bruſttaſche ſeines Rockes, holte einen Brief hervor, hielt ihn eine Weile unſchlüſſig in den zitternden Händen, und warf ihn dann, indem er nach Hut und Stock griff, auf den Tiſch. 8 „Verplempert! Ich meine, das Wort ſey ein Naturlaut, den jeder vernünftige Menſch, auch ohne Definition ver⸗ ſtehen könne!“ rief er faſt erbittert, und ſtürzte ohne Wei⸗ teres zur Thüre hinaus. Bürger nahm den Brief und las: „Geehrter Herr Studioſus! Sie haben auf der geſtrigen Parthie nach dem Hainberg meiner Tochter Mariane eine Erklärung gemacht, die ſie in dem Gefühl ihrer kindlichen Liebe mir nicht vorenthal⸗ ten zu dürfen glaubte. Es freut mich, Ihnen ſagen zu können, daß Mariane die Entſcheidung Ihrer Anfrage in meine Hand gelegt hat; und ich nehme keinen Anſtand, einen ſo talentvollen, red⸗ lichen Mann mit Freuden als meinen zukünftigen Schwie⸗ gerſohn zu begrüßen. Wollen Sie ſich meinen väterlichen Segen holen, ſo wiſſen Sie meine Wohnung, Nikolaiſtraße, Lit. E. No. 35. Mit wohlbekannter Werthſchätzung Ihr beſtändiger Freund Mo⸗*, Profeſſor.“ 21 — 324— Als„Poſtſeript“ hatte Auguſt Wilhelm mit Bleiſtift die lakoniſche Nachricht beigefügt:„Jedem, dem es Vergnü⸗ gen macht, mich auszulachen, zeige ich hiermit pflichtſchul⸗ digſt meine am heutigen Morgen ſtattgehabte Berlobung mit Fräulein Mariane Meur an.“ —— Und als die Apfelblüthen abfielen und die klei⸗ nen grünen Aepfel zum Vorſchein kamen, als die Roſen blüthen, und die feurigſten darunter ſie an ſeine Küſſe erinnerten, als man ſchon faſt ganz, ohne es zu wiſſen, aus dem Frühling in den Sommer gekommen war, da hatte eines ſchönen Morgens Molly etwas auf dem Her⸗ zen, und konnte es, wie ſie ſich auch anſtellte, nicht wieder los kriegen; ſie ging Bürger allenthalben aus dem Wege, und wo er nicht war, da ſuchte ſie ihn. Sie wußte nicht, ſollte ſie's d'rauf ankommen laſſen, daß er's von ſelbſt er⸗ riethe, oder ſollte ſie zu ihm, der ja ſo zerſtreut war und oft ſei⸗ nen Kopf vergeſſen hätte, wenn ſie ihn nicht daran erinnert haben würde, daß er angewachſen wäre, kurz ſie wußte nicht, ob ſie A oder B zu ihm ſagen ſogte. Endlich wählte ſie einen Mittelweg, und eines Sonntags Morgens, als er ſich eben auf die ſchöne Paſtete freute, die ein reicher Kaufmann geſtern geſchickt hatte, als er mithin bei recht guter Laune war, trat ſie zu ihm, ſchmiegte ſich an ihn, „als hätten ihr die Hühnchen das Brod gegeſſen,“ und fragte ihn ganz ernſthaft, welches wohl dermalen das beſte ABC⸗Buch ſey? Er ſah ſie über dieſe ſeltſame literär⸗hiſtoriſche Wißbegierde erſtaunt, mit aroßen Augen vom Kopf bis zum Fuße an. „Das beſte ABC⸗Buch?“. — „Ja, das beſte, mit dem großen Göckelhahn auf dem Titelblatt—“ 5 „Aber wozu denn? Willſt wohl gar noch einmal buch⸗ ſtabiren lernen?“ „Und Du mit,“ ſagte ſie ſchnell und deutete ihm dabei ſchelmiſch mit dem Finger zwiſchen die Augenbrauen. „Merk's Dir tibi doch,— die Geſchichte iſt gar zu drollig, und wenn mir's die Seilerin nicht geſagt hätte——“ Sie konnte vor Lachen nicht weiter reden. „Ja ſo!“ ſagte Bürger langſam, dem faſt der Athem ausging und war, wie aus den Wolken gefallen. „Ja ſo,“ erwiederte Molly und ſetzte bittend hinzu: „Aber ſey nur nicht böſe, lieb Männchen, ich kann Dir wahrhaftig nicht helfen, Mann; ſo, ja, ſo iſt's, gerade ſo, wie Du geſagt haſt!“ „Kein Wort hab' ich geſagt— nichts hab' ich ge⸗ ſagt!“ rief Bürger mit vor Entzücken bebender Stimme, und hatte Mühe an ſich zu halten, um ihr nicht zu ſchnell aus der anmuthigen Verlegenheit zu helfen. Sie wurde ärgerlich, feuerroth⸗ärgerlich, zog die Augenbrauen zuſammen, biß an den Nägeln und ſah ihn mit ſchelmiſch drohenden Augen an. „Nun! Nun! Erkläre Dich doch nur deutlicher, Weib⸗ chen!“ ſagte er begütigend. „Du biſt ein Tyrann, ein Haus⸗Nabob!“ rief ſie und fiel ihm unter Küſſen und Scheltworten um den Hals. Dann nahm ſie den Kalender vom Nagel, blätterte und blätterte, bis ſie's gefunden hatte, und mit dem Finger auf den Namen Emil deutend, ſagte ſie mit leuchtenden Blicken: „Den hab' ich mir ausgeſucht, ſo muß der geniale Bube⸗ heißen!“ 3 — 326— 3 Und groß und ſicher ſtand ſie vor ihm wie eine ſelige Verheißung, ihr ganzes Weſen ein einziger Glanz der Freude, des Entzückens, mit jener Liebe im Auge, die nur der Vater ſieht, weil der, dem ſie gilt, es noch nicht weiß. 8 „Molly! Molly!“ ſtammelte Bürger, faſt eben ſo ſehr entzückt von dem, was er ſah, als von dem, was er hoffte. „Glücklicher, als eben, wirſt Du mich nicht machen können!“ „Doch! Doch!“ rief ſie begeiſtert und küßte ihm die innerſte Ueberzeugung von dem Gegentheil in die Seele. „Doch! Doch! Bürger— warte nur, Du ſollſt's exleben!“ Da klopfte es an die Thüre, und Schlegel kam, end⸗ lich dem Freund und der Freundin ſeine Braut vorzu⸗ ſtellen. Seit mehren Wochen war er von Beiden wieder⸗ holt darum angegangen worden und hatte es immer unter irgend einer Ausrede zu verſchieben gewußt. Und dennoch, 2 der Neid mußte es ihm laſſen, er hatte ſich äußerſt ge⸗ ſchmackvoll verplempert. Mariane Mur war in jedem äußeren Betracht ein reizendes Mädchen, wie Bürger ſie bezeichnete, eine„akademiſche Schönheit“. Sie war vor⸗ nehm blaß, hatte große blaue Augen und war gewachſen, wie eine Tanne. Ihr Geſicht hatte einen feinen griechi⸗ ſchen Schnitt, und auf die Schönheit ihrer langen ſeidenen Wimpern konnte ſie ſich gerade ſo viel einbilden, als ihr eitler Bräutigam auf ſeine feingeſtickten Manſchetten, kurz, es war in jedem Betracht ein Frauenzimmer, dem man ſchon einmal auf einer Parthie nach dem Hainberg unter Luna's Auſpicien einen Heirathsantrag machen konnte, ohne daß man ſich darum, wie unſer leichtfertiger, launenhafter Antragſteller meinte, verplempert hätte. Dabei muß noch bemerkt werden, daß, was Marianens Bildung und Ta⸗ lent anging, dieſe Wahl dem feingebildeten Auguſt Wil⸗ — — — 322— helm ſogar zur großen Ehre gereichte. Selbſt griechiſch hatte ſie gelernt, und verſtand ſich ſo gut auf die Lehre vom Accent, von der Reduplication, auf die Bildung der Zeit⸗ wörter auf, ſo wie auf den Optativ, als ihr Bräutigam ſelbſt. Ihre Lecture war die gewählteſte; ſie las faſt nur Sophokles, Calderon und Shakeſpeare, und konnte keinem modernen Belletriſten Geſchmack abgewinnen; kurz, was aus einem von Natur begabten Frauenzimmer in der kri⸗ tiſch⸗rationaliſtiſchen Atmoſphäre Göttingens nur immer werden konnte, das war Mariane Mess, ein geborenes Profeſſorkind, ſo verſtändig und trocken wie Papa, ſo ſuf⸗ fiſant und abſprechend, wie Mama. Molly verſtand es trefflich, mit ſolchen exotiſchen Pflan⸗ zen aus den Gewächshäuſern der Göttinger Kritik umzu⸗ gehen. Sie ſelbſt hatte ja ihrem Manne den Homer über⸗ ſetzen helfen, wenn ſie auch kein weiteres Verdienſt dabei hatte, als daß ſie ihm von Zeit zu Zeit das Licht putzte, Aepfel ſchälte und ihm ein Schnittchen nach dem andern hinſchob. Aber ſie wußte nichtsdeſtoweniger recht gut, daß das große Pferd, welches auf den Rath des verſchlagenen Ulyſſes zu Trojas Untergang gebaut worden war, von Holz geweſen ſey und inwendig ſo hohl, wie eine taube Nuß; ebenſo hatte ſie ſich die Geſchichte vom Therſites ge⸗ merkt und wußte, wie man Therſiteſſe behandelt. Am lang⸗ weiligſten in der ganzen Iliade erſchien ihr jedoch die Caſſandra. „Wenn mir der ſchöne Gott Apollo einen Liebesantrag gemacht hätte, ich würde ihn nicht ſo ſchnöde abgewieſen haben. Es geſchah ihr ſchon recht, daß Niemand mehr ihren Weiſſagungen glauben wollte. Wer wird auch einem Gott einen Korb geben!“. — 328— So faßte ſie das tlaſſiſche Alterthum auf, und mancher heißblutige Philologe und Archäologe lief bei ihr mit all' ſeiner Gelehrſamkeit in eine Sackgaſſe. Schlegel ſaß wie auf glühenden Kohlen, als Molly* nach dem Bücherſchrank eilte, und Rouſſeau's neue Heloiſe holte, da die junge gelehrte Dame ſich nach ihrer Lieb⸗ lings⸗Lectüre erkundigt hatte. „Kennen Sie das Buch?“ ſagte ſie verwundert, als Mariane es nach einem flüchtigen Blick mit einem Achſel⸗ zucken auf den Tiſch legte. 1 „Nein,“ erwiederte dieſe lächelnd.„Solche Bücher leſe ich nur einmal, weil man ſie doch nicht ganz bei Seite liegen laſſen kann, und es um ſo größeren Genuß ver⸗ 1 ſchafft, wenn man von ihnen zu einer gediegenen Lectüre zurückkehrt. Ich leſe überhaupt wenig neuere Schriften, da ich einmal die eigenſinnige Laune habe, mir einzubilden, das Alles ſey ſchon hundertmal beſſer und ſchöner geſagt worden.“ „Aber was nennen Sie denn gediegene Lectüre, wen dieſes Buch ſie nicht bietet?“ fragte Molly.„Gibt's in der alten Literatur ein ähnliches Evangelium der Liebe? Und wo iſt denn der griechiſche Autor, der das hundertmal ſchöner und beſſer geſagt hätte, als Rouſſeau? Die Alten mögen viel Schönes haben, aber von der Liebe verſtehen ſie nichts, und nirgends find' ich in ihren Tragödien dieſes ſüßeſte aller lyriſchen Gefühle mit z. B. jener unvergleichlichen Treue und Unmittelbarkeit ausgeſprochen, als in Shake ſpeare. Und ſelbſt den Fall angenommen, die Alten hätten auch hierin das nämliche, wie unſere neueren Dichter geleiſtet, ſo iſt mir doch immer die Poeſie die liebſte, die mich nicht nöthigt, mich mit meiner ganzen Art zu fühlen und das Schöne zu empfinden, in eine Welt zu verſetzen, die kein Buch und kein Gedicht mir ſo vertraut machen kann, als die iſt, in welcher ich lebe. Es mag bilden, aber mehr nicht; während Rouſſeau's Heloiſe mich nicht allein bildet, ſon⸗ dern auch recht aus der Seele heraus erfreut, und mich überall wie ein bekanntes, liebes Weſen anſchaut. Ich rede freilich nur wie ein Frauenzimmer, aber hier ſitzt ja auch darum mein Mann, der mich ſchwerlich geheirathet hatte. wenn ich die Heloiſe nicht liebte.“ Nariane ſah fragend auf ihren Bräutigam. Dieſer zupfte an ſeinen Manſchetten, blies ſich mit vieler Eleganz ein Stäubchen vom Aermel, fuhr dann mit dem Finger zwiſchen die Halsbinde, drehte den Kopf, der ihm heute gar nicht bequem ſitzen wollte, bald rechts, bald links, kurz, er bot alle diplomatiſchen Feinheiten eines galanten Lieb⸗ habers auf, um nur keine Antwort geben zu müſſen. Ma⸗ riane blätterte verlegen in dem Buch. „Nehmen Sie ſich's nur mit,“ ſagte Molly recht heiter leichtfertig.„Und laſſen Sie ſich von einer Frau rathen, die ſchon einige Erfahrung in der Liebe gemacht hat. Die Männer, liebe Freundin, die Männer ſind die unbarmher⸗ zigſten Tyrannen, die man ſich denken kann. Von meinem wenigſtens hätte ich's zu befürchten, daß er mir den Koch⸗ löffel über die Straße nachtragen würde, wenn es mir in den Sinn käme, ihm in's Handwerk zu pfuſchen und auch nur einen einzigen Homeriſchen Hexameter nach meinem Takt abzutreten. Ja, er wäre im Stande, bei allen ſeinen Freunden herumzulaufen und zu klagen, daß er ſich ver⸗ plempert hätte.“ Schlegel ſtand ſchnell vom Stuhle auf und lachte, — 330—. als ſey's ihm d'rum zu thun. Molly aber ſagte ganz un⸗ befangen: „Wie? Schon fort? Ich dächte Sie blieben zum Eſſen bei uns und nähmen vorlieb?”“ Die Einladung wurde jedoch abgelehnt, das junge Brau⸗ paar empfahl ſich, aber zwiſchen Thür' und Angel ſtreckte Jener noch die Fauſt in's Zimmer zurück, welcher dro⸗ hende Geſtus vermuthlich andeuten ſollte: Frau Magi⸗ ſterin, das werd' ich ihnen gedenken! „So gehts, wenn man ſich objektiv verliebt!“ ſagte Molly und hing den Kalender wieder an den Nagel. Buürger ſtand auf den Zinnen menſchlicher Glückſeligkeit, und es hätte Noth gethan, daß er wie Polykrates den Göttern einen Ring geopfert hätte. Er lebte ein wahr⸗ haft olympiſches Daſeyn; was er unternahm glückte, und ſelbſt das Streben und Ringen vergangener Jahre, das er längſt als eitel und verloren betrachtet hatte, kam ihm noch zu gute und er holte deſſen verſpätete Reſultate nach. Das iſt der glückliche Mann, dem ſo nach manchem heißen, mühevollen Tage die Garben der Jugend reifen, während er mit vollen Händen die Saat ausſtreut in die Zukunft, und der Ernte ſich nicht minder freut, als des Säens. Und in dieſem Glücke war keine Täuſchung, keine Illuſion, denn wo Molly ging und ſtand, leuchtete es feſt wie ein Angelſtern in ſein Herz, und noch eine um vieles beſchei⸗ denere Exiſtenz, als die gegenwärtige, würde in ihrer hel⸗ len Nähe keine Sorgen des Lebens und Leibes erzeugt haben. Viſſenſchaft und Liebe, und in beiden die Poeſte, wie zwei Sonnen in der dritten, waren die Elemente, in 2 4 f 5 8 7 f 3 Ve — — 331— denen unſer Dichterleben zu immer kräftigerem Gefühl er⸗ ſtarkte und in ihnen mit allen Ankern der Zuverſicht feſt⸗ ſtand. — Aber die Herren Collegen! Die Herren Collegen!— „Wenn ich noch überhaupt an mein Unglück glauben könnte, ſo wären es die Raben, die lauernd, wie auf ihre ſichere Beute, mich umkrächzen,“ ſagte Bürger.„Es muß ein recht trauriges Schickſal ſeyn, dieſen Leutchen anheim zu fallen. O! Nur kein alter Löwe, kein alter Löwe!“ Der Profeſſor Querner, wir müſſen doch endlich auch dieſes Früchtchen am weitgeäſteten Baume deutſcher Gründ⸗ lichkeit und Wiſſenſchaft von Angeſicht zu Angeſicht ſchmecken lernen,(wenn wir auch ſeinem Gedächtniß nicht die Ehre erzeigen werden, ihn mit ſeinem wahren Namen zu nen⸗ nen,) der Profeſſor Querner hatte keine friedliche Stunde mehr und der Oberrock ſchloiterte ihm bald um den Leib, wie der vergriffene Einband um ſein Compendium der claſſiſchen Literatur. Der gute Mann war in Wahrheit recht unglücklich, und ein Hemdeknöpfchen nach dem andern ſprang ihm von dem Bewußtſeyn ſeiner gründlichen Ge⸗ lehrſamkeit ab. Wo er auch Bürger beißen wollte, in der Geſellſchaft und auf dem Katheder, ſelbſt im Traume, über⸗ all fiel ihm der Giftzahn aus dem Munde, und eines Tages, als er eben in den Wonnen der Horaziſchen Schönheit ſchwelgte und dazwiſchen ſehr bedeutend nach gewiſſen ungründlichen Belletriſten knappte, die, weil ſie ein paar gute Verſe gemacht hätten, nun auch gleich die Wiſſenſchaft keformiren wollten, ſcharrten und brummten die Studenten ſo vernehmlich und anhaltend, und einige Bulldoggen heulten dazwiſchen ſo jämmerlich, daß dem armen Querner Hören und Sehen verging, und er zitternd vor Wuth und Beſchämung das Colleg ſchließen mußte. Er eilte leichenblaß zum De von ungefähr auf Bürger, der eben mit ſeiner ſchwarzen Mappe unter dem Arme in das Colleg gehen will. Plötz⸗ lich fühlt dieſer ſich von ſeinem erklärten Antipoden am Rock gefaßt: kan, und unterwegs ſtößt er „Sie,— Herr, Sie!“ ſtammelte der Wüthende athemlos, und faſt erſchrack Bürger vor dem giftigen, grünen Blick, womiter ihn durchbohren wollte.„Sie,— Herr, Sie! Wenn Sie ſich noch einmal unterfangen——⸗ „Ach ja, ich weiß ſchon; dann werden Sie nichtsdeſto⸗ weniger mein Feind bleiben bis an Ihr Lebensende,“ ver⸗ ſetzte er ruhig und faßte dabei Querner's Hand ſo derb am Gelenk, daß dieſer ihn loslaſſen mußte. Unvermögend, weiter ein Wort zu reden, eilte der Profeſſor fort und Bürger konnte⸗ unbehindert in ſein Colleg gehen. Querner fand jedoch den Decan, bei dem er ſich über die Auf⸗ führung der Studenten bekiagen und ihm vielleicht auch die Meinung beibringen wollte, daß Bürger einen Antheil daran hätte, nicht zu Hauſe. Doch war ſowohl der Tumult in dem Auditorium, als auch der Auftritt zwiſchen ihm und dem Dichter bald allgemeines Stadtgeſpräch, und am Abende deſſelben Tages, eben als Querner ſeiner alten Haushäl⸗ terin in ſtrengen Worten den Befehl ertheilt hatte, ſämmt⸗ liche Knöpfe von ſeinen Hemden abzutrennen, und ſtatt ihrer Häfchen anzunähen, erſchienen ſeine beiden intimen Freunde, die Profeſſoren Wutke und Schwedelſecker und bald nach ihnen auch der Hofrath Melolantha, alle drei in der Abſicht, ihn zu vermögen, dieſen Anlaß zu ergreifen und die Univerſität auf g'raden oder krummen Wegen von einem ſo gefährlichen Menſchen, wie Bürger zu befreien. 4 — 333— Es war ein recht ſauberes Clübbchen, als die vier ge⸗ lehrten Herrn Philologen und reſp. Sprachforſcher beiſam⸗ men ſaßen und in tiefen blauen Wolken aus kölniſchen Pfeifen ihren Unmuth ausdampften, wozwiſchen dann und wann Herr Profeſſor Wutke aus ſeiner Horn⸗Doſe mit großem Geräuſch ſeiner Naſe eine neue Ladung Lotz⸗ beck zuführte oder der kleine Herr Melolantha ſurrte, wie ſein deutſcher Namensvetter, wenn ihn im Mai die Knaben an einem Zwirnsfaden fliegen laſſen. „Etwas muß hier geſchehen,“ wisperte Herr Schwedel⸗ ſecker nach einer langen Pauſe.„Unſerem werthen Colle⸗ gen nicht allein, der Ehre der Wiſſenſchaft und der Uni⸗ verſität ſind wir es ſchuldig, ſolche Wucherpflanzen nicht aufkommen zu laſſen. Sie zerſtören alles geiſtige Wachs⸗ thum, entweihen den Ernſt und die Würde der Wiſſen⸗ ſchaft, und die Jugend, die nur allzugern an ſolchen Allotriis Geſchmack findet, wird dem Studium immer mehr entfremdet.“ Wutke ſagte mit kirſchbraunem Geſicht:„Denken Sie ſich nur, meine Herren! der gelehrte Magiſter Bürger hatte neulich ſogar die freche Stirne, auf dem Katheder den barocken Satz zu declariren: Es gäbe überhaupt in der Wiſſenſchaft kein anderes Reſultat, als das des Geiſtes, und alles todte Wiſſen müſſe man vollends todtſchlagen.“ „Köſtlich war ſeine Behauptung, die Geſchichte ſey nichts weiter, als eine Vorarbeit für den Genius des Dichters,“ ſagte Melolantha und rieb ſich kichernd die Hände. „Ich bin bis zur evidenteſten Gewißheit überzeugt, daß er nicht einmal 10 conjugiren, noch den leichteſten Satz im Plutarch ohne Lexicon leſen kann,“ ſagte Querner. — 334— „Und dennoch maßt ſich dieſer Menſch an, über Platoniſche Philoſophie zu ſprechen! O, es iſt weit mit Göttingen ge⸗ kommen, daß ſolche Literaten Zutritt zum Katheder er⸗ halten.“ „Gönner hat er doch wahrlich eben nicht,“ meinte Schwedelſecker.„Es müßte denn in Hannover—— „Ah Pah!“ rief Melolantha.„Mein Gönner iſt der Geheimerath von M—— n, und hier muß unſer verehrter College Querner anklopfen, wenn er hören will, auf welche Weiſe ein Wölmershäuſer Amtmann in die Georgia Au⸗ guſta eingeſchwärzt wurde.“ „Es iſt kein Zweifel, er hetzt die Studenten gegen uns auf,“ donnerte Wutke.„Sein ganzer Umgang beſteht ja nur aus lüderlichen Burſchen; ſie ſitzen oft zu Dutzenden auf ſeiner Arbeitsſtube, rauchen Tabak mit ihm, trinken Bier, ſingen Gaſſenhauer, und ich möchte faſt kaum daran zweifeln, daß manche den ehrlichen Bürgern geſtohlene Gans in des Herrn Magiſters Küche gebraten wird. Iſt das eine Aufführung für einen, Docenten der Akademie Göttingen? Aber er weiß ſich beliebt zu machen, er ſchmei⸗ chelt den jungen Leuten, indem er ſich ihnen gleichſtellt; nennt uns Pedanten, und der Zulauf zu ſeinen Vorleſun⸗ gen nimmt täglich zu. Ich ſage Ihnen, er hat ſeine heim⸗ lichen Agenten unter der Jugend, welche die anderen bearbei⸗ ten müſſen; und da kann's ihm denn freilich nicht fehlen, zumal wenn er noch obendrein den berühmten Dichter zum Aushängeſchild macht!“ „Ich werde dem Geheimenrath von M—n ſchreiben!“ ſagte Querner entſchloſſen.„Ich werde ihm den ganzen Unfug vor dem Gronerthor entdecken, und bin verſichert, daß ich Gehör bei ihm finden werde. Die Regierung mag * — dann in ihrer Weisheit beſchließen. Wir brauchen keine Dichter in Göttingen—“ In dieſem Augenblick gab's unten auf der Straße einen hölliſchen Lärmen; alle Katzen von Göttingen ſchienen vor Querner's Hauſe ein Rendezvous verabredet zu haben, und es quickte und miau'te, winſelte und wimmerte ſo jämmerlich durcheinander, daß es einen Stein hätte erbar⸗ men mögen. Von dem tiefen Tenor des ehrwürdigen Schloß⸗Katers bis zu dem ſchmachtenden Adagio einer Göttinger Mienze, durch die ganze Scala des Welt⸗ ſchmerzes, wie ihn nur Katz und Kater empfinden können, erſchöpfte ſich die Muſik, bald hinſterbend im wehmüthig⸗ ſten Solo, bald wieder anſchwellend bis zum haarſträu⸗ bendſten Chorus. Es waren Töne darunter, die Einem die Augen auszukratzen drohten, und der Geſang der Eu⸗ meniden ſelbſt hätte vor dieſem Concert verſtummen müſ⸗ ſen.— Schwerlich kann man ſich einen Begriff von der Ueberraſchung und dem Schrecken machen, womit unſere vier Profeſſoren ſich einander anſahen. Keiner ſprach ein Wort, alle waren wie van Donner gerüht, bis Querner, der zuerſt wieder zur Beſinnung kam und wohl ahnen mochte, wem dieſe Serenade gebracht wurde, ſchnell ent⸗ ſchloſſen nach der Lichtputze fuhr und die beiden Kerzen auslöſchte. Dies aber war für die Virtuoſen unten auf der Straße die Loſung zu einem donnernden, dreimaligen —₰½ „Pereat Querner!“ worauf die Schaar der nächtlichen Un⸗ holde unter Lachen, Singen, Pfeifen und Ziſchen die Straße hinabzog. ——„ — 336—* Der Seiler Martin, Bürger's Hausherr, war in der That ein poetiſches Gemüth, und oft Stundenlang konnte Molly ihm vom Fenſter aus zuſehen, wie er langſam auf der„Bahn“ rückwärts ſchritt, während das Seil, das er aus dem Hanf in ſeiner Schürze drehte, immer länger und„ länger wurde, bis es zuletzt ſo ſchwer war, daß es auf die Gabel gelegt werden mußte. Einſt hatte ſie ihm wie⸗ der lange zugeſehen, und als er mit dem Seile bis nahe an das Haus gekommen war, merkte ſie, daß des alten Mannes Miene heute ungewöhnlich ernſt und nachdenklich war. Sie ging hinunter in den Garten und trat zu ihm, eben als er ſich unter der Arbeit eine Thräne aus den Augen wiſchte.„Ah! Frau Magiſterin,“ ſagte er, und ſein Geſicht erheiterte ſich bei ihrem Anblick. „Nun, Meiſter, wo fehlt's?“ fragte Molly mit dem ihr eigenen, herzgewinnenden Tone. Er deutete mit trübem„ Lächeln auf das Seil, ſchüttelte den Kopf und erwiederte nichts, als:„Ein ſchwer Stück Arbeit— ein recht ſchwer Stück für einen alten Mann!“ „Wozu ſoll denn das Seil?“ fragte ſie neugierig. Er, der dieſe Worte überhört hatte, fuhr fort:„Als ich noch Geſelle war bei meinem ſel'gen Vater, da drehte ich ſchon einmal auf demſelben Platze ſolch' ein Seil und pfiff unter der Arbeit ein luſtig Liedel, wie's im Böhmenland geſungen wird, wo ich drei Jahre in Arbeit geſtanden hatte. Damals dachte ich nicht, daß es ſobald morſch werden würde, das ſtarke ſchöne Seil, wozu ich den beſten Braun⸗ ſchweiger Hanf genommen hatte,— und nun iſt's doch abgenutzt und ich muß ein neues anfertinen 72 „Ihr ſprecht wirklich in Räthſeln, Meiſter Martin,“ ſagte Molly, trat auf die Bahn und nahm das Seil in die Hand, indem ſie es gedankenvoll auf und ab wog. * „† 3 3 6 — 337— „Na, rathen's einmal, lieb Frauchen, von wem das Seil beſtellt iſt?“ ſprach der Meiſter nach einer Pauſe lächelnd. „Es hat damit eine ganz eigene Bewandtniß.“ Erſchrocken ließ ſie es aus der Hand——„Ah! Ich weiß!“ ſagte ſie und betrachtete mit einer ſeltſamen Mi⸗ ſchung von Ueberraſchung und Grauen das neue Seil. „Ja! Ja!“ Sprach der Meiſter haſtig.„Ein Schau⸗ kelſeil iſt's freilich nicht, aber doch gut gedreht; Manchem zwar wird es das Herz durchſchneiden, wenn es ſo unter dem Sarge greint, den es in die ſtille Gruft geſenkt hat. Ja, ja, lieb Frauchen, der Seiler hat auch ſeine traurige Arbeit, ſo gut wie der Schreiner und der Todtengräber. Sehen Sie, und dieſe Gedanken haben mir das Waſſer in die Augen getrieben, denn wer weiß, ob dort der Apfel⸗ baum mit ſeinem Segen mir noch einmal blühen wird.“ „O Meiſter! lieber Meiſter! Ihr ſeyd ja noch bei gu⸗ ten Kräften und könnt's leicht erleben, daß ein drittes ſolches Seil bei Euch beſtellt wird,“ ſagte Molly.„Und wenn's Frühjahr wird, nicht wahr, Meiſter, meinem Manne zum Trotz ſchneiden wir dann wieder den ſchönſten Zweig von dem Apfelbaum und ſtellen ihn in's Waſſer, daß er von uns Beiden lernt, wie übel der Menſch thut, wenn er ſich ſo in der ſchönen nheisn um die kommende Frucht kümmert!“. Da erheiterte ſich mit einmal des Alten Geſicht, er klatſchte in die Hände, als ſey ihm plöͤtzlich etwas recht Glückliches in den Sinn gekommen, warf die Schürze mit dem Hanf auf die Erde, nahm Molly's Hand und führte ſie nach dem Apfelbaum, der bis zum Brechen voller Früchte hing, und aus deſſen grünem Laub ſchon der Herbſt mit hunder⸗ ten von rothwangigen Geſichtern hervorblickte. 22 * — 338— „Schauen's mal, Frauchen! Schauen's mal, welch' ein Staatsbaum!“ rief er mit freudeglänzenden Augen und deutete dabei geheimnißvoll nach der höchſten Spitze des Baumes.„Das iſt nun zum fünften Mal, daß er mir dieſe Freude macht, und gerade immer dann, wenn er ſo. recht voll hängt, daß man meint, er müſſe ſich austragen und zu Grunde gehen.“ „Wie meint Ihr das? fragte ſie verwundert. „Pſt! Da ſoll der Herr Magiſter ſeiner Zeit erſt die rechte Lection kriegen,“ ſchmunzelte der Alte, führte ſie un⸗ ter den Baum, ſtellte ſie dicht an den Stamm, und indem ſie nun der Richtung ſeines Armes folgte, ſah ſie ganz oben in der Krone einen friſch aufgeſchoſſenen Zweig, der Mitten im rothwangigen Herbſte voll weißer Blüthenknos⸗ pen prangte, ſo voll, daß er jede Minute in herrlicher Frühlingsluſt aufblühen konnte.„ Molly legte die Hand auf das Herz,— ach, es hätte ein Maler in der Nähe ſeyn müſſen, die Rührung und das Entzücken zu malen, mit welchem ſie, an den Stamm des Baumes gelehnt, in die Höhe ſchaute, während der alte Mann ſein Auge nicht von dieſem Bild der Anmuth wen⸗ den konnte, das ſich ſeiner Seele ſo feſt einprägte, daß er's nie, nie wieder vergeſſen konnte, und noch viele Jahre nachher erzählte, wie ſchön die junge Frau damals vor ihm geſtanden habe. Haſtig nahm ſie ihn an dem Arm: 1 „Ach, Meiſter, lieber Meiſter!“ ſagte ſie tiefathmend mit* hochglühendem Antlitz;„verrathet's nicht, und wenn er blüht, ſo ſchneidet mir den Zweig ab..... für... für..... „Weiß ſchon! Weiß ſchon!“ rief der gute Martin und ſeine Augen funkelten.„Iſt ja Alles längſt ausgedacht... 3 — 3 — 339— brauchen's mir gar nicht zu ſagen... ja, und ſeltſam... ſeltſam... gerade heute... wo ich... Molly nickte lächelnd mit dem Kopf und deutete nach dem Seile. „Das iſt ja eben das Köſtlichſte an der ganzen Sache!“ bemerkte ſie, und mit großem Ernſt fügte ſie hinzu:„Mei⸗ ſter! Dieſer Apfelbaum da iſt ein ſehr weiſer Apfelbaum, und hätt' er im Paradies geſtanden und ich wär' die Eva geweſen,— an ſeiner Frucht hätt' ich auch geſündigt.“ In dieſem Augenblick trat Junghof, das gelbe ſpaniſche Rohr unter dem Arm in den Garten; Molly legte mit einem vielſagenden Blick nach dem Zweig die Hand auf den Mund und ging dem Freunde entgegen, von dem wir jetzt nichts weiter ſagen wollen, als daß er ſich wieder entfernte, ſo klug als er gekommen war.— Morgen nahmen die Herbſtferien ihren Anfang— Bür⸗ ger ſollte nach Niedeckund ſeinen kleinen Karl holen. Dann auf dem Rückweg ſollte er Wölmershauſen beſuchen, ſehen was der Buchonkel machte, dem gnädigen Fräulein von U. auf⸗ warten und zu all' dem hatte ihm Molly nur drei Tage Urlaub bewilligt. Er mochte dagegen ſagen, was er wollte; dieſer Hexa⸗ meter ſollte einmal nach ihrem Takte gehen. Demzufolge trat Bürger am andern Morgen ſeine Fuß⸗ wanderung an. Molly wollte ihm bis auf den nächſten Hügel das Geleit geben und dann ſollte er in Geſellſchaft des ſchwarzen Pudels Cato ſeine Tour allein fortſetzen. Beiden Gatten war leicht und froh zu Sinne, als ſie in den ſon⸗ nigen, duftigen Herbſtmorgen hinausſchritten uund die friſche, 340 erquickende Luft einathmeten, durch welche in weichen, an⸗ muthigen Schwankungen glänzende Sommerfäden zogen, gleich Schlingen, worin die zarten Luftgeiſter das Lied der Lerche fangen wollten. Sie kamen auf den Hügel, eben als es in der Stadt acht Uhr ſchlug. Bürger ſtellte ſeine Repetir⸗Uhr, ließ ſie ſchlagen und ſagte dann: „Es iſt zum erſtenmal, ſeitdem wir in Göttingen ſind, daß wir drei Tage von einander getrennt leben ſollen. Ich meine nicht, daß es auszuhalten wäre und Du wirſt ſehen, ich komme eher zurück, als Du mich erwarteſt.“ „Nur nicht, lieb Männchen!“ ſagte Molly bittend, und ſtreichelte ihm zärtlich die Wangen.