5 — vo Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 1 V deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur . n Leih- und LCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bucher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.—. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.—— 7 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahm e eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zuruͤckgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 9„ für wöcheutlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 1————--;———— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 f. 2 Mk.— Pf. „ 3„„„ 3„=..„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. din beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene und defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganſen verpflichtet. beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, ⸗ Eine hiſtoriſche Erzaͤhlung von Thomas Colley Grattan, Verfaſſer der„Reiſebilder“, der„Erbin von Brügge“ ꝛc. 2 Aus dem Engliſchen übertragen von K. L. Meth. Müller. BDritter Band. Berlin, 1832. Verlag von Duncker und Humblot. Erſtes Kapitel. Es war Adrian van Hemſted mit einigen andern Hoeks, welche geraden Weges zu ihrer Herrin ein⸗ drangen, mit bewaffneter Hand und ingrimmigem Herzen; wie denn die treue Anhaͤnglichkeit der Zeit ohne Foͤrmlichkeit war. Sie hatten erfahren, daß ein verdaͤchtig ausſehender Mann durch Vorzeigen des wohlbekannten Siegelringes der Graͤfin durch die Wachen gekommen ſey, und beſorgten das Aergſte fuͤr ihrer Fuͤrſtin Sicherheit, beſonders nachdem ſie durch die Scheiben der Fluͤgelthuͤr das verhaßte Zei⸗ chen von Burgund auf ſeiner Bruſt entdeckt hatten. Graͤfin Margarethe, die aus ihrem Gemache her⸗ beieilte, folgte ihnen auf dem Fuße, und unter dem Hofgefolge, welches bald inmitten des laͤrmenden Haufens war, befand ſich auch Benina Beyling. In der Verwirrung der erſten Augenblicke konnte Jacqueline nur dadurch Vrank zu retten verſuchen, III. 1 2 daß ſie ſich ſelbſt mitten unter die Wuͤthenden ſtuͤrzte, welche ihn ergriffen hatten; aber Bitten wie Befehle, ſeiner zu ſchonen, uͤbertaͤubte deren wildes Geſchrei. „Ein Burgunder! ein Kabblejaw! ein Borſe⸗ len!“ waren die Ausrufungen, als Vrank von De⸗ nen wieder erkannt wurde, welche ſeine kurze An— weſenheit auf dem Vogelſchießen zu Tergoes be⸗ merkt hatten. 3 — Nieder mit ihm! auf die Folter, auf die Folter!— waren die naͤchſten unterſcheidbaren Worte, — begrabt ihn lebendig, wie den Verraͤther Beyling! — ſchrie Einer.— Werft ihn in ein Faß mit Ei⸗ ſenſpitzen und rollt ihn durch die Straßen!— rief ein Anderer. „Auf die Folter mit ihm! zum Tode, nieder mit ihm!“ ſchrieen Alle durch einander, waͤhrend Graͤfin Margarethe mit wilder Stimme und noch wilderem Blick alle dieſe Grauſamkeiten gut hieß, und Jacqueline, von Benina unterſtuͤtzt, in ihrer muthigen Anſtrengung zwiſchen das Opfer und deſ⸗ ſen Moͤrder zu treten nicht nachließ. Vrank van Borſelen, wenn ſchon von großer Tapferkeit, der gewoͤhnlichen Tugend der Zeit, beſaß nicht die ſtolze Vermeſſenheit, welche ſich in die Ge⸗ fahr ſtuͤrzt, um ſie zu bekaͤmpfen, zuweilen ſie gluͤck⸗ · 1 32 3 lich uͤberwindet, oͤfter aber dem gewaltigen Wider— ſtande, den ſie ſelbſt hervorgerufen, erliegt. Sein Muth war ruhiger und beſonnener; ſtatt ſeine Kraͤfte in erfolgloſen Verſuchen zur Flucht zu er⸗ ſchoͤpfen, oder durch Wort oder That ſeinen Tod zu beſchleunigen, hoͤrte er ſchweigend die Schmaͤ⸗ hungen ſeiner Feinde, und unterwarf ſich ohne Wi⸗ derſtand ihren Mißhandlungen. Vielmehr ſammelte er alle ſeine Kraft, leibliche und geiſtige, eine maͤch⸗ tige Anſtrengung zur Flucht zu machen, falls ſich ein guͤnſtiger Augenblick zeigte, oder zu wuͤrdiger Ergebung in ſein Schickſal, welches es auch ſeyn moͤchte. Daß das Letztere ſchnell und furchtbar ſich entſcheiden wuͤrde, ſchien wenig zweifelhaft. „Fort mit ihm, aus meinen Augen!“ rief Graͤfin Margarethe.„Laßt ihn draußen ſterben! Endet ſein Leben mit Einem Streich!“ Ein Schrei der Wuth antwortete dem wilden Befehl; Vrank ward durch die Fluͤgelthuͤr hinaus⸗ geſchleppt, trotz ſeines Widerſtandes, welchen er, durchſchauert von der Naͤhe des Todes, mit krampf⸗ hafter Anſtrengung leiſtete. Er fuͤhlte, wie ſeine Wangen kaͤlter wurden, wie das Blut am Her⸗ zen gerinne. Aber mit der Farbe ſeiner Wangen verlor er nicht die Beſonnenheit ſeines Kopfes, denn 1* bebte auch die Natur vor dem Tode, mußte ſie doch der Kraft des Geiſtes gehorchen. Sein letzter Blick, als ſie ihn fortriſſen, fiel auf Jacqueline, die vöon ihrer Mutter zuruͤckgehalten wurde, und in dem qualvollen Ausdruck ihrer bleichen Zuͤge, vom Glanze der Fackeln erhellt, welche jetzt in großer Menge herbeigebracht worden waren, las er ein, mitleidiges Lebewohl tiefer Theilnahme, welches das furchtbare Todesurtheil, wenn nicht zuruͤckrief, doch milderte. Als er uͤber die Schwelle geſchleppt war, und der Letzte des Haufens die Glasthuͤren zuge⸗ worfen, wurden mehrere Schwerter gezuͤckt; er ſah ſie blitzen, als ſie gegen einander ſchwirrten, ihn zu durchbohren. In dieſem Augenblick, wo Leben und Tod an einem Haare hing, betritt Ludwig van Mon⸗ foort, von dem Getuͤmmel herbeigerufen, den Platz, bricht ſich Bahn durch den Haufen, wirft ſeine brei⸗ ten Schultern vor den zum Tode Beſtimmten, wel⸗ chen er augenblicklich erkannt hatte, und faͤngt mit ſeiner gepanzerten Bruſt den Stoß mehr als Einer Klinge auf, welche ohne dieſes vorgeſchobene Boll⸗ werk Vrank fuͤr immer niedergeſtreckt haͤtten. „Was ſoll das?“ ſchrie der unerſchrockene Herr von Urk.„Mord auf der Schwelle der Fuͤrſtin! hoͤrt Ihr nicht ihren Ruf, zu ſchonen! Zuruͤck, zu⸗ ruͤck! Seht, wie ſie herbeieilt, ihn zu retten!“ Und wirklich erſchien Jacqueline in dieſem Augenblicke, den Moͤrdern laut zurufend, und ſich aus den Ar⸗ men ihrer Mutter windend, welche ſich vergebens bemuͤhte, ſie zuruͤckzuhalten, indeß Benina Beyling, ihr treuer Beiſtand, die Fluͤgelthuͤr aufriß, damit ſie in den Garten gelangen koͤnnte. Die ſtutzigen, aber noch immer wuͤthenden Hoeks wandten ſich ei⸗ nen Augenblick hin nach der durchdringenden Stimme ihrer Gebieterin, und Vrank war nicht der Mann, einen ſolchen Augenblick ohne einen verzweifelten Rettungsverſuch voruͤberzulaſſen. Er warf ſeinen Blick auf eine der langen, aber leicht zu handha⸗ benden Hellebarden, mit denen ſich die Wachen bei ih⸗ rem Dienſt im Schloſſe verſahen. Sie war gegen die Mauer gelehnt. Durch einen raſchen Sprung ſich von dem Einen losreißend, der ihn allein noch am Kra⸗ gen ſeines Mantels feſthielt— denn die Anderen hatten losgelaſſen, als ſie ſich anſchickten, ihn zu toͤdten— ſtuͤrzt er ſich auf die Waffe, mehr zur Erleichterung der Flucht, als zur Vertheidigung, ſchwingt ſie in gewaltigen Kreiſen um ſich herum, wirft Mehrere nieder, und haͤlt ſich die Uebrigen ſo weit vom Leibe, daß ihn keine Klinge erreichen kann. Die Verwirrung und den Vorſprung benutzend, 6—— wendet er ſich von dem Schloßgebaͤude abwaͤrts, und biegt mit aller Jugendkraft in fluͤchtiger Eil — denn es gilt den Wettlauf um das Leben— in einen der Hauptgaͤnge des Gartens ein. Er wird aber auf dem Fuße verfolgt; ehe er viel Raum gewinnen kann, hoͤrt er die lauten Tritte ſeiner Feinde dicht hinter ſich. Mit kuͤhnem Blick den Abſtand meſſend, wendet er ſich ploͤtzlich, ſteht, und empfaͤngt den erſten ſeiner Verfolger mit vor⸗ geſtreckter Hellebarde, reißt ſchnell das Eiſen aus dem Koͤrper des Gefallenen und wendet ſich wie⸗ derum zur Flucht. Durch den augenblicklichen Halt hatte er Athem gewonnen. Ass er weiter lief, ſchlu⸗ gen zwei oder drei Kugeln aus ſchweren Hakenbuͤch⸗ ſen, mit geringer Ausſicht zu treffen, durch die Zweige der Baͤume neben ihm oder hinter ſeinen Fußtritten in die Erde. Aber es harrte ſeiner noch eine groͤ⸗ ßere Gefahr als er auf einen Gang von phanta— ſtiſchen Stechpalmen beſchattet ſtieß, welcher die Hauptallee kreuzte, und vor dem er durchaus vor⸗ bei mußte, wenn er das Gartenthor erreichen wollte. Vor demſelben ſah er, zwar noch dunkel, eine Schild⸗ wacht ſtehn, bereit Widerſtand zu leiſten, weil ihm laut zugerufen wurde: der entdeckte Kabblejaw wolle dort hinausfliehen. Vrank ſchickte ſich an, dieſem 7 Hinderniß zu begegnen; einem eiligen Schuß aus der plumpen Waffe eines Hackenſchuͤtzen glaubte er wohl ſtehen zu koͤnnen; aber ein Schauer durchrie⸗ ſelte ihn, als er gewahrte, daß Einige ſeiner Ver⸗ folger, von Hemſted gefuͤhrt, ihm bei jenen Stech⸗ palmen den Weg abgeſchnitten, und nun mit ge⸗ zuckten Schwertern auf ihn losſtuͤrzten. Noch einmal wendet er ſich ſchnellen Laufes ſchraͤg abwaͤrts von der Richtung, die er bisher verfolgt hatte, gerade zu gegen eine Mauer, die, volle zehn Fuß hoch, den Gang begraͤnzte, welchen er hinabeilen wollte. Seine fluͤchtige Haſt wird immer verzweifelter, denn er ſieht die Geſtalten ſeiner Feinde in verſchiedenen Richtungen durch die Buͤſche ſchim⸗ mern. Lautes Keuchen dicht hinter ihm ſchlaͤgt an ſein Ohr; er glaubt das Wehen des heißen Athems auf ſeinem Nacken zu fuͤhlen. Ein Schwerthieb ſtreift ihn quer uͤber die Schulter, ein neues Zeichen der fuͤrchterlichen Naͤhe, und den Augenblick darauf fuͤhlt ſich Vrank durch einen gewaltigen Griff am Man⸗ tel gepackt, der ihn ſo heftig zuruͤckreißt, daß ſein Hinterkopf mit dem Geſicht ſeines Verfolgers droͤh⸗ nend zuſammenſtoͤßt. Neue Hoffnung fuͤr Vrank. Van Hemſted,— denn er war es, deſſen junge Schen⸗ kel, durch toͤdtlichen Haß geſtaͤhlt, den Fluͤchtigen erreicht hatten,— ſtand einen Augenblick durch den Stoß betaͤubt, und konnte ſeine Waffe nicht gebrau⸗ chen. Vrank, dem dieſer Vortheil nicht entgeht, be⸗ nutzt ihn nicht, aus Furcht, ihn zu weit zu verfol⸗ gen. Schnell laͤßt er den Mantel fahren, den van Hemſted's eingekrallte Finger nicht losgelaſſen, und ſtuͤrzt mit ſolcher Haſt weiter, daß Jener ein Paar Schritte zuruͤcktaumelt, und bevor er das Gleichge⸗ wicht wieder gewonnen, iſt Vrank an zwanzig Schritte voraus, und ſteht ſchon am Fuße der Mauer, ehe es ſeinem Verfolger moͤglich wird, ihn wieder zu erreichen. Da ſtoßen die Hoeks ein Triumphgeſchrei aus; ſie meinen: jetzt ſey ihm die Flucht abgeſchnitten, Furcht habe ihm die Beſinnung geraubt, ihn in ihre Haͤnde geliefert. Doch Vrank, wohl kundig der Uebungen, welche am Hofe von Burgund als ver⸗ gnuͤgliches Spiel getrieben wurden, ſtoͤßt das Eiſen der Hellebarde, die er zu dieſem Endzweck mitge⸗ 3 nonnnen, in die Erde, und geſtuͤtzt auf den ſtarken und doch biegſamen Schaft, ſchwingt er ſich auf, erreicht in gewandtem Sprunge die Hoͤhe des Wal— les, wirft die Waffe zuruͤck und verſchwindet hinter der Mauer. Im Augenblick darauf verkuͤndet ein klatſchender Schall, daß er ſanft und unbeſchaͤdigt 9 in den Waſſergraben gefallen ſey, welcher den Gar⸗* ten an der Außenſeite umgab. Die getaͤuſchten Hoeks, groͤßtentheils ſchwer⸗ faͤllige Hollaͤnder und mit Uebungen dieſer Art un⸗ bekannt, ſtaunten mit weit geoͤffnetem Munde, wie Vermummte in den Pantomimen uͤber einen Harle⸗ kinsſprung. Aber ihr blutduͤrſtiger Sinn weckte ſie bald aus ihrer Betaͤubung, und ſie eilten zu allen Pforten des Gartens hinaus, um den wieder zu fangen, den ſie halb zerſchmettert draußen zu finden hofften. Darin fanden ſie ſich indeß arg betrogen. Vrank war unbeſchaͤdigt durch den Graben geſchwom⸗ men, hatte durch die Dunkelheit beguͤnſtigt ſeine Flucht eiligſt fortgeſetzt, und ſchon einen voͤllig ſichern Schlupf⸗ winkel erreicht. Wir wollen uns nicht vergebens bemuͤhen, Jac⸗ quelinens Freude zu ſchildern, als ſie die einzelnen Umſtaͤnde dieſer Flucht erfuhr, auch van Monfoort's Selbſtzufriedenheit nicht, daß er das Mittel gewe⸗ ſen, Den zu retten, den die Lage der Dinge zwar zu ſeinem Feind machte, den er ſich aber zum Freunde auserſehen; auch nicht Margarethens Zorn und van Hemſted's und ſeiner Bundesbruͤder Wuth. Doch die Eindruͤcke, welche die verſchiedenen Leidenſchaf⸗ 1* v 10 ten von dieſem Vorfall aufgeregt hinterlaſſen hatten, wurden bald, mit einer Ausnahme indeß, durch ein groͤßeres Ereigniß verwiſcht. Es war dieß Philipp's Ankunft in der Naͤhe von Amersfort mit einer großen und, wie man glaubte, unwiderſtehlichen Angriffsmacht. Waͤhrend die daraus entſtehende Aufregung jeden geringern Gegenſtand vergeſſen ließ, war dieß doch bei Jac⸗ quelinen nicht der Fall, welche eben jene Ausnahme macht, auf die wir hingedeutet. Sie ſchien keines neuern Eindrucks faͤhig, als deſſen, welcher vor Kur⸗ zem ihr innerſtes Selbſt erſchuͤttert hatte. Tag fuͤr Tag, welche nach Brank's merkwuͤrdigem Beſuch verfloſſen, gewann das Fieber, mit welchem ſie kaͤmpfte, neuen Boden, bis ſie endlich auf ein Siech⸗ bett ſank, toͤdtlich gepeinigt durch die ſich vergroͤ⸗ ßernde Kluft zwiſchen ihren geiſtigen und koͤrperli⸗ chen Gefuͤhlen, und die Schwaͤche der Natur ver⸗ wuͤnſchend, welche den ſtaͤrkſten Geiſt unter koͤrper⸗ liche Aufregung beugt, obgleich dieſe urſpruͤnglich von jenem herkommt. Zwei oder drei Wochen lang, wel⸗ che uͤber Kriegsereigniſſen hingingen, die nicht unmit⸗ telbar unter den Mauern von Amersfort vorfielen, lag Jacqueline ohne andere Huͤlfe, als die nur hem⸗ 11 mende ſelcher aͤrztlichen Unkunde, wie ſie der Platz darbot; zuweilen gefuͤhllos fuͤr Alles, was geſchah, zuweilen auf's Hoͤchſte auf Ereigniſſe geſpannt, an welchen theilzunehmen ſie ſich ſehnte, und als deren Opfer zu fallen nicht ſelten ihr Wunſch war. Doch wenn auch Jacqueline nicht perſoͤnlich an dieſen Begebenheiten Antheil nehmen konnte, war ſie doch die Seele aller derſelben. Van Monfoort be⸗ fehligte den Platz, da van Hemſted mit Verſtaͤrkun⸗ gen ausgezogen war, um ſich mit ſeinem Bruder zu vereinigen, dem Haupte der Hoeks, die bereits in Verbindung mit den Engliſchen Truppen auf Zee⸗ land ſtanden. Der brave Ludwig von Urk ſtrafte ſeinen Ruf in den pruͤfungsvollen Ereigniſſen ſeines Oberbefehls nicht Luͤgen. Die Quelle, aus der alle ſeine Hand— lungen floſſen, war Ergebenheit gegen ſeine Gebie— terin, worin eingewurzelter Haß gegen Philipp und die Kabblejawſche Partei ihn nur beſtaͤrken konnte. Man erwartete anfangs keinen Angriff auf Amers⸗ fort ſelbſt, ſondern vermuthete, daß es der Her⸗ zog liegen laſſen wuͤrde; aber die Hoffnung, den Platz durch einen Handſtreich zu nehmen, und Jac⸗ quelinens Perſon auf dieſe Weiſe in ſeine Ge⸗ 12— walt zu bekommen, verleitete dieſen zu einem An⸗ griff, welchen ſeine beſſere Einſicht ihm widerrathen mußte. Europa kannte zu jener Zeit das große Ge⸗ heimniß der Vertheidigung noch nicht: daß aufge⸗ riſſene und loſe auf einander gehaͤufte Pflaſterſteine beſſer ſeyen, als Waͤlle von Stein und Moͤrtel; daß Dach⸗ und Kellerfenſter dieſelben Dienſte leiſten, als Schießſcharten und Kaſematten; daß die Thore weit aufſperren und den Feind einlaſſen, die beſte Art ſey, ihn zur Aufhebung der Belagerung zu zwingen. Es ſteht zu hoffen, daß das kommende Jahrhundert alle Feſtungswerke zerſtoͤrt ſehen wird, und die un⸗ geheuren Koſten ihrer Erbauung und Erhaltung zum Wohle des Volks angewendet, welches ſehr gut je— des Haus in eine Zitadelle, jede Straße zu einem Siegesfelde umzuwandeln verſteht. Doch kannten auch die Bewohner Amersfort's im funfzehnten Jahrhundert die Begeiſterung der Bar⸗ rikaden nicht, ſo entwickelten ſie doch jene Tapfer⸗ keit, die bei ſo vielen auf einander folgenden Gele⸗ genheiten Holland zum klaſſiſchen Lande einer Fe⸗ ſtungsvertheidigung, welche auch den verzweifeltſten Anſtrengungen der Belagerer trotzt, gemacht hat; 2 13 und Amersfort gab damals ein eben ſo ruhmwuͤr⸗ diges Beiſpiel, als es Philipp des Guten Despo⸗ tismus und Ungerechtigkeit von ſich abwehrte, als Leiden oder Harlem im folgenden Jahrhundert, da ſie der Spaniſchen Tyrannei gluͤcklich widerſtanden. Das große Prinzip der Freiheit und der Rechte des Volkes ſtand jetzt der Anmaßung fuͤrſt⸗ licher Gewalt entgegen, und dieſe nicht umſonſt ge— machte Anſtrengung der Hoeks unter Jacquelinen, ihrem erwaͤhlten Oberhaupte, iſt eine folgenreiche Begebenheit in dem langen Kampfe der Hollaͤndi⸗ ſchen und Flandriſchen Staͤdte gegen die Herzoge, Grafen und den uͤbrigen Adel, die ihn abwechſelnd von Frankreich aus angriffen;— ein Ringen, das als vollkommen ausgebildeter Typus des großen Strei⸗ tes zwiſchen Freiheit und Lehnsweſen gelten kann. Wir haben vorgegriffen, daß Amersfort die Bela⸗ gerung aushielt, was wir, hinge das Intereſſe un⸗ ſerer Erzaͤhlung an dieſem Ausgange, nicht gethan haben wuͤrden, ſondern uns lieber den Dank ſolcher Leſer verdient hätten, deren aufgeregte Neugier nach den Einzelnheiten eines zweifelhaften Ereigniſſes ver⸗ langt. Aber unſere Heldin ſpielte in dieſen Kriegs⸗ ſcenen keine Rolle, und wir muͤſſen ſchnell daruͤber 14 wegeilen, um zu anderen zu kommen, in die ihr Schickſal tiefer verwickelt iſt. Philipp hatte erwartet, daß Amersfort bald unter ſeinem Angriff fallen wuͤrde, und er machte ihn mit der Lebendigkeit und Kraft, welche alle ſeine kriegeriſchen Unternehmungen charakteriſirt. Der Wi⸗ derſtand war der vertheidigten Sache und des Fein⸗ des wuͤrdig. Die Geſchichte gedenkt keines aͤhnli⸗ chen Beiſpiels ſo hartnaͤckiger Tapferkeit. Die Hol⸗ laͤnder waren damals bei allen Vorfaͤllen eben ſo bereit, fuͤr ihre Privilegien zu ſterben, als in ſpaͤte⸗ ren Zeiten, zu beweiſen, welchen Werth ſie auf die Freiheit legten, die eine Zeit lang verloren, aber ruhmreich wiedergewonnen, und in allen nachheri⸗ gen Stuͤrmen ihrer Geſchichte der Grundzug des Volkscharakters iſt. Philipp ſah ſich nicht allein durch die gewoͤhnlichen Vertheidigungsmittel bekaͤmpft, ſondern durch die außerordentlichſten Anſtrengungen, welche nur die aͤußerſte Entſchloſſenheit an die Hand geben konnte. Den Namen ihrer angebeteten Graͤ⸗ fin anrufend, Gebete fuͤr ihre Geneſung und Ver⸗ wuͤnſchungen der Feinde zum Himmel emporſendend, kaͤmpften ſelbſt die Frauen von Amersfort auf den Waͤllen. Waͤhrend die Krieger fochten, lagen die 15 Prieſter auf den Knieen; waͤhrend hier Weihrauch in Fuͤlle angezuͤndet wird, fließt draußen brennen⸗ des Oel, erhitztes Pech, ſiedendes Waſſer von den Mauern; Himmel und Erde ſollten den Belagerten gleichmaͤßig Huͤlfe bringen. Der Erfolg ihrer Anſtrengungen war ein voll⸗ ſtaͤndiger Triumph. Philipp mußte nach wiederhol⸗ ten Angriffen, nachdem er ſich ſelbſt drohender Ge⸗ fahr ausgeſetzt, nach perſoͤnlichem Kampf in den Graͤben des Platzes, mit bedeutendem Verluſt die Belagerung aufheben, und mit dem ganzen Heere abziehen. Er hatte groͤßere Unternehmungen im Ge⸗ ſicht, und gab dieſe vielleicht um ſo leichter auf; doch war er auch niemals ſo hartnaͤckig und hals⸗ ſtarrig, ſeine Soldaten vergebens hinzuopfern und ſeine Krone daran zu ſetzen, wie ſein beruͤhmter Sohn Karl der Kuͤhne, der damals noch nicht ge⸗ boren war. Des Letzteren tolles, uͤbereiltes Begin⸗ nen ſteht im ſchlagendſten Gegenſatz mit Philipp's langer Folge von Siegen, unter welchen dieſer un⸗ erhebliche Unfall eine faſt allein ſtehende Ausnahme bildet. Der gluͤckliche Erfolg ihres Widerſtandes erhob die Hoffnungen der Hoekſchen Partei auf einen uͤber 16 die Maaßen hohen Gipfel, aber es fehlte ihnen der richtige Maaßſtab fuͤr Philipp's Gewandtheit, den Wechſelfaͤllen des Krieges zu begegnen. Dieſer war entſchloſſen, ſein letztes Ungluͤck durch eine Entwicke⸗ lung ſeiner ganzen Kraft auszugleichen, und ruͤckte ſogleich, ſeinem uͤberdachten Plane zufolge, mit der Armee vor, in der Ausſicht, in einem neuen Siege Erſatz fuͤr dieſe Niederlage zu finden. Zweites Kapitel. Ein neues Jahr hatte begonnen, und der Morgen des St. Poncianstages, der 13te Januar 1426, daͤmmerte uͤber der Erde. Der Schnee lag hoch auf den niedrigen Kuͤſten Zeelands, alle Fluͤſſe wa⸗ ren von der Quelle bis zur Muͤndung mit Eis be⸗ legt. Der Winter war hart, und die Engliſchen Truppen in ihren Kantonnirungen auf der Inſel Schowen waren ſeiner ganzen Strenge ausgeſetzt. Sie erwarteten ungeduldig die Annaͤherung des an⸗ gekuͤndigten Feindes, welche ihrer Unthaͤtigkeit— das unertraͤglichſte aller Uebel des Kriegsmannes— ein Ende machen ſollte. Huͤtten und Fiſcherwoh⸗ nungen auf der Kuͤſte um die kleine Stadt Brou⸗ wershaven herum waren von Lord Fitzwalter's Sol⸗ daten eingenommen. Er ſelbſt hatte ſein Haupt⸗ quartier in einem der anſehnlichſten Haͤuſer dieſer kleinen Inſelhauptſtadt aufgeſchlagen, und da die 18 engen Wohnungen der Nachbarſchaft nur wenige ſeiner Gefaͤhrten beherbergen konnten, ſo waren an den am meiſten geſchuͤtzten Stellen der Kuͤſte rohe Baraken von Holz, Leinwand und Segeltuch errich⸗ tet, die aber den armen Wichten, welche der Strenge des Winters, wie den Gefahren des Krieges, zu trotzen hatten, nur ſehr unvollkommene Bequemlich⸗ keiten darboten. 4 Der aͤußerſte Poſten der gewoͤhnlichen Nacht⸗ beiwacht, auf der nordweſtlichſten Landſpitze von Brouwershaven, hatte vierzehn erbaͤrmliche Stun⸗ den der Kaͤlte und Dunkelheit im Wachtzelt zuge⸗ bracht. Er beſtand aus einem Sergeanten, zwei Korporalen und einem Dutzend Gemeinen, handfe⸗ ſten Englaͤndern aus Fitzwalter's eignem Schuͤtzen⸗ regiment. Sie hatten die Nacht vollbracht, ſo gut ſie konnten, der Reihe nach jede halbe Stunde die eine Schildwacht abloͤſend, welche hart an der Kuͤſte ſtand; und trotz aller Anſtrengung, ſich vor der Kaͤlte zu ſchuͤtzen, war jeder, wenn die Reihe an ihn ge⸗ kommen, faſt erſtarrt und erfroren. Die im Zelt waren wenig beſſer daran, als der, welcher auf dem tiefen Schnee laͤngs dem Geſtade knarrend hin und her ſchritt; denn obgleich ſie ſich dicht um die kupferne Waͤrmpfanne voll gluͤhender Steinkohlen mitten im 19 Zelte draͤngten, oder von Zeit zu Zeit ihre in Maͤn⸗ tel gehuͤllten Geſtalten in das Stroh vergruben, wo⸗ mit der Boden hoch bedeckt war, ſo blies doch der Wind ſcharf durch die leinene Wand, und die Erd⸗ duͤnſte drangen durch die Binſenmatten, welche unter dem Stroh lagen. Sergeant Thorlsby war derjenige von dem gan⸗ zen Haufen, welcher am wenigſten der Ruhe genoß, denn die Verantwortung, welche auf dem Befehli⸗ genden lag, forderte von ihm, daß er beſtaͤndig mun— ter blieb, und der Veteran, dem die Gefahren, welche Nachlaͤſſigkeit herbeifuͤhrt, aus verſchiedenen Feldzuͤ⸗ gen in Frankreich unter Heinrich V ſehr wohl be⸗ kannt waren, war nicht mit der ſchlaͤfrigen Erfuͤl⸗ lung ſeiner perſoͤnlichen Pflicht zufrieden, ſondern ſah auch genau auf den Dienſt der Uebrigen. Die Naſe war ihm faſt erfroren, und aus ſeinen Augen draͤngten ſich Thraͤnen: beides Folgen der ſchar⸗ fen Luft, welche jene prickelte und dieſe fortwaͤhrend blinzen ließ, weil er die Nacht uͤber mit kurzen Un⸗ terbrechungen durch die Oeffnungen des Zeltes hin⸗ ausgeblickt hatte.. „Auf, Korporal, abloͤſen!“ rief er, als der Schlag der halben Stunde von dem Kirchthurm 20 von Brouwershaven hell durch die reine Luft hin⸗ uͤbertoͤnte. — Mach' Dich fertig, Ralph Grimſton!— rief der Korporal;— die Sturmhaube auf, Ge⸗ wehr in Arm, und vorwaͤrts!— „Die Peſt uͤber alle froſtige Naͤchte und ſchlecht geflickte Leinwand!“ brummte der Gemeine, und er⸗ hob ſich von dem Strohlager;„die Kaͤlte hat mir die Beine ſo ſteif und ſtarr gemacht, als haͤtt' ich eine Stunde im Stock in St. Magnus Winkel ge⸗ ſeſſen.“ — Oh, Ralph,— ſagte ein Anderer,— das kann doch Deinen Schenkeln nicht ſehr weh gethan haben,— ſie ſind ja ſo gut bekannt mit den hoͤl⸗ zernen Struͤmpfen;— und die Uebrigen begleiteten den Witz mit lautem Gelaͤchter, daß es weithin durch die Zeltwaͤnde drang. „Heraus, Du heilloſer Grobian,“ entgegnete Nalph, ſetzte ſeine Pickelhaube zurecht und bnachte Bogen und Leibgurt in Ordnung;„die Spuren der Peitſche des Buͤttels auf Deinem Ruͤcken erroͤ⸗ then nicht ſo ſehr von der kalten Nacht, als vor Scham, Dich von Beſſeren als Du biſt, ſchlecht ſprechen zu hoͤren.“ Das Gelaͤchter, fuͤr jeden ſchlechten Witz in 21 Bereitſchaft, erſcholl jetzt auf Koſten des erſten, wel⸗ cher geſprochen. „Halt, Leute, halt!“ legte ſich des Sergean⸗ ten Thorlsby gewichtige Stimme ein:„'s iſt jetzt nicht Zeit zu Scherz und Schimpf, denn Burgund iſt in Angeſicht der Kuͤſte, und jeder Brite ſoll ſchlimme Worte und harte Streiche fuͤr den ge⸗ meinſamen Feind ſparen. Heraus mit der Abloͤſung; die Schildwacht draußen ſtreicht mit dem Dolch auf dem Panzer das Zeichen, die Wachtzeit ſey um.“ — Ralph Grimſton, heraus zur Abloͤſung!— wiederholte der Korporal, und verließ das Zelt mit dem Soldaten, an welchen jetzt die Reihe war. „Was hat's denn geſchlagen?“ fragte ein An⸗ derer, ſeine truͤben Augen reibend, die er lange ver⸗ gebens verſucht hatte, zum Schlafe zu bringen. —(S iſt ſieben Uhr, und der Morgen daͤm⸗ mert ſchon uͤber der See,— antwortete der zweite Korporal, welcher die letzten zwei Stunden die Wache gehabt. „Dann wollen wir Alle auf und uns zur Morgenmuſterung fertig machen, ſagte Sergeant Thorlsby, — Auf denn, auf mit der Sonne, brave Jun⸗ gen! wie das alte Lied ſagt,— rief Einer von der 22 Mannſchaft, ein junger Burſche, ſprang munter von dem Klotze auf, auf welchem er unbequem genug gelegen hatte, und begann ſogleich unter dem Ruͤſt⸗ zeug der Wache nach dem ſeinigen zu ſuchen. — Ja, das iſt mein Koller und Streitkolben, — ſagte er,— aber dieß iſt Deine Pike, Robert Moggs, und Stephan Bracton, Dein Dolch haͤngt bei Paul Hetherſtone's Blechhaube. Macht fort, meine Jungen, Jeder nehme ſein Zeug.— „Du biſt ein muntrer, netter Junge, Walter Baſſet. Ich wette, Du traͤgſt einen Sergeanten⸗ ſtock, ehe der Krieg aus iſt,“ meinte der alte Thorlsby in aufmunterndem Tone. — Ich will ein Paar vergoldete Sporen ver⸗ dienen, Sergeant, und thue es um nichts geringe⸗ res,— ſagte der Burſche.— „Recht ſo, Walter,“ lachte einer ſeiner Ge⸗ faͤhrten hoͤhniſch auf:„ſtolze Worte fuͤr einen un⸗ reifen Jungen, der weder Schaft noch Bolzen flie⸗ gen geſehen, noch den Schall einer brummenden Kanone oder eines Falkonets gehoͤrt hat.“ — Was verzerrſt Du Dein Maul ſo zum Grinſen, Du ſchnoͤder Geſell,— erwiederte Wal⸗ ter:— ſoll ein Knabe nicht von Ehrgeiz reden, weil's hohl davon klingt in Deinem baͤrtigen Ra⸗ — 23 chen? Waͤre jeder Schuͤtz ſo doͤſig wie Du, traͤger Sefton, koͤnnten Herzog Philipp's Hatſchiere die Bogen aus unſeren Haͤnden ſchnellen und die Hoͤr⸗ ner aus unſern Guͤrteln, ehe wir einen Pfeil fuͤr die Sache von Alt⸗England abſchießen koͤnnten.— „Denk doch, Walter,“ ſagte ein Anderer,„daß Sefton zuerſt in der Armbruſtcompagnie gedient, und das ſind bekanntlich alles Faullenzer mit ihrer ſchweren Lumpenwaffe.“ — Ich will Euch was ſagen, Kameraden,— erwiederte Sefton;— was Ihr auch gegen die Armbruſt habt, iſt ſie doch eine edle Kriegswaffe, und wird ihren Platz in England's Heeren noch be⸗ haupten, wenn unſere langen Bogen ſchon laͤngſt vergeſſen ſind. Zeigt mir den Beſten, ob er einen Schaft ſo mitten in's Ziel ſchießt, wie mit'nem Schnepper oder'nem Stecher von Holz, Stahl oder Horn. Wo bleibt der Pfeil, den wir ungewiß durch den Wind abſchießen, gegen einen eiſernen Bolzen, einen Feuerſtein, oder'ne Bleikugel, von einer gu⸗ ten Armbruſt auf ſechzig Schritte Entfernung mit⸗ ten in's Schwarze geſchoſſen. Nein, nein, meine Jungen, gebt mir des tapfern„Loͤwenherz“ gute alte Waffe, und verdammt ſey der Tag, der mich unter die Bogenſchuͤtzen brachte!— 24 „Das iſt ein jaͤmmerliches Kompliment fuͤr Deine Kameraden, Sefton,“ meinte Einer, der noch nicht geſprochen hatte;„und wenn Du nichts ſchlechteres bei Deiner Weihnachtsbeichte zu beken⸗ nen haſt, ſo wird Herr Anthony, der Pfarrer, we⸗ nig Arbeit mit Dir haben.“ — Ich meinte nicht meine Kameraden,— ant⸗ wortete Sefton,— ſondern mein Handwerk. Ich habe an Deiner Seite, guter Freund, zu oft harte Stoͤße ausgehalten, als daß ich ſchlimm von Dir oder Deinesgleichen denken ſollte.— „Gute Freundſchaft, gute Freundſchaft und gute Worte, liebe Geſellen,“ rief der Sergeant, ſtets bemuͤht, einen herzlichen Ton unter ſeinen Leu⸗ ten zu erhalten.„Wir muͤſſen nicht hart gegen Sef⸗ ton ſeyn, weil er die Waffe gefuͤhrt hat, die wir mit Recht herabſetzen, und die Koͤnig Richard den Tod brachte, den er mit Recht um ſolche verteufelte Er⸗ findung verdient hat. Aber laßt auch Niemand den langen Bogen ſchlecht machen, der drei mit Gaͤn⸗ ſekielen befiederte Pfeile ſicherer und weiter weg⸗ ſchickt, als die Armbruſt nur Einen Bolzen, wenn ihn gleich Holz und Metall treibt. Uebertrifft aber auch der lange Bogen alle anderen Waffen, wie wir es Gott ſey Dank bei Azincourt und anderswo gezeigt haben, —— 25 haben, ſo erinnert Euch, Jungen, daß die Armbruſt nichts iſt gegen die Hakenbuͤchſe an ſchnellem und ſicherm Schuß. 74 — Gut geſprochen, Gergkant,— ſchrie Sef⸗ ton, durch das Lob ſeiner Lieblingswaffe geſchmei⸗ chelt;— ich habe einen Mann von unſerm Corps gekannt, Ralph Mugglesford mit Namen, deſſen Wittwe jetzt den„Becher und Tonne“ haͤlt, dem Car⸗ meliter⸗Hospital gegenuͤber in der Fleet Street; dieſer Ralph hat in den Gefechten vor Rouen mit ſeiner Armbruſt mehr Franzoſen getoͤdtet und verwundet, als ſechs Hakenſchuͤtzen zuſammen waͤhrend der gan⸗ zen Belagerung. Und ſo wahr ich lebe, hat unſer edler Koͤnig Heinrich, Gott hab' ihn ſelig! ſo einen bekommen wir nicht wieder zu ſehen...— Die nothgedrungenen Zuhoͤrer dieſer Einleitung erſchraken bei der Ausſicht auf eine von den oft er⸗ zaͤhlten Geſchichten des umſtaͤndlichen Sefton, und der junge Baſſet, den Uebrigen zuwinkend, ſagte in ſeiner gewoͤhnlichen vorlauten Weiſe: „Ich will Euch ſagen, was Du uns da er⸗ zaͤhlen willſt: ſo wahr mein Vater ein Seidenhaͤnd⸗ ler in Eaſtcheap iſt, und Leitſeile oder grobe Dek⸗ ken moͤgen meine Kleidung fuͤr immer ſeyn, wenn ich nicht Deine lange Geſchichte von der Muggles⸗ III. 2 26 fordſchen Sippſchaft ſo gut kenne, wie mein Dolch meinen Gurt. Kannſt Du nicht was Neues er⸗ zaͤhlen, alter Burſch? Gieb uns einen Schwank von den Mummereien eines Italieniſchen Tauſend⸗ kuͤnſtlees, oder was von den Kuͤnſten und Finten eines Mohrentaͤnzers, in dieſer eiſigen Luft zum Be⸗ ſten. Oder ſoll ich Dir Meiſter Chaucer's Reime vom wackeren Bogenſchuͤtzen herſagen? Was meint Ihr, Kameraden? Ihr wißt, daß ich in Gevatter Bum⸗ ford's Schule leſen gelernt habe.”“ — Du biſt ein Gruͤnſchnabel, die ganze Kom⸗ pagnie kennt ja das Zeug,— meinte Sefton, aͤr⸗ gerlich, daß ihm ſeine Geſchichte ſo kurz abgeſchnit⸗ ten worden, und noch mehr, daß ſeines Unterbre⸗ chers Worte eine luſtige Stimmung hervorgerufen. „Sag her, ſag her!“ riefen alle Anderen. „Die langen Bogen fuͤr immer! Hurrah, hoch die netten Schuͤtzen!“ und Baſſet, ſo aufgefordert, ſetzte ſich in eine theatraliſche Stellung, ſchlug Sefton freundlich auf die Schulter, und begann: „Er war gekleidet Wamms und Hoſen gruͤn, Ein Pfeilbund mit Pfaufedern ſchmuͤckte ihn, Er trug ihn am Guͤrtel behutſam und fein, So mußte ein Wehrmann geruͤſtet ſeyn. Die Pfeile trafen nicht federleicht, 27 Vor dem maͤchtigen Bogen Mancher erbleicht. Nußbraun ſein Haar und dunkel ſein Geſicht, Des Waidwerks war er unerfahren nicht; Den Arm umgiebt ein luſt'ger Ring, Ein Schild, ein Schwert zur Linken hing; Zur Rechten thaͤt ein Dolch ihm blitzen, Geſchliffen ſcharf wie Speeres Spitzen; St. Chriſtoph trug er auf der Bruſt zur Zier, Das Horn im Gurt, gruͤn war ſein Bandelier.“ — Das iſt das Bild eines rechten luſtigen net⸗ ten Schuͤtzen, meine wackern Jungen, wie meines wuͤrdigen Gevattermannes Sefton hier, oder ſeines treuen Freundes Walter Baſſet. Komm, gieb mir Deine Hand, alter Junge, wir ſind Bruder Schuͤt⸗ zen und treue Englaͤnder zuſammen, in fremdem Land und hartem Krieg,— gieb mir Deine Hand, alter Stehfeſt!— „Ei, ei, Sefton, keinen Haß!“ ſagte Ser⸗ geant Thorlsby.„Wir wollen uns Alle in bruͤder⸗ lichem Kreiſe die Haͤnde geben; wer weiß, wie bald die Monſeurs und Mynheers unſere Freundſchaft trennen werden.“ — Ja und unſere Schaͤdel dazu,— ſagte Baſ⸗ ſet lachend, und die ganze Mannſchaft gab ſich die Haͤnde und tanzte rund um das Feuer in einem Ausbruch ſchwermuthiger Luſtigkeit, welcher bei aͤhn⸗ 2.* 28 lichen Gelegenheiten ein ſo boͤſer Vorlaͤufer von Ge⸗ fahr und Blut iſt. „Halloh, halloh, haſt'nen Geiſt geſehen?“ ſchrien zwei oder drei von den Leuten dem Kor⸗ voral zu, der jetzt mit der abgeloͤſten Schild⸗ wacht zuruͤckkehrte, als Beide ihre erſtarrten Ge⸗ ſichter in's Zelt ſteckten und den tollen Kreis an⸗ ſtaunten, der in die Runde umherſprang, indeß das Zuſammenſchlagen der Harniſche und anderen Ruͤſt⸗ zeuges ihre heiſeren Stimmen begleitete. — Nen Geiſt?— fragte der Korporal ſich ſchuͤttelnd, als er eintrat,— meiner Treu, nein; aber ich habe ein Zeichen geſehen, welches Einige von uns zu Geiſtern machen wird.— Es lag ein gewiſſer Ernſt in dieſen Worten, welcher einen feierlichen Eindruck auf die eben noch ſo luſtigen Bruͤder machte. Die wilden Spruͤnge hoͤrten auf, und Jeder horchte auf die Fortſetzung der Worte des Korporals. — Ja, Kameraden, Ihr koͤnnt aufhoͤren zu tanzen und zu beten anfangen, denn die Pechtonne auf Spruͤtzwaſſerhaupt lodert hoch auf, das Zei⸗ chen, daß feindliche Schiffe uͤber den Kanal kom⸗ men.— „Ha!“ rief der Sergeant voller Faube uͤber 29 die Nachricht, wie ein altes Streitroß bei'm Schalle der Trompeten;„an's Werk denn, wackere Herzen! heraus zur Morgenmuſterung! Aber erſt will ich Euch des edlen Lord Fitzwalter's Befehle vorleſen, denn wenn ſie auch Jeder von Euch auswendig kann, muß ich ſie Euch doch jeden Morgen wieder⸗ holen. Der Sergeant las nach einigen Vorbereitun⸗ gen mit volltoͤnender Stimme die folgende Inſtrue⸗ tion fuͤr das Regiment: „Kapitaͤn und uͤbrige Offiziere von der Kompag⸗ nie der Bogenſchuͤtzen werden dahin ſehen, daß ihre Soldaten nach ihrer Kraft und Staͤrke mit guten ſchwanken und wohlbeſtraͤngten Bogen ver⸗ ſehen, daß jeder Strang gut befeſtigt ſey, und in der Mitte mit Wachs und Kohlenſtaub fleißig eingerieben werde; dazu einige dergleichen Noth⸗ ſtraͤnge; ferner, daß jeder Mann ſeinen Koͤcher habe mit ledernem Ueberzug gegen den Regen, und in ſelbigem vier und zwanzig Pfeile, worunter acht leichte, den Feind zu reizen und zu begruͤ⸗ ßen, ehe er in die Schußweite der Hakenbuͤchſen gekommen. Jeder muß einen Bruſtharniſch oder einen Kettenpanzer haben, eine Sturmhaube, ei⸗ nen Streithammer, fuͤnf Fuß lang, eine Pike, 30 am Guͤrtel mit einem Haken befeſtigt und einen Dolch. So bewaffnet muͤſſen ſie auf Muſterun⸗ gen, Maͤrſchen, beim Angriff und beim Ruͤckzug ſtets das Geſicht dem Feind zukehren. Zuweilen ſammle man ſie in großen Haufen wie zur Schlacht, und uͤbe ſie ſo lange, bis ſie vollkommen geuͤbt ſind, denn ſolcher Maͤnner kann man in Schlach⸗ ten und Scharmuͤtzeln nicht entbehren, ſo wie keine andere Waffe mit dieſer edlen Waffengat⸗ tung zu vergleichen iſt.“ „Bedenke das wohl, Sefton, es ſind des Ge⸗ nerals eigene Worte,“ ſagte Sergeant Thorlsby, als er ſeine Vorleſung geendet, der die Schuͤtzen, vermoͤge der guten Mannszucht, in der ſie gehalten wurden, mit angeſtrengter Aufmerkſamkeit zugehoͤrt hatten, obgleich ſie ſie Wort fuͤr Wort herſagen konnten, wie ihr Paternoſter. Als der Sergeant zu Ende war, begann das Geraͤuſch ihrer Vorbe⸗ reitungen zur Muſterung ſogleich wieder, doch meinte Einer: „Guter Sergeant, die Sonne iſt noch nicht uͤber der See. Laßt uns nicht hinaus, bis wir un⸗ ſere Naſen an ihrer rothgluͤhenden Eſſe waͤrmen koͤn⸗ nen. Und unterdeß, da wir weder Sekt noch Ale auf dieſer unwirthbaren Kuͤſte haben, unſer Blut 31 ſchneller durch die Adern zu treiben, wollen wir nen Geſang verſuchen, die Kaͤlte abzuwehren. Was meint Ihr, Burſchen!“ — Ein Lied, ein Lied!— ſchrien Einige. „Komm, Baſſet,“ ſagte Einer,„Du biſt die Stimmpfeife fuͤr die ganze Kompagnie— gieb den Ton an. Du haſt Deine helle Stimme von Dei⸗ nem alten Oheim geerbt, dem ſchnuͤffelnden Unter⸗ ſaͤnger von St. Mariens Axe. Sing was paſſen⸗ des:„Der Sommer iſt angekommen,“„Roth Roͤs⸗ lein bluͤhet unter Dornen“ oder„Ja mein ja, ja mein ja,“ oder ſo einen ſanften Geſang, wie Du ſonſt immer der kleinen Cecilie von White Hart in Southwark traͤllerteſt, wenn wir zuſammen in Lord Cobham's Park zu Charing ſpaziren gingen. Komm, Burſch, ſtimm an, ſtimm an; Du kannſt ja nach Noten ſingen!“ — Das kann ſeyn, Hetherſton,— erwiederte Baſſet;— aber ich will Rattenpulver freſſen, wenn ich jetzt einen Vers ſingen kann, welchen ich ſonſt immer Cecilien vorgeſungen. Nein, nein, ich will nicht an ſie denken! Wir muͤſſen uns jetzt nicht weichmuͤthig machen, wackere Jungen! Bei den Gebeinen Koͤnig Sebba's,'s iſt keine Zeit fuͤr traurige Gedanken! Ich will Euch'nen guten Jaͤ⸗ 32 gerruf ſingen, oder ein Trinklied, Euch an's liebe England zu erinnern, und in Eure ausgekalteten Glieder neues Leben bringen.— „Hoͤrt zu, hoͤrt zu, und ſeyd ſtill mit Eurem Geraſſel und Geklapper! Ruhe! den Rundgeſang!“ ſchrien einige Stimmen durch einander, den Laͤrm vermehrend, dem Alle ein Ende machen wollten. — Aber, mein ich, Du Eiſenfreſſer Baſſet,— begann der Sergeant,— kannſt uns nicht, braver Burſch, eins von Deinen Liedern aus dem Stege⸗ reif ſingen? ſo was Treffendes und Paſſendes, daß wir in dieſer Morgenkaͤlte dem Winde in's Geſicht lachen koͤnnen? Verſuch's doch, ex tempore ein paar ſchnell fertige Reime zu machen!— „Ja, ja, ich will mein Beſtes thun ,9 fagte Baſſet,„obgleich ich zweifle, Kameraden, wenn's Herz von der Heimath und von alter Zeit voll iſt, daß die Zunge ſich recht munter tummeln kann in luſtigen Verſen aus dem Stegereif. Doch ich will Euch was ſingen, Beſſeres oder Schlechteres, nach der Weiſe von— wartet einmal—„Die Hunde ſind im Buſch, Ihr Jungen,“— es iſt ein drei⸗ ſtimmiges Liedchen,— ein Paar von Euch kennen ja die Weiſe, und muͤſſen mitſingen, wenn ich an⸗ fange.“ 33 — Ich kenne ſie,— ſagte Einer. „Ja, ja, wir ſtimmen ein,“ ſchrie ein Anderer. — Gut, gut, und daß mir nur Keiner aͤrger⸗ lich werde, liebe Geſellen, uͤber'nen Spaß dieſen Morgen, welcher das letzte Stuͤndlein fuͤr Manchen von uns ſchlagen hoͤren wird, das ſag' ich Euch, und nun, Jungen, faͤllt ein, ich will den Chor an⸗ ſtimmen.— Der junge und nicht uͤbermaͤßig gebildete Im⸗ proviſator ſang nach einer kurzen Pauſe und eini⸗ gem Nachdenken folgende Verſe, von ſeinen Kame⸗ raden, die der Gegenſtand ſeiner rohen Reime wa⸗ ren, gehoͤrig begleitet; und ihr bei jeder Strophe laut ausbrechendes Gelaͤchter zeigte, wie geneigt ſie waren, ſich luſtig zu machen, und wie leicht dies zu erreichen war. „Ein Lied halloh, ein Lied halloh! Schoͤn Gretchen geht in's Thal hinein, Zu brechen ſich ein Mispelein, Und der krauſe Schnee, Den betritt ihr Zeh, Noͤcht' wohl'ne Geſchichte erzaͤhlen. Des Sergeant's Naſe war ſchon blau, Noch eh' der Morgen daͤmmert grau, Eh' der Glocke Ton . 2** uns angekuͤndigt ſchon, Wie kalt weh' der Wind, meine Jungen. Chor. Cin Lied halloh ꝛe. Jack Sefton, der iſt ſchlaff und faul; Bob Moggs aber hat ein ſchiefes Maul; Wie Liebe'nen Kuß, Wenn ſie trennen ſich muß, So ſchluͤrft Stephan Bracton ſein Ale. Chor Ein Lied halloh ꝛc. Paul Hetherſton rennt ſeine Freunde um Und ſchmeißt ſeine Waffen uͤberall rum, Und Korporal Crump, Ein maͤchtiger Klump, Kann Hoſen und Laune ſich flicken. Chor. Ein Lied halloh ꝛc. Ralph Grimſton, welcher hat die Wacht, Nehm' wohl ſeine Naſe vor'm Froſt in Acht, Und o Jammer und Schand', Wenn ich end' meinen Sang, Hat Baſſet gemacht ſchlechte Reime. Ein Lied halloh, ein Lied halloh! Schoͤn Gretchen geht in's Tbal hinein, Zu brechen ſich ein Mispelein, und der krauſe Schnee, Den betritt ihr Zeh, Möcht' wohl'ne Geſchichte erzaͤhlen.“ 35 „Genug, genug, Kameraden! Bei St. Goͤr⸗ gen, ich bin ganz krank von meiner eigenen Thor⸗ heit! Gott helf' der armen Cecilie dieſen kalten Morgen. Vielleicht ſah ſie ein Leichenhemde im Licht letzte Nacht, oder traͤumt von einem blutigen Feld dieſen Augenblick. Sergeant, ich kann nicht mehr ſingen,— ich will mich lieber zur Schlacht fertig machen.“ — Auf denn, Ihr Jungen! heraus aufs Ufer zur Muſterung! Die Sonne iſt auf und bei'm Him⸗ mel, da brummt die Morgenkanone.— Bei dieſen Worten eilten Alle aus dem Zelt. Baſſet ſtand einen Augenblick ſtill neben dem fau⸗ len Sefton, der wie immer der Letzte war, und ſprach: „Sag', Sefton, wovon iſt Dein Amulet ge⸗ macht?“ — Von ſo etwas, was das Herz erfriſcht und die Glieder ſtaͤrkt, wenn ſonſt Ehrlichkeit in'ner. Hexe iſt;'s hemmt auch alle Schmerzen, von Stahl oder Blei verurſacht.'S iſt von geriebenem Be⸗ zoarſtein und Alkermeswaſſer.— „Und meines,“ antwortete Baſſet,„iſt reines St. Johanniskraut, von Ceciliens Finger gepfluͤckt, auf nen Freitag bei Vollmond, letzten Juli, als 36 Jupiter die Stunde regierte, und gerade in Ope⸗ ration kam. Mutter Maxton von St. Georg's Field hat mich verſichert, daß ſo ein Amulet am Beſten alle boͤſen Geiſter austreibe. Aber ich weiß nicht, wie es kommt, es liegt mir Etwas auf dem Herzen, Sefton.“ — Ei was, Trompetenſchall und Kanonendon⸗ ner wird das bald fortbringen, Walter!— „Ich denke auch; doch auf jeden Fall will ich gute Miene machen,“ meinte Baſſet, und verließ das Zelt mit ſeinem Gefaͤhrten. N7 21 Drittes Kapitel. Noch konnte die Sonnenſcheibe mit ihrem blutro⸗ then Schein nicht durch den dicken Nebel dringen, welcher die Erde bedeckte, als nicht allein die wenigen Vorpoſten, ſondern Lord Fitzwalter ſelbſt mit dem groͤßten Theil ſeiner Truppen aus ihren Quartieren waren. Er muſterte ſie in aller Eil, um ſie dem Feind entgegen zu fuͤhren, deſſen Annaͤherung eine Reihe von Signalfeuern, die laͤngs der Kuͤſte em⸗ vorloderten, verkuͤndete. Trommeln und Trompeten toͤnten durch die engen Straßen von Brouwershaven und die Kantonnirungsplaͤtze hinunter. Niemand war uͤberraſcht. Man hatte die Ankunft des Burgun⸗ diſchen Heeres lange erwartet und erſehnt, denn die Truppen waren der Unthaͤtigkeit herzlich müͤde und brannten vor Begierde, dem glorreichen Beiſpiel, welches Volk und Beſatzung von Amersfort gege⸗ ben, nachzueifern. Ungefaͤhr eine Stunde nach dem 38— 4 erſten Laͤrm ſtanden zehntauſend wohlgeruͤſtete und ſtreitluſtige Krieger in Schlachtordnung, noch in den dicken Nebel dieſes denkwuͤrdigen Morgens gehuͤllt. Der Anblick, welchen die Truppen gewaͤhrten, als ſie ihre Stellungen auf dem Schlachtfelde, wo jede Rotte ihren Platz kannte und jeder Reiterhaufe ſchon manoͤvrirt hatte, einnahmen, machte einen lebendigen, aber zugleich auch duͤſtern Eindruck. Die kalte und ſchneebedeckte Erde ſcheint nicht der paſ⸗ ſende Schauplatz fuͤr ein Schlachtfeld; weit ange⸗ meſſener ſind die gruͤnen Felder des Fruͤhlings. Der Geiſt wird unwillkuͤrlich von der Aufregung des Kampfes auf ſolchem Boden mit fortgeriſſen, wenn der Muth die junge Bruſt emporhebt, wie die Lerche ſchmetternd zum Himmelsgewoͤlbe auffliegt. Aber ein Schauer faßt das Gemuͤth, wenn es an den Zuſammenſtoß der Streitmaſſen auf einer kahlen, oͤden Ebene denkt. Die harte Erde giebt nicht nach unter dem Tritt von Menſch oder Pferd. Der Wind haͤuft den loſen Schnee hier und dort an, um die gefallenen Tapferen unter weißen, auch ſtel⸗ lenweiſe mit Blut befleckten Leichentuͤchern zu begra⸗ ben. Eine Schlacht auf ſolchem Schauplatz giebt Kunde, daß die Ehrſucht nicht hat ruhen koͤnnen, und despotiſcher Wille ſogar den Einſpruch der er⸗ 39 ſtorbenen Natur verachtet. Alles iſt aus der ge⸗ wohnten Ordnung herausgeriſſen, Nichts an ſeinem Orte, und das Herz blutet bei der Scene! Doch weder Fitzwalter noch ſeine Genoſſen hat⸗ ten Zeit oder Luſt zu dergleichen Betrachtungen. Kampf war ihr Element, und kam niemals unge⸗ legen. Sie fuͤhlten ſich jetzt als Ritter des in ei⸗ nem ſchoͤnen und tapfern Weibe verletzten Rechtes, und jede Jahreszeit galt ihnen gleich, konnten ſie nur ihre brennende Tapferkeit in den aufgeregten Strudeln der Schlacht kuͤhlen. Die Hoeks ihren Theils haͤtten, wenn es auf ſie angekommen waͤre, gern die ganze Ordnung der Natur umgeſtuͤrzt, und Winter in Sommer und Nacht in Tag verwandelt; ſie fanden Alles gut, wenn ſie nur ihre verhaßten Feinde mit der Klinge erreichen konnten. Dies war der Geiſt, welcher das kleine Heer der Verbuͤndeten beſeelte. Die Truppen ſtanden nach dem wohlbedachten Plane des erfahrenen Fitzwalter's in mehreren Li⸗ nien. Die erſte, am Ufer aufgeſtellt, beſtand aus Englaͤndern: eine Stellung, welche ſie in allen Feſt⸗ landkriegen unveraͤnderlich eingenommen haben, ſey's in Holland's Suͤmpfen oder auf Spanien's Huͤgeln, von der Schlacht von Brouwershaven bis zu der von 40 Waterloo. Doch der Anblick ihrer Schlachtordnung, als ſie ſich laͤngs der Kuͤſte ausbreitete, war un⸗ gleich belebter und mannigfacher, als man ſich ihn jetzt nach Vorbilde einer heutigen Linie in ihrer re⸗ gelmaͤßigeren, aber weit minder maleriſchen Haltung und Bewaffnung vorſtellen kann. Am meiſten zeich⸗ neten ſich die Schuͤtzenoompagnien aus, im Ganzen etwa tauſend Mann, ein bedeutender Theil des Kerns der Engliſchen Truppen. Gottfried Chau⸗ cer's Verſe, die wir im vorigen Kapitel angefuͤhrt, geben ein lebensvolles Bild eines dieſer gefeierten Krieger. Einige Hundert ſo geruͤſtet; die knappe Kleidung, wo ſie nicht das Panzerhemd bedeckt, gruͤn, die ſchimmernden Waffen, das drohende Anſehn muͤſ⸗ ſen ein herrliches Schauſpiel gegeben haben. Die Schuͤtzen waren nicht allein ausgeſuchte Leute von guter Auffuͤhrung und ſchoͤnem Aeußern, ſondern auch zu einer beſſern Klaſſe von Leuten gehoͤrig, als die, welche gewoͤhnlich die Maſſe der Armeen aus⸗ machen. Es war kein„herrenloſes Geſindel,“ keine „großprahlende Eiſenfreſſer,“ ſondern hauptſaͤchlich Buͤrger von London, Soͤhne reicher und angeſehe⸗ ner Familien, deren Aufnahme in einen Zweig des Dienſtes, deſſen Ausſtattung ſo koſtſpielig war, Geld ſowohl als Verbindungen erforderte. Auch wurden 41 die Gemeinen dieſer Waffengattung faſt uͤber den Werth beſoldet. Sie erhielten ſechs Pence den Tag, das heißt, eben ſo viel, als jetzt fuͤnf Schilling; uͤberdieß Lebensmittel, wenn ſie im Felde waren. Der hoͤhere Sold verfehlte nicht, einen entſprechen⸗ den Ton und Geiſt unter dieſen Soldaten hervor⸗ zurufen, ein Umſtand, welcher die Engliſchen Schuͤt⸗ zen zu einem der beſten Truppencorps in Europa machte. Außer dieſen zogen jetzt aus zur Schlacht Hel⸗ lebardierer, Pikeniere und Lanzentraͤger oder Gehar⸗ niſchte, welche Letztere, von Kopf zu Fuß in Stahl gehuͤllt, mit ihren rieſenhaften Geſtalten als die Kern⸗ truppen des Heeres betrachtet wurden. Geſchuͤtze von verſchiedener Benennung begleiteten Lord Fitz⸗ walter's Streitkraͤfte; einige unfoͤrmlich groß, wie dies in jenen Anfaͤngen des Geſchuͤtzweſens gewoͤhn⸗ lich war; andere von kleineren Verhaͤltniſſen; jene ungeheuer, wie die Flaͤmiſche, welche Froiſſart be⸗ ſchreibt, und welche bei'm Abfeuern ſolches Getoͤſe machten,„daß Einer haͤtte leichtlich glauben koͤnnen, alle Hoͤllenteufel haͤtten drin geſeſſen;“ dieſe, be⸗ ſchrieben von Monſtrelet, leichte Feldſchlangen, von zwei Maͤnnern fortgezogen, und von einem feſtge⸗ 42 machten Geſtell abgefeuert,— eine Art eerlitette 3 Feldſtuͤcke oder großer Doppelhaken.— Fitzwalter hatte wenig oder gar keine Reiterei bei dieſer Gelegenheit. Zwar erſetzten ſie die Hoeks, welche van Hemſted fuͤhrte, guten Theils; einige Ge⸗ ſchwader derſelben flankirten die zweite Schlachtlinie, welche aus der guten Mannſchaft von Holland und Zeeland beſtand. Die Reſerve war nicht aus den beſten Truppen zuſammengeſetzt, im Gegenſatz mit dem beſſern Syſtem der Taktik(welchem auch Fitz⸗ walter gern haͤtte folgen moͤgen, haͤtte es ihm der vorwaͤrts draͤngende Wetteifer der Kaͤmpfer nicht un⸗ moͤglich gemacht). Sie beſtand aus voͤllig ungeuͤb⸗ ten und ſchlecht bewaffneten Fiſchern und Landleu⸗ ten. Nichts deſto weniger bildete das Ganze, ge⸗ ſchickt aufgeſtellt und begierig auf den Angriff har⸗ rend, mit fliegenden Bannern und Trommeln und Trompetenſchall, eine furchtbare Schlachtordnung, um den an Zahl weit uͤberlegenen Feind zu empfan⸗ gen, der ſich nun auch ſeiner Seits auf ein langes blutiges Tagewerk vorbereitete. Ddiee verſchiedenen Waffentheile, welche Herzog Philipp's Armee bildeten, kamen ſchnell zu Geſicht. Jedes Schiff oder Boot ankerte der Reihe nach auf einer engen Rhede, und entladete ſich ſeiner leben⸗ * 43 digen Fracht von Kriegsleuten. Die Vorhut beſtand aus den vereinigten Kabblejaws von Holland und Zeeland, gefuͤhrt von Floris van Borſelen. Ihre flachen offenen Fahrzeuge trieben kraͤftige Ruderer gegen das Ufer hin, unbekuͤmmert um die ſchweren Steinkugeln, welche aus den feindlichen Stuͤcken von den Fluͤgeln der Engliſchen Stellung auf ſie abge⸗ feuert wurden. Als die Angreifer in die kleineren Boͤte ſtiegen, die bis dahin an den Transportſchif⸗ fen befeſtigt geweſen, und in das ſeichtere Waſſer kamen, wurde ein Regen oder(nach Lord Fitzwal⸗ ter's Tagesbefehh) ein Willkommen von leichten Pfei⸗ len in gleichzeitiger Salve auf das Commandowort uͤber ſie ausgeſchuͤttet. Der Feind ſaͤumte nicht, dieſen Geuß und die darauf folgenden Salven mit Hakenbuͤchſen, Arm⸗ bruͤſten und Bogen zu beantworten, indeß die groͤ⸗ ßeren Schiffe, hinten vor Anker liegend, ihre vorhin erwaͤhnten maͤchtigen Flaͤmiſchen Kanonen zur Dek⸗ kung der Landung ſo ſchnell abfeuerten, als es die unvollkommene Geſchuͤtzkunſt der Zeit zuließ. In dem vorderſten Boot der Kabblejaws rag⸗ ten zwei Geſtalten vor; die eine, in jugendlicher Schoͤne, Muth und Geiſtesgegenwart im Blick; die andere, eine wilde Erſcheinung in Haltung, Kleidung 44 und Ruͤſtung. Der erſtere trug die lichtblauen Far⸗ ben der Dienſtmannen von Schloß Eversdyke; einen Silberreif um den Arm, das rothe Kreuz von St. Andreas auf der Bruſt, ein gezogenes Schwert in der Rechten und das gruͤne Banner der Borſelen in der Linken. Der Zweite, deſſen um die Schul⸗ tern geſchlagenes Wolfsfell weder Schenkel noch Koͤr⸗ per bedeckte, trug die furchtbare Waffe, von deren Streich, als ſie den Ur zu Boden ſchmetterte, der Zevenwolden wiederhallte. Wir haben kaum noͤthig, die Namen Vrank und Ooſt dem Leſer zu nennen, der ſich der fruͤhern Scene erinnern wird. Lord Fitzwalter, der die Reihen der Englaͤnder hinabritt, und die Soldaten durch Alles, was ih⸗ nen theuer ſeyn konnte, ermunterte, konnte ſchon Vrank's Zuͤge unterſcheiden, als dieſer naͤher an's Land kam, bis zum Knie in's Waſſer ſprang und ſeines Vaters Leute zum Angriff ordnete. „Wackere Jungen,“ rief der Engliſche Befehls⸗ haber,„wenn Euch mein Ruhm und meine Ehre Etwas gilt, ſo ſchont des Ritters in dem kurzen blauen Mantel mit Silber verbraͤmt, der die gruͤne Fahne traͤgt. Ich habe ihn fuͤr mich ſelbſt aus⸗ erſehen,— er traͤgt meinen Dandſchus an ſeiner Muͤtze. 77 1 — 45 Dieſe Aufforderung an ihren ritterlichen Sinn war ein geheiligter Schild, welcher Vrank's Leben beſchuͤtzte. Pfeil auf Pfeil wurde von den Engli⸗ ſchen Schuͤtzen verſendet, und mancher Widerhaken haftete im Herzen eines Kabblejaw's; aber alle ſah man weit ab von dem jungen Krieger fliegen, welcher der erſte vorn an im Kampfe ſtand. Flo⸗ ris van Borſelen war nicht weit hinter ſeinem Sohne zuruͤckgeblieben. Er ſprang in die See mit der Kraft, wenn auch nicht mit der Gelenkigkeit der Jugend, ſobald ſein Boot auf den Sand ſtieß, und eilte vor⸗ waͤrts, dem erſten Gliede ſo nahe als moͤglich. „Halloh, Kabblejaws! Drauf, Maͤnner von Eversdyke!