2 7 ₰ 1 ‿ 8— —— „ 0„ 0 d Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Olkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leiß- und Teſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.— 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eeträgt:. 8 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5 8 1—„*— 1 7„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 4 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. N —--⸗—- 2 — Keisebilder, Zuͤge von Menſchen und Staͤdten. — Vom Verfaſſer der ⸗Heer⸗ und Querſtraßen“». Aus dem Engliſchen uͤbertragen von Theodor Mell. Erſter Theil. —— Berlin, Verlag von Duncker und Humblot. 1830. ““ Vorbemerkung. De Sitten⸗ und Charaktergemaͤlde, welche der Verfaſſer in den„Heer⸗ und Querſtraßen“(von denen in der Ueberſetzung fuͤnf Baͤnde erſchienen) aufſtellte, erhielten ſowohl bei ſeinen Landsleuten, als auch in der deutſchen Uebertragung, einen ent⸗ ſchiedenen Beifall. Ihnen aͤhnlich, jedoch mehr Skizzen, oder ausgefuͤhrtere Umriſſe, aber ſtets mit unverkennbarer Beobachtungsſchaͤrfe und Auffaſ⸗ ſungsgabe, ſind die Mittheilungen, welche die drei Baͤnde enthalten, die neuerlich unter dem Ditel: Traits of Travel, or Tales of Men and Cities, erſchienen ſind. Sie haben bereits in England eben⸗ falls wieder eine ſehr beifaͤllige Aufnahme gefunden, und der Uebertrager eines Theils derſelben darf hoffen, daß es derſelbe Fall in ſeinem Vaterlande ſeyn werde. Es iſt eine ganze Reihe kleinerer und groͤßerer Bilder, welche der humoriſtiſch⸗ſentimentale Rei⸗ = Varhemerſtung. ſende uns dieſesmal erblicken laͤßt, zum Theil un⸗ ter einander zuſammenhaͤngend, zum Theil frei hingeſtellt, wie Laune oder Zufall ſie ihm gerade darboten. Fuͤr engliſche Leſer duͤrfte wohl jedes derſelben etwas Anziehendes haben; fuͤr deutſche ſcheinen aber theils diejenigen, welche ſich auf allzu ſpezielle Gegenſtaͤnde im engliſchen Lebens⸗ haushalte beziehen, theils ſolche, wo der Maler doch vielleicht mit allzu keckem Pinſel gemalt hat, oder die Farben zu grell aufgetragen ſind, weni⸗ ger zuſagend zu ſeyn. Wir haben daher einige derſelben aus der Reihe unſerer Mittheilungen aus dieſen Gruͤnden ausſchließen zu muͤſſen ge⸗ glaubt, und geben in den vorliegenden beiden Baͤnden nur ſolche Bilder, die ein allgemeineres Intereſſe haben, und ohne Scheu wie ohne ſchau⸗ dernden Widerwillen betrachtet werden koͤnnen. An kraͤftigen Zuͤgen fehlt es in dieſen aber eben ſo wenig, wie an ſanften Tinten, und nicht ſel⸗ ten bietet die tiefſte Ruͤhrung dem friſcheſten Hu⸗ mor eine vertraute Hand. Moͤge ihre Aufnahme in dem deutſchen Gewande, welches ihnen dieſe Blaͤtter gaben, eine gleich guͤnſtige, wie im eng⸗ liſchen, ſeyn. Th. Hell. . Inhalt des ersten Theils. Laura Pemegia............ Seite 1 Eine Nuß zu knacken.(A bone to pick.) Ein Zug irlaͤndiſcher Rachſucht........ 91 Das Geneſungshaus........... 127 ——— . Taura Pemegia. Einleitung. An der Nordkuͤſte Siziliens, nicht weit von der Stadt Mont⸗Real im Val di Mazara, giebt es eine kleine Bucht, wo die Fiſcherboͤte der Inſel Schutz vor den Stuͤrmen finden, welche oft an dieſer Kuͤſte wuͤthen, wo aber groͤßere Schiffe vergebens einen Ankerplatz ſuchen duͤrften. Aus der Mitte eines Waldes hervor, der ſich vom Fuße des Monte⸗Santo bis in die See erſtreckt, erhebt ſich der Thurm eines Kloſters, das den weißen barmherzigen Bruͤdern an⸗ gehoͤrt. Palermo liegt ihm weſtwaͤrts; ob es aber gleich volle vier Stunden davon entfernt iſt, kann man doch dort den ernſten Ton der Kloſterglocken in der ſtillen Nacht durch die reine Atmoſphaͤre noch deut⸗ lich hoͤren. Oeſtlich von jener Bucht ragt eine wilde Maſſe von Felſen hoch empor, deren Gipfel ein Cy⸗ preſſenhain kroͤnt. Wenige Spuren von thieriſchem Leben findet man dort, die Seemoͤwe, die jene Felſen 1* 4 Taura Pemegta. umkreiſ't, und die Ziege ausgenommen, die an den weit ſich vorſtreckenden Klippen haͤngt, um Thimian und andre Kraͤuter zu ſuchen, welche reichlich die An⸗ e, hoͤhen umgruͤnen und die Luft mit Wohlgeruch durch⸗ hauchen.. Die natuͤrlichen Vorzuͤge dieſer Gegend hat keine Menſchenkunſt unterſtuͤtzt. Sie bilden mit der In— duſtrie in anderen Theilen der Inſel einen ſchneiden⸗ den Kontraſt. Kaum bemerkt das Auge eine Spur von Anbau; aber Blumen in den ſchoͤnſten Farben und reich an Geruͤchen bluͤhen rings, und die Luft iſt reiner als in irgend einem andern Theile Siziliens. Unbekannt ſind dort die Strenge des Winters wie die entnervende Hitze des Sommers. Koͤſtliche Fluͤſſe ſtroͤmen durch das Thal und erfriſchen es. Kurz, es giebt vielleicht keinen Winkel der Erde, der abgelege⸗ ner, geſuͤnder und reizender waͤre. Gegen Ende des Sommers 1819 befand ich mich auf einer Reiſe im Suͤden Europa's, als unerwartete Verhaͤltniſſe mich noͤthigten, den Gedanken aufzuge⸗ ben, die italieniſchen Inſeln genau zu muſtern. Ich ſchiffte mich zu Reggio in Calabrien auf einem klei⸗ nen Schiffe ein, das nach Marſeille beſtimmt war, und noch hatten wir erſt einen ſehr kleinen Theil un⸗ ſerer Reiſe zuruͤckgelegt, als ein heftiger Sturm ſich erhob. Da es den Schiffsleuten an Geſchicklichkeit und Muth fehlte, konnten wir ihm nur ſchwachen ——₰ —= Etnleitung. 5 Widerſtand entgegenſetzen, und wurden daher gerade nach Sizilien zu getrieben. Der einladende Anblick der Bucht, welche ich eben beſchrieb, veranlaßte den Schiffscapitain, Schutz in ihr zu ſuchen; kaum aber hatten wir eine Stelle darin erreicht, wo wir vor den Winden ſicher waren, als wir an den Klippen ſtrandeten, die ſich weit vom Ufer aus in dieſelbe er⸗ ſtrecken. Gluͤcklicherweiſe ließ der Sturm nach, und der Wind nahm eine fuͤr uns ſo vortheilhafte Rich⸗ tung, daß wir uns aus unſrer gefaͤhrlichen Lage her⸗ ausarbeiten konnten. Einen Tag mußten wir jedoch nun zubringen, um das Schiff wieder auszubeſſern und die Mannſchaft ſich erholen zu laſſen. Mit einem der Bote, die man nach friſchem Waſſer ausgeſendet hatte, fuhr ich an's Ufer. Voll Bewunderung dieſer Gegend wanderte ich ſorglos in den Wald, mir einen Weg durch Myrthen⸗ und Lor⸗ beergebuͤſche bahnend, bis ich ploͤtzlich vor einer wei⸗ ßen Bildſaͤule auf einem einfachen Fußgeſtelle ſtill ſtand, von wo aus man uͤber Wald, Thal und Bucht blickte. Die Bildſaͤule war von vortrefflicher Arbeit. Sie ſtellte ein Landmaͤdchen in der erſten Jugendbluͤ⸗ the dar, welches Roſen, die wild zu ihren Fuͤßen zu wachſen ſchienen, in ein Koͤrbchen ſammelte. Der Aus⸗ druck der Unſchuld und ihrer ſteten Begleiterin, der Froͤhlichkeit, war in den reizenden Zuͤgen herrlich aus⸗ Taura Pemegia. gedruͤckt, und die einfache Bekleidung verbarg keines⸗ weges jene Anmuth der Zuͤge und Umriſſe, die von vollkommner Schoͤnheit unzertrennlich iſt, und ſie durch alle Lebensperioden begleitet. Die Geſtalt blickte nach der See hin, und war von Roſenbaͤumen und wohlriechendem Geſtraͤuche umgeben. Auf dieſer Seite des Fußgeſtells ſtanden folgende Worte in engliſcher Sprache: Sie ſchied von uns, allein ihr Herz verweilet noch bei uns. Darunter aber eine italieniſche Ueberſetzung. Meine Bewunderung der Bildſaͤule und der Schoͤnheit, welche ſie darſtellte, vermiſchte ſich mit der Neugier, einige Kenntniß von dem zu erhalten, was hierbei vorwalte, denn die engliſche Inſchrift zeigte, daß hier irgend ein Zuſammenhang mit jenem entfernten Lande ſtatt finde, welches mich zu einer naͤhern Theilnahme berechtige. Waͤhrend ich ſo nachdenkend ſtand, hoͤrte ich ein Geraͤuſch in den Buͤſchen unter mir, und ſah, wie ein Frauenzimmer ſchnell den Fußſteig heraufkam, der vom Kloſter zu dem Orte leitete, wo ich mich befand. Ich beobachtete ſie beim Annaͤhern genau. Sie ſchien etwa vierzig Jahre alt zu ſeyn, lang, mit Spuren von Schoͤnheit, aber mager und von geiſtigen oder koͤrper⸗ lichen Leiden erſchoͤpft. Ihr vernachlaͤſſigter Anzug, aufgeloͤſ'tes Haar, ſchnelle Bewegungen und unſtaͤtes „ * Einleitung. 7 Benehmen erweckten in mir jenen unwiderſtehlichen Schmerz, womit der Anblick von Geiſtesverwirrung, ſey ſie ſo gering als ſie auch nur wolle, jedes fuͤh— lende Herz erfuͤllt. Ich zog mich daher ein wenig zuruͤck, aber doch nicht zu weit, um ſie ſtets im Auge behalten zu koͤnnen. Ich weiß nicht, ob ſie ſich beobachtet glaubte; war dies aber der Fall, ſo achtete ſie wenigſtens ſelbſt nicht darauf. Sie nahte ſich der Statue, warf ſich vor ihr auf die Kniee, und ſchlug mit einem Steine, den ſie in der Hand hielt, drei⸗ bis viermal heftig auf die mar⸗ mornen Stufen. Dieſer Klang, wie er durch den Wald toͤnte, machte einen ganz eigenthuͤmlichen Ein⸗ druck auf mich. Dann neigte ſie das Haupt und legte das Ohr dicht an den Boden, als erwarte ſie auf ihren lauten Ruf irgend eine Antwort. Aber die, an welche er gerichtet war, antwortete nicht. «Laura! Laura! Laura!“ rief ſie nun in wildſchal⸗ lenden Toͤnen. Schweigen folgte dem rauhen Echo des Rufs. Nun ſchlug ſie ſich mit der geballten Hand vor die Bruſt, raufte ſich das Haar, und be⸗ jammerte mit Schluchzen und durchdringendem Ge⸗ ſchrei einen ungenannten oder vielleicht(wie ich mir— dachte) nur ertraͤumten Verluſt. Jetzt erſchienen zwei Maͤnner. Sie waren ganz athemlos von der Eile, mit welcher ſie herbeigelaufen waren. Sie verſuchten es, die Frau ſanft hinwegzu⸗ Taura Pementa. fuͤhren; aber ſie wehrte ſich maͤchtig und mit furcht⸗ barem Schreien, bis ein junger Prieſter von anzie⸗ hendem Aeußern, das aber keinesweges eine feinere Bildung verrieth, ſich nahte. Bei ſeinem Anblicke ward die Frau auf einmal ruhig, ſchlang ihre Arme um ſeinen Nacken, und ſeufzte tief, aber gelaſſen an ſeiner Bruſt. Nach wenigen Minuten waren Alle verſchwunden, und nur das leiſe Stoͤhnen und Seuf⸗ zen jener Armen zeigte mir an, daß ſie den Weg nach dem Kloſter zu genommen hatten. Es ſchien etwas Anziehendes in dieſen Toͤnen zu liegen, denn ich folgte ihnen unwillkuͤrlich und faſt unbewußt, bis jene Perſonen die Pforte des Kloſters erreicht hatten. Die romantiſche Einſamkeit, in wel⸗ cher dieſes Gebaͤude lag, war ſchon an ſich hinrei⸗ chend, meine Neugier zu reizen, aber der Auftritt, deſſen Zeuge ich geweſen war, hatte ſie noch mehr aufgeregt; und ſo fuͤhlte ich mich denn berechtigt, in die offne Thuͤre einzutreten, um genauere Erkundi⸗ gungen einzuziehen, als es gewoͤhnlich bloße Voruͤber⸗ reiſende zu thun pflegen. Der Pfeoͤrtner fuͤhrte mich zu dem jungen Moͤn⸗ che, dem ich ſo wenig unvorbereitet als moͤglich meine Wuͤnſche mittheilte, indem ich mich beſtens uͤber das zu entſchuldigen verſuchte, was doch immer nur als eine ungeziemende Aufdringlichkeit erſcheinen mochte, ſo ſehr ich mich auch ſchon aus Nationalintereſſe Etnlettung. 9 fuͤr berechtigt hielt, etwas in Bezug auf die engliſche Inſchrift zu erfahren. Er hoͤrte mir mit großer Hoͤflichkeit zu, und ant⸗ wortete in einem Tone, der ſein perſoͤnliches und in⸗ niges Intereſſe an dieſem Gegenſtande anzeigte. Doch war er zuruͤckhaltend, und ſchien mir ſich nicht voll⸗ ſtaͤndig erklaͤren zu wollen, bis ich im Laufe der Un⸗ terredung mich ihm gelegentlich als Irlaͤnder kund gab. Kaum war dies geſchehen, als der junge Moͤnch ſichtlich herzlicher und vertrauter ward. Dieſen Au⸗ genblick benutzte ich, und bekam nun von ihm jede Auskunft, die ich nur verlangen konnte, und mehr noch, als ich erwartet hatte. Waͤhrend ich eine kleine Erfriſchung im Refectorio zu mir nahm, ging er auf ſeine Zelle, und kam bald mit einem Mannſeripte wieder zuruͤck, das er mir uͤberreichte. «Dieſe Bogen,“ ſagte er,«enthalten die genaueren Angaben der Geſchichte, die ich Ihnen nur kurz, und in ſo weit ich nicht perſoͤnlich mit darin verwik⸗ kelt war, mitgetheilt habe. Sie werden daraus er⸗ ſehen, in wie fern der Umſtand, daß Sie ein Irlaͤn⸗ der ſind, Sie zu dieſer Gabe berechtigt, und da ich nicht engliſch leſen kann, ſo werden Sie finden, daß dieſes Manuſcript fuͤr mich keinen Werth beſitzt. Waͤhrend ich Sie bis an die Seekuͤſte begleite, will ich Ihnen noch das Wenige erzaͤhlen, was ſich, nach⸗ dem die hier niedergeſchriebene Erzaͤhlung beendet war 1** N Laura Pemegia. zutrug, und dann werden Sie die kurze Geſchichte von Laura Pemegia vollſtaͤndig kennen.« Indem wir langſam durch die dichten Schatten des Waldes wandelten, erfuͤllte der Moͤnch ſein Ver⸗ ſprechen. Die Schiffsleute waren, als wir die kleine Bucht erreichten, eben im Begriffe zu dem Schiffe zuruͤckzukehren. Das friſche Waſſer und einige Ziegen und Gefluͤgel wurden bald in das kleine Boot ge⸗ bracht, und wir ruderten vom Ufer ab. Der Moͤnch winkte mir mit der Hand nach, und zeigte durch ſeine Bewegungen, daß er die Doſe von Moſaik, welche ich ihm aufgedrungen hatte, weit uͤber ihren Werth ſchaͤtze. Bei Unterſuchung meines Manuſcripts fand ich, daß es in ſchlechtem Engliſch geſchrieben und mit ir⸗ laͤndiſchen Ausdruͤcken und Wendungen gemiſcht ſey. Offenbar war es in langen Zwiſchenraͤumen ausgear⸗ beitet. Die fruͤheren Blaͤtter zeigten eine noch unaus⸗ gebildete kindiſche Hand, die gegen das Ende hin im⸗ mer beſſer und ſicherer ward, und dieſes Letztere hatte die Geſtalt eines Tagebuchs, doch ſehr abgebrochen und unregelmaͤßig, angenommen. Ich verſuchte Alles in einen Zuſammenhang zu bringen und die Luͤcken ſo viel als moͤglich zu verbinden. Doch habe ich am Style ſelbſt nichts veraͤndert, und bin hier und da von der Wortſtellung nur ſchuͤchtern abgewichen. In dieſer Geſtalt biete ich es jetzt dem Leſer dar. — a — — N Einleitung. 11 Die Stelle, welche in der von mir getroffenen An⸗ ordnung den Anfang bildet, war auf ein beſonderes Blatt Papier geſchrieben, und unſtreitig das letzte, was die ungluͤckliche Verfaſſerin aufgeſetzt hatte. Es war mit faſt zitternder Hand auf's Papier geworfen und ſichtbar mit Thraͤnen uͤberſchwemmt. Dieſe aber waren ſeitdem vertrocknet, und ſo war jedes Wort noch lesbar. Kaura Pemegia. Land meiner Geburt! einſt mir ſo theuer! Reizen⸗ der Wald, deſſen Schatten mich ſo oft verbargen! Lieblicher Strom, auf dem ich jung und unſchuldig ſo haͤufig mich wiegte! Zu euch kehre ich wieder, in Schuld und Elend— ſeyd Zeugen nun meiner bit— teren Zaͤhren! Ungluͤckliches, verraͤtheriſches Meer! Als das Schiff, das mich von meiner vaterlaͤndiſchen Kuͤſte hinwegtrug, Deine laͤchelnde Flaͤche durchſchnitt, warum ſchlangſt du mich da nicht in dich? Da noch war ich ſchuldlos, kannte ſelbſt den Namen der Suͤnde noch nicht; der Tod waͤre eine Wohlthat fuͤr mich geweſen— der Tod, der jetzt noch meine ein⸗ zige Zuflucht iſt! Erbarmenreicher Himmel! Gnade, Gnade und Mitleid fuͤr meine armen Kinder! Sie wenigſtens verſchuldeten nichts, und dies moͤge auch mir Ver⸗ —— ———— — ——— —rü— —— —— —— Taura Pemegta. 13 zeihung erflehn. O, meine geliebten Kinder! dies iſt die Abendſtunde, wo wir ſonſt immer bei einander waren! Vielleicht ruft Ihr eben jetzt meinen Na⸗ men— ſchrecklicher Gedanke!— O vergeßt, ver⸗ geßt Eure Mutter nie! Laßt mich dieſe Thraͤnen trocknen. Ich moͤchte gern noch etwas Gutes vollbringen, moͤchte gern, daß mein Schickſal zur Warnung wuͤrde fuͤr die Gefaͤhr⸗ ten meiner Kindheit, moͤchte gern, daß der Ueberreſt meines traurigen Lebens ein Beiſpiel ſey fuͤr jene jungen, harmloſen Maͤdchen, die dort noch im Thale ſcherzen, wie ich es ehemals that— ach! weh' mir! Dies iſt mein erſter Verſuch, etwas im Zuſam⸗ menhange niederzuſchreiben. Meine Briefe, wie ich ſie ſonſt abſandte, machten keine Anſpruͤche darauf. Sie waren bloß fuͤr ein einziges Weſen beſtimmt, das keinen Mangel irgend einer Art in ſeiner nur zu fehlervollen Laura finden konnte! Was ich jetzt verſuchen will, geſchieht bloß auf ſeinen Wunſch. Er wird auch den Unvollkommenheiten verzeihen. Ich war an der Kuͤſte Siziliens, am Fuße des Monte⸗Santo geboren, nicht weit von Palermo. Mein Vater war ein armer Fiſcher, und ſtarb, ehe“ ich ihn kannte. Er hinterließ meiner Mutter ſeine Huͤtte, ſeine Netze und ſein Boot. Mein Bruder war einige Jahre aͤlter als ich. Er war der Liebling meiner Mutter; da er aber gutherzig und mir zuge⸗ 14 Vaura Pemengia. than war, und ich ihn ſelbſt ſehr liebte, ſo beunru⸗ higte mich kein Gefuͤhl der Eiferſucht. Vom Morgen bis in die Nacht huͤtete ich unſere Ziegen, die an den Huͤgeln weideten, waͤhrend mein Bruder Anſelm Fiſche fing. Den ganzen Tag hin⸗ durch ſpielte ich auf den Felſen, ſo gluͤcklich wie die Ziegen, die ich huͤtete, und wenn die Nacht einbrach, ſprang ich eben ſo froh wie ſie in unſre Huͤtte zuruͤck. Schwarzes Brot und Milch waren mein Abendeſſen, Stroh mein Lager. So wuchs ich auf, unbekannt mit allem außer dem was ich ſah, und auch von dieſem war mir vie⸗ les unerklaͤrlich. Ich hatte keinen Begriff von der Gottheit; aber wenn die Stuͤrme an unſerer Kuͤſte tobten, und die Fiſcherboͤte von den Wellen umherge⸗ ſchleudert wurden, knieete ich mechaniſch an dem ho⸗ hen, einfachen Kreuze, das an dem Ufer ſtand, nieder, und betete inbruͤnſtig fuͤr Anſelm und ſeine Gefaͤhr⸗ ten. Als ich zwoͤlf Jahre alt geworden, verſtand ich die Ziegen zu melken, Kaͤſe zu machen, einen dicken Faden zu kloͤpfeln, womit meine Mutter die Netze ausbeſſerte, und Blumen zu pfluͤcken. Dieſer Lebens⸗ weiſe und dem Widerwillen meiner Mutter gegen mich verdankte ich die gaͤnzliche Unbekanntſchaft mit allem Boͤſen. Aber ich hatte auch nicht die mindeſte Kennt⸗ niß vom Guten. Nichts uͤberſtieg die Einfalt mei⸗ Taura Pemenia. 15 ner Gedanken. Es freute mich, meinen Gefaͤhrtinnen etwas Liebes zu erzeigen, und ihnen in allen Dingen nachzugeben, blos weil ich, indem ich es that, ein Ver⸗ gnuͤgen daran empfand. Ich fuͤrchtete mich außeror⸗ dentlich meine Mutter zu beleidigen, weil ſie mich mit großer Strenge behandelte. Der Tag, an welchem ich mein vierzehntes Jahr beſchloß, bildete eine wichtige Epoche in meinem Le⸗ ben. Ich war mit Tagesanbruch aufgeſtanden, und mit mehreren meiner eben ſo gedankenloſen und unbe⸗ fangenen jungen Freundinnen ausgegangen, um unſre Ernte von weißen Roſen an den Raͤndern des Wal⸗ des zu ſammeln, da dieſe Blumen eine Art von Han⸗ delszweig mit den Apothekern der benachbarten Staͤdte ausmachten. Wir ſuchten unſre Roſen einige Stun⸗ den lang, und machten uns unſre Arbeit zum Ver⸗ gnuͤgen, indem wir darum ſcherzend ſtritten, wer zuerſt ſein Schuͤrzchen voll gepfluͤckt haben wuͤrde. Ich gewann allen meinen Gefaͤhrtinnen den Vorrang ab, indem ich zu einem Roſenſtrauche eilte, von dem ich wußte, daß ihn noch niemand beruͤhrt hatte, und errang mir ſo den Sieg. Dieſen Triumph rief ich eben lautjubelnd aus, als ich vor mir einen ſchoͤnen⸗ jungen Mann erblickte, der mich freundlich laͤchelnd anſah. Seine Kleidung und die Farbe ſeines Haars zeigten mir, daß er ein Fremder ſey, ſo wie ſeine Begleiter, die ſich jetzt mit meinen Freundinnen in 16 Taura Pemegia. ein Geſpraͤch einließen. Als er auf mich blickte, war ich voll Verwirrung, weil die Aermlichkeit meiner Kleidung kaum meine Kniee bedeckte. Ich beugte mich nieder, als ob ich eine Roſe pfluͤcken wollte, aber ſo linkiſch, daß ich fiel und den ganzen Inhalt meiner Schuͤrze auf den Boden ſchuͤttete. Der Fremde half mir die Roſen wieder aufleſen. Seine Augen wa⸗ ren auf mich gerichtet, und dies machte mich immer verlegner. Zum erſtenmale wandte ſich der Blick eines uͤber meinen niedern Stand erhabenen Mannes auf mich, und ſo wuchs denn meine Unruhe mit jedem Pulsſchlage. Er redete einige Worte in einer Sprache mit mir, die ich nicht verſtand, und ſprach dann, als ob er ſich beſinne, italieniſch, fragte mich nach mei⸗ nem Namen und wo ich wohne. Ich beantwortete beides offen und ohne Zoͤgern. Jetzt kamen die anderen Reiſenden naͤher zu uns. Ich bemerkte einen Sizilianer darunter. Er nahte ſich mir vertraut, und fragte mich faſt daſſelbe, wie der junge Fremde, aber in einem ganz andern Tone, und als ob er mich ſchon recht gut gekannt haͤtte. Im Augenblick umgab mich die ganze Geſellſchaft. Ich fuͤrchtete mich außerordentlich; meine Kniee zit— terten, und ich glaube, ich wuͤrde gleich zu ſchreien angefangen haben, wenn der junge Mann nicht mit der Hand gewinkt und dadurch meiner Angſt ein Ende gemacht haͤtte. Die Anderen traten mit ihm * Taura Pemegta. 17 ſogleich ab, und wir ſahen ſie den Weg in den Wald einſchlagen. Ich kehrte nicht eher als zur Mittagszeit nach Hauſe zuruͤck, um mir mein Eſſen zu holen, das meine Mutter ſtets in einem kleinen Koͤrbchen bei Seite ſetzte, und ich gewoͤhnlich dann auf den Felſen verzehrte, damit unſre Ziegen nicht zu lange unbe⸗ wacht bleiben moͤchten. Als ich in die Huͤtte trat, ſtaunte ich, jene Fremden wieder zu ſehen, die alle um den Tiſch ſaßen und von unſerm groben Brote mit etwas Ziegenmilch und Kaͤſe ſpeiſ'ten. Ich ſprang davon, um mich zu verſtecken. Meine Mutter rief mich unfreundlich zuruͤck, und ich wagte es nicht un— gehorſam zu ſeyn. Ich verkroch mich in die dunkelſte Ecke des Zimmers, und kauerte mich zuſammen, ſo ſehr als ich's nur konnte. Meine Mutter gab mir etwas Brot und Kaͤſe. «Nimm, Laura,“» ſagte ſie:«heute kannſt Du keine Milch bekommen, ich habe ſie all' den Herren da gegeben.“ Kaum hoͤrte dies der junge ſchoͤne Mann, als er aufſprang, laͤchelnd zu mir trat, und mir das anbot, was in ſeinem Becher noch uͤbrig war. Er bat mich zu trinken. Ich fuͤrchtete, meine Mutter moͤchte boͤſe werden, und zauderte daher, ohne es jedoch abzu⸗ lehnen. «Nun ſo trink', und ſieh nicht wie eine Naͤrrin 18 Taura Prmenia. aus!“» rief ſie mir nach ihrer gewohnten Art zu. Ich nahm den Becher aus der Hand des jungen Man⸗ nes, koſtete die Milch und gab ihm das Uebrige zuruͤck. «Da, da, trinke noch ein wenig!“ ſagte er in ei⸗ nem Tone und mit einem Laͤcheln, das mich zum Trinken gebracht haͤtte, wenn ich auch nicht durſtig geweſen waͤre. Er ſprach nun lange mit mir, und ſchien mit Vergnuͤgen auf meine kurzen Antworten zu hoͤren. Endlich ſagte er, ich ſolle mich nicht vor ihm fuͤrchten. Da verſprach ich ihm, es nicht zu thun, und ich hatte mich in der That ſchon ganz an ihn gewoͤhnt. Er hatte blondes Haar, das in Locken ſeinen Kopf umfloß, große blaue Augen, ſehr weiße Zaͤhne und einen ſchoͤnen Ring am Finger. Seine Klei⸗ dung ſetzte mich ganz in Staunen. So etwas Feines hatte ich noch nicht geſehen. Sie duftete von Wohl⸗ geruͤchen, und es wunderte mich nur außerordentlich, daß er ſich herabließ, mich mit der Spitze ſeines Fin⸗ gers zu beruͤhren. Waͤhrend er mit mir ſprach, fluͤ⸗ ſterten der Sizilianer und meine Mutter am andern Ende des Gemachs zuſammen. Ich hoͤrte hie und da einige Worte, und merkte, daß ſie von mir ſpra⸗ chen. Der Mann fragte nach meinem Alter, und ich wunderte mich nicht wenig, als meine Mutter ent⸗ gegnete: ich ſey 15 Jahre alt, ob ich gleich gerade ein Jahr juͤnger war. Taura Pemegia. 19 Die Uebrigen verließen nun bald darauf die Huͤtte, nur der junge Mann und der Sizilianer blieben bis zum Abende. Als ſie forkgingen, ſagten ſie zu mei⸗ ner Mutter:„Denkt an Euer Verſprechen fuͤr morgen!“ «Ja, morgen!“ antwortete ſie mit feſter Stimme, aber ohne vom Boden aufzuſehen. Den ganzen uͤbri⸗ gen Theil des Abends blieb ſie gedankenvoll und ver— ſtimmt. Ich glaubte, es geſchehe, weil mein Bruder noch nicht da ſey. Seit dem Morgen war ſein Boot nebſt einigen anderen noch nicht wieder ſichtbar wor⸗ den, und die Nacht fing an hereinzubrechen. Kaum war ich ziemlich zeitig zur Ruhe gegangen, als meine Mutter, ganz gegen ihre Gewohnheit, in das Be⸗ haͤltniß trat, worin ich ſchlief. Sie ſetzte ſich, ohne ein Wort zu ſprechen, an mein Lager, blickte mich eine Zeitlang an, und als ſie endlich meine Hand mit einer convulſiviſchen Bewegung ergriff, fuͤhlte ich, wie ſie heftig weinte. Sie neigte ihr Haupt zu mir, ſchlang ihre Arme um meinen Nacken, hob mich zu ſich auf und druͤckte mich an ihre Bruſt. Nun kuͤßte ſie mich, ſo viel ich mich erinnern konnte, zum erſten⸗ male in meinem Leben, und immer und immer wie⸗⸗ der. Ich fuͤhlte, wie ihre Thraͤnen meine Wangen uͤberſchwemmten. Dieſer unerwartete Ausbruch von Zaͤrtlichkeit ſetzte mich in Staunen. Ich wußte gar nicht, wie ich ihr das wieder vergelten ſollte. Ein 20 Taura Pemegia. ploͤtzliches Gefuͤhl der Reue ergriff mich, und ich ſprach es ſogleich in den Worten aus:«Theure Mutter, Du glaubſt, ich verdiene Deine Zaͤrtlichkeit, aber das iſt, leider! nicht der Fall. Du meinſt, ich habe heute die Ziegen recht gut gehuͤtet, aber ſtatt deſſen vernachlaͤſſigte ich ſie alle, indem ich Roſen im Walde pfluͤckte.“» «Du gutes, unſchuldiges Kind!“ rief ſie aus, ſprang dann nach einer kleinen Weile ſchnell auf, trocknete ſich die Augen, und ſetzte mit ihrer gewohn⸗ ten Art des Tons hinzu:«nun, jetzt kannſt Du ſchlafen. Ja, ja, an die Ziegen dachte ich eben.» Mit dieſen Worten verließ ſie mich. Darauf ſchlief ich ein, traͤumte aber unruhig und ſchlief ſchlecht; ſo viel ich mich erinnere, zum erſtenmale in meinem Leben. Am folgenden Morgen behielt mich meine Mut⸗ ter, ich weiß nicht mehr unter welchem Vorwande, in der Huͤtte zuruͤck. Nach dem Fruͤhſtuͤcke nahm ſie mich mit ſich vor die Thuͤr, zeigte auf die See und ſagte: «Laura, ſiehſt Du dort das Schiff vor Anker? Die Fremden von geſtern gehen fort. Haͤtteſt Du nicht Luſt mit ihnen zu gehen?“ Kaum hatte ſie dies geſagt, als der ſchoͤne junge Mann ganz nahe bei uns ſichtbar ward. Der Sizi⸗ 4 Vaura Pemegia. 21 lianer war bei ihm. Meine Mutter zog mich ſchnell, aber nicht unfreundlich, bei Seite. «Mein Kind,“ ſagte ſie mit einem Ausdrucke von Zaͤrtlichkeit, der um ſo ergreifender war, weil er ſich weniger heftig zeigte, als geſtern Nacht,«dieſer Fremde da moͤchte Dich gern mitnehmen. Willſt Du?⸗ Ich blickte auf meine Mutter, ohne zu wiſſen, was ich ſah. Voll Staunen und Schrecken konnte ich nicht ſprechen, doch konnte ich auch ihre Worte nicht leicht fuͤr Scherz halten, weil meine ganze Le— benszeit uͤber ich nichts von ihr gehoͤrt hatte, das ei⸗ nem ſolchen aͤhnlich geſehen. «Nun, ſo ſprich doch, Laura!“ rief ſie ungeduldig. «αch mit ihm gehen!»» rief ich furchtſam,«amit ihm fortgehen!! Warum denn?— Weswegen nur? — Will er mich denn heirathen?— Da bin ich doch noch zu jung dazu, nicht wahr?»“» Der junge Mann wandte ſich mit hohem Erroͤ⸗ then ab, als er meine Frage hoͤrte. Der Sizilianer brach in ein lautes Gelaͤchter aus. Meine Mutter zog mich in ein kleines Kaͤmmerchen bei Seite, hieß mich da neben ſich auf's Bett ſetzen, ergriff meine Hand, und ſprach ruhig und mit ernſtem Ausdrucke in Blick und Stimme: „Dich heirathen, Laura! Wie kannſt Du nur an ſo etwas denken? Vornehme Herren, wie er, hei⸗ rathen nie arme Maͤdchen, wie Du biſt. Du wirſt 22 Laura Pemegia. aber nicht weniger gluͤcklich ſeyn, wenn Du einwil⸗ ligſt mit ihm zu gehen.) .Ich dachte mir aber doch, es ſey nicht recht, wenn junge Maͤdchen mit Maͤnnern leben, die ſie nicht heirathen wollen,»» antwortete ich. «Wer hat Dir denn das geſagt?“ fragte ſie. «.α Erinnerſt Du Dich denn nicht, Mutter, was vorgeſtern die Nachbarn am Quell von Bianca's Tochter ſprachen, und wie ſie ſagten, daß ſie nichts auf dieſe hielten, weil ſie ſtets mit Jacopo, dem Weinſchenken, zuſammen ſey, der ſie doch nicht hei⸗ rathen werde?»“ «Auf Bianca's Tochter haͤlt man nichts, Lurr weil Jacopo deſſelben Standes mit ihr iſt, und kein Hinderniß vorhanden waͤre, ſie zu heirathen, wenn ſie nur ſonſt ein paſſendes Maͤdchen waͤre. Aber wenn ein großer Herr ſein Auge auf ein armes Maͤdchen wirft, ſo geſchieht's, weil er ſie wirklich liebt und ſie gluͤcklich machen will. Begreifſt Du den Unterſchied?“ . Nicht ganz, Mutter! Nun, nun, es hat auch nichts weiter zu ſagen, wenn Du's nicht begreifſt. Jetzt iſt die Frage nur: willſt Du mit dem jungen Lord gehen? Du ſiehſt wie zart er ſich benimmt. Ohne Deine Einwilligung will er Dich durchaus nicht haben, und hat mir auf's ſtrengſte verboten, mein Anſehn zu gebrauchen, um Dich dazu zu bewegen.“ Taura Pemegia. 23 «ᷣα Recht ſchoͤn! ſo will ich nicht gehn. Ich koͤnnte mich nie entſchließen, meine Heimath zu ver⸗ laſſen, mich von Anſelm zu trennen, von meinen Freundinnen und meinem armen kleinen weißen Zik⸗ kelchen, das gewiß dann ſtuͤrbe.“» Und hierbei fing ich an bitterlich zu weinen. «Du mußt aber gehn, mein Kind! Du wirſt nicht ſo unfreundlich gegen Dich und mich und Dei⸗ nen Bruder handeln?“ «.ᷣWie kann das denn Anſelm etwas ſchaden, wenn ich hier bleibe? Ich habe ihn lieber als die ganze Welt.»» «Sieh her,“» ſagte nun die Mutter mit leiſerm Tone und finſterm Blicke,«ſieh Dich nur um. Die Huͤtte da will uns ja uͤber den Kopf zuſammenfal⸗ len, und unſer Kahn iſt ſo ſchlecht, daß Anſelm nur mit Lebensgefahr noch bei'm kleinſten Winde in See bleiben kann. Wenn wir nun kein Dach mehr uͤber dem Kopfe haben, keinen Kahn, um Fiſche zu fan⸗ gen, was ſoll dann aus uns werden? Willſt Du Dir denn, wenn wir alle vor Hunger und Elend umkommen muͤſſen, ſelbſt ſagen: das iſt alles meine Schuld— ich haͤtte uns alle retten koͤnnen— aber, ich wollte lieber, daß Mutter und Bruder aus Man⸗ gel ſterben mußten?“ «. Nein, nein!»“ rief ich aus,«ſo ſchlecht werde ich doch nicht ſeyn! Ich will gehn, Mutter, ja ich —ꝰ ————— 1 24 Taura Pemegia. will auf der Stelle gehn— aber nicht mit dem Si zilianer, ſondern mit dem ſchoͤnen jungen Mannel““ «So iſt's recht! das iſt doch noch ein braves Maͤdchen! Aber ſchrei' nur nicht ſo!“ entgegnete meine Mutter, trocknete mir die Thraͤnen und lieb⸗ koſte mich. «κν Kann ich denn kuͤnftiges Jahr wiederkommen?⸗ «Ei, ganz gewiß, und noch dazu ganz in Gold gekleidet, ſo ſchoͤn, daß Dich Niemand kennen wird.“ .ακ, doch, doch! Anſelm gewiß! «Pah, pah! das iſt albernes Geſchwaͤtz. Jetzt mach' dich nur gleich fertig.“ 8 .α2, Mutter, Mutter!"“ rief ich aus, und er⸗ griff ihre Hand mit meinen beiden. «Was haſt du denn?“ fragte ſie ungeduldig. «.κ Warte nur um des Himmels willen noch einen Augenblick. Ich bin noch nicht vollkommen entſchloſ⸗ ſen. Kann ich denn nicht da bleiben, bis Anſelm wie⸗ derkoͤmmt?» «Durchaus nicht. Ich kann das Zaudern nicht laͤnger dulden. Der Herr hat es auch ſchon ganz ſatt.» Sie ging nun aus der Huͤtte, und auch die An⸗ deren waren ſchon fort. Ich weinte und ſeufzte jam⸗ mervoll, doch ſo leiſe als ich nur konnte, aus Furcht vor meiner Mutter. Das enge Gemach, in welchem dieſer Auftritt vorfiel, hatte nur ein kleines Fenſterchen mit einer ein⸗ Taura Pemenita. 25 einzigen Glasſcheibe, damit es doch nicht voͤllig fin⸗ ſter darin ſey. Nicht lange nachher, als meine Mut— ter mich verlaſſen hatte, trat ein fremder Mann ein, und da er Niemand erblickte, ſo ſchritt er, ehe ich Zeit hatte mich zu fuͤrchten, vorwaͤrts, und legte ein nicht eben großes, aber, wie es mir ſchien, ſehr ſchwe⸗ res Packet auf einen Stuhl. Darauf ging er wie⸗ der fort; und als ich das Packet beruͤhrte, fand ich, daß es voll Geldſtuͤcke war. Nachdem, was mir meine Mutter geſagt hatte, konnte ich nicht anders glauben, als daß es ein Geſchenk des jungen Fremden waͤre. Mich freute ſeine Freigebigkeit, und ich erſtaunte uͤber ſein Vermoͤgen, aber noch mehr, daß er ſo viel fuͤr mich ausgab. Sollte ich denn bei ihm in Dienſte treten? Ich verſtand ja nichts als ſeine Ziegen zu huͤ⸗ ten, und da gab's doch gewiß auch in ſeinem Lande Leute genug, die das haͤtten thun koͤnnen. Meine Mutter kam nun mit einer Frauensperſon zuruͤck, die zwei große Pappkaſten trug. Sie waren voll verſchiedener Kleidungsſtuͤcke. Die Frau war eine Putzmacherin aus Mont⸗Real. Bald war ich nun in einem Reiſeanzuge. Mein dunkelbraunes Haar ward ſorgfaͤltig gekaͤmmt und geordnet. Ich zog Schuhe und Struͤmpfe an, die ich ſehr unbequem fand. Kurz, ich war von Kopf bis zu Fuß ver⸗ wandelt, und muß geſtehen, daß meine Thraͤnen we⸗ niger heftig floſſen. 1 2 26 Taura Pemegia. Waͤhrend mich meine Mutter anziehen half, lag etwas widerſprechendes in ihrer ganzen Art und Weiſe. Es war eine Miſchung von Freude und Schmerz. Manchmal verfiel ſie ploͤtzlich in tiefes Nachdenken, und dann ſchreckte ſie wieder mit einer heftigen Bewegung empor, oder murmelte etwas vor ſich hin, das faſt wie eine Verwuͤnſchung klang. Sie that alles moͤg⸗ liche, um mich ſchnell fortzubringen. Ich hoͤrte ſie zu Zeiten die Fiſcher und Matroſen nach dem Winde fragen, und ſah ſie mehr als einmal auf den Felſen an unſerer Huͤtte ſteigen, und aͤngſtlich nach der Rich⸗ tung hinſehen, welche Anſelm am Tage zuvor genom⸗ men hatte. Jemand ſagte ihr, daß das Schiff wahr⸗ ſcheinlich erſt am naͤchſten Tage werde abſegeln koͤnnen. Dies ſchien ſie zu beunruhigen, und als ich ſanft und demuͤthig mit ihr ſprach, antwortete ſie:«Ich wollte, Du waͤrſt fort und dieſer Auftritt endlich voruͤber. Es iſt eine wahre Pein, von einem Kinde ſich tren⸗ nen zu muͤſſen, das ſeiner Mutter nie Urſache zu Klagen gab.» Dieſe ſanften Worte weckten meine heißen Thraͤ⸗ nen von neuem. Endlich ward meine Mutter zufrieden geſtellt. Der Wind zeigte ſich vollkommen guͤnſtig, und An⸗ ſelm erſchien noch nicht. Ich verlor meine letzte Hoff⸗ nung und mein Herz drohete zu brechen. Die zur Abfahrt beſtimmte Stunde war voruͤber. Der Schiffs⸗ 1 Taura Pementa. 27 kapitain ließ ſagen, daß man nur auf mich noch warte. Die Putzmacherin aus Mont⸗Real und eine unſerer naͤchſten Nachbarinnen fuͤhrten, oder trugen mich vielmehr in's Boot, das am Ufer wartete. Der junge Mann ließ ſich nicht ſehen, aber der Sizilia⸗ ner ſprach mit meiner Mutter, die mir mit einer Art von ploͤtzlicher Verzweiflung Lebewohl ſagte, in die Huͤtte zuruͤckeilte und die Thuͤr hinter ſich verſchloß. Die beiden Frauen ſetzten mich in's Boot, umarmten mich und wuͤnſchten mir alles erdenkliche Gluͤck. Als ſie an's Ufer ſtiegen, hoͤrte ich die eine zu der andern ſagen:„Das iſt doch nicht recht von der Nachbarin.“» „Sie wird's noch einmal bereuen,» entgegnete die andere. Was mich betraf, ſo war ich fuͤr alles, was vor⸗ ging, faſt unempfindlich. Ich hatte nicht einmal Kraft genug, um zu weinen. So brachten ſie mich vom Boot in's Schiff, ohne daß ich kaum wußte wie. Als ſich dies aber zu bewegen anfing, und ich, mich nach dem Lande hinwendend, meine jungen Gefaͤhr⸗ tinnen erblickte, die die Arme nach mir ausſtreckten, und mein ſchoͤnes weißes Zickchen, das ſich nach al⸗ len Seiten umſah, als ſuche es ſeine Herrin, war mir's, als zerſpringe mir das Herz. Ich verbarg das Geſicht in meine Haͤnde, und weinte bitterlich. Nur Einen Blick warf ich noch auf die Kuͤſte. Ich hoffte meine Mutter vor dem Kreuze knieend zu er⸗ 2* 28 Taura Premegta. blicken, wie ſie fuͤr mein Heil betete, aber— ſie war nicht dort! Unter den Perſonen auf dem Verdeck befand ſich ein ſchwarzgekleidetes Frauenzimmer, die mir wohl zu wollen ſchien. Ihr Aeußeres war ſo, daß es auf der Stelle Vertrauen einfloͤßte. Sie ſprach ein paar Worte gebrochen italieniſch mit mir, ich verſtand aber daraus doch ſo viel, daß ſie mich an den Ort zu fuͤhren wuͤnſchte, der fuͤr mich beſtimmt ſey. Als ich die Treppe in den Raum hinabſtieg, warf ich noch einen verzweiflungsvollen Blick nach rechts hin, denn von dorther mußte Anſelm zuruͤckkommen. Ich be⸗ merkte auch in der Entfernung drei bis vier Boote. Es war mir ſogar, als ob ich das unſerige erkenne; aber— es war zu ſpaͤt! Ich war voͤllig elend. Als ich in das Gemach trat, welches jene Frau die Staatskajuͤte nannte, erblickte ich den Mann, den ich fuͤr die Urſache meiner Leiden anſehen mußte. Er war ſelbſt ſo tief erregt, daß es auch mich ergriff. Hin und her ging er mit der bewegteſten Unruhe. Nach einigen Minuten ſchickte er die Frau in Trauer fort, ſetzte ſich zu mir, nahm meine Haͤnde in die ſeinen und druͤckte ſie innig ohne ein Wort dazu zu ſagen. In ſeinen Blicken lag kein Zorn, aber ſie ſchienen einen innern Kampf mit ſich ſelbſt anzukuͤn⸗ digen. In der That ſagte er auch mit großer Be⸗ wegung zu mir:«Laura, noch iſt's nicht zu ſpaͤt: Taura Pemegia. 29 ſprich nur ein einziges Wort, und ich bringe Dich wieder an's Land, jedoch nur unter der Bedingung, daß Du mir feierlich verſprichſt, nie wieder zu Dei⸗ ner Mutter zuruͤckzukehren.“ «Wie meinen Sie das?“ fragte ich unter einem Strome von Thraͤnen:«Wie kann ich Ihnen ſo et⸗ was verſprechen? Bin ich denn nicht eben wegen meiner Mutter und der Huͤtte, in der ſie lebt, jetzt ſo traurig? Was kann mir denn ganz Sizilien hel⸗ fen, wenn ich nicht auf der Stelle wieder zu denen gehen kann, die ich liebe!»- „Das iſt alſo Dein feſter Entſchluß? «Ja, wenn Sie nicht boͤſe deshalb ſind. Ich weiß, daß ich Ihnen angehoͤre; wenn ich aber ein Jahr bei Ihnen werde gelebt haben, vielleicht dann—» «Wer ſagt Dir, daß Du mir angehoͤrſt’o «Meine Mutter; und gaben Sie ihr denn nicht Geld, um eine neue Huͤtte zu bauen, wenn ſie mich mit Ihnen gehen ließ!?“ O Weib! Weib!'“ rief er aus, und brach ab, als fuͤrchte er ſich, mehr zu ſagen. Nun hielt er die Hand vor die Augen, wendete ſich von mir ab, als ſey es ihm ſchmerzlich, mich anzuſehen, und ſagte mit einem feſten, aber doch zaͤrtlichen Ton: «Laura! ich kann Dich nicht betruͤgen. Was man auch fuͤr Kunſt angewendet haben mag, Deine Un⸗ ſchuld zu verlocken, ich muß Dir gerade heraus ſagen, 30 Taura Pemegia. daß ich Dich nie heirathen kann. Ich bin noch nicht zwanzig Jahre alt. Meine Familie, vor allem aber mein Vater, hat Rechte auf mich, die ich nie ver⸗ letzen kann— nein, ich kann Dich nie heirathen.“» «. Ich weiß das: meine Mutter erzaͤhlte es mir; ſie ſagte—5 «Was ſagte ſie?“ «Daß große Lords, wie Sie, nie arme Maͤdchen, wie ich bin, heirathen.“» «Und weshalb habe ich Dich denn da mit mir genommen?⸗ «Das iſt's eben, was ich nicht begreifen kann, denn ich kann durchaus nichts als ſtricken und Zie⸗ gen huͤten.» «Du ſollſt lernen mich zu lieben, um mich gluͤck⸗ lich zu machen. Dieſe Kenntniß iſt beſſer als jede andere. Was mich betrifft, ſo ſoll es mein Beſtreben ſeyn, Dir in allen Stuͤcken gefaͤllig zu ſeyn. Ich werde Dich mehr lieben als irgend etwas in der Welt. O Laura! einen andern Plan, einen tugend⸗ haftern Vorſatz hatte mein Geiſt ergriffen, aber ich ſah Dich, und Deine Zauberblicke ergriffen mir un⸗ widerſtehlich Herz und Seele. Wie konnte ich fuͤh⸗ len, daß ich Dich erlangen wuͤrde, und der Macht widerſtehen, die mich gewaltſam zu Dir trieb?!“ Ich horchte auf dieſe Worte, ohne ihren Sinn — — Taura Pemegia. 31 damals auch nur im mindeſten zu verſtehen. So verging der erſte Tag. Der uͤbrige Theil der Reiſe war fuͤr mich eine Reihe neuer und ſuͤßer Entzuͤckungen. Wie ſo trau⸗ lich ſprach erl! Wie mild' und reizend war das Schweigen der Liebe! Man ſtelle ſich nur mich vor, wie ich damals war, noch ganz ein Kind, aufgezogen, wie ich erzaͤhlt habe, bis zum vierzehnten Jahre, ohne nur ſelbſt die Liebe einer Mutter gekannt zu haben, und nun auf einmal der Gegenſtand der Achtung des liebenswuͤrdigſten aller Maͤnner. Vor meinen Ohren, die nur an rauhe Toͤne gewoͤhnt waren, erſchollen nun mit einemmale die entzuͤckenden Toͤne der Liebe. So war ich ohne Fuͤhrer mir ſelbſt uͤberlaſſen, und ſogar ohne Religion, um meinen Pfad zu erhellen. Alles vereinte ſich auf dieſe Art zu meinem Verder⸗ ben, und ſelbſt meine Unſchuld war mir gefaͤhrlicher als die unſelige Schoͤnheit, die mir die Natur ge⸗ ſchenkt hatte. Ich kettete mich ſchnell und leidenſchaftlich an den Mann, den ich fuͤr meinen einzigen Wohlthaͤter und Freund hielt. Wie haͤtte ich ihn denn auch nicht lieben ſollen? Seine Schoͤnheit war ſein geringſter Vorzug. Er war ſanft, heiter, aufrichtig und von unbegraͤnzter Guͤte. Seine Freigebigkeit und Offen⸗ heit erwarben ihm allgemeines Vertrauen, und die 32 Taura Pemegia. Wuͤrde ſeines Benehmens ſchien ihn zum Befehlen 4 geboren zu haben. Die Matroſen beteten ihn alle an, und ich erfuhr bald, daß das Schiff ſein eigenes ſey, und daß er ſchon ſeit einem Jahre an den Kuͤ⸗ ſten von Italien und Griechenland kreuze, jetzt aber auf der Heimreiſe nach ſeinem Vaterlande, Irland, begriffen ſey. Ich hatte dieſen Namen vorher nie gehoͤrt, und wußte kaum, was man unter anderen Gegenden, oder dem Namen Fremde, verſtehe. Bald aber lernte ich die Verſchiedenheiten unter den Na⸗ tionen kennen. Die Sitten der Schiffsmannſchaft, denn ſie beſtand nur aus Irlaͤndern, waren gaͤnzlich voon denen meiner Landsleute verſchieden, und es er⸗ goͤtzte mich oft ſehr, wenn ich Arm in Arm auf dem Verdeck mit Lord L—— umherging, die froͤhlichen Mienen dieſer Maͤnner und den ſchalkhaften Aus⸗ druck ihrer Zuͤge zu beobachten. So oft wir erſchie⸗ nen, war es, als ob ein Gluͤcksſtern uͤber Alle auf⸗ gegangen ſey. Ich hielt es erſt fuͤr die Folge ihrer Anhaͤnglichkeit an Lord L——, aber ſie blickten auch eben ſo auf mich. Eines Tages fluͤſterte einer dem andern, doch ſo, daß ich es hoͤren konnte, im ſchlech⸗ ten italieniſch zu:«Sie iſt doch wirklich engelſchoͤn!“ Lord L—— ſah mich in demſelben Augenblick an. Es war das erſte Mal, daß andere Lippen als die ſeinen dieſes Wort ausgeſprochen hatten, und ich ward uͤber und uͤber roth. Wir gingen nun in die Kajuͤte. — Taura Pemegia. 33 Er fragte mich, weshalb ich ſo roth geworden ſey? Ich erzaͤhlte ihm, was ich gehoͤrt hatte, und daß es mich in Angſt geſetzt, es liebe mich auch noch jemand anders, weil jener gerade dieſelben Worte ausgeſpro⸗ chen, die ich ſo oft von ihm gehoͤrt. Ich bat ihn, mich nie wieder mit auf's Verdeck zu nehmen, weil ich ihn allein liebe, und keinen andern lieben wolle noch koͤnne. Seine einzige Antwort waren die in⸗ nigſten Liebkoſungen. So endeten ſich ja unſere Ge⸗ ſpraͤche immer. Die wenigen Minuten, welche wir von einander getrennt zubrachten, waren nicht ohne Nutzen fuͤr mich. Hannah, die Frau, von der ich ſprach, und die lediglich zu meiner Bedienung beſtimmt war, er⸗ zaͤhlte mir tauſend Beiſpiele von ſeiner Herzensguͤte, von Kindheit auf bis zu dem gegenwaͤrtigen Augen⸗ blicke. Sie war die Tochter eines ſeiner Leute. Ihr Mann, der in einem engliſchen Regimente gedient hatte, war in Sizilien geſtorben, und ſie im groͤßten Elende geweſen, als Lord L—— ſie gluͤcklicher Weiſe entdeckt, ihr Geld gegeben und das Anerbieten ge⸗ macht hatte, ſie in ſeiner Jacht mit nach England zu nehmen. Sie war etwa dreißig Jahre alt. Ihre ſanften Sitten und ein ihr eigenthuͤmlicher Ton von Milde und Freundlichkeit entſchieden Lord L——, mich ihrer Sorgfalt anzuvertrauen. Er haͤtte nicht beſſer waͤhlen koͤnnen, denn nie beſaß ein menſchliches We⸗ 2** Taura Pemegia. ſen trefflichere Eigenſchaften. Sie hielt mich anfangs fuͤr die Tochter eines engliſchen Offiziers, der in Si⸗ zilien geſtorben waͤre, und glaubte, Lord L—— habe mich auf ſeine Koſten erziehen laſſen und wolle mich nun an Kindesſtatt annehmen. Daraus kann man auf ihre Treuherzigkeit ſchließen. Es waͤhrte lange, ehe ſie die Wahrheit entdeckte, und als dies geſchah, bekuͤmmerte ſie ein doppeltes Gefuͤhl. Sie war naͤm⸗ lich eben ſo fromm als dankbar. So wuͤrde ſie mich gewiß gerettet haben, wenn ſie nur ihren Wohlthaͤter nicht dadurch gekraͤnkt haͤtte. Ich fand ſie oft allein und in Thraͤnen, und als ſie ſich endlich uͤberzeugt, daß jenes Ungluͤck nicht mehr zu verhindern ſey, that ſie, ohne daß ich's wußte, das Geluͤbde, mir ihr gan⸗ zes Leben zu weihen. Sie hat Wort gehalten. Naͤchſt Hannah gefiel mir O'Brien, Lord L—— s Diener, am meiſten. Sein Herr hatte ihn ſehr lieb, denn er hatte faſt dreißig Jahre in deſſen Familie gedient. So genoß er denn große Freiheit, welche er aber nie mißbrauchte. Er gab ſehr gern gute Leh⸗ ren und treue Warnungen, die ihm Niemand uͤbel nahm, unſtreitig deshalb, weil ſie Niemand befolgte. Er fand großes Wohlgefallen an mir, was jedoch kein Beweis fuͤr meine Verdienſte war, weil es ihm dazu ſchon fuͤr genug galt, daß ich ſeinem Herrn an⸗ gehoͤrte. Doch ſchien mir dies fuͤr den Ausdruck je⸗ ner theilnehmenden, mitleidigen Blicke, womit er mich Taura Pemegia. 35 manchmal anſah, noch nicht ausreichend. Eines Ta⸗ ges uͤberraſchte uns Lord L——, als der ehrliche Mann eben verſuchte, mir etwas begreiflich zu ma⸗ chen, was zum hohen Lobe ſeines Herrn gereichte. Da Lord L—— ſeinen Namen hoͤrte, ſagte er laͤ— chelnd zu mir:«Laura! hoͤre nicht auf O'Brien. Er iſt unſer entſchiedenſter Feind. Du weißt gar noch nicht, was er mir fuͤr Rath ertheilt.“. O Brien blickte feſt auf Lord L——, und da er recht gut verſtanden hatte, was dieſer zu mir geſagt, ſo entgegnete er:«Nein, Mylord, ich bin wahrhaftig nicht Ihr Feind.“ Damit verließ er ploͤtzlich die Ka⸗ uͤte, und Lord L—— ſchien ſehr verlegen. Die Reiſe war gluͤcklich. Sie war aber auch lang. So ſagte man mir wenigſtens, denn mir kam ſie un⸗ endlich kurz vor. Am 1. Juli 1812 erblickten wir die ſuͤdliche Kuͤſte Irlands. Die Matroſen druͤckten ihre Freude durch Tanzen, Singen und anderes Ge⸗ toͤſe aus. Wir landeten in Gegenwart einer Menge Zuſchauer zu Cove. Ich war ſchmerzlich bewegt, und mußte Hannah beneiden, welche Freudenthraͤnen daruͤber vergoß, endlich ihr Vaterland wieder zu ſehen. Wir hielten uns ſo kurz als moͤglich auf, und eilten vom Schiffe in einen mit vier Pferden be⸗ ſpannten Wagen. So fuhren wir am Ufer eines praͤchtigen Fluſſes hin, und durch die Stadt Cork. Eine Reihe neuer Gegenſtaͤnde flog an mir voruͤber, 36 Taura Pemegta. und in Einem Tage hatten wir faſt hundert engliſche Meilen zuruͤckgelegt. Gegen 9 Uhr Abends hielt der Wagen in einer einſamen aber ſehr reizenden Gegend, am Eingange eines Wieſenplans, der im ſchoͤnern Gruͤn glaͤnzte, als ich es noch je in unſeren fruchtbaren Thaͤlern geſehen hatte. Suͤßduftende Gebuͤſche und Blumen durch⸗ wuͤrzten den Pfad, der zu einer kleinen Wohnung fuͤhrte, die ſelbſt als ein Werk der Zauberei mir er⸗ ſchien. Sie war mit Jasmin, Jelaͤngerjelieber und Roſen uͤberwachſen, und auf allen Seiten von großen Baͤumen mit weit ſich ausbreitenden Aeſten beſchattet. Als ich in die Thuͤr derſelben trat, konnte ich den Ausdruck meiner Bewunderung und Freude nicht zu⸗ ruͤckdraͤngen. Lord L——, der von der letzten Sta⸗ tion an voraus geritten war, empfing mich darin mit offenen Armen. Als ich in ſeine Umarmung entzuckt mich ſtuͤrzte, rief er aus:«Tauſendmal willkommen, meine einzige Laura! willkommen hier in Deinem Ei⸗ genthum. Moͤchte es doch immer ſo bleiben! Nie hat es mir noch ſo gefallen als jetzt. Hier, Geliebte, will ich es verſuchen, ob Du die Kuͤſten Siziliens und ſelbſt Dein kleines weißes Zickchen vergiſſeſt.“» Sollte man's glauben? der Gedanke an meinen kleinen Liebling trieb mir in dieſem Augenblick des Entzuͤckens Thraͤnen in die Augen. Mehrere Tage lang that ich nichts weiter als der — Laura Pemegia. 