deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 3 von Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe intterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 3 5 t4; Abonnament. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 3 für chentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 1 1— nI. 17—„ 1— . 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Willkürlich leben kann Jeder.“ „Kommt her denn, Fulvius und Sophronia!(Meine Sophronia darf ich länger dich nicht nennen!) Reicht mir die Händ'!— Ich gebe dieſe Hand ü An Einen, der euch zärtlich liebt, und glaube, Daß dieſes Herz nicht gegen ihn. So ſeid ihr Nun eins. Und möchten gnädiglich die Götter Des Segens vollſtes Maaß auf eure Häupter Herniederſchütten! Lebet und gedeiht In Glück; und ich verlange andres nichts, Als dies zu ſchaun und dem Geſchick zu danken, Das mich zum Werkzeug auserſah, ſolch' Glück Zu ſtiften unter euch. ** Geliebte mein? Mein Freuud? Wie plötzlich mich das Wort entmannt! 4 Mein Herz iſt ſchwach, und qualvoll kämpf' ich um Die Größe, die ich wollt' behaupten....“ Giſippus. „Das Muß iſt hart, aber beim Muß kann der Menſch allein Goethe. Michelet erzählt uns von Michel Angelo,„daß derſelbe jeden Abend nach ſeiner einzigen täglichen Mahlzeit von ein wenig Brod und Wein, ein Sonnet dichtete, immer über daſſelbe Thema, über die ohnmächtige Anſtrengung der Seele, ſich aus ihrem urſprünglichen Block gleichſam auszumeißeln, zu befreien und über die Schwierigkeit auf die ſie ſtößt, die Idee, welche der Gegenſtand ihres Trach⸗ tens, ihres ſtrengen Gelübdes iſt, von dem Marmor ab⸗ zulöſen.“ Und nicht nur von dem Marmor ſuchen wir die Idee abzulöſen. Das Herz fühlt daſſelbe ruheloſe Sehnen, wie der Geiſt. Liebe und Kunſt ſtreben beide ihr eignes inneres Ideal von den Dingen außerhalb ihrer ſelbſt unabhängig zu machen. Die Kunſt dichtet ihr Sonnet vor dem Mar⸗ morblock, deſſen rohe und geſtaltloſe Maſſe bis jetzt noch die Form unſterblicher Majeſtät und Schönheit verbirgt, welche doch ſchon deutlich und vollkommen in den Träumen des Genius ſtrahlt, und welche des Künſtlers Hand zur 1* Statue bilden und modeln ſoll, zu einer Statue, die, ſelbſt wenn ſie hinter des Schöpfers Vorſtellung zurückbleibt, doch ſeinen Nebenmenſchen die ſchöne Idee verkörpern wird. Und die Liebe in ihrer göttlichen Nympholepſie ſtrömt dem Weibe denſelben Geſang leidenſchaftlicher Sehnſucht zu, der zugleich ein Aufruf und eine Klage iſt. Sie brennt vor Ver⸗ langen, zu finden, ſo wie die Kunſt darauf brennt, zu ſchaffen. Weniger ernſt, obwohl nicht weniger innig in ihrer wilden Sehnſucht, erzittert ſie bei dem glühenden Wunſch, bei dem ſchmerzlichen Bedürfniß, in einem andern Geiſt das verwandte Weſen ihrer eignen Huld, das Abbild ihrer eignen Zärtlichkeit zu finden. Und doch, wenn der Tita⸗ niſche Künſtler, er, der den Moſes ſchuf, die Ohnmacht ſeiner Hand beklagt, die Idee, welche ſeine Seele erfüllt, aus dem Stein auszumeißeln, wie oft muß dann auch die höchſte Liebe, des Mannes, wie des Weibes, über ihr ohn⸗ mächtiges Bemühen trauern, ihr eignes Spiegelbild in einem andern Geiſte wiederzufinden. Wenn wir in Liebe nach der Liebe glühen und ſchmachten, ſind wir ja täglich und ſtündlich in einer demüthigen, obwohl meiſt unbewußten Nachahmung des großen Florentiners begriffen, ein unge⸗ ſprochnes Sonnet an das Weſen zu richten, welches die Idee der Liebe verkörpern ſoll, die unſre Seele aus ſich ſelbſt zu geſtalten ſucht. Lily ſchien mir als eine Verkörperung der geiſtigen und ſinnlichen Holdſeligkeit erſchaffen zu ſein, von der mein Herz in ſeiner ſtummen Einſamkeit ſo lange geträumt hatte. Mir ſchien, als wäre mein Sonnet durch ein ſo melodiſches Echo erwiedert, daß ſeine Klage ſchwieg, ſo wie das Lied der Nachtigall verſtummt, wenn ſüßere Muſik ertönt. Ich wähnte in ihr das Weſen gefunden zu haben, erſchaffen, den Mangel meiner eignen Natur zu ergänzen, ja, daß meine ſchmachtende Idee ein Bild hervorgerufen habe, weit lieblicher als ſie ſelbſt. Wenn der Liebestraum in unſerm Herzen lange von dem blendenden Lichte der Phantaſie an⸗ geſtrahlt worden, ſo bekleiden wir das Weib, daß jenen Traum erfüllt, mit den Attributen des Ideals.“ Ich ſtand ſchweigend und ehrfurchtsvoll vor der Göttin, um die ich ſo lange gefleht, ſtand bei Seit' und lauſchte zärtlich zu ihr empor „Mit des Indiers ſtummer Chrfurcht, Die er einem Sterne zollt.“ Dazu war dieſe Zeit gänzlich von meinem gewöhnlichen Lebenslauf abgelöſt und hatte ſomit etwas Unwirkliches Phantaſtiſches an ſich. Der Aufenthalt in Seanook hatte für mich die ganze Seltſamkeit eines ungewöhnlichen Feſt⸗ tags. Wäre ich Lily zufällig wieder in London inmitten der harten Wirklichkeit meiner alltäglichen Arbeitscarridre begegnet, ſo hätte ich dieſem ſanften Zauber vielleicht nie⸗ mals nachgegeben, ſondern hätte entſchloſſen, mit geſenkter Stirn und niedergeſchlagenen Augen meinen rauhen Pfad der Entſagung und der Mühen weiter verfolgt; aber der verhängnißvolle Zeitraum war eine kurze, ſchöne Epiſode in meinem Leben und die Vergangenheit ſchien wie in eine weite, unbeſtimmte Ferne entrückt. Es war mir, als ob Jahre verfloſſen ſeien, ſeit ich London und mein gewöhn⸗ liches Leben und meine gewöhnliche Thätigkeit verlaſſen; in der That, die ganze geſchäftliche Vergangenheit mit all' ihrem Fürchten und Hoffen, ihrem Irren und Streben, mit ihren Ermüdungen und Erholungen, ihren Sorgen und Ereigniſſen, „Schien draußen fern zu jammern und zu raſen“. Wie aber manche Dinge, welche wir in Stunden nicht vollbringen können, zuweilen im Traum in die magiſchen Grenzen einiger wenigen, nicht irdiſchen Secunden zuſammen⸗ gedrängt werden, ſo währte auch mein Liebestraum, der ſchon ſo lange exiſtirt zu haben ſchien, in Wirklichkeit nur wenig kurze Tage. Mein ganzer Aufenthalt in Seanook war von vornherein nicht über die Dauer einer Woche be⸗ abſichtigt, und obwohl ich in den raſchen, entzückenden, zaubergleichen Stunden, welche auf Flügeln goldener Sommer⸗ fäden vorüberſchwebten, faſt aufhörte, die Zeit zu berechnen, ſo erwachte ich doch eines Morgens mit dem Bewußt⸗ ſein, daß mein kurzer Feiertag zu Ende ging, daß ich nur einen Tag noch mein nennen durfte und daß die kommen⸗ den Tage, wie ſo viele, viele vergangene, wieder meinen ge⸗ wöhnlichen Pflichten gewidmet werden müßten. Der Morgen ward zum Abend, zum Abend des letzten einzigen Tages, den ich in Seanook weilen durfte. Miß Weſton war un⸗ wohl, und die beiden Damen waren ſomit dieſen Morgen an der Bucht nicht ſichtbar geweſen; aber Fritz und ich, wir hatten beſchloſſen, nach Sonnenuntergang in dem Land⸗ hauſe vorzuſprechen. Jener Abend, wie erinnere ich mich ſeiner! ich ſeh' ihn noch, wie unſere Phantaſie ein Bild erblickt oder eine Landſchaft, die ſich gleichſam ſelbſt auf unſer Gedächtniß photographirt hat und die wir uns mit allen Einzelnheiten von Luft und Licht, von Ton und Himmel zurückrufen. Der Nachmittag war trübe, ſchwül und drohend geweſen. Die Luft war ſchwer und drückend, und die Fiſcher prophezeiten ein nahes Unwetter; irgend ein unerklärbarer Einfluß laſtete auf den Gemüthern und drückte die ganze Stimmung nieder. Fritz und ich, wir hatten uns Beide unruhig und verſtört gefühlt, obwohl Dergleichen weniger Wirkung auf ſeine glückliche Natur und ſtrahlende Geſund⸗ heit übte, als auf meine erſchütterten Nerven und ermüdeten Lebensgeiſter. Der drohende Sturm ging indeſſen vorüber, ohne zum Ausbruch zu kommen; die ſchweren, unheilver⸗ kündenden Wolken zerſtreuten ſich und nahmen das trübe Licht, welches ihre finſtern Ränder mit einem ſchwefeligen Roth gefärbt hatte, mit ſich von dannen, die Atmoſphäre ward wieder kühl und friſch, ein leiſer Seewind trieb die brütende, erſtickende Hitze hinweg und der Abend ward klar und lieblich, während die Sonne in unverhüllter Glorie in die weſtlichen Wogen verſank. Nachdem wir den Sonnenuntergang von der hohen Klippe beobachtet hatten, welche ſich öſtlich von dem kleinen Seanook erhebt, nahmen wir unſern Weg zum Landhauſe. Mein Leben war während jener Periode eine Art. von Verzückung und meine gewöhnliche Schweigſamkeit hatte zugenommen. Auch Fritz war während der letzten ein oder zwei Tage unge⸗ wöhnlich wortkarg geweſen, und obſchon unſere gegenſeitige innige Freundſchaft keine Minderung erfahren, ſo hatte doch Jeder Etwas in ſeinen Gedanken, was das Geſpräch zu⸗ rückhielt und das Gefühl abſorbirte. Ich war gleichſam eingeſchlummert in der Einſamkeit meiner geheimen Leiden⸗ ſchaft und wußte zu jener Zeit nicht, was in Fritz's Ge⸗ müth vorging und ſein gewohntes Verhalten änderte. Wir ſchlenderten Seite an Seite dem Landhauſe zu, und ich überſchritt ſeine Schwelle zum letzten Mal, einmal aus⸗ genommen. Wir fanden noch einen andern Beſuch dort, der vor uns angekommen. Es war der ehrwürdige Sydney Lawrence, der Rektor der kleinen Pfarre. Er war ein alter Mann mit Haaren ſo weiß wie Schnee, und mit einem eigen⸗ thümlichen Adel und Wohlwollen in ſeinen Zügen und in ſeiner Haltung. Ich ſah ihn dieſen Abend zum erſten Mal, aber nur allmälich und im Verlauf von Jahren lernte ich einen Charakter in ihm achten und verſtehen, der, wie alle Dinge erhabenſter Schönheit, Zeit und Studien erforderte, bis die Faſſungskraft des Gemüthes ſich hinreichend erweiterte, um ſeine Größe zu begreifen und in ſich aufzu⸗ nehmen. Dieſes Bekenntniß, dieſe Erinnerung meines Lebens und Fühlens zu einer gewiſſen Zeit, hat ſo wenig mit den hergebrachten Regeln der Darſtellungskunſt gemein, daß ich mir erlauben muß, in eine unnöthige Epiſode abzuſchweifen und für einen Augenblick den Gang meiner Erzählung zu unterbrechen, um mich in die Schilderung des einzigen Mannes zu vertiefen, der mir jemals, meiner Erfahrung nach, das Ideal eines chriſtlichen Prieſters in wahrhaft lebendiger Verkörperung vorführte. Vielleicht wird überdieß der eine oder der andere meiner Leſer das tiefe Intereſſe theilen, das ein ſolcher Charakter für mich hat, da, wie Kingsley fein bemerkt, das Mißbehagen, welches der Menſch über einen falſchen Prieſter empfindet, in der That ein Tribut 10 an die Heiligleit des prieſterlichen Amtes ſelbſt und ein Be⸗ weis der hohen und ehrfurchtsvollen Achtung iſt, in welcher man die Idee eines rechten und würdigen Dieners der gött⸗ lichen Myſterien hält. Je näher ich ihn kennen lernte, deſto mehr hörten Chau⸗ cer's„Guter Pfarrer“ und Goldſmith's berühmter„Vicar“ auf, mir als Weſen der dichteriſchen Einbildungskraft zu erſcheinen; ſie wurden zu lebendigen Wahrheiten, zu un⸗ zweifelhaften Möglichkeiten für mein Denken. Er beſaß manche von den Eigenſchaften Beider; aber zu aller Güte und Einfachheit des Vicars fügte er noch die Bildung des Gelehrten, die feine abgeſchliffene und gewandte Artigkeit des Edelmannes und die klare Eiuſicht eines von Natur hellen Verſtandes, deſſen Anſchauungsweiſe durch eine lange Betrachtung göttlicher und geiſtiger Dinge geläutert und geſtärkt war. Daher rührte die ſeltene Gabe, den wahren Zuſammenhang dieſer Welt mit der künftigen zu erſchauen. Er ſah die Dinge in großen Verhältniſſen und erkannte hin⸗ ter dem äußern Anſchein des Böſen den Geiſt der Weis⸗ heit und der Liebe. Da er völlig überzeugt war, daß der Weg zum wahren Glauben und zur Verehrung für Gottes himmliſches Reich nicht durch manichäiſche Verachtung und Verläſterung des irdiſchen Reiches Gottes führt, und daß ein Menſch ſich tauglich für dieſes Leben gezeigt haben muß, — 11— ehe er für ein höheres tauglich iſt, ſo waren die Ausdrücke „fleiſchlich“ und„weltlich“ nicht immer auf ſeinen Lippen, um in ſchnaubendem Zorn auf irgend eine würdige An⸗ ſtrengung zur Entwickelung der Talente bezogen zu werden, die, vielgeſtaltig und mannigfach wie ſie ſind, den Sterb⸗ lichen von der Gottheit verliehen worden. Die Wahrheit hatte ihn frei gemacht. Ziemlich bereit, Fehler zu entdecken, obenein vielleicht geneigt zu einer krankhaften Chrakterzergliederung, bin ich doch unempfindlich gegen die kleinen menſchlichen Flecken und Gebrechen, welche ein moraliſches Mikroſkop ohne Zweifel in den erhabenſten Charakteren entdecken würde. Wenn ich mit ſolchen in Berührung komme— und oft begegnet dies keinem Menſchen— ſo erfüllt mein Gemüth ein tiefer Geiſt der Ehrfurcht, der Verehrung und des Ent⸗ zückens. Ich fühle mich erhoben, das große Ganze zu über⸗ ſchauen, und die Stimmung der Seele, in der wir uns erniedrigen, unbedeutende Einzelheiten zu prüfen und gering⸗ fügige Mängel zu ergründen, iſt erweitert und veredelt. Dieſe Richtung meines Denkens, mag ſie ein Fehler ſein oder nicht, bewahrte mich immer davor, die kleinen Schwächen und Unvollkommenheiten dieſes großen, guten Prieſters zu erkennen, und deshalb muß meine Schilderung den Tadel hinnehmen, das Portrait eines Mannes zu ſein, der der — 12— Vollkommenheit zu nahe ſteht, um Sterblichen natürlich zu erſcheinen. Diejenigen, welche ihn während ſeiner vierzig⸗ jährigen Amtsverwaltung gekannt hatten, fanden es un⸗ möglich zu ſagen, ob er der hohen oder niedern Kirche an⸗ gehöre; aber Alle kamen darin überein, daß, wie es hiermit auch ſein möchte, er ſicherlich zur chriſtlichen Kirche gehöre, und Alle fühlten und erkannten an, daß er ſein hohes Amt kraft einer reinern und unmittelbarern Autorität verwalte, als durch irgend welches Händeauflegen. Er betrieb keinen handwerksmäßigen Beruf, ſondern übte thatſächlich und in lebendiger Wahrheit eine Heilung der Seelen. Ebenſo weiſe als mild, war er mit dem klaren Inſtinkt begabt, Irrthum von Laſter zu trennen, und nicht minder beſaß er ein echt chriſtliches Mitgefühl für alle Geſchöpfe des großen Schöpfers, für alle Klaſſen und Beziehungen der Weſen, die, als Erbe des Hauſes geboren, welches viele Wohnungen hat, ſich für ein paar kurze Jahre auf der Oberfläche dieſes kleinen Planeten zwiſchen Himmel und Erde bewegen und ſich in ihrem kurzen Durchgang durch dies ſterbliche Leben durch ſo manche wunderbar complicirte ſociale Verwickelungen und oft durch verächtliche menſchliche Lügen hindurchwinden müſſen. Ob⸗ wohl durch und durch ein Gentleman, war er doch gänz⸗ lich frei von Vornehmthun und hielt nicht, wie ſo Mancher ſeines Berufs, den Armen mit einer„ſilbernen Gabel“ in 13 gehöriger Entfernung. Sein Leben floß dahin in feierlicher Melodie, wie ein Gedicht von dem feinen, frommen George Herbert. Er beſaß nichts von jener ſalſchen Würde, die ſich von der echten immer durch ihre gänzliche Unfähigkeit unterſcheidet, vermöge ihrer eignen Kraft aufrecht zu ſtehn, die immer der Hülfe irgend eines weltlichen Betruges be⸗ darf, um ſich darauf zu lehnen, irgend einer Formel zur Unterſtützung. Er aber erhob ſich gerad aufrecht, wie ein Thurm, unter den Kriechern ſeiner Art vermöge eines ſtar⸗ ken, aber der gewöhnlichen Faſſungskraft nicht ſichtbaren Bandes, welches nachgab und ihm folgte, wohin er ging, und ihn immer mit dem Himmel verknüpfte. Ich ſage, daß er aufrecht ſtand, wie ein Thurm; das Wort iſt wahr und braucht nicht zurückgenommen zu werden; aber es war dies der Fall ohne menſchlichen Stolz, ohne hochmüthige Haltung; denn während ſein ganzes Weſen in den Augen der wahrhaft ſehenden Menſchen hoch aufſtrebte, ging er doch, das Haupt ehrfurchtsvoll vor dem Himmel gebeugt, als kenne er den Spruch: „Himmelspfort' iſt hoch nicht wie der Fürſten Thür: Knie'n muß, wer will eingehn hier. Es war ein tapferer Kämpfer der ſtreitenden Kirche, aber immer mit jenem Ithuriel⸗Speer bewaffnet, der eben ſo wohl heilen als verwunden kann. Nur der Falſchheit allein war er ein ſtrenger, rückſichtsloſer Feind; alle menſch⸗ lichen Dinge, welche den Stempel der Wahrheit trugen,? hatten Bedeutung für ſein tiefes Wohlwollen und ſeinen um⸗ faſſenden Geiſt und er nahm warmen Antheil an allem Thun und Treiben der Menſchen. Indem er dem Menſchen Liebe zuſtrahlte, ſetzte er ſeine kleine Pfarre mit der unſicht⸗ baren Quelle aller Liebe in Verbindung. An ſeine kleine Heerde und ſein ſtill verborgenes Vicariat durch fromme Er⸗ gebenheit gefeſſelt, würde er, glaub' ich, ſeine beſcheidene Stelle kaum für die weltlichen Würden und jene geiſtlichen Be⸗ förderungen vertauſcht haben, welche erfordern, daß ihre In⸗ haber die Frucht des verbotenen Baumes gekoſtet haben und ihre wohl bewußte Schande klüglich bemänteln. Er wurde von ſeinen Pfarrkindern angebetet, beſonders aber von den armen, den betrübten und kummerbeladenen. Eifrig ohne Bigotterie, rein ohne Aſcetik, gelehrt ohne Pedanterie, zart ohne zerfloſſen zu ſein, mildthätig ohne Prahlerei, das Rechte thuend, weil es recht iſt, handelte er, wie ſtets des unſichtbaren Auges ſich bewußt und lebte— ein Fleiſch ge⸗ wordenes Band zwiſchen dem Sichtbaren und Unſichtbaren— ein Leben ſo edel, als es dem Menſchen erreichbar iſt— das Leben eines echten Prieſters. Er war zu der Zeit, von welcher ich ſchreibe, Wittwer; aber obwohl viel allein, war er doch niemals einſam. Seine einzige Tochter war verheirathet und lebte in der benach⸗ barten Grafſchaft. Seiner Häuslichkeit ſtand eine alte Wirthſchafterin vor, welche von Jugend an bis zum Alter auf dem Rektorat gelebt hatte und wahrſcheinlich bis zum Tode da zu leben gedachte. Das Gemiſch von Anhänglich⸗ keit und Unterwürfigkeit, das ſie für den Rektor hegte, war halb rührend, halb beluſtigend. Sie konnte bei ſich ſelbſt niemals ſeinen amtlichen und häuslichen Charakter ganz vereinbaren; ſchwer nur konnte ſie begreifen, daß der ſtatt⸗ liche„Pfarrer“, welcher in rauſchender Robe mit andäch⸗ tigem und ehrfurchtsvollen Blick auf die Kanzel ſchritt, um dort zu halten, was die alte Alice ſehr richtig als„ſo ſchöne Predigten“ bezeichnete, derſelbe Mann ſei, der am eignen Herd mit freundlicher Theilnahme auf ihr Geplau⸗ der hörte und ſo einfach, ſo leicht erfreut und befriedigt war. Uebrigens hielt ſie das Rektoratshaus in guter Ord⸗ nung und machte es ihrem muntern alten Herrn bequem, indem ſie ihm Alles ſo einzurichten ſuchte wie„zu Miſſi's Zeit“; und das gefiel dem Rektor am beſten. Kehren wir nun aber zu jenem Abende zurück, an dem ich ihn zuerſt ſah. Fritz wurde mit Fremden viel ſchneller bekannt, als ich, aber beide fühlten wir uns in ungewöhnlichem Grade zu dem heitern und doch ehrwürdigen alten Manne hinge⸗ zogen, und beide, je nach unſerer Art und Weiſe, wurden wir vertraulicher mit ihm. Das ſtille Landhaus war ein glücklicher Ort, eine Annäherung an ihn zu begünſtigen. Indeſſen Jugend hält zu Jugend, und Jugend beſonders zu Schönheit, und wir Beide, Fritz und ich, ſchienen eine natürliche Anziehungskraft für Lily zu empfinden, während Miß Weſton ſich hauptſächlich ihrem hochverehrten Gaſte widmete. Wir trennten uns durch eine Art natürlicher Conſequenz in zwei Gruppen. Zufällig hatte ich Lily Felicia Heman's Gedichte geliehen, und ſie war hoch ent⸗ zückt von der klagenden ſilbernen Melodie einiger dieſer auserleſenen lyriſchen Verſe. Wir begannen über dieſelben zu ſprechen, und ich ſuchte lange vergeblich nach einem ge⸗ wiſſen Gedichte, das ich ihr zu zeigen wünſchte, wogegen Fritz emſig ſein Lieblingsgedicht herausſtrich. Da ich während ihrer langen und lebhaften Erörterung das Buch zur Hand genommen, ſo ergriff mich unbewußt die Ge⸗ wohnheit des einſam Studirenden, ich vertiefte mich beim Leſen. Als ich plötzlich aufblickte, ſah ich, daß Miß Weſton und Mr. Lawrence ſich tief in eine Unterhaltung über Er⸗ ziehung und wohlthätige Unternehmungen eingelaſſen hatten, mit beſonderem Bezug auf die Schulen und milden An⸗ ſtalten, welche der gute Vicar in Seanook geſtiftet hatte und für deren Gedeihen er das wärmſte Intereſſe hegte, — 17— ein Intereſſe, welches ihm, wie ich ſehen konnte, auch ſeiner ſanften Zuhörerin mitzutheilen gelungen war. Lily und Fritz hatten das Zimmer verlaſſen. Ich bildete mir ein, daß ihre Abweſenheit ein ſcherzhafter Verweis für meine ſchlechte Lebensart ſei, und da ich ungewiß war,— ſo wie ein plötzlich erwachender Menſch ungewiß iſt, wie lange er geſchlafen hat,— wie lange ich bei meinem Buch mich ſelbſt vergeſſen, ſo fühlte ich mich ſehr beſchämt und hatte faſt Bange, ihnen gegenüber zu treten. Nach einer Pauſe des zögernden Schwankens beſchloß ich, ihnen zu folgen, und für meine Vergeſſenheit durch ein reuiges Bekenntniß und eine Bitte um Entſchuldigung zu büßen. Mein Ent⸗ ſchluß war um ſo raſcher gefaßt, als ich es nicht ertragen konnte, in dem durch ihre Gegenwart geheiligten Hauſe lange von Lily getrennt zu ſein. Ich hielt es der Schön⸗ heit des warmen Sommerabends nach für wahrſcheinlich, daß ſie in den Garten gegangen ſeien, ließ mich leiſe und unbemerkt durch das offene Fenſter gleiten— eines von denen, welche bis zum Boden reichen und ſich unterhalb der Mitte öffnen— und ſchritt zum Garten. Für einen Augenblick hielt ich an, den Duft der rings um die Pforte gezogenen und auf einem zierlichen Geſtelle in Vaſen blühen⸗ den Blumen zu genießen, Blumen, welche beide Damen ſehr liebten. Dann ſchlenderte ich den glatten, weichen Die drei Pfade. II. 2 — 18— Grasplatz hinab und bemerkte, als ich einen Augenblick aufſah, den einzigen Stern der Hoffnung und Liebe, an dem klaren Blaßblau eines milden Himmels zitternd, über den ſich der tiefe Purpur des Abends langſam verbreitete. Der Stern ſtand gerade vor mir, über dem Ende des Gartens, und obwohl es noch kaum vollſtändig Abend war, begannen die Umriſſe aller Dinge ſich in den köſt⸗ lichen Halblichtern der ſüßen Dämmerſtunde zu verwiſchen und zu verſchmelzen. Aber ich ſah weder Fritz noch Lily. An dem ſtillen und milden Abend, fühlte ich, würde es eine Art Entheiligung geweſen ſein, laut zu rufen, und ſo ſchritt ich, indem ich mein Inneres mit der Schönheit der Stunde beruhigte und läuterte, langſam weiter. In einiger Entfernung vom Hauſe erweiterte ſich der Garten, und an einer Seite ſprang die Mauer zurück, um einem breiteren Terrain Raum zu geben. Ein mit Clematis und Geisblatt berankter Gitterbogen öffnete ſich vor einem freien Plätzchen, das ſich bis zu einer ländlichen Laube erſtreckte. Meine langſamen Schritte waren auf dem weichen Gras geräuſchlos, und als ich im Begriff ſtand, unter dem kleinen Bogen durchzuſchreiten, hielt ich plötzlich an wie zu Stein erſtarrt. Ich blieb wie feſtgewurzelt vor der unerwarteten Erſcheinung, der mein Auge begegnete. Da ſtanden Fritz und Lily. Auf einen — 19 Augenblick trat all' mein Blut zum Herzen zurück und ſtürzte ſich dann wogend zu Gehirn und Schläfen, als ich ihre Formen unterſchied. Lily ſtand ein wenig bei Seit', mit dem Ausdruck furchtſamen Zurückweichens in ihrer Stellung. Eine Hand war zurückgezogen und feſt ge⸗ ſchloſſen, als ob ſie einem Verſuch, ſie zu ergreifen, wider⸗ ſtanden hätte. Ihre Augen waren niedergeſchlagen, ihre Wangen geröthet, ihre Bruſt hob ſich— und doch, trotz alles ſcheuen Ausweichens ihrer mädchenhaften Sittſamkeit entging mir nicht eine Art mit ſich ſelbſt kämpfenden Luſt⸗ gefühls. Fritz ſtand ein paar Schritte von ihr. Obwohl ich die Worte nicht erfaßte,— denn mein Hirn ſchwindelte und in meinen Ohren war ein wildes Brauſen— konnte ich die leiſen, tiefen, gebrochnen Laute ernſter Leidenſchaft hören; ich konnte ſehen, ſehen in ſeiner ganzen Miene, ſeinem Blick, ſeiner Bewegung, daß ſein Herz das Schweigen ge⸗ brochen hatte, und mit wilder, brennender Beredtſamkeit um Erwiederung der eben geſtandenen Liebe bat. Ich konnte mich nicht rühren, ich konnte mich nicht zur Flucht wenden, ich war wie zu Marmor verwandelt, und wie ich daſtand ohne Athem noch Regung, hatte ich keine andere Wahl als zu warten und zu lauſchen. Der Sprecher ward immer heftiger, da etwas in Lily's Ausſehen ihm Gewißheit der Erwiederung gab. Er trat näher an ſie heran, nahm ihre 2* — 20— Hand, die ſie ihm diesmal ſchon halb überließ. Er flehte nur um ein Wort, ein Wort der Vergebung, ein Wort der Hoffnung, und ich hörte nicht,— aber ich ſah,— Gott, daß ich es ſehen mußte!— wie ihre zitternden Lippen leiſe eine ſanfte Einwilligung flüſterten, welche der Leiden⸗ ſchaft Hoffnung und dem kommenden Leben Segen ſpen⸗ dete. Mein Herz wollte zerſpringen in einem wilden, lauten Schrei. Irgend„ein Geiſt in meinen Füßen“ trieb mich unwiderſtehlich an, mich zwiſchen ſie zu ſtürzen und zu ſprechen, zu ſagen— was ſagen?— was Andres, als Tollheit, Wahnſinn— vielleicht Verbrechen! Dem Himmel ſei Dank! ich bezähmte die wilde Regung. Aber die An⸗ ſtrengung gab meinem Weſen wieder Willenskraft; ich wendete mich hinweg von der verhängnißvollen Laube, über der der Stern der Liebe noch immer zitterte, und floh mit ſchnellen, geräuſchloſen Schritten durch den dun⸗ keln Garten. Ich erreichte die Halle, von Niemand be⸗ merkt. Leiſe öffnete ich das äußere Thor mit einer ſelt⸗ ſamen, verſtohlenen Geſchicklichkeit; ich ſtürzte aus dem Hauſe, und als mein Bewußtſein wiederkehrte, befand ich mich an der öden Bucht, auf⸗ und abſchreitend mit der hef⸗ tigen, zielloſen Unruhe des Wahnſinns.. Es war kein Traum, und ich war unendlich verlaſſen. Zuerſt konnte ich nicht denken, ich konnte nur fühlen, und — 21— dies Fühlen war eine einzige, wilde, ſchmerzende, raſende Angſt. Ich ſetzte mich nieder auf einen Felſen, zu meinen Füßen rieſelnd den milchigen Schaum; und mein Geſicht in den Händen begraben, verſuchte ich zu denken, nachzu⸗ denken, was ich thun ſollte. Thun?— bei der bloßen Idee des Thuns, einer Idee, welche eine unbeſtimmte, nebel⸗ hafte Form annahm, die ſich aus dem ſiedenden Chaos meines Gemüths zu geſtalten ſtrebte, konnte ich nicht länger ſtill ſitzen, ſondern ſprang wieder auf und begann von Neuem mein haſtiges Auf⸗ und Niederſchreiten auf dem goldigen Sand. Dann zuckte ein Blitz durch den Sturm meines Denkens, und ein jäher Entſchluß zu einer verzweifelten That— ich weiß nicht welcher— ſtachelte meine unruhige Phantaſie und unterdrückte ſogar für den Augenblick die Empfindung unausſprechlicher Pein. Sollte ich mich zahm einem ſo großen Verluſt, einem ſo großen Unrecht unterwerfen? Sollte ich daſtehen und das einzige Weib, deren Liebe meine Erde in ein Paradies verwandeln konnte, mir, ohne ein Wort zu reden, ohne, wenn es ſein müßte, einen Schlag zu führen, durch einen Andern entriſſen ſehen? Nein, ich wollte zu ihr gehen und ihr Alles ſagen, Alles; mein über⸗ volles Herz in Leidenſchaft und Zärtlichkeit ausſchütten. Und als ich Alles bedacht, was ich ſagen konnte,„ſchlugen feurige Flügel aus meiner Seele“; in der eingebildeten 22— Beredtſamkeit der Angſt fühlte ich meine Verzweiflung gip⸗ feln„zu erhabener Macht“. Und dann dachte ich wieder an ſie. Ich ſchwelgte in der Qual, ihr reines, ſüßes Bild vor meine fieberhaften Augen zu ſtellen in ſeiner ganzen Glorie, in all' ſeinem Zauber. Ich ſah ſie ſo, wie ſie Anderen erſcheinen mochte; dann aber, über eine ſo kalte Werthſchätzung entrüſtet, malte ich ſie in dem vollen Fluge und Schwunge der Phantaſie, wie ſie mir, mir allein er⸗ ſchien. Konnte je ein Andrer ſie lieben, wie ich? ſo zärt⸗ lich, ſo ergeben? War das nicht ein anderer Reichthum als Gold? Konnte ich nicht wenigſtens einen Schatz von Liebe darbringen, reich genug,„eine ganze Wüſte auszu⸗ füllen?“ Die Begeiſterung meiner Abgötterei durchſchauerte mich mit dem Gefühl, daß ich ſie noch jetzt gewinnen müſſe, daß kein Herz ſo weit ſei, eine Liebe zu faſſen, ſo mächtig, wie ich die meine fühlte, und die dennoch umſonſt geweſen ſein ſollte. O, es war eine Stunde des Wahnſinns; nur daß Wahnſinn nicht mit ſolcher Todesangſt tobt, ſich nimmer ſolcher Pein bewußt iſt, wie ich ſie damals fühlte. Und doch war mein Denken nicht zuſammenhängend, ſondern eilte von Weh zu Weh, wie der raſche Blitz von Wolke zu Wolke fährt. Eine kurze, glühende Sekunde lang dachte ich, es möchte noch Hoffnung ſein. Sie, ſo verehrt, ſo angebetet, — 25 ſie war nicht— konnte mir nicht verloren ſein— für immer! Ich hatte ihr ja noch nie von meiner Liebe geſprochen; ich hatte auf's Peinlichſte— und mit wie viel Anſtrengung!— jede Kundgebung meiner tiefinnigen Zärtlichkeit verheimlicht. Wenn ſie mich hörte— ach, ſollte ſie mir nicht vergelten? Dann wieder verdunkelte die jäh hereinbrechende Fluth meiner großen Sorge jeden Hoffnungsſtrahl und ließ mir nur die Finſterniß der Verzweiflung. Aus jener leeren Finſterniß erſtand der Gedanke an ihn, an ihn, nicht als an meinen alten theuern Freund, ſondern als an meinen Beleidiger, Verräther,— meinen Nebenbuhler. Nebenbuhler! Welcher ſtolze Mann könnte ſich je erniedrigen zur Nebenbuhlerſchaft in der Liebe? Warum betteln, ſchwänzeln und intriguiren gegen einen Andern? warum ſich mitbewerben und wett⸗ eifern und manövriren, durch Geſchick und Liſt eine Liebe zu erlangen, welche aus der Wahl der Seele entſpringen, Alles in der Welt ſonſt überſehen und unbeſtritten auf Einen ſtrahlen muß? Nebenbuhler konnten wir nimmer ſein— aber Feinde, ja. Und er ſollte mir weichen, weichen einem klaren ältern Recht, ſo wie der Macht und Majeſtät meines Willens, welcher ſo kräftig in mir ſtrahlte, daß mein Leib zitterte, dieſe geiſtige Macht feſtzuhalten. Sollte er ſie mir entreißen, ſie, nach der ich aus meinem dürren, fruchtloſen Leben ge⸗ trachtet hatte, wie die Motte nach dem Stern? Nimmer⸗ — 24— mehr! Und dann ſchrak ich zuſammen, wie ein Menſch, der niederblickt und eine Schlange um ſeinen Fuß geſchlun⸗ gen ſieht, vor der Niedrigkeit meiner Geſinnung gegen ihn. Ich ſchüttelte den ſchwarzen Tropfen ab von meinem wunden Herzen und ließ ſeiner edeln Natur Gerechtigkeit widerfahren. In einer jener Gefühlsebben, die in Augenblicken hoher Erregung gewöhnlich ſind, erkannte ich vollkommen an, daß das Unrecht, was er mir that, wenigſtens unbewußt war; ich wiederholte mir ſelbſt, daß er meine Liebe zu Lily nie gekannt hatte, und ich ſprach ſein großmüthiges, männliches Herz von jedem Verrath, von jener Niedrigkeit frei. Als ich Fritz wieder im wahren Lichte erblickte, geſtand ich mir ſelbſt,— obwohl ungern und mit bitterm Schmerz,— wie würdig er ihrer war— wie viel würdiger als ich— ausgenommen in der Innigkeit meiner Liebe, die, wie ich glaubte und wie ich noch glaube, kein Anderer übertreffen konnte. Auch gab ich zu, daß die Urſachen, die meine Zunge ſo lange gebunden hatten, noch immer in Kraft ſtanden. Ich war noch immer arm, noch immer hoffnungslos. Ich hatte kein Recht, noch ein andres Leben mit den Schatten zu verdunkeln, die mein eignes umwölkten. Dies Gefühl erleichterte zwar nicht meinen Gram, aber es lenkte ihn in eine andre Bahn. Ich konnte nicht länger ein bittres Gefühl gegen meinen alten lieben Freund hegen. Ich be⸗ — 25— neidete ihn nicht länger um ſein glücklicheres Loos, und ſanftere, ruhigere, obwohl tief ſorgenvolle Empfindungen durchzitterten mein blutendes Herz. Wieder ſaß ich auf meinem wellenbeſpülten Felſen. Ich hielt meine ruheloſen Schritte an, und zum erſten Male, ſeit mich mein Wahn⸗ ſinn zur Bucht geleitet hatte— denn bis jetzt hatte ich nur abwärts geſchaut und mit Augen, die Nichts wahr⸗ nahmen— blickte ich um mich und— über mich. Die Nacht war ruhig und ſchön. Hoch in den oberſten Schichten der Atmoſphäre trieb eine Heerde dünner, leichter, weißer Cirruswölkchen langſam über den Himmel, während die Bläue der Sommernacht, durchzittert von der Sterne goldenem Licht, zwiſchen den wolligen Flocken der ziehenden Wölkchen leuchtete, die von Zeit zu Zeit ein Sternbild gänzlich verdunkelten oder wenigſtens einen Theil ſeiner Sterne verbargen. Der Mond war verſteckt hinter einer ſchweren Maſſe tieferen Gewölkes, das ſich vom Horizont aus verbreitete, wo Himmel und Erde in Finſterniß in⸗ einanderfloſſen und in einer langen, gezackten Linie endete, hinter welcher die höheren Cirruswolken hervorzukommen ſchienen. Der Rand dieſer zackigen Wolkenlinie war be— ſäumt mit einem bleichen, unbeweglichen Licht, welches das Verſteck des Mondes verrieth, und als ich hinblickte, trat er plötzlich hinter der langen Wolkenbank hervor und ergoß 26— ſich ſilbern über die See. Und dann ging über den breiten, hellen Schimmer, der auf den ruheloſen Wogen zitterte, langſam ein großes Schiff hinweg, mit ſeinen weiten Segeln und ſeinem mächtigen Rumpf eine ſchwarze, ſchat⸗ tenhafte Maſſe, wie das Phantom eines Fahrzeugs. Der Seewind war mild, warm und ſchwellend, wie die ſanften Seufzer träumender jugendlicher Leidenſchaft. Die Ebbe ließ den braunen gerippten Seeſand zurück, feucht und funkelnd im Mondlicht, welches oben an dem Zollwacht⸗ gebäude hoch über der luftigen Klippe und an den unregel⸗ mäßig zerſtreuten Häuſern des ſchlafenden Dorfes weiß glitzerte, während jedes Wölkchen, jeder fleckenloſe Stern heller in dem reinen und geweihten Lichte ſtrahlte. Die ganze Nacht verlor etwas von ihrem Schweigen, ihrer Stille, als alle Dinge ſich in dieſem feierlichen Glanze badeten. Ich blickte um mich und aufwärts. Wenn wir von der Oberfläche dieſes unſeres Planeten über die irdiſche Atmoſphäre hinaus in den unendlichen Raum blicken, wenn wir in dem großen Tempel der Nacht ſtehen und ihren feierlich heiligen Einfluß fühlen, dann erweitert ſich unſer Sinn, ſprengt die Grenzen unſeres einheitlichen Selbſt und taucht überwältigt in das weite Ganze des Univerſums. Und als ich auf dieſe Sterne ſah— dieſelben Sterne heute noch, wie damals, als der Chaldäer in ſeiner Sternen⸗ — 27— lehre das Myſterium der harmoniſchen Geſetze ihres Weſens zu verſtehen ſtrebte— gedachte ich der Myriaden auf My⸗ riaden von Menſchen, auf welchen ihre blickloſen Augen geruht hatten; ich gedachte der Zeitalter, die gleich Wolken unter ihrer unveränderten Glorie dahingezogen waͤren, und ich erinnerte mich, daß in jenem ganzen Zeitraum „Nie ein Morgen ward zum Abend, Ohne daß ein Herz zerbrach!“ Wie ich ſo daſtand in der mächtigen Arena der Natur, deren feierliche Ruhe und unausſprechliche Schönheit mit einer Empfindung der göttlichen Allgegenwart erfüllt ſchien, da fühlt' ich, ich— das Geſchöpf in den Hallen des Schöpfers— die Kleinheit meines perſönlichen Kummers, als würden dort in jenem Himmelslichte die Thränen der Sorge zu Edelſteinen verwandelt. Einen Augenblick früher hatte ich geglaubt, kein Weh wäre je dem meinen gleich gekommen; nun fühlt' ich, wie manch' ein wichtigeres Leiden ſchon von der Erde zu demſelben Himmel hinaufgeblickt habe, der ſich jetzt über mir ausbreitete. In der That, dieſer Gedanke beſänftigte meinen Kummer, obwohl er ihn nicht zu unterdrücken vermochte. Die dumpfe Schwere einer eben empfangenen großen Erſchütterung wuchtete noch immer „Auf Hirn und Sinn und Seele mir.“ — 28— Solch' Elend ſcheint unſeren Tritt von der Alltagswelt abzuwenden und nns in einen tiefen ſchwarzen Pfuhl zu tauchen, ſo eng, daß wir die Flügel des Glaubens und Vertrauens nicht ausbreiten können, welche uns empor⸗ heben und tragen würden zur Gnade und Liebe. Ich war betrübt und niedergedrückt; ich lag zerquetſcht und blutend und hatte nicht einmal die Kraft, um Hülfe zu rufen. Das Leben erſchien mir eine Beſchwerde, eine Qual, ein Opfer, ein Weh— warun ſollte ich kämpfen, es länger zu erhalten? Ich hätte mich in dieſem Augenblick auf das mondbe⸗ ſchienene Ufer niederlegen können, verſunken in den tiefen Schlummer der Erſtarrung, „Bis ſacht wie Schlaf der Tod mich überzieht, Und bis ich's fühl', wie in der warmen Luft Die Wange mir erſtarrt, das Leben flieht, Und leiſe noch das Meer mir ſummt ein letztes Lied.