R§ᷣ———— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bucher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3* 3 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. b 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für adücheutlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: b —,——— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 5. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defeete Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene und defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe 8 auf 14 Lahe feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 5 Jacqueline von Holland. Eine hiſtoriſche Erzaͤhlung von Thomas Colley Grattan, Verfaſſer der„Reiſebilder“, der„Erbin von Brü e zc. „ 3 gg Aus dem Engliſchen übertragen von K. T. Meth. Müller. — Swmeiter Band. Berlin, 1832. Verlag von Duncker und Humblot. Erſtes Kapitel. Wir muͤſſen nun unſere Aufmerkſamkeit von den Auftritten, die ſie ſo lange beſchaͤftigt haben, auf an⸗ dere richten, welche einen ſtrengen Gegenſatz mit jenen bilden. Wir muͤſſen naͤmlich das Lager und den Hof um Einſamkeit und Veroͤdung, politiſche Conſpirationen um verzehrende Leidenſchaft, die Raͤnke der Sophiſterei um Zauberkuͤnſte, die Kü⸗ ſten des Feſtlandes von Holland um die einſame, meerumſpuͤlte Inſel von Urk verlaſſen. Allein ehe wir unſere Leſer auf dieſen wilden Schauplatz verſetzen, muͤſſen wir von dem regelmaͤ⸗ ßigen Fortſchritte unſerer Geſchichte ein wenig zu⸗ ruͤckgehen, um einen fruͤhern Punkt in dem Leben und einige wenige Veraͤnderungen in den Gefuͤhlen einer Perſon zu beruͤhren, die, wenn auf einige Zeit ihnen aus dem Geſichte geruͤckt, doch, wie wir hof⸗ fen, ihrem Gemuͤthe nicht ganz entfremdet worden— II. 1 2 ihres alten Bekannten Humphrey's, des guten Her⸗ zogs von Gloceſter. Wir haben hier nicht von ihm zu handeln in ſeiner Eigenſchaft als Vertheidiger einer Fuͤrſtin, Nebenbuhler eines Souverains, oder Regierer eines Reiches; ſondern bloß hinſichtlich des⸗ jenigen Charakters, von deſſen Schmerzen und Lei⸗ den weder Stolz, noch Tapferkeit, noch Ehrgeiz gaͤnzlich befreien koͤnnen, als dem Sklaven und Opfer jener unſeligen Leidenſchaft, die alle uͤbrigen in ih⸗ ren Strudel hinabſchlingt, und den Mittelpunkt nicht nur romantiſcher Dichtung, ſondern auch des wirk⸗ lichen Lebens bildet. Wir haben bis jetzt den Herzog Humphrey noch nicht im Lichte eines Liebhabers ge⸗ ſehen. Als ſolchen muͤſſen wir ihn jetzt darſtellen. Gloceſter's Neigung zu Jacquelinen beſtand ohne Zweifel aus vielen der beſten Elemente der Liebe, aber nicht aus dieſen allein, denn mit der Bewun⸗ derung ihrer Perſon und der Achtung gegen ihre Tugenden vermiſchten ſich Plaͤne der Vergroͤßerung und Auszeichnung, welche ſich weniger in Hinge⸗ bung gegen ſie, als in ſeiner Ehrfurcht verloren. Haͤtte kein anderer Gegenſtand ſeinen Pfad hoher und ehrenvoller Pflicht durchkreuzt, ſo moͤchte es dielleicht fuͤr ſie, und ganz gewiß fuͤr ihn recht gut geweſen ſeyn Seine Neigung durfte ſich vielleicht —— 3 allmaͤhlich von all ihren Schlacken gereinigt, und er moͤchte dann wohl mit der Gluth der Leidenſchaft und der Wuͤrde des Stolzes zugleich geliebt haben. Allein ſein Schickſal war ein ganz anderes; er war beſtimmt, alle die adelnden Eigenſchaften eines ſol⸗ chen Zuſtandes an dem Altare jener Bethoͤrung zu opfern, die, nach dem Ausdrucke eines Schriftſtel⸗ lers aus einem Jahrhunderte ſpaͤter als ſeine Zeit, „nicht wahre Liebe iſt, ſondern eine heftig erſchüt⸗ „ternde Stoͤrung des Gemuͤths, ein Ungeheuer von „Natur, Verſtand und Kunſt, eine verzehrende Krank⸗ „heit und ein tobender Wahnſinn, eine wandelbare, nausſchweifende, herrſchſuͤchtige, ungezaͤhmte, und „Unrecht habende, zerſtoͤrende Leidenſchaft.