37 Wonne, welche mir alles in- und außerhalb dieſer laͤndlichen Wohnung einfloͤßte, Worte zu geben und nach den Namen von einer Menge Gegenſtaͤnde zu fragen, deren Gebrauch ich noch nicht kannte. Mein Kopf ſchien vor Entzuͤcken ganz verdreht, mein Herz aber war ſtets bei dem einzigen Gegenſtand ſeiner Liebe, und als Lord L—— mir ankuͤndigte, daß er mich auf einige Zeit verlaſſen muͤſſe, fuͤhlte ich den tiefſten Schmerz. Er mußte nothwendig ſeinen Va⸗ ter, den Earl von D..., welcher ganz in England wohnte, beſuchen. Ich will die Abſchiedsſcene, die erſte unſerer Liebe, nicht naͤher beſchreiben. Eines ſeiner Worte war wie ein neuer Lichtſtrahl fuͤr mei⸗ nen Geiſt. «Ach, wenn ich doch nur“ ſagte er,«einen Brief von meiner theuren Laura bekommen koͤnnte!» Die Hoffnung, welche dieſer Ausdruck in mir er⸗ regte, war mein einziger Troſt bei ſeinem Weggange. Kaum war er fort, mir kaum noch aus den Augen, als ich auch ſchon Hannah meinen Entſchluß anzeigte, meine Verſuche in den Anfangsgruͤnden des Schrei⸗ bens auf der Stelle wieder vorzunehmen. Waͤhrend unſerer Reiſe hatte ich naͤmlich leſen lernen, und ſelbſt— einige Verſuche gemacht, eine Feder zu halten, denn weiter erſtreckte jener ſich nicht. Lord L—— machte es viel Vergnuͤgen gelegentlich mein Lehrer zu ſeyn, und Hannah, welche fuͤr eine Perſon ihres Standes 38 Taura Pemegia. ſehr gut erzogen war, gab ſich die groͤßte Muͤhe mit mir. Da ſie nicht italieniſch leſen konnte, und Lord L—— meine Verſuche im Lernen mit einer gewiſſen Ordnung fortgeſetzt wuͤnſchte, ſo war ich genoͤthigt, meine Studien engliſch zu beginnen, und lernte alſo in dieſer Sprache leſen und ſchreiben, ehe ich es in meiner eigenen konnte. Unter anderen ſchoͤnen Geraͤthſchaften befand ſich auch ein Pianoforte in unſerer Wohnung. Ich wußte durchaus nichts von Muſik, hatte aber ein ſcharfes Ohr und eine gute Stimme. Lord L—— hoͤrte mir gern zu, wenn ich die regelloſen Lieder meiner Heimath waͤhrend unſerer Reiſe ſang, begleitete mich oft auf ſei⸗ nem Violoncello und ſang mit mir zugleich. Dadurch gewoͤhnte ich mich, die Noten auf dem Piano anzu⸗ geben, Akkorde anzuſchlagen, und in Kurzem hatte ich große Fortſchritte im Selbſtaccompagnement gemacht. Lord L——'s Abweſenheit waͤhrte ſo lange, daß ich glaubte, ſie nehme gar kein Ende. Er war faſt einen Monat entfernt. Sein Vater, der ihn außer⸗ ordentlich liebte, wollte ihn nicht fruͤher fortlaſſen. Lord L—— war ganz unabhaͤngig von ihm, doch floͤßte ihm dieſes um ſo mehr das Beſtreben ein, ſei⸗ nem Vater die groͤßte Unterwuͤrfigkeit fuͤr deſſen Wuͤn⸗ ſche zu zeigen. Die Beſitzung Caſtleroſe, in welcher unſere laͤndliche Wohnung lag, war ein Theil des großen Erbes, welches Lord L——, deſſen Großvater Taura Pemenia. 39 von muͤtterlicher Seite, hinterlaſſen hatte. Der Earl von D... war ein trefflicher Mann und ein ſehr gu⸗ ter Vater. Hannah erzaͤhlte mir mehrere Charakter⸗ zuͤge von ihm, und ich ſehnte mich ſehr darnach, ihn kennen zu lernen. Als ich Hannah dieſes eines Tages ſagte, ſchien ſie ſehr verlegen daruͤber.«. Ich leſe in Deinen Blik⸗ ken,» ſagte ich zu ihr,«daß Du glaubſt, er werde mich nicht ſehen wollen, weil ich das Kind eines ar⸗ men Fiſchers bin. Wenn mich aber ſein Sohn liebt, ſo ſollte ich doch glauben, ich muͤßte in ſeinen Augen der edelſten Lady im Lande gleich kommen.“ Hannah antwortete mir nicht. Oft aber ſprach ſie von einem juͤngern Bruder Lord L——'s auf eine Art, welche mich vermuthen ließ, er habe die Seinigen ſehr be⸗ leidigt. Der Earl von D... hatte auch eine Tochter, die aͤlter als ſeine Soͤhne und ſchon ſeit einigen Jah⸗ ren verheirathet war. Drei Meilen von Caſtleroſe lebte in einem praͤchtigen Landhauſe des Lords 92——, Clermont⸗Hall, deſſen Tante, Lady Catharine H..., die einzige Schweſter ſeiner verſtorbenen Mutter, fuͤr welche er die groͤßte Verehrung hegte. Dies war alles, was ich lange Zeit hindurch uͤber ſeine Familienverhaͤltniſſe erfuhr. Er ſprach nur ſehr ſelten und mit ſichtlicher Zuruͤckhaltung uͤber dieſe Gegenſtaͤnde. Ich ſelbſt erwaͤhnte auch faſt nie mei⸗ ner Mutter; denn, that ich's, ſo ſchien es ihn offen⸗ —mm ———õ— 40 Taura Pemenia. bar zu ſchmerzen. Als ich ihn einmal nach der Ur⸗ ſache davon fragte, antwortete er mir nicht ohne Ver⸗ legenheit:«„Begnuͤge Dich damit, Laura, zu wiſſen, daß Deine Mutter nicht die mindeſte Noth leidet, und iſt Dir mein Gluͤck lieb, ſo erwaͤhne ihrer nicht mehr.“ Ich ſchloß daraus, daß er vor ſeiner Ab— fahrt von Sizilien ihre Vorliebe fuͤr meinen Bruder entdeckt habe, und ſeine Liebe zu mir ihr die Miß⸗ handlungen, die ſie mich erdulden ließ, nicht verzei⸗ hen koͤnne. Lord L—— war uͤber die Beweiſe der Muͤhe, die ich mir gab, um mich auszubilden, eben ſo er⸗ ſtaunt als erfreut. Er uͤbernahm die Sorge fuͤr meine Erziehung nun ſelbſt, und es beſtand ein ſo ſuͤßes Verhaͤltniß zwiſchen uns, daß nicht das min⸗ deſte mir zu fehlen ſchien, um unſere Verbindung vollkommen gluͤcklich zu machen. An jedem Tage lernte ich etwas neues, meine Ideen erweiterten ſich und ich war nun im Stande uͤber viele Gegenſtaͤnde zu ſprechen, deren Daſeyn ich noch vor Kurzem gar nicht geahnet hatte. Freilich laſen wir nicht eben viel. Welches Buch haͤtte mir aber auch beſſern Un⸗ terricht geben koͤnnen, als es der reiche Quell ſeiner Unterhaltung in Worten that, die tief in mein Herz drangen. Lord L—— lebte jedoch nicht ganz in unſerer laͤndlichen Wohnung. Clermont⸗Hall ward ſowohl — Taura Pemregia. 41 fuͤr ſeinen als ſeiner Tante Lady Catharina eigent⸗ lichen Aufenthalt anzuſehen. Dieſe Dame, eine Fein⸗ din aller neueren Reformen, hielt es fuͤr ſehr ſpaͤt, um fuͤnf Uhr zu ſpeiſen, und glaubte ſchon darin den Wuͤnſchen ihres Neffen eine große Nachgiebigkeit be⸗ zeigt zu haben. Ihre ſtrenge Anhaͤnglichkeit an alte Gebraͤuche war fuͤr uns ſehr vortheilhaft. Sie ging Abends ſehr zeitig ſchlafen, und wenn alſo keine Geſellſchaft in Clermont-Hall war, ſo konnte Lord L—— ſogleich in unſere Wohnung kommen. Keine Art von Witterung konnte ihn zuruͤckhalten, und trotz meiner haͤufigen Vorwuͤrfe, wenn er vom Regen durch⸗ naͤßt eintrat, ſetzte er doch ſeine Geſundheit taͤglich in Gefahr, um mich nur einige Minuten fruͤher zu ſe⸗ hen. In ſchoͤnen Sommerabenden ging ich ihm bis an die Grenze von Caſtleroſe entgegen, und wer uns dabei erblickte, waͤre verſucht geweſen zu glauben, daß wir uns wenigſtens ſeit ſechs Monaten nicht geſehen haͤtten. Es koſtete mir viele Muͤhe, Lord L——'s kindliche Liebe fuͤr ſeine Tante mit der Sorgfalt zuſammen zu reimen, die er ſichtlich anwendete, damit ich ihr nicht vor die Augen kaͤme. Ich glaubte endlich nichts an⸗ deres, als daß Lady Catharina, da ſie ihn ſehr liebe, eiferſuͤchtig daruͤber ſey, daß ich dieſe Liebe mit ihr theile. So bald ich es im Engliſchen ſo weit gebracht, 42 Taura Pemegia. um gelaͤufig ſprechen zu koͤnnen, beſchloß ich, ein Vor⸗ haben auszufuͤhren, das ich ſchon lange im Sinne ge⸗ habt hatte. Ich beſaß eine dunkele Erinnerung, daß ich meine Mutter und die Nachbarinnen ein⸗ oder zweimal im Jahre zur Meſſe nach Mont⸗Real hatte gehen ſehen. Dies hielt ich damals fuͤr einen bloßen Gebrauch, dem man ſich vielmehr unterwerfe, als ihn abſichtlich waͤhle. Bei den Worten ain die Meſſe gehen“ wußte ich mir durchaus nichts Beſtimmtes zu denken. Als ich aber Hannah ſich ſehr gluͤcklich prei⸗ ſen hoͤrte, daß ſie, wie ſie es nannte, dieſe Pflicht erfuͤllen koͤnne, und bemerkte, welchen Werth ſie dar⸗ auf legte, ſo fuͤhlte ich das groͤßte Verlangen in mir, ſie in die St. Patricks⸗Kapelle zu begleiten, die etwa drei Meilen von Caſtleroſe, in entgegengeſetzter Rich⸗ tung von Clermont⸗Hall, lag. Eines Sonntags Morgen ſchlug ich dies Hannah, als ſie ſich anſchickte in die Kapelle zu gehen, vor, indem Lord L—— auf ein paar Tage in Geſchaͤften, die mit Unruhen in einem entfernten Theile der Grafſchaft zuſammenhin⸗ gen, abweſend war. Hannah entgegnete mir darauf, daß Lord L—— nicht wuͤnſchte, daß ich die Grenze von Caſtleroſe ohne ihn uͤberſchritte. „Das iſt wahr;» ſagte ich,«ich will ihn alſo bit⸗ ten, am naͤchſten Sonntage ſelbſt mit mir zur Meſſe zu gehen.“ Hannah ſchuͤttelte unglaͤubig den Kopf. Taura Pemenia. 43 „Geht er denn nicht in die Meſſe?“ fragte ich. «Mylord iſt ein Proteſtant;“ antwortete ſie. aWas iſt denn das?“ «Einer, der Gott auf eine andere Art anbetet als die Katholiken.“ „Beten denn nicht alle Chriſten Gott auf dieſelbe Art an?“ „Nein— einige gehen in die Kirchen.““ „Geht denn nicht Lord L—— auch dahin?“ Manchmal,“ ſetzte Hannah zoͤgernd hinzu. Junge vornehme Herren haben nicht allemal ſo viel Religion, als ſie wohl eigentlich ſollten.“» Alles dieſes gab mir Stoff zu tiefem Nachdenken, und ich kann noch bis jetzt nicht begreifen, weshalb es mich ſo außerordentlich bange machte. Als Lord 2—— zuruͤckgekehrt war, bat ich ihn aber um die Erlaubniß, mit Hannah am naͤchſten Sonntage zur Meſſe gehen zu koͤnnen. Er ſchien uͤber dieſes Be⸗ gehren erſtaunt, und ſagte mir, ich ſolle mir von Hannah nicht alberne Dinge in den Kopf ſetzen laſ⸗ ſen. Als ich ihm nun von dem ſonderbaren Antheil, den ich ploͤtzlich in mir an religioͤſen Dingen zu fuͤh⸗ len begoͤnne, erzaͤhlte, laͤchelte er, umarmte mich und ſprach von etwas anderm. Nicht lange nachher kam ich jedoch dringender als zuvor darauf zuruͤck. Bei dieſer Gelegenheit antwor⸗ tete er mir mit ſteigendem Ernſte folgendes:«Laura, Taura Pemenia. Deine Aengſtlichkeit uͤber dieſen Gegenſtand freut und betruͤbt mich zu gleicher Zeit. Ich ſehe es gern, daß in Deiner Bruſt das natuͤrliche Gefuͤhl der Froͤm⸗ migkeit ſich entwickelt hat; aber ich fuͤrchte die Wir⸗ kung des Aberglaubens, den man leider nur zu oft mit dem Namen Religion belegt, auf Deinen em⸗ pfaͤnglichen Geiſt. Die wahre Tugend beſteht darin, Gutes zu thun, wie Du es gegen die Armen um uns her ausuͤbſt, nicht aber in einem Haͤngen an Formen, das nur den Verſtand ſchwaͤcht und zur Entſchuldigung fuͤr den Mangel an wahrer Mildthaͤ⸗ tigkeit und echter Froͤmmigkeit dient. Das ſchoͤne Gefuͤhl, aus welchem Du vor ein paar Tagen einen koſtbaren Schmuck einem Bettler ſchenkteſt, iſt mehr werth, als alle Sonntage zur Meſſe zu gehen.“ Er ſpielte darauf an, daß ich in einen armen Mann gedrungen, einen Perlring von mir anzuneh⸗ men, weil meine Boͤrſe fuͤr Andere ſich erſchoͤpft hatte, ehe dieſer mich angeſprochen. Das merkwuͤrdigſte aber dabei war dieſes, daß der Mann ehrlich genug geweſen, Lord L—— ſogleich aufzuſuchen, und ihm den Ring wieder einzuhaͤndigen. Ein Beiſpiel von Rechtlichkeit, das uͤbrigens bei den Irlaͤndern der niedrigſten Klaſſe nicht ſo ganz ungewoͤhnlich iſt. Unſer Geſpraͤch endete ſich mit ſeinem Verſpre⸗ chen, daß ich im naͤchſten Fruͤhjahre zur Meſſe gehen ſollte. Es war damals Winter, und St. Patricks⸗ 4 — Taura Pemegia. 45 Kapelle, wie er mir verſicherte, dumpfig und un⸗ geſund. So hatte ich nun ſchon uͤber fuͤnf Monate in unſerer laͤndlichen Einſamkeit gelebt. Es war Win⸗ ter geworden, und wir hatten Feuer in jedem Zimmer. Eines Abends kam Lord L—— von einer Fuchsjagd zuruͤck, fuͤr welches Vergnuͤgen er ſich eine Koppel Hunde hielt. Man hatte eben Licht in das Verſamm⸗ lungszimmer gebracht, und ich ſah, wie der Lord ha⸗ ſtig durch dieſes ſchritt, und ganz mit Schnee und Schlamm bedeckt, ſo wie er von der Jagd kam, in mein Schlafgemach eilte. Sein ganzes Weſen zeigte etwas Außerordentliches an. Er ſtuͤrzte zu mir hin und mir zu Fuͤßen, ergriff meine Haͤnde, kuͤßte ſie heftig, blickte mich an, ſprang auf, ſetzte ſich neben mich, nahm mich in ſeine Arme, ſah mich wieder mit dem Ausdrucke unbeſchreiblicher Wonne an, bedeckte meine Wangen mit Kuͤſſen, kniete von neuem vor mir nieder, und ſchwieg nun lange, indem er mich unverwandt anblickte. Ich war uͤber alles dieſes erſtaunt, aber nicht be⸗ unruhigt. «Was iſt denn mit Ihnen?“ fragte ich endlich. „Sind Sie von Sinnen? Warum ſehen Sie mich denn ſo wild an? Ich fuͤrchte mich am Ende noch!“ «Gieb mir Deine Hand, Laura!“ „Da iſt ſie!“ Und nun legte er ſie auf ſein Herz. 46 Taura Pemegia. Es ſchlug ſo heftig, daß ich mich in der That ge⸗ fuͤrchtet haben wuͤrde, wenn er nicht ſo gluͤcklich aus⸗ geſehen haͤtte. e«Was iſt Ihnen nur? Laſſen Sie mich doch nicht ſo lange in Ungewißheit!“ fragte ich. «Was mir iſt? Kannſt Du mich denn das noch fragen?— Iſt's denn moͤglich, daß Du mit mir in 1 einem ſolchen Augenblick noch ſcherzen kannſt?— Sieh mich an, Laura!— Sagteſt Du denn Hannah nicht—? Bei dieſen Worten, die mir alles aufklaͤrten, ver⸗ barg ich mein gluͤhendes Geſicht an ſeiner Bruſt, und ſagte mit leiſer Stimme: Nein— ich nicht— ſie ſagte mir— ich wollte es nicht glauben— konnte es nicht“— und jetzt trat eine jener ſprachloſen Auf⸗ tritte ein, welche den tiefſten Eindruck auf jedes Men⸗ ſchenherz machen. Es war allerdings gegruͤndet, daß ich Ausſicht hatte, Mutter zu werden. Welche Fuͤlle ſeliger Ge⸗ danken ergoß ſich auf einmal durch meinen Geiſt! Bis jetzt hatten wir uns bloß den Entzuͤckungen der Gegenwart hingegeben— nun ſchwelgten wir in al⸗ len Seligkeiten der Hoffnung. Tag und Nacht, wa⸗ chend und ſchlafend, konnte ich an nicht anderes den⸗ ken. Wir ſprachen ganze Stunden lang von dieſem einzigen Gegenſtande unſers kuͤnftigen Entzuͤckens. 3 1 4 Taura Pemegia. 47 Im Mai 1813 legte die treue Hannah, deren Freudenthraͤnen ſich mit den meinigen miſchten, mein neugebornes Kind in meine Arme. Alle vorhergehen⸗ den Leiden waren vergeſſen, als ſie mir ſagte, daß ich Mutter eines holden Knaben ſey. Aber ſein erſter Ton haͤtte mir faſt das Leben gekoſtet. Ich hatte noch nie vorher ein neugebornes Kind geſehen. Ich bildete mir ein, daß der Ton ſeiner Stimme eben ſo ſchwach und leiſe ſeyn wuͤrde, wie der Ton noch un⸗ befiederter Voͤgel, wenn ſie in ihrem Neſtchen zirpen. Statt deſſen drang ein widriges Gekreiſch an mein Ohr. Ich war feſt uͤberzeugt, ein Ungeheuer zur Welt gebracht zu haben, und beſtand darauf, das Kind zu ſehen und zu betaſten. Ach! nur eine Mutter kann das Gefuͤhl mir nachempfinden, welches das Heben und Senken ſeiner kleinen Bruſt in mir erregte, als ich das Kind an mich druͤckte, meine thoͤrichte Angſt vergaß, und es mit meinen Thraͤnen badete. Um ſeine Zuͤge genauer zu betrachten, mußte ich bis zum naͤchſten Morgen warten; ſie verſicherten mir aber, daß der Knabe vollkommen ſchoͤn und das wahre Ebenbild ſeines Vaters ſey. Trotz meiner Ungeduld ſchlief ich doch ſanft. Als mich Hannah nach Tagesanbruch wach fand, oͤffnete ſie die Vorhaͤnge und zeigte mir mein Kind. Ich konnte nicht anders, ich mußte laut aufſchreien. Ich glaubte eine ſchoͤne weiße Haut, Lockenhaar, eine grie⸗ 48 4 Taura Pemegia. chiſche Naſe, einen laͤchelnden Mund, kurz„das Eben⸗ bild ſeines Vaters“ zu ſehen, und ſtatt deſſen uͤber⸗ reichte ſie mir ein kleines Weſen, vollkommen haͤßlich und ganz roth, ohne Haare, und die Augen in den noch unausgebildeten Zuͤgen faſt voͤllig unſichtbar. Dazu kam noch, daß es mir ein ſehr unfreundliches Geſicht zog und zu ſchreien anfing. Hannah und die Amme waren ganz beſtuͤrzt und aͤngerlich uͤber meinen Ausruf des Widerwilens. O! wie bald aͤnderte ſich das, und mein Kind duͤnkte mich uͤber alles ſchoͤn! Lord L——s Freude war nicht geringer als die meine, und ſeine Aufmerkſamkeit gegen mich nicht zu beſchreiben. Bald erlangte ich Geſundheit und Kraͤfte wieder. Das Kind gedieh mit jedem Tage mehr. Seine Haut ward zart und weiß. Es bekam eine Menge blonder gelockter Haare, blaue Augen, einen kleinen ſuͤßen Mund, und eine Naſe, die, wie ich feſt uͤberzeugt war, jedenfalls griechiſch werden mußte. Es ward getauft, und nach ſeinem Vater Friedrich genannt. Waͤhrend ich den Knaben wartete, konnte ich ſtundenlang auf ihn blicken ohne muͤde zu wer⸗ den. Kaum konnte ich mir's ſelbſt vorſtellen, daß ich ſeine Mutter ſey. Ob Lord L.—— gleich behauptete, daß er auf den Knaben eiferſuͤchtig ſey, war es doch deutlich zu ſe⸗ hen, wie ſehr er in ſeinen Sohn verliebt war. Ich ſah ſo gern das Kind auf ſeinen Armen, aber ich mußte Taura Pemegia. 5 49 mußte ſtets lachen, wenn ich ſah, wie unbeholfen er ſich dabei benahm. Einen Monat nach Friedrich's Geburt ward Lord L—— muͤndig. Es war ein Tag allgemeiner Freude und wahren Gluͤcks. Die ganze Umgegend ſchien von Entzuͤcken beſeelt, die Ehrfurcht gegen den Lord aber hielt alles in ſeinen Schranken zuruͤck. Man konnte nicht allgemenner beliebt ſayn, als es Lord L—— war. Er war mehr als ein bipß guͤtiger Landeigen⸗ thuͤmer. Mit der Cheilnahme eines Freundes ging er in alle Verhaͤltniſſe ſeiner Unterthanen ein; er ver⸗ einte ſie bei Mißhelligkeiten, ehe dieſe in foͤrmlichen Streit ausarteten; er ſtillte mehr als einen Auflauf, ehe er voͤllig geſetzlos ward, und ſein ſchnelles Er⸗ ſcheinen machte oft den Gebrauch der bewaffneten Macht uͤberfluͤſſis. Kurz, er verwendete ſein ganzes Vermoͤgen wieder auf das Beſitzthum, von woher er es bezog, und ſeine ganze Zeit auf die Verbeſſerung der Lage ſeiner Unterthanen. Ihre Vorurtheile klaͤrte er auf, ihre Fehler ſuchte er zu tilgen, und waͤhrend mehrere ſeiner reichſten Nachbaren damit zufrieden waren, ihre Suͤmpfe in guten Boden zu verwandeln, bemuͤhete er ſich zu gleicher Zeit auch Herz und Geiſt ſeiner Landleute anzubauen. Er war ein wuͤrdiges Beiſpiel fuͤr die Menge reicher Grundbeſitzer vom Adel und Buͤrgerſtande, die ihr ſchoͤnes Land ausſau⸗ I. 3 50 Taura Pemegia. gen, und ihm dafuͤr nichts als ihre Verachtung wie⸗ der zufließen laſſen. Doch dies ſind Betrachtungen ſpaͤterer Tage. In der Zeit, von der ich jetzt ſchreibe, wußte ich nichts, als daß ich gluͤcklich ſey. Ich lebte mit ihm, der mir alles war, und unſerm Kinde, das nur einen Theil von uns ſelbſt ausmachte; lebte in Caſtleroſe, das meine ganze Welt bildete, in gaͤnzlicher Abgeſchie⸗ denheit, außerhalb der Grenze meiner Einſamkeit nichts kennend und nichts wuͤnſchend. Doch nein! einer meiner Wuͤnſche, der einzige, der das Gebiet meiner ſtillen Wohnung uͤberſchritt, war mir bis dahin noch nicht erfuͤllt worden. Die ſtete Aufmerkſamkeit, welche mein kleiner Friedrich forderte, hatte es nicht dazu kommen laſſen. Als er entwoͤhnt war, erinnerte ich Lord L—— an ſein Ver⸗ ſprechen, daß ich mit Hannah die Meſſe hoͤren ſollte. Er ſchlug meine Bitte nicht ab. An einem ſchoͤnen Sonntagsmorgen gingen wir alſo dahin. Es war außerordentlich warm, ſo, daß ich bloß ein leichtes Tuch uͤber mein Muſſelinkleid geworfen hatte und einen weißen duͤnnen Schleier uͤber'm Geſicht trug. Noch denke ich mit einer Art von wehmuͤthigem Vergnuͤgen an mein Gefuͤhl, als ich in die Kapelle eintrat. Es ergriff mich maͤchtig, als ich die Menge von Menſchen jeden Alters ihre Gebete in einem und demſelben Augenblicke zu dem ewigen Weſen richten Taura Pemegia.— 51 ſah. Als der Klang der Orgel durch die Kapelle er— ſcholl, glaubte ich mich uͤber die Erde gehoben. Wir waren etwas zu ſpaͤt gekommen, die Meſſe war ſchon vorbei, und die erſten Worte, welche ich von dem Prieſter hoͤrte, erklangen von der Kanzel. Sein We⸗ ſen und ſein Aeußeres machten einen tiefen Eindruck auf mich. Meine Aufmerkſamkeit war ſo ſehr auf ihn gerichtet, daß ich am Ende wie zerſtreut wurde und nach und nach die Worte des Predigers nicht mehr begriff, ob ich wol fuͤhlte, daß ſie heftig und eindringlich waren. Nicht lange, ſo ward mir auch bei der Hitze in der uͤberfuͤllten Kapelle ganz unwohl. Ich war nicht an das erſtickende Gedraͤnge eines ſolchen Ortes ge⸗ woͤhnt, und ſo brachte mich Hannah, die mich blaß und ohnmaͤchtig werden ſah, ſchnell an die freie Luft. In dieſem Augenblick traf Lord L——, der mich abholen wollte, mit dem kleinen Phaeton ein, der als mein eigenes Fuhrwerk angeſehen ward, ob ich gleich niemals den Muth beſaß, ohne den Lord darin zu fahren. Er erſchrak heftig, als er mich er⸗ blickte; wir kamen jedoch bald nach Hauſe, und er gelobte es ſich den uͤbrigen Theil des Tags hindurch mehr als einmal, daß ich, ſo lange die warme Wit⸗ terung waͤhrte, nicht wieder in die Kapelle gehen ſolle. Ich mußte bei der Erinnerung an die entgegengeſetz⸗ 3* 5² Taura Pemegia. ten Bedenklichkeiten, die er fuͤr den Winter aufgeſtellt hatte, laͤcheln. Ich ſehe, Laura,» ſagte er,„daß Du Scherz treibſt mit meiner Beſorgniß.“ Dies war das erſte⸗ mal, daß der kleinſte Vorwurf oder die mindeſte uͤble Laune bei ihm ſich zeigte. Ich brach in Thraͤnen aus. Er kuͤßte ſie hinweg. Ich eilte in ſeine Um⸗ armung. Er wiederholte ſie— und ſo endete dieſe Scene. Doch ſchloß er unſer Geſpraͤch mit den Worten:«Laura bedenke, und geh' nicht mehr nach St. Patrick!“ Ich unterwarf mich ſeinem unbeugſamen Be⸗ ſchluſſe, aber es that mir ſehr weh. Um mir eini⸗ germaßen Entſchaͤdigung dafuͤr zu geben, hatte mir Lord L—— ein kleines Betzimmer neben meinem gewoͤhnlichen Gemache einrichten laſſen. Ich brachte es vollends in Ordnung und ſchmuͤckte es mit dem Koſtbarſten, was ich beſaß, aus. Sonntags und die anderen Feſttage der katholiſchen Kirche beteten Han⸗ nah und ich regelmaͤßig darin, und nie war meine Andacht groͤßer, ja ſelbſt nie ſo innig und aufrichtig, als wenn ich dabei zugleich auf mein Kind blicken konnte, das friedlich in ſeiner Wiege ſchlief. Achtzehn Monate nach Friedrich's Geburt konnte ich im eigentlichen Wortverſtande ſagen, daß ich Kin⸗ der beſaß. Die Geburt einer Tochter erfuͤllte den einzigen Wunſch, den ich noch haben konnte. Lord Taura Pemegia. 1 53 L—— ließ ſie nach meinem Namen taufen, wie Frie⸗ drich nach dem ſeinen. Sie ward jedoch Laurette ge⸗ nannt, um ſie von ihrer Mutter zu unterſcheiden. Ich will nicht lange bei den entzuͤckensreichen Ta⸗ gen verweilen, die ich mit meinen Kindern verlebte, noch bei den Kontraſten in ihren Charakteren, oder der Verſchiedenheit ihrer aͤußern Schoͤnheit. Fuͤr mich waren ſie vollkommen; mein Troſt, wenn Lord L—— abweſend, und das ſchoͤnſte Band, das uns an unſer Gluͤck feſſelte, wenn er daheim war. Wenn er zu Clermont⸗Hall ſpeiſ'te, gingen wir ſtets des Abends, ſo wie es die Witterung erlaubte, nach einem kleinen Buſche an der Seite des freien Platzes vor dem Hauſe, und blickten immer nach der Richtung hin, von woher er nothwendig zuruͤckkommen mußte. Von einem erhoͤhten Punkte aus, den einige große Nußbaͤume beſchatteten, konnten wir die Landſtraße nach Dublin und die, welche nach Clermont⸗Hall fuͤhrte, erblicken. Ich hatte dort ein Kreuz aufrichten laſſen, welches ich das Kreuz des Felſens nannte, ob man gleich auch nicht eine Spur von einem Steine lah, aber Name und Gegenſtand erinnerten mich an die Heimath, und ich liebte es, zuweilen an Scenen und Perſonen zu denken, von denen ich nie ſprach. Wenn Lord L—— in der Entfernung ſich zeigte, wehten unſere Schnupftuͤcher in der Luft, denn die Kinder machten alles nach, was ich that. So bald 54 Taura Pemegia. er uns nun gewahrte, antwortete er durch ein glei⸗ ches Zeichen, und eilte in vollem Galopp davon, um unſere Wohnung noch vor uns zu erreichen. Unge⸗ achtet der Schnelligkeit ſeines Roſſes, kamen wir aber doch manchmal eher an. Das wurde Tag vor Tag wiederholt und immer mit neuem Vergnuͤgen. Die Zeitvertreibe des Muͤſſigganges koͤnnen, ſo geiſt⸗ reich ſie auch erfunden ſind, doch langweilig werden; die der Natur und Liebe aber gewiß nie. Eines Abends ſaß ich mit den Kindern an meiner Seite am Fuße des Kreuzes, als ich ploͤtzlich vom Wege nach Clermont⸗Hall her den Ton mehrerer Stimmen hoͤrte. Lord L—— hatte an dieſem Tage ein großes Mittagseſſen dort gegeben, und ich glaubte, er und einige ſeiner Gaͤſte ſeyen es. Bald bemerkte ich jedoch, daß er nicht mit dabei ſey. Ich wagte mich nun nicht von der Hoͤhe herab, damit mich die laͤrmenden Herren nicht ſehen moͤchten, und war wegen ihres geraͤuſchvollen Weſens nicht ohne Un⸗ ruhe. Ich hielt die Kinder dicht an mich, in der Hoffnung, die Fremden wuͤrden voruͤbergehen; aber ſie blieben wenige Schritte von der Stelle, wo ich mich befand, ſtehen. Deutlich ſah' ich nun, wie ſie nach unſerer Wohnung hinblickten, welche von dieſem Punkte aus einen ſehr reizenden Anblick bildete. «Dort liegt die Wohnung der Lady L....; das Taura Pemegia. 55 muß ſie ſeyn:“ ſagte einer der jungen Maͤnner, und hielt ſein Roß ploͤtzlich an. «Sie iſt teufliſch ſchoͤn, und ich wundere mich nicht, wenn ſie Lismore noch heirathen wird;» ant⸗ wortete ein anderer. «Haben Sie ſie denn geſehen?“» Ei freilich! War ich denn nicht in der Kapelle, als der Pater Glyn predigte, und das arme Ding ohnmaͤchtig ward?“ «.„Ich moͤchte nur zum Henker wiſſen, wer ſie eigentlich waͤre,» entgegnete die dritte Perſon,«ob von Stand oder nicht, Franzoͤſin, Griechin oder Spa⸗ nierin? Lismore iſt in dieſem Punkt verteufelt ver⸗ ſchwiegen.“» «Das macht er ſehr recht.“ Sie liebt ihn, wie man ſagt.» «Je nun ja, wie ſolche Frauen lieben.“ „Haben ſie denn Kinder?⸗ ᷣZwei.”» «Hol' der Henker, das macht die Sache ernſthaft. Was ſagt denn der alte Earl dazu? Hat nicht ſein Sohn George eine Taͤnzerin geheirathet?“ 7 «Allerdings, und nun will Lord L—— auch ſeine Rolle in dem Ballet ſpielen.“» 3 «Da wollen wir doch einmal ſehen, wer den Sieg 8 davon tragen wird, der Earl oder das Mamſellchen.“ 56 Taura Pemenia. Sie ritten weiter, und das Rauſchen der Blaͤtter raubte mir ihr ferneres Geſpraͤch, das ich doch noch gern weiter mit angehoͤrt haͤtte. Ich kann es nicht ausſprechen, was ich waͤhrend dieſer Unterredung litt. Ich war kein Kind mehr, denn ich zaͤhlte neunzehn Jahre. Alt alſo genug, um ein Geheimniß zu ver⸗ muthen; aber nicht, um es zu durchſchauen. Ein unerklaͤrbares Mißbehagen ergriff mich mit der Ge⸗ wißheit, daß Lord L—— dadurch, daß er mich liebte, ſeinem Vater mißfallen hatte. Ich verlor keine Zeit, Lord L—— alles zu wiederholen, was ich gehoͤrt. Er war verlegen und ſichtlich betroffen. Trotz aller meiner Bemuͤhungen, ſtreifte er nur oberflaͤchlich uͤber dieſen Gegenſtand hin, indem er mich uͤberredete, daß dies bloß ein leeres Geſchwaͤtz einiger junger Maͤnner geweſen, die ſich im Weine uͤbernommen gehabt. Da ich auf dieſe Art nicht zu der gewuͤnſchten Erklaͤrung kommen konnte, ſo war ich entſchloſſen, mich wenig⸗ ſtens wegen deſſen, was den einen Hauptpunkt be⸗ traf, zu uͤberzeugen. Ich bat ihn alſo aufs drin⸗ gendſte, mir zu ſagen, ob ſein Vater mit ſeiner Liebe zu mir wirklich unzufrieden ſey? «Er iſt es allerdings, aber bloß deswegen, weil er fuͤrchtet, ich— moͤchte um Deinetwillen England ganz aufgeben.» — Dann fliege um des Himmelswillen zu ihm, Taura Pemegia. 57 und beweiſe ihm, daß du aus Liebe zu mir keine Dceeiner Pflichten vergiſſeſt.— «Sey ruhig, meine Theure; es wird alles noch gut werden. Verlaß Dich darauf!5 Ungeachtet ſeiner Verſicherungen aber und der liebevollen Umarmungen, die ihnen folgten, war ich doch nicht gluͤcklich oder zufrieden geſtellt. Ich fuͤrch⸗ tete zwar kein ploͤtzliches Ungluͤck,— denn was hatte ich zu beſorgen, da er mich liebte,— aber ich konnte in ſeinem Geſichte und ſeinem ganzen Weſen eine ge⸗ wiſſe Schwermuth nicht verkennen, die ſich dann vor⸗ zuͤglich zeigte, wenn er gerade von Lady Catharina zu mir kam. Dieſe leiſen Anzeigen waren bloß das Vor⸗ ſpiel zu einer unſeligen Veraͤnderung, die meinem Schickſale bevorſtand. Da waͤhrend des Jahres 1817 Lord L—— ſich ſehr lange in England aufgehalten hatte, ſo ſchmei⸗ chelten wir uns mit der Hoffnung, den ganzen fol⸗ genden Sommer in Caſtleroſe zuſammen zuzubringen. Im Monat April kamen aber Briefe aus London mit der Nachricht, daß der Earl gefaͤhrlich krank ſey und ſeinen Sohn zu ſehen verlange. Ich ſpreche nur die Wahrheit, wenn ich verſichere, daß ich nicht weiß, 3** Taura Pemegia. wer von uns beiden am meiſten bei dieſer Gelegen⸗ heit litt.— G «Großer Gott!“ rief ich aus:«wenn der Earl ſterben ſollte, ohne ſeinen Sohn geſehen zu haben! Wenn ich die Urſache waͤre, daß Lord L—— um den Segen ſeines Vaters kaͤme!” Dieſer ſchreckliche Gedanke ſchien mir Fluͤgel zu geben. Ich machte die Anordnungen zur Reiſe mit Sturmeseile. Und Lord L——! Ich war mit ſeinem Beneh⸗ men nicht zufrieden. Nein, ich war es nicht. Haͤtte er in einem ſolchen Zeitpunkte an mich denken ſollen? Ich betete ihn an, und doch wuͤnſchte ich, daß er ſchon im naͤchſten Augenblicke von mir entfernt ſeyn moͤchte. Er aber ſtand wie beſtuͤrzt da, ohne die Kraft ſich zu bewegen. Ich erkannte ihn kaum noch. Jetzt befahl er die Pferde vorzufuͤhren. Im naͤch⸗ ſten Augenblicke beſtellte er ſie wieder ab. Da ich ſah, daß ich allein an der Unentſchloſſenheit Schuld ſey, welche ihn von der Erfuͤllung ſeiner Pflicht ab⸗ hielt, warf ich mich auf die Kniee vor ihm nieder, und beſchwor ihn zu eilen. Endlich gab er meinem Flehen nach— und wir ſchieden. Als der ſchreckliche Augenblick ſeiner Abreiſe er⸗ ſchien, ging ich nebſt meinen beiden Kindern mit ihm bis zum Kreuze auf dem kleinen Huͤgel. Es war ein ſchoͤner Tag, und die Baaͤtter zeigten ſich ſchon * Taura Pemenia. 59 reichlich an den Baͤumen. Ich konnte meine Thraͤ⸗ nen nicht zuruͤckhalten. «Dies iſt das erſtemal,» ſagte ich,«daß Du nicht wirſt die Baͤume bluͤhen ſehen. Aber eher als die Blaͤtter wieder abfallen, wirſt Du doch gewiß wieder hier ſeyn?» Er druͤckte mich an ſein Herz. Ich verſuchte es, von der Pflicht mit ihm zu ſprechen, die ihn zu ſei⸗ nem Vater rufe. Der Ton meiner Stimme ſchien ihn zu beunruhigen. Er blickte mit einem ſonderba⸗ ren Gemiſch von Schmerz und Stolz auf mich, und ſagte in leidendem Tone:«Und ſie erinnert mich an meine Pflicht! Sie, die man ſo gern... Laura! hoͤr' mir zu! Die Worte, welche die Todten mit ſich in's Grab nehmen, muͤſſen heilig geachtet wer⸗ den; aber was fuͤr ein Verſprechen, was fuͤr einen Eid ſie auch immer von mir erzwingen moͤgen, erin⸗ nere Dich..» Hier unterbrach ein Thraͤnenſtrom ſeine Worte, aber er begann ſchnell wieder:«Du ſiehſt mich leidend und ungluͤcklich, Laura. Kann ich denn anders ſeyn, da ich Dich und dieſe Kleinen verlaſ⸗ ſen muß?» 4 — Ach, rief ich aus: Du ſagſt mir nicht alls—— Du verſchweigſt mir etwas.— «Du haſt Recht, Laura! aber der Tag iſt viel⸗ leicht nicht mehr fern, wo alle meine Geheimniſſe of⸗ fen ſeyn werden. Und dann wird Deine volle Her⸗ 60 Taura Pemegia. zensguͤte und Liebe fuͤr mich kaum hinreichen, mir zu verzeihen.“» 3 — Was ſagſt Du dar rief ich aus: Dir zu ver⸗ zeihen? Dir, meinem Wohlthaͤter, meinem Geliebten, meinem einzigen Freunde! dem edelſten, dem beſten aller Menſchen!— 3 «Still, Laura! entweihe dieſe Namen nicht, die allein Deiner Tugend angehoͤren. Einſt wirſt Du mein Vergehen kennen lernen. Es wird Dir, wie ich ſelbſt fuͤhle, unverzeihlich, ungeheuer erſcheinen! O Laura! Meine einzige Hoffnung iſt Deine Liebe. Dieſe wird vielleicht fuͤr mich ſprechen, und Du mir doch vergeben. Hoͤre mich. Ich habe es beſchworen, meines Vaters Befehle zu achten und ihm zu gehor⸗ chen, denn ich halte ſie fuͤr heilig, ſo lange er lebt. Auf der ganzen Welt aber giebt es kein Weib mehr fuͤr mich als Du, Laura. Dies ſind unſere Kinder, und keine Gewalt der Erde kann mich ganz von Dir und ihnen trennen!“ Dieſen Worten folgte eine ſchweigende Umarmung. Wir lagen alle an ſeinem Herzen. Endlich beſtieg er ſein Pferd und ſprengte fort. Oft aber hielt er un⸗ terwegs an, um zuruͤck zu ſehen, und winkte mit der Hand, und mehr als einmal ſchien es mir, als kaͤmpfe er mit ſich ſelbſt, und unterdruͤcke gewaltſam das Ge— fuͤhl, das ihn zur Ruͤckkehr treibe. — Taura Pemenia. 61 Man kann ſich leicht denken, in welchem Jammer ich den uͤbrigen Theil des Tages zubrachte. Die Kinder lagen ſchon uͤber eine Stunde im Bett', und ich ſaß noch ohne Licht da, bloß vom Monde beſchie⸗ nen, welcher durch die Glasthuͤren, die auf die Straße gingen, hell in mein Zimmer ſchien. Ich blickte trau⸗ ernd auf Alles um mich her. Mein Auge ſchweifte zu dem Huͤgel im Gebuͤſche hin und haftete an dem oft erwaͤhnten Kreuze, als ich ploͤtzlich eine weibliche Geſtalt erblickte, die majeſtaͤtiſch unter den Baͤumen wandelte. Sie ging drei oder viermal um den freien Platz und verſchwand dann. Ich war ſehr beunruhigt. Dieſer Vorfall brachte ploͤtzlich eine aberglaͤubiſche Furcht in mir hervor. In mehreren Theilen Siziliens glaubt man naͤmlich, daß das Geſpenſt irgend eines weiblichen Weſens jedes⸗ mal den Tod einer ausgezeichneten Perſon anzeige. Ich hatte auch davon gehoͤrt; es hatte aber bis da⸗ hin keinen Eindruck auf mich gemacht. Nach mei⸗ nem Gefuͤhle konnte dieſe Erſcheinung ſich auf Nie⸗ mand als Lord L—— beziehen, und ich quaͤlte mich mit dem Gedanken, daß ihn das epidemiſche Fieber ergreifen koͤnnte, welches in Dublin damals wuͤthete, oder daß das Schiff, worauf er ſich eingeſchifft, un⸗ tergehen werde. Nach wenigen Tagen aber benach⸗ richtigte mich ein Brief von ihm aus Wales, daß 62 Taura Pemenia. ihn alle dieſe ertraͤumten Gefahren nicht betroffen hatten, und daß er, ehe ich dieſe Zeilen laͤſe, bei ſei⸗ nem Vater ſeyn werde. Nach und nach ward ich ruhiger, keinesweges aber gluͤcklich. Weder die ſuͤßen Schmeicheleien meiner Kinder, noch Lord L——'s koͤſtliche Briefe konnten meine Schwermuth mindern. Ich ward im hoͤchſten Grade nervenſchwach und das kleinſte Geraͤuſch er⸗ ſchreckte mich. Hannah wies mich manchmal deshalb zu Rechte, aber vergebens. «Sollte man nicht denken,» pflegte ſie zu ſagen, «eder Herr ſey vorher in ſeinem Leben noch nicht nach England gereiſt. Schaͤmen Sie ſich denn nicht, Miß Laura, ſo ſchwach zu ſeyn? Das iin ja lauter al⸗ berne Grillen.» — Liebe Hannah, war meine dewahniich Antwort, ich thue, was ich kann, aber vergebens. Etwas geht gewiß mit ihm vor. Neinl! ich ſeh' ihn nie wieder!— Eines Morgens, als ich ſchon mehrere Wochen lang mit dieſen ungluͤcklichen Ahnungen gekaͤmpft hatte, trat Hannah in das kleine Betzimmer, und fand mich ohnmaͤchtig am Boden liegend. Als ſie mich wieder zu mir ſelbſt gebracht hatte, zeigte ich auf einen Brief, der neben mir lag, und beantwortete ihre Fragen nur damit, daß ich ihr ein Zeichen gab, ihn zu leſen. Er war von einer netten Frauenhand geſchrieben und ent⸗ hielt folgendes: Taura Pemegia. 63 «Wenn Sie nicht ganz verloren ſind, ſo iſt dieſer Brief nicht vergebens geſchrieben. Man ſagt, Ihre Verirrungen ruͤhrten mehr von Unwiſ⸗ ſenheit, als einem boͤſen Herzen her. Das will ich auch glauben, wenn Sie Ihren laſterhaften Lebens⸗ wandel verlaſſen und Ihre ſchmachvolle Verhaͤltniſſe mit dem Manne aufgegeben haben, der nie der Ih⸗ rige ſeyn kann. Wenn Sie aber gegen alle Ehre und Pflicht, durch die unſelige Leidenſchaft, welche Sie ihm eingefloͤßt haben, auf ihn fortwirken, und ihn dahin bringen, eine Verbindung mit Ihnen einzugehen, die fuͤr ihn Untergang und Elend nach ſich ziehen wuͤrde, ſo bedenken Sie, daß außerdem, daß Sie ſich ſelbſt ewige Verdammniß zuziehen, Sie Veranlaſſung zu dem Tode ſeines achtbaren und ihn herzlich liebenden Vaters ſeyn werden, welchen eine ſolche Heirath in's Grab ſtuͤrzen wuͤrde.» Als Hannah dieſe Worte las, war ſie ihrer ſelbſt nicht mehr maͤchtig. Sie zerriß den Brief in kleine Stuͤcke und trat mit Ingrimm darauf. «Nein, das will ich nicht thun,v» ſagte ſie als⸗ dann mit leidenſchaftlich heiſerer Stimme, und hob die Papiere wieder auf:«„der Herr muß das ſehen; er wird die Hand kennen, und die ſeine wird ſchwer auf den fallen, der dies gethan hat!“ Als ſie ſich nun zu mir wendete und meinen trau⸗ 64 Taura Pemenia. rigen Zuſtand ſah, trat Mitleiden an die Stelle der Wuth. Sie ſtrengte alle Mittel an, mich zu beruhi⸗ gen, ſagte, daß der Brief von irgend einem boßhaf⸗ ten Menſchen herkomme, der mich um mein Gluͤck beneide, und daß man ſo etwas mit Verachtung be⸗ handeln muͤſſe. Alles war zu ſpaͤt. Die ganze volle Wahrheit ſchien auf einmal wie ein Blitz zu leuchten. Eine Menge fruͤherer Gedanken und Ereigniſſe be— ſtuͤrmten meinen Geiſt. Ich hoͤrte Hannah's wohl⸗ gemeinte Worte ohne ihren Sinn zu faſſen; ich ſah ihre Thraͤnen fließen ohne davon geruͤhrt zu werden. Ich fuͤhlte es, wie ſie meine Hand an ihre Lippen druͤckte, aber dieſe Hand ſank dann bewegungslos herab. Endlich unterbrach ich ſie. «Hannah!» ſagte ich, Du biſt meine wahre Freundin und haſt mich noch nie hintergangen. Ein 3 Wort von Dir iſt mehr werth als tauſend Predig⸗ ten. Kannſt Du mir alſo mit gutem Gewiſſen ver⸗ ſichern, daß ich nicht Unrecht thue, keine Verbreche⸗ rin bin, wenn ich mit ihm lebe, ſo will ich Dir mehr als der Welt glauben— ſo will ich gluͤcklich ſeyn.» Hannah ſchlug die Hand vor's Geſicht und ver⸗ ließ laut ſchluchzend das Zimmer. So war es denn wahr, daß ich ein ſchuldbelaſte⸗ tes, verworfenes Geſchoͤpf— ein Gegenſtand der Ver⸗ achtung fuͤr ſein ganzes Haus ſey— daß ich ſeinen Vater in die Grube ſtuͤrze! Wenn ich alle Umſtaͤnde, —— Taura Pemenia. 65 welche ſchon laͤngſt zuvor der Wahrheit meine Augen haͤtten oͤffnen ſollen, mir in's Gedaͤchtniß zuruͤckrief, ſo erſchrak ich ſelbſt uͤber meine Blindheit. Dies alſo war Lord L——'s Geheimniß, das er mir bei unſe⸗ rer Trennung in ſo unbeſtimmten Worten verbarg; dies das Vergehen, das ich ihm vergeben ſollte. Ach! es war ihm ja ſchon vergeben! Er liebte mich, das war ſein Verbrechen; und wenn mich eine ſchuldbela⸗ ſtete Mutter— dieſer ſchreckliche Gedanke empoͤrte mich — ſo war es nur zu wahr, daß das Uebermaaß ihrer Armuth— aber er— ach, er war mir noch tauſend⸗ mal theurer als je. Mein erſter Gedanke war, ihm das Schreiben zu uͤberſenden. Aber dieſen gab ich bald auf, denn ich hielt es fuͤr zu grauſam, zu dem, was er ſchon ſeines Vaters wegen litt, noch die Nachricht meines Ungluͤcks hinzuzufuͤgen. Ich beſchloß, bis zu ſeiner Ruͤckkehr nach Caſtleroſe zu warten, wo ich ihm frei und offen den Zuſtand meines Gemuͤths, meine Gewiſſensbiſſe und meinen Plan wegen der Zukunft enthuͤllen wollte. In Betreff Eines Punktes glaubte ich unbeugſam zu ſeyn. Trennen mußten wir uns— nie wieder un⸗ ter demſelben Dache wohnen. Der Gedanke war an ſich ſelbſt verzweiflungsvoll, aber das Opfer mußte gebracht werden! Lord L—— ſollte in Clermont⸗ Hall wohnen: wir wollten uns nur dann und wann ſehen; Jedermann ſollte durch mein Betragen und 66 Taura Pemenia. meine Abſichten zufrieden geſtellt werden; Lord L—— wuͤrde gluͤcklich ſeyn durch Erfuͤllung ſeiner Pflicht, und ich ebenfalls der meinigen genuͤgen, wenn auch mein hoͤchſtes Elend die Folge davon waͤre. Die Nacht trat ein. Ein ſanfter Schlaf— waͤh⸗ rend deſſen ich nur troͤſtende Traͤume hatte, beruhigte einigermaßen die Anſtrengungen des Tages. Zwei Kinderſtimmen weckten mich mit den Worten:«Laura, ſchlaͤft Du? Mama, biſt Du wach?⸗ Es waren wohlbekannte Stimmen! Hannah hatte den Kindern den ſtrengſten Befehl gegeben, ſich ſtill zu verhalten, als ſie mir ihren gewoͤhnlichen Morgen⸗ beſuch machten. Vielleicht ahneten ſie, daß es von dieſem Tage an keine Ruhe mehr fuͤr ihre ungluͤck⸗ liche Mutter geben werde.. Der Morgen ging friedlich voruͤber. Nachmittags baten mich die Kinder, mit ihnen, wie ich es immer zu thun pflegte, zu ſpielen; und mit ſchwerem Her⸗ zen willigte ich ein. So ſaßen wir denn auf dem Teppich in meinem Zimmer, und die Glasthuͤren ſtan⸗ den offen, da das Wetter ſehr mild und anmuthig war. Spielſachen aller Art lagen um uns her, und Laurette war emſig damit beſchaͤftigt, meine Haare nach ihrer Art zu friſiren, welche darin beſtand, daß ſie ſie in die groͤßte Unordnung brachte. Ein leiſes Geraͤuſch an der Thuͤr weckte mich aus den qualvol⸗ len Traͤumen, in die ich unbewußt gerathen war. — 2. Taura Pemegia. 67 Ich wendete mich ſchnell um, und erblickte eine Dame von mittlerm Alter und ſehr wuͤrdiger Haltung, die dort ſtand und auf die Kinder blickte. 2 Ich war ſehr verlegen. Die ausgeſuchte Klei⸗ dung der Dame ſtand im ſchneidendſten Kontraſte mit der Einfachheit der meinigen. Ich war auf die haͤuslichſte Art angezogen, und mein langes braunes Haar in der Art geordnet, wie ich eben beſchrieben habe. — Mein Kind!— ſagte die Fremde— kann ich mit der jungen italieniſchen Dame ſprechen, die hier — wohnt?— Ich ſah, daß ſie mich fuͤr das Kindermaͤdchen hielt, und antwortete leiſe und zoͤgernd:»Das bin ich.“ — Sie— erwiederte jene mit dem Ausdrucke der Verwunderung.— Ich meine naͤmlich, die Mut⸗ ter von dieſen Kindern.— «.„Ich bin ihre Mutter, Madame.» Bei dieſen Worten fuͤllten ſich die Augen der Fremden mit Thraͤnen. Sie ſprach einige Minuten lang nicht, dann aber fing ſie ſich an zu entſchuldi⸗ gen, daß ſie ſich ſo unangemeldet hereingedraͤngt habe, und bemerkte, daß da ſie Niemand von den Dienſt⸗ leuten gefunden, ſie den Weg nach dem Grasplatze zu, als den naͤchſten nach Hauſe, genommen habe. Waͤhrend ſie ſprach, blickte Friedrich aufmerkſam ſie an. Sie ſtreckte die Hand nach ihm aus, und er * 68 Taura Pemegta. eilte ohne Weiteres auf ſie zu und kuͤßte ſie. Dies wunderte mich, da er ſonſt ſchuͤchtern gegen Fremde war. 5 — Wir kennen einander ſchon,— 2ſägt die Dame: — ich habe ihn oft mit ſeiner Waͤrterin begegnet.— Diieſe Worte belehrten mich ſogleich, mit wem ich ſprach. Ich ſah zum erſtenmale Lady Catharine H... die Tante Lord L—— s, fuͤr welche ich ſeit ſes Jahren ſchon ſo große Ehrfurcht gehegt, und ſo oft ſie zu ſehen gewuͤnſcht hatte. Ich verneigte mich tief, und meine Blicke waren unſtreitig ganz der Ehrerbie⸗ tung angemeſſen, welche in dieſer Verbeugung lag. Sie nahm mich bei der Hand.«Laura,“ ſagte ſie, wich wuͤnſchte mit Ihnen ganz allein zu ſprechen.“» Dieſe vertrauliche Benennung erfuͤllte mich mit Freude. Ich konnte nicht ſprechen, ſondern druͤckte nur die Hand, die ſie mir gereicht hatte, an's Herz, und fuͤhrte ſie in das kleine Betzimmer. Als ich hier mich neben ſie ſetzte, hielt ſie meine beiden Haͤnde zaͤrtlich in den ihren, und ſagte ſehr herzlich:«Meine liebe Laura!“ hielt aber ploͤtzlich wieder inne, als wiſſe ſie nicht, wie ſie fortfahren ſolle. «Ach meine verehrte gnaͤdige Frau,“ rief ich aus: „Sie wiſſen nicht, wie gluͤcklich Sie mich machen!“» — Und doch bringe ich nur Boͤſes— als ſie mich aber blaß werden ſah, fuͤgte ſie ſchnell hinzu:— Boͤ⸗ ſes naͤmlich nur fuͤr kurze Zeit, das aber Ihr Muth — Laura Pemegia. 69 bald beſiegen wird. Ihr unſchuldiges und offnes Weſen uͤberzeugt mich, daß ich Sie nicht vergebens anflehen werde, daß die Hoffnung, die mich hierher fuͤhrte, nicht getaͤuſcht werden wird. Um Sie nicht laͤnger in Ungewißheit zu laſſen und gerade auf die Hauptſache zu kommen, geſtehe ich Ihnen, daß ich lange uͤber die Verirrungen meines Neffen getrauert habe; ſeit ich Sie aber geſehen, verzeih' ich ihm von ganzem Herzen. Was aber erſt nur eine jugendliche Unbeſonnenheit war, iſt nun zu einer ungluͤcklichen Leidenſchaft herangewachſen, welche ihn veranlaßt, einen Vater, deſſen ganze Hoffnungen auf ihm be⸗ ruhen, zur Verzweiflung zu bringen. Haͤtte mein Neffe nicht Ihre Unſchuld mißbraucht, indem er auf⸗ hoͤrte, dieſe zu achten; haͤtte er nicht, indem er Sie herabwuͤrdigte, eine unuͤberſteigliche Scheidewand zwi⸗ ſchen Ihnen beiden aufgeſtellt, ſo weiß ich nicht, was ſeine Familie in Betracht Ihres liebenswuͤrdigen Cha⸗ rakters und Ihrer ungemeinen Schoͤnheit, nicht alles fuͤr Opfer gebracht haben wuͤrde. Aber er hat Sie in Schuld gegen goͤttliche und menſchliche Geſetze ge⸗ ſtoßen. Indem er Sie vollkommen unwiſſend uͤber die wahre Beſchaffenheit Ihres Verbrechens erhielt, hat er deſſen ganze Verantwortlichkeit auf ſich gela⸗ den. Jetzt jedoch, da Sie davon unterrichtet ſind, da Sie Ihre Lage kennen, faͤllt dieſe wieder auf Sie zuruͤck. Wenn Sie dabei beharren wollen, mit einem 70 Taura Pemegia. Manne zu Schande und Schmach aller Tugend und Ehre zu leben, koͤnnen Sie ſich dann ſelbſt fuͤr un⸗. ſchuldig halten? Nein, nein, die urſpruͤngliche Rein⸗ heit Ihres Herzens wird dieſe Frage laut beantwor⸗ ten, und ſo werden Sie durch ein ſchnelles, ob auch ſchmerzliches Opfer Ihre Schuld ſuͤhnen. Laura, es ſteht in Ihrer Macht, unendlich viel Gutes, aber auch furchtbares Uebel zu thun:— Sie haben die Wahl.— Jetzt ſchwieg ſie ſtill und ſchien den Eindruck zu erwarten, den ihre Rede auf mein Gefuͤhl gemacht habe. Bis in's Innerſte erſchuͤttert und faſt athem⸗ los fragte ich zitternd, was man von mir verlange? — Irland auf einige Zeit zu verlaſſen— nach Si⸗ zilien zuruͤckzugehen;— entgegnete Lady Catharine. Meine Antwort war ein Schrei des Schmerzes — meine Augen ſchloſſen ſich— ich verlor den Ge⸗ brauch meiner Sinne und ſank auf den Fußboden. Die grauſame Frau beugte ſich uͤber mich und rief, mit allem, was mich beſaͤnftigen und mir wohl thun konnte, mich zur Beſinnung zuruͤck. Als ich wieder zu mir gekommen war, malte ſie mir den Heldenmuth und die Ergebung in den Entſchluß aus, zu dem ſie mich zu beſtimmen ſuchte. Sie ſprach von dem ſter⸗ benden Earl.— Er iſt's,— ſagte ſie:— der Sie an⸗ fleht!— Wollen Sie, koͤnnen Sie taub ſeyn fuͤr ſeine Taura Pemegia. 71 brechende Stimme?— Sie kennen ſeine Handſchrift. Sehen Sie hierher.— Ich ſtarrte auf das Papier, waͤhrend ſie folgen⸗ des las: Ich beſaß zwei Soͤhne, von denen allein ich das Gluͤck meines Lebens erwartete. Einer hat meinen Tod beſchleunigt, der andere ſteht im Begriff, mich vollends in's Grab zu ſtuͤrzen. Sprechen Sie an das Herz der jungen Frau. Man ſagt, daß trotz ihres ſtrafbaren Lebenswandels, ſie edler Gefuͤhle noch faͤhig iſt. Sie ſoll die reichſten Beweiſe meiner Dank⸗ barkeit mit ſich in ihr Vaterland zuruͤcknehmen, vol⸗ les Auskommen fuͤr ein anſtaͤndiges Leben, und den Segen eines alten Mannes auf ihr Haupt. Wider⸗ ſteht ſie aber meinen Bitten und bleibt, ſo wird ſie das Brandmahl der Schande und die Urſache meines Todes ſeyn.” «Es iſt genug, genug!“ rief ich ungeſtuͤm aus. Meine Pflicht iſt es, zu ſterben! O, der grauſame Vater! daß er ſolche Worte ſchreiben konnte, wie dieſey! fuͤr mich, der er ſtets ſo ehrwuͤrdig erſchien, die ihn gern ſelbſt ſo hoch geehrt haͤtte. Ach, ich wußte ja nicht, daß es ein Verbrechen war, ſeinen Sohn zu lieben! Niemand ſagte mir das! Erklaͤren Sie dies wenigſtens dem Earl, ſagen Sie ihm, daß ich ihn beleidigte, ohne zu wiſſen, daß ich es that; daß ich in meinem Irrthum nicht verharre, daß ich 72 Taura Pemegia. fortgehen will, fort von hier, fort von Lord L——. So bald er wieder hierher zuruͤckkommt, will ich ihm meinen Entſchluß entdecken, aber von meinen eigenen Lippen muß er ihn erfahren.⸗» — Nein, Laura! da werden Sie beſſer fuͤr ſein Gluͤck bedacht ſeyn, wenn er Ihnen theuer iſt.