„Die kleine Verände⸗ rung thut Dir recht noth nach den Strapatzen dieſes Som⸗ mers. Ich bin wirklich überglücklich, daß Du einmal von Deinen Büchern fortkommſt, und Du mußt mir nun auch hübſch Zeit laſſen, um einmal in Deiner Stube aufzuräumen. Es ſieht ja erſchrecklich d'rin aus!— Aber Du ſollſt ſehen, wie ſchön ich Dir's von Grund aus aufputze. Du be⸗ kommſt neue Vorhänge mit Wolken, die Bücher laß' ich alle ausklopfen und ſtelle ſie Dir genau ſo wieder hin, wie Du ſie verlaſſen haſt. Dann bekommt die Decke einen neuen Anſtrich und zuletzt muß die Magd den Fußboden ſcheuern, daß er wieder ſo blank wird, wie am Tage un⸗ ſeres Einzugs. Uebermorgen hab' ich die große Wäſche, den andern Tag wird getrocknet, und wenn Du mir hübſch treu bleibſt, ſo krieg' ich's in einem Tag fertig. Ach! Du könnteſt auch wohl noch einen vierten Tag ausbleiben, damit Du mich nicht bei der Bügelei hinderteſt, und kämſt Du dann bis Dienſtag zurück, ſo wär' Alles geſchehen, und ich brauchte nicht Deine verdrießliche Bügelſtahl⸗Miene zu ſehen.“ „Um Gotteswillen, Molly! Du wirſt Dich über Deine * — 341— Kräfte anſtrengen,“ ſagte er.„Laß doch das Alles ſtehen und gehen, wie's iſt, und denke d'ran, Dich zu ſchonen. Wenn Du mir das nicht ernſtlich verſprichſt, ſo kehr' ich auf der Stelle um und weiche keinen Schritt aus dem Hauſe. Die Wäſche hat Zeit——“ „Nichts hat Zeit, nichts, was man thun kann, ſo lang es noch Zeit iſt,“ verſetzte ſie haſtig.„Ich will Dir ver⸗ ſprechen, keine Hand zu rühren; aber geſchehen muß es; ich könnte ja ſonſt nicht mit gutem Gewiſſen in's Kindbett kommen.“ „Und erkälte Dich nicht,“ ſagte Bürger. „Und erkälte Du Dich nur nicht!“ „Und alterire Dich nicht.“ „Und alterire Du Dich nur nicht.“ So ging es eine Weile, Rath aus, Rath ein, und jede Sorge, die er für ſie hatte, gab ſie ihm als ihre Sorge zurück. Dann ſchlang ſie den Arm um ſeinen Hals.„Mann, lieber Mann, nun mache, daß Du fort kommſt,“ ſagte ſie liebkoſend, und küßte ihn ſo oft und ſo viel, als wolle ſie ihm für jeden Schritt, der ihn von ihr entfernen ſollte, einen N Kuß mit auf den Weg geben. „Adieu, Molly,“ ſagte er dann, zog ſie noch einmal an ſein Herz und ging von ihr. Der Pudel ſah groß zu ihr auf, und ſchien ſie auffordern zu wollen, ihrem Manne zu folgen. Sie ſchickte ihn Bürger'n nach, aber alle zehn Schritte blieb das treue Thier ſtehen und blickte verwundert nach ihr zurück. Erſt als ſein Herr pfiff, lief er feldeinwärts durch die Hecken ihm nach. Wohlgemuth ſchritt unſer Wanderer vorwärts; der Pu⸗ del, immer vor ihm her im Laufen ſich umdrehend und an — 342— ihm hinanſpringend, bellte beſtändig, als wolle er ihn nicht fort laſſen. „Kurioſes Thier,“ ſagte er zu ſich, und in der That, er hat ſpäter geſtanden, daß ihn der traurige Blick ſeines Pudels, als er ihn ſtreichelte und beſchwichtigen wollte, einen Moment beunruhigt hätte. So ſtieg er den näch⸗ ſten Hügel hinan, und auf der Höhe angelangt, blickte er rückwärts nach Göttingen. Und wirklich erkannte er die theuere Geſtalt, wie ſie noch immer auf dem ſonnigen Hü⸗ gel ſtand, die Hand vor den Augen, ganz vom Licht um⸗ floſſen, aus welchem ihr Körper in ſcharfen Conturen her⸗ vortrat. Es war ſo viel, ſo viel Sonne um ſie, daß er die Locke zu ſehen glaubte, in welcher der Zephyr ſpielte, daß es ihm vorkam, als ſey aller Morgenglanz dort auf dem Hügel bei ſeiner Molly verſammelt und harre ihres Gebotes, um auch die übrige Welt zu beleuchten. Und mittenaus dem Glanze winkte ſie ihm mit dem weißen Tuche; er ſchwenkte den Hut zum Abſchiedsgruß, durch die Luft flog ein Leuch⸗ * ten,... hinter dem Leuchten ein Schatten... und der Mor⸗ gen ſchied von dem Tage. Bürger ſah noch einmal hinüber, Molly war fort, und doch glaubte er noch einigemal das weiße Tuch in der winkte. Luft flattern zu ſehen, wie es aus dem Glanz ihm zu⸗ „Komm', Cato, komm',“ ſagte er, aber der Hund war nirgends zu erblicken, er mochte rufen und pfeifen, ſo viel er wollte. „Er will ihr die Wäſche bewachen,“ tröſtete er ſich lächelnd und ſchritt vorwärts. Wir laſſen ihn wandern, fragen auch nicht, wohin Molly gekommen und wenden uns einer allgemeinen Betrachtung * * — 343— zu, die der ſonnige Morgen, in welchem er hierhin, ſie dorthin ging, uns vergeben wolle. Jedem Herzen iſt das Räthſel ſeiner unendlichen Liebe mitgegeben, und es löſt ſo lang an ihren holden Hiero⸗ glyphen, bis es ſich in dem Beſitze weiß, nicht ihrer Wahr⸗ heit, ſondern des Gefühles, das ihm mehr als Wahrheit dünkt,— des Gefühles: dieſer räthſelvollen Liebe ſchönſtes Räthſel in einem anderen Herzen wiederzufinden, eben ſo ſeligen, dunklen Sinnes voll, eben ſo unerfaßlich, un⸗ verſtanden, wie es in ihm ſelber ruht. Man nennt Ju⸗ gend dieſes Räthſels ſchönſte Zeit, weil es uns dann noch mit den tiefen Augen unſrer eignen Sehnſucht, wie ein fremdes Weſen in das Herz ſchaut; weil dann noch die Welt des Inneren ebenſo willig, als die Erſcheinungen des äußeren Lebens bereit ſind, das, was uns an ihm ſo ſchön und freundlich dünkt, gleich eben ſo viele Theile dieſes un⸗ endlichen Gefühles aufzunehmen, als hätten ſie denſelben Anſpruch auf ſeinen ſchönen Beſitz, wie wir ſelbſt. Aber je mehr das Herz in dieſem beſtändigen Ringen nach einer Liebe außer ſich erſtarkt, je mehr es in ihr austauſchen möchte, woran es ſelbſt Ueberfluß hat, gegen das, was ihm mangelt, um ſo tiefer und innerlicher motivirt ſich in ihm das ſehnſuchtsvolle Gefühl nach einem ſelbſtſtändigen Beſitze, den es mit keiner Macht des Himmels und der Erde theilen möchte. Dieſes Gefühl nun findet endlich die Seele, die ihm in gleicher Sehnſucht, gleichem Drange entgegenſtrebt und für die es kein Erdenweh und keine Himmelsluſt gibt, welche nicht, wie die lieberleuchtete Molly ſagt, durch die Sennonbaͤhn des geliebten Lebens geht. Und Bürger fand dieſen Beſitz= Nolly fand ihn, und es war wohl etwas mehr als Täuſchung ſeiner aufgeregten Sinne, da er in jener Nacht, wo er von Göttingen nach Wölmershauſen — 344— zurückkehrte, eine dunkle Luftgeſtalt neben ſich zu erblicken wähnte; denn ſie hatte ja damals in Sorge um ihn ge⸗ wacht und wollte früh aus dem Hauſe, um die Sonne aufgehen zu ſehen. Doch nicht Geſpenſter brauchen wir zu beſchwören, um ſchließlich die Wahrheit und Nothwen⸗ digkeit einer Liebe zu begründen, deren Geſchichte wir in dieſen Blättern niederlegten. Nur andeuten möchten wir, wie dieſe vielgeprüfte, vielverkannte Liebe zweier ſo ſeltnen Herzen, die ſich ſo ganz genug ſind, in demſelben Gefühl ihren Ausgang finden mußte, das den rothen Faden dieſer Geſchichte bildet. Ob Molly eine Ahnung davon hatte, als ihr der Seiler den blühenden Zweig an dem Apfel⸗ baum zeigte? Es war das Bild des Frühlings ihrer Liebe im Herbſte derſelben Liebe, ihre ſchöne Miſſion war zu Ende— ſie hatte der Erde ihre Schuld, dem Him⸗ mel ſeine Seligkeit abverdient und durfte nun„im Lichte wohnen.“ Ihre Liebe war eine Naturwahrheit, deren Bedingung ſie von Anfang bis zu Ende anerkannte; ſie küßte die Roſen, weil dieſe ſie an Bürger's Lippen erinner⸗ ten; nichts in der todten und lebendigen Natur ſollte ihm ſchön erſcheinen, was er nicht aus ihrer Hand empfinge und wie ihr Leben dem ſeinigen geweiht war mit dem ſchönen Wahl⸗ ſpruch:„Vertraue meinem Himmelsſinn“, ſo ſollte auch ihr Tod ihm nichts weiter ſeyn, als ein Moment, den ſie ihm ſchön und heiter vorbereitete für ſeine eigne Sterbeſtunde. Und ſo hat es ſich auch erfüllt. Bürger hatte ſein Herz nicht falſch beurtheilt. Weder in Niedeck noch in Wölmershauſen wollte es ihn dulden, ſo viel er auch von den Freunden zu längerem Bleiben genöthigt wurde. Schon am Morgen des dritten Tages — 7=— 7ö — 345— nahm er von dem Förſter und Buchonkel Abſchied, und eilte mit Zurücklaſſung ſeines kleinen Karl's, den Eckhart in acht Tagen nachbringen wollte, nach Göttingen zu⸗ rück. Er nahm jedoch einen Umweg, und mit einer Sehnſucht, die er ſich nicht erklären konnte, beſchritt er zu⸗ erſt den Hügel vor dem Dorfe, wo der alte Birnbaum ſtand und der Schlehdorn über und über voll blauer Früchte hing. Es war ein duftiger Herbſtmorgen. Schon bräunte ſich der Wald und die ganze Natur war feucht, wie ge⸗ tränkt von dem herbſtlichen Nachtduft. Ueber die Gras⸗ ſpitzen liefen die Kreuz und die Quere jene großen thau⸗ beſchwerten Silberfäden der Erdſpinne, womit nach der Sage dortiger Gegend die Kobolde den zarten Elfen ihre nächtlichen Ringelreihen zu verleiden ſtreben, und erglänz⸗ ten in allen Farben des Regenbogens. Und als er nun neben dem Birnbaum ſtand, hinunter ſchaute in das Thal, nach dem Dorfe, endlich auch nicht ohne Widerſtreben nach dem Hauſe, wo er zehn Jahre ſo unſäglich gelitten hatte, noch ſpäter nach dem Friedhof mit der Kirche und den Kreuzchen; als er die Aſtern unter⸗ ſchied, die rothen und die blauen, wozu Molly bei einem Göttinger Kunſtgärtner den Samen im Frühjahr eigends gekauft hatte,„damit auf Dora's Grab die letzte Blume des Jahres ſterben mögte,“ da war ihm mit einmal zu Sinne, als ſey etwas mit dem Orte vorgegangen, als walte allüberall eine fremde Trauer, eine Oede und ein Leid ohne Namen. Und je mehr er dabei an ſeine Molly denken mußte, wie das Alles ihm jetzt ſo ganz anders erſcheinen würde, wenn ſie bei ihm wäre, um ſo weniger vermochte er ſich hinein zu finden in all' das räthſelvolle Weſen, um ſo unbeſtimmter, aber darum nicht minder ſicher überkam ihn das Gefühl einer Leere in der Welt, als — 346— müſſe etwas geſchehen ſeyn, wovor ſich ihm die ſonſt ſo freundliche vertraute Natur in Trauer und Räthſel zu verhüllen ſtrebe. „Gott! O Gott! Wo bin ich?“ rief er erbangend. „Iſt das der Ort und die Gegend, in der ich zehn Jahre lang in Molly's freundlicher Nähe lebte, und die ich ihr ſo vielmals grüßen ſollte? Lebte ich jemals hier? Oder war es anderswo?— Himmel! Nichts will mich mehr kennen, nichts mehr mir befreundet ſeyn in dieſer Umge⸗ bung! Selbſt Dora's Grab liegt weiter nach der Kirche zu, und der Berg und der Wald, und die Felſen und der Thalgrund, alles hat eine veränderte Geſtalt gewonnen, nichts kann mehr zu meiner Erinnerung ſich finden, Alles klagt mich eitler Täuſchung an!“ Er verließ den Hügel, wie zerſtört und irre geworden an ſeinem ganzen vergangenen Leben; aber das Gefühl dieſer Bangigkeit wuchs noch, als er in Gegenden kam, die er früher weniger gekannt hatte. Selbſt die Sonne, welche ſich immer mehr in den leuchtenden Tag hineindrängte, löſte ihm nicht das Räthſel, und nur in der unaufhaltſam⸗ ſten Eile, nur in dem einen beſtändigen Gedanken, ſo ſchnell als möglich nach Göttingen zu kommen, fand ſeine dunkle Angſt einen beſtimmteren Haltpunkt. Und endlich— endlich tritt er aus dem Wald, ſteht er auf der Höhe, von wo er ihr zum letztenmal zugewinkt hat. Er ſchaut hinüber nach der andern Höhe, wo er ſie zum letztenmal geſehen hat, nirgends, nirgends entdeckt er eine Spur von ihr, und doch muß ſie hier herum leben, ihm ſo nahe... und doch findet er ſie nicht. Er eilt raſch und auf kürzeſtem Wege weiter. Leute begegnen ihm, er glaubt in allen Mienen Schrecken und — — — 347— Beſtürzung zu leſen, endlich hat er die Stadt erreicht, endlich ſteht er an ſeinem Gartenthor, und wie ein Felſen, der nicht weichen kann, will es ihm von dem Herzen ſin⸗ ken, als er die hellen freundlichen Fenſter erblickt, hinter denen Molly wohnt. Ja! Jal es ſind die neuen weißen Vorhänge in ſeiner Arbeitsſtube... er öffnet raſch die Thüre, die Schelle klingelt... er durcheilt den Garten... da tritt ihm Junghof in der Hausthüre entgegen und fragt ſeltſam haſtig:„Wohin Bürger?“ „Wohin?“ ſtammelte dieſer betreten.„Zu meiner Molly!“ Junghof faßt ihn feſt am Arme. „Deine Frau hat einen geſunden Buben geboren,“ ſagt er ihm.„Aber Du mußt noch warten.“ Er zieht ihn, dem es wie Blei in den Füßen liegt, hin⸗ auf nach ſeiner Stube. Hell und freundlich iſt das Zimmer für ihn bereitet: der Fußboden blank, die Decke friſch ge⸗ tüncht, die Bücher ausgeſtäubt... Alles an ſeinem alten, bequemen Platz, kein Blatt Papier verrückt. Und vor dem blanken Spiegel ſteht ein großer blühender Apfelzweig im Waſſer, neben ihm auf der Kommode liegt Molly's wohl⸗ bekanntes blaues Halstuch. Aber es iſt etwas Feſtliches in dieſer Stube, in dieſer ungewohnten Nettigkeit und Freundlichkeit, das ihm nicht gefallen kann; es ſieht ihn an wie eine ausgeſorgte Sorge, wie ein allzugroßer Eifer, Alles recht zu machen. Und Molly liebte doch ſonſt nur die Ordnung in der Unordnung. Junghof läßt ihm keine Zeit, ſich das Alles zu erklären. Er zieht ihn zu ſich nieder auf das Sopha— aber noch eh' er ein Wort geſprochen hat, öffnet ſich die Thüre und Schlegel ſtürzt mit dem Ausruf:„Armer, armer Bürger!“ lautweinend an ſeine Bruſt. — 348— „Was will der Menſch?“ fragt er Junghof, eiskalt bis an's Herz hinan. „Armer Bürger!“ ſagt nun auch dieſer und bricht in heftiges Weinen aus. Da ſteht Bürger von dem Sopha auf.—„Sind denn die Menſchen verrückt?“ ſtammelte er und will in die an⸗ dere Stube gehen. Aber er ſinkt, kaum daß er den Fuß vorſetzt, wie gelähmt zuſammen, und mit dem Schmerzens⸗ ſchrei:„Allmächtiger Gott!“ verläßt ihn das Bewußtſeyn. Ungefähr drei Jahre ſpäter ſaß an einem ſchönen war⸗ men Juni⸗Abend eine gemiſchte Geſellſchaft von jungen Herren und Damen in dem Garten⸗Salon der Gerichts⸗ räthin Carus zu Stuttgart. Es waren muntere Leutchen darunter, und man jagte und neckte ſich aus einem Spaß in den andern. Den Damen ſtieg die Chocolade, den Herren der junge Schiller⸗Wein in den Kopf, man ſpielte um Pfänder und der Lieutenant von Treuburg hatte das Glück, der ſchönen Caroline, der Tochter des Hauſes, einen Kuß geben zu müſſen. Natürlich ſträubte ſie ſich und hatte tauſenderlei Ausflüchte; die Geſellſchaft, bis auf eine ein⸗ zige Perſon, trat jedoch auf Seiten des jugendlichen Kriegs⸗ gottes und erklärte der Verurtheilten rund heraus, man werde ihr die Hände hatten und ſie ſo dem Lieutenant überliefern, wenn ſie ſich nicht gutwillig den Geſetzen des Spieles fügen wolle. „Ich thu's nicht! Ich küſſe keinen Mann!“ rief Caro⸗ line mit glühendem Antlitz.„Eliſe weiß es, daß es mir nicht möglich iſt, meinen Schlüſſelbund(es war ihr Pfand) 3 — 340— auf dieſe Weiſe auszulöſen. Lieber mag ihn der Herr Lieutenant behalten und von nun an meine Stelle in der Speiſekammer verſehen.“ Alles blickte ſich betroffen an. Es war ein verteufelt ſaurer Apfel, in welchen der arme Lieutenant beißen mußte und ſein Geſicht ſah auch wahrlich darnach aus. Ein gu⸗ ter dicker Schwabenjüngling, Landedelmann von Geburt, ein Neffe der Gerichtsräthin, mithin, er wußte ſelbſt nicht wie? Carolinens Couſin, und mithin auch, was ihm noch unbegreiflicher war, ihr eiferſüchtiger Anbeter, ſagte mit ſeinem ſchwäbelnden Accent, den er in Paris, allwo er einſt ſieben dumme Schwabenſtreiche an einem halben Vor⸗ mittag machte, nicht verlernt hatte: „Das iſt mir'ne ſchöne Geſchicht'! Wenn ich der Herr Lieutenant wär', ich hielt mich'mal für's Erſte an Fräu⸗ lein Eliſe und ließ mir's von ihr erklären, warum Caro⸗ line keinen Mann küſſen will.“ „Sehr gern erklär' ich das Ihnen und dem Herrn von Treuburg,“ verſetzte das anmuthige Mädchen.„Und ſoll ich?“ fragte ſie mit ſchalkhaftem Blick die Freundin. Dieſe drohte ihr mit dem Finger und wurde feuerroth. „Wenn Du nicht ſchweigſt, Eliſe, ſo ſag' ich Alles!“ be⸗ theuerte ſie ihr. „Das darfſt Du!“ verſetzte dieſe leichthin.„Wenn's d'rauf ankommt, erzähl' ich's ſelbſt der ganzen Welt, und je mehr man mich auslacht, um ſo mehr ſoll mich's freuen.“ „O Du Scheinheilige! Du Comöͤdiantin!“ rief Caro⸗ line halb im Scherz, halb im Ernſt.„Mir vertraut ſie es neulich wie ein theures Geheimniß an, und nun auf einmal will ſie's ſelbſt der ganzen Welt erzählen! Aber wart' — 350— nur! Die Welt wird's noch früh genug erfahren, daß Du die größte Fantaſtin unter Gottes Sonne biſt.“ „Da hört's ja ſchon die ganze Welt!“ ſagte Eliſe la⸗ chend;„und das Schönſte dabei iſt, daß ich's nicht in Ab⸗ rede ſtellen mag!— Ja, meine Freunde! Caroline hat recht; ich bin die größte Fantaſtin unter Gottes Sonne, und wenn Mama nicht wäre, ich glaube, ich hätte ihn ſchon längſt geheirathet!“ „Pardauz, und noch'mal Pardauz!“ ſtotterte der Pa⸗ riſer Schwabenjüngling, und die ganze Geſellſchaft ſah ſich frappirt an.. Ein junger blonder Literat nahm nach einer Weile das Wort. „So ſchreiben Sie ihm doch, Fräulein,“ ſagte er mit iro⸗ niſchem Lächeln.„Ich verſichere Sie, er iſt ganz der Mann dazu, auf einen ſo abenteuerlichen, romantiſchen Antrag einzugehen. Zwar ein wenig alt, und ein wenig gries⸗ grämig, und ein wenig pauvre und ſehr grob——“ „Ja, ja, beſonders gegen Literaten, die ihm Tag und Nacht das Haus einlaufen!“ rief Eliſe mit flammenden Blicken.„Gott ſoll's wiſſen! Es iſt in Deutſchland eine ſchwere Sache um einen berühmten Namen! Das geiſt⸗ reiche Völkchen unſerer modernen Wehmüthler in Apoll kann ſich gar nicht ſatt an einem großen Manne ſehen und meint, es hätte dieſer nichts Geſcheidteres zu thun, als ſich von ihnen wie ein Wunderthier angaffen, beweihrauchen und hinterher austragen zu laſſen. Gegen Sie, Herr Doc⸗ tor, war Bürger doch wahrhaftig nicht grob! Denn Sie ſelbſt haben's uns ja ſchon hundertmal erzählt, daß er Sie auf das zerlumpte, gichtbrüchige Sopha nöthigte, ganz verlegen die Hand auf das große Loch in ſeinem Schlafrock legte, wo das Futter herausſah, wie das Sperlingsneſt aus einem ſchadhaften Dache, nicht ſo Herr Doctor?— und Ihre Verſe lobte, die er mit all ihrer Fadheit in ſeinen hohlen Zahn hätte ſtecken können. Pfui! Pfui!“ rief Eliſe auf⸗ ſpringend und ſtampfte mit dem Fuß.„Haben Sie deß⸗ halb ein Dutzendmal an die Thüre des unſterblichen Dich⸗ ters geklopft, um ihn, als er endlich ſo gütig war, Ihre wohleinſtudirten Redensarten geduldig anzuhören, Redens⸗ arten, wie er ſie nebenbei geſagt, ſchon tauſendmal gehört hat, um ihn nun zu verſpotten?—“ „Mein Fräulein!“ ſtammelte der blonde Lyriker, und wurde blaß bis hinter die Ohren. Eliſe ſagte hochathmend: „Gehen Sie, Herr Doctor,— gehen Sie mir mit Ihren Anſichten über einen berühmten Mann! Es iſt gut, daß Sie einmal gehört haben, was Sie doch noch von mir ge⸗ hört hätten.“ Und mit drohendem Blicke fügte ſie hinzu: „Ich weiß übrigens mehr Leute in Stuttgart, die ſich ein Geſchäft daraus machen, den edlen unglücklichen Dichter zu verunglimpfen und ihn in den Augen ſeiner Zeitgenoſſen herabzuſetzen, ihm aus einem Schickſal ein Verbrechen zu machen, das zu tragen der Himmel ſich immer eine große Seele auserwählt, aber ich verſichere Sie, Herr Doctor! dieſen Leuten ſoll's nicht beſſer ergehen, als Ihnen, wenn ſie ſich's in meiner Gegenwart herausnehmen, den großen Bürger zu verſpotten.“. Die ganze Geſellſchaft war wie erſtarrt. Eliſe nahm haſtig ihren Shwal vom Klavier, warf noch einen blitzen⸗ den Blick auf den zermalmten Literaten und verließ mit vor Zorn und Unmuth glühendem Geſicht den Salon, um hin⸗ unter zu den älteren Herren und Damen zu gehen, die in der Laube ſaßen, wo ſie ſich ſtumm an die Seite ihrer Mutter niederſetzte. 8 b — — 352— Der Literat wollte die Sache als einen Scherz be⸗ trachten: „Nun glaub' ich wirklich, daß ſie in den verwittweten Dichter verliebt iſt,“ ſagte er lachend. „Grob war's, aber ſchön,“ meinte Caroline, und die übrige Geſellſchaft ſtimmte ihr bei. Die jungen Damen fanden viel an Eliſens äſthetiſchem Eifer zu kichern und zu gackern, und der Literat war, wie alle Literaten, wenn ſie ſich als Gegenſatz zum Dichter erblicken, politiſch und behauptete, er habe Fräulein Eliſe Hahn bloß in den Harniſch bringen wollen, er erkenne vollkommen den großen Dichter in Bürger an, ſey eben ſo ſehr entzückt von den Schönheiten ſeiner Gedichte, wie ihn ſein unver⸗ dientes trauriges Schickſal rühre; kurz, es gelang ihm wirklich, die Geſellſchaft mit ſich auszuſöhnen, ſo daß ſogar Mehre das leidenſchaftliche Benehmen Eliſens mißbilligten und mancher Tadel darüber laut wurde. Sie aber kam nicht eher wieder zum Vorſchein, als bis die Lichter in dem Salon angezündet und mehre Spiel⸗ tiſche arrangirt wurden, worauf die älteren Herren und Damen den jungen Leutchen den weiten ſchönen Garten überließen. Eliſe nahm den Arm des Lieutenants von Treuburg und zog ihn mit ſichtbarer Aufregung in einen entfernten Reb⸗ gang. „Ich habe eine Bitte an Sie,“ ſprach ſie zögernd, nach⸗ dem ſie eine Weile ſchweigend an ſeiner Seite gewandelt war.„Sie haben mir ſchon hundertmal geſagt, daß Sie mich lieben, und daß es in meiner Macht ſtünde, Sie zum Glücklichſten aller Sterblichen zu machen. Wenn ich auch noch lange nicht geneigt bin, Ihnen all' die ſchönen Sachen auf's Wort zu glauben, ſo bietet ſich Ihnen jetzt, was Sie 4 — 353— ſo lange wünſchten, die Gelegenheit nämlich, dieſen Schmei⸗ cheleien eine gewiſſe Wahrheit in meinen Augen zu ver⸗ ſchaffen und mich vielleicht dadurch zu beſtimmen, künftig⸗ hin Ihre Worte für das zu nehmen, was ſie ſeyn ſollten, für die Sprache eines Mannes, dem es ernſtlich um meine Gunſt zu thun iſt.“ „Reden Sie, theuere Eliſe!“ rief der entzückte Lieute⸗ nant und küßte ihr begeiſtert die Hand.„Ich ſchwöre Ihnen——“ „Halt! Dazu iſt der Dienſt, den ich von Ihnen als einem Offizier, als einem Edelmann fordere, zu unbedeu⸗ tend,“ fiel ſie ihm lachend in's Wort und legte ihre Hand auf ſeinen Mund.„Wär' ich ein Mann, Sie ſollten mich in dieſer Angelegenheit wahrhaftig nicht als eine Bettlerin vor ſich ſehen. So aber muß ich es meinem Freunde über⸗ laſſen zu thun, was ich ſelbſt nicht im Stande bin. Kön⸗ nen Sie ſchießen, Treuburg?“ fragte ſie ihn hierauf mit großer Ruhe und faßte ihn dabei ſcharf in's Auge. „Warum nicht?“ erwiederte dieſer verwundert über eine ſo unerwartete Frage. „So fordern Sie den Doctor K—. auf Piſtolen und lehren ihn den Dichter ehren,“ ſagte ſie entſchloſſen und drückte ihm mit Wärme die Hand.„Mir zu lieb, Treu⸗ burg!“ flüſterte ſie und lehnte ſich ſchmeichelnd an ſeine Schul⸗ ter;„mir zu lieb dulden Sie's nicht, daß ſolch' ein fader Menſch ſich's herausnehmen darf, den beſten, den edelſten Dichter Deutſchlands zu verſpotten.“ „Aber mein Gott, ich verſteh' ja gar nichts von der Schöngeiſterei,“ ſagte der Lieutenant betreten.„Ich weiß ja kaum, wer Ihr Bürger iſt! Und mein Lebtag hab' ich nicht gehört, daß ein Offizier ſich für belles lettres ſchlägt. 2 6 — 354— Anf Parole, Fräulein— die Sache iſt ein wenig kitzlich für einen Edelmann!“— „Treuburg! Treuburg!“ rief Eliſe im Tone des ſchmerz⸗ lichſten Vorwurfs.„So wollen Sie mir nicht einmal dieſe Eine kleine Bitte erfüllen? Was liegt Ihnen daran, ob Sie meinen Lieblingsdichter kennen oder nicht! Nicht um ſeinetwillen, um meinetwillen verſchaffen Sie ihm Sa- tisfaction, auch nicht um des lumpigen Doctors willen— denn der iſt ja den Schuß Pulver nicht werth, womit Sie ihn beehren— nein, um der Welt zu beweiſen, daß es noch Männer gibt, die einen unglücklichen Genius vor der Bosheit und Gemeinheit der Verläumdung ſchützen, daß es noch Frauenzimmer gibt, die eine ſolche ſchöne That nach Verdienſt zu lohnen wiſſen. Nicht wahr, Treuburg, Sie verſprechen mir's—?“ Der Lieutenant befand ſich der ſchönen Drängerin ge⸗ 3 genüber in der peinvollſten Verlegenheit. Von Haus aus kein großer Held, erſchien ihm die Bedingung, welche Eliſe auf ihre Gunſt ſetzte, doch etwas zu halsbrechend, abge⸗ ſehen davon, daß er ja auch riskirte, von ſeinen Kamera⸗ den wegen eines ſo abenteuerlichen Duells ausgelacht zu werden. Er bat ſich Bedenkzeit aus und Eliſe konnte es nicht wiſſen, ob die Entſchuldigung wahr oder erdichtet ſey, daß er nämlich bereits ein anderes Duell eingegangen ſey, das erſt abgethan werden müſſe, ehe er ſich in einen neuen Ehrenhandel einlaſſen könne. Dieſe Nachricht verſetzte ſie in heftigen Unwillen und mit bitterem Tone erwiederte ſte: „Ja, ja, Sie haben Recht, ich ſeh' es nun ſelber ein, die Sache iſt allerdings zu kitzlich für einen Edelmann mit zehn Ahnen! Hätte Ihnen der Doctor auf den Fuß getreten oder Ihrem Grauſchimmel, auf dem Sie mir jeden Tag 4 † — 355— ſo artig Fenſterparade machen, eine lahme Mähre titulirt, ein Duell wäre unausbleiblich geweſen, und Sie würden nicht ruhen noch raſten, bis Sie eine eclatante Satisfac⸗ tion erhalten. So aber, freilich— belles lettres ſind für einen Offizier kein Grund, ſich todtſchießen zu laſſen. Das gehört nicht in ſein Fach, das ſind bürgerliche Ange⸗ legenheiten, mit denen er ſich nicht befaßt— und deßhalb, Herr von Treuburg,“ fügte ſie kalt und vornehm hinzu, „deßhalb erlaube ich Ihnen von nun an Ihr Heil bei an⸗ deren Damen zu ſuchen, die nicht ſo, wie ich, geneigt ſind, den Helden nach ſeinem Muthe und den Edelmann nach ſeiner edlen Geſinnung zu beurtheilen.“ Mit dieſen Worten wandte ſie ihm ſtolz den Rücken und ſchritt langſam den dämmernden Rebgang hinunter. An der Fontaine unter der Pappel ſetzte ſie ſich auf eine Bank nieder, und hier fand endlich die ſchmerzliche Aufre⸗ gung ihrer Gefühle in einem Strom von Thränen Lin⸗ derung. Sie weinte ſo eigenſinnig, und es war in dem Schmerz um ihre getäuſchte Erwartung ſo viel Bitterkeit, ſo viel gekränkter Stolz, daß ſie ſich lange nicht erholen konnte und die hartherzigen Menſchen verwünſchte, die ihr nun ſchon ſeit Jahren ihr ſchönſtes Gefühl zu zerſtören ſtrebten. Es war in der That eine ſeltſame romantiſche Trauer in der jungen Seele des ſonſt ſo lebensheiteren Mädchens um einen Mann, von dem ſie kaum wenig mehr wußte, als was er ſelbſt von ſeinem Glück und Unglück in Vers und Reim zu bringen für gut befunden hatte, und was ja im Grunde die ganze Welt eben ſo gut wußte, als ſie ſelbſt. Auch kann man nicht behaupten, daß ſie im ge⸗ wöhnlichen Verlauf der Dinge mit derſelben Standhaftig⸗ keit an einem Gefühle, einer Neigung oder einer liebge⸗ 23* wonnenen Anſicht feſthielt; ſie war im Gegentheil das launenhafteſte und liebenswürdigſte Geſchöpf von der Welt, ihr Temperament eher zu leicht als zu bedächtig, und ihr Gemüth im Allgemeinen ſo wenig zu ſchwärmeriſchen Träu⸗ mereien geneigt, daß ſie oft in dem Frohſinn ihrer kind⸗ lichen Naivetät die ernſthafteſte Angelegenheit wie einen Scherz behandelte, und aller Sentimentalität und Ueber⸗ ſchwenglichkeit von vornherein gram war. Mit einem Gemüthe, das unendlich tiefer war, als es bei einer oberflächlichen Bekanntſchaft den Anſchein hatte, vereinigte ſie ſene leichte Naivetät der Empfindung, jenes erregbare Weſen, dem ihre ſchnelle Auffaſſungsgabe, ihr glücklicher Witz ſo ſehr zu Statten kamen. Ihr Gefühl ſchwankte beſtändig zwi⸗ ſchen genialer Unbeſonnenheit und naiver Innigkeit, und wer ſie nicht näher kannte, hätte vielleicht ſogar in Ver⸗ ſuchung gerathen mögen, ſie für wenig mehr, als eine aus⸗ gemachte Coquette zu halten. Nur ſelten blitzte aus die⸗ ſem heiteren Gemüth die Gluth der tieferen Leidenſchaft auf, und nur in dieſen ſeltenen Momenten konnte man ahnen, daß ihr Herz einer großen Begeiſterung fähig wäre und ſich nicht leicht in ſeinem tieferen Gefühl erſchüt⸗ tern laſſe. Bürger's Lieder hatten auch in ihr gezündet. Die Nach⸗ richten von dem Schickſal des Sängers der Liebe erweckten ihre innigſte Theilnahme und bald las ſie ſich aus ſeinen Gedichten das Ideal des Mannes heraus, wie ſie ſich ihn nur immer wünſchte. Man bemerkte bald in den Geſell⸗ ſchaften, in die ſie kam, ihre wunderliche enthuſiaſtiſche Ver⸗ ehrung für Molly's Geliebten, man neckte ſie, man bildete ſich ein, ihr zu gefallen, indem man ihr Gelegenheit gab, einen Mann zu vertheidigen, der ſo vielfach angegriffen wurde und deſſen Berühmtheit ſo ganz geeignet war, ſeine — 357— Lebensgeſchichte bis in die kleinſten Details zu verfolgen. Eliſe beſtand hartnäckig auf ihrem Glauben un Bürger's hochherzige Geſinnung, an die Wahrheit ſeiner Liebe, an die ſeltene Schönheit dieſer Liebe. Und je mehr man dies Alles in die Kritik des nüchternen Verſtandes herabzog, je mehr der ſchaale Witz und die achſelzuckende Moral der Proſa ihr einen Menſchen, den ſie ſo unendlich über all dieſem nichtigen Treiben erhaben ſah, zu verdächtigen ſtrebte, um ſo nachhaltiger bildete ſich in ihrer Seele das Gefühl aus und dieſes romantiſche Gefühl wurde ihr bald zur ſicherſten Gewißheit, daß nämlich der Mann, wie ſie ihn lieben könnte, ganz ſo ſeyn müßte, wie Bürger,— dann aber auch ſo geliebt ſeyn ſollte, wie er. „Wann die goldne Frühe, neugeboren, Am Olymp mein matter Blick erſchaut, Dann erblaſſ' ich, wein' und ſeufze laut: Dort im Glanze wohnt, die ich verloren! Grauer Tithon! du empfängſt Auroren Froh auf's neu, ſobald der Abend thaut; Aber ich umarm' erſt meine Braut An des Schattenlandes ſchwarzen Thoren. Tithon! Deines Alters Dämmerung Mildert mit dem Strahl der Roſenſtirne Deine Gattin, ewig ſchön und jung: Aber mir erloſchen die Geſtirne, Sank der Tag in öde Finſterniß, Als ſich Molly dieſer Welt entriß.