8— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Aeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 4 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.— 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme zines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche vei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. — 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Büchen: 4 Bücher: 6 Büchen: —————E oher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 4 t.— Pf. „„„=„ 3„„„—, 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Das Original dieſes Werkes erſchien 1844 zu Neu⸗ York, wo der Verfaſſer lebt, unter dem Titel: Com- merce of the Prairies: or the Journal of a Santa Fé trader, during eight expeditions across the great western Prairies, and a residence of nearly nine years in Northern Mexico, in 2 Bänden. Die Vorgänger des Verfaſſers, Irving, Murray, Hoff⸗ mann, Kendall, haben auf dem wenig beſuchten Felde noch eine reiche Ernte zurückgelaſſen, die Gregg ſo glücklich ausgebeutet hat, daß es nicht unverdienſtlich erſchien, die von ihm eingebrachten Garben uns zuzu⸗ führen. Er hatte vor 1831 an verwickelten chroniſchen Uebeln gelitten, die allen ärztlichen Mitteln trotzten, und war beinahe zwölf Monate lang in einem ſo trau⸗ rigen Zuſtande, daß er weder zu einer Arbeit fähig, noch kaum im Stande war, aus ſeinem Zimmer zu gehen. Auf den Rath der Aerzte entſchloß er ſich, eine Reiſe durch die Prairieen zu machen, um durch Veränder⸗ ung der Luft und der Lebensgewohnheiten die verlorene Geſundheit wieder zu erlangen. Ohne Zögern machte IV er die nöthigen Vorbereitungen, um mit einer der Frühlings⸗Karawanen abzureiſen, die jährlich aus den Vereinigten Staaten nach Santa Fe ziehen. Die Frucht dieſer Reiſe war, daß zunächſt ſeine Geſundheit wiederhergeſtellt und eine Leidenſchaft für das Leben in den Prairieen erweckt wurde, die er nie zu über⸗ leben glaubt. Nach der Beendigung ſeiner erſten Reiſe betheiligte er ſich als Eigenthümer bei dem Handel nach Santa Fe und blieb es in größerem oder geringerem Umfange in den nächſten acht Jahren. In dieſem Zeitraume zog er acht Mal durch die Prairieen, und mit Ausnahme der auf Reiſen zugebrachten Zeit ver⸗ lebte er den größten Theil jener neun Jahre in Nord⸗ Mejico. Seine eifrige Theilnahme an dem Handel durch die Prairieen nach jenem Lande verſchaffte ihm mehr als ſeinen Vorgängern Gelegenheit, Beobachtungen über die Gegenſtände zu machen, wovon er handelt. Es habe bis jetzt, ſagt er, noch Niemand den Verſuch gemacht, den Urſprung des Handels nach Santa Fe und die merkwürdigen Eigenheiten deſſelben darzuſtellen, Niemand die frühere Geſchichte Neu⸗Mejicos erzählt und den jetzigen Zuſtand des Volkes geſchildert, noch auch von den Indianer⸗Stämmen, welche die wilden und unangebauten Gegenden jener Landſchaft bewoh⸗ nen, Nachrichten mitgetheilt. Er fügt hinzu, daß die meiſten Thatſachen, die er in ſeiner Skizze von der Naturgeſchichte der Prairieen und von den dort wandernden Indianer⸗Stämmen giebt, neu ſeien, da jedoch eine ſyſtematiſche Vollſtändigkeit nicht in ſeinem — — V Plane liege, ſo habe er diejenigen Gegenſtände unbe⸗ rührt gelaſſen, die bereits von anderen Reiſenden in's Auge gefaßt worden ſeien, und ſich damit begnügt, minder bekannte Thatſachen und Beobachtungen vorzulegen. Sein Werk iſt hauptſächlich aus dem Tagebuche geſchöpft, das er während ſeines Aufenthaltes in Neu⸗ Mejico führte. Er hat überdieß jede Gelegenheit be⸗ nutzt, zuverläſſige Nachrichten über Gegenſtände zu er⸗ langen, die außer dem Kreiſe ſeiner Beobachtungen lagen. Dieſen ſorgfältig geſammelten Stoff benutzte er beſonders in den Abſchnitten über die frühere Ge⸗ ſchichte Neu⸗Mejicos und über die Sitten, Gewohn⸗ heiten und geſellſchaftlichen Einrichtungen des Volkes. Gregg wurde zwar ſelber an der Gränze des Indianer⸗ Gebiets geboren und erzogen, und hatte ſeit ſeinen Kinderjahren Gelegenheit, den Charakter der Indianer kennen zu lernen, hat aber vielfache Belehrungen über dieſen Gegenſtand von erfahrenen Kaufleuten, die mit den Indianern verkehrten, und von anderen Gränz⸗ bewohnern erhalten. Während der Jahre 1841 und 1842 ließ er mehre Briefe, unterzeichnet J. G. und G. in der zu Galveſton(in Tejas) erſcheinenden Zeitſchrift„The Advertiser“ und in dem„Arkansas Iutelligencer“ drucken. Er war nicht wenig überraſcht, in Mar⸗ ryat's Werke Monsieur Violet lange Stellen ſeiner Briefe zum Theil wörtlich entlehnt zu finden, und zwar ohne die mindeſte Angabe der Quelle. Es ſei bereits bekannt, ſetzt er hinzu, daß jenes Buch aus vielfältigen literariſchen Diebſtählen entſtanden ſei, und VI er würde ſeine Beſchwerde nicht angebracht haben, wäre nicht der Inhalt der früher abgedruckten Briefe oft mit denſelben Worten in das vorliegende Werk aufgenommen worden. Er hätte ſich ſelber den Vor⸗ wurf eines Plagiats von denjenigen zuziehen können, welchen jene Briefe unbekannt geblieben wären, oder die nicht wüßten, daß Marryat's Buch offenbar eher zu einem Opfer auf dem Altare Mercur's als Miner⸗ va's beſtimmt geweſen ſei. In ſeiner hiſtoriſchen Skizze über Neu⸗Mejico hat er den Feldzug der Tejaner gegen Santa Fe im Jahre 1841 nicht berührt, weil Kendall jeues unglückliche Unternehmen eben ſo ſorgfältig und treu als lebendig dargeſtellt hat. Die dem Werke beigelegten Karten ſind nach Greggs Verſicherung richtiger als alle bisher veröffent⸗ lichten. Sie gründen ſich meiſt auf eigene Beobacht⸗ ungen. Die Theile des Landes, die der Verfaſſer nicht ſelber beſucht hat, ſind nach Zeichnungen eingetragen worden, die ihm von erfahrenen Kaufleuten mitgetheilt wurden, ſo wie nach den unter der Aufſicht von Land⸗ meſſern der Vereinigten Staaten vorbereiteten Karten. Die größere Karte— ein Theil vom Schauplatze des bevorſtehenden Kampfes zwiſchen den Vereinigten Staaten und Mejico— iſt in etwas verkleinertem Maß⸗ ſtabe, die andere aber, das Innere von Neu⸗Mejico, in genauer Nachbildung wiedergegeben worden. Dresden, im Julius 1845. M. B. L. Inhaltsverzeichniß. Erſter Abſchnitt. Urſprung des Handels nach Santa Fe.— Kapitän Pike.— Pursley.— La Lande.— Der Handelszug von 1812.— Glenn.— Becknell.— Cooper.— Leiden des Kapitäns Beck⸗ nell und ſeiner Gefährten.— Erſte Einführung von Wagen. — Feindſeligkeiten der Indianer.— Major Riley's Geleit.— Schutz der Regierung............... 1 Zweiter Abſchnitt. Stapelplätze des Handels nach Santa Fe.— Eine Prairieen⸗ Reiſe als treffliches Heilmittel für chroniſche Krankheiten.— Reiſevorräthe.— Geſpann.— Beladung der Wagen.— Ro⸗ mantiſirende Reiſende.— Der Aufbruch.— Prairieen⸗Regen. — Sumpf.— Plündernde Indianer.— Council Grove.— Wahlumtriebe in den Prairieen.— Einrichtung der Kara⸗ wane.— Luſtreiſende und Landſtreicher.— Wachdlaſt— Tracht der Geſellſchaft.— Reiſeholz...... 412 Dritter Abſchnitt. Angeſchirrt!— Unterwegs.— Diamond⸗Spring.—Grillen der Ochſen.— Büffelheerde und Prairieen⸗Neulinge.— Eine John⸗ Gilpins⸗Jagd.— Küchenvorbereitungen.— Ein Büffel⸗ ſchmaus.— Eßluſt der Reiſenden.— Neue Beunruhigung und ihre Urſachen.— Ein wölfiſcher Streich.— Arkanſas⸗River. — Seltſame wundärztliche Verrichtung.— Der Pawni⸗Fel⸗ ſen.— Heilſame Wirkung der Beängſtigungen.— Neue Reiſe⸗ ordnung.— Das Lagern.— Uebergang über den Arkanſas. — Die Klapperſchlangenſchlacht.— Kampf zwiſchen einem Muſtang und einem Maulthiere.— Die„Lachese, hr Ur⸗ ſprung und ihr Name....— 2. 25 Vierter Arpſchmcts, Die Einöde.— Vorbereitungen für die Waſſerklemme.— Ein Seite * umgefallener Wagen.— Ein Haufen Sioux⸗Indianer.— Die VIII Seite erſte gegründete unruhe.— Verwirrung im Lager.— Freund⸗ ſchaftsbezeigung der Indianer.— Die Friedenspfeife.— Ein 4 extemporirtes Dorf.— Der verlorene Fluß.— Furchtbare Ausſicht.— Rückkehr zum Cimarron.— Indianiſches Ständ⸗ chen.— Indianiſche Diplomatie.— Hagel und Sturm.— Stellung eines Karawanen⸗Hauptmanns.— Seine Mühen, ſeine Macht und ſeine Ohnmacht.— Feindliches Zuſammen⸗ treffen.— Erfolg des Kampfes.— Battle⸗Ground.— Oberſt Vizcarra und die Gros⸗Ventres. Fünfter Abſchnitt. Aufbruch der„Runners.“— Der vierte Julius in den Prai⸗ rieen.— Der Büffeljäger.— Traurige Nachrichten von Su⸗ blette's Geſellſcheft.— Ein Mord durch die Indianer.— Wagniſſe der Jäger.— Sublette in Gefahr.— Die Cibo⸗ leros.— Fleiſchpökelung.— Die Büffel und ihre Abnahme. — Eine„Eſtampida.“— Wagenausbeſſerung.— Rio Colo⸗ rado.— Ein Zuſammentreffen mit alten Freunden.— Me⸗ jicaniſches Geleit.— Auflöſung der Karawane.— Ein furcht⸗ barer Donnerſchlag.— Die erſten Spuren der Civiliſation. — San Miguel.— Santa Fe.— Einzug der Karawane.— Dolmetſche und Steuerweſen........ Sechster Abſchnitt. Frühere Geſchichte von Santa Fe.— Onate's Bittſchrift.— Deſſen ſeltſame Forderungen.— Grauſamkeiten der ſpaniſchen Sieger.— Gedeihen der neuen Colonie.— Die Ureinwohner in den Minen.— Indianeraufſtand im Jahre 1680.— Er⸗ mordung der Spanier.— Belagerung von Santa Fe.— Auszug der ſpaniſchen Bevölkerung.— Paſo del Norte.— Er⸗ mordung eines ſpaniſchen Prieſters.— Wiedereroberung des Landes.— Der Aufſtand von 1837.— Der Statthalter Ar⸗ mijo, ſeine Ränke und ſein Erfolg.— Zweite Rottung der 7. Inſurgenten und ihre Niederlage.. 70 3 .„. 51 Siebenter Abſchnitt. Neu⸗Mejicos geographiſche Lage.— Der Rio del Norte.— Der verſunkene Fluß.— Santa Fe und ſeine Oertlichkeit.— El Valle de Taos.— Neu⸗Mejicos Boden.— Der erſte Anſied⸗ IX Seite ler in Taos und ſein Vertrag mit den Indianern.— Klima. — Bevölkerung.— Ackerbau.— Hauptproducte des Landes. — Tortillas.— Atole, Frijoles und Chile.— Seltſame Sitte. — Flachs und Kartoffel heimiſch.— Tabak.— Früchte.— Waldungen.— Die Palmilla oder Seifenpflanze.— Triften. 85 Achter Abſchnitt. Die Minen von Neu⸗Mejico.— Ihre Verbergung durch die Indianer.— Trümmer von La Gran Quivira.— Alte Mi⸗ nen.—„Placeres.“— Ueble Folgen amtlicher Einmiſchung. — Die„Gambucinos.“— Gold überall in Neu⸗Mejico.— Silberminen.— Kupfer, Zink und Blei.— Sheſenieler — Gips und verſteinerte Bäume......... 101 Neunter Abſchnitt. Hausthiere.— Pferde.— Maulthiere und ihre Bepackung.— Die Arrieros. Die„Mulera“ oder Glockenſtute.— Der Lazo und ſeine Anwendung.— Lächerliche Gebräuche in Be⸗ zug auf das Eigenthumsrecht der Thiere.— Der„Burro.“ — Hirten und die wandernden Heerden der Ebenen.— Der Schafhandel.— Räubereien der Indianer.— Vortreffliches Fleiſch— Ziegen.— Wilde Vögel und Reptilien.— Die Honigbienen............ 111 Zehuter Abſchnitt. Künſte und Wiſſenſchaften in Neu⸗Mejico.— Mangelhafte Er⸗ ziehung.— Schulen.— Zuſtand der weiblichen Bildung.— Eigenheiten der Sprache.— Preßbeſchränkung.— Die Aerzte. — Handwerker.— Baukunſt.— Wohnhäuſer.— Hausge⸗ räthe.— Wagen.— Sarape......... 124 Elfter Abſchnitt. Trachten in Neu⸗Mejico.— Reitkleidung des Caballero.— Reitzeug.— Das Rebozo.— Tracht der Weiber auf dem Lande— Die Tarantulas.— Das Aeußere des Volkes. — Anputz der Häuſer.— Charakterzüge.— Almoſenſpenden. — Bettlerliſt.— Mangelhafte Wehranſtalten.— Höflichkeit und Freundlichkeit der Nine Moieuner— Vpſiſenrichh— Die Sieſta........ 134 Zwölfter Abſchnitt. Verwaltung in Neu⸗Mejico.— Rechtspflege.— Beſtechlichkeit. — Vorurtheil gegen die Amerikaner und Vorliebe für die Eng⸗ länder.— Willkürliche Beſteuerung der Ausländer.— Die Alcaldes.— Strafrechtspflege.— Sklaverei.— Diebe und Diebſtähle.— Spläſach und Syiahinſer— Bandanos— Eigarren.... 4 Dreihehuter Abſchutt Militäriſche Hierarchie.— Aberglaube.— Die heilige Jungfrau von Guadalupe.— Heilige und Heiligenbilder.— Prozeſſio⸗ nen.— Das Sacrament.— Unterwürfigkeit gegen die Prie⸗ ſter.— Gottesdienſt.— Die Vesperglocke.— Die Charwoche. — Seltſame Bußübung.— Ehen.— Drückende Kirchenge⸗. bühren.— Begräbnißgebräuche.— Ketzerbegräbniß. Vierzehnter Abſchnitt. Die Pueblos.— Ihre Nüchternheit, Ehrlichkeit und Betrieb⸗ ſamkeit.— Sprachen.— Frühere und jetzige Bevölkerung. — Das Pueblo Pecos.— Montezuma und die Sonne.— Die Schlange.— Religion und Regierung.— Geſetze und Gewohnheiten.— Verhütung der Entſittlichung.— Alter⸗ thümliche Beluſtigungen der Pueblos.— Baukunſt.— Taos. — Tracht.— Waffen.— Lebensweiſe.— Das Guayave. Funfzehnter Abſchnitt. Die wilden Stämme in Neu⸗Mejico.— Die Azteken.— Die Trümmer von Bonito.— Die verſchiedenen Stämme.— Fehden zwiſchen den Mejicanern und den Indianern.— Die Navajos.— Die Apaches.— Die Chihuahuenos.— Das unüberwindliche Gallien beſtegt.— Juan Joſé.— Vergelt⸗ ung.— Die wandernden Jutas.— Kriegsabenteuer.. Sechszehnter Abſchnitt. Rückreiſe von Santa Fe.— Heimkehrende Karawanen.— Be⸗ gräbniß in der Wüſte.— Unerwarteter Angriff.— Die Mormon⸗Sectee.. Seite 143 156 171 198 Erſter Abſchnitt. uUrſprung des Handels nach Santa Fe.— Kapitän Pike.— Pur⸗ ſey.— La Lande.— Der Handelszug von 1812.— Glenn.— Becknell.— Cooper.— Leiden des Kapitäns Becknell und ſeiner Gefährten.— Erſte Einführung von Wagen.— Feindſeligkeiten der Indianer.— Major Riley's Geleit.— Schutz der Re⸗ gierung. Der Handel zu Lande zwiſchen den Vereinigten Staaten und den nördlichen Provinzen von Mejico ſcheint einen ſehr unbe⸗ ſtimmten Urſprung zu haben, indem er mehr das Ergebniß eines Zufalls als eines geordneten Planes kaufmänniſcher Unternehm⸗ ung iſt. Eine Reihe Jahre fand ſeine Wichtigkeit keine Beacht⸗ ung. Aus Kapitän Pike’s Erzählung erfahren wir, daß ein gewiſſer Jakob Pursley nach vielen Wanderungen durch die wil⸗ den und damals noch unbekannten Gegenden weſtlich vom Miſ⸗ ſiſſippi endlich am Platte⸗River, nicht weit von ſeiner Quelle in dem Felſengebirge mit einigen Indianern zuſammentraf und nachdem er von dieſen über die Niederlaſſungen in Neu⸗Mejico Erkundigungen eingezogen hatte, mit einigen dieſer Wilden nach Santa Fe hinab wanderte, wo er mehre Jahre, vielleicht bis zu ſeinem Tode verweilte. Doch führte er, wie es ſcheint, keinen bedeutenden Vorrath von Waaren bei ſich. 3 Trotz dem aber, daß Kapitän Pike dieſen Pursley als den erſten Amerikaner nennt, der je durch die Wüſten nach den ſpaniſchen Provinzen zog, erfahren wir doch zu gleicher Zeit von Gregg, Karawanenzüge I. 3 1 2 ihm, daß in Folge der Nachrichten, welche man bei den India⸗ nern über jene abgelegene Provinz eingeſammelt hatte, ein Kauf⸗ mann von Kaskaskia, Namens Morriſon, ſchon im Jahre 1804 einen franzöſiſchen Kreolen, La Lande, den Platte⸗River hinauf mit der Weiſung ausſendete, wenn es irgend möglich wäre, nach Santa Fe den Weg zu ſuchen. Der gewandte Sendling war in ſeinem Unternehmen vollkommen glücklich; aber die Freundlichkeit und Großmuth der Einwohner hatten ſchnell ſeine Vaterlands⸗ liebe und ſeine Redlichkeit beſiegt. Er kehrte weder zurück, noch gab er Nachricht über den Ausgang ſeines Abenteuers. Sein ſcharfer Verſtand durchſchaute ſchnell, wie vortheilhaft es wer⸗ den konnte, mit dem„geborgten“ Kapital ein eigenes Ge⸗ ſchäft zu gründen. Er that es und blieb hier, nicht nur unge⸗ ſtört, ſondern auch geehrt und geachtet, bis zu ſeinem Tode, und hinterließ eine zahlreiche Familie und Vermögen genug, um ihm unter ſeinen Nachbarn den Namen eines„Rico“ zu ſichern. Der Handel nach Santa Fe blieb jedoch wenig beachtet bis zur Rückkehr des Kapitäns Pike, deſſen lockende Beſchreibung von dem neuen Eldorado wie ein Lauffeuer durch die Weſtlande ſich verbreitete. Dieſer berühmte Offizier, der ſpäter zum Gene⸗ ral emporſtieg und in dem ruhmvollen Kampfe bei York in Oberkanada, im Jahre 1813, ſeinen Tod fand, wurde 1806 auf einen Entdeckungszug den Arkanſas hinauf geſendet, um bis zu den Quellen des Red⸗River vorzurücken, für welche man damals fälſchlich die Quellen des Canadian hielt. Kapitän Pike umging jedoch den Urſprung des letzteren, und mit unglaublichen Gefah⸗ ren und Beſchwerden das Gebirge durchwandernd, ſtieg er dann mit ſeinem kleinen Zuge, der damals noch aus funfzehn Mann beſtand, nach dem Rio del Norte hinab. Er glaubte, am Red⸗ River und innerhalb der angenommenen Gränzen der Vereinig⸗ ten Staaten zu ſein, und erbaute daher für ſeine Begleiter eine kleine Beveſtigung, bis der Frühling des Jahres 1807 ihm es möglich machen würde, nach Natchitoches hinabzugehen. Da er aber im mejicaniſchen Gebiete und nur ſechzig bis achtzig 3 Meilen*) von den nördlichen Niederlaſſungen entfernt war, wurde ſeine Stellung bald entdeckt und eine Streitmacht ausgeſendet, um ihn nach Santa Fe zu bringen, was durch eine verräther⸗ iſche Liſt ohne Widerſtand gelang. Der ſpaniſche Offizier ver⸗ ſicherte ihm, der Statthalter habe auf die Nachricht, daß er ſei⸗ nen Weg verfehlt, Thiere und ein Geleit geſendet, um ſeine Leute und ſein Gepäck nach einer ſchiffbaren Stelle des Red⸗ Rioer zu bringen, und die Excellenz wünſche ſehnlich, ihn in Santa Fe zu ſehen, das ſie auf ihrem Wege berühren könnten. Aber kaum hatte der Statthalter den Kapitän in ſeiner Gewalt, ſo ſchickte er ihn mit ſeinen Begleitern zu dem Oberbefehlshaber in Chihuahua, wo er ſeiner meiſten Papiere beraubt und dann mit Bedeckung über San Antonio de Berxar nach den Vereinig⸗ ten Staaten gebracht wurde. „Im Jahre 1812 wurde von ungefähr einem Dutzend Unter⸗ nehmern ein Handelszug ausgerüſtet, der, Pike's Weiſungen durch die furchtbaren weſtlichen Wüſten folgend, glücklich Santa Fe erreichte. Aber dieſe neuen Abenteurer ſollten Prüfungen und Täuſchungen erfahren, wie ſie nicht vermuthet hatten. In dem Wahne, die Unabhängigkeitserklärung des Don Miguel Hidalgo**), im Jahre 1810 habe all jene ungerechten Beſchränkungen beſei⸗ tigt, die ſeither jeden fremden Verkehr, wenn er nicht mit be⸗ ſonderer Erlaubniß der ſpaniſchen Regierung ſtattfand, ungeſetz⸗ lich und ſtrafbar gemacht hatten, waren ſie nicht im mindeſten auf die Beſchwerden und Hinderniſſe vorbereitet, die von dem Despotismus und der Tyrannei dem Fremden beſtändig in den *) Engliſche Meilen wie überall. **) Don Miguel Hidalgo y Coſtilla, ein katholiſcher Geiſtlicher zu Dolores, war der Anſtifter der mejicaniſchen Revolution gegen die Spanier am 14. September 1810, wurde aber ſchon am 21. März des Jahres 1811, als Haupt der inſurgirenden Guerillas, von Eliſondo, einem anderen Inſurgentenhäuptling, gefangen genom⸗ men und zu Chihuahua hingerichtet. L 1* 4 Weg gelegt werden. Es war ihnen ohne Zweifel nicht bekannt, daß man den Inſurgentenhäuptling Hidalgo bereits gefangen ge⸗ nommen und hingerichtet hatte, daß die Königlichen wieder zur Oberherrſchaft gelangt waren und alle Fremden, beſonders aber Amerikaner, mit ungewöhnlichem Argwohn betrachtet wurden. Das Ergebniß war, daß die unglücklichen Kaufleute gleich nach ihrer Ankunft als Spione ergriffen, ihre Waaren und Güter mit Beſchlag belegt und ſie ſelbſt in die Calabozos von Chihuahua geworfen wurden, wo die meiſten neun Jahre lang in grauſamer Gefangenſchaft zubrachten, bis endlich die republikaniſche Partei unter Iturbide aufs neue zur Gewalt kam, und hiermit die Ker⸗ ker ſich öffneten. Man ſagt, daß es zweien der Abenteurer ge⸗ lungen ſei, auf einem Kahne den Canadian hinab nach den Ver⸗ einigten Staaten zu gelangen, und die Erzählungen dieſer Män⸗ ner verleiteten bald Andere, daſſelbe Unternehmen zu wagen, und unter dieſen beſonders einen Kaufmann von Ohio, Namens Glenn, der den Umweg, den Arkanſas aufwärts nach den Ge⸗ birgen hin, nahm und nach vielen Beſchwerden und Entbehrungen gegen Ende des Jahres 1821 mit ſeiner kleinen Karawane glück⸗ lich Santa Fe erreichte. In demſelben Jahre ging Kapitän Becknell mit vier zuver⸗ läſſigen Gefährten durch die äußerſte weſtliche Prairie nach Santa Fe. Die kleine unerſchrockene Schaar, die aus der Ge⸗ gend von Franklin aufgebrochen war, hatte urſprünglich nur die Abſicht gehabt, mit den Jatan⸗ oder Comanche⸗Indianern Han⸗ delsgeſchäfte zu treiben; da ſie aber in der Nähe der Gebirge auf eine Geſellſchaft mejicaniſcher Jäger ſtieß, ließ ſie ſich gern überreden, mit dieſen nach der neuen Handelſtadt zu ziehen, wo ſie trotz ihren unbedeutenden Waarenvorräthen einen ſehr glän⸗ zenden Gewinn machte; denn Neu⸗Mejico bezog ſeither all ſeine Bedürfniſſe aus den inneren Provinzen über Vera⸗Cruz, aber mit ſo ungeheueren Koſten, daß von gewöhnlichem Kaliko und ſelbſt gebleichter und ungebleichter Baumwollenwaare die Vara — oder ſpaniſche Elle von dreißig Zoll— nicht unter zwei 5 bis drei Dollars zu erkaufen war. Becknell kehrte im folgen⸗ den Winter allein nach den Vereinigten Staaten zurück, wäh⸗ rend ſeine Gefährten in Santa Fe blieben, und ſein Bericht war ſo lockend, daß ſchon zu Anfang Mai ein Oberſt Cooper, aus derſelben Gegend, mit ſeinen Söhnen und ungefähr funfzehn an⸗ deren Perſonen und mehren Saumroſſen, die einen Waaren⸗ vorrath von vier⸗ bis fünf tauſend Thaler Werth trugen, ſich auf den Weg machte. Sie nahmen ihre Richtung uͤnmittelbar nach Taos, das ſie ohne einen bemerkenswerthen Vorfall erreichten. Das nächſte Unternehmen des Kapitäns Becknell war weni⸗ ger glücklich. Er brach ungefähr einen Monat nach dem Ober⸗ ſten Cooper mit faſt dreißig Gefährten und einem Waarenvor⸗ rathe von vielleicht fünftauſend Thaler Werth aus Miſſouri auf, und da er ein ausgezeichneter Weidmann war und den Weg durch das Land am oberen Arkanſas vermeiden wollte, beſchloß er dießmal, nachdem er den Punkt erreicht hatte, der ſeitdem unter dem Namen„Caches“ bekannt iſt, ſeine Richtung unmit⸗ telbar nach Santa Fe zu nehmen ohne zu ahnen, welche furcht⸗ baren Prüfungen in der pfadloſen Wüſte ihn erwarteten. Mit keinem anderen Führer als dem geſtirnten Himmel und vielleicht einem Taſchencompaß wanderte die kleine Karawane in die ſandi⸗ gen Ebenen, die vor ihr nach dem Fluſſe ‚Cimarron bis ins Unendliche ſich ausdehnten. Die Abenteurer zogen weiter und ſahen ſich bald einzig und allein auf den geringen Vorrath von Waſſer angewieſen, den ſie in ihren Feldflaſchen bei ſich führten. Nach zwei Tagereiſen war dieſe Quelle gänzlich erſchöpft, Menſchen und Thiere wur⸗ den faſt wahnſinnig vor Leiden, und am Ende mußte man zu der grauſamen Nothwendigkeit greifen, die Hunde zu tödten und den Maulthieren die Ohren abzuſchneiden, in der eitlen Hoffnung, mit dem heißen Blute den brennenden Durſt zu ſtil⸗ len. Doch dieß diente nur dazu, die verdorrten Gaumen noch mehr zu entzünden und die Sinne der Leidenden in Aufruhr zu bringen; raſend vor Verzweiflung und einen entſetzlichen Tod vor Augen, zerſtreuten ſie ſich nach allen Richtungen, um das Element zu ſuchen, das ſie in ſolchem Ueberfluß hinter ſich ge⸗ laſſen hatten— aber vergebens. Häufig irre geleitet durch den täuſchenden Glanz der Luft⸗ ſpiegelung oder der falſchen Teiche, wie jene trügeriſchen Oaſen der Wüſte genannt werden, und ohne zu ahnen, daß ſie den Ufern des Cimarron bereits nahe waren, beſchloſſen ſte, den Rück⸗ weg nach dem Arkanſas anzutreten. Aber ſie waren dieſer Auf⸗ gabe nicht mehr gewachſen und würden in den dürren Wüſten unfehlbar ihren Tod gefunden haben, hätte man nicht in dem Augenblick, wo die letzten Strahlen der Hoffnung verſchwanden, einen Büffel erblickt, der mit einem vom Waſſer aufgeſchwolle⸗ nen Magen ſo eben von dem Ufer des Fluſſes kam. Er wurde augenblicklich getödtet und aus ſeinem Leibe ein ſtärkender Trank gezapft. Einer von dieſer Karawane hat mir ſpäter verſichert, es ſei nie etwas über ſeine Lippen gekommen, das ihm ſo köſt⸗ lich gemundet habe als der erſte Schluck dieſes ſchmuzigen Ge⸗ tränks. Dieſe Hilfe der Vorſehung ſetzte die kräftigſten Männer der Geſellſchaft in den Stand, den Fluß zu erreichen, wo ſie ihre Feldflaſchen füllten und dann zu ihren Gefährten zurückeilten, deren bereits viele matt, und jeder Anſtrengung unfähig, ausge⸗ ſtreckt auf dem Boden lagen. Nach und nach jedoch hatten ſich Alle wieder ſo weit gekräftigt, daß ſie die Reiſe fortſetzen konn⸗ ten, und mehre Tage lang am Ufer des Fluſſes wandernd, er⸗ reichten ſte endlich ohne weitere Beſchwerden Taos, ungefähr ſechzig bis ſiebzig Meilen nördlich von Santa Fe. Obgleich ſeitdem noch manche Reiſende in derſelben Wüſte gedürſtet ha⸗ ben, ſo ſind doch, nachdem man mit der Topographie des Lan⸗ des genauer bekannt geworden iſt, dergleichen entſetzliche Unfälle immer ſeltener geworden. 1 Von dieſer Zeit her— dem Jahre 1822— ſchreibt ſich der wirkliche Anfang des Santa Fe⸗Handels. Die nächſte merk⸗ würdige Aera in ſeiner Geſchichte iſt der erſte Verſuch, bei die⸗ 7 ſen Zügen Wagen einzuführen. Er wurde im Jahre 1824 von einer aus ungefähr achtzig Perſonen beſtehenden Geſellſchaft von Kaufleuten gemacht, worunter mehre einſichtvolle Männer aus Miſſouri waren, durch deren verſtändige und unerſchrockene Thä⸗ tigkeit das Unternehmen mit dem vollſtändigſten Erfolge gekrönt wurde. Ein Theil der Geſellſchaft hatte ſeine Güter auf Maul⸗ thiere gepackt, die Uebrigen aber führten theils Wagen, theils Karren, und der Werth des geſammten Waarenvorraths belief ſich auf 25000— 30000 Dollars. Sie erreichten Santa Fe leich⸗ ter und glücklicher, als man von einem erſten Unternehmen mit Räderfuhrwerk erwarten konnte, und der Weg ſcheint in der That weniger Hinderniſſe dargeboten zu haben als irgend eine gewöhnliche Straße von gleicher Länge in den Vereinigten Staaten. Doch erſt mehre Jahre nach dieſem Verſuche betheiligten ſich reich bemittelte Abenteurer bei dem Handel nach Santa Fe. Die früheren Handelsleute, die von den Indianern nur ſelten beläſtigt worden waren, zogen gewöhnlich in einzelnen Abtheil⸗ ungen durch die Ebenen, und jeder von ihnen trug in der Regel nicht mehr als zwei⸗ bis dreihundert Hollars Werth bei ſich. Dieſe friedliche Zeit jedoch war nicht von langer Dauer, und es iſt leider nicht unwahrſcheinlich, daß die Kaufleute nicht immer von der Schuld frei zu ſprechen waren, die wilden Feindſeligkeiten erweckt zu haben, die in ſpäteren Jahren erfolgten. Viele ſchie⸗ nen zu vergeſſen, daß ſie nicht ſelbſt Wilde zu werden brauch⸗ ten, weil ſie mit Wilden zu thun hatten. Statt freundſchaftliche Gefühle bei den Wenigen zu pflegen, die ſich friedlich und ehr⸗ lich zeigten, tödteten ſie mit kaltem Blute jeden Indianer, der in ihre Hände fiel, nur weil einer ſeines Stammes gegen ſie ſelbſt oder gegen ihre Freunde eine Gewaltthätigkeit ſich erlaubt hatte. Seit dem Anfang dieſes Handels haben rückkehrende Kauf⸗ leute mit dem Ertrage ihres Unternehmens, theils baarem Gelde, theils Pelzwerk, Büffelhäuten und Thieren, ihren Heimweg durch die Ebenen genommen; waren ſie aber gut bewaffnet und mit 8 entſchloſſenem Muthe ausgerüſtet, ſo iſt es ihnen nie ſehr ſchwer gefallen, die plündernden Indianerhaufen zu überreden, ſie unge⸗ ſtört ihres Weges ziehen zu laſſen; denn die Indianer ſind im⸗ mer zur Verſöhnung geneigt, wenn ſie ſehen, daß ſie nicht rau⸗ ben können, ohne das Leben ihrer Krieger aufs Spiel zu ſetzen. Anders aber erging es Denjenigen, die, ſorglos oder nachläſ⸗ ſig genug, ohne hinlänglichen Waffenvorrath in die wilden Prai⸗ rieen ſich wagten. So erzählt man ſich, daß im Jahre 1826 eine kleine nur aus zwölf Mann beſtehende Handelsgeſellſchaft, die am Cimarron ſich gelagert hatte und nur mit vier brauch⸗ baren Flinten verſehen war, von einem Haufen Indianer— wahrſcheinlich Arrapahoes— einen Beſuch erhielt. Anfänglich zeigten die Wilden ſich freundſchaftlich und wohlwollend, als ſie aber von dem ſchlechten Vertheidigungszuſtande der Kaufleute ſich überzeugt hatten, gingen ſte fort und kamen bald in größerer Anzahl, alle zu Fuß und jeder mit einem Lazo verſehen, zu dem Lagerplatze zurück. Der Häuptling erklärte nun den Ame⸗ rikanern, ſeine Leute ſeien müde und müßten Pferde haben. Die erſchrocknen Kaufleute hielten jeden Widerſtand für Toll⸗ kühnheit und ſagten, wenn ein Pferd für jeden ihnen genüge, möchten ſie gehen und ſie einfangen. Das thaten die Wilden 3 aber die Bereitwilligkeit, womit man ihrer erſten Forderung ſich gefügt hatte, machte ſie dreiſter. Sie hielten eine kurze Berath⸗ ung uund forderten dann zwei Pferde für jeden.„Gut, fangt ſte,“ war die befriedigende Antwort der unglücklichen Schaar, wor⸗ auf die Wilden die Pferde beſtiegen, die ſie bereits gefangen hatten, die Lazos über ihren Köpfen ſchwangen und, mit furcht⸗ barem Geſchrei über die reiche Heerde herfallend, die ganze Ca⸗ ballada, faſt fünfhundert Pferde, Maulthiere und Eſel, als Beute davon führten. Gegen Ende des Jahres 1828 waren die Kaufleute auf ih⸗ ren Heimzügen noch unglücklicher; denn die Indianer hatten die Güter, womit die rückkehrenden Geſellſchaften gewöhnlich verſehen waren, jetzt richtiger ſchätzen gelernt. Zwei junge Männer, Na⸗ 9 mens Mac Nees und Monroe, die ſich an einem Flüßchen, das ſeitdem den Namen des Erſteren führt, ſorglos ſchlafen gelegt hatten, wurden im Angeſicht der Karawane, wie man glaubte, mit ihren eignen Flinten grauſam erſchoſſen. Die herbeieilenden Gefährten fanden Mac Nees bereits todt und den Anderen faſt im Sterben. Man trug ihn vierzig Meilen weit nach dem Ci⸗ marron, wo er ſeinen Geiſt aufgab und nach der Sitte der Prairieen begraben wurde.*) Eben als das Begräbniß beendigt werden ſollte, erſchienen auf der anderen Seite des Cimarron ſechs bis ſieben Indianer. Einige von der Geſellſchaft ſchlugen vor, ſie zu einer Unterred⸗ ung einzuladen, während die Uebrigen, vor Rache glühend, lebhaft den Wunſch ausdrückten, augenblicklich auf ſie zu feuern. Ohne Zweifel aber waren dieſe Indianer an der begangenen Gräuelthat nicht nur unſchuldig, ſondern wußten auch nichts von ihr, denn ſonſt würden ſie kaum gewagt haben, der Karawane ſich zu nähern. Ihr ſcharfes Auge bemerkte bald die kriegeriſche Stell⸗ ung, die Einige der Geſellſchaft annahmen, und ſich umwendend, ergriffen ſte die Flucht. Es fiel ein Schuß, der ein Pferd ver⸗ wundete und den Indianer zu Boden warf, worauf er augen⸗ blicklich von mehren Kugeln durchbohrt wurde. Faſt gleichzeitig folgte ein neues Feuer aus mehren Flinten, das die Uebrigen tödtete oder tödtlich verwundete— nur ein einziger der Wilden entkam, um ſeinem Stamme die Nachricht von der furchtbaren Begebenheit zu bringen. Dieſe muthwilligen Grauſamkeiten waren für die Ausſichten des Handels von der übelſten Wirkung; denn die Kinder der Wüſte wurden immer feindſeliger gegen die„Weißgeſichter“ und *) Der Gebrauch iſt kurz und einfach. Man gräbt ein Grab an einer paſſenden Stelle, und der Körper wird ohne Weitläufigkei⸗ ten in den Kleidern, die er eben trägt, während eine Decke die Stelle des Sarges vertritt, der Erde übergeben. Gewöhnlich füllt man dann die Grube mit Steinen und Pfählen aus, als Schutzmittel gegen die gefräßigen Wölfe der Prairieen führten noch viele der folgenden Jahre einen grauſamen Krieg gegen ſie. Dieſelbe Geſellſchaft hatte einige Tage ſpäter die Strafe ihrer Unklugheit zu leiden. Sie wurde von den wüthen⸗ den Gefährten der gemordeten Wilden bis zum Arkanſas verfolgt und verlor faſt tauſend Pferde und Maulthiere. Doch hiermit waren die Indianer noch nicht zufrieden. Sie überfielen einen anderen, ungefähr aus zwanzig Mann beſtehenden Zug, der in geringer Entfernung folgte, tödteten einen der Leute und beraub⸗ ten ſie all ihrer Thiere, ſo daß die unglückliche Geſellſchaft nicht nur ſich genöthigt ſah, zu Fuße weiter zu ziehen, ſondern auch ein jeder gegen tauſend Dollars auf ſeinem Rücken bis an den Arkanſas tragen mußte, wo das Geld vergraben wurde, bis man es ſicher nach den Vereinigten Staaten ſchaffen konnte. Dieſe wiederholten und verwegenen Gewaltthätigkeiten veran⸗ laßten endlich die Kaufleute, die Bundesregierung um eine Be⸗ deckung von Truppen der Vereinigten Staaten zu erſuchen. Die Bitte wurde gewährt, und alsbald erhielt der Major Riley Be⸗ fehl, die Karawane, die im Frühling des Jahres 1829 aufbrach, mit drei Kompagnieen Fußſoldaten und einer Kompagnie Scharf⸗ ſchützen bis zur Chouteau⸗Inſel im Arkanſas zu begleiten. Hier hielt das Geleit, und die Karawane ſetzte allein ihre Reiſe durch die jenſeitigen Sandhügel fort. Sie hatte kaum ſechs bis ſieben Meilen zurückgelegt, als ein furchtbares Ereigniß den Schutz des tapferen Majors und ſeiner trefflichen Soldaten aufs neue wün⸗ ſchenswerth machte. Eine Vorhut von drei Mann, die einige hundert Schritte voraus ritt, war eben abgeſtiegen, um ihren Durſt zu ſtillen, als plötzlich ein Haufe von den Kiawas, dem wildeſten der Stämme, welche die weſtlichen Prairieen beunruhi⸗ gen, hinter den ungeheueren Sandhügeln hervorbrach, die nach allen Richtungen zerſtreut liegen. Die drei Männer ſprangen in ihre Sättel, aber nur zweien, die Pferde hatten, gelang es, die Wagen zu erreichen, der dritte, der unglücklicher Weiſe ein Maulthier ritt, wurde eingeholt, erſchlagen und ſkalpirt, ehe man zu Hilfe kommen konnte. Durch dieſe Dreiſtigkeit der Indianer 11 etwas in Schreck gejagt, ſendeten die Kaufleute einen Eilboten an Riley, der augenblicklich ſeine Zelte abbrechen ließ und ſo ſchnell bei der beängſtigten Karawane war, daß Alle in Erſtau⸗ nen geriethen. Dieſer Schutz kam in der Nacht, die Indianer konnten daher nichts davon wiſſen und würden wahrſcheinlich am Morgen den Angriff wiederholt haben, um eine unverhoffte, aber heilſame Lehre zu empfangen, hätte man nicht aus Verſehen die Reveille geſchlagen, worauf ſie über Hals und Kopf ſich zurück⸗ zogen. Die Bedeckung begleitete die Handelsgeſellſchaft, bis alle Anzeichen von Gefahren ſich verloren hatten, und zog ſich dann wieder nach dem Arkanſas zurück, um die Heimkehr der Karawane im nächſten Herbſt zu erwarten. Die Stellung des Majors Riley am Arkanſas war ernſtli⸗ chen und beſtändigen Gefahren ausgeſetzt. Kaum verging ein Tag ohne eine neue Beläſtigung von raubſüchtigen Indianern. Dieſe ſchienen in der That veſt entſchloſſen zu ſein, die Weißen aus den Prairieen zu verjagen, und in ſteter Beſorgniß vor noch größeren Gräuelthaten der Wilden, haben die Kaufleute um des gegenſeitigen Schutzes willen fortwährend zu Karawanen ſich ver⸗ einigt. Die Bedeckung unter Riley und im Jahre 1834 eine andere, ungefähr aus ſechzig Dragonern beſtehend, unter Kapitän Wharton, waren der einzige Schutz, den die Regierung dem Santa Fe⸗Handel je hatte angedeihen laſſen, bis im Jahre 1843 zwei große Bedeckungen unter Kapitän Cook zwei verſchiedene Karawanen bis an den Arkanſas begleiteten. Zweiter Abſchnitt. Stapelplätze des Handels nach Santa Fe.— Eine Prairieenreiſe als treffliches Heilmittel für chroniſche Krankheiten.— Reiſevorräthe.— Geſpann.— Beladung der Wagen.— Romantiſirende Reiſende.— Der Aufbruch.— Prairieenregen.— Sumpf.— Plündernde India⸗ ner.— Council Grove.— Wahlumtriebe in den Prairieen.— Ein⸗ richtung der Karawane.— Luſtreiſende und Landſtreicher.— Wach⸗ dienſt.— Tracht der Geſellſchaft.— Reiſeholz. Man hat häufig St. Louis als den Stapelplatz des Santa Fe⸗ Handels betrachtet; aber dieſe Stadt iſt in der That niemals weder ein Sammelplatz noch ein Ausrüſtungsort geweſen, ausge⸗ nommen für kleinere Geſellſchaften von Kaufleuten, die aus der nächſten Nachbarſchaft aufgebrochen waren. Dagegen kann man behaupten, daß die Stadt Franklin am Miſſouri, ungefähr hun⸗ dertfunfzig Meilen weiter weſtwärts, die Wiege dieſes Handels geweſen ſei, und von ihr, ſo wie aus verſchiedenen benachbarten Städten ſind viele Jahre lang die meiſten jener kühnen Handels⸗ leute ausgezogen. Als aber gegen das Jahr 1831 die Schiff⸗ fahrt auf dem Miſſouri bedeutend in Aufnahme gekommen war, und die Vortheile eines näher an der weſtlichen Gränze gelegenen Verladungsplatzes ſich herausſtellten, indem man dann faſt hun⸗ dert Meilen eines beſchwerlichen Landtransports über rauhe, zum Theil ſchlammige Wege erſparte, hob ſich bald, als der gelegenſte Ort, die neue Stadt Independence, nur zwölf Meilen von der Gränze des Indianergebietes, zwei bis drei ſüdlich vom Miſſouri, zu einem lebhaften Stapelplatz empor, wo die meiſten Karawanen zum Aufbruch ſich ausrüſten, und iſt es ſeitdem geblieben, trotz allem Widerſtand. In dieſe reizende und bereits zu einer an⸗ — 13 ſehnlichen Größe emporgeblühte Stadt ziehen gewöhnlich mit dem erſten Tag des Mai's, weil in dieſem Monat die Karawanen auf⸗ zubrechen pflegen, die Abenteurer der Prairieen ein, mögen ſie nun Reichthum, Geſundheit oder Zerſtreuung ſuchen. Hier kau⸗ fen ſie ihre Bedürfniſſe, Maulthiere, Ochſen und ſelbſt ihre Wa⸗ gen, packen auf und treffen ihre letzten Vorbereitungen für eine lange Reiſe durch die Einöden. Da Independence ein höchſt zugänglich gelegener Ort iſt, denn der Miſſouri bleibt ſtets vom März bis zum November ſchiffbar, ſo iſt es der Hafen und Ausſchiffungsplatz für jeden Theil des großen weſtlichen und nördlichen Oceans der Prai⸗ rien geworden, und auch die Händler und Jäger aus dem Fel⸗ ſengebirge und die Auswanderer nach Oregon berühren ihn auf ihrem Wege. Zur Zeit des Aufbruchs fehlt es ihm daher nicht an Lärm und lebendiger Thüätigkeit. Unter der Maſſe von Ankömmlingen ſieht man außer Kauf⸗ leuten, Geſchäfts⸗ oder Vergnügungsreiſenden gewöhnlich auch eine Anzahl bleichwangiger Invaliden; denn die Prairieen ſind in der That ihrer Heilkräfte wegen berühmt geworden, und ohne Zweifel mit mehr Recht als ſelbſt die geprieſenſten Badeorte des Nordens. Chroniſche Krankheiten, beſonders Leberleiden, Magen⸗ ſchwäche und ähnliche Zuſtände werden hier nicht ſelten von Grund aus geheilt, was man wahrſcheinlich der eigenthümlichen Diät und der zum Prairieenleben gehörigen regelmäßigen Beweg⸗ ung, ſowie auch der reinen Luft zuſchreiben muß, die in dieſen erhöhten, freien Gegenden weht. Da ich ſelbſt ein Kränkler war, kann ich wenigſtens für meinen Fall die Wirkſamkeit des Heil⸗ mittels bezeugen. Wie andere Siechlinge verſah ich mich reichlich mit all den Dingen, die mir für meine Bequemlichkeit und Ge⸗ ſundheit unumgänglich nöthig ſchienen; aber ich hatte noch nicht lange in den Prairieen zugebracht, als ich fand, daß die meiſten dieſer außerordentlichen Vorbereitungen ganz unnöthig oder we⸗ nigſtens ganz entbehrlich waren. Einige Kleinigkeiten, wie etwas Thee, Reis, Früchte, Zwieback, ſind für die erſten vierzehn Tage 14 genügend, und dann iſt der Kranke gewöhnlich im Stande, die Koſt des Jägers und des Fuhrmanns zu theilen. Obgleich ich im Wagen aufbrach, ſo ſattelte ich doch ſchon am Ende der erſten Woche mein Pferdchen, und als wir das Büffelgebiet erreichten, war ich nicht nur ſo eifrig und ausdauernd in der Jagd wie der kräftigſte meiner Gefährten, ſondern fand auch mein Stück Büffelfleiſch wohlſchmeckender als all die Leckerbiſſen, die je den ekelſten Appetit gereizt haben. Der Mundvorrath jedes Einzelnen wird gewöhnlich für die ganze Reiſe auf funfzig Pfund Mehl, noch einmal ſo viel Speck, zehn Pfund Kaffee, zwanzig Pfund Zucker und etwas Salz berechnet. Bohnen, Zwieback und Klei⸗ nigkeiten der Art ſind annehmliche Zugaben, werden aber für ent⸗ behrliche Ueppigkeiten gehalten. Was das friſche Fleiſch anbe⸗ langt, ſo verläßt man ſich auf den Büffel, und groß iſt die Freude, wenn zum erſten Male dieſes edle Thier ſich zeigt. Die Wagen, die jetzt am meiſten in den Prairieen gebraucht werden, liefert Pittsburg, und ſie ſind gewöhnlich mit acht Maul⸗ thieren oder eben ſo vielen Ochſen beſpannt. In ſpäteren Jah⸗ ren jedoch habe ich noch weit größere Fuhrwerke geſehen, die von zehn bis zwölf Maulthieren gezogen wurden und eine Ladung von, faſt fünftauſend Pfund enthielten. In früherer Zeit war das Pferd gebräuchlicher, da Maulthiere noch nicht in ſo großer An⸗ zahl ſich finden ließen; ſeitdem aber die Mittel zur Herbeiſchaff⸗ ung dieſer Thiere ſich vermehrt haben, iſt das Pferd nach und nach verabſchiedet worden und wird in den Prairieen nur noch zum Reiten oder zur Jagd benutzt. Major Riley machte bei dem Geleit, das der Karawane von 1829 gewährt wurde, den erſten Verſuch, ſeine Gepäckwagen mit Ochſen zu beſpannen, und man ſah ſtaunend, daß ſie faſt dieſel⸗ ben Dienſte leiſteten wie die Maulthiere. Seit dieſer Zeit ſind bei dieſen Karawanen im Durchſchnitt die Hälfte der Wagen von Ochſen gezogen worden. Sie haben unbedingt viele Vorzüge, ſchon weil ſie größere Laſten ziehen als eine gleiche Anzahl Maul⸗ thiere, beſonders durch ſchlammige oder ſandige Gegenden; aber“ 15 ſie verlieren gewöhnlich an Kraft, ſobald das Gras der Prairieen trockner und kürzer wird, und gelangen oft in einem ſo kläglichen Zuſtande an den Ort ihrer Beſtimmung, daß man in Santa Fe nicht ſelten das Paar für zehn Dollars verkauft, obgleich ſie un⸗ ter günſtigeren Verhältniſſen zuweilen noch ſtark genug bleiben, um im Herbſt deſſelben Jahres nach den Vereinigten Staaten zurückzugehen. Mag daher der Einkaufspreis für ein Geſpann Maulthiere immer koſtſpieliger ſein, ſo iſt doch auch, abgeſehen von dem Vorzuge eines ſchnelleren und bequemeren Reiſens, der Verluſt nach ihrer Benutzung ein verhältnißmäßig unbedeutender. Die geringere Ausdauer der Ochſen hat ihren Grund in der Zartheit ihrer Füße; denn von den vielen tauſend Menſchen, die in den Prairieen gereiſt ſind, haben es nur wenige verſtanden, ſie paſſend zu beſchlagen. Viele haben zu dem ſeltſamen Hilfsmittel gegriffen, ihre Thiere mit Moccaſins von roher Büffelhaut zu beſchuhen, die allerdings bei trockenem Wetter treffliche Dienſte leiſten, bei naſſem aber ſehr bald durchgelaufen ſind. Selbſt die Maulthiere legen größtentheils unbeſchlagen die ganze Reiſe zu⸗ rück, wenn ſonſt nicht die Hufe zu weich werden, was alle ihre Bewegungen auf dem raſigen Boden ſo beſchwerlich macht, als gingen ſie auf Eis. Sind endlich alle Vorräthe herbeigeſchafft, alle Vorbereitungen ſyſtematiſch durchgeführt, ſo beginnt der Kaufmann die ſchwere Aufgabe, ſeine Wagen zu beladen, und wer das Geſchäft verſteht, wendet alle mögliche Vorſicht an, die Güter ſo zu packen, daß kein Rütteln auf dem Wege ſie aus ihrer Ordnung bringen kann; ja die Geſchicklichkeit geht hierin oft ſo weit, daß man nach einer mühſamen Reiſe von achthundert Meilen die Waaren weit we⸗ niger beſchädigt gefunden hat, als wenn ſie auf einer Kunſtſtraße wären fortgeſchafft worden, oder die gewöhnliche Behandlung der Güter auf den weſtlichen Dampfſchiffen erduldet hätten. Das nächſte ſchwierige Geſchäft der Kaufleute beſteht darin, die Thiere abzurichten, die vorher noch nie eine leitende Hand gefühlt haben— eine Aufgabe, die häufig mit ungeheuerer Mühe 16 verbunden iſt; übrigens aber ſchirrt und fährt man in den Prai⸗ rieen ſeine Geſpanne eben ſo, wie auf den Landſtraßen der Ver⸗ einigten Staaten, mögen auch gewiſſe Reiſende in ihren Be⸗ ſchreibungen das Gegentheil behaupten. Nach den ergetzlichen Berichten, die von Schriftſtellern dieſer Art zuweilen geliefert werden, möchte man faſt glauben, ſie haben nie einen Wagen oder ein Geſpann Maulthiere geſehen oder ſeien eben zum erſten Male aus dem Weichbild einer großen Stadt gekommen. Aus ihrem Hange, Allem, was ſie ſahen oder hörten, eine romantiſche Färbung zu geben, möchte man ihnen die Ueberzeugung zutrauen, daß eine Darſtellung ungeſchminkter Thatſachen nie den Beifall der Welt gewinnen könne— daß ein Werk, um ein dauerndes Intereſſe zu haben, nothwendig mit Ungereimtheiten und über⸗ triebener Darſtellung überfüllt ſein müſſe. Endlich zieht Alles wohlgeordnet in die weite Prairie hinaus — die Beſchwerden der Vorbereitungen ſind überſtanden, die tauſend Bänglichkeiten abgeſchüttelt, die aus läſtigen Berathungen und Verzögerungen entſprangen. Der Wagenlenker fühlt, mit ſeiner Peitſche knallend, eine friſche Schwungkraft in ſeiner Seele, die er unmöglich unterdrücken kann— ſelbſt die Maulthiere ſitzen ihre Ohren mit einem komiſch verſtändigen Weſen, als ahneten ſie die Veränderung des Schauſpiels, die da kommen ſoll. Ueberall herrſcht Eintracht und freundliche heitere Stimmung. Fröhliche Geſänge, Bonmots und witzige Antworten machen ſchnell die Runde, und ehe man Zeit gehabt ſich umzuſchauen, iſt das liebliche Independence bereits aus dem Auge verſchwunden. Es war am 15. Mai des Jahres 1831 und an einem der ſchönſten und freundlichſten Tage des Kalenders, als unſere kleine Geſellſchaft Independence verließ. Unſer nächſtes Ziel war der allgemeine Sammelplatz—„Council Grove;3 denn es iſt Ge⸗ brauch, bis dahin in einzelnen Abtheilungen zu reiſen und dort erſt zur gegenſeitigen Beſchützung und Vertheidigung für den übrigen Theil des langen Weges zu einem wohlgeordneten Gan⸗ zen ſich zu vereinen. Hier ſollte die Karawane gebildet werden 17 und die eigentliche Reiſe erſt beginnen; wir ſahen daher Alle mit großer Ungeduld dieſem Orte entgegen. Die Reiſe dahin wurde von keinem bemerkenswerthen Ereigniſſe unterbrochen. Nach⸗ dem die Wagen uns vorausgegangen waren, erreichten wir in einem leichten Fuhrwerk am erſten Tage den fünf und dreißig Meilen entfernten Round Grove(Rund⸗Hain), wo wir zu der aus dreißig Wagen beſtehenden Nachhut der Karawane ſtießen. Am folgenden Tage bekamen wir einen Vorſchmack von jenem anhaltenden nebelartigen Regen, der um dieſe Jahreszeit die Gränzprairieen ſo unangenehm macht. Er begann gegen Abend und ſpritzte ohne Unterbrechung acht und vierzig Stunden lang auf uns hernieder, und da er von einem ziemlich heftigen Nord⸗ weſtwind begleitet und unſer Lager in einer offnen Prairie auf⸗ geſchlagen war, wo in einem Umkreis von einer Meile kein Stück⸗ chen nutzbares Holz ſich ſinden ließ, ſo wird man zugeben, daß ein Vorſpiel dieſer Art für Siechlinge nicht eben viel Neizendes haben konnte. Ich für meinen Theil wickelte mich ſorgfältig in eine Decke, als ich bemerkte, daß das Dach des Fuhrwerks, worin ich einen Platz hatte, kein vollkommen waſſerdichtes war, legte mich auf ein Lager von Kiſten und Ballen unter dem Schutze eines Frachtwagens und entging ſo einer ſehr ernſtlichen Durch⸗ näſſung. Die ausgeſpannten Thiere flüchteten ſich in das vom Lager ziemlich weit entlegene Gehölz und da Niemand Luſt hatte, wäh⸗ rend des Regens ſie aufzuſuchen, wurden natürlich nicht wenige vermißt, als man endlich ausging, um ſie einzutreiben. Das iſt jedoch kein ungewöhnliches Ereigniß. Bei den erſten hundert Meilen haben die Reiſenden durch das Herumirren oder Davon⸗ laufen des Viehes in der Regel mehr zu dulden als ſpäter, weil ſie, vor den wilden Indianern ſicher, die ſelten innerhalb zweihundert Meilen von der Gränze ſich blicken laſſen, faſt gar keine Aufſicht führen, obgleich dieß grade die Zeit iſt, wo die Thiere am meiſten der Bewachung bedürfen; denn erſt nach einer KReeiſe von einigen Wochen fühlen ſie ſich an die Karawane ge⸗ Gregg, Karawanenzüge I. 2 18 feſſelt, betrachten ſie dann aber auch eben ſo als ihre Heimat, wie den Viehhof einer Meierei. Nachdem wir dieſe Stelle verlaſſen hatten, begannen in völ⸗ ligem Ernſte die Beſchwerden und Wechſelfälle unſerer Reiſe; denn indem wir den ſchmalen Rücken(die Narrows) zwiſchen den Flüſſen Kanſas und Oſage erreichten, gelangten wir in eine höchſt beſchwerliche Moorgegend. Hier iſt es etwas ganz Ge⸗ wöhnliches, daß ein Wagen bis an die Naben in Schlamm ſinkt, während rings umher die Oberfläche des Bodens völlig Zlatt und trocken ſcheint. Wir mußten oft, um gegenſeitig unſere Wa⸗ gen herauszuziehen, nicht nur alle Hände an die Räder legen, ſondern auch doppelte und dreifache Geſpanne anwenden, wobei nicht ſelten die Eigenthümer ſelbſt, bis über die Hüften in Schlamm und Waſſer verſunken, peitſchend und lenkend nebenher wateten. Drei oder vier Tage ſpäter, indem wir über die Hauptarme des Oſage gingen, erfuhren wir eine flüchtige Beunruhigung. Wir fanden nämlich an einer ziemlich hohen Stange eine Schrift beveſtigt, durch welche angeblich der Agent der Kanſas⸗Indianer die Nachricht gab, daß ein Haufe Pawni⸗Indianer in der Nähe verſteckt liege. Nachdem jedoch der erſte Schreck vorüber war, kam die Mehrzahl von uns zu der Folgerung, daß es entweder ein Schwank von einer der vorangegangenen Geſellſchaften, oder eine Liſt der Kanſas⸗Indianer ſelbſt ſei, die ſo gut wie die Oſa⸗ gen in dieſen Prairieen herumſtreichen und die Karawanen beſteh⸗ len, ſobald ſie nur irgend hoffen können, daß ihre Plündereien auf die Rechnung Anderer kommen. Sie wagen jedoch ſelten mehr als den Raub eines herumſchweifenden Thieres, und dieß oft nur in der Ausſicht, bei der Rückerſtattung von dem Eigen⸗ thümer eine Belohnung zu erhalten. Was die Pawni⸗Indianer betrifft, ſo wiſſen die erfahrenſten Reiſenden, daß ſie ſeit dem Anfang des Handels nach Santa Fe in dieſen Breiten ſich nicht haben blicken laſſen. Nichts aber vermochte mehr die Beſorgniſſe der Furchtſamen zu verſcheuchen als eine Verſtärkung unſerer “ 19 Macht durch ſiebzehn Wagen, die wir an demſelben Abende noch einholten. Früh am 26. Mai erreichten wir endlich den lange erſehnten Sammelplatz Couneil⸗Grove, wo wir uns mit dem Haupttheil der Karawane vereinigten. Damit dieſer hochtrabende Name den Leſer nicht ein wohlgebautes und gedeihliches Dorf vermuthen laſſe, muß hier erwähnt werden, daß wir am Tage unſeres Ab⸗ ſchieds von Independence den letzten menſchlichen Wohnplatz für unſere ganze Reiſe im Rücken ließen und daß daher von Miſſou⸗ ris Gränzen bis an jene von Neu⸗Mejico ſelbſt nicht einmal eine Indianerkolonie unſre Blicke begrüßte. Couneil⸗Grove liegt ungefähr hundert und funfzig Meilen von Independence und iſt nichts als ein Waldſtreifen, der, ein reiches Baumgemiſch, wie Eichen, Wallnüſſe, Eſchen, Ulmen und dergleichen, enthaltend, eine halbe Meile lang an einem kleinen Waſſer ſich hindehnt, das unter dem Namen des Council⸗Grove⸗ Flüßchens bekannt und ein Hauptzweig des Neoſho iſt. Dieſes Flüßchen wird von dem fruchtbarſten Gelände und den ſchönſten Hochland⸗Prairieen begränzt, die in ſtrotzender Naturkraft nur die bebauende Hand erwarten; und dieß iſt in der That das allge⸗ mein hervortretende Gepräge der ganzen Gegend von hier bis Independence. Alle, die hier gereiſt ſind, ſehen mit Ungeduld dem Tage entgegen, wo der indianiſche Rechtsanſpruch auf das Land erliſcht und„weiße“ Anſtedlungen die Düſterniß verſcheuchen werden, die gegenwärtig über dieſer unbewohnten Gegend ſchwebt. Ein großer Theil davon gehört jetzt den Schawni⸗ und anderen Gränz⸗Indianern, ein anderer aber iſt nie einem Stamme zuge⸗ theilt geweſen. Man hat mehre Verſuche gemacht, den Council⸗Grove in einen gewiſſen romantiſchen Ruf zu bringen, wozu folgende fa⸗ belhafte Schnake aus einem Briefe, der durch alle Zeitungen ging, einen ergetzlichen Beleg geben mag:„Hier verſammeln ſich alljährlich an einem beſtimmten Tage die Päwni⸗, Arapaho⸗, Comanche⸗, Loup⸗ und Eutaw⸗Indianer, die ſonſt immer mit 9* 2 20 einander im Krieg liegen, und rauchen friedlich ihre Pfeife.