— Wenn er mir theuer iſt? O Himmell⸗ — Sie werden ihm den hoͤchſten Beweis Ihrer wahren Liebe geben, wenn Sie ihm einen furchtbaren Auftritt erſparen, der Euch beide nur noch elender machen muͤßte. Er wird dieſes letzte Opfer nach ſei⸗ nem wahren Werthe fuͤhlen und ſchaͤtzen. Ich habe bis jetzt bloß mit Ihnen von Ihren Pflichten gegen Gott und die Rechte eines ehrwuͤrdigen Vaters ge⸗ ſprochen. Jetzt muß ich mich aber auch an ihr eige⸗ nes Wohl und Weh wenden. Bedenken Sie einmal, wenn nun Lord L—— ſeinen Vater todt vor ſich ſaͤhe, und ſeine Leidenſchaft erloͤſchte ploͤtzlich— wenn er nun aufhoͤrte die zu lieben, die er ſelbſt jetzt noch nicht...— «O! er hat mir geſagt, daß er mich ewig lieben werdel“ — Und glaubt es vielleicht auch, aber er hinter⸗ geht ſich ſelbſt.— Und Sie ſind uͤberzeugt, daß er mich endlich ſo⸗ gar haſſen koͤnnte?“ — Wenn Taura Pemegta. 73 — Wenn er aber aufhoͤrt Sie zu lieben!.... und ich bin feſt uͤberzeugt, daß in ein bis zwei Jahren.— «Ein oder zwei gluͤckliche Jahre! O! wenn ich ihn nur einen einzigen Tag ſehen koͤnnte— nur einen Augenblick!“» — Wenn Sie aber wahrhaft Reue fuͤhlen, und auf den Weg der Tugend zuruͤckkehren, werden Sie ſo⸗ wohl in ſeinen als in den Augen der ganzen Fami⸗ lie als ein hoͤchſt achtbares und der Theilnahme wuͤr⸗ diges Weſen daſtehen.— Aber dieſe Kinder, die er ſo abgoͤttiſch liebt— wie koͤnnte er es ertragen, dieſe nie wieder zu ſehen?“ Dieſe Frage, welche deutlich anzeigte, wie wenig ich noch das ganze Elend kannte, das man auf mich haͤufen wollte, ſchien Lady Catharina fuͤr einen Au⸗ genblick zu uͤberraſchen. Sie ſchwieg, beſann ſich aber bald wieder, und ſprach mit dem Tone der grauſam⸗ ſten Zuverſicht die herzzerreißendſten Worte, die ich jemals hoͤrte:«Ihre Kinder muͤſſen in Irland bleiben. Ich berufe mich nicht auf die Geſetze, welche ſie in ſolchen Faͤllen dem Vater zuſprechen; nur zu Ihrer Liebe fuͤr dieſe Kinder, als deren Mutter, ſpreche ich jetzt. Erinnern Sie ſich, Laura, wie Sie ſelbſt er⸗ zogen wurden, und wuͤrdigen Sie darnach die Ab⸗ ſichten derer, die um Ihrer Kinder willen das muͤh⸗ ſame Geſchaͤft in dieſer traurigen Angelegenheit uͤber ſich genommen haben.“ I. 4 74 TLaura Pemegia. Ich verlor alle Kraft des Geiſtes wie der Ueber⸗ legung, Ich dachte nicht an meine eigenen Rechte, an mein eigenes muͤtterliches Anſehn. Ich fuͤhlte mich in der Hand einer ſchönungsloſen Feindin. So warf ich mich denn zu ihren Fuͤßen, umfaßte ihre Kniee und beſchwor ſie mit den demuͤthigſten Bitten, daß ſie mir meine Kinder laſſen moͤchte. Ich erbot mich, mit ihnen in den entlegenſten Winkel des Landes zu entfliehen, mich unerreichbar vor Lord L—— zu ver⸗ bergen, mich gaͤnzlich fuͤr die Welt zu begraben. Statt daß meine Mutterangſt ſie aber haͤtte bewegen ſollen, antwortete ſie mir mit der hoͤchſten Strenge in Blick und Ton:«Ihr Schickſal liegt in Ihren Haͤnden. Ich kann Sie nicht zwingen. Ein Bote wartet auf meine Antwort an den Earl. Sein Leben oder Tod haͤngt davon ab. Ich werde ihm melden, daß Sie unerbittlich ſind.— Leben Sie wohl.“» Sie ſtand auf und wollte gehen. Ich ſtuͤrzte wieder vor ihr nieder, um ſie aufzuhalten, und ergriff ihr Gewand. So ſetzte ſie ſich dann wieder, und blickte feſt aber nicht unfreundlich auf mich. Ihre Zuͤge zeigten nun edle Ruhe und Wuͤrde. Sie ſprach weiter, und jedes ihrer Worte begleiteten Liebkoſun⸗ gen, die auch ein haͤrteres Herz als das meine beſiegt haben wuͤrden. Auf die lebendigſte Art ſchilderte ſie alle die Eigenthuͤmlichkeiten meiner Lage. Sie malte mir das Sterbelager des Earl, die Verzweiflung ſei⸗ Taura Hemegia. 75 nes Sohnes, das Elend einer ganzen Familie— mich ſelbſt als den Gegenſtand allgemeiner Verwuͤnſchung. Auf der andern Seite zeigte ſie mir meine Kinder, aufwachſend in allen Vortheilen der Erziehung und des guten Verhaltens, einſt mit mir wieder vereint, und mich dann ſegnend ob der That, die ich gethan, und ihren Vater, der immer mit Achtung und Dank⸗ barkeit und einer Zuneigung auf mich blicken wuͤrde, nicht minder heiß, aber reiner als die, welche er je fuͤr mich empfunden. Ich ward uͤberwaͤltigt, beſiegt, widerſtandslos— mein feierliches Verſprechen erfolgte. Als ich aber das unſelige Wort ausſprach, war es, als wenn das ganze Univerſum fuͤr mich aufhoͤre zu ſeyn.— Lady Catharina eilte fort. Ihre letzten Aeußerungen wa⸗ ren die, mir morgen einen Wagen zu ſchicken und mich nach Clermont⸗Hall abholen zu laſſen, um alles wegen der Kinder in Ordnung zu bringen. Kaum hatte ſie das Zimmer verlaſſen, als Han⸗ nah eintrat, welche alles gehoͤrt, was vorgefallen war. Ich kann weder den Auftritt, der nun folgte, noch alle die Anſtrengungen ſchildern, welches dieſes treff⸗ liche Weſen machte, um meinen Schmerz zu maͤßigen. Alles war fruchtlos. Jedes Wort, das zum Troſt gereichen ſollte, verwandelte ſich in neue Qual, denn jedes uͤberzeugte mich immer mehr von meiner Schuld, und der Nothwendigkeit meines Opfers. 4* 76 Taura Pementa. Die Nacht, welche auf dieſen furchtbaren Tag folgte, war noch ſchrecklicher. Waͤhrend es hell um mich war, hatte mich die Heftigkeit meiner innern Erregung und die Kraft der Verzweiflung aufrecht erhalten. Der Kampf gegen meine Gefuͤhle in An⸗ weſenheit der Kinder kraͤftigte mich gewiſſermaßen ſelbſt dann noch, als ſie hinweggegangen waren und ſchlie⸗ fen. Nach und nach ſchien aber alsdann jede Stuͤtze unter mir zu brechen, und als die Stille der Nacht eintrat, wanderte ich in unſerer laͤndlichen Wohnung ruhelos auf und ab, und ſtieß endlich ſolche durch⸗ dringende Toͤne des heftigſten Jammers aus, daß die Kinder erwachten, und die Dienerſchaft zu meiner Huͤlfe herbeieilte. Hannah aber nahm die Kinder mit auf ihr eigenes Zimmer, und ich bat die Anderen, mich allein zu laſſen, welches ſie auch unter Thraͤ⸗ nen thaten. Man konnte mich nicht dazu bringen, mich nie⸗ derzulegen, ſondern ich wanderte im Zimmer beſtaͤn⸗ dig auf und ab, und ließ alles, was am Tage vor⸗ her geſchehen, meinem Geiſte voruͤbergehen. Ploͤtz⸗ lich ſchien in ihm ein neues Licht zu tagen; ich dachte ſchaͤrfer uͤber einige unzuſammenhaͤngende Aeußerun⸗ gen Hannah's nach. So fragte ich mich denn ſelbſt: «„Geh' ich auch in meiner blinden Unterwerfung nicht zu weit? Bin ich nicht mir, meinen Kindern und ih⸗ rem Vater ein anderes Benehmen ſchuldig? Ja, jal! Taura Pemegia. 77 Hannah ſprach wahr: Kein lebendes Weſen hat das Recht dazu, mich von dieſer Stelle zu verdraͤngen als Lord L—— ſelbſt; ich bin freil“ — Nein, Sie ſind es nicht!— entgegnete eine tiefe und feierliche Stimme, welche ich ſogleich erkannte. Ich hob mein Haupt empor, und erblickte bei dem ſchwachen Lichte meiner Nachtlampe die ehrwuͤrdige Geſtalt des alten Prieſters, den ich nur Einmal zu⸗ vor geſehen hatte. «Ach! ich bin verloren!“ kreiſchte ich, und bedeckte das Geſicht mit beiden Haͤnden. — Nein, armes Weſen, nichts weniger als das;— ſagte er:— Sie ſind zuruͤckgekehrt von dem Pfade, der Sie zum Verderben fuͤhrte.— Dieſe Worte ſprach er in dem Tone wahrhafter Erhebung. Ich warf einen trauernden Blick auf ihn. Sein Auge glaͤnzte von Freude. Galt dies nun ei⸗ nem geretteten Suͤnder, oder einem erworbenen Pro⸗ ſelyten; ich wußte es nicht. Damals aber wenigſtens erſchien er mir in dem Ehrfurcht gebietendſten Lichte, und ich hoͤrte auf ſeine Gruͤnde, ward hingeriſſen von ſeinen Anſichten, und vereinte mich mit ſeinen Gebe⸗ ten, als ob er einen Theil ſeines Geiſtes auf mich uͤbertragen haͤtte. Und was war der Inhalt all' unſers Flehens zum Himmel? Flucht und Entfer⸗ nung von dem, das mir das Theuerſte auf der Erde! Um Kraft, dies zu ertragen, um Gnade, meinen Vor⸗ Taura Pemegita. ſatz auszufuͤhren, beugte ich meine Kniee, und erhob meine Stimme, und ergoß meine Seele. War dies nicht Gotteslaͤſterung? Welches Herz mag es laͤug⸗ nen?— Doch auf wen darf ich mich berufen? Wer kann mir jetzt antworten, oder mit mir fuͤhlen? Als der Prieſter mich gegen Tagesanbruch verließ, ſchloß eine Art von lethargiſchem Schlummer meine Augen⸗ lieder, und enthob mich aller Empfindung meines Elends.— Als ich erwachte, war der Tag ſchon weit vorge⸗ ruͤckt, und die Sonne ſchien hell in mein Gemach und auf die leeren Schlafſtaͤtten meiner Kinder. Ich ſchreckte empor und rief laut nach Hannah, die nahe bei wachte und augenblicklich zu mir kam. — Sie ſind noch da, geliebte gnaͤdige Frau!— rief ſie mir zu und holte die Kinder aus einem andern Zimmer, wo ſie auf mein Erwachen gewartet hatten. Ich will es nicht verſuchen, meine Leiden waͤhrend dieſes Tages zu ſchildern, wie ich auf meine theuern Kleinen blickte, auf ihr ſuͤßes Geſchwaͤtz lauſchte, meine Seufzer zuruͤck hielt, meine Thraͤnen unterdruͤckte, und mit ihnen ſpielte, bis mein Herz ſich vor Angſt nicht mehr zu laſſen wußte. Nach Tiſche fingen wir wieder an zu ſpielen. Alle ihre Spielſachen wurden herbeigebracht, ich nahm eins nach dem andern in die Hand, und kuͤßte jedes, ohne kaum zu wiſſen, was ich that. Die Kinder hingen an mir, bedeckten mich Taura Pemegta. 79 mit Liebkoſungen, und ſchienen es zu ahnen, daß mir eine geheime Laſt auf dem Herzen lag. Jetzt trat Hannah eilig in's Zimmer und ſagte mir mit bebender Stimme, daß man nach mir ver⸗ lange. Ich ſprang ſchnell auf, umarmte wild die Kinder, nahm haſtig Ueberrock und Hut, und indem ich mich durch eine ſolche ploͤtzliche Flucht Gefuͤhlen entriß, die außerdem unertraͤglich geweſen ſeyn wuͤr⸗ den, warf ich mich in den Wagen, der meiner an der Thuͤr harrte. Eine achtbar ausſehende Frau ſtand auf der Stufe und ſagte mir, als ich in den Wagen ſtieg, etwas von ihrer Herrſchaft, das ich nicht ver⸗ ſtand. Als der Wagen fortfuhr, eilten alle meine Leute an die Thuͤr, und Hannah hielt an jeder Hand eines meiner Kinder. Auf jedem Geſicht war der Ausdruck des Schmerzes ſichtbar, außer auf dem die⸗ ſer kleinen Engel, die mir zulaͤchelten und mit ihren kleinen Haͤndchen winkten, bis ſie mich nicht mehr ſehen konnten. «Wir fahren nach Clermont⸗Hall?“ fragte ich meine Begleiterin, die mir gegenuͤber ſaß. — Ja, gnaͤdige Frau;— antwortete ſie. Das ſchnelle Fahren und die heftige Angſt, die in mir tobte, fingen an auf mein koͤrperliches Befinden einzuwirken. Es drehte ſich alles mit mir um, und ſchon verwirrten ſich meine Sinne voͤllig, als der Wagen vor dem Haupteingange eines ſtattlichen Hau⸗ 80 Taura Pemegia. ſes hielt, das ich fuͤr Clermont⸗Hall erkannte. Ich beſinne mich nun auf weiter nichts mehr, als daß ſich das große Thor oͤffnete, und eine ſchlanke weib⸗ liche Geſtalt, welches unſtreitig Lady Catharina war, die Treppe herab kam und in den Wagen ſtieg. Sie umarmte mich dann mehrere Male, anſcheinend in heftiger Bewegung, ohne jedoch den langen weißen Schleier zu heben, der ihr Geſicht bedeckte. Hierauf ſtieg ſie wieder eben ſo ſchweigend, wie bisher, aus dem Wagen, und augenblicklich ging es im geſtreckten Galopp vorwaͤrts. Mit derſelben furchtbaren Schnel⸗ ligkeit reiſ'ten wir die ganze Nacht hindurch, und am andern Morgen ward ich in einem Hafen, den ich nicht kannte, an Bord eines Schiffes gebracht. Hier verließ mich meine weibliche Begleiterin und uͤbergab mich der Frau des Schiffkapitains, einem angeneh⸗ men, freundlichen Weibchen, die vom erſten Augen⸗ blicke an alles that, was in ihrer Gewalt ſtand, um meine Angſt zu beruhigen und die Haͤrte meines Schickſals zu mildern. Nun bin ich ſeit drei Wochen zur See. Irland liegt weit hinter mir. Doch blicke ich Tag und Nacht nach Weſten, als ob— ich kann den Gedanken nicht ausdenken. Auf einem Schiffe lernte ich zuerſt kennen, was Gluͤckſeligkeit ſey, und jetzt! Mein ein⸗ — Taura Pemegia. 81 ziger Troſt iſt das Niederſchreiben dieſer Lebensſkizze geweſen: ohne dies waͤre ich wahnſinnig geworden. Werde ich denn nie wieder ſeinen oder meiner theu⸗ ern Kinder Augen begegnen? Wieder auf dem Boden meiner Heimath!— wie⸗ der in Sizilien! Wo aber ſind meine fruͤheren Ge⸗ fuͤhle, meine ſchuldloſen Freuden, meine heitere Un⸗ wiſſenheit?! Schon ſeit einer Woche bin ich am Lande. In meiner eignen Bucht landeten wir. Alle Ge⸗ genſtaͤnde der Erinnerung aus meinen Kinderjahren boten ſich auf einmal wieder dar. Die ganze Nach⸗ barſchaft eilte an die Kuͤſte, um die Ankoͤmmlinge zu ſehen, und zu erfahren, was bei gutem Wetter ein fremdes Schiff hierher fuͤhren koͤnne. Ich bemerkte mehrere wohlbekannte Geſichter, Maͤnner, die ſich ſehr wenig veraͤndert hatten, Frauen von vorgeruͤcktem Al⸗ ter, noch ziemlich dieſelben, Maͤdchen, die indeß her⸗ angereift waren, einige auch verheirathet, mit ihren Kindern neben ſich, aber Niemand erkannte mich!— Endlich, als ich, von dem Kapitain und ſeiner⸗ Frau gefuͤhrt, nach ihrer Anweiſung, mitten durch die Gruppen der Zuſchauer, nach dem Kloſter der weißen Buͤßenden ging, draͤngte ſich ein Weib vor⸗ waͤrts und eilte gerade auf mich zu. Ihre Zuͤge 4** ſelmo hat es uͤber ſich genommen—» Vaura Pemegia. waren unruhig und alle ihre Bewegungen konvulſi⸗ viſch. Ich ſchauderte zuruͤck. Alle die Menſchen um⸗ her ſuchten ſie abzuhalten, aber ſie ſchleuderte ſie zur Seite, und blickte mich, indem ſie vor mir ſtehen blieb, mit einem furchtbaren Ausdruck der Freude an. Ein Thraͤnenſtrom entſtuͤrzte nun ihren Augen, ſie rang die Haͤnde, und rief mit lauter vom Schluchzen unterbrochener Stimme:«Ja, ſie iſt es! Aber wo iſt die Schoͤnheit hin, auf die ich ſo ſtolz war— um derentwillen ich meine unſterbliche Seele verkaufte!? Wo ſind die Strahlen ihrer Augen, die Roſen ihrer Wangen? Dein Bruder iſt todt, Laura! Willſt Du mir noch ein anderes Verbrechen vorwerfen? Willſt auch Du ſterben, damit die Laſt meiner Schuld noch ſchwerer werde?“ Dieſe Worte meiner ungluͤcklichen Mutter waren zu viel fuͤr meine erſchoͤpften Kraͤfte. Ich ſank in die Arme des Kapitains, und als ich meine Beſin⸗ nung wieder erhielt, befand ich mich in dem einzeln liegenden, zum Kloſter gehoͤrenden, Hauſe, das fuͤr die Aufnahme von Reiſenden jeden Geſchlechts einge⸗ richtet war. Der Kapitain und ſeine Frau ſaßen ne⸗ ben mir, und unweit ihrer ein junger Mann in der Kleidung eines der Moͤnche dieſes Kloſters. Unter den erſten Worten, welche die Frau des Kapitains an mich richtete, verſtand ich folgende:«Vater An⸗ Taura Pemegia. 8³ Bei'm Klange dieſes Namens ſprang ich von dem Lager, auf welches ſie mich gebracht hatten. Ich ſtrich die Haare aus dem Geſicht und blickte in das des jungen Mannes. Ich brauchte nicht lange zu ſchauen. Sein Blicke antworteten den meinen. Ich lag im naͤchſten Augenblicke in den Armen dieſes hoch⸗ geliebten Bruders, von dem unſere wahnſinnige Mut⸗ ter glaubte, daß er ſeinen Tod im Meere gefunden habe, der aber lebte, um ſeine reuige Schweſter mit dem Schutze ſeines heiligen Berufs, den er aus Kum⸗ mer uͤber deren Verluſt erwaͤhlt hatte, zu ſchirmen. DSo iſt denn noch ein Funke der Hoffnung leben⸗ dig; ſo bindet mich denn noch Ein Band an das Daſeyn! Doch ſcheint die Natur fuͤr mich geſtorben. Ich wandere vom Anbruche des Morgens an bis Sonnenuntergang an dieſer Kuͤſte, aber meine Blicke ſind immer nur nach der Seite zu gewendet, wo ich mir vorſtelle, daß Irland liegt. Ich fliege durch den Wald bis zu dem Orte, wo ich ihn zuerſt begeg⸗ nete. Dort finde ich nur froͤhliche Maͤdchen, Blu⸗ men ſuchend, eben ſo heiter und unbeſonnen, als ich es in ihrem Alter war. Moͤchten meine heißen Thraͤ⸗ nen wenigſtens fuͤr ſie nicht vergebens fließen—⸗ moͤchte mein Beiſpiel ihnen eine Warnung ſeyn! Al⸗ les, was ich beſitze, will ich anwenden, um es mit den aͤrmſten unter ihnen zu theilen. Der Tod, nach welchem ich mich ſehne, wird dieſe Gabe heiligen. Taura Pemenia. Mein Bruder kennt meine Wuͤnſche. Er weiß, wo ich mein Grab haben will— auf derſelben Stelle, wo ich zuerſt— und wenn es ſich je ereignen ſollte, daß er— und meine Kinder, meine theuren, theuren Kinder!— O, barmherziger Himmel! ſchenke mir Kraft!— Was ſeh' ich?— Eben jetzt— in der Bucht— ein Schiff— die engliſche Flagge— es iſt—. Hier endete die Erzaͤhlung. Vater Anſelm fuͤgte noch in unſerer fruͤher ge⸗ dachten Unterredung folgende Mittheilungen hinzu. Kaum hatte Laura die Feder niedergelegt, welche die letzten abgebrochenen Worte ihrer Selbſtbekennt⸗ niſſe ſchrieb, als ſie mit faſt wahnſinniger Haſt aus dem Zimmer eilte, das Kloſter verließ und an die Kuͤſte lief. Das Schiff, das ſie, als es um einen vorſpringenden Felſen ſegelte und in die Bay einfuhr, ſo ploͤtzlich erblickt hatte, war kein anderes als die wohlbekannte Jacht, in der ſie ſechs Jahre zuvor aus ihrem Vaterlande hinweggeſegelt war. Sie war in der ſtillen Bucht gelandet, und ehe noch Laura das Ufer ganz erreichen konnte, ſegelte ein Boot von dem Schiffe eiligſt der Kuͤſte zu. Fuͤnf Perſonen ſtanden eng gedraͤngt am Vordertheile deſſelben. Ein junger Mann mit einem Kinde an jeder Hand, ein aͤlterer 1 —õyõy—ͤ e— — Taura Pemexia. 8⁵ von achtbarem Anſehn, und eine Frau von mittleren Jahren. Soll ich ihre Namen noch erſt nennen? Bedurfte Laura noch einer Erklaͤrung? Sprachen nicht die geſchwenkten Huͤte, die ausgebreiteten Arme, der laute Freudenruf der Liebe von allem, was ihr theuer war, zu ihrem innerſten Herzen? Und als er durch die ſchwache Brandung an das Ufer ihr entge⸗ gen ſprang und ſie in ſeine Arme ſchloß— als die kleinen ſchuldloſen Weſen durch das Waſſer wateten und die Kniee der Mutter umfingen— als die theil⸗ nehmende Hannah und der treue O'Brien in die Gruppe eintraten, mußte da nicht ihr Herz vor Freu⸗ den brechen?— Nein— es drohete zu vergehen, aber es erhob ſich wieder. Der Quell des Lebens war zuruͤckgetreten, um mit neuer Kraft wieder her⸗ vor zu ſprudeln. Das Dunkel entflieht vor ihren Augen, die Laſt iſt gewaͤlzt von ihrer Bruſt, und die Strahlen der Wonne, die durch die Nebel des Un⸗ gluͤcks glaͤnzen, umſtroͤmen alles rings mit ihrer leuch⸗ tenden Fluth. Eine freudige Salve der Artillerie und der laute Ruf irlaͤndiſcher Froͤhlichkeit ertoͤnt uͤber die Wellen, und die Felſen hallten den Ton wieder, als Laura in des neuen Earls offene Arme flog, denn der Vater Lord L——'s war geſtorben. Seine irdiſche Laufbahn endete ſich, ehe er das Elend des Weibes erfahren konnte, deren Opfer ſeinen Seelenfrieden ſichern, wo nicht ſein Leben erhalten ſollte. Hannah 86 Taura Pemegia. verlor, als ſie die Hinterliſt erfuhr, mit welcher man. ihre Herrſchaft hinweggelockt hatte, in dem kraͤftigen Treugefuͤhle, das ihrer Nation ſo eigenthuͤmlich iſt, keinen Augenblick, ſondern floh mit den Kindern an die Kuͤſte. Die Dienerſchaft und die Paͤchter, die Lord L—— und Laura anbeteten, unterſtuͤtzten ihre Flucht auf alle moͤgliche Art, und ſie erreichte London am Tage nach dem Begraͤbniſſe des alten Earl. Sein Sohn ſchreckte aus ſeinem kindlichen Schmerze auf, verſchmaͤhte alle Anerbietungen neuer Ehrenſtellen, und eilte mit Hannah, O'Brien und den Kindern zu dem Hafen, wo ſeine Jacht bereit lag jeden Augenblick in See zu ſtechen.. Sobald als ihre Gemuͤther beruhigt genug waren, um etwas anderes als Ausbruͤche unbewußten Ent⸗ zuͤckens hervorbringen zu koͤnnen, wurden die Her⸗ zen und Haͤnde der beiden Liebenden durch kirchliche Weihe von Laura's Bruder in der Kloſterkapelle ver⸗ einigt. Um aber dieſe Verbindung auch geſetzlich guͤl⸗ tig zu machen, begaben ſie ſich ſogleich nach Rom, wo alle Formalitaͤten gehoͤrig beobachtet wurden, ſo daß Laura Pemegia die unbeſtrittene Mitbeſitzerin des Namens, Vermoͤgens und Ranges des Mannes ward, dem ſie freilich durch kein Ritual auch nur noch den kleinſten Theil ihres Herzens mehr verleihen konnte, als er es ſchon beſaß. Wenn der Geiſt des verſtorbenen Earls auf die Erde herabblickt, und ihrer Seligkeiten ſich Taura Pemegta. 87 bewußt werden kann, muß er mit dem Sohne zufrie⸗ den ſeyn, der dem Weſen, das ſich ihm ganz opferte und fuͤr ihn alles dahin gab, den einzigen, gerechten und edlen Erſatz gewaͤhrte, der in menſchlichen Kraͤf⸗ ten lag. Seit ihrer ehelichen Verbindung bis jetzt haben ſie außerhalb ihres Vaterlandes gelebt, und waren beide das Entzuͤcken und der Stolz der gebildetſten Kreiſe des Feſtlandes. Der Earl ſcheuet ſich nach England zuruͤckzukehren, nicht um ſeinet⸗, ſondern um ihretwillen; denn er fuͤrchtet, daß irgend eine vor⸗ nehme Clique, die den Modeton angiebt und falſche Sittlichkeit nachaͤfft, ſeiner gewiß ſchuldloſen, obgleich ſo lange getaͤuſchten Laura den Zutritt in jene Geſell⸗ ſchaften nicht verſtatten wuͤrde, wo ſo manches hirn⸗ loſe und verdorbene Weſen ſeinen Platz in anmaßen⸗ der Hoͤhe einnimmt. Noch eine andere Urſache hindert des Earls Ruͤck⸗ kehr, und beraubt Irland eines ſeiner geachtetſten und einflußreichſten Maͤnner. Sein aͤlteſter Sohn i*ſt illegitim, ohne Rang, ohne Namen, ohne Vermoͤ⸗ gen, waͤhrend ſein mehrere Jahre ſpaͤter geborner Bruder der gluͤckliche, geſetzmaͤßige und einzige Erbe⸗ von allem dieſen iſt. Der Earl iſt, ſo wie ſeine Gat⸗ tin, auf Friedrich immer ſtolz geweſen. Der Knabe mußte ſich nun ſelbſt einen Namen machen— fuͤr Gluͤcksguͤter hatte ſeines Vaters Liebe bereits geſorgt, Taura Pemexia. und indem ich dieſes jetzt ſchreibe, erblicke ich dieſen Namen unter den erſten, die als Freiwillige in der ruſſiſchen Armee, auf tuͤrkiſchem Boden, zuerſt das Schwert gezogen haben gegen die Henker Griechen⸗ lands, jene Nation, deren Vertreibung aus der civi⸗ liſirten Welt ſelbſt Exceſſe heiligen und eine Haupt⸗ Ausnahme von der allgemeinen Regel der Politik und des Voͤlkerrechts rechtfertigen wuͤrde. Laura's ungluͤckliche, durch Gewiſſensbiſſe ſinnbe⸗ raubte Mutter wanderte zu der Zeit, da ich jene Kuͤſte beſuchte, unter der Aufſicht ihres Sohnes an derſelben umher. Sie gehorchte ihm, wie wir geſe⸗ hen haben, hielt ihn aber immer fuͤr todt. Dies glaubte ſie auch von Laura, durch deren Geſpenſt ſie ſich verfolgt waͤhnte. Dieſer letzte Gedanke ward da⸗ durch beſtaͤrkt, daß ſie die Marmorſtatue im Walde immer in ihrer Naͤhe ſah. Dieſe Bildſaͤule war un⸗ ter des Earls Aufſicht in Rom gefertigt und nach Sizilien geſendet, dort aber an demſelben Orte aufge⸗ ſtellt worden, wo er deren ſchoͤnes Original zum er⸗ ſtenmale ſah. Allgemein galt es dem Beſchauer fuͤr ein Denkmal jugendlichen Reizes; fuͤr die ſchuldbela⸗ ſtete Mutter aber war es Erinnerung an Verbrechen, Merkmal fuͤr Reue und Elend. Hannah und O'Brien behielten ihre Stellen nicht allein im Dienſte und Verhaͤltniß, ſondern auch— beſonders die erſtere— in den Herzen ihres Herrn Taura Pemegia. 89 und ſeiner Gattin. Treue auf edlen Boden geſaͤet, brachte reiche Ernte der Dankbarkeit. Vater Anſelm lebt noch in ſeinem Kloſter, gluͤck⸗ lich in den Genuͤſſen eines tugendhaften Gemuͤths. Er unterhaͤlt ſchriftlich eine ſtete Gemeinſchaft mit ſeiner ihm dankbar verpflichteten Schweſter. Die kleine Laurette iſt nun zur Jungfrau herangereift und giebt vielleicht bald einem Erzaͤhler Gelegenheit, daſ⸗ ſelbe von einer ihrer Toͤchter zu ſagen, denn man denkt eben an ihre Verbindung mit einem jungen vor⸗ nehmen Deutſchen; und ſomit hat Laura Pemegia, die wir dem Leſer als ein Kind von vierzehn Jahren zuerſt vorfuͤhrten, die Ausſicht, noch vor ihrem vier⸗ und dreißigſten Großmutter zu werden. Eine Huß zu knarkten. (A bone to pick.) Ein Zug irlaͤndiſcher Rachſucht. * 8* . ₰ Der Irländer ſagt:„Jemanden einen Knochen zu nagen geben;“ der Franzoſe:„donner un os à ronger;“ der Deut⸗ ſche:„eine harte Nuß aufbeißen laſſen.“ Der Sinn der drei Sprichwörter iſt:„Ich gebe Dir etwas zu rathen auf.“ 1 * 8* Wer den Charakter des Irlaͤnders ſtudirt, muß ge⸗ wiß unter ſeinen am haͤufigſten vorkommenden Eigen⸗ ſchaften Humor und Rachſucht bemerkt haben. Eine kecke Miſchung dieſer beiden ungleichen Eigenthuͤmlich⸗ keiten iſt ſehr gewoͤhnlich. Oft ſehen wir jene toͤdt⸗ liche Leidenſchaftlichkeit durch Zuͤge nationeller Heiter⸗ keit gemaͤßigt, die man«in der Unterhaltung fuͤr tref⸗ fender als Witz“ erklaͤrt hat, aber dem Becher des Elends, den man fuͤr den Gegenſtand rachſuͤchtiger Verfolgung fuͤllte, einen nur um ſo bittern Geſchmack beimiſcht. Man koͤnnte zahlloſe Beiſpiele dafuͤr an⸗ fuͤhren; ich will aber bloß eines einzigen erwaͤhnen. In der Mundart Irlands, vorzuͤglich aber in den entlegeneren Provinzen, finden ſich, wie man leicht erwarten kann, rohe aber kraͤftige Ausdruͤcke, die nicht allein auf die niederen Staͤnde beſchraͤnkt ſind, ſon⸗ dern ſelbſt die Unterhaltungen der Hoͤheren mit einem beißenden Zuſatze verſehen, der fuͤr einen verfeinerten Gaumen leicht zu ſtark ſeyn duͤrfte. Doch kann er uns in den Kreiſen, wo wir ihn gewahren, nicht ſtoͤ⸗ * 94 Eine Huß zu ktnarkten. ren, denn nichts iſt durchaus unangenehm, als nur das, was unnatuͤrlich iſt. Der Klang des irlaͤndi⸗ ſchen Accents kann einem engliſchen Ohre, wie mich duͤnkt, nicht halb ſo mißfaͤllig ſeyn, als einem engli⸗ ſchen Gefuͤhle die Beſchraͤnktheit irlaͤndiſcher Vorur⸗ theile ſeyn muß. Der Mann, welcher ſich ſeines Vaterlandes nicht ſchaͤmt und unbekuͤmmert alle Irr⸗ thuͤmer der Ausſprache und Wortſtellung von ſich giebt, wird, ſo viel ich weiß— und moͤchten es doch alle meine Landsleute auch wiſſen— außerhalb Irland zehnmal mehr geehrt, als des Koͤnigs engliſchverſtuͤm⸗ melnder Renegat, deſſen lauteſter und ſchlechteſter Ruhm es iſt, das Land ſeiner Geburt zu verachten. In dem irlaͤndiſchen Familienverkehr ſind viele ſpruͤchwoͤrtliche Redensarten gebraͤuchlich, die man an⸗ derswo gar nicht kennt. Einige ſind in der Umgangs⸗ ſprache im allgemeinen Umlaufe. Jedermann weiß, daß der Ausdruck ich habe eine Kraͤhe*) mit Ihnen zu pfluͤcken,v» ſo viel heißt, als: ich habe Ihnen Vor⸗ wuͤrfe zu machen, daß«ein Loch in eines Andern Rock reißen“ bedeutet, Haͤndel mit Jemand ſuchen u. ſ. w. So zeigt denn alſo auch«Jemanden einen Knochen zum Benagen vorwerfen,“”**) nichts anderes an, als Jemanden einen Wink geben, oder eine Thatſache von *) Ein Huͤhnchen. **) Eine harte Nuß aufzuknacken geben. Eine Nuß zu ktnarkten. 95 unangenehmer und ergreifender Art mittheilen; eine Feile vorhalten, welche die Zaͤhne derer, die hinein bei⸗ ßen, zerſtoͤrt. Rache, die Einen in's Herz trifft, und mit des Schlachtopfers Blute geſaͤttigt wird, iſt nicht halb ſo toͤdtlich und ſchrecklich, als dieſes. Doch ich habe vorher noch Manches zu ſagen, ehe ich meinen Gegenſtand vollkommen auseinanderſetze. Vor mehreren Jahren ward ich bei einer Gele⸗ genheit, die hier von keiner Bedeutung iſt, zu einem Nittagseſſen im Advokaten⸗Club, in einer irlaͤndiſchen Aſſiſen⸗Stadt der ſuͤdlichen Provinzen, eingeladen. Da Rechtsgelehrte auch gern einmal unter ſich zu ſeyn wuͤnſchen, ſind ſie herzlich froh, der faſt unaus⸗ geſetzten Maskerade ihres oͤffentlichen Lebens zu ent⸗ fliehen, laſſen daher bei ihren Bezirks⸗Gaſtmahlen keine Fremden, außer unter ganz beſonderen Umſtaͤnden, zu, ſondern erſcheinen, indem ſie mit der Toga die Menge von Suͤnden abwerfen, welche dieſe bedeckt, als die geſelligſten, herzlichſten und witzigſten aller Gaͤſte. Damals war ich noch ſehr jung, und die treffliche Unterhaltung, der ich zuhoͤrte, die Witzfunken, die klaſſiſchen Anſpielungen, die Anekdoten, geiſtreichen Antworten und Scherze machten einen unausloͤſchli⸗ chen Eindruck auf mich. Seitdem habe ich eine Menge beruͤhmter Gelehrten, Schriftſteller und Witzbolde ken⸗ nen gelernt; mag es nun aber die Wirkung des erſten Eindrucks, oder die Wahrheit ſelbſt ſeyn„ ſo iſt mur 8 96 Eine Nuß zu knarſten. dagegen jeder ſpaͤtere Austauſch geiſtigen Verkehrs, den ich ſeitdem in aͤhnlicher Art erlebt habe, matt und weit nachſtehend vorgekommen. Einnige Zeit, nachdem die Speiſen abgeraͤumt wa⸗ ren und die Weinflaſche ihre freundliche Runde machte, wobei jeder Becher friſcher nach dem Witze roch, mit dem er gewuͤrzt worden war, oͤffnete ſich die Thuͤre des Saals ganz leiſe, und ein Mann trat ein, ſte⸗ hen bleibend und ſorgfaͤltig die Klinke haltend, weder vorwaͤrts ſchreitend, als ob er ein Recht habe, dies zu thun, noch auch deutlich in ſeinem Aeußern zeigend, daß er ſich fuͤr zudringlich halte. Seine ganze Stel⸗ lung druͤckte ein Gemiſch von Vertrauen und Zwei⸗ fel aus; doch war der letzte vorherrſchend, und er wartete ſichtlich auf eine Einladung vorwaͤrts zu ge⸗ hen. Mir kam es vor, als ſey er ein Gaſt, den man wol erwartet aber nicht gebeten habe, ein furcht⸗ ſamer Mitgenoß unter dem bedruͤckendſten aller Pri⸗ vilegien, einer allgemeinen Einladung. Da ich der Thuͤr gegenuͤber ſaß, ſo konnte ich Geſtalt und Geſichtszuͤge des Eintretenden genau be⸗ merken, und da er bei denen aus der Geſellſchaft, die neben mir ſaßen, und ihn folglich eben ſo gut als ich geſehen haben mußten, gar keine Aufmerkſamkeit zu erregen ſchien, ſo hatte ich Zeit genug dazu. Der Vorſitzende, deſſen Talente ihn ſeitdem ſchon laͤngſt zu einem hoͤhern Poſten berufen haben, ſpann eben eine Er⸗ Eine Huß zu ktnarken. 97 Erzaͤhlung von dem koͤſtlichſten Gewebe aus, deren Faͤden ſo kuͤnſtlich verſchlungen und ſo geſchickt ge⸗ faͤrbt waren, daß ſie die ganze Geſellſchaft in An⸗ ſpruch nahmen, und ſie um ſo gleichguͤltiger gegen den Eintritt, oder, ſoll ich lieber ſagen, das Ein⸗ dringen des Fremden machte. Aber in ſeinem ganzen Aeußern zeigte ſich ein noch weit wichtigerer Grund dieſer Gleichguͤltigkeit. Er war arm!— aber dabei hatte er doch noch immer das Anſehn eines Man⸗ nes von hoͤherer Bildung. Sein Blick zeigte in kei⸗ ner Art die erbliche Gemeinheit, die mit dem Elende der niederen Klaſſen in Irland Hand in Hand geht. Sein ſchwarzer Rock war ganz abgeſchabt und nach einem ſeit mehreren Jahren veralteten Schnitte; aber er paßte ihm, und hing nicht ſchlotternd um ihn her, wie ein durch ſchlechten Zuſchnitt abſichtli⸗ ches Abzeichen des Bettelns. Auch ſeine uͤbrigen Klei⸗ dungsſtuͤcke, ſo abgetragen und farblos ſie auch wa⸗ ren, machten ſeinem Schneider gleiche Ehre, denn ſie zeigten moͤglichſt vortheilhaft noch die anſprechenden Reſte einer ehemals kraͤftigen und maͤnnlichen Geſtalt. Was man von ſeiner Waͤſche ſehen konnte, war rein, trug aber die Farbe der Zeit oder der gelbaͤugigen Eiferſucht. Der Buſenſtreifen war uͤbergeſchlagen, minder um zu glaͤnzen, als um die abgeriebenen Um⸗ ſchlaͤge der gebluͤmten Weſte zu verbergen, und das Halstuch, von derſelben Citronenfarbe, war dem ver⸗ I. 5 98 Eine Nuß zu knarken. ſchwenderiſchen Geſchmacke des vorigen Jahrhunderts, den man noch an alten Stutzern bemerkt, die deſſen veraltete Moden in das gegenwaͤrtige uͤbertragen, in eine große Menge von Schleifen und Zipfeln ge⸗ knuͤpft. Die kargen Ueberreſte ſeines Haars trug er tuppirt und friſirt, und den obern Theil der Stirn wie das Hinterhaupt dick mit einem Ueberzuge von Pomade und Puder belegt, welcher die Kahlheit be⸗ deckte, ſie aber nicht verbergen konnte, und dadurch das Widrige der Affektation auf die Wuͤrde des Al⸗ ters pflanzte. Der ſchwere, ſonnenverbrannte Hut, den er in der einen Hand hielt, war innerlich reich bepudert, aber eben ſo wenig als das Gehirn, das er ſonſt bedeckte, im Stande, uͤber ſein gegenwaͤrtiges Alter und ſeine Lage den Leuten Staub in die Au⸗ gen zu ſtreuen. An einer Schnur hing ein Stock mit goldenem Knopfe von der andern entbloͤßten Hand herab, die mehr als einen Ring von alter Arbeit zeigte, der den langen und gutgeformten Fingern wohl zu ſte⸗ hen ſchien. Ein Augenglas ragte zu mehr als drei Viertheilen aus den unteren Knopfloͤchern der Weſte, und ein ſchwarzes Band hielt es um den Nacken feſt. Das Geſicht dieſes alten Mannes erzaͤhlte, wie es mir ſchien, eine lange Geſchichte von Kummer und Stolz und Leiden. Die Zuͤge waren nach dem ge⸗ woͤhnlichen Gepraͤge irlaͤndiſcher Landedelleute, ver⸗ ſtaͤndig, ausgezeichnet und etwas roh, aber das Ganze Eine Nuß zu knarken. 99 war wieder bis zu einer Art von ſchmerzlich errun⸗ gener Haltungsruhe beſaͤnftigt; nicht als ob der ploͤtz⸗ liche Hauch des Schickſals das Angeſicht mit Schmerz bezeichnet haͤtte, ſondern als ob Zeit und Sorge lange daran gearbeitet haͤtten, mehr zahlreiche als tiefe Falten zu ziehen. Eine Menge Runzeln bedeckten Stirn und Wangen, der Mund war herabgezogen und ein ſchwer⸗ muͤthiger Blick beſchattete noch tiefer die von Natur eingeſunkenen Augen. Ich weiß wol, daß eine ſpaͤterhin erlangte Kenntniß von Begebenheiten uns oft zu dem Glauben verfuͤhrt, als haͤtten wir einen Charakter auf den erſten Blick erkannt; aber ich bin uͤberzeugt, in dieſem Geſichte bei'm erſten und letzten Male, wo ich es ſah, die Geſchichte des ſchleichenden Elends geleſen zu haben, wodurch es ſeine Furchen bekam. Sobald der Praͤſident ſeine Erzaͤhlung geendet, und das herzliche Lachen, welches darauf folgte, ſich in etwas geſtillt hatte, wendete er ſich zu dem Be⸗ ſuchenden und rief ihm zu: Aha! Mr. MRonan, Sie ſind da! Kommen Sie herein! Immer herein! Willkommen hier! Wir freuen uns, Sie zu ſehen. Nur naͤher, und ſetzen Sie ſich und trinken Sie ein Glas Wein.» Auf dieſe Einladung, welche weder der Vorſitzende noch ſeine Freunde mit irgend einem Zeichen der Be⸗ achtung oder Hoͤflichkeit begleiteten, trat der mehr Verguͤnſtigte als Eingeladene vollends herein, um de⸗ 5* 100 Eine Huß zu ſtnarkten. muͤthig die ihm ſo dargebotene Hoͤflichkeit anzunehmen. Er ſetzte ſich an das aͤußerſte Ende der Tafel links vom Vice⸗Praͤſidenten, der ex officio ſtets das juͤngſte Mitglied des Clubs war, und trank, ohne ſeinen Hut abzulegen oder auch nur deshalb begruͤßt worden zu ſeyn, ein bis zwei Becher Claret, indem er kalt, und wie mir es ſchien, faſt ſtolz, auf das Nicken und zur Geſundheit⸗rufen, das ihm gebracht ward, ſich ver⸗ beugte. Außerdem ſchien es Niemand fuͤr noͤthig zu halten, ihm irgend eine Aufmerkſamkeit zu bezeigen, und das Geſpraͤch ging ohne Unterbrechung weiter fort, außer bei Einer Gelegenheit, die mich in keine kleine Verwunderung ſetzte. Die ganze Geſellſchaft(mich ausgenommen) folgte naͤmlich dem Beiſpiele des Praͤ⸗ ſidenten; alle griffen mit der Hand zugleich in die Ta⸗ ſche, worauf ſie ihre Brieftaſchen oder Boͤrſen, oder ein oder ein paar einzelne Banknoten, die ſie in Bereit⸗ ſchaft gehalten, herauszogen. Der Vicepraͤſident nahm darauf einen Flaſchenunterſetzer, verließ ſeinen Platz und ging rings um den Tiſch zu Jedermann, bei dem Praͤſidenten anfangend, worauf er von Jedem die einzelne Gabe empfing und zuletzt die ſeinige hin⸗ zufuͤgte. Als er in meine Naͤhe kam, machte ich mich auch dazu fertig; einer der Gaͤſte aber, der mir zur Seite ſaß, hielt mir den Arm zuruͤck und ſagte: «Nein, nein! thun Sie das nicht! Es wuͤrde un⸗ ſern armen Penſionair ſehr kraͤnken. Das geht bloß Eine Nuß zu knarkten. 101 die Profeſſionsverwandten an. Er iſt nicht geradezu ein Bettler, ſondern erhaͤlt vielmehr durch kleine Ab⸗ ſchlagszahlungen die großen Vorſchuͤſſe wieder, die er ſeinen juriſtiſchen Mitbruͤdern gemacht hat. Nehmen Sie keine Notiz davon: ich will Ihnen das alles ein anderes Mal erklaͤren.“» Den Wink befolgend, gab ich nichts zu der Samm⸗ lung, und vermied, ſo viel ich konnte, jeden Ausdruck von Verwunderung oder Neugierde. Als der Vice⸗ Praͤſident ſeinen Umgang vollendet hatte, legte er die Banknoten in Ordnung, wobei ich bemerkte, daß es groͤßtentheils nur ſolche von den niedrigſten Summen, einzelne Pfunde oder Guineen, waren, nur eine oder zwei fielen mir auf, die das Fuͤnffache betrugen. Nun haͤndigte er das Paͤckchen hoͤflich dem Beſuchenden ein, der augenblicklich aufſtand und dem Praͤſidenten eine ar⸗ tige Verbeugung machte, ſo wie er mehrere Male auf aͤhnliche Weiſe die uͤbrige Geſellſchaft gruͤßte.«Gute Nacht, Mr. M⸗Ronan!“ erſcholl es von allen Sei⸗ ten, ohne daß irgend einer ſich rüͤhrte. Nur ich ſtand etwas unbeſcheiden auf, denn ich war noch ſehr jung und hatte noch nicht die anſtaͤndige Art gelernt, Je⸗ mandes Gefuͤhlen, ſelbſt auf die Gefahr hin, die eines Andern hart zu verletzen, zu ſchmeicheln. Auch konnte ich mich einer Roͤthe, aus Scham und Mitleid ge⸗ miſcht, auf meinen Wangen nicht erwehren, als ich die Gleichguͤltigkeit bemerkte, mit welcher die ganze N 102 Eine Nuß zu knarſten. Geſellſchaft den Blick der Demuͤthigung und des ſtol⸗ zen Kummers ſah, der aus dieſem von Noth gefurch⸗ ten Geſichte, als es aus dem Saale ging, uͤber die anderen hinſtreifte. Noch an demſelben Abend ergriff ich die erſte Ge⸗ legenheit, um mir von meinem Nachbar die verſpro⸗ chene Erklaͤrung zu erbitten; und er gab mir folgende Skizze der Urſachen, die des ungluͤcklich gewordenen Mannes Lage und Verhaͤltniſſe herbeigefuͤhrt. Phelim MRonan, von Ronanstown, Esquire, war der Vater deſſelben. Wir muͤſſen faſt bis in die Haͤlfte des verfloſſenen Jahrhunderts zuruͤckgehen, um uns die Macht und den Charakter eines irlaͤndiſchen Esquire der Art, wie Mr. Phelim MRonan un⸗ ſtreitig war, vorſtellen zu koͤnnen, und ob mir gleich mein Gewaͤhrsmann nur einzelne Zuͤge mittheilen konnte, ſo ſetzte ich mir doch daraus folgendes Bild zuſammen. Er war duͤnn, lang, mager, pflegmatiſch und unliebenswuͤrdig; ſein Blick ſagte ſchon etwas Unfreundliches, wenn er auch nicht ſprach; dies that er oft bloß deshalb nicht, weil er glaubte, eben ſein Blick koͤnne noch haͤrter ſprechen als ſeine Zunge; wenn dieſe aber einmal ſprach, ſo legte er ein beißen⸗ des und bitteres Gewicht auf jede Sylbe, das dem Hoͤrer gar nicht die M oͤglichkeit verſtattete, ſeiner Strenge zu entſchluͤpfen. Ueber ſeine Gattin beſitze ich noch weniger Ma⸗ Eine Nuß zu knackten. 103 terialien zu einer Skizze. Ich ſtelle ſie mir jedoch wie eine leidenſchaftliche aber geiſtigkraͤftige Frau vor, im Stande ſelbſt von einem Scherzworte bis in die Seele ergriffen zu werden, aber auch dagegen Stoff genug beſitzend, es noch bitterer mit Galle gewuͤrzt zu erwiedern, gleich einem Pfeile, den der, welchen er traf, mit neuem Gifte auf der Spitze ſeinem Feinde wieder zuruͤckſendet. So bildet ſich denn ein nicht eben einnehmendes Paͤrchen, und eine nicht ganz ſchmeichelhafte Probe irlaͤndiſcher Art und Weiſe. Aber zu laͤugnen iſt doch nicht, daß ſie viel Nationellirlaͤndiſches an ſich haben, daß aber, wenn ich dieſe mageren Umriſſe mit dem vie⸗ len wahrhaft Verdienſtlichen, was demſelben Boden ſo reichlich entſpringt,— der Freigebigkeit, dem Mu⸗ the, der Vollherzigkeit und dem angeb bornen Humor, der ſich uͤber die ganze Oberflaͤche d ters verbreitet— haͤtte ausfuͤllen koͤn und ſeine Dame minder zuruͤckſtoßen den, als ſie es ohne dies, wie ich fuͤrchte, meinen Le⸗ ſern, ja mir ſelbſt ſind. Ich habe mich, wie ich nur geſtehen will, ein wenig hart uͤber ſie ausgelaſſen, und außerdem mein Urtheil uͤber den Mann nur nach einer d erſc cheinen wuͤr⸗ Redensart gebildet, waͤhrend ich mir die Frau nur nach einer einzigen Wiederholung dieſer Redens⸗ art ausgemalt; gerade ſo, als wenn fang und die Geſtalt einer Hoͤhle aus dem Echo, das die Weſtentaſche, ſarkaſtiſchen Hieb, machte langſam die Thuͤre zu. 104 Eine Nuß zu ſtnarken. ſie von einem einzelnen Laute zuruͤckwarf, haͤtte ur⸗ theilen wollen. Dieſe wichtige Redensart aber heißt: Da, mein Schaͤtzchen, da haſt Du eine nß 3u knacken.» Dies naͤmlich war ſtets und unveranderlia lim M'Ronans kurzer und kraͤftiger Anfang al lichen Zwiſtigkeiten, die dann und wann zwiſchen und ſeiner Ehehaͤlfte ſtatt fanden, und dies die ku Antwort, womit er eine Menge Anfaͤlle hitöpfiger und heißbluͤtiger Aufreizungen in Worten und Bewe⸗ gungen erwiederte. Denn wenn ſein eSchaͤtzchen 1 in den heftigen Paroxysmen, bis zu welchen er ſie zu bringen liebte, ihn mit einem Strome von Vor⸗ wuͤrfen uͤberfluthete, ſo pflegte er ruhig und mit einem wahrhaft ſardoniſchen Laͤcheln auf den Lippen zuzuhoͤren. Dann aber zog er langſam die Schnupf⸗ tabacksdoſe ſchlug darauf, oͤffnete ſie, nahm eine maͤchtiggroße Prieſe, ſteckte die Doſe wieder in armelte einen halbverſtaͤndlichen bei⸗ freizende Zweideutigkeit oder einen ind fuͤgte dann den nie ausbleiben⸗ den Refrain daran:«„Da, mein Schaͤtzchen, da h Du eine Nuß zu knacken.“ Dann ging er fort ung ßenden Witz, eine a 3 «Haͤtte er ſie nur hinter ſich zugeworfen! hüite⸗ 9 uͤche ausgeſtoßen, haͤtte er nur e warm, roth oder blaß geworde ſtuͤrmt, ode „ 4 4 4 4 — Eine Nuß zu knarkten. 105 oder haͤtte ſonſt etwas anderes als dieſe kalte Herr⸗ ſchaft uͤber ſich ſelbſt gezeigt!“— ſo rief dann un⸗ ſtreitig die arme Ehehaͤlfte bei ſich ſelbſt aus, wenn er ſie allein gelaſſen hatte, um in die bewußte Nuß zu beißen, die er ihr ſo hingeworfen. Und wenn ſie dann wieder ruhig und kalt geworden war, und die Dienerſchaft und die Nachbarn ſahen, wie ſchnell ſie von ihren leidenſchaftlichen Ausbruͤchen zuruͤckgekom⸗ men, und wie ſie ihn anlaͤchelte und mit den Schmei— chelworten: Phelim Arun,» oder„Phelim Avich,» oder«Phelim Alanna,“» oder Phelim mit irgend einem anderen zaͤrtlichen Beiworte zu beſchwichtigen ſuchte, wunderte ſich Jedermann, wie der Anfall ſo ploͤtzlich voruͤbergegangen ſeyn konnte, und ſie ward allgemein als die vergebungsvollſte Frau,«als eine wahre Seele von einer gutmuͤthigen Kreatur“ angeſehen. Dieſe oberflaͤchlichen Beobachter hatten aber alle Unrecht, und der Charakter der Miſtreß M'Ronan war viel zu tief fuͤr ihr Senkblei. Denn wol niemals lauerte noch ein toͤdtlich haſſenderer Geiſt der Rache unter dem aͤußern Anſcheine der Gutmuͤthigkeit und Milde. Wann dieſe finſtere Leidenſchaft entſprungen, wie ſie genaͤhrt worden, zu welcher Zeit ſie ſich vollſtaͤn⸗ dig in ihrer Seele entwickelt, konnte man nicht ein⸗ mal errathen. Keine Vermuthung kann in das Ge⸗ heimniß der Gedanken und Gefuͤhle eindringen, welche jene erſt in Gaͤhrung brachten und dann zur Entſchei⸗ 5 ½ε½ 106 Eine Huß zu knarken. dung heranreiften. Wie koͤnnten wir die Zuckungen je⸗ der teufliſchen Eingebung, die in dem Gehirne dieſes Weibes entſprang, wol ſchildern! Wie oft entwarf ſie ihren Plan zur Rache? Welcher Mittel wollte ſie ſich zuerſt bedienen? wie entdeckte und geſtaltete, und warum verwarf ſie ſolche? Ward Gift gekauft oder gemiſcht, das Meſſer geſchaͤrft und verborgen, der Moͤrder beredet oder bedungen? Hat Gewiſſensbiß, oder Feigheit, oder weibliche Sanftmuth es verur⸗ ſacht, daß die Doſis ſtets wieder geſchüttet, oder die Mordwaffe wieder bei Seite geworfen ward? Nur der Himmel kann davon zeugen— denn die Verbre⸗ cherin nahm ihre Geheimniſſe mit in's Grab, und erſt an deſſen Rand vollendete ſie die Ausfuͤhrung ihres feindlichen Vorhabens, auf eine Art, ſo ganz verſchie⸗ den von den gewoͤhnlichen Arten der Rache, und doch, ach! weit, weit wirkſamer, um das Herz zu pei⸗ nigen, dem ein Dolchſtoß Wohlthat geweſen waͤre! Jeder Menſch wird von irgend einer Hauptleiden⸗ ſchaft, irgend einem inwohnenden Vorurtheile beherrſcht, unabhaͤngig von den individuellen Eigenſchaften, die ihn von ſeinen Mitgenoſſen unterſcheiden. Phelim M'Ronan's vorwaltende Leidenſchaft war Liebe zu ſei⸗ nen Kindern; das ihm eigene Vorurtheil war Fami⸗ lienſtolz. Er hatte zwei Soͤhne, welche ihm ſein «Schaͤtzchen“ Miß Ellinor O'Sullivan in den erſten Jahren ihrer Verheirathung geboren, und dieſe beiden Eine Huß zu ktnarkten. 107 Knaben waren aͤchte Sproͤßlinge von dem Familien⸗ ſtamm, aus deſſen Pfropfreis ſie entſprangen. M'Ro⸗ nan auf Ronanstown war ein Name und Titel, ſo alt, als irgend einer in der Provinz, und die O'Sul⸗ livans von Farrenkraut“ ſprachen ſchon in dieſem Klange ihres Namens ein Alter und einen Adel aus, den das Heroldsamt nicht erſt zu beſtaͤtigen brauchte. Es war ſchwer zu beſtimmen, welche Familie aͤlter, oder in jeder ein ſolches Geſchlecht ehrenden Bezie⸗ hung ausgezeichneter ſey. M'Ronan fuͤhlte lebhaft, wie gediegen und rein ſein Blut ſey, ſo daß es wie fluͤſſige Ambra in ſeinen Adern zu pulſiren ſchien. Jedenfalls war er uͤberzeugt, daß es nicht dem Blute anderer Leute gleiche, und er beſann ſich daher ſogar lange, ob er es ſelbſt mit dem der OSullioans ſölle zuſammenfließen laſſen. Nach langer Ueber ſchloß er aber endlich ein Band, welches ₰ Herz, Intereſſe und Neigung vollkommen zu rechtfer⸗ tigen ſchienen; und als ſeine Kinder ihm nach und nach geſchenkt wurden, ſchaute er mit der ſtolzen Ueberzeugung auf dieſe Pfaͤnder, daß das unbefleckt und vollkommen wuͤrde fortgefuͤhrt werden, was ein Geſchlecht von Koͤnigen“ haͤtte ſeyn ſollen, oder es vielleicht auch ſey. Waren aber auch die M'Ronans und O'Sulli⸗ vans nicht mehr Koͤnige, ſo beſaßen ſie doch noch einen reichen Theil ehrenvoller Oberherrlichkeit. Die 8 108 Eine Nuß zu knarken. erſte dieſer Familien hatte Verjaͤhrungsrechte, geſetzlichen Rechten faſt gleichlautend, worauf es vorzuͤglich ankam. Ihre tauſend Aecker, Berge und Moraͤſte waren mit einer wackern, kraͤftigen und ihnen ergebenen Paͤchter⸗ zahl bevoͤlkert, die freiwillig Lehnprivilegien gehorchten, welche das Statutenbuch nicht laͤnger anerkannte; und ſo fehlte wenig, daß ſich Phelim M'Ronan ſelbſt uͤber⸗ redete, er ſey eben ſo gut ein Fuͤrſt, wie ſeine vielen be⸗ ruͤhmten Vorfahren, die waͤhrend mehrerer Jahrhunderte voll dahingeſchwundenen Glanzes den Diſtrikt beherrſcht hatten, von welchem er noch einen Theil beſaß. Nichts ging daher uͤber ſeinen innern Stolz, und dieſer ward Patrick mit einem ungeregelten Entzuͤcken, das eben ſo viel Stolz als Liebe enthielt. Mochten aber auch die Grundſtoffe ſeiner Anhaͤnglichkeit an ſie ſeyn, welche ſie wollten, ſo viel blieb gewiß, daß es eine Zuneigung ohne ihres gleichen war. Ich kann nicht angeben, in wie weit Miſtreß M'Ronan mit ih⸗ res Gatten Gefuͤhlen in dieſem Punkte uͤbereinſtimmte. Sie liebte vielleicht ihre Kinder als ſie noch klein wa⸗ ren, ſie war vielleicht ſtolz auf ſie, als ſie heranwuch⸗ ſen, ſie uͤberließ ſich vielleicht Traͤumen von ihrem vollkommenen Gluͤcke; wir wollen es hoffen, denn Eine Duß zu knarkten. 