“ Dieſer hoffnungsloſe, erſchöpfte Empfindungszuſtand war die ſchreckliche Reaktion des erſten großen Paroxismus meines Verluſtes. Ich fühlte mich ſo verloren, ſo ver⸗ laſſen auf Erden. Bei Naturen, wie die meinige, iſt die Liebe keine Blüthe der Schwärmerei, ſondern eine tiefe, innige Leidenſchaft der Phantaſie; ſie iſt verknüpft mit allen Fibern des Seins und verwoben mit dem Traum des — 29— Lebens; ja ſie überdauert das Leben ſelbſt und reicht hinein bis in's künftige. Ich ſaß noch immer hoffnungslos gegen den kalten, rauhen Felſen gelehnt, als ich eine Hand auf meiner Schulter fühlte und Fritz, der ſich unbemerkt genähert hatte, neben mir ſtand. Ich verbarg mein Antlitz, aber obwohl ich ihn nicht ſah, wußte ich inſtinktiv, ſelbſt ehe er ſprach, daß ſein ganzes Weſen von der inneren Erregung einer großen Freude durchſchauert ward. Er war eben ſo voll von Glückſeligkeit, als ich voll Jammer. Die Sterne blickten herab auf zwei Liebende, welche geradezu an den beiden entgegengeſetzten Polen des Empfindens ſtanden— der eine, glühend von einer Wonne, die all' ſeine Träume überſtieg, und der andere für einen Sterblichen faſt zu tief leidend. Ich ſuchte die höchſte Selbſtbeherrſchung zu üben; ich bemühte mich, die zerriſſenen Fäden meines zerſchmet⸗ terten. Denkens und Fühlens zuſammenzufaſſen. Ich wünſchte, o, wie wünſchte ich es! gerecht und treu gegen meinen treuen Freund zu ſein! Ich beſchloß, mit all' meiner Willenskraft mein peinliches Geheimniß vor ihm zu ver⸗ bergen; ich wollte ihm die Qual erſparen, zu wiſſen, daß ſein Sieg ſich auf meine äußerſte Niederlage gründete, daß ſeine glückliche Zukunft ſich auf den Trümmern meines ganzen Lebens aufrichtete. So ſehr hatte ſich unſere Lage verändert, daß es mich in meinem Gefühlszuſtand hart an⸗ kam, ihn anzublicken und gegen ihn zu handeln wie früher. Mit mir ſelbſt noch ringend, hörte ich auf ſeine Worte: „O, Grey, mein lieber alter Freund, wünſche mir Glück— wünſche mir Glück! Ich bin ſo froh— o ſo froh! Ich habe Lily meine Liebe geſtanden— ich liebte ſie ſeit dem erſten Augenblick, wo ich ſie ſah; ich hätte es Dir ſo gern zuerſt erzählt, aber Du ſchienſt mir ſeither ſo ſchweigſam und zerſtreut. Ich wagte es dieſen Abend, ihr meine Liebe zu bekennen,— der Guten, Reinen, Holden— und o, Grey!— ich denke, ſie liebt auch mich! Stelle Dir es vor! Ich bin halb toll vor Glück! Eben erſt habe ich das Haus verlaſſen; ich konnte mir nicht helfen, ich mußte fortſtürmen, Dir Alles zu erzählen. Ich weiß, mein lieber alter Freund, daß Du meine Wonne mit empfindeſt!“ Er ergriff meine Hand und ich ſah mich nach ihm um. War da irgend etwas in meinem Geſicht— ich weiß es nicht, aber er fuhr zurück.„Mein Gott, Grey, wie übel ſiehſt Du aus— Du ſiehſt um zehn Jahre älter aus, als da ich Dich dieſen Abend zuletzt ſah! Was fehlt Dir? Laß mich einen Arzt holen; komm' nach Hauſe— was kann ich für Dich thun, mein lieber, lieber Junge?“ „Fritz“, ſagte ich, nich danke für Deine Freundlichkeit. Zuerſt laß mich Dir Glück wünſchen— ich wünſche es Dir — 31— in der That auf's Herzlichſte. Ich bin nicht wohl, glaub' ich— ich bin ſchon ſeit ein paar Tagen nicht wohl ge⸗ weſen,— und dieſen Abend bin ich ſehr krank. Ich muß ſogleich nach London und unſern Freund Dr. Barton ſprechen. Ueberdieß weißt Du, iſt mein Feiertag zu Ende. Wie kann ich dieſen Ort verlaſſen— jetzt ſogleich? Denke nach ſtatt meiner, Fritz— ich kann jetzt nicht denken. Und ängſtige Dich nicht um mich, ich werde bald wieder wohl ſein— nur muß ich fort von hier gleich dieſen Augenblick!“ „Du kannſt doch dieſe Nacht nicht fort, Grey. Die Poſt fährt vor acht Uhr Morgens nicht nach der Eiſen⸗ bahn ab.“— Seanook war zu jener Zeit gegen dreißig Meilen von einer Eiſenbahnſtation entfernt.—„Außer⸗ dem biſt Du zu krank— wie Deine Hand zittert! Nein, dieſe Nacht mußt Du bleiben. Nimm meinen Arm und komm' nach Hauſe. Du kannſt am Morgen reiſen, wenn Du wohl genug biſt. Aber ich würde auch nicht am Morgen reiſen, wenn ich wie Du wär', ſelbſt wenn Du wohler biſt, weil Du ja dann nicht im Stande wärſt, Lebewohl zu ſagen zu Miß Weſton und—“ „Ja, Fritz, am Morgen muß ich reiſen, wenn ich dieſe Nacht nicht kann!— Das Erſte iſt— ich kann hier nicht bleiben. Mich verlangt ſo ſehr nach London. Du mußt — 32— den Damen in meinem Namen Lebewohl ſagen. Es würde mir leid thun, ſie mit meiner Krankheit zu beunruhigen. Nun will ich nach Hauſe gehen, Fritz, um morgen zeitig bereit zu ſein.“ „Ich konnte gar nicht begreifen“, warum Du uns dieſen Abend ſo verließeſt. Ich geſtehe, für einige Zeit vermißte ich Dich nicht, denn im Garten, wo ich—“ Ich unterbrach ihn mit einem unwillkürlichen Ausruf, den Fritz, mit der Qual, die er mir auferlegte, völlig un⸗ bekannt, dem Schmerz zuſchrieb, den mein Unwohlſeiu mir verurſache. Ich ſcheute jede Anſpielung auf die Scene des Abends, ſo wie der Leidende jede Berührung der Ner⸗ ven rings um eine Wunde ſcheut. Ich bebte vor Schmerz, wenn er von ihr ſprach. Ich fürchtete, daß ſein hinreißen⸗ des Lob, und mehr noch die Verſicherung ihrer Gegenliebe mir ein Geſtändniß meines Geheimniſſes abdringen möchte. Ich traute mir ſelbſt nicht in jener Stunde der Schwäche und des Weh's, in der ich verurtheilt wurde, mein Elend ohne den Troſt menſchlicher Theilnahme zu ertragen. Ich hatte nur Sorge, den Ort erſt verlaſſen zu können, und daß es mir gelingen möchte, wenn ich ihn verließ, mein Geheimniß mit mir zu nehmen. Ich wußte jetzt, daß meine Leidenſchaft nicht beſtimmt war, Erwiederung zu finden; ich wußte, daß meine Hoffnung vorüber ſei, und ich brauchte — 33— nur Zeit, Kraft zu gewinnen, damit die Erkenntniß meiner unglücklichen Liebe nicht die glückliche der Andern umwölke. Und doch war der Kampf in meiner Bruſt zu heftig, mein Kummer faſt zu groß, um ihn zu ertragen. Ich fühlte, daß wenn ich nicht raſch entflöhe, eine Verwirrung mich überkäme, in der ich nicht länger gegen die in meinem Herzen eingeſchloſſenen Raſereien auf der Hut ſein könnte, und die, wenn ſie einmal eine Stimme gefunden, nur zu ſicher die Geſchichte meiner Leidenſchaft und meines Schmer⸗ zes erzählen würden. Entſchieden lehnte ich alle freundlichen Anerbietungen Fritz's ab, mit mir aufzubleiben. Ich bat, ich beſtand darauf, daß er mich verlaſſen und keinen Arzt holen ſolle. Ich verbrachte die Nacht ohne Schlaf. Alle große Sorge iſt Schwäche; ihre Erfolge allein ſind Stärke. Ich eile hinweg über die Erinnerung an jene Nacht. Zu ruhelos, um lange an einer Stelle zu bleiben, und in meinem fieberhaften Verlangen, nur erſt von Seanook fortzukommen, zählte ich ungeduldig die Stunden, die mich daſelbſt noch zurückhielten. Ich verließ zeitig das Haus, ſo zeitig, daß ſelbſt die Fiſcher noch nicht munter waren, und lenkte meine Schritte nach der Bucht. Auf demſelben Platz, von wo ich die Nacht zuvor zu Mond und Sternen aufgeblickt, beobachtete ich den Sonnenaufgang im bunt Die drei Pfade. II. 3 — 34— gefleckten Oſten. Aber die Pracht des Anblicks, welcher mich zu einer glücklicheren Zeit tief bewegt haben würde, drang nicht durch meine verſtörten Augen zum innern Schönheitsſinn. Die Freude, ſagt Coleridge, muß unſern Geiſt der Natur vermählen; die Muſik der Seele muß ein Echo werden für die Harmonie der Schöpfung. Vergebens ſtarren wir hinaus, wenn die Sorge alles Licht in uns verdunkelt, und ſo ſchön die Scene rings um mich her auch war, ich hätte an jenem Morgen ausrufen mögen über alle Schönheiten der Natur:— Ich ſchaue ſie, verklärt von Zauberlicht, Ich ſchau', wie ſchön ſie ſind, doch fühl' ich's nicht! Ich konnte nicht der Regung widerſtehen, eine Klippe zu beſteigen, von wo mir„Roſe Cottage“ ſichtbar war. Ein einziges Fenſter, vor welchem„der todtenweiße Vorhang“ niedergelaſſen war, zog vorzüglich meinen Blick an; ich wußte, daß ſie hinter jenem Fenſter in ihrem unſchulds⸗ vollen Schlummer lag, mit Träumen vielleicht, vergoldet von dem holden Licht ihrer jungen Liebe und zarten Hoff⸗ nung; doch wagte ich nicht, lange hinzublicken. Ich wagte nicht, mich in die Phantaſien zu vertiefen, welche der An⸗ blick jenes kleinen, rings mit Blumen umrankten Fenſters mir einflößte; ich bedachte, daß ich all' meine Kraft gebrauchte, den Pfad der ſtrengen, ſchweigenden Ehre zu wandeln. Ich 35— wandte mich entſchloſſen ab und ging den Strand entlang, deſſen große weiße Klippen ſich neben meinem Pfad erhoben. Ich erreichte eine kleine ſandige Bucht, wo Fritz und ich zu baden pflegten, und ich tauchte hinab in die friſche grüne Welle. Das Bad ſtärkte alle meine Nerven, und als ich, zur Bucht vor dem Dorfe zurückkehrend, Fritz begegnete, fühlte ich mich viel beſſer im Stande, mein Geheimniß vor ihm zu verbergen. Er war früher als gewöhlich aufge⸗ ſtanden, und da er mein Ziumer verlaſſen fand, hatte er mich geſucht. Er war liebreich wie immer, und ſchien ſo⸗ gar ſein neues Glück halb in dem freundlichen Gedanken an mich vergeſſen zu haben. O, wie froh war ich, daß ich im Stande geweſen, die Wahrheit vor ſeinem braven, redlichen Herzen zu verbergen. Die Zeit zur Abreiſe kam, und ehe ich die Außenſeite der Kutſche beſtieg, bot ich ihm ein„Gott befohlen!“ und wüuſchte ihm Glück von ganzem Herzen. Die Kutſche fuhr ab mit ihrer bunten Fracht von Geſchäfts⸗ beziehungen, Vergnügen und Sorge, und ehe wir um eine Ecke des Weges bogen, welche Seanook dem Blick verbarg, blickten wir noch einmal um, winkten ein Lebewohl, und er war meinem Auge verſchwunden. Die Sonne ſchien hell auf die Morgenlandſchaft, und ich wußte, daß er, be⸗ vor ſie am Himmel noch viel höher geklommen,— Lily geſehen und mich vergeſſen haben würde. Die Poſt er⸗ 3* reichte die Eiſenbahnſtation und ich ſtieg ein. So ſehr ich Anthropolog bin, ſo erinnere ich mich doch, was meine Gefährten auf jener Reiſe betrifft, durchaus an Nichts. Die Schatten des Abends bewillkommneten mich wieder in London. Ich war nur eine Woche entfernt geweſen, aber mir war, als ob mein früheres Daſein vor lang entſchwundnen Zeitaltern gelebt hätte. Zerſchlagen und blutend kehrt' ich zurück zu dem Lärm und Getöſe der großen Stadt, zu ihren volkreichen Straßen und ihren vielen, aus einer dun⸗ keln Rauchwolke emporſteigenden Thürmen, und nun erſt, als ich betrübt, ſchwach und ſchwindelnd ihre mächtige Lebens⸗ fluth rings um mein taumelndes Hirn und ſchmerzendes Herz emporſchwellen ſah, fühlte ich meine äußerſte Ver⸗ laſſenheit. Zuerſt dacht' ich, daß eine ſchwere Krankheit mich als eine leichte Beute ergreifen würde. Ich fühlte mich ſo ſchwach, ſo unbehaglich, ſo ermüdet, daß ich gleichgültig auf Leben oder Tod blickte und mich auf jeden Ausgang gefaßt hielt. Mein liebenswürdiger und geſchickter Freund, Dr. Barton, den ich zu mir holen ließ, that, was ſeine Wiſſenſchaft für Nerven und Organe vermochte; aber ſein ſcharfes Auge entdeckte bald, daß ich hauptſächlich an einem jener Uebel litt, in denen der Kranke ſich ſelbſt helfen muß. Ich würde, denk' ich mir, in einen Zuſtand gänzlicher Ab⸗ — 37— ſpannung und lethargiſcher Hoffnungsloſigkeit verfallen ſein, wenn nicht die unerbittliche Arbeit mich wieder beanſprucht, und die Nothwendigkeit des Brodverdienſtes mich erweckt und angetrieben hätte, mich ſelbſt auf meine intereſſeloſen Pflicht⸗ aufgaben zu ſtürzen. Die Tage zogen langſam vorüber. Ich lebte in meiner alten Wohnung; aber der Ort ſchien mir ſo verändert, wie ich ſelbſt es war; er kam mir ſo leer, ſo einſam und öde vor. Auch meine Bücher— ſelbſt ihr Reiz war verſchwunden. Ich verſuchte zwar, zu leſen; aber Zeile um Zeile ſchwamm ſinnlos vor meinen Augen und ließ keinen Eindruck in meinem Geiſte zurück. Mein altes Leben war gänzlich gebrochen und zertrümmert, und ich nahm an nichts einen Antheil. Ich ging in's Theater— vergebens; ich machte Beſuche— noch viel vergeblicher. Der einzige Freund, zu dem ich hätte gehen mögen, war nun mein Nebenbuhler geworden, mein unbewußter, aber glücklicher Nebenbuhler, und meine Lippe war für ihn ver⸗ ſiegelt. Wenn meine Arbeit mir Freiheit gewährte, unter⸗ nahm ich lange, einſame, zielloſe Spaziergänge; oft wan⸗ derte ich rings um das Haus, wo ich ſie früher ge⸗ ſehen hatte. Ich war froh, mich ermattet zu fühlen, damit ich ſchlafen und wo möglich, wenn auch nur für kurze Zeit vergeſſen konnte. Aber meine Träume, wie meine wachen Gedanken, waren voll von ihr, von ihr allein. Obwohl eine Geiſterſtimme immer in meinen Ohren klang und immerfort ihren melancholiſchen Refrain ſang: „dahin, dahin, für immer dahin!“ ſo malte ich Lily doch unaufhörlich in meinen Gedanken; ich ſah ſie in all' ihrer Schönheit, ihrer Reinheit und Güte, und fühlte auf's Tiefſte, welchen Preis ich verfehlt hatte. Mein ganzes Leben war wie ausgehöhlt, ſo wie ein Gewölbe ausgehöhlt iſt, um einen Schatz aufzunehmen, den es doch nicht zu eigenem Brauch empfängt. Es war eine Qual unſäglicher Angſt, an ihr Lächeln, ihre Blicke und Worte der Liebe zu denken, die ſie einem Andern ſchenkte; ſie zu malen als eines Andern Braut. In meiner Schwachheit ſehnte ich mich, o wie heiß! nach irgend Jemand, dem ich das Ge⸗ heimniß anvertrauen könnte, das mir zu ſchwer zu be⸗ wahren ward, nach irgend Jemand, der auf mich gehört hätte mit Blicken und Worten des Mitgefühls. Und dazu ging noch die Arbeit, die unerbittliche Plackerei des ge⸗ meinen Tagewerks immer ihren Gang, obwohl ſie mein Gefühl beleidigte, wie die Berührung einen bloßgelegten zitternden Nerv. Wenige Tage nach meiner Zurückkunft erſchien ein Brief von Fritz, voll von freundlichen Hoff⸗ nungen für meine Geſundheit. Er fragte, warum ich nicht geſchrieben hätte, und erzählte mir, wie beſorgt die Damen wären, Etwas über meine vermeintliche Krankheit zu hören. Dieſe Hoffnungen und Fragen füllten die erſte Seite, und ich zögerte, bevor ich das Blatt umwandte. Ich ſehnte und fürchtete mich zugleich, das Entzücken des Liebenden zu leſen, das, wie ich wußte, nun kommen würde, ſie von Jemand nennen und preiſen zu hören, der ſie eines Tages als ſein eigen zu gewinnen hoffte. Ich zwang mich, zu antworten— mit voller Theilnahme und herzlicher Freund⸗ lichkeit zu antworten. Es gelang mir, und die Anſtrengung that mir wohl. Zahlreiche Briefe folgten. Aus einem derſelben— ich nehme den alten, nun vergilbten, ver⸗ blichenen und hie und da ſeltſam zerblätterten Brief aus meinem Pulte hervor— entlehne ich mit einem ängſtlichen Gefühl, welches noch ein leiſer Nachklang der ehemaligen Pein iſt, die folgende Stelle: „Lily, meine einzige, theure, theure Lily!— ſagt, ſie habe Dich ſehr gern. Ich freue mich darüber, Grey; es iſt mir lieb, daß ſie meinen alten treuen Freund gern hat. Sie ſagt, als ſie Dir zuerſt in ihres Vaters Hauſe in Camberwell begegnet ſei, habe es ihr immer geſchienen, als ob Du einen geheimen Spott unterdrückteſt; als Du ſie in Woodlands beſucht, habe ſie Dich für kalt, ſtreng und ſtolz gehalten; aber diesmal— ach! welch' eine glückliche Zeit iſt es für mich geweſen! ſeieſt Du ihr viel natürlicher und heiterer vorgekommen, und, wie ich Dir ſage, hat ſie — 10— Dein wahres Selbſt ſehr gern. Ich zeigte ihr jenes Ge⸗ dicht von Dir, über die Liebenden— Du weiſt ſchon welches— und ſie gab mir den Auftrag, Dir zu ſagen, wie ſehr es ihr gefiele. Ich wünſchte, Du wäreſt hier, Grey— kannſt Du es nicht einrichten, zu kommen? Sie iſt eine ſolche Freundin von Verſen, daß ich verſuchen möchte, Etwas zu ſchreiben— welcher Poet hatte je einen ſo ſchönen, theuren Gegenſtand für ſeine Gedichte!— aber Du müßteſt mir hülfreich zur Seite ſtehen—“ Das Ende des Briefes, wie alle ſeine Briefe aus jener Zeit, waren voll von ihr, und ich ſah mit einer Art ſchmerzlicher Wonne, wie innig ſeine Zuneigung ſie um⸗ ſchlang. Blieb ſie auch für mich verloren, ſo war ſie wenigſtens von Jemand gewonnen, der ihrer würdig war, würdiger, glücklicher, friſcher als ich,— und mit ſo viel ſchöneren Lebensausſichten! Etwa drei oder vier Wochen nach meiner Rückkehr zur Stadt, als ich noch immer in dem Pfuhl der Muthloſig⸗ keit verſunken lag, trat Fritz eines Abends unerwartet in mein Zimmer. Die kleine Geſellſchaft in Seanook war, wie es ſchien, aufgebrochen, und das Landhaus erwartete einen andern Bewohner. Der nächſte Inhaber war viel⸗ leicht ganz unbekannt mit dem kleinen Drama, deſſen Zeuge es geweſen, und er ſah keine hiſtoriſchen Fresken an den — 411— Wänden. Mir war es unmöglich, Fritz mit denſelben Augen wie früher anzuſehen. Die Thatſache ſeiner Liebe für Lily ſtieß mich von ihm zurück, wiewohl das Wiſſen um ihre Liebe für ihn mich wiederum mit einem tieferen Intereſſe auf ihn blicken ließ, als früher. Es wurde mir zuerſt ſchwer, unſern Verkehr auf dem alten freundlichen und vertraulichen Fuß fortzuſetzen; aber Fritz, der von meinen veränderten Empfindungen Nichts wußte, oder wenigſtens nichts von den Urſachen der Veränderung, ver⸗ fiel ohne Anſtrengung in ſeine alte Weiſe, und es gelang ihm in hohem Grade, mein Gefühl der Zurückhaltung zu beſeitigen und uns wieder miteinander in's beſte Vernehmen zu ſetzen. Er ging zu der wohlbekannten Schublade, nahm eine Pfeife heraus und ſtopfte ſie; dann ſetzte er ſeinen alten Stuhl an die alte Stelle neben dem Kamin, fügte noch einen andern hinzu, um die Füße darauf zu ſtrecken, und begann zu rauchen und in ſeiner natürlichen und ge⸗ fälligen Weiſe zu plaudern. Ich mußte die ganze Geſchichte der Begebenheiten in Seanook hören. Es ergab ſich, daß er ſich mit Lily ver⸗ ſprochen habe, von Miß Weſton bedingungsweiſe ange⸗ nommen ſei und daß er nun im Begriff ſtehe, die Ange⸗ legenheit ſeinem Onkel mitzutheilen und bei Mr. und Mrs. John Caractacus Smythe de Smithe Smith einen förm⸗ — 42— lichen Antrag zu machen. Er wünſchte meinen Rath und Beiſtand in Bezug auf die Eltern und kündigte mir in ſeinem gewöhnlichen ſanguiniſchen Ungeſtüm den feſten Ent⸗ ſchluß an, mit ſo wenig Verzug als möglich zu heirathen, unter Einwilligung der Verwandten, wenn ſie zu erlangen ſei; wenn nicht, ohne dieſelbe. Er habe nur noch eine kurze Friſt der Vorbereitung durchzumachen, bis er zum Juſtizamt zugelaſſen würde, und er wolle, ſagte er, nun tüchtig arbeiten—„wirklich tüchtig, verſtehſt Du, Grey.“ Ich bemerkte mit Vergnügen, daß die Liebe in ſeinem Gemüth alle Knoten gelöſt, alle Falten, Runzeln und Schroffheiten geglättet. Er war ernſt, wahr und ent⸗ ſchloſſen geworden; etwas Edleres und Reineres zeigte ſich in ſeinem Denken, und ich ſchenkte ſeiner Verſicherung, daß er arbeiten wolle, vollen Glauben. Mit Intereſſe ging ich auf alle ſeine Pläne ein und verſprach ihm jeden Bei⸗ ſtand, den ich zu leiſten fähig ſei. „Grey“, ſagte Fritz, indem er noch eine Pfeife anzün⸗ dete,„Du haſt Deinen Schwur gehalten, alter Junge! Die zwölf Monate ſind noch nicht um, und Du haſt ſchon ge⸗ ſiegt. Ich bekenne in Bezug auf unſere Erörterung an jenem Winterabend— Du erinnerſt Dich?— in meinem Zimmer, daß Du Recht hatteſt, und ich Unrecht. Ich nehme meine Ketzerei zurück und muß Dir ſagen, daß es ſ ehr hübſch — 13— von Dir war, niemals über meine Bekehrung zu triumphiren, daß Du mich niemals Lily's wegen gefoppt haſt.“ „Behüte mich Gott, Fritz!“ entgegnete ich haſtig,„daß ich je eine wahre, echte Empfindung des menſchlichen Herzens verſpotte. Ich ſuchte Dich zu foppen, wie Du es nennſt, wegen Deiner unwahren, erkünſtelten Leidenſchaften— Du verdienteſt es damals—, aber ich beuge mich vor einer ſo würdigen Liebe, wie Du jetzt fühlſt; und ich bin— wie ich Dir ſagte,— daß ich es ſein würde, glücklich, indem ich Dich glücklich weiß— in der That, in der That, ich bin es.“ „Ich kann nicht begreifen— ich kann es wilrklich jetzt nicht begreifen“, rief Fritz aus, warm vor Entrüſtung gegen ſein eigenes früheres Selbſt,„wie ich mich je nur für einen Augenblick in Liebeleien mit jenen einfältigen Frauenzimmern hineinphantaſiren konnte! Da war dieſe Miß Sacchariſſa Swentbread— beſinnſt Du Dich auf ſie?— gut, als ob ich ſie jetzt ſähe, ſie war nichts, als eine Art von Bauermädchenſchönheit; ihr einziger Reiz— und weiter war es nchts— beſtand in kräftigen gemeinen Farbenkontraſten. Sie hatte große weiſe, grinſende Zähne, ſehr rothe Backen, ſchwarze Haare und Augen und dazu, die Wahrheit zu ſagen, ungeheure Hände und Füße. Sie war von einer niedrigen Eitelkeit und kindiſch einfältig, und — doch, erinnerſt Du Dich, wie ich für ſie ſchwärmte! Wie mußt Du mich verachtet haben! Hier verfiel er in Träumerei und die Bilder ſeiner früheren Scheinleidenſchaften zogen wahrſcheinlich an ſeinem Gemüth vorüber, wie die geſpenſtige Reihe von Banquo's Nachkommenſchaft vor Macbeth's Augen. Ich ſah durch ſein Antlitz hindurch— ſeine Lippe zuckte vor Selbſtver⸗ achtung— und las in ſeinen Gedanken. Die Lippe ſank herab und ein halb trauriger Schatten verdunkelte das Licht des Auges, als die Erinnerung ihm ſelbſt weniger unſchuldige Bilder als jene Gegenſtände einer vermeinten Liebe vorführte. Er verlor ſich in grübelnde Selbſtſchau, und ich ſaß ſtill und aufmerkſam. Zuletzt brach er das Schweigen, und der Ton ſeiner Stimme war ungewöhnlich ernſt und ſorgenvoll, als er ſagte: „Weißt Du, Grey, Eines beunruhigt mich tief. Wenn ich zuweilen mit Lily ſitze,— ſie ſo ſchön, rein nnd un⸗ ſchuldig— da ſticht meine ſtrafbare Erfahrenheit und mein ſchamwürdiges Wiſſen ſo peinlich gegen ihr friſches mädchen⸗ haftes Denken und ihre ſchuldloſen Erinnerungen ab, daß ich fühle, was für ein niedriges Geſchöpf ich bin, im Ver⸗ gleich zu ihr, wie unwürdig ich einer ſo heiligen, flecken⸗ loſen Liebe bin. Ich muß ewig ein Geheimniß vor ihr — 45— haben; es giebt Stellen in meinem Leben, von denen ich nicht zu ſprechen wage! Ach, wenn wir wirklich lieben, bedauern wir ſo bitter die unwiderrufliche Vergangenheit, die wir mit böſen, ſchändlichen Handlungen verfinſtert haben! Was würde ich darum geben, meine Jugend wieder zu haben, um ſie rein zu erhalten und mich ihrer würdig fühlen zu können! „Fritz“, entgegnete ich,„da kann ich Dir wenig Troſt geben. Ich glaube, es liebt nie ein Mann aufrichtig, ohne etwas von Deiner Scham zu fühlen. Es iſt die bittere Frucht von unſeres alten Adams Schuld und Strafe. In⸗ deſſen, ich fühle leider, das Sprüchwort iſt wahr, daß wir eben ſo wohl unſerem eigenen Schatten entfliehen könnten, als dem Böſen in dieſem Zuſtande des Gefallenſeins. Es iſt nur ein Weg, den Du einſchlagen kannſt, Reue für die Vergangenheit und Sühne für die Zukunft.“ Ich erhielt zu dieſer Zeit oft Beſuche von ihm, und immer gelang es mir, mein Geheimniß zu bewahren. Dies war um ſo leichter, als er zu ſehr mit ſeinem neuen Freu⸗ denfund beſchäftigt war, um ein ſcharfer Beobachter zu ſein. Aber das ängſtliche Verlangen, mein peinlich be⸗ wachtes Gefühl vor ſeinem Auge zu verbergen, gab zu Zeiten meinem Benehmen etwas Gezwungenes, Unnatür⸗ liches. Ich vergaß, daß meine gewöhnliche Art ein Ge⸗ 16— miſch von Ernſt und Jronie war, und verſuchte einen Schein von Luſtigkeit anzunehmen. Dieſe war meiner hergebrachten Weiſe ſo fremd, daß er ſicherlich irgend einen Verdacht ge⸗ ſchöpft hätte, wenn nicht ſein Auge durch den fortdauern⸗ den Hinblick auf das roſige Purpurlicht der Liebe mit Farbenblindheit geſchlagen geweſen wäre. O, ſchwere Auf⸗ gabe, zu heucheln! Meine Gewiſſenhaftigkeit allein trieb mich zum Betruge, und dieſer Betrug war ſo unnütz bei einem Liebenden, deſſen Lingen m nur durch das Licht anderer Augen klar ſahen. Er verſchwand immer von Zeit zu Zeit auf einen oder ein paar Tage. Wenn in dieſer Weiſe abweſend, wußte ich, daß er in Woodlands ſei. Er kam allemal zurück mit einer Gluth und Wonne des Entzückens, und ſeine Liebe ſchien ſich von Tag zu Tage zu vertiefen und zu vergrößern. Nachdem er die gehörige Anzahl„Diners“ beſucht und ſeine Termine regelmäßig abgehalten hatte, war er zuletzt auf dem Punkt in's Amt zu treteu. Er wartete nur noch dieſen wichtigen Schritt ab, den er als eine Vorſtufe zu unabhängigem Vermögen betrachtete, um einen förmlichen Antrag um Lily's Hand zu machen; und falls dieſer nicht günſtig aufgenommen werden ſollte, war er feſt entſchloſſen zu ſchleuniger Entführung. Er vertraute mir all' dieſe Pläne und Vorhaben an und enthüllte mir mit der ganzen offnen Wärme ſeiner männlichen Natur, die gegen diejenigen, die er liebte und denen er vertraute, kein Heimlichthun kannte, all' ſeine Hoffnungen, Entſchlüſſe und Empfindungen. Er hatte in Folge meiner Mittheilungen eine heftige Abneigung gegen Mr. J. C. S. de S. Smith gefaßt; denn ich hatte es für gut gehalten, ihm ſeinen künftigen Schwiegervater in wahrhaften Farben zu malen, da ich wohl mußte, daß die Wirklichkeit ihn ſehr abſtoßen würde. Er fürchtete halb und halb, daß ſein Onkel Einwendungen machen würde, aber er rechnete auch auf des alten Gentlemans echte Herzensgüte, und ich glaubte ſicher, daß er Lily ſeinem Onkel nur zuzuführen brauche, um jeden Einwurf gegen eine Verbindung mit ihr zu beſeitigen, welche Bedenken auch gegen ihre reſpektabeln Erzeuger vorzubringen ſein möchten. Nachdem er den augenſcheinlichen Beweis geliefert, daß er kein Sachwalter ſei, und von einem Richter, einem alten Studienfreund ſeines Onkels, in Vorſchlag gebracht worden, ward er in das Bureau eines der juriſtiſchen Herrn ge⸗ wieſen, um in Bezug auf ſeine klaſſiſche Tüchtigkeit für den Beruf eines Juſtizbeamten geprüft zu werden. Er wurde durch dieſen Herrn, welcher ausnehmend höflich und artig war, aufgefordert, einen Chor des Sophokles zu über⸗ ſetzen, und ſeine Wiedergabe dieſer Stelle ward als voll— ſtändig befriedigend bezeichnet, obwohl erſt der Examinator — 48— ſeiner kritiſchen Reizbarkeit durch die Aeußerung Luft machte, daß es zu poetiſch ſei,„zu poetiſch, mein Herr, um ganz zu ſein, was es wohl ſein ſollte“. In Anbetracht der Kraftproben Fritz's im Allgemeinen und ſeines Gemüths⸗ zuſtands zur Zeit im Beſondern legte ich auf dieſen Ein⸗ wurf nicht viel Gewicht und vermuthete, daß der exami⸗ nirende Juſtizmann in Folge einer langdauernden Neigung für gerichtliche Ausfertigungen, Sporteln und Portweine ſeine Begriffe von der„Viſion und göttlichen Fähigkeit“ wohl ein wenig abgeſtumpft und geſchwächt haben möchte. Indeß, wie dem auch ſei, das gewünſchte Ziel war erreicht; Fritz ward in ein langes, ſtattliches Zimmer, geſchmückt mit vielen Portraits in Perrücke und Hermelin, geführt, wo verſchiedene ernſte, würdevolle, aber ſehr höfliche ältliche Herren beim Deſſert ſaßen, und wo man ihm ankündigte, daß er in Gemeinſchaft mit verſchiedenen andern Herren ein⸗ ſtimmig, durch dieſes„Parlament von Richtern“ zum Amte zugelaſſen worden ſei. Er hielt dagegen eine zierliche An⸗ rede, welche als Empfehlung für die Zukunft ziemlich kurz gefaßt war, und nachdem er Theil genommen an einem feierlichen Glaſe Portwein, verbeugte er ſich und ward in Geſellſchaft der andern Erwählten durch einen Mann aus dem Zimmer geführt, welcher ausſah, als hätte er können — 49— Lord Kanzler ſein, wenn er ſonſt ſeiner Würde ſo viel hätte vergeben können, um ſich mit dem Gerichtshofe einzulaſſen. Auf dieſe Weiſe eingeführt in die„Hahnengrube der Logik“, war es ihm nun vollſtändig erlaubt, ſo viel frei⸗ willige Anerbietungen als möglich von denjenigen ſeiner Mitmenſchen herauszulocken, welche auf dem zweifelhaften Wege zur Gerechtigkeit das Zollthor des Geſetzes zu paſſi⸗ ren wünſchten. Als Laie konnte ich natürlich nur auf's Herzlichſte mit ſeinen redlichen und männlichen Anſichten in Bezug auf ſein Amt übereinſtimmen. Ich wußte ſicher, daß er niemals das Honorarium in ein Dishonorarium umwandeln würde; daß er niemals zur Zahl derjenigen gehören könnte,— zu den Proſtituirteu des Geiſtes— welche einen nobeln Beruf erniedrigen, indem ſie den Bei⸗ ſtand des Talentes und der Gelehrſamkeit zur Vertheidigung jedes mögligen Laſters, der Schande oder der Ungerechtig⸗ keit leihen. Ohne irgend welche Donquichoterien, war er feſt entſchloſſen, immer in dem reinen Lichte der Ehre zu wandeln, ohne Lug und ohne Trug, und ſelbſt auf die Ge⸗ fahr hin, ihn in ſeinem Berufe zu beleidigen, muß ich meine Ueberzeugung ausſprechen, daß keine Summe der Belohnung ihn je in Verſuchung geführt haben würde, für einen Judas Iſchariot in die Schranken zu treten. Wir brachten den Abend ſeiner Ernennung zuſammen Die drei Pfade. II. 4 — 50— auf ſeinem Zimmer zu. Er probirte ſeine Perrücke und Robe mit großem Vergnügen an, und richtete, während ich eine Cigarre rauchte und— freilich in Bezug auf die Zahl in der Minorität— die„Mylords und Gentlemen der Jury“ repräſentirte, eine feine Beweisführung an mich über die Politik, die Gelegenheit durch ein kleines auserleſenes Abendeſſen und eine Flaſche von ſeines Onkels älteſtem Weine zu feiern. Er beſchloß darauf die große Begebenheit ſeinem Onkel in einer Epiſtel mitzutheilen, und nicht minder über denſelben Gegenſtand„eine Zeile an Lily zu ſchreiben“, wobei, wie es ſich von ſelbſt verſtand, alles, nicht ſtreng zur Sache Gehörige von beſagtem Briefe ausgeſchloſſen bleiben ſollte. Dieſes Geſchäft würde, wie er genau be⸗ merkte, nicht mehr als fünf Minuten in Anſpruch nehmen, und für ſo lange würde ich ihn entſchuldigen, da ich ja in⸗ zwiſchen weiterrauchen und in Tennyſon's„In Memoriam“ leſen könne. Die Note an den Onkel wurde, wie ich ver⸗ muthe, mit epigrammatiſcher Bündigkeit abgefaßt, da er ſie in einem ſehr kurzen Zeitraum ſchrieb; die„Zeile“ an Lily jedoch ward zu ſo viel Zeilen ausgedehnt, als an⸗ ſtändiger Weiſe auf drei Seiten eines Briefbogens zuſammen⸗ gedrängt werden können, und erforderte ſomit wohl etwas mehr als fünf Minuten. Nachdem er dieſe beide Send⸗ ſchreiben durch den Burſchen ſogleich zur Poſt befördert, bat er um Entſchuldigung, daß er mich habe warten laſſen, und fing an, über ſeine Ausſichten für die Zukunft zu ſprechen, ſowohl über die amtlichen als ehelichen. Er ſprach mit ſeiner ganzen ſanguiniſch herzlichen Wärme, wobei ſein kürzlich erworbner Ernſt oft durch Ausbrüche der alten fröhlichen Munterkeit unterbrochen ward. Das Abendeſſen kam und ging vorüber, und als ich ihm noch einmal in dem alten theuern Zimmer„Gute Nacht“ wünſchte, betete ich im Herzen, daß Gott ihm in allen Dingen Segen und Ge⸗ deihen ſchenken möge. 1 Er hatte das„gemeine Recht“(Common Law) im Vor⸗ zug vor dem„Billigkeitsverfahren“(Equity Bar) gewählt und ward Mitglied eines„Juriſten⸗Tiſches“, wobei er unter Androhnng einer„Weinbuße“ davor gewarnt wurde, „Sachwalter zu hätſcheln“, indem er auf ihre Schwächen einginge, z. B. ihren Frauen den Hof machte, mit den Töchtern tanzte, oder unöthiger Weiſe ihre Verſammlungen beſuchte. Er arbeitete wirklich tüchtig im Recht, beſeelt von einer ſüßen Hoffnung, welche es unwahrſcheinlich machte, daß er durch eine zu heiße Verehrung für die weiblichen Mitglieder der juriſtiſchen Firmen die amtliche Etikette überſchreiten werde. Er war ſehr thätig und ſehr glücklich. Seine Laufbahn, die ſeinen Kräften angemeſſen und mit ſeinem Geſchmack übereinſtimmend war, lag frei und eben 4* — 52— vor ihm da; er brauchte nicht lange auf ſeinen erſten Rechts⸗ ſtreit zu warten— ein Freund trug Sorge dafür— und ſeine Talente verſprachen ihm ſichern Erfolg. Fortuna lächelte herab auf ihren Lieblingsſohn; er hätte mit den Worten Harrik's ausrufen können: Träuf't, Götter, ſanft herab die Luft und mild, Daß nicht der Becher bricht, den ihr mir füllt.“ Meine ganze Anſchauungsweiſe war zu jener Zeit gleich⸗ ſam von der Gelbſucht angekränkelt; ich weiß es jetzt wohl; und er ſchien mich irgend, wie zu verdunkeln, zwiſchen mir und Fortuna zu ſtehen und all' ihre Gunſt zu abſorbiren. Pflanzen, unter Anderem, ſind von verſchiedenen Farben, weil die verſchiedenen Species die Eigenthümlichkeit be⸗ ſitzen, nur gewiſſe einzelne Farben zurückzuſtrahlen, aus denen das Licht zuſammengeſetzt iſt. Er ſchien die Fähig⸗ keit zu haben, alle Farben einzuſaugen und zurückzuſtrahlen, die hell und heiter ſind; während ich unfähig war, irgend eine andere Farbe auszuſtrömen, als Grau, unbeſtimmte Farben und Schwarz. Wo viel Licht iſt, da iſt auch viel Schatten; unſere beiden Exiſtenzen ſtanden ſich ſehr nahe, und mein Lebenspfad ſchien, vergleichungsweiſe geſprochen, eben ſo finſter als der ſeinige hell. Betrachten wir nur unſere ver⸗ ſchiedenen Carrieren. Sein Beruf nahm ſeinen Geiſt in Au⸗ ſpruch und bot ſeinem Ehrgeiz Ausſicht dar. Meine elenden 5353 kaufmänniſchen Zwecke ermatteten und trübten den Geiſt, ohne ihn je anzuregen oder zu beſchäftigen. Ich mußte mit dem Leben ſelbſt für die Mittel zu leben bezahlen. Ich hatte mancherlei Beſchwerden und Hinderniſſe und Niemanden, um mir zu helfen oder mich zu befördern; ich war verdammt, mich mit der gemeinen, freud⸗ und hoffnungsloſen Arbeit zu ſchleppen, die ich ſo tief haßte, ſo innerlich verabſcheute, und die doch kaum der Nothdurft der Gegenwart abhalf und auch keine Ausſicht für die Zu⸗ kunft bot. Ich hatte weder Freunde noch Verwandte, mir zu rathen und zu helfen, und da ich mit inſtinktivem Ekel vor den verkommenen und verkrüppelten Weſen zurückwich, mit denen der Handel mich in eine unnatürliche Verbindung brachte, ſo wohnte ich einſam und allein in meiner innern Welt und ſuchte nie denen zu gefallen, welche mir hätten helfen und mich erheben können. Allmälich verſank ich in einen ſo dicken Schlamm höhniſch blickender Verzweiflung, angewiderter hoffnungsloſer Abſpannung, daß die Flügel des Geiſtes, die mich hätten emportragen können, matt und ſchwer wurden, und ich in meiner bittern Noth vergeblich bei ihrer Kraft Hülfe ſuchte. Wie ein im Schiffbruch auf eine ſturmgepeitſchte Küſte verſchlagener Menſch ſich aus der Gefahr herausarbeiten muß, indem er ſeine ermatteten Glieder aus dem Bereich 54 der hungrigen Wellen zu ſchleppen ſucht: ſo iſt auch unſer Leben ein fortdauerudes Herausarbeiten aus dem Böſen. Oft erreichen wir eine höhere Stufe, von der wir wieder hinabgeſpült werden, und ich, der ich ſchon glaubte, über die Bitterkeit des Geiſtes längſt hinweg⸗ gekommen zu ſein und die Phaſe des Weltſchmerzes ab⸗ gethan zu haben, ich ward wieder zurückgezerrt und wieder hinabgeſchleudert durch die Wogen, denen ich ſchon einmal entronnen war. Ich hatte meinen frühern Ruheplatz nicht hoch genug gewählt, um mich vor dem Rückfall zu ſchützen. Ich blickte um mich, und meine fieberhaften Augen, welche nur mittels des getrübten innern Lichtes ſahen, erkannten einzig Finſterniß und den Schatten des Böſen. Meine eigene Sorge machte mich blind gegen das viele Gute, welches, gleich der Sonne hinter Wolken, hinter und über allem äußern Anſchein des Ueblen vorhanden iſt. Ich will die Wahrheit bekennen. Ich murrte gegen mein elendes Loos, und Lebensüberdruß ſank herab auf all' mein Fühlen. Ich ſah auf die Welt halb in Zorn, halb in Wehmuth. Ich ſah die Rohheit, die Unſittlichkeit, die Unverſchämtheit überall frohlocken im Erfolg des Augenblicks; ich ſah dem⸗ jenigen Alles gelingen, welcher intriguiren, lächeln und wedeln konnte, welcher ſein eignes Fortkommen auf ſorg⸗ loſe Selbſtſucht und Verachtung der Rechte ſeiner Neben⸗ menſchen gegründet hatte; den Charlatan ſah ich glücklichen Erfolg, und den Wicht behaglichen Wohlſtand erreichen. Mit melancholiſcher Bitterkeit bemerkte ich all' jene Fuß⸗ tritte, welche das geduldige Verdienſt von dem Unwürdigen hinnimmt; ich nahm wahr, wie die zufälligen Umſtände der Geburt und des Vermögens den Pfad des Thoren eb⸗ neten, wie Beſitz, Würde und Aemter auf unredliche Weiſe vertheilt wurden und wie der Schurke allein Kraft genug hatte, ſich ſeinen ſchmutzigen Weg durch faule Beſtechlichkeit zu erzwingen. Während ich ſo ſaß und beobachtete und allen Dingen die Farben meiner eigenen Myſanthropie mittheilte, ward mein Cynismus immer bitterer, und meine Verachtung immer ſtärker. Die Augen der Sorge in ihrem erſten Stadium der Reizbarkeit und Unzufriedenheit ſehen ſcharf, obwohl nicht weit. Sie ſehen nur die dunkele, befangene Gegenwart; ſie wenden ſich nach Innen, nicht bloß zum Selbſtſtudium und zur Selbſtbeherrſchung, nein auch zum Selbſtbedauern und zur Selbſtqual. Aber dennoch iſt die Sorge, welche ſo bereitwillig das Uebel außer ſich erkennt, an ſich ſelbſt kein Uebel. Das brennende Aetzmittel frißt eine innere Wunde aus. Die Augen, welche, von der Betrachtung des Böſen ringsumher zurückgeſchreckt, ſich für lange nach Innen kehren, werden zuletzt doch wieder 36— aufwärts ſchauen, und dann herniederblicken, klar und hell, nicht länger gehemmt und fieberhaft; ſie werden ſich mit liebeerleuchteter Weisheit nach allen Seiten wenden, bis zu⸗ letzt„Umherblicken, Inſich⸗ und Aufwärtsblicken“ heißt: das All umfaſſen. So lange wir im Labyrinth ſind, ermüden wir uns mit fruchtloſem Wandern; wir müſſen uns da⸗ rüber emporheben, ehe wir das Geheimniß des leitenden Fadens zu erkennen vermögen. Wenn auch mein Herz ſich nicht verhärtete, ſo ward mein Temperament doch düſter. Trauben, auf welche, ſo lange ſie jung waren, keine milde, zeitigende Sonne ſchien, werden nicht reif, obwohl ſie dem Auge nur wenig Unterſchied zeigen; es fehlt ihnen etwas von der füßen Lieblichkeit derer, welche zu ſonniger Zeit und an ſonniger Stelle keimten und wuchſen; ſie behalten eine geheime, nicht zu vertilgende Säure. Ich ſchiebe die herben Seiten meines eignen Charakters hauptſächlich auf den Mangel eines frühen Sonnenſcheins. Obwohl meines Fehlers mir be⸗ wußt, fürchte ich doch, daß keine Anſtrengung der Selbſt⸗ beſſerung ihn ganz beſeitigen wird. Die Liebe, welche alles Barſche hätte ſänftigen, allen Mißklang in Muſik hätte umſtimmen können, war meinem unruhigen, einſamen, ſorgenvollen Leben verſagt. Ja, ich will die Wahrheit bekennen und den Richter⸗ — 57— ſpruch hinnehmen: Menſchen, welche ſich lange durch die finſtern und rauhen Pfade des Kummers und der Sorge hindurchgeſchlagen haben, werden vielleicht niemals den Reiz heitern Frohſinns erlangen. Sie werden wahrſcheinlich für immer einen Anſtrich von Bitterkeit behalten, welche haupt⸗ ſächlich, wenn auch nicht ganz und gar aus den Prüfungen entſpringt, wie dieſe wiederum aus angeborenen Fehlern und Schwächen hervorgehen, die der Prüfungen bedurften, um unterdrückt oder geheilt zu werden. Die Dinge können ſo echt gefärbt werden, daß man oft die Farbe nicht daraus entfernen kann, ohne den Stoff ſelbſt zu zerſtören. Sieg iſt ſelten ohne Verluſt zu gewinnen. Und natürlich genug, litt meine Geſundheit in meinem langen ſchweren Kampf; das Gehirn ward müde und die Nerven wurden ſchwach. Ach, wie oft iſt ſchlechte Geſundheit nur ein Mangel an Glück! Das Negative des Guten ſchafft das Poſitive des Schlechten. Wie manch' ein gebrochenes Daſein, wie viel zerriſſene Herzen und erſchlaffte Lebens⸗ geiſter— wie viel zerſtörte Nerven, reizbare Temperamente und unterdrückte Lebenskräfte würden wieder aufblühen zu Geſundheit und Kraft, wieder tauglich werden zu edelm Wirken, wäre nur der ewige verzehrende Druck der ein⸗ tönigen Pein hinweggenommen oder auch nur erleichtert. Der Mangel an aller Veränderung, die beſtändige Er⸗ — 58 neuung von Kummer und Sorge, die Abweſenheit ſüßer, natürlicher Bande, geſunder Erheiterungen und Beſchäf⸗ tigungen; das bloß ſubjektive Leben ohne die erquickende Abwechſelung eines objektiven Gegengewichtes, das bittere Gefühl, mit der Uebermacht im Krieg zu ſein: wie manch' ein lebendiges Leben iſt ſchon durch die wuchtende Schwere eines ſolchen Hinſterbens bei lebendigem Leibe erdrückt worden! Ich war ohne Zweifel nur Einer von Vielen, von denen ich mich nur durch dieſe Kundgebung heftigen Klagegeſchreis unterſchied. Mancher fällt im Kampf und ſinkt ſchweigend in das namenloſe Grab. Die Sterbe⸗ liſten zählen nicht alle Urſachen auf, durch welche die Menſchen aus dieſem zeitlichen Leben verſchwinden. Ich lebte in einer unruhigen, ziel⸗ und regelloſen Haſt, in dem Fieber beſtändiger Ueberreizung. Der Tag erſchien mir nicht als ein abgeſchloſſener Zeitraum, der durch eine Nacht erfriſchenden Schlummers von ſeines Gleichen ge⸗ ſchieden iſt; die Nacht ſelbſt war ſtatt einer Pauſe, einer Nuhe, einer Stärkung nur eine fieberhafte, halb bewußte Fortſetzung des ermüdenden Kampfes, ein Glied in der immer wachſenden Kette dumpfer, eintöniger Schwere. Wie wenige Menſchen geſtalten ihre eigne Laufbahn und ſteuern ihr eignes Lebensſchiff! Ich war nicht einer jener ſtarken Menſchen, welche ihren eignen Pfad wählen und ihn klar, entſchloſſen verfolgen bis zum glücklichen Ziel einer Thätigkeit, die ſich frei in einer dem Charakter am beſten angemeſſenen Carrière bewegt. Umſchlungen von den zer⸗ malmenden Gewinden widriger Umſtände konnte ich nur mit der bitter vergeblichen Anſtrengung Laokoon's ringen, eine Haft zu ſprengen, die zu ſchrecklich war, um lange zu dauern. Und doch, obwohl ich es zu damaliger Zeit nicht wußte, obwohl ich des Lernens müde war, hatte ich doch ſchon gelernt, zu leben— ſo wie die Menſchen das Schwimmeun lernen, wenn ſie in einer ſchwarzen, ſtürmiſchen Nacht über Bord geworfen werden. Wie aber der Meuſch, der ſo das Schwim⸗ men lernte— auch wenn er endlich im Zuſtand gänzlicher Er⸗ ſchöpfung noch gerettet ward— mit Entſetzen auf den Kampf mit den dunkeln, kalten, toddrohenden Wogen blickt: ſo wage auch ich es jetzt noch nicht, das Andenken jener Zeit völlig wach zu rufen. Ich bebe zurück vor dem Ver⸗ ſuch, jenen Paroxismus des Daſeins wieder zu beleben; ich kann ihn nicht in ſeinem ganzen traurigen Schrecken malen. Der Leſer allein, welcher die Kunſt verſteht, zwiſchen den Zeilen zu leſen, kann ihn aus dieſen ſchwachen Andeu⸗ tungen hinlänglich verſtehen. Es war eine„Art des Unglücks, welche nicht bloß niederdrückt, ſondern auch verzehrt“. Die Schwere des gebrochenen Geiſtes, verkommener und gelähmter Kräfte lag auf mir, lag lange auf mir. Obwohl ich aus dieſer — 350= Feuerprobe Kraft gewann, ſo ließ ſie doch auch Spuren einer Schwäche zurück, die mich nie ganz verlaſſen wird. Jene tiefe Ermüdung des ewig erregten Gehirns, jene bang beklommene Niedergeſchlagenheit— ach, wann werde ich ſie überwinden! Und obenein lebte ich ſo innerlich einſam, lebte mein eigenes Leben, dachte meine eigenen Gedanken, und jenes war immer elend, dieſe oft ſo traurig.