“ ** 3 * ——— — 358— „Meine Liebe, lange wie die Taube Von dem Falken hin und her geſcheucht, Wähnte froh, ſie hab' ihr Neſt erreicht In den Zweigen einer Götterlaube. Armes Täubchen! Hart getäuſchter Glaube! Herbes Schickſal, dem kein andres gleicht! Ihre Heimath, kaum dem Zlick gezeigt, Wurde ſchnell dem Wetterſtrahl zum Raube. Ach, nun irrt ſie wieder hin und her! Zwiſchen Erd' und Himmel ſchwebt die Arme, Sonder Ziel für ihres Flugs Beſchwer. Denn ein Herz, das ihrer ſich erbarme, Wo ſie noch einmal, wie einſt erwarme, Schlägt für ſie auf Erden nirgends mehr.“ „Alſo nirgends, Du armer, armer Mann!“ ſeufzte Eliſe, da ſie an dem ſpäten Abend deſſelben Tages, wo ſie ſich Bürger's ſo warm angenommen hatte, in ihrem Manſar⸗ den⸗Zimmer ſich allein befand und eben die beiden So⸗ nette, ihr faſt die liebſten in der ganzen Sammlung, gele⸗ ſen hatte. Sinnend ruhte ihr Auge lange auf dieſen ſo ſchönen als traurigen Worten.„Zwiſchen Erd' und Him⸗ mel, ja, das iſt der rechte Ausdruck für ein ſolches Gefühl des Verlaſſenſeyns; ich meine ſie mit zu empfinden, dieſe Oede, die das verwittwete Dichterherz allüberall hinbeglei⸗ tet und ihm die ganze Schöpfung zur Oede macht. Wahr⸗ lich! Es muß ein großer Jammer ſeyn, ſich ſo einſam, ſo gleichſam von Erd' und Himmel vergeſſen zu ſehen, und nichts, nichts in der Welt zu beſitzen, woran ſich das ge⸗ beugte Gemüth aufrichten könnte! Und dieſe Molly, dieſe Gattin mit dem Strahl der Roſenſtirne, ach! Was muß das für ein himmliſches unvergleichliches Geſchöpf geweſen ſeyn, daß mit ihrem Tode ſeinem Leben alle Geſtirne er⸗ — 359— loſchen und ihm der Tag in öde Finſterniß verſank! So ſich geliebt zu wiſſen... in ſolchen Liedern bei Mit⸗ und Nachwelt gefeiert zu werden...... ſo im Glanze zu woh⸗ nen, hier des unſterblichen Liedes, dort der Sonne.. um dieſen Preis kann man ſchon einen Bürger lieben.. o ja, um dieſen Preis wollt' ich ſelbſt es verſuchen, die arme Taube noch einmal an meinem Herzen zu erwärmen! Aber der Wetterſtrahl! Der böſe Wetterſtrahl!— Ach nein, nach ſolcher Liebe gibt's kein Lieben mehr, nur noch ein langſam Hinſterben und gewiß, ja gewiß einen ſchö⸗ nen, ſeligen Tod!— Aber laß doch einmal ſehen, Herz! Biſt denn ſo arm du— ſo ganz arm an dem, was jener Molly in ſo großer Fülle zu Gebote ſtand? Kannſt du nicht lieben, wie ſie? Sind deine Lippen minder heiß? Dein Blut, iſt es minder feurig? Oder fehlt dir nur der Muth, ihm in die großen ſchönen Augen zu ſchauen, und zu ſprechen: Gönne mir, du edler armer Mann, gönne mir, was ſie, die Un⸗ erſättliche mir übrig gelaſſen hat von deiner Liebe! Ich will begnügſam ſeyn, will ſie ja nicht einmal neiden, will ſie dir ſogar bewundern helfen, dieſe glückliche, ſchöne Molly, die gewiß nicht——ℳ Plötzlich hielt ſie inne.„Mein Gott! Mein Gott! Wo gerath' ich hin?“ rief ſie aufſpringend und durchſchritt mit klopfendem Herzen mehrmals haſtig das Zimmer.„Warum war aber auch der Treuburg eine ſo feige Memme!“ ſagte ſie ſich dann wie zum Troſte.„Hätte er dem Doctor K. nur das linke Ohrläppchen abgeſchoſſen, ich wollte mich zufrie⸗ den geben! Aber ſo blutet mir das Herz— ich kann's nicht mehr ertragen, dieſes wunderliche Gefühl von Mit⸗ leid, Rührung und Liebe, das mich immer übermannt, wenn ſo ein fader, jämmerlicher Geſell meinen Bürger mir verleumdet!— Meinen Bürger! Still Eliſe! Still! — 360— Du redeſt im Fieber! Du biſt ja in Stuttgart, er lebt in Göttingen, weiß nichts von dir— hat keine Ahnung, daß hier ein armes Schwabenmädchen ſich in Sorg' und Leid um ihn abhärmt— daß— nein, ich halt's nicht mehr aus— ich ſag's der Mama, ich muß künftig unten bei ihr im Kabinet ſchlafen, ich halt's hier oben in der mond⸗ hellen Stube, wo den ganzen Tag die Sonne auf dem Dache liegt, nicht länger mehr aus. Der Bürger— der Bürger hat in Mond und Sonne Gewalt über mich!“— Sie mußte das Fenſter öffnen, ſo ſchwül kam es ihr heute in dem Zimmer vor. Der würzige Duft der Levkojen und Nelken, die davor blühten, ſtrömte herein mit der er⸗ quickenden Nachtluft, aber ihr wollte es nicht kühler werden. „Wenn ich ihm nun einmal ſchriebe!“ ſagte ſie ſich, als ſie an dem Fenſter lag, über die monderhellten Dächer der Reſidenz wegſchaute, und ſich ſo frei, ſo hoch über dem gewöhnl ichen Leben fühlte.„Schreiben kann man ja an Jedermann. Man kann ja an den Kaiſer von China ſchreiben, an den Papſt, an den Mond— ach! Ich will's einmal verſuchen, wie ſich ein Brief an den edlen Bürger ausnimmt. Sie zog raſch die Platte aus ihrem eleganten Schreibtiſche, ſetzte ſich auf ein Tabouret davor, erſchrack aber faſt, als ſie die Feder eintauchen wollte.„Ein Brief an Bürger!— Wie titulirt man denn den unſterblichen Genius? Iſt er Wohlgeboren oder Edelgeboren oder wohl gar Hochehrwürden? In keinem Brieſſteller ſteht etwas davon, und doch— doch muß was geſagt werden!“ Sie ſtützte den Kopf auf den linken Arm, von dem der Aermel des Nachtkleides bis an den Ellenbogen zurückfiel. Aeußerſt zufrieden ſah ſie lächelnd auf ihren ſchönen runden Arm. — — — 361— „Ob Molly ſo einen Arm hatte!“ ſagte ſie ſich und ſtreifte mit vielem Wohlgefallen den Aermel noch weiter zurück.„Den ſollte Bürger einmal ſehen! Ich wette, er gefiel ihm! Und mein Geſicht—?“ Sie trat mit dem Licht vor den Spiegel—„mein Geſicht iſt doch auch nicht übel, und meine Augen— meine Augen und meine Arme tauſch' ich mit keinem Mädchen im Schwabenland; und was mei⸗ nen Hals anbelangt— die Gräfin Wernach verſichert mich ja jeden Tag, daß ich den ſchönſten Hals von der Welt hätte und ein Maler hat ſich einmal in mich verliebt, bloß meinem ſchönen Hals zu lieb. Und meine Figur— wenn Molly ſolch eine Figur gehabt hätte, es ſtünde gewiß Etwas davon in Bürger's Liedern, ſo etwas von: Tannenſchlank, oder von Hebe, oder wie ein perſiſcher Dichter ſagt: vom Tempel auf ſchlanken Säulen—— ach! mein Brief! mein Brief! Ich muß nur damit anfangen, ihm eine Be⸗ ſchreibung von meiner Perſon zu geben.“ Sie ſetzte ſich wieder nieder, tauchte nochmals die Feder ein und wollte eben mit„Herr Profeſſor!“ beginnen, als es ihr plötzlich wie eine helle Eingebung in die Seele fiel:„Er iſt ein Dichter! Ich muß ein Gedicht an ihn machen! Reimen kann ich ja allerliebſt und er wird's nicht ſo genau mit den Versfüßen nehmen,“ ſagte ſie ſich zum Troſte und fing an zu ſchreiben. Sie hatte ſchon fünf Verſe auf dem Papier, als eine ſchöne Muſik auf der Straße ſie aus ihren poetiſchen Vi⸗ ſionen riß. Sie lauſchte auf:„Das gilt mir,“ ſagte ſie. „Gewiß die jungen Engländer!“ Aber heute intereſſirten ſie ſolche Huldigungen eben nicht ſehr, und während die Muſik ihrer galanten engliſchen — 362— Verehrer ihr aceompagnirte, ſchrieb und vollendete ſie jenes ſo berühmt gewordene Gedicht des„Schwabenmädchens an den Dichter Bürger“. Wir kehren nun nach langer Trennung zu unſerm Dichter zurück, der mit Recht von ſich ſagen konnte: Meiner Palme Keime ſtarben, eines mildern Lenzes werth. Es iſt Abend und wir finden ihn in einer großen geräumigen Stube, deren Fenſter nach der geräuſchvollen Straße gehen. Er wohnt ſchon dunge nicht mehr vor dem Groner Thor, ſon⸗ dern iſt mit ſeinem Karl und dem kleinen Emil mitten in den Lärmen der Stadt gezogen, fort aus dem Hauſe, wo ja der Seiler das Seil gedreht hatte, mit dem ſie den Sarg ſeiner Molly in die Gruft ſenkten. Drei Jahre waren ſeitdem verfloſſen und Bürger fing allmählig wieder an, ſich in einer Welt zurecht zu finden, in der ihn Molly freudlos und einſam zurückgelaſſen hatte, und in der es ihm ſeitdem, ſo viel er ſich auch zu erman⸗ nen und zu faſſen ſtrebte, ſelten gelingen wollte, ſeinem Daſeyn einen neuen kräftigen Aufſchwung zu geben. An jenem Abende, wo endlich Boie, den er ſeit vierzehn Tagen mit immer wachſenderer Sehnſucht erwartet hatte, angelangt war, der nun bei ihm ſaß, und mit ihm von den vergangenen Zeiten plauderte, fühlte ſich Bürger zum erſtenmal wieder wie von dem alten Hauch ſeiner Begei⸗ ⸗ ſterung angeweht und die Nähe des Freundes übte auf ſein Gemüth den wohlthätigſten Einfluß. Aber ſo viel er ſich auch Mühe gab, über den Tod Molly's mit ein paar flüchtigen Worten hinauszugehen und nur von dem zu er⸗ 4 zählen, was ſich ſeitdem begeben, was er geſchaffen, und ——. wie ſchwer es ihm ergangen, bis man ihn endlich zum außerordentlichen Profeſſor, jedoch ohne allen Gehalt, er⸗ nannt hatte, es war immer und immer wieder Molly, um die ſich alle ſeine Gedanken drehten, deren Tod er als die einzige Quelle aller ſeiner ſeitherigen Leiden und Krän⸗ kungen betrachtete. Er konnte endlich nicht länger mehr an ſich halten, der Schmerz, der ſich ſo lange träg durch alle ſeine Tage mit ihm fort geſchleppt hatte, übermannte ihn, da er endlich ein Herz gefunden hatte, von dem er ihn wie von keinem andern verſtanden wußte; in hef⸗ tiger Bewegung ſchritt er mit verſchränkten Armen eine Weile durch das Zimmer und ſagte dann mit gepreßter Stimme: „Was hilft das Alles, Boie! Ich bin ein geſchlagener Mann, und wo ich auch mein Leben angreife, zerbröckelt es mir wie eine morſche Ruine unter den Fingern. Meine Kraft, mein Muth, meine Thätigkeit ſind gelähmt, und ich fühle mich zu jedem Dinge ſo langſam und ſo verdroſſen, daß das Kleinſte, das Unbedeutendſte, was ich unternehmen will, was Andern eine Kleinigkeit dünkt, mir Giganten⸗ kräfte zu erfordern ſcheint. Tröſte mich nicht mit der Zeit, die jeden Schmerz lindert, jeden Verluſt mehr oder weni⸗ „ger vergeſſen macht. Was ſich geben wollte, geben konnte, 9 h 3 8 das hat ſich längſt und ſchon in den erſten zwei Tagen nach ihrem Tode gegeben. Was aber nun noch übrig iſt, nach drei langen Jahren, das gibt ſich auch ſchwerlich mein Leben lang. Ach! Wann wird der Schwarm von tauſend und abermal tauſend Erxinnerungen aufhören, meine Seele zu umflattern? So tief einſt ihre unendliche Liebe, ſo tief mußte ſich ja auch ihr unendlicher Schmerz in dieſe Seele eingraben. Ach! Wie könnte ich ihrer vergeſſen, ihrer, durch welche ich bin, Alles, was ich bin⸗und nicht bin! Ihrer, à — 364— 3 um welche die einſt ſo geſunde Jugendblüthe meines Lei⸗ bes ſowohl, als Geiſtes vor der Zeit dahinwelkte! Ihrer, die dieſe verwelkte Blüthe endlich ganz wieder zu beleben verſprach, die endlich die Meinige ward, mich gleichſam aus der Nacht der Todten zurückrief, und in einen lichten Freudenhimmel empor zu heben anfing, ach, um ſo ſchnell, ſo auf einmal mir wieder zu entſchwinden, mich mitten auf den Stufen des Hinaufgangs zum neuen beſſeren Leben lahren und noch tiefer in die vorige Nacht zurückſinken zu faſſen! O Boie, ich liebte ſie ſo unermeßlich, daß die Liebe, die ſie mir einflößte, nicht bloß der ganze und alleinige In⸗ halt meines Herzens, ſondern gleichſam mein Herz ſelbſt zu ſeyn ſchien. Wie ſo ganz verwittwet ich nun bin, kann ich Dir nicht verſtändlich machen. Freilich darf man oft von ſich und ſeinem Herzen, dieſem Proteus, keine Stunde vorher etwas Gewiſſes prophezeien: Gefühle kommen und verſchwinden, wie der Dieb in der Nacht; aber das Ge⸗ fühl dieſer Liebe hat ſich ſo tief und ſo lange mit meinem 8 innerſten Ich verwebt, daß, wenn es auch nicht unmöglich wäre, dieſes mein Ich umzuſtimmen, das Weib, welches Molly's Bild in Schatten zurückzudrängen vermöchte, ein wahres Meiſter⸗ und Schöpferwerk an mir verrichten würde!“ So klagte Bürger um ſeine Molly und Boie ſagte tief gerührt: „Wenige werden Dich und Deine Trauer verſtehen, ar⸗ 3 mer Freund. Denn es war eine zu ſeltene Erſcheinung, als daß ſie dem gewöhnlichen Auge ſich hätte verſtändlich machen können. Und dennoch, dennoch mußte Alles an ihr einem Jeden, der nicht an allen Sinnen der Natur verwahrloſet war, verrathen, weß himmliſchen Geiſtes Kind — 365— ſie war. Wie nur irgend ein ſterblicher Menſch ohne Sünde ſeyn kann, ſo war ſie es——“ „Und wenn Sie es nicht war,“ fiel ihm Bürger mit bebender Stimme in's Wort;„wenn ſie je in ihrem Leben Unrechtes gethan hat, ſo war's allein meine heiße, flam⸗ mende, allverzehrende Liebe, die hier zu verdammen wäre, wenn ſie nicht längſt bei Molly im ſeligen Himmel wohnte! Wie wäre es aber auch möglich geweſen, dieſer bei eben ſo hinreißenden Gefühlen auf ihrer Seite, zu widerſtehen! Ach! An dieſer herrlichen ſeelenvollen Geſtalt duftete ja die Blume der Sinnlichkeit allzu lieblich, als daß es nicht zu den feinſten Organen der geiſtigſten Liebe hätte hinauf dringen ſollen.— Doch, wo gerathe ich hin? Ich ſage da Dinge, die ich nicht ſagen ſollte. Aber Dir, Dir, mei⸗ nem älteſten Freund— und am Ende, wenn ich's auch der ganzen Welt ſagte? Pah! Was kümmert mich nun noch die ganze Welt! Hin iſt ja nun hin! Verloren iſt verloren!“ Er ſank laut weinend auf den Stuhl nieder und konnte lange, trotz des Zuſpruches des ſelber auf das Tiefſte er⸗ ſchütterten Freundes nicht zur Faſſung kommen. Endlich riß er ſich mit Gewalt aus ſeinem Schmerze empor, drückte krampfhaft Boie's Hand und ſagte: „Sprich nicht zu mir: Bürger, ſey ein Mann! O ich bin einer, und zwar ein ganzer Mann, der ich ſo etwas und noch ſo zu tragen vermag, wie ich's wirklich ertrage. Liegen nicht alle meine Wünſche und Hoffnungen zerſchmet⸗ tert um mich her, wie ein verhageltes Saatfeld? Und wer anders, als nur der todte Grenzpfahl am Wege kann eine ſolche Scene der Verwüſtung gleichgültig anſehen, wenn auch der erſte Schmerz der Verzweiflung ſich bald genng austobt? Ha! Welcher Menſch, der ein Herz von Fleiſch — 366— und nicht von Stein hat, kann wieder eben ſo fröhlich und in ſeinem Gott vergnügt, dabei eſſen, trinken, ſchlafen und hanthieren, als zur Zeit, da noch rings um ihn Alles un⸗ verſehrt blühte und duftete? Man wälzt ſich ja freilich nach wie vor, aus einem langweiligen Tag in den andern ¹ fort, der Tauſendſte merkt es kaum, was und wieviel Einem fehlet? Aber.... doch wozu Worte? Wenn ich hier noch etwas hoffe und wünſche, wenn ich, matt und kraftlos, wie ich bin, mit Fallen und Aufſtehen noch etwas erſtrebe, ſo geſchieht es um meiner Kinder willen. Denn wozu ſollte ſonſt noch der nackte, traurige Stab daſtehen, nachdem die ſchöne holde Rebe, die ſich um ihn hinan⸗ ſchlang, herabgeriſſen iſt!“— Er beugte das Haupt zurück und während große Thränen ihm über das von Kummer und Sorgen durch⸗ furchte Antlitz rollten, ſprach er mit tiefer Betonung die Horaziſchen Worte: 8 —— Ah! te meae si partem animae rapit Maturior vis, quid moror altera, Nec carus aeque, nec superstes Integer? IIle dies utramque Ducet ruinam——*) Und ſo weiter,“ ſagte er und ſchüttelte ſich wie im Fie⸗ berfroſt.„Der Vers dröhnt mir oft durch Mark und Bein. **) Dieſen herrlichen Vers, ſo gut er im Deutſchen wiedergegeben werden kann, überſetzt C. W. Binder: 5 4 Raubt dich, die eine Hälfte der Seele mir Ein früh Geſchick, was ſäum' ich, die andere? Nicht mehr ſo werth, nicht unverſehrt mehr,* Dich überlebend, derſelbe Tag ſieht 4 H Uns Beide ſcheiden!——— — 367— Und kannſt Du Dir's denken, Boie, dann befällt mich ein Zittern, eine Angſt, als hätt' ich das Sterben verſäumt und müßte nun zur Strafe dafür alle Schrecken des Lebens vollends auskoſten; als hätt' ich noch den Becher der Lei⸗ den nicht bis auf die Neige geleert, als ſitze noch unten— ganz unten auf dem Boden das eigentliche Labetränkchen—— ich bitte Dich, Boie, ich beſchwöre Dich— ſage mir, ob es möglich iſt, daß auch den Schmerz, den wilden verzwei⸗ felten Schmerz nach Mehr gelüſten kann, und nach immer Mehr?“ In dieſer aus dem innerſten Bedürfniß ſeines Herzens hervorgegangenen Frage löſt ſich das räthſelvolle Schick⸗ ſal, welches den armen Bürger von dem Moment an ver⸗ folgte, wo er die Gewißheit hatte, daß Molly nicht mehr in der Welt ſey. Von da an datiren ſich ſeine Tage ohne Sonne, ſeine Schmerzen ohne Weihe. Er verfiel der Proſa des Unglücks; mit all' ſeinem poetiſchen Bewußtſeyn konnte er dieſe Eine unſelige Vorſtellung nicht überwältigen, ſie war und blieb für ihn ein ewig wiederkehrender Donner⸗ ſchlag aus heiterem Gewölk, und ſo oft er an die Geliebte dachte, erlebte er jenen Moment der Vernichtung, wo ihm von Junghof und Schlegel ihr Tod angekündigt wurde. Aber dieſer Schmerz der wunden Sängerbruſt, der be⸗ ſtändig nach mehr Schmerz verlangt, er ſoll uns kein unverſtandenes Räthſel bleiben, ſo wenig als die Seelen⸗ angſt, mit der er ohne Aufhören, auf jedem Schritt und Tritt einem neuen noch härteren Unglück zu begegnen glaubt, und das Unertxägliche, das ihm widerfahren war, nooch lange nicht für ſo unerträglich hält, als das, was ihm allenfalls noch bevorſtehen mochte. 7 — 368— Der Glaube an das Glück iſt ſo blind, als dieſes ſelbſt; aber der Glaube an das Unglück macht helle. Bürger war in einem Glück, das ihm keinen weiteren Beſitz wünſchenswerth machte. Er umfing in Molly Alles, was er ſein nennen mochte, und wovon er wußte, daß es ihm angehöre. Von dem erſten leiſen Blinken des Abendſerns bis zu dem flammenden Morgen, gab es für das Auge ſeines Geiſtes in der gan⸗ zen Schöpfung keinen Glanz und keine Glorie, worin nicht Molly wandelte, worin nicht ihre Liebe den goldnen Licht⸗ kern bildete. Ja, ſo tief und innig hatte ſich ihre Seele der Seinigen vermählt, und ihre Nähe war ſo ganz Be⸗ dingung ſeines Daſeyns geworden, daß er noch in ihrem Beſitze fortlebte, als ſie ſchon lange in der kühlen Erde ruhte. Es wollte gar nicht in ſeinem Herzen verhallen, dieſes ſelige Glück, und es tönte noch fort durch Todten⸗ glocke und Grabgeſang, wie es einſt zehn Jahre lang in Hoffnung und Sehnſucht, in Bangen und Harren ſein Herz, aller trunkenen Ahnung voll, durchzittert hatte. Erſt, als der Boden immer mehr unter ihm zu wanken anfing, erſt, als jener Nachhall immer leiſer und ſchwächer wurde, das Jahr, das eine ſelige ſeines Lebens, wie eine räthſel⸗ volle Mythe mit all' ſeinem himmliſchen Inhalt immer unver⸗ ſtändlicher von ihm zurückwich, ſo daß es ihn ſchon Mühe koſtete, aus den Tagen die Stunden, aus den Stunden die Minuten ſeiner einſtigen Seligkeit ſich herauszuleſen— als es endlich nur noch einen einzigen Anhaltpunkt für ſeine Erinnerung gab, wo Molly's Bild lebendig vor ihm ſtand— der Moment nämlich, da er ſie zum letztenmal auf dem Hügel ſah, wie die Prachk des ſonnigen Mor⸗ gens ſich um ſie ſammelte und gar nicht von ihr weichen zu wollen ſchien— da war es, wo ihn die Oede über⸗ kam, jene grauenvolle Oede, in der das Meer das Meer, * — 369— die Wüſte die Wüſte verſchlingt. Da war es nicht mehr das Leben, nur die Gewohnheit des Lebens, was ihn auf den Füßen erhielt, was ihn von einem Tag zum andern fortvegetiren ließ. Er arbeitete zwar noch, wollte ſich mit aller Gewalt in der Wiſſenſchaft zerſtreuen, aber wie dürf⸗ tig und armſelig erſchienen ihm nun ihre Reſultate. Wie wenig fand der Durſt, der in ſeinem Eingeweide brannte, darin eine Linderung, wie wenig löſten ſich darin die Hie⸗ roglyphen ſeiner Schmerzen. Ach! Ihm fehlte ja die Würze alles Wiſſens, ohne die es kein Können gibt, ihm fehlte die Liebe; und je gelehrter er wurde, je reicher und umfaſſender ſeine Studien ſich ausbreiteten, je tiefſinniger er dachte—— es war für ihn doch nur todter Stoff, dem es an dem Lebensfunken des Genius gebrach und der weder die Leere in ſeinem innern Leben ausfüllen, noch auch nur einigermaßen den verlorenen hohen Beſitz der Einzigen ihn vergeſſen machen konnte. Er war wirklich auf dem Wege, das in Wahrheit zu werden, wozu ihn endlich die hannöpriſche Regierung dem Titel nach gemacht hatte— ein Göttinger Profeſſor; und hätte ihn nicht täg⸗ lich der ſchreckhafte Anblick von dieſem oder jenem ſeiner Collegen daran gemahnt, alle ſeine Entſchloſſenheit zuſam⸗ menzuraffen, um wenigſtens dieſem Einen Schickſal zu ent⸗ gehen, er würde vielleicht den erſten beſten obſeuren Schola⸗ ſtiker bald mit eben ſo viel Andacht und Gründlichkeit wie den Plato geleſen haben. Er ſcheute ſich jedoch ſo ſehr vor der Vorſtellung, bei lebendigem Leib ein Arſenal für das todte Ninzeuge Geiſtes zu werden, daß ihm dar⸗ aus wenigſtens die Energie erwuchs, ſein Studium ledig⸗ lich auf die Philoſophie zu beſchränken, und er fing an, mit Eifer den Kant zu leſen. Was ihn aber oft in Wahrheit um ſeinen Verſtand be⸗ 24 8 — 370— ſorgt machte, war die Entdeckung, daß einſtmals nach einem unter Krankheit und Sorgen traurig verlebten Winter ein Frühling kam, wo Molly's Bild gänzlich aus ſeiner Erin⸗ nerung verlöſcht war und ſchlechterdings nicht wieder in ſein Gedächtniß zurückkehren wollte. Wie er ſich auch ab⸗ mühte, die theuren Züge wieder zu gewinnen, das freund⸗ liche Antlitz, das glänzende Auge, die holde Geſtalt— ſie wollten nicht wieder in ſeiner Erinnerung auftauchen, und weder das Morgenroth noch das Abendroth, nichts Schö⸗ nes und Freundliches in der Welt konnte ihm ihr Bild vergegenwärtigen. Er wußte nur noch, daß alle Farben⸗ pracht ſeine Fantaſie, womit er ſie ſich ausmalte, bloß ein ſchwa⸗ cher Abglanz von dem war, was er einſt mit leiblichen Augen in ſo entzückender Wahrheit geſchaut hatte; ſein ganzes Glück wurde ihm zum Räthſel, denn ihm fehlte die eine holde Löſung deſſelben, das Bild der Geliebten, und immer undeutlicher, immer unerfaßlicher trat es in die Nacht der Vergeſſenheit zurück. Das war jener Frühling, wo ihm oft, wenn er Abends geſenkten Hauptes aus der engen Stadt hinaus nach dem Hügel wandelte, auf dem er ſeine Molly zuletzt geſehen hatte, zu Muthe war, als ſey in ihm etwas Unbegreifliches vorgegangen, als träume er in einem Traume einen anderen Traum, von Tagen, die dahin, und von Tagen, die noch kommen ſollen. Und wenn dann die Sonne unterſank, die Schöpfung ſo glänzend und aller ſeligen Erleuchtung voll, noch einmal auflebte, der Abend im verklingenden Tone des Lebens dem müden Tag die goldne Stirne trocknete, die 6uuſ aus den benach⸗ barten Gärten ihre frohen Jugendlieder ſangen, und die Glocken ſo melancholiſch durch die Landſchaft läuteten, da fühlte Bürger jenes Räthſel ſeines Inneren erſt recht in ſeinem eigentlichen unverſtandenen Inhalt, denn von ſeinem — 371— ganzen Leben war ihm dann nichts geblieben, als jene Zeit, wo er Molly noch nicht kannte, wo es für ihn ſchon einmal ein Daſeyn gab, dem ſie fehlte.— „Ach! wer ein Orpheus wäre, der ſeine Eurydice aus den Schatten des Todes heraufſang!“ rief er einſt in einer ſolchen Stunde aus.„O wer doch dieſen Schmerz— dieſe einzige Wahrheit des Lebens, zum Gedichte machen könnte!— Alles findet ſeine Sprache, die Freude jauchzt, die Trauer klagt, tauſend Töne klingen durch die Schöpfung, und ſtumm i*ſt nichts, nichts, als das Grab, worin Molly ruht— ſtumm iſt nichts, als das Grab in dieſer Bruſt: die Ver⸗ geſſenheit.— Gott! O Gott! Und wenn Du es nicht kannſt, dann all ihr ſeligen Götter des Himmels, lehrt mich entweder ganz vergeſſen, was ich verloren, oder lehrt mich wieder ganz denken, was ich einſt beſeſſen! Ich will ja kein Glück mehr, das noch werden ſoll— aber die Aſche meiner todten Liebe— nur ſie gebt mir wieder, nur im Traume zeigt mir ſie noch einmal, die ſo lange in leuch⸗ tender ſichtbarer Geſtalt vor mir ſtand, ſaß und wandelte, die keine Stunde leben konnte, ohne daß ſie mir nicht we⸗ nigſtens einmal in's Auge ſah und meinen Namen nannte. Hier, wo ich ſie zum Letztenmal ſah, wo ich ſie noch zu ſehen glaubte, als ſie ſchon längſt dahin war, hier, wo ſie mir ſtarb, meinem Auge, meinen Sinnen und meiner Er⸗ innerung ſtarb— ach hier zeigt mir ſie noch einmal— Sonne, o böſe Diebin alles Schönen und Hellen im Leben, ſcheide nicht, bevor du mir ſie noch einmal gezeigt haſt, den ſchönſten Raub, de jemals in dem Neid deines Glanzes an der armen Erde gangen haſt!“ 4 2 ½*ℳ — 372— Aber die Sonne ging unter, der Mond ging auf— Molly kam nicht. Die Natur hat überhaupt keinen Sinn für Menſchenleiden, und nur, wer ihn in ſie hineinträgt, mag ihn darin auch finden. Das aber hatte Bürger längſt verlernt, und je mehr die früheren Sympathieen ſeines Lebens abnahmen, je mehr er fühlte, daß ſie für das der⸗ malige Bedürfniß ſeines Herzens nicht ausreichten, um ſo weniger gab er ſich Mühe, ſie feſtzuhalten. Er fühlte ſich faſt nirgends wohl, als in ſeiner einſamen Studierſtube, oder, was ihn allerdings belebte, in dem Kreiſe ſeiner jugendlichen Zuhörer. Denkt man ſich nun zu all' dieſem gramgebeugten Da⸗ ſeyn noch die Sorgen um Eriſtenz und Lebensbedarf, die ewigen geiſtigen Anſtrengungen, welche ihm ſeine unbeſol⸗ dete Stellung bereitete, denkt man ſich zu all' dem noch die Bosheit ſeiner Feinde, die ihn keinen Augenblick zu Ruhe und Athem kommen ließen, ihn beſtändig chikanirten, den ärmſten Gewinn ihm mißgönnten, und in nichts ihn aufkommen laſſen wollten, als in ſeinem Elend, ſo muß man ſich wahrlich fragen, wie er es anfing, daß er nicht an Gott und Menſchheit verzweifelte? Aber theils war es ſein Lebensüberdruß, was ihn ſein Schickſal mit Gleich⸗ muth ertragen ließ; theils hatte der Schmerz um Molly's Tod ſich ſeiner Seele ſo ganz bemächtigt, daß er ihn ge⸗ gen jedes andere Unglück unempfindlich machte. Er, der nichts mehr hoffte, der gebrochen an ſeiner beſten Kraft, längſt irre an ſich ſelber geworden war, und ſeinem Geiſte mißtraute, wie hätt' es ihn, der ja Entſetzlichſte erlebt hatte, noch kümmern mögen, daß der elehrte Troß, nun der Stolze, der Uebermüthige geheugt war, nun man ſah, daß er es mit all' ſeinem poetiſchen Streben, ſeinen dilet⸗ tantiſchen Studien zu nichts Weiterem, als zu einer au⸗ — 373— ßerordentlichen Profeſſur gebracht hatte, die ihm aber nicht einen Pfennig abwarf, in hellen Haufen gegen ihn auf⸗ ſtand, und allen Muth der Engherzigkeit, allen Hohn der Gemeinheit, allen Krittel der Moral gegen ihn losließ, um ihm noch vollends den Fang zu geben. Menſchen, deren Köpfe und Herzen ſo hohl waren, wie die römiſchen Vaſen, über welche ſie weitläufige, tieffinnige Abhandlun⸗ gen geſchrieben hatten; Menſchen, deren Zopf, und hätte gleich der Kaiſer von China auch eilf Mandarinen die Zöpfe abſchneiden und ſie dem Zwölften alleſammt anbin⸗ den laſſen, dennoch weiter gereicht haben würde, als die⸗ ſer zwölfte; Menſchen, die kein weiteres Verdienſt um die Wiſſenſchaft hatten, als daß ſie mager waren vor lauter Gelehrſamkeit und Dienſteifer,— ſolche Menſchen ſaßen damals zu Gericht über einen der edelſten Dichter Deutſch⸗ lands und hätten ihn mit dem ruhigſten Gewiſſen von der Welt Hungers ſterben ſehen, wenn nicht das Glück es ge⸗ wollt hätte, daß Bürger's Collegia's noch immer zu den beſuchteſten auf der Univerſität gehörten. Er hatte damals, freilich bei großer Anſtrengung, eine ſeinen Bedürfniſſen entſprechende Einnahme, und konnte ſogar noch manchem armen talentvollen Manne mit mehr als bloßem Mitleid aufhelfen. Sein berühmter Name und der Ruf ſeiner gro⸗ ßen Gutmüthigkeit gaben ihm hierzu häufige Gelegenheit, da er beſtändigtvon armen Literaten und Künſtlern heimge⸗ ſucht wurde, denen er oft ſeinen letzten Thaler hingab, nur um ſie nicht ohne Troſt zu entlaſſen. So viel Böſes er erleiden mußte, hen e Gutes that er; wie ja das Eine und das Andere ſich auch bei dem Dichter von wahrem Be⸗ ruf von ſelbſt verſteht. † Wir haben ſchon früher geſehen, daß Bürger einem ge⸗ wiſſen Fatalismus nicht abgeneigt war, der ihm immer — 374— da wie gerufen kam, wo er in den Schickſalen ſeines äußeren und inneren Lebens Widerſprüche entdeckte, die er auf keine andere Weiſe zu erklären und zu vermitteln wußte. Wie ſeine ganze leidvolle Geſchichte von dieſer bei ihm ſo tief eingewurzelten Weltanſicht ausging, ſo kehrte ſie auch dahin zurück, als Molly's Tod ihn ſo plötzlich aus dem geträumten Himmel ſeiner Seligkeit ſchleuderte. „Wie ſollt' es auch anders enden?