“ Es iſt aber mehr als wahrſcheinlich, daß keine Seele von all den genannten Stämmen den Council⸗Grope jemals geſehen hat. Wie viel Theilnahme die hiſtoriſchen oder erdichteten Berichte von dieſem Orte ihm auch verſchaffen mögen— Eines iſt gewiß und kann ich als wahr bezeugen, daß hier der Neuling von lau⸗ ernden Wilden ſich umgeben glaubt, und dieſe Einbildung iſt im⸗ mer eine Quelle großer Beluſtigung für den Veteranen, der kein Bedenken trägt, mit einem einzelnen Wagen und einem Gefähr⸗ ten, oder auch wohl allein, vom Arkanſas bis nach Independence zu reiſen. Die Thatſachen, die an den Ort ſich knüpfen, ſind einfach folgende. Im Jahre 1825 ſchickten die Vereinigten Staaten drei Bevollmächtigte aus, um von den Gränzen von Miſſouri bis Santa Fe einen Weg abzuſtecken, und dieſe kamen hier mit ei⸗ nigen Haufen der Oſage⸗Indianer zuſammen und ſchloſſen ein Bündniß mit ihnen, nach welchem die Indianer für eine Vergüt⸗ ung von achthundert Dollars in Waaren, ſich verpflichteten, alle Bürger der Vereinigten Staaten und Mejicos ungeſtört ihres Weges ziehen zu laſſen und den nach Santa Fe Handelnden ſelbſt Beiſtand zu leiſten. Bei dieſer Gelegenheit erhielt der Ort von den Bevollmächtigten den Namen„Council⸗Grove“ d. i. Rathhain. Doch obgleich der von jenen Bevollmächtigten unterſuchte Weg zum Theil bis Arkanſas durch aufgeworfene Dämme bezeichnet wurde, ſo ſcheint er doch den Reiſenden wenig gedient zu haben, denn dieſe folgten fortwährend der Spur früherer Wagenzüge und bildeten auf dieſe Weiſe die heutige beſtimmte Straße in die Gegend des kurzen„Büffel⸗Graſes“. Der Name Council⸗Grove iſt am Ende vielleicht der paſſend⸗ ſte, welchen man dem Orte geben konnte; denn wir hielten hier einen großen Rath, worin man die beziehlichen Anſprüche der verſchiedenen„Amtsbewerber“ in Erwägung zog, Anführer wählte und ein Regierungsſyſtem beſchloß— wie es bei dieſen gemiſchten Karawanen ſtehender Gebrauch iſt. Man möchte glauben, daß 21 Wahlumtriebe und Parteigeiſt unmöglich ſo weit in die Wildniß gedrungen ſein könnte; dennoch aber war es ſo. Selbſt in unſe⸗ rer kleinen Gemeinde hatten wir Stellenſucher und ihre politiſchen Anhänger, ganz ſo eifrig und emſig, wie irgend welche aus der neuen politiſchen Schule inmitten der verfeinten Welt. Nach einem langen Wortkriege hillten es jedoch alle Bewerber für räthlich, ihre Beſtrebungen aufzugeben, und ein Mann, Namens Stanley, der nach dem Amte weder geſtrebt noch verlangt hatte, wurde einſtimmig zum„Hauptmann der Karawane“ gewählt. Die Macht dieſes Beamten war auf keine einzige conſtitutionelle Verfügung geſtützt und deßhalb ſchwankend und unbeſtimmt; ſeine Befehle werden als bloße Geſuche betrachtet und deßhalb befolgt oder vernachläſſigt, wie es eben in der Laune der Untergebenen liegt. Es muß erwähnt werden, daß der Hauptmann außer vielen an⸗ deren Obliegenheiten, welche die Geſellſchaft ſich gefallen zu laſſen für gut findet, hauptſächlich die Verpflichtung hat, während des Tages die Ordnung der Reiſe zu überwachen und den Lagerplatz für die Nacht zu beſtimmen. Wie wenig aber ſeine Befehle im Nothfall beachtet werden, mag der Leſer, wie ich es gethan habe, aus dem Fortgang der Reiſe erſehen. Es folgt dann die Hauptaufgabe der Organiſation. Für's Erſte werden die Kaufleute durch einen Ausruf aufgefordert, eine Liſte ihrer Leute und Wagen zu fertigen. Die letzteren theilt man gewöhnlich in vier gleiche Abtheilungen, beſonders wenn die Karawane bedeutend iſt— und die unſrige beſtand, außer mehren Kaleſchen und kleineren Fuhrwerken und zwei kleinen Geſchützen, einem Vierpfünder und einem Sechspfünder, die beide beſondere Karren hatten— aus faſt hundert Frachtwagen, wovon die eine Hälfte mit Ochſen, die andere mit Maulthieren beſpannt war, während der Waarenwerth der ganzen Karawane gegen 200,000 Dollars betrug. Jede dieſer Abtheilungen erhält ihren„Leutnant“, deſſen Pflicht es iſt, jede Schlucht und jedes Waſſer zu unter⸗ ſuchen, die beßten Uebergänge aufzufinden und die Lagerplätze abzuſtecken. 2 Beim Ableſen der Liſte ergab ſich, daß wir eine wehrhafte Macht von ziemllich zweihundert Mann bildeten, Kranke und an⸗ dere Untaugliche abgerechnet, welchen natürlich keine Pflichten ob⸗ liegen. Von unerfahrenen Reiſenden wird nichts ſo ſehr ge⸗ fürchtet als der Wachdienſt; aber kein Stand, kein Geſchäft kann von dem„Gewohnheitsrecht der Prairieen“ entbinden. Der Ver⸗ gnügungreiſende wie der ſorgenloſe Landſtreicher ſtehen in voll⸗ kommen gleichem Range— ſie müſſen alle regelmäßig ihre Wache thun. Es iſt gewöhnlich jeder Karawane eine Art eleganter Müſſiggänger zugeſellt, die beſtändig ihren Witz bereit haben, um ſich auf Koſten Anderer die langweiligen Stunden zu ver⸗ treiben. Sie führen auf dieſen„Luſtreiſen“ ein Leben ohne Aus⸗ gaben; denn die gaſtfreien Kaufleute weigern ſich ſelten, ſelbſt einen herumſtreichenden Gefährten ohne Bezahlung in Koſt zu nehmen, erwarten aber auch dagegen von dieſem faullenzenden Zugeſellten wenigſtens gute Dienſte in der Wachpflicht. Es iſt Niemanden geſtattet, einen Erſatzmann zu ſtellen, denn wer außer ſeinem eignen noch den Dienſt eines Anderen verſehen wollte, würde kaum wachſam genug ſein gegen die Gefahren der Prairieen. Selbſt der Siechling muß unzweideutige Beweiſe ſeiner Unfühig⸗ keit beibringen, oder er kann von Glück ſagen, wenn ſeine Ent⸗ ſchuldigung angenommen wird. Ich für meinen Theil war zwar auf der Krankenliſte verzeichnet, kann mich aber nicht erinnern, während der ganzen Reiſe auch nur einmal meinen Dienſt ver⸗ ſäumt zu haben, obgleich die Wache der Prairie veſtſtehen und dem wüthendſten Sturme trotzen muß, denn gerade dann iſt die ſchärfſte Obacht nöthig. Die Zahl der Wachen beläuft ſich gewöhnlich auf acht, wo⸗ von jede ein Viertel der Nachtzeit— eine Nacht um die andere — auf dem Poſten ſteht. Iſt die Geſellſchaft nur klein, ſo wird dieſe Zahl in der Regel vermindert, bei größeren Karawanen aber pflegt der Hauptmann acht„Wachſergeanten“ zu ernennen, deren jeder eine gleiche Anzahl Leute unter ſeinen Befehl nimmt. 23 Das bunte Anſehen unſerer Geſellſchaft, die aus Leuten von allen Ständen und Graden zuſammengeſetzt und ſelbſt mit einigen vom zarteren Geſchlechte untermiſcht war, hätte dem Pinſel eines Malers einen vortrefflichen Stoff bieten können. Daß Frauen unter ſo ſchlechten Vorbedeutungen eine Reiſe durch die Prairieen wagen konnten, mag allerdings etwas ſonderbar ſcheinen, iſt aber eben kein ungewöhnliches Ereigniß, und ſchon viele andere haben zu verſchiedenen Zeiten daſſelbe gewagt. Unſere Gefährtinnen gehörten einer ſpaniſchen Familie an, die, durch einen Rechtsſpruch des mejicaniſchen Kongreſſes im Jahre 1829 verbannt, jetzt nach Aufhebung jenes Urtheils in ihre Heimat zurückkehrte. Man kann ſich von dem ſeltſamen Gemiſch der Karawane nur einen unvollkommenen Begriff machen, wenn man nicht we⸗ nigſtens ein flüchtiges Bild von den Trachten der verſchiednen Mitglieder vor ſich hat. Der ſtädtiſche Kaufmann in ſeinem Barchentrock mit hinlänglichen Taſchen für verſchiedene Neben⸗ bedürfniſſe, ſpielt den Stutzer in den Prairieen. Dann kommt der Hinterwäldler in ſeinem wollenen oder ledernen Jagdhemd— der Landwirth in ſeinem blauen Zeuchrocke— der Fuhrmann in ſeiner Flanellärmelweſte und noch mancher Andere im verſchieden⸗ artigſten Anzuge. Ein eben ſo anziehendes Gemiſch bilden die Feuerwaffen. Der Gränzjäger hängt treu und veſt an ſeiner„Rifle“, als könnte ihn nichts verleiten, jenes Ding zu tragen, das er verächtlich eine„Streubüchſe“ nennt, und der Weidmann aus dem Inneren ſtreicht wieder mit gleicher Ueberzeugung ſeine doppelläufige Vo⸗ gelflinte heraus. Die letztere iſt für eine ſolche Reiſe unbedingt die zweckmäßigſte Feuerwaffe. Eine Ladung Rehpoſten bei nächt⸗ lichen Angriffen, die am gewöhnlichſten vorkommen, wird ſicher⸗ lich wirkſamer ſein, als eine einzelne Flintenkugel, die aufs Ge⸗ rathewohl hinausgefeuert wird. Eine große Anzahl hatte ſich außerdem noch mit allen Arten von Piſtolen und Meſſern reich⸗ lich ausgerüſtet, ſo daß die Geſellſchaft einer Räuberbande ziem⸗ lich ähnlich ſah. 24 Während unſeres Aufenthalts in Couneil⸗Grove ſchafften die Arbeiter, wie immer, ehe man dieſe Gegend eines kräftigen Wachsthums verläßt, Holz zu Achſen und anderen Ausbeſſerungen der Wagen herbei; denn von nun an iſt auf dem ganzen Wege kein Baum zu finden, der zu gleichen Zwecken zu benutzen wäre, ſelbſt nicht auf den Bergen von Santa Fe. Der Vorrath wird gewöhnlich unter die Wagen gebunden und auf dieſe Weiſe ein Klotz nicht ſelten bis nach Santa Fe, zuweilen wohl auch wieder zurückgebracht. Dritter Abſchnitt. Angeſchirrt!— Unterwegs.— Diamond⸗Spring.— Grillen der Ochſen.— Büffelheerde und Prairieenneulinge.— Eine John Gil⸗ pins⸗Jagd.— Küchenvorbereitungen.— Ein Büffelſchmaus.— Eßluſt der Reiſenden.— Neue Beunruhigung und ihre Urſachen. — Ein wölfiſcher Streich.— Arkanſas⸗River.— Seltſame wundärztliche Verrichtung.— Der Pawni⸗Felſen.— Heilſame Wirkung der Beängſtigungen.— Neue Reiſeordnung.— Das Lagern.— Uebergang über den Arkanſas.— Die Klapper⸗ ſchlangenſchlacht.— Kampf zwiſchen einem Muſtang und einem Maulthiere.— Die„Caches“, ihr Urſprung und ihr Name. Die Einrichtung der Karawane und andere Vorbereitungen hat⸗ ten uns ſo viel Zeit geraubt, daß wir erſt am 27. Mai Council⸗ Grove verließen, und obgleich die Karawanen der Prairieen ge⸗ wöhnlich nach einem zeitigen Frühſtück aufbrechen, ſo wurden wir doch dießmal bis zum Nachmittag hingehalten. Der bekannte Ruf„Angeſchirrt! Angeſchirrt!“ erſcholl jetzt vom Lagerplatze des Hauptmanns und wurde von jeder Abtheilung und jeder zerſtreu⸗ ten Gruppe im Thale entlang wiederholt. Es folgt ihm ein Schauſpiel der Verwirrung, das man ſehen muß, um es begrei⸗ fen zu können. Wald und Thal widerhallen von dem fröhlichen Geſchrei der luſtigen Fuhrleute, die der Unthätigkeit müde und voll Freude über den angekündigten Aufbruch, zu einer ſehr lär⸗ menden Lebhaftigkeit übergehen. Kaum kann der Jockei bei dem Wettrennen ſeine Peitſche eifriger handhaben, wenn das zauber⸗ hafte Wörtchen„Daran!“ ertönt, als jene Fuhrleute bei dem erweckenden„Angeſchirrt!“ ſich beeilen, ihre Maulthiere einzu⸗ ſpannen. Jeder ſucht ſchneller fertig zu werden als ſein Gefährte 26 und es gilt für einen ſtolzen Ruhm, zuerſt rufen zu können— „Alles bereit!“ Der lärmende Aufruhr, das Hallohrufen derjenigen, die ihre Thiere einzufangen ſuchen, das Geſchrei, das die ſtörrigen Beſtien unter den Händen ihrer erzürnten Bändiger ausſtoßen, das Ge⸗ klingel der Schellen, das Raſſeln der Joche und Geſchirre, das Klirren der Ketten, Alles gibt das Bild einer wilden Verwirrung, die ohne den Beiſtand der Augen völlig unbegreiflich ſein würde, während dieſe allein kaum hinreichen möchten, die labyrinthiſchen Bewegungen und den Wirrwarr dieſes ibereiligen Auförihhs zu enträthſeln. „Alles bereit!“ ruft endlich einer der Wagenlenker— „Alles bereit!“ erſchallt es plötzlich von allen Seiten her. „Zum Aufbruch!“ ruft im nächſten Augenblick die Stimme des Hauptmanns, und nun gibt das Heh! und Hih! der Treiber, das Knackern der Peitſchen, das Getrampel der Füße, das Knar⸗ ren der Räder und das Raſſeln der Wagen eine neue Verwirr⸗ ung, die ich nicht weiter zu beſchreiben ſuchen will.„Vorwärts!“ erſchallt es aus dem Hauptquartier, und die Wagen ziehen hin⸗ aus in die lange geneigte Ebene, die nach den Höhen jenſeit Council⸗Grove ſich ausdehnt. Nach einer Reiſe von fünfzehn Meilen erreichten wir„Dia⸗ mond Spring“— eine Kryſtallquelle, die ſich in einen kleinen Bach ergießt— und faſt fünf und zwanzig Meilen weiter hin⸗ aus gingen wir über die Cottonwood⸗Gabel des Neoſho, ein Flüßchen, das noch kleiner iſt als jenes von Council⸗Grove, und ſchlugen in ſeinem jenſeitigen Thale unſer Lager auf.. Wenn die Karawanen gegen Abend einen Fluß erreichen, bleiben ſie ſelten auf dem dießſeitigen Ufer— erſtlich weil ein Regen über Nacht ihn anſchwellen oder doch wenigſtens die Ufer ſchlüpferig machen und ſo den Uebergang erſchweren könnte, und dann, was noch ein wichtigerer Grund iſt, weil die Geſpanne in „kalten Jacken“— wie es die Fuhrleute nennen— das heißt friſch geſchirrt, ſelten ſo gut ziehen, wie im Laufe einer Tagereiſe. — 27 An dem Abende, wo wir bei Cottonwood gelagert waren, jagte uns ein Ereigniß, das mehr ſtürmiſch als in ſeinen Folgen ernſtlich war, einen flüchtigen Schreck ein. Man hatte am Rande einer Flußwindung eine Art Wagenburg gebildet und die Ochſen größtentheils in ihren Jochen hineingeſperrt, denn obgleich ihnen, ſind ſie erſt vollkommen gebändigt, gewöhnlich jede Nacht die Joche abgenommen werden, ſo läßt man ſie doch in der erſten Zeit häufig gekoppelt, um ſich die Mühe zu erſparen, die ſtörrigen Thiere wieder einzujochen. Bald nach Eintritt der Dunkelheit ſtürmten ſie gleichzeitig mit furchtbarem Getöſe und Geraſſel ih⸗ rer Joche gegen den durch die Wagen verſchanzten Ausgang und würden ohne Zweifel, hätte dieſes Hinderniß nicht im Wege ge⸗ ſtanden, in die Prairie entflohen ſein, wo man ſie, wenn ſie nicht unrettbar verloren waren, nur mit Mühe und Zeitverluſt hätte wieder einfangen können. Die Urſache dieſes Schreckens war nicht zu entdecken; aber Ochſen haben ſonderbare Grillen, wenn ſie von unbekannten Gegenſtänden umgeben ſind. Zuwei⸗ len erſchrickt einer über das Klappern ſeiner eignen Jocheiſen oder über den Huſten ſeines Nachbars und ſetzt durch eine plötz⸗ liche Bewegung die ganze Heerde in Aufruhr. Dieß war höchſt wahrſcheinlich auch dießmal der Fall, obgleich die Aengſtlichen von unſerer Geſellſchaft augenblicklich die Vermuthung ausſprachen, die Ochſen hätten einen lauernden Pawni⸗Indianer gewittert. Unſer Weg führte faſt vierzig Meilen lang durch nackte Prairie — ich kann wohl ſagen fünf hundert Meilen lang, wenn ich die ſchmalen Waldſtreifen an den Ufern der Flüſſe ausnehme. Die Antilope der Hochprairieen, die jetzt von Zeit zu Zeit ſich blicken ließ, findet man zuweilen ſchon ſo weit öſtlich als Council⸗Grove, und da man bei Cottonwood manchmal auf einige alte Büffel geſtoßen war, fingen wir an, nach dieſem erwünſchten Wild uns umzuſehen. Gewöhnlich laſſen ſich zuerſt ein Paar einzelne Stiere blicken, die eine Vorhut oder Feldwache der Hauptheerden zu bilden ſcheinen. Uebrigens findet man den Büffel zu Anfang des Frühlings viel weiter öſtlich als zu einer anderen Jahres⸗ zeit, weil das lange Gras früher emporſchießt als die kurze Weide der Ebenen. Unſere Hoffnungen ſollten dießmal bald in Erfüllung gehen; denn in der Frühe des zweiten Tages nach unſerem Aufbruch von Cottonwood, einige Meilen jenſeits des Turkey⸗Creek(Truthahn⸗ Flüßchens), entdeckten unſre Blicke in der Ferne eine Heerde von faſt hundert Büffeln, die ruhig weideten. Die Hälfte von unſerer Geſellſchaft hatte vielleicht nie einen Büffel geſehen, wenigſtens nicht in ſeinem wilden Zuſtande, und die begeiſterte Aufregung, die der erſte Anblick der„Prairieen⸗Rinder“ unter einer Ver⸗ ſammlung von Neulingen erregt, überſteigt jede Beſchreibung. Alle Reiter ſprengten augenblicklich in's Weite und einige der Wagenlenker überließen, die Flinten ergreifend, ihre Geſpanne der eigenen Leitung und folgten der Jagd zu Fuße. Hier lief einer mit ſeiner Rifle, ein zweiter mit ſeiner Doppelflinte, ein dritter mit ſeinen Halfterpiſtolen, ein Mejicaner vielleicht mit ſeiner Lanze, ein anderer mit Bogen und Pfeilen, und ein großer Haufe folgte unbewaffnet, nur um die Freuden der Jagd zu theilen— Alles über Hals und Kopf, eine wahre John⸗Gilpin's⸗Jagd. Die ſchnellſten der Jäger waren bald in der Mitte der Heerde, die wie ein Zug Vögel, wenn ein Habicht herabſtößt, nach allen Richtungen ſich zerſtreute. Wir trugen eine Beute von einigen„Rindern“ davon, und ſobald wir unſer Lager aufgeſchlagen hatten, begannen bei luſtigen Feuern die Vorbereitungen zur Mahlzeit. Die Neulinge waren begierig, die Leckerkoſt der Prairieen zu ſchmecken, und wir Alle waren nun faſt ſchon einen Monat auf die geſalzenen Vorräthe beſchränkt geweſen, ſo daß wir einen ſehr lebhaften Appetit nach friſchem Fleiſche empfanden. Bald ſtieg ein lieblicher Braten⸗ geruch in die Lüfte empor, und Alle waren eifrig mit ihren Ko⸗ chereien beſchäftigt und erquickten ſich in wohlthuender Vorem⸗ pfindung an dem köſtlichen Dampfe. 29 Zur Erbauung des Leſers mag hier kurz erwähnt werden, daß das Küchen⸗ und Tiſchgeſchirr der Reiſenden gewöhnlich aus einem Kochtopf, einer Bratpfanne, einem Feldkeſſel von Eiſen⸗ blech und einer Kaffeekanne beſteht, während uͤberdieß noch jeder Einzelne mit einer Taſſe von Zinn und einem Fleiſchermeſſer aus⸗ geſtattet iſt. Sobald die Vorbereitungen der Küche beendigt ſind, werden Pfanne und Keſſel auf den raſigen Teppich geſetzt, Alle nehmen rings herum ihre niedrigen Plätze ein und beginnen ihre luſtigen Scherze, während ſie aus ihren fettigen Händen die wohlſchmeckenden Gerichte verzehren. Es iſt unglaublich, von welcher unerſättlichen Eßluß die Rei⸗ ſenden in den Prairieen heimgeſucht werden, noch unglaublicher aber, welche Flut von Kaffee ſie zu ſich nehmen. Er fehlt bei keiner Mahlzeit, und ſelbſt unter der glühenden Mittagſonne wird der Wagenlenker ſelten unterlaſſen, ſeine ungeheuere Zinntaſſe zum zweiten Male zu füllen. In der Frühe des nächſten Tages erreichten wir den kleinen Arkanſas, der trotz ſeinem gewichtigen Namen nichts weiter iſt als ein Flüßchen von ſechs bis ſieben Ellen Breite, deſſen ſteiles Ufer und ſchlammiges Bett uns aber dennoch gewal⸗ tig zu ſchaffen machten. Es herrſcht für all dergleichen Fälle in den Prairieen der Gebrauch, daß mehre Männer mit Aexten, Spaten und Hacken vorauseilen, um zeitweilige Brücken zu wer⸗ fen, ehe die Wagen ankommen. Eine Brücke über einen Sumpf iſt in wenigen Minuten hergeſtellt, indem man Reisholz— be⸗ ſonders Weide, oft aber muß auch langes Gras ausreichen— kreuzweiſe über einander legt und mit Erde bedeckt, worüber oft hundert Wagen glücklich hinwegfahren. 4 Wir waren jetzt zu der Stelle gelangt, die der Gränze des Gebietes zunächſt liegt, in welchem, wie ich glaube, die Reiſen⸗ den nach Santa Fe am häufigſten überfallen worden ſind. Hier hatte eine der früher aufbrechenden Geſellſchaften all ihre Thiere verloren und mußte zurückſenden, um neue herbeizuſchaffen. Am nächſten Tage erreichten wir Cow⸗Creek, wo all die 30 Beſchwerden, die uns der kleine Arkanſas bereitet hatte, aufs Neue überwunden werden mußten; aber nachdem man gegraben, eine Brücke geſchlagen, die Schultern an die Räder geſtemmt und dieß Alles mit dem gewöhnlichen Geſchrei, Schwören und Peitſchenknallen begleitet hatte, waren wir glücklich hinüber ge⸗ langt und lagerten uns im jenſeitigen Thale. Wir wurden jetzt häufiger in Aufruhr gebracht. Einige Tage vorher waren ein paar Leute von einem Schwarme Büffel bis zu den Wagen ge⸗ jagt worden, und an dieſem Tage hatten wir kaum das Lager aufgeſchlagen, als zwei Jäger mit der Kunde hereinſtürzten, daß über hundert Feinde in der Nähe wären— wahrſcheinlich eben⸗ falls wieder vierbeinige, wie nachher die allgemeine Stimme ſagte. Der Lärm, den dieſe furchtbare Neuigkeit verurſachte, hatte kaum ſich gelegt, als ein Anderer auf ſchnaubendem Roſſe mit dem ver⸗ zweifelten Angſtrufe hereinſprengte:„Indianer! Indianer! So eben haben mich einige bis dicht ans Lager verfolgt!“ „Zu den Waffen, zu den Waffen!“ erſcholl es aus Aller Munde, und in demſelben Augenblick ſchickte ein Wolf, welchen der Geruch bratender Büffelgebeine herbeigelockt hatte, ein ſcheuß⸗ liches Geheul vom jenſeitigen Ufer herüber.„Hört, hört, da iſt Jemand in Gefahr,“ riefen Einige.—„Zur Rettung! Zur Rett⸗ ung!“ ſchrie die Menge und Alle ſtürzten mit Waffen in den Händen über Hals und Kopf aus dem Lager, ſo daß Niemand zu deſſen Beſchützung zurückblieb, und ein Feind, der von der entgegengeſetzten Seite gekommen wäre, leicht alle Wagen hätte in Beſitz nehmen können. Ehe jedoch noch Alle zurückgekehrt waren, erſchienen ein paar Jäger, die den Lärmmacher herzlich auslachten, denn ſie waren es, die ihn ins Lager gejagt hatten. Eine halbe Tagereiſe nach dem Aufbruch von dieſem Lager⸗ platze brachte uns in das Thal des Arkanſas— ungefähr zwei hundert und ſiebzig Meilen von Independence. Von den nahen Höhen gewährt die Landſchaft einen wunderbaren und maleriſchen Anblick. Zwiſchen einem Gelände wellenförmiger gelber Sand⸗ hügel, die bis in eine unabſehbare Ferne ſich ausdehnen, fließt . 31 der majeſtätiſche, wenigſtens eine Viertelmeile breite Strom, mit grünen, von Baumwollenholzung dicht bewachſenen Inſeln beſetzt. Die unmittelbaren Ufer ſind ſeicht und nackt, nur hier und da verbirgt ſich hinter einem Sumpfe oder einem Sandhügel eine Gruppe verbutteter Bäume, als ſuchte ſie hier Schutz vor dem Feuer der Prairieen, das größtentheils jedes dauernde Wachsthum unterdrückt, und an vielen Stellen, wo es keine Inſeln gibt, iſt der Fluß von allen Bäumen ſo entblößt, daß gedankenloſe Wan⸗ derer faſt bis an ſeinen Rand ſich nähern können, ohne ſein Daſein zu vermuthen. 7 Bis hierher haben viele Prairieen ein freundliches, fruchtba⸗ res Anſehn, obgleich der Neoſho— oder Council⸗Grove— den weſtlichen Rand des wahrhaft reichen und ſchönen Gränzlandes zu bilden ſcheint; ſie gleichen an Ueppigkeit und Fruchtbarkeit des Bodens den Prairieen von Miſſouri, während in dem ganzen jenſeitigen Lande nur ein ſpärliches Wachsthum herrſcht, nur an wenigen Stellen eine freundliche Blume emporſproßt und nur hier und da einige geringe Bäume gedeihen. Wir folgten zwanzig Meilen weit dem Laufe dieſes Stromes und erreichten Walnut⸗Creek. Hier wurde, wie ich gehört habe, im Sommer des Jahres 1826 eine wundärztliche Operation vor⸗ genommen, die, wenn auch nicht nach den Regeln der Kunſt voll⸗ zogen, doch dem Sachverſtändigen zu neuem Nachdenken Stoff bieten kann. Einige Tage, ehe die Karawane dieſen Ort erreicht hatte, ſuchte ein Mann ſeine Flinte an der Mündung des Lau⸗ fes vom Wagen zu ziehen und ſchoß ſich die ganze Ladung in den Arm. Der Knochen war furchtbar zerſchmettert, und man rieth dem Unglücklichen, ſich ſogleich der Ablöſung zu unterwer⸗ fen, weil bei der übermäßigen Hitze— es war im Monat Au⸗ guſt— der Brand bald hinzukommen mußte; aber er weigerte ſich, bis der Tod ihm ins Auge ſtarrte. Doch jetzt war der ganze Arm bereits vom Brande ergriffen, und ſchon zeigten ſich Flecke über der Stelle, wo er abgenommen werden ſollte. Man hielt daher den Kranken für unrettbar verloren und ſeine Ge⸗ fährten dachten an nichts weiter, als ihn ins Grab zu legen. Ohne einen letzten Verſuch jedoch wollte er dem drohenden Schickſal ſich nicht hingeben und überredete zwei bis drei ſeiner Gefährten, ihm den Arm abzulöſen. Sie entſchloſſen ſich dazu, nur um den Wunſch des Sterbenden zu erfüllen, denn als ſol⸗ chen betrachteten ſie ihn. Ihre Inſtrumente beſtanden aus einer Handſäge, einem Fleiſchermeſſer und einem Stück Eiſen. Da man die Säge für zu grob hielt, machte man ſich ans Werk und hatte bald auf dem Rücken eine Reihe feinerer Zähne ein⸗ gefeilt. Das Meſſer wurde tüchtig gewetzt, das Eiſen ins Feuer gelegt und in kürzerer Zeit, als man zur Beſchreibung bedarf, war das Fleiſch zerſchnitten, der Knochen zerſägt und der ganze Stummel mit dem ziſchenden Eiſen ſo nachdrücklich gebrannt, daß ſich alle Adern vollkommen geſchloſſen hatten. Man legte hierauf einen Verband um und ſetzte die Reiſe fort, als wäre nichts vorgefallen. Der Arm war bald geheilt und der Kranke in wenig Wochen wieder friſch und geſund— und lebt vielleicht noch, um Zeugniß abzulegen von dem Vorzug des heißen Eiſens vor einer Unterbindung der Adern. Am folgenden Tage führte unſer Weg durch eine einförmige Ebene, die gewöhnlich reich an Büffeln und zur Jagd trefflich geeignet iſt. In einer Entfernung von funfzehn Meilen wendet ſich die Aufmerkſamkeit der Reiſenden auf den„Pawni⸗Felſen“, der ſeinen Namen einer Schlacht verdanken ſoll, die, wie erzählt wird, einſt zwiſchen den Pawni⸗Indianern und einem anderen Stamme in ſeiner unmittelbaren Nähe geliefert wurde. Er liegt an der hervorragenden Spitze eines Hügelrückens, und ſeine Ober⸗ fläche iſt mit groben, aber lesbaren Schriftzügen, unzähligen Zeitangaben und den Namen der verſchiedenen Reiſenden bedeckt, die dieſen Weg gewandert ſind. Wir lagerten bei Aſh⸗Creek, wo wir aufs Neue beunruhigt wurden, das heißt, wir fanden in dem Thale noch warme Feuer⸗ ſtätten und in deren Nähe ein paar alte Moccaſins— ſichere Zeichen, daß kurz vorher Wilde hier gehauſt hatten. Dieſe ſte⸗ 33 ten Beſorgniſſe, wenn auch häufig nur das Ergebniß grundloſer und unmännlicher Angſt, ſind jedoch nicht ohne heilſamen Einfluß auf die Geſellſchaft. Sie dienen dazu, den Reiſenden in beſtändiger Wachſamkeit zu erhalten und jene Beobachtungsgabe zu ſchärfen, die ſonſt ſtumpf und träge werden würde. Bis hierher hatte unſere Karawane nur zwei Reihen gebildet, aber nachdem wir über die„Pawni⸗Gabel“ gegangen waren, war aus jeder der vier Abtheilungen ein beſonderer Zug entſtanden, und bei dieſer Ordnung blieben wir bis an die Gränze der Gebirge. Bei dem Fahren in langen Reihen, wie es ſeither bei uns ſtattgefunden hatte, traten häufig Stockungen ein, denn jedes Ereigniß, das einen Wagen aufhält, hemmt auch alle übrigen, die ihm folgen; bei vier neben einander gehenden Zügen aber wird dieſe Be⸗ ſchwerde zum Theil gehoben, und außerdem können die Wagen auch im Fall eines Angriffs ſchneller in Vertheidigungszuſtand gebracht werden. Beim Lagern bilden die Fuhrwerke ein Viereck, das, wenn es nöthig iſt, zur Einhägung für die Thiere und zur Schutzwehr gegen die Indianer dient. Um dieſe Hürde nicht zu beläſtigen, werden alle Feuer außerhalb der Wagenburg angezündet, und hier iſt es auch, wo ſich die Reiſenden ihre Betten bereiten, die größtentheils aus Büffelhäuten und wollenen Decken beſtehen. Viele begnügen ſich auch mit einem einzelnen Mackinaw; aber zwei dergleichen geben ein vollkommenes Lager, und wer außer⸗ dem noch mit einer Büffelhaut verſehen iſt, wird für üppig verſorgt gehalten. Am gewöhnlichſten ſchläft man im Freien, theils um bei einem Angriff ſchneller fertig zu ſein, theils auch der An⸗ nehmlichkeit wegen; denn der reine Himmel der Prairieen iſt die lieblichſte, geſündeſte Decke. Von der ſchädlichen, unter anderen Himmelſtrichen ſo gefährlichen Eigenſchaft des Thaues und der Nachtluft iſt in den Hochebenen wenig zu finden; im Gegentheil ſcheint die reine Abendluft ſehr günſtig auf die Geſundheit ein⸗ zuwirken. Zelte ſind ſo ſelten bei dieſen Handelszügen, daß ich in einer Karawane von zweihundert Menſchen nur ein Dutzend Gregg, Karawanenzüge I. 34 gezählt habe. Bei Regenwetter flüchtet ſich der Reiſende unter ſeinen Wagen, der einen beſſeren Schutz bietet als ein Zelt; denn wenn dieſes nicht von dem Sturme niedergeriſſen wird, wovon gewöhnlich der Regen in den Prairieen begleitet iſt, ſo wird doch der Boden bald genug vom Waſſer überflutet; iſt es aber trocken, dann zieht es ſelbſt der Kranke vor, ſich im Freien zu betten. Früher wurden den Pferden während der Nacht die Beine gebunden, um ihre Flucht zu verhindern, ſeitdem aber iſt der zweckmäßigere Gebrauch eingeführt, ſie rings um die Wagen, in gehörigen Zwiſchenräumen, mit fünfundzwanzig bis dreißig Fuß langen Spannſeilen anzupflöcken; und in ſpätern Jahren hat man dieſes Verfahren auch bei den Ochſen mit Vortheil an⸗ gewendet. Man wollte anfänglich behaupten, daß die angebun⸗ denen Thiere ſich kein hinlängliches Futter ſuchen könnten, die Erfahrung aber hat all dieſe Bedenklichkeiten beſeitigt, und da man jederzeit die üppigſten Stellen der Prairieen zu den Lager⸗ plätzen ausſucht, ſo iſt ein Thier ſelten im Stande, alles Gras innerhalb ſeines Bereiches in einer Nacht abzuweiden. Wir hatten ſeit einigen Tagen nur wenig Büffel zu ſehen bekommen,— wahrſcheinlich waren ſie von den Indianern ver⸗ ſcheucht worden, deren Spur wir bei Aſh Creek fanden— ſie wurden jedoch bald wieder häufiger. Doch ſo willkommen ihre Erſcheinung in den Prairieen ſtets auch ſein mag, ſo ſind ſie trotzdem nicht ſelten die Urſache gewaltigen Unheils; denn wenn ſie in größeren Heerden an einer Karawane vorüber eilen, er⸗ regen ſie gewöhnlich eine allgemeine Flucht der ausgeſpannten Thiere, und oft ſind Pferde, Maulthiere und Ochſen mit der wil⸗ den Rotte davon gelaufen. So verlor im Jahre 1824 eine Geſellſchaft zwanzig bis dreißig ihrer Thiere. Auch Jäger ſind auf dieſe Weiſe häufig um ihre Pferde gekommen. Sie ſprangen eilig aus dem Sattel, um einen Büffel ſicherer aufs Korn zu nehmen, das Pferd wurde ſcheu und folgte mit vollſtändigem Geſchirr, mit Piſtolen und Allem dem flüchtigen Wilde, wahr⸗ 35 ſcheinlich um für immer verloren zu ſein; denn es iſt ein hoff⸗ nungsloſes Unternehmen, in den endloſen Prairieen und unter den zahlloſen Büffelheerden, die ſie beleben, ein entflohenes Thier zu ſuchen. Wir waren in der letzten Zeit häufig von Regenſchauern heimgeſucht worden, und das Anſchwellen des Arkanſas ſchien uns einen beſchwerlichen und gefahrvollen Uebergang zu verkünden, denn es war bereits am elften Junius, und die alljährlich in die⸗ ſem Monat eintretende„ Ueberſchwemmung“ konnte jeden Augen⸗ blick erwartet werden. Es ſind Fälle vorgekommen, daß ſich Karawanen ſogenannte Büffelboote bauen mußten, die aus nichts weiter als einem Stangengerippe oder einem leeren Wagen ohne Räder mit einem Ueberzug von den Häuten jener Thiere zuſam⸗ men geſetzt ſind. Die„ Junius⸗Ueberſchwemmungen“ ſind jedoch ſelten von langer Dauer, und zu jeder anderen Zeit hat der Ar⸗ kanſas größtentheils nur ein ſeichtes Flußbett; dennoch aber muß es des Triebſandes wegen, womit es an einigen Stellen ange⸗ füllt iſt, immer erſt unterſucht und die beßte Furt durch Pfähle bezeichnet werden, ehe eine Karawane den Uebergang wagen kann. Die Wagen werden dann gewöhnlich von doppelten Geſpannen gezogen, die man fortwährend antreiben muß, wenn man der Gefahr entgehen will, mit Thieren und Fuhrwerk zu verſinken. Ich habe ein ganzes Geſpann auf einmal untergehen ſehen, ſo daß man ausſpannen und jedes Maulthier einzeln herausziehen mußte. Was uns betrifft, ſo erreichten wir ohne bedeutende Beſchwerde das jenſeitige Ufer. Klapperſchlangen giebt es ſprüchwörtlich in Ueberfluß in all dieſen Prairieen, und da ſelten Stock oder Stein zu finden iſt, womit man ſie tödten könnte, ſo giebt es bei der Vorhut ein be⸗ ſtändiges Geklaff von Flinten und Piſtolen, um jene unangeneh⸗ men Wegelagerer zu verſcheuchen und Pferde und Zugthiere vor ihrem gefährlichen Biſſe zu bewahren. Während wir bei einer drückenden Hitze durch die ſandigen Hügel, welche das ſüdliche Ufer des Arkanſas begränzen, mühſam uns hinwanden, ſtießen 3* 36 wir auf eine völlige Höhle dieſes Geziefers, wovon— ich will nicht ſagen Tauſende, obgleich dieß der Wahrheit näher käme— 1 aber wenigſtens Hunderte nach allen Richtungen krochen. Wir hatten ſie kaum erblickt, als wir auch ſchon mit Flinten und Piſtolen über ſie hergefallen waren, veſt entſchloſſen, keine ent⸗ wiſchen zu laſſen. Mitten in dieſer Schlangenſchlacht hüpfte ein Muſtangfüllen, das irgendwie von ſeiner Mutter getrennt worden war, in das Relais unſerer Zugthiere, um die Verwirrung noch größer zu machen, und eines der Maulthiere, das offenbar über die Un⸗ verſchämtheit dieſes Eindringlings entrüſtet war, ſprang ihm ent⸗ gegen und griff ihn an, wahrſcheinlich um ihm eine tüchtige Züchtigung zu geben, während ein anderes, das mehr Gutherzig⸗ keit als ſein jähzorniger Genoß beſaß, ſehr wacker die Verthei⸗ digung des unglücklichen kleinen Muſtangs übernahm. Da der Kampf mitten unter den Wagen ſtattfand, geriethen die Fuhr⸗ leute bald in Aufruhr, ſo daß das Ganze, im Verein mit dem Schlangentumult, ein vortreffliches Schauſpiel allgemeiner Ver⸗ wirrung gab. Wie lange dieſer Mauleſelſtreit gedauert haben würde, läßt ſich nicht entſchieden beantworten; denn einige von unſerer Geſellſchaft, welche von dem Kampfe üble Folgen erwar⸗ ten mochten, ſchlugen ſich etwas unmenſchlich auf die Seite des angreifenden Maulthieres, und bald hatte eine Riflekugel das arme Füllen von ſeinen irdiſchen Drangſalen und die Geſellſchaft von weiterer häuslicher Beunruhigung befreit. Wir ſetzten nach hergeſtelltem Frieden unſeren Weg fort und lagerten an dieſem Abend den berühmten„ Caches“ gegenüber, einem Orte, wo die früheſten Unternehmer ihre Handelsgüter verbergen mußten. Die Geſchichte des Urſprungs dieſer„Caches“ iſt vielleicht intereſſant genug, um hier eine kurze Erwähnung zu verdienen. 4 Ein gewiſſer Beard, der zu der unglücklichen Geſellſchaft von 1812 gehörte, deren im erſten Abſchnitt erwähnt wurde, kehrte im Jahre 1822 in die Vereinigten Staaten zurück, und nachdem er einige kleine Kapitaliſten von St. Louis veranlaßt hatte, bei 37 einem neuen Unternehmen ſich zu betheiligen, trat er mit einigen Gefährten und einer Auswahl von Kaufmannsgütern noch im Herbſte deſſelben Jahres eine neue Reiſe nach Santa Fe an. Sie erreichten in ſpäter Jahreszeit den Arkanſas, und ein hefti⸗ ger Schneeſturm nöthigte ſie, auf einer großen Inſel Schutz zu ſuchen. Es folgte ein äußerſt ſtrenger Winter, der ſie drei lange Monate auf dem einſamen Eiland gefangen hielt. Wäh⸗ rend dieſer Zeit war der größere Theil ihrer Thiere umgekom⸗ men, und als endlich der Frühling zurückkehrte, ſahen ſie ſich außer Stande, ihre Reiſe mit den Handelsgütern fortzuſetzen. Sie machten daher in ihrer Noth auf der Nordſeite des Fluſſes eine„Cache“, in welcher ſte den größten Theil ihrer Waaren verbargen, wanderten hierauf nach Taos, verſchafften ſich neue Maulthiere und kehrten zurück, um das vergrabene Eigenthum zu holen. Es ziehen wenig Reiſende hier vorüber, ohne dieſe mooſigen Gruben zu beſuchen, wovon mehre bis auf den heutigen Tag noch nicht wieder ausgefüllt ſind. Die Gegend in ihrer Nähe, oder vielleicht einige Meilen oſtwärts, liegt unter dem hundert⸗ ſten Längengrade weſtlich von Greenwich, der vom Arkanſas bis zum Red⸗River die Gränze zwiſchen den Vereinigten Staaten und dem mejicaniſchen oder vielmehr tejaniſchen Gebiete bezeichnet. Das Wort„Cache“, das ſo viel wie Verſteckwinkel bedeutet, wurde zuerſt von den franzöſiſchen„Trappers“ und Kaufleuten aus Canada benutzt, und man bildet einen ſolchen Verſteck, indem man eine Höhle in den Boden gräbt und dieſe mit trocknen Zweigen, Gras oder irgend etwas Anderem belegt, was den In⸗ halt vor der Feuchtigkeit der Erde ſchützen kann. Sind dann die Güter, die man verbergen will, ſorgfältig hineingepackt, ſo wird die Oeffnung tüchtig verſchloſſen, um das Eindringen des Regens zu verhüten, und aller Scharfſinn aufgeboten, um dem ſchlauen Wilden durch keine Spur den Verwahrungsort zu ver⸗ rathen. Man ſchafft zu dieſem Zwecke die ausgeworfene Erde weit hinweg oder wirft ſie in den Fluß, der zufällig in der 38 Nähe iſt. Gewöhnlich wählt man zu der Cache einen Ort, deſſen erhabene Lage gegen Ueberſchwemmungen Schutz bietet, und iſt er mit Gras bewachſen, ſo wird ein Stück davon, groß ge⸗ nug um die Oeffnung decken zu können, herausgegraben, dann, wenn im Innern alles beſorgt iſt, wieder darüber gedeckt, und indem die Wurzeln Boden faſſen, iſt in kurzer Zeit jede Spur der Eingrabung verſchwunden. Da aber nicht überall Raſen zu finden iſt, ſo zündet man zuweilen über der Stelle das Lager⸗ feuer an oder pfercht die Thüre darüber ein und vertilgt auch auf dieſe Weiſe alle verrathenden Merkmale der Cache. rF —— rF —.— 2 — Vierter Abſchnitt. Die Einöde.— Vorbereitungen für die Waſſerklemme.— Ein umge⸗ fallener Wagen.— Ein Haufen Sioux⸗Indianer.— Die erſte gegründete Unruhe.— Verwirrung im Lager.— Freundſchafts⸗ bezeigung der Indianer.— Die Friedenspfeife.— Ein extempor⸗ irtes Dorf.— Der verlorene Fluß.— Furchtbare Ausſicht.— Rückkehr zum Cimarron.— Indianiſches Ständchen.— India⸗ niſche Diplomatie.— Hagel und Sturm.— Stellung eines Ka⸗ rawanen⸗Hauptmanns.— Seine Mühen, ſeine Macht und ſeine Ohnmacht.— Feindliches Zuſammentreffen.— Erfolg des Kam⸗ pfes.— Battle⸗Ground.— Oberſt Vizcarra und die Gros⸗Ventres. Unſer Weg hatte uns bereits über hundert Meilen den Arkanſas hinaufgeführt; frühere Karawanen aber waren oft funfzig bis hundert Meilen weiter aufwärts gegangen, ehe ſie hinüber ſetzten, und deßhalb hat ſich nie eine regelmäßige Furt gebildet. Eben ſo wenig führt ein Pfad oder eine Spur durch die verrufene Ebene zwiſchen dem Arkanſas und Cimarron— eine Strecke von mehr als funfzig Meilen, die jetzt vor uns lag— den ehemaligen Schauplatz ſo vieler Leiden aus Mangel an Waſſer. Wir woll⸗ ten am nächſten Morgen durch die gefürchtete Wüſte ziehen, und die ganze Geſellſchaft traf daher ſehr eifrig alle nöthigen Vor⸗ bereitungen für die„Waſſerklemme“, wie jene durſtige Fahrt von den Prairieenreiſenden ſehr paſſend genannt wird. Die Gegend verdient in der That den Namen eines Prairieen⸗Ozeans, denn vierzig Meilen weit iſt keine Landmark zu entdecken— kaum eine ſichtbare Erhöhung, die dem Wanderer zum Richt⸗ punkt dienen könnte. Alles iſt eben wie das Meer und der Kompaß war unſer ſicherſter und faſt einziger Führer. 40 Am Abend vor der Einſchiffung einer Karawane in dieſe Wüſte hört man gewöhnlich des Hauptmanns Stimme durch den Lärm des Lagers erſchallen:„Füllt die Waſſertonnen!“— eine Ermahnung, die nicht oft genug wiederholt werden kann; denn den Neulingen iſt gewöhnlich die Nothwendigkeit nicht bekannt genug, für alle Zufälle, die während einer oft mehr als zwei⸗ tägigen Reiſe durch dieſe dürre Gegend ſich einſtellen können, hinlänglich bevorrathet zu ſein. Auch die Köche ſind nicht min⸗ der eifrig mit ihren verſchiedenen Verrichtungen beſchäftigt; einige backen Brot, andere bereiten Speiſen, und alle ſtrengen ihren Scharfſinn an, für mindeſtens zwei Tage den nöthigen Nahrungs⸗ vorrath herzurichten. Am nächſten Morgen— es war am 14. Junius— erſcholl aufs neue jener Befehl„Angeſchirrt!“ durch's Lager und die Karawane war wieder in Bewegung. Für die erſten fünf Meilen hatten wir einen beſchwerlichen Zug durch die ſandigen Hügel; bald aber lag die breite endloſe Ebene vor unſeren Blicken. Der Himmel ſchien uns günſtig zu ſein, denn ſchon am nächſten Tage brachte uns ein tüchtiger Re⸗ gen Waſſer in Ueberfluß, und da wir überdieß bedeutend ſüd⸗ wärts abgeſchweift waren, geriethen wir in eine etwas unebenere Gegend. Beim Uebergang über ein vom Regen angeſchwollenes Wäſſerchen, das uns hier im Wege lag, hatte einer unſerer Wa⸗ gen das Unglück, umzuwerfen— ein nicht eben ſeltenes Ereig⸗ niß, denn unlenkſame Ochſen, wenn ſte durſtig ſind, laufen oft trotz dem Führer geradenwegs in's Waſſer und ziehen den Wa⸗ gen hinter ſich her, gleichgiltig ob ſich das Unterſte zu oberſt kehre. Wir mußten nun Halt machen, und alle Hände vereinig⸗ ten ſich, um dem Eigenthümer der verunglückten Ladung beizu⸗ ſtehen, ſo daß in wenigen Minuten ziemlich ein ganzer Acker Land mit Calikos und anderen Stoffen völlig bedeckt war. Wir befanden uns noch in voller Arbeit, als man in der Ferne einige Gegenſtände ſich regen ſah, die man anfänglich für Büffel hielt, im nächſten Augenblicke aber für Reiter erkannte. In allen Geſichtern malte ſich die ängſtlichſte Spannung. Konnte ——:— — —— 41 es möglich ſein, daß die Geſellſchaft eines Kapitäns Sublette, die uns faſt um einen ganzen Monat voraus war, ſich in dieſen furchtbaren Einöden verloren hatte, oder war es Kapitän Bent, der nach einiger Zeit uns folgen wollte? Dieſe bange Ungewiß⸗ heit dauerte jedoch nur einige Minuten, und bald erdröhnte die Luft von dem Rufe:„Indianer! Indianer!“ Aber noch im⸗ mer ſchienen ſie für Stämme der weſtlichen Prairieen zu langſam heran zu kommen. Sie kamen etwas näher und wir ſahen bald, daß ſie eine Flagge trugen— und zwar die Flagge der Ver⸗ einigten Staaten. Dieſer willkommene Anblick verſcheuchte auf einmal alle Unruhe, da es wohl bekannt iſt, daß die meiſten Wilden, ſobald ſie freundliche Geſinnungen haben, mit einer er⸗ hobenen Flagge— wenn ſie eine beſitzen— den Weißen ſich nähern. Es waren gegen achtzig Sioux⸗Indianer, welche die Prairieen durchſtreiften, um bei den ſüdweſtlichen Stämmen zu handeln, zu ſtehlen oder zu plündern. Unſere Unterredung wurde blos durch Zeichen geführt, aber wir verſtanden Alles, indem ſie durch ihre ſymboliſche Sprache uns mittheilten, daß vor uns am Cimarron⸗Rivoer eine ungeheuere Anzahl von Blackfeet⸗ und Co⸗ manches⸗Indianern ſich herumtreibe— eine höchſt freundliche Ausſicht für uns! Wir zogen langſam und gemächlich weiter, denn die Waſſer⸗ angſt war glücklicherweiſe durch häufigen Regen gehoben worden, aber wer beſchreibt unſere Beſtürzung und Furcht, als am Mor⸗ gen des 19. Junius, indem wir in das Thal des Cimarron hin⸗ abgingen, ein Schwarm berittener indianiſcher Krieger plötzlich hin⸗ ter den Schluchten hervorbrach— eine drohende Schlachtordnung mör⸗ deriſcher Wilden. Es war kein Scherz in der Sache— es war ein wirklicher Schreck— eine handgreifliche Wirklichkeit. Aber wir entdeckten bald, daß dieſe Krieger nur die Vorhut eines„un⸗ zähligen Heeres“ waren, das in dieſem Augenblicke über die ge⸗ genüberliegende Höhe ſtrömte und gerade auf uns zu kam. Wir hatten bald an der Seite des Hügels eine unregelmäßige Wagen⸗ burg gebildet, aber ganz nach der gewöhnlichen Sorgloſigkeit der 42 Karawanenkaufleute war ein großer Theil der Männer auf den Noth⸗ fall nicht vorbereitet. Ueber zwanzig Flinten waren ungeladen und noch einmal ſo diele von den letzten Regenſchauern naß geworden und wollten nicht losgehen. Hier ſchrie Einer nach Kugeln, ein Anderer nach Pulver, ein Dritter nach Feuerſteinen. Ausrufe wie: „Ich habe meinen Ladeſtock zerbrochen!“—„Ich habe eine Ku⸗ gel ohne Pulver hinuntergeſtoßen!“—„Meine Flinte iſt ver⸗ ſtopft— geben Sie mir die ihrige!“— hörte man aller Orten, und hier und da rief vielleicht ein furchtſamer Neuling:„O nehmen Sie meine Flinte, Sie ſind ein beſſerer Schütze als ich.“ Die Kühnen ſtürzten ſich dem Feind entgegen, während die Aengſtlichen und Vorſichtigen mit vorgehaltner Rifle hinter den Wagen ihren Stand nahmen, und die Indianer machten einen verwegnen Verſuch uns anzugreifen, der ihnen bald theuer zu ſtehen gekommen wäre; denn mehre unſerer feurigen Hinterwäldler hatten mehrmal ihre roſtigen, aber nie fehlenden Rifles auf die Eindringlinge gerichtet, von welchen ſicherlich einige gefallen wä⸗ ren, hätten ſich nicht ein paar von den klügeren Kaufleuten ins Mittel geſchlagen. Die Indianer bewieſen ſich nicht minder feind⸗ ſelig, indem ſie mit geſpanntem Bogen über einige von unſeren Leuten herfielen, die nach Waſſer ausgegangen waren, und es hätte ein Unglück entſtehen können, wäre nicht der Ungeſtüm der Krieger durch die Weiſen des Volks im Zaume gehalten worden. Die Indianer umſchwärmten uns jedoch in ſo großer Anzahl, daß man es für rathſam hielt, ſie zu verſcheuchen, damit wir unſern Weg fortſetzen oder wenigſtens eine vortheilhaftere Stell⸗ ung einnehmen könnten. Unſere Streitmacht trat daher in Reih und Glied, und wir rückten in Schlachtordnung und mit Trom⸗ meln und Pfeifen gegen den Kern des feindlichen Heeres. Die Indianer ſchienen über dieſe ſeltſame Parade und Muſik mehr erfreut als erſchrocken zu ſein— wahrſcheinlich war es für ſie ein völlig neues Schauſpiel— und ſie hielten vielleicht das ganze Manöver mehr für einen höflichen Gruß als für eine feindliche Bewegung, denn es war kein Dolmetſch vorhanden, durch wel⸗ 3 43 chen wir uns hätten erklären können. Aber welcher Art die Eindrücke auch waren, die ſie empfingen, Eines iſt gewiß— daß der bedeutendſte Häuptling, der ein langes rothes Gewand von grobem Zeuche trug, volles Vertrauen auf die Tugenden ſeines Calumet zu haben ſchien; denn er brannte es an und näherte ſich dreiſt unſerem kriegeriſchen Haufen— ruhig ſeine„Friedens⸗ pfeife“ rauchend. Unſer Hauptmann that nun einen Zug bei dem Wilden und gab ihm durch Zeichen zu verſtehen, er möchte ſeine Leute zurückgehen laſſen. Die meiſten folgten dem Geheiß, um dem langen Zuge von Weibern und Kindern und Gepäck ſich anzuſchließen, der in dieſem Augenblicke über die jenſeitigen Hügel kam. Sie gingen langſam zu den Ufern des Fluſſes hinab und ſchlugen hier ihre Wigwams und Wohnungen auf, ſo daß deren bald über fünfhundert das weite Thal vor uns bedeckten und der kurz vorher noch mageren Gegend das Anſehen eines unge⸗ heueren Indianerdorfes gaben. Die Geſammtzahl dieſer Wilden konnte ſich auf nicht weniger als zwei⸗ bis dreitauſend belaufen, obgleich Einige von unſerer Geſellſchaft behaupten wollten, es müß⸗ ten deren wenigſtens viertauſend Seelen ſein. In ſolchem Falle mußten ſie wenigſtens tauſend Krieger zählen, während wir nur wenig über zweihundert ſtark waren; aber dennoch fanden wir uns durch die Ueberlegenheit unſerer Waffen und den Schutz unſerer Wagen im Vortheil, ſelbſt wenn man auch auf beiden Seiten gleiche Tapferkeit vorausgeſetzt hätte. Das Erſcheinen der Wei⸗ ber und Kinder überzeugte uns jedoch bald, daß die Indianer wenigſtens für den Augenblick keine feindlichen Abſichten hatten, und ſo gingen wir ebenfalls in das Thal hinab und ſchlugen einige hundert Schritte weiter unten unſer Lager auf. Die Haupt⸗ leute der Weißen und Indianer hielten hierauf eine Verſamm⸗ lung, und aufs neue das Calumet rauchend, beſchloſſen ſte, Freun⸗ de zu ſein. Obgleich wir uns jetzt unmittelbar an den Ufern des Cimar⸗ ron befanden, ſo ſchienen doch ſelbſt die erfahrenſten Kaufleute unſerer Geſellſchaft, ſei es vor Schreck oder aus Unkenntniß, nicht 5 die geringſte Ahnung hiervon zu haben. Wir waren weit von dem gewöhnlichen Annäherungspunkte in das Thal hinabgegangen, und da in dem ſandigen Flußbett kein Tropfen Waſſer zu finden war, ſo hielt man es für„Sand⸗Creek“, und nachdem wir da⸗ her unſere große Friedensconferenz geſchloſſen und unſere Mahlzeit verzehrt hatten, zogen wir wieder ſüdwärts, um den Cimarron aufzuſuchen. Bei unſerem Aufbruch umſchwärmten uns Krieger, Weiber und Kinder, um ſtaunend unſere Wagen anzugaffen; denn viele von ihnen hatten dielleicht noch nie ſolche Fuhrwerke ge⸗ ſehen. Einige Häuptlinge und andere Indianer folgten uns bis zu unſerem nächſten Lagerplatze in der Nacht aber wurden ſie weggeſchickt. Wir verdoppelten nun unſere Wachen, weil ein nächtlicher Angriff befürchtet wurde; denn obgleich es uns allen bekannt war, daß die Indianer niemals Gewaltthätigkeiten ſich erlauben, ſobald ihre Familien in der Nähe ſind, ſo ließ ſich doch vermu⸗ then, daß ſie dieſelben während der Nacht fortſchicken oder ver⸗ bergen konnten. Bald nach Eintritt der Dunkelheit ſchien dieſe Beſorgniß ſich beſtätigen zu wollen, indem dreißig bis dierzig Indianer unſerem Lager ſich näherten. Wir machten ſchnell alle Vorbereitungen, ſie anzugreifen, als es ſich ergab, daß es ein Haufen Weiber war, die nur wenige Männer bei ſich hatten und ſchnell in die Flucht gejagt wurden, ohne daß man erſt den Zweck ihres Beſuches zu erforſchen ſuchte. Am nächſten Morgen erſchienen noch einige andere, die ganz auf dieſelbe Weiſe behan⸗ delt wurden; aber wir vermißten ein Pferd, das, wie wir ver⸗ mutheten, die Indianer geſtohlen hatten. Wir ſetzten unſere Reiſe in ſüdlicher Richtung fort, mit der Hoffnung, den verlorenen Fluß zu finden; nach einigen Meilen jedoch gelangten wir an eine Reihe Sandhügel, die uns den Weg abſchnitten und uns zwangen, für den übrigen Theil des Tages ihren Saum nach Weſten hin zu verfolgen. Da wir in dieſer Nacht nur wenig und am nächſten Tage gar kein Waſſer fanden, ſo ſtellte ſich gegen Mittag eine traurige Beſorgniß bei 45 uns ein; denn es giebt für den Prairteenreiſenden nichts Entſetz⸗ licheres als Waſſernoth. Bald ſtimmten wir Alle überein, daß wir verloren wären— verloren in jener unwirthbaren Wüſte, die der Schauplatz ſo vieler Leiden geweſen war, und unſer Weg durch Sandberge verſperrt! Die Erfahrneren gingen über unſere Noth zu Rathe, und es ward ſogleich beſchloſſen, die Richtung nach Nordweſt zu nehmen, um das trockene Flußbett aufzuſuchen, das wir hinter uns gelaſſen hatten und das, wie man jetzt zu vermuthen begann, der Cimarron geweſen war. Kaum hatten wir dieſe Richtung genommen, als ein paar Indianer erſchienen und uns das Pferd brachten, das wir in der vorigen Nacht verloren hatten— ein deutlicher Beweis ehrlicher Freundſchaft, wie man ſie kaum erwarten konnte. Es war of⸗ fenbar ein Verſuch, unſere Gunſt zu gewinnen und vielleicht irgend einen Verkehr oder einen Handel zu bewerkſtelligen. Aber die Gewaltthätigkeiten, welche andere Karawanen vielleicht von den⸗ ſelben Indianern erduldet hatten, waren noch in friſchem An⸗ denken, ſo daß niemand ihren Freundſchaftsbetheuerungen Ver⸗ trauen ſchenken wollte. Wir fragten ſie jedoch durch Zeichen nach dem nächſten Waſſer, und nach der Richtung deutend, die wir eben eingeſchlagen hatten, übernahmen ſie freiwillig den Dienſt als Führer und geleiteten uns auf dem kürzeſten Wege in das Thal des lange erſehnten Cimarron, das ganz verſchieden von dem Orte, wo wir vorher übergegangen waren, mit ſeinem er⸗ quicklichen Grün und dem wellenden Fluſſe uns ein Elyſium dünkte gegen das, was wir ſeit einiger Zeit geſehen hatten, und erfreut, wieder einen„Hafen“ gefunden zu haben, nahmen wir hier unſer Lager. Aber unſere Ruhe ſollte nicht von langer Dauer ſein; denn um Mitternacht weckte uns Lärmruf und wir hörten den Ton indianiſcher Trommeln, dann und wann von einem abſcheulichen Geheul begleitet, in welchem unſere aufgeregte Phantaſie ſogleich den entſetzlichen Schlachtgeſang erkennen wollte. Wir blieben zwei Stunden unter den Waffen, als jedoch die Gefahr nicht 8 46 näher kam, gingen wir wieder zur Ruhe. Kurze Zeit vor Ta⸗ gesanbruch aber wurden wir aufs Neue durch den Ruf erſchreckt: „Die Indianer kommen! Sie ſind ſchon vor dem Lager!“ Au⸗ genblicklich hatte ſich Jeder bewaffnet, und mehre Flinten waren bereit, die Beſucher zu begrüßen, als zu unſerer nicht geringen Demüthigung es ſich ergab, daß ihrer nur acht bis zehn an der Zahl waren. Es wurde ihnen durch Zeichen zu verſtehen gegeben, ſich bis zum Morgen entfernt zu halten, und ſie thaten es. Am folgenden Tage waren wir kaum einige Minuten unter⸗ wegs, als uns die Indianer in großer Anzahl zu umſchwärmen begannen, und am Abend hatten ſich vielleicht tauſend dieſer hals⸗ ſtarrigen Geſchöpfe— Männer und Weiber, von jedem Alter und jeder Beſchaffenheit— um unſer Lager verſammelt. Wäh⸗ rend der Nacht wurden außer offener Gewalt alle Mittel ange⸗ wendet, ſie wegzutreiben, aber ohne vollſtändigen Erfolg. Ein kleiner Haufen von Kriegern zog um unſer Lager und brachte uns mit einem eintönigen Geſang von„Hi— o hil!“ ein nicht eben ſehr reizendes Ständchen, wahrſcheinlich in der Hoffnung, die Erlaubniß zum Dableiben zu erhalten; denn ohne Zweifel dachten ſie während dieſer Nacht im Stehlen gute Geſchäfte zu machen. Wirklich wurden auch ſchon einige unbedeutende Gegen⸗ ſtände vermißt, und man entdeckte eben, daß ſie einen Klumpen Blei ſich zugeeignet hatten, den man unoorſichtig auf einem der Kanonenkarren hatte liegen laſſen. Dieß vermehrte die Unruhe nicht wenig, die ſich bereits der Gemüther bemächtigt hatte. Viele von uns dachten ſich die Bleimaſſe bereits in Kugeln umgegoſſen, die wir noch vor dem Morgen aus den Läufen der indianiſchen Flinten empfangen ſollten, und Einige waren wohl auch ſo groß⸗ müthig und drückten ihre Bereitwilligkeit aus, den Dieben lieber zu verzeihen, als ihnen die Mühe zu machen, das geſtohlene Gut auf ſo eilige Weiſe zurückzuerſtatten. Es war daher nach einer beſchwerlichen Nacht ängſtlicher Spannung und vielfacher Ver⸗ muthungen kein geringer Troſt für diejenigen, die ihre Gefühle * 47 auf dieſe Art aufgeregt hatten, als ſie beim Erwachen ſich über⸗ zeugten, daß jeder ſeine Schädelhaut noch beſaß. Wir brachen dieſen Morgen ungewöhnlich früh auf, in der Hoffnung, unſere indianiſchen Quälgeiſter hinter uns zu laſſen; aber ſie waren früher wach als wir, und als die Fuhrleute mit dem Anſchirren ihrer Geſpanne fertig waren, hatten auch die Indianerweiber ihre Hunde„angeſchirrt“ und ſie mit den Pfäh⸗ len und Decken zu ihren Zelten und allerlei Beute beladen, und folgten uns hart auf den Ferſen. Zu unſerer Beruhigung jedoch verließ uns der größte Theil vor Anbruch der Nacht; am näch⸗ ſten Tage aber holten uns wieder mehre Häuptlinge ein, die ſehr eifrig nach einer Erneuung des Friedensvertrags zu verlangen ſchienen. Unſer voriges Bündniß war nämlich unbeſiegelt ge⸗ blieben, das heißt, ſte hatten keine Geſchenke bekommen, wodurch jedes ihrer Bündniſſe mit den Weißen beſtätigt werden muß. Wir ſchoſſen verſchiedene Waaren zuſammen, deren Werth unge⸗ fähr funfzig bis ſechzig Dollars betrug, womit die Wilden ſchein⸗ bar ſehr befriedigt ſich entfernten, und obgleich ſie einige Tage lang ſich dann und wann noch blicken ließen, ſo waren ſie doch endlich ganz verſchwunden. Man glaubte damals allgemein, es ſei eine große Anzahl Comanche⸗ und Arrapahve⸗Indianer unter ihnen; aber es waren größtentheils, wenn nicht durchgängig, Blackfeet und Gros⸗Ven⸗ tres, und wir erfuhren ſpäter, daß ſie auf ihrem Rückwege nach den nördlichen Gebirgen durch die Sioux⸗Indianer und andere benachbarte Stämme eine furchtbare Niederlage erlitten hatten. Wir hatten jetzt mit ſehr naſſem Wetter zu kämpfen, und in der That iſt dieſe Gegend wegen kalter, oft zwei bis drei Tage anhaltender Regengüſſe berüchtigt. Hagel in der Größe von Hühnereiern iſt keine Seltenheit, und oft begleitet ihn ein furcht⸗ barer Sturm, daß ſchwere Wagen umgeriſſen werden, während zu gleicher Zeit die Ebene vom Regen überſchwemmt wird. Bei ſolchem Unwetter ſind die Wachen oft ſehr unvorſichtig; und dieß war beſonders bei uns der Fall, obgleich wir eine 48. Horde Wilder in der Nähe wußten. Die Karawane ließ ſich überhaupt ſo wenig befehligen, daß die Geduld unſeres Haupt⸗ manns einigen ſehr harten Prüfungen unterworfen wurde und er mehr als einmal abzudanken drohte. Es giebt in der That keine beſſere Schule der Gemüthsruhe als den Befehl über eine gemiſchte Karawane unabhängiger Händler. Jeder Beſitzer eines Wagens mit zwei Pferden iſt im Stande, ſich eben ſo viel Ge⸗ walt zuzueignen als der Befehlshaber ſelbſt, und ſeine Befehle ergehen zu laſſen, ohne danach zu fragen, ob ſie im Hauptquar⸗ tiere Billigung finden. Es iſt daher leicht begreiflich, daß die Stellung eines Hauptmanns nichts weniger als beneidenswerth iſt. Man erwartet von ihm, daß er Ordnung halte, während Wenige geneigt ſind, ihm zu gehorchen, und bei jedem Unglück, ſei es zufällig oder nicht, iſt er es, den man mit Vorwürfen und Verwünſchungen überhäuft. Es iſt zu bedauern, daß bei dieſen Handelszügen nicht eine Art Seedisciplin eingeführt iſt, um Ordnung und Gehorſam zu erhalten, was nie geſchehen kann, wenn der Befehlshaber mit keiner geſetzlichen Gewalt ausgerüſtet wird. Ich wenigſtens ſehe keinen Grund, warum der Haupt⸗ mann einer Prairieen⸗Karawane nicht eben ſo viel Macht haben ſoll, ſeine Leute wegen Ungehorſam und Meuterei zur Rechen⸗ ſchaft zu ziehen, wie der Kapitän eines Schiffes auf hoher See. Nachdem wir dem Laufe des Cimarron noch zwei Tage lang gefolgt waren, erreichten wir endlich einen Ort Namens„Wil⸗ low⸗Bar“, wo wir die gewöhnliche Mittagraſt von zwei bis drei Stunden hielten, um unſeren Thieren Zeit zum Freſſen und unſeren Köchen Zeit zur Bereitung der Mahlzeit zu gönnen. Unſere Wagen wurden regelmäßig aufgefahren und die Thiere ausgeſpannt, um ſie nach Wohlgefallen weiden zu laſſen, wäh⸗ rend nur eine einzige Tagwache ſie beaufſichtigte. Diejenigen, die ihre Mahlzeit zu ſich genommen hatten, lagen ausgeſtreckt auf ihren Decken und wollten eben einer behaglichen Sieſta ſich hingeben, als plötzlich der furchtbare und oft wiederholte Ruf: — ,— — 49 „Indianer!