— Eine Art ſtolzer Furcht bannte mich in eine fortwährende Ein⸗ öde. Es giebt zwei Arten von Stolz; die eine iſt eine prunkende Malve, die andre eine zarte Sinnpflanze. Ich wich in meinem Elend nur immer tiefer in meine Ab⸗ geſchiedenheit zurück. Ich vermied alle Verſuche, mir Theil⸗ nahme zu erwerben; ich lernte den innern Vulkan auf der Oberfläche mit Schnee bedecken; aber wenn ich allein war, brütete ich tief über meiner Pein. Eine fortwährende krank⸗ hafte Selbſtbetrachtung, die Folge nicht des Egoismus, ſondern des Eifers und der innern Gewiſſenhaftigkeit, des Fluches ſolcher Naturen wie die meine und in meinen Ver⸗ hältniſſen, quälten mich mit unaufhörlichen Angriffen auf mein eignes Gemüth. Nie hatte ich das Licht und die Wärme einer glücklichen Heimath gekannt, nie den Segen einer verwandten Umgebung; mein einziger, liebſter Freund war ſchon in Folge ſeines eignen glücklichen Lebens un⸗ fähig das Elend des meinigen vollſtändig zu verſtehen;— — 61— auch war er ja verſunken in ſeine Leidenſchaft für Lil)— die einzige Liebe, die mir wie geſandt ſchien, mich über mich ſelbſt und über meine Sorgen zu erheben, ward mir geraubt: ſo verlebte ich eine Zeit, über welche meine Ge⸗ danken, wenn ich jetzt darauf zurückkomme, hinwegjagen, und an der die Erinnerung nicht haften mag. Vielleicht das größte Mißgeſchick für mich, größer als felbſt die Pein verlorner Liebe, war meine Verbindung mit dem kaufmänniſchen Leben. Die Niedrigkeit meiner Handelsbeſtrebungen und meines Verkehrs mit einigen der Söhne des Schachers machten ſich mit der Zeit immer tiefer fühlbar, je reiner und edler mein Verſtändniß der wahren Lebenszwecke ward, je mehr gewiſſe innere Fähigkeiten ruhe⸗ los in ihrem Gefängniß arbeiteten und ſich blind empörten in ihrer dunkeln Zelle. Das Schickſal hatte mich zu dieſer Zeit meines Lebens hauptſächlich mit Menſchen umgeben, welche mir eine maßloſe Verachtung und eine glühende Entrüſtung einflößten. Meine Anſchauungsweiſe war, wie ich ſchon ſagte, gleichſam gelbſüchtig geworden, und mein Ekel war zu heftig, um ganz gerecht zu ſein. Ich vergaß, wie viel Menſchen es giebt, für deren Fähigkeiten das Handelsge⸗ ſchäft das natürliche Ziel und die natürliche Sphäre iſt; ich überlegte nicht, das Mancher durch die blinde Nothwen⸗ digkeit in ſeine Reihen gedrängt worden, und weil ich ſie — 69— zufällig nicht ſah, kannte ich die Vielen nicht, welche es zu würdigen Zwecken verfolgen und mit einem Geiſt weiſen Wohlwollens und überlegenen Scharfblicks darin arbeiten. Ich nährte den bittern Gedanken, daß, wie es unter den Weibern Proſtituirte giebt, die es aus Natur und durch Unglück ſind, man auch die Geſchäftsleute in ſolche aus Natur und Unglück eintheilen könne. Die beiden Hauptgründe, welche den Menſchen in die Handelsgeſchäfte treiben und dabei erhalten, ſind der Wunſch nach Reichthum und die Nothwendigkeit des Broderwerbes. In der Periode meines Lebens, von der ich jetzt ſchreibe, ſah ich auf jedes Geſchäft, als auf eine niedrige, quälende Hölle für diejenigen, deren Naturen nicht ſo tief geſunken, um ein Intereſſe daran zu finden, aber ſelbſt damals war ich noch gerecht genug, die Wahrheit der Verſe zu deuten: „Wohl lebt ſo mancher Erdenſohn Inmitten des Gewühls, Dem noch verblieb der holde Ton Des ew'gen Glockenfpiels: Der noch Muſik im Innern hegt, Und ſie durch Markt und Gaſſe trägt, Dem raſcher ſelbſt ſein Werk gelingt, Weil in der Seele ihm ein heilig' Lied erklingt.“ Noch hatte ich nicht gelernt, mit Mitleid auf diejenigen — 63 zu blicken, welche um bloßen Reichthum kämpfen. Und ſo, unter Zweifeln und Verlegenheiten, in Gedrücktheit und Arbeitslaſt, verlebte ich meine Tage. Meine Natur lag im Kampfe mit ſich ſelbſt, ich konnte die Nothwendigkeit mit dem freien Willen nicht vereinbaren, konnte meine inneren Anregungen zur edleren Arbeit nicht unterdrücken, und durfte ihnen doch nicht nachgeben; ich konnte die Plackerei, welche als meine Pflicht vor mir lag, nicht ertragen, und doch vermochte ich ihr nicht zu entgehen. Durch Zweifel und Unentſchloſſenheit ſchleppte ich mich dahin, und ſchwankte zwiſchen hohen Beſtrebungen und niedrigen Verrichtungen, zwiſchen Hoffnungsloſigkeit und Glauben. In den Stürmen der Lehrzeit unſres Lebens ſchwingt ſich der Glaube am höchſten, und doch verläßt er uns da am öfteſten. Der Sturm des Unglücks, welcher das Gleichgewicht der ge⸗ ſunden Heiterkeit ſo ſtark erſchüttert, peitſcht die Leiden⸗ ſchafts⸗Wogen auf, welche ſich zum tief niederhängenden, aber dennoch dunkeln Himmel emporthürmen. Das Band, welches uns an den Himmel knüpft, iſt ſo lang, daß es oft ſchlaff und locker wird, und daß wir irgend einer irdi⸗ ſchen Stütze bedürfen, um nicht zu ermatten und zu fallen. Solche Zeiten ſind in der That Lehrzeiten, ich weiß es jetzt. Jene lang verſchobene Hoffnung, welche das Herz ſchwer macht, die unendliche Sehnſucht heraus aus dem — 64— Abgrund der Sorge— gehören ſie nicht zu jenem Trübſal, welches Geduld erzeugt, und duͤrch die Geduld Erfahrung, und durch die Erfahrung Hoffnung? Ich ſage, ich weiß es jetzt, weiß es in lebendigem Ernſt, der hoch erhaben iſt über Dilettantismus oder halben Glauben. Als aber jener ſchwere Druck auf mir lag, ſah ich es nicht, ich konnte nur „lahme Hände des Glaubens ausſtrecken und umhertappen und ſchwach der reichern Hoffnung trauen.“ Ich dachte, das Glück, wie ſchön auch, ſei kurz von Dauer, wie Sommerblumen, und die Sorge, gleich der finſter aus⸗ dauernden Pinie, ſei das einzige Immergrün! — -— — 2 — — — — — ‿ V 5 Die drei Pfade. II. „Die Liebe iſt eine ſekundäre Leidenſchaft bei denen, die am ſtärkſten lieben, eine primäre bei denen, die ſchwächer lieben. Wen ſie in einem hohen Grade begeiſtert, den begeiſtert die Ehre in einem noch höheren.. (Roger Aſcham an Lady Jane Gray.) W. S. Landor. „Er liebte einmal; nicht weiſe, aber nur zu innig. Und nur einmal; denn wie euer Congreve eine neue Hülſe oder Umhüllung für jede Rackete braucht, ſo kann jedes menſchliche Herz eigentlich nur eine Liebe aufweiſen, wenn überhaupt je eine: der„erſten Liebe, welche unendlich iſt“, kann keine zweite, ihr gleiche, folgen.“ Sartor Reſartus. „Und ſo iſt's, daß der Knecht ſein Werk, Sein nied'res, göttlich macht:. Wer Zimmer fegt, als dient' er Dir, Hat gutes Thun vollbracht.“ Das Elixir.— George Herbert. Die„Nebenhandlung“ der alten Dramatiker des Eliſa⸗ beth'ſchen Zeitalters iſt voll von einer echten Philoſophie auf dem Gebiete der Kunſt. Jedes menſchliche Weſen ſteht mehr oder weniger unmittelbar, und eine wie geringe Ver⸗ wandtſchaft auch zwiſchen ihnen vorhanden ſein mag, in Verbindung mit andern, die in demſelben Lebensdrama eine Rolle ſpielen, in welches Er oder Sie verwebt ſind. Während Fritz und Lily„die goldne Zeit der erſten Liebe“ genoſſen, war die Liebe, wenn auch mehr die Liebe zum Gelde, auch in der ehrſamen Familie der S. de S. Smiths thätig. Die älteſte Tochter hatte endlich, nach mancher vergeblichen Anſtrengung, eine annehmbare Partie gefunden. Wir ſtaunen über Bruce wegen ſeiner, einer Spinne ab⸗ gelernten Beharrlichkeit, die ein großes Werk wohl zum ſiebenten Mal noch unternimmt; aber die junge in Rede ſtehende Lady verdient eine weit höhere Bewunderung in Rückſicht darauf, daß ſie nicht ſieben⸗, ſondern ſiebenzig Mal ſieben Mal verſucht hatte, ſich des Gegenſtandes ihres Ehrgeizes zu vergewiſſern. Als ich eines Sonntags in 1 5* — 68— ihres Vaters Hauſe vorſprach, um die Verhandlungen„in Sachen Fritz und Lily“ zu eröffnen, ward ich durch Mrs. S. de S. S. in die Lage der Dinge eingeweiht, und die Angelegenheit erhielt durch die kichernde und verſchämte, aber dennoch frohlockende Juugfrau ſelbſt eine züchtige Be⸗ ſtätigung. Ich ward genöthigt, zum Mittageſſen zu bleiben, bei welcher Mahlzeit auch der holdſelige Jüngling erwartet wurde. Da ich ebenſo neugierig war, zu ſehen, welch' ein Mann wohl fähig ſei, ſich mit Miß S. de S. S. zu verbinden, als ich dringend wünſchte, mir die Gelegenheit zu Fritz's Gunſten zu Nutze zu machen, ſo willigte ich ein, und zur gehörigen Zeit kündigte ein heftiger Wortwechſel mit einem Droſchkenkutſcher das Erſcheinen des Liebenden an. Jung war er gerade nicht, da er, wie ich ſpäter erfuhr, thatſächlich ein⸗ oder zweiundfunfzig Jahre zählte; noch war ſein Aeußeres auf den erſten Blick romantiſch oder einnehmend. Eine lebhafte Phantaſie hätte ſich einbilden können, daß eine junge Dame, wenn ſie ihm„bei Mond⸗ ſchein allein begegnet wäre“, aus der zufälligen Gegenwart eines Schutzmannes in Begleitung eines tüchtigen Knoten⸗ ſtockes ihm gegenüber wohl ein Gefühl der Sicherheit ge⸗ ſchöpft hätte. Er war ziemlich groß und kräftig, obſchon plump gebaut. Gekleidet war er in einen weiten loſen Anzug von unmodernem Schwarz, mit einem ſchlaffen — 69— weißen, in eine wirre Schleife geknüpften Halstuch. Sein Haar war ſtahlgrau, kurz, ſtraff und immer feucht von Schweiß. Das Geſicht, welches durch langen Aufenthalt in Wind und Wetter gebräunt war, trug tiefe Spuren der Blattern. Die Naſe hatte eine rothe knollige Spitze; die Augen waren klein, aber ſtechend und liſtig, der Mund war groß, von häßlichen ſinnlichen Linien umgeben und mit einer vollſtändigen Reihe kleiner übelfarbiger Zähne verſehen. Seine Hände waren ungeheuer groß, und auch ungeheuer gemein. Es konnte nur eine Art von Hand⸗ ſchuhen geben, welche darauf paßten, nämlich jene rieſig großen, deren ſich die Leichenbeſorger bei Begräbniſſen be⸗ dienen, und die man ſonſt nirgendwo ſieht. Der Volks⸗ glaube huldigte, bis Columbus ihn zerſtörte, der Idee, daß die Welt in ſchwarzer Finſterniß endige, und diefe Meinung hätte ſich ſehr richtig auf des Gentlemans Nägel anwenden laſſen. Dennoch war er ſehr reſpektabel, in hohem Grade ſogar, und ſtand im Rufe eines außerordent⸗ lich reichen Kaufmanns. Mr. Samuel Alexander Hartebeeſt(von der großen Capfirma„Hartebeeſt, Walker und Brootle“) war auf ſeiner bunt bewegten Laufbahn durch mancherlei Lebens⸗ phaſen hindurch gegangen. Er ſtammte urſprünglich aus dem Norden Englands, nnd die erſte glaubwürdige biogra⸗ 3 — 70— phiſche Notiz über ihn weiß noch, daß er im Jahre des Heils 18— ſich als Paſſagier auf einem Neweaſtle⸗Kohlen⸗ ſchiff, dem„Thomas und Eliſabeth“ befunden habe, welches mit ſeiner ſchwarzen Fracht nach auswärts geſegelt ſei. Demnächſt finden wir ihn als Miſſionär in Neu⸗Seeland und in Tahiti; wenn wir aber nach einer Auskuuft ſuchen, wie er ein„Erwählter“ ward, noch bevor er reſpektabel war, d. h. wie er in der Bekehrung der Heiden begriffen ſein konnte, ehe der Strom ſeiner Kräfte in ſein wahres Bett, den Handel einlenkte— ſo ſtoßen wir auf höchſt verwirrte, untereinander in Widerſpruch ſtehende Notizen, und das Gerücht macht den ſchwachen Verſuch, dieſe Um⸗ wandlung durch eine zweifelsohne verläumderiſche Mähr von einer unangenehmen Angelegenheit zu erklären, die mit eines Häuptlings Weib, einer Tonne Rum und der Ver⸗ leihung eines Stück Landes in Verbindung ſteht. Wie dem aber auch ſei, für Mr. und Mrs. J. C. S. de S. Smith war es hinreichend, und ſo ſie es auch für uns, zu wiſſen daß er reich, geſetzt und reſpektabel, eine Stütze und ein Stolz des Handels und ein begünſtigter Bewerber um die etwas abgenutzte und knöcherne Hand ihrer älteſten Tochter war. Der einzige Puukt, gegen den man in dieſer letzten Beziehung etwas hätte einwenden können, war, daß er zu viel Redlichkeit beſaß, um ſich auf„Erwartungen“ zu ver⸗ — laſſen, und daß er mit klarer Energie ſeinen Entſchluß an⸗ kündigte, lieber eine anſehnliche Summe bei ſeiner Heirath „d'rauf“ zu erhalten, als ſich mit ſeines Schwiegervaters Verſprechungen in Rückſicht auf die teſtamentariſchen An⸗ ordnungen zu beſcheiden. Angeborene Neigung und erworbener Geſchmack ließen ſowohl den Bräutigam als den edlen Vater des kleinen Luſtſpiels Wachholderbranntwein und Waſſer dem Wein vorziehen, und dieſes einfache geſunde Getränk ward wie bei Major Ponto Evergreen in einem reich geſchnittenen Glaſe und auf ſilbernem Präſentirteller nach Tiſch herein⸗ gebracht. Als er durch dieſes kräftige Reizmittel erwärmt worden, ergötzte ich mich ſehr an den Manieren und der Unterhaltung des Verlobten der Miß Penelope Anna. Seine Sprache war ein reiches und ſonderbares Moſaik von Matroſenjargon und Conventikel, übergoldet mit den ſüßen idiomatiſchen Phraſen, die dem Handel eigen ſind. Der fortſchreitenden ergötzlichen Unterhaltung der beiden würdigen Herren zuhörend, glühte ich vor Vergnügen bei der tiefen Ueberzeugung, daß Miß Penelope Anna einen Liebhaber gefunden, den ſie ihrer Baarſchaft und ihrer Reize würdig erachten konnte. Mr. Hartebeeſt ſchien nicht ſehr begierig, die Geſellſchaft des Wachholderbranntweins gegen die ſeiner verlobten Braut — 72— zu vertauſchen, und es bedurfte verſchiedner kräftiger Winke von Seiten des Mr. Smith, um eine Ueberſiedelung in's Wohnzimmer zu bewirken. Endlich dort angekommen, fanden wir das kahle, ungemüthliche Zimmer von den weiblichen Mitgliedern der Familie in langer Reihe, die Mutter an der Spitze, beſetzt. Es wurden einige linkiſche Anſtrengungen gemacht, um das verlobte Paar zuſammenzuführen und den Schein anzunehmen, als ob man ſie nicht weiter beachte, aber ſie ſchienen einander nicht viel zu ſagen zu haben, und die Unterhaltung wurde daher ſchreckhaft allgemein. Es war Sonntag, und an dieſem Tage waren weltliche Gegen⸗ ſtände in der Smith'ſchen Familie gewöhnlich verpönt; in Rückſicht jedoch auf die intereſſante Stellung der Liebenden, geſtattete man ſich ein wenig Freiheit, und da es ſich glück⸗ licher Weiſe ergab, daß die Damen im Verlauf der letzten Woche den zoologiſchen Garten beſucht hatten, ſo war für ein ſicheres und ſtehendes Thema zu allerlei Bemerkungen von der Vorſehung Sorge getragen. Zwei der Töchter be⸗ mühten ſich, in Ausdrücken erkünſtelter Begeiſterung auf die lieben, holden, reizenden Vögelchen hinzuweiſen, worauf Mr. Hartebeeſt mit zarter Sympathie ausrief: „Ja, ihr Laub iſt wirklich ſchön!“ „Wunderſchön!“, flüſterte der entzückte Chor, ohne je⸗ doch weitere Bewegung zu verrathen. 84 Ein leiſes, unterdrücktes Lachen ließ ſich aus meiner Sofaecke vernehmen, und als Antwort auf die in fragendem Erſtaunen auf mich gerichteten Augen, gelang es mir in Bezug auf das Studium der Naturgeſchichte raſch eine komiſche Anekdote zu improviſiren, die den unehrbietigen und unzeitigen Scherz glücklich erklärte. Ferner glückte es mir, mich neben Mrs. J. C. de S. Smith zu ſetzen, und vorſichtig und weitſchweifig fing ich an, das Geſpräch auf meines Freundes Liebe für die abweſende Tochter zu lenken. Die alte Dame ward bald theilnehmend, und ich berichtete die Dinge ſehr redlich, indem ich ihr mittheilte, daß Fritz Mr. und Mrs. Smith aufzuwarten wünſche, um ihre Be⸗ kanntſchaft zu machen und ſeine Abſichten zu erklären. Die Erlaubniß ward ertheilt, und eine Menge Fragen von der gewöhnlichen, harten, weltlichen Art wurden gethan. Nachdem Mr. S. de S. S. von ſeiner ſchönern Hälfte in einen Winkel gelockt worden und in einem ſchwerfälligen ehelichen Geflüſter von der Sache unterrichtet war, forderte man mich auf, ihm mein Anliegen in einem kleinen Hinter⸗ zimmer nochmals zu wiederholen. Er verſicherte mit pomp⸗ haften Worten ſein größtes väterliches Intereſſe an der Wohlfahrt ſeines Kindes, und that forſchende Fragen nach der Reſpecktabilität, den Mitteln und der Stellung des vorgeſchlagenen Schwiegerſohnes, indem er ſich ſelbſt ſorg⸗ — 74— ſam gegen jedes Verſprechen verwahrte, bis er über die wichtigen, eben aufgezählten Punkte befriedigende Antwort erhalten haben würde. Als ich, ſo viel mir paſſend ſchien, erklärt und eine Zuſammenkunft verabredet hatte, in welcher Fritz den angenehmen Prozeß durchmachen ſollte,„mit dem Vater der jungen Dame zu ſprechen“, verabſchiedete ich mich, um Fritz den Verlauf mitzutheilen. Fritz hatte ſeine Zuſammenkuft ein paar Tage darauf. Eine zweite und dritte folgten nach. Ich ging ihm zu dieſer Zeit abſichtlich aus dem Wege, weil ich ziemlich ſicher die Art des Eindrucks vorherſagen konnte, welchen Lily's Familie auf ihn machen mußte, und ich fürchtete, daß meine Meinung, die ich, wenn überhaupt, wahr, offen und unumwunden ausſprechen mußte, nicht gerade dazu dienen mochte, ihm über die Antipathie hinwegzuhelfen, die er gegen die Eltern ſeiner verlobten Braut fühlte. Auch die Schweſtern konnten nur abſtoßend auf jeden Andern, als auf vollſtändige Geſchäftsleute, auf wirklich„reſpektable Männer“ einwirken. Raſhleigh Osbaldiston war den übrigen Söhnen des alten Sir Hildebrand nicht unähnlicher, als Lily, obwohl in ganz entgegengeſetzter Weiſe, ihren Schweſtern. Ich war indeſſen von den Pflichten meines elenden Be⸗ rufs am Bein feſtgebunden und konnte nicht aus London —,., —4,, = entwiſchen, ſo daß es Fritz eines Abends glückte, mich zu Hauſe zu finden.— Er ſchien in hohem Grade aufgeregt, und ſtatt ſich in ſeiner gewöhnlichen Weiſe kurzweg in einen Stuhl zu werfen, ging er mit raſchen, ſtürmiſchen Schritten im Zimmer auf und ab. „Grey— ich mußte Dich ſehen. Ich bin ſchon drei Mal hier geweſen, ohne Dich zu finden.“ „Drei Mal? Wie ſorglos, mir das nicht zu beſtellen! Ich bin ſeither ziemlich viel ausgeweſen. Aber ſetz' Dich und nimm eine Pfeife.“ „Ich danke— jetzt.“ Hier ſetzte er ſich und ſah mich feſt an.„Grey, ich habe den alten Smith geſehen.“ „So? Nun?“ 1 „Ja“, ſagte er nervös,„Lily ſchien ſehr ängſtlich und ſorgenvoll wegen der Begegnung und bat mich, ja recht klug und vorſichtig zu Werke zu gehen; in der That gab ſie mir mancherlei Winke und Unterweiſungen, und dennoch ſchien es, als ob ſie vor dem Gegenſtand zurückbebe und ein gut Theil ungeſagt ließ.“ „Ich wundere mich nicht darüber.“ „Auch Du hatteſt mir eine Beſchreibung von dem alten Smith gegeben, und wenn ich ſie mit Lily's augenſcheinlich ängſtlichem Zögern und mit der Unruhe zuſammenſtellte, die 76— ſie befiel, ſo oft ſie von ihrem Vater ſprach, ſo bildete ich mir ſicher keine ſehr hohe Meinung.“ „Um ſo weniger war eine Täuſchung für Dich zu be⸗ fürchten.“ Hier machte ſich Fritz, der bisher offenbar einen ſtarken Anreiz zu einem heftigen Ausbruch unterdrückt hatte, end⸗ lich Luft: „Beim Jupiter! Grey, was iſt dieſer Smith für ein alter Snob und Schurke! So wenig ich erwartete, nie hätte ich es für möglich gehalten, daß meine Lily, meine ſchöne, reine, zarte Lily ihr Daſein einem ſolchen Geſchöpf zu danken habe. „Ein Räthſel, Fritz, ein Räthſel! Wie findeſt Du die Mutter und die Schweſtern? „Eine ſo ſchlimm, wie die andere; wo möglich noch empörender, weil Bosheit, Gemeinheit und moraliſche Ver⸗ krüppelung, gleich der Trunkenheit, bei Frauen noch ab⸗ ſtoßender ſind, als bei Männern. Es iſt entſetzlich!“ Er beugte ſich vor und ſtarrte, indem er die Ellen⸗ bogen auf ſeine Kniee ſtützte, unverwandt in's Feuer. Seine Lippen waren feſt geſchloſſen, ſeine Naſenlöcher erweitert, ſein ganzes Weſen verrieth heftige Erregung. Ich wußte, daß er mir noch mehr zu ſagen hatte, daß noch mehr da⸗ hinter war. Ich wartete; es war ein kurzes Schweigen. — 77— „Fritz“, fragte ich,„haſt Du wohl kürzlich einige Zeit auf das Studium der Philologie verwendet?“ „Nein, kürzlich nicht— warum?“ „O, ich wollte nur fragen, ob die Worte„Phariſäer“ und„reſpektabler Mann“ nicht vielleicht aus derſelben Wurzel ſtammen.“ Er lachte bitter. „Sei überzeugt, es iſt ſo. Es bedarf keiner philolo⸗ giſchen Kenntniß um das zu wiſſen. Die Phariſäer der heiligen Schrift und die reſpektabeln Leute von heute ſind dieſelben Weſen, nur in verſchiedenen Zeiten. Der einzige Unterſchied iſt, daß dieſes Geſchöpf ſich mit der Zeit ver⸗ ſchlimmert und von jedem folgenden Zeitalter den Auswurf der Schlechtigkeit geerntet hat, bis es endlich zu einer ſolchen Ungeheuerlichkeit angeſchwollen iſt, daß es entweder die Welt beherrſchen, oder daß die Welt ſich von ihm befreien muß. Dahin iſt es gekommen.“ „Ich denke, der Tag des Kampfes dämmert“, entgegnete ich,„ich habe darauf gewartet und danach geſchmachtet ſeit Jahren. Ich weiß auf welcher Seite ich kämpfen werde.“ „Beim Jupiter! Ich habe auch Luſt zu kämpfen! O, über das Scheinen und Gleißen, den Lug und Trug, die vertragsmäßige Heuchelei dieſer übertünchten Gräber! Jetzt erſt bin ich zu der Erkenntniß erwacht, daß ſolche Dinge s exiſtiren; aber Du, Grey, mein armer Junge, haſt Dein ganzes Leben—“ „Meine Exiſtenz, Fritz, wenn's gefällig iſt, meine Exiſtenz!“ „Gut denn, Deine Exiſtenz! Du haſt einen ſo langen und traurigen Theil Deiner Exiſtenz unter den Schurken zugebracht, daß Du etwas thun könnteſt und müßteſt. Ich weiß nicht, ob es nicht ſogar eine Pflicht wäre!“ „Meine Stimme iſt eine geringe Stimme, Fritz, arm und ſchwach. Man würde ſie nicht weit hören.“ „Statt der Stärke gieb ihr die Macht des Ernſtes; ſtatt des Umfanges leihe ihr das Sprachrohr der Preſſe!“ „Du vergiſſeſt, Fritz, welche Helden ſchon zum Kampf bereit ſind: Carlyle und Tennyſon, Thackeray und Dickens. Iſt es nicht genug, dabei zu ſtehen und zu beobachten, und vor Freude zu zittern bei dem Anblick, wie ruhmwürdig ſie ſtreiten!“ „Das Stehen und Beobachten würde für mich nicht ausreichen“, entgegnete Fritz mit Wärme;„ich könnte nicht mit Mr. Ruſſel auf einem Hügel ſitzen und ſehen, wie die rothe, mit Stahl gekrönte Linie durch die Schwärme der Ruſſen reitet. Ich hätte vielleicht nicht viel Gutes vollbringen können, aber, Teufel! verſucht würde ich es haben! Ich würde in die Ebene hinabgeſtürzt und mit ihnen geritten ſein!“ — 79— „Wann“, fragte ich,„haſt Du Deinen künftigen Schwie⸗ gervater zuletzt geſehen?“ „Was das bloße Sehen anbelangt“, erwiderte Fritz, „ſo ſah ich ihn heute. Gott ſei Dank ich brauchte uicht mit ihm zu ſprechen, ihn nicht zu grüßen; ich ſaß in einem ſchnell gleitenden Hanſom— nebenbei, Grey, die Hanſoms ſind die Gondeln Londons— und er ſah mich nicht. Ich glaube, er ging nach der ſchottiſchen Bank—“ „Guter Gott!“ rief ich in der größten Unruhe,— „Du willſt doch nicht ſagen, daß er irgend etwas mit der ſchottiſchen Bank zu thun habe? Wenn dem ſo wäre, ſo köunten ſich Deine Vefürchtungen ſchrecklich erfüllen!“ „Ich weiß wirklich nicht, ob er etwas damit zu thun hat; aber ſeiner ganzen Richtung nach iſt es wahrſcheiulich. Indeſſen ſelbſt, wenn er ſollte“, entgegnete Fritz nachdenklich, „ſo bin ich nicht der Meinung, daß er in ſo großer Gefahr ſchwebt, wie Du annimmſt, weil die nationale Aegide die Gen⸗ lemen beſchützt, welche nach dieſen Grundſätzen ihr Geld anlegen. Das Syſtem iſt in ſeiner Einfachheit wirklich ſchön; als Juriſt und Mathematiker kann ich ihm meine Bewun⸗ derung nicht verſagen. Aber laſſen wir ihn— zum Teufel!— wenigſtens für einen Augenblick. Wovon ſprachen wir?“ „Wir ſprachen inter alia“, entgegnete ich,„von den großen Männern, welche den Krieg unternommen haben — S0— gegen den Geiſt der modernen Falſchheit und des ſocialen Snobthums. „Ja, ſo war es“, ſagte er, indem er wieder einen Augenblick in die Betrachtung einer abſtrakten Frage ver⸗ fiel.„Leuchtet es Dir ein, Grey, in wie hohem Grade Carlyle und Thackerey,— ihre ſehr verſchiedene Natur zu⸗ gegeben— dennoch Arbeitsgenoſſen ſind? Nein? Gut denn, ich will es Dir erklären. Was Carlyle auf dem Gebiet der erhabenſten Moral einzuſchärfen ſucht, bemüht ſich Thackeray in der Region des ſocialen Snobthums zu lehren. Beide ſind große Wahrheitsprediger. Der Eine arbeitet im Empyräum, der Andere im Geſellſchaftszimmer, der Eine wendet ſich an die ewige Natur des Menſchen, der Andere an die Leute wie ſie geſellſchaftlich nun einmal gear⸗ tet ſind. Der Unterſchied zwiſchen Beiden ſcheint mir der wie zwiſchen Milton's Satan und Goethe's Mephiſtopheles. Der Erſtere iſt ein großer uranfänglicher Geiſt, der Andere iſt moderniſirt und angekleidet. Habe ich Recht?“ „Ich verſtehe recht gut, was Du meinſt“, antwortete ich,„aber Dein Vergleich iſt inſofern unglücklich, als er eine Art von Inverſion enthält. Du haſt zwei Teufel gewählt, um Menſchen zu verbildlichen, welche Du den Göttern gleich verehrſt. Dennoch fühle ich vollkommen, was Du meinſt, und glaube—“ — 81— „Du haſt Recht“, unterbrach er mich,„der Vergleich i*ſt ein verkehrter und unbeholfener; dennoch drückt er, obwohl in etwas zweifelhafter Weiſe aus, was ich zu beweiſen ſuchte. Ich bin froh, daß Du es verſtehſt. Ich bedarf, wie ſchon Mancher vor mir gethan, der Lorbeern, um meine Kahlköpfigkeit zu verbergen. Die Dinge ſind ſo re⸗ lativ. Dinge wie Menſchen können ungebührlich zwerghaft werden durch Vergleiche oder durch Nebeneinanderſtellung, gerade wie die Häuſer am Fuß der Antwerpner Kathedrale übertrieben klein ausſehen. Ich wollte den Unterſchied er⸗ klären, nicht eine herabſetzende oder ungerechte Anſchauung damit verbinden; nur mein Verſtändniß der generiſchen Na⸗ tur jenes Unterſchiedes wollte ich ausdrücken. Das iſt Alles.“ „Wenn Du, wie Du ſagſt, nicht der Erſte biſt, der den Wunſch hat, ſeine Kahlheit mit Lorbeern zu bedecken, ſo biſt Du auch nicht der erſte, der es verſucht, eine wahre Idee durch einen unvollkommenen Vergleich darzuſtellen.“ Ich hielt an; er war jetzt ruhiger und ſteckte eine Pfeife an. „Emerſon ſagt“, bemerkte ich,„daß ein großes Land, wie England, thatſächlich, obwohl nicht dem Anſcheine nach, durch eine kleine Anzahl tiefer Geiſter regiert werde. Er bezeichnete dieſe unbekannten Herrſcher des höheren Denkens als die„perceptive Klaſſe“, wogegen er die Maſſe der ge⸗ Die drei Pfade. II. 6 — 82— wöhnlichen, nicht denkenden Bewerber um die kleinlichen Gegenſtände der gegenwärtigen Stunde die„unmittelbar praktiſche Klaſſe“ nennt.“ „Das iſt wahr, beim Jupiter!“ rief Fritz. „Iſt es ſo? Gut, ſo wende es an. In dem großen Kampf vorwärts und aufwärts, bei welchem England im Vordertreffen ſteht, ſind die beiden unmittelbarſten Feinde, gegen welche die perceptive Klaſſe den äußerſten Kampf zu wagen hat, diejenigen, die ſich vor der unmittelbar praktiſchen Klaſſe das Anſehn von Göttern geben, während ſie in der That nur der Geiſt des ſocialen Snobthums und der Geiſt des modernen Handels ſind.“ „Weiter“, ſagte Fritz. „Laß uns, Fritz, in unſerer kleinen Sphäre und mit unſern kleinen Mitteln Alles thun, ſo viel an uns liegt, dieſe dämoniſchen Trugbilder zu überwinden und auf's Haupt zu ſchlagen. Laß uns arbeiten, ſo gut wir können und, ſei es auch mit geringem Erfolg, doch ſtets mit redlichem Eifer, jener edlen Minderzahl zu helfen, welche in der Wal⸗ halla der Götter als Sieger über dieſe Geſpenſter von Niffelheim ruhen wird, dereinſt wenn die gebeſſerte Welt in kommenden Jahren auf unſre Zeit zurückblickt, nicht ohne Intereſſe für den Kampf, nicht ohne Theilnahme für die — 383— gefallenen Krieger, welche in dieſer dunkeln Stunde daran arbeiten, die ſpäteren Zeiten zu befreien.“ „Ein edler Entſchluß“, ſagte er mit Wärme.„Wir wollen ſehen, wer von uns ſeine Standarte am weiteſten vorwärts in des Feindes Reihen hinein aufpflanzen wird.“ Ich beobachtete ihn ſchweigend. Seine Gedanken, die nooch in dieſem Augenblicke ganz anders beſchäftigt waren, flogen zurück zu Mr. Smith. Sein Geiſt verließ die all⸗ gemeinen Fragen und er war wieder in ſeine eigenen Ge⸗ fühle verſunken. Er dachte an Mr. Smith nicht bloß als an einen reſpektabeln Mann, ſondern auch als an ſeinen künftigen Schwiegervater. Als ich mich zurücklehnte und meine Beobachtung fort⸗ ſetzte, indeſſen er ſchweigend und in ſich verſunken blieb, war mein eigener Entſchluß in dieſer Sache gefaßt. Die Idee entſtand nicht erſt in jenem Augenblicke, aber jener Augenblick ſah den Plan zum Entſchluß reifen. Ich be⸗ ſchloß, daß wenn je— ſchwache Bedingung, die ich meinem Entſchluß hinzufügte!— beſonders da ich noch nicht ein⸗ mal im eigenen Gemüth dieſe kunſtloſen Erinnerungen meiner Erfahrungen geſtaltet hatte— aber ich beſchloß, daß wenn je ich es wagen würde, meine Gedanken in der Literatur zu verbreiten, ich mich redlich bemühen wolle, eine ſchwache Zeichnung von dem zu entwerfen, was ich im Handelsge⸗ 6* — 34— ſchäft geſehen und kennen gelernt hatte. Indem ich jetzt ſchreibe, gedenke ich jenes Augenblickes und ehre ſeinen Ent⸗ ſchluß. Ich fühle, daß ich, indem ich ihn ausführe, das Beſtreben habe, von den Zurückbleibenden ein Leid abzu⸗ wenden, daß ich meine traurigen Erfahrungen zu Zwecken anwenden will, die weit über ſelbſtſüchtigen Vortheil erhaben ſind. Fritz hatte nie geſehen und kennen gelernt, was ich. Sein moraliſches Gefühl ſtachelte ſeine innerſte Entrüſtung auf gegen den Geiſt des modernen Handels; aber er hatte nie gelitten durch die thatſächliche Berührung mit ihm, und ſein Eifer war daher nur lau. Salvator Yeo war des⸗ halb ein ſo grimmiger Feind der Spanier und der Inqui⸗ ſition, weil er ſie ſo furchtbar genau kannte, ſo entſetzlich durch ſie gelitten hatte. Die Vorſehung beſtimmt oft einen Menſchen zum Opfer, um ihn zum Rächer zu weihen. Zu Wenige von uns haben hinreichend erhabene Naturen, um durch das abſtrakt Böſe aufgeſtachelt zu werden; wir müſſen die Wunde eben ſo wohl fühlen, als das Uebel kennen. Mein Entſchluß, wie geſagt, war gefaßt. Er hat ſeine Aus⸗ führung erlebt. Fritz's Stimmung war zu jener Zeit eine ſolche, daß es nutzlos geweſen wäre, ſeine Mitwirkung abzuwarten. Ich entſchuldigte ihn und ſchwieg über meinen eigenen Vorſatz. „Grey“, begann er wieder ernſt und traurig,„wie kann ich der Schwiegerſohn dieſes Mannes werden?“ — 85= Ich wich der Frage aus, indem ich ihm eine andere vorlegte:— „Könnteſt Du ihn nicht ändern und beſſern?“ „Ihn ändern und beſſern!“ wiederholte Fritz, indem ein Zug ſeines ſpöttiſchen Humors in ſeinem Auge aufflammte und durch ſeine Stimme hindurchklang;„dieſer Verſuch würde ſo viel Aufwand, Anſtrengung und Zeit erfordern, als die beharrliche, nutzloſe Bemühung einer armen Henne, die auf einem Kalkei ſitzt. Den alten Smith„ändern und beſſern!“ Die bloße Idee ſchon ſchließt eine Ungereimtheit, einen Widerſpruch in ſich. Es iſt als ob man ſich einen gutmüthigen und zärtlichen— Thug) vorſtellen wollte, oder die Unſchuld durch Madame Wharton in Trikots dar⸗ geſtellt, oder Don Juan im Aufſuchen des heiligen Graal begriffen.“ „Vielleicht iſt meine Meinung über dieſen Punkt nicht ſonderlich von der Deinigen verſchieden, Fritz.“ „Außerdem“, ſagte Fritz leidenſchaftlich,„würde oder könnte ich mich nie ſicher fühlen bei einem ſolchen Schuft. Wie kann ich wiſſen, ob er ſich nicht einmal in einen Sir John Dean Paul verwandelt? Er iſt ganz von derſelben *) Die Thugs gehören zu einer Sekte in Oſtindien, deren Religion darin beſteht, Mord zu begehen. — 36— frommen Schwindlerſorte. Er will, ich wette darauf, erſt wiſſen, ob der Menſch, der ſich um eine Bedientenſtelle be⸗ wirbt, ſich„im Zuſtande der Gnade“ befindet. O, ich haſſe die Religion der Naſe eben ſo ſehr, als ich die Religion des Herzens verehre. Er wird durch den Erfolg immer dreiſter werden, dann wird er auf eine Laufbahn ſo kühner Schurkerei gerathen, daß Entdeckung ohne Gnade erfolgen muß. Denke Dir Deinen Schwiegervater in den Docks erſcheinend. Ein vergnüglicher Anblick, wahrlich!