109 ohne ſolche Empfindungen iſt eine Mutter wenig an⸗ ders als ein Ungeheuer, und ich moͤchte nicht gern glauben, daß die Natur ein ſolches hervorbringen könnte. Mochte aber ihr fruͤherer Antheil an dieſen Gefuͤhlen geweſen ſeyn, welcher er wollte; genug, es kam die Zeit, wo ſie alle vor dem giftigen Mehlthau, der auf ihr Herz fiel, verblichen, und in dem Schatten des Upasbaumes der Rache, den die unausgeſetzte Unbill ihres Mannes entſtehen ließ, dahinſtarben. Selbſt in der Stunde des Todes opferte ſie auf dem Altare dieſer teufliſchen Leidenſchaft nicht allein das ganze Erdengluͤck des Vaters, ſondern auch alle Lebensaus⸗ ſichten ihrer Soͤhne. Eine langwierige Krankheit, waͤhrend welcher ſie volle Zeit zur Vorbereitung hatte, brachte Miſtreß M.Ronan an die Schwelle des Todes, und am letz⸗ ten Tage ihres Daſeyns, ja, in der letzten Stunde deſſelben, nachdem ihr die Aerzte verſichert hatten, daß Wiederherſtellung unmoͤglich und ihr Tod ganz nahe ſey, rief ſie ihren Gatten aus einem der inneren Zimmer, wo er angſtvoll und unruhig wartete, her⸗ bei, und bat ihn, ſich an ihr Bett zu ſetzen. Mr. MRonan hing ſeinem Weibe an. Er hatte ſie eben ſo aus Wohlgefallen als aus Eigennutz geheirathet. Er war mit ihr eben ſo innig und zufrieden durch's Leben gewandelt, als er es damals vorausgeſehen hatte, als er ſie auf gutes Gluͤck zur Frau nahm. Er ſah da⸗ 110 Eine Nuß zu knarſten. her ihren Scheideaugenblick mit ſo vielem Kummer und noch groͤßerer innerer Aufregung nahen, als er es ſelbſt fuͤr moͤglich gehalten haͤtte. So trat er denn vorſichtig und mit freundlichem Ausdrucke ſeines ſorg⸗ lichen Geſichts an ihr Todeslager. Der Arzt, der an der offenen Thuͤre des zweiten Zimmers ſtand, war Zeuge dieſes Auftritts; und da er kein Vertrauen bei ſeinem Zuhoͤren zu mißbrauchen glaubte, trug er auch kein Bedenken, den Vorgang wieder zu erzaͤhlen, als Mr. M'Ronan ihn dazu aufrief. «Mein Schatz!“ ſagte MRonan, ckann ich Dir irgend einen Troſt geben. Wuͤnſcheſt Du irgend etwas» und er begleitete dieſe Worte mit einem ſehr freundlichen Blicke. — Sey ſtill! Phelim Arun— entgegnete ſein Weib in einem Tone, der phyſiſche Schwaͤche mit morali⸗ ſchem Muthe vereinte;— ſey ſtill,— ich wuͤnſche zu ſprechen— weiter nichts— daher biete mir nichts an, und ſage nichts. Meine Zeit iſt kurz, und ich habe Dir noch etwas zu ſagen, Avich, das wohl ver⸗ dient, daß Du darauf hoͤrſt.— «Wie Du willſt, mein Kind,“ verſetzte M'Ronan, eſtrenge Dich nur nicht zu ſehr an. Du biſt ſchwach, und moͤchteſt daher lieber nicht ſprechen, oder wenig⸗ ſtens noch warten.» — Phelim Alanna, der Tod wartet nicht, und ich habe etwas auf meinem Gewiſſen— etwas, das Eine Huß zu ktnarkten. 111 mich ſo lange druͤcken wird, bis ich's Dir geſagt habe...— Und hier zuckte der Ausdruck ungeduldi⸗ ger Haſt in den Muskeln ihres verzerrten Geſichts. «Nun denn, mein Schaͤtzchen!“» rief der Gemahl ſchnell und angſtvoll aus:«ſo will ich den Pater Mi⸗ chael rufen. Er iſt im Zimmer neben an.” — Nein, nein! ihm habe ich nichts zu ſagen, Phelim! Du weißt, Arun, daß ich mir aus dem Beichten nicht gar viel zu machen pflegte; aber Dir muß ich etwas beichten, Du magſt mir nun verge⸗ ben oder nicht, Phelim! aber ſey nicht grauſam gegen Dein armes Weib bei ihrem letzten Athemzuge.— «O, mein theurer Schatz!“ ſeufzte M'Ronan, cſprich doch nicht ſo mit mir, Du brichſt mir ſonſt das Herz. Ich liebte Dich nie ſo innig wie jetzt, Nelly, und ſo hoffe ich denn, daß Du mir all' mein Unrecht vergeben, und in dieſer ſchrecklichen Stunde Deinen armen Phelim wieder lieben wirſt.“ — Du haſt mir nie etwas zu Leide gethan, Phe⸗ lim Mavourneen! außer das haͤßliche Wort, daß Du manchmal gegen mich ausgeſtoßen, und womit Du mir oft einen Stich in's Herz gegeben haſt. Aber ich habe wegen unſerer Kinder etwas mit Dir zu ſprechen, wenigſtens wegen eines derſelben.— «0, was Du willſt, mein Schatz. Sage, was Dir beliebt. Ich will alles thun, alle Deine Wuͤn⸗ ſche wegen der theuern Kinder ſollen auf's genaueſte Eine Huß zu ktnarkten. 112 befolgt werden. Nun, was iſt's denn? Nelly! So ſprich doch, mein Kind! wenn es Dich nicht zu ſehr angreift.“ Auf dieſen ungeduldigen, aber doch halb unter⸗ druͤckten Ausbruch vaͤterlicher Zuneigung antwortete die Mutter mit einem Blicke voll todtenaͤhnlichen und zugleich toͤdtenden Ingrimms, bei dem der Arzt ſchau⸗ derte, und der des armen M⸗Ronan's Blut ſtarr zu machen ſchien. — Es geht mit mir zu Ende— fluͤſterte die Ster⸗ bende— ich habe nur noch einige Minuten Zeit mit Dir zu ſprechen, Alanna. Hoͤre alſo zu! Du wirſt mich nie einer Luͤge zeihen koͤnnen, Phelim?— Niel“ — Und Du biſt wohl uͤberzeugt, daß ich gewiß jetzt keine ſagen werde?— 0, das weiß ich gewiß, mein Kind!⸗» — Nun denn, Phelim! Du kennſt doch die bei⸗ den Knaben, nicht wahr?— «Schatz! das verſteht ſich ja. Aber, um des Him⸗ mels willen, was haſt Du nur mit ihnen? Sage mir's nur lieber gerade heraus, ſonſt toͤdteſt Du mich auch noch, ſo wie Dich. Der Blick aus Deinen Au⸗ gen iſt ſchrecklich— mein Gott!— jetzt lachſt Du gar!— O! das iſt furchtbar!— Schatz! ſoll ich den Doktor holen— oder den Geiſtlichen?— Was haſt Du nur, Nelly? was geht mit Dir vord⸗ Eine Huß zu knarken. 113 Sie hatte ſich ſelbſt im Bette aufgerichtet, und faßte ſeinen Arm, und richtete ihre glaſigen Augen auf ihn, und ihre verzerrten Zuͤge ſchienen ein ge⸗ ſpenſtiſches Laͤcheln anzunehmen, und mit gebrochener aber deutlicher Stimme rief ſie im hohlen Tone:— So faſſe denn wohl, Phelim! was ich Dir jetzt ſage, und bedenke, daß ich's mit dem letzten Athemzuge Dir entdecke; denn es iſt wahrhaftig, vollkommen wahr, ſo gewiß als der Tod ſelbſt— einer von Deinen beiden Knaben iſt— nicht unſer Kind! — und da— da, Phelim Arun!— da haſt Du eine Nuß zu knacken!— Erſchoͤpft ſank ſie auf's Bett zuruͤck. Ihre Zuͤge kaͤmpften mit dem Tode. Ein Krampf durchzuckte ſie und ließ den graͤßlichen Ausdruck des Lachens, der ihren offenen Mund verzerrte, zuruͤck. Ihre heraus⸗ tretenden Augaͤpfel rollten fuͤrchterlich, und ihr Blick ſchien den Bewegungen ihres Schlachtopfers zu fol⸗ gen. Der Arzt, der Prieſter und die Waͤrterin eilten in's Zimmer, eben ſo durch den Anblick und den Ton des nahenden Endes der Sterbenden, als durch den ſchrecklichen Eindruck, welchen ihre letzten Worte auf ihren Gatten gemacht hatten, herbeigezogen. Als der furchtbare Schall ihrer zuletzt geſproche⸗ nen Worte ſein Ohr beruͤhrte, ſprang dieſer von der knieenden Stellung neben ihrem Lager auf, und ſtuͤrzte einige Schritte zuruͤck, als habe ihn das, was er 114 Eine Huß zu knarſten. hoͤrte und ſah, elektriſch fortgeſchleudert. Wie im voͤlligen Wahnſinn hob er die Haͤnde hoch uͤber den Kopf empor, ſchlug ſie zuſammen, ſtuͤrzte dann wie⸗ der vorwaͤrts, und rief mit vorgebeugtem Leib und ſtarren Augen, mit Toͤnen, die ihm, ehe ſie hervor⸗ brachen, zu erſticken ſchienen, aus:„Allmaͤchtiger Gott! Nelly! was haſt Du geſagt? O ſage das nur nicht— alles in der ganzen Welt, nur das nicht!— Nein, nein! Du biſt nicht bei Dir, nicht bei Dir! Beſinne Dich nur, liebe Nelly! Sprich doch nur noch ein Wort! Nur noch Eins, Nelly! Nur welcher von beiden? Welcher! Um des Him⸗ mels, um Deiner eigenen Seele willen, Nelly! Welcher von beiden iſt mein? Iſt's Patrick oder Remmy? O ſage mir nur, ſage mir nur welcher: und ich will Dir alles vergeben, und Gott wird es auch thun!— Du willſt nicht ſprechen— Du kannſt nicht?!— So mache nur ein Zeichen, theure, liebe Nelly! Wenn Patrick mein Sohn, mein Kind iſt, ſo biege den Finger, oder bewege den Kopf, oder ſonſt nur ein kleines Zeichen. Oder iſt's Remmy?— Welcher! Welcher! Um Gottes willen, welcher?— O Jeſus, wie furchtbar Du mich anblickſt und— lachſt! Das ertrage ich nicht, nein, das ertrage ich nicht! O ſchrecklich, ſchrecklich!“ Von Schmerz und Schauder erſchoͤpft, ſank er hier zuſammen und ver⸗ barg ſein Geſicht in die Bettdecke. Eine Nuß zu ktnarkten. 115 So erſchuͤttert Arzt, Geiſtlicher und Waͤrterin auch ſelbſt waren, ſo thaten ſie doch alles Moͤgliche, um den ungluͤcklichen Mann fortzufuͤhren und ſeine Lei⸗ den zu lindern. Sie beſchworen ihn, den unzuſam⸗ menhaͤngenden Reden einer Sterbenden keine Auf⸗ merkſamkeit zu ſchenken; ſie baten ihn, die letzten Au⸗ genblicke derſelben nicht durch ſeine Heftigkeit noch zu verbittern; ſie ſtellten ihm die Unvorſichtigkeit vor, andere Perſonen, die noch im Vorzimmer und auf dem Gange waren, und denen er dieſe Scene am Sterbebette zu entdecken im Begriff ſtand, in das Geheimniß zu ziehen: aber alles vergebens. Er ſtellte ſich wieder aufrecht und fuhr fort, die heftigſten Be⸗ ſtuͤrmungen um naͤheren Aufſchluß in die tauben Oh⸗ ren des lebloſen Leichnams zu ſchreien: denn waͤhrend der Prieſter und Arzt ihre letzten geiſtlichen und aͤrzt⸗ lichen Gebraͤuche und Huͤlfsmittel anwendeten, war der Gegenſtand, dem ihre Bemuͤhungen galten, fuͤr immer außer dem Bereich derſelben. «Nur ein Wort, Nelly! nur ein Zeichen! nur Eins!“ ſo rief der ungluͤckliche M'Ronan immer aus, und behielt Staͤrke genug, unverwandt auf die Zuͤge zu ſchauen, vor deren fuͤrchterlichen Verzerrungen er vor⸗ hin zuſammengeſunken war. Da rief ihm der Arzt zu: Es iſt alles vorbei, M'Ronan, der Puls ſteht ſtill!» «Laſſen Sie ihre Seele in Frieden fahren!“ fluͤ⸗ ſterte gottesfuͤrchtig der Geiſtliche. 116 Eine Nuß zu knarſten. «Ach, mein lieber Herr! Ach, du mein Gott, laſſen Sie doch die Todten in Ruhe! Sie koͤnnen ja auch noch den Tod davon haben!“ ſchrie die Waͤrte⸗ rin laut auf, und warf ſich zwiſchen M'Ronan und die entſeelten Ueberreſte ſeines Weibes, das uͤbliche Heulen und Schreien, den irlaͤndiſchen Coronach, vor der Zeit anſtimmend. «Todt?!» ſtieß M'⸗Ronan, indem er mißtrauiſche und vorwurfsvolle Blicke auf die Anweſenden um ihn richtete, wild heraus:«todt! unmoͤglich! Sie wird doch— ſie kann nicht mit dem fuͤrchterlichen Worte auf den Lippen geſtorben ſeyn, ohne mein Herz und ihr eigenes Gewiſſen zu erleichtern! Nein, nein! ſie kann nicht todt ſeyn: ſie liegt bloß in Ohnmacht.— StilI, ſtill! laßt ſie nur wieder ein wenig zu ſich kommen.— Jeſus Chriſtus!— nicht mein— nicht mein Kind?!— und welches von beiden denn? Um aller Heiligen willen, Pater Michael! ſagen Sie mir etwas zum Troſte! Doktor, beſter Doktor! koͤnnen Sie ihr denn gar nicht helfen? Nur damit ſie das einzige Wort ausſprechen kann, ob Patrick oder Remmy— Retten Sie, retten Sie, wenn es Ihre Kunſt irgend kann. Alles in der Welt will ich darum geben— Ballymagrath und Glenshoughlin— alle beide ſollen Ihre ſeyn— ja, die Haͤlfte von Ro⸗ nanstown ſelbſt!— O Gott, mein Kopf zerberſtet! Helfen Siel helfen Sie!“— Nach dieſen unzuſammen⸗ Eine Nuß zu knarſten. 117 haͤngenden und herzerſchuͤtternden Ausbruͤchen ſeiner auf's Hoͤchſte erregten Gefuͤhle, ſank er in die Arme der Menſchen, die um ihn ſtanden, worunter auch ſeine Soͤhne waren, da die ganze Dienerſchaft und alles, was zum Hauſe gehoͤrte, durch den Schall der Wehklagen, die durch das alte Gebaͤude droͤhnten, berbeigerufen worden war. Miſtreß M'Ronan ward nach gehoͤriger Zeit mit allen bei ſolchen Vorfaͤllen uͤblichen Gebraͤuchen beer⸗ digt. Nichts aber glich der Seelenangſt, welche der arme Wittwer duldete. Von dem Augenblick des Todes ſeines Weibes an, bis zu dem, wo das Grab ihre ſterbliche Huͤlle verſchloß, ſchlief er keine Se⸗ kunde. Die Idee, daß ſie nicht todt ſeyn koͤnne, daß ſie nicht ſterben und ihn in dieſer verzweiflungs⸗ vollen Ungewißheit laſſen wuͤrde, trieb ihn Tag und Nacht umher. Er konnte ſich von dieſem Wahne nicht befreien, ob er auch den kalten und ſtarren Leichnam vor ſich ſah— und ſelbſt, als der Sarg ge⸗ ſchloſſen ward, ja ſelbſt noch, als die Erde uͤber ihn geſchuͤttet worden, ſchien M'⸗Ronan mit ſtieren Augen und geſpanntem Ohr zu lauſchen, als wolle er noch von der, die fuͤr immer hinuͤbergegangen war, eine Bewegung oder einen Ton des wiederkehrenden Le⸗ bens erſpaͤhen. Und nie wieder wehte der Hauch des Friedens auf M Ronan's ſturmbewegtes Innere. Von dem 118 Eine Huß zu knarkten. Augenblicke an, wo die ſich ſelbſt anklagende Entdek⸗ kung, oder die ſich ſelbſt ſchaͤndende Luͤge uͤber die Lippen ſeines in beiden Faͤllen hoͤchſt ſtrafbaren Wei⸗ bes gegangen, war es, als ſey eine feurige Kohle auf ſein Herz gefallen, die es in langſamer Pein ver⸗ zehrte. Doch unterlag er ſeinem Jammer nicht voͤl⸗ lig. Seine ehernen Nerven und kraͤftige Natur wi⸗ derſtanden lange Zeit der zehrenden Qual, und we⸗ der koͤrperliche noch geiſtige Leiden ſchienen ihn nie⸗ derzubeugen. Er raffte alle Kraft des Koͤrpers wie der Seele zuſammen, um ſich der Krankheit entgegen zu ſtellen, die an ihm nagte. Jede Gewalt der Ver⸗ nunft wendete er an zum Widerſtande. Er gab ſich Muͤhe, den freundlichen Zuſicherungen ſeiner Freunde, daß die Sterbende im Irrwahne geredet habe, und ihre ſchreckliche Mittheilung nicht die mindeſte Wahrheit enthalte, zu glauben. Aber dann gedachte er wieder an ihren feierlichen Ton— ihre gefaßte Art und Weiſe— ihre eifrigen Betheuerungen, und er konnte an dem, was ſie ſo und zu einer ſolchen Zeit ihm entdeckt hatte, nicht zweifeln. «Waͤr's denn moͤglich,» fragte er ſich unter an⸗ dern, ⸗daß ein Weib, wie ſie, von voͤllig unbeflecktem Rufe, aus einem ſo reinen Stamme, wenigſtens eben ſo rein als der meine, in der Stunde des Todes, ſolch ein fuͤrchterliches Mittel erfunden haben ſollte, um mich fuͤr immer zu zerſtoͤren und ihre Kinder un⸗ Eine NHuß zu knarkten. 119 gluͤcklich zu machen, denn die ihrigen ſind es doch mindeſtens beide! Oder koͤnnte der Himmel es dem Satanas erlaubt haben, ſich in ihre ſterbende Geſtalt zu ſtehlen und ihr die Worte zu einer ſolchen Luͤge zu⸗ zufluͤſtern? O nein, nein, nein! Es iſt nur zu wahr! Das Gewiſſen war es, das ihr ſtolzes Herz ſchwellte, das in ihrem kraͤftigen Geiſte arbeitete. Die Wahr⸗ heit mußte heraus, und ſterben konnte ſie nicht, ohne den Betrug zu entdecken.“ Somit ſicher der Thatſache, beſtand ſeine fernere Angſt darin, daß es ſo ganz unmoͤglich war, zur Ge⸗ wißheit zu gelangen, welcher von den beiden Soͤh⸗ nen ſein Kind ſey; denn daß Nache jene unſelige Entdeckung herbeigefuͤhrt habe, fiel ihm nie ein, und nie auch wollte er nur einen Augenblick bei einem Gedanken verweilen, der, wie er meinte, dem Ge⸗ heimniß auf eine ſo ungeheuere Art die Loͤſung gaͤbe. Auf jedem Wege, wohin Berechnung oder Erra⸗ then jede Art von Wahrſcheinlichkeit oder Bezie⸗ hung leiten konnte, verſuchte M'Ronan zum Ziele ſeiner unſeligen Ungewißheit zu gelangen. Er erin⸗ nerte ſich mit peinlicher Genauigkeit an alle Umſtaͤnde ihres haͤuslichen Lebens, von dem Tage ſeiner Ver⸗ heirathung an bis zu der Geburt der Knaben; denn er war entſchloſſen, nichts uneroͤrtert zu laſſen, was nur vielleicht irgend einen Lichtſtrahl in das Dunkel ſeiner unfruchtbaren Unterſuchungen werfen koͤnnte. 120 Eine Duß zu knarken. Er verſetzte ſich ganz in die fruͤheren Monate ſeiner Verheirathung, als ſeine theure Nelly, dem An⸗ ſcheine nach, ſein und nur ſein eigen war, ehe noch ſein haͤßliches Temperament jene Nuͤſſe“ hin⸗ geworfen hatte, welche ſeine haͤusliche Gluͤckſeligkeit ſtoͤrten. Dann verweilte er bei ihren erſten Zwiſtig⸗ keiten, ihrem Streit, ihren Mißverſtaͤndniſſen. Er rechnete ſich ſeiner Frau Vergnuͤgungen, ihre Be⸗ kanntſchaften, ihre Verhaͤltniſſe vor. Er gedachte der Beſuche zu Schloß Ronanstown, ſeines Weibes jun⸗ gen Couſins, Tory O'Sullivan, eines fluͤchtigen, ſorg⸗ loſen Jagdgeſellen, und eines gewiſſen Rittmeiſters von den ſchweren Reitern, eines ſchoͤnen, friſchen Mannes, mit einem Federbuſche auf dem Hute und einem tuͤchtigen Schnurrbarte, der in einem nahen Orte im Quartier gelegen, und im Schloſſe oft ge⸗ ſpeiſ't und uͤbernachtet hatte. Noch andere ſtiegen in magiſcher Folge im ſich ſelbſt quaͤlenden Geiſte M'Ro⸗ nans, wie die Geiſtererſcheinungen vor Macbeth, auf, und jeder ſchien auf die fraglichen Kinder zu laͤcheln, „Und, auf ſie zeigend, ſein zu nennen.“ In dieſer Aufregung ſtreitender Zweifel, Befuͤrch⸗ tungen und Hoffnungen, beſtimmte er manchmal mit einer Art von verzweiflungsvoller Hingebung den einen ſeiner Soͤhne fuͤr den ſeinen, und dann wan⸗ delte ſich die ganze Kraft ſeines rauhen Weſens in bittern Haß Eine Nuß zu knarkten. 121 Haß gegen den andern. Gewaltthaͤtigkeit jeder Art ward dann an dem Knaben ausgeuͤbt, der eben fuͤr illegitim anerkannt wurde. Auf einmal aber ſtuͤrzte der Blitz eines fluͤchtigen Gedankens, das Aufdaͤm⸗ mern irgend einer Ahnung, der Schatten eines alten Verdachts, dieſe Anſicht wieder uͤber den Haufen, und nun beging er in einem Anfalle von Wahnſinn ge⸗ gen ſeinen zuletzt Beguͤnſtigten Handlungen der groͤß⸗ ten Tyrannei. Dieſe ſchmerzlichen Anregungen ſeiner Gefuͤhle und Anſichten haͤtten aber die ungluͤcklichen Kinder wol noch errragen, und vielleicht auch zuletzt noch vergeben, aber aus des wirren Vaters Unge⸗ wißheit entſprang eine weit ernſthaftere Folge. Faſt ſein ganzes Vermoͤgen, und es war ſehr bedeutend, befand ſich in ſeiner unumſchraͤnkten Gewalt, da er ſich mit ſeinem Vater zu einem von jenen geſetzlichen Taſchenſpielerkunſtſtuͤckchen verbunden hatte, wodurch die Nachkommen einer achtbaren Familie, auf echtir⸗ laͤndiſche Art, ſchon im Voraus zu Grunde gerichtet, und ihrer Erbſchaft, ehe ſie ſolche noch beſitzen, be⸗ raubt werden koͤnnen. Bei dieſer Freiheit, nach eige⸗ nem Belieben uͤber ſein Vermoͤgen zu beſtimmen, hatte er ſtets die Abſicht gehabt, es ganz gleich zwiſchen ſeinen beiden Soͤhnen zu theilen, bis das Legat des Elends, das dem ungluͤcklichen Kleeblatt ein Weib und eine Mutter auf dem Todtenbette hinterließ, die von mir geſchilderten Wirkungen hervorbrachte. Denn I. 6 122 Eine Huß zu knarkten. jetzt ward oft bloß in dem Laufe eines Monats, einer Woche oder eines Tages eine Dispoſition uͤber ſein Vermoͤgen aufgeſetzt, umgeſtoßen, wieder beſtaͤtigt und wieder zuruͤckgenommen. Unzaͤhlige Teſtamente und Codizille wurden entworfen, aufgeſetzt und vernichtet; aber zum Ungluͤck fuͤr die armen Nachkommen dieſes geaͤngſteten Mannes, nicht alle. Andere geringere Unfaͤlle, welche MeRonan und die Seinen betrafen, uͤbergehe ich, ſo wie deſſen gaͤnz⸗ liche Entfernung von allen Verwandten ſeiner Frau, die im hoͤchſten Grade erbittert waren, daß er das als Thatſache annahm, was ſie ſtets nur fuͤr ein Irrereden im Augenblicke des Todes erklaͤrten, und ſammt und ſonders nicht zugeben wollten, daß ein ſolcher entehrender Flecken auf irgend eine Tochter aus dem ſittlichen Hauſe der O'Sullivans, ſelbſt durch ein eigenes Mitglied deſſelben, gebracht werden koͤnne. Hierzu kam aber noch, daß die beiden Bruͤ⸗ der, die ſich von Kindheit auf zaͤrtlich geliebt hatten, nun auch feindſelig gegen einander geſinnt wurden. Lange widerſtanden ſie den Bemuͤhungen ihres Va⸗ ters, einem nach dem andern in's eigene Herz die finſteren Zweifel zu gießen, die ihn ſelbſt peinigten, ſo wie den Haß, deſſen Gegenſtand ſie wechſelsweiſe wurden. So wie ſie aber heranwuchſen, und die eigennuͤtzigen Gefuͤhle maͤnnlicher Jahre die Stelle des jugendlich aufopfernden Sinnes einnahmen, ſogen ſie Eine Nuß zu knarſten. 123 nach und nach das Gift ein, das die Quelle des See⸗ lenfriedens ihres Vaters getruͤbt hatte. In den ver⸗ ſchiedenen Stunden ihrer Beguͤnſtigung wurden ſie unmerklich durch den Sonnenſchein widernatuͤrlicher Nachſicht, der ſich uͤber ſie ergoß, verdorben, und wenn ſie dann wieder bei'm Wechſel deſſelben die uͤble Behandlung und die Erniedrigungen dulden mußten, von denen ſie vorher frei geweſen waren, ſo brachte dieſe Veraͤnderung ein unwiderſtehliches Gefuͤhl von Eiferſucht und Widerwillen in ihnen hervor, das zu⸗ letzt in wahren Haß gegen einander ſich ſteigerte. Als daher endlich Phelim M'Ronan, aufgerieben von ſeinem Elende, nach einem Dutzend von Jahren ſeinem Weibe in ihr, wie ich fuͤrchte, unruhiges Grab folgte, waren ſeine damals etwa dreißig Jahre alten beiden Soͤhne eben ſo erbitterte Feinde gegen einan⸗ der, als ob ſie nie ein Band des Bluts, oder eine fruͤhere Zuneigung vereint gehabt haͤtte. Ich habe vergeſſen, wer bei Phelim M'Ronan's Tode im Be⸗ ſitze ſeiner Gunſt und folglich der beſtimmte Erbe ſei⸗ nes Vermoͤgens war; aber es iſt auch einerlei, denn man fand zwei Teſtamente von einem und demſelben Datum vor: ja man erzaͤhlt, daß an dem Tage, wo ſie aufgeſetzt worden,— dem vor dem Ableben M'Ro⸗ nan's ſelbſt,— dieſer in ſeiner angſtvollen Qual, ein halbes Dutzend ſolcher einander ſtets gerade entgegen⸗ laufender Urkunden aufgeſetzt und wieder umgeſtoßen 6* 124 Eine Nuß zu knarſten. habe. Der groͤßere Theil derſelben war allerdings vernichtet, aber die Anhaͤnger jedes der beiden Soͤhne ſorgten vorſichtig dafuͤr, daß in der Unruhe ſolch' eines Augenblicks jeder das ihn betreffende bewahre; und dies war, wie ſich's nachher ergab, hinreichend zum gaͤnzlichen Ruine der letzten Zweige dieſes alten Stammes und zur voͤlligen Zerſplitterung ihrer Be⸗ ſitzthuͤmer. Brauche ich noch zu erwahnen, daß die unmittel⸗ barſte Folge nun ein Prozeß war? Doch haͤtte ich lieber ſagen ſollen hundert Prozeſſe, in jeder Ge— ſtalt und Weiſe. Fuͤnf und zwanzig Jahre lang war jeder Gerichtshof des Koͤnigreichs mit den Rubriken MeRonan gegen M'⸗Ronan, Nemmy gegen Patrik, und Patrik gegen Remmy vertraut. Auf jedem nur moͤglichen Wege, auf welchem dieſe Angelegenheit ver⸗ handelt werden konnte, ward ſie auch verhandelt. Durch jede Anſtrengung des Talents, aber auch durch jede Wendung der Chikane, die ſich nur denken ließ, wurden die Anſpruͤche der beiden Partheien ausein— ander geſetzt und in einander verwoben und verdreht; aber niemals konnte der gerade Weg gefunden wer⸗ den, ſondern ſie wandten ſich immer auf einem krum⸗ men in und durch einander. Endlich war alles auf⸗ geopfert— alles dahin. Jeder der beiden Bruͤder war ein dutzend Mal im Beſitze der vaͤterlichen Guͤ⸗ 4 Eine Nuß zu knarſten. 125 ter geweſen und wieder daraus vertrieben worden, denn der Eine hatte eben ſo gut als der Andere einen Rechtsanſpruch an das Erbe, bis der Gegenbeweis gefuͤhrt worden war. Sie waren dem Geſetze nach Beide die Soͤhne von Phelim M'Ronan. Entgegen⸗ geſetzte Dekrete und Auflagen, beſtaͤtigende und refor⸗ mirende Urtheilsſpruͤche von den oberen Behoͤrden, Ap⸗ pellationen ohne Ende, und Entſcheidungen ohne Er⸗ folg haͤuften ſich in dieſem merkwuͤrdigen Rechtsſtreite in ſo prachtvoller Unordnung, daß alle andere Pro⸗ zeſſe daruͤber ſchamroth werden mußten. Endlich ward der Prozeß geendet;— wier wiſſen meine Leſer ſchon;— durch die gaͤnzliche Erſchoͤpfung des Vermoͤgens und die vollſtaͤndigſte Entfremdung des Eigenthums aus den Haͤnden der armen Erben. Beide Soͤhne waren an den Bettelſtab gebracht. Der Eine wanderte nach Amerika aus, der Andere blieb in Irland; jener in der Hoffnung, ſein ungluͤckliches Schickſal zu vergeſſen und vielleicht ſich ein beſſeres zu verſchaffen; dieſer mit der ſtillen Ueberzeugung, daß doch noch vielleicht, wenn er recht auf ſeiner Hut waͤre, ein gluͤcklicher Zufall fuͤr ihn ſich ereignen oͤnne, obgleich das Spiel voͤllig aus zu ſeyn ſchien, und nicht abzuſehen war, wer die Karten von Neuem in die Hand nehmen ſollte. Dieſer letztere— ich weiß aber nicht, ob Patrick oder Remmy— war der⸗ 126 Eine Nuß zu kinarkten. ſelbe, den ich als Aſſiſen⸗Penſionair der halbjaͤhrigen Wohlthaten der Rechtsgelehrten ſah, die vor Jahren ſich ſaͤmmtlich mit ſeinem Vermoͤgen geſaͤttigt hatten, und in dieſer Beziehung wol ein ſehr ungewoͤhn⸗ liches, wo nicht ganz einziges Exemplar ſeiner Gat⸗ tung. Daß Geneſung ghauß. Erſtes ſtanitel. Joch hatte eben eine lange Wanderung auf den Ber⸗ gen nicht weit von einem der ſuͤdlichen Haͤfen Frank⸗ reichs beendigt, und ſtand im Begriff in die Stadt zu treten, die ſchon ſeit einigen Stunden vor mir lag, als ein großes Gebaͤude unweit der Straße meine Aufmerkſamkeit auf ſich zog. Vorzuͤglich intereſſirte mich eine Tafel oberhalb des ſchoͤnen Gitterthores aus gegoſſenem Eiſen, auf welcher mit großen Buch⸗ ſtaben die Worte ſtanden, welche ich auch zur Ueber⸗ ſchrift meiner Erzaͤhlung gewaͤhlt habe: *△ 41 Maison de Santé. Es lag in dieſer Aufſchrift etwas ungemein be⸗ ruhigendes und einladendes. Nicht als ob ich mich ſelbſt unwohl gefuͤhlt haͤtte, aber ich war ſehr ermuͤ⸗ det. Ich hatte mich uͤbergangen, wie man es nennt, und war mit meinem Ausfluge nicht eben ſehr zu⸗ frieden, da mir auf demſelben nicht das mindeſte be⸗ gegnet war, was nicht jedem andern Reiſenden eben ſo gut haͤtte geſchehen koͤnnen. So bedurfte ich denn entweder wirklich der Ruhe, oder glaubte es minde⸗ 8 6* 130 Das Geneſungshaus. ſtens, welches ganz daſſelbe iſt, und ſo kam es mir denn ſogleich in den Sinn, die freundlichen Bequem— lichkeiten dieſes nicht«Kranken-» ſondern«Ge— neſungshauſes“ zu verſuchen, ſtatt mich in das Ge⸗ toͤſe eines Gaſthofes zu ſtuͤrzen, Ich wußte, daß Einrichtungen dieſer Art zur Auf⸗ nahme wahrer oder eingebildeter Invaliden, wo wirk⸗ liches Unwohlſeyn oder ſcheinbares Uebelbefinden Huͤlfe und Pflege zu erwarten haben, in Frankreich etwas Gewoͤhnliches ſeyen. Meine Ideen von einer Maison de Santé waren alſo von denen, die ſich mit einem Hospitale verknuͤpfen, durchaus geſchieden. Ich ſtellte mir nichts von dem Unangenehmen der Krankheiten oder den Gefahren der Anſteckung vor, und hatte in ſo fern ganz recht; aber es iſt mit dieſem Namen noch eine andere Bedeutung verbunden, die ich nicht kannte, bis ich ſie auf dem peinlichen Wege, den ich nun be⸗ ſchreiben will, kennen lernte. Sobald ich beſchloſſen hatte, dieſes Haus der Ver⸗ heißung fuͤr einige Zeit zu meinem Ruheplaͤtzchen zu waͤhlen, ſchritt ich zu deſſen aͤußerer Unterſuchung vor. Ich verließ die Landſtraße und ging an dem nicht unbetraͤchtlichen Umfange des Inſtituts hin, das ganz mit einer hohen Mauer umgeben war. Ueber ſie ragten die Daͤcher einiger Wirthſchaftsge⸗ baͤude, ſo wie das eines einzeln ſtehenden, aber kleinen Hauſes, welches ſich in der Mitte eines Gartens zu Erſtes Itapitel. 131 befinden ſchien; denn rings um daſſelbe erblickte ich die Wipfel von Fruchtbaͤumen in voller Bluͤthe, und naͤher der Mauer verſprachen Reihen von bluͤhenden Linden und anmuthigen Pappeln friſchen und dichten Schatten. Welch' ein beneidenswerther Aufenthalt, dachte ich bei mir ſelbſt, fuͤr den Geneſenden oder den Denker! Wie ſchoͤn muß unter dieſen Schattenbaͤumen und fern vom Geraͤuſche der Welt, die Zeit entgleiten! und um ſo feſter ſtand mein Entſchluß, hineinzutre⸗ ten, und mir auf einige Zeit den Zutritt zu den Ge⸗ nuͤſſen zu erbitten, die ich mir ſelbſt im Geiſte ſo koͤſtlich ausmalte. An beiden Seiten des eiſernen Thores, von dem ich bereits ſprach, ſtreckten ſich hohe und reich verzierte Vermachungen von demſel⸗ ben Material mehrere Ellen lang hin. Auf ihnen zeigten ſich in einander nach hinten und vorn ver⸗ ſchraͤnkte Anfangsbuchſtaben mit Kronen und anderen heraldiſchen Zeichen. Dieſer Ort hatte alſo offenbar irgend einer adligen Familie gehoͤrt, die von den Aerz⸗ ten, deren heilbringende Ankuͤndigung oberhalb zu leſen war, verdraͤngt worden. Der Kunſtgeſchmack des ge⸗ genwaͤrtigen Beſitzers zeigte ſich auch durch verſchie⸗ dene bronzene Schlangen, die ſich ſonderbar genug durch jene ariſtokratiſchen Verzierungen hindurch zo⸗ gen. Dieſes Emblem aͤrztlicher Beſchaͤftigung, das ſich in die ritterlichen Anſpielungen umher eingeſchli⸗ 13² Baß Geneſungshaus. chen hatte, kam miy vor, wie der Boͤſe, der ſich in's Paradies ſchleicht, und ich wendete die Blicke davon hinweg zu dem Hofe vor dem Hauſe und zu dieſem ſelbſt. Der Raum vor demſelben war groß und weit, und jenes anſehnliche Gebaͤude ſelbſt ſprach ſeine vor⸗ malige Wichtigkeit aus. Es trug jenen ſchweren, dem Auge unwohl thuenden Styl, in welchem faſt alle Schloͤſſer in Frankreich gebaut ſind. Einer von den ſonderbaren Kontraſten mit dem Geiſte und der Ge⸗ muͤthsart dieſer Nation, die, ob ſie gleich ſehr haͤufig ſind, doch deshalb nicht minder auffallen. Der Ort, dachte ich nun bei mir ſelbſt, iſt alſo doch nicht ſo anmuthig als ich waͤhnte. Schon der bloße Anblick dieſer Steinmaſſe kann einen Menſchen verſtimmen. Ich werde alſo doch nicht weiter gehen. Und ſo ſtand ich bereits im Begriff mich zu entfer⸗ nen und vollends nach der Stadt zu wandern, als eine dicke, freundliche Frau von mittleren Jahren an die Thuͤre trat, durch welche ich meine Rekognoszi⸗ rung angeſtellt hatte, und durch das Gitter hoͤflich aber eilig folgende Worte an mich richtete:«Warten Sie doch nur gefaͤlligſt ein wenig. Sie wuͤnſchen unſtreitig den Doktor. Er ſoll gleich bei Ihnen ſeyn. Der Portier wird Sie indeſſen in das Haus fuͤhren. Sie werden es etwas unordentlich darin finden; Sie muͤſſen das aber nicht ſo uͤbel nehmen. Meine Dienſt⸗ leute ſind alle nichts werth, ſie folgen auch nicht im & Erſtes Itapitel. 133 geringſten. Ich bin wahrhaftig ganz unzufrieden mit ihnen, denn ſie thun als ob alles hier ihnen gehoͤrte, und nicht mir. Da kommt ſchon einer von ihnen— der grobe Portier!? Und nun ging ſie geſchwind fort, indem ſie noch einen Blick, zwiſchen Furcht und Aerger, auf den ziemlich grob ausſehenden Burſchen warf, der jetzt zu mir trat. Er ſeinerſeits blickte ihr mit einer finſtern und unartigen Miene nach, wen⸗ dete ſich aber dann mit ſchmeichleriſcher Hoͤflichkeit an mich, fragte, was mein Begehr ſey, und oͤffnete die Thuͤr, indem er einen ungeheueren Riegel bines ſchob, womit ſie verſperrt war. Ich ſagte ihm, daß ich kein eigentliches Sschäft hier habe, und ſetzte ihm, als ich nicht ohne einige Verwunderung war, weshalb man den Hof, in den ich trat, ſo ſorgfaͤltig bewache, kuͤrzlich auseinander, daß, wenn ich etwa fuͤr acht Tage hier ein Unter⸗ kommen finden koͤnnte, ich entſchloſſen ſey, dieſe hier zuzubringen. Er antwortete, daß ſich das ohne Zwei⸗ fel ſehr gut werde thun laſſen, und bat um Erlaub⸗ niß, mich in das Studierzimmer des Herrn Doktors zu fuͤhren, wo ich wegen der Bedingungen und Ver⸗ haͤltniſſe von dem Vorſteher dieſer Anſtalt das Naͤ⸗ here erfahren wuͤrde. «Kann denn aber nicht die Frau vom Hauſe dort die Sache mit mir abmachen?“ fragte ich. — Die Frau vom Hauſe?!— 134 Das Geneſungshaug. «Nun ja, die Dame, mit der ich eben ſprach. Iſt ſie denn nicht die Frau vom Hauſe hier?» — Nein, mein Herr.— «Sie ſagte mir's ja aber eben.» — Das glaube ich wol, daß ſie ſich's unterſtan⸗ den hat.—. „Nun, wer iſt ſie denn ſonſt, und was meinte ſie denn damit, daß ſie ſagte, es gehoͤre ihr hier alles?» — Hier entlang kommen Sie in's Studierzimmer des Herrn Doktors!— ſagte mein Fuͤhrer, ſchnitt mir dadurch meine Frage glatt ab, und fuͤhrte mich in einen engen Gang, an deſſen Ende ich eine Thuͤr er⸗ blickte, vor der ein gruͤn wollner Vorhang ſich zeigte. Als ich an dieſen Eingang kam, ſchaute mir das ro⸗ the Angeſicht der dicken Dame aus einem kleinen Fenſter, das nach dem Hofe zuging, entgegen, und ſie winkte mir deutungsvoll aber unverſtaͤndlich, in⸗ dem ſie verſchiedene Bewegungen machte, deren Sinn ich nicht errathen konnte. Kaum bemerkte ſie der Portier, als er ſie durch eine drohende Miene ſo⸗ gleich verjagte, waͤhrend ſeine Hand ſich mechaniſch zu ballen ſchien, und ein dumpfer Fußtritt durch den Gang ſchallte. Ich hatte keine Zeit, mich daruͤber zu verwundern, denn des Portier's Klopfen an die Thuͤr ward durch eine augenblickliche Einladung, ein⸗ zutreten, beantwortet, und ſo ſtand ich denn gleich darauf vor dem Herrn Doktor ſelbſt. 4 Erſtes Mapitel. 135 Er betrachtete mich ſchnell und nahe, um, wie es ſchien, mein Begehr zu errathen. Sein forſchendes Auge entdeckte aber keine Krankheitsſymptome an mir; er bot mir alſo hoͤflich einen Stuhl an, ſetzte ſich nieder auf den ſeinen, und ſchien nun hoͤren zu wol⸗ len, was ich ihm vortragen wuͤrde. Ich riß ihn bald aus ſeiner Unruhe,— wenn er wirklich welche hatte— indem ich ihm vorſchlug, mich auf acht Tage bei ihm, ganz in ſeiner gewoͤhnlichen Art, einzumiethen, und ihm deutlich auseinander ſetzte, daß ich ſeiner aͤrzt⸗ lichen Sorge nicht beduͤrfe, ſondern bloß euhe und Zuruͤckgezogenheit wuͤnſche. «Aha!“» entgegnete der uͤberkluge Mann,«ich ſehe ſchon, was das zu bedeuten hat— ein Literatus— ein Gelehrter!— Sie beduͤrfen der Einſamkeit, mein Herr, um irgend ein großes Werk zu vollenden.— Iſt's nicht ſo? Ja, ja, Ihre Landsleute ſind große Reiſende und große Schriftſteller. Sie ziehen wahr⸗ ſcheinlich Erkundigungen uͤber unſere Kathedrale und die roͤmiſchen Ruinen in der Vorſtadt dort ein— oder wollen Sie die Manunſcripte in unſerer Biblio⸗ thek unterſuchen, und die alten Denkmaͤler betrachten, deren es ſo viele in unſerer Stadt giebt?— O! da haben Sie ſich gerade an den rechten Mann gewendet. Kann irgend Jemand hier Sie in Ihren gelehrten Unterſuchungen unterſtuͤtzen, ſo bin ich es! Ich liebe Literatur und Wiſſenſchaften, und bin auch ſelbſt in 136 Dat Geneſungzhau. der gelehrten Welt nicht ungekannt. Als Arzt habe ich tuͤchtige Studien getrieben: Chemie, Geologie, Pa⸗ thologie und Phyſiologie verſtehe ich an den Fingern herzuſagen; vergleichende Anatomie iſt mein ABC. Aſtronomie iſt mir eben ſo vertraut wie Mathematik, aber Metaphyſik iſt meine Leidenſchaft! Ja, ich ver⸗ ſichere Ihnen, daß alle materielle Eigenſchaften der Natur mit ihren tauſendfachen Modifikationen in Ver⸗ gleich zu den erhabenen und abſtrakten Spekulationen des Verſtandes fuͤr mich nicht den geringſten Reiz beſitzen. Nur die Lehre von den allgemeinen Affek⸗ tionen, und nur dieſe allein, iſt wuͤrdig, den Enthu⸗ ſiasmus eines Mannes von Genie zu erregen. Sie verfeinert und veredelt die Seele, und macht uns zur Ausuͤbung jener wohlthaͤtigen Pflichten geſchickt, welche der Menſch dem Menſchen ſchuldig iſt, und die mich allein zu dem Geſchaͤfte veranlaſſen konnten, dem ich mich gewidmet habe!— Aber was ſehe ich da? Was zum Teufel iſt denn das? Michel, Michel, Michel!“» ſo ſchrie der Doktor ploͤtzlich auf, hielt den Lauf ſei⸗ ner Beredſamkeit unerwartet ein, klingelte heftig, und ſchickte ſich geraͤuſchvoll, an aus dem Zimmer zu lau⸗ fen. Waͤhrend er nun ſeine braune Brutusperuͤcke in eine andere Lage ſchob und ſeinen rothſeidenen Dok⸗ torhabit, der auf einem Stuhle neben ihm lag, um ſich warf, trat der Portier— eben beſagter Michel — in's Zimmer. 1 Erſtes Itapttel. 137 «Nun, das iſt etwas Schoͤnes, Michel!— Das geht Dich an! Sieh doch nur dort den Sohn des Generals, der wieder mit der Graͤfin ſchoͤn thut! Lauf' in den Garten und halte ihn feſt. Mache die Blutigel und ein tuͤchtiges Blaſenpflaſter auf der Stelle zurecht— ich komme gleich auch.»“ Der muͤrriſche Kerl ſah bei den erſten Worten noch verdruͤßlicher aus als zuvor, grinzte aber ſchauer⸗ lich vor innerer Freude bei den letzten Befehlen. Er eilte fort, und der Doktor hinterdrein, meine Gegen⸗ wart entweder vergeſſend oder nicht beachtend. So allein gelaſſen, fuͤhlte ich mich nun eben nicht ganz behaglich. Mir ſchien's, als ob ich da an ganz unrechte Leute gekommen ſey, und ich wußte nicht, wie ich mich wieder heraushelfen ſollte. Ich ging an's Fenſter nach dem Garten zu, und als ich bei dem Tiſche vorbei kam, an welchem der Doktor ge⸗ ſchrieben hatte, erblickte ich einzelne Blaͤtter eines gedruckten Werkes mit Korrekturen und Ausſtreichun⸗ gen, wie gewoͤhnlich Probebogen auszuſehen pflegen. Ich las den Titel, welches folgender war: Der Menſch und die Metaphyſik, oder das aufgeloͤſete Raͤthſel durch Oedipus den Zweiten. 138 Daßs Geneſungshaus. Das folgende Blatt, welches zur Einleitung zu gehoͤren ſchien, begann mit einem Theile derſelben Rede, wie ſie der Doktor eben an mich gerichtet hatte:«„Die Lehre von den allgemeinen Affektionen, und nur dieſe allein iſt wuͤrdig, den Enthuſiasmus eines Mannes von Genie zu erregen u. ſ. w. Das genuͤgte mir vollkommen. Ich wendete mich nun wieder zum Fenſter, ſah in den Garten und erblickte einen freundlich und anziehend ausſehenden jungen Mann in anſcheinend ſcherzhafter Unterhaltung mit einer großen anſehnlichen Frau in einem neumodigen Morgenanzuge. Da ich in der Lehre der allgemeinen Affektionen nicht ſo bewandert war, wie der ontolo⸗ giſche Doktor, ſo wuͤrde ich von ſelbſt nicht bemerkt haben, daß der junge Mann mit ihr ſchoͤn thue. Mochte ſeine Unterhaltung auch ſeyn, welcher Art ſie wolle, ſie erhielt ploͤtzlich eine heftige Unterbrechung. Michel, der Portier, kam mit wahrhaft boshafter Eile ſchnell hinzu und auf den jugendlichen Liebhaber los, der, als der Kerl ihm naͤher trat und ihn bei'm Kra⸗ gen ergriff, gewaltig erſchrak und ganz blaß ward. Gleich darauf ließ ſich auch der Doktor ſehen, trieb die Graͤfin, wie er ſie nannte, voll Wuth einige Schritte auf dem Kieswege fort, und fuͤhrte dann nebſt Michel den jungen Mann nach dem Hauſe zu, das zwiſchen den Baͤumen im Garten ſtand. Mein Blut durchlief es bei dieſem Anblicke zugleich kalt vor Erſtes Itapitel. 139 Staunen und heiß vor Unwillen. Ich folgte dem Doktor und ſeinem wuͤrdigen Helfershelfer mit den Augen, und bloß die Furcht, daß mein voreiliges Da⸗ zwiſchentreten leicht mehr ſchaden als helfen koͤnne, hielt mich zuruͤck, auch dorthin zu eilen.«Wie!» rief ich laut aus,«iſt dies eine Probe des Wohlwol⸗ lens, wodurch dieſer ſchaͤndliche Heuchler allein zur Ausuͤbung ſeiner Kunſt ſich getrieben fuͤhlen will?» — Ja, ja, Wohlwollen!— rief eine Stimme neben mir im ſpoͤttiſchen Tone aus, und eine haͤß⸗ liche Art von Gelaͤchter ſchloß den Ausruf. Ich ſah mich um, und erblickte meine dicke Freundin, die hin⸗ ter mir am Fenſter ſtand.— Wohlwollen;— wieder⸗ holte ſie:— nein, nein! davon hat er auch kein Kruͤmchen im Herzen, das koͤnnen Sie mir glauben. Er iſt ein Tyrann von der ſchlechteſten Sorte, und Gott ſtehe Ihnen bei, da Sie in ſeine Klauen gera⸗ then ſind! Sie ſind keine Stunde Ihres Lebens ſicher. Winkte ich Ihnen nicht zu, als Sie den Gang entlang kamen, daß Sie hier nicht herein tre⸗ ten ſollten? Da Sie nun aber einmal hier ſind, ſo ſehen Sie ſich ſorgfaͤltig vor! Sehen Sie nur, wie ſie es mit mir getrieben haben: bin ich nicht eine Sklavin in meinem eigenen Hauſe? Aber der Pre⸗ mier⸗Miniſter hat ſchon ein Auge auf ſie, und ich werde gewiß noch geraͤcht werden.— «Um des Himmels willen,“» fragte ich voll Unge⸗ 140 BDas Geneſungshaug. duld, was will man denn dem jungen Manne dort thun? Was hat denn das nur alles zu bedeuten? — Was ſie ihm thun wollen? Je nun, was ſie auch mit Ihnen, Sie, armer Teufel, thun werden— ihn halb todt mit Blutigeln und Blaſenpflaſtern ma⸗ chen, und dan..— «Holla, holla, Madame!» ſchrie der Doktor, der jetzt aus dem Gebuͤſche hervortrat:«Was machen Sie wieder da? Gehoͤrt ſich das fuͤr Sie? Gleich auf Ihr Zimmer!— Michel! mache das Sturzbad fuͤr die Dame fertig.— Fort, Madame! Sie werden gar zu dick.» — Mein Himmel!— rief ich aus, als die Dame fortwatſchelte, der Doktor hinterdrein und Michel mit Beiden;— was iſt das fuͤr ein tyranniſches Verfah⸗ ren! Das waͤre mir eine Geſundheitsanſtalt! Wie? Blutigel und Blaſenpflaſter weil man artig, und ein Sturzbad weil man zu fett iſt! Nein, aus dieſer Hoͤlle will ich eiligſt mich retten.— Und damit er⸗ griff ich meinen Hut und verſuchte die Thuͤr zu oͤff⸗ nen; mein Blut ſchien aber in den Adern zu ſtocken, als ich bemerkte, daß ſie von Außen verſchloſſen ſey. Ehe ich noch Zeit genug hatte, alle die Gefahren durchzudenken, in welche mich eine ſolche Lage brin⸗ gen konnte, hoͤrte ich den angenehmen Ton eines Schluͤſſels, der mein Gefaͤngniß oöͤffnete. Gleich dar⸗ auf ſtand auch der Doktor vor mir, machte aber eben Erſtes Itanitel. 141 ſo ſchnell auch wieder die Thuͤre hinter ſich zu. Um keine Art von Verlegenheit zu zeigen, es moͤge auch hereinkommen, wer da wolle, hatte ich mich nach dem Tiſche zuruͤckgezogen, und ſo fand mich der Doktor, als er eintrat, in anſcheinender Ruhe im Beſchauen ſeiner Buͤcher. «Mein Herr!“ rief er mit einer Art von ſchlei⸗ chender Hoͤflichkeit:«ich bitte tauſendmal um Verge⸗ bung wegen meiner Unaufmerkſamkeit. Ich ſchloß vorhin, als ich fortging, um den jungen widerſpaͤn⸗ ſtigen Menſchen zu beſtrafen, die Thuͤr mechaniſch zu, — weil ich dies nun einmal ſo in der Gewohnheit habe. Ach, ich muß die meiſten meiner Kranken un⸗ ter Schloß und Riegel halten.» — Aber nicht Ihre Miethleute auch, Herr Dok⸗ tor! will ich hoffen?— «Es iſt ein unruhiges Voͤlkchen, das kann ich Ih⸗ nen verſichern!“» fuhr er fort, ohne auf meine Unter⸗ brechung zu achten.«Sie ſehen's ja ſchon, wie ich geplagt werde. Das iſt nun mein Dank dafuͤr, daß ich die Geſundheit und das Gluͤck meiner Neben⸗ menſchen zu befoͤrdern ſuche! Aber hier, mein Herr!» und damit wies er auf die Probebogen;«hier iſt der unſterbliche Lohn fuͤr dies alles. Dieſes große Werk, das ich jetzt der Welt zu ſchenken im Begriff ſtehe, dieſe Abhandlung uͤber die wahre Verbindung zwi⸗ ſchen Geiſt und Materie, iſt die nie verwelkende Ver⸗ 142 Das Geneſungshaus. geltung fuͤr Tage und Naͤchte voll Muͤhe und Ar⸗ beit. Meinen Namen, als Wohlthaͤter des Men⸗ ſchengeſchlechts, auf die Nachwelt zu bringen, iſt fuͤr mich.» In dieſem Augenblicke erſchien das haͤßliche Ge⸗ ſicht Michel's wieder an der Thuͤr. Er rief den Dok⸗ tor, der gleich zu ihm ging, und der wuͤrdige Portier ſagte mit halb unterdruͤckter Stimme, aber doch laut genug, daß ich es hoͤren konnte:— Der alte Geiſt⸗ liche iſt wieder einmal wuͤthend wegen ſeines Eſſens. Er ſchimpft auf den Fiſch, den er verfault nennt, und behauptet, daß die Suppe uͤber alle Erlaubniß lang gedehnt ſey.— «Der alte Spitzbube!“ murmelte der Doktor. «Gieb ihm trockenes Brot zum Abendeſſen, und ſchimpft er dann wieder, ſo laſſe ihn das Kamiſol anlegen.“ Der bereitwillige Portier nickte freundlich, und der Doktor wendete ſich laͤchelnd zu mir. «Wieder eine Unterbrechung!“ rief er aus.„So werde ich allemal in meinen angenehmſten Augenblik⸗ ken geſtoͤrt. Und dieſes Kompliment war von einer tiefen Verbeugung begleitet.«Einer meiner armen Hypochondriſten, ein religioͤſer Enthuſiaſt, hat eben zu mir geſchickt.“» — Was fuͤr ein Vergnuͤgen muß das fuͤr Sie ſeyn,— entgegnete ich mit feſtem Nachdruck— fuͤr Erſtes Iianitel. 143 Alte und Kranke Sorge zu tragen, und die Kraft zu beſitzen, ihre Leiden zu lindern, moͤgen ſie nun wirk⸗ liche oder bloß eingebildete ſeyn!— «Das iſt's auch,» antwortete er mit einem tiefen Seufzer: und das Bewußtſeyn, meine Pflicht, in Bezug auf ſie, zu erfuͤllen, iſt mein einziger Lohn fuͤr Zeit und Muͤhe, und ich darf wol ſagen, fuͤr den Undank, den neun Zehntheile von ihnen mir zeigen. Sie ſollten es wol kaum glauben,» fuhr er fort, waͤhrend ſeine Heuchelei mich faſt in ein Gallenſieber brachte,«„daß dieſes ungeheuere Etabliſſement hier fuͤr mich ein todtes Kapital iſt. Kein Gewinn, keine Be⸗ quemlichkeit, und nur geringern Dank fuͤr große Opfer, ob ich gleich ſechzig Kranke hier beiſammen habe.”» — Sechzig!— rief ich mit unwillkuͤrlichem Schauer aus, indem ich an die Maſſe von Elend dachte, wel⸗ ches dieſen Ungluͤcklichen taͤglich zu Theil ward.— Sechzig! und was iſt denn deren hauptſaͤchliches Lei⸗ den?— «Oh— ich weiß das wahrhaftig nicht ſo genau— vielleicht aber bezeichnet es der Ausdruck: Nervenuͤbel beſſer als jeder andere. Aber Sie ſelbſt, mein Herr! woran leiden Sier⸗ — Ich?— leiden?!— erwiederte ich lebhaft:— was verſtehen Sie darunter?— Ich leide an gar nichts. Ich habe mich in meinem Leben nie wohler befunden.— 144 Das Geneſungshaus. «.Ja, das glauben Sie, mein lieber Herr! aber Sie betruͤgen ſich ſelbſt. Ich ſehe ja den aufgeregten Zuſtand Ihrer Nerven, und kenne ja Ihre Empfin⸗ dungen beſſer, als wahrſcheinlich Sie ſelbſt ſie kennen. Schon das Faktum, daß Sie freiwillig dieſes Aſyl aufgeſucht haben, iſt ein Beweis, das die Natur— wie man es nennen koͤnnte— einen Nebenverſuch machte, ſich Huͤlfe zu verſchaffen. Ein vollkommen geſunder Menſch waͤre nicht inſtinktartig getrieben worden, hierher zu kommen.“» — Ein vollkommen geſcheiter!— dachte ich bei mir. «Aber uͤberlaſſen Sie ſich nur meiner Sorgfalt,“ fuhr der Doktor fort,«und ich will Sie bald wieder auf die Beine bringen. Maͤßige Diaͤt, leichte Bewe⸗ gung, laue Baͤder, meine beruͤhmte Tiſane und ein paar Monate Aufenthalt bei mir, werden Ihren Ner⸗ ven moraliſch und phyſiſch ſchon wieder den rechten Ton geben. Sie koͤnnen Ihre Arbeiten nach Belie⸗ ben fortſetzen, ſich beſchaͤftigen womit Sie wollen, mit Geſchichte, Philoſophie oder Statiſtik, ich kann Ihnen uͤberall Auskunft geben. So lange ich bei der Hand bin, werden Sie keine Bibliothek brauchen. Laſſen Sie mich einmal Ihren Puls fuͤhlen.“ Ich wies die vorhabende Manipulation ſeiner Fin⸗ ger von mir und entfernte mich zugleich aus ſeiner Naͤhe, indem mir die Worte der dicken Dame vor den Ohren zu klingen ſchienen. Mir war's, als ob 4 ich Erſtes Itapitel. 145 ich in das Gemach eines Magiers getreten waͤre, deſ⸗ ſen bloße Worte ſchon ein Heer von boͤſen Geiſtern herauf beſchwoͤren koͤnnten, denn der Anblick ſeines haͤßlichen Gehuͤlfen, des Thuͤrſtehers Michel, ſchwebte mir vor den Augen, und ich ſtellte mir eine ganze Menge ſolcher Burſchen vor, die auf ſeinen Wink bereit ſtaͤnden. Ich gefiel mir nicht etwa in meiner Lage, aber ich empfand eine Art Neugier, mehr von dieſem Orte und ſeinen Bewohnern zu erfahren, und beſchloß daher ploͤtzlich, mich zu ſtellen, als ginge ich in des Doktors Anſicht von meinem Befinden ein, ob ich gleich im Voraus wußte, daß es ſchwer halten wuͤrde, den durchtriebenen Fuchs zu betruͤgen, den die Erfah⸗ rung eines halben Jahrhunderts aͤhnlicher Praxis auf dem gelben Geſichte ausgepraͤgt ſtand. Nach einer Pauſe anſcheinender Ueberlegung ſagte ich denn, in der Ueberzeugung, daß Eitelkeit das Außenwerk ſey, in welches zuerſt eine Breſche moͤglich waͤre: c. Ich weiß in der That nicht, wie es zugeht, Herr Dok⸗ tor! aber ich glaube wahrhaftig, daß es mit mir nicht ganz ſo iſt, wie es ſeyn ſollte. Was fuͤr Talente be⸗ ſitzen Sie aber auch! Haͤtten Sie die Sache nicht ſo ſchnell aufgefaßt, ſo haͤtte ich wahrhaftig nie ge⸗ glaubt, daß ich krank waͤre. Ich hielt mich bloß fuͤr ermuͤdet, aber jetzt bin ich uͤberzeugt, daß etwas in meinem Nervenſyſteme nicht ganz richtig iſt. Da iſt mein Puls.“ I. ₰ 146 Bas Geneſungshaut. Er griff mir alſo an den Puls, und nachdem er ihn einige Minuten unterſucht hatte, ſchuͤttelte er den Kopf und rief ernſthaft, aber ſichtlich durch meine ſchnelle Zuſtimmung und den Reſpekt, den er mir eingefloͤßt zu haben glaubte, aufgeregt, aus:»Ja, ja, — gerade ſo, wie ich mir es gedacht habe! Aber ein Aderlaß von ein paar Unzen Blut und ein klei⸗ nes Blaſenpflaſter wird alles ſchnell in Ordnung bringen.» Die prophetiſchen Worte der dicken Dame kamen mir wieder in den Sinn, und ich fuhr ploͤtzlich vor dem Doktor zuruͤck. Dieſe ſchnelle Bewegung machte auch auf ihn einen gleichen Eindruck, und ein fin⸗ ſteres und gebieteriſches Gucken zeigte ſich wie an⸗ gewoͤhnter Maaßen uͤber ſeinen buſchigen Braunen. Ich faßte jedoch gleich wieder friſchen Muth, und ſagte ruhig aber feſt zu ihm:«Lieber Herr Doktor! ich will Ihnen etwas vertrauen. Wir beide muͤſſen einander gegenſeitig verſtehen. Ich wuͤnſche ſehr, eine kurze Zeit in Ihrem Hauſe zuzubringen, nicht, wie Sie meinen, Monate, ſondern eine Woche oder hoͤch⸗ ſtens zwei. Ich habe eine große Achtung fuͤr Ihre Talente— ich bin ſogar damit einverſtanden, mich ſelbſt nicht fuͤr ganz geſund zu halten, ſeit Sie mir geſagt haben, daß ich's nicht ſey; daß ich aber krank ſey, davon werden Sie mich nicht uͤberreden, und folglich ſollen Sie mich auch nicht ſo behandeln, als 8 Erſtes tanitel. 