“ dieſe Ruhe in ein Schauſpiel lärmender Verwirrung verwandelte. 3. Ueber die jenſeitige Höhe, ungefähr eine Meile entfernt, ſtürmte jetzt ein Haufen Wilder gerade auf uns zu, und bald war das Thal von ihrem abſcheulichen Geſchrei erfüllt. Bei uns ſchrie Alles unter einander; jeder glaubte ein Befehlshaber zu ſein und ließ demnach ſeine Befehle erſchallen. Ausrufe wie: „Greifen wir ſie an!— Feuert auf ſie!— Wartet, bis ſie näher ſind!“— zerriſſen die Luft, und die Stimme des Haupt⸗ manns, der ſolche vorſchnelle Handlungsweiſe zu verhindern ſuch⸗ te, war in dem allgemeinen Lärm kaum vernehmbar. Da die Prairieen⸗Indianer oft ihren Freunden wie ihren Feinden auf dieſe Weiſe ſich nähern, wollte er nicht ſogleich zum Aeußerſten ſchreiten; aber ein knallender Gruß und das Pfeifen von Flin⸗ tenkugeln über unſeren Köpfen, that uns bald ihre Abſichten kund, und wir dankten höflich mit einem Riflefeuer, das aber der großen Entfernung wegen ohne Wirkung blieb. Es drängten ſich jetzt ein Dutzend Kanoniere um unſere Ge⸗ ſchütze, die mit Kartätſchen geladen waren. Natürlich hatte je⸗ der hinein zu reden.„Richtet ſie hoch, oder die Kugel fährt in den Grund!“ rieth einer.„Jetzt wird ſie über das Ziel hinaus gehen,“ wollte ein anderer wiſſen, und nachdem der Sechspfün⸗ der verſchiedene Male tiefer und höher gerichtet worden war, und die Indianer unterdeſſen Zeit gehabt hatten, ſich aus dem Bereich des Schuſſes zu ziehen, wurde endlich die Lunte ange⸗ legt und die Ladung fuhr auf der Mitte des Weges in die Erde. Es folgten zwei bis drei andere Schüſſe mit einfachen Kugeln, aber ohne Erfolg, obgleich einige Scharfſichtige ſich einbildeten, ſie ſähen bei jedem Feuer Indianer oder Pferde zuſammenſinken. Eben ſo unverſehrt gingen auch wir aus dem Kampfe hervor. ein Pferd von wenig Werth, das davon lief und von dem Feinde gefangen wurde, war unſer ganzer Verluſt. Die Indianer wa⸗ ren ungefähr hundert Mann ſtark und wurden für Comanches Gregg, Karawanenzüge 1 4 3 1 50 gehalten, obgleich es eben ſo gut Krieger von dem Haufen ſein konnten, den wir hinter uns gelaſſen hatten. Am nächſten Tage lagerten wir in der Nähe des„Battle⸗ Ground“ oder Kampfplatzes, wo im Jahre 1829 eine Karawane und eine Abtheilung mejicaniſcher Truppen unter dem Befehl eines Oberſten Vizcarra mit einer Bande Gros⸗Ventres ein Scharmützel gehabt hatten. Die vereinigten Züge hatten ſich eben am Cimarron nicht weit von der Stelle gelagert, wo im vorigen Jahre das Begräbniß ſtattgefunden hatte, als ungefähr hundertundzwanzig Indianer zu Fuß ſich ihnen näherten, und nachdem die Amerikaner keine Luſt gezeigt, mit ihnen zu verkeh⸗ ren, in das Lager des mejicaniſchen Befehlshabers gingen, wo ſie zum Mißfallen der Kaufleute freundliche Aufnahme fanden. Da die Indianer geneigt ſchienen, bis zum Morgen zu bleiben, ſo wollte ſte der Oberſt entwaffnen laſſen; aber die ſchlauen Schufte machten eine Entſchuldigung, um die Uebergabe ihrer Waffen zu verzögern, bis ſich Gelegenheit zu einem Ueberfall darbot, und die Wilden aufſpringend, mit furchtbarem Geſchrei 4 auf die argloſen Soldaten feuerten. Ihr Hauptziel ſcheint der Oberſt geweſen zu ſein, und man erzählt, daß ein zu dem meji⸗ caniſchen Geleite gehörender Taos⸗Indianer, als er ſah, daß eine Flinte auf ſeinen Befehlshaber gerichtet war, vorgeſprungen ſei und die tödtliche Kugel mit ſeinem Leibe aufgefangen habe. Man verfolgte die Wilden mehre Meilen weit in die Berge, und eine bedeutende Anzahl wurde verwundet oder getödtet. Von den Amerikanern hatte kein einziger ein Leid erfahren, von den me⸗ jicaniſchen Dragonern aber hatten ein Kapitän und zwei bis drei Gemeine das Vertrauen auf indianiſche Redlichkeit mit dem Tode gebüßt. Fünfter Abſchnitt. Aufbruch der„Runners.“— Der vierte Julius in den Prai⸗ rieen.— Der Büffeljäger.— Traurige Nachrichten von Sublet⸗ te's Geſellſchaft.— Ein Mord durch die Indianer.— Wagniſſe der Jäger.— Sublette in Gefahr.— Die Ciboleros.— Fleiſch⸗ pökelung.— Reinheit der Luft.— Round⸗Mound.— Luftſpie⸗ gelung.— Die Büffel und ihre Abnahme.— Eine„Eſtam⸗ pida.“— Wagenausbeſſerung.— Rio Colorado.— Ein Zuſam⸗ mentreffen mit alten Freunden.— Mejicaniſches Geleit.— Auf⸗ löſung der Karawane.— Ein furchtbarer Donnerſchlag.— Die erſten Spuren der Civiliſation.— San Miguel.— Santa Fe.— Einzug der Karawane.— Dolmetſcher und Steuerweſen. Es war am letzten Junius, als wir„Upper Spring“ erreich⸗ ten— einen kleinen Quell, der in eine Schlucht fällt, die drei bis vier Meilen nordwärts nach dem Cimarron ſich hinabſenkt. Der Mangel an Waſſer in dieſen öden Gegenden giebt jedem unbedeutenden Bächlein eine Wichtigkeit, deren es anderwärts ſich nicht erfreuen wuͤrde. Wir hielten zu Mittag am Bache unten und ſchlugen dann eine Durchſchnittrichtung ſüdweſtlich nach dem Gewäffer des Canadian ein. Da der Weg für die Wagen eine Viertelmeile ſüdlich von dem Quell abweicht, ſo verfolgten Einige von uns, um an dem erfriſchenden Waſſer ſich zu laben, einen Pfad längs der Schlucht durch dickes Gebüſch und Strauchwerk, wo die wilden Johannisbeer⸗ und Schlehen⸗ ſträucher unter ihren unreifen Früchten ſich beugten. Die Wild⸗ heit dieſes Ortes mit ſeinen hohen Klippen und ſchroffen Berg⸗ naſen machte einen doppelt bänglichen Eindruck auf uns, indem wir daran dachten, daß wir im Mittelpunkte der wildeſten Ge⸗ 4* 52 gend waren, wo man leicht jedes Klappern eines Kieſels für das Schnappen eines Feuerſchloſſes, jedes Zurückſchnellen eines Zwei⸗ ges für das Ziſchen eines Pfeiles hält. Wir erquickten uns an dem köſtlichen Tranke, der aus der reinen Quelle ſprudelte, und nachdem wir an den rauhen Höhen hinangeſtiegen waren, ge⸗ langten wir eine halbe Meile jenſeit wieder zur Karawane. Es lag jetzt ein ebener, nicht zu verfehlender Weg vor uns, und eine Anzahl Vorreiter, die in der techniſchen Sprache der Prairicen den Namen„Runners“ oder Läufer führen, trafen nun Vorbereitung, der Karawane nach Santa Fe vorauszueilen, obgleich wir noch mehr als zweihundert Meilen von dieſer Stadt entfernt waren. Dieſe„Runners“ pflegen in der Nacht von den Karawanen aufzubrechen, um den Späherblicken eines Feindes zu entgehen, der zufällig in der Nähe des Lagers lauern könnte. Es ſind gewöhnlich Eigenthümer von Handelsgütern oder Mäk⸗ ler, und ihr Hauptzweck iſt, neuen Vorrath von Lebensmitteln anzuſchaffen und zurückzuſenden, und— was nicht weniger wich⸗ tig iſt— mit den Zollbeamten in ein freundliches Verſtändniß zu treten. 1 Es war am zweiten Tage nach dem Aufbruche dieſer Vor⸗ reiter, und wir lagerten am Mac⸗Nees⸗Flüßchen, als der vierte Julius— der Tag der amerikaniſchen Unabhängigkeit— über uns erwachte. Kaum hatte das graue Dämmerlicht die düſteren Wolken von ſeiner Stirne gewiſcht, als unſer patriotiſches Lager lebhaft jene Freude verrieth, womit das Herz eines jeden Ame⸗ rikaners dieſen ſiegreichen Jahrestag begrüßt. Der Donner un⸗ ſerer Geſchütze und das Knallen unſerer Flinten und Rifles widerhallte von jeder Höhe, und die Trommel und Pfeife gaben dem Schauſpiel einen kriegeriſchen Reiz, der ganz geeignet war, die Gemüther zu beleben. Die begeiſterten Freudenrufe unſerer Leute wollten kein Ende nehmen, und auf jedes neue Jubelge⸗ ſchrei gaben die Thäler eine freudige Antwort. Mit ſolcher Herzlichkeit wird dieſer ruhmvolle Tag immer von den Wande⸗ rern in der einſamen Wüſte gefeiert, denn hier weiß man nichts 53 von den Kämpfen und Ränken des Parteigeiſtes, und Niemand drängt ſich hier ein, um den Einklang der Gefühle und die faſt fromme Begeiſterung zu ſtören, die mit dieſem großen Tage in den Herzen aller wahren Amerikaner erwacht. Bei unſerer nächſten Tagereiſe erblickten wir acht bis zehn Meilen ſüdlich von uns die Hügel Namens„Rabbit⸗Ear⸗Mound“, die früher den Reiſenden zu Wegweiſern gedient hatten. Die erſte Wagen⸗Karawane war über die Ebenen auf der Sidſeite jener Hügel gegangen, indem ſie bei„Cool⸗Spring“, wo wir am erſten Julius unſer Nachtlager gehalten hatten, von dem jetzigen Wege ſich abwendete; aber obgleich die Richtung, die wir verfolgten, etwas zu weit nordwärts ſich hindehnte, ſo nahm doch jene der erſten Karawane einen noch größeren Umweg ſüd⸗ wärts, der überdieß bei weitem beſchwerlicher war. Während wir weiter zogen, ſahen wir einen Reiter nahe kommen, der anfänglich eine bedeutende Neugier erregte. Seine maleriſche Kleidung jedoch und ſein eigenthümliches Weſen ver⸗ riethen bald den mejicaniſchen Cibolero oder Büffeljäger. Dieſe kühnen Männer tragen in der Regel lederne Hoſen und Jacken und flache Strohhüte, und an der Schulter hängt der Köcher für Pfeil und Bogen. Der lange Schaft ihrer Lanze ſteckt in einer Scheide und wird von einem am Sattelknopfe beveſtigten ledernen Riemen gehalten, während die Spitze hoch über den Kopf emporragt. Ihre Flinte, wenn ſie eine haben, hängt in gleicher Weiſe auf der anderen Seite und die Münd⸗ ung iſt gewöhnlich mit einem buntfarbigen Büſchel verſtopft. Der Cibolero begrüßte uns freudig, und auch uns war die⸗ ſes Zuſammentreffen nicht minder angenehm; denn wir konnten uns nun über Santa Fe berichten laſſen, von wo ſeit der Rück⸗ kehr der Karawane im vorigen Herbſt keine Nachrichten einge⸗ gangen waren. Kaufleute und Vergnügungsreiſende drängten ſich mit gleicher Neugier um den neuen Gaſt, und jeder, der ein ſpaniſches Wort zu ſprechen verſtand, richtete eine Frage an ihn: „Wie ſind die Ausſichten?— Wie ſtehen die Waaren?— 54 Was giebt's Neues aus dem Süden?“— wiährend die erfahr⸗ eneren Händler ſich hauptſächlich für die Zollverhältniſſe intereſ⸗ ſirten und ſich angelegentlich erkundigten, wer die gegenwärtigen Steuerbeamten wären; denn während der Abyeſenheit einer Karawane treten oft ungünſtige Veränderungen ein. Unſere Freude wurde aber bald durch die höchſt betrübende Nachricht von dem traurigen Tode eines berühmten und erfahre⸗ nen Gebirgsabenteurers in aufrichtige Bekümmerniß verwandelt. Es iſt bereits erwähnt worden, daß ein Kapitän Sublette mit einer Geſellſchaft uns faſt um einen Monat vorausgegangen war. Wir hatten häufig ihre Spur geſehen und einigemal durch In⸗ dianer unbeſtimmte Nachricht über ſie eingezogen, aber immer nichts Genügendes. Unſer Gaſt erzählte uns nun, daß ein Ka⸗ pitän von jenem Zuge von den Indianern ermordet worden wäre, und aus ſeiner Beſchreibung ſchloſſen wir, daß es Kapitän Smith, einer der Theilnehmer, geweſen ſei, was ſich ſpäter mit vielen anderen einzelnen Abenteurern dieſer Karawane auch be⸗ ſtätigte. Kapitän Smith und ſeine Gefährten waren Anfänger im Santa⸗Fe⸗Handel, als erfahrene Reiſende im Felſengebirge aber glaubten ſie, jede andere Reiſe unternehmen zu können, und zo⸗ gen unbedachtſam in die Prairieen, ohne daß auch nur ein Ein⸗ ziger bei ihrer Geſellſchaft ſich befand, der des Weges völlig kundig geweſen wäre. Sie zählten einige zwanzig Wagen und ungefähr achtzig Mann. Den Arkanſas, bis wohin ein ſehr deutliches Gleis ſich verfolgen läßt, erreichten ſie ohne beſondere Schwierigkeiten; von hier aus aber bis zum Eimarron war au⸗ ßer den unzähligen Büffelwegen, welche dieſe Ebenen durchſchnei⸗ den und den Wanderer in den Prairieen irre leiten, keine Spur eines Wagens zu finden. Ich habe häufig geſehen, daß jene Wege das Anſehen ungeheuerer Landſtraßen haben, die von gan⸗ zen Kriegsheeren mehrmal benutzt worden; ſie führen gewöhnlich zu einem Waſſer, oft aber auch nur zu einem ausgetrockneten — 55 Bette, ſo daß der durſtige Reiſende, der ihnen folgt, beſtändigen Täuſchungen unterliegt. Sublette's Karawane hatte in dieſer dürren Ebene alle Qua⸗ len des Waſſermangels zu erdulden. Schon mehre Tage waren ſie herumgezogen, und den erſchöpften und verzweifelten Reiſen⸗ den ſtarrte der entſetzliche Tod der Verdurſtung ins Antlitz, als ſich endlich der Kapitän Smith entſchloß, einen jener verführ⸗ iſchen Büffelwege zu verfolgen, in der Hoffnung, an das Ufer eines Fluſſes oder Weihers zu gelangen. Er ging allein, denn es trieb ihn in dieſem Augenblicke nicht nur die Verwegenheit, die aus der Verzweiflung entſpringt, ſondern er hatte auch nie⸗ mals Furcht gekannt; er war in der That einer der kühnſten Männer, die je das Felſengebirge durchwandert ſind, und wenn nur die Hälfte von dem wahr iſt, was man ihm nachſagt— von ſeinen verwegenen Unternehmungen, ſeinen tollküöhnen Wan⸗ derungen, ſeinen Kämpfen mit den Wilden und ſeinen Gefahren, ſo hat er ſicherlich Anſpruch auf einen der erhabenſten Sitze in dem Olymp der Prairieen⸗Mythologie. Aber nachdem er ſo oft den Pfeilen und Schlingen der verſchmitzten Gebirgs⸗Indianer entgangen war, mochte er auf ſeiner Wanderung unter der ſeng⸗ enden Sonne wohl nimmer ahnen, daß ſeine Gebeine auf dieſem dürren Sande bleichen ſollten. Er hatte ſich bereits viele Mei⸗ len weit von ſeinen Gefährten entfernt und ſtieg jetzt über eine Anhöhe, als ihn der freudige Anblick eines kleinen Fluſſes be⸗ grüßte, der durch das Thal ſeinen Weg nahm. Es war der Cimarron, und der verſchmachtende Wanderer eilte hinzu, um den Brand ſeiner verdorrten Lippen zu löſchen;— aber man denke ſich ſeine Täuſchung, als er in dem Fluſſe nur ein Bett von trocknem Sande fand. Er hatte jedoch bald mit ſeinen Händen ein ziemlich zwei Fuß tiefes Loch gegraben, in welchem ſich allmälig das Waſſer aus dem geſättigten Sande ſammelte, und er beugte ſich hinab, um in dem Quell ſeinen brennenden Durſt zu ſtillen— als er von den Pfeilen eines lauernden Haufens Comanche⸗Indianer durchbohrt wurde. Aber er kämpfte 56 tapfer bis zum letzten Augenblick, und wie die Indianer felbſt erzählt haben, tödtete er zwei oder drei von ihnen, ehe er erlag. Die kleine Karawane ſcheint von allem möglichen Mißgeſchick verfolgt worden zu ſein. So erfuhren wir unter Anderem auch, daß ſchon vor ihrem Uebergange über den Arkanſas einer ihrer Leute durch die Pawnie⸗Indianer ſeinen Tod gefunden hatte. Dieß iſt vielleicht der einzige Fall in der Geſchichte der Han⸗ delszüge nach Santa Fe, daß einer auf der Jagd um ſein Leben kam, obgleich man dieſe Seltenheit nicht eben für ein Ergebniß kluger Vorſicht halten darf. Sohald eine Karawane das Büf⸗ felgebiet erreicht hat, vergeht faſt kein Tag, wo jene Jäger ſich nicht eine Unbeſonnenheit zu Schulden kommen laſſen, indem ſie ſich häufig allein, und nur ſelten ihrer zwei oder drei, fünf, gar wohl auch zehn Meilen von der Karawane entfernen. Es iſt daher kein Wunder, wenn ihnen häufig von räuberiſchen Wilden aufgelauert wird, und daß ſie faſt eben ſo häufig mit dem Le⸗ ben davon kommen, verdanken ſie zum Theil der Feigheit der Indianer; denn im Allgemeinen ſind dieſe wirklich ſelten muthig genug, ſelbſt auch nur einen einzelnen bewaffneten Mann anzu⸗ greifen, wenn er ſich nicht im entſchiedenen Nachtheil befindet. Die erfahrenen Jäger feuern daher nie bei der erſten Annäher⸗ ung der Indianer, denn dieſe greifen an, ſobald ſie ſehen, daß die Flinten losgebrannt ſind; während oft wenige entſchloſſene Männer durch das Vorhalten ihrer Flinten, ohne ſie abzuſchießen, eine ganze Schaar von Wilden in Schach hielten, bis Bei⸗ ſtand kam. Smith's Gefährten, die den Cimarron an einer anderen Stelle erreichten, empfingen die Nachricht von ſeinem traurigen Schickſal erſt durch einige mejieaniſche Kaufleute, die aus dem Munde der mörderiſchen Wilden ſelbſt davon gehört hatten. Nicht lange nachher entging die Geſellſchaft nur mit knapper Noth ei⸗ nem völligen Verderben, indem ſie mit jener ungeheueren Horde von Blackfeet und Gros-Ventres zuſammen traf, die ſpäter auch uns beläſtigten, und da die Kaufleute wirklich nur eine — —— — Handvoll gegen jene Tauſende waren, ſo glaubten ſie ſich eine Weile ernſtlich gefährdet, in vollem Sinne aufgefreſſen zu werden. Aber Kapitän Sublette beſaß bedeutende Erfahrung und verſtand dieſe tückiſchen Wilden zu behandeln, ſo daß er trotz der drohen⸗ den Stellung, die ſte einnahmen, mit ſeiner Karawane ohne ernſtliche Beläſtigung vorüberzog und endlich wohlbehalten Santa Fe erreichte.. Doch kehren wir zu unſerem Cibolero zurück. Er war be⸗ gierig, Lebensmittel an uns zu verkaufen, was nur willkommen ſein konnte; denn bei den meiſten von uns war das Brot aus⸗ gegangen und auch Fleiſchmangel begann fühlbar zu werden, da wir ſeit unſerem erſten Zuſammentreffen mit den Indianern am Cimarron nur wenig Büffel zu ſehen bekommen hatten. Der Jäger kehrte in ſein nahes Lager zurück und brachte uns als⸗ dann mit einigen ſeiner Gefährten einen reichlichen Vorrath ge⸗ trockneten Büffelfleiſches und einige Säcke mit grobem, im Ofen geröſteten harten Brote, das bei den mejicaniſchen Kaufleuten viel in Gebrauch iſt, aber erſt genießbar wird, nachdem man es in Waſſer oder noch beſſer in heißem Kaffee hat aufweichen laſſen. Ein Wort über die Ciboleros dürfte hier an ſeiner Stelle ſein. Jedes Jahr ziehen große Geſellſchaften Neu⸗Mejicaner— theils mit Maulthieren und Eſeln, theils mit Carretas oder Rollkarren und Ochſen— in dieſe Prairieen hinaus, um ihre Familien mit Büffelfleiſch zu verſorgen. Sie jagen wie die wil⸗ den Indianer, vorzüglich zu Pferde und mit Bogen und Pfeil oder mit der Lanze, und haben in kurzer Zeit ihre Karren oder Laſtthiere mit reichlichen Vorräthen bepackt. Das Einpökeln des Fleiſches bewirken ſie ſelbſt im Mittſommer ohne Schwierigkeit, indem ſie es in dünne Stücke ſchneiden und dieſe in die Sonne legen oder, wenn ſie Eile haben, wohl auch am Feuer etwas röſten laſſen. Bei dieſer Pökelung ahmen ſie oft den Gebrauch der Indianer nach und treten oder kneten das Fleiſch mit den Füßen. Es bewährt ſich hier auffallend die außerordentliche Reinheit der Luft. Die Karawanen pflegen ſich inmitten des Büffelge⸗ bietes mit Fleiſchvorräthen zu verſehen, um da, wo die Rinder der Prairieen ſeltener werden, vor Mangel geſichert zu ſein— eine Vorſchrift, die wir in der Zeit des Ueberfluſſes leider etwas vernachläſſigt hatten— und ſie verfahren hierbei eben ſo wie die Neu⸗Mejicaner, nur mit Weglaſſung des Tretens. Man zieht von einem Ende des Wagens zum anderen eine Leine und läßt die Fleiſchſchnitten Tag für Tag darauf hangen, bis ſie hinlänglich trocken ſind, um eingeſchichtet werden zu können. Dieß geſchieht ohne Salz, und dennoch tritt nur ſelten Fäulniß ein, weil in der That die Schmeißfliegen hier gänzlich unbekannt ſind. Bei Erwähnung dieſer Inſecten mag hier noch hinzugefügt wer⸗ den, daß auch die Roßfliegen nicht mehr vorkommen, ſobald man die Gegend des langen Graſes, zwiſchen der Gränze von Miſ⸗ ſouri und dem Arkanſasfluß, im Rücken hat. Wir ſelbſt hatten, nach unſeren eigenen Prairieen urtheilend, von jenen unausſteh⸗ lichen Peinigern nicht geringes Unheil erwartet und fanden uns daher aufs angenehmſte getäuſcht. Wir näherten uns jetzt dem„Round Mound“, einem ſchö⸗ nen rundgipfeligen Kegel, der ſich faſt tauſend Fuß über die Ebene erhebt, von welcher er größtentheils umgeben iſt. Er lag wenigſtens noch drei Meilen weit entfernt, als Einige von uns zu Fuß ſich aufmachten, um ihn zu beſteigen und die um⸗ liegende Gegend zu überſchauen. Sie glaubten mit Gewißheit, ihn in einer halben Stunde erreichen zu können, doch da es ſich ergab, daß die Entfernung größer war, als man berechnet hatte, blieben Viele zurück und geſellten ſich bald wieder zu den Wagen. Die optiſchen Täuſchungen, welche die dünne durchſich⸗ tige Atmoſphäre dieſer hohen Ebenen erzeugt, ſind oft wahrhaft merkwürdig und liefern einen neuen Beweis für die Reinheit der Luft. Man glaubt faſt durch ein Fernrohr zu ſehen, denn häufig erſcheinen die Gegenſtände vergrößert, erhöht und kaum im vierten Theil ihrer wirklichen Entfernung. Ich habe manch⸗ 59 mal bemerkt, wie man Antilopen für Elenthiere oder wilde Pferde und in noch größerer Entfernung für Reiter hielt; ich habe geſehen, wie Gras oder Unkraut, oder Büffelgebeine, die auf der Prairie zerſtreut lagen, bis zu mehren Fuß vergrößert wurden und ſo das Anſehen menſchlicher Weſen erhielten. Auf gleiche Weiſe hat man Raben nicht ſelten für Indianer oder Büffel gehalten, und eine Heerde der letzteren erſcheinen dem ungeübten Auge in ferner Ebene wie eine Gruppe hoher Bäume. Hierzu kommt noch in der Regel, daß ein beſtändiges Wogen und Wallen die fernen Gegenſtände ſo verzerrt und unbeſtimmt macht, daß ſie ſich ſchwer unterſcheiden laſſen. Wahrſcheinlich entſteht die Täuſchung durch gasartige Dünſte, die aus der Erde emporſteigen, während ſie von den Sonnenſtrahlen beleuchtet werden. Die ſeltſamſten und zugleich überraſchendſten Erſcheinungen jedoch, die durch optiſche Täuſchung hervorgebracht werden, ſind die Luftſpiegelungen oder, wie man ſie in den Prairieen gewöhn⸗ lich nennt, die„falſchen Weiher“. Selbſt der erfahrene Reiſende wird in den dürren Ebenen, wo man jede Täuſchung bitter em⸗ pfindet, noch oft von ihnen verlockt. Der durſtige Wanderer, der viele Stunden unter einem brennenden Himmel mühſam ſich fortgeſchleppt hat, erſpäht endlich einen Teich— ja es muß ein Waſſer ſein, es ſieht zu natürlich aus, als daß ſeine Blicke ihn täuſchen könnten. Er beſchleunigt ſeine Schritte mit freudiger Zuverſicht auf einen kühlenden Trunk; aber ach, wenn er ſich nähert, weicht die lockende Waſſerfläche zurück oder verſchwindet ganz, und hat er das ſcheinbare Ufer erreicht, dann traut er wohl ſeinen eigenen Augen nicht, denn er ſieht nichts als eine verdorrte Ebene zu ſeinen Füßen. Erſt wenn er ein Dutzend Male auf dieſe Weiſe ſich hat täuſchen laſſen, giebt er die Verfolgung auf, und ſteht er dann ein wirkliches Waſſer, ſo geht er vorüber, aus Furcht, aufs neue betrogen zu werden. Die phyſikaliſchen Grundſätze, worauf dieſe„falſchen Weiher“ beruhen, ſcheinen im Allgemeinen nicht ganz richtig erkannt zu 5 60 werden. Man ſchreibt ſie gewöhnlich einer Refraction zu, durch welche ein Theil des begränzenden Himmels unter dem Horizonte erſcheinen ſoll; aber ohne Zweifel ſind ſie nichts Anderes als Folge einer Reflexion auf eine Gasausſtrömung, vielleicht aus der von der Sonne erhitzten Erde und aus Pflanzenſtoffen; oder es mag auch ſein, daß eine Ueberladung von Kohlenſäure, die durch die Wirkung der Sonne auf die Flächen und Vertiefungen dieſer Ebenen niedergeſchlagen iſt, ſie hervorbringt. Wenigſtens ſcheint ſte, ſchräg betrachtet, von hinlänglicher Dichtigkeit zu ſein, um die jenſeitigen Gegenſtände zurückzuwerfen, und indem ſich ſo der Him⸗ mel in dem Gasweiher ſpiegelt, entſteht die trügeriſche Erſchein⸗ ung des Waſſers. Als Beleg, daß hier nichts Anderes als die Wirkung einer Reflexion obwaltet, führe ich noch an, daß ich oft bemerkt habe, wie ferne Bäume und Höhen, die über den Hori⸗ zont emporragen, in dem„Weiher“ verkehrt ſich abſpiegeln, wäh⸗ rend ſie dagegen, wenn man die Wirkung einer Refraction an⸗ nehmen wollte, aufrecht ſtehend auf der Oberfläche erſcheinen müßten. Es giebt in der That viele ſeltſame atmoſphäriſche Er⸗ ſcheinungen in den Ebenen, die dem wißbegierigen Naturphilo⸗ ſophen ein weites Feld intereſſanter Forſchungen öffnen würden. Endlich gelang es einigen der beharrlichſten unſerer Aben⸗ teurer, den Gipfel des„Round⸗Mound“ zu erreichen, der eine vollſtändige, nach einigen Richtungen wohl hundert Meilen weite Ausſicht über das umliegende Land gewährt. Südwärts zeigt ſich eine Gegend mit Hügeln, Ebenen, Erhöhungen und wellen⸗ förmigen Sandflächen; auf der Nordſeite aber liegen endloſe Ebenen, die nur hier und da von einzelnen Hügeln unterbrochen werden. Weit über dieſe hinaus, nach Nordweſt, und tief am Horizonte erſcheint auf azurnem Grunde ein ſilberweißer Streifen; das ſind die mit ewigem Schnee bedeckten Gipfel des öſtlichen Vorſprungs des Felſengebirges. 3 4 Dieſe ungeheueren Gränzebenen und ſelbſt die einzelnen Hügel ſind nirgend mit Holz bewachſen, nur daß vielleicht am Rande eines ſteilen Ufers oder einer Schlucht ein einſamer Baum ſich 61 erhebt, der kaum einige Abwechſelung in die Landſchaft zu bring⸗ en vermag. Nicht einmal ein Büffel ließ ſich blicken, um die öde Einförmigkeit einigermaßen zu beleben; obgleich in einigen Jahreszeiten, und beſonders im Herbſt, die Prairieen von ganzen Heerden dieſer Thiere buchſtäblich bedeckt ſind. Aber die Büffel ſind ein wanderndes Geſchlecht, und ſelbſt mitten in den Prairieen, wo es im Allgemeinen ihrer ſo viele giebt, reiſt man oft mehre Tage, ohne einen einzigen zu erblicken, obgleich weder von einem Jäger noch von einem Indianer eine Spur ſich entdecken läßt. Aber die Wahrheit zu geſtehen, ich habe ſie nirgend in den Prairieen in ſo großer Anzahl geſehen, als einige Reiſende in ihren Schilderungen angeben— in dichten Maſſen, welche die ganzen Prairieen verdunkeln. Ich habe ſie nur in einzelnen Heerden von Hunderten und zuweilen auch Tauſenden gefunden, und wo ſie am zahlreichſten waren, hatten ſie ſich immer weit und breit, aber in großen Zwiſchenräumen zerſtreut. Sie ver⸗ mindern ſich ſehr merklich und ſchnell. Man ſagt, die Weißen verſcheuchen ſie; aber ich möchte fragen, wohin ſie entfliehen? Unleugbar werden einige— um einen Jägerausdruck zu gebrau⸗ chen—„aus der Haut gejagt“; aber für jeden Büffel, der von Weißen getödtet wird, fallen Hunderte, vielleicht Tauſende durch die Hände der Wilden. Vor dieſen giebt es in der That keine Rettung, denn ſie verfolgen ihre Beute, wohin ſie auch fliehen mag; und ſo lernen die armen Thiere inſtinetmäßig die veſten Anſiedlungen und zum Theil auch die gewöhnlichen Reiſeſtraßen der Weißen vermeiden. Während die Karawane am nördlichen Fuße des„Round⸗ Mound“ vorüberzog, gewährte ſie denjenigen, die auf dem Gipfel ſtanden, ein höchſt anziehendes Schauſpiel. Die Wagen fuhren langſam in vier gleichlaufenden Säulen, aber in unterbrochenen Reihen, zuweilen mit Zwiſchenräumen von mehren Ruthen. Das unaufhörliche Peitſchengeknall der Fuhrleute klang wie der Wi⸗ derhall eines fernen Gewehrfeuers, ſo daß man hätte glauben können, es fände zwiſchen zwei feindlichen Parteien ein heftiges 62 Scharmützel ſtatt; für die armen Thiere wenigſtens war es wirklich ein feindlicher Angriff, denn ihre Seiten bluteten zuweilen unter den unbarmherzigen Peitſchenhieben, wozu die muthwilligen Carrettieri oft keine andere Urſache zu haben ſchienen als eben ihr Wohlgefallen an dem Schwingen und Knallen ihrer Geißeln. Wir nahmen unſer Lager in einer freundlichen Ebene in ge⸗ ringer Entfernung weſtlich vom„Round Monnd“, und wenn es hier auch an Waſſer fehlte, ſo ließ ſich doch dieſer Mangel ver⸗ ſchmerzen, da wir am Mittag uns hinlänglich bevorrathet hatten. Wie gewöhnlich wurden jetzt unſere Thiere, nachdem ſie einige Stunden geweidet hatten, in die Wagenhürde geſperrt; unſere Leute lagen bereits in friedlichem Schlummer— die Wachen ausgenommen, die rings um das Lager ruhig auf ihren Poſten ſtanden— als plötzlich gegen die verhängnißvolle Mitternacht⸗ ſtunde ein furchtbarer Lärm entſtand, ſo daß alle Ruhenden er⸗ ſchrocken aufſprangen und zu den Waffen griffen. Es ſchien eines der Thiere vor einem Hunde ſcheu geworden zu ſein und durch ſein plötzliches Auffahren ſeine Nachbarn in wilde Bewegung ge⸗ bracht zu haben; der paniſche Schreck verbreitete ſich gleichzeitig durch die ganze Hürde, und es folgte ein Aufruhr, der Alles, was wir ſeither erlebt hatten, weit übertraf. Eine allgemeine „Eſtampida“, wie die Mejicaner es nennen, war das Ende. Trotz daß unſere Wagen, Rad an Rad, mit Stricken oder Ketten veſt zuſammen gebunden waren, hatten die Ochſen ſich bald einen Ausgang gebrochen und jagten nun, meiſt paarweiſe zuſammen⸗ gejocht, wie toll in die Ebene hinaus. Alle Verſuche, ſie aufzu⸗ halten waren fruchtlos; denn wer ſoll einem Paar Ochſen in den Weg treten, wenn ſie einmal völlig ſcheu geworden ſind; am nächſten Morgen aber machten wir ernſtliche Anſtalten, wenigſtens ſo viele Geſpanne zuſammenzubringen, als zum Aufbruch der Karawane nöthig waren. Am„Rock⸗Creek“ oder Felsflüßchen, ungefähr ſteben Meilen von unſerem Lagerplatze, trafen wir die⸗ jenigen unſerer Gefährten wieder, welche die flüchtigen Thiere verfolgt hatten. Bis auf einige, die für immer verloren blieben, 63 waren alle Ochſen wieder gefunden. Von den Maulthieren hat⸗ ten wir keines eingebüßt; die wenigen, die mit durchgegangen waren, hatten ſich ſchnell wieder einfangen laſſen. Die Wahr⸗ heit iſt, daß Maulthiere am leichteſten ſcheu werden, Ochſen aber am ſchlimmſten ſind, wenn ſie einmal der Schreck erfaßt hat, zu⸗ gleich aber auch wieder den Vorzug haben, daß die Indianer ſich nicht eben ſehr begierig zeigen, ſie zu ſtehlen, und auf eine Ochſen⸗ Karawane kaum einen Angriff unternehmen würden. Wir kamen jetzt in eine Gegend mit rauhem und ſtellenweiſe felſigem Wege, da alle Flüſſe zwiſchen hier und den Gebirgen mit feinem Sandſtein berandet ſind. Dieſer holperige Boden wirkte ſehr nachtheilig auf unſere Wagen; das Holz war in der Trockenheit und Dünnigkeit dieſes hohen Luftkreiſes zuſammenge⸗ ſchrumpft, die Räder wurden locker und wackelig und die Speichen fingen an, ſich in ihren Naben zu drehen, ſo daß man bei jedem Halt, den wir machten, immer zu gleicher Zeit ein Dutzend Räder auszubeſſern hatte, und in dem Lärm der Hämmer, die bei dieſen Gelegenheiten in Thätigkeit waren, hätte man ſich einbilden kön⸗ nen, man befinde ſich auf einem Schiffswerft. Dieſe beſchwerliche Gegend verlaſſend, zogen wir bald an dem „Point of Rocks“, einem kleinen von Norden auslaufenden Bergarme, vorüber, an deſſen Fuße eine liebliche Quelle ſprudelt, und am nächſten Tage, nachdem wir die Hochebene verlaſſen, er⸗ reichten wir den Hauptarm des Canadian, der hier, obgleich ſchon achtzig Meilen von ſeiner Quelle in den nördlichen Gebirgen entfernt, nur ein rieſelndes, kaum zwölf Schritt breites Bächlein iſt. Sein Bett iſt von veſtem Felſen, und die Furt wird daher von den Ciboleros ſehr bezeichnend„die Steinfurt“(el Vado de Piedras) genannt; die Ufer ſind ſehr niedrig und leicht zu erſteigen. Bei den Mejicanern führt der Fluß den Namen „rother Fluß“(Rio Colorado), und die Amerikaner nennen ihn in wörtlicher Ueberſetzung„Red River“. Dieſer Umſtand gab vielleicht zu der Vermuthung Anlaß, daß dieß die Hauptquelle des amerikaniſchen Fluſſes gleiches Namens ſei; obgleich die eeeeeͤͤͤͤ 64 nächſten Wäſſer des echten Red River von Natchitoches noch hundert Meilen ſüdwärts von hier entfernt ſind. Indem wir nach dem Rio Colorado hinabgingen, trafen wir mehre Landsleute aus Taos, wohin ein gerader, aber beſchwer⸗ licher, ſechzig bis ſiebzig Meilen weiter Weg über die Gebirge führt. Es war ein freudiges Zuſammentreffen, denn wir fanden 5 unter ihnen viele alte Bekannte, die wir ſeit Jahren nicht geſehen hatten. Wir waren in unſerer Kindheit in ein und dieſelbe Landſchule gegangen, hatten zuſammen buchſtabiren gelernt und ſo manchmal mit kindlicher Fröhlichkeit die wilden Wälder durch⸗ ſtreift. Sie kehrten mit uns um, und wir waren für den übri⸗ gen Theil unſerer Tagereiſe vollauf beſchäftigt, ihre eifrigen Fra⸗ gen nach ihren Freunden und Verwandten in den Vereinigten Staaten zu beantworten. Ehe wir den Fluß erreichten, begegnete uns noch eine andere Geſellſchaft von Beſuchern, die, größtentheils aus Agenten oder Schreibern des Zollamts beſtehend, mit einem militäriſchen Geleite ſich auf den Weg gemacht hatte, um die Karawane nach der Hauptſtadt zu führen. Der vorgebliche Zweck dieſer Bedeckung war Verhinderung der Schmuggelei, und es wird zu dieſem Be⸗ hufe jährlich ein Haufen Soldaten mit dem ſtrengen Befehle aus⸗ geſendet, die Karawanen zu beaufſichtigen. Dieſe Maßregel ſcheint ſeitdem faſt außer Gebrauch gekommen zu ſein, und ſte könnte ohne Nachtheil völlig aufgegeben werden; denn wenn irgend jemand ſchmuggeln wollte, würde er nicht eben große Mühe haben, ſich der Dienſte dieſer verhütenden Wächter zu verſichern, die durch ein unbedeutendes Geſchenk ſich gewinnen laſſen würden, dergleichen Abſichten wirkſam zu unterſtützen, ſtatt ihnen hindernd in den Weg zu treten. Als wir in dem Thale dem Lagerplate 1 dieſer Escorte gegenüber unſer Lager nahmen, beehrte uns der Befehlshaber Oberſt Vizcarra mit einem Gruß aus ſeinen Ge⸗ ſchützen, der von unſerer kleinen Kanone ſchleunig erwidert wurde. Da wir uns jetzt— obgleich noch immer faſt hundert und funfzig Meilen von Santa Fe entfernt— wenigſtens die Ge⸗ 65 fahren indianiſcher Feindſeligkeiten überſtanden zu haben glaubten und den beßten Willen hatten, unſerer Bedeckung ſo viel Mühe als möglich zu machen, ſo wurde einige Meilen jenſeit des Co⸗ lorado die Organiſation unſerer Karawane aufgelöſt, und ihre Glieder verfolgten jetzt den Weg nach der Hauptſtadt in faſt eben ſo vielen kleinen Abtheilungen, als es Handelsgeſellſchaften gab. Der Weg von hier nach San Miguel— nach einer faſt hundert Meilen weit entfernten Stadt— läuft am Fuße jenes Zweiges ſchneebedeckter Gebirge hin, deſſen bereits erwähnt wurde. Dieſe Gegend zeichnet ſich beſonders durch heftige Regengüſſe, Hagelſtürme und furchtbare Gewitter aus. Die plötzliche Kühle und Zuſammenziehung der Atmoſphäre kehrt ſehr oft den Strom der unteren Luftſchicht um, ſo daß eine Wolke, die eben aufge⸗ hört hat, ſich ihres Inhalts zu entladen, und fortgezogen iſt, in wenigen Minuten zurückgebracht wird und den Wanderer mit einem neuen Strome überſchüttet. Ein Schauſpiel, wovon ich im Sommer 1832, ungefähr zwei Tagreiſen jenſeit des Colorado Augenzeuge war, machte einen tiefen Eindruck auf mich. Wir lagerten zu Mittag, als eine düſtere Wolke hinter den Gebirgen hervorzog, und nachdem ſie eine Weile über uns geſchwebt hatte, einem jener furchtbaren Donnerſchläge Luft machte, wie ſie dieſen Gegenden eigenthümlich zu ſein ſcheinen, und der die Elemente erſchütternd, uns ſo betäubte und beſtürzte, daß einige Secunden vergingen, ehe jeder im Stande war zu der Ueberzeugung zu kommen, daß ihn der Blitz nicht erſchlagen habe. Die Luft war mit Schwefeldunſt erfüllt; aber der Blitzſtrahl war über die Wagen hingefahren und in die„Caballada“ geſchlagen, die nahe dabei weidete. Wir ſahen nachher einige unſerer Thiere todt oder betäubt auf der Ebene liegen, und merkwürdig genug fan⸗ den wir auch einen Ochſen, den der Blitz erſchlagen hatte, wäh⸗ rend ſein Gefährte unter demſelben Joche unverſehrt an ſeiner Seite ſtand. Eine Strecke jenſeit des Colorado verließ ich mit einer Ge⸗ ſellſchaft von ungefähr zwölf Perſonen die Wagen, um nach Santa 1 5 Gregg, Karawanenzüge I. 9 4 6 66 Fe voraus zu eilen. Funfzig Meilen jenſeit des Hauptarmes jenes Stromes gingen wir über den„Mora⸗Fluß“ oder wie die Mejicaner ihn nennen„Rio de lo de Mora“, das letzte Waſſer des Canadian, und von hier bis zu dem„Rio de las Gallinas“, dem erſten Waſſer des „Rio del Norte“, dehnt ſich der Weg durch eine hohe, von keinem Bergrücken unterbrochene Ebene. Am Gallinas⸗Fluſſe ſahen wir eine große Schafheerde auf der nahen Ebene weiden, und eine kleine Hütte am Fuße einer Klippe ließ uns erkennen, daß es ein „Rancho“ war. Es erſchien bald ein ſchwarzbrauner„Ranche⸗ ro“, von welchem wir einen Trunk Ziegenmilch und etwas ſchmuzigen Schafkäſe erlangten, der die Stelle des Brotes ver⸗ treten mußte. Einige zwanzig Meilen von hier erreichten wir San Miguel, die erſte erwähnenswerthe Niederlaſſung auf unſerem Wege. Sie beſteht aus unregelmäßigen Gruppen von Lehmhütten und liegt in dem fruchtbaren Thale des„Rio Pecos“, eines ſilberhellen Flüßchens, das von den ſchneeigen Gebirgen von Santa Fe herabrieſelt. Einige Meilen, bevor man die Stadt erreicht, läuft der Weg, nachdem er, um einen Durchgang durch den erwähnten Gebirgs⸗ zweige zu finden, den nicht unbedeutenden ſüdlichen Bogen über San Miguel gemacht hat, aufs Neue in eine offene Ebene aus. Von einer tafelförmigen Erhöhung aus überſchauten wir nord⸗ weſtlich ein weites Thal, in deſſen Mitte zerſtreute Baumgruppen von grünen Korn⸗ und Weizenfeldern umgeben, und einzelne viereckige blockartige Haufen emporragten. Etwas weiter hinaus und gerade vor uns in nördlicher Richtung entdeckten unſere Blicke ähnliche Gruppen.„O wir nähern uns den Vorſtädten!“ dachte ich, als ich die Kornfelder und jene Erhöhungen ſah, die, wie ich glaubte, nichts anderes als nach allen Richtungen zerſtreute Ziegel⸗ brennereien waren.„Allerdings ſind dieß Haufen ungebrannter Ziegelſteine“, ſprach ein Freund an meiner Seite, als dergleichen Bemerkungen laut wurden—„aber dennoch ſind es Häuſer— das iſt die Stadt Santa Fe.“ 67 Fünf bis ſechs Tage nach unſerer Ankunft erſchien endlich die Karawane, und Wagen auf Wagen rollte den letzten nur noch eine Meile von der Stadt entfernten Abhang hinab. Nach den lärmenden Freudenbezeigungen der Leute und der heiteren Auf⸗ regung zu urtheilen, worin ſich die Maulthiertreiber zu befinden ſchienen, mußte der Anblick ihnen eben ſo neu geweſen ſein als mir. Es war wirklich ein Schauſpiel, in welchem der Pinſel eines Künſtlers hätte ſchwelgen können. Selbſt die Thiere ſchie⸗ nen die Luſt ihrer Reiter zu theilen, die immer fröhlicher und lärmender wurden, als ſte nach der Stadt hinabzogen. Kurz ich zweifle, daß der erſte Anblick der Mauern Jeruſalems bei den Kreuzfahrern eine ſo ſtürmiſche und ſeelenbegeiſternde Freude er⸗ weckte. Die Ankunft rief unter den Eingeborenen eine nicht geringe Bewegung hervor:„Los Americanos!— Los carros!— La entrada de la caravana!“— erſcholl es von allen Seiten, und Frauen und Kinder verſammelten ſich, während wie gewöhnlich Haufen von„léperos“ um die Wagen ſich herumtrieben, um zu ſehen, was es zu ſtehlen gab. Die Fuhrleute waren bei dieſer Gelegenheit nicht ganz frei von Aufregung. Von der Prüfung unterrichtet, die ihnen bevorſtand, hatten ſie den Morgen mit Putzen zugebracht und zeigten ſich nun mit reinlichen Geſichtern, glatt gekämmtem Haar und im beßten Sonntagſtaate, um vor den „ſchönen Augen von glänzender Schwärze“ zu beſtehen, die ſie ſicherlich muſtern würden. Aber es bedurfte zu einem vortheil⸗ hafteren Auftreten noch einer anderen Vorbereitung. Jeder Fuhr⸗ mann knüpfte eine funkelneue Schmitze an ſeinen Peitſchenriem; denn auf der Fahrt durch die Straßen und über die„plaza pu- blica“ ſucht jeder ſeinen Gefährten in der Geſchicklichkeit zu über⸗ treffen, womit er dieſes Lieblingszeichen ſeiner Macht zu ſchwingen verſteht. Unſere Wagen waren bald in den Niederlagen des Zoll⸗ hauſes abgeladen, und da uns nun einige Tage der Muße zur Verfügung ſtanden, ſo hatten wir Zeit, uns jene Erholung zu 5* 68 verſchaffen, die uns nach einer ermüdenden Reiſe von zehn Wochen ſo nöthig war. Die Fuhrleute und viele von den Händlern, be⸗ ſonders die Neulinge, ſtrömten nach den zahlreichen Fandangos, die nach der Ankunft einer Karawane regelmäßig unterhalten werden. Der größere Theil der Kaufleute aber war eifrig mit ſeinen Angelegenheiten beſchäftigt, und jeder hätte gern zuerſt ſeine Waaren aus dem Zollhauſe zurückerhalten und ein gutes Ge⸗ ſchäft mit den Landkrämern machen mögen, die alljährlich bei dieſen Gelegenheiten nach der Hauptſtadt kommen. Nun beginnt die Ernte der Dolmetſche, deren die Händler, wovon nur wenige Spaniſch zu ſchreiben verſtehen, größtentheils ſich bedienen müſſen. Dieſe geſetzmäßigen Zwiſchengänger ver⸗ pflichten ſich, gegen gewiſſe Gebühren die nöthigen Anordnungen zu treffen, die„Maniſiestos,“— das heißt die Declarationen der Waaren— zu überſetzen und in allen Beziehungen den Ge⸗ ſchäften der Dolmetſche vorzuſtehen. Es erfolgt nun die Unterſuchung der Waaren, wobei man aber ſelten mit vorſchriftmäßiger Strenge verfährt, denn eine „lebendige Theilnahme“ für die Kaufleute und der„lebhafte Wunſch“, den Handel zu befördern, veranlaſſen den Beamten, nur einige von denjenigen Colli zu öffnen, die mit der Declaration am wenigſten in Widerſpruch ſtehen. Die mejicaniſchen„derechos de arancel]“ oder Tarifſteuern ſind äußerſt drückend und betragen durchſchnittlich hundert Procent des Einkaufpreiſes eines gewöhnlichen Santa Fe⸗Sortiments. Nach dem Tarif von 1837— und früher war er noch höher — zahlen alle glatt gewebten Baumwollwaaren, ſeien ſie weiß oder gedruckt, zwölf und einen halben Cent Steuer für die Vara und rechnet man die Verbrauchſteuer hinzu, mindeſtens funfzehn. Aber es braucht kaum erwähnt zu werden, daß es ſehr wenige Häfen in der Republik geben ſoll, wo man mit Strenge auf dieſen harten Forderungen beſteht. Der Gouverneur Armijo von Santa Fe führte für einige Jahre einen eigenen, völlig willkürlichen Tarif ein, indem er 69 für jede Wagenladung, mochte ſie groß oder klein ſein, feine oder ſchlechte Waare enthalten, fünfhundert Dollars verlangte. Na⸗ türlich war dieß für die Kaufleute, die große Wagen und theuere Waaren führten, ſehr vortheilhaft, um ſo drückender aber für diejenigen mit kleineren Fuhrwerken oder Waaren von geringerem Werth. Wie vorauszuſehen war, luden die Kaufleute ihre Güter bald nur auf die größten, mit acht bis zwölf Maulthieren be⸗ ſpannten Wagen und waren klug genug, alle ſchwereren Artikel wegzulaſſen. Dieß führte den Gouverneur zu einem Zoll nach dem Werthe der Waaren zurück, ohne jedoch hierbei auf den Generaltarif des Landes Rückſicht zu nehmen. Wie viel von dieſen Zollgebühren ihren Weg in die Staatskaſſe gefunden haben, mag dahin geſtellt bleiben. Die Ankunft einer Karawane in Santa Fe giebt dem Orte auf einmal ein verändertes Anſehn. Statt der Trägheit und Geſchäftsſtille, die vorher in ſeinen Straßen herrſchte, findet man nun überall das lärmende Treiben einer lebhaften Marktſtadt. 5 ——ꝭõmpeöyÿ—ö—ööyjj— rr- e Sechster Abſchnitt. Frühere Geſchichte von Santa Fe.— Ohate's Bittſchrift.— Deſſen ſeltſame Forderungen.— Grauſamkeiten der ſpaniſchen Sieger.— Gedeihen der neuen Colonie.— Die Ureinwohner in den Minen.— Indianeraufſtand im Jahre 1680.— Ermordung der Spanier.— Belagerung von Santa Fe.— Auszug der ſpaniſchen Bevölker⸗ ung.— Paſo el Norte.— Ermordung eines ſpaniſchen Prie⸗ ſters.— Wiedereroberung des Landes.— Der Aufſtand von 1837.— Der Statthalter Armijo, ſeine Ränke und ſein Erfolg.— Zweite Rottung der Inſurgenten und ihre Niederlage. Ein faſt neunjähriger Aufenthalt in Neu⸗Mejico bot mir zu Beobachtungen vielfache Gelegenheit dar, und es dürften einige Schilderungen dieſes Landes, der erſten Anſtedelungen, der älte⸗ ren und neueren Kämpfe mit den Eingeborenen und einige Be⸗ merkungen über die Sitten und Gebräuche des Volkes dem Le⸗ ſer um ſo willkommener ſein, je ſpärlicher die Berichte hierüber ſeither geweſen ſind. Die Provinz Neu⸗Mejico, wovon die Hauptſtadt Santa Fe eine der erſten Niederlaſſungen war, gehört zu den älteſten Ko⸗ lonien Amerikas. Nach einigen Ueberlieferungen ſoll kurz nach Eroberung der Stadt Mejico durch Hernan Cortes eine kleine Anzahl von Abenteurern ſo weit nördlich vorgedrungen ſein. Der Geſchichtſchreiber Mariana ſpricht von einigen Verſuchen, dieſes Land zu erobern, zur Zeit jenes berühmten Helden. Es er⸗ ſcheint dieß jedoch ſehr zweifelhaft; denn man kann kaum glau⸗ ben, daß die Spanier, bei all ihrer Sucht nach Golde, ſo früh ſchon ihre Siege zweitauſend Meilen in das Innere verfolgt, — — — 8 — 71 durch die Gebiete feindlicher Wilden ihren Weg genommen und zwiſchenliegende, nicht nur reizendere, ſondern an jenen koſtbaren Metallen auch weit reichere Gegenden unerforſcht zurückgelaſſen haben ſollten. Herrera, der von den Ereigniſſen des Jahres 1550 ſchreibt, erwähnt Neu⸗Mejico als einer bekannten, aber nur von den Ur⸗ völkern bewohnten Provinz, nördlich von Neu⸗Galicien. Den Namen„Neu⸗Mejico“ verdankt das Land wahrſcheinlich der Aehn⸗ lichkeit ſeiner Einwohner mit jenen der Stadt Mejico und deren Umgegend. Sie ſcheinen in ihren Gebräuchen, ihrem Landbau, ihren Manufacturen und Wohnungen mit einander übereinge⸗ ſtimmt zu haben, während die Bewohner des Zwiſchenlandes — die Chichimmecos u. ſ. w.— in einem weit roheren Zuſtande lebten, und bei einem unſteten Wanderleben von Ackerbau, Kün⸗ ſten und dergleichen wenig Kenntniß hatten. Die einzige Urkunde in den Archiven von Santa Fe, die über die erſte Anſiedlung von Neu⸗Mejico einigen Aufſchluß giebt, iſt die Bittſchrift eines Don Juan de Onate, eines Bür⸗ gers von Zacatecas, datirt vom 21. September 1595. Es wurde in dieſem Geſuch die vicekönigliche Regierung von Mejico um Erlaubniß und Beiſtand zur Gründung einer Kolonie am Rio del Norte, in dem als Neu⸗Mejico bereits bekannten Lande angegangen, und wie aus den Urkunden ſich folgern läßt, brachte man nach einem günſtigen Erfolg dieſer Eingabe, im Laufe des folgenden Frühjahrs das Unternehmen in Ausführung. Dieß ſcheint die erſte rechtmäßige Anſiedlung in der Provinz geweſen zu ſein; aus verſchiedenen Punkten in Onates Bittſchrift jedoch läßt ſich erſehen, daß ſchon vor ihm ein Abenteurer, als Kapitän Francisco de Leyva Bonillo bekannt, ohne königliche Erlaubniß mit einigen Begleitern die Provinz in Beſitz genom⸗ men hatte, und ihn zu verhaften und zu beſtrafen, war Onate bevollmächtigt. Einige Geſchichtſchreiber behaupten, Neu⸗Mejico ſei zuerſt von einigen Miſſionären im Jahre 1581 beſucht wor⸗ den, und eine Sage im Lande nennt das Jahr 1583 als den 82 72 Zeitpunkt der erſien Niederlaſſung— beide Angaben beziehen ſich ohne Zweifel auf Leyva und ſeinen Anhang. Onate machte ſich verbindlich, zweihundert Soldaten nach Neu⸗Mejico zu führen und die Provinz mit den nöthigen Vor⸗ räthen für das erſte Jahr, mit Pferden, Rindvieh, Schafen u. ſ. w., ſowie mit Kaufmannswaaren, Ackergeräthſchaften und Handwerk⸗ zeug hinlänglich zu verſorgen— und zwar Alles auf ſeine Ko⸗ ſten oder vielmehr am Ende auf Koſten der Anſiedler. Er bedingt ſich in ſeinem Geſuche auch nochgeinige außer⸗ ordentliche Verwilligungen von Seiten des Königs— als Ge⸗ ſchütze und andere Waffen, Kriegsbedarf u. ſ. w.— ſechs Prie⸗ ſter mit vollſtändigem Büchervorrath und Kirchenſchmuck, ein Darlehn von 20,000 Dollars aus dem königlichen Schatze— dreißig Quadratmeilen Land, wo immer er es ſich auswählen würde, mit allen vorhandenen Vaſallen Endianern)— den erb⸗ lichen Marquistitel für ſeine Familie— das Amt des Statt⸗ halters mit dem Range eines Obergenerals für vier Generatio⸗ nen— einen Jahrgehalt von 8000 caſtiliſchen Ducaten— die Befugniß, Minen anzulegen, ohne Abgabe an die Krone— das Recht, die Urbewohner unter ſeine Offiziere und Leute zu ver⸗ theilen und, außer anderen Vergünſtigungen für ſeine Brüder und Verwandte, die Oberaufſicht über die Indianer— oder mit anderen Worten das Recht, ſie in den Minen als Sklaven zu verwenden— und hieruͤber noch ſo viele Vortheile, Gerechtſame und Ermächtigungen, als hinreichend waren zu einer Despotie, wie kein neuerer Herrſcher Europas ſte anzunehmen wagen wür⸗ de; und wurden dieſe unmäßigen Forderungen auch nicht alle gewährt, ſo beweiſen ſie doch, durch welche Reizmittel an Geld⸗ vortheilen und Ehren der König von Spanien die Entdeckung, Beruhigung und Bekehrung(, descubrimiento, pacificacion y conversion“)— wie man es beſcheiden nannte— der armen Urvölker Amerikas zu bewirken ſuchte. Aus allen Theilen dieſer ſeltſamen Urkunde blickt deutlich jene ſchmuzige Gier nach Gold und Macht hervor, die allen — ſpaniſchen Siegen in Amerika einen unverlöſchlichen Makel auf⸗ drückte— jene Glaubenswuth, jener Kreuzfahrergeiſt, durch wel⸗ chen ſo viele Tauſende der Ureinwohner der neuen Welt unter ſpaniſcher Herrſchaft geopfert wurden. In einem Artikel ſeines Geſuchs fragt jener Unternehmer, oder Vertragſchließer, oder wie man ſonſt ihn nennen will:„Im Fall die Eingeborenen nicht gutwillig zur Erkenntniß des wahren chriſtlichen Glaubens ſich bekennen, auf das Wort des Evange⸗ liums nicht hören und dem Könige, unſerem Herrn, nicht Gehor⸗ ſam leiſten wollen, was ſollen wir dann nach den Geſetzen der katholiſchen Kirche und den Befehlen ſeiner Majeſtät mit ihnen thun, und welchen Tribut an die Krone und an die Unterneh⸗ mer ſollen wir ihnen für die Wohlthat, chriſtlich geboren zu werden, auflegen?“ Beweis genug, daß dieſe„Miſſionäre“— wie ſie ſich zu nennen pflegten,— die Indianer nicht nur ihres Landes und ihrer Schätze beraubten und niedrige Sklaven aus ihnen machten, ſondern ſie noch überdieß mit Schatzungen beleg⸗ ten— daß ſie das Evangelium auf den Spitzen der Bajonette verkündigten und die Taufe mit Waffengewalt ertheilten, indem ſie die Indianer zwangen, den„ apoſtoliſch⸗römiſch⸗katholiſchen Glauben“ zu bekennen, ohne daß dieſe auch nur den entfernte⸗ ſten Begriff davon hatten. Cervantes, der um dieſe Zeit ſeinen Don Quirote ſchrieb, hatte ohne Zweifel einen Hieb gegen die⸗ ſen grauſamen Geiſt religiöſer Schwärmerei im Sinne, indem er jenen Helden von ſeinen Gefangenen das Bekenntniß venehhen läßt, daß ſeine Dulcinea an Schönheit alle Anderen übertreffe; und als dieſe dagegen einwendeten, daß ſte jene Dame niemals 4 geſehen hätten, erklärte er,„darin liegt eben die Bedeutung, daß ihr, ohne ſie geſehen zu haben, es glauben, eingeſtehen, behaup⸗ ten, beſchwören und vertheidigen müßt.