“ Hier ſchanderte er. „Ich geſtehe“, entgegnete ich,„daß Mr. Smith ein voll⸗ kommener Geſchäftsmann iſt und daher, nach dem gewöhn⸗ lichen Lauf der Dinge und der natürlichen Entwickelung ſolcher Charaktere wohl jener unangenehmen Kataſtrophe ausgeſetzt ſein könnte, welche für die Geſellſchaft ſo er⸗ wünſcht, für einen Schwiegerſohn aber ſo unerwünſcht iſt. Dennoch glaube ich, Du biſt ziemlich ſicher davor, Fritz. Wenn ich ihn recht verſtehe, ſo iſt er ein furchtſam froſtiger Gauner. Er würde alles mögliche Ueble thun innerhalb des Geſetzes, aber ich zweifle, daß er darüber hinausgeht. Furcht und Liſt werden ihn ſchützen. Er wird die äußerſte Grenze der Gefahr abweiden, ſo wie die furchtſamen Ja⸗ kobiten die äußerſten Grenzen des Verraths abzuweiden ſuchten.“ — 87— „Du ſprichſt davon, ſich innerhalb der Geſetze zu halten“, ſagte Fritz, mit ſichtbarem Ekel und Abſcheu,„was denkſt Du, worüber er mich um Rath fragte, als ich ihn das letzte Mal beſuchte?“ „Nein, Du mußt es mir erzählen.“ „Schön, da er weiß, daß ich Juriſt bin, ſo wollte er über zwei Punkte gratis meine Meinung hören. Erſtlich hatte er einen Kontrakt geſchloſſen, gewiſſe Güter zu einer beſtimmten Zeit abzuliefern. Da nun aber die Marktpreiſe zu ſeinem Nachtheil ausfielen, und er verlieren würde, wenn er den Kontrakt einhielte, ſo wünſchte er irgend eine Hinterthür zu finden, um ſich herauszuſchwindeln. Zweitens ſcheint es, daß ein armer Teufel von Schreiber, welcher Jahre lang in ſeinem Dienſt geſtanden, den Verſuch ge⸗ macht hat, ſich Etwas zu erſparen,— Gott weiß, er muß genug geknauſert haben, um es zu können,— und daß er deshalb nie ſein ganzes Gehalt erhoben hat. Der Schreiber wünſchte ihn zu verlaſſen; ſo viel ich ſehe, ſcheint er eine beſſere Art von Kerl zu ſein, der ſich bemüht, aus ſeiner drückenden Feſſel herauszukommen, und Smith wünſcht thatſächlich, ſeine kleinen Erſparniſſe zurückzubehalten. Er fragte mich, ob, was er dem Schreiber über die Höhe ſeines Gehaltes geſagt habe, bindend ſei, da die Mit⸗ theilung mündlich und nicht in Gegenwart von Zeugen ge⸗ — 88 macht worden ſei, und ob nicht eine jährliche Erneuerung hätte ſtattfinden müſſen, um den Kontrakt„waſſerdicht“ zu machen. Und die Art und Weiſe, in der er mich fragte, der Verſuch, ſeine That als recht und billig darzuſtellen, und mir dennoch ſein Treiben verſtändlich zu machen.— Der Wunſch, den Schein zu retten, das Schlechte zu über⸗ zuckern, und doch das ſchlaue, hinterliſtige Auge, das er auf mich richtete, um zu ſehen, ob ich ſeine Abſicht begriffe! Ich war nahe daran, ihn abzuprügeln, Grey! „Was hielt Dich ab, Fritz?“ „Das Bild eines bleichen, flehenden Antlitzes, Lily's Antlitz, Grey“, ſagte Fritz heiſer.„Aber mir ſolche Fragen vorzulegen— mir!“ Hier ſprang er auf und fing an, heftig im Zimmer auf⸗ und abzuſchreiten; ein dunkler Fleck glühte auf ſeiner Wange, und ſein Auge flammte zornig. Der beabſichtigte Schwiegervater und Schwiegerſohn ſcheinen gar nicht gut zueinander zu paſſen, dachte ich. „Aber wegen— wegen der Heirath, Fritz, wie ſteht es damit?“ „O, was das betrifft“, entgegnete er mit einem ſehr zweifelhaften Geſichtsausdruck,—„das ſteht ziemlich gut. Sie hatten Erkundigungen angeſtellt, wie ich glaube, und beſonders Mrs. Smith ſchien mir, als einer anſtändigen Partie, ihren Beifall zu ſchenken. Sie redete das ge⸗ wöhnliche dumme Zeug und Geſchwätz— ſie hätte ſich erſt überzeugt, daß meine Ausſichten gut, und meine Familie noch beſſer wäre, daß ſie nur ihres Kindes Glück beabſichtige und dergleichen mehr. Auch gaben ſie mir eine Art allge⸗ meiner Erlaubniß, meine Berwerbungen an Lily zu richten. Ferner wünſchten ſie zu wiſſen, ob mein Onkel den Schritt billige, den ich im Begriff ſei zu thun; Du kannſt Dir ja das Uebrige denken, Grey.“ „Wirſt Du ſie Deinem Onkel zuführen, Fritz?“ „Nein,— nicht, wenn ich es irgend umgehen kann. — Ich bin kein großer Ariſtokrat, wie Du weißt, Grey; aber dieſes Volk, ihre noch ſchwärzeren Züge ungerechnet, ſind ſolche Snobs! Wenn mein Onkel ſie einmal ſähe, würde er nie ſeine Einwilligung geben,— nie! „Ich will Dir Etwas ſagen, Fritz. Führe Lily Deinem Onkel zu. Halte„die Familie“ im Hintergrund; laß ihn ſie ſehen, und Du biſt ſeines herzlichen Beifalls und ſeiner Einwilligung gewiß. Wenn er den Smith's begegnen muß, laß ihn wenigſtens Lily zuvor geſehen haben. Er hat noch genug von der Galanterie von ehedem an ſich, um voll⸗ ſtändig entzückt von ihr zu ſein.“ „Ja, ich bin ſicher, ſie wird ihm gefallen. Was für ein Jammer iſt es“, rief Fritz aus, deſſen Gedanken ganz — 90— mit dem einen unangenehmen Thema beſchäftigt waren, „was für ein Jammer iſt es, daß ein ſolches Weſen aus ſolchem Stamm entſpringen mußte!“ „Was ſchadet das?“ fragte ich.— „„Bringt nicht die Perle hellen Schein Aus dunklem Meeresſchooß? Und iſt das Veilchen minder rein, Weil's nied'rer Erd' entſproß?““ „Sehr wahr bei der Perle und dem Veilchen“, entgegnete Fritz traurig; außerdem kannſt Du ſie gänzlich von ihrem Urſprung ablöſen. Aber ich bin nicht ſo ſicher, daß es ſich auch auf eine Frau anwenden läßt, weil es ſchwer iſt, ſie von ihrer Umgebung loszureißen. Ich bin der Meinung, daß manch' ein armer Teufel von Ehemann es zu ſeinem Schaden und zu ſeinem Leidweſen erfahren hat, wie un⸗ möglich es iſt, eine Frau zu heirathen, ohne ihre Familie mitzuheirathen, die ganze Schaar ihrer Bekanntſchaft und Verwandtſchaft.“ „Ich glaube nicht, daß Du das in Deinem Fall zu befürchten haſt, Fritz; Lily hält es für Recht und Pflicht, ihre Familie zu lieben, und giebt ſich Mühe, es nach Kräften zu thun. Aber, obwohl ſie es ſich ſelbſt nicht geſteht,— glaubſt Du nicht, daß ſie innerlich ſchaudert vor ſolchen gemeinen, rohen, niedrig geſtimmten Naturen? — — 91— Schon die Schönheit ihres eigenen Geiſtes macht ihr Jene zu unverſöhnlichen Feinden. Du kannſt Dich darauf verlaſſen, daß in ihrem Gemüth ein fortwährender peinlicher Kampf ſtattfindet zwiſchen der Idee, daß ſie ihre Verwandten lieben müſſe, und dem Gefühl, daß es unmöglich iſt, es von Herzen zu thun.“ „Da kannſt Du Recht haben“, ſagte Fritz. Ich weiß, ich habe Recht. Bedenke, Fritz, daß die Ehe die edelſte Verbindung zwiſchen Sterblichen iſt, weil ſie eine frei gewählte iſt. Sie hängt von dem freien Willen und der eigenen Beſtimmung ab. Sie iſt edler, als das Band zwiſchen Eltern und Kind, zwiſchen Bruder und Schweſter, weil das Kind nicht ſeine Eltern, die Eltern nicht ihr Kind wählen können. Der Bruder kann ſich nicht ſeinen Bruder ausſuchen. Solche Bande ſind uns von dem Schickſal auferlegt, während es in der Ehe unſerer eignen Seele geſtattet iſt, ſich rein und frei eine würdige Ge⸗ noſſin zu erküren.“ „Ja, das iſt ſo, vielleicht. Aber dennoch iſt es eine ent⸗ ſetzliche Sache, in eine ſolche Familie zu heirathen, wie die der Smith's; das mußt Du zugeben, Grey. Zuweilen weiß ich kaum, was ich thun ſoll. So ſehr ich Lily liebe — und Du weißt, wie tief und zärtlich ich ſie wirklich liebe— wie hoch ich ſie verehre, in der That anbete— — 92— das Wort iſt kaum zu ſtark— dennoch bebe ich davor zurück, ein Weib aus der Hand eines ſolchen Vaters hin⸗ zunehmen. Ich kann das Gefühl nicht bezwingen, es iſt ganz natürlich, nicht wahr?“ Fritz ſagte dies mit einer ſo wahren Qual und Be⸗ ſorgniß, das ich erkannte, ein wie harter Kampf in ſeinem Gemüth vorging. Ich ſah das Zaudern, welches ſein freies Handeln in einer Sache gefährdete, die ſo. wichtig für das Glück ſeines und ihres ganzen Lebens war; und ich war ſicher, daß er ſich in einer jener Phaſen von Un⸗ entſchloſſenheit befand, in welcher er, wenn auch nicht geradezu, von Jemand Rath begehrte, den er als ſeinen wahren Freund kannte. Ein ſolcher wünſchte ich ihm in der That zu ſein, und da ich fühlte, daß mein Rath auf ſein ſchwankendes Gemüth wirklichen Einfluß üben würde, ſo erwägte ich Alles ſorgfältig, ehe ich ihm antwortete. Zuletzt ſagte ich, und ich ſagte es mit Ernſt; denn wahrer Ernſt hat auf Charaktere wie der ſeine immer großen Einfluß:— „Nimm Dein Weib nicht aus den gemeinen Händen ihres irdiſchen Vaters, Fritz, ſondern als eine unſchätzbare Gabe aus den Händen des Vaters im Himmel. Verſcherze nicht dieſe herrliche Gelegenheit zu einem reinen und edeln Glück. Ich gebe zu, es iſt ein ganz ausnahmsweiſer Fall, daß ſolch' ein Weſen von ſolchen Eltern geboren worden; es hat ganz den Anſchein einer Unwahrheit. Aber ſie iſt eben ſo ſehr eine Ausnahme an Schönheit und Erhaben⸗ heit, wie jene an Niedrigkeit und Gehäſſigkeit. Das be⸗ denke. Wenn Du ſo glücklich geweſen biſt— und welch' ein Glück muß es ſein!— ein Mädchen zu finden, deſſen Herz und Seele gleich vollkommen heißen können, Eine, die von keinem Ideal zu übertreffen iſt, die Du lieben kannſt im Leben und Sterben— und darüber hinaus, Eine, deren Geiſt Dich nach dem Tode, zu der glorreichen Ver⸗ einigung und Unſterblichkeit, ſelig begrüßen würde: o ſo zögere nicht, weil der hohe, Dir verliehene Segen nicht frei von jeder irdiſchen Beziehung iſt! Wem bot ſich je ein ſolches Glück zum zweiten Male dar? Sei weiſe, mein theurer Fritz, ſei göttlich weiſe in dieſer Angelegen⸗ heit. Nimm ehrfurchtsvoll und dankend das hohe Gut an, das ſich Deiner Wahl darbietet. Ich ſage nochmals, tändle nicht mit einem ſolchen Glück. Mit zitternder Dankbar⸗ keit müßteſt Du ein ſo großes Gnadengeſchenk begrüßen. Ich ſehe, daß dieſe Stunde Deine Wahl entſcheiden, dem Strom Deines Lebens ſeine Richtung geben wird. Entkleide Dich für einen Augenblick Deiner leiblichen Hülle; ſieh' mit den Augen des Geiſtes. Sieh' Lily und Dich ſelbſt als zwei ſympathetiſche unſterbliche Geiſter, welche ſich in der — 94— Zeit für die Ewigkeit verbinden ſollen. Sieh' ab von den wenigen zeitlichen Unannehmlicheiten, überwinde die geringen äußerlichen Bedenklichkeiten. Erhebe Dich über Dich ſelbſt — ein Paradoxon, aber eine Möglichkeit,— und indem Du herniederblickſt von Deiner Höhe, richte Deinen irdi⸗ ſchen Lauf.— Ich ſage es nachdrücklich, im tiefſten Ernſt — vermähle Dich mit Lily, verſuche, ihrer würdig zu ſein, und danke Gott, daß es Dir geſtattet iſt, ſo zu thun!“ Fritz's wahrer Zweck, indem er dieſen Abend zu mir kam, war, wie ich ſchon oben angedeutet, der Wunſch, ſeine Zweifel indirekt durch mich löſen zu laſſen. Charaktere, wie der ſeine, haben oft eine nervöſe Abneigung, offen um Rath zu fragen und das Vorhaben einzugeſtehen, ſich durch denſelben in Gefühlsſachen leiten zu laſſen. Ein klein wenig Takt und Einſicht ſind erforderlich, ihnen wirklichen Bei⸗ ſtand zu geben. Ich ſah ſeine Seele arbeiten und fühlte, wo die eigentliche Schwierigkeit lag, und ich verſuchte ſeine Zweifel zu zerſtreuen, ohne ihn erſt zu einer peinlichen Dar⸗ legung derſelben zu drängen. Mit Vergnügen bemerkte ich, daß es mir gelungen war; während ich ſprach, verſchwand die Wolke von ſeiner Stirn, und er ſtrahlte vor Wonne. „Grey“, rief er aus,„alter Junge, was biſt Du für ein Kapitalfreund! Nun ſeh' ich die Sache in ganz anderm Licht. Ich will ſofort meine liebe Lily heirathen. Ich — 95— werde ſchon im Stande ſein, mich von der Familie ziemlich fern zu halten. Was für ein Narr war ich, nur einen Augenblick zu zögern! Ich bin ſo froh, daß ich mit Dir darüber geſprochen habe; jetzt iſt mir Alles ganz klar, ich ſehe meinen Weg eben vor mir liegen. Ich danke Dir von Herzen! Wie richtig Du die Sache zu beurtheilen weißt, Grey; wie prächtig würdeſt Du jede derartige Angelegen⸗ heit für Dich ſelbſt zum Ziele führen!“ R„ Deſſen bin ich nicht ſo ſicher; denk' an die Verſe: „Wer weiſe ſpricht, darf d'rum ſich noch nicht weiſe nennen, Im Sprechen nur, doch nicht im Handeln liegt ſein Können.“ Ich ſehe für Andre immer klarer als für mich ſelbſt.“ „Ich glaube es nicht. Du haſt mir eine große Laſt vom Herzen genommen. Gieb mir eine gute Cigarre— ein echtes Havannahblatt! Danke Dir, jetzt kann ich ſie genießen. Es iſt eine Cigarre erſter Sorte, Grey; woher beziehſt Du ſie? Mir däucht, daß ich nie eine beſſere rauchte. O meine Glückshoffnungen kehren zurück, ſtark und ſtrahlend! Ich war ſo unglücklich nach dem Schreck der Begegnung mit jener Familie; nun aber bin ich feſt entſchloſſen; raſch und entſchieden will ich handeln. Ich weiß nicht, ob wir noch viele Cigarren als Junggeſellen zuſammen rauchen werden. Warum heiratheſt Du nicht? Du haſt mir ein Weib gefunden; warum findeſt Du nicht auch eines für Dich ſelbſt? Ich werde Lily morgen beſuchen. Ich werde nicht wieder in mein elendes Schwanken verfallen; Du ſollſt jetzt ſehen, ob ich nicht mit Feuer zu handeln verſtehe.“ Sobald jede Sorge aus Fritz's Gemüth gewichen war, kehrte ſein elaſtiſcher Geiſt mit raſchem Schwunge in ſeinen normalen Zuſtand einer leicht ſanguiniſchen Heiterkeit zu⸗ rück; ja er war in Folge der eingetretenen Reaktion nun vielleicht um ſo fröhlicher. Er erging ſich in der glänzend⸗ ſten Laune, er frohlockte in dem ſüßen Vorgefühl ſeiner glücklichen, glücklichen Zukunft. Er enthüllte mir all' ſeine Gefühle, Hoffnungen und Pläne. Er war entzückt, hu⸗ moriſtiſch, zärtlich und ſarkaſtiſch. Es war eigenthümlich, zu beobachten, welch' eine Fülle des Sarkasmus eine ſo glückliche und kindliche Natur doch enthalten kann. Sar⸗ kasmus iſt in der That oft nur das Streiflicht des Witzes, das über den Sommerhimmel der Herzensgüte blitzt. Er iſt nur die edle Entrüſtung, mit der eine große Natur auf Niedrigkeit und Lüge blickt. Ich habe meiſt gefunden, daß ſarkaſtiſche Leute gutmüthig waren. Sarkasmus gründet ſich auf Schärfe der Wahrnehmung und Macht des Aus⸗ drucks. „Grey“, ſagte Fritz mit herzlichem Lachen und ſcherz⸗ haftem Blick,„ich glaube, ich werde meinem alten Schurken von Schwiegervater gefallen, wenn ich ihm ſage, daß ich — 97— nicht einen Pfennig Geldes weder bei ſeinen Lebzeiten, noch nachher von ihm will. Er wird damit einverſtanden ſein, nicht wahr? Keinen Heller möchte ich von ihm haben. Es ſollte mich wundern, ob er wirklich glaubt, daß er ſein Geld, wenn er ſtirbt, nicht mitnehmen kann. Ich denke mir— um anzuführen, was unſer juriſtiſches Licht, Ers⸗ kine, von einem andern reſpektabeln Mann ſagt,— daß er ein kleines Kapital zu erſparen ſuche, um in der künftigen Welt einen Anfang damit machen zu können. Armer Teufel! Er iſt nicht, was die Italiener einen buon diavolo nennen. So reich er iſt, ſo iſt er doch entſetzlich arm. Denn„wie ein Eſel, deſſen Rücken ſich unter der Laſt der Barren beugt, trägt er ſeine reiche Laſt nur einen Tag, und der Tod nimmt ſie ihm ab.“ Aus welchem Schauſpiel iſt das doch gleich? Du citirteſt mir die Stelle, Grey, als Du meinem jungen Geiſte zuerſt die Anſchauung einzuflößen verſuchteſt, die ein Anthropologe über einen„reſpektabeln Mann“ hegt. Er blieb ziemlich ſpät an jenem Abend und rauchte eine tüchtige Menge Cigarren auf, welche glücklicherweiſe alle ſehr gut waren. Als er ging, dankte er mir mit Wärme, wiederholte ſeine Abſicht, mit ſo wenig Verzug als möglich zu heirathen, und verabſchiedete ſich mit einem berzlichen Händedruck. Die Sterne blickten in jener Nacht Die drei Pfade. II. 7 auf keinen glücklicheren Menſchen, auf keine ſchönere oder geſündere Natur herab. Sie ſahen auch auf mich hernieder, als ich von dem Balkon aus ſeiner ſich immer weiter entfernenden Geſtalt nachſchaute und ſeinen raſchen, elaſtiſchen Schritt, ſeine jugendlich graciöſe Haltung wahrnahm. Und war ich glück⸗ lich? Ich hatte ihm mit meinem Rath beigeſtanden, hatte ihn mit all' meiner Weisheit angetrieben, das einzige Weib zu heirathen, das ich je geliebt hatte, je lieben konnte— und er ahnte es nicht einmal, und ſie erfuhr es nie. Es war ein harter Kampf, es war ein bitteres Opfer, aber als ich zu dem leuchtenden Himmel aufſah, dankte ich Gott für die Kraft, die mich befähigte zu thun, was ich für Recht gehalten. Ein paar Monate gingen vorüber, für Manchen raſch für Manchen langſam. Roſalinde erzählt uns mit ihrem reizenden Witz, wie verſchieden die Zeit den verſchiedenen Leuten unter verſchie⸗ denen Umſtänden vergeht. Nimm jede einzelne Gruppe menſchlicher Weſen, die ſich in nächſter Nähe bei einander bewegen, und beobachte, wie himmelweit verſchieden ihre Empfindungen und Gemüthsbewegungen ſind. Steig' hinab — wo möglich in Begleituug eines Anthropologen— aber ſteig', um jeden Preis, dieſen Abend hinab in die geſchäftig =ͤ — 99— volkreiche Straße— Gemeinplatz würde ſie Mancher nennen — decke die Hirnſchalen der eilig Vorübergehenden auf und nimm wahr, welche wunderbar verſchiedenen Regungen die Geiſter beunruhigen, die in jenen verſchiedenen Formen ſtecken! Dort mit wohlgemuthem Schritt eilt voll freudigen Schwun⸗ ges der ſorgloſe Jüngling zu Scenen des Glücks und des Vergnügens, vielleicht der Verſchwendung. Da ſchleppt ſich ſchwer und langſam der reiche Mann hin, belaſtet mit den Sorgen des Reichthums und den Qualen des Ge⸗ winns. Hat er nicht ſeine Seele einem Teufel verkauft ſo gut wie Fauſt? Jener bleiche, von Scheu ergriffene Mann hat ſo eben das feierliche Zimmer des Todes verlaſſen. Jener alte, gelbe Wüſtling wendete ſich zurück, um mit lüſternem Blick unter den Hut jener ſchimmernden koketten Frau zu gucken, bei welcher ſich ſtill die beſcheidene, ſanfte kleine Näherin vorüber ſtiehlt, heimkehrend nach ihrem langen, mühe⸗ vollen Arbeitstage. Jener zerſtreute Mann entwirft ein Gedicht oder ſchreitet dahin nach der Muſik hoher, ſeliger Gedanken. Dort, jener mürriſche Böſewicht mit der nie⸗ drigen Stirn ſchleicht verſtohlen vorüber und brütet über ſeinen verbrecheriſchen Vorſätzen. Alle ſind ſich ſo nah und doch ſo feru, ſie berühren einander faſt, indem ſie vor⸗ übereilen und drängen, und ſind bei ſo viel ſcheinbarer 7* — 100— Aehnlichkeit doch ſo weit verſchieden voneinander wie die Entfernung der Erde von Himmel oder Hölle. Ich wußte, daß die Vorbereitungen zur Hochzeit ſichere Fortſchritte machten, und ich ſelbſt beförderte ſie ſoviel in meinen Kräften ſtand. Ich fürchtete mich vor dieſer Hei⸗ rath und wünſchte ſie doch ſehnſüchtig herbei. War ſie einmal vorüber, dann konnte es weder Zweifel noch Hoff⸗ nung mehr geben, und ich dachte, der tobende Aufruhr in meinem Gehirn würde dann enden, die ſieberhaft wilde Ruheloſigkeit meines Lebens vorüber ſein. Die Zwiſchen⸗ zeit war ſchrecklich.— Fritz reiſte nach Earlswood und theilte ſeinem Onkel, Mr. Hylton, die Angelegenheit mit. Es war Unrecht, daß er dem alten Gentleman nicht ganz offen erzählte, wie weit die Dinge ſchon gediehen ſeien, indem er— der junge Be⸗ trüger— vorgab, ſeines Onkels Rath zu dem beabſichtigten Schritt ängſtlich zu begehren. Meiner Eingebung gemäß brachte er bald eine Zuſammenkunft zwiſchen Lily und Mr. Hylton zu Stande, und der Erfolg rechtfertigte meine Prophezeihung. Ein alter Junggeſell, der vielleicht ſeine urſprünglichen ritterlichen Ideen niemals ganz aufgegeben hat, beſitzt oft ein feines Gefühl der Galanterie, eine ſchär⸗ fere Beobachtung der weiblichen Grazie und Anmuth, als ein alter, ſteifer Ehemann, deſſen Träume längſt in dem — 101— ſtumpfen Schlaf ehelicher Gewohnheit aufgehört haben. Ich meine natürlich nur alltägliche Menſchen und alltägliche Ehen. Mr. Hylton war ein heiterer alter Gentleman aus der alten Schule. Sein Benehmen gegen Damen war noch immer gewandt und ſeine Aufmerkſamkeit für ſie ritterlich und galant. Er beſaß jenes eigenthümliche Kombinations⸗ vermögen des Gefühls, welches, wie ich glaube, in den Zeiten unſerer Väter nicht ungewöhnlich war. Er war— ich ſpiele auf ſeine Jugend an— zugleich ein lockerer Geſell gegen Frauen, die er nicht achtete, und ein zarter Verehrer derjenigen, die er ſchätzen konnte und wirklich ſchätzte. Noch immer kleidete er ſich ſauber und nett, obwohl er Puder trug, und machte keine widerlichen Anſtrengungen, ſein Alter hinter dem Gewande der Jugend zu verbergen. Er war ein witziger und unterhaltender Geſellſchafter, obſchon etwas zu verſchwenderiſch in den einigermaßen faden Complimenten, welche in ſeinen Jugendtagen Mode waren, und beinahe zu übertrieben in ſeinen Manieren à la Sir Charles Grandiſon. Unſer Zeitalter iſt einfacher, eine Verbeſſerung zweifelsohne, aber wir dürfen die veralteten Lebensformen nicht zu hart beurtheilen. Der alte Herr glich Goldſmith's kühnem Land⸗ volk in Rückſicht auf den Stolz ſeiner Haltung, und als er nach ein paar Gläſern ſeines Lieblingsweines fröh⸗ lich und munter ward, bemerkte Fritz mit Lächeln ſeine — 102— augenſcheinliche Bewunderung für die Reize und die Unter⸗ haltung der ſchönen und glücklichen Lily, bei der ſeine Auf⸗ merkſamkeiten einen gewiſſen Humor hervorbrachten. Seine vornehme Manier, wenn er ihr mit ſtattlicher und anmuthi⸗ ger Verbeugung ſeine Hand bot, um ſie zur Tafel oder zum Flügel zu führen, kleidete ihn prächtig. Mit einem Wort, die Sache machte ſich hier auf's Beſte. Mr. Hylton billigte ſeines Neffen Wahl, wünſchte ihm Glück zu ſeinem Geſchmack und neckte ihn als einen glücklichen Burſchen. Aber die Hauptſchwierigkeiten blieben noch übrig. Dies war natürlich„die Familie“. Der erſte Verkehr war glück⸗ licherweiſe ein ſchriftlicher; Mr. Smith war als Geſchäfts⸗ mann durch Geldangelegenheiten in der Stadt zurückgehalten; Mr. Hylton als Lebemann ward auf dem Lande durch die Jagd gefeſſelt. Es wurden Briefe gewechſelt, und der Vater der Braut und der Onkel des Bräutigams gaben ihre ge⸗ genſeitige Zuſtimmung, ohne einander geſehen zu haben. Fritz, um ihm Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen, beſchrieb Mr. Smith ſeinen Onkel wahrheitsgetreu, aber keine Be⸗ ſchreibung konnte dem Entſetzen der perſönlichen Bekannt⸗ ſchaft vorbeugen. Ich fragte indeſſen abſichtlich nicht all⸗ zugenau nach den diplomatiſchen Künſten, welche der junge Liebhaber ohne Zweifel bei der Führung dieſes Theils ſeiner Geſchäfte anwandte. — 103— Die wichtigſte Einwilligung indeſſen war meiner Mei⸗ nung nach die der Miß Weſton. Dieſe war thatſächlich ſchon ſeit lange ertheilt worden, auch bedurfte es weiter keiner formellen Beſtätigung. Die Bewerbung war durch ihren Beifall ſanktionirt und durch ihre freundliche Förde⸗ rung ermuthigt worden. Sie war Lily's wahre Mutter, ſie füllte in der That den Platz beider Eltern für ſie aus. Ohne ihren Schutz und ihr Vorwiſſen möchte Fritz ſchwer⸗ lich ein ſo glücklicher Liebhaber geweſen ſein. Ohne dieſelbe würde Fritz kaum ein Verſprechen nachgeſucht, Lily keins gegeben haben. Aber ſie ertheilte ihren vollen und herzlichen Beifall, ſie liebte Fritz innig und ſah klar voraus, daß ſein reiferes Mannesalter alle Verſprechungen ſeiner Jugend erfüleen würde. Sein Weſen, frei und gewandt, höflich und doch aufrichtig, war der echte Ausdruck ſeines inneren Werthes und ſeiner Güte, und ſie hatte jene inſtinctive Einſicht in Charaktere, welche reine, liebevolle Frauen oft beſitzen, beſonders wenn ſie nicht für ſich zu richten haben, ſondern für diejenigen, welche ſie mehr lieben als ſich ſelbſt. Ich fühlte, daß ihre Einwilligung hinreichend war, die Ver⸗ bindung der Liebenden zu heiligen. Und wenn auch der Schmerz bei dem Gedanken der Trennung von ihrem holden Liebling, obſchon am Arm eines edlen Gemahls, ihr weiches Herz zerriß; wenn ſie auch nicht ohne einen — 104— gewiſſen geheimen Kummer der Idee Raum geben konnte, daß Lily's innigſte Liebe ſich nun um einen andern Stamm ranke, ſo wies ſie doch ſolche Gedanken und Gefühle als ſelbſtſüchtig zurück, äußerte ſie nie, und ſuchte ihr ein⸗ ſames Lager unter Thränen und Gebeten. Es verging abermals ein Monat und brachte die Ver⸗ mählung näher; Tag und Ort wurde endlich beſtimmt. Der Ort ſollte Seanook ſein. Mancherlei Rückſichten ſchrieben dieſe Wahl vor. Fritz beſonders wünſchte eine ſtille Hochzeit und die Abweſenheit„der Familie.“ Beide, Fritz und Lily, wünſchten durch Mr. Lawrence getraut zu werden, der, obwohl er unter allen Umſtänden endlich eingewilligt haben würde, doch ſehr ungern ſeine Pfarre verließ, oder in andern Tempeln, als ſeinem eigenen, Amtspflichten verrichtete. Seanook hatte außerdem einen Reiz für ſie, wie kein anderer Ort der Erde ihn haben konnte. Da hatten ſie ſich zuerſt ge⸗ ſehen und geliebt. Auf jedem Plätzchen ringsumher, auf jedem Feld und Gehölz, auf jeder Klippe und Küſtenſtrecke hatten ihre jungen und fröhlichen Augen geruht, ſtrahlend in dem heitern und zarten Licht der erſten und letzten Liebe. Der Ort war unlösbar mit der Romantik der Liebeswer⸗ bung verkettet, und ſie wünſchten, ihn durch die Feier der Vermählung zu heiligen. Die Erinnerung an ihn als an ihr bräutliches Eden ſollte ſich durch ihr ganzes Leben ſchlingen. — — 105— Miß Weſton's zarte Geſundheit machte einen Beſuch des Seebades wünſchenswerth, und kein Ort that ihr ſo wohl wie Seanook, das ſie nebenbei herzlich liebte. Auch ſie wünſchte, daß ſie ſich durch den guten Pfarrer trauen ließen. Fritz führte, wie ich glaube, dieſe Gründe an, um die Wahl des Ortes den Eltern ſeiner Braut zu erklären. Er übernahm es, jeden Widerſtand zu beſeitigen, und die Sache war abgemacht. Er hatte in der That gewartet, bis der Tag beſtimmt war, an welchem Miß Penelope Anna Smythe de Smithe Smith ſich mehr oder weniger mit Mr. Samuel Alexander Hartebeeſt verbinden ſollte, und hatte denſelben Tag zu ſeiner eigenen Hochzeit gewählt. Wenn die eine Hochzeit in Seanook ſtattfinden ſollte, die andere zur ſelben Stunde in London, ſo war es ganz unmöglich, daß die Eltern bei beiden anweſend waren, und er bewies es bis zur Evidenz, daß er aus mancherlei triftigen Gründen in Seanook ge⸗ traut werden müſſe. Mr. und Mrs. Smythe de Smithe Smith gefiel dieſe Anordnnng ganz und gar nicht. Sie würden den éclat einer Doppelhochzeit vorgezogen haben, und ſie überlegten, daß es nur wenig mehr koſten könnte, ein Frühſtück für beide Gelegenheiten zu beſorgen. Indeſſen, ſie wurden gedrängt, nachzugeben und ihre Aufmerkſamkeit dem angenehmen Trubel zuzuwenden, welchen die Uebergabe — 106— ihrer echten Tochter Penelope Anna an ihren glühenden und reſpektabeln Samuel Alexander mit ſich brachte. Fritz war augenſcheinlich ein großer Diplomat geworden. Ich wurde zu ſeiner Hochzeit eingeladen. Ihm eine ab⸗ ſchlägige Antwort zu geben, war unmöglich, obgleich ich dringend wünſchte, davonzubleiben. Er beſtand jedoch mit ſo viel Wärme und Beharrlichkeit auf meine Anweſenheit, daß ich ſie nicht ablehnen durfte; auch konnte ich für Je⸗ mand, der mich und meine Lebensweiſe ſo genau kannte wie Fritz, keinen gültigen Grund für mein Zurückbleiben vorbringen. Ich verſprach alſo, obſchon mit ſtarkem innern Widerſtreben, anweſend zu ſein. 3 Die Zeit kam— am Tage vor der Hochzeit machte ich mich noch einmal nach Seanook auf. Ich hatte den Ort nicht wiedergeſehen, ſeit ich ihn nach jenem belauſchten Geſtändniß in der Laube verlaſſen. Ich hatte Lily nicht geſehen, ſeitdem ich ſie in mädchenhafter Sittſamkeit zurück⸗ weichen und doch mit offenbarer Wonne die leidenſchaft⸗ liche Erklärung anhören ſah, durch welche Fritz ſeine Braut gewann. Als der Zug vorwärts raſſelte, ſah ich nichts vor mir als jene verhängnißvolle Liebesſcene, welche mir eben ſo viel dauerndes Elend gebracht hatte, als ſie die Begründung dauernden Glücks für meinen lieben Freund geworden war. Wie deutlich und lebendig ſtand jene Scene — 107— wieder vor mir! Wie klar ſah ich wieder die hübſche Laube, dämmernd in dem ſanften Schimmer des zarten Sommer⸗ zwielichtes, darüber den blauen Himmel, einen weiten Bogen tiefen und ſchmelzenden Azurs, der nur durch einen einzigen zitternden Stern unterbrochen ward. Wie klar auch ſah ich die beiden Geſtalten, die des holden Mädchens und des leidenſchaftlichen, inbrünſtigen Liebhabers! Wie deutlich vibrirte der Klang ſeiner Stimme, tief, ſanft, innig, voll⸗ tönend in leidenſchaftlicher Hoffnung, und doch zitternd vor Bewegung, in meinem Ohr, als ob der Sinn der Erinne⸗ rung dort einen beſondern Sitz inne habe. Worte hatte ich nicht gehört; der Strom des Schalles hatte ſich nicht in ſo klare Theile geſchieden, aber der Schall ſelbſt erklang in meinem innern Sinn, gleich der Melodie einer wohlbe⸗ kannten Muſik, die ſo viel Seele und Empfindung ausſtrömt, daß der bloße Klang ohne bewußte Anſtrengung Worte dazu ſchafft. Nie vorher war ich im Stande geweſen, den Anblick jenes ſchrecklichen Abends in voller Deutlichkeit meinem Gemüth wieder vorzuführen. Obwohl der Gedanke daran mich unaufhörlich verfolgte, ſo war er doch von einem ſo tiefen Schmerz begleitet, daß das Gehirn ihn nur unbeſtimmt und unklar erfaffte. Ein Nebel hüllte ihn ein. Er glich einem jener ängſtlichen Träume, auf die wir uns nicht vollſtändig mehr beſinnen können, wenn wir aus dem Schlafe fahren, aus dem ſie uns ſo ſchreckhaft aufgeſtört haben. Nun jedoch ſtand er wieder vor mir, ausführlich in jeder Einzelnheit, klar im Umriß, vollſtändig in jedem Zug. Es giebt Perioden, in denen der Geiſt übernatürlich thätig und erregt iſt, in denen unſere Anſchauungen eine faſt pein⸗ lich und ſchreckhaft ſcharf gezeichnete Realität annehmen, Dinge, die wir ſeit Jahren vergeſſen, Begebenheiten, die ſeit lange aufgehört, uns zu intereſſiren, Vorfälle, die längſt ihre Gewalt über uns verloren haben, Scenen, die wir nie mehr wiederſehen werden, Perſonen, die lange aus dem Le⸗ bensdrama verſchwunden und in Schatten dahingeſchmolzen ſind— alle erſtehen plötzlich wieder vor uns, und obwohl ſie ſchnell weichen und wechſeln, obwohl das eine Phantom dem andern folgenden Platz zu machen eilt, ſo iſt doch jedes während der kurzen Dauer ſeiner Exiſtenz in einem Grade innerlich lebendig, daß Worte kaum eine Vorſtellung davon geben können. Ach, wer kann die Grenzen des Gedächt⸗ niſſes beſtimmen? Es war außer mir nur noch eine Perſon im Wagen, und dieſe eine(ich ſah ſie kaum) machte keinen Verſuch, meine Träume zu ſtören. Ich ſaß mit geſchloſſenen Augen, aber ſelbſt während die Einbildungskraft ſich mit Erinne⸗ rungen beſchäftigte, bemühte ich mich, ihre Schwäche in — 109— Kraft zu verkehren. Wie ſtarke Männer aus dem flüſſigen Erz den harten Stahl hämmern, ſo ſtrebte ich, aus meinem weichen Empfinden die ruhig ſtarke, äußere Haltung zu ge⸗ ſtalten, welche die Pflicht mir vorſchrieb und die mein Ge⸗ wiſſen guthieß. Ich betete, daß ich in dieſer letzten Ver⸗ ſuchung ſtark und muthig bliebe. Ich hoffte, daß dieſe Hochzeit vorübergehen und ich der einzige Beſitzer meines Geheimniſſes bleiben würde. Wohl gab ich dem Traume der Erinnerung nach und verſenkte mich in das Weh' meiner Empfindung, aber ich ſuchte auch unter den Ruinen der bittern Vergangenheit nach dem Material, um mir die rechte Feſtigkeit zu bilden, die mich im jetzigen Moment leiten ſollte. Und ich war ſiegreich. Dem Eiſenbahnzuge ſchloß ſich die Poſt an, der alte vierſpännige Wagen mit dem alten Kutſcher, der ſich meiner frühern Reiſen nach dem alten Seanook wohl erinnerte. Er plauderte mit mir, als ich neben ihm auf dem Bock ſaß, wie Kutſcher zu plaudern pflegen, geſchwätzig und in fröhlicher Laune und ab und zu mit einem Anflug jenes eigenthümlichen Humors, wie er aus der Beobachtung des Lebens und derjenigen Scenen entſpringt, die wir von einem Kutſchenbock herab wahr⸗ nehmen. Meine ſchmerzlichen Träume verſchwanden, während er meinen Geiſt auf die niederen menſchlichen Angelegen⸗ — 110— heiten lenkte, und als ich an dem alten theuren Ort ab⸗ ſtieg, und, ehe ich in das kleine Wirthshaus eintrat, noch einen Blick auf den dunkelblauen, ſternhellen Himmel warf, fühlte ich mich ſtärker, ruhiger, glücklicher und hatte keine Furcht vor dem„morgen“. Dieſes Wirthshaus, denn es konnte kaum die aufge⸗ blaſene Würde eines Hotels anſtreben, ſollte mein Wohn⸗ platz ſein, bis das getraute Paar am folgenden Tage Seanook verlaſſen haben würde, um ſeine Reiſe nach dem Continent anzutreten. Fritz logirte ebenfalls da; als ich ankam, befand er ſich indeſſen bei Lily, und es war vor⸗ auszuſehen, daß er erſt ziemlich ſpät zurückkehren würde. Ich ſpeiſte und machte dann, um nicht mit meinen ein⸗ ſamen Gedanken allein zu ſein, einen Beſuch bei Mrs. Fieldfare. Die gute alte Seele bewillkommnete mich auf's Herzlichſte, und nachdem ſie mir alle Neuigkeiten von Seanook erzählt hatte, ließ ſie ſich in ein fröhliches und freundliches Geplauder über das intereſſante Thema der morgenden Hochzeit ein, welche trotz aller Anſtrengungen Fritz's, ſie geheimzuhalten, in Seanook ziemlich allge⸗ mein bekannt ſchien. Zurück ſchlenderte ich das einſame Ufer entlang, an dem die Wellen ſich mächtig brachen. Von all' den mannigfaltigen Mittheilungen, welche Mrs. Fieldfare mir gemacht hatte, erinnerte ich mich nur einer — 111— einzigen. Ich dachte nicht ohne ein Gefühl der Beluſtigung an ihre zornige Schilderung des ſchändlichen Gebahrens eines kleinen Complotes von Wohnungsvermiethern, welche, angeſtachelt durch den Wunſch, Fremde an den Ort zu locken und ihn in die Mode zu bringen, übereingekommen waren, einen Pfarrer von der hohen Kirche mit allen popu⸗ lären Gebräuchen ſeiner Schule einzuführen. Der Verſuch ſchien indeſſen gänzlich fehlgeſchlagen zu ſein; der Pfarrer behagte nicht und verließ bald den Ort, um beſſer erleuchtete Badeörter aufzuſuchen. Das liebe alte kleine Dorf blieb urſprünglich, nett und ruhig, wie vordem. Möge es noch lange ſo bleiben! Gegen elf kehrte Fritz in unſern Gaſthof zurück. Er ſchien ſehr erfreut, mich zu ſehen, und ſein Willkommen war ſogar noch wärmer als ſonſt. Alle ſeine Empfindungen in jener feierlich glücklichen Stunde waren tief, wahr, zart und voll höhern Schwunges als gewöhnlich. Er vergaß oder überſah ſeinen alten Freund nicht um der neu errungnen Braut willen. Die Neigungen waren ſtärker in ihm als die Leidenſchaften; die Ehe war für ihn nicht eine privi⸗ legirte Pforte zu willkürlichem Belieben; ſeine Natur war ſo geſund und voll edlen Gleichgewichts, daß nicht ein Ge⸗ fühl, ſo ſtark es immer ſein mochte,— und ſeine Liebe für Lily war in der That ſtark— ihn gegen andere Gefühle ungerecht machen konnte. Wir rauchten unſere letzten Jung⸗ geſelleneigarren zuſammen. Er war gewichtig, ruhig und zugleich ernſt in Allem, was er ſagte. Nie hatte ich ihn ſo günſtig beurtheilt, noch ihn ſo herzlich geliebt als jetzt, wo er gleichſam von dem Strahlenkreiſe ſeines höchſten Glücks umgeben war. Liebte ich ihn inniger um ihret⸗ willen? Vielleicht, ich weiß es nicht. Der Morgen kam— ein lieblicher Morgen im Spät— herbſt, welcher etwas von der Friſche des erſten Frühlings zu ſeiner eigenen mäßigen und reiferen Glorie angenommen zu haben ſchien, wie ſich zuweilen bei edeln Charakteren noch im reifſten Mannesalter ein Hauch friſchen, reinen, jugend⸗ lichen Empfindens zeigt. Noch war kein Blatt ge⸗ fallen, obwohl ſchon manches roth und golden erglänzte. Die See war ruhiger, als am vorhergehenden Abend, und ſchien in ihrem eignen überſtrömenden Muthwillen zu hüpfen und zu kreiſen. Es lag etwas ſeltſam Ungewöhnliches im Anblick der ganzen Natur. Eine Stimmung wie Ge⸗ läut von Hochzeitsglocken war in der Luft, obwohl noch einige Stunden vorüberziehen mußten, ehe ihre Muſik vom alten grauen Thurm erſcholl. Ich erinnere mich dieſes Morgens ſo genau wie eines frühern Morgens, den ich an demſelben Orte zubrachte. Damals pochte er an mein Herz mit einer ſo wilden Bitterkeit der Angſt, daß ich ſie — 113— noch jetzt nicht wieder in meiner Erinnerung heraufbeſchwören will; aber an jenem Hochzeitsmorgen kannte ich nur einen beſänftigten Kummer, voll frommer Ergebung, ſtark in Opferfreudigkeit und zärtlich durch die Fülle des Mitgefühls. Es iſt ein ſeltenes Ding bei einem Menſchen von meinem Temperament, Freude an dem bloßen Gefühl des Daſeins zu finden, gleichſam ſympathetiſch im Geiſt die Fröhlichkeit eines ſchönen Morgens zurückzuſtrahlen. Nur an der See, nur an einem friſchen ſonnigen Morgen an unſeren engliſchen Geſtaden habe ich dieſe Empfindungen gekannt. Es liegt in dieſem frühzeitigen Umherſchlendern, wo Sand und Welle einander begegnen, wenn eben die Sonne an⸗ fängt, die kühlen, friſchen Luftſtrömungen zu durchwärmen, die über die weite Tiefe daherwehen, etwas ſo Aufheiterndes, wie ich nirgendwo bei andern Scenen oder an andern Orten empfand. Dies Gefühl iſt das einer geſunden Kräf⸗ tigung beider, des Leibes und der Seele, der Nerven und des Geiſtes. Es iſt überdies eine Wonne, die ich ſo ſelten empfunden habe, daß ſie mir ſtets neu war. Da Aeußer⸗ lichkeiten oft auf die Stimmung und Spannung unſres Em⸗ pfindens Einfluß üben, ſo iſt es gewiß, daß ich an keinem Ort den Kampf ſo gut hätte beſtehen können, dieſer Hochzeit beizuwohnen. Fritz und ich, wir badeten und frühſtückten nachher zuſammen. Er blieb bei mir, bis die zur Trauung Die drei Pfade. II. 8 — 114— beſtimmte Stunde herankam und die Feſtglocken in der kühlen, heitern Luft erklangen. Ich ſollte ſie wiederſehen, und zwar das erſte Mal nach unſrer Trennung, am Altar, wo ſie eines Andern Weib ward. Mir bangte davor, und ich mußte es doch ertragen. Ich erinnere mich der Menſchen⸗ maſſe, einer ziemlich großen für einen ſo kleinen Ort, in⸗ und außerhalb der Kirche. Ich erinnere mich einer wogenden Menge von Geſichtern und des unſtät flüchtigen Erkennens und Grüßens derer, die mir bekannt waren, und die ich doch kaum ſah. Ich erinnere mich auch, wie ich mit einer Art unbeſtimmter Theilnahme nach dem alten Monument einer einſt angeſehenen Familie aus der Zeit der Eliſabeth blickte. Es ſtellte einen Ritter, ſeine Frau und ihre ſechs Kinder knieend dar, und die ſonderbar geſchnittenen Formen traten deutlich aus dem alten Marmor hervor. So lange als möglich vermied ich auf Lily zu blicken, aber ich be⸗ ſinne mich, wie ich ſie dennoch zuletzt anſah und der ſchönen, weißen, duftigen Erſcheinung meinen Glück⸗ wunſch zuflüſterte. Aber ihre Geſtalt zerfloß vor meinen Augen. Sie ſchlug ihr Auge nieder und ihre Hand zitterte, obſchon vielleicht weniger als die meine, als ich ſie erfaßte und frohe Hoffnungen und herzliche Wünſche ſtammelte. Hinter ihr ſtand Miß Weſton, und mir ſchien, als ob dieſe wohlbekannten, ſo ſchmerzlich freundlichen Augen ſich — 115— für einen Augenblick noch tiefer und inniger als gewöhnlich auf mich richteten. Dann kam eine Pauſe des Schweigens, eine Gruppe bildete ſich um den Altar, im Mittelpunkt ſtanden zwei Geſtalten, beide ſo ſchön, ſo jung und edel, mit verſchlungenen Händen, während die Stimme des guten alten Mr. Lawrence ernſt die heiligen Worte des Rituals vorlas. Ich hörte Fritz's klares und feſtes„Ja“, und hörte darauf die ebenſo feſte, nur ſanftere und viel ſüßere Muſik von Lily's Gegengelöbniß. Der Gottesdienſt war zu Ende, und ich erinnre mich, wie wir die alte Kirche verließen und wie an der Thür von Roſe Cottage der Reiſewagen hielt, der das vermählte Paar über die erſten Stationen ſeines glücklichen bräutlichen Ausfluges hinwegtragen ſollte. Ich erinnere mich, wie Mr. Hylton auf Geſundheit und Glück ſeines Neffen und der Braut trank, wie ſeine gewöhnliche heitre Galanterie von einem tiefern Gefühl angehaucht war, als er auf den Sohn ſeiner verſtorbenen Schweſter blickte und vielleicht der Kindheits⸗ tage in der längſt begrabenen Vergangenheit gedachte, da er und ſie als Kiuder um ihrer Mutter Kniee ſpielten. Ich erinnere mich der letzten Umarmung zwiſchen Lily und Miß Weſton, deren Lippen lächelten, während ihre Augen in Thränen ſchwammen. Noch denke ich an den halb ſchmerzlichen, halb glücklichen Abſchied und den herzlichen 8* 416— Händedruck und das Lebewohl Fritz's; auch weiß ich noch, daß wir auf den Stufen des Landhauſes ſtanden und dann hinausliefen auf den Weg, die Kutſche zum letzten Mal zu ſehen, als ſie um die Ecke des Weges bog, die ſie unſern Augen entzog und ihre ſchöne und glückliche Laſt fern von uns hinwegführte. Sie fuhr raſch um die Ecke und ließ, wie es ſchien, nach allen Seiten hin eine große Leere zu⸗ rück. Sie waren fort. Gott ſegne ſie! Ich war der Letzte, der das Landhaus wieder betrat; die wenigen darin befindlichen Gäſte plauderten im Frühſtücks⸗ zimmer, und ich gelangte, wie ich glaubte, unbemerkt durch die Halle in den Garten. Ich wollte jene Laube noch ein⸗ mal ſehen. Ich ſetzte mich nieder auf die ländliche Bank und verſuchte ernſtlich, an ihr Glück zu denken und mit Herzenseinfalt zu beten:„Gott ſchütze ſie!