8 13 09 —„ 7 ————— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Otftmann in Gießen, Leih- und LCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ 8½ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2 4 6 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 3 4 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe interlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 3 4 4. Abonneament. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und 3 beträgt:„ ——————— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 5 2„=„„„=„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und deſecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer Lum Erſatz des Ganzen verp flichtet. 3 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſett und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen (der Bücher nicht ſtattſinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 3 8 3 d für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 8 Deutſche Unterhattungs-Bibliothek. —t:e 65 e, 800 Erſte Serie. Dowe⸗ ASe Elfter Band: Bie drei Pfade. 1. S m Berlin, 1860. Druck und Verlag von Otto Janke. Die drei Pfade. O8 Von Herbert Grey. Autoriſirte deutſche Ausgabe. Erſter Theil. r—ęVM⅓ͤ—;— Berlin, 1860. Druck und Verlag von Otto Janke. „Es hat Zweck und Inhalt, aber keine künſtliche Verwickelung. Das Leben hat keine. Feſtus. „Allem echten Scherz liegt Ernſt zu Grunde; auch Farcen und Marionettenſpiele haben eine tragiſche Wirkung; ebenſo das bunteſte Leben, ebenſo das Gemeine und Triviale.“ Novalis. — Erſter Theil. —ROSW Die drei Pfade. I. 1 „SIch wollte zwiſchen euch und eurem Liebſten Dollmetſcher ſein, könnt' ich nur die Marionetten tändeln ſehen.“ Shakeſpeare— Hamlet. „All' ſind wir Marionetten, van den Boſch.“ 3 Taylor— Philipp van Artevelde. „Nun wollen wir das Puppenſpiel des ehrenwerthen Meiſters Peter in Augenſchein nehmen, das uns, wie ich beſtimmt glaube, etwas Neues zeigen wird.“ Cervantes— Don Quipote. „Grau, theurer Freund, iſt alle Theorie, Und grün des Lebens gold'ner Baum!“ Goethe— Fauſt. — 7 Die Jahreszeit war Winter; der Schauplatz ein paar Zimmer, die mein alter, junger Freund Fritz Charlton von der ehrenwerthen Geſellſchaft des„Inner Temple“ gemie⸗ thet. Draußen war Alles kalt, hell, froſtig. Tiefer, weißer, flockiger Schnee lag dick auf dem Pflaſter, den Dächern und Straßenlaternen. Die Myriaden von Sternen glänzten hell an einem kalten, ſchwarzblauen Himmel und ſie ſchienen zu blinzen und ihre Augen zu ſchließen, wenn der ſchnei⸗ dende Froſtwind durch das weite Gewölbe der Nacht an ihnen vorüberfegte; während das Mondlicht rein und ruhig auf dem weißen Glanz des Daches und Platzes ſchlummerte und während die Schatten der hohen Häuſer in ſcharfen Umriſſen auf jenen Theil des Hofes fielen, auf den die veſtaliſche Himmelslampe nicht herabblickte. Innen war Alles Wärme und Behaglichkeit. Die rothen Vorhänge waren dicht an den Fenſtern geſchloſſen. Der Schimmer des Kaminfeuers tanzte und funkelte an den 1* alten getäfelten Wänden und an den Büſten und Gemäl⸗ den, die ihnen zum Schmuck dienten. Unſere Lehnſtühle waren zu beiden Seiten dicht an das Feuer gezogen und auf dem Tiſch hinter uns ſtanden Flaſchen und Gläſer zwiſchen Büchern und Schreibereien. Wir hatten uns nicht mit Leſen beſchäftigt und Fritz hatte deshalb, wie es ſeiner Laune zu behagen pflegte, kein Licht anzünden laſſen. Es war ferner ſeine Art, im Feuer herumzuwühlen und es an⸗ zuſchüren, ſo oft ein ſtärkerer Windſtoß an die Fenſter brauſte, eine Angewohnheit, die eine tiefe Sympathie mit der äußeren Natur verrieth. Der klare dunkle Rubin des alten Portweins funkelte und blitzte in dem zitternden Licht der rothen Gluth, wie das Blut eines ſchlummernden und von Liebe träumenden Gottes. Nach Art der Junggeſellen hatte ſich jeder von uns einen Stuhl vor ſeinen Lehnſeſſel geſchoben, um die Beine darauf ruhen zu laſſen. Die Tabakspfeifen waren angeſteckt und Rauchwolken ſtiegen wie träumeriſche Phan⸗ taſiegebilde auf und kräuſelten ſich nach der Decke empor. Und ſo ſaßen wir in dem behaglichen alten Zimmer, während draußen der Schnee im Mondlicht und Froſt funkelte. „Eine verteufelt kalte Nacht,— wie es ſo ſchön bei den alten Klaſſikern heißt,“ ſagte Fritz ſcherzend, indem er beim Sprechen Rauchwirbel aufſteigen ließ,„ganz allerliebſt in ihrer Art, aber ſehr kalt. Füll' Dein Glas und reiche mir den Latakia her.“ Ich kam ſeiner Aufforderung nach; wir füllten wieder Beides, die Gläſer und die Pfeifen, und legten uns aufs Bequemſte in unſern Lehnſtühlen zurecht, während wir den glimmenden Kohlen und den hüpfenden Flammen mit müßi⸗ gem Wohlbehagen zuſchauten und zuweilen mit ſchläfrig emporgewandten Augen die Rauchwölkchen verfolgten, die ruhig aus den brennenden Pfeifenköpfen aufdampften, und in der Phantaſie an ſtille Sommerabende dachten und an den zarten blauen Rauch, der aus den Schornſteinen der Dorfhütten ſenkrecht in die Höhe ſteigt und ſich deutlich auf dem Hintergrunde des dunklen Ulmenlaubes abſchattirt. Ja, die winterliche Kamingluth und die gedankenvolle Pfeife ſind reich an Eingebungen: manches ſchöne Traumbild wurde aus Rauch geboren und ſchwand in Rauch. Kein Laut war zu hören, außer dem Kniſtern und Rutſchen der Kohlen, dem leiſen Athmen und Glucken der Pfeifen und dem Brauſen des ſcharfen Windes draußen. Fritz und ich, wir beſaßen Beide das„Talent des Schweigens,“ wenn Zeit und Ort es erforderten, und ſo ſaßen und rauchten wir, während der Einfluß dieſes Talentes uns allgemach in Träumereien verſinken ließ. Da ich meinerſeits keineswegs ſchlief,— denn man kann im Wachen, wie im Schlafen träumen,— ſo darf ich dieſen momentanen Schlummer der Conver⸗ ſation wohl benutzen, meinen Leſer etwas näher mit den Marionetten bekannt zu machen, deren Drähte ich hier, wie ich hoffe zu ſeiner Unterhaltung, in Be⸗ wegung ſetzen will Ich beabſichtige, wie Sheridan Knowles, in meinem eigenen Stücke zu ſpielen, zu⸗ gleich als Autor und als Schauſpieler aufzutreten; und obſchon in ein undurchdringliches Incognito gekleidet, werde ich nichtsdeſtoweniger auf's Gewiſſenhafteſte die rührende Beſcheidenheit beobachten, welche mit Recht jedem Schriftwerk geziemt, das, wenn auch nicht autonom in ſeinem Charakter, ſo doch mindeſtens autobiographiſch iſt. Es iſt dies um ſo leichter, als ich keine Bekenntniſſe a la Rouſſeau zu machen, und leider! keine„Wahrheit und Dichtung“ in dem edlen Goethe⸗Styl an's Licht der Welt zu ſtellen habe. Die Memoiren meiner entſchwun⸗ denen Jugend enthalten weder Erniedrigung auf der einen, noch Ruhm auf der anderen Seite. Mein Leben trieb früh in eine ruhige, nur allzu ruhige Untiefe, von wo aus ich in ſtiller Niedergeſchlagenheit auf die ſtärkeren und glück⸗ licheren Fahrzeuge ſchaute, welche keck den Strom des Lebens hinabſegelten. Rückſchau iſt meiſt niederſchlagend, nieder⸗ ſchlagend, als ob ſie eine Satyre wäre. Doch Friede mit ihr und weg mit dieſer Abſchweifung. Ich unterdrücke das Gelüſt, mich in eine Unterſuchung über Autobiographie ein⸗ zulaſſen, was ſie iſt, oder was ſie ſein möchte und kehre zu meinen Marionetten zurück. Fritz war in der Zeit, von der ich ſchreibe, etwa drei⸗ oder vierundzwanzig Jahre alt. Er hatte ſeine akademiſche Laufbahn abſolvirt, während deren er mit gutem Ruf und Erfolg ein Mittelding zwiſchen einem fröhlichen Burſchen und einem fleißigen Menſchen geweſen, er hatte ein gutes Prädikat erlangt und war nun mehr oder weniger damit beſchäftigt, ſich den Eintritt in den Juſtiz⸗ dienſt zu bahnen. Er hatte, wie man es nehmen will, den Vortheil oder das Unglück, gute Bekanntſchaften und Ausſichten zu beſitzen; und er glich, wie ich ihm zu ſagen pflegte, dem jungen Fant in einer Poſſe inſofern, als er der begünſtigte Neffe und erklärte Erbe eines reichen, aber launiſchen und wunderlichen, alten, im Junggeſellenſtande lebenden Onkels war. Der alte Herr hatte keine Kinder, Fritz keine Eltern. Der Onkel liebte ſeinen Neffen zärtlich; er war ſtolz auf ihn und hoffte, daß er ſich die Hörner ablaufen, ſeine Carriére machen und vortheilhaft heirathen würde,— „vortheilhaft heirathen, Sir— Ihr verſteht mich, und dergleichen; das iſt's, was ich den Jungen thun ſehen möchte, beim Zeus! und es ſollte ihm an keiner Hülfe fehlen, die ihm ſein alter Onkel gewähren kann— das heißt, Sir, wenn er ſich gut benimmt und— und der⸗ gleichen, beim Zeus! Reicht mir, wenns gefällig iſt, den Wein her.“ Zuweilen wohl drohte der alte Herr, wenn er über irgend eine Extravaganz oder einen„Seitenſprung“ Fritzens erbittert war, noch zu heirathen und ſich mit ſeiner Frau zur Erzeugung eines Erben zu verſchwören; aber Fritz war vollkommen ſicher davor, und er wußte es. Sein Onkel beſaß in der That ein gutes, liebevolles Herz, und obwohl er zuweilen auch einmal ein wenig poltern konnte, ſo gehörten ſeine Moralpredigten, wie einige ſeiner Sitten und Gewohnheiten doch zu der Schule der„Läſterſchule,“ und er blickte, in Wahrheit, auf die Thorheitem und viel⸗ leicht ſogar auf die Laſter, das heißt, die„gentlemaniſchen“ Laſter junger Leute mit derſelben Toleranz, welche Sir Oliver gegen die kleinen Fehltritte Charles Surface's be⸗ wies. Er hatte nichts dagegen, daß ſich die Jugend zu⸗ weilen wie belagerte Bergbewohner in ihre Feſtungen zu⸗ rückzog, und er hatte Fritz wahrſcheinlich trotz ihrer gele⸗ gentlichen Streitigkeiten und der Urſachen derſelben nicht weniger gern. Er war nicht im Ernſt über irgend ein Vorkommniß erzürnt, das er als ein„peccadillo“ bezeich⸗ . — nen konnte, und ſeine Erklärung dieſes höchſt nützlichen 2 1 —— — Wortes war überaus bequem und freiſinnig. Als ein Beobachter der Geſellſchaft will ich hier gelegentlich be⸗ merken, daß es noch viele alte Herren giebt, welche als lebendige Beiſpiele deſſen dienen, was man als die She⸗ ridan'ſche Lebenstheorie bezeichnen kann; obgleich, Gott ſei Dank! die Stimmung und die Ideen, welche dieſe Leute hervorbrachten und welche die Zeiten ihrer Jugend färbten, faſt entſchwunden ſind, um einem, wie ich glaube, edleren, reineren und ernſt verſtändigeren Element in der Geſſchichte unſeres engliſchen Geſellſchaftsfortſchrittes Platz zu machen. Nur die Komödie und jene Novellen, welche der Komödie, wie Hogarth dem Molieère, ähneln, ſind uns als das, was die Komödie allein in den Tagen und unter den Händen Menanders war, als die treueſten Typen nämlich und Gemälde der Sitten und Gewohnheiten— als die „abſtrahirten und kurzen Chroniken der Zeit“ zurückge⸗ blieben. Können wir nicht den älteren und den jüngeren Pen⸗ dennis als Typen der ablaufenden und der neu ſich ent⸗ wickelnden Epoche bezeichnen,— Letzterer ein Typus, der für das jüngere Geſchlecht keineswegs zu ſchmeichelhaft iſt? Dürfen wir uns nicht freuen, daß Fielding und Smollet als Maler, Moraliſten und Satyriker durch Thackeray und Dickens erſetzt ſind? Müſſen wir nicht erröthen, daß die — 10— Luſtſpiele von Etherege, Wycherly, Congreve, Farquhar, Vanbrugh und Aphra Ben Sitten wiederſpiegeln, die ein⸗ mal, und zwar ſo lange Zeit, in England herrſchten? Iſt es uns nicht geſtattet, zu glauben, daß, wenn Charles Surface und Tom Jones die Jugend aus den Tagen un⸗ ſerer Väter und Großväter repräſentirten, Alfred Evelyn und George Warrington Typen des edleren Menſchen der Gegenwart ſind? Der große Fehler bei Fritz war, daß er keinen rechten Ernſt beſaß. Sein Verſtand und ſeine Gefühle, ſeine Meinungen und Zwecke waren ebenſo„ſchäumend“ als unbeſtimmt; noch auch hatte er ſich in ſeinem eigenen Geiſte irgend eine ächte Lebenstheorie gebildet oder ſeinem Denken die Ideale klar hingeſtellt, nach denen er ſtreben mußte. Es entſprang dies theils aus ſeiner Natur, theils aus den Umſtänden und theils aus ſeiner glücklichen und ſorgloſen Jugend. Man mußte bei ihm an einen jener zweifelhaften, nebeldämmrigen Morgen denken, die vielleicht ſich zu einem ſchönen Tage aufklären werden, möglicher Weiſe aber auch in trübes Wetter umſchlagen können. Seine geiſtigen Kräfte und Talente waren vorzüglich und ſeine Natur wahrhaft gut und edel. Er war namentlich kein Mann des falſchen Reſpektes, ſein Fühlen und Denken ſchmeckten nie nach niederer und ſchwächlicher Götzendienerei; er beſaß nicht die ſervile Seele eines Lakayen, ſondern den freien, königlichen Geiſt eines engliſchen Gentleman, der ſich auf Sir Philipp Sydney als auf einen vater⸗ ländiſchen Ahnherrn berufen durfte; und ſein Inneres war nicht mit Gas, ſondern mit Gottes freier Sonne er⸗ leuchtet. Er hegte eine wahre und warme Liebe zur Natur und ſchaute mit edler Verachtung auf alle Weltliſt und Niedrigkeit des„Eitelkeits⸗Marktes.“ Deshalb glitt der Fluch unſeres modernen Englands, die geſellſchaftliche Erbärmlichkeit und Gemeinheit, an ihm ab, wie Waſſer von dem Gefieder des Schwanes abträuft; und ich hegte die Hoffnung, daß er, wenn erſt die kleinen Eitelkeiten und Gelüſte des fieberheißen Jugendtraumes, das haltloſe Ringen nach einem falſchen Ideal, von ihm gewichen wären, der⸗ einſt zu jener edlen Schaar zählen würde, welche, in der Literatur und im Leben, noch in der Vorhut der Wahrheit und des Fortſchrittes ficht und in den Kämpfen des Tages noch den Weg für die Ankunft eines göttlicheren Morgens bahnt. Er würde, dachte ich, einer jener ſeltenen Menſchen werden, die ich als eigentlich„innerliche“ bezeichne, Menſchen, deren klare Einſicht durch allen äußeren Schein, alle äußeren Formen und täuſchenden Hüllen direkt hin⸗ durch auf Gottes Wahrheit und Urtheil blickt, das in jedes Dinges Tiefen ſchlummert. Aber er ſtand noch in ſeinen — 12— „Lehrjahren,“ und jagte noch der Fata morgana falſchen Vergnügens nach, um zu erfahren, daß das, was von fern als friſches und ſchönes Waſſer erſchien, in der Nähe nur heißer, trockener Sand war. Doch wir müſſen in dieſem unſerem Leben den Irrthum von uns ſtoßen, um zur Wahrheit zu gelangen; wir müſſen uns lange umhertreiben auf der hohen See, ehe wir den Hafen werthſchätzen; wir müſſen Verdruß ertragen, ehe wir die Freude koſten; wir müſſen die Arbeit kennen lernen, ehe wir zum Genuß ge⸗ langen; wir müſſen nach der ſtrengen Bedingung dieſes geheimnißvollen Daſeins vom Leben zum Tode und durch den Tod wieder zum Leben eingehen. Fritz bedurfte einer großen Freude oder eines großen Schmerzes, um ſeinen wankelmüthigen Glauben zu befeſtigen und ſeinem ſchwanken Leben eine würdige Geſtaltung zu verleihen. Seine Natur war, meinte ich, rein genug, um von der Freude eine rechte Lehre zu empfangen; ich durfte ſie für ſo geſund halten, daß ſie aus dem Kummer Erhebung, nicht Er⸗ bitterung ſchöpfen würde. Und ſo betrachtete und bewachte ich des jungen Freundes angehende Mannheit mit der herz⸗— lichſten Aufmerkſamkeit und Sympathie. Wir waren innige Freunde. Wir pflegten ein gemeinſchaft⸗ liches Doppelruderboot bei Searle zu miethen, wir machten zu⸗ ſammen Ausflüge und beſuchten gemeinſchaftlich das Theater. 1 Unſere Bücher, unſer Tabak und unſere Wohnungen galten als Gemeingut. Wir verkehrten in der That ſehr viel einer auf des anderen Zimmern miteinander und dispu⸗ tirten da frei über Religion und Philoſophie, Politik und Ethik, Literatur und Liebe, Kunſt und Wiſſenſchaft, über das Drama und die Schulen, über Geſetz und Medicin, Leben und Tod; und wir ſprachen natürlich viel über jene Schmuckgefäße, in denen junge Leute von Phantaſie die Blumen ihrer Einbildungskraft aufſammeln— die Frauen. Doch Fritz war gereizt und bitter hinſichtlich dieſes Punktes. Sein„Hangen und Bangen“ war bisher ziemlich unglücklich geweſen; die heiße Einbildungskraft hatte Verrath an dem Herzen geübt. Er ging vielleicht auf einen Ball, oder in irgend ein Haus und ſah da ein Frauenzimmer, das ſein Auge feſſelte— ſeine Phantaſie that das Uebrige. Er ſtattete ein ſolches Weſen mit höherem Werth, mit Verſtand, Zärtlichkeit und Witz aus und kam zu mir zurück mit den übelſten Symptomen einer völlig entwickelten, tollen Leidenſchaft. Ich rauchte während ſo mancher dieſer Anfälle ruhig weiter, da ich ſehr wohl wußte, daß ſie nur falſche Farbenbilder und Nebenſonnen waren, die der ächten Sonne zum Geſpötl ſchienen. Fritz war jung, hübſch, elegant gekleidet; er beſaß ge⸗ 14— fällige Sitten und einen guten Ausdruck, und ſeine leiden⸗ ſchaftliche Bewerbung oder bekannte Erwartungen ver⸗ ſchafften ihm oft Beachtung und eine Art Erwiederung von verſchiedenen jener Zauberinnen. Er wurde nach und nach der Beſitzer von allerlei Haarlocken, Handſchuhen(von mannigfacher Form), von Blumen, kleinen duftigen Billets und anderen ähnlichen Artikeln des„üäſthetiſchen Geſchmacks,“ die er mitunter zu meinem höchſten Vergnügen wohl gar küßte und begeiſtert anredete. Wir pflegten eine Zeit lang ein gutes Theil dieſer gages d'amour aufzubewahren. Er war damals ſehr dagegen, daß ich meine Pfeife mit den Billets anzündete, oder daß ich die Handſchuhe beim Korkausziehen um den Hals der Flaſchen wand, und er ſah es keineswegs gern, wenn ich die Blumen in's Bier ſtellte. Doch ſeine wahre Idee von der Weiblichkeit war,— wie dies ſtets bei allen wirklich guten und edlen Männern der Fall iſt,— rein und erhaben; und jene Cynthia's des Augenblicks thaten ihm im Allgemeinen den Gefallen, ihn bei Zeiten abzuſtoßen und zu entzaubern durch irgend eine Kundgebung niedern, weltlichen Empfin— dens, kleinlichen Denkens oder geiſtiger Gehaltloſigkeit und Rohheit; und wenn er ſo nach und nach die Bilder eines halben Dutzends von Seraphinen, Angeliken, Emmelinen, Medoren, Sacchariſſen und Belinden erſt vergöttert und dann zertrümmert hatte, rächte er an dem ganzen weiblichen Geſchlechte ſeinen eigenen Mangel an Urtheil, und wurde in Kurzem ein förmlicher Miſogyn oder Wei⸗ berhaſſer. Fritz pflegte mich einen alten Cyniker zu nennen, aber er machte nun ſelbſt leidliche Fortſchritte in der cy⸗ niſchen Philoſophie. Es ſchlang ſich ſogar ein Faden von Miſanthropie durch das Gewebe ſeiner Gedanken und durch die Farben ſeiner Einbildungskraft, und wie alle Renegaten war er bitter in den Anſchuldigungen ſeines alten Glaubens. Er erfuhr, mit einem Wort, das herbe Weh jener Erſchütterung, welchem eine hochherzige und edel träumeriſche Jugend gewöhnlich ausgeſetzt iſt, wenn ihre erſten Ideale in rohe Berührung und Colliſion mit der ſchlechten Wirklichkeit gerathen. Er erklärte ſich ſelbſt für disillusionné; er ſchwor, daß er nie„ſeinen Mittag der Mannheit um eines Myrthenſchattens willen vergeuden“ werde, daß er nie mehr ſo thöricht ſein werde,„wie ein Ofen zu ſeufzen“ und Sonnette an einer Dame Augen⸗ brauen zu kritzeln. Für einen Mann, deſſen Augen einfach der Wahrheit offen ſtanden und deſſen Gemüth nur unter einem Irrthum litt, war er vielleicht etwas unphiloſophiſch warm und zornig. Er liebte von Natur Antitheſen und Paradoxen und hatte ein beſonderes Talent für eine glän⸗ — 16— zende aber bizarre Gattung burlesken Witzes, welches ich hier nur ſchwach andeuten kann. Wie der Champagner friſch ziſchend von der Flaſche weg getrunken werden muß, da ſein Schaum ſinkt und ſeine luſtigen Blaſen verdunſten, ſobald er länger im Glaſe ſteht, ganz ſo muß jene Gattung von Witz, die ich meine und die in der Unterhaltung ſo. prächtig funkelt, im Augenblick genoſſen werden, in welchem er hervorblitzt, weil ſein heiterer Geiſt ebenfalls verdunſtet, wenn wir ihn in einer ſpäteren Zeit ſchriftlich zu repro⸗ duciren verſuchen. Er wandte jetzt alle Kraft ſeines ätzen⸗ den Spottes und ſeiner Redekunſt an, um das ſchöne Geſchlecht zu verläſtern. Er, der kurz vorher erſt noch jedes Weib auf Treue und Glauben als eine Göttin an⸗ gebetet hatte, er höhnte nun alle Weiber aus als herzloſe Heuchlerinnen und frivole Betrügerinnen. Aber er rächte,— ein ſeltſamer, obgleich unbewußter Tribut an ſeine frü⸗ heren Anſichten!— an ſich ſelbſt die Zerſtörung ſeines Ideals durch die ſchönen Bilderſtürmerinnen, indem er ſich trotzig, keck und ſorglos in eine Reihe unwürdiger Liebeleien ſtürzte. Und hierbei war er, je nach der Stärke oder Schwäche ſeiner Einſicht, in der noth⸗ wendigen Lage, ſeine gegenwärtigen Ideen entweder bei ſich zu befeſtigen, oder das Aechte, Reine und Edle genauer zu unterſcheiden durch den Gegenſatz zu dieſen, durch die Entwürdigung beſudelten und mit den Zeichen eines zweiten Sündenfalles geſtempelten Eigenſchaften. Er ſtand, wie ich vorhin ſchon ſagte, in der Lehrlingszeit des Lebens, und ſollte nun eben die bittere Einſicht ſchöpfen lernen, daß„der Baum der Erkenntniß nicht der des Le⸗ bens“ iſt. Doch konnte man bei ihm noch hoffen. Er litt in der That unter dem Fieber der Reaction; er wurde durch den Irrthum der Wahrheit inne; die Verirrung des Gefühls verlangte ihre Sühne, und wenn ich an den edlen Wahn dachte, der ihn in den Irrthum geſtürzt, ſo hoffte ich, er werde dereinſt noch erfahren, daß „Die ſtärkſte Feder in der Weisheit Schwing' iſt Vergang'ner Thorheit Angedenken.“ Nun von mir ſelbſt. Ach, die Feder, die ſo fließend über die arglos recapitulirten Kämpfe und Jugenderfah⸗ rungen meines theuren alten Freundes hinwegglitt, nun ſtockt und zögert ſie. Es wäre vielleicht am beſten, zu ſchwei⸗ gen; doch jedes Menſchen Leben enthält eine gewiſſe Moral für die Menſchen und ich will deshalb nicht vor der Durch⸗ führung meines mir von mir ſelbſt auferlegten Unterneh⸗ mens zurückweichen. Eines Menſchen Leben kann gleichſam wie ein Leuchtthurm ſein, um für andere Menſchen den weiten Ocean des Lebens zu erhellen, obgleich dies aller⸗ dings nur dann der Fall iſt, wenn jenes Leben, in ächtem Die drei Pfade. I. 2 — 18— Sinne, einen Erfolg in ſich ſchließt.— Doch auch dann, wenn jenes Leben ein verfehltes iſt, darf man immerhin ſeinen Verlauf erzählen; denn auch das geſunkene Wrack, und wenn ſelbſt nur ein zerſplitterter Maſt aus den dunklen Waſſern emporragt, kann Andere vor einer verborgenen Sandbank und Klippe warnen. Ja, in der That, mein Leben war ein verfehltes; ich will es offen bekennen. Es war„ein graues Stück“ Leben von„langem mechaniſchen Hin⸗ und Herſchreiten“, ein Leben, welches, früh hinab⸗ geſtoßen in den dunklen Kampf zwiſchen Natur und Ver⸗ hängniß, zwiſchen Wunſch und Schickſal, Schiffbruch ge⸗ litten an Willenskraft, an Feſtigkeit des Glaubens und an Stärke des Vorſatzes, um den Geiſt aus dem Joch der Verhältniſſe zu befreien, und um den dunklen dichten Wald zu lichten, der jene Triebe hemmte, die ſich einzig und allein nur in Luft und Sonnenſchein entwickeln können. Des⸗ halb ſchlich dieſes, mein Leben, langſam und geiſtlos auf der ſchwarzen Schattenſeite des Exiſtenzpfades dahin. Des⸗ halb war die Hoffnung entſchwunden, lag der Ehrgeiz im Schlaf, und blieb nur der unruhige Drang zurück, wie der Geier bei Prometheus zurückblieb. Ich beſaß„weder Ruhm, noch Liebe, weder Reichthum, noch freie Zeit,“ ſondern wohnte und weilte immerwährend inmitten des ruheloſen Tönens und Schrillens jener eiſer⸗ — 19— nen Räder, welche das Hirn ſo ſchwer machen und das Herz ſchmerzlich beklemmen. Es iſt ziemlich überflüſſig hinzuzufügen, daß ich ein armer Mann war. Mein Leben ſchwebte,„wie ein Stern zwiſchen Nacht und Morgen,“ zweifelhaft und unentſchieden zwiſchen zwei Welten. Meine inneren Beſtrebungen wenigſtens gehörten der Welt des Denkens und der geiſtigen Sehnſucht an; mein Loos war in die Welt niedriger Dinge und rauher Kämpfe gegen die bittern Feinde der Armuth und ſchweren Broderwerbes ge⸗ worfen. Aber meine Natur machte mich ungeſchickt, in den Geſchäften meiner Beſtimmung vorwärts zu kommen. Ich hatte zu viel und zu innig in dem Reich hoher Gedanken und hoher Denker gelebt— in der herrlichen Geſellſchaft herrlicher Bücher— um herabſteigen zu können und für das Handthieren und Lukriren geeignet zu ſein; ich ver— mochte es nicht, meinen ganzen Geiſt in die Gränzen des Geſchäftes zu preſſen, obgleich ein ſtrenges Pflichtgefühl mich zu einem tüchtigen und eifrigen Arbeiter machte. Des⸗ halb war ich tief in unſere engliſche Hölle des„Nichtfort⸗ kommens in der Welt“ hinabgeſtoßen und behielt zum Troſt nur die ferne, ſchwache Hoffnung, vielleicht in irgend einer anderen Welt fortzukommen. Wordsworth ſagt: „Der Menſchen größtes Müh'n iſt Harren;“ und vielleicht giebt es, wenn unſer begränzter Sinn es 2⸗ — 20— nur völlig verwirklichen könnte, kein edleres Trachten als das, welches den Menſchen dahin bringt, alle Hoffnung von dem Hier auf die Zeit nach dem Hier zu übertragen. Das iſt allerdings bitter, aber ſolche Bitterkeiten ſind in der That ſtärkende Arzeneimittel. Ich war viel älter als Fritz, zwar nicht an Jahren, aber an Stunden und Mi⸗ nuten; an ernſter Erfahrung und an trauriger Erkenntniß des wirklichen Lebens und ſeiner Leidenſchaften. Ich hatte viel tiefer gedacht und viel ernſter empfunden. Shelley ſagte, er ſei mit fünfundzwanzig Jahren wahrhaftig ein älterer Mann geweſen, als ſein Vater; Göthe war etwa mit denſelben Jahren beinahe älter, als die deutſche Literatur. Unſer plumpes Hülfsmittel, das Leben wie die Zeit nach Jahren zu rechnen, reicht allein hin, um zu beweiſen, wie endlich unſere Fähig⸗ keiten, wie verwirrt unſere Abſchätzungen der ſubtilſten Dinge ſind. Ach, es giebt keinen Lehrer wie den Kummer, keinen Mentor wie lang ſich dahinſchleppende Jahre auf⸗ geſchobenen Hoffens. Der Blick auf Fritzens fröhliche Jugend und ſeine noch glänzenderen Hoffnungen für die Zukunft that mir wohl; er war„eine Frühlingszeit in dem dürren Winter meines Lebens,“ die ich nicht mit Neid oder Trübſinn, ſondern mit aufrichtiger Freude und Theilnahme betrachtete. Vor ihm lag eine Carrisre; er hatte Bekanntſchaften und Aus⸗ ſichten, hohe Hoffnungen und ehrgeizige Beſtrebungen. Auch wußte ich, daß er ſich, wenn erſt ſeine Tändeleien mit den Blumen des Armidagartens der Jugend aufhörten, dann männlich in den Kampf nach Ruhm ſtürzen und wohl auch nicht verfehlen würde, den Ruhm durch die Liebe zu ver⸗ ſchönen. Aber wir gewinnen Kraft durch die Pflicht und Ruhe aus der entſchwundenen Sehnſucht, und ſo hatte auch ich meinen ſchmerzlichen Widerwillen gegen mein eigenes Loos und in der That alle krankhaften Empfindungen ſo weit überwunden, daß ich das wärmſte Intereſſe an dem glücklichen Geſchick Anderer nehmen konnte. Wenn auch bekümmert, ſo war ich doch ſelten bitter; ich ſtudirte ſtill und eifrig, Beides, Menſchen und Bücher; ich ſah tief in das große Geheimniß des Seins, und prüfte mit ſcharf⸗ blickender Aufmerkſamkeit das große Drama des Lebens, der Charaktere und Leidenſchaften, in dem ich ſelbſt ſo wenig zu thun hatte, dem ich vielmehr, wie Addiſon, nur als Zuſchauer beiwohnte. Der Schlummer unſerer Unterhaltung, der mir ſo lange geſtattete, mit dem Leſer zu plaudern, ward indeß zuletzt unterbrochen. „Fritz!“ rief ich. „Nun?“ und Fritzens Stimme, die durch den Rauſch — 22— des langſamen Rauchens gleichfalls eingelullt war, klang tief und dumpf, wie die eines Bauchredners, der im Schlafe ſpricht. „Warum zündeſt Du die Lichter nicht an?“ fragte ich. „Du ſcheinſt heute Abend eine ultraeulenhafte Vorliebe für die Finſterniß zu hegen.“ „Ich habe,“ antwortete Fritz,„nichts gegen das Licht im Allgemeinen, welcher Art es auch ſein möge; aber ich fühle mich in dieſem Augenblick der Bewegung ſo abhold, wie ein Spartaniſcher Conſervativer; außerdem kann ich im Finſtern immer weit beſſer denken. Ich verſchiebe die Be⸗ trachtung ſchwieriger Probleme ſtets auf die Zeit des Schlafengehens.“ „Miß Belinde Cunningham kürzlich geſehen?“ fragte ich. „Nein,“ antwortete Fritz ſehr kurz und entſchieden; „ich dachte Du wüßteſt, daß ſie im Herbſt geheirathet hat, einen alten ſiebzigjährigen Geldſack geheirathet hat. Sie möchte gern Wittwe werden, aber der alte Burſch wird ihr den Gefallen nicht thun. Er hatte einen heftigen An⸗ fall von Cholera, aber das Zuſammenfallen der Haut ſcheint ihm nicht mehr anzuhaben, als einem Gibus. Da ſie übrigens das heilige Eheſtandsgelübde am Altar nur abgelegt hat, um eine reiche Wittwenſchaft zu erzielen— — 23— eine reiche und baldige— ſo verabſcheue ich ſie natürlich im höchſten Grade.“ „War ſie Nummer drei oder vier von den Leidenſchaf⸗ ten, die Du au grand serieux nahmſt?“ fragte ich zerſtreut. Keine Antwort. Fritz ſtieß einen unbeſtimmten Laut aus, der eine entfernte Verwandtſchaft mit einem Seufzer hatte und ſein Mißbehagen ausdrücken ſollte. Er goß ein Glas Wein ein, trank es raſch aus und rauchte eifrig weiter. „Angelika Hawker kürzlich geſehen?“ fragte ich. „Ja,“ ſagte Fritz, indem er ſeine Pfeife niederlegte und etwas betroffen aufſtand, um die Lichter anzuzünden;„ich ſah ſie geſtern Abend auf Howard's Ball. Hals und Schultern prächtig, aber ein ganz hölzerner Kopf darauf. Sie tändelte mit dem jungen Bankier Hulks und mit jenem wüſten und gauneriſchen Schuft, dem ehrenwerthen Frank Shuffles. Ich glaube, ſie würde den Hulks heirathen, wenn ſie könnte; ich weiß, ſie hofft darauf. Ich halte ſie für die eitelſte, gewöhnlichſte, herzloſeſte——“ „Noch mehr von ihrem Haar erwiſcht, Fritz?“ fragte ich. „Geh' zum Teufel!“ entgegnete mein Freund. Ich bemerke hier, in Parentheſe, daß zwei junge Burſche, die einen Abend zuſammen auf dem Zimmer zubringen, — 24— nicht immer in der Weiſe plaudern, die in den Novellen der Macaſſarſchule beſchrieben iſt. „Wozu wollteſt Du die Lichter angezündet haben?“ fuhr Fritz fort, der nachgerade etwas mürriſch wurde. „O, ich wollte Dir nur ein Gedicht vorleſen,— eines, das Du noch nicht kennſt,“ entgegnete ich.„Es iſt die „Brautwerbung um Lady Geraldine“ von Mrs. Browning — ein Ding, das Tennyſon in einer ſeiner glücklichſten Stimmungen geſchrieben haben könnte— höre nur. Ich weiß, es wird Dir gefallen. Es iſt die Geſchichte einer edeln, hochherzigen Frau—“ „Rede mir nicht von hochherzigen Frauen!“ erwiderte Fritz, indem er ſeinem Unmuth freien Lauf ließ.„Ich glaube nicht an ſie! ich haſſe das ganze Geſchlecht. Du erinnerſt Dich, was jener Amerikaner— der Herausgeber von Skunk's„Misery Spittoon“— dem wir in Paris be⸗ gegneten, über ſie ſagte? Nein? Nun gut, er ſagte,„wenn man nicht beſonders pfiffig iſt, ſo darf man erwarten, von den abſcheulichen Creaturen hölliſch betrogen zu werden.“ Gott weiß, ſie haben mich genug betrogen! Ich werde Dir ein Beiſpiel anführen—“ Hier wurde er von einem Klopfen an der Hausthür unterbrochen. Ein ſeltſamer Laut, wie von einem ſchwer⸗ fälligen Thier, das auf allen Vieren die Treppe herauf⸗ — 25— kriecht, ließ ſich für einige Minuten hören. Fritz öffnete die Thür, und ein explodirender Schluckauf, ein ſtarker Alkoholgeruch und ein ältliches Frauenzimmer drangen zu gleicher Zeit in's Zimmer ein. „Es iſt Mrs. Flannelgin, die Wirthin,“ ſagte Fritz im Ton der Erklärung;„was wünſchen Sie, Madame?