“ Es iſt ſehr zu bedauern, daß es von den Kriegen und Metzel⸗ eien, von den unzähligen Vorfällen und Abenteuern, woran das erſte Jahrhundert der Anſtedlung von Neu⸗Mejico gewiß ſehr reich geweſen iſt, keine ſicheren Berichte giebt. Es ſcheint jedoch, 74 als hätten die Urbewohner in der erſten Zeit einen merkwürdig friedlichen und gelehrigen Charakter gezeigt, ſo daß dem Erobe⸗ rer in der Ausführung ſeiner Niederlaſſungsplane wenig Hinder⸗ niſſe in den Weg traten. Geduldig der weltlichen und geiſtlichen Macht der Eindringlinge ſich unterwerfend, wurden ſie leicht ins Joch geſpannt, und ſie hatten weder Verſtand noch moraliſche Kraft genug zum Widerſtande, bis die Verzweiflung ſie aufreizte. Die Kolonie war ſchnell emporgeblüht; die Anſtedelungen er⸗ ſtreckten ſich nach allen Theilen des Gebietes“ in den entlegen⸗ ſten Gegenden erhoben ſich Dörfer und ſelbſt Städte von bedeu⸗ tender Wichtigkeit, deren Daſein jetzt nur noch durch Trümmer bekundet wird, während kaum eine Ueberlieferung von dem Schick⸗ ſale der einſt gedeihenden Bevölkerung erzählt. Man entdeckte und baute, wie die Sage geht, viele ergiebige Minen, aber ihre Stätten ſind verſchwunden, oder wie die Mejicaner erzählen, ha⸗ ben die Indianer ſie verborgen, um eine Wiederholung jener grauſamen Gewaltthätigkeiten zu verhindern, die ſie darin erdul⸗ det hatten. Sei dieß nun gegründet oder nicht, auf jeden Fall mochte ihnen der Wunſch nicht zu verargen ſein, diejenigen zu verbergen, die ihnen bekannt waren; denn ſie waren in dieſen Minen unter den Streichen der Geißel zu den ſchwerſten Arbei⸗ ten gezwungen worden, bis die menſchliche Kraft gebrochen war. Vielleicht aber würden ſie auch dann noch nicht zum Widerſtand geſchritten ſein, hätte nicht ein beredter Krieger von einem ent⸗ fernten Stamme ſie angereizt. Er behauptete, Montezuma's Macht geerbt zu haben, für deſſen Abkömmlinge all dieſe India⸗ ner bis auf den heutigen Tag noch gelten wollen, und wie in neueren Zeiten Tecumſeh, ſammelte unſer Held die verſchiedenen Stämme und entwarf den Plan zu einer Verſchwörung und ei⸗ ner allgemeinen Ermordung ihrer Unterdrücker, indem er erklärte, daß Alle, die dem Bunde nicht beiträten, das Schickſal der Spa⸗ nier theilen ſollten. Durch die Güte des Staatſecretärs Don Guadalupe Miranda, dem ich eine Abſchrift von Onate's Geſuch verdankte, erhielt ich auch eine Erzählung dieſes Aufſtands und — 75 der Ermordung der ſpaniſchen Bevölkerung, nach dem in den öffentlichen Archiven von Santa Fe aufbewahrten Tagebuche des damaligen Statthalters und Befehlshabers Don Antonio de Otermin. Wie es ſcheint, war die Nacht des dreizehnten Auguſt des Jahres 1680 zum Ausbruch des allgemeinen Aufſtandes aller Stämme und Pueblos*) beſtimmt. Zu einer gewiſſen Stunde ſollte die Ermordung der Spanier ihren Anfang nehmen. Alle ſollten gemordet werden, ohne Rückſicht auf Geſchlecht und Al⸗ ter— die jungen und ſchönen Frauen ausgenommen, welche die Indianer zu Weibern ſich auswählen würden. Obgleich dieſe Verſchwörung gewiß lange Zeit gegohren hatte, ſo war man doch ſo heimlich und verſchwiegen zu Werke gegangen, daß man bis wenige Tage vor der beſtimmten Zeit die Gefahr weder kannte, noch ahnete. Wie es heißt, war kein einziges Weib in das Ge⸗ heimniß gezogen worden, aus Furcht, den Erfolg des furchtbaren Planes zu gefährden; aber dieſe Vorſicht war nutzlos geweſen, er wurde von zwei Indianer⸗Häuptlingen dem Statthalter ver⸗ rathen, und zu gleicher Zeit lief von einigen Beamten zu Taos die Kunde von der Verſchwörung ein. Die gefährliche Lage des Landes erkennend, ließ der Statt⸗ halter Otermin augenblicklich Befehl ergehen, daß ſich die Be⸗ völkerung des Südens in dem Pueblo von Isleta, wo der Un⸗ tergouverneur ſeinen Sitz hatte, die Bevölkerung des Nordens und der benachbarten Bezirke aber in Santa Fe verſammeln ſollte. In den Beveſtigungen von Isleta fand ſich eine bedeu⸗ tende Menge ein, und vielen Familien aus den benachbarten Be⸗ zirken glückte es, die tſtadt zu erreichen; eine große Anzahl aber wurde— den Indianern ermordet, denn als dieſe ſahen, daß ihr Plan verrathen war, erwarteten ſie nicht die beſtimmte Zeit, ſondern begannen augenblicklich das Werk der Vernichtung. *) Die allgemeine Benennung aller katholiſchen Indianer von Neu⸗ Mejico und ihrer Dörfer. 76 Man traf alle möglichen Vorbereitungen zu einer nachdrückli⸗ chen Vertheidigung der Hauptſtadt. Die Bewohner der Vor⸗ ſtädte erhielten die Weiſung, ſich in die innere Stadt zu verfü⸗ gen, und die Straßen wurden verſchanzt. Am Abend des zehn⸗ ten Auguſts trafen zwei Soldaten von Taos ein, die nur mit großer Gefahr und Mühe der Wachſamkeit der Indianer ent⸗ gangen waren, und brachten die Nachricht, daß die Pueblos von Taos ſich alle in Aufruhr befänden. Der Gouverneur ſchickte nun eine Abtheilung Soldaten auf Kundſchaft aus und ſie kehr⸗ ten am zwölften mit der ſchmerzlichen Nachricht zurück, daß ſie auf ihrem Wege viele Todte gefunden hätten, daß die Kirchen geplündert und die Heerden aus den„Ranchos“ davon getrieben wären.— In mehren benachbarten Pueblos erklärten ſich nun die In⸗ dianer ohne Hehl für Ermordung der Spanier, und bei der dro⸗ henden Gefahr für Santa Fe ließ der Gouverneur die Regier⸗ ungsgebäude in Veſtungen umwandeln. Um dieſelbe Zeit brach⸗ ten zwei befreundete Indianer, die man in der Richtung nach Galiſteo ausgeſendet hatte, die Nachricht, daß fünfhundert Krie⸗ ger vom Stamme der Tagnos— die ſüdlich von Santa Fe ihre Wohnſitze haben— gegen die Stadt heranrückten und nur noch ungefähr eine Wegſtunde entfernt wären. Die Kundſchaf⸗ ter hatten mit den Feinden geſprochen und ihre Geſinnung und Abſicht zu erforſchen geſucht. Sie ſchienen mit Gewißheit auf Erfolg zu rechnen—„denn der Gott der Chriſten iſt geſtor⸗ ben“, ſagten ſie,„der unſrige aber, die Sonne, ſtirbt nie⸗— und erklärten dann, daß ſie nur die Ankunft der Teguas— worunter faſt alle Pueblos zwiſchen Santa Fe und Taos be⸗ griffen waren— der Taoſas und Apaches erwarteten, um ihr blutiges Werk zu vollenden. Am nächſten Morgen näherten ſich die Wilden aus ſüdlicher Richtung. Bei ihrer Ankunft nahmen ſie ihr Einlager in den verlaſſenen Wohnungen der Vorſtädte, um ihre Bundesgenoſſen zu erwarten, ehe ſte die Belagerung der Stadt begännen. Es 77 kam bald eine Unterredung mit den bedeutendſten Häuptlingen zu Stande, und dieſe ſagten den Spaniern, ſie hätten zwei Kreuze mitgebracht, worunter ſie ihnen die Wahl ließen; das eine wäre roth und bedeute Krieg, das andere weiß und bedeute Frieden, unter der Bedingung, daß ſie ohne Aufſchub die Provinz räum⸗ ten. Der Statthalter ſuchte ſie durch die Zuſicherung zu ver⸗ ſöhnen, es ſollten alle Verbrechen, die ſie begangen hätten, ver⸗ geſſen ſein, wenn ſie gute Chriſten und getreue Unterthanen wür⸗ den; aber die Indianer ſpotteten ſeiner und lachten herzlich über ſeine Vorſchläge. Er ſchickte nun einen Theil ſeiner Streitmacht aus, um den Feind zu vertreiben, mußte aber am Ende in eig⸗ ner Perſon und mit allen ſtreitbaren Leuten, die er auftreiben konnte, dieſen Ausfall unterſtützen. Der Kampf dauerte den ganzen Tag und koſtete vielen Indianern und auch einigen Spa⸗ niern das Leben. Spät des Abends aber ſah man von Norden her die Teguas, Taoſas und andere gegen die Stadt heranziehen, und die Soldaten mußten die errungenen Vortheile aufgeben, um zur Vertheidigung der Veſtungswerke zu eilen. Die Belagerung hatte nun neun Tage gewährt, in welcher Zeit das Heer der Indianer beſtändig ſich vermehrt hatte. In den letzten achtundvierzig Stunden war es ihnen gelungen, der Stadt alles Waſſer zu nehmen, indem ſie den Fluß ableiteten, der ſie ſeither verſorgt hatte, und da auch der Mangel an Lebensmitteln mit jedem Augenblicke drückender wurde und keine Ausſicht auf Rett⸗ ung oder Flucht vorhanden war, beſchloß der Statthalter Otermin, am nächſten Morgen einen Ausfall zu machen und lieber mit dem Schwerte in der Hand zu ſterben, als auf ſo jämmerliche Weiſe durch Mangel an Mundbedarf umzukommen. Bei Sonnen⸗ aufgang machte er einen verzweifelten Angriff auf den Feind und trieb ihn in kurzer Zeit, trotz ſeiner weit ſchwächeren Streit⸗ macht, aus ſeiner Stellung. Die Indianer wurden vollſtändig in Verwirrung gebracht, mehr als dreihundert getödtet und, nebſt einer reichlichen Beute, ſiebenundvierzig als Gefangene davon geführt, die nach einem Verhör über den Hergang der Verſchwör⸗ 78 ung ohne Ausnahme erſchoſſen wurden. Die Spanier zählten nur, wenn man ihrem eigenen Berichte über das Treffen glauben darf, vier bis fünf Todte, aber eine bedeutende Anzahl Ver⸗ wundeter. Die Stadt Santa Fe, obſchon noch eine Beoölkerung von wenigſtens tauſend Seelen faſſend, konnte der Streitmacht, von welcher ſte bedrängt wurde und die jetzt ziemlich bis auf drei⸗ tauſend ſich vermehrt hatte, nicht über hundert rüſtige Männer entgegenſtellen. Der Statthalter Otermin beſchloß daher, von dem Rathe der einſichtvollſten Bürger unterſtützt, ſie zu verlaſſen, und ſo zog am folgenden Tage— es war der 21. Auguſt— die ganze Einwohnerſchaft, größtentheils zu Fuß und mit ihren Bedürfniſſen beladen, denn die Thiere reichten kaum für die Ver⸗ wundeten, aus den gefährdeten Mauern. Ihr Zug wurde von den Indianern nicht beläſtigt, die nur bis Isleta ihre Bewegungen beobachteten und dann ſich nicht mehr blicken ließen. Auch die Bewohner dieſer Anſiedlung hatten ſich vor einigen Tagen nach Süden zurückgezogen; alle Pueblos waren von den Indianern verlaſſen und die Spanier, die dazu gehörten, ermordet worden. Nach emigen Tagen befand ſich die Karawane gänzlich außer Stande, die Wanderung fortzuſetzen; denn es fehlte ihr nicht nur an Thieren, ſondern ſie war auch auf dem Punkte zu ver⸗ hungern, indem die Indianer den Weg von Allem entblößt hatten, was den Reiſenden hätte Hilfe gewähren können. In dieſer Noth ſendete Otermin einen Boten an den Unterſtatthalter, der eine bedeutende Strecke voraus war, und empfing hierauf von deſſen Zuge einige Wagen mit Lebensmitteln. Gegen Ende des Septembers erreichte er mit ſeinen Leidensgefährten„ Paſo del Norte“— ungefähr 320 Meilen ſüdlich von Santa Fe— und hier ſtießen ſie auf die Flüchtlinge, die ihnen vorangegangen waren. Otermin ſchickte ſogleich einen Bericht von dem Unglück an den Vicekönig von Mejico und bat um Verſtärkungen zur Wieder⸗ 79 eroberung der verlorenen Provinz; aber ſie erſchienen erſt im folgenden Jahre. Mittlerweile blieben die Flüchtlinge, wo ſie waren, in einem weiten fruchtbaren Thale, wo mehre den Spa⸗ niern treu gebliebene Pueblos lagen, und gründeten— den beßten Ueberlieferungen zu Folge— die Stadt el Paſo del Norte, ſo benannt zum Andenken an jenen„Zug aus Norden“. Don Diego de Vargas Zapata, Otermin's Nachfolger, be⸗ gann das Werk der Wiedereroberung. Der Krieg dauerte zehn Jahre. Im Jahre 1688 kam Don Pedro de Eruzate in die Provinz und unterwarf das Pueblo von Zia, das durch ſeinen tapferen und hartnäckigen Widerſtand ſich vorzüglich hervorgethan hatte. In dieſem Angriffe fielen mehr als ſechshundert Indianer beiderlei Geſchlechts und eine bedeutende Anzahl wurde zu Ge⸗ fangenen gemacht, hierunter auch ein wegen ſeiner Tapferkeit be⸗ rühmter Krieger, Namens Ojeda, der geläufig Spaniſch ſprach und von Allem, was während dieſes Aufſtandes ſich zutrug, einen geſchriebenen Bericht lieferte. Er erzählte, daß die Spanier und beſonders die Prieſter überall auf das unmenſchlichſte wären ge⸗ mordet worden, und erwähnt beſonders der Ermordung des Geiſt⸗ lichen von Zia, deſſen Schickſal eines der grauſamſten geweſen ſei. Er wurde in der Nacht des Aufſtandes von den Indianern aus dem Kloſter geſchleppt und nackend auf ein Schwein geſetzt. Dann zündete man Fackeln an und führte ihn in dieſem Zu⸗ ſtande unter beſtändigen furchtbaren Geißelhieben durch das Dorf und mehrmal um Kirche und Kirchhof. Aber hiermit noch nicht zufrieden, ſtellten ſie den alten ſchwachen Mann auf alle Viere, und ſich abwechſelnd auf ſeinen Rücken ſetzend, trieben ſie ihn mit ununterbrochenen Schlägen durch die Straßen, bis er leblos zuſammenſank. Die Uneinigkeit, die bald unter den verſchiedenen Pueblos herrſchend wurde, erleichterte ihre zweite Unterjochung, und durch dieſe kleinen Kriege entvölkert und verwüſtet, verſchwanden ganze Dörfer, deren Namen nur noch die Geſchichte nennt. Im Jahre 1698, nachdem das Land ſeit einiger Zeit wieder 80 unter völliger Botmäßigkeit der Spanier geſtanden hatte, brach eine neue Empörung aus, in welche viele Pueblos verwickelt waren, die aber durch das kräftige Einſchreiten des Statthalters Vargos Zapata bald wieder unterdrückt wurde. Seit dieſem letzten Verſuche ſind die Indianer mit etwas mehr Menſchlichkeit behandelt worden, indem man jedem ihrer Dörfer einige Meilen Land vergönnte und ihnen die Freiheit ließ, ſich ſelbſt zu regieren. Sie unternahmen keinen neuen Auf⸗ ſtand, bis ſie im Jahre 1837 mit den mejicaniſchen Inſurgenten ſich verbanden und in einer anderen blutigen Verſchwörung ihren nie erloſchenen glühenden Haß gegen ihre Beſieger aufs Neue an den Tag legten. Einige Zeit vor dieſen traurigen Ereigniſſen ging unter ihnen die Verheißung, daß ein neues Volk aus Oſten erſcheinen würde, um ſie vom ſpaniſchen Joche zu befreien. Viel⸗ leicht bauten ſie ihre Hoffnungen auf die Amerikaner, da ſie von den Tejanern noch nichts zu wiſſen ſchienen; in Wahrheit aber ſind die Pueblos in allen Theilen von Mejico ſtets reif zur Em⸗ pörung geweſen, und es iſt bekannt, daß das Heer des revolutio⸗ nären Häuptlings Hidalgo größtentheils aus dieſer Volksklaſſe zuſammengeſetzt war. Der gegenwärtige Ausbruch im Norden ging jedoch von der ſpaniſch⸗mejicaniſchen Beoölkerung aus und war hauptſächlich durch den Uebergang der Föderativ⸗Regierung zum Centralismus im Jahre 1835 veranlaßt worden. Es kam damals aus Mejico ein neuer Statthalter, Namens Albino Perez, um die Verwaltung dieſer entlegenen Provinz zu über⸗ nehmen, und das„ſouveräne Volk“, das ſeither faſt immer nur von einheimiſchen Statthaltern regiert worden war, fand dieſe Neuerung nicht eben ſehr angenehm; doch da die veränderte Regierungsform etwas Neues war und nicht in die pecuniären Intereſſen des Volkes griff, wurde ſie ruhig hingenommen, und ſelbſt als man es zur Erhaltung der neuen Organiſation für nö⸗ thig fand, ein dem Lande ſeither völlig unbekanntes Syſtem di⸗ recter Beſteuerung einzuführen, regte ſich noch keine Spur von Gewalt, ſo tief der Keim der Empörung auch ſchon wurzeln 81 mochte. Die Gefangennehmung eines Alcalde durch den Pre⸗ fecto des nördlichen Diſtriets erweckte den erſten thätlichen Wi⸗ derſtand. Der Beamte wurde augenblicklich von einem Pöbel⸗ haufen in Freiheit geſetzt, und hiermit ſchien die Loſung zum all⸗ gemeinen Aufſtande gegeben zu ſein. Dieſe neuen Bewegungen begannen zu Anfang Auguſt, des Jahres 1837 und bald ſammelte ſich bei La Caftada— einer Stadt unge⸗ fähr fünf und zwanzig Meilen nördlich von Santa Fe— ein ungeheuerer Volkshaufen, unter welchem ſich die bedeutendſten Krieger aller nördlichen Pueblos befanden. Der Statthalter Perez ließ Befehle an die Alcalden ergehen, die Miliz zuſammenzuziehen; aber Alles, was ſich aufbieten ließ, waren ungefähr hundert und funfzig Mann. Mit dieſer unzulänglichen Streitmacht wagte er es, aus der Hauptſtadt zu rücken, wurde aber bald von den In⸗ ſurgenten überfallen, die bei La Cafada im Hinterhalt lagen. Seine Leute gingen zum Feinde über, und es blieb ihm mit einigen zwanzig ihm treu gebliebenen Freunden nichts Anderes übrig, als ſein Heil in der Flucht zu ſuchen. In Santa Fe war nicht auf Sicherheit zu rechnen, die Flüchtlinge wendeten ſich da⸗ her nach Süden; aber die erbitterten Indianer hatten ſie bald eingeholt, und der Statthalter wurde auf die grauſamſte Weiſe gemordet. Am neunten Auguſt ſchlug ein Inſurgentenhaufen von unge⸗ fähr zweitauſend Mann ſein Lager in den Vorſtädten der Haupt⸗ ſtadt auf, und jeder zitterte jetzt vor einer Plünderung. Die amerikaniſchen Kaufleute waren beſonders unruhig, indem ſie jeden Augenblick befürchteten, der wilde Haufe möchte ihr Leben und Eigenthum als Opfer begehren. Zum größten und ange⸗ nehmſten Erſtaunen aller jedoch, blieben Einwohner und Kauf⸗ leute von bedeutenderen Gewaltthätigkeiten faſt gänzlich verſchont. Ein großer Theil der Inſurgenten hielt ſich ungefähr zwei Tage in der Stadt auf, und während dieſer Zeit wurde einer ihrer kühnſten Anführer, John Gonzales aus Tavs— ein wackerer Gregg, Karawanenzüge 1. 1 6 8² und rechtſchaffener Jäger, aber höchſt unwiſſender Mann— zum Statthalter erwählt. Der erſte Schritt der Rebellen war, ſich des Eigenthums ih⸗ rer vogelfreien oder gemordeten Opfer zu bemächtigen, das hier⸗ auf durch eine Verordnung der„Asamblea general’“— ſo hieß ein vom Statthalter Gonzales berufener und aus allen Alcalden und den bedeutendſten Männern des Gebiets zuſammengeſetzter Rath— unter die Sieger vertheilt wurde. Die Familien die⸗ ſer unglücklichen Opfer wurden auf dieſe Weiſe all ihrer Habe beraubt, und den fremden Kaufleuten, die den Beamten im Ver⸗ trauen auf ihr Eigenthum und ihren Gehalt bis zu bedeutenden Summen Kredit gegeben hatten, blieb kein Hilfsmittel, ihre For⸗ derungen zu erlangen. Da dieſe Verluſte hauptſächlich durch Mangel des nöthigen Schutzes von Seiten der Generalregierung ent⸗ ſtanden waren, ſo ſetzten die amerikaniſchen Kaufleute eine Bitt⸗ ſchrift auf und überſendeten ſie mit einem Verzeichniſſe der ver⸗ ſchiedenen unbezahlten Rechnungen an Powhattan Ellis, den ame⸗ rikaniſchen Geſandten in Mejico. Dieſe Forderungen waren ge⸗ wiß gerechter als viele von denjenigen, die einige Jahre ſpäter die franzöſiſche Blokade verurſachte; aber es wurde den armen Gläubigern keine Ausſicht auf Entſchädigung gegeben. Im Süden beſchuldigte man allgemein die Amerikaner als Anſtifter dieſes Aufſtandes, den man offen für einen zweiten Tejas⸗Kampf erklärte. Ihre Güter wurden unter den unbedeu⸗ tendſten Vorwänden oder wegen angeblicher Regelwidrigkeiten in den nöthigen Papieren und Scheinen eingezogen oder mit Be⸗ ſchlag belegt; obgleich es offenkundig war, daß dieſe und andere Schändlichkeiten als Strafe für Ereigniſſe auf ſie gehäuft wur⸗ den, welche zu verhüten nicht in ihrer Macht geſtanden hatte; und dieſe gemißhandelten Kaufleute waren in der That nicht nur unſchuldig an aller Theilnahme bei dieſen aufrühriſchen Beweg⸗ ungen, ſondern hatten auch die Regierung mit Mitteln zur Un⸗ terdrückung des Aufſtandes unterſtützt. Wie bereits erwähnt, waren die Pueblo⸗Indianer die thätig⸗ 83³ ſten Helfer in dem verzweifelten Streite, obgleich die Partei der Inſurgenten aus all den verſchiedenartigen Beſtandtheilen einer mejicaniſchen Bevölkerung zuſammengeſetzt war. Die Ranche⸗ ros und andere aus den niedrigſten Klaſſen waren nur Werk⸗ zeuge gewiſſer unzufriedenen Vornehmen, die ſich mit der Hoff⸗ nung ſchmeicheln mochten, nach dem Untergange ihrer Feinde ſich ſelbſt zu erhöhen. Zu ihnen gehörte der gegenwärtige Statt⸗ halter Armijo, ein ehrgeiziger und ungeſtümer Demagog, der aus dieſer oder jener Urſache den Sturz der ganzen Verwaltung ſehr eifrig zu wünſchen ſchien. Sobald Armijo von der Begebenheit Nachricht empfing, eilte er in die Hauptſtadt und erwartete— wie mir ſein eigener Bruder vertraute— mit Gewißheit, zum Statthalter erwählt zu werden; da er aber nicht den mindeſten perſönlichen Beiſtand ge⸗ leiſtet hatte, wollte die Pöbelmacht ſeinen Anſpruch auf ihre Wahlſtimme nicht anerkennen. Er kehrte daher, wie Santa Ana, auf ſeinen Wohnſitz bei Albuquerque zurück, um in Nach⸗ ahmung ſeines großen Vorbildes Mittel und Wege zu ſuchen, wie er der Wirkung ſeiner eignen Ränke entgegen arbeiten könn⸗ te, und er war in ſeinen Entwürfen ſo glücklich, daß er ſchon gegen den September eine bedeutende Streitmacht verſammeln und eine Gegenrevolution zu Gunſten der Föderativregierung ausru⸗ fen konnte. Zu gleicher Zeit machten die aufgelöſten Truppen der Hauptſtadt unter Kapitän Caballero eine ähnliche Erklärung, indem ſie Waffen verlangten und ſich erboten, ohne Lohn zu dienen. Die Pöbeldynaſtie war ſo weit gegangen, Mejico den Gehorſam aufzukündigen, und wollte ſich unter den Schutz von Tejas ſtellen, ohne daß irgend ein Verſtändniß mit dieſer Re⸗ publik vorhergegangen war. Armijo rückte jetzt mit ſeiner ganzen Streitmacht gegen Santa Fe, und der Statthalter Gonzales, der kein Heer zu ſeiner Verthei⸗ 3 digung beſaß, floh nach Norden. Nach Armijo's triumphirendem (innzuge in die Hauptſtadt, ließ er ſich zum Statthalter und Ge⸗ naeral ernennen und ſchickte augenblicklich Boten mit glänzenden 6* 84 Berichten von ſeinen Thaten nach Mejico, die ihm eine Beſtä⸗ tigung jener Titel und Würden auf acht Jahre auswirkten. Mittlerweile waren ungefähr zweihundert Dragoner aus Za⸗ catecas und eben ſo viele regelmäßige Truppen aus Chihuahua in Neu⸗Mejico eingerückt, und dieſe vereinigten ſich bei ihrer An⸗ kunft in Santa Fe mit Armijo's kleinem Heere und zogen im Januar des Jahres 1838 gegen die Rebellen, die ſich jetzt wie⸗ der in bedeutender Anzahl bei La Caniada verſammelt hatten. Die Hauptſtadt ſchwebte in banger— unruhiger Erwartung; denn bei einem neuen Siege des Empörerhaufens ſtand ihr eine furchtbare Plünderung bevor. Fremde Kaufleute hatten wie ge⸗ wöhnlich die meiſte Urſache zu Beſorgniſſen, denn man hatte ih⸗ nen für die Unterſtützung, die ſie der Regierungspartei hatten zukommen laſſen, offen Rache geſchworen. Sie waren daher be⸗ ſtändig auf ihrer Hut und hatten Alles zu einer ſchnellen Flucht nach den Vereinigten Staaten vorbereitet. In kurzer Zeit jedoch kam die beruhigende Nachricht von der völligen Niederlage der Inſurgenten. Armijo ſcheint beim Anblick der feindlichen Haufen faſt Wil⸗ lens geweſen zu ſein, ohne Angriff wieder umzukehren, als ein Dragonerhauptmann Namens Munioz ihm zurief:„Was iſt zu thun, General? Gebt mir nur Erlaubniß, und ich verjage die⸗ ſes Lumpengeſindel mit meiner Kompagnie allein.“ Armijo ver⸗ weigerte es nicht, und der tapfere Hauptmann ſtürzte ſich auf die Rebellen, die ſchnell in wilder Flucht ſich auflöſten. Siebenter Abſchnitt. Reu⸗Mejicos geographiſche Lage.— Der Rio del Norte.— Der ver⸗ ſunkene Fluß.— Santa Fe und ſeine Oertlichkeit.— El Valle de Taos.— Neu⸗Mejicos Boden.— Der erſte Anſiedler in Taos und ſein Vertrag mit den Indianern.— Klima.— Be⸗ völkerung.— Ackerbau.— Hauptproducte des Landes.— Tor⸗ tillas.— Atole, Frigolas und Chile.— Seltſame Sitte.— Flachs und Kartoffel heimiſch.— Tabak.— Früchte.— Wald⸗ ungen.— Die Palmilla oder Seifenpflanze.— Triften. Neu⸗Mejico beſitzt nur wenige von jenen natürlichen Vortheilen, die zu einem ſchnellen Fortſchreiten in der Cioiliſation nöthig ſind. Obgleich nördlich und öſtlich von dem Gebiete der Ver⸗ einigten Staaten, ſüdlich von Tejas und Chihuahua und weſtlich von Ober⸗Californien begränzt, iſt es von Gebirgketten und Prai⸗ riewüſten umgeben, die außer in der Richtung von Chihuahua, wovon ſeine Anſiedlungen durch eine menſchenleere Einöde von faſt zweihundert Meilen getrennt ſind, über fünfhundert Meilen weit ſich ausdehnen— ohne durch einen einzigen Waſſerweg mit irgend einem anderen Theile der Welt verbunden zu ſein Das ganze nominelle Gebiet umfaßt mit Einſe jener öden, unbewohnbaren Gegenden, wovon es durchſchnitten iſt, ge⸗ gen zweimalhunderttauſend Quadratmeilen, natürlich nach ſeinen 9 urſprünglichen Gränzen und daher unabhängig von Tejas An⸗ 4 ſprüchen auf den Rio del Norte. Zu welchem Staatsgebiete ieſer Landſtrich auch wirklich gehören mag, der Theil deſſelben wenigſtens, der bewohnt iſt, ſollte vereinigt bleiben. Ein Ver⸗ ſuch von Tejas, den Rio del Norte zur Gränzlinie zu machen, 86 würde die endliche Erwerbung des Gebietes bedeutend verzögern und mindeſtens ein Drittel der an dieſelbe Regierung gewöhnten, durch Bande des Blutes und durch gleiche Sitten verbundenen Bevölkerung völlig der Gewalt der benachbarten Wilden preisge⸗ ben, die weſtlich die Cordilleren bewohnen. Dieſe große Gebirg⸗ kette, welche die Ufer des Rio del Norte nicht weit über„El Paſo“ erreicht, wäre von da nach Norden die natürlichſte Gränze zwiſchen beiden Ländern. Es giebt nicht einen einzigen ſchiffbaren Fluß in Neu⸗Me⸗ jieo. Der berühmte Rio del Norte iſt den größten Theil des Jahres ſo ſeicht, daß kaum indianiſche Boote ihn befahren kön⸗ nen, und überdieß wird unterhalb Santa Fe auf einer Strecke von mehr als tauſend Meilen die Schifffahrt durch häufige Sand⸗ bänke und Untiefen unterbrochen. Herr von Humboldt ſpricht von einem außerordentlichen Er⸗ eigniſſe, das im Jahre 1752 ſich zugetragen haben ſoll, und das, wie er ſagt, noch immer im Gedächtniſſe der Bewohner von Paſo del Norte lebe.„Das ganze Bett des Fluſſes“— erzählt der gelehrte Reiſende—„wurde mehr als neunzig Meilen über und ſechzig Meilen unter dem Paſo plötzlich trocken, und das Waſſer ſtürzte ſich in einen neu gebildeten Abgrund und kam erſt bei dem Preſidio*) San Eleazeario wieder zum Vorſchein.— Endlich nach Verlauf von mehren Wochen nahm es wieder ſei⸗ nen alten Lauf, ohne Zweifel, weil der Abgrund und die unter⸗ irdiſchen Kanaͤle ſich angefüllt hatten.“ Ich muß bekennen, daß dieß bedeutend am’s Mährchenhafte ſtreift, da nicht die mindeſte Kunde von dieſen Thatſachen auf das gegenwärtige Geſchlecht ſich fortgepflanzt hat. Bei großer Trockenheit jedoch ſoll dieſer Fluß an manchen Stellen zwiſchen San Elceario und dem Pre⸗ ſidio del Norte gänzlich im Sande verſchwunden ſein. Von den zahlreichen Nebenflüſſen, die ihren Lauf nach dem Rio del Norte nehmen, erreichen nur wenige ihre Beſtimmung, * Preſidio bedeutet einen beveſtigten Platz mit Beſatzung.* 87 ehe ſie ſich völlig erſchöpfen. Rio Puerco, ſo genannt wegen der Trübe ſeines Waſſers, macht, wie es ſcheinen möchte, don dieſer Regel eine Ausnahme; aber auch er, obgleich zum wenig⸗ ſten hundert Meilen lang, iſt während einer gewiſſen Zeit des Jahres an ſeiner Mündung trocken. Selbſt das Flüßchen von Santa Fe, obgleich wild und rauſchend in der unmittelbaren Nähe der Gebirge, ſinkt zur Bedeutungloſigkeit und verliert ſich oft völlig, ehe es den Hauptſtrom erreicht. Die Flüſſe Pecos und Conchos, ſeine bedeutendſten Waſſerſpender, möchten kaum Erwähnung derdienen, wäre es nicht wegen eines geographiſchen Irrthums des Herrn von Humboldt, der den erſteren als den Quellfluß des Red Rioer von Natchitoches bezeichnet. Dieſe Flüſſe ſind die erſten, von welchen der Rio del Norte, ſüdlich von Santa Fe— das heißt auf einer Strecke von fünfhundert Meilen— beſtändig Waſſer empfängt. Kein Wunder, daß die⸗ ſer„große Fluß des Nordens“ in ſeinem Laufe immer mehr an Waſſermaſſe abnimmt. Oberhalb des Flutwaſſers iſt er für den größten Theil des Jahres faſt aller Orten zu durchwaten und, außer zur Zeit der Ueberſchwemmungen, ſelten mehr als knietief. Seine Ufer ſind meiſt ſehr ſeicht, und erheben ſich oft nicht zehn Fuß über den niedrigen Waſſerſtand. Dennoch aber kommen in Folge der unverhältnißmäßigen, meiſt auf drei bis vierhundert Fuß ſich belaufenden Breite des Flußbettes, keine Austritte vor. Seine mächtigſten Anſchwellungen ereignen ſich zur Zeit der jähr⸗ lichen Ueberſchwemmungen nach dem Schmelzen des Bergſchnees. Dieſer Fluß iſt bei den Bewohnern von Nord⸗Mejico nur unter den Namen Rio del Norte oder Nordfluß bekannt, weil er aus dieſer Richtung herabkommt, nach Süden hin jedoch wird er wegen ſeiner Ausdehnung an einigen Stellen auch„Rio Grande“ genannt; den Namen„Rio Bravo“— d. h. wil⸗ der oder reißender Strom— den man ihm ſo oft auf Karten giebt, hört man ſelten oder gar nicht unter dem Volke. Trotz ſeiner ungeheuren Länge— denn er muß, ſeine Windungen ver⸗ folgend, von ſeiner Quelle im Felſengebirge bis zu dem Golf von b 88 Mejico gewiß bedeutend mehr als zweitauſend Meilen zurückle⸗ gen— iſt er dennoch nur eine Strecke von zweihundert Meilen oberhalb ſeiner Mündung ſchiffbar. Santa Fe, die Hauptſtadt von Neu⸗Mejico, iſt die einzige Stadt von einiger Bedeutung im Gebiete. Man findet es zu⸗ weilen Santa Fe de San Francisco geſchrieben, indem die⸗ ſer ihr Schutzheiliger iſt. Wie die meiſten Städte in dieſem Theile des Landes ſteht ſie auf der Stätte eines alten Pueblo oder Indianer⸗Dorfes, deſſen Bevölkerung ſeit vielen Jahren aus⸗ geſtorben iſt. Sie liegt zwölf bis funfzehn Meilen öſtlich von Rio del Norte, am weſtlichen Fuße eines ſchneebedeckten Berges, an einem kleinen Flüßchen von unbedeutender Mühlentreibkraft, das in eiſigen Waſſerfällen hinunter ſprudelnd, einige zwanzig Meilen ſüdwärts den Rio del Norte erreicht. Die Bevölkerung der Stadt ſelbſt wird die Zahl von 3000 nur um weniges überſteigen; mit Einſchluß einiger benachbarten Dörfer jedoch, die unter die⸗ ſelbe Gerichtsbarkeit gehören, beläuft ſie ſich faſt auf 6000 See⸗ len ⁵*). 1 Die Stadt iſt ſehr unregelmäßig angelegt, und die meiſten Straßen ſind nicht viel beſſer als gewöhnliche Landſtraßen und durchſchneiden zerſtreut liegende Wohnungen, zwiſchen welchen Kornfelder ſich ausbreiten, die faſt hinlänglich ſind, die Einwoh⸗ nerſchaft mit Getreide zu verſehen. Nur an einem Punkte der Stadt findet man einen Anſchein von regelmäßiger Bauart, näm⸗ lich in den vier Reihen Häuſer, deren Vorderſeiten von Portalen oder„Corredores“ der roheſten Art beſchattet werden. Sie ſtehen um den Marktplatz und enthalten das„Palacio“ oder die Statt⸗ *) Die Breite von Santa Fe iſt nach verſchiedenen Beobachtungen 35° 41— obgleich es auf den meiſten Karten faſt einen Grad weiter nördlich liegt— ſeine Länge ungefähr 1060 weſtlich von Greenwich. Die Meereshöhe beträgt faſt 7000 Fuß, und die höchſte Gebirgsſpitze, die mit ewigem Schnee bedeckt, gegen zehn Meilen von der Stadt entfernt liegt, berechnet man auf 5000 Fuß Höhe über Santa Fe.„ 89 halterwohnung, das Zollhaus, die Kaſerne, womit zugleich das furchtbare„Calabozo“ verbunden iſt, die„Caſa Conſiſtorial“ der Alcalden, die„Capilla de los Soldados“ oder Militärkapelle, und verſchiedene andere Prioatwohnungen, ſowie die Gewölbe der meiſten amerikaniſchen Kaufleute. Die Bevölkerung von Neu⸗Mejico iſt größtentheils auf Städte und Dörfer eingeſchränkt, und die Vorſtädte ſind in der Regel Meiereien. Selbſt die einzelnen„Ranchos“ und„Haciendas“ ſind Dörfer geworden— eine faſt unumgängliche Folge des mang⸗ lenden Schutzes gegen die räuberiſchen Wilden in den benach⸗ barten Wildniſſen. Die bedeutendſten dieſer Niederlaſſungen liegen in dem Thale des Rio del Norte und erſtrecken ſich von faſt hundert Meilen nördlich, zu faſt hundert und funfzig Meilen ſüdlich von Santa Fe. Die Niederlaſſungen den Fluß aufwärts von der Hauptſtadt aus, ſind unter dem allgemeinen Namen „Rio Arriba“ bekannt, die am Fluſſe abwärts liegenden, un⸗ ter dem Namen„Rio Abajo“. Die letzteren enthalten mehr als ein Drittel der Bevölkerung und Neu⸗Mejicos größten Reich⸗ thum. Der bedeutendſte von den der Hauptſtadt zunächſt lie⸗ genden Wohnſitzen iſt„El Valle de Taos“*), ſo genannt zu Ehren des Taoſa⸗Indianerſtammes, wovon noch ein Ueber⸗ reſt im Norden des Thales ein Pueblo bildet. Kein Theil Neu⸗ Mejicos gleicht dieſem Thale an Vortrefflichkeit des Bodens, an üppigem Wachsthum und überhaupt an Schönheit. Alles, was man in ſeinen fruchtbaren Boden wirft, und was die zeitigen Herbſt⸗ fröſte reifen laſſen, wächſt zu wunderbarer Vollkommenheit empor. So hat man beſonders Weizen von ausgezeichneter Güte und in ſolcher Fülle erbaut, daß er, wie man verſichert, oft mehr als das hundertſte Korn gab. Es ſoll jedoch hiermit nicht geſagt ) Das„Thal Taos“ umfaßt, ohne daß es eine Stadt dieſes Namens giebt, mehre Dörfer und andere Anſiedelungen, wovon Fernandez und Los Ranchos, die vier bis fünf Meilen von einander entfernt liegen, die größten ſind.* 90 ſein, daß dieß ein günſtiges Beiſpiel des neu⸗mejicaniſchen Bo⸗ dens iſt; denn in Wahrheit, wenn auch viele Niederungen von der fruchtbarſten Beſchaffenheit ſind, das Hochland muß größten⸗ theils unfruchtbar bleiben, zum Theil wegen der Armuth des Bodens, aber ohne Zweifel eben ſo ſehr aus Mangel an Be⸗ wäſſerung. Deßhalb liegen faſt alle Landgüter und Anſtedelungen in jenen Thälern, die durch einen beſtändig fließenden Fluß be⸗ wäſſert werden. Aber auch das Hochland beſitzt zuweilen einen außerordentlichen Grad von Fruchtbarkeit; denn es iſt zum Bei⸗ ſpiel Thatſache, daß viele der Felder auf dem Hügellande in den Vorſtädten von Santa Fe ſchon über zwei hundert Jahre be⸗ ſtändig bebaut werden und, ohne je eine Düngung erhalten zu haben, dennoch leidliche Ernten tragen. Der erſte Anſiedler in dem reizenden Thale von Taos, ſeit das Land den Indianern wieder abgenommen wurde, ſoll ein Spanier, Namens Pando, in der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts, geweſen ſein. Dieſem Glücksritter aus Norden, der ſich von den Plünderungen der Comanches⸗Indianer bedeu⸗ tend heimgeſucht ſah, gelang es, die Freundſchaft dieſes Stam⸗ mes durch das Verſprechen zu gewinnen, ſeine Tochter, damals noch ein Kind von großer Schönheit, einem der Häuptlinge zur Frau zu geben. Als jedoch das abgeneigte Mädchen ſich ge⸗ weigert hatte, den Vertrag zu vollziehen, wurde die Anſiedelung von den Wilden augenblicklich überfallen und außer der verlobten Jungfrau, die man in die Gefangenſchaft führte, Alles niederge⸗ metzelt. Nachdem die Unglückliche einige Jahre lang bei den Comanches in den großen Prairieen gelebt hatte, wurde ſie an die Pawni⸗Indianer vertauſcht, von welchen ſie endlich ein Franzoſe in St. Louis kaufte. Einige ſehr achtbare Familien in dieſer Stadt ſtammen von ihr her und es leben hier noch Viele, die ſich zu erinnern wiſſen, mit welchem rührenden Aus⸗ drucke ſie die Geſchichte ihres Unglücks zu erzählen pflegte. Sie ſtarb erſt vor einigen Jahren. 91 Geſundheit des Klimas iſt unbeſtreitbar der Hauptvorzug Neu⸗ Mejicos. Nirgend— ſelbſt nicht unter dem vielgeprieſenen ſicilia⸗ niſchen Himmel— kann es eine reinere und geſündere Atmoſphäre geben. Gallenkrankheiten, dieſe furchtbaren Plagen im Thale des Miſ⸗ ſiſſippi, ſind hier faſt unbekannt. Außer einem epidemiſchen Fieber von typhusartigem Charakter, das in den Jahren von 1837 bis 1839 in der ganzen Provinz ſeine Verwüſtungen anrichtete und das mit den Blattern, die 1840 zum Ausbruch kamen, faſt zehn Procent der Bevölkerung hinwegraffte, hat Neu⸗Mejico ſehr wenig von Fieberkrankheiten zu leiden gehabt, ſo daß man hier eine eben ſo lange Lebensdauer erreicht als in irgend einem an⸗ deren Theile der bewohnten Welt. Man ſieht hier Leute, die faſt zu Mumien verdorrt ſind, und deren Alter ſich nur aus ih⸗ rer Erinnerung an gewiſſe merkwürdige Ereigniſſe, die in längſt vergangenen Zeiten ſtattgefunden haben, vermuthen läßt. Ein ſchwüler Tag nördlich von Santa Fe iſt ein ſehr ſelte⸗ nes Ereigniß. Die Sommernächte ſind gewöhnlich ſo kühl und angenehm, daß ein Paar Decken ein kaum zu entbehrendes Be⸗ dürfniß der Behaglichkeit ſind. Die Winter ſind lang, aber nicht ſo plötzlichen Veränderungen unterworfen als in einem feuchteren Klima. Der durchſchnittliche Stand des Thermometers iſt das Jahr hindurch von 100 zu 750 Fahrenheit über Null. Herr von Humboldt hat ſich in Bezug auf das Klima Neu⸗ Mejicos zu einem eben ſo großen Irrthum verleiten laſſen wie in Bezug auf die Flüſſe; denn er bemerkt, daß bei Santa Fe und etwas weiter nördlich„der Rio del Norte oft mehre Jahre nach einander mit ſo dickem Eiſe bedeckt ſei, daß es Pferden und Wagen einen Uebergang gewähre“— ein Umſtand, der für die Neu⸗Mejicaner kaum ein geringeres Wunder ſein würde als ein ähnliches Ereigniß in dem Hafen von Neu⸗York für deſſen Be⸗ wohner. Die große Erhöhung all dieſer Ebenen über das Felſenge⸗ birge iſt vielleicht die Haupturſache der außerordentlichen Trocken⸗ heit der Atmosphäre. Es giebt wenig Regen im Jahre, aus⸗ V 92 genommen vom Julius bis zum October, die ſogenannte Regen⸗ zeit, und da die Kaufleute vom Miſſouri gewöhnlich zu deren Anfang ankommen, ſo hat dieſes Zuſammentreffen beim Volke den Aberglauben erweckt, daß die Amerikaner den Regen bringen. In Zeiten der Trockenheit ſieht man daher mit Sehnſucht, wie den Spendern augenblicklicher Hilfe, der Ankunft der jährlichen Karawanen entgegen. Man hat nie eine genaue Volkszählung in Neu⸗Mejico vor⸗ genommen. Ueber die Ergebniſſe einer im Jahre 1832 verſuch⸗ ten äußert ſich der Staatsſecretair in Santa Fe wie folgt: „Gegenwärtig(1841) können wir die ſpaniſche oder weiße Be⸗ völkerung auf 60,000 Seelen anſchlagen, als Ueberreſt von den 72,000, die nach der vor ſieben bis acht Jahren unternommenen Zählung damals in Neu⸗Mejico lebten.“ Er ſchreibt dieſe bedeutende Abnahme dem Wüthen jener furchtbaren Krankheiten zu, von welchen bereits die Rede war. Die Verminderung der Bevölk⸗ erung durch dieſe Urſachen iſt jedoch übertrieben, und die Ver⸗ ſchiedenheit muß ihren Grund in der urſprünglichen Ungenauig⸗ keit der erwähnten Zählung haben. Wenn man die ununterjochten Wilden ausnimmt, ſo kann man nach den beßten Schätzungen, die ich habe erlangen können, die ganze Bevölkerung Neu⸗Mejicos mit Einſchluß der Pueblo⸗ Indianer nicht höher als 70000 Seelen angeben. Dieſe laſſen ſich folgender Weiſe vertheilen: weiße Creolen 1000, Meſtizen oder gemiſchte Creolen 59000, und Pueblos 10000. Die Zahl der naturaliſirten Bürger iſt ſehr gering— kaum zwanzig, und wenn man die durchreiſenden Kaufleute abrechnet, ſo giebt es nur doppelt ſoviel fremde Inwohner. Es giebt keine Neger in Neu⸗Mejico und folglich weder Mulatten noch Zambos. Der Ackerbau befindet ſich, wie faſt Alles in dieſem Lande, in einem ſehr urthümlichen unausgebildeten Zuſtande. Ein großer Theil der Landbauer bearbeitet ſein Land bloß mit der Hacke; ihre Pflüge, wenn ſie welche haben, werden nur bei weichem Boden benutzt, da ſie zu plump gebaut ſind, um irgend 93 irgend andere Dienſte thun zu können. Diejenigen, die ich ge⸗ ſehen habe, waren meiſt auf folgende Weiſe zuſammengfſetzt: man hatte ein Stück Baumſtamm, ungefähr acht bis zehn Zoll im Durchmeſſer, gegen zwei Fuß lang abgeſchnitten und einen kleinen Aſt als Handhabe daran gelaſſen, hiermit iſt eine Stange verbunden, an welche Ochſen gejocht ſind. Die Pflugſchar geht flach und macht eine Furche wie der gewöhnliche Schaufelpflug. Eben ſo verdient bemerkt zu werden, daß die Pflüge oft nur einzig und allein aus Holz beſtehen und nicht das mindeſte Ei⸗ ſen, nicht einmal einen Nagel, an ſich tragen. Die labores und milpas— bebaute Felder— ſind oft, ja ſehr gewöhnlich ohne Einfriedigung, die Eigenthümer von Vieh ſind deßhalb gezwungen, es von Hirten beſtändig beauf⸗ ſichtigen zu laſſen, denn für jede Betretung der Felder durch Heerden muß der Beſitzer der letzteren Strafe bezahlen; ſtatt daß daher, wie in den Vereinigten Staaten, der Landbauer genöthigt iſt, ſein Getreide gegen das Vieh zu ſchützen, müſſen die Vieh⸗ beſitzer ihr Vieh vor den Feldern ſchützen. Nur hier und da ſieht man eine mit Stangen, die auf Gabeln liegen, oder mit einer lockeren Hecke eingehegte Meierei, gelegentlich wohl auch Mauern. Die Nothwendigkeit der Bewäſſerung hat der Ackerbau haupt⸗ ſächlich auf die Thäler beſtändig fließender Flüſſe beſchränkt, und wird ihn ohne Zweifel auch für die Zukunft darauf beſchränken. An manchen Orten gehen die Ernten häufig durch das Aus⸗ trocknen der Flüſſe verloren; wo es aber hinreichendes Waſſer giebt, hat in der Bewäſſerung die Kunſt die Natur ſoweit er⸗ ſetzt, daß es faſt fraglich iſt, ob ein Einmiſchen der Natur in dieſe Sache nicht nachtheilig ſein würde. Der Landwirth braucht ſeine Felder nicht überfluten zu laſſen, wenn er das Waſſer ſel⸗ ber leitet, noch viel weniger braucht er ſie der Vertrocknung aus⸗ zuſetzen; er iſt daher ſeiner Ernte gewiſſer, als wenn er den Launen des Wetters in mehr begünſtigten landwirſchaſtlichen Gegenden ausgeſetzt wäre. 94 Eine acequia madre, d. h. ein Muttergraben, liefert ge⸗ wöhnlich hinlängliches Waſſer zur Bewäſſerung eines ganzen Tha⸗ les oder wenigſtens aller Felder einer Stadt oder Anſiedlung. Ein ſolcher Graben wird unter Oberaufſicht der Alcalden von der Gemeinde angelegt und erhalten, und es ſind Arbeiter dabei angeſtellt, wie anderwärts bei Landſtraßen. Die Größe dieſes Hauptgrabens richtet ſich natürlich nach der Größe des zu be⸗ wäſſernden Landes. Er wird über den höchſten Punkt des Thales geführt, der bei dieſen Gebirgflüſſen meiſt den Bergen zunächſt liegt, und von hier aus leitet jeder Eigenthümer einer Feldwirthſchaft einen kleineren Graben in ähnlicher Weiſe über die erhabenſte Stelle ſeiner Aecker. Wo kein großer Ueberfluß an Waſſer iſt, was beſonders an den kleineren Flüſſen vorkommt, hat jeder Feldwirth ſeinen Tag oder ſeine Stunden zur Be⸗ wäſſerung ſeiner Felder, und es iſt ihm nicht geſtattet, zu einer anderen Zeit aus der acecuia madre Waſſer zu ſchöpfen. So⸗ bald der Landwirth das Waſſer in ſeinen kleineren Graben ge⸗ laſſen hat, dämmt er ihn ab, erſt an einer Stelle, dann an ei⸗ ner anderen, ſo daß jedesmal ein Theil der Felder überrieſelt wird, und indem er mit ſeiner Hacke Erhöhungen beſeitigt und Löcher zuſcharrt, bewirkt er, daß das Waſſer gleichmäßig über die Oberfläche rinnt. Obgleich das Verfahren etwas beſchwerlich ſcheint, ſo kann doch ein geſchickter Bewäſſerer in einem Tage ſeine fünf bis ſechs Acker Feld bewäſſern, wenn es eben und Alles gut vorgerichtet iſt; auf unebenem Boden jedoch wird er kaum im Stande ſein, in gleicher Zeit halb ſo viel zu leiſten. Alle Hauptgräben im Thale des Rio del Norte werden aus dieſem Fluſſe hergeleitet, ausgenommen, wo ein ihm zufließendes Waſſer eine bequemere Benutzung erlaubt. Da die Ufer ſehr ſeicht ſind, der Fluß aber einen bedeutenden Fall hat, ſo wird das Waſſer bald auf die Oberfläche gebracht, mittels eines hori⸗ zontalen Grabens, der von einem Orte des Fluſſes ausgehend, wo das Waſſer nie verſiegt, längs einem geneigten Ufer hin⸗ 95 läuft, gewöhnlich ohne Damm, hier und da einen Steinhügel ausgenommen, um den Strom in den Kanal zu lenken. Die Haupterzeugniſſe des Landes ſind Mais und Weizen. Der erſtere wird ſehr reichlich zur Bereitung von„Tortillas“ verwendet, eine vom Volke ſehr geſuchte Speiſe, deren Gebrauch es von den Ureinwohnern ererbt hat. Das Korn wird mit et⸗ was Kalk in Waſſer gekocht, und wann es hinlänglich weich iſt, um es von den Hülſen zu reinigen, wird es auf einem metate*) zu Teig gerieben und in einen dünnen Kuchen geformt. Dieſer wird alsdann auf einer kleinen Eiſen⸗ oder Kupferplatte— Ko⸗ mal, von den Indianern Komalli genannt— über's Feuer ge⸗ ſetzt, und in weniger als drei Minuten iſt er gebacken und zu genießen. Die Dünnheit der Tortilla iſi ſtets ein großer Be⸗ weis von der Geſchicklichkeit der Köchin, und es wird in der Kunſt der Bereitung viel gewetteifert. Eine Art dünnen Mußes„Atole“ genannt, der aus Mais⸗ mehl bereitet wird, iſt eine andere Koſt, deren Bereitung von den Ureinwohnern ſtammt, und ſie iſt ſo gebräuchlich, daß man ſie im Norden häufig„el calé de los Mejicanos“, den Kaffee der Mejicaner nennt. Er iſt in der That das Frühſtück, Mit⸗ tag⸗ und Abendeſſen bei den niederen Klaſſen und bildet mit frijoles und nchile⸗Bohnen“ und rothem Pfeffer ihre haupt⸗ ſächliche Nahrung. Der unmäßige Gebrauch des rothen Pfef⸗ fers bei den Mejicanern iſt wirklich ſprüchwörtlich geworden. Es fehlt dieſes Gewürz in keinem Gerichte einer Mahlzeit und iſt oft ſo vorherrſchend, daß man nicht weiß, was für Speiſen man zu ſich nimmt. Er wird auch zu Brühe gerieben und in die⸗ ſer Geſtalt reichlicher verwendet als Butter. Chile verde, grüner Pfeffer, gilt nicht nur als bloße Würze, ſondern auch als Sa⸗ lat, den man auf verſchiedene Weiſe zubereitet, für die größte Leckerei. Aber ſo ſehr man den Geſchmack der Mejicaner in die⸗ *) Von dem indianiſchen Worte metatl, ein hohler länglicher Stein, der als Reibwerkzeug benutzt wird. 96 ſer Beziehung auch in Zweifel ziehen mag, ſo kann doch nie⸗ mand zögern, ihre unvergleichliche Chocolade zu preiſen, in deren Bereitung die Meiicaner ſicherlich jedes andere Volk übertreffen. Außerdem ſind noch mehre andere dem Lande eigenthümliche und von den Ureinwohnern angenommene Speiſen in Gebrauch, oft von kräftigem und vortrefflichem Geſchmack, und obgleich ge⸗ wöhnlich ſie den Fremden anfänglich nicht munden wollen, ſo finden dieſe doch zum größten Theil in kurzer Zeit die Gerichte höchſt wohlſchmeckend.—— Die Rancheros und alle niederen Klaſſen benutzen ſehr ſelten einen Tiſch zu ihren Mahlzeiten, eine Unbequemlichkeit, die ſehr wenig empfunden wird, weil die Speiſen in der Regel nach der Reihe jedem Gaſte auf einem einzelnen Teller zuge⸗ tragen werden, den man auf die Kniee nimmt. Meſſer und Ga⸗ beln werden ebenfalls für entbehrlich gehalten, indem die Spei⸗ ſen meiſt klein gehackt oder ſo weich gekocht werden, daß man ſie mit Löffeln eſſen kann. Dieſe werden häufig durch Tortillas erſetzt, wovon man ein Stück ſo geſchwind zwiſchen die Finger quetſcht, daß es für alles, ſei es noch ſo weich oder flüſſig, ei⸗ nen ziemlich brauchbaren Löffel bildet. So kann man mit Recht ſagen— wie es in der Geſchichte des morgenländiſchen Herr⸗ ſchers heißt— daß dieſe Rancheros zu jedem Mundvoll einen neuen Löffel nehmen; denn jedes Stück Tortilla wird mit der Subſtanz, die es zum Munde führt, hinunter geſchluckt. Die ſeltſame Sitte, während der Mahlzeit ſich jedes Ge⸗ tränkes zu enthalten, hat mich häufig nicht wenig beluſtigt; ob⸗ gleich vor jedem Gaſte ein großer Becher mit Waſſer ſteht, ſo iſt es doch gegen allen Gebrauch, zu trinken, ehe das Mahl beendigt iſt, und wenn irgend jemand während des Eſſens danach grei⸗ fen ſollte, ſo iſt der Wirth im Stande und ruft:„Halt, halt, es kommt noch mehr!“ Ich habe mich nie über die Bedeutung dieſer Eigenthümlichkeit vollkommen belehren können; aus der Strenge jedoch, womit man ſie beobachtet, muß man natürlich vermuthen, daß jeder Trunk während des Eſſens für höchſt — 97 ungeſund gehalten wird*). Die Neu⸗Mejicaner trinken nur we⸗ nig Wein bei Tiſche und ausſchließend das Gewächs von Paſo del Norte. Doch kehren wir zu den Erzeugniſſen des Bodens zurück. Baumwolle wird nur ſparſam gebaut, obgleich ſie von jeher in dem Lande für einheimiſch gegolten hat und die ehemaligen Ma⸗ nufacturen der Ureinwohner beweiſen, daß ſie es vorzugweiſe in dieſer Provinz geweſen. Flachsbau wird gänzlich vernach⸗ läſſigt, und dennoch findet man eine Pflanze, die dem linum usitatissimum vollkommen ähnlich iſt, in großem Ueberfluß in oielen Gebirgsthälern. Die Kartoffel— la papa— obgleich erſt ſehr ſpät in dieſem Lande angebaut, iſt ohne Zweifel ein einheimiſches Gewächs, indem ſie in einer Art von Naturzuſtand ſehr klein, ſelten größer als Lambertsnüſſe— in vielen Gebirgs⸗ thälern gefunden wird. Es ſcheint ſonach, daß dieſe treffliche Frucht nicht ausſchließend in Süd⸗Amerika heimiſch war, wie heutiges Tages die Meinung geht. So allgemein der Gebrauch des Tabaks unter dieſem Volke auch iſt, ſo wird doch nur we⸗ nig gebaut, und dieſer iſt hauptſächlich von leichter und ſchwacher Art, aber ebenfalls einheimiſch und wird an einigen Orten wild wachſend gefunden. Das Volk mag ſich vorzüglich durch das Monopol der Föderativ⸗Regierung abhalten laſſen, dem Tabakbau ſeine Aufmerkſamkeit zu ſchenken; denn obgleich die Tabakgeſetze in Neu⸗Mejico nicht vollzogen werden— indem es hier kein Estanquillo d. h. öffentliches Vorrathhaus giebt, ſo kann doch das Volk ſein Product nirgend anders als in der Republik zum Verkauf bringen, ohne ſofortige Beſchlagnahme zu wagen. Ein anderes Hemmniß, das dieſem wie jedem anderen Zweige des Ackerbaus in Neu⸗Mejico entgegenwirkt, iſt der Mangel aller *) Nicht minder ſeltſam kommt es dem Fremden in dieſem Lande vor, daß die Frauen ſelten mit den Männern offen— wenig⸗ 2 ſtens nicht in Gegenwart von Fremden— ſondern gewöhnlich in der Küche ihre Mahlzeit zu ſich nehmen. Gregg, Karawanenzüge 1. 7 98 ſchiffbaren Flüſſe, als billiger und bequemer Mittel zur Ver⸗ ſendung auf entfernte Märkte. So berühmt die mejicaniſche Republik ihres Obſtes wegen auch geweſen iſt, dieſe Provinz hat ſeltſamer Weiſe nichts von dergleichen aufzuweiſen. Zufällig ſtößt man wohl auf einige Obſtgärten mit Aepfel⸗, Pfirſich⸗ und Aprikoſenbäumen, aber ſie haben nur Werth in Ermangelung beſſerer. Im Thale des Rio del Norte findet man auch einige kleine Weinberge, aber die Traube gedeiht hier nicht wie zu El Paſo. Einheimiſche wilde Früchte gehören nicht zu den Selten⸗ heiten; ein deutlicher Beweis, daß der Mangel an angebauten Früchten nicht Fehler der Natur, ſondern vielmehr die Folge der Vernachläſſigung von Seiten des Volkes iſt. Die Stachel⸗ birn findet man in großem Ueberfluß und in verſchiedenen Ar⸗ ten, und obgleich ſie weder geſund noch wohlſchmeckend iſt, wird ſie dennoch viel gegeſſen. Es giebt nur wenig Holz in Neu⸗Mejico, ausgenommen in den Gebirgen und an den Ufern der Flüſſe; die Hochebenen und Thäler ſind gewöhnlich offene Prairieen. Ueberdieß bieten die Waldungen im ganzen Norden von Mejico nur eine ſpär⸗ liche Verſchiedenheit in den Arten der Hölzer dar, worunter die gewöhnliche Harztanne am meiſten vorherrſchend iſt. Der Baum, welcher dem Lande hauptſächlich eigen zu ſein ſcheint, iſt eine Art Fichte, pifion genannt, die in der Regel bis zu einer Höhe von zwan⸗ zig oder dreißig Fuß wächſt und immer grüne, kaum einen Zoll lange Nadeln trägt. Aus der Rinde dieſes Baumes ſchwitzt eine Art Terpentin, ähnlich dem Fichtenharz, vielleicht nur weniger harzig. Das Holz iſt weiß und veſt und wird viel zur Feuerung benutzt. Doch das Merkwürdigſte an dieſem Baume iſt ſeine Frucht, die unter demſelben Namen bekannt iſt. Es iſt eine kleine Nuß ungefähr von der Größe einer türkiſchen Bohne, mit einem öligen wohlſchmeckenden Kern in einer dünnen Schale und wird, außer daß die Eingeborenen ſte ſehr viel eſſen, jährlich in großen Maſſen nach den ſüdlichen Städten ausgeführt. 99 Der Mezquite⸗Baum in Tejas, wo er einiger Berühmtheit genießt, gewöhnlich„Muskit“ genannt wächſt in einigen der fruchtbaren Thäler von Chihuahua bis zur Höhe von dreißig zu vierzig Fuß mit einem Stamm von ein bis zwei Fuß im Durchmeſſer. Das Holz giebt vortreffliche Feuerung; aber es wird ſelten zu anderen Zwecken benutzt, denn es iſt krumm, knotig und ſehr hart und ſpröde. An den Flüſſen giebt es, außer Baumwollenbäumen, die ſpärlich an den Ufern zerſtreut ſtehen, wenig Holz. Die Ufer des Rio del Norte nd jetzt faſt völlig nackt auf der ganzen Strecke durch die Anſtedlungen, und die Einwohner müſſen ih⸗ ren Feuerungbedarf aus den fernen Gebirgen holen. 4 Uunter den wilden Erzeugniſſen Neu⸗Mejicos darf nicht die „Palmilla“ vergeſſen werden, eine Art Palmetto, die man Sei⸗ fenpflanze nennen könnte. Ihre Wurzeln geben gekocht, wie die einer anderen Art, Palma genannt, eine ſeifenartige Maſſe, die von den Eingeborenen zum Waſchen der Kleider ſehr viel ge⸗ braucht wird und zur Reinigung von Wollenzeuchen der Seife ſelbſt vorzuziehen ſein ſoll.. Aber das wichtigſte einheimiſche Produkt des neu⸗mejicani⸗ ſchen Bodens ſind ſeine Triften. Die meiſten Hochebenen bieten das herrlichſte Weideland von der Welt, währ⸗ end ſie aus Mangel an Waſſer für jede andere Benutzung untauglich ſind. Jene ſpärliche Feuchtigkeit, die hinreicht, die Be⸗ natürliche Vegetation hervorzubringen, iſt ohne Hilfe von wäſſerungen nicht genügend für landwirthſchaftliche Erzeugniſſe. Jene lieblich blühenden und duftenden Pflanzen, weßhalb die Gränzprairieen der Vereinigten Staaten ſo berühmt ſind, findet man nicht auf dieſen Hochebenen, meiſt nur verſchiedene Arten eines ſehr nahrhaften Graſes, grama genannt, von kurzer lockiger Beſchaffenheit. Da das Hochland, das allein dieſe Grasart her⸗ vorbringt, ſelten eher als bis nach der Regenzeit grün wird, ſo iſt das grama nur vom Auguſt bis zum Oectober in ſeines 7 b 100 Vollkommenheit. Obgleich die Winter ſtrenge ſind, ſo iſt doch die Stallfütterung der Heerden faſt unbekannt in Neu⸗Mejico, und ſo ungeheuer viele es deren auch giebt, ſo erhalten ſie ſich doch während der kalten Jahreszeit in vorzüglichem Zuſtande allein auf dem trockenen Weideland, bis im nächſten Sommer der Regen aufs Neue das grüne Gras hervortreibt. 6* — Achter Abſchnitt. Die Minen von Neu⸗Mejico.— Ihre Verbergung durch die Indianer. — Trümmer von d Gran Quivira.— Alte Minen.—„Place⸗ res“— Ueble Folgen amtlicher Einmiſchung.— Die„Gambuci⸗ nos.“— Gold überall in Neu⸗Mejico.— Silberminen.— Kup⸗ fer, Zink und Blei.— Schwefelquellen.— Gips und verſteinerte Bäume.