“ rief er, und noch manches ermunternde Wort, kaum hoͤrbar unter dem Donner des Ge⸗ ſchuͤtzes, dem Geraͤuſch des Waſſers und den Trit⸗ ten der Bewaffneten, welche die Brandung durch⸗ wateten, und dem vielfaͤltigen Kriegsruf der ver⸗ ſchiedenen Gemeinen der Kabblejawer. Eine unregelmaͤßige Linie, zwei bis drei Mann tief, war ſchon formirt, als auf Borſelen's Befehl der Angriff damit begann, daß die Gelandeten eine ungeheure Eisſcholle den glatten Strand hinauf bis mitten in die Engliſche Schützenlinie vorſchoben. Dieſe hingegen machten bei jener Bewegung ihr damals 46 gewohntes Mandͤver; das vorderſte Glied fiel auf's Knie, von tragbaren Pfaͤhlen gedeckt, welche zugleich zum Auflegen und ſichern Zielen dienten; das mitt⸗ lere Glied ſtand unbewegt, waͤhrend die Mannſchaft des dritten Jeder einen Schritt rechts trat; hier⸗ auf ließen Alle auf einmal die angezogenen Straͤnge los, und die ſchwerſten Pfeile flogen in die feindli⸗ chen Reihen. Das hinterſte Glied ſchoß durch die Zwiſchenraͤume des zweiten, und beide uͤber die Koͤpfe des erſten weg, ſo daß die ſo vereinigte Salve eine dichte Wolke befiederter Waffen bildete, welche einen dunklen Schatten auf die See warf, als ſie ſchwir⸗ rend daruͤber hinflog. Da ſank mancher tapfere Kabblejaw in die Wellen; eine neue Salve folgte und noch eine, ehe die vordringenden Pikeniere das Land gewinnen konn⸗ ten. Sie wurden erſt wuͤthend, dann ſtutzig, end⸗ lich ganz betaͤubt durch die wiederholten Salven. Aber die unbeugſame Tapferkeit der Borſelen und der anderen Anfuͤhrer der Kabbeljaws, welche un⸗ verwundet geblieben, ließ ſie nicht wanken. Die Flan⸗ driſchen Lanzentraͤger, welche die zweite Schlacht⸗ reihe bildeten und jetzt in die Boote ſtiegen, gaben der Vorhut neuen Muth, welche ohne Tadel zu 47 verdienen, bei ſolch' einem Empfang wohl geſchwankt haben koͤnnte. „Sie fliehen, ſie giehenln jauchzte Floris b van Borſelen laut auf, ſchon heiſer vom beſtaͤndigen Zu⸗ ruf:„dieſe ſtolzen Englaͤnder, dieſe beruͤhmten Schuͤt⸗ zen fliehen vor uns.* Ein Siegesgeſchrei beantwortete die truͤgeriſchen Worte des getaͤuſchten Anfuͤhrers, und er und ſeine Mannen ſtuͤrzten nach dem unheilbringenden Raume, welchen die abſichtlich weichenden Englaͤnder frei ge⸗ laſſen; der ſchon angefuͤhrten Inſtruction zufolge: „vorzugehen, zu ſchießen, zuruͤckzugehen, ſtets das Ge⸗ ſicht nach dem Feind.“ Denn ſobald die Kabbeljaws das Ufer betreten hatten, ohne Ordnung, in trun⸗ kener Siegeshoffnung, wichen die Fluͤgel der Engli⸗ ſchen Linie zuruͤck bis zum rechten Winkel mit der Mitte, welche ſtehen blieb, und in demſelben Augen⸗ blick griffen die Hoeks, welche dies Manoͤver ſchon geuͤbt hatten, von beiden Seiten den ungeordneten Feind hitzig an, indeß die Bogenſchutzen ihre ellen⸗ langen Pfeile unaufhoͤrlich abſchoſſen. Aber ſtatt eines paniſchen Schreckens entflammte der Anblick ihrer verhaßten Feinde die Kabbeljaws zum ver⸗ zweifelten Angriff. „Dank, St. Poncianus, Dank dieſem geſegneten Tage! St. Peter und Paul ſey geprieſen!“ ſchrie der alte Borſelen;„ſie kommen, ſie kommen! Jetzt, brave Kabblejaws, wenn Ihr Euer Vaterland liebt, wie Ihr die Hoeks haßt, ſeyd feſt und kuͤhn! Die Lanzen vor! Armbruͤſte geſpannt! Buͤchſentraͤger feſt! Front rechts und links! Zwei Vierecke, Ruͤcken gegen Ruͤcken! Laßt die Englaͤnder! jedes Auge, jeder Arm, jede Waffe auf die Hoeks!“ Die Befehle wurden befolgt und mit ſolcher Ordnung und Gehorſam, wie es in den Buͤrger⸗ kriegen nicht gewoͤhnlich war. Die beiden Vorſelen ſtanden neben einander in der Mitte des Vierecks zur Rechten. Uterken commandirte das andere. Die feindlichen Geſchwader, die zum Angriff heranſpreng⸗ ten, fuͤhrten die Bruͤder van Hemſted; Zheger, der aͤltere und der erſte im Befehl, brach ſchon in das Viereck ein, als es ſich kaum, ſeinen wilden Anfall auszuhalten, gebildet hatte. Die ungluͤcklichen Kab⸗ blejaw's wurden ohne Erbarmen niedergehauen oder in die See getrieben; nur ſehr wenige rettete die vorruͤckende Flandriſche Linie. Die Angreifer des Vierecks rechts waren nicht ſo gluͤcklich. Bei'm er⸗ ſten Anlauf, als der junge Hemſted Vrank von Bor⸗ ſelen erkannte und wuͤthend auf ihn losjagte, traf ihn eine toͤdtliche Kugel, aus einer Hakenbuͤchſe auf s gerathe 49 Gerathewohl abgefeuert, noch ehe er den Gegenſtand ſeines Haſſes erreichen konnte. Sein Geſchwader ſtutzt beim Fall des Fuͤhrers, und in einem ſolchen Augenblicke heißt das eben ſo viel als weichen. Von einigen der Boote, welche die Landung der Kabblejaws deckten, mit Erfolg beſchoſſen, ſchwan⸗ ken ſie und fliehen. Floris van Borſelen benutzt augenblicklich dieſen Umſtand, ruͤckt mit ſeinen Trup⸗ pen in einer tiefen Colonne vor, und nimmt, ehe die Englaͤnder, welche jetzt vollkommen mit den ſchon heranruͤckenden Flamaͤndern zu thun haben, wirkſa⸗ men Widerſtand leiſten koͤnnen, einen mit rohen Steinen eingefaßten Kirchhof in der Naͤhe von Brou⸗ wershaven in Beſitz. Das Fußvolk der Hoeks machte indeß eine Bewegung, Borſelen in ſeiner Stellung zu umzingeln, als ein Umſtand eintrat, ſo unerhoͤrt in den neueren Kriegen, als gewoͤhnlich in den Schlachten des Ritterthums. Lord Fitzwalter, der jede Bewegung vom Anfange der Schlacht wohl bemerkt hatte, verließ den Poſten, den er bis⸗ her als Feldherr eingenommen, und uͤbergab den Befehl dem Ritter, welcher zunaͤchſt im Range auf ihn folgte. Von einem ſeiner Knappen und einem einzigen Soldaten, an deſſen Lanzenſpitze eine weiße III. 3 50— Flagge wehte, begleitet, ritt er nach der Gegend, wo die Borſelen ihre Stellung genommen hatten. Bei dieſem Zeichen zur Waffenruhe hielten die Kabblejaws mit jeder Feindſeligkeit inne, ſtanden aber feſt auf dem gewonnenen Boden. Der alte Bor⸗ ſelen lachte ſeinen Leuten grimmig zu, in der Mei⸗ nung, der Engliſche Feldherr komme, ſie zur Ueber⸗ gabe aufzufordern. Aber Vrank hatte eine richti⸗ gere Ahnung von Fitzwalter's Abſicht, und for⸗ derte die Erlaubniß ſeines Vaters, ein Geſpraͤch anzuknuͤpfen. Als er ſie erhalten, eilte er vorwaͤrts, und ward ſogleich von dem ſtolzen Lord angeredet. „Herr Ritter,“ ſagte er,„wir kennen einan⸗ der, und haben einen Privatzwiſt auszumachen; ich ſchlage fuͤr eine Zeit lang einen Waffenſtillſtand fuͤr dieſen abgeſonderten Theil des Schlachtfeldes vor, damit wir unſern Handel in's Reine bringen koͤnnen.“ — Was ſagt er?— fragte Floris, der das Franzoͤſiſche nicht verſtand, in welchem Fitzwalter redete. „Er traͤgt mir einen Zwotani mit ihm and3 Erwisdert⸗ Vrank. 1. — So, ſo! Bei St. Peter und Paul, das ſollſt Du annehmen! Ein Borſelen empfing nie — 51 eine Ausforderung, die er nicht angenommen, und focht keinen Streit aus, den er nicht gewann. Zeig' dem frechen Englaͤnder, aus welchem Stoffe ein Seelaͤnder und ein Kabblejaw gemacht iſt, Vrank!— „Was meint der alte Ritter?“ fragte Fitz⸗ walter, dem das Hollaͤndiſche voͤllig fremd war. — Mein Vater ſagt,— erwiederte Vrank,— er ſey ſtolz, einen Seelaͤndiſchen Edelmann mit ei⸗ nem Engliſchen Lord ſich meſſen zu ſehen.— „Herr Ritter, ich dank' Euch fuͤr Eure Hoͤf⸗ lichkeit!“ rief der Englaͤnder, und beugte ſich gegen Heer Borſelen. — Was murmelt denn der ſchmeichelnde Sachſe, und was ſoll' mit ſeinem Gruß?— fragte der Letztere ſeinen Sohn. „Nichts, nichts; nur gewoͤhnliche Formen un⸗ ter feiner gebildeten Rittern,“ antwortete Vrank, aͤrgerlich uͤber ſeines Vaters Grobheit. — So, ſo! Solche Laffenſtreiche haſſe und verachte ich,— entgegnete Floris; doch Vrank machte aller unzeitigen Spoͤtterei ein Ende, indem er auf Fitzwalter losging, und ſich in eine vertheidigende Stellung ſetzte. Sein Gegner ſprang vom Pferde, 8 3* 52 warf den Zuͤgel ſeinem Begleiter zu, und einen Au⸗ genblick darauf kreuzten ſich ihre Klingen; indeß den beſorgten, doch erprobten Kabblejaws, als Zuſchauern des Zweikampfes, dieſe Erholung von ihrer Muͤh⸗ ſal gar nicht ungelegen war. „Eine Frage, mein Lord Fitzwalter,“ ſagte Vrank;„denn ich kenne Eure Geſtalt und Namen wohl. Ich frage auf Treu und Glauben und mit dem Biederſinn des Ritterthums: Weß iſt das Zei⸗ chen, was Ihr an Eurem Helme traget, das ich in Euer Herzblut tauchen will?“ — Im Biederſinn antwort' ich: Eures Lehns⸗ herrn, der Graͤfin Jacqueline von Holland und Hennegau, deren Sache mit dem Schwert zu ver⸗ fechten ich hier bin, gegen Euch und alle falſchen Verraͤther an ihrem Recht und ihrer Tugend!— „Was meint er jetzt?“ fragte der alte Floris aͤngſtlich, der nicht fern von ſeinem Sohne ſtand. Aber Vrank wollte die Worte nicht wiederholen, und hatte nicht Muth, andere zu erfinden.— Gott! — dachte er— ſo ſtehe ich denn ihrem erwaͤhlten Ritter gegenuͤber, ihrem Liebhaber? Er verletzte die ritterliche Treue nicht, ſprach keine Luͤge— und ſie, ehrlos und ehrvergeſſen, hat es gethan. Warum iſt mein Arm nicht geſtaͤhlt, ſtatt entnervt? Ich 53 kann hier nicht gegen ihren Ritter fechten, ſo we⸗ nig, wie gegen ſie ſelbſt zu Amersfort. So dachte Vrank, und ſtand einen Augenblick unthaͤtig. Aber Fitzwalter's ſchnelle Stoͤße und Hiebe erweckten bald ſeinen natuͤrlichen Muth wieder, und gaben ihm das Bewußtſeyn der Rolle, welche er hier ſpiele, und vor wem. Wenige waren geuͤbter im Gebrauche der Waffen als Vrank; Keiner hatte mehr Ruhe; und Fitzwalter mit all' ſeiner Tapferkeit und Ge⸗ wandtheit, mit all' ſeiner Begeiſterung fuͤr die gute Sache hatte einen wuͤrdigen Gegner gefunden. Es wurde ihm in der That auch klar, daß wenn Vrank racheduͤrſtig geweſen, er mehr als einmal ſeinen Vortheil haͤtte benutzen koͤnnen. Dieſe Wahrneh⸗ mung kuͤhlte Fitzwalter's Hitze merklich. Nach den erſten Gaͤngen wurde der Kampf auf dieſe Weiſe weniger ein leidenſchaftliches Eindringen, als eine ergetzliche Probe der Kunſt. Schon waren einige leichte Wunden ausgetauſcht; Fitzwalter hatte einen Stoß in die Wange bekommen, und Vrank hatte die Klinge des Gegners am Schenkel verletzt. Beide bluteten. Der unſerer Natur anklebende angeborne Makel, von dem auch die beſten Charaktere nicht frei ſind, wurde in beiden Kaͤmpfern lebendig, als ſie ihr Blut ſahen; ihre Heftigkeit wuchs zuſehends, 51 und der Kampf wurde verzweifelter. Da ſprengte in vollem Lauf ein Engliſcher Offizier herbei, quer uͤber die Ebene zwiſchen dem Kirchhofe und der Kuͤſte, wo die Schlacht jetzt heftiger wuͤthete denn zuvor.„Lord Fitzwalter! Feldherr! hoͤrt auf zu fechten! Steckt das Schwert in die Scheide, und zieht Euch zuruͤck!“ rief er. Die ſtolzen Kaͤmpfer wandten ſich langſam nach dieſem unwillkommenen Zuruf um, und Jener wiederholte noch einmal: „Hoͤrt auf zu fechten, und gedenkt Eures Rit⸗ terworts! Herzog Philipp iſt im Geſicht, und im Begriff, das Feld zu betreten.“ — Ha, arger, zu meinem Ungluͤck geborner Herzog!— ſchrie Fitzwalter, und ſtieß ſein Schwert in den Boden;— immer einen Augenblick zu fruͤh, mir meine Rache und meinen Ruhm zu rauben! In der Schlacht von Bauge nahm er mich gefan⸗ gen, und als Bedingung meiner Freiheit erpreßte er mir das Verſprechen, niemals zu fechten, wenn er in Perſon im Felde erſchiene. Mag Euch das genuͤgen, Sir Francon, warum ich einen Kampf unterbreche, den ich mit Huͤlfe meines Heiligen St. Georg bei der erſten Gelegenheit mit Stolz und Freude zu erneuen hoffe!— 5⁵ „Was, was ſoll das Alles, Vrank? Erklaͤr mir ſchnell, mein Kind! Deine Wunde blutet tuͤch⸗ tig,“ ſagte der Vater, der nach einer kurzen Aus⸗ legung, welche ihm ward, den gefaͤhrlichen Gegner ſeines Sohnes nicht ungern das Pferd beſteigen ſahe. Nach einigen hoͤflichen Worten, die in Be⸗ treff ihrer gegenſeitigen Wunden gewechſelt wurden, ritt Fitzwalter langſam vom Schlachtfelde fort, von ſeinem Knappen begleitet, bis er einen hoͤher lie⸗ genden Platz erreicht hatte, von wo er, ohne weiter Theil zu nehmen, Zeuge des fortgeſetzten Kampfes ſeyn konnte. Er ſchickte den Offizier zu van Hem⸗ ſted zuruͤck mit der Botſchaft, daß er das Commando niedergelegt, welches ſomit auf den tapferen aber unerfahrnen Seelaͤnder uͤberging. Dieſer ſollte nun allein das Feld behaupten gegen Philipp's militairi⸗ ſches Talent, gegen ſeiner Generale Kriegskunde; ein furchtbarer Phalanx ungleicher Ueberlegenheit wider Jacqueline und ihre Getreuen, deren Schick⸗ ſal jetzt in Erfuͤllung gehn ſollte. Die flache Carrake, welche Herzog Philipp und ſein glaͤnzendes Gefolge trug, war indeß naͤher ge⸗ rudert worden, und die Schuͤſſe, welche ſie jetzt ab⸗ feuerte, beſtaͤtigten des Englaͤnders Botſchaft von 56 der Theilnahme Philipp's am Gefecht. Doch war eine nur entfernte Wirkſamkeit ſeinem Charakter nicht angemeſſen. Der Anblick regte ihn auf, er wartete begierig, einen entſcheidenden Streich zu fuͤhren, denn noch ſtand die Schlacht ungewiß, und eben wollte er ſeiner Umgebung den Entſchluß, ſelbſt an's Land zu gehen, ankuͤndigen, als eine Schrecken erregende Erſcheinung, an der Seite des Schiffs heraufklimmend, ſich zeigte. Es war Ooſt, der Deichgraͤber, welcher, bekannt mit den wilden Wellen der Frieſiſchen Kuͤſte, und unbekummert um Gefahr und Muͤhſal, ſich freiwillig erboten hatte, zu Philipp's Schiff hinzuſchwimmen, mit dringender Begehr, Floris van Borſelen zu unterſtuͤtzen, dem, nach Fitzwalter's Entfernung, von der ganzen zwei⸗ ten Linie des verbuͤndeten Heeres, welches in weit uͤberlegener Anzahl heran ruͤckte, und jeden Aus⸗ weg abzuſchneiden drohte, hart zugeſetzt wurde. Ooſt war unbewaffnet bis auf das Jagdmeſſer, welches im Guͤrtel ſtak; als er aber ſo aus dem Waſſer tauchte, ſein Wolfsfell triefend, von ſeinen ungeheuren Schenkeln wie vom uͤbrigen Koͤrper das Waſſer in Stroͤmen herabfließend, ſah er aus wie ein maͤchtiges Meerthier, das ſein Element verlaf⸗ ſen. Selbſt die Seeleute, welche ihn wohl bemerkt 57 hatten, als er heranſchwamm, und denen er Namen und Geſchaͤft zugerufen, da er naͤher kam, ſchraken zuruͤck, als er das Deck betrat, und ſich Platz machte zu den Offizieren aus des Herzogs Gefolge, welche den Dienſt hatten. Er verlangte auf der Stelle den Herzog zu ſprechen, und es lag in des Abgeſandten wilder Eigenthuͤmlichkeit Etwas, dem ſich nicht gut widerſprechen ließ, und das ihm, auch wenn man mehr Zeit zu Foͤrmlichkeiten gehabt, ſchnell Zutritt verſchafft haben wuͤrde. Als Ooſt dem Herzoge naͤher kam, welchen ſein ſcharfer Blick auf der Stelle aus dem Haufen der Hofleute heraus fand, bemerkte er zugleich Je⸗ mand, deſſen er ſich wohl erinnerte, obgleich er an⸗ ders gekleidet war, als da er ihn fruͤher geſehen. Es war ein ziemlich wohlbeleibter Mann, aber krankhaft und faſt blau im Geſicht, von der verein⸗ ten Wirkung der Kaͤlte und Hitze, in eine ſonder⸗ bare Miſchung von geiſtlicher und kriegeriſcher Tracht gekleidet, einen Panzer auf der Bruſt, einen Helm auf dem Kopfe, einen reichgewirkten Mantel von purpurfarbener Seide auf den Schultern, nach Art eines Prieſterrocks, einen Biſchofsſtab in der einen Hand und ein reich verziertes Brevier mit 3* 58— Goldkapſeln in der andern. Ooſt erinnerte ſich dieſes Repraͤſentanten der kaͤmpfenden Kirche als derſelben Perſon, die ihn in den Zevenwolden beſchwatzt hatte, auf das Horn des Auerochſen zu verzichten, und auch unſere Leſer werden den Biſchof Zweder van Culemburg, obgleich ihn das Kapitel von Utrecht ſchon ſeit einigen Wochen dieſer Wuͤrde entſetzt, und ihn dadurch gezwungen hatte, vom Herzog von Burgund demuͤthig Verzeihung zu erflehen, wieder⸗ erkannt haben. 1 8 Wir wollen uns nicht dabei aufhalten, die Selbſtſucht, Gemeinheit und Luͤge, in der ſich Zwe⸗ der van Culemburg in der letzten Zeit bewegt hatte, ausfuͤhrlicher zu verfolgen.— Einerſeits durch ſich ſelbſt geaͤngſtigt, andererſeits durch Rudolph van Diepen⸗ holt's Freunde im Kapitel und bei der Buͤrgerſchaft von Utrecht, ſpielte er eine zwiefache Rolle von dem erſten Tage an, wo wir ihn unſern Leſern vorfuͤhr⸗ ten, was bei ſolchem Charakter nicht zu verwundern iſt. Er ſtand mitten zwiſchen beiden Parteien, ſelbſt waͤhrend Jacqueline und die Hoeks ſiegreich waren, wo ſein Einfluß, küͤhn in ihre Schale ge⸗ worfen, vielleicht fuͤr Dieſe und für ihn ſelbſt ent⸗ ſchieden gluͤckliche Reſultate herbeigeführt haben 59 moͤchte. Aber ſeine langſam ſchleichende Argliſt konnte ſich zu ſolchem Entſchluſſe nicht erheben. Wenn auch ſeine Privatſtreitigkeiten eine durchaus unguͤnſtige Wendung nahmen, ſo trug er doch dar⸗ um kein Bedenken, auch Andere zu verlaſſen, und es war um dieſe Zeit, als er dem Herzog Philipy einen Brief, die Geheimniſſe der Zevenwolder Zuſam⸗ menkunft verrathend, ſchickte, ſoweit naͤmlich Jac⸗ queline und Gloceſter darin verwickelt waren, und dieſe doppelte Treuloſigkeit entſchuldigte er mit der Rolle, die er geſpielt, welche er nur angenommen, um ſeine Verbuͤndeten zu beſtricken, und ſie der Rache des Herzogs zu uͤberliefern. Aber ſelbſt nach dieſem Schritte beſchloß er nur im Fall des entſchiedenſten Uebergewichts ſich mit dem Herzog wirklich zu ver⸗ einigen, und erſt, als er vernahm, daß Gloceſter vermaͤhlt ſeh, und Jacquelinen verlaſſen habe, und als das Volk von Utrecht ihn aus ſeinem Biſchofs⸗ ſitze vertrieben, kam er in das Lager des Angreifers, und, wie eine innere Stimme ihm ſagte, des unbe⸗ zwinglichen Eroberers. Der ſelten fehlende Scharf⸗ ſinn des Boͤſewichts wurde auch diesmal leider! genug beſtaͤtigt. Die Schlacht, welche jetzt geliefert wurde, machte dem Kriege ein verzweifeltes Ende, 60 und wir beeilen uns, ihren traurigen Ausgang zu erzaͤhlen. Als Ooſt vor den Herzog gelaſſen worden, und in kurzen Worten van Borſelens gefaͤhrliche Lage auseinandergeſetzt hatte, ſo wie ſeine Bitte um drin⸗ gende Unterſtuͤtzung, wandte ſich Philipp, unbekannt mit dem Niederdeutſchen, welches der Bote redete, an den Biſchof um Verdollmetſchung, und waͤhrend dieſer Ooſt's Worte uͤberſetzte, ſchlotterten ſeine Kniee und klapperten ſeine Zaͤhne unter dem dop⸗ pelten Einfluß, auf den wir vorhin gedeutet. Phi⸗ lipp warf indeſſen einen bedeutſamen Blick auf eine andere Perſon, die ihm eben ſo nah auf der einen Seite ſtand, als Zweder auf der anderen. Dies war Wilhelm le Begue, deſſen kalter, berechnender Kopf den Mangel an perſoͤnlicher Tapferkeit voll⸗ kommen erſetzte. Er hatte deſſenungeachtet in mehr als einer gefaͤhrlichen Lage waͤhrend des kurzen Feld⸗ zugs keinen Augenblick den Herzog verlaſſen; er ſtand ihm auch jetzt zur Seite, was ſich darbieten koͤnnte, zu ſeinem Vortheil zu benutzen, anſcheinend der uneigennuͤtzigſte Rathgeber ſeines Herrn. Bi⸗ ſchoͤfe und Miniſter unſerer Zeit ſind gluͤcklicher Weiſe von ſo gefaͤhrlichem Dienſt frei, und nicht 61 berufen, fuͤr ihren Lehnsherrn zu beten, oder ihm mit Rath beizuſtehen auf dem Schlachtfelde. Aber ſo war's Sitte in jenen Tagen. Den fragenden Blick, welchen Philipp auf Wil⸗ helm le Begue geworfen, erwiederte Dieſer mit Ach⸗ ſelzucken und einem verneinenden Kopfſchuͤtteln, wel⸗ ches— unheilbringend genug fuͤr ihn— eine vollſtaͤndige Weigerung, van Borſelen zu unterſtuͤtzen, ausdruͤckte. Philipp's Zuͤge ſchienen dies zu mißbilligen; jedoch nach wenigen Worten Berathung mit ſeinem Mi⸗ niſter eilte er nach der dem Lande zugekehrten Seite des Schiffes, indeß der Letztere, vermittelſt Zwe⸗ der's Dollmetſchung, Ooſt ſeinen Beſcheid ertheilte. Zweder uͤberſetzte dieſen ſo woͤrtlich, als ſein Ge⸗ muͤthszuſtand ihm erlaubte, doch war die Sache klar genug:„man haͤtte keine Truppen zu entbeh⸗ ren; die Borſelen moͤchten ihre Stellung bis zum letzten Hauch vertheidigen.“ — Und das iſt die Antwort fuͤr meinen edlen Herrn Floris von Eversdyke, dem Gemahle Bona's von Bolſtock, der ſchoͤnſten Blume des ganzen Frie⸗ ſiſchen Adels! So ſollen Beide, er und ſein Sohn, der ſchoͤnhaarige Juͤngling aus dem Thal von Ulſt, den die Mutter meines eigenen Kindes geſaͤugt hat, 62 ſie ſollen Beide, Beide untergehen, geopfert durch den maͤchtigen Fuͤhrer von zehn Tauſend Speeren!— Alſo brach Ooſt aus; zitternd erwiederte Jener: „Mein guter und ſehr ehrenwerther, lieber Freund, mein wuͤrdiger Ooſt, laß mich jetzt unter's Deck, fuͤr die Krieger zu beten, welche noch fechten, und die Seelen der Gefallenen und Derer, die noch fallen werden. Dieſe Steinkugeln, welche ſo un⸗ melodiſch durch die Luft pfeifen, ſind wirklich hoͤchſt unangenehm. Laß, mein wuͤrdiger, liebwertheſter Freund, meinen Mantel los, und begieb Dich noch einmal in die Wogen!“ Waͤhrend dieſer aͤngſtlich bittenden Worte, welche Zweder an den Deichgraͤber richtete, bemuͤhte er ſich vergebens, von deſſen Griffe los zu kommen. Als er zu ſprechen aufgehoͤrt, ſahe ihn Ooſt mit wilden Blicken an, welche indeſſen, verglichen mit den Blitzen, die er aus ſeinen furchtbaren Augen haͤtte ſchleudern koͤnnen noch fuͤr milde und wohl⸗ wollend gelten konnten.— — Du jaͤmmerlicher Wicht, der Du unter mei⸗ nen Händen zitterſt wie das Haͤslein, wenn es der Hund gepackt, oder ein Schaf unter den Faͤngen des Adlers; Du haſt Nichts von meiner Rache zu 63 fuͤrchten. Du biſt nur die Zunge, welche das To⸗ deswort uͤber den Tapferen ausſpricht.— „Dank Euch, Dank Euch, guter Burſch!— Bitte, laßt mich los!“ murmelte Zweder, wendete ſich dabei hin und her, um nach der Treppe, die zur Cajuͤte hinab fuͤhrte, zu gelangen; aber Ooſt faßte ſeinen Arm nur feſter, ſo daß er merkte, die Zeit der Flucht ſey noch nicht gekommen. — Still mit Deinem Geſchwaͤtz, und antworte nur, was ich Dich frage!— grollte Jener dicht an Zweder's Ohr.— Sag' mir in kurzen Worten, wer i*ſt jener weißkoͤpfige, blaßwangige, kaltherzige Alte, der, wie der Rabe, das Todesurtheil uͤber den Tapfern gekraͤchzt hat?— „O das, mein lieber Freund, iſt Wilhelm le Begue, Herr von Ligny, erſter Gouverneur Jo⸗ hann’s Herzogs von Brabant, und erſter Miniſter Seiner Hoheit, des maͤchtigen Philipp, Herzogs von Burgund.— Kann ich jetzt in mein Kaͤmmerlein gehen um zu beten, guter Ooſt?“ — Fort mit Dir!— rief Ooſt, ihn voll Ver⸗ achtung loslaſſend.— Du biſt frei; aber bei den Goͤttern Frieslands und den Heiligen Eurer Al⸗ taͤre! Du, Wilhelm le Begue und Dein Herr, Ihr 64— ſollt theuer fuͤr alles Ungluͤck bezahlen, welches uͤber Den kommt, den Ihr verlaſſet!— Bei dieſen Worten eilte der Deichgraͤber das Deck entlang, wo Niemand Muße gehabt, ſein eben erzaͤhltes Geſpraͤch mit dem vormaligen Biſchof zu beobachten. Als er bei Wilhelm le Begue vorbei⸗ kam, ſtand er einen Augenblick ſtill, und ſtarrte ihn gerade lange genug an, um ein vollſtaͤndiges Bild ſeiner Geſtalt und Zuͤge ſo tief in ſein Inneres einzugraben, daß ſie weder Zeit noch Veraͤnderung verwiſchen koͤnne. Der Gegenſtand ſeines Blickes hatte eine zu eherne, zu geuͤbte Stirn, um bei die⸗ ſer Pruͤfung irgend ein Zeichen von Verwirrung zu geben, obſchon er ihre Bedeutung in ſeinem In⸗ nerſten fuͤhlte. Einen Augenblick darauf ſchwang ſich Ooſt an einem Tau vom Vordertheil herunter, und erreichte ſchwimmend und watend das Ufer, wo noch eine Verbindung mit dem Kirchhofe offen gehalten war. Wilhelm le Begue ſah ihm eine Weile mit der ſtillen Hoffnung nach, daß irgend ein zufaͤlliger Schuß ihn zwiſchen Wind und Wel⸗ len treffen ſollte; Zweder van Culemburg, aus dem Cajutenfenſter ſchielend, betete laut: es moͤge doch eine gierige Welle dieſen hoͤchſt unangenehmen Zu⸗ 8 6⁵ wachs ſeiner Bekanntſchaft verſchlingen. Aber Ooſt erreichte unbeſchaͤdigt den Kirchhof, gerade zur rech⸗ ten Zeit, Floris van Borſelen dieſe entmuthigende Antwort zu bringen, und an dem verzweifelten Ge⸗ fecht Theil zu nehmen, welches durch den Angriff der vereinten Streitkraͤfte der Hoeks, die in hellen Haufen gegen die Kabblejaws vorgingen, ſo eben begann. —;-öö⸗⸗nn— Viertes Kapitel. „Nei, bei St. Andreas! Nichts ſoll mich ab⸗ halten!“ rief Herzog Philipp den Hofleuten zu, welche ihm abriethen, das Schiff zu verlaſſen, Ei⸗ nige aus Beſorgniß fuͤr ſeine Perſon, Andere aus Schmeichelei dieſe Beſorgniß erluͤgend, Manche viel⸗ leicht aus Ruͤckſicht fuͤr ihre Sicherheit.„Ich ſoll zuſehen, wie Sir Florival in das Meer getrieben wird! Was— wer raͤth mir ſtill zu ſitzen in ſol⸗ chem Augenblick? Das iſt kein Freund meines Ruhms und meines Namens! Soll ich dulden, daß der verwegene Gloceſter in jenen Kriegern uͤber mich triumphirt? Oder ſollen ſie von einer andren Hand vernichtet werden, als von der meinigen? Soll ich die Schande von Amersfort nicht ausloͤſchen, nicht auf einmal eingedrungene Englaͤnder und empoͤrte Hollaͤnder zermalmen? Niemand widerſpreche mehr!— Wer ſeinen Herzog liebt, der folge mir nach!“ Bei dieſen Worten ergriff er das Banner von Burgund, 67 welches hoch vom Decke herab wehte, und an der Schiffsſeite hinuntereilend, beſtieg er ſein Lieblings⸗ pferd, das unſern Leſern ſchon bekannt iſt, und jetzt bis an den Gurt im Waſſer ſtand, zitternd vor Furcht bei dem ungewohnten Auftritt, aber ſichtlich beruhigt, ſobald der fuͤrſtliche Reiter ſeinen gewohn⸗ ten Sitz eingenommen, und die Zuͤgel ergriff. Die Pferde der Ritter und der ſaͤmmtlichen Reiterei wur⸗ den in groͤßter Eil aus den Transportſchiffen ge⸗ bracht, und mehrere Hundert waren bald im Sat⸗ tel, und zum Angriff fertig. Philipp hatte ſich inzwiſchen mit einem Trupp auserleſener Ritter etwas unbedachtſam der Kuͤſte genaͤhert, ſammelte eiligſt die verſprengten Kabble⸗ jaws, beſonders die Maͤnner von Delft und Dor⸗ drecht, und ſiel uͤber van Hemſted her, waͤhrend die Flamaͤnder in großer Zahl mit den Engliſchen Schuͤtzen und anderen Truppen dieſer Nation in heftigem Gefecht waren. Dieſe verfuhren jetzt nur vertheidigungsweiſe, denn ſie waren durch die große Ueberzahl der Feinde und Lord Fitzwalter's Entfer⸗ nung vom Kampfplatze zu ſehr im Nachtheile. Phi⸗ lipp brach ſich Bahn durch die Hoeks, aber nicht ohne den Verluſt eines Montmorency, eines La Laing, eines de Brimeau und anderer ausgezeich⸗ 68 neter Offiziere. Schon hatte er die Englaͤnder er⸗ reicht, drang ſtuͤrmiſch vor, und haͤtte hier beinahe ſeine irdiſche Laufbahn geendet; denn ein geſchicktes Mandͤver, von Fitzwalter's Nachfolger angeordnet, lockte Philipp und ſeine tapferen Begleiter in die⸗ ſelbe Falle, in welche vorhin die beiden Borſelen gegangen varen. Der Herzog ſah ſich auf einmal von allen Seiten umzingelt, und kein Ausweg ſchien moͤglich, als das Leben ſo theuer als moͤglich zu ver⸗ kaufen. In dieſer aͤußerſten Gefahr eilte derſelbe Krie⸗ ger, welcher ihn einige Jahre zuvor aus einer aͤhn⸗ lichen Lage in der Schlacht bei Mons gerettet hatte, an der Spitze eines Haufens Geharniſchter aus allen vereinigten Provinzen, Burgund, Artois, Picardie, Flandern, Brabant und Holland zu ſeiner Huͤlfe herbei. Jeder wetteiferte mit dem An⸗ dern, dem Beiſpiele ihres gefuͤrchteten Fuͤhrers, Jo⸗ hann Vilain's, der Tapfere von Gent genannt, zu folgen, dem Philipp zu Hesdin ſein beſonderes Ver⸗ trauen geſchenkt hatte, wie man ſich erinnern wird. Dieſer Kaͤmpe brach jetzt unwiderſtehlich durch die Engliſchen Linien. Mit jedem Streich ſeiner Streit⸗ axt ſchmetterte er einen Feind zu Boden, und die furchtbaren Worte, die jeden ſeiner Hiebe begleite⸗ 69 ten, ſind von den vielen Beſchreibern dieſes merk⸗ wuͤrdigen Kampfes aufbewahrt worden. „Toͤdtet ſie, toͤdtet ſie!“ ſchrie Johann Vilain, als die Engliſchen Bogenſchuͤtzen, die ihre Pfeile verſchoſſen hatten, und nun mit Pike und Schwert kaͤmpfen mußten, rechts und links neben ihm in den Staub ſanken;„toͤdtet ſie, Ihr, die Ihr mir folgt, ich will genug niederwerfen, um Euch Alle zu beſchaͤftigen!“ Unter Denen, welche dieſen wilden Befehl be⸗ ſonders eifrig befolgten, zeichnete ſich der Fechtmeiſter Spalatro aus, der ſeinen Herrn heimlich in's Feld begleitet hatte, und jetzt ſeine große Geſchicklichkeit im Kehlenabſchneiden der verwundeten und betaͤub⸗ ten Engländer zeigte. Aber auf dem hoͤchſten Gip⸗ fel ſeines Ruhmes fand der Bravo auch ſein Ende. Ein Sterbender, unter ſeiner Metzelei hinſinkend, verſetzte ihm in krampfhafter Zuckung im ſelbigen Augenblick eine toͤdtliche Wunde, wo auch ihm der Tod an's Herz trat. Beide wurden zugleich unter den Hufen der Roſſe von Johann Vilain's ſiegrei⸗ chem Haufen in die Ewigkeit befoͤrdert. Die Englaͤnder erholten ſich nicht wieder von dieſem Angriff. Der Herzog, kaum aus ſeiner ge⸗ faͤhrlichen Lage geriſſen, wendete augenblicklich all 70 ſeine Kriegskunde an, die verſchiedenen Lagen des Gefechtes zu ſeinem Vortheil zu lenken; doch wurde noch hart gefochten, und der Ausgang blieb noch immer ungewiß, bis das unerwartete Vordringen eines andern Heerestheiles den Sieg der ſchlechten Sache zuwandte, und zwar durch die Schuld viel⸗ leicht des beſten Mannes, den ſein Schickſal berufen hatte, ſich auf dieſe Seite zu ſchlagen. Der vereinigte Angriff der Hoeks auf Floris van Borſelen's Abtheilung war lange fortgeſetzt, und beharrlich zuruͤckgeworfen worden. Der alte Fuͤhrer, durch Ooſr's Botſchaft zur Verzweiflung getrieben, hatte Alles aufgeboten, die Wuth ſeiner Krieger auf das Wildeſte zu entflammen, ohne jedoch weder ſie noch ſich ſo weit hinreißen zu laſſen, aus einer Stel⸗ lung zu weichen, welche ihr großer Vortheil gegen die Uebermacht der Angreifer war. Jeder Grab⸗ ſtein, jeder Huͤgel auf dem kleinen Kirchhofe diente zum Wall, der vertheidigt wurde, und mancher Kabblejaw ſiel auf der Stelle, wo ſeines Vaters Knochen moderten.— Die Maͤnner ven Eversdyke ragten weit vor an Tapferkeit unter ihren beiden Fuͤhrern. Aber ach!— bald hatten ſie nur Einen zu vertheidigen, und den Andern zu raͤchen. Floris van Borſelen 71 fiel, mit Wunden bedeckt, und als Ooſt uͤber ſeinem Leichnam ſtand— ein maͤchtiger Schild des fremden Koͤrpers, waͤhrend ſein eigener unbeſchirmt war;— als er die ungeheure Keule drohend gegen den Feind ſchwang, ergriff der ſterbende Haͤuptling mit letzter Kraft ſeines Sohnes Hand, und ſtieß wenig ge⸗ brochene Abſchiedsworte aus. „So, ſo!“ rief er krampfhaft;„ich habe den Reſt! Vrank, mein Kind! ich gehe von hier, und werde unſre Ahnen im Himmelsglanze wiederſehen. — Geprieſen ſey St. Peter und Paul!..— Deine Mutter... Vrank, ſag' dem guten Weibe, ich ſey wie ein Seelaͤndiſcher Edelmann und wackerer Kabblejaw geſtorben..— Mach' Dich auf nach Eversdyke, mein Junge.. Setz; die Burg in gu⸗ ten Stand... Laß die Kanonen reinigen... Sag' dem Herzog, ich ſey nicht gewichen, wenn ſchon er mich verlaſſen... und die Hoeks, Vrank! O! die verdammten Hoeks! Verzeih' ihnen nimmer, Vrank .. nimmer, wie Du Gnade hoffſt im Himmel... nimmer!... Und Jacqueline... Jeſabel will ich ſagen... ſie... wenn Dir des Sterbenden Segen Etwas gilt— wenn Du meinen Fluch fuͤrchteſt... ſie... niemals.. niemals.. Ah, ah!— hal— ſo, ſo!“ 72— Dank dem Himmel, er hat die Rede nicht vollendet! war der erſte Gedanke, der in Vrank van Borſelen aufſtieg, als ſeines Vaters lebloſer Koͤrper in ſeine unterſtüͤtzenden Arme ſank. War's der Zoll kindlicher Liebe, war's Naturgefuͤhl, war's ein anderer Grund? wir wiſſen's nicht; doch ſind wir geneigt, das Letztere zu glauben. Nur ſo viel: es ging ſo ſchnell voruͤber, als es entſtanden war. Nach dem erſten Schauer, daß die heiligen Worte des Sterbenden den Befehl aus⸗ geſprochen haͤtten, niemals an Die zu denken, die er ſelbſt feſt entſchloſſen war, niemals zu ſehen, wendete ſich Vrank's ganze Seele auf den erlittenen Verluſt. „O, mein edler Herr!“ klagte er, ſchmerzlich die Haͤnde ringend;„ſeyd Ihr fuͤr immer von uns gegangen? Du Vorbild hohen Sinns und Helden⸗ muthes! was muß ich thun, um mich als Deinen Sohn zu bewaͤhren? Rache, Rache, Deinem Tode! Ja, Rache, Rache!“ Das furchtbare Wort, furchtbar ausgeſprochen, wiederhallte aus jedem Munde. Ooſt bückte ſich, und hob den blutigen Koͤrper empor. Die Kabble⸗ jaws ſtarrten ihn an, und wurden faſt raſend bei dem Anblicke. Nacheduͤrſtend ſchrieen ſie: Vrank ſolle * 73 ſolle ſie fuͤhren. Er, gleich den Anderen entflammt, vergaß ſeine verwundeten Glieder, ſeine durch den Blutverluſt geſchwaͤchten Kraͤfte, warf noch einen Blick auf den Leichnam— und jetzt ſtellt er ſich an die Spitze, und in einigen Minuten iſt die ganze Maſſe jenſeits der Kirchhofsmauer in vollem An⸗ griff auf den beſtuͤrzten Feind. Nichts konnte die⸗ ſem Stoß auf die Dauer widerſtehen. Van Hem⸗ ſted ſank in den Staub, und wurde zertreten von Denen, die nicht Zeit hatten ſtillzuſtehen, und die Qualen des Verwundeten zu enden. Die fliehenden Hoeks warfen ſich auf die Engliſche Linie. Dies fehlte noch, die Niederlage der Letztern zu vollenden. Philipp, von Vilain und den anderen Hauptleuten unterſtuͤtzt, draͤngte ſie jetzt auf allen andern Punk⸗ ten ihrer Stellung, und die Milizen von Veere und Zirikzee, bis jetzt unthaͤtig geblieben, ſchlugen ſich nun zur ſiegenden Partei. Eine vollkommene Metzelei kroͤnte den Ruhm des Tages. Als die Hoeks Alles verloren ſahen, und wohl wußten, daß ſie keine Gnade zu erwar⸗ ten haͤtten, flohen ſie ſeewaͤrts, und Manchem ge⸗ lang es, nach den benachbarten Inſeln zu entkom⸗ men. Die Englaͤnder verſchmaͤhten es, zu fliehen oder um Pardon zu bitten, und wurden ſaͤmmtlich III. 4 74 niedergehauen. Nur Zweihundert waren beim Ein⸗ bruche der Nacht von dem kleinen tapferen Heere vom Morgen noch am Leben, und auch dieſe waren faſt Alle verwundet und zu Gefangenen gemacht. Als Lord Fitzwalter den Ausgang des Tages ſah, und ſich ſeiner unfreiwilligen Entfernung, als der wahren Urſache der Niederlage, wohl bewußt war, verwuͤnſchte er im Herzen die tyranniſche Ge⸗ walt der Ehre, die ihn das Commando zu verlaſſen gezwungen. Er war mehr als ein Mal auf dem Punkt, ſich unbewaffnet, wie er war, in die Maſ⸗ ſen zu ſtuͤrzen, und, ein Opfer des ritterlichen Wor⸗ tes, zu fallen. Aber ſein treuer Knappe brachte ihn von dieſem Schritt ab, indem er ihm vorſtellte, daß wenn man ſeinen Leichnam unter den Erſchla⸗ genen faͤnde, ſein Andenken niemals von dem Vor⸗ wurfe, das Rittergeluͤbde gebrochen zu haben, gerei⸗ nigt werden koͤnne. Dieſer Grund behielt die Ober⸗ hand; er ließ ſich geduldig von ihm nach einem Boote hinführen, das an der Kuͤſte wartete. Beide beſtiegen es, und waren bald in dem dicken Dunſt und Nebel, welche uͤber dem Meere hingen, ver⸗ ſchwunden. Nicht eher, als bis er tief in die Reihen der Hoeks gedrungen, und ſie gaͤnzlich aus dem Felde geſchlagen, fand Vrank Zeit oder Beſinnung, inne zu halten, und ſich nach ſeinem treuen Diener, Pfle⸗ gevater und Freunde, dem armen Ooſt, umzuſehen, der ihm, ſeitdem er an der Spitze ſeiner wuͤthenden Mannſchaft aus den Mauern des unheilbringenden Kirchhofs brach, aus den Augen gekommen war. „Auch er iſt gefallen!“ rief Vrank aus;„treu dem Geluͤbde, das er hundert Mal abgelegt, zu ſter⸗ ben fuͤr Rettung oder fuͤr Nache des Hauptes vom Hauſe Eversdyke. Wohl, wohl! Friede uͤber Dich, Du rauher und treuer Mann, unerſchrockener Kaͤm⸗ pfer, unbeſtechliches Herz! Mancher Edle und Fuͤrſt mag Dich um den Adel Deiner halbwilden Geſin⸗ nung beneiden.— Friede ſey Deiner Aſche!“ In natuͤrlicher Gedankenverbindung wandten ſich Vrank's Augen nach dem Kirchhofe, wo noch ſeines Vaters unbegrabener Leichnam lag, und eine freudige Regung durchzuckte ihn, als er ſeinen zu fruͤh betrauerten Pflegevater in einer ehrfurchtsvol⸗ len Stellung uͤber ſeinem gefallenen Lehnsherrn ſte⸗ hen ſah. Schild und Keule lagen auf dem Boden, und mit gefalteten Haͤnden und geſenktem Kopfe gab er das Bild einer frommen Trauer, ſo weit als Ungebildete ihrer nur irgend fähig ſeyn moͤgen. 4* 76 Nach einigen Momenten, in dieſer Stellung zuge⸗ bracht, knieete er wie in tiefem, inneren Gebet nie⸗ der; dann hob er ploͤtzlich den Leichnam in ſeinen Armen vom Boden auf, umarmte ihn mit fuͤrchter⸗ licher Wildheit, ſprang auf, ergriff Keule und Schild, tanzte, huͤpfte mit wahnſinnigen Geberden des Kummers und der Wuth, und vollzog die jetzt laͤngſt vergeſſenen Gebraͤuche ſeines Vaterlandes, in denen Heidniſches und Chriſtliches bunt durch ein⸗ ander gemiſcht waren. Es lag eine ſo ſtarre Ver⸗ zweiflung in Ooſt's Betragen, daß dies den Ein⸗ druck ſeines frazenhaften Aberglaubens voͤllig ver⸗ wiſchte. Nicht Einem von Denen, die auf ihn hin⸗ blickten, fiel es ein, daruͤber lachen zu koͤnnen. Al⸗ len ſchauderte bei dem wilden Schauſpiele, und ſie wandten ſich gern von dem traurigen Anblicke ab, um ihre blutige Arbeit wieder zu beginnen, von welcher ſie einige Minuten geruht hatten. Als ſich Vrank mit Philipp und deſſen Truppen vereinigt hatte, ſprach der Herzog in Gegenwart aller Hauptleute und in Worten unbegrenzten Lobes ſeine Verbindlichkeit gegen den jungen Herrn von Eversdyke aus, deſſen kuͤhner und entſchiedener Bewegung er den Erfolg des Tages zuſchrieb. Sein beſſeres Gefuͤhl hatte die Oberhand. Er beklagte aufrichtig Floris — * van Borſelen's Tod, und hatte ſich auch in dieſer Hinſicht Nichts vorzuwerfen, denn er hatte Wilhelm Le Begue ſeinen beſtimmten Willen erklaͤrt, Huͤlfe zu leiſten, und im Sinne gehabt, ſie augenblicklich zuzufuͤhren, ſobald er ſich durch Die, welche ſich ſeiner Landung widerſetzten, Bahn gebrochen ha⸗ ben wuͤrde. Die Wendung, welche der Miniſter der Antwort des Herzogs lieh, hatte ihm allein ſeine eigene ſchlechte Abſicht eingegeben, leider eines der Hauptuͤbel des Despotismus, der durch den Ka⸗ nal nicht verantwortlicher Verderbtheit ſpricht. Phi⸗ lipp ſetzte gleichwohl auch zugleich Vrank die Un⸗ moͤglichkeit auseinander, in der er ſich befunden, die verlangte Huͤlfe zu ſenden, da es ihm bei der drohenden Gefahr ſeiner Stellung ſelbſt an Macht zum nothwendigen Widerſtand gefehlt haben wuͤrde. Dabei verſprach er im Drange des aufgeregten und wohlwollenden Gefuͤhls, fuͤr welches er oft empfaͤng⸗ lich war, dem Sohne alle Ehre, alles Vertrauen, allen Einfluß, welcher dem Vater geworden waͤre, haͤtte er die ſiegreiche Entſcheidung erlebt. Auch anderen Hauptleuten wurde viel Lob, viel Gunſt geſpendet. Philipp entaͤußerte ſich aller ſeiner Ringe, Ketten und ſonſtigen Kleinodien, um ſie unter Diejenigen zu vertheilen, welche in ſeiner 78 Naͤhe gefochten, oder Bruͤder und Verwandte in der Schlacht verloren hatten. Unter den Letzteren befanden ſich Die, welche um de Beaufremont, de Mailli, de Boſſuet und Andere zu trauern hatten. Aber der in zwiefacher Hinſicht am ausgezeichnetſten daſtand, war Johann Vilain, deſſen Bruder Ha⸗ drian unter den Erſchlagenen lag, und der ſelbſt das hauptſaͤchlichſte Werkzeug zu Philipp's Rettung geweſen war. „Dir, heldenmuͤthiger und ungluͤcklicher Flan⸗ derer,“ ſprach der gnaͤdige Herzog,„Dir, der zwei Mal ſeines Fuͤrſten Leben gerettet, Dir kann er nichts ſeiner Dankbarkeit Angemeſſenes bieten. Aber trage dieſe Kette, von Stund' an Ritter des gol⸗ denen Vließes— und edelgeboren ſobald die Ver⸗ leihung des Patents der Adelswuͤrde, nach den Dienſtjahren mit den wackeren Rittern verglichen, ausgefertigt ſeyn wird. Hier auf der Stelle er⸗ nenne ich Dich zum Gouverneur unſerer ſtarken Feſte Rupelmonde, deren wohlverdientes Commando Du eiligſt zu uͤbernehmen bevollmaͤchtigt biſt. In dieſen erhebenden und draͤngenden Minuten kann ich Dir keine groͤßeren Ehrenbezeugungen verleihen!“ Philipp vernahm kaum des kuͤhnen Flamaͤnders kurze, aber gut geſtellte Antwort in dem Sieges⸗ 79 geſchrei, welches jetzt von allen Seiten empordrang. Franzoſen, Hollaͤnder, Flamaͤnder, Alles miſchte ſich in froher Verwirrung. Die ſchweren Seufzer der Verwundeten, oder die verbiſſenen Verwuͤnſchungen der wenigen Gefangenen verhallten in dem allge⸗ meinen Getoͤſe. Unter den Letzteren befand ſich auch van Hemſted. Sein Leben war durch van Borſelen's Dazwiſchenkunft gerettet worden, als ihn Leute von deſſen Mannſchaft unter den Leichenhuͤ⸗ geln aufgefunden hatten; van Borſelen's Bewachung wurde er auch jetzt beſonders anvertraut. Meh⸗ rere andere Hoeks von einiger Auszeichnung kamen in die Gewalt der Sieger; die Bluͤte ihrer ſtolzen Ritterſchaft lag auf den Feldern von Browers⸗ haven. Die Einbildungskraft hat ein weites Feld vor ſich, die Folgen der furchtbaren Kampfſcenen aus⸗ zumalen— die tobende Freude des Sieges, die wilden Begruͤßungen verſchont gebliebener Freunde, die Klagen um die Gefallenen, die geraͤuſchvolle Pflege der Verwundeten, die Mittel, den Hunger zu ſtillen, und die Anſtrengungen, endlich zur Ruhe zu kommen. Zu jener Zeit war die Mannszucht noch wenig vorgeſchritten, tumultuariſche Unordnung und Pluͤnderung die natuͤrliche Folge eines ſo voll⸗ 80 ſtaͤndigen Sieges, welcher nichts von den gehaͤuf⸗ ten Vortheilen darbot, die ſich bei raſchen Ueberfaͤl⸗ len finden laſſen. Aber noch eine andere traurige Arbeit beſchaͤftigte viele Haͤnde. Es war dies die Beſtattung der Todten; die qualvolle Pflicht, welche ſelbſt nach allen Strapazen des Gefechtes, denen ein gewoͤhnlicher Menſch wohl erliegen koͤnnte, in lebhafter Aufregung erhaͤlt. Einige Gruppen wa⸗ ren ſchon uͤber der ganzen Flaͤche damit beſchaͤf⸗ tigt, ſobald die Sonne untergegangen war, und die fruͤhen Mondesſtrahlen durch leichtes Schneegeſtoͤber brachen, deſſen durchſichtige Flocken vom Himmel herabzufallen ſchienen, um dieſen traurigen, die Erde entſtellenden Anblick zu bedecken. Unter den mit den Todten Beſchaͤftigten be⸗ fanden ſich auch die wenigen Engliſchen Gefangenen, welche wunderbarer Weiſe unverſehrt geblieben wa⸗ ren. Dieſe armen Wichte hielten es fuͤr ihre hei⸗ lige Pflicht, unter den Haufen der Erſchlagenen Je⸗ der nach ſeinen beſonderen Freunden oder erwaͤhl⸗ ten Kameraden zu ſehen, die rohen Gebraͤuche der Beſtattung an ihren Leichnamen zu verrichten, oder ihren Verwandten einige Zeichen nach England mit⸗ zunehmen, die das Gedaͤchtniß der auf dem harten Felde der Ehre Gefallenen lebendig erhielten. — — 81 Schweigen und Trauer lagen wie nakuͤrliche Spuren auf dem ganzen Schauplatze, und die Han⸗ delnden vollbrachten ihren Zweck mit dem verdroſſe⸗ nen Blick von Leuten, welchen die Welt anekelt, in der ſie einen Tag zu lang gelebt zu haben ſchienen. Aber von Allen, die in kleinen Trupps oder ganz einzeln dies truͤbſelige Geſchaͤft verrichteten, zeichnete ſich Einer durch ſeine langſame, ſchleppende Art aus, wenn er ſich auf den Spaten lehnte, und tief nachzudenken ſchien, oder auf einem todten Koͤrper ſaß, oder laͤſſige Anſtrengungen machte, ihn leicht mit Erde zu uͤberdecken. Dies war der faule Sef⸗ ton von der Bogenſchuͤtzencompagnie, Einer von der Zeltwache an dieſem verhaͤngnißvollen Morgen. Er ſah oͤfters mit verlangendem Auge um ſich herum, irgend ein lebendes Geſicht eines alten Kameraden zu entdecken: aber er fand Keinen; und wenn Ei⸗ ner ſeiner fruͤheren Gefaͤhrten durch den dunklen Schleier des Grabes haͤtte blicken koͤnnen, wuͤrde er ſchwerlich ſeinen vormaligen Kameraden in Sef⸗ ton's jetziger Geſtalt und Haltung erkannt haben. Er war aller Kennzeichen des Soldaten be⸗ raubt, Panzerhemd und Sturmhaube waren fort, eben ſo wie alles Ruͤſtzeug der Bogenſchuͤtzen. 1 4* 82 Ein grober Mantel, zweifach genommen, bedeckte ſtatt des Panzerhemds, deſſen Stahlketten immer ſo luſtig in der Sonne geglaͤnzt hatten, ſeine Bruſt, und ſtatt der blanken Sturmhaube mit rothem Fe⸗ derbuſch war ſein geſenkter kraushaariger Kopf dicht mit Schneeflocken bedeckt, wie nach Shlöeſtoes Beſchreibung der Winter die Schneeperuͤcke aufſetzt dem kahlkoͤpf'gen Wald; und ſein Geſicht war durch Schweiß, Pulbes nnd Blut ganz entſtellt. „Ja, das iſt'ne ſchlimme Welt, meine Jun⸗ gen,“brummte Sefton, als er auf den bleichen und ſtarren Haufen von Leichnamen vor ſich blickte und ſie anzureden ſchien.„Hier ſind Stoͤße und Hiebe genug, den grimmen Tod an einem Tage fuͤr ein ganzes Jahr zu ſaͤttigen. O, England, England! iſt es dahin mit dir gekommen! Deine beruͤhmten, wackeren Krieger zerhauen, zerhackt, zertreten, wie ſchnoͤde Soͤldlinge haufenweis uͤber einander geſchich⸗ tet. Geſetzt, dieſen kalten Abend kaͤme der Geiſt unſers großen Koͤnigs Richard Loͤwenherz aus dem Fegefeuer zuruͤck, und ſetzte ſich dort vor mir hin auf jenen todten Geharniſchten— was wuͤrde er ſagen? Wuͤrd' er nicht ſagen— mich ſogleich erken⸗ nend, wie ja die Geiſter alle Lebenden kennen— — — 83 Hier iſt ein Strick, ehrlicher Jack Sefton, fuͤr Alle, welche dieſe verdammten Bogen eingefuͤhrt. Hier liegen luſtige Maͤnner von Alt⸗England geſchlachtet, die All entkommen waͤren, wenn ſie deinen und mei⸗ nen Rath befolgt haͤtten. Das ſind die Fruͤchte von ſolchen ſchlechten Veraͤnderungen an der guten, alten Waffe, die ich eingefuͤhrt, und die Ihr ge⸗ braucht. Ja, Jack, haͤtte deine Linke, wie vordem, einen guten ſtaͤhlernen Lauf, oder einen von Horn gehalten, und deine Rechte einen derben, ſteifen, el⸗ lenlangen Bolzen abgedruͤckt, ſo wuͤrde der dreikan⸗ tige Burſch ſo gewiß Philipp's Stirn beſucht ha⸗ ben, wie die verdammte Spelle jenes gelben Fran⸗ zoſen meine Schulter durchbohrte— dann waͤre die Schlacht gewonnen, und Alt⸗England's Ehre geret⸗ tet geweſen, und Mancher dieſer braven Jungen wuͤrde noch luſtig auf den Beinen ſeyn, ſtatt ſich in geronnenem Blute oder Schneewaſſer zu waͤlzen, ohne auch nur einen Spaten voll Kirchhofserde auf dem entſtellten Leichnam als ſanftes Ruhekiſſen zu erhalten.—'S iſt all' gut genug fuͤr Euern koͤnigli⸗ chen Geiſt, wuͤrde ich dann ſprechen; Alles gut, und ſo ſchlimm, als gut, aber was kann Jack Sefton thun? Was meint Eure Geiſtigkeit? So wahr ich ein Chriſt von Fleiſch und Blut bin— 84 8 mit aller Achtung fuͤr Eurer Hoheit Schatten— ich wuͤrde den ſchlanken Pfeil auf fuͤnf Ruthen Ent⸗ fernung, ſo gerade als das Auge zielen kann, und ſo ſtaͤtig, als der Arm abſchnellen kann, auf Her⸗ zog Philipp's Geſicht abgedruͤckt haben. Doch was kann man von einem Pfeil mit Gaͤnſekielen erwar⸗ ten, der, verglichen mit einem Armbruſtbolzen, einem Falken gleicht, welcher die Taube rupft, waͤhrend der koͤnigliche Adler die Faͤnge in des Rebhuhns Bruſt ſenkt. Nein, nein,'s iſt kein Heil mehr fuͤr Eng⸗ land, und es wird noch zum Teufel gehen, wenn der Ausſchlag der Schlachten von den Bogen ab⸗ haͤngt. Aber,“ fuhr Sefton fort, und gab ſein Selbſtgeſpraͤch auf,„ich will meine Pflicht thun an dieſen armen, ſtummen Teufeln.“ Er buͤckte ſich nun wieder, und unterſuchte Leichnam fuͤr Leich⸗ nam, ohne irgend Einen zu begraben, der nicht zu ſeiner Compagnie gehoͤrt hatte. Dann machte er wieder eine Pauſe, und kam endlich dahin, wo dieſe Compagnie dem letzten wuͤthenden Angriff des Feindes getrotzt hatte. Hier ſtand er ploͤtzlich ſtill, als er ein nach oben gewendetes Geſicht erblickte, dem der Mondesſchimmer eine noch bleichere Farbe gab, als die gewoͤhnliche des Todes. 8⁵ „Biſt Du es denn wirklich, Robert Moggs, alter Gefaͤhrte manches Feldzugs, Du Vorwaͤrts⸗ mann, wenn Du auch etwas verbogen und gekruͤmmt warſt in der Gegend Deiner rechten Schulter, wie ein Schanzkorb oder ein Sandſack vor einer Re⸗ doute aufgepflanzt. So iſt's nun aus mit Dir, und Du biſt nun ploͤtzlich untergegangen, wie die Sonne um Johannis. Wohl, mein Junge, hier iſt ein gefrorner Erdkloß, oder zwei, Deine ſchiefe Schul⸗ ter nothduͤrftig zu bedecken. Friede mit Dir! Sefton ſchritt weiter uͤber mehrere Freundes⸗ und Feindesleichen, die er theils vorher nicht ge⸗ kannt hatte, theils durch Wunden und Todeskraͤmpfe ſo verzerrt fand, daß er ſie in dem Zwielicht beim Schneegeſtoͤber nicht unterſcheiden konnte. Ploͤtziich ſtand er auf's neue ſtill, als er einen todten Koͤrper dicht vor ſeinen Fuͤßen wieder zu erkennen glaubte. „Was! Iſt es moͤglich? Beim Kreuz, er iſe's! Ach, wackerer Sergeant, Dein Avancement haben ſie Dir kurz abgeſchnitten. Armer Thorlsby! todt und fort, und Deine blaue Naſe iſt ſchon weiß geworden vom kalten Nordweſt. So ein alter Krieger von Ein⸗ ſicht und Rechtſchaffenheit! Gut und weiſe ſprachſt Du dieſen Morgen von der Armbruſt, und hier iſt 86 Dir die Kugel einer neidiſchen Hakenbuͤchſe durch die Bruſt gegangen. Eine zweifache Portion Erde ſollſt Du haben, alter Junge, zu Ehren Deines Ranges und Deiner tuͤchtigen Waffenkunde.“ Als er nun ſeinen Spaten in die harte Erde ſtieß, hoͤrte er ein tiefes Stoͤhnen dicht hinter ſich: ein Lebenszeichen eines in der Naͤhe liegenden Koͤr⸗ pers. Es war ein gewoͤhnlicher Ton, deren er ſchon hundert andere gehoͤrt hatte, ohne daß ſeine Auf⸗ merkſamkeit dadurch erregt worden waͤre. Er fuhr mit dem unvollkommenen Begraͤbniß ſeines alten Freundes fort, aber bei jedem Stoß des Spatens drang ein neues Aechzen und ein dumpfes Flehen aus der Mitte der aufgethuͤrmten Leichname. „Was Teufel iſt das?“ rief er;„ſo oft ich den Spaten in die Erde ſtoße, ſcheint eine Stimme aus ihr hervorzudringen, als ob ſie vor Schmerz ſeufzte. Was ſtoͤhnt denn ſo⸗ wie der Geiſt des Grabes?“ — Jack Sefiunl— Wusats eine ſchwache Stimme. „Herr Gott, verzeih' mirl“ ſchrie der ſo An⸗ geredete;„ihr Heiligen, bittet fuͤr mich! himmliſche Heerſchaaren, kommt mir zu Huͤlfe! Steigt Koͤnig 87 Richard's Geiſt wirklich aus dem Grabe, mich zu ſtrafen, weil ich ihn gerufen?“ 1 Seine Kniee ſchlotterten, ſeine Zaͤhne Kappet⸗ ten, der Spaten fiel ihm aus der Hand; er ſetzte ſich auf den naͤchſten Dauſen von dadtaa und be⸗ kreuzte ſich. 5 „Jeſus Maria!“ ſchrie er, denn er fuͤhlte einen kleinen Stoß im Geſicht, von Etwas, das ſich aus dem Leichenhuͤgel ploͤtzlich emporhob.„Heiliger St. Juda! erhebt ſich der Tod aus den Graͤ⸗ bern?“ — Jack Sefton, Jack Seftan, bring' mich fort aus dieſem fuͤrchterlichen Ort— ich hoͤre Dich re⸗ den!— So ſtoͤhnte es ſchwach aus dem Haufen. „Aha! das iſt doch etwas Vernuͤnftiges!“ ſagte Sefton, wieder beruhigt, und dem Triebe ſei⸗ ner Menſchenliebe folgend;„wenn Du wie ein Chriſt redeſt, wer Du auch ſeyn magſt, will ich ſu⸗ chen, Dich zu retten. Wer biſt Du?“ Keine Antwort. „Warum ſprichſt Du nicht, Kamerad? Biſt Du bei der letzten Arbeit verſchieden, welche mei⸗ nen Kopf mit dem des alten Sergeanten Thorlsby zuſammenbrachte? Wie iſt Dein Name?“ 88 Es erfolgte wieder keine Antwort; nur wie⸗ derholte Seufzer, wie im ſchrecklichſten Todeskampfe ausgeſtoßen, erfuͤllten die Luft in verſchiedenen Rich⸗ tungen. „Gott bewahre mich, das iſt ein jammervolles Werk!“ rief Sefton aus, und blickte um ſich her; ſahe aber Nichts als einige dunkle Geſtalten von Todtengraͤbern, ein wild umher laufendes Pferd, ei⸗ nige kraͤchzende Kraͤhen und Raben, die der Geruch der Leichname ſchon herbei gezogen. „Ein jammervolles Werk, ſo wahr ich lebe! 'S iſt fuͤrchterlich, ſo eingemauert in Leichnamen zu ſeyn, und wenn Einem die Fuͤße in dem kalten Blut ausgleiten!'S iſt Nichts, hier laͤnger zu bleiben; meine eigenen Glieder ſind ſteif, und meine Kinnladen zuſammen gebiſſen, als waͤr's der Todes⸗ krampf. Ich will dieſen verdammten Ort verlaſſen, wo Mann bei Mann alle meine Kameraden geblie⸗ ben ſind. Bei St. Juda! s iſt ſchrecklich zu denken, daß Alle, außer ich, von den Dutzend Leu⸗ ten, Sergeant, Corporal und Gemeinen, welche halb wahnſinnig dieſen Morgen um das Feuer tanzten, ihren letzten Gang gegangen ſind, ohne Beichte mit allen ihren Suͤnden im Leibe, wie der vollgeſtopfte Schnappſack auf ihrem Nuͤcken. Hei⸗ 89 lige Maria, nimm ſie zu Dir in das Dinnnele reich!“— — Jack Seſtonbe⸗ muhnss läiſ veſate Skiuuna wie zuvor. 