147 ob ich's waͤre. Ihre lauen Baͤder und ihre Tiſane nehme ich an— Ihre Aderlaͤſſe und Blaſenpflaſter verwerfe ich— ich verlange bloß ein abgelegenes und ruhiges Schlafgemach— ſonſt ſollen Sie ſich weiter nicht ſehr mit mir bemuͤhen— ich werde an Ihrem Familientiſche ſſen, werde Ihre Geſellſchaft benutzen, ob ich gleich kein Schriftſteller bin— aber der Him⸗ mel weiß, wozu mich das Schickſal noch uͤber kurz oder lang beſtimmt haben kann. Ich bedarf daher Ihrer tiefen Kenntniſſe und geheimen Unterſuchungen durchaus nicht: ich ſtudiere ſehr wenig, und wenn es ja geſchieht, nur das, was einer unſerer Dichter das eigentliche Studium des Menſchen nennt. Ich ziehe die Natur den Buͤchern vor, und den Menſchen der Metaphyſik oder Mathematik, lieber Doktor. So glaube ich denn einige merkwuͤrdige Probeſtuͤcke dieſer Art hier zu finden, und auf dieſe Art laſſen Sie uns gute Freunde ſeyn.“ — Gut, gut, mein Herr! Einverſtanden mit dem Handel!— entgegnete der Doktor.— Ich brauche wahrhaftig nicht noch mehr Patienten hier, und aus dem Gewinne mache ich mir nichts. Ein angenehmer Geſellſchafter jedoch, ein Mann von Geſchmack— «Treiben Sie mich nicht fort, lieber Doktor, da⸗ mit ich Ihnen beweiſe, daß ich dieſes voreilige Lob verdiene. Goͤnnen Sie mir nur Zeit und Freiheit, und Sie ſollen, wie ich hoffe, ſehen, daß wir uns 27 148 Bas Geneſungshaug. gut zuſammen vertragen werden. Laſſen Sie mir Je⸗ mand mein Zimmer anweiſen, und ſchicken Sie nach 1 meinem Mantelſacke auf die Poſt. Hier iſt mein Paß, und nun— leben Sie wohl bis zum Mittags⸗ eſſen.5 Ob dieſe offne Art zu ſprechen ihm gefiel oder imponirte, weiß ich nicht genau; er ſchuͤttelte mir aber mit anſcheinender Herzlichkeit die Hand und ver⸗ ſicherte mich, daß alles ſo geſchehen ſolle, wie ich es wuͤnſche. Dann klingelte er, und es trat ein wohl⸗ gebildetes, olivenfarbenes Frauenzimmer, mit einem Bund Schluͤſſel am Guͤrtel, herein.. — Das iſt meine Haushaͤlterin;— ſagte der Dok⸗ tor.— Madame Jacqueline! ſeyn Sie ſo gut, dieſem Herrn hier jede Aufmerkſamkeit zu erzeigen. Weiſen Sie ihm ein ruhiges Stuͤbchen im oͤſtlichen Fluͤgel an, und erfuͤllen Sie alle ſeine Wuͤnſche.— Madame Jacqueline nickte ſchweigend und beifaͤl⸗ lig, und ich verließ hinter ihr das Studierzimmer. Ihr nachfolgend, gelangte ich bald in ein ſehr nettes Zimmer im obern Theile des Hauſes, und in kurzer Zeit verſorgte mich ein maͤnnlicher Aufwaͤrter mit al⸗ lem, was ich zu meiner Bequemlichkeit brauchte. —y — Zweites lapitel. Meine Leſer werden nun wol ſchon laͤngſt wiſ⸗ ſen, daß ich mich in einer Privat⸗Irrenanſtalt be⸗ fand, ob ich dies gleich ſelbſt in der That erſt nach⸗ her erfuhr. Wenn man alle die Verhaͤltniſſe ſo lie⸗ ſet, wie ich ſie entworfen habe, ſo ſpricht allerdings die Sache ſehr bald fuͤr ſich ſelbſt; bei dem Erleben aller dieſer Begebenheiten trat aber eine ſolche Unbe⸗ ſtimmtheit und Verwirrung ein, daß ich nicht eben ſo ſchnell zur Ueberzeugung gelangen konnte. So geht es aber immer. Der Leſer meiner Erzaͤhlung iſt ſtets auf der Hut vor etwas Ueberraſchendem oder Merkwuͤrdigen; bei dem Erleben des Auftritts ſelbſt aber, den wir nachher beſchreiben, ſind wir unvorbe⸗ reitet auf das, was kommen wird, und hundert kleine Uebergaͤnge, die bei der muͤndlichen oder ſchriftlichen Mittheilung ſpaͤterhin ausgelaſſen werden, ſchwaͤchen, ſo wie ſie eintreten,— dadurch, daß ſie unſere Aufmerk⸗ ſamkeit ablenken, und ſie alſo minder ſcharfſehend ma⸗ chen,— den Eindruck der Thatſachen. Die mehr als uͤbergenaue Zartheit der franzoͤſiſchen Sprache hatte auch dazu beigetragen, mich bei dieſer Gelegenheit im Dunkel zu laſſen. Wie konnte ein Fremder auch ver⸗ muthen, daß man unter einem Geneſungshauſe 150 Bas Geneſungshaus. eine Irrenanſtalt verſtehe? Und doch war's ſo; unſtreitig nach demſelben Grundſatze, wie eine reine Monarchie ſo viel als Despotismus bedeutet. Der Leſer muß mich daher noch eine Zeitlang fuͤr un⸗ bekannt mit der wahren Beſchaffenheit meines Quar⸗ tiers halten, und mir meinen Irrthum verzeihen, der es mich fuͤr von ganz anderer und weit unbedenkliche⸗ rer Art halten ließ. Nachdem ich meinen kleinen mitgebrachten Vor⸗ rath in den Schraͤnken und auf den Tiſchen meines Zimmers, das mir wegen ſeiner freien und abgeſchie⸗ denen Lage ſehr gefiel, ausgekramt hatte, ſtieg ich die Treppen herab, um einen kleinen Spazirgang in dem Garten zu machen, da es nur noch eine halbe Stunde bis zum Mittagseſſen war, welches, wie mir mein Aufwaͤrter geſagt hatte, um vier Uhr ſtatt fand. Eben, als ich aus dem Hauſe trat, zeigte der warnende Ton der Glocke, welche der Thuͤrſteher laͤutete, an, nicht, daß es Ankleidezeit ſey, ſondern, daß die ſchon ange⸗ kleideten Rekonvaleszenten zum Vorſchein kommen und ſich bei einem Spazirgange von einem halben Stuͤnd⸗ chen Appetit holen moͤchten. Und ſo kamen ſie denn auch aus den verſchiedenen Abtheilungen dieſes Hau⸗ ſes hervor. Einige ſchluͤpften aus dem Hauptgebaͤude wie junge Kangurus vom Bauch ihrer Muͤtter, an⸗ dere krochen aus den Seitenfluͤgeln oͤſtlich und weſt⸗ lich, gleich Kuͤchelchen unter den Fittigen der Henne, — — Sweites Itapitel. 151 heraus. Keinen aber bemerkte ich von der Richtung des kleinen Hauſes herkommen, das aus dem gruͤnen Blaͤttergewebe davor nur verſtohlen durchblickte. Es beluſtigte mich ungemein, die verſchiedenen Gruppen dieſer Hypochondriſten, wofuͤr ich ſie alle meiner Meinung nach hielt, zu beobachten. Ich zaͤhlte deren, maͤnnliche und weibliche zuſammen, zwei bis drei und dreißig. Es waren ihrer von jedem Alter, vom Juͤnglinge an bis zum Greiſe, und, ihrer Kleidung nach, aus allen Staͤnden des geſellſchaftlichen Lebens, vom einfach gekleideten Buͤrgersmann an bis zum reichangethanen Vornehmen. Bald fuͤhlte ich mich jedoch von dem Ausdrucke des Leidens ergriffen, der ſichtlich auf allen Geſichtern lag, jung oder alt. Und doch hatte auch hier das Alter eben ſo ſichtlich wes nig oder gar keinen Einfluß auf das natuͤrlichſte Ge⸗ brechen der Menſchheit, und gern haͤtte ich bei mir ſelbſt Betrachtungen uͤber den ſo verſchiedenartigen Anblick der Eitelkeit, die ſelbſt in der Atmoſphaͤre des Leidens ihre Bluͤthen trieb, angeſtellt, wenn ich nur zur perſoͤnlichen Unterſuchung ihrer Anhaͤnger Zeit genug haͤtte gewinnen koͤnnen. Sie gingen aber ſo ſchnell bei mir in jeder Richtung voruͤber, daß ich ſie nur in der Eil betrachten konnte. Beſonders zog die Verſchiedenheit des Ausdrucks in ihren Zuͤgen meine Aufmerkſamkeit an ſich, und dies um ſo mehr, weil allen ein gewiſſer eigenthuͤmlicher Blick gemeinſam zu 152 Batz Geneſungshaus. ſeyn ſchien, unbeſchadet der generellen Verſchiedenhei⸗ ken, die außerdem zum Vorſchein kamen. Obgleich keine philoſophiſche Spekulation in ihren Augen lag,— ſo beſaß doch jeder von ihnen dieſelbe Art in ſich ge⸗ kehrten Blickes, welcher den tiefſten Denkern eigen zu ſeyn pflegt. Ihr Geiſt ſchien ganz abweſend, und ich glaube, ich haͤtte an eines Jeden Kopf klopfen koͤnnen, ohne irgend Jemand zu Hauſe zu finden. Ihre Augen ſchienen etwas Neues zu ſuchen, ohne ſich es doch einander mittheilen zu wollen. Kurz, haͤtte mein Leſer ſie ſo wie ich angeſehen, ohne ſo viel von ihnen zu wiſſen, als er jetzt weiß, ſo wuͤrde er unſtreitig eben ſo verlegen und erſtaunt geweſen ſeyn, als ich es war. Sie erwiederten aber mein verwundrungsvolles Staunen mit wahrhaft ſchmerzli⸗ chen Blicken des Verdachts. Jeder von ihnen ſchien mich zu meiden, ſo wie eine Heerde wilder Thiere jeder Gattung vor einem Weſen zuruͤckſchreckt, das ſich auf ihrer Weide eindraͤngt. Einige von ihnen wa⸗ ren ſtumm, traͤge und verduͤſtert, andere lebhaft und geſpraͤchig. Die erſteren ſchauten mir mit vortreten⸗ den Augen und indem ſie einen großen Halbkreis um die Stelle machten, auf welcher ich ſtand, nach; die anderen— und dies war bei weitem die groͤßere Zahl — fluͤſterten gelaͤufig zuſammen, warfen durchdringende Blicke auf mich, traten nahe hinzu und ſtoben dann wieder nach allen Richtungen auseinander, wie Queck⸗ — Sluritrs ltanitel. 153 ſilberkuͤgelchen einander abſtoßend. Ja, es haͤtte bloß noch eines kleinen Wieherns und Schnaufens bedurft, um mich fuͤr uͤberzeugt zu halten, daß die Geiſter eben ſo vieler Houyhnms des ſeligen Gulliver in dieſe Gruppe menſchlicher Koͤrper uͤbergegangen waͤren. Auf dieſe Art waren zehn ſehr unbehagliche Mi⸗ nuten verfloſſen, als ich mit Vergnuͤgen bemerkte, wie die dicke Dame aus einem niedrigen Gebaͤude, deſſen verſchiedene Gemaͤcher mit der Ueberſchrift der Arten von Baͤdern, die es enthielt, verſehen waren, in den Garten trat. Der Anblick eines Geſichts, das ich ſchon zuvor geſehen, hatte etwas Troͤſtendes fuͤr mich. Ich eilte daher dem neuen Ankoͤmmling ſchnell entgegen, und freute mich, gleiche Lebhaftigkeit an ihr zu bemerken. Sie eilte bei meinem Anblicke vor⸗ waͤrts, wie der Quell einem Reiſenden in der Wuͤſte entgegenſprudelt, und es lag etwas ſehr paſſendes in dem Vergleiche, in Betracht ihres gegenwaͤrtigen An⸗ zuges, denn: „Gelöſet war ihr Haar, ſo wie ihr Gürtel.“ Jedoch war ſie im Begriff, das eine mit der rech⸗ ten Hand aufzuknuͤpfen, und den andern mit der lin⸗ ken zu befeſtigen. Als ſie aber ihr ſtarkes dunkles Haar unter ihre Haube ſteckte— denn ſie ging in buͤrgerlicher Kleidung— tropfte das Waſſer reichlich davon herunter. Ich kann nicht eben ſagen, daß ſie 7** 154 Bas Geneſungshauz. nach dem Modelle der Venus Aphrodite gebildet ge⸗ weſen, aber es lag eine gewiſſe Friſche und Leben⸗ digkeit in ihren roſigen Wangen und glaͤnzenden Au⸗ gen, die nicht unanmuthig war und die belebende Wirkung des Sturzbades anzeigte, dem ſie eben ent⸗ ſchluͤpft. «Bſt!“ ſagte ſie, als ſie ſah, daß ich ſie anreden wollte; agehen Sie dort in das Gebuͤſch, ich will von der andern Seite hineinkommen.” Das diplomatiſche Gemiſch von Geheimniß und Liſt, womit dies geſprochen ward, ließ mich glauben, meine neue Bekanntſchaft beſitze mehr Verſtand als ich ihr zugetraut hatte, und ich war entſchloſſen, mich mit ihr zu unterhalten, um des reichen Stoffs von Belehrung uͤber die Verhaͤltniſſe um mich her willen, den ſie zu beſitzen ſchien. Ich ging alſo noch ein oder zweimal auf dem breiten Kiesgange an dem Hauſe hin und her, und ſchlich mich dann in anſchei⸗ nender Sorgloſigkeit und mit einer etwas zerſtreuten Miene, um mich weniger auszuzeichnen als zuvor, unter den dichten Schatten der Lorbeer⸗ und Myr⸗ thenbaͤume, welche die Hecken neben einer jener Alleen bildeten. Jetzt fingen die erſten uͤbeln Eindruͤcke we⸗ gen der Geſellſchaft, unter welcher ich mich hier be⸗ fände, mich zu beunruhigen an. Ich hielt es fuͤr unmoͤglich, daß ſo viele haͤßlich ausſehende Geſchoͤpfe ſaͤmmtlich, wie doch deutlich zu bemerken, von den Sweites liapitel. 155 bloßen Wirkungen nervoͤſer Zuſtaͤnde ſo angegriffen ſeyn koͤnnten, man muͤßte denn dieſen Ausdruck nur ſo angewendet haben, um darunter die Geiſtesverwir⸗ rung zu verſtecken, welche ich beobachtet zu haben glaubte. Die Erſcheinung der dicken Dame am au⸗ ßerſten Ende des Weges machte jedoch meinen Ueber⸗ legungen ein Ende, und ihr erſtes Wort ließ alle Zweifel verſchwinden. «Nun gut, lieber Freund!“ ſagte ſie feierlich und halb verſtohlen:„So weit ſind Sie gluͤcklich ent⸗ wiſcht; aber der Verhaftsbefehl iſt heraus— nehmen Sie ſich in Acht! Der Premierminiſter betruͤgt mich nie; Ihr Gefaͤngniß wird noch nach und nach dum⸗ pfig genug werden.“» Die an ſich ſo furchtbare Warnung ſtellte mich ganz auf den richtigen Geſichtspunkt, und ich glaube, man wird es nicht unnatuͤrlich finden, daß ich voll⸗ kommen mit der Ueberzeugung zufrieden war, welche ich dadurch erhielt. Ich hatte gar nichts dagegen, in ein Irrenhaus gekommen zu ſeyn, und da es das erſtemal in meinem Leben war, daß. ich mich in einer ſolchen Anſtalt befand, ſo machte es mir außerordent⸗ liches Vergnuͤgen, daß mir damit die Gelegenheit dargeboten ward, die Werkſtaͤtte des Verſtandes aus ſo neuen und anziehenden Anſichten zu erblicken. Ich hatte keine Idee von perſoͤnlicher Furcht, denn es war deutlich zu erkennen, daß der Doktor an ſeinem erſten 156 Das Geneſungshauz. Irrthum, daß ich mich bei ihm in eine ſolche Kur begeben wolle, genug hatte, und waͤre mir auch ein Gedanke an irgend ein Zwangsmittel durch den Sinn gefahren, ſo wuͤrden doch die komiſchen Anzeigen mei⸗ ner dicken Dame ihn verſcheucht haben, ſo wie ein Gift die Wirkungen des andern aufhebt. Ich beſchloß daher, meine neue Freundin und ihre Winke ganz nach ihrer eigenen Anſicht zu behandeln, und alles, was ſie mir nur ſagen wuͤrde, fuͤr baare Muͤnze anzunehmen. Demgemaͤß war ich ſchon be⸗ reit, mir den Anſchein von Angſt und Leichtglaͤubig⸗ krit geben zu wollen, und etwas dem gemaͤßes auf ihre Anrede zu erwiedern, als ein ploͤtzlicher Ueber⸗ gang von der Taͤuſchung zur Wirklichkeit und eine ſchnelle Veraͤnderung des Gegenſtandes ihres Geſpraͤ⸗ ches mir das letztere wirklich intereſſant machte, und mir alle meine Verſtellung erſparte. «Er iſt dort!“» ſagte ſie dringend, und zeigte auf das Gartenhaus, das theilweiſe durch die Baͤume und Gebuͤſche ſichtbar war:«ſie haben ihn feſtl“ — Wen denn?— feagte ich ungeduldig. «.Je nun, Vincent von Bouverie,“» antwortete ſie: aden jungen Mann, den Sie vor einer Weile von hier fortſchleppen ſahen. Dort haben ſie ihn, die Boͤſewichter! und das iſt gar ein trauriger Ort fuͤr den armen Jungen. Er iſt gewiß ſo eben ſchwach bis zum Tode, darauf will ich wetten. Sie haben 6 Zmeites Itapitel. 157 ihn gerade noch Bluts genug in den Adern gelaſſen, um ihn wieder zu neuen Qualen erwecken zu koͤnnen. Und ſein ſchoͤnes Haar, das ſich eben von Neuem anfing zu ringeln, iſt gewiß wieder, wegen der ab⸗ ſcheulichen Blaſenpflaſter, glatt abgeſchoren worden— ach Gott, es iſt nur zu wahrſcheinlich, daß ſie ihm wieder das Kamiſol angezogen haben!“ — Was iſt denn das mit dem Kamiſol?— fragte ich wieder. 3 «Nun, die straight-waistcoat!“(Zwangsermel⸗ weeſte) entgegnete ſie mit hohlem Grabestone, waͤh⸗ rend ſie mich am Arme faßte, und ſchauderte, indem ſie dies ausſprach und rund um ſich blickte, als ob die Erinnerung an etwas Schreckliches, dieſes ſelbſt herauf beſchworen habe. Sie wundern ſich,“» fuhr ſie fort:„daß ich den engliſchen Namen dafuͤr weiß, aber es giebt keine Sprache Europa's, in welcher ich nicht wuͤßte, wie dies genannt wird. Ich trug es einmal ſelbſt— und mein Vater ſtarb darin— er ſtieß ſich den Kopf an der Mauer des Gefaͤngniſſes ein, in das ihn ein Verhaftsbefehl geworfen hatte!— und ſie nahmen mir alles, die Unmenſchenl! ſelbſt die— ſes Haus!— Sie ſehen, wie ſie mich behandeln— aber der Premierminiſter ſchlaͤft nicht immer!»- Es lag etwas ſo ſchreckliches, und doch zugleich omiſches, mehr in ihrer Art als in den Worten, ſo, ſdaß ich zugleich ſchauderte und laͤchelte. Die wilde 5 158 Bas Geneſungzhaus. Abgeriſſenheit ihrer Uebergaͤnge ließ mir aber nicht Zeit, bei dem, was ſie ſagte, lange zu verweilen. «Armer Junge!“ fuhr ſie fort und ſah nach dem kleinen Hauſe hin, und ſchien ihre eigenen und ihres Vaters Leiden ganz zu vergeſſen—«armer Vincent! ſie werden bald ihre Abſicht erreichen, ihn aus der Welt zu ſchaffen, und dann wird der zweite Bruder in den ruhigen Beſitz des Vermoͤgens kommen. Und was die Graͤfin betrifft—» — Wer iſt denn die Graͤfin?— fragte ich wie⸗ der, nicht ohne geſteigertes Intereſſe, etwas Naͤheres uͤber die Urſache von Vincent's Beſtrafung zu er⸗ fahren. «Das kann ich Ihnen nicht ſagen; denn Niemand weiß hier auch nur ihren Namen.» — Und wo iſt ſie denn? Ich ſehe ſie ja nicht hier im Garten.— «Ja, das glaube ich ſelbſt: ſie iſt zur Strafe auf zehn Stunden in ein laues Bad verwieſen— aber das iſt doch nicht ſo ſchlimm, als zehn Minuten ſo gequaͤlt zu werden, wie ich.» Ich hielt dies fuͤr eine Uebertreibung meiner er⸗ bitterten Erzaͤhlerin, erfuhr aber nachher, daß es voͤl⸗ lig wahr ſey. Zehn Stunden in einem Bade! Und ein ſolches Heilmittel— um es in dem beſtmoͤgli⸗ chen Sinne zu nehmen— nach Gutbefinden irgend eines Einzelnen! Und doch iſt dies nur eine Kleinig⸗ Sweites Mapitel. 159 keit gegen das, was ich nachher noch von der Dis⸗ ciplin dieſes Geneſungshauſes erfuhr. — So viel ich weiß, iſt auch ein alter Geiſtlicher hier eingeſperrt— fragte ich, indem ich mich an das Gefluͤſter des Doktors mit Micheln erinnerte, und ſchauderte bei der Erklaͤrung, die ich ſo eben von dem Worte Kamiſol gehoͤrt hatte, wenn ich mir es als bei ihm angewendet dachte. «Etwa der alte Pater Louis, der ſich einbildet, er ſey der Papſt, und das Gartenhaus dort die Peters⸗ 4* kirche? Ja, der iſt dort— und wenn Sie nach Ti⸗ ſche ausgehen, ſo koͤnnen Sie ihn die Vesper ſingen hoͤren, wenn ſie ihm nicht den Knebel zwiſchen ſeinen zahnloſen Kinnladen gezwaͤngt haben. Aber ich bitte ſehr um Verzeihung, mein Herr!— es iſt nun Eſ⸗ ſenszeit, und ich erwarte noch einen Brief vom Pre⸗ mierminiſter. Sie werden mich alſo fuͤr entſchuldigt halten.— Guten Morgen, mein Herr!— ich wuͤn⸗ ſche Ihnen von Herzen einen ſchoͤnen guten Morgen, mein Herr!— guten Morgen.“» Dieſe letzteren Worte wurden ein halbes Dutzend Mal wiederholt, und dies in einem Tone der laͤcher⸗ lichſten Foͤrmlichkeit und mit einer Menge von Kni⸗ xen bis zur Erde, welche, da die Dame ruͤckwaͤrts in der Allee ſich entfernte, ſo lange fortgeſetzt wurden, daß ich mich endlich, um ſie von ihrer uͤbertriebenen Hoͤflichkeit zu retten und ihr nicht geradezu in's Ge⸗ 160 Das Geneſungzhauß. ſicht lachen zu muͤſſen, ploͤtzlich umdrehte und ſie ſich ſelbſt uͤberließ. Ein unwiderſtehlicher zug ſchien mich nach dem geheimnißvollen Gebaͤude hinzufuͤhren, das meine, durch die unbeſtimmten Mittheilungen des irren Geſchoͤpfs, welches ich ſo eben verlaſſen hatte, aufgeregte Einbil⸗ dungskraft mir mit den ſonderbarſten Bewohnern be⸗ voͤlkerte. Von ſechzig Kranken, deren der Doktor er⸗ waͤhnte, habe ich kaum mehr als die Haͤlfte geſehen. Wo und was ſind nun die andern? ſo dachte ich. Un⸗ ſtreitig viele von ihnen hier in dieſem Abgrunde der Grauſamkeit und der Leiden. Wenn dieſe Mauern ſprechen koͤnnten— und dieſe vergitterten Fenſter hin⸗ ausließen die Geheimniſſe dieſes Gefaͤngniſſes! Aber ſie ſollen endlich eine Zunge finden, wenn ich mir nur hier Einlaß verſchaffen kann. Waͤhrend dieſes Selbſtgeſpraͤches ſtand ich vor dem Erogeſchoß dieſes traurigen Aufenthaltes. Es ſah duͤ⸗ ſter und ſchaurig aus. Jedes Fenſter deckten ſtarke eiſerne Gitter, und rings umher athmete eine weh⸗— volle Einſamkeit. Die hohen Baͤume und dicht an einander gepflanzten Gebuͤſche wehrten den Sonnen⸗ ſtrahlen, die auf alle andere Theile des Gartens ſo heiter glaͤnzten, gaͤnzlich den Zugang. Nichts bewegte ſich in dieſem Dunkel, als ein einſamer Pfau, deſſen niederhangendes Gefieder von dem Schatten, in wel⸗ chem er herum ſchlich, gedruͤckt zu werden ſchien, und — — — Sweites Iiapitel. 161 der ploͤtzlich, als wolle er mit allem umher und mei⸗ nen eigenen Gefuͤhlen harmoniren, ſeine Kehle oͤffnete und ein ſo uͤbeltoͤnendes Geſchrei erſchallen ließ, wie es nur die ungluͤcklichen, der Vernunft und Freiheit Beraubten innerhalb der Mauern, durch welche dieſes jetzt drang, haͤtten erſchallen laſſen koͤnnen. Alles das ergriff mich tief, und ich konnte mich erſt wieder er⸗ holen, als die Speiſeglocke mit ſchnellem Getoͤn erklang, und mich eilig hinwegrief. Als ich nach dem Hauſe zuging, trat mir ein Diener in ſchoͤner Livree, mit einer Serviette in der Hand, entgegen, um mich aufzuſuchen und in das Speiſezimmer zu fuͤhren; an der Thuͤre ſelbſt aber, die nach dem Garten fuͤhrte, ſtand der Arzt und zwei juͤngere Maͤnner, die er mir als die Huͤlfsaͤrzte an ſeiner Anſtalt vorſtellte. Einer davon war ein langer, finſter ausſehender Mann von etwa fuͤnf und dreißig Jahren, mit gelbbrauner Geſichtsfarbe; der andere ein unterſetzter, rothwangiger, galanter junger Herr, wenigſtens zehn Jahre juͤnger. Im Speiſe— zimmer ſelbſt, wo eine Tafel fuͤr vierzig Perſonen ge⸗ deckt war, nahm ich den Platz ein, den mir der Dok⸗ tor rechts neben ſich anwies, und fand, daß mein naͤchſter Nachbar eine außerordentlich ſchoͤne junge Dame ſey, die ich unter den Spazirgaͤngern im Garten nicht bemerkt hatte. Gegen mir uͤber ſaß der gelbe Doktor, und neben ihm die dicke Dame. 162 Daß Geneſungshauz. Bald hatte ſich auch nun der uͤbrige Theil der Tiſch⸗ genoſſenſchaft geſetzt. Die Haushaͤlterin thronte auf einem hoͤheren Stuhle gerade in der Mitte der einen Seite, eine große Suppenterrine vor ſich, mit einem Vortuche, daß oben am Rande der Schnuͤrbruſt ſorg⸗ ſam angeſteckt war, und in der Hand einen großen ſilbernen Loͤffel haltend. Ich bemerkte, daß das Vor⸗ legeramt hauptſaͤchlich von ihr verwaltet wurde, ſo wie es von den Wirthinnen in Gaſthaͤuſern zu ge⸗ ſchehen pflegt. Suppe und Kochfleiſch wurden faſt bei allgemei⸗ nem Stillſchweigen genoſſen, und waͤhrend der erſte Gang auf die Tafel geſtellt ward, hatte ich Zeit, den ganzen Styl der Bekoͤſtigung genau zu beobachten. Nichts konnte beſſer eingerichtet ſeyn als es hier der Fall war, in ſo weit, als es die Anzahl der Schuͤſ⸗ ſeln und alles, was ſonſt zu der Tiſcheinrichtung ge⸗ hoͤrte, betraf. Reichliche Gerichte wurden von den Gehuͤlfen des Kochs, oder von dieſem ſelbſt, bis an die Thuͤr gebracht, wo ſie der Thuͤrſteher Michel und drei andere in reiche aber geſchmackloſe Livreen geklei⸗ dete Bedienten in Empfang nahmen, waͤhrend ein paar ſehr ſauber angezogene Frauenzimmer an eben ſo vielen Seitentiſchen ſtanden, welche dazu vorgerich⸗ tet waren, um Teller, Loͤffel und dergleichen, ſo wie ſie gebraucht, zu uͤbernehmen und wieder zu verwah⸗ ren. Als die ganze Schuͤſſelzahl der Zwiſchenſpeiſen, Sweites Mauttel. 163 Ragouts und Frikaſſeen, aufgetragen wurde, bemerkte ich, wie der Oberkoch ſein Haupt mit dem weißen Muͤtzchen durch die Thuͤroͤffnung ſteckte, und nachdem dieſes Haupt einen forſchenden Blick auf das gewor⸗ fen hatte, was wir aus Hoͤflichkeit das Arrangement des Tiſches nennen wollen, beifaͤllig nickte und wie⸗ der verſchwand. Auffallend mußte mir aber bei allem dem, und ſelbſt gegen meinen Willen verdruͤßlich, der gaͤnzliche Mangel aller Ordnung und Methode in der Art ſeyn, wie man alle dieſe treffliche Sachen auf⸗ geſtellt hatte, ſo wie die abſcheuliche Einrichtung, die ſich in der Aufſtellung dieſer Materialien zu einem in der That ausgeſuchten Gaſtmahle zeigte. Die Meſſer, Gabeln und Loͤffel, Glaͤſer, Flaſchen, Tel⸗ ler und Schuͤſſeln lagen alle wild untereinander, mit nicht groͤßerer Sorgfalt, als Lady Macbeth bei'm «Kommen und Gehen ihrer Gaͤſte“ beobachtet zu ſe⸗ hen wuͤnſchte. Die Schuͤſſeln waren von verſchiede⸗ ner Groͤße und ſtanden in einem Gewirr auf dem Tiſche, das nicht groͤßer ſeyn konnte. Der erfahrenſte Mathematiker haͤtte gewiß vergebens verſucht, auch nur die mindeſte Kombination aus einer ſolchen Un⸗ ordnung von Geſtaltungen, wie ſie hier ſtatt fand, zu formen. Alles und jedes in keiner Gleichheit des Verhaͤltniſſes, und die bewundernswerthe Fluͤchtigkeit franzoͤſiſcher Art und Sitte zeigte ſich hier wieder in dem ſprechendſten Beiſpiele. 164 Bas Geneſungshaus. Ein Roß in einer Muͤhle kann nicht in ſeinem pflichtgemaͤßigen Gange eifriger arbeiten, als es die unermuͤdliche Haushaͤlterin in dem monotonen Ge⸗ ſchaͤfte that, welches ihr oblag. Jedes Gericht ward nach und nach vor ſie hingeſtellt, und jedem Gaſte am Tiſche legte ſie ſelbſt vor. Die Schnelle, die Ge⸗ ſchicklichkeit, die Geduld, welche ſie dabei an den Tag legte, waren bewundrungsvoll. Teller nach Teller ward ihr unter dem linken Ellbogen durch einen er⸗ fahrnen Diener zugeſchoben, und ging, nachdem er ſeine beſchiedene Portion erhalten, unter ihrem rech⸗ ten Arme hinweg wieder in die Hand eines anderen, mit einer Geſchicklichkeit, die ſelbſt einen Wippi⸗ Schnippi, oder Ram⸗Jam⸗Toſſamay oder ſonſt einen andern indiſchen Jongleur zur Schamroͤthe oder zum Beifallslaͤcheln wuͤrde veranlaßt haben. Die genaue Abmeſſung im Auge der Haushaͤlterin war nur der Beweglichkeit ihrer Hand vergleichbar. Es waren ge⸗ rade ſechs und dreißig Perſonen bei Tiſche. Jede einzelne Schuͤſſel, das heißt naͤmlich ihr Inhalt, wurde nun in ſechs und dreißig Theile getheilt, und das mit einer Gleichheit, woran man ein Beiſpiel fuͤr irgend eine agrariſche Theilung haͤtte nehmen koͤnnen, von einer Strecke Sumpflandes im Gebiete der Illineſen an, bis zu dem Kluͤmpchen Aſſafoͤtida, das auf dem Ladentiſche eines Apothekers zu Pillen verarbeitet Smeites Iiapitel. 165 wird. Meine Beſorgniß fuͤr die Verantwortlichkeit in der Lage der armen Haushaͤlterin war manchmal voͤllig peinlich, ſo, zum Beiſpiel, als eine Schuͤſſel mit fuͤnf gefuͤllten und geſpickten Tauben an die Reihe des Vorſchneidens kam. Wie zum Henker, dachte ich bei mir ſelbſt,— und hielt einige Minuten inne in der Arbeit an dem Segmente eines Fricandeau's, das eben groß genug war, um den beiden Enden meiner Gabel einen Stuͤtzpunk zu gewaͤhren,— wie zum Hen— ker wird ſie nun dieſe fuͤnf Tauben gehoͤrig eintheilen koͤnnen? Ehe ich aber noch Zeit hatte ein Rechnungs⸗ exempel zu machen, war die Sache ſchon geſchehen, und es blieb mir nur noch ein Augenblick uͤbrig, mein tantaliſirendes Stuͤckchen Fricandeau hinabzuſchlucken, als man mir ſchon meinen Teller wegzog und einen andern vor mich hinſetzte, mit etwa dem dritten Theile eines Fluͤgels, einem Kopfe und einem Stuͤckchen Haut von einer der vorgedachten Tauben auf meinen An⸗ theil, waͤhrend das Meſſer der Vorſchneiderin ſchon wieder luſtig an der fleiſchigen Wange eines Kalbs⸗ kopfs au naturel arbeitete, der eben ſo ſchnell wieder in Atomen vor ihr verſchwand. So ging denn das Mittagseſſen weiter fort, jede engliſche Anſicht von Speiſevorrang umſtoßend, denn der erſte Gang ſchien dem zweiten zu folgen, und ob⸗ gleich der Braten wirklich erſt nach dem Ragout kam, ——— 166 Bas Geneſungshauz. ſo lief doch der Fiſch dem Fleiſche zuvor, die Gemuͤſe und Compotes erſchienen alle zuſammen und fuͤr ſich, ſo wie's auch in Irland gebraͤuchlich iſt, und das Deſert, incluſive des Kaͤſes, fuͤhrte die Arrier⸗ garde der ganzen Eßwaaren⸗Armee an, welche, ob⸗ gleich in Maſſe aufgetragen, doch im Detail aufge⸗ zehrt wurde. Kein Biſſen entwiſchte, jedes Beinchen ward abgenagt, jedes Atom verzehrt. Die Menge war in der That bewundernswerth, die Qualitaͤt vor⸗ trefflich, aber doch hatte ich noch nie ſo ſchlecht zu Mittag gegeſſen. Verſchiedene Stunden Spaziren⸗ gehens hatten mich ungewoͤhnlich hungrig gemacht, und jedem kleinen Proͤbchen, das mir vorgeſetzt ward, ließ ich volle Gerechtigkeit widerfahren; aber jedes war auch ſo im Diminutiv, ſo tantalusartig, ſo un⸗ genuͤgend, daß waͤhrend des Eſſens meine Vorliebe fuͤr die franzoͤſiſche Kochkunſt mehr als zwanzig Mal im Begriff ſtand zu verfliegen, und ich mich nach einer gekochten Schoͤpſenkeule, einer Rindslende oder einem irlaͤndiſchen gedaͤtpften Gerichte gar gewaltig ſehnte. Als alles voruͤber war, mußte ich eingeſtehen, daß, ob ich gleich nicht befriedigt ſey, ich doch ge⸗ nug gehabt, obgleich nicht auf die Art und Weiſe, die dieſes Genug«eben ſo gut wie ein Feſt“ geſtaltet. Es ward nur wenig Wein getrunken, und ich glaube, ich habe mehr davon genoſſen, als auf meinen An⸗ theil kam, Dank ſey es dem Umſtande, daß der Wein Sweites Itanttel. 167 außerhalb der Kontrolle der Vorlegekunſt der Haus⸗ haͤlterin lag. Was ſie ſelbſt betraf, ſo konnte die arme Seele weder eſſen noch trinken, weder beißen noch ſchlucken, aber kein Alderman kann nach einem Korporationseſſen mehr von der Arbeit erſchoͤpft ſeyn, als ſie es war. Der Fluch Adam's ruhete reichlich auf ihrer Stirn; ſie ſchnappte nach Athem, und we⸗ hete ſich mit Huͤlfe ihres Vortuchs Luft zu, waͤhrend ihre olivenfarbigen Wangen ſich durch die Anſtren⸗ gung hoͤher roͤtheten, ſo daß ſie ſich um ſo mehr ver⸗ goldet zu haben ſchien, je mehr ſie fuͤr die andern gemeiſſelt hatte. Die Beobachtungen des Materiellen dieſes Mahls und der Thaten des erſten Helden dabei hatten mich aber nicht ſo ausſchließend beſchaͤftigt, um nicht auch einige Bemerkungen uͤber die weniger hervorragenden Perſonen oder die minder ausgezeichneten Vorgaͤnge machen zu koͤnnen. Ich ſah von Zeit zu Zeit auf jedes Mitglied in der Geſellſchaft, und ich war zu⸗ weilen im Stande, wie es bei meinen Leſern gewiß auch oft der Fall geweſen iſt, mehrere derſelben auf einmal zu beobachten, und durch eine Nebenſchau, ſelbſt außerhalb meiner anſcheinenden Geſichtslinie, doch noch ſcharf zu ſehen. Die Dame, welche rechts neben mir ſaß, war der Gegenſtand meiner beſondern Aufmerkſamkeit. Sie war, wie ich ſchon ſagte, ſehr ſchoͤn, und ihr Anzug ein ſehr elegantes und geſchmack⸗ 168 Das Geneſungshaus. volles Negligé. Ihre ganze Art und Weiſe in all' der kleinen Behandlung von Meſſer und Gabel, und jenen anderen Geringfuͤgigkeiten im ſich ſelbſt Bedienen, welche oft ſo viel von den Gewohnheiten eines Men⸗ ſchen verrathen, uͤberzeugten mich, daß ſie aus keinem niedrigen Stande ſey. In ihren Mienen lag etwas, das mir anfangs Zuruͤckhaltung anzudeuten ſchien; bald aber bemerkte ich, daß es Schwermuth ſey, welche mir zuerſt Achtung einfloͤßte, dann aber meine regſte 1 Theilnahme in Anſpruch nahm. Ich machte verſchie⸗ dene Verſuche, ſie in ein Geſpraͤch zu verwickeln; ſie gab mir aber nicht einmal eine Antwort:— bloß ein ſchweigendes Neigen des Hauptes verlieh entweder Zuſtimmung oder Verweigerung bei meinen Dienſt⸗ anerbietungen oder meinen Geſpraͤchsanſtrengungen. Die meiſtenmale aber zeigte ſie eine gaͤnzliche Unauf⸗ merkſamkeit auf das, was ich ſagte, und blickte auf den Tiſch mit Augen, die auf einen Gegenſtand ge⸗ richtet ſchienen, der außerhalb jeden Bereichs lag. Von Zeit zu Zeit ſah ich auch auf die Anderen, erblickte aber nichts auch nur halb ſo merkwuͤrdiges, als ich erwartet hatte. Es liegt in der Handlung des Eſſens etwas ſo allgemein nivellirendes, der Hunger iſt ein ſo ſicherer Ausgleicher aller Unter⸗ ſchiede, welche die Menſchen von einander trennen, daß ſelbſt die Sonderbarkeiten des Irrſinns in dem univerſellen Inſtinkte untergehen, der die Kinnladen in Smeites Itapitel. 169 in Thaͤtigkeit ſetzt, und alle Entwickelungen des Ge⸗ hirn's fuͤr einige Zeit verſchoben werden, um dem Gaumen ungeſtoͤrtes Spiel zu laſſen. Mir ſcheint's, als ob dies der Grund geweſen ſey, weßhalb ich in dem Benehmen der irren Tiſchgaͤſte um mich her ſo wenig Außerordentliches bemerkte. Vielleicht uͤbte auch die luchsaͤugige Beobachtung des Doktors die Wir⸗ kung aus, jede beginnende Neigung, uͤber die Grenzen gemeſſener und gewoͤhnlicher Schicklichkeit hinauszu⸗ ſchreiten— wenn dieſe ja auch einmal in der Phantaſie der Kranken ſich erhoben haben ſollte— ſogleich zu un⸗ terdruͤcken. Wie's diesmal der Fall war, ſo haͤtte ich das ganze Mittagseſſen vollbringen koͤnnen, ohne das geringſte jenſeits des langweiligen Decorums der ge⸗ ſunden Vernunft zu bemerken, und waͤre vom Tiſche aufgeſtanden, ohne auch nur daran zu denken, daß nicht die ganze Geſellſchaft alle Pflichten dabei gehoͤ⸗ rig erfuͤllt habe, wenn nicht ungluͤcklicherweiſe ein klei⸗ nes Mißverſtaͤndniß von Seiten eines der Mitſpei⸗ ſenden mir zugefluͤſtert haͤtte, daß wol ſo Manches unterhalb des Tiſchtuches geſchehen moͤge, was oben an der Tafel gaͤnzlich verborgen bleibe. Bald nachdem die Suppe abgetragen war und die Operationen der Haushaͤlterin an ſolideren Ge⸗ genſtaͤnden begannen, gerade als ich im Begriff ſtand, eine Hoͤflichkeits⸗Sentenz an das intereſſante Weſen neben mir zu richten, fuͤhlte ich etwas die aͤußerſte I. 8 170 Das Geneſungshaus. Spitze meines Fußes leiſe druͤcken. Anfangs gab ich gar nicht Acht darauf, und bei der Wiederhol ung der Beruͤhrung glaubte ich, es ſey eine Katze, die unter dem Tiſche ihr Weſen treibe. Nach einer kleinen Weile geſchah es aber nochmals, und es lag ſo etwas Verſtaͤndliches in dieſem Gefuͤhle und ſeiner Sprache, daß ich uͤberzeugt ward, bloß thieriſches Treiben koͤnne nicht Urſache davon ſeyn. Da durchflog mich der Gedanke des Grundes dieſer Thatſache mit einer Schnelligkeit und Klarheit, welche, wie mich daͤuchte, meinerſeits große Gewandtheit an den Tag legte. Ich war augenblicklich deſſen gewiß, daß der gelbe Doktor ſeine langen Beine zu einer Botſchaft vom andern Ende der Tafel heruͤberſtreckte, und daß ſein haͤßliches Bein jetzt vermeinte, einen zaͤrtlichen Eindruck auf das Fuͤßchen meiner ſchoͤnen Nachbarin zu machen. Sogleich war mein Entſchluß gefaßt, des Doktors Irrthum zu ermuthigen, mit der Spitze meines Fu⸗ ßes die Haͤlfte eines von jenen unſtreitig ſehr zarten Dingerchen darzuſtellen, fuͤr welche er mißverſtanden ward, und mich daran zu ergoͤtzen, das geheime Wir⸗ ken von des Doktors Sohle zu beobachten, das ſich unſtreitig, wenn ich die Sache nur recht anfinge, in ſeinem Geſichte wiederſpiegeln · wuͤrde. Um dieſen luſtigen Einfall— deſſen Folgen ich, wie meine Leſer mir nach dem nun. Folgenden leicht glauben werden, ganz und gar nicht vorausſah— deſto Sweites Iapitel. 171 beſſer ausfuͤhren zu koͤnnen, zog ich leiſe meinen Fuß aus meinem Schuhe, um ſomit die weibliche Zartheit getreuer nachzubilden, und indem ich ihn ſanft nach dem Doktor zu ausſtreckte, der nach ſeinem letzten Verſuche ſich zuruͤckgezogen hatte, beruͤhrte ich leiſe die Spitze ſeiner großen Zehe mit der meinen. Waͤh⸗ rend ich dies that, wendete ich mich wieder zu der Dame, an welcher ich dieſe Perſonenverfaͤlſchung ver⸗ uͤbte, und ſtellte, indem ich ihr ein paar Worte zu⸗ fluͤſterte, dennoch ſeitwaͤrts genaue Beobachtungen uͤber die Wirkung meines erſten Schritts in dieſer Fuß⸗ unterredung an. Des Doktors Blick war bei der geringen Theilnahme, welche ſein erſter Druck her⸗ vorgebracht hatte, verdruͤßlich und niedergeſchlagen ge⸗ worden; kaum fuͤhlte er aber die von mir verſuchte ſchuͤchterne Beruͤhrung, als ein graͤßlicher Strahl des Entzuͤckens in ſeinem Geſichte aufglaͤnzte. Haͤßliche rothe Streifen uͤberzogen ſeine Wangen, die dunklen Adern an ſeinen Schlaͤfen ſchwollen auf bis zum Platzen, ſeine Lippen bebten konvulſiviſch, und ſeine leuchtenden Augen ſchienen in Galle zu ſchwimmen. Der Blick krankhafter Suͤßigkeit, den er uͤber die Tafel hingleiten ließ, war hinreichend, die delikaten Spei⸗ ſen, uͤber welche er ging, zu vergiften, wie der Gift⸗ hauch, der die Gaͤrten Arabiens verwuͤſtet. Ich fand den Menſchen im hoͤchſten Grade wi⸗ derlich, aber ich fuhr deſſenungeachtet in meinem 8* 2 172 Das Geneſungshaus. Scherze mit ihm fort. Eine ganze halbe Stunde lang trieb ich's ſo, und ſpielte mit ihm, ſo wie ein Angelnder mit dem Lachſe, den er vorwaͤrts und ruͤck⸗ waͤrts, und von einer Seite zur andern zieht, ihn manchmal anlockend, dann wieder zuruͤck ſcheuchend. Jetzt ließ ich meinen Fuß von dem ſeinen druͤcken, dann gab ich ihm einen Tritt auf den empfindlichſten und mit Leichdornen behafteten Theil, und bemerkte am Zucken ſeiner Lippen die Qual, die er mit Maͤr⸗ tyrermuthe ertrug. Endlich aber war ich der Sache gaͤnzlich muͤde, und der Elende fing mir an verhaßt zu werden, wenn ſeine Blicke auf den paſſiven Ge⸗ genſtand ſeiner Galanterie die Ueberzeugung von einem Mitgefuͤhle an ſeinen Erklaͤrungen anzuzeigen ſchienen, woran dieſer doch ganz unſchuldig war. Endlich blickte er meine Nachbarin ſo gewaltig ver⸗ liebt an, daß ich mich nicht laͤnger halten konnte, ſondern mit dem Fuße wieder in meinen Schuh ſchluͤpfte, und nur auf ſeine naͤchſte Annaͤherung war⸗ tete. Jetzt zog ich mein Bein einen Augenblick zu⸗ ruͤck, um gleichſam einen Anlauf zu nehmen, und in⸗ dem ich es mit bewundernswerther Genauigkeit wie⸗ der vorſtreckte, traf ich gerade mit der Ecke meines breit abgeſtumpften Schuhes ſein eben gegen mich vorgeruͤcktes Schienbein. Der Schmerz, den ihm die⸗ ſes verurſachte, muß unertraͤglich geweſen ſeyn, denn er ſchnellte ſein Knie mit einer Gewalt an den Tiſch —— — — Swrites Mtapitel. 173 herauf, daß dieſer wie ein Springbrett ſich bewegte, und eine neben ihm ſtehende Matelotte von Aalen aufſprang, als ob deren Inſaſſen eben jetzt erſt in die Bratpfanne geworfen worden waͤren. Verſchiedene Glaͤſer und Flaſchen ſtuͤrzten ebenfalls um und zer— brachen, und die ganze ehrbare Verſammlung gerieth in bedeutendes Schrecken. Das Opfer meiner Rache kaͤmpfte offenbar mit ſeinem Schmerze, und ich ſah es mit ſo vieler Verſtellung als ich nur auftreiben konnte, um Verzeihung bittend an, indem ich bedau⸗ ernd meine Beſorgniß ausdruͤckte, ſtatt der Katze oder des Hundes, von denen ich geglaubt haͤtte, daß ſie mir auf den Fuͤßen herumtraͤten, ihn geſtoßen zu ha⸗ ben. Ich bitte tauſendmal um Vergebung!“ war meine Schlußrede. «.Im Gegentheil, mein Herr! ich habe um Ver⸗ zeihung zu bitten!“» erwiederte er, indem er ſich mit der außerordentlichſten Hoͤflichkeit bis auf's Tiſchtuch niederbeugte; und ich war voͤllig damit zufrieden. Ob ich dies aber gleichfalls, und ſogar durch ſeine Verlegenheit und Schmerzen erfreut war, ſo verwan⸗ delte ſich doch bald dieſes Gefuͤhl in ein ganz anderes. Denn kaum waren die ſtarrenden Augen der Tiſchge⸗ noſſenſchaft wieder von ſeinem Geſichte abgewendet, welches ich jedoch im Stillen zu beobachten fortfuhr, als ich ihn einen Blick auf meine liebenswuͤrdige Nachbarin ſchießen ſah, in welchem ein ſo fuͤrchter⸗ 174 Das Geneſungshaus. licher Ausdruck lag, daß ich ſelbſt davor zuruͤckſchau⸗ derte. Er wollte ihr damit einen Vorwurf machen, entweder wegen ihrer Theilnahmloſigkeit an ſeinen Lei⸗ den, von denen ſie doch gar nichts wußte, oder we⸗ gen ihres Miteinverſtandenſeyns in der ihm wider⸗ fahrenen Beleidigung. Der Himmel weiß, welches von beiden, aber ich hatte noch nie einen ſolchen toͤdt⸗ lichen Blick voll Wuth, Haß und Rache geſehen. Waͤhrend der uͤbrigen Zeit des Mittagseſſens ſaß er verdruͤßlich und ſtumm da. Dieſes war zur gewoͤhn⸗ lichen Zeit beendet, man ſtand auf, und bis der Kaf⸗ fee vorgerichtet war, um in einem andern Zimmer ſervirt zu werden, ging Jedermann in den Garten ſpaziren. 2 8 Drittes lapitel. Der oberſte Doktor war waͤhrend dieſes Nachmit⸗ tags⸗Spazirganges in ſeiner Gaſtlichkeit und Auf⸗ merkſamkeit fuͤr mich unermuͤdlich und laͤſtig. Er ſchien ſeit heut Vormittags alle Vorraͤthe ſeines Ge⸗ daͤchtniſſes aufgeſpeichert zu haben, um daraus eine Sammlung der dunkelſten Ausdruͤcke und der hals⸗ brechendſten Worte zu bilden, die in allen Wiſſen⸗ ſchaften und Woͤrterbuͤchern jemals vorgekommen ſeyn konnten. Er eroͤffnete eine Batterie gegen mich aus Gegenſtaͤnden von jedem Kaliber, von den Praͤdika⸗ menten des Ariſtoteles an bis auf die Prinzipien Newton's, und war tief in den hauptſaͤchlichen Punk⸗ ten einer Abhandlung zur Widerlegung der Lehre des Letztern uͤber Zeit und Raum, die er noch herauszu⸗ geben dachte, oder ſchon herausgegeben hatte, verwik⸗ kelt, als ihn ploͤtzliches Gekreiſch aus dem Garten⸗ hauſe, in deſſen Naͤhe wir eben wandelten, noͤthigte, wie ein Pfeil davon zu eilen, waͤhrend ich gleich dar⸗ auf ſeinen juͤngern Beiſtand in derſelben Richtung laufen ſah. Die verſchiedenen Gruppen, die bis da⸗ hin unter der Aufſicht des Letztern ſich herumgetrie⸗ ben hatten, zerſtreuten ſich ſchnell, und alle eilten mit erſchrockenen Blicken in den Schutz des groͤßeren 176 Das Geneſungshaus. Hauſes, als ob die Toͤne aus dem andern ſie an das erinnerten, was ihr eigenes Schickſal zuvor geweſen, und leicht wieder ſeyn koͤnnte. 3 Meine ganze Aufmerkſamkeit ward durch das durch⸗ dringend ertoͤnende Geſchrei erregt. Es kam von einer weiblichen Stimme her, und zeugte von der groͤßten Angſt. Meine Einbildungskraft malte mir ſogleich die Geſtalt meiner ſchoͤnen Tiſchnachbarin aus, wie ſie unter der Zuͤchtigung des gallſuͤchtigen Buben ſich wand, deſſen Hoͤllenblick noch vor meinen Augen zu ſchweben und alles gelb zu malen ſchien. Dies war die natuͤrliche Wirkung mehr einer Ideenverbin⸗ dung als eines Vernunftſchluſſes. Der Impuls, den ſie mir gab, trieb mich nach der Richtung der Stelle zu, vor welcher alle andere, die Aerzte ausgenommen, zu fliehen ſchienen. Als ich dem kleinen Hauſe naͤher kam, hoͤrte das Geſchrei auf, oder hatte ſich vielmehr in ein dumpfes Gemurmel, gleich dem verhaltenen Getoͤſe eines Bergſtromes, verwandelt. «Hoͤren Sie?o fragte Jemand hinter einem dich⸗ ten Gebuͤſche vor.«Sie zwaͤngen ihr jetzt den Kne⸗ bel in den Mund— vielleicht bis zum Erſticken. Aber der Premierminiſter—» Durch den Ton und die Worte der dicken Dame* erſchuͤttert und erſchreckt, eilte ich der Scene ſolcher 5 Grauſamkeiten zu, erreichte das Haus und wollte eben 3 in die Thuͤr treten, als Michel, der davor ſtand, auf 1 5* Drittes Iapitel. 177 mich zuſtuͤrzte, mir die Hand gegen die Bruſt hielt, und mit heftigem und grobem Tone hube«Hier koͤn⸗ nen Sie nicht herein!» — Platz gemacht, Schurke!— rief 69. aus, und wollte mir mit Gewalt Bahn brechen, als das Er⸗ ſcheinen des Mannes, den ich zu ſuchen ſchien, ſelbſt, mich ploͤtzlich innehalten und mit dem Schauer der Verabſcheuung zuruͤcktreten ließ. Es war der gelb⸗ braune Doktor, den der heftige Wortwechſel zwiſchen mir und dem halsſtarrigen Buben, der mir in Schimpf⸗ reden Gleiches mit Gleichem erwiederte, und ſich gegen mein Eindringen mit Leibeskraͤften ſtaͤmmte, aus dem Hauſe getrieben hatte. Auf des Doktors bleichem Ge⸗ ſichte malte ſich offenbare Beunruhigung; aber es trug ſichtlich noch Spuren groͤßerer Erregung, als meine Worte, ſo lebhaft als ſie auch immer geweſen ſeyn mochten, haͤtten hervorbringen koͤnnen. Seine Wangen zeigten die Farbe einer ausgepreßten Citrone mit dunkelgelben und ſchmuzigen Flecken hie und da, und an zwei bis drei Orten waren ſie von Naͤgeln zerkratzt, welche Spuren hinterlaſſen, die noch geblu⸗ tet haben wuͤrden, wenn des Boͤſewichts feiges Herz nicht das Blut aus den Adern zuruͤckgedraͤngt haͤtte. Seine Halsbinde war verſchoben und eine gewaltige Unordnung, die in ſeinem ganzen Anzuge zu bemer⸗ ken war, zeigte mir deutlich, daß meine Phantaſie nicht hinter der Wahrheit zuruͤckgeblieben. 8*½*½ 178 Das Geneſungzhaug. «Um des Himmels willen, was giebt es denn? wer ruft nach der Polizei?“ fragte er zitternd. — Ich!— rief ich mit erneuter Faſſung:— Und wenn man mir hier den Eingang verwehrt, will ich mir ſchon Huͤlfe verſchaffen, um das arme Schlacht⸗ opfer da drinnen zu retten—. «Ach, wenn's weiter nichts iſt?“» entgegnete krie⸗ chend der Schurke mit einem Laͤcheln, welches das Entgegengeſetzte von dem bedeutete, was ein Laͤcheln bedeuten ſoll.„Iſt das die Urſache des ganzen Laͤr⸗ mens? Nehmen Sie guten Rath an, mein Herr! Entfernen Sie ſich, ſtoͤren Sie die Ruhe dieſes Orts nicht, und unterbrechen Sie nicht die Pflichtausuͤbun⸗ gen patentirter Aerzte, wenn ſie in der Kur ihrer Kranken begriffen ſind.“» — Ruhe!! Patentirt?! Kur!— wiederholte ich, und ſtand im Begriff, etwas Eigenthuͤmlicheres und Treffenderes hinzu zu fuͤgen, als der Oberarzt, der Coryphaͤe der Junta patentirter Henkersknechte, ſelbſt ſich zeigte. Auch er ſchien uͤberraſcht, gab aber mehr Takt zu erkennen, als der ſpitzbuͤbiſche Subal⸗ tern, mit dem er in Verbindung ſtand. «Lieber Herr!“» wendete er ſich mit uͤbertriebener Hoͤflichkeit an mich:«Was iſt denn nur vorgefallen? Sind Sie nicht wohl? Iſt Ihnen etwas Unange⸗* nehmes begegnet, dem ich abhelfen kann?“ 1 — Das wiſſen Sie am beſten, mein Herr!— —— 2 Drittes Mapnitel. 179 antwortete ich.— Alles das ſollte ich eher Sie fra⸗ gen. Ich will wiſſen, was hier vorgefallen iſt, die Urſache des furchtbaren Geſchrei's, das Ihr ganzes Inſtitut in Aufruhr gebracht hat!— Aufruhr gebracht?— Nicht ein Gedanke daran, mein lieber Herr! Da irren Sie ſich ſehr. Sie ſind alle nur zu gut an dergleichen Dinge gewoͤhnt. Kom— men Sie, kommen Sie, laſſen Sie uns dorthin ge⸗ hen, und ich will Ihnen das alles ganz genau aus⸗ einander ſetzen.“ Mit dieſen Worten nahm er mich vertraulich unter den Arm und wollte mit mir fortgehen, ich riß mich aber von ihm los, und verſicherte, daß ich nicht von der Stelle weichen wuͤrde, bis er mir erklaͤrte, was hier vorgegangen. Da er ſich ſo gedraͤngt ſah, und ein Beiſpiel von Widerſetzlichkeit nicht wollte oͤffentlich bekannt werden laſſen, ſo wendete er ſich wieder mit großer Gewandtheit zu mir und fuhr ſort:«O, mein guter, lieber Herr! mit Vergnuͤgen, mit Vergnuͤgen! Es iſt mir eine Ehre, Ihnen alles zu erklaͤren, wor⸗ uͤber Sie ſich auch nur im mindeſten verwundern koͤnnten. Ich ſchaͤtze den gluͤcklichen Zufall, der mir das Vergnuͤgen Ihrer Bekanntſchaft gewaͤhrt hat, zu ſehr, um unſer angenehmes Verhaͤltniß dadurch ge⸗ ſtoͤrt zu ſehen, daß ich Ihnen eine Erklaͤrung, wie ich wol befugt waͤre, abſchluͤge, nach der Sie eigent⸗ lich kein Recht haben zu fragen.“ 180 Dat Geneſungzhaug. — Verzeihen Sie, mein Herr!— verſetzte ich warm:— ich bin als Menſch nach den Anſpruͤchen 8 des Menſchengefuͤhls dazu berechtigt.— «Schoͤn, ſchoͤn! allerdings in dieſer Hinſicht; aber als Arzt koͤnnte ich auch meinerſeits, wenn ich es fuͤr gut befaͤnde, mich deſſen weigern.“» — Richtig: aber..—. «Wir wollen uns daruͤber nicht ſtreiten,» fuhr er mit erzwungener Freundlichkeit fort:«ich habe die wichtigſten Gruͤnde auf meiner Seite, wie Sie ſelbſt einſehen— aber deſſenungeachtet ſollen Sie dieſes große Geheimniß wiſſen. Eine unſerer widerſpaͤnſti⸗ gen Kranken— und wir haben deren, dem Himmel ſey's geklagt, genug— bedurfte einer kleinen Zuͤchti⸗ gung, und hat ſie von meinem wuͤrdigen Freunde hier erhalten. Das iſt Alles!“ — Es war die Dame, die bei Tiſche neben mir ſaß?— fragte ich ſchnell. «.αᷣ Woher wiſſen Sie das?„ «Ja, ſie war es;“ antwortete der Doktor zu glei⸗ cher Zeit, indem der ſchuldbetroffene Gehuͤlfe mit ſeiner Frage fruͤher da war, als Jener mit ſeiner Antwort. — Großer Gott!