— Die Sage erzählt von zahlreichen und ergiebigen Minen, die vor der Austreibung der Spanier im Jahre 1680 in Neu⸗Mejico bearbeitet worden; aber ſie erzählt auch, daß die Indianer er⸗ kannten, wie die Gier ihrer Beſieger die Urſache der grauſamen Unterdrückungen geweſen war, die ſie erduldet hatten, und deß⸗ halb alle Minen durch Verſchüttung zu verbergen und ſoviel als möglich jede Spur derſelben zu vertilgen beſchloſſen. Dieß wurde ſo erfolgreich bewerkſtelligt, daß nach der zweiten Eroberung— da die Spanier zu gleicher Zeit eine Reihe von Jahren den Bergwerken keine Aufmerkſamkeit geſchenkt— die folgenden Ge⸗ ſchlechter ſie niemals wieder entdecken konnten. Es herrſcht 5 wirklich unter der ſpaniſchen Bevölkerung allgemein der Gla⸗ be, daß die Pueblo⸗Indianer noch heutiges Tages die Lage jener großen Anzahl wundervoller Minen kennen, dies Geheimniß aber aufs ſtrengſte bewahren. Das Gerücht ſagt fetner, die Alten und Weiſen der Pueblos belehrten von Zeit zu Zeit die Jugend über dieſe Sache und warnten ſie, den Spaniern die Minen zu entdecken, damit nicht die Grauſamkeiten der erſten Sieger an ihnen erneuert und ſie gezwungen würden, wie ehemals in die⸗ ſen Gruben ſich zu plagen und zu dulden. Um die Bewahrung 1 des Geheimniſſes noch ſicherer zu machen, ſollen ſie auch noch den Aberglauben zu Hilfe genommen haben, indem ſie behaupten, daß der Indianer, der die Lage jener verborgenen Schätze ver⸗ rathe, ſicherlich durch den Zorn ihrer Götter untergehen werde. Die Leichtgläubigkeit des Volkes benutzend, macht ſich zuwei⸗ len ein ſchelmiſcher Indianer den Spaß, daß er vorgiebt, einige der verſteckten Fundgruben entdecken zu wollen. So erklärte ſich ein ſchalkhafter Wilder dieſer Art bereit, ein Thal zu zeigen, wo man das Jungfergold korbweiſe einſammeln könnte. An ei⸗ nem dazu beſtimmten Sonntagmorgen brach der kichernde India⸗ ner auf, und hinter ihm her zog eine Schaar Mejicaner mit Maulthieren und Pferden und einer großen Anzahl Mehlſäcke, um die goldenen Vorräthe heimzuſchaffen. Doch als die Schat⸗ ten des Abends kamen, entdeckte der Wilde ſeinen Begleitern, es ſei ihm, als könne er den Ort nicht finden. Es iſt jedoch nicht wahrſcheinlich, daß die Urbewohner den zehnten Theil von der Kenntniß dieſer alten Quellen des Reich⸗ thums beſitzen, die man ihnen zutraut; aber daß einſt viele koſt⸗ bare Minen in dieſer Prooinz bearbeitet wurden, das wird nicht nur durch Ueberlieferung, ſondern durch beglaubigte Berichte und viele noch vorhandene Ueberreſte zur Genüge bewieſen. In allen Theilen des Gebietes ſtößt man noch immer auf Spuren ehe⸗ maliger Aushöhlungen und hier und da auf die Trümmer be⸗ deutender Städte, die offenbar des Bergbaus wegen erbaut rden waren. Hierunter ſind die merkwürdigſten die Ueberreſte 8n La Gran Quioira, ungefähr hundert Meilen ſüdwärts von Santa Fe. Dieß ſcheint eine anſehnliche Stadt geweſen zu ſein, bei weitem größer und reicher, als die heutige Hauptſtadt Neu⸗Mejicos jemals geweſen iſt. Noch immer ſtehen viele Mauern, beſonders von Kirchen, aufrecht inmitten der Verwüſtung, die ſie umgiebt, als wäre ihre Heiligkeit ein Schild geweſen, gegen welchen die Zeit vergebens ihre Streiche führte. Die Bauart übertrifft durchgängig Alles, was gegenwärtig nördlich von Chihuahua zu finden iſt; die Gebäude waren aus zugehaue⸗ 103 nen Steinen gebaut, ein in Neu⸗Mejico völlig ungebräuchliches Baumaterial. Merkwürdiger aber iſt, daß es innerhalb zehn Meilen von den Trümmern kein Waſſer giebt; aber man findet verſchiedene Steineiſternen und Ueberreſte von acht bis zehn Mei⸗ len langen Aquaducten, die von den benachbarten Gebirgen aus⸗ laufend, ohne Zweifel von dorther Waſſer zuführten; und da ſich keine Spur entdecken läßt, daß die Bewohner jemals ſich mit Ackerbau beſchäftigt haben, ſo iſt ſchwer zu begreifen, was anders als die Nähe einiger koſtbaren Minen zur Erbauung ei⸗ ner Stadt in einer ſo dürren und waldloſen Ebene wie dieſe hätte veranlaſſen können. Nach dem eigenthümlichen Charakter und den Ueberreſten der Ciſternen ſcheint ein Placer der Be⸗ triebsgegenſtand geweſen zu ſein, das heißt eine Mine mit Gold⸗ ſtaub, der mit Erde vermiſcht iſt. Doch ohne Zweifel hat man in den benachbarten Gebirgen auch andere Minen bearbeitet, da noch viele geräumige Gruben, wie man ſie gewöhnlich anlegt, wenn man auf Silbererz u. ſ. w. baut, zu finden ſind; und überdieß ſollen an manchen Stellen auch Haufen von Schlacken liegen. Einige haben dieſe Trümmer für die Ueberreſte eines alten Pueblo oder einer Stadt der Urvölker gehalten. Dieß iſt jedoch nicht wahrſcheinlich; denn wenn man auch die Trümmer urvöl⸗ kerlicher Tempel möglicher Weiſe für die Ueberreſte katholiſcher Kirchen halten mag, ſo läßt ſich doch nicht annehmen, daß man ſpaniſche Wappen an ihren Fagaden finde, wovon es mehre Beiſpiele giebt. Nach den vernünftigſten Angaben war es eine reiche ſpaniſche Stadt vor dem allgemeinen Blutbade des Jahres 1680, wo bis auf einen einzigen, wie die Sage geht, die ganze Einwohnerſchaft ihren Untergang fand, während ihre ungeheueren Schätze unter den Trümmern begraben wurden. Einige leicht⸗ gläubige Abenteurer haben neuerlich an der Stelle Nachſuchung nach den lange verlorenen Koffern gehalten, aber bis jetzt hat noch keiner etwas gefunden. In der Rähe ſind noch einige an⸗ dere Trümmer ähnlicher Art, aber von geringerem Umfange; die 104 bedeutendſten darunter ſind die Ruinen von Abö, Tagique und Chilili, wovon das letztere von den Mejieanern jetzt wieder angebaut wird. Die Minen von Cerrillos, zwanzig Meilen ſüdlich von Santa⸗ Fe ſind trotz ihrem unbezweifelten Alter, allem Anſchein nach in dieſem Jahrhundert in einiger Ausdehnung bearbeitet worden. Man hat ſie ſeit Menſchengedenken wieder geöffnet, doch da das Unternehmen wenig Erfolg hatte, ſie wieder aufgegeben. Unter den zahlreichen Gruben, die man noch an dieſem Orte findet, iſt eine von ungeheuerer Tiefe in veſten Felſen gegraben, die nicht weniger als 100,000 Dollars gekoſtet haben kann. In den Gebirgen von Sandia, Abiquiä und beſonders von Picuris und Embudo giebt es ebenfalls zahlreiche Eingrabungen von be⸗ deutender Tiefe. Vor einigen Jahren unternahm es ein ſpeculativer Amerikaner, eine der Gruben bei Picuris wieder aufzugraben; aber nachdem er bis zu einer Tiefe von mehr als hundert Fuß gelangt war, ohne den Grund der urſprünglichen Eingrabung er⸗ reicht zu haben, gab er aus Mangel an Mitteln ſein Unter⸗ nehmen auf. Seitdem ſind noch andere Verſuche gemacht worden, aber mit eben ſo wenig Erfolg. Ob an ſolchem Mißlingen Mangel an Vermögen und Ausdauer Schuld iſt, oder ob die Erzadern von den erſten Anbauern erſchöpft worden ſind„ müſſen zukünf⸗ tige Unternehmungen lehren. Die einzigen ergiebigen Minen in Neu⸗Mejico ſind heutiges Tags die Goldminen, wovon„El Real de Dolores“, allgemein aber unter dem bezeichnenden Namen„El Placer“ bekannt, eine der bedeutendſten iſt. Dieſe Mine liegt in einem niedrigen ab⸗ geſonderten Theile des Gebirges, ſieben und zwanzig Meilen ſüd⸗ lich von der Hauptſtadt. Im Jahre 1828 kam eines Tages ein Sonorefio, der ein in den Gebirgen verirrtes Maulthier ver⸗ folgte, an dieſe Stelle, und zufällig einen Stein aufhebend, ent⸗ deckte er ſogleich, daß dieſer derſelben Klaſſe angehörte, wie man ſte in den Goldregionen von Sonora findet. Nach näherer Un⸗ terſuchung entdeckte er verſchiedene Theilchen Gold, und dieſer 105 Fund verfehlte nicht, einige Anregung im Lande hervorzubringen. Der Ertrag, den man in den erſten zwei bis drei Jahren dieſen Minen abgewann, war allerdings ſehr unbedeutend; aber man erreichte den Zweck, die Güte des Metalls zu erforſchen, das von ungewöhnlicher Reinheit war, und es wurde daher bald ein Verkehr mit fremden Kaufleuten eröffnet. Die Goldmaſſe, die man zwiſchen den Jahren 1832 und 1835 gewann, kann ſich auf nicht weniger als 60,000— 80,000 Dollars jährlich belaufen haben. Seit dieſer Zeit jedoch iſt ein bedeutendes Sinken eingetreten und einige Jahre nur ein Werth von 30,000— 40,000 Dollars verarbeitet worden. Trotzdem aber will man wiſſen, daß der ganze Gewinn ſeit der erſten Ent⸗ deckung mehr als eine halbe Million Dollars betragen habe. Die Verminderung der Ausbeute in den letzten Jahren iſt mehr dem Mangel an Ausdauer und Unternehmungsgeiſt als einer Er⸗ ſchöpfung des koſtbaren Metalles zuzuſchreiben, da nur erſt ein kleiner Theil der„Goldgegend“ ausgegraben iſt, und die Erfahr⸗ ung gezeigt hat, daß der„Staub“ an einem Orte derſelben ſo gut wie an jedem anderern ſich findet. Die beßten Gruben in der unmittelbaren Nähe des Waſſers ſind jedoch trefflich ausge⸗ beutel und die Berge und Thäler an manchen Stellen wirklich durchlöchert wie eine Honigſcheibe. Einige haben die Idee gehabt, daß das Gold dieſer Gegend urſprünglich an einem beſonderen Orte aufgeſpeichert gelegen habe, durch einen vulkaniſchen Ausbruch aber auf dieſe Weiſe über das Land zerſtreut worden ſei. Hat man bei dieſen Eingrabungen eine Tiefe erreicht, die eine Leiter unentbehrlich macht, ſo haut man Stufen in einen zehn bis fünfzehn Fuß langen Stamm und ſetzt ihn in diago⸗ naler Richtung in die Oeffnung. Sobald die Grube tiefer wird, läßt man einen neuen hinab, ſo daß nach und nach eine etwas unſichere Zickzacktreppe entſteht, die der gewandte Bergmann hinab und herauf ſteigt, ohne ſelbſt ſeine Hände dabei zu be⸗ nutzen, obgleich er eine große Laſt von Erde auf ſeinen Schultern 106 trägt. Auf dieſe Weiſe wird dieſer Schutt größtentheils aus der Erde gebracht, denn Winden und Maſchinen irgend welcher Art werden ſelten angewendet. Gewöhnlich wird die Winterzeit von den Arbeitern vorgezo⸗ gen, weil dann die Goldwaſcher ſtets Waſſer in der Nähe ha⸗ ben; denn der Mangel an dieſem Element bei den Gruben bil⸗ det zu jeder anderen Jahreszeit ein faſt unbeſtegbares Hinderniß. Im Winter nämlich gewinnt man Waſſer, indem man eine Maſſe Schnee in eine Vertiefung wirft, worin heiße Steine liegen. Das Waſchen wird ſehr häufig von den Weibern und Kindern der Arbeiter verrichtet. Ein rundes hölzernes Gefäß, „Patea“ genannt, dient zum Waſchfaß, das ſie mit der Gold⸗ erde anfüllen und dann in den Pfuhl Schneewaſſer tauchen. Sie rühren hierauf mit ihren Händen ſo lange, bis der lockere Schmuz davon ſchwimmt und das Gold auf dem Boden bleibt. Man hat einige Verſuche gemacht, mit Maſchinerie zu waſchen, bis jetzt aber noch ohne Erfolg, theils weil es an Waſſer, eben ſo ſehr aber vielleicht weil es an Beharrlichkeit fehlt und weil man den Fremden, welche am Ende die einzigen ſind, die je⸗ mals dergleichen Verbeſſerungen verſucht, zu despotiſche Beſchränk⸗ ungen auferlegt. Als der„Placer“ in ſeiner größten Blüthe war und den Unternehmern bedeutenden Gewinn brachte, ſtieg das„Minir⸗ Fiber“ zu einer ſolchen Höhe unter den Neu⸗Mejicanern, beſon⸗ ders unter den Regierungsbeamten, daß jeder die Pforten zur Aufhäufung fürſtlicher Reichthümer für ſich geöffnet ſah. Doch damit nicht auch Fremde die Schätze dieſer Gebirge theilten, ſo erſchien eine Verordnung, welche nur Einheimiſchen die Bearbeitung von Minen geſtattete und auf dieſe Weiſe die⸗ jenigen, welche bereits begonnen und bedeutende Koſten darauf verwendet hatten, mit Verluſt ihrer Mühe und Auslagen ihre Arbeit aufzugeben zwang. Politiſche Beſchränkungen dieſer Art haben die Amerikaner entmuthigt, fernere Verſuche zu machen, obgleich das Verbot 107 nicht mehr vollzogen wird. Ließe ſich irgend einiges Vertrauen in die Redlichkeit der Regierung ſetzen, ſo könnte man, wie ich nicht zweifle, mit einem hinreichenden Kapital und mit Hilfe von Maſchinen— wie man ſie in den Minen von Georgia und Carolina benutzt— die alten Gruben dieſer Provinz wieder öffnen und eine große Anzahl von„Placeres“ ſehr umfänglich und gewinnreich bearbeiten. Doch wie Neu⸗Mejico jetzt regiert wird, ſo iſt für ein Unternehmen dieſer Art keine Sicherheit vorhanden; denn der gute Erfolg eines fremden Unternehmers iſt jederzeit in Gefahr, durch den Neid der Regierung gehemmt zu werden, wie zahlreiche Beiſpiele beweiſen. Die Goldgegenden ſind größtentheils eine Art gemeinſchaft⸗ lichen Eigenthums und ſind meiſt von einer ſehr bedürftigen Volksklaſſe beſtellt worden, die man gewöhnlich„Gambucinos“ nennt, der Name unbedeutender Bergknappen, die für ihren eigenen Gewinn arbeiten. Hierunter ſind ſehr ſelten Fremde zu finden; denn bei der jetzigen einfachen Art zu arbeiten, iſt der Gewinn zu klein und zu unſicher, um den unabhängigen amerikaniſchen Arbeiter anzulocken, der ſelten für weniger als einen Dollar den Tag, alle Ausgaben abgerechnet, arbeiten will, während der mejicaniſche„Gambucino“ mit zwei bis drei Realen zufrieden iſt, wovon das Meiſte für Nahrungmittel darauf geht. Es führen dem⸗ nach dieſe Bergknappen ein elendes Leben. Wann die Mittel ſpär⸗ lich ſind, erhalten ſie ſich oft von einem einzigen Real für den ganzen Tag, indem ihre gewöhnliche Nahrung aus Brot und einer Art ſchlechten Kuchenzuckers,„Piloncillo“ genannt, zuweilen wohl auch noch aus etwas Ranchero⸗Käſe beſteht; aber wie es ſcheint, ſind ſie vollkommen zufrieden. Um unter einer ſo gemiſchten Menge, wie man ſie an den Minenplätzen findet, Uneinigkeiten zu vermeiden, hat man einige Municipal⸗Verordnungen ergehen laſſen, nach welchen Jeder auf freiem Grund und Boden eine Grube anlegen kann, einer anderen aber nicht weiter als bis auf zehn Schritt ſich nähern darf, während auch er zu einem gleichen Umfang nach allen Richt⸗ 108 ungen hin berechtigt iſt, ſobald nicht ältere Anſprüche ihm im Wege ſtehen. Doch wenn der Eigenthümer für eine gewiſſe Zeit ſeine Grube verläßt, ſo kann jeder, dem es beliebt, Beſitz da⸗ von nehmen. Außer dem„Placer,, von welchem ich bereits geſprochen habe, hat man neuerlich noch andere in derſelben Gebirgsſchicht nach Süden hin entdeckt, wovon einer jetzt ſehr bedeutend bear⸗ beitet wird und bereits mit Kramladen aller Art angefüllt iſt, wo man das gewonnene Gold entweder verkauft oder eintauſcht. Die Gambucinos, welchen in der Regel alle anderen Hilfmittel mangeln, ſind oft genöthigt, ihr Gold täglich abzuſetzen, und ſehr häufig in Theilchen, die nur einige Cents*) an Werth haben. Auch in den Gebirgen von Abiquiu, Taos und anderswo hat man„Placeres“ entdeckt und ſie ziemlich benutzt. In der That, die Einwohner haben recht, wenn ſie ganz Neu⸗Mejico einen „Placer“ nennen, da Spuren von Gold faſt auf der ganzen Ober⸗ fläche des Landes zu entdecken ſind. Die früher herrſchende Mein⸗ ung, daß Gold nur in ſüdlichen Himmelsgegenden zu finden ſei, ſcheint hier völlig widerlegt zu werden; denn an einem Punkte, „Sangre de Criſto“ genannt, der bedeutend nördlich von Taos — über dem 37. Breitengrad— liegt und der wegen ſeiner Lage in den Schneegebirgen dieſer Gegend die Hälfte des Jahres mit Eis bedeckt iſt, hat man einen ſehr reichen„Placer“ ent⸗ deckt, der jedoch eben jener ausgeſetzten Lage wegen wenig ge⸗ nutzt wird. In dem letzten Jahrhundert ſind in Neu⸗Mejico keine Sil⸗ berminen mit Erfolg bearbeitet worden. Vor einigen Jahren entdeckte man bei dem Dorfe Manzano, in den Gebirgen von Tomé, eine Silberader, die gewinnreich zu werden verſprach; doch als das Erz geprüft wurde, fand man das Geſtein ſo hart, daß man alle weiteren Verſuche aufgegeben hat. *) Ein CEent gleich„az Dollar. 109 5 Außer Gold und Silber giebt es an vielen entlegenen Orten auch Kupfer⸗, Zink und Bleierz, obgleich das letztere ſo ſehr mit Kupfer und anderen harten Metallen vermiſcht iſt, daß es zu den gewöhnlichen Zwecken ſich kaum benutzen läßt. An Eiſen fehlt es gleichfalls nicht. Nächſt den Metallminen, die entdeckt ſind oder in den Ge⸗ birgen Neu⸗Mejicos noch verborgen liegen, ſind die Salzgruben oder Salzlachen, wie man ſie dielleicht nennen würde— die „Salinas“ von nicht geringer Wichtigkeit. Ziemlich hundert Mei⸗ len ſüdlich von der Hauptſtadt, auf jenem hohen Tafelland zwi⸗ ſchen dem Rio del Norte und Pecos giebt es einige bedeutende Salzweiher, die einen unerſchöpflichen Vorrath dieſes unentbehr⸗ lichen Bedürfniſſes nicht allein für dieſe Provinz, ſondern zum Theil auch für die benachbarten Diſtricte liefern. Die größte dieſer„Salinas“ hat fünf bis ſechs Meilen im Umfang. Die beßte Jahreszeit zur Sammlung des Salzes ſind die trocknen Monate, wo die Weiher nur wenig Waſſer enthalten; aber ſelbſt wenn ſie überſchwemmt find, läßt ſich das Salz vom Grunde heraufſchaufeln, wo es in ungeheueren Schichten, an manchen Stellen bis zu einer unbekannten Tiefe, verwahrt liegt. Getrock⸗ net iſt es dem Steinſalz ähnlich. Das beßte jedoch ſteigt als Schaum zur Oberfläche des Waſſers. Die„Salinas“ ſind öffentliches Eigenthum, und die Einwoh⸗ ner kommen zu verſchiedenen Zeiten des Jahres dorthin, aber ſtets in Karawanen zum Schutz gegen die Wilden der Wüſte, in welcher die Teiche gelegen ſind. Obgleich dieſes Salz nichts koſtet, als die Mühe es wegzuſchaffen, ſo ſind doch die Gefahren vor den Indianern und die Beſchwerden eines Auszugs nach den„Salinas“ ſo groß, daß man in der Hauptſtadt ſelten we⸗ niger als einen Dollar für den Scheffel bezahlt. Auf derſelben großen Ebene, noch hundert Meilen weiter ſüdwärts, giebt es noch eine andere Saline von derſelben Art. Bei dieſem Gegenſtande kann ich mir eine kurze Bemerkung über die Mineralquellen Neu⸗Mejicos nicht verſagen. Es beſitzt 110 verſchiedene warme Quellen(ojos calientes), deren in der Regel ſchwefelhaltiges Waſſer zur Heilung von Rheumatismen und an⸗ deren chroniſchen Krankheiten für höchſt wirkſam gehalten wird. Einige ſind lebhafte Sprudler und haben eine höchſt angenehme Badetemperatur; im Weſten der Provinz jedoch findet man eine Ouelle, die, ſpärlich aus den Felſenritzen fließend, ſo heiß iſt, daß. man jede Speiſe darin kochen kann. Seltſam genug, entſpringt wenige Schritte davon eine andere, die vollkommen kalt iſt. 8 Neu⸗Mejico bietet viele intereſſante geologiſche Erzeugnifſe dar, worunter der„Yeſo“ oder Gips, den es an manchen Orten in großer Maſſe giebt, für die Bewohner das Nützlichſte iſt. Da man ihn in blätterigen Stücken findet, die aus Scheiben zu⸗ ſammengeſetzt ſind, welche man mit einem Meſſer ſehr leicht in Platten— von der Stärke des Papiers bis zur Stärke des Fenſterglaſes, und eben ſo durchſichtig als letzteres— durch⸗ ſchneidet, ſo benutzt man ihn in den Ranchos und Dörfern zu Fenſterſcheiben, die er recht gut erſetzt. An verſchiedenen Orten ſtößt man auf einige treffliche Proben verſteinerter Bäume. Zwiſchen Santa Fe und dem„Placer“ giebt es einen, der ſeit ſeiner Verſteinerung in Stücke zerbrochen liegt, aber jeden Knorren, jeden Riß und jeden Splitter wie im na⸗ türlichen Zuſtande zeigt. Man ſagt, daß in der Nähe von b Galiſteo einige dergleichen Baumverſteinerungen noch aufrecht ſtehen. Neunter Abſchnitt. Hausthiere.— Pferde.— Maulthiere und ihre Bepackung.— Die Arrieros.— Die„Mulera“ oder Glockenſtute.— Der Lazo und ſeine Anwendung.— Lächerliche Gebräuche in Bezug auf das Eigenthumsrecht der Thiere.— Der„Burro.“— Hirten und die wandernden Heerden der Ebenen.— Der Schafhandel.— Räubereien der Indianer.— Vortreffliches Fleiſch— Ziegen.— Wilde Thiere.— Wilde Vögel und Reptilien.— Die Honig⸗ birnen. Nichts iſt im Kreiſe meiner Beobachtungen in Neu⸗Mejico mir mehr aufgefallen als die geringe Sorgfalt, die man hier auf die Vervollkommnung der Hausthiere wendet. Während andere Nationen wahrhaft wahnſinnig geworden ſind in ihren Verſuchen, die Racen ihrer Pferde zu verbeſſern und alle vier Welttheile nach dem beßten Blute und den beßten Stammbäumen durchſucht haben, überlaſſen die Neu⸗Mejicaner— mit Recht berühmt we⸗ gen ihrer Reiterkunſt, und dem Reiten ſo leidenſchaftlich ergeben, daß man ſie ein Centaurenvolk genannt hat— die Fortpflanzung ihrer Pferde ausſchließend dem Zufall, indem ſie ihre ſchönſten und beßten Roſſe zu Sattelpferden wählen. Die Race ihrer Pferde iſt dieſelbe, die wild in den Prai⸗ rieen herumläuft und unter dem Namen„Muſtang“ bekannt iſt. Obgleich in der Regel ſehr klein, ſind ſie doch flüchtig, lebendig und voll Feuer, und würden ſie nicht gewöhnlich durch das Zäh⸗ men zu ſehr verderbt, ſo möchten ſte ohne Zweifel eben ſo aus⸗ dauernd und langlebig ſein als irgend jede andere Race. Es giebt Cäballos de silla, oder Sattelpferde, die ſo merkwürdig gut abgerichtet ſind, daß ſie bei dem geringſten Winke plötzlich wie eingewurzelt ſtehen bleiben, ohne Beben gegen eine Mauer ſprengen und ſelbſt verſuchen, hinanzuklimmen. Dieſe geringe Aufmerkſamkeit, die man in Neu⸗Mejico der Pferdezucht widmet, mag vielleicht dem Umſtande zuzuſchreiben ſein, daß das Volk, durch die ſteten Beraubungen der feindlichen Indianer für ſein Lieblingsgeſchäft entmuthigt, bis jetzt ſeine ganze Sorgfalt auf die Zucht der Maulthiere gerichtet hat. Dieſes Thier iſt in der That für den Mejicaner, was das Kameel jeder⸗ zeit für den Araber geweſen iſt— unſchätzbar für die Fortſchaff⸗ ung von Laſten durch ſandige Wüſten und über Gebirgspfade, wo keine anderen Transportmittel ſich anwenden ließen. Die Maulthiere reiſen viele hundert Meilen mit einer Bürde, die häufig drei⸗ bis vierhundert Pfund wiegt. Der„Aparejo“ oder Packſattel, wenn man es ſo nennen kann, iſt ein großes ledernes, mit Heu gepolſtertes Kiſſen, das den Rücken des Thieres bedeckt und auf beiden Seiten bis zur Hälfte herabreicht. Dieſes Polſter ſchnürt man mit einem Gurt von Seegras ſo veſt, daß der Leib des armen Thieres bis zur Hälfte ſeines natürlichen Umfanges zuſammengepreßt wird. Die Maulthiertreiber behaupten, daß ein veſt zuſammenge⸗ ſchnürtes Thier beſſer laufe oder wenigſtens Laſten mit größerer Leichtigkeit trage, und obgleich ſie hierin zu weit gehen, ſo läßt ſich doch kaum bezweifeln, daß eine mäßige Spannung den Mus⸗ keln eine größe Stärke verleiht. Es iſt ferner auch um deßwil⸗ len nöthig, den„Aparejo“ veſt zu ſchnüren, damit er nicht rutſche und den Rücken des Thieres aufreibe. Doch bei all dieſen Vor⸗ ſichtsmaßregeln werden Rücken, Widerriſt und Seiten des armen Thieres oft ſo furchtbar zerriſſen, daß ich manchmal die entfleiſch⸗ ten Rippen geſehen habe; dennoch aber trägt das Thier wie ge⸗ wöhnlich ſeine Laſt von dreihundert Pfund. Dieſe Bepackung hinterläßt größtentheils jene Narben und Merkmale, die bei den mejicaniſchen Maulthieren ſo gewöhnlich ſind. Die„Carga,“ wenn ſie aus einem einzelnen Pack beſteht, 113 wird dem Maulthiere über den Rücken gelegt; beſteht ſie aber aus zweien, ſo werden ſie zuſammengebunden und mit einem Stricke von Seegras ſo veſt als möglich auf den„Aparejo“ ge⸗ ſchnürt. Das Maulthier iſt anfänglich ſo eng zuſammengepreßt, daß es kaum gehen zu können ſcheint; aber das Gewicht der Ladung hat den„Aparejo“ bald zuſammengedrückt und die Gurte und Stricke ſo aufgelockert, daß es häufig nöthig iſt, ſie kurze Zeit nach dem Aufbruche wieder veſtzuknüpfen. Man legt die Tagereiſen ohne Mittagraſt zurück, denn das Ab⸗ und Aufpacken, das dabei nöthig wäre, würde zu viel Zeit rauben; und da ein Zug ſchwerbeladener Maulthiere ſelten länger als fünf bis ſechs Stunden unterwegs iſt, ſo kommen ſie täglich nicht weiter als zwölf bis funfzehn Meilen. Es iſt wirklich merkwürdig, mit welcher Gewandtheit und Geſchicklichkeit die„Arrieros“ oder Maulthiertreiber ihre Waaren⸗ ballen den Thieren aufzupacken verſtehen. Ein halbes Dutzend genügen für vierzig bis funfzig Maulthiere. Es ſind immer zu gleicher Zeit zwei Männer mit einem Maulthiere beſchäftigt, und dieſe brauchen ſelten länger als fünf Minuten, ihm den„Aparejo“ und die„Carga“ aufzuſchnüren. Bei dieſer Arbeit entwickeln ſie häufig eine wunderbare Geſchicklichkeit in Anwendung ihrer Kraft. Ein einzelner Mann hebt oft eine Ladung, die er in einer ver⸗ zweifelten Lage kaum würde von der Erde erheben können, und aus ſeinen Knieen eine Stütze, aus ſeinen Armen und ſeinem Körper einen Hebel machend, legt er die Laſt mit ſolcher ſchein⸗ baren Leichtigkeit auf des Thieres Rücken, als ob es ihm nur unbedeutende Anſtrengung koſtete. Auf den Anhalteplätzen zeigen ſie beim Abpacken eine noch größere Gewandtheit. Die Packe werden in einer Reihe auf der Erde aufgehäuft, und im Fall es regnet, mit den„Aparejos“ zugedeckt, über welche man wiederum ſogenannte„mantas de guangoche,“ d. h. Decken von Seegras⸗ gewebe, breitet, welche die Güter gegen die heftigſten Unwetter ſchützen. Außerdem umzieht man den Waarenhaufen noch mit einem Graben, damit er vor der Beſpülung des Waſſers ge⸗ Gregg, Karawanenzüge I. 8 114 ſichert ſei. Auf dieſe Weiſe ſchafft man Laſten von Ort zu Ort und über die rauheſten Felſenpfade mit viel geringeren Koſten, als Fremde ihre Waaren auf Wagen ſelbſt über ebenes Land führen können. Die Wohlfeilheit dieſer Fortſchaffung hat ihren Grund in dem geringen Lohne, den man den Arrieros bezahlt, und in den unbedeutenden Ausgaben, welche die Nahrung für ſie ſowohl als für die Thiere erheiſcht. Eine ſolche Maulthierkarawane wird in ſehr ſyſtematiſcher Weiſe geführt, indem jeder„Arriero“ ſeinen ihm zugewieſenen Wirkungskreis hat. Auch fehlt es nicht an Ordnungmäßigkei⸗ ten und techniſchen Ausdrücken, die, wenn auch nicht ſo zahlreich, doch eben ſo unverſtändlich für den Uneingeweihten ſind als die Ausdrücke der Seeleute. Einer der Arrieros, der„Savanaro“ genannt, hat während der Nacht die Aufſicht über die Maul⸗ thiere, die man alle, ohne ſie anzupflöcken, freiläßt, während die „Mulera“ oder Glockenſtute ihre Zerſtreuung verhindert. So groß die Anhänglichkeit der Maulthiere an die„Mulera“ auch ſcheint, ſte mag eben ſo ſehr dem Glöckchen als dem Thiere gel⸗ ten. Was die Bienenkönigin einem Bienenkorbe iſt, das iſt die „Mulera“ für einen Maulthierzug. Von welchem Naturell ein Maulthier auch ſein mag, es wird ſich ſelten von ihr forttreiben laſſen, und wenn ſie zufällig ihren Gefährten entzogen wird, ſo verfallen alle augenblicklich in eine tiefe Niedergeſchlagenheit und laufen und wiehern nach allen Richtungen, als wenn ſie rettungslos verloren wären. Außer der Bereitung der Mahlzeiten für die Geſellſchaft iſt es Pflicht der„Madre“ oder Mutter, wie der Koch ſcherzhaft ge⸗ nannt wird, die Mulera während der Reiſe voranzuführen, welcher dann der ganze Packzug in regelmäßiger Ordnung nach⸗ folgt. Die Maulthiertreiber, wie die„Vaqueros“ oder Kuhhirten, reiten in der Regel ſehr ſchnelle und gut abgerichtete Pferde, und zeigen in der Führung der Thiere oft ſo überraſchende Kunſt⸗ ſtücke, daß ſte einem Reitercircus in jedem Lande Ehre machen würden; ſo heben ſie einen Dollar vom Boden auf, während das 115 Pferd in vollem Laufe iſt. Aber ihre größte Geſchicklichkeit und Gewandtheit beſteht in der Handhabung des„Lazo,“ eines Fang⸗ ſeiles, das gewöhnlich aus Pferdehaaren oder veſt zuſammen⸗ gedrehtem Seegras gefertigt und an dem einen Ende mit einer Schlinge verſehen iſt. Ihr Ziel iſt ſtets ſicherer, wenn das Thier, das gefangen werden ſoll, ſich in vollem Laufe befindet, denn es hat dann keine Zeit, der Schlinge auszuweichen. So⸗ bald dieſe geworfen iſt, ſchlingt der„Lazador“ das Ende ſeines Lazo um den hohen Sattelknopf und durch eine ſchnelle Wend⸗ dung wird das wilde Pferd zum Stehen gebracht. Das Thier muß unwillkürlich den Kopf ſeinem Beſteger zukehren, der, um es noch ſicherer in ſeiner Gewalt zu haben, ſelten verſäumt, ihm ein„Bozal,“ oder eine Halbſchlinge, um die Naſe zu werfen, ob⸗ gleich es noch immer auf volle Seillänge von ihm entfernt iſt. Iſt der Gegenſtand der Verfolgung eine Kuh oder ein Ochſe, ſo wird der Lazo gewöhnlich um die Hörner, ſtatt um den Hals geworfen. Zwei„VPaqueros,“ die beide ihre Schlingen an den Hörnern haben, bändigen auf dieſe Weiſe den wüthendſten Och⸗ ſen, vorausgeſetzt, daß ſie gutabgerichtete Pferde reiten. Während das erbitterte Thier ſich auf den einen ſeiner Feinde zu ſtürzen ſucht, wendet der andere ſein Pferd und zieht an ſeinem Stricke, wodurch es jederzeit wieder in die Mitte zwiſchen die beiden Rei⸗ ter gebracht und auf dieſe Weiſe ſo lange hin und hergezogen wird, bis es erſchöpft iſt und jeden weiteren Widerſtand aufgiebt. Der Gebrauch des Lazo beſchränkt ſich nicht allein auf die Ar⸗ rieros und Vaqueros, obgleich dieſe gewöhnlich die meiſte Ge⸗ ſchicklichkeit in dieſer Kunſt ſich aneignen; er geht durch alle Stände, und kein Mann, beſonders unter den Rancheros, würde ſeine Erziehung für vollendet halten, wenn er jene volkthüm⸗ liche Fertigkeit nicht erlangt hätte. Sie erlernen ſie in der That von Kindheit auf, denn ſie bildet eine der hauptſächlichſten länd⸗ lichen Vergnügungen der Kinder, die man täglich mit ihren„La⸗ zitos“ ſieht, wie ſie ihre junge Kunſt an Hunden und Hühnern üben. 8* 116 Der Lazo wird häufig auch als Waffe zum Angriff und zur Vertheidigung gebraucht. In Gefechten mit den Indianern wirft der berittene Vaquero, wenn er unglücklicher Weiſe ſonſt unbe⸗ waffnet iſt, jene furchtbare Schlinge um den Hals oder Leib ſei⸗ nes Feindes, welcher, ehe ihm Zeit bleibt, ſich loszumachen, zu zu Boden geſchleudert und in vollem Galopp davon geſchleppt wird, wodurch er, wenn ſein Kopf nicht an den Steinen, Wur⸗ zeln und Bäumen zerſchellt, natürlich ſo betäubt werden muß, daß der Lazador ihn mit Muße in die andere Welt befördern kann. Der Panther, der Bär und andere wilde Thiere der Ge⸗ birge und der Prairieen werden eben ſo erfolgreich auf dieſe Weiſe angegriffen. 5 Die Geſetze und Gebräuche des Landes in Bezug auf das Eigenthumsrecht der Thiere ſind für den unerfahrenen fremden Reiſenden höchſt beſchwerlich. Gleichviel, wie oiele Eigenthümer ein Pferd oder Maulthier ſchon gehabt habe, jeder brennt ihm ein mächtiges hieroglyphiſches Zeichen auf, das man„Fierro“ nennt’, und beim Wiederverkauf ſein„Venta“ oder Verkaufs⸗ zeichen, bis endlich dieſe Schrammen ſo zahlreich werden, daß Leute, die in dieſer Art von Heraldik nicht bewandert ſind, un⸗ möglich entſcheiden können, ob ein Thier urſprünglich verkauft iſt oder nicht; doch jedes Fierro ohne ein entſprechendes Venta unterwirft das Thier dem Anſpruch des Einbrenners. An Frem⸗ den werden hierdurch die meiſten Betrügereien verübt, und wenn eine Geſellſchaft„Eſtrangeros“ in eine ſüdliche Stadt kommt, ſieht ſte ſich augenblicklich von einem Haufen Müßiggänger um⸗ geben, die ſorgfältig jedes Pferd und jedes Maulthier unterſuchen; und entdecken ſie zufällig ein Brandzeichen ohne ein Venta, ſo beeilen ſte ſich, ein Brenneiſen von ähnlicher Form aufzutreiben, das ſie hinlänglich berechtigt, das Thier ohne Umſtände zu bean⸗ ſpruchen und wegzunehmen; denn bei jedem rechtlichen Verfahren verlangt man von dem Beanſprucher keinen anderen Beweis ſei⸗ nes Rechts, als ſein Fierro oder Brenneiſen, das die Sache zu ſeinen Gunſten entſcheidet, ſobald es an Form dem Zeichen des 117 Thieres ähnelt. Ein Oberſt in Chihuahua wollte auf dieſe Weiſe einſt von mir ein Maulthier in Beſchlag nehmen; doch da ich überzeugt war, es von dem rechtmäßigen Eigenthümer erkauft zu haben, weigerte ich mich, es aufzugeben. Der Offizier, der ſeine Beute nicht fahren laſſen wollte, lief ſogleich zu dem Alcalden in der Hoffnung, dieſen Beamten zu veranlaſſen, ihm rechtlichen Beiſtand zu leiſten; aber während ſeiner Abweſenheit ließ ich die Schulter des Thieres ſcheren, ſo daß das Venta deutlich zum Vorſchein kam, und ſobald die Entdeckung dem Oberſten und dem Richter bekannt gemacht wurde, entfernten ſie ſich, wie beſchämt über den entdeckten Betrug, mit großer Eile. So allgemein nützlich aber auch das Maulthier iſt, ſo darf ich doch nicht vergeſſen, dem ſanften und anſpruchloſen Mitgliede der Thierfamilie, dem geduldigen Eſel, oder wie die Eingeborenen ihn nennen,„El Burro“ ein vorübergehendes Lob zu zollen. Dieſes gelehrige Geſchöpf kann man hier im eigentlichen Sinne des Armen Freund nennen, da es auf unendlich verſchiedene Weiſe benutzt wird und immer den ſchwerſten Laſten unter⸗ würfig iſt. Es trägt nicht nur die Körnerfrucht, das Brennma⸗ terial, Waſſer und Gepäck ſeines Gebieters, ſondern auch ſeine Frau und ſeine Kinder. Oft wird die ganze Familie auf einem kleinen Eſel fortgeſchaft. Das vornehmſte Reitthier des Land⸗ mannes iſt der Burro, bei welchem ſelten Sattel, Zaum oder Halfter gebraucht wird. Der Reiter ſetzt ſich quer auf die Hüfte und leitet das gelehrige Thier mit einem Knüttel in der Hand. Eine ganz beſondere Sorgfalt hat man in Neu⸗Mejico auf die Schafzucht verwendet. Als das Land auf dem Höhepuncte ſeines Wohlſtandes war, ſah man am Ufer jedes Stromes Ran⸗ chos, wie in der Nachbarſchaft jedes Berges, wo Waſſer zu finden war. Selbſt auf den dürren und öden Ebenen und viele Meilen von einem Bache oder Weiher entfernt, wurden unge⸗ heuere Heerden geweidet und nur aller zwei oder drei Tage zur Tränke getrieben. Bei dieſen Gelegenheiten pflegen die Schäfer ihre Eſel mit„Guages“ zu beladen, die Waſſer enthalten, und 118 kehren dann mit ihren Heerden zu den Weiden zurück. Der „Guage“ iſt eine Art von Kürbis, von welcher es einige ſchöne Abarten mit zwei Knollen giebt, die an dem zwiſchen beiden be⸗ findlichen Halſe mittels einer Leine getragen werden. Dieſe wandernden Heerden übernachten überall, wo der Abend ſie findet, ohne Hürde oder Einfriedigung. Vor Anbruch der Nacht macht ſich der Oberhirt auf den Weg, um einen tauglichen Ort für ſein Nachtlager zu ſuchen, und zündet auf der paſſendſten Stelle ein Feuer an, um welches die Schafe ſich gewöhnlich freiwillig verſammeln. Sollten ſie Luſt haben, ſich zu zerſtreuen, ſo ergreift der Schäfer eine Fackel und läuft einigemal um die ganze Heerde, wobei die Schafe, um ihm auszuweichen, die Köpfe einwärts wenden, und gewöhnlich bleiben ſie in dieſer Stellung bis zum Morgen, ohne es zu verſuchen, ſich zu zerſtreuen. Es verſteht ſich, daß die Heerde während der Nacht von wachſamen Hunden gegen die herumſchleichenden Wölfe und andere Raubthiere ge⸗ ſchützt wird. Dieſer wohlabgerichtete einheimiſche Schäferhund iſt in der That ein Wunderthier. Zwei oder drei von ihnen folgen einer Schafheerde mehre Meilen weit wie der ſorgſamſte Schäfer, und treiben ſie bei Anbruch der Nacht zuſammen, ohne anders als von ihrem außerordentlichen Inſtinct geleitet zu wer⸗ den. In früheren Zeiten gab es anſehnliche Eigenthümer, deren Ranchos über die halbe Provinz ſich ausbreiteten und zuweilen 300,000 — 500,000 Schafe zählten. Es war üblich, die Schafmütter an die Rancheros zu verdingen, welche dafür zwanzig Procent in verkäuflichen„Carneros“ vergüteten, wie man die Schafe überhaupt und beſonders die zum Verkauf tauglichen Widder nennt. Man kann die Schafe das Haupterzeugniß von Neu⸗ Mejico nennen, und ſie ſind der vornehmſte Gegenſtand der Aus⸗ fuhr. Vor ungefähr zwanzig Jahren wurden jährlich 200,000 Schafe auf die ſüdlichen Märkte gebracht, und in den günſtigſten Zeiten wohl mehr als noch einmal ſo viel. Dieſer Handel war für die wohlhabenden Einwohner ſehr einträglich. Sie pflegten von armen Rancheros Schafe zu kaufen, das Stuck zu funfzig 119 bis fünfundſiebenzig Cents, die ſie mit hundert bis zweihundert Procent Gewinn auf den ſüdlichen Märkten abſetzten. Es wird eine anſehnliche Menge Wolle erzeugt, die aber von geringer Beſchaffenheit iſt. Man hat davon einen unbedeutenden Betrag über Miſſouri in die Vereinigten Staaten gebracht, der zuweilen zu dem niedrigen Preiſe von funfzehn Cents das Pfund verkauft wurde; aber der Einkaufpreis, für welchen man ihn von den Rancheros in Neu⸗Mejico erhielt, betrug nicht mehr als drei bis oier Cents für das Pfnnd. Neu⸗Mejico könnte bei ſeinem vor⸗ trefflichen Weideland und ſeinem Klima ohne Zweifel die ſchönſte Wolle in der Welt erzeugen. Die Eingeborenen aber haben bei der ihnen eigenen Langſamkeit im Fortſchreiten ihre urſprüngliche Zucht beibehalten, die kläglich entartet iſt. In früheren Zeiten wurden die Heerden nur der Geſundheit der Thiere wegen ge⸗ ſchoren, ohne daß man die Wolle aufbewahrte, da man für den häuslichen Bedarf nur eine geringe Menge davon brauchte. Die kleineren Weidethiere, ganado menor, wie man Schafe und Ziegen überhaupt nennt, haben in neuerer Zeit an Zahl ſehr abgenommen, da ſie durch die häufigen Einfälle der ur⸗ ſprünglichen Gebieter des Bodens gelitten haben, die von Zeit zu Zeit, wenn Hunger oder Laune ſte treibt, die Ranchos über⸗ fallen, die Schäfer ermorden und die Schafe zu Tauſenden hin⸗ wegtreiben. Man hat von den Indianern äußern hören, daß ſie ſchon längſt jedes Schaf im Lande vertilgt haben würden, aber es vorziehen, einige zurückzulaſſen, damit die mejicaniſchen Schäfer ihnen friſche Vorräthe aufziehen möchten. Die Schafe in Neu⸗ Mejico ſind außerordentlich klein, haben ſehr grobe Wolle und ſind kaum anders als zu Schlachtvieh tauglich, aber in dieſer Hinſicht mit Recht berühmt. Ihr Fleiſch hat einen beſonders angenehmen Geſchmack, und wird von den Feinſchmeckern höher als unſer beßtes Wildpret geſchätzt, was wahrſcheinlich zum Theil dem vortrefflichen Graſe zuzuſchreiben iſt, wovon die Thiere ſich nähren. Das Fleiſch der Schafe iſt für die Neu⸗Mejicaner, was das Schweinfleiſch für die Bewohner der weſtlichen amerikaniſchen 120 Staaten iſt, während man in Nord⸗Mejico ſelten Schweinfleiſch findet. Auch ſind die Schafe wegen ihrer Hörner bemerkens⸗ werth, die oft in doppelten und dreifachen Paaren hervorſprießen und dem Kopfe ein ſeltſames Anſehen geben. Ich habe manche geſehen, welche ſehr verſchiedene Hörner hatten, deren jedes an⸗ ders gerichtet war.— Es giebt auch viele Ziegen, obgleich man ſie nicht ſo häufig als Schafe zieht. Ihre Milch wird häufiger benutzt als Kuhmilch, nicht nur weil ſie ſüßer und nahrhafter i*ſt, ſondern auch weil die Ziege, wie der Eſel, von den elendeſten Kräutern ſich nährt, die auf den Bergpfaden und den unfrucht⸗ barſten Hügeln wachſen, wo Kühe ohne regelmäßige Fütterung nicht fortkkommen könnten. Das Fleiſch der Ziege iſt grob, aber geſund, und da es wohlfeiler als Schöps⸗ oder Rindfleiſch iſt, ſo wird es von den Armen häufig benutzt. Junges Ziegenfleiſch iſt außerordentlich ſchmackhaft und milde. Von zahmem Geflügel, einige Truthähne und Tauben abge⸗ rechnet, findet man in ganz Neu⸗Mejico nichts als das gewöhn⸗ liche Huhn, das aber in hinlänglicher Menge vorhanden iſt. Zahme Gänſe, Enten und Pfauen ſind gänzlich unbekannt. Wilde Thiere findet man nicht in ſo großer Mannigfaltigkeit als in den ſüdlichen Provinzen der Republik. Der ſchwarze und der graue Bär, die man in den Gebirggegenden findet, ſcheinen nicht ſo wild zu ſein als beſonders die letzteren in den nördliche⸗ ren Gegenden ſein ſollen. Sie kommen zwar zuweilen von den Bergen in die Saatfelder herab, und man erzählt ſich wunder⸗ bare Geſchichten von furchtbaren Kämpfen zwiſchen ihnen und den Landbauern; ich kann aber nicht glauben, daß ſie ſehr wild oder ſehr kühn ſind, wenn ich nach einem kleinen Abenteuer ur⸗ theilen darf, wovon ich Zeuge war, als eine graue Bärin einem Theile unſerer Karawane am Rande der großen Prairieen begeg⸗ nete. Es war gegen Mittag; wir hatten uns eben gelagert, um Erfriſchungen zu ſuchen, als wir eine Bärengruppe bemerkten, eine Bärin mit einigen Jungen, die völlig ſo groß wie gewöhn⸗ liche Wölfe waren und in einem angränzenden Thale im hohen 121 Graſe ſcharrten, als wenn ſie Wurzeln oder Inſecten geſucht hät⸗ ten. Einige von unſerer Geſellſchaft eilten ſogleich auf die Bären los, in der Hoffnung, ſie zu ſchießen, was ihnen jedoch nicht ge⸗ lang. Andere, die zu Pferde gefolgt waren, machten einen wü⸗ thenden Angriff auf den Feind, aber das alte Ungeheuer entfloh in das Dickig, ohne ſich auch nur nach ſeinen Verfolgern um⸗ zuſehen, obgleich eines der Jungen getödtet wurde. Die übrigen zerſtreuten ſich während des Angriffs in verſchiedenen Richtungen. Die Folgen dieſes Abenteuers bekräftigten mich in meiner Mein⸗ ung, daß die Geſchichten, die man von dieſen fürchterlichen Thieren erzählt, übertrieben ſind. Wir hatten in unſerer Geſellſchaft einen rieſigen Schmied, der ſich das Ausbeſſern aller Wagen an⸗ gelegen ſein ließ, Namens Campbell, der volle ſechs Fuß acht Zoll lang war, ſonſt aber ganz ebenmäßig geſtaltet. Bei jener Gelegenheit hatte er ſich unter einem ſchattigen Buſche am Rande eines zehn Fuß hohen Abſturzes niedergelegt und machte ein be⸗ hagliches Schläfchen, während ſeine Gefährten in der Nachbar⸗ ſchaft ſich umhertrieben. Bei der Jagd näherte ſich einer der jungen Bären, der ſich von der Mutter geflüchtet hatte, unſerem Lagerplatze. Mehre von uns griffen nach ihren Flinten, und als das Thier über eine Schlucht ſprang, nicht weit von der Stelle, wo Campbell lag, wurde es von einem Schuſſe getroffen und ſtürzte mit fruchtbarem Geheul verwundet nieder. Durch den Lärm plötzlich aufgeweckt, ſprang Campbell blitzſchnell empor und fiel von dem Abſturze auf den Bär.„Haltet's deſt, Campbell, oder es geht Euch ſchlimm!“ riefen ſeine Gefährten, da es Nie⸗ mand wagen durfte, zu ſchießen, aus Furcht, den Mann zu töd⸗ ten. Campbell aber fiel es nicht ein, ſich mit dem langklauigen Gegner zu meſſen, ſondern er verſuchte vergebens die ſteile Höhe zu erklimmen. Der Bär ſtellte ſich auf die Hinterbeine und ſtierte einen Augenblick den rieſigen Schmied an, entſchloß ſich aber bald, umzukehren, und es gelang ihm zu entkommen, ob⸗ gleich ihm mehre Schüſſe nachgeſchickt wurden. Der große graue Wolf, den man in den Prairieen findet, 122 iſt auch in Nord⸗Mejico ſehr häufig. Er richtet zuweilen furcht⸗ bare Verheerungen unter dem Vieh an und tödtet und verzehrt ſogar Maulthiere und Pferde, greift aber ſelten Menſchen an, wenn er nicht durch Hunger gedrängt wird. In den Gebirgen giebt es noch andere Raubthiere, unter welchen beſonders der Panther ſich auszeichnet. Auch findet man Elenthiere und Rothwild, doch nicht in großer Menge. Unter dem Rothwild iſi eine Art, die man das ſchwarzgeſchwänzte Reh nennt, beſonders bemerkenswerth. Es unterſcheidet ſich nur wenig von dem gewöhnlichen Rehbock, aus⸗ genommen, daß es von dunkler Farbe iſt und der Schwanz einen ſchwarzen Rand hat, und daß es trotz kürzeren Beinen einen größeren Leib beſitzt. Der„Carnero⸗Cimarron“ oder das Dickhorn aus dem Felſengebirge, der„Berrendo“ oder die Antilope und der„Tuza“ oder Prairieenhund in den Ebenen, Haſen, Iltiſſe und andere kleinere Thiere können auch als Bewohner dieſer Gegenden betrachtet werden. b Unter dem wilden Geflügel ſind die Waſſervögel am zahlreich⸗ ſten. Die Teiche und Flüſſe ſind in gewiſſen Jahreszeiten im eigentlichen Sinne mit Tauſenden von Gänſen, Enten und Kra⸗ nichen eingefaßt. In einigen Berggegenden ſind wilde Trut⸗ hähne ſehr zahlreich, Rebhühner und Wachteln aber ſelten. Man findet in Chihuahua und anderen ſüdlichen Bezirken einen ſehr ſchönen Vogel,„Paiſano,“ d. h. Landsmann, genannt, welcher ge⸗ zähmt völlig wie eine Katze die Wohnhäuſer von Mäuſen und anderem Ungeziefer befreit. Auch behauptet man, daß er die Klapperſchlange tödte und verzehre, die jedoch in dieſen Gegenden weniger ſchädlich zu ſein ſcheint als anderswo. Auch findet man den Scorpion, die Tarantel und den Vielfuß in dieſer Pro⸗ vinz, doch ſind ſie faſt unſchädlich und werden von den Einge⸗ borenen ſehr wenig gefürchtet. Ein anderes einheimiſches Thier iſt der gehörnte Froſch der Prairieen, der hier unter dem Namen Camäleon bekannt iſt, und es mag auch eine Abart deſſelben ſein, da man bemerkt hat, daß das Thier ſeine Farbe nach der 123 Beſchaffenheit des Bodens, wo es wohnt, ein wenig verän⸗ dert. Es ſcheint, als ob die Honigbiene urſprünglich nur aus den öſtlichen Gegenden gekommen ſei, da man beobachtet hat, daß ſie weſtwärts zieht; doch iſt ſie bis jetzt noch nicht in dieſe Gegend des mejicaniſchen Gebietes gekommen. Nach den Berichten der alten Geſchichtſchreiber waren in den ſuͤdlichen Theilen der Re⸗ publik mehre Arten einheimiſch; in den nördlichen Gegenden aber findet man nur ein Inſect dieſer Art, das mehr der Hummel als unſerer Honigbiene gleicht und in einigen Berggegenden in Felſen und Erdlöchern baut. Man findet ſie nur in ſehr ge⸗ ringer Anzahl beiſammen, nur einige Dutzende, und ſelten geben ſie mehr als einige Unzen Honig, der aber ſchmackhaft ſein ſoll. Von Fliegen, beſonders von den ſchädlicheren Arten, wird dieſes trockene Klima wenig geplagt. Friſches Fleiſch läßt ſich im Hoch⸗ ſommer ohne Schwierigkeit aufbewahren, da es ſehr wenig Schmeißfliegen giebt. Roßfliegen findet man nur zuweilen in den Gebirgen, und die Prairiefliege, die in den weſtlichen ameri⸗ kaniſchen Gebieten das Vieh ſo ſehr quält, iſt unbekannt. Zehnter Abſchnitt. Künſte und Wiſſenſchaften in Neu⸗Mejico.— Mangelhafte Erziehung.— Schulen.— Zuſtand der weiblichen Bildung.— Eigenheiten der Sprache.— Preßbeſchränkung— Die Aerzte.— Handwerker.— Baukunſt.— Wohnhäuſer.— Handgeräthe.— Wagen.— Sa⸗ rape. Es giebt vielleicht keinen Theil der civilifrten Welt, wo die Künſte ſo ſehr vernachläſſigt worden ſind und wo man den Fort⸗ ſchritt der Wiſſenſchaft erfolgreicher aufgehalten hat als in Neu⸗ Mejico. Leſen und Schreiben ſind ohne Uebertreibung die höch⸗ ſten Lehrzweige in den Schulen; denn jene Pedanten, welche gelegentlich vorgeben, Mathematik zu lehren, verſtehen ſehr ſel⸗ ten ſelbſt die erſten Regeln der Zahlenlehre. Man ſollte vielleicht hierin zu Gunſten der Geiſtlichen eine Ausnahme machen, die ihre Erziehung auswärts erlangt haben und welchen ihr Stand die Verpflichtung auferlegt, eine oberflächliche Kenntniß des La⸗ teiniſchen zu beſitzen. Doch es iſt bekannt genug, daß die Mehr⸗ zahl ſelbſt dieſes bevorrechteten Standes kläglich unwiſſend in den wichtigeren Fächern der gewöhnlichen Wiſſenſchaften iſt. Es iſt mir von einem ſehr achtbaren Fremden, der lange Zeit in dem Lande gelebt hat, verſichert worden, daß ihn einſt ein Geiſt⸗ licher gefragt habe, ob Napoleon und Waſſhington nicht eine und dieſelbe Perſon— und ob Europa nicht eine Provinz von Spanien wäre. Von den früheſten Zeiten bis hinab zur Trennung der Co⸗ lonieen, war es ſtets die Politik der ſpaniſchen Regierung, ſo wie der päpſtlichen Hierarchie, ihren Unterthanen in der neuen Welt 125 jede Gelegenheit zum geiſtigen Fortſchreiten abzuſchneiden, damit das Licht bürgerlicher und religiöſer Freiheit nicht von ihren nördlichen Nachbarn herüberleuchte. Die Regierung errichtete ſpäter zwar öffentliche Schulen, die wenn man ſie erhalten hätte, ohne Zweifel zur Verbreitung nützlicher Kenntniſſe beigetragen haben würden, aber ſie mußten aus Mangel an den nöthigen Mitteln zur Verfolgung ihres urſprünglichen Zweckes, ungefähr vor zehn Jahren, ihre Wirkſamkeit wieder einſtellen. Doch fragt es ſich, ob nicht die gewohnte Nachläſſigkeit und die gränzenloſe Sorg⸗ loſigkeit des Volkes, das ſchon zu ſehr daran gewöhnt iſt, in Finſterniß und Unwiſſenheit zu tappen, ſo wie die Untüchtigkeit der Lehrer, alles Gute, das eine ſolche Einrichtung hervorzu⸗ bringen berechnet war, am Ende würden aufgehoben haben. Die einzigen jetzt beſtehenden Schulen ſind von der niedrigſten Art und erhalten ſich ausſchließend durch Gönnerſchaften, für deren großmüthige Ausdehnung die Thatſache ſprechen mag, daß drei Viertel der jetzigen Bevölkerung weder leſen noch ſchreiben können. Als Beleg, wie in den niederen Klaſſen alle geogra⸗ phiſche Kunde mangelt, brauche ich nur zu erwähnen, daß ich von Leuten, die lange mit Amerikanern umgegangen waren, ge⸗ fragt worden bin, ob die Vereinigten Staaten ein ſo bedeutender Ort wären wie die Stadt Santa Fe! Die weibliche Erziehung iſt, wo möglich, noch weit allge⸗ meiner vernachläſſigt worden, als die des anderen Geſchlechts, während diejenigen, die überhaupt einigen Unterricht genoſſen haben, ihn in Familienkreiſen erhielten. Wirklich wurde bis in die neueſte Zeit bei einem weiblichen Weſen die Fähigkeit zu le⸗ ſen und zu ſchreiben für das Zeichen eines erſtaunenswerthen Talentes gehalten, und die Schöne, die ein Billet⸗doux an ihren Geliebten ſchreiben konnte, galt faſt für ein Wunder. Man findet jedoch unter den höheren Ständen einen bedeutenden An⸗ ſtrich jener ſeichten Verfeinung, die überall das Gift der elegan⸗ ten Geſellſchaft iſt und die nicht in Ueberlegenheit des Geiſtes, nicht in erlangter Kenntniß beſteht, ſondern in jener Anmaßung, 126 die man ſehr treffend bezeichnet hat als„das weite Kleid, womit die Dummheit ſich bedeckt.“ Aber trotz dieſem furchtbaren Zuſtande der Unwiſſenheit in all den Dingen, die dem Menſchen nicht unbekannt ſein dürfen, iſt es wahrhaft zum Erſtaunen, mit welcher Richtigkeit das ge⸗ meine Volk ſeine Mutterſprache, das Spaniſche, ſpricht. Die Anwendung von Worten gegen ihren klaſſiſchen Sinn mag wohl vorkommen, aber eine Verletzung der einfachen gramatikaliſchen Regeln, die bei den Ungebildeten, welche die engliſche Sprache ſprechen, ſo gewöhnlich iſt, kommt äußerſt ſelten vor. In der Ausſprache liegt der einzige Unterſchied zwiſchen ihnen und den Caſtilianern, in der Annahme gewiſſer Provinzialismen, die man kaum Fehler nennen kann. So klingt bei ihnen z. B. das o vor e und i und das 2 wie ein vollkommenes s, während ih⸗ nen der Caſtilianer in allen Fällen den lispelnden Laut des eng⸗ liſchen ch giebt; und ſtatt ll wie das italieniſche flüßige gl in seraglio auszuſprechen, verwandeln ſie dieſen Doppelbuchſtaben in ein einfaches; und mengen beim Schreiben häufig Il und j ohne Unterſchied unter einander. Dieß kann man als ihre ein⸗ zigen Eigenthümlichkeiten in der Ausſprache annehmen, und ſie finden ſich faſt in allen Theilen der Republik. Viele ſehen auf dieſe kleinen Abweichungen mit Nationalſtolz, als auf einen Un⸗ terſchied ihrer Sprache von der ihrer ehemaligen Unterdrücker. Sie haben auch von ihren urovölkerlichen Vorfahren und Nach⸗ barn mehre bedeutende indianiſche Wörter ſich angeeignet, die nur dazu dienen, dieſe bereits ſo ſchöne und reiche Sprache noch ſchöner und reicher zu machen. Nichts beweiſt mehr den kläglichen Zuſtand der Bildung als der Mangel einer öffentlichen Preſſe. Es iſt niemals eine Zeitung irgend einer Art in Neu⸗Mejico erſchienen, ausgenommen im Jahre 1834, wo ein Blättchen,„El Crepusculo“(die Morgendämmer⸗ ung) betitelt, wöchentlich einmal einen Monat lang für fünfzig Subſeri⸗ benten herauskam, aber dann, theils aus Mangel an Theilnahme, und beſonders weil der Herausgeber ſeinen Zweck erreicht hatte, 127 zum Congreß gewählt zu werden, wieder einging. Die einzige Druckerpreſſe im Lande iſt ein unbedeutendes Ding, welches man in demſelben Jahre durch die Prairieen aus den Vereinigten Staaten brachte und jetzt zuweilen dazu benutzt, Zettel, Gebet⸗ bücher und katholiſche Katechismen zu drucken. Dieſe literariſche Nachläſſigkeit mag man der beſchränkten Zahl leſender Leute, eben ſo ſehr aber auch den unverſtändigen Beſchränkungen jener Freiheit der Preſſe zuſchreiben, die für ihr Gedeihen ſo weſent⸗ lich iſt. Ein Herausgeber, der es verſucht, das Benehmen öff⸗ entlicher Beamten anzuſchuldigen oder den beſtehenden Gewalten entgegenzutreten, ſetzt ſich der Verfolgung, höchſt wahrſchein⸗ lich der Einziehung ſeines Blattes aus, ein tyranniſches Verfah⸗ ren, das ſchon zwei oder drei Zeitſchriften ſelbſt bei den aufge⸗ klärteren Einwohnern von Chihuahua ein Ende machte, wo jetzt noch ein elendes Organ der Regierung gelegentlich die„Imprenta del Gobierno“, oder die Preſſe der Regierung verläßt. Kein Wunder daher, däß das Volk von Neu⸗Mejico an Kenntniß ſo weit hinter ſeinen Nachbarn in den Vereinigten Staaten zurück iſt, und daß der Puls des Nationalgewerbfleißes und der Frei⸗ heit ſo langſam und träge ſchlägt. Mit der ärztlichen Wiſſenſchaft ſteht es nicht beſſer; es giebt nicht einen einzigen eingeborenen Arzt in der Provinz ⁷), obgleich täglich viele ſeltſame Curen mir heimiſchen Wurzeln und Kräutern vollführt werden, die in Ueberfluß im ganzen Lande wachſen. Doch damit dieſe Kunde von dem Mangel an Aerzten keinen Sohn Aesculap's verleite, in Santa Fe ſein Glück zu ſuchen, muß ich hinzufügen, daß das Land ſehr wenige Begünſtigungen darbietet. Fremde Aerzte, die Neu⸗Mejico beſuchten, fanden die Ausübung ihrer Kunſt völlig uneinträglich, nicht minder wegen der Armuth des Volkes als wegen des Mangels an Kranken. Neun Zehntel von denjenigen, die der Krankheit am meiſten aus⸗ *) Noch auch einen praktiſchen Sachwalter— eine Thatſache, die wenigſtens für die Prozeßführung im Lande günſtig ſpricht. 128 geſetzt ſind, beſitzen gewöhnlich ſo geringe Mittel, daß ſie mit nichts Anderen vergelten können als einem:„Dios se lo pague!“ Gott bezahle Euch! und ſelbſt reichere Leute ſcheuen ſich manchmal nicht, ihre Rechnung in derſelben Münze zu bezahlen. Ein franzöſiſcher Arzt in Santa Fe, der mit zu vielen Zahl⸗ ungen dieſer Art beglückt worden war, pflegte auf jenes:„Dios se lo pague“ zu erwidern:„No, Sefior, su bolsa me lo pa- garä“—(Nein, Herr, eure Taſche ſoll mich bezahlen). Die mechaniſchen Künſte haben ſich kaum über jenen Stand erhoben, in welchem ſie bei den Eingeborenen gefunden wurden. Gold⸗ und Silberſchmiede ſind vielleicht geſchickter in ihren Ge⸗ werben als andere Künſtler oder Handwerker irgend welcher Art; denn der Ueberfluß an koſtbaren Metallen in früheren Zeiten und die Leidenſchaft des Volkes für prahleriſches Gepränge ga⸗ ben ſehr früh eine Anreizung, jenes eigenthümliche Talent zu üben. Einige Künſtler dieſer Art haben ſo ſeltene Proben ſinn⸗ reicher Arbeit geliefert, daß man faſt zweifeln möchte, ob rohe Kunſt ſo viel zu leiſten vermochte. Selbſt Zaumgebiſſe oder Sporen, wie ich ſie von den gewöhnlichſten Grobſchmieden im Lande habe fertigen ſehen, würde ohne Zweifel der feinſte Nan⸗ kee nach mejicaniſchen Muſter zu machen in Verlegenheit ſein. Im Zimmerhandwerk und in der Tiſchlerei hat der Arbeiter bei dem Mangel an Werkzeugen und der Seltenheit brauchbarer Hölzer mit zu vielen Nachtheilen zu kämpfen. Breter werden mit der Art zugehauen, und geſägtes Holz iſt im eigent⸗ lichen Sinne unbekannt in Neu⸗Mejico, außer was zufällig von Fremden geſägt worden iſt. Die Art, gewöhnlich zum Hauen und Spalten benutzt, iſt nach dem Muſter jener plumpen Beile geformt, die bei den indianiſchen Händlern unter den Namen „Indianer⸗Aexte“ bekannt ſind. Dennoch aber iſt es häufig das einzige Werkzeug des Holzarbeiters, und ein Karren oder Pflug wird nicht ſelten ohne Bohrer, ohne Meißel oder Zugmeſſer ver⸗ fertigt. 