2 „Ha! Noch mal! Lobſt Du noch, wer Du auch biſt; dann, ſo Gott will, will ich Dich ret⸗ ten, wenn ich auch hundert Leichname wegraͤumen ſollte. Ja, das muß Korporal Crump's dickes Haupt ſeyn, denn ſo eins ruht auf keines Menſchen Schul⸗ tern, lebend oder todt. Jeſus, das iſt der Kopf, ganz gewiß; aber welche Wunde durch die Kehle! Das iſt die Schneide eines Flaͤmiſchen Meſſers. Ich erinnere mich wohl, ganz dieſelbe Wunde hatte Ralph Mugglesford, als er auf der Kuͤſte fiel.“ — Jack, Jack, um Gottes willen, zieh' mich hervor!— ſagte dieſelbe Stimme, und in demſel⸗ ben Augenblicke faßte ein krampfhafter Geife Sef⸗ ton's Schenkel.— „Jeſus Maria! der Teufel, der Teufelt“ ſchrie er, und wollte fortrennen.„Laß mich los! Laß mich los! Verraͤtherei! Verraͤtherei! Huͤlfe! Huͤlfe! Laß mich gehen, oder, beim Kreuz! ich hau' Dir die Sehne des Handgelenks mit dem Spaten durch, ſey Du Burgunder, Hollaͤnder oder Flamaͤnder!“ 90 — Jack, Jack, Jack, kennſt Du denn Deinen Freund nicht, den armen Walter Baſſet?— „Was? Du biſrs, Du Eiſenfreſſer Baſſet, der noch lebt, und meine Knoͤchel ſo feſt packt? Ich will verdammt ſeyn, wenn ich nicht jenen ungeheu⸗ ren Flaͤmiſchen Ritter ſahe, wie er Dir ſolch''nen Schlag mit ſeiner Axt gab, der jeden Hirnſchaͤdel, wenn er nicht von Eiſen oder Stein war, zer⸗ ſchmettern mußte.“ — Ja wohl, guter Jack!— „Und der nach dem Suͤden riechende Metzger, der ihm auf dem Fuße folgte, ſtieß Dir den Dolch unter die Klappe Deines Wammſes, daß er wohl durch die Rippen eines Ochſen gedrungen waͤre. Und Du lebſt noch, und es iſt nicht Dein Geiſt, lieber Junge? Ich will Dir wieder auf die Beine helfen, der kleinen Cecilie wegen; ſo, laß los, Wal⸗ ter, und ermuntere Dich, liebe Seele!“ Bald war Baſſet unter dem Haufen von Leich⸗ namen, wo er ſeit mehreren Stunden gelegen, ooͤl⸗ lig hervor gezogen. Sein Leben war durch ein wunderbares Zuſammentreffen von Umſtaͤnden, wie dergleichen auf dem Schlachtfelde haͤufig vorkommt, erhalten worden. Sefton ſetzte ihn auf die Erde, und richtete ſeinen Oberleib in die Hoͤhe, indem er drei oder vier ſeiner erſchlagenen Kameraden hinter ihn aufſchichtete. Er that dann Alles, was in ſei⸗ ner Macht ſtand, ihn wieder in's Leben zu rufen; rieb ſeinen Koͤrper, erwaͤrmte ſeine Haͤnde, und ſchob ihm etwas Schnee in den Mund. „Mit Gottes Huͤlfe, armer Junge, ſoll Dir jetzt wieder wohl werden,“ ſagte der mitfuͤhlende Kamerad;„munter, munter, Walter! Sitz gerade, aufrecht, Menſch, was faͤllſt Du ſo auf eine Seite, Du haſt ja ſonſt guten Muth und guten Appetit! — ſo nimm Deinen Kopf in die Hoͤhe. Heilige Maria, wie biſt Du bleich! Das iſt eine fuͤrch⸗ terliche Wunde! Mit der ganzen Schneide der Streitaxt ſind Kopf und Geſicht geſpalten! Ach, welcher Blutſtrom ſtuͤrzt aus Deiner Seite! Ha, Walter, lebe auf, guter Burſch, und ſprich mit Deinem Freund Jack Sefton.— So wahr ich lebe, ich glaube, daß er jetzt im Ernſt todt iſt. Die ſcharfe Luft iſt ihm ploͤtzlich auf die Lungen gefallen, das ploͤtzliche Aufrichten des hingeſtreckten Koͤrpers, oder Gott weiß, was,— denn ich verſtehe den Teufel von der Doctorei— hat ihm das Lebenslicht in dem Augenblick asgeblaſenh: wo ich ihn tar ge⸗ rettet hielt.“ Und ſo war es auch. Des thrlichen Seftonis 91 92— Bemuͤhuugen waren alle vergebens. Des armen Baſſet' Laufbahn, ſeine ehrgeizigen Plaͤne, ſeine Liebeshoffnungen waren auf immer zur Nuhe— bracht. 1 „So wahr ich lebe! und waͤr's mein eigener Bruder geweſen, es haͤtte mich nicht tiefer betruͤbt!“ rief Sefton, und blickte in das todte Antlitz.„Ja, Walter, das ſchwoͤre ich Dir, wenn ich frei von dieſen verdammten Burgundern, und fort aus die⸗ ſen ungluͤckſeligen Suͤmpfen komme, und jemals Alt⸗England wiederſehe und die ſchoͤne Stadt Lon⸗ don, ſo iſt mein erſter Gang nach Southwark in White⸗Hart⸗Tavern. Und wenn die kleine Ceeilie noch da dient, wie ehedem, in ihrem rothen Rocke und gruͤnen Leibchen, mit ihren glaͤnzend ſchwarzen Augen, und ihren roſigen Backen und ihren„Willſt mich kuͤſſen?“⸗Lippen, will ich ihr eine treue Erzaͤh⸗ lung dieſer traurigen Geſchichte geben, und— laß ſehen, was bringe ich ihr fuͤr ein Andenken von dem Burſchen, der ſie ſo treu liebte? Seine Haare ſind alle vom vielen Blute zuſammen geklebt, das macht ſie toll vor Jammer— aber hier haͤngt das Amulet, wozu ſie ſelbſt die Kraͤuter gepfluͤckt hat mit ihren niedlichen Fingern. Wahrhaftig,'s iſt auch viel Blut d'ran, aber doch des armen Wal⸗ 93 ters beſtes Herzblut, und dieſes war immer eins mit dem ihrigen. Komm denn, du truͤgendes Shrne taͤuſchender Sicherheit, komm in meine Weſtentaſche fuͤr Dich, kleine Cecilie, und ich gelobe bei'm heil. St. Juda, und in dieſer Trauerſtunde, es in Deine Haͤnde zu legen, wie ein Pilgrim aus dem heiligen Lande Unſrer lieben Frau eine Reliquie weiht. Ha! all' Ihr Heiligen des Himmels, welch''ne Wunde iſt das! Ein doppelter Streich des Schickſals, denn da er Walter's Haupt ſpaltete, hat er, fuͤrcht ich, auch der kleinen Cecilie das Herz gebrochen.“ Sefton endigte hier ſein Selbſtgeſpraͤch, ſchlen⸗ derte nun langſam von dannen, Schutz vor Kaͤlte, Hunger und Kummer ſuchend. Fuͤnftes Kapitel. Wie fruͤher der gluͤckliche Widerſtand Amersfort's die Hoffnungen der Hoeks zu ſchwindelnder Hoͤhe geſteigert hatte, ſo ſtuͤrzte ſie der Tag von Brow⸗ ershaven in die tiefſte Verzweiflung. Ein volles Halbjahrhundert hindurch, welches dieſem Ereigniß folgte, kaͤmpften ſie noch zaͤh und hartnaͤckig um ihre politiſche Exiſtenz; aber keine große Anſtrengung, kein weitausſehendes Unternehmen zeigte ſich ihrer fruͤheren ausgezeichneten Stellung wuͤrdig; ſey's als Partei, oder bei beſſerem Lichte beſehen, als Kaͤmp⸗ fer fuͤr des Volkes Rechte gegen adelige Unter⸗ druͤckung. 1 Doch war der Kampf, den wir dem Leſer zu ſchildern verſucht, ein weit bedeutenderes Ereigniß, als ihn Europa, und insbeſondere England, be⸗ trachtete. Er umfaßte nicht bloß Hollands und Zeelands innere Intereſſen. Der Herzog von Bur⸗ gund hatte zum erſten Mal ſein Schwert in Bri⸗ 95 tiſches Blut getaucht. Sein perſönlicher Haß gegen Gloceſter hatte den Widerwillen, Feindſeligkeiten mit einem Volke, dem er bis dahin eng perbuͤndet geweſen, zu beginnen, uͤberwunden. Srne duſd. gehegte Nache an Karl VII. von Frankreich ſchien vor der Macht dieſer neuen Leidenſchaft zu erbleichen, in dem Maaß, wie perſoͤnliche Feindſchaft ſtaͤrker iſt als Sohnes Rache oder Volkshaß. Die Ver⸗ bindung zwiſchen Burgund und England ward voll⸗ kommen zerriſſen und bei Philipp's Lebzeiten niemals erneut. Er verließ die gemeinſame Sache, ging uͤber zu dem gemeinſamen Feind— doch nicht auf einmal, und nicht mit der ſchwankenden Unbeſtaͤn⸗ digkeit eines ſtuͤrmiſcheren Charakters. Die Hol⸗ laͤndiſchen Angelegenheiten eroͤffneten ihm ein weites Feld fuͤr die Folgezeit, und jede Entſchuldigung fuͤr ein Buͤndniß mit Frankreich wurde hervorgeſucht, bis der allmaͤhlige Verfall der Engliſchen Herrſchaft die Politik, eine ſinkende Sache verlaſſen zu haben, rechtfertigte. Humphrey von Gloceſter war ohne Zweifel die naͤchſte Urſach zu allem dieſen. Seine Verbindung mit Jacquelinen, mit unbeſonnener Verwegenheit aber bald und ſchnoͤde wieder zerriſſen, war die Hauptquelle alles Verluſtes und alles Mißgeſchicks, 96 was England traf. Welche Taͤuſchungen auch in leff Seiner der Nachwelt uͤberliefert worden ſeyn moͤgen, groͤßtentheils gegruͤndet auf ſeinen zu leicht⸗ ſinnig verſchwendeten Beinamen, ſo wird ihn jedoch die wahrhafte Geſchichte als den Urheber unerſetz⸗ licher Verluſte fuͤr ſein Land bezeichnen, und den tiefen, unausloͤſchlichen Schandfleck ſeines Charakters nicht vergeſſen. Wir aber, nachdem wir ihn an das Ende ſeiner politiſchen Laufbahn gebracht ha⸗ ben, wo er ſein Anſehen verlor, koͤnnen ihn nun auf ſeiner ferneren Laufbahn haͤuslicher Unwuͤrdig⸗ keit nicht weiter begleiten. Der Herzog von Bedford, ein treues Bild der Vorzüͤge einer Zeit, deren Zierde er war, befand ſich waͤhrend der Periode, in welche unſre Erzaͤhlung faͤllt, in England, den ungeſtuͤmen Beſtrebungen ſei⸗ nes Bruders, Fitzwalter's Heer zu verſtaͤrken, ent⸗ gegen arbeitend, und brachte es auch dahin, daß das Parlament ſich auf das beſtimmteſte weigerte, einen Plan gut zu heißen, der augenſcheinlich nur den herannahenden Bruch mit Philipp beſchleunigen konnte. Als er dies erreicht hatte, kehrte er nach Frankreich zuruͤck, ſeine Regentſchaftspflichten wieder zu uͤbernehmen und ſeine gewohnte kraͤftige Thaͤtig⸗ keit den vereinten Anſtrengungen des Dauphin's (oder M A A. 2 4 4 o A 2— Ad AAd. 1 ℳ h 4 M,b loder wie es damals in der uͤbermuͤthigen Sprache M—— England's hieß: des Koͤnigs von Bourges) und de 2 h Richemont's, der damals zuerſt in der Bretagne h, uu feierlich gegen die Englaͤnder auftrat, und ſpaͤterhin, Sas als Connetable von Frankreich, der Engliſchen Macht— ſo bedeutenden Schaden that, entgegen zu ſetzen. Doch alle dieſe Maͤnner, wenn auch hervor⸗ ragend in den großen Bewegungen der Zeit, treten Kih gegen Diejenige zuruͤck, deren haͤusliches Gluͤck und politiſche Exiſtenz von den Ereigniſſen, welche ſich eben zutrugen, abhingen. Zu ihr muͤſſen wir jetzt zuruͤckkehren. Wir haben ihre Leidenſchaftsloſigkeit A ch) im Gluͤck, ihre Gleichguͤltigkeit im Ungluͤck geſchil⸗⸗ dert; wir wollen es nun verſuchen, die feineren und— tieferen Zuͤge ihres Charakters in einer Lage zu zeich⸗ nen, die gaͤnzlicher Verlaſſenheit und voͤlligem Unter⸗ gang glich. Die natuͤrliche Staͤrke ihres Koͤrper⸗ baues, die angeborne Kraft ihres Geiſtes, hatten ohne viele Muͤhe die offenbar nicht aus phyſiſchen Gruͤnden herruͤhrende Krankheit abgeſchuͤttelt. Ge⸗ woͤhnliche Beobachter ſchrieben ihre Geneſung dem gluͤcklichen Widerſtande der Stadt, in der ſie ein⸗* ſ geſchloſſen geweſen, und deren Fall ihre Freiheit, vielleicht ſogar ihr Leben gefaͤhrdet haben koͤnnte, III. 5 1** 98 zu. Van Monfoort, in ſeiner ungeſtuͤmen Freude, uͤberſchuͤttete ſie mit einzelnen Zuͤgen kuͤhner Hel⸗ denthaten, bei denen allen jedoch ihr Herz, welches gern vor Liebe zerſprungen waͤre, voͤllig ungeruͤhrt blieb. Ihre Mutter verſuchte es, ſie durch Hoff⸗ nungen auf endlichen Triumph und Anreizungen zur Rache aufzurichten; aber auch dies ermüdete und quaͤlte ſie nur. Benina Beyling wollte ſie durch gut gemeinte aber ſchwache Gruͤnde ermuntern, die aus der Quelle ihrer eigenen Taͤuſchung floſſen, welche in hellen, doch truͤgeriſchen Farben ſpielte, wie der Regenbogen im Sonnenſchein auf dem Schaum der Wellen. Jacqueline ſchien das Leben als eine Laſt zu ertragen, die zwar ermuͤden, aber nicht ganz zu Boden druͤcken koͤnne.— Dies war die Stimmung der Hauptperſonen in Amersfort, als Jacquelinen's Bruder, Ludwig, von Zeeland mit der entmuthigenden Nachricht eintraf, daß die Vetkoopers mit ihrem Anfuͤhrer, Syarda, vor Kurzem ihren und Jacquelinens Feinden, den Schieringern, erle⸗ gen ſeyen, und daß von dieſer Seite keine Huͤlfe zu erwarten ſtehe. Die ſchaͤndliche Unterwerfung Zweder's van Culemburg wurde zur ſelbigen Zeit beſtätigt. Und um das bekannte Sprichwort zu bewaͤhren, daß kein Ungluͤck allein und ohne ſeinen 499 Bruder eintrifft, blieben die hoͤchſttraurigen Nach⸗ richten von Browershaven ebenfalls nicht aus. Eines Tages, nicht lange darauf, ſaß Jacque⸗ line in dem Zimmer, worin wir ſie unſern Leſern zuletzt ſchilderten; ihre Gedanken waren zweifels⸗ ohne auf die Vergangenheit gerichtet, und ruhten in vollkommener Seligkeit auf dem eindruckvollſten und wichtigſten Ereigniß ihres ganzen Lebens, deſſen Schauplatz dies Zimmer vor wenigen Wochen ge⸗ weſen. Denn waren auch ſeitdem Dinge von groͤ⸗ ßerer politiſcher Wichtigkeit in ihrem bewegten Le⸗ ben gereift; ſo hatte doch keines, wie ihre Zuſam⸗ menkunft mit Vrank Borſelen, ihr Herz erſchuͤttert, ihr Gluͤck vernichtet. Sie hatte aus van Monfoort's Munde Vrank's Entrinnen an jenem gefahrvollen Abend erfahren; denn ihm hatte der dankbare Juͤng⸗ . ling die Nachricht mitgetheilt, und daß es ihm durch V Gold,— den Hauptſchluͤſſel menſchlichen Mitleids— gelungen, aller Verfolgung zu entgehen und Philipp's Heer zu erreichen; ſo daß Jaequeline nun nicht laͤnger den Qualen der Furcht preisgegeben war, welche ſie eine Zeit lang voͤllig zu Boden gedruͤckt n hatten. Als ſie aber kaum von dieſer Laſt und deren Folgen fuͤr ihre Geſundheit, welche nicht aus⸗. blieben, geneſen war, verfiel ſie allmaͤhlich in die „. 65* 100 hoffnungsloſe Stimmung, die wir geſchildert haben. Sie verbot Benina ausdruͤcklich, auch nur im ent⸗ fernteſten auf van Borſelen anzuſpielen, und legte ſich ſelbſt die Strafe auf, niemals ſeinen Namen zu nennen. Als ſie aber auch ein Interdict uͤber Gedanken ausſprechen wollte, ſah ſie die voͤllige Erfolgloſigkeit jenes Verſuchs bald ein, und es auf⸗ gebend, den geliebten Gegenſtand aus ihrem Her⸗ zen zu verbannen, ließ ſie ihn hier in ſchrankenloſer Herrſchaft thronen. An jenem Tage, auf den wir nun zuruͤckkom⸗ men, ſaß ſie, in ihrer gewohnten Art nach dem freudeloſen Garten hinausblickend. Benina hatte einen Seſſel an der anderen Seite des waͤrmenden Kohlenbeckens eingenommen. Beide waren auf die anſcheinend unthaͤtige Weiſe beſchaͤftigt, welche den gequaͤlten Geiſt wieder aufrichtet;— die Eine ſuchte Aehnlichkeiten zwiſchen Straͤuchern und Blumen und den Schneeflocken auf, welche die Baͤume draußen bedeckten; die Andere verglich die glimmenden Koh⸗ len in dem Becken mit ſonderbaren Thiergeſtalten. „Ich bitte Dich, Benina,“ ſagte endlich Jac⸗ queline,„nimm die Stockfiedel, und ſing mir eine Stanze aus Alain Chartier's Buch von den vier Damen. Es iſt wahrlich ein ſchoͤner Geſang von „ . 101 Freud und Leid; der laͤndliche Eingang athmet den Duft der wirklichen Natur, und die Klagen der vier ungluͤcklichen Jungfrauen treffen all' und jede mein innerſtes Herz.“. — Meine liebe Herrin— erwiederte Benina — Ihr muͤßt Euch jetzt nicht mit ſolchen traurigen Geſaͤngen befaſſen; darum will ich bloß den lieb⸗ lichen Anfang ſingen, der paſſender iſt fuͤr kranke Gemuͤther.— Sie nahm das Inſtrument, welches auf einem Tiſche neben ihr lag und nach einigen Accorden ſang ſie eintoͤnig, recitativiſch und mit einfacher Begleitung den Anfang des Gedichts, wel⸗ ches Jacqueline genannt hatte). 3 Pour oublier melancholie, Et pour faire chère plus lie 4), Un doulx matin aux champs issy 2), Du premier jour qu'amours ralie ³) Les cueurs en la saison Wlie, Fait cesser ennuy et souey, Si allay tout seulet ainsi. *) Wir verſuchen, es hier auch in einer ſo einfachen, und ſich der Naivheit des franz. Originals ſo genau als möglich an⸗ ſchmiegenden Ueberſetzung zu geben. 4) Lat. cara laeta. Man ſagt noch: faire bonne choère. 2) Lat. exii ich ging hinaus. 3) wiederverſammelt. 4 10⁰² Tout autour oyseaulx voletoient, Et si tres-doulcement chantoient, Quil west cueur qui n'en fust joyeulx, Et en chantant en l'air montoient, Et puis l'un l'autre surmontoient A P'estrivée 4) à qui mieulx mieulx. Le temps n'estoit mie 5) nueux De bleu estoient vestuz les cieux, Et le beau Soleil cler luisoit. Violettes croissoient par lieux Et tout faisoit ses devoirs vieux, Comme nature le duisoit. En buissons oyseaulx s'assembloient. L'ung chantoit, les autres doubloient Leurs gorgettes, qui verboioient Le chant que nature a apris, Ei puis l'ung de l'autre s'embloient 6), Et point ne s'entreressembloient: Tant en y eut que ilz sembloient Fors à estre en nombre compris. Si m'arrestay en ung pPourpris D'arbres, en pensant en hault pris) De nature qui entrepris 4) im Wettſtreit. 5) nicht im geringſten bewölkt. 6) s'embler ſich entfernen. Lat, ambulare. 7) Lat. pretium, prix. — 103 A les faire or ainsi harper. Mais de joye les viz surpris, Et d'amours nouvelle entrepris, Et ung chascun avoit ja ⁵) pris Et choisi ung seul loyal per). Les arbres regarday flourir, Et lievres et connins courir, Du printemps tout s'esiouyssoit. La sembloit amour seignourir. Nul m'y peult vieillir ne mourir, Ce me semble, tant qu'il y soit. Des erbes ung flair doulx issoit, Que l'air sery ¹⁰) adoulcissoit, Et en bruyant par la valée, Ung petit ruisselet passoit Qui les pays amoitissoit ¹¹), Dont l'eaue m'estoit pas salée. Tout au plus pres sur le pendant De la montagne en descendant Fust assiz un joyeulx bocage, 5) déja. 9) Lat. par, pair. 1⁰) Lat. serus? le serein? ¹¹) Von moite, feucht. 104 Qui au ruissel s'alloit pendant, Et vertes courtines tendant, De ses branches sur le rivage. La hante maint oysel sauvage. L'ung vole, l'autre au ruissel nage, Canes, ramiers, herons, faisans; Et les cerfs passoient par l'ombrage, De ces oisillons hors de cage. Dieu scet s'ilz y estoient taisans. Ainsi mon cueur se guermentoit ¹²) De la grand douleur qu'il portoit En ce lieu plaisant solitaire, Ouù ung doulx ventelet ventoit, Si sery ¹3) qu'on ne le sentoit, Fors que violette mieulx flaire. La fut le gracieux repaire De ce que Nature a peu ¹⁴) faire De bel et joyeulx en Esté. Là n'avoit-il riens à reffaire De tout ce qu'il me pourroit plaire, Mais que ma Dame y eust été. 12) Lat. queror, beklagte ſich. 1³) S. 10. 14) pu. x Um meines Truͤbſinns zu vergeſſen, Und Heiterkeit mir aufzuſuchen, Ging ich an einem ſuͤßen Morgen— Wenn aus dem langen Winterſchlaf Der junge Lenz, Natur und Liebe Das Herz in's neue Leben ruft. Mit mir allein in Feld und Wald. Die Voͤgelein flatterten um mich b b Und ſangen mir ſo ſuͤße Lieder Daß ſich das Herz im Leibe freute; Sie flogen ſingend in die Hoͤh Und ſuchten in Geſang und Flug Wettſtreitend ſich zu uͤbertreffen. Kein Luͤftchen wehte, wolkenlos In Blau gekleidet war der Himmel, Und hell die ſchoͤne Sonne ſchien, Das Veilchen draͤngte ſich hervor; Und lachend uͤbet Alles aus Die Pflicht, die ihm Natur gebot. In Buͤſchen ſammeln ſich die Voͤgel. Der erſte ſingt; die andern ſtrengen Die Kehlchen doppelt an und zwitſchern Den Sang, den die Natur ſie lehrte. Der von dem erſten abgeſtohlen Wohl ſcheint, doch nur verſchieden iſt. 106 So viel ſind ihrer daß die Schar Der Saͤnger nicht zu zaͤhlen war. Dieweil ich unter Baͤumen ſtand Dacht' ich, zum Preiſe der Natur Wie ſie's ſo weislich angelegt, Daß ſie im Wettſang ſtreiten mußten. Da aber uͤberraſchte mich Ein neues Schauſpiel, denn ich ſah Die Voͤgelein in reger Luft Den ſuͤßen Drieben junger Liebe Sich uͤberlaſſend, Paar und Paar Sich ſuchen, finden und verbinden. Ich ſah die Baͤume Bluͤthen treiben Im Feld Kaninchen, Haſen ſtreifen, Der Luft des Lenzen hingegeben, Und uͤberall der Liebe Reich. In dieſem Reich, ſo groß es iſt Wie's ſcheint, kann man nicht altern, ſterben. Ein ſuͤßer Duft ſteigt aus dem Graſe Vom warmen Weſt mild augehaucht. Im Thale rauſcht ein kleiner Bach Und traͤnkt mit hellen Silberwellen Den friſchen bunten Blumenrand. —— —— Am Abhang eines Huͤgels lehnet Ein gruͤn Gebuͤſch dem Bach ſich an, Und breitet die belaubten Zweige— Ein dicht Gewoͤlbe— zu ihm aus. Es hauſt Gefluͤgel aller Art In ſeinem Schatten, fliegend, ſchwimmend, Faſanen, Tauben, Enten, Reiher. Und Singevoͤgel, frei und froh, Daß ſie der Kaͤficht nicht umſchließt. Gott weiß, wie ſie zuſammen zwitſchern! 4 Nur ich Gefang'ner fuͤhre Klagen. Nur ich empfinde herben Schmerz Hier an dem einſam ſchoͤnen Orte, Wo außer meinen leiſen Seufzern Kein Luͤftchen weht, als nur den Duft Der Veilchen ihnen abzuhauchen. Hier, an dem einſam ſchoͤnen Orte, Dem Lieblingsplaͤtzchen der Natur, Hier, wo der junge Fruͤhling thront, Wo Alles ſo vollkommen iſt, Hier, wo nichts fehlet meinem Wunſch— Nur daß mir meine Dame fehlet! „Genug, genug, theure Benina,“ rief Jacque⸗ line, als ihre Freundin ſo weit gekommen war, „dieſe ſuͤßen, entzuͤckenden Gemaͤlde der laͤndlichen 108 Freuden machen mein Herz krank vor Sehnſucht. Singe lieber, ich bitte Dich, die ſchmerzlichen Kla⸗ gen der vier Damen, und ſuche mir diejenige aus, die Dir die gluͤcklichſte ſcheint; die erſte, deren Ge⸗ liebter bei Azincourt fiel, oder die dritte, deren theurer Freund in die Schlacht ging und nimmer wieder geſehen ward, oder die, welche des Auser⸗ waͤhlten Feigheit zu beweinen hat, der vor dem Feind floh und entehrt war fuͤr immer.“ — Oder den Geſang der zweiten Lady, maine ſuͤße Gebieterin, deren junger Ritter, erſt zwanzig Jahr alt, von den Englaͤndern gefangen ward?— fragte Benina, deren Herz ſtets in den Ruhm der Englaͤnder mit einſtimmte, zugleich hoffend, Jacque⸗ linens Liebe wieder zu erregen, ſelbſt auf die Ge⸗ fahr hin, ihrem Gefuͤhle durch dieſe Anſpielung wehe zu thun, jedoch ohne ihrem Befehl offenbar zu widerſprechen. „Nein, Benina, das unterlaß! ich brauche keine ſolche Erinnerung meiner Thorheit oder meines Schmerzes.“ Benina ſtutzte bei dieſer unmittelbaren Erwaͤh⸗ nung und Bezeichnung deſſen, was bisher ſo vor⸗ ſichtig fern gehalten worden war. Eine tiefe Roͤthe — —OQ—O—C—Q—Q—Q—Q— — 109 auf Jacquelinens Wangen zeigte, daß man ſie uͤberraſcht habe, und ſie unwillig uͤber ſich ſelbſt oder die Urſach ihres ploͤtzlichen Ausrufs ſey. Aber ehe ſie ſich wieder ſammeln oder tiefer in ihre auf⸗ geregten Gefuͤhle ſich verſenken konnte, trat eine Unterbrechung ein, welche tauſendfach groͤßeres Leid uͤber ſie brachte. 8 Graͤfin Margarethe ſtuͤrzte ploͤtzlich in das Zimmer, bleich, zitternd an allen Gliedern, und ihre ſonſtige Schonung fuͤr Jacquelinens ſchwachen Zu⸗ ſtand ganz vergeſſend, rief ſie: „Tochter, boͤſe Zeitung kommt ſchwer von allen Seiten üͤber uns. Mach' Dich gefaßt auf das Schlimmſte, das geſchehen konnte— auf gaͤnzlichen Untergang. Dein grauſamer Vetter, mein verhaß⸗ ter Neffe, den Gott in ſeiner Gnade von hier weg⸗ nehmen oder verdammen moͤge! hat die Englaͤnder und Hoeks auf Schouwen zuſammengehauen!“ — Ach! arme Benina!— ſagte Jacqueline, den Schmerz fuͤhlend, welchen dieſe ploͤtzliche Kunde ihrer Freundin bereitete, die beim Eintritt der alten Graͤfin mit der bei Hofe gebraͤuchlichen Ehrerbietung aufgeſtanden war, aber jetzt auf ihren Sitz zuruͤck⸗ ſank, als die Verderben bringenden Worte ausge⸗ ſprochen waren. 110 „Was Tochter, Jacqueline! So nehmt Ihr die Nachricht Eures Verderbens auf! ſo verſchwendet Ihr Euer Mitgefuͤhl fuͤr ein empfindſames Hof⸗ fraͤulein? Iſt dies die Art, wie die Graͤfin von Holland und Hennegau dieſem Streich des Schick⸗ ſals begegnet? Habt Ihr keinen Sinn fuͤr Euren eignen, fuͤr meinen, fuͤr Eures Landes Untergang?“ — Der Himmel weiß, das Herz blutet mir bei ſeinem Ungluͤck und bei Eurem.— Fuͤr mich brauch' ich nicht Sorge zu tragen, aber ich bin tief bekuͤmmert wegen meiner armen Benina.— „Ich weiß nicht, wie ſie darin verwickelt iſt, oder wie ſie in ſolchem Augenblick auf einen Ge⸗ danken an ſich Anſpruch machen kann. Ich ſage Dir, Tochter, Deine Sache iſt unwiederbringlich verloren!“ — Preis der heiligen Jungfrau! So habe ich denn nichts mehr zu hoffen noch zu fuͤrchten.— „O, Gott, ich koͤnnte raſend werden vor Zorn und Wuth!“ ſchrie Margaretha.„So geht das Blut von Baiern und Burgund unter? Ha, da kommt Monfoort mit dem Herolde unſeres Ver⸗ derbens.“ Der ſtolze Krieger trat in dieſem Augenblick —— 111 in's Zimmer, begleitet von einem jener zitternden Verkuͤnder von Niederlagen, die in ſolchen Faͤllen gewoͤhnlich das Schlimmſte noch uͤbertreiben, um ihre eigene Flucht und ihr paniſches Schrecken zu entſchuldigen. „Edle Damen, meine gnaͤdigen Gebieterinnen,“ ſagte Monfoort, kaum faͤhig vor Wuth ein Wort herauszubringen:„Ihr habt die kurze Zeitung un⸗ ſeres Untergangs gehoͤrt; hier iſt der Augenzeuge, noch dampfend von der Eile durch Feld und Fluthen. Alles iſt verloren— Alles! Was iſt nun zu thun?“ — Sag' mir, guter Freund,— fragte Mar⸗ garetha,— was iſt daran wahr? Dein trauriger Blick weiſſagt eine furchtbare Maſſe Boͤſes— wie viel haben wir verloren?— „Alles, edle Dame! Nichts iſt der Gefangen⸗ ſchaft, Zerſtreuung oder dem Tode entronnen“ ant⸗ wortete der niedergebeugte Hoek. — Eine ſchoͤne Rechnung wahrhaftig! Und nun, Du Ungluͤcksrabe, erzaͤhle!— Welcher ausgezeichnete Mann— welche Fuͤhrer ſind gefallen?— „Eine lange Liſte, Madame, beide Hemſteds— ich ſah ihren Koͤrper zerſtampft unter dem Huf⸗ ſchlag.— ——-y— 112² — Beide,— rief Monfoort aus, und ein tiefer Seußzer, begleitet von einem Schlag beider Faͤuſte auf die Halsberge, ſprachen ſeine Betruͤbniß aus.— „Außer dieſen..“— fuhr jener fort; aber der Ritter unterbrach ihn barſch, trat vorwaͤrts, ergriff ihn bei der Schulter und ſprach: — Halt! nenne keinen Namen weiter— oder zaͤhle fuͤr jeden Freund auch einen Feind auf. Wie viel Kabblejaws ſind geblieben? Heraus mit der Muſterrolle des Todes, und laß ſie lang und blutig ſeyn!— „Zuerſt denn, Van Borſelen. — Waßs, iſt's ſicher, Kamerad? Sprichſt du die Wahrheit? Van Borſelen?— „Ich ſah ſeinen Leichnam von einem ungeheu⸗ ren Frieſen aufheben, lang' eh' die Schlacht zu Ende war.“ — Weh, weh mir fuͤr immer!— kagte der alte Ludwig, mit der herben Kraft des Haſſes und der getaͤuſchten Rache; ein Ausruf, den weder ſein Parteigenoſſe, der Hoek, noch die Graͤfin Mar⸗ garetha, welche ihn beide genau beobachteten, be⸗ greifen konnten. — Weh, wehl meine beſten Freunde erſchlagen vom Feind, und mein verhaßteſter Gegner von einer —ᷓ — — 113 andern Hand gefallen als der meinigen! Das erſte haͤtte ich ertragen koͤnnen— aber das zweite! o Jammer! Ich habe Borſelen uͤberlebt, und er hauchte ſein Leben nicht unter meinem Griff aus!— Waͤhrend van Monfoort in erhitzter Wuth ſei⸗ nen Schwertgriff mit beiden Haͤnden preßte, und dieſe ſtolzen Worte herausſtieß, wandte ſich Mar⸗ garethens Blick nach Jacquelinen, auf einen Schrei Benina's, die aus ihrer eignen Betruͤbniß geriſſen war durch den Anblick des tieferen und durchdrin⸗ genderen Kummers ihrer Herrin. Als van Mon⸗ foort den Namen Borſelen hoͤrte, hatte er nur ſei⸗ nen alten Feind vor Augen, wie Jacqueline bei dem halben Klang nur an ihren jungen Geliebten denken konnte. Waͤhrend der rohe Krieger vor ge⸗ taͤuſchter Rache bebte, lag die ſchoͤne Graͤfin in Kraͤmpfen der Verzweiflung, und Benina, die auf ſie allein hingeblickt, hatten die erbleichenden Wangen noch zu rechter Zeit gemahnt, ſie in ihre Arme zu faſſen, ehe die Erſchoͤpfung ſie voͤllig zu Boden warf. Graͤfin Margaretha unterſtuͤtzte Benina, die ſchoͤne Dulderin in's Leben zuruͤck zu rufen, fand aber trotz dem, was einer zaͤrtlichern Mutter Ge⸗ muͤth ganz in Anſpruch genommen haben wuͤrde, Zeit fuͤr weitere Fragen in Betreff der Schlacht. „ 114 „Und wo,“ ſprach ſie in abgebrochenen Saͤtzen, abwechſelnd auf Jacqueline und auf den Boten ſehend—„wo waren dieſe prahlenden Inſulaner, dieſe weit geruͤhmten Englaͤnder? Thaten ſie nichts fuͤr die gemeinſame Sache?“ — Madamo, ſie fochten wie Loͤwen und fielen wie Helden, jeder im Gliede auf der Stelle, wo er geſtanden; und ſtarben alle mit Ehren, bis auf einen, der das Schlachtfeld verließ und entfloh.— „Und er,— wer iſt der feige Bube?“ — General Fitzwalter.— „Das luͤgſt Du, Elender, Bube, ſchaͤndlich iſts erlogen!— es iſt nicht wahr, es kann nicht ſeyn!— rief die bisher ſcheue und ſtill zuhoͤrende Benina, aus ihrer gewoͤhnlichen ſanften Stimmung und Ton durch die Anklage gegen einen Mann ge⸗ riſſen, den ſie als die ſchoͤnſte Zier und reinſte Bluͤthe des Ritterthums betrachtete. Die alte Graͤ⸗ fin und Monfoort ſtanden bei dieſem Zuge uner⸗ warteter Kraftaͤußerung erſtaunt, und beide wun⸗ derten ſich uͤber das Geheimniß, welches dadurch verrathen worden. Benina war indeß unaufhoͤrlich mit aͤngſtlicher Sorgfalt um Jacqueline beſchaͤftigt, aber waͤhrend ſie jedes Mittel anwandte, ſie wieder in's Leben 115 zu rufen, warf ſie von Zeit zu Zeit einen verach⸗ tenden Blick auf den Krieger. Dieſer wurde nun auch warm, zog ſeinen Dolch, druͤckte das Heft an den Mund und rief aus: „Dame, ich verzeihe Eurem jungen Herzen, welches vielleicht die ungemaͤßigte Sprache reizt. Aber bei'm heiligen Kreuz, ich ſchwoͤr's, ich ſah Fitzwalter fliehen aus der Schlacht. Er ſtand fern, waͤhrend ſeine Krieger haufenweiſe zu Boden ſanken!“ — Fliehen!— wiederholte Benina,—'s iſt erlogen, erlogen!—— „Was liegt d'ran, ein Schaͤndlicher mehr oder weniger,“ ſagte Margaretha. — Ja wohl liegt etwas d'ran, mit Eurer Er⸗ laubniß, edle Dame,— ſagte Monfoort,— wenn es die Ehre eines ſolchen Ritters betrifft. Sag' mir, Kamerad und Leidensgefaͤhrte in unſerer Sache, verließ der Engliſche Feldherr die Schlacht, ehe Philipp ſich zeigte?— „Nein, edler Ritter. Die Wahrheit zu ſagen, er entfloh, als ob ihn der Anblick des Tyrannen entſetzte.“ — Ruhig, Fraͤulein,— ſiel Monfoort ein, als ſich Benina's Unwillen hier von Neuem Luft machen 116 wollte.— Ein Wort bringt das Alles in Ordnung und erhaͤlt Fitzwalter's Ehre. Ich weiß, daß er gebunden iſt durch Ritterwort, niemals zu kaͤmpfen, wenn Philipp ſich zeigt. Ein verderbliches Band, glaube ich, fuͤr uns Alle!— „Der Himmel ſey geprieſen, wenn ſeine Ehre rein iſt,“ rief Benina aus,—„und Ihr, wackerer Krieger, verzeiht mir, und ſagt, o ſagt! lebt Fitz⸗ walter?“ — Ich weiß es fuͤrwahr nicht, ſchoͤnes Fraͤu⸗ lein; er iſt wahrſcheinlich gefangen;— antwortete Jener.. Weiteren Erklaͤrungen wurde durch Jacqueli⸗ nens allmaͤhliches Erwachen und ihre merkliche Be⸗ ſorgniß, zu erfahren, ob ihr irgend eine unwillkuͤr⸗ liche Aeußerung entſchluͤpft ſey, ein Ende gemacht. Durch Benina's verneinende Antwort beruhigt, wandte ſie, wie die Uebrigen, ihren Blick auf ihren Bruder Ludwig, der haſtig aus dem Garten her⸗ eintrat. „O meine theure Jacqueline,“ ſagte der feu⸗ rige, ſie innig liebende Juͤngling, als er ſie um⸗ armte,„o Du verfolgte und doch erſte aller Frauen, wie blutet mein Herz bei Deinem Schickſale! All⸗ Dein Beſitzthum, ja jede Hoffnung, iſt verloren. — — 117 Denn außer der eingelaufenen furchtbaren Zeitung von Schouwen kommt eben ein Bote athemlos von Bruͤſſel, mit der Nachricht: Johann von Brabant liege am Rande des Grabes.“ — Er ſinke hinein!— ſagte Margaretha in einem Tone, der ihre Gemuͤthsſtimmung keinem der Hoͤrer verbarg. „Er ſendet jetzt ſeine letzte Bitte zu Dir, Jac⸗ queline; Du moͤchteſt zu ihm kommen, ſeinen letzten Athemzug auffangen, ihn Deiner Vergebung ver⸗ ſichern. Sag', Schweſter, was beſchließeſt Du in dieſer harten, jammervollen Stunde der Entſcheidung zu thun?“ 3. — Was zu thun iſt? den ſchnoͤden Tyrannen in Scham und Schande ſterben zu laſſen— hier bleiben, feſt verſchanzt in der ſiegreichen Stadt, und wenn's noͤthig iſt, ſich unter ihren Truͤmmern begraben. So wage ich meiner gnaͤdigen Frau zu rathen, ſicher, daß ſie meine Worte unterſtuͤtzen wird;— ſchrie Ludwig von Monfoort. Aber eine ganz andere Regung hatte ſich Jac⸗ quelinens bemaͤchtigt, ploͤtzlich, aber unwiederruflich, in dem Augenblick, wo ihr Bruder die neue wich⸗ tige Botſchaft mittheilte, als ihr Herz noch von dem vorigen Stoß bebte. —— 118 Es liegt keineswegs in unſerer Abſicht, Jaeque⸗ line uͤber ihr Geſchlecht uͤberhaupt hinauszuheben; ſondern nur ſie als das, was ſie wirklich war, dar⸗ zuſtellen, naͤmlich als eine der Erſten deſſelben. Der Entſchluß, den ſie jetzt faßte, verband Milde und Muth, eine Miſchung, die wir gern an ihr wahr⸗ nehmen. Sie ſah jetzt nichts anderes, als den ſterbenden Ungluͤcklichen, welcher in aller Form ihr Gatte geweſen, deſſen Loos zu theilen ſie einſt ge⸗ lobt hatte, aus deſſen Naͤhe ſeine eigene Roheit allein ſie vertrieben, und deſſen vollſtaͤndigſte Un⸗ faͤhigkeit zu Allem, was ein ſchoͤnes, geiſtvolles Weib mit einer ſolchen Verbindung ausſöhnen koͤnnte, ein Hinderniß geweſen. Nun aber vergaß ſie auf einmal alle ſeine fruͤhere Schlechtigkeit, oder wenn ſie daran dachte, geſchah es mit dem linden Balſam der Vergebung, welchen nur ein weibliches Herz uͤber angethanes Unrecht ausgießen kann. Sie war bereit, des Sterbenden Bitte zu hoͤren und hinzueilen an das Todeslager deſſen, der wenigſtens den Namen ihres Gatten getragen. „Ludwig,“ ſagte ſie, mit zitternder aber nicht gebrochener Stimme, feſt aber nicht gefuͤhllos und ohne allen Ton des Vorwurfs gegen van Monfoort: „Ich bin entſchloſſen und bereit, nach Bruͤſſel zu 119 reiſen. Der Himmel und alle Heiligen verhuͤten, daß ich den Liebesdienſt, den ein Sterbender for⸗ dert, verweigere. Du ſollſt mich begleiten. Sat⸗ telt die Pferde fuͤr mich und Benina. Kein Au⸗ genblick iſt zu verlieren.“ Der Blick, welcher dieſe Worte begleitete, druͤckte den Loͤwen von Urk ganz zu Boden. Er wendete ſich ſeitwaͤrts, beſchaͤmt uͤber ſeinen kuͤhnen Einwand gegen ihr Gefühl, und uͤber die falſche Deutung ihrer Beweggruͤnde, und unterwarf ſich ihren Befehlen ſo eilig und vollſtaͤndig, als ob ſie in aller Herrlichkeit des Sieges und der Macht ge⸗ prangt haͤtte. Graͤfin Margarethe erwog eine Zeit⸗ lang ſchweigend die Sache, doch war ſie bald mit ſich zu Ende, uͤber einen Entſchluß nachzudenken, den ſie zu unterſtuͤtzen ihre heimlichen Gruͤnde hatte. Denn man darf keinesweges glauben, daß dieß etwa aus tiefgefuͤhlter Uebereinſtimmung mit der weiblichen Großmuth oder der chriſtlichen Milde, welche ihre Tochter antrieben, geſchah. So weit ihr Gefuͤhl dabei in's Spiel kam, mochte ihr un⸗ gluͤcklicher Neffe und Schwiegerſohn in's Grab oder noch tiefer ſinken, ohne daß ſie deshalb ſich bemuͤht haͤtte, ſeine Gewiſſensbiſſe zu mildern. Im Ge⸗ gentheil ſah ſie in den gegenwaͤrtigen Umſtaͤnden 120 eine aͤußerſt gluͤckliche Gelegenheit, von dem Ungluͤck, welches vor einigen Minuten noch maaß⸗ und gren⸗ zenlos ſchien, ſich einigermaaßen wieder emporzurich⸗ ten. Sie erinnerte ſich Jacquelinen's großer Be⸗ liebtheit in Brabant und Hennegau, und beſonders in Bruͤſſel, wo ihr Hofhalt Vergnuͤgungen und Aufwand unter dem Adel, und ſomit auch Wohl⸗ ſtand unter den Buͤrgern im Allgemeinen hervor⸗ gerufen hatte. Das fruͤhere Einſchreiten des Volks zu ihren Gunſten, als es durch kraͤftigen Widerſtand Jacquelinen vor des Herzogs raſender Tyrannei ſchuͤtzte, fiel ihr in einem Augenblick wieder bei, als dieſe nicht im geringſten daran dachte. Haß gegen St. Pol, der nach ſeines Bruders Tode unaus⸗ bleiblich und unmittelbar Anſpruͤche auf das Her⸗ zogthum erheben wuͤrde, war nicht ohne Einfluß auf die alte Graͤfin. Andrerſeits ſah ſie, daß der Zeit⸗ punkt eines neuen Kampfes zu Gunſten ihrer Toch⸗ ter, und mithin fuͤr ihren eigenen Einfluß erſchienen ſey; daher ſann ſie einige Augenblicke nach, wie man am beſten die Scheidung, welche Benedict XIII. ausgeſprochen, nicht anerkennen, ſondern Jacqueli⸗ nens Gehorſam gegen Martin's V. Bulle, die ihre Heirath mit dem Herzog von Brabant beſtaͤtigte, öffentlich erklaͤren moͤchte, da dieſes im Falle ſeines Todes 121 Todes der ſteaͤrkſte Rechtstitel auf die Nachfolge ſeyn wuͤrde. War ſie aber einmal mit dem Prinzip — oder vielmehr Nicht⸗Prinzip— im Reinen, ſo verlor ſie keine Zeit, lange uͤber das Einzelne nach⸗ zuſinnen; ſondern gab mit wenigen Worten ihre Einſtimmung zu Jacquelinens Entſchluß, ohne jedoch ihre eigenen Beweggruͤnde zu beruͤhren, und verließ ſchnell das Zimmer, wo dieſe kurze und zufaͤllige Berathung gehalten worden war. Auch Jacqueline und Benina entfernten ſich zugleich. Ludwig von Hennegau war ſchon im Hofe, und beſorgte die Anſtalten zur Abreiſe; und als van Monfoort bei dieſer ploͤtzlichen Wendung der Sachen aus ſeiner Beſtuͤrzung erwachte, fand er ſich mitten im Zim⸗ mer allein mit dem Kriegsmann, der auf den Rit⸗ ter blickte wie dieſer auf ihn, als wenn keinem von ihnen ihre gegenſeitige Stellung klar geworden. Ludwig erlangte zuerſt ſeine Haltung wieder. Er ſah ſich um, und gewahrte, daß die bedeutenderen Perſonen ſich zuruͤckgezogen, und daß in der gegen⸗ waͤrtigen Lage der Dinge, Jedes ſeinem Gefuͤhl von Recht oder Unrecht folgen koͤnne. Aerger und Ver⸗ druß hatten ſich ſeiner bemaͤchtigt, als Jacqueline ſeiue Meinung ganz ohne Weiteres bei Seite ge⸗ ſchoben hatte. Er beſchloß, an einem Plane nicht III. 6 122— Theil zu nehmen, welchen er, als ſeinen Anſichten entgegengeſetzt, nur mit Unwillen und Vorurtheil betrachten konnte; er wollte nicht aus eignem An⸗ trieb die Graͤfinnen auf einer Reiſe begleiten, zu welcher er nicht eingeladen worden. Als guter Kriegsmann und eingefleiſchter Hoek, dachte er jetzt nur daran, diejenigen ſeiner Leute ſich zu erhalten, welche Luſt haben moͤchten, ſeinem Gluͤcke zu folgen. Die Stadt wollte er raͤumen; die Ehre verlangte es nicht, ſich fuͤr ſie zu opfern, wenn die regierende Graͤfin ſich daraus entfernte. Seine Zukunft uͤber⸗ ließ er dem Schickſal, oder dem Zufall; denn auf dieſen ſetzten ſolche Feldherren, wie er, mit wildem Muthe ihr ganzes Vertrauen. „Wohl, Kamerad!“ rief er, als er aus ſeiner kurzen Traͤumerei erwacht war, mit einer Heftigkeit in Stimme und Bewegung, die ſeinen Gefaͤhrten erſchreckte,—„wohl, wackrer Bruder, denn als ſolchen kenne ich Dich, obgleich Du vielleicht beſſer gethan haͤtteſt, auf Schowen zu fallen, als hier die traurige Geſchichte zu erzaͤhlen,— Du ſiehſt wie die Welt ſchwankt und das Gluͤck wechſelt. Wir haben ihr nichts entgegenzuſetzen, als kuͤhne Herzen und friſchen Muth. Unſere edle Gebieterin verachtet, wie Du ſiehſt, meinen Rath hier zu bleiben, und eilt feſten Fußes, in der Gewißheit glorreichen Un⸗ tergangs, auf die Bitte eines winſelnden Heuchlers davon, deſſen Furcht vor der Hoͤlle ihm ſagt, daß er ein Suͤnder ſeh, und ihn glauben laͤßt, er be⸗ reue es jetzt. Todt oder lebendig kann Johann von Brabant nichts von ſeinem Weibe fordern, ihr nichts thun, als Boͤſes. Aber merke meine Worte: ſie geht in die Falle der Taͤuſchung und Gefahr, wenn ſie mit Philipp von St. Pol in Beruͤhrung kommt. Wo aber ein boͤſer Stern dem Pfade leuch⸗ tet, iſt's da gut, dem Verblendeten zu folgen? Was meinſt Du, guter Freund, willſt Du mit mir? Willſt Du mein Schickſal theilen?“ — Ob ich will, edler Ludwig? Folgen nicht die Hunde dem Jaͤger? kommt der Falk nicht her⸗ bei auf des Falconiers Ruf? und ich ſollte nicht den Fußtapfen der feſteſten Stuͤtze des Ritterthums, wie des bravſten Hoeks in Holland, nachgehen? Ich bin Euer, tapferer Ritter, lebend oder todt, ſo gewiß Ihr mich zur Rache gegen die Kabblejaws fuͤhren werdet. Ich frage nicht mehr.—, „Deine Hand, guter Freund!“ erwiederte Lud⸗ wig; und als er die harte Fauſt ergriff, die ihm auf ſeine Aufforderung frei entgegengeſtreckt wurde, 6* 124 gab und erhielt er einen ſolchen Druck zuruͤck, wel⸗ cher die Muskeln eines modernen Helden zerquetſcht und ſeine Knochen zerbrochen haben wuͤrde. Die Begruͤßung endete mit einem geheimnißvollen Druck des Daumens, dem Zeichen treuer Hoekſchaft,— welchen aber kein ausplaudernder Bruder dem hor⸗ chenden Ohr der Geſchichte verrathen hat.— Dann eilte der Loͤwe von Urk mit ſeinem Begleiter eilig von dannen zu Thaten der Rache und Verzwei⸗ flung. Ehe Jacqueline und ihre Gefaͤhrten noch die völligen Vorbereitungen zur Reiſe beendigen konn⸗ ten, oder unter Ludwig's von Hennegau Aufſicht die Zelter aufgeſchirrt waren, erreichten die Streif⸗ wachen von der Vorhut des Siegers die Waͤlle von Amersfort. Wir koͤnnen uns die Beſtuͤrzung und Verwirrung eines ſolchen Augenblicks leichter vor⸗ als ſie darſtellen. Die ungluͤckliche Heldin des Schauſpiels, erhaben auf den Schwingen ihres auf⸗ geregten Gemuͤths, war durchaus auf faſt uͤber⸗ menſchliche Weiſe, ruhig und thaͤtig. Ihre Schnelle, Beſtimmtheit, ihr befehlender Ton, nicht auffahrend hart, ſondern als ob der Geiſt weiblichen Helden⸗ muths ſich in ihr verkoͤrpert haͤtte, uͤbertraf bei weitem die zuruͤckhaltende Zartheit wie den uͤber⸗ 125 haupt ſchwaͤcheren Sinn Benina's. Waͤhrend ſie erſtaunt auf ihre Gebieterin blickte, oder unſtaͤt ſich wieder ihrer eigenen Furcht uͤberließ, ſchien Jacqueline keinen andern Gedanken zu haben, als an den hohen und heiligen Gegenſtand, an den ihr Herz gebunden war. Es war ein frommes Feuer in ihrem Betragen, was ſelbſt Die verehren mußten, die von ihrer Abſicht nichts wußten; waͤhrend Die, welche jenen Entſchluß kannten, ſie als ein Opfer betrachteten, das ſich ſelbſt unausweichlicher Gefahr geweiht habe, und zwar zehnfach groͤßerer, als ihr in der Stadt drohten, welche ſie zu verlaſſen im Begriff war. Unter den Letzteren befanden ſich van Mon⸗ foort und die, denen er in der Eil die Beſtimmung mitgetheilt hatte, welcher Jacqueline entgegen ging. Einen Augenblick beſchloß er„ auch den Buͤrgern Kunde von einem Beginnen zu geben, welches er als ein raſendes Hineinrennen in den eigenen Un⸗ tergang anſehen mußte, damit jene ſich fuͤr ihre wie fuͤr ihrer Fuͤrſtin Sache erheben und ſie zuruͤck⸗ halten moͤchten. Aber Ludwig kam zu ſpaͤt. Jac⸗ queline und ihr Gefolge, beſtehend aus ihrem Bru⸗ der, Benina und einem Halbdutzend berittener Be⸗ gleiter, worunter der Bote aus Bruͤſſel, waren * 126 ſchon lange durch das Thor getrabt, ehe die er⸗ ſtaunten Buͤrger des Oberhauptes Meinung haͤtten vernehmen koͤnnen. Graͤfin Margarethe konnte ſich weder ſo ſchnell ruͤſten, noch ſo gleichguͤltig an eine zweitaͤgige Reiſe zu Pferde denken. Auch konnte ſie ſich nicht entſchließen, zum Schein friedfertig den Mann zu ſehen, gegen deſſen Leben ſie ſich noch vor Kurzem verſchworen; ſie wollte ſich deshalb in den Schutz der hohen ritterlichen Geſinnung begeben, welche unter rauher Huͤlle van Monfoort's Herz erfuͤllte. Ihr Scharf⸗ ſinn ſagte ihr, was Jener in ſeinem Ungeſtuͤm uͤber⸗ ſehen, daß der ſicherſte und an Hoffnungen reichſte Weg der nach Utrecht ſey, wo Rudolph van Die⸗ penholt durch das Kapitel zum Biſchof erwaͤhlt worden war, Philipp's ausdruͤcklichem Gegenbefehl zum Trotz, und jetzt alle ſeine Kraͤfte ſammelte, Jacqueline und ihre Freunde zu unterſtuͤtzen; und von da nach dem Zuyderſee, wo Wilhelm von Bredero⸗ de's Flotte, mit Jacquelinens Farben von allen Stengen und Tops herabwehend, ſtolgz ſtationirte. Van Monfoort erkannte die Angemeſſenheit des Plans; er blickte noch weiter nach Friesland, als dem aͤußerſten Ziel einſtweiligen Aufenthalts, bis alle zerſprengten Kaͤmpfer der Freiheit ſich wiede⸗ 127 rum zu neuen gemeinſamen Unternehmungen ſam⸗ meln koͤnnten. Tauſende der Einwohner von Amersfort folgten der alten Graͤfin, als ſie den Platz in einer Pferde⸗ ſaͤnfte verließ, begleitet von der ganzen braven Gar⸗ niſon. Sie ſchied wie die Herrin des Landes, ihr ungluͤckliches Volk in die Verbannung fuͤhrend, wel⸗ ches ſie retten ſollte vor der Sklaverei, aber deſſen Verderben ſie nur noch beſchleunigen half. Und waͤh⸗ rend ſich alle in wildem maleriſchen Zuge nach der einen Seite bewegten, ſtahl ſich Jacqueline, die wahre Gebieterin, die nicht bloß durch Erbfolge, ſondern durch das Recht der Volksliebe regierte, nach der andern fort, ohne einen Schein von Ge⸗ folge oder Begleitung, der die ſinkende Groͤße we⸗ nigſtens troͤſtet, ſelbſt wenn ſie ſchon ein Spott der Welt geworden iſt. Sechſtes Kapitel. Uhſere Leſer werden ſich der Burg Eversdyke er⸗ innern; wir wollen ſie deshalb mit einer Beſchrei⸗ bung nicht zum zweiten Mal aufhalten. Soll⸗ ten ſie aber die ſcharfen Umriſſe und den Cha⸗ rakter der Landſchaften von Suͤd⸗Beveland voͤllig vergeſſen haben, muͤſſen ſie ſchon eins der fruͤheren Kapitel wieder aufſchlagen; denn wir wollen jetzt zum zweiten Mal denſelben, doch kraurig veraͤnder⸗ ten Schauplatz beſuchen. Wie voll Leben und Freude war jener Tag, an dem Vrank van Borſelen nach jahrelanger Ab⸗ weſenheit zuruͤckkehrte in das Haus ſeiner Vaͤter, es mit unerwartet uͤberraſchender Wonne zu fuͤllen! Die Abendſonne uͤbergoß vergnugte Gruppen mit ihrem Glanze, als ſie in purpurfarbenen Wolken ſchlafen ging, und ſelbſt die harten Lehnsverhaͤlt⸗ niſſe loͤſtten ſich da in milde Freundſchaft und ge⸗ 129 genſeitige Liebe auf, nach dem Bilde des ſchoͤnen Familiengluͤckes. Wenige Stunden hatten dieſe Eindruͤcke voͤllig ausgeloͤſcht. Freude, Hoffnung und Sonnenſchein waren verſchwunden. Die waͤrmen⸗ den Strahlen der Herbſtſonne roͤtheten die Außen⸗ waͤlle nicht mehr, blinkten nicht mehr auf dem ſpaͤr⸗ lichen Laubwerke der Umgegend, und die Trauer, welche jede Freudenquelle drinnen erſtarren ließ, war im Einklange mit den eis⸗ und ſchneebedeckten Baͤchen und Ebenen, mit der Kaͤlte, welche auch draußen bis an's Herz der Natur drang. In demſelben Zimmer und eben der Stellung, in welcher unſre Leſer das erſte Mal Frau Bona van Borſelen ſahen, ſaß ſie an dem Morgen, wel⸗ cher der Schlacht von Browershaven folgte. Sie blickte aus nach der See, die jetzt duͤſter und zornig an die Untermauern der Burg ſchlug; jede Woge glich einem baͤumenden Seepferde, das ſtolz ſeine ſchaumbedeckte Maͤhne ſchuͤttelt. Es war dies das einzige Zeichen der Naͤhe des Ozeans, welches ſich durch den dichten Nebel, der, wie gewoͤhnlich, auf der Kuͤſte lag, unterſcheiden ließ. Es war nicht moͤglich, ein Boot in Kabeltaulaͤnge vom Strande zu entdecken. Frau Bona ſchaute lange in die Ferne; ihr Auge ſchien uͤber die Grenzen des Geſichtskreiſes * 6** 130— hinausdringen zu wollen. Sie ſchob den Kopf haͤufig durch die ſchmale Fenſteroͤffnung hinaus in aͤngſtli⸗ cher Beſorgniß, und wenn die ſcharfe Luft ſie von Zeit zu Zeit zwang, ihn zuruͤckzuziehen, dauerte dieſe Unterbrechung nur ſo lange, als ſie brauchte, Man⸗ tel und Kappe von dunkelrothem Kamelot mit Mar⸗ derfellen gefuͤttert, ein Geſchenk ihres Verwandten Siecon Syarda, Oberhaupts der Frieslaͤndiſchen Schieringer, wieder in Ordnung zu bringen. Die Urſach ihrer unruhigen Bekuͤmmerniß braucht wohl kaum angedeutet zu werden. Ein treues Weib und eine liebende Mutter, deren Gatte und Sohn im Felde ſind, wird in der Regel auf gleiche Weiſe bewegt ſeyn, und ihre Gefuͤhle eben ſo an den Tag legen. Nicht, daß ſie laut geſprochen haͤtte. Ihre Gedanken waren zu ſtark, zu an einander gedraͤngt, als daß ſie ihnen haͤtte Worte leihen koͤnnen; doch im Innern ſprach es mit aller Beredſamkeit der heißeſten Liebe, zugleich aber auch wie mit dunkler Ahnung von Ungluͤck; ſie fuͤhlte die wachſende Staͤrke ihres eigenen Gemuͤths, welches ſie nie in ſeiner ganzen Kraft gekannt hatte. Daß Leiden und Kummer uͤber das Haus Borſelen kommen wuͤrden, war ſeit Vranks ploͤtzlicher Abreiſe zur fe⸗ ſten Ueberzeugung bei ihr geworden. Die Freude, 131 welche ſein kurzer Beſuch hervor gerufen, betrach⸗ tete ſie in ihrem Wahne als den aufflackernden Schein vor dem nahen Verloͤſchen, als den unter⸗ ſinkenden Glanz der Sonne haͤuslichen Gluͤckes. Rauheit und Haͤrte lag nicht in ihrem angebornen Charakter, aber die Art ihres Gatten, der Zeit Gewohnheit und Sitte hatte ſie ſo viel davon an⸗ nehmen laſſen, daß waͤhrend Heer Borſelen's Ab⸗ weſenheit ihren Befehlen auf das puͤnktlichſte Folge geleiſtet wurde. Sie wollte ſeit einigen Tagen al⸗ lein ſehn. Die Dienerſchaft, jetzt auf den alten Seneſchall, die Aufſeherin der Kinder und wenig Dienſtmaͤgde beſchraͤnkt, hatte ihre Wuͤnſche genau befolgt. Die gewoͤhnliche ſcharfe Zucht des Hauſes wurde in dieſer Zeit noch ſtrenger gehandhabt, und ungeſellige Stille zog durch die Hallen des Schloſ⸗ ſes. Die Kinder ſelbſt unterlagen dieſem Truͤbſinn; kein Lachen, nicht der leiſeſte Ausbruch der Froͤhlich⸗ keit drang in Frau Bona's einſames Zimmer, wo ſie die Beſtaͤtigung ihrer kummervollen Ahnungen erwartete. 2 Als ſie noch ausſchaute, die Stirn umduͤſtert, und vorbereitet, Ungluͤckliches zu ſehen oder zu hoͤ⸗ ren, vernahm ſie deutlich, ſo oft die Wogen, die ſich an der Mauer gebrochen, mit geringerem Getoͤſe 132 zuruͤckrollten, Ruderſchlaͤge. Ihr Herz klopfte ſtaͤr⸗ ker, der Athem verging ihr auf einen Augenblick, und als ſie ihr Auge noch ſchaͤrfer auf den Strand richtete, ſah ſie eine dunkle Geſtalt durch den Nebel 2 in unbeſtimmten Umriſſen, wie ein Traumbild. r Einige Minuten ſpaͤter, und ſie erkannte, das es keine Taͤuſchung war. Sie ſah den Deichgraͤber in derſelben wilden Kleidung, die er am Tage vor der Schlacht getragen, mit Blut befleckt, welches er nur haſtig und unvollſtaͤndig von Geſicht und Haͤnden gewaſchen hatte. Das Haar war in einander ge⸗ wirrt, und vom Reif ganz weiß. Seine vom Wet⸗ ter gefurchten Zuͤge hatten ein noch drohenderes und verzweifelteres Anſehen als jemals. Er ſchritt in Ehrfurcht gebietender Stellung auf das Schloßthor zu, waͤhrend er ſcharf nach dem geoͤffneten Fenſter blickte, in einer Hand ſeine treue Waffe haltend, mit der andern einen Mantel zuſammenhaltend, der einen ſchweren Gegenſtand, welcher auf ſeiner lin⸗ ken Schulter ruhte, verhuͤllte. Das Weib, welches den Dienſt des Thürſte⸗ hers verſah,— denn Alles, was Waffen tragen konnte, war zum Kampfe ausgezogen,— zog ſich, als ſie Ooſt's Schrecken erregende Haltung und Blicke ſahe, furchtſam in ihre Ecke zuruͤck. Die Ket⸗ 133 tenhunde im Wallgraben, unter denen ſich auch Ooſt's eigener befand, ſtießen ein klaͤgliches Geheul aus, worin ſich das freudige Winſeln des Letztern miſchte, als der Frieſe uͤber die Bruͤcke ging und ſeinem zottigen Lieblinge einen fluͤchtigen Blick zu⸗ warf. Aber ſelbſt dieſer Gegenſtand ſeiner zaͤrtli⸗ chen Aufmerkſamkeit konnte ſeine Schritte nicht auf⸗ halten, noch ſeinen zuſammengepreßten Lippen ein Wort entreißen. Als er die leere Halle durch— ſchritten, und den obern Gang erſtiegen, traf er auf den alten unbehuͤlflichen Seneſchall, der die grauen Locken, welche uͤber ſeine Stirn herabfielen, auf die Seite ſtrich, ſich aufgerichtſt mitten in den Weg ſtellte, um zu erfahren, von Wem und auf Weſſen Vollmacht die ſtrenge Ordnung der Foͤrmlichkeiten verletzt wuͤrde. „Ach! Mynheer Ooſt, der Deichgraͤber!“ ſagte er, als er den geradezu gehenden Beſucher erkannte, „willkommen vor Allem in der Halle von Evers⸗ dyke! Das Herz unſerer guten Frau, unſerer edlen und gnaͤdigen Gebieterin, wird ſich uͤber Deine An⸗ kunft freuen, denn ſie wartet auf die Nachrichten, welche Du bringſt. Aber gemach, gemach, Freund Ooſt, wohin ſo eilig? Halt, ich bitte Dich, alter Waldjaͤger! Du darfſt nicht weiter gehen, bis ich 134 Dich gebuͤhrend meiner Frau gemeldet habe. Steh' ſtilll mit Gewalt mußt Du nicht hinein wollen.“ Und zugleich mit dieſen Worten ſtellte ſich der alte Diener mit ausgebreiteten Armen quer uͤber den Corridor, und ſeine breite Geſtalt fuͤllte faſt den engen Gang aus, ſo daß Ooſt ihn entweder um⸗ ſtoßen mußte, oder ſich zum Stillſtehen und einer Unterredung mit ihm bequemen. Er waͤhlte das letztere. — Graukoͤpfiger Diener des Hauſes Borſelen, treuer Gefaͤhrte in Freud' und Leid, begieb Dich weg, und halte mich nicht laͤnger auf!— ſprach Ooſt mit ernſtem, feierlichen Tone. Doch war es nicht ſo leicht, Jenen von dem lang befolgten Gang der Foͤrmlichkeiten ſeines Dienſtes abzubringen. „Guter Ooſt, Deine Blicke ſind ſchrecklich, und Deine Sprache erſchuͤttert mich,— aber Du darfſt nicht vorbei, bis ich gefragt habe, ob es meiner Frau gefalle, Dich zu ſprechen.“ — Ihr gefalle, Alter! Ich trage ein Unter⸗ pfand bei mir, daß ich ihr innerſtes Heiligthum be⸗ treten kann. Aus dem Wege, Alter, und laß mich vorbei!— I „Ich ſage Dir, keine Vollmacht eines lebenden Menſchen— Nichts, außer des Herrn und Haup⸗ — 135 tes eigene Hand, kann Frau Bona's Befehl, ſie nicht zu ſtoͤren, umſtoßen.— So warte denn, guter Ooſt, warte einen Augenblick, bis ich ihr Deinen Namen geſagt und vernommen habe, ob ſie Deinen Beſuch paſſend findet.