“ Die ſo angeredete Dame hatte ein Geſicht, als ob ein Anfänger in der Kunſt den Verſuch gemacht hätte, das menſchliche Antlitz mittelſt ein paar roher Striche in einer gemeinen rothen Farbe zu malen und ferner den Effekt dieſer originellen Darſtellung noch durch zwei Kleckſe eines ſchmutzigen Weiß zu erhöhen, die Glasaugen bedeuten ſollten. Sie trug einen ſchwarzen Hut, etwas größer, als diejenigen, welche von den jetzigen Modeanbeterinnen ge⸗ wöhnlich gewählt werden. Er beſtand aus einem glänzen⸗ den ſchwarzen Stoff und war rings um den Schirm mit verblichenen Bouquets garnirt. Dieſes Coſtümſtück ſaß loſe auf ihrer alten mürriſchen Stirn, und jedesmal, wenn ihre ſchönen Formen durch die Gewalt ihres entſetzlichen Zuſtandes verzerrt wurden, wackelte und klappte er wie die locker gewordene Kappe auf einem Schornſtein. Ihre Lieb⸗ lingsvegetabilie ſchien die Zwiebel zu ſein, deren feenartiger Duft ſich bald in ſanften Strömungen durch das ganze — 26— Zimmer ergoß. Ihre Waffe war ein Regenſchirm von antiker Form, den ſie mit beiden Händen ſchwang. Dieſes holde Geſchöpf näherte ſich auf einem Umwege dem Tiſch und legte, als ſie ihn endlich erreicht hatte, beide Hände darauf, ganz in der Weiſe eines Leinwandhändlers. In ihrer keuſchen Verwirrung und geiſtigen Blindheit hielt ſie mich für Fritz, und nachdem ſie mich für einige Se⸗ kunden mit beſonderm Wohlwollen angeſchielt hatte, machte ſie ſich Luft in einem zwanzig⸗ oder dreißigmaligen, kleinen Flintenſchüſſen ähnlichen Schluckauf, und ſchickte ſich dann an, uns den Zweck ihres Beſuchs zu eröffnen. „Wünſchen Sie noch etwas zur Nacht, Sir?“ fragte der dienſtbare Engel mit einer dicken heiſern Stimme, welche aus dem tiefſten Grunde des Magens heraufzuſtei⸗ gen und ihre Muſik von der Naſe zu borgen ſchien. „Nichts; ich danke Ihnen, Madame,“ antwortete Fritz mit äußerſter Sanftmuth;„ich weiß, es würde ein ver⸗ gebliches Bemühen ſein, Sie zu bewegen, noch ferner zu den Einkünften beizutragen, die das Vaterland aus den Zehrungsſteuern bezieht. Ich weiß mich zu mäßigen. Aber darf ich vielleicht erwähnen, daß ſeit der Morgen⸗ dämmerung Katze und Maus ſich verbunden zu haben ſcheinen, um aus meinem Speiſeſchrank eine Flaſche Franz⸗ branntwein, etwas Sherry, ein Brod, ein wenig Thee und eine kalte Taubenpaſtete nebſt einem uneröffneten Fäßchen Sardellen zu entwenden? Aber wir wollen ein andermal davon reden; es wird ſich wohl eine Gelegenheit dazu finden! Lebe wohl, Du Entzücken aller Kreiſe und Abgott Deines eigenen! Lebe wohl, o Weib!“ rief Fritz, indem er einen außerordentlichen Nachdruck der Verachtung auf dieſes letzte Wort legte.„Lebe wohl, und wenn wir ein⸗ ander wieder begegnen, ſo möge es unter glücklicheren Auſpicien ſein! Noch einmal, lebe wohl!“ Die ſo angeredete Dame nahm ihre Hände vom Tiſch und trat ihren Rückzug an, indem ſie ſich im Herzen ſehr über meines Freundes dramatiſche Abſchiedsrede zu ver⸗ wundern ſchien. Sie ließ indeß ihren Schirm fallen, und erſt nach verſchiedenen vergeblichen Anſtrengungen gelang es ihr, ſich auf ihre Hände und Knie niederzulaſſen, um danach zu fühlen, als ob es ein verlorner Sechſer geweſen wäre. Wir mußten ihr aufhelfen, mit Hood's Ermahnung im Herzen,„ſie ſanft emporzuheben,“ und leiteten dann ihre ſchwankenden Schritte zur Thür. „Nun werde ich Ihnen etwas ſagen, Mrs. Planneigin, 24 ſagte Fritz in ſehr verändertem Ton,„es iſt eine verd— Schamloſigkeit, in dieſer nichtswürdigen Betrunkenheit in mein Zimmer zu kommen; und ich leide das nicht, beim Jupiter! Ihr ſtehlt mir den Tag über meine Spirituoſen — 28 Eau de Cologne, um die Ausdünſtungen des ſo eben da⸗ abzuſchreiten: „Wie wenig ſchmeichelhaft iſt Weibesliebe! Dahingegeben meiſt dem erſten Beſten, und meinen Wein, betrinkt Euch und kommt dann Abends vollkommen untüchtig herauf, um mich zu fragen, ob ich noch etwas gebrauche!— Holla, alte Frau, nehmen Sie ſich in Acht!“ Dieſe letzte pathetiſche Beſchwörung wurde hervorgerufen durch die Kundgebung einer Neigung von Seiten der Dame, die Treppe hinunterzutauchen, als ob ſie aus einem Badekarren ſtiege. Sie erreichte indeſſen glücklich den Flur und klopfte mit ihrem Regenſchirm an eines Andern Thür, ob aber in der Abſicht, ihn zu fragen, ob er noch etwas zur Nacht bedürfe, oder in dem Glau⸗ ben, daß ſie dort wohne und die Nacht da zubringen müſſe, bin ich nicht im Stande zu melden. Die Thür öffnete ſich, ſie taumelte hinein, und die Viſion war verſchwunden. „Pfui,“ rief Fritz und beſprengte das Zimmer mit geweſenen Beſuchs zu beſeitigen;„Gott ſei Dank, daß ſie fort iſt, die betrunkene, ſpitzbübiſche alte Hexe! Grey, mein Junge, das iſt auch eine von dem herrlichen Geſchlecht, über welches Du immer ſo viel begeiſterten Unſinn 1 ſchwatzeſt!“ Hier begann Fritz, wie es ſeine Gewohnheit in der Aufregung war, deklamirend im Zimmer auf⸗ und — 29— Der guten Vortheil bringt; nicht äuß'rer Anmuth, Noch innern Lichts bedarf's; denn Männer, baar Des Einen, wie des Andern, ſiehſt Du täglich, Gepaart mit Gottes beſtem Frau ngeſchöpf, Deſſ' Liebe, nur die Gattung unterſcheidend, Den Namen ſchon der Wahl zum Spott macht!“ „O,“ rief der Ruchloſe aus,„was für ein feiner, klarer, philoſophiſcher Denker war dieſer Philipp van Artevelde! Er beurtheilte die Frauen richtig, er kannte ſie wohl!“ Hier fuhr Fritz, der ein ſehr ſcharfes und treues Gedächtniß beſaß, fort, mit dem größten Behagen und dem verächtlichſten Nachdruck zu recitiren:— „—— des Weibes Himmel Iſt Eitelkeit, und der iſt über allen. Das Prunkendſte hat Gunſt in ihren Augen, Das Lärmendſte behagt noch ihrem Ohr. An Witz und Weisheit, die ein Jeder preiſt, Bewundern ſie den Ruhm, doch nicht die Sache, Von nicht zurückgeworf'nem Licht ward nie noch Des Weibes Blick geblendet!“ „Da,“ rief der junge Cyniker frohlockend,„darauf ant⸗ worte mir, Grey! Ich weiß, Du verſtehſt es ſonſt, Verſe anzuführen wie ein Schauſpieler; zuweilen überwältigſt Du einen Menſchen ganz und gar mit den Strömen Deiner Citate! Aber mache mir eine Stelle ausfindig, wenn Du kannſt, die das umſtürzt!“ — 30— „Ich will Dir nichts als Antwort darauf citiren, Wildfang,“ erwiderte ich,„obwohl ich könnte, wenn ich Luſt hätte. Aber Du ſcheinſt mir Adriana und Elena ganz und gar zu überſehen. Ich appellire von Artevelde's theoretiſcher Philoſophie an die praktiſche ſeines Lebens. Er liebte tief und wahr; freilich im einen Fall nicht ſehr weiſe, aber wahrhaft in beiden. Gottloſer Knabe! Du weißt nicht, was Du thuſt, wenn Du mich reizeſt, Dir auf ſolche Frage mit einem Citat zu antworten. Ich könnte — ich könnte— aber ich widerſtehe der Verſuchung aus Mitleid für Deine irregeleitete Jugend. Jeder Dichter, von Homer bis zu Tennyſon, jeder Mann, der weiſe und edel fühlte und dachte und uns überhaupt Dokumente ſeines Denkens und Fühlens hinterließ von den gründlich erforſchten Epochen der alten Griechen bis zu den modernen Engländern, würden mir eine Stelle, o mehr als das, würden mir ein Beiſpiel liefern. Zittre vor dem Gedanken, deſſen Du in der Uebereilung Dich erkühnteſt. Artevelde war = viel, viel zu groß und edel, um ein Miſogyn zu ſein. 9 Du biſt zu gut dazu, Fritz, trotz Deiner jugendlich heiß⸗ blütigen Thorheit. O Du biſt mir eine kryſtallene Glocke. Ich ſehe Dein Thun, ſo gut wie Dein Antlitz; ich weiß mehr von Dir, als Du ſelbſt. Himmel! vergißt dieſer Knabe, daß er zu einem Anthropologen ſpricht! Ich weiß, — 31— warum Du die Weiber haſſeſt, ich kenne Dich durch und durch, ſehe hinter Dich und vor Dich, und ich ſage Dir, Du ſollſt kurirt werden. Widerſtehe, wenn es Dir gefällt; ſei ſo gut, Dich mir zu widerſetzen und gewaltſam zu kämpfen— es wird dem großen Werk, dem ich mich hier⸗ mit feierlich weihe, nur einen noch pikanteren Reiz und Bei⸗ geſchmack verleihen! Ich gebe Dir zwölf Monate Friſt, aber bei Ablauf dieſer Zeit ſollſt Du gebeſſert ſein und widerrufen. Ich ſchwör' es bei ihm, der auf Philä ſchläft! Der Eid iſt zu Protokoll genommen und ſoll redlich ge⸗ halten werden!“ „Pah,“ antwortete Fritz,„ich fordere Dich heraus, ich verlache Dich!“ „Nous verrons;“ entgegnete ich, indem ich meine ge⸗ wohnte ruhige Art und Weiſe wieder annahm.„Reich' mir den Tabak!“. „Gut, laß uns den Gegenſtand ruhig erörtern,“ fuhr Fritz fort, der immer erregter wurde.„Du biſt gleichſam geſättigt in Deinen unſinnigen ritterlichen Anſichten über die Frauen, wie ein Meerſchaumkopf mit Tabaksſaft; Du—“ „Dein Sklave hat viel Schmutz gegeſſen,“ erwiderte ich.„Aber fahr' fort, Knabe, mich verlangt danach, den Gegenſtand ruhig zwiſchen uns erörtert zu ſehen. Halt, — 32— laß den Wein ſtehen und lauf' nicht im Zimmer umher, ſondern ſetz' Dich ſtill nieder und fange an. Du ſollſt die Vorhand haben.“ „Gut alſo,“ ſagte mein unglücklicher Freund,„alſo angefangen; obwohl das nicht ſo leicht iſt in Erwägung der unbeſtimmten Natur und des weiten Umfangs des Thema's. Aber laß uns mit einer Illuſtration anfangen, wie die Bilderbücher. Siehſt Du nicht eine verſteckte Abſicht der Vorſehung, nicht eine deutliche Miſſion in dem Beſuch der Mrs. Flannelgin? Sieh', Mann, ſie ward uns hier⸗ her geſandt als ein Beiſpiel! Als ſolches nehm' ich ſie und ihren ſonſt höchſt unwillkommenen Beſuch an. Sie iſt ein Typus in ihrer Sphäre— merke wohl auf, in ihrer⸗Sphäre, Grey— weiter dehn' ich das Beiſpiel nicht aus, weil ich in meinen Argumenten immer hübſch genau und logiſch zu Werke geh'—“ „Sowie überhaupt höchſt korrekt in allen Deinen Schlüſſen,“ unterbrach ich ihn.„Ich habe von einer fran⸗ zöſiſchen Prinzeſſin gehört, die da bemerkte, wie ſonderbar es ihr vorkäme, daß ſie die einzige Perſon in der Welt ſei, die immer Recht habe. Hm!“ „Unterbrich mich nicht,“ entgegnete Fritz;„Du ſagteſt, ich ſolle die Vorhand haben. Ich weiß es, ich ſoll jetzt für Dich in's Feld rücken.“ — 33— „Va bene,“ entgegnete ich—„fahr' fort— laßt My⸗ lord ſprechen, denn ſeines Sklaven Ohren ſind geöffnet.“ „Und vor allen Dingen,“ ſagte der eifrige Jüngling, der ſich zu einer mächtigen Probe ſeiner erzürnten Beredt⸗ ſamkeit anſchickte,„vor Allem unterbrich mich nicht, um mir zu ſagen, daß Du mich nicht unterbrechen willſt. Dies iſt ein Gebrauch, der nur vor Gericht heilig iſt und nicht bei einem Laien geduldet werden darf.“ Ich verbeugte mich feierlich, und Fritz begann ſeine gottloſe Beweisführung von Neuem mit großer Wärme und Lebhaftigkeit. „Habe ich nicht Recht in meiner Behauptung, daß Mrs. Flannelgin in ihrer Sphäre ein Typus Derer i*ſt, welche„die Jugend in Thorheiten und das Alter bei den Karten ver⸗ bracht!“ Und wenn es noch bei den Karten bliebe, beim Jupiter! aber der Skandal, das Geſchwätz, die Bigotterie, der Neid, die Bosheit, niedrige Gemeinheit, albernes Ge⸗ klätſch, Thee und Branntwein! Warum iſt der Titel„altes Weib“ ein Ausdruck des Vorwurfs, ſo wie„Sermon“ oder„Predigt“ ſprüchwörtlich gebraucht werden, um eines Menſchen Verachtung für etwas Einfältiges, Schales, Nutz⸗ loſes, Gott und Menſchen Unerträgliches zu bezeichnen? Warum, frage ich? Weil die Jugend, auf der jenes Alter baſirt, bei den Weibern nur ein Curſus der Vorbereitung für Die drei Pfade. I. 3 341 das verächtliche Alter iſt, das wir mit Recht verhöhnen, weil wir in ihm die Armuth der Natur deutlich erkennen, welche dann nicht länger durch die flüchtigen phyſiſchen Reize der Ju⸗ gend verhüllt iſt. Wir verlachen die alten Männer nicht; wir verachten den Neſtor nicht. Wir ſitzen zu Göthe's Füßen— Du, Grey, fortwährend— welche volle achtzig Jahre auf der Erde wandelten, und hören ehrfurchtsvoll auf ſeine Worte der Weisheit und des Edelmuths. Aber was ſind die Reize, die Künſte, die Coquetterieen, die Niai⸗ ſerien, die Talente,— ich möchte lieber ſagen, die Fur⸗ nitur von Talenten— der Frauen in ihrer Jugend? Die Reize ſind nur die ſinnlichen des Geſchlechts; alles Uebrige iſt nichts als Bänder, Spielkram und Kniffe, die ſie aus demſelben Grunde zur Schau tragen, der den weiblichen Glühwurm veranlaßt, ſeine Lampe anzuzünden, die ſie zu demſelben Zweck entfalten, der die Taube antreibt, zu girren, zu ſchnäbeln und auf dem Dach einherzuſtolziren— lauter Fallen, um Männer zu erwiſchen, Sir; Köder, die ihnen Ehemänner, Haushaltungen, Reichthum und Rang, geſell⸗ ſchaftliche Stellung und alles Uebrige verſchaffen ſollen. Weiter hat Alles nichts zu bedeuten! Löſe die Dinge in ihre urſprünglichen Elemente auf, und das, nichts anderes, kommt zum Vorſchein. Das Geſetz, Sir, daß wir„wachſen und uns mehren“ ſollen, iſt ein großes Faktum; und es iſt gut, daß wir dabei wenigſtens dem Einfluß einer gro⸗ ben Sinnesverblendung unterworfen ſind, ſo daß wir hei⸗ rathen, Sir, heirathen und die theuerſten Sympathien Malthus' beleidigen. Ein Paar kommt zuſammen unter dem Einfluß dieſes Rauſches,— dieſer Täuſchung meine ich— welches nicht einmal hinlängliche Verwandtſchaft des Gemüths, des Geſchmacks und ſo viel Sympathien beſitzt, um ohne Kampf durch den Honigmonat zu kom⸗ men. Die Ehe iſt natürlich eine unglückliche. Vielleicht gar trennen ſie ſich nach ein paar elenden Jahren; aber es ſind Kinder vorhanden, unglückliche Kinder, geboren, dieſelbe ſchauerliche Farce zu ihrer Zeit zu wiederholen — und damit haben wir das Ende jener Täuſchung. O, Grey, ich bin ein paar tauſend Jahre zu ſpät geboren; ich hätte ein Athenienſer ſein müſſen! O, trage mich, Phantaſie, zurück zum ſchönen Athen! Nieder mit euch, ihr dumpfen Mauern dieſes proſaiſchen Zimmers! Erſteht ihr, ihr ſtattlichen Säulen weiß glänzenden Marmors; ſchimmert ihr ſchönen Statuen unſterblicher Mythen, und ſäuſelt ſanft, ihr holden Zephire einer griechiſchen Som⸗ mernacht! Auf deiner ſchneeigen Bruſt, dem lebenswarmen Marmor, laß meine brennende Stirn ruhen, o ſchöne Glycera! Hauche deine kühlen Küſſe auf meine glühenden Lippen. O flüſtre ſanft und leiſe in deiner ſüßen 3* — 36— Joniſchen Mundart eine liebeswarme Sapphiſche Ode! Kein finſteres Egyptiſches Skelett ermahne uns mit ſeinen fleiſchloſen Lippen der entzückenden Stunde zu genießen; ſondern die Jugend, die unſterbliche, die Wonne, die götter⸗ gleiche, liſpele holde Weisheit und lade zur Freude! Ströme du Purpurwein, erklingt, ihr ſüßen Lieder, murmelt ihr lieblichen Bäche! Entflieh' nicht, o meine Viſion; weile göttlicher Traum; noch haben die glänzenden Sterne nicht zu ſcheinen aufgehört! O ſchöne Illuſion, umfleuß' mich noch länger! Du wache Schönheitsverzückung, wo Nichts iſt, Alles nur ſcheint, aber ſo reizvoll ſcheint! Schwebe, o ſchwebe noch länger über meinen bezauberten Sinnen! um⸗ fleuß' mich noch; hülle mich ein mit deiner Magie, erfülle mein hochklopfendes Herz, meine glühende Phantaſie „Mit dem Glanze einer Feſtluſt Mit der Stille eines Traums!“ Der Sprecher ſchwieg. Seine Stimme hatte ſich, wäh⸗ rend er redete, zum Rhythmus erhoben, und als er ver⸗ ſtummte, ſchien das Schweigen ſelbſt noch leiſe zu vibriren, wie wenn eine volle Muſik plötzlich endet. Es lag etwas Trauriges in ſeiner bittern Logik und in ſeiner ſtolzen Er⸗ regung, und als ich auf ſeine wechſelnden Töne hörte und daran dachte, was in ſeinem Gehirn arbeitete, fühlte ich — 37— eine tiefe Sympathie mit dem jungen edlen Herzen, deſſen erſte Ideale zertrümmert lagen gleich einem zerſtörten Tem⸗ pel, während Blumen und Ranken mitten unter zerbrochenen Säulen und wirren Trümmern ſproßten. „Fritz,“ ſagte ich,„alter Junge, Deine griechiſche Rhap⸗ ſodie war wirklich hübſch, obwohl es vielleicht ein Glück für Dich iſt, daß ich nicht gelehrt genug bin, um ſie in Stücke zu zerreißen. Davus sum, non Oedipus— ich bin kein Bentley. Aber Du wirſt das Klaſſiſche nun doch mit dem Gothiſchen vertauſchen müſſen. Du wirſt lernen müſſen, was der erhaben edle Sinn des Chriſtenthums der Kunſt gelehrt.„Menſchen können auf den ſteinernen Stu⸗ fen ihres eignen todten Selbſts zu höheren Dingen empor⸗ ſteigen,“ und ich verzweifle nicht an Dir. Was das Ar⸗ gument betrifft, aus welchem Deine Rhapſodie wie eine Blume aus einem alten todten Gemäuer entſproß, ſo will ich Dir jetzt keine beſtimmte Antwort darauf ertheilen, weil ich Dich in wenigen Monaten die Moral jener hübſchen Fabel,„le cheval dompté,“ zu lehren hoffe.“ „Du willſt mir nicht antworten,“ erwiderte Fritz, deſſen Aufregung noch keineswegs gewichen war,„weil Du nicht kannſt. Ich habe Recht, Grey, und Du weißt es. Für mich ſind die Hetären, die ewig reizenden Hetären! In ihnen iſt wenigſtens Wahrheit; ſie geben nicht vor, etwas Anderes zu ſein, als ſie wirklich ſind. Du ver⸗ ſchwendeſt wenigſtens kein Gefühl an ſie; ſie ſind beſſer als ſie ſcheinen; weit beſſer als die verwünſchten, heuch⸗ leriſchen, vertragsmäßigen Puppen der modernen Geſell⸗ ſchaft, die nicht einmal die Redlichkeit der Leidenſchaft be⸗ ſitzen, ſondern nur nach Geld und Land angeln ohne Ge⸗ fühl und Herz. Ich will ihr Narr nicht länger ſein, beim Jupiter! Sie ſind alle gleich— alle!“ „O lahmſte und ohnmächtigſte aller Schlußfolgerungen,“ erwiderte ich;„Dein Zuſtand, lieber Junge, iſt mediciniſch betrachtet dieſer: Du ſetzteſt Dich, als Du ſehr erhitzt warſt, einem durchdringenden Froſt aus; Du erkälteteſt Dich natürlich, und haſt die Erkältung dadurch verzögert, daß Du zu raſch verderbliche Reizmittel anwandteſt. Was Du z. B. über die kleinen Künſte und Coquetterien der Frauen ſagſt, ſo lernen ſie dieſelben oft ebenſo unſchuldig, wie ein Papagei Läſterworte lernt. Sie ſind das Reſultat des natürlichen und lobenswerthen Wunſches, zu gefallen und zu bezaubern. Du nahmſt Deine jungen glühenden Ideen von der Weiblichkeit und gingſt damit in ein Ball⸗ zimmer oder zu einem féte champétre, ließeſt aber Dein Urtheil zu Hauſe; Du ließeſt die Augen ſtatt des Geiſtes wählen, Du blickteſt nicht einen Augenblick auf die Blu⸗ men, bevor Du Dich auf ihnen niederließeſt; Du erwar⸗ 39— teteſt, Honig ſowohl im Unkraut als in Blumen zu finden und wurdeſt natürlich enttäuſcht. Daß die Rückwirkung eine bittere war, weiß ich wohl; ich habe früher als Du dieſes Meer befahren, Wildfang. Aber Du biſt blind, un⸗ gerecht und grauſam thöricht, Deinen eignen Fehler, Dei⸗ nen eignen Mangel an Urtheil, Einſicht und Erfahrung an einem ganzen Geſchlecht zu rächen, weil Du ſtolperteſt auf Deinem Wege und Glasſtückchen für Diamanten an⸗ ſahſt. Es ſind Diamanten vorhanden, Fritz, verlaß. Dich darauf. Du biſt auf Deiner erſten Reiſe geſcheitert, aber fahre noch einmal hinaus. Wolle Du nicht das Schiff regieren, wenigſtens nicht, bevor Du Dich nicht ſelbſt re— gieren kannſt; ſondern nimm den alten Seemann mit Dir, und Du wirſt mehr Glück haben. Laß die Erfahrung Deinen Lehrer ſein. Mache Coleridge's ſchönen Ausſpruch zu Schanden, daß„die Erfahrung, wie die Hinterlichter eines Schiffes nur den ſchon zurückgelegten Weg erhellen.“ Noch einmal zur See, und„Weſtwärts ho!“ alter Freund.“ „Grey,“ ſagte Fritz plötzlich, indem er mich feſt anſah, „warum machſt Du nicht eine jener reinen, edlen, hoch⸗ herzigen Frauen, die Du in der Idee immer verehrſt, für Dich ſelbſt ausfindig?“ Ich ſann einen Augenblick nach, bevor ich antwortete, nind fühlte ein tiefes Erröthen meiner Wangen; denn des — 49 jungen Burſchen Griff in's Ungefähr hatte eine tiefe, ob⸗ wohl ſeit lange verſtummte Saite in mir berührt. „Vielleicht, Fritz,“ erwiderte ich traurig,„bin ich eines ſolchen Glückes nicht werth. Ueberdieß„zwei Seelen woh⸗ nen, ach! in meiner Bruſt!“ Ich wünſche immer, und fürchte doch, mein Ideal zu finden. Ich wünſche, brauch' ich Dir zu ſagen, warum? ich fürchte, denn wenn ich ſie fände, dürfte ich die Frau, die ich liebe, bitten, ſolch' ein Loos, wie das meine, zu theilen? Du weißt ja, wie hoff⸗ nungslos ich bin. Und ſo muß ich mich in mein einſames Leben ergeben. Ich gewinne Kraft, irgend wie— frage nicht woher— es zu ertragen und damit zufrieden zu ſein. Aber„es iſt ſchon zu viel davon“, wie Hamlet ſagt. Die Melodie wird zu traurig. Laß uns von Deinem ſchönern Looſe und Deinen heiterern Hoffnungen ſprechen. Du, Fritz, haſt das Recht, ein Weib zu ſuchen und zu gewinnen, zu heirathen, die Du liebſt. Und Du wirſt es doch thun; Du wirſt Deine Irrthümer widerrufen, Deine Fehler abſchütteln,„wie Thautropfen von eines Löwen Mähne’“, und ich werde glücklich ſein, indem ich Dein Glück ſehe. Vergiß nicht,“ fügte ich heiter hinzu,„es iſt ein Anthropologe, der Dir das prophezeiht!“ Fritz ſchien auf dieſe Prophezeihung nicht viel zu geben. „Was würdeſt Du vorziehen zu ſein, ein Prophet oder — 41— ein Hiſtoriker?“ ſagte er lachend; aber er nahm ſeine hals⸗ ſtarrige Miene ſogleich wieder an, als er fortfuhr:„Unſere Streitfrage ſcheint ſich in eine Epiſode zu verlaufen; ich habe Dich in Verdacht, daß Du froh biſt, ſie fallen zu laſſen. Nein,“ fügte er hinzu, und ſeine Ueberzeugung wurde wieder warm,„nein, Du kannſt mir nicht antworten und biſt froh, auf einen andern Gegenſtand zu kommen. Erkenne Dich für überwunden, Grey; erkenne gnädigſt den Sieg des Miſogyns!“ „Knabe,“ entgegnete ich feierlich,„ich danke Dir für dieſes Wort; es kräftigt meinen Arm, es ſtählt mein Schwert! Denn wenn Du mich mit dem Triumph eines⸗ Miſogyns höhnſt, dieſes Geſchlechts, das ich haſſe, ſo wie ein Capulet einen Montague haßt,— ſo ſtachelſt Du Mal⸗ kolm's Blut auf, und im Augenblick „———— ging über In dieſen ſchwachen Arm die Macht von Frankreich.“ Wenn Du Dir anmaßeſt, alle Frauen in eine Klaſſe zuſammenzufaſſen, ſo vergißt Du, gedankenloſer Knabe, daß Du von einem Geſchlecht ſprichſt, welches ſo ſtarke Gegenſätze und mannigfaltige Charakterverſchiedenheiten in ſich ſchließt, wie Imogen— die Roſe und Krone der voll— kommenen Weiblichkeit, die ſchönſte, reinſte und edelſte aller Frauen, die in der Geſchichte leben, oder von der Poeſie — 242— verherrlicht wurden!— ſolche Gegenſätze, ſag' ich, wie Imogen und Meſſalina, Desdemona und Mrs. Nickleby, Roſalinde und Mrs. Mackenzie, Clara Douglas und Becky Sharp, Agnes Wickham und Miß Knapp, Schiller's Thekla und Lady Macbeth, die Vernon und Goneril, Lady Jane Grey und Lucrezia Borgia, Jane Eyre und Mrs. Mala⸗ prop, Miß Nightingale und Mrs. Manning, Dante's Beatrice und Mrs. Gamp! Dies ſind nur wenige Bei⸗ ſpiele, im Drang des Augenblickes auf's Ungefähr ergriffen, aber ich könnte leicht hundert andere ſinden, hundert—“ „Du wirfſt mir vor, allzuſehr für die Antitheſe als rhetoriſche Figur eingenommen zu ſein,“ unterbrach mich Fritz mit Ungeſtüm;„aber, beim Jupiter, Du nimmſt mir jetzt den Wind aus meinen Segeln! Aber ich ver⸗ geſſe,— es iſt jetzt an Dir die Reihe— fahre fort.“ „Meine Abſicht,“ begann ich wieder,„iſt nicht etwa bloß die, einen Gegner zu widerlegen, oder über einen talentvollern und geſchicktern Advokaten, als ich ſelbſt bin, einen gerichtlichen Triumph zu feiern: nein, mein Zweck i*ſt, was ich aufrichtig glaube, als wahr darzuthun, und daher bin ich nicht abgeneigt, einige Zugeſtändniſſe zu machen. Ich gebe alſo zu, aus freien Stücken, obwohl mit Bedauern, daß Deine Bemerkungen einiges Wahre enthalten, daß es nur zu viele Frauen giebt, welche Deine Satyre rechtfertigen. Aber wagſt Du es, Spötter, Frev⸗ ler, der Du biſt, an den höchſten und heiligſten Dingen, wagſt Du, frage ich Dich, die Sprache Shakspeare's zu reden und den Glauben und die Moral Miltons zu be⸗ kennen, und doch eine Schilderung der Gemeinheit und Niedrigkeit in ein Pasquill gegen das Gute und Würdige zu erweitern? Wagſt Du, die Thatſache auszupoſaunen, daß Du alle Frauen in dem Licht Deines eigenen gelb⸗ ſüchtigen Blickes ſiehſt? O armſeliges Bekenntniß! elender Glaube! O, ein einziges wahrhaft gutes Weib überwiegt Hekatomben der Geſchöpfe, die Dich dieſes herrliche Ge⸗ ſchlecht mißachten lehrten! Denke, denke für einen Augen⸗ blick daran, in ernſter Verehrung und feierlicher Schen, was es um ein wirklich gutes und edles Weib iſt. Welche Reinheit und Unſchuld, welche Zartheit, welcher Glaube, welche Milde, Beſcheidenheit und Liebe! Ihre Natur weicht vor dem Böſen und Schimpflichen zurück, ſo wie jene ve⸗ netianiſchen Gläſer bei der Berührung von Giften zer⸗ ſplitterten und zerbrachen. Ein ſo ſeltſames Gemiſch von Geiſt und Materie wir Sterbliche im Allgemeinen ſind, ſo ſcheint in ihr der Geiſt doch zu überwiegen und die Gottheit unmittelbar und ohne Brechung zurückzuſtrahlen. Der alte Kampf zwiſchen Fleiſch und Geiſt, der ſelbſt St. Paulus quälte, und der Tennyſon antrieb, vom Manne zu ſagen: „Er kennt ein ſchlechtes Theil in ſeinem Blut, Daß er im Kampf um das, was gut, Nach beſſ'rem Wollen doch nicht thut!“ er ſcheint für ſie nicht zu exiſtiren. Der Sieg iſt ohne ¹ Kampf gewonnen. Und von allen wahrhaft ſchönen Frauen,— o welch' eine Gabe iſt die einer ſolchen Schön⸗ heit!— glaube, Fritz, o glaube: „Nichts Böſes kann in ſolchem Tempel wohnen, Denn hat ein böſer Geiſt ſo ſchöne Wohnung, G Ihn würden gute Genien derum bekämpfen.“ Bedenke, was es heißt, die ganze Liebe eines ſolchen Weſens zu gewinnen, Dich mit dem ganzen Geiſt zu ver⸗ mählen und ein Theil ſeines Lebens zu werden. Gedenke des göttlichen Ideals, wie es heraufbeſchworen iſt in der Göttin des Hauſes, in Imogen am heimathlichen Herd. Für einen Mann, der ſo geſegnet iſt, hat das Leben keine Gemeinplätze, und die Zeit keine Ermüdung mehr. Der Mann iſt der Typus der Stärke und Macht— das Weib das Symbol der Schönheit und Reinheit; aber erſt aus der Verbindung zweier Geſchöpfe, welche dieſe verſchiedenen Eigenſchaften repräſentiren, erſteht ein Weſen, welches wagen darf, die Vollkommenheit der Sterblichkeit anzu⸗ ſtreben. Ja, aus einer ſolchen Verbindung erſteht die hochſinnige Frau und der hochherzige Mann. Die Kraft — 45— hat ihre Rauhheit, die Schönheit ihre Eitelkeit, der Ver⸗ ſtand ſeinen eiſernen Stolz, das Gefühl ſeine allzuweiche Schwäche. Aber denke die Beiden vereinigt— und welch' ein herrliches Ergebniß! Es iſt ſehr richtig bemerkt worden, daß alle großen und edeln Männer, alle Männer, in deren Natur das Heroiſche und Poetiſche vertreten iſt, viel Weibliches in ihrer zarten und erhabenen Seele beſitzen. Ich habe verſucht, ruhig zu reden, Fritz, alle Rhapſodien und Uebertreibungen zu vermeiden; aber ich fühle und weiß, ich habe Recht in dem, was ich ſage, und ich bin eben ſo gewiß, daß auch Du es eines Tages fühlen und erkennen wirſt. Man kann Korn in jedes Haus tragen, aber nur die Mühle wird es zermalmen. Man kann die Wahrheit Jedermann ſagen, verſtehen aber wird ſie nur der wahrhafte Menſch. Und für die Erkenntniß dieſer Wahrheit appellire ich von dem trunkenen Philipp an den nüchternen— von dem kurzſichtigen Miſogyn an das edlere beſſere Selbſt Fritz Charlton's!“ Fritz war während dieſer etwas langen, obwohl ſehr unvollkommenen Auseinanderſetzung meines Glaubens ganz ſtill geweſen. Wahrſcheinlich, als die Erinnerung an ſein eigenes früheres Ideal durch den Nebel ſeiner ſpätern Ent⸗ täuſchungen hervortauchte, ſeufzte er und wurde dann ruhiger und natürlicher. Der Ton des Spottes und der Bitterkeit 46— war gewichen und das innere Denken, durch ſeine äußere Miene und Haltung ſehr klar ausgedrückt, war ſanfter und liebevoller geworden. Ich ſah dies als einen großen Triumph an, obſchon ich weder Eitelkeit noch Donquixoterie genug beſaß, um zu erwarten, daß er in Folge einer Unterhal⸗ tung ſeine Meinung widerrufen, oder den ganzen Strom ſeines Empfindens ändern würde oder könnte. Die Fluth muß erſt auf's Höchſte geſtiegen ſein, bevor die Ebbe ein⸗ tritt, und ſein ganzes Herz war ja tief erbittert durch em⸗ pörende Vorfälle und unedle Erfahrungen. Es mußten daher glücklichere Ereigniſſe und edlere Erfahrungen abge⸗ wartet werden, um ſeine endliche Bekehrung zu bewirken. Vollkommen wahr ſagt das Motto, welches ich von Göthe's Weltweisheit entlehne: „Grau, theurer Freund, iſt alle Theorie, Und grün des Lebens gold'ner Baum.“ „Was Du über Geiſt und Fleiſch bemerkſt,“ äußerte Fritz nach ziemlich langem Schweigen,„ſo glaube ich, iſt nicht viel dahinter. Erinnere Dich, wie Roſalinde und Celia ſprechen, ſobald ſie allein ſind. Erinnere Dich auch, was Dein Liebling Shakspeare von den Frauen ſagt, daß ſie„eben ſo ſchwach ſind, als die Männer.“ „Ich bin überraſcht, Fritz,“ erwiderte ich,„Dich be⸗ haupten zu hören, daß Shakspeare ſo ſagt. Verſteh' den dramatiſchen Geiſt doch beſſer, junger Neoophyt! Shaks⸗ peare ſagt nichts dergleichen; Emilie ſagt es, und es trifft genau zu bei den Emilien dieſer Welt. Aber erinnere Dich, zu wem ſie es ſagt und wie es beantwortet wird. Lies die wundervolle dritte Scene des vierten Aktes von Othello noch einmal. Es iſt mir lieb, daß Du mich daran erinnerſt. Das Geſpräch zwiſchen dieſen beiden Frauen iſt in der That ein ſchönes Beiſpiel für meine Behauptung.“ „Aber,“ fuhr Fritz fort,„erinnere Dich, wie oft Du geſagt haſt, daß geiſtiger Umgang einem Manne viel nö⸗ thiger iſt, als ſelbſt eine große Leidenſchaft. Wie ſchwer iſt es, in der Frau einen Umgang zu finden! Du kannſt eine Geliebte ſinden, ja, eine Zauberin, ja; aber eine Um⸗ gangsgefährtin, nein! Denk an die Trivialität, die Un⸗ wiſſenheit, die kleinliche Albernheit, die niedern Intereſſen, die armſelig flachen Gedanken, die leere Gleichgültigkeit gegen alle großen und erhabenen Dinge. Denke an den äußerſten Mangel aller Sympathie im Geiſt einer Frau für das beſte Streben und die höchſten Ideen eines Mannes. Zuweilen,“ fügte Feitz ſinnend hinzu,„mögen ſie eine Art von geiſtiger Sympathie zur Schau tragen und Dich ſo in der Hitze der blinden Leidenſchaft betrügen, denn ſie ſind ſehr geſchickt in der Verſtellung, in aller Liſt und — 148— Heuchelei. Wie iſt doch der deutſche Name für eine Frau dieſer Art, Grey?“ „Eine Anempfinderin,“ entgegnete ich,„es iſt ein ſehr bezeichnendes Wort. Göthe bildete es, und wandte es zuerſt im„Wilhelm Meiſter“ an. Aber Fritz, kannſt Du, wenn wir von geiſtigen Sympathien bei den Frauen ſprechen, das höchſte Ideal der Weiblichkeit vergeſſen, wie eine edle und begabte Frau es eutwickelt? Ich meine Miß Charlotte Bronté.*) Ihre Heldinnen denken und reden mit der Stimme der beſten Frauen, die durch lange Epochen des Fortſchritts heranreiften und zur herrlichen Frucht unfrer Zeit, der vollkommenſten an Civiliſation und Welt⸗ verbeſſerung, heranblühten. Verlaß Dich darauf, es lebt *) Emigravit. Currer Bell allerdings lebt; aber Mrs. Robert Nicol exiſtirt nicht mehr auf Erden. Schade, daß dieſe junge, originelle, friſche, lebendige und ſo reich begabte Schriftſtellerin uns verlaſſen mußte, ehe ſie uns die vollſtändig gezeitigte Frucht ihres Denkens gab, ehe ſie durch die Literatur jenes Ziel erreichte, zu dem die Literatur ſich nur wie ein Mittel zum Zweck verhält. Dank, tiefen Dank der Mrs. Gaskell für ihre ſchönen Erinne⸗ rungsblätter an jenes edle Leben. Der ſympathetiſche Genius einer talentvollen Schweſter hatte eine ſchöne und würdige Auf⸗ gabe zu vollbringen. Wer war geſchickter das Leben zu beſchreiben, welches Jane Eyre, Caroline Helſtone und Lucy Snowe das Da⸗ ſein gab, als die Schöpferin der Mary Barton, Ruth Hilton und Margarete Hale? — 19— eine göttliche Abſicht in dem, vom Leben des einzelnen Sterblichen unabhängigen Fortſchritt des Menſchengeſchlechts. Wir ſind nicht wie die Biber, heute noch dieſelben wie in den erſten Tagen, da wir uns Hütten bauten. Unſre Ge⸗ nerationen erneuern ſich nicht drei Mal in hundert Jahren, bloß damit eine jede ihren eignen Cocon ſpinnen und dann ſterben ſoll. Fort mit der weinerlichen Sentimentalität, die da von der Wonne ſchwärmt, in früher Kindheit zu ſterben! Sieh' es von einem höhern und edleren Stand⸗ punkt an; faß' es auf in einem ernſtern, ſchönern und klarern Sinn; betrachte es mit mehr gotterleuchteter Ein⸗ ſicht, und eine wie herrliche Sache iſt es, zu leben und ſich zu entwickeln zur vollen leuchtenden Mannheit oder Weib⸗ „lichkeit, in der„Zwei Ewigkeiten ſich begegnen,“ wo aller— dings der Fuß die E de berührt, indeſſen ſich der Geiſt ſelbſt nicht durch die Illuſionen der Sterblichkeit,— durch Zeit und Raum, feſſeln läßt. Nun ſieh', wie dieſe mo⸗ derne Schriftſtellerin, für ſo Manchen noch ein Myſterium, Currer Bell genannt,— ſieh', wie ſie ihr Ideal der Weib⸗ lichkeit, das Reſultat einer langen Zeit, durch Beiſpiele erläutert. Dieſes Ideal i*ſt keine bloße Köchin noch Kin⸗ derwärterin, kein puppenhafter Engel, keine reizende Skla⸗ vin; ſondern eine Frau, die, ohne an Grazie, Zärtlichkeit und Reiz zu verlieren, ohne ihren Liebeszauber aufzugeben, Die drei Pfade. I. 4 50— oder auf ihr Privilegium der Schönheit zu verzichten, ein höheres Streben kennt, die Wiſſenſchaften liebt und Ver⸗ ſtand in ſich fühlt. Sie iſt die paſſende Gefährtin für den würdigen, edeln Mann, die angemeſſene Gefährtin für ſein Herz, ſeinen Geiſt und ſeine Seele! Und doch bei alledem bleibt ſie ſo ganz Weib, göttliches Weib! Nichts Rauhes oder Unweibliches iſt im Ton und Charakter einer Intelligenz, die, wie hoch ſie auch ſei, doch nicht die des Mannes iſt. Sie thut uns ſo wohl durch ihre feineren Vorſtellungen, berührt uns ſo weich mit ihrem ſinnigen Gemüth. Sie iſt kein häßlicher Blauſtrumpf, keine abge⸗ ſchmackte„gelehrte Frau,“ ſondern ſchön, lieblich und rein, reizend, weiſe und edel, geſchaffen, die Gattin und die Mutter des beſten und redlichſten der Männer zu ſein, welcher für die Menſchheit denkt; des Mannes, welcher ſeiner Zeit ſeinen edeln Stempel aufdrückt, ihren Geiſt formt, ihre Thaten geſtaltet und ihre Geſchichte ſchafft!