— rief ich aus:— iſt's denn moͤglich, daß man bei dieſem leidenden Geſchoͤpfe, das von Schwermuth ganz niedergebeugt ſchien, hat Ge⸗ walt anwenden muͤſſen?— «Mein lieber Herr! in dem Hauptuͤbel, an wel⸗ —— Drittes Itapitel. 181 chem dieſe junge Perſon leidet, tritt manchmal eine „Kriſis ein, welche die furchtbarſten Uebergaͤnge her⸗ vorbringt. Das iſt jetzt eben auch der Fall geweſen. Dieſer Herr hier hat die beſondere Aufſicht uͤber das ungluͤckliche Weſen. Sehen Sie ihn nur an— er traͤgt ja noch die deutlichſten Zeichen der Wuth die⸗ ſes Maͤdchens.» — Armes Weſen!— rief ich unwillkuͤhrlich aus. Der gelbbraune Boͤſewicht aber bezog den Ausruf auf ſich, und fing an in der Waͤrme des Dankes fuͤr meine vermeinte Theilnahme, mir noch mehr zu er⸗ zaͤhlen, als er eigentlich ſelbſt wollte. ᷑.ααᷣch du mein Gott!"“ ſagte er:«das iſt noch gar nichts gegen das, was ich von dieſer boshaften Hexe ſchon zuweilen habe erdulden muͤſſen.»» — War denn aber gar kein Grund zu ſolchen Ausbruͤchen vorhanden?— fragte ich. «&.ᷣꝙ Nicht der geringſte, mein Herr! Wenn ich nach Tiſch, wo ſie auf ihrem Bette lag, ihr ganz ſanft den Puls befuͤhlen wollte—»» — Um Vergebung!— entgegnete ich, allerdings mit einiger Boßheit:— zeigt ſich der Puls bei Gei⸗ ſteskranken am Fußblatte?— Mein Scherz fing mich aber ſogleich gar ſehr zu reuen an, denn beide Aerzte warfen mir ein paar Blicke zu, zwar von verſchiedener Art, aber in ſo weit ich ihre Bedeutung ergruͤnden konnte, von gleich 182 Das Geneſungshaus. uͤbler Meinung. Der aͤltere Praktiker, der bei Je⸗ dem, der mit ihm ſprach, Spuren von Irrſinn auf⸗ zuſuchen gewohnt war, hielt offenbar meine freilich ſehr zweideutige Frage fuͤr ein Anzeichen, daß ich in der That nicht ſo ganz richtig im Kopfe ſey; der gelbe Herr Doktor aber begriff ſogleich meine Anſpielung auf ſein Benehmen bei Tiſche. Er ward rothbraun, zog ſeine dicken Augenbrauen auf eine Art zuſam⸗ men, daß man haͤtte glauben ſollen, er koͤnne ſie nie wieder auseinander bringen, ſah mich mit einem Blicke an, der das aͤchte Seitenſtuͤck zu dem war, der mich bei Tiſche ſo ergriffen hatte, und wendete ſich dann ploͤtzlich, ohne auch nur noch ein Wort zu lireczen⸗ von mir. Der Oberarzt erſuchte mich mit aͤrztlicher Worſotge und großer Aufmerkſamkeit, ihm doch zu erklaͤren, was ich mit meiner ſonderbaren Frage habe ſagen wollen. Da ich nun wuͤnſchte, durch ſeine Erkundi⸗ gungen nicht etwa noch weiter belaͤſtigt zu werden, und den Haß ſeines Aſſiſtenten noch mehr auf mich zu ziehen, ſo antwortete ich ihm ſehr kurz und auf eine Art, die ſeine Beſorgniſſe beſchwichtigen mußte, indem ſie ihn von meiner Abſicht uͤberzeugte.— Ihr Freund verſteht mich vollkommen, lieber Herr Dok⸗ tor! Ihm nur galt meine Frage, und wenn Sie gern wiſſen wollen, was ſie zu bedeuten hatte, kann er ihnen das ſelbſt ſagen, wenn er ſonſt will. Laſſen ——— Drittes Itapitel. 183 wir aber das jetzt bei Seite... es iſt von gar kei⸗ ner Wichtigkeit, gegen den Gegenſtand gehalten, der uns auf dieſe ganze Unterredung brachte. Dieſer aber, das bekenne ich Ihnen, intereſſirt mich außer⸗ ordentlich, und ich hoffe, daß Sie mir erlauben, ohne in die zarten Geheimniſſe Ihrer mediziniſchen Praxis eindringen zu woͤllen, Sie zu erſuchen, bei der Be⸗ handlung der jungen ungluͤcklichen Perſon, mit wel⸗ cher Ihr Aſſiſtent in zu naher Beruͤhrung ſteht, ſelbſt unmittelbar einzuwirken. Ich habe gute Gruͤnde zu dem, was ich hier ſage, und er kennt ſie.— Der Doktor ſchwieg einige Minuten lang, dann ſagte er:«Ich habe uͤber das nachgedacht, was Sie mir eben mittheilten. Ich will nicht thun, als miß⸗ verſtaͤnde ich Sie; aber ich kann weder Ihre Winke ganz faſſen, noch auch, wie Sie zu wuͤnſchen ſchei⸗ nen, in die Einzelnheiten der Kur der jungen Dame perſoͤnlich eingreifen. Als Oberhaupt dieſes Inſtituts habe ich allerdings das Recht der allgemeinen Ober⸗ aufſicht uͤber alle Kranke darin; aber Sie wiſſen ge⸗ wiß ſelbſt bereits, mein Herr! daß wir in unſerer Kunſt auf die Etikette unſerer Praxis mit der gewiſ⸗ ſenhafteſten Strenge halten muͤſſen.“ — 9! ich weiß wol,— entgegnete ich,— daß manches theure Leben ihr aufgeopfert worden iſt.— «Man muß einzelnes Uebel dulden, um das allge⸗ meine Gute zu ſichern,» antwortete er mit pomphaf⸗ 184 Das Geneſungshaug. tem Tone. Ich hatte keine Luſt, die Unterhaltung in dieſen Gemeinplaͤtzen weiter fortzuſetzen. So fuͤllte ich denn die Pauſe, die er nun entſtehen ließ, mit 3 keiner Entgegnung meinerſeits aus, und da er ſah, daß er nicht weiter auf Gruͤnde von mir ſich einlaſ⸗ ſen, eine Art von Abhandlung aber doch auch nicht hier vortragen koͤnne, ſo ließ er den Gegenſtand fal⸗ len. Auf das eigentliche Thema unſers Geſpraͤchs daher zuruͤckkehrend, fuhr er nun fort:«Sie ſehen alſo, daß es mir unmoͤglich iſt, in die Einzelnheiten dieſes Falles genau einzugehen.“ — Wier— entgegnete ich:— wenn ich Ihnen nun die triftigſten Gruͤnde anfuͤhren kann, um Sie darauf aufmerkſam zu machen, daß Ihr Herr Aſſi⸗ ſtent in der Behandlung dieſes huͤlfloſen jungen Maͤdchens einen ganz andern Weg einſchlaͤgt, als Pflicht, oder Zartgefuͤhl, oder Sittlichkeit ihm vor⸗ ſchreiben?— «Still, ſtill! lieber Herr! Nicht ſo laut, wenn es Ihnen beliebt. Die Rekonvaleszenten gehen ja ganz frei hier im Garten herum.» — Wir brauchen uns nicht ſehr zu fuͤrchten, daß ſie in dieſe Naͤhe kommen werden.— «Gut, gut! mein Herr!» rief er ungeduldig und etwas verdruͤßlich aus:«aber wir duͤrfen in dieſe Ge⸗ f genſtaͤnde wahrhaftig jetzt nicht tiefer eingehen, und ich muß bitten und in der That darauf beſtehen, daß * ———— —————— 5. Drittes Itapitel. 185 die Disziplin, wie ich ſie hier einzufuͤhren fuͤr gut erachtet habe, wie ſie die Geſetze meines Landes ver⸗ ſtatten, und die hohen Behoͤrden anerkennen, nicht ge⸗ ſtoͤrt, oder meine Hoͤflichkeit gemißbraucht werde—» — Ruhig, ruhig! lieber Doktor!— erwiederte ich ihn unterbrechend, und wie der Vogelſteller mein Voͤgelchen zu ſeiner Lockſpeiſe zu bringen ſuchend: — Sie beunruhigen ſich ohne Noth und verſchwen⸗ den nutzlos Ihre Worte. Wenn Sie jede Nachfrage unterdruͤcken, jede Erkundigung meinerſeits unmoͤglich machen wollen, ſo habe ich gar nichts dagegen, ſo⸗ gleich Ihr Haus zu verlaſſen, und zu verſuchen, ob die Behoͤrden, deren Sie erwaͤhnen, bei meinem Ver⸗ dachte eines ſchaͤndlichen Benehmens eben ſo gleich⸗ guͤltig bleiben werden.— «So ſprechen Sie doch um des Himmels willen nur leiſer!— Sie ſind wahrhaftig nicht recht klug! — Kommen Sie doch ruhig und kalt mit mir auf mein Studirzimmer, und wir koͤnnen ja dort weiter daruͤber ſprechen. Aber hier in freier Luft nichts mehr davon! Ich bitte recht ſehr.“ Die nur ſchlecht verhehlte Unruhe meines Gefaͤhr⸗ ten uͤberzeugte mich, daß ich mit ihm den rechten Ton angeſtimmt hatte, und da ich durch ſeine Furcht Mit⸗ tel und Wege zu finden hoffte, etwas Gutes fuͤr die ungluͤcklichen Schlachtopfer des um mich her beobach⸗ teten Syſtems zu bewirken, ſo beſchloß ich, mir es 186 Das Geneſungshaus. fuͤr jetzt gefallen zu laſſen, und ihn in ſein Haus zu begleiten. Als wir durch den Garten gingen, be⸗ merkte ich die dicke Dame, welche ſichtlich auf mich wartete, und mir verſchiedene Zeichen der Einladung zu einer anderweitigen Unterredung machte. Ich nahm aus Furcht, des Doktors Scharfſichtigkeit auf mich zu ziehen und ſeinen Verdruß wegen der Strafloſigkeit zu wecken, deren dieſe werthe Perſon ſich jetzt zu er⸗ freuen ſchien, keine Notiz davon, ſondern zeigte, um ſeine Aufmerkſamkeit auf einen andern Gegenſtand zu lenken, auf eine alte Frau, welche ein Diener in einem Gartenſtuhle herumfuhr, deſſen Lenk⸗Rad die ſchwache Kranke nicht einmal mehr zu richten im Stande war. Haͤtten nicht ergreifendere Gegenſtaͤnde mich beſchaͤf⸗ tigt, ſo wuͤrde ich ſtehen geblieben ſeyn, um das alte arme Geſchoͤpf naͤher zu betrachten und zu bemitleiden. Sie ſchien an dem vorgeruͤckteſten Ziele des Daſeyns zu ſtehen, und bot eins der demuͤthigendſten Beiſpiele menſchlicher Hinfaͤlligkeit dar. Als wir bei ihr vor⸗ ͤberkamen, bemerkte ich dies gegen den Doktor. «. Ja, mein Herr!» antwortete er gleichguͤltig:«ſie 3 iſt ſchon ganz ausgebrannt— die Flamme lodert nur noch in der Dille— es waͤre Wohlthat, wenn man einen Ausloͤſcher darauf ſetzte.“» Ich hatte nicht Zeit, uͤber dieſen Ausdruck der Menſchenfreundlichkeit des Doktors nachzudenken, aber Drittes Iapitel. 187 ſpaͤterhin draͤngte er ſich mir wieder mit großem Nach⸗ drucke auf. Wir ſaßen nun eine ganze Stunde in des Dok⸗ tors Studirzimmer. Da er eine gelaͤufige Zunge, einen hellen Kopf und ein gutes Gedaͤchtniß beſaß, ſo kann man ſich wohl denken, welch' eine Menge von Belehrungen er mir waͤhrend unſerer Unterredung ge⸗ waͤhrte, und ich muß geſtehen, daß er ſeine Zeit nicht uͤbel anwendete und mit ſeinen Vorraͤthen nicht ſparte. Nit anſcheinender Freimuͤthigkeit ging er auf die Ge⸗ genſtaͤnde meiner Nachforſchungen ein, welches mich uͤberzeugte, daß er entweder ſich ſeiner Rechtlichkeit bewußt, oder ihm daran gelegen ſey, Offenheit zu zei⸗ gen, oder er fuͤr die Muſik ſeiner eigenen Stimme ſehr eingenommen ſey— die drei gewoͤhnlichſten Urſachen der Geſchwaͤtzigkeit bei Perſonen, die noch nicht in Jahren vorgeruͤckt, oder gewaltig verliebt ſind. Ich ſelbſt aber konnte damals den vorzuͤglichſten Grund der fließenden Mittheilungsluſt des Doktors nicht er⸗ rathen, denn er beſaß ſo viel Feinheit und Takt, daß er mich ganz betaͤubte, und ob er gleich in der groͤß⸗ ten Vertraulichkeit mit mir zu ſprechen ſchien, ſagte er mir doch im Ganzen nichts, was ich nicht auch von der dicken Dame haͤtte erfahren koͤnnen, ein paar unbedeutende Mittheilungen uͤber ſie ſelbſt vielleicht ausgenommen, die ſie mir doch nicht anvertraut ha⸗ ben wuͤrde. 188 DBas Genrſungshaug. Der hauptſaͤchlichſte Gegenſtand unſerer Unterre⸗ dung betraf die verſchiedenen Perſonen, die ich bereits fluͤchtig meinem Leſer vorgefuͤhrt habe. Da ich den Doktor nach und nach zu Derjenigen zu bringen ge⸗ dachte, an deren Schickſal ich den waͤrmſten Antheil nahm, weil ich zufaͤllig ſelbſt mit hinein verflochten worden, ſo begann ich meine Nachfragen mit denen, deren Lage verhaͤltnißmaͤßig mindere Ruͤckſicht ver⸗ diente. Ehe wir aber auch nur noch auf eins dieſer Individuen ſelbſt kamen, geſtand mir der Doktor ganz aufrichtig die eigentliche Art und Weiſe ſeiner Anſtalt, welche der Leſer bereits kennt, und ergoͤtzte ſich ſelbſt an einem auswendig gelernten trocknen Auseinander⸗ ſetzen der außerordentlichen Vorzuͤge deſſelben vor allen andern ſeines gleichen, und an ſeiner eigenen Ueber⸗ legenheit bei Geiſteskrankheiten uͤber alle anderen prak⸗ tiſchen Aerzte, welches man Wort vor Wort als den Proſpektus fuͤr jede aͤhnliche Anſtalt haͤtte drucken laſſen koͤnnen, oder auch vielleicht bereits gedruckt hat. Nachdem er mir auf dieſe Weiſe eine Art von Recht zu perſoͤnlichen Nachfragen eingeraͤumt hatte, fing ich mit einigen in Bezug auf die dicke Dame an, und erfuhr uͤber ſie, daß ſie ein einfaches, harm⸗ loſes Weſen ſey, deren Irrſinn ein Erbuͤbel, da ihr Vater wirklich auf die furchtbare Art geſtorben, wie ſie mir es erzaͤhlt. Doch war ſie, ſtatt wahnſinnig gleich ihm, nur geiſtesgeſtoͤrt geweſen. So war ſie Drittes kiapitel. 189 von Kindheit an bis etwa zum vierzigſten Jahre ru⸗ hig durch's Leben fortgeſchritten, indem ihr die Re⸗ gierung ein Jahrgeld ausgeſetzt gehabt, das ihr regel⸗ maͤßig trotz allen konſulariſchen, kaiſerlichen und koͤnig⸗ lichen Herrſchaftswechſel fortbezahlt worden. Da ſie nun die Erlaubniß habe, ungehindert im Hauſe und Garten ſich herumzutreiben, und ſich einbilde, daß ſie im direkten Briefwechſel mit dem jedesmaligen Pre⸗ mierminiſter ſtehe, ſo waͤre ſie, wie mir der Doktor verſicherte, viel gluͤcklicher als viele andere mit geſuͤn⸗ dern Sinnen, und viel vernuͤnftiger als viele andere mit minder unbedeutenden Geſichtern. Wir redeten nun zunaͤchſt von dem alten Geiſt lichen, uͤber welchen der Doktor ſo heftig mit dem Thuͤrſteher, die dicke Dame aber ſo gefuͤhlvoll mit mir geſprochen hatte. Der Doktor bekannte, daß er uͤber ihn nur wenig mehr zu ſagen wiſſe, als daß er dadurch irrſinnig geworden ſey, daß er ein eigenhaͤn⸗ diges Schreiben Seiner Heiligkeit des Papſtes uͤber ein theologiſches Werk erhalten. So bilde er ſich nun ſelbſt ein der«Allererhabenſten zu ſeyn, und da ihn ſein Biſchof unter des Doktors theilnehmende Aufſicht geſtellt, ſey er nun anmaßend genug, zu glau— ben, daß das Gartenhaus die St. Peterskirche zu Rom waͤre. Wenn er ſich nun nicht uͤber die Mit⸗ tagstafel— wie beſonders bei Faſttagen der Fall— zu beklagen habe, ſey er, nach des Doktors Meinung, 190 Das Geneſungshaus. in beneidenswertherer Lage, als wenn er wirklich die Tiara truͤge, und halb Europa ſich drsngte ihm den Pantoffel zu kuͤſſen. Von dem jungen Vincenz v. Bouverie ſprach der Doktor mit uͤberſpanntem Gefuͤhl, ihn beklagend, daß ein ſo ausgezeichneter junger Mann aller vernuͤnftigen Unterredung“ und mit ihr zugleich des Beſitzes der Haͤlfte von ſeines Vaters ſehr großem Vermoͤgen be⸗ raubt ſey, das jetzt ganz dem juͤngern Bruder beſtimmt worden, der ſeine eigenen Neigungen dem vaͤterlichen Willen unterwerfe. Das allerbeklagenswertheſte, nach des Doktors Anſicht, war aber jene Verliebtheit, die dem jungen Manne verleite, jedem Frauenzimmer, das ihm in den Weg komme, ſeine Liebe anzutragen. Sie habe ſich zuerſt in einer unſeligen Hinneigung zu einer Dienſtmagd ſeiner Mutter gezeigt, und ſey jetzt in Bezug auf die Graͤfin, trotz aller Vorkehrungsmittel, ihn bei kaltem Blute zu erhalten, wieder ausgebrochen. Von der Graͤfin konnte der Doktor mir entwe⸗ der weiter nichts ſagen, oder wollte es nicht, als daß ſie Wittwe ſey, und man ſie den Beſchraͤnkungen ſei⸗ ner Kurart uͤbergeben habe, um ſie vor einer zweiten Heirath zu huͤten, damit ſie nicht von ihrem unmaͤ— ßigen Schmerze uͤber ihren erſten Mann geheilt werde und ihre ſie uͤberlebenden Bruͤder der großen Erb⸗ ſchaft beraube, die nach ihrem Tode auf dieſe oder deren Kinder fallen wuͤrde.«Und es wuͤrde ein — Drittes Itapitel. 191 Gluͤck fuͤr die arme Dame ſeyn,“ fuͤgte der Doktor hinzu,«wenn wir ſie in dem heilſamen Zuſtande von gelinder Verzweiflung erhalten koͤnnten, der ſie vor den Klippen des Eheſtandes bewahrte, an denen ſie ſchon einmal Schiffbruch gelitten hat.“» — Das liebenswuͤrdige Maͤdchen aber,— fragte ich nun,— neben dem ich bei Tiſche ſaß, und gegen die ſich Ihr Huͤlfsarzt jedenfalls ein ganz unpaſſen⸗ des Betragen erlaubt? Was iſt mit der? Wer iſt ſie? Und welches iſt der Grund der tiefen Schwer⸗ muth, der ſie ſo ganz ſich hingiebt? Ich habe nie ein reizenderes und intereſſanteres Weſen geſehen! O ſagen Sie mir doch, wer ſie iſt, und weshalb ſie ſich hier befindet. Kein gewoͤhnlicher Umſtand konnte, wie mir es ſcheint, auf einen Verſtand Einfluß ha⸗ ben, der gewiß einem Geſicht voll ſo viel Geiſt keine Schande macht. Sagen Sie mir alles, was Sie offen und ehrlich einem Fremden mittheilen duͤrfen. Sie koͤnnen die Theilnahme, welche ſie in mir erregt hat, als Sicherung nehmen, daß ich zu ſchweigen ver⸗ ſtehen werde.— «Nun denn, ſo hoͤren Sie geduldig zu,“» entgeg⸗ nete der Doktor:«und Sie ſollen alles erfahren, was ich von ihr weiß.“ Viertes Itanitri. Nach des Doktors Mittheilungen und dem, was ich ſpaͤterhin aus noch ſicherer Quelle erfuhr, bin ich im Stande, die Urſachen anzugeben, welche das un gluͤckliche junge Maͤdchen in die bejammernswerthe Lage verſetzten, in welcher ich ſie fand, und ſtatt das Naͤhere in der Art wiederzuerzaͤhlen, wie ich es durch I muͤndliche Nachrichten erhielt, ziehe ich vor, es nach ⸗ meiner Art kuͤrzer und gedraͤngter verarbeitet hier 3 vorzutragen. Sie— deren Name ich nicht veroͤffentlichen darf ¹— war die Tochter von Eltern hohen Ranges, gro⸗ 3 1 ßen Vermoͤgens und ausgezeichneten Anſehns in ih⸗ rer Gegend. Als juͤngere Tochter hatte man ſie nach I dem Syſteme eigennuͤtziger Barbarei, das in Frank⸗ reich noch nicht ausgerottet worden, fuͤr ein Kloſter beſtimmt, damit ihre aͤltere Schweſter durch das auf dieſe Art erhoͤhete Vermoͤgen, und ohne Furcht, die hinreißende Schoͤnheit jenes ungluͤcklichen Opferlam⸗ mes moͤchte ſiegend neben ſie treten, eine um ſo glaͤn⸗ zendere Parthie machen koͤnne. Fuͤr ein Temperament, gleich dem ihrigen jedoch, das zu viel der Gefuͤhle, wol auch der Schwaͤchen der Menſchlichkeit beſaß, um ſich durch die ungewiſſen . Vor⸗ —x Viertes Iiapitel. 193 Vortheile, die ihm in einer andern Welt verſprochen wurden, fuͤr die Ausſchließung von allen Vergnuͤgun⸗ gen der gegenwaͤrtigen entſchaͤdigt zu ſehen, konnten die Entbehrungen und Beſchraͤnkungen eines Kloſters ſich nicht eignen. Ein paar Jahre waͤhrend ihres Noviziats uͤbte ſie muſterhafte Geduld, und beobach⸗ tete auf's ſtrengſte alle jene Regeln, die freilich ihrem Gefuͤhle von Recht, wie ihren Empfindungen fuͤr das, was angenehm, ganz widerſtreitend ſchienen. Sie machte große Fortſchritte in der feinern Ausbildung, die mit ihrer Erziehung verbunden war, und als ſie endlich ſich auf's Beſtimmteſte weigerte, die Geluͤbde abzulegen, kehrte ſie, in Folge des Vertrages, den man mit ihr abgeſchloſſen hatte als ſie das vaͤterliche Haus verließ(daß ſie naͤmlich nur einen Verſuch mit den Pruͤfungen machen ſolle, welche den fuͤr die Kirche beſtimmten Opfern vorgeſchrieben), im neunzehnten Jahre ihres Alters wieder in daſſelbe zuruͤck. Ihre Aeltern entdeckten jetzt, daß der einzige Weg, der ihnen noch uͤbrig geblieben„ der gewoͤhnliche, eine Verheirathung ſey, und ſie konnten es nicht vermei⸗ den, ihre Tochter dem zu Folge in den glaͤnzenden ge⸗ ſelligen Kreis, in welchem auch ſie lebten, einzufuͤhren. Die«widerſpaͤnſtige Novizev, wie ſie gemeinlich un⸗ ter ihren Freunden ſcherzend genannt ward, erregte, als ſie in den Strudel des Weltlebens von Paris ge⸗ ſtuͤrzt worden, eben ſo viel Bewunderung als Neu⸗ I. 9 194 Bas Geneſungzhaug. gierde. Sie beſaß lebhaften Freimuth, regen Geiſt und ungebundene Froͤhlichkeit. So erhielt ſie denn die uͤbertriebenen Huldigungen von der Haͤlfte der jungen Modemaͤnner in Paris, war aber eben ſo wenig von deren«Lippendienſte“ erbaut, wie die Bildſaͤule eines Heiligen auf einem Altare. Endlich aber war es ihrer Gefuͤhlloſigkeit, wie man es gewoͤhnlich nannte, doch beſchieden, eine ge⸗ waltige Veraͤnderung zu erleiden, und alle Empfin⸗ dungen des Herzens, welche ſo lange geſchlummert hatten, erwachten. Ein junger Englaͤnder, mit dem ſie zufaͤllig bekannt ward, bewirkte dieſes Wunder, wel⸗ ches man als unmoͤglich fuͤr einen Sterblichen ange⸗ ſehen, weil ein Dutzend ihrer Landsleute es vergebens verſucht hatten. Das Felſenherz der widerſpaͤnſtigen Novize ward auf der rechten Stelle getroffen, und eine Quelle des leidenſchaftlichſten Gefuͤhls entſprudelte ihm bei der Beruͤhrung. Ich erfuhr die naͤheren Umſtaͤnde dieſes Liebesver⸗ haͤltniſſes nicht, kann auch die Urſachen nicht angeben, weshalb die Familien beider jungen Perſonen ſich einer Verbindung unter ihnen auf's lebhafteſte entgegenſtell⸗ ten. Die Novize war kein Maͤdchen mit dem ge⸗ wohnten nachgiebigen Charakter junger Franzoͤſinnen. Sie maßte ſich es an, ſelbſt denken zu wollen, und verweigerte daher ihren Eltern den Gehorſam, als dieſe ſie baten, ihren Geliebten zu verlaſſen, und ſie Viertes Itauittel. 195 konnte ihnen nicht gehorchen, als ſie befahlen, ihn zu vergeſſen. Auch dieſer ſeiner Seits wies jeden Verſuch eines Entgegenſtrebens desjenigen Theils ſei⸗ ner Familie von ſich, deſſen Grundſaͤtze oder Vorur⸗ theile ſich auf's Heftigſte gegen ſeine Verbindung mit einer Franzoͤſin und Katholikin ſetzten. Von beiden Seiten wurden daher die gewoͤhnlichen Mittel ange⸗ wendet, dieſe Neigung mit der Wurzel auszurotten. Man verſagte dem Liebhaber fernere Unterſtuͤtzung, und die Geliebte ward weit von Paris hinweg ge⸗ bracht, in die Naͤhe des Ortes, wo ich ſie traf, und in deſſen Umgegend die Beſitzungen ihres Vaters la⸗ gen. Niemals aber fehlt es Liebhabern an Huͤlfsmit⸗ teln, der Geliebten zu folgen, und Dieſe wieder findet immer Gelegenheit, mit Jenem auf's neue zuſammen zu kommen. So hatten denn auch hier verſtohlne Zuſammenkuͤnfte ſtatt. Entdeckung, Trennung und vermehrte Wachſamkeit waren die Folge davon. Der Einfluß der Aeltern brachte es dahin, daß der Lieb⸗ haber unter polizeiliche Aufſicht geſtellt ward, und das halsſtarrige Maͤdchen mußte die ſtrengſte und ſchaͤrfſte haͤusliche Abſonderung erdulden. So wurden denn faſt unuͤberſteigliche Hinderniſſe den Liebenden in den Weg geworfen, und da ſomit der natuͤrliche Kanal fuͤr den Strom ihrer Gefuͤhle verſtopft ward, kehrten ſich dieſe mit vernichtender Ge⸗ walt nach innen, und daͤmmten ſich wie Wogenfluth 9* 196 Bas Geneſungshauz. dort empor, bis das Waſſer ſtehend wurde, und nun den Boden vergiftete, welchen es außerdem befruchtet haben wuͤrde. Nun ſtiegen ſinſtere Nebel auf zu dem Gehirn des ungluͤcklichen Maͤdchens, und ihr Verſtand ward durch deren ſchaͤdlichen Einfluß angegriffen. Der ſchnelle Wechſel von Erregung zu Abſpannung, von dem Frohſinn des heiterſten Lebens zu der Einſamkeit eines haͤuslichen Gefaͤngniſſes, von den ſonnenhellen Erſcheinungen der Hoffnung zu der Nacht der Ver⸗ zweiflung, brachte in ihrem ganzen Nervenſyſteme die nothwendigen Folgen hervor, und dem Zuſtande der hoͤchſten Aufreizung folgte gaͤnzliche Erſchlaffung. Die Kraft ihres Geiſtes ſchien voͤllig vernichtet, doch zeig⸗ ten ſich keine andere Erſcheinungen, als ſolche, die man noch mit dem Namen von Nervenuͤbeln bezeich⸗ nen konnte. Man zog Aerzte zu Rathe, und wie ge⸗ woͤhnlich waren ſie unter ſich ganz verſchiedener Mei⸗ nung. Einige— bedachtſame Vaͤter— verordneten Nachſicht; Andere— die ſtrengen alten Hageſtolzen — empfahlen Zwang. Einer— ein liebevoller junger . Praktikus— ſtimmte fuͤr eine Verheirathung, und bewies ſo den Zuſammenhang zwiſchen richtigem Ge⸗ fuͤhle und richtiger Anſicht. Sein Rath ward jedoch nicht angenommen, und er ſeibſt entlaſſen; dagegen aber eine Conſultation mit meinem Herrn Doktor, als die einzige Moͤglichkeit erachtet, welche noch Hoff⸗ nung fuͤr die arme Kranke gewaͤhre. Viertes Mauitel. 197 Unſer Herr Doktor hatte großen Ruf in ſeiner Provinz. Man mußte alſo vorausſetzen, daß er bei einem pflichtmaͤßigen Gefuͤhle ſeines hohen Berufs von allen ſeinen Herren Kollegen ſich unterſcheiden wuͤrde. Zugleich war von ihm, als dem Inhaber eines Gene⸗ ſungshauſes nichts ſicherer zu erwarten, als daß er darauf dringen werde, daß ein Maͤdchen, welche von den falſchen Anſichten der uͤbrigen Herren ſo viel lei⸗ den mußte, in ſein Haus gebracht wuͤrde, um ſich da der vollen Wohlthat ſeiner ſorgfaͤltigſten Aufſicht zu erfreuen. So geſchah es denn auch, und Vater und Mutter, welche ihre Tochter ſehr liebten, und ihr nur deshalb zuͤrnten, weil ſie Gehorſam und Ruͤckſicht ſo weit aus den Augen geſetzt, um ſich ſelbſt eine eigene Wahl anzumaßen, gingen auf den Vorſchlag des Dok⸗ tors mit Freuden ein. Sein Haus war wegen des aͤu⸗ ßern Anſtandes, und er ſelbſt wegen ſeiner Geſchicklich⸗ keit und Menſchenfreundlichkeit außerordentlich beruͤhmt. Vater und Mutter beſchloſſen jedoch, ſich durch den Augenſchein davon zu uͤberzeugen, beſuchten ihn daher in ſeiner Anſtalt ſelbſt, und er verfehlte, wie es bei ſolchen Rekognoszirungsbeſuchen uͤblich war, nicht das mindeſte, damit alles in der entſprechendſten Ordnung ſich vorfinde. Jeder unangenehme Gegenſtand, ein⸗ ſchließlich der Alten im Gartenſtuhle, der dicken Da— me, und aller Anderen, die durch Wort oder Blick eine unvortheilhafte Idee von des Doktors Anſtalt 198 Daß Geneſungshaus. und Benehmen geben konnten, wurde ſorgſam entfernt. Die Außenſeiten athmeten den Hauch der Ruhe und der Stille, und der Doktor ſorgte dafuͤr, daß das be⸗ kuͤmmerte Aelternpaar nicht in die Naͤhe des Garten⸗ hauſes gelangte. Allerdings wurden ſie nun auch von dem Aeußern des Ganzen ſowohl, als der Verfah⸗ rungsart in der Anſtalt ſelbſt hingeriſſen. Der gelbe Doktor, der ihnen als Derjenige vorgeſtellt ward, dem die beſondere Aufſicht uͤber die junge Kranke an⸗ vertraut werden ſollte, gewann durch ſeine ſanften und einſchmeichelnden Redensarten vollkommen das Herz der Mutter; und ſo ward es denn beſchloſſen, daß das nervenkranke Maͤdchen unverzuͤglich in dieſe Heil⸗ anſtalt gebracht werden ſolle. Sie willigte ohne Zoͤgerung in dieſen Plan, denn ſchon durch die Veraͤnderung ihrer Lage ergluͤhte wie⸗ der ein Schimmer von Hoffnung in ihrem Herzen, und als ſie den ihr zu ihrem neuen Aufenthalte be⸗ ſtimmten Ort erblickte, war ſie voll Freude. Sein ganzer Anſchein ſtand im Einklange mit ihren Gefuͤh⸗ len, und das gefaͤllige und ſanfte Benehmen des Dok⸗ tors gab ihr die Hoffnung, daß ſie mit deſſen Huͤlfe Mittel und Wege finden werde, ihren Geliebten mit ihrer Lage bekannt zu machen. Unter dieſen ſchmei⸗ chelnden und betruͤgeriſchen Erwartungen betrat ſie das Geneſungshaus; bald aber ward ſie uͤberzeugt, wie ſehr ſie ſich getaͤuſcht habe. Nur zu ſchnell bemerkte ſie, * Viertes lapitel. 199 daß ſie von Geiſtesirren umgeben und in der Macht von Verworfenen ſey; ſo daß die Symptome ihrer Krank⸗ heit durch Gewaltthaͤtigkeiten verſchlimmert wurden, und ihre Sinne wirklich Gefahr liefen, dem Einfluſſe der Perſonen, unter welche ſie gerathen war, zu er⸗ liegen. Nach und nach kamen noch wichtigere Gruͤnde hinzu, um ſie auf's Heftigſte zu beunruhigen. Die Auftritte der grauſamſten Art, welche um ſie her vor⸗ fielen, konnten ihr nicht lange verborgen bleiben. Die halblauten Verwuͤnſchungen der ungluͤcklichen Schlacht⸗ opfer drangen zu ihrem Ohre, und ſie konnte ihre Augen nicht vor den Blicken und Handlungen ihrer Tyrannen verſchließen. Bald ward ſie auch ſelbſt un⸗ ter die Zahl dieſer Opfer gerechnet. Ihr Aufſeher mit dem vergelbten Geſichte zeichnete ſie aus zu ſei⸗ ner Beute, und, geſchah es nun durch ſtillſchweigende Einwilligung oder wirkliche Verabredung, der Ober⸗ arzt ließ ihm freies Spiel bei ſeinen Abſichten, indem er ſich nicht in dieſelben miſchte, und alſo negativ mit anſah, wovor er oͤffentlich das Geſicht hinwegwandte. Wir koͤnnen ſchwerlich ſagen, was fuͤr Maßregeln der Verworfene bei den erſten Anfaͤllen auf den Ge⸗ genſtand ſeiner ſchaͤndlichen Leidenſchaft ergriff, denn kein Geiſt hat noch Kunde gegeben aus dieſen Ge— faͤngniſſen“, aber vermuthen koͤnnten wir es wohl. Daß dieſer Auswurf der Medizin wie der Menſch⸗ heit ſich jedoch der Vortheile bediente, welche ihm das 200 Das Geneſungshauz. in ihn geſetzte Vertrauen darbot, iſt nur zu wahr, und das Zeugniß meines Fußblattes kann ihn jeden⸗ falls von den verwerflichen Verſuchen uͤberfuͤhren, welche er ſich gegen dieſes zarte, ſeiner Sorgfalt an⸗ vertraute, Geſchoͤpf erlaubte. Spaͤter ward dies und Aehnliches kund; damals aber, als ich auf den Grund und Boden dieſer ſchaͤndlichen Unternehmungen ge⸗ langte, war der Erfolg ſeines Benehmens gegen ſein Schlachtopfer dieſer geweſen, daß ſie ſich voͤllig ver⸗ aͤndert hatte, in einen Zuſtand hoffnungsloſer Melan⸗ cholie verſunken war, und man ihren Geiſt zerſtoͤrt, wie ihre Geſundheit zerruͤttet fand. Ihren Widerwillen gegen ihn hatte er aber nie beſiegen koͤnnen. Bei allen den ſtrengen Vorſchriften ſeines finſtern Sinnes und den wilden und grauſamen Ausbruͤchen ſeiner verhaßten Leidenſchaft hatte ſie das Wenige, was ſie noch an koͤrperlicher und Geiſtesſtaͤrke beſaß, geſam⸗ melt, und durch Zuruͤckweiſung auf Zuruͤckweiſung den Abſcheulichen zu jener Kriſis thieriſcher Verzweiflung gebracht, welche die furchtbare Behandlung zur Folge hatte, durch die jener Auflauf entſtand, der mein Da⸗ zwiſchentreten veranlaßte. Nachdem ich auf dieſe Art den Leſer vorlaͤufig von den Verhaͤltniſſen in Kenntniß geſetzt habe, welche er nothwendig wiſſen mußte, um an jenem Gegen⸗ ſtande meiner regen Theilnahme ein Gleiches zu uͤben, muß ich noch mit einigen Worten des jungen Eng⸗ 2 Viertes apitel.— 201 laͤnders erwaͤhnen, deſſen Schickſal auf ſo ungluͤckliche Weiſe mit dem ihrigen verſchwiſtert war. Lebhaft, gedankenlos und ungeſtuͤm, hatte ſich dieſer junge Mann einer Leidenſchaft uͤberlaſſen, die ihn wie ein unſicht⸗ barer Waſſerſturz unwiderſtehlich mit ſich fortriß. Auch beſaß er nicht innere Kraft genug, um bei Zei⸗ ten dieſem Strome entgegen zu arbeiten, ſondern ergab ſich willenlos in ſein Schickſal, zufrieden damit, durch Nachhaͤngen ſeiner Leidenſchaft ſich gluͤcklicher zu fuͤhlen, als er es geweſen ſeyn wuͤrde, wenn er den Triumph errungen, ſie voͤllig zu beſiegen. Durch Widerſtreben ward ſein Stolz nur noch mehr aufgeregt. Er bil⸗ dete ſich ein, ſowol ſeine als ſeiner Geliebten Aeltern handelten eben ſo grauſam als ungerecht, und war entſchloſſen, wenigſtens ſelbſt nicht daran Schuld zu ſeyn, daß man zwei Weſen fuͤr immer trennen koͤnne, deren Herzen man auch nicht fuͤr einen Augenblick ſich gegenſeitig zu entfremden im Stande ſey. So ſchwur er denn, den Gegenſtand ſeiner Liebe nicht zu verlaſſen, ſondern alle Mittel aufzubieten, ihn zu ſehen, und die Geliebte, ſollte er auch das Leben dafuͤr opfern, die Seinige zu nennen. Wir werden ſpaͤter ſehen, ob dieſer Schwur falſch war,«wie Wuͤrfelſpieler⸗Eid“, oder nicht. 3 Niach der letzten Trennung, deren ich vorhin er⸗ waͤhnte, und welche den Entſchluß der Liebenden, ſich wo moͤglich wieder mit einander zu vereinigen, nur 9** 202 Bas Geneſungghaug. noch mehr bekraͤftigt hatte, ſuchte der junge Mann lange Zeit vergebens irgend eine Spur auf, um den Ort zu entdecken, wo ſeine Geliebte ſich aufhalte. Nur mit Muͤhe ertrug er die Qualen der Ungewiß⸗ heit, die keine Anſtrengung zu verſcheuchen im Stande war. Wendete er ſich an die Familie und Verwandten ſeiner Geliebten, ſo ward er mit Hohn behandelt; bei der Dienerſchaft half keine Beſtechung, und die ſtrenge Wachſamkeit der Polizei machte alle ſeine perſoͤnlichen Verſuche, Nachrichten einzuziehen, zu Schanden. Hier⸗ zu kam, daß er in dem fremden Lande endlich in Geld⸗ verlegenheit gerieth, folglich auch von dieſer Seite in ſeinen Bemuͤhungen behindert ward, ſo daß alle dieſe vielfaͤltigen Beaͤngſtigungen ihn endlich zur Verzweif⸗ 3„ lung brachten. Der Spieltiſch ſchien noch das einzige 1b Nittel zu bleiben, zu welchem ein junger Mann die⸗ ſer Art ſeine Zuflucht nehmen konnte, und doch war ein ſolcher Mann in ſolcher Stimmung wiederum auch die ſicherſte Beute eines liſtigen Betruͤgers. So ver— lor er denn in nicht langer Zeit alles, was er von Geld und Geldeswerth ſein nennen konnte, und da a er es nicht verſtand, ſich ſelbſt zu beherrſchen, ſo war er im Begriff, auf mehr als eine Art ſich gaͤnzlich zu Grunde zu richten. In dieſer Lage der Dinge ſtellte ſich dem ungluͤck⸗ lichen Liebhaber ein aͤußerlich ſehr anſtaͤndiger Schurke, einer der abgewieſenen Bewerber um das Maͤdchen, 7 Viertes Ttanitel. 203 fuͤr welche jener dies alles duldete, in den Weg, dem Anſcheine nach zufaͤllig, aber der Wahrheit nach in Folge eines feingeſponnenen abſcheulichen Planes. Die⸗ ſer Menſch hatte in Verbindung mit einigen Gliedern ihrer Familie, welche ſeine Wuͤnſche beguͤnſtigten, und gleich ihm entſchloſſen waren, es auf's aͤußerſte zu treiben, wenn ſie ſich nur von dem beguͤnſtigten Neben⸗ buhler befreien konnten, den Entſchluß gefaßt, jenen nach und nach bis zu ſolch' einem Grade geiſtiger Ver⸗ worfenheit zu bringen, daß er ſich endlich zu einem Schritte genoͤthigt ſaͤhe, wodurch ſie zum mindeſten berechtigt wuͤrden, auf ſeiner Entfernung aus dem Lande zu beſtehen. In dieſer Abſicht ſchlich ſich die⸗ ſer verraͤtheriſche Freund in einem jener Anfaͤlle wahn⸗ ſinniger Verworfenheit durch alle Kunſtgriffe feinge⸗ ſponnener Verraͤtherei in des Englaͤnders Vertrauen ein. Er ſtellte ſich alsdann, als triebe ihn der heißeſte Wunſch, das Gluͤck des Weſens zu befoͤrdern, nach deſſen Herzen er ſelbſt vordem geſtrebt hatte, und verſicherte den groͤßten Eifer, um Mittel und Wege zu finden, wie dieſes bewirkt werden koͤnne. Der Lie⸗ bende, dem dieſe Aeußerungen wohlthaten, und der von dem anſcheinenden Gluͤcke, das ihm einen ſo edelmuͤ⸗ thigen Freund in ſeinem Elende zugefuͤhrt hatte, ganz trunken war, eilte ſelbſt in die Falle, die man ihm ſo kuͤnſtlich geſtellt hatte, und uͤberließ ſich willenlos einer Leitung, die ihn auf den Weg des ſichern Heiles zu 204 Das Geneſungshaus. bringen ſchien. Nachdem ihn ſein falſcher Freund auf dieſe Weiſe ganz in ſeine Gewalt bekommen, ſuchte er ihn vollends dahin zu fuͤhren, wohin er ihn haben wollte. Vor allen Dingen erhielt er ihn in dem Zu⸗ ſtande aufregender Ungewißheit, indem er ihn bald durch Unannehmlichkeiten faſt zur Verzweiflung brachte, bald wieder vor Freude außer ſich ſelbſt ſetzte, jetzt ihm ſeine Geliebte darſtellte, als koſte es faſt keine Anſtrengung mehr, ſie ganz die Seine zu nennen, und dann ſie ihm wieder als auf ewig fuͤr ihn verloren zeigte. Heftige Paroxysmen entgegengeſetzter Gefuͤhle ſchienen das arme Schlachtopfer zur Beute des Betruͤ⸗ gers zu machen, und nicht lange waͤhrte es, ſo war ſein Verſtand in ſolch' einem Zuſtande, daß jede Vorſtellung in Bezug auf deſſen Verwirrung ſehr vielen Anſchein der Wahrheit darbieten mußte. Jetzt machte dieſer Verfuͤhrer mit anſcheinender Rechtlichkeit und Vorſorge die Polizei auf die Lage des ungluͤcklichen jungen Englaͤnders aufmerkſam. Er erklaͤrte, daß er ſein Freund ſey, und in dieſer Eigen⸗ ſchaft das Einſchreiten der Behoͤrden zu Sicherheits⸗ maßregeln in Anſpruch nehme, welche er ſelbſt hin⸗ ſichtlich des in ſo trauriger Lage ſich befindenden Frem⸗ den fuͤr nothwendig erachte. Sein Verlangen ſchien ſo natuͤrlich, daß es ohne Muͤhe bewilligt ward, und da ſomit die ſpezielle Aufſicht, welche jenen vielleicht noch vor groͤßerem Ungluͤcke bewahrt haben wuͤrde, VDiertes Mapitel. 205 zum Beſten des falſchen Freundes aufgehoben ward, ſo hatte dieſer einen um ſo groͤßeren Spielraum, mit ſeinem Opfer nach Belieben zu ſchalten und zu wal⸗ ten. Er hatte ſich ein ungeheueres Uebergewicht uͤber ihn erworben, und erhielt zu allem, was er ihm vor⸗ ſchlug, leicht deſſen Einwilligung, zu nichts aber freu⸗ diger, als zu dem, wovon er verſicherte, daß es zur Entdeckung des nun ſo lange vergebens geſuchten Auf⸗ enthalts der immer noch einzig Geliebten fuͤhren koͤnne. Und in der That bezeichnete er dem entzuͤckten Lieb⸗ haber jenes Geneſungshaus, wo ſie nur gar zu feſt gehalten ward, als das Ziel ſeiner Bemuͤhungen. Dort war ſie, das wußte er gewiß, und dort ſich Zutritt zu verſchaffen, war das unmittelbare Ziel ſeines ſtuͤr⸗ miſchen Entſchluſſes.— Aber nicht leicht ſchien es dem Liebenden, dies zu erreichen, da vorauszuſetzen war, daß die Familie der Geliebten alle Vorſichtsmaßregeln werde gebraucht haben, um ſeine Annaͤherung unmoͤglich zu machen. Da hob ſein vermeinter Freund jede Schwierigkeit durch den Vorſchlag, daß er ſich ſtellen ſolle, als un⸗ terliege er einem Uebel, welches ſeine Aufnahme in das Geneſungshaus ihm hoͤchſt wuͤnſchenswerth mache. Habe er nur einmal dort feſten Fuß gefaßt, ſo werde ſich das andere ſchon von ſelbſt finden. Mit Freuden ging der junge Mann in dieſen Plan ein; und ſo traf es ſich denn, daß derſelbe Tag, an welchem ich 206 Das Geneſungshaus. ankam, auch der war, wo er in Begleitung ſeines Vertrauten ſich dort als ein Kranker, der an Nerven⸗ uͤbeln leide, einfinden, und um Aufnahme, ſo wie um jene ſanfte und gemaͤßigte Behandlung ſeiner Krank⸗ heit anſuchen wollte, wie er ſie— wenn auch ſein Uebel wahrhaft und wirklich geweſen waͤre— dort ganz gewiß nicht gefunden haben wuͤrde. Nicht im geringſten konnte ich mir einbilden, daß, als der Doktor in Mitten unſerer Abendunterhaltung unterbrochen ward, indem man ihm meldete, daß die Ankunft zweier fremden Herren ſeine Gegenwart noth⸗ wendig mache, der eine derſelben diejenige Perſon ſey, uͤber welche er mir theilweiſe dieſe Nachrichten, die ich nachher aus anderen Quellen vervollſtaͤndigte, ge⸗ geben hatte, und deren Daſeyn mit dem Schickſale des Maͤdchens, deſſen ungluͤckliche Lage jetzt mich al⸗ lein beſchaͤftigte, ſo nahe zuſammenhing. Ob nun der Doktor die Perſonen, die ſeiner warteten, kannte oder nicht, und ob er an dem ſchaͤndlichen Verfahren, das man bis zu dieſen empoͤrenden Maßregeln geſteigert hatte, Theil genommen oder nicht, kann ich nicht be⸗ ſtimmen. Er verließ mich ploͤtzlich, um die erforderte Auskunft zu geben, und ich verfuͤgte mich wieder in den Garten, um das, was ich von ihm erfahren hatte, reifer zu uͤberlegen, und uͤber das Benehmen nachzu⸗ ſinnen, welches meiner Seits in der nicht unbedenk⸗ Viertez Iapttel. 207 lichen Lage, in welcher ich mich befand, das Beſte ſeyn moͤchte. Die erſte Perſon, welche ich dort erblickte, war die dicke Dame, die mich mit einem Geſichte voll geheimniß⸗ voller Mittheilungen zu erwarten ſchien. Ich konnte mich aber dieſesmal ihrem Strome von Nachrichten nicht hingeben, da mein Geiſt mit ernſteren Gedanken beſchaͤftigt war; und ich wuͤrde ſie ganz vermieden ha⸗ ben, haͤtte ich es nicht fuͤr zweckmaͤßig gehalten, mit einer ſolchen ſchwatzhaften Verbuͤndeten, deren Bei⸗ huͤlfe mir bei den Plaͤnen, die ich nach und nach ſchaͤr⸗ fer auszubilden anfing, von Nutzen ſeyn konnte, auf gutem Fuße zu bleiben. Die Sonne wollte eben untergehen, und ſcien in das ſtroͤmende Bett eines großen See's zu verſinken, der, von einer hohen Terraſſe am Ende des Gartens aus, die Ausſicht beſchraͤnkte. Ich ſah durch ihre Turchſichtige Vergitterung auf die bluͤhende Anmuth der Ebene unter mir, und der ruhige Athem des Abends erweckte tauſend Geruͤche aus den Kelchen der Oran⸗ gen und Myrthen und der Menge ſuͤdlicher Gewaͤchſe, welche den Garten verſchoͤnten. An einem Ende der Terraſſe ging ein Mann von faſt leichenhaftem An⸗ ſehn, mit einem langen wirrigen Barte und in ſchlechter Kleidung, eiligſt hin und her. Seine Au⸗ gen waren zur Erde gewendet, ſeine Lippen zuſammen⸗ 208 Das Geneſungshauß. gepreßt, und ſein ganzes Weſen finſter und zerſtreut. Auf dem entgegengeſetzten Ende dieſes Spazirganges erblickte ich ein wohlgekleidetes Frauenzimmer, in weiß⸗ muſelinenem Gewande, auf den Knieen, in der Stel⸗ lung einer Betenden. Sie ſchauete in die unterge⸗ hende Sonne, und der Glanz der ſtrahlenden Scheibe blendete ſie ſo wenig, als ob ihre Augen durch den Geiſt der Anbetung, der uͤber ihrem Geſichte ausge⸗ breitet lag, geſtaͤrkt wuͤrden. Ihre Bewegungen wa⸗ ren mehr leidenſchaftlich als fromm, und gaben ihr den Anſchein eines groͤßeren Enthuſiasmus als ſelbſt die Waͤrme des religioͤſeſten Gefuͤhls mitzutheilen pflegt. Waͤre dies nicht der Fall geweſen, ſo wuͤrde ſie ganz das Bild einer peruaniſchen Prieſterin bei deren leb⸗ haften Religionsgebraͤuchen, oder einer Feueranbeterin in der Ausuͤbung orientaliſchen Gottesdienſtes darge⸗ boten haben. «Wer ſind denn dieſe wieder?“» fragte ich meine dicke Begleiterin, die mir ſchnell nachgeeilt war und ſich jetzt mir zur Seite fand. — Der arme Mann dort— antwortete ſie— war einer der wohlhabendſten Bankiers von Paris; da er ſich aber durch irgend eine ungluͤckliche Speku⸗ lation zu Grunde gerichtet hatte, verlor er den Ver⸗ ſtand, und bildet ſich nun ein, daß er der ewige Jude und zu einem Stillſchweigen von tauſend Jahren ver⸗ Diertes Itapitel. 209 urtheilt ſey. Er ſpricht nie ein Wort, der arme Menſch, den.— «Und die Dame?“ unterbrach ich ſie. — Ol die iſt das Weib des Sonnengottes. Ken⸗ nen Sie ſie denn nicht? Sie iſt nun ſeit zwei Jah⸗ ren mit ihm verheirathet, und jetzt, wo er zu Bette gehen will, wird ſie auch in das ihre gehen. Winter wie Sommer thut ſie das getreulich. Da ſehen Sie, fort iſt ſie.— 3. Die gluͤckliche, ſorgloſe Braut verließ die Terraſſe wirklich in dieſem Augenblicke, und wickelte ſich dicht in ihr Umſchlagetuch; die dicke Dame aber, die ihr mit einer Art von Protektormiene nachſah, rief aus: — Armes, verfuͤhrtes Weſen! Iſt's nicht eine wahre Suͤnde, dich hier an dieſem abſcheulichen Orte feſtzu⸗ halten? Aber, es hat nichts zu ſagen— fuhr ſie fort, indem ſie ſich ſchnell zu mir wendete— laſſen Sie es nur gut ſeyn. Ich will ſie ſchon von hier fortbringen... Ich werde an den... .„Premierminiſter ſchreiben. Nicht wahr?“ entgegnete ich. — Um alles in der Welt willen!— rief ſie voll Verwunderung aus.— Woher wiſſen Sie, daß ich ihn kenne?— Mir hat's ein kleines Voͤgelchen geſagt;“» antwor⸗ tete ich mit ſo tiefem Ernſte, daß ich uͤberzeugt ſeyn konnte, er werde ſie forttreiben. 210 Das Geneſungshaug. — Wahrhaftig!.... Nun, gute Nacht, mein Herr! gute Nacht! Ich wuͤnſche Ihnen eine ſchoͤne gute Nacht.. gute Nacht, mein Herr!... gute Na.. — ſo murmelte ſie immer fort, waͤhrend ſie mit ſe⸗ ten Verbeugungen von der Terraſſe eilte und ſich in einer der Alleen verlor. Hier, dachte ich bei mir ſelbſt, kann der Doktor ruhig ſeyn. Ich kann leider mein Augenmerk auf dieſe neuen Geiſtesverirrten nicht richten-— ich muß das Begonnene erſt vollenden. Fünftes Manitel. Als ich mich dem Hauſe wieder naͤherte, bemerkte ich, wie der Doktor am Eingangsthore mit zwei Maͤn⸗ nern ſich unterhielt. Einer von ihnen, ein derber, wohlgekleideter Franzoſe, ungefaͤhr von mittlern Jah⸗ ren, ſchien aufmerkſam des Doktors breiter Auseinan⸗ derſetzung zuzuhoͤren, jedoch auch dabei die Bewegun⸗ gen ſeines Gefaͤhrten genau zu beobachten, deſſen Au⸗ gen mit angeſtrengtem Forſchen jedes Fenſter des Hau⸗ ſes und jede Blume des Gartens beobachteten. Die⸗ ſen zweiten erkannte ich gleich als Englaͤnder, und er beſaß jenen eigenthuͤmlichen Anſtrich leichter Eleganz, der einen wohlerzogenen hoͤher ſtehenden Mann in al⸗ len Laͤndern auf der Stelle kenntlich macht. Seine Kleidung war nachlaͤſſig, aber ganz nach der Mode. Er ſchien noch nicht fuͤnf und zwanzig Jahre alt zu ſeyn, und war ſehr ſchoͤn. In ſeinem Geſichte lag etwas ſehr Verſtaͤndiges, das, wenn er ſo von einem Gegenſtand zum andern mit den Augen ſich wendete, ſich bis zur hoͤchſten Anſtrengung zu ſteigern und al⸗ les auf's Genaueſte zu durchforſchen ſchien. Sein be⸗ lebtes Geſicht und ſeine maͤnnliche Geſtalt glaͤnzten von Geſundheit und Kraft, und ein Blick voll Zu⸗ verſicht und Muth bezeichnete ihn als wohl geeignet 212 Daß Genreſungshauz. zu jeder Unternehmung und ſicher des Erfolges. Al⸗ lerdings bemerkte ich, daß eine heftige Aufregung in dieſem jungen Mann arbeite; da ich mich aber in ſeine und ſeines Begleiters Geheimniſſe nicht miſchen wollte, und meine Aufmerkſamkeit mit einem fuͤr mich noch wichtigeren Gegenſtande beſchaͤftigt war, ſo wendete ich mich von ihnen, und ging nach der Richtung des Gartenhauſes hin. Ich hoffte und fuͤrchtete zugleich, dort einige Toͤne zu hoͤren, die mich mit der Lage der ungluͤcklichen jun⸗ gen Dame bekannt machen moͤchten. So nahete ich mich den Mauern dieſer Wohnung des Schmerzes; es war aber alles ſtill und ſchweigend, bis auf die ſchwache Stimme einer alten Perſon, die in leiſen Mißtoͤnen eines jener lateiniſchen Pſalmen ſang, welche in der roͤmiſch⸗ katholiſchen Kirche uͤblich ſind. Ich hoͤrte aufmerkſam der oͤfteren Wiederholung einer und derſelben Strophe zu, die mit frommen Vergnuͤgen geſungen zu werden ſchien. Sie lautete: „„Hic habitabo, quoniam elegi eam.“² (Hier werd' ich wohnen, weil ich ſie erwählt.) Unwillkuͤhrlich ergriff mich das Gefuͤhl, wie be⸗ neidenswerth der alte Geiſtliche in dem frohen Ge⸗ nuſſe ſeiner Wuͤrde, und thronend auf dem auserwaͤhl⸗ ten Glanze ſeines phantaſtiſchen Tempels ſey, vergli⸗ chen mit dem ungluͤcklichen Weſen, deſſen Jugend und Fünftes Itauitel. 213 Schoͤnheit die unſeligen Urſachen grenzenloſen Elends, und bei dem die Vernunft noch ihren Wohnſitz mit grauſamer Hartnaͤckigkeit behauptete.„Waͤre es nicht beſſer, dachte ich bei mir,«daß ſie gaͤnzlich geiſtes⸗ abweſend, als zum Bewußtſeyn alles deſſen verurtheilt, was ſie erdulden muß?“ Und kaum flog dieſer Ge— danke durch meine Seele, als mein Auge auch den gelben Feind erblickte, der im haͤßlichen Kontraſte durch das Laub eines Olivenbaumes ſich zeigte, wie er eine benachbarte Allee in der Richtung nach dem großen Hauſe zu durchſchnitt. Ich folgte ihm mit angeſtreng⸗ tem Blicke, und ſah ihn in ein kleines Thuͤrchen an einem der niedern Seitengebaͤude, welche an demſelben anſtießen, eintreten. Er ſchluͤpfte verſtohlen und mit einem Seitenblicke auf die beiden Fremden, welche Arm in Arm gingen, hinein. Der aͤltere Mann ſchien mit uͤberredender Kraft die Ungeduld des andern, die ſich in ſeinen ſtieren Blicken und heftigen Bewegungen kund gab, zuͤgeln zu wollen. Der Ober⸗Doktor ſprach ſeitwaͤrts mit ſeinem handfeſten Beiſtande und ein paar Livreebedien⸗ ten, und gab dann und, wann dem Thuͤrſteher Mi⸗ chel Befehle, der ſeine Blicke bald auf die Fremden, bald auf das Gartenhaus richtete, und endlich mit naͤrriſcher Lebhaftigkeit nach dieſem zuging. Wohl bemerkte ich, daß hier irgend eine Veran⸗ ſtaltung zu neuen Martern vorbereitet ward, und 214 Das Geneſungshauß. ploͤtzlich entſtand die Vermuthung in mir, daß der feine junge Mann wohl der Gegenſtand derſelben ſeyn koͤnnte, in deſſen ungebeugter kraͤftiger Miene und dem, was eine unwillkuͤhrliche innere Erregung zu ſagen ſchien, ſeine Freunde leicht den beginnenden Keim entdeckt haben wuͤrden, der nur die gewaltſamen Schreckniſſe des Gartenhauſes bedurfte, um in der vollen Bluͤthe der Geiſtesverirrung empor zu ſprießen. Ehe ich aber noch Zeit gewann, meine Bemerkungen uͤber ihn zur Reife kommen zu laſſen, ſtuͤrmte ein ſolcher Andrang ergreifender Vorgaͤnge auf mich ein, daß Nachdenken, Ueberlegung und Berechnung vor ihm verſchwanden. Der junge Englaͤnder hatte ſich eben ploͤtzlich nach einem der Seitenwege gewendet, die von dem Garten⸗ hauſe nahe an den Fluͤgel des Mittelgebaͤudes hinfuͤhr⸗ ten, in welchen der gelbe Doktor, oder Teufel, einge⸗ treten war. Er ſprach laut mit ſeinem Freunde, und ſtritt ſich offenbar in gelaͤufigem Franzoͤſiſch mit ihm, ob ich gleich nur den ſcharfen engliſchen Accent in dem, was er ſprach, jedoch keinesweges den Sinn ſei⸗ ner Worte, verſtehen konnte. Aber ein leiſerhoͤrendes Ohr, mit den Toͤnen ſeiner ſonoren Stimme vertrau⸗ ter, war in der Naͤhe, um von den geliebten Klaͤn⸗ gen, deren leiſeſtes Gefluͤſter ihr Herz in allen Tiefen durchbebte, zur Genuͤge aufzufaſſen. Gerade als der Englaͤnder unter einem der verſchloſſenen Fenſter vor⸗ uͤberging, deſſen Jalouſien bloß ſeine Geſtalt verber⸗ Fünftes Mapitel. 