“ ſagte er ſich oft. „Kann, was durch lange zehn Jahre in ſo unglücklicher Vorbedeutung unternommen und bis zum ſcheinbar glück⸗ lichen Ausgang auch fortgeführt wurde, kann ein ſolcher wechſelvoller Zuſtand von beſtändigem Kampf, Drängen, Entſagen und friedloſem Schwanken auf allen Seiten, an⸗ ders, als mit einer allgemeinen Zerſtörung enden? O ich Thor, der ich mich durch das Bischen Sonnenhelle von Seligkeit über den ſchwarzen Fluch meines Lebens täuſchen ließ! Hab' ich denn jemals aus dem ſchäumenden Becher der Freude mehr denn flüchtige Betäubung meiner Plage⸗ geiſter getrunken, um alsbald aus derſelben Betäubung durch den Donnerſchlag meines unglücklichen Verhängniſſes wieder aufgeſchreckt zu werden? Wo durfte ich denn einmal, ach! nur einmal glücklich ſeyn, ohne daß nicht ebenſobald die Todtenglocke allen Blüthen und Freuden meiner Hoffnun⸗ gen unaufhaltſam zu Grabe geläutet hätte?— Schon an dem Morgen des Tages, wo ich ſie auf ewig mir gewonnen glaubte, ſah ſie mich ja im Geiſte blutend, vom Pferde geſchleift auf der Landſtraße liegen— mein Glück begann mit einem Jammerſchrei— dennoch lockten die Syrenen der Vernichtung mich mit Engelstönen in den ſüßen Wahn, ich ſank mit allen Flammen meiner Liebe und meiner Schmerzen in die Fluth der Seligkeit— kühlte einen Au⸗ genblick den heißen Brand der alten Sehnſucht, da warf — 375— mich lechzender als ich je zuvor geweſen, die Welle auf den dür⸗ ren Strand zurück, und fortan löſcht kein Ocean dieſe Gluth in meinem Buſen aus!— Ach! Ich war mit allem Elend meines Lebens glücklicher, da ich Molly nicht beſaß, als da ich ſie mein nennen durfte, um ſie ſo bald ſchon dem hungrigen Grabe zur Beute werden zu ſehen! Sie küßte mir mit feurigen Lippen den Tod auf den Mund, daß ich zu ſterben meinte, und ſelber ſtarb ſie, die Grau⸗ ſame, unß ließ mich mit der ſüßen Täuſchung dieſes Todes im Leben, 1— Das ſind die Engel, die ſo in holder Men⸗ ſchengeſtalt auf die Erde ſchleichen, ſo lieben, wie Men⸗ ſchen, und das arme Herz dann einſam zurücklaſſen, da⸗ mit es in ſeinem Schmerze erſt erfahre, wie glücklich es war!“ Er grollte faſt mit Molly, wie ſie einſt mit ihm ge⸗ grollt, als er ſie einſam in Niedeck zurückgelaſſen und ſich ohne Abſchied von ihr getrennt hatte. „Aber ich ließ ihr ja doch mein Bild im Herzen, ließ ihr eine gemeinſame Sonne, ein gemeinſames Leid; ich lebte ja doch, weil ich wußte, daß ſie lebte, weil ich wußte, nach welcher Himmelsgegend ich zu ſchauen hatte, um in ſtiller Nacht den Stern zu finden, der mit ſeinem Strahl in ihr Kämmerlein ſchlich und ihren Schlummer belauſchte. Nun iſt's ihr Grab,— und wenn ich will, iſt die ganze Welt ihr Grab, und alle Blumen, die blühen, alle Vögel, die ſingen, ſagen mir: Hier ruht deine Molly und weiß nichts mehr von dir. Ach! Untreue über Untreue! Ich muß nur den kleinen Schelmen ſehen, der mich um ihren Beſitz brachte!“ Und er nahm weinend das Licht und ging nach der Kam⸗ mer, wo ſeine beiden Kinder, der Große und der Kleine in einem Bette bei einander ſchliefen. Karl lag da wie ein rechter Held, mit einem Eſſig getränkten Tuch um die — 376— Stirne, weil er am Nachmittag mit einer großen Beule aus der Schule nach Hauſe gekommen war und auf des Vaters beſorgte Fragen nach der Urſache dieſes Schadens lakoniſch erwiedert hatte: Dem Adolf ſeine Beule iſt noch einmal ſo dick! Es war das Bild der Geſundheit ſelber, wie ihm der ſchönen Mutter Bruſt einſt die erſte Nahrung gereicht hatte. Der kleine Emil war viel zarter gebaut, aber ſeine rothen Wagen gaben denen des Bruders nichts nach an Friſche und Gedeihen. Er hatte das nackte Aerm⸗ chen um Karl's Hals geſchlungen und hielt mit der an⸗ dern Hand den einen Zipfel des Kopfkiſſens, den er bis auf die Stirne heruntergezogen hatte, eine Angewohnheit, an der ſich Bürger niemals ſatt ſehen konnte, da ſie ihn immer an Molly erinnerte, die ebenſo zu ſchlummern pflegte. Aber heute lächelte der Kleine ganz ſchelmiſch in ſeinem ſüßen Schlummer; und mit Einmal„als Bürger ſich näher über ihn beugte und ihm in das Antlitz leuch⸗ tete, öffnete er hell, ach! ſo hell die Augen, daß Jener faſt erſchrack, denn ſo, gerade ſo hell wachte Molly auf, er mochte ſie wecken, wann er wollte. Aber Emil ſagte, auf den Bruder deutend:„Vater! Ich ſchlafe noch nicht und horche dem Bruder zu, wie er ſchnarcht.“ Das Herz des Menſchen, und des Edelſten zumeiſt, wenn es ſeiner Hoffnungen Letzte und Schönſte dahinſter⸗ ben ſah, wird nur mit tiefem Grauen urplötzlich einen Stern aufdämmern ſehen, deſſen Licht ihm die Nacht ſei⸗ ner Trauer ſtreitig zu machen droht. Es wird ſich, bis in's Innerſte erbebend, krampfhaft zuſammenſchließen, und * — 377— den Schmerz, den es ſo lange nährte, der ihm Gewohn⸗ heit war und Pflicht, Troſt und Erquickung, es wird ihn wie ein gefährdetes Heiligthum feſtzuhalten und zu ſchützen ſtreben gegen die verlockende Anmuthung eines Himmels, deſſen Blitz das Saatfeld ſeiner glücklichſten Hoffnungen einſt ſo erbarmungslos zerſtörte. Aber nicht minder tief und ſchön liegt es auch in der Menſchennatur begründet, daß ein Gemüth, das zu trauern verſteht, eben in dieſer Trauer, vielleicht ſich ſelber unbe⸗ wußt, ein Gefühl heranbildet, das den Schmerz, wie er ſich einſt in muthloſem Jammer und Thränen äußerte, als die Weihe eines neuen Lebens betrachtet, als den köſtlichen Talisman, unter deſſen Segen es ſich noch einmal der ſchwachen Barke anvertrauen darf, die es durch weite un⸗ gewiſſe Ferne zu ſeinen glückſeligen Inſeln führen ſoll. Darin ſind und bleiben wir ja alle Kinder, daß wir unter Weinen und Schluchzen einſchlummern, um im Traume fortzuerleben, woran die rauhe Hand des Schick⸗ ſals uns im Wachen ſtörte. Und aus dieſem Traume wird wieder ein Erwachen, und hell und verklärt ſieht das Auge, das ſich unter Thränen ſchloß, in die beſtändigſte Gewohnheit des Daſeyns: Noch einmal zu hoffen, noch einmal zu leiden. So vieles Freundliche und Holde ruht längſt unter dem Mooſe, das Pochen des Herzens überlebt Alles, ſelbſt ſei⸗ nen Schmerz, und nur einmal kommt ein Moment, von dem wir nicht ſagen können„ob er unſeren Geiſt zu der e Liebe zurück, oder in der jungen Sehnſucht weiter ührt. Dieſe einfachen Betrachtungen, die ſchon oft dageweſen ſind und noch oft wiederkehren werden, ſchreiben wir kei⸗ neswegs aus dem Herzen unſres Bürger's. Es war weder jenes Grauen noch Mißtrauen vor dem neuen Glück, noch — 378— jenes Feſthalten an dem alten Leid, noch war es endlich das Gefühl des wiederauflebenden Muthes, was ihn ergriff, als der Poſtbote noch ſpät an dem Abende, wo Boie angelangt war, ein Packet von Stuttgart brachte, auf deſſen Adreſſe er die Handſchrift ſeiner edlen Freundin Marianne Ehrmann erkannte. Er hatte die Sendung bei Seite gelegt, bis er den ſehr ermüdeten und von dem Ein⸗ druck des ſo traurigen Wiederſehens erſchütterten Freund in die für ihn ſchon ſeit vierzehn Tagen bereitete Schlaf⸗ ſtube geführt hatte. Dann kehrte er auf ſein Arbeitszim⸗ mer zurück und öffnete das Packet. Das Erſte, was ihm in die Hand fiel, waren mehre der neueſten Nummern der von der damals beliebten Schriftſtellerin Marianne Ehr⸗ mann unter dem Titel: Amaliens Erholungsſtunden her⸗ ausgegebenen Monatsſchrift. Die Freundin erſuchte ihn in dem beigefügten Briefe um Empfehlung dieſes Unter⸗ nehmens bei ſeinen Freunden und Bekannten und ſchloß mit der ihm unverſtändlichen Bemerkung:„Der Beobachter, der auf alles Acht giebt, hat auch Sie nicht aus dem Auge gelaſſen und ich hoffe, Sie werden wenigſtens aus dieſem verliebten Schwabenſtreich erſehen, wie ſchön Ihr Ruhm auch hier zu Lande gedeiht. Das anmuthige Carmen wurde „ meinem Mann ohnlängſt von unbekannter Hand zugeſchickt und wir glaubten es ſchon um Ihrer guten Laune willen nicht zu den andern legen zu dürfen.“ Bürger las dieſe Worte mehrmals und wußte nicht, was ſie bedeuten ſollten. Er durchkramte die überſandten Pa⸗ piere, um irgendwo den Schlüſſel zu ihrem Räthſel zu finden— aber nirgends entdeckte er Etwas. Da, noch unter dem Suchen, fällt ihm das von Molly geſtickte Notiz⸗ buch, welches immer auf ſeinem Schreibtiſche lag, auf die Erde. Er bückt ſich, um es aufzuheben und bekommt da⸗ —— bei ein Papier in die Hand. Es iſt der„Beobachter“, ein Stuttgarter Localblatt, redigirt von Theophil Friedrich Ehrmann. Das Erſte, was ihm in die Augen fällt, iſt ein zwölfſtrophiges Gedicht:„An den Dichter Bürger.“ Er wollte kaum ſeinen Augen trauen und je weiter er las, um ſo größer wurde ſeine Ueberraſchung, ſein Stau⸗ nen, bis er denn zuletzt wirklich wußte, daß er nichts mehr und nichts weniger geleſen hatte, als einen förmlich aus⸗ geſprochenen Heirathsantrag, den ein unbekanntes Frauen⸗ zimmer aus St.... t an ihn ſtellte. „Man ſagt, Du ſollſt ein Wittwer ſeyn; Kömmt Dir die Luſt zam Freyen ein, So komm heran.“ Das war wenigſtens deutlich und konnte unmöglich miß⸗ verſtanden werden! „Denn kämen tauſend Freyer her, Und trügen Säcke Goldes ſchwer, Und Bürger zeigte ſich: So gäb ich ſittſam ihm die Hand, Und tauſchte mit dem Vaterland, Geliebter, Dich! Drum kömmt Dir mal das Freyen ein, So laß's ein Schwabenmädchen ſeyn, Und wähle immer mich. Mit ächter Schwaben⸗Redlichkeit Und deutſchem Sinn und Offenheit Liebt ferner Dich...... Für's Erſte wußte Bürger auf dieſen naiven Antrag keine geſcheidtere Antwort, als daß er herzlich auflachte. — — 380— „Man will mich myſtificiren,“ ſagte er und fing dennoch wieder an zu leſen: „O Bürger, Bürger, edler Mann, Der Lieder ſingt, wie's Keiner kann, Voll Geiſt und voll Gefühl! Komm, leihe mir zum Lobgeſang Entfloſſen aus des Herzens Drang Dein Harfenſpiel!“ „Nein! Das iſt keine Schelmerei! Dahinter ſteckt Ernſt!“ ſprach er und glaubte es ſchon beinahe. Auch hatte er's ja Schwarz auf Weiß: „Recht heiteren Geiſt und frohen Muth, Ein ſanftes Herzchen fromm und gut Hab ich und offnen Sinn. Ich bin nicht arm und die nicht reich, Mein Stand iſt meinen Giner gleic, — Sieh', wer ich bin!“ „Eine ſeltſame Zumuthung!“ Urwiltührltc dachte er da⸗ bei: Wenn Molly Verſe gemacht hätte— ſo müßten ſie gelautet haben.„Sieh', wer ich bin!“ Das klingt ja recht zuverſichtlich, grade ſo muthvoll, als wenn Molly mit Leo⸗ nidas ſprach:„Komm' und hole ſie!“ Der Ton iſt zwar bei aller Kindlichkeit und Herzensinnigkeit ein wenig leicht⸗ fertig— „——— O küſſen Dich Möcht' ich Dich, lieber Mann!“ „Na! Die hat Blut— heiß Blut, daß ſie mir ſo was iws Geſicht ſagt! Aber roth iſt ſie doch ſicherlich dabei ge⸗ worden, als ſie dieſen Vers ſchrieb, das ſieht man ſchon an der falſchen Conſtruction! Ich meine ſie ordentlich vor mir zu ſehen: ein rundes, friſches, rothwangiges Schwa⸗ — 381— benmädel— kein Unthätchen an ihrer Unſchuld— Alles Natur und Innigkeit,— ich glaube wahrhaftig, ſie könnte mich noch einmal auf die Zinnen des Tempels führen! Aber halt! Halt Bürger! Dort gewiß noch keine zwanzig Jahr'— hier ſicher zweiundvierzig Jahr'— hunderte von Jahren, wenn man JIahre nach Leiden zählte—— ob ſie wohl weiß, wie alt ich bin: „Mein Auge ſah von Dir ſonſt nichts, Als nur den Ausdruck des Geſichts, Und dennoch— lieb' ich Dich!“ Dennoch! Alſo kennt ſie mich aus irgend einem übel⸗ gerathenen Kupferſtich und liebt mich mit einem Gedanken⸗ ſtrich dennoch! Dieſes„dennoch“ ſagt mithin: Du biſt zwar keiner von den Schönſten, haſt vielleicht ſchon hier und da ein graues Härchen, magſt auch manchmal recht grämlich d'rein ſehen/ wenn die ganze ſchöne Welt guter Dinge froh iſt und ſich ihres Schöpfers freut—— aber ich— das Schwabenmädchen mit dem heiteren Geiſt und mit dem offenen Sinn, das die Kraft und der Muth dei⸗ ner Lieder entzückte— ich liebe dich dennoch, und wär's auch nur um deines Unglücks willen! Je länger er der Sache nachdachte, je mehr er dabei ſeine Vermuthungen und Conſequenzen auf ſeine Kenntniß des Frauen⸗Herzens baute, um ſo wahrſcheinlicher erſchien es ihm, daß dies einer von jenen weiblichen Genieſtreichen ſey, wie ſie nur ein von der Poeſie durchduftetes ideales Ge⸗ müth, das ſich in ſchwärmeriſcher Liebe verzehrt, ausführen kann. Dieſe reizende Vorſtellung begleitete ihn auf ſein Lager und zum erſtenmal ſeit vielen Monden entſchlummerte er unter der angenehmen Empfindung der Zuverſicht, daß vielleicht ſeinem ſo lange der Freude entwöhnten Herzen — 382— noch irgendwo in einem Winkel der Erde ein vertrautes Herz in gleichem Gefühl des Alleinſeyns entgegen ſchlagen möchte. Boie, der, wie ſich wohl von ſelbſt verſteht, ſchon in der Frühe des anderen Morgens, bei der zweiten Taſſe Kaffee, das Gedicht des Schwabenmädchens zu hören be⸗ kam, mochte auch dagegen ſagen, was er wollte, Bürger beſtand in Scherz und Ernſt auf ſeiner Anſicht, die Ver⸗ faſſerin müſſe ein ſehr liebenswürdiges Frauenzimmer ſeyn, Eins von jener ſeltenen Art, die nicht eben ſo häufig ei⸗ nem Dichter das Schnupftuch hinwerfen, und ſogar fand er ihre Verſe nicht übel gerathen. „Ich geſtehe Dir offen, kennen möcht' ich ſie nicht,“ ſagte er;„denn aller Wahrſcheinlichkeit nach würde dann meine Fantaſie ſehr bald die Flügel ſinken laſſen müſſen. Schon daß ich weiß, daß ſie in Stuttgart lebt, iſt mir fatal und ſtört mich in meinen Illuſionen. Sie hätte mir von Rechtswegen die Wahl laſſen ſollen, ſie überall hin zu verſetzen, wo es mir gerade für meine Träume paßt. Alſo etwa an den Ganges, oder nach Grön⸗ land, meinetwegen auch einmal in's Schwabenland zu den Gelbveiglein, nun aber weiß ich ſchon, daß ihre Sprache einen ſchwäbelnden Accent hat, daß ſie vermuthlich blau⸗ äugig und blond iſt, daß ſie gerne Dampfnudeln ißt, und das allerdings iſt mir fatal— ſehr fatal.“ „Aber ich finde in dieſem Lied keineswegs das anſpruch⸗ loſe Gefühl eines Naturkindes,“ wandte Boie ein;„ich er⸗ blicke darin vielmehr nur eine ſchwache Nachahmung Deiner ei⸗ genen lyriſchen Manier, die mir ja von jeher in manchen 7 — 383— Deiner Gedichten wegen ihres leichtfertigen Bänkelſänger⸗ tones nicht gefallen konnte. Sie hat Dir nichts abgelernt, als was Du ſelbſt ſchon lange aufgegeben haſt. Doch geſetzten Falls auch, ein Frauenzimmer habe ſich wirklich unbekannter Weiſe in Dich verliebt, ſo verſtößt es doch gegen alle Convenienz. daß es ſich Dir auch mir nichts Dir nichts gleich zum Heirathen anträgt. In der That, eine ganz funkelnagelneue Sorte von Sympathie und See⸗ lenliebe! Nein, lieber Freund, was zu genial iſt, iſt zu genial; und ich möchte Dir weislich rathen, Baumwolle in die Ohren zu ſtopfen und dieſer Syrene nicht weiter Ge⸗ hör zu geben.“ Bürger lachte unmäßig und heiter rief er aus:„Sage, was Du willſt! Ich bleibe bei meinem Satz: Solche Ehre iſt noch keinem Propheten in Iſrael widerfahren!“ Und ernſt fügte er hinzu:„Ich glaube, Du haſt mich wirklich im Verdacht, daß ich dies Alles für mehr als bloßen Scherz hielte? Ach, Boie, Boie, um's Himmelswillen! Halt' mich nicht für ſo thöricht, daß ich bunte Seifen⸗ blaſen—— „Nun, nun: die Erd' hat Blaſen, wie das Waſſer hat, heißt's im Macbeth,“ fiel ihm jener in's Wort und zuckte die Achſel. Bürger ſah ihn betroffen an. „Möglich iſt freilich Vieles in der Welt,“ ſagte er ge⸗ dankenvoll.„Aber Eins iſt doch unmöglich, daß nämlich der Mann, den Molly liebte, je wieder ein Weib finden wird, das den Vergleich mit dieſer Unvergleichlichen aushielte. Und ſollt' ich wirklich jemals——“ „Schwöre nicht, Bürger!“ rief Boie und hielt ihn am Arme.„Gib mir das Gedicht!“ ſagte er dann bittend. „Es iſt ſchon halbes Schickſal, mit dem Geſchick zu coquet⸗ 384 tiren. Der Menſch verſuche die Götter nicht, aber er ver⸗ ſuche ſich auch ſelber nicht. Unſre Kraft iſt oft gerade da am Schwächſten, wo wir uns ſtark glauben, und gerade dieſe eingebildete Stärke läßt uns am Erſten im Stich, wenn wir ſie nöthig haben.“ Bürger, ſeltſam ergriffen von dieſen mit dem tiefſten Ernſte ausgeſprochenen Worten, wollte ihm eben das Ge⸗ dicht hinreichen, als er's haſtig wieder zurücknahm, das Blatt in die Seitentaſche ſeines Rockes ſchob, mit dem Fuß auf den Boden ſtampfte und ausrief: „Nein, das Gedicht bekommſt Du nicht, wahrhaftig nicht! Ich müßte mich ja ſchämen, wenn ich aus der Hand gäbe, was mir Freude macht, wahre Freude! Aber mehr auch nicht, das verſichere ich Dich!— „So behalt' es,“ verſetzte Boie nach kurzem Zögern. „Und zudem, täuſcht mich nicht der ganze Ton in dieſem Gedicht, wird Dir ſeine Verfaſſerin eben nicht ſehr gefähr⸗ lich werden. Und würde ſirs auch wirklich—— nun, wer weiß, ob——„ „Ob ich's für ſie werde, nicht wahr?“ ſagte Bürger ge⸗ dehnt.„Na! dafür hab' ich ausgeſorgt!“ brüſtete er ſich, indem er, Selbſtgefälligkeit affectirend, ſein Haar vor dem Spiegel ordnete.„Bei den Frauenzimmern war ich immer wohl gelitten, zumal bei ſolchen, die feuerroth wurden, wenn ich Ihnen vorgeſtellt wurde. Es haben mich Hunderte von Damen verſichert, daß ich mit meinen Liedern ihr Herz bis in den innerſten Nerv getroffen hätte, und eine angenehme, in der That ſehr angenehme Dame hat ein⸗ mal meiner Molly in allem Ernſte betheuert, daß ſie dem lieblichen Sänger(sic, Herr Etatsrath D nothwendig hätte in die Arme fallen müſſen, wenn er's darauf angetegt hätte⸗ Ach! Gott ſey Dank, es gibt ja noch Friſeurs in der — 385— Welt und Parfümeurs und Modeſchneider und Hühneraugen⸗ operateurs, die den Lieblingsſänger der Weiber nicht zu Schan⸗ den werden laſſen, und zu allem Ueberfluß, mein beſorgtes Boiechen, verſichere ich Dich, daß in dieſem von den Schlägen des Schickſals allerdings etwas über Gebühr mürbe geklopften Profeſſor noch eine ganz annehmbare Partie von perſön⸗ licher Liebenswürdigkeit ſteckt und von Eigenſchaften des Herzens und des Geiſtes, die in der ſchönen Frauenwelt zu den geſuchteſten gehören, beſonders wenn man dabei die Augen ſo recht geiſtreich zuſammenzwickt und dem Welt⸗ übelſolche hübſche blanke Zähne zeigt. Ah! Hätte der Profeſſor Querner, Gott hab' ihn bei Hebzeiten ſelig, meine Zähne ge⸗ habt, ſeine Hemdeknöpfchen wären ihm gewiß niemals ab⸗ geſprungen!“ Boie mußte herzlich lachen, und indem er ſeine elegante Ungarpfeife anbrannte— der Menſch lernt nämlich Alles in der Welt, ſelbſt das Rauchen— ſagte er:„Ich erleb' es noch, daß Du die Leyer, ſtatt mit dem Plectron, mit. der Zahnbürſte ſchlägſt zu Ehren Deines naiven Schwa⸗ benmädchens„mit dem ſanften Herzchen fromm und gut!“ we Ha! Ha! Daß doch ein Mann von ſo vortrefflichen Eigen⸗ ſchaften Herzens und Geiſtes, noch in ſeinen alten Ta⸗ gen— zum Schwaben wird!“— Der Freund ſchien in der That die ganze Geſchichte mit einer allzutrüben Brille anzuſehen, und ſo lang er in Göttingen verweilte, ſcherzte Bürger beſtändig über ſeine Beſorgniſſe wegen des Schwabenmädchens. Hierdurch kam es denn, daß die Sache auch in einem weiteren Kreiſe bekannt wurde und in einigen Tagen wußte ganz Göttin⸗ gen, daß ein Stuttgarter Frauenzimmer dem Profeſſor Bürger öffentlich Herz und Hand angetragen hätte. Das 8 25 — 386— Gedicht eirculirte bald in vielen Abſchriften, und man kann ſich denken, daß es kein geringes Aufſehen machte. Auch nachdem Boie abgereiſt war, blieb unſer Dichter noch eine geraume Weile völlig unbekümmert um das, was er auf den Antrag des unbekannten jungen Mädchens erwiedern ſollte. Nur mochte er ſich ſelbſt nicht leugnen, daß es ihm eine angenehme Beſchäftigung war, von dem Schwabenmädchen zu fantaſiren und manchmal ſogar recht ſchwärmeriſch zu fantaſiren. Und hierbei geſchah es denn, daß Molly's Bild, welches ihm ſo lange, ach, ſo lange unverſtändlich und unerfaßlich in der Seele geſchlummert hatte, allmäh⸗ lig, als ſey mit jenem Gedicht das Zauberſiegel gelöſt, immer deutlicher und lebendiger in ſeine Erinnerung zu⸗ rückkehrte, und eh' er es noch ſelbſt recht wußte, mit dem der Unbekannten in Eins zuſammenfloß. Nicht allein trug er, was er Holdes und Liebliches an ſeiner Molly beſeſ⸗ ſen, und was ihn einſt im kurzen Wonnenrauſch ihres Be⸗ ſitzes beſeligt hatte, auf die Unbekannte in Stuttgart über; auch das ſo lang für unwiderbringlich verlorene Glück, auch jenes Bild Molly's, wie es der Schmerz ihm längſt zum ſeligen höheren Weſen verklärt hatte, wurden Eins mit ſeiner Vorſtellung von dem Mädchen in Stuttgart; und bald war zwiſchen der Molly, die er beſeſſen, und Jener, die er verloren, das vermittelnde Verſtändniß gefunden, indem die Erinnerung an ſein einſtiges Glück mit dem Ge⸗ fühl ſeiner beſtändigen unendlichen Trauer um deſſen ſo 8 ſchnellen unerſetzlichen Verluſt, anſtatt ſich einander Urſache und Wirkung zu bleiben, nach einem dritten Punkte, als nach ihrer einzig möglichen harmoniſchen Aus⸗ gleichung, hinſtrebten und ſich in der Vorſtellung vereinig⸗ ten, daß unbeſchadet der theuren Erinnerung und der theu⸗ 4 1 8— 387— ren Trauer, ein dritter Beſitz nöthig ſey, welcher ja doch nur der Einen wie der Andern zu Statten kommen ſollte. Es war ſo verlockend für ein Herz, das ſo unendlich ge⸗ liebt, ſo unendlich geduldet hatte, ſich irgendwo in der Schöpfung ein Weſen zu denken, auf das die Fantaſie Molly's Bild, die Hoffnung Molly's Liebe übertragen konnten, und ſo lange Bürger ſo ſchwärmte, darf man ihm nicht vorwerfen, daß er ſeiner Molly untreu geworden wäre. Aber, was wir Oben andeuteten und was noch von Niemanden, der dieſen edlen vielgeprüften Dichtergeiſt und ſeine Lebensſchickſale beurtheilte, beherzigt worden iſt, der Umſtand nämlich, daß Bürger ſelbſt ſchreibt, er hätte ſich das unbekannte Schwabenmädchen nie anders als mit Molly's Augen, Molly's Locken, Molly's Geſtalt denken können, muß an dieſer Stelle näher in's Auge gefaßt wer⸗ den, wenn wir nicht, wie ſo Mancher, als leichtſinnige Verirrung und als Abfall von ſeinem Geiſte anſehen wol⸗ len, was doch einzig dem reinſten und menſchlichſten Ge⸗ fühl in Bürger's Seele zugeſchrieben werden muß. Das Herz, das einmal ſeines Glückes ſich bewußt wurde, hält feſt an ſeiner Liebe, mag auch der Tod ihm ihre irdiſche Erſcheinung rauben, mag es auch in dem gebrochenen Auge der Schönheit leſen, daß jenes Glück nur ein Traum war ohne Wiederkehr, zu ſchön, um es zu überdauern, zu ſelten und einzig, um nicht mitten in der vollkommenſten Selig⸗ keit zu enden. Aber das Herz, das verwittwete, das allein beſtimmt iſt, jenes Glück zu überdauern, es wird, wie lang auch ſeine Leiden währen und wie ſchattenhaft auch die Trauer es umnachten mag, das beſtändige Gefühl jener Liebe ſich erhalten, die einſt in ſo holder Erſcheinung ſein Leben weihte, um dann wie ein Engel, in deſſen ſtrahlende Miene kein Sterblicher ohne Schrecken ſchaut, dahin zu 25** — 388— e gehen, woher ſie kam, in das Licht des Himmels, der nun einmal der Erde kein beſtändig Glück gönnen mag. Wir ſahen, wie der betäubende Schmerz in Bürger's Geiſt das Bild der Geliebten auslöſchte, und zwar nicht allein das freundliche Bild des Lebens, ſondern auch das des Sarges, unter den Apfelblüthen, die er auf ihr weißes Sterbekleid geſtreut hatte. Umſonſt forſchte er in ſeinem Herzen, umſonſt in der ganzen Schöpfung, umſonſt ſelbſt in den Zügen des kleinen Emils nach dem theuren Bild, er hätte mit der Fackel der Ceres den ganzen Erdkreis durchwandern mögen und würde es doch nicht gefunden haben!— Er wußte nur noch ihren Namen, wußte nur noch von dem Himmel ihrer Nähe, von dem plötzlichen, betäubenden Sturz aus dieſem Himmel. Alles andere be⸗ deckte eine Trauer ohne Ton, ohne Namen. So lebte er beinahe drei Jahre, wenn das leben heißt, ſich in dem un⸗ verſtandenen Räthſel eines Schmerzes abmühen, der ſich in ſo grauſamer Liſt erſchöpft, und ſelbſt die holde Erin⸗ nerung in ſeine ſtarren Feſſeln ſchlägt. Es war ein hal⸗ ber Geiſtestod, aus dem er erſt aufwachte, als es, wie ein Himmelslaut der alten Liebe, aus weiter Ferne ſein Ohr berührte, als er darin Etwas von Molly's ſüßem Liebes⸗ ton zu hören wähnte. Und mit dieſem uns bekannten Ereigniß war nun in Bürger eine Veränderung vorgegangen, von der ihm ſeine Freunde und Bekannten noch eher Nachricht gaben, als er ſie ſelber inne ward. Er wurde wieder zugänglicher, man ſah ihn oft heiter, ſeine Mienen belebten ſich, und mit einer Zu⸗ verſicht, wie man ſie ſchon lange nicht mehr an ihm ge⸗ wohnt war, kündigte er eine neue Sammlung ſeiner Ge⸗ dichte an, die mit großer Pracht ausgeſtattet werden ſollte. Dieſe günſtige Veränderung ſeines Weſens war ihm 8.— 389— aber auch dann noch ein Räthſel, als er ſchon anfing‚ſeinem wun⸗ derlichen Verhältniß zu dem Schwabenmädchen etwas mehr Conſiſtenz und Realität zu wünſchen; denn ſchon begann es ihn nach einem Namen zu verlangen, ſchon ſaß er ſtun⸗ denlang über dem Subſcribenten⸗Verzeichniß, das dem erſten Heft der Stuttgarter Monatsſchrift ſeiner Freundin Marianne Ehrmann vorgedruckt war, und endlich fand er auch darin eine Mademoiſelle Eliſe**, und die zwei Kreuz⸗ chen blinzelten ihn ſo myſteriös und ſchalkhaft an, wie zwei allerliebſte glänzende Augenſterne. Zudem, der Name gefiel ja auch Molly ſo gut, daß ſie ihn wirklich ſchon im Kalender mit rother Tinte angeſtrichen hatte. Wenn er Abends im Einſchlummern war, ſagte er gewöhnlich: „Gute Nacht, Eliſe⸗Molly.“ So trat das Schickſal noch einmal in verlockender Ge⸗ ſtalt in das Leben unſeres Dichters, und wie ſeeliſch und ideal er auch Anfangs das Verhältniß auffaßte, in welches er ſich hineinfantaſirt hatte, ſo wird doch ein Auge, das in das Herz zu blicken verſteht, gerade in dieſem unbe⸗ ſtimmten, unbeſchränkten, alles Wirkliche und Gewohnte bei Seite ſetzenden Schwärmen die hauptſächlichſte Urſache entdecken von dem großen Zauber, den es für ihn hatte, von dem Troſte, den es ihm bereitete, ſich im Traum und im Wachen mit einem Weſen zu beſchäftigen, das in ſo wunderbarer Erſcheinung vor dem inneren Auge ſeines Geiſtes ſtand und in ſeinem Schmerz um Molly's Tod wie ein köſtlicher Diamant in einer trüben Faſſung leuch⸗ tete. Und je inniger ſich das Bild ſeiner ſeligen Erinne⸗ rung mit dem ſeiner ebenſo ſeligen Hoffnung vermählte, je mehr die todte Sehnſucht ſeines Herzens wieder zu pul⸗ ſiren anfing, um ſo blinder klammerte er ſich mit ſeiner letzten Begeiſterung an das holde Fantom, an den einzigen 8 — 390— ihm noch übrig gebliebenen Glauben an die Rettung ſei⸗ nes Geiſtes aus der beſtändigen Täuſchung ſeines Schick⸗ ſals. Sein ganzes vergangenes leidvolles Leben ſagte ihm ja, daß es für ihn kein Glück hienieden gäbe, das errun⸗ gen und erkämpft ſeyn will; er wußte ja aus Erfahrung, daß Dulden und Harren, Sehnen und Trachten ihm nie⸗ mals von der Gunſt der Himmliſchen gelohnt worden waren; ſein ganzes Leben war ja faſt ein einziger Kampf gewe⸗ ſen, dem kein Lorbeer grünen wollte; durch die junge Saat der beſten Hoffnung zog ihm ja der Tod ſeine öde Grabes⸗ furche, und er war es endlich müde geworden, ſein Herz⸗ blut hinzugeben, alles um eitler, kurzer Täuſchung willen, aus der ihm wieder Täuſchung erwuchs. Diesmal aber kam ja das Glück, wie die Schwalbe und wie der Son⸗ nenſchein, es kam nicht gerufen, nicht beſchworen, nicht bezwungen durch zehn Jahre langen übermenſchlichen Kampf, es war kein Sieg mit der Märtyrerkrone auf der Stirne— ihm blühten jetzt Blumen, wo er keins geſäet, auf dem öden Felſen, mitten im ſchwarzen Sturm, fand ihn den Verhungernden, den Verſchmachtenden das Son⸗ nenlächeln des Glückes, und lange wandelte er traumhaft, wie in jenem wonnigen Gefühl umher, das den in brennender Sandwüſte niedergeſunkenen Wanderer noch im Verdür⸗ ſten labt wie kühles Quellgerieſel und ihm den Tod aus goldner, ſüßer Traube auf die trockene Zunge preßt. Bürger fühlte ſich erlöſt, als er an keine Erlöſung mehr glauben mochte, und daß er grade nach ſolchen Erfahrun⸗ gen, wie er ſie gemacht hatte, noch an ein Glück für ſich glauben konnte, iſt uns nichts weiter als die ſchönſte ſicherſte Bürgſchaft, daß er ſeinen Schmerz um Molly recht wie ein echter Dichter bis zum allerletzten Gefühl durchgekämpft hatte. Indem er ſich von Molly's Grab ab und in das —.