“ Ooſt lehnte ſeine Keule an die Mauer, ergriff des Seneſchalls Arm, erhob ihn bis zu ſeiner Schul⸗ ter, und fuͤhrte ihn unter den Mantel, der ſeine Buͤrde bedeckte.— Keine Erlaubniß eines Leben⸗ den— des Lehnsherrn eigene Hand, ſagſt Du?— ſprach Jener in tiefen ſchauerlichen Toͤnen;— hier denn iſt mein Paß!— „Heilige des Himmels! O Jammer! O ent⸗ ſetzlich!“ ſchrie der Seneſchall, zuruͤckfahrend von dem Gegenſtande, welchen er unwillkuͤrlich beruͤhrt hatte. — Kann ich jetzt hinein?— fragte Ooſt, leiſe aber furchtbar fluͤſternd. Der Alte bewegte ſeine Hand in ſchweigender Beiſtimmung, denn kein Wort konnte uͤber ſeine bebenden Lippen. Er ſank auf ſei⸗ nen eichenen Stuhl, ſeine Augen ſtarrten aus ihren Hoͤhlen, ſein ganzer Koͤrper zitterte, als ob ein Schlagfluß oder Starrkrampf ihn ploͤtzlich ergriffen. Ooſt ging ſchweigend ſeines Weges, und ſtand dor 136 der Thuͤr des wohlbekannten Zimmers, an deſſen Fenſter er Frau Bona angſtvoll harrend geſehen. Er druͤckte auf die hoͤlzerne Klinke, oͤffnete die Thuͤr, und trat ein. Frau Bona ſtand in der Mitte des Gemaches, den erwartungsvollen Blick auf den furchtbaren Boten geheftet, dem ſie bis dahin entgegen gekommen war. Sie dachte nicht, wie vormals, an die Wuͤrde der Stellung, oder ihre. Kleidung zu ordnen. Sie bereitete ſich vor, einem ſchweren Streich zu begegnen, und die Gewalt des natuͤrlichen Gefuͤhls verachtete den falſchen Schmuck kuͤnſtlicher Formen. „Komm naͤher, treuer Freund, ſprich, ich bin auf das Schlimmſte gefaßt— Deine Zeitung leſ' ich in Deinem duͤſtern Blick!— Was bringſt Du da?“ . Ooſts Lippen zitterten, als er ſprechen wollte; er ſchwankte, als er noch einen Schritt vorwaͤrts that. Seine rauhe Natur war durch den Ausdruck der Verzweiflung in ihrem Ton und Geſicht uͤber⸗ waͤltigt. „Bei Deiner Treue, bei Deiner Liebe fuͤr mich und die Meinen, beſchwoͤre ich Dich, befehle ich Dir, ſag' mir Alles! Der Bogen iſt geſpannt 137 auf's Aeußerſte— er ſpringt, wenn es noch laͤnger waͤhrt!’”"“ 3 Bei dieſen Worten legte ſie die Haͤnde auf's Herz, als wenn ſie etwas mehr als gewoͤhnliche Sorge zuruͤckdruͤcken wollte. — Soll ich den Lauf des Schickſals erzaͤh⸗ len?— rief Ooſt mit ungewohntem Ausdruck;— Spricht nicht der Tod mit ſprachloſer Stimme? Redet der ſtarre Leichnam nicht lauter denn Worte? — Und als er dieſe furchtbare Beſtaͤtigung der ſchlimmſten Ahnungen ausgeſprochen, legte er ſeine verhuͤllte Laſt auf den Steintiſch, welcher die Mitte des Zimmers einnahm. Er ſtand dann, wie ein Prieſter oder Augur beim Opfer, eine Hand auf den verdeckten Gegenſtand, als ob er ein Gebet oder eine Beſchwoͤrung murmelte, ehe er das Geheimniß des rauchenden Opferthieres enthuͤllte, welches unter ſeinen Haͤnden geſchlachtet lag. Die ſtieren Augen der Gattin und Mutter folgten jeder Bewegung ſeiner Hand und Lippe, jede Miene, jedes ungeſprochene Wort zu errathen ſtrebend. Nach einer Pauſe von einigen Augenblicken ſagte er:— Der Segen uͤber den Erſchlagenen— der Bann uͤber den Moͤrder— der vernichtende 138 Fluch uͤber den Verraͤther ſind aufgeſtiegen zu den Goͤttern meiner Vaͤter! Bona von Ilſt, biſt Du bereit? Soll ich den Koͤrper enthuͤllen?— Eiine Bewegung der Hand gab ihre Zuſtim⸗ mung zu erkennen; aber als Ooſt gehorchen wollte, und ſchon den Mantel ergriff, fuͤhlte ſie ploͤtzlich in der Tiefe ihres Buſens einen heftigen Schmerz, und mit einem bittenden Blicke um Aufſchub faßte ſie krampfhaft ſeinen Arm. Er hielt inne, und ihre Geſichtszuͤge verzerrten ſich in wilder Aufregung, als ſie mit kaum vernehmlicher Stimme ausrief: „Iſt's mein Sohn?“ — Vrank van Borſelen, Herr von Eversdyke, St. Martins⸗dyke und Ilſt, lebt in Ehre und Sieg!— war die feſt geſprochene Antwort. Dieſe Worte wirkten wie ein Zauber. Die aufgehaltenen Fluthen des Gefuͤhls ergoſſen ſich, die ſcharf geſpannten Fibern ließen nach. Herz, Leib und Seele gewannen ihre Kraft zugleich wieder— und der Ausbruch der Mutterfreude— der maͤch⸗ tigſten aller weiblichen Empfindungen— uͤberwaͤl⸗ tigte fuͤr einen Augenblick alle anderen Gefuͤhle. Frau Bona fiel auf die Kniee neben dem Tiſch, auf welchem ihres Gatten ſtarrer Koͤrper, beſudelt mit gefrornem Blute, lag, und ehe ſie die Huͤlle zu luͤf⸗ 139 ten verſuchte, ſandte ſie die uͤberſtroͤmende Fuͤlle ih⸗ res Dankes fuͤr die Rettung ihres geliebten Soh⸗ nes gen Himmel. „Dank den Heiligen!“ rief ſie aus mit aller Gewalt der Leidenſchaft, in einer Sprache, die ſich zu erheben ſchien in dem Maße, als ihr Geiſt dem, was er in ſeinen Tiefen empfunden, jetzt freien Lauf ließ.„Mein Sohn lebt— mein ruhmreiches Kind, — mein vor Allen geliebter Vrank— mein Stolz, mein Segen! Lang, lang lebe er in Tugend und Ruhm— die Ehre ſeines Geſchlechts, der Stamm⸗ halter, es zu erneuen! O mein Herz, mein Herz, welche Centnerlaſt iſt nun von dir genommen; du waͤreſt ſicherlich gebrochen, wenn der Todespfeil ihn getroffen haͤtte! Welches Weh kann dem verglichen werden— welcher Kummer iſt nicht eine Seligkeit gegen den der Aeltern, welche ihr Kind uͤberleben. O dieſe warmen Thraͤnen ſind Thraͤnen der Freude und des Dankes, welche dahinfließen ungerufen und unwiderſtehlich! Er iſt gerettet! Gott ſey ge⸗ prieſen!— Und jetzt“— und bei dieſen Worten ſtand ſie auf, und ihre lange Geſtalt ſchien bei jedem Worte ſich noch mehr aufurichten, und hoͤher zu werden;„jetzt ſey fuͤr immer verbannt die Mutterſchwachheit, und ſchweigen ſoll die Mut⸗ 1⁴⁰ terfreude! Jetzt ſoll mein Herz zu Stein, und mein Kummer ſoll ſtarr werden vor Kaͤlte, und meine Rache ſoll maͤchtig und blutig ſeyn! Tiefe Betruͤb⸗ niß und hohe That ziemen der Wittib des edlen, des tapferen Borfelen! Ooſt, nimm den Mantel weg, daß ich blicke in das Antlitz des Todten!“ Ooſt gehorchte. Der entſtellte Koͤrper Floris van Borſelen's, im ſelben Zuſtande, wie er vom Schlacht⸗ felde fortgetragen worden, lag vor den Augen der Wittfrau. Als Ooſt den Mantel wie einen Bal⸗ dachin daruͤber hielt, blickte ſie lange auf die ver⸗ zerrten Zuͤge, und ſchien die Tiefe des ſterbenden Haſſes zu ergruͤnden, der auf des Todten Lippen und Brauen ausgepreßt lag, und die Laͤnge der Rache zu meſſen, die jetzt die Haupttriebfeder ihres eigenen Geiſtes war. Eine Miſchung weiblicher Zaͤrtlichkeit war ohne Zweifel damit verbunden, und beſtimmte deren Heftigkeit. Der Gatte ihrer Ju⸗ gend, der Vater ihrer Kinder konnte nicht verſtuͤm⸗ melt oder leblos vor ihr liegen, ohne ihre Seele ge⸗ waltig aufzuregen. Und doch konnte man kaum ſa⸗ gen, daß ſie ihren Ehegatten geliebt habe, denn es war Etwas in ihm geweſen, was ſich mit Liebe nicht vertrug; ſie hatte ihn eher als ihren Herrn, denn als ihren Gemahl betrachtet. Sie hatte ihn „»— 141 geehliget, als ſie faſt noch ein Kind war, er aber ſchon lange die Juͤnglingsjahre uͤberſchritten, nicht auf der Liebe, ſondern der Eltern Gebot. Sie hatte Thraͤnen an ihrem Hochzeittage vergoſſen, nicht Thraͤnen uͤberwaͤltigender Freude, deren Quell aus dem gegenſeitigen Zuge der Herzen entſpringt; nein, bitteren Kummers uͤber die Tyrannei, welche ſie Dem verband, fuͤr den ihr Herz nicht ſchlug. Seine fortdauernde Zuneigung zu ihrer Perſon hatte keinen Reiz fuͤr ſie, und die Haͤrte, mit der er die Ausbruͤche ihres maͤdchenhaften Frohſinns unter⸗ druͤckte, und die Augenbrauen zuſammen zog, wenn ſich ein Lachen aus ihrer ſchwer beladenen Bruſt ſtahl, ſchien den kindlichen Sinn erſticken zu wollen, welchen ſie gern im Herzen pflegte. Er war ſtets ein Gegenſtand der Furcht und der Ehrerbietung fuͤr ſie. Sie betrachtete ſich mehr als ſeine Zu⸗ gabe, denn als ſeine Gefaͤhrtin. Er wuͤrdigte ſie niemals, ſich mit ihr zu berathen, und wußte weder ihrer Selbſtliebe jemals zartfuͤhlend durch vorgeſpie⸗ gelte Achtung zu ſchmeicheln, noch wollte er es. Aber bei allem dieſen reifte ſie an ſeiner Seite zum Weibe heran, als er zu altern begann. Sie lebte ſich ein in ſeine Art zu denken und zu ſpre⸗ den ſeine Gewohnheiten und Vorurtheile gewan⸗ 142 nen auch allmaͤhlich bei ihr Raum, und alle ihre Ge⸗ danken und Gefuͤhle nach ihrer Licht⸗ und Schat⸗ tenſeite, heiße und erkaͤltende, lebendige und ver⸗ bluͤhte, waren von dem Einfluß ihres Gatten nicht frei geblieben, ſo wie der Trabant den wechſelnden Phaſen ſeines Planeten folgen muß. „Ooſt,“ ſagte ſie, als ſie den Leichnam ſo lange angeſtarrt, bis ſie kalte Schauer durchrieſelt hatten,„ich uͤbernehme jetzt alle Pflichten, die eine Wittfrau ihrem gemordeten Gatten ſchuldig iſt.— Und nun ſag' mir zuerſt, wer mordete meinen ed⸗ len Ritter und Herrn?“ — Wahrhaftig, meine gnaͤdige Frau, das waͤre hart zu erzaͤhlen! Die vielen Wunden empfing er in der Hitze des Kampfs; aber Haͤnde, welche den Schaft abdruͤckten, oder die Lunte auf das Zuͤnd⸗ pulver hielten, ſind mir nicht bekannt.— „Und ſoll Floris van Borſelen in's Grab ſin⸗ ken ungeraͤcht?“ — Das wenden die Goͤtter Friesland's von uns! Schon iſt ſein Fall vergolten durch viel ed⸗ les Blut. Die Hoeks ſind bis auf den letzten Mann zuſammengehauen. Zegher van Hemſted iſt nicht mehr.— éN— — 143 „Dank dem Himmel! So ruhe denn des Krie⸗ gers Geiſt in Frieden!“ — Ruhe!— ſchrie Ooſt im wilden Tone des Vorwurfs und der Wuth.— Nicht alſo, Bona von Ilſt! Nicht Ruhe noch Frieden kennt der Geiſt des Kriegers, bis Rache voll und blutig ge⸗ uͤbt iſt an dem Verraͤther. Die rothe Hand des Feindes hat der Todeskrampf zuſammengeballt, das heiße Blut der Moͤrder iſt vergoſſen auf der Ebene, und hat ſich mit ſeinem eigenen vermiſcht;— aber die bleiche Memme, welche die Verſtaͤrkung zuruͤck⸗ hielt; der Bube, deſſen ſchaͤndlicher Verrath unſern Gebieter opferte, er lebt noch— lebt zur Suͤhne fuͤr Floris van Borſelen's Tod auſgehoben— fuͤr Deine Rache!— 5 „Radbold's Sohn, Deine Worte dringen mir durch Mark und Bein, wie die Windsbraut den Forſt ſchuͤttelt im Herbſt. Nenne den Buben!“ — Wilhelm Le Begue.- „Ich glaube, daß ich den Namen maa fruͤher gehoͤrt— wer iſt es?““ — Ein Guͤnſtling Herzog Philipp's— der faule Abzugsgraben, durch welchen ſein fuͤrſtlicher Befehl hindurch muß. Er— er ſprach das Todesurtheil uͤber 841 — 144 Euern Gatten, Euern Sohn, die Dienſtmannen von Eversdyke, die Bluͤthe der Kabblejaw'ſchen Ritter⸗ ſchaft; und als das erſte und groͤßte Schlachtopfer ſank der edle Floris in den Staub.—— „Ooſt, wir muͤſſen den Verraͤther aufſuchen; wir duͤrfen ihm den Lohn nicht ſchuldig bleiben!“ — Gnaͤdige Frau, dieſes auffordernden Tons, dieſes Feuerblicks bedarf es nicht, mich anzuſpornen. Der elende Wicht iſt ſchon ausgeſpuͤrt in ſeinem Schlupfwinkel— ich folgte ihm, wie der Jaͤger der Faͤhrte des Raubthiers, durch Schnee und Eis, durch Mondſcheinnebel und mitternaͤchtliches Dunkel — er iſt in unſerem Bereiche— er lebt Eurer Gnade!— Der Deichgraͤber warf bei dieſen letzten Wor⸗ ten die Lippe hohnlaͤchelnd auf. Frau Bona's ant⸗ wortender Blick war nicht weniger furchtbar. „Genug!“ ſchrie ſie auf;„wie ich im froͤhli⸗ chen Spiele der Kindheit gefolgt bin Deiner treuen Leitung durch Felſenufer und Waldpfad meines Geburtslandes— wie mein Sohn ſich Dir ver⸗ traute in den irfen Forſten von Drenthe, ſo uͤber⸗ geb' ich mich jetzt Deiner Fuͤhrung, die mich zum Ziel meiner Rache bringen ſollt⸗ Komm — r 145 — Komm denn, Gebieterin, eilig, ſtill und allein.— „Was, dieſen Augenblick? Biſt Du Deiner Mittel gewiß? Brauchſt Du keine Huͤlfe?“ — Braucht' ich ſie auch, waͤre ſie hier doch nicht zu finden— aber nein, gnaͤdige Frau— die⸗ ſer Arm reicht hin zur That, deren Zeuge Ihr ſeyn ſollt; ich allein will ſie ausfuͤhren.— „Fuͤhre mich denn, wie Du willſt! Aber zu⸗ vor ſoll der Himmel mein Geluͤbde vernehmen, wel⸗ ches ich ablege in dieſer jammervollen Stunde. Bei dieſem lebloſen Koͤrper, auf den ich meine Hand lege— bei der Seele Deſſen, der nicht mehr iſt— bei ſeinem unſtaͤten Geiſt ſchwoͤre ich, daß weder Speiſe noch Trank meine Lippen netzen ſoll, daß nimmer Schlaf meine Augen ſchließen, daß Hunger und Durſt meinen ausgetrockneten Koͤrper verzehren ſollen, bis der Verraͤther meines Herrn todt zu mei⸗ nen Fuͤßen liegt! Noch ſoll dieſer Leichnam ruhen im kuͤhlen Grabe, ſoll hier verweſen uͤber der Erde, daß tauſend und aber tauſend Wuͤrmer herum⸗ 4. ſchwaͤrmen in der ſtinkenden Luft, und die alt ge⸗ wordenen, abgenutzten Waͤnde um ihn verfaulen— bis der Koͤrper des Verraͤthers ſo bereit zur Grube III. 7. — 146 i*ſt, als Deſſen, der ein Opfer ſeines Verrathes ge⸗ fallen iſt! Bedecke den Koͤrper, und hinweg!“ Der blutige Mantel, ein paſſendes Leichentuch fuͤr den gefallenen Krieger, wurde noch einmal uͤber den ausgeſtreckten Haͤuptling gebreitet. Die aufge⸗ regte Wittib verließ nun die ſterblichen Reſte ihres Eheherrn unbewacht und unbeklagt, und eilte hin⸗ aus, einen Mord zu vollbringen, vor dem des Wei⸗ bes Natur zuruͤckſchaudern mußte, wenn ihre bar⸗ 3 bariſche Vorſtellung von Pflicht ſie nicht dazu ge⸗ zwungen haͤtte. Sie ließ Ooſt vorangehen, ver⸗ ſchloß dann ſelbſt die Thuͤr, und nahm den ſchwe⸗ ren Schluͤſſel, der nicht fuͤr weibliche Haͤnde ge⸗ macht war, unter ihre eigene Obhut. Ooſt ergriff ſeine Keule, die er auf dem Corridor hatte ſtehen laſſen, und ging dem Burgthor zu. Frau Bona folgte ihm auf dem Fuße, nur in ihren gefuͤtterten Mantel gehuͤllt, alle andere Vorbereitungen zu ih⸗ rem Unternehmen verachtend. Als der alte Sene⸗ ſchall ſie naͤher kommen ſah, beugte er ſein graues Haupt voll Ehrfurcht und ſchaudernder Ahnung des Aergſten, von dem er doch noch keine unumſtoͤßliche Gewißheit hatte. Seine Herrin raunte ihm einige befehlende Worte in's Ohr. „Nicht Einer, ſo wahr die Heiligen und alle N— .,— 147 Maͤrtyrer mir helfen ſollen am fuͤngſten Tagere war ſeine feierliche Antwort. — S iſt gut!— ſagte Frau Bona. Eilig und lautlos ſchritten ſie bei der Pfoͤrtnerin voruͤber, und verſchwanden bald in dem Nebel, welcher, da der Tag zu Ende ging, immer dichter wurde, als haͤtte er ihr Unternehmen in ſo tiefes Dunkel huͤllen wollen, als es verzweifelt war. Die Pfoͤrtnerin und der Seneſchall blickten rund herum, und horchten lange. Aber ſie ſahen und hoͤrten nichts von dem verſchwundenen Paare. Wie Ooſt gekommen war, oder wohin er ihre Ge⸗ bieterin begleite, daruͤber wagten ſie keine Vermu⸗ thungen aufzuſtellen. Uebernatuͤrliche Furcht laͤhmte die Kraft ihres Geiſtes, wie ihrer Sinne. Endlich trieb ſie die Kaͤlte an ihre gewohnten Plaͤtze zuruͤck; die Pfoͤrtnerin kroch in ihre Vertiefung, und der Seneſchall begab ſich wiederum nach ſeinem Wacht⸗ ſtuhl, die unterbrochene Ruhe fortzuſetzen. Vorher aber ſchob er ihn zuſammt dem tragbaren Heerd, auf welchem ein Torffeuer glimmte, vor die Thuͤr des Zimmers, in welchem der Leichnam lag. Wa⸗ rum ſeine Herrin ihm dort zu wachen befohlen, und keine lebende Seele in der Naͤhe zu laſſen, bis ſie zuruͤckkehrte, wagte er nicht zu unterſuchen. Doch 7* 148 konnte der eiſige Schauer, der ihn durchrieſelte, als Ooſt ſeine Hand unter den Mantel fuͤhrte, wohl ein Fingerzeig ſeyn, das Geheimniß zu loͤſen, haͤtte in ihm nicht die Furcht jeden Gedanken unter⸗ druͤckt, der zu weiteren Vermuthungen haͤtte fuͤhren koͤnnen. amin Der Tag war traurig und einfoͤrmig verſtri⸗ chen, der Abend dunkelte ſtark, aber gerade beim Einbruche der Nacht brach der Mond durch die Wolken, und leuchtete hell mitten uͤber der See, und auch die Luft wurde rein, wie denn in jenen Gegenden das Wetter ſonderbar umſpringt. Der Seneſchall ſah mit der Pfoͤrtnerin noch einmal aus, ob ihre Herrin nicht zuruͤckkaͤme, aber vergebens. Es zeigte ſich kein Boot auf der See, kein Pferd auf dem Lande, und der Alte mußte wieder auf den Trauerpoſten und die Wache an der Thür, welche, wie er wußte, ein Geheimniß verſchloß, das er ver⸗ gebens aus ſeinem beaͤngſtigten Geiſt zu entfernen ſuchte. Erſt um die Mitte der Nacht wurde er wirklich aus ſeinem unruhigen, durch Traͤume haͤu⸗ fig unterbrochenen Schlaf geſtoͤrt. Frau Bona hatte ſich furchtlos dem kleinen Nachen anvertraut, auf welchem Ooſt wieder nach Suͤd⸗Beveland heruͤber gekommen war. Die Toch⸗ 149 ter eines kuͤhnen Stammes von beidlebigen Freibeu⸗ tern, wie es die Frieslaͤndiſchen Edeln damals wa⸗ ren, erholte ſich nun von ihren Leiden, von Kaͤlte und Furcht in dem offenen Boot. Sie ſtand im Hintertheile am Steuerruder, waͤhrend der halb⸗ wilde Matroſe, gleichmaͤßig zu Hauſe auf den Wo⸗ gen, wie in den Waͤldern, zugleich Seemann und Jaͤ⸗ ger, in der Mitte des gebrechlichen Fahrzeugs ſaß, und die Segelleinen oder das Ruder abwechſelnd handhabte, wie es die Gelegenheit forderte, mit ſolchem Geſchick und einer Schnelligkeit, daß es wohl einem ſchwaͤcheren Geiſte als dem Frau Bona's, und in groͤßerer Gefahr als dieſer, Muth eingefloͤßt haben wuͤrde. Doch war auch dieſe nicht ganz unbedeu⸗ tend. Der dichte Nebel machte es unmoͤglich, daß Ooſt ſeinen Weg durch die Untiefen ſehen konnte, und nur ſeine genaue Kenntniß der Stroͤmungen dieſer engen See konnte ihm dieſelben angeben. Waͤre das Boot auf eine Sandbank gelaufen, oder in die Haͤnde irgend einer umherſegelnden feindli⸗ chen Partei gefallen, ſo war in beiden Faͤllen der Untergang gewiß, denn die rachedurſtigen Ueber⸗ bleibſel der geſchlagenen Hoeks haͤtten gewiß nicht mehr Mitleid mit Alter oder Geſchlecht gehabt als die Wogen des Meers. Aber Rache war der ſichere 1*⁴ * 150 Compaß, welcher den freien Frieſen durch pfadloſes Meer fuͤhrte, und Wilhelm Le Begue's boͤſer Stern leuchtete hell uͤber ſeines Verderbers Bahn. Unmittelbar nach dem Siege des vorigen Ta⸗ ges hatte Herzog Philipp mit wohlbedachter Sorg⸗ falt auf alle Beduͤrfniſſe und Wuͤnſche ſeiner Un⸗ tergebenen Ruͤckſicht genommen. Nicht nur die Krieger, welche gefochten hatten, wurden mit allem Moͤglichen verſehen; ſondern auch fuͤr die Miniſter, welche im Nathe geſeſſen, und die Prieſter, welche gebetet hatten, wurde mit der groͤßten Aufmerkſam⸗ keit geſorgt. Zu beiden letzteren Klaſſen gehoͤrten auch vor Allen Wilhelm Le Begue und Zweder van Culemburg. Die ſchwaͤchliche Geſundheit des Einen und die Nervenzufaͤlle des Andern erheiſchten Obdach und Erquickung, Etwas, das nicht ſo leicht in der Naͤhe des Schlachtfeldes zu beſchaffen war, denn die ganze Umgegend war mit den uͤbermuͤ⸗ thigen und hungrigen Siegern angefuͤllt. Der ein⸗ zige noch unbeſetzte Platz in einer maͤßigen Entfer⸗ nung war ein einſam ſtehendes Haus an der ſuͤdli⸗ chen Spitze der Inſel Schowen, einem Hoek gehoͤ⸗ rig, der in dem Kampf geblieben. Dieſer Aufent⸗ halt wurde als der paſſendſte den beiden Freunden 151 angewieſen; ſie ſollten dort einige Tage ruhig war⸗ ten, bis die Bewegungen des Eroberers ihnen die weitere Richtung, die ſie zu nehmen haͤtte.n, vor⸗ ſchreiben wuͤrden. Ihre Vorbereitungen zur Abreiſe nach jenem Hauſe waren bald beendigt. Ein Boot war her⸗ beigeſchafft worden, als die leichteſte und ſchnellſte Art, dorthin zu gelangen, und zwei ruͤſtige Fiſcher hatten deſſen Leitung uͤbernommen, immer an den Kuͤſten des Eilands hinſegelnd. Der Miniſter und der Biſchof, welche ſich mit einigen Begleitern und Vor⸗ raͤthen eingeſchifft, freuten ſich ihres anſcheinend gu⸗ ten Gluͤckes, welches ihre Entfernung aus dem Ge⸗ tuͤmmel der tobenden Krieger zur Folge hatte. „Ein gutes Abendeſſen, mein Herr Gouver⸗ neur, eine ruhige Nacht und ein Paar Tage behag⸗ lich zugebracht in der warmen Behauſung dieſes todten Rebellen wird uns entſchaͤdigen fuͤr alle bis⸗ rigen Entbehrungen,“ ſagte der ſelbſtſuͤchtige und ſinnliche van Culemburg mit dem ihm eigenthuͤmli⸗ chen widrigen Laͤcheln, und ſuchte es ſich, wie ſein Gefaͤhrte, ſo bequem als moͤglich in dem Fiſcher⸗ boot zu machen, waͤhrend ihre Diener ſie in die warm ausgefuͤtterten Maͤntel einhuͤllten. Ob ein 15² beginnendes Fieber die naruͤrliche Folge des langen Aushaltens in Kaͤlte und Unwetter, oder ein in⸗ ſtinktartiger Schauer die Urſache war, daß Wil⸗ helm Le Begue nur mit Zaͤhneklappen auf des Er⸗ biſchofs behagliche Rede antwortete, wollen wir nicht entſcheiden. Seine Augen aber blickten ſchie⸗ lend unter den liſtigen Brauen nach Ooſt's Geſtalt, des Deichgraͤbers, welcher auf dem Ufer nicht weit von ihnen ſtand. Dieſer unermuͤdliche Freund und unverſoͤhn⸗ liche Feind hatte keinen Augenblick ſeinen doppelten Endzweck aus dem Geſicht verloren, den todten Koͤr⸗ per ſeines Herrn und Anfuͤhrers in Sicherheit zu bringen, und alle Bewegungen Deſſen, dem er ſei⸗ nen Fall zuſchrieb, zu bewachen. Er hatte Vrank's Zuſtimmung erhalten, den Leichnam nach dem Hauſe ſeiner Vaͤter zu bringen; denn der junge Kriegs⸗ mann, ganz mit ſeinen Soldaten beſchaͤftigt, und behindert durch ſeine Wunden, wußte wohl, daß dieſe heilige Pflicht keinem Andern ſo gut anvertraut werden konnte. Ooſt hatte deshalb fuͤr ein kleines Boot geſorgt, und ſobald Die, welchen er entſchloſ⸗ ſen war zu folgen, abſtießen, beſtieg auch er ſeinen Nachen, und hielt ſich dicht hinter ihnen, doch in ſolcher Entfernung, die ihn vor Entdeckung ſicherte, 153 und allein geleitet durch die ſchaumige Furche, welche ihr Kiel durch die Wellen zog, oder die Stimmen der Schiffer und Diener, welche ſich laut von der Schlacht erzaͤhlten. Das erſte Boot erreichte ſeine Beſtimmung, noch ehe der Mond unterging. Ooſt hoͤrte die Rei⸗ ſenden ausſteigen, und die Bootsleute ſich zur Ruͤck⸗ kehr nach Browershaven anſchicken. Er hielt ſein Fahrzeug an in einiger Entfernung von dem Ufer, bis Alles ruhig geworden; dann naͤherte er ſich endlich, merkte ſich genau den Ort und das Haus, wohin Der ſich zuruͤckgezogen, den er dem Tode ge⸗ weiht hatte. Waͤhrend ſeiner Beobachtungen war der Mond voͤllig untergegangen. Er ſetzte nun ſeine Reiſe fort in der Stille und Dunkelheit der Nacht, mit ſeiner furchtbaren Ladung, ſeinem todten Herrn. Weder Speiſe noch Trank erquickte ihn die ganze Zeit uͤber, ſondern nur das wilde Bruͤten ſeines Geiſtes uͤber blutige und grauſame Rache. Seine Ankunft zu Eversdyke trotz Wind und Wel⸗ len haben wir ſchon beſchrieben, und wir kehren jetzt wieder zu ihm und Frau Bona zuruͤck, die durch einſame Wogen und dunkle Nebel zu ihumm naͤchtlichen Werke hineilen. 7** 154 Den ganzen langen Tag durch ſegelten die Reiſenden, folgend dem Lauf der Stroͤmungen und der Gegen⸗ ſtroͤmungen; es waren nicht wenige Riffe und Un⸗ tiefen zu vermeiden und zu umſegeln, und ſelbſt als ſie ſich der Kuͤſte von Schowen naͤherten, wagte es Ooſt doch nicht ſogleich zu landen, fuͤrchtend, Derer Verdacht zu erregen, mit denen ſie im Buͤndniß anſcheinender Freundſchaft ſtanden. Den traurigen Tag uͤber wurden wenig Worte zwiſchen den bei⸗ den Verſchworenen gewechſelt; einige Fragen, kurz geſtellt und beantwortet, uͤber Einzelnheiten des Kampfs, van Borſelen's Tod, Le Begue's Verrath, Vrank's Befinden, waren die einzigen Gegenſtaͤnde ihrer ungeſelligen Unterhaltung. Frau Bona ſahe fortwaͤhrend in die Wogen, als waͤre ſie beſchaͤf⸗ tigt, Meerwunder und Erſcheinungen zu unterſu⸗ chen, waͤhrend ſie doch davon nichts ſah und hoͤrte, ſondern nur die Tiefen ihres eigenen Gemuͤthes er⸗ gruͤndete. Ooſt theilte ſeine Aufmerkſamkeit zwi⸗ ſchen Himmel und Meer, anfangs einige Sonnen⸗ blicke aͤngſtlich benutzend, um ſeine Richtung ſicherer danach zu nehmen, ſpaͤter aber, Klippen und Untie⸗ fen und Alles zu vermeiden, was ſeine und ſeiner Gefaͤhrtin Sicherheit ſtoͤren koͤnnte. — 15⁵ Als die Nacht voͤllig dunkel geworden, und der Mond, mit Wolken bedeckt, ihr Unternehmen be⸗ guͤnſtigte, verließen ſie ihren Nachen, den ſie am Strande befeſtigt hatten, und machten ſich auf. Mit leiſem Fußtritte naͤherten ſie ſich dem Hauſe. Aus einem Fenſter ſchimmerte noch Licht; ein an⸗ deres entdeckten ſie durch die Spalten der Thuͤre auf dem Vorplatze brennen. Alles ſchien das Ge⸗ lingen ihres Wagſtuͤcks zu verbuͤrgen. Es war eine Nacht fuͤr den Mord, weder dunkel genug, Ver⸗ dacht zu erregen, noch hell genug, die Thaͤter zu verrathen— hinreichend ruhig und klar, das Op⸗ fer in Sicherheit einzulullen, und dem Moͤrder die Flucht zu ſichern. Ooſt und Frau Bona erreichten den umzaͤun⸗ ten Hof vor dem Hauſe, und fanden die Thuͤr of⸗ fen. Sie blieben nicht ſtehen, aͤngſtlich fuͤrchtend und vorſichtig, wie gewoͤhnliche Raubmoͤrder, unge⸗ wiß, ob ihre Bemuͤhung nicht entdeckt ſey, ſondern gingen in's Haus. Eine Leuchte ſtand auf dem Tiſche, der mit Wein und Speiſevorraͤthen bedeckt war, und neben dem aufflackernden Feuer ſaß ein Diener, feſt eingeſchlafen, in ſeinen gedunſenen Zuͤ⸗ gen die deutlichen Spuren der Ueberfuͤllung, Nacken 156 und Glieder ſchlaff und herunterhaͤngend, wie ge⸗ woͤhnlich bei Betrunkenen, die eingeſchlafen ſind. Ooſt warf einen ſchnellen Blick durch den ganzen Flur, ſtand dann dicht neben dem huͤlfloſen Wicht ſtill, hob ſeine Keule mit beiden Haͤnden, und wollte den zerſchmetternden Todesſtreich fuͤhren, als der Schall eines leiſe kichernden Lachens von oben an ſein Ohr ſchlug. Er hielt ein, die Waffe noch hoch uͤber dem Haupt des Schlaͤfers geſchwungen. Ein ſchneller Augenblick hatte hingereicht, eine mitleidige Regung in Frau Bonass Herzen zu erwecken. Sie fluͤſterte ihrem Begleiter einen Befehl zu, des Un⸗ gluͤcklichen zu ſchonen. Ooſt, augenblicklich den Vor⸗ theil eines ſchnellen Eindringens in das Zimmer, aus dem er Biſchof Zweder's wohl im Gedaͤchtniß behaltene Stimme ertoͤnen hoͤrte, erfaſſend, wandte ſich, und erſtieg, von ſeiner Herrin begleitet, die enge und nicht hohe Treppe, welche oben zu einer Gale⸗ rie fuͤhrte. Eine halb geoͤffnete Thuͤr lag gerade dem Landungsplatze gegenuͤber. Ooſt bemerkte, daß ſie zum Zimmer fuͤhre, aus welchem das Licht auf den Hofraum geſchimmert hatte. Er war uͤberzeugt, daß ſich hier Der befand, den er ſuchte. Waͤhrend der kurzen Pauſe, in der ſeine Gefaͤhrtin ebenfalls — 157 den Gang erreichte, hoͤrte ſie folgende Worte, die Le Begue in ſeiner Sprache redete, von der ſie ge⸗ rade genug verſtand, um ungefaͤhr ſeine Meinung zu errathen. „Ich wollte, daß Jakob mit dem Boote oder einer Saͤnfte zuruͤckgekommen waͤre! Ich liebe dieſe Einſamkeit nicht— Traumgebilde tanzen mir vor den Augen— dieſer Fuͤhrer der Kabblejaws und dieſer wilde Frieſe, ſie ſtehen immer lebendig vor mir!“ — Ach was, Gouverneur!— erwiederte Zwe⸗ der mit beruhigendem Laͤcheln, welches jedoch etwas erzwungen ſchien;— Taͤuſchung, reine Taͤuſchung! der Eine iſt gewiß todt, uund vielleicht auch der An⸗ dere.'S iſt Alles ſicher hier, und wir koͤnnen jede Minute den Diener zuruͤck erwarten mit allem Noͤ⸗ thigen, uns von hier wegzuſchaffen.— „Ooſt,“ fluͤſterte ſeine Herrin,„hier iſt keine Zeit zu verlieren. Schnell auf— zur That!“ Ein maͤchtiger Sprung in's Zimmer folgte die⸗ ſem Befehl. Ein ſchwacher Angſtſchrei zeugte von dem Eindruck der furchtbaren Erſcheinung auf die ſchwachen Nerven des kranken Mannes. Dem Bi⸗ ſchof hatte der Schreck alle Sinne geraubt; voͤllig bewußtlos ſank er in den Stuhl zuruͤck, den er zur 2 158— Seite des Betts, in dem ſein unſeliger Gefaͤhrte lag, eingenommen. Ein Tiſch, mit den Ueberbleibſeln einer guten Mahlzeit bedeckt, ſtand nicht weit da⸗ von, und die darauf brennende Lampe beleuchtete Wilhelm Le Begue's Jammergeſtalt, als er ſeine duͤrren Haͤnde flehend in die Hoͤhe ſtreckte, und um Gnade wimmerte in der Verzweiflung ſeiner Seele. Ooſt verſtand weder die Worte, noch ſah er die Geberden. Er ſchwang die Keule in die Luft, als Frau Bona noch einmal dazwiſchen trat— aber keinesweges aus Mitleid. „Radbold's Sohn!“ rief ſie,„willſt Du ei⸗ nes Kriegers Waffe mit des Elenden Blut be⸗ flecken?“ DOoſt fuͤhlte den Vorwurf, warf die Keule zur Seite, und ſtuͤrzte ſich in ungebaͤndigter Wuth auf den Liegenden. Die unerweichte Wittib ſtand da⸗ neben, der Prieſter lag wie todt in ſeinem Stuhl, indeß die Kiſſen und Decken des Betts in den Haͤn⸗ den des rieſenhaften Frieſen ſchreckliche Werkzeuge des blutloſen Mordes wurden. Kein Wort ward geſprochen, kein Ringen war zu ſehen, der erſtickte Frevler war todt, ehe ſein Geiſt an ſeine Reiſe in die Ewigkeit gedacht haben konnte. 159 Niemals war eine furchtbare That ſo ſchnell oder ſo kalten Blutes vollbracht worden. In we⸗ niger Zeit als fuͤr die Berathung hinreichend ſchien, war Alles voruͤber. Frau Bona und Ooſt eilten aus dem Zimmer, die Stiege hinunter, durch den Vorplatz zur aͤußern Thuͤr hinaus, beſtiegen eiligſt ihr Boot, und ſtießen vom Lande mit einem guͤn⸗ ſtigen Luftzug und hellen Mondblick, der eben durch den Nebel drang, als ob der Himmel ſich ihrer wilden That freue. Kaum hatten ſie die Kuͤſte verlaſſen, als der erwartete Diener zuruͤckkehrte mit vieler Begleitung und einer Saͤnfte, welche nun dazu dienen mußte, den lebloſen Koͤrper in's Haupt⸗ quartier des Herzogs zuruͤck zu bringen. Den Schrecken und das Erſtaunen bei dem Anblick in jenem Zimmer kann man ſich leicht den⸗ ken. Der trunkene Diener, aus ſeinem Schlafe erwacht, ſchwur hoch und theuer, daß kein lebendi⸗ ges Weſen den Flur betreten habe, und Zweder van Culemburg, aus der Ohnmacht wieder zu ſich ſelbſt gekommen, glaubte, daß ein furchtbarer Traum ihn getaͤuſcht. Der Leichnam zeigte keine Spur von Gewalt. Die Vermuthungen fuͤhrten auf Irr⸗ wege, die Wahrheit war nicht zu ergruͤnden; die 160 Ueberlieferung waͤhlte das wahrſcheinlichſte von al⸗ len umlaufenden Geruͤchten, und die Geſchichte mußte, wie nur zu oft, der aushelfenden Fabel zur Folie dienen, und ihr das Anſehen der Wirklichkeit leihen. Siebentes Kapitel. Dee Reiſe Jacquelinens und ihrer Begleiter von Amersfort nach Antwerpen war durchaus von ge⸗ ringerem Intereſſe als die Beweggruͤnde und die Wichtigkeit dieſes Unternehmens uͤberhaupt. Sie eilte mit ſolcher Schnelligkeit vorwaͤrts, daß Nie⸗ manden Zeit zu laͤngeren Vermuthungen blieb, und huͤllte ſich in ihr ſtrenges Geheimniß, ſo daß keiner ihrer treuen Unterthanen auf den verſchiedenen Raſtplaͤtzen erfuhr, wen er eigentlich bewirthet habe. Als ſie das Land erreichte, welches ſie beſonders als ihr eigenes zu betrachten gewohnt war, traf ſie noch aͤngſtlichere Vorſichtsmaaßregeln, um jeder Entdeckung vorzubeugen. Die gefaͤhrliche Krankheit und der ſtuͤndlich erwartete Hintritt Herzog Johann's waren Punkte, um welche ſich gewoͤhnlich die Unterhaltung drehte, wenn ſie mit Leuten in Berührung kam, und dieſer Stoff war reichhaltig genug, um allen 162 anderen Nachforſchungen und dem Verdachte, wer wohl die Reiſenden ſeyn moͤchten, vorzubeugen. Ludwig von Hennegau traf alle Anſtalten und be⸗ ſorgte was ſonſt zur Reiſe noͤthig war; ſo daß nichts den feierlichen Ernſt ſeiner ungluͤcklichen Schweſter bei ihrer Vorbereitung auf die Zukunft, noch ihren Hang zur Schwermuth, der ſie biswei⸗ len unwiderſtehlich fortzog, unterbrach oder ſtoͤrte. Unſere Leſer muͤſſen ſich aber dadurch nicht verleiten laſſen zu glauben, Jacqueline ſey eine von den Heldinnen mit gebrochenem Herzen, deren Jam⸗ mer nichts mehr mildern kann, wie wir ſie in Phan⸗ taſiebildern und auch in der Wirklichkeit finden. Sie liebte Vrank van Borſelen in der That, und be⸗ weinte bitter ſeinen vermeintlichen Tod; aber ſie hatte ihn zu wenig gekannt, und die Umſtaͤnde, un⸗ ter denen ſie ihn geſehen, waren zu qualvoll fuͤr alle ihre ſtolzen und leidenſchaftlichen Gefuͤhle gewe⸗ ſen, um ſich ihm gaͤnzlich hinzugeben, und ſich voll⸗ kommen von ſeinem Schickſal abhaͤngig zu machen. Ja inmitten ihrer Bekuͤmmerniß gab es ihr ſogar einigen Troſt, daß ſie keinen ihres Namens und Ranges unwuͤrdigen Schritt in den Augen des Mannes gethan, der ſeinen Widerwillen gegen ihre Sache und Alles, außer was ihren Charakter betraf, ihr offen dar⸗ 7 —————— —— —xxy-— 163 gelegt hatte. Sie freute ſich eher— wie ſich das gequaͤlte Herz der Buße und der Peinigungen freut, — daß ſie der Verſuchung entgangen, welche ſie mit ſo herabwuͤrdigenden und doch ſuͤßen Folgen bedroht hatte. Bisweilen, wenn ſie Vrank van Borſelen in ſeinem wahren Lichte erblickte, als ih⸗ ren Feind durch die politiſchen Verhaͤltniſſe, juͤnger an Jahren, geringeren Standes, fuͤhlte ſie, daß ſie dem Himmel Dank ſchuldig ſey, der ſie vor einer ſo unpaſſenden Verbindung bewahrt habe. Wenn ſie ſich dann aber bemuͤhte, dieſen Dank dem Him⸗ mel darzubringen, ihn auszuſprechen in Worten, dann entdeckte ſie bald den frommen Betrug in ih⸗ rem Herzen, und unterdruͤckte ihn, ehe die Taͤuſchung uͤber ihre Lippen treten konnte. „Nein,“ dachte ſie,„ich kann dem Himmel nicht fuͤr dieſe Leiden danken, aber ich will ſie ohne Murren tragen. Ich kann nicht glauben, daß ſie zu meinem Beſten verhaͤngt ſind, aber ich will das Beſte daraus zu machen ſuchen!“— ein kurzer Ausſpruch, der vielleicht Alles vereinigt, was man von Religion und Philoſophie verlangen kann. Ungehindert erreichten die Reiſenden Mecheln, und Jacqueline befand ſich nun noch einmal auf dem Boden, deſſen anerkannte Herrin ſie vor Jah⸗ 4 161 ren geweſen. Jetzt aber war ſie uͤberall ein Fremd⸗ ling; aus Holland vertrieben von dem eingedrun⸗ genen Eroberer, konnte ſie ſelbſt ſich als außer Landes geboren und ſich hineindraͤngend in Brabant betrachten. Bevor jedoch ihr Kummer bei dieſer zwiefachen Kraͤnkung Zeit gewann in Zorn auszu⸗ brechen— die natuͤrliche Wirkung bei einem ſtolzen Gemüth,— ſollte ſie noch diel tiefer gebeugt werden. Das Dorf Vilvorden lag vor ihnen, bereits von den beiden Vorreitern des kleinen Trupps erreicht; Jacqueline und Benina legten ihre Schleier ſorg⸗ fäͤltig zurecht, in der Abſicht vollkommen unerkannt zu bleiben, als ein berittener Offtzier ſich naͤherte, ſein Pferd anhielt und ſich an den Boten wendete, der jene Aufforderung uͤberbracht, welcher die Graͤ⸗ fin ſo eilig— vielleicht ſo unvorſichtig— gefolgt war. Der Letztere erklaͤrte nach einigen unterdruͤck⸗ ten Ausrufungen des Erſtaunens, welche die Worte, die der Offizier ihm in’s Ohr geraunt, hervorgerufen haben mußten, den Inhalt der neuen Botſchaft; daß naͤmlich der Herzog von Brabant ihre Ankunft mit Ungeduld erwarte, und zwar in dem Schloſſe von Vilvorden,(deſſen Zinnen ganz nahe im Ge⸗ ſicht waren), wohin er ſich, mit ihr nihunnan zu treffen, begeben habe. v —ꝑe 165 Unwillkuͤrlich hielt Jacqueline ihren Zelter bei dieſer Nachricht an. Eine Ahnung von Verrath ergriff ihre Seele. Sie fuͤrchtete nicht fuͤr ſich ſelbſt, aber tiefer Schmerz erfuͤllte ſie, daß ſie auf irgend eine Weiſe— uͤber das Wie? daruͤber hatte ſie keine Zeit nachzudenken— ihren Bruder und ihre Freundin dem Haſſe Herzog Johann's in die Haͤnde geliefert habe. Ludwig und Benina ſchien auch auf einmal die Vorſtellung der Ge⸗ fahren, die ihrer harren koͤnnten, zu durchblitzen; Beide hatten bisher nicht daran gedacht, Er aus Gleichguͤltigkeit und kuͤhner Verachtung der Gefahr, Sie von Kummer und Sorge gebeugt, Beide aus treuer Ergebenheit gegen Jacquelinen, die ſie jede Gefahr, welche ſie mit ihr theilen konntin/ gering⸗ ſchaͤtzen ließ. „Mich treffen zu Vilvorden! weshalb? wie iſ das, Sir?“ rief Jaequeline.„Hat ſich Euer ſter⸗ bender Gebieter, mein ungluͤcklicher Vetter, ſo ploͤtz⸗ lich erholt, daß ſein Zuſtand ihm zu reiſen geſtat⸗ tet? Ihr brachtet Botſchaft, denk' ich, daß er in Bruͤſſel am Rande des Grabes laͤge?“ — Edle Dame— war die Antwort— ich uͤberbrachte mein Geſuch wie ein treuer Bote, meine Pflicht erfuͤllend gegen den, der mich ſandte.— 166 „Mich treffen zu Vilvorden! Das iſt wunder⸗ bar! Wie befindet ſich denn der Herzog jetzt, Sir?“ ſagte Jacqueline, den zuleßt Veemneden Offizier anredend. Eiae — Wahrhaftig, Mabame, ſein Zuſtand iſt ge⸗ miſchter Natur und ſchwer zu erklaͤren. Mancher Kummer, viel Freude, Erkenntlichkeit fuͤr die Guͤter die da ſind, Hoffnung auf groͤßere in der Zukunft, und vor Allem unendliches Vergnuͤgen, daß Euer Gnaden Hoheit ſeiner bruͤderlichen Umarmung ſo nahe iſt.— „Bruͤderliche Umarmung!“ wiederholte Jac⸗ queline; und ſagte zu Ludwig—„Was denkſt Du von dem Allen? Sind wir verrathen?“ — Schoͤne Schweſter,— antwortete jener,— zum Nachdenken iſt's jetzt zu ſpaͤt. Sind wir ver⸗ rathen, mag Gottes Fluch und meiner den Ver⸗ raͤther treffen. Aber Ja oder Nein, wir muͤſſen muthig tragen, was das Schickſal uͤber uns ver⸗ haͤngt. Sieh' dorthin!— 144 Der Gegenſtand, auf welchen er deutete, war ein Trupp bewaffneter Reiter, die jetzt in die Straße einbogen, aus zwei engen Seitenpfaden, welche auf beiden Seiten des Schloſſes hinliefen. „Hier kommt die Leibwacht ſeiner Hoheit, um 167 Euch, gnaͤdige Frau, zu empfangen;“ ſagte der Offtzier mit einem ſchlecht verbiſſenen Laͤcheln, deſſen boshafter Ausdruck auch auf dem Geſicht des Bo⸗ ten ſichtbar wurde. — Auf, vorwaͤrts nach dem Schloſſe!— rief Jacqueline in ihrem gewoͤhnlichen wuͤrdevollen Tone. — Es komme was da wolle, nicht will ich gefan⸗ gen in die Hallen einziehen, wo ich gewohnt war zu befehlen und Gehorſam zu finden.— Bei dieſen Worten ließ ſie ihren Zelter zum raſchen Galopp anſpringen, und ritt den naͤchſten Seitenpfad ſo ſchnell hinunter, daß die erſtaunten Reiter der Leibwacht in Verwirrung geriethen und in der Fuͤrſtin unerſchrockener Haltung und ſtolzem Blick kaum etwas anderes als den Triumph eines ſiegreichen Ausgangs leſen konnten. Ehe ſie vor Erſtaunen und Verwirrung ſich erholen konnten und dem kleinen Trupp folgen, der ſchon voruͤber war, und noch bemuͤht waren, uͤber Jacquelinens wirk⸗ liche Lage Erkundigungen von dem Boten einzu⸗ ziehen, der von Amersfort mit ihr gekommen war, hatte ſie und ihre Begleiter das große Hofthor der Burg erreicht; die Pfoͤrtner ſtießen die breiten Thorfluͤgel auf, mit der gewohnten kriechenden Hoͤf⸗ lichkeit, wie ſie vordem ihre Herrin ſtets empfangen 168 hatten, aber heut war dies mehr die Wirkung des befehlenden Blicks, als freiwilliger Bewillkommnung derſelben. Unterſtuͤtzt von ihrem Bruder, ſtieg Jacqueline ſchnell vom Pferde, und ſich an verſchiedene Offtziere des herzoglichen Hofſtaates wendend, welche be⸗ waffnet unter der Thorhalle ſtanden, begehrte ſie ſtolz zum Herzog gefuͤhrt zu werden. Die Hofleute warfen ſich gegenſeitig erſtaunte Blicke zu, aber als der Befehl in einem noch beſtimmteren Tone wie⸗ derholt wurde, erwiederte Einer ſtammelnd: „Madame, wahrhaftig— ich ſtehe zu Befehl, Euch zu fuͤhren— aber— Verzeihung, Madame — das herriſche Betragen, ſo verſchieden...“ — Schnell, Herr Kaͤmmerling, wenn Euch Euer Amtsſtab lieb iſt,— fuͤhrt mich ſogleich zu Seiner Hoheit— oder perantwortet den AAuiſchub anſ Eure Gefahr!— Der Kaͤmmerling wagte teinen weitern Wider⸗ ſpruch, ſondern fuͤhrte ſie mit krummgebeugter Hoͤf⸗ lichkeit nach dem Staatszimmer. Jacqueline faßte ihres Bruders Arm und folgte feſten Fußes. Dann ſchloß Benina dicht hinter ihr mit zwei Dienern den kleinen Zug. Sie gingen durch Reihen von Hellebardierern und andern Hofdienern, die alle hoͤch⸗ lichſt 169 lichſt erſtaunt ſchienen uͤber den dreiſten unerwarteten Anblick. Ludwig von Hennegau, ſorgloſen Characters wenn er an Folgen denken ſollte, und ſich auf der Schweſter uͤberlegenen Geiſt verlaſſend, entnahm in dieſen Augenblicken ſeine Haltung von der ihrigen. Er ſchritt vorwaͤrts, trotzige Verachtung im Blick und auf den Lippen, ſeiner Schweſter Arm feſter faſſend, und mit der andern Hand ſein Schwert tragend, das er ſtets zu ziehen bereit war, ohne zu denken was daraus entſpringen koͤnne. Benina, uͤberall die ge⸗ treue Dienerin ihrer Dame, folgte ihr jetzt in dieſer Kraftaͤußerung einer nur zu bald verſchwindenden Groͤße, wie der Schatten den Geſtalten beim Son⸗ nenuntergang. An der Thuͤr des Staatszimmers, walches von zwei Hatſchieren bewacht war, ſchien der Kaͤmmer⸗ ling wieder zoͤgern zu wollen, aber Jacqueline rief im ſtolzeſten Ton und Blick, den ſie annehmn konnte: „Die Thüren weit geöffnet, und zeigt nuch dan Herzoge!“ Der Hoͤfling gehorchte wie electriſirt— die Thuͤren flogen auf— und mit verwirrten Worten meldete er ſtotternd den Beſuch. 1194 III. 1 8 170 „Ihre Hoheit, die Herzogin— die Graͤfin,— ich wollte ſagen, Madame— Jacqueline von Bai⸗ ern, Holland, Hennegau— und Brabant“ war auf ſeinen Lippen, aber ein Blick der Hauptperſon in dem Zimmer beſtrafte ſeinen erſten Fehler, und ſuchte durch finſtere D ohun einen zweiten zu ver⸗ hindern. — Laßt die Graͤfin von Holland und Hennegau vor,— rief Philipp von St. Pol, denn er war es, der den Herzogsſtuhl auf der hohen Eſtrade ein⸗ nahm. Er war von mehreren Staatsbeamten um⸗ geben und dem uͤbrigen Schmuck der Lehnsherrlich⸗ keit. Auf ſeiner Stirn und zuſammengezogenen Brauen lag roher Deſpotismus, und eine ſchwarze Schaͤrpe war uͤber ſeine reiche Kleidung geworfen. Eine boͤſe Ahnung durchzuckte Jacquelinens ſtolzes Herz; ſie fuͤhlte die Kaͤlte auf ihren erbleichenden Wangen. Aber ſie war nicht niedergebeugt, noch ließ ſie ihren Geiſt von dem Gipfel, auf den ſie ihn ſeit der letzten Viertelſtunde erhoben, herab⸗ ſinken. „Was iſt das fuͤr eine Staatsmummerei?“ rief ſie mit einem ſtolzen Blick durch das Zimmer. „Philipp von St. Pol auf dem Berdagsſtaßl e Wo iſt der Herzog von Brabant?“ — 171 — Hier, meine ſuͤße, zaͤrtliche Dame, zu Eu⸗ ren Dienſten, Recht zu uͤben an allen Eindringlichen und Ehebrechern— gleichviel von welchem Geſchlecht und Stand— antwortete St. Pol, in demſelben Augenblick die herzogliche Krone einem Edlen aus ſeiner Umgebung abnehmend und ſie ſich auf's Haupt ſetzend. „Iſt es denn fuͤrwahr ſo? Iſt Johann von Brabant nicht mehr?“ fragte Jacqueline mit faſt ſchwankender Stimme und ſich mit Thraͤnen fuͤllen⸗ den Augen, aber aus ganz anderen als rein per⸗ ſoͤnlichen Beweggruͤnden, denn auch St. Pol's Grobheit hatte ſie nicht verletzen koͤnnen. — Mein ungluͤcklicher Bruder, noch unglückli⸗ cher durch ſeine Verbindung mit Euch, iſt endlich zur himmliſchen Ruhe eingegangen; ein Opfer Eurer grauſamen Entweichung und ſeiner allzu großen Empfindlichkeit.— „Beim Himmel, Philipp!“ ſagte der junge Lud⸗ wig,„wenn's bei einer ſolchen Sache nicht zu un⸗ anſtaͤndig waͤre, ich koͤnnte laut lachen uͤber Eure Mummerei, ſo wie ich Eure Heuchelei verachte und Eure Frechheit zu zuͤchtigen Luſt habe.“ — Auf, Edelleute, gedenkt Eurer Lehnspflicht!— „Ruhig, ruhig, Ludwig, wenn Du mich liebſt!“ 8* 172 So ſprachen St. Pol und Jacgueline zugleich, der eine ſein umgebendes Gefolge anredend, die andere ihren ungeſtuͤmen Bruder. Die zuͤrnenden Vaſallen fuͤgten ſich in die Befehle ihres Lehnsherrn, und Ludwig von Hennegau gehorchte der Stimme, welche fuͤr ihn ein Orakel war. „Ludwig!“ fuhr St. Pol fort,„floͤſſe Dein Blut nicht aus einem Arme der Quelle, aus der auch meines entſprungen iſt, bei Gott, ich wuͤrde jetzt die Klingen nicht hemmen, welche Deine hoch⸗ verraͤtheriſche Rede aus der Scheide gerufen. Doch bittet Deine Jugend um Verzeihung und Gnade fuͤr die Thorheit, welche Dich zum Ritter der Ver⸗ brechen dieſes Weibes gemacht hat.“ — Ach, wie ſchnell reift die Frucht einer boͤ⸗ ſen Saat in der Sonne der Macht!— ſagte Jacqueline.— Das war Deine Sprache nicht, Philipp, ehe dieſe Krone in Deinen Bereich kam, als Dein mißgeleiteter Bruder mich zwang, mich in Deinen ritterlichen Schutz zu begeben, und Du mich eben ſo unſchuldig als ungerecht verfolgt vor aller Welt erklaͤrteſt.— 1 „Madame, ich bin nicht hier zu muͤſſigem Wortwechſel, noch mag ſich die Herzogliche Wuͤrde von Brabant erniedrigen, ſich des Grafen von St. 173 Pol ſchlechtangebrachten Mitleids zu erinnern. Es liegt nichts d'ran, wofuͤr ich Euch einſt hielt—'s iſt genug, daß ich Euch jetzt kenne. Und damit Ihr Eure wahre Stellung hier kennen lernet, ſag' ich Euch: Ihr ſeyd meine Gefangene, zum Unter⸗ pfand fuͤr meinen vielgeliebten Vetter, Philipp von Burgund, den hohen Sieger in der letzten Schlacht, wie dieſer Morgen mir durch Gottes Gnade die Botſchaft bringt, und nun Beſitzer Eurer ange⸗ maßten Laͤnder, und wahrer Erbe der Grafſchaften Holland und Hennegau, ſowohl als Nachfolger Eu⸗ res ſeligen Ohms des Biſchofs von Luͤttich, wie meines vor wenig Stunden entſchlafenen Bruders Johann, der ihm den Titel uͤberlaſſen, welchen ihm einſt die ungluͤckliche Heirath mit Euch verſchafft hat.“ 1 Jacqueline hoͤrte dieſen Spruch despotiſcher Un⸗ bill mit einer gehaltenen Wuͤrde in ihrem ganzen Benehmen, welche alle Anweſenden mit unwider⸗ ſtehlicher Bewunderung erfuͤllte, und ein voruͤberge⸗ hendes Gefuͤhl von Unbehaglichkeit auch in dem hervorrief, welcher den donnernden Beſchluß ausge⸗ ſprochen. Einige Minuten lang betrachtete ſie ſchweigend aber feſt St. Pol und beſonders die ihn umringenden Edeln und Ritter, und als ſie deren 174 innere Bewegung wahrgenommen, ſprach ſie mit ruhiger Stimme: „Herzog Philipp— wenn Ihr anders mit Recht ein Herzog ſehd— ich habe Euren unbilli⸗ gen Spruch gehoͤrt, und ich ſehe die Roͤthe der Scham auf Euren Wangen. Ihr edlen Herren aus mehr als einer Provinz— denn ich bemerke auch die Maͤnner von Hennegau unter denen von Brabant— ich leſe den Schmerz in Euren Blicken, daß Ihr Werkzeuge ſeyd ſolcher Tyrannei. Ich mache Euch keine Vorwuͤrfe. Ich unterwerfe mich dem Willen des Himmels. Ich will keine Klage ausſtoßen, die ein Schwert aus der Scheide reißen koͤnnte in einer verlorenen Sache.— Ich weiß mich zu beugen unter der Laſt meines Schickſals— aber das Ende ruht in der Hand des Himmels, und ich werde nicht verzweifeln. Nein, ſo mir Gott helfe und ſeine Heiligen, ich bin zu rein und ſonder Schuld, daß ich zweifeln ſollte an dem endlichen Sieg mei⸗ ner guten Sache. Der Schuldige allein ſchreit und heult und knirſcht die Zaͤhne, denn er hat keinen Stab noch Stuͤtze ſich zu halten, weder im Himmel noch auf Erden. So bin ich aber noch ſtark und halte feſt im Bewußtſeyn meines Rechts und meiner Unſchuld, und fluche nicht dem heuch⸗ 175 leriſchen Herzog, der ſchnoͤde und hinterliſtig mich in ſein Garn gelockt; noch mache ich's Euch zum Vorwurf, die Werkzeuge ſeines herrſchſuͤchtigen Be⸗ trugs zu ſeyn. Aber im Angeſicht des Himmels und dieſer Verſammlung verwahre ich mich feierlich gegen die Ungerechtigkeit jenes Spruchs, erklaͤre ich laut mein unverletzliches Recht auf meine Beſitzungen Holland und Hennegau, deren ich jetzt gewaltſamer Weiſe beraubt bin, ſo wie auch meiner perſoͤnlichen Freiheit. Ich uͤbergebe mich demnach der Gefan⸗ genſchaft, und verlange nur, in meine Haft gefuͤhrt zu werden.“ Bevor die feierliche Aufrichtigkeit dieſer Er⸗ klaͤrung den Eindruck auf diejenigen Edlen und Rit⸗ ter, deren Treue er nicht ganz gewiß war, machen konnte, welchen er fuͤrchtete, erwiederte St. Pol haſtig: — Es giebt wenige Verbrecher, Madame Jac⸗ queline, welche es unterlaſſen ſollten, ihre Unſchuld hoch und theuer zu verſchwoͤren und das Urtheil zu verwerfen, welches ſie verdammt, und die Ge⸗ rechtigkeit anzurufen, welche ſie beſtraft. Die Welt kennt zur Genüge dergleichen truͤgeriſche Bemuͤhun⸗ gen. Ich halte es unter meiner Wuͤrde, dieſen Theil Eurer Erklaͤrung zu beantworten. Aber von 176 einer Anklage muß ich mich befreien, und nehme dieſe edlen und getreuen Herren zu Zeugen. Ich lockte Euch durch keine Liſt hierher, ich ſtellte Euch keine Falle; des Himmels eigne Hand hat Euer Geſchick beſchleunigt. Mein armer Bruder, in den letzten desnothon⸗ ſandte Euch einen Boten, zu ihm zu kommen— aber dieſen Morgen unterlag die Natur, und er endete, dhe Eure langſame Reue ihn treffen konnte.— „Gott vergebe ihm ſeine Suͤnden— und Euch dieſen liebloſen Betrug!“ rief Jacqueline. — Und nun ein Wort von mir, Philipp,— ſagte Ludwig von Hennegau.— Wie kommt es, wenn Ihr nichts von dem verraͤtheriſchen Plane wußtet, daß Ihr hier ſehd? Warum nicht in Bruͤſſel bei dem noch warmen Koͤrper deſſen, deſſen Fehler Ihr zu rechtfertigen heuchelt? Euer Guͤnſtling, der uns begegnete, ſagte, Ihr waͤret hier um Jacque⸗ linen zu treffen.— 1 „Ich bin nicht mehr durch das Geſchwaͤß eines gemeinen Boten gebunden, als durch die muͤſſigen Reden eines hitzkoͤpfigen Knaben. Ich bin hier u Vilvorden in Erfuͤllung meiner vornehmſten Pflicht als Oberhaupt der Staaten von Brabant, den An⸗ trittseid meines Amtes und meiner Herrſchaft zu 5 177 leiſten, und ausgerufen zu werden als Herzog zur ſelbigen Zeit, wo meines Vorgaͤngers Tod bekannt gemacht wird, nach der Sitte des Landes ſeit un⸗ denklichen Zeiten, und einer langen unbefleckten Re⸗ gentenfolge, die ich mit Gottes Huͤlfe fortſetzen will.“ — Die aber durch Euch, bei'm heiligen Pau⸗ lus! zu tief befleckt iſt, daß Alle die Euch folgen, den Makel nicht abwaſchen werden;—— der leidenſchaftliche Juͤngling. „Verrath, Verrath!“ ſchrieen einige Stimmen— aber der neue Herzog ſprang von ſeinem Sitze auf und befahl laut, Ruhe zu halten. „Laßt den ſchlechtgebornen Knaben ſchmaͤhen,“ ſprach er—„er kann ſo wenig meine Ehre kraͤn⸗ ken, als der faule Athem einer ſtehenden Pfuͤtze die wilden Blumen an ihrem Ufer beſchmutzen kann. Aber allem Aergerniß einer verlaͤumderiſchen Zunge vorzubeugen, verbanne ich hiermit Ludwig, Baſtard von Hennegau, von unſerm Hof und unſerer Ge⸗ genwart auf ſein Schloß Scandoeuvre, ſo lange es uns gefallen wird, von dieſem Augenblick an— und das iſt unſer Wille. Und Madame Jacque⸗ line von Baiern, hier gegenwaͤrtig, Wittwe unſers verſtorbenen Bruders und Lehnsherrn, Herzogs Jo⸗ hann,— den Gott ſelig habe— übergeben wir 8** 178 der treuen Sorge und Hut unſers Marſchalls und ſeiner Angehoͤrigen, ſie mit ihren Begleitern uͤber die Grenze unſres Herzogthums Brabant zu brin⸗ gen und ſie der ſichern Obhut unſres vielgeliebten Vetters Philipp, Herzogs von Burgund und Grafen von Flandern, in ſeiner guten Stadt Gent zu uͤber⸗ antworten— und das iſt unſer Wille. Und nun laßt die Trompeten ertoͤnen und die Herolde laut dem Volke den neuen Herrſcher verkuͤndigen.— Wir ſind bereit zur Feierlichkeit der Kroͤnung und der Bekanntmachung unſerer Titel und Rechte!“ Der Herzog ſtieg vom Thron herab, nachdem er dieſe Worte geſprochen, und eilte aus dem Zim⸗ mer, gefolgt von faſt allen verſammelten Edlen. Jacqueline, Ludwig und Benina blieben allein zu⸗ ruͤck, mehr oder weniger uͤber das ſchnelle Urtheil beſtuͤrzt, das ſie ſo hart verdammte. Benina war voͤllig niedergebeugt; Ludwig's heißes Temperament und uͤberſtroͤmende Wuth hatten ihn in einen Zu⸗ ſtand wilder Erregung verſetzt. Jacqueline allein war ſtill und geſammelt, aber ihr Herz brach bei dem Gedanken einer Gefangenſchaft in Flandern: ein Schickſal, welches ſie ſtets als die lebte Stuf alles Ungluͤcks betsachiat hatte. 142u3 179 „Es iſt Gottes Wille, Bruder,“ redete ſie Ludwig an. — Dieſes Mannes Schurkerei,— erwiederte er— und ſo Gott will, meine ſtrenge Haft auf Scandoeuvre ſoll noch einmal zum Ofen werden, die Geſchoſſe eines nie endenden Krieges gegen die⸗ ſen Buben gluͤhend zu machen.— „ Madame, mit Eurer Erlaubniß,“ ſagte der Marſchall,„eine verſchloſſene Saͤnfte und Bedeckung ſind bereit, Euch uͤber die Grenze zu begleiten.“ — Ueber die Grenze!— rief Jacqueline, und das Blut ſtieg ihr mit purpurner Noͤthe in's Ge⸗ ſicht.— Was! bin ich denn wie ein Hochverraͤther verbannt aus dem Lande, wo ich geherrſcht, und darfſt Du, feiler Luͤgner, mich ſo anreden? Iſt hier kein Schwert, den Schimpf zu raͤchen?— „Keines?