“ Ich that es, aber die Scene und Stunde brachten für einen Augen⸗ blick unwillkürlich das Gefühl des ewigen Verluſtes zurück, die Empfindung der innigſten Liebe und des unſäglichſten Schmerzes. Da ſaß ich, mein Geſicht in die Hände be⸗ graben, und ſah Lily durch die geſchloſſenen Augen nur um ſo lieblicher vor mir und fühlte, daß ſie, trotz der Ge⸗ wißheit des Verluſtes mir für ewig theuer blieb. Plötzlich war ich mir der Nähe irgend Jemandes bewußt, ich blickte auf und ſah Miß Weſton. Sie ſtand gerade vor der —x— — —— — 117— Laube. Ihre Wangen glühten und ihre Augen waren voll mitleidigen Schmerzes. Sie wünſchte offenbar zu ſprechen, und doch zögerte ſie ernſtlich befangen. Ich ſtand auf und wollte Etwas reden, aber ſie winkte mit der Hand und ſagte raſch und bebend, jedoch mit gewaltſam unterdrücktem Gefühl:— „Mr. Grey;— wenn— wenn es iſt wie ich fürchte — wenn Sie Lily geliebt haben“— Sie hielt an. Aber was die Zunge zu ſagen ſich wei⸗ gerte, ſprachen die Augen beredt aus. Ich gewann Faſſung aus ihrer offenbaren Verwirrung. „Meine liebe Miß Weſton“, entgegnete ich,„es iſt wie Sie vermuthen. Ich liebe— das heißt— ich liebte Lily — ich brauche Ihnen nicht zu ſagen, wie ſehr. Ich brauche Ihnen auch nicht zu ſagen, warum ich meine Liebe nie geſtand. Aber es iſt nun vorüber. Glauben Sie mir, es iſt ſo. Fürchten Sie Nichts für ſie oder für mich.“ „Vergebung, Mr. Grey, wenn ich mich in ein ſolches Geheimniß einzudrängen ſchien. Aber ich dachte— es kam mir vor— in der That es ſchien mir ſeit einiger Zeit, daß Sie Lily liebten— und, wenn es ſo geweſen iſt, Mr. Grey, was müſſen Sie gelitten haben! O, wie bemitleide ich Sie! Nicht, fügte ſie feſter und mit ſtär⸗ kerem Nachdruck hinzu, als ſie noch je angewandt hatte, — 118— „nicht mit dem Mitleid, welches erniedrigt,— in der That, dieſes meine ich nicht— ich meine ein Mitleid, das ich aus⸗ ſprechen muß und das Sie doch nicht zu verwunden braucht.“ Während ſie ſprach, dachte ich der Geſchichte ihrer eigenen frühen Liebe und ihres ſchweren Verluſtes. Beide, Liebe und Verluſt, lebten noch immer in ihrem Herzen; die eine hatte ihre Spuren in ihrer Zärtlichkeit, die andere in ihrer Schwermuth zurückgelaſſen. Die Zeit hatte beide Empfindungen vertieft. Wie eine ſeltene Blume, die lange zwiſchen die Blätter eines Buches gepreßt lag, noch immer genug von ihrer frühern Farbe und ihrem Duft behält, um ganz ahnen zu laſſen, was ſie einſt war; ſo ward auch ihre frühe, vom Tode vereitelte Leidenſchaft wieder friſch und lebendig, ſo oft jene Seite ihres Lebensbuches aufge⸗ ſchlagen wurde. „Verehrte Freundin“, erwiderte ich,„es war nicht meine Abſicht, daß irgend wer je von meinem Geheimniß erfahren ſollte. Da es mir gelungen war, es während einer ſolchen Zeit zu bewahren, ſo würde es mir auch ferner gelungen ſein. Dennoch verurſacht es mir keinen Kummer, daß Sie es entdeckt haben. Unſerer menſchlichen Schwachheit thut die Theilnahme ſo wohl, und Sie ſind die einzige Perſon, der ich, hätte ich je geſprochen, freudig vertraut haben würde.“ — —,— — 119— „So bin ich denn froh, daß ich geſprochen“, ſagte Miß Weſton.„Es geſchah ganz in der Eingebung des Augen⸗ blickes, nur als ich zu reden begonnen hatte, befürchtete ich halb und halb, Unrecht zu thun. Aber ich ſah Sie in dieſe Laube gehen, und wußte was hier vorgefallen; in der Kirche beobachtete ich Sie ebenfalls und fühlte, daß ich ſicher Recht hätte. Sie ſind beides, vorſichtig und zurückhaltend, Mr. Grey; auch wußte ich, wie einſam Ihr Leben iſt und daß Sie über dieſen Gegenſtand ja nicht mit Ihrem Freunde reden konnten. Ebenſo weiß ich, was es auf ſich hat, ein großes, großes Leid allein zu tragen; und da konnte ich nicht umhin— ich konnte wirklich nicht umhin, Ihnen zu folgen und Ihnen zu geſtehen, daß ich für Sie — daß ich ſo froh wäre, wenn ich irgend Etwas zu Ihrem Troſt ſagen könnte. Ich wünſchte es in der That.“ „Glauben Sie mir, theure Miß Weſton, ich bin Ihnen dankbarer, als ich es ausdrücken kann; auch iſt Ihre freund⸗ liche Abſicht ſchon erreicht, denn das Bewußtſein, daß irgend Jemand, und zwar Sie, um mein Geheimniß wiſſen, iſt kein geringer Troſt; ich kann Ihnen nicht ſagen, wie dankbar ich Ihnen für Ihre Güte bin; ich werde dieſe Zeit der Prüfung überſtehen, fürchten Sie Nichts. Sie können mir trauen. Noch einmal bitte ich, bewahren Sie mein Ge⸗ heimniß; und ich verſichere Sie wiederholentlich meines Dankes für Ihre Freundlichkeit!“ Ich küßte ihre Hand und ging. Die Glocken läuteten und klangen fröhlich, als ich Seanook verließ. Wenn diejenigen, die wir lieben und mit denen wir einen großen Theil unſerer Zeit zubrachten, uns verlaſſen, ſelbſt nur auf eine kurze Zeit, ſo befällt uns ein tiefes Gefühl der Einſamkeit und wir füllen die weite Leere, die der Abſchied zurückließ, mit einer ſchmerzlichen Sehnſucht nach ihnen aus. Dieſes Gefühl, welches ſchon unter gewöhnlichen Umſtänden ſtark iſt, war es für mich beſonders an jenem Hochzeitstage. Nicht bloß war ſie gegangen und verloren für immer; es ſchien mir auch, als ob mir mein Freund verloren wäre. Ich war ruhelos betrübt und ergriffen und ſchmachtete mit un⸗ ſäglicher Sehnſucht, ihn zu ſehen und einmal noch mit ihm zu ſprechen. Poſt und Eiſenbahn thaten ihre Pflich, und ich erreichte London nach Anbruch der Nacht. Ich ſcheute die Einſam⸗ keit meiner Wohnung und zögerte zwecklos in den Straßen, ehe ich nach Hauſe ging. Es verdroß mich, meinen Weg durch das dichte Menſchengedränge in den belebten Straßen hindurchwinden und ⸗drängen zu müſſen, und ich bog daher ſeitwärts in weniger beſuchte Paſſagen ein. Ich guckte in Ladenfenſter, ohne beſtimmt wahrzunehmen, was es da gäbe. Ich ſtand vor einer Mauer, an der die Zettel der kleinen Theater hingen, und las ſorgfältig die Ankündigung der außerordentlichen Erfolge, welche das Erſcheinen des„Großen Improviſators“ in Royal Roman Saloon erlebt hatte. Aus den daneben hängenden Anzeigen ging hervor, daß die ſchauerlichen Aufführungen in dem Albion Saloon mit dem „Wolf aus Wolfsthal“ oder dem„Weheſchrei des Gerichts“ beginnen ſollten, daß dieſem Stück die Darſtellungen des unvergleichlichen Signor Clarkini, des„berühmten Tonnen⸗ läufers der Apenninen“ folgen, und daß nach einer Reihe verſchiedener Tanz⸗ und Sangſtücke das Ganze mit dem be⸗ liebten Melodrama,„die Mühle des glücklichen Thales, oder der Pair! der Kuppler t und der Boxer!!!“ endigen würde. Ein anderes kleines Theater kündigte„den Fremden“ an. Zwei Frauenzimmer laſen dieſen Zettel eifrig. Die ältere, eine dicke, rothnäſige Perſon, mit einem großen Bündel unter dem Arm, erzählte ihrer Gefährtin, daß„Niemand dieſes Stück ſehen könne, ohne Thränen in die pyen zu bekommen.“ So ſchlenderte ich weiter. In den erleuchteten Straßen empfand ich eine Art Zerſtreuung, die ich nicht gegen mein einſames Zimmer und meine noch einſameren Gedanken — 122— vertauſchen mochte. Ueber die Schicht des innern Schmerzes legte ſich eine Art oberflächlichen Vergnügens, ein mecha⸗ niſcher Reiz zu beobachten, nicht um deſſen willen, was beobachtet wurde, ſondern bloß um die obere Gedanken⸗ ſchicht zu beſchäftigen und den darunterliegenden Kummer einzuſchläfern, der nur eine Gelegenheit abwartete, um wiederaufzuſtehen und das ganze Gemüth zu erfüllen. Ich kehrte dann um und ging entſchloſſen und ſchnell nach Hauſe. Meine frühere Stimmung war dem Wunſch nach Thätigkeit gewichen. Ich hatte weit zu gehen und ging ſehr ſchnell. Endlich erreichte ich meine Wohnung. Ich öffnete die Thür mit meinem Hausſchlüſſel und taſtete meinen Weg den dunkeln Flur entlang, bis ich die kleine Platte erreichte, auf der immer ein Licht und ein Feuer⸗ zeug für mich bereit ſtanden. Die Treppenwände waren mit mattgrüner Farbe gemalt, welche mir ſchon früher immer ſehr mißfallen hatte, die mir aber beſonders in dieſer Nacht, als das trübe Licht der flackernden Kerze einen bleichen, geiſterhaften Schein darauf warf, äußerſt kalt und düſter erſchien. Ich ſetzte mich in den alten Lehnſtuhl, welcher in meinem Wohnzimmer immer rechts vom Kamin ſtand. Man hatte mich früher erwartet und ein Feuer angezündet, das jedoch ausgegangen war und geſchwärzte, ausgebrannte Kohlenſtücke auf dem Roſt zurückgelaſſen hatte. Der Ort ſah unbeſchreiblich öde und traurig aus. Vom Kirchthurm ſchlug es ein Viertel. Ich ſah nach, welche Zeit es ſei, denn die Viertel klingen immer gleich, welche Stunde es auch ſein mag. Es war ein Viertel nach zwölf. Ich nahm ein heiteres Buch zur Hand nnd verſuchte zu leſen, vergeblich. Alte Melodien ſummten mir mechaniſch im Kopf. Wie ich aber in der tiefen Stille da ſaß, rauſchte endlich die ganze Fluth des Weh's, das ich ſo lange unter⸗ drückt hatte, in mir auf. Das Eis auf der Oberfläche des Empfindens brach auf vor der heißen, leidenſchaftlichen Brandung des tiefen Unterſtroms meines bittern Leides und nur Eisberge ſchwammen umher auf der ſtürmiſchen See des Kummers. Die langen, langen Stunden jener b ngen Nacht zogen langſam und ſchwer vorüber. Aber kommen wir auf ein anderes Thema. Im Leben wie in den großen Dramen, welche das Leben wahr wieder— ſpiegeln, folgt dicht hinter dem Tragiſchen das Burleske, die größten Ereigniſſe machen den gewöhnlichſten Gemein⸗ plätzen Raum. Rach der entſetzlichen Mordnacht in Macbeth's Schloß werden die Thore von dem betrunkenen Pförtner der Dämmerung eines andern Tages geöffnet. Der Tag, den ich bereits geſchildert habe, war, wie man ſich erinnern wird, auch der Hochzeitstag eines andern Paares, des Mr. Samuel Alexander Hartebeeſt und der 124— Miß Penelope Anna Smythe de Smithe Smith. Ich war natürlich nicht gegenwärtig, aber ich ſammelte ſpäter eine Nachleſe verſchiedener Bruchſtücke und Einzelnheiten. Es war eine höchſt ergötzliche Sache. Der Schwiegervater kam für die Reſpektabilität und den geſchäftlichen Charakter eines Theiles der Hochzeitsgäſte auf, die Schwiegermutter ſtand für die Reſpektabilität und die feine Sitte des andern ein. Man kann ſich den Erfolg vorſtellen. Es waren lauter verwandte Geiſter. Ihre Geſchäftsanſichten waren dieſelben, die, thatſächlich in Ausführung gebracht, ihren verehrten Wirth zu ſeiner ſtolzen commercialen Höhe erhoben hatten. Sie ſtanden, nur nicht im äußeren Scheinen und Gleißen, weit ab von allem Handel, welcher auf Grundſätzen der Ehre und Billigkeit, oder auf dem Geiſt einer höhern Intelligenz beruht. Bildlich usgedrückt könnte man ſagen, daß ihr Vaterland vor B hätte jubeln dürfen, wenn ſie Alle mit Schimpf und Schande fortgejagt worden wären. Noch immer iſt es ein ſtreitiger Punkt, ob Homer da⸗ für zu loben oder zu tadeln iſt, daß er den Schiffskatalog aufgeführt. Ich bin eher zum Lobe geneigt, und zögere da⸗ her nicht, da ich doch nur wenig mehr thun kann, die Namen bloß derjenigen Hochzeitsgäſte aufzuzählen, welche durch dieſe geringfügige Bezeichnung allein ſchon für die⸗ jenigen erkennbar ſein werden, die in kaufmänniſche Cirkel eingeweiht ſind. Anweſend war Mr. Grobian Judas Brutal, Lily's früherer Bewunderer in Begleitung ſeines Freundes Mr. Schuftlein(von der Firma Schuftlein und Dickdieb). Mr. Simon Walker und Mr. Felix Brootle, die Geſchäftstheilnehmer des Mr. Hartebeeſt ſanktionirten durch ihre Gegenwart die Heirath des Genoſſen ihrer Pläne und des Theilhabers an ihrem Kapital und Kredit. Mr. Dives Goldſmith, der gefeierte jüdiſche Kapitaliſt, ein ſchöner vollblühender Hebräer war einer der ausgezeich⸗ netſten Gäſte. Der alte Potoſi, der italieniſche Wechsler, lieh der Verſammlung ſchöner Frauen und edler Männer auch den Glanz ſeines gelben Antlitzes. In den alten Tagen war es eine allgemeine Sitte, daß die Leute vom Ort ihrer Geburt eine Bezeichnung annahmen, und der alte Gentleman, der in Lucca geboren worden, theilte das Schickſal eines Prinzen von ebendaſelbſt, der an einem ſehr ſchmutzigen Tage in Rotten Row vom Pferde fiel und gewöhnlich der„ſchmutzige Lukrirer“ genannt wurde. Mr. Vaurien(von der Firma Coquin und Co.) vervoll⸗ ſtändigte die Liſte der ausgezeichneten Fremden. Mr. Grymes(Chisler und Grymes) brachte ſeine unſauberen Runzeln mit an die Helle des Lichtes und der Freude. Mr. Seller, M. P.(Mitglied des Parlaments), der ein — 126 paar Jahre darauf, eines Morgens in Putney Heath ge⸗ funden ward, wo er aus zartem Ehrgefühl, bei dem erſten Fingerzeig von Verdacht und Entdeckungsgefahr, ſich ſelbſt umgebracht, ſtand am Kamin und gab mit parlamentari⸗ ſcher Urbanität hochzeitliche Scherze von ſich. Mit dem leiſe gurgelnden Murmeln beifälliger Sympathie beugte ſich lauſchend zu ihm nieder der reiche Mr. Cowd. Ich ſage, er beugte ſich nieder, weil Mr. Cowd ſo lange ſchon an Kriecherei gewöhnt war, daß er geradezu, geiſtig und phy⸗ ſiſch, die Kraft aufrecht zu ſtehen, verloren hatte. Er war auf ſeinem Weg durchs Leben heraufgekrochen von dem einſamen, verlornen Poſten an der Thür des Comtoirs empor zu dem Heiligthum des Compagnonszimmers. Aber er war auch unterwegs ſo zugeſtutzt und gemaßregelt worden, hatte ſo viele Beleidigungen erdulden, ſo viele Erniedri⸗ gungen ertragen müſſen, daß er nun für immer unheilbar eingeſchüchtert und verängſtigt war. Seine Stimme war ein Flüſtern, ſeine Haltung eine ewige Verbeugung und ſein ganzes Weſen eine ſchwänzelnde Unterwürfigkeit und Bettelei. Wenn ihr ihm einen Fußtritt verſetztet, würde er ſich gebückt haben, eure Stiefeln zu küſſen. Als er end⸗ lich Prinzipal geworden war und demnach von Rechtswegen an ſeinen Untergebenen die Geringſchätzigkeiten und Roh⸗ heiten hätte rächen können, die er ſelbſt von Andern erduldet, war er durch lange Gewohnheit ſchon ſo demüthig geworden, daß er ganz von ſelbſt auf eine ſo edle und geſunde Beluſtigung verzichtete. Er war ein eigen⸗ thümlich furchtſamer und vorſichtiger Menſch, und es iſt vorgekommen, daß, wenn ein Extrazug abfuhr, er Anſtand nahm, dem Beamten den Platz anzuvertrauen, für den er ein Billet wünſchte, aus Furcht, ſich verantwortlich zu machen. Dieſe beſtändige Furcht,„ſich verantwortlich zu machen“, blieb in der That der Popanz ſeines ſpäteren Lebens. Er war eine ſo geheimnißkrämeriſche Natur, daß er ſeiner Frau noch an ihrem Hochzeitstage die Thatſache ihrer Verheirathung zu verbergen ſuchte. Mr. Thomas Short Barker, ein anderer verehrter Gaſt, bot einen köſtlichen Gegenſatz zu Mr. Cowd dar. Er ſchrie, während Mr. Cowd mit verhaltenem Athem und flüſternder Demuth ſprach. Er war laut und barſch und ließ ſelten mehr als drei Worte auf einmal hören, da er, wie er oft erklärte, kein Freund lang ausgedehnter Reden ſei; Zeit, überdieß war ja Geld. Es giebt, nebenbei geſagt, Menſchen, welche für dieſe Art von Bündigkeit eine außerordentliche Leidenſchaft hegen. Sie vermögen nicht zu begreifen, warum der Katalog der Bibliothek im Brittiſchen Muſeum nicht vollſtändig anf einer Seite ſtehen kann; ſie halten Hamlet wohl für ein ſchönes Stück, nur mit dem nicht wieder gut zu machenden Fehler behaftet, um vier Akte und eine Scene zu lang zu ſein; ſie würden wirklich„das verlorene Para⸗ dies“ bewundern, wenn es nur die Länge eines Sonnettes hätte, und von der Iliade würden ſie entzückt ſein, wenn 4 ſie ſich in den Grenzen eines Diſtichons hielte. Ich übergehe die Charaktere zweiten Ranges, Mäkler und dergleichen, welche wie Roſſe und Lenox, obſchon große Thans, doch, im Vergleich zu den leitenden Charakteren, unbedeutend ſind. Ich übergehe die bloßen Gentlemeu zu Fuß, welche bei ſolchen Feſtlichkeiten nur als Chorus der Lords dienen und reihenweiſe an den Wänden entlang ſtehen, während die Herren die Bühne einnehmen und Träger der Handlung ſind; ich werde nur diejenigen Cha⸗ raktere ſchildern, welche mit gehöriger Deutlichkeit und Wichtigkeit hervortreten, um auf der Liſte der dramatis per- sonae überhaupt einen Namen und eine Zeile für ſich allein zu beſitzen. Auch der junge Mr. Simeon Buck Hulks war anweſend. Er kann eigentlich nicht als entſchieden zu des Wirthes Clique oder der Wirthin Coterie gehörig bezeichnet werden, denn er ſtand auf dem ſtreitigen Grund und Boden zwiſchen Handelsgeſchäft und elegantem Modeleben und war eine Stütze des einen, ein Pfeiler des andern. In frühern Tagen war er einmal Fritz's Rival bei einer ſeiner Liebestän⸗ — 129— deleien mit einer Dame geweſen, die auf dieſen Blättern unten dem Namen Angelika Hawkker erſcheint. Er war der jüngſte Theilnehmer des Banquierhauſes Biſhop, Hulks und Comp., einer alten Firma. Zwei oder drei Generationen von Geſchäftsgenoſſen waren ſchon gleich vollgeſaugten Blut⸗ egeln von dem Hauſe abgefallen, nachdem ſie es darin zu anſehnlichem Vermögen gebracht. Neuerdings aber war das Geſchäft im Steigen begriffen und ſtand im Ruf, ſeine Operationen weiter ausgedehnt und ſeinen Reichthum ſehr vergrößert zu haben. Die Senioren des Geſchäfts lebten auf beinahe fürſtlichem Fuße, und die öffentliche Meinung wies ſtets mit Entzücken auf ihre hohe mit geſellſchaftlichem Aufwande verbundene Reſpektabilität hin. Sie hatten ſich in zwei verſchiedenen, aber gleich wünſchenswerthen Kreiſen beliebt zu machen verſtanden. Die ältern Compagnons waren äußerſt fromm, wohl gemerkt, nicht bis zur Ascetik, oder dergleichen Unſinn, aber doch fromm in einem hohen Grade, der indeſſen den vollen Genuß aller guten Dinge und Annehmlichkeiten dieſer ſündigen Welt zuließ. Sie hielten ſich an ihre religiöſen Bekanntſchaften, während ſie den jüngern Mitgliedern der Firma die Aufgabe überließen, den eleganten Klienten aufzuwarten und das Geſchäft mit der beau-monde zu betreiben. Der alte Mr. Biſhop war ein wärmendes und ſtrahlendes Licht in der Gemeinde Die drei Pfade. II. 9 120 der Kirchlichen. Er erſchien in Exeter Hall und hatte eine liebliche Paraphraſe eines der Pſalmen gedichtet. Er war ein ernſter, gemeſſener, feierlicher alter Gentleman. Immer ging er in neues glänzendes Schwarz von einem beliebten klerikalen Schnitt gekleidet und trug fleckenlos weiße Hals⸗ binden. Obgleich er ſelbſt ſo außerordentlich gut war, wußte er doch der gefallenen Menſchheit Zugeſtändniſſe zu machen; er führte Conto über Dich, und wenn es ein gutes war, ſo pflegte er Dich zu Tiſche in ſein prächtiges Haus ein⸗ zuladen, obgleich Du vielleicht ein weltlicher und allbe⸗ kannter Bruder Thunichtgut warſt. Er war die Stütze, der Pfeiler und der Stolz des Hauſes. Welcher penſionirte Officier, welche Wittwe oder Waiſe hätte wohl gezögert, ſein oder ihr kleines Ein und Alles in ſo fleckenloſe Hände niederzulegen? Der alte Hulks war ein weniger hervor⸗ ſtechender Charakter, etwas ſchwerfällig, düſter und ſtumpf, aber eben das nahm ſich gut aus in den Geſchäftsangele⸗ genheiten eines alten Hauſes von dieſem Umfang. Der junge Hulks war der legitime Sohn des alten Hulks. Der alte Biſhob hatte keine Familie, wenigſtens nicht ſo weit man darüber ſprach. Der alte Hulks war ſchweigſam, dem Portwein zugethan und nachdenklich. Seine kleinen Augen waren ſchläfrig vor Gedeihen; dagegen hatten die ſeines Sohnes einen faſt krankhaften Glanz. Er erging — 131— ſich ſtandesmäßig in einer noch überſtandesmäßigen Ver⸗ ſchwendung, war Mitglied mehrerer guter Klubs und wohl⸗ bekannt in den Foyers der Oper, wo er für einen eifrigen Bewunderer und eine Stütze des Ballets galt und mit ei⸗ nigen der weiblichen Mitglieder ſehr vertraulich verkehrte. Er lebte ganz auf Junggeſellenart mit einem Zuſatz von Jagdliebhaberei und führte überhaupt ein luſtiges Daſein. Er war ein langer Burſche mit rothem Geſicht, bärtigem Kinn, ſah ziemlich unbeholfen aus und hatte eine auffallend gemeine Stimme. Ich brauche nicht zu ſagen, daß er ein Liebling aller Mütter heirathsfähiger Töchter und überhaupt ein gefeierter Herr in allen Geſellſchaften war. Mrs. Smythe de Smithe Smith ſchenkte ihm viel Aufmerkſamkeit und vertraute ihm ihre zweite Tochter an, die er bei allen ihren Verrichtungen in ihrer Rolle als Brautjungfer an⸗ leitete und unterſtützte. Das waren die Mitglieder dieſer hohen Firma, die den großen City⸗Kaufmann zu ehren ſuchten, indem ſie ihren eleganten jungen Genoſſen abſandten, die Hochzeit durch ſeine Gegenwart zu verſchönern. Als es zum Klappen kam, ſtellte es ſich zum Staunen und Entſetzen der ganzen eleganten und commercialen Welt heraus, daß die Firma ſeit manchem Jahr ſchon zahlungs⸗ unfähig war und daß die Inhaber derſelben das echt geſchäfts⸗ mäßige Syſtem angewandt hatten, alle ihnen anvertrauten 9* — 132— Bürgſchaften zu eignem Nutz und Frommen’zu realiſiren und das Ganze der bei ihnen niedergelegten Gelder unter ſich zu theilen. In Folge ihres außerordentlich geſchickten Spiels warf ihr Rechnungsſchluß ſo gut als Nichts ab, und die Tauſende, die durch ſie ruinirt waren, mußten eingeſtehen, daß die Herren wenigſtens vollſtändige Geſchäftsleute geweſen. Einige jedoch, die nicht durch ſie verloren hatten, hegten noch immer Theilnahme für den Pſalmendichter, mißbilligten ſein Erſcheinen in den Docks auf's Höchſte und ſahen darin eine Art demokratiſcher Beſchimpfung gegen die ernſten Intereſſen und die Majeſtät der Geſellſchaft. Man war der Meinung, daß gegen Leute, die ſich in ſolchen Cirkeln bewegt, die auf ſolchem Fuß gelebt hatten, die ſo fromm und religiös geweſen waren, wohl„Delikateſſe“ hätte geübt werden müſſen; ja es ward in Erwägung gezogen, ob die unglückliche kleine Angelegenheit ihres Bankerotts und Be⸗ truges nicht lieber hätte vertuſcht werden ſollen. Die niedern Seelen des Richters und der Jury ſchienen anderer Meinung, und die commercialen Cirkel erzitterten bei dem Richter⸗ ſpruch und Urtheil. Ein anderer Gaſt, der großes Intereſſe erregte, als Re⸗ präſentant eines großen Hausſtandes in Verbindung mit hoher geſchäftlicher Wirkſamkeit, war Mr. Maximus Pupper (Pupper und Söhne), der Vater von ungefähr zwanzig —4. 3 Kindern, von denen ihn eine Auswahl zur Hochzeit begleitet hatte. Seine Frau hatte Umſtände halber nicht erſcheinen können, aber mancherlei Fragen rückſichtlich ihres Befindens wurden von den anweſenden Frauen gethan. Er war ein kleiner ſchmaler Mann von einer ſichern, aber behutſamen Art und Weiſe und immer bereit, Jedermann, der ihn an⸗ hören wollte, ſeine Theorie des Papiergeldes, der Wechſel⸗ zinſen und der Erſchaffung des Wohlſtandes zu erklären. Der letzte, obwohl nicht geringſte auf der Liſte der großen kaufmänniſchen Gäſte, die aus Freundſchaft für den Schwie⸗ gervater ſich eingefunden hatten, war der alte Mr. Skinner. Er war rheumatiſch und zahnlos und ſchien ſich eigentlich gewöhnlich in einer Art von Ohnmacht zu befinden, wenn nicht eine Anſpielung auf ein Geſchäft oder eine Speculation ſeine fuchsartige Schlauheit anſtachelten und ihn in einen Zuſtand unnatürlicher Lebendigkeit galvani⸗ ſirten; ſo wie der Strom des Nachtwindes, der hinter der Tapete vorüberfegt, den darauf gemalten Figuren ein künſt⸗ liches Leben verleiht. Er ward zwei bis drei Millionen werth geſchätzt. Vom Thürſteher in einem Waarenlager war er emporgeſtiegen, um eines von den goldglänzenden Lichtern des Handels zu werden. Ein oder zwei Jahre nach dieſer Hochzeit ging der letzte Funke ſeines Geiſtes aus, und er ward die Beute einer ewigen Furcht vor Armuth. Sein ungeheurer Reichthum gab ihm kein Behagen, noch half er ihm, ſeine Angſt vor dem zu überwinden, was ihm als das größte aller Uebel erſchien. Seine Verwandten gewährten ihm fünfundzwanzig Schilling wöchentlich, und die Auszahlung einer Summe, die er in ſeiner Jugend als Wochenlohn empfing, erhielt den alten Millionair am Leben. Er fragte nach dem Preis einer jeden Speiſe, die auf ſeinem Tiſch erſchien, und man mußte ihn belügen, damit das Ent⸗ ſetzen nur nicht ſein Lebenslicht auslöſche. Er fragte z. B.: was dieſes Huhn gekoſtet habe? und wenn man ihm ſagte einen Schilling, ſo murmelte er Beifall und war zufrieden. Eines Tages ſtarb er; er glitt über den Rand des Lebens und hatte nicht die Kraft zurückzukriechen. Aus der Total⸗ ſumme des Reichthums der Welt hatte er einen tüchtigen Haufen zuſammengeſcharrt, und da er ihn zurückließ, als er ging, ſo zankten ſich Narren und Tölpel, ſeine natürlichen Erben, um ſein Geld, theilten es, und es floß zurück durch ſchmutzige Kanäle in das große Hauptbaſſin, von wo es urſprünglich ausgeſtrömt war. So endete ein Leben, das aller jener großen Zwecke ledig war, um derentwillen das Leben dem Menſchen verliehen iſt, gleich leer an Ehre, Neigungen, Geiſt, Mitleid oder höherem Streben. Aber der alte Skinner ſtarb, und die Journale widmeten ihm ganze Seiten des Lobes, indem ſie ſeine erfolgreiche Carrière als — 135— Beiſpiel großer commercialer Unternehmungen, als Antrieb zum Nacheifer für die Britiſche junge Handelswelt aufſtellten! Dieſes waren die Freunde des Mr. John Caractacus Smythe de Smithe Smith; dieſes waren die Gegenſtände ſeiner„Heldenverehrung“. So kurz ich ſie auch habe ſchildern müſſen, ſo ſind ſie doch die Typen der Kinder des Nebels, der mit der großen Wolke der europäiſchen und trans⸗ atlantiſchen Schmach zuſammenhängt, durch welche Englands Volk in der gegenwärtigen Zeit hindurchzieht, die Wolke der Ungerechtigkeit und Spitzbüberei im commerziellen Verkehr. Möge dieſe Wolke bald vorüberziehen und dann dahin ſein für immer. Künftige Sittenmaler werden vielleicht andere Wolken zu ſchildern haben, aber ich hoffe, daß der Himmel dann dieſe trübe Maſſe zerſtreut haben wird. Ich blicke mit Hoffnung vorwärts; denn ich ſehe nirgends drohende Zeichen, daß wieder eine ſo finſtere Wolke folgen könnte. Sie bildete ſich über der ſtockenden Fäulniß eines allzu langen Friedens, der uns nicht zum Frieden gereicht iſt. Möge die ſchnell ziehende Feuerwolke des Krieges den unreinen Himmel klären und uns eine Nationalität der Männlichkeit herſtellen, an⸗ ſtatt der Selbſtſucht des Handels und der großen Gaunerei der Concurenz. Amen! Aber wie ich ſchon angedeutet, hatte die Ehehälfte des — 136— großen Handelscoloſſes das Hochzeitsfeſt mit den erforder⸗ lichen Perſonen feiner Sitte verſorgt. Durch ihren Zauber⸗ ſtab und auf ihre freundliche Bitte herbeibeſchieden, ver⸗ ſammelten ſich die Kinder des vornehmen Scheins.— Sie hätte beinahe die Anweſenheit eines wirklichen hochgeborenen Barons nebſt Familie erlangt, aber der Gentleman hatte, bevor er ſich durch ein beſtimmtes Verſprechen band, dem alten Smith in der City in Betreff eines Anlehens ſeine Aufwartung gemacht. Entweder war die Summe zu groß oder die Sicherheit zu gering; die Unterhandlungen wurden abgebrochen, und die Abweſenheit des ausgezeichneten Gaſtes ließ eine Lücke in dem großen Feſt. Es blieb indeſſen an Schönheit und Würde noch immer genug übrig, um den Buſen der alten Dame vor Stolz faſt zu der vollen Weite hres kunſtvoll gearbeiteten Kleides aufzuſchwellen. Zur Beſtätigung dieſer Behauptung wird es hinreichend ſein, Mr. Norman Fitz⸗Belcher zu nennen, der irgendwie mit einem Lord in Verbindung ſtand— ich glaube, er war der natürliche Sohn des Kellermeiſters eines Herzogs und ein Verwandter der Familie Barnacle. Er erſchien in ſeiner längſten weißen Weſte und mit ſeiner hochmüthigſten Miene. Er ſtand an der Spitze irgend eines Verwaltungs⸗ zweiges. Seine ausgezeichnetſte Eigenſchaft war ſein Huſten, ein ſehr geringes und zufälliges Verdienſt auf den erſten — 127— Blick; aber er verdankte dieſer, edeln Gabe, die er durch ſorgſame Pflege entwickelt hatte, einen großen Theil ſeiner officiellen Erfolge und mehr noch ſeiner officiellen Würde. Es war aber auch ein herrlicher Huſten, und er verſtand ihn ſo zu moduliren, daß er jede Nuance des amtlichen Gebahrens ausdrückte. Au reste war er bei den höchſten Anſprüchen ein Mann von der größten Unfähigkeit. Es fehlt mir an Raum, um auch noch den Reſt der untergeordneten Gäſte herzuzählen. Es ſtellte ſich jedoch heraus und ward allgemein anerkannt, daß keine Familie, die noch vor kurzer Zeit in Camberwell gelebt hatte,— denn die S. de S. S's. waren nun in die Upper Baker Street gezogen und bewohnten ein großes ödes Haus, das ganz und gar gebant ſchien, um über dem zweiten Stockwerk ein ſtolzes Wappenſchild zu tragen,— es je zu Stande gebracht, ein ſo glänzendes Hochzeitsfeſt zu geben. Alles, gleich der Braut ſelbſt, hatte einen Succeß, wie man ihn nur wünſchen konnte. Der König iſt todt: lang lebe der König! Penelope Anna, die älteſte Tochter, war nicht mehr Miß Smythe de Smithe Smith. Diefe Würde ver⸗ erbte ſich auf die zweite Tochter, und Jemima Alexan⸗ drina regierte an ihrer Statt. Ich will indeß zu der andern Tochter des Hauſes zurück⸗ 138— kehren, zu der einzigen, die ſo ſehr von ihren Eltern und Ge⸗ ſchwiſtern verſchieden war. Fritz und Lily befanden ſich nun auf ihrer glücklichen Hochzeitstour, ſo wie Samuel Alexander und ſeine Penelope Anna auf ihrem Ausflug. Mr. Harte⸗ beeſt's urſprüngliche Idee über dieſe Reiſe war hinſichtlich der Zeit ſehr beſchränkt, und hinſichtlich des Raumes ſehr begrenzt geweſen. Er hatte eine Woche für die Hunds⸗ inſeln beſtimmt, von wo er täglich nach der Stadt gelangen konnte, um zu ſehen, wie die Geſchäfte gingen. Aber die geſellſchaftliche Stellung der Familie, mit der er ſich ver⸗ band, erforderte eine Reiſe nach dem Continent, und ſeine Schwiegermutter war in dieſem Punkt unbeugſam. Er hatte ſich daher für einen Theil Europa's entſchieden, der mittels Retourbillets billig zu erreichen war, und hatte deshalb den Rhein über Rotterdam gewählt. Zum Theil war er auch durch den Wunſch beſtimmt worden, in einigen deutſchen Städten Agenturen einzurichten. Aber ich habe kein Verlangen, mit dem Hartebeeſt'ſchen Paare zu reiſen. Mein Geſchmack, der freilich weder„reſpektabel“, noch „gentil“ iſt, treibt mich, die Geſellſchaft des Mr. und der Mrs. Charlton vorzuziehen, mit denen ich oft im Geiſte gereiſt bin. Es waren lange Ferien, und ſo hatte Mr. Fritz Zeit vollauf. Er hatte auch Geld vollauf. Da er außerdem 2 — 139— der Anſicht war, daß er zu keiner Zeit ſeines Lebens wahr⸗ ſcheinlich wieder ſo vergnügt reiſen würde, ſo beſchloß er, wie es mir ſcheint, ſehr weiſe, aus ſeiner Hochzeitsreiſe eine derartige zu machen, die das ganze ſpätere Leben mit heitern Erinnerungen verſorgen ſollte. Mit Paris beginnend, beſuchte der junge Reiſe⸗Sybarit die meiſten Sehenswürdig⸗ keiten Europa's. Er ſah alles geſchichtlich Intereſſante, Alles was an Naturſchönheit vorhanden iſt und von ſeinem Wege nicht gar zu weit ab lag. Er ging von den großen Städten zu der Einſamkeit der Seeen und des Gebirges über. Er richtete es geſchickt ein, Contraſte miteinander wechſeln zu laſſen, und für ſtete Veränderung zu ſorgen. Von der ſchneeigen Einſamkeit der Schweiz, ſtieg er über die Alpen und beſuchte Italien's Städte. Ich habe Briefe von ihm, die aus Florenz, Mailand, Rom und Neapel datirt ſind. Er ſchrieb nicht eher, als bis er von Italien auf die Alpengletſcher zurückblickte, aber nachdem er einmal an⸗ gefangen hatte, waren ſeine Briefe zahlreich. Zuweilen waren kleine italieniſche Nachſchriften von einer zarten Hand hin⸗ zugefügt. Welche Erinnerungen der Wonne ſind dieſe Briefe! Ich wende mich in ſchwermüthigen Stimmungen zuweilen zu ihnen zurück, um mir zu vergegenwärtigen, welch' eine hohe Glückſeligkeit das Leben für Manchen enthält. Denn Fritz war in Wahrheit ein glücklicher Gatte. Es begann für — 140— ihn und ſeine Frau eine gegenſeitige Erweiterung des Ge⸗ müths, weil alle Gefühle in Harmonie erklangen. Er blieb etwa drei Monate weg, eher mehr, denke ich; die Zeit erſchien mir ſehr lang. Endlich war ſein neues Haus von Miß Weſton zu ſeinem Empfange in Stand geſetzt, und ich ging, ſeine künftige Wohnung im Augen⸗ ſchein zu nehmen, als ſie für Mylords Ankunft in Bereit⸗ ſchaft war. Briefe kamen an von Orten, die den alten weißen Klippen näher und näher lagen; zuletzt hörten ſie auf in Calais, und das vermählte Paar erſchien ſelbſt. Ich war ſehr glücklich, einen Beſuch, wenn auch nur einen kurzen, noch am Abende deſſelben Tages, an dem er ankam, von Fritz zu empfangen. Ich fand es ſehr freundlich. Aber welch' ein Unterſchied iſt zwiſchen zwei Menſchen, von denen der eine, die lange Zeit der Trennung hindurch, ſich langſam und ſchwer auf ſeiner eintönigen Lebensbahn fortgeſchleppt hat, während der andere die Zeit und das Leben auf's Höchſte genoſſen! Wie friſch und begeiſtert der Eine! wie ſtumpf und erſchöpft der Andre! Und wie ſcharf ſpringt der Contraſt dem armen Sklaven in die Augen, während das fröhliche Glückskind es vielleicht kaum merkt. Er war voll von Anekdoten, voll von Entzücken und Mittheilungsbedürfniß. Scenen und Orte, die er be⸗ ſucht, beſchrieb er mir in ſeiner raſch lebendigen Weiſe, und jede Skizze endete mit irgend einer Anſpielung auf die theure Gefährtin, welche jede Scene ſchöner, jeden Punkt intereſſanter gemacht. Ich hatte wenig oder nichts zu erzählen oder zu beſchreiben. Ich konnte das Glück nur durch ſeine Augen ſehen, und hörte mit Vergnügen zu, während er mit Begeiſterung ſprach. Endlich, nach mehreren Beſuchen bei mir, fing er an, ſich darüber zu beklagen, daß ich ihn nie beſuche; denn ich konnte meine Bedenklichkeit nicht überwinden, Lily als Frau in ihrer neuen Heimath wieder zu ſehen, und mehrere Male, wenn ich im Begriff geweſen zu gehen, hatte mich meine Unentſchloſſenheit überkommen, und ich war daheim geblieben. Meine erſten Entſchuldigungen wurden nachſichtig ange⸗ nommen; aber endlich wurde Fritz ungeduldig und fing an, meine ſpätern Ausreden mit einem„Ei was da!