“ Der Gegenſtand, der dieſe wahrhaft verbrenn⸗ bare Zuſammenſetzung einflößte, war ein Maͤdchen, Namens Elinor Cobham, eine der Toͤchter Regi⸗ nald's, des dritten Lords dieſes Namens. Sie war nebſt anderen jungen Damen von Stande vom Koöͤ⸗ nig Heinrich V. gewaͤhlt worden, die Stelle einer Ehrendame bei der Graͤfin Jacqueline zu bekleiden, als dieſer Monarch ſich ihrer Sache annahm, und ſie vier Jahre zuvor mit ſo viel Auszeichnung in England empfing und bewirthete. Als Gloceſter mit ſeiner verlobten Braut nach Hennegau ſich be⸗ 1* 4 gab, war Elinor Cobham eine von Denen, die ſich in ihrem Gefolge befanden. Als aber nach dem ungluͤcklichen Ausgange des Krieges die Engliſchen Huͤlfsvoͤlker ſich genoͤthigt ſahen, die Provinz, die ſie erobert hatten, zu verlaſſen, und Gloceſter nach Hauſe, zu den Pflichten ſeines Protectorates, zuruͤck⸗ kehren mußte, kehrten auch die kuͤrzlich erſt ernannten Hofdamen mit ihm dahin zuruͤck, indem ſie Jacqueli⸗ nen der Bedienung der treuen Benina Beyling uͤber⸗ ließen, welche ſo lange bei ihr in Mons blieb, bis die Buͤrger dieſer„falſchen und verraͤtheriſchen Stadt,“ wie ſie an den Herzog von Gloceſter ſchrieb, alle Eide der Lehnstreue brachen, ſich an die Herzoge Philipp und Johann, ihre Verfolger, anſchloſſen, ſie aber zwangen, zu fliehen und bei ih⸗ ren treuen Anhaͤngern, den Hoeks, in den ſumpfi⸗ gen Einoͤden Hollands Zuflucht zu ſuchen. Jacqueline hatte nie Etwas zwiſchen Elinor Cobham und Gloceſter bemerkt oder vermuthet, ob ſie ihn gleich vordem wenig genug liebte, um auf der immerwaͤhrenden Wacht neidiſcher Eitelkeit zu ſtehen, welche den Gegenſtand ihrer eingebildeten Zuneigung vergißt, um auf Kraͤnkungen und Ent⸗ ehrungen Jagd zu machen, die ihr widerfahren ſeyn moͤchten— noch auch ſtark genug, um ein offenes — 5 Auge zu haben fuͤr alle ſeine guten Eigenſchaften, ein verſchloſſenes aber gegen jede Verletzung der Treue. Indeß ließ eine bloß des politiſchen Vor⸗ theils wegen beabſichtigte Verbindung mit einem ih⸗ rer Hand auf jede Weiſe wuͤrdigen Prinzen Jac⸗ quelinens Herz, wie ſchon umſtaͤndlich eroͤrtert wor⸗ den, gaͤnzlich frei von den quaͤlenden Beſorgniſſen der Liebe, und das hochgeſinnte Weib, welches keine beſtimmte Zuneigung zu einem Individuum des an⸗ dern Geſchlechtes hat, iſt ſicher, kein Gefuͤhl der Eiferſucht gegen eine Perſon ihres eigenen Geſchlech⸗ tes zu naͤhren. Eiferſucht, der niedrige Sproͤßling der Selbſtſucht und des Neides, iſt durchaus unver⸗ traͤglich mit Edelmuth des Herzens und Groͤße der Seele, denn die erſte hegt zu viel Vertrauen ge⸗ gen Andere, und die letzte ſetzt zu viel in ſich ſelbſt. Gloceſter hatte ſich in Elinor ſogleich verliebt, als er ſie zum erſten Male bei einem der glaͤnzen⸗ den Feſte geſehen hatte, welche zu Ehren Jacque⸗ linens im Weſtminſter gegeben wurden; der verliebte und ausſchweifende Herzog fuͤhlte ſich zu genauerer Beobachtung angezogen durch eine ſylphidenartige Geſtalt, die ſich mit mehr als gewoͤhnlicher An⸗ muth durch die Reihen des Tanzes wand; nur der Strahl romantiſcher Begeiſterung, der aus ihren 6 finſtern, grauen Augen leuchtete, und den