7 — 129 In der Baukunſt ſcheint das Volk es nicht zu irgend einer Vollkommenheit gebracht zu haben und vielmehr dem plumpen Styl der Urbewohner treu geblieben zu ſein, als daß es ſeine Zeit damit verſchwendet hätte, das neuere Mauerhandwerk und den Gebrauch des Kalks zu erlernen. Die Baumaterialien ſind gewöhnlich von der roheſten Art und beſtehen aus ungebrann⸗ ten, an der Sonne getrockneten Ziegelſteinen, die man mit einer Art Mörtel, der bloß aus Lehm und Sand beſteht, mit einan⸗ der verbindet. Dieſe Ziegelſteine nennt man„Adobes“, und je⸗ des Gebäude von der Kirche bis zum„Palacio“, iſt aus demſel⸗ ben Stoff erbaut. Hierbei ſei bemerkt, daß dem Ruhme gegen⸗ über, deſſen ſich das ſüdliche Mejico wegen der Großartigkeit und des Reichthums ſeiner Kirchen erfreut, Neu⸗Mejico wegen der Armuth und des lüderlichen Anſehens ſeiner öffentlichen Bet⸗ häuſer verrufen iſt. Der Bauplan der mejicaniſchen Gebäude iſt faſt überall der⸗ ſelbe. Die reicheren Einwohner haben, ob aus Stolz oder aus Furcht vor den Wilden, den Styl mauriſcher Burgen angenom⸗ men, ſo daß alle größeren Gebäude mehr das Anſehen kleiner Veſtungen als friedlicher Familienwohnungen haben. So roh ihr Aeußeres aber immer ſein mag, ihr Inneres iſt äußerſt wohn⸗ lich. Eine Reihe Zimmer auf jeder Seite eines Vierecks um⸗ ſchließen einen offnen Hof mit nur einer Thüre, die auf die Straße führt, einer ungeheueren Pforte, la puerta del zagnan genannt, gewöhnlich groß genug, die Familienkutſche durchzulaſ⸗ ſen. Die Hinterreihe wird in der Regel von der„Cocina“, der„Dispenſa“ und dem„Granero“, d. h. der Küche, der Vorrathskammer und dem Kornhauſe, ſowie von anderen Ge⸗ mächern dieſer Art eingenommen. Die meiſten Zimmer, außer den Wintergemächern, gehen in den Hof; aber in die letzteren gelangt man häufig durch die„Sala“ oder Halle, welche, in Verbindung mit der Dicke der Mauern und Dächer, ſie in der kalten Jahreszeit ſehr warm macht, während ſie im Sommer vollkommen kühl und angenehm ſind. Die Einſchließung Gregg, Karawanenzüge 1. 9 130 dieſer Gemächer von faſt drei Fuß Erde, gewährt alle angeneh⸗ men Eigenſchaften der Keller, mit einer freieren Circulation der Luft und ohne die Feuchtigkeit, die in jenen unterirdiſchen Räu⸗ men zu herrſchen pflegt. Die Dächer der Häuſer ſind flache „Azoteas“ oder Terraſſen, die aus einer zwei bis drei Fuß hohen Erdſchicht gebildet und von ſtarken Querbalken oder hori⸗ zontalem Sparrwerke getragen werden. Sobald dieſe Dächer gut belegt ſind, leiten ſte mit merkwürdigem Erfolg den Regen ab und machen die Häuſer vaſt feuerfeſt*). Die Azotea bil⸗ det zugleich einen ſehr angenehmen Spaziergang, indem die Mauern, welche ſie umgeben, gewöhnlich hoch genug ſind, um zum Dockenwerk oder auch zu einer Bruſtwehre zu dienen, hinter welchen in gefahrvollen Zeiten die Kämpfenden das Gebäude vertheidigen. Die Fußböden beſtehen alle aus veſt geklopfter, mit einem weichen Mörtel überſtrichener Erde, worüber man in der Regel eine grobe Decke einheimiſchen Fabrikates bereitet. Ein gediel⸗ tes Gemach würde in Neu⸗Mejico eine wahre Seltenheit ſein; ſelbſt in Chihuahua habe ich keines gefunden, obgleich die beßten Häuſer dieſer Stadt mit Ziegelſteinen oder behauenen Quadern getä⸗ felt ſind. Das Innere jedes Zimmers wird mit einem Lehmmörtel ohne Beimiſchung von Kalk grob übertüncht, und zwar von Frauen, die mit ihren Händen die mangelnden Kellen erſetzen, und dann weißt man es mit aufgelöſtem Gips, einer gefährlichen Maſſe, die an den Kleidern eines jeden, der mit ihr in Berührung kommt, ihre Spuren zurückläßt. Um dieß zu vermeiden, ſind die Geſellſchafts⸗ und Familienzimmer gewöhnlich bis zur Höhe von fünf oder ſechs *) Während eines faſt neunjährigen Aufenthaltes im Lande habe ich nicht mehr als ein einziges Feuer geſehen, und dieß war in der Berg⸗ werkſtadt Santa Maria, wo man gewöhnlich ein Schindeldach über die„Azotea“ legt, um ſie gegen die Regenſtröme der Ge⸗ birge zu ſchützen. Dieß brannte ab und zugleich ein mächtiger Haufen Korn, der in der Bodenkammer lag, aber das Haus ſelbſt blieb faſt unverſehrt. —-—— ——ÿ—ÿ—ͦ—ꝛ—ÿ—ꝛ—ꝛ—ꝛ—xP— —— 131 Fuß mit Tapeten oder Calico überzogen. Die Vorderſeite des Hauſes wird größtentheils auf dieſelbe Weiſe übertüncht, wenn auch nicht immer geweißt. In den Vorſtädten und beſonders in den Dörfern und Ranchos herrſcht der phantaſtiſche Gebrauch, die Vorderſeiten der Häuſer nur theilweiſe mit Streifen zu be⸗ malen, was der Landſchaft ein ſehr überraſchendes und maleri⸗ ſches Anſehen giebt. Hölzerne Häuſer aller Art ſind im nördlichen Mejico völlig unbekannt, mit Ausnahme einzelner Pfahlhütten in den Ranchos und den Bergwerkörtern. Es läßt ſich denken, was für ein ge⸗ meines und rohes Anſehen die Städte in Neu⸗Mejico haben, deren Häuſer eher Ziegelhütten als menſchlichen Wohnplätzen gleichen. Die Häuſer in den Dörfern und Ranchos ſind ſelten ſo ge⸗ räumig als die Häuſer in der Hauptſtadt, aber faſt von gleicher Bauart. In einigen Orten findet man ſehr ſonderbare unterir⸗ diſche Wohnungen. Als ich einſt durch das Dorf Caſa Colorada kam, ſah ich mit Ueberraſchung einige wilde Knaben vor mir, die plötzlich und geheimnißvoll verſchwanden. Ich trat näher und bemerkte eine Oeffnung unter einem Hügel, die, wiewohl be⸗ deutend größer, doch den Wohnungen der kleinen Prairieen⸗ Hunde nicht unähnlich war. Die erſten Anſiedler in Nord⸗Mejico fanden die Koſten für Hausgeräthe und Kochgeſchirr ſo übermäßig und es war oft ſo unmöglich, ſich dieſe Bedürfniſſe zu verſchaffen, daß ſie zu Noth⸗ erfindungen ihre Zuflucht nehmen oder die Gewohnheiten der Indianer annehmen mußten, deren viele ſo bequem und paſſend gefunden wurden, daß ſelbſt diejenigen, die jetzt im Stande ſind, Aufwand zu machen, wenig geneigt ſind, Veränderungen einzu⸗ führen. Die wenigen hölzernen Stühle und gepolſterten Sitze, die man in ihren Häuſern findet, werden ſelten gebraucht, da es herrſchende Sitte iſt, Matratzen an die Wände zu legen, welche mit Decken belegt, ſtatt eines Sophas dienen. Die Frauen 9* 13² ſetzen ſich gewöhnlich nach Indianerart auf eine Decke, die auf den Fußboden gelegt wird. Wagen von meficaniſcher Arbeit ſieht man nicht, wiewohl einige von den Handels⸗Karawanen eingeführte Fuhrwerke unter dem Volke gebräuchlich geworden ſind. Nichts fällt dem Fremden mehr auf als die ſchwerfälligen„Carretas“ oder einheimiſchen Karren, deren ſtarke Räder gewöhnlich aus dem Holze des Baumwollenbaumes gehauen ſind, da dieß jedoch ſelten von hin⸗ länglicher Stärke iſt, um den gewöhnlichen Durchmeſſer von fünf Fuß zu geben, ſo wird eine andere Felge darauf beveſtigt, um dem Rade eine unregelmäßige Kreisgeſtalt zu geben. Das Holz des Baumwollenbaumes liefert auch die Achſe. Zu dieſen Kar⸗ ren wird in der Regel kein Eiſen gebraucht, ja nichts iſt ge⸗ wöhnlicher als Fuhrwerke, Pflüge, ſelbſt Mühlen zu ſehen, an welchen ſich gar kein Eiſen oder anderes Metall befindet. Zu jenen gewaltigen Karren ſind wenigſtens drei bis vier Geſpanne Ochſen erforderlich, ja ſelbſt ſechs würden es ſchwer finden, die Ladung eines einzigen Paares bei einem gewöhnlichen Karren zu ziehen. Die Arbeit der Zugthiere wird nicht wenig durch die mejicaniſche Art der Anſchirrung erſchwert, die einem Amerikaner ſehr ſeltſam vorkommt. Eine plumpe Stange dient als Joch, die in der Mitte an den Karren gebunden wird, während man die Enden über die Köpfe der Ochſen hinter die Hörner legt, an welche ſie mit einem ſtarkem Riemen beveſtigt werden. Der Kopf hat daher eine veſte Stellung und die Ochſen ziehen oder ſchieben vielmehr mit der Kraft ihres Nackens, die natürlich ſtets aufwärts gerichtet iſt. So plump und ungelenk dieſe Karren ſind, ſo dienen ſie doch zu den Luſtfahrten der Rancheros, deren Familien darin nach den Städten, zu den Märkten oder zu Feſt⸗ lichkeiten fahren. Es iſt in der That beluſtigend, dieſe plumpen Fuhrwerke zu ſehen, wie ſie mit ihren ſchlecht abgerundeten Rä⸗ dern gleich hinkenden Zugochſen dahin hüpfen, und ihre knar⸗ renden, furchtbaren Töne in Berg und Thal widerhallen. 4 133 Die Neu⸗Mejicaner ſind berühmt wegen ihrer groben Decken, welche ein anſehnlicher Gegenſtand der Ausfuhr nach den ſüd⸗ lichen Provinzen, wie unter einige Indianerſtämme und zuweilen auch nach den Vereinigten Staaten ſind. In die feinen Decken ſind Figuren von verſchiedener Farbe geſchickt gewebt. Sie ſind von verſchiedener Güte, die geringſten zu dem Preiſe von zwei Dollars, die feinſten bis zu zwanzig und mehr. Auch macht man in Neu⸗Mejico die Decken nach, die aus der ſüdlichen Stadt Saltillo ſtammen, die wegen ihren prächtigen, in allen Farben des Regenbogens prangenden Decken berühmt iſt. Das Weben dieſer Decken iſt darum mühſam, weil die bunten Farben ſämmt⸗ lich mit dem Webſchiffchen eingewirkt werden, obgleich das Ge⸗ webe ſonſt ganz ſchlicht iſt. Die feine„Sarape“ dient auch zu Mänteln, und die gemeine iſt der gewöhnliche Stoff zu dem winterlichen Oberkleide der Bauern. Außer dieſen Decken weben die Neu⸗Mejicaner auch einen groben Wollenſtoff, ſchwarz und weiß gewürfelt,„gerga“ genannt, der zu Fußteppichen und von den Landleuten auch zu Kleidern gebraucht wird. Dieſe und einige andere Gewebe zu häuslichem Gebrauche waren faſt die einzigen Zeuche, welche ſie beſaßen, bis der Handel mit Miſſouri ſie mit fremden Erzeugniſſen zu wohlfeileren Preiſen verſah, als ſie früher den Kaufleuten aus den ſüdlichen Landſchaften bezahlt hatten. Ihre einheimiſchen Gewebe beſtehen faſt ausſchließend aus Wolle, da Flachs oder Hanf*) gar nicht und nur wenig Baumwolle geſponnen wird. Die Verfertigung ſelbſt dieſer Gewebe aber wird durch den Mangel an guten Spinn⸗ und Webewerkzeugen erſchwert. Das Spinnen geſchieht meiſt mit der Spindel, welche die Weiber mit ungemeiner Gewandtheit zu drehen wiſſen. *) Die ſpaniſche Regierung ſchickte im Jahre 1778 zwölf Familien aus der Gegend von Granada nach Michuacan, Neu⸗Mejico und Quivirg, die den Anbau des dort häufig wachſenden Flachſes emporbringen ſollten, doch ſcheint das Unternehmen nie zur Aus⸗ führung gekommen zu ſein, wenigſtens nicht in Neu⸗Mejico. Elfter Abſchnitt. Trachten in Neu⸗Mejico.— Reitkleidung des Caballero⸗— Reit⸗ zeug.— Das Rebozo.— Tracht der Weiber auf dem Lande.— Die Tarantulas.— Das Aeußere des Volkes.— Anputz der Häuſer.— Charakterzüge.— Almoſenſpenden.— Bettlerliſt.— Mangelhafte Wehranſtalten.— Höflichkeit und Freundlichkeit der Neu⸗Mejicaner.— Briefeinrichtung.— Die Sieſta. Die vornehmſten Stände in Neu⸗Mejico gewöhnen ſich immer mehr an europäiſche Trachten, mit Ausnahme des eigenthüm⸗ lichen Anzuges, den noch immer viele„Caballeros“ tragen. Dieſe Tracht beſteht aus dem„Sombrero,“ einem Hute mit niedrigem abgerundeten Kopfe und breitem Rande, der mit Wachs⸗ tuch überzogen und mit einem Bande oder einer Schnur von Flittergold geziert iſt, einem Wamms, das mit Schnüren und ho⸗ hen Knöpfen aufgeputzt iſt, den„Calzoneras,⸗ Beinkleidern, an den äußeren Seiten von den Hüften bis zu den Knöcheln of⸗ fen, an den Rändern mit klingenden Knöpfen von durchbrochener Arbeit beſetzt und durchgängig mit goldenen Borten und Schnüren geziert. Statt der Hoſenträger, die nicht zu dem eigentlichen Anzuge der Neu⸗Mejicaner gehören, werden die Beinkleider durch eine koſtbare Schärpe gehalten, die ſehr enge um den Leib ge⸗ bunden wird und dem Caballero ein ungemein maleriſches An⸗ ſehen giebt, welches durch das„Sarape Saltillero“ noch mehr erhöht wird. Dieſes ſo nützliche als zierliche Kleidungſtück hängt gewöhnlich nachläſſig über den Sattelknopf herab, aber bei ſchlech⸗ tem Wetter wird es über die Schulter geworfen, wie ein ſpa⸗ niſcher Mantel, oder, was noch häufiger geſchieht„der Reiter —,—— 135 ſteckt den Kopf durch einen Schlitz in der Mitte, und läßt er die Decke um die Schulter hangen, ſo iſt er völlig geſchützt. Das Pferd des Caballero iſt eben ſo prunkvoll angeſchirrt, und das ganze Reitzeug wiegt zuweilen über hundert Pfund. Der hohe Sattelknopf iſt mit Silber beſchlagen und eben ſo die Rückenlehne, der Sitz gepolſtert. Die„Coraza“ iſt eine Decke von gepreßtem Leder, mit Seide und Goldflittern geſtickt und mit ſtlbernen Verzierungen, und wird über den Sitz und den Sattel⸗ baum gelegt, deſſen Enden durch angebrachte Oeffnungen hervor⸗ blicken. Die„Cola de Pato,“ das heißt der Entenſchwanz, eine lederne, bunt verzierte Bedeckung, wie die Coraza, wird an den hinteren Sattelbaum beveſtigt und hängt auf die Schenkel des Thieres herab. Die Steigbügel beſtehen gewöhnlich aus Holz mit Schnitzwerk, und es befinden ſich auf denſe elben die ‚Tapaderas“ oder ledernen Bedeckungen zum Schutze der Zehen. In früheren Zeiten waren die Steigbügel förmliche Pantoffeln, die aus einem Holzſtücke gehauen waren und die Tapaderas unnöthig machten. Einer der koſtbarſten Theile des Reitzeuges aber iſt wohl der Zaum, der zuweilen ganz mit Silber bedeckt oder mit ſchweren ſilbernen Buckeln, Schiebern und Sternen verziert iſt. Das Ge⸗ biß iſt zuweilen von reinem Silber, gewöhnlich aber von Eiſen und ſehr fein gearbeitet. Die Sporen ſind in der Regel eiſern, doch ſilberne gar nicht ſelten. Die Schenkel eines Vaquero⸗Sporns ſind drei bis fünf Zoll lang, und die Rädchen haben zuweilen drei Zoll im Durchmeſſer. Ich beſitze ein Paar ſolcher Sporen, die von einem Ende zum anderen zehn Zoll meſſen, mit Rädchen von fünf und drei Viertel Zoll im Durchmeſſer und zwei Pfund elf Unzen ſchwer ſind. Endlich ſind die„Armas de pelo“ nicht zu vergeſſen, zwei zottige Ziegenfelle, am oberen Rande mit ge⸗ ſticktem Leder beſetzt, die vom Sattelknopfe herabhangen und die Beine bei Regenwetter oder gegen dorniges Geſtrüpp ſchützen. Die Corazas der Reiſeſättel ſind auch mit Taſchen verſehen, eine treffliche Vorkehrung, um ein Frühſtück oder eine Flaſche oder irgend Etwas mitzunehmen, das bequem zur Hand ſein ſoll. 136 In früheren Zeiten war dem Sattel hinten eine Art von leder⸗ nem Harniſch angehängt, der die hinteren Theile des Pferdes bis auf die Mitte der Schenkel bedeckte, und deſſen unterer Rand mit klingenden Eiſenſtiften beſetzt war, doch findet man dieß jetzt ſelten in Nord⸗Mejico. Aber auch ohne dieſes lärmende An⸗ hängſel iſt ein mejicaniſcher Caballero mit vollſtändigem Reit⸗ zeuge, ſeinem Geklingel und Geklapper eine ſehenswerthe Er⸗ ſcheinung. Dieſe Schilderung bezieht ſich zwar hauptſächlich auf den rit⸗ terlichen Caballero in den ſüdlichen Gegenden, den Reichen im Lande, aber ähnliche Trachten und Pferdegeſchirre, wiewohl von geringerem Stoffe, ſind auch bei den unteren Volksklaſſen ge⸗ bräuchlich. Auch werden unter dieſen ſolche Zeuche nicht bloß zu Reitkleidern, ſondern ſehr häufig zum gewöhnlichen Anzuge ge⸗ braucht. Gewöhnlicher Felbel, Barchent, blauer Zwillich und ähnliche Stoffe ſind ſehr gebräuchlich bei denjenigen Rancheros und Landleuten, die im Stande ſind, beſſere Zeuche als die ge⸗ wöhnlichen einheimiſchen Wollenſtoffe zu tragen. Grobe Filzhüte oder Hüte von Palmblättern, alle mit niedrigen Köpfen, werden allgemein von geringen Leuten getragen. Sind aber auch die europäiſchen Trachten jetzt unter den höheren Klaſſen gewöhnlich, ſo bleiben ſie doch meiſt einige Jahre hinter den neueſten Moden zurück. Frauen tragen jedoch nie Hüte oder Mützen, außer beim Reiten, ſtatt dieſer Kopfbedeckung dient der, Rebozo,“ ein langer Shawl, der um den Kopf gelegt wird. Er iſt ſieben bis acht Fuß lang, gegen drei Fuß breit und beſteht aus verſchiedenen Stoffen, Seide, Leinwand oder Baum⸗ wolle, und iſt gewöhnlich mit eingewirkten bunten Figuren verziert. Der Stoff iſt in der That ein ſchönes einheimiſches Gewebe. Die ſchönſten koſten funfzig bis hundert Dollars in Nord⸗Me⸗ jico, ein gewöhnlicher baumwollener Rebozo aber wird zu einem bis fünf Dollars verkauft, und meiſt von den geringen Volks⸗ klaſſen getragen. Selten ſieht man eine Mejicanerin ohne den Rebozo, den fie nur beim Tanze ablegt. Im Hauſe legt ſie 137 2 ihn leicht um die Schultern, auf dem Spaziergange aber zieht ſie ihn kokettirend über den Kopf und wirft ein Ende anmuthig über die entgegenſtehende Schulter. Eine Hauptbedenklichkeit gegen den Rebozo und die Sarape iſt bei den unruhigen Zu⸗ ſtänden jener Gegenden der Umſtand, daß ſie die Verbergung einer Perſon und das Tragen heimlicher Waffen erleichtern. Pi⸗ ſtolen, Meſſer und ſelbſt Degen kann man unbeargwohnt unter der Sarape tragen, und eine in ihren Rebozo modiſch gehüllte Frau kann unerkannt durch einen Haufen vertrauter Bekannten gehen. Die gewöhnliche Tracht der Bäuerinnen und der Ranche⸗ ros iſt die enagua oder der Unterrock von ſelbſtgewebtem Flanell, oder wenn ſie es erſchwingen können, von grobem blauen oder ſcharlachfarbigen Tuche mit einem breiten Streifen von anders gefärbtem Zeuche; ſie wird über einem weiten weißen Hemde um den Leib gebunden und iſt die einzige Bedeckung des Leibes außer dem Rebozo. So ungefällig dieſe Tracht auf den erſten Blick erſcheint, ſo iſt ſie doch ein ſehr kleidſamer Hausanzug und wird daher ſelbſt von vornehmen Frauen getragen. Die Neu⸗Mejicanerinnen ſind ſehr erpicht auf Juwelen, und man ſieht ſie gewöhnlich mit koſtbaren Halsbändern, Armbändern und Ringen, da ſie aber mit ausländiſchen Juwelen häufig be⸗ trogen worden ſind, ſo werden einheimiſche Schmuckſachen, die ſich zum Theil durch vortreffliche Arbeit empfehlen, gewöhnlich vorgezogen. Kutſchen aller Art ſind in Neu⸗Mejico ſehr ſelten, zuweilen aber ſteht man eines jener ungeheueren, plumpen und altfränki⸗ ſchen Fuhrwerke von mejicaniſcher Arbeit, die in den ſüdlichen Städten ſo häufig ſind und von Fremden oft ſpottend„Taran⸗ tulas auf Rädern“ genannt werden. Die Kutſche allein iſt eine Laſt für zwei Maulthiere und wird daher gewöhnlich von vier oder gar von ſechs gezogen. Beide Geſchlechter ſind gewöhnlich unter Mittelgröße, aber meiſt von gutem Ebenmaße, von athletiſchem Bau und von ge⸗ 138 ſunder Leibesbeſchaffenheit. Ihre Hautfarbe iſt gewöhnlich dunkel, aber man findet Abſtufungen aller Art von der hellſten euro⸗ päiſchen Hautfarbe bis zum dunkelſten Schwarzbraun. Ihre dunkle Hautfarbe iſt zum Theil in ihrer urſprünglichen Ab⸗ ſtammung von Mauren, noch mehr aber in den Zwiſchenheirathen mit den Ureinwohnern gegründet. Mancher Indianer und zuwei⸗ len ein ganzes Dorf ſind aus ihrer Abgeſchiedenheit hervorgetre⸗ ten und ganz mit ihren Beſiegern verſchmolzen. In den nörd⸗ lichen Gegenden hat die indianiſche Sklaverei noch mehr beige⸗ tragen, daſſelbe Ergebniß hervorzubringen. Man kauft von den wilden Stämmen gefangene Kinder beiderlei Geſchlechts, die in ihren einheimiſchen Fehden oder von den Pueblos in ihren Kämpfen mit jenen, oder auch ſelbſt von den Mejicanern wegge⸗ nommen wurden und gewöhnlich bis zum einundzwanzigſten Jahre und einige in der Unwiſſenheit ihrer Lage auf ihre ganze Leb⸗ zeit in der Knechtſchaft gehalten werden. Die Freigelaſſenen hei⸗ rathen in den Stamm ihrer Herren, werden mejicaniſche Bürger und ſind oft von vielen der dunkelfarbigen Eingeborenen nicht zu un⸗ terſcheiden. So iſt der jetzige Stamm der Neu⸗Mejicaner ein Gemiſch geworden, das ungefähr eben ſo viel europäiſches als indianiſches Blut in den Adern hat. Die Landleute haben die dunkelſte Hautfarbe, ſowohl weil ſie ſich am meiſten mit Indianern verheirathen, als auch dem Wetter am meiſten ausgeſetzt ſind, doch iſt die braungelbe Hautfarbe in allen Volksklaſſen, unter Reichen wie unter Armen, vorherrſchend. Unter den Weibern haben zwar viele eben ſo breite Züge als die echten Indianerinnen, doch findet man nicht ſelten ungemein ſchöne Geſichter. Sie ſind ausgezeichnet durch kleine Füße und hübſche Geſtalten, ungeachtet ſie in der feinen Schnürkunſt ganz unwiſ⸗ ſend ſind. Die Schönen in den Ranchos und den Dörfern haben die ekelhafte Gewohnheit, ihre Geſichter mit dem rothen Safte einer Pflanze, Alegria genannt, zu beſchmieren, die wie Blut ausſieht, oder auch mit Thon und Stärke. Sie haben dabei nicht, wie einige Reiſende meinten, die Abſicht, ſich zu verſchönern, 139 ſondern nur die Haut gegen Sonnenbrand zu ſchützen. Ein Landmädchen bleibt oft vierzehn Tage lang unter dieſer unſaube⸗ ren Bedeckung, um auf einem Feſttage oder auf einem Balle deſto vortheilhafter zu erſcheinen. Wird die Decke abgewaſchen, ſo erſcheinen die Wangen ſo friſch und roth, als es die Dunkel⸗ heit der Hautfarbe zuläßt. Die Neu⸗Mezicaner ſcheinen viel von der Grauſamkeit und Unduldſamkeit ihrer Vorfahren und nicht wenig von der Blind⸗ gläubigkeit und dem Schwärmereifer derſelben geerbt zu haben. Sie ſind von ſo lebhaftem Geiſte, von ſo geſchmeidigen morali⸗ ſchen Grundſätzen, ſo ſchlau, ſo geſchwätzig, von ſo ſchneller Faſſ⸗ ung und ſo fuchsſchwänzeriſch, daß ihre Unterhaltung oft einen trügeriſchen Schimmer von Talent⸗ verräth, ganz beſonders geeignet, irre zu leiten und zu täuſchen. Sie haben nur in der Liſt Beſtändigkeit, nur für Ränke Gründlichkeit und ſind hinſichtlich dieſer Eigenſchaften zu einer nicht beneidenswerthen Berühmtheit gelangt. Aus Grundſatz kriechend und unterwürfig, ſo lange ſte ohne Macht ſind, zeigen ſie eine unbegränzte An⸗ maßung und Rachgier, ſobald einmal der Herrſchermantel der Gewalt um ihre Schultern gelegt iſt. Dieß ſind zwar die all⸗ gemeinen Charakterzüge der Neu⸗Mejicaner, aber ich glaube und bekenne gern, daß es unter ihnen zahlreiche Beiſpiele von uner⸗ ſchütterlicher Tugend, Redlichkeit und Glaubensduldung giebt. Betrachtet man die Neu⸗Mejicaner überhaupt und ohne Rück⸗ ſicht auf beſondere Klaſſen, ſo giebt es kaum ein Volk auf der ganzen Erde, das mehr auf die Gebote der Mildthätigkeit, d. h. auf Almoſenſpenden hielte, was aber vielleicht mehr dem maͤchtigen Einfluſſe des Glaubensunterrichts als einer wirklichen Theilnahme an den Leiden der Dürftigen und Hilfloſen zuzuſchreiben iſt. Es giebt keine geſetzlichen Beſtimmungen für die Armenverſorgung, und es iſt daher wohl kein Land ſo ſehr mit Bettlern geplagt, beſonders ſüdlich von Chihuahua. In den großen Städten iſt der Sonnabend der herkömmliche Almoſentag, und bei ſolchen Gelegenheiten ſieht man die Bettler in Zügen von dreißig bis 140 vierzig, oder in geringerer Anzahl, durch die Straßen ziehen, in jedem Winkel, an jeder Straßenecke niederknieen, während Jeder ſeine Lieblingsgebete laut krächzt und den Segen des Himmels auf alle Männer, Weiber oder Kinder herabruft, die ſo glücklich geweſen ſind, ſich die Segnungen anzueignen, indem ſie einige „Clacos“ in ſeine ausgeſtreckte Hand werfen. In einigen Gegen⸗ den des Landes hat ſich dieſes Bettlergewerbe ſo erfolgreich ge⸗ zeigt, daß wohl Aeltern ihre Kinder in der früheſten Kindheit verſtümmelt und entſtellt haben, um ſie für das Gewerbe tauglich zu machen und ſich dadurch eine beſtändige Quelle des Gewinnes für ihr ganzes übriges Leben zu ſichern. Es giebt ſehr viele Menſchen, die Krankheit und häufig Mißbildung erheucheln, um das Mitleid der Wanderer zu erregen. Ich hatte in Chi⸗ huahua oft einen Burſchen von rüſtigem Anſehen bemerkt, der, wahrſcheinlich an den Beinen gelähmt, auf einem Polſterkiſſen von Thüre zu Thüre in den Straßen rutſchte und um Almoſen bat. Eines Tages ſtürzte ein wüthender Stier, den einige Va⸗ queros verfolgten, in der Richtung, wo der Bettler ſaß, kläglich brüllend hinab, und augenblicklich vergaß der Mann ſeine Lähm⸗ ung, ſprang gewandt wie ein Tanzmeiſter auf die Beine und machte ſich aus dem Staube. Man hat den Neu⸗Mejicanern oft Feigheit vorgeworfen, ein Schandfleck, der die reicheren Volksklaſſen und die ſtädtiſch erzo⸗ genen Caballeros treffen mag, aus deren Reihen die Kriegsan⸗ führer genommen werden, die das Schickſal der Schlachten ent⸗ ſcheiden. Aber die Rancheros, durch ihre eigenthümliche Lebens⸗ weiſe an Beſchwerden und Gefahren aller Art gewöhnt, haben einen weit höheren Grad von moraliſchem Muthe. Zeigen ſie keine Standhaftigkeit im Felde, ſo liegt der Grund darin, daß ſte kein Vertrauen zu ihren Anführern haben, und die Unwirkſamkeit und Werthloſigkeit ihrer Waffen kann allein ſchon ſelbſt ein tapferes Herz mit furchtbaren Ahnungen erfüllen. Der größte Theil des ſtehenden Heeres iſt zwar mit engliſchen Gewehren verſehen, welche jedoch von den unwiſſenden Leuten nicht in Ord⸗ — — 141 nung gehalten werden, aber ein großer Theil der Landwehr iſt auf die plumpe altfränkiſche Escopeta oder Muskete des ſechs⸗ zehnten Jahrhunderts zangewieſen, während andere Krieger nur mit Bogen und Pfeilen und zuweilen mit der Lanze verſehen ſind, die im ganzen Lande ſehr in Gebrauch iſt. Ich habe jedoch von Perſonen aus der unteren Volksklaſſe Dinge geſehen, die einen hohen Grad von Muth vorauszuſetzen ſcheinen. Mancher unternimmt allein eine Reiſe durch Wildniſſe, die von mordgie⸗ rigen Wilden wimmeln, aber da ſie nicht ſelten dieſen gefährlichen Unternehmungen unbewaffnet ſich ausſetzen, ſo iſt es offenbar, daß ſie nicht wenig auf gutes Glück und körperliche Behendig⸗ keit und noch mehr auf den Schutz ihrer Lieblingsheiligen, der Jungfrau von Guadalupe, vertrauen. Die Mejicaner zeichnen ſich, wie die Franzoſen, durch ihre Höflichkeit und ihr ſanftes Benehmen aus. Wer einen Freund beſucht, erhält die Verſicherung:„Sie ſind in ihrem eigenen Hauſe und haben zu befehlen“(Estä V. en su casa y puede mandar), oder:„Ich ſtehe ganz zu ihrer Verfügung“(Estoy en- teramente à su disposicion), ohne daß es etwas mehr als Aus⸗ druck gewöhnlicher Höflichkeit ſein ſoll. Lobt Jemand einen Ge⸗ genſtand, der auch noch ſo viel werth ſein möge, ſo ſagt der höfliche Eigenthümer:„Nehmen Sie es, mein Herr, es gehört Ihnen“(Témelo V. Sefoor, es suyo), ohne im Mindeſten zu erwarten, daß man ihn beim Worte nehme.„Nim man Ab⸗ ſchied von einem ſpaniſchen Großen“— ſagt Poinſett—„ſo ver⸗ beuge man ſich bei dem Ausgange aus dem Zimmer, oben an der Treppe, bis wohin der Wirth den Beſucher begleitet. Iſt man die erſte Stufenreihe hinabgeſtiegen, ſo wende man ſich um und man wird ſehen, daß der Wirth eine dritte Begrüßung er⸗ wartet, die er ſehr höflich erwidert, worauf er ſtehen bleibt, bis der Gaſt ſeinen Blicken entſchwunden iſt. Während Sie die Treppe hinabgehen, küſſen Sie, ſo oft er ſich ihren Blicken zeigt, ihre Finger und er wird Sie für den gebildetſten Cavalier halten.“ So gut gezeichnet dieſe kurze Skizze iſt, ſo kann ſie doch nicht 142 als ein vollſtändiger Maßſtab mejieaniſcher Hoͤflichkeit gelten. Kommt der Beſucher auf die Straße, ſo muß er noch einmal an den Hut greifen und ſich verbeugen, wie der aufmerkſame Wirth erwartet, der mit der Hand ein letztes à Dios aus dem Fenſter winkt.— Beim Briefſchreiben wird das Verhältniß der Chrerbietung durch die Breite des linken Randes beſtimmt. Iſt der Brief an eine Perſon von gleichem Range gerichtet, ſo bleibt ungefähr der vierte Theil der Seite leer, ſoll aber eine unge⸗ wöhnliche Ehrerbietung gegen einen Höheren bezeigt werden, ſo wird beinahe die Hälfte leer gelaſſen. Es giebt noch andere eigenthümliche Beweiſe von Höflichkeit und Ehrerbietung, die man in Amerika durchaus für knechtiſch halten würde. Bei Begrüßungen iſt die alte Sitte inniger Umarmung nicht bloß bei Perſonen deſſelben Geſchlechts noch immer faſt allge⸗ mein. Es iſt ganz allerliebſt, einem hübſchen Fräulein nach einer Abweſenheit zu begegnen. Man nüähert ſich, drückt ſich herzlich die Hände, beide umfaſſen ſich mit dem linken Arm, und während die Umarmung beide näher bringt, müſſen ſich die Wangen berühren, doch würde es für äußerſt unzart gehalten werden, einen Kuß zu geben. Zu den am wenigſten unangenehmen Gewohnheiten des Lan⸗ des gehört die Sieſta, das Nachmittagſchläfchen, die bei allen Klaſſen herrſcht. Die Kaufläden, die Amtſtuben, werden nach einer gemeinſchaftlichen Uebereinkunft um ein Uhr, die gewöhnliche Speiſeſtunde, geſchloſſen, und erſt um drei Uhr wieder geöffnet. Während dieſer Zeit ruhen faſt alle Geſchäfte und Arbeiten. Die Straßen ſind ganz leer, und Reiche und Arme begeben ſich zu ihrem Lager, um zu ſchlafen oder an nichts zu denken, bis der laute Glockenſchlag Drei ſie wieder zu ihrem Geſchäfte ruft. Zwölfter Abſchnitt. Verwaltung in Neu⸗Mejico.— Rechtspflege.— Beſtechlichkeit.— Vorurtheil gegen die Amerikaner und Vorliebe für die Engländer. — Willkürliche Beſteuerung der Ausländer.— Die Alcaldes.— Strafrechtspflege.— Sklaverei.— Diebe und Diebſtähle.— Spielſucht und Spielhäuſer.— Fandangos.— Eigarren. Vor der Einführung des Central⸗Syſtems in dem Freiſtaat Mejico ſtand die Provinz Neu⸗Mejico unter einer landſchaftlichen Regierung. Die vollziehende Gewalt war in den Händen des „Gefe Politico“, und die Provinzial⸗Deputation(diputacion provincial) erſetzte ſehr unvollkommen die geſetzgebende Gewalt. Seit Neu⸗Mejico nach der neuen Staatseinrichtung ein Depar⸗ tement iſt, ſind zwar die Namen jener Behörden verändert wor⸗ den, aber ihre Amtsverrichtungen ziemlich dieſelben geblieben. Der Gouverneur(gubernador) wird von den Präſidenten der Republik auf acht Jahre ernannt. Die geſetzgebende Gewalt hat dem Namen nach eine Junta departamental, eine Art von Staatsrath mit ſehr beſchränkter Macht. Aber auch dieſer Schat⸗ ten einer Volksvertretung wurde von dem Gouverneur Armijo außer Wirkſamkeit geſetzt, als er vor fünf bis ſechs Jahren ſein Amt antrat, und iſt ſeitdem nicht wieder in Thätigkeit gekom⸗ men, ſondern der Gouverneur hat nach Willkür die Amtsverricht⸗ ungen jener Behörde geleitet. Die Rechtspflege in Neu⸗Mejico iſt einer der kläglichſten Züge der öffentlichen Einrichtungen des Landes. Die Gerechtigkeit oder vielmehr die richterlichen Urtheile ſind ein gewöhnlicher Gegen⸗ ſtand des Handelsverkehrs, und der unglückliche Prozeßführer, 144 der nicht die Mittel hat, die Pfoten des Alcalde mit Silber⸗ ſalbe zu ſänftigen, kann darauf rechnen, daß er bei dem Streite ſcharf mitgenommen wird, wie gerecht auch ſeine Sache, wie redlich ſeine Geſinnung ſein möge. Es iſt daher leicht einzuſe⸗ hen, daß der arme und geringe Mann in einem Rechtſtreite ge⸗ gen den Reichen und Angeſehenen nicht aufkommen kann, deſſen Einfluß, auch abgeſehen von der Leichtigkeit, das Gericht zu be⸗ ſtechen und Zeugen für ſich zu gewinnen, allein hinlänglich iſt, das Gewicht eines gemeinen Zeugniſſes zu ſchwächen, das gegen ihn abgelegt werden könnte. Die nachtheiligen Folgen einer ſchlechten Rechtspflege ſind beſonders für Ausländer fühlbar, gegen welche überall in den ſüdlichen Gegenden ein ſtarkes Vorurtheil herrſcht. Die Bürger der Vereinigten Staaten müſſen dabei beſtändig leiden, eine un⸗ vermeidliche Folge jener unſeligen Gefühle, womit die republika⸗ niſchen Nebenbuhler die Fortſchritte und die Ueberlegenheit ihrer betriebſameren Nachbarn betrachten. Es iſt Thatſache, daß wäh⸗ rend die Engländer allgemein mit höherer Achtung behandelt werden, die Amerikaner, die in den ſüdlichen Landſchaften der Republik wohnen, ſehr häufig die Verweichlichung und Unent⸗ ſchloſſenheit ihrer Regierung ſich vorwerfen laſſen müſſen. Dieſer den Briten gewährte Vorzug zeigt ſich ſo offenbar, und die Ame⸗ rikaner ſind mit dieſer demüthigenden Thatſache ſo bekannt, daß wenn ein Handelshaus, das aus einem Amerikaner und einem Engländer beſteht, eine Gunſt oder Gerechtigkeit von den Meji⸗ canern erlangen will, das Geſuch immer im Namen des Englän⸗ ders angebracht wird, da man weiß, daß es auf dieſe Weiſe leichter Beachtung finden wird. Wenige Menſchen haben wohl mehr dazu beigetragen, die Intereſſen der amerikaniſchen Kaufleute zu gefährden oder den Charakter der Amerikaner herabzuſetzen, als Armijo, der jetzige willkürliche Machthaber in Neu⸗Mejico. Es freut mich jedoch, ſagen zu können, daß er bei ſeinen vielfältigen Unterdrückungen wenigſtens einmal genöthigt war, ſich vor einem jener kühnen 3 145 und unternehmenden Geiſter aus den Felſengebirgen zu beugen, den Schwierigkeiten eher kräftigten als beſtegten. Dieß geſchah um das Jahr 1828, während Armijo's erſter Verwaltung. Es beſtand zu jener Zeit ein von dem allgemeinen Congreß erlaſſe⸗ nes Geſetz, das den Fang der Biber im mejicaniſchen Gebiet bei Strafe verbot; da es aber in Neu⸗Mejico keinen einheimiſchen Biberfänger gab, ſo hielten es der Gouverneur Baca und ſein Nachfolger Narbona für angemeſſen, Ausländern unter dem Na⸗ men von Bürgern Erlaubnißſcheine zu ertheilen, gegen die Ver⸗ pflichtung, eine gewiſſe Anzahl von Mejicanern im Biberfange zu unterrichten. Der Gouverneur Narbona hatte einem gewiſſen Ewing Young, der von einem Bruder des Kapitäns Sublette begleitet war, die Erlaubniß zum Fange ertheilt, ehe ſte aber von ihrem Jagdzuge zurückgekehrt waren, hatte Armijo ſein Amt angetreten und ſie erfuhren, daß es ſeine Abſicht war, ihr Pelz⸗ werk wegzunehmen. Sie legten, um dieß zu verhüten, ihre Waaren in einem benachbarten Dorfe nieder, wo dieſelben aber ſpäter entdeckt und weggenommen wurden. Die Felle wurden, weil ſte dumpfig waren, in Santa Fe vor der Hauptwache in die Sonne gelegt. Als nun Sublette zwei Bündel Biberfelle bemerkte, die ſein Eigenthum geweſen und durch ehrliche An⸗ ſtrengung gewonnen waren, faßte er ſte, nahm ſie vor den Augen der ganzen Beſatzung hinweg und verbarg ſie und ſich ſelber in einem gegenüber ſtehenden Hauſe. Die geſammte be⸗ waffnete Macht ward alsbald aufgeboten, aber vergebens ſuchte man ihn und ſeine Beute aufzufinden. Die Wahrheit iſt, daß die Soldaten eben ſo wenig zu wünſchen ſchienen, Sublette zu finden, als er ſich finden laſſen wollte, da ſein Charakter ſo bekannt war, daß ſich nicht hoffen ließ, ihn ohne große Be⸗ ſchwerde zu verhaften. Armijo war wüthend und ſuchte die Amerikaner durch Drohungen zu vermögen, ihren Landsmann auszuſpähen und den Händen der Gerechtigkeit zu überliefern. Als er aber durch Poltern keinen Eindruck machte, ließ er ei⸗ nige Geſchütze gegen das Haus richten, wo man den Sünder Gregg, Karawanenzüge 1 10 146 vermuthete, und drohte, es niederſchießen zu laſſen, aber Alles ohne Erfolg. Sublette brachte ſeine Felle ſicher an die Gränze und in die Vereinigten Staaten. Die ſchreiendſten Beleidigungen gegen amerikaniſche Bürger aber wurden im Jahre 1841 begangen, bei Gelegenheit des Einfalls der Tejaner. In Taos ward ein armer taubſtummer Creole aus den Vereinigten Staaten zu Tode geprügelt. In San Miguel drang der Alcalde an der Spitze eines Pöbelhau⸗ fens in das Waarenlager eines amerikaniſchen Kaufmanns, den er beträchtlich beraubte. Zu derſelben Zeit herrſchte in Santa Fe die größte Erbitterung gegen die Amerikaner, die in offen⸗ barer Lebensgefahr zu ſein ſchienen, und es ward ein wilder An⸗ griff auf den amerikaniſchen Conſul gemacht, der für die Wohl⸗ fahrt der amerikaniſchen Bürger immer eifrig geſorgt hatte. Kaum war der Gouverneur nach San Miguel aufgebrochen, um die Tejaner anzugreifen, als ſein Neffe und Vertrauter, Namens Martin, von wildem Gefindel begleitet und mit einem langen Meſſer bewaffnet, heimlich in die Wohnung des Conſuls drang, der ihn jedoch noch früh genug erblickte und dem angedrohten Stoße auswich, aber in dem nachfolgenden Handgemenge eine 3 ſchwere Wunde im Geſicht erhielt. Das Geſindel drang zu gleicher Zeit herein mit dem Geſchrei:„Schleppt ihn hinaus! Tödtet ihn!“ Der Conſul verdankte ohne Zweifel ſeine Rettung zum Theil der Beſtürzung, welche das Mißlingen des heimlichen Mordverſuches bei den feigen Meuchlern erregte. Der Haupt⸗ urheber dieſer teufliſchen That wurde nicht beſtraft, ſondern bald nachher im Heere befördert. Die Beleidigung hatte damit noch nicht ihr Ende erreicht. Als der Conſul ſeine Päſſe nach den Vereinigten Staaten forderte, wurde ſein Verlangen beinahe einen Monat lang verweigert, und er dadurch ſo lange aufgehalten, bis die kalte Jahreszeit ſo weit vorgerückt war, daß zwei Perſonen von ſeiner Reiſegeſellſchaft unterwegs erfroren und nicht einer, ohne mehr oder weniger vom Froſt gelitten zu haben, die Heimat erreichte, und gegen funfzig Maulthiere aus derſelben Urſache 147 umkamen. Die Regierung der Vereinigten Staaten machte zwar Borſtellungen gegen dieſe und ähnliche verwegene Beleidigungen, doch hat man, wie es ſcheint, noch keine Maßregeln zur Ab⸗ hilfe ergriffen. Der Gouverneur Armijo hatte zur Unterdrückung der amerikaniſchen Kaufleute ſchon im Jahre 1839 eine Ver⸗ fügung gegeben, die alle Eingeborenen von der auf Waarennie⸗ derlagen und Kaufläden gelegten Abgabe befreite und dadurch die ganze Laſt der Steuer auf Fremde und eingebürgerte Aus⸗ länder warf, eine Maßregel, die offenbar und unzweideutig den zwiſchen den Vereinigten Staaten und Mejico geſchloſſenen Ver⸗ trägen und Verabredungen widerſtritt. Vergebens wurde eine Verwahrung dagegen eingelegt. Als der Conſul alle Vorſtell⸗ ungen fruchtlos fand, übergab er dem amerikaniſchen Geſandten in Mejico eine Denkſchrift, doch ſcheint dieſer, obgleich wichtige Intereſſen amerikaniſcher Bürger auf dem Spiele ſtanden, die Sache vielleicht für zu unbedeutend gehalten und nicht beachtet zu haben. Dieſe übermäßige Beſteuerung der Ausländer iſt je⸗ doch keineswegs eine eigene Erfindung des Gouverneurs Armijo. Als der Gouverneur von Chihuahua im Jahre 1835 eine Krieg⸗ ſteuer auflegte, um Mittel zur Bekämpfung der Indianer zu erlangen, welche das umliegende Land verwüſteten, wurde den fremden Kaufleuten mit gleicher Mißachtung ihrer Rechte und der vertragmäßigen Verpflichtungen eine Abgabe von fünfund⸗ zwanzig Dollars monatlich für jeden Kopf aufgelegt, während die einheimiſchen Kaufleute, deren viele anſehnliche Beſitzungen und reiche Waarenvorräthe hatten und zu deren Schutze die Steuer hauptſächlich beſtimmt war, nur fünf bis zehn Dollars bezahlten. Die Vorſtellungen, die man dem Gouverneur machte, waren fruchtlos, und nach ſeiner amtlichen Antwort glaubte die Regierung die Steuer gerecht vertheilt zu haben. Damit hatte die Verhandlung ein Ende und die Amerikaner bezahlten ihre fünfundzwanzig Dollars. Die einzigen richterlichen Behörden in Neu⸗Mejico ſind die Alcaldes oder Friedensrichter, von welchen die Berufung an den 10* 148 oberſten Gerichtshof im Departement Chihuahua geht. Der Pro⸗ zeßgang iſt äußerſt einfach und kurz. Der Kläger bringt ſeinen Anſpruch vor den Alcalde, der ihm befiehlt, den Verklagten vorzufordern, was mit den Worten geſchieht:„Der Alcalde la⸗ det Euch vor“(le llama el alcalde), und auf dieſe Weiſe ſind Kläger und Gerichtsdiener in einer Perſon vereint. Folgt der Verklagte dieſer Ladung nicht, was jedoch ſehr ſelten der Fall iſt, ſo ſchickt der Alcalde ſeinen„Stab der Gerechtigkeit“(baston de justicia), einen gewöhnlichen Spazierſtock, der ſich nur durch eine ſchwarze Seidenquaſte auszeichnet. Dieß verfehlt nie den Erfolg, da eine Weigerung, nach der Vorzeigung des Stabes der Gerechtigkeit zu erſcheinen, als eine Verachtung des Gerichtes ausgelegt und beſtraft werden würde. Die Zeugen werden zu⸗ weilen auf ein in den Stab der Gerechtigkeit eingeſchnittenes Kreuz beeidigt, oder wohl häufiger auf einem mit dem Zeige⸗ finger und dem Daumen gebildeten Kreuze. Gewöhnlich aber ge⸗ ſchieht das Verhör ohne eine einzige Eidablegung, und bei dem Mangel an Zeugen fället der Alcalde oft das Urtheil auf die bloßen Angaben der ſtreitenden Parteien. Nach einer gegenſei⸗ tigen Uebereinkunft wird die Entſcheidung eines Rechtſtreites zu⸗ weilen an Schiedsmänner(hombres buenos) verwieſen, was man eine ziemliche Annäherung an ein Geſchworenen⸗Gericht nennen könnte. Bei gerichtlichen Verhandlungen aber wird we⸗ nig oder gar nicht Rückſicht auf irgend ein Geſetzbuch genommen, ja es giebt kaum einen unter zwölf Alcaldes, der weiß, was ein Geſetz iſt, oder je ein Geſetzbuch geſehen hat. Sind ihre Aus⸗ ſprüche nicht durch Beſtechung beſtimmt worden, ſo richten ſie ſich nach den herrſchenden Landesgewohnheiten. In der Rechtspflege giebt es drei verſchiedene und bevorrechtete Gerichtsbarkeiten,„Fueros“ genannt, nämlich das ecclesiastico, nach welchem ein Mitglied der Geiſtlichkeit, wenigſtens vom Pfar⸗ rer aufwärts, nie vor einem bürgerlichen Gerichte belangt, ſon⸗ dern nur von geiſtlichen Oberen gerichtet werden ſoll— der militar, wodurch eine ähnliche Vergünſtigung ſowohl für Offi⸗ 149 ziere als für jeden gemeinen Soldaten veſtgeſtellt wird, und der civil oder die gewöhnlichen Gerichte für alle Fälle, in welchen die Verklagten zum Stande der Laien gehören. Nach dieſen „Fueros“ ſind die Mitglieder der Geiſtlichkeit und des Kriegerſtan⸗ des ſeither in vollſtändiger Unabhängigkeit von den bürgerlichen Obrigkeiten geblieben. Die bürgerlichen Gerichte ſind in gewiſſer Art den beiden anderen Fueros untergeordnet; denn ſie können unter keinen Umſtänden eine richterliche Gewalt über Jene aus⸗ üben, während der zu den Laien gehörende Kläger von den be⸗ vorrechteten Gerichtshöfen, wenn er unglücklich iſt, verurtheilt werden kann, ein Fall, der nie in Prozeſſen der Geiſtlichkeit oder des Kriegerſtandes vor bürgerlichen Gerichten eintreten kann. Die Entſcheidungen dieſer Behörden in ſolchen Fällen würden ungiltig ſein. Kein Wunder daher, daß die Sache der Freiheit in Mejico ſo wenig Fortſchritte gemacht hat. Gefängniß iſt faſt die einzige Strafe im nördlichen Mejico. Für Schulden, kleine Diebſtähle, Straßenraub und Mord iſt der gewöhnliche Ausſpruch:„In's Gefängniß!“ Es kann jemand wegen des Unvermögens, zwei Realen zu bezahlen, eben ſo lange im Gefängniſſe ſitzen als wegen des ſchwerſten Verbrechens, vor⸗ ausgeſetzt, daß er nicht die Mittel hat, die beleidigte Majeſtät des Geſetzes zu beſchwichtigen. Ich habe nur von einer einzigen Hinrichtung wegen eines Mordes in Neu⸗Mejico ſeit der Er⸗ klärung der Unabhängigkeit gehört. Die wildeſten und ſchuld⸗ vollſten Verbrecher kommen nach einigen Wochen Gefängniß ſtraflos davon, wenn anders nicht der Kläger ein Mann von großem Einfluſſe iſt, und in ſolchen Fällen wird der Gefangene nach Willkür im Calabozo veſt gehalten, ſelbſt wenn das Vergehen von geringer Bedeutung iſt. Trotz dieſer ſchlaffen Strafrechtspflege werden doch nur wenige Mordthaten begangen. In Schuldſachen muß der Schuldner ins Gefängniß wan⸗ dern, wenn anders nicht der Gläubiger ſeine Dienſte annehmen will. Geſchieht dieß, ſo wird der Schuldner, mag er wollen oder nicht, der Knecht des Gläubigers, bis die Schuld getilgt 150 i*ſt, und da er gegen ſehr geringen Lohn dient, ſo bleibt er we⸗ gen der Koſten der Bekleidung und anderer Lebensbedürfniſſe nur zu oft in beſtändiger Knechtſchaft. Dieſes Syſtem wirkt nicht auf die höheren Klaſſen, drückt aber mit furchtbarer Strenge auf den unglücklichen Armen, deſſen Zuſtand nicht viel beſſer iſt als die Lage des Sklaven in den ſüdlichen amerikaniſchen Staaten. Die Schuldner arbeiten zwar für einen beſtimmten Lohn, aber ihr ganzer Erwerb iſt kaum hinlänglich, die gröbſte Bekleidung zu bezahlen und die zufälligen Ausgaben zu decken. Männer er⸗ halten monatlich zwei bis fünf Dollars, Weiber funfzig Cents bis zwei Dollars, aber ſelten wird der Lohn baar, ſondern in Kleidungſtücken und anderen Bedürfniſſen zu den übertriebenſten Preiſen bezahlt. Die Folge iſt, daß der Knecht eine Schulden⸗ laſt aufhäuft, die er nicht bezahlen kann, da der Lohn oft auf einige Jahre voraus bezahlt iſt. Nach den Gewohnheiten, wo nicht nach den Geſetzen des Landes, iſt er verpflichtet, ſeinem Herrn zu dienen, bis alle Rückſtände getilgt ſind, und es ſteht nur in ſeiner Gewalt, einen Tauſch des Gebieters zu bewirken, wenn ein anderer die Schuld bezahlt, dem er dann auf gleiche Weiſe verpflichtet wird.. Schwere Verbrechen und Straßenraub kommen, wie bemerkt, in Neu⸗Mejico nur ſelten vor, aber in geringeren Vergehungen, wie Diebereien und in Betrügereien alter Art, können die un⸗ teren Klaſſen mit jedem anderen Volke die Vergleichung aushal⸗ ten. Man kann in der That nichts unbewahrt oder unbewacht laſſen, ohne ſich der Gefahr einer augenblicklichen Beraubung auszuſetzen. Es wird keinem Landwirthe einfallen, ſeine Art oder ſeine Hacke oder irgend eine Sache von dem geringſten Werthe über Nacht liegen zu laſſen. Von leeren Wagen werden oft alle beweglichen Eiſentheile geſtohlen und ſelbſt Räder weg⸗ genommen. Oft werden in Kaufläden Waaren aus den Fächern entwendet, wenn ſtie ſich erreichen laſſen. In Chihuahua wur⸗ den Waaren vom Ladentiſche weggeriſſen, während ein angeb⸗ licher Kaufluſtiger ſie anſah. Einſt wurde mir ſelber ein Streich 151 dieſer Art von einigen Knaben geſpielt, die mitten durch einen Haufen von Zuſchauern davon liefen, ohne ihre Beute zu ver⸗ bergen. Vergebens ſchrie ich:„Haltet die Diebe auf!“ Nie⸗ mand rührte ſich, ſte zu ergreifen. Es ſcheint in der That ſelbſt unter den beſſeren Volksklaſſen ein großer Widerwille gegen die Ergreifung von Dieben zu herrſchen, als ob die bloße Ablegung eines Zeugniſſes gegen ſie ſchon für unehrenhaft gehalten würde. Ein ſehr achtbarer Caballero hatte einſt, wie er gegen mich aͤußerte, mit eigenen Augen geſehen, wie Jemand Waaren entwendete, konnte aber nicht bewogen werden, ihn namentlich anzugeben.„Ich kann nicht daran denken,„ſetzte er hinzu,„den armen Menſchen in Gefahr zu bringen.“ Die Strafloſigkeit, welche Verbrechen dieſer Art faſt täglich finden, iſt vielleicht zum Theil die Folge jener ſtrengen geſetzli⸗ chen Verfügungen, wie die Leysas de las Indias,(die indiſchen Geſetze), welche viele Diebſtähle und Räubereien mit Todesſtrafe bedrohten. Die Behörden gewöhnten ſich, Verbrechen lieber nach⸗ zuſehen, als die grauſamen Verfügungen zu vollziehen, die der Bluchſtabe des Geſetzes vorſchreibt. Durch gerichtliche Verfolgung kann jetzt höchſtens die Wiedererlangung des geſtohlenen Gutes bewirkt werden, wenn es ſich irgendwo finden läßt, und zuwei⸗ len eine kurze Haft des Schuldigen. Dieß iſt beſonders der Fall, wenn der Kläger ein Ausländer iſt, wogegen er, wenn ihn eine Anklage trifft, eine ſehr ſtrenge Behandlung erwarten kann. Die Spielſucht verdient als eine Eigenheit der Eingeborenen bezeichnet zu werden. Man kann in der That ohne Uebertreib⸗ ung ſagen, daß Ladendiebſtähle, Taſchendiebvereien und andere feine Zeitvertreibe der Art, beſonders unter den geringeren Volks⸗ klaſſen, aus jener Spielſucht hervorgehen, welche in Mejico mehr als in irgend einem anderen Lande, wie Frau Calderon ſich ausdrückt, dem innerſten Weſen von Mann, Weib und Kind eigen iſt. In der niedrigen Hütte wie in dem Prachtſaal iſt ſie herrſchend, und weder ein heiliges Gewand noch die Würde des Amtes giebt hinlänglichen Schutz gegen den Zauber dieſes auf⸗ 152 regenden Laſters. Niemand hält es für eine Herabwürdigung, an einer„Monte⸗Bank⸗“ zu erſcheinen; den Gouverneur ſelbſt und ſeine Gemahlin, die erſten Beamten und die vornehmen Geiſtlichen, den munteren Caballero und die angeſehene Seniora, ſteht man Dublonen auf die Wendung einer Karte ſetzen, wäh⸗ rend der demüthigere Ranchero, der Dienſtbote, der zerlumpte Arme mit gleicher Gier ſein Glück in demſelben Heiligthume ver⸗ ſucht. Es ſind noch andere Kartenſpiele üblich, die mehr von Geſchicklichkeit abhangen, aber das Monte, ein reines Glück⸗ ſpiel, ſcheint eine unwiderſtehliche Anziehung zu haben, die der uneingeweihte Zuſchauer kaum begreifen kann. Ein Fall, den ich erzählen will, kann nicht nur zeigen, in welchem Lichte alle Volksklaſſen das Spiel betrachten, ſondern auch den reinigenden Einfluß des Reichthums auf den Ruf. Vor ungefähr funfzehn Jahren wohnte in Taos eine Landſtreicherin von ſehr zügelloſen Sitten, die unter den Namen La Tules bekannt war. Sie fand es ſchwer, dort ihren Lebensunterhalt zu ge⸗ gewinnen, und wanderte endlich nach der Hauptſtadt. Sie be⸗ ſuchte beſtändig eines der Spielhäuſer, wo das Monte ſeinen Sitz aufgeſchlagen hatte. Anfänglich ſchien das Glück ihren Be⸗ mühungen nicht lächeln zu wollen, und einige Jahre verbrachte ſte ihr Leben in Dürftigkeit und Elend. Endlich aber wandte ſich das Glück ihr zu, und ſie verließ die Bank mit einem Ge⸗ winn von mehren hundert Dollars. Dieß ſetzte ſie in den Stand, eine eigene Bank zu eröffnen, und da das Glück ihr ſtets günſtig war, wuchs allmälig ihre Wohlhabenheit, bis ſie ſich im Beſitz eines ſehr hübſchen Vermögens fand. Im Jahre 1842 ſchickte ſte über zehntauſend Dollars nach den Vereinig⸗ ten Staaten, um ſie anlegen zu laſſen. Noch immer iſt ſie ih⸗ rem Lieblingszeitvertreib ergeben und gilt jetzt für die erfahrenſte Monte⸗Spielerin in Santa Fe. Sie hat Zutritt in den erſten geſellſchaftlichen Kreiſen, und ich zweifle, ob es in der Stadt eine Frau von feinerem Rufe gebe als eben dieſe Tules, jetzt bekannt als Sefiora Doma Gertrudes Barcelé. 153 Unter den vielen Spielen, die das eigentliche Lebensgeſchäft in Neu⸗Mejico zu ſein ſcheinen, iſt die„Chuza“ offenbar das anziehenſte für Frauen und ſie wetten hoch auf den Ausſchlag des Spieles. Es wird mit kleinen Kugeln geſpielt und hat ei⸗ nige Aehnlichkeit mit dem Roulette. Stierhetzen und Hahnen⸗ gefechte ſind auch ſehr beliebte Beluſtigungen im nördlichen Mejico, und führen gewöhnlich zu denſelben Ausſchweifungen und Erfolgen als das Spiel. An Sonntagen und anderen Feiertagen iſt der Schauplatz der Hahnengefechte mit Menſchen überfüllt, und bei ſolchen Gelegenheiten bilden die Kirche, der Ballſaal, das Spiel⸗ haus und der Hahnenkampfplatz eben ſo viele entgegengeſetzte Anſtalten, und nichts iſt gewöhnlicher, als daß die Menſchen in abwechſelnder Laune von einem Ort zum anderen gehen, wie eben eine andächtige Regung oder Vergnügungsſucht ſie treibt. Eine der anziehendſten Beluſtigungen der Rancheros und der Landleute, die mehr als alle anderen Geſchicklichkeit und Gewandt⸗ heit fordert, iſt das correr el gallo(Hahnlaufen), das gewöhn⸗ lich am Johannistage ſtatt findet. Ein Hahn oder eine Henne werden mit den Füßen an einen Baumzweig gebunden, ſo hoch, daß ein Reiter nur eben hinanreichen kann, oder der Hahn wird lebendig in die Erde gegraben, ſo daß nur der Kopf hervorſteht. In beiden Fällen ſuchen die Renner in vollem Galopp den Kopf des Hahnes zu faſſen, der aber tüchtig mit Oel eingeſchmiert, gewöhnlich ihren Fingern entſchlüpft. So bald es dem geſchickte⸗ ſten Renner gelungen iſt, ihn an ſich zu reißen, ſpornt er ſein Pferd und ſucht mit ſeiner Beute zu entfliehen. Er wird jedoch von den übrigen Mitkämpfern lebhaft verfolgt, und wer ihn zu⸗ erſt einholt, ſucht ihm den Preis zu nehmen, und gewöhnlich wird bei dem Kampfe das arme Thier in Stücke geriſſen. Sollte der Sieger ſeinen Verfolgern entgehen, ſo bringt er ſeinen Preis zu den ſchönen Zuſchauerinnen und übergiebt ihn ſeiner Ge⸗ liebten, die ihn als ein Zeichen der Tapferkeit ihres Anbeters auf den Fandango mitbringt, der gewöhnlich jener Beluſtigung folgt. 