“ ab⸗ zuweiſen, da ſie, gleich einer durch lange Wechſelheirathen herabgekommenen Race, immer weniger Kraft in ſich hatten. Eines Abends, etwa drei Wochen nach ſeiner Rückkehr, ſaß ich nach vollbrachtem Tagewerk in meinem Zimmer. Ich war verdrießlich über mich ſelbſt, meiner eignen Schwäche und Unentſchloſſenheit überdrüſſig und nahm ſo eben eine Pfeife zur Hand, um die Qualen der Unzufriedenheit mit mir ſelbſt zu beſänftigen: als eine Droſchke vor der Thür hielt, und ein kräftiges, nicht zu verkennendes Klopfen gegen die⸗ — 142— ſelbe erfolgte. Ich hörte Fritz's Stimme fragen, ob ich zu Hauſe ſei, und vernahm ſodann auf der Treppe den wohlbekannten raſchen Schritt von je zwei Stufen auf ein⸗ mal, der immer ſeine ungeſtüme Ankunft meldete. Mir kam es vor, als hörte ich noch einen zweiten und leichtern Schritt, und als ich noch lauſchte, ob meine Vermuthung richtig ſei, ward die Thür des Zimmers aufgeriſſen und Fritz ſtand vor mir. „Hier iſt ſie!“ rief er aus;„ſie will Dich ſelbſt fragen, warum Du uns nicht beſuchſt?“ Es verhielt ſich ſo. Der andre leichtere Schritt war erklärt. Der tollköpfige Burſche hatte wirklich Lily mit⸗ gebracht, um, wie er ſich ausdrückte, mich„aufzuſtöbern“. Sie trat ein mit ſeidigem Rauſchen. Erröthend und lächelnd ſtreckte ſie die kleine Hand mir— dem Freunde ihres Gatten— entgegen, für den ſie eine Art von Freundlichkeit empfand, weil er ihr den Gatten zugeführt hatte. Mein Zimmer— ich kann mit voller Beſtimmtheit für die Zeit meines Be⸗ ſitzes und mit großer Wahrſcheinlichkeit in Bezug auf jeden frühern Inhaber dafür einſtehen— hatte nie eine ſo ſchöne Erſcheinung in ſeinen Mauern geſehen. Mit echt weiblicher Freundlichkeit und zartem Takt überſah ſie meine Verwir⸗ rung und ſaß bald auf dem Lehnſtuhl im Winkel am Kamin, wodurch ſie dem armſeligen Plätzchen die vorüber⸗ gehende Schönheit eines wohnhaft heimathlichen Ortes verlieh. 9 . 9 — 143— „Gieb ihr etwas Thee“, ſagte Fritz.„Hier pflege ich immer in Grey's Zimmer zu ſitzen, Lily. Wie oft habe ich in alten Tagen hier mit ihm allein geſeſſen!“ Und er ſah ſich an dem alten Orte rings um mit jenem Intereſſe, mit dem er auf alle Dinge blickte, welche dazu dienten, ihm den Contraſt ſeiner Junggeſellenzeit mit ſeiner glücklichen Ehe vorzuführen. Ich verſteckte heimlich die Pfeife auf dem Kamin und murmelte etwas, wie, daß ich eben erſt zu rauchen ange⸗ gefangen hätte. Lily beruhigte mich jedoch über dieſen Punkt, und verſicherte mir, daß ſie keinen Widerwillen gegen Taback hätte. Fritz beſtätigte dieſe Behauptung, und es ſtellte ſich heraus, daß ſie, nachdem ſie ſeinen Gebrauch zu⸗ erſt in dem Glauben geſtattet hatte, er ſei Fritz's Ge⸗ ſundheit zuträglich, zuletzt wirklich— wie alle Frauen von höherer Intelligenz thun werden— eine Art Wohlgefallen an dem göttlichen Kraut fand, wenn es mäßig genoſſen wird.. Der Thee kam; aber das Dieuſtmädchen war ſo in Staunen und Verwunderung verloren bei dem ſeltſamen Anblick einer ſo ſchönen Lady in dieſen einſamen Räumen, daß ſie mehrere Bewirthungsgegenſtände fallen ließ und kaum Geiſtesgegenwart genug behielt, den Thee in die Kanne zu thun. Ich konnte zuerſt kaum ein unheimliches, traumähnliches Gefühl abſchütteln, als ich ſie an dieſem Ort ſah. Indeß Gatte und Gattin wußten Beide von keiner andern oder ſtärkern Empfindung auf meiner Seite, als meiner gewöhn⸗ lichen Zurückhaltung und Unbehülflichkeit; und ſo gelang es mir bald, meine tief verſteckte Unruhe zu unterdrücken. Ihre Reiſe bot ein natürliches und vortreffliches Unterhaltungs⸗ thema dar und Fritz begann, zuerſt ſehr heiter eine Ge⸗ ſchichte zu erzählen, die ihm unterwegs begegnet war und ihm die Ausweiſung aus einem kleinen deutſchen Fürſten⸗ thum zugezogen hatte. Darauf beſchrieb er mir mit großem Entzücken einen Commis voyageur, den er in Marſeille an der Table d'hote getroffen hatte. Dieſer ausgezeichnete Mann kehrte aus Italien nach ſeinem Geburtsort Elberfeld zurück. Er ſprach ſtets ſo laut, daß er von Jedermann am Tiſch gehört werden konnte, und er ſprach unaufhörlich. Es war ein großer ſtarkgebauter Burſche, nicht geradezu häßlich, aber mit einem gewöhnlichen, breiten, ſonnenverbrannten, gut⸗ müthigen und ſelbſtgefälligen Geſicht, das ein ſtarker heller Backen⸗ und Schnurrbart garnirte. Er kündigte öffentlich und zum Vortheil für Alle, welche es betreffen konnte, ſeinen Namen und ſeine Beſtrebungen an: D. Fabelmann und Sohn, aus Elberfeld— der Sohn, der bin ich; ich 145 reiſe für mein Haus; bin überall geweſen, komme eben von Neapel, bei Gott! Kennen Sie die Contessa di San Giorgio dei Pulci— del primo letto? Nein? Reizendes Geſchöpf— jung und zärtlich— alter Ehemann— Sie verſtehen? Dies iſt von ihr— bei Gott!— aber ich habe kein Recht, es zu zeigen.“ Dieſe Anſpielung bezog ſich auf ein Billet von etwas zweifelhaftem Ausſehen, welches er im tiefſten Heiligthum eines großen, dicken Reiſetaſchenbuchs verwahrte. Als er das Papier in prah⸗ leriſcher Weiſe geküßt und in ſein Behältniß zurückgelegt hatte, das ſeinerſeits in einer Bruſttaſ che logirte, nahm der glückliche Empfänger, laut ſeufzend und mit einer nicht zu verkennenden zeitweiligen Nieder geſchlagenheit, an der Suppe Theil. Nachdem er dieſe Erfriſchung ſeinem Körper einver⸗ leibt hatte, ſchien er wieder aufzuleben und begann ſeine Unterhaltung von Neuem:— „Sind Sie in Spanien gewefen? Jemals in Spanien? Nein? Dann will ich Ihnen eine Anekdote, einen ſchönen Spaß erzählen. Gott ſtrafe mich, wenn ich Sie belüge! Ich war zuerſt dort im Jahre— im Jahre— ich habe vergeſſen in welchem Jahre, aber das thut nichts zur Sache. Gut— eines Tages— es war der heißeſte Tag, deſſen ich mich je erinnere— ritt ich über das Gebirge 2 mit den Schmugglern— Gott ſtrafe mich! Wir hatten Die drei Pfade. II. 10 — 146— einen Zug von ſechzig Maulthieren, Sir— ſechzig Maul⸗ thieren, bei Gott!— und ich rauchte eine Cigarette, die expreß für mich gewickelt war durch eine Donna— aber laſſen wir das gut ſein, ich verrathe nie eine Dame— Sie verſtehen? Nun— als wir um eine Ecke biegen— Gott ſtrafe mich, wenn ich Sie belüge!— ſtießen wir auf eine Armee von fünfzigtauſend Mann— fünfzigtauſend Mann, Sir! Ich ward vor ihren Anführer geſtellt— Zumalcarreguy, Sir, bei Gott!— und er fragte mich, wer ich ſei. Ich ſagte, ich wäre von der Firma D. Fabel⸗ mann und Sohn aus Elberfeld— der Sohn, Sir, bei Gott! Sir!— und preußiſcher Landwehrlieutenant. Er umarmte mich, Sir, Zumalcarreguy umarmte mich und ſagte:„Führe uns gegen den Feind!“ Und da war der Feind, Sir— ſiebenzigtauſend Mann ſtark, Sir,— ſiebenzigtauſend Mann,— Gott ſtrafe mich! Ich lud mein Maulthier ab, Sir, und zog meine Uniform an— ich habe meine Uniform immer bei mir, wenn ich reiſe— oben in Nr. 37, wenn es Ihnen Spaß macht, ſie zu ſehen. Gut, Sir, ich übernehme den Oberbefehl, und die Aktion begann. Das heißeſte Gefecht, Sir, was mir je vorge⸗ kommen iſt, bei Gott! Die Kanonkugeln flogen ſo dick, daß man die Sonne nicht ſehen konnte!— Gott ſtrafe mich, wenn ich Sie belüge! In einer halben Stunde war der ganze Feind in Stücke zerriſſen, Sir, vollſtändig auf⸗ geräumt, Sir— vollſtändig. Die Spanier, Sir— auf unſrer Seite meine ich— wünſchten dringend, mich als Oberanführer zu behalten; aber ich konnte meine Firma nicht vernachläſſigen, Sdir— D. Fabelmann und Sohn aus Elberfeld— der Sohn, der bin ich— Gott ſtrafe mich, wenn ich Sie belüge!“ Als Beitrag zu dem eben Citirten, ſchilderte Fritz dann natürlich all' die verſchiednen Species der continentalen Table d'hôte⸗Andränglinge während ſeiner ganzen Reiſe. Der andrängleriſche alte Beau, der über Toilette und Er⸗ innerungen ehemaliger Eroberungen ſchwatzt; der junge Planeur, Dandy und Damenjäger, der ſehr geläufig über „Vergnügungen“ und das„Corps de ballet“ plaudert der continentale politiſche Andrängler, der um die geheimen Abſichten Oeſterreichs weiß, der mit den finſtern Anſchlägen Frankreich's vertraut iſt, der einen Mann kennt, der einen Andern kennt, der einen Miniſter kennt und ganz beſondere Informationsquellen beſitzt; der militäiriſche, der äſthetiſche und der ſtatiſtiſch unterrichtete Andrängler; die ſtark⸗geiſtige, roth⸗näſige, ſtorr⸗haarige weibliche Andränglerin; der he⸗ bräiſche commerciale Andrängler mit unangenehmen per⸗ ſönlichen Neigungen und Angewohnheiten; der Andrängler, der nicht allein ſtehen kann, ſondern ſich, wie ein Barke 10* d — 148— an ein Dampfboot, an andere unglückliche Reiſende feſtzuhängen ſucht: mit einem Wort, von jeder dieſer Species, deren Zahl Legion iſt, wußte Fritz irgend eine charakteriſtiſche Einzelheit beizubringen. In der That, ſeine ergötzlichen kurzen Skizzen von Scenen und Vorfällen auf ſeiner ſchnellen Reiſe, Skizzen, in denen er die unbewußte Kunſt beſaß, immer einen Punkt oder einen Zug zu treffen, der irgendwie einen Typus oder eine Anregung gab, gewährte mir einen reizenden panora⸗ matiſchen Uberblick über ſeine Reiſe. Fortlaufende, immer wechſelnde Bilder erſtanden und verſchwanden vor meiner Phantaſie, als er von Italien und italieniſchen Himmeln, von dem Licht und dem Farben⸗ reiz italieniſchen Aethers ſprach, von der hellen und kräftigen Orangegluth, gegen welche die Pinien beim Sonnenunter⸗ gang ſchwarz abſtachen und ſo der irdiſchen Schönheit den Hauch irdiſcher Trauer beigeſellten. Darauf wandte er ſich mit ſeinen Ideen dem Norden zu und erzählte von den ſturmgepeitſchten Seehäfen, von denen die Einbildungs⸗ kraft erwartungsvoll über die weiten Wogen des Baltiſchen Meeres nach der Barke der alten Normanniſchen Seekönige und den Roſſen des Skandinaviſchen Meeres ausſchaut. Dann führte er mir die Bilder der alten ſonderbaren, mittelalterlich gebauten Städte Belgiens vor, die Bilder — 149— Hollands und der weiten, mit geköpften Weiden beſetzten Triften, der von Kanälen durchſchnittenen Städte, mit Reihen runder Bäume, welche die Straßen auf jeder Seite einfaſſen, oder vor den alten Häuſern des ſiebzehnten Jahr⸗ hunderts ſtehen und dem Volke Schatten ſpenden, das, die beſſere Bourgeoiſie und die höhere Klaſſen ausgenommen, noch immer lebhaft an die Figuren der alten niederländi⸗ ſchen Maler erinnert. Er ſprach von den Alpen, ihren ſcharf und weiß gegen das Blau des Himmels abgezeich⸗ neten Zacken, von den grünen, mit Sennhütten gezierten Schweizerthälern, von den Schweizerſeeen und Städten, von Zürich und ſeinem reizenden Garten, mit der entzückenden Ausſicht in Baur's vortrefflichem Hôtel au lac. Flüchtig nur berührte er— denn was hat ein glücklich verheiratheter Manu mit der glänzenden Laisſtadt zu thun? — das fröhlich lebhafte, glänzend verlockende Paris; dann ſprang er ab, um deſto länger bei dem großen alten St. Marcusplatz im düſtern, romantiſchen Venedig zu weilen, oder wiederum, von Ehrfurcht ergriffen und wie von Zauber gebannt, in dem großen Zeitmonument der ewigen Roma, im Coloſſeum zu ſtehen. Er ſchilderte die fanften Win⸗ dungen des ewig lächelnden, weinbekränzten Rheins, äußerte ſein Mißbehagen über Chrenbreitenſtein und ſprach voll Entzücken von der grünen ſächſiſchen Schweiz, der fern da⸗ — 150— hin ſtrömenden Elbe, dem Kuhſtall, dem Winterberg mit der weiten Ausſicht, und dem großartig düſtern Prebiſch⸗ thor. Er bewunderte Dresden mit ſeiner Gallerie, das deutſche Florenz, und ſchweifte dann hinüber an die Ufer des Arno, um es mit der Stadt Dante's zu vergleichen. Das tanzende Wien, mit den ewigen Feuerwerken, die aus ſeinen Gärten aufſteigen, hell und heiter und widerhallend von Walzermuſik, ſchien ihm ein melancholiſcher Aufenthalt, da er der Anſicht war, daß dieſe etwas thieriſche Genuß⸗ ſucht und dieſe ſelbſtzufriedene Verderbtheit ein Volk ankün⸗ dige, dem es an hohen Zielen, an geiſtiger Anſtrengung und an männlichen Beſtrebungen fehlte. In Frankfurt am Main, dem„Stratford-upon-Avon“ Deutſchlands, beſuchte er das unſterbliche Haus am Hirſchgraben, in welchem Göthe's Augen das Licht der Welt erblickten. Er wan⸗ derte über den Römerberg und durch die alten Stadtviertel der freien Reichsſtadt, an welchen die offenen Augen des jungen Genius hafteten, und welche der große Dichterphi⸗ loſoph mit ſo lebhaftem Intereſſe in ſeiner Selbſtbiogra⸗ phie erwähnt, in der der alte Mann ſeine Knabenzeit und ſeine Jugend von Neuem erſchafft. Er richtete es auch ſo ein, nach Weimar und der Wartburg zu kommen, und das waldige, laubreiche Thüringen und den Schwarzwald zu durchſtreifen, ſodann das alte liebe Heidelberg zu begrüßen, und noch manche alte deutſche Stadt zu ſehen— Nürn⸗ berg iſt vielleicht die ſchmuckſte von allen— und noch in manchem ſtillen Dörfchen auszuruhen. Da er zu Zeiten die Grille hatte, abgelegene Orte zu ſehen, ein Ge⸗ ſchmack, der einigermaßen mit ſeiner Vorliebe für Para⸗ doxen im Zuſammenhange ſtand, ſo beſuchte er die wenig frequentirte Märkiſche Schweiz und ihre altväteriſchen, noch ganz urſprünglichen Ortſchaften Falkenberg und Freienwalde, womit er mehr that, als die Mehrzahl der Berliner ſelbſt. In Hamburg hatten ſie von einem der oberen Fenſter des großen Hôtel de PPurope aus auf das weite, herrlich er⸗ leuchtete und luſtige Alſterbaſſin bei Nacht niedergeblickt. Von Frankreich war er nie ein ſehr warmer Bewunderer; der nationale Charakter gefiel ihm nicht, noch auch fand er an dem Lande ſelbſt großes Behagen. Vielleicht war es ein Vorurtheil, aber wie dem auch ſei, er beſtritt eifrig die herrſchende Meinung von der franzöſiſchen Höflichkeit; er ſagte, er habe die Franzoſen unter einer glatten Ober⸗ fläche innerlich ſelbſtſüchtig gefunden, und behauptete, ſie hätten weder die deutſche Freundlichkeit, noch die galante Artigkeit eines wohlerzognen Italieners, der, ſagte Fritz, wenn er wirklich wohlerzogen iſt, das Muſter aller ritter⸗ lichen Höflichkeit bleibt. Er glühte wie der Vulkan ſelber, als er ſeine Beſteigung des Veſuvs und die Schönheit des 152— Golfs von Neapel beſchrieb. Er erzählte, wie er in dieſer ſchönen, unglücklichen Stadt ſorgfältig die Augen vor allem Anderm verſchloſſen habe, außer vor dem, was eben der bloße Touriſt ſieht. Er zog vor, ein Mitglied des Clans Murray zu bleiben und lieber jede tiefere und ſchmerzlichere Kenntniß zu vermeiden. Er hatte es auch eingerichtet, von dem finſtern Salerno und ſeinem großartig dunkeln Golf aus einen Abſtecher nach der Calabriſchen Küſte zu machen, wo das alte Päſtum ſein Andenken in ſeinen Tempeln ein⸗ balſamirt hat. Er erzählte ihren Calesso⸗Ausflug von Sa⸗ lerno aus durch die wüſten Moräſte, wo der rothäugige wilde Büffel weidet und das Fieber lauert, nach dem wildeſten, ödeſten, traurigſten aller Orte, wo der große Nep⸗ tuntempel in unſterblicher Majeſtät ſteht. Es war an einem ſiroccoverhüllten, warm feuchten Tage, das un⸗ ruhige, dunkelgrüne, ſchaumrieſelnde Meer lag vor ihnen, hinter ihnen in langer, niedriger Reihe die nebelverſchleierten Gebirge. Das Tempelgerippe ſtand in verſteinertem Schwei⸗ gen zwiſchen Beiden und rief die zweitauſend Jahre alte Er⸗ innerung an die Civiliſation der Magna Graecia wach. Er war mit dem großen Ruf Palermo's und des halb tropiſchen, halb italieniſchen Siciliens vollkommen einver⸗ ſtanden; betrachtete jedoch für ſeine Perſon das holde Sor⸗ rent, den Geburtsort Taſſo's, als den bei weitem ſchönſten — 153— Platz, den er auf allen Wanderungen geſehen habe. Lily beſtätigte es— vielleicht hielt er ihn für den ſchönſten, weil ſie es that.— Jetzt nahm ſie den Faden der Erzäh⸗ lung auf und ſchilderte mit ihren leiſen, ſanften Tönen und mit muſikähnlichem Wohllaut die Vollmondſommer⸗ nacht, da ſie zuſammen auf der weinumrankten loggia auf dem zweiten piano der Cocumella ſaßen,— die, einſt ein Nonnenkloſter, jetzt das reizendſte und am wenigſten hotel⸗ ähnliche Hotel iſt— und wie die Wonne dieſer Scene und Zeit ſich faſt zum Weh ſteigerte. Sie hatte Recht in ihrer Bezeichnung dieſer Empfindung. Der Anblick der ſchönſten Scenen der Erde flößt uns ſtets eine geheime Melancholie ein. Wenn wir ſo viel haben, fühlen wir erſt, wie viel uns noch fehlt. Je höher die Schönheit iſt, die wir beſchauen, deſto mehr ſchmachten wir nach einer Schönheit, die auf Erden nicht zu finden iſt. Je mehr unſere Fähigkeit, die Schönheit zu erkennen, erregt iſt, deſto mehr ſind wir voll einer unbeſtimmten Sehnſucht nach etwas noch Höherem, noch Schönerem, das während dieſes zeitlichen Lebens doch nicht exiſtirt. Rings um die Cocumella, ſagte ſie, legt ſich ein weites Meer von dunkelgrünem Laube, die großen Orangegärten der Pinnura von Sorrent, und ihr zarter, aber köſtlicher Wohlgeruch durchhaucht die zauberiſche Luft. Hinter dieſen — 154 Wäldern erheben ſich hohe Gebirge, zackig und zerklüftet, und davor breiten ſich die weiten Waſſer des herrlichen, mit Inſeln bedeckten Golfs aus, der in weiter Ferne von dem Lichterglanze Neapels ſchimmert. In der Nähe der Cocu- mella giebt es keinen Fahrweg, und außer dem gelegentlichen Läuten einer Maulthierglocke hört man kein Geräuſch. Das Schweigen, das unendlich tiefe Schweigen erklingt gleichſam in ſeiner eigenen Ueberfülle, und über dieſer innigen Ruhe, dieſer heiligen Stille wacht der volle, ſanfte ſüdliche Mond, während die feinſte Silbergaze eines thauigen Nebels die tiefen Schatten ſänftigt und das überirdiſche Licht mildert. Fritz horchte unbeweglich, während Lily ſprach. Für ihn verwebten ſich augenſcheinlich ihr Bild und die Erinnerung ihres Beieinanderſeins mit der ſchönen Scene, die ſie für die ſchönſte hielt. Sie müſſen in irgend einer glücklichen Stunde dort geweſen ſein, dachte ich, wo ihre Herzen ſich noch enger als gewöhnlich aneinander ſchloſſen und ihre Seelen dem zauberiſchen Orte zum Gruß entgegenſchwollen. Ihre Schilderung gab ein Bild, das die Scene weit über⸗ flügelte, die ſie beſchrieb. Ich ſah die weinbeſchattete, mond⸗ gefleckte loggia und die Geſtalten des ſchönen jungen Paares Seite an Seite; ich hörte das leiſe Flüſtern ihres glücklichen Geplauders und glaubte den reinen Glanz des Mondes zu ſehen, der ihr aufwärts gerichtetes Antlitz verklärte und — 155— n den ſanft glänzenden, zärtlichen, glücklichen Augen ſtrahlte. Ja, Lily's Beſchreibung rief ein Bild vor meine Phantaſie, an dem ihre Phantaſie vielleicht gar keinen Antheil hatte. Der Gedanke an ſie Beide enthielt eben ſo viel Romantik, als das Bild des ſirenenhaften Sorrent. Fritz verließ nun die Reize Sorrents, um zu den ge⸗ ſchäftigen Wohnplätzen der Menſchen zurückzukehren. Er ſprach von Berlin, der Stadt, in welcher er den längſten Aufenthalt genommen. Er hatte im Hoôtel de Russie ge- wohnt, wo er jene heitern Gentlemen und prächtigen Reiſe⸗ gefährten, die Geſandten der Königin traf. Berlin ſchien einen ſehr gemiſchten Eindruck in ſeinem Geiſt zurückgelaſſen zu haben. Er ſagte, die große Schwierigkeit läge darin, einen wirklichen Begriff vom eigentlichen Volke zu bekommen. Es ſchien ihm, daß Alles, was nicht büreaukratiſch war, militäriſch ſei, während— um einen iriſchen Ausdruck zu gebrauchen— alles Uebrige von der Polizei ausgemacht würde. Es kam ihm vor wie eine der kleinen deutſchen aus ſechs Mann beſtehenden Armeen, die durch einen Stab von zwanzig Officieren und einem wirklichen Kriegsrath be⸗ fehligt würden. Statt daß die Büreaukraten zum Dienſt für das Volk, und die Soldaten zum Schutz für das Land da ſeien, ſchien es ihm, wie er ſagte, daß hier der Staat nur eingeſetzt worden, um die Büreaukratie und die Soldaten zu erhalten. Dieſer Mangel richtigen Verhältniſſes verlieh der ganzen gefellſchaftlichen Ordnung ein reſervirtes An⸗ ſehen. Er erzählte mir, daß es unter den Officieren außer⸗ ordentlich hübſche Leute gäbe, in der That ſo hübſch, daß er ſich oft zu Krolls gezogen fühlte, nur um ſie zu ſehen. Er ſagte ferner, daß die Armee eine der ſchönſten in Europa ſei, beſonders für Paradezwecke, aber daß ſie ihm mehr als militäriſch, denn als kriegeriſch imponirt hätte. Die Straßen ſchilderte er als beſonders weit und ſchön, obwohl ihre große Breite in Verbindung mit dem Mangel allen Lärmes und Getümmels ihnen ein leeres und verlaſſnes Ausſehen gäbe. Sie haben Gruppen edler Paläſte und öffentlicher Gebäude, und ein Gefühl wahrhaften Hellenenthums zieht ſich durch ihre neuere Architektur, aber einige der Gebäude ſind ein ſonderbares Stylcompoſitum, gleich den Figuren an jenen Rococomonumenten, den Produkten des verfloſſenen Jahrhunderts, an welchen die Hauptgeſtalt mit römiſcher Rüſtung angethan und mit einer vollen Alongen⸗Perrücke gekrönt iſt. Die Statüe Friedrich's des Großen wird uneigentlich mit dem Namen einer Statue belegt, da das Ganze ein Monu⸗ ment— und zwar ein höchſt ruhmwürdiges Monument— iſt, auf deſſen Höhe nur eine Statue emporragt, die einen Theil der ganzen Idee ausmacht. Die Erziehung, ſo weit ſie das bloße Wiſſen ohne Hinſicht auf männ⸗ liche Charakterbildung betrifft, ſchien ihm hier weiter ent⸗ wickelt, als irgend anderswo, und der allgemeine Ton der⸗ jenigen Geſellſchaft, mit welcher er verkehrte, kam ihm außer⸗ ordentlich wohl unterrichtet, gebildet, höflich, einſichtsvoll, ſelbſt geiſtreich vor. Aber die Schattenſeite dieſer Vortreff⸗ lichkeit war eine gewiſſe Kundgebung von Pedanterie und eine tüchtige Portion Superklugheit. Auch fehlte nicht eine gewiſſe Hineigung zum Spöttiſchen. Glatt wie Stahl, er⸗ ſchienen ihm die Meiſten eben ſo hart und kalt. Ihre Kultur hat augenſcheinlich die Höhe des Indifferentismus, der Kälte, des Rationalismus erreicht. Enthuſiasmus fehlte ganz und gar, und es war ſchwer, das Herz mit der Hand ausfindig zu machen. Ich warf ihm ein, daß vielleicht ſeine Kenntniß der Anatomie umzureichend geweſen ſei, und daß er das Herz an der unrechten Stelle geſucht habe. Ver⸗ muthlich war es dieſer ſcheinbare Widerſpruch, der ihn warm machte; denn er wiederholte ſeine frühere Behauptung und blieb dabei, Berlin ſei eben ſo kalt als glänzend, ſo froſtig als klaſſiſch, ſo öde als großartig. Trotz ſeiner Sehens⸗ würdigkeiten und Kunſtſchätze— hier hielt er einen Augen blick an, um ſeine wärmſte Bewunderung für Kaulbach's herrliche Fresken auszudrücken— ſei es die deprimirendſte aller Europäiſchen Hauptſtädte, und wenn man länger als — 165 eine Woche dort bliebe, ſo müſſe man unluſtig bis zur Schlaffheit werden. Die flache, dürre Sandwüſſtte, die ſich rings um die Stadt erſtrecke, mache es umöglich, das Ge⸗ müth mit einem Schimmer von Natur zu erfriſchen— um das zu können, müſſe man erſt weit reiſen— und die Verſuche, die Natur nachzuahmen, wie im Thiergarten und in Potsdam, wären künſtliche Trugbilder, ganz hohle, mißglückte Bemühungen. Die Bäume, ſo dicht gepflanzt, und ſo dünn gewachſen, ſchienen ihm miteinander zu flüſtern und zu lachen, als ob ſie Friedrich's Anſicht über les abo- minables pièces de Shakspear, dignes des sauvages de Canada wiederholten. Die Bäume, fügte er hinzu, könnten mit mehr Recht der Wilden würdig genannt werden. Fritz war ſtets geneigt, allzu ausſchließlich bei einer Seite eines Gemäldes zu verweilen, entweder ein Ding ganz und gar in's Licht zuſtellen, oder ganz und gar in Schatten, und Widerſpruch reizte ihn und ließ ihn nur um ſo hartnäckiger auf jede Nüance der Meinung beſtehen, die er ausſprach. Meine Bemerkungen ſchienen ſeine Anſicht über Berlin noch erbittert zu haben; obwohl er, ſagte er ſchließlich, die Ge⸗ lehrten dieſer Stadt achte, ihre hohe Verfeinerung und Kultur bewundere, und für viele ihm dort erwieſene Freundlichkeit und Höflichkeit dankbar wäre, ſo ſei er doch froh geweſeu, den Ort wieder zu verlaſſen; und wenn es auch manchen — 159— Berliner gäbe, dem wieder zu begegnen ihm ein großer Genuß ſein würde, ſo hege er doch keinen Wunſch, Berlin ſelbſt jemals wieder zu beſuchen. Dieſes ſchien ſeine un⸗ widerrufliche Meinung von dem Athen an der Spree. Während ſeiner Reiſe, und beſonders in Frankreich, wo jeder Mann jede Frau als etwas Erreichbares zu be⸗ trachten ſcheint,— es liegt oft eine Welt von Beſchimpfung in dem Blick, mit dem ein Franzoſe auf ein Weib ſieht— war Fritz beträchtlichen Verdrießlichkeiten ausgeſetzt geweſen in Folge der auffallenden Bewunderung, die Lily's außer⸗ ordentliche Schönheit erregte. Er war in den meiſten Fällen hinreichend reizbar und jähzornig, ganz beſonders empfindlich aber in dergleichen Angelegenheiten. Ein oder zwei Mal hatte er Feuer gefangen, bei irgend etwas, das ſich an der Table d'hôte ereignete, und bei einem Vorfalle hatte er ſogar ſeinen Verdruß durch ziemlich kräftige Mittel gerächt. Lily war ſehr erſchreckt und betrübt worden. Da indeſſen die einzigen Unannehmlichkeiten von Wichtigkeit auf ihrer ganzen Reiſe alle aus derſelben Urſache entſprangen, ſo wußte ſie außer dieſem einen Mal jeder künftigen„Scene“ vorzubeugen. Auf Reiſen ſind wir der Reibung der verſchiedenen Na⸗ tionalitäten ausgeſetzt, und ich dächte, es müßte eine ziemlich ergötzliche Sache ſein, mit einer Frau zu reiſen, auf deren Schönheit ihr Vaterland ſtolz ſein kann. Ebenſo bekenne — 160— ich meine große Bewunderung für edles Nationalgefühl. Wenn das Gefühl ein geſundes und echtes iſt, verehre ich es in jedem Manne. Ich betrachte es als einen Beweis wirklicher Mannheit. Nicht nur iſt das Gefühl an ſich ſelbſt gut und würdig, ſondern— obwohl ſich von allen guten und würdigen Gefühlen daſſelbe ſagen läßt— es unterſtützt auch augenſcheinlich die Zwecke der Vorſehung. Je weiter der Kreis im Waſſer i*ſt, deſto ſchwächer iſt er. Zuſammenhalten, dichtes Aneinanderſchließen— nicht niedrige Einengung— dienen dazu, Intenſität zu erzeugen. Entzünde einen locker liegenden Haufen Pulver, feure dann dieſelbe Menge aus einer Kanone, und beobachte den Un⸗ terſchied der hervorgebrachten Wirkung. Platoniſche Liebe ſchmeckt nach Ziererei; cosmopolitiſche Sympathien ſind leicht zu ſchwach, wie allzu wäſſeriger Thee. Ueber einen Mann, der da behauptete, denſelben Kummer zu empfinden, wenn ein Anderer Weib und Kind verliert, wie beim Tode ſeines eignen theuren Weibes oder Kindes, würde raſch— und richtig— genug abgeurtheilt werden durch den menſchlichen Inſtinct, durch den gottentſtammten Inſtinct des menſch⸗ lichen Herzens. Die nächſten Dinge ſind uns die theuerſten Dinge. Sollte aber das Nationalgefühl noch einer Ver⸗ theidigung bedürfen, ſo mag es hinreichend ſein, Schakes⸗ ſpeare zu nennen. In dieſem edelſten aller menſchlichen 161— Herzen, in dieſem größten aller menſchlichen Geiſter klopfte jeder Puls und jeder Gedanke warm und hoch vor Liebe zu dem großen Lande, welches Gott ihm zu ſeinem zeitlichen Wohnplatz angewieſen hatte. Andere Reiſeberichte folgten; manche Begebenheit ihrer Wanderfahrt ward mitgetheilt, und Lily wurde beredt in ihrer Wortmalerei. Ich beobachtete ſie. Sie kam mir etwas gewachſen vor, und ihre Schönheit hatte noch an Charakter und Ausdruck gewonnen, ſeit ich ſie zum letzten Mal geſehen. Das ſchien mir immer eine erbärmliche Kunſt zu ſein, welche den Roman des weiblichen Lebens mit der Heirath abſchließt. Jmogen, Shakeſpeare's ſchönſte Schöp⸗ fung iſt eine Frau, und ich halte, um auch ein Beiſpiel aus der neueren Kunſt anzuführen, Mrs. Laura Pen⸗ denis für unendlich reizender, als Mrs. Laura Bell. Lily war als Frau ein edleres Geſchöpf, als ſie ſelbſt in ihrer reizenden Mädchenzeit geweſen war. Ich beobachtete ſie mit einer ſeltſamen, ſchmerzlichen Wonne; aber der heilige Name„Frau“ und die Heiligkeit meines eigenen beſcheidenen Daches entfernten aus meinem Herzen die letzte Spur einer irdiſchen Leidenſchaft für ſie. Als ſie an jenem Abend in meiner Wohnung ſaß, ward ſie für mich eine Fremde, die eine geheimnißvolle Aehnlichkeit mit einer lang Ver⸗ ſtorbenen beſaß; ſie ſchien mir wie eine Schweſter, die Die drei Pfade. II. 11 — 162— in wunderbarer Weiſe einem Mädchen glich, das ich geliebt und verloren hatte. Die Aehnlichkeit beunruhigte mich freilich; aber es war doch immer nicht daſſelbe Weib, das ich ſo tief geliebt hatte. Jene große Aehnlichkeit umgab ſie mit einem zarten Intereſſe, einem namenloſen Zauber, wie ihn nie eine Andere beſitzen konnte; aber noch ehe ſie an jenem Abend mein Zimmer verließ, fühlte ich, daß ich für's Leben allein ſei, daß der Traum der Liebe zu einem Weibe ver⸗ flogen, für immer verflogen war. „Ich habe mich prächtig mit meinem Schwiegervater abgefunden“, ſagte Fritz mit ruhiger Fröhlichkeit bei unſerer nächſten Begegnung.„Ich ſtehe jetzt mit ihm auf einem ausgezeichnet guten Fuße.“ „Ich bin neugierig, zu erfahren, wie Du ein ſo wün⸗ ſchenswerthes Reſultat erzielt haſt“, bemerkte ich.„Du biſt, ſeit Du Dich verliebteſt, ein großer Diplomat ge⸗ worden, Fritz.“ „Davon weiß ich nichts“, erwiderte er,„aber was den alten Smith anbelangt, ſo habe ich es dahin gebracht, Alles zu vermeiden, was einem Streit ähnlich ſehen könnte; und doch habe ich ihn fühlen laſſen, daß er und ich beſſer von⸗ einander bleiben, daß die Geſetze unſerer Weſenheiten mit einem Worte nicht im Einklange ſtehen!“ „Gut,— in jedem Sinne, gut! Aber wie haſt Du das gemacht?“ „Wie? nun ich griff zuerſt ſeinen ſocialen Snobbismus an, direkt und indirekt, mit geſunden Argumenten und mit muthwilligem Spott. Ich verſuchte, ihm ſeine geiſtige La⸗ kaienlivrée auszuziehen.“ „Du ſagſt, Du verſuchteſt es. Du ſagſt aber nicht, daß es Dir gelang.“ „Weil es mir nicht gelang. Ich erwartete es auch nicht. Ich riß ganze Händevoll ſeines Aufputzes von ihm ab und ließ ihm nichts als kahle Stellen. Aber ſeine Li⸗ vrée war ſo mit ihm verwachſen, daß ſie ein Theil des Geſchöpfes geworden; und Du konnteſt ihn nicht heraus, und ſie umgekehrt nicht von ihm losbekommen.“ „Was thateſt Du nun?“ „Höre! Da mein Angriff auf das leichtere Uebel mißglückt war, ſo machte ich mich an das größere. Ich ſagte ihm ganz einfach meine wahre Meinung über jene Geſchäftsleute, die ſeine Grundſätze bis zu logiſchen Folgerungen treiben. Ich ließ mich aus über den großen Irrthum, daß allge⸗ meine Selbſtſucht das Werk der allgemeinen Liebe voll⸗ bringen könne, und ſprach über die Klugheit der Ehrlichkeit. Ich brachte Beweiſe vor, und dann fing ich an, ſarkaſtiſch zu werden. Ich führte an, daß Shakeſpeare den Macbeth von 11* — 164— einem„blnutigen Geſchäft“ reden läßt, und fragte den alten Smith ganz ernſthaft, ob er glaube, daß der Dichter nur auf Duncan's Mord anſpiele, oder ob er nicht vielmehr in ſeiner prophetiſchen Einſicht dieſe Worte auf das mo⸗ derne Handelsſyſtem bezogen wiſſen wolle.“ Fritz beſaß, nebenbei, das Talent, die närriſchſten Dinge Nauf die ernſteſte, geſetzteſte und ſelbſtverſtändlichſte Weiſe zu ſagen. Er konnte eine Sache, wie die vorſtehende Be⸗ hauptung, ſo kühl, ſo natürlich und unerſchütterlich vor⸗ bringen, als ob es ſich um die gleichgültigſte und gewöhn⸗ lichſte Bemerkung von der Welt handelte. Seine Art und Weiſe in ſolchen Augenblicken, wo er ſeiner bur⸗ lesken Laune den Zügel ſchießen ließ, erinnerte mich immer lebhaft an den Styl, in welchem Swift die größten Ab⸗ ſurditäten erzählt. „Deine letzte Frage war allerdings ſtark, Fritz. Ich möchte wohl das Geſicht des alten Smith geſehen haben, als ſein Schwiegerſohn ihm dieſe Frage vorlegte. Wie ſah er aus?“ „Ich würde etwas darum geben, wenn Du es geſehen hätteſt“, antwortete Fritz, indem ein Anflug von Heiterkeit ſeine ernſte Miene durchleuchtete.„Der Geſichtsaus⸗ druck meines Schwiegervaters, als ich meine einfache Dar⸗ legung beendete und ihm meine kunſtloſe Frage ſtellte, glich — — 165— dem nach Luft ſchnappenden einfältigen Erſtaunen, das man an einem Themſeflunder wahrnimmt, wenn er aus ſeinem natürlichen Elemente herausgezogen wird.“ „Was ſagte er aber?“ fragte ich. „Nicht viel im erſten Augenblicke. Er trippelte umher und wußte nicht, was er aus mir machen ſollte. Ich ſah vollkommen ernſt und gefaßt aus. Er fing augenſcheinlich an, ſich vor mir zu fürchten, und konnte mich doch ganz und gar nicht verſtehen. Er ſah mich ſcharf an, huſtete zweifelhaft und ſagte zuletzt in einer etwas verwirrten Weiſe, indem ſeine natürliche Prahlſucht durch die Beſorgniß, ſich lächerlich zu machen, unterdrückt wurde, daß er es beklage, einen jungen Mann von ſo ungeſunden Grundſätzen in mir zu finden; auch fragte er mich, ob ich durch Aeußerung ſolcher— wie er ſich nicht anders ausdrücken könne— entſetzlicher Anſichten nicht meine— Reſpektabilität— bloßzuſtellen fürchte?“ „Worauf Du antworteteſt?“ „Daß ich mir auf meine Reſpektabilität nicht viel ein⸗ bilde; daß ich ſie als ein nutzloſes Talent betrachte, ungefähr wie die Fähigkeit, geläufig die Affenſprache zu reden.“— „Und welches Ende nahm Eure Unterredung 24 „Ein höchſt zufriedenſtellendes. Er ſchien vollkommen — 166 in Schreck gejagt, ſah nach ſeiner Uhr und bedauerte, zu einer Verabredung eilen zu müſſen. Er ſtreckte mir zwei ſeiner lignum vitae Finger hin und trollte ſich. Mein Zweck war erreicht, und ich hatte nichts dagegen, daß er ſeiner getroffenen Verabredung nachkäme. „Mein koſtbarer Schwiegervater“, knurrte Fritz mit innerem Ekel,„hat, wie ich höre, den Vorſatz oder Wunſch, in’'s Parlament zu gelangen. Er ſagt, daß ein Mann von ſeinem durchaus geſchäftlichen Habitus und mit ſolchem Gewicht im Lande gerade der Mann ſei, der dort Noth thue. Ich vermuthe, Sunderland hat kein Verlangen, ſein Mitglied zu wechſeln. Verdammt ſei des Burſchen Be⸗ trügerei und Eigendünkel! Dieſe,„vollſtändigen Geſchäfts⸗ leute“ ſehen ſich nach einem Sitz im Parlamente um, wie ein Boxer nach dem Beſitz eines Wirthshauſes trachtet.“ „Aber Du wirſt, wie ich glaube, mit Deiner Schwieger⸗ mutter einen härtern Stand haben, Fritz. Du wirſt dieſe Perſon nicht ſo leicht los werden.“ 3 „Ja wohl“, erwiderte er traurig;„ich fürchte da auf Schwierigkeiten zu ſtoßen; aber ſie müſſen überwunden werden. Sie iſt von der unglücklichen Idee eingenommen, daß ich„feine Lebensart“ beſitze. Verdammt ſei ſie! Ich nahm mir vor, künftigen Sonntag Morgen nach Knights⸗ bridge zu gehen in einem Schifferhut und einer Jacke, mit einer ) — 167— kurzen Pfeife im Munde, und ſie anzureden, wenn ſie aus der Kirche kommt. Aber ich fürchte, ſie würde es ver⸗ zeihen als eine Excentrität der feinen Sitte. Ich nahm mir vor, über einen Gegenſtand der Delikateſſe mit ihr zu ſtreiten. Aber Delikateſſe iſt ein ſpitzfindiges und eigen⸗ thümliches Ding. Es iſt von keinem Nutzen, über einen Punkt der Delikateſſe zu ſtreiten. Wenn ein Mann oder eine Frau Gefühl für Delikateſſe beſitzen, ſo bedarf es für ſie keiner Beweiſe; wenn ſie keines haben, ſo werden Be⸗ weiſe ihnen auch keines geben: Aber irgendwie muß es ſich dennoch thun laſſen. Bisher iſt mir Alles gelungen, und ich will nicht jetzt noch eine Niederlage erleiden. Ich ſchwöre, ich will es vollbringen, mich von der Familie meiner Frau zu trennen!“ Und er vollbrachte es.„Wenige Dinge“, ſagt Sir Joſhua Reynolds,„ſind einem wohlgeleiteten Streben ver⸗ ſagt.