“ ſchrie der junge Ludwig, und riß das Schwert aus der Scheide. Ein Augenblick und es haͤtte des Marſchalls Herzblut getrunken, wenn Jacqueline ſich nicht ſelbſt an ihres Bruders Bruſt geſtuͤrzt und ſeinen Arm feſtgehalten haͤtte. „O Gott, was hab ich geſagt,“ ſchrie ſie laut; „welcher Wahnſinn bethoͤrte mich! Ludwig, mein theurer Bruder, halt ein, halt ein; Gott, ich weiß nicht, was ich ſage!'S iſt alles recht gut— laß 180 uns des Himmels Richterſpruch ertragen in Ruhe und Geduld! Hinweg, hinweg, du ungebaͤndigter Daͤmon des Stolzes— wirſt du dich denn nie⸗ mals demuͤthigen? Sey ruhig, du heißes Blut mei⸗ ner koͤniglichen Ahnen— jage nicht ſo durch die ſchwellenden Adern! Wohl, wohl! herbei, Tyrannei, Unrecht, Elend— leert eure Schalen uͤber mein geweihtes Haupt— die reine Seele koͤnnt Ihr nicht erreichen! Folg; Deinem Urtheil, Bruder, geh in die Verbannung! Und wir, Benina, in's Gefaͤngniß Marſchall, ich harre Eurer Fuͤhrung;— geht voran!“ Eine heftige Umarmung, krampfhaft feſtgehal⸗ ten von beiden Theilen, war das Trennungszeichen fuͤr Bruder und Schweſter. Sie haͤtte ſprechen koͤnnen, wollte aber nicht— denn ſie ſah ſeine faſt erſtickende Aufregung, und wollte ihm die Thraͤnen erſparen, welche beim erſten Wort unaufhaltſam in heißen Stroͤmen aus ſeinen bis an den Rand ge⸗ fuͤllten Augen gefloſſen waͤren.. In wenigen Minuten befand ſich Jacqueline ſchon auf Seitenwegen in der Richtung gegen Aloſt, in einer dichtverſchloſſenen Pferdeſaͤnfte, dem Blicke der Neugierigen undurchdringlich, waͤhrend Ludwig von Hennegau nach ſeinem Verbannungsorte abge⸗ 1 42 † 181 fuͤhrt wurde, noch ehe es einmal Allen im Schloſſe bekannt geworden, daß er uͤberhaupt im Lande ſey. Herzog Philipp's Thronbeſteigung und Ausrufung ging regelmaͤßig und ohne Widerſpruch von Statten, und vor Einbruch der Nacht hatte er ſeinen Sitz im Schloſſe ſeiner Vorfahren aufgeſchlagen— ein ſouveraͤner Fuͤrſt— indeß Jacqueline in dem alten Thurm von Gent untergebracht wurde,— eine be⸗ raubte und verlaſſene Gefangene. Achtes Kapitel. Zwei Monate lang blieb Jacqueline in ihrer wuͤr⸗ devoll getragenen Gefangenſchaft im alten Schloſſe der Grafen von Flandern zu Gent. Sie wurde mit aller ihrem Range ſchuldigen Ehrfurcht behan⸗ delt, und mit aller Sorgfalt bewacht, welche die Wichtigkeit, ſie hier feſt zu halten, erforderte. Ihre wohlbekannte Unerſchrockenheit, ihr unternehmender Geiſt erhielten ihre Kerkermeiſter anfangs rege, ob ſie keinen Verſuch machen wuͤrde, die Wachlamkeit ihrer Huͤter zu taͤuſchen; als aber Woche auf Wo⸗ che verging, ohne dem leiſeſten Verdacht einer ſol⸗ chen Abſicht Raum zu geben, wurden ſie mit der Zeit allmaͤhlich ſicherer und ſorgloſer. Und ſo waͤre Jacqueline auch wahrſcheinlich im Gefaͤngniß ge⸗ blieben, bis der Tod ſie daraus erloͤſ't haͤtte; denn ſie hegte kein Verlangen, frei zu ſeyn. Alles au⸗ ßerhalb der Mauern ibrer Haft dünkte ihr leer und 183 ſchaal. Sie trug ihre Welt ganz allein in ſich; ihr einziges Beſitzthum war Tugend und Reinheit der Seele; ihr einziges Gluͤck, die Schaͤtze tiefſinniger Gedanken; ihre hoͤchſten Freuden, ein ruhiges Ge⸗ wiſſen. Tage und Naͤchte verſtrichen einfoͤrmig, was einem Geiſte ihrer Art unertraͤglich geweſen waͤre, wenn irgend Etwas in der Welt, welche ſie ausgeſtoßen, einen Reiz fuͤr ſie gehabt haͤtte. Aber Jacqueline, in der Bluͤthe ihrer Jugend, aller Feſ⸗ ſeln los und ledig, von einem Manne durch den Tod befreit, verlaſſen von dem andern, aller Re⸗ gierungsſorgen durch den Verluſt ihrer Beſitzungen uͤberhoben, empfand nichts von dem freudigen Ge⸗ fuͤhl der Freiheit, welches die unausbleibliche Folge eines ſolchen Heraustretens aus allen bisherigen beengenden Verhaͤltniſſen zu ſeyn pflegt. Die Sa⸗ che war, daß keine Selbſtſucht in ihrem Gemuͤthe lag, und ſie mithin todt und unempfaͤnglich fuͤr all' das Vergnuͤgen war, das in Abgeſchloſſenheit und Einſamkeit ſeinen Sitz hat. Sie freute ſich des Umgangs und des Beiſammenſeyns mit Anderen, ſelbſt bei ihrer Abhaͤngigkeit von ihnen. Sie ach⸗ tete die Sorgen der Verwaltung und Regierung gering; denn darin verband ſich das Intereſſe An⸗ derer mit ihrem eigenen, und ſie haͤtte mit Freuden 184— die Muͤhen des Lebens an der Seite eines lieben⸗ den Gatten getragen. Aber Freude war keine Freude mehr, wenn ſie zu ihr allein kam; und jetzt vollends, wo ſie in eine krankhafte Gleichguͤltigkeit gegen Alles verſunken war, wuͤrde ſie es nicht ein⸗ mal als ein Gluͤck angeſehen haben, wenn die Thore ihres Gefaͤngniſſes aufgeſprungen waͤren, und Him⸗ melsglanz ihrer Flucht vorgeleuchtet haͤtte. Benina Beyling erkannte dieſen Gemuͤthszu⸗ ſtand wohl, und wagte es nicht, ihre Gebieterin zu ſoͤren durch irgend einen Vorſchlag zur Flucht, ob⸗ gleich ihre Wuͤnſche nach Freiheit ſchon wenige Tage nach ihrem Eintritte in das Gefaͤngniß auf dem hoͤchſten Gipfel ſtanden. Jacqueline hatte noch Freunde, bis in den Tod ihrer Sache ergeben, feier⸗ lich verſchworen, ſie zu befreien, oder im Kampfe dafuͤr zu ſterben. Jacquelinens Gefangenſchaft er⸗ ſcholl weithin durch alle Laͤnder Europa's, und waͤhrend die Ritterſchaft die Tyrannei verfluchte, die Jacquelinen Feſſeln angelegt, waren ihre An⸗ haͤnger nicht muͤßig in ihren Anſe ſchlaͤgen, dieſelben zu brechen. ai As nlIK l Dooch unter allen Denen, welche ihr Leben der Befreiung Jacquelinens weihten, war Einer, wel⸗ cher die Leitung der angeſtrengten Verſuche uͤber⸗ 185 nahm, die zu dieſem Endzweck unternommen wur⸗ den. Dieſer, voll jener heißen Liebe, die, im Stil⸗ len genaͤhrt, ohne Hoffnung aufgewachſen, verzwei⸗ felt in Plane und Unternehmungen ſich ſtuͤrzt, Al⸗ les auf einen Wurf ſetzt, theilte, als Alles fertig und bereit, Benina'n den Plan mit, die Namen der Theilnehmer, und was ſie ſelbſt und Jacqueline dabei zu thun haͤtten. Ueber ſich ſelbſt gab er kei⸗ nen Aufſchluß. Er gab genuͤgende Proben ſeines Eifers und ſeines Muthes, dem auch die Klugheit nicht fehlte; doch konnte Benina in der ſchriftlichen Mittheilung, welche ſie von allem Dieſen unterrich⸗ tete, nur die Ergebenheit eines treuen Anhaͤngers leſen, ohne irgend mit Kennzeichen dieſer oder jener beſonderen Perſonen, die Benina gern als die Urhe⸗ ber und Leiter des Unternehmens geſehen haͤtte. Die Ausſicht auf die Freiheit begluͤckte Benina. Jugend, Freunde, Hoffnung kurz Alles umringte ſie, was einer ſo natuͤrlichen Sehnſucht noch groͤßere Kraft geben konnte; aber aus zarter Ruͤck⸗ ſicht auf ihre Gebieterin unterdruͤckte ſie alle ihre freudigen Bewegungen, verſchloß ſie einſam in ihrem Buſen, ſelbſt ohne die Genugthuung, Mitgefuͤhl fuͤr dies Opfer zu gewinnen; denn ſie ließ Jacquelinen auch nicht durch einen mißvergnuͤgten Blick oder 186— ein hindeutendes Wort die Qualen merken, die ihr die Gefangenſchaft auferlegte, und eben ſo wenig die Hoffnungen und Antraͤge zum Entkommen. Sie wußte, daß Jacqueline Alles zuruͤckgewieſen haben wuͤrde, in dem Glauben, Vrank van Bor⸗ ſelen ſey nicht mehr. Eine zufaͤllige Unterredung mit des Schloßaufſehers Tochter überzeugte Benina, daß der junge Herr von Eversdyke noch lebe, und der Berichterſtatter des traurigen Tags von Brow⸗ ershaven, allein den Vater, nicht aber den Sohn gemeint haͤtte. Waͤre der Letztere Benina's eigener Liebhaber geweſen,— ſtatt fuͤr eine Andere der Ge⸗ genſtand ſo unſtaͤter und gemiſchter Empfindungen von Freude und Schmerz zu ſeyn,— ſo haͤtte ſie bei der gewiſſen Kunde ſeiner Erhaltung kaum mehr Ver⸗ gnuͤgen fuͤhlen koͤnnen. Aber, wie ſehr ſie auch da⸗ bei ohne eigenes Intereſſe war, muͤſſen wir ſagen, daß ſich mit ihrer Freude in Hinſicht Jacquelinens auch ein Strahl von Hoffnung fuͤr ſie ſelbſt damit verband. Sie kannte ihrer Herrin Zuſtand beſſer als dieſe ſelbſt, deren erzwungene Zuruͤckhaltung und Ent⸗ ſagung doch das Treiben der verborgenen Leiden⸗ ſchaft nicht hatten verheimlichen koͤnnen, weder als ſie noch Hoffnung hegte, noch jetzt, da dieſe mit Verzweiflung gepaart war. Benina war uͤberzeugt, 187 daß Jacqueline, von van Borſelen's Leben unter⸗ richtet, wieder Luſt und Liebe zum eigenen fuͤhlen wuͤrde, und dann ihre Zuſtimmung zu einem wohl⸗ angelegten Plan zur Flucht nicht ausbleiben koͤnne. Mit wirklichem Zartſinn, von untruͤglichem Inſtinkte, dem die Gefuͤhle eines liebenden Herzens ſelbſt nicht fremd waren, geleitet, theilte ſie Jac⸗ quelinen jene Nachricht mit, ohne ſie zu kraͤnken, noch ihren Stolz aufzuregen. Was Jacqueline bei dieſer wiederbelebenden Kunde empfand, uͤberlaſſen wir unſerer Leſer Einbildungskraft zu malen; aber in der Ueberzeugung ſtimmten Beide, ſie und Be⸗ nina, vollkommen uͤberein, daß Vrank van Borſelen der thaͤtige Kaͤmpfer fuͤr ihre Freiheit ſey; aber ſie vermieden mit gegenſeitiger Zuruͤckhaltung alle Ver⸗ muthungen uͤber dieſen Punkt. Indeß in Betreff ei⸗ nes anderen Punktes waren ſie vollkommen anderer Meinung. Benina glaubte ſteif und feſt, daß dieſer Ueberzeugung, und dieſer allein, Jacquelinens Zu⸗ ſtimmung zu dem kuͤhnen Plane der Flucht zuzu⸗ ſchreiben ſey. Doch Jacqueline, in einer Taͤuſchung, die ihr mit den ſtaͤrkſten Geiſtern gemein war, be⸗ harrte in der Meinung, daß ſie ſich ſelbſt Etwas verhehlen koͤnne, was jegliche ihrer geheimſten Re⸗ gungen verrieth. 188 Benina war in aͤhnlicher Schwaͤche befangen, und dieſe wiederum von Jacquelinen leicht durch⸗ ſchaut. Die dunkle und nebelhafte Hoffnung naͤm⸗ lich, zu einer oder der andern Zeit mit Lord Fitz⸗ walter wieder zuſammen zu treffen, gab dem ſich ſelbſt betruͤgenden Maͤdchen die nachhaltige Kraft, welche ſie die ganze Begebenheit uͤber entwickelte; indeß ſie ſich einbildete, ſie habe ihm fuͤr immer entſagt und ihn voͤllig verloren. Unter der Leitung des geheimen Hauptes und Traͤgers der ganzen Unternehmung nahm Theodo⸗ rie van Merwede, ein reicher und maͤchtiger Hoek, und zwei andere Edle, Spiering und Dalberg, die einzelnen Rollen uͤber ſich. Die beiden Letzteren drangen kuͤhn in die ſtrenge Haft, in der Jacque⸗ line gehalten unde, und fanden Mittel, ſie und ihre treue Benina mit Maͤnnerkleidern zu verſehen, in denen ſie unerkannt aus dem Schloſſe entkamen, waͤhrend die Wache in voͤlligſter Sicherheit am Abend bei vollen Bechern zechte und jubelte. Sie gingen durch die Straßen der feindlichen Stadt, nicht feige und erbebend, ſondern dreiſt und trotzig, der Gefahr muthig in's Auge ſehend(die beſte Art ſie zu beſiegen), und erreichten ſo unentdeckt ein Dorf nahe bei Gent, wo Pferde auf ſie warteten. 44⁴ 189 Und ehe noch ihre Flucht bemerkt worden war, hat⸗ ten ſie mit ihren beiden Befreiern die Ufer der Schelde erreicht, die der Stadt Antwerpen gegen⸗ uͤber liegen. 7 Des Reitens war unſere Heldin kundig und gewohnt, wie ihre treue Begleiterin, die eigentlich ſtets gleichen Theil haben muͤßte an allem Lobe, was unſerer Heldin ertheilt wird. Weniger geuͤbte Reiterinnen duͤrften leicht in die Haͤnde der Ver⸗ folgenden gefallen ſeyn, die von unſeren Fluͤchtlin⸗ gen jetzt gluͤcklicher Weiſe ausgelacht werden konn⸗ ten; denn es harrte ihrer ein Boot am Ufer, ſie, von der hoͤchſten Hebung der Fluth, welche gerade zu ſteigen anfing, beguͤnſtigt, eiligſt in Sicherheit zu fuͤhren. Jacqueline betrat das Boo e irgend eine Frage nach ihrer endlichen venansſ oder nach dem wichtigen Umſtand, welchen ſie ohne Zweifel mit brennender Ungeduld zu erfahren wuͤnſchte. Alle Gruͤnde ihres Verſtandes und ihres Gemuͤthes ſag⸗ ten ihr, daß van Borſelen in der Naͤhe ſey, und nur eine paſſende Gelegenheit, von ihr ſelbſt herbei⸗ gefuͤhrt, erwarte, ſich ihr zu entdecken. Aber ſie konnte ſich nicht entſchließen, ihn rufen zu laſſen, und mit dem Schlage jeder Stunde erneute ſich ihre unbegrenzte Furcht über die immer ſteigende 190— Wahrſcheinlichkeit, daß er ſelbſt ihr vor Augen tre⸗ ten moͤchte. Sie wußte, daß ſein oͤffentliches Auf⸗ treten ais ihr Ritter auf dem Gebiet Philipp's von Burgund oder ſeines Geiſtesverwandten und Na⸗ mensvetters, des neuen Herzogs von Brabant, ſei⸗ nen Sturz unfehlbar herbeifuͤhren muͤſſe. So lange ſie ſich alſo innerhalb der Grenzen feindlicher Laͤn⸗ der befand, fuͤhlte ſie ſich vor der Verletzung jener krankhaften Aengſtlichkeit ſicher, in der ſie ſich gern gebunden ſah. Als ſie ſich aber Holland naͤherte, wo ihre Sache noch nicht unterdruͤckt war, wo ihr Banner noch wehte, ſank ſie in einen Zuſtand zit⸗ ternder Freude, wie ein zartes Maͤdchen, welches ſich fuͤrchtet und ſehnt nach dem Geſtaͤndniß einer Leidenſchaft, die ſie gern anzuerkennen und zu er⸗ wiedern bereitſſt. Das Boot, das ungeſtoͤrt dem Zug der Schiff⸗ fahrt auf dem Fluſſe gefolgt war, langte an einer Stelle der Hollaͤndiſchen Bank an, deren Anblick bald darauf voͤllig veraͤndert wurde durch eine jener Waſſerrevolutionen, denen damals jener Theil der Niederlande ſehr haͤufig unterworfen war. Der Ort war wild und öde, kein Zeichen von geſelligem Leben außer drei bis vier elenden Huͤtten, hier und da angelegt, wo gerade ein Damm das Waſſer 191 verhinderte, die traurige Gegend noch mehr zu ver⸗ wuͤſten. Am Abend des zweiten Tages erreichte das Boot dieſen entlegenen Platz zur Zuſammen⸗ kunft mit Dem, der von den beiden Edeln ſchon lange als die Seele des ganzen Plans bezeichnet worden war, den ſie ſo gut ausgefuͤhrt hatten. Jacqueline und Benina lagen in der leicht bedeckten Kajuͤte, welche einen Theil des Decks einnahm, wo fuͤr Kiſſen und Decken zur Bequemlichkeit der Da⸗ men geſorgt war, und ſie Schutz fanden gegen den rauhen Maͤrzwind, in Kleidern, welche ihrem Ge⸗ ſchlechte angemeſſen waren, und ausruhten von den Muͤhen der letzten Tage. Unſre Heldin war in Traͤumereien verſunken, was bei einem ſolchen Zu⸗ ſtande, wie der ihrige, leicht zu ge pflegt, wo Erinnerungen an das Geſchehene mifl gegenwaͤrti⸗ gen Empfindungen und nebelhaften Gebilden der Phantaſie fuͤr die Zukunft zuſammenfloſſen. Benina fuͤhlte weniger lebhaft; denn ſie hatte durchaus keine Nachricht von dem, der die beherrſchende Macht des Herzens uͤber ſie ausuͤbte. Sie glich mehr dem Schatten der Vergangenheit, oder dem Traume der Zukunft, als einem Weſen, welches gegenwaͤrtigen antreibenden Eindruͤcken folgt. Die Freundinnen wechſelten auf dieſe Weiſe 192 wenige Worte, und ruhten ſcheinbar unthaͤtig, den⸗ noch aber verſenkt in geiſtige Beſchaͤftigung, als Einer ihrer Befreier ehrfurchtsvoll die Kajuͤtenthuͤr oͤffnete, und ihnen meldete, dies ſey der beſtimmte Platz, wo ſie mit ihrem unbekannten Retter zuſam⸗ mentreffen ſollten. Jacqueline durchzuckte eine krampfh afte Bewe⸗ gung, wie ſie ſolche noch niemals an ſich erfahren. Die Bilder ihres zweimaligen Zuſammentreffens mit Vrank ſtanden lebendig vor ihrer Seele. Beide Male hatte ſie ihn ungeahnet und von ihm uͤber⸗ raſcht geſehen. Sie fuͤhlte jetzt zum erſten Male die peinliche Qual, vorauswiſſend einem geliebten Gegenſtande zu begegnen. Alle Kaͤmpfe zwiſchen Stolz.8 die ſie fuͤr ſeine Sache und ihre eigene Ruh uldet und ausgehalten, drangen ſich ihr mit erneuter Kraft auf. Was fuͤr eine Rolle ſie jetzt zu ſpielen habe, wurde ein Punkt der ver⸗ wirrendſten, aber doch ſehr nothwendigen Betrach⸗ tungen; aber es war zu ſpaͤt. Sie konnte ſich auf die kommende Scene nicht vorbereiten. Bei ande⸗ rer Gelegenheit, bei ceremonioͤſen Feierlichkeiten, an Tagen, wo Aufwand und aͤußere Formen die fuͤrſt⸗ liche Groͤße auch den Augen der Welt zeigen ſoll⸗ ten, hatte ſie ſich wie andere Monarchen gezeigt, und 193 und war es gewohnt geweſen, ihre Rolle zu probi⸗ ren, und nicht leicht benahm ſich Jemand beſſer in den Hof⸗ und Staatsactionen; aber wenn das Herz ſprach, konnte ſie keine Maske vornehmen, und die Leidenſchaft regierte allein. Sie ſtrengte ſich jedoch an, ihre zerſtreuten Gedanken zu ſammeln, und den gewohnten Ton des Bewußtſeyns ihrer Wuͤrde und hohen Anſehens begann ihre Beſonnenheit zuruͤckzu⸗ bringen, als der Edelleute einer, der das Echo am Ufer des Fluſſes fuͤrchtete, ſagte: „Madame, er wartet, ſich Eurer Hoheit zu Fuͤßen zu legen.“ — Er wartet! Wo denn, Sir? Wo iſt er? Bringt mich ſchnell zu ihm,— war die haſtige Antwort, und alle auftauchende Ruhe und gehal⸗ tene Wuͤrde waren uͤberwaͤltigt von dem unauſhalt ſamen Erguß der Liebe. „Er iſt dort in jener Huͤtte, Madame! 44 ſagte der Edelmann, und machte Jacquelinen Platz, die auf's Deck hinaus eilen wollte; fuͤgte aber hinzu: „So Ihr gnaͤdigſt erlaubt, Madame, wuͤrde es ſein Wunſch ſeyn, daß Eurer Hoheit erſte Zu⸗ ſammenkunft mit ihm ohne Zeugen geſchehe.“ — O, ſprecht nicht von Zeugen oder Aufſchub weegen uͤblicher Formen des Hofs und der Etiquette; III. 9 194 fuͤhrt mich zu ihm— allein— wie er will— ſein Wunſch iſt hinfort Geſetz fuͤr mich.— Laßt mich nur meinen Retter ſehen!— Benina, meine beſte, theuerſte Freundin, Du ſollſt mich ſogleich wieder⸗ haben!— Bei dieſen Worten wilte Facqueline nach dem Borde des Bootes, ſchritt leichten Fußes uͤber die Planke, welche man nach dem Ufer ausgelegt, und war in einem Augenblick in der kleinen verlaſſenen Huͤtte, wohin der Edelmann ſie fuͤhrte. Dieſer ſchloß die Thuͤr auf und blieb draußen, waͤhrend ſie eintrat, und kaum ſtand ſie auf der Schwelle, und warf einen Blick in das Innere, als ſie— Lord Fitz⸗ walter's ſchoͤne Geſtalt auf ſie zukommen und ſich zu ihren Fuͤßen ſtuͤrzen ſah. Sie ſtarrke ihn einen Augenblick an mit Zei⸗ chen des hoͤchſten Erſtaunens in allen Zuͤgen. Ihre Augen durchliefen dann ſchnell das kleine Gemach, und kehrten hierauf wieder zuruͤck zum Ritter, der aufgeregt und liebegluͤhend zu ihren Fuͤßen lag.— Dann wendete ſie die Augen aufwaͤrts gen Him⸗ mel, und ſchloß ſie endlich unwillkuͤrlich im Unwillen uͤber ihr Mißgeſchick und voll Furcht uͤber die Dinge, die da kommen ſollten. „O Gott, er iſt es nicht!“ war der kummer⸗ ———y;— 195 ſchwere Gedanke, welcher ſie durchbebte, aber ſie ſprach ihn nur durch einen tiefen Seufzer, der ſich langſam aus ihrer Bruſt hob, aus. Fitzwalter's Augen, welche Jacquelinens Zuͤge begierig einzuſaugen ſchienen, hafteten noch feſt auf ihrem Geſicht, als ſie es von ihm wandte, und mit beiden Haͤnden bedeckte— eine nichts entſcheidende Geberde, angemeſſen ihren ſo verſchiedenartig be⸗ wegten Gefuͤhlen. Fitzwalter konnte ihre Meinung nicht errathen, vielleicht mißverſtand er ſie ſogar in der Gluth ſei⸗ ner Leidenſchaft, indem er Jacquelinens Gewand mit zitternden Haͤnden faßte, und demuͤthig flehend — vor der Geliebten ſich tief in den Staub beu⸗ gend— ausrief: „Ach, Madame, darf ich es denn wagen, in dieſem Schweigen— dieſer Bewegung— dieſer Ueberraſchung Gnade zu leſen fuͤr meine Kuͤhnheit, die mich antrieb, ein Werkzeug Eurer Rettung aus Ketten und Noth zu werden, Euch der Welt und Eurem Lande zuruͤckzugeben? Will ein Engel des Himmels mich wuͤrdigen, zu eines Sterblichen Ohr mit Himmelsworten zu reden?“ Leiſe Seufzer, abgebrochene Laute— die un⸗ bewußten Zeugen des tief verwundeten Herzens— 1 9* 196 waren Jacquelinens einzige Antwort. Ihre Haͤnde zitterten, als ſie ſie gegen das Antlitz druͤckte, aber ihr Koͤrper bewegte ſich nicht; er ſenkte ſich weder herabwaͤrts, noch richtete er ſich mehr in die Hoͤhe, ſondern ſie ſchien voͤllig gefuͤhllos und unempfäng— lich fuͤr dieſen Stoß. Die Seele allein ſchien zu leiden, und in ihren innerſten Tiefen erregt zu ſeyn. Und Lord Fitzwalter, der durch ſeine Leiden⸗ ſchaft getaͤuſcht, ſo lang' und ſo geheim unter ſo wunderbar romantiſchen Umſtaͤnden dieſe Liebe ge⸗ oflegt und genaͤhrt, glaubte jetzt wirklich, daß Jae⸗ quelinens Bewegung Kunde gebe von ihrer uͤber⸗ raſchten und ſie uͤberwaͤltigenden Neigung. Und er, der ſeit vielen Jahren der demuͤthige, hoff⸗ nungsloſe Anbeter eines Ideals geweſen, welches er ſo heimlich und heilig verehrte, daß er ſich es ſelbſt nur zu beruͤhren nicht geſtattet haben wuͤrde, wurde in dieſer Stunde der Entſcheidung, die auch wohl den Kuͤhnſten aller Liebenden erſchuͤttert haͤtte, allmäͤhlich immer gluͤhender, und ſogar fuͤr einen Augenblick von ſeinem Gluͤcke vollkommen uͤberzeugt. „ 9O, Du, aller Frauen ſchoͤnſtes, bezauberndſtes Bild!“ rief er, die Hand ergreifend, die ſchlaff an Jacquelinens Koͤrper herabhing;„wo finde ich 197 Worte, Dich in das Innerſte meines Herzens blik⸗ ken zu laſſen, Dir zu enthuͤllen das Heiligthum meiner Seele? Wie ſoll ich offen Dir darlegen meine unbegrenzte ewige Anbetung?“ Dieſe Sprache war nicht mißzuverſtehen.— Haͤtte Jacqueline am Rande des Grabes geſchwebt, ſtatt jetzt nur in geiſtige Ohnmacht und Dumpfheit verſunken zu ſeyn; ſolche Reden haͤtten ſie wieder in's Leben rufen muͤſſen. Auf einmal wurde ihr Fitzwalter's Betragen ſeit langen Jahren deutlich; ſie begriff mit einem jede Eitelkeit voͤllig unterdruͤk⸗ kenden Kummer die Taͤuſchung, in welcher Benina Beyling befangen war. Sie zog ihre Hand zu⸗ ruͤck, als fuͤrchte ſie durch die Beruͤhrung angeſteckt zu werden, und ihr erſtaunter Blick fiel wieder auf das Antlitz, welches ſo beredtſam die Worte treuer Liebe und tiefgefuͤhlter Bewunderung ausgeſprochen. Fitzwalter verſtand ihre Bewegung nicht, noch ſah er ihren Blick in ſeinem rechten Licht. Seine Seele war zu voll von ihrer hohen Goͤttlichkeit, als daß er eine Zeit lang von ſeinen ſchaͤrferen und beſſer aufmerkenden Sinnen haͤtte Gebrauch machen koͤn⸗ nen; ſo ließ er der uͤberfließenden Empfindung ſei⸗ nes Herzens freien Lauf, und lieh ihr Worte, einer Heiligen Verehrung angemeſſener, als leidenſchaft⸗ 198— licher Liebe und irdiſcher Hoffnungen. Und viel⸗ leicht hoͤrte ihn deßhalb Jacqueline ruhig an, bis er ausgeredet. Haͤtte er ſie beſtuͤrmt mit der hei⸗ ßen Gluth der Liebe, welche den Buſen, der ſie er⸗ wiedert, mit Wonne erfuͤllt, und den zuruͤckſtoͤßt, der dabei kalt bleibt,— ſo haͤtte ſie ihm gewiß ſeine Rede kurz abgeſchnitten, empoͤrt durch Alles, was ſie in einem ſolchen Falle kraͤnken konnte. Aber alle ſeine Worte und Blicke fielen lauter und kraftlos in ihr Inneres, und ſie erwiederte ruhig, als er geendet: — Ich habe Euch angehoͤrt, mein Herr, Gott 3 weiß, mit dankbarem Herzen, aber nicht mit der ruhigen und ſanften Erregung, die ich Euch ſchul⸗ dig bin. Mehr kann ich nicht geben, und will ich nicht nehmen. Laßt mich denn entſchieden und kurz antworten, und tadelt meine Beſtimmtheit nicht, welche ihren Göund in keiner Gefuͤhlloſigkeit, ſon⸗ dern in der Oede und Grabesruhe hat, die jetzt auf meiner Seele liegt,— eine Folge heftiger zerreißender Stuͤrme in meinem Innern, in meinem 3 halb gebrochenen Herzen. Ihr bittet mich, Euch 4 zu verzeihen— Ihr ſprecht von Anmaßung, waͤh⸗ 1 rend Ihr mir die ruͤhrendſten Beweiſe von Groß⸗ muth gebt und viel zu ſchmeichelnde Zeugniſſe Eu⸗-⸗ 199 rer Anhaͤnglichkeit. Ich kann nicht vergeben, da Ihr nicht habt verletzen koͤnnen;— Ihr koͤnnt da nicht anmaßend ſeyn, wo das Schickſal ach! alle Unterſcheidungen gleich gemacht hat. Beraubt, verlaſſen, verrathen, auf Wen mag Jacqueline von Baiern, nicht mehr von Holland, Hennegau u. ſ. f. noch ſtolz herniederblicken? Wer iſt denn aͤrmer, wer ſteht denn tiefer nach der kalten Rechnung der Welt? Nein, Lord Fitzwalter, ich bin Euresglei⸗ chen, fern von dieſen Unterſcheidungen, welche Ver⸗ bindungen in fruͤheren Zeiten haͤtten hindern koͤnnen — ich bin frei von allen Banden, welche eine Schranke haͤtten ziehen koͤnnen vor einer Einigung, wie Ihr ſie vorſchlagt, und wie ich ſie mit Ehren annehmen koͤnnte. Aber maͤchtige, zwingende Gruͤnde machen meine Einwilligung unmoͤglich. Zuerſt wuͤrde meine Heirath mit einem Fremden, deſſen Blut nicht aus koͤniglicher Quelle fließt, meine Hollaͤndiſchen und Zeelaͤndiſchen Unterthanen empoͤren—— meine Unterthanen? Gott, Gott! wann werd' ich denn meine wahre Lage begreifen lernen? wann werd' ich die Fluͤgel dieſer adlerbeſchwingten Gedanken niederhangen laſſen? ſie, ſonſt gewohnt, mich zur Sonnenhoͤhe empor zu tragen!— Eine Stille von mehreren Augenblicken folgte 200 diaſem Ausdruck der noch immer aufblitzenden Ehr⸗ ſucht? Jacqueline kaͤmpfte hart und gluͤcklich, ihre Aufregung zu beſchwichtigen; aber ſie fuͤhlte die Gluth auf ihren Wangen, und ihre Augen glaͤnzten vom flackernden Feuer des ungebeugten Stolzes.— Fitzwalter war aufgeſtanden, und horchte auf jedes Wort, wie ein Verbrecher, dem das Urtheil ge⸗ ſprochen wird, welches uͤber Leben und Tod ent⸗ ſcheidet. Er wagte es nicht, ihr beredtes Schwei⸗ gen oder den ſtroͤmenden Fluß ihrer Rede zu unter⸗ brechen. Beide hatten ihres Eindrucks nicht ver⸗ fehlt. Die heiße Fluth der Empfindung erkaltete allmaͤhlich, wie kalter Nordwind, mit Zauberkraft uͤber einen ſonnigen Landſee hinſauſend, ihn ploͤtz⸗ lich im Beginn des Sommers mit einer Eisrinde uͤberzieht. Jacqueline fuhr fort: — Nein, Mylord, meine geſtuͤrzten Anhaͤnger, meine Landsleute, meine fruͤheren Diener wuͤrden ſich durch eine Sache herabgeſetzt fuͤhlen, die ſie als meine Erniedrigung betrachten wuͤrden, und kein perſoͤnliches Verlangen nach Frieden, Schutz, oder ſogar nach Gluͤckſeligkeit kann mich rechtfertigen, oder meine Zuſtimmung erzwingen, wenn einem treuen Hollaͤnder dadurch auch nur ein Augen⸗ — — — 201 blick Kummer bereitet wird. Und wie kann ich Euer weiteres Anerbieten annehmen, meinen Sitz in England aufſchlagen, die Herrin Eurer weiten Herrſchaften? Darf ich, die als eine Gleiche im Range gelebt hat an Eures letzten Koͤnigs Hof, die Euern jetzigen Koͤnig uͤber den Taufſtein hielt, und der heiligen Kirche in der Taufe als Pathe ſtatt ſeiner antwortete, darf Die im ſtolzen Reiche England's erſcheinen, eine gewoͤhnliche Frau? Koͤnntet Ihr es jemals ruhig mit anſehen, daß Euer Weib ſich verſtecke in ihren Gemaͤchern, und Euern Rang ver⸗ unehre? Aber Alles bei Seite geſetzt, wie kann ich hinabſteigen, um das Land wieder zu betreten, daß Er bewohnt, der mich zuruͤckſtieß um einer ſchnoͤden Metze willen, Er, der die gute Sache verließ, fuͤr welche er ſein Leben zu laſſen geſchworen hatte, und Euch und ſeine uͤbrigen wackeren Landsleute preisgab, ein Opfer ſeiner Gemeinheit und Schaͤnd⸗ lichkeit zu werden? Das waͤre genug, glaube ich, Euch die Unmoͤglichkeit meiner Einwilligung zu zei⸗ gen. Aber es giebt einen Grund, gewichtiger als alle uͤbrigen. Denn wie ich jetzt bin, koͤnnte mein Herz allein mir eine Verbindung mit einem edlen Manne werthvoll machen; aber dieſes Herz iſt nicht 9* 202 mehr mein; 5 iſt fuͤr mich auf ewig verloren, ohne, ach! einen Andern zu bereichern, verſchwendet in hoffnungsloſer Unbeſonnenheit— um keinen Preis zuruͤckzukaufen. Ich habe geredet, aber keine Roͤthe bedeckt meine Wangen, mein Buſen zittert nicht— mein Auge ſchwimmt nicht in Thraͤnen. Ich legte dieſes freiwillige Bekenntniß nicht ab vor dem Al⸗ tare des Stolzes, noch auch rede ich alſo aus Scham und Schuͤchternheit, ſondern um Euch im ruhigen Ausdruck meiner Zuͤge und Sprache zu zeigen, daß Alles verloren fuͤr mich iſt, Alles ohne Ausſicht fuͤr Euch!— Fitzwalter hatte ruhig jedes Wort mit ange⸗ hoͤrt, aber das Ende traf ſein innerſtes Herz. Er hatte mit trauriger Gewißheit allmaͤhlich eingeſe⸗ hen, daß Jacqueline nicht fuͤr ihn fuͤhlte, aber das war ihm nicht in den Sinn gekommen, daß ſie ei⸗ nen Andern lieben koͤnne. Er hatte bisher keinen Nebenbuhler gefuͤrchtet außer Gloceſter, und als dieſer durch eigene Treuloſigkeit nicht mehr im Wege ſtand, glaubte er freies Feld zu haben. Aber es lag in Jacquelinens ganzem Weſen bei dieſer Unterre⸗ dung Etwas, das gewichtiger gegen ſeine Hoffnun⸗ gen, die ihm aufgegangen waren in ihrem Ungluͤcke und ihrer Wittwenſchaft, ſprach, als ein dickes Buch —.— ————— ——-——— —— 203 voller Gruͤnde, und er ſah auf einmal die Wahr⸗ heit, unterwarf ſich ihr mit der Ueberzeugung eines Erwachenden, den der helle Strahl des Tages aus einem koͤſtlichen, mondbeglaͤnzten Traume erweckt. Die ruhige Haltung, mit der er dieſe Ge⸗ wißheit anerkannte, entſprang aus dem voͤlligen Mißverſtaͤndniß, in dem er uͤber Jacquelinens Ge⸗ fühle geweſen war. Jetzt war er aufgeklaͤrt und ruhig. Nur konnte er nicht begreifen, wie Jacque⸗ line, vor deren ausgezeichnetem Charakter er ſtets die groͤßte Achtung gehabt, ihm ſo leicht ihre De⸗ viſe ſchenken konnte,, die er ſo lange und treu ge⸗ tragen, und daß ſie ſo leichthin bei verſchiedenen auf einander folgenden Gelegenheiten darauf ange⸗ ſpielt habe. Er wußte freilich recht wohl, daß ein Zeichen der Galanterie, bei Turnieren nicht als ein bindendes Pfand der Neigung fuͤr immer und ewig betrachtet werde; aber dieſes hatte doch durch die lange Zeit, welche dazwiſchen verfloſſen war, eine gewiſſe Bedeutung und Wichtigkeit erlangt, und dann meinte er, es ſey genug, wenn er es beſtaͤn⸗ dig truͤge, denn es muͤßte ja dieſer Umſtand jedem empfaͤnglichen und gegen ſich ſelbſt wahrhaften Geiſt deutlich anzeigen, daß es hier keine erkuͤnſtelte Lie⸗ belei gaͤbe, ſondern ein Bekenntniß treuer Liebe, 204 welches auf dieſe Weiſe ihre beharrliche Zuneigung und Bewunderung ausſpraͤche. In dieſer Verle⸗ genheit zog er die ausgebleichte Schleife aus ſei⸗ nem Buſen, und ſprach: „Graͤfin, Ihr habt mich aus einem chänen Traume irrender Hoffnung geriſſen.— Ich unter⸗ werfe mich Eurer Entſcheidung, und lege jenes Pfand zu Euern Fuͤßen, welches ich bisher als ein heiliges betrachtete und werth hielt, weil es von Euch kam. Ich gebe Euch Euer Gunſtzeichen zu⸗ ruͤck, rein und unbefleckt.“ Dieſer Umſtand rief Jacquelinen einen aͤhnli⸗ chen in’s Gedaͤchtniß zuruͤck, und zwar ſo lebendig, daß eine Angſt in ihr ſich regte, welche ſie gern haͤtte ganz verbannen wollen. Aber da ſie Fitzwal⸗ ter's Irrthum inne ward, machte ſie in Benina's Intereſſe den Verſuch zu einer Verbindung, die ſie in ihrem eigenen hatte zuruͤckweiſen muͤſſen. — Fuͤrwahr, Lord Fitzwalter,— ſprach ſie, — hier iſt Irrthum auf Irrthum gehaͤuft— jenes Pfand war niemals meines.— „Nicht Eures? Es kam doch aus Eurem Zelt auf dem Turnier zu Windſor. Es iſt Eure Farbe. Nicht Eures?“ rief Fitzwalter mit unglaͤubiger Stimme. —— — 20⁵ — Es gehoͤrte meiner theuern Benina; dieſe ver⸗ ſchenkte es zugleich mit der ſtolzeſten Gabe fuͤr ei⸗ nen braven Mann, mit dem Herzen eines ſchoͤnen und tugendhaften Weibes.— „Ihr Herz?“ entgegnete Fitzwalter, durch Ton und Blick ſeine geheime Genugthuung bei dem Gedanken einer ſo hohen Belohnung und Ausglei⸗ chung ſeines Mißgeſchicks, eines ſo lindernden Bal⸗ ſams fuͤr ſein Ungluͤck, verrathend. — Ja, wahrhaftig, Mylord, ihr ganzes un⸗ ſchuldiges Herz, mehr werth als das, von dem Ihr eine Zeit lang getraͤumt habt. O, koͤnntet Ihr doch den Werth dieſes Schatzes recht innig fuͤhlen, der nur Euch angehoͤrt, ohne daß Ihr es wißt; Ihr wuͤrdet nichts auf der weiten Erde finden, mit dem Ihr ihn vergleichen koͤnntet; Ihr wuͤrdet ihn nicht unangeſehen bei Seite werfen, waͤhrend Ihr nach einem Phantom jagt, welches floh, da Ihr ihm folgtet. Ja, Mylord,— fuhr Jacqueline fort, den Eindruck wohl bemerkend in ſeiner ſchweigenden Bewegung, den ihre Worte auf ihn gemacht, und ihren Vortheil Schlag auf Schlag verfolgend,— es war Benina Beyling's Zeichen, das Euern Helm in manchem Lanzenbrechen, in manchem Schlacht⸗ 206 gewuͤhl beſchirmte, und wohl mag das Pfand eines Herzens, wie das ihrige, ſolche Tapferkeit einfloͤßen, wie ſie Euch ſtets eigen war. Benina, Mylord, ſtammt aus altem, ſtolzen, adligen Blut— ſonder Falſch, doch hohen Sinnes— voll Feuer und Lei⸗ denſchaft, weil ihre Seele rein iſt, Dem geneigt, der in einer einzigen Stunde ihr Herz auf ewig zu ſich gezogen. Triumphirt uͤber die Eroberung, die Ihr gemacht habt, Lord Fitzwalter! Wie ſchmei⸗ chelhaft Euern beſten Gefuͤhlen! Und wo koͤnntet Ihr eine ſo liebliche, ſo ergebene Gemahlin finden? Innige Dankbarkeit muͤßt Ihr treuer Zuneigung weihen— welche Schande fuͤr Euch, eine Flamme zuruͤck zu weiſen, die Ihr, wenn auch ohne Euern Willen, angefacht und genaͤhrt habt. Bedenkt Euch, Mylord, wie Ihr das reizende Maͤdchen lieben uud ehren muͤßt nach allen Euren zarteſten Grundſaͤtzen und Regeln der Ehre.— „Graͤfin,“ rief der Englaͤnder heftig bewegt, „Ihr boruͤhrt meine zarteſten Gefuͤhle— Ihr pruͤft mein Herz— Ihr regt meine Selbſtliebe auf— Ihr ſchmeichelt meinem verwundeten Stolz. O wie engelgleich blickt Ihr mich an in dieſer neuen Aus⸗ ſicht zur Gluͤckſeligkeit! Wie, o wie kann, wie ſoll — —— —— 207 ich meine Gedanken auf etwas Anderes richten, als auf Deine ſtrahlende Schoͤnheit; wie jemals mit einem andern Dein Bild erſetzen, das ſo lang' in meinem Herzen thronte!“ — Mylord, Mylord, das muß nicht ſeyn; es war auf Taͤuſchung gebaut.— Alles ſo truͤglich und unwahr, wie Benina's Liebe und Eure Pflicht gegen ſie voll Leben und Wahrheit ſind. Mich lieb⸗ tet Ihr nie, Lord Fitzwalter. Nein, ſtaunet nicht, hebt Hand und Blick nicht zum unnuͤtzen Aufruf des Himmels empor— Ihr liebtet mich nie. Ich waͤre undankbar und Eurer Achtung nicht werth, wenn ich die Anhaͤnglichkeit bezweifelte, die Ihr ſo lang' und ſo ſchoͤn gezeigt habt. Ritterlich und edel war dieſelbe— aber es war nicht Liebe. Geblen— det durch meinen Rang, meine wunderlichen Aben⸗ teuer, vielleicht durch Eigenſchaften, welche mir der Himmel nach ſeiner weiſen Vorſehung guͤtig verlie⸗ hen, aber, weh' mir! nicht zu meinem Gluͤcke, waͤhn⸗ tet Ihr, daß Ihr mich liebtet, indeß Ihr mich nur bewundertet, Mitleiden mit mir hattet, mich— ich will es ausſprechen— verehrtet. Das iſt keine Liebe. Ach nein, Mylord! Liebe iſt keine einſame Lei⸗ denſchaft, die in einer Bruſt allein und verlaſſen bruͤ⸗ —— tet. Liebe verwaͤchſt und wird groß in zweien Her⸗ zen, die mit einander ſchlagen in Wohl und Weh, ſich gemeinſam erheben, und eben ſo niederſinken. Um zu lieben, muͤſſen wir geliebt werden. Ein Ideal mag angebetet werden in Ehrfurcht und ohne Veraͤnderung; aber jene hinreißende Gluth der Seele, allein des Namens Liebe wuͤrdig, kann nicht vorhanden ſeyn, bis Herz zum Herzen ſpricht, und beide gefeſſelt ſind durch eine zwiefache Kette mit⸗ fuͤhlender Hingebung, welche ſie bindet fuͤr alle Zeit und in allem Raum, und waͤren ſie an den aͤußer⸗ ſten Enden der Erde. So war es nicht mit Euch, mein guter Lord— und deßhalb liebtet Ihr mich nicht.— Fitzwalter ſchien ungeduldig Jacquelinens Saͤtze anzugreifen, aber ſie ſchnitt alle Einwuͤrfe ab, in⸗ dem ſie ſchnell auf einen anderen Punkt uͤberging, noch ehe ihr Zuhoͤrer ſich voͤllig von dem Eindruck ihrer Worte erholt, oder vielmehr von dem feierlichen Spruch, den ſie ſo eben beendigt hatte. „Doch wenn Ihr nun im Irrthum Eures Herzens eine Empfindung fuͤr die andere nahmt, ſo glaube ich doch, Lord Fitzwalter, daß ein gehei⸗ mer Zug in Eurem Herzen lebendig war, Euch zu 209 der mitfuͤhlenden, wahrhaften und treuen Gegenliebe zu fuͤhren. Wenn ſchon Euch unbewußt, nahm Eure Neigung denſelben Weg mit der, an der nicht Theil zu haben Ihr Euch verdammtet. Die Stun⸗ den, die Ihr mit Benina zugebracht, waren nicht ohne Frucht. Ihr glaubtet, Ihr ſaͤhet auf mein Intereſſe, ihr ſpraͤchet uͤber meine Plane; aber es war jener namenloſe Zug der Herzen, welchen die Liebe allein erzeugt, der Euch ſo oft zu ihr brachte, Euch ſo lange an ihrer Seite feſſelte. Ihre ju⸗ gendliche Hinneigung, unausgeſprochen, ihr ſelbſt faſt unbekannt, fuͤhrte Euch, Lord Fitzwalter, dieſen verborgenen und geheimen Weg, den jedes menſch⸗ liche Herz gehen muß, ſelbſt wider ſeinen Willen. Lord Fitzwalter, Natur und Schickſal haben Euch beſtimmt, Benina Beyling zu lieben!“ Hier beſchloß Jacqueline ihre, allerdings nicht allzu ſtarken Gruͤnde durch ein ſchlagendes, dra⸗ matiſches, lebendes Argument zu unterſtuͤtzen, wel⸗ ches oft mehr gewirkt hat, als ein noch ſo beredtes. Sie wandte ſich nach dem Fenſter, und zeigte drau⸗ ßen Benina Beyling dem Lord. Sie ſtand eben auf dem Deck, und blickte mit aͤngſtlicher Beſorgniß auf die Huͤtte. Fitzwalter's Augen weilten auf dem 210 bluͤhenden Antlitz und der anmuthvollen Geſtalt, und Jacqueline begann wieder: „Schaut hin, Mylord! Seht, wie ſie da ſteht. Iſt da nicht Schoͤnheit, Anmuth, Unſchuld genug, Euch gluͤcklich zu machen? Und koͤnnt Ihr, im Stolze mancher Eroberung, ſolch ein Weſen ver⸗ dammen, ihr Leben lang ſich abzuhaͤrmen in hoff⸗ nungsloſer Qual, daß Ihr ſie verlaſſen? Lord Fitz⸗ walter, wie ſeyd Ihr zu beneiden, ohne Muͤhe ſolch eine Beute gewonnen zu haben, die einen Herr⸗ ſcherthron zieren wuͤrde! Nehmt ſie hin, Mylord, ſie iſt Euer fuͤr immer und ewig. Ich uͤbergebe ſie Euch in allem ihren Liebreiz— tragt ſie in Euerm Herzen und moͤge der Himmel Euch beide mit nieverblaſſender Freude kroͤnen.“ Ehe der halberſtaunte aber voͤllig zufrieden ge⸗ ſtellte Fitzwalter eine Antwort hervorbringen oder entweder ihr Vorhaben hindern oder unterſtuͤtzen konnte, oͤffnete Jacqueline die Thuͤr und winkte Benina, herbei zu kommen. Jene flog uͤber die Planke nach dem Ufer, und ſtand am Eingang der Huͤtte, wo Jacqueline ſie empfing. Als dieſe aber bei Seite trat, entdeckte ſie Lord Fitzwalter, der wie am Boden gewurzelt daſtand und ſie feſt anblickte, 211 wie durch einen unwiderſtehlichen Zauber gebannt. Ein Schrei des Entzuͤckens entfuhr der Bruſt des uͤberraſchten Maͤdchens. Die Sinne ſchwanden ihr fuͤr einen Augenblick. Fitzwalter konnte ſolchem Anblick eines der Meiſterwerke der Natur nicht wi⸗ derſtehen, wie dieß denn auch wenige Maͤnner koͤn⸗ nen. Er zog ſie an ſeine Bruſt, druͤckte ſie mit liebender Heftigkeit an ſich, und war gleich von ihr fortgeriſſen fuͤr Leben und Tod, fuͤr Freud und Leid, mit Seele und Leib und ganzes Daſeyn an ein liebendes, und muͤſſen wir hinzufuͤgen? an ein ge⸗ taͤuſchtes Weib. Aber wenn dieß Betrug war, wer wuͤrde wuͤnſchen, daß es Wahrheit ſeyn moͤge? Wenn dieß keine Gluͤckſeligkeit war, wer wuͤrde nicht wuͤnſchen ungluͤcklich zu ſeyn? Das ſelige Op⸗ fer, ſo koͤſtlich und freudebringend getaͤuſcht, erfuhr niemals, daß es ſo war. Weder Benina Beyling, noch die Baronin Fitzwalter— waͤhrend des kurzen Aufſchubs ihrer Hochzeit in Holland, noch in den lan⸗ gen Jahren ihres gluͤcklichen Lebens in England kam jemals auf den Gedanken, daß ihr Gemahl einſt weniger ihr Liebhaber geweſen, als ſie ihn jetzt da⸗ fuͤr gehalten, und daß ſie ihre lange gluͤckliche Le⸗ bensbahn, die ſie von dieſem Augenblick an betreten, der großmuͤthigen Fuͤrſprache ihrer theuer geliebten 212 Herrin verdanke. Und Fitzwalter ſelbſt, ſein Loos mit inniger Freude betrachtend, konnte kaum glau⸗ ben, daß er nicht ſtets nur Die von Grund ſeines Herzens geliebt haͤtte, deren zaͤrtlicher, treuer und gluͤcklicher Gatte er war. Neuntes Kapitel. Jacgualine richtete, nachdem ſie die ihrem Herzen ſo theure Angelegenheit, Benina und Fitzwalter durch des Prieſters Segen vereinigt zu ſehen, gluͤcklich vollendet hatte, alle Aufmerkſamkeit auf ihre per⸗ ſoͤnlichen Intereſſen, und beeilte ſich, den Entſchluß, den ſie daruͤber gefaßt, ſo ſchnell als moͤglich in Ausfuͤhrung zu bringen. Sie hatte es ſich naͤmlich nicht verborgen, daß kein Hoffnungsſtrahl, auf den ſich irgend etwas mehr als Taͤuſchung haͤtte bauen laſſen koͤnnen, fuͤr ſie mehr blinke. Ihre neuerdings aufgeregten Ge⸗ fuͤhle, die eher betaͤubt als verwundet waren, ſchie⸗ nen einer Ueberſpannung ihrer Denkkraft Platz zu machen. Sie fuͤrchtete eine gaͤnzliche Entkraͤftung aller ihrer geiſtigen Faͤhigkeiten, und eilte deshalb um ſo mehr, ihr Vorhaben in's Leben zu rufen. Theodorich von Merwede hatte ſich bald bei ihr ein⸗ 214 gefunden; er und Fitzwalter, der ſich auf s Neue ihrer Sache angeſchloſſen, verſuchten nun— zwei kuͤhne Rathgeber— ſie zu dem aͤußerſten Entſchluß zu draͤngen, die zerſtreuten Hoeks, welche ſich noch unter van Monfoort in Friesland hielten, zu ſam⸗ meln und einen großen Streich zu wagen, wie ſie kuͤhnlich behaupteten, um das noch nicht gaͤnzlich Verlorene wieder zu gewinnen. Doch erregte dieſer Plan, ſo ſehr er auch mit Jacquelinens fruͤherem Geiſte und Weſen uͤbereinſtimmte, in ihr jetzt einen Widerwillen. Gewalt und Fuͤrſtenherrſchaft hatten keine Reize mehr fuͤr ſie, ihr Geiſt war gebeugt, nicht einmal Traͤume von Groͤße und Hoheit erho⸗ ben ſie wieder, Zuruͤckgezogenheit in die ruhige Stille des Privatlebens war ihr einziger Wunſch— doch ohne Erwartung, hier etwa das verlorene Gluͤck wieder zu finden. Der, welcher die aͤrmlichſte Bauernhuͤtte fuͤr ſie zum Paradies gemacht hatte, war fuͤr ſie nicht mehr; ſelbſt den Gedanken an ihn konnte ſie kaum ertragen. Ihr einziger Troſt war voͤlliges Vergeſſen ihres jetzigen Zuſtandes, oder jedes an⸗ den wie ſie ihn gewuͤnſcht haben moͤchte. Es fehlte ihr nicht an Beiſpielen, die unſre . un nlücklche Heldin hoͤchſt philoſophiſch daruͤber haͤt⸗ ten belehren können, daß einem kleinen Ungluͤck ſich —,— —,— — — 215 zu unterwerfen beſſer ſey, als ſpaͤter vollſtaͤndig un⸗ terzugehn. Aber es war etwas tieferes, als bloße Vernunftgruͤnde, das jetzt Jacquelinens Schickſal beſtimmte, dem ſie eher zu gebieten als zu gehorchen ſchien. Sie beſchleunigte Benina's Heirath, welche ſo ſchnell vor ſich ging, daß die Letztere kaum an die Annaͤherung des Feſtes dachte, und Fitzwalter wenig Zeit hatte, ſich in dieſer neuen Gluͤckſeligkeit, die ihm ſo ganz ohne Anſtrengung, wie er ſelbſt zugeſtand, auch ohne ſein Zuthun wurde, von ſeiner letzten Aufregung zu erholen. Kaum war das Band zwiſchen Beiden geknuͤpft, als auch ſchon Jac⸗ queline darauf drang, das junge Paar ſolle ſich ſogleich nach England begeben, ſie ihrem unvermeid⸗ lichen Schickſal uͤberlaſſend, ſo ſchwer ihr auch die Trennung von der ſo heiß, ſo innig geliebten Freun⸗ din werden mußte, deren Schmerz zu ſchildern wir uns billig enthalten. Philipp von Burgund lag waͤhrend dieſer Zeit vor Gouda mit einem Theil ſeines Heeres, der ein⸗ zigen Stadt, von deren Thuͤrmen noch Jacquelinens Banner wehte. Sie begab ſich, alles Widerſpruchs ihrer wenigen treuen Begleiter ungeachtet, dorthin; und zu nicht geringem Erſtaunen ihres erbitterten Gegners trug ſie ihm unvermuthet, wie ſie ſelbſt 216 unerwartet kam, freiwillig Bedingungen vor, wie ſie, ſelbſt nach dem gluͤcklichſten Ausgang eines hart⸗ naͤckigen Kampfes, kaum haͤtten guͤnſtiger fuͤr ihn ſeyn koͤnnen. In der Bereitwilligkeit, mit der ſie in dieſe Bedingungen einging und ſich ſeinen wei⸗ teren Forderungen unterwarf, konnte ſein ſchlauer Verſtand nichts als Verrath und Betrug ſehen, und erſt nach dem Abſchluß des Vertrages glaubte er an die Aufrichtigkeit eines Verfahrens, deſſen Werth er nicht fuͤhlen, und ſelbſt als er endlich da⸗ ran glaubte, es doch nicht begreifen konnte. Wir uͤbergehen alle Einzelnheiten des hoffnungsloſen Kampfs, der hier und da noch fortgeſetzt wurde; wir uͤbergehen, wie treue Anhaͤnglichkeit an Jacque⸗ linen und ihr gutes Recht mit aller Strenge er⸗ bitterter Tyrannei beſtraft und unterdruͤckt wurde. Die Staͤdte Frieslands, Zeelands und einiger an⸗ derer Gegenden mußten dem raubſuͤchtigen Eroberer nicht allein ſtarke Kontributionen zahlen, ſondern verloren auch ihre Banner und Privilegien. Und dieſe Behandlung, welche damals ganz Holland er⸗ fahren mußte, war ſo willkuͤrlich, daß hierdurch der Grund zu dem Joch gelegt wurde, das Holland uͤber ein Jahrhundert unter dem Hauſe Burgund trug, und 3 4 217 und das durch einen blutigen Krieg erſt wieder ab⸗ geſchuͤttelt werden konnte.. Den Verhandlungen zwiſchen Philipp und Jac⸗ queline unter den Waͤllen von Gouda folgte ein zu Delft unterzeichneter Vertrag, durch den ſie ihn als unumſchraͤnkten Herrn ihrer fruͤheren Staaten anerkannte. Er bewilligte ihr dagegen den Titel einer Graͤfin von Holland, Hennegau, Zeeland und Friesland. Jacqueline ſetzte ihn zu ihrem Ruward oder Statthalter ein, erklaͤrte ihn fuͤr ihren alleini⸗ gen Erben und ließ Adel und Gemeinden ihm hul⸗ digen und ihm in jenen Eigenſchaften Gehorſam ſchwoͤren. Dies und andere Beſtimmungen waren indeß unbedeutend gegen den harten und erniedri⸗ genden Artikel des Inhalts, daß Jacqueline ſich niemals ohne Philipp's vollkommene Einwilligung vermaͤhlen ſolle, eine Bedingung, die von ihr ſelbſt wie von ihren Freunden und von Dem der ſie ſtellte, als eine Buͤrgſchaft fortwaͤhrender Eheloſigkeit be⸗ trachtet wurde. 3 Nach dem gewöhnlichen Laufe der Dinge haͤtte Philipp kaum daran denken koͤnnen, ſeine ungluͤck⸗ liche Couſine, die um viele Jahre juͤnger war, als er, zu uͤberleben. Aber es ſchien faſt, als ob die Geſetze der Natur in dieſer Hinſicht zu ſeinen III.. 10 218 Gunſten Ausnahmen machten. Es war als wenn das Gluͤck ihn vor Allen hoch beſchenkte; eine Nachkom⸗ menſchaft nach der andern ſank in's Grab, und Je⸗ der, an deſſen Leben er ein Intereſſe hatte oder aus deſſen Tod ihm ein Gewinn erwachſen konnte, ſchien unglaublich ſchnell aus den Reihen der Men⸗ ſchen zu ſcheiden. Auf dieſe Weiſe konnte nun auch Philipp vielleicht Gruͤnde haben, die ihn vermuthen ließen, er wuͤrde laͤnger leben als Jaequeline, und wenn auch nur der Name des Herrſchers ihn fuͤr jetzt reizen konnte, ließ er doch kein Mittel unver⸗ ſucht, Kummer und Sorgen auf ihren neuen Le⸗ benspfad auszuſtreuen und ihren ſtolzen Geiſt lange vor ſeiner Befreiung vom Koͤrper zu brechen. Seine erſte Sorge war indeß, jede moͤgliche Feierlichkeit in Ausfuͤhrung zu bringen, da ihn ſelbſt eine theilweiſe Unterlaſſung fuͤr die ihm uͤbertragenen Anſpruͤche auf die landesherrlichen Rechte nachtheilig wirken zu koͤnnen ſchien. Die ſouveraͤne Graͤfin und der Statthalter der ſie beherrſchte, unternahmen nun zuſammen eine gezwungene und traurige Reiſe. Sie beſuchten ge⸗ meinſam die vorzuͤglichſten Staͤdte Holland's, von einer zahlreichen Menge von Hofleuten und Diener⸗ ſchaft begleitet, unter welchen allen aber ſich Nie⸗ 219 mand befand, den Jacqueline gewaͤhlt oder der ihr Zutrauen beſeſſen. Feſtlichkeiten und Feiergepraͤnge folgten in glaͤnzendem Schimmer auf einander, und eine Stadt nach der andern ward erleuchtet, das Volk deſto beſſer in Dunkelheit und Taͤuſchung zu erhalten. Aber die Maſſe des Volks betrog weder Philipp's prahlende Herablaſſung, noch Jacquelinens erzwungene Froͤhlichkeit. Tieferer Schmerz durch⸗ wuͤhlte die Herzen ihrer beſiegten Freunde. Vergebens war die Beſtimmung des Vertrags, welche die Ver⸗ nichtung jener Namen, die Jahrhunderte⸗langer Par⸗ theihaß hervorgerufen, zur Pflicht machte, und mit Uebereinſtimmung beider Theile vollzogen und pro⸗ clamirt wurde. Man gab und ſchuͤttelte einander die Haͤnde, man umarmte ſich mit bruͤderlicher Herzlichkeit; doch haͤtte ein aufmerkſamer Beobach⸗ ter leicht bemerken koͤnnen, daß nur die Haͤnde den Vertrag unterzeichneten, der Haß aber dauernd zu⸗ ruͤckblieb in den Herzen. Jacqueline glaubte ſo ihre Pflicht gegen ihr Land erfuͤllt zu haben, und nachdem dies geſchehen, eilte ſie ihr Opfer zu vollenden. Um einen Grund fuͤr die Zuruͤckgezogenheit zu haben, in der ſie die uͤbrigen Tage ihres Lebens hinzubringen beſchloſſen, ernannte ſie ſich in ihrem und Philipp's Namen, 10* 220 den Unterſchied des Geſchlechts verletzend*), zur Oberaufſeherin der Waͤlder, nicht nur in ihren ei⸗ genen Scheinbeſitzungen, ſondern auch in denen, auf welche ſie noch keine begruͤndeten Anſpruͤche hatte. Mit dieſer Stelle war ein Gehalt von 70 Nobles jaͤhrlich verbunden(etwa 165 Thaler), und Ge⸗ ſchichtsſchreiber, die Jacquelinens Charakter nach ihren damaligen Beweggruͤnden nicht in Betracht gezogen, druͤcken ihre Verwunderung daruͤber aus, daß ſie ſich ſelbſt um eine ſolche Erniedrigung be⸗ werben konnte, die ſich wenige ihrer fruͤheren Va⸗ ſallen von einiger Bedeutung wuͤrden haben gefallen laſſen. Unſere Leſer jedoch haben den Schluͤſſel zu jener Sehnſucht Jacquelinens nach der ſtillen und 8 einſamſten Zuruͤckgezogenheit in Haͤnden, und zu ih⸗ rem Verlangen nach einem unbeaufſichtigten Recht, *) Jacqueline benahm ſich ſtets in Staatsangelegenheiten als ob ſie ein Mann wäre. Ihr großes Siegel führte, wie man behauvtet, den Namen Jakob, nicht Jakobe. Doch ſtebt ſie in dieſem Außerachtlaſſen der Geſchlechtsunterſchiede nicht einzig in der Geſchichte da. Im funfzehnten Jahrhundert wurde Maria, Tochter des Königs Ludwig von Ungarn zum König erwählt, weil das kriegeriſche Volk der Ungarn den Gedanken, von einer Königin regiert zu werden, nicht ertragen konnte; und Iſabelle, Tochter Philipp's II. von Spanien regierte mit ihrem Gemahl lange in Belgien unter dem Titel Erzherzöge, und ſelbſt in ihrem Wittwenſtande veränderte ſie diaſes Tirer nicht durch die weibliche Endung. m . 221 in den weiten Raͤumen der Waͤlder, welche zu jener Zeit noch ganze Provinzen bedeckten, die jetzt durch Wunderwerke der Kultur aus ihrem fruͤhern wilden Zuſtand gezogen worden ſind. L Jacqueline bezog das alte Schloß ihrer Vor⸗ fahren im Haag, das von einem kleinen Jagdſchloß, welches die Grafen von Holland erbauten, zum praͤchtigen Sitz fuͤr Fuͤrſten erwachſen iſt, die im Range Koͤnigen gleich geworden und uͤber ein freies Reich regiert haben. Nicht aus geheimen Stolz, noch getrieben von unterdruͤcktem Ehrgeiz, deſſen convulſiviſche Zuckungen den Sturm verrathen konnten, der in des Opfers Bruſt wuͤthete, waͤhlte Jacqueline den Aufenthalt in ihren fruͤheren Landen. Weit entfernt, das Ver⸗ gangene nachzuahmen, zog ſie ſich vielmehr voͤllig in’s Privatleben zuruͤck. Sie behielt auch nicht Ei⸗ nen von ihrem zahlreichen fruͤhern Hofſtaate zuruͤck. Faſt alle großen Aemter wurden aufge oben, und die nothwendigen Beamten, die ihre Stellen behal⸗ ten mußten, nach anderen Staͤdten verſetzt. Kurz, Jacqueline, in die Tiefe ihres Schloſſes zuruͤckgezo⸗ gen, ohne Gefolge und Beſuchern unzugaͤnglich, wurde ſelten außer dem praͤchtigen Walde, der an ihr Schloß ſtieß, geſehen. 3 ————————— ——— 222 In dieſem aber konnte man ſie oft einſam wandeln ſehen, mehr mechaniſch, getrieben von ihrer kraͤftigen Natur, die Bewegung verlangte, als gei⸗ ſtige Erholung durch die Ermattung des Koͤrpers ſuchend; oder unter einem maͤchtigen Baume ſitzen*), Vergleichungen anſtellend zwiſchen geiſtiger und lebloſer Natur, uͤber die Gier nach Rang und Aus⸗ zeichnung, die Geheimniſſe der Bluͤthe und des Ver⸗ falls, oder tief in ihr eigenes Herz blickend oder an ihrem Blicke ihre ungluͤckliche Lebensbahn vorüber⸗ fuͤhrend. Sie wandelte auch zuweilen hinaus aus den Baͤumen, in die Ebene und ſah die Hirten ihre Luſt und Freude im Gefild ſchoͤner Natur; aber ſie beneidete ihnen dieſe nicht, ihr Herz ſchlug nicht hoͤher beim Anblick des Lieblichen der Welt, noch des Reizes ſtiller Vergnuͤgen der einfaͤltigen und un⸗ ſchuldigen Weſen, mit denen der Himmel ſie bevoͤl⸗ Sie ließ ſich mehr als einmal durch ihren geſelligen, wohlwollenden Sinn hinreißen, ſic unter einen Haufen von Landleuten, die ſie zufaͤlli antraf; ſchoß gemeinſam mit ihnen mit der Arkebuſe, deren ſie, wie wir geſehen haben, wohl kundig war. Bei einer dieſer Gelegenheiten, erzaͤhlt i nan, trug ſie den Preis davon, und waͤhrend *) Ei ter führt noch jetzt den Namen„Jacquelinens Baum.