“ Ich war unwikürlich ziemlich warm geworden, während ich bei dieſem herrlichen Thema weilte und mich zu der Höhe meiner eignen Beweisgründe zu erheben ſuchte. Als ich um mich blickte, ſah ich mit Vergnügen, daß Fritz kein unaufmerkſamer Zuhörer geweſen war. Ich erwartete keinen unmittelbaren Erfolg, aber ich hoffte, daß er über meine Worte nachdenken würde, ſobald ich gegangen, und er mit ſeinen eignen Gedanken allein ſein würde. „Es iſt etwas in dieſem Ideal,“ ſagte er zuletzt langſam und nachdenklich;„ich gebe zu, daß,— aber— indeſſen es iſt ja doch nur ein Traum, eine Fiktion, ein Hirngeſpinnſt, eine von Deinen alten Grillen, Feenpaläſte aus geringem Material und ohne wirkliche Baſis zu er⸗ richten. Wo ſind ſolche Frauen? Kannſt Du mir eine zeigen? Du könnteſt jetzt eben ſo gut daran denken, dem ganzen Trojaniſchen Krieg eine andere Wendung zu geben, indem Du Hektor mit einem Revolver verſiehſt, als meine Ueberzeugungen durch die Erzählung ſolcher Mährchen zu ändern, Ueberzeugungen, die ſich, wie Du weißt, auf Er⸗ kenntniß und Erfahrung gründen. Die Abſicht iſt ſehr ſchön, aber ſie kommt in beiden Fällen zu ſpät.“ „Alſo,“ fügte Fritz hinzu, indem wieder etwas von ſeiner frühern Halsſtarrigkeit durch den Ton ſeiner Stimme klang,„ich bin noch nicht bekehrt. Du giebſt mir indeſſen eine lange Friſt, zwölf Monate, war es nicht ſo? Da Du beabſichtigen mußt, durch Liebestränke und Mixturen oder irgend ein andres Zaubermittel auf mich zu wirken, ſo wundert es mich, daß Du nicht raſcher verfährſt.“ „O, gieb Dich zufrieden,“ entgegnete ich;— 4* — 32— „Durch Klugheit, nicht durch Zauber wirken wir, Und Klugheit, ſie bedarf der Zeit und Weile.“ „Da wir von der Zeit und Weile reden, Fritz,— wie ſpät iſt es?“ „Etwa halb Eins vorbei, denk' ich,“ entgegnete Fritz; „aber Du wirſt doch nicht gehen, alter Freund? es iſt noch früh.“ „Früh für Dich, junger Epikuräer, junger Rechts⸗ Sybarit,“ erwiederte ich,„aber nicht für mich. Wenn Du morgen früh noch müde biſt, ſo kannſt Du aus⸗ ſchlafen wie Mr. Mivins; aber ich bin ein Arbeitsmenſch, und noch dazu ein ziemlich erſchöpfter und abgematteter; ich muß gehen und morgen in der Frühe mein Brod backen. Ich ſchlafe nur hurtig in den Pauſen, die mir der große Kampf des Lebens läßt. Werde ich Dich morgen Abend ſehen,— wirſt Du zu mir kommen?“ „Nein,“ entgegnete Fritz etwas verwirrt;„morgen Abend wohl kaum; ich bin— ich bin ſchon verſagt.“ „O,“ rief ich,„um Mademoiſelle Deſirce de Ste. Lo⸗ rette zu beſuchen, vermuthlich? Ich frage wie Miß Dartle nur, um mich zu informi en.“ „Mach' Dir keine Sorge darum, alter Eremit und Cyniker,“ ſagte F itz,„Du ſteckſt bei Deinen Büchern und Deinen Pfeifen und läßt uns junge Leute allein! Ich ſtudire ein neues Blatt im Buche der Schönheit, ohne Aufſchneiderei,— und ich werde Mittwoch kommen. Ich werde Dich dann bitten, mir die große Scene über die Religion im Fauſt zu überſetzen.“ „Du wandelſt jetzt einigermaßen auf Fauſt's Wegen, junger Mann,“ ſagte ich ſorgenvoll;„aber je ſchneller Du gehſt, deſto raſcher wirſt Du zum Ziel kommen. Ich werde Dich noch retten; ich liebe mein Geſchlecht eben ſo ſehr, als ich es aufmerkſam beobachte.“ „Ha! Ha!“ lachte Fritz bitter; es war ein herrliches, reiches teufliſches, Smith'ſches Lachen;„ich ſage Dir noch⸗ mals, ich fordere Dich heraus, ich ſage Dir nochmals, ich bin ein Miſogyn!“ „Ich bin kein Freund von Repetitionen,“ ſagte ich; „und war es ſchon nicht in der Schule; ich liebe ſie auch nicht in Geſtalt des kalten Hammelfleiſches, noch bewundere ich ſie, vom literariſchen Standpunkt aus betrachtet, in Deinen geſetzlichen Dokumenten,— mögen ihrer nun mehr oder weniger ſein. Aber ſo herausgefordert, wiederhole ich feierlich, ich bin ein Anthropologe, das Uebrige ver⸗ ſteht ſich von ſelbſt. Cela va sans dire.“ „Gut, die Zeit wird Alles entſcheiden,“ ſagte Fritz. „Trink' ein Glas Wein, ehe Du gehſt, und zünde eine — 54— Cigarre für den Nachhauſeweg an. Es iſt kalt draußen. Mittwoch bin ich bei Dir— Au revoir!“ „Auf Wiederſehen!“ rief ich,„oder in einfachem alten Engliſch, good night, alter Knabe; Gott ſei mit Dir, Fritz.“ Wir ſchüttelten einander die Hände und ſchieden. Der Miſogyn ſchloß ſich in ſein warmes, bequemes Zimmer, und der Anthropologe und ſeine Cigarre traten ihren rauhen, froſtigen Heimweg an, nur bewacht und begleitet von dem Licht der feierlich ſchweigenden Sterne, in deren Geſellſchaft es keine Einſamkeit giebt. Die tiefſte Einſamkeit iſt die Selbſtſucht. Dennoch können wir über uns ſelbſt nachdenken in frommer Selbſt⸗ ſchau und gewiſſenhafter Prüfung, im Rückblick auf die Vergangenheit und in Entſchlüſſen für die Zukunft, ohne unſer Denken über uns zur Selbſtgefälligkeit oder zu ſelbſt⸗ ſüchtigen Intereſſen zu erniedrigen. Zu vieles Denken, ohne daß wir daſſelbe auch in würdige Handlungen über⸗ ſetzen, bringt geiſtige Ungeſundheit hervor. Wenn wir zu viel allein ſind, werden wir ſelbſtbetrachtend bis zum Uebermaaß, wir beſchädigen unſer eignes Gemüth durch eine zu beſtändige und eingehende Beobachtung deſſelben, ſo wie ein unbeſchäftigter kränklicher Menſch ſein Unwohlſein durch unaufhörliches Grübeln zur Hypochondrie ſteigert. Unſere — 55— Gedanken gleichen den Gebäuden einer großen Stadt. Einige ſind niedrige, ſchmutzige Hütten; andere ſtrahlende Schauläden; einige ſind ruhige, obwohl enge Wohnungen; andere ſtattliche Paläſte oder edle öffentliche Gebäude; einige, und zwar die ſeltenſten und höchſten, ſind alles Andre weit überragende, zum Himmel emporſteigende Thürme. Zu unſern beſten Gedanken gehören die, welche ſich mit dem Wohl und den Intereſſen Anderer beſchäftigen. Die Familienbande veredeln Denken und Empfinden, weil ſie daſſelbe von der eignen Perſon abziehen, und die Menſchen für diejenigen denken und empfinden laſſen, welche ihm theurer ſind als das eigene Selbſt. Es iſt für einen Jung⸗ geſellen, der in einer großen Stadt allein lebt, ohne engere und nähere Bande, gut, einen Freund zu haben, der ihm theuer genug iſt, um ſich ſelbſt in dem Gedanken an ihn zu vergeſſen. Solch' ein Freund war mir Fritz, und dieſes Gute hatte ſein Umgang für mich. Als ich in jener Nacht nach Hauſe ging, dachte ich ganz und gar nur an ihn und für ihn. Dieſe Zeit war eine Kriſis für ihn in Bezug auf diejenigen Gefühle, welche ſeinem Leben Geſtalt und Färbung verleihen ſollten. Die Unterhaltung an jenem Abende hatte meine frühere Ueberzeugung hinſichtlich der Phaſe, welche ſein Geiſt jetzt durchmachte, befeſtigt, und mein Intereſſe für ſein inneres Leben und meinen möglichen — 56— Einfluß auf ſeinen Werth und ſeine Glückſeligkeit leben⸗ diger als je angeregt. Ich hegte den heißen Wunſch, ihm zu dienen, ihm zu helfen. Ich beſchloß, es zu verſuchen, und ich bildete mir ein, daß meine eigene traurige Erfah⸗ rung und meine tiefere Erkenntniß ihm von Nutzen wer⸗ den könnten. Während ich ſo über die Mittel, ihm zu die⸗ nen, nachdachte und meinen Geiſt auf einen Punkt zu bannen ſuchte, um zu einem klar entſchloſſenen Handeln zu gelangen, geſchah es, wie es in den ſeltſamen innern Prozeſſen oft geſchieht, daß meine Gedanken weit von dem einfachen Thema abſchweiften, das zur Entſcheidung vor⸗ lag, und ſich in allerlei E innerungen an Fiitz überhaupt und an meine ganze Bekanntſchaft mit ihm verſenkten. Ich dachte daran, wie die erſte gegenſeitige Annäherung zur wieklichen Theilnahme und Zuneigung, wie die Zunei⸗ gung zur Freundſchaft reifte und wie der vertraute Um⸗ gang endlich den innigſten Verkehr erzeugte. Er ſchwebte mir als Schulknabe vor, frei und kühn, ſchön und lebhaft, offen, gewinnend, talentvoll und übermüthig. Seine Ein⸗ fälle und Streitigkeiten, ſeine Poſſen und Verlegenheiten, ſein Frohſinn, ſeine Beliebtheit bei allen Mitſchülern, ſeine Läſſigkeit während der erſten Hälfte des Semeſters und ſeine angeſtrengte Arbeit gegen das Ende, um einen Preis zu erhalten, Alles ward wieder friſch in meiner Erinnerung. — 57— Ich ſah ihn fortſtürmen vom Spielplatz bei der Ankündi⸗ gung eines„Beſuchs für Mr. Charlton“, und ich lächelte, als mir die noble Art und Weiſe einfiel, mit der er die hübſchen Geſchenke ſeines freigebigen alten Onkels ver⸗ theilte. Er bewirthete ſeine Freunde königlich, ſo lange ſein Geld ausreichte; aber das dauerte nie lange, denn er war eine zu große und ſorgloſe Natur, um behutſam mit dem Gelde umzugehn; eine Eigenſchaft, dieſe Aengſtlichkeit mit dem Gelde, welche, nebenbei geſagt, kein gutes Zeichen bei einem Knaben iſt. Dort im Winkel des Spielplatzes dem Blick aus des Doktors Beobachtungsfenſter verborgen, ſtand der alte Baum, unter welchem Fritz ſeinen zweiten denkwürdigen und erfolgreichen Kampf mit Johnſon hatte, wogegen das frühere Zuſammentreffen entſchieden zu Gun⸗ ſten des Gegners ausgefallen war. Kurz vor meinem dreizehnten Geburtstag hatte ich die Schule verlaſſen, um meinen Kampf mit dem Leben zu beginnen, und um meine ſpätere Erziehung, wie ſie etwa werden konnte, mittelſt einer andern Methode, als pädago⸗ giſcher Gelehrſamkeit zu vollenden. Fritz, mehr als zwei Jahre jünger als ich, ging gleichfalls ab, um nach Eton gebracht zu werden. So lange er dort war, ſah ich ver⸗ hältnißmäßig wenig von ihm, aber ich dachte, während ich mich bei meiner verhaßten und freudloſen Arbeit quälte, — 58— oft an ihn, halb vielleicht mit Neid und halb mit Furcht, daß er unſere frühere Freundſchaft unter neuen Gefährten vergeſſen möchte. In meinem Stolz war ich bitter und ungerecht. Ich begriff den Unterſchied zwiſchen ſeiner glück⸗ lichen Stellung und meinen niederen Verhältniſſen und beſchloß, ſo ſehr ich mich auch nach ihm ſehnte, daß es auf ihn ankommen ſollte, unſern vertrauten Verkehr wieder G zu erneuen. Er erneute ihn, und dieſe Thatſache machte ihn mir bei meiner wachſenden jugendlichen Miſanthropie und Melancholie ſehr theuer. Er ſchien den Abgrund nie gewahr zu werden, der zwiſchen unſern ſocialen Stellungen lag, zwiſchen meiner Armuth und ſeinem Reichthum. Selbſt als Jüngling war ſeine Natur zu männlich und zu geſund, um das geringſte Gewicht auf zufällige Un⸗ gleichheiten oder Unterſchiede zu legen. Meine Zurückhal⸗ tung ſchmolz bei ſeiner völligen Unkenntniß ſeiner welt⸗ lichen Ueberlegenheit, denn er äußerte nie auch nur die leiſeſte Spur einer„zarten Rückſicht“ für meine verhält⸗ nißmäßige Armuth. Zu bedauern pflegte er mich allerdings und zwar aufrichtig; aber nur weil ich Tag für Tag, Monat für Monat, und Jahr für Jahr in meinem finſtern traurigen, hoffnungsloſen Comtoir eingeſchloſſen war, wo die blutloſen metallenen Herzſchläge der laut tickenden Uhr die ſchleichenden Stunden in ſcharfgeſonderte, langſam ge⸗ zählte Minuten eintheilten. Ich konnte ihm nur ſchwer den Drang der harten Nothwendigkeit begreiflich machen, als Entgegnung auf ſeine ſtürmiſche Aufforderung:„Komme aus dem gräulichen Loch heraus, lieber Junge, und laß uns einen Ritt auf dem Pony machen; es iſt ein ſo ſchöner Tag!“ Auch ich ſah ihn, jenen hellen, ſchönen Sonnenſchein und fühlte ſeine Glorie vollſtändig ſo tief, als er. Nein, ich fühlte ſie tiefer, abgeſehen von unſerer beſondern Be⸗ gabung für die Würdigung des Schönen; denn war ich nicht ein ermüdeter Sklave, während er, der glückliche Burſch, jene verhaßten Räume, die dem„Geſchäft“ gehei⸗ ligt, oder zum Geſchäft verdammt ſind, verlaſſen konnte, um den Pony zu beſteigen, fortzureiten und der Freiheit zu genießen. O, wie das ſtaubige, unheimliche Dunkel des ſchmutzigen, niedrigen Plutustempels ſich noch ver⸗ finſterte, wenn ſein elaſtiſcher Fuß die Schwelle überſchritt und mich eingeſperrt zurückließ. Dieſer Umſtand war ein Sinnbild von unſer Beider Lebenslauf. In der That, unſere Jugend ward in gar verſchiedenen Schulen zu⸗ gebracht. Die Jahre zogen langſam vorüber; mir höchſt lang⸗ ſam, höchſt trübe. Wenn wir ſpäter auf entſchwundene Jahre zurückblicken, ſo ſehen wir Alles, was hinter uns liegt, in der Vogelperſpektive; wir nehmen nur noch die Berge und Thürme wahr, diejenigen Dinge, welche deutlich aus der weiten öden Fläche aufſteigen. Und doch war jedes Jahr voll von Monaten, Wochen, Tagen, Stunden und Minuten, und wir durchlebten ſie alle, fühlten und dachten in allen, und ſie bildeten einen Theil des heiligen Myſteriums eines menſchlichen Lebens. Aber über dieſer ganzen Periode meines Lebens brütete eine dumpfe ſchwere Sorge; über allen meinen Stunden hing eine tiefe und bleierne Wolke. Kein Leben iſt ganz unglücklich. Jedem Leben iſt zuweilen ein Schimmer von Sonnenlicht gewährt; die Frage iſt nur immer, auf welcher Seite das Ueber⸗ gewicht bleibt; aber in meinem Fall gab es dieſer Son⸗ nenblicke nur wenige und flüchtige. Wie die Arbeiter in den Indigofaktoreien eine finſtere Gemüthsart bekommen, weil ſie unaufhörlich von der einen düſtern Farbe umgeben ſind, ſo nahm auch mein junges Leben in Folge meiner üblen Umgebung und meiner geiſtloſen Beſchäftigung einen Anſtrich von Schwermuth an, welcher mein ganzes Daſein färben wird. Wie kurz ſind alle Biographien, ſelbſt die ausführ⸗ lichſten! Wie ſummirt ein Paragraph ſo lange Jahre zu⸗ ſammen; ein Kapitel giebt im Auszuge ein Leben! Die vollſtändige Urkunde eines Lebens iſt in der That ein Ding — 61— der Unmöglichkeit. Das Logbuch einer Neiſe erſcheint für den ſo dürftig und karg, welcher die Fahrt mit erlebte. Der Knabe aus Eton wurde ein noch Nichtgraduirter in Cambridge; der Student reifte heran zum Kandidaten der Graduirung. Unter tauſend einzelnen Zügen und Er⸗ eigniſſen aus meines Freundes Jugendzeit, die mir auf jener nächtlichen Wanderung wieder einfielen, ſtellte mein Gedächtniß ihn mir wieder vor, wie ich ihn auf einem flüchtigen Beſuche in Cambridge in ſeinem Zimmer ſitzend und von einigen ſeiner auserwählten Gefährten umgeben ſah. Ich erinnerte mich ſeiner wild jugendlichen Anſichten, die er mit aller Hefqigkeit ſeiner heißen Natur ausſprach, ſeiner Deklamationen zur Vertheidigung des Republikanis⸗ mus, ſeiner Ausfälle gegen die Tyrannei und ſeiner eben ſo unbeſtimmten als feurigen Sehnſucht nach der Freiheit. Als er das Collegium verließ und in London eine eigene Wohnung bezog, blieben wir in beſtändigem Ver⸗ kehr und unſere Vertraulichkeit nahm immer zu. Ich fand mein höchſtes Vergnügen in ſeiner Geſellſchaft, meine ſchönſten Sonnenblicke von Glückſeligkeit verlebte ich mit ihm. Und doch war unſer Verhältniß, wenn ich es über⸗ dachte, ein ſonderbares. Es hatte Aehnlichkeit mit dem einer häßlichen älteren Schweſter, die nie auf einen Mann hoffen darf, ſondern unwiderruflich zum Altjungfernthum 62— verdammt iſt, zu einer jüngern Schweſter von blühender Schönheit, der jedes Vergnügen in Ausſicht ſteht und jede Hoffnung leuchtend ſtrahlt. Als ich die einſamen Straßen entlang wanderte, rief meine Phantaſie eine lange Reihe von Bildern hervor, zuerſt aus meines Freundes äußerm Leben und dann aus der innern Welt ſeiner Hoffnungen und Empfindungen, ſeiner Beſtrebungen und Enttäuſchungen. Die Nacht zuvor hatte ich Carlyle's„Essay on History“ geleſen. Er ſagt, ſchon unſere Geſpräche ſeien eigentlich hiſtoriſch; die meiſten Menſchen ſprächen, wie man leicht beobachten könne, nur um zu erzählen,„und,“ fügt er er⸗ läuternd hinzu,„die Majorität der Leute ſpricht weit mehr, um kundzugeben, was ſie erlebt oder geſehen, als um mit⸗ zutheilen, was ſie gedacht haben.“— Als ich ſo vorwärts ſchritt, nahm mein Gedankenſtrom durch das Umbiegen um eine Straßenecke plötzlich eine veränderte Richtung an; es fiel mir ein, wie ſehr Fritz und ich dieſe Theorie zu Schan⸗ den machten. Unſere Unterhaltung war meiſt Discuſſion. Die Erzählung nahm dabei nur einen verhältnißmäßig ge⸗ ringen Theil in Anſpruch. Wir liebten Einer des Andern Geſellſchaft ſo ſehr, daß es uns ein Vergnügen war, zu⸗ ſammen zu ſein, ſelbſt wenn wir ſchweigend ſaßen und dach⸗ ten oder träumten. Aber wir ſtanden auch Beide gänzlich — 63— vereinzelt von allen Familienbanden oder ſonſtigen näheren Bekanntſchaften. Keiner von uns hatte eine Heimath; Fritz lebte in einem eigenen Quartier, während ich eine Mieths⸗ ſtube bewohnte. Daher ſchon waren uns manche der ge⸗ wöhnlichen Unterhaltungsthemata über Bekannte oder Ver⸗ wandte abgeſchnitten, und wir liebten Beide über abſtrakte Theorien zu ſtreiten und unſere Anſichten über Menſchen und Dinge auszutauſchen. In der That, ich errieth oft genug den Inhalt von Fritz's perſönlichen Erzählungen im Voraus, und nicht ſelten pflegte er daher eine Mit⸗ theilung von dem, was er gethan oder nicht gethan hatte, abzubrechen mit einem„ach, es iſt nicht der Mühe werth, fortzufahren; ich brauche Dir's nicht erſt zu ſagen; ich ſehe, Du weißt ſchon, was ich ſagen wollte.“ Ich kannte ihn in der That ſo gut und ſo genau, daß es mir gewöhnlich leicht wurde, in ſeinem Herzen zu leſen, er aber konnte das meinige weniger leicht ergründen. Er. war lebhafter, durchſichtiger und unbefangener. Ich war zurückhaltender, und ſchon die Dunkelheit meines Lebens⸗ pfades machte mich ſchweigſam; denn wir ſprechen nicht gern viel über Sorgen und Kummer zu denen, welche heiterer und glücklicher ſind, als wir. Ich hatte das Leben von ſeiner mühevollen Seite und mit ſchmerzlichem Ernſt kennen gelernt. Auch hatte ich geliebt— einmal— und d 64 ſchon das machte mich unermeßlich älter, als er. Der Ocean iſt unter ſeiner Oberfläche bis in eine Tiefe bewegt, die im Verhältniß ſteht zur Höhe der Wogen, die der Sturm auftreibt. Die Oberfläche ſeines Lebens war ſonnig und heiter, und die Tiefe war meiſt ganz ruhig. Ich ſtellte ihn mir vor im Ballzimmer, unter ſtrahlen⸗ den Lichtern, bei füßer Muſik, und unter dem Licht und der Muſik der Schönheit, die heller und ſüßer war, als jene beiden. Er hatte gelegentlich verſucht, mich mit ſich in Geſellſchaft zu ſchleppen, für welche ich meinem eigenen Gefühl nach wenig Geſchmack oder Neigung beſaß. Ob⸗ wohl ich ernſt, ſchweigſam und beobachtend für die meiſte Zeit nur Zuſchauer blieb, ſo ſah ich doch auf ihn immer mit dem größten Intereſſe und mit einer Bewunderung, welche ich ſeinem Talent für heitere und fröhliche Scenen nicht verſagen konnte. Und oft genoß er ſich ſelbſt ſo ganz und war voll— ſtändig glücklich im Rauſch der Stunde. Ich ſtellte ihn mir vor beim Tanz mit der Sacchariſſa, oder Belinda oder Araminta des Abends; ich ſah ſeine Wange glühen, ſein Auge leuchten, und erinnerte mich, wie oft ich ihm aus meinem ſtillen Obſervationswinkel halb mit Lächeln, halb mit Betrübniß zugeſchaut hatte; wie er mich dann aufzuſuchen pflegte, nachdem er ſeine ſchöne Tänzerin ver⸗ laſſen hatte, um ſich entzückt über ihre Reize, ihren Witz, ihren Verſtand auszulaſſen; wie er endlich, wenn wir mit unſern Cigarren heimwärts gingen, noch immer für ſeine Schöne ſchwärmte, welche ich deutlicher erkannte in dem trüben ernſten Licht der Wahrheit. Und doch verhandelte ich ſolche Fragen ſtets nur ſcherz⸗ weiſe mit ihm. Ich war nicht immer ohne eine geheime Sorge ſeinetwegen. Seine Natur war in hohem Grade fähig, Eindrücke zu empfangen, wie zu hinterlaſſen. Zu— gend, Glück, Phantaſie, Alles trieb und drängte ihn, jener Liebe nachzujagen, die zugleich das Geſchenk und das Ge⸗ richt aller heißen und empfänglichen Naturen iſt. Er war mittheilſam und offen, aber auch ſtolz, empfindlich und voll Ehrgefühl. Ich fürchtete, daß er ſich unwiderruflich an irgend eine ſchöne Coquette feſſeln würde, die immer⸗ hin eine paſſende Tänzerin für einen Ball, aber eine ſehr unwürdige Gefährtin für ein Leben wie das ſeine abgeben möchte. Es iſt nicht in allen Fällen wahr, daß les deux font la paire. Seine Liebeständeleien waren in der That etwas zahlreich, und doch war er im Augenblick immer aufrichtig und liebte die, die ihm die nächſte war. Ich erinnere mich, daß man ihn, wie falſch!— der Unbeſtän⸗ digkeit anklagte, ihm Herzloſigkeit und Wandelbarkeit vor⸗ warf. Sein Empfinden für Schönheit und Anmuth, ſein Die drei Pfade. I. 5 — 66— Durſt nach Liebe, Alles vereinigte ſich, ihn zu Anfällen leidenſchaftlicher Wallung zu drängen, und ſeine hingebende, ſchwärmeriſche, freimüthige und vertrauensvolle Natur ver⸗ führte ihn, jedem hübſchen Mädchen die Eigenſchaften an⸗ zudichten, die er in ihr zu finden hoffte. So waren ſeine Liebeständeleien bisher nur eben ſo viel nutzloſe Ent⸗ deckungsverſuche geweſen, weil er des Urtheils und der Erfahrung entbehrte. Sein Herz war noch nie wirklich betheiligt geweſen, daher wechſelte er ſo oft; aber ſeine Veränderlichkeit entſprang nicht aus Veränderungsſucht. Seine Natur war eine wahrhaft würdige, der Liebe fähige und beſaß die Eigenſchaften der Beſtändigkeit und der ehren⸗ haften Treue. Das Leben könnte ihm, dachte ich, und nicht ihm allein, obwohl ihm beſonders, kein höheres oder ſchöneres Geſchenk darbringen, als eine Liebe, die zugleich ſein Herz, ſeinen Geiſt und ſeine Seele in Anſpruch nähme. Ich mußte hell auflachen, zur Verwunderung eines ſchläfrigen Conſtablers, der an einem Laternenpfahl lungerte und Tabak kaute, als mir beim Gehen einfiel, wie er bei ſeiner erſten ausgeſprochenen Liebſchaft ein Petſchaft hatte ſtechen laſſen mit einem ſaubern Sinnbild der Blume der Beſtändigkeit, umgeben von dem Motto:„Je ne change qu'en mourant,“ um damit ſeine Epiſteln an die Zauberin zu ſiegeln. Auch erinnere ich mich noch ſeines Erröthens und ſeiner Verwirrung, als ich ihn einſt aufmerkſam machte, daß er dieſes unveränderliche Gefühl nun ſchon bei ſeiner dritten oder vierten Briefſchreiberin in Anwendung bringe. Ihm ſelbſt war dieſer kleine Umſtand noch nicht aufgefallen, aber als ich ihn darauf hinwies, warf er das Petſchaft vor Aerger in's Feuer und den unglücklichen Brief hinterher. Die Zeit ſeines Liebesſchwindels ging indeſſen vorüber. Er vermied die„Vergnügungsmärkte,“ die fétes champétres und Picknicks; er ſprach den Bann über die Morgenbeſuche aus, und in den Ballſälen ward er ein Fremdling. Die Reaktion trat ein, die Bitterkeit der Enttäuſchung nagte an ſeinem Empfinden, und das Fieber, das einer Verwundung folgt, verzehrte ihn. Dennoch konnte er auch dieſe Krank⸗ heit noch glücklich überſtehen, ja es war möglich, daß ſeine Conſtitution nach derſelben noch kräftiger würde, als zuvor. Gott ſei Dank, er hatte ſich wenigſtens nirgends gefangen. Aber noch ehe er geneſen war, zeigte ſich ſchon wieder ein anderes Uebel, ich meine ſeine gefährliche Leidenſchaft für die Hetären. So ſehr ich es beklagte, ſo durfte ich mich als Menſchenkenner doch kaum darüber wundern. Kein Einſpruch hätte etwas vermocht, ſo lange er noch gänzlich unter der Reaktion ſeines erſten Irrthums ſtand. Ich konnte ihn nur beobachten und abwarten. Guter Rath reizte ihn, und Ermahnung befeſtigte ihn nur in ſeiner 5* 88s Lebensweiſe. Mit bitterer Logik und erfinderiſcher Caſuiſtik vertheidigte er ſein Verfahren, und ſein gequältes Herz lieh ſeinem thätigen Geiſt und ſeiner geläufigen Zunge ſcheinbar richtige Argumente. Ich habe zu bemerken vergeſſen, daß Fritz beredt war. Er beſaß die Art von Beredtſamkeit, welche im Verein mit dem Feuer gehobener Empfindung den großen Redner und Schauſpieler macht. Er ſprach vortrefflich und war ein hervorragendes Mitglied einer be⸗ deutenden disputirenden Geſellſchaft. Seine Macht der Beredtſamkeit war noch etwas Anderes und Beſſeres, als die bloße Gabe der Geläufigkeit, und zu ſeiner natürlichen Kraft kam bei ihm noch der Reiz einer Stimme, die an Schönheit des Tons, Fähigkeit des Ausdrucks und Modu⸗ lation kaum zu übertreffen war. Ich bewunderte ihn oft, wenn er in der Uebung ſeiner glücklichen Anlage begriffen war. Ach, wie gern würde ich ihn vor dem gefährlichen Pfad der niedern amours gewarnt haben, dem wahren Ge⸗ genſatz der echten Liebe; denn gefährlich waren dergleichen Verbindungen in noch beſonderem Grade für einen Cha⸗ rakter wie der ſeine. Und ich hatte außerdem, ich ſchäme mich, es zu ſagen, das bittere Recht der Erfahrung, ihn zu warnen; denn ich hatte mich leider eine Zeit lang eben⸗ falls auf dieſe Weiſe erniedrigt, vor der ich ihn jetzt ſo freudig errettet haben würde. In mir war dieſe Selbſt⸗ — 69— entweihung aus der Verzweiflung hervorgegangen; die Schwäche war bei mir die Folge der Muthloſigkeit; aber in ihm war die Urſache eine andere, und die Heilung daher ſchwerer. So war mein Heimweg in jener Nacht von Gedanken an Fritz begleitet. Als ich meine Wohnung erreicht und die letzte Pfeife vor dem Schlafengehen geſtopft hatte, ver⸗ ſuchte ich, mich von all' jenen Bildern abzuwenden und jene Erinnerungen zu vergeſſen, um ernſtlich an die Mittel zu denken, thätig und praktiſch zu helfen und zu heilen. Aber wie? wie? Mir fiel nur die eine Methode ein, und dieſe war, daß er einen würdigen Gegenſtand der Liebe finden müßte. Hier aber kam wieder das Wie? und noch beſtimmter als zuvor. Ich konnte indeß den Gegenſtand nicht weiter verfolgen, und verzweiflungsvoll überließ ich mich dem Schlummer— vielleicht dem Traum. Konnte nicht irgend eine Viſion mir beſſere Einſicht verſchaffen? Ach, ich fürchtete nein; denn ich mußte mit Göthe ſagen, daß„mir nie etwas im Schlafe kam.“ Zweiter Theil. — ASw— „— Denn mir ahnt ein Unheil; Ein Etwas, das noch in den Steruen ſchwebt, Wird von den Luſtbarkeiten dieſer Nacht Den furchtbar'n Lauf beginnen. 56 k Doch er, der mir zur Fahrt das Steuer lenkt, Richt' auch mein Segel!“ Shakeſpeare— Romeo und Julia. „Am meiſten teufliſch iſt der Teufel, wenn er ehrbar thut.“ E. B. Browning. Mr. John Caractacus Smythe de Smithe Smith war ein vollſtändiger Geſchäftsmann und außerdem noch ein Mann von der höchſten Reſpektabilität. Sein Urſprung war in daſſelbe feierliche Dunkel und Myſterium gehüllt, welches den des Nils umgiebt; aber die ſociale und com⸗ merciale Majeſtät des vollen, breiten Stroms ſeiner mitt⸗ leren Jahre war ſo zufriedenſtellend, daß die Menſchen ſich im Allgemeinen damit begnügten, ihn zu bewundern, und die Unterſuchung des Vergangnen gern der müßigen und fieberhaften Neugier überließen. Es gab allerdings Ge— rüchte, ohne Zweifel die Erzeugniſſe des böswilligen Neides und des giftigen Skandals, welche auf Perioden hinwieſen, wo er geantwortet haben ſoll, wenn einfach mit„Jack Smith“ angeredet, und wo ſeine Stellung in der Geſell⸗ ſchaft, eben ſo wie ſeine financiellen Umſtände, verglei⸗ chungsweiſe geſprochen, armſelig und unzulänglich genannt werden konnten. a Aber Mr. J. C. S. de S. Smith ſchien augenſchein⸗ lich nur geringes Vergnügen an den Freuden der Erinne⸗ rung zu finden; er hatte nicht nur die Leiter ſeines jungen Ehrgeizes gewaltſam umgeworfen, nein, er bemühte ſich auch mit der Vorſicht eines Diebes, jedes Merkmal der Mittel zu vertilgen, durch welche er zu ſeiner ſchwindelnden Höhe emporgeſtiegen war, und emſig jede Spur der be⸗ ſcheidnen Vergangenheit zu vergeſſen, auf welcher er die glänzende Gegenwart errichtet hatte. Alle, die ihn in ſeinen früheren und befcherdreren Tagen gekannt, hatte er ſorgfältig und ſcharf von ſich„abge⸗ ſchnitten;“ und da ſie meiſt Leute 3 dürftigen Umſtänden waren und ſich in niedern Sphären bewegten, ſo blieben ſie darauf beſchränkt, ihre Rückerinnerungen in den Hinter⸗ zimmern kleiner Wirthshäuſer und ſolcher abgeſchiedner Schlupfwinkel laut werden zu laſſen, von wo ihre gefühl⸗ vollen Anſpielungen, daß ſie„den alten Smith gekannt hätten, ſchon ehe er ſo ein prächtiger, hochmüthiger Hans Narr geworden,“ nicht in die heiterern Regionen empor⸗ ſtiegen, in denen ihr ehemaliger Dutzbruder ſich jetzt bewegte, ja, von wo ſie in der That nicht höher ſtiegen, als bis zur Decke des Schankzimmers, um da zugleich mit dem Rauch ihrer„Glimmſtengel“ zu verdunſten. Einſt hatte ein Fuhrmann, der Mr. Smith's Hand⸗ lungshaus in der Ausübung ſeiner Berufspflichten auf⸗ ſuchte, dieſen Gentleman angetroffen, gerade im Begriff, ſich gegen einen mißliebigen Schreiber auszutoben, und hatte unter Pantomimen freundſchaftlichen Wiedererkennens ernſt⸗ lich Miene gemacht, die alte Bekanntſchaft zu erneuen; ehe er indeſſen ſeine Wünſche noch in Worte faſſen konnte, ward er, auf Befehl des Oberhauptes der Firma in den Flur hinausgedrängt, ſein Geſchäft raſch abgemacht und ſein Durſt nach Freundſchaft mit Bier gelöſcht, wobei man ihm obenein die Andeutung gab,„ſich nicht wieder vom Herrn hier erwiſchen zu laſſen.