154 Unter den„Vaqueros“ und ſelbſt unter angeſehenen Leuten iſt ein weit edleres Spiel als jenes das Coleo oder Schwanzziehen, das gleichfalls an Feſttagen geſpielt wird. Der unbändigſte Ochſe oder Stier wird auf einem ebenen Anger losgelaſſen, wo alle Theilnehmer bereits beritten ſind, um ihn zu verfolgen. So⸗ bald der glücklichſte Reiter dem Ochſen nahe genug kommt, faßt er das Thier beim Schwanze und wirbelt es durch eine gewandte Bewegung zu Boden, nicht ohne Gefahr, den Hals zu brechen, wenn ſein Pferd über die Beine des fallenden Ochſen ſtraucheln ſollte. Fandango wird in Neu⸗Mejico nie als der Name eines be⸗ ſonderen Tanzes gebraucht, ſondern iſt die herkömmliche Bezeich⸗ nung jener gewöhnlichen Verſammlungen, wo man ſich dem Tanze und der Luſtigkeit hingiebt, und Baile, d. h. Ball, wird von vornehmeren Zuſammenkünften gebraucht. Die Fandangos werden ſehr häufig beſucht, da überall im Lande und unter allen Volksklaſſen der Tanz beliebt iſt. Vom ernſten Prieſter bis zum Poſſenreiſſer, vom reichſten Nabob bis zum Bettler, vom Gou⸗ verneur bis zum Ranchero, von der beſonnenſten Matrone bis zur leichtfertigen Schönen, von der vornehmſten Seriora bis zur Köchin— Alle ergeben ſich dieſer aufheiternden Beluſtigung. Bei der Menge von Inſtrumenten, die faſt in jeder Nacht das Ohr begrüßen, möchte man glauben, daß überall ein ewiger Carneval wäre. Die gewöhnlichen Inſtrumente auf Bällen und Fandangos ſind die Geige und das Bandolin oder die Guitarre, die in manchen Dörfern mit dem„Tombé“ oder der kleinen indianiſchen Trommel begleitet wird. Die Spielleute lernen dieſe Inſtrumente zuweilen mit großer Geſchicklichkeit behandeln. Seltſam aber, ja anſtößig iſt es für die meiſten proteſtantiſchen Ohren, beim Gottesdienſte dieſelben Inſtrumente, und oft dieſelben Weiſen zu hören. Unter allen kleinen Laſtern in Neu⸗Mejico iſt das„unſchul⸗ dige Laſter“ des Rauchens bei den Frauen das unerträglichſte, aber eine Gewohnheit, der ſelbſt die liebenswürdigſten und fein⸗ 1 155 ſten Frauen ſich hingeben. Das Puro ¹) oder Cigarro ſieht man in jedem Munde; es geht im Beſuchzimmer von Hand zu Hand und läßt ſich im Speiſezimmer ſehen, und ſelbſt im Ball⸗ ſaale wird es den Frauen wie jede andere Erfriſchung dargebo⸗ ten. Oft ſteht man beim Tanze ein Mädchen mit dem Cigar⸗ rito im Munde ſich raſch umdrehen. In den ſüdlichen Städ⸗ ten haben die Schönen ſehr oft Goldzänglein, womit ſie die Cigarren faſſen, um ihre zarten Finger gegen den Saft oder Geruch des Tabaks zu ſchützen, während ſie an die unangenehmen Wirkungen auf Lippen und Athem nicht denken. Trotz ihren vielen Fehlern aber muß ich den Neu⸗Meiicanern das gerechte Zeugniß geben, daß ſie dem Trunke und den damit verbundenen Zerſtreuungen nur wenis ergeben ſind, doch iſt dieß ohne Zweifel beſonders dem Umſtande zuzuſchreiben, daß die theueren geiſtigen Getränke den unteren Volksklaſſen nicht zugäng⸗ lich ſind. *) Das Puro iſt die gewöhnliche Eigarre von reinem Tabak, Ci⸗ garros oder Cigarritos aber ſind von geſchnittenem Tabak in einen Papierſtreifen oder eine Maishülſe gewickelt. Dieſe ſind in Neu⸗Mejico auch unter Männern am gebräuchlichſten, und Frauen rauchen keine anderen. Die Cigarren werden dort ſelten in Kaufläden verkauft, ſondern jedermann macht ſie in dem Augen⸗ blicke, wo er ſie braucht. Man zeigt darin eine bemerkenswerthe Ge⸗ ſchicklichkeit. Der berittene Vaquero zieht ſeine kleine Tabak⸗ flaſche(guagito) hervor, ſein Päckchen mit zubereiteten Hulſen (hojas), ſeinen Feuerſtein und Stahl, macht ſich ſeine Cigarre, ſchlägt Feuer und fängt an zu rauchen, ehe eine Minute ver⸗ gangen iſt, ohne ſein Pferd in vollem Laufe anzuhalten, und in der nächſten Minute wirft er vielleicht ſein Lazo auf den wil⸗ deſten Stier, ohne das Rauchen einzuſtellen. Dreizehnter Abſchnitt. Militäriſche Hierarchie.— Aberglaube.— Die heilige Jungfrau von Guadalupe.— Heilige und Heiligenbilder.— Prozeſſionen.— Das Sakrament.— unterwürfigkeit gegen die Prieſter.— Gottes⸗ dienſt.— Die Vesperglocke.— Die Charwoche.— Seltſame Buß⸗ übung.— Ehen.— Drückende Kirchengebühren.— Begräbniß⸗ gebräuche.— Ketzerbegräbniß. Die Mejicaner ſcheinen die rechtmäßigen Abkömmlinge und Un⸗ terthanen des katholiſchen Königs zu ſein, denn der römiſche Glaube iſt nicht nur der durch die Geſetze eingeführte, ſondern auch der allein geduldete Glaube, ein Syſtem republikaniſcher Freiheit, das dem unabhängigen und duldſamen Geiſte der Ver⸗ einigten Staaten durchaus unbegreiflich iſt. Die Mejicaner ſprechen zwar von einer Vereinigung der Kirche und des Staats, aber ſie ſollten vielmehr von einer Vereinigung der Kirche und des Heeres reden, denn wie ſchon gezeigt wurde, die bürgerliche Obrigkeit iſt ſo ſehr mit der militäriſchen und der geiſtlichen verſchmolzen, daß die Regierung, wenn nicht eine militäriſche Hierarchie, doch ſo nahe mit ihr verwandt iſt, daß es ſchwer wird, einen Unterſchied aufzufinden. Wie man treffend geſagt hat, wir werden an die Doppelherrſchaft des Heeres und der Kirche durch die beſtändigen Töne der Trommel und der Glocke erinnert, die uns vom Morgen bis Mitternacht in die Ohren ſchallen und die Töne der Betriebſamkeit und Arbeit übertäuben. In mannigfaltigem und rohem Aberglauben mag Neu⸗Me⸗ jico wohl mit jedem anderen geſitteten Lande in der Welt wett⸗ eifern können. Andere mögen ihre ſeltſamen Ueberlieferungen, 157 ihre ſchwärmeriſchen Vorurtheile, ihren Pfaffentrug haben, aber hier ſcheint der Volksglaube eine Verkörperung von ſo vielen wunderlichen und unwahrſcheinlichen Dingen im Götzendienſte zu ſein, als ſich möglicher Weiſe in das Gewand einer Glaubens⸗ lehre einkleiden laſſen. Man müßte ganze Bände füllen, wenn man nur die Hälfte der Wunderwirkungen und außerordentlichen. Erſcheinungen erzählen wollte, die während und ſeit der Erober⸗ ung der indianiſchen Pueblos und ihrer Bekehrung zum römiſchen Glauben ſich ereignet haben ſollen. Ihr Charakter läßt ſich aus der Volkslegende von der wunderbaren Erſcheinung der heiligen Jungfrau vou Guadalupe— la maravillosa aparicion de nuestra Sefiora de Guadalupe— entnehmen, an welche in einer der vielen Geſtalten der Ueberlieferung in der ganzen Provinz geglaubt wird. Ich habe beinahe ein halbes Dutzend ſchriftlicher Darſtellungen dieſer berühmten Legende ge⸗ ſehen und faſt eben ſo viele mündliche gehört, aber nicht zwei ſtimmen in allen Einzelheiten überein. Ich gebe die am meiſten verbreitete Erzählung. Als ein Indianer, Namens Juan Diego, am 12. December 1531 über den öden Berg Tepeyacac, unge⸗ fähr eine Stunde nördlich von der Stadt Mejico, wanderte, um Heilkräuter zu ſuchen, wurde ſeine Aufmerkſamkeit plötzlich durch Blumenduft und den Ton lieblicher Muſik gefeſſelt, und auf⸗ blickend, ſah er eine Engelgeſtalt vor ſich. Erſchrocken, will er entfliehen; aber die Erſcheinung ruft ihn an.„Juan Diego,“ ſpricht ſie,„gehe und ſage dem Biſchof, er ſolle mir eine Ka⸗ pelle errichten laſſen auf eben dieſer Stelle.“ Der Indianer ant⸗ wortet, er könne nicht umkehren, da er Heilmittel für einen todt⸗ kranken Verwandten ſuche. Die Geſtalt aber befahl ihm, zu gehorchen und um ſeinen Verwandten nicht weiter bekümmert zu ſein, da er ſchon geneſen wäre. Juan Diego begab ſich nach der Stadt, da er aber bei dem Biſchofe nicht vorgelaſſen wurde, ſo glaubte er, getäuſcht zu ſein, und kehrte zurück, um ſeine Heil⸗ kräuter zu ſuchen. Als er den Berg erſtieg, ſah er die Geſtalt wieder vor ſich, die auf ſeine Entſchuldigung ihm ſeinen Mangel 158 an Glauben und Kraft vorwarf und hinzuſetzte„Sage dem Bi⸗ ſchofe, es ſei Guadalupe, die Jungfrau Maria, die dich ſende und unter den Mejicanern wohnen und ſie beſchützen wolle.“ Der Indianer kehrte nach der Stadt zurück und verſchaffte ſich Zutritt bei dem Biſchofe, der als ein guter und verſtändiger Mann den Boten auslachte und wie einen Narren behandelte, ja ihm endlich ſagte, er möchte ein Zeichen bringen, welches er leicht erlangen könnte, wenn die Abſenderin wirklich die Mutter Gottes wäre. Der beſtürzte Indianer verließ den Biſchof, und entſchloſſen, ſich von ſeiner geiſterhaften Bekanntſchaft nicht weiter beläſtigen zu laſſen, nahm er einen anderen Weg; als er aber der Stelle ſich näherte, wo er ſie zuerſt geſehen hatte, erblickte er wieder die Erſcheinung, welche auf ſeinen Bericht von dem Erfolge der Sendung ihm befahl, einen nackten Felſen in der Nähe zu erklimmen und einen Strauß von den Blumen zu pflücken, die er dort finden würde. Juan Diego, wiewohl kei⸗ neswegs gläubig, gehorchte und fand zu ſeiner Ueberraſchung die Blumen. Er brachte ſte der Jungfrau, die ſie in ſeine„Tilma“*) warf und ihm gebot, ſie dem Biſchofe zu überbringen.„Sieht er ſie, ſo wird er glauben,“ ſprach die Geſtalt,„da er wohl weiß, daß in dieſer Jahrzeit keine Blumen blühen, am wenigſten aber auf jenem öden Felſen.“ Der demüthige Bote kehrte nun mit mehr Zuverſicht zu dem Biſchofe zurück und legte ſeine blühende Be⸗ glaubigung vor ihm nieder. Aber ſiehe da, zum Erſtaunen aller Zuſchauer und zur völligen Ueberzeugung des hochwürdigſten Herrn war auf der inneren Seite der Tilma das genaue Abbild der Erſcheinung zu ſehen. Der Biſchof erkannte nun die Göttlichkeit des Bildes an, und in einer in dieſer Abſicht gehaltenen Verſammlung von Geiſt⸗ lichen erklärte er es für das Bild der wahrhaften Jungfrau und Be⸗ *) Eine Art von Mantel oder Ueberwurf, bei den Indianern üblich, in jenem Falle aus den groben Faſern einer Agave⸗Art(Maguey) verfertigt und den gewöhnlichen Kaffeeſäcken ähnlich. 159 ſchützerin von Mejico. Bald nachher ward. eine prächtige Ka⸗ pelle auf der bezeichneten Stelle erbaut, in welcher das Wunder⸗ gemälde niedergelegt ward und bis auf den heutigen Tag zu ſehen iſt. In den Vorſtädten jedes Hauptortes der Republik befindet ſich jetzt eine der heiligen Jungfrau von Guadalupe ge⸗ weihte Kapelle. Rohe Nachbildungen von verſchiedener Größe findet man faſt in jeder Wohnung, vom Palaſte bis zur elende⸗ ſten Hütte. Das Bild mit einem Spruch iſt auch auf Münzen geprägt, welche die Gläubigen am Halſe tragen. Von ſolchen Münzen wurden, wie ich gehört habe, im Jahre 1831 zu Bir⸗ mingham 216,000 für den Verkauf in Mejico geprägt. Faſt neun Zehntheile der Bewohner Neu⸗Mejicos tragen ſolche Mün⸗ zen. Auf der einen Seite ſieht man das Bild der heiligen Jungfrau in ihrem Sternenmantel, mit einem Cherub und dem Monde unter ihren Füßen, und mit der Umſchrift:„N.(uestra) §.(eFiora) D.(e) Guadalupe de Mexico A. 1805.“ Die Jahrangabe bezieht ſich wahrſcheinlich auf eines der zahlloſen Wunder, welche die heilige Jungfrau von Guadalupe in Mejico gewirkt hat. Auf der Kehrſeite ſteht der Spruch:„Non fecit taliter omni nationi,“ nach Pſalm 147, 20. Zur Bekräftigung des Wunders wird noch hinzugeſetzt, Juan Diego habe bei ſeiner Heimkehr ſeinen Verwandten ganz geneſen gefunden, der zur Zeit der erſten Erſcheinung der heiligen Jung⸗ frau plötzlich von ſeinem Sterbelager aufgeſprungen ſei. Nun kommt eine profame Darſtellung der Geſchichte, welche die Zweifler als die wahrſcheinlichſte in Umlauf gebracht haben. Zum beſſeren Verſtändniſſe dieſer Erklärung muß vorausgeſchickt werden, daß der Name Guadalupe den Spaniern ſchon be⸗ kannt war, da die heilige Jungfrau lange vorher unter demſelben Namen in Spanien erſchienen ſein ſoll, und bei dieſer Gelegen⸗ heit ward ein Mönchsorden unter dem Namen Frailes Guada- lupanos geſtiftet. Einer dieſer frommen Brüder wurde als Be⸗ kehrer nach Mejico geſchickt, und da er die Indianer etwas hart⸗ näckig und unlenkſam fand, ſo kam er auf den Gedanken, ihrer 160 Volkseitelkeit durch die Aufſtellung eines für die Umſtände paſ⸗ ſenden Heiligen zu ſchmeicheln. Der Mönch hatte einen Freund, der ein vortrefflicher Maler war.„Nimm dieſe Tilma,,— ſprach er einſt, indem er ihm eines der gröbſten und loſeſten Gewebe übergab—„klebe ſie auf Malertuch und male darauf das ſchönſte Bildniß der heiligen Jungfrau von Guadalupe, das deine Phan⸗ taſie ſchaffen kann.“ Als dieß geſchehen und die Tilma von der Unterlage getrennt war, hatte das Gemälde ein etwas wunder⸗ haftes Anſehen. In der Nähe betrachtet, erſchien es ſehr matt, in der Ferne geſehen aber, ſo daß das Auge ein weiteres Feld des lockeren Gewebes überblicken konnte, zeigte es ſich ganz deut⸗ lich und hübſch. Von dieſer Wirkung ſpricht man auch noch heutiges Tages, und ſo leicht ſie ſich aus natürlichen Urſachen erklären läßt, ſo haben mir doch viele unwiſſende Mejicaner ver⸗ ſichert, die heilige Jungfrau verberge ſich vor Allen, die ihr Heiligthum durch zu große Annäherung entweihten, und zeige ſich nur Denjenigen in ihrem vollen Glanze, die ſich in ehrer⸗ bietiger Entfernung hielten. Man ſetzt hinzu, es ſei ein Mäd⸗ chen aufgeſucht und wie die heilige Jungfrau geputzt und ſo die Geſchichte geſpielt worden, wie man ſie erzählt. Das Wunder von den im December blühenden Blumen iſt nach den Profanen nicht eben wunderbar, da man weiß, daß Blumen in dem Niederlande und nur zwei Wegſtunden von dem Orte, wo die Geſchichte vorfiel, zu allen Jahrzeiten blühen, und es liegt darin die Andeutung, daß man dieſe Blumen bei jener Gelegenheit auf den Felſen gebracht habe. Einige geben ſogar zu verſtehen, daß der Biſchof und andere Geiſtlichen mit der ganzen Sache bekannt geweſen ſeien, und daß man dafür geſorgt habe, den Indianer mit einer Tilma zu verſehen, derjenigen ähnlich, auf welcher das Bild der heiligen Jungfrau gemalt war, die man liſtig an die Stelle der anderen V gebracht hätte, welche der Indianer vor der Erklimmung des V Felſens ablegte. Ich habe das urſprüngliche Bild nicht geſehen, wohl aber viele Nachbildungen, die der heiligen Jungfrau jene braungelbe Hautfarbe gegeben haben, welche man wahrſcheinlich 161 für nöthig hielt, um die Vorurtheile der Indianer zu ver⸗ ſöhnen. Der Leſer möge jene abweichenden Darſtellungen, ſo gut er es vermag, vereinigen, und ich habe nur noch hinzuzuſetzen, daß die Erſcheinung, nach der von dem Papſte erhaltenen Weihe, nun eben ſo ſehr zu den Glaubensſatzungen der Mejicaner gehört als irgend ein Satz des apoſtoliſchen Glaubens. Nach der blinden Verehrung, welche das gemeine und unwiſſende Volk der Jung⸗ frau von Guadalupe weiht, möchte man glauben, daß ſie für die erſte Perſon der Gottheit gehalten werde, denn an ſie werden alle Gelübde, alle Gebete, alle Sündenbekenntniſſe gerichtet. Unter den vielen Ueberlieferungen, an welche das Volk unbe⸗ dingt glaubt, und die den Fortſchritt der Bildung hemmen, giebt es eine eben ſo luſtige und ſeltſame als die oben mitgetheilte Geſchichte, und ſte wurde von dem jetzigen Vicar von Neu⸗Me⸗ jico, einem ehemaligen Mitgliede des Congreſſes, ernſthaft erzählt. Bei dem denkwürdigen Aufſtande im Jahre 1680 war das Pueblo de San Felipe faſt das einzige, welches im ganzen nördlichen Mejico den Spaniern treu geblieben war. Während dieſer be⸗ wegten Zeit nahm der Geiſtliche eines anderen Pueblo ſeine Zu⸗ flucht dahin. Als nun das Pueblo von den Nachbarn belagert und von der Verbindung mit dem Waſſer abgeſchnitten war, fragten die Einwohner den Prieſter um Rath, der ihnen Muth zuſprach und die Verſicherung gab, daß es in ſeiner Macht ſtände, ſie mit Waſſer zu verſorgen. Er betete inbrünſtig und öffnete dann an jedem Arme eine Ader, woraus ſo reichliche Waſſer⸗ ſtröme hervorquollen, daß alle Beſorgniſſe, vor Durſt umzukom⸗ men, gänzlich verſcheucht wurden. Der blinde Aberglaube des Volkes ſchreibt jedem ſeiner zahl⸗ reichen Heiligen die Macht zu, gewiſſe Wunder zu thun, und bei allen Kraukheiten und Bedrängniſſen wird ihre Hilfe angerufen. Der liebreichſte Dienſt, den Freunde einem Kranken leiſten kön⸗ nen, beſteht darin, das Bild eines jener Heiligen, deſſen heilende Kräfte erprobt ſind, ihm zu bringen. Die Wirkſamkeit dieſer 11 Gregg, Karawanenzüge I. 162 abergläubigen Mittel iſt nicht ſchwer zu erklären, wenn man den mächtigen Einfluß der Phantaſte auf krankhafte Zuſtände in Be⸗ tracht zieht. Die Bilder der Schutzheiligen aber werden nie ſo allgemein in Anſpruch genommen als zur Zeit großer Dürre. Die Prieſter, die ſich gewöhnlich darauf verſtehen, die Annäher⸗ ung der Regenzeit zu errathen, ſind darauf bedacht, nicht eher zuverſichtliche Verſprechungen zu machen, bis ſie Grund haben, die ſchnelle Erfüllung ihrer Prophezeihungen zu erwarten. Nähert ſich nun die rechte Zeit, ſo tragen ſie das Bild der heiligen Jungfrau von Guadalupe oder eines anderen günſtigen Heiligen hinaus und ziehen durch die Straßen, Felder und Wieſen, während alle Männer, Weiber und Kinder der Umgegend ihnen folgen. Sollten in acht bis vierzehn Tagen nach dieſer allgemeinen De⸗ müthigung die Wolken ſich ergießen, ſo denkt Niemand daran, die Geldſpenden zu bereuen, die man den Prieſtern für die Be⸗ wirkung eines ſo glücklichen Ergebniſſes gebracht hat. Dieſe feierlichen Umzüge erinnern mich an eine andere in Mejico herrſchende Gewohnheit, die immer die Aufmerkſamkeit der Fremden anzieht. Ich meine das Austragen des Saeraments in die Wohnung eines Sterbenden. In Neu⸗ Mejico iſt jedoch dieſer Aufzug nicht ſo prunkend als in den ſüdlichen Landſchaf⸗ ten, dem Paradieſe der Prieſter, wo man das Hochwürdige in einer mit zwei ſchwarzen Maulthieren beſpannten ſchwarzen Kutſche führt, welche von Soldaten geleitet wird, während Haufen von Men⸗ ſchen jedes Geſchlechts und jedes Alters folgen. Bei dem feierlichen Zuge wird mit zwer Glocken von verſchiedenem Tone abwechſelnd geläutet. Vor dem Wagen geht ein Kirchendiener, der in abge⸗ meſſenen Zwiſchenräumen klingelt, um alle Perſonen, die es hören können, an die Annäherung des Heiligthums zu erinnern, damit ſie ſich bereit halten, die gebührende Verehrung zu beweiſen. Hört man die Klingel, ſo knieen alle, die den Zug ſehen, wie weit ſie auch entfernt ſein mögen, und bleiben in dieſer Stellung, bis er vorüber iſt. Wenn ein Amerikaner bei dieſen Gelegen⸗ heiten die Klingel hört, ſo ſucht er dem Zuge auszuweichen, . 163 indem er um eine Straßenecke geht oder in den Laden eines be⸗ freundeten Hauſes eilt; denn wiewohl es paſſend und ſelbſt ver⸗ ſtändig ſein mag, ſich nach den Gewohnheiten und Gebräuchen des Landes zu richten, wo man wohnt, ſo möchten doch nur wenige Proteſtanten geneigt ſein, vor einer Kutſche niederzuknieen, die mit ſchwachen Sterblichen beladen iſt, welche die Gottheit zu vertreten vorgeben. Mit Bedauern ſetze ich hinzu, daß diejenigen, die ſich nicht dem Gebrauche fügen, oft von dem Pöbel beleidigt und zuweilen mit Steinen geworfen werden. Ein fremder Hand⸗ werker wurde einſt ſogar in der Hauptſtadt Mejicos ermordet, weil er ſich weigerte, aus ſeinem Laden zu kommen, wo er knieete, und die Kniebeugung auf offener Straße zu machen. Dieſer Götzendienſt nimmt zuweilen eine noch entwürdigendere Geſtalt an und erniedrigt ſich ſo weit, geiſtliche Oberherren wie eine Gottheit zu verehren. Als im Jahre 1833 der Biſchof von Durango nach Santa Fe kam, wo man ſeit vielen Jahren ein ſolches Ereigniß nicht erlebt hatte, begrüßte das bethörte Volk ſeine Ankunft mit ſo andächtiger Schwärmerei, als ob es die Wiederkunft des Meſſias gefeiert hätte. Ueberall wurden prachtvolle Vorbereitungen zu ſeinem Empfange gemacht, die Straßen gereinigt, Wege und Brücken ausgebeſſert und geſchmückt, und aus jedem Fenſter in der Stadt Teppiche und köſtliche Tücher ausgehängt, welche die Phantaſie an jene glühenden Schilder⸗ ungen wunderſamer Welten erinnerte, wovon wir in Zanber⸗ mährchen leſen. Ich muß jedoch bemerken, daß es in allen Städten Mejicos eine, nicht ohne Gefahr zu verletzende Sitte iſt, alle Thüren und Fenſter des Hauſes in einer Straße, durch welche ein feſtlicher Umzug geht, mit Teppichen und Tüchern zu ſchmücken, ſo viel es die Mittel jedes Hausbeſitzers erlauben. Während der Biſchof in Santa Fe verweilte, was zur großen Freude der Einwohner mehre Wochen dauerte, zeigte er ſich nie in den Straßen, ohne daß alle wahren Katholiken, die ſo glück⸗ lich waren, die„Señoria ilustrisima“ zu erblicken, ſogleich auf die Kniee gefallen und in dieſer Stellung geblieben wären, bis 11* 164 der geiſtliche Herr ſeinen Segen ertheilt hatte oder verſchwunden war. Selbſt vornehme Stadtbewohner wagten es nicht, ihn an⸗ zureden, ehe ſie nicht vorher das Knie vor ihm gebeugt und ſeinen Biſchofring geküßt hatten. Dieß iſt jedoch nur eine erhöhte Schilderung der Erſcheinungen, die man jeden Tag in dem Ver⸗ kehre zwiſchen den Rancheros und den geringen Geiſtlichen ſieht. Die knechtiſche Unterwürfigkeit der unteren Volksklaſſen gegen dieſe üppigen Prieſter iſt faſt unglaublich. Kein Volk iſt pünctlicher in der Abwartung des Gottes⸗ dienſtes oder ſorgfältiger in der Beobachtung der äußeren Glau⸗ bensgebräuche als die Neu⸗Mejicaner. Es würde Jemand eben ſo leicht daran denken, zwanzig Faden tief in's Waſſer zu gehen, ohne ſchwimmen zu können, als eine Reiſe anzutreten, ohne vor⸗ her eine Meſſe gehört zu haben. Dieſe Gebräuche aber haben nur ſelten den Charakter wahrer Andacht, denn man ſteht die Leute ſchwatzen oder kichern, während ſie ſich mit dem Kreuze bezeich⸗ nen oder ein Gebet murmeln. Der Fremde bemerkt überall, daß ſte beim Tanzen auf einem Fandango weit ernſthafter ausſehen, als bei ihrer Andacht vor dem Altare. Nie aber zeigt ſich die Beobachtung äußerer Gebräuche merkwürdiger als in ihrem Be⸗ nehmen täglich bei der Abenddämmerung, wenn die große Kirch⸗ ſpielglocke zum Vespergebete läutet. Augenblicklich ſchweigt jedes Geſpräch, jede Arbeit ruht, Menſchen aus allen Klaſſen, zu Fuße oder zu Pferde, halten plötzlich an, ſelbſt der Laſtträger, der un⸗ ter ſchwerer Bürde keucht, verweilt mitten auf dem Wege und ſteht ſtill. Ein faſt athemloſes Schweigen herrſcht in der ganzen Stadt, das nur zuweilen durch das Ziſcheln der andächtigen Menge unterbrochen wird— und all dieß, begleitet von den langſamen Schlägen der großen wohltönenden Glocke, macht in der That einen feierlichen Eindruck. Nach ungefähr zwei Minu⸗ ten wird der Zauber plötzlich durch das Geläute hellerer Glocken gelöſt, und alsbald herrſcht wieder Leben und Verwirrung, das Geſchwätz beginnt wieder, der Schmied arbeitet auf ſeinem Ambos mit verdoppelter Kraft, der Hammer ertönt wieder in allen Richt⸗ 165 ungen, der Wanderer iſt wieder in Bewegung, kurz, Vergnügen und Geſchäfte ſind wieder rege und ein„buenas tardes“(guten Abend) ſchließt die Feier. Die Katholiken haben zwar einen Heiligen für jeden Tag im Jahre, aber die Zahl der geweihten Feſte, wo jede Arbeit unter⸗ laſſen werden muß, iſt in Mejico etwas beſchränkt. Die heilige Woche oder Charwoche iſt vielleicht die Zeit, wo das Andachts⸗ gefühl, ſo viel davon vorhanden iſt, am meiſten aufgeregt wird, und beſonders wird der Charfreitag(viernes santo) mit großem Pomp und Glanz gefeiert. Ein lebensgroßes Chriſtusbild, an ein großes hölzernes Kreuz genagelt, wird mit Prunk durch die Straßen geführt, mitten in einem zahlreichen Feſtzuge und be⸗ gleitet von glänzenden geſchnitzten Bildern, welche die heilige Jung⸗ frau, Maria Magdalena und mehre andere Heilige vorſtellen, während die meiſten denkwürdigen Perſonen, die in jener großen Zeit der Geſchichte eine Rolle ſpielten, der Hauptmann und die Kriegsknechte, mit Lanzen bewaffnet, und in der Tracht, die ſie vermeintlich getragen haben, auf glänzend angeſchirrten Pferden in Fleiſch und Blut daher traben. Im Ganzen macht dieſes Schauſpiel, die Gebräuche und Bewegungen mitten in den überfüllten und geſchmückten Straßen, einen Eindruck ſehr ge⸗ miſchter Art, an welchem Bedauern und Trauer einen beträcht⸗ lichen Antheil haben. Es iſt herkömmlich, daß große Miſſethäter die Gottheit durch eine grauſame Bußübung verſöhnen, was gewöhnlich in der Char⸗ woche geſchieht. Als ich einſt am Charfreitage in der Stadt Tomé war, wurde meine Aufmerkſaͤmkeit auf einen faſt nackten Mann gezogen, der, wie Simon, ein großes Kreuz auf der Schul⸗ ter trug, das zwar von dem leichteſten Holze gemacht war, aber voch über hundert Pfund ſchwer ſein mochte. Das lange Ende ſchleppte auf der Erde nach und in der Mitte war ein unge⸗ heuerer Stein daran gebunden, um die Laſt noch ſchwerer zu machen. Nicht weit hinter ihm ging ein anderer halbnackter Mann, der ganz mit Ketten und Stricken umwunden war, die 166 tief in die Muskeln einzuſchneiden ſchienen und ihn ſo ſehr zu⸗ ſammenſchnürten, daß er kaum mit dem übrigen Zuge Schritt halten konnte. Den Zug ſchloß ein anderer Mann von noch widrige⸗ rem Anſehen. Er ging mit ruhigem und gemeſſenem Schritte, während ein anderer ihm folgte, der ihn wacker mit einer Peitſche bearbeitete, die er mit Luſt und Liebe ſchwang, da aber die Spitze der Schnur nur von ungeflochtenem Seegraſe war, ſo hielten die Hiebe bloß die Wunden auf dem Rücken des Büßers offen, die man, wie ich hörte, mit der ſcharfen Ecke eines Feuerſteins gekratzt hatte und die ſtark bluteten. Das Blut wurde auch durch den reizenden Saft gewiſſer Kräuter im Fluſſe erhalten, den Jemand nachtrug und worein der Geißler oft ſeine Peitſche tauchte. Die Schauſpieler in dieſer tragiſchen Poſſe waren zwar dicht ver⸗ mummt, aber vielen Zuſchauern bekannt, deren einer mir ver⸗ ſicherte, ſte wären die verrufenſten Schurken im Lande. Für die Bußübung, der ſie ſich unterwerfen, erhielten ſie jährlich volle Losſprechung von allen im verfloſſenen Jahre begangenen Sün⸗ den, und ſo gereinigt, traten ſie friſch auf den alten Weg der Bosheit und des Verbrechens. In Neu⸗Mejico ändert die Ehe zwar die geſetzlichen Rechte der Parteien, hat aber kaum einen Einfluß auf ihre moraliſchen Verpflichtungen. Man betrachtet die Ehe gewöhnlich als einen bequemen Deckmantel eines unordentlichen Lebenswandels, den man bei unverheiratheten Frauen nicht ſo leicht duldet. Bedenket man aber, daß die meiſten Ehen gezwungen ſind und die Paare nicht zuſammenpaſſen, ſo läßt ſich wohl begreifen, wie wenig Anreizung zur Tugend vorhanden iſt. Nur wenige Aeltern möch⸗ ten ſich herablaſſen, die Wünſche eines Mädchens zu befragen, ehe ſie einen Heirathsvertrag ſchließen, und ſelten möchten Mäd⸗ chen an eine Eheverbindung denken, die nicht zuerſt von dem Vater vorgeſchlagen wäre. Der Bewerber wendet ſich daher un⸗ mittelbar ſchriftlich an die Aeltern ſelbſt, und ohne auf die Wünſche oder Neigungen des Mädchens, deſſen Hand er begehrt, im mindeſten zu achten. Man weiß in dieſem Lande nichts von zärtlichen Regungen, die zwiſchen Liebenden auf Wanderungen am Ufer ſtiller Bäche entſtehen, denn ſelten erlaubt man es, daß ſich beide Geſchlechter ohne Zeugen unterhalten. Kurz, man hat Beiſpiele, daß zwei Verlobte ſich nicht eher als vor dem Trau⸗ altare geſehen haben. Unter den geringeren Volsklaſſen giebt es noch mächtiger wirkende Urſachen eines unordentlichen Lebenswandels, und nicht die geringſten darunter ſind die ungeheueren Gebühren, die dem Pfarrer für die Trauung bezahlt werden müſſen. Dieſe Erpreſſ⸗ ungen gehen ſo weit, daß ſie nicht ſelten einem gänzlichen Ver⸗ bote gleich kommen, denn die Mittel des Bräutigams ſind oft nicht hinlänglich zur Beſtreitung der Koſten, und der Prieſter verrichtet gewöhnlich die Trauung nicht eher, bis die Gebühren ihm geſichert ſind. Der Pfarrer hat freie Hand und die Trauung⸗ gebühren ſind unbeſtimmt, werden aber gewöhnlich nach der Be⸗ ſchaffenheit kirchlicher Gebräuche und nach den Vermögensumſtän⸗ den der Parteien geſteigert. Für die niedrigſten Gebühren wird die Trauung in der einfachſten Form während der Meſſe verrich⸗ tet; unter dem Vorwande eines außerordentlichen Gottesdienſtes und beſonderer Feierlichkeiten aber, zumal bei Trauungen im Hauſe, ſteigert man die Gebühren oft auf mehre hundert Dollars, und ich habe gehört, daß 500 Dollars bezahlt worden ſind. Eine Rüge, die eine in Chihuahua erſcheinende Zeitung„El noticioso“ mit der Unterſchrift:„ein Ranchero“ enthielt, kann die Beſchwerden in dieſer Beziehung erläutern.„An die Heraus⸗ geber. Erlauben Sie mir, in ihrem Blatte einige Worte ge⸗ druckt zu ſagen, da die Worte meiner Feder ohne Erfolg bei den Pfarrern zu Allende und Jimenez geblieben ſind, an welche ich mich neulich wendete, um auszumitteln, wie viel Jemand von meinem Stande geſetzlich für eine Trauung zu bezahlen habe. Ich erhielt von beiden Geiſtlichen die einfache und bündige Antwort: Die Trauunggebühren betragen hundert und neun⸗ zehn Dollars.— Ich muß geſtehen, ich war ganz außer mir, als ich dieſen übertriebenen Anſpruch auf meinen armen Beutel vernahm, und wäre ich nicht ſtolz darauf, ein echter 168 apoſtoliſch römiſch⸗katholiſcher Chriſt zu ſein, hätten nicht die be⸗ zaubernden Reize meiner künftigen Schwiegertochter meinen Sohn ſo ſehr gefeſſelt, daß er von der Heirath nicht abgehen will, ich würde ihm gewiß gerathen haben, mit ſeiner Geliebten eine an⸗ dere Einrichtung zu verabreden, die für unſeren armen Beutel nicht ſo verderblich wäre; denn bedenken Sie doch, daß 119 Dollars einem armen Ranchero an's Leben gehen. Kann ich mir nicht anders helfen, ſo muß ich meine wenigen Kühe ver⸗ kaufen, um meinen Sohn aus der Klemme zu ziehen.“ Der Ranchero bittet dann die Regierung, ſolchen Uebeln durch heil⸗ ſame Beſchränkungen der Geiſtlichkeit abzuhelfen, und ſchließt mit den Worten:„Geſchieht dieß nicht, ſo werde ich keinem meiner übrigen drei Söhne das Heirathen erlauben.“ Dieſe Rüge war ſicherlich eine außerordentliche Kühnheit gegen die Geiſtlichkeit, die dem armen Ranchero die Strafe des Bannes gekoſtet haben kann. Wenige ſeiner Landsleute würden eine ſolche Verwegenheit ſich erlauben, und wenigſtens neun Zehn⸗ theile derſelben zeigen die niedrigſte Unterwürfigkeit gegen ihre geiſtlichen Gebieter. Sie ſind von Jugend auf gewöhnt, ihre Prieſter als unfehlbare und heilige Muſter von Frömmigkeit und Tugend anzuſehen, und wir würden nicht ſo ſehr über die Aus⸗ ſchweifungen der Heerde erſtaunen, wenn nicht viele Hirten, die Geiſtlichen ſelber, in den herrſchenden Laſtern vorangingen, die Erſten auf dem Fandango, die Erſten am Spieltiſche, die Erſten auf dem Hahnenkampfplatze, die Erſten bei Zechgelagen, und keineswegs die Letzten in der Eingehung derjenigen Verbindungen wären, die ſo nachdrücklich durch ihre Gelübde verboten werden. Die Gebühren für Taufe und Begräbniß, die Niemand unter⸗ laſſen kann, ohne ſich den Vorwurf der Ketzerei zuzuziehen, ſind gleichfalls abſchreckend für die Cheluſtigen.„Heirathe ich,— ſagt der arme Landmann—„ſo muß meine Familie unbekleidet gehen, damit ich meine Kinder taufen laſſen kann, und ſtirbt eines von ihnen, ſo müſſen wir verhungern, um die Begräbniß⸗ koſten zu bezahlen.“ Die Taufgebühren ſind allerdings nicht 169 übermäßig und werden nach dem Herkommen oft von dem Pathen bezahlt, aber die Begräbnißkoſten ſind faſt eben ſo drückend als die Trauunggebühren, und wechſeln in Verhältniß zu dem Alter und den Vermögensumſtänden des Verſtorbenen. Ein treuer Diener, ein Mejicaner, den ich in Chihuahua hatte, verlangte einſt vierzig Dollars von mir, um ſeine Mutter begraben zu laſſen. Als ich über die ungeheuere Summe meine Verwunder⸗ ung äußerte, antwortete er mir:„So viel verlangt der Pfarrer, und wenn ich ihn nicht bezahle, wird meine arme Mutter unbe⸗ graben bleiben.“ So mußte dieſer Mann einen Lohn von meh⸗ ren Monaten aufopfern, um die Habgier eines laſterhaften und lohnſüchtigen Prieſters zu befriedigen. Bei einer anderen Ge⸗ legenheit bettelte eine arme Frau in Santa Fe, um Arznei für ihr krankes Kind zu kaufen.„An dem Leben des Kindes liegt mir gerade nicht ſo viel,“ ſprach ſie weinend,„denn ich weiß, das Engelchen wird gerade in den Himmel gehen, aber wie ſoll ich den Prieſter bezahlen, wenn ich es begraben laſſen muß? Er wird mir mein Häuschen und Alles nehmen, und ich werde hilflos auf die Straße hinausgeſtoßen werden.“ Dürftige Aeltern ſehen ſich daher oft in der ſchmerzlichen Nothwendigkeit, ihre geſtorbenen Kinder auszuſetzen und zu ver⸗ läugnen, um den Begräbnißkoſten zu entgehen. In dieſer Ab⸗ ſicht wird die Leiche zuweilen während der Nacht in eine Niſche an der Kirche geſetzt, und wird ſie am nächſten Morgen gefunden, ſo muß der Prieſter ſie umſonſt begraben, wenn anders nicht die Aeltern entdeckt werden können, und in dieſem Falle würden ſie eine ſchwere Züchtigung erleiden und überdieß die Koſten bezahlen müſſen. Kinder, die vor der Taufe ſterben, kommen nach dem Volks⸗ glauben zu einer Art von negativem Daſein in der Geiſterwelt, „Limbo“ genannt, wo ſie für immer bleiben, ohne Strafe zu erleiden oder Glückſeligkeit zu genießen. Das verſtorbene Kind heißt dann ein Engelchen(angelito) und wird mit Freude und Fröhlichkeit, ſtatt mit Schmerz und Klagen, begraben. Man putzt 170 die Leiche bunt und ſchmückt ſie mit Flittern und Blumen, und die kleine Bahre wird von vier Kindern zu Grabe getragen, die ſo ſchön geputzt ſind, als es ihre Umſtände erlauben; Spielleute geehen voran, die Tanzmuſik ſpielen, und nichts als Luſt und Fröhlichkeit herrſcht in dem kleinen Zuge. Selten oder nie werden in Neu⸗Mejico Perſonen aus den unteren Ständen in Särgen begraben. Die Leiche wird in eine Decke oder ſonſt in eine Hülle gewickelt und ſo in ihre letzte Wohnung gebracht. Es iſt für ein gefühlvolles Herz empörend, die rohe Behandlung zu ſehen, welcher die Leichen zuweilen aus⸗ geſetzt ſind. Da die Stelle früherer Gräber gar nicht bezeichnet wird, ſo geſchieht es nicht ſelten, daß die halb verweſeten Ueber⸗ reſte einer Leiche aufgegraben werden; ſie müſſen der neuen Platz machen und werden gleichgiltig wieder mit Erde bedeckt. Einen beſonders widrigen Anblick bietet die Auffüllung des Grabes dar. Die Erde wird mit einem großen Schlägel geklopft, ſobald man ſte auf die unbeſchützte Leiche geworfen hat, und zwar mit einer Gewalt, die einen zarten Körper zerſchmettern könnte. Da die Ueberreſte der Ketzer den Kirchhof oder das campo santo nicht entweihen dürfen, ſo werden die in Santa Fe verſtorbenen Amerikaner auf einem Berge nördlich von der Stadt begraben. Man hat die Leichen zuweilen ausgegraben, um ihnen das Todten⸗ hemd auszuziehen, und es iſt in einigen Fällen für rathſam er⸗ achtet worden, eine beſondere Wache zum Schutze des Grabes aufzuſtellen. Vierzehnter Abſchnitt. Die Pueblos.— Ihre Nüchternheit, Ehrlichkeit und Betriebſamkeit.— Sprachen.— Frühere und jetzige Bevölkerung.— Das Pueblo Pecos.— Montezuma und die Sonne.— Die Schlange.— Re⸗ ligion und Regierung.— Geſetze und Gewohnheiten.— Verhüt⸗ ung der Entſittlichung.— Alterthümliche Beluſtigungen der Pue⸗ blos.— Baukunſt.— Taos.— Tracht.— Waffen.— Lebens⸗ weiſe.— Das Guayave. Das Wort Pueblo bedeutet zwar im Spaniſchen buchſtäblich ein Volk und deſſen Wohnort, wird aber hier insbeſondere von den chriſtlich gewordenen Indianern und ihren Dörfern gebraucht, jenen Ureinwohnern, welchen die Spanier nicht nur ihre Geſetze auflegten, ſondern auch das Bekenntniß des römiſchen Glaubens und die Taufe und das Kreuz aufnöthigten, zum Erſatz der unermeßlichen Beſitzungen, die ſie ihnen raubten. Man ließ ihnen nichts als jedem Pueblo einige Leguas von Ländereien im Umkreiſe der Dörfer, während die Eroberer wenigſtens neun und neunzig Hunderttheile des ganzen Gebiets als Belohnung für ihre Großmuth behielten. Bei der erſten Entdeckung dieſer Länder ſcheinen die Eingeborenen in bequemen Häuſern gewohnt und ihren Boden angebaut zu haben, wie ſie es bis auf den heuti⸗ gen Tag thun. Man betrachtet ſie jetzt als die beßten Gärtner im Lande, welche die meiſten Früchte und einen großen Theil der Gemüſe liefern, die man auf den Märkten findet. Sie wa⸗ ren bis auf die neueſte Zeit die einzigen Bewohner Neu⸗Mejicos, welche Wein bauten, und ſie halten auch bis auf dieſe Zeit an⸗ ſehnliche Heerden von Rindvieh, Pferden und anderen Hausthieren. 172 Kurz, ſte ſind ein ungemein nüchterner und fleißiger Volksſtamm, ausgezeichnet durch Sittlichkeit und Ehrlichkeit, ſehr wenig zu Zankſucht oder Lüderlichkeit geneigt, außer wenn ſie viel Umgang mit den in Mejico angeſiedelten Spaniern gehabt haben. Die meiſten Pueblos nennen ſich Abkömmlinge Montezuma's, wiewohl es ſcheint, daß ſie nur durch die Spanier mit der Ge⸗ ſchichte dieſes Monarchen bekannt geworden ſein können, da dieſe Provinz beinahe zweitauſend Meilen von dem alten Königreiche Mejico entfernt iſt. Zur Zeit der Eroberung müſſen ſie ein ſehr zahlreicher Volksſtamm geweſen ſein, der gegen hundert Dörfer beſaß, wie die noch vorhandenen Trümmer andeuten, aber heu⸗ tiges Tages haben ſie nur noch gegen zwanzig Dörfer, die in verſchiedenen Theilen des Landes zerſtreut ſind. Man findet nur drei bis vier verſchiedene Sprachen unter ihnen, die aber eine entfernte Verwandtſchaft haben mögen. Die Pueblos von Taos, Picuris, Isletta und vielleicht noch einige andere, ſprechen die Piro⸗Sprache. Viele andere, namentlich San Juan, Santa Clara, Nambé, Pojuaque, Tezuque, ſprechen das Tegua und waren urſprünglich alle unter dieſem Geſammt⸗ namen bekannt; die Pueblos Cochiti, Santo Domingo, San Felipe, und vielleicht Sundia, haben dieſelbe Sprache, obgleich ſte, wie es ſcheint, in früheren Zeiten den gemeinſchaftlichen Na⸗ men Queres führten. Die zahlreichen Stämme, welche die Hochlande zwiſchen dem Rio del Norte und dem Pecos bewoh⸗ nen, wie Pecos, Cisnega, Galiſteo und andere, waren vor Zeiten unter dem Namen Tagnos bekannt, ſind aber jetzt alle aus⸗ geſtorben, wiewohl ihre Sprache noch in Jemez und anderen Pueblos jenes Gebietstheiles leben ſoll. Die weiter weſtwärts wohnenden Stämme*) ſind vielleicht mit den Navajos verwandt. *) unter dieſen iſt der Pueblo Zunii wegen ſeiner Ehrlichkeit und Gaſtfreiheit berühmt. Die Bewohner bekennen ſich meiſt zum ka⸗ tholiſchen Glauben, haben aber jetzt keinen Pfarrer. Sie bauen das Land, haben einige Manufacturen und beſitzen einen anſehn⸗ 173 Sämmtliche Pueblos ſprechen zwar unter einander ihre Mutter⸗ ſprachen, viele von ihnen aber verſtehen ſo viel von dem Spa⸗ niſchen, als ſie zum Verkehr mit den Mejicanern brauchen. Die Bevölkerung dieſer Pueblos mag ſich im Durchſchnitt auf fünfhundert Seelen für jedes belaufen, wiewohl einige nicht über hundert haben, was eine Geſammtbevölkerung von 9,000 bis 10,000 giebt. Zur Zeit der erſten Eroberung gegen das Ende des ſechzehnten Jahrhunderts mag die Volksmenge zehnmal ſtärker geweſen ſein. Man ſieht in allen Theilen des Landes alte Trümmer, und zum Theil ſtehen noch ganze Mauern, während andere beinahe oder gänzlich untergegangen ſind und von vie⸗ len nur noch der Name in der Geſchichte oder der Ueberliefer⸗ ung lebt. Viele wurden ohne Zweifel während des Aufſtandes im Jahre 1680 und in den kleinen inneren Fehden zerſtört, die jenem Ereigniſſe folgten. Mehre jener Pueblos haben ſich in mejicaniſche Dörfer um⸗ gewandelt, von welchen wohl Pecos das merkwürdigſte Beiſpiel iſt. Nach den Metzeleien der zweiten Eroberung und den Ein⸗ fällen der Comanche⸗Indianer ſchmolzen ſie allmälig zuſammen, bis endlich der Stamm auf ein Dutzeud Seelen herabgekommen war. Erſt vor einigen Jahren verließ er die Heimat ſeiner Väter und vereinigte ſich mit dem Pueblo Jemez Man erzählt ſich viele ſonderbare Dinge von den Gewohnheiten dieſes un⸗ glücklichen Stammes, die ohne Zweifel zu ſeinem gänzlichen Un⸗ lichen Viehſtand. Ihr Dorf liegt über 150 Meilen weſtlich vom Rio del Norte und ſoll zwiſchen 1000 und 1500 Seelen haben. Die ſogenannten ſieben Pueblos von Moqui ſind ein ähn⸗ licher Stamm, der einige Leguas weiter entfernt ſeinen Sitz hat. Sie erkannten früher die Regierung und den Glauben der Spanier an, haben jedoch ſchon lange beide verworfen und leben unab⸗ hängig und als Heiden. Die Wohnungen ſind hier und im Pueblo Zuni den Häuſern in den Pueblos des inneren Landes ähnlich, und beide Stämme ſind fleißig und ackerbautreibend und noch geſchickter in ihren Manufacturen. Die Sprache der Moquis oder Mo⸗ quinos ſoll wenig von der Mundart der Navajos abweichen. 174 tergange beigetragen haben. Nach einer unter dem Volke herr⸗ ſchenden Ueberlieferung hatte Montezuma ein heiliges Feuer an⸗ gezündet und den Vorfahren befohlen, es nicht erlöſchen zu laſ⸗ ſen, bis er wiederkäme, um ſein Volk von dem Joche der Spanier zu erlöſen. Dieſem Gebote gemäß wurde Jahrhunderte hindurch eine beſtändige Wache unterhalten, um das Erlöſchen des Feuers zu verhüten, und da die Ueberlieferung ferner ſagte, daß Montezuma mit der Sonne erſcheinen würde, ſo erwarteten die bethörten Indianer an jedem hellen Morgen auf den flachen Däch⸗ ern ihrer Häuſer aufmerkſam die Ankunft der Königin des Lich⸗ tes, in der Hoffnung, ſie dicht bei dem unſterblichen Herrſcher zu ſehen. Ich bin in jene berühmten„Eſtufas“ oder unterirdiſchen Gewölbe hinabgeſtiegen, deren es mehre im Dorfe giebt, und habe das geweihte Feuer geſehen, das dort in dem Becken eines kleinen Altares ſtill unter der Aſche glimmte. Wie man ſagt, verloren ſie nie die Hoffnung auf Montezumas Wiederkehr, bis durch irgend einen Zufall oder bei dem Mangel an Wächtern das Feuer erloſch, und dieſer Umſtand bewog ſie eben, ihre Dör⸗ fer zu verlaſſen. Die Krieger hatten, wie man ſagt, den Auf⸗ trag, das heilige Feuer zu bewachen. Man ſagt ferner, daß ſie dieſe Wache abwechſelnd zwei Tage und Nächte nach einander hatten, ohne zu eſſen, zu trinken oder zu ſchlafen, während An⸗ dere verſichern, daß die Wache nicht auf zwei Tage beſchränkt war, ſondern mit unerſchütterlicher Standhaftigkeit ihren Dienſt fortſetzte, bis Erſchöpfung oder ſehr oft der Tod einen Erſatz nothwendig machte. Viele von den Wächtern, die lebendig aus dem Gewölbe kamen, waren gewöhnlich durch den Mangel an Ruhe und die Einathmung der Kohlenſtoffluft ſo ermattet, daß ſie bald ſtarben. Wie die Sage erzählt, wurden ihre Ueberreſte in die Höhle einer ungeheueren Schlange gebracht, die bei dieſer Nahrung vortrefflich gedieh. Dieſe Schlange, die ohne Zweifel von den Freunden des Wunderbaren erfunden ward, um das beſtändige Verſchwinden der Indianer zu erklären, ſtellte man als den Götzen dar, den ſie anbeteten, und der nur von dem 175 Fleiſche ſeiner Opfer lebte, doch ſollen lebendige Kinder ihm be⸗ ſonders willkommen geweſen ſein. Die Geſchichte dieſer wunder⸗ baren Schlange wurde von vielen unwiſſenden Menſchen ſo veſt geglaubt, daß mir einſt ein ehrlicher Ranchero verſicherte, er hätte an einem frühen Wintermorgen bei ſeiner Ankunft im Dorfe die ungeheuere Spur der Schlange im Schnee geſehen. Dieſes einſt ſo berühmte Dorf liegt fünf und zwanzig Mei⸗ len öſtlich von Santa Fe, und nicht weit vom Fluſſe Pecos, dem es den Namen gegeben hat. Noch vor zehn Jahren, als es eine Bevölkerung von funfzig bis hundert Seelen hatte, ſah der Reiſende oft einen einſamen Indianer, eine Frau oder ein Kind, wie ein Standbild, auf dem flachen Dache ſtehen und die Augen auf den öſtlichen Himmelsrand richten, oder an eine Mauer, einen Zaun ſich lehnend, gleichgiltig auf den vorüber⸗ gehenden Fremden blicken, während zu anderen Zeiten nirgend ein Menſch zu ſehen war und die Grabesſtille des Ortes nur durch das Gebell eines Hundes oder das Gackern der Hühner unterbrochen wurde. Kein anderes Pueblo ſcheint dieſen ſonderbaren Aberglauben angenommen zu haben, obgleich alle, wie Pecos, Montezuma für ihren ewigen Herrſcher gehalten haben. Auch ſcheint es, daß alle die Sonne verehren, da es allgemeine Gewohnheit iſt, bei Sonnenaufgang das Geſicht nach Morgen zu wenden. Sie bekennen ſich jedoch zum katholiſchen Glauben, von welchem ſie aber nicht viel mehr als die Förmlichkeiten verſtehen mögen, da nur ſehr wenige ihrer mejicaniſchen Nachbarn und Lehrer mehr davon zu wiſſen ſich rühmen können. Sie ſtehen zwar als mejicaniſche Bürger dem Namen nach unter der Regierung der Republik, haben aber viele eigenthüm⸗ liche Züge ihrer alten Gewohnheiten, ſowohl in ihrer geſellſchaft⸗ lichen Einrichtung als in ihrem Glauben behalten. Jedes Pue⸗ blo ſteht unter dem Befehle eines„Caciqäe“ oder„Goberna⸗ doreillo“, der aus den Angeſehenen in ihrer Mitte gewählt und vom Gonverneur von Neu⸗Mejico eingeſetzt wird. Iſt aber 176 irgend eine öffentliche Angelegenheit zu verhandeln, ſo verſam⸗ melt der Cacique die vornehmſten Einwohner des Pueblo in einer Eſtufa, die gewöhnlich unterirdiſch iſt, und legt ihnen die Gegenſtände der Verhandlung vor, über welche meiſt durch Stim⸗ menmehrheit entſchieden wird. Kein Mejicaner wird bei dieſen Berathungen zugelaſſen, und die Gegenſtände der Beſprechung werden nie außerhalb der Verſammlung bekannt. Der Volks⸗ rath hat auch für die Polizei und die Ruhe im Dorfe zu ſorgen. Es gehört zu den geſellſchaftlichen Einrichtungen, geheime Wäch⸗ ter anzuſtellen, um Unordnungen und Laſter aller Art zu unter⸗ drücken, beſonders aber die jungen Männer und Weiber im Dorfe unter Aufſicht zu halten. Wird ein unſchicklicher Verkehr zwi⸗ ſchen zwei jungen Leuten entdeckt, ſo werden ſte vor den Rath geladen und der Cacique deutet ihnen an, daß ſie ſich ſogleich heirathen müſſen. Hat das Mädchen einen ſchlechten Charakter, und will der Mann ſie deßhalb nicht heirathen, ſo wird ihnen befohlen, bei Peitſchenſtrafe ihren Umgang aufzugeben. Die Be⸗ wohner dieſes Pueblo ſind daher faſt allgemein wegen ihrer Keuſchheit und Sittſamkeit bekannt. Auch wird ein Kriegshauptmann(capitan de guerra) er⸗ wählt, dem es obliegt, die Heimat und die Intereſſen ſeiner Stammgenoſſen im Felde und in der Rathsverſammlung zu ver⸗ theivigen. Dieſe Pueblos ſind zwar nicht ſehr kriegeriſch, aber im Allgemeinen tapfer und in den Liſten des Indianerkrieges ſehr geübt, und obgleich man ihnen Grauſamkeit und Wildheit vorgeworfen hat, ſo kann man doch kaum ſagen, daß ſie in die⸗ ſer Hinſicht die Mejicaner übertreffen; beide nehmen in Kriegs⸗ zeiten wenig Rückſicht auf Alter oder Geſchlecht. Man hat mir erzählt, daß die Pueblos bei der Rückkehr von einem Kriegszuge nicht ſogleich in ihre Wohnungen gehen, ſondern immer zuerſt ihren Verſammlungort beſuchen. Hier entkleiden ſie ſich, tanzen und zechen, oft zwei Tage nach einander, ehe ſie ihre Angehö⸗ rigen ſehen. 177 Die Pueblos ſind zwar ihrer Gaſtfreiheit und ihres Fleißes wegen bekannt, aber noch in der roheſten Unwiſſenheit, da ſie weder Bücher noch Schulen haben, keine ihrer Sprachen auf Re⸗ geln zurückgeführt iſt und nur ſehr wenige Kinder je das Spa⸗ niſche lernen. All ihre Beluſtigungen haben einen alterthümli⸗ chen Charakter, der ſie den Zeitvertreiben der wilderen Stämme ſehr ähnlich macht. Ehe die Regierung von Neu⸗Mejico ſo ſehr verarmt war, hielt man jährlich am 16ten September ein Feſt in der Hauptſtadt, zum Andenken der Unabhängigkeiterklärung, wozu die Pueblos eingeladen wurden. Die Krieger und die zungen Leute jedes Stammes und auch eine Schaar dunkelfarbiger Mädchen erſchienen bei dieſen Gelegenheiten, bemalt und geputzt nach alter Stammſitte, und beluſtigten die Städter mit ſeltſamen Kunſtſtücken und Tänzen aller Art. Jedes Pueblo hatte ſeine eigene Tracht und ſeinen beſonderen Tanz. Die Männer eines Dorfes verkleideten ſich zuweilen als Elenthiere mit Hörnern auf den Köpfen, auf allen Vieren gehend und das Thier nachahmend, das ſie vorſtellen wollten. Andere erſchienen als Truthähne mit großen ſchweren Flügeln und gingen, ſich ſpreizend, einher. Die Pecos⸗Stämme aber, ſchon auf ſteben Seelen herabgeſchmolzen, beluſtigten immer am meiſten. Ihr Lieblingſpaß aber war, ſich in eine Büffelhaut zu hüllen, mit Hörnern und Schwanz, und umherzuſpringen zu wirklichem oder erkünſteltem Schrecken der Weiber und zur großen Freude der Knaben. Die Dörfer der Pueblos ſind zwar im Allgemeinen regel⸗ mäßiger gebaut als die meiicaniſchen und beſtehen aus denſel⸗ ben Bauſtoffen, die in den älteſten Zeiten gebraucht wurden. Ihre Wohnhäuſer ſind zwar nicht ſo geräumig als die Häuſer der Mejicaner, ſie enthalten ſelten mehr als zwei oder drei kleine Gemächer im Erdgeſchoſſe und ſind ohne Hof, aber ſie haben gewöhnlich ein weit höheres Anſehen, da ſie oft aus zwei und zuweilen noch mehren Stockwerken beſtehen. Eine Eigen⸗ heit dieſer Gebäude iſt, daß in der Regel keine unmittelbare Verbindung zwiſchen der Straßenſeite und den unteren Gemächern Gregg, Karawanenzüge 1. 12 178 beſteht, in welche man durch eine Fallthüre aus dem oberen Stockwerke gelangt, worein man von außen auf Leitern ſteigt. Selbſt der Eingang zu den oberen Stockwerken iſt oft auf dem Dache. Man ſcheint dieſe Bauart angenommen zu haben, um ſich gegen die herumſchweifenden räuberiſchen Nachbarn aus den wilden Stämmen zu ſichern, mit welchen die Pueblos oft Feh⸗ den hatten. War die Familie bei Anbruche der Nacht im Hauſe beiſammen, ſo wurde die Leiter hinaufgezogen, und ſo waren die Bewohner in einer Art von Veſtung eingeſchloſſen„ welche den dürftigen Kriegswerkzeugen der wilden Indianer trotzen konnte. Dieß iſt zwar die gewöhnliche Bauart, es giebt aber ein Pueblo Taos, faſt nur aus zwei ſehr ſonderbar gebauten Ge⸗ bäuden beſtehend, eines an jedem Ufer eines kleinen Fluſſes, und beide in früheren Zeiten durch eine Brücke verbunden. Das Erdgeſchoß iſt ungefähr 400 Fuß lang, 150 Fuß breit, und in zahlreiche Gemächer getheilt, auf welchen andere regelmäßig zurückweichende Stockwerke angelegt ſind, die eine funfzig bis ſechzig Fuß hohe, und aus ſechs bis acht Geſchoſſen beſtehende Py⸗ ramide bilden. Nur die äußeren Gemächer ſcheinen als Wohn⸗ räume zu dienen, und werden durch kleine Fenſter an den Sei⸗ ten erleuchtet, aber den Eingang bilden Fallthüren auf dem Dache. Die meiſten inneren Gemächer werden als Kornſpeicher und Vorrathkammern benutzt, oder eine geräumige Halle in der Mitte des Gebäudes, die Eſtufa, iſt zu den geheimen Berath⸗ ungen beſtimmt. Dieſe beiden Gebäude enthalten, wie man ſagt, Wohnungen für mehr als ſechshundert Menſchen. Ein ähnliches Gebäude ſieht man im Pueblo Picuris, und auch in einigen Pueblos der Moquis ſoll es deren geben. „Einige dieſer Dörfer ſind auf Felſenhöhen gebaut, die faſt unzugänglich zu ſein ſcheinen, wie die Trümmer des alten Pue⸗ blo San Felipe, die man am Rande eines ſteilen, mehre hun⸗ dert Fuß hohen Abſturzes ſteht, deſſen Fuß der reißende Rio del Norte beſpült. Das noch vorhandene Pueblo Acoma ſteht auf einer frei liegenden Höhe, deren ganze Fläche das Dorf 179 einnimmt, überall von ſchroffen Klippen umringt. Die Einwoh⸗ ner ſteigen auf Leitern in das Dorf und auf Stufen, die in den Felſen gehauen ſind, auf welchem es ſteht. Zur Zeit der Eroberung verfertigten viele dieſer Pueblos ei⸗ gene Gewebe von Baumwolle und anderen Stoffen; aber mit ihrer Freiheit ſcheinen ſie auch ihre meiſten Kunſtfertigkeiten ver⸗ loren zu haben, und man findet jetzt die feineren einheimiſchen Fabrikate nur noch unter den Moquis und Navajos, die ihre Unabhängigkeit behaupten. Die Pueblos verfertigen jedoch einige gewöhnliche Arten von Decken und Tilmas und andere wollene Stoffe. Auch machen ſie nach ihrer alten einheimiſchen Weiſe, ſowohl für eigenen Gebrauch als für den Handel, verſchiedene Topfgeſchirre, die nicht viel geringer ſind als die Waaren der gewöhnlichen Töpfereien in den Vereinigten Staaten. Die irde⸗ nen Töpfe halten ſehr gut das Feuer aus und werden überall ſelbſt bei den Mejicanern zum Kochen gebraucht, ſtatt gußeiſerner Geſchirre, die man dort gar nicht kennt. So roh dieſe Töpfer⸗ arbeiten ſind, ſte verrathen doch viel Geſchicklichkeit, wenn man erwägt, daß ſie ohne Drehſcheibe oder irgend eine Maſchine ver⸗ fertigt werden. Sie ſind oft ſeltſam bemalt mit farbigem Thon und dem Safte einer Pflanze, Guaco genannt, der beim Bren⸗ nen eine glänzendere Farbe erhält. Auch verfertigen ſie ein eigenes Weidengeflecht, beſonders Gefäße, die ſo dicht geflochten ſind, daß ſie, einmal von Feuchtigkeit angeſchwollen, Flüſſig⸗ keiten halten und daher als leicht und bequem von Reiſenden gebraucht werden. Die Tracht vieler Pueblos iſt in manchen Beziehungen dem Anzuge der gemeinen Mejicaner ähnlich geworden, die meiſten aber haben noch immer viel von ihrer urſprünglichen Sitte. Die Pueblos von Taos und andere im Norden gleichen in die⸗ ſer Hinſicht den Stämmen in den Prairieen, aber die Pueblos ſüdlich und weſtlich von Santa Fe kleiden ſich auf eine andere Art, welche mit der Tracht der urſprünglichen Bewohner der Stadt Meiico große Aehnlichkeit haben ſoll. Der Indianer⸗Schuh, 12* der Mocaſſin, iſt der einzige Theil der Prairieen⸗Cracht, der allen Indianern und beiden Geſchlechtern gemein zu ſein ſcheint. Die meiſten tragen eine Art kurzer Beinkleider und lange Strümpfe, die ſie wahrſcheinlich von den Spaniern entlehnt haben. Das Saco, ein wollenes Wamms ohne Aermel, iſt der obere Theil ihrer äußeren Bekleidung, und nur bei ſchlechtem Wetter bedienen ſte ſich des Tilma. Sehr wenige Indianer haben Hüte oder ſonſt irgend eine Kopfbedeckung, und ſie tragen in der Regel ihre Haare lang, gewöhnlich in einen mit buntem Zeuche umwickelten Zopf gebunden. Die Weiber der nördlichen Stämme kleiden ſich ziemlich wie die Indianerinnen in den Prairieen; die gewöhnliche Frauentracht aber in den ſüdlichen und weſtlichen Pueblos iſt eine hübſche dunkelfarbige kleine Decke, die unter einem Arme hin⸗ gezogen und auf der anderen Schulter angeheftet wird, ſo daß beide Arme frei bleiben. Gewöhnlich tragen die Weiber dar⸗ unter ein baumwollnes Hemd und einen Gürtel um den Leib. Selten oder nie ſteht man eine echte Indianerin aus den Pueblos in mejicaniſcher Tracht. Die gebräuchlichſten Waffen unter den Pueblos ſind Bogen und Pfeil, nebſt einer langſchäftigen Lanze und zuweilen eine Flinte. Der Schild von ungegerbter Haut iſt auch ſehr gebräuch⸗ lich, und wiewohl von geringem Nutzen gegen Schießgewehr, kann er doch dazu dienen, Pfeile und Lanze abzuhalten. Dieſe Indianer nähren ſich in den meiſten Beziehungen wie die Mejicaner, welche in der That mit den Geſchirren auch viel von den Indianiſchen Speiſen aufgenommen haben. Die Tortilla, die Atole und die Pinole, oder das mit kaltem Waſſer an⸗ gerührte Maismehl, und viele andere ſind von den Indianern entlehnt. Einige wildere Stämme bereiten eine eigene Art von Pinole, die aus gemahlenen Mezquite⸗Bohnen gemacht wird. Außer der Tortilla bereiten ſie noch eine andere Art von Brot, Guahave genannt, einem Horniſſen⸗Neſt ſo ähnlich, daß Fremde es zuweilen ſo nennen. Es wird gewöhnlich von Mais gemacht, der wie zu den Tortillas zubereitet und gemahlen und 181 zu einem flüſſigen Teige verdünnt wird. Ich trat einſt in eine Indianerhütte, wo ein junges Mädchen Guayaves buk. Sie ſaß vor dem Feuer, über welchem ein großer flacher Stein ge⸗ heizt ward, und neben ihr ſtand ein Topf mit dem zubereiteten Teige. Mit der Hand nahm ſie den Teig heraus und ſtrich ihn auf den geheizten Stein. Was ſich anhängt, bäckt ſogleich und wird abgeſchält. Das Mädchen wiederholte dieß mehr als zwölf⸗ mal in einer Minute. Als ſie meine Neugier bemerkte, reichte ſie mir ſchweigend ein friſches Gebäck. Ich fand es ziemlich ſchmackhaft, wiewohl es, nach meiner ſpäteren Erfahrung, wenn es kalt iſt, zähe und fade wird, wie die kalte Tortilla. Es iſt dünner als Oblaten, und einige Dutzende, die man zuſammen⸗ rollt, bilden die Guayave, welche ſo zubereitet, den Indianern auf ihren Wanderungen Monate lang zur Nahrung dient. ——— Funfzehnter Abſchnitt. Die wilden Stämme in Neu⸗Mejico.