“ 4 „ 223 ſie es zuließ, daß man ſie mit einem Kranze von Maiblumen kroͤnte, und ſie fuͤr die Koͤnigin der Spiele ausrief; waͤhrend ſie die Haͤnde ausſtreckte, die Blumenſtraͤuße an ſich zu nehmen, die ihr die Dorfmaͤdchen hinreichten, floſſen die unwillkuͤrlichen Thraͤnen, welche ihr entfielen, nicht in Folge bitte⸗ rer Erinnerungen an Jahre, wo ſie einen zwar ſtolzern aber betruͤglichern Triumph erntete; ſie ent⸗ ſprangen jetzt einer tieferen Quelle der Wonnege⸗ nuͤſſe beim Anblick fremder Freuden. Jacqueline war gewohnt, bisweilen ein Lieb⸗ lingspferd zu beſteigen, und ließ ſich dann nur von einem alten, treuen, erprobten Diener, Namens Gobelin, begleiten, anſtatt vom vormaligen Troſſe von Pagen, Kaͤmmerern und Reitknechten. Sie ließ alsdann dem Pferde den Zuͤgel ſchießen, und jagte laͤngs den Duͤnen am Ufer, ſich Stundenlang am Saume des Waldes den ſtaunenden Blicken der zerſtreuten Holzhauer zeigend, oder galoppirte in langen Strecken und weiten Kreiſen uͤber die ſan⸗ digen Steppen, den ſchuͤchternen Haſen, ohne es zu wollen, auftreibend, oder den Fuchs und das Kaninchen in ihren Bau zuruͤckſcheuchend, oder den Habicht in ſeinem gierigen Feſt ſtoͤrend, ihm wohl auch das flatternde Opfer aus den Krallen ent⸗ — 224— wieder verwiſchten. Kurz, es iſt in der Gegend um den Haag keine Stelle, welche Wildheit und Schoͤne der Felder und Waͤlder mit der Erhabenheit des Ozeans verbindet, die der Enthuſiaſt fuͤr die Sache des leidenden Weibes nicht als ein Heiligthum anſaͤhe, wo er nicht Spuren alter Sagen auffaͤnde, oder noch weit ſtaͤrkere und gemuͤthlichere Gedankenverbindungen aus eigener Phantaſie anknuͤpfte. Ein Monat verſtrich nach dem andern auf aͤhnliche Weiſe. Jacqueline ſank ſtufenweiſe in die gefaͤhrlichſten Folgen der Abgeſchiedenheit von der Welt hinab. Sie verlor unmerklich, und eines nach dem andern, alle Gefuͤhle und Gewohnheiten des reißend. Und verlangte dann ihr Roß einige Zeit zum Verſchnaufen, oder war ſie ſelbſt der Schein⸗ jagd muͤde, ſo konnten die auf den Sandhuͤgeln der Bucht ausgeſtreuten Fiſcher, oder die, welche auf ihren leichten Kaͤhnen von der ſtundenlangen Arbeit auf der See zuruͤckkamen, ſie ſehen, wie ſie unbeweglich im Sattel ſaß, oder abgeſtiegen am Ufer ſtand, die Augen unverwandt auf die Wellen heftete, ihr langes Haar dem friſchen Abendwinde preis gab, und dieſer ihre Wangen mit einer Roͤthe uͤberzog, welche Nachdenken und Kummer ſchnell — — 225 Handelns und Denkens, welche die koͤſtlichſten Vor⸗ zuͤge des geſellſchaftlichen Lebens ausmachen. Sie ſah Niemand, erhielt faſt keine Briefe, als von ih⸗ rer Mutter, welche ſich nach Deutſchland begeben, und von Lady Fitzwalter, welche ſich von nun an beſtaͤndig in England aufhielt. Sie hatte ſtreng unterſagt, keinen Gegenſtand ihr in Erinnerung zu bringen, der ſich auf fremde oder oͤffentliche Ange⸗ legenheiten beziehen koͤnne; ſie lebte bloß der Men⸗ ſchenliebe und Milde fuͤr Nothduͤrftige in ihrer Um⸗ gebung. In dieſer Hinſicht allein kannte ſie nicht Ziel noch Maaß; ihre Wohlthaͤtigkeit uͤberſtieg ihre Mittel; jedes Beduͤrfniß fand bei ihr reichliche Un⸗ terſtuͤtzung. Wo nur immer Armuth und Alter um Amoſen flehte, wurde geholfen, und zwar nicht mit den kleinlichen Bedenklichkeiten der berechnenden, abwaͤgenden Geber, welche aus Beſorgniß, dem Un⸗ wuͤrdigen beizuſtehen, lieber Niemanden geben. Sie wurde zwar vielfaͤltig betrogen, aber bei ihr uͤber⸗ wog die Freude, einen wuͤrdigen Gegenſtand ge⸗ funden zu haben, bei weitem den Verdruß, ſich von einem Dutzend Betruͤgern hintergangen zu ſe⸗ hen. Dem alten fruͤher erwaͤhnten Diener, welchen ſie zum Austheiler ihrer Gaben gemacht hatte, wa⸗ ren keinesweges die Entbehrungen bekannt, denen 10** —— 226 ſie ſich unterwarf; er konnte ſich nicht einbilden, daß ihre Milde ihre Kraͤfte uͤberſtieg, und daß es ihr je an Mitteln fehlen koͤnne, ihre Luſt am Wohlthun zu befriedigen. Daher konnte es nicht anders ſeyn, da ſie im Uebermaaß ſchenkte und er unbedenklich austheilte: die Quelle des Gebens mußte verſiegen. Jacqueline merkte den Umſtand zuerſt; nur war es ſchon zu ſpaͤt. Sie erſchrak; denn dies war in ihren Augen der letzte Streich ihres boͤſen Geſchicks. Jetzt fand ſie ſich ganz zu Boden geſchlagen. Sie konnte dieſer Lage nicht entfliehen. Die aͤußerſte Noth druͤckte ſie. Sie ſank unter der doppelten Laſt des Stolzes und der Entmuthigung dahin. Um ſo mehr, da ſich Jacqueline in dieſer fuͤrchterlichen Verlegenheit lieber der Verzweiflung hingegeben, als nur zu irgend einem, in ihren Au⸗ gen, un⸗ und herabwuͤrdigen Mittel ihre Zuflucht genommen haͤtte. Die Ruͤckſtaͤnde ihres feſtgeſetzten Einkommens wuͤrden zur Abhuͤlfe hingereicht haben; allein ſie verſchmaͤhte es, ſie dem abzufordern, der ſich in den unrechtmaͤßigen Beſitz ihres Vermoͤgens geſetzt hatte, und der ſich nur in Faͤllen filzig zeigte, wo eine gut angebrachte Freigebigkeit fuͤr Tugend gelten konnte. Der treue Gobelin, nicht ſo zart 227 geſinnt wie ſeine Gebieterin, machte verſchiedene aͤngſtliche, nur nicht erfolgreiche Verſuche, derſelben die angehaͤuften Ruͤckſtaͤnde zu verſchaffen. Als er ſah, daß von Seiten gerechter Anſpruͤche nichts erfolgte, nahm er ſeine Zuflucht zum Edelſinn„ und wendete ſich an die vielen Reichen des Landes, welche, ſo lange Jacquelinen das Gluͤck zugelacht, ſich ihre ergebenſten Vaſallen und Anhaͤnger nann⸗ ten; allein keiner von ihnen, als der treue Diener ſie anſprach, wollte ihm ſein Ohr leihen, ſondern entſchuldigte ſich mit Armuth und eigenen Beduͤrf⸗ niſſen. Auf dieſe Weiſe ſah ſich die Graͤfin am Ziel eines abgelaufenen Jahres, aller ihrer gebrach⸗ ten Opfer, aller Muͤhe die ſich Gobelin gab, un⸗ geachtet, in die groͤßte Verlegenheit, ja in wirklichen Mangel des Nothwendigſten verſetzt. Nur eine Huͤlfsquelle blieb noch offen— ein Aufruf an das Volk, deſſen Freundin ſie immer geweſen war, und welches ſich immer bereit gezeigt, Gut und Blut fuͤr weniger heilige Zwecke zu op⸗ fern, als denen Jacqueline gegenwaͤrtig entgegen zu kommen nicht im Stande war. Aber ſie konnte es nicht uͤber das Herz bringen, ihre Lage ſo oͤffent⸗ lich darzulegen, oder den Haͤnden, welche ſo ſchwe⸗ rer Arbeit ihren eigenen Unterhalt abgewinnen 228— mußten, einen Theil deſſelben zu entziehen, und viel⸗ leicht mißverſtanden und mißbeurtheilt zu werden. In dieſer verzweifelten Lage, und ohne die geringſte Ausſicht fuͤr ſich und ſeine Herrin Rath zu ſchaffen, entſchloß ſich endlich der alte Diener, ihn wenigſtens bei dem Manne zu ſuchen, den er von jeher fuͤr den ſtandhafteſten, bewaͤhrteſten, un⸗ wandelbarſten aller fruͤheren Freunde Jacquelinens gehalten,— bei dem Manne, der, als alle Uebrigen ſie ihrem Schickſale uͤberlaſſen, und ſich ſchaarenweiſe als Gunſtbewerber um Philipp geſammelt hatten, es keinen Augenblick vermocht, von ihr zu laſſen, der er fernerhin nicht dienen konnte, von der er ſich auf immer getrennt ſah— bei dem Manne end⸗ lich, der lieber, als das Knie vor dem Ueberwaͤltiger zu beugen, ſich in ſeine einſame Inſel zuruͤckgezogen, ſich freiwillig verbannt hatte, um dort ſeinem edlen Stolze Nahrung zu geben, und uͤber unzuſammen⸗ aͤngende, vielleicht nie eefüübare Racheplane zu bruͤten. 3 Ein treuer Bote,, 85 Gobeli mit ſeldemn Aufttag zu ihm abſchickte, fand gluͤcklich ſeinen Weg bis zur Inſel Urk; und Ludwig van Mon⸗ foort nahm ſich kaum ſo viel Zeit, als er zur Reiſen bedurfte, vor Jacquelinen in ihrem prunkenden, aber 229 hoͤchſt jammernswuͤrdigen Palaſte im Haag zu er⸗ ſcheinen.— Die Zuſammenkunft Beider war von Seiten deß, der ſie ſuchte, geradezu, voll ſchmerzhaften Kummers, von Seiten der, die den Gaſt empfing, und von beiden Theilen wenig geeignet, zu dem von dem einen ſo gewuͤnſchten, und dem andern ſo be⸗ noͤthigten Reſultate zu fuͤhren. Van Monfport's Umſtaͤnde waren noch weit beſchraͤnkter als Jac⸗ quelinens; er ſah ſich durchaus außer Stande, ihr mit etwas anderm auszuhelfen, als mit einem Rathe, einem Vorſchlag, den ſie aber gleich an⸗ fangs mit dem heftigſten Widerwillen des beleidigten Stolzes von ſich wies. Er beſtand darin: Jacque⸗ line ſolle ihm erlauben, ſich auf der Stelle nach dem Schloſſe von Teylingen, vier Stunden von dem Haag und eine jenſeits Leyden, auf den Weg zu machen, und dort angekommen, ſich beim Gra⸗ fen von Oſtervent, dem ſeit kurzem ernannten Statt⸗ halter oder Gouverneur von Holland, wegen des feſten Einkommens und der Ruͤckſtaͤnde fuͤr ſie zu verwenden. Herzog Philipp hatte ſich naͤmlich das Recht angemaßt, einen Unterſtatthalter zu ernennen, ohne ſich der Rechte zu begeben, von welchen er ſelbſt Oberherrſchaft und Titel herleitete. ne * 230 „Niemals, van Monfoort!“ rief Jacqueline, mit ſtark erroͤthender Scham und einigem Unwillen. „Nein, laßt mich lieber umkommen, als in dieſe letzte Tiefe der Erniedrigung ſinken! Kann ich, die es verſchmaͤht, ihr Recht von Philipp von Burgund zu fordern, noch tiefer herabſteigen, und von ſei⸗ nem Guͤnſtling, dem Gluͤckspilz, eine Gnade mir erbitten? Und wer iſt dieſer unverſchaͤmte Statt⸗ halter, der ſich ſo nahe an meiner Reſidenz hin⸗ pflanzt, und ſich in's Herz der Waͤlder anſiedelt, uͤber welche mein anerkannter Titel als Oberforſt⸗ meiſter mich allein zum Oberherrn macht?— Ein Graf von Oſtervent! was fuͤr ein neugebackner Eindringling in den Adelſtand! Ich deiß von keiner ſolchen Familie!““ — Madame,, es iſt einer von jenen Anfuͤhrern der Kabblejaws, der in Folge ſeiner, in den un⸗ gluͤckſeligen Kriegen dem Tyrannen geleiſteten Dienſte in den niederlaͤndiſchen Adelſtand erhoben worden. Doch es frommt uns wenig, ſeinen Stammbaum zu verzeichnen. Er iſt der neu ernannte Untergouverneur dieſes bedauernswuͤrdigen Landes, Euer Hoheit un⸗ terdruͤckten Eigenthums, Philipp's geraubten Beſitz⸗ thums. Dies iſt uns genug. Er iſt die beßehende Quelle, aus welcher Ihr Euer Einkommen bezieht. K 231 Man ſagt, er ſeh ein Ehrenmann, und nicht un⸗ geneigt, Euch alle und jede rechtlichen Dienſte zu leiſten, welche naͤmlich mit ſeinen Begriffen von Recht und Rechtlichkeit beſtehen koͤnnen. Ich fuͤr meine Perſon bin, wie Euer Hoheit bewußt, was man gerade zu nennt; meine Meinung geht da⸗ hin, daß Ihr mich berechtiget, das zu verlangen, was man Euch ſchuldig iſt, und es von dem zu verlangen, der fuͤr Eures Schuldners Geſchaͤftsmann gilt. Dies iſt der ſchlichte, einfaͤltige Rath Ludwig's van Monfoort.— Jacqueline blieb einige Minuten, ohne dieſe Rede zu beantworten. Sie hatte ein ganzes Heer verborgener und halb verſcharrter Gefühle aufgeregt, welche ſich jetzt in ihrem Hirn herumjagten, oder ſich anſtrengten, tiefer in ihr Herz einzudringen, gleich jenen wilden Bewohnern der Niederungen, welche der Huf ihrer Roſſe entweder zur Flucht auftrieb, oder in die Schlupfwinkel jagte. Das Wort Kabblejaw hatte ſich zwar tief in Jacque⸗ linens Gedaͤchtniß eingepraͤgt, war aber ſeit Jahr und Tag nicht in ihr Ohr gedrungen. Gobelin und die zwei oder drei Frauen, welche ſie allein um ſich litt, hatten es nie gewagt, die verbotenen Syl⸗ ben auszuſprechen. Aber van Monſfpoort's derbe 232 Aufrichtigkeit uͤberſchritt ein Verbot, von deſſen Ue⸗ bertretung er ſich gute Folgen verſprach. „Ludwig van Monfoort,“ ſagte Jacqueline zuletzt,„es war nicht wohl von Dir gethan, mich an Tage zu erinnern, die nie haͤtten fuͤr mich daͤm⸗ mern ſollen, und an Menſchen, die der Himmel, wenn er mir guͤnſtig geweſen waͤre, nie haͤtte ge⸗ boren werden laſſen. Du weißt es vielleicht nicht, daß ich dergleichen Redegegenſtaͤnde auf immer un⸗ terſagt habe. Der Welt abgeſtorben, muß ich jede Erwaͤhnung des Vergangenen vermeiden, wenn ich die Erinnerung daran nicht aus dem Gedaͤchtniß loͤſchen kann, beſonders da mir keine truͤgeriſche Hoffnung fuͤr die Zukunft uͤbrig bleibt.“ — Behuͤte es Gott und alle Heiligen; Ma⸗ dame! Bei den Gebeinen Eurer verſtorbenen Vor⸗ fahren, bei dem Glanz Eures Geſchlechts ſchwoͤre ich's, Ihr ſollt wieder aufleben und bluͤhen! Wie? denkt Ihr denn, daß ich und einige wenige treu⸗ gebliebene Freunde um und wider nichts auf Erden herumgehen? daß der brennende Hoekgeiſt zur Ruhe gebracht iſt? daß Raͤubertyrannei das Land durch⸗ ſtreifen und die Lute alte erGanhes mit Fuͤßen treten ſoll?— Ana— en „Nicht weiter, nicht weiter; ich befehl Dir's!“ — 233 rief Jacqueline, den heftigen ſtolzen Haͤuptling un⸗ terbrechend.„So lieb Dir mein Friede iſt, ſo ſehr Du meine Abgezogenheit achteſt, nichts mehr davon! O Gott, Gott! wann wird einmal dieſes Blut ſich abkuͤhlen! dieſes Herz ruhig ſchlagen! Monfoort, Monfoort, Ihr habt mir ſehr weh ge⸗ than! ich zittre und kaͤmpfe an mit Gefuͤhlen, die ich fuͤr ertoͤdtet hielt.“ — Welche aber nicht ſterben koͤnnen noch ſollen, bis das Geſchlecht, aus welchem Ihr entſprungen, verloſchen iſt! Und ſoll es mit Euch untergehen, Madame? Soll das Blut von fuͤnf und zwanzig Landesbeherrſchern auf immer in Adern, wie die Eurigen, gerinnen? Soll das Heldengeſchlecht mit Der ausſterben, welche von der Natur mit allen Gaben ausgeſtattet iſt, es bis auf die fernſte Zukunft zu erhalten? Nicht alſo, meine gnaͤdigſte, hochgeehr⸗ teſte Dame! Nicht alſo. Ihr werdet wieder erwachen aus dieſem Todesſchlaf zum neuen Leben, zu langen Freuden.— Nein, Madame, unterbrecht nicht Eu⸗ ren alten Vaſallen und treuen Freund, ſo wahr uns Gott gnaͤdig ſeyn wolle! Laͤßt es ſich denken, daß eine ſo junge, ſo ſchoͤne, ſo lebensreiche Dame, geſchaffen zu lieben und geliebt zu werden, dahin⸗ welken ſoll, ohne Gatten, ohne Erben, wie ein 234 altes, eingeſchrumpftes, ſaftloſes Weſen, als ich? Seyd Ihr, ſchoͤn, bluͤhend, wie Ihr ſeyd, dazu be⸗ rufen, dreimal vermaͤhlt zu werden, und es nicht einmal zu ſeyn.— Vergebt mir, Herrin, ich flehe darum; aber ich bin dem Wahnſinne nahe, wenn ich an Euer Mißgeſchick denke, auf Euer ungerech⸗ tes Schickſal ſehe!— Ehe noch Jacqueline die ſo abgebrochen hin⸗ geſtreuten Gedanken des ehrlichen Brauſekopfs ge⸗ hoͤrig ſammeln und an einander reihen konnte, und ehe dieſer noch Zeit gewann, was er hinzuſetzen wollte, nachzuholen,— denn was er geſprochen, war in ſeinen Augen bloß die Vorrede deß, was ihm das Herz abdruͤckte— fand eine Unterbrechung ſtatt, welche ſich mehr zu dieſem Zweck eignete, als er ſich von jeder andern Fortſetzung ſeiner Ein⸗ gangsrede haͤtte verſprechen duͤrfen. Der alte Go⸗ belin trat naͤmlich in die Thuͤr mit mehr als dem gewohnten Feuer, und weniger als der gewohnten Ehrerbietigkeit. Er hielt einen Brief in der Hand, und hielt ihn Jacquelinen mit den Worten hin: „Von Eurer Frau Mutter, Madame, und ſo uns Gott helfe und ſeine Heiligen, in Begleitung eines tuͤchtigen Geſchenks. Schaut, Madame; ſchaut Mynheer van Monfoort; ſchaut aus dem „ Fenſter in den Hof! Iſt das nicht ein Anblick, Au⸗ gen und Herz des feinſten Cavaliers zu erfreuen, der je eines Roſſes Meiſter worden, oder Turnier geritten? Schaut her, ſchaut! Waͤhrend Jacqueline das Siegel aufbrach, und dabei alle Ungeduld zeigte, die ein Kind fuͤr eine geliebte Mutter fuͤhlt, wenn es auch Jrrthuͤmer, ja Laſter und Verbrechen an ihr kennt, und aus Pflicht zu uͤberſehen hat,— ſchaute van Monfoort, wie ihm geheißen worden, in den inneren oder Binnen⸗ hof hinab. Hier erblickte er ein junges Roß, von bewundernswuͤrdiger Schoͤnheit, mit aller der rei⸗ zenden Wildheit, welche ihm die Natur beigelegt, und die Kunſt des Bereiters zu einer zweiten ge⸗ faͤlligeren Natur ausgearbeitet, und zu einer blei⸗ benden Vollkommenheit und Grazie erhoben hat. Zwei Reitknechte, denen man eine Reiſe von weit⸗ her anſah, ſtanden zu beiden Seiten des feurigen Roſſes, reizten es durch die bekannten Kuͤnſte der Reitbahn⸗Courbetten und Spruͤnge, denen ſie zu⸗ gleich Einhalt zu thun ſich das Anſehen gaben, waͤhrend die Menge der ſich von der Bruͤcke, vom Hofe, vom Schloſſe um ſie verſammelten Zuſchauer laute Zeichen der Bewunderung von ſich gab. Ein roher Beifallsausruf van Monfoort's uͤber 236 das treffliche Geſchenk rief Jacquelinen an's Fenſter, noch ehe ſie beim Leſen mit der weitlaͤufigen Be⸗ ſchreibung des ſchoͤnen Thieres fertig war. Sie blickte mit innigem Wohlgefallen auf dieſen herrli⸗ chen Erſatz fuͤr ihren bereits auf die Neige gehen⸗ den Marſtall, und eine ſo graͤnzenloſe Liebhaberin der edlen Reitkunſt, ſehnte ſie ſich nach dem Au⸗ genblick, wo ſie in den Hof gehen, und den ſich baͤumenden Zelter beſteigen konnte, um ihre Geſchick⸗ lichkeit an ihm zu zeigen und zu erproben. Nun aber, nach einem minutenlangen Anſchauen, nahm ſie den Brief wieder auf, und als ſie an den Schluß kam, rief ſie mit allen Anzeichen der Niedergeſchla⸗ genheit und des innigſten Bedauerns aus:. „O Monfoort, dies iſt zu arg: dies ſtuͤrzt mich vollends in’'s Grab. Hoͤr' meiner Mutter Worte: „„Empfange mein Geſchenk, geliebtes Kind, mit freudigem Herzen. Laß es Dich einſt zum Siege fuͤhren, und mir zu Liebe, mehr als ſeines Werths wegen, belohne reichlich den Ueberbringer dieſer Zei⸗ len und diejenigen, die fuͤr das Thier Sorge trugen, 4 welches hauptſaͤchlich deßwegen Deine Annahme ver⸗ dient, weil es ein Bild Deines unbezwungenen Gei⸗ ſtes, und, wie ich hoffe, Deiner unverwelklichen Schoͤnheit iſt.“— Belohne ſie reichlich! Ludwig, 237 ſo ſchreibt die Mutter, und ich, ich beſitze nicht einmal ſo viel, ihnen die geringſte Gabe anzubieten. O was kann ich thun, meine und meiner Mutter Ghre zu retten?“ 1 — Das Mittel iſt zur Hand, Madame. Sprecht nur ein Wort, und im Augenblick beſteige ich meine Stute, und mache mich auf den Weg nach Tey⸗ lingen. Der Statthalter wartet nur auf Eure Be⸗ fehle, jeden Ruͤckſtand abzumachen; ich weiß es ſicher!— „Nun fort dann, fort! Geh', ehe mein Stolz ſich wieder regt, und mich ganz zu Schanden macht.“ Mit dieſen Worten ſtuͤrzte ſie aus dem Zimmer in ihr inneres Gemach; und kaum hatte ſie nach einigen Minuten ihre Worte bereut, und wollte nun zuruͤck, ſie zu widerrufen, als ſie ſchon den Hufſchlag doͤrte, und vom Fenſter aus die ſchwere Geſtalt Monfpoort's auf der Zugbruͤcke ſah, in aller Eil, deren ſeine ſchwerfaͤllige Maͤhre faͤhig war, davon jagen. 4 A— Zehntes Kapitel. In Betracht der Natur der Sendung und der Verhandlung, mit welcher Jacqueline Ludwig van Monſoort beauftragt hatte, war ein faſt unglaub⸗ lich kurzer Zeitraum verfloſſen, als derſelbe ſchon wieder uͤber die Zugbruͤcke ſprengte, und das Pflaſter des Hofs noch einmal von den Hufen ſeines Roſſes ertoͤnte. Zugleich erreichte noch anderes Pferdege⸗ ſtampf das Ohr Jacquelinens, welche ihr Lager waͤ rend ihres Geſandten Abweſenheit nicht verlaſſen hatte. Sie ſprang auf, und als ſie hinausblickte, ſah ſie, wie der Loͤwe von Urk eben das Thor des Thurmes erreichte, in dem ſie ſich befand, und wel⸗ cher noch heut zu Tage unter den Gebaͤuden des Binnenhofes den Neugierigen als derjenige bezeich⸗ net wird, aus deſſen Fenſtern, wie man,(vielleicht faͤlſchlich?) glaubt, zwei Jahrhunderte ſpaͤter Moritz von Naſſau der Hinrichtung Barnevelt's zugeſehen — 239 habe, des tugendhafteſten Staatsmannes ſeiner Zeit, und eines Muſters fuͤr Patrioten. Jacqueline bemerkte, daß Monfoort nicht mehr ſein eigenes plumpes und nicht uͤberpraͤchtig aufge⸗ zaͤumtes Pferd ritt, ſondern eins von ſchoͤner Figur, vielem Feuer und mit praͤchtigem Geſchirre. Zwei militaͤriſch gekleidete Reiter folgten ihm, um deren Leib ſie einen breiten ledernen Geldguͤrtel bemerkte. Man mußte ſich ſolcher Guͤrtel bedienen, ehe die Civiliſation die Menſchen lehrte, daß das Papier⸗ geld ſo richtig auf die Bequemlichkeit der Geſell⸗ ſchaft berechnet iſt, welche jetzt auf einen zerſtampf⸗ ten Lumpen einen Werth ſtempeln kann, gleich dem, ebenſo eingebildeten, von einem tauſendmal ſchwerer wiegenden Metall. Die bei dieſer Gelegenheit den chatz trugen, wurden ihrer Laſt bald durch van Monfoort entbunden, der ihn flink auf ſeine eignen Schultern nahm, und, des Statthalters Pferd der Sorge der Reiter uͤberlaſſend, in den Thurm trat und die ſchmalen Stiegen mit weiten und ſicheren Scchritten hinaufeilte. „Kann ich dies annehmen, van Monfoort? muß ich vor Scham nicht vergehen?“ fragte Jac⸗ queline, als Monfoort die beiden Geld⸗Gurte auf 240 den Tiſch warf, die Riemſchnallen loͤſte, und die Geldſtuͤcke herausrollen ließ. — Es ſind Eure eignen, gnaͤdige Frau, und nur ein Zehntheil von Eurem Eigenthum, bedeckte nicht die Binde der Juſtitia ein Paar ſchlafende Augen. Ich kenne Eure edle Geſi ſinnung, meine Herrin, und kann frei herausſprechen. Beim Him⸗ mel, wenn irgend ein anderer ſolche Scrupel blicken ließe, ich wuͤrde es fuͤr Spoͤtterei halten! Ein ge⸗ 4 ſunder Kern iſt oft in einer rauhen Schale, Graͤfin, und meine harten Worte duͤrften einige Wahrheit in ſich haben. Glaubt mir, falſches Zartgefuͤhl iſt uͤber alles Verhaͤltniß ſchlimmer, als die Sache an ſich werth iſt. Laßt mich Gobelin rufen, um dieſen deutſchen Reitern und Eurer Mutter Boten reiche Geſchenke zu geben, und den uͤbrigen Theil des Geldes zu verwahren.— „Vertritt mich bei dieſer Angelegenheit, lieber Ludwig. Ich muß Dir nur geſtehen, der Fehler meiner Geburt und Erziehung widerſtrebt in mir der geſunden Vernunft,“ ſagte Jacqueline, durch ihres Gefährten gerade Philoſophie zur richtigeern Anſicht der Dinge gebracht. Es waͤhrte nicht lange, ſo war Gobelin im Zimmer; ſeine Augen blinzten vor Freude uͤber die ſo 241 ſo herrlich gemengten Haufen der Gold⸗ und Sil⸗ berſtuͤcke verſchiedenen Werths, welche den Tiſch be⸗ deckten. Mit frohem Herzen und geſpreizten Fin⸗ gern und Haͤnden, griff er ungezaͤhlt ganze Faͤuſte voll, ſie unter die Boten der Graͤfin Margaretha, des Grafen Oſtervent, und an ſo manche arme Schuͤtzlinge Jacquelinens zu vertheilen, welche ſchon laͤngſt auf die Ruͤckſtaͤnde ihrer gewoͤhnlichen Wohl⸗ thaten geharrt hatten, und ſie nun zuletzt mit reich⸗ lichen Zinſen, als Schadloshaltung fuͤr das gezwun⸗ gene Warten erhielten. Waͤhrend unten der Haus⸗ hofmeiſter ſein vergnuͤgliches Amt der Austheilung beſorgte, ſetzten Jacqueline und Monfoort oben ihre Unterhaltung fort. „Wuͤrdiger Ludwig,“ ſagte ſie,„nun ich zum Mei von der Plackerei erloͤſet bin, in welche mich Geine ſo ungluͤckſelige Nothwendigkeit verſetzt hat, laßt mich wiſſen, wie Ihr es angefangen, Euer Vorhaben ſo ſchnell zu bewerkſtelligen! Kaum daß ein Ritt nach Teylingen, und von dort zuruͤck in ſo kurzer Zeit vollbracht ſeyn konnte; nicht einmal in Anſchlag zu bringen, wieviel erfordert wurde, dem Statthalter Euern Vortrag zu machen, ihn zum Anhoͤren und Genehmigen zu bringen, und den verhaßten Klumpen zuſammenzupacken, deſſen bloße III. 11 242 Annahme— obſchon ich mich wol huͤten werde, ihn zu beruͤhren— meinem Herzen ſo weh thut.“ — Wohl haͤttet Ihr Recht, Madame, Euch zu verwundern, wenn ich dieß Alles in ſo kurzem Zeitraum vollbracht haben koͤnnte. Aber der Au⸗ genblick iſt da, wo ich Euer Hoheit ſagen muß, wie ſich die Sache verhaͤlt. Alles war ſchon ein⸗ gerichtet, ehe ich noch dieſen Morgen von hier ritt. Ich fruͤhſtuͤckte in Teylingen. Euer Geld lag ſchon bereit und gezaͤhlt, und als ich mich nach Leyden wendete, erwartete es mich in einem Dorfe diesſeits unter der ſicheren Obhut der beiden Traͤger, welche meiner mit einem friſchen Pferde harrten, womit ſie ihr edler, ihr gerechter Gebieter verſorgt hatte, der auf keinen Fall es vermocht, auch nur ei Minute in Euren Dienſt zu verlieren.— „Wie? alſo war Alles unter Euch verab⸗ redet? — Mit Eurer gnaͤdigen Erlaubniß, Graͤfin, ja. Ein Komplott zu Eurem Gluͤcke und des Lan⸗ des Wohl.— Der erſte Schritt zur glorreichen Ver⸗ aͤnderung, von der ich Euch ſo eben unterhielt.— † „Van Monfoort!“ — Kommt, gnaͤdige Frau, kommt! keine Blicke unnatuͤrlichen Zorns, keine unverdiente Vorwuͤrfe! 2413 Ihr ſeyd gut bedient worden, waͤhrend Alles ver⸗ loren ſchien. Eure Freunde, zwar um das Ihrige gebracht, ſind Euch treu geblieben. Die Vermoͤ⸗ gensumſtaͤnde ſind zerruͤttet, aber Eifer und Ehre unverletzt. Volle vierzehn Monate haben die Fruͤchte unſrer tiefliegenden Entwuͤrfe zur Reife gebracht. Eine Empoͤrung iſt im Begriff auszubrechen. Viel tapfere Haͤuptlinge, ehemalige Anhaͤnger des Lehn⸗ weſens, haben ihre Geſinnungen umgeſtimmt, dem Rufe des Vaterlandes und Eurem Intereſſe Gehoͤr gebend. Freiheit in Holland, Zeeland, und Fries⸗ land! iſt der allgemeine Ruf. Der Parteigeiſt iſt — wenigſtens fuͤr einige Zeit— beſaͤnftigt. Kab⸗ blejaw und Hoek, Schieringer und Vettkooper ha⸗ ben ihren gegenſeitigen Haß mit patriotiſcher Bruͤ⸗ ſ derſchaft vertauſcht. Von Nord nach Suͤd, von Oſt nach Weſt, von den fernen waldigen Niederun⸗ gen in Drenthe bis zum nahen Ozean unter Euren Fuͤßen, iſt ein geſchaͤftiges Wirken und Treiben, auf welches Sieg und Triumph folgen muß. Der Himmel iſt uns guͤnſtig. Der Graf von Oſtervent, eine edle Seele in einem herrlichen Koͤrper, reich, tapfer, menſchenfreundlich, hat ſich auf Eure Seite geſchlagen, und die allgemeine Stimme ihn zum Oberhaupt gewaͤhlt. Wir warten nur auf Eure 11* 244 Beſtaͤtigung— auf ein Wort von Euch, die ganze Sache in Anregung zu bringen, und von allen 1 Seiten den Hauptſchlag auszufuͤhren. O! Madame, wie ſtolz bin ich über die Aufwallung vererbter Tapferkeit auf Eurem ſchoͤnen Antlitz, uͤber den Strahl von Herrſcherſucht, der Euer glaͤnzendes blaues Auge fuͤllt! Und ſo ſollen auch die Farben unſerer guten Sache ſeyn, roth, weiß und blau. Ich erkenne ſie fuͤr die meinigen, von dieſem Augenblick an, und ſchwoͤre, Holland ſoll es ebenfalls thun. O Ihr Heiligen des Himmels! wie ſtuͤrmt mein altes Blut in mir, wie ſpannen ſich von neuem die Sehnen 5 in meinen erſchlafften Armen! Ich bin wieder neu⸗ geboren, wie mein theures Vaterland; Beide ſchuͤt⸗ teln wir das Joch des Alters und der Sklaverei ab. Nun ſprecht, Madame, ſprecht! Holland war⸗ n tet auf ein Wort aus Eurem Munde, wie eine Legion Krieger auf den Schall der Trompete.— Waren Monfoort's Worte nicht Beredſamkeit, ſo waren es ſeine Blicke und Geberden. Sie be⸗ wegten Jacquelinen auf's innigſte, als haͤtte ein neuer Demoſthenes den Donner ſeines Genius auf ihe Ohr gerichtet. Der plötzliche Einbruch in ihre unnatuͤrliche Ruhe, die große Aufreizung, die ſie ſo ſchnell uͤberfallen, die wenige Zeit zum Nachdenken, — 245 die man ihr gelaſſen, und ihr eigner angeborner Ehrgeiz— Alles in Einem Sturm uͤber ſie herge⸗ fallend, zog ſie maͤchtig vorwaͤrts. Schlacht, Sieg und Rache tanzten in die Runde in ihrem Gemuͤth, vermengt mit edleren Anſichten auf ihres Landes Freiheiten, auf ihres Volkes Gluͤck. Das Ganze war wie eine begeiſternde Windsbraut, welche ſie ihrer Beſtimmung entgegen riß. „Sey es mein boͤſer oder guter Engel, der mich fortzieht, ſo mag's drum ſeyn,“ rief ſie.„Mon⸗ foort, ich bin fortan Alles, was Du wuͤnſcheſt aus mir zu machen. Fuͤhre mich, leite mich wohin und wie Du willſt. Ich opfere mich meinem Vater⸗ lande, ſtuͤrze mich furchtlos in die Flut, ſollte ſie mich auch auf die Spitze eines Waſſerfalls mit ſich fortziehn!“ — Meine edelſte Dame, das heißt ſprechen, wie die Tochter einer Reihefolge von Helden! Nun hoͤret mich. Graf Oſtervent und einige wackre Freunde harren auf das Ende dieſer Unterhaltung, Ihr moͤgt ſelbſt urtheilen, mit welcher Ungeduld. Ich aber verbuͤrgte ihnen den Erfolg. Ich kannte das Blut, das in Baiern's Adern rinnt. In den wilden Holzungen, womit das alte Schloß Teylingen unzingelt iſt, haben wir laͤngſt unſere Vorbereitung 246 gemacht, und die vorgebliche Durchreiſe des Statt⸗ halters iſt ein abgeredter Plan, ihm die Mittel an die Hand zu geben, ihn mit mehreren gemeinſchaft⸗ lichen Verbuͤndeten— und mit Euch zuſammen zu bringen. Haͤtte er es uͤber ſich gewinnen duͤrfen, ſich der Entdeckung auszuſetzen, ſo wuͤrdet Ihr ihn ſchon heute zu Euren Fuͤßen ſehen. Da er es aber nicht wagen konnte, ohne Philipp's Rache aufzu⸗ bringen und zu trotzen, ſo laͤßt er ſowohl als ſeine verbuͤndeten Freunde— Mitverſchworne will ich ſagen, denn wir ruͤhmen uns des Namens— Euch erſuchen, morgen in der Fruͤhe nach Teylingen zu reiten, wo Ihr unter dem Vorwande einer Jagd⸗ partie alles ſehen, und in einem Beſuche, wie von ohngefaͤhr, bei'm alten Pfahlwerk, mehr erfahren ſollt, als ich mir jetzt zu ſagen erlaube. Darf ich Euer Stillſchweigen fuͤr Einwilligung annehmen?— „Ja, Monfoort, ich will kommen. Von jeher bin ich das Spielwerk in der Hand des Verhaͤng⸗ niſſes geweſen. Ich uͤbergebe mich Euch ohne Hin⸗ terhalt.“ dn — Dann leiſte ich Euch auf's Neue Lehns⸗ pflicht und den Eid der Treue— rief Ludwig aus, auf ſeine Kniee ſtuͤrzend, und ihr die Hand kuͤſſend. — 247 — Lange lebe Jacqueline von Holland! Tod dem Raͤuber ihrer Rechte!— „Amen! Amen! Lange lebe Jacqueline!“ rief der alte Gobelin, die Thuͤr einreißend, und ſich neben Monfoort hinſtuͤrzend; denn er hatte jedes Wort durch die Spalte gehoͤrt, und bekannte ſich mit enthuſiaſtiſchem Eifer zum Horcher und Spaͤher. Dort wurde ihm der erſtern Geſinnung wegen das Letztere verziehen, und der enge Thurm hallte mi⸗ nutenlang den Ausruf wieder, der ſo ganz aus dem Herzen kam. Jedoch wurde dem zu lauten Auftritt aus Klugheit bald Einhalt gethan. Van Monfoort begab ſich nach unten, damit er dem Grafen Oſter⸗ vent das verabredete Zeichen ſenden und zugleich fuͤr ſein und Jacquelinens neues Pferd Sorge tra⸗ gen moͤchte, da Beide morgen beſtiegen werden ſoll⸗ ten. Gobelin machte Anſtalt zum Abendeſſen und den uͤbrigen Einrichtungen mit einem behenden Eifer, deſſen er lange ungewohnt geweſen; und haͤtte er die Menge Mitbedienten um ſich gehabt, welche fruͤher im Schloß wimmelten, es waͤre ihm ſchwer gefallen, vor ihnen das Geheimniß zu bewahren, deſſen er ſich, wie wir geſehen, bemaͤchtigt hatte. Das wenige ehrliche Geſinde des kleinen Hausſtan⸗ des rettete ihn ſowohl als ſeine Gebieterin vor ei⸗ 2ʃ8 nem Verrath, welches die liſtigen Umgebungen eines Hofſtaats ihm ohne Zweifel abgelockt haben wuͤrden. Die Nacht verging ohne Treubruch und mitgetheil⸗ tes Geheimniß, und der Morgen brach an in aller Pracht des Mai's und allem Glanze der Hoffnung. Vergebens hatte Jacqueline verſucht zu ſchla⸗ fen; im unterbrochenen Schlummer, vermiſcht mit abgebrochenen Traͤumen, brachte ſie die Nacht zu. Am Morgen fand ſie ſich zwar nicht erfriſcht, doch auch nicht abgemaktet. Im Gegentheil fuͤhlte ſie ihren Geiſt ſtaͤrker angezogen, als wenn der Schlaf ihn abgeſpannt haͤtte. Wer je in dem Fall geweſen, eine auf ſtarke Gemuͤthsbewegung folgende aͤhnliche Nacht zugebracht zu haben, kann ſich die elaſtiſche Kraft erklaͤren, wodurch beides, Geiſt und Leib, dergeſtalt geſtaͤrkt wird, als koͤnnte man auf immer wachen und wirken; er kann ſich den fieberhaften Anflug auf Jacquelinens Wangen erklaͤren, den ausdrucksvollen Glanz ihrer Augen, die Lebhaftigkeit ihrer Bewegungen, den Umſchwung ihrer Gedan⸗ ken. Ein ſolcher Zuſtand laͤßt ſich beſſer fuͤhlen als. beſchreiben, beſſer verſtehen als verſtaͤndlich machen. Haͤtte Jacqueline Zeit gehabt, ruhig uͤber ihre Lage nachzudenken und zu uͤberlegen, ob ſie dieſen Aus⸗ weg waͤhlen ſollte oder einen andern, ſo wuͤrde — 249 ohne Zweifel die Raſchheit eines ſolchen Entſchluſſes einen Ruͤckfall erlitten haben; auf Entſchloſſenheit wuͤrde Unentſchloſſenheit gefolgt ſeyn; ſo aber ließ ſie van Monfoort's uͤberraſchender Ueberfall und Angriff bei ihrer gewohnten Lebensweiſe; es ließen ihr ſeine kraͤftigen Worte, ſein Anſchlagen an die ſtarken und ſchwachen Seiten ihres Gemüuͤths,— beides als Weib und Prinzeſſin— keinen Augen⸗ blick Zeit zur Beſinnung, und ſeinen kuͤnſtlichen Auf⸗ reizungen bot ihr eigenes feuriges Temperament treulich die Hand. Mit dem fruͤheſten war ſie aufgeſtanden. Auf ihr Geheiß mußte die Kammerfrau aus ihrem in Unordnung gerathenen, laͤngſt vernachlaͤſſigten und auf wenig Brauchbares beſchraͤnkten Kleidervorrath einen Anzug hervorſuchen, der ſich fuͤr ihren wieder angenommenen Stand und fuͤr Diejenigen, denen ſie ſich zu zeigen hatte, gehoͤrig ſchickte. Wir ſind überzeugt, in dem Laufe dieſer Geſchichte, von der Hauptperſon in derſelben keine Spur, keinen Begriff von Nachlaͤſſigkeit— oder gar Mangel an Auf⸗ merkſamkeit auf jene kleineren Zweige der Lebens⸗ weisheit gegeben zu haben, welche von Einigen fuͤr frivol, eitel und kleinlich gehalten werden. Sorg⸗ falt im Anzuge, Beobachtung des Wohlſtandes bei 11** 250. koͤrperlicher Ausſtattung, ſind Glieder in der Kette des geſellſchaftlichen Lebens, welche mit der Schoͤn⸗ heit des Ganzen in Harmonie und Ebenmaß ſtehen. Es liegt unendlich mehr Weisheit darin, ſich hier den Geſetzen der Schicklichkeit zu unterwerfen, als ſie zu verachten; ſie ſind nothwendige Begleiter der geſitteten Welt, und da ſie ſich auf Geſchmack und Kuͤnſtlichkeit gruͤnden, ſo erfordern ſie vor Allem den Anſtrich der Eleganz und einer geſuchten Fein⸗ heit, um die Kette wo nicht leichter, doch wenigſtens glaͤtter und glaͤnzender zu machen. Jacqueline war eines der Frauenzimmer ihrer Zeit, die am ſorgfaͤltigſten auf ihren Anzug hielt. Dies ging ſo weit, daß einer der unbekannteſten Chronikenſchreiber ihres Landes von ihr meldet: ſie habe von den tauſend Pfund, welche ihr, waͤhrend ihres Aufenthalts in England, Koͤnig Heinrich V monatlich ausgeſetzt, die eine Haͤlfte auf Schmuck und Garderobe verwendet. Von Beiden war ihr manches uͤbrig geblieben, doch der groͤßte Theil waͤhrend ihrer Ungluͤcksfaͤlle verloren gegangen. Jetzt ſuchte aus dem Uebrigen die Kammerfrau ſo viel zuſammen, als zum beſtimmten Gebrauch erforderlich war; denn bei dieſer Gelegenheit kam Jacquelinens Geſchmack nicht in Anregung und Betracht. .[.——/—ñ⁊ñp(— — 251 uUunſre Leſer erinnern ſich vielleicht noch des Jagdkleides, welches ſie bei ihrer Zuſammenkunft mit Gloceſter in den Zevenwolden getragen hatte? Es war ausdruͤcklich fuͤr dieſe Veranlaſſung, und mit der genaueſten Aufmerkſamkeit verfertigt wor⸗ den, um ſowohl durch die feine Arbeit, als durch das zierlichſte Anſchmiegen an ihre ſchlanke Geſtalt Effekt zu machen. Sie hatte es ſeit jenem Tage nicht mehr getragen, und es ſah noch vollkommen neu und unverſchoſſen aus. Es fiel Jacquelinen unter mehreren anderen in's Auge, welche, ſowohl dem modiſchen Zuſchnitte als der Farbe nach, auf⸗ fallender waren; und obgleich bei der erneuten Er⸗ innerung ein heißer Herzſchlag ihren ganzen Koͤrper durchdrang, ſo wurde dieſe Bewegung doch in einem Augenblicke durch jene heftige Entſchloſſenheit unter⸗ druͤckt, mit welcher der Stolz fuͤr einige Zeit Herr uͤber den demuͤthigenden Ruͤckblick auf erlittene Be⸗ ſchimpfung und Unrecht werden kann.„Ich will es tragen!“ rief Jacqueline aus, in einem ſo auf⸗ fahrenden Tone, als ob ihre Kammerfrau ſich un⸗ terſtanden haͤtte, ihre Wahl zu mißbilligen. Als aber das Kleid angethan, und jede große und kleine Falte geordnet und an der rechten Stelle war, bemerkte ſie, daß doch noch etwas fehlte, der 25² unheilsvolle Guͤrtel, ohne welchen der Anzug nicht vollſtaͤndig war. Da aber lauſchte eine tiefere Ge⸗ fahr im Verborgenen, als die Erinnerung von Glo⸗ ceſter's Beleidigung. Haͤtte ſie ſich bewegen laſſen, einen Augenblick dabei zu verweilen, ſo wuͤrde das Geſchaͤft des Morgens, vielleicht das ganze Ge⸗ ſchick ihres Lebens, umgeſtoßen worden ſeyn, oder eine andere Richtung bekommen haben; aber mit einem Inſtinkte der Gefahr, wie ihn Diejenigen zei⸗ gen, welche ihre Augen am Rande eines Abgrunds verſchließen, wollte ſie nicht einmal einen Blick auf den gefaͤhrlichen Gegenſtand werfen, ſondern riß ihn aus dem Schranke heraus, und band ihn eilig um, indem ſie ſich auf ihren ſichern Takt verließ, daß er gehoͤrig zu ſitzen kommen werde. Die goldenen Platten und maſſiven Bommeln, welche von Ru⸗ binen und Smaragden blitzten, wurden nun an ihr Haar befeſtigt, und als der Kopfputz fertig war, ſie den Bogen in ihrer Hand hielt, und der Koͤcher an ihrem Guͤrtel hing, ſtand ſie eben ſo da, wie wir ſie im Anfange unſerer Erzaͤhlung beſchrieben. Van Monfoort wartete auf des alten Gobe⸗ lin's Aufforderung, dis Graͤfin nach dem Hofe zu begleiten. Seine Augen glaͤnzten vor Stolz, wie er ſeine ſchoͤne und verehrte Souveraͤnin betrachtete, 4 253 und eine weite Ausſicht von Ruhm entfaltete ſich vor ſeinen Blicken. Er verbeugte ſich tief, aber feine ungekuͤnſtelte Ruͤhrung geſtattete ihm nicht zu ſprechen, als Jacqueline, nachdem ſie ein leichtes Fruͤhſtuͤck eingenommen hatte, ihm ihre Hand gab 3 und ſie die Treppe hinabſtiegen. Im Hofe ſtand, rüͤſtig und ſpiegelblank, van Monfoort's geborgtes Pferd, allein es wurde ganz verdunkelt durch die unvergleichliche Schoͤnheit von Jacquelinens Roſſe, welches man in dieſem Augenblicke aus dem Stalle brachte. Seine ſchoͤnen Schenkel, ſein gedrungener, nervichter Koͤrper, die glaͤnzende Haut, die wallende Maͤhne und Schweif, ſeine weit offenen ſchnauben⸗ den Nüſtern und feurigen Augen, die unbaͤndige aber keinesweges widrige Miene, mit der es das Pflaſter von Ziegelſteinen ſcharrte und zerbroͤckelte, (aus welchem damals, wie noch jetzt uͤberall im Lande, der Fußboden der Hoͤfe und die Heerſtraßen beſtanden) zeigten, daß es von unvermiſchter edler Rage, und von großem Feuer ſey— mit einem Worte ſolch ein Pferd, wie es fuͤr ſeine Reiterin paßte, die jetzt ſchnell und mit Grazie ihren Sitz auf demſelben nahm, und ihm die Gewalt ihrer leichten aber feſten Hand fuͤhlen ließ. Nach eini⸗ gen Courbetten und Spruͤngen, welche ſie ſogleich 254 mit der Art und Natur ihres Zelters bekannt mach⸗ ten, und die von ihr abwechſelnd angefeuert oder unterdruͤckt wurden, um ihm zu zeigen, daß er Obermacht und Geſchicklichkeit auf ſeinem Ruͤcken trage, ließ Jacqueline den Zuͤgel etwas ſchießen, und indem ſie den Weg nach dem Gehoͤlze ein⸗ ſchlug, ritt ſie, mit van Monfoort an ihrer Seite, in kurzem Galopp davon. Der alte Gobelin ſtrengte ſich an um nachzukommen, ſo ſchnell, als es auf dem keuchenden und ſteifen Thiere, welches er ge⸗ woͤhnlich ritt, moͤglich war. Er trieb es mit einem ungeheuern Paar roſtiger und ſtumpfer Sporen an, welches in fruͤherer Zeit ein Appendix zu den Kriegsſtiefeln irgend eines Florent's oder Theodo⸗ rich's geweſen war; Namen, in denen ſich die fruͤ⸗ heren Grafen von Holland vorzuͤglich gefielen. Ehe Jacqueline und van Monfoort das Ende des Gehoͤlzes erreicht hatten, war Gobelin von ihnen weit zuruͤck gelaſſen worden. Waͤre im Lande zwi⸗ ſchen hier und Leyden eine Erhoͤhung geweſen, nur etwas bedeutender als ein Maulwurfshuͤgel, ſo wuͤrde er vielleicht in der Entfernung die Voran⸗ eilenden erblickt haben, welche auf der Straße, die vom Haag nach jener Stadt fuͤhrt, im fluͤchtigen Trabe dahinritten; ſo aber bekam er ſie nicht wie⸗ g 255 der zu Geſicht, bis eine volle Stunde nach ihrer Ankunft im Schloſſe Teylingen, wo ihm befohlen worden war, ſich, ſobald er nur koͤnne, ihnen wie⸗ der anzuſchließen. Waͤhrend des Rittes hatten ſie kaum den Zuͤgel gekuͤrzt, oder ein Wort gewechſelt. Halb in Traͤumereien verſenkt, halb gedankenlos, eilte unſere Heldin vorwaͤrts, ergetzt durch den Gang und die Schoͤnheit des Pferdes, und ſtolz, wie es Alle in gleicher Lage mehr oder weniger ſind, ſelbſt wenn ſie von niemand Anderem beob⸗ achtet werden, auf die Gewalt uͤber das herrliche Thier, welches den Einfluß der leiſeſten Beruͤhrung, oder des ſchnellſten Befehls des Menſchen, anerkennt und davor zittert. Nachdem die Reiſenden Leyden hatten zur Seite liegen laſſen, ohne auch nur voruͤbergehend an die tapfere Belagerung zu denken, die es kuͤrzlich aus⸗ geſtanden hatte, und die doch nur ein Vorbild jener unſterblichen, ohngefaͤhr zwei Jahrhunderte ſpaͤteren Belagerung war, welche von der Feder der Ge⸗ ſchichte aufgezeichnet, und von dem Pinſel des Ge⸗ nius geweiht worden iſt*), und als ſie ſich am *) In dem ſchönen Bilde von Wapper von Antwerpen, welches im Sommer 1830 öffentlich in Brüſſel ausgeſtellt wurde; wahrſcheinlich das ſchönſte Gemälde, das ſeit langer 8 256 Ausgange des dichten Waldes befanden, der damals die Gegend bedeckte, erblickten ſie endlich das Schloß von Teylingen, und hielten nun zum erſten Male die Zuͤgel ihrer Roſſe an, um das ehrwuͤrdige Gebaͤude zu betrachten. Der Sage nach war daſſelbe bereits zu An⸗ fang der chriſtlichen Zeitrechnung entſtanden, und ſchon deswegen allein ein Denkmal, welches Ehr⸗ furcht einfloͤßen konnte. Sein Ausſehen war uͤber⸗ einſtimmend mit ſeinem Alter, und mit der Wich⸗ tigkeit der adelichen Familie, welche es ununter⸗ brochen beſeſſen hatte, bis es, nachdem einer von dem alten Geſchlechte an der beruͤhmten Verſchwoͤ⸗ rung von Gerrit van Velſen gegen Floris V, Gra⸗ fen von Holland, Theil genommen hatte, durch die Staͤnde der Provinz eingezogen, und die erbliche Wohnung des Forſtbeamten geworden war. Der Schweſter des Dirk von Teylingen, des letzten und rebelliſchen Schloßherrn, hatte man indeß den Beſitz auf Lebenszeit zugeſtanden. Es war ein weitlaͤufiges und maſſives Gebaͤude von rothen Ziegeln, die durch den aus Moͤrtel und Zeit von einem Niederlaͤndiſchen Künſtler gemalt worden iſt, und ein Wiederaufleben der glänzenden Schule von Rubens und Van Dyk verſpricht. ——— 257 Seemuſcheln bereiteten Kitt zuſammengehalten wur⸗ den, welchen man bei den fruͤhſten Gebaͤuden aus der chriſtlichen Zeitrechnung gewoͤhnlich antrifft. Seine Geſtalt ſchien jedes regelmaͤßige Syſtem der Baukunſt zu verhoͤhnen, was ohne Zweifel davon herruͤhrte, daß es in verſchiedenen Zeiten, und nach mancherlei Geſchmacks⸗Verſchiedenheit erbaut war. Aber der Anblick des Ganzen brachte einen groß⸗ artigen Eindruck hervor. Das Hauptgebaͤude hatte von ſeiner ſuͤdoͤſtlichen Seite, von welcher Jacque⸗ line und van Monfoort es jetzt ſahen, den Anſchein, als ſey es vollkommen rund, von den entgegenge⸗ ſetzten Seiten aber war es eckig anzuſehen. Auf ihm erhob ſich eine ſehr große bleierne Kuppel. Die oͤſtlichen und noͤrdlichen Zugaͤnge wurden durch breite und tiefe Graͤben geſchuͤtzt, und die Weſt⸗ und Suͤd⸗ ſeite durch regelmaͤßige Befeſtigungen und vorſprin⸗ gende Batterien vertheidigt. Der große Eingang lag gegen Norden, und nach Weſten und Oſten h oͤffneten ſich kleine Pforten, und dieſe, welche von den Luken uͤberragt wurden, durch welche Licht in die Kaſematten fiel, ſind noch jetzt in den Ruinen des Hauptgebaͤudes zu ſehen. Van Monfoort wies auf die herabgelaſſene und ganz unbewachte Zugbruͤcke uͤber den Graben 4 9 hin, um Jacquelinen zu beweiſen, daß jede Verhin⸗ derung und jeder Beobachter abſichtlich entfernt worden ſey. Nicht einmal eine Wache auf den Waͤllen war zu ſehen. Das Ganze bildete ein Ge⸗ maͤlde geſtuͤrzter und doch noch imponirender Ma⸗ jeſtaͤt. Es war ein vollkommenes Sinnbild einſa⸗ mer Macht, und foͤßte den Beobachtern ein eignes Gefuͤhl jener ehrfurchtsvollen Scheu ein, welche eines der Haupt⸗Kennzeichen des Erhabenen iſt, und ſtets lebhaft durch Denkmaͤler von vergaͤnglicher Groͤße geweckt wird, die von der Einſamkeit der Natur umgeben ſind. 3 Der dichte Wald rings umher, in welchem auch nicht ein junges Blatt an dem ſtillen Morgen ſich regte, die ruhige Flaͤche des Schloßgrabens, auf dem kein lebendes Weſen ſchwamm, und die ge⸗ heimnißvolle Stille der Scene, Alles zuſammen brachte ein unwiderſtehliches Gefuͤhl von Grauen in Jacquelinens Buſen hervor. Sie wollte indeß ſich nicht der Furcht hingeben, noch war ſie fuͤr ir⸗ gend eine der verwandten Schwaͤchen empfanglich, die, wie Trabanten das groͤßere Geſtirn, dieſe er⸗ niedrigende Leidenſchaft zu begleiten pflegen. Ver⸗ dacht kam zum Beiſpeil niemals in ihre Seele; und ſelbſt bei der gegenwaͤrtigen Begebenheit, geheimniß⸗ 259 voll, und in gewiſſem Grade gefaͤhrlich wie ſie war, drang ſich ihr doch nicht der Gedanke auf, daß Philipp's argwoͤhniſche Abſicht, ſich ihrer Perſon zu verſichern, wozu ihn die Bereitwilligkeit ſeiner eige⸗ nen Creaturen, und die Gierigkeit Anderer, welche zu ihrer Partei gehoͤrt hatten, beſtimmen konnten, eine Falle fuͤr ſie gelegt haben moͤchte, in welche ſie vielleicht unvorſichtig gegangen waͤre. Minder edle Gemuͤther wuͤrden ſich entſetzt, und aus Furcht vor Verraͤtherei gezittert haben, aber ſie fuͤhlte nichts der Art. „Wie verwuͤſtet und menſchenleer iſt dieſes un⸗ geheure Gebaͤude mit ſeinen Außenwerken!“ ſagte ſie,„kann es wirklich die freundlich geſinnten Be⸗ wohner beherbergen, welche Ihr mich hier erwarten ließet? Es gleicht mehr einem einſamen Zauber⸗ ſchloſſe— Wie geht dies zu, van Monfoort?“ — In Wahrheit, Zauberei iſt dabei im Spiele, gnaͤdige Graͤfin,— erwiederte Ludwig, mit einem verzogenen Laͤcheln— eine ſehr ungewoͤhnliche Ver⸗ aͤnderung des rauhen Ausdrucks ſeines Geſichts. — Wollen wir jetzt hinein?— „Hinein!“ rief Jacqueline, indem ſie in die Hoͤhe fuhr, als ob irgend eine Saite des Zweifels in ihrem Innern elektriſch beruͤhrt worden waͤre 260 Dann fuͤgte ſie, nach einer augenblicklichen Pauſe, hinzu, indem ſie ihren lieblichen Kopf etwas erhob, noch gerader im Sattel ſaß als vorher, und die Zaumhand ſo hielt, daß ihr Zelter vorwaͤrts ſchrei⸗ ten konnte.„Ja, Monfoort, ich will dieſes Naͤth⸗ ſel loͤſen, mag daraus entſtehen was da will.”“„ Gleich darauf war ſie auch innerhalb des gro⸗ ßen Schloßhofes, deſſen Thor offen ſtand, ohne daß eine lebende Seele erſchienen waͤre, ihr Ehrenbe⸗ zeugungen zu erweiſen, oder ſie mit einer Gewalt⸗ thaͤtigkeit zu bedrohen. Sie ritt bis zu dem Por⸗ tal, welches ſich vor dem gewoͤlbten Thorwege des Corps de⸗logis, oder Hauptgebaͤudes, befand, und ebenfalls angelweit geoͤffnet war. Hier ſprang ſie von ihrem Pferde, nachdem auch van Monfoort abgeſtiegen war. Er ließ beide Thiere frei. Sein eignes, welches den Weg zur den Stäͤllen kannte, und das fremde, was dieſem folgte, und durch ſeine gewandten Spruͤnge den Nachhall des Schloß⸗ hofes ertoͤnen machte, waren um einen eckigen Vor⸗ ſprung der Nebengebaͤude bald außer Geſicht. Jacqueline ſchritt auf die Eingangsthuͤre zu; aber als ſie eben im Begriff war, in das Portal einzutreten, wurde ſie durch den Anblick eines hie⸗ roglyphiſchen Steinbildes feſtgehalten, welches dar⸗ 261 uͤber hing, und ſo hervorſtechend, und nicht mißzu⸗ deuten war, daß ſie es nicht vermochte, ihre Augen abzuwenden, und vor Erſtaunen faſt athemlos blieb. Mit großen Buchſtaben waren auf dem Frieſe des Portals die folgenden Worte gemalt: : U Dienaar und zwiſchen ihnen hing ein friſch abgeſchnittener Weidenzweig, an dem das liebliche Fruͤhlingslaub eben hervorbrach. Dieſes empfindſame Sinnbild, gehoͤrig geleſen, enthielt den Spruch:„UWilli ge Dienaar“„ihr ergebener Diener,“ da das Wort Willige die zwei Bedeutungen Weide und erge⸗ ben hat. Das Ganze war in der Blumenſprache des Landes und des Zeitalters einer Liebeserklaͤrung und einem Heirathsantrage gleich. Ein Aufwallen von Stolz und Empfindlichkeit ſtieg in Jacquelinen auf, bei dem Anblick dieſes kuͤhnen Geſtaͤndniſſes von einem Unbekannten, und, wie ſie unwillig empfand, von einem aufgeſchoſſenen Guͤnſtlinge ihres aͤrgſten Feindes; und die Qual wurde noch zehnmal peinigender durch den Gedan⸗ ken, daß ſie zu der Erniedrigung, dieſen Schimpf wirklich zu erfahren, von dem Manne üͤberliſtet 262 worden ſey, auf den ſie vor allen Anderen als den unbeſtechlichſten Verfechter ihrer Ehre ſich verlaſſen haben wuͤrde. Mit Augen voll zorniger Vorwuͤrfe wendete ſie ſich gegen van Monfoort; allein er kam ihrem ſtechenden Blicke, ehe ihr Zorn ſich entladen konnte, zuvor, indem er einen Schritt vorwaͤrts that, und zu gleicher Zeit ausrief: „Gnaͤdige Graͤfin,— dort ſteht der Graf von Oſtervent!“ Jacquelinens Auge wendete ſich unwillkuͤrlich in der Richtung nach der Perſon hin, die ihr ſo gezeigt wurde, und welche vom Gebaͤude aus einige Schritte unter das Portal gekommen war. Ihren Blicken begegnete die große Geſtalt eines Mannes, in den praͤchtigen Staatsmantel gekleidet, den die Adelichen trugen. Sein Haupt bedeckte ein reich verziertes Barett, von dem Reiherfedern wallten, und der ganze Anſtand und Miene kam mit der Wuͤrde ſeines Standes uͤberein. Aber ſein Ge⸗ ſicht! als Jacqueline dieſes betrachtete, ſchien ein Nebel von ihrem Herzen nach ihrem Gehirn ſich zu draͤngen. Sie verlor weder das Bewußt⸗ ſeyn, noch die Herrſchaft uͤber ſich; kein Schrei entfuhr ihr, keine hyſteriſche Aufwallung verrieth „ — — 263 ihre innere Bewegung; aber indem ſie van Mon⸗ foort’'s Arm ergriff, blickte ſie vor ſich hin, und fuͤhlte, daß das Blut ſichtbar heiß und kalt von ih⸗ rem Buſen zu ihrem Geſichte aufſtieg, und ſo ſchnell, daß ihr Erſtickung drohte. Der Graf von Oſtervent, obgleich er ſo be⸗ wegt wie ſie war, behielt ſeine Gegenwart des Geiſtes, und indem er ſein Barett und Mantel abwarf, ließ er ſich auf ein Knie vor ihr nieder, und zeigte nun ganz die Geſtalt und die Geſichts⸗ zuͤge, ſo wie den naͤmlichen Anzug des jungen Jaͤ⸗ gers, der zuerſt die Einfoͤrmigkeit ihrer elenden Lage in dem Walde von Drenthe unterbrochen hatte, und deſſen nachherige Laufbahn und Aufführung ſeitdem ſtets die Urſache ſo verſchiedenartiger und ſo ſchmerz⸗ licher Aufregungen geweſen war. Es war in der That Vrank van Borſelen, der, jetzt ein und die⸗ ſelbe Perſon mit dem Grafen von Oſtervent, vor ihr ſtand; ein Rang, der ihm ſo eben, nebſt der Wuͤrde eines Statthalters von Holland von der ſehr zoͤgernden Dankbarkeit Philipp's von Burgund verliehen worden war. Wer vermag eine Scene, wie dieſe, wirkſam zu beſchreiben? Die Feder verweigert es, ſich raſch genug zu bewegen— ſie kann nicht Schritt halten 264 mit der blitzſchnellen Gedankenfolge der Seele, welche ſich Alles, was geſehen und gefuͤhlt wurde, vor⸗ ſtellt. Die geſprochenen Worte laſſen kein Nieder⸗ ſchreiben zu— ſo wenige, ſo unvollkommene, ſo ab⸗ gebrochene, daß, mit aller Treue wiedergegeben, ſie nur einen Anſtrich des Laͤcherlichen auf die reine, glaͤnzende Faͤrbung von Natur und Gefuͤhl werfen wuͤrden. In welchen Redensarten ſich van Borſelen auch immer bemuͤhte, ſeine inneren Empfindungen der Gebieterin ſeines Herzens verſtaͤndlich zu ma⸗ chen— durch was immer fuͤr Anſtrengungen zu einer artikulirten Antwort ſie ſein Geſtaͤndniß an⸗ erkannte— wie auch Beider Blicke, Ton und Be⸗ wegungen geweſen ſeyn moͤgen, ſo muͤſſen ſie doch vereint in jener wahren Beredſamkeit beſtanden ha⸗ ben, welche mehr im Gefuͤhl als in der Sprache liegt, und die mehr zu dem Herzen als zu der Ver⸗ nunft ſpricht; denn das rauhe Mitgefuͤhl van Monfoort's bewies dies auf die unzweideutigſte Weiſe in halb unterdruͤckten Seufzern und einer raſchen Wiederholung von Schlaͤgen gegen ſeine Bruſt, was andeutete, daß das natuͤrliche Gefuͤhl einen Ausgang ſuchte, waͤhrend die angeborne Mann⸗ haftigkeit ſich anſtrengte, es zu unterdruͤcken. Die 26⁵ Die erſten Worte, welche er deutlich verſtand, da alles Vorhergegangne nur in ſeinen Ohren ge⸗ ſummt und geklungen hatte, wurden von Borſelen geſprochen. „So ſey denn Alles ſeit jenem Tage vergeſſen — jeder Zweifel, jede Furcht, jedes Leiden; laſſen wir unſere Seelen nur allein auf jenen Tag ſelbſt zuruͤckblicken; dieſer ſey der Gluͤckspunkt, nach dem wir unſer zukuͤnftiges Handeln einrichten wollen. Seyd jetzt und immer wie ich Euch damals ſah, und wie Ihr in dieſem Augenblicke vor mir ſteht, glaͤnzend und ſchoͤn in der Gluth des Gefuͤhls und des Muthes! Die Gefahren jenes Tages waren wie nichts, gegen das, was wir jetzt zuſammen zu beſtehen haben.— Deine Begeiſterung war nur ein Schatten, im Vergleich mit der, die mich jetzt beſeelt.“ 4 — Und meine Hoffnung, meine Inbrunſt, meine Liebe, ja, ich bekenne es frei!— erwiederte Jacque⸗ line,— waren nur wie die Daͤmmerung des Mor⸗ gens, gegenuͤber dem vollen Glanze des Mittags, welcher mich heute umſtrahlt! O, van Borſelen, kann es wahr ſeyn? Bin ich nicht das Spiel ir⸗ gend einer wilden Phantaſie? Lebe ich wahrhaft in der Gewißheit dieſes Gluͤcks? Iſt Alles, was III. 12 V — 266 Ihr mir ſagt, wirklich— ſind Eure Mienen ganz unverſtellt? Mein unglaͤubiges Herz ſchlaͤgt immer noch in Zweifel: ich bedarf noch eines Beweiſes.