“ Es können nicht alle Leichen, mit hinlänglich ſchweren Kugeln an den Füßen verſehen, in das tiefe Meer des Lebens verſenkt werden, und ſie pflegen daher gelegentlich wieder auf die Oberfläche emporzutauchen, gerade wenn ihre Gegenwart am wenigſten wünſchenswerth iſt. So er⸗ ſchien z. B. der Prinz Caraccioli zu höchſt ungelegner Zeit im Golf von Neapel, als Nelſon eine Vergnügungsfahrt in dem„Foudroyant“ unternahm; und ſo war auch Mr. Smith zu Zeiten Unannehmlichkeiten dieſer Art ausgeſetzt. Im Ganzen jedoch gelang es ihm ſehr wohl, ſeine Jugend zu beſtatten, und er tanzte mit behaglicher Fröhlichkeit auf ihrem Grabe;— er hatte ſie ermordet und ſuchte ihre kläglichen Reſte zu verbergen. Dies war um ſo leichter, , als ſolche Menſchen keine Jugend im eigentlichen Sinn haben, ſondern unſtät durch die Zwiſchenzeit hindurch⸗ ſchwanken, bis ſie endlich plötzlich zum völlig entwickelten männlichen Alter aufblühen. Aber ſelbſt dann ſind ſie nicht eigentlich Männer, ſondern bloße Geſchäftsleute, und junge Anthropologen müſſen gewarnt werden, ja nicht die verſchiedenen Gattungen zu verwechſeln. Mr. Smith war, auf's Nachdrücklichſte ſei es geſagt, ein Geſchäftsmann und nichts weiter, ausgenommen na⸗ türlich ein Mann von Reſpektabilität; denn dieſe beiden Charaktereigenthümlichkeiten ſind im Allgemeinen ſo unauf⸗ löslich miteinander verwachſen, wie die Siameſſſchen Zwillinge. Die beiden Phaſen ſeiner Exiſtenz wurden ab⸗ wechſelnd in ſeinem düſtern Geſchäftslokal in der City und in ſeinem ergötzlichen Wohnhauſe in Camberwell zu⸗ gebracht; zwiſchen dieſen beiden aber ward er, nicht immer zu ſeinem Vergnügen, in einem Sixpenny⸗Omnibus, oder ſpäter, als ſeine Reſpektabilität bekannter wurde, in einem Brougham hin und her transportirt. In der Politik war er ein„gemäßigter Humbug“, in der Religion ein Clapham⸗ Chriſt. In ſocialer Beziehung war er ein Rieſenexemplar von Lakaiennatur, und nie konnte er einen großen Mann ſehen, oder was er für einen ſolchen hielt, d. h. einen Mann von Reichthum und Rang, ohne den brennenden Wunſch zu fühlen, auf's Knie niederzufallen, vor ſeinem Idol zu kriechen und ſich zu wälzen, und ſodann noch einen glühenden Kuß auf ſeinen Fuß zu drücken. Wo der Handelsmann aufhörte, fing bei ihm der Snob an, und dieſe beiden Charaktere ſchmolzen ſo unmerklich, wenn auch nicht ganz ſo ſchön, ineinander, wie die Dämmerung in die einbrechende Nacht. Er verehrte den Reichthum; Armuth haßte und ver⸗ ſpottete er. Talente, ausgenommen dasjenige, Geld zu machen und in der Welt vorwärts zu kommen, verachtete er von Herzen. Vom Genie wußte er vielleicht noch weniger, als ein Buſchmann vom Weſen und von der Eigenthümlich⸗ keit des Platoniſchen„Logos,“ oder von der Differential⸗ Rechnung; er verſtand im Ganzen genommen weniger da⸗ von, als ein Cannibale von einer Controverſe über die Gnadenwahl. Wohl aber empfand er ein eigenthümliches inſtinktives Mißbehagen dagegen, ſo weit er ſich irgend eine Vorſtellung davon bilden konnte; auch verfehlte er nicht, ſeine Meinung darüber gegen die rechte Sorte von Menſchen auszuſprechen. Ueber den Werth der ſchönen Künſte drückte er ſich ſehr unbeſtimmt aus, vermuthlich in Folge des unklaren Begriffs, was mit dieſem Ausdruck wohl gemeint ſei, ſeitdem er bemerkte, daß das„Zeichnen“ auch das Zeichnen der Waarenballen umfaſſe, und daß„Malen“ eben ſo wohl auf die Wände des Hausflurs, als auf die Gegenſtände der italieniſchen Schule angewandt ward. Für die Skulp⸗ tur dagegen hegte er eine Art verſteckter Sympathie, da er, wie ich allen Grund zu vermuthen habe, auf's Treff⸗ lichſte die Bedeutung des„chisel“ im Geſchäft zu würdigen wußte;*) ſeine Achtung vor der Muſik dagegen bezog ſich nur auf die Geldſummen, welche eine„Lind“ oder ein „Lablache“ dadurch zuſammenzuſcharren pflegen. Selbſt ſeine Lobredner mußten zugeben, wenn man ſie in die Enge trieb, daß ſeine Anſichten über die Literatur von verhältnißmäßig geringer Bedeutung ſeien, Dank ſeiner äußerſten Unwiſſenheit über dieſen Gegenſtand. Von eng⸗ liſchen Autoren kann man in Wahrheit ſagen, war ihm nur Johnſon bekannt, mit deſſen„Dixonary“ er ſich auf einen beſuchsweiſen Umgang eingelaſſen hatte, nämlich bei ſolchen Gelegenheiten, wo er in Begleitung dieſes Werkes und des„Vollſtändigen Briefſtellers“ ſich in ſeine„Stu⸗ dirſtube“ zu Hauſe, oder in ſein Privatzimmer im Ge⸗ ſchäftslokal einſchloß, um einen Brief zu Stande zu bringen. Dagegen müſſen wir eingeſtehen, daß ſeine Kenntniß der Arithmetik eine ſo vollſtändige war, wie man ſie nur *) Unüberſetzbares Wortſpiel. Chisel heißt„der Meißel“ und zugleich„Betrügerei.“ — 79— wünſchen konnte, in der That zuweilen viel vollſtändiger, als es denjenigen lieb war, die ſeiner Wiſſenſchaft auf Schußweite nahe kamen. Seine Sprache gegen Schreiber, Untergebene oder arme Leute war einfach, kräftig, ſächſiſch; wenn er ſich in Aufregung befand, ſo ließ ſeine bilder⸗ reiche Kraft jede Art von Redeſchmuck zu, ausgenommen den Buchſtaben„H;“ in Geſellſchaft dagegen erregte ſeine Sprache zuerſt einige Heiterkeit unter den Unehrerbietigen, in Folge ſeiner gelegentlichen großthueriſchen Verſuche in fein gewählten Worten, ſeiner bombaſtiſchen Affektation und ſeiner allerliebſten„Derangements von Epitaphien.“ Seine Frau gab ſich die größte Mühe, ihn in dieſer Be⸗ ziehung präſentabel zu machen; auch waren ihre Anſtren⸗ gungen nicht ganz erfolglos, denn er erwarb ſich für's Erſte eine große Vorſicht, und für's Zweite eine verglei⸗ cungsweiſe Correctheit. Dadurch verloren ſeine„Tiſch⸗ geſpräche“ im ſpätern Leben allerdings viel von der herben Süßigkeit ſeiner frühern Unterhaltung, und einige wohl⸗ wollende Freunde erfuhren in Folge deſſen eine Art bos⸗ hafter Enttäuſchung. Er war grob, roh und polternd, wo er es ſein durfte, aber wedelnd, kriechend und unter⸗ würfig, wenn ſein Vortheil oder ſeine Snobnatur ihn dazu antrieben. Ein großes Mißfallen und eine heftige Furcht flößten ihm witzige Leute ein, alle Leute überhaupt, deren — 80— Bahnen ſich nicht in den concentriſchen Cirkeln der Ge⸗ meinplätze bewegten. In dieſer Beziehung folgt er übrigens, wenn auch unbewußt, den Ermahnungen der Wiſſenſchaft, da Lardner in ſeinem Artikel über die Eiſenbahnen uns vor der Gefahr warnt, uns von„excentriſchen Stoßpolſtern“ packen zu laſſen. Intelligenz fehlte ihm ganz und gar; dagegen beſaß er einen großen Schatz gemeiner Schlauheit. Weisheit hatte er nicht einen Funken aufzuweiſen; deſto weiter aber hatte er es in dem gebracht, was er als Geſchicklichkeit betrach⸗ tete. Wie jener Irländer ſich an dem Hauptanker feſtband, als das Schiff zu ſinken begann, ſo nahm ſeine Weltklug⸗ heit und Selbſtſucht mit den ſpätern Jahren zu. Von Ehrgefühl, Höflichkeit oder Delicateſſe wußte er ſo wenig, als ein Eingeborener Auſtralien's, ein Eskimo oder ein Unterthan des„Königs Boy“ von dem Streit über das„Homoousion“ und das„Homoiousion“ weiß. Er wühlte ſich ſeinen Weg durch's Leben gleichſam mit dem Rüſſel eines Ebers und prüfte dabei nichts durch die Berührung mit den zarten„antennae“ des feinen Ge⸗ fühls. Weiſer unter ſeinen Zeitgenoſſen als die Kinder des Lichts, hatte er nur zwei klar ausgeſprochene Lebens⸗ zwecke,— Reichthum und geſellſchaftliche Stellung, und dieſe beiden ſind vielleicht nicht ſchwer zu erreichen bei — 81— einer Natur, die keiner anderen oder höheren Beſtrebungen fähig iſt. Seine Manieren würden Sir Charles Grandi⸗ ſon das Herz gebrochen und die heitere aber ſpöttiſche Laune De Lauzun's aufgeſtachelt haben; ſeine„Führung“ glich der des Mr. Turveydrop in Dicken’s„Bleak Houſe“. Er hatte ſich mit einem dicken Panzer von„Wohlan⸗ ſtändigkeit“ umgeben, der ihm mit der geſchmeidigen Be⸗ quemlichkeit eines hollandiſchen Holzſchuhs ſaß und ihm ein ſo graziöſes und leichtes Anſehen verlieh, wie einem Taucher ſein Geſchäftskoſtäm. Sein Kirchenbeſuch war ſehr regelmäßig, in der That eben ſo wie ſein Erſcheinen an der Börſe; und überhaupt durfte ſein ganzer Lebenswandel äußerſt exemplariſch genannt werden. Sein Charakter genoß eines nicht geringeren Rufes als ſein Reichthum; er galt allgemein für höchſt reſpektabel. Er war mit einem Wort ein glänzender Beleg für den Ausſpruch eines unſerer alten engliſchen Theologen, ich glaube des Jeremias Taylor, wenn er ſagt,„daß Gott oft ſeine Verachtung des Reichthums durch die Hände offen⸗ bart, in welche er ihn fallen läßt“. Die Natur hatte ein ſehr paſſendes Futteral gewählt, um dieſen Edelſtein darin aufzubewahren; der Körper, den er bewohnte, war ſeiner beſonderen geiſtigen Eigenthümlichkeit wunderbar angemeſſen. Er ſtand etwa fünf Fuß neun Die drei Pfade. I. 6 — 8 Zoll hoch in ſeinen tuchbeſetzten Stiefeln oder meiſtens Schuhen und weißen Gamaſchen. Er trug unter ſeiner unreinen Phyſiognomie eine weiße Hemdenkrauſe, und er entlehnte ſeine Ideen über die Zeit von einer maſſiv gol⸗ denen Uhr, die ſich äußerlich durch ein großes Bund von Petſchaften ankündigte. Gewöhnlich erſchien er in einem blauen Rock mit Meſſingknöpfen, einer büffelfarbigen, blaugeſtreiften Weſte, und ſein Rumpf baſirte, wie Penſylvaniſcher Kredit, ge⸗ wöhnlich auf braunbehoſten Beinen.*) Sein Hut war weißlich braun, ſein„Würger“(Halsbinde)— Mancher wünſchte, daß es in der That einer geweſen wäre,— war von ähnlicher Farbe, aber mit vorherrſchendem Weiß. Gleich dem Baume, den Oliver in„Wie es Euch ge⸗ fällt“ erwähnt, war er auf dem Gipfel kahl, und das Haar, das er beſaß, war von der ſchmutzigen Farbe des Schot⸗ tiſchen Schnupftabaks, mit einem gelblichen Grau gemiſcht, ſo daß ſein Kopf, von hinten geſehen, wie das Hinter⸗ theil eines alten Dachshundes von der berühmten Muſtard⸗ race ausſah. Sein röthlicher Backenbart war bis zu den —Qꝗ—VVQ⏑—O—C—C—;y *) Anſpielung auf die Quäker in Philadelphia, die ſich wei⸗ gerten ihre Schulden zu bezahlen, und die ſtets hellbraune(drab) Hoſen tragen. Das Wort drab heißt„braun“ und zugleich„nie⸗ derträchtig.“ — 88— Backenknochen heraufgezogen und dann ſcharf darunter weg⸗ geſchnitten; überflüſſig iſt es wohl, hinzuzufügen, daß ein ſolcher Mann ſonſt wunderbar glatt raſirt war. Seine kleinen ſteingrauen, liſtigen Augen, in denen ſich jedoch, wie ſeltſam es auch in Anbetracht ſeiner Tendenzen und Beſtrebungen klingen mag, wenig Spekulationsgeiſt aus⸗ ſprach, guckten unter röthlichen Augenbrauen hervor, welche ihrerſeits unter einer gemein niedrigen Stirn hafteten. Seine Backenknochen waren ſtark, ſeine Naſe groß, aber dünn und gewichtig; ſeine Hautfarbe leichenhaft gelb, mit Sommerſproſſen beſäet, und ſeine dicke Unterlippe ragte aus ſeiner ſchwerfälligen, fleiſchigen Kinnlade hervor, als ob er ſich als„Ihr gehorſamer Diener“ in einem Brief unterzeichnete, der die Verweigerung einer kleinen peku⸗ niären Unterſtützung an einen armen Verwandten enthielt. Er war verheirathet; aber das beweiſt gar nichts, junger Anthropologe!— Du könnteſt eben ſo wohl ver⸗ ſuchen, Charakterverwandtſchaft zwiſchen zwei Menſchen zu beweiſen, weil Beide die„Times“ leſen. Er hatte das Wohlgedeihen ſeiner Perſon und Dynaſtie befeſtigt, und ſeine weltlichen Intereſſen materiell gefördert, indem er ſich mit einer gewiſſen Miß Lavinia Penelope Beeſtlie ver⸗ band,— ſehr alte Familie die Beeſtlie's,— welche zu der „Ariſtokratzie“ von Camberwell gehörte(die Familie rühmte 68 —— ſich in der That verſchiedener Wechſelheirathen mit Seiten⸗ linien der großen Ramsbottoms von Peckham), und deren Vater pflichtmäßig die Erwartungen erfüllt hatte, die man zärtlicher Weiſe ſchon bei ſeinen Lebzeiten von ihm hegte, in⸗ dem er bei ſeinem Tode einen guten Rechnungsabſchluß machte. Sie konnte ihren Stammbaum deutlich verfolgen bis hinauf zu ihrem Großvater, einem frommen und conſer⸗ vativen Wetterhahn, der ſeine theologiſchen Meinungen und politiſchen Grundſätze mit verſchlagenem Geiſt ſo praktiſch zur Löſung des großen Problems, wie man im Leben vorwärts kommt, zu verwerthen wußte, daß er den Grund zu einem bedeutenden Vermögen und einem weit verbreiteten Ruf in ſeiner Gemeinde legte. Er war der Ahnherr und eponymus des großen genos der Beeſtlie's von Camberwell, einer Unterabtheilung eines der mannigfaltigen phratrae eines weit über die Britiſchen Herrſchaften verzweigten Stammes. John Caractacus hatte in ſeiner Lavinia Penelope eine Gefährtin gefunden, die in jeder Weiſe den Anforderungen ſeines Geiſtes und den Bedürfniſſen ſeiner Stellung entſprach. Es war keine Heirath aus Leidenſchaft, Neigung oder Gefühl, keine Verbindung, die durch irgend eine der Empfindungen oder Beweggründe angeregt worden, welche im göttlichen Sinn die menſchlichen Weſen veranlaſſen ſollen, zwei — 85— Leiber und zwei Seelen bis zum Tode in Eins zu ver⸗ ſchmelzen; und da ſie von dergleichen ſchwülſtigem und albernem Unſinn frei war, ſo hielt ſie ſich gut und brachte es zu befriedigenden Reſultaten. Die contrahirenden Parteien waren keine jungen, leicht⸗ fertigen, gedankenloſen Dinger, ſondern hatten die Jahre des reifſten Verſtandes erreicht, und die Zeit des Lebens lag hinter ihnen, in welche ihre Jugend hätte fallen müſſen. Es war, die Wahrheit zu geſtehen, eine Rechnung im bei⸗ derſeitigen Intereſſe; der Gentleman ſah den augenſchein⸗ lichſten Vortheil für ſich im Abſchluß dieſes Geſchäfts, und die Lady, deren anderweitige Ausſichten, in den Ehe⸗ ſtand zu treten, etwas zweifelhaft waren, ſah, daß ſie nichts Beſſeres thun konnte, als den Handel abzumachen. Es iſt ſchon angedeutet worden, daß er ſeiner Frau das vollſtändige Ganze ſeines Namens verdankte, der auf der einen Seite mit„John“, auf der andern mit„Smith“ eingefaßt war. Dieſe Egeria war es auch, welche ihrem Numa zuerſt erklärte, daß das Wort„chaise“ ein Sin⸗ gular iſt, in Anbetracht des Umſtandes, daß es nicht nothwendig„zwei chays“ in ſich begreift*). Dieſe Par⸗ *) Hinſichtlich einer gelehrten und genauen Unterſuchung dieſer ſchwierigen grammatiſchen Frage verweiſe ich meine Leſer auf „die Tuggſes zu Ramsgate“. — e— thenia unternahm es, die kohlenſtoffliche Rauhheit ihres Ingomar in einen ſocialen Diamanten abzuſchleifen; ſie bildete ſeine noch unentweiht reizenden Manieren und entwickelte ſeinen ſocialen Ehrgeiz; ſie regierte mit auserleſen feinem Anſtand ſeine häusliche ménage und gründete auf den Ruinen ſeines alt⸗klaſſiſchen Stils die üppige Renaiſſance ſeines reiferen Glanzes. Leider habe ich ſie nicht in ihrer Jugend gekannt; ich ſah ſie erſt als volle Frucht in der herbſtlichen Schönheit ihrer ma⸗ tronenhaften Vollendung. Von Perſon war ſie groß, ſehnig und mager, und das blaue Blut ihres ruhmwürdigen Geſchlechts wallte in ihrer umfangreichen Naſe, die von Römiſcher oder„Punch⸗ähnlicher“ Form war und an Farbe einem Indigoſack glich. Ihr Haar war rothbraun oder braunroth und ziemlich verblichen und ſtaubig, wie das auf einem alten, ſchlecht gereinigten Gemälde. Hoch an ihren Schläfen trug ſie drei Büſchel üppiger Lockenklümpchen, dem Handelsartikel ähnlich, den man in Schlächterläden unter dem Namen„kleiner deutſcher Würſtchen“ ausgeſtellt findet, und welche— ich meine die Locken und nicht die kleinen Teutonen— nur aus dem Grunde von Horaz unbeſungen geblieben ſind, weil dieſer Poet allzufrüh ſtarb, ehe er noch die Glückſeligkeit genießen konnte, ihre zarten Ranken um ſein Herz zu winden. — 87 Sie war ſonſt heftig, um nicht zu ſagen roh von Ge⸗ müth geweſen, aber zu dieſer früheren Kraftäußerung ge⸗ ſellte ſich in ſpäteren Jahren noch eine Art gelegentlicher geiſtiger Gedunſenheit; das ſcharfe, ſaure Bier war etwas ſchaal und abgeſtanden geworden, und man bemerkte zu Zeiten eine gewiſſe ſchlaffe Selbſtſucht und weinerliche Ver⸗ drießlichkeit an ihr, welche, obwohl ſie den Oberflächlichen zurückſtieß, doch für den beobachtenden Anthropologen nicht ohne Intereſſe war. Sie war eine ganz beſonders fromme Dame und dankte unaufhörlich Gott, daß ſie nicht war gleich den Phariſäern. Was für Mr. Smith die„Re⸗ ſpektabilität“, war für Mrs. Ditto die„feine Lebensart“, und zu der Zeit, wo ich zuerſt mit ihr bekannt wurde, begann der Same einer großen moraliſchen Revolution in ihrer zarten Bruſt zu keimen. Zwei große Ideen beunruhigten ſie; zwei heftige Wünſche drängten ſie. Die engliſche Matrone verlangte erſtlich nach einer etwas ariſtokratiſchern Lokalität für ihren zeit⸗ lichen Aufenthalt, und„Smith, mein Leben“, hatte den Auftrag erhalten, die mit geheimer Anziehungskraft wirkende Nachbarſchaft der Upper Baker Street, Ruſſel Square ec., zu recognoſciren. Ihre„ſpirituelle Natur“ ſehnte ſich obenein, wie es bei Vielen ihrer Art der Fall iſt, nach einer eleganteren und modiſch ſtatiöſeren Glaubensform, — 88— und ſie dachte ernſtlich an eine Ueberſiedelung ihres Bekennt⸗ niſſes von Clapham nach Knightsbridge. Ich ſah dieſe große Revolution in's Leben treten, ohne Blutvergießen allerdings, aber nicht ohne Galle. Die an⸗ dächtigen Gefühle in Camberwell wurden durch das ent⸗ ſetzliche Schisma geſtört; die ſociale Bewegung ward auf's Tiefſte erregt durch dieſen majeſtätiſchen„Auszug“. Der Vortheil der Veränderung wurde Mr. Smith's Verſtänd⸗ niß ſtufenweiſe klar gemacht, und er ſtimmte in ihre Pläne ein und nahm ihre Staatsweisheit an, ſo wie es dem Gemahl einer ſolchen Frau zukam. Wir leſen in den Anekdoten über Elliſton, daß dieſer tolle Narr einſt unter der Bühne wartete, als John Cooper durch die Fallthür hinaufgewunden ward, um den Geiſt im Hamlet zu ſpielen. Kaum waren der begrabenen Ma⸗ jeſtät von Dänemark Kopf und Schultern vor dem ver⸗ ſammelten Publikum erſchienen, als Jener des unglücklichen Schauſpielers unterirdiſche Waden mit einer ſo energiſchen Grauſamkeit zu kneifen begann, daß der Theil ſeiner thea⸗ traliſchen Darſtellung, der dem Hauſe ſichtbar war, bald alle übernatürlichen und unirdiſchen Eigenſchaften verlor. Und die Smythe de Smithe Smiths(wie liebe ich den Wohllaut des ganzen Namens), nachdem es ihnen bei ihrer weſtlichen Auswanderung gelungen war, ihre Köpfe und — 89— Schultern durch das Fallthor zu zwängen, welches ſie von der feinen Welt trennte, konnten trotz aller Anſtrengungen nicht weiter kommen, ſondern blieben auf's Peinlichſte in der Klemme ſtecken, während ihre Waden kräftig durch die naeediſchen Elliſtons der unterirdiſchen Welt von Camber⸗ well gekniffen wurden, die ſie tief unter ſich zu laſſen ge⸗ hofft hatten. Sie thaten, als ob ſie die Beleidigung verachteten, und verſuchten, ihrer neuen Zuhörerſchaft ein gefaßtes Antlitz zu zeigen; aber das nervöſe Zucken ihrer Geſichter erzählte die Geſchichte ihrer Leiden, Leiden, die, wie ich fürchte, Niemand bemitleidete. Sie konnten ihre Peiniger nicht abſchütteln; wohl aber ward das Stillſchweigen mancher erkauft, oder man ſuchte ihnen heilige Ehrfurcht einzuflößen, indem ſie zum vertraulichen Umgang in der neuen Wohnung zugelaſſen wurden. Dennoch waren die ausgeſchloſſenen Snobs zahlreich und rachſüchtig genug und verſäumten keine Gelegenheit, einen wonnigen Hieb auf die zarten Waden derer zu ver⸗ üben, die ſie früher ſo aufrichtig geliebt und hoch reſpektirt hatten. Woraus der Anthropologe ſchließt, daß die Race der Snobs nicht ganz frei iſt von Neid und Bosheit. Das Paar war im höchſten Grade vulgär, mit jener ſchlimmſten Art der Vulgarität, mit der beſtändigen Furcht, — 99— vulgär zu ſein. Sie wagten nicht, ſich von ihrem eigenen Gutachten in irgend einer geſellſchaftlichen Angelegenheit leiten zu laſſen, ſondern hatten ewig daran zu denken, wie Mrs. Bludyer Jones unter ähnlichen Umſtänden handeln würde, oder zu befürchten, was Mrs. Swellington White von dem, was ſie gethan hatten, denken oder ſagen würde. Wenn ich in ein fremdes Haus komme, ſo habe ich die Gewohnheit, meine Vermuthungen über den Charakter der Bewohner durch eine Inſpektion ihrer Bücher zu un⸗ terſtützen. So ſtrafbar dies Verfahren auch iſt, wenn man es auf Perſonen von großer Reſpektabilität anwendet,— bei denen die Literatur natürlich ein ſchwacher Punkt iſt,— ſo unterwarf ich bei meinem erſten Beſuch des Mr. und der Mrs. J. C. Smythe de Smithe Smith dennoch ihre mehr gewählte als zahlreiche Bibliothek der genauen Prüfung eines forſchbegierigen Anthropologen. Ich übergehe jene ſymmetriſch auf einem Paradetiſch geordneten Schaubände, die mit ihren prangenden Einbänden in ſolchen Häuſern bloß als Schmuckgeräth vorhanden ſind und zwiſchen denen und einem„Buch“ oft ganz derſelbe Un⸗ terſchied ſtattfindet, wie zwiſchen einem Buſchmann und Shakspeare; ich ſchweife ab nach jenen Seitentiſchen und Bücherſtändern, auf denen ſich die Werke befinden, welche das wirkliche geiſtige pabulum der Familie ausmachen. — 91 Das hervorragendſte Werk war natürlich ein Peers⸗ Verzeichniß, die neueſte Auflage, und allen Familienmitglie⸗ dern heilig. Nicht weit davon lag das wohlbenutzte John⸗ ſon'ſche Wörterbuch und ein abgegriffenes, obwohl ſeit lange uneröffnet gebliebenes Exemplar der„Vollſtändigen Men⸗ ſchenpflichten“— bei welchem letztern das Ende ausgeriſſen war. Dieſe beiden Werke ſchienen das Eigenthum des Hausherrn zu ſein. Demnächſt folgten„Winke über Eti⸗ kette“ und ein paar ſchofle Novellen dritten Ranges aus der Schule der„ſilbernen Gabel“, die aus einer Leihbiblio⸗ thek entnommen waren; ferner eines jener Werke, welche ihre Anſprüche auf Gunſt auf den Verſuch ſtützen, dem Uneingeweihten einen Blick durch das Schlüſſelloch in die elegante Welt zu geſtatten; es war ein Werk von einem Snob⸗Autor für Snob⸗Leſer beſtimmt. Sodann lagen einige Traktätchen und eine oder zwei Predigten von dem ehrwürdigen Windy Howler von Clapham da, und kurz ehe die Familie von Camberwell auswanderte, bemerkte ich die„Gedanken über eine Altardecke“ von dem ehrwürdigen Eunuchus Ignatius Mildhead*) von Knights⸗ bridge. Die Damen Chapone und Hannah More waren *) Verfaſſer jenes reizenden kleinen hochkirchlichen Gedichtes: „Lobgeſang von einem wunderbarlichen Bildniß der heiligen Jungfrawe.“ — 92— gleichfalls vertreten; das Exemplar der Werke der letztern war augenſcheinlich ein Schulpreis, und ich glaubte die Dame vom Hauſe in der Wahl dieſer Schriftſtellerinnen zu erkennen. Eine Probe für den Geſchmack der jungen Damen fand ſich wahrſcheinlich im„Geheul der Herznerven“ von Cora Anaſtaſia Bludgeon;„die Miſſion der Frauen mit Bezug auf die chriſtliche Dispenſation und die Gebräuche der po⸗ litiſchen Geſellſchaft“, von Mrs. Fairy Badger;„Almacks, eine Novelle“, herausgegeben von Lady Crinolina Tyburnia; „Schönheiten aus der Ariſtokratie“,„Keepſake“ ꝛc. Ohne weitere Aufzählung wird dieſer kleine catalogue raisonné genügen, dem intelligenten Leſer eine leidlich klare Idee von dem literariſchen Geſchmack und Bedürfniß dieſer höchſt eleganten und reſpektablen Familie zu geben. Das würdige Paar hatte einen reichen Kinderſegen. Sie ſetzten eine jährliche Ceremonie feſt, um 1 zur Be⸗ völkerungsliſte zu addiren, und dieſe Form war ſieben oder acht Jahre hintereinander mit eben ſo viel Regelmäßig⸗ keit beobachtet worden, als der Umſchwung der Erde um die Sonne, oder als die Einbringung der Motion des Mr. Grote zu Gunſten des Votums durch das Ballote⸗ ment. Ihr ärztlicher Beiſtand ſchätzte die item in ſeinem jährlichen Einkommen, und der Regiſtrator des Kirchſpiels ſah der Begebenheit mit fieberhafter Erwartung entgegen. — 935— Ihre reizende Familie— lauter Töchter, o Entzücken für die Junggeſellen unter meinen Leſern!— folgte aufein⸗ ander mit der ſymmetriſchen Regelmäßigkeit der Röhren an einer Panspfeife, und ſieben von den acht wuchſen auf an Leib und Seele, ganz ſo wie ihre Eltern es wünſchen konnten. Aber eine— ich denke, es war Nr. 5— oder war es Nr. 62— ich weiß es nicht genau, doch es thut nichts zur Sache, bildete einen ausnahmsweiſen Fall. Ausrufungen der Verwunderung und Ueberraſchung über die Seltſamkeit ſcheinbar unpaſſender Heirathen zwiſchen Perſonen verſchiedenen Alters und verſchiedener Stellung, von ungleichem Gemüth, Geſchmack und Streben, von Na⸗ turen, welche einander ſchnurſtracks entgegenſtehen, ſind ge⸗ wöhnlich genug in der Welt. Aber dies iſt ein weltbe⸗ kanntes, alltägliches Geheimniß, das ſich in der Regel durch äußern Vortheil, gute Gelegenheit, Sinnlichkeit, Ueber⸗ ſpanntheit oder durch ſonſtige bloß äußerliche Urſachen er⸗ klären läßt. Das größte Geheimniß iſt das der Kinder. Woher ſtammen ſie, dieſe Geiſt⸗Abkömmlinge aus an⸗ dern Sphären, deren ewiger Kreis in der menſchlichen Ge⸗ burt von dem Bogen der Zeit durchſchnitten wird— in wie weit ſind ſie große abſtrakte Geiſter, die nur durch das unbewußte Medium gewöhnlicher ſterblicher Eltern in das Leben treten, oder in wie weit ſind ſie, geiſtig ſowohl als phyſiſch betrachtet, die natürlichen Sprößlinge ihrer Eltern? Stets noch „Iſt mir's ein feierlicher Augenblick, Zu ſchauen auf ein ſchlafend Kind.“ Dachten der arme Bergmann aus Eisleben und ſeine Frau daran, als ſie ſich über die plumpe Wiege in der niedrigen ſchlichten Hütte beugten, daß nicht für ſie allein, ſondern für die ganze Gotteserde der Mann geboren war, den die Menſchen Martin Luther nennen? Glaubten die Alighieri, als ſie mit ſtolzer Freude auf den in Florenz geborenen Sohn blickten, den ſie Durante oder Durando tauften, daß dies bewußtloſe, ruhig ſchlummernde Kind beſtimmt war, der Mann zu werden, dem es ſchon in den Grenzen der Sterblichkeit vergönnt ſein ſollte, daß ihn „— aus der Hölle tiefſten Gründen, Durch alle Paradieſe, glänzend, hehr, Die Liebe führte, um der Welt zu künden Die Worte bitt'rer Pein, die Wundermähr, Wie Alles umgeformt, nur nicht die Liebe:—“ der Mann, der Poet, dem es gewährt ſein ſollte, jene göttliche Komödie oder Viſion zu ſchauen, und deſſen Lippen wie mit Feuer berührt waren, um aller Welt das übermenſchliche Gedicht zu verkünden und ihnen für immer als Dante bekannt zu ſein?— Und ſie, das — 95— andere Paar, der Magiſter, Alderman, Landeigenthümer und Wollhändler in Stratford am Avon, und ſeine Frau, eine gewiſſe Mary Arden, vermutheten ſie in ihrer Freude über die Geburt eines Menſchen in der Welt, welch' ein Geiſt mit der ſterblichen Hülle bekleidet, und ihnen zur Erziehung zum Leben anvertraut worden; ahnten ſie wohl, als ſie ſich über ihren Sproß beugten, daß dieſes Kind zum Größten heranreifen werde, das die Welt noch je geſehen hat, zum Manne, der ſeitab und allein in der erhabenen Ein⸗ ſamkeit ſeines Genius daſteht, für deſſen Namen William Shakspeare die Erde nur ein Echo und alle Zeit nur ein Monument iſt? Große Wahrheiten gleichen jenem Genius, von dem wir in„Tauſend und Einer Nacht“ leſen, deſſen Schatten ſo weit und groß war, daß er ſich über Luft und Meer ausdehnte, und der doch in das kleine Gefäß eingeſchloſſen werden konnte, welches der arme Fiſcher in ſeinem Netz gefangen. Und die geheimnißvolle Wahrheit, für die ich ſo berühmte Beiſpiele anzuführen ſuchte, mag eine weitere Beſtätigung in dem Kinde Nr. 5(oder 6) des reſpektabeln Edwin und ſeiner Angelina von Camberwell finden. Mrs. Smythe de Smithe Smith's Erziehung war in einem aller⸗ liebſten Seminar zu Hammerſmith vollendet worden, wel⸗ ches ſich rühmen konnte, die Tochter eines wirklichen Ba⸗ee ronets unter ſeine Schülerinnen zu zählen und wo die feinſte Tournüre mit jeder andern modernen Kunſtfertigkeit gelehrt ward. Die ſchönen jungen Geſchöpfe, deren zarte Hände beſtimmt waren, die Herzen der heranwachſenden männlichen Generation zu regieren, wurden gefliſſentlich zu eifriger Frivolität erzogen und ſorgfältig zum con⸗ ventionellen Snobthum herangebildet. Unter den jungen Mitſchülerinnen der Lavinia Penelope Beeſtlie befand ſich auch eine Miß Helene Weſton, eine junge Dame von ausgezeichneter perſönlicher Schönheit, von ſanftem und zartem Gemüth und aus einer entſchieden guten Familie aus der Provinz. Die beiden Mädchen waren von ſo verſchiedener Natur, daß keine„Wahlverwandt⸗ ſchaft“ zwiſchen ihnen vorhanden war, noch ſein konnte, keine Helena⸗ und Hermia⸗Gefühle, ſolche nämlich, wie ſie zwiſchen dieſen jungen Damen in den unſchuldigen Tagen, ehe ſie Liebhaber hatten, exiſtirten. Aber die ſcharfſinnige und weitblickende Beeſtlie begriff den überlegenen ſocialen Status ihrer theuerſten Helena vollſtändig und verſuchte emſig, eine Freundſchaft zu befeſtigen, die, wie die junge Schwärmerin calculirte, im ſpätern Leben ſehr angenehm werden konnte. So brachte dieſe außerordentliche Frau ſchon früh und mit ganzem Eifer ihre kleinen Votivgaben der — 97— Ergebenheit, und ſchmückte damit den Altar ihres Idols der„feinen Sitte.“ Die Erziehung junger Damen unterſcheidet ſich indeſſen in ſo fern von der des Raſſelas, als ſie ihr Ende er⸗ reicht, und es kam ein Tag, wo die betreffenden Eltern Helene's und Lavinia's ihre Töchter für hinlänglich ent⸗ wickelt erachteten, um in die Arena des weiblichen Ehrgeizes zugelaſſen zu werden. Die Schulfreundinnen trennten ſich und begegneten einander Jahre lang nicht wieder. Miß Weſton, die ſchöne, ſanfte und gute, war noch immer Miß Weſton. Als verwaiſtes Fräulein hatte ſie ein bedeutendes Vermögen geerbt und lebte auf einem eigenen kleinen, reizenden Grundſtück in einer der ſchönſten mittlern Grafſchaften. Ihre Freundin jedoch, die weder ſchön, noch ſanft, noch gut war, hatte nichtsdeſtoweniger, wie wir geſehen haben, eine höchſt reſpektable Parthie ge⸗ macht und lebte in einem Zuſtand fleckenlos feiner Sitte und reicher Mutterfreuden. Gerade während der Zeit, da ſie ihren fünften oder ſechsten Segen erwartete, hörte ſie, daß ihre ehemalige Schulfreundin in der Stadt ſei, und augenblicklich ergriff ſie ihre Maßregeln, die frühere Be⸗ kanntſchaft zu erneuen. Miß Weſton kam. Ihr weiches Frauenherz, in dem alle mütterlichen Inſtinkte unbefriedigt geblieben waren, nahm den wärmſten Antheil an ihrer Die drei Pfade. I. 7 — 98— Freundin Hoffnung, und war gern bereit, eine Pathenſtelle bei dem künftigen Weſen zu übernehmen. Auf ihren be⸗ ſondern Wunſch erhielt das kleine Mädchen den Namen „Lily;“ ein Name, der einer in früher Jugend verſtor⸗ benen Lieblingsſchweſter angehört hatte. Mit ganzer Zuneigung umſchlang die ſanfte Dame das kleine Kind, und als ſie nach einiger Zeit furchtſam den Vorſchlag that, es zu adoptiren, ward das Aner⸗ bieten, da es aus einer ſolchen Sphäre kam, freudig von den Eltern angenommen. Es muß, denk ich, etwas Muth dazu gehören, ein Kind Lily zu nennen, da es geradezu unmöglich iſt, mit Gewißheit vorherzuſagen, ob es nicht als ein thatſächlicher Gegenſatz zu ſeinem Namen heran⸗ wachſen werde. Aber in dem vorliegenden Fall ſchlug der Verſuch ſiegreich aus. Lily rechtfertigte in edelſter Weiſe die Wahl ihres Namens. Ihre Schönheit, als ſie zur erſten Jugend aufblühte, war eine ſeltne, außerordentliche. Es war eine feenhaft zarte und ſonnige Schönheit, ein wahrer Index zu der Schönheit der holden Seele, die dieſen herrlichen Tempel bewohnte. Ihr ſeidenes Lockenhaar war vom hellſten und goldenſten Kaſtanienbraun, ihr Auge vom dunkelſten, ſanfteſten und doch ſtrahlendſten Blau. Engliſche Frauen ſind die einzigen, die eine wirklich ſchöne Hautfarbe beſitzen, und Lily's Teint hätte als ein 99— vollkommenes Beiſpiel für dieſen beſondern Reiz des Lan⸗ des der Roſe gewählt werden können. Sie hatte genau die Größe der Medicäiſchen Venus, und ihre ſchlanke, ob⸗ wohl vollkommen abgerundete, nymphenhafte Geſtalt, würde eines griechiſchen Künſtlers Sinn für Symmetrie der For⸗ men genügt haben; auch hatte ſie die Hand einer Lady und den Fuß einer Fee. Dennoch lag ihre höchſte Schön⸗ heit im Ausdruck, in dem ewig wechſelnden, und immer reizenden Ausdruck. Sie erhob den Typus einer Schön⸗ heit, die bei innerlich leeren Frauen etwas Puppenhaftes behalten haben würde, zu einem Ideal von Grazie und Zauber. In ihrer glücklichen, glücklichen Jugend, in jener goldenen Zeit, da der Sonnenglanz ihrer Gegenwart zuerſt meinen von Schatten umdüſterten Pfad beleuchtete, erſchien ſie mir „—— ein Blumengeiſt, So froh und friſch, als ob der Frühling ſelbſt Lebendig ſich in ihr verkörpert hätt'.“ Eine kindliche Fröhlichkeit umſchwebte noch all' ihr Reden und Thun. Die Sanftmuth eines ſonnenhellen Gemüthes und die holde Heiterkeit eines jungen und glück⸗ lichen Herzens erleuchtete und verklärte ihre gewinnende Liebenswürdigkeit, und ihr unſchuldig reiner Scherz ließ, wie die flimmernde Oberfläche der ſonnig rieſelnden See 7* — 100— halb die Tiefen vergeſſen, die darunter verborgen waren. Ach, ſie kannte bis jetzt „—— die Dinge all nach ihren Blüthen Doch nicht nach ihren Wurzeln— Und dann war ihre Natur ſo innig und vertrauens⸗ voll; ihr Verſtändniß ſo klar und raſch; ihre Geſinnung ſo tren und redlich und furchtlos; ihr Empfinden ſo rein und tief; ihre Beſcheidenheit ſo einfach und vollkommen; ihre unbewußte Güte und ihr inſtinktives Zartgefühl ſo würdige Gaben der Natur; ihr heitres Hin⸗ und Her⸗ flattern zwiſchen Kind und Weib ſo rührend und bezau⸗ bernd; ihre ungekünſtelte, ſinnige Offenheit und muntere Fröhlichkeit ſo anmuthig und gewinnend; ihre Herzlichkeit, ihr edles Selbſtvergeſſen und ihre Uneigennützigkeit ſo friſch und groß, daß— o Lily, Lily!