——„ — 391— Leben zurückwandte, geſchah dies mit der vielleicht ihm ſel⸗ ber dunklen Empfindung, daß ſein Schickſal, ſtatt ihn zu zerſtören, ihn vielmehr geſtärkt habe zu neuen Schmerzen, und daß die Poeſie ſeines Geiſtes noch den ungelöſchten Funken der Kraft in ſich trage. Er kehrte von dem Grabe Molly's zurück, wie der Pilger von der frommen Gnaden⸗ ſtätte und in ſeinen Briefen aus der damaligen Zeit ſteht es für jeden, der ſolche Briefe zu leſen weiß, mit anderen Worten deutlich genug geſchrieben, daß ihn manchmal ein Gefühl anwandelte, als müſſe er ſich noch des Glückes würdig zeigen, das er verloren hatte. Und wo liegt die Würdigkeit für ein ſolches Glück? Etwa in der Trauer um ſeinen unerſetzlichen Verluſt? Oder in dem Muthe, ſich zu ſagen, daß man nach ſolchem Glück auf Weiters verzichte?— Dieſe Fragen henmorten ſich wohl am beſten durch die folgenden Ereigniſſe. Wir nehmen ſie mit über den tragi⸗ ſchen Wendepunkt unſeres Dichterlebens hinaus, an dem wir nun angelangt ſind. Es war ein ſeltſames Zuſammentreffen von Umſtänden, daß Eliſe, die damals von einem mehrwöchentlichen Auf⸗ enthalt bei Verwandten in Tübingen, nach Stuttgart zu⸗ rückkehrte, von dem Abdruck ihres Gedichtes in dem „Beobachter“ erſt Nachricht bekam, als Bürger bereits an Frau Ehrmann geſchrieben und ſie dringend gebeten hatte, ihm um jeden Preis den Namen der Verfaſſerin zu ſagen. Sie erſchien in Stuttgart, als Niemand mehr daran zwei⸗ felte, daß dieſes Gedicht von ihr herrühre und ſo kam ſie im doppelten Sinne des Wortes mitten in's Geſpräch hinein. — 392— Ihre Beſtürzung, ihr Schrecken war unbeſchreiblich, da ſie von der etwas ſtrengen Mutter mit Kälte empfangen wurde und auch bald genug die Urſache hiervon erfuhr. Sie ward leichenblaß, dann feuerroth, als ihr Jene die Nummer des„Beobachters“ vorlegte, in welcher ſie ihr Ge⸗ dicht an Bürger, das ſie in ihrem Schreibtiſche ſicher ein⸗ geſchloſſen wähnte, wörtlich abgedruckt ſah. Sie weinte laut und wollte ſich lange gar nicht wieder faſſen. „Mutter! Mutter! Ich beſchwöre Sie, halten Sie mich nicht einer ſolchen Abſcheulichkeit fähig!“ rief ſie unter bit⸗ teren Thränen.„Ich weiß von Nichts, als daß ich dieſe Verſe zu meiner Beluſtigung niederſchrieb, daß ich ſie Ih⸗ nen zeigte, und tüchtig wegen meiner Ueberſpanntheit von Ihnen ausgeſchmält wurde. Sonſt hat kein Menſch etwas davon zu ſehen bekommen, und es iſt mir ganz unbegreif⸗ lich, wie Jemand außer Ihnen ſelbſt, das Gedicht unter die Leute bringen konnte. Ich weiß gewiß, daß ich s ſicher in meinen Tiſch einſchloß.“ „Nun höre mir Eins den Querkopf!“ nief die Frau Expeditionsräthin unter Lachen und Eifern.„Ich, die Mutter, ſoll mein liebes Töchterchen zum Gegenſtand des ärgerlichſten Stadtgeſpräch's gemacht haben!“ „Verzeihung, Mama,“ ſagte Eliſe bittend.„Aber es iſt wirklich und wahrhaftig nicht anders denkbar. Sie ſind gewiß an meinem Schreibtiſch geweſen—“ „Allerdings,“ verſetzte Jene betroffen.„Ich habe, als Du kaum einen oder zwei Tage fort warſt, dem Commiſ⸗ ſär Naſt Dein Skizzenbuch gezeigt—“ „Und gerade dahinein hatte ich mein Gedicht gelegt,“ ſagte Eliſe.„Nun iſt mir Alles klar und beinah“ verſteht ſich's auch von ſelbſt, daß dieſer läppiſche Menſch, der vor 8 — . A — 393— lauter Dummheit und Hochmuth nicht begreift, wie unaus⸗ ſtehlich er mir iſt, dabei die Hand im Spiel hatte.“ „Das wäre ja abſcheulich,“ erwiederte die gute, nur manchmal gar zu zerſtreute Frau, und ſchon war ſie faſt eben ſo gewiß als ihre Tochter überzeugt, daß ſie ſelbſt an dem ganzen Unheil Schuld ſey. Eliſe mußte, trotz ihres Leidweſens, bei dieſer Vorſtel⸗ lung herzlich auflachen, und der Gedanke, daß Mama ſelbſt die Veranlaſſung zur Veröffentlichung ihres verliebten Be⸗ kenntniſſes geweſen war, hatte ſo viel Komiſches für ſie, daß bald ihre gute Laune über alle Bedenklichkeiten ſiegte und ſie zuletzt nach mancherlei Hin⸗ und Herberathen mun⸗ ter ausrief:„Was liegt mir d'ran, ob die Leute mich für eine Närrin halten! Ich werde d'rum doch nicht klüger! Das Beſte an der ganzen Geſchichte iſt noch, daß ſie zu abenteuerlich ausſieht, als daß nicht jeder vernünftige Menſch mir auf's Wort glauben ſollte, wenn ich die Autorſchaft vorn'weg leugne. Aber dieſen Herrn Naſt— Mama—!“ Sie hielt inne und ſah fragend auf ihre Mutter. Dieſe, die ihren Gedanken errathen, nickte mit dem Kopf und Eliſe fiel ihr um den Hals, indem ſie jubelnd ausrief: „Dieſen Herrn Naſt wär' ich endlich los!“ „Aber weißt Du denn, lieb Kind, daß Bürger Dein Gedicht ſchon geleſen hat?“ ſagte nach einer Weile Frau Hahn kächlend.„Und daß es ihm gefallen hat?“ ſetzte ſie zö⸗ gernd hinzu. Eliſe war wie vom Donner gerührt und wußte kein Wort zu erwiedern.. — 394— Ohne daß jedoch die Mutter den Eindruck bemerkt hätte, den dieſe Nachricht auf ſie machte, nahm ſie unter dem Vorwand großer Midigkeit das Licht und ging in ihr Zimmer hinauf. Faſt konnte ſie die Treppe nicht erſteigen, ſo bleiſchwer lag ihr dieſe unerwartete Kunde in den Glie⸗ dern. Oben ergriff ſie ein Schwindel und ſie mußte ſich einige Augenblicke an dem Geländer halten, um nicht um⸗ zuſinken. In einem Zuſtand, den ſie ſich weder jetzt noch ſpäter erklären konnte, warf ſie ſich, angekleidet wie ſie war, auf das Bett, und das Licht war ſchon tief heruntergebrannt, als ſie ſich endlich in ſo weit ſammelte, um dem, was ihr in den Worten der Mutter ſo betäubend auf die Seele gefallen war, mit Ruhe und Klarheit nachzudenken. Aber ſie mußte lange in der Stube auf und nieder wandeln, lange in die dunkle Nacht hinausſtarren, bis es ihr mög⸗ ich wurde, die Aufregung ihres Gemüthes niederzukämpfen und das Zittern ihres Herzens zu beſchwichtigen. Der erſte Gedanke, deſſen ſie ſich deutlich bewußt wurde, war, wie ſich dies bei einem jungen zwanzigjährigen Mädchen von Eliſens leidenſchaftlichem Temperament faſt von ſelbſt verſteht, die Frage: Muß ich mich nicht zu Tode ſchämen? Und der zweite, eben ſo natürliche: Was mag er von mir denken? Und weil ſie ſich Letzteres lange nicht nach ihrem Wunſch beantworten konnte, verging ſie faſt vor Beſchä⸗ mung und Reue über ihre Unbeſonnenheit, und ſie würde ſich vielleicht wirklich zu Tode geſchämt haben, wenn ihr die Beantwortung der zweiten eben ſo wichtigen Frage dazu Zeit gelaſſen hätte. „Aller Welt hätt' ich es ſagen können, daß ich ihn liebe!“ rief ſie.„Alle Welt hätt' es wiſſen dürfen, daß er der einzige Mann iſt, den ich anbeten könnte! Nur er, 7 —O ᷑̃—,,— —qò— — 395— nur er allein durfte ſo was nicht hören und am aller⸗ wenigſten durfte er dies in einem Blatte leſen, das Hun⸗ derte zugleich mit ihm in die Hand nehmen, und mich und ihn verſpotten. O! Es iſt abſcheulich, ſo was zu drucken, und das reinſte, beiligſte Gefühl eines unſchuldigen Her⸗ zens dem rohen Spotte und der Mißdeutung der Gemein⸗ heit Preis zu geben. Der arme Bürger! Wie mag's ihm nur beim Leſen dieſer Knittelverſe zu Muthe geworden ſeyn!— Gewiß hat er's für Bosheit genommen, für das wohlerſonnene Schelmenſtückchen irgend eines hämiſchen Feindes, der ihn in ſeiner Trauer um Molly verhöhnen wollte, oder für den Keulenſchlag eines Kannibalen! Wie ſoll ich nur, ach! wie ſoll ich's nur ihm aufklären, daß er ſich täuſcht, daß es nichts weiter war, als ein heiliger Ernſt aus kindiſchem Muthwillen? Schreiben kann ich ihm doch nicht, daß ich in ihn verliebt bin und daß ich ihn und nur ihn heirathen will,— das hieße ja meinem Schwabenſtreiche die Krone aufſetzen und er wäre wohl gar im Stande, mir in einer poetiſchen Epiſtel zu antwor⸗ ten.—— Doch nein! Nein! Nein! Das thut er gewiß nicht, dazu iſt ihm ſein Genius zu heilig— er vergilt mir nicht Gleiches mit Gleichem!— Aber Etwas muß doch von meiner Seite geſchehen und es wäre vielleicht das Allerklügſte, wie's ja auch das Natürlichſte wäre, wenn ihm die Mutter—— ach! die Mutter iſt eine zu kluge Frau, die läßt ſich nicht ſo leicht zu einer Schwindelei hinreißen! Alſo was thun? Noch'mal auf den Pegaſus ſteigen?— Noch'mal aus dem Sattel geworfen werden?“ 5 Sie preßte die Hand wider die brennende Stirne, ſann und ſann und war eben im Begriff, an ihrem bischen Mutterwitz zu verzweiflen, als ihr plötzlich einfiel, daß ja der Doctor Ehrmann—— — 396— „Nein, der Schandmann iſt an allem Unheil ſchuld!“ rief ſie mit Entſchloſſenheit,„und er mag's darum auch ausbaden! Gott ſey Dank— ja ſo geht's. Seine Frau iſt Bürger's Freundin, ſie ſelbſt hat mir ja erzählt, daß ſie mit ihm häufig correſpondire, und gewiß— achl! recht, mein Herz! Nun bin ich der Mutter auf der Spur— gewiß hat die Ehrmann ihr's geſagt, daß Bürger mein Gedicht geleſen,— daß es ihm gefallen habe.“ Sie biß die Lippen aufeinander, ihre Augen funkelten, und die Hand ſchalkhaft ſinnend unter das Kinn gelegt, ſagte ſie nach einer Pauſe: „Denk' dir's doch einmal, Eliſe! Nur zum Spaß denk' dir's einmal, wenn der Bürger den Scherz für Ernſt nähme? Wenn er dich beim Wort hielte—— und eines Tag's wirklich käme und um deine Hand anhielte? Zieren freilich müßt' ich mich dann ſchon und recht ſpröde thun, weil ich erſt ſo ganz sans façon mit der Thür in's Haus plumpte; ich könnt' ihm wahrhaftig nicht helfen und abbüßen müßt' er mir's, das verliebte Gedicht, bis ich wieder mit Anſtand roth werden könnte, wenn er mir ein Kompliment machte.— Alſo gut! Die Ehrmann muß beichten, und ſie beichtet ja zudem ſo gerne, ſo lang ſie noch etwas auf dem Herzen hat. Weiß ich's erſt einmal, daß ihm das Gedicht gefallen hat— o! dann mag die ganze Welt von A bis Z mich ausſpotten,— dann mach' ich ihm noch ein Gedicht, und das kriegt ſelbſt die Mutter nicht zu leſen!“ Unter dieſen heiteren Vorſtellungen lag ſie endlich in den Federn, und bald drückte ihr der Traumgott mit leiſer Hand die Augen zu. Sie wachte erſt auf, als Jemand laut: „Frau Profeſſorin“ zu ihr ſagte, und ſo deutlich hatte ſie's —; 3 gehört, daß ſie, obwohl ſchon völlig ermuntert, noch mit hellen Augen in ihrem Zimmer umherſpähte, ob nicht irgendwo Jemand verſteckt ſey, der ſie necken wolle.. Wirklich ging Eliſe gegen neun Uhr zur Frau Ehrmann und fand das ſchriftſtellernde Ehepaar damit beſchäftigt, die Probenummern von„Amaliens Erholungsſtunden“ unter Kreuzband zu legen und ſie an die Abonnenten zu adreſ⸗ ſiren. Es ward ihr ganz wunderlich zu Muth, als ſie in dieſe literariſche Haushaltung hineintrat. Das Stübchen war in Wahrheit bis hinauf an die Decke mit Gelehrſam⸗ keit ausgeſtopft, die Wände über und über mit Wandkarten und hiſtoriſchen Tabellen tapeziert, ganze Stöße von ſelbſt⸗ verlegten Werken, die keinen Abſatz im Publikum gefunden hatten, in den Ecken aufgehäuft und nirgends ſo viel Platz, daß man auch nur eine Hand hätte regen können. Obwohl Eliſe die Frau Ehrmann und ihren Gatten dann und wann in Geſellſchaft gefunden hatte, ſo war ſie ihnen doch nicht näher bekannt und ihre unerwartete frühe Erſcheinung über⸗ raſchte darum Beide nicht wenig. Aber auch Eliſe wurde feuerroth, als ihr die freundliche blaße Frau nicht ohne Zeichen von Verlegenheit nach der erſten Begrüßung er⸗ zählté, daß es ihre Abſicht geweſen ſey, ſie heute ſelbſt aufzuſuchen, indem ſie einen Auftrag an ſie habe. „Doch geht es eigentlich mehr die Frau Mama an,“ ſagte Herr Ehrmann und lächelte dabei ſo geheimnißvoll, daß Eliſen das Blut im Herzen ſtockte. „Mamſell Hahn iſt nun da,“ verſetzte ſeine Gattin haſtig, „und mein Auftrag lautet ganz beſtimmt an ſie, nicht an die Frau Expeditionsrätbin.“ — 398— „Ich wollte nur fragen——“ ſtotterte Eliſe. „Vor allen Dingen hören Sie,“ ſagte Frau Ehrmann, indem ſie zutraulich ihre Hand faßte und ſie neben ſich auf das Sopha niederzog.„Ich weiß ſehr wohl, was ſie zu uns führt und Sie brauchen mir nicht zu ſagen, daß ſie„ kommen, meinem Mann den Tert zu leſen.“ „Ach! Ich bin ja wahrhaftig ſo unſchuldig an Allem, als Sie ſelbſt!“ betheuerte der Redacteur des„Beobach⸗ ters“.„Das Gedicht wurde mir anonym zugeſchickt und ich nahm es nur in meine Zeitſchrift auf, weil ich unſerm berühmten Freunde in Göttingen einen Spaß damit machen wollte. Ich blieb Wochenlang in Ungewißheit über ſeine Verfaſſerin, und ich ſowohl, als alle Menſchen, riethen be⸗ ſtändig auf Mamſell B., bis mir, ich weiß nicht mehr durch wen, die beſtimmte Nachricht zukam, daß Sie es verfaßt hätten. Wenn ich aber nur entfernt hätte ähnen 6 können——“ „Lieb Männchen, das mußt Du hernach erzählen,“ ſagte Madame Ehrmann bittend.„Für's Erſte handelt ſich's darum, Fräulein Hahn über das Schickſal Ihres ſchönen Gedichtes zu beruhigen und ich wette faſt, ſie kommt auch bloß deßhalb zu uns,“ fügte ſie lächlend hinzu und drohte ihr mit dem Finger. „Ich leugne das nicht,“ verſetzte Eliſe zögernd und ſah mit einem verlegenen, bittenden Blick auf Herrn Ehrmann. Dieſer verſtand ihren Wunſch, und da er ein ebenſo gut⸗ müthiger als jovialer Mann war, ſo machte er einen tie⸗ fen ſtummen Bückling vor dem erröthenden Mädchen und ging raſch aus dem Zimmer. „Nun faſſen Sie Muth, liebe Freundin,“ ſagte Frau Ehrmann nröſtend.„Wir machen die Sache jetzt unter uns ab; ich habe einen Auftrag an Sie, der Ihnen, wie — 399— 5 ich gewiß weiß, ſehr willkommen ſeyn wird. Herr Bürger hat nämlich ſchon dreimal geſchrieben und ich muß Ihnen nur ſeine Briefe zeigen, damit Sie mit eigenen Augen leſen, in welche ſeltſame Lage ihn Ihr Gedicht verſetzt hat.“ Bei dieſen Worten holte ſie mehre Briefe aus einem aus Weiden geflochtenen Körbchen, und mit bebender Hand entfaltete Eliſe den erſten, den ihr Jene mit den ſcherzenden Worten überreichte:„Sehen Sie ſelbſt, was Sie für ein Unheil angerichtet haben.“ Eliſe las und las, die Buchſtaben flimmerten ihr vor den Augen, ſie wußte kaum, was ſie las. Aber wie Bür⸗ ger's Bekenntniſſe immer feuriger wurden, wie er immer ſchwärmeriſcher von ſeinem Schwabenmädchen fantaſirte, immer dringender die Freundin um nähere Auskunft bat, da pochte auch ihr Herz immer höher und die Gluth ihrer Wangen ſtieg ihr bis in die Augen. Sie konnte nicht wei⸗ ter leſen, zitternd lehnte ſie ihr Haupt an die Schulter der Frau Ehrmann und ſtammelte:„Er ſoll's haben.“ Sie meinte nämlich ihr Porträt, um welches Bürger Himmel und Erde beſchwor. Dann erhob ſie ſich raſch: „Geben Sie mir die Briefe mit nach Hauſe,“ ſagte ſie mit unſichrer Stimme und drückte beide gefaltenen Hände wider die klopfende Bruſt.„Es iſt mir jetzt nicht möglich, ſie mit Ruhe zu leſen, mein Verſtand iſt ganz in's Arge ge⸗ rathen— ich weiß kaum, ob ich weinen oder jauchzen ſoll — um Gott! liebe, theure Frau Ehrmann, geben Sie mir die Briefe!“ „Mit Vergnügen! Ich ſchenke ſie Ihnen ſogar,“ erwie⸗ derte Jene, tief ergriffen von dieſem ſo ſeltſamen als lei⸗ denſchaftlichen Gefühl des ſchönen Mädchens.„Aber nur unter einer Bedingung,“ fügte ſie ernſt hinzu.„Daß Sie nämlich, ſobald Sie mit ſich einig ſind, Ihre Mutter von — 400— Allem benachrichtigen. Denn wie ich Bürger kenne, und wie ich Sie, liebe Eliſe, jetzt zu kennen glaube, haben ſie Beide guten und beſonnenen Rath nöthig.“ „Ja, ich verſpreche es Ihnen,“ ſagte Eliſe und warf ſich an ihre Bruſt.„Die Mutter nicht allein, auch Sie, gute Frau Ehrmann, ſollen mir rathen, und wenn es Got⸗ tes Wille iſt, daß ich meinem Herzen folgen muß, daß dieſe Briefe über das Schickſal meines Lebens entſcheiden, ſo ſollen Sie es ſeyn, die es ihm meldet! Wo iſt denn ein Maler? Wo iſt denn ein Maler?“ rief ſie hierauf mit flammendem Antlitz.„Es iſt nicht mehr als billig, daß er ſchon jetzt ſo viel von mir weiß, als ich von⸗ ihm! 1— „Ich kenne einen jungen Mann, der beſonders Frauen⸗ zimmer ſehr gut porträtirt,“ erwiederte Frau Ehrmann nach einigem Beſinnen.„Sein Name iſt Arnoldi.“ „Arnoldi! Gut! Er ſoll mich malen, ſo wie ich bin,“ verſetzte Eliſe haſtig.„Ich will es ihm dringend anempfeh⸗ len, daß er mir nicht ſchmeichelt; mein Bild ſoll Bürger nicht mehr gefallen, als nöthigenfalls mein Geſicht rechtfer⸗ tigen kann. Aber halt, halt!— Die Mutter wird wiſſen wollen, für wen ich mich malen laſſe? Und das begreift ſie nun einmal ſchlechterdings nicht, daß man ſich in ein Bild verlieben kann!“ ſagte ſie mit ebenſo viel Naivetät als ſag. Herzenskummer. „Laſſen Sie mich nur ſorgen,“ erwiederte Frau Ehrmann tröſtend.„Ich denke, daß Ihre Frau Mutter mich für keine Schwärmerin hält——“ Eliſe ſah ſie geſenkten Hauptes bedenklich an und zog dabei die Augenbrauen gar zweifelhaft in die Höhe. „Und wenn auch!“ rief Jene mit Zuverſicht.„So kom⸗ men Sie zu mir und ſitzen bei uns dem Maler! Mit einem Bilde verlobt man ſich ja noch nicht und dann — 401— liebe Eliſe— ſo ſchön Sie ſind, fragt ſich's noch ſehr, ob der Herr Arnoldi, auch wenn er ſich nur an das liebenswürdige Ori⸗ ginal hält, mit der Fantaſie eines Bürger's wetteifern kann.“ Letztere Bemerkung war ſehr klug gewählt, weil ſie, ſtatt Eliſen zu beunruhigen, dieſelbe vielmehr in ihrem Vor⸗ ſatz beſtärkte, ſich nöthigenfalls hinter dem Rücken der Mutter malen zu laſſen. Denn es war ja eben ſo mög⸗ lich, daß ihr Porträt Bürger's Erwartungen nicht entſpre⸗ chen würde, und dann hatte ſie noch immer Zeit, der Mut⸗ ter ihre Sünde zu beichten. Und erhielt es ſeinen Beifall, ſo war ſie gewiß, daß Jene ihr verzeihen werde. „Und weis das Schönſte iſt!“ rief ſie und klatſchte ver⸗ gnügt in die Hände:„Die Mutter hat ſich ja auch als Braut hinter dem Rücken ihrer Eltern malen laſſen und es dem Vater nach Ludwigsburg geſchickt. Schmollt ſie auch wirklich, ſo deut' ich nur auf ihr Bild unter dem Spiegel und lache über ihre häßliche Friſur!“— „Es iſt nun einmal nicht anders,“ klagte Frau Ehr⸗ mann in vollſtem Ernſte.„Wir armen Weiber ſind ja dazu beſtimmt, und wenn wir lieben, müſſen wir auch täuſchen.“ „Sagen Sie mir nur Eins: Hat denn der Bürger wirk⸗ lich ſo ſchöne große Augen, wie in dem Almanach?“ fragte Eliſe zögernd. „Augen— Augen!“ wiederholte die begeiſterte Freun⸗ din des Dichters— und konnte lange gar keine Worte fin⸗ den, Eliſen zu beſchreiben, was das eigentlich für Augen ſeyen. Sie ſagte bloß: „Ich hab' ihn einmal Wein trinken, und unter dem Trinken langſam die Augen aufſchlagen ſehen. Das hät⸗ ten Sie ſehen ſollen, um zu wiſſen, daß ſolche Augen nicht u beſchreiben ſind.“ 26 — 402— 3 Endlich erfuhr Bürger den Namen ſeiner unbekannten Geliebten. Die Göttinger„Sultaninnen“, wie er in ſei⸗ nen Briefen die dortige vornehme Damenwelt nennt, er⸗ ſparten ihm die Mühe des weiteren Nachforſchens, und alsbald ſchrieb er an ſeine Freundin Ehrmann und legte ½ ein verſiegeltes Billet an Eliſen bei, welches jedoch bloß folgendes Räthſel enthielt: „Was Holdes lobt und liebet mich; Und doch verbirgt das Holde ſich. Drob, Neugier, drob zerrathe Dich! Führt Dich der Reim auf rechte Bahn, Triffſt Du des Holden Namen an. Mich lobt und liebt E.... H... 8 An dem Tage, wo er dieſen Brief auf die Poſt gab, langte von Stuttgart ein Päckchen an, deſſen Inhalt auf — der Adreſſe mit dem Worte„Porträt“ angegeben war. Bürger hatte gerade eine kleine Geſellſchaft bei ſich und mußte darum ſeine Ungeduld, ſo gut er's vermochte, zu be⸗ zähmen ſuchen. Es waren peinvolle Stunden für ihn, und der Abend ſchlich ſo träge vorüber, daß er kaum den Augenblick erwarten zu können glaubte, wo Lichtenberg, der heute wieder einmal in ſeinem guten Humor feſtſaß, und nach und nach alle Schleußen ſeines originellen Witzes geöffnet hatte, mit ſeinem üblichen:„Sapienti ſatt!“ das Signal zum allgemeinen Aufbruch geben würde. Wie* geſagt, der närriſche Mann wollte heute gar nicht zu Ende⸗ kommen und zog immer derber vom Leder. Erſt mußten die Franzoſen und ihre philoſophiſchen Freiheitstiraden her⸗ halten, dann kamen die Nachdrucker an die Reihe, zuletzt. Lavater und ſeine Phyſiognomik, und endlich verfiel er ſo⸗ gar auf die abſonderliche Laune, ſich einzubilden, daß es 4 — — 403— eine Geiſterwelt gebe, die allem Verſtand der Verſtändigen ſpotte. Ein junger ſtiller Mann, ein Herr v. Hardenberg, mit äußerſt blaſſen aber intereſſanten Zügen, nahm hier hauptſächlich Lichtenberg's Theilnahme in Anſpruch, und bald hatten ſich Beide ſo tief in die Geiſterwelt hinein geredet, daß gar nicht abzuſehen war, wo und wann ſie wieder herauskom⸗ men wollten. Hardenberg, in ſeiner Wärme, bemerkte nicht, wie der ſchalkhafte kleine Mann mit den verwach⸗ ſenen Schultern und dem mephiſtopheliſchen Lächeln ihn immer ſicherer machte und ihm aus einer Romantik in die andere verhalf, bis zuletzt der ſchwärmeriſche Jüngling, dem der Wein alle Viſionen ſeines Inneren geöffnet hatte, von blauen Blumen redete, in denen Seelen ſchlummern; vom Naturgeiſt Rübezahl und von der Wunderwelt im Schooße der Erde. Selbſt Lichtenberg ſtaunte über die Fülle und Pracht der Fantaſie, mit welcher der Bergakademiker redete. Das ſchöne Auge des Redenden belebte ſich immer mehr, ſeine Wangen rötheten ſich und er ſchloß mit vieler Begeiſterung: „Und warum ſollen wir nicht an Weſen in der Natur glauben, die in dieſer oder jener Erſcheinung ſich offenba⸗ ren, ohne daß wir im Stande wären, uns ein richtiges feſtes Bild von ihnen zu verſchaffen? Aber wir ſehen und empfinden ſie doch, nicht allein mit unſerem geiſtigen Ver⸗ mögen, ſondern auch mit den äußeren Sinnen, und ich möchte jeden Augenblick behaupten, daß ich Kobolde, Gno⸗ men, Elfen und andere Geiſter ſchon hundertmal leibhaftig vor mir geſehen habe.“ „Das haben Sie aber doch nicht,“ verſetzte Lichtenberg trocken und ſchüttelte dabei ſehr contradictoriſch das Haupt. — 404— Der Bergakademiker ſtutzte und fragte betreten:„Wie 9 2 1„Weil man nicht nichts ſehen kann,“ verſetzte der Kleine mit der ſeinem Geſicht oft eigenen Miſchung von Spott und Gutmüthigkeit. „Aber Sie ſagten ja vorhin ſelber, daß ſie an eine Gei⸗ ſterwelt glaubten, Herr Profeſſor.“ „Aber nicht an Geſpenſter, lieber Freund,“ erwiederte Lichtenberg.„Das iſt einiger Unterſchied. Wenn ich mich z. B. in einer fidelen Geſellſchaft befinde, und vor mir ſitzt ein Menſch, der ſeit einer Stunde beſtändig auf dem Stuhle hin und her rückt, und gar nicht abwarten kann, bis ſeine Gäſte fort ſind, ſehen Sie, Herr von Hardenberg, ſo leid es mir thut, aber dann kann ich an nichts anders glauben, als daß er mich mit ſammt Allen, die um ihn herum ſitzen, zum Kukkuk wünſcht.“ Damit ſtand er, ohne weiter ein Wort zu ſprechen, vom Stuhle auf, ſchnitt dem Freund, der ihn zurückhalten wollte, eine furchtbare Grimaſſe und ging nicht ohne Zeichen einiger Unſicherheit in den Füßen zur Thüre hinaus. Die übrigen Anweſenden folgten bald ſeinem Beiſpiel und Bür⸗ ger fand ſich endlich allein. Er eilte in das Arbeitszimmer, wo ſeine beiden Knaben auf dem Sopha eingeſchlafen waren. Mit vor Haſt, Neugierde und Ungeduld zitternden Hän⸗ den riß er das Packet auf. Ein zweiter Umſchlag war ihm jedoch ein willkommener Anlaß, ſich erſt zu faſſen und nicht ſo blindlings über die Entſcheidung ſeines Schickſals herzufallen. Er durchſchritt mehrmals in lebhafter Unruhe das Zim⸗ mer und betrachtete nicht ohne ein Gefühl unheimlicher Scheu das noch immer verſchloſſene Geheimniß, welches — 405— er ſo lange in ſeiner Bruſt herumgetragen und deſſen end⸗ liche Offenbarung ihm nun werden ſollte. Das Bild, wie es dort in dem blauen Papier auf dem Tiſche lag, und das Bild, wie es in ſeiner Fantaſie lebte, beide ſollten ſich nun einander gegenüber treten und in dieſem entſchei⸗ denden Augenblick kam ihm zum erſtenmal der Gedanke an das Wagniß, welches er unternommen, als er das Leben herausforderte, ihm das hohe Ideal ſeines Herzens zu ver⸗ wirklichen; er fühlte das ungeheure Vermeſſen, welches in einer ſo gewaltſamen Verſuchung des Himmels lag, und vielleicht kam ihm auch, nun er dieſe letzte Hoffnung ſei⸗ nes Herzens den Geſchicken des Lebens Preis geben ſollte, die ahnungsvolle Empfindung, daß ſein Geiſt nicht mehr die Kraft und den Muth beſitzen möge, ſie feſtzuhalten, und noch einmal mit den Wolken und Winden um ihre Erfüllung zu ringen. Es war ein Traum geweſen, und es ſollte nun ein Wachen ſeyn; wie Pygmalion wollte er ein Gebild ſeines Geiſtes in's Leben rufen und ihm Athem einhauchen, er ſollte zu ihm reden, nicht im Flüſtern des Abendwindes, nicht im lockenden Schmeichellaut der Fan⸗ taſie, mit Menſchenſtimme ſollte es zu ihm reden, und ein Gedicht, das höchſte, das ſchönſte, das er je geſchaffen, es ſollte wahr werden, ſollte dieſe Wahrheit ihm verbür⸗ gen, indem es für die Seele, die er liebte, einen Körper annahm, den er lieben wollte. Und wer möchte es da dem Menſchen, wer möchte es dem Dichter verargen, daß er bebte, daß er ſogar einen Augenblick feſt entſchloſſen war, das Packet uneröffnet, das Bild ungeſehen zu laſſen, und es ſo nach Stuttgart zurück⸗ zuſenden. Hätte Bürger Dies über ſich vermocht— wir würden dann nicht die alte Erfahrung auch an ihm beſtätigt finden, — 406— daß nichts in der Welt ſich ſchwerer rächt, als vom Leben fordern zu wollen, was immer Gedicht bleiben ſoll.— Das Bild von Sais hat noch Keiner ohne Reue entſchleiert. Das Herz hämmerte ihm in dem Buſen, als er endlich den Umſchlag von einander machte. Er warf einen Blick auf das Porträt und ließ es mit einem Schrei der Ueber⸗ raſchung oder des Schreckens auf den Tiſch fallen. Der kleine Emil, der, wie ſeine Mutter einen ſehr leiſen Schlaf hatte, erwachte dadurch, und eilte, noch ſchlaftrunken zu dem Vater, der in den Seſſel niedergeſunken war, und mit beiden Händen die Augen bedeckte. Doch nahm er als⸗ bald den lieblichen Jungen, der ſich ſchmeichelnd an ihn drückte, auf den Schooß, wobei es geſchah, daß dieſer des Bildes anſichtig wurde. Freudig griff er darnach, und fragte, ob das die Mama ſey? „Nein, Emil, das iſt ſie nicht!“ erwiederte Bürger tief athmend, und hielt ſich wieder die Hand vor die Augen. „Aber wein'ſt ja doch, Väterchen!“ ſagte der Knabe und ſtreichelte ihm ſanft die Wangen.„Warum weinſt Du denn, wenn's die Mama nicht iſt?“ „Wein' ich, lieber Junge? Siehſt Du, ich weine nicht,“ verſetzte er, um den Knaben, der ſehr reizbar war, zu be⸗ ruhigen. Emil ſagte:„Ach, thu' das Bild fort, Vater! Es ſieht mich immer ſo garſtig an, und erſchreckt mich mit ſeinen großen Augen. Gelt' nein, Vater, Mama's Augen waren nicht ſo böſe? G'rad ſolche wilde Augen hat auch die böſe Nachbarin, die immer den armen Wilhelm ſchlägt und da⸗ bei lacht.