215 gen, aber nicht die ſchlagende Gewißheit, daß er es ſey, vor dem theuern Gegenſtande dahinter verheim⸗ lichen konnten, ertoͤnte ein Aufſchrei aus einem dieſer Fenſter, aber ganz verſchieden von dem, der fruͤher mich durchbebt hatte. Nie hoͤrte ich noch einen ſo tiefergreifenden Ton des Entzuͤckens. Er drang ge— daͤmpft durch das Glas und das leichte Holzwerk der Jalouſien mit einem ploͤtzlichen aber erſchuͤttern⸗ den Klange. Mich durchbebte er mit einem gemiſch⸗ ten Gefuͤhle der Verwunderung und Angſt, denn ich erkannte ploͤtzlich die Stimme als dieſelbe, welche zu⸗ vor ihren Jammer durch die Gitter des Gartenhau⸗ ſes ausgeſtoͤhnt hatte, und erfuhr bloß dadurch, daß die arme Leidende von jenem furchtbaren Orte hinweg⸗ gebracht worden ſey. Wenn dies aber ſchon mich ſo angriff, und wemn es die beiden Aerzte und ihre dienſtbaren Geiſter mit dem Schauder der Schuld vorwaͤrts trieb, welchen Eindruck mußte es auf den ſtaunenden und tieferreg⸗ ten Liebenden machen, der nicht ſo bald ihren Aufruf an die innerſte Leidenſchaft ſeiner Seele vernahm, als er in die Stellung eines von Verwunderung Durch⸗ drungenen zuruͤckſprang, mit offenem Munde und ſtar⸗ renden Augen da ſtand, um die Beſtaͤtigung dieſes Tones aufzufaſſen, und einen Augenblick wie in dem Boden eingewurzelt ſchien, von dem er doch fortzu⸗ eilen im Begriffe war. 216 Das Geneſungshaus. Und wiederum erklang die Stimme, aber nicht mehr in dem halberſtickten Geſchrei wie zuvor. «Eduard! Eduard! Ich hoͤre Dich, wenn ich Dich auch nicht ſehe. Ich weiß, daß Du da biſt. O komm! komm eiligſt, eiligſt!— Fliege mir zu Huͤlfe! Der Boͤſewicht reißt mich vom Fenſter hinweg!l» Nun vernahm man wieder ein halberſticktes Gemurmel von Toͤnen. Der Liebende aber bedurfte nichts mehr. Mit der Haſt der Leidenſchaft ſtuͤrzte er in den niedrigen Eingang, und alle Beobachter dieſes Auftritts ihm im Augenblicke nach. Die Aerzte, Michel und zwei an⸗ dere Diener flogen hinter mir her, und ihnen wieder nach folgte der Begleiter des Englaͤnders. Ich eilte mit den Anderen die Treppe hinauf, und ob ich gleich nur zum Theil im Stande war, die gegenſeitige Lage der beiden Haupthelden bei dieſer ruͤhrenden Scene zu faſſen, ſo bedachte ich mich doch keinen Augen⸗ blick, auf welche Seite ſich meine Theilnahme zu wen⸗ den habe. Als ich auf dem Vorplatz am Ende von zehn bis zwoͤlf Stufen der engen Treppe kam, ſah ich rechts eine kleine Thuͤre offen ſtehen, und die Laute aus dem ſchmalen Gemache, zu welchem ſie fuͤhrte, leiteten meine Schritte dahin. Der Auftritt innerhalb deſſelben zeigte die groͤßte Verwirrung. Der Oberarzt mit ſeinem handfeſten Gehuͤlfen, die Diener und der Freund des Englaͤnders ſuchten dieſen aus den Armen ſeiner ſo 3 lang —— Fünftes Ttanitel. 217 lang erſehnten Geliebten zu reißen. Der gelbe Dok⸗ tor und ein haͤßlich ausſehendes Frauenzimmer zerrten das ſchoͤne Maͤdchen aus der ſie feſtumſtrickenden Um⸗ armung ihres Liebhabers. Ob dieſe nun gleich beide gegen jene Angreifer mit einer Kraft, die uͤbernatuͤr⸗ lich geweſen waͤre, wenn die Liebe ihre Sehnen nicht geſtaͤrkt haͤtte, ankaͤmpften, ſchienen ſie doch nur fuͤr einander ſelbſt Blick und Wort zu haben. Das lei⸗ denſchaftlichſte Gefluͤſter des Entzuͤckens drang durch die Drohungen und Schimpfreden, wie das Geſumme blumenliebender Bienen durch den Aufruhr eines Ge⸗ witterſturmes. Die ſchoͤne Leidende— und ſie war in der That ſchoͤn— war nur halb angezogen. Ihr muſſelinenes Nachtgewand umgab ſie flatternd, und das reichgar⸗ nirte Haͤubchen, das unter dem Kinn zugebunden ge⸗ weſen, war offen und zuruͤckgeſchoben, ſo daß es ſich in dem Zuſtande befand, den die Franzoſen mit ihrem leichten Scherze, ſelbſt uͤber Wahnſinn, ein Haͤubchen à la folle nennen.. Nicht brauche ich erſt zu ſagen, welchen Antheil ich an dieſem Auftritte nahm. Weniger Zeit, als meine Feder bedurfte, es niederzuſchreiben, war genuͤgend, um dieſen Theil des Schauſpiels zu enden, und ich befand mich in Folge deſſen bald wieder mit meinem kaͤmpfenden Landsmann in dem Garten. Das letzte, was ich noch erblickte, als ich aus dem Zimmer mit J. 10 218 Das Geneſungshaus. T Gewalt gedraͤngt ward, war der gelbe Doktor und ſeine Gehuͤlfin, die ihr ungluͤckliches Schlachtopfer— das ſich bis auf's aͤußerſte vertheidigte, und gegen ihre Beſtrebungen mit dem entſchloſſenſten Widerſtande ankaͤmpfte, indem es ſie mit den unbekleideten Armen abwehrte— in ein ſackaͤhnliches Gewand mit langen Ermeln zwangen. Als wir in Unordnung die Trep⸗ pen hinabſtiegen, vernahm ich leiſes Geſtoͤhn' aus dem Gemache, welches dem, das wir eben verließen, gegen⸗ uͤberlag.„Dort jammert noch ein Schlachtopfer!“» rief ich aus, aber man hoͤrte oder beachtete mich nicht. Der kraͤftige Widerſtand, welchen der Englaͤnder uns entgegenſetzte, hielt uns noch einige Minuten auf, aber endlich befanden wir uns, wie geſagt, im Garten. Als wir dort angekommen waren, und das Gepolter des Herabſteigens auf der Treppe die Toͤne innerhalb des Hauſes nicht mehr unterbrach, vernahmen wir von Neuem das klaͤgliche und halberſtickte Geſtoͤhn' des liebenswuͤrdigen Maͤdchens, deren Widerſtand ihre Tyrannen gewaltſam zu unterdruͤcken ſtrebten. Der Ausdruck des Jammers auf dem Geſicht des Lieben⸗ den, als dieſe durchdringenden Toͤne bis zu ihm ge⸗ langten, war furchtbar; aber der Anblick, der jetzt ihm und uns ploͤtzlich zu Theil ward, machte ihn vollends wahnſinnig, und erfuͤllte mich ſelbſt mit dem Gefuͤhl geiſtigen Schmerzes, qualvoller, als ich es beſchrei⸗ ben kann. 71 Fünftes Itauitel. 219 Kaum waren wir naͤmlich unter dem Fenſter des unſeligen Gemachs, und die Stimme des jungen Man⸗ nes drang ungehindert empor, um mit der ihrigen ſich zu einen, als das außer ſich geſetzte Maͤdchen in dem Zuſtande der aͤußerſten Verzweiflung und Raſerei, die letzten Kraͤfte anſtrengte, um den Schaͤndlichen, welche ſie feſthielten, zu entgehen, und ihnen auch gluͤcklich biszan das Fenſter ihres Zimmers entrann. Ich ſchloß dies aus dem furchtbaren Anblick, der ſich uns un⸗ mittelbar darauf darbot. Das ploͤtzliche Geklirr des Glaſes und Gekrach der duͤnnen Fenſtervermachung zeigten von ihrem verzweiflungsvollen Streben zu ent⸗ fliehen, und gleich darauf draͤngte ſich einer ihrer lilien⸗ weiſen ſchoͤngeformten Arme, zerriſſen und blutend von der Schulter bis zu den Fingerſpitzen, durch die Oeff⸗ nung. Das Blut ſtroͤmte von ihm herab, als ob eine Pulsader verletzt ſey, und die rothen Streifen tropf⸗ ten von den gruͤnen Fenſterblenden auf den Kiesweg herunter. Nichts konnte erſchuͤtternder ſeyn, als das Erſcheinen dieſes Arms, der ſich in blutiger Pein hin und her bewegte, waͤhrend das jammervolle Geſchrei, das dieſe Bewegung begleitete, nur geiſtigen, nicht koͤr⸗ perlichen Leiden anzugehoͤren ſchien. Ein Ausruf des Schreckens entfuhr uns allen bei dieſem traurigen Anblicke. Es war ſelbſt fuͤr die ab— gehaͤrteten Nerven und Herzen der rauhen Dienſtbo⸗ ten zu viel. Aber das Angſtgeſchrei des jungen Eng⸗ 10* 220 Das Geneſungshaus. laͤnders dabei werde ich nie vergeſſen. Sein Ringen, um ſich aus der Gewalt der vier bis fuͤnf Perſonen, die ihn feſthielten, zu befreien, war herkuliſch. Nur zwei Haͤnde halfen ihm bei ſeinen Anſtrengungen, aber ſie waren eine Zeitlang unvermoͤgend, es mit den uͤbri⸗ gen aufzunehmen. Wir wurden alle unter einander geſchleudert, ſowohl die, welche Widerſtand leiſteten, als die, welche nach dem Gartenhauſe hinzogen, waͤh⸗ rend der ſchoͤne Arm noch immer ſich zum Fenſter herausſtreckte, bis die weißen Streifen, welche der Blutſtrom anfangs noch unbedeckt gelaſſen hatte, nach und nach auch geroͤthet wurden, und man nur noch ein blutiges Leidenszeichen unterſcheiden konnte. «Schleppt ſie fort!“» ſchrie der Doktor, als endlich das Gartenhaus ſichtbar ward. Der Anblick ſeiner vergitterten Fenſter und finſtern Mauern gab dem Ringen nach Befreiung doppelte Kraft, und die Hoff⸗ nung wuchs, daß die erſchoͤpften Diener endlich ihre Beute wuͤrden muͤſſen fahren laſſen. — Nun denn!— rief ich meinem Landsmanne zu — noch eine kuͤhne Anſtrengung, und Sie ſind frei!— Das Hinſtuͤrzen zweier Dienſtleute gab dieſen Wor⸗ ten ein handgreifliches Echo, und nach einer halben Minute hatte ſich der Englaͤnder uͤber das Gelaͤnder der Terraſſe geſchwungen und eilte dem Olivenhaine zu, der ſich an dem untern Abhange hinzog. «.Ihm nach! ihm nach!“ bruͤllte der Doktor. Fünftes Mauitel. 221 «Michel, geſchwind durch den Weingarten! Anton und Franz uͤber den Kirchhof dort weg.— Schnell! — Die kleine Thuͤr' iſt offen. Bringt ihn zuruͤck, lebendig oder todt!“ 3 Dieſe eiligen Befehle wurden ſchnell befolgt. Die drei Diener ſprangen in verſchiedenen Richtungen fort, waͤhrend der galante Doktor vorſichtig uͤber das Ge⸗ laͤnder kletterte, den Abhang hinabſtieg, ſeine Hals⸗ binde wieder in Ordnung brachte, ein paar Lila⸗Hand⸗ ſchuhe anzog, und der Spur des Fluͤchtlings nach in das Olivenwaͤldchen ſchritt. Jetzt befand ich mich allein zwiſchen dem Ober⸗ arzte und dem Freunde des Englaͤnders, wofuͤr ich ſeinen Begleiter damals noch anſah. Sie hielten mich noch immer feſt, doch eher zuredend als gewaltſam. Es ſchien, als ob die verſchiedenen Denkzeichen natio⸗ neller Kraft, die auf den Geſichtern der blutduͤrſtigen Boͤſewichter zuruͤckgeblieben waren, welche am meiſten bei dieſem Handgemenge gelitten hatten, dieſen beiden Herren eine gewiſſe Ehrfurcht vor engliſchen Faͤuſten ein⸗ gefloͤßt haͤtten. Sie hielten mich daher eine reichliche Armslaͤnge von ſich ab, und waͤhrend wir uns nun noch ein Weilchen ſo hin- und herzogen, redete mich der Freund an:«Lieber Herr! ich beſchwoͤre Sie, ge⸗ ben Sie ſich doch nur keine Muͤhe weiter, ihm zu ſeiner Flucht behuͤlflich zu ſeyn. Laſſen Sie uns ihn doch wieder in Gewahrſam bringen! Sie kennen den 222 Das Geneſungshaus. wahren Stand der Sache gar nicht. Die Ruhe zweier adlicher Familien haͤngt davon ab, daß er in Sicher⸗ heit koͤmmt.“ — Hol' der Henker Ihren Adel! Das Gluͤck zweier wahrhaft edler Weſen haͤngt davon ab, daß er frei iſt. Laßt mich los!— ſo rief ich dagegen mit innerer Em⸗ poͤrung, und ſchleuderte ihre beiden Arme von mir weg. Meine beiden Gegner, wie ich ſie wohl nennen moͤchte, zogen ſich nun, als ſie mich in eine Gladiator⸗ Stellung treten ſahen, furchtſam von mir zuruͤck. «Beſter Herr!» lispelte der Doktor mit bittendem Tone:«wenn dieſer Wahnſinnige in die Stadt ent⸗ wiſcht, iſt mein Inſtitut zu Grunde gerichtet!» — Verflucht ſey Ihr Inſtitut!— rief ich in ſo kraͤftigem Franzoͤſiſch aus, als ich nur konnte:— er iſt nicht wahnſinnig!— Denn ich ſah jetzt deutlich ein, daß er es nicht war, oder wenn er es ja gewe⸗ ſen waͤre, ſein Benehmen doch ſo viel Verſtand zeigte, daß er leicht geheilt werden koͤnne. Ich hielt nun einen Augenblick inne, um wieder Athem zu ſchoͤpfen, und mich zu beſtimmen, in wel⸗ cher Richtung ich ſeine Flucht in die Vorſtadt am beſten befoͤrdern koͤnne, denn letztere war zwar in der Naͤhe, konnte aber nur nach Ueberſteigung verſchiede⸗ ner Hinderniſſe erreicht werden. Ich bemerkte, daß mein Landsmann ſich gerade eben ſo benahm, wie ich. Er blieb an einem kleinen Huͤgel am Ansgange des Fünftes Itapitel. 223 Olivenhains ſtehen, um Athem zu ſchoͤpfen, und blickte dann um ſich. Darauf band er ſein ſeidenes Schnupf⸗ tuch um die Fauſt, und nachdem er nun hinreichend wieder zu Athem gekommen war, trat er ganz ruhig auf den galanten Doktor zu, der einher trippelte, und ſo ſorgfaͤltig auf ſeine weißen Beinkleider Acht hatte, daß er ganz nahe an jenem ſtand, ehe er ſichs ſelbſt nur verſah. Als er nun den Kopf ploͤtzlich hob und ſich mit dem Englaͤnder allein ſah, ſtutzte er gewaltig; die⸗ ſer aber ließ ihm zu laͤngerm Staunen keine Zeit, ſondern warf ihn in den neben ihm ſich beſindenden Graben, und wendete ſich dann den beiden losgelaſſe⸗ nen Hunden entgegen, die voll Wuth auf ihn zuka⸗ men. Zwei gut und kunſtgerecht angebrachte Gruͤße rechts und links ſchleuderten ſie zu Boden, wo ſie winſelnd lagen. Der galante Doktor kam jedoch bald wieder auf die Beine, und lief nun den Weg, von wannen er gekommen war, ſo ſchnell wieder zuruͤck, als ihn dieſe nur trugen. Die beiden feigen Klaͤffer folgten endlich auch ſeinem Beiſpiele, und ließen ſomit den Englaͤnder als Herrn des Schlachtfeldes zuruͤck. In dieſem Augenblicke bemerkte ich jedoch Michel, wie er ſich durch den hintern Weingarten mit einer hakenfoͤrmigen Waffe in der Hand ſchlich, und fuͤr die Sicherheit meines Landsmannes zitternd, verlor ich nun laͤnger keine Zeit, ſondern ſprang auch uͤber das Gelaͤnder, und eilte auf dem naͤchſten Wege zu ihm. 224 Das Geneſungshauz. Weder der Doktor noch der ſogenannte Freund wag⸗ ten es auf andere Art als durch die laͤcherlichſten Be⸗ ſchwoͤrungen, mich zuruͤck zu halten, auf welche letztere 3 ich gar nicht antwortete. Einen Pfahl, der am Bo⸗ den lag, ergriff ich und eilte mit dieſem Gewehre dem Englaͤnder zu. Als dieſer mich nahen ſah, faßte er neuen Muth, und da er Michel's hinterliſtiges Vor⸗ haben bemerkte, bewaffnete er ſich gleich mir und machte ſich zur Vertheidigung gefaßt. Eine neue Perſon erſchien aber in dieſem Mo⸗ mente auf der Schaubuͤhne. Es war dies die Haus⸗ haͤlterin, die ich ſeit dem Mittagseſſen nicht geſehen hatte, die aber jetzt uͤber eine Wieſe hinweg zu uns kam, welche einen kleinen Begraͤbnißplatz von dem verſchloſſenen Raume, weſtlich unterhalb der Garten⸗ mauer, trennte; aus dieſem ging eine halb hinter Cypreſ⸗ ſen verſteckte kleine Thuͤre geradezu auf den Vorplatz des Inſtituts ſelbſt hin. In dem olivenfarbenen Ge⸗ ſichte der Haushaͤlterin zeigte ſich der Ausdruck ehr⸗ lichen Wohlmeinens. Es war nicht zu verkennen, daß ſie in keiner unfreundlichen Abſicht hierher gekommen ſeyn konnte. Auch machte dies im Augenblick denſel⸗ ben Eindruck auf den jungen Englaͤnder, und er war uͤberzeugt, einen neuen Beiſtand in ihr gewonnen zu haben. «Lieber Herr! lieber Herr!» rief ihm die Frau zu: «Kommen Sie geſchwind zuruͤck. Sie wiſſen gar Fünftes Itapitel. 225 nicht was Sie gethan haben, daß Sie von dort weg⸗ gegangen ſind, wo ſie iſt.» — Wohlan denn!— erwiederte der junge Mann: — keine Gefahr iſt ſo groß als die, von ihr getrennt zu ſeyn, und ſie auch nur einen Augenblick mit die⸗ ſen Ungeheuern allein laſſen zu muͤſſen. Ich gehe mit Ihnen zuruͤck. Ich vertraue Ihrem ehrlichen Geſichte, und verlange nur ein einziges Unterpfand dafuͤr, naͤmlich, daß Sie mir verſichern, daß man mich nicht in das fuͤrchterliche Gefaͤngniß im Garten ein⸗ ſperren, daß man mich frei laſſen, oder in ihrer Naͤhe in das große Gebaͤude bringen wird. Verſprechen Sie mir das?— Schwoͤren Sie mir's.— «Das verſpreche ich Ihnen;» ſagte ſie, indem ſie heiße Thraͤnen der Ruͤhrung vergoß.«Ich lebe nun ſchon ſeit ſieben Jahren hier— ich habe graͤßliche Sachen geſehen— furchtbare Dinge erfahren— aber nichts, was mir ſo zu Herzen gegangen waͤre, wie dies! Der ſchoͤne Arm, den das Fenſter zerſchnitten hat! Ach! es iſt ſchrecklich, nur daran zu denken!» — O Gott! o Gott!— rief der Englaͤnder aus: — und ich zoͤgere noch hier! Doch warten Sie nur noch einen Augenblick. Woraus erſehe ich, daß Sie mich nicht hintergehen? Woher weiß ich, daß Sie auch vermoͤgend ſind, Ihr Verſprechen zu halten? Sagen Sie mir alſo zuerſt, was fuͤr ein Amt Sie da drinnen bekleiden— und dann ſchwoͤren Sie mir, 10** 226 Daß Geneſungshau. dies ſo anzuwenden, wie Sie mir verſprochen haben — hier an dieſem freierlichen Orte— auf dieſem Grabe— an dieſem Kreuze.— Die Frau ſchien im hoͤchſten Grade bewegt. Sie knieete nieder, wie er es verlangt hatte. Ihre Augen floſſen von Thraͤnen uͤber, und ſie ſagte mit feſtem Vorſatze:«Ich ſchwoͤre es Ihnen heilig zu, daß man Sie nicht in das Gartenhaus bringen ſoll. Ich ver⸗ buͤrge mein Leben dafuͤr— und wenn noch ein Fun⸗ ken Ehre und Glauben bei den Menſchen iſt, ſo muß der Doktor meinen Schwur erfuͤllen. Fuͤrchten Sie ſich nicht, ſondern folgen Sie mir in das Haus.“ Sie ſtand auf, nahm den jungen Mann bei'm Arm und fuͤhrte ihn an die kleine Thuͤr. Doch zoͤgerte er noch, und ſchien ſogar wieder zuruͤck zu wollen. Der muthige, kuͤhne Ausdruck ſeiner Zuͤge hatte ſich in den des Bedenkens, ja ſelbſt der Furcht verwandelt. Stirn und Wangen, die zuvor ſo hoch ergluͤheten, wurden ploͤtzlich blaß, und er ſchien einen Augenblick von einer furchtbaren Ahnung uͤberwaͤltigt zu werden. Giebt es denn in der That ſolche Vorahnung eines Ungluͤcks, welcher vergoͤnnt iſt auf den menſchlichen Geiſt einzuwirken? Nicht fluͤchtige Phantaſien des Aberglaubens, ſondern wahre Warnungen der Vor⸗ ſehung? Beſitzt der Menſch einen Inſtinkt, der ihn lehrt, die Uebel zu vermeiden, welche ihm drohen? Sollte er, gleich den Voͤgeln, welche vor anſteckenden N Fünſtes Itapitel. 227 Krankheiten fliehen, dem Impulſe folgen, der ihm ſagt, wen und was er zu ſcheuen habe? Und iſt es falſcher Stolz und keinesweges wahre Philoſophie, die uns die bedeutungsvollen Zufluͤſterungen des Schick⸗ ſals verachten oder von uns weiſen laͤßt?— Mag ſich jeder Einzelne dieſe Fragen ſelbſt beantworten; der Er⸗ folg der Begebenheiten, die ich beſchreibe, hat mich ſeit⸗ dem ſehr oft wieder zu dieſen Betrachtungen zuruͤck⸗ gefuͤhrt. 9 Es lag in der angſtvollen Erregung des jungen Mannes, womit er auf die Thuͤre blickte, zu welcher ihn die Frau hindraͤngte, etwas unbeſchreiblich erſchuͤt⸗ terndes. Das Abendzwielicht war nun ſchnell ver⸗ ſchwunden und es faſt ganz finſter geworden. Ein nicht eben heftiger Wind bewegte die hohen Baͤume des Gartens, und toͤnte durch zwei Erlenreihen wie das ſchwermuͤthige Murmeln eines Waſſerfalles. Die Cypreſſen des Kirchhofes bewegten ſich finſter uͤber unſern Haͤuptern, und die bleichen und aufgeregten Geſichter vor mir vollendeten ein Gemaͤlde, das mich ungewoͤhnlich durchſchauerte. «Um Gottes willen, zaudern Sie nicht— kom⸗ men Sie, kommen Sie!— Ach, wenn ich Ihnen nur alles ſagen koͤnnte!— O, mein Herr! treiben Sie ihn doch auch mit fort! Sie kommen doch auch mit herein? Nicht wahr?“ .ᷣ△ ⁵Ganz gewiß!"»» antwortete ich auf die an mich 228 Das Geneſungshaus. gerichtete Rede, und unterſtuͤtzte die Anmahnungen der Haushaͤlterin mit der Erinnerung, daß hier gar keine Zeit zu verlieren ſey. — Nun dennl! weil es ſo ſeyn muß, ſo will ich wieder hinein gehen. Gott gebe, daß ich um ihrer Sicherheit willen den rechten Weg einſchlage, denn Gott weiß es, ich denke dabei nicht an mich!— Als er dies ſprach, hob er ſein ſchoͤnes dunkles Auge mit dem feierlichſten Ausdruck zum Himmel empor, und Roͤthe uͤbergoß ſeine Wangen. Wir ſtie⸗ gen nun ſaͤmmtlich uͤber die Graͤber, und traten in den dunklen Schatten des Gartens durch die kleine Thuͤr. Michel folgte uns langſam mit ſeiner Waffe in der Hand, wie ein Opferprieſter in drohender Stel⸗ lung gegen das ungluͤckliche Opferlamm. Der Oberarzt, der die ganze Kirchhofsſcene mit angeſehen hatte, empfing uns unweit der Thuͤre, und ſprach ſehr warm ſeinen Dank gegen die Haushaͤlte⸗ rin und mich wegen unſers erfolgreichen Beiſtandes aus, wodurch der Fremde wieder zuruͤckgebracht wor⸗ den ſey. Zu dieſem wandte er ſich mit dem Tone der einſchmeichelndſten Sanftmuth, und verſicherte ihn ſeiner innigſten Theilnahme, nicht nur an ſeinem Gluͤcke, ſondern auch an dem jenes Weſens, von wel⸗ chem er wiſſe, daß es ihm ſo theuer ſey. Dadurch widerſprach er ſeiner fruͤhern Behauptung, daß er von ihrer gegenſeitigen Neigung nichts wiſſe; aber . Itanitel. 229 alles, was er ſagte, machte auf den, an welchen es gerichtet war, faſt gar keinen Eindruck. Dieſer ſchien nur auf Einen Vorſatz ſeine Gedanken gerichtet zu haben, und eilte nach dem Hauptgebaͤude vorwaͤrts. Der Doktor war allein, und ſagte mir, als ich ihn deshalb befragte, daß der Freund des jungen Man⸗ nes hinweg gegangen ſey, um die Obrigkeit wegen der beſten Mittel und Wege, Letztern in Gewahrſam zu bringen, zu Rathe zu ziehen. «Aber wir haben ihn ſchon, dem Himmel ſey's gedankt, wieder!“ fuhr der Doktor fort:«und jetzt gilt es nur, ihn feſtzuhalten.“ Dieſe letzteren Worte fluͤſterte er halb vor ſich hin. Ich aber hielt dafuͤr, daß es nun an der Zeit ſey, mein beſtimmtes Ver⸗ langen auszuſprechen, daß man durchaus keinen Zwang anwenden ſolle. — Doktor!— ſagte ich daher:— Dieſer junge Mann iſt auf das feierlichſte Verſprechen, daß man ſeiner Freiheit nicht zu nahe treten wolle, hierher zu⸗ ruͤckgekehrt. Ich bin Buͤrge dafuͤr, daß ſein Beneh⸗ men durchaus keine Gewaltſamkeit von Ihrer Seite noͤthig machen ſoll, vorausgeſetzt, daß wir beide uͤber die Sicherſtellung der jungen Dame hinreichende Ge⸗ wißheit haben, und fuͤr die Heilung der Wunden, die ihr das rohe Benehmen Ihres Gehuͤlfen verurſachte, gehoͤrig geſorgt wird, auf welches Letzteren Entfernung von ihr ich jedoch feſt beſtehen muß.— 230 Datz Geneſungshaus. «Es wird mir das groͤßte Vergnuͤgen ſeyn, alle Ihre Wuͤnſche zu erfuͤllen, verehrter Herr!» entgegnete er. Ich werde mich ſelbſt zu der Dame begeben, und Sie ſollen ſehen, daß ſie wohl und in Sicher⸗ heit ſich befindet; nur kann ich nicht zugeben, daß dieſes Herrn Gegenwart dort den Paroxysmus von Neuem errege, der ſich gewiß ſchon jetzt wieder ge⸗ legt hat. Zum Beſten beider Then— zum Veſten der Menſchheit alſo—“» — Still, ſtill, Doktor! nichts weßr davon, wenn's gefaͤllig iſt. Geben Sie Ihr Wort, daß er frei blei⸗ ben ſoll?— fragte ich. α..᷑ Das muͤſſen Sie!»o fiel die Haushaͤlterin kraͤf⸗ tig ein. Ich habe mich dafuͤr verpflichtet, und Sie wiſſen am Beſten, wie Sie verbunden ſind, die erſte Bitte, die ich jemals an Sie richte, zu bewilligen. Ich habe es dem jungen Manne geſchworen. Sie hoͤrten, wie ich ſchwur. Er ſoll und darf nicht mit Gewalt ins Gartenhaus gebracht werden. Nun? Be— ſtaͤtigen Sie das?5“ «Daß er nicht mit Gewalt in's Gartenhaus ge⸗ bracht werden ſoll?“ fragte der Doktor mit einem pfiffigen und lauernden Blicke, den ich allein zu be⸗ merken ſchien. «.Ja,» entgegnete der junge Mann.«Unter der Bedingung kehrte ich zuruͤck. Bekraͤftigen Sie dies?» «Recht ſehr gern. Verhuͤte doch Gott, daß hier Fünftes Itanitrl. 231 etwas auf eine tyranniſche Art geſchehen ſolle. Ihr eigener Ungeſtuͤm, lieber junger Mann, hat uns nur zu etwas harten Maßregeln genoͤthigt. Aber die Wohl⸗ fahrt unſerer Nebenmenſchen.... — Genugl genug, Doktor!— unterbrach ich ihn. — Wir brauchen jetzt bloß Ihre Praxis, nicht Ihr Glaubensbekenntniß. Vor allen Dingen uͤberzeugen Sie mich davon, daß die junge Dame gut aufgeho⸗ ben iſt. Dieſer Herr wird gewiß indeß hier unten bleiben. Nicht wahr, mein Herr! Sie ſind damit ein⸗ verſtanden?— ſagte ich zu dem Englaͤnder, an den ich mich jetzt wendete. «Wie Sie's fuͤr's Beſte halten,» entgegnete er: «. Ich will ſie bloß geſichert wiſſen. Sie werden ſelbſt ſehen, in welcher Lage ſie iſt, und mir dann die Wahr⸗ heit ſagen.» — Verlaſſen Sie ſich auf mich,— antwortete ich und folgte dem Doktor die enge Treppe hinauf. Die Thuͤr ſtand halb offen, wir traten in das Zimmer, und ich erblickte auf dem kleinen Lager, das in einer Niſche ſich befand, die reizenden Zuͤge des Gegenſtan⸗ des meiner aͤngſtlichen Sorge. Sie war blaß und ſichtlich ganz erſchoͤpft. Ihre Augen waren feſt ge⸗ ſchloſſen, ihre Lippen geoͤffnet, und jeder Zug zeugte von lebloſer Erſchlaffung. Sie war ganz zugedeckt, mit Ausnahme des rechten Armes, der auf der Bett⸗ decke lag, ſorgfaͤltig verbunden war, und wo nur hier 232 Das Geneſungshaus. und da Blutſpuren durch die leinenen Binden dran⸗ gen. Eine Frauensperſon ſaß neben dem Bette auf einem niedrigen Stuhle. „Armes, holdes Geſchoͤpf!“ ſagte der Doktor mit klagendem Fluͤſtern.«Sie ſehen, daß man hier ſchon, ſelbſt ohne meine Einmiſchung, alle moͤgliche Sorge fuͤr ſie getragen hat. Seyn Sie verſichert, daß, wie auch der Anſchein dagegen ſeyn koͤnnte, doch auf Er⸗ den kein ieſehenſeenndliühle ſorgſamerer Mann zu finden iſt, als.* — Nennen Sie den Schurken nicht!— rief ich laut.— Sie muͤſſen mir auf's Beſtimmteſte verſpre⸗ chen, daß er von allem Zutritte hier gaͤnzlich ausge⸗ ſchloſſen ſeyn ſoll, oder ich und der Herr unten wa— chen die ganze Nacht an der Thuͤre. Sagen Sie mir nichts zu ſeinen Gunſten. Er iſt ein verworfner Boͤſewicht!— «.ᷣκ Ergebenſten Dank, mein Herr!9» grunnmte eine hohle Stimme hinter mir.«Ich ſage Ihnen tau⸗ ſendmal Dank fuͤr ſo ſchoͤne Sachen. Das iſt alles, was ich fuͤr jetzt thun kann.»» Eine tiefe Verbeugung begleitete dieſe Worte, und der gelbe Doktor verließ das Zimmer, indem er in ein gegenuͤberliegendes ging und die Thuͤre hinter ſich ſchloß. — Und ich beſtehe durchaus auf dieſer Bedin⸗ gung!— ſagte ich zu dem Oberhaupte des aͤrztlichen Fünftes Itanitel. 233 Triumvirats, ohne von dieſer Unterbrechung Notiz zu nehmen.— Es iſt mir einerlei, ob dies Ihnen oder ſonſt Jemand wohlgefaͤllig iſt, oder nicht.— Nur keine Uebereilung!“ ſagte der Doktor in ſei⸗ ner gewoͤhnlichen ſuͤßlichen Art.«Es ſoll ja alles ge— ſchehen, wie Sie es wuͤnſchen. Alles! alles! Moͤch⸗ ten wir aber nicht wieder heruntergehen, und nach dem Herrn unten ſehen? Sie koͤnnen ihm jetzt ſelbſt von dem Wohlbefinden der Dame hier Nachricht geben.» — Ich werde ihm ſagen, was ich geſehen habe, — antwortete ich, indem ich das Zimmer verließ und nur noch einen Blick zuruͤckwarf auf das ausgezeich⸗ net ſchoͤne Geſicht, das ſo ganz ſeiner Liebenswuͤrdig⸗ keit unbewußt zu ſeyn ſchien, und kaum Spuren des Lebens zeigte. Der unruhig bewegte Liebende hatte ſich auf den Zehen die Treppe herauf geſchlichen, und hoͤrte noch auf dem Vorſaale meine letzten Worte. Er druͤckte meine Hand zwiſchen den ſeinen, hauchte einen tiefen Seufzer aus, und wendete ſich dann ſchnell von der Thuͤr hinweg, welche keine Schranke fuͤr das Streben ſeiner Seele bildete, die er aber ſelbſt aus Achtung fuͤr den Doktor, und aus Zartgefuͤhl fuͤr ſie nicht zu uͤberſchreiten ſich vorgenommen. Es war jetzt ganz finſter. Wir begaben uns in das Studierzimmer des Doktors und genoſſen alle 234 Das Geneſungshaus. eine leichte Mahlzeit von Fruͤchten und Wein. Der junge Mann ſchien gaͤnzlich beruhigt. Er ſprach von dem ſchlechten Betragen ſeines vermeinten Freun⸗ des, der ſich mit dem Doktor und deſſen Leuten ver⸗ eint habe, um ihn in das Gartenhaus einzuſperreg. ſprach dies jedoch ohne alle Bitterkeit, und ſeine Gei fuͤhle gegen Jedermann ſchienen, wie mich's beduͤnkte, durch den geheimnißvollen Einfluß der Atmoſphaͤre, womit Liebe den Geiſt ſo maͤchtig durchdringen kann, voͤllig beſaͤnftigt. Er dankte wiederholt mir und der Haushaͤlterin, die ſich nicht bloß auf ſein ausdruͤckli⸗ ches Begehren zu uns ſetzte, ſondern mit mechaniſcher Genauigkeit uns auch jedem ſeine regelgerechte Por⸗ tion von Fruͤchten und Kuchen vorlegte, und uns mit Wein und Likoͤr bediente. Der Antheil, den ſie an dem ungluͤcklichen Fremden zu nehmen ſchien, floͤßte mir eine ſehr vortheilhafte Meinung von ihrem Her⸗ zen ein, und alles, was ſich nachher zutrug, beſtaͤrkte in mir den Glauben an ihre Aufrichtigkeit nur noch mehr. Auf Empfehlung des Doktors trank der Englaͤn⸗ der ein Glas von einer beruhigenden Herzſtaͤrkung. Bald darauf aͤußerte er den Wunſch, ſchlafen zu ge— hen, und nicht lange darauf hatte ich das Vergnuͤgen, ihn in einem ſehr artigen Zimmer, neben dem Schlaf⸗ gemach des Doktors, das gleich dieſem eine Thuͤr in das Studierzimmer hatte, ruhig entſchl ummert zu Fünftes Itapitel. 235 ſehen. Ich hatte mich auch von Zeit zu Zeit, ſowohl nach den Berichten der Haushaͤlterin als eignem Be⸗ ſchauen uͤberzeugt, daß die junge Dame ſanft ruhe, und wenig von den Beſchaͤdigungen am Arm zu lei⸗ den ſcheine. Der Doktor ging auch verſchiedenemale zu ihr, zweimal mit mir, und oͤfterer allein, ließ aber den Englaͤnder ſtets frei im Studierzimmer zuruͤck, und ſchien ſeinetwegen keine beſondere Aufmerkſamkeit zu hegen. Alles dieſes floͤßte uns beiden vollkomme⸗ nes Vertrauen ein, und ſo begab ich mich denn gegen neun Uhr auf mein Gemach, ſehr zufrieden mit der Wendung, welche dieſe Angelegenheit zu nehmen ſchien, und am naͤchſten Morgen fuͤr die beiden Liebenden groͤ⸗ ßeres Gluͤck vorausahnend, als ich vernuͤnftigerweiſe fuͤr mich ſelbſt erwarten konnte. Serher es lanitel. 5 Mochte nun mein Gefuͤhl ſeyn, welches es wollte, Beſorgniß fuͤr mich ſelbſt, Angſt fuͤr Andere, oder, wie⸗ wohl noch ehrenvoller fuͤr mich, eine Miſchung von beiden, wobei die letztere beſonders vorwaltete, kurz, ich fuͤhlte mich nie weniger angenehm beruͤhrt, als jetzt, wo ich in meinem Bette lag, das Licht ausloͤſchte, und uͤber meine Lage nachzudenken begann. Der Leſer kann ſchneller, als ich's zu thun im Stande waͤre, ſich an alle die Begebenheiten dieſes Abends erinnern, und die Reihefolge von Empfindungen ſich vorſtellen, welche in mir entſtanden, als ich mir alles dies in's Gedaͤcht⸗ niß zuruͤck rief; darnach aber auch ſich denken, wie. unfreundlich alle dieſe quaͤlenden Erſcheinungen in dem Dunkel meiner Dachkammer vor mich hintraten. Die letzte Drohung des gelben Doktors war dabei nicht der am mindeſten ſich vordraͤngende Gegenſtand mei⸗ ner Beſorgniß; und die zweideutige Verſicherung, welche der Oberarzt dem jungen Englaͤnder wegen ſei⸗ ner Sicherſtellung gegeben hatte, erſchien mir jetzt bei dem Dunkel meiner Lage und Gedanken noch zweifel⸗ hafter als zuvor. Nach ungefaͤhr einer halben Stunde, die ich un⸗ ter dem, was man wohl Leiden nennen moͤchte, zu⸗ — — Serhstes Ttapitel. 237 gebracht, ſtand ich von meinem Lager auf, tappte an den Tiſch und die Stuͤhle hin, und gelangte zu einem Theile meiner Kleidungsſtuͤcke. Dann ergriff ich mei⸗ nen Heren Stock, den ausgewachſenen Zweig einer Medok⸗Rebe, die, ehe ſie meine Schritte ſtuͤtzte, hinreichendes Material geliefert hatte, um die von An⸗ deren wankend zu machen, oͤffnete, auf dieſe Art be⸗ waffnet, leiſe meine Thuͤr' und ſchlich auf den Jeßen die Treppe hinab. Der ganze Theil des Mittelgebaͤudes, in welchem ich wohnte, lag in tiefem Schlafe. In einem der Vorſaͤle glimmte eine verloͤſchende Lampe, ſonſt zeigte ſich aber, als ich hinabſtieg, keine Spur von Leben, und ich er⸗ lauſchte keinen Ton als die leiſen Athemzuͤge der Schla⸗ fenden, wenn ich von Zeit zu Zeit ſtehen blieb, aus Furcht, eine unter meinen Tritten knarrende Diele moͤchte die entſchlummerten Waͤchter des Hauſes aufgeweckt haben. Als ich unten im Hauſe ankam, trat ich vorſichtig in den Gang, der zu des Doktors Studierzimmer fuͤhrte, und naͤherte mich der Thuͤre derſelben. Alles war ſtill darin, und ich war zufrieden, daß alles noch ſo ſtand, wie ich's verlaſſen hatte. Nachdem ich ſo von der Sicherheit des Fremden vergewiſſert war, ſchoͤpfte ich freien Athem, und meine Beſorgniß richtete ſich natuͤrlicherweiſe nach der Gegend hin, wo ſeine ſchoͤne Gebieterin ſchlummerte. Ich oͤffnete daher eine kleine unverſchloſſene Thuͤr, welche nach dem gewoͤlbten 238 Das Geneſungshauz. Gange zu ging, durch welchen ich zuerſt unter Mi⸗ chel's Anleitung in das Haus getreten war. Guß dieſen gelangte ich nun unaufgehalten in den Garten, und befand mich in wenigen Minuten unter dem Fen: ſter des Zimmers, in welchem ich den Gegenſtand 2 8* meiner jetzigen Sorge gelaſſen hatte. Die ſchwachen Strahlen einer Nachtlampe fuͤllten die Zwiſchenraͤume der Jalouſieen mit jenem Halb⸗ dunkel, das, moͤge es aus einem Zimmer kommen, aus welchem es wolle, immer in meinem Geiſte die Ideen von Unwohlſeyn und Wachen rege macht, ob es gleich oft von der halbverloͤſchenden Kerze eines ſchlaͤfrigen Stydenten, oder dem aͤrmlichen Lichtchen, das in der Kammer kargen Aberglaubens brennt, ſich herſchreibt. Ich ſtand nahe an der Hausthüre, welche die Treppe hinauffuͤhrte, und hoͤrte deutlich ein ungewoͤhnliches und mir unerklaͤrliches Geraͤuſch, das ſich in unregelmaͤßigen Zeitraͤumen wiederholte. Es war ein dumpfer unbeſtimmter Ton, wie der Schlag eines ſtumpfen Werkzeuges, als ob ein Ham⸗ mer, mit zitternder Hand gefuͤhrt, verſtohlen einen Nagel einſchlage. Das Blut gerann in meinen Adern bei dem Gedanken, daß dies ein Sarg ſeyn koͤnne, den man zumache. Ich ſtand ſchon mit dem Fuße auf der Treppe und im Begriff ſchnell herauf zu ſteigen, als ich oben ſchuͤffelnde Tritte vernahm, und daher ploͤtzlich ſtehen 3 . Serhstes Itapitel. 239 blieb. Gleich darauf hoͤrte ich eine Thuͤre nach dem ofe zu oͤffnen, und andere Tritte ſich nahen. Ich mich nun ſogleich zuruͤck und nach dem Garten hin, wo ich mich hinter einem dichten Gebuͤſche ver⸗ barg. Jetzt ſah ich deutlich Geſtalten ſtill vorwaͤrts kommen. Es war Michel mit einer Laterne in der Hand, und dann hinter ihm die Geſtalt eines Geiſt⸗ lichen, deſſen Kleidung mich ihn bei'm erſten Blicke fuͤr ein Frauenzimmer halten ließ. Nahe an ſeiner Seite ging ein Knabe im Chorhemde, welcher ein Kruzifix trug. Alle traten in die niedrige Thuͤre ein und ſtie⸗ gen die Stufen hinauf. Ich ſchlich mich ihnen vor⸗ ſichtig nach, und hoͤrte uun, wie der Thuͤre zu dem Zimmer leiſe geſchloſſen ward. Das Licht Berſchwand und alles war in Finſterniß gehuͤllt. Was ich in dieſem Augenblicke fuͤhlte, wag ich nicht zu beſchreiben. Ich moͤchte nichts gern weder in Bezug auf die Lage, in welche ich mich befand, noch auf die Empfindungen, welche ich dabei hatte, uͤbertreiben. Meine Schritte ſchienen ſich unwillkuͤhr⸗ lich nach dem Gartenhauſe zu wenden, und ich ſtand bald darauf in dem tiefen Dunkel ſeiner Mauern. Verworrenes Gemurmel drang daraus hervor— das ewige Getoͤſe des Wahnſinnes, und außerdem vernahm ich bloß eine laute Stimme, welchen den unruhigen Geiſtern Stillſchweigen gebot. Jetzt ging ich eiligſt zur Terraſſe, und fuͤhlte einige Erholung, indem ich 240 Das Geneſungshaus. mich auf die Bruſtwehr lehnte, von wo aus ich in die chaotiſche Finſterniß unter mir blickte. Ich konnte dort bloß die Schatten der Weingaͤr⸗ ten und der Olivenhaine unterſcheiden, waͤhrend die Fuͤlle von Geruͤchen um mich her, mich durch ihren uͤberſaͤttigenden Reichthum, den auch nicht der leiſeſte Lufthauch ſtoͤrte, beklbommen machte. Viele Nachtigal⸗ len brachten der Natur bei ihrem tiefen Schlaf ihre Serenaden, und das murmelnde Rauſchen eines klei⸗ nen Baches durch Schilf und uͤber Kieſel, war der einzige Ton des Lebens, welcher die feierliche Stille der Erde unterbrach. Einige Minuten lang ſchaute ich ſo in dieſe dun—⸗ keln Maſſen vor mir; dann ſchritt ich ohne Ziel und Ueberlegung nach der kleinen Thuͤr hin, die ſich nach der Wieſe und dem Begraͤbnißplatze zu oͤffnete. Als ich mich ihr naͤherte, hoͤrte ich Toͤne, und ſchnell be— lehrte mich meine fruͤhere Vermuthung, daß ſie von einem Spaten herkaͤmen, womit man den Boden be⸗ arbeite. Ich zweifelte nun nicht, daß man hier ein Grab bereite, konnte mich aber eines Schauders qual⸗ voller Verwunderung nicht erwehren, als ich in der That einen Mann erblickte, der bei'm Scheine einer Laterne, die durch das lange Gras und Unkraut am Rande der Grube ſchimmerte, wirklich ein ſolches grub. Er ſchien in ſeinem Berufe ruͤſtig zu arbeiten, ohne an ſein Geſchaͤft zu denken, indem er ſorglos fortfuhr und Serhstes Itapitel. 241 und die Gebeine heraus warf, gleichguͤltig, wem ſie * 2 2 einmal moͤchten angehoͤrt haben. Zu einer andern Zeit und in anderer Stimmung wuͤrde es mir Ver⸗ gnuͤgen gemacht haben, mich mit dieſem Hirnſchaͤdel⸗ Ausgraber in ein Geſpraͤch einzulaſſen, um von ſeiner Philoſophie etwas zu profitiren; die furchtbaren Ge⸗ danken jedoch, welche jetzt in mir zu gaͤhren anfingen, machten mich zu allem andern ungeſchickt, als dazu, mechaniſch zu beobachten, was vor meinen Augen vor⸗ ging, und ich behielt gerade noch ſo viel Bewußtſein von meiner eigenen Lage uͤbrig, um es zu begreifen, wie nothwendig es ſey, mich verborgen zu halten, bis der Auftritt, deſſen Zeuge ich war, vollends zu Ende gebracht. Ich ſtellte mich daher in das dunkle Ver⸗ ſteck der Cypreſſe, welche die Eingangsthuͤre uͤberſchat⸗ tete, und wartete dort den fernern Hergang der Feier⸗ lichkeit ab, die, wie mir eine durchbohrende Ahnung ſagte, hier ſtatt finden ſollte. Bald ſprachen die hohlen Tritte der Sargtraͤger im Garten hinter mir in Toͤnen furchtbarer Wirklich⸗ keit. Der Eintritt des Prieſters und des ihn beglei⸗ tenden Knaben aus der kleinen Thuͤre auf die Wieſe zeigten meinen Augen die unleugbare Wahrheit; aber die ruhigen leidenſchaftloſen Zuͤge des heiligen Man⸗ nes verriethen meiner Neugier nichts von dieſem Ge⸗ heimniſſe. Auch die des ſchlaftrunkenen Knaben ſchwie⸗ gen. Jetzt kam der Sarg. Ihn trugen zwei Maͤn⸗ I. 11 242 Bas Geneſungshaus. ner, von denen nur die Fuͤße unter dem ſchwarzen Tuche ſichtbar waren, welches ſie und ihre Buͤrde be⸗ deckte. Ein in einen Mantel gehuͤllter Mann ſchloß den Zug; der Schein einer Laterne, die er vor ſich hielt, flackerte jedoch hell genug auf, um mich in ihm den gelben Doktor erkennen zu laſſen, der auf dieſe Art auch mit in den letzten Auftritt dieſes geheimniß⸗ vollen Trauerſpiels verflochten war, in welchem er ein ſo bedeutender Mitſpieler geweſen. Ich ſchauerte und ſtarrte zuruͤck, als er gegen die Zweige des Bau⸗ mes, der mich verbarg, anſtieß, und er ſelbſt ſchien zu ſtutzen und um ſich zu ſchauen, wo er bei dem Aufruhr, den er damit ſelbſt in ſich erregt hatte, Si⸗ cherheit finden moͤchte. Vorſichtig folgte ich den Vorangehenden laͤngs des Pfades uͤber die Wieſe, und blieb außerhalb der Hecke ſtehen, welche dieſe umgab, und durch die ſie nun ein⸗ traten. Von dieſer gedeckt, ſah ich den ſchnellen Ver⸗ lauf der Feierlichkeit, das Herabheben des Sarges, das Verſenken deſſelben in die Erde und das Zuſcharren des Grabes. Ich hoͤrte das leiſe Gemurmel des Prie⸗ ſters und die lauteren aber eben ſo undeutlichen Ant⸗ worten des Chorknaben, und bemerkte ganz nahe die unbeweglichen Geſtalten und unveraͤnderten Geſichts⸗ zuͤge der anderen unbeſchaͤftigten Zuſchauer. «Sein Werk iſt vollbracht,» dachte ich bei mir ſelbſt:«und der kalte Boͤſewicht fuͤhlt nicht einmal ſo Serhstrs Mauitel. 243 viel Gewiſſensbiß, um einen Blick zu veraͤndern oder eine Hand zu ruͤhren! Und hat ſich denn die Erde wirklich fuͤr immer uͤber dem lieblichen Opfer ſeines und andrer Verbrechen geſchloſſen? Hat ſeine Hand dieſe That veruͤbt? Und kann denn ſo etwas nur wahr ſeyn?“ Waͤhrend der Heimkehr des Leichenzuges konnte ich nicht Meiſter genug meiner ſelbſt werden, um kalt⸗ bluͤtig eine ſolche Gedankenreihe in mir ſich folgen zu laſſen, wie es fuͤr Jemand nothwendig geweſen waͤre, der die Unterſuchung, welche ich mir jetzt vorgenom⸗ men hatte, wirklich beginnen wollte. Nicht zweifeln konnte ich jedoch daran, daß der Tod dieſer Ungluͤck⸗ lichen auf eine ſtraͤfliche Art beeilt worden ſey. Voll⸗ kommen uͤberzeugt war ich, daß der unſelige Frevler an Pflicht, Gefuͤhl und Tugend jetzt in das Grab ſchauete, deſſen Inwohnerin ſeine Hand dahin gelie⸗ fert hatte. Daß aber der amtthuende Prieſter und die andern noͤthigen Begleiter bei dieſem letzten trau⸗ rigen Geſchaͤfte unſchuldig waͤren, war ich geneigt zu glauben. Nur gegen den Schaͤndlichen richtete ſich mein Zorn, der, wie ich gewiß glaubte, Urſache an einem Tode war, von dem der bloße Gedanke mich mit Schrecken und Wuth erfuͤllte, und ich that mir ſelbſt tief in der Seele das Geluͤbde, Rache an ihm zu uͤben, ohne jedoch damals noch zu wiſſen, wie ich ſie ausfuͤhren koͤnnte. 11* l b 244 Bas Geneſungshaus. Ich uͤberlegte aber, daß es ſehr wichtig ſeyn duͤrfte, mir die Geſichter aller Perſonen, die bei dieſem Auf⸗ tritt zugegen geweſen, genau zu merken, damit die Gewißheit, daß es dieſelben ſeyen, mir bei der Unter⸗ ſuchung, die ich von der Obrigkeit fordern wollte, und zu deren Bewirkung ich nur ſehr wenig ſichre Data bringen konnte, weſentlichen Nutzen gewaͤhre. Ich heftete daher ſorgfaͤltig meine Blicke auf den Geiſt⸗ lichen, den Knaben und den Todtengraͤber, und ſetzte dieſe Beobachtungen bei dem fuͤr mich vortheilhaften Scheine zweier Laternen fort, bis Alles voruͤber war, wo mir dann ein Blick nach Oſten zeigte, daß ſchon die erſten Spuren des anbrechenden Tages durch die Finſterniß zu dringen begoͤnnen, und mich an die war⸗ nende Nothwendigkeit augenblicklicher Entfernung er⸗ innerte. Ich ſchlich mich alſo auf dem Fußweg ſorg⸗ ſam zuruͤck, erreichte ſchnell die Gartenthuͤre, und war bald darauf wieder unter dem Dache des verhaͤngniß⸗ vollen Geneſungshauſes. Nun ging ich leiſe durch des Doktors Studier⸗ zimmer in mein eigenes. Auf dem Bette liegend und meine Augen nach einem der offenſtehenden oͤſtlich ge⸗ legenen Fenſter richtend, verſuchte ich meine Gedan⸗ ken zu dem Vorſatze, den ich auszufuͤhren mir vorge⸗ nommen, zu regeln und zu ordnen. Wie es aber manchmal der Fall bei aͤhnlichen Gelegenheiten iſt, fand ich dies auch jetzt ganz unmoͤglich. Unruhig und Serhstes Mayitel. 245 verwirrt tappte ich umher, vergebens es verſuchend, einen Plan zu entwerfen, wie ich den ſchuldbelaſteten Boͤſewicht zur Strafe ziehen laſſen koͤnne, und nichts war in meiner Seele klarer, als dies, daß ich ihn den Gerichten anzeigen muͤſſe. Dann und wann fuhr ich aber konvulſiviſch auf, wenn mich der ſchreckliche Ge⸗ danke an das gemordete Maͤdchen erfaßte. Da ſchien die Geſtalt des ſchaͤndlichen Doktors und ſeiner Ge— huͤlfin, die, wie ich nicht zweifeln konnte, ihm bei der That beigeſtanden, vor mir zu ſchweben, und das arme Schlachtopfer ſelbſt ſtellte ſich mir in allen furchtba⸗ ren Beziehungen des Leidens dar, wie ſie eine erhitzte Phantaſie ſich nur ausbilden kann. In dieſem Zuſtande ſelbſtbewußter aber unklarer Auf⸗ regung mußten mir einige Stunden verfloſſen ſeyn, denn durch den hellen Sonnenglanz, der in meine Kammer drang, ward ich daraus zu noch qualvollerer Wirklichkeit geweckt. Ich bemerkte zu meinem Staunen, daß die Sonne ſchon hoch am Horizonte ſtehe, und ſich ihren Weg durch eine Maſſe dichter Wolken gebahnt habe, welche bis dahin ihre Strahlen eingehuͤllt. Schnell wie das Licht, das mich beſchien, drang ſich mir auch die Er⸗ innerung an den jungen Englaͤnder auf, und bei dem neu entſtehenden Gedanken, daß auch er in Gefahr, wo nicht gar ſchon zum Todesopfer bezeichnet ſeyn koͤnne, ſprang ich mit tiefem Schreckensgefuͤhle von meinem Lager auf. Ich zog mich eiligſt an, und ſtuͤrzte die 246 Daß Geneſungshaug. Treppe hinab, unbekuͤmmert darum, ob ich Jemand ſtoͤre, oder wenn ich ja daruͤber nachdachte, recht be⸗ gierig danach, einen ſichtlichen Feind bei der Pruͤfung am Tageslichte, die ich jetzt beabſichtigte, vorzufinden. Als ich an die Thuͤr zum Studierzimmer des Dok⸗ kors kam, ſchauderte ich erſtaunt zuruͤck, ſie offen zu finden. Ich blickte hinein, konnte aber nichts deutlich erkennen, da die Fenſterladen noch geſchloſſen waren, und das Licht, das zur Thuͤr herein fiel, nicht weit genug in die Stube reichte. Da ich jedoch der Loka⸗ litaͤt derſelben mich erinnerte, ſo fand ich keine Schwie⸗ rigkeit, mich nach dem Gemache hin zu greifen, wo ich einige Stunden zuvor den Englaͤnder ſchlafend ver⸗ laſſen hatte. Ich nahete mich alſo dieſem ſorgſam, und gelangte bald mit vorgeſtreckten Armen, da die Thuͤr dazu offen ſtand, in daſſelbe. Auch dieſer Um⸗ ſtand gab mir aͤngſtlichen Verdacht; ich hatte jedoch keine Zeit uͤber meine Empfindungen oder ihren Ur⸗ ſachen nachzudenken. Jetzt ſtand ich an dem Bette und neigte den Kopf zu ihm nieder, um die Athem⸗ zuͤge des darin Schlafenden zu belauſchen. Ich hoͤrte keinen Laut. Nun ſtreckte ich in einer Unruhe, die mit jedem Augenblicke zunahm, meine Haͤnde aus, um nach al⸗ len Richtungen hin meinen Freund zu ſuchen, denn als ſolchen mußte ich den Fremden bei dieſen von al⸗ len Seiten drohenden Gefahren betrachten. Nichts — Serhotrs Itanitel.*2347 aber konnte ich fuͤhlen, als das kalte Bettuch, denn die Decke war bei Seite geworfen, und es lag Nie⸗ mand mehr darin. Jetzt oͤffnete ich eiligſt die Vor⸗ haͤnge und ſtieß die Jalouſien nach außen; da fand ich bei naͤherer Unterſuchung des Zimmers, daß alles, was dem jungen Manne angehoͤrt hatte, daraus ver⸗ ſchwunden ſey. Eine Zeitlang ſtand ich, vor Schrecken erſtarrt, da. Ich wußte durchaus nicht, was ich davon den⸗ ken ſollte. Es zeigte ſich deutlich, daß kein Streit oder Kampf hier vorgefallen war. Bett und Kopf⸗ kiſſen waren in beſter Ordnung, kein Theil deſſelben bot auch nur die geringſte Spur einer Zerſtoͤrung. Auch ſtanden alle Geraͤthſchaften noch in derſelben Art und Weiſe da, wie ich ſie am Abende vorher geſehen hatte, ja, das ganze Zimmer zeigte deutlich, daß mein erſter Verdacht, es ſey hier eine Gewaltthat vorge⸗ fallen, voͤllig ungegruͤndet ſeyn muͤſſe. Was konnte nur mit dem Fremden vorgegangen ſeyn? Hatte irgend ein ausgeſonnenes Maͤhrchen ihn hinweggelockt? War ſein falſcher Freund zuruͤckgekehrt und hatte ihn veranlaßt, den Platz zu verlaſſen, an den er durch das ſtaͤrkſte aller Bande ſich noch vor Kurzem ſo feſt gebunden gefuͤhlt hatte? Oder was gab es ſonſt fuͤr Gruͤnde zu ſeinem Verſchwinden? Alle dieſe Fragen ſtiegen ſchnell in mir empor, und ehe ich genauer daruͤber nachzudenken vermochte, trat 1 248 Das Geneſungshaus. der, welcher am Beſten darauf antworten konnte, in's Zimmer und ſtand vor mir. Der Ober⸗Doktor naͤm⸗ lich. Ueberzeugt, in ſeinem ſichtlichen Staunen we⸗ gen meiner Gegenwart einen ſichern Beweis ſeiner Schuld zu finden, ob ich gleich ihren ganzen Umfang mir noch nicht denken konnte, beſchloß ich, die Gele⸗ genheit mir nicht entgehen zu laſſen, ſeiner Ueberra⸗ ſchung das zu entreißen, was ich bei reiferer Ueber⸗ legung ſchwerlich von ihm wuͤrde erfahren koͤnnen. „Sie treten zuruͤck, mein Herr! Sie ſtaunen, mich hier zu finden?!“ ſagte ich in dem feſteſten Tone eines ſtrengen Richters. — Und ſollte ich denn nicht, werther Herr? Ich konnte noch gar nicht das Vergnuͤgen erwarten, einen Beſuch von Demjenigen zu erhalten, den ich ſehr ge⸗ wuͤnſcht hatte bald moͤglichſt zu ſehen.— «Sie haͤtten dieſen Wunſch, wenn er wirklich ſtatt gefunden, ſehr leicht befriedigen koͤnnen, ich muß aber befuͤrchten—“ — Wie konnten Sie glauben, daß ich Sie um meinen eigenen Angelegenheiten willen, nach dem un⸗ ruhevollen Abend, den Sie geſtern verlebt, ſo zeitig ſtoͤren wuͤrde? Da kennen Sie mich ſchlecht. Koͤnnte irgend eine ſelbſtſuͤchtige Nuͤckſich..— «Herr Doktor! ich ſage es Ihnen hiermit offen und ehrlich: dieſes Kriechen und Schmeicheln hilft Ihnen jetzt nichts; damit finden Sie mich nicht mehr Serhstes Itapitel. 