— Du wußteſt nicht, welche Träume von Dingen, die da hätten ſein können, und doch nie ſein ſollten, in jenem Herzen ſproßten, das Dir ſo kalt und lieblos erſchien, weil ein tiefes Schweigen es überkam bei dem Zauber Deiner lieben, lieben Gegenwart, und bei dem nie weichenden Gedanken an die ſtrenge Pflicht des armen hoffnungsloſen Mannes! Denn aus jenem ſtrahlenden Geiſt fiel ein Funken der Liebe auf mein einſames Herz, und flammte für einen Augenblick hell em⸗ por, um dann ausgetreten zu werden von der eiſer⸗ — 101— nen Ferſe des Arbeiters auf London's kaltem Stein⸗ pflaſter. Jahre ſind ſeitdem vergangen; auch dachte ich nie daran, daß mein Geheimniß ſich je verkörpern oder in Worte kleiden würde. Aber in dieſem ſeltſamen Bekenntniß des„Scriptorium's“, in dieſer Stunde, die jener Stunde des Kampfes ſo fern liegt; wo ich allein ſitze mit meinen Erinnerungen und Träumen, während durch die feierliche Stille der Nacht die fernen Stimmen des Ehemals herüber⸗ zittern, und die Gefühle der lang' begrabenen Vergangen⸗ heit wieder anfachen— fordert Dein Bild, ſo friſch und ſchön und lebendig wie es mir zuerſt erſchien, dies Ge— ſtändniß und den Ausdruck der Worte. Wie der Jäger, wenn er den Prärieenbrand in Flammen⸗ wogen heranwehen ſieht, das Gras und Geſträuch rings um ſich her anzündet, damit die raſch vordringende Feuers⸗ brunſt wo er ſteht keine Nahrung mehr finde, ſo warf ich mich mit allem Eifer auf mein Geſchäft und auf's Stu⸗ dium, damit jene Liebe allen brennbaren Stoff in mir ſchon durch ein andres Feuer verzehrt finden möchte. Göthe wandte dieſelbe Panacee gegen ſeinen Kummer an. Als ſein geliebter Sohn ſtarb, warf er ſich mit allen Kräften auf das Studium einer neuen Wiſſenſchaft, damit der be⸗ ſchäftigte Verſtand das übervolle Herz erleichtere. — 102— Und doch iſt er eine harte und bittre Aufgabe, dieſer Kindermord an einer kaum gebornen Liebe. Das habe ich erfahren. Denn zu der Zeit, von der ich ſchreibe, war ich noch jung, und der mächtige Durſt des Herzens, das große Verlangen des ganzen Weſens nach Liebe, ließ mich ſchwach, ach, ſo ſchwach jenen Eindrücken gegenüber. Ja, in dieſem Alter wird die Erziehung zur Selbſtver⸗ leugnung und zum Selbſtopfer nur halb vollendet, und wir lernen es nicht vollſtändig, ohne Qual zu entſagen. Wie in jener Dämmerſtunde in der Laube die voll⸗ entwickelte Seele Teufelsdröckh's in Flammen aufging vor dem Bild Bluminen's, und in ihrer vom Himmel ent⸗ ſtammten Kraft die Macht fühlte, zu einer Höhe empor⸗ zufliegen, von wo ſie alles„conventionelle Herkommen zu Aſche einſchrumpfen ſah,“ ſo erbeben wir, ehe unſere Jugend gelernt hat, das Joch der ſocialen Lüge geduldig zu ertragen, in dem Gefühl unſerer Mannheit; wir fühlen uns auf gleicher Höhe mit der Frau, deren Herz wir zu gewinnen trachten, weil das unſere ſeinen Werth zu ver⸗ ſtehen und ſeine Schönheit wiederzuſpiegeln vermag. Ich glaubte mich ſicher nur in der Flucht; und in der Ferne verſuchte ich heftig aber entſchloſſen, den Funken der Liebe für Lily zu erſticken, der ſonſt vielleicht zur unüber⸗ windlichen Flamme aufgelodert ſein würde. — 103— In dem Strom des harten täglichen Lebens und Ge⸗ ſchäfts, bemerkt Niemand die düſtere Stirn eines Mitar⸗ beiters, oder giebt Acht auf ſeinen freudloſen Schritt; Niemand, der das Eis auf der Oberfläche betrachtet, ahnt, daß der lebendige Fluß des Gefühls da unten raſch ſtrömt. Ich bezwang meine Leidenſchaft und bewahrte mein Ge⸗ heimniß. Und welch' ein Wunder der Natur war dieſe ſchöne Lily! Wie ko ſie nur die Tochter des Mr. und der Mrs. Smythe de Smithe Smith ſein? Ich hielt ſie immer für irgend ein feenhaftes Wechſelkind, welches Puck, im Mißverſtändniß eines Befehles Oberon's, in die falſche Wiege gelegt. Und dann, dieſe beſondre Sorgfalt der Vorſehung, ſie ſchon in früher Kindheit aus der geſetzlichen Vormundſchaft ſolcher Eltern hinwegzunehmen und der zar⸗ ten Obhut und Pflege der lieben guten Miß Weſton zu übergeben! Als ein Anthropologe ſtaunte ich und betete an. In ihrer Kindheit pflegte Lily Miß Weſton„Mama“ zu nennen, aber die Dame bebte zurück vor dieſem Namen, der ſpäter in„Tante“ umgeändert ward. Die Zuneigung zwiſchen den Beiden war in der That tief und warm; nie exiſtirte eine zärtlichere und würdigere Liebe zwiſchen einer Mutter und ihrem Kind. — 104— An Miß Weſton's Knie liſpelte das kleine Mädchen ſein erſtes kindliches Gebet; von Miß Weſton kam alle Sorgfalt, Pflege und Freundlichkeit, welche Lily's erſtes und ſpäteres Kindesalter ſchützte; Miß Weſton erzog und bildete ihr frühes Mädchenalter, und zu Miß Weſton blickte ſie daher mit der zart verehrenden und vertrauensvollen Liebe eines Kindes für die Eltern, und mit der heißen Sympathie eines Weibes für eine theure, eben ſo geliebte als verehrte Freundin und Gefährtin empor. ſchmacksrichtungen waren einander ganz äh , ihre Na⸗ turen ſehr gleich, ausgenommen, daß Lily v elleicht einen höhern Geiſt und ſicher mehr Charakterenergie beſaß; auch ihre Temperamente, die Verſchiedenheit des Alters und ihrer beſondern Stellungen abgerechnet, hatten viel Ge⸗ meinſames. Sie laſen fleißig zuſammen, ſolche Bücher, welche reine und zarte Frauen lieben und wofür ſie ſchwär⸗ men. Beide liebten die Muſik, beide beſaßen die inſtinctive Eleganz der Dame von Welt und die freundliche Milde und Großmuth des echten Weibes. Miß Weſton floß in der That von Jugend auf über von zartem Mitleid, wie ein Gefäß oder ein Brunnenbaſſin, wenn es zitternd voll iſt vom himm⸗ liſchen Regen, ſeinen Inhalt auf die Erde und ihre Blumen und Kräuter ausſtrömt, ſobald es nur durch das Niederrauſchen eines Blattes oder den Hauch eines Zephirs bewegt wird. — 105— So erwuchs Lily in unſerm ſchönen engliſchen Lande, „gefächelt von den leiſen Winden unſrer Eichenhaine;“ eine liebliche Geſtalt, die ſich abhob vom Hintergrunde des Raſens, des Geſträuchs un blühenden Blumen und ſi i Vögeln, und eben ſo ſchön und friſch und fröhlich als ſie. Ein⸗ oder zweimal des Jahres kam ſie zu einer Staats⸗ viſite nach Hauſe. Die kleine Lady ſah dieſe Beſuche als eine Pflichtſache an; aber ihr Herz war die ganze Zeit über in Woodlands, und obſchon ſie ſich eifrig bemühte, zu thun was ſie für Recht hielt, ihren Verwandten ihren Tribut an Zuneigung zu zahlen, ſo war es ihr doch un⸗ möglich, den göttlichen Inſtinkt zu erſticken, der ihr ſagte, ihre Heimath ſei in Woodlands und ihre wahre Mutter trage den Namen„Tante.“ Ihres Vaters harte und ver⸗ ſteinerte Niedrigkeit, ihrer Mutter trocknes, kaltes Cere⸗ moniell, ihrer Schweſtern froſtige Herkömmlichkeit und ihr höhniſcher Neid— denn man hatte ſie gelehrt, Lily als eine Erbin zu reſpektiren— der ganze Ton und Anblick jener höchſt reſpektabeln Häuslichkeit; die Geſellſchaft, der ſie begegnete, und Alles, was ſie dort ſah und hörte, em⸗ pörte ihre reine und edle Natur, und machte ſie ſehr un⸗ glücklich, da ſie, wie ſie weinend ihrer Tante geſtand, fürchtete, ihr Gemüth müſſe von Natur böſe ſein, weil ſie ſer Bäume, umgeben von — 106— es unmöglich fände, ihre Familie ſo zu achten und zu lieben, wie ſie als Tochter und Schweſter doch ſollte. Ihre Schweſtern haßten ſie bitter, eben ſo ſehr wegen ihrer großen Schönheit, als wegen ihrer Stellung und Ausſichten für die Zukunft. Der Contraſt zwiſchen ihnen war ein höchſt auffallender. Kein Fremder betrachtete Lily als ihre Schweſter; ſon⸗ dern man hielt ſie gewöhnlich für einen Beſuch, obwohl manche, die ihr im Hauſe begegneten— ich kenne ſelbſt eine ſolche Perſon— ſich wunderten, was in aller Welt dieſen Engel zum Beſuch in ſolch' ein„Malebolge“ führen konnte. Die Schweſtern waren einander alle ſehr ähnlich, und glichen Vater und Mutter in leichten Abſtufungen. In der einen herrſchte des Vaters Geſicht und Geiſt vor, während die Mutter in Geſtalt und Gemüth einer andern überwog. Ihre Naturen ſchloſſen ſich in verwandter Weiſe der niedrigen, eigennützigen Art des Denkens und Fühlens rings um ſie her an, und ihre Eltern ſahen, daß ſie ſich ganz ſo entwickelten, wie ſie es von ihren Kindern wünſchen konnten. Als ſie das reife Alter für den Heirathsmarkt erreicht hatten, wurden ſie feil geboten auf Bällen und Parthien, in Badeörtern und auf Kunſtausſtellungen; ſie wurden be⸗ tappſt und betaſtet, berührt und bekoſtet von allen wahl⸗ — 107— fähigen Gecken und annehmbaren Geſchäftsleuten, bis ſie nur noch ſo viel von dem Schmelz des Charakters und Em⸗ pfindens übrig hatten, wie eine Pflaume, die ſich eine Woche lang im Verwahrſam eines Obſtkrämers befunden hat. Dennoch zeigten ſie ſo wenig Wahrſcheinlichkeit,„los⸗ zugehen“, wie eine vernagelte Kanone, während Lily, auf einem ihrer Beſuche zu Hauſe, die unverzeihliche Unart beging, dem„Exemplar“ den Kopf zu verdrehen, das, wenn es zur Erklärung gebracht werden könnte, zum Ge⸗ mahl für ihre älteſte Schweſter beſtimmt war. So hatte ſie ſich ihren erſten oſtenſibeln Bewunderer verſchafft. Der Gentleman, der eine ſo bedeutende Rolle in der Geſchichte meiner kleinen Lily ſpielt, verdient indeſſen einen Paragraphen für ſich, und ſoll ihn haben. Mr. Grobian Judas Brutal war durchaus kaufmän⸗ niſch in ſeinen Wünſchen und Beſtrebungen, und widmete ſich mit großem Eifer und Erfolg dem Handel, der zwiſchen Großbritannien und dem Continent von Europa beſteht. Wie Thomas Smart's„Mähre“ ein Baſtard von einem Schlächtergaul und einem Zweipfennigpoſt⸗Pony war, ſo war Mr. Brutal ein Mittelding zwiſchen einem deutſchen Juden und einem Yankee⸗Handelsmann. Seine„Helden⸗ verehrung“ ſchien, obwohl ohne Zweifel unbewußt, denn er hatte es wahrſcheinlich zu keiner literariſchen Kenntniß des Charakters gebracht, ganz und gar von Sir Giles Overreach in Anſpruch genommen zu ſein; und er gewann die Achtung des Mr. Smythe de Smithe Smith dadurch, daß er ihn noch in einer kaufmänniſchen Transaktion über⸗ troffen. Dieſe zwei ſympathetiſchen Geiſter wurden große Freunde,— nach ihrer Auslegung des Worts— und da Mr. Brutal der jüngere von beiden und noch ledig war, ſo wünſchte Mr. Smith ihre Geſchäftsverbindung noch dadurch zu erweitern, daß er mit ihm wegen einer Tochter, wo möglich der älteſten, in Unterhandlung trat. Trotz ihrer generiſchen Aehnlichkeit, waren in ihren Charakteren doch Nüancen vorhanden, Schatten von Verſchiedenheit, die zu überſehen, einem Anthropologen ſchlecht anſtehen würde. Mr. Brutal war weit beſſer erzogen, als Mr. Smith; aber dafür verwandte er auf der andern Seite auch viel weniger Aufmerkſamkeit auf Ceremoniel oder Aeußerlich⸗ keiten. Er gab auf Reſpektabilität nur an der Börſe etwas, übrigens aber ließ er es ſich wenig angelegen ſein, die rohe Gemeinheit ſeiner Privatnatur zu verheimlichen. Sein gackerndes, ſchnaufendes Lachen, durch die Naſe, aber nie von Herzen, war einer der widerwärtigſten Laute, die ich je gehört; und ſeine perſönliche Erſcheinung war ein Commentar zu dieſem Lachen. — 109— Zwiſchen Mr. Brutal und einem Gentleman, oder einem Mann mit irgend welchen edlern Beſtrebungen als Ge⸗ winnſucht und glücklicher Spekulation, fand die natürliche Antipathie ſtatt, welche die Natur zwiſchen Schlangen und Löwen gepflanzt hat, und Mr. Brutal kannte keinen wol⸗ lüſtigeren Genuß, als einen armen Gentleman unter ſeinen Untergebenen zu haben, und ihm alle mögliche Beſchimpfung, Beleidigung und Kränkung anzuthun. Er— aber ich kann das üble Thema nicht weiter verfolgen— denn, wehe mir!— ich kannte den Mann.— Flüſtert in dieſer einſamen, ſchweigenden Stunde, wo die blutende Erinne⸗ rung an die Qualen und Erniedrigungen, denen ich zu jener Zeit nicht entgehen konnte, mir friſch im Herzen er⸗ wacht, nicht ein böſer Dämon mir zu, daß ich den ſchreck⸗ lichen Rächer einer Feder in meiner Rechten halte? Vade retro, Satanas! In Demuth will ich daran gedenken, daß wir beten: Vergieb uns unſre Schuld, wie wir vergeben unſern Schuldigern. Ich ziehe den Vorhang über die un⸗ vollendete Skizze, und gehe weiter. Mrs. Smith ſtimmte mit dem Gebieter ihres Herzens überein, daß dieſer Mann eine wünſchenswerthe Partie für ihre älteſte Tochter ſei. „Penelope Anna,“ pflegte die zärtliche Mutter auszu⸗ rufen,„Mr. Brutal kommt heut zum Diner. Zeige Dein Lächeln und bringe etwas vor über Papa's Preis⸗Cou⸗ rant, meine Liebe, um ihm zu gefallen. Ja,“ fuhr die ſinnige Mutter fort,„die Preiſe der Rohprodukte, von den Lippen der Schönheit angeführt, beſitzen einen großen Reiz für das echt kaufmänniſche Gemüth; das Entzücken über den geliebten Gegenſtand wird dadurch vertieft, und die Werthſchätzung der Würde des weiblichen Charakters ge⸗ hoben.“ Der Jüngling indeß, ungerührt durch die poetiſche Ci⸗ tation des Preis⸗Courants, gab eine deutliche Bewunde⸗ rung für Lily's Reize zu erkennen, und es bedurfte einer ganz entſchiedenen und erzürnten Zurückweiſung von Seiten dieſer jungen Dame, um ihn von der mißfälligen Kund⸗ gebung ſeiner ſchmeichelhaften Auszeichnung abzubringen. Er zog ſich für den Augenblick zurück, wie ein Hund, der einen Klaps auf die Naſe bekommen hat, faßte aber in ſeinem Herzen den Plan, mit dem Vater über ſie zu feilſchen, ein Handel, welcher, Dank dem Himmel, nicht beſtimmt war, zu ſeinem Vortheil auszuſchlagen. Wir verließen den Miſogyn und den Anthropologen im Begriff, ſich zur Ruhe zu begeben, nach einem Abend, — 111— den ſie im Zimmer des erſtern zugebracht hatten. Der Leſer mag annehmen, daß ſie ſich ſeit jener Nacht reichlich durch Schlaf erfriſcht haben, wenn er ihnen jetzt in den langen Ferien, etwa ſieben Monat ſpäter im Jahr in Sea⸗ nook wieder begegnet, einer reizenden kleinen amphibiſchen Ortſchaft an unſrer engliſchen Küſte. Seanook— denn ich verſchweige den wirklichen Namen des Orts, weil ich ihn nicht unter meinen Leſern populär und zu einem Sammelplatz von Beſuchern zu machen wünſche, die ihn des Charakters ſeiner abgeſchiedenen Stille berauben möchten— Seanook alſo war kein faſhionabler Badeort, mit ſeinen Marineparaden oder Esplanaden, vollgepfropft von Menſchenhaufen, die, angethan mit ihrem Beſtem, Stunde für Stunde auf⸗ und abwandeln, ein⸗ ander in die Geſichter ſtarren, Einer des Andern Aeußeres kritiſiren, und über die Londoner politiſchen Nachrichten und ſocialen Skandale ſtreiten; ſondern ein einfacher Ort, halb Stadt, halb Dorf, ganz urſprünglich, friedlich, ſehr lieblich und nur von wenigen Fremden beſucht.„Hier,“ wie Fritz ſich ausdrückte,„konnte Einer den ganzen Tag in ſeinem Bootsrock und Hut bleiben und ſeine Cigarre rauchen, wo und wann es ihm gefiel. Die Küſte war wild und unregelmäßig, die Klippen hoch und kühn, die kleine Bucht eben und ſandig, das Land 112— ringsumher herrlich, die Gelegenheit zum Rudern und Baden gut, das Volk redlich und einfach. Beſonders hatten wir eine ganz prächtige alte Wirthin da gefunden, welche unſre Weiſe kannte, und die, da ſie uns ſchon früher beherbergt, eine große Zuneigung zu uns gefaßt hatte und Alles zu unſrer Bequemlichkeit that. Mrs. Fieldfare war die Wittwe eines kleinen Pächters, bei deſſen Tode ſie ſich nach Seanook zurückgezogen, wo ſie ihr geringes Einkommen dadurch vermehrte, daß ſie einen Theil ihres ſaubern netten Häuschens während der Saiſon an Leute vermiethete, die ſie kannte. Sie war eine weit⸗ läufige, umgängliche Frau mit Raum genug in ihrem vollen Buſen für ein ſehr großes Herz; etwas flanellen und mutterhaft in ihren Ideen, aber mit jenem Duft, wie von wildem Thymian, um ſich, den wir oft bei ſo durchaus braven und wohlwollenden Leuten antreffen, welche ihr ganzes Leben in ländlicher Abgeſchiedenheit, fern von den großen Sammelplätzen und Kämpfen der Menſchen zuge⸗ bracht haben. Fritz nannte ſie„eine muntre Alte,“ und war in Wahrheit ein großer Liebling von ihr. Sie plau⸗ derte immer mit uns beim Frühſtück und Mittagstiſch und erhielt uns au kait über alle Neuigkeiten des kleinen Oert⸗ chens. Auch war ſie eine Chronik, aber keine abſtrakte oder kurze, indeß auch keine maliciöſe oder ſkandalöſe, von — 113— allen Begebenheiten, welche ſich in der Nachbarſchaft ſeit Jahren zugetragen hatten. Es iſt erſtaunlich, wie lange eine Sache lebt, wirklich lebt im Gedächtniß dieſes ſtillen Landvolkes, das nicht ſo raſch lebt, wie wir in den großen Städten. Sie erinnerte ſich friſch und vollkommen jeder Einzelnheit des Untergangs der Fregatte„Bellona“ und des Oſtindienfahrers„Lord Clive“ an den Felſen eine Meile abwärts vom Dorfe, obwohl dieſe Ereigniſſe vor etwa funfzehn bis achtzehn Jahren ſtattgefunden hatten. Sie erzählte uns von dem Umſchlagen des„John und Jane“, eines Vergnügungs⸗ Bootes, wobei der junge Mr. George Anderſon ertrank, eine Woche, ehe ſeine Hochzeit mit Miß Alice Wentworth vollzogen werden ſollte.„Das arme Ding, ſie erholte ſich nie von dem Schlage, obwohl das Unglück ſich vor ſieben Jahren ereignet hat; ſie lebt noch immer, Sir; zuweilen fährt ſie Nachmittags im Pony⸗Phaëton hier vorüber; aber ſie ſieht ſo bleich und krank aus! Sie will nun nie heirathen, nie,“ fügte Mrs. Fieldfare ausdrücklich hinzu, „aber ſie iſt ſehr gütig gegen die Armen, und alle Welt in der Gegend hat ſie lieb.“ Die gute alte Lady erzählte uns auch, wie der junge Joe Miles, der Sohn des Pächters, ſich aus Liebe zu Jane Willow erſchoſſen habe, welche es mit einem feinen Die drei Pfade. I. 8 .— 114— Gentleman aus London hielt und jenen betrog—„das ſchändliche, gottloſe Ding. Sie können noch heute den Baum ſehen, wo es geſchah, und wo ſeine Leiche gefunden ward, Mr. Grey, die große alte Eiche in der erſten Lichtung in Fern Wood.“ Sie wies uns auch in einer armen alten Frau, welche in der High Street mit Fiſchen handelte, die Wittwe eines braven Fiſchers, der bei dem Verſuch ertrank, einige Menſchenleben auf einem Wrack, das durch Nacht und Sturm dahintrieb, vor dem gewiſſen Untergang an den verhängnißvollen„ſchwarzen Felſen“ zu retten. Auch die ruhige Schönheit Seanvok's verbarg, wie es ſchien, ihre Tragödien, und Mrs. Fieldfare knüpfte bald den Ort und manche ſeiner Bewohner an unſre menſchliche Theilnahme und Sympathie. Fritz's Aufenthalt an dem Ort hing von ſeinem eignen Wunſch und Willen ab. Der meine durfte nur eine Woche dauern. Ach, wie wohlthuend für einen armen, ermüdeten Arbeiter iſt die Ruhe und Raſt auch nur einer Woche, die er der gewohnten Plackerei abdingen und in einem Seanook verleben darf! Es ſcheint, als ob Gott in ſeiner Gnade für eine Zeit lang die ſchwere Bürde von unſern müden Schultern nähme und uns einen kurzen, hellen Schimmer der Freude und Schönheit vergönnte in dem Anblick der glorreichen Natur, mit ihrer unendlichen 5 — 115— Mannigfaltigkeit, ihrem Reiz und ihrer Bedeutung, jener lächelnden Landſchaft und jenes majeſtätiſchen Oceans, in deſſen Nähe wir uns ihm näher fühlen. Ein Seelen⸗ ſabbath iſt ſolch' eine Woche, und wir gehen geſtärkt und erfriſcht, dankbarer und williger in den Kampf mit unſerm Schickſal zurück. In dem Leben harter, eigenſüchtiger Menſchen ſtellt ſich oft plötzlich eine ſchwere Krankheit ein; wir ſehen ſie hin⸗ weggerafft inmitten ihres Strebens nach niederm Gewinn und erbärmlichem Ruhm, niedergeworfen durch heftiges Uebelbefinden und verurtheilt zu dem einſamen Lager, das jene grauen Schatten heimſuchen, in deren banger Gegen⸗ wart der Menſch denken muß, hören muß, wenn nicht Zuvor willig auf die ſanfte Stimme der himmliſchen Liebe, ſo jetzt gezwungen auf die heiſeren, durchdringenden Töne der entſetzlichen Seelenangſt und Todesfurcht. Und iſt nicht ſolch' eine Heimſuchung ein verhüllter Seegen— eine Gelegenheit zur Beſſerung, welche die Gnade einer verirrten Seele gewährt? Denn, in jener Stunde, wo die gemiethete Wärterin ſchläft, aber nicht der Kranke; wo die Nachtlampe flackert, und die Schatten ſteigen und fallen; wo Alles ſchweigend und ſtumm iſt, und das wilde Zucken des Fiebers vor dem Schrecken der leiſen Stimme nachläßt, die ihn vor ſich ſelbſt an⸗ — 116— klagt, die ſich nicht zum Schweigen bringen läßt— wer vermöchte da, wie arg auch immer im Weltſinn verhärtet, ſich von dem geiſterhaften Bilde ſeiner eignen, lang ver⸗ geſſenen Seele abzuwenden? Wer vermag das Gewiſſen zum Schweigen zu bringen, wenn es ſein„Wehe“ über ein Leben ausruft, das in einer arg getrübten Vergan⸗ genheit ſo übel angewandt ward? Wer kann dem Schimmer, der geheimnißvollen Vorbedeutung jener unausſprechlich er⸗ habnen Welt widerſtehen, aus der noch kein Reiſender wiederkehrte, die in nebelhaftem Grauen jenſeits der nahen Kluft des finſter gähnenden Grabes auftaucht? O Sünder, ergreife die Gelegenheit! O Mann, dem dieſe Welt einſt als aller Dinge Weſen und Ende erſchien, heiße jene hohe Warnung willkommen und nimm die ſee⸗ gensvolle Lehre an! Gehe zurück, wenn das Leben Dir vergönnt iſt, geh' wieder zurück in die Welt als ein wei⸗ ſerer, wenn auch gedemüthigter Mann und lebe hinfort für jenes Leben, welches die Zeit überdauert! Was ſolch' eine Krankheit für den weltlich geſinnten Menſchen, iſt eine kurze Raſt inmitten der Pracht und des Zaubers der See und des Himmels, der Felder und Wälder für einen ermüdeten Arbeiter. In dieſem erhabnen Bade der Natur geht uns ein tiefer Sinn für die Gnade auf, welche über der Erde wacht, und die kalte, ernſte — 117— Marmorgeſtalt der Pflicht erglüht in dem hellen, warmen Lichte der Liebe. Wir kamen ziemlich ſpät in der Nacht in Seanook an. Da Mrrs. Fieldfare uns erwartete, ſo hatte ſie dem hüb⸗ ſchen kleinen Empfangzimmer, welches unſer Wohnzimmer ſein ſollte, das behagliche, wohlgeordnete Anſehn gegeben, wofür ſolche Frauen das rechte Talent beſitzen. Als der Eilwagen, die„Rakete“, uns an dem Gaſthauſe zu den „Wentworth Arms“ abgeſetzt hatte und wir in Begleitung eines Knechtes, der unſre kleinen Mantelſäcke trug, zu dem alten wohlbekannten Häuschen kamen, fanden wir unſre brave Wirthin vor der kleinen Gartenpforte— das Klappen ihrer lockern Klinke klang mir wie Muſik— mit einem herzlichen und freundlichen Willkommen, welches von der Frau, nicht von der Wirthin ausging. Indem ſie uns die Hände ſchüttelte und unaufhörlich ſprach, führte ſie uns mit herzlicher Lebhaftigkeit in das Zimmer mit den ſaubern weißen Gardinen, die leiſe hin und her wehten von der milden warmen Luft, welche ſich durch die in der Sommernacht geöffneten Fenſter hereinſtahl. Der Duft von Blumen miſchte ſich mit einem Hauch von Seeluft und veranlaßte eine reizende Combination des Ländlichen mit dem Seeiſchen. Der Tiſch war zu dem einfachen Abendeſſen gedeckt, und auf dem ſchneeigen Tiſchtuch ſtand — 118— der braune Krug, ſchäumend von einer Art hier gebrauten Bieres, welches Fritz ſehr liebte, dem hausbackenen Brod, dem friſchen grünen Salat, dem ländlichen Käſe und der Butter. Alles ſah außerordentlich ſauber, heimlich und behaglich aus. Mrs. Fieldfare hatte ihre beſte Haube aufgeſetzt, die mit den rothen Bändern, und hatte, wie gewöhnlich, eine der weißeſten Schürzen um. Ihr ehr⸗ liches, roſig ſtrahlendes Geſicht lächelte ſein heiterſtes Will⸗ kommen, bis das ganze Zimmer in ſeinem freundlichen Lichte erglänzte. Welch' eine Wonne iſt dieſer erſte Abend der Ankunft an der See! Wie jung fühlt man ſich, wie ſorglos, wie voll von Genuß und wie bereit zu genießen! Genuß und Vorgeſchmack miſchen ſich für den Augenblick zum reinſten Vergnügen! Wie glücklich iſt man in dieſem Moment, wie ſieht man dem nächſten Morgen entgegen! Es iſt noch zu früh, um an die Rückkehr zur Stadt zu denken. Der Plagen, die man verlaſſen hat, erinnert man ſich nicht einmal: unbewußt dienen ſie nur dazu, das Vergnügen durch den Contraſt noch zu erhöhen. Ein Gefühl von knabenhafter Fröhlichkeit und Unbefangen⸗ heit, wie bei einem Beſuch zu Hauſe während der Feiertage, ergreift Beſitz von unſrem Gemüth. Mir in meiner Er⸗ fahrung gewährte das Leben nur wenige Stunden, die ſich — 119— den ſeltnen Momenten der Ankunft an der See vergleichen ließen. Der Gegenſatz war für mich viel ſtärker als für Fritz, der oft das Vergnügen der Feiertage, der Ausflüge und Abſtecher genoß— in der That ſein ganzes Leben war eine Art von Luſtfahrt,— ſo daß ich mich in ſolchen Momenten faſt bis zu ſeiner normalen Höhe fröhlicher Laune erheiterte. „So haben Sie alſo unſern Brief richtig empfangen, Mrs. Fieldfare?“ „O ja wohl, meine Herren, er kam pünktlich an, und ich ſetzte Alles in Bereitſchaft, ſo wie ich weiß, daß Sie es gern haben. Sie wünſchen doch Ihre alte Schlafſtube wieder, Mr. Charlton? Mr. Grey, ich habe Ihre Reiſe⸗ taſche in das Zimmer gebracht, das Sie das vorige Mal hatten und das Ihnen ſo gefiel. Ich hoffe, Sie werden Alles behaglich finden. Ich habe auch einige Seekrabben zum Frühſtück beſtellt. Wie wohl Sie ausſehen! Sie ſehen immer wohl aus, Mr. Charlton; aber Mr. Grey iſt gewöhnlich ſehr blaß, bis er einige Tage hier geweſen iſt. Wie Schade, daß er nur ſo kurze Zeit bleiben kann!“ „Erinnern Sie mich gefälligſt noch nicht heut' Abend daran, Mrs. Fieldfare!“ rief ich. „Komm doch! Ich bin ſo hungrig!“ ſagte Fritz. — 120— „Mrs. Fieldfare, wir möchten gern alle Neuigkeiten hören. Wie iſt es Ihnen ſeit dem letzten Sommer ergangen? Hat Andreas Drury ein neues Boot angeſchafft? Wie ſegelt die„„Alice Wentworth?““ Was für Wetter hatten Sie im letzten Winter? Haben ſich Schiffbrüche ereignet? Stieg die See wieder bis zum Garten herauf? Setzen Sie ſich und erzählen Sie uns Alles! Was für köſtliches Bier das iſt! Koſte einmal Grey! Gieb mir etwas von dem kalten Fleiſch! Ich danke Ihnen, es iſt genug. Wie prächtig das ſchmeckt!“ Und Mrs. Fieldfare, die großes Gefallen an Fritz, und— es iſt keine Schande für ihr redliches Gemüth— auch großes Gefallen am Plaudern fand, ſetzte ſich, nach⸗ dem ſie ein Wenig genöthigt worden war, und begann be⸗ reitwillig genug, uns„Alles über Alles mitzutheilen“. Andreas Drury hatte ein neues Boot angeſchafft, die neue„Alice Wentworth.“ Er hatte Mrs. Fieldfare er⸗ zählt, daß ſie ſegele wie eine Hexe. Die alte„Alice Wentworth“ war nach einem andern Ort hin verkauft worden. Der Winter war ſehr ſtürmiſch geweſen; zu Zeiten hatten ſie ſehr ſchlechtes Wetter gehabt. Zwei Fiſcherboote,„das Mädchen von Seanook“ und der„Buf⸗ falo Gal“ waren bei dem großen Sturm im Januar ver⸗ loren gegangen. Ob wir von dem Sturm in den Zei⸗ — — — — 121— tungen geleſen hätten? Ja; ſie hatte es ſich wohl gedacht. Schwere Arbeit an der ganzen Küſte; ſchlimme Arbeit für die Schiffer. Wie ſie die Seeleute, die armen Burſche, bedauerte! Iſt irgend Jemand von den Fiſchern umge⸗ kommen? Ja, der alte Downes und ſein Sohn, und der junge Robinſon. Wie müſſen ihre Familien gelitten haben, die armen Geſchöpfe! Ein großes Schiff, die Iſabelle— Iſabelle— Dingsda— ja, Jſabelle Clinton, ſie war es, gerieth bei den ſchwarzen Felſen in Gefahr; ſie ließ Ra⸗ keten ſteigen und feuerte Kanonen ab. Mrs. Fieldfare hatte ſie geſehen und gehört. Ohne die Bootsleute wäre das Schiff verloren geweſen, und nun würden ihnen aller⸗ lei Schwierigkeiten gemacht wegen ihres Bergegeldes, wie ſie gehört hätte. Die alte Mrs. Jones,— wenn wir uns ihrer erinnerten,— war geſtorben, und ihre Nichte, Anna, die immer ein ſchnippiſches, putzſüchtiges, eingebil⸗ detes Ding war, obwohl es übrigens unter den heutigen jnngen Mädchen genug ihres Gleichen giebt, hat den jungen Simkins, den Gewürzkrämer, geheirathet.— Es würde ein gutes Jahr für die Erndte ſein, ſagte ſie, und Mrs. Wood, von der Schloßfarm,— Wood wäre jedoch keines⸗ wegs der Herr des Schloſſes,— o Gott, Jedermann weiß, daß es nicht ſo iſt,— hat letzten Monat Zwillinge bekommen. Sie hatte gehört, es wäre in London die Rede von einer — 122 Eiſenbahn nach dieſer Gegend her. Sollte es wahr ſein? Sie glaubte es ſelbſt nicht, denn, Gnade uns! was ſollte ein Ort, wie Seanook mit einer Eiſenbahn? das möchte ſie wohl wiſſen! Jene Familie, die vergangenes Jahr in dem weißen Hauſe mit dem großen Balkon, etwas weiter hin und näher an der Stadt, wohnte— Mrs. Seager's meinte ſie— Mr. Charlton pflegte ſie immer die„alte Waſſerſchnecke“ zu nennen;„erinnern Sie ſich ihrer nicht, Mr. Charlton?“ „Natürlich“, unterbrach ich ſie,„Fritz, Du erinnerſt Dich ihrer gewiß?“ „Nein, beim Iupiter, ich kann mich nicht auf ſie be⸗ ſinnen!— Koſtbares Fleiſch das; nehmen Sie es noch immer bei demſelben alten dicken Schlächter, wie letztes Jahr?— O, nun weiß ich, wen Ihr meint, Grey; ich beſinne mich ganz genau. Die beiden ſchmucken Mädchen, die mit ihrem invaliden Vater hier waren, dem alten Oberſt Dingsda— ich habe ſeinen Namen vergeſſen— was für ein flottes Ding die älteſte war! Ich half ihr immer Muſcheln ſuchen, unten ein gut Stück Weges hinter den Oſtklippen. Ich verſuchte immer, ſie die Namen der Mondgebirge zu lehren, und nachdem Du in die Stadt Zurückgekehrt warſt, nahm ich ſie immer mit nach der Zoll⸗ — 123— wachtſtation, um durch des alten David Scott's dickes Teleskop zu gucken.“ Dieſer Bericht war vollkommen genau. Fritz hätte noch mancherlei anführen können, um den Eifer der Liebes⸗ tändelei zu beweiſen, die er den letzten Sommer hindurch betrieben. Die in Rede ſtehende Dame war glänzend, prunkend und den Aufmerkſamkeiten eines jungen Burſchen wie Fritz gar nicht beſonders abgeneigt. Die Sache nahm ihren gewöhnlichen Verlauf. Er ſah ſie ein⸗ oder zwei⸗ mal und war von ihrer Erſcheinung ganz hingeriſſen. Er arrangirte es, unaufhörlich mit ihr zuſammenzutreffen und warme, jedoch achtungsvolle Bewunderung in Blick und Benehmen auszudrücken. Er ließ ſich eines Nach⸗ mittags in eine Unterhaltung mit ihr ein am Strande— er hatte beſonders viel Geſchick in ſolchen Dingen— wo er in der Hoffnung, ihr zu begegnen, ſpazieren ging, während ich zu Hauſe las. Darauf war er„gefangen“. Sie ſah ſicherlich gut aus, obſchon ſtolz und etwas ſteif, ſowohl in ihrer perſönlichen Erſcheinung, als im Stil ihres Koſtümes. Sie hatte keine Empfindungen, die bei dieſem Liebeshandel verletzt werden konnten, da ſie in der That eine jener jungen Damen war, auf die ſein allge⸗ meiner Spott gegen das ganze Geſchlecht nicht unverdient bezogen werden durfte. Er bewunderte ſie zuerſt außer⸗ — 124— ordentlich, trotz der Warnung, die ich ihm gab. Mir, als einem Anthropologen, ward es leicht, ihren Charakter zu verſtehen und eher eine Malve als eine Roſe oder ein Veilchen in ihr zu erkennen. Jetzt öffneten ſich auch ſeine Augen und ſobald die Wirkung der Zlluſion aufhörte, ward er ihrer überdrüſſig und zürnte ſich ſelbſt. Das Liebesverhältniß ging auseinander. Um ein altes Gleich⸗ niß anzuwenden, es war aufgeſtiegen als eine funkelnde Rakete und kam herab als verkohlter Zunder. Mrs. Fieldfare, welche in der weiblichen Liebhaberei und Wonne des Heirathſtiftens ſtark war, hatte die Er⸗ öffnungsſcenen des kleinen Liebesdramas, welches in einem ſo ſtillen, müßigen Orte wie Seanook kein Geheimniß blieb, mit ganzem Wohlgefallen betrachtet. Beide Theile waren jung und hübſch. Sie erklärte Fritz für den hüb⸗ ſcheſten Burſchen, den ſie je geſehen; ſie ſchienen Beide gut zueinander zu paſſen, und es wär' doch ſo nett geweſen, wenn eine Heirath von ihrem Hauſe aus zu Stande ge⸗ kommen. Sie hatte keine Gelegenheit, die Lady beurtheilen zu lernen, ausgenommen ihr Aeußeres; auch war ſie ſehr geneigt, Alles zu billigen, was Fritz gefiel. „Was für ein alberner Narr ich war mit dieſem Mädchen!“ bemerkte Fritz, als er nachdenklich ſein Bier austrank.