“ — —— — 407— Seltſam ergriff unſeren Dichter der Eindruck, den das Bild der Unbekannten auf das unſchuldige Gemüth von Molly's Kind machte. Aber noch wagte er nicht zu prü⸗ fen und ſich mit eignen Blicken zu überzeugen, was ihn eigentlich an dieſem Bild ſo ſtörend, ſo fremdartig be⸗ rührte. Faſt war's ein feindlicher Zauber geworden, der ſich ſeiner Augen, wie ſeines Herzens bemächtigt hatte. Und dabei war ihm zu Muthe, als ſchwebe ſeine ſanfte, holde, blonde Molly in aller Milde ihres Liebreizes ſeiner Seele vor, und ſtrebe den feindlichen Glanz dieſer frem⸗ den Augen aus ſeinem Herzen zu verwiſchen. Er wußte gar nicht, wie es kam, daß ſie ihm gerade jetzt ſo leben⸗ dig vor dem Geiſte ſtand, daß er ſie ſah, wohin auch ſeine Erinnerung ſich verſetzte. Er ſah ſie im ländlichen Ge⸗ wand, mit dem Kornblumenkranz an dem Arme, dort auf dem ſonnigen Hügel neben dem Schlehdorn; er ſah ſie als Mädchen im weißen Kleid mit den wallenden, glän⸗ zenden Locken in der Gartenlaube zu Niedeck; er ſah ſie in dem braunen Hauskleid, wie ſie ihm den blühenden Apfelzweig in die Stube brachte,— er ſah ſie im Sarge, mit dem blaſſen Antlitz, von dem der Tod den letzten Hauch des Lebens weggetilgt hatte; kurz, wohin er auch zurückblickte, in die frohen wie in die trüben Stunden ſei⸗ ner Vergangenheit, überall ſtand ſie vor ihm, ſo jetzt im Tode, wie einſt im Leben der gute Genius, der ihn ſchützte, und vor deſſen holder Erſcheinung keine Sorge des Lebens, kein Gram des Herzens aufkommen konnte. So ſaß er, wie lange wußte er nicht, ſeine Stirne an das Haupt des Knaben gelehnt, der wieder in ſeinen Ar⸗ men eingeſchlummert war. Endlich ſchellte er der Magd und ließ die Kinder zu Bette bringen. Dann trat er an den Tiſch und wollte eben noch einmal nach dem Bilde — 408— greifen, als ihm unter den Papieren, in welche es einge⸗ packt geweſen war, ein verſiegelter Brief, der ſeine Adreſſe trug, in die Augen fiel. Haſtig riß er ihn auf, ſah nach der Unterſchrift und las: Eliſe Hahn. „Nun ſpricht das Bild!“ ſagte er ſich bebend, und fing an zu leſen. Es war der innigſte, glühendſte, liebevollſte Brief, der ihm, ſelbſt die Briefe ſeiner Molly nicht ausgenommen, zu Geſicht gekommen war, und je weiter er las, je mäch⸗ tiger dieſe Sprache der rührendſten Wahrheit und der tief⸗ ſten Empfindung in ſeiner Seele widerhallte, um ſo unbe⸗ greiflicher wurde ihm der Eindruck, den der Anblick von Eliſens Bild auf ihn gemacht hatte. Noch während er mit immer wachſenderem Erſtaunen, immer größerer Freude dieſe Geſtändniſſe einer liebebegeiſterten Seele las, ſöhnte er ſich mit dem Bilde aus; und als er jetzt an die Stelle kam, wo Eliſe ihm erzählte, wie ſie zum erſtenmal in ih⸗ rem Leben gegen den Willen ihrer Mutter gehandelt, wie ſie ſich hinter deren Rücken in Ehrmann's Hauſe habe malen laſſen,— da konnte er ſich nicht enthalten, von dem Briefe ab einen fragenden Blick auf das böſe Bild zu werfen,— und, o Himmel, wie ſah es ihn jetzt aus die⸗ ſen feurigen, glänzenden Augen an! Hatte ein Traum ihn getäuſcht? Hatte ein Dämon ihn vorhin mit Blindheit ge⸗ ſchlagen? War das, was er nun ſah, oder das, was er vorhin geſehen hatte, Wirklichkeit? Das Bild lächelte ihn an, als hätte er's Jahrelang in ſeiner Seele mit ſich her⸗ umgetragen; die ſchwarzen Locken, das ſchwärmeriſche Auge, der ſüße, reizende Mund, und das dunkle Incarnat auf den braunen Wangen,— er wußte nicht, in welcher Stunde ſeines vergangenen Lebens ſich ſeine Augen wie ſein Herz an dieſes niedliche, braune Mädchen gewöhnt hatten, daß es ihm jetzt vorkam, als ſey ihm das Original dieſes Por⸗ — 409— träts von ſeines Daſeyns Anbeginn an bekannt geweſen und von ihm geliebt worden, als hätte er's ſeitdem überall geſucht und erſt jetzo gefunden. Er mußte den Brief bei Seite legen; denn je länger er das Bild anſah, um ſo räthſelhafter ward ihm der fatale Zauber, den es zuerſt auf ihn ausgeübt hatte; er begriff gar nicht, was ihn vor⸗ hin davon abgeſtoßen hatte? Waren es Molly's blonde Locken oder der verklärte, ſanfte Blick ihrer tiefblauen Au⸗ gen, was er an Eliſen vermißte? Er erinnerte ſich der Vorſtellung, die er ſich ſeither von dem Schwabenmädchen gemacht, und allerdings hatte ihn der Maler hier eines Andern belehrt. Sein Bild und das der dichteriſchen Fan⸗ taſie waren ſo himmelweit von einander verſchieden, daß auch nicht ein Zug übereinſtimmte, und je mehr ſich Bür⸗ ger hier auf einer großen Täuſchung ertappte, um ſo deut⸗ licher glaubte er darin die Urſache der Befangenheit zu entdecken, in der ihm Anfangs Eliſens Porträt ſo wenig hatte gefallen wollen. Endlich las er den Brief zu Ende, und wie ihm dieſer vorhin den Commentar zu dem Bilde geliefert hatte, ſo ſah es ihn nun aus jedem Wort mit den feurigen, ſchwär⸗ meriſchen Augen des Bildes an, und er war bald feſt überzeugt, daß, wenn anders der Maler nicht himmelweit an dem Ziele vorbeigeſchoſſen, er nun das Mädchen völlig, wie es in der Natur lebte, im Geiſt aufgefaßt hätte. „Aber die kohlſchwarzen Locken, wenn ſie wirklich ſo kohlſchwarz ſind, als das Bild vermuthen läßt, müſſen doch ein klein wenig gepudert werden,“ ſagte er ſich lächelnd und betrachtete mit immer größerem Wohlgefallen„die kleine, ſchwarze Hexe.“ Es war ſo viel Wahrheit in dieſen Zügen, ſo viel pro⸗ phetiſcher Glanz in dieſen Augen, daß er noch lange dar⸗ n —nn— MMrss — — — 410— über träumte, ganz ſo, wie der ſchwärmeriſche Hardenberg erzählte, daß er oft ſtundenlang über einer blauen Blume ſitzen und in deren ſchlummernde Seele ſich verſenken konnte. Als er endlich eingeſchlafen war— das Porträt vor ſich auf der Bettdecke, damit es ihm beim Erwachen ſo⸗ gleich in die Augen fallen möge, belehrte ihn ein anderer Traum, wo er dieſes Bild ſchon einmal geſehen hatte und beſtändig hallte es in ſeiner Seele: „Der Mond der ſcheint ſo helle, Die Todten reiten ſo ſchnelle, Feinsliebchen, graut dir nicht?“ „Lenore!“ rief er und erwachte. Die Sonne lag breit auf der Bettdecke und mit trunkenen Augen ſah ihn das Bild an. Bürger küßte es vollends wach. Von jetzt an gab es für ſeine Sehnſucht keinen Halt und keinen Aufenthalt mehr, und mit einer Sicherheit und Beſonnenheit des Gefühles, die ſich nur ſchwer mit dem ſeltſamen Verhältniß verbinden läßt, in das er allmählig auf ſo geheimnißvolle als unbegreifliche Weiſe hineinge⸗ rathen war, daß kaum zu entſcheiden iſt, ob mehr eigner Wille und eignes Bedürfniß, oder nur der bloße blinde Zufall es herbeigeführt hatten, fing er an, den Beſitz Eli⸗ ſens, es koſte auch ſeines Lebens letzte Hoffnung, zu wün⸗ ſchen und zu erſtreben. Er krankte in Wahrheit an einer Sehnſucht, die ihn oft wie eine unbezwingliche Macht er⸗ faßte und ihn immer unaufhaltſamer der Entſcheidung ent⸗ gegenführte. Wo er ging und ſtand, begleitete ihn das Bild des unbekannten Mädchens, und wenn es auch manch⸗ mal tief in dem Hintergrund ſeiner Seele wie das dunkle 8 „ — 411— Vorgefühl eines allerletzten und allerhärteſten Ungewitters aufdämmerte; wenn es ihm auch ſogar einmal, da er lange träumeriſch und von wunderlichen Gefühlen ergriffen, vor einem wallenden Waizenfeld ſtand, auf dem der allerhellſte Son⸗ nenſchein lagerte, als plötzlich ein Wolkenſchatten darüber hinflog, wenn es ihm da auch vorkam, als winkte jede Kornähre ihm die Warnung zu: Knüpfe kein Eheband mit dem poetiſchen Mädchen aus Schwaben, ſo waren dies eben nur Wolkenſchatten, die ſein immer lebendiger erwa⸗ chender Muth bald wieder zerſtreute und die Hoffnung nur um ſo heiterer zurückführte. Es lag eine ſo dämoniſche Kraft in dieſem Gefühl ſei⸗ ner Liebe, in dieſer Sehnſucht nach einem Weſen, welches ſo lange bloß Gebild ſeiner Fantaſie geweſen war, daß er, ſtatt dem erſten Eindrucke zu folgen, den Eliſen's Porträt auf ihn ausgeübt hatte, lieber das Bild, welches ſich ſeine Fantaſie, noch von Molly's holdem Liebreiz trunken, von der Unbekannten entworfen hatte, aufgab, und das des Malers und der Wirklichkeit an die Stelle jenes geträum⸗ ten und verlaſſenen Ideals ſetzte. 4 Und auch hier iſt es wieder das Dichterherz, mit dem wir rechten müſſen, wollen wir ihm aus dieſer Kleingläu⸗ bigkeit und dieſem Unbeſtand einen Vorwurf machen; das Dichterherz, wie es gegen das Leben ankämpft, aller hohen, heiligen Sehnſucht voll über das Leben ſich erhebt, und doch immer wieder zu ihm zurückkehrt. Auch hadert mir nicht mit dem Armen, der im Ver⸗ ſinken nach einem Strohhalmen greift, und ſich daran zu halten ſtrebt. Keine Rettung aus dem nahen Verderben glaubt ſich leichter, als die nächſte, und wenn Bürger in einem Brief an Eliſe ſchreibt:„Liebe, aber ungemeine Liebe brächte vielleicht jetzt noch eine volle Wiedergeburt .— 412— mit mir zu Stande,“ ſo mag dieſes innige Bedürfniß nach Liebe und Geliebtſeyn ihn wenigſtens über den ihm ſo oft gemachten Vorwurf erheben, daß er im bloßen dumpfen Taumel der Sinnlichkeit einen Schritt gethan, deſſen Folgen außer ſeiner Berechnung lagen. 1 Aber wie ehrlich Bürger, freilich weniger gegen ſich ſelbſt, als gegen Eliſe hierbei zu Werke ging, beweiſt derſelbe merkwürdige Brief, den er bald nach Empfang des mit ſo heißer Sehnſucht erwarteten Porträts unter der Auf⸗ ſchrift:„Beichte eines Mannes, der ein edles Mädchen nicht hintergehen will,“ an Eliſe abgehen ließ, und worin er ſich, wie im deutlichen Vorgefühl deſſen, was kommen ſollte, dem Geſchicke gegenüber mit jenem goldnen Schild waff⸗ nete, der noch keinen Kämpfer verlaſſen hat, mit dem gold⸗ nen Schilde der Wahrheit und des reinſten Bewußtſeyns. Er ſchildert ſich ihr darin mit einer Verleugnung ſeiner ſelbſt, und zugleich mit einer Gewiſſenhaftigkeit, daß ſelbſt ſeine Freunde über manches Bekenntniß den Kopf ſchüttel⸗ ten und meinten, er habe ſich zu viel gethan. U. A. heißt es darin: ... Ungewitter und Stürme des Lebens haben hart in meinen Blüthen, Blättern und Zweigen gewüthet. O, ich bin nicht derjenige, der ich vielleicht der Naturanlage nach ſeyn könnte, und auch wohl wirklich wäre, wenn mir im Frühlinge meines Lebens ein milderer Himmel gelächelt hätte. Durch viele und langwierige Widerwärtigkeiten bin ich an Leib und Seele ſo verſtimmt worden, daß ich oft in eine trübe melancholiſche Laune, und dabei in eine Ohn⸗ macht des Geiſtes verſinke, die mich gewiß nicht empfehlen kann. Denn ich verliere alsdann allen Muth, alles Ver⸗ trauen auf mich ſelbſt, und halte mich für kopfleer, für — 413— herzkalt, für wortarm, kurz, für einen höchſt werthloſen Stümper.— ... Liebe, aber ungemeine Liebe brächte vielleicht jetzt noch eine volle Wiedergeburt mit mir zu Stande. Sollte ſie aber wohl möglich ſeyn, eine ſo gewaltige Liebe, die es der Mühe werth hielte, ein lange verſtimmt geweſenes In⸗ ſtrument rein umzuſtimmen und mit neuen Saiten zu be⸗ ziehen? Und würde hernach das Inſtrument ihr Mühe und Koſten vergüten?— Ach, ich bin auch im Stande der Geſundheit des Leibes und der Seele nur ein gewöhnlicher Alltags⸗Menſch, wie ſie zu Millionen unter Gottes Himmel herumlaufen! Ich erſtaune, wie ein vernünftiges Publi⸗ kum mich, um einiger guten Verſe willen, für etwas Be⸗ ſonderes halten könne.— ... An meiner Lebensweiſe und an meinen Sitten iſt noch ungleich mehr auszuſetzen. Ich bin kein guter Haus⸗ hälter: nicht, daß ich etwa zur Verſchwendung geneigt wäre; ſondern, weil ich ziemlich unordentlich, nachläſſig, träge und leichtſinnig bin, und weder meines Geldes, noch meiner übrigen Habſeligkeiten ſonderlich achte. Es läßt ſich daher auch kein Menſch bequemer betrügen, als iches Denn, wenn ich den Betrug auch merke, ſo muß es ſchon arg kommen, ehe ich ihn nur zur Sprache bringe, beſon⸗ ders auch darum, weil ich mich Niemanden gern unange⸗ nehm mache. In Eſſen, Trinken und vielen andern Ge⸗ genſtänden des Luxus kann ich mich, ohne daß es mir ſauer wird, ſehr ſparſam behelfen. Etwas weniger vielleicht in der Kleidung, worin ich, wenn es ſeyn kann, wohl etwas mehr, als meines Gleichen, moderniſire.— ... Was indeſſen Lebensweiſe und Sitten betrifft, ſo glaube ich, ein Weib, das ich liebte, könnte mich ohne ſon⸗ derliche Schwierigkeit zu demjenigen machen, wozu ſie mich * 8 — 414— nur immer gern hätte. Liebe würde meiner mächtig ſeyn, ſo viel ich nur meiner ſelbſt mächtig bin, und wohl noch mehr. Ich weiß nicht, ob es mir zum Lobe, oder zum Tadel gereichen mag, daß ich mich bei einem geliebten Weibe kaum gegen Sclaverei aufrecht erhalten würde; be⸗ ſonders, wenn ſie die Kunſt zu herrſchen verſtünde.— ... Wenn ich auch noch ſo liebenswürdig von Geiſt, Herz und Sitten wäre: ſo bin ich doch weder jung, noch ſchön, noch in guten häuslichen Umſtänden. Meine Jahre reichen völlig an das wohl bewußte— Schwaben⸗Alter hinan. Von hundert jungen, hübſchen, zwanzigjährigen Mädchen dürften leicht neun und neunzig die Schultern davor zucken. Ob ich gleich an Geſicht und Figur nicht eben eine Fratze zu ſeyn glaube: ſo bin ich doch wahrlich auch nie ein Adonis geweſen. Das Profil, das Eliſe kennt, ſoll, wie Viele behaupten, mir ziemlich gleichen, wiewohl Andere dieß wieder läugnen. Ich kann’'s nicht beurtheilen, weil ich nicht die Ehre habe, mich im Profil zu kennen; indeſſen möchte ich doch beinahe fürchten, daß man ſich darnach leicht etwas Hübſcheres unter mir vor⸗ ſtellen könnte, als ich wirklich bin; etwas mehr Leben und Freundlichkeit allenfalls ausgenommen. Meine kleine Krän⸗ keleien geben mir oft ein wenig hinfälligeres und abge⸗ blaßtes Anſehen; wiewohl in den Zeiten, da ich mich ge⸗ ſunder und munterer an Leib und Seele fühle, die Leute mich auch wohl für zehn Jahr jünger zu halten geneigt ſind.— ... Ich habe dunkles Haar und blaue Augen. Von den letzten pflegten bisher Weiblein und Mägdlein, bei denen ich, Gott weiß, warum? bis auf den heutigen Tag niemals übel gelitten geweſen bin, eben nicht nach⸗ theilig zu urtheilen. Ueberhaupt ſoll ich bis unter die Naſe herab, ſelbſt nach Maler⸗Urtheil nicht uneben gebil⸗ — 415— det, der Mund aber ſoll ganz verzweifelt häßlich ſeyn. Das liebenswürdigſte der Weiber pflegte zu ſagen:„Bürger, es iſt kein anderes Mittel, als man muß dich unaufhörlich küſſen, damit man nur den häßlichen Mund nicht ſehe, den du bisweilen wie ein wahrer Tropf hängen laſſen kannſt.“— Sonderbar! Mir ſelbſtkommt nun weder der Mund ſo exceſſiv häßlich, noch Naſe, Stirn und Augen beſonders ſchön vor.— ... Der Tod eines mir abgeneigten Miniſters, der in verwichenem Frühjahr ſich ereignete, hat verurſachet, daß ich endlich hier als Profeſſor angeſtellet worden bin. Wäre dieß, wie billig, eher geſchehen: ſo befände ich mich wohl ſchon wieder in gedeihlichen Umſtänden. So aber eröffnet ſich mir erſt jetzt eine beſſere Ausſicht. Ich bekomme zwar noch keinen Gehalt, und muß vielleicht noch ein Paar Jahre darauf warten, jedoch läßt ſich hier durch Collegien⸗ Leſen ein Ziemliches erwerben, und ich ſchmeichle mir, auf dem Wege zum Beifalle zu ſeyn.— ... Kann Eliſen der Mann noch reizen, der ſo vor ihr da ſteht? Noch habe ich, wie mir vorkommt, mir ſelbſt ebeu nicht zum Vortheile geredet. Etwas iſt indeſſen doch wohl demjenigen erlaubt, zu ſeinem Beſten zu ſagen, der keinen ſeiner wichtigſten Fehler vorſätzlich verſchwieg. Dem Weibe, das mich, ſo wie ich da bin, zu lieben vermag, und welches ich mit voller Liebe wieder liebe, darf ich ein nicht unglückliches Leben verſprechen. Iſt es ihr ſüß, von mir geliebt, an meinem Buſen gehegt und gepflegt zu wer⸗ den, ſo wird es ihr nie an voller Genüge ermangeln. Denn, wenn ich einmal echt und von Herzen liebe, ſo liebe ich gewiß unveränderlich, und keine Fülle des Genuſſes kann mich des geliebten Weibes ſatt und überdrüſſig ma⸗ chen; ſo gemein auch die Bemerkung iſt: der Genuß ſey das Grab der Liebe.— — 416— ... Auch das Weib, welches ich unglücklich genug wäre, nach der unzertrennlichſten Verbindung nicht mehr zu lie⸗ ben, darf wenigſtens keine unedle und rauhe Begegnung von mir fürchten. Das bezeuge mir noch in ſener Welt die, mit welcher ich zehn Jahr ohne ein rohes, hartes Wort verlebte, ob ich ſie gleich nicht liebte. Eher möchte ich vielleicht fähig ſeyn, mit der Höchſtgeliebten mei⸗ nes Herzens, doch nur über geargwohnten Mangel an ihrer Gegenliebe zu hadern. Gott bewahre mich vor einem Weibe, das mich für meine Liebe nicht vollauf wieder liebt! Noch bin ich in dieſem Falle zwar nicht geweſen: aber mich däucht, es würde von allen möglichen der ſchlimmſte ſeyn. Leicht könnte ich dann der unerträglichſte Menſch werden. Denn es kommt mir vor, als ſey ich großer Eiferſucht fähig. Freilich nicht, nach gemeiner Männer Weiſe, zum Hüthen und Auskundſchaften der Schritte und Tritte meines Weibes; nicht zur Einſchränkung ihrer Frei⸗ heit in irgend einer Art des Umganges: aber heimliche Verzweiflung würde mein Herz zerfleiſchen, und in der grauſenden Geſtalt eines Höllen⸗Verdammten würde ich vor ihrem Angeſichte umherſchleichen.— .. Eliſe, Eliſe! Ich ſchließe mit einer theuern, feier⸗ lichen Beſchwörung. Bei dem ewigen Gotte, bei Ihrem eigenen Wohl und Weh, und bei dem Wohl und Weh eines Mannes, der nicht redlicher um das Ihrige beſorgt ſeyn kann, als er iſt, beſchwöre ich Sie: Wählen Sie mich nicht zu Ihrem Gatten, wofern Sie nicht bei ſich fühlen, daß Sie ſich mit voller Liebe in meine Arme werfen kön⸗ nen. Ich ſchwöre Ihnen, in Anſehung Ihrer eben das⸗ ſelbe zu beobachten. — — 417— Eliſe hatte endlich den Bitten und Vorſtellungen ihrer Mutter und mehrer ihrer nächſten Freundinnen Gehör ge⸗ geben, und gegen Ende des Winters wohnte ſie einem glänzenden Balle bei, der Alles, was in Stuttgart auf Rang, Anſehen und Reichthum Anſpruch machen konnte, vereinigte. Ihre Erſcheinung, gehoben durch einen ebenſo gewählten als reichen Ballanzug, erregte allgemeine Auf⸗ merkſamkeit, und ein Strom von Huldigungen und Schmei⸗ cheleien umfluthete die ſchönſte Evatochter, welche je die allgemeine Stimme als Ballkönigin bezeichnet hat. Ein Schwarm von jungen Herren umlagerte ſie beſtändig, und Jeder bot den ganzen Fonds ſeiner Liebenswürdigkeit und Galanterie auf, um einen freundlichen Blick dieſer feuri⸗ gen Augen, ein bedeutungsvolles Wort, vielleicht von ei⸗ nem leiſen Händedruck begleitet, zu erhaſchen, und damit die Palme des Siegers hinzunehmen. In der That war aber auch ihre heutige Erſcheinung geeignet, alle Männer⸗ herzen in Feuer und Flammen zu verſetzen, und ſelbſt der Neid ihres Geſchlechtes mußte es ihr laſſen, daß man nichts Lieblicheres und Bezaubernderes ſehen konnte. Hierzu ka⸗ men denn noch die mancherlei Gerüchte von ihrem wunder⸗ lichen romantiſchen Verhältniß zu dem Dichter Bürger, die das Intereſſe der Geſellſchaft noch an ihr erhöhten; ja, man bezeichnete ſie ſchon als deſſen erklärte Braut, und wollte ſogar wiſſen, daß Bürger ſich bereits heimlich in Stuttgart aufhalte und ſich förmlich mit ihr verlobt habe. Dem ſey nun, wie ihm wolle, ſie kam an dieſem Abend lange nicht aus dem Triumphe heraus, bis es zu⸗ letzt dem jungen, ſchönen Graf v. H. gelang, die übrigen Nebenbuhler ſiegreich aus dem Felde zu ſchlagen und ſelbſt Eliſens Entſchluß, nicht zu tanzen, wankend zu machen. Er führte ſie in die Colonne und ſcherzte dabei aunf ſehr feine 7 — 418— Weiſe über ihre Bedenklichkeit, indem er ſie mit zärt⸗ lichem Tremulo fragte, ob ſie wirklich eine Urſache habe, nicht zu tanzen?* Sie ſah ihn ruhig an und ſagte leicht:„Die Welt mu⸗ thet mir ſo viele Thorheiten zu, daß ich ihr gerne einmal das Vergnügen gönnen möchte, mich zu errathen. Und Sie, Herr Graf, ſind nun Schuld daran, daß ich doch aus meiner Rolle falle.“.— In dieſem Augenblick rauſchte die Muſik und Eliſe flog mit dem Grafen im raſcheſten Tanze den Saal hinunter, 1 daß kaum ihr Fuß den Boden berührte und alle Blicke entzückt dem ſchönen Paare folgten. Ihr Antlitz glühte, und hoch auf wallte ihr Buſen, als ſie endlich wieder ruhten. „Ah! Herr Graf, Sie tanzen zu ſchnell!“ ſagte ſie. „Wer wird denn auch ſo raſen? Aber meinethalben! Im⸗ mer zu! Man tanzt ja nur einmal jung, und wer weiß——“ ſie ſeufzte, lächelte und ſah ihn mit ſchalk⸗ haft ſchmachtenden Blicken an. „Alſo wirklich?“ ſtotterte der Graf überraſcht. Sie wollte ihm eben erwiedern, als ihr Blick zufällig den Augen eines Mannes begegnete, der wenige Schritte von ihr entfernt nachläſſig an einer Säule lehnte und ſie ſtarr anſah. Er war einfach aber fein gekleidet und hielt einen kleinen, runden Hut in der rechten Hand. Die Linke ruhte nachläſſig in der Weſte. Noch wußte ſie nicht, wie ihr beim Anblick des Unbekannten geſchah, als mehre Herren †. dieſem nahten und durch den Herrn von C. ihm vorgeſtellt wurden. Sie begrüßten ihn ehrfurchtsvoll, und auf aller Mienen war die lebhafteſte Freude und Ueberraſchung zu leſen. Der Fremde ſeinerſeits verneigte ſich ſehr artig, und es war aus ſeinem ganzen Weſen zu errathen, daß —-— 419— man ihm viel Schmeichelhaftes ſagte, was er abzulehnen ſtrebte. 8 Es kamen während deſſen immer mehr Perſonen, die ihm von Herrn von C. vorgeſtellt wurden; man ſchien ſich eben ſehr angelegentlich um ſeine perſönliche Bekanntſchaft zu bemühen. „Wer iſt der Herr?“ fragte Eliſe zitternd ihren Tänzer, und zeigke ihm den Fremden. Der Graf holte ſeine Lorg⸗ nette hervor, betrachtete ihn flüchtig und ſagte leichthin: „Er ſieht aus wie ein Gelehrter. Doch kenne ich ihn nicht.“ Die Bewegung ihres Inneren entging ihm jedoch völlig. In dieſem Augenblick wurde ganz in ihrer Nähe Bürger's Name genannt,— gleich darauf wieder und wieder, bald hier, bald dort. Kaum vermochte ſie ſich noch auf den Füßen zu erhalten, wie von ungefähr kam jetzt eben ihre Mutter und winkte ihr, ſie ſtotterte etwas von Unwohlſeyn, bat den Grafen um Entſchuldigung und trat aus der Reihe der Tanzenden. „Um Gotteswillen, Mutter, iſt er's wirklich?“ flüſterte ſie, als ſie an ihrem Arme hing und in ein anſtoßendes Gemach ſchritt. „Mädchen! Tolles Mädchen, Du biſt ja ganz außer Dir!“ ſagte Jene leiſe.„Komme doch nur zu Dir und zittere mir nicht in einem fort wie Espenlaub.“ Sie ſetzten ſich auf eine Ruhebank in einer Niſche, Eliſe wußte ſich kaum zu faſſen, ſo ſehr hatte die unerwartete Erſcheinung des angebeteten Bürger's ihre Nerven erſchüt⸗ tert. Frau Hahn, welche um ihren Zuſtand beſorgt wurde, ging, ein Glas Waſſer zu holen, in den Saal zuruck, wo eben die Muſik zu Ende war.— 27* — 8 — 420— Eliſe ſaß, die Hand vor den halbgeſchloſſenen Augen, in das Sopha zurückgelehnt, und bemerkte nicht, wie Jemand hereintrat, von dem Fußteppich begünſtigt, ihr leiſe nahte, und eine Zeitlang vor ihr ſtand. Erſt, als eine fremde Stimme„Guten Abend“ zu ihr ſagte, fuhr ſie in die Höhe. — Er ſtand vor ihr und ſah aus zwei großen, ſchönen Augen lächelnd zu ihr nieder. Mit vor Schrecken und Wonne bebender Stimme ſtammelte ſie:„Bürger!“ und blickte ihn ſtarr, wie in einem Traume an. Er nickte freundlich mit dem Haupte und ſchien gleich⸗ falls keines Wortes mächtig. Er ſetzte ſich neben ſie, er⸗ griff ihre Hand, küßte dieſelbe und ſagte endlich mit vieler Milde: „Ja, ich bin's Eliſe; ich bin Bürger, den Sie hierher gerufen haben.“ 4 Sie gerieth abermals in die ſprachloſeſte Verwirrung und zitterte heftig. „Mein Gott!“ ſtammelte ſie.„Ich hätte nie geglaubt, daß es ſo weit kommen würde.— Noch vorgeſtern ſchrieb ich Ihnen, daß Sie nicht nach Stuttgart kommen ſollten—“ „Natürlich hab' ich dieſen Brief nicht erhalten,“ ſagte Bürger betroffen. „Gewiß nicht, denn ich ließ ihn nicht abgehen,“ verſetzte ſie zögernd, und drückte das Sacktuch wider den Mund. Eine lange Pauſe, peinlich für beide Theile, folgte. Er hielt noch immer ihre Hand in der ſeinigen; aber weder* V drückte er ſie, noch fühlte er einen Druck der ihrigen. Jedes von ihnen fühlte, daß dieſe erſte Begegnung zu wenig vorbereitet, zu plötzlich geſchehen war. Der Ort, die Umgebung, die vielen Menſchen ließen Beider Gemüth nicht zu einer ruhigen Betrachtung kommen, und ſowohl I — — 421— Buürger als Eliſe hatten ſich im Geiſte dieſe Begegnung, wenn ſie wirklich einmal Statt finden ſollte, ganz anders ausgemalt. Sie, die ſo lange in heißer, ſtets wachſender Sehnſucht aus weiter Ferne zu einander hingeſtrebt waren, deren Seelen ſich längſt verſtanden hatten, fühlten ſich mit Einmal, nun die Sehnſucht erfüllt, die Ferne verſchwunden war, wie von tauſend unüberwindlichen Rückſichten und Hinderniſſen auseinander gehalten, und faſt war Jedes von ihnen verſucht, das Geſchehene dem Andern Schuld zu geben. Nun der Würfel gefallen, erkannten Beide das ungeheure Wagſtück, in das ſie ſich eingelaſſen hatten— und ſie ſuch⸗ ten an Nebendingen nachzuholen, was ſie ſo blindlings an der Hauptſache verſäumt hatten. Aber was vor Allem nöthig war, fehlte ihnen eben, eine dritte, mit ihrem ganzen wunderbaren Verhältniß vertraute Perſon, die denn auch endlich in das Gemach trat. Beinah fiel jedoch Frau Hahn vor Schrecken der Teller mit dem Glas aus der Hand, als ſie ihre Tochter in der Geſellſchaft des Mannes ſah, der ihrem mütterlichen Her⸗ zen in ſo weiter Ferne ſo viele Sorge bereitet hatte. Und nun ſaß er wirklich neben Eliſe auf dem Sopha, und es lag für die fromme ehrwürdige Matrone in dieſem An⸗ blick etwas Grauenvolles, Etwas, was nicht mit ihrem Glauben an einen weiſen Lenker des Menſchenſchickſals übereinſtimmte. Indeſſen merkte Bürger bald, daß der erſte Eindruck, den er auf die wackere, von manchem Schickſal des Lebens heanrt geprüfte Frau gemacht hatte, ſehr zu ſeinen Gunſten redete; und faſt wußte er ſich die Mutter noch eher ge⸗ neigt, als die Tochter, da Eliſe ganz und gar nicht daran glauben wollte, daß ſie wirklich Bürger vor ſich hätte. 4 . 3 — 422— Sie zuckte beſtändig zuſammen, ſo oft er mit ihr redete, und fühlte ſich zuletzt von allem Erlebten ſo angegriffen und alterirt, daß ſie ſelbſt ihre Mutter erſuchte, mit ihr nach Hauſe zu gehen. Bürger eilte nach Portchaiſen und Frau Hahn lud ihn für den folgenden Morgen zur Cho⸗ colade ein. Fragend blickte er auf Eliſe. Dieſe ergriff ſeine Hand, drückte ſie an das klopfende Herz, wobei ſie ihm lange feſt in das Auge ſchaute und ſagte dann ent⸗ ſchloſſen:„Ja, kommen Sie morgen zu uns; dann werd; ich, ſo Gott will, wieder bei Verſtand ſeyn.“ — Der Zuſtand von Unruhe, Aufregung und Ungewißheit, in welchem ſowohl Bürger in ſeinem Gaſthof, als auch Eliſe in ihrem Manſardenſtübchen die Nacht verging, war erſt verſchwunden, als ſie ſich am andern Morgen wieder gegenüberſtanden, Jedes entſchloſſen, dem Andern beim er⸗ ſten Moment der heutigen Begegnung in's tiefſte Herz zu ſchauen und dieſem Moment die Entſcheidung des ſo wun⸗ derbar aus Menſchenlaune und Himmelsfügung geknüpften Verhältniſſes anheim zu ſtellen. Eliſe empfing Bürger im einfachen Morgenkleid und der Umſtand, daß ihr Haar noch in Papilloten aufgewickelt war, erſchien ihm als eine günſtige Vorbedeutung. Denkt man ſich hierzu noch die Bläſſe, die einem jungen Frauen⸗ zimmer, das man ſonſt nur blühend zu ſehen gewohnt iſt, † immer reizend läßt, ſo finden wir es verzeihlich, daß Bür⸗ ger ihr mit vielem Feuer die Hand küßte und unwillkür⸗ lich ausrief:„Ja— ſo, Eliſe, ſo werden wir uns bald beſ⸗ ſer kennen lernen!“ „Nun kommen auch Sie einmal an die Sonne!“ erwie⸗ — 423— derte ſie mit liebenswürdiger Munterkeit und zog ihn la⸗ chend nach dem Fenſter.„Solche Sachen, wie Sie mir ſeither in Ihren Briefen geſchrieben haben, wollen nicht allein, wie geſtern Abend, beim Licht— nein, die müſſen auch beim hellen Tag betrachtet werden!“ Mit dieſer Naivetät konnte man allerdings bei Bürger viel ausrichten; und wirklich ließ er's auch ohne Widerrede geſchehen, daß die ſchönen Augen ſeine Perſon einer zwar kurzen aber ſtrengen Kritik unterwarfen, die, wie es ſchien, ganz zu ſeinen Gunſten ausfiel, da Eliſe ihm ſofort mit vielem Ernſte bekannte, daß ſie ſich ihn ſo, gerade ſo ge⸗ dacht habe.„Nur was Ihre Augen anbelangt, theurer Bürger, darüber muß ich noch mein Urtheil fürs Erſte zu⸗ rückhalten,“ ſagte ſie mit liebenswürdiger Treuherzigkeit und ſah ihm dabei recht tief in die Augen.„Denn in ſolche Dichteraugen muß man lange, ſehr lange ſehen, bis man weiß, was dahinter iſt!“ fügte ſie ſchalkhaft hinzu. „Man iſt mit Recht gegen ſie mißtrauiſch, zumal wenn der, dem ſie angehören, Einem iws Geſicht ſagt, daß dieſe Au⸗ gen ſchon manchem Frauenzimmer gefallen hätten.