249 ab. Wo iſt mein Landsmann, den ich geſtern Abend unter Ihrer Aufſicht zuruͤck ließ, und nicht mehr hier finde? Ich verlange Antwort! genaue und augen⸗ blickliche Antwort!“» — Nur Geduld, Geduld! mein lieber Herr. Sie ſollen hinreichenden und ausfuͤhrlichen Bericht haben. Verlaſſen Sie ſich darauf. Gilt es meinen Freunden gefaͤllig zu ſeyn...— «Rechnen Sie mich nicht darunter, mein Herr! ich mag dieſen Namen nicht. Antworten Sie auf meine Frage!5 — Laſſen Sie ſich doch nur erſt nieder, lieber Herr!— «Nein! Ich ſchwoͤre es hiermit bei allem, was mir heilig iſt, nicht eher zu ruhen noch zu raſten, bis dieſes Geheimniß aufgeklaͤrt iſt, und ich meinen Lands⸗ mann in Sicherheit weiß.” — Ich ehre dieſe Gefuͤhle, mein Herr! ich weiß ſehr wohl, daß alle L3 aͤnder durch ihre edle Natio⸗ nalitaͤt.— Won dannen chent⸗ rief ich aus, indem ich die⸗ ſem zerſtuͤckelten Geſpraͤche ein Ende machte. Unwil⸗ lig ſchob ich die offene Hand hinweg, die der ſchmeich⸗ leriſche Heuchler vertraulich auf meine Schulter gelegt hatte, und wollte ſchnell das Zimmer verlaſſen, um anderswo Mittel und Wege außzuſuchen, mir Licht in dieſer Angelegenheit zu verſchaffen, als er mich bei'm 11*ℳ 250 Das Geneſungshaus. Arme faßte und mit dem ſuͤßeſten Heuchlertone mich beſchwor, ihn nur einen Augenblick noch anzuhoͤren. «Wo iſt mein Landsmann?! Antworten Sie mir endlich, ohne Umſchweife oder Vorrede!“ rief ich ihm zu. — Nun denn, da Sie es nun einmal wiſſen wol⸗ len: er iſt friſch und geſund im Gartenhauſe— ent⸗ gegnete der Doktor. Dieſe Antwort fiel mir mit Centnergewicht auf's Herz. Sie erſchuͤtterte mich durch und durch, und ſo ſtand ich einige Minuten lang ſtumm da, waͤhrend, wie ich vermuthe, der Doktor ſich in ein breites Ge⸗ ſchwaͤtz zu ſeiner Vertheidigung ergoß, denn ich ver⸗ ſtand in dieſem Augenblicke keine Sylbe davon. «Gott! Gott!“ rief ich aus, als ich endlich wie⸗ der einige Faſſung errungen hatte:«und ſo waren Sie niedertraͤchtig genug, Ihr feierliches Verſprechen zu brechen?» — Behuͤte der Himmel!— antwortete der Dok⸗ tor.— Nein, nein, das Wort eines ehrlichen Man⸗ nes muß ſo heilig ſeyn, wie...— «.Ich ſoll doch nicht etwa glauben, daß er ruhig und aus freien Stuͤcken in jenes graͤßliche Haus ging?* — So ſollen Sie allerdings, denn es iſt vollkom⸗ men wahr.— «So laſſen Sie mich ihn augenblicklich ſehen, da⸗ Serhstes Itapitel. 251 mit ich von ihm ſelbſt den Grund zu dieſer Nachgie⸗ bigkeit erfahre.“ — Das iſt im gegenwaͤrtigen Momente voͤllig un⸗ moͤglich, verehrter Herr! Seine Lage erfordert die groͤßte Ruhe. Er darf durchaus nicht geſtoͤrt werden. Ueberdies waͤre das der Ordnung bei dieſem Garten⸗ hauſe ſchnurſtraks entgegen, da kein Fremder in daſ⸗ ſelbe zugelaſſen werden kann. Doch Sie— fuhr der Doktor fort, als er bemerkte, daß ich wieder im Be⸗ griff ſtand, etwas kraͤftig darauf zu antworten.... doch Sie, ja Sie ſollen, das verſpreche ich Ihnen, eine Ausnahme von der Regel machen. Sie ſollen Ihren Landsmann ſehen, wenn er ſich in einem ſol⸗ chen Zuſtande befindet, Sie empfangen zu koͤnnen. Er ruht eben von den beſaͤnftigenden Folgen eines war⸗ men Bades aus.— «Ruht aus! Beſaͤnftigende Folgen!“ ſtieß ich her⸗ aus, indem mein ganzer Verdacht wieder in mir auf⸗ lebte.«Was iſt geſchehen? Warum bedurfte es be⸗ ſaͤnftigender Mittel?“ — Warum? Je nun, Sie ſehen ja, lieber Herr, daß, ob er gleich ohne den mindeſten Wider⸗ ſtand von ſeiner Seite.... ich ſetze meine Ehre des⸗ halb zum Pfande.... fortgebracht wurde, er doch nachher ſehr heftig ward, und wir uns.... der Him⸗ mel weiß, wie ungern.. genoͤthigt ſahen, zu ſtren⸗ 252 Daß Geneſungshaus. gen Mitteln unſere Zuflucht zu nehmen, um ihn wie⸗ der zu beruhigen.— «Ich weiß nicht, was ich davon denken ſoll,» ent⸗ gegnete ich.«Ich werde jedoch nichts allzu raſch thun, noch etwas ohne guten Grund dazu ſagen. So will ich denn warten, bis es Ihnen gefaͤllig ſeyn wird, mich den jungen Mann ſehen zu laſſen; geſchieht ihm aber das mindeſte Uebel, ſo ſteht mir Ihr Kopf dafuͤr.“» — Mein Herr! Ihre ſtarken Redensarten haben gewiß etwas zu bedeuten. Was liegt Ihnen denn im Sinner Sprechen Sie doch offen mit mir.— Des Doktors langgeuͤbtes Geſicht war dem Blicke undurchdringlich, den ich auf ihn heftete. Nicht im geringſten Zuge, nicht mit der Bewegung der klein⸗ ſten Muskel rechtfertigte er mein vorwurfsvolles An⸗ ſchauen. Ich wußte, daß Worte kein beſſeres Loos haben wuͤrden, und da ich ſie nun weder verſchwen⸗ den, noch die Wirkung der Maßregeln, die ich jetzt zu ergreifen dachte, ſchwaͤchen wollte, ſo beſchloß ich mich auf mein Zimmer zu begeben, um das, was vor meinen Augen vorgegangen war, ſorgfaͤltig niederzu⸗ ſchreiben, um dadurch einen regelmaͤßigen Grund fuͤr alle meine weiteren Vorſchriften zu legen. Nicht im geringſten dachte ich daran, daß die ſonderbaren Ent⸗ deckungen dieſer Minuten mich mehrere Jahre nach⸗ her veranlaſſen wuͤrden, die Begebenheiten, auf welche Serhstes Itapitel. 253 ſie ſich bezogen, wie jetzt geſchehen, bekannt zu machen. Ich ſtieg alſo die Treppe wieder in mein Zimmer hinauf, und vertraute mit ſo vieler Ruhe als ich mir nur aneignen konnte, dem Papiere einen Bericht uͤber das an, was mir ſeit meinem Eintritte in das Ge⸗ neſungshaus begegnet war, nicht allein in Bezug auf meinen Landsmann, ſondern auch auf ſeine ungluͤck⸗ liche Geliebte, von dem Betragen des gelben Doktors bei der Tafel an, bis zu ihrem Verſenken in das Grab. Nachdem dies geſchehen, und der Doktor mich noch nicht rufen ließ, war ich entſchloſſen, nicht laͤn⸗ ger zu warten, und ſtieg alſo wieder herunter, mit dem feſten Vorſatze, die augenblickliche Erfuͤllung ſei⸗ nes Verſprechens, mich meinen Landsmann ſehen zu laſſen, von ihm noͤthigenfalls zu erzwingen. Ich klopfte an das Studierzimmer, und da man nicht antwortete, oͤffnete ich es und trat hinein. Es war leer, und ich eilte daher ſogleich daraus fort, um den Doktor aufzuſuchen, den ich im Gartenhauſe ver⸗ muthete. Auf dieſem Wege lief einer der Bedienten, die an den Begebenheiten des vorhergehenden Abends ſo weſentlichen Antheil genommen hatten, mit deut⸗ lichen Spuren der Unruhe auf ſeinem Geſichte, ſchnell bei mir vorbei. Mit der natuͤrlichen, aber oft voͤllig unrichtigen, Begier, womit wir ſolche Symptome auf den Gegenſtand unſerer eigenen Beſorgniß beziehen, 254 Daß Geneſungghaug. fuhr mir der Gedanke durch den Sinn, daß dieſes erſchrockene Geſicht mit der Lage des Englaͤnders in Verbindung ſtehen muͤſſe. Ich hielt alſo den Schurken auf, und fragte ihn geradezu: was vorgefallen ſey? «Fragen Sie mich nicht, mein Herr! Sie werden es zeitig genug erfahren.— Aber ich konnte nicht dafuͤr. — Laſſen Sie mich fort! laſſen Sie mich fort!» — Was iſt denn geſchehen? Ich laſſe Ihn nicht wieder los, bis Er mir es ſagt.— «.Ich hab's beſchworen, mein Herr!— ich darf, was hier vorgeht, nicht verrathen. — Wo laͤuft Er denn ſo ſchnell hin?— «In die Mairie, mein Herr, um den Maire zu holen, damit er Unterſuchung anſtelle uͤber.. Laſſen Sie mich gehen, es kann mir das Leben koſten, wenn man mich bei Ihnen hier ſieht!» Dieſe letzten Worte begleitete ein heftiger Verſuch, ſich meiner Hand zu entreißen, und ſo lief denn der Bediente in groͤßter Haſt nach dem Hofe zu. Meine erſte Idee war, ihm zu folgen, und in Gegenwart der Magiſtratsperſon eine Erklaͤrung von ihm zu er⸗ zwingen; eine Stimme hielt mich aber davon zuruͤck, die in einem geheimnißvollen Tone mir zurief: Ich will Ihnen das Alles erzaͤhlen. Er iſt todt.) Es war die Stimme der dicken Dame. Sie ſtand nicht weit von mir unter den Geſtraͤuchen, und ſah mich mit hohlem Blicke an. Sechztes Ttanitel. 2⁵⁵ — Todt!— wiederholte ich, waͤhrend mein Geiſt ſich nur auf Einen Gegenſtand richtete, dem dieſes Wort gelten konnte.— Unmoͤglich! Wer ſagt Ihnen denn das? Wen meinen Sie denn?— «Wie ich Ihnen ſage. Er iſt todt.» Ihr kalter, untheilnehmender Blick und die orakel⸗ hafte Art, womit ſie dieſe Worte ausſprach, waren peinlich erſchuͤtternd. Ich konnte es nicht ertragen mit dieſer ſeltſamen Miſchung von Verſtand und Toll⸗ heit laͤnger zu ſprechen, und eilte dem Gartenhauſe zu, um dort die unmittelbare Beſtaͤtigung oder Ent⸗ fernung meiner Furcht zu erhalten. Als ich dem ver⸗ haßten Aufenthalte naͤher kam, ſtand ich einen Augen⸗ blick ſtill, da ich mehrere Stimmen aus demſelben ertoͤ⸗ nen hoͤrte, und bald unterſchied ich deutlich die Stimme des Doktors und der Haushaͤlterin in folgendem Ge⸗ ſpraͤche: «Sey nur ruhig, liebe Jacqueline!» ſagte er. «Was kann denn nun jetzt alles das helfen? Kann es ihn denn wieder in's Leben bringen?“ — Nein, nein, das kann es leider nicht! Meine ganze Seelenangſt hilft jetzt zu nichts mehr, ich weiß es wol. Seine ſchoͤnen Augen werden ſich nie wie⸗ der aufthun, ſeine kraͤftige Geſtalt iſt kalt wie der Tod! Aber wer iſt daran Schuld? Bin ich's denn etwa nicht? Lockte ich ihn nicht zuruͤck? Hab' ich nicht vor Gott und Menſchen falſch geſchworen? 256 Bas Geneſungshau. O Doktor, Doktor! Dies Verbrechen wird ſchwer auf Ihrer Seele laſten!— «Hm, hm, es iſt ja nur Ein Menſch weniger, und nur ein paar Jahre fruͤher. Du machſt auch gar zu viel Aufhebens von einer ſolchen Sache. Je⸗ denfalls bis Du ja nicht ſtrafbar— kein Menſch iſt es— denn wir wendeten ja keine Gewalt an, um ihn zuruͤck zu bringen.» — Sie beſtaͤtigten aber doch— mein Ver⸗ ſprechen, daß er nicht in das Gartenhaus kommen ſolle.— «Nicht mit Gewalt hineingebracht werden, liebe Jacqueline— und das iſt auch nicht geſchehen. Wir brachten ihn in ſeinem tiefſten Schlafe dahin.“» — Und wer lullte ihn ein zu ſolcher Sicherheit? — Bin nicht ich das geweſen? Bin nicht ich an dem allen Schuld?— «Nein, nein! Ich miſchte den Schlaftrunk, nicht Du. Iſt Jemand dabei zu tadeln, ſo bin ich es. Aber er wollte es ja ſel bſt ſo.» — Gott moͤge Denen helfen, die es auf ihrem Ge⸗ wiſſen haben, aber mir moͤge der Himmel verzeihen, daß ich ſelbſt unſchuldigerweiſe mit zu dieſer traußegen Sache beigetragen habe.— Laͤnger konnte ich dies nicht ertragen. Es blieb mir nach dieſem Geſpraͤche kein Zweifel mehr. Nie⸗ mand anders als der Englaͤnder konnte es ſeyn, von Serhstes Mapitel. 257 dem hier die Rede war. So ſtuͤrzte ich denn durch die Gebuͤſche, die mich vom Fußwege noch ſchieden, und ſtand in deſſen Mitte, als die beiden Sprechen⸗ den auf mich zukamen. Wie mich der Doktor erblickte, ſtand er ſtill, und ſchien im hoͤchſten Grade beſtuͤrzt. Die Haushaͤlterin aber eilte mit thraͤnenden Augen und angſtvollem Ge⸗ ſichte auf mich zu. — Ol ſchonen Sie mich! Um Gotteswillen, ma⸗ chen Sie mir keine Vorwuͤrfe!— rief ſie mit allen Zeichen des Jammers aus.— Sie koͤnnen mir nichts ſo Schreckliches ſagen, als ich es ſelbſt fuͤhle. Ich, ich war an dem Allen Schuld... ich allein habe es verbrochen! Was konnte mich auch nur dazu bewe⸗ gen, ihn wieder hier hinein zu bringen? Geſchah's aber denn nicht, um ſeine Geliebte vor Schmach zu retten? Sie glauben doch nicht etwa wirklich, daß ich ihn betruͤgen wollte? Aber trotz deſſen bin ich doch an Allem Schuld!— «Still, ſtill doch, Jacqueline!“ fluͤſterte der Dok⸗ tor.«Er weiß noch nichts von dem, was vorgefal⸗ len iſt.» ⅜α⅜. Ja, ich weiß es!“»» rief ich aus.«Sie haͤt⸗ ten leiſer ſprechen, Ihre Thaten noch mehr in's Dun⸗ kel huͤllen muͤſſen, wenn Sie geglaubt haͤtten, der Ge⸗ rechtigkeit zu entgehen, die ich nun aufrufen werde. Ja, ich weiß es, daß Sie noch einen Mord zu der 258 BDas Geneſungshaug. Rieihe von Verbrechen hinzugefuͤgt haben, die um Rache ſchreien an dieſem ſchaͤndlichen Hauſe und an Euch allen, verworfene Bande!»“» «Mord, mein Herr!“ rief der Doktor in einem Tone, der fuͤr vollkommene Unſchuld zu haſtig, fuͤr wirkliche Schuld aber wieder zu ſtolz klang.„Mord? Ueberlegen Sie beſſer, was Sie ſagen, mein Herr Englaͤnder! oder ich werde Mittel und Wege finden, Sie dieſe Beleidigung bezahlen zu laſſen.“» — Nein, mein lieber Herr!.... ein Mord iſt nicht vorgefallen; das muͤſſen Sie ihm nicht nach⸗ ſagen. Es war ſchlimm genug, aber, Gott weiß es! kein Mord.— «.νκ. Aber wo iſt denn mein Landsmann? Iſt er nicht todt? Wer hat ihn hingeopfert? War er nicht noch vor zwei Stunden geſund und lebend— ja, noch vor kuͤrzerer Zeit, als ich mit Ihnen in Ihrem Zim⸗ mer ſprach?“ Allerdings,» erwiederte der Doktor, an welchen ich dieſe Frage gerichtet hatte—: callerdings iſt er todt— und war es wol ſchon, als wir mit einander ſprachen. Eben da— vielleicht in demſelben Augen⸗ blick— machte er ſeinem Leben, in einem Anfalle von Wahnſinn, ſelbſt ein Ende.»„ «..νκ̈ Nun denn, bei'm Himmel! ſo machten Sie ihn wahnſinnig!““ ſchrie ich ihm zu.«Aber ich glaube das noch nicht. Iſt er todt, ſo war es nicht Serhstes Itauitel. 259 ſeine eigene Hand, die ihn toͤdtete. Hier iſt ein Bu⸗ benſtuͤck geſchehen. Wo iſt Ihr Ober⸗Gehuͤlfe, der gelbbraune Schurke? Weiß er etwas von dieſem furchtbaren Vorfalle?»“ «Mein armer Freund! Freilich weiß er es— und iſt ganz untroͤſtlich daruͤber. Er war der Erſte, der auf das Laͤrmgeſchrei dazu kam, und brachte ſeine Lanzette vergebens an die Kehle des armen Menſchen. Selbſt aus der Pulsader wollte kein Blut mehr flie⸗ ßen. Er war voͤllig todt.“ — Gott vergieb mir. Gott vergieb mir!— rief die Haushaͤlterin, rang die Haͤnde und weinte laut. .ᷣα̈¶ Das Blut erſtarrt mir in den Adern!»» ent⸗ gegnete ich.«Wie ging denn die Sache zu, wenn Sie wirklich die Wahrheit ſprechen?»“ «Wie die Sache zuging? Natuͤrlich genug und auch ganz einfach. Auf demſelben Wege, wie ſolche Dinge unter zehnmal neunmal ſich endigen, beſonders bei Englaͤndern. Da er ſich in Sicherheit gebracht ſah, ward er wuͤthend, und war kaum einen Augen⸗ blick allein gelaſſen worden, als er ſich erhing.” «.αᷣ Aber warum brachten Sie ihn in Sicherheit? Warum ließen Sie ihn allein? Weshalb ließen Sie ihm Gegenſtaͤnde, womit er ſich ſchaden konnte, wenn er wahnſinnig war, wie Sie immerfort behaupten?» «Ah, mein Herr! jetzt fragen Sie doch einmal verſtaͤndig, und da will ich Ihnen ſehr gern darauf 260 Ba Geneſungshaus. antworten. Es war uͤberdies meine Abſicht, Sie von dieſem Vorfalle zu unterrichten, und Sie zu bitten, Zeuge bei der geſetzlichen Unterſuchung zu ſeyn, die jetzt ſtatt finden muß. Ich wollte Sie eben auf⸗ ſuchen, als Sie da in den Weg hereinſprangen.» So unwahr dies auch, wie ich wußte, war, ſo ent⸗ gegnete ich doch nichts darauf. Der Vorfall, deſſen Einzelnheiten mir tropfenweiſe beigebracht worden wa⸗ ren, hatte mich durch und durch erſchuͤttert. Ich hoͤrte alſo zu, ohne den Doktor zu unterbrechen, und ſeine Erzaͤhlung, mochte ſie nun wahr oder falſch ſeyn, ward bloß durch die convulſiviſchen Seufzer der Haushaͤl⸗ terin und ihre Ausrufungen von Selbſtanklagen und Kuͤmmerniſſen geſtoͤrt. a.„Ja, mein Herr! ich hatte die Abſicht, Sie ruhig und beſonnen auf dieſe unangenehme Nachrichten vor⸗ zubereiten. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie Ihr Herz durch eine ſolche ploͤtzliche Entdeckung ergriffen ſeyn muß. Ueberdies kann man bei einem ſolchen Zu⸗ ſtande hochaufgeregter Nervenſtimmung nie wiſſen, was fuͤr Wirkung eine derartige Ueberraſchung hervorbrin⸗ gen kann. Leider aber, wie ich ſchon vorher ſagte, lebt der junge Mann nicht mehr— und das Be— dauern der Theilnahme und Zuneigung kann, wie Blumen auf ein Grab geſtreut, den Todten zwar zie⸗ ren, aber nicht wieder beleben.“ Dieſer Metapher, deren ſich der Doktor unſtreitig . Serhates Itapitel. 261 bei ſolchen Gelegenheiten ſehr oft bedient hatte, folgte eine Pauſe, und ein ſchneller Blick uͤber das ſeine Rolle ſpielende Tuch hinweg, das er einen Augenblick vor das Geſicht hielt, lauerte auf den Erfolg ſeiner Beredſamkeit. Doch diente dies nur dazu, meine Un⸗ geduld zu vermehren, und als er dies zu bemerken ſchien, fuhr er auf der Stelle fort: «Ja, mein theurer Herr! als wir dieſen Morgen mit einander ſprachen, glaubte ich, es ſtehe alles gut, und der junge Mann ſey wieder von der Wuth ge⸗ neſen, die ihn ergriff, als er die Beſchraͤnkung ent⸗ deckte, in welcher er ſich befand, denn ich muß es Ihnen nur geſtehen, daß ich's zu ſeinem eigenen Be⸗ ſten fuͤr nothwendig hielt, ihn aus dem Zimmer, wo Sie ihn verlaſſen hatten, hinweg zu bringen.— Wa⸗ rum ſeufzeſt Du nur ſo tief, liebe Jacqueline? We⸗ der dein Verſprechen noch meine Ehre wurden dabei im mindeſten verletzt, denn es ward durchaus keine Gewalt gebraucht.— Gut, gut, mein Herr! ich er⸗ zaͤhle ſchon weiter. Ich leſe Ihre Angſt in Ihren Blicken. Nun, Sie werden mich deshalb von aller Unrechtlichkeit gewiß freiſprechen, denn ich verſichere Ihnen bei meiner aͤrztlichen Ehre, daß es voͤllig noth⸗ wendig war, ihn fortzuſchaffen. Die Folge hat's be⸗ wieſen, daß er wahnſinnig war. Statt ſich ruhig in dieſe heilſame Abſonderung und die Mittel zu finden, die ihm bei ſeinem Erwachen vorgeſchlagen wurden, 262 Baßs Geneſungshaus. ward er vollkommen wuͤthend. Er ſtieß mich von ſich, warf meinen trefflichen Freund und erſten Ge⸗ huͤlfen zu Boden, raſete wild von der jungen Dame, ſprach von Liebe, Freiheit, und Gott weiß was allem, und als wir ihn endlich auf's Bett brachten und die Arme banden, brach er in Thraͤnen aus und weinte wie ein Lhddes 5 Moͤge der Himmel ſich ſein erbarmen und ihn zu ſich nehmen! Was fuͤr Geiſtesqual muß er ausgeſtanden haben!— rief die Haushaͤlterin in einem erneueten Ausbruche ihres Schmerzes. 4 «Sein Leid,“ fuhr der Doktor fort,«ruͤhrte mich ſelbſt recht ſehr, und ich ließ ihm daher das Zwangs⸗ Camiſol wieder ausziehen.“* — Das Camiſol?!— wiederholte die Haushaͤl⸗ terin, und das Wort ſchien mir ſelbſt das Herz zu durchbohren. «Ja, Jacqueline! ich ließ en das Camiſol aus⸗ ziehen.— Erſchrecken Sie nicht bei dieſem Worte, mein Herr! es hat viele Menſchen vor Selbſtvernich⸗ tung geſchuͤtzt.“» — Aber auch mehr als einen zur Verzweiflung gebracht!— entgegnete die Haushaͤlterin. «.Ja, mein Herr!“ fuhr der Doktor fort, als habe er dieſen Ausruf nicht gehoͤrt:«von meinem Mitge⸗ fuͤhl bewogen, nahm ich dieſes beſte Sicherungsmittel —— Serhstes Ttauitel. 263 fuͤr den Kranken ihm ab. Aber er ſchien durch ſein Straͤuben gaͤnzlich erſchoͤpft— und ließ ſich willig in ein warmes Bad bringen. Durch dieſe Maßregel dem Anſcheine nach beruhigt und erquickt, ward er wieder in's Bett gelegt, und ein treuer Waͤchter blieb zur Wache in ſeiner Kammer. Kaum hatte ich jedoch den Ruͤcken gewendet— mein wuͤrdiger Freund und erſter Gehuͤlfe war ſchon vorher weggegangen— als er den Waͤchter beredete von ſeinem Lager ſich zu ent⸗ fernen, indem er vorgab, ruhen zu wollen, und nicht ſchlafen zu koͤnnen, wenn Jemand im Zimmer ſey. Der Mann— der arme Ambroſius— ein weich⸗ herziger Menſch— glaubte, er mache es recht gut, verließ ſich auf die Ehrlichkeit des Kranken, und wil⸗ ligte in deſſen hinterliſtiges Begehren. Kaum konnte er aber nur die Thuͤr hinter ſich zugemacht haben, als Ihr Landsmann— auf eine ſehr unredliche Art und mit der Verſchmitztheit, welche geiſtesirren Per⸗ ſonen beſonders eigen iſt— ſeinem Leben ein Ende machte.“ — Gott vergebe ihm und erbarme ſich ſeiner!— murmelte die Haushaͤlterin. Der Doktor ſtand ſtill, nahm eine Priſe Tabak und ſchien ſeine Erzaͤhlung fuͤr geendigt anzuſehen. Ich war aber bei weitem noch nicht befriedigt, und indem ich des Doktors Geſchwaͤtz von Ehre, Verrath und Hin⸗ terliſt des jungen Mannes uͤberging, verlangte ich zu 264 Datz Geneſungshaus. wiſſen, wie er denn dieſe unſelige That vollbracht habe. 3 «. Ja, mein Herr!» entgegnete er:„das koͤnnen Sie wol fragen, denn ich frage das noch jetzt mich ſelbſt. Wie konnte er es dahin bringen ſeinen ſtraͤflichen Vor⸗ ſatz auszufuͤhren, da alle Mittel, deren er ſich dazu be⸗ dienen konnte, ſorgfaͤltig hinweg geſchafft worden wa— ren? Ja, ja, auch das Unbedeutendſte, von dem man vernuͤnftigerweiſe denken konnte, daß es zum Selbſt⸗ morde gebraucht werden koͤnne, war weggeſchafft— ſelbſt ſein Halstuch— kein Nagel, nicht einmal eine Stecknadel, war im Zimmer gelaſſen worden. Aber Wahnſinn, mein Herr! thut Wunder bei ſolcher Ge⸗ legenheit, und Sie ſollen gleich erfahren, welche ſon— derbare Methode dieſer Geiſtesirre erwaͤhlte, um alle unſere Vorſichtsmaßregeln zu Schanden zu machen, uns— Sie werden verzeihen— undankbarerweiſe ſo in Verlegenheit zu ſetzen und auf dieſes Inſtitut ein Brandmal zu bringen— denn eine andere Abſicht konnte er nicht haben.» — Um des Himmelswillen, ſprechen Sie nicht ſo, Herr Doktor! Wie koͤnnen Sie noch Feindſchaft ge⸗ gen den Todten hegen?— ſchrie die Haushaͤlterin. «.Jacqueline! Du kannſt durchaus nicht in mein Gefuͤhl eingehen— folglich halte Dein Maul! Ich verbiete es Dir, Dich ferner in dieſe Angelegenheit zu miſchen. Haſt Du denn gar keine Achtung mehr fuͤr Serhates lapitel. 265 fuͤr mich? Kein Gefuͤhl fuͤr die Beleidigung, die mir geſchieht— mir perſoͤnlich und dem guten Rufe mei⸗ ner Kunſt— dadurch, daß einer meiner Kranken ſich ſelbſt um's Leben gebracht hat? Wenn er nur noch ſo ehrlich geweſen waͤre, nur das Zartgefuͤhl beſeſſen haͤtte, ein paar Zeilen zuruͤck zu laſſen, um mir fuͤr die Muͤhe zu danken, die ich mir mit ihm gegeben habe, ſo wollte ich die Sache ſo hingehen laſſen; aber jetzt— nein, das kann ich ihm nie vergeben!— nie, nie! Doch ſtill, da kommt ſchon der Maire, um den Vorfall zu unterſuchen. Ich will thun, was ich kann, um meinen gerechten Unwillen zu unterdruͤcken. Du kannſt in's Haus gehen, Jacqueline. Sie aber, mein Herr! Sie koͤnnen, wenn es gefaͤllig iſt, hier bleiben und dem Zeugenverhoͤre mit beiwohnen, das die Obrig⸗ keit anſtellen wird. Ich will Ihnen gern Ihre hef⸗ tigen Worte von vorhin verzeihen— ich bin nicht der Mann, der wegen unuͤberlegter Waͤrme es Anderen feindſelig nachtraͤgt; aber eine uͤberlegte Beleidigung— nein, die vergeſſe ich niemals!— Mein Herr Maire! ich habe die Ehre, Ihnen mein Compliment zu ma⸗ chen. Ich bitte tauſendmal um Vergebung, daß ich Sie ſchon ſo fruͤh habe inkommodiren muͤſſen. Wer kann aber helfen? Wenn Fremde, ohne Achtung fuͤr Behoͤrden, oder vielmehr fuͤr wuͤrdige Perſonen, zu geſetzwidrigen Handlungen eine ungeſchickte Stunde auswaͤhlen, ſo begreifen Sie ſelbſt, daß ich dafuͤr nicht I. 12 266 Das Geneſungshau. verantwortlich bin. Ich bin uͤberzeugt, der Herr Maire werden mich nicht eines Mangels an ſchuldigem Re— ſpekt gegen Sie oder die Obrigkeit beſchuldigen.“» — Mein Herr Doktor wird mir nicht die Schande anthun, zu glauben, daß ich Ihn an irgend etwas fuͤr ſchuldig halten koͤnnte, daß nicht mit der groͤßten Recht⸗ lichkeit und feinſten Sitte uͤbereinſtimmte.— «O, mein Herr Maire! Sie ſind zu guͤtig— zu nachſichtig.— Ich werde ſtolz darauf ſeyn, zu ver⸗ ſuchen, ein ſo ausgezeichnetes Lob zu verdienen.» — Nicht im Geringſten, mein Herr Doktor! Ein Mann wie Sie bedarf meines Lobes nicht. Ihr Ruf ..Ihr allgemein anerkannter Charakter.... Erlauben Sie— Und damit hielt der Maire ſeine Tabacksdoſe hin, und der Doktor verſenkte pflichtſchuldig ſeinen Dau⸗ men und zwei Finger in den ihm dargebotenen In⸗ halt:— das einzige Compliment, welches zwiſchen ih⸗ nen gewechſelt ward, das nicht gaͤnzlich leer war. Ich fuͤhlte die ungeduldigſte Verachtung gegen den ver⸗ ſchmitzten Arzt und die kaltbluͤtige Magiſtratsperſon, welche auf der Schwelle der Verzweiflung und des Verbrechens ſich auf dieſe Art mit einander unterhal⸗ ten konnten. Die arme Haushaͤlterin ſchien noch durch heftigere Empfindungen erſchuͤttert zu ſeyn, und ſo ſchlug denn endlich der Doktor dem Maire vor: an das kleine Geſchaͤft zu gehen, wie er es nannte. Sechstes Mapitel. 267 1— Mit dem groͤßten Vergnuͤgen!— antwortete Letzterer.— Oeffentliche Pflicht verlangt dieſe Unter⸗ ſuchung von meiner Seite, fuͤr ſo unnoͤthig ich jede andere Erkundigung auch halte, als die, welche Sie uns ſelbſt zu gewaͤhren fuͤr gut befinden werden. Ihr achtbarer Charakter iſt mir hinreichende Buͤrgſchaft.— «O, mein Herr Maire!“ entgegnete der Doktor, indem er ihn mit einer außerordentlich tiefen Verbeu⸗ gung unterbrach, und in das Gartenhaus noͤthigte, deſſen Thuͤr auf ſein Anklopfen aufgeſchloſſen und auf⸗ geriegelt worden war. «Nun, mein Herr! wenn's Ihnen gefaͤllig iſt?⸗ fuhr er fort, ſich an mich wendend, und nahm ſein„ 3 ſchwarzes ſeidenes Kaͤppchen ab. Ich ſchritt nun vor⸗ waͤrts, und die Haushaͤlterin folgte mir mit der Er⸗ klaͤrung, daß ſie doch, trotz des Doktors Verbot, da⸗ bei ſeyn wolle. Dieſer ſchien es ihr jetzt nicht ſtrei⸗ tig machen zu wollen, und eine Minute darauf ſchloß Michel die kleine Thuͤr hinter uns zu, waͤhrend wir in dem engen Coridor vorſchritten. Der Doktor ſtellte ſich an die Spitze und ging lebhaft den gemeſſenen ½ Schritten des Maire voraus, deſſen Fußtapfen ich ganz nahe folgte; die Haushaͤlterin kam hinter mir, und Michel beſchloß den Zug. Die Anſicht des Rau⸗ V mes, in dem wir uns befanden, war furchtbar— nie⸗ drig, eng und finſter— die Thuͤren der verſchiedenen Zimmer auf beiden Seiten verſchloſſen, indeſſen die 12* 268 Das Geneſungshaug. wirreſten Toͤne von Stoͤhnen, Schreien, Aechzen, ja, an ein oder zwei Orten ein Ausbruch graͤßlichen Ge⸗ laͤchters, durch ſie ſchallten. Die ungluͤcklichen Gei— ſtesirren waren unſtreitig anermahnt worden ruhig zu ſeyn, hatten aber mit dem widerſpaͤnſtigen Takt des Wahnſinnes das Gebot ihrer Tyrannen auf dieſe Art verletzt. «Kommen Sie, kommen Siel fuͤrchten Sie ſich nicht;“ ſagte der Doktor vom fernſten Ende des Co⸗ ridor's her zu der vorſichtigen Magiſtratsperſon, die ſichtliche Zeichen der Beſtuͤrzung verrieth; und ſo ſchrit⸗ ten wir alle denn ſtill weiter zu dem Orte unſerer unmittelbaren Beſtimmung. Der Maire trat ſchaudernd zuruͤck, als er in das Zimmer blickte. Ich theilte ſein Gefuͤhl, als ob wir durch eine elektriſche Kette verbunden waͤren. Die Haushaͤlterin ergriff zitternd meinen Arm. Michel ſchob ſie vorwaͤrts, und indem wir alle dieſem Impulſe folgten, befanden wir uns ſaͤmmtlich im Augenblicke in dem Zimmer, wo ſchon der gelbe Doktor und Am⸗ broſius ſtanden, der die Aufſicht uͤber den Englaͤnder gehabt hatte, und nachdem er den Maire herbeigeholt und ihn mit dem Ober⸗Doktor im Geſpraͤch im Gar⸗ ten gelaſſen, durch eine Hinterthuͤr hereingetreten war. Noch ein anderer Gegenſtand vollendete das wahr⸗ haft ſchauervolle und ſchreckliche Anſehen dieſes Zim⸗ mers, oder vielmehr dieſer Zelle, denn es war eng, Serhstes Manttel. 269 kaum hoch genug, daß ein großer Menſch aufrecht ſtehen konnte, mit einem dichtvergitterten Fenſter und ohne alles andere Geraͤth als einen Stuhl, einen klei⸗ nen Tiſch und ein ſchmales offenes Bette. Auf die⸗ ſem ſchlechten Lager war der Leichnam des jungen Englaͤnders ausgeſtreckt, und man erblickte noch das ſchoͤne Ebenmaaß ſeiner Glieder, denn er war bloß mit dem Hemde bedeckt, das ihm das Mittel zum Selbſtmorde dargeboten, und aus deſſen Obertheile er ſich zwei ſchmale Streifen herausgeriſſen hatte. Seine Zuͤge zeigten nur wenig von den Verzerrungen, die bei gewaltſamen Todesfaͤllen gewoͤhnlich ſind. Augen und Mund waren ihm durch eine Hand geſchloſſen worden, die mit ſolchen letzten Dienſten bekannt; und ſo lag das ſchoͤne Profil ruhig vor uns. Auf dem Geſicht zeigte ſich jedoch die dunkele Faͤrbung der Er⸗ droſſelung. Um den Hals her war noch ein ſchwaͤr⸗ zerer Streifen ſichtbar, und an der linken Seite deſ⸗ ſelben zeigte eine breite blutloſe Wunde, die nur zu ſpaͤt mit der Lanzette geſchlagen worden, daß das Le⸗ ben ſchon geendet, als dieſer Verſuch ſtatt fand. Auf dem Tiſche am Bette erblickte man die ein⸗ fache Todesvorrichtung. Sie beſtand aus einer aus⸗ gezogenen Schraube des Bettgeſtelles, an welcher die beiden Leinenſtreifen, die vom Hemde abgeriſſen und feſt zuſammengeknuͤpft worden, befeſtigt waren. Da⸗ mit hatte er ſich eine Schraubenbinde gemacht, und 270 Daßs Geneſungshaug. der ſtarknervige Arm der Verzweiflung mit dieſer dem Anſcheine nach ſo unhaltbaren Schlinge den Tod voll⸗ endet.— Der Maire, ein alter und furchtſamer aber theil⸗ nehmender und ſcharfſehender Mann, ſchien ſichtlich geruͤhrt, als er auf dieſes traurige Schauſpiel fruͤhzei⸗ tigen Todes ſtarrte. Die Haushaͤlterin konnte den Anblick nicht ertragen. Kaum hatte ihr Blick auf dem blutunterlaufenen Geſichte verweilt, als die ganze Heftigkeit weiblicher Schwaͤche zum Ausbruche kam, und ſie bewußtlos in Kraͤmpfen durch die Aufwaͤrter aus dem Zimmer gebracht werden mußte. Jetzt ſchritt der Maire zu ſeiner Unterſuchung. Was fuͤr ein laͤcherliches Ding ſolcher Art kam aber da zum Vorſchein! Ein paar fluͤchtige Fragen an die beiden Aerzte und die Waͤrter, oberflaͤchlich beantwor⸗ tet und kurz niedergeſchrieben, reichten zu der gericht⸗ lichen Beſtaͤtigung der Angabe des Doktors hin. Al⸗ les ward als Thatſache zugelaſſen und angefuͤhrt. Welch' eine ungenuͤgende Erforſchung bei einem ſo ungluͤckli⸗ chen Falle! Kein Eid ward geleiſtet, kein Zeuge ge⸗ pruͤft, kein Geheimniß, wenn es eins hier gab, er⸗ forſcht, keine Thatſache durch ein Zeugniß von nur einiger gebuͤhrenden Feierlichkeit feſtgeſtellt! «.ν Guter Gott!“ dachte ich,«iſt denn dies wirk⸗ lich hinreichend? Verlangt das Geſetz nicht mehr Und ſind ganze Millionen mit einer ſo gebrechlichen Sechstes Mauitel. 271 Geſetzgebung zufrieden? Wie nun, um des Himmels⸗ willen, wenn dieſe Erzaͤhlung nicht wahr geweſen waͤre? wenn dieſer junge Mann durch eine andere Hand als ſeine eigene umgekommen waͤre! Wenn dieſe Wohnung der Verzweiflung wirklich auch die Hoͤhle des Mordes war?»“ Dieſe Gedanken ſtiegen in mir auf, als der alte Naire ſeine hoͤchſt unvollkommenen Papiere zuſammen nahm;— und als er nun mit der Erklaͤrung, daß die Unterſuchung beendigt, ſich zum Fortgehen anſchickte, fuͤhlte ich mich im Innerſten ergriffen und außer Stande mich zu bewegen. «Nun, mein Herr!» ſagte der Doktor mit einer Niene voll fuͤhlloſen Egoismus, die mich mit Wider⸗ willen erfuͤllte, zu mir:«ich hoffe, daß Sie vollkom⸗ men befriedigt ſind. Sie ſehen, der ehrwuͤrdige Herr Naire hier hat dieſe Angelegenheit unterſucht; Sie ſehen, daß unſere Geſetze jedem Fremden, dem es be⸗ liebt ſich aufzuhaͤngen, ohne alle Einſchraͤnkung wegen der Beweggruͤnde zu dieſer That, volle Nachſicht ver⸗ ſtatten, ob es gleich vielleicht wohlgethan waͤre, wenn einige nachtraͤgliche Unannehmlichkeiten, irgend eine ex post ſtatt findende Beſtrafung, die angetaſtete Ehre eines Franzoſen zu rechtfertigen ſuchten. Aber“— und hierbei nahm er eine gewaltige Prieſe— adie Großartigkeit unſers Geſetzbuches verachtet es, noch mit den Todten Krieg zu fuͤhren— in unſerm Lande 272 Das Geneſungshaus. wird keinem armen Verſtorbenen ein Pfahl durch den Leib geſtoßen. «.ᷣi⅔5õ Wohlgethan waͤre es, mein Herr!»» entgegnete ich:««wenn die Einzelnen dieſem guten Beiſpiele folg⸗ ten, und den Geiſt nicht noch zu beleidigen ſtrebten, den ſie vielleicht ſelbſt zum Wahnſinne getrieben ha⸗ ben, wenn denn nun wirklich dieſer Leichnam—»“» doch hier hielt ich ploͤtzlich inne, nicht bloß im Ge⸗ fuͤhl, daß dieſer Streit doch voͤllig nutzlos ſeyn wuͤrde, ſondern aus der in einem Augenblicke kaͤlteren Nach⸗ denkens in mir feſtgewordenen Ueberzeugung, daß der ungluͤckliche junge Mann wirklich ſeinem Leben ſelbſt ein Ende gemacht habe. Alles an Ort und Stelle, was ich nur erblickte, beſtaͤtigte dies. Kein Anzeichen eines Kampfes war zu ſehen, kein Merkmal von Gewalt an dem Koͤrper oder der leichten Bekleidung, die ihn bedeckte, ſondern nur die Spuren, wo die Streifen abſichtlich herausgeriſſen worden. Der groͤßte Beweis fuͤr das ganze Ereigniß ſchien aber, meiner Anſicht nach, darin zu liegen, daß es unmoͤglich war, eine ſolche Erzaͤhlung zu erfinden, und ſolche unwahr⸗ ſcheinliche Mittel als Werkzeuge des Todes ſich zu erden⸗ ken und vorzuzeigen. Nachdem ich hier das Ungluͤck ſelbſt in Augenſchein genommen und die naͤheren Um⸗ ſtaͤnde gehoͤrt hatte, war ich feſt uͤberzeugt, daß Alles wirklich ſo geſchehen, und habe ſeitdem nie daran ge⸗ zweifelt, daß der einzige aͤhnliche Todesfall dieſer Art, Serhstes Itauitel. 273 von welchem ich je etwas vernommen— der von Pichegruͤ— den ich vorher fuͤr unmoͤglich gehalten hatte, auch in der That ſo erfolgt ſey. .. Ja, Doktor!"n fing ich dann wieder an, als der alte Maire nahe bei mir ſtand, ſich hoͤflich verneigend und einen letzten theilnehmenden Blick auf den Leich⸗ nam werfend;««ich bin bei dieſer unſeligen Angelegen⸗ heit in ſo weit zufrieden geſtellt, daß ich dem, was ich eben gehoͤrt, Glauben beimeſſe. Alle Nachforſchun⸗ gen nach der Urſache dieſer ungluͤcklichen Kataſtrophe wuͤrden jetzt ohne Nutzen ſeyn. Aber es giebt noch einen andern Gegenſtand“»— und hier ſah ich dem gelben Doktor ſtarr in's Geſicht—«.von weit un⸗ gewiſſerer Art, uͤber welchen naͤhere Erkundigung ein⸗ zuziehen ich fuͤr meine Pflicht halte, und wofuͤr ich mir die groͤßte Aufmerkſamkeit des Herrn Maire er⸗ bitten muß. Mit einem Worte, meine Herren!— ich wende mich an Sie beide— ich war in abgewi⸗ chener Nacht Zeuge von dem Begraͤbniſſe der jungen Dame auf dem Gottesacker.»⸗ «Gut, mein Herr! und was weiter?“» fragte der Oberarzt mit großer Ruhe, waͤhrend ſein Gehuͤlfe ſich ebenfalls nicht veraͤnderte. .ακ nd was weiter?»» wiederholte ich.«εSpre⸗ chen Sie ſo von dem, was den geheimnißvollen Tod und das mitternaͤchtliche Begraͤbniß jenes ungluͤcklichen Maͤdchens angeht? 12*½*½ 274 BDas Geneſungshaus. 4 «Gott behuͤte, mein Herr! dabei gab's gar nichts Geheimnißvolles. Sie ſtarb eines natuͤrlichen Todes, und dieſe Ruhe war ihr zu goͤnnen, denn ſie hatte nichts auf der Welt mehr, das ſie daran haͤtte feſſeln koͤnnen. Sie ward zur Nachtzeit begraben— wir begraben alle unſere Verſtorbenen bei Nacht. Das Geſetz erlaubt dies, mein Herr! und Tod ſowohl als Begraͤbniß ſind von mir und meinem Freunde und erſten Gehuͤlfen gehoͤrig beſtaͤtigt, und die Schrif⸗ ten daruͤber vor einer Stunde im Buͤreau des Herrn Maire niedergelegt worden.“» — Ja, mein Herr! das beſtaͤtige ich vollkommen, wenn Sie dabei intereſſirt ſind,— ſagte der Maire, bot mir eine Prieſe und ging fort. Ich wußte nicht, was ich ſagen ſollte. Ich fuͤhlte, daß es vergebens ſey, den Verſuch zu machen, dieſes Schild kunſtverſtaͤndigen Taktes und offizieller Beſtaͤ⸗ tigungen zu durchdringen, welches Alles, was hier vorging, bedeckte. So ging ich denn mit den An⸗ deren ebenfalls durch den Garten weiter, ſchweigend aber fruchtlos mich bemuͤhend, meine Gedanken in irgend eine folgerechte Reihe zu ordnen. Michel, der eher an das Hauptgebaͤude gelangt war, trat jetzt eiligſt dem Doktor nahe und fluͤſterte ihm etwas in's Ohr. «Wahrhaftig! Schon! rief dieſer aus, und in⸗ dem er ſich zu ſeinem gelben Gehuͤlfen wendete, ſetzte Serhstes Itanitel. 275 er etwas mit leiſerm Tone hinzu, von dem ich bloß die letzten Worte auffaſſen konnte, naͤmlich:«die Ver⸗ wandten ſind da, um ſie abzuholen.“ Nun aber ſich zu mir kehrend, ſagte er:«Kommen Sie, mein Herr! und Sie ſollen die Abreiſe von Jemand ſehen, fuͤr den Sie ſich intereſſiren.“ Die dicke Dame war die einzige Perſon, welche mir noch jetzt hier eine beſondere Theilnahme ein⸗ floͤßte, das allgemeine Mitleid abgerechnet, das ich fuͤr alle gezwungene Bewohner dieſes ſchrecklichen Auf⸗ enthalts fuͤhlte. Und doch ſollten die naͤchſten Minu⸗ ten mich uͤberzeugen, daß noch ein Gegenſtand hier vorhanden ſey, der mich mit Staunen und augenblick⸗ licher Freude erfuͤllen koͤnne, die zwar faſt die letztern truͤben Ereigniſſe vergeſſen ließ, aber ſchnell auch wie⸗ der in eine ſchmerzliche Verbindung mit ihnen trat. Langſam die engen Treppen herab, von der Waͤr⸗ terin geleitet, und aus dem kleinen Portale vorſchrei⸗ tend, trat mir Geſicht und Geſtalt der ſchoͤnen Lei⸗ denden, die ich ſchon in ihrem Grabe glaubte, wie eine Erſcheinung aus beſſern Welten entgegen, ſo daß ich voll Staunen zuruͤck bebte, dem bald Freude und dann wieder jener Schmerz folgte, den ich eben be⸗ ſchrieb. Noch faſt unglaͤubig, war ich jetzt Zeuge des Zuſammenkommens des liebenswuͤrdigen Maͤdchens mit ihren Aeltern, die nach der Aufforderung des verraͤ⸗ theriſchen Gefaͤhrten ihres Geliebten, in Perſon ge⸗ 276 BDasz Geneſunnshaus. kommen, um ihre Tochter, wie ſie vermeinten, der Gefahr der gluͤhenden Liebe des Englaͤnders zu ent⸗ reißen. Ach, ſie wußten nicht, daß ſie dieſe bloß aus der Naͤhe ſeines entſeelten Koͤrpers entfernen konnten! Das holde Kind ſtuͤrzte in ihre ausgebreiteten Arme, wie Jemand, der ſich vom Tode gerettet fuͤhlt. Sie bedeckten ſie mit Thraͤnen, und tief ergriffen von ih⸗ rem ſichtlich leidenden Zuſtande, baten ſie die Tochter um Vergebung, wie ſtrafbare Kinder vor ihren Ael⸗ tern knien. Nichts konnte ruͤhrender ſeyn als dieſer Auftritt. Die Tochter umarmte mit thraͤnenſtroͤmender Heftig⸗ keit die reuigen Urheber ihrer Tage und die abſichts⸗ loſe Urſache ihres Elends, deſſen volle Ausdehnung ſie ſelbſt damals noch nicht kannte. Hat ſie es ſeit⸗ dem kennen gelernt? Hat eine minder ſtockende Zunge als die meine— denn als ſie nach ihm fragte, wagte ich es nicht die Wahrheit zu geſtehen— ſie von ſei⸗ nem Schickſale unterrichtet? Ich muß geſtehen— vielleicht aus eigener Schuld, aber gewiß nicht aus Mangel an Mitgefuͤhl— daß ich ihre fernere Ge⸗ ſchichte nicht kenne. Zufrieden damit, Zeuge des, wenn auch truͤgeriſchen, Gluͤcks zu ſeyn, deſſen ſie ſich da⸗ mals erfreute, habe ich nachher nicht weiter nach ihrem darauf folgenden Schmerz geforſcht. Noch weniger konnte ich es wagen, mir die Kunde von dem wan⸗ kelmuͤthigen Vergeſſen des Schickſals ihres Geliebten 4 17 Serhstes Ntapttel. 277 und ihrer eigenen Leiden zu verſchaffen, welches der Lauf der Jahre doch unſtreitig herbeigefuͤhrt hat; denn ſo ſchoͤn, und leidenſchaftlich liebend und zaͤrtlich ſie auch war, ſo war ſie doch auch nur ein menſchliches Weſen, und wer mag fuͤr den zerſtoͤrenden Einfluß der Zeit ſelbſt auf das treueſte und gefuͤhlvollſte Herz ſtehen? So ſah ich denn, wie ſie den Schauplatz ſo vie⸗ len Jammers verließ, nicht wiſſend, daß ſie darin einen Gegenſtand des Schreckens zuruͤcklaſſe, mit dem verglichen, alles andere nur Wahn geweſen, und ich habe ſeitdem nichts wieder von ihrem Schickſale ge⸗ hoͤrt. Der verraͤtheriſche Freund ſchien wie vom Don⸗ ner getroffen, als er meines armen Landsmanns Ge⸗ ſchick vernahm. Er that alles, was von ſcheinheiligen Aeußerungen in ſeiner Gewalt war, gleich als wolle er den Schleier anſtaͤndiger Reue uͤber ſeine Treulo⸗ ſigkeit ziehen. So blieb denn ihm das Geſchaͤft, den ungluͤcklichen jungen Mann zu Grabe zu geleiten, und deſſen traurige Geſchichte ſeinen Freunden zu ver⸗ kuͤnden. Der Leſer wird ſchon gewiß errathen haben, daß es der Leichnam der alten abgelebten Frau war, de⸗ ren Begraͤbniß ich beigewohnt hatte. Einige Zeit nachher ward bei der obern Behoͤrde uͤber dieſe Begebenheit und andere aͤhnlicher Art, die vorher und nachher in dieſem Geneſungshauſe ſtatt 278 Das Geneſungshaus. gefunden hatte, eine ſtrenge Anzeige gemacht, und das Inſtitut ihr zu Folge aufgehoben, die Perſonen, aus denen es beſtanden, zerſtreut, ohne daß ich weiter et⸗ was uͤber ſie erfuhr, und die Gebaͤude ſelbſt in eine weibliche Erziehungsanſtalt verwandelt, wo, wie ich hoffen will, die reinigende Ausuͤbung von Tugend und Kenntniß den Flecken der fruͤhern Zeit gaͤnzlich wied ausgeloͤſcht haben wird. Wenn dieſe fluͤchtige Skizze genuͤgend gezeigt hat, wie leicht Mißbraͤuche in Privat⸗Irrenhaͤuſern ſtatt finden koͤnnen, und dadurch auch nur Ein We⸗ ſen abgeſchreckt worden iſt, ein menſchliches Geſchoͤpf aͤhnlichen Gefahren auszuſetzen, ſo wird dieſe Erzaͤh⸗ lung ihre guͤltige Moral in ſich tragen, und der Er— zaͤhler den ſchoͤnſten Lohn darin finden. Gedruckt bei A. W. Schade in Berlin. Anzeige der Perlagshandlung. Von demſelben Verfaſſer iſt fruͤher erſchienen: Heer⸗ und Querſtraßen. Aus dem Engliſchen uͤberſetzt von Will. Alexis und Thdr. Hell. 5 Theile. 8. geh. 6 Rthlr. 15 Sgr. Einzeln: Theil 1. 2.(Des Vaters Fluch.— La Vilaine Téte.— Der Tebeunte in den Landes.— Die Geburt Hein⸗ richs I V.).............. 2 Rthlr. 15 Sgr. Theil 3.(Caribert der Baͤrenjaͤger.) 1 Rthlr. 10 Sgr. Theil 4.(Alles fuͤr ſeine Koͤniginn, voder der Prieſter und der Garde du Corps.)........ 1 Rthlr. 10 Sgr. Theil 5.(Leonie, das weiße Maͤdchen.) 1 Rthlr. 10 Sgr. „Nicht mit Unrecht glauben wir dieſe Erzaͤhlungen unter das Vorzuͤglichere rechnen zu koͤnnen, was die neueſte Zeit in dieſer Gattung erzeugt hat. Der Verfaſſer gehoͤrt nicht zur Klaſſe der leider ſo haͤufigen Erzaͤhler, die bloß durch Abenteuerlichkeit und ein Streben nach mißverſtandener Ro⸗ mantik die Phantaſie des gebildeten Leſers mehr peinigen als ergetzen; ſondern zu der, welche durch Natur und Wahr⸗ heit Geiſt und Gemuͤth auf gleiche Art anzuziehen und zu befriedigen verſtehen. Was er mit ſeinem Blick im Ge⸗ wirre des Menſchenlebens beobachtet, was er dabei em⸗ pfunden und gedacht, verſteht er auf eine Art mitzutheilen und darzuſtellen, die eben ſo angenehm unterhaͤlt, als ſie unvermerkt lehrt und bildet. Seine Phantaſie iſt da⸗ bei reich an Huͤlfsquellen, ſeinen Darſtellungen eine hohe Lebendigkeit und jenen aͤußern Schmuck zu verleihen, der freilich auch des Dankes ſehr werih iſt.“(Zeitung fuͤr die elegante Welt. 1824.) . —— ————————yJ Vor Kurzem iſt erſchienen: 1 James Fenimore Cooper, Conanchet und die Puritaner in Connecticut. Aus dem Engliſchen üuͤberſetzt von Dr. Gottfr. Friedenberg. 3 Baͤnde. 8. geheftet 3 ½ Rthlr. „Der engliſche Titel: The Wept of Wish-Ton-Wish (die Betrauerte auf W. T. W.) bezieht ſich auf die ruͤh⸗ rende Schlußſcene des tragiſchen Romans. Der Verfaſſer will dieſe Worte als Inſchrift auf dem Grabſtein einer der handelnden Perſonen vorgefunden haben. Man muß folglich das Original bis zu Ende leſen, um Aufſchluß uͤber das Titelblatt zu erhalten. Der Ueberſetzer macht es ſei⸗ nem Publikum leichter und bequemer. Um den Inhalt des Werks anzuzeigen, giebt er ihn deutlich und erklaͤrend an. So wie in Conanchet der Indianiſche Krieger, die In⸗ dianiſche Großmuth, die Indianiſche Wildheit geſchildert wird, ſo wird in den Puritanern ein Bild des religioͤ⸗ ſen, ſittlichen und haͤuslichen Lebens dieſer Secte zur Zeit Carls II. von England aufgeſtellt. Verbunden werden beide an ſich ſo heterogene und contraſtirende Beſtandtheile dadurch, daß der Verfaſſer eine Puritaner⸗Grenzler⸗Fa⸗ milie mit den Indianern abwechſelnd bald hiſtoriſch in friedlichen und feindlichen Verhaͤltniſſen zuſammentreffen laͤßt, bald romantiſch in naͤhere Beruͤhrung bringt, und beſondere Umſtaͤnde dichtet, wodurch Individuen der entge⸗ gengeſetzten Geſchlechter— ohne die Geſetze der Wahr⸗ ſcheinlichkeit zu verletzen— in eines zuſammenfließen, ſo daß ein Puritaniſches Kind zum Weibe eines Indianers, ein Indianiſcher Juͤngling Puritaniſchen Gefuͤhlen naͤherge⸗ bracht wird. Dieſe intereſſante Miſchung ſcheint die Haupt⸗ abſicht des Verfaſſers geweſen zu ſeyn. Man ſollte es aus der Art, wie er ſie herbeifuͤhrt, ſo wie aus dem Er⸗ folg, das ſein Beſtreben belohnt hat, ſchließen. Wie ſtark, treu und ſchoͤn ſchildert er aber auch zugleich auf der an⸗ dern Seite den Contraſt zwiſchen dem kraͤftigen Chaxakter der Indianer in Rede und Handlung und der Ru und ſtillen Hingebung des Puritaners, dadren menſchlichen — ₰ — ————— Haß Jenes, den religidſen Abſcheu Dieſes, die— vielleicht untilgbare— Feindſchaft beider Partheien, die Kluft, welche ſie trennt, und vielleicht ewig trennen wird! Die Elemente aller Cooperſchen Romane— Erde und Waſſer, Wald und Meer— ſind bekannt. Auf der See: ſein Pilot, ſein Red⸗Rover; in der Wildniß: ſeine Prairie, ſeine Mo⸗ hicans, ſein Spion— und ſein Conanchet. Unerſchoͤpflich wie ſein Ocean, unbegrenzt wie ſeine Urwaͤlder, immer der⸗ ſelbe und immer neu; in dieſer Dichtung aber mit kriege⸗ riſchen und friedlichen Scenen abwechſelnd, die Bilderſprache der Wilden der Bibelſprache der Puritaner entgegenſtellend, ſcheint er ſeinen Gemaͤlden die Krone aufgeſetzt zu haben. Am allergroͤßten iſt in dieſer Dichtung die Kunſt, mit wel⸗ cher er die erwachenden und ſich entwickelnden Gefuͤhle in Conanchet, Narra⸗Mattah, und ſelbſt im Idioten Wbittal entziffert. In der Ueberſetzung findet man das Orginal wieder, und in Druck und Papier die bekannte fleißige Aus⸗ ſtattung der Verlags⸗Buchhandlung.“(Berliniſche Zei⸗ tung, 1829. Nr. 261.) Lenore Vaterlaͤndiſches Schauſpiel mit Geſang in drei Abtheilungen von 3 Karl v. Holtei. (Mit Prolog und Epilog.) 8. geh. 25 Sgr. Die haͤufigen Auffuͤhrungen auf mehreren Buͤhnen Deutſchlands, und der Beifall, welchen dieſes Stuͤck, deſ⸗ ſen Stoff aus Buͤrgers ſchoͤner Ballade entlehnt iſt, er⸗ halten hat, haben es dem Publikum bereits vortheilhaft bekannt gemacht. Die Schleichhaͤndler. . Novelle von J. v. G. 8. geheftet 1 Rthlr. 5 Sgr. 1 er dieſe Erzaͤhlung, deren Scene die Karpathen und Italien ſind, heißt es in der Eleganten Zeitung 1829. Nr. 212.:„Die Fabel ſpannt die Neugier, und unterhaͤlt die Aufmerkſamkeit des Leſers. Die einzelnen Theile des Gemaͤldes ſind mit Waͤrme und Friſche ausgefuͤhrt, und ein auf das Hoͤhere im Leben gerichteter Sinn iſt uͤberall zu bemerken.“. Die Bildhauer. Roman von Karoline v. Woltmann. 2 Baͤnde. 8. geheftet 3 Rthlr. Von den ausgezeichnet guͤnſtigen Beurtheilungen, welche dieſer Roman unter andern in der Jenaiſchen Litteratur⸗ Zeitung 1829. Nr. 135. und in der Berliner Voſſiſchen Zeitung 1829. Nr. 137. erfahren hat, lautet die letztere: „Die Bildhauer“ verdienen unter der Fluth gehaltloſer, verkehrter und verderbter Romane der neueſten Zeit eine ausgezeichnete Erwaͤhnung. Der Zweck der geiſtreichen Verfaſſerin, das Poetiſche, das in Kunſt und Leben des Bildhauers liegt, fuͤr eine Dichtung zu benutzen, iſt ihr auf eine eben ſo phantaſiereiche als ungezwungene Weiſe gelungen, und ihr Werk verdient neben Wagner's aner⸗ kannte Verſuche dieſer Art geſtellt zu werden. Sie hat ernſte Studien und heitere Betrachtungen der Kunſtwelt an eine durchgehends intereſſante Erzaͤhlung geknuͤpft, und treffende Charakterzeichnungen darein verwebt. Vor allem empfehlen wir dieſes Buch den Frauen. Es gehoͤrt zu den ſeltenen Werken, welche, indem ſie die Kenntniß und Liebe der Kunſt foͤrdern, dies auf eine Weiſe thun, die dem zar⸗ teren Geſchlechte auch die kleinſte Befangenheit erſpart. Die Verleger haben es uͤbrigens ſehr geſchmackvoll aus⸗ geſtattet.“ — 7 ——; ⁵—— — —— ——— b 8* 1 * 8 4 3—. 8 3 4 “——