„Ich ließ mich ködern und fangen wie ein un⸗ — 125— glücklicher Fiſch, ſo viel ich mich erinnere,— durch das Auge. Sie war eine bloße, unwürdige Coquette. Verd... ſei ſie! Aber jetzt thue ich dergleichen nicht mehr, ich ver⸗ ſichere Sie, Mrs. Fieldfare. Fragen Sie Grey; ich bin jetzt weiſer geworden.“ „Was Sie ſagen! Eine bloße Coquette war ſie, Mr. Charlton?“ rief Mrs. Fieldfare entrüſtet.„Ich habe kein Mitleid mit ſolchen Frauen; ich habe niemals erfahren, wie die Angelegenheit endete, aber ich ſeh' jetzt Alles!— das Geſchöpf! Einen ſo lieben, hübſchen jungen Herrn zu hintergehen, auf den jedes Mädchen ſtolz ſein könnte! Sie verdient, einen Herumtreiber zum Manne zu bekommen, der ihr das Herz bricht, wenn ſie eines zu brechen hat. Ich möchte ihr wohl einmal meine Meinung ſagen; ich möchte——“ „Nein“, unterbrach Fritz ſie bitter,„man muß dem Mädchen Gerechtigkeit widerfahren laſſen, ſie handelte nur wie Alle ihres Geſchlechts. Ich war ein verd.... Narr, das war Alles. Grey warnte mich; Aber ich hatte da⸗ mals nicht die Erfahrung, die ich jetzt habe. Ich bin mit den„jungen Ladies“ für immer fertig.“ Mes. Fieldfare, die ſich der frühern Neigungen ihres Miethers erinnerte, ſah ziemlich überraſcht bei dieſer Ti⸗ rade aus. Sie fuhr augenſcheinlich fort, Fritz zu bemit⸗ leiden und zu glauben, daß ihm von einem hinterliſtigen Geſchöpf übel mitgeſpielt worden. Fritz ſaß mit den Händen in ſeinen Taſchen und ſah halb betrübt, halb höhniſch aus. „Sagen Sie ihm, Mrs. Fieldfare“, fragte ich,„ob jetzt irgend ein hübſches Mädchen hier iſt?“ „O ja“, erwiderte ſie, indem ſie eifrig ihre Hände rieb— die gute alte Dame war immer mit Etwas be⸗ ſchäftigt—„es iſt eine der hübſcheſten jungen Damen hier, die ich je hier oder anderwärts geſehen habe.“ „Hallo!“ rief Fritz, der mehr lebhaftes Intereſſe bei dieſer Ankündigung verrieth, als die Grundſätze eines Mi⸗ ſogyn wohl grade rechtfertigten, und der aufmerkſam zu⸗ hörte,„das ſind Nachrichten für Dich, Grey!“ „Wo reſidirt dieſes Wunder?“ fragte ich;„Sie ſehen, wie begierig Mr. Charlton nach Ihrer Belehrung iſt. Laſſen Sie ihn nicht die Qualen eines Tantalus erdulden.“ „Sie wohnt in der Roſe⸗Cottage; Sie kennen den Ort, Mr. Grey. Sie iſt dort mit ihrer Tante, einer ſo netten alten Dame, und doch eigentlich noch nicht alt“, ant— wortete unſere Wirthin.„Ich möchte wohl, Sie und Mr. Charlton ſähen ſie.“ „Dank für Ihren gütigen Bericht“, erwiderte ich. „Wenn dieſe Zauberin morgen ſichtbar iſt, ſo können Sie — 122— ſich ſicher darauf verlaſſen, daß Mr. Charlton ſie ſehen wird, nach einer ſolchen Beſchreibung. Aber es iſt noch nicht gewiß, ob er mich mit ſich nehmen wird.“ Hier fing Mrs. Fieldfare an, die Ueberreſte des Abend⸗ brodes geräuſchvoll abzutragen, immerfort ſprechend und aufmerkſam nach dem Mädchen, Jane, blickend, um zu verhindern, daß„das naſeweiſe Ding“ zurückbliebe und „mit den Herren ſchwatze.“ Nach einer freundlichen„Gute Nacht“, waren wir allein, und Mr. Charlton ſtreckte ſich der Länge nach auf's Sopha. „Wir haben geſpeiſt“, bemerkte er mit einer ſehr zu⸗ friedenen, ſententiöſen Stimme.„Und nun denke ich, Grey, eine kleine Pfeife— wie? Wo iſt der Tabak? Ach, ich war ſicher, daß Du ihn finden würdeſt.— Nach Dir! Grey, alter Junge, wie prächtig iſt das! Ich bin ſo froh, Dich hier zu haben, alter Freund, allein mit mir, und fort aus dem gräulichen, traurigen alten Comtoir. Wie leicht mußt Du Dich fühlen, daraus weg zu ſein! Ein einziger Monat eines ſolchen Lebens würde mich tödten, das weiß ich!“ „Fritz“, antwortete ich,„ich bin ein alter Keſſel, der nie überkocht; aber nichts deſtoweniger bin ich bei äußerer Ruhe gewiſſer intenſiver innerlicher Wallungen fähig. Ich bin froh, Du kannſt Dir nicht denken, wie froh, aus dem — 128 Geſchäft fort zu ſein— hier mit Dir. Als Dante aus der Hölle zur Erde zurückkam, kannte er, glaub' es mir, beſſer als irgend Jemand den Schrecken des Aufenthaltes, den er verlaſſen hatte.“ „Er brauchte nicht wieder dahin zurückzukehren“, be⸗ merkte Fritz,„aber Du mußt es, armer Junge!“ „Denken wir heut' Abend noch nicht daran, Fritz; laß mich in der Stunde leben, es iſt ja eine meiner ſelte⸗ nen, glücklichen. Laß mich heut' Abend jung ſein, mein lieber alter Freund! Laß uns hinaus wandern und unſre Pfeifen bei den dunkeln Wellen der See zu Ende rauchen!“ „Zugeſtanden“, rief er;„aber zuerſt, um methodiſch zu verfahren,— ich liebe Methode in allen Dingen— laß uns feſtſetzen, was wir morgen thun wollen: Zeitig auf— Strand bei Sonnenaufgang und ein Bad natür⸗ lich— Kaffee mit Krabben— ſodann mit einer Pfeife auf den Klippen oder an der Bucht hingeſtreckt— eine Segelfahrt bis Mittag in der neuen„Alice Wentworth“— Mittageſſen— eine Pfeife nachher und auf dem Sopha liegen— dann das Wägelchen holen aus„Wentworth Arms“— es ſoll mich wundern, ob ſie die ſchnelle kleine rothbraune Mähre behalten haben, die immer ſcheu wird— ich will Dich über Old⸗Tower Caſtle fahren— dann zurück zum Thee— Thee— ein Spaziergang nach dem Thee —— — 129— durch Fern Wood, zurück durch die Kornfelder und bei den ſchwarzen Felſen vorbei, zur Bucht— Abendbrod— wieder eine Pfeife— Bucht, Zollwachtſtation und allge⸗ meines Umherſchlendern— die Zwiſchenräume ausgefüllt mit Leſen, Plaudern und Rauchen! Wie gefällt Dir mein Plan und meine Methode?“ „Gut;— nur iſt etwas zu viel Haſt in Deiner Me⸗ thode. Sie iſt mit dem Feuer der Jugend gefärbt. Laß uns nicht arbeiten am Genuß; laß uns ganz paſſiv ge⸗ nießen. Du mühſt Dich zu ſehr beim Vergnügen; laß uns ein Wenig müßig ſein. Es erfordert eine große Ener⸗ gie und einen ſehr thätigen Geiſt, ganz müßig zu ſein. Betrachten wir das Arrangement mit der Pfeife nach dem Frühſtück für beendet. Laß den Zufall und den Impuls der Stunde— gleichſam des Sängers Inſpiration— das Uebrige entſcheiden. Laß uns nicht zu ſicher über die ferne Zukunft beſtimmen. Wer weiß, was das Fatum für uns in Bereitſchaft hält?“ „Ich betrachte Dich als einen faulen Burſchen, Grey, und als einen Unglücksraben obenein. Aber Du wirſt wohl, wie gewöhnlich, Deinen Willen haben müſſen. Uebernimm Du die Anordnung des Tages, lieber Vetter!“ „Was das Faulſein anbetrifft, Fritz,— biſt Du bereit, aufzubrechen? Ich muß die See ſehen, bevor ich ſchlafe.“ 9 Die drei Pfade. I. — 130— „O ja,“ entgegnete er,„es iſt Alles bereit zum Fort⸗ gehen; nur Du ſitzeſt noch auf dem Stuhl und ich liege auf dem Sopha. Nebenbei geſagt,„„laß uns müßig ſein beim Genuß““— wie? Laß mir noch fünf Minuten Friſt, um meine erſte Pfeife auszurauchen, und ich werde mit Dir gehen.“ Er legte ſich in ſehr entſchiedner Weiſe auf dem Sopha zurecht und rauchte emſig. Ich wußte, daß ich warten mußte. Ich benutzte die fünf Minuten, mich in dem alten kleinen Wohnzimmer umzuſehen. Das Häuschen war viel⸗ leicht zweihundert Jahre alt, und die Zimmer ziemlich niedrig. Die Einfaſſung der Schiebefenſter war dick und ſchwer, und draußen wuchſen und rankten ſich Roſen dicht um die Fenſter, und Blumentöpfe, von denen Fritz wäh⸗ rend ſeines Hierſeins ſicherlich, wie ich glaubte, einen oder zwei aus dem Fenſter ſtürzen würde, ſtanden auf dem Fenſterbrett. Der Kaminſims war ſchwerfällig und darüber hing ein altmodiſcher ovaler Spiegel mit ſonderbarem Rahmen. Verſchiedene kleine Zierrathe, unter Anderm zwei Pfauenfedern ſchmückten das Kaminſtück. Ein andrer der Zierrathe, eine kleine Schäferin von ſchimmernd⸗weißem China⸗Porcellan, ſah ſehr einſam und verlaſſen aus. Ver⸗ gangnen Sommer hatte ſie einen hübſchen Schäfer zum — 131— Gefährten gehabt mit runden ſchwarzen Punkten als Augen, der ſein verliebtes bucoliſches Lied pfiff und der Gruppe Symmetrie verlieh. Gereizt durch den Ausdruck in dieſes Burſchen Geſicht, der ihn allerdings lange gequält, hatte Fritz den Schäfer eines Morgens während unſres frühern Beſuchs zerſchlagen, als ich eine pſychologiſche und phy⸗ ſiologiſche Aehnlichkeit mit dem treuen Geſchöpf und ihm ſelbſt entdeckte. An der Seite lagen die gebräuchlichen großen Muſcheln, und eine Karte, mit Seegras beklebt, ſchmückte die Mitte. Auch eine Katze von ſchwarzem Sammet war da, mit beweglichen Augen, und ein Namens⸗ tuch, das die alte Dame in ihrer Jugend geſtickt hatte. Das Ameublement war altmodig; desgleichen die Bilder an den Wänden. Eines derſelben zeigte die Fregatte „Thunder“ mit vollen Segeln. Eine Reihe von Kupfer⸗ ſtichen ſtellte Seine Majeſtät König Georg III. dar mit einem peinlichen Ausdruck hündiſcher Dummheit in ſeinen Zügen, und ſeinen Sohn mit dicker Kinnlade, niederer Stirn und fleiſchigem Geſicht. Ueber dem Kaminſims hingen zwei kleine Porträts in gewöhnlichen ſchwarzen Rahmen, ſchlechte Machwerke was den Künſtlerwerth betrifft, aber dennoch von großem In⸗ tereſſe für mich. Das eine ſtellte vor oder deutete an einen redlichen, bausbackigen, blühenden Pächter, das andre 9⸗ — 132— ein kleines Kind mit ſchönem Haar, etwa drei oder vier Jahre alt und mit lieblichen, ſchmerzlichen Augen. Mrs. Fieldfare war eine kinderloſe Wittwe; ich hatte ſie oft beobachtet, wenn ſie am frühen Morgen das Bild des Kindes anblickte. Sie ſtand immer lange davor und ſtäubte es ſorgfältig und zärtlich ab. Ich fragte nie, ob die beiden Bilder Porträts ihres verſtorbenen Mannes und Kindes wären. Zuletzt glaubte ich, es ſei an der Zeit, Mr. Charlton's Träume zu ſtören. „Du biſt immer in einer ſo abſcheulichen Eile, ſagte er mit einer halb wirklichen, halb erkünſtelten Verdrieß⸗ lichkeit.„Ehe wir gehen, ſage mir, was Du für Bücher mitgebracht haſt?“ „Ich habe den Tennyſon.“ „Gut; das iſt herrlich! Was ſonſt noch? Ich weiß, das iſt nicht Alles!“ „Ich habe auch Coleridge's Gedichte hier.“ „Wieder gut.„Der alte Seemann“ wird ſich hier unten auf dem„gerippten Seeſand“ herrlich leſen. Was ſonſt?“ „Sartor Resartus, Fauſt, den Sturm.“ „Klaſſiſche Bücher, Grey, aber mehr für trocknes Land und den häuslichen Herd geſchaffen, als für dieſen am⸗ — 133— phibiſchen Ort. Sie erfordern zu viel Denken, wenigſtens die beiden erſten, als daß man ſie an der See leſen könnte. Nun, ich habe, wenn ich ſie nicht vergeſſen, eine beſſere Art von Büchern zu dieſem Zweck mitgebracht: Romane, Erzählungen von Abenteuern und Lebensſchickſalen, nicht zu hoch oder zu gut zur täglichen Speiſe für die menſch⸗ liche Natur an der See.“ „Was ſind es für welche?“ „Nun,„Monte Chriſto“ und dergleichen; bedenke, nach Krabben gelüſtet Einen nur an der See!“ Hier brachte er zwei oder drei kleine franzöſiſche Bände Novellen von Paul de Kock vor und andere, vielleicht noch ſchlechtere Specimina derſelben Schule voll Schmutz und Auswurf. Ich wußte gar nicht, daß er im Beſitz dieſer hetäriſchen Bücher ſei. Er fühlte ſich augenſcheinlich ſchul⸗ dig, als er ſie mit ſorgloſem Lachen niederſchleuderte. „Du wußteſt nicht, daß ich dieſe Schmöker habe? O, ich habe mein Franzöſiſch neuerdings gut aufgeſtutzt. Die Literatur iſt eine Lorette, nicht wahr? Seit lange hab' ich ſie noch nicht; Du kannſt Dir denken, wie ich dazu kam. Ich leſe es in Deinem Auge, daß Du es weißt. Ja, es ſind die Trümmer, die ich beim Schiffbruch meiner Leiden⸗ ſchaft gerettet habe. O Désirée, ma bien-aimée! dieſes ſind die einzigen Souvenir's, die ich von Deiner Treue und — 134— Zärtlichkeit beſitze! Mignonne! Sie war hübſch, nicht Grey? Aber ein Weib, Sir, ein echt franzöſiſches Weib. Sieh' nicht ſo ernſthaft aus. Sie hat mir gut gethan, ſie hat meine Grundſätze gekräftigt und meine Theorieen befeſtigt. Ha! Ha! Ich bin ein Miſogyn und werde einer bleiben! Komm' alſo, mein lieber Junge, komm' fort und laß uns einen Hauch von Seeluft athmen.“ Er ſprang ungeduldig auf und ging zur Thür hinaus. Ich folgte ihm. Ich kannte die Urſache, die ihn ſo eilig die Stadt verlaſſen machte; es war dieſelbe, die ihn jetzt aus dem Hauſe trieb. Seine Geſtalt zerfloß in der Dun⸗ kelheit, als er über den Weg ſchritt und mit raſchen Schritten zur Bucht hinunterlief. Ich hörte ihn oben, ſeine Schritte kniſterten auf dem Kies. Zwiſchen den Fiſcherbarken hindurch, die auf die Bucht heraufgezogen waren, und Netze, Anker und Bojen umgehend, folgte ich ihm auf dem feſten, harten Sand und erreichte ihn, wo der in der Dunkelheit weiß glänzende Schaum zu ſeinen Füßen rollte. Die ſalzhaltige Luft kam in leiſen Strömungen. Die Nacht war ſchwarz und ohne Mondſchein. Wir ſtanden einen Augenblick Seite an Seite und begannen dann, das finſtere Ufer entlang zu ſchlendern, ab und zu ausweichend, um eine ſich brechende Woge zu vermeiden. Es herrſchte — 135— eine Stimmung unendlicher Ruhe in Ort und Zeit; ich empfand bis in's Innerſte den wohlthuenden Einfluß. Die Freude, von Sorgen und Arbeit befreit zu ſein, ver⸗ ſchmolz in ein tiefes, ſtilles Gefühl von Friede und Segen. Ich ging ſtumm vorwärts in der Schweigſeligkeit meines Glückes. Fritz jedoch war ſelten lange wortlos. Seine Natur war zu unruhig, zu heiß und zu ſehr der Erregung fähig. Er fing bald an zu ſprechen. „Grey, wir wollen einmal um die Wette laufen bis zu jenem großen Boot da unten. Nein? Nun gut, morgen geht es eben ſo gut. Ich wette darauf, ich gewinne. Wie finſter iſt es über der See! Wie weit denkſt Du, daß man auf die See hinausblicken kann?“ „Nicht ſehr weit, Fritz. Ungefähr ſo weit, als man in die menſchliche Zukunft hinausblicken kann. Sangui⸗ niſcher Burſche! Wie geläufig Du unſre zukünftigen Pläne für ein ganzes„„morgen““ entwarfſt!“ Gleichſam mit dem Hauch des Nachtwindes wehte mein Gemüth ein eigenthümliches Gefühl von dunkler Ungewiß⸗ heit und Unſicherheit an. War es ein Vorgefühl? Ich bebte inſtinctmäßig zurück vor gefaßten Plänen, ſelbſt wenn ſie nur den morgenden Tag betrafen. Kein ſolches Gefühl wuchtete auf Fritz's mehr queck⸗ ſilberner Natur. Er lachte nur und wiederholte ſeine Abſichten.. Sind ſolche Empfindungen, wie die meine war, dunkle Warnungen? oder ſind ſie nur die Schwäche abgeſpannter Nerven? Ich dachte über den Punkt nach, ohne zu einem Reſultat zu kommen. Noch immer habe ich dieſe Fragen in meinem Geiſte nicht feſtgeſtellt.. Wir verließen das dunkle einſame Ufer, auf dem ſchwer das große Myſterium der Nacht und des Meeres lag, und ſchlenderten langſam nach Hauſe. Das Licht in den kleinen Fenſtern unſres Wohnſtübchens ſchimmerte heiter und warf ſeinen freundlichen Strahl hinab in den Garten und über den Pfad. Die Gedanken ſchrumpften wieder zuſammen zur gewöhnlichen menſchlichen Kleinheit, als wir das weite Gewölbe der finſtern See und des Himmels verließen. Nach einem kurzen freundlichen Geplauder kam Fritz's gewöhnliches warmes„Gute Nacht“ und ſein herzlicher Händedruck. Und beim Rauſchen des Oceans und den dahin rollenden Sternenkreiſen legten wir uns zur erſten Nachtruhe in dem alten lieben Seanook nieder. Es iſt zu Zeiten eine wohlthuende Erholung, ſich auf irgend eine unbedeutende menſchliche Beobachtung zu beſchränken und die Gedanken zu vermeiden, die jenſeits der Faſſungs⸗ kraft unſrer Seele liegen. Ich ſah mich mit Behagen — 137— in dem kleinen hübſchen Stübchen um und genoß, während das Gefühl der dankbaren Freude ſich zur Religion erhöhte, ſchon im Voraus den friſchen, hellen Sommermorgen. Ich malte mir ſein Licht auf dem goldnen Sand und den ſchimmernden Wogen, und als ich mich dem Schlummer überließ, dankte ich dem Himmel, daß ich mich dieſe Nacht ſo ruhig, glücklich fühlte, ſo voll von freudiger Hoffnung für den Morgen, den er mir ſenden würde. Der Morgen kam, ſchön und hell, und ehe ich auf⸗ ſtand, gedachte ich meines lieben alten Freundes, ſeiner Lage und ſeiner Ausſichten. Fritz war in der That, ſeit mein Leſer ihn auf ſeinem Zimmer beſuchte, nur wenig verändert. Er war noch immer ein Frauenfeind, obwohl ihm glücklicher Weiſe einige Zweifel hinſichtlich der Ueberlegenheit der Hetären aufge⸗ ſtiegen waren, in Folge der außerordentlichen Falſchheit der Mademoiſelle de Ste. Lorette. Ich werde nicht näher auf die Einzelnheiten der coloſſalen Perfidie dieſer Dame eingehen; genug, daß das Paar ſich veruneinigt und ge— trennt hatte. Ich hatte bis jetzt nichts zur Erfüllung meines Ge⸗ lübdes gethan, aber im Lauf der Zeit, ſeit Fritz wieder, Dank dem gewaltſamen Bruch ſeiner Liaiſon, für andere Eindrücke empfänglich wurde, hatte ich angefangen, mich — 138— nach den Mitteln zu ſeiner Erlöſung umzuthun. Ich war aufrichtig für ſein Glück beſorgt; während ich jedoch noch über die beſte Methode, es herbeizuführen, nachdachte, ereigneten ſich Vorfälle, vor denen wir Beide wie Halme auf dem Buſen eines Stromes waren und welche die Wahrheit von Artevelde's Ausſpruch beſtätigten, daß„wir Alle, Alle Marionetten ſind.“ Ich hatte gut gethan, nicht über eine ferne Zukunft zu verfügen. Die Geſchichte dieſer Begebenheiten muß jedoch für einen andern Theil verſchoben werden. In der Zwiſchen⸗ zeit mag der Leſer ſich ſeine beiden alten Freunde vor⸗ ſtellen, die jungen Freunde, wie ſie, London, Geſetz und Arbeit im Rücken, in der Wonne ihres erſten Morgens an der Bucht von Seanook aufjauchzen. Der Strand bei Sonnenaufgang, das Bad und das Frühſtück ſind pflicht⸗ mäßig eingehalten worden. Hell ſtrahlt die ſommerliche See. Friſch, aber leiſe wehen die ſanften Winde— woher? über den weiten Buſen der Welle. Herrlich iſt das klare Sonnenlicht und glücklich, heiter und glänzend die ganze liebliche Scene. Boote ſegeln ab aus der geſchäftigen Bucht, Schiffe gleiten dahin über die weite, fernhin ſtrahlende Fläche der mächtigen Waſſer, und die langen Schweife von Rauch zeigen an, wo ein ferner Dampfer ſich ſeinen Weg wühlt. Wolken werfen ihre Schatten auf das Meer, nicht 6 in Düſterkeit, ſondern in Schönheit, und die Wellen zer⸗ ſpritzen in Schaum und brechen ſich mit Muſik an dem widerhallenden Ufer. An ſolchem Ort und zu ſolcher Zeit ſtrahlt unſre innere Natur die äußere Natur zurück, und glücklich wie die Stunde, heiter wie die Scene, ſind die beiden Freunde, da ſie, für eine Weile der Sorgen und der Arbeit überhoben, ſich auf die ſonnigen Klippen ſtrecken und voll Entzücken die Morgenpfeife anzünden. — — — G? — — — — 2 5 V „Vermöchten wir ſo ſtark zu denken, wie Wir lieben, Großes, traun! vollbrächte Einer!“ Feſtus. „Ich könnte halb nicht ſo Dich lieben, Liebt' ich die Ehre ſtärker nicht!“ Lovelace. „Ich finde, daß es eine Thorheit iſt, die Welt als einfacher Zuſchauer ſtudiren zu wollen.“ Rouſſeau. „Mächt'ge Leidenſchaft ergoß ſich Durch mein tiefſtes Inn're dann, Es verſank mein altes Leben Und ein beſſ'rer Pfad begann.“ Aytoun. „Nicht auf der holden Wange nur ſo ſchnell die Röthe bleicht, Des Herzens zarte Blüth' auch welkt, eh' Jugend ſelbſt entweicht.“ Byron. Manch' wahres Wort iſt im Scherz geſprochen worden. Manche That von nicht geringer Wichtigkeit in unſerm oder in andrer Leben verdankt ſeinen Urſprung einer Ver⸗ pflichtung, die im Moment der Aufregung oder in der Hitze des Streites raſch übernommen wurde, und ſchon mancher Menſch erwachte am Morgen mit der traurigen Erinnerung an ein in der vorigen Nacht hingeworfenes Verſprechen, an ein gedankenlos geleiſtetes Gelübde. Mein Gelübde in Betreff Fritz's mußte, wenn man es beim klaren Morgenlicht der Ueberlegung und leidenſchaftslos anſah, ſicherlich ein wenig raſch und anmaßend erſcheinen; hatte ich doch keine geringere Aufgabe übernommen, als ihn vom Weiberhaß zu bekehren und ſein Glück durch die Liebe zu begründen, während dieſes Ziel doch nur durch eine Frau erreicht werden konnte, die würdig wäre, ſein Weib zu ſein. Bis jetzt hatte ich nichts gethan, obwohl ich, wie der berühmte Papagei, dem die Fähigkeit zu ſprechen verſagt war, ſehr viel über die Angelegenheit nach⸗ gedacht. Sprüchwort ausrufen:„Jo niente faccio ed il cervel mi becco“. Indeſſen, wenn mir auch vor den Schwierig⸗ keiten, die ich zur Erreichung meiner Abſicht zu überwinden hatte, ſehr bangte, ſo war ich doch ſo überzeugt von der Wichtigkeit meines Erfolges für Fritz's künftiges Wohl und ſeine volle Entwickelung, daß aus dem zitternden Zweifel die wahre Entſchloſſenheit hervorging und ich mir vornahm, kein Mittel unverſucht zu laſſen zur Erfüllung des Gelübdes, das ich im Namen des einſt ſo mächtigen und geheimnißvollen Oſiris gegeben. Aber wer war ich, um mir die Macht anzumaßen, ideale Frauen aufzufinden, und auf Andere„Helena's Wange, nicht ihr Herz“ zu übertragen,— die Neigung ſolch' eines Weſens zu Gunſten eines Andern zu lenken? Standen mir ſolche unſchätzbare Talente zu Gebote? Ich mochte meine alte Moderateur⸗ lampe reiben ſo viel ich wollte, ich war ſicher, daß kein Genius zu meiner Hülfe erſcheinen würde, und ſelbſt zu⸗ gegeben, daß ich mit einem Ringe mehr Glück gehabt hätte, Uebrigens konnte ich nur mit dem italieniſchen ſo ſtieß ich da wieder auf eine andere Schwierigkeit— ich beſaß keinen zum Reiben. Nie auch hatte ich als Schäfer den Berg Ida betreten und alſo niemals Ge⸗ legenheit gefunden, mir eine Göttin mit einem Apfel zu obligiren und zum Entgelt unter andern guten Dingen — 145— auch die ſchönſte Frau der Welt als Weib für mich ſelbſt oder einen Freund zu erlangen. So gab ich denn die Idee, irgend welchen Beiſtand von mythologiſchen Perſonen, aus dem Reiche der Feen oder aus ſonſt einer übernatürlichen Quelle zu erlangen, als unhaltbar auf; ich fragte mich ganz nüchtern, wie viel Frauen ich denn überhaupt kennen gelernt, welche ſich der Höhe der Idealität auch nur näherten, oder ſelbſt die ſchwächſte Schöpfung des trauernden Dichterherzens verwirklichten. Die Antwort ſtand vor mir da, wie die todte, kahle Mauer vor dem Fenſter, zu dem ich hinausblickte. Es iſt wahr, ich glaubte feſt an die Exiſtenz ſolcher Frauen, ſo wie ich an die Exiſtenz Calcuta's glaubte, nicht weil ich es je ge⸗ ſehen, ſondern weil die Augenſcheinlichkeit ſo auf der Hand lag, und weil außerdem noch eine innere Stimme mir ver⸗ ſicherte, daß es ſolche Weſen gäbe. Der ſtarke Glaube an die Unſterblichkeit der Seele allein iſt ſchon ein triftiger Beweis, daß ſie unſterblich iſt. So zog ich denn den Kreis meines Denkens zuſammen und verengte den Ausgang; ich fragte nicht länger, wie viel ſolcher Frauen ich gekannt, ſon⸗ dern ob ich auch nur eine einzige gekannt hätte? Als ich mühſam, und für einige Augenblicke vergebens, die voll gehäuften reichen Archive meiner Erinnerung durch⸗ forſchte, erhob ſich plötzlich kalt und rein, wie die ſchöne Die drei Pfade. I. 10 — 146— Sabrina aus der„glänzenden, kalten, durchſichtigen Woge“ das Bild einer Frau, die ich gekannt hatte, die mir einſt, vor langer Zeit, Alles zu ſein ſchien, was das Herz träu⸗ men kann, und die noch immer ein Ideal für meinen Geiſt blieb. Dieſe eine war Lily. Thackeray ſagt ſehr ſchön, wo er von Stella und Vaneſſa ſpricht, daß„die Seiten von Swift's Lebensbuch ſich von ſelbſt bei dieſen ver⸗ witterten Blumen öffneten“, und wenn unſer Herz das Grab einer verſunkenen Blume der Liebe iſt, ſo ſuchen wir vergebens, das Phantom aus unſerer Erinnerung zu bannen; vergebens wächſt das Gras lang und grün über dem Grabe, die Seele erſteht, der Geiſt ſprengt das Grab. Wenn wir im Buche unſeres Lebens zurückſchlagen, öffnet ſich das Blatt weit, auf dem die Inſchrift unſerer Liebe ſteht, und wir halten an vor dieſem Dokument, welches uns daran mahnt, daß es „ſolche Dinge wirklich gab, und daß ſie uns ſo theuer waren.“ Die Leidenſchaft mag zu Aſche niedergebrannt und die Hoffnung unter dem dicken Eiſe der Entſchloſſenheit ertränkt ſein, Zeit und Abweſenheit mögen eine Wunde vernarbt haben; aber dennoch, ein ſo unzerſtörbares Ding iſt eine heilige Liebe, kann kein Funke davon, der einſt leuchtete, je ganz ſterben. Und doch „Sſſt beſſer, lieben und verlieren, Als daß man Liebe nie gekannt;“ und nie, wenn wir einmal wahrhaft geliebt haben, ſind wir mehr dieſelben, die wir geweſen ſein würden ohne dieſe zarte, edle Anlage zum tiefſten und reinſten Gefühl. Manch ein Menſch, deſſen Daſein eine einzige hoffnungsloſe Leiden⸗ ſchaft enthielt, erlebt ein hohes Alter und ſtirbt als ein träumender Idealiſt.— Zärtlich und thränenvoll wachte im Alter die Geliebte ſeiner Jugend an dem Lager, auf dem Capitain Thomas Newcome ſein letztes adsum ſprach; wachte mit inniger Fürſorge ſie, die von ſeinem Leben durch die der Ehre unüberſteigliche Schranke einer Verbindung mit einem Andern getrennt blieb, mochte dieſe Verbindung auch das lebenslange Elend einer verabſcheuten und liebe⸗ loſen Ehe ſein.— Auch Schiller erzählt von zwei Brüdern*), welche beide daſſelbe Mädchen liebten. Der jüngere gewann ſie und vermählte ſich mit ihr. Sie ſtarb und er nahm eine andere Frau. Aber er, der ältere Bruder, deſſen tief innige Liebe keine Gegenliebe kannte, er heirathete nie und ſtarb mit jenem erſten Bild im Herzen, das ſich ihm ein⸗ gegraben, und der lange Roman eines einſamen Herzens endete nur mit dem Leben ſelbſt. Kann es wohl ſein, daß der Beſitz das Ideal zum Erdenkind erniedrigt? Sollen wir glauben, daß nur unſer geiſtiges Weſen das reine. *.)„Eine großmüthige Handlung aus der neueſten Geſchichte.“ 10* Bild der Liebe unbefleckt zurückſtrahlen kann; daß erſt der Tod das Sterbliche in uns vernichten muß, ehe wir die göttlichſte und unvergänglichſte aller Leidenſchaften würdig verſtehen und genießen können? Trotz der langen und viel beſchäftigten Zeit, die verfloſſen war, ſeit mein Auge zum letzten Mal auf Lily geruht, trotz der großen Anſtrengungen, die ich gemacht, eine hoffnungsvolle Leidenſchaft unentdeckt im Keim zu erſticken:— als ich ihrer wieder gedachte, be⸗ gann dennoch mein„eingefrorenes Herz zu ſchlagen in der Erinnerung an die alte Gluth“. Mit einem tiefen Seufzer und einem ſtechenden Weh rief ich ihr Bild zurück, als ich über die Mittel nachdachte, eine Frau zu finden, die ein andres Herz als das meine mit Liebe ſegnen ſollte. Aber wie es immer geht, ehe ich meine Abſicht noch aus dem Gröbſten herausgehauen, hatte die Vorſehung ſie ſchon ge⸗ ſtaltet, und ich war nicht beſtimmt, die Rolle Rudolph's von Geroldſtein zu ſpielen, ſondern war zu der des Giſippus verurtheilt worden. Am erſten Tage, den wir an der See zubringen, unter⸗ nehmen wir ſelten weite Spaziergänge, ſondern wir über⸗ laſſen uns nur einem entzückten Anſchauen der nahe lie⸗ genden Schönheiten und der ſüßen Seligkeit des dolce far niente. Nachdem wir um die Bucht und in der Umgegend von Seanook umhergeſtreift waren und gebadet hatten— — — — 149— denn in dieſem Sinne waren wir Badegäſte— ließen wir uns, Fritz und ich, auf die Klippen nieder, um den friſchen, geſunden Lufthauch und den köſtlichen Anblick der See zu genießen. Auf den kurzen, trocknen Raſen hingeſtreckt, ſchien es uns durchaus nöthig, den Genuß durch eine zweite Pfeife zu heiligen, und da Pfeifen gleich Kriegsliedern nichts ohne Feuer ſind, ſo ſahen wir uns nach den Mitteln um, eine Verbindung brennbarer Stoffe mit Oxygen zu Stande zu bringen. Da es uns, ganz einfach geſprochen, an Zündhölzern fehlte, ſo verſuchten wir, uns zurückzurufen, was Robinſon Cruſoe und andere Reiſende in fernen Wildniſſen und auf wüſten Inſeln thaten, um ſich Feuer zu verſchaffen; indeſſen keine Erfindung, welche von jenen Chemikern wider Willen gemacht worden, wie ſinnreich ſie auch an und für ſich ſein mochte, ſchien unter den Umſtänden ausführbar, in denen wir uns befanden, und unſer Geiſt kam daher von ſeinen fruchtloſen Ausflügen in die Wildniß zurück. Wir riefen den Prometheus um Hülfe an, und er ſtand uns bei, in⸗ dem er uns durch Ideenverbindung das Bild des Lucifer ein⸗ gab, nicht wie er als Morgenſtern erſcheint, ſondern wie er in kleinen Schachteln verkauft wird zu Preiſen, welche den gefallenen Engel in den Bereich auch der beſcheidenſten Mittel verſetzen. Wir erinnerten uns, daß wir„die reifſte — 150— Frucht der Zeit ſeien, die an der Spitze aller Zeiten ſteht, und wir beſchloſſen, uns der Vortheile unſrer modernen Civiliſation zu bedienen und in die High Street zu gehen, um Zündhölzchen zu kaufen. Hier entſtand eine neue Schwie⸗ rigkeit; keiner war Willens ein wandernder Plamen zu werden, obwohl wir Beide das Reſultat des theokratiſchen Opfers ſehnlichſt wünſchten. Die römiſchen Soldaten pflegten, wie wir wiſſen, ähn⸗ liche Schwierigkeiten zu entſcheiden, indem ſie Looſe aus einem Helm zogen. Wir beſaßen dieſes einſt unentbehrliche Koſtümſtück nicht, aber ein Schifferhut ſetzte uns in den Stand, den antiken Gebrauch in moderner Form zu re⸗ produciren, und das Reſultat des feierlichen Ritus war, daß ich das Geſchick hatte— ich war immer unglücklich— nach dem Prometheiſchen Funken zu gehen. Eine der großen Segnungen, welche die Philoſophie dem Menſchen verliehen hat, iſt die praktiſche Weisheit, „ſich in das Unvermeidliche zu ſchicken“; und da es denn doch klar war, daß ich gehen mußte, ſo ging ich raſch. Sobald ich ein Emporium entdeckt hatte, übertrug ich das große Princip des Handels in die Praxis, indem ich gegen einen beſtimmten Werth, in welchen der Händler ſein Ver⸗ trauen ſetzt, eine Waare eintauſchte, die ich zu haben wünſchte; ich zahlte einer tauben alten Frau einen Penny, und ſchloß — 151— den einfachen Contract ab, indem ich dagegen eine Anzahl Zündhölzchen in Empfang nahm. Stolz auf meinen glück⸗ lichen Erfolg, ſchritt ich dahin, um das Reſultat meiner Bemühungen in Ruhe zu genießen, als ich plötzlich gegen zwei Damen anrannte. Ich ſah auf, ſtotterte eine haſtige Entſchuldigung und ſah vor mir— Miß Weſton und Lily. Obwohl ich ein halber Stoiker, bin und im Rufe eines ganzen Cynikers ſtehe, ſo empfand ich doch bei dieſer un⸗ erwarteten Begegnung ein ſeltſames Beben und Zucken. Ver⸗ legenheit und Angſt miſchten ſich mit ſeliger Ueberraſchung, als ich mich wieder in der Nähe des Mädchens fühlte— denn ich wagte Lily nicht anzublicken,— die ich ſeit zwei langen Jahren nicht geſehen, und die doch einſt alle Sprung⸗ federn der Phantaſie, alle Quellen des Empfindes in Be⸗ wegung geſetzt hatte. Ich ward abwechſelnd kalt und heiß, roth und blaß, mein Herz ſchlug wild und meine Pulſe bebten, als ich den leiſen, ſanften Druck der kleinen Hand fühlte, für die ich einſt Welten gegeben hätte, um ſie auf immer in die meine ſchließen zu dürfen. Aber das Leben lehrt uns die ſtolze Kunſt des rothen Indianers, den Schmerz zu verbergen und jedes äußere Zeichen des Kummers, den wir im Innern tragen, zu unter⸗ drücken. Die Damen, die von nichts wußten, dachten wahrſcheinlich, das meine Verwirrung nur die eines ſchüch⸗ — 152— ternen und unbeholfenen Menſchen ſei. Die ſanfte und freundliche Miß Weſton, von der ich, wie ich glaube, immer eine Art von Liebling geweſen, ſprach zuerſt von frühern Zeiten; dann. erzählte ſie mir, daß ſie krank geweſen ſei, und, da der Arzt ihr den Aufenthalt an der See verordnet, ſo habe ſie ihren Ausflug zur Stärkung der Geſundheit in Begleitung ihres Bruders nach dem hübſchen kleinen, ſtillen Seanook gerichtet. Und dann ſprach Lily; ach! „——— ihre Stimme wieder, Wie weckte ſie in mir die alte Zeit!