“ „Gott ſey Dank! Sie iſt ſchon eiferſüchtig!“ rief Bür⸗ ger, über und über entzückt und nahm das ſchlanke anmuthige d Kind in ſeine Arme, indem er es ganz, als müſſ es ſo ſeyn, tüchtig abherzte. Eliſe proteſtirte zwar feuerroth gegen ſeine Küſſe, meinte, daß ſie ſich erſt näher müßten kennen lernen, aber Bürger war der Anſicht, dies ſey der beſte Weg und die vernünftigſte Einleitung zu einer näheren perſönlichen Bekanntſchaft, und ſie war nicht das Mädchen, das einem Bürger gegenüber Alles beſſer wiſſen wollte. Sie ſchlang vielmehr mit leidenſchaftlichem Ungeſtüm ihren Arm um ſeinen Hals, preßte ihn innig an ſich und das warnende:„Gemach! Gemach, Kinder!“ der Mutter, die — — 424— in dieſem Augenblick in's Zimmer trat, kam alſo freilich zu ſpät. „Mama! Es iſt wirklich ſo, Molly hat recht!“ rief ſie und warf ſich an ihre Bruſt.„Er hat einen recht hãß⸗ lichen Mund,— gar nicht zum Anſehen, einen ganz exceſſiv häßlichen Mund, wenn er's auch nicht Wort haben will!“ Bürger nahm die Hand der ehrwürdigen Matrone und ſagte gerührt: 3 „Laſſen Sie's immer gut ſeyn, theure Mama! Es war ein Roman, aber nun iſt's Wahrheit und die ſchönſte Wahrheit daran iſt, daß wir Jenen nun aufgeben können um getroſt an dieſer feſtzuhalten.“ „Ach! Was wird die Welt dazu ſagen! erwiederte Frau Hahn, ſchon halb bezwungen. „Die Welt ſagt Vieles, liebſte Mama, was ſie nich verantworten kann!“ rief Eliſe mit vieler Wärme. „Auch iſt ja die Welt groß, und es läßt ſich Manches hineinſchwatzen!“ ergänzte Bürger.„Gewarnt, treulichſt gewarnt ſind wir ja Beide wohl genug, Eliſe, ſo gut, wie ich; und wenn das ſtrenge Auge der Vernunft auch einige Unbeſonnenheit an unſerer Verbindung entdecken mag, ſo wollen wir uns an die Worte des großen Shakeſpeare's halten, daß zwiſchen Himmel und Erde, und darunter ver⸗ ſteht er doch wohl nur das Herz, Vieles vorgehe, wovon unſere Philoſophen keine Ahnung haben. Ich ſelbſt ſagte mir oft: Es wäre doch die poſſirlichſte Geſchichte von der Welt, wenn aus dem ſonderbaren Scherz noch einmal ein baarer Ernſt würde, und nun es wirklich ſo iſt, nun es mir Eliſe ſagt, daß ſie mich ſo wie ich bin, lieben kann, warum wollten wir da nicht als Stimme des Schickſals betrachten, was uns ſo lange als Stimme des Herzens angenehm war?“ * — „Sie ſind ein edler Mann, Herr Profeſſor,“ ſagte die wackere Frau;„und von Ihnen bin ich es ſchon überzeugt, daß Sie nichts beginnen werden, worüber Sie ſich nicht vorher Rechenſchaft gegeben haben. Aber ſehen Sie ein⸗ mal hierher,“ ſagte ſie und deutete lächelnd auf Eliſen, welche bedenklich die Mutter anblickte.„Ja, in dieſem kleinen Kopf haben Ihre Gedichte eine große Verwirrung an⸗ gerichtet, und wie ſie von jeher eine Schwärmerin war—— „So will ſie's auch bleiben, Mutter, und fortan den Mann ſchwärmeriſch lieben, den ſie ſo lange ſchwärmeriſch anbetete!“ rief Eliſe und ſtürzte an Bürger's Bruſt. „Nun hören Sie's ſelbſt,“ ſprach Frau Hahn tief er⸗ griffen, und die Thräne in ihrem Auge war beiden Lieben⸗ den ein ſicherer Vorbote des mütterlichen Segens. Dieſer wurde ihnen denn auch mit dem frommſten Ge⸗ bete zu Theil, und Eliſe ſagte, indem ſie beide Hände auf Bürger's Schultern legte und ihn lange aus ihren glän⸗ zenden Augen innig anblickte, mit gehobener Stimme:— „So, Bürger, ſo mußte es ſich erfüllen, wenn ich nicht mein ganzes Leben hätte als verloren betrachten müſſen! Und in dieſer Stunde, die mich ſo glücklich macht, vor den Augen der beſten Mutter gelobe ich Ihnen: Ich will Sie lieben, wie Molly Sie liebte und will ſtreben, ihr ſo ähn⸗ lich zu werden, als man es dieſem himmliſchen Weſen nur werden kann. Und daß es Ihre Trauerlieder um Molly's Tod waren, bei denen ich zuerſt fühlte, daß ich Sie lieben könnte, wie keinen anderen Mann auf Erden, Bürger— mein Bürger, das muß Ihnen beweiſen, wie redlich und treu ich es mit dieſem Verſprechen meine!“— „Sie verſprechen viel!“ erwiederte Bürger feierlich und drückte ſie mit höchſter Inbrunſt an ſein Herz. — 426— Es war eine große Ueberraſchung für Bürger's Freunde, als in Göttingen das Gerücht ſich verbreitete, er kehre demnächſt mit einer jungen Frau zurück, mit der er ſich in Stuttgart Knall und Fall verlobt und verheirathet hätte. Die Geſchichte von dem Gedicht des Schwabenmädchens wurde natürlich hiermit in Verbindung gebracht, und bald blieb kaum mehr ein Zweifel übrig, daß Alles gerade ſo eingetroffen war, wie es ſich manche Leute vorgeſtellt hatten. Immer kleiner wurde die Zahl der Freunde, die dieſen Gerüchten widerſprachen, die den Muth hatten, noch dasjenige in Abrede zu ſtellen, was bereits würtembergi⸗ ſche Zeitungen mit Beſtimmtheit meldeten. Man kann ſich denken, wie die Welt in Göttingen, die ja ohnedem ein Stück von der großen ganzen Welt iſt, eine ſolche Heirath beurtheilte; und die bekannten Verhält⸗ niſſe von Bürger's erſter und zweiter Ehe wurden nicht nur abermals und nochmals einer ſtrengen Prüfung unterworfen, ſondern ſie dienten auch im Vorbeigehen dazu, dieſe dritte Heirath in das gehörige Licht zu ſtellen. Man fand nun endlich die Beſtätigung für Vieles, wofür Bür⸗ ger's Feinde ihm bis jetzt den Beweis ſchuldig geblieben waren; und ſelbſt Perſonen, die es ſich ſeit Jahren ange⸗ legen ſeyn ließen, ſeinen Namen, wo ſie konnten, vor übe⸗ len Nachreden zu ſchützen und die arge Welt über ſein Verhältniß zu Molly in's Klare zu ſetzen, wurden irre an ihm und verſtummten. Und fragen wir uns ſelbſt, wel⸗ chen Eindruck es macht, wenn ein Menſch, den ſo vieles Unglück heimſuchte, nun, nachdem er mit dieſem zu einem Abſchluß gekommen, nachdem wir ihn mit einer großen be⸗ herzigenswerthen Geſchichte im Rücken da ſehen, wo An⸗ dere ſich zu beſcheiden pflegen,— ſo gewaltſam ſein Schickſal corrigirt, auf eine ſo wenig zu den leidvollen Erfahrungen — — — 427— ſeiner Vergangenheit ſtimmende Weiſe noch einmal in die Urne ſeiner Looſe greift, dann müſſen wir uns ſagen, daß er allerdings ein Gefühl in uns verletzt, das wir ihm ſo lange ganz und ungetheilt zuwenden mochten. Denn der Menſch ſoll nun einmal weiſe werden durch das Un⸗ glück, es ſoll etwas Beſtändiges ſeyn in jedem Menſchen⸗ leben, das die Geſchicke überdauert und dem, was dahin⸗ ter liegt an Erlebtem und Erduldetem, eine gewiſſe blei⸗ bende Garantie verteiht. Es kümmert uns bei dieſer Be⸗ trachtung nicht, unter welchen Bedingungen Bürger ſich plötzlich am ſpäten Mittag ſeines Lebens exinnerte, wie wenig Gunſt ihm die Himmliſchen bis dahin beſchieden hätten, und wie das, was wirklich als ein einziges unend⸗ liches Glück ihm zu Theil geworden, mehr wie eine ſchöne verklungene Mytbe, als wie ein geſchichtlicher Moment hinter ihm liege. Hätte er als Dichter die Weihe jenes Schmerzes feſtgehalten, hätte er, anſtatt den dunklen Pfad ſeines Geſchickes zu verlaſſen, jenen Schmerz als poetiſches Bewußtſeyn in ſich aufgenommen, er würde früher, als in ſeiner letzten Lebensſtunde, von jenem Wahn geneſen ſeyn, „der in's Netz der Heuchelei ihn niederzog“. Aber er war ſeinem Schickſal nicht gewachſen; es wurde für ihn zum Sinai, deſſen Donner ihn betäubte, ohne ihm zur Offen⸗ barung zu werden. Wir wollen ihm auf halbem Weg entgegeneilen und finden ihn wenige Tage nach ſeiner Vermählung in Frank⸗ furt am Main, wo er auf ſeiner Reiſe nach Göttingen zum Beſuche bei Eliſens Verwandten abgeſtiegen war, und, da die Ferien noch nicht zu Ende, einen oder zwei Tage verweilen wollte. Es war Jedermann auffallend, daß Bürger an einer ſichtbaren Zerſtreuung laborirte und oft kaum zu wiſſen — 428— ſchien, was er that und ſagte. Sein ganzes Weſen war in einer beſtändigen fieberhaften Erregung, und Eliſens beſorgte Fragen, ob er ſich unwohl fühle, erwiederte er einigemal in einem ſo kurzen, mürriſchen Ton, daß dieſe ihn betroffen anſah und nicht wußte, wie ſie ſich ſein Be⸗ nehmen erklären ſollte? Endlich, als der Abend herandäm⸗ merte, nahm er unter dem Vorgeben, ſich die Stadt zu beſehen, den Hut und eilte fort. Ohne ein beſtimmtes Ziel, ſchritt er zum Thor hinaus und wandelte zwiſchen den Gärten hin; bald kam er auf's Feld, und hatte den Taunus vor ſich. Es war ein trüber melancholiſcher Abend, ein feuchter Wind ſtrich über die Ebene und ein Schauer nach dem andern durchſchüttelte die Natur. Wie Blei lag es ihm auf dem Hirn, alle ſeine Empfindungen waren wie gelähmt, und vergebens ſtrebte er in die Oede ſeines Geiſtes eine klare Vorſtellung deſſen zu bekommen, was ihn quälte und bedrängte. Ungefähr eine halbe Stunde war er in dieſem ängſt⸗ lichen Zuſtand fortgewandelt, die Nacht kam immer näher, und ein feiner Regen rieſelte leiſe durch die Luft, da ge⸗ dachte er an die Rückkehr in die Stadt. Er athmete tief auf, blickte ſtarr nach dem grauen Himmel und ließ ſich von dem Wind den kalten Regen in's Geſicht jagen. Leiſe flüſterte die Pappel an dem Rande des ſtehenden Waſ⸗ ſers zur Seite des Weges; Alles was ſich um ihn herum in der Natur regte und einen Ton von ſich gab, von dem Rieſeln des Waſſers in der Wagenſpur bis zum triſten Zirpen eines Wieſenvogels, war ſeinen Sinnen unterſcheidbar, und doch jagte alles in ihm durcheinander; doch war ſein Inneres in einer Verwirrung und Aufregung, daß ihm Alles, was von Außen in ihn kam, eben ſo un⸗ verſtändlich blieb, als er ſich ſelbſt. Er preßte ſeine Stirne ——— — 429— wider den nächſten Baumſtamm und glaubte drinnen ein Hämmern und Sägen zu hören, wie von geſchäftigen Holz⸗ käfern; leiſe tönte der fallende Regen in dem dürren Schilf, und ſeine Fantaſie belauſchte darin allerhand ſeltſame Stimmen, die ihm in unverſtändlicher Sprache etwas zu⸗ flüſtern wollten; er hörte ein Rauſchen über ſich in den Wolken, wie von Geierflügeln, und als er aufſah, waren's nur die dürren Aeſte des Baumes, die im Winde an ein⸗ ander ſchlugen. An einem ſolchen Abende hatte er einſt, von Appenrode heimkehrend, den relegirten Hahn auf der Landſtraße gefunden und ihn aus der unfreundlichen Irre unter ſein Dach geführt; eben jetzt, da ihm unwillkürlich dieſe Erinnerung kam, dünkte es ihm, als ſchritte durch die Ebene die wohlbekannte Geſtalt des Freundes mit flatterndem Gewand ihm entgegen, ganz mit ſeinem eilen⸗ den Schritt und ſeiner nach vornen gebeugten Haltung des Oberkörpers. Und als er jetzt näher kam, flüchtig an ihm vorübereilen wollte, konnte Bürger nicht anders, er mußte ihn laut bei ſeinem Namen Friedrich rufen; wirklich ſah Jener haſtig um und blieb ſtehen. Erſt jetzt erkannte er die ſeltſame Täuſchung; aber ſchon hatte der Unbekannte auch ihn wahrgenommen und trat näher an, ihn heran. Lange blickten ſich Beide ſtarr und ſtumm in's Geſicht; Einer ſah, was der Andere ſah: verſtörte Mienen, fremde, bleiche Züge, unheimlich leuchtende Augen. Es war eine ſeltſame Begegnung von zwei Menſchen, deren Augen ſo feſt in einander wurzelten, als hätt' es Einer dem Andern mit der Macht des böſen Blickes angethan. Nach einer langen Pauſe ſagte der Fremde im reinſten Griechiſch, in⸗ dem er wehmüthig den Kopf ſchüttelte:„Du biſt doch nicht Adamas! Aber warum ſuch' ich ihn auch im feindlichen Korinth?“. — 430— „Fremdling! Wer Du auch ſey'ſt, geh' nicht nach Ko⸗ rinth,“ erwiederte Bürger gleichfalls griechiſch und faßte ſeine Hand. Sichtbar ſchrack Jener zuſammen, als er den vertrauten Laut hörte, ſeine Züge verklärten ſich und läch⸗ lend deutete er in der Richtung nach der Stadt. „Laß uns zuſammen dorthin gehen,“ ſagte hierauf der Hellene mit ſanfter, bittender Stimme.„Nur unter feind⸗ lichen Menſchen ſchätzt man den Freund, den die Götter uns zuführten zum Troſt und Schutz gegen Jene. Du auch biſt von den Guten ja Einer, die nicht haſſen und nicht neiden, und mir ſagt's meine Seele, daß die Himm⸗ liſchen Dich lieben, da ſie den Geiſt Dir klärten und das Auge mit helleniſcher Schöne.“ Bürger erwiederte bewegt: „Wohl, ſie thaten mir das; doch fügten ſie auch zu dem Guten viel des herben Geſchick's und der nimmer raſten⸗ den Plage; dulden ſo viele doch mit uns und wiſſen es nimmer zu ſagen, wiſſen es nicht zu erkennen, was es heißt in der Welt ſeyn und dulden. Wir aber wiſſen's zu thun und grollen d'rum nicht mit den Göttern; denn das Schöne erkauft nur des Leidens beſtändige Uebung.“ Der Fremde ſah ihn mit großen trunkenen Augen an. „Himmel! Himmel!“ rief er entzückt und fiel ihm um den Hals.„So gut iſt mir's nur einmal im Leben ge⸗ worden, und ich möchte den ſehen, der eben mit mir tauſchte. O! Daß die Welt jetzt eine Sonne hätte, mir den Mann zu zeigen, der ſo in der Sprache des Perilles reden kann!“ In dieſem Augenblick hörten ſie die Stimmen mehrer Männer hinter ſich. Der Hellene lauſchte erſchrocen auf und rief zitternd: — 43³1— „Weh! Weh! Die Erbarmungsloſen nahen! Rette Dich in den dämmernden Hain, o Freund! Mich aber laß ver⸗ derben!“ „Komm,, Friedrich, komm',“ ſagte eine freundliche Stimme, und ein Mann, der, ſo viel Bürger in ſeinen Mienen leſen konnte, nicht zu den Erbarmungsloſen gehörte, hatte ſie jetzt eingeholt und ergriff ſeinen Begleiter am Arme. Ein anderer Mann trat hinzu und ſagte im ſtrengen Tone des Vorwurfs:„Wo willſt Du hin, Friedrich?“ Der Angeredete verſtummte und legte ſein Haupt wider des Andern Schulter. Bürger zog den einen der Män⸗ ner auf die Seite und erkundigte ſich mit vieler Theilnahme nach dem Fremden.„Er iſt krank und uns liegt die Sorge ob, ihn zu bewachen,“ erhielt er zur Antwort. „Krank?“ wiederholte Bürger erſtaunt. „Hier und hier,“ verſetzte der Fremde ruhig und deutete dabei auf Bruſt und Stirne.„Wir hatten ein Feſt und während deſſen entwiſchte er uns.“ „Lebe wohl und grüße meinen Adamas“, rief der Hel⸗ lene, der endlich den mit leiſen Worten gemachten Vorſtel⸗ lungen des freundlichen Wächters Gehör gab. Bürger drückte ihm die Hand und bat ihn in griechiſcher Sprache, nach Hauſe zurückzukehren, indem er ihm auf einen Wink der Männer das Verſprechen gab, ihn jeden Tag in ſeiner ländlichen Wohnung zu beſuchen. Dadurch wurde Jener völlig zufrieden geſtellt, und ließ ſich ohne weiteren Wider⸗ ſpruch von ſeinen Wächtern zurückführen. „O! dieſer Kranke iſt ſehr geſund,“ ſagte Bürger und hielt ſich den Kopf mit beiden Händen feſt. Ihm war, als erwache er aus einem Traume. Das merkwürdige Abenteuer mit dem Geiſteskranken, der ſolches elaſſiſche Griechiſch redete und dazwiſchen ſo reines Deutſch, wollte * — 432— ihm gar nicht aus dem Sinn kommen und als er endlich der Stadt wieder nahe geſchritten war, fragte er ſich be⸗ klommen:„Wenn dieſer Menſch wirklich krank iſt— hier und hier— o, dann möcht' ich wiſſen, wo ich geſund bin?“ Und wie er ſo durch die belebten Straßen der alten Reichs⸗ ſtadt hinwandelte, immer noch mit dem Eindruck beſchäf⸗ tigt, den dieſe Begegnung in ihm zurückließ, da hätte er ſich beinah' wünſchen mögen, krank zu ſeyn mit dieſem Kranken, ſtatt das zu ſeyn, was er war. Er mußte lange in der fremden Stadt ſuchen und herum fragen, bis er endlich die Straße fand und das Haus, wo man ihn er⸗ wartete. Das Mädchen, welches ihm die Thüre öffnete, ſagte ihm, daß ſeine Frau ſich ſchon zur Ruhe begeben habe. Er ließ ſich ein Licht anzünden und ging hinauf⸗ 4 zu Eliſen. Wenige Tage darauf war er in Göttingen, und trat noch am ſpäten Abend ſeiner Ankunft unerwartet in Jung⸗ hof's Zimmer. Dieſer fuhr erſchrocken zuſammen, als er des blaſſen verſtörten Freundes anſichtig wurde und rief, die Hände zuſammenſchlagend: 5 biſt 4 „Verloren!“ ſagte dieſer mit einem Ton der Gewiß⸗ heit und Ruhe, welcher Jenem keinen Zweifel übrig ließ, daß ihn ſeine bangen Ahnungen nicht getäuſcht hatten. Lange ſaßen ſich hierauf Beide ſchweigend gegenüber. Weder wagte der Eine zu fragen, noch der Andere zu be⸗ richten, bis endlich Bürger das peinvolle, düſtere, nur manchmal von Junghoſ's beklommenen„Hm! Hm!« unter⸗ „Bürger! Iſt's möglich? Du kommſt von Stuttgart und — — — 433— brochene Schweigen aufgab, und mit gepreßter Stimme ſagte: „Ja— ja— ich kann faſt nicht mehr daran zweifeln, Boie war mein Solon! Er ſagte mir's voraus, und ich hielt's nicht für möglich. Und nun iſt Alles— Alles ſo gekommen, wie er's prophezeite,— nicht um ein Jota hat er ſich geirrt,— und ich— ich bin ein ruinirter Mann!“ Er ſchlug ſich verzweifelt die Hände vor's Geſicht und hielt eine Weile inne, dann fuhr er fort: „Es iſt was Schreckliches um ein Leben, das einmal verpfuſcht iſt! O es iſt der härteſte Fluch, Junghof— eine zerſtörte Jugend zu haben! Da mag man düngen und pflügen und ſäen, ſo viel man will; auf dem ausgebrann⸗ I Boden gedeiht kein grüner Halm, und die Körner ver⸗ modern oder ſchießen in tauben Aehren empor. Es gab Augenblicke in meinem Leben, ſiehſt Du, da erkannt' ich's ſicher, daß mir nichts glücken würde, da glaubt' ich's, da wußt' ich's und war beruhigt. In ganz kleinen, gering⸗ fügigen Dingen, die den Tauſendſten nicht einmal beküm⸗ mern, erfuhr ich es ſchon frühe, daß mir kein Glück lächeln, kein Wunſch erhört werden ſolle. Und dieſes dunkle, lähmende Gefühl, das mir beſtändig bei Allem, was ich unternahm, bei Allem, was ich hoffte, noch ehe ich nur⸗ mit meinem Plan, meinem Wunſch in's Reine gekommen war, ſchon ganz beſtimmt ſagte: Es iſt nichts, es iſt Alles nichts, laß ab, laß ab, du erreichſt es doch nicht, du ſtrebſt und hoffſt vergebens,— ich glaube, in dieſem Gefühle lag eben mein Unglück. Ich hatte zu nichts einen freudigen Muth, eine begeiſterte Zuverſicht, ging immer meinem Glück wie auf Eierſchalen entgegen, und gewiß lag irgend⸗ wo auf dem ebenſten Weg ein Stein, über den ich ſtol⸗ 8 1 — 434— perte, und die Pfütze, an welcher Hunderte mit trocknen Sohlen vorbeikamen, ich gewiß gerieth mit beiden Füßen hinein und wadete ſie aus. Das Unglück war allüberall mein Leibtrabant, und hatte es mich wirklich einmal aus dem Auge verloren, wer war dann eifriger und geſchäfti⸗ ger bemüht, ihm recht bald wieder in die Arme zu laufen, als ich ſelber?“— „Ich kann Dir, leider! nicht widerſprechen,“ entgegnete der wackre Junghof und ſah mit tiefer Rührung auf den niedergebeugten Freund, der eine große ſtarre Thräne in den Wimpern hatte.. „Alſo zur Sache,“ ſprach Bürger, nach einer Pauſe ſich ermannend.„Ich ſah einmal in meiner Jugend einen Windhund, der einem Haſen nachjagte; in dem Augenblick, wo er ihn am Genick faſſen wollte, machte der Haſe einen Seitenſprung und der Hund ſchlug einen verzweifelten Purzelbaum in den Sand, wobei er ganz erbärmlich win⸗ ſelte. Es wäre ſchlimm, wenn's wieder einen Purzelbaum gäbe, dachte ich, als ich mit Eliſe Hahn, meiner Verlob⸗ ten, vor den Stuttgarter Altar trat. Viele Menſchen ſtan⸗ den und ſaßen um mich herum, der Altar war allerliebſt mit Blumen und Kränzen geſchmückt und Eliſe, ich mag's nicht in Abrede ſtellen, ſah aus wie ein Engel. Sie war reizend ſchön, faſt zu ſchön für einen außerordentlichen Pro⸗ feſſor der Georgia Auguſta, ci-devant Juſtitiarius vom Amt Alten⸗Gleichen. Ich kann's nicht leugnen, ich trat nichtsdeſtoweniger mit einigem Selbſtbewußtſeyn vor den Altar und hatte mich ſo gut einſtudiert, daß ich in der That eine ganz artige Figur machte. Der Pfarrer, der uns traute, ein ſehr jovialer Rationaliſt, dem böſe Zungen nachſagen, daß er einmal gelegentlich mit Sporen und Reitpeitſche auf die Kanzel einer Dorfkirche getreten ſey, war von mir gebeten worden, die Sache möglichſt kurz ab⸗ zumachen, da ein Menſch, der zum drittenmal kopulirt wird, wie Du Dir denken kannſt, die Litanei ſatt kriegt. Ich weiß nicht, wie's geſchah, daß ich während der Trauung zu keiner rechten Andacht kommen konnte; ich mußte immer an meine erſte Kopulation denken und wenn ich nicht jeden Augenblick Eliſen angeſehen hätte, ich glaube, ich wäre noch einmal mit Dora getraut worden. Der Pfarrer mochte ſagen, was er wollte, ich hörte beſtändig nur den alten Geiſtlichen von Niedeck, der meine erſte Ehe eingeſegnet hatte, und zuletzt ſtand er gar leibhaftig vor mir, und auf dem Altar— denke Dir— auf dem Altar flimmerten mit einmal zwei blaue Flämmchen, dunkelblau,— und hin⸗ ter dem Altare— Junghof, es war eine Viſion, aber ſie war ſchrecklich— hinter dem Altare wird's plötzlich hell— ach! ſo hell, daß mich's blendet, und ich ſehe meine Molly — weißgekleidet— ganz ſo, wie damals, die Hände krampf⸗ haft auf dem Buſen zuſammengepreßt, mit wallenden, glän⸗ zenden Locken und vergeiſterten Mienen. Ich mag aller⸗ dings in dieſem Moment ſehr zerſtreut geweſen ſeyn und die Augen weit genug aufgeriſſen haben, denn der Herr v. C. ſtieß mich mehremalen am Arme, auch unter den Anweſen⸗ den gab's eine auffallende Bewegung, ein Fußſcharren, Räuſpern und Kleiderrauſchen, bis ich endlich das Ja her⸗ aus hatte, worauf die beiden blauen Flammen noch ein⸗ mal zitternd aufflackerten und mit dem holden Schreckens⸗ bild hinter dem Altare verſchwunden waren. Der Pfarrer ſprach Amen, noch eh' ich wußte, wie mir geſchehen, und Eliſe hat mich verſichert, meine Hand ſey bei der Einſeg⸗ nung kalt wie Eis geweſen. Nun, Philoſoph Anaxagoras, thu' den Mund auf, mach' ihn dann wieder zu und zucke mit der Achſel. 28* — 436— Junghof, ohne in dieſen Vorſchlag einzugehen, ſtand auf und ſchritt eine Weile in großer Bewegung durch das Zimmer. Dann ſtopfte er zwei Pfeifen, reichte die Eine dem Freunde hin und ſagte:„Ich will morgen Deine Frau ſehen, und Dir dann ſagen, was ich von Allem denke.“ Bürger drückte feſt die Augen zu und rieb ſich lange die Stirne; dann ſagte er: „Es läßt ſich Vieles darüber denken, aber Weniges ändern. Ich geſtehe Dir offen, ich kenne Eliſen ſo wenig als Du und je mehr ich ſie kennen lernen möchte, um ſo unverſtändlicher wird ſie mir. Sie hat viel Temperament— viel Jugend, viel friſches bildſames Element— aber—, Er hielt inne, ſah lange nachdenkend auf ſeine Finger⸗ ſpitzen, dann dehnte er die Bruſt aus, zog die Schultern zurück und ſagte gepreßt:„Aber ich bin nicht mehr, der ich war, und ſeit acht Tagen bin ich's vollends nicht mehr.“, Junghof ſah ihn ruhig mit großen Augen an und er⸗ wiederte bloß:„Du mußt nur nicht vergeſſen, daß ſie Dich gerufen hat.“ Bürger kratzte ſich in den Haaren, zog die Augenbrauen in die Höhe und ſagte:„Anaxagoras! das war ſehr ver⸗ nünftig von Dir geſprochen.“ Eliſe zählte noch ihre Ehe nach Tagen Aund ſchon lag es wie Jahre und Jahrzehnde zwiſchen ihr und ihrem Gatten. Es war ein ſchreckliches Erwachen aus einem ſchönen Traume, und vielleicht ließe ſich's an ihrem Bei⸗ ſpiele nachweiſen, wie eine einzige Lüge des Herzens alle Wahrheit eines Daſeyns auf immer zu vernichten im Stande iſt. Aber was gewönne der Leſer, was gewönnen 4 — 437— wir mit einem ſo traurigen Geſchäft? Dieſe Ehe iſt von Anfang bis zu Ende eine baare Ironie auf Bürger's ſchickſalsvolle Vergangenheit; ſelbſt das Tieftragiſche ihrer Geſchichte wird geſtört, ja zuletzt völlig aufgehoben durch die nüchternſte Nüchternheit der Conflicte und Ereigniſſe, aus denen ſie zuſammengeſetzt iſt, und nur das Auge der Proſa mag ſich daran ergötzen oder ſie beweinen. Aus einem idealen Himmelstraum wurde ein Werkeltags⸗Spek⸗ takel; und zwei Menſchen, die ſich aus ſo weiter Ferne zuſammengefunden, und deren endliche Verbindung von ſo auffallenden Umſtänden begleitet geweſen war, daß beinah' Jedermann, außer ihnen ſelbſt, ein böſes Ende prophezeite, ſahen ſich nach Ablauf eines Jahres genöthigt, das unter ſo ungewöhnlichen Bedingungen geſchloſſene Band, dem von Anfang an die ſchönſte Reminiscenz einer jeden Liebe, dem das Herzensgeheimniß fehlte, durch den Richterſpruch trennen zu laſſen. Was man unter den holden Auſpicien der Sympathie und der Seelenverwandtſchaft ſo zuverſichtlich wagen zu dürfen geglaubt hatte, was man ſo glücklich durch alle Zaubergeheimniſſe der Romantik Angeſichts der ganzen lie⸗ ben deutſchen Population durchgeführt hatte— es mußte zuletzt durch das weltliche Geſetz für null und nichtig er⸗ klärt, es mußte abermals beſtätigt werden, daß ein Witt⸗ wer mit zweiundvierzig Wintern auf dem Rücken und ein Mädchen von zwanzig Lenzen im Blut, ſehr viel riskiren, wenn ſie ſich auf bloße Sympathie hin zu einer Heirath entſchließen. Es gibt Verhältniſſe im Leben, wo der Phi⸗ liſter zuletzt immer Recht behält; und dahin gehört denn aauch unter Anderem das angedeutete Verhältniß. Wir erfahren's ja tagtäglich, wie die Reue faſt an jedem Ziele ſitzt, auf das der Menſch im blinden Wahne eines Her⸗ zensbedürfniſſes losſtürmt. — 438— Aber alle Die, welche das unglückliche Schwabenmädchen verdammen oder in ihm Dora's rächende Nemeſis erblicken, mögen doch bei Leibe nicht vergeſſen, daß es Bürger zu⸗ erſt war, der, nachdem die Sache bis zum ſcheinbar be⸗ friedigenden Schluß verlaufen, mit dem Auge der Proſa betrachtete, was er ſelbſt mit ſo überaus ſchwärmeriſcher Inbrunſt und Zuverſicht angeſtiftet hatte; mögen na⸗ mentlich nicht vergeſſen, daß der poetiſche Schwabenſtreich eines jungen unbekannten Frauenzimmers aus Stuttgart noch lange nicht einen verſtändigen, erfahrenen Mann in Göttingen berechtigen ſollte, die Wahrheit des Lebens ſo ganz aus dem Auge zu verlieren, und alle geographiſchen und praktiſchen Rückſichten ſo ſehr bei Seite zu ſetzen. Eliſe kann nicht verdammt werden, wenn ſie einen Mann mit mißtrauiſchen Blicken betrachtete, der, wie Bürger, ſo ſchnell bereit war, die poetiſche Illuſion aufzugeben, und keine andere Nutzanwendung daraus ziehen wollte, als die, welche das Haushaltungsbuch auswies. So mußte ſich das ſchöne große Ideal ihres Herzens von ſelbſt zerſtören, und es liegt wahrlich mehr Wahrheit in den. maßloſen Verirrungen Eliſens, als in Bürger's verſtändigen Nüch⸗ ternheits⸗Tendenzen. Aber ihn, den vom Schmerz und Weh des Lebens Aus⸗ gehöhlten, hatte ja vielleicht bloß nach einem Schickſale ver⸗ langt, nach etwas Außerordentlichem, Ungewöhnlichem, weil er nur ſo die Leere ſeines Lebens, die Oede ſeines Herzens wieder ausfüllen zu können glaubte. Es mußte etwas geſchehen, was noch nicht da geweſen, um ſich daran zu ermannen, es mußte der Welt gegenüber, aus der mit Molly die Wahrheit ſeines Daſeyns verſchwunden war, ein Paradoxon aufgeſtellt werden, das jene erſetzte, oder gar überbot; es mußte ein Zuſtand für ſein Herz erfun⸗ — — — 439— den werden, in welchem„Molly⸗Adonide“ aus dem Grabe beſchworen wurde, nicht um den Schmerz des Dichters zu heiligen, nicht um ihn durch die Weihe jener Peeſie, die, wie bei Dante Religion wird, von dieſem Schmerz zu er⸗ löſen,— ſondern, um ihm in Fleiſch und Blut noch ein⸗ mal in ſinnlichem Beſitze zu gut zu kommen. Aber das kalte Grab Molly's behielt doch zuletzt Recht vor Eliſens weichen Armen, und ſeine Trauerweide flüſterte tiefere Wahrheit in ſein Herz, als die ſüßen Lippen der jungen Schwärmerin. So wenigſtens urtheilte dieſe zu einer Zeit, wo das Weib den Mann ſeiner Liebe nach ganz anderen Wahrneh⸗ mungen beurtheilen möchte; und der Boden wankte faſt in demſelben Moment unter ihren Füßen, als der Himmel über ihr zuſammenſtürzte. Sie wurde eiferſüchtig auf eine Todte, ſie mißgönnte ihr die Grabesruhe nach ſo langem leidvollem Leben, nach ſo kurzer Seligkeit,— und einſtmals, als Bürger Abends von dem Kirchhof zurückkam, ſaß der junge Graf von H., ihr Tänzer auf dem letzten Ball ihrer Jugend, bei ihr auf dem Sopha und trank Thee mit ihr. „Kurz, ich ſchmeichle mir, das Mägdlein, das ich heim⸗ zuführen gedenke, ſoll Euern ganzen Beifall gewinnen, denn ſie darf ſich ſowohl im Körperlichen, als Geiſtigen und Moraliſchen, vor Meiſter und Geſellen ſehen laſſen.“ So ſchrieb Bürger wenige Tage vor ſeiner Hochzeit an einen Freund. Ein Jahr nachher, nachdem ihm Eliſe einen Sohn ge⸗ boren, welcher, wie uns ein Brief belehrt, der im Manu⸗ ſcript vor uns liegt, Agathon getauft wurde, weil die vier Pathen Jeder ſeinen Namen gewählt ſehen wollten und man ſich nicht vereinigen konnte, ſchrieb er an Eliſens Mutter: —,— — 440— „Donnernde und blitzende Worte, Einſperrungen, Kar⸗ batſchenhiebe u. ſ. w. lagen außer meiner Sphäre.