— „Dieß, dieß denn ſey der Beweis meiner graͤn⸗— zenloſen Anhaͤnglichkeit, meiner ewigen Ergebenheit, meiner kuͤhnen Liebe! Befehlt mir jetzt fuͤr meine Beleidigungen zu ſterben, ſie auf der Stelle abzubuͤßen!“ 4 Mit den erſten Worten dieſer Rede war er aus der knieenden Stellung aufgeſprungen, in wel⸗ cher er viele Minuten vorher geblieben war, als ſeh er vor Scheu und Ehrfurcht bewegungslos. Waͤhrend der langen Pauſe, welche wir uns bemuͤht haben durch einen ungewoͤhnlichen Gedankenſtrich zu verſinnlichen, hatte er ſeine Arme um Jacque⸗ linens Geſtalt geworfen, die nicht widerſtrebte, und auf ihre Lippen ſolch eine Reihe beredter Beweiſe ſeines, und ihres eigenen Daſeyns gedruͤckt, welche die Zweifel des ſkeptiſcheſten Unglaͤubigen, der je ein Wunder anſtaunte, haͤtten vernichten koͤnnen. Als ſeine Rede geendet, und deren Bekraͤfti gung in ihrem Herzen ängeftagen war, ließ er ſie aus ſeiner Umarmung los, trat einen Schritt zu⸗ ruͤck, und indem er einen kurzen Dolch aus ſeinem Guͤrtel zog, bot er ihr das Heft deſſelben an. Eine — 267 wilde Apoſtrophe des Erſtaunens, von einem geheim⸗ nißvollen Laͤcheln begleitet, war Jacquelinens Ant⸗ wort, als ſie die Waffe ihm aus der Hand wand und bei Seite warf. Dann, indem ſie das Schloß aufriß, welches den Guͤrtel um ihren Leib be⸗ feſtigte, warf ſie denſelben mit beiden Armen um den Hals ihres Geliebten— und nun— zieh' dei⸗ nen Schleier dicht, Geiſt moderner Scheinheilig⸗ keit! wende dich ſchnell hinweg, Quinteſſenz verſtell— ter Zuruͤckhaltung!— nun warf ſich unſre Heldin freiwillig in ſeine Arme, und ſchluchzte und weinte in dem Ausbruche einer ſo geheiligten Leidenſchaft, wie ſie je eines Sterblichen Buſen beſeligte. Ein lautes Klatſchen derber Faͤuſte, ein gellendes Gelaͤchter, wie ein Faun oder eine Hyaͤne gelacht haben wuͤrden, wenn ſie Endymion's und Dianens Umarmung im Walde belauſcht haͤtten— und ein kicherndes Ausrufen:„ſo iſt's recht! ſo iſt's recht! ſo iſt's recht!“ mit aller Luſtigkeit eines hocherfreu⸗ ten Hollaͤnders, waren die Toͤne, welche das zu gluͤckliche Paar aus ihrer Entzuͤckung weckten. Aber ehe ſie ſich noch aus ihren feſt verſchlungenen Ban⸗ den losreißen konnten, ſtieß der alte Ludwig die innere Thuͤre des kleinen halbrunden Vorgemachs 2 12* 268 auf, in welchem ſich dieſer Vorgang ereignete, und man ſah jetzt die weite und hohe Eingangshalle des Schloſſes ſo beſetzt und angefuͤllt, daß Jacque⸗ line ſich nur noch enger und enger an den lebenden Stamm hielt, um den ſie ſich wand, als ob Wahr⸗ heit, Schutz und Ueberzeugung da, und nur da allein, zu finden waͤren. 8 Elftes Kapitel. —— In der Halle war eine ſo große Anzahl bewaff⸗ neter Maͤnner verſammelt, daß ſie in dem verhaͤlt⸗ nißmaͤßig beſchraͤnkten Raume einem Heere glich— Ritter, voͤllig geruͤſtet, Waffentraͤger, welche Lan⸗ zen, Schwerter und Helme trugen, Pagen mit Fah⸗ nen, Schilden und Kriegsgeraͤthſchaften; Alles in der That, was von kriegeriſchen Zuruͤſtungen ver⸗ eint werden konnte, um den Eindruck eines Schau⸗ ſpiels zu verſtaͤrken, welches abſichtlich auf Effect berechnet war. Die Mauern waren mit Flaggen von vielerlei glaͤnzenden Farben und ſinnreichen De⸗ viſen behangen, durch Guirlanden von Jacquelinens eigenen Farben, blau und weiß, unter einander ver⸗ bunden; und uͤberall waren Verzierungen von gruͤ⸗ nenden Weidenzweigen angebracht, waͤhrend in je⸗ dem leeren Raume mit großen Buchſtaben geſchrie⸗ ben ſtand: U Dienaar; 270 und das Ganze ein ſinnbildliches Geluͤbde von Dienſtergebenheit und Treue fuͤr die Sache, delche es bedeutete, vorſtellte. Sobald van Monfoort die Fluͤgelthuͤren geoͤff⸗ net hatte, und man ſah, wie Jacqueline ſich per⸗ ſoͤnlich und aufs vollſtaͤndigſte fuͤr Das verbuͤrgte, wofuͤr ſich Alle angeſtrengt, und was Alle erwar⸗ tet hatten, brachen die verſammelten Haͤupter in ei⸗ nen lauten Ausruf von Enthuſiasmus aus, und Gejauchze auf Gejauchze machte die Mauern von dem Wiederhalle ihres Namens erklingen. Zu der vollen Betrachtung dieſes Auftrittes erweckt, ſah und hoͤrte ſie, faſt verſtoͤrt, einem nie getraͤumten und ſo ſeltſamen Auftritte zu, der ſich an einem Orte begab, welcher ihr kurz vorher als der wahre Mittelpunkt der Einſamkeit vorgekommen war, und der ſo eben noch nur fuͤr die verſchwiegenen Ge⸗ heimniſſe der Liebe gemacht zu ſeyn ſchien. Man⸗ ches fremde Geſicht traf ihr umherirrender Blick, aber er verweilte auch auf Manchem von ihren fe⸗ ſten Anhaͤngern, die ihr wohl bekannt waren, und die ſich durch unzaͤhlige Beweiſe als ihrer Sache ganz ergeben gezeigt hatten. Unter ihnen waren Wilhelm von Brederode, Theodorich von Merwede, Spiering, Dalberg und verſchiedene Andere. Aber 271 Derjenige, deſſen Gegenwart ſie am meiſten uͤber⸗ raſchte, und ihr zu gleicher Zeit die groͤßte Freude gewaͤhrte, war Rudolph van Diepenholt, in all dem Prunk ſeines biſchoͤflichen Ornats, die Biſchofsmüͤtze auf dem Haupte, den Biſchofsſtab in der Hand, um den Nachdruck und die Weihe der Religion der hei⸗ ligen Sache zu verleihen, welche ſeine Mitverbuͤnde⸗ ten geſchworen hatten durch die Schaͤrfe des Schwer⸗ tes zu befoͤrdern. Er ſtand an dem oberen Ende der Halle auf einer etwas erhabenen Plattform, und als ſich das Gedraͤnge der Krieger lichtete, um Jacquelinen den vollen Anblick ſeiner Perſon zu ge⸗ waͤhren, erhob er ſeine Haͤnde in der Stellung des Gebets, und ſprach aus dem Stegereif mit beſee⸗ lender Beredtſamkeit einen kurzen Segen uͤber Jac⸗ queline und ihre Sache aus. Der fromme Eifer ihrer Verfechter wurde hierdurch nur noch hoͤher ge⸗ hoben. Er konnte durch keine Regeln von Alltags⸗ Etikette unterdruͤckt werden. Ohne Unterſchied von Rang oder Gedanken an Vorrechte draͤngten ſie ſich um ihre wieder eingeſetzte Souveraͤnin, und eine Scene ereignete ſich, welche der des Vogel⸗ ſchießens zu Tergoes aͤhnlich, nur noch begeiſternder war, weil ſie weniger von ihr vorhergeſehen, und viel gefaͤhrlicher fuͤr ihre Freunde war. 272 Aber in der Mitte dieſes betaͤubenden Laͤrmes bedauerte ſie in der Erinnerung die vielen braven Maͤnner, die ſich dort ihrem Dienſte geweiht, und ſeitdem in ihrer bisher ungluͤcklichen Sache gefallen waren, und ſelbſt jetzt truͤbte ein unwillkuͤrlicher Schauer den Erguß ihrer Freude, aus Furcht, daß ſie Alles, was ihrem Herzen am theuerſten ſey, in das dunkle Schickſal verwickeln moͤchte, welches uͤber ihr Leben zu walten ſchien. Als die Lebendigkeit des Auftritts etwas nach⸗ gelaſſen, und Jacqueline Aufklaͤrung uͤber Jedes, was ihr fremd war, erhalten hatte, welches in der That Alles in ſich begriff, was ſie ſah, nahm Brank— denn ſo nennen wir ihn lieber, als bei irgend einem ſeiner Titel— ihre Hand, um ſie in den Speiſeſaal zu fuͤhren, wo eine paſſende Mahkzeit auf den beſten Fuß, welchen der nur halb beſtehende Hausſtand des Schloſſes geſtattete, aufgetragen war. Dieſer war indeß ſehr unzureichend fuͤr die gehoͤrige Bewirthung ſo vieler Gaͤſte, als jetzt zu⸗ ſammengekommen waren; denn damals als das Schloß regelmaͤßig von Foͤrſtern und Waldhuͤtern bewohnt war, war man nie auf ſolch einen Beſuch eingerichtet. Zu eſſen gab es genug— Getraͤnk in hinlaͤnglicher Menge— aber das Tafelgeſchirr 273 fehlte auf klaͤgliche Weiſe. Manches Paar hochge⸗ borner Barone, oder Ritter von wohlbekanntem Ruf aßen bei dieſer Gelegenheit von demſelben Teller. Als es aber zur Zechpartie des Feſtes ging, taugte dieſe Einrichtung nicht mehr. Jeden Mann mit einem Gefaͤße irgend einer Art zu verſehen, um ſein Getraͤnk— Wein, Meth oder andere herzſtaͤr⸗ kende Sachen fuͤr die vielen durſtigen Gaumen, hinabzuſchlucken— war durchaus nothwendig. Der ganze Vorrath von glaͤſernen Bechern und Trink⸗ hoͤrnern war auf die Tafeln geſtellt, langte aber bei weitem nicht fuͤr die Zahl der Gaͤſte hin. Die gluͤckliche Erfindungskraft des Grafen von Oſtervent hatte ihn aber nicht in dieſer Verlegenheit verlaſſen. Da er es nicht wagte, in Leyden ſo viel einzukau⸗ fen, daß es dort haͤtte Verdacht erregen koͤnnen, ſo hatte er den Abend vorher einigen ſeiner Leute be⸗ fohlen, fuͤr das morgende Feſt einen Vorrath von Kruͤgen gehoͤriger Groͤße aus dem graugelben Thone anzufertigen, welcher um das Schloß her zu finden war, und der zu ſolchem Zwecke von den Toͤpfern der benachbarten Staͤdte gebraucht wurde. Dieſe nur halb getrockneten, und daher noch immer nicht recht harten Kruͤge paßten ſich indeſſen vortrefflich 12** 274 fuͤr die durſtige, und nicht uͤberwaͤhleriſche Geſell⸗ ſchaft. Neben jeden Gaſt wurde ein Krug geſtellt, wo ein Becher oder Horn fehlte, und Jeder, wenn er das Gefaͤß zum Munde fuͤhrte, ließ den Ein⸗ druck ſeines Daumens und Fingers tief in deſſen Seiten. Dieſe Zeichen wurden indeß nur einmal gemacht, denn die Sitte jener Zeit verlangte, daß, nachdem das Trinkgefaͤß auf den ausgebrachten Toaſt geleert worden war, jeder Zecher es ſogleich weg⸗ werfen mußte, um gegen dieſen nicht dadurch zu verſtoßen, daß die letzten Tropfen deſſelben ſich mit neuem Getraͤnk vermiſchten, welches fuͤr einen an⸗ deren Toaſt beſtimmt war. Und der ganz zuerſt von dem Statthalter jetzt ausgebrachte Toaſt, und fuͤr den jeder Becher, Horn und Krug bis zum Ueberlaufen gefuͤllt wurde, war, wie leicht zu errathen, Derjenigen zu Ehren, wel⸗ cher er ſich, politiſch ſowohl wie perſoͤnlich, gewid⸗ met, und zu deren Sache Jeder der anweſenden Gaͤſte ebenfalls geſchworen hatte. Wir brauchen wohl kaum den Enthuſiasmus zu beſchreiben, welcher bei dieſer neuen Erwaͤhnung ihres Namens auflo⸗ derte; noch iſt es nothwendig, uns dafuͤr zu verbuͤr⸗ gen, daß jeder durſtige Enthuſiaſt den Grund ſeines 275 Trinkgeſchirrs trocken iah ehe er es von ſeinen Lip⸗ pen nahm. „Macht die Fenſter weit auf! und moͤge jeder Mann meinem Beiſpiele folgen, und dem Toaſt, welchen wir getrunken, ewig dauernde Ehre erwei⸗ ſen!“ rief van Borſelen, indem er von ſeinem Sitz aufſtand, und ſich den Fenſtern naͤherte, welche auf ſeinen Befehl alle geoͤffnet worden waren. „Da!“ fuhr er fort, indem er ſein Glas, ein ſeltenes und werthvolles*), aus dem Fenſter in den *) Ein Glas, welches, wie ich ſehr zu glauben geneigt bin, wirklich daſſelbe iſt, wird noch immter aufbewahrt, und befindet ſich in der ſchönen und höchſt auserleſenen Samm⸗ lung, welche Lady Bagot, die Gemahlin des Engliſchen Ge⸗ ſandten im Haag, angelegt hat. Es iſt von der Gattung, deren man ſich in Friesland ſchon lange vor der Zeit dieſer Erzählung bei Feſtlichkeiten, welche verlobten oder neu ver⸗ heiratheten Paaren zu Ehren gegeben wurden, bediente. Es iſt ein Krug mit Henkel und Deckel. Auf einem Segment, (wir können nicht ſagen einer Seite) iſt, ziemlich grob, die Geſtalt eines jungen Mannes gemalt, deſſen geſundes Aus⸗ ſehen, rothes Haar, blaue Hoſe, grüner Hut und muthwil⸗ lige Miene ihn als einen fröhlichen Bräutigam bezeichnen, der luſtig ſeiner Braut zutrinkt— denn er hält einen Be⸗ cher in der einen Hand, während er die andere in die Seite ſtützt; und auf der Rückſeite befindet ſich die getreue Abbil⸗ dung einer Frieſiſchen Jungfrau, robuſt, mit flachem Geſicht und unter einem Ueberfluſſe von blonden Locken hervorblin⸗ 276 tiefen Waſſergraben warf, der auf der oͤſtlichen Seite hart unter dem Gebaͤude floß;„da! keine Verun⸗ reinigung mit gegohrnem Getraͤnk ſoll je das durch ſolch' einen Toaſt geweihte Trinkgeſchirr beflecken, ſondern auf ewige Zeiten ſoll es in dem Elemente liegen bleiben, welches dazu geeignet iſt, ſolch' reines Gefaͤß aufzubewahren!“ Dieſer romantiſche Ausſpruch wurde ſchallend von den Uebrigen wiederholt, und das Beiſpiel be⸗ folgt, indem jedes andere Gefaͤß, welchem gleiche Ehre widerfahren war, in den Graben geworfen wurde, obgleich einige von ihnen das Loos traf, eine Reihe von Jahren auf dem Grunde des Waſſers liegen zu bleiben. Von dort ſind ſie ſeitdem, eines nach dem andern, zu verſchiedenen Zeiten herausge⸗ holt, und, ſo wie jenes Glas, aufbewahrt worden, als intereſſante Reliquien fuͤr bloße Sammler von Alterthuͤmern, aber noch weit mehr fuͤr Enthu⸗ ſiaſten, welche ſich uͤberreden, daß Jacqueline ſelbſt die Verfertigerin der neuen klaſſiſchen Thonkruͤge zend, in rothem Jäckchen und hellblauem Mieder. Mit der linken Hand greift ſie nach einem Kranz, und die rechte ſtreckt ſie ihrem Geliebten entgegen, die von der ſeinigen nur durch die grünen und gelben Vlätter einer Blume ge⸗ ſchieden iſt, welche faſt wie eine doppelte Narziſſe ausſieht. N— 277 geweſen ſey, und ſich einbilden, in den rohen ein⸗ gedruͤckten Fingermaalen den wirklichen Druck der zarten Hand zu erblicken, welche als ein aͤchtes Muͤnzzeichen ihren Werth bei der Nachwelt geſtem⸗ pelt.. Wir koͤnnen das wichtige Geſchaͤft der Aufklaͤ⸗ rungen nicht zergliedern, in die ſich Vrank van Bor⸗ ſelen einließ; erſtlich in ſeinem wirklichen Charakter unter dieſem Namen, zweitens in ſeinem Erbtitel als Herr Borſelen von Eversdyke, und drittens in ſeinem neu erlangten Range als Graf von Oſter⸗ vent. Alles, was zur Belehrung unſerer Leſer hin⸗ reichen mag, iſt ſeine vollkommene Ueberzeugung, daß Jacqueline unſchuldig an Allem ſey, deſſen man ſie angeklagt, und was ſo ſchwer auf ihr gelaſtet hatte; eine Ueberzeugung, die eine Folge der genaueſten Unterſuchung jedes Gegenſtandes war, der zur Kraͤnkung ihres Rufes gedient hatte. Ludwig van Monfoort hatte vorzuͤglich dazu beigetragen, das Licht der Wahrheit uͤber dieſe Fragen in Vrank's Gemüͤthe aufgehen zu laſſen. Es iſt von keiner Wichtigkeit fuͤr den Gegenſtand unſe⸗ rer Erzaͤhlung zu berichten, wie er van Borſelen ſein Vergeſſen aller Feindſeligkeit aus Gruͤnden des oͤffentlichen Wohls, und die Zunahme ſeiner perſoͤn⸗ ⁴ 278 lichen Achtung bekannt gemacht hatte. Sie kamen bald nach vorhergegangener Uebereinſtimmung, als Freunde zuſammen, und als ſie ſich wieder fuͤr Zwecke gegenſeitigen Nutzens trennten, war es als Verſchworene. Die abſcheulichen Beſchuldigun⸗ gen Giles Poſtel's waren vernichtet; die Verlaͤum⸗ dung, Jacqueline ſey eine Mitſchuldige John Che⸗ valier's geweſen, als falſch erwieſen durch die Vor⸗ legung ſeiner auf dem Sterbebette gethanen Beichte, welche ihr in den betheuerndſten Ausdruͤcken Gerech⸗ tigkeit widerfahren ließ; und ihr wahres Verhaͤltniß zu Gloceſter und Fitzwalter wurde klar wie der Tag. Das augenſcheinliche Unrecht, welches ihr durch Philipp's von Burgund Uſurpation zugefuͤgt worden war, ſelbſt nach dem Tode ihres ungluͤckli⸗ chen Gemahls, wo auch nicht ein Schatten von den Anſpruͤchen, die Jener machte, vorhanden war, fiel zu ſehr in die Augen, um der vergroͤßernden Kraft von van Monfoort's Beredtſamkeit zu beduͤrfen. Kurz, Alles traf jetzt zuſammen, um van Borſelen vollkommen und eifrigſt zur Unterſtuͤtzung der Plaͤne willig zu machen, die fuͤr ihre Wiedereinſetzung in die Regierung entworfen worden waren; und da ſeine tief gewurzelte Anhaͤnglichkeit von keinem Hin⸗ derniß moraliſcher Art, oder eines religioͤſen Ban⸗ 4 279 des eingeſchraͤnkt wurde, ſo ging er auf den großen Entwurf ein, welcher, ob er gleich dem Anſcheine nach nur Jacquelinens Gluͤck bezweckte, doch auch die wichtigſten Anſtrengungen fuͤr ſein eigenes mit einſchloß. Es giebt Perioden, in denen der Erzaͤhler ſowohl als der Leſer von Begebenheiten, wie dieſe, Ruhe bedarf.— Gegenſeitige Zugeſtaͤndniſſe mußten von den beiden dabei intereſſirten Parteien gemacht werden. Wir naͤhern uns jetzt dem Schluß der Geſchichte; und da wir waͤhrend unſerer Mitthei⸗ lungen viele Gelegenheiten, die zu Abſchweifungen einluden, von uns gewieſen, oder dieſe ſehr abge⸗ kuͤrzt haben, ſo bitten wir jetzt fuͤr irgend eine ſchein⸗ bare Auslaſſung um Nachſicht, da wir immer noch wichtige, ja die wichtigſten Begebenheiten in dem Schickſale unſerer Heldin zu berichten haben. Wir fuͤhlen recht gut die Verlegenheit, das fortlaufende Intereſſe einer Erzaͤhlung aufrecht zu erhalten, welche weder ſchleppend noch uͤbereilt ſeyn, weder weit⸗ ſchweifig noch verwirrt werden ſoll; und indem wir die Geduld unſerer Mitgefaͤhrten in der Aufgabe, durch das Werk zu kommen, in Anſpruch nehmen, erſuchen wir ſie, alle Unvollkommenheiten zu ent⸗ ſchuldigen, die bei der Ausfuͤhrung in dieſem kriti⸗ 280 ſchen Zeitpunkte kaum zu vermeiden ſind.— Viel uͤberlaſſen wir daher ihrer Einbildungskraft, um ſich Jacquelinens und van Borſelen's unbegrenztes Ent⸗ zuͤcken uͤber ihre gegenwaͤrtige Wiedervereinigung als Liebende und uͤber ihre gegenſeitigen Hoffnungen vorzuſtellen— Sie, als eine wiedereingeſetzte Sou⸗ veraͤnin, Ihn als den vornehmſten ihrer Vaſallen, deſſen Unterthanentreue und Huldigung ſie mit ih⸗ res Herzens innigſter Anhaͤnglichkeit erwiederte. Der heftige Ausdruck ihrer lange unterdruͤckten Em⸗ pfindungen und der entfeſſelte Enthuſiasmus ſeines zeither zuruͤckhaltenden und ernſten Charakters ga⸗ ben der gewoͤhnlichen Art zu denken und zu handeln Beider eine ganz neue ichtung, und ſie erblickten nun einander und ſich elbſt in einem eben ſo au⸗ ßerordentlichen als erfreulichen Lichte. In den ganzen Umfang ihrer Genuͤſſe moͤgen wir nicht eindringen— das Ganze ihrer gefaͤhrli⸗ chen Unvorſichtigkeit duͤrfen wir nicht enthüllen. Es ſey genug, wenn wir ſagen, daß ſie ſich ſelbſt, ihre Sache, ihre Freunde, ihr and— Alles dem berauſchenden Entzuͤcken der Herzen hintenanſetzten, und wir werden bald ſehen, welche Strafe ſie fuͤr die ſchwaͤrmeriſche Gluͤckſeligkeit bezahlen mußten, 281 welche ſie nicht von der Vernunft beherrſchen, noch durch einen Vorwurf des Gewiſſens ſtoͤren ließen. Nach wenigen Tagen geheimen Rathſchlagens und wohl uͤberlegter Plaͤne verſchwanden die ver⸗ ſchiedenen Verbuͤndeten wieder von Teylingen, welches ganz ſein gewohntes einſames Anſehn auf's neue erhielt, da das unbedeutende Gefolge des Statthalters waͤh⸗ rend ſeines fliegenden Beſuches nur wie kleine Punkte den Himmel dieſer Einſamkeit unterbrach. Sein Aufenthalt wurde bald wieder nach ſeinem Schloſſe von Zuylen, am Fluſſe Vechte, eine Meile von Utrecht ab, verlegt. Dieſes war, wie Teylingen, ein Gebaͤude von großem Alterthum, welches durch Heirath an die Familie van Borſelen gekommen war, und zu dieſer Zeit von ihm als ſein vorzuͤglicher Wohn⸗ ort in Holland benutzt wurde. Hierher zog er ſich ſelbſt zuruͤck, nachdem der vorgebliche Zweck ſeiner Wald⸗Inſpection beendigt war. Dies geſchah aber nicht ganz allein, noch wurden ſeine Tage und Naͤchte, wenn er auch ohne Gaͤſte war, in der un⸗ geſelligen Einſamkeit eines ſolchen abgeſchiedenen Aufenthaltes verlebt. Die Wahrheit muß ſchon an's Licht kommen; wenigſtens ſo viel davon, als da⸗ mals zu erkennen war, oder von den genauen Beob⸗ aachtern ausgekundſchaftet werden konnte, die es ſich 282 zum Vergnuͤgen oder zum Geſchaͤft machten, jeder Handlung, jedem Worte oder Blicke des Grafen von Oſtervent, in Bezug auf ſeinen erneuten Um⸗ gang mit der Graͤfin Jacqueline, nachzuſpuͤren. Haͤufig denn, wurde geſagt, ſaͤhe man die Ge⸗ ſtalt des Grafen in der Abenddaͤmmerung ſchnell durch den Wald in der Umgebung vom Haag ei⸗ len, und waͤhrend bei'm Anbruche des Tages ein Diener mit einem Leitpferde vor dem Orte bemerkt wurde, pflegte dieſelbe Geſtalt, nachdem ſie die Nacht, Niemand wußte wo, zugebracht hatte, auf dem naͤmlichen Wege, wider Willen und im langſamen Schritt zuruͤckzukehren, der ſehr gegen den ſchnellen Galopp des vergangenen Abends abſtach. Man hatte ſich ſogar in's Ohr geraunt, daß ein Mann, in einem Mantel gehuͤllt, von derſelben Groͤße als der Statthalter, mehr denn einmal beobachtet wor⸗ den ſey, wie er bei Mondſchein durch die niedere Thuͤr des Palaſtthuͤrmchens ſchluͤpfte, und wenn die Frauenzimmer des Haushaltes amn Morgen ſich gegen den alten Gobelin uͤber manchersuſonderba⸗ res Geraͤuſch aͤußerten, das ſie in ihrem Schlafe geſtoͤrt habe, ſo pflegte er ſie tuͤchtig auszuſchelten, und hinzuzufuͤgen, daß es hart waͤre, wenn die Gei⸗ ſter der alten Grafen und Graͤfinnen von Holland — — — 283 nicht die Erlaubniß haben ſollten, ſich zuweilen durch allerhand Kurzweil in den Gemaͤchern hres eigenen Palaſtes zu vergnuͤgen. Das war aber noch nicht Alles. Der zahlreiche Haufe der Dienerſchaft in Zuylen machte kein Ge⸗ heimniß daraus, daß die Graͤfin Jacqueline mit ih⸗ rem alten Vertrauten oft, nachdem es dunkel ge⸗ worden ſey, zu Pferde dorthin kaͤme, und man ſie, ungeachtet ihrer Vorſichtsmaaßregeln, mit dem Statthalter in dem Garten ſpaziren gehen ſaͤhe, wodurch ſie ſich in ihrer falſchen Sicherheit bloß⸗ gaͤben. Und dann ihre verſtohlenen Beſuche in Teylingen unter verſchiedenen Vorwaͤnden— und das wunderbare Zuſammentreffen ſeiner Ausfluͤge in jener Richtung— und— aber iſt es noͤthig, die Beweiſe von Allem zu vervielfachen, was das Publikum als hinlaͤngliche Ueberfuͤhrung anſah? oder ſollen wir unſere Blaͤtter, gleich denen der Ge⸗ ſchichte, bei dieſer Veranlaſſung zu einer Chronik der Verlaͤumdung machen? Nein! Wir geben alle die Thärtſachen zu— ſtellen keine Vertheidi⸗ gung auf, und uͤberlaſſen den Charakter, die Be⸗ weggruͤnde und die Sittſamkeit unſrer Heldin gaͤnz⸗ lich der Gnade des Leſers. Es war nicht moͤglich, daß Herzog Philipp von 284 Burgund lange unwiſſend uͤber das haͤtte bleiben ſollen, was alle Feinde Jacquelinens wußten, und was zum Bedauern ihrer Freunde gereichte, wie es das allgemeine Gerede im Lande war. Stand es zu erwarten, daß unter den Vielen, welche um ihre faſt oͤffentliche Zuſammenkunft mit dem Statthal⸗ ter in Teylingen wußten, Keiner der Beſtechung zu⸗ gaͤnglich ſeh? oder, dieſen unwahrſcheinlichen Fall angenommen, konnte es vermuthet werden, daß es Keinem der niedertraͤchtigen Menſchen, welche das verdaͤchtige und gefuͤrchtete Schlachtopfer ihres Brot⸗ herrn beobachteten, gelingen ſollte, das uͤbel bewachte Geheimniß zu entdecken? Geiz war zwar zu jener Zeit, ehe kaufmaͤnniſche Selbſtſucht kriegeriſche Groß⸗ muth verdraͤngt hatte, noch nicht das Laſter, wel⸗ ches im Hollaͤndiſchen Charakter lag. Das offene und biedere Weſen jener Zeit traf man auch in den Sitten des Volks an. Aber bei der aufrichtigen Treue, welche dieſe auszeichnete, ſchlich ſich doch ein Beiſpiel ſchaͤndlichen Verraths ein, wie ein ſeltenes Beiſpiel von Gaſtfreundſchaft zuweilen in unſeren Tagen als eine Abweichung von der ungeſelligen Zuruͤckgezogenheit ſich bemerklich macht, welche den beſſeren Theil des jetzigen Nationalcharakters ent⸗ ſtellt. 3 285 Eines Tages, in der Mitte jenes unuͤberlegten Schwelgens in Wonne, wie wir uns bemuͤht ha⸗ ben es zu beſchreiben, traf ein expreſſer Bote auf dem Schloſſe zu Zuylen ein, und forderte den Statt⸗ halter im Namen ſeines oberſten Lehnsherrn, des Herzogs Philipp von Burgund, auf, ſich ſogleich“ nach Rupelmonde zu verfuͤgen, um dort von dem Gouverneur deſſelben, dem gefuͤrchteten Johann Vi⸗ lain, eine Mittheilung uͤber eine Staatsangelegen⸗ heit von der hoͤchſten Wichtigkeit zu vernehmen. Dies war ein Ereigniß von auffallender Bedenklich⸗ keit. Der allgemeine Aufſtand ſollte naͤmlich in der naͤchſten Woche ausbrechen. Es wuͤrde aber hoͤchſt gewagt geweſen ſeyn, ihn in Folge dieſer Ueberra⸗ ſchung ſchon jetzt zu uͤbereilen, da es unmoͤglich war, mit den verſchiedenen Haͤuptern der Verbuͤndeten noch in Zeiten ſich uͤber dieſe Abweichung von dem, vorher feſtgeſetzten Plane zu verſtaͤndigen. Doch war dies der Rath Jacquelinens. Zwiefach ange⸗ trieben— durch ihren perſoͤnlichen Muth und durch ihre weibliche Beſorgniß fuͤr Denjenigen, welchen ſie liebte— hielt ſie es fuͤr beſſer, ſich der Gefahr einer augenblicklichen Revolte auszuſetzen, als die Perſon van Borſelen's der Gewalt Philipp's anzu⸗ vertrauen. Dieſe Meinung, wie ſtark ſie dieſelbe 2 286 auch verfechten mochte, wurde von van Borſelen noch ſtaͤrker beſtritten, und endlich beſiegt. Er be⸗ hauptete, daß irgend eine Raſchheit zum Verderben fuͤhren koͤnne; daß Philipp ihm keinen Beweis von Mißtrauen gegeben habe; daß Dieſer nicht ſelbſt in Rupelmonde ſey, und daß ſein Gehorſam gegen deſſen Befehl auf einmal irgend einen verborgenen Zweifel entwaffnen, oder nachtheilige Eindruͤcke ver⸗ wiſchen wuͤrde. Aber die geheime Triebfeder, wel⸗ che dieſen Schluͤſſen zum Grunde lag, muß wohl in dem Vorhandenſeyn jener Leidenſchaft geſucht wer⸗ den, die, durch eine ſonderbare Abweichung von der Regel ſinnlicher Eindruͤcke, Maͤnner zu verwegenen Thaten antreibt, und ſie blind gegen die Gefahren macht, welche ſie vielleicht auf immer von dem Ge⸗ genſtande reißen, der allein ihrem Leben Werth verleiht, und dies gerade zu der Zeit, wo dieſer Ge⸗ genſtand den meiſten Werth hat, um fuͤr ihn zu leben. Van Borſelen, ohne den geringſten Anſchein von Zoͤgernng, bereitete ſich vor zur Reiſe, und ſo⸗ bald, als der Bote des Herzogs bewirthet worden, und fuͤr eine angemeſſene Bedeckung geſorgt war, machte er ſich mit ſeinen Begleitern auf den Weg nach Flandern, vor Ungeduld brennend, die Natur der Angelegenheit kennen zu lernen, welche ſo un⸗ 287 erwartet ſeine kurze Wonnezeit unterbrochen, und die Plaͤne vereitelt hatte, die ihr ewige Dauer geben ſollten. Er ſchlief nicht, und aß kaum, bis er das Schloß von Rupelmonde erreicht hatte, was an den Ufern der Schelde lag, welche die Mauern deſſelben von der einen Seite beſpuͤlte, waͤhrend die andre durch Waͤlle und den natuͤrlichen Schutz einer tiefen Schlucht ſtark befeſtigt war, wodurch der Platz, da die Beſatzung den Strom beherrſchte, faſt un⸗ einnehmbar wurde. Allein Vrank verlor keine Zeit mit Beſchauung der Feſtung. Liebe ſchwaͤcht die Sehkraft des ſtaͤrkſten militairiſchen Auges, und verleiht den kraͤftigſten Schenkeln neue Behendigkeit. So war es wenigſtens bei dieſer Gelegenheit; denn Vrank ſah kaum das Auffallendſte des Ortes, in⸗ dem er mit einer Schnelligkeit hinein ritt, welche ſeine Begleiter noͤthigte ſich anzuſtrengen, um ihm zu folgen, und Diejenigen in Erſtaunen ſetzte, von welchen er empfangen wurde,— denn Johann Vi⸗ lain und ſeine Beſatzung wunderten ſich, daß kein Verdacht uͤber Etwas ſich in ihm geregt habe, was ihnen ſo wohl bekannt war, daß naͤmlich der Graf von Oſtervent ein Staatsgefangener ſey, ſobald er uͤber den Feſtungsgraben gekommen ſeyn wuͤrde. Dieſe Nachricht wurde ihm von dem Gouver⸗ 288 neur nicht eben in Ausdruͤcken abgemeſſener Hoͤflichkeit, ſondern in dem groben und etwas brutalen, trium⸗ phirenden Tone hinterbracht, wie es bei der man⸗ gelnden Bildung Johann Vilain's nicht zu verwun⸗ dern war, da er einen Angeklagten, welcher ſeinen Haͤnden ſchon einmal entwiſcht war, nun wieder in ſeinem ſicheren Beſitze ſah. Niemals uͤberraſchte ein ſo vollkommenes Bewußtſeyn ſeines eigenen uͤbereilten Vertrauens einen Sterblichen mit groͤße⸗ rer Gewalt als jetzt van Borſelen. Sein perſoͤnli⸗ ches Intereſſe beſchaͤftigte ſeine Gedanken am we⸗ nigſten— aber er malte ſich Jacquelinens Angſt bei dieſer neuen Pruͤfung aus, und er wurde unwi⸗ derſtehlich von ihrem eigenen Glauben ergriffen, daß das ungluͤckliche Schickſal, welches ſie verfolgte, ſei⸗ nen verderblichen Einfluß auf Alle erſtrecke, die ſich mit ihr verbanden. Doch er duldete freudig fuͤr die ruͤhmliche Sache, fuͤr die er enthuſiaſtiſch gelebt hatte, und jetzt bereit war, als ein Maͤrtyrer zu ſterben. Den erſten Morgen nach ſeiner Ankunft trat Johann Vilain in das fuͤr den Gefangenen berei⸗ tete Gemach, in deſſen Unbehaglichkeit er eine fehe elende Nacht zugebracht hatte. „Graf Oſtervent,“ ſagte der Gouverneur mit 289 verſtoͤrtem und truͤbem Blicke,„ich bin gezwungen, Euch einen Befehl bekannt zu machen, welchen ich ſo eben erſt von Seiner Hoheit, dem Herzog von Burgund, empfangen habe.“ — Setzt Euch, Gouverneur, beruhigt Euch, und leſet,— ich bin bereit, den Inhalt zu ver⸗ nehmen.— „ Wohlan denn— er lautet ſo,“ nahm Vi⸗ lain aufs Neue das Wort, da er ſeine Faſſung ein wenig wiedererlangt und Athem geſchoͤpft hatte, und las von der Rolle: „Wir, Philipp, Herzog von Burgund, Graf von Artois, Namur und Hennegau— Ruwart von Holland, Zeeland und Friesland... 2 beim heiligen Michael, und ſo gewiß ich ein wah⸗ rer Ritter bin, ich kann nicht fortfahren!— es muß auf einmal heraus, GrafV; es iſt ein Befehl, Euch augenblicklich enthaupten zu laſſen!“ Unter anderen Umſtänden wuͤrde der Gefan⸗ gene vielleicht uͤber die empfindſame Bedenklichkeit gelaͤchelt haben, welche bei der Einleitung unſchluͤſſig blieb, aber keinen Anſtand nahm die ſchreckliche An⸗ kuͤndigung hervorzudonnern, welche in der Mitte des Urtheils enthalten war. So aber war er fuͤr den Augenblick vor Schreck gelaͤhmt. Oft hatte er dem III. 13 290 Tode getrotzt, und wuͤrde dies maͤnnlich wieder und wieder gethan haben, die Waffen in der Hand mit feurigem Blute und unbefleckter Ehre; aber den Tod eines Verraͤthers in der ſchimpflichen Einſam⸗ keit eines Gefaͤngniſſes zu erleiden, war eine ſchreck⸗ liche Vorſtellung, die noch zehnmal ſchrecklicher durch den Gedanken der Trennung von Der wurde, die er anbetete. Die Qual dieſes Augenblicks war ſicherlich mehr als eine vollkommene Abbuͤßung aller Fehler und Vergehen eines gewoͤhnlichen Suͤnders — und gewiß war Vrank nicht mehr als dies. Allein ſein gewoͤhnlicher Muth und ſeine Selbſtbe⸗ herrſchung erhielten bald die Oberhand über dieſe voruͤbergehende Pein. Er rief alle ſeine Entſchloſ⸗ ſenheit und Gegenwart des Geiſtes zu Huͤlfe, und ſagte mit der Hoffnung, die feſt am Leben haͤngt: „Dies iſt wirklich uͤberraſchend! Iſt der Be⸗ fehl von Herzog Philipp's eigener Hand?“ — Ja, Graf, nur zu gewiß!— antwortete Vilain. „Sie zitterte, als ſie ein ſo grauſames Urtheil unterſchrieb, guter Gouverneur!“ — Es iſt nicht ihre Geuahubeie,s zu zittern, Graf Oſtervent!— „Ihr ſeyd es auch ist gewohnt, tapferer 291 Ritter!— aber Eure Hand zitterte und Eure Lippe bebte, als Ihr die Rolle nur laſet. Wie muß erſt die Reue in dem Herzen Deſſen ihre Wirkung zei⸗ gen, welcher ſolch' einen Befehl gegen das Leben ei⸗ nes Mannes unterſchrieb, dem er nicht einmal ge⸗ ſtattet, ſich zu vertheidigen! Glaubt Ihr nicht, Gouvernenr, daß er es dem Manne Dank wiſſen wuͤrde, welcher ſeinem Gewiſſen ſolche Reue er⸗ ſparte, und ihm Zeit gaͤbe, zweimal uͤber ſolch' eine Sache nachzudenken? Wuͤrde er hier nicht Unge⸗ horſam als einen ihm geleiſteten beſſern Dienſt be⸗ trachten, wie eine zu ſchnelle Befolgung ſeines Be— fehls? Wo iſt der Herzog?“ — In Gent— ich ſelbſt ſoll ihm die Nach⸗ richt Eures Todes bringen— ſo lautet meine ge⸗ heime Inſtruction.— „Und koͤnnt Ihr, braver Ritter, dieſes harte Amt ausuͤben, und einen Mann im Fruͤhlinge ſei⸗ nes Lebens und, gleich Euch, von ehrenvollem Rufe zu ſeiner letzten Abrechnung ſchicken, hinweggeriſſen von Allem, was ihm in dieſem Leben theuer iſt, und unvorbereitet zum Tode?“ — Das verbieten die Heiligen! Nein, Graf, der Schloßgeiſtliche wartet ſchon in der naͤchſten Zelle, um Eure Beichte zu hoͤren, waͤhrend der 13* 292 Scharfrichter den Block fuͤr Euch bereitet, und ich will ſelbſt irgend eine Veſchat an Eure Freunde uͤbernehmen.— „Guter Gouverneur, iſt dies genug? Iſt das die ganze Zeit, die Ihr mir bewilligt, meinen Frie⸗ den mit dem Himmel zu ſchließen, und meine welt⸗ lichen Angelegenheiten in Ordnung zu bringen?“ — Mancher brave Mann, edler Graf, hat auf dem Schlachtfelde noch weniger Zeit dazu.— „Ja, Gouverneur, aber dieſe Maͤnner ſind auf ihr Schickſal vorbereitet— ſie ſuchen den Tod in einer ehrenvollen Sache, und ſterben gleich Helden im offenen Angeſichte des Ruhmes;— aber es iſt ſehr verſchieden, wenn der Streich ſo plötzlich faͤllt, wie dieſer, und das getrennte Haupt in Verbrecher⸗ ſchande empor gehalten wird! Denkt auch daran, Gouverneur!"”“. — Graf Oſtervent, meine Befehle ſ ind genau und entſcheidend!— — Nun, ſo kann ich auch keine fernere Bitte thun— ich verachte es, ein Bettler fuͤr mein L- ben zu werden— aber ich ſehe Eure Bewegung.“ — Wirklich? Nun, ſo muß ich die Sache raſch abthun!— Graf, wir— das heißt, der Prieſter, der Scharfrichter und ich ſelbſt— ſind — 293 Alle bereit.— Ich hoffe, Ihr zuͤrnt nicht auf mich?— Als Vilain dieſe Worte geſprochen hatte, oͤff⸗ nete er die Thuͤr, und Vrank ſahe in dem Zimmer daneben die ſchrecklichen Todesanſtalten wirklich ſchon alle getroffen— einen Prieſter in ſeinem Ornate, das Gebetbuch in der Hand, einen verwildert aus⸗ ſehenden Menſchen, der eine Art hielt, ein halbes Dutzend Maͤnner unter Waffen, und einen niedri⸗ gen hoͤlzernen Block, auf den ein Gehuͤlfe mit der einen Hand ein ſchwarzes Tuch legte, waͤhrend er mit der andern einen Korb hielt. Vrank fuhr zuruͤck, und ſtand ſtill, dieſe fuͤrch⸗ Y'terlichen Zuruͤſtungen anſtaunend. Das kuͤhne Herz, welches im Angeſichte eines feindlichen Heeres ſich gehoben und muthig geſchlagen haben wuͤrde, ſank, und fiel zuſammen bei einem Anblicke, wie dieſer. Ob das Schlachtopfer roth oder blaß wurde, ob ſeine Glieder zitterten oder ſeine Zaͤhne an einander ſchlugen, wiſſen wir weder, noch bekuͤmmern wir uns darum. Er wuͤrde weniger als Menſch gewe⸗ ſen ſeyn, waͤre er bei ſolch' einem Looſe ungeruͤhrt geblieben— aber ſchlechter als eine Memme, waͤre er nicht im Stande geweſen, ihm zu begegnen, wie es einem Manne geziemt. Er blickte einige Sekun⸗ 291 den die Scene an, richtete dann ſchnell ſeine Augen gen Himmel— legte ſeine Haͤnde uͤber die Bruſt — und nun,— wie ein tiefer Seufzer in ihm noch aufſtieg, als wolle er damit von der Welt Abſchied nehmen, wendete er ſich ruhig gegen den Gouver⸗ neur, und ſagte: „Ich bin jetzt ganz, ganz bereit!“ Ob er es gleich war, oder zu ſeyn glaubte, ſo ſchien doch der Gouverneur es nicht zu ſeyn. Die⸗ ſer betrachtete nun ſeiner Seits einige Augenblicke die graͤßlichen, geraͤuſchloſen Vorbereitungen außer⸗ halb der Zelle, und ein verzweifelter innerer Kampf war in dem Arbeiten ſeiner groben Zuͤge ſichtbar. Sein finſterer Blick, ſeine geſchloſſenen Zaͤhne, die hervortretende Unterlippe, geballten Haͤnde und ſtarre Stellung zeigten beredt, daß er nicht ein bloßer un⸗ empfindlicher Vollſtrecker des Willens eines Tyran⸗ nen, ſondern ſo menſchlich ſey, wie er tapfer war, obgleich keine dieſer Eigenſchaften bei ihm durch die einnehmende Weiſe, ſie an den Tag zu legen, geziert wurde, welche bei gebildetern Beſitzern derſel⸗ ben ihren Werth ſo ſehr erhoͤht. Allein was konnte man voͤn dieſem rauhen Soldaten erwarten, wenn ein Gefuͤhl von Pflicht ſeine ſich dagegen auflehnen⸗ den Ungluͤcksahnungen beſtritt? — 295 — Nein, nein— ich kann es nicht thun! folgt mir, Graf,— rief er aus, und er ging ihm in das Außenzimmer voran. Van Borſelen folgte ihm mit feſtem Schritt, und ſobald als ſie eingetreten wa⸗ ren, kam der Scharfrichter auf ſie zu, der Prieſter begann ſeine Todtengebete abzuleſen, die Wachen ſtanden unter dem Gewehr, und die Thuͤr wurde von dem Aufwaͤrter geſchloſſen.. Um dieſelbe Stunde am folgenden Morgen durchſchritt Philipp von Burgund eine der weiten Galerieen ſeines Palaſtes in der Stadt Gent; die naͤmliche, worin Jacqueline von Holland ſehr oft hin und her gegangen war waͤhrend ihrer dreimo⸗ natlichen Gefangenſchaft vor noch nicht zwei Jah⸗ ren, und von wo aus ſie zu ſeinem großen Ver⸗ druſſe damals ihre Entweichung bewirkt hatte. Phi⸗ lipp hatte wenige ſorgenfreie Stunden, und die jez⸗ zige war keine derſelben. Die Menſchen, welche dem Ehrgeize froͤhnen, koͤnnen ſelten von ihren Ge⸗ danken ausruhen, und viel weniger noch Jemand, der, wie Herzog Philipp, ſeine Haͤnde ſo in die Schuld von Beraubung und Unterdruͤckung getaucht hatte. Wie arm auch der Troſt fuͤr die leidende Menſchheit, und wie unzulaͤnglich die auf ſolche Weiſe von dem Unterdraͤcker bezahlte Strafe iſt, ſo 296 bleibt es doch immer angenehm zu wiſſen, daß ſein Triumph nicht unvermiſcht mit Reue iſt, und ſeine Stunden der Einſamkeit keine Stunden der Ruhe ſind. Die Einbildungskraft, deren Engelsbeſuche tugendhafte Gemuͤther aufheitern, verfolgt ihn, wie ein boͤſer Feind. Das Blut der tapfern Tauſenden, welche von den Raͤdern ſeines Geſchuͤtzes zermalmt wurden, ſteigt vor ihm in erſtickenden Daͤmpfen auf — das Wehgeſchrei ſterbender Maͤnner, verzweifeln⸗ der Weiber und verwaiſeter Kinder ſchallt in ſei⸗ nem Gehirne— der Fluch der Edelgeſinnten druͤckt ihn nieder, die Geſchichte brandmarkt ſeinen Na⸗ men mit Schande, und die Furcht vor dem Grabe macht auch den kuhnſten Tyrannen aͤngſtlich auffah⸗ ren und vor Schrecken erbeben. Wir wollen nicht behaupten, daß Philipp's Handlungen dieſe Aeuße⸗ rungen im ganzen Umfange verdienen. Sie wer⸗ den vielleicht eher durch Thaten, welche ſich in den Tagen ereignen, worin wir leben, als in denen, wo⸗ von wir ſchreiben, hervorgerufen. Die Verbrechen fruͤherer Zeiten koͤnnen Nachſicht finden, wenn man die Dunkelheit der moraliſchen Atmoſphaͤre betrach⸗ tet, in welcher die Menſchen damals wandelten und fehlten. Nichts aber haͤlt uns jetzt zuruͤck, den Elenden auf dem Throne zu verwuͤnſchen, der mit 297 Willen blind gegen die helle Fackel der Aufklaͤrung und Wahrheit liſt; der ſein Geſchlecht unter die Fuͤße tritt, und mit dem Herzblute der Freiheit ſei⸗ nen Durſt ſtillt. Philipp ging getrennt von den Perſohen ſeines Gefolges. Er ließ mehr als gewoͤhnliche Beſorg⸗ niß blicken. Er war jetzt ein ſehr verſchiedener Mann, dem Ausſehen und ſeinen taͤglichen Ge⸗ wohnheiten nach, gegen den, welchen wir unſeren Leſern auf dem Turnierplatze in Hesdin zeigten. Sein perſoͤnlicher Streit mit Gloceſter war laͤngſt durch die Entſcheidung des Conſeils in Paris beſei⸗ tigt, welches erklaͤrte, daß kein Grund zum Zwei⸗ kampfe zwiſchen ihnen vorhanden ſey. Seine Waf⸗ fenuͤbungen waren in Folge deſſen aufgegeben wor⸗ den, und mit ihnen war viel von jener Schnellkraft des Geiſtes und Benehmeus, durch die er ſich aus⸗ gezeichnet hatte, verloren gegangen. Die ſich ver⸗ längernden Unruhen in Holland und der Erſolg ſei⸗ ner Uſurpation hatten ihm taͤglich Sorge und, wie wir hoffen, Reue gemacht; waͤhrend er, anſtatt in Feſten, Turnieren und Ausfluͤgen nach Paris, und der erheiternden Mannichfaltigkeit ſeines fruͤheren Lebens, ſeine Zeit in Unterhandlungen mit wider⸗ 13** 298 ſpaͤnſtigen Staͤdten, in der Unterſuchung von Ver⸗ ſchwoͤrungen und Befeſtigung ſeiner neuen Erwer⸗ bungen durch jede Art unwuͤrdiger Raͤnke hin⸗ brachte.. „Der Gouverneur von Rupelmonde iſt in groͤß⸗ ter Eil angekommen, und erwartet draußen die Be⸗ fehle Eurer Hoheit!“ ſagte der bei Philipp dienſt⸗ thuende Oſſizier, indem er ſich ihm ein wenig naͤ⸗ herte. 4* — Schon!— rief der Herzog aus, mit einem ungeduldigen und faſt wuͤthenden Auffahren, und einem Fußtritt auf den Boden, der die Galerie er⸗ ſchuͤtterte.— Ol das iſt der Fluch der Gewalt, ſtets uͤberdienſtfertige Werkzeuge zu finden, ihre uͤber⸗ eilteſten Befehle zu vollſtrecken! Laßt Vilain in mein Kabinet kommen!— Mit dem Ausſpruche dieſes Gedankens,(der entweder die augenblickliche Reue eines wirklich in Aufwallung gerathenen Mannes, oder nur eine vorgegebene affektirte Maͤßigung ſeyn konnte) verließ er die Galerie, und wenige Augen⸗ blicke nachher trat der Gouverneur von Rupelmonde in ſein Kabinet, und ſtand ſchweigend vor ihm. — Nun, Johann Vilain, warum ſprecht Ihr nicht? Weshalb ſteht Ihr mit dieſer Henkersmiene 299 da, und zwingt mich, Euch zu frabene— Iſt er todt?— „Brauchen Eure Hoheit dieſe Frage an mich zu richten? Koͤnnte ich es wagen, Euern Befehlen nicht zu gehorchen?“ — Ich bitte Dich, Freund, antworte mir ge⸗ radezu. Iſt er todt?— „Er iſt es, zu Eurer Hoheit Befehl! der Graf von Oſtervent ſtarb den Tod eines Verraͤthers ge⸗ ſtern Morgen.“ Bei dieſen Worten ſchien Philipp von Gram uͤberwaͤltigt.— Todt!— rief er aus, indem er verſtoͤrt auf und nieder ging.— Todt, und dazu wie ein Verraͤther! der tapfere und edle Zweig der Borſelen, die Bluͤthe der Ritterſchaft!— o, Jo⸗ hann, Johann, was habt Ihr gethan? Und ich, warum wartete ich nicht Beweiſe ab? warum ließ ich ſie nicht die Heirath vollziehen, welche der Ver⸗ wirkung aller ihrer Beſitzungen das Siegel aufge⸗ druͤckt haben wuͤrde? O, Johann Vilain, mein zuverlaͤſſiger aber unvorſichtiger Feemde wir haben zu raſch gehandelt!— Waͤre Philipp's Kummer nur uͤber den ploͤtzli⸗ chen Tod eines verdächtigen Vaſallen geweſen, ſo 300 wuͤrde Johann Vilain vielleicht darauf gerechnet haben, daß er ohne irgend eine ſehr heftige Wirkung voruͤber gehen wuͤrde. Aber der letztere Theil der Rede des Herzogs enthuͤllte andere Beweggruͤnde, welche es wahrſcheinlicher machten, daß ſein Be⸗ dauern uͤber dieſe eilige Ausfuͤhrung tiefere Wurzel faſſen moͤchte. Dieſes Anzeichen ergreifend, ſagte Vilain in einem Tone von Flehen und Zweifel: „Beklagt Eure Hoheit denn wirklich das Schick⸗ ſal dieſes jungen Mannes? Wolltet Ihr, daß er noch lebte?“ — Ob ich es wollte?— bei der heiligen Jungfrau, fuͤr den Preis einer Provinz! Ich habe ſchon zu viel Blut an meinen Haͤnden, Vilain, und waͤre Borſelen am Leben geblieben, und haͤtte Jae⸗ quelinen geheirathet, was ohne Zweifel geſchehen ſeyn wuͤrde, haͤtte mein zorniger Befehl und Euer blutduͤrſtiger Eifer es nicht verhindert, ſo wuͤrden drei Grafſchaften mein geweſen ſeyn. Ob ich wuͤn⸗ ſche, daß er noch lebte? Ach, Johann, Johann, was habe ich durch ſeinen Tod gewoͤnnen?— „Weder dadurch gewonnen, noch verloren, gnaͤ⸗ digetn Herr:“ rief Vilain, indem er auf ein Knie ſank;„van Borſelen lebt— ich habe ſein Urtheil 301 aufgeſchoben— wenn Ungehorſam Tod verdient, nehmt meinen Kopf— ich bin zum Blocke bereit!“ — Er lebt, er lebt, ha! hal ha! ha!— rief Philipp aus, und lachte krampfhaft;— er lebt? Seyd Ihr deſſen gewiß, Johann? Ihr ſagtet ſo eben, daß er todt ſey— welches u ich nun glauben?— „Cdler Herzog, er lebt, ſo gewiß als chs vor Euch kniee!“ erwiederte Vilain, indem er in das laͤchelnde Geſicht des Herzogs blickte, welcher ihn an beiden Schultern faßte und freudig ſchuͤttelte. — Mein braver Johann, es thut mir leid, daß ich Dich ſchon zum Nitter geſchlagen habe, weil ich es nun jetzt nicht thun kann; aber hier, nimm dies als ein Zeichen meiner Liebe! Dies iſt das dritte Mal, daß Du mir das Leben giebſt!— Waͤhrend er ſprach, warf er ein reich mit Edelſteinen beſetztes Wehrgehaͤng und das Schwert, welches daran hing, uͤber Vilain's Kopf; aber ehe er es noch ganz auf ſeiner Schulter ruhen ließ, fuͤgte er in einem zweifelnden Tone hinzu: — Ihr haltet ihn geborgen? Er iſt ſicher?— „In einem der tiefſten und feuchteſten Kerker, moͤge es Eurer Hoheit gefallen.“ 30² — Nein, es gefaͤllt meiner Hoheit nicht, guter Johann.— Tief und feucht! Nein, nein, Johann — wir muͤſſen ein ſo koſtbares Unterpfand fuͤr Jac⸗ quelinens Verderben nicht dem Fieber oder Rheu⸗ matismus ausſetzen! Geht, geht, Vilain, reitet ſchnell, und haltet Euch unterweges nicht auf.— Bringt ihn in Eure eignen Zimmer herauf— gebt ihm gute Nahrung— behandelt ihn mit Artigkeit — er iſt ein tapferer Ritter, Vilain, und aus ei⸗ nem dickbluͤtigen Geſchlechte, welches Bequemlichkeit und gutes Leben bedarf. Der feuchteſte Kerker! Johann, Johann, mich uͤberlaͤuft's kalt, wenn ich nur daran denke! Fort, fort! Ich werde T Dir bald folgen, mit einer hinreichenden Macht, das Schloß vor tleberrumpelhun zu ſichern.— —,— ———— ——— gwoͤlftes Kapitel. Der Gouverneur von Rupelmonde eilte, aus eie nem edleren Antriebe, denn bloße Beſorgniß ſeinen Gefangenen vor einem Fieber zu bewahren, nach der Feſtung zuruͤck. Er wünſchte ſehnlichſt, ihn von der ſchrecklichen Ungewißheit zu befreien, in der er ſchmachtete, und die Freude zu haben, ihm verſi⸗ chern zu koͤnnen, ſein Leben ſey nicht mehr gefaͤhr⸗ det. Eiligſt ſtieg er daher in van Borſelen's Ker⸗ ker hinab, der wirklich ſo beſchaffen war, wie er⸗ ihn dem Herzoge beſchrieben hatte; denn der Ge⸗ fangene ſowohl, wie der Kerkermeiſter, waren glei⸗ cher Meinung geweſen, es müuſſe nothwendigerweiſe auf's hoͤchſte geheim gehalten werden, daß er noch lebe, bis der zweifelhafte Verſuch auf Philipp's Ge⸗ fuhle gelungen ſeyn wuͤrde, deſſen Fehlſchlagen ſicher⸗ lich Vrank' ſchnelle Hinrichtung in aller Stille bei 304 Johann Vilain's Ruͤckkehr von Gent zur Folge ge⸗ habt haben wuͤrde. „Nun, Gouverneur, nun?“ rief Vrank, als Vilain in die Zelle trat, und ſich halb athemlos auf das elende Bett warf, welches zwei Tage lang die Ruheſtaͤtte des Gefangenen geweſen war. „Was habe ich zu erwarten, oder auf was habe ich mich vorzubereiten?“ fuhr er fort, worauf ihm der Gouverneur, anſtatt einer Antwort, nur mit ſchraubengleichere Gewalt krauvſhaſt die Hande druͤckte.. nas„So iſt denn Ales vorbei?“—„d warum ſtarb ich nicht gleich? Warum mußte ich zwei Tage lang in dieſer verzweifelten Hoffnung ſchmachten?“ „Nur Geduld, nur Geduld,“ jagte Bilain; „Graf, reicht mir den Krug dort her— beim Him⸗ mel, es ſteckt mir etwas in der Kehle— Jche er⸗ ſticke! 2t Van Borſelen, ee⸗ die gebrochonde und rhe chelnde Stimme erſchreckt, welche dieſe Verſicherung beſtaͤtigte, reichte dem Gouverneur den Krug hin. Dieſer that einen tuͤchtigen Schluck von denn Waſ⸗ ſer, und ſagte dann: „Ja, nun iſt mir beſſer— ich kanm prechen — 3⁰⁵ ohne zu ſchluchzen. Und nun frage ich Euch, Graf, glaubt Ihr, daß wenn ich boͤſe Nachrichten zu hin⸗ terbringen haͤtte, ich Euch in ſolcher Ungewißheit laſſen wuͤrde? Nein, beim St. Andreas! Ich wuͤrde mit dem Meiſter Haͤmmerling an meiner Seite he⸗ reingetreten ſeyn, und er haͤtte Euch den Kopf ohne alle vorherige Anzeige abſchlagen ſollen. Aber nein, glaubt mir's, Graf, ich bin nicht der Mann, Euch oder irgend einen andern tapfern Ritter, lieblos oder unzart zu behandeln. Euer Leben iſt außer Gefahr— der Herzog hat es zugeſtanden— aber ich fuͤrchte, es iſt mit einer Bedingung verbunden, welche fuͤr einen unabhaͤngigen Mann verzweifelt hart iſt— wenn ich mich nicht ſehr irre, ſo wird er darauf beſtehen, daß Ihr heirathet.“ „Euer Leben iſt außer Gefahr,“¹¹ waren ſo ſüͤß klingende Worte, daß man van Borſelen ſchon verzeihen muß, wenn er Alles, was ihnen vorher⸗ gegangen oder nachgefolgt war, entweder vergeſſen oder nicht gehoͤrt hatte. Doch brach er in keinen unſchicklichen Jubel aus, denn ein wahres Glied der Ritterſchaft wuͤrde ſich eben ſo ſehr herabgewuͤr⸗ diget haben, wenn er Freude, dem Tode entgangen zu ſeyn, als Furcht, dazu verdammt zu werden, geaͤußert haͤtte. Vrank hoͤrte deshalh die guten 1 Nachrichten mit ruhigem Vergnuͤgen an, und laͤ⸗ chelte nur, als Johann Vilain ihm, im groͤßten Ver⸗ trauen, mittheilte, er ſey uͤberzeugt, Herzog Philipp habe ſich vorgenommen ihn zu zwingen, die Graͤfin Jacqueline zu heirathen. Schnell wurde er nun von der Zelle unten, nach einem Zimmer oben ver⸗ ſetzt; und die beſchraͤnkende Bedingung des Pardons, welche Johann Vilain ſo ruͤhrend beklagt hatte, mochte wahrſcheinlicherweiſe Vrank van Borſelens Zufrie⸗ denheit nicht ſehr verringern. Aber nur wenige Stunden waren nach dem angenehmen Wechſel in der Lage des Letzteren ver⸗ gangen, als ein Umſtand, der von ihm nicht ganz unvorhergeſehen war, die Art ſeiner Behandlung nochmals veraͤnderte, und obgleich ſich dadurch eine Ausſicht auf Befreiung eroͤffnete, ſtuͤrzte ihn der⸗ ſelbe in Wirklichkeit doch in groͤßere Gefahr als vorher. Dies war die Erſcheinung verſchiedener mit Soldaten angefuͤllter feindlicher Schiffe auf dem Strome, die ihre Richtung gegen das Schloß nahmen, waͤhrend man einen Trupp Bewaffneter auf der Landſeite heranruͤcken ſah. Johann Vilain war ein zu guter Soldat, als daß er ſich haͤtte ſollen gaͤnzlich uͤberraſchen laſſen. Er hatte ſchon vor der Verhaftung Vrank's vorausgeſehen, daß ein Aufſtand in den Provinzen von Holland und Zeeland ausbrechen wuͤrde, ohne indeß zu vermuthen, daß er von Einfluß auf ihn ſelbſt ſehn wuͤrde. Aber er bemerkte jetzt ſehr deut⸗ lich von ſeinen Waͤllen, daß von den Spitzen der Maſten der ſich naͤhernden Schiffe nicht die Bur⸗ gundiſche, ſondern die alte Hollaͤndiſche Flagge wehte, nebſt einer andern mit den neuen Farben, die van Monfoort, eben ſo romantiſch wie galant, als eigene Auszeichnung Jacquelinens angenommen hatte. Sobald der Gouverneur uͤberzeugt war, daß ein Angriff auf ſeine Feſtung von dem anſe⸗ gelnden Geſchwader beabſichtigt wuͤrde, und daß die Befreiung van Borſelen's nur allein deſſen Zweck ſeyn koͤnne, war auch ſein Entſchluß gefaßt, nehm⸗ lich, ſich bis auf's Aeußerſte zu vertheidigen, und wenn Widerſtand hoffnungslos werden ſollte, ſich ſelbſt, die Garniſon, und das Schloß in die Luft zu ſprengen; aber lange vorher, ehe die Sachen ſo bis aufs Aeußerſte gekommen waͤren, den Kopf ſei⸗ nes Gefangenen abſchlagen zu laſſen, und ſo jede Moͤglichkeit eines Entrinnens, oder einen Vorwurf gegen ſich ſelbſt zu verhindern. Dieſe Entſcheidung theilte er van Borſelen, ſeinen beſonderen Anſichten von Offenheit und Zart⸗ 303 heit gemaͤß, mit, und die erſten Beweiſe ſeiner Aufrichtigkeit beſtanden darin, daß er ihn mit Ket⸗ ten beladen und wieder nach ſeinem Kerker zuruͤck; fuͤhren ließ, wo er die Zwiſchenzeit, welche die naͤch⸗ ſten ſich ſchnell folgenden Ereigniſſe einnahmen, mit ſo aufgeregten Gefuͤhlen hinbrachte, als man ſi 4 vorſtellen kann. Zu Johann Vilain's großem Troſte, wiefen ſich die Truppen, die zu Lande anruͤckten, als eine Ver⸗ ſtaͤrkung von einigen hundert Mann aus, die der Herzog von Burgund ſelbſt befehligte. Sie zogen in das Schloß ein, ohne von den Schiffen, welche den Strom hinaufſegelten, geſehen zu werden, und wurden ſo vertheilt, um augenblicklich in Bereitſchaft zu ſeyn, ſich Denjenigen zu zeigen, welche die Abſicht haben moͤchten, das Schloß zu erſtuͤrmen, und ſie ihres Irrthums zu uͤberfuͤhren, wenn ſie auf einen ſchwachen Widerſtand von einer nicht hinreichenden Garniſon gerechnet haͤtten. Beinahe in demſelben Augenblicke, als Philipp das Thor erreichte, naͤ⸗ herte ſich von einer andern Richtung ein kleiner Zug, der einen Gefangenen mit ſich fuͤhrte, welcher von Allen, die ſeinen liſtigen Nachſtellungen aus⸗ geſetzt waren, naͤchſt van Borſelen, der Mann war, den er am meiſten in ſeine Gewalt zu bekommen 309 wüͤnſchte. Es war kein Anderer, als Rudolph van Diepenholt, der Biſchof von Utrecht, der ſich un⸗ vorſichtigerweiſe durch einige Abgeordnete Philipps hatte in die Schlinge locken laſſen, und nun in MRupelmonde ankam, um hierdurch die Menge wun⸗ derbarer Erfolge zu vermehren, welche in dieſer, wie in allen andern Anöelegenheiten, Philipp's zaläne zu kroͤnen ſchienen. Eine kurze Unterredung zwiſchen dem Biſchofe und dem Herzoge reichte hin, den Erſteren zu be⸗ lehren, daß Vieles, aber keineswegele Alles, was ſeine Unternehmungen in Verbindung mit Jacque⸗ line und Borſelen anbetraf, entdeckt ſey. Er war kein Mann von vielen Worten, wo Worte ſo we⸗ nig fruchteten; und ſetzte ſich nicht aus, ſich unnö⸗ tbhigerweiſe Bloͤßen zu geben, oder zu erniedrigen. Er ließ ſich daher Philipp's Vorwuͤrfe ohne Antwort gefallen, ſetzte ſeinen Drohungen keine Vorſtellungen mentgegen, und erwartete ruhig den Ausgang ſeines Schickſals. Er wurde indeß nicht mit irgend auf⸗ fallendem Unglimpfe von dem Herzoge behandelt, welcher andere Abſichten hatte, als Diejenigen, welche in ſeine Haͤnde fielen, unnoͤthigerweiſe zu demuͤthi⸗ gen. Er wuͤrde in der That ſogleich den Befehl gegeben haben, van Borſelen's Ketten abzunehmen, 310 haͤtte er nicht einen Zweck, fuͤr beinahe augenblick⸗ liche Wirkung, im Auge gehabt, der den Anblick dieſer Feſſeln erforderte, um ſeinen etwas melodra⸗ matiſchen, aber ſtreng hiſtoriſchen, Plan auszu⸗ fuͤhren. Philipp ſchloß ganz richtig, daß Jacqueline ſelbſt am Bord eines der Schiffe ſey, welche jetzt ſo muthig mit der heranſtroͤmenden Flut, in all dem Stolze einer gewagten und begeiſternden Unterneh⸗ mung heraufkamen. Sie hatte keinen Augenblick nach van Bezſelen's Abreiſe von Zuylen verloren, in aller Eile ſo viele Truppen zuſammen zu bringen, als ſie und ihr treuer Rathgeber, van Monfoort, fuͤr vollkommen hinreichend hielten, um das einſam gelegene Schloß zu uͤberfallen, wohin, wie ihr ihre Ahnungen ſagten, van Borſelen nur der Schande und der Gefahr von Gefangenſchaft halber, oder vielleicht um ihn ſogar zum Tode zu fuͤhren, gelockt worden war. Zwei oder drei hundert auserleſene Maͤnner, mit einigen Stuͤcken Geſchuͤtz, wurden von van Monfoort und de Brederode im Stillen ver⸗ ſammelt und an Bord dreier Handelsfahrzeuge ge⸗ bracht, welche zum Gebrauche der Verbuͤndeten dicht an einer der Inſeln in der Schelde bereit lagen; ſie paſſirten glüͤcklich Antwerpen, ohne entdeckt zu 311 werden, und fuhren den Strom hinauf, bis zu deſſen Zuſammenfluß mit der Nethe, dem beinahe gegenuͤber Rupelmonde lag. Sogleich, wie ſie dort angelangt waren, wurden die Kanonen auf's Ver⸗ deck gebracht; und da das mit dieſem Verfahren verbundene Geraͤuſch ihre feindſeligen Abſichten ver⸗ rietb, ſo wurden die Farben von Holland und Jac⸗ auelinens kuͤhn aufgezogen, die Soldaten auf eine ſchnelle Landung und augenblicklichen Sturm vor⸗ bereitet, und dem Ganzen der Anſtrich von Staͤrke zu geben geſucht, von dem man annehmen konnte, daß er in einem ſo ſchwach und ſchlecht beſetzten Platze, wie nach ihren ſicheren Nachrichten Rupel⸗ monde war, Schrecken verbreiten wuͤrde. Waͤhrend die beiden groͤßten Schiffe, unter dem Befehle de Brederode's, eine Poſition dem Schloſſe gegenuͤber einnahmen, und ſich der Laͤnge nach hart davor legten, um ihre Artillerie mit gan⸗ zer Kraft darauf ſpielen zu laſſen, ließ Jacqueline das andere ſich dem Ufer naͤhern, und nachdem ſie mit van Monfoort und vierzig Reitern gelandet war, beſtieg ſie ihr Pferd, das ſchoͤne Thier, wel⸗ ches ſie kuͤrzlich von ihrer Mutter zum Geſchenk erhalten hatte, ſetzte ſich an die Spitze des Trupps, und ritt ſchnell bis an die vor dem Schloßthore 312 liegende und aufgezogene Zugbruͤcke, um den Platz aufzufordern, ſich zu ergeben. Waͤre die gaͤnzliche Vernichtung Jacquclinens 1 der Wunſch des Herzogs von Burgund geweſen, ſo haͤtte er mit großer Leichtigkeit einen Ausfall ma⸗ chen, und dieſe Entſcheidung zuwege bringen koͤnnen; aber wahrſcheinlich ſcheute er ſich, das Gehaͤſſige einer ſolchen Maaßregel auf ſich zu laden, welche die Gewalt der Tyrannei mit liſtigem Manoͤvriren ver⸗ eint haben wuͤrde. Anſtatt daher den gedrohten Angriff zuruͤck zu ſchlagen, waͤhlte er den Weg der Unterhandlung, und zu Jacquelinens unendlichem Erſtaunen beantwortete er die Aufforderung ihres Trompeters dadurch, daß er ſelbſt auf den Mauern erſchien, waͤhrend in demſelben Augenblicke einige hundert Krieger ihre behelmten Haͤupter, geſchwun⸗ genen Lanzen, Schwerter, und tragbares Wurfge⸗ ſchoß aller Art über die Zinnen emporhoben. Jacquelinens Herz bangte vor Schrecken— nicht ihrer ſelbſt wegen, aber durch die Staͤrke der naͤmlichen Leidenſchaft erſchuͤttert, welche vorher ihre Thatkraft angefeuert hatte, und dieſe jetzt un⸗ ter dem zerſtoͤrenden Hauche der Verzweiflung lahmte. Waͤre van Borſelen nicht der einzige Ge⸗ genſtand ihrer Gedanken geweſen, ſo wuͤrden Philipp und 1 3— 313 und ſeine bewaffneten Soldaten nichts als ihren Zorn, und ihren Muth erregt haben. Allein nur an ihren Geliebten denkend, uͤberſprang ſie alle die Stufen von Erſtaunen und Verwirrung, welche Philipp's Erſcheinung ſo natuͤrlich hervorbringen mußte, und kam auf einmal zu der Sache, der alle andere an Wichtigkeit nachſtanden, und die damit zuſammen hing. Mit kaum deutlicher Stimme, und nur eben in der kleinen offenen Galerie hoͤrbar, welche uͤber dem Thore zum Behufe von Unterhandlungen ane bracht war, rief ſie: „O, Philipp, iſt er außer Gefahr? Sagt mir, aus Barmherzigkeit, bei Euern irdiſchen Triumphen, und Euern Hoffnungen auf den Himmel, ſagt ni lebt van Borſelen noch?