“ Dieſe Trennung war nicht das Einzige jener wenigen Dinge. Wie man ein Streckeiſen gebraucht, um die Finger eines zu engen Handſchuhs auszudehnen, ſo verſuchte Fritz, ohne ſie zu verletzen, die Gemüther ſeines Schwiegervaters und ſeiner Schwiegermutter zu erweitern. Da ihm dieſe liebevollen Anſtrengungen mißlangen, ſo ließ er ſie als werthlos fallen. Um Lily's willen ergab er ſich d'rein, mitunter einmal eine förmliche VBiſite zu machen, aber er — itzs— richtete es ſo ein, und es gelang ihm vollſtändig, ſein und ſeiner Frau Leben in der Praxis von dem Verkehr und der Vertraulichkeit mit ihren Angehörigen abzuſondern. Lily— Lily Charlton; die Eine das Ideal meiner hoff⸗ nungsloſen Liebe, die Andere der in's Paradies verſetzte und durch das flammende Schwert der Ehre bewachte Geiſt! Wie verſchieden, wie unendlich verſchieden ſind die Empfindungen, mit denen ich dieſe beiden Weſen betrachtete. Zuerſt allerdings waren dieſe Empfindungen miteinander verwachſen. Aber die Chemiker ſagen uns, daß eine Ver⸗ mengung noch keine Vermiſchung ſei; und von den beiden Empfindungen behielt eine jede ihre beſondere Individualität, ſo daß ſie unvermiſcht blieben. Die Zeit zog mich weit ab von meiner verlorenen Liebe, noch ehe ich darüber zu denken wagte.„Ich konnte nicht grübeln, ich konnte nur fühlen.“ Es dauerte lange, ehe das Herz geheilt war, und die Heilung war vielleicht nur Reſignation, jedoch eine, wie ich hoffe, durch die Ehre veredelte Reſignation. Wohl aber ließ die geraubte Liebe eine eiſige, traurige Ge⸗ fühlserſtarrung in mir zurück, welche mir bewies, daß in dieſem Kampf eine Saite meines Lebens zerſprungen war. Wenn ein großes Feuer erliſcht und ſein letzter Ausbruch von Flammen und Rauch durch die winterliche Sternen⸗ nacht dahingeſtorben iſt, ſo erſcheint die froſtige Nachtluft — 169— durch den grellen Gegenſatz nur von einer um ſo bitteren Kälte. Und meine Liebe, Liebe im Sinn einer menſchlichen Leidenſchaft, ſtarb dahin in Flammen und in— Rauch; denn das Feuer keiner irdiſchen Liebe iſt wohl ganz rein— und ich ſtand unter einem winterlichen Himmel, unter kalten, in weiter Ferne funkelnden Sternen. Aber ehe der eiſige Hauch der rauhen Nacht meine Gedankennerven anſpannte, war ich ſchon halb erſtarrt. Ich glaube nicht, daß dieſe Bekenntniſſe auch nur ein einziges von Lily's eigenen Worten enthalten. Wie nah' erſcheint ſie— und doch wie weit entfernt! Gleich der Viſion eines weiblichen Weſens ſchwebt ſie, bald näher, bald entfernter, um meine halb unbeſtimmten Träume! Ihre Sendung bei mir war nur ein Geiſterbeſuch von Liebe und Sorge; der Traum entfloh beim nüchternen, ſchrecklichen Morgenlicht, und was ſie ſchien— ſie, die ich ſo innig liebte— blieb nichts als eine unſterbliche Erinnerung im Fühlen und im Denken. Erſt wenige Jahre ſind vorübergegangen, ſeit Lily, als meines Freundes Frau, mich in meinem einſamen Stübchen beſuchte. Meine äußeren Verhältniſſe haben ſich ſeit jener Zeit nur wenig verändert, aber ich fühle, welch' eine große Veränderung mit mir ſelbſt vorgegangen iſt. Der Glanz und die Friſche der Jugend ſcheiden immer ſchneller von meinem Leben; ach! nur ein ſchwacher Schimmer zögert — 170— noch, wie auf dem See der letzte blaßgelbe Schein, den die geſunkene Sonne, ſchon unter dem Horizont, noch für eine kleine Weile auf dem einſamen Gewäſſer als kurze Erinne⸗ rung der verſchwundenen Glorie zurückließ. Er ſcheidet dahin, gleich dem rothen Licht am Abendhimmel, und die Luft über dem See wird eiſig, die Nebel weben träge über dem ſtockenden Waſſer, und die Schatten ſammlen ſich über den Bergen. So lange wir jung ſind, glauben wir, daß Alles was wir hoffen und wonach wir verlangen, Liebe, Ruhm, Macht und Glück, uns noch auf Erden beſchieden ſein werde. Aber wir pilgern weiter und weiter. Der Weg, gleich der langen, geraden, öden, von Bäumen ein⸗ gefaßten Straße in den Pontiniſchen Sümpfen, dehnt ſich immer weiter aus und zeigt uns nichts von dem, was wir ſuchten und hofften. „Dann kommen Wandel, Noth und Untergang, Der Gram erſteht, die alte Luſt verſank;“ und wir lernen, langſam und kummervoll, daß das Leben — gleichwie eine Fackel ſich verzehrt, indem ſie Licht verbreitet— ausbrennen muß, um den Weg zu einem höheren kräftigeren Daſein zu erleuchten. Wir fühlen, wie viel vom Traum der Jugend nur Eitelkeit war, und wir begreifen, daß wir dies ſterbliche Leben in mühſeliger Vor⸗ bereitung für jenes Leben opfern müſſen, in welchem der Genuß beginnt— für jenes Leben, das von unſerem jetzigen Daſein durch den ſchwarzen Fluß geſchieden iſt, auf dem die ſchwarzen, geſpenſtiſchen Schatten ziehen, und den wir „Tod“ nennen. Ich will jedoch, ehe mein Leſer für immer von ihnen ſcheidet, noch einen kurzen Blick anf einige der anderen Figuren werfen, die auf der Bühne meines Dramas ihre kleine Rolle geſpielt, ſich bewegt und ſich gebrüſtet haben. Sonderbar, es war die Hartebeeſt'ſche Verbindung keine fortdauernd glückliche. Gerüchte von heftigen Streitigkeiten zwiſchen Samuel Alexander und ſeiner Penelope Anna ver⸗ breiteten ſich, und die Meinungen waren getheilt, welcher Partei die Schuld wohl beizumeſſen ſei. Mr. Hartebeeſt ward durch die Einen als ein Mann von roher Gemüths⸗ art, gemein in ſeinen Reden und ſtarken Getränken ergeben dargeſtellt; während die Anderen ſeine Frau als ein eifer⸗ ſüchtiges, filziges Mannweib ſchilderten. Sie hatten eine einzige Tochter, die ihre Geburt nur um wenige Wochen überlebte. Kurz nach dieſem Vorfall gab ein unkluges Sicherheitsgefühl von Seiten des Ehemannes, und ein daraus entſpringender Mangel an Vorſicht auf ſeinem Wege durch's Leben oder durch die Stadt, Veranlaſſung zu der Entdeckung, daß er mit einem„Geſchöpf“ in einer halb ehelichen Verbindung ſtehe. Während der Hitze der Explo⸗ — 122 ſion, die dieſem„clairissement“ folgte, und während der Skandal ſeinen Gipfel erreichte, ward die Firma Hartebeeſt, Walker& Brootle betrügeriſchen Bankerott's ſchuldig erklärt. Mr. Hartebeeſt's Geſundheit erforderte demnach ein milderes Klima, und er zog ſich in's ſüdliche Frankreich zurück. Sein Arzt beſcheinigte ihm, daß jede Aufregung ihm nachtheilig werden könnte. Mr. Hartebeeſt zeigte den Gläubigern eine ganze Reihe befriedigender Certificate vor, bis die Aufre⸗ gung ihn ſo völlig entkräftete, daß er„für gut“ verſchwand. Was aus ihm wurde, hat ſich niemals mit Gewißheit her⸗ ausgeſtellt; aber er kannte ſeinen Weg nach und in den Colonien aus den auf ſeiner früheren Carri're als Schiffs⸗ genoſſe und Miſſionär geſammelten Erfahrungen ziemlich genau, und man vermuthet, daß er unter angenommenem Namen wieder ein neues Geſchäft etablirt habe. Sein tief gekränktes Weib kehrte in das elterliche Haus zurück. Ihre Mitgift war von ihrem Manne durchgebracht worden, und da er Nichts zurückgelaſſen, was irgend des Mitnehmens werth war, ſo fehlten ihr die Mittel, einen eigenen Hausſtand zu unterhalten. Was er ihr als Eigen⸗ thum gelaſſen hatte, war aus demſelben Grunde zurückge⸗ blieben, der einen Dieb zwingt, ein Pianoforte oder einen Schanktiſch zu verſchonen,— weil dieſe Dinge nämlich nicht bequem genug zu transportiren ſind. Auch ſeine Ehehälfte ſchien er zu dieſer Klaſſe unbeweglicher Güter zu rechnen. Aus einer, in einem geheimen Schubfach vorgefundenen Corre⸗ ſpondenz, ſchien hervorzugehen, daß er ſchon früher verhei⸗ rathet geweſen; ob aber die ehemalige Mrs. Hartebeeſt noch vorhanden ſei, blieb ein Gegenſtand peinlicher Ungewißheit. Die ganze Geſchichte wurde ſo viel als möglich durch die Smith'ſche Familie vertuſcht, welche das Dokument und das Verſprechen des Schweigens dem Entdecker des Ge⸗ heimniſſes, einem einäugigen„Mann des Beſitzes“, abkaufte. Mrs. Hartebeeſt war nie ganz liebenswürdig von Temperament geweſen, und die kleinen Schärfen ihres Charakters entwickelten ſich zuſehends mit ihrer unfrei⸗ willigen Wittwenſchaft. Sie beförderte eben nicht die Ein— tracht des Hauſes in der Upper Baker Street. Sie kämpfte ſelbſt gegen ihre ehrfurchtgebietende Mutter, zankte heftig mit ihren Schweſtern, die ſie wegen der Treuloſigkeit ihres Romeo und wegen ihres Verlaſſenſeins verhöhnten. Dennoch war ſie wenigſtens verheirathet geweſen, jene aber nicht; und gewiſſe Damen legen ſo viel Gewicht auf die bloße Thatſache, einen Ehemann erwiſcht zu haben, gleichviel von welcher Sorte und welchem Werth, daß ſie nicht immer den Kürzern zog. Durch das Schickſal ſo manches ſeiner Freunde gewarnt, wurde der alte Smith ſehr vorſichtig und behutſam in 174— Geſchäftsangelegenheiten, und befreite Fritz auf dieſe Weiſe von einer beſtändigen Quelle peinlicher Sorge. Mr. Charlton lebte in der That lange in der quälenden Furcht, ſeinen Schwiegervater in den Docks erſcheinen zu ſehen; und dies war vielleicht der einzige Kummer ſeines Lebens, den er nicht ſeiner Frau mittheilen konnte. So wurde die Familie der Smythe de Smithe Smith von Jahr zu Jahr reicher. Sie nahmen zu an Wohlſtand und Gedeihen. Ihre Reſpektabilitat konnte nicht mehr ſteigen, aber ihre Vornehmheit entwickelte ſich mit dem raſchen Wachsthum eines Pilzes. Um dieſe Zeit ward das alte Familienwappen im Heraldiſchen Collegium er⸗ funden. Dieſes Schild der Ehre war den S. de S. Smith's ſehr theuer, theuer in jedem Sinn, denn es war ein höchſt koſtſpieliger Luxus. Es wurde der Familie ſehr ſchwer, ihr Entzücken bei dieſem neuen Erwerb mit dem Schein jener Gleichgültigkeit zu vereinen, die aus altem Ahnenſitz hervorgeht. Es war aber auch ein allerliebſtes Ding, dieſes Wappenſchild, des hübſchen Sümmchens wohl werth, das es gekoſtet, und, ſollte ich meinen, den beſten in der ganzen Baker Street vollkommen ebenbürtig. Es enthielt unter anderen Geſchäfts⸗Symbolen drei„Haupt⸗ bücher“ und das Motto lautete:„Mein Vertrauen ruht auf Kredit.“ — 175— Dieſes ſchöne Emblem prangte bald auf der Familien⸗ Kutſche, verbreitete ſich allmälich auf das Silbergeſchirr, auf die Einbände der Bücher, und erſchien überhaupt auf jedem Platz, wo es möglicher Weiſe angebracht werden konnte. Ich ſchäme mich beinahe, einzugeſtehen, daß ich faſt ebenſo entzückt davon war, als die Familie ſelbſt. Mein Vergnügen ward nur durch den unverhüllten Aerger und Ekel gedämpft, mit dem Fritz auf das ſtolze Wappen der ſtattlichen Race blickte, mit der er ſich verbunden hatte. Sie wohnten ſich in Upper Baker Street ein, wie eine Entenmuſchel auf dem Schiffsboden; es war als ob ſie immer dort gelebt hätten. Wenige, die nicht mit commer⸗ cialen Cirkeln nah' vertraut ſind, können ſich vorſtellen, bis zu welchen Grade ein reicher Kaufmann in ſeiner eignen kleinen Welt vergöttert wird. Er zieht einen Kreis von Schmarotzern um ſich, wie ein Aas eine gewiſſe Art von Fliegen anzieht. Mäkler, Commiſſionsagenten und kleine Kaufleute drängen ſich um ihn, entzückt dem Eigen⸗ thümer ſo vielen baaren Geldes, dem Beſitzer eines ſo unbegrenzten Kredites, ihre Ehrfurcht zu beweiſen. Es iſt weniger der Mann ſelbſt, als ſein Beſitzthum und ſeine Stellung, denen ſie ſo bereitwillig ihre Huldigung dar⸗ bringen. Auch ein paar Commis, die eine beſcheidene, aber warme Bewunderung kund geben, werden gewöhnlich kluger — m6 Weiſe als Weihrauchträger in den Haufen der Bewunderer zugelaſſen. Das Schauſpiel eines kleinen deutſchen Hofes wird in mancher ergötzlichen Familie in Camberwell oder in Upper Baker Street traveſtirt. Mr. Smith lebte in ſeinem eignen Hauſe, von Schmeichlern umgeben und ließ ſich von einem unaufhörlichen Summen der Bewunderung umfächeln. Und doch, wollten wir wagen, einen Blick in das innere Leben ſolcher ungeheuerlichen Weſen zu werfen, ſo würden wir finden, daß ſie nicht glücklich ſind. Die armen Menſchen vergeſſen zu leicht, daß die einzige Glück⸗ ſeligkeit, deren der Sterbliche fähig iſt, aus ihm ſelbſt ent⸗ ſpringen muß, daß ſie ſich nicht durch auswendig ange⸗ brachte Verzieruugen und Flitter erzeugen läßt. Als An⸗ thropolog muß ich meine Behauptung wiederholen, daß die glänzenden Smiths nicht glücklich waren. Es wird behauptet, daß jedes Haus ſein Geſpenſt habe. In dem Smith'ſchen Hauſe aber war jedes Mitglied ein Geſpenſt. Jedes dieſer häßlichen Weſen lebte nur für ſelbſtſüchtige Zwecke, und die Selbſtſucht erſtickte das Ge⸗ deihen oder die Entwickelung der ſchwachen, froſtigen kleinen Knospen der Zärtlichkeit, die ſie vielleicht von Natur gehabt haben mochten. Wenn je ein freundliches Empfinden ins Daſein hervorzutreten trachtete, ſo war es wie der Verſuch eines armen Gänſeblümchens, ſich ſeinen Weg durch — 177— den Boden zu bahnen, auf dem eine große Kuh im Graſe liegt. Je mehr ſie alterten, deſto ſtrenger, kälter und ſtarrer wurden Mr. und Mrs. Smith. Ihre Naturen waren in dem aufgegangen, worin ſie ſich bewegten. Sie ver⸗ härteten ſich und verſteinerten gleichſam in den Dingen, die ſie zu ſein ſich bemühten, ſie wurden petrificirte Verkörperungen der Grundſätze, zu denen ſie ſich bekannten, und der Eigen⸗ ſchaften, die ſie bewunderten. Im ſpätern Leben vertrugen ſie ſich nicht mehr gut mit einander. Nachdem ſie ihre gemeinſamen Beſtrebungen erreicht hatten, ſtritten ſie um die Beute. Als ein berühmter Frauenarzt bei einer ihrer häufigen Unpäßlichkeiten zu Mrs. Smith gerufen ward, fand er es unmöglich, ihre Leber zur Thätigkeit anzu⸗ ſpornen. Sein Verdacht in Bezug auf die wahre Urſache der Beſchwerden wurde rege, und er ſprach als Antwort auf die ihm vorgelegte Frage die Vermuthung aus, daß „die Frau Mutter wohl gelegentlich kleine Reizmittel zu ſich nähme“. Ihre Gemüthsart wurde entſetzlich und ſie ſäete den Samen beſtändiger Zwietracht durch das Haus. Auch die ſieben Schweſtern waren ebenſo liebenswürdig wie Regan und Goneril, nachdem Cordelia die Familie verlaſſen hatte, oder wie die Schweſtern Aſchenbrödel's, nachdem dieſe ſich mit dem Zauberprinzen vermählt hatte. Sie wurden alle von dem heftigen Wunſche, ſich zu ver⸗ Die drei Pfade. II. 12 — 178— heirathen, verzehrt. Ihre Eltern waren vollkommen damit einverſtanden, ſie verheirathet zu ſehen— gut verheirathet natürlich— das heißt, an Männer von Reichthum und Reſpektabilität. Aber die Männer, welche dieſe koſtbaren Beſitzthümer hätten aufweiſen können, ſahen ſich auf dem Markt nach anziehenderem Hausrath um. So blieben die Schweſtern in einem Zuſtande aufrühreriſchen Altjungfern⸗ thums. Während der Stunden, wo keine Geſellſchaft er⸗ ſchien, füllten die Damen das Haus mit Lieblingspredigern, Modeärzten, auserleſenen Putzhändlern und talentvollen Muſiklehrern an. Eine von den Mädchen lief zuletzt in der Verzweiflung mit einem Muſtklehrer davon, der ſich für einen Grafen in ſeinem Vaterlande ausgab, ſich aber ſpäterhin als inländiſcher Bediente und Haarkünſtler er⸗ wies, der lange im Dienſt eines polniſchen Edelmannes geſtanden hatte. Sie heirathete ihn aus Eitelkeit, weil die Zeit ihr zu lang ward, und weil ſie ſich außer Stande ſah, auf dem Heirathsmarkt einen beſſern Handel abzu⸗ ſchließen. Der Graf heirathete ſie, weil er eine gute Portion Geld mit ihr zu bekommen dachte, wenn ſie ſich nach der Rückkehr von ihrer heimlichen Trauung dem alten Smith zu Füßen würfen und um ſeinen Segen und um ſeine Ver⸗ Verzeihung flehten. Er hatte aber die Rechnung ohne den Wirth gemacht, oder beſſer, ohne ſeinen Schwiegervater, 170— der ein zu guter Rechner war, um dergleichen zu thun. Die ungerathene Tochter wurde gänzlich verſtoßen und ihr Name nie mehr in den Hallen oder Zimmern ihres Stammes genannt. Ihrer Schweſtern Erbitterung war vermuthlich bis zur Hälfte Neid; aber ſie ſowohl als die Eltern blieben vollkommen unverſöhnlich gegen die Flüchtige. Ihr Mann, der ſich nie etwas aus ihr gemacht hatte und ſich in ſeinen Erwartungen, aus denen er ſich ſehr viel gemacht hatte, getäuſcht ſah, behandelte ſie nicht gut, und das arme Ding erduldete als vernachläſſigtes Weib eines liederlichen Land⸗ ſtreichers großes Elend.— Aber eine Berichterſtattung über dieſe Familie iſt ein reizloſes Thema, für mich ſogar ein höchſt widerwärtiges. Ich habe eine Aufgabe der Pflicht, nicht der Neigung vollzogen. Mit Vergnügen ſchließe ich hier ab und laſſe die Smythe de Smithe Smith's— dies iſt das letzte Mal, daß ich dieſen Namen ſchreibe— reich, beneidet und reſpektabel zurück. Mr. und Mrs. Charlton haben einen Sohn, bei welchem ich Gevatter geſtanden habe, trotz meiner Einwendungen und Vorſtellungen, daß ſie doch irgend Jemand wählen möchten, der reſpektabler und reicher wäre und wahrſchein⸗ lich des Kindes weltlichen Interreſſen beſſern Vorſchub leiſten würde. Sie werden vermuthlich keine große Familie haben, da ihre geiſtigen Subſtanzen zu fein ſind. Miß Weſton 12* — 180— lebt beſtändig bei ihnen, obwohl in einer beſondern Reihe von Zimmern; denn ihre Wohnung iſt jetzt groß genug, um eine ſolche Einrichtung zu geſtatten. Fritz macht zuweilen die Bemerkung, daß ſie keine„Schwiegermutter“ ſei, und bricht dann ſeinen Scherz plötzlich ab, als ob der Gegenſtand ein zu heiliger wäre, und fügt dafür einige Worte wirklicher Zuneigung und Achtung für die liebe, ſanfte Dame hinzu. Fritz iſt jetzt ein reicher Mann. Mr. Hylton ſtarb ziemlich plötzlich und hinterließ ſein ganzes Beſitzthum ſeinem Neffen. So lange wir jung ſind, ſcheint es uns, als ob die ältere Generation unſrer Verwandten gleichſam als Thürme oder Berge zwiſchen uns und dem Tode ſtände. Aber Einer nach dem Andern fallen ſie, und wir ſehen zuletzt nur noch eine ebene Fläche vor uns, welche ſich bald in den Nebel der grauen Schatten hinabzuneigen beginnt. Wir ſelbſt werden nun jene Generation; wir verlieren das Ge⸗ fühl der Jugend und fühlen uns als Männer. Dann er⸗ ſcheinen wir uns wehr⸗ und ſchutzlos, und am Mittag des Mannesalters ſteht kein menſchliches Weſen, nur Gott allein noch, zwiſchen unſerm ſterblichen Leben und dem Tode. Fritz hatte ſeinen freundlichen alten Onkel wirklich ge⸗ liebt und betrauerte ihn aufrichtig. Aber die Plötzlichkeit dieſes unvorhergeſehenen Verluſtes, der Anblick des gefallenen Pfeilers, der ſich nie mehr erheben ſollte, wirkte reinigend — 181— auf ſein Empfinden und gab ſeinem ganzen Weſen einen größern Ernſt und ein Gefühl der Verantwortlichkeit. Er praktizirt noch immer im Gerichtsſaal. Zur Zeit des Ab⸗ lebens des Mr. Hylton machte er raſche Fortſchritte in ſeinem Beruf, und er hat ſeitdem nicht nachgelaſſen, obwohl der Gerichtsſaal jetzt vielleicht nur noch der Deckmantel für ehrgeizigere Abſichten iſt. Meſfrs. Grisly und Wigg, die großen Sachwalter von Lincoln's Inn, übertrugen ihm den erſten Rechtsſtreit, und er that ſich bald durch ſeine Wirk⸗ ſamkeit hervor. Ich denke mir, er hat halb und halb den Plan gefaßt, einen Sitz im Parlament zu erlangen. Die Abſicht hat wohl noch kaum in ſeinem Geiſt klare und feſte Form angenommen, aber der Keim iſt da. Er fängt damit an, ſeine eigene Tüchtigkeit durch fleißiges Studium auf die Probe zu ſtellen. Er unterſucht geduldig und ruhig, ob ſein Streben durch das Gewiſſen gebilligt und ſeine Kräfte durch das Urtheil annerkaunt werden. Sein Traum mag immerhin mit Ehrgeiz gepaart ſein; aber Ehrgeiz geht in einer Natur, wie die ſeine, nicht mit Selbſtſucht Hand in Hand. Die Zwecke, die Cromwell veranlaßten, die Herr⸗ ſchaft zu ſuchen, und die Beweggründe, welche Richard III. oder Macbeth antrieben, nach einer Krone zu ſtreben, mögen im Ganzen und Großen, die einen wie die anderen, als Ehrgeiz bezeichnet werden; denn die Menſchen faſſen ge⸗ — 182— wöhnlich das äußerlich angeſtrebte Ziel und nicht den innern Impuls in's Auge, welcher zum Kampfe treibt. Aber ein fein unterſcheidendes Urtheil wird leicht genug eine himmel⸗ weite Verſchiedenheit entdecken. Ich kann dafür einſtehen, daß Fritz's Beſtrebungen hoch und würdig ſind, ſo wie ſeine Studien ernſt und aufrichtig. Er fühlt, daß ein Leben voll Thätigkeit ſeinen Fähigkeiten mehr angemeſſen iſt, als ein contemplatives Leben; daß es ihm beſſer taugt, ſein Denken in Geſetze zu faſſen und Geſetzgeber zu werden, als die Gedanken zu denken, die dem Handeln vorhergehen, und ein Mann der Wiſſenſchaft zu bleiben. Beide Carridren weiſen dem Mann ein edles Feld an, der Menſchheit zu dienen. Wohl dem, der ſeine eigenen Fähigkeiten mit Weis⸗ heit prüft und in die Sphäre lenkt, in der ſie frei wirken können als in ihren wahren, natürlichen Grenzen. Inzwiſchen führt Fritz ein glückliches Leben. Seine Liebe für Lily ver⸗ tieft ſich von Tag zu Tag. Sein Geiſt iſt angenehm und vollauf beſchäftigt; eine glänzende Carridre liegt offen vor ihm da, und er widmet ſich ihr mit innerer Geſundheit und mit friſchem Muth. Er iſt ernſt geworden. Seine jugendliche Flatterhaftigkeit iſt klar entſchloſſener und geſunder Thatkraft gewichen. Er ſieht die Ideale vor ſich, denen er nachzuſtreben hat, und ſeine ſchwankende Jugend reift einer edeln, feſten Männlichkeit entgegen. Ich bin zuweilen — 183— der Meinung, daß er mir mehr verdankt, als er ſelbſt je wiſſen wird. Ich denke noch mit Vergnügen an das halb ſcherzende Gelübde, ihn vom Weiberhaß zu bekehren, und ich nehme fortdauernd den wärmſten Antheil an ſeine Be⸗ ſtrebungen und Ausſichten. Er ſowohl als Lily ſind von einem zu hohen geiſtigen Typus, um viel nach der„Geſellſchaft“ zu fragen. Sie ſuchen lieber einige wenige treue Freunde, als viele hohle Bekanntſchaften; und um ihren anmuthigen und glücklichen Herd ſammeln ſich einige Männer und Frauen, deren Um⸗ gang zu den höchſten Genüſſen des Lebens gerechnet werden darf. Weder Reichthum, noch Stellung, noch Ausſichten haben den geringſten Einfluß, Fritz auf das Niveau der niederen Gewöhnlichkeit herabzuziehen. Er bleibt fort und fort derſelbe ehrliche Mann, derſelbe einfache Gentle⸗ man. Er achtet in dem Menſchen den Stempel des Gött⸗ lichen; er ſieht auf inneres Licht und innern Werth, und giebt nichts auf die zufälligen Umſtände der Geburt und des Vermögens. Nie hat er ſich gegen mich, ſeinen älteſten und ärmſten Freund, geändert. Mein chroniſcher Geld⸗ mangel, meine niedere Stellung verringern nie ſeine Ach⸗ tung oder ſchwächen ſeine Herzlichkeit. Unſere Vertraulich⸗ keit und Sympathie wächſt mit der Fülle der Erkenntniß und mit dem Fortſchritt der Zeit. — 184— Miß Weſton's Kenntniß meines alten trüben Geheim⸗ niſſes veranlaßte ſie lange, mit einer Art wachſamer Theil⸗ nahme und zarten Mitleids auf mich zu blicken. Sie ſah, daß das Geheimniß ſicher bei mir war. Ich ſage, ſie ſah es, weil nie ein Wort mehr über dieſen Gegenſtand zwiſchen uns gewechſelt ward, nach jenem einzigen haſtigen Bekennt⸗ niß am Hochzeitstag. In ihren Augen aber konnte ich das Vertrauen auf meine Selbſtbeherrſchung leſen, ihre Theil⸗ nahme für meinen Kampf, ihre Billigung meines Beneh⸗ mens. Das Geheimniß beſchäftigte oft unſer Beider Geiſt; und obwohl Keiner ſie äußerte, ſo zogen doch oft dieſelben Gedanken durch unſer Beider Gemüth und bildeten ein unausgeſprochenes, aber feſtes Freundſchaftsband. Zuerſt pflegte ſie mich mit einem Gefühl der Angſt anzublicken, ſo oft Lily zugegen war, bald aber hörte ſie auf, noch länger an meinem Siege zu zweifeln. Sie iſt nun hagerer geworden, ihr Haar iſt ziemlich grau, und ihr Weſen ſogar noch ruhiger, ſanfter und freundlicher, als ehedem. Ihre Schönheit hat ſich ganz in ihre Augen zurückgezogen, und dieſe haben den ſeltſamen Glanz, aus dem, wie ich ſagen möchte, gleichſam der Blick eines Engels widerſtrahlt. Denn ſolche Frauen mit ihrem reinen, trüben, zärtlichen Leben, mit ihrem hohen, zweifelloſen Glauben, ihrem liebenden Vertrauen und ihrer vollkommenen Menſchenliebe ſtehen in Verbindung mit Geiſtern, die kein Anderer ſieht, und ver⸗ kehren in der geheimnißvollen Stille der Nacht, zwiſchen Licht und Dunkel, zwiſchen Wachen und Schlafen mit jenen Weſen, welche ein Glied zwiſchen Sterblichkeit und Gött⸗ lichkeit, zwiſchen der ſinnlichen und geiſtigen Welt bilden. In der großen, langſamen Charakterveränderung beim Uebergang von der Jugend zu dem Mannesalter ſind wir ſo manchen launiſchen Gemüthswandlungen unterworfen, in denen wir neue Kerzen ſtatt der alten aufſtecken, und für eine kurze Zeit wieder in eine frühere Gemüthsphaſe zurück⸗ verfallen, welche jedoch raſch vorübergeht und ſich zu etwas Reiferm entwickelt. Dieſe Stimmungen des Gemüths, dieſer Streit zwiſchen Ton und Höhe unſers Denkens iſt ein Gegenſtand, über den ich oft nachdenke. Ungeachtet er zum ernſten Mann herangewachſen und gereift iſt, hat Fritz noch oft Anfälle ſeiner knabenhaften Luſtigkeit, durch welche er mich immer lebhaft und angenehm an die muntre, rege Jugendzeit erinnert, in der ich ihn zuerſt kennen lernte. Solche Augenblicke ſind mir ſehr werth; die alte Zeit ſummt fröhlich im Herzen und ruft mir wieder die Bilder unſeres jungen Selbſts hervor. Wie ein Mann nach langen Jahren der Abweſenheit ſein Geburtsdörfchen wieder be⸗ ſucht und wieder jung wird, indem er das Läuten der alten Glocken, das Rauſchen und Sauſen in den Zweigen der — 186— alten Ulmen und das Schrillen auf dem alten Giebel hört, deſſen Wetterhahn noch immer knarrt wie damals, wo er als Knabe im Bette lag und auf denſelben Ton horchte— ſo verſetzt dieſes Aufblitzen ſeiner früheren glänzenden Hei⸗ terkeit mich in die einfachen früheren„dörflichen“ Tage, in denen ich meinen Freund zuerſt kennen lernte. Die Menſchen verändern ihre Lebensformen ſo gut wie die Dinge. Die alte Sternkammer iſt nun ein Zimmer und Geſchäftraum der„Times“; eine der Glocken, welche 1572 vom Thurme St. Germain l'Auxerrois das ſchreckliche Zeichen zum Blut⸗ bade der Bartholomäusnacht gaben, wird nun im Théatre Français gebraucht, um den nöthigen Effekt im erſten Akt des„Don Juan d'Auſtria“ hervorzubringen. Wäre es in einem engliſchen Theater, ſo würde es wahrſcheinlich die „furchtbare Glocke“ geweſen ſein, welche, ſeit Burbage den Othello darſtellte, durch ſo manchen namenloſen Boten zum „Schweigen“ gebracht wurde.*) Ich erinnere mich eines ſolchen Wiederaufblitzens des jugendlichen Ungeſtüms, als Fritz Mr. Mansfield Parkyns' „Reiſen in Abyſſinien“ las. Dieſes Buch belebte ganz und gar wieder ſein früheres Verlangen nach der Romantik des *) Anſpielung auf Shakeſpeares Othello II. 3.„Silence that dreadful bell!“ Reiſens;— denn gleich vielen andern heißen und aben⸗ teuerlichen Naturen hatte er im erſten Aufleuchten jugend⸗ licher Männlichkeit, wo der freie, wilde Geiſt im Innern warm wird bei der conventionellen Einengung und der ein⸗ tönigen Routine des höheren civiliſirten Daſeins, das Em⸗ pfinden des„unverfälſchten Seins“ und den Wunſch ge⸗ hegt, das Leben der großen Städte gegen die wilden Wälder und ſchranckenloſen Steppen der Wildniß zu vertauſchen. Er las Mansfield Parkyns und wieder ſchmachtete er da⸗ nach, einem wilden Häuptling in die Wüſte zu folgen. Seine junge Phantaſie hatte oft bei der Idee gejubelt, von einem Schiffsboot in einer afrikaniſchen Bucht ausgeſetzt zu werden, dort das gewohnte Selbſt abzuwerfen und im Tau⸗ mel der Ekſtaſe in das Innere vorzudringen. Im Ueber⸗ maß ſeiner Sehnſucht hatte er nach dem Zuſtande der Natur verlangt, in welchem eines Gentlemans einfache, aber vollſtändige Toilette beendigt iſt, wenn er ſich ein Viertel⸗ pfund ranzige Butter auf den Kopf gelegt und dann für ein paar Augenblicke in der Hitze einer tropiſchen Sonne geſtanden hat. Er kam ungeſtüm mit Mr. Parkyns' Buch in der Hand in meine Wohnung geſtürzt, und erging ſich in einer be⸗ redten Aufwärmung ſeiner Wildnißträume. Er war wieder ganz ein Knabe in ſeinem ſchwärmeriſchen Gemälde der Glück⸗ — 188— ſeligkeit eines ſolchen Lebens. Der jetzige Advokat und künftige Senator blieben zu Hauſe und ſein alter junger Geiſt belebte wieder ſeinen Körper und ließ ihn zu mir ſtürmen, um ſeiner Erregung Luft zu machen. Gegen das Ende des Abends indeſſen kam er nach und nach zu der Meinung:„Beſſer fünfzig Jahre in Europa, als zehntauſend in Cathay“ und ging ruhig mit einer„Halcyoncigarre“ im Munde nach Hauſe. Die Wogen ſeines Gemüths hatten ſich wieder beruhigt. Wenn ich auf Lily in ihrer Häuslichkeit blicke und ſie als den Mittelpunkt ſo vielen Glücks und ſie ſelbſt ſo glücklich ſehe; wenn ich wahrnehme, wie ihrem Looſe ſchein⸗ bar nichts fehlt; wie ſie Alles beſitzt, was das Leben mit Eleganz umgeben und der Glückſeligkeit noch einen höhern Zauber verleihen kann, ſo bin ich verſöhnt. Ich fühle, es iſt beſſer für ſie, in all' dieſer Behaglichkeit und in dieſem Glanze zu wohnen, als ein ſo hartes und elendes Geſchick wie das meine zu theilen. Alles Schöne ſcheint ſo glück⸗ lich für ſie zu paſſen, und ihr Leben ſo ſelbſtverſtändlich zu ſchmücken, daß ich mich freue, wie ſie all' der veredelnden Einflüſſe genießt, welche ich ihr ja nimmer hätte verſchaffen können. Hätte ſie ſich mit der Armuth verbunden, ich fühle es, ſie würde ſicher daſſelbe theure, fanfte, liebende Weib geweſen ſein, das ſie im Wohlſtand und in der Gemächlich⸗ — 189— keit iſt. Aber doch ſchien es ſo paſſend und anmuthsvoll, ſie von all' dem Schmuck und Luxus umgeben zu ſehen, den Reichthum, mit Geſchmack angewandt, zu ſchaffen vermag. Eine Wonne, denke ich immer, muß es ſein, uns die Frau, die wir lieben, von allem Ergötzlichen und Genußreichen umgeben vorzuſtellen, was wir nur erſinnen können, und wonach wir für uns ſelbſt doch ſo wenig fragen. Wir denken uns ſo gern einen Feenpalaſt, um das holde, zarte Weſen hineinzuverſetzen, welches uns das Ideal alles Schönen, Zarten und Vortrefflichen verkörpert. Noch immer nennne ich ſie Lily auf dieſen Blättern, obwohl ich mir nach ihrer Verheirathung vorgenommen hatte, ſie ſtets in meinen Gedanken als Mrs. Charlton zu be⸗ zeichnen und ſie mir nur als ſolche vorzuſtellen. Ich bin ein fleißiger Beſucher in Fritze's glücklicher Häuslichkeit und genieße die Freundſchaft der zwei Frauen, deren Geſellſchaft ſeinen Herd ſo anziehend macht. Ich glaube feſt an die Möglichkeit der Freundſchaft zwiſchen Mann und Frau, was auch die franzöſiſchen Schriftſteller ſagen mögen. Ich glaube an ihr reines, helles Licht, an ihr mildes, nur wärmendes, aber nicht verſengendes Feuer, und ich bin ſtolz und glücklich im Beſitz der Freundſchaft der Mrs. Charlton und Miß Weſton. Neuerdings habe ich mit tiefem Kummer bemerkt, daß Miß Weſton's Geſundheit abnimmtw; ich glaube, — 190— ſie ſelbſt weiß es auch, aber ſie ſucht es vor denen zu ver⸗ bergen, die ſie liebt. Fritz und ſeine Frau ſcheinen es nicht zu ſehen, oder es erſchreckt ſie ſo, daß ſie die Idee in ihrem Geiſt nicht aufkommen laſſen mögen. Nicht nur ihre phy⸗ ſiſche Lebenskraft iſt im Abnehmen, auch der Geiſt der ſanften Dame ſcheint ſeine ſcharfe Auffaſſung der Welt und der Dinge dieſer Welt zu verlieren. In ihrer Zärtlichkeit iſt ſie ſo innig wie je; aber ich fürchte, noch ehe viele Jahre vergehen, wird am Kamin ein leerer Platz ſein, ein Platz, auf den die Ueberlebenden mit tiefer Verehrung und Be⸗ trübniß blicken werden. Die Hülle, welche die Knospen ihrer Liebe umſchloß, wird verwelken und verweſen; aber unter den Engeln des Himmels wird Freude ſein über die Ankunft eines ſeligen Geiſtes, deſſe Hochzeitstag erſt im Tode anbrechen ſoll. Und auf der Erde wird Trauer ſein, denn Alle, die ſie zurückläßt, werden erſt bei dem Verluſt ihren ganzen Werth erkennen, deſſen ſie nun für alle Zeit beraubt ſind. Noch einmal und zum letzten Mal, ehe die letzten der vorgeführten Perſonen im Schatten verſchwinden, lade ich meinen Leſer ein, bei einem der vielen Beſuche gegenwärtig zu ſein, die ich fortdauernd von Fritz empfange. Seine Ehe hatte unſere vertraute Freundſchaft in keiner Weiſe unterbrochen. Ich hatte meinen Freund nicht verloren. — 191— Die unbeſtimmte, ſchwerzliche Befürchtung, welche mir am Hochzeitstage über dieſen Punkt aufſtieg, hatte ſich glücklicher Weiſe als falſch erwieſen. So ſind wir denn wieder allein zuſammen in meiner Wohnung. Die Nacht, gleich der erſten, in der der Leſer ſich mit uns niederſetzte, iſt tief winterlich, mit eiſiger Kälte in der Luft und mit Schnee auf der Erde. Wir ſind nicht von einem Hof im„Temple“ umgeben, ſodern von einem ziemlich umfangreichen Square, in deſſen Mittelpunkt eine große moderne Kirche ſteht. Wir ſehen, bevor ich die Laden ſchließe,(denn ich bin ein Be⸗ wohner des erſten Stockwerkes) aus den Fenſtern meines Wohnzimmers. Vor uns liegt die vom Mondlicht erhellte Kirche, und die Schneeflocken fallen herab von den beladenen Zweigen der Bäume ringsumher, ſo oft der leiſe aber kalte Wind die Aeſte berührt und bewegt. Die entgegengeſetzte Seite des Square glänzt bleich im Mondlicht, während die Häuſer an den dunkeln Seiten mit den ſchneeig ſchimmernden, mondbeſchienenen Hauben ihrer ſchrägen Dächer wie alte Neger mit weißen Häuptern ausſehen. Nach langem Hinausſchauen wendet ſich Fritz fröſtelnd ab, und ich eile, die Vorgänge vor der Nacht und dem Winter zu ſchließen. Er ſtellt den alten Lehnſtuhl an ſeinen alten Platz am Kamin und ſchürt das Feuer kräftig an. Ich reiche ihm ſeine Pfeife, er nimmt noch einen Stuhl zu — 192— Hülfe, um die Beine darauf zu ſtrecken und überläßt ſich gedankenvoller Ruhe. An der anderen Seite des Feuers vervollſtändige ich die Symmetrie des Gemäldes und bringe das gehörige Gleichgewicht in das Arrangement, indem ich ſein Beiſpiel nachahme. Das Theegeräth, eine Flaſche und Gläſer, ein Tabackskaſten und ein Durcheinander von Büchern und Pa⸗ pieren befindet ſich auf dem Tiſch. Wenn Fritz anfängt zu rauchen, ſo iſt er zuerſt immer unergründlich ſtill und ſchweigſam. Ich achte dieſen Zauber der„Lotusſpeiſe“ und warte geduldig, bis die göttliche Ruhe des philoſophiſchen Krautes ſeinen Geiſt angeregt hat, Ideen an's Licht treten zu laſſen. Er ſieht ſich langſam im Zimmer um. Er kennt jeden Winkel deſſelben genau, jedes Bild an der Wand, jedes Möbel, das es enthält. Sein Blick bleibt auf der Stelle haften, wo ich ſitze. Vielleicht fällt es ihm ein, daß etwa zwei Jahre früher Lily hier ſaß. Dieſe Erinnerung wahr⸗ ſcheinlich veranlaßt die folgende, unſer Geſpräch eröffnende Bemerkung: „Wie einſam es mir hier vorkommt, Grey“, ſagte er mit einer Art von Schauer.„Warum heiratheſt Du nicht und lernſt, was es ſagen will, eine Häuslichkeit beſitzen. — 193— Nachdem ich das einmal erfahren habe, möchte ich kein Junggeſelle wieder werden— um— um— um—“ „Um was?“ fragte ich. „Ich kann im Augenblick keinen hinlänglich ſtarken Vergleich finden“, ſagte er;„aber ich werde gelegentlich darüber nachdenken, und es Dir ſpäter einmal ſagen.“ Ich wartete, um ihm Zeit zur Inſpiration zu laſſen; aber es ſchien ihm kein paſſender Vergleich einzufallen. Er grü⸗ belte während einiger Minuten und ſeine Stimmung wurde ernſter und inniger. „Du kannſt Dir nicht vorſtellen, Grey,— das heißt, ich glaube Du kannſt es nicht— was es heißt, mit einer Frau verheirathet zu ſein, die Du achteſt, liebſt und ver⸗ ehrſt. Und doch, ich weiß nicht; einige Menſchen ſcheinen in ihrem Geiſt die Macht zu haben, in der bloßen Idee Dinge zu ihrem Eigenthum zu machen, welche Andere erſt thatſächlich beſitzen müſſen, um ſie zu verſtehen. Das iſt Phantaſie, nicht wahr?“ „Ja“, erwiderte ich,„die Macht, von der Du ſprichſt, iſt die Phantaſie; aber ich fürchte, ich habe nicht viel davon. Von der wenigen, die ich beſaß, iſt mir noch weniger ge⸗ blieben. Der„geſtaltende Geiſt der Phantaſie iſt ſehr in mir abgeſtumpft.“ „Gut denn“, entgegnete Fritz,„ich weiß nur, ehe ich Die drei Pfade. II. 13 — — 194— mich verheirathete, verſtand ich nie, was die Ehe wirklich ſei, bis ich Lily kennen lernte— ich bin Dir viel Dank ſchuldig, daß Du mich ihr zugeführt haſt— weißt Du, an jenem Morgen in Seanook?“ „Ganz genau.“ „Nun wohl!, bis ich Lily kennen lernte, verſtand ich nie, was ein gutes, ſchönes, zärtliches Weib wirklich ſei; wogegen Du oft die Ehe mit dem vollen Verſtändniß ihrer höchſten 3 Bedeutung, ihrer Zwecke und Erfolge ſchilderteſt. Auch habe ich Dich über die beſten Frauen ſprechen hören,— aus innerer Anſchauung— es muß innere Anſchauung geweſen ſein— gerade ſo wie ich ſie in der Erfahrung gefunden habe. Du ſagteſt vorher und wußteſt vorher, was ich erſt durch die Erfahrung entdeckt habe. Theure Lily! Du Mondlicht meines Erdenſeins! Ich frage mich zuweilen, Grey, ob ſie mich ſo zu lieben vermag, wie ich ſie liebe!“— „Warum nicht, Fritz? Verlaß Dich darauf, ſie liebt Dich ſelbſt noch inniger, als Du ſie liebſt. Was iſt der Morndſchein auf der Erde gegen den Erdſchein auf dem Monde?“ „Um auf ein altes Thema zurückzukommen, Grey“, begann Fritz wieder traurig,„ich kann Dir meinen Zorn und meine Verachtung gegen mein eigenes früheres Selbſt nicht ausdrücken, wenn ich daran denke, je überhaupt mit — 195— Frauen verkehrt zu haben, gegen die unſere höchſte Em⸗ pfindung Mitleid, und unſere zärtlichſte, Bedauern ſein ſollte. Ich kann mich“ fügte er eifrigſt hinzu,„nicht mit dem heißen Blut und den verblendeten Sinnen der Jugend ent⸗ ſchuldigen. Ich kann ſolche Niedrigkeit und Verblendung kaum verſtehen. Hätte ich damals gewußt, was ich jetzt weiß.