——— Mutter! Ich habe neben dieſem unnatürlichen Weibe bis⸗ her wie an einer Schandſäule geſtanden!“ Was dieſe Eheſtandsgeſchichte betrifft, ſo verweiſen wir unſere Leſer beſonders auf das Buch, welches, ſeltſam ge⸗ nug von demſelben Herrn Ehrmann herausgegeben wurde, der ein ſo guter Geographe war und bloß, um Bürgern einen Spaß zu machen, das anonym eingeſandte Gedicht des Schwabenmädchens in ſeine Zeitſchrift aufgenommen hatte. In der Einleitung ruft er aus Vrnhrrenee „Wie ſeltſam verketten ſich oft die Schickſale der Men⸗ ſchen! u. ſ. w. O! Daß es mir mein Genius vorher ge⸗ weiſſagt hätte! u. ſ. w.“ — So war's nun wieder ſtill im Hauſe und Bürger hatte Frieden. Und weil er ihn hatte, ſo war er ſeine letzte, ſeine einzige Sehnſucht. Denn ſelbſt der Frieden beſitzt ſich nur im Wunſch, im beſtändigen Verlangen dar⸗ nach. Auch die alten Freunde kamen wieder, mancher neue kam dazu, und eines ſchönen Frühlingstages zog er wieder mit Kind und Kegel hinaus vor das Gronerthor, eben als der Apfelbaum in ſeiner ſchönſten Blüthe ſtand— da zog 14 Bürger wieder hinter die hellen Fenſter und hatte Frieden. Aber dieſe Ehe hatte den Keim der Zerſtörung in ihn gelegt, und mehr als jemals fühlte er ſich an Leib und Seele ermattet und gelähmt. Doch hätte er ſich vielleicht des trüben Vorgefühles, daß für ihn des Lebens beſte und ſchlimmſte Zeit dahin, ſtandhafter, als es geſchah erwehrt, doch hätte vielleicht dem Hartgeprüften noch ein milder Abend — 441— wie zur Verſöhnung geleuchtet, und ihm wäre dann zum wenigſten der Troſt geworden, das, was ſein Geiſt ge⸗ ſchaffen, im guten Glauben an deſſen unbeſtreitbaren Werth, der Welt, die ihm ſo wenig Glück und Freude gegönnt hatte, zurückzulaſſen, wenn nicht gerade damals, wo ſo mancher edle Mann dem tiefgebeugten Dichter nahte und ihn zu ermuntern und außzurichten ſuchte, von einer Seite her, von der er es am Wenigſten erwartet hatte, ein Schlag gegen ihn geführt worden wäre, der ihn nothwendig auf das Härteſte treffen mußte. Selten iſt wohl ein großer Dichter mit einem nicht kleinen Dichter ſo erbarmungslos umgegangen, als Schiller in ſeiner bekannten Recenſion von Bürger's Gedichten, und wenn er auch ſelbſt ſagt:„Jene Rüge konnte bloß einem wahren Dichtergenie gelten, das von der Natur reichlich ausgeſtattet war, aber verſäumt hatte, durch eigne Cultur jenes ſeltene Geſchenk auszubilden. Ein ſolches Individuum durfte und mußte man unter den höchſten Maßſtab der Kunſt ſtellen, weil es die Kraft in ſich hatte, demſelben, ſobald es ernſtlich wollte, genug zu thun,“ ſo mag zwar hierin für den Kri⸗ tiker und Aeſthetiker eine Rechtfertigung liegen, allein nicht für den Dichter, der immer edel handeln ſoll, am Aller⸗ meiſten aber gegen den Dichter, der, unter einem beſſeren Stern geboren, ihm vielleicht gut und gern als ebenbürti⸗ ger Geiſt die Hand hätte reichen dürfen. So ideal auch der Standpunkt iſt, von dem aus Schiller den Blitz nach Bürger's letztem Lebensglück ſchleuderte und ihm den ſo ſchwer errungenen Lorbeerkranz von der Stirne riß, ſo hat doch dieſe Kritik faſt eben ſo viele Mängel als Kritik, wie Bürger als Dichter, und vor Allem muß Schiller noch im⸗ mer die Frage beantworten, warum er ſo ſtreng wahre Fehler rügte, und ſo wenig wahre Vorzüge anerkannte. — 442— Es iſt ſo viel liebloſe Härte in dieſer Kritik des edlen Schiller, daß man ſich unmöglich des Verdachtes erwehren kann, er habe dieſen idealen Standpunkt nur erwählt, um von ihm aus den Werth des beliebten Volksdichters in Abrede ſtellen zu können. Doch dem ſey wie ihm wolle, Schiller hat nur dem armen Bürger gegenüber Recht be⸗ halten, und dieſer iſt mit allen dargelegten Mängeln ſei⸗ ner Gedichte nur in ſeinen eignen Augen dadurch um den wohlverdienten Dichterruhm gekommen. Bürger hatte keineswegs, wie Schiller meint, damals noch die Kraft, dem höchſten Maßſtab der Kunſt genug zu thun? Nach ſolchem Unglück mußte ſelbſt ein weniger har⸗ tes Urtheil aus dem Munde eines Größeren ihm den letz⸗ ten Reſt ſeiner poetiſchen Kraft vernichten, und wenn auch wir mit Bürger einverſtanden ſind, daß er es mit einem Stärkeren zu thun hatte, als er ſelbſt war, ſo können wir doch den Kampf nicht ſchön nennen, in welchem Jener ihn beſiegte. Schiller iſt todt, Bürger iſt todt— Beide leben. Rührend bleibt es aber, daß Bürger bis an ſein Lebens⸗ ende es tief bereute, Schiller ſo bitter geantwortet zu ha⸗ ben, daß er ſich aus ſeiner„auf ſo guten Grundſätzen be⸗ ruhenden Apathie aufregen ließ und dem Urtheile ſeines Gegners den Prozeß ankündigte.“ „Denn in jener Apathie liegt, däucht mir, eine Würde, deren Gefühl ſüßer iſt, als alle Siege über den Gegner, auch in der gerechteſten Fehde. Dieſe Würde habe ich nun verloren, und der Verluſt geht mir nahe, wie der reinen Unſchuld der erſte Flecken in ihrem weißen Gewande.“ Von Tag zu Tag wich ihm mehr und mehr der Lebens⸗ muth, ein böſer Krampfhuſten ſtellte ſich ein und ſeine Nächte waren ſchlaflos. Er fühlte es dabei immer deutlicher, — ——— wie der Genius in ihm langſam dem Körper voraus hin⸗ ſtarb. „Kurz vor der Trennung von ſeiner Gattin,“ erzählt ſein Biograph Althof,„hatte er ſich durch Erkältung eine Heiſerkeit der Sprache zugezogen. Da er nun bei dieſer Heiſerkeit einige Wochen hindurch täglich und ſtündlich in der allerheftigſten Leidenſchaft und mit der größten An⸗ ſtrengung laut zu reden ſich bemühte, ſo hatten dieſe oft wiederholten Anſtrengungen der kranken und geſchwächten Stimm⸗Organe die Folge, daß er das Vermögen, laut zu reden, ganz verlor, und bis an ſeinen Tod heiſer blieb. Manche ſeiner auch auswärtigen Freunde, welche ihn in dieſer Zeit geſprochen haben, werden ſich noch mit Rüh⸗ rung der dumpfen, rauhen und widrigen Stimme des lieb⸗ lichen Sängers erinnern.“ Junghof ſah mit dem Auge des erfahrenen Arztes mit ſtets wachſender Beſorgniß dieſe ängſtlichen Anzeigen, doch hütete er ſich wohl, gegen Bürger ein Bedenken zu äußern, da er nicht ahnte, wie viel Mühe dieſer ſelbſt ſich gab, den Freund über ſeinen Zuſtand zu täuſchen. Einſt jedoch, als Bürger nach einer bedeutend ſcheinen⸗ den Leberkrankheit geneſen und zum Erſtenmal wieder an dem Arme des Freundes einen Spaziergang vor die Stadt wagen durfte, eben als ſie auf dem Hügel ſtanden, wo Molly ihm zum Letztenmal mit dem weißen Tuche gewinkt hatte, ſagte er, ſeltſam lächlend: 1 „Es iſt etwas in mir, Junghof, was mich ahnen läßt, daß unſres Freundes Spittler Bemühungen in Hannover post festum, zu Deutſch, nach dem Thorſchluß kommen. Er will mir eine Beſoldung verſchaffen, daß ich, wie man ehr⸗ lich zu ſagen pflegt, nicht Hungers ſterben muß;— alſo wohl geſättigt. Mir graut nicht vor dem Tode, und je — 444— mehr ich fühle, wie das Leben ſich mählig von mir ablöſt, wie ſo ein Sinn nach dem andern in mir müde wird, um ſo gewiſſer iſt mir's, daß ich das Sterben gelernt habe. O mein Freund! Ich mein' es oft zu empfinden, wie für mich gar keines Bleibens mehr iſt. Je mehr die Eindrücke des äußern Lebens neuerdings in mich hineinſtrömen, je mehr Alles, was belebend wirkt auf die Sinne: Blumenduft, Töne, Sonnenſchein, ein heiterer Wolkenzug, all die freund⸗ lichen Erſcheinungen, mit denen das Leben die ungeduldige Sehnſucht nach einem beſſeren Zuſtand zurückhalten und be⸗ friedigen möchte, mir nicht ſowohl als Eindrücke und Wahr⸗ nehmungen des Irdiſchen, ſondern vielmehr als Ahnung eines andren Daſeyns entgegen treten, um ſo mehr dröhnt durch mein ganzes Nervenſyſtem eine Empfindung, die all dem widerſtrebt und es unwillig von ſich ſtoßen möchte. Und je heller es in mir wird, mit um ſo dunkleren Augen ſieht mich oft die ganze Natur an, als wolle ſie etwas in mir ergründen, wofür ich keinen Namen weiß; ich hab' ein Verlangen nach Sonne, das ich Dir nicht beſchreiben kann, und wenn ſie da iſt, mein' ich in ihren Strahlen zu ſehen, wie meine Seele ihnen ſchon angehöre und mit ihnen am Abend zum Urquell des ewigen Lichtes zurückkehren werde. Ah! Wenn das Sterben iſt, warum lebt man denn ſo lange?“ „Spriih nur weiter, lieber Bürger,“ ſagte Junghof ge⸗ rührt.„Du kannſt Deinem Arzte keine angenehmere Mit⸗ theilung machen.“ Bürger blickte ihn ruhig an. „Mag ſeyn, daß ich mich täuſche,“ verſetzte er nach einer Pauſe.„Vielleicht iſt, was ich als Geſühl des nahen To⸗ des betrachte, Wiederkehr der Geſundheit, Wirkung der Geneſung. Aber Eins verſprich mir, Junghof, ohne wel⸗ ches Eins ich dieſes Gefühl, wie Du es auffaſſeſt, nimmer — — 445— freundlich in mir ausbilden könnte. Laß— o laß mich keinen Augenblick in Ungewißheit, wenn Du beſtimmt weißt, daß es mit mir zu Ende geht. Ich möchte dem Tod mit recht klaren Augen in ſein tiefſinniges Handwerk ſchauen, ja, ich möchte vollſtändig bis zum letzten Moment des Be⸗ wußtſeyns erkennen, wie er's anfängt, daß ſo ganz und gar kein Sterblicher ihn verwinden kann. Ja, ich möchte ihn dichteriſch erleben, indem ich ſterbe; er ſoll mir ein Traum⸗ geſicht ſeyn— kein Nachtſtück. Ah, Matthiſon, noch auf meinem Sterbebett will ich Dir für Dein köſtliches„Ely⸗ ſium“ danken! Du ſollſt mir dafür das eine Auge zu⸗ drücken dürfen, und Du, Junghof, das andere.“ Seine blaßen Mienen rötheten ſich bei dieſer ihm ſo ent⸗ zückenden Vorſtellung; Junghof umarmte ihn und rief be⸗ wegt: „O Bürger! Mein theurer Bürger! Ja, es ſoll meine theuerſte Pflicht ſeyn, Dich keinen Augenblick im Zweifel zu laſſen über die Nähe jener dunklen Macht, die zu be⸗ kämpfen mein Beruf iſt. Du lehrteſt mich das Leben, und wenn es Gottes Wille iſt, daß Du mir vorangehſt, ſo will ich auch von Dir das Sterben lernen. Aber für's erſte ſoorll doch Spittler beim Miniſterium anklopfen, und es muüßte ja in Hannover zugehen, wie bei dem lieben Herr⸗ gott, dem freilich Alles möglich iſt, wenn Du nicht endlich zu einigem Gehalt kämſt. Nein, es iſt nicht möglich, Spitt⸗ ler muß reuſſiren und Du kaufſt Dir dann ein Pferd!“ Blürger war ein leidenſchaftlicher Reiter, und die Vor⸗ ſtellung, wieder einmal durch die ſchöne Welt zu traben, hatte für ihn ſo vielen Reiz, daß er ſchnell alle trüben Todesgedanken fahren ließ, und ſich ſchon im Geiſte auf dem Pferde ſah. 3 — 446— 14 Aber Spittler reuſſirte doch nicht, ſo eifrig er und an⸗ dere wackere Männer es ſich auch angelegen ſeyn ließen, dem bedrängten Dichter eine beſſere Lage zu verſchaffen. Der alte Gott lebte zwar noch, aber der Geheimerath von M., ein entſchiedener Widerſacher Bürger's, auch; und da ein kleines ſcharfes Epigramm dieſem vielvermögenden Mann noch immer nicht aus dem Gedächtniß kommen wollte und er ſich ſchlechterdings einbildete, es müſſe von Bürger herrühren, ſo mochte dieſer petitioniren, ſubmiſſeſt und allerſubmiſſeſt, ſo viel er wollte, es erfolgte kein Be⸗ ſcheid. Es verſteht ſich dabei faſt von ſelbſt, daß auch die Fakultät ſich ſeiner nicht mit gehörigem Nachdruck an⸗ nahm, denn wie ſchon früher bemerkt wurde, der Hainbund lag den werthen Herren noch immer in den Gliedern, und Bürger hatte denn doch auch manchem der Herren Collegen früher all zu hart auf den Fuß getreten, als daß man ihm jetzt, wo's ihm ſo kümmerlich ging, aus purer Menſchen⸗ liebe hätte aufhelfen ſollen. Damals ſchrieb Junghof ohne Wiſſen des Freundes an Göthe nach Weimar, und ſchilderte ihm die bedrängte ver⸗ zweifelte Lage des armen Bürger's. Die Bruſtbeſchwerden des Kranken nahmen indeſſen immer mehr überhand, jene ſcheinbare Wiederherſtellung ſeiner Geſundheit ſchlug ſtets beunruhigender in ihr trau⸗ riges Gegentheil um, und obwohl Bürger mehr als je die Hoffnung auf ſeine baldige völlige Geneſung im Auge hatte, obwohl ſein Lebensmuth immer freudiger wieder erwachte— die gefürchtete eiternde Lungenſchwindſucht ver⸗ rieth ſich von Tag zu Tag deutlicher, und jene Zuverſicht, mit der er, die Gefahr nicht ahnend, ſo ſicher in ſeine Zukunft blickte,— ſie ſollte die letzte Täuſchung ſeines Lebens werden. 2* 4 Dies iſt jene denkwürdige Periode in den Annalen der deut⸗ ſchen Literaturgeſchichte, wo Bürger kaum mehr würde haben leben können, wenn er nicht den größten Theil ſeiner Zeit und den geringen Reſt ſeiner Kräfte dazu angewendet hätte, für auswärtige Buchhändler aus fremden Sprachen zu überſetzen. Der Lieblingsſänger der deutſchen Nation über⸗ ſetzte damals„Benjamin Franklin's Jugendjahre“! Und eines Abends, nach einem unter anſtrengender Thä⸗ tigkeit verlebten Tage, fühlte er, daß er auch dieſer Arbeit nicht ferner gewachſen ſey. Der morſche Körper brach immer mehr zuſammen, ſeine Kräfte verſiegten immer mehr. t Er lag auf ſeinem Sopha, als Matthiſon, der ſich da⸗ mals in Göttingen aufhielt, ihn zu beſuchen kam. Bür⸗ ger war kaum der Sprache mächtig, und konnte auf des Freundes beſorgte Fragen nach ſeinem Befinden nur leiſe und mit großer Anſtrengung antworten. Hände und Stirne bedeckte ein feuchter Schweiß. Matthiſon ſetzte ſich neben ihn und glaubte nicht lange mit der freudigen Bot⸗ ſchaft, die er ihm bringen wollte, zurückhalten zu dürfen. „Wiſſen Sie auch, daß endlich aus Hannover glückliche Nachrichten eingetroffen ſind? Heyne hat mir eben erzählt, daß die Regierung für's Erſte fünfzig Thaler Remuneration geſchickt hat und eine baldige gewiſſe Anſtellung mit Beſol⸗ dung für Sie in Ausſicht geſtellt iſt.“ Buürger ſah ihn ruhig an. „Fünfzig Thaler!“ ſagte er nach einer Pauſe lächelnd. „Das iſt viel Geld für Einen, der wenig hat. O, die Herren in Hannover ſind doch nicht ſo ſchlimm! Zwar, ſie haben mich ein wenig lange auf ihre Barmherzigkeit warten laſſen; aber das iſt jetzt Mode in Deutſchland und hat auch ſein Gutes.“ „Eine heilloſe Mode!“ ſagte Matthiſon.„Daraus kann mit der Zeit ein China werden.“ „Ein China? O Sie täuſchen ſich, Freund! Von die⸗ ſem glücklichen Zuſtand ſind wir noch weit entfernt,“ ver⸗ ſetzte Bürger mit gutem Humor.„Aber nur Geduld! Es wird kommen und Sie erleben's vielleicht, daß man jeden Dichter bis zu ſeinem vierzigſten Jahr unter Curatel ſtellt. Und was die fünfzig Thaler anbelangt, ſo müſſen Sie doch wirklich zugeben,— daß ich ſie als ehrlicher Menſch nicht annehmen kann? Nicht wahr, ich kann nicht? Die Re⸗ gierung müßte ſich ja ſchämen, wenn ich das thäte? Ich bitte Sie um Gotteswillen, Matthiſon, gehen Sie zu Heyne und beſchwören Sie ihn, daß er mir das Blutgeld nicht in's Haus ſchickt. Zwar, meine Caſſe iſt leer, ich habe kaum noch ſo viel Baares, um mir neue Filzſchuhe zu kaufen— aber ein Almoſen, und wenn es mir ſelbſt der Staat ſchenkte, nehm' ich nicht an.“ „Verdenk's Ihnen, wer's kann,— ich nicht!“ ſprach Matthiſon erſchüttert. „Ich weiß beſtimmt, man hat mir ſchon vor mehren Jahren eine feſte Anſtellung geben wollen,“ fuhr Bürger mit Ruhe fort, nachdem er ſeine Bewegung niedergekämpft hatte. „Das Miniſterium ſprach einmüthig in der Sitzung den Be⸗ ſchluß aus, mich mit Decret anzuſtellen; der Miniſter ſelbſt äußerte ſich darüber ganz beſtimmt und der Bericht an den Re⸗ genten ſollte ausgefertigt werden. Aber der Herr v. L., mein Referent im Miniſterium, mit dem ich es ſchon vor Jahr und Tag verdorben hatte, wollte nicht, daß ich angeſtellt würde; und da er den Bericht zu machen hatte, ſo ſchob er ihn auf die lange Bank. Der Miniſter, im Drange der Geſchäfte, vergaß meine Angelegenheit und als ihm endlich der Schurke Bericht zur Unterſchrift vorlegte, unter⸗ von Jeſuit den 4 — 449— zeichnete er denſelben, ohne ihn geleſen zu haben. So geſchah es, daß ein Bericht, ganz dem Beſchluß des Miniſteriums zuwider, an den Regenten abging und obwohl das Schel⸗ menſtückchen ſpäter ruchbar geworden iſt, ſo hat doch der Herr v. L. ſeinen Zweck erreicht.“ „Das kann dem ſchönſten Mann paſſiren!“ ſagte Mat⸗ thiſon ſtand haſtig vom Stuhl auf und ging einigemal in großer Bewegung im Zimmer auf und ab. Bürger fühlte ſich ſehr angegriffen und als endlich Jung⸗ hof kam, der ihn allabendlich zu beſuchen pflegte, fand er ihn im heftigſten Fieber. Die Freunde brachten den Kran⸗ ken zu Bette und Junghof verſchrieb Arznei. „Wann rückſt Du endlich mit Deinem Achſelzucken her⸗ aus?“ fragte Bürger lächelnd.„Ach, armer Schelm, ich ſeh Dir's an, wie ſauer es Dir ankommt; aber es hilft Dir nichts und Du wirſt dem kranken Hamlet doch endlich die Augen öffnen müſſen. Pſyche trinkt und nicht vergebens!ll Plötzlich in der Fluthen Grab Sinkt das Nachtſtück ihres Lebens, Wie ein Traumgeſicht hinab. „Ah! Matthiſon, das haben Sie gut gemacht! Für dieſe Verſe, die mir ſeit Monden beſtändig im Sinne und auf der Zunge liegen, möcht' ich Sie einen Griff in meine Gedichte thun laſſen, welchen Sie wollten.“ Noch einmal wiederholte er dieſe Worte, die ſo ganz nur für ihn gedichtet ſchienen, ſo gedämpft und leiſe, daß ſie, wie ihr Dichter erzählt, von den Ufern des ſtillen Lethe ſelbſt in Geiſtertönen herauf zu wehen ſchienen. Dann entſchlummerte er, und Junghof ſagte leiſe zu Matthiſon:„Heute iſt er in ſein Sterbebett geſtiegen.“ 29 — 450— Es war am Abende des 8. Junius 1794, als ein ele⸗ ganter Reiſewagen, in welchem zwei Herren und eine junge Dame ſaßen, auf der öſtlichen Landſtraße der Univerſitäts⸗ ſtadt Göttingen zufuhr. Ein Gewitter, das noch im Hin⸗ tergrund der Landſchaft ſtand, hatte eben die ſchwüle Luft abgekühlt und wieder beſchien die Sonne die erquickten Fluren. Es war ein köſtlicher Sommerabend, überall ſchlugen in den friſchen Büſchen die Nachtigallen, die Wie⸗ ſen dufteten im Abendſonnenſchein, und die ſchlanken Pap⸗ pelbäume auf beiden Seiten der Straße ſchüttelten die vom Regen genetzten Aeſte. „Gib Acht, Guſtel, jetzt gleich werden wir Göttingen zu Geſicht bekommen, noch dort um die Waldecke herum, ſo ſiehſt Du's in der ſchönſten Abendbeleuchtung, und dann haben wir noch ein paar Minuten bis zum Ziele—“ „Bis an's Herz meines Bürger's,“ ſagte der andere Mann mit vor Freude zitternder Stimme.„O Göckingk! Göckingk! Was wird das für ein Wiederſehen geben!“ Dieſer hob gerührt beide Hände empor, ſeine Augen wurden feucht: „Was wäre denn auch dieſes Leben, lieber Stolberg, wenn es nicht dann und wann einmal ſolch' eine Stunde darin gäbe, die uns für jahrelanges Ungemach enſchä⸗ digte.“ Das anmuthige Mädchen ergriff ſeine Hand und ſagte: „Nicht wahr, lieber Vater, ich darf gleich mit Dir zu Herrn Bürger fahren und dabei ſeyn, wenn er Dich ſieht?“ Göckingk nickte ihr lächelnd zu:„Das verſteht ſich,“ erwiederte er, und nach einigem Beſinnen fügte er hinzu: „Wie meinſt Du, Stolberg, wenn wir ſchnurſtracks, ohne erſt am Gaſthof anzuhalten, nach Bürger's Haus führen?“ „Ich habe mir einen andern Plan ausgedacht,“ verſetzte — — 451— dieſer.„Wir ſteigen zuerſt im Gaſthof ab und laſſen einen von Bürger's Freunden, etwa Matthiſon, oder Lich⸗ tenberg, oder Junghof zu uns beſcheiden. Dieſer müßte dann Bürger unter irgend einem Vorwand zu einem Spa⸗ ziergang nach irgend einem Ort außerhalb der Stadt, etwa auf die Papiermühle oder nach dem Reinhardsborn, oder nach dem Hainberg perſuadiren; wir unterdeſſen nicht faul, trommelten zuſammen, was von Freundſchaft und Bruderliebe in Göttingen für uns lebt, und ſo zögen wir dann hinaus. Der Abend iſt herrlich, und ſolch' eine Stunde des Wiederſehens muß in der freien Natur erlebt werden! Denk' Dir doch, Göckingk, wenn wir ihn nun hinter ſeinen Büchern überraſchten, in gelehrte Arbeiten vertieft, oder wohl gar im Tabaksdampf— o nein! Das geht doch wahrlich nicht!“ „Vater, ich glaube, der Plan des Herrn Grafen iſt ſo übel nicht,“ ſagte Auguſte.„Herr Bürger möchte am Ende gar glauben, wir wollten uns bei ihm einlogiren—“ „Gut, ich bin Alles zufrieden,“ erwiederte Göckingk. „Aber daß Ihr mir nur nicht mit der Thüre in's Haus fall't! Erſt wenn wir ſo recht traulich beiſammen ſitzen und warm geworden ſind, dann nehm' ich ihn am Arm, führ' ihn bei Seite und entdeck' ihm Alles. Du, Stolberg, ſagſt's unterdeſſen den Andern, und wenn ich dann mit ihm wieder in die Geſellſchaft zurückkehre, ſo muß unſer neuer Profeſſor in Halle vor lauter Jubel nicht wiſſen, ob er wache oder träume. Guter Gott! Die Stunde ſei⸗ ner Erlöſung ſchlägt ſpät,— aber ſie ſchlägt doch, und der arme Bürger ſoll wenigſtens den Herbſt ſeines Lebens noch heiter und wolkenlos ſehen. Die neue Stellung in Halle iſt ganz wie gemacht für ihn, ein ſchönes Auskom⸗ men, freie Verhältniſſe nach allen Seiten und eine ſeinen 2958 Neigungen angemeſſene Thätigkeit— gebt nur Acht, wie er wieder auflebt und grün wird, der arme dürre Baum, ſobald er aus dieſer Sandwüſte fort iſt. Ah! Ich kenn' ihn! Er wird ſich anfangs gar nicht zu faſſen wiſſen, wird mich an beiden Schultern packen, mich rütteln und ſchüt⸗ teln, und dann auf einmal wird er ganz trocken werden, und höchſt kopfhängeriſch zu mir ſagen: Geh', Günther, und bind' mir keinen Bären auf. Kind! Liebes Kind! Merk' nur fein auf, was Dein Vater für einen Freund in Bür⸗ ger hat. So was ſiehſt Du lange nicht wieder, vielleicht Dein Lebtag nicht wieder,— denn Stolberg muß mir das bezeugen,— ſeit ſeinem achtzehnten Jahr ſagt Bür⸗ ger immer, ſo oft er von mir ſpricht: Meine Seele und Göckingk und wir drei. Der Graf ſchien ſehr zerſtreut.„Da fällt mir eben eine Geſchichte ein, die eigentlich gar nicht hierher paßt,“ ſagte er nach einer Pauſe und ſah nachdenklich zum Schlag hinaus.„Denkſt Du noch an Bürger's Angſt vor Fer⸗ duſi's Schickſal?“. Göckingk blickte ihn betroffen an und Auguſte rief:„Ach, erzählen Sie, Herr Graf, wer iſt Ferduſi? Was hat er für Schickſale?“ Stolberg ſagte: „Es lebte einmal zu Gasne am Hofe des perſiſchen Sul⸗ tans Mahmud ein berühmter Dichter, mit Namen Iſchak Ben Sheriffſchah Ferduſi, der lange bei ſeinem Herrn in großer Gunſt ſtand. Einſtmals trug ihm dieſer auf, die Heldenthaten der alten Könige von Perſien in einem Ge⸗ dicht zu beſingen und verſprach ihm für jeden Vers ein Goldſtück. Ferduſi arbeitete viele Jahre an dieſem Helden⸗ gedicht, das er„Schahnameh“ betitelte, aber es glückte wäh⸗ rend dieſer Zeit ſeinen zahlreichen Neidern, ihn beim Sul⸗ — —-Q—— — 453— tan zu verleumden, ſo daß dieſer, als endlich Ferduſit das Gedicht überreichte, ſtatt eines Goldſtücks ihm nur eine ſilberne Münze für jeden Vers geben ließ. Der ge⸗ kränkte Dichter rächte ſich durch eine bittre Satire an ſei⸗ nem ehemaligen Gönner und mußte vor dem Zorne des⸗ ſelben nach Thus fliehen, wo er in den dürftigſten Verhält⸗ niſſen viele Jahre verborgen lebte. Endlich fühlte der Sultan Reue wegen ſeiner Unbilligkeit, und da er hörte, daß Fer⸗ duſi noch lebe, ſo ſchickte er zwölf Kameele mit prächtigen Gaben nach Thus, um ihn zu verſöhnen. Als aber die Geſandten zu dem einen Thore der Stadt hineinzogen, trug man die Leiche des verbannten Dichters zum andern hinaus.“ „Aber nein! Das paßt auch wahrhaftig nicht hierher!“ rief Auguſte;„denn dort— dort liegt Göttingen, und wirklich ganz ſo, wie der Vater geſagt hat, in der ſchönſten Axend⸗ beleuchtung von der Welt!“ Alle Drei ſahen entzückt nach der Stadt, wo Göckingk und Stolberg den Freund ihrer Jugend finden wollten. Der Poſtillon hielt jetzt den Wagen an und der Be⸗ diente auf dem Bock fragte den Herrn Geheimen Ober⸗ finanzrath, an welchem Gaſthof angefahren werde? „Wo Du willſt, Jean!“ rief der glückliche Göckingk un⸗ geduldig.„Nur macht, daß ich zu meinem Bürger komme!“ Raſch flog der Wagen der Stadt entgegen, bald fuhr er durch das Thor ein und das wohlbekannte Pflaſter dröhnte unter ſeinen Rädern. Am„Könige von England“ hielt er an und kaum ſahen ſich die Reiſenden auf einem Zimmer, als man auch ſchon berathſchlagte, welchen von den Freun⸗ den man rufen laſſen ſolle. Endlich ſchickte man zu Mat⸗ thiſon, aber der Diener brachte die Nachricht, er ſey bei Herrn Bürger. Man ſchickte darauf zum Doctor Junghof * — 454— und deſſen Gattin ließ zurückſagen, ihr Mann ſey bei dem kranken Herrn Bürger. „Krank?“ ſtammelte Göckingk, vom Sopha aufſpringend. „Sehr krank, Ew. Gnaden,“ ſagte der Beſitzer des Hotels. „Ferduſi!“ rief Stolberg, von einer ſchrecklichen Ahnung ergriffen, Auguſte brach in lautes Weinen aus, und Göckingk, ohne ſich Zeit zu nehmen, ſeine Tochter zu nröſten, ergriff ſeinen Hut, der Graf that ein Gleiches und Beide eilten nach Bürger's Wohnung. Als ſie in den Garten traten und nach den von der Abendſonne magiſch beleuchteten Fenſtern hinauf ſahen, erblickten ſie das Eine geöffnet. „Das iſt ſein Schlafzimmer! 2 ſtammelte Göckingt und mußte ſich an des Freundes Arm feſthalten, um nicht um⸗ zuſinken. Bei ihrem Eintritt in das Haus kam ihnen ein ſtarker Moſchusduft entgegen. Haſtig ſtiegen ſie die Treppe hin⸗ auf— die Thüre zur Wohnſtube war nur angelehnt, Stolberg drückte ſie leiſe auf, das Erſte, was ſie ſahen, war Junghof, der betend auf den Kuien lag, und das Haupt wider einen Stuhl gelehnt hatte. Aber noch ehe dieſer ſie bemerkte, trat Matthiſon mit dem Garniſon⸗Me⸗ dicus Jäger aus dem andern Zimmer, ſah die Freunde und ſank mit dem Ausruf:„Ihr kommt noch eben recht!“ an Göckingk's Bruſt. Man kann ſich denken, wie ihnen bei dieſer Nachricht zu Muthe wurde. Keiner von ihnen ſprach weiter ein Wort, ſtumm ſaßen ſie beiſammen, Jäger ging ab und zu. Die Magd brachte neue Arznei,— Junghof ſtellte ſie bei Seite. Jetzt kam Jäger und benachrichtigte die Freunde, daß der Sterbende hinlänglich auf ihren Empfans vorbe⸗ reitet ſey. — 455— „Göckingk! Welch' ein Gang!“ ſagte Stolberg, des Freundes Hand ergreifend. 7 Dieſer konnte nichts ſprechen als:„Nur gefaßt!“ Sie traten in das Krankenzimmer. Die Bette»dine war zurückgeſchlagen, Bürger lag mit nach oben gewandtem Antlitz, die Augen groß und glänzend auf die Decke der Stube gerichtet. Beide Arine ruhten frei auf dem Plumeau, auf welchem im Glanze der Abendſonne jene köſtliche Frühlings⸗ Idylle im alten prächtigen Farbenglanz ſchimmerte, welche ihm einſt Molly auf die weiße Atlasweſte geſtickt hatte. Schon nahm man an den Fingern jenes unheimliche Zucken wahr, mit dem der Sterbende Blumen von der Bettdecke zu pflücken ſcheint, und beſtändig fuhr er mit der Hand über die Weſte, an deren Schimmer ſich heute, wie's ja Molly auch gemeint hatte, die Sorgen des Lebens brachen, gleich der Woge am grünen Blumenſtrand. Er ſchien zu beten oder zu dichten; erſt nach einer langen Weile wandte er das Auge nach Göckingk und Stolberg.„Wenn jetzt eine Thräne käme,“ flüſterte Jäger leiſe zu Junghof,— aber die Thräne kam nicht, ruhig ſah er Beide lange mit verklärten Zügen an, athmete tief und nickte dann Jedem lächelnd Willkomm und Abſchiedsgruß zu. Göckingk und Stolberg konnten nicht länger an ſich halten, Beide ſtürz⸗ ten vor ſeinem Lager auf die Knie nieder und küßten ſeine Hände, Alle wußten es, daß in dieſem Augenblick ein gro⸗ ßer ſeltner Mann ſeinen Geiſt in Gottes Hand zurück gab, und Niemand ſah die beiden Alten, welche in der Thüre des Zimmers ſtanden. Nur Bürger erkannte den Buchon⸗ kel und den Förſter Eckhart, hob leiſe die Hand, und wie jetzt die Sonne ihrem Sänger den müden heißen Tag mit purpurnen Lippen von der Stirne küßte, mehr und mehr ſein Leben in ihren Glanz hineinzog, hörten die Anweſen⸗ den noch deutlich die Worte aus ſeinem Munde: „Staunend bis zum Gruß der Morgenhoren Lag ich, und erwog den freien Schwur, Welchen mir ein Kind der Unnatur Beiſpiellos gebrochen, wie geſchworen. Da erſchien, begleitet von Auroren, Die empor im Roſenwagen fuhr, Jene Tochter heiliger Natur, Ach! zu kurzer Wonne mir geboren. Weinend wie zur Sühne, hub ich an: „Wahn, ich fände dich, o Engel, wieder, Zog in's Netz der Heuchelei mich nieder.“ „Wiſſe nun, o lieber blinder Mann, Sagte ſie mit holdem Flötentone, Daß ich nirgends, als im Himmel wohne!“ Und noch lauſchten Alle und forſchten— aber Zerduſi war nicht mehr in Thus.