“ — Ei der Tauſend! Seyd Ihr es, ſchöne Couſine, die uns dieſe Begruͤßung heraufſendet?— erwiederte Philipp mit lauter Stimme und ſpotten⸗ dem Tone, welcher vieles Gelaͤchter unter den Offi⸗ zieren an ſeiner Seite erregte, und van Monfoort und die Uebrigen von Jacquelinens Begleitung zur hoͤchſten Wuth entflammte.— Ihr, die ſo weit herkommt, um unſerer Gegenwart in dieſem arm⸗ ſeligen Schloſſe von Rupelmonde Ehre zu erweiſen? Wie geht das zu? Kommt der Oberforſtmeiſter, im III. 14 314— Auftrage ſeiner Oberlehnsfrau, der Graͤfin von Hol⸗ land, dem Ruward Rechenſchaft von ſeiner Ver⸗ waltung abzulegen? Und mit ſo glaͤnzendem Ge⸗ folge! Ein halbes Hundert geharniſchter Reiter und drei Kriegsſchiffe, mit ruͤſtigen Streitern angefuͤllt, anſtatt des gemeinen Zuges eines Dutzend unſau⸗ berer Waldhuͤter in braunen Waͤmſern, und unge⸗ ſchickte Streitaͤrte tragend?— „8, Philipp, um der heiligen Jungfrau und Deines heiligen Schutzpatrons St. Andreas Willen, amworte mir— ich ſinke, ich vergehe vor Furcht! lebt er noch?“ — Was! iſt dies am Ende nicht ein Sofüch⸗ keitsbeſuch, den Ihr uns macht, ſondern nur eine Nachfrage nach dem edlen Statthalter, dem tapfern Grafen von Oſtervent, dem Haͤuptling der Kabble⸗ jaws? Bei meinem Schutzpatron, den Ihr anruft, ſchöͤne Couſine, und der Euch dieſes Mitleid fuͤr Euern alten Feind eingeſloͤßt haben mag— und bei der heiligen Jungfrau, welche, ich fuͤrchte ſehr, Euch eben nicht als Vorbild der Keuſchheit gedient hat, ſchwoͤre ich, daß dies mein Erſtaunen erregt!— „ Alle Teufel in der Hoͤlle! Warum habe ich keinen Bogen oder Buͤchſe, einen Pfeil oder eine Kugel gegen dieſen unverſchaͤmten Tyrannen abzu⸗ ſchießen!“ rief van Monfoort, wie er Jacquelinen mit einem Arm umfaßte, als er ſah, daß ſie der Ohnmacht nahe war, und faſt von ihrem Sattel herabglitt, waͤhrend er den andern ausſtreckte und mit geballter Fauſt eine zornige Bewegung gegen Philipp hin machte. Dieſe Unklugheit erweckte Jacquelinen zum Bewußtſeyn der Gefahr, die Wuth des Herzogs zu erregen, und brachte ſie ſchneller wieder zu ſich, als die triftigſten— ha⸗ ten bewirken koͤnnen. „Philipp,“ rief ſie noch einmal, aber mit einer Stimme, die eher Verzweiflung als Erſchoͤpfung ausdruͤckte,„dieſe Tortur iſt ſchrecklich— mehr kann ich nicht ertragen. Antworte mir, lebt er? Antworte ſchnell und deutlich, oder bei den himm⸗ liſchen Heerſchaaren, ich ſtuͤrze mich augenblicklich in dieſen tiefen Graben— und mein Blut komme uͤber Dein Haupt.“ 3 3 Sie richtete ſich im Sattel auf als ſie ſprach, und indem ſie die Zuͤgel hoch in beiden Haͤnden hielt, hob das edle Thier, welches gewohnt war, der kleinſten Leitung zu folgen, ſeine Vorderfuͤße in die Hoͤhe, und war im Begriff uͤber die niedrige Bruſtwehr zu ſetzen, die den Graben umgab. Van Monfoort wurde durch die ſchnelle Bewegung von 14* 316 Jacquelinens Zelter auf eine Seite geworfen, und faſt aus dem Sattel gehoben.— Die Uebrigen von der Begleitung waren einige Schritte zuruͤck; kein Hinderniß war zwiſchen ihr und dem entſcheidenden Sprunge, durch den ſie auf den felſigen Boden des Grabens geſchmettert worden ſeyn wuͤrde, als Phi⸗ lipp, entſetzt uͤber dieſe ſo angedrohte ſchreckliche Cataſtrophe, welche, wie ihn Jacquelinens wilde Miiene und Ton uͤberzeugten, die Verlaͤngerung ſeiner grauſamen Verhoͤhnung gewiß zur Folge ge⸗ habt haͤtte, ſich faſt uͤber das Gelaͤnder der kleinen 41 Galerie warf, indem er ſich in hoͤchſter Unruhe orlegte, um dieſen verzweifelten Ausgang zu ver⸗ hindern. 1e e e eſ 12ſ. „Halt, Jaequeline, halt!“ rief er—„Er iſt wohl— er lebt.— Wartet nur einen Augenblick, und Ihr ſollt ihn friſch und geſund ſehen.“ Jacqueline hielt inſtinktmaͤßig ihren Zelter an, welcher ſich baͤumte und ausſchlug, in thieriſcher Ungeduld uͤber den Zwang, obgleich er dadurch vom Untergange gerettet wurde. Eben jetzt wurde van Borſelen durch die kleine Thuͤre, welche vom Schloſſe ſich nach der Galerie oͤffnete, herausgefuͤhrt; und wie er daſtand, mit Ketten beladen, und in ſtau⸗ nendem Entzüͤcken, welches ihn die Gegenwart ſeines 317 thranniſchen Herrn, ſeine eigene Gefahr, und Alles, außer ihr, auf der ſeine Blicke hafteten, vergeſſen ließ, ſtieß ſie ſo ein kurzes wildes Freudengeſchrei aus, wie es ſolche Auftritte, und nur dieſe allein, hervorrufen koͤnnen; und da ſie zugleich ſah, daß die Zugbruͤcke niedergelaſſen wurde, und das Schloßthor aufflog, ſo lehnte ſie ſich uͤber den Hals ihres Zel⸗ ters, trieb ihn zur hoͤchſten Eile an— und er flog mehr daruͤber hin, als daß er galoppirte, und ver⸗ ſchwand in dem Dunkel des gewoͤlbten Eingangs. Ehe noch ein Zuſchauer nach dieſem uͤberraſchenden Vorfalle Athem holen konnte, begann die Zugbruͤcke wieder langſam in die Hoͤhe zu gehen, und das ſchwere Thor ſich zu ſchließen, welches durch unge⸗ ſehene Perſonen, die die Ketten und Winden von innen handhabten, in Bewegung geſetzt wurde. Den Schall von des Zelters Hufen hoͤrte man in hohlem Getoͤſe auf dem Pflaſter innerhalb. Van Monfoort erholte ſich elektriſch von ſeinem laͤhmen⸗ den Erſtaunen, und indem er ſeinem Roſſe,— dem herrlichen Geſchenk van Borſelen's,— die Sporen in die Seite ſetzte, kam er noch eben uͤber die Zug⸗ bruͤcke und durch das Thor, wie jene aufſtieg, und uͤber den Abgrund ſich erhob, welchen ſie bewahrte, und dieſes auf ſeinen knarrenden Angeln ſich ſchloß 318 und durch ſtarke von ſelbſt hervorſchießende Riegel verrammelt wurde. Ein lautes Triumphgeſchrei und ein ſpoͤttiſches Gelaͤchter erhob ſich von den Zinnen. Der Trupp, welcher Jacquelinens Begleitung gebildet hatte, blieb einen Augenblick wie verſteinert uͤber dieſen Auf⸗ tritt— alsdann, wie auf gemeinſchaftliches Ein⸗ verſtaͤndniß, ungeachtet kein Wort kommandirt wur⸗ de, kehrten ſie um und eilten dem Strome zu, wo ſie ſo ſchnell als moͤglich, nachdem ſie ihre Pferde auf den niedrigen Wieſen frei gelaſſen hatten, ſich wieder einſchifften, und die ſeltſame Neuigkeit und ihren eigenen Schrecken an Bord des kleinen Ge⸗ ſchwaders brachten. Eine halbe Stunde nachher ſtrich de Brederode, einer Uebereinkunft gemaͤß, die zer mit dem Herzog getroffen hatte, ſeine beiden Flaggen, machte ſeine Kanonen demobil und ging mit ſeinen Schiffen in Frieden, wenn auch nicht in Freundſchaft, hart unter den Mauern des Schloſſes. vor Anker. Es iſt leicht abzunehmen, daß dieſe begeben⸗ heitsreiche halbe Stunde im Innern des Schloſſes mit vieler Thaͤtigkeit, und zu einem Endreſiltats fäbnande Atewende wurde. d n — — 319 Die ausgelaſſene Freude Jacquelinens und van Borſelen's, wie ſie ſich feſt umarmt hielten— der Triumph Philipp's über den Erfolg der Kriegsliſt, auf die er ſo richtig gerechnet hatte, um unſere Heldin in ſeinem Netz zu fangen— die Wuth van Monfoort's— das ernſte Bedauern Diepenholt's, muͤſſen ſaͤmmtlich des Leſers eigener Vorſtellung uͤberlaſſen bleiben. Die Folge von allem dieſem iſt bald erzaͤhlt. Da Philipp nun auf einmal die vier Perfonen in ſeine Gewalt bekommen hatte, welche er am meiſten auf der Erde füͤrchtete, und die al⸗ lein einige wirkſame Macht beſaßen, ſeinen Lieb⸗ lingsplaͤnen von Vergroͤßerung ſich entgegen zu ſtel⸗ len, ſo ſah er ſich nun im Stande, mit Jedem Bedingungen abzuſchließen, wie ihm nur irgend be⸗ liebte. Der erſte Gegenſtand war Jacequelinens unbedingte Entſagung aller ihrer Rechte auf Hol⸗ land, Zeeland und Friesland, als der Preis fürr van Borſelen's Leben. Kaum war der Vorſchlag gemacht, als ſie auch ſchon eine kurze, aber be⸗ ſtimmte, Akte unterzeichnete, welche von einem der Secretare Philipp's zu dieſem Zweck ſchon im Vor⸗ aus aufgeſetzt worden war, wäͤhrend Jacqueline noch vor dem Schloſſe unterhandelte. Als dieſe ge⸗ hoͤrig vollzogen und mit ihrem Staatsſiegel verſehen 320 war, was man vom Bord des Schiffes, auf dem ſie bei dieſer Expedition ſich befunden, herbeigeſchafft hatte, ließ ſich erwarten— und es wurde vielleicht von Einigen der Partei gehofft— daß Großmuth, wenn auch ſpaͤt, in Philipp's Bruſt einkehren, und daß er Jacquelinens Opfer und Leiden durch einen Heirathsvorſchlag mit dem Manne belohnen wuͤrde, fuͤr den ſie ihre Liebe bekannte, und fuͤr den ſie lebte. Dem war aber nicht ſo. Wozu auch Philipp, fuͤr Zwecke ſelbſtſuͤchtigen Ehrgeizes, ſich geneigt ge⸗ fuͤhlt haben mochte, ehe ſie in ſeine Macht gefallen waren, ſo nahm er ſich doch jetzt vor, die Moͤglich⸗ keit zu verhindern, daß Jemand in's Leben trete, der in Zukunft Anſpruͤche auf die Beſitzungen ma⸗ chen koͤnnte, welche er nach ſo vieler Muͤhe, und ſolcher Ungerechtigkeit, fuͤr ſich und die Erben, auf die er hoffte, geſichert hatte. Er faßte daher den Entſchluß, daß Jacqueline, ſowohl wie Borſelen, auf immer ſeine Gefangenen bleiben ſollten, in all' dem Kummer der Trennung und der Freudloſigkeit des ledigen Standes. Flandern war die Provinz, in der er ſich vornahm, ſie endlich in Haft zu hal⸗ ten; aber ehe er ſie nach dieſem ſicherſten Terrain aller ſeiner Beſitzungen brachte, hielt er es fuͤr noͤthig, daß Jacqueline ſelbſt die Verzichtleiſtung ———— — 3²21 auf ihre Anſpruͤche laut, und von jedem verſteckten Vorbehalte frei, in dem Lande, was am weſentlich⸗ ſten dabei betheiligt war, verkuͤnden ſollte. Die⸗ ſerhalb war es, daß Philipp beſchloß, ſich mit ſei⸗ nen vier Gefangenen zuerſt nach Dordrecht in Hol⸗ land zu begeben, wo Zweder van Culemburg ſich (unter ſeinem Schutze) inſtallirt, und die dem Nal men nach noch beſtehende, Autoritaͤt des biſchöftichen Stuhls von Utrecht aufgehoben hatte, da er darin beharrte, dieſen Sitz ſein zu nennen, ungeachtet der durch van Diepenholt, das Kapitel und die Bürges erlittenen ſchimpflichen Niederlage. zan Das Aufgeben von van Diepenholt s Arſpei⸗ chen war auch ein Punkt von großer Wichtigkeit fuͤr Philipp, da ihn dies von der beſtaͤndigen; Furcht vor Jaequelinens maͤchtigſtem Freunde befreien, und die Wiedereinſetzung feiner eigenen, ihm ganz erge benen Creatur, gewiß machen konnte, die einem Souveraͤn von Philipp's Charakter ſo viel als ein zuverlaͤſſiger Anhaͤnger galt. Nachdem auf dieſe Weiſe die doppelte Abdankung Jaentelinens und Rudolph's, nebſt beſtaͤndiger Haft in einer ſtädken Feſtung fuͤr jeden feiner Gefangenen beſtimmit war — denn auch van Monfpott war keine ſchlechee 14** 522 Beute, und keiner von den Feinden, die man freilaſſen kann— entſchied ſi ch der Herzog, ſeinen Triumph⸗ marſch nach Dordrecht am folgenden Tage anzu⸗ treten, und gab ſolche Befehle, die jede moͤgliche Entfaltung ſeiner eigenen Macht, und die gaͤnzliche Demuͤthigung ſeiner Gefangenen wäͤhrend deſſelben idtrzen Wir werden die Beſchreibung dieſes WMrſchs lergehen. Er war ganz ſo, wie ihn die hier letzt geſchriebenen Zeilen erwarten ließen. Jeder ent: ehrliche Cavalleriſt aus der Feſtung und der be⸗ nachbarten Gegend, vergroͤßerte den Zug, der durch alle Parade von Muſik und Fahnen noch auffal⸗ lender gemacht wurde. Als er Antwerpen am Abende erreichte, ſtroͤmte die ganze Bevoͤlkerung herbei, um die Gefangenen anzuſtaunen, und die Luft hallte von dem Lobgeſchrei zu Ehren ihres maͤchtigen und großherzigen Fuͤrſten wieder. Ein zweiter Tag gemaͤchlichen Reiſens brachte den Zug— der jetzt den Anſchein einer kleinen Ar⸗ mee gewonnen hatte— zu einem zweiten Nacht⸗ lager, einige Meilen von Dordrecht; und alles war auf's neue fuͤr den Wiederantritt des Marſches bei Sonnenaufgang am naͤchſten Morgen angeordnet, in der Abſicht, daß der oͤffentliche Einzug in die 323 letztgenannte Stadt noch zeitig am Tage erfolgen ſollte, um faͤr die Feſtlichkeiten, die zu Ehren der Veranlaſſung beabſichtigt wurden, hinlaͤnglich Zeit zu haben.. Die Begebenheiten dieſes wichtigen Tages ſol⸗ len in einem andern— dem Schlußkapitel erzaͤhlt werden. „ Dreizehntes Kapitel. Nie ging einem Morgen eine mehr ungluͤcksſchwan⸗ gere Nacht, oder eine ſchrecklichere Morgendaͤmme⸗ rung voran, als dem, der jetzt uͤber die ganze Ge⸗ gend anbrach, durch welche die Marſchroute lag. Kaum hatte die Dunkelheit ihren Mantel uͤber die erbleichenden Schoͤnheiten des vergangenen Tages geworfen, als man ein dumpfes Heulen hoͤrte, das uͤber die Ebenen herkam, die ſich weſtwaͤrts nach dem Meere zu erſtreckten. Das Toben der Wellen gegen die Schutzwehren, zu deren Errichtung kaum Jahrhunderte hingereicht hatten, erklang wie die Stimme des Ozeans, der zornig dem Menſchen die Beute wieder abfordert, welche durch dieſen nach einem ſo langen Kampfe ſeiner Herrſchaft entriſſen worden war. Diejenigen, welche einſt auf die an⸗ ſtroͤmende Fluth gehorcht hatten, hatten wohl Ur⸗ ſache zu ſchaudern, wenn man die fruͤhere Zeit ſich — ,325 ausmalt, wo das Waſſer noch Meilen weit in's Innere vordrang, und Alles, was jetzt in Anbau und Wohlſtand laͤchelte, eine Wuͤſte von Moraſt und Marſchland war, deren wilde Bewohner vom Inſtinkt gelehrt wurden, jene Dämme und Deiche zu errichten, die durch die fortſchreitende Eultur zu Schutzwehren gegen das zerſtoͤrende Element vervoll⸗ kommnet wurden. Und Alle, die jetzt horchten, konnten ſich erinnern, wie oft dieſe Daͤmme ſich als unzulaͤnglich erwieſen hatten, und mit Schrecken die Ueberſchwemmungen außzaͤhlen, durch welche in Zwiſchenraͤumen das Land verwuͤſtet worden war. Der Herzog von Burgund und Die, welche er anfuͤhrte, reiſten im Innern des Landes, einige Stunden von dem Bette des großen Ozeans, aber verſchiedene Arme des Meeres flutheten in engen Stroͤmungen durch die ganz flache Ebene dieſer Gegend, und der Zug war bisweilen genoͤthigt, ei⸗ nen Umweg um die Spitzen dieſer Salzſeen, oͤſtlich von den Daͤmmen, welche ihr Vordringen aufhiel⸗ ten, zu nehmen, oder quer uͤber den Strand zu reiten, wo der Durchgang ſicher und leicht zu be⸗ werkſtelligen war. Dies war vorzuͤglich die Be⸗ ſchaffenheit des Landes waͤhrend des letzten Tage⸗ marſches, ganz nahe bei Dordrecht, aber alle die 326— Zviſceneume unter dieſen vorkommenden Unter⸗ brechungen waren durch zahlreiche Doͤrfer und die fruchtbarſten Weideplaͤtze bedeckt. Es war in der That der bevoͤlkertſte und wohlhabendſte Diſtrict von Holland, wovon ſich der Reiſende, welcher heut zu Tage das Pays de Waes in Wander ſieht, eine Bauellan machen kann. Dem heulenden Tone, womit der Weſtwind bei Sonnenuntergenng an dem Abende des zweiten Nacht⸗ quartieres anhob, folgten bald ploͤtzliche Windſtoͤße, wethe die wachſende Wuth des Sturmes verkunde⸗ ten. Schwaͤrme von wildem Gefluͤgel, und Seevs⸗ gel, die ſelten das Ufer ſuchten, ſah man undeutlich im Zwielichte, oder hoͤrte, wie ſie in der ſchnell zu⸗ nehmenden Dunkelheit, mit ausgeſpannten Fluͤgeln vor dem Sturme hertreibend, ihr kreiſchendes Ge⸗. ſchrei zuweilen mit deſſen pfeifender Stimme ver⸗ miſchten, oder in ſeine rauhen und hal Döne eine Auſachſenaſd brachten. Stunde auf Stunde wurde der Sturm lauter — ſtaͤrker. Das Meer ſtieg mit dem zunehmen⸗ den Winde, und das natuͤrliche Brauſen der Wel⸗ len erklang in wilder Harmonie mit dem Furcht erweckenden Echo ihres Anſchlagens gegen die Daͤmme. Kein Menſch ſchloß in dieſer Nacht in 327 dem ganzen bevoͤlkerten Striche Landes, welchen wir beſchrieben, ein Auge zum Schlaf, mit Aus⸗ nahme der von Krankheit ermatteten Opfer, und ſelbſt die muͤſſen nahe am Erlöoͤſchen des Lebens ge⸗ weſen ſeyn, welche nicht durch Schrecken uͤber den Kampf der Elemente aufgeruͤttelt wurden. Mit Tagesanbruch hatte der Sturm die hoͤchſte Hoͤhe erreicht. Der traurige Anblick der Erde ſtimmte mit dem fahlen Grau des Himmels und dem ſchlammigen Schaum uͤberein, welcher ſich auf den truͤben Gewaͤſſern erhob. Furcht ſchien jedes lebende Weſen ergriffen zu haben. Niemand blieb in den Haͤuſern. Hier ſah man Leute mit groͤßter Kraftanſtrengung ſich bemuͤhen, die Daͤmme auszu⸗ beſſern, und ſtaͤrker zu machen, wo nur irgend das kleinſte Anzeichen von Nachgeben bemerklich war; dort trieben Andere das Vieh unter Dach, waͤhrend das klagende Gebruͤll der Kuͤhe und das furchtſame Bloͤken der Schafe den niederdruͤckenden Einfluß der allgemeinen Angſt verkuͤndeten. Endlich ging die Sonne auf, nicht in blendender Klarheit, oder durch eine vielfarbig ſchattirte Atmoſphaͤre voll Goldglanz — ſondern mit rother, matter und aufgedunſener Scheibe, wie ein trunkener Schwelger ſich langſam durch den Qualm eines Trunkgelags erhebt.— 328 Das feſte Herz Philipp's von Burgund aͤng⸗ ſtete ſich nicht bei dieſen Anzeichen uͤbler Vorbedeu⸗ tung, welche einen mehr aberglaͤubigen Mann wohl haͤtten auf den Gedanken bringen koͤnnen, daß der Himmel zornig uͤber ſeine gottloſen Plaͤne ſeh. Wie der Wind blies, und ſein erſchrecktes Pferd vor deſſen Wuth zuruͤckprallte, huͤllte er ſich nur um ſo dichter in ſeinen Mantel, ſetzte die Sporen tief ein, und wiederholte den Befehl zum Aufbruch. Der Vortrab war bereits voran, und der Herzog mit ſeinen Gefangenen, hinter denen gleich das Haupt⸗ corps folgte, war bald in Bewegung, in der regel⸗ maͤßigen Ordnung der vorhergegangenen Tage. Das Vorwaͤrtskommen ging indeß aͤußerſt langſam, und war uͤberhaupt nur mit großer Schwierigkeit zu bewirken. Heftige Windſtoͤße hielten nicht nur die vorgeſchickten Piquets, ſondern dichte Schwadronen auf; Leute wurden von den Pfer⸗ den geworfen; Roß und Reiter plötzlich im Kreis gedreht, oder mit einander niedergeſtuͤrzt; und die gehemmte Paſſage des engen Weges brachte das Ganze mehr als einmal in Verwirrung. Dazu kamen die verdrießlichen Anſtrengungen ungeduldiger Menſchen und der Widerſtand ſtaͤtiſch gewordener Pferde; die lauten Ausrufungen der Anfuͤhrer; die ——— —— 329 Flüͤche der Soldaten; das Wiehern, Schnauben, Stampfen auf dem gepflaſterten Wege; das Her⸗ aufſchlagen des Waſſers, welches an Stellen dar⸗ über hinfloß; Alles aber wurde in Zwiſchenraͤumen durch das ſchreckliche Geheul des Weſtwindes, wel⸗ ches dem Bruͤllen eines Haufens von Wald⸗Unge⸗ heuern glich, das ſich uͤber das Angſtgeſchrei ihrer fliehenden Beute erhebt, Wberſiinne und dunn Schweigen gebracht. Philipp, ungeduldig uͤber die Hinderniſe wel⸗ che ſich auf dem Wege haͤuften, und den Marſch aufhielten, war bis zur Fronte vorgedrungen, um ein Beiſpiel von Beharrlichkeit zu geben, und ſich von dem Gedraͤnge zu befreien, in welchem er ge⸗ druͤckt und umhergeſtoßen wurde, und unſere Ge⸗ fangenen blieben, ſeiner Aufforderung gemaͤß, dicht bei ihm. Jacqueline und van Borſelen ritten ne⸗ ben einander hinter dem Herzoge. Ihnen folgten van Diepenholt und Monfpoort, und einige Nachzuͤg⸗ ler des Vortrabs ſchloſſen ſich an, ohne irgend eine Rangordnung. Ueber eine Stunde war ſo vergangen, und noch hatte man keine halbe Meile zuruͤckgelegt, als ſie bei einem Durchgange ankamen, der durch einige bebuſchte Sandbaͤnke auf der einen, und durch einen ziemlich hohen Deich oder Erddamm von der 330 andern Seite gebildet wurde, uͤber den hin der Giſch der Wellen in den Weg ſpruͤtzte, waͤhrend deſſen loſe gewordener und geſchwaͤchter Bau ſichtlich erſchuͤttert, und von jeder nachfolgenden Meeres⸗ brandung, welche von außen darauf einſtuͤrmte, mit gaͤnzlichem Zuſammenſturz bedroht wurde. Am Fuße dieſes Dammes, zuweilen von dem Giſch des Waſſers wie eingehuͤllt, und ſelbſt waͤh⸗ rend der Pauſen ſeiner Angriffe, vom Kopf bis zu den Fuͤßen triefend, ſtanden vier Maͤnner in dem Alter von zwanzig bis dreißig Jahren, Jeder mit dem eigenen Spaten oder der Schaufel verſe⸗ hen, die bei der Arbeit des Deich⸗Aufwerfens ge⸗ braucht werden, und Alle in einem Anzuge, gaͤnz⸗ lich von dem verſchieden, welchen die Einwohner der Gegend trugen, wo man ſie jetzt fand. Der Leſer, welcher ſich der Beſchreibung der Tracht von van Borſelen's Gefaͤhrten in den Zevenwolden erinnert, kann ſich genau den der vier Fremden aus⸗ malen; und Herzog Philipp, ſo wie die Perſonen um ihn, welche die Phyſiognomie jenes Mannes geſehen und genau beobachtet hatten, glaubten, daß ſie in den halb wilden und durehnaͤßten Zuͤgen der jetzt vor ihnen ſtehenden Maͤnner eine große Aehn⸗ lichkeit mit ihm auffinden koͤnnten— indeß eher eine ——— —ℳ:—V———— 331 Aehnlichkeit der Gattung als des Individuums, ſo wie die Jungen des Loͤwen eine Aehnlichkeit mit ihrem Erzeuger haben koͤnnen. Vrank van Borſelen kannte die Maͤnner wohl, und eine innere Ueber⸗ zeugung, auf dieſe Kenntniß gegruͤndet, ſagte ihm, daß ſie an dieſem Orte waͤren, um ihm ihre Dienſte zu leiſten. Er war uͤberzeugt, daß ſie nicht umſonſt ihren Weg von Eversdyke hierher gefunden haͤtten, wo ſie, nach ſicherer Nachricht, die ihm geworden, vier Tage vorher noch geweſen waren; und der Ort dieſes unerwarteten Zuſammentreffens, die Miene feſten Entſchluſſes, die in den vier Geſichtern trotzte, und mehr als Alles der Umſtand, daß Er nicht hier war, welcher, wie eine innere Stimme Vrank unwiderſtehlich zufluͤſterte, doch nicht weit weg ſeyn konnte, ließ ihn ſchließen, daß irgend ein tief geleg⸗ ter Plan, ein verzweifelter Verſuch zu ſeiner Be⸗ freiung, jetzt eben ausgefuͤhrt werden ſollte. Mit dieſer Ueberzeugung wendete er ſich zu Jacquelinen, welcher es bis jetzt immer noch gelun⸗ gen war, ihren ſchoͤnen und feurigen Zelter hart an der Seite des ſeinigen zu erhalten, und ſagte zu ihr, waͤhrend ſein Geſſcht von nthiger Hoff⸗ nung gluͤhte: „Meine einzig geliebte, meine unübertrefiche 332 Jacqueline, Alles geht gut; Iuaihaſee und esherhei ſind nahe!“ — Graf Oſtervent, was ſolen deeſ Worte bedeuten?— fragte Philipp mit ernſtem Blick, und wendete ſchnell ſein Pferd um, als ob dieſe Frage aus dem Bedenken entſtanden ſey, ſich der fremd⸗ artigen Geſellſchaft zu ſehr genaͤhert zu haben. „Ihre Bedeutung, Herzog, muß in ihrer Er⸗ fuͤllung gefunden werden— der Himmel iſt fuͤr die Unſchuldigen thaͤtig— unſere Befreiung iſt nicht mehr fern!“ antwortete van Borſelen, waͤhrend er Jacquelinen feſt mit ſeinem Arme umfaßte. — Wer ſind jene Maͤnner? freie Frieſen, wie mir ſcheint?— ſagte Philipp, ſein Pferd weiter antreibend, als wollte er zuruͤck zu den zeuftdeiten Soldaten des Vortrabs. „ Die Soͤhne Ooſt's, des Delchdeäharg er⸗ wiederte Vrank, immer noch in einem reſpectvollen Tone, ohne inden dem nthen ſche den Berzone Platz zu machen. — Und wo it ihr wilder Vater?— führ Philipp fort, mit ansſälchen Vlicke um ſich her ſchauend. Sier in a6„ Püülsst Aief orn. in ſeinem 333 lauteſten und haͤrteſten Tone und in der Plattdeut⸗ ſchen Mundart, der einzigen Sprache, die er re⸗ dete,(obgleich er einige andere ein wenig rade⸗ brechte) indem er zugleich aus dem Geſträͤuche, welches das Gehoͤlz einfaßte, hervorſprang, und hart an den Weg kam. — Hal Verrath, Verraͤtherei!— rief Philipp aus bei der Erſcheinung dieſer ſchrecklichen Geſtalt; und mit dieſen Worten drang er vorwaͤrts, und be⸗ muͤhte ſich die Hinderniſſe ſeiner Flucht zu durch⸗ brechen. Allein waͤhrend Ooſt ſeinen Zaum mit maͤchtiger Hand ergriff, und das Pferd mit eben ſo vieler Leichtigkeit feſt hielt, wie ein gewoͤhnlicher Mann uͤber das Straͤuben eines Kindes Herr wird, ſchloſſen van Monfoort und van Diepenholt, die ſchnell den Stand der Sachen erkannten, den un⸗ luͤcklichen Herzog ein, welcher ſich nun vollkommen in ſeinem eigenen Netze gefangen, und mit Ver⸗ nichtung durch die Werkzeuge bedroht ſah, deren er ſich, wie zu ſeinem 6 Be dtnßan⸗ bedient hatte. Was jetzt folgte, trug ſich mit— Schndl ligkeit zu, als die Feder aufzeichnen, die Zunge aus⸗ ſprechen, oder der Gedanke ſich einbilden kann.— Nur Bildhauerei oder Malerei koͤnnen die Man⸗ 334 nichfaltigkeit ſolcher Ereigniſſe verkoͤrpern, und auf einmal eine Gruppe von Vorfaͤllen und Leiden⸗ ſchaften dem Auge ſichtbar machen, die eine leben⸗ dige Vereinigung alles Deſſen bildet, was das Ge⸗ muͤth anzieht, oder es bewegt. 4 „Fort, fort! Dorthin, dorthin! Die weite Welt iſt nun Euer!“ rief Ooſt mit lauter Stimme in der beſonderen Frieſiſchen Mundart, welche nur van Borſelen verſtand, und wies mit einem ſeiner nervigen Arme auf die See. — Fort, Jacqueline! fort, meine Geliebte!— wiederholte Vrank, und wendete ſein Pferd in die Richtung, welche Ooſt's raſche Geberde ihm gezeigt hatte. Nichts als ſeines Beiſpiels oder ſeines Be⸗ fehls bedurfte es fuͤr ſie, um mit ihm in die offe⸗ nen Arme des Todes zu eilen; und viel weniger ſchien auch ihr vereintes Vordringen jetzt in den Augen Philipp's, Ludwig's und Rudolph's nicht zu ſeyn, wie ſie den ſchraͤg ablaufenden Deich erklimm⸗ ten, als wollten ſie auf der anderen Seite ein Waſ⸗ ſetgras ſuchen. „ Jetzt, jetzt, meine Sühnel“ rief Ooſt den vier Maͤnnern zu— und zugleich mit ſeinem Aus⸗ rufe ſtieß Jeder ſeine Waffe in die bereits locker gemachte Oberflaͤche des Deichs, und mit, jedem — 335 Stoße entſtand eine Spalte, durch welche das Waſ⸗ ſer in ſchrecklicher Schnelligkeit ziſchte und ſprudelte. „Recht ſo, Ihr kuͤhnen Deichgraͤber!“ ſagte er auf's Neue, und bei jedem erneuten Stoße, wel⸗ cher Zerſtoͤrung auf ihn ſowohl, wie auf ſie ſelbſt, hereinließ, rief er, ohne aber ſein Feſthalten Phi⸗ lipp's und deſſen Pferdes im Geringſten zu ver⸗ nachlaͤſſigen:„Recht ſo, Tabbo! Tuͤchtig geſto⸗ ßen, Ubbo! Ha, ha, ſeht doch den Igo mit dem ſtarken Arm! Gut, gut, junger Goſſo, mein letzt⸗ geborner Knabe! Alles freie Frieſen, auf Leben und Tod!“ 85 Waͤhrend Philipp, wie im letzten Todeskampfe, ſich anſtrengte zu entkommen, und ſeine erſchrocke⸗ nen Begleiter in gaͤnzlicher Unordnung zuruͤckgewi⸗ chen waren, von denen nicht Einer zu ſeiner Huͤlfe eilte, hatten van Borſelen und Jacqueline die Hoͤhe des Deiches erreicht, welcher unter den Hufen ih⸗ rer Pferde nachgab, und man konnte ſie einen Au⸗ genblick ſehen, wie ſie ſich anſtrengten, die Thiere auf die andere Seite hinabzubringen; aber jedes Beſtreben vereitelten die Windſtoͤße, von denen ſie fortwaͤhrend wieder zuruͤckgetrieben wurden, und die ihnen drohten, ſie gewaltſam in den Weg hinab zu ſchleudern. Die Wellen ſchoſſen jetzt frei durch, und 336 die wilden, ſich ſelbſt opfernden Arbeiter ſtanden in ihrem fuͤrchterlichen Geſchaͤfte ſchon bis an die Mitte im Waſſer, Schlamm und Sand, welche von dem Deiche herabſtroͤmten. Van Monfoort, wie er Jacquelinens gefaͤhr⸗ liche Lage ſah, dachte nur an ſie, hatte aber weder Mittel zur Huͤlfe, noch eine Vorſtellung, wie er ſie retten koͤnne. Van Diepenholt, richtiger uͤberlegend, und mit einem weniger von den Gefahren Anderer ganz eingenommenen Gemuͤthe, beſchloß den Verſuch zu wagen, der ihm ſelbſt drohenden Gefahr zu ent⸗ rinnen. Er ſah ein, daß van Borſelen zu der an⸗ ſcheinenden Tollheit ſeines Verfahrens nur durch Ooſt's Aufforderung bewogen ſeyn müſſe. Deßhalb drang er vorwaͤrts bis zu der Stelle, wo Jener und Jacqueline immer noch kaͤmpften. Van Mon⸗ foort folgte inſtinktmaͤßig— ſie zwangen ihre Pferde den Deich hinauf zu klimmen, und oben, wie ſie die Hoͤhe erreicht hatten, nachdem van Borſelen und Jacqueline auf der andern Seite verſchwunden wa⸗ ren, kam die ganze Maſſe herab, gerollt von dem andraͤngenden Meere, welches nun in einer weiten und verſchlingenden Fluth nachſtuͤrzte. Woge auf Woge ergoß ſich ſchwellend; eine jagte die andere mit lautem Toben, wie barbariſche Hor⸗ —— 337 Horden uͤber die Eroberung eines ſchoͤnen und fruchtbaren Landes jauchzen. In weniger Zeit als die Einbildungskraft zu ſolch' einer Zerſtoͤrung ſich moͤglich denken kann, war ein ganzer Diſtrict üͤber⸗ fluthet. Kein Huͤgel war vorhanden, ſich der Ue⸗ berſchwemmung entgegen zu ſetzen— kein Felſen, ihre Tiefe zu bezeichnen, oder ihre Schnelligkeit zu meſſen— der durſtige Boden ſaugte die Wellen ein, bis er, uͤberfuͤllt und geſaͤttigt, ſie ſchlams mig, gefaͤrbt und widrig ausſehend wieder aus⸗ warf. Menſchen und Vieh ertranken; Haͤuſer wur⸗ den niedergeworfen; Baͤume mit dem feſten Halte ihrer Wurzeln in dem tiefen Boden ausgeriſſen, und große Maſſen Erde durch die ſchneidenden Wellen abgeloͤft und auf die Oberflaͤche der ſchaͤumenden Fluth gewirbelt. Die ſchreckliche Schnelligkeit einer ſolchen Kataſtrophe in ſolch' einem Lande ließ kelne Zeit zum Entfliehen, noch einen Zufluchtsort. Das Schickſal traf ſchnell und ſtark. Innerhalb einer Stunde war eine Flaͤche von vielen Quadratmeilen unter Waſſer geſetzt, zwei und ſiebenzig Dorfer wa⸗ ren verſunken, und wohl ein Hundert Tauſend menſchliche Weſen umgekommen. Ein neues Meer war entſtanden— eine ganze Gegend vom Ange⸗ ſicht der Erde vertilgt— und mancher Reiſende III. 15 ſteuert jetzt ſeinen Lauf durch die breiten Wogen des Bisboſch, ohne ſelbſt zu wiſſen, daß er uͤber einem einſt bluͤhenden Strich Landes ſegelt— ein zweites Atlantis— oder ohne einen Blick in die Wellen und einen Gedanken in die Vergangenheit nach den Denkmaͤlern zu werfen, welche die einen bedecken, oder die tauſenderlei Vereinigungen von Geſchichte und Ncanae, die uef in der anderen Lenhaße liegen. dnu 3 n ei am Gleich beim enſen Einbmae der er Ueberſchwen⸗ mung durch den niedergeriſſenen Deich wurden Ooſt und ſeine vier Soͤhne von den zermalmten Ueber⸗ eeſten deſſelben erſtickt. Sich ſelbſt füͤr die Sache opfernd, der er ſein Daſehn gewidmet, und fuͤr die er geſchworen hatte ſein Leben hinzugeben, verließen der edle Wilde und ſeine gleichgeſi innten Soͤhne die Welt, ohne einen Schmerz zu empfinden, ausge⸗ nommen den des koͤrperlichen Todeskampfes, welchen ſie verachteten.— Da Ooſt tief verwickelt in der Berſchwoͤrung war, welche ſo bald ausbkechen ſollte, und in die er mit ſeiner gewoͤhnlichen wilden Treue ſich eingelaſſen hatte, ſo hoͤrte er baͤld, wie auch Frau Bona und die übrigen Verbündeten, von van Borſelens Verhaftung in Rupelmonde. Den Herrn von dchtnrahhn zu befreien, oder in dem Werfitſe ——.—— unterzugehen, war ſein feſter Entſchluß. Seine Soͤhne hatten keinen andern Gedanken als ſeinen Willen. Patriarchaliſche und Feudalgewalt fand man in der Perſon jedes Frieſiſchen Vaters verei⸗ nigt; und ſeinen Kindern zu befehlen ſeinen Fuß⸗ ſtapfen zu folgen und ſein Schickſal zu theilen, und es geſchehen zu ſehen, war Eins. Ooſt's Gedan⸗ kenſchnelligkeit und Scharfblick wurden von keinem in den Waͤldern umherſchwaͤrmenden Indianer uͤber⸗ troffen, der durch lange Waldoͤden zieht, um einem Freunde zu helfen, oder einen Feind zu toͤdten.— Kaum betrat er die Grenzen Holland's, ſo hoͤrte er auch ſchon von Philipp's Triumphzuge nach Dor⸗ drecht, und er beſann ſich nicht lange um den Platz zu beſtimmen, auf dem er, unter dem Beiſtande ſeiner Soͤhne, eine guͤnſtige Gelegenheit ſah, die Befreiung Vrank's und Jacquelinens, und die Ver⸗ nichtung Philipp's und ſo Vieler von den Truppen in ſeinem Gefolge zu bewirken, zu deren Erhaltung der Himmel nicht etwa ein Wunder geſchehen ließ, — ohne das ungeheure Verderben, welches darauf folgen mußte, weder zu berechnen, noch ſich darum zu kuͤmmern. Solch' ein Wunder erfolgte nicht. Bon all dem glaͤnzenden Zuge, der ſeines Souve⸗ raͤns Schritten auf dieſem wilden Marſche folgte, 15* 34⁴⁰ war nicht Einer uͤbrig geblieben, zu rekinden was ſich zugetragen. Aber Philipp's gutes Gluͤck rettete ihn von dem allgemeinen Schickſal, und verſchaffte ihm an Je⸗ manden einen Beſchüͤtzer, in dem er nur einen un⸗ verſoͤhnlichen Jeugen ſeines Untacgandes zu ſinden erwartete. Der untrügliche Scharfblick Ooſt's hatte ihn eine von Sand gebildete Erhoͤhung bemerken und auszeichnen laſſen, welche die einzige in der Naͤhe der Spitze desjenigen Seearms war, der durch den Deich eingedaͤmmt wurde, den er nachher zer⸗ ſtoͤrte. Sie lag ein Paar Hundert Schritte noͤrd⸗ lich von dieſem, und war hinlaͤnglich breit und feſt, um zu deſſen Schutze die Gewalt des Waſſers zu brechen, indem ſie den Wogendrang gewaltſam wind⸗ waͤrts ableitete, wodurch ein ſeichter und verhaͤlt⸗ nißmaͤßig ſtiller Kanal zwiſchen ihr und dem Ufer entſtand. Es braucht kaum geſagt zu werden, daß es dieſer Sicherheitshafen war, auf den Ooſt in der letzten Anſtrengung ſeiner treuergebenen Dienſtpflicht, welche Vrank den Weg zur Freiheit wieder eroͤff⸗ nete, hinwies. Und dort ſtand er und Jacqueline geborgen, als van Monfoort und van Diepenholt 311 ſich noch im rechten Augenblick zu ihnen geſellten, und Alle blickten mit Grauen auf die erhabene Verwuͤſtung, der ſie ſo wunderbar entgangen waren. Wie ſie ſtaunten, und die durch Tod unter ſcheußlichen Geſtalten ſchrecklich bevoͤlkerten Wellen beobachteten, traf ihr Auge ein lebendes Weſen, welches krampfhaft den Zweig einer alten Eiche umklammerte, der einzige Baum, der dem Stoße widerſtanden hatte. Und ſelbſt dieſer war gebeugt, und neigte ſich in's Waſſer hinab, und drohte jeden Augenblick ganz umzuſtuͤrzen, wie ſeine Bruͤder im Walde. In dem durchnaͤßten und Todesangſt lei⸗ denden Manne, welcher ſo mit dem Schickſal rang, und mit Wellen kaͤmpfte, die uͤber ihn ſchlugen und ihn zu erſticken drohten, erkannte das Haͤuflein der von der Vorſehung Auserwaͤhlten die Perſon des maͤchtigen Herzogs von Burgund. Vrank van Borſelen fuͤhlte jetzt keine Regung als die großmuͤthiger Menſchlichkeit. Zugefuͤgtes oder beabſichtigtes Unrecht waren aus ſeinem Ge⸗ daͤchtniß vertilgt, waͤhrend die lange Reihe fuͤrſtli⸗ cher Huldbezeugungen und kuͤrzlich von Philipp er⸗ haltener Ehren maͤchtig in ſeiner Seele aufſtieg, noch hervordraͤngender und fuͤhlbarer durch das warm emporquellende Mitleid, welches jetzt ſeine Bruſt zu uͤberfließen ſchien.— 342—— „Was!“ rief er, als ob ein innerer Kampf ihn einen Augenblick zuruͤckgehalten haͤtte:„ſoll ich von dieſen halbgeſitteten Menſchen uͤbertroffen wer⸗ den, die ſich ſelbſt dem Verderben uͤberliefert haben, um Jemand zu retten, wie mich? Soll ich den Stolz der Ritterſchaft und Europa's Meiſterſtuͤck wie einen erſaufenden Hund umkommen laſſen?“ Er wartete die Antwort auf dieſe Fragen nicht ab, auch nicht von ſich ſelbſt, an Den ſie gerichtet waren; ſondern ſtuͤrzte ſich mit ſeinem Pferde raſch in die Fluth, hielt es wohl in die Hoͤhe, und wurde ſchnell von ihm zu dem Fleck in der Waſſeroͤde ge⸗ tragen, wo Philipp noch ſchwebte, obgleich beinahe beſinnungslos vor Erſchoͤpfung und Schreck. Vrank hielt ſein Pferd an, indem er einen an⸗ dern Zweig ergriff, und rief Philipp zu, den ſeini⸗ gen fahren zu laſſen, und ſich hinter ihm auf den Ruͤcken des Pferdes zu ſchwingen. Ein ſtarres Anblicken war Philipp's ganze Erwiederung dieſer Aufforderung. Die Fluth ſtroͤmte fort, und hatte 1 eben das Thier in eine weniger guͤnſtige Richtung getrieben, als der Herzog zur vollen Beſinnung kam, daß dies die einzige noch moͤgliche Rettung ſey; er ſprang geſchickt herab, erreichte den ſicheren Sitz, und umſchlang Vrank's Mitte mit einer A — ———— 4— ——— 313 Hand, waͤhrend er in der andern noch immer mit dem hartnaͤckigen Griffe rieſennerviger Verzweiflung einen Theil des Zweiges hielt, der ihn ſo lange uͤber dem Waſſer erhalten hatte. Eine ſich zuruͤckwen⸗ dende Stroͤmung begüͤnſtigte Vrank's Ruͤckkehr. Er trieb ſein Pferd mit Hand und Sporn an. Der Inſtinkt des Thiers veranlaßte es zur hoͤchſten An⸗ ſtrengung. Auch Philipp blieb mit ſeinen Bemuͤ⸗ hungen nicht zurück die Eile zu verſtaͤrken, mit der es ſchwamm, und wenige Minuten brachten das⸗ ſelbe und ſeine doppelte mataliche Labund zach der ſicheren Stelle. Hier ſaß Jacqueline auf ihrem zrreenden Zel ter, vor Naͤſſe und Kaͤlte wie betaͤubt, blaß, froͤ⸗ ſtelnd und von Furcht ergriffen— aber doch heiße Dankſagungen gen Himmel ſendend fuͤr die Erhal⸗ tung des Helden, dem ſie mit Herz und Gerle er⸗ geben war. Philipp ſchwang ſich ſogleich von dem Pferde, ſank auf ſeine Kniee und ſiel auf ſein Angeſicht, in der tiefen Aufrichtigkeit frommen Dankes gegen Gott. Zunaͤchſt dachte er an den Mann, welcher ihn gerettet hatte; und ſeine abwechſelnden inneren Bewegungen von Bewunderung, Reue und Dank⸗ barkeit, machten ihn eine Weile ſtumm. Ein Beweis fuͤrſtlicher Erkenntlichkeit zeigte ſo⸗ gleich den eigenen Charakter Philipp's, und daß der⸗ ſelbe, obgleſch durch dieſe fuͤrchterliche Pruͤfung zur nehmmlichen Zeit niedergedruͤckt und erhoben, dach unveraͤndert ſey. „Hier, Graf Oſervent,“ rief er, undn nalmn dabei die praͤchtige Kette und die Medaille des goldenen Vließes von ſeinem Halſe, und hing ſie Vrank um—„dies iſt die ſtolzeſte Auszeichnung, welche meine Dankbarkeit zu geben vermag. Du gehoͤrſt nun zu dem edelſten Orden, deſſen ſich das Chriſtenthum ruͤhmen kann.— Du biſt jetzt in Bruͤderſchaft und Gemeinſchaft mit Koͤnigen! Ich ernenne Dich auch zum Herrn von Oſt und Weſt⸗ Voorne, von Maſtersdyke und Briel— ich be⸗ ſtaͤtige Dich als Statthalter und Gouverneur von Holland, Zeeland und Friesland— ich verleihe Dir—“ — Haltet ein, haltet ein, mein Souverain!— ſagte Vrank,— beſchaͤmt nicht eine Handlung blo⸗ ßer Menſchlichkeit dadurch, daß Ihr ſie mit Lob und Vergeltung uͤberhaͤuft, auf die nur die heldenmuͤthig⸗ ſten Thaten Anſpruch machen koͤnnen.— „und iſt dies kein Heldenſinn? Iſt nicht die Vergebung zugefuͤgten Uebels, das Entreißen eines Todfeindes vom Untergange, eine That, die Sou⸗ ——— Nr 345 veraͤne zu belohnen und der Himmel zu ſegnen ha⸗ ben? So mache ich denn Dir, und derjenigen, welche Dich im Innerſten ihres Herzens traͤgt, dieſe geringe Suͤhne. Ja Jacqueline, dieſe Stunde von Angſt und Schrecken ſey ein Zeuge meiner Reue. Du ſollſt die Seinige— er der Deinige ſeyn — auf immer Eines des Andern! Ich gebe nicht nur meine bloße Einwilligung, ſondern ich befehle, ich fiehe Euch an, zu meinem Gluͤck wie zu Eurer Seligkeit noch an dieſem Tage nur Eins zu ſeyn — durch die ewigen Bande der Ehe wie der Liebe. Blickt hin auf jene Flotte, die mit ſchwellenden Se⸗ geln ſich uns naͤhert, um zu retten, was von die⸗ ſem traurigen Schauſpiele der Zerſtoͤrung uͤbrig ge⸗ blieben iſt. Bald wird ſie uns von hier an's Ufer tragen. Laßt Euere erſte Handlung der Dankbar⸗ keit die Vereinigung zwei erkenntlicher Herzen ſeyn, ein Opfer, mehr werth, als alle Brandopfer. Ver⸗ ehlich Euch noch heute!“ Philipp war erſtaunt, nur ein ſchwaches Lächeln, welches ſelbſt der ſchreckliche Anblick rings umher nicht ganz unterdruͤcken konnte, auf Jacquelinens und van Borſelen's blaſſen Lippen ſich regen zu ſe⸗ hen, wie ein ſchnell durchblinkender Sonnenſtrahl auf einem gefrornen rome. Sie hielten einander 346— feſt umſchlungen, aber ſprachen nicht. Van Die⸗ penholt, welcher einen bedeutenden Blick mit ihnen und van Monfoort wechſelte, ſagte mit feierlichem Tone: Se eig. 25„Herzog Philipp, Deine Einwilligung, Befehl, oder Erſuchen, kommen ſammt und ſonders zu ſpaͤt. Der Himmel hat bereits das geſchehen laſſen, dem Du Dich widerſetzen wollteſt, was Du aber nicht verhindern konnteſt. Vor einem Monat ſchon ver⸗ einte ich dieſes Paar in heiliger Ehe am Altar der Kapelle zu Teylingen; reine Liebe war ihr Braut⸗ ſchatz, ſein Erbtheil ſtolze Ehre. Ban Monfoort hier war Zeuge der Ceremonie. Was der Himmel vereint hat, das kann, das ſoll der Menſch nicht ſcheiden1⁴ — Und doch wurden dieſe ruchloſen Haͤnde, dieſe nichts achtende Zunge zu dieſem Verſuch be⸗ wogen,— rief Philipp aus, mit einem Tone bit⸗ terer Reue.— Dem Himmel ſey Dank, daß mir eine finſtere That voll Schuld erſpart wurde! und nun zur Vergeltung! Jacqueline, von dieſer Stunde an ſetze ich Dich in Deine Rechte wieder ein, mache Dich wieder zur vollkommenen und unbeſchraͤnkten Herrin alles deſſen, was je Dein war, und worauf ich niemals mit der Engherzgkeit des Ehrgetzes —4 — ———ꝛ — 347 haͤtte blicken ſollen, Graͤm von DHuland Bauland Hennegau— „Nein, Philipp, nein ſagte Jneauelin, in eifrigem und leidenſchaftlichem Tone,—„niemals wieder ſollen dieſe eitelen Titel mir angehoͤren— nie mehr ſoll eine andere Souveraͤnitaͤt die meinige ſeyn, als die Gewalt uͤber Ein edles Herz! Hier in dieſer herzzerreißenden, aber geweihten. Scene, verzichte ich auf den Prunk weltlicher Groͤße. Der Gluͤckſeligkeit des Privatlebens gewidmet, ſollen meine Tage, frei von den peinigenden Sorgen der Macht, dahinfließen. Ein Geluͤbde thue ich, der Liebe, der Zuruͤckgezogenheit, und der ſtillen Tugend; ein demuͤthiges, aber reines Opfer, dem Allmaͤchti⸗ gen gebracht, welcher uns Alle errettet hat. Die Blaͤtter der Geſchichte beweiſen, daß die⸗ ſes ſo feierlich gethane Geluͤbde andachti gehal⸗ ten wurde. Die Flotte von Fiſcherboͤten, gräßren Schiffen und Kriegsfahrzeugen kam nun von jeder Richtung her, wo die Ueberſchwemmung ſichtbar war. Der ungeheure Raum, den das Meer bedeckt hatte, reichte hin, ſeine Wuth zu daͤmpfen; und es fluthete in tiefer, ruhiger und ſtiller Ueberfuͤlle uͤber den Strich, den es verſchlunginf hakte, wie ein geſaͤttigter Tiger F — ſich hinſtrecken mag, und auf dem zerfleiſchten Koͤr⸗ per ſeiner Beute ausruht. n Wenige, ſehr wenige, außer denen welche das Haͤuflein bildeten, fuͤr die wir uns am meiſten in⸗ tereſſiren, entgingen dem Tode. Dieſe wurden ſicher von einem der Bote hinweggefuͤhrt. Und ſelbſt in dieſer Stunde, mit einem Herzen von Freude uͤber ihre eigene Errettung, und von Trauer uͤber die weit reichende Zerſtoͤrung erfuͤllt, konnte Jacqueline einen Seufzer nicht unterdruͤcken, und kaum einer Thraͤne ſich enthalten uͤber das ſchoͤne Pferd, wel⸗ ches ſie in Sicherheit getragen hatte, und das, aus 3 unvermeidlicher Nothwendigkeit, mit den anderen auf dem Damme zuruͤckgelaſſen werden mußte, von wo die ſſhneli kerüneode Dlutza ſie bald mit ſi ich ſart riß. Die offentliche Vermnüßlug— und Vrank's van Borſelen fand in den alten Hal⸗ len von Eversdyke ſtatt. Braucht es der Einbil⸗ dungskraft eines Romanenſchreibers, um das Freu⸗ dengeſchrei zu malen, welches aus dem frohen Ge⸗ draͤnge ſich erhob— das ruhige und ordnungsma⸗ ßige Vergnuͤgen der Alten, das laute Entzuͤcken der Und kann die ungezügeltſte Vorſtellungskraft, die je die Geheimniſſe der menſchlichen Seele durchdrang, Jungen, welche die allgemeine Freude theilten?— —-——— 349 ſagen, was und wie die fuͤhlten— das Paar, welches endlich ſich im ſtillen Frieden des ehelichen Gluͤcks, und unter dem Laubdache des—— Lebens ausruhen konnte?— Brauchen wir mitzutheilen, wie Gen, wigline end, wie ſchnell die Jahre verfloſſen? Oder ſollen wir das ſanfte Gerieſel des Stroms unterbrechen, um in ſein ruhiges Bett zu tauchen, und dort un⸗ ten Wirbel und Klippen aufzuſuchen; oder erzaͤhlen, wie er am Ende in ſeinem Laufe aufgehalten, und uͤber den Rand des dunkeln Grabes geſtuͤrzt wurde? Nein, wir haben aufgezeichnet, was ſie in ih⸗ ren gefaͤhrlichen Pruͤfungen erduldeten, und die Kenntniß deſſen, was ſie nachher genoſſen, mag von der Thatſache abgenommen werden, daß von dem Augenblicke ihrer zweiten Verheirathung, ihre Na⸗ men fuͤr die Geſchichte verloren ſind. Welchen beſſe⸗ ren Beweis koͤnnte es geben, daß ihre Tage nicht mehr von dem Tuinulte der Welt geſtoͤrt wurden, und daß ſie die Naͤchte dem Vergeſſen deſſelben widmeten!— der eine, der einzig wiekuche Hochge⸗ nuß des Lebens! Jacqueline brachte den Reſt dhreg glücklihen Daſeyns abwechſelnd in Zuylen, Eversdyke und Teylingen zu. In dem letzteren dieſer Schloͤſſer ſtarb ſie. Und wir beneiden Den nicht, welcher heut 350 zu Tage deſſen Ruinen anſtaunen, oder durch die gsrasbewachſenen Hoͤfe ſchreiten kann, ohne daß er ſich in Gedanken zu ihr zuruͤck verſetzt fuͤhlt, deren gluͤcklichſte und deren letzte Stunden innerhalb dieſer von der Zeit verwitterten Mauern verlebt wurden, die Allen, welche fuͤhlen und nachdenken koͤnnen, ſo tiefe und verſchiedenartige Lehren ertheilen. Was das Uebrige anbelangt, ſo verweiſen wir auf die Geſchichte. Philipp's lange Laufbahn von Groͤße und Guͤte— ſo genannt— war das Er⸗ ſtaunen ſeiner Zeit, und iſt noch immer die Bewun⸗ derung der unſrigen. Glloceſter und ſeine leichtſinnige Ehehaͤlfte ſetz⸗ ten, wie zu erwarten, ihr zeitheriges Leben fort, bis ihr ruͤckſichtsloſer Ehrgeiz ſie in's Verderben ſturzte, und Beider Untergang herbei fuͤhrte. Ihre folgende Geſchichte, und die der niedertraͤchtigen Creaturen Elinor, Bolingbroke und Jourdain, ver⸗ kuͤnden die ewiglebenden Blaͤtter Shakespear's. St. Pol fuͤhlte den zerſtoͤrenden Einfluß, wel⸗ chen Alle empfanden, die Philipp's Bahn zur Groͤße durchkreuzten. Er ging ſeinem ungluͤcklichen Bruder nach in's Grab, ehe er noch feſt im Fuͤrſtenſtuhle ſaß, und ihm, ſo wie Jacquelinen, folgte der Her⸗ zog von Burgund als unbeſtrittener Erbe. Bedford 351 wurde bald hinweggerafft, im Beſitz großen Ruhms, aber mit einem unausloͤſchlichen Flecken behaftet. De Richemont lebte lange genug, um ſich ei⸗ nen ruhmvollen Namen zu erwerben, der ſich auf ſeinen tiefeingewurzelten Haß und ſeine großen Er⸗ folge gegen die Engliſchen Waffen, ſo wie auf einen großen Antheil in der Befreiung ſeines Landes von der Gewalt der eingedrungenen Fremdlinge grundete Van Diepenholt wurde bald in dem Bisthume von ltrecht beſtaͤtigt— und Zweder van Culemburg ſtarb in Dunkelheit, wie er in Schande gelebt hatte. Frau Bona van Borſelen erreichte ein gutes hohes Alter, doppelt glucklich in der Geſellſchaft ih⸗ res lieben Sohnes, und in dem Bewußſeyn, ihren Gemahl geraͤcht zu haben. Eine Sache ſchien nur zuweilen ihre Freude zu truͤben— die Erinnerung eines Gefüͤhls, Brank betreffend, welches nie ganz aus der Bruſt des alten Floris weichen wollte— ein nie zu vergeſſendes Bedauern, faſt an einiges Rachegefuͤhl grenzend, daß er ein ſo ausgeartetes Widerſtreben gezeigt hatte, ſich in das Glück des Buͤrgetkriegs zu ſtürzen, und ſeine Häͤnde(wenn die Pflicht dazu aufforderte) in das Herzblut ſei⸗ nes Vaters zu tauchen. Im Jahre 1769, bald drei und ein halbes Jahrhundert nach der Zeit, wo ſich unſere Erzaͤh⸗ 352 lung zutrug, wurden die Gewoͤlbe der Kapelle der Hoͤfe von Holland im Haag geoͤffnet. Man fand darin Saͤrge und Gerippe. Ein Koͤrper war bei⸗ nahe in einem vollkommenen Zuſtande der Erhal⸗ tung, in koſtbare Wachstuͤcher gewickelt. Es war der eines Frauenzimmers. Der Kopfputz war mit roſenfarbenen Baͤndern durchflochten. Wie die Ge⸗ huͤlfen bei der Feierlichkeit der Ausgrabung den Koͤrper in die Hoͤhe hoben, zerfiel er augenblicklich in Staub, und nur das widrige Gerippe, und die langen vollen Locken, waren Alles, was von Der uͤbrig blieb, die einſt ein vollkommenes Muſter von Schoͤnheit, Seelengroͤße und Herzensguͤte geweſen war. Die Geheine wurden frommer Weiſe wieder begraben. Das Haar, wie es damals ihr Haupt ſchmuͤckte, iſt bis auf den heutigen Tag aufbe⸗ wahrt*), und ſeine ſtarke, natuͤrliche Kraͤuſelung, und die wenigen zerſtreuten Linien von Grau, welche ſeine hellbraunen Locken verſilbern, deuten noch an, wie feſt das Gemüth, und wie gepruͤft das Herz von ihr war, die ſo lebte, wie wir erzaͤhlt haben, und welche im beſten Alter ſtarb, zu tief von der Hand fruͤhzeitigen Verwelkens getroffen. *) In dem Muſeum im Haag. Berlin, gedruckt bei A. Petſch.