—“ „Darin liegt viel von dem Geheimniß, Fritz, glaube mir. Mangel an Geduld iſt Mangel an Glauben. In unſerem unvollkommenen Zuſtand, wo die Natur mit der Gnade ſtreitet, wird ein Irrthum durch den andern geheilt. Wir ringen uns durch den Moraſt der Unwiſſenheit zu den Ufern der Erkenntniß, und bemühen uns ſo lange, und ſo ſehr den Schmutz des Pfades fortzuſchaffen, daß unſer weiterer Weg erſchwert und verhindert wird. Hoffnungslos iſt nur der, welcher in den Sumpf zurück geräth, nachdem er das Ufer ſchon erreicht hatte. Es iſt ein ſchöner Aus⸗ ſpruch von Sir Thomas Overbury, daß von allen Guten Diejenigen die beſten ſind, welche am klarſten wiſſen, warum ſie es ſind:“ „Reinheit“, fing Fritz wieder an, der noch immer mit ſeiner Gedankenverbindung und mit dem Bilde ſeiner Frau beſchäftigt war,„Reinheit— ein Wort. Es war für mich nur ein Wort, wenn auch immerhin ein ſchönes. Aber 13* — 196— jetzt iſt es mir mehr geworden, als ein Wort. An Lily's Seite fühle ich, was Reinheit wirklich iſt, wie heilig und fleckenlos. Ich verſtehe jetzt den ganzen Zauber Una's und der Lady im Comus.“ „Und Du biſt doppelt glücklich, Fritz“, ſagte ich;„denn Du haſt gelernt durch einen Gewinn, nicht durch einen Verluſt. Dich hat der Segen belehrt. Du mußt im höchſten Grade dankbar ſein; wenige Menſchen nur ſind ſo glücklich. Beethoven war taub, damit er keine weniger erhabnen Klänge als die ſeiner eignen Symphonien hören ſollte. Milton. war blind, um nichts weniger Hohes zu ſchauen, als die Viſionen ſeiner Erzengel, nichts weniger Liebliches, als ſeine Paradieſesträume.“ „Erinnerſt Du Dich“, ſagte Fritz plötzlich,„an jenen Abend— es iſt lange her in meiner ehemaligen Wohnung, wo unſer lange ſchon innerlich gährender Zwie⸗ ſpalt über das Thema der Frauen in einen offenen Meinungs⸗ kampf ausbrach? Aber Du weißt es wohl nicht mehr?“ „Allerdings weiß ich es noch“, erwiderte ich.„Ich denke noch daran und werde ſo lange daran denken, als das Gedächtniß ſeinen Sitz behauptet. Es iſt ſonderbar, gerade dieſer Abend“, fügte ich mit nervöſer Aufregung hinzu, „hat ſich mir mit wunderbarer Deutlichkeit eingeprägt.“ „Erinnerſt Du Dich Deines Gelübdes— und Deiner — 197— Prophezeihung?“ fragte Fritz mit einem Ton, der mir zeigte, daß das Andenken an jenen Abend wieder vollſtändig in ihm erwachte.„Daß ich es behielt, iſt nicht zu verwun⸗ dern!“ „O, ich habe keines von Beiden vergeſſen“, fügte ich hinzu.„Mein Gelübde habe ich gehalten, und meine Pro⸗ phezeihung hat ſich erfüllt—„Du haſt es nun, König, Cawdor, Glamis, Alles.“— „Wie die Zauberſchweſtern es verſprachen, iſt es nicht ſo?“ unterbrach er mich.„Du warſt meine Zauberſ chweſter, Grey, eine wirkliche Art von weiſem Hexenmeiſter. Wie viel Dank bin ich Dir ſchuldig, alter lieber Junge! Und wie Recht hatteſt Du in dem, was Du über die Frauen ſagteſt! Was war ich für ein Narr mit meinem albernen, kurzſichtigen Weiberhaß!“ „Du machſt mich ſtolz auf meinen Sieg, Fritz“, ſagte ich haſtig und mit nervöſer Beſorgniß, die Unterhaltung auf die allgemeine Frage über das ganze Geſchlecht zu be⸗ ſchränken und jede Anſpielung auf die eine Frau zu ver⸗ meiden, welche mir ſchon damals die Farben zu meiner hohen Idee über die Frauen lieh. Ich bebte, nach Allem, was geſchehen war, nach der langen Zeit, die vergangen war, noch immer zurück, ſeinen Dank dafür zu empfangen, daß er durch meine Vermittelung ein Weib wie Lily errungen. — 198— „Du ſchmeichelſt meiner Eitelkeit durch einen ſo vollſtändigen Widerruf und ein ſolches Irrthumsbekenntniß.“ „Halt, das beſtreite ich“, warf er mit angenommener Feierlichkeit ein;„Du gehſt ein Bischen zu weit. Ich gebe zu, daß Du in der Hauptſache Recht hatteſt; aber ich glaube, ein ganz klein wenig Recht war auch wohl auf meiner Seite; wie?“ „Ich erkannte das ja ſchon damals an“, antwortete ich. „Niemand kann die höchſten und göttlichſten Dinge voll⸗ kommen würdigen, wenn er nicht im Stande iſt, ſie mit ihren Gegenſätzen zu vergleichen. Er muß Niedrigkeit und Gemeinheit verachten gelernt haben, bevor er edle, würdige Geſinnung zu ſchätzen vermag. Meine Ideen bezogen ſich nur auf die Frauen, die dieſen Namen verdienen; aber nicht auf die Menge derer, welche ſchon den bloßen Begriff der Weiblichkeit erniedrigen; auch gebe ich mit Bedauern zu, daß Viele zu dieſer Zahl gehören. Aber die beſten, darauf beharre ich, heben ſich um ſo glänzender auf der Folie dieſes Hintergrundes ab. Wo ein helles Licht iſt, da iſt auch immer ein tiefer Schatten!“ „Gut“, bemerkte Fritz, ſententiös,„durch dieſe beider⸗ ſeitige Nachgiebigkeit, nähern wir uns der Wahrheit. Rücke mir die Tabackbüchſe herüber; Du biſt zu eiferſüchtig auf dieſes Dein Weib, Grey, Du behälſt ſie immer dicht an Deiner Seite.“ — 199— Er ſtopfte die Pfeife von Neuem und ſchwieg eine kleine Weile. Während dieſer Pauſe aber loderte in ſeinem Auge ſeine alte fröhliche Spottſucht auf. „Grey“, rief er voll Heiterkeit aus,„ich werde mich für einen Augenblick einmal in einer recht müßigen Phan⸗ taſie ergehen. Was iſt Dir über Anna Hathaway bekannt? Haſt Du Dir eine feſte Anſicht über ſie gebildet? Stelle ſie Dir vor, wie ſie gegen irgend eine Stratforder Klät⸗ ſcherin, etwa Mrs. Quickly, über ihren Mann herzieht. „Dieſer William wieder, immerfort bei den abſcheulichen Schauſpielen! Kein Menſch kann ſich vorſtellen, was ich dabei auszuſtehen habe. Ich bin überzeugt, kein anderer Mann treibt's ſo! Ich wollte, ich hätte den kleinen John Doit aus Staffordſhire geheirathet, oder den Will Squele, den Cotswolder, der mir immer ſo viel Aufmerkſamkeiten erwies und immer bei der geringſten Ermuthigung mit ſeiner Liebeserklärung bei der Hand war. Die Spanier haben den armen Burſchen todt geſchoſſen. Ich kann es mir nie vergeben, wie ich ihn behandelt habe. Ich weiß es ſicher, es war meine Schuld, daß er ſich betrank und in den Krieg ging. Nun, wer weiß wozu es gut iſt! aber, wie geſagt, ich wollte, ich hätte den Squele! Ein wunderhübſcher Mann! Sechs Fuß hoch, ach! und einen Bart, und dabei war er ſo ein rechter Damenherr! Aber der Shakspeare! Nirgends — 200— geht er mit mir hin! und dieſes Mieder habe ich ſchon ſo lange getragen, daß ich mich ſchäme, mich noch darin ſehen zu laſſen. Aber was fragt er danach? Was thut er je, um mich zu amüſiren? Nichts!— wenn er nicht in London iſt in ſeinen Schauſpielhäuſern und mit ſeinem Kram, ſo ſitzt und ſitzt er bei ſeinen dummen Stücken Tag für Tag. Jetzt ſchreibt er eines, das er Hamlet nennt; warum nur nicht einfach Village*), möcht' ich wohl wiſſen. Ein Haufen von dummem Zeug und Unſinn! Und ich langweile mich hier unterdeſſen zu Tode; keine Seele, mit der man ein Wort ſprechen kann! Geſtern wollte er mir ſein Geſchreibſel vorleſen, aber ich ſagte ihm meine Meinung rund heraus. Ei, daß Dich doch! Wahrhaftig, die Dinge ſind auf einen ſchönen Punkt gekommen, wenn— wenn—(ſie ſchluchzt) ein Mann ein gutes Weib, wie ich mich wohl nennen darf, auf eine ſo ſchändliche, ſchändliche, gottloſe Weiſe vernach⸗ läſſigt!“ „Da, Grey,“ rief Fritz, nüberſetze das in altes Engliſch, gieb ihm die couleur locale, den Ton der Zeit, und woher weißt Du, daß es nicht die Wahrheit iſt?“ „Ein gottloſer Einfall, Fritz, der eine wahrhaft geſpen⸗ *) Village, Dorf, Hamlet, Dörfchen; ein engliſches Wort ſpiel, daß ſich im Deutſchen nicht wiedergeben läßt. — 201— ſtiſche Möglichkeit in ſich ſchließt. Denn Shakspeare war der Gefahr ausgeſetzt, der alle Männer von zartem Gemüth und hoher Phantaſie unterworfen ſind, nämlich der, eine mittelmäßige Frau zu idealiſiren und ihr die hohen Eigen⸗ ſchaften anzudichten, welche ſein eigener Geiſt dem Weibe beilegt. Uebrigens habe ich die Gewohnheit, ſchönen Träu⸗ men in Bezug auf Anna Shakspeare, geborene Hathaway, nachzuhängen. Ich betrachte ſie, nächſt Maria, der Frau Joſeph's des Zimmermannes, als die beglückteſte unter den Weibern, und ich glaube lieber, daß ſie, die der Himmel beſtimmt hatte, William Shakspeare's Weib zu werden, ihres erhabenen Schickſals würdig war. Deine Phantaſie, Fritz, ſoll meinen Glauben nicht erſchüttern.“ „Laß es gut ſein“, ſagte Fritz,„critiſire die arme kleine Stegreifgrille nicht ſo ernſthaft.— Aber es iſt ja jetzt die heilige, ſelige Weihnachtszeit“, fügte er hinzu, indem er ein Glas Wein einſchenkte,„und ich werde der ganzen Welt ein„fröhliches Feſt“ zutrinken.“ „Ich wünſche, Fritz, daß recht Viele auf der Welt ſo guten Grund haben möchten wie Du, das Chriſtfeſt ein fröhliches zu nennen.“ „Amen!“ rief Fritz herzlich;„ich wünſche von ganzer Seele, daß alle Welt, bei Dir meinem älteſten und theuerſten Freund anzufangen, ſo glücklich wär', wie ich; dann würde — 202— es in der That eine glückliche Welt ſein! Auf das Wohl der Quelle meiner höchſten Seligkeit, Dir, liebliches Vög⸗ lein, Lily, mein Weib! Willſt Du auf dieſe Geſundheit trinken, Grey?“ 3 „Ja“, antwortete ich,„von Herzen!“ „„Ihr Wohl! und gäb's auf Erden mehr' Von ähnlicher Natur, Das Leben wär' ganz Poeſie Und Müh' ein Name nur!““ „Ach,“ ſagte er,„ich wünſchte, es gäbe mehrere gleich ihr, und ich wollte, auch Du, Grey, fändeſt eine Lily. Aber ich glaube, es kann nicht viel ſolcher Frauen in der Welt geben, oder es wäre eine reinere und lieblichere Welt, als ſie wirklich iſt.“ „Erinnerſt Du Dich, Grey?“ begann er wieder—„ne⸗ benbei bemerkt, wir kennen einander ſo lange, daß ich alle Augenblicke frage, ob Du Dich dieſer oder jener Sache noch erinnerſt.— Aber erinnerſt Du Dich noch des erſten Er⸗ ſcheinens der herrlichen„Jane Eyre“, und wie Du ſofort zu mir kamſt, als Du den erſten Theil geleſen hatteſt, und dafür ſchwärmteſt, und ihn mir zum Leſen zurückließeſt? Wo iſt das Buch? ich möchte Dir eine Stelle zeigen.“ Ich reichte ihm„Jane Eyre“; er blätterte umher, bis — 203— er die Stelle fand, die er ſuchte, und fing dann an, Jane's Mittheilung über ihre Erfahrung in der Ehe vorzuleſen:— „Ich weiß, was es heißt, ganz und gar für das und mit dem zu leben, was ich auf der Welt am innigſten liebe. Ich halte mich für hoch beglückt, höher als die Sprache es ausdrücken kann, weil ich eben ſo ſehr meines Mannes Leben bin, als er das meine iſt. Ich kenne keine Ermüdung in Eduard's Geſellſchaft, er keine in der meinigen. Daher ſind wir immer zuſammen. Zuſammenſein iſt für uns: frei ſein wie in der Einſamkeit, und zugleich fröhlich wie in Geſellſchaft.“— Wir ſtritten damals viel über dieſe Stelle, Grey; ich ſpottete und rümpfte die Naſe, ich citirte Mon⸗ taigne's Meinung über die Frauen, und wiederholte Lady Montague's witzigen Ausſpruch,„daß ſie kein Mann ſein möchte, um nicht eine Frau heirathen zu müſſen.“ Ich be⸗ kannte mich zu Ranger's niedriger Geſinnung:„Nimm ihre Seele, ich nehme ihren Leib: wer hat den beſten Kauf ge⸗ than?“ Ich ſagte, es ſei unmöglich, mit einer Frau zu leben, ohne Ermüdung zu fühlen, und ſprach meine Ueber⸗ zeugung aus, daß Frauen recht liebenswürdige und ange⸗ nehme Dinge ſeien, daß ſie mich in gewiſſer Stimmung amüſirten, und daß ich zu Zeiten ganz gern mit einer Cigarre zwiſchen den Lippen auf dem Sopha läge, und ſie plaudern höre“— — 204— „Ich erinnere mich an Alles, Fritz. Aber warum wiederholſt Du es jetzt?“ „Ich wiederhole es, um es zu widerrufen“, antwortete er. „Du kämpfteſt kräftig auf der anderen Seite, Grey, und beim Jupiter, Du hatteſt vollkommen Recht! Du, obwohl Du unvermählt warſt, verſtandeſt vollkommen Jane's Empfinden, und nun ich verheirathet bin, erkenne auch ich es für wahr an. Und welche Freude liegt in dieſer Entdeckung! Da ich mich überzeugt habe, daß ich Unrecht hatte, ſo will ich gern meinen Irrthum eingeſtehen; es iſt dies eine gerechte Huldigung, die ich der Wahrheit darbringe.“ „Und ein Zeichen, Fritz, daß Du einen offenen Sinn haſt. Wenn Dein Geiſt die Wahrheit nicht beſitzen kann, ſo beſitzt die Wahrheit wenigſtens Deinen Geiſt.“ Er fing an, nach der Uhr zu ſehen, und ſich zum Fort⸗ gehen anzuſchicken. Er blieb jetzt nie mehr ſo ſpät, als er früher in der Junggeſellenzeit zu thun pflegte. „Ich muß fort, Grey; es iſt Zeit zum Gehen.“ „Ich bin erfreut geweſen, Fritz, Deinen Widerruf zu hhören. Ich fürchtete ſchon, Du wäreſt in den Weiberhaß zurückverfallen, als Du Deine Rapſodie über Miſtreß Anna Hathaway vortrugſt. Sie ſchmeckte abſcheulich nach der alten Zeit.“ „Nichts, als ein auf dem Grabe der verſunkenen Ver⸗ — 205— gangenheit aufgeleſener Knochen“, erwiderte er, indem er ſeinen Hut aufſetzte und die Heimwegscigarre anzündete. „Gute Nacht, lieber Grey. Beſuche uns bald. Lily und Miß Weſton werden ſich ſehr freuen, Dich bald zu ſehen. Dein Pathchen bekommt Zähne, und iſt daher etwas eigen⸗ ſinnig und zu geſelligem Verkehr nicht aufgelegt, ſonſt würde es ſich gleichfalls ſehr freuen. Vergiß nicht“, ſagte er ernſt, als er ſich an der Thür umwandte, um mir nochmals die Hand zu ſchütteln,„vergiß nicht, Grey, daß ihr Beide, Du und das Fatum, mich zu einem vollkommen Bekehrten ge⸗ macht habt. Ich bin nicht mehr, was ich war, ich habe mich in Vielem geändert. Vor allen Dingen bin ich nicht mehr ein Weiberfeind, bin kein Miſogyn mehr.“ Er ſtand noch einen Augenblick an der Hausthür; ſein Antlitz und ſeine Geſtalt wurden hell von dem Licht der Kerze beſtrahlt, die ich in der Hand hielt. Dann verſchwand er,— für meinen Leſer auf immer— in der Dunkelheit der Nacht draußen. Als ich mich in meinem Zimmer wieder allein nieder⸗ ſetzte, das feine Gegenwart mir noch eben verſchönert hatte, und über unſere Unterhaltung an dieſem Abend nachzuſinnen begann, blitzte ein ſeltſamer Gedanke durch meinen Geiſt. Ich dachte, vielleicht ſind Grey und Charlton im Weſent⸗ lichen ein und derſelbe Menſch, und der wirkliche Unterſchied zwiſchen ihnen beſteht nur in dem Unterſchied der Umſtände und des Schickſals. Ich ſtellte mir vor, daß Grey, wenn er ein Leben der Freude gelebt hätte, geweſen ſein möchte, was Charlton war, und daß, wenn Charlton immer mit Sorgen gekämpft hätte, er geworden wäre, was Grey war. Eine ſeltſame Räthſelfrage, die ich nicht löſen kann. Laſſen wir ſie in die Atmoſphäre jenes ſanften, grauen Nebels verduften, der ſchon ſo manchen Zweifel eingehüllt hat. Es mag ſein, daß das Fatum eine ſichtbare Verſchiedenheit ſchuf, welche in den inneren Naturen urſprünglich nicht vor⸗ handen war; und daß vielleicht die metaphyſiſche Kunſt im Stande wäre, die verſchiedenen Elemente wieder in Eins zu vereinigen. Als ich wahrnahm, wie ſehr meines lieben Freundes Natur durch die große Glücksphaſe, durch welche ſein Leben hindurchzog, gebeſſert und gehoben worden, dachte ich tiefer über die Thatſache nach, daß mein eigenes Leben ſich ſchon ſo lange durch die Wolken der Sorge hin⸗ durchrang. Ich ſah, daß in ſeinem Fall die Freude nur ein Mittel zum Zweck geweſen war, gleichſam eine Methode des Unterrichts und der Erziehung, und ich fragte mich, ob nicht der Kummer in mir vielleicht dieſelbe Veränderung bewirken ſollte, welche in ihm durch die Freude hervorge⸗ bracht worden. Ich empfand, daß keine Sorge und kein Leid dem Menſchen zwecklos auferlegt werden; ich wußte, — 207— daß jede Prüfung ein verhüllter Segen iſt, und daß jedes Uebel, das den Sterblichen trifft, ſein unſterbliches Heil beabſichtigt. So fing ich denn an, eilig und ernſtlich die Aufgabe zu ſtudiren, welche mir in meinen eigenen Prü⸗ fungen ertheilt worden; ich begann zu unterſuchen, ob nicht Fortſchritt und Gewinn ſelbſt aus ihnen zu ziehen ſei. Mit dem bloßen Entſchluß ſchon kam Glaube und klarere Einſicht, und ich fühlte eine wachſende Kraft, mit welcher vielleicht die Muthloſigkeit überwunden und die Verzweiflung beſiegt werden konnte. Denn Muthloſigkeit und Verzweiflung ſind nichts als Finſterniß, die nur in der Abweſenheit des Lichts exiſtirt; ſie ſind nur Erſcheinungen, welche den Mangel an Glauben und Einſicht bezeichnen. Sollte ich, fragte ich mir, in dem langen, erſchöpfenden Kampfe meines eigenen „dreißigjährigen Krieges“ nicht ſo viel Nerv und Kraft erworben haben, um feſte, hoffnungsvolle Ausdauer für allen ſpäteren Kampf zu beſitzen? „Da, wo Du ſtehſt, da arbeite und wirke; was die Hand auch zu thun findet, thu' es, mit der Hand eines Mannes, nicht eines Träumers; das ſei Dein unbewußter Segen und Dein überſchwenglich hoher Lohn.“ Iſt dies nicht die erſte und unmittelbarſte Lehre, welche uns der Unterricht des Lebens einprägen ſoll? Einfach die Pflicht erfüllen, die uns durch die Umſtände übertragen worden, — 208 wie wenig angemeſſen unſere Fähigkeiten, wie widerſtrebend unſrer Natur dieſe Pflicht auch immer ſein mag. Der Geiſt, in dem es gethan wird, veredelt jedes Werk, ſo daß es ein rechtſchaffenes iſt. Wenn er nur in dem rechten, redlichen Geiſt arbeitet, ſo hören die Umſtände auf, der Tyrann des Arbeiters zu ſein, und er wird ihr König. Alle materiellen Dinge werden durch die Idee in uns ver⸗ klärt; ein Degengriff kann für einen Bayard das Kreuz vorſtellen.— So arbeitete ich denn eifrig und ernſtlich an den vom Geſchick mir überwieſenen Pflichten, ich be⸗ kämpfte den Ekel und überwand die Abneigung. Aber ich arbeitete nur aus Pflichtgefühl; ich ließ mich nie herab, die Arbeit zu lieben, die ich doch ſo gewiſſenhaft vollbrachte. Dieſe Arbeit zu vernachläſſigen, wäre ein Verrath geweſen; ſie zu lieben, eine Gottesläſterung. So wie ein ehrenhafter Mann, der mit einer Frau vermählt iſt, die er nicht mit voller Liebe liebt, doppelt emſig in ſeiner Sorge und Auf⸗ merkſamkeit für ſie iſt— ſo arbeitete ich weiter und weiter, ohne Verſäumniß und unverdroſſen, um ſo eifriger vielleicht, weil ich meine Arbeit nicht liebte, und weil ich über mich ſelbſt wachen mußte, daß ich ſie nicht mißachtete. So ge⸗ wann ich den Lohn, welcher den pflichtmäßigen Anſtren⸗ gungen vorbehalten iſt. Die Einzelnheiten der Arbeit wurden mir geläufig; ſie hörten auf, mir eine Plage zu — 209— ſein und verloren ihr unedles Anſehen; ſie wurden gehoben und gewürdigt durch den Geiſt, in welchem ich arbeitete und ſiegte. Arbeitslaſt— Armuth— Einſamkeit: drei finſtre genii familiares des Lebens!— Aber ſchau ihnen gerade und entſchloſſen in's Auge, und durch ihr geiſterhaftes Antlitz hindurch wirſt Du einen Schimmer von Licht und Liebe erkennen. Boten ſind ſie einer höhern Macht und ihrer gnadenreichen Zwecken; furchteinflößende Geſpenſter nur für den Unwiſſenden. Denn ſieh', ſobald Du unerſchrocken und aufmerkſam auf ſie ſchauſt, ſo verändern und verwandeln ſie ſich. Blick' genauer hin, und Du erkennſt, unklar vielleicht, aber doch mit einem ergreifenden Gefühl von Gewißheit, die Geſtalten dreier verhüllten Freunde, der edelſten Freunde, die der Menſch haben kann—„ſich ſelbſt, ſeinen Schöpfer und den Todesengel.“ Die Arbeitslaſt— habe ich nicht geſagt, wie das Pflichtgefühl ſie idealiſiren und aus ihrer urſprünglichen calibanähnlichen Niedrigkeit und Gemeinheit in ein edles Eidolon umwandeln kann? Und die Armuth— iſt nicht etwas kräftig Spannendes in der kühlen, ſcharfen Luft ihres kalten, tiefen, rauhen Thales? Ja in dieſem tiefen Thale ſehen wir die Sterne ſelbſt um Mittag funkeln, erkennen ſie, wie Menſchen, Die drei Pfade. II. 14 — 2410— „Die niederſtiegen in der Erde Höhlen, Hinab in's tief verborg'ne, ſtille Dunkel, Und dann durch dichte Nacht die Himmel ſchau'n Am Mittag voll von Sternen, großen Sternen, Die nimmerdar, im ſcharfen Lichte blinzelnd, Kurzſicht'ge Augen ſchaun!“ Unſer beſtes Empfinden, unſer höchſtes Streben erglüht und erhebt ſich ſelten in der Wohlhabenheit. Wenn wir beten:„Führe uns nicht in Verſuchung!“ ſo laſſet uns be⸗ denken, inwieweit unſere Bitte ſchon erhört iſt, wenn der⸗ Reichthum uns fern blieb. Laſſet uns die Armuth als eine Auszeichnung hinnehmen, laſſet ſie uns tragen als ein Ehren⸗ kleid. Wir wollen lernen, jenen Stolz für ſie zu fühlen, der die Demuth iſt. Vielleicht beten wir nicht in der Kirche die Gemeinplätze her, die aus halber Ueberzeugung ſtammen; aber wir empfinden, wenn wir in uns ſelbſt Gottesdienſt feiern, nicht bloß ein Gefühl der Ergebung, nein in Wahr⸗ heit auch ein Pulſiren der Glückſeligkeit. Und iſt denn Einſamkeit ein ſo großes Uebel? Iſt nicht edle Einſamkeit beſſer, als unedle Geſellſchaft?— Laſſet uns ringen, auf daß wir aus der Einſamkeit die Kraft, allein zu ſtehen, gewinnen;— nicht in hochmüthiger Ab⸗ ſonderung, nicht in verächtlicher Geringſchätzung unſerer Mitmenſchen, ſondern in jenem Selbſtvertrauen, welches zu⸗ 1 — 211— verſichtlich auf ein Höheres blickt. Ueberzeugt im Herzen von der Wahrheit der Worte: „Wer Gott zu lieb, der Menſchenlieb' entbricht, Will ſchau'n bei Dunkelheit im Spiegel ſein Geſicht!“ laſſet uns jede freundliche, jede geſellige Neigung gegen die Menſchen, unſere Brüder, pflegen, und doch, wenn unſer Geſchick es ſo will, lernen, allein zu ſein, ſo wie wir es müſſen in jenem letzten, erhabenſten Augenblick, wo der Sterbliche ſich von dem Leben abwendet, das für ihn zu Ende geht, und der Unſterbliche in das neue Leben hinüber⸗ tritt, welches endlos ſein wird. In der Einſamkeit, in der lang fortgeſetzten geiſtigen und ſittlichen Abſonderung, ent⸗ ſteht und bildet ſich der Glaube, der kindliche Glaube. Die Einſamen ſind viel mit Gott. Eine andere von meinen geiſtigen Eigenthümlichkeiten mag gleichfalls hier erwähnt werden. Die natürliche Rich⸗ tung meines Denkens, genährt durch Einſamkeit und eine Lebensweiſe, in welcher jede geiſtige Tendenz mit den täg⸗ lichen Anfbrderungen des wirklichen Daſeins im Streite lag, trieb mich unaufhörlich, über die wichtigen Fragen zu grübeln, die ſich auf den Menſchen, ſeinen Urſprung und ſein Schickſal beziehen. Da ich ein tiefes und lebendiges Intereſſe für jede Form des Denkens hege, an welcher die 14* — 212— menſchliche Intelligenz ſich üben kann, ſo flog mein Geiſt, welches Thema ihn auch zeitweiſe beſchäftigen mochte, immer wieder zu dem einen großen Gegenſtande zurück. Auf ein⸗ ſamen Spaziergängen, zur Zeit des Aufſtehens und Schlafen⸗ gehens, in den Stunden, wann ich in der tiefen Stille der Nacht wachend dalag, ſtrebte mein inneres Auge am eif⸗ rigſten, durch die Umgebung der materiellen Finſterniß Licht zu bekommen. In halben Stunden, nein, in halben Augen⸗ blicken, die ich irgend einer andern Beſchäftigung entzog, am ſtärkſten vielleicht, wenn ich aus der irdiſchen Nacht auf das nie endende Wunder und die unausſprechliche Glorie der majeſtätiſchen, mit goldnem Feuer ausgelegten Himmelsdecke blickte, warfen meine Gedanken ſich unaus⸗ geſetzt auf die Betrachtung jener erhabenen Themata, welche ſcharf an der Grenze des Irdiſchen ſchweben, die der Ge⸗ danke nie erſchöpfen kann, und deren er doch nie müde wird. Betrachtungen ſind werthlos, wenn ſie ſich nicht in Handlungen bethätigen. Eines Menſchen Glaube kann nur nach Thaten gemeſſen werden. Wirklicher Glaube iſt eine lebendige und gebieteriſche Macht, und was ein Menſch wirklich glaubt, wird er auf ſein Thun übertragen oder wird durch ſeine Handlungen hindurchleuchten und aus ſeinem Leben widerſtrahlen. —,— —.— —— — 213— Ich will auch noch die Mittheilung machen, daß zuletzt etwas Sonnenſchein auf meinen Pfad fiel, als ein Beweis des Zuſammenhanges zwiſchen dem Leben und der Gnade, welche nur wartet, bis wir ihrer warten. Ich erlangte eine würdigere Beſchäftigung und eine freundlichere Umge⸗ bung. Und der Strahl, welcher auf mich fiel, erſchien mir nun durch den Contraſt der langen Nacht, der er folgte, um ſo heller. Er bildete ein friſcheres, ſanfteres Band zwiſchen meinem Glauben und der Quelle, der er entſprang. Mit zitternder Dankbarkeit hieß ich den Freudeſtrahl will⸗ kommen, der zuerſt mein Herz nur ſchwach traf, in welchem die Hoffnung verhüllt lag, gleich einem todtgebornen Kinde. Und wenn wir nun die drei ſcheinbaren Geſpenſter der Arbeitslaſt, der Armuth und der Einſamkeit in die Sinn⸗ bilder dreier ſegnender Freunde umgewandelt haben, bleibt uns dann nicht noch ein Ideal, nach dem wir mit edler und freudiger Anſtrengung ringen können? Ja, es iſt die Kunſt! Wer wird Göthe widerſprechen, wenn er ſagt, daß die Kunſt, würdig verſtanden und geübt, die edelſte Beſtre⸗ bung der Menſchheit iſt? Ach! er ſagt aber auch, daß die Kunſt eine anſpruchsvolle Herrin ſei, welche die Ergeben⸗ heit eines ganzen Lebens, die ungetheilte Uebung eines durch keine Berührung mit den gemeinen Sorgen entweihten Geiſtes erfordert. Und darf der Mann um die Palme der 4— 214— Kunſt ringen, der ihrem Dienſt nur einen vom Tagewerk erſchöpften Geiſt widmen, nur der Nacht ein paar kurze Stunden— und auch dieſe nicht klar oder regelmäßig oder ruhig— abſtehlen kann? Mrs. Stowe ſagt von St. Clare,„daß eine gewiſſe natürliche Feinheit des Empfindens ihm eine inſtinktive Anſchauung von der Ausdehnung der Chriſtenpflichten verlieh, ſo daß er im Voraus vor den möglichen Forderungen des eigenen Gewiſſens zurückbebte, wenn er ſich einmal jenen Pflichten zu unterziehen entſchlöſſe; er hielt es für beſſer, nichts zu unternehmen, als mit dem Unternehmen ſeinen Zweck zu verfehlen.“ Und ſollte nicht ein achtungswerthes, St. Clare's Zweifeln einigermaßen verwandtes Mißtrauen gegen uns ſelbſt uns mit unſern Verſuchen in der Kunſt zögern laſſen, wenn der Verſuch mißlingen muß; mißlingen muß, ſelbſt wenn wir über⸗ zeugt ſind, daß er uns gelingen würde, wenn unſer Geiſt unſer alleiniges Eigenthum wäre und ſich ſeinem edlen Gegen⸗ ſtand klar und ganz widmen könnte? Ein ſchwerer, ſchmerz⸗ licher Zweifel; wie ſchmerzlich, das mögen die bezeugen, die unter ähnlichen Umſtänden ihn aufrichtig gefühlt haben. Aber George Herbert ſagt:„Höher ſchießt, wer den Mond bedroht, als der, welcher nach einem Baume zielt.“ Streben wir alſo ſo gut wir können. Island hat ſeinen bleichen, kurzen Sommer, weniger prächtig allerdings, als jene mehr — 215— begünſtigten, ſonnigeren Länder, aber theuer dennoch denen, welche ihn genießen, und nicht ohne einen eigenthümlichen, kurzen melancholiſchen Reiz für die tiefer Blickenden. Wenn wir auch nie vollbringen, was wir gekonnt hätten, ſo können wir doch thun, was uns unter ſo mancherlei be⸗ ſchränkenden Umſtänden und im Kampf mit ſo mancherlei Schwierigkeiten noch möglich bleibt. Vielleicht finden wir Jemanden, der dieſe Schwierigkeiten verſteht und um ihret⸗ willen Nachſicht übt. Selbſt wenn es uns am Vollbringen fehlt, ſo iſt doch die Anſtrengung ſchon gut und würdig, und es giebt ein Urtheil, höher als das menſchliche Urtheil, und eine Gerechtigkeit über der menſchlichen Gerechtigkeit, welche unſer Ringen ſieht, und das kleine, uns verliehene Talent von Stufe zu Stufe wachſen läßt. Dryden ſucht die Unvollkommenheiten ſeiner„Eleanora“ — deren wirklicher Fehler, nebenbei bemerkt, darin beſteht, daß ſie auf Befehl und ohne Inſpiration geſchrieben wurde — zu entſchuldigen, indem er„ſchwache Geſundheit, allerlei Geſchäfte und manche Störung“ vorſchiebt. Er fügt hinzu: „als Ovid in die Verbannung ging und am Bord des Schiffes an ſeine Freunde ſchrieb, entſchuldigte er die Fehler feines Gedichtes durch ſein Unglück und ſagte, daß gute Verſe nur aus einem heitern und ruhigen Geiſt entſpringen können.“ Die Uebel, welche dieſe Meiſter anführen, fallen noch weit ſchwerer auf ſo manches unbekannte und ringende Leben. Schwache Geſundheit, viele Geſchäfte und mancherlei Störungen haben auf manchem Andern länger gelaſtet, als auf Dryden, und Unglück hat mehr Verſe, als nur die Ovidiſchen verdorben. Viel Arbeit habe ich immer gehabt, auch manche Störung hat mich getroffen und Kränklichkeit verließ mich ſelten. Aber wer anders, als derjenige, dem die Erfahrung ein Lehrer geweſen, kennt das folternde Ge⸗ fühl, wenn ſich der ſchöpferiſche Implus auf ein ermüdetes und erſchlafftes Gehirn niederläßt, wie das Licht auf den Nebel und Dunſt rings um die Erde herabſinkt, ohne ihn durchdringen zu können? Eine Idee vor ſich zu ſehen, welche dem Geiſt zu eigen gehört, und die er doch nicht zu erreichen und zu ergreifen vermag; zu fühlen, daß wir im Stande wären, und doch nicht im Stande ſind, zu der vollen und lebendigen Anſchauung zu gelangen, deren unſere Kräfte fähig ſind; daß es dem ermatteten, überarbeiteten Geiſt an Kraft fehlt mit vollkommner Deutlichkeit zu er⸗ faſſen, mit abſoluter Klarheit zu verwirklichen; zu fühlen, daß der Geiſt dumpf und träge wird: das ſind Empfin⸗ dungen, welche die ſich hervordrängenden Bilder verjagen, den Gedankenfluß lähmen und dem Fluge der Phantaſie Einhalt thun; das ſind Sorgen, harte und wirkliche, die derjenige, welcher trotz thatſächlicher Geſchäftsüberhäufung, — — — 217— trotz der Störungen und eines beſtändigen Uebelbeſindens zu ſchaffen ringt, manche trübe, einſame Stunde hindurch in ihrer tiefſten Bitterkeit fühlt. Dennoch aber Muth! Wenn auch unfähig, ein Kunſt⸗ werk der höchſten Art zu ſchaffen, darf nicht ein Solcher wenigſtens eine Erinnerung ſeines eigenen Lebens in eine lockere, faſt geſtaltloſe Form gießen, um der Erfah⸗ rung Anderer zu Hülfe zu kommen? Hier mag vielleicht das freieſte Feld für ſeine verſtümmelte Thätigkeit zu ſuchen ſein. Laſſet ihn immerhin denken, daß ſein Leben ſelbſt ſein ſchönſtes Gedicht ſein ſollte. Laſſet ihn leben ſo edel und weiſe wie er kann, und ſo aus ſeinem Leben irgend eine „Wahrheit und Dichtung“ herausarbeiteu. Das That⸗ ſächliche ſei die Wahrheit, und das ſie umſchwebende My⸗ ſterium die Dichtung! Denn eine Thatſache iſt nicht immer eine Wahrheit. Hamlet, wie ihn Saxo Grammaticus ſchildert, mag eine Thatſache ſein, aber Hamlet, wie Shakspeare ihn ſchuf, iſt eine Wahrheit. Und wenn nun dieſer Mann, den wir uns vorſtellen, ſo die Erinnerung ſeines Lebens als eine Wahrheit für Andere niederzuſchreiben gedenkt, ſo laſſet ihn nicht fürchten, daß ein einzelnes Leben unter ſo vielen Millionen anderen nicht originell ſein kann. Kein Lebenslauf iſt ganz alltäg⸗ — 218— lich, denn er iſt ein friſcher, für ſich beſtehender Ausfluß der Gottheit. Wahr iſt der Spruch: „Kein Ding auf dieſem Erdenreich Iſt ganz und gar dem andern gleich!“ Schon die bloßen Zufälligkeiten zweier Lebensläufe ſind niemals ganz gleich; die vollkommene Aehnlichkeit zweier Geſichter iſt ſogar ſo ſelten, daß der Genius in der er⸗ dichteten Darſtellung einer Viola und eines Sebaſtian(in Shakspeare's„Was Ihr wollt“) an das Romanhafte und Abſonderliche grenzt. Das Reich der Originalität hat in der That nur wenige Pforten und dieſe ſind ſehr alt, ſo alt wie die Schöpfung ſelbſt; aber ſie führen in ungeheure Tiefen, wie die Liebe die Zeit, das Leben, der Tod, die Beziehung des Sicht⸗ baren auf das Unſichtbare. Kein Menſch kann dieſe uner⸗ meßlichen Tiefen in ihrer vollen Ausdehnung ergründen, aber der originellſte iſt der, welcher durch eine dieſer unergründlichen Pforten am weiteſten vordringt. Diejenigen, die mit all ihrem Streben nach Originalität doch außerhalb dieſer Pforten bleiben, bringen es im beſten Fall zum Seltſamen; ſie hauen erfolglos an den feſten diamanten Felſen, anſtatt ſeine ge⸗ öffneten Schlünde zu betreten, und in den unbegrenzten Raum vorzudringen, der in Wahrheit nichts iſt, als die Unendlichkeit des Univerſums ſelbſt.— Und ſo ſeh' auch — 219— ich mein Ideal klar vor mir, und ſchreite, mit der Pflicht als Freund, mit der Kunſt als Geliebten, und der Religion als Ziel, voll feierlicher und hochherziger Hoffnung vor⸗ wärts dem Tode entgegen! Auf den Wogen des ſtürmi⸗ ſchen Lebens mag ich ſteigen und fallen, mag hinabſinken in unermeßliche Abgründe und wieder emporgetragen werden himmelwärts;— dort oben ſchimmern die ewigen Sterne, unveränderlich und heiter, welch' eine trübe Wolke auch zu Zeiten zwiſchen mir und ihren Strahlen hindurchziehen mag. Der Weg iſt oft rauh, aber niemals unfruchtbar, mühſam, aber niemals finſter; es kann einem Leben und einer Welt, die nur Gedanken Gottes ſind, nicht an Reiz fehlen; kein Licht kann dem Pfade mangeln, welcher von dem Glanz des„ewigen Ja“ widerſtrahlt! Vielleicht, o Leſer, werden wir einander nie von Ange⸗ ſicht zu Angeſicht ſehen; aber wenn Du Geduld gehabt haſt, mich bis hieher zu begleiten, ſo iſt ein geiſtiges Band zwiſchen uns geknüpft, und kraft dieſes zarten Mesmeris⸗ mus ſind wir uns nicht ganz fremd. Auf dieſen Seiten, welche Dein Auzge leſend berührte, ruhte das meine, um zu ſchreiben; jedenfalls hat das Gehirn, das Herz, dem jenes Auge als Fenſter dient, zuweilen dieſelben Gedanken gedacht und iſt von denſelben Empfindungen durchzittert worden. Ich habe viel zu ſagen— wenn ich es nur ſagen könnte. — 220— Ich wende mich an Dich mit ebenſo vieler Achtung, als geringer ſklaviſcher Unterwürfigkeit,— Aber ach, ich kann Dein Bild nur ahnen, nicht Dich ſehen, und ich zögere zu ſagen, was ich ſagen könnte, ſagen würde als Epilog, als Erklärung oder als Bitte. Wenn man auf der Bühne ſteht— verſuchteſt Du es je lieber Leſer?— ſo iſt es nicht leicht, in„das Haus“ zu blicken oder einen Eindruck von dem Ausſehen oder der Meinung des Publikums zu gewinnen. Die Lichter flackern und blenden die ſchwachen und nervöſen Augen. Und doch, ich will Dich einen Augenblick mir ſo denken, wie ich Dich wünſche, und ein kurzes Wort an Dich wagen. Dieſe meine Charaktere ſind reale Geſtalten, Weſen von Fleiſch und Blut, mit ſchlagendem Herzen, mit pochendem Hirn und ringender Seele. Ich habe Dinge geſchildert, welche ich wirklich kennen gelernt, Weſen gemalt, welche lebten und noch leben. Da aber jede Thatſache von einer gedanklichen Atmoſphäre umgeben iſt, ſo habe ich verſucht, die Proſa durch Poeſie abzurunden, den Thatſachen die Wahrheit hinzuzufügen, die„Wahrheit“ durch die„Dichtung“ zu veredeln. Unſre Zeit hat wenigſtens die Stufe der Entwickelung erreicht, wo von der dramatiſchen, wie von der erzählenden Kunſt Wahrheit gefordert wird; ich habe beſcheiden, aber furchtlos die Wahrheit zu erzählen geſucht, —:—:—:— ↄꝗ — — 221— wie ſie mir gegeben worden iſt. Eine Handvoll Körner beſäet ein ganzes Weizenfeld, und im Kleinen vermag man einen Mikrokosmus des Großen zu geben. Ein paar einzelne Typen können umfangreiche Klaſſen ſchildern und die Indi⸗ viduen meiner Erzählung vermögen eine Anſchauung von den „Grillen und Thorheiten, der Eitelkeit, den Laſtern und der Betrügerei“, und ebenſo von der Männlichkeit, dem edlen Streben, der Reinheit und Schönheit zu geben,„welche ihre Rollen in der großen Komödie des Lebens ſpielen.“ Da ich ſelbſt dem Mittelſtande angehöre, ſo habe ich Charaktere zu geſtalten geſucht, welche gleichfalls zu dieſer mir vertrauten Klaſſe zählen. Da ich ferner genau— ach, entſetzlich genau!— mit der Handelswelt bekannt bin, ſo wünſchte ich hier einige der leider allzuzahlreichen Erſcheinungen der erniedrigten Menſchheit vorzuführen, welche den Handel ſelbſt entweihen und unſere ſocialen Fortſchritte, ſo wie unſern nationalen Charakter mit keiner geringen Gefahr bedrohen. Die Geſetze der ewigen Ge⸗ rechtigkeit zeigen die beiden Typen der Schönheit und der Häßlichkeit in einem ſteten Nebeneinander, und ſo heben ſich von dem„Unkrautshaufen des Geſchäfts und der Reſpek⸗ tabilität“ die Geſtalten meines Freundes und meiner Liebe ab. Du haſt ganz Recht, lieber Leſer, wenn Du nur die Reſultate in's Auge faſſeſt, und es würde auch wenig nützen, — 222— Dir die Arbeit und Mühe, die Plagen und die Anſtren⸗ gungen zu ſchildern, inmitten deren ich mein Werk aus meinem ringenden und kämpfenden Leben gleichſam heraus⸗ gemeißelt habe. Zum mindeſten habe ich mir ernſtliche Mühe gegeben; und wenn Du, mein Bruder Reiſegefährte in der„Wildniß des Lebens“, der Du vielleicht eben ſo ſchwer verſucht worden biſt wie ich, Kraft aus meinem Kampfe geſchöpft und aus meiner Erfahrung Nutzen gezogen haſt,— denn die Tragödie baſirt eben ſo ſehr auf Irr⸗ thum, wie auf Verbrechen— ſo wirſt Du nicht mit un⸗ freundlichen Empfindungen von mir ſcheiden. Und damit gut. Nur das Eine bleibt mir noch zu ſagen,„das Wort, das geſprochen worden iſt, und geſprochen werden muß“— Leb' wohl! 4 — 4 „„Thor!“ ſprach die Muſe mir,„ſchau in dein Herz und ſchreib'!“ Sir Philip Sydney. „Und du, gute Seele, die du eben den Drang fühlſt, wie er, ſchöpfe Troſt aus ſeinen, Leiden, und laß das Büchlein deinen Freund ſein, wenn du aus Geſchick, oder eigener Schuld, keinen näheren ſinden kannſt!“ Goethe(Vorrede zu Werther). ——— *————ſ ———— ——— . u—————