“ Ich hörte mit einer Art Verzückung auf die ſilbernen Laute, die in ihren unvergeßlichen Tönen eine ſo tiefe Muſik für mich waren. Ich mußte mich zuſammennehmen, daß meine eigne Stimme ihren vollen Ton behielt, als ich antwortete; aber mir war dabei, als ob der mächtige Kampf der Vergangenheit ganz vergeblich geweſen ſei; als ob die alte Liebe, welche ich thörichter Weiſe für erloſchen gehalten, mein ganzes Weſen wieder durchſtröme, als ob unter der ſchlummernden Aſche das alte Feuer von Neuem hervor glühe. Miß Weſton lud mich ein, ſie am Abend zu be⸗ ſuchen. Die Weisheit, die harte, kalte, ſtrenge Weisheit flüſterte mir eine abſchlägige Antwort zu; aber die Magie eines Zaubers lag auf mir, gegen welchen leider der Wille ſchwach und machtlos war. Schon ſagte ich zu, als der Z weifel — 153— in meinen verwirrten Gedanken erwachte; ich ſchützte die Geſellſchaft eines Freundes vor, eines lieben alten Freundes, und die Nothwendigkeit, bei ihm zu bleiben. Indem ich dies ſagte, warf ich einen Blick auf die anſtoßenden Klippen, wo der Freund dem bloßen Auge deutlich ſichtbar war. Er lag auf dem Bauch und las, den Kopf auf den Arm geſtützt, in Shakspeare's Sonetten. Er war in dem äußer⸗ ſten Junggeſellen⸗Strand-Morgen⸗déshabillé, und ich fürchtete halb und halb, daß ſeine Erſcheinung ungünſtig auf die Damen wirken könne. Aber ich irrte mich. Fritz war einer der Männer, welche trotz jeder Nachläſigkeit im Anzuge unzweifelhaft den Gentleman erkennen laſſen; und die Damen hatten uns außerdem, obwohl ich es zur Zeit nicht erfuhr, ſchon geſehen, ehe ich ihnen begegnete, und hatten an ſeiner Erſcheinung großes Wohlgefallen gefunden. Glücklicher Jüngling! geboren, die Freundſchaft des Mannes und die Liebe des Weibes zu gewinnen, war ſein Aeußeres ein Empfehlungsbrief, der Jedermann einen Vorwand wünſchen ließ, ihn näher kennen zu lernen. Seine freie, hohe Stirn und die Anmuth jugendlicher Männlichkeit, ſein offener Frohſinn und ſeine aufrichtige Freundlichkeit machten, daß alle Frauen, gleichviel, ob vornehm oder gering, ihn nur zu bereitwillig willkommen hießen, ihn, der mit allen äußeren Symbolen ausgeſtattet war, welche den Frauen — 154— dasjenige bedeuten, was ſie beim Manne in der Jugend ſuchen. Mein Einwand ward von Miß Weſton beſ ſeitigt, und mein Freund gleichfalls in die Einladung eingeſchloſſen. Ich verſprach, ihn am Abend mitzubringen, und wir ſchieden. Oft in ſpätern Jahren, wenn ich das alte liebe Seanvok wieder beſuchte, habe ich meinen Schritt angehalten, um die Stelle wieder zu ſchauen, wo dieſe, für mich ſo ver⸗ hängnißvolle Begegegnung ſtattfand. Unlis Sbar iſt mit disſer Scene das Andenken an Ereigniſſe verknüpft, welche mein ganzes ſpäteres Leben ſo tief färbten, daß ich ſie nie vergeſſen kann, ſolange das Gedächtniß ſeinen Sitz be⸗ hauptet. Noch einmal durchlebe ich einen großen Kummer und ein großes Opfer. Jahre um Jahre ſchwanden dahin, und indem ich wieder jenen Platz umſchwebe, indem die Phan⸗ taſie die drei Figuren wieder heraufbeſchwört, die an jenem Morgen einander dort begegneten, erſcheine ich mir ſelbſt— wenn ich mich erinnere, was ich damals war, und wenn ich fühle, was ich ſeitdem geworden— als das ſchatten⸗ hafteſte und weſenloſeſte Phantom! Ich kehrte zu Fritz zurück, der mich ungeduldig erwartete. Ich hatte den Zweck meiner Wanderung vergeſſen, aber er nicht, und eilig forderte er die Mittel, ſeine Pfeife anzu⸗ — 155— zünden. Das Vergnügen an ſeinem Buche erhöhte ſich noch durch die ſympathetiſche Begleitung des Tabakrauchens; er begann wieder zu leſen, und überließ mich meinen eige⸗ nen Gedanken. Dieſe waren wild und aufgeregt, ein chao⸗ tiſcher Wirbel von Schmerz und Furcht, den, zuweilen zitternd, ein Gefühl der Freude durchzuckte, wie ein Sonnenſtrahl die finſtren, raſch dahineilenden Wolken. Denn welch' eine große Veränderung hatte mich in den wenigen Minuten, ſeit ich von ſeiner Seite ging, überkommen, eine mächtige Revolution hatte ſich in meinem ganzen Weſen vollzogen! 3ch war ſorglos hinweggeſchlendert, um ein alltägliches Geſchäft zu beſorgen; ich kehrte zurück von einer jener Zu⸗ ſammenkünfte, welche die Kriſe eines Geſchickes bilden und dem Strome eines Lebens eine andere Richtung geben. Oft begegnen wir unſerm Fatum an der Straßenecke, und dann ſchreiben wir in unfrer leichtſinnigen menſchlichen Redeweiſe dem Zufalle die Wirkungen des Schickſals zu und dem Glück die Rathſchlüſſe einer höheren Macht. Fritz und ich, wir hatten vielleicht nie während der⸗ ſelben Zeitdauer ſo wenig miteinander geſprochen, als an dieſem Tage zwiſchen unſrer Morgenruhe auf den Klippen und dem heitern Sonnenun tergange, wo die letzten ſchrägen Strahlen ihre reiche Glorie über Land und Meer aus⸗ ſandten. Ich hatte nie, ſelbſt meinem Freunde Fritz nicht, — 156— das Geheimniß meiner frühen hoffnungsloſen Leidenſchaft enthüllt; nie hatte ich zu ihm auch nur von Lily ge⸗ ſprochen. Wir hegen ſo reine und hohe Ideale in dem Adytum unſrer geheimſten Seele, und eine Verſchämtheit des Empfindens, eine gewiſſe Verſchwiegenheit über ein uns liebgewordenes Gefühl verhindern uns, die Pforte der geheimnißvollen Kammer durch einen fremden Fußtritt zu entweihen. Ich hatte ihm indeſſen Miß Weſton's Ein⸗ ladung zu überbringen, doch bebte ich eigenthümlicher Weiſe davor zurück und verſchob unentſchloſſen die Mittheilung, die ich ihm doch machen mußte. 5 „Nachdem Mrs. Fieldfare uns unſer Mittageſſen ge⸗ reicht, einen prächtigen Fiſch, dem eine Keule folgte, die kürzlich noch das perſönliche Eigenthum eines dahingeſchie⸗ denen Lammes geweſen war, ſammt den etceteras, zog Fritz ſeinen Rock aus und warf ſich mit dem ihm eignen Talent für maleriſche Stellungen auf's Sopha, mit den Beinen ein gut Theil höher gelegen als mit dem Kopf, und fing an,„Monte Chriſto“ zu leſen und die Nachmittagspfeife zu rauchen. „Fritz“, ſagte ich,„höre einen Augenblick auf, zu leſen. Ich habe eine Einladung für Dich“. „Verd— ſeien alle Einladungen“, antwortete Fritz ein⸗ fach, ohne ſein Auge vom Buch abzuwenden.„Ich kam — 157— nicht nach Seanook, um Einladungen anzunehmen. Wenn es außerdem Damen ſind, ſo habe ich keine Kleider, um hinzugehen. Ich ſchleppe keine großen Koffer mit mir umher und habe an der See wohl etwas Beſſeres zu thun, als mich in eine Bude des Eitelkeitsmarktes zu begeben. Dennoch möcht' ich, wir wären dem hübſchen Mädchen be⸗ gegnet, von dem Mrs. Fieldfare geſtern Abend ſprach“. Als er das geſagt hatte, wandte er das Blatt um und vertiefte ſich wieder in Dumas' aufregende Erzählung. Die Wahrheit traf mich wie ein Blitz. Es waren Miß Weſton und Lily, von denen Mrs. Fieldfare geſprochen hatte. Ich hatte jedoch von uns Beiden den feſteren Willen, wenn es irgend eine mich hinreichend intereſſirende Sache galt, und da ich entſchloſſen war, daß er gehen ſolle, ſo ging er. Zur gehörigen Zeit machten wir uns auf und ſchlugen unſern Weg nach dem hübſchen Landhauſe ein, in welchem die Damen ihren zeitweiligen Aufenthalt genommen hatten. Fritz knurrte, während wir gingen, allerlei, daß er ſeinen ruhigen Abendſpaziergang durch die Hopfenpflanzungen und Kornfelder, durch Fern⸗Wood und zurück über die Klippen aufgeben müßte, den wir uns am frühen Morgen vorgenommen, ehe ich nach der High⸗Street ging, um Feuerzeug zu kaufen, und er ſtellte ſich ſelbſt ſehr pathetiſch als ein herausgeputztes Schlachtopfer dar. Nebenbei aber war er ſehr neugierig zu erfahren, bei wem ich ihn ein⸗ führen würde. Ich war ſanft gegen ihn, aber ſehr feſt, und verweigerte jede Erklärung. Als wir uns dem Hauſe näherten, verfiel ich in eine ſchweigſame, contemplative Stim⸗ mung, die auch ſeiner Geſchwätzigkeit Einhalt that, und als wir auf den Stufen der„Roſe⸗Cotage“ ſtanden, war ich zu tief in meinen Gedanken verſunken, um noch darauf zu achten, ob er ſprach oder nicht. Wir traten in das Zimmer, wo die Damen uns er⸗ warteten. Der Bruder der Miß Weſton, ein geſetzter Mann ohne jede Individualität oder hervorſtechenden Charakter— ein menſchlicher Strohmann— war im phyſiſchen Sinn, gleichfalls anweſend. Ich kannte ihn ſchon lange. Nach⸗ dem die Ceremonie der Vorſtellung pflichtmäßig vollzogen war und die ungewöhnlichen ſteifen, förmlichen, unum⸗ gänglichen Bemerkungen, mit denen die Unterhaltung be⸗ ginnt, durchgemacht waren, begann ich, den Tempel und ſeine Göttinnen in's Auge zu faſſen. Meine Gewohnheiten als Menſchenforſcher ſind im Lauf der Jahre ſo mit mir verwachſen, daß es ſelbſt einer heftigen Aufregung nicht gelingt, meine Neigung zum Beobachten ganz zu unter⸗ drücken, obwohl ich dieſer Gewohnheit zuweilen nur ganz mechaniſch nachhänge. Jedes Ding in dem kleinen Zimmer bekundete auf's Deutlichſte den verfeinerten Geſchmack reiner 4 — 159— und eleganter Frauen. Die Blumen,— nicht allein durch ihr Vorhandenſein, ſondern noch mehr durch ihre Auswahl und Anordnung;— die Muſtkalien und Bücher, tauſend kleine, ſchwer aufzuzählende, aber leicht zu entdeckende Dinge, bewieſen, daß der Ort durch Frauen jener Art bewohnt wurde, deren Lararium immer transportabel iſt, und die, wohin ſie auch gehen, die holden Einflüſſe einer ſchönen und glücklichen Heimath mit ſich führen. Ich blicke mich zuweilen nach einem ſolchen Beſuch in meinem eignen armen, kleinen, unbehaglichen Zimmer um und wünſche, daß ſolch' ein heiligender und fänf⸗ tigender Einfluß hier regieren möchte. Aber Muth! dieſes geringe Zimmer empfängt noble Gäſte, und die Geiſter wenigſtens der von fleiſchlichen Flecken geläuterten Beſten und Weiſeſten der Erde beſuchen es in Liebe. Der Himmel hat die Armuth nicht aus den göttlichen Reichen der Literatur ausgeſchloſſen, und Gedanken, mit denen wir oft unſichtbare Engel unterhalten, können in einer Atmoſphäre gedeihen, die des irdiſchen Glauzes ent⸗ behrt. In dieſem Zimmer kann ich„Plato's Geiſt aus ſeinen Bahnen reißen;“ da kann ich mit Shakspeare ver⸗ kehren, mit Milton, Dante und Göthe; da kann ich des Umgangs aller Poeten, Philoſophen oder Denker genießen, welche die Erde mit Schönheit und Liebe erheitert, mit — 160— Heldenmuth veredelt, oder mit Wahrheit erleuchtet haben. Wünſche ich Geſellſchaft um mich zu haben? wo find' ich eine höhre Ritterlichkeit, als die eines Sidney oder Bayard? Wo treff' ich unterhaltendere, witzigere, würdigere Kameraden an, als jene, die mir aus den magiſchen Blättern entgegen⸗ treten? Suche ich Nahrung für die Phantaſie, Uebung für den Verſtand, Erkenntniß für den Geiſt, Pathos für die Leidenſchaft, Weisheit für's Leben, Schwung für die Ein⸗ bildungskraft, Inſpiration für die Seele— bin ich nicht umgeben von den Genien, die gefallen, unterrichten, rühren, erſchüttern und erheben können? Und wenn dir ſo viel ge⸗ währt iſt, warum ruheloſes, undankbares Herz, warum ſchmachteſt du nach der menſchlichen Liebe, die dir verſagt i*ſt, verſagt ohne Zweifel aus Weisheit und aus Liebe? Zwei Jahre hatten Lily ein wenig verändert. Ich vermißte etwas von dem fröhlichen Eigenwillen, von der ſchalkhaften Munterkeit. Sie war augenſcheinlich gedanken⸗ voller geworden, obwohl das Denken nur erſt im leichten, roſigen Wölkchen durch die helle, ſonnige Natur dahinzog. Aber ſelbſt für die Heiterſten und Glücklichſten iſt das Leben eine feierliche und ehrfurchtgebietende Sache, und es kommt in jedem Leben eine Zeit, für Frauen ſowohl als für Männer, wo die ſorglos freudige Kindheit ſchwindet und wo wir fühlen, daß es ein ernſtes Ding iſt, zu ſein, in einem — 161— Univerſum zu eriſtiren, welches ein tägliches und ſtündliches Wunder iſt; zu einem ſo mächtigen und großartigen Syſtem des Seins zu gehören, daß wir unſre Beziehung zu dem göttlichen Myſterium nur dunkel begreifen. Frauen haben in der Regel mehr Phantaſie als die Männer, die Männer mehr Vorſtellungskraft als die Frauen, Frauen werden nachdenklich, wenn die jungfräuliche Phan⸗ taſie zur Liebe erwacht, und der Schatten der Zeit zerſchmilzt über ihnen zu einem goldigen Nebel, durch welchen ſie den höchſten Zweck ihres Daſeins geradauf zum großen Licht des Himmels ſtreben ſehen. Männer werden gedankenvoll, wenn ſie den ſchrecklichen Dualismus einer Natur erkennen, welche die weithin zerſtreuten Strahlen beider, des Geiſtes und des Herzens, in den einen Lichtſtrahl concentriren ſoll, auf welchem die Seele zu Gott emporſteigt. Ihre Finſterniß iſt tiefer, weil ihr Kampf heftiger iſt. Sie müſſen ebenſo⸗ wohl Macht ergreifen als Schönheit zurückſtrahlen. Es ſind ihnen mehr Talente zur Verwaltung übergeben worden und Antäusgleich müſſen ſie immer Kraft aus der Berührung mit der Erde gewinnen, während die Frauen ſich nicht tiefer auf dieſelbe herniederzulaſſen brauchen, als bis zu ihren Blumen. Die Organiſation der Frau iſt zarter, beim Manne iſt ſie zugleich kräftiger und complicirter. Die Frau hat nur ein einziges Schifflein zu regieren, während der Die drei Pfade. I. 11 — 162— Mann eine ganze Flotte commandiren muß. Da die Sorgen bei der Frau aus den Affekten und Gefühlen entſpringen, ſo ſind dieſelben vielleicht tiefer, der Mann dagegen hat die ſchweren Kämpfe des Geiſtes zu beſtehen und dazu obenein noch die Qualen des Herzens zu überwinden,— ein Glück für ihn, daß die geiſtigen Mächte, wenn ſie weiſe benützt werden, den Gefühlswallungen Unterſtützung gewähren können zum Siege über Leid und Weh! Frauen und Kinder, ſagt der große Göthe, haben viel⸗ leicht die richtigſte Lebensphiloſophie, weil ſie in der Stunde leben. Aber der Mann in ſeiner finſtern Weisheit ſieht vor⸗ und rückwärts und ſeufzt immer nach dem, was nicht iſt. Wir tragen die Schwere der Zeit leicht, wenn nur das Gewicht eines Augenblicks auf uns ruht, aber ſchwer in der That wird die Laſt, wenn wir immer den Druck der Ewigkeit fühlen, die unſer Leben zerſplittert und zer⸗ ſtreut— wenn wir hinter uns die Ewigkeit unſrer Ver⸗ gangenheit ſchleppen, und doch auch kleinmüthig nach der weiten Ewigkeit taſten, die noch kommen ſoll. Aber ſteigen wir herab aus der Luft und laſſen wir uns nieder in dem freundlichen Landhaus. Wird der Leſer bedauern, zu Lily zurückzukehren? Es ſchien mir— aber vielleicht ſah ich alle Dinge im Landhaus couleur de rose — aber es ſchien mir, ſage ich, daß ſie ſich zu jener ſeltnen 163— Verbindung von Geiſt und Zartheit, von Adel und Sanft⸗ muth entwickelt hatte, welche das Weib aus ihr machten, dem wir im Leben nur einmal begegnen. Sie hatte offen⸗ bar, ſeit ich ſie zuletzt ſah, die Meiſterwerke der Literatur geleſen:— durft' ich hoffen, daß ich ſolch' einen Geſchmack in ihr geweckt und ihren Geiſt auf ſolche Studien gelenkt? Auch hatte ſie ſicher redlich und unabhängig, wenn auch vielleicht zuweilen noch unreif und vorſchnell, über das nach⸗ gedacht, was ſie geleſen. Aber ihr Geiſt entbehrte noch des Umgangs mit einer männlichen Intelligenz,— und er war des Umgangs mit dem begabteſten und edelſten Manne würdig,— um ihre Zweifel aufzuklären, ihrer Wißbegierde Anleitung zu geben und ihr ganzes Denken zu vertiefen und zu kräftigen. In geiſtiger Beziehung war ſie der Ge⸗ ſellſchaft ihrer lieben zweiten Mutter ſchon entwachſen, ob⸗ wohl ihr inneres Leben noch der„Totalität“ ermangelte— um einen ſehr bezeichnenden Ausdruck des Erzbiſchofs Whately zu gebrauchen,— obwohl ſie Alles erſt nur„ſtückweiſe“ ſah, ohne im Stande zu ſein, das iſolirte Faktum mit der Har⸗ monie des Syſtems oder der Ordnung in Verbindung zu ſetzen. Und doch konnte ſie nie dem innern Werth und der echten Weiblichkeit der reinen und liebevollen Natur Helene Weſton's entwachſen. Wenn ihr Geiſt auch dieſer geheiligten Arche entſchwebte, ſo kehrte er doch immer mit dem Oel⸗ 11* — 164— zweig zurück. Lily— möge ich auf keine übeln Ausleger ſtoßen— liebte die Geſellſchaft der Männer ſehr, wenig⸗ ſtens ſolcher Männer, die ihr Denken erweitern und ihr geiſtiges Streben fördern konnten. Und bei dieſer Gelegen⸗ heit, als die ziſchende Theemaſchine fortgeräumt war, als der ſanfte Abendſtern an dem blauen, vom offnen Fenſter eingerahmten Himmel zitterte und das bleich⸗violete Zwie⸗ licht die weißen Muslingardinen färbte, verſchwand alle Zurückhaltung unter uns; der Gedanke verließ ſeine Zelle, und die Phantaſie ihren tiefen Quell, um in der klaren reinen Atmoſphäre der Schönheit und des Entzückens zu leuchten und ſich emporzuſchwingen. Holde Lily! Ich ſehe ſie noch! Ihre weiße ſchlanke Geſtalt ſitzt am Fenſter, ihre zarte Wange, noch zarter in dem„zögernden Licht“ des„reichen, balſamiſchen Abends“, glüht von reinen und glücklichen Ge⸗ danken; ihr glänzendes und doch ſo zärtliches Auge blitzt auf oder zerſchmilzt, je nachdem ein Wort ihre Begeiſterung erregt oder ihr Mitgefühl rührt. Noch höre ich, mit ge⸗ ſchloſſenen Augen und ſchwellendem Herzen die Muſik ihrer ſanften, melodiſchen Stimme. Ab und zu ließ Miß Weſton ein ruhiges, freundliches Wort fallen, während wohl Nie⸗ mand Fritz an dieſem glücklichen, glücklichen Abend für einen Miſongyn gehalten haben würde. Selbſt meine kalte Zurückhaltung war hinweggeſchmolzen, und etwas von der — 165— hellen, regen Begeiſterung der Jugend, nur gemäßigt, aber nicht gedämpft durch die Lehre der trüben Erfahrungen, durchzuckte einmal wieder mein ganzes Weſen. Und Lily ſang— ihre ſüße Stimme klingt noch immer in meinem Ohr, wie ſie damals in meinem Herzen ein Echo fand— ſie fang unter Anderm mit tiefſtem Gefühl und mit dem einfachſten Geſchmack jene ſüß⸗traurige Ballade vom„alten Robin Gray“, in der für mich ein ganz unausſprechliches Pathos und eine unendlich zarte Melancholie liegt. Ich ſaß in einem ſtillen Winkel des dämmerlichen Zimmers— o, wer möchte Muſik beim grellen Licht hören?— und fühlte, wie verzaubert, den tiefſten Reiz des Geſanges, fühlte in der That, daß diejenigen die Muſik nicht kennen, welche ſie ſuchen in dem heißen und „— dunſt'gen Saal, wo vor dem luſt'gen Haufen Die eitle Sängerin den Buſen bläht Zu künſtlichen Rouladen“. Als das Licht hereinkam, ward ich zum Vorleſen auf⸗ gefordert. Denn in meiner raſtloſen und aufgeregten Jugend, immer voll thätigen Strebens, das zwar nie ſein Ziel erreichte, aber dennoch ſtets verſuchte, ſich in die Regionen hoch über dem Kerker meines niedern Ranges emporzuſchwingen, hatte ich mich gleich Wilhelm Meiſter auf dem Soccus und dem Kothurn verſucht und hatte— — 166— wenigſtens ſagte man mir ſo— einige Fertigkeit darin erlangt, der Schönheit des Reimes den Rhythmus der Stimme hinzuzufügen, und beſonders Fritz, der das Lyriſche und Dramatiſche in der Kunſt ſehr liebte, hörte mich ſehr gern vorleſen. Bei dieſer Gelegenheit hatte er Nichts ein⸗ zuwenden gegen den Vortrag von„Lady Geraldine's Braut⸗ werbung“. Miß Weſton und Lily ſtimmten für Tenny⸗ ſon's„Maikönigin“ und ich ſelbſt entſchied mich für Cole⸗ ridge's herrliche„Genevieve“. Das Römiſche Auditorium ahnte nicht die Quelle von des Schauſpielers Pathos, als es dahinſchmolz bei ſeiner Kunſt; ſie wußten nicht, daß des Vaters Herz brach über der Urne, welche die Aſchen⸗ reſte ſeines Sohnes barg. Und Lily, als ſie meinen Vor⸗ trag lobte, kannte nicht die Quelle des zitternden Aus⸗ drucks, mit dem ich an jenem Abende die Zeilen las:— „Der tiefe, innig warme Klang, Mit dem ich fremdes Lieben ſang, Er deutete mein eignes Lieben.“ Ich ſchloß das Buch, und wir ſprachen über Gedichte und Poeten. Fritz hatte ſich nie in einem beſſern Lichte gezeigt, als an dieſem Abend. Er war mehr gelehrt, als ein Gelehrter, mehr künſtleriſch, als ein Künſtler; die Ein⸗ bildungskraft war nicht ſeine hervorſtechende Fähigkeit, aber er war ſchwungvoll männlich— ein Mann in ſeinen Vor⸗ zügen und Irrthümern,— und ſeine Kritik war immer geſund, einſichtsvoll und urſprünglich. Lily war ſehr von „Lady Geraldine“ ergriffen, wollte aber nicht mit Fritz übereinſtimmen, daß die hochgeborene Dame ein Opfer ge⸗ bracht hätte, indem ſie ſich mit dem Sänger Bertram ver⸗ mählte.„Genevieve“ iſt im Weſentlichen mehr ein ſub⸗ jektives, als ein objektives Gedicht, und daher fand ſie, obwohl ſie ſeine Schönheit innig empfand, es ſehr ſchwer, ihr Gefühl zu analyſiren oder den Grund ihres Wohlge⸗ fallens deutlich anzugeben. Wie manchem Richter, ward es ihr leichter, zu einer treffenden Entſcheidung zu gelangen, als klare Gründe für das Urtheil anzuführen. Und dies iſt häufig der Fall mit der kritiſchen Fähigkeit, wenn ſie ſich auf bloßen Inſtinkt gründet; es erfordert eine höhere Stufe geiſtiger Entwickelung und Gedankenbildung, die Analyſe und Syntheſe der wahren Kritik zu bewerkſtelligen. Miß Weſton, die außerordentlich viel religiöſes Gefühl be⸗ ſaß, war tief gerührt von der„Maikönigin“, und konnte nur wenige Worte finden, ihr hohes Entzücken auszu⸗ drücken. Aber dieſe wenigen Worte, gebrochen und unzu— ſammenhängend wie ſie waren, reichten vollſtändig hin für das Verſtändniß eines Anthropologen. Und ſo entflohen die ſchnellen, unwiederbringlichen Minuten, bis die Stunde der Trennung kam. Der Abend war mir wie ein glück⸗ — les licher Traum geweſen; ich habe ſeitdem erfahren, daß alle Anweſenden ſeiner als eines ſehr angenehmen eingedenk blieben. Aber er ging zu Ende, wie ein jeder ſolcher Abend es muß, und nach einem herzlichen Abſchied und einem freundlichen„Gute Nacht“ waren Fritz und ich allein auf unſerm Heimweg. Ich war ſehr glücklich und darum ſehr ſchweigſam. Auch Fritz war glücklich, obwohl ſein Vergnügen nicht auf einem ſo tiefen Gefühl beruhte, und er war deswegen, viel⸗ leicht auch ſchon um ſeines verſchiedenen Temparamentes willen, ſehr redſelig. Er rauchte wie gewöhnlich; ich aber ver⸗ gaß ganz und gar an jenem Abend, eine Cigarre anzuzünden, und als ich beim Gehen zu den Sternen aufſah, fragte ich— „Hat eurem Strahlenkreis die ganze Erde Genähert ſich, daß ihr ſo leuchtend blickt?“ Als wir in unſrer Wohnung ankamen, zogen wir uns ſogleich in unſre Zimmer zurück, denn mich verlangte vor allen Dingen danach, mit meinen eignen Gedanken allein zu ſein. Ich ſetzte mich an's offne Fenſter, nachdem ich zuvor das Licht ausgelöſcht hatte. Die Nacht war dunkel und ſchwer; die Sterne ſchienen wohl, aber nicht der Mond, und obſchon eine große Friſche in der Luft athmete, ſo regte ſich doch kein Wind. Ein einziger Schiffer, der ſpät nach Hauſe kam, brach das tiefe Schweigen des verlaſſenen — 169— Dorfes, aber ſein ſchwerer Schritt ward ſchwächer und ſchwächer in der Entfernung, und Alles war wieder ein⸗ gelullt. Die harmoniſche Monotonie des melancholiſchen Oceans, wie die langen Wogen auf die Bucht rollten und ziſchend zurückwichen, um mit einem vollen, dumpfen Laut wiederzukehren, ſchien nur eine Art Accompagnement zum Schweigen und that der Stimmung des Friedens und der Ruhe, welche die Scene und Stunde beſeelte, keinen Ab⸗ bruch. Die Maſten und Rumpfe einer Gruppe von Fiſcher⸗ böten, welche auf den Strand heraufgezogen waren, zeich⸗ neten ſich unbeſtimmt durch die Dunkelheit ab, und fern und weit breitete ſich der große feierliche Ocean vor mir aus. Ein Mal ſchlug ein Hund an in irgend einem Hauſe in der Ferne und unterbrach für einen Augenblick die Stille, aber nachdem die kleine Glocke des alten grauen Kirchthurms die Mitternacht mit ihrem ſilbernen Schall ausgerufen hatte, ſandte die Nacht ihren Schlaf auf die Erde und in die Luft und überließ die trüben Wogen der See ihrem langen, verzweifelten, heimathsloſen Stöhnen. Ich ſtützte mein Geſicht auf meine Hand und dachte. Liebte ich Lily? liebte ich ſie ſo, wie ein ehrlicher Mann nur einmal in ſeinem Leben lieben kann? Noch ehe die Antwort kam, drang ſchon wieder eine andere Frage, noch ernſter und gebieteriſcher, auf meinen Geiſt ein und unter⸗ — 170— 4 drückte die Aufwallung meines Gefühls, welches vielleicht mit Freuden„Ja“ geantwortet hätte. Durfte ich Lily lieben? Das leidenſchaftliche Herz des Mannes wiederholte ſein ſtolzes„Ja“; aber über die ſtraff geſpannten Saiten des Herzens zitterte, als das Gewiſſen ſie berührte, mit leiſem, ſchmerzlichem Ruf eine Aeoliſche Klage, die, als ſie dahinſtarb, Worte hinterließ, wie die zurücktretende Welle Seegräſer auf der Bucht. Dieſe Stimme des Nachtwindes ſagte mir, daß ich lieben möge, allerdings, aber daß ich nie wagen dürfe, ein Wort der Hoffnung auf Gegenliebe zu träumen. Und dann, durch das Gewiſſen heraufbe⸗ ſchworen, kam meine andre Braut, die bleiche Pflicht. Da ſtand ſie, ein weißlich grauer, nebelhafter, geſpenſtiſcher Schatten, eine unbeſtimmte und undeutliche Geſtalt, heller nur als das Dunkel ringsumher; ſie blickte ſtarr mit kalten verſteinerten Augen; ſie ſprach und ſagte in hartem, mit⸗ leidsloſem Ton, daß ich niemals von ihrer Seite weichen dürfe und doch bei ihr nie des Lebens Preiſe oder ſeine ſüßeſten Freuden gewinnen ſolle. Sie ſagte mir, daß ich mich im Leben verrechnet habe; daß es mir an dem feſten Ernſt des Willens gefehlt, der allein mein Schickſal hätte ändern und ſo geſtalten können, um es in Einklang mit meinem Streben zu bringen; daß ich mich der trüben hoffnungs⸗ loſen Apathie hingegeben, wo ich die angeſtrengteſte Energie 6 — 171— hätte anwenden müſſen; daß ich die Hoffnung in die Skla⸗ verei der Verzweiflung verkauft habe, und daß ich nun nie ſo diel Glück und Sonnenſchein in der Welt gewinnen ſolle, um ein andres und theures Leben an das meine zu knüpfen. Sie befahl mir, des Lebens Blume von andern Händen, als den meinen pflücken zu laſſen; ſie mahnte mich — und ich dantkte ihr trotz meines ſtechenden Schmerzes für die Warnnng, denn ſie ſprach mit der Stimme der Ehre,— die Blumen ungepflückt zu laſſen, die in meiner Hand nur welken müßten. Und dann legte ich mir ſelbſt die quälende Frage vor, ob ich Unrecht gethan, dem Impuls der ſüßen Stunde nachzugeben und mich in die berauſchende Wonne ihrer Gegenwart und ihres Zaubers zu vertiefen? Hätte ich es nicht entſchloſſen verweigern ſollen,„die Bande des Schmerzes von Neuem zu knüpfen“, die Ehre zu gefährden und die Pflicht auf's Spiel zu ſetzen, indem ich ſie mitten in den Zauberkreis ſolcher Schönheit und Liebe ſtellte? Es mochte Unrecht nnd ſchwach geweſen ſein; aber wie konnte ich es ändern? Ein Troſt blieb mir ja noch— die Geliebte wußte wenigſtens nichts von meiner Liebe. Ich wandte mich um, aufgeſchreckt durch ein Geräuſch in dem ſtillen, dunkeln Zimmer, und Fritz ſtand neben mir. Auch er ſchien ſchlaflos zu ſein; auch auf ihm lag — 12— der Zauber der Fee. Er ſetzte ſich nieder und fing an, von Lily zu ſprechen. Er that Frage auf Frage über ſie, ohne kaum eine Erwiderung abzuwarten. Er war enthu⸗ ſiaſtiſch in ſeinem Lobe ihrer Schönheit und ihrer Reize. Ich fühlte eine ſeltſame inſtinctive Eiferſucht in mir keimen. Wenn wir lieben, ſo machen wir in der erhabenen Ueber⸗ treibung der Leidenſchaft das geliebte Bild ſo ganz und gar zu unſerm alleinigen Eigenthum und ſchaffen jenſeits der Grenzen unſrer Vernunft— vielleicht in Folge ihrer Göttlichkeit— ein ſo ätheriſches Eidolon aus den Träumen und aus der Sehnſucht unſrer Seele, daß ſelbſt die Lob⸗ ſprüche Andrer uns wie Entweihung erſcheinen, und daß die Huldigung, welche die Natur eines Andern unſerm eignen Idol darbringt, dieſen höheren, vergeiſtigten Egois⸗ mus und das ſo überaus feine und zarte Gefühl erſchreckt und empört, das in der Einſamkeit verſchloſſen lebt und in einer Atmoſphäre exiſtirt, welche nicht die der Erde iſt. Auf Fritz's warmes Lob antwortete ich— Gott verzeihe es mir, ich fürchte, es war Hohn, der durch meine Worte klang,— in ſeinen eignen frühern Phraſen:„Die Reize ſind nur die ſinnlichen des Geſchlechts; alles Uebrige iſt nichts als Bänder, Spielkram und Kniffe, die ſie aus dem⸗ ſelben Grunde zur Schau trägt, der den weiblichen Glüh⸗ wurm veranlaßt, ſeine Lampe anzuzünden, die ſie zu dem⸗ 4 173— ſelben Zweck entfaltet, der die Taube antreibt, zu girren, zu ſchnäbeln und auf dem Dach einherzuſtolziren— lauter Fallen, um Männer zu erwiſchen, Sir; Köder—“ „O, Grey, ſprich nicht ſo von ihr“, rief Fritz. Er hatte glücklicher Weiſe den Hohn nicht bemerkt, aber er fühlte das Ungroßmüthige in meiner Entgegnung; ich erröthete trotz der Finſterniß, ehe mein Vorwurf noch einen Ausruf von ſeiner Seite veranlaßte, der ſie gegen einen Angriff von mir zu ver⸗ theidigen ſchien. Ein Angriff von mir gegen ſie! Ich war ge⸗ recht beſtraft und eilte, meinen Mißgriff wieder gut zu machen. „Lieber Fritz“, ſagte ich,„verzeihe mir! Es war häßlich von mir, Dich mit Deinen eignen Worten zu verſpotten, mit Worten überdies, die Du bei einer freundſchaftlichen Discuſſion äußerteſt. Es thut mir aufrichtig leid und ich bitte Dich nochmals, vergieb mir!“ Fritz's männliche Natur war immer zur Verſöhnung bereit; er ſtreckte mir ſeine Hand freundlich entgegen, und die kleine vorüber⸗ gehende Wolke hatte wenigſtens die gute Wirkung, mich demüthig zu machen,— denn ich hatte unrecht gethan— und alle Bitterkeit aus meiner Empfindung zu verbannen. Selbſt meine Eiferſucht verſchwand in der Zerknirſchung über meinen unwürdigen Spott und ich bemühte mich, ſeine Neugier zu befriedigen, ſo wie ich wenige Minuten vorher geneigt geweſen war, ihm darüber zu zürnen. — 174— In den Stunden der feierlichen, heilig ruhigen Nacht iſt alle Leichtfertigkeit aus dem Denken und Fühlen redlicher Menſchen gewichen, und als wir bei dem noch immer ge⸗ öffneten Fenſter in dem ſtillen kleinen Zimmer ſaßen, er⸗ zählte ich ihm einfach und mit großer Selbſtbeherrſchung beinahe Alles, was ich über Lily wußte, und Vieles, was ich über ſie dachte. Nur über das, was ich fühlte, ſchwieg ich ganz und gar, denn ich konnte mich nicht überwinden, dieſe Gefühle für eines Andern Ohr in Worte zu faſſen. Fritz horchte aufmerkſam, und als ich geendet hatte, dankte er mir und zog ſich ſchweigend zurück. Wir ſchieden als die beſten Freunde von der Welt. Der nächſte Morgen war friſch, ſchön und heiter, als ob die Erde zu jung wäre, um eine Sorge gekannt zu haben. Der Tag war, wie Fritz fröhlich bemerkte, als wir ſchon vor dem Frühſtück am Strande ſtanden und der Seewind jeden Nerv mit geſunder Kraft durchſtrömte,„ein großer Succeß.“ An ſolch' einem Morgen iſt man immer hoff— nungsreicher, als in der ſchattenhaften, geheimnißvollen Nacht. Ich fühlte das ſüße, ſelige Gefühl der Liebe in mir. Ach, wer, der je dieſe unbeſtimmte, wonnig zitternde Freude kannte, und ſich dieſes hohe, mit einer ſeltſamen, verworrenen Furcht gemiſchte Entzücken zurückrufen will,— dieſe raſtloſe Unruhe und dieſes wild⸗ſehnſüchtige Beben, — 175— das immer gegenwärtige Bild, das zwiſchen unſrer Phantaſie und dem Himmel, zwiſchen der Seite des Buches und unſern Gedanken ſchwebt,— die ſchlagenden Pulſe, die glühende Wange und das klopfende Herz— die herrlichen Phantaſiegebilde, die von einer traumähnlichen Glückſeligkeit ſtrahlen,— die feenhaften Erſcheinungen einer Zukunft, die bis zur fernſten Grenze des Lebens von Freude verklärt iſt,— die ſüßen, ſüßen Bilder einer Heimath voll glücklicher Liebe,— die innige und doch zagende Hoffnung,— und dann der Schmerz, die Angſt, die Zweifel der Furcht, des Mißtrauens, der Eiferſucht,— die Ueberfülle der Erregung, die tiefe Empfindung der Schönheit, das ſtolze und doch ſo demüthige Gefühl, die Erhebung der ganzen Natur— wer, frage ich, der je die erſte Liebe der Jugend empfand, würde nicht mit mir fühlen an jenem ſchönen Morgen? Und wer ſo empfand, wird ſich erinnern und „—— wieder glühn in Leidenſchaft, In Hoffnung lächeln und in Schmerz vergehn“, wird ſich erinnern, wie ich, noch in ſpäten Jahren, wenn ſich auf alle Gefühle eine todte Erſtarrung und eiſige Kälte gelegt hat, die hervorging... doch ich will mir nicht vor⸗ greifen.