— Die Azteken.— Die Trümmer von Bonito.— Die verſchiedenen Stämme.— Fehden zwiſchen den Mejicanern und den Indianern.— Die Navajos.— Die Apaches.— Die Chihuahuenos.— Das unüberwindliche Gallien beſiegt.— Juan Joſé.— Vergeltung.— Die wandernden Jutas. — Kriegsabenteuer. Alle Indianer in Neu⸗Mejico, die nicht Pueblos genannt werden oder ſich nicht zum Chriſtenthume bekennen, werden zu den wil⸗ den Stämmen gezählt, obgleich einige unter ihnen große Fort⸗ ſchritte in nützlichen Künſten, Manufacturen und Ackerbau gemacht haben. Wer die ältere Geſchichte von Mejico kennt, erinnert ſich, daß nach den Ueberlieferungen der Ureinwohner alle Haupt⸗ ſtämme in Anahuac aus dem Norden kamen, und daß die Stämme Mejicos, beſonders die Azteken, aus dem nördlichen Californien oder Nordweſten von Neu⸗Mejico auswanderten. Der Geſchicht⸗ ſchreiber Clavigero bemerkt in Beziehung auf dieſe Auswander⸗ ung, daß die Azteken oder meiieaniſchen Indianer, welche die letzten Anſtedler im Lande Anahuac waren, bis ungefähr zum Jahre 1160 der chriſtlichen Zeitrechnung in Aztlan, einem Lande im Norden des Meerbuſens von Californien, wohnten; er ſchließt dieß aus der Richtung ihrer Wanderungen und aus den Nach⸗ richten, welche die Spanier ſpäter auf ihren Kriegszügen durch jene Länder erhielten. Clavigero zeigt dann, durch welche Um⸗ ſtände ſte wahrſcheinlich bewogen wurden, ihre Heimat zu ver⸗ laſſen, und ſetzt hinzu, was auch ihr Beweggrund geweſen ſein 183 möge, es laſſe ſich nicht wohl bezweifeln, daß ſie die Wanderung wirklich gemacht haben. Wie er ſagt, zogen ſie in ſüdöſtlicher Richtung nach dem Rio Gila, wo ſie einige Zeit ſich aufhielten, und wo man noch die Trümmer ihrer Häuſer am Ufer des Fluſſes ſieht. Sie zogen dann in eine Gegend über 250 Meilen nordweſtlich von Chihuahua, ungefähr unter 290 nördlicher Breite, wo ſie wieder Halt machten. Man kennt dieſe Gegend unter dem Namen„Casas grandes“(große Häuſer), wegen eines großen Gebäudes, das dort noch zu ſehen iſt und nach der allgemeinen Ueberlieferung von den mejicaniſchen Indianern während ihrer Wanderungen erbaut wurde. Das Gebäude iſt nach dem Plane der Häuſer in Neu⸗Mejico gebaut, aus drei Stockwerken be⸗ ſtehend, mit einer„Azotea“ oder Terraſſe bedeckt und ohne einen Eingang in das Erdgeſchoß. Eine Leiter dient auch hier zur Verbindung mit dem zweiten Stockwerke. Wenn man auch annimmt, daß die Ueberlieferungen, auf welche Clavigero ſeine Schlüſſe baut, unbeſtimmt und ungewiß ſind, ſo beweiſen doch die noch vorhandenen Trümmer, daß jene Gegenden einſt von einem weit gebildeteren Volke bewohnt wurden, als man jetzt unter den Eingeborenen findet. Von dieſer Art ſind die Trümmer des Pueblo Bonito, in der Richtung von Navajé, an den Gränzen der Cordilleras. Die Häuſer ſind meiſt von feinkörnigem Sandſteine gebaut, der bei Bauwerken im Norden jetzt gar nicht vorkommt. Einige dieſer Gebäude ſind zwar ſehr ſtark und geräumig, aber meiſt in kleine unregelmäßige Gemächer getheilt, deren viele noch ganz unverſehrt ſtehen, da ſte noch mit den Querbalken bedeckt ſind, die ſich unter den Azoteas von Erde geſund erhalten, und doch ſind ſie von ſo hohem Alter, daß keine Ueberlieferung etwas von ihrem Urſprunge erzählt. Man findet keine Bilder, kein Bildwerk irgend einer Art darin. Außer dieſen Trümmern ſieht man noch viele andere, doch nicht ſo gut erhaltene, die in den Ebenen und in den Gebirgen zer⸗ ſtreut ſind. Merkwürdig iſt, daß einige derſelben in großer Ent⸗ fernung vom Waſſer liegen und die Bewohner daher nur auf 184 Regen rechnen mußten, wie es noch bis auf dieſen Tag im Pueblo Acoma der Fall iſt. Die Trümmer im Pueblo Bonito ſowohl, als die noch vorhandenen Gebäude in Moqui in derſelben ge⸗ birgigen Gegend und anderen Pueblos in Neu⸗Meiico, ſind den Caſas grandes ſo ähnlich, daß wir zu dem Schluſſe kommen müſſen, die Urheber dieſer Bauwerke für Abkömmlinge eines ge⸗ meinſchaftlichen Stammes zu halten. Die jetzige Verſchiedenheit zwiſchen den Sprachen jener Völker und der Indianer in Mejico kann ſchwerlich einen Einwurf gegen dieſe Vorausſetzung bilden, wenn man bedenkt, wie viele Jahrhunderte ſeit ihrer Trennung verfloſſen ſind. Die angeſehenſten wilden Stämme, die in dem Gebiete von Neu⸗Mejico wohnen oder ihre Einfälle oder Wanderungen dahin ausdehnen, ſind die Navajos, die Apaches, die Jutas, die Caiguas oder Kiawas und die Comanches. Die erſten zwei Stämme ſind von gleicher Abſtammung, und man findet in ihren Sprachen ſelbſt jetzt nur eine unbedeutende Verſchiedenheit. Die Apaches theilen ſich in zahlreiche kleine Stämme, und ein abgetrennter elender Ueberreſt von einem derſelben, die Jicarillas, wohnt im Gebirge nördlich von Taos. Die Navajos werden auf 10,000 Seelen geſchätzt, und wie⸗ wohl nicht der zahlreichſte, ſind ſte doch, wenigſtens in geſchicht⸗ licher Beziehung, der bedeutendſte von allen nördlichen Stämmen in Mejieo. Sie wohnen in dem Hauptzweige der Cordilleras, 150 bis 200 Meilen weſtlich von Santa Fe, am Rio Colorado von Californien, nicht weit von der Gegend, aus welcher die Azteken nach Mejico gewandert ſein ſollen. Man kann ſie aus vielen Gründen für unmittelbare Abkömmlinge eines Ueberreſtes jenes berühmten Stammes der Vorzeit halten. Sie wohnen zwar in rohen Hütten, die den Wigwams der Pawnie⸗Indianer gleichen, aber ſeit undenklichen Zeiten haben ſie alle übrigen Stämme in ihren Manufakturen übertroffen. Sie ſind, wie die Moquis, noch immer in einigen Baumwollengeweben ausge⸗ zeichnet und zeigen große Geſchicklichkeit in der alterthümlichen 185 Kunſt, Thierhäute mit Stickereien von Federn zu zieren. Auch verfertigen ſie jetzt eine eigene Art von Deckenzeuch, von ſo dich⸗ tem Gewebe, daß es oft ſo waſſerdicht als die mit Federharz bereiteten Stoffe iſt und daher zu Regenmänteln viel gebraucht wird. Einige der feineren Arten werden an die Mejicaner oft zu funfzig bis ſechzig Dollars das Stück verkauft. Die Navajos führen zwar jetzt ein räuberiſches und etwas unſtetes Leben, bauen aber alle Körnerfrüchte und Gemüſe, die man in Neu⸗Mejico findet. Auch beſitzen ſie anſehnliche Heerden von Pferden, Maulthieren, Rindvieh, Schafen und Ziegen von eigener Zucht, die für weit beſſer gehalten werden als die me⸗ jicaniſchen, was ohne Zweifel daher rührt, daß ſie mehr Aufmerk⸗ ſamkeit auf die Veredelung ihres Viehſtandes wenden. Alexander von Humboldt ſagt uns zwar, daß vor den Metzel⸗ eien im Jahre 1680 einige Miſſionare unter dieſem Stamme gelebt haben, aber es ſind ſeitdem nur wenige Verſuche gemacht worden, dieſe Indianer zum Chriſtenthume zu erziehen. Sie leben jetzt als Heiden, nicht nur unabhängig von den Mejicanern, ſondern auch ihre furchtbarſten Feinde. Nach der Gründung der Unabhängigkeit erbitterte die Re⸗ gierung von Neu⸗Mejico ihre wilden Nachbarn, beſonders die Navajos, durch wiederholte Grauſamkeiten und Treuloſigkeiten, die wohl zu Feindſeligkeiten reizen mußten. Einſt verſammelten ſich, auf die Einladung der Regierung, mehre Häuptlinge und Krieger der Navajos in dem Pueblo Cochiti, um einen Friedens⸗ vertrag zu beveſtigen. Die Neu⸗Mejicaner, ohne Zweifel erbit⸗ tert durch die Erinnerung an früher empfangene Beleidigungen, überfielen unverſehens die Indianer und metzelten alle nieder. Als um dieſelbe Zeit, erzählt man, drei Indiauer von den nörd⸗ lichen Gebirgen als Gefangene nach Taos gebracht wurden, for⸗ derten die Jicarillas die Auslieferung dieſer ihrer bitterſten Feinde. Die mejicaniſchen Behörden, die dieſen Stamm zu er⸗ zürnen fürchteten, gewährten ruhig das grauſame Verlangen, und die Gefangenen wurden kaltblütig vor ihren Augen niedergemetzelt. Kein Wunder, daß die Neu⸗Mejicaner ſo allgemein von ihren wilden Nachbarn bekriegt werden. Vor ungefähr funfzehn Jahren wurden die Navajos durch die kräftigen Maßregeln des Oberſten Vizcarra beſtegt, dem es gelang, ſie einige Zeit in der Unterwerfung zu halten; aber ſeit ſeiner Abreiſe aus Neu⸗Mejico gab es keinen Mann, der fähig geweſen wäre, dieſen verwegenen Indianern Ehrerbietung oder Furcht einzuflößen, und ſie haben ſeit zehn Jahren ungeſtraft das Land überzogen und gemordet und zerſtört, wie es ihre Laune ihnen eingab. Bei der Annäherung des Frühlings werden den Machthabern zu Santa Fe gewöhnlich Friedensanträge gemacht, die man bereitwillig annimmt. Dieſe freundſchaftliche Aus⸗ gleichung ſetzt die ſchlauen Indianer in Stand, ihre Saaten un⸗ geſtört zu beſtellen und die Güter, die ſie den Mejicanern auf ihren Raubzügen geſtohlen haben, mit Vortheil zu verkaufen; ſobald aber ihre Ackerbauarbeiten zu Ende ſind, erneuern ſie die Feindſeligkeiten, und das Spiel des Raubes und der Zerſtörung beginnt wieder. Gegen Ende des Jahres 1835 ward eine Schaar von Frei⸗ willigen aufgeboten, welcher die meiſten angeſehenen Männer in Neu⸗Mejico ſich anſchloſſen, um den Krieg in das Gebiet der Navajos zu ſpielen. Als die Indianer von der Annäherung ihrer Feinde hörten, mochten ſie wünſchen, ihnen eine ſo lange Reiſe zu erſparen, und ſammelten einen Haufen erleſener Krieger, die hinauszogen, um dem Feinde in einem Gebirgpaſſe einen Hinterhalt zu legen. Der tapfere Heerhaufen, der den ihm be⸗ reiteten Empfang nicht ahnete, ſchlenderte in zerſtreuten Gruppen und überließ ſich einer lärmenden Luſtigkeit, als das laute gell⸗ ende Kriegsgeſchrei, von mehren Schüſſen begleitet, Alle in ſtumme Beſtürzung verſetzte. Einige ſtürzten erſchrocken von ihren Pfer⸗ den, andere feuerten blindlings ihre Gewehre ab, und es ver⸗ gingen einige Minuten, ehe ſte ſich von ihrem Schrecken ſo weit erholt hatten, daß ſie die Flucht ergreifen konnten. Einige Leute wurden in dieſem lächerlichen Kampfe getödtet, unter welchen der 187 Hauptmann Hinöfos, der die Linientruppen befehligte, der ange⸗ ſehenſte war. Eine merkwürdige, aber durchaus beglaubigte Anekdote, die dieſen Mann betrifft, mag hier eine paſſende Stelle finden. Als er einſt zu einem Kriegszuge aufbrechen wollte, be⸗ fahl er ſeinem Sergeanten, eine Pulverflaſche aus einer unange⸗ bohrten kleinen Tonne zu füllen, die fünfundzwanzig Pfund hielt. Der Sergeant bohrte mit einem Zwickbohrer ein Loch, als aber das Pulver zu langſam herauskam, ſuchte er ein paſſendes Werk⸗ zeug, um die Oeffnung zu vergrößern. Seine Blicke fielen auf ein Schüreiſen, das neben dem Herde lag. Das Eiſen glühend machen und in das Loch der Tonne ſtecken, war das Werk einer Minute, als augenblicklich die Tonne ſich entzündete und der obere Theil des Gebäudes in die Luft geſprengt wurde. So wunderbar die Rettung erſcheinen mag, der Sergeant ſowohl als der Hauptmann, der Zeuge des ganzen Vorgangs war, kamen mit dem Schrecken davon, wiewohl beide ſchwer verletzt wurden. Der ſinnreiche Sergeant wurde Staatsſecretär unter dem Gou⸗ verneur Gonzalez und iſt ſeitdem immer im Staatsdienſte ange⸗ ſtellt geweſen, ſpäter aber Hauptmann geworden. Die Apaches ſind der zahlreichſte und mächtigſte der wilden Stämme, die im Inneren des nördlichen Mejico wohnen, aber der unſteteſte von allen. Man ſchätzt ſie zu 15,000 Seelen, welche aber in mehre kleine Rotten zerfallen, auf einem unermeßlichen Gebiete zerſtreut. Diejenigen, die oſtwärts vom Rio del Norte wohnen, werden gewöhnlich Mezealeros genannt, nach einem bei ihnen ſehr beliebten Nahrungsmittel, das Mezeal“) heißt; aber der weit zahlreichere Theil des Stammes wohnt in den weſtlichen Gegenden und iſt unter dem Spottnamen Coyoteros bekannt, angeblich weil dieſe Indianer den Coyote oder Prai⸗ rieenwolf eſſen. Die Apaches lieben das Wanderleben mehr als irgend ein anderer Stamm in Mejico. Sie bauen nie Häuſer, *) Die gebackene Wurzel der Maguey und einer anderen ähnlichen Pflanze. —— 188 ſondern wohnen in Wigwams oder Zelten von Häuten und Decken. Sie machen keine Manufakturarbeiten, bauen nichts an, gehen ſelten auf die Jagd, da ihr Gebiet ohne Wild iſt, und ihre große Volksmenge, unter welcher wenigſtens zweitauſend Krieger ſind, ſcheint bloß von dem Ertrage ihrer Plünderungen zu leben.— Die Nahrung der Apaches beſteht hauptſächlich in dem Fleiſche der Rinder und Schafe, die ſie aus den Ranchos und Meiereien der Mejicaner ſtehlen, doch ſoll, wie man ſagt, Maulthierfleiſch ihre Lieblingſpeiſe ſein. Ich habe oft um ihre eben verlaſſenen Lagerplätze die Ueberreſte geſchlachteter Maulthiere geſehen. Ein⸗ mal aber ſah ich ihre Fährte auf viele Meilen weit buchſtäblich mit Ueberreſten von Maulthieren beſtreut, die ſie offenbar nicht in der Abſicht getödtet hatten, ſie zu verzehren. Es iſt, wie man mir erzählt hat, die Gewohnheit der Häuptlinge dieſes Stammes, ſo oft unter ihren Kriegern ein Streit über das Eigenthum an einem Maulthiere entſteht, das Thier ſogleich zu tödten, um allen Zank abzuſchneiden. Man konnte aus der großen Anzahl todter Maulthiere, die ſte hinter ſich zurückgelaſſen hatten, den Schluß ziehen, daß nicht eben große Eintracht unter den Gliedern des Stammes geherrſcht haben konnte, wenigſtens nicht auf jener Wanderung. Wie die meiſten wilden Stämme in Nord⸗Amerika, ſind die Apaches geiſtigen Getränken leidenſchaftlich ergeben, und oft ſteht man ſte in Friedenszeiten völlig berauſcht um die mejicaniſchen Dörfer taumeln. Dieſer Stamm erſtreckt ſeine Züge über einige Theile von Californien, über den größten Theil von Sonora, die Gränzen von Durango, und in gewiſſen Jahrzeiten ſtreift er ſogar bis Coahuila. Jede Gegend dieſer einſt blühenden Landſchaft hat durch ihre Einbrüche gelitten. Die örtlichen Behörden ſind ſo einfältig, daß die Indianer, um über ihren Raub ohne die min⸗ deſte Beläſtigung zu verfügen, oft mit einem Departement Frie⸗ den ſchließen, während ſie fortfahren, gegen die benachbarten einen vertilgenden Krieg zu führen. Dieß verſchafft ihnen einen 189 ſtets offenen Markt für den Abſatz ihrer Beute und für den Ankauf von Kriegsbedarf, um ihre Verheerungen fortzuſetzen. Im Jahre 1840 ſah ich von Santa Fe eine anſehnliche Handels⸗ geſellſchaft abgehen, die den Apaches Waffen und eine große Menge Branntwein zuführen wollte, um Maulthiere und andere Beute einzutauſchen, welche die Indianer aus den ſüdlichen Gegen⸗ den weggeführt hatten. Dieſer Handel wurde von den Behörden nicht nur geduldet, ſondern offen begünſtigt, da die höchſten Beamten, den Gouverneur nicht ausgenommen, bei dem Erfolge betheiligt waren. Die Apaches bieten den Behörden in Chihuahua dann und wann einen Waffenſtillſtand an, der gewöhnlich unter den von ih⸗ nen gemachten Bedingungen angenommen wird. Bei emer ſol⸗ chen Gelegenheit ward einmal veſtgeſetzt, daß den Räubern ein redlich erworbenes Recht auf all ihr geſtohlenes Gut beigelegt werden ſollte. Es wurde von der Regierung verordnet, einer großen Anzahl von Maulthieren und Pferden, welche die Indianer den Bürgern abgenommen hatten, das Venta⸗ oder Verkauf⸗ zeichen aufzubrennen. Es braucht nicht geſagt zu werden, daß dieſe Waffenſtillſtäunde von den ſchlauen Wilden gewöhnlich nur ſo lange gehalten wurden, als ſie Zeit brauchten, ihren Raub abzuſetzen. Brauchten ſie mehr Maulthiere zum Dienſte oder zum Handel, mehr Rinder für ihre Küche, mehr Schädelhäute zum Kriegstanze, ſo gingen ſie unfehlbar wieder zu Raub und Mord über. Die Räubereien der Apaches haben ſo lange gedauert, daß, außerhalb der nächſten Umgegend der Städte, das ganze Land von Neu⸗Mejico bis an die Gränzen von Durango faſt entvölkert worden iſt. Die Meiereien und Ranchos ſind meiſt verlaſſen, und die Einwohner haben ſich in die Städte zurückgezogen. Die Verwegenheit der Wilden ging ſo weit, daß drei oder vier Krieger ſich am hellen Tage bis auf eine halbe Stunde der Stadt Chi⸗ huahua näherten, die Arbeiter auf dem Felde tödteten und ohne den mindeſten Widerſtand ganze Heerden von Maulthieren und 190 Pferden wegtrieben. Zuweilen läßt man die Räuber von Sol⸗ daten verfolgen, aber wie es ſcheint, nur in der Abſicht, die Schwäche dieſer Kriegsleute darzuthun, da ſie ſich faſt immer eilig zurückziehen, ohne den Feind auch nur geſehen zu haben. Und doch kann man immer in den Spalten der zu Chihuahua erſcheinenden Wochenſchrift glühende Schilderungen von den tapferen Waffenthaten der„Operations⸗Armee“ gegen die„barbaros“ leſen, die da erzählen, wie man den Feind mit dem größten Muthe verfolgt, wie das Kriegsvolk die größte Tapferkeit und ein un⸗ bezwingliches Verlangen gezeigt habe, die Feigen einzuholen, und wie man durch eine außerordentliche Vereinigung ungünſtiger Um⸗ ſtände genöthigt worden ſei, die Verfolgung aufzugeben. Es würde in der That ſchwer ſein, ein muthigeres Volk zu finden, als die Chihuahuenos oder Chihuahuenſes ſich auf dem Papier darzuſtellen wiſſen. Als die Nachricht von dem berühmten Ge⸗ fechte gegen die Franzoſen bei Vera Cruz*), in welchem Santa Ana den Ruhm erwarb, ein Bein zu verlieren, nach Chihuahua kam, wurde das Ereigniß mit gebührenden Freudenbezeigungen gefeiert. Das nächſte Stück des„Noticioso“ enthielt eine tapfere Prahlerei, welche der Welt die erſtaunliche Thatſache verkündete, daß ein Mejicaner es mit vier franzöſiſchen Soldaten in der Schlacht aufnehmen könnte, und ſchloß mit einer„cancion pa- triotica,“ in welcher folgende köſtliche Verſe den Kehrreim bil⸗ deten: 3 Chihunahuenses, la patria gloriosa Otro timbre ä su lustre ha anadido; Pues la 1uA10“ 12 Dullu 1upoulnlo Al valor Mejicano ha cedido. Das iſt wörtlich: Chihuahuaner, unſer glorreich Land Fügt' einen andern Strahl zu ſeinem Glanz, Das unbeſiegte unzähmbare Gallien Erlag dem Muth der Mejicaner. *) Im December 1838. 191 Durch die umgekehrten Buchſtaben in den Worten imicta, la Galia indomable der dritten Zeile giebt der Dichter der Welt zu verſtehen, daß im Reiche der Gallier endlich durch die glorreichen Thaten des„valor Mejicano, das Oberſte zu unterſt gekehrt worden ſei. Nach den Erzählungen von den durch die Apaches angerich⸗ teten Verheerungen möchte man ſie für ein ungemein tapferes Volk halten, aber die Mejicaner ſelber nennen ſte Memmen den Comanches gegenüber, und in den Vereinigten Staaten iſt man gewohnt, dieſe als vollkommene Muſter von Feigheit zu betrach⸗ ten, wenn ſie mit den Shawnee⸗ und Delaware⸗Indianern und anderen Gränzſtämmen in Kampf gerathen. Es war einſt ein berühmter Häuptling, Namens Juan Joſé, an der Spitze der Apaches, der durch ſeine außerordentliche Schlauheit und Verwegenheit ſeinen Stamm im ganzen Lande furchtbar machte. Was beſonders dazu beitrug, ihn zu einem gefährlichen Feinde zu machen, war der Umſtand, daß er in Chihuahua eine gute Erziehung erhalten hatte, die ihn in Stand ſetzte, nach der Rückkehr zu ſeinem Stamme ſeine Verfolger zu überliſten. Er erhielt durch Beraubung der Briefpoſten früh⸗ zeitig Nachricht von allen Unternehmungen, die gegen ihn ausgerüſtet wurden. Eine Erzählung von der Metzelei, in welcher er um⸗ kam, möchte dem Leſer nicht unwillkommen ſein. Die Regierung von Sonora, die den Räubereien der Apaches nachdrücklich zu begegnen wünſchte, erließ eine Bekanntmachung, die jede den Wilden abgenommene Beute für das rechtmäßige Eigenthum der Erbeuter erklärte. Im Frühling 1837 bildete ſich eine, meiſt aus Fremden beſtehende Schaar von etwas mehr als zwanzig Mann, die von Gewinnſucht getrieben ward und nicht zweifelte, daß die Indianer nach ſo vieljährigen glücklichen Räubereien im Beſitze großer Reichthümer ſein müßten. Unter der Anführung eines Amerikaners, der lange im Lande gewohnt hatte, zogen ſie aus. Nach einigen Tagen erreichten ſie einen Haufen von ungefähr funfzig Kriegern nebſt ihren Familien, ——„——— 192 unter welchen auch der berühmte Juan Joſé und drei andere angeſehene Häuptlinge ſich befanden. Als Juan Joſé die Ame⸗ rikaner anrücken ſah, deutete er ihnen an, daß, wenn ſie kämpfen wollten, es zum Kampfe kommen ſollte; der Anführer aber gab ihm die Verſicherung, daß er mit ſeinen Gefährten bloß eine Handelsreiſe unternehmen wollte, und es begann alsbald ein freundlicher Verkehr zwiſchen beiden Parteien. Der amerikaniſche Hauptmann aber war entſchloſſen, dieſe gefährlichen Häuptlinge unter allen Umſtänden dem Tode zu weihen, und ließ ein klei⸗ nes Feldſtück, das er vor den Indianern verborgen hatte, mit Kettenkugeln und Kartätſchen laden und bereit halten. Die Krieger wurden dann in das Lager eingeladen, um ein Geſchenk von Mehl zu empfangen, welches in die Schußweite der Kanone gelegt ward. Als nun die Indianer beſchäftigt waren, den In⸗ halt des Mehlſacks zu theilen, ward auf ſie gefeuert und eine beträchtliche Anzahl von ihnen auf der Stelle getödtet. Die Uebrigen wurden mit Kleingewehr angegriffen und gegen zwanzig fielen, und mit ihnen Juan Joſé und die anderen Häuptlinge. Die Krieger, welche entkamen, rächten ſich ſpäter an anderen Ameri⸗ kanern, die nicht weit von dem Kampfplatze am Ufer des Rio Gila Jagdthiere fingen. Die wüthenden Wilden überfielen ſie, metzelten Alle nieder, funfzehn an der Zahl, mit Einſchluß einiger Mejicaner. Die Apaches hatten bis zu jenem Ereigniſſe nur ſelten Fremde beraubt, ſei es aus Furcht oder aus Achtung. Man ließ kleine Haufen von Fremden ungekränkt durch die Wild⸗ niß ziehen, während zahlreiche Karawanen von Mejicanern häu⸗ fige Angriffe erlitten. Dieſe anſcheinende Parteilichkeit gab An⸗ laß zu ungegründeter Eiferſucht, und die Amerikaner wurden offen beſchuldigt, daß ſie heimlich mit dem Feinde verbündet wären und ihm ſogar Waffen und Kriegsbedarf zuführten. Es mag zwar zuweilen ein Fremder ſich in ſolchen heimlichen und unerlaubten Verkehr eingelaſſen haben, aber die Meiicaner ſelber gingen darin viel weiter, wie ich bereits angedeutet habe. 193 Der Urheber des erzählten treuloſen Anſchlags gegen die Apaches mochte glauben, daß Verrätherei gegen einen verräthe⸗ riſchen Feind gerechtfertigt werden könnte. Ohne Zweifel war er auch in der Meinung, daß ſeine Handlung den höchſten Bei⸗ fall bei den Mejicanern finden würde, die durch die Räubereien jener Häuptlinge ſo viel gelitten hatten. In dieſer Erwartung aber fand er ſich höchlich betrogen und ward allgemein ge⸗ tadelt, obgleich die Mejicaner ähnlicher Handlungen ſchuldig waren. Ich will ein Beiſpiel davon erzählen. Im Sommer 1839 ſaßen einige gefangene Apaches, unter ihnen die Frau eines angeſehenen Häuptlings, im Calabozo in der Stadt Paſo del Norte. Als der Häuptling von dieſem Mißge⸗ ſchicke Nachricht erhielt, ſammelte er gegen ſechzig Krieger, drang kühn in die Stadt und forderte die Freilaſſung ſeiner Frau und ſeiner Freunde. Der Befehlshaber der Stadt, der Zeit gewin⸗ nen wollte, beſchied ſte auf den folgenden Tag und verſprach, ihr Verlangen zu erfüllen. Während der Nacht wurde die bewaff⸗ nete Mannſchaft des Bezirks geſammelt, die man aber, als die Apaches zurückkehrten, verborgen hielt. Der Befehlshaber lockte die Indianer ins Gefängniß, unter dem Vorwande, ihnen ihre Freunde zu überliefern. Der argloſe Häuptling und ungefähr zwanzig ſeiner Begleiter gingen in die Falle und wurden mit kaltem Blute niedergemetzelt, doch nicht ohne Verluſt der Meji⸗ caner, welche vier bis fünf Krieger in dem Kampfe verloren. Unter dieſen war der Befehlshaber ſelber, der kaum die Worte ausgeſprochen hatte:„Maten ä los carajos!“(tödtet die Schur⸗ ken!) als der Häuptling erwiderte:„Entonces moriras tu pri- mero, carajo!“(dann ſollſt Du zuerſt ſterben, Schurke) und ihm den Dolch in's Herz ſtieß. Neu⸗Mejico iſt zu entfernt von den gewöhnlichen Raubwegen der Apaches, und ſeine ſpärlichen Ranchos bieten kein ſo frucht⸗ bares Feld für ihre Unternehmungen dar als die zahlreichen Meiereien im Südlande, und die Räubereien dieſes Stammes haben daher jene Landſchaft nur wenig betroffen. Ich weiß nur Gregg, Karawanenzüge I. 13 194 von einem einzigen ernſtlichen Angriffe, der vor ungefähr zehn Jahren geſchah. Eine Schaar von Kriegern rückte kühn gegen die Stadt Socorro an der ſüdlichen Gränze. Es kam zum Kampfe zwiſchen ihnen und der meiicaniſchen Streitmacht, die aus einer Kompagnie Linientruppen und der geſammten Miliz des Ortes beſtand. Die Mejicaner wurden bald gänzlich zerſtreut und in die Straßen ihrer Stadt gejagt, wobei ſie einen bedeu⸗ tenden Verluſt erlitten. Die Wilden nahmen ihre Todten mit, doch ſollen ſte nur ſechs bis ſteben Mann verloren haben. Ich war am Tage nach dieſem Unglücke in der Nachbarſchaft. Es herrſchte allgemeine Beſtürzung unter den Einwohnern, die ſtünd⸗ lich einen neuen Einfall der Wilden erwarteten. Man hat von Zeit zu Zeit, beſonders in Chihuahua, ver⸗ ſchiedene Plane entworfen, den Verheerungen der Indianer zu ſteuern, aber meiſt ohne Erfolg. Der bedeutendſte war das ſo⸗ genannte„proyecto de guerra“ im Jahre 1837. Es wurden verſchiedene Belohnungen ausgeſetzt, die von einer zu dieſem Zwecke aufgebrachten Summe bezahlt werden ſollten. Für die Schädelhäute eines erwachſenen Mannes, einer Frau und jedes Kindes wurden 100, 50 und 25 Dollars verſprochen. Zur Ehre der Republik war jedoch dieſer barbariſche Plan nur einige Wochen in Wirkſamkeit und erhielt nie die Zuſtimmung der Geſammtregierung, wiewohl einige der einſichtigſten Bürger von Chihuahua ihn eifrig vertheidigten. So lange die Sache be⸗ ſtand, hielt man ſich ſtreng daran. Ich ſah einſt eine Reiterab⸗ Phuus in Chihuahua einrücken, deren Anführer eine friſche Schädelhaut auf der Spitze ſeiner Lanze trug, die er im Jubel über ſeinen Sieg hoch in der Luft ſchwang. Das nächſte Stück der Zeitung enthielt einen amtlichen Bericht über den Vorfall. Die Soldaten verfolgten einen Schwarm Apaches, als ſie auf eine Indianerin ſtießen, die zurückgeblieben war, um ihr kleines Kind in Sicherheit zu bringen. Die Mutter ward ohne Erbar⸗ men niedergemetzelt und ihr die Schädelhaut abgelöſt, eben die auf die Lanze geſteckte. Der Offtzier ſchloß ſeinen Bericht mit 195 der Nachricht, daß das Kind bald nach ſeiner Gefangennehmung geſtorben wäre. Die Jutas ſind einer der verbreitetſten Stämme des weſt⸗ lichen Landes, und vom Norden Neu⸗Mejicos bis zum Schlangen⸗ fluſſe und Rio Colorado zerſtreut. Sie zählen wenigſtens 10,000 Seelen und führen durchaus ein Wanderleben. Eine Abtheilung von ungefähr tauſend Seelen bringt den Winter meiſt in den Gebirgthälern nördlich von Taos zu, den Sommer aber gewöhn⸗ lich in den öſtlichen ebenen Prairieen auf der Büffeljagd. Ihre Sprache ſoll in entfernter Verwandtſchaft mit der Sprache der Navajos ſtehen, doch ſchien ſie mir weit mehr Kehllaute zu haben und hat einen tiefen Ton wie bei Bauchrednern. Dieſe Indianer leben zwar dem Namen nach in Frieden mit der Re⸗ gierung von Neu⸗Mejico, doch bedenken ſie ſich nicht, den Jägern und Handelsleuten, die unter ihre ſtreifenden Schaaren fallen, ſchwere Brandſchatzungen aufzulegen, und zuweilen haben ſie ſich ſogar perſönliche Gewaltthätigkeiten erlaubt. Ein angeſehener mejicaniſcher Offtzier wurde vor nicht langer Zeit von einem Haufen dieſer Indianer gegeißelt, und doch wagte es die Regier⸗ ung nie, die Beleidigung zu rächen. Im Sommer 1837 ſtießen fünf bis ſechs Shawnee⸗Indianer, nicht weit von der öſtlichen Gränze des Felſengebirges, ſüdlich vom Arkanſas, auf einen zahlreichen Haufen von Jutas. Sie wurden anfänglich mit großen Freundſchaftbezeigungen empfangen, die geringe Zahl ihrer Gäſte aber mochte die Jutas zu dem Entſchluſſe ermuthigen, ſie ihrer überflüſſigen Güter zu berauben. Die Shawnees hatten zu nicht geringem Erſtaunen der Jutas nicht Luſt, ihr Eigenthum ruhig zu übergeben, und rüſteten ſich zur Gegenwehr. Es kam zu einem Gefechte, das den Jutas mehre Leute und einen geachteten Häuptling koſtete, während ihre Gegner ohne Verluſt ihre öſtliche Heimat erreichten.. Einige Tage nach dieſem Ereigniſſe, während die Jutas noch den Verluſt ihrer Leute betrauerten, kam ich mit einer kleinen Karawane von ungefähr fünfunddreißig Mann in die Nähe ihrer 13 196 zeitweiligen Niederlaſung. Kaum hatten wir unſer Lager auf⸗ geſchlagen, als ſie uns in großer Anzahl, Männer, Weiber und Kinder, umſchwärmten; die Krieger aber waren mürriſch und zu⸗ rückhaltend und murmelten nur zuweilen eine Verwünſchung der Amerikaner, unmuthig über die von den Shawnees erfahrene Behandlung, die ſie für Miſchlinge und unſere Verbündeten hiel⸗ ten. Plötzlich faßte ein junger Krieger ein köſtliches Pferd, das einem meiner Gefährten gehörte, ſchwang ſich hinauf und ſprengte davon. Wir waren überzeugt, daß wir durch ruhige Ertragung dieſer Beleidigung ſie nur zu neuen ermuthigen würden, und faßten ſogleich den Entſchluß, das geſtohlene Pferd von ihrem Häuptlinge entſchieden zurückzufordern. Als unſer Verlangen mit Verachtung behandelt wurde, ſchickten wir ihnen eine Kriegser⸗ klärung zu und rüſteten uns zum Angriffe. Das Kriegsgeſchrei erſcholl augenblicklich in allen Richtungen, und da die Jutas wegen ihrer Tapferkeit und Waffengeſchicklichkeit berühmt ſind, ſo ſetzte die Bereitwilligkeit, womit ſie unſere Herausforderung anzu⸗ nehmen ſchienen, unſere Geſellſchaft in nicht geringe Unruhe. Wir hatten ſie bloß aus Prahlerei zu einem Kampfe auf Tod und Leben herausgefordert, ohne im mindeſten zu erwarten, daß ſie ſich unſertwegen ſo viel Beſchwerde machen würden. Aber es war zu ſpät, aus der Klemme zu kommen. Kaum war das Lärmzeichen gegeben, als ſich die Nieder⸗ laſſung der Indianer in ein Kriegslager verwandelte. Während die berittenen Krieger ihre Pferde tummelten, flohen die Weiber und Kinder, wie verſcheuchte Rebhühner, zu den Klippen und Schluchten einer nahen Felſenhöhe. Ein Dritttheil unſerer Ge⸗ ſellſchaft beſtand aus Mejicanern, und der erſte Schritt der In⸗ dianer war, ihnen Sicherheit zu verſprechen, in der Hoffnung, unſeren ſchon ſo ſchwachen Haufen zu vermindern. Ein junger Krieger ritt kühn auf uns zu und ſprach in gutem Spaniſch: „Meine meiicaniſchen Freunde, wir wollen Euch nicht kränken. Ueberlaßt uns dieſe Amerikaner, es ſoll nicht einer von ihnen mit dem Leben davon kommen.“ Die Mejicaner waren ziemlich 197 muthige Rancheros und antworteten bloß:„Al diablo, wir ha⸗ ben nicht vergeſſen, wie Ihr uns behandelt, wann Ihr uns allein findet. Jetzt ſind wir bei Amerikanern, die ihre Rechte verthei⸗ digen wollen, und Ihr könnt reichliche Vergeltung für alle em⸗ pfangenen Beleidigungen erwarten.“ In der That, die Mejicaner ſchienen am meiſten den Beginn des Kampfes zu wünſchen; ein merk⸗ würdiger Beweis, wie wirkſam das Vertrauen auf Gefährten iſt. Eine Entſcheidung war nun nahe. Zwei Drehbaſſen, die wir bei uns führten, wurden gerichtet, mit Zündkraut verſehen und die Lunten angezündet. Jedermann war mit ſeinem Gewehre auf ſeinem Poſten, Jedermann von dem Wunſche beſeelt, ſich gut zu halten, was auch der Erfolg ſein möchte, als die Indianer, die uns entſchloſſen ſahen, den Kampf zu beſtehen, Unterhand⸗ lungen anknüpften. Eine alte Indianerin, die Mutter eines an⸗ geſehenen Häuptlings, wie man ſagte, ritt heran und rief:„Meine Söhne, die Amerikaner und die Jutas ſind ſeither Freunde ge⸗ weſen und unſere alten Männer wünſchen es zu bleiben; nur einige ungeſtüme und halsſtarrige junge Leute wollen fechten.“ Das geſtohlene Pferd wurde bald nach dieſer Anrede zurückgegeben; der Friede ward in beiden Lagern freudig verkündet und die Anführer beſtätigten ihn bei einer geſelligen Tabakpfeife. Sechszehnter Abſchnitt. Rückreiſe von Santa Fe.— Heimkehrende Karawanen.— Begräbniß in der Wüſte.— Unerwarteter Angriff.— Independence.— Die Mormon⸗Secte. Ich will den Leſer mit einer Beſchreibung meiner Reiſen zwi⸗ ſchen Mejico und den Vereinigten Staaten während der ſieben Jahre nach meiner erſten Ankunft in Santa Fe nicht aufhalten, und hier nur bemerken, daß ich in den Herbſtmonaten 1833 und 1836 durch die Ebenen nach den Vereinigten Staaten zog und in jedem folgenden Frühling mit Waaren nach Santa Fe zurück⸗ kehrte. Im Jahr 1838 erledigte ich meine Angelegenheiten in Nord⸗Mejico und bereitete mich, Abſchied von dem Lande zu nehmen, daß ich nicht wieder zu ſehen glaubte. Die Folge wird zeigen, daß ich mich darin irrte. Die Karawanen kehren gewöhnlich im Herbſte nach den Ver⸗ einigten Staaten zurück, und ſeit dem Beginn des Handels iſt nicht ein Herbſt vergangen, ohne daß Karawanen heimgekehrt wären. Zuweilen haben auch wohl im Frühlinge einige die Rückreiſe angetreten, doch nicht regelmäßig und meiſt nur in ſehr kleinen Zügen. Auch die Herbſtgeſellſchaften ſind klein, wenn man ſte mit den nach Santa Fe ziehenden Karawanen vergleicht, denn außer den Kaufleuten, die fortdauernd im Lande bleiben, reiſen viele von denjenigen, die in den ſüdlichen Landſchaften Handel treiben, über Matamoros oder einen anderen ſüdlichen Hafen nach den Vereinigten Staaten zurück. Die heimkehrenden Herbſtgeſellſchaften ſind daher nur zwiſchen funfzig und hundert 1 — — 199 Mann ſtark. Sie verlaſſen Santa Fe vier bis fünf Wochen nach ihrer Ankunft, gewöhnlich gegen den erſten September. Dieſe Geſellſchaften haben ſelten über dreißig bis vierzig Wagen, da viele von denjenigen, welche die jährlichen Karawanen mitbringen, im Lande verkauft werden. Einige der Kaufleute, die im Frühlinge ausziehen, kehren im nächſten Herbſte zurück, weil ſie das Glück haben, ihre Waa⸗ ren ſchnell und mit Gewinn abzuſetzen, andere aber ſind genö⸗ thigt, im Herbſte zurückzukehren, um ihren Kredit zu retten, ja um ihr Beſitzthum in der Heimath zu erhalten, das ſie, beſonders in früheren Zeiten, zuweilen verpfändet hatten, um die Bezahl⸗ ung der Waaren zu ſichern, die ſie mitnahmen. In ſolchen Fällen mußten ſie ihre Waaren nicht ſelten mit großen Opfern verkaufen, um den Strafen zu entgehen, welchen ſie ſich durch Verletzung ihrer Verpflichtungen in der Heimath ausſetzten. Junge Händler werden auch wohl entmuthigt durch eine nicht erwartete Flauheit des Handels, und verkaufen nicht ſelten im Ganzen um jeden Preis, wiewohl oft mit anſehnlichem Verluſte. Diejenigen aber, welche dieſen Handel regelmäßig treiben, rechnen gewöhnlich darauf, eine Jahreszeit, vielleicht auch ein ganzes Jahr, zu ver⸗ wenden, um ihre Unternehmung abzuſchließen, ihre Waaren zu verkaufen und Rückfracht zu erhalten. Die Wagen einer heimkehrenden Karawane ſind gewöhnlich nur leicht beladen, und die Rückfracht eines einzelnen Wagens beträgt in der Regel 1000 bis 2000 Pfund; denn die Zugthiere ſind nicht nur unfähig, ſchwere Laſten zu ziehen, wegen des Mangels an Weide in jener Jahreszeit, ſondern die Annäherung des Winters nöthigt auch die Händler, ſchneller zu reiſen, ſo daß die Rückreiſe gewöhnlich in ungefähr vierzig Tagen gemacht wird. Der Betrag der Fracht nach der Heimath iſt verhältniß⸗ mäßig gering. Die Zahlungen werden, wie bereits erwähnt, hauptſächlich in baarem Gelde oder ungemünztem Gold und Silber gemacht. Das Gold iſt meiſt Goldſtaub aus den Minen bei Santa Fe, das Silber aus den ſüdlichen Bergwerken, be⸗ ſonders aus der Umgegend von Chihuahua. Außer einer be⸗ trächtlichen Anzahl von Maulthieren und Eſeln, nehmen die heimkehrenden Karawanen auch einige Büffelhäute, Pelzwerk und Wolle mit, wiewohl dieſe letzte kaum die Fracht für Wagen be⸗ zahlt, die ſonſt leer gehen müßten. Am 4ten April 1838 verließen wir Santa Fe. Unſere Rei⸗ ſegeſellſchaft beſtand aus drei und zwanzig Amerikanern und zwölf mejicaniſchen Dienern. Wir hatten ſieben Wagen, zwei kleine Feldſtücke und eine große Menge kleiner Waffen. Die bedeu⸗ tendſten Eigenthümer führten gegen 150,000 Dollars in Baar⸗ ſchaft und ungemünztem Gold und Silber bei ſich, die meiſt der Ertrag der Handelsunternehmungen des verfloſſenen Jahres wa⸗ ren. Wir zogen raſch und munter vorwärts, bis wir das Flüß⸗ chen Ocaté, einen Nebenfluß des Colorado erreichten, wo einer unſerer geachtetſten Handelseigenthümer uns plötzlich durch den Tod entriſſen ward. Es fehlte uns an Mitteln, ihn anſtändig zu begraben, und wir mußten den Leichnam in eine Decke wickeln. Es ward auf einer Anhöhe am nördlichen Ufer des Fluſſes ein Grab gemacht, und am Morgen des 13ten Aprils, ehe die Sonne aufgegangen war, übergaben wir die ſterblichen Ueberreſte eines würdigen und geachteten Freundes dem Schooße der Erde. Nach dem Begräbniſſe ſetzten wir unſere Reiſe fort. Wir zogen mehre Tage weiter, ohne daß uns ein wichtiger Vorfall oder ein Abenteuer begegnete, bis wir am 1gten unſer Lager im Thale des Cimarron aufſchlugen. Der Anblick dieſer öden Gegend, wo die wildeſten Indianerſtämme hauſen, war allein hinlänglich, unſere Geſellſchaft zu entmuthigen, da wir aber noch keinem Indianer begegnet waren, ſo hegten wir keine Beſorgniſſe. Unſere Maulthiere und Pferde wurden wie gewöhnlich rings um die Wagen angebunden, und Jedermann, außer den Wächtern, wickelte ſich in ſeine Decke, in der Hoffnung auf eine gute Nacht⸗ ruhe. Die Mitternachtſtunde ging vorüber, und wir hatten nichts gehört als die Tritte der Wache und das eigenthümliche Zähn⸗ knirſchen der Maulthiere, während ſie das kurze Gras im Thale — 201 abweideten. Bald aber ſah eine unſerer Schildwachen einen Ge⸗ genſtand, der ſich verſtohlen bewegte, und als ſie ihre Augen anſtrengte, um die Natur der Erſcheinung auszumitteln, ent⸗ hüllte ein lauter Indianer⸗Schrei das Geheimniß. Es folgte ſchnell der Knall von Feuergewehren und der gellende Ton des 8 Pfeifens der Pawnee⸗Indianer, der uns ſogleich ankündigte, was für einen Beſuch wir zu erwarten hatten. Wie gewöhnlich herrſchte die größte Verwirrung in unſerem Lager. Aus dem Lande der Träume aufgeſtört, rannten Einige mit den Köpfen an die Wagen und Andere riefen nach ihren Gewehren, die ſie in den Händen hielten. Während Verwirrung und Lärm auf's höchſte geſtiegen waren, ſah man einen mejicaniſchen Diener, der ſich mit dem Rücken an einen Wagen lehnte, ſein Gewehr em⸗ por hielt, unabläſſig den Hahn ſpannte und losdrückte und bei jedem Schlage rief:„Carajo, no sirve“(verflucht, es taugt nichts!) Das Feuern dauerte fort, das Geſchrei wurde wilder und häufiger, und Alles verkündete einen furchtbaren Kampf. Mehre Leute waren mittlerweile beſchäftigt, die angepflöckten Maulthiere und Pferde zu ſichern, und in wenigen Minuten waren alle, über hundert Stück, in eine von den ſieben Wagen gebildete Hürde eingeſchloſen. Als aber die Feinde ihren Hauptzweck, unſere Thiere aufzuſcheuchen, vereitelt ſahen, fingen ſie bald an, ſich zurückzuziehen, und in wenigen Minuten war nichts mehr von ih⸗ nen zu hören. Am nächſten Morgen ſahen wir, daß keiner von unſeren Leuten verletzt und kein Thier verloren war. Die Paw⸗ nee⸗Indianer gehören zu den furchtbarſten und treuloſeſten Fein⸗ den der nach Santa Fe handelnden Kaufleute, wiewohl auch ſie von den Karawanen gelitten haben. Im Jahre 1832 näherte 4 ſich einer Handelsgeſellſchaft ein einzelner Häuptling der Pawnee⸗ Indianer, der eine Beſprechung begann, als er von einem Pue⸗ . blo⸗Indianer, der zufällig bei der Karawane war, niedergeſchoſ⸗ — ſen wurde. Dieſe grauſame That wurde zwar von allen Händ⸗ 202 lern entſchieden gemißbilligt, aber natürlich hielten die Indianer ſte dafür verantwortlich. Als wir durch den Prairieen⸗Ozean zogen, der vor uns lag, liefen wir nicht Gefahr, in der Irre herumzuſchweifen, da nun auf unſerem ganzen Wege vom Cimarron bis zum Ufer des Arkanſas eine deutliche Wagenſpur gezogen war. Dieſer Weg, der ſeitdem unverändert geblieben iſt, ward im Jahr 1834 an⸗ gelegt. Bei den beſtändigen Regengüſſen, die während des Ka⸗ rawanenzuges in jenem Jahre fielen, ward in dem erweichten Boden, in gerader Richtung durch die dürre Wildniß, eine Spur eingeſchnitten, die ungefähr zwanzig Meilen oberhalb der Ca⸗ ches*) den Arkanſas verläßt. Dieß iſt ſeitdem der regelmäßige Karawanenweg geweſen, und ſo iſt einer Wiederholung der Be⸗ drängniſſe durch Waſſermangel, worunter die Reiſenden früher in jener unwirthlichen Einöde leiden mußten, vorgebeugt worden. Wir kamen ohne Schwierigkeit über den Arkanſas und ver⸗ folgten ruhig unſere Reiſe nach der Gränze von Miſſouri. Nur zuweilen ſtörte uns in der Nacht das ſcheußliche Geheul der Wölfe, von welchen ein Rudel ſich zu einer Art von Ehrenwache beſtellte und uns mehre hundert Meilen weit, ja bis an die Gränzen der Anſiedelungen begleitete. Sie wurden anfänglich ohne Zwei⸗ fel durch die Ueberreſte der Büffel angelockt, die wir auf den Hochebenen getödtet hatten, und ſpäter durch ein ermüdetes Thier, das wir hinter uns laſſen mußten, und durch die Knochen und Speiſereſte, die ſie in der Nähe unſerer Lagerplätze auflaſen, aber nicht wenige mußten ihre Verwegenheit mit dem Leben büßen. Wären wir nicht zum Glück früher mit einem hinlänglichen Vorrathe von Fleiſch und anderen Bedürfniſſen verſehen worden, ſo hätten wir Hunger leiden können, ehe wir die Gränznieder⸗ laſſungen erreichten, da wir nach dem Uebergange über den Ar⸗ kanſas keine Büffel mehr ſahen. Die Büffel kommen allerdings *) Siehe Seite 37. 4 4 A 203 ſelten im Herbſte ſo weit öſtlich als während des Frühlings, da ſte das lange dürre Gras in den öſtlichen Prairieen nicht gern freſſen, aber ich ſah ſie früher nie ſo ſelten in jener Gegend. In allen Jahreszeiten ſind ſie in der Regel ſehr häufig ſo weit öſtlich bis zu der Stelle, wo wir den Arkanſas verließen. Als wir die Anſtedelungen an den Gränzen der Vereinigten Staaten erreichten, hatte ich eine Gelegenheit, eine Täuſchung zu erfahren, die früher manchem Reiſenden nach der Rückkehr aus den Prairieen begegnet war. Gewohnt, ſeit einigen Monaten unſere kleinen Maulthiere und die eben ſo kleinen mejicaniſchen Klepper zu ſehen, waren unſere Blicke mit den körperlichen Ver⸗ hältniſſen dieſer Thiere ſo bekannt geworden, daß die gemeinſten Miethpferde an den Gränzen der Vereinigten Staaten uns faſt wie Ungeheuer erſchienen. Oft hörte ich neue Ankömmlinge aus⸗ rufen:„Wie weit man in Miſſouri in der Verbeſſerung der Pferdezucht vorgeſchritten iſt! Was für ein ungeheuerer Wallach!“ Die Gränzbewohner wiſſen dieſe Täuſchung oft zu benutzen, um den Reiſenden ihre ſchlechteſten Pferde zu ungeheueren Preiſen aufzuſchwatzen. Am 11ten Mai kamen wir nach einer glücklichen Reiſe von nicht mehr als acht und dreißig Tagen in Independence an. Wir fanden die Stadt in einem blühenden Zuſtande, obgleich ſie ei⸗ nige Jahre vorher durch die Mormon⸗Secte, die dieſen Theil des Landes zum Sitze ihres neuen Jeruſalem auserſehen hatte, beinahe verwüſtet worden war. Die Secte verrieth in dieſer Wahl mehr Geſchmack und Verſtand, als man ihr ge⸗ wöhnlich zuſchreibt; denn die reiche und ſchöne Umgegend von Independence kann mit Recht der Garten des fernen Weſtlan⸗ des genannt werden. Ihr Hauptbeweggrund aber, das Graͤnz⸗ land vorzuziehen, mochte der Wunſch ſein, in der Nähe der In⸗ dianer zu leben, da die Bekehrung der„verlorenen Stämme Iſraels“ zu ihrem angeblichen Berufe gehörte. Vor dem Jahre 1833 hatte die Mormon⸗Secte, die zu je⸗ ner Zeit in großen Schwärmen nach jener geſegneten Gegend ſich endlich genöthigt ſehen würde, das Land zu verlaſſen, denn 204 ſtrömte, beträchtliche Ankäufe von Ländereien in Independence und der nächſten Umgegend gemacht. Es ward eine allgemeine Nie⸗ derlage gegründet, die man„Gottes Vorrathskammer“ nannte, welche die Gläubigen mit Waaren zu mäßigen Preiſen verſah, während man von denjenigen, die überflüſſiges Eigenthum be⸗ ſaßen, erwartete, daß ſie es zum Vortheile der Geſammtheit darin aufbewahren laſſen würden. Die Secte ward anfänglich mit Freundlichkeit von den gutmüthigen Einwohnern aufgenommen, welche in den neuen Anſtedlern einen Haufen von unſchädlichen Schwärmern ſahen, die ſich zu guten und redlichen Bürgern umbilden laſſen würden, Dieſes Vertrauen aber ſollte nicht lange ſich erhalten, denn ſie fanden bald, daß das Korn in ihren Maisſcheuern wie Schnee vor der Sonne ſchmolz und ihre Schweine, ihre Kühe geheimnißvoll verſchwanden. Die neuen Ankömmlinge hatten ſich überdieß großen Tadel zugezogen wegen ihres unſittlichen Wandels und ihrer Mißachtung der kirchlichen Ehegebräuche. Sie fuhren indeß fort, ſich nicht durch Bekehrung, ſondern durch Einwanderung bis zu einem beunruhigenden Grade auszu⸗ breiten und zu vermehren, und je mehr ihre Zahl wuchs, deſto drängender und kühner wurden ſie in ihren Anſprüchen. In einem zu Independence unter ihrer unmittelbaren Aufſicht gedruck⸗ ten kleinen Blatte ward Alles geſagt, was Feindſchaft zwiſchen den „Heiligen“ und ihren„weltlich geſtnnten“ Nachbarn hervorrufen konnte, bis ſie endlich durch Ungeſtraftheit ſo dreiſt wurden, daß ſte ſich offen ihres Entſchluſſes rühmten, die einzigen Eigenthü⸗ mer des„Landes Zion“ zu werden, da ihr Prophet eine Offen⸗ barung darüber erhalten hätte. Die Einwohner ſahen nun ein, daß die Eindringlinge bei ihrer raſchen Zunahme bald im Stande ſein würden, über eine Stimmenmehrheit in der Grafſchaft zu gebieten, und daher die ganze Leitung der öffentlichen Angelegenheiten in ihre Hände fallen müßte. Es lag am Tage, daß eine der beiden Parteien 205 die alten Anſiedler konnten nicht daran denken, ihre Familien mitten in dem verderbten geſellſchaftlichen Zuſtande zu erziehen, den die Mormon⸗Secte einführte. Das Uebel wurde jedoch ge⸗ duldig ertragen und ohne irgend einen Verſuch, Vergeltung zu üben, bis die„Heiligen“ die Drohung ausſprachen, ihre Wider⸗ ſacher mit offener Gewalt zu verdrängen. Dieſer unverſchämte Streich regte auf einmal den ſchlummernden Muth der ehrlichen Hinterwäldler auf, deren einige zu den erſten Anſtedlern in Miſſouri gehört und in den furchtbaren Kämpfen mit den wilden Indianern Gefahren kennen gelernt hatten. Sie waren daher keineswegs geneigt, aufzugeben, was ſie als ihre Rechte betrach⸗ teten. Es wurden öffentliche Verſammlungen gehalten, um Mit⸗ tel zur Abhilfe aufzufinden, wodurch aber die Unverſchämtheit der Secte nur noch mehr geſteigert ward. Endlich ward ein Pö⸗ belhaufen aufgeboten, welcher alsbald die verhaßte Druckerpreſſe der Mormons zertrümmerte und Alles zerſtörte, was ihm in die Hände fiel. Einige Häupter der Secte, die in die Gewalt des Volkes geriethen, wurden mit Theer und Federn bekleidet und ſonſt hart gezüchtigt. Der„Prophet Joſeph“ aber war zu jener Zeit nicht in Independence. Er hatte die Gewitterwolken be⸗ merkt, die ſich am Horizonte zuſammenzogen, und war weislich in Ohio geblieben, wo er ſeine flammenden Befehle ausgehen ließ. Dieß ereignete ſich im October 1833, und ich kam von Santa Fe nach Independence, als die Aufregung aufs höchſte geſtiegen war. Die Mormon⸗Secte hatte ſich ungefähr zehn Meilen weſtlich von der Stadt zuſammengezogen, wo ihre veſte⸗ ſten Anſtedelungen lagen. Man erwartete ſtündlich den Aus⸗ bruch von Feindſeligkeiten, und es kam auch bald nachher zu ei⸗ nem Scharmützel, worin ein achtbarer Rechtsgelehrter in Inde⸗ pendence, der ſich durch ſeine eifrige Thätigkeit gegen die Mor⸗ mons ausgezeichnet hatte, ſeinen Tod fand. Das ganze Land war in furchtbarer Gährung. 206 Am frühen Morgen nach jenem Scharmitzel verbreitete ſich in Independence die Nachricht, daß die Mormons gegen die Stadt im Anzuge wären, um ſie zu plündern und zu verbrennen. Ich hatte oft das Geſchrei„Indianer!“ gehört, das die Annäherung feindlicher Wilden ankündigte, aber ich erinnere mich nicht, je eine ſolche Beſtürzung geſehen zu haben, als bei jener denkwür⸗ digen Gelegenheit in der Stadt herrſchte. Der Lärmruf erſcholl fern und nahe, und Bewaffnete ſtürzten kampfluſtig von allen Seiten herbei. Offiziere wurden ohne Rückſicht auf Rang oder Stand erwählt, die Töne der ermuthigenden Trommel und der „ohrdurchdringenden Pfeife“ erfüllten die Luft, und in ſehr kurzer Zeit zog ein kleines Heer von ſo tapferen und entſchloſſe⸗ nen Burſchen, als je ein Schlachtfeld betraten, durch die Straßen. Nach einer kurzen Einübung rückten ſte bis zu einem gewiſſen Punkte auf der Landſtraße vor, wo ſie die Mormons erwarten wollten. Die Feinde erſchienen bald, aber überraſcht, einen ſo furchtbaren Empfang zu finden, verſuchten ſie es nicht, ein Gewehr abzufeuern, ſondern ergaben ſich ohne Bedingung. Sie wurden ſogleich entwaffnet und ſpäter unter der Bedingung frei⸗ gelaſſen, das Land ohne Zögerung zu räumen. Bald nach dieſem Vorfalle, in der Nacht vom 12ten No⸗ vember, zeigte ſich die viel beſprochene Lufterſcheinung eines me⸗ teoriſchen Regens. Dieſe außerordentliche Heimſuchung blieb nicht ohne Wirkung auf die abergläubigen Seelen einiger unwiſſenden Menſchen, die ſich fragten, ob nicht am Ende die Mormons doch recht haben möchten, und ob die Erſcheinung nicht ein vom Himmel kommendes Zeichen der Mißbilligung ihrer gegen jene erwählte Secte begangenen Ungerechtigkeit wäre. Einige Zeit nachher ereignete ſich ein furchtbares Unglück, das keineswegs geeignet war, die abergläubigen Beſorgniſſe der Unwiſſenden zu ſtillen. Acht bis zehn Bürger kehrten mit der Fähre zurück, auf welcher die letzten Mormons über den Fluß Miſſouri in die Grafſchaft Clay gebracht wurden, die zu ihrer neuen Heimath be⸗ 207 ſtimmt war. Die Fähre füllte ſich mit Waſſer und ſank mitten im Strome, wodurch drei bis dier Menſchen umkamen. Vielleicht war das Fahrzeug gebrechlich, aber einige Leute argwöhnten, die Mormons hätten kurz vor ihrem Abſchiede den Boden heimlich angebohrt, um es zu verſenken. Die„verfolgten Heiligen“ wurden in der Grafſchaft Clay freundlich aufgenommen, aber nach einem Aufenthalte von eini⸗ gen Monaten hatten ſie ſich den Bewohnern ſo verhaßt gemacht, daß ſie genöthigt waren, nach einem neuen Sitze zu wandern. Sie ſuchten ſich in der neu gegründeten Grafſchaft Caldwell nie⸗ derzulaſſen, wo ſie eine Stadt anlegten und einige Jahre ziem⸗ lich friedlich lebten. Als die Grafſchaft aber ſich mit Anſiedlern füllte, brachen mehrmals Zwiſtigkeiten aus, bis die Mormons endlich im Jahre 1838 wieder in offenem Kriege mit ihren Nach⸗ barn waren. Sie ſcheinen ſich gegen die Staatsgeſetze aufge⸗ lehnt und die Ruhe ſo ſehr geſtört zu haben, daß der Gouver⸗ neur ſich genöthigt ſah, eine Abtheilung der Miliz gegen ſie ab⸗ zuſenden, die ſie ohne Blutvergießen zum Gehorſam brachte. Seitdem hegten die Mormons eine tödtliche Feindſchaft gegen den Gouverneur, und ein Mordverſuch, den man ſpäter in Indepen⸗ dence gegen ihn machte, ward allgemein ihnen zugeſchrieben. Noch einmal zur Auswanderung gezwungen, zogen ſie nach Illinois, wo ſte die Stadt Nauvoo gründeten. Wie es ſcheint, wurden ſie in jenem Staate noch wohlwollender und nachſichti⸗ ger aufgenommen als irgendwo, da man ſie allgemein für Opfer einer religiöſen Verfolgung hielt, aber manche Umſtände deuten an, daß die Bewohner von Illinois ſeitdem ihrer eben ſo müde geworden ſind als ihre früheren Nachbarn. So viel möchte klar ſein, daß ſchwärmeriſche Bethörung nicht die einzige Sünde iſt, die dem Betragen dieſer Menſchen ſo vielen Tadel zugezogen hat, ſonſt würden ſie doch irgendwo beſtändige Freunde gefun⸗ den haben, wogegen es bekannt iſt, daß ſie überall, wo ſte ſich aufhielten, Gegenſtände des allgemeinen Widerwillens geworden ſind. 1 208 Ich füge noch hinzu, daß ſie ſtandhaft den Verkauf irgend einer in Miſſouri erworbenen Beſitzung verweigert und den ve⸗ ſten Entſchluß ausgeſprochen haben, ihr verlorenes Eigenthum wiederzuerobern. Ein anſehnlicher Theil dieſer Beſitzungen, der auf einer Anhöhe zu Independence liegt und der„Tempel⸗ theil“ heißt, weil der Tempel Zion dort erbaut werden ſollte, iſt neulich durch Anbau entweiht und in ein Kornfeld verwandelt worden. Druck von C. C. Meinhold und Söhnen in Dresden. gabemos wae. —— s 2 a —— Waszcdke Laeche vod Sreaernmk. 3