— Was iſt das für ein ſeltſam zauberiſcher Einfluß, der mesmeriſch dem Weibe entſtrömt, das wir lieben? Worin beſteht der geheimnißvolle und beſondere Reiz, der — 176— uns zu ihr hinzieht, zu ihr allein? Nicht die Sinne fordern es, ſondern die Idee, daß die Frau ſchön ſei, denn Schön⸗ heit iſt ihr unterſcheidendes Merkmal, und ein Weib iſt nur halb Weib, wenn ſie dieſer idealen Anforderung nicht entſpricht. Andre Frauen mögen eben ſo ſchön ſein, wie die eine, welche unſre Zärtlichkeit ſo wild umſchlingt, dennoch mangelt ihnen für unſer Herz eine unſichtbare An⸗ muth, für unſre Phantaſie ein nicht zu nennender Zauber. In der einen, die wir lieben, ſcheint ſchon das Niederſchlagen des Auges, die Wendung des Kopfes, die Flechten oder Locken des Haars, die Bildung der ganzen Geſtalt, die Hand— „— die das Herz durchzückt in der Jugend, Und das Lager glättet im Alter“; der Ton der Stimme und der Ausdruck des ganzen Weſens, kurz Alles wie geſchaffen, unſerm Verlangen zu entſprechen und unſre Phantaſie in Feſſeln zu ſchlagen. Göttliche Illuſion! wir ſuchen das Geheimniß des Zaubers zu löſen, und unſer Denken ſtößt an die Grenzen eines Myſteriums! Ich vergaß meine unerbittliche Braut, die Pflicht; ich zitterte in hoher, wonniger Traumſeligkeit, in der Gluth des Morgens und der Liebe. Leider, leider, war ich beſtimmt, arm zu ſein; ich fühlte, daß ich es immer bleiben würde, und doch, war es gewiß, daß ich immer namenlos bleiben — 177— müßte? Konnte ich nicht etwas thun, das mich ihrer würdig machte? Die Literatur ſchließt nicht das ehrgeizige Streben der Armuth aus, und hat die Schönheit nicht oft dem Sange gelächelt? Wir träumen in ſolchen Stunden von anderm Reichthum, als dem des Geldes; wir ſinnen andern Dingen nach, als weltlichem Rang und Erfolg. Ich fühlte, oder glaubte wenigſtens, einen Strahl der Begeiſterung durch die Gluth der Romantik hindurchzu⸗ fühlen, und ſtellte mir vor—„Narr, wieder dieſer Traum, dieſe Einbildung!“— daß ich noch einen Kranz zu ihren Füßen legen könnte, den ich bei dem Turnier der Intelligenz und der Phantaſie errungen. Sind wir nicht Mönche vom Orden der Santa Terra, wir, die wir uns ſelbſt das Ge⸗ lübde des unfruchtbaren Cölibats auferlegen, aus Furcht vor Armuth, aus Unterwürfigkeit und Gehorſam gegen die unreinen Sympathien der ſocialen Lügen? Sind unſre Befürchtungen nicht Feigheit, iſt unſer Mißtrauen nicht Ver⸗ rath gegen die wohlthätige Macht, welche dem Menſchen die Liebe als ihren göttlichſten Segen giebt? Iſt es nicht ein phantaſtiſches und überſpanntes Ehrgefühl, daß wir davor zurückbeben, die Liebe der trüben, ſchaurigen Armuth zu vermählen? Zögerten wir nicht aus bloßer feiger Gewiſſen⸗ haftigkeit, welche zu ängſtlich über die Folgen grübelte, dem natürlichen Inſtinkte des Herzens zu gehorchen und den Die drei Pfade. I. 12 — 178— Ausgang vertrauensvoll dem Himmel zu überlaſſen? Und dann wieder fühlte ich die große, große Gewalt der Liebe, fühlte, daß die Liebe die Saite der Selbſtſucht zerriß, und daß es recht war, mit der Gewißheit hoffnungsloſer Armuth vor mir, allein zu leiden und zu tragen, und daß das höchſte Opfer der Liebe die Liebe ſelber ſei. Und doch— und doch— Nein! laſſet uns das Glück, das wir beſitzen, mit Anderen theilen, aber laſſet uns um die uneigennützige Kraft beten, die Sorgen allein zu tragen. Laſſet uns nicht ein anderes und ſchöneres Leben den Leiden ausſetzen, die ſo ſchwer auf unſerm eignen wuchten! An der See iſt es nicht nöthig, förmliche Verabredun⸗ gen zu treffen; man iſt ſicher, Leuten zu begegnen, be⸗ ſonders wenn man es wünſcht. Nachdem wir gebadet und geraucht hatten, zögerten Fritz und ich, wie durch eine ſtill⸗ ſchweigende Uebereinkunft, noch in der Nähe der Bucht und begegneten ſogleich Miß Weſton und Lily. O, wie ſchön ſah die letztere im Glanze des ſonnigen Morgens aus! Sie ſetzten ſich unter den Schatten eines alten, morſchen Bootes und fingen an, zu arbeiten und zu leſen, oder viel⸗ mehr nicht zu leſen, ſondern mit dem Buch in der Hand zu hören und zu plaudern. Fritz war in der aufgeweckteſten Laune und es gelang ihm bald, eine lebhafte Unterhaltung anzuregen. Der Wind wehte von der See her, und daher war die ganze Flotte der vorbeiſegelnden Schiffe zu ſehen. Die Heim⸗ ſteuernden fuhren langſam, während die nach der Ferne Ziehenden vor dem günſtigen Winde daherflogen mit feuchten, ſchwellenden Segeln. Wir folgten ihren fernen Reiſen mit unſerer Phantaſie und ſahen, wie die jetzt von unſerer friſchen nordiſchen Luft geſchwellten Segel eingezogen wurden, wo die weit wandernde Barke ihren Anker auf einem Korallenriff auswirft, wo die grünen indiſchen, mit wehenden Palmen und dem reichen Ueberfluß einer tropiſchen Vegetation gekrönten Ufer in glänzendem Smaragdgrün ſich aus dem dunkelblauen Buſen der ſchim⸗ mernden Wogen erheben. Wir malten uns das Schiff in ſeiner Ruhe nach lan⸗ gem Kampfe mit dem Ocean, wie es ſich leiſe ſchaukelt auf der weiten Tiefe, die wie einer Jungfrau Buſen athmet; wir ſahen die hochaufſtrebenden Maſten und das zarte Maßwerk der Sparren und das Takelwerk ſich klar gegen das Orangegold eines tropiſchen Sonnenunterganges ab⸗ zeichnen. Wir folgten in Gedanken des Schiffes ſpurloſem Pfad— nichts als Himmel und Meer in Sicht— durch Tag und Nacht, durch Sonnenſchein und Sturm. Wir hörten an ſeinen Wänden„das Wälzen der ächzenden Woge“, und wurden lebhaft erregt bei dem Ziſchen und 12* — 180— Brauſen der lang ſchweifenden Wellen. Wir ſahen den Albicore, die Bonite, den Delphin und den fliegenden Fiſch um ſeinen ſchwarz glänzenden Rumpf ſpielen, wenn es tief hinuntertauchte in die zurückweichenden Wogen und dann wieder leicht emporſtieg und das blanke Kupfer in der Sonne ſchimmerte. Möwen kreiſten ſchreiend um unſern Pfad, Rothgänſe und Taucherenten ſchwammen in Schußweite, und fern, fern auf der See ſtreifte der Sturmvogel den Kamm der Wogenberge. Wir ſahen die Sonne glorreich aus der Waſſerwelt ſteigen, wo die erſten Lichtblitze den perlfarbenen Oſten gemalt hatten, und wir beobachteten ſie, wenn ſie zur Ruhe unter die weſtlichen Wogen ſank und den Himmel leuchtend von ihrem ſcheidenden Glanze zurückließ. Wir lagen unter dem ausgeſpannten Zeltdach in dem heißen einſchläfernden Glanz und Schimmer der Mittagsruhe, und gleiteten beim Mondlichte durch das ſilberne Feuer der phosphorescirenden See, wo es ſchien, als ob noch ein andrer darin verſunkener Mond die Tiefen erleuchte. Die Wolken flogen mit uns, die Sterne glänzten hoch oben; wir vertauſchten unſre nordiſchen Sternbilder gegen die Magellanswolken und das große ſüdliche Kreuz. Wir ſegelten an Gibraltar's Rieſenfelſen vorüben in das feenhafte, inſel⸗ beſäete Mittelmeer. Wir hörten„das Brauſen des großen — 181— Stillen Meeres“ gegen irgend einen wüſten, einſamen Strand. Wir durchkreuzten den mächtigen Atlantiſchen Ocean. Wir ſahen das Cap der guten Hoffnung und das Cap Horn und glühten vor Bewunderung für jene furchtloſen Menſchen, welche„ſich einſt zuerſt hinauswagten in die ſchweigende See“. Auch beendeten wir unſre Phantaſiereiſe nicht eher, als bis der Ruf„Land, ho“ uns in einem transatlantiſchen Hafen willkommen hieß; in irgend einer italieniſchen See⸗ ſtadt mit weiß ſchimmernden Mauern; auf einer griechiſchen oder weſtindiſchen Inſel; in der Bucht Neapels oder des Goldnen Horns; in der Stadt der Paläſte an den Ufern des Hooghley; in der neuen Stadt, die„an dem langen Schwall der Auſtraliſchen Seen“ entſteht, an den waldigen Ufern des Yarra⸗Yarra; in einer von Junken umgebenen, Pagoden gekrönten chineſiſchen Stadt; in dem großen ſonnen⸗ hellen Valparaiſo; oder in den öden arktiſchen Regionen des ewigen Froſtes. O, hätte ich die Erziehung eines Poeten zu leiten— wie eitel auch alle ſolche menſchlichen Projekte ſind— er ſollte in ſeiner Jugend zur See gehen, ſolange die Luſt nach Abenteuern noch friſch und die Ro⸗ mantik des Gefühls noch empfänglich iſt; er ſollte das An⸗ denken der ewig wechſelnden Schönheit und der erhabenen Feierlichkeit des mächtigen Oceans im Farbenglanz eines — 182— tropiſchen Sonnenunterganges noch in der Phantaſie des gedankenvollen Mannes bewahren. Ich hatte eine Reiſe gemacht und konnte daher der Phantaſie einige Nahrung bieten, während Fritz in den entzückenden Annalen der ſeeiſchen Entdeckungsfahrten wohl bewandert war. Er hatte die Berichte geleſen, welche von den älteſten Reiſenden auf uns überkommen ſind, von He⸗ rodot an bis zu denen des Mittelalters; er war bekannt mit Marco Polo, Columbus, Vasco di Gama, Drake, Frobiſher, Baffin, Hudſon, Sir Hugh Willonghby, John und Sebaſtian Cabot, Sir Walter Raleigh, Chancelor und mit allen den ritterlichen Seeleuten aus der Zeit der Eli⸗ ſabeth; auch konnte er die wunderbare Geſchichte durch all' ihre Reihen von Heroen verfolgen hinauf bis zu Anſon und Cook und herab bis zu den Unternehmungen der noch Lebenden. Er citirte uns die ſchöne Stelle aus Camvens' „Luſiade“, die ſo großartig den Eindruck des ſchrecklichen Wächters des„Caps der Stürme“ auf die braven See⸗ leute ſchildert, die, in ihren kleinen Caravellen, und mit ſo unvollkommenem Wiſſen ausgerüſtet, daß ſelbſt der Muth die Angſt des Aberglaubens nicht überwinden konnte, die erſte Reiſe in damals noch ganz unbekannte Meere unter⸗ nahmen und, glühend in Entſchloſſenheit, und doch zugleich bebend vor Furcht, eine Einſamkeit und Stille aufſchreckten, die — 133— ſeit Beginn der Welt nicht nnterbrochen worden war. Er konnte von den Abenteuerfahrten der Holländer, Portugieſen und Engländer erzählen; und ſeine eigne Liebe für athletiſche Uebungen, die an den Ufern des Cam und der Themſe groß gezogen worden, ſein eigner kühner Geiſt, der ihn ohne die gelehrte Bildung, die er genoſſen, eher zum See⸗ manne, als zum Juriſten tauglich gemacht hätte, flößten ihm für ſein Thema ein Intereſſe ein, welches in ſeinen genauen und lebendigen Skizzen der alten Seehelden ſichtbar ward. In Folge meiner nicht zu unterdrückenden Gewohnheit des Beobachtens habe ich im langſamen Verlauf gedanken⸗ reicher Jahre eine ſtarke Neigung zu geiſtiger und innerer Analyſe erworben. Ich bin kaum im Stande, mich ganz und gar einer Empfindung zu überlaſſen, ſondern wenn ich fühle, frage ich mich ſelbſt noch, warum ich fühle, und vergifte mir häufig den Genuß durch die Betrachtung, warum ich genieße. Es iſt eine unglückliche Eigenſchaft, eine Krankheit des einſamen und freudeloſen Gemüths, immerfort auf ſich ſelbſt Beute zu machen und ſich der flüchtigen Stunde nie ganz hinzugeben. Auch als ich Fritz zuhörte, erwachte dieſes Gefühl wieder in mir, und gerade im Vergleich zu ihm war mir dieſe meine geiſtige Anlage am ſtärkſten aufgefallen. Er beſaß die friſche, fröhliche, anregende Spontaneität, welche meinem — 184— ernſten und trüben Denken abging. Er hatte immer im Sonnenſchein gelebt, während ich im Schatten ſchmachtete. Seine Auffaſſung des Lebens war kräftig und geſund, und ſein Geiſt erhob ſich elaſtiſch und lebendig im Momente des Glücks oder in der Hoffnung darauf, wogegen der meine, durch manche Enttäuſchung eingeſchüchtert und durch lange Sorgen unterdrückt, zitternd jeden erfolgreichen Ausgang bezweifelte und ſich mit einem ungläubigen Seufzer von jeder ſegenverheißenden Erwartung abwandte. Im Alter von dreizehn Jahren in's Leben hinausgeſtoßen, zu jung noch, um mir eine eigene Laufbahn zu wählen, war ich an eine Arbeit gefeſſelt worden, die meinem Gefühle gänzlich widerſtand und meinen Fähigkeiten in keiner Weiſe ange⸗ meſſen war, an eine Beſchäftigung, die all' meine Be⸗ ſtrebungen ertödtete und jede höhere Tendenz erſtickte. Ohne Hülfe mußte ich mich auf der rauhen, harten Bahn vorwärts mühen, für die jede Anlage meiner Natur mich untauglich machte; erſchöpft, abgehetzt durch hoffnungsloſen Kampf und durch die jahrelange Berührung mit dem, was mir für eine Erniedrigung galt, war ich von Sorgen verzehrt, war ich muthlos, ängſtlich, ſcheu geworden. Meine Nerven waren gänzlich abgeſpannt, und meine Lebenskraft wankend und geſchwächt. Als ich Lily zuerſt ſah, glaub' ich, entzückte mich nichts ſo ſehr, als die Friſche, die Jugendblüthe und — 185— Heiterkeit ihrer ſchönen und glücklichen Natur. Schon der bloße Anblick ihrer reinen, freudevollen Jugend wälzte den ſchweren Stein ab, der auf meinem Herzen laſtete, ſchon die bloße Gegenwart ihres warmen, hoffnungsreichen Geiſtes flößte dem meinigen neues Leben und neue Kraft ein. Fritz's Sorgen waren alle nur oberflächlich geweſen; er hatte ſo viel Glückliches erfahren, ſo viele Freuden gekoſtet, daß ihm der volle Glanz ſeiner hellen, unbewölkten Jugend blieb, und wenn er das Glück vor ſich ſah, ob vielleicht auch auf der ſteilen Höhe eines fernen Gebirges, ſo lieh die Hoffnung ſeinem Geiſte Flügel, ſich über die dazwiſchen liegende Kluft hinwegzuſchwingen und jedes drohende Hinder⸗ niß zu überwinden. So exiſtirte zwiſchen Fritz und Lily ein ſtarkes Band natürlicher Sympathie; und als wir an jenem ſchönen Sommermorgen an der Bucht ſaßen, entdeckte ich, daß ich ihn faſt um jene Eigenſchaften beneidete, in denen eine ſo natürliche und augenſcheinliche Anziehungskraft für ihr Denken und Fühlen lag. Als ſie ſich in eine Unterhaltung vertieften, wandte ich mich ab und ſprach mit Miß Weſton. Ich theile ganz Jean Paul's Achtung für alte Jungfern. Oft haben ſie ihre Tugend bewahrt, weil ſie keine Liebe fanden, die hoch genug war, ihrem Ideal zu genügen; oder ſie leben in — 4186— jungfräulicher Wittwenſchaft des Herzens, weil ſie dem An⸗ denken einer verlorenen Liebe treu blieben. Manch' eine auch, die alle Eigenſchaften beſitzt, um einen Freund zu erwerben, der ihr Alles hätte ſein können, was der Mann einer Frau ſein ſoll, lebt unvermählt, weil ihre zurück⸗ haltende, zarte, feinfühlende Beſcheidenheit ſie dem all⸗ gemeinen Blick entzog und ſie, wie eine Blume unter einem großen ſchattigen Blatt, verſteckt hielt. Rouſſeau ſagt, wenn die Bücher bekannt geworden wären, die er nicht ge⸗ ſchrieben, ſo würden ſie an Leidenſchaft und Pathos Alles übertroffen haben, was er wirklich geſchrieben. Und wenn die Geſchichte Aller derer erzählt werden könnte, welche vergebens und im Geheimen geliebt haben, ſo würde ſie vielleicht Alles übertreffen, was wir an Beiſpielen glück⸗ licher Leidenſchaft beſitzen.„Hohenberg! Hohenberg! und niemals ein Hohenberg mehr!“ rief der Herold, als Schwert, Schild und Helm auf den Sarg des letzten dieſes Geſchlechts gelegt wurden; und ſein Ruf hallte klagend und traurig wie der der Rohrdommel an einem einſamen, öden Ort, über den die grauen bleiernen Wolken ziehen. Ach, wie viel hoff⸗ nungsloſe, unenthüllte Leidenſchaft mag in dieſer, nun ſo kalten und einſamen Bruſt begraben liegen! Werfen wir einen Blick auf die Genealogien großer, ſtolzer Geſchlechter. Wir zögern, wenn wir leſen:„Heinrich, der dritte Sohn, ſtarb unvermählt, aetat. 33.“ Wir gehen hinweg über die Namen der Brüder, welche Nachkommen hinterließen, um den ſtolzen Namen fortzuflanzen; und die Einbildungskraft, durch jene ſo geringfügige und doch ſo traurige Andeutung erregt, webt um den Todten, der in Einſamkeit lebte, den Roman einer vielleicht unbekannt gebliebenen, aber ſicher unbelohnten Liebe. Das Leben iſt ein Myſterium, die Ge⸗ ſchichte eine Muthmaßung und die Biographie ein Geheimniß! Ohne eine matronenhafte Formloſigkeit angenommen zu haben, war Miß Weſton’'s Antlitz noch voll und rund. Einige wenige Linien von Grau durchſtreiften das reiche braune Haar; ſonſt hatte die Zeit ihre ruhige Schönheit nur leiſe berührt und vielleicht ihrem ſchwermüthigen, aber freundlichen Auge einen noch ſanfteren Reiz verliehen. Aus halben Winken, die ſie fallen ließ, aus Andeutungen, die durch Seufzer abgebrochen wurden, erfuhr ich, daß ſie in ihrer Jugend die Liebe kennen gelernt und einen ſchweren Verluſt erlitten habe. Ein ſtarkes menſchliches Band ver⸗ knüpfte ſie mit dem Himmel, und ſie harrte auf die Zeit, wo die See ihre Todten und die Erde ihre Lebendigen herausgeben würde, um einander in„den Gefilden, die der Tod ſichtbar macht“, zu begegnen. Ihr Geliebter, ein Marineofficier, war Angeſichts der Klippen Albions er⸗ trunken, als er von einer Reiſe zurückkehrte, um ſeine 188— Braut heimzuführen. Ein Sturm auf der See, eine finſtere Winternacht, eine wild daherbrauſende Woge— und die kurze Geſchichte iſt erzählt. Ein edles Leben war beendet und für ein anderes Leben begann eine unſterbliche, traurige Erinnerung. Das tiefe, treue Herz Helene Weſton's ward ein Grab, ein Grab, das der Glaube mit dem Glanze des himmliſchen Hoffnungsſtrahles erleuchtete. Ja, der Widerſtand war umſonſt, die Verhältniſſe waren ſtärker als mein Wille, das Fatum mächtiger als mein Entſchluß. Ich liebte; liebte, wie ich nur einmal zu lieben vermochte. Einmal verſchenkt, konnte dieſer Liebe nichts mehr hinzugefügt werden, keine andere konnte ihr je folgen. Es war meines Lebens einzige Leidenſchaft. Sie hatte ſich aus meinem Innern losgerungen, ſo daß es nicht mehr in meiner Macht ſtand, ſie zurückzurufen. Noch immer aber hatte ich Gewalt genug über ſie, um ſie durch keine äußere Kundgebung zu verrathen. Und doch bildete ich mir zu Zeiten ein, daß Lily mit dem ſcharfen Verſtändniß des Weibes ſehen müßte, wie ich ſie liebte. Blind, blind, blind! Später erfuhr ich den Zauber⸗ bann, der ihre Einſicht trübte. Meine Natur und die Umſtände, welche ſie zu gleicher Zeit entwickelt und ver⸗ bildet hatten, indem ſie ihren Strom in gewiſſe, tief ge⸗ 189 höhlte Kanäle einlenkten, hatten mich verſchwiegen und eiferſüchtig auf die Augen Anderer hinſichtlich meiner innigſten Gefühle gemacht, ſo daß ich die Bewegungen, die mich am tiefſten erregten, ſorgfältig verbarg. Im Geſchäft, im Handel iſt es meiner Erfahrung nach durchaus nothwendig, das Daſein jeder höhern Tendenz, jedes edlern Strebens zu verheimlichen. Neben der Nothwendigkeit iſt aber auch der inſtinctive Wunſch vorhanden, es zu thun; denn wer möchte wohl vor den natürlichen Kindern des Schachers jene inneren Impulſe bloßlegen, welche den Geiſt mit dem Erhabenen und dem Genius verknüpfen, jene Gedanken, welche die Seele mit ihrem Schöpfer verbinden? Wir haben die höchſte Befugniß, keine Perlen vor jene Krea⸗ turen zu werfen, welche ſich zur Vergeltung gegen uns wenden und uns zerreißen; und Verſchwiegenheit iſt unter ſolchen Umſtänden nur der unbewußte Inſtinkt des Geiſtes. Aber der lange fortgeſetzte Kampf zwiſchen der innern Natur und den Lebensformen, die ſie umgeben, wirkt doch verletzend auf das tiefſte Leben in uns. Die dauernde Unterdrückung deſſen, was wir Reinſtes und Beſtes in uns haben, erzeugt eine Art von Heuchelei, die, wenn ſie auch nicht aus niederen Motiven entſteht, dennoch viel Unheil und Uebel hervorbringt. Der Finger brennt uns, mögen wir ihn abſichtlich oder zufällig in's Licht ſtecken. Das — 190— Motiv geſtaltet nicht immer die Folgerung. Zurückhaltung iſt oft gut, aber Zwang iſt faſt immer ein Uebel. Der indiſche Fakir, der viele Jahre hindurch ſeinen Körper in eine qualvolle unnatürliche Stellung zwingt, kann ſeine natürliche Haltung und Bewegung, ſeinen aufrechten Gang nicht wieder annehmen. Wir ſetzen Pfähle rings um die jungen Bäumchen und ſuchen ſie zu ſchützen, und dieſe Pfähle können ihnen Stützen ſein, ſo lange ſie grün und zart ſind; aber ſie müſſen fortgenommen werden, ehe der Baum ſich entwickelt, ſonſt verletzen ſie ihn, engen ihn ein und verunſtalten ihn. Das große Problem des Lebens iſt vielleicht, Intelligenz und Spiritualismus miteinander zu verſöhnen, und alle langen und ermüdenden Kämpfe zwiſchen unſern natürlichen Anlagen und dem, wozu wir verurtheilt ſind, werden, wenn ſie auch die Seele nicht beflecken, wenigſtens dem Gemüth eine falſche Richtung geben und das Empfinden krankhaft machen. Mein Loos hatte dieſe Wirkung auf mich. Ich wußte und fühlte es bitter genug, als die erſte Liebe mein Weſen bis in ſeine Tiefen er⸗ ſchütterte. Noch klarer ſeh' ich es jetzt, wo ich auf der Höhe der Zeit ſtehe, weit ab und hoch über meiner jugend⸗ lichen Leidenſchaft und ihrem Schickſal. Bei den meiſten anderen Männern in demſelben Alter würde eine ſo tiefe Liebe, wie ich ſie fühlte— und ich — 191— fühle es noch jetzt, wie tief ſie war— unwiderſtehlich einen Ausdruck gefordert und gewaltſam aus innerem Drange zur Erklärung und zum Geſtändniß geführt haben. Wenn ihre Zeit gekommen iſt, zerreißt die Goldfliege„den Schleier ihrer alten Hülle“ und fliegt mit„den glänzenden Schildchen ihres Saphirpanzers“ als„lebendiger Lichtblitz“ über Zaun und Weide, über Teich und Feld. So bricht aus der dunkeln Hülle ihres Grabes die junge Liebé als ſtrahlendes Weſen hervor und ſchwingt ſich auf hellen und ſchimmernden Flügeln ſelig und ſtolz dahin über Land und Meer, über Leben und Zeit. Aber dies iſt nur die Ent⸗ wickelung der Liebe in einer Natur, welche natürlich ge⸗ blieben iſt. In einer Natur, die durch Froſt erſtarrt und von dem Upasbaum beſchattet worden, iſt jene Hülle ſchwer zu durchbrechen, jener Schleier ſchwer abzulöſen. Deshalb blieb meine Liebe für die ſchöne, theure Lily— woher nehm' ich Worte zu ſagen, wie unendlich lieb ſie mir war!— unausgeſprochen und in meinem Innern ver⸗ ſchloſſen. Neben dem unglücklichen Zufall meiner elenden Carridre drückte mich auch noch das Gefühl der Armuth, der Scheu, der Hoffnungsloſigkeit, die Angſt, eine ſo un⸗ glückſelige Leidenſchaft zu enthüllen, die Furcht, den holden Schmetterling bei ſeinem erſten Niederflattern aus dem Paradieſe auf eine ſo düſtere Blume herabzuziehen. Triftige — 192— Gründe, um meine Liebe zu verſchweigen; aber ach! welche Gründe ſind ſtark genug, den Geiſt zu erſticken, den mäch⸗ tigen Drang, der uns ſagt, daß wir lieben müſſen, in Wohl oder Wehe? Und ſo ward in dieſer hellen Feſtzeit, an dieſem lieb⸗ lichen Ort, den des Sommers goldner Glanz verſchönte, meine Liebe von Tag zu Tage tiefer, ſtärker, zärtlicher. Ich war in meinen ſtillen Traum verſunken und das Leben, wie verklärt in dieſer ſanften, milden Luft, ſchwamm und ſchwebte um mich, an mir vorüber, und ich ſchlummerte unachtſam weiter. Fritz's Bewunderung war glühend und unverſtellt, wie ſeine ganze Natur. Mir ſchien es natürlich, daß er ſo bewunderte; ich hatte ihn, ſcheinbar, und wie ich glaubte, oft eben ſo warme Bewunderung zollen ſehen, und hatte eben ſo oft geſehen, daß ſein flüchtiges Gefühl, wenn es die Höhe dieſer Bewunderung erreicht hatte, von ſelbſt zu⸗ rückwich und ſich anderen Gegenſtänden zuwandte. Er ſchien meine Zerſtreuung nicht zu bemerken, und ich hörte auf, ſein Gefühl zu analyſtren oder ſein Benehmen zu beobachten. Wir waren ſo freundſchaftlich, wie immer, und ſtanden uns unbewußt doch ferner als je. Es war weniger offenes Vertrauen zwiſchen uns, und doch ahnte Keiner etwas Ungewöhnliches im Andern. Er ſah, ſo ſchien es, nicht klarer, und war nicht aufmerkſamer als ich. Niemals fiel es mir auch nur ein, ihm mein Gefühl zu offenbaren, oder mein ſcheues und ſchweigendes Herz vor ihm bloßzulegen. Blind, blind, blind! Andere Abende in der Roſe⸗Cottage, andere Morgen an dem widerhallenden Strand folgten denen, die ich beſchrieben habe. Der fleißige Verkehr miteinander ward uns Allen natürlich. Die Nachbarſchaft, die engen Grenzen des ab⸗ geſchloſſenen kleinen Badeortes und eine geheime Anziehungs⸗ kraft führten uns beſtändig wieder zuſammen, ohne Mühe, ohne beſtimmten Zweck oder bewußte Abſicht. Es wurde uns natürlich, einander zu treffen, es war uns das An⸗ genehmſte, zuſammenzuſein. Eine gewiſſe Vertraulichkeit entwickelte ſich, wie es ſchien, zwanglos, leicht und raſch. Nach kurzer Zeit ſchien Lily Fritz halb zu vermeiden, und ich bemerkte oft— d. h. ich bemerkte das Reſultat, denn die Mittel, wodurch Frauen dergleichen zu Stande bringen, ſind zu fein für unſre gröbre Beobachtung,— daß Lily es vorzuziehen ſchien, neben mir zu ſitzen, oder mit mir zu gehen, und daß ſie Fritz inehr zuhörte, als mit ihm ſprach. Sie ſchien ſtiller und zurückhaltender, gedankenvoller und zerſtreut zu werden. Noch immer grübelte ich nicht darüber. Das Vergnügen ihrer Gegenwart, das Entzücken, mit dem ich ſah, daß ſie ſich offen, wenn auch oft mit erröthender Die drei Pfade. I. 13 — 194— Freundlichkeit zu mir hingezogen fühlte, war mir unaus⸗ ſprechlich ſüß. Und doch hatte ich keinen deutlichen Vor⸗ ſatz, keinen klar beſtimmten Plan für mein Handeln. Ich beſchloß nicht einmal, meine Leidenſchaft zu erklären, ſondern lebte weiter in dem Rauſche meines Freudentraumes, zu⸗ frieden damit, ihr immer nahe zu ſein, ſie beſtändig zu ſehen, mit ihr zu ſprechen, über ſie zu wachen und mein ganzes Weſen in einer unausgeſprochnen Zärtlichkeit hinſchmelzen zu laſſen. Ich hoffte nicht etwa viel; ich blickte nicht weit hinaus in die Zukunft. Ich lebte nur in der zauberiſchen Stunde. Ich dachte auch nicht viel; ich wagte nicht, die Vernunft zu befragen. Ich fühlte nur, und mein Herz, nein meine ganze Seele zerfloß in einen unbeſtimmten, träumeriſchen Wonnerauſch, welcher alle Dinge mit dem duftigen, leuchtend heißen Nebel der Liebe umwob, der ſich ſelbſt ganz und gar dem ſüßen Wahnſinn des Augenblicks überließ und der das Denken floh, damit der Gedanke nicht den himmliſchen Zauber des Empfindens zerſtöre. Und dieſes Gefühl durchglühte die ganze ſelige Luft, verſchönerte die ganze liebliche Scene. Die Natur erſchien mir immer reizender und ward mir immer theurer. Ich ſah den Abglanz ihres Bildes in allen Dingen; ſie war bei mir im friſchen Morgenlicht, im Feuer des Mittags, im reichen, einſchläfernden Schimmer des Nachmittags, in dem zarten — — — — 195— Dämmerſchein des anbrechenden Abends und in der Feier⸗ lichkeit der Nacht. Ihr Bild malte mir die Farben des Sonnenaufgangs mit zarterem Roth und reinerem Perlenglanz, verlieh der Sonne eine tiefere Glorie, wenn ſie in den weiten, ſtillen Buſen der ſchwellenden See verſank; es gab den Myriaden Sternen eine größere Helle und heiligte das klare, ſanfte Silber des ſommerlichen Mondes, wenn er den Himmel ſchmückte und zugleich die raſtlos flimmernde Woge und die ruhig ſchlafende Erde liebend küßte. Und dennoch glaube ich kaum, daß ich wahrhaft glück⸗ lich war. Glück iſt vielleicht nicht das rechte Wort; denn Glück, in Verbindung mit der Liebe gedacht, iſt hoffnungs⸗ voll; es blickt ſehnſüchtig vorwärts, hat ein beſtimmtes Ziel und iſt voll Leben, Energie und Drang. Ich war in das ſüße Schmachten eines ekſtatiſchen Traumes verſunken, aber immer beunruhigte mich eine unbeſtimmte Furcht, zu er⸗ wachen; ich fühlte mich unſicher durch eine gewiſſe Empfin⸗ dung der Unwirklichkeit dieſes Zuſtandes, der Ueberzeugung, daß ſolch' ein Segen für mich nicht dauern könne. Ich verſuchte, ich ſtrengte mich an, mich von dieſem Gefühl los zu machen, aber es gelang mir nur durch die beſtändige Bemühung, durch den fortdauernden Vorſatz, den vollen Traumeszauber der ſchönen Illuſion aufrecht zu erhalten. Mit meiner Freude kämpfte das Bewußtſein, daß der Traum 13* — 196— am Morgen entfliehen müſſe, und die immer erneute An⸗ ſtrengung im Schlummer zu verharren. Ich hoffte nichts Beſtimmtes, ich bildete mir keinen klaren Plan; ich ver⸗ mied die Vorüberlegung der Zukunft und warf mich blind in den Schooß der Gegenwart. Während deſſen verfloß unſer Leben in Seanook in der Weiſe und unter ſolchen Beluſtigungen, wie ſie der Auf⸗ enthalt an der See mit ſich bringt. Die neue„Alice Wentworth“ ſegelte in der That gut, ganz zu Fritz's Zu⸗ friedenheit, der in ſolchen Punkten ſehr kritiſch war. Wir nahmen Theil an ihren raſchen, weiß beſchwingten Aus⸗ flügen über die kleinen hüpfenden Wogen, oder ſonnten uns darin, wenn ſie bei luftloſer Stille ſchaukelnd und wiegend auf den hellgrünen kräuſelnden Wellchen bei den„Schwarzen Felſen“ lag. Obgleich die kleine braune Stute, die ſo oft ſcheute, verabſchiedet war, ſo fand Fritz doch einen Erſatz dafür in der Perſon eines nußbraunen Pferdes, welches nebſt einem leichten Wägelchen beim Wirth von Wentworth Arms zu miethen war. Wir fuhren damit nach Went⸗ worth Hall, nach Franklin's Meierei, nach Oldtower Caſtle, nach Oakmoore Common, nach Fern Wood und allen be⸗ nachbarten Dörfern. Zuweilen auch begaben wir uns in die tiefe Schlucht des Landweges. Der feuchte Pfad war hier ganz überhangen durch die auf beiden Seiten dicht — 197— wachſenden Bäume, die ſich oben zu einem Baldachin von tief grünem Schatten wölbten, während durch die Zweige und zwiſchen den zitternden Blättern hindurch ſich goldene denſat ſtahlen und in hüpfenden Punkten auf dem kühlen dunkeln Wege tanzten. Sodann ſtiegen wir den langgeſtreckten Hügel hinauf und erreichten den hohen, luftigen, offenen Platz mit ſeiner Ausſicht tief in's Land hinein und ſeinem weiten Blick über die windgepeitſchte Fläche des Meeres, auf welchem die großen Schiffe daher⸗ trieben. Unſere Fahrten zu Wagen und zur See waren entzückend. Während derſelben ſprachen wir am meiſten, und über ſie wiederum unterhielten wir uns auf's Beſte bei unſern Abendbeſuchen in der Roſe⸗Cottage. Manch' ein ſchönes Bild prägte ſich dem Auge ein, um für immer in der Erinnerung zu haften. Die weiten, im Sonnen⸗ ſchein blitzenden Kornfelder mit ihrem Aehrenmeer, das un⸗ ter dem Winde wehte und wogte, während der Schatten einer Wolke darüber hinſtrich; die rothen, unter dem Korn ſich vordrängenden Klatſchroſen, die heiter gegen das blen⸗ dend kalkige Weiß des Weges abſtachen; der kleine einge⸗ ſchloſſene See, ſein dunkles, ſtilles Waſſer, das im Ver⸗ gleich zu dem grenzenloſen, ſtürmiſchen Ocean nur um ſo reizender erſchien; das unaufhörliche Murmeln des kryſtallnen Baches, deſſen Lauf ſich unter Blättern und Mooſen ver⸗ 198— ſteckte, und der ſich in den See ergoß; die ländlichen Wege mit den hübſchen Pachthöfen und Gaſthäuſern an der Seite; die Felder, die Baumhecken, die Bucht und die Klippen; die Waldabhänge mit ihren Laubmaſſen und den mannig⸗ faltigen Abſtufungen von Grün, herrlich im Sonnenlicht und lieblich im Mondſchein glänzend: alles das und tau⸗ ſend andre Bilder photographirten ſich bei dem hellen Licht der Liebe auf meine bezauberte Phantaſie und weilen noch gegenwärtig in meiner entzückten Erinnerung. Ich habe die Schatten von Vauclüſe beſucht, dieſen weltbekannten Ort, zu dem ſo viele Pilger wallen und der durch die Romantik eines Herzens geheiligt iſt,— eines Dichterherzens, deſſen Sängermantel, nun in das Gewand eines Engels verklärt, in unſern Träumen noch immer zwiſchen unſrer Phantaſie und dem Himmel über dem feenhaften Orte ſtrahlt, wo er lebte und liebte, ein Leben und eine Liebe die er, der Todte, als unſterblich zurückließ. O, Seanook, Seanook! Du biſt nicht beſungen, nicht ge⸗ ehrt, nicht gekannt; aber auch Dich weihte die Romantik eines Herzens, das vielleicht eben ſo tief, eben ſo zärtlich und unglücklich iſt und dem nur Eines mangelt— aber wie gsroß iſt dieſer Mangel— die Gabe des Geſanges, um die engliſchen Ufer eben ſo berühmt zu machen, als die Schatten — — 199— es ſind, welche Petrarca durch die Geſchichte ſeiner tiefen, hoffnungsloſen Liebe verewigt hat! So ſchieden die wenigen Tage meines Bleibens in Seanook raſch dahin bei Morgenſpaziergängen und Abend⸗ beſuchen. Ein Bild umſchwebte mich immer und ward mir theurer von Stunde zu Stunde; machtlos gab ich mich dem unwiderſtehlichen Zauber hin, ſie zu hören und zu ſehen, und obwohl ich immer ſchwieg, ſo kämpfte ich doch nicht länger gegen mein Geſchick. Ich überließ mich dem Traum der Leidenſchaft, jenem Traum, aus dem wir er⸗ wachen— in den Gefilden des Paradieſes oder an den Pforten des Hades! Ende des erſten Theils. ddutaaaaaxmuuasauumuuauuuun ſfffrnfInffiſſſff “ 8 —