Ausdruck ihres unregelmaͤßigen, kaum huͤbſchen, aber immer hoͤchſt anziehenden Geſichtes hob, erweckte auch in Gloceſter's Augen jene voruͤbergehende Waͤrme, die man in der galanten Hofſprache mit dem Namen der Liebe zu bezeichnen pflegt. Er zeichnete ſie ſehr aus, und machte ſie zu ſeiner Gefaͤhrtin beim Tanze abwechſelnd mit der Hollaͤndiſchen Prinzeſſin, deren ſtrahlende Schoͤnheit und glaͤnzender Schmuck den Eindruck des juͤngern und weniger bedeutenden Ge⸗ genſtandes, der bereits mit ihr unbewußt in Riva⸗ litaͤt getreten war, nicht verloͤſchen konnten. Gloce⸗ ſter hatte ein ziemlich weites Herz fuͤr verliebte Ein⸗ druͤcke. Er fand hier nlaͤnglich Raum für zwei Neigungen auf einmal. Er beſchloß daher auch auf der Stelle einen doppelten Plan zu verfolgen, und eine doppelte Leidenſchaft zu befriedigen, beiden Schoͤn⸗ heiten zugleich den Hof zu machen, der einen auf der großen Hauptſtraße ehrenvoller Verbindung, der andern auf dem krummen Pfade unerlaubter Liebe. Man hat geſehen, mit welchem Gluͤcke ſein of⸗ fener und bekannter Plan in der erſten Periode ver⸗ folgt wurde, wie er Jacquelinens Zuſtimmung und die Unterſtuͤtzung ſeines Bruders, des Koͤnigs, ge⸗ wann, der es ſehr gern ſah, daß der Engliſche 7 Einfluß ſo Gelegenheit fand, ſich auf Holland und Hennegau auszudehnen und daſelbſt feſtzuſetzen, da beide ſo wichtige Stationen fuͤr den Engliſchen Han⸗ del, und ſtets offene Wege waren, militaͤriſche Ope⸗ rationen jeder Art recht in das Herz von Frank⸗ reich zu unternehmen; und im Vorbeigehen ſey es bemerkt, daß die Politik jener Zeit in dieſer Hin⸗ ſicht ſtets das beharrliche Ziel Englands geweſen iſt und ſehn muß, ſo lange man nicht alle Plaͤne des Continentaleinfluſſes aufgeben will, und nicht damit ſich begnuͤgt, ein iſolirter Punkt auf dem Oceane der Politik zu ſeyn, wie es ein ſolcher auf der Weltcharte iſt, groß durch innern Reichthum, haͤuslichen Frieden und thahretiſche Kenntniſſe, aber eingeengt und beſchraͤnkt in moraliſchen Wiſſenſchaf⸗ ten und den Kuͤnſten des geſelligen Lebens, die doch Demjenigen, der das Menſchengeſchlecht von einer hoͤhern Stufe aus betrachtet, als Dasjenige erſchei⸗ nen, was einem Volke den edelſten Charakter und dem Leben den hoͤchſten Werth verleiht. Elinor Cobham war nichts weniger als abge⸗ neigt, die ſchmeichelnden Artigkeiten ihres maͤchtigen und fuͤrſtlichen Bewunderers anzunehmen. Sie war eben ſo wohl ehrſuͤchtig und eitel, als empfaͤnglich fuͤr zaͤrtlichere Regungen, und beſaß im hohen Grade 8 jenes unregelmaͤßige Talent, welches ſeine Beſitzer ſo leicht einer ſolchen Verſuchung Preis giebt, wie ſie jetzt zu beſtehen hatte. Wild aufgewachſen, ja faſt ohne alle Erziehung, erſetzte ihre natuͤrliche Anlage die Stelle der Lehre und des Beiſpiels, allein dieſer Ge⸗ nius ſchweifte auch oft uͤber alle Grenzen hinaus. Sie war ſehr beleſen in den ausſchweifenden romanti⸗ ſchen Dichtungen, worauf ſich die Lectuͤre der Da⸗ men von gutem Ton in jener Zeit beſchraͤnkte. Ih⸗ res Vaters Buͤcherſchatz ſtand ihr zu ungeregeltem Gebrauch oft frei, und obgleich die Buchdruckerkunſt nur erſt am Horizonte menſchlicher Erkenntniß zu ſchimmern begonnen hatte, bot ſie doch einem Appe⸗ tite, wie dem ihrigen, immer hinlaͤngliche Nahrung. Sie wußte fruͤhzeitig faſt auswendig den ganzen Inhalt einer Abſchrift„des Buches der Roman⸗ zen“ mit ſilbernen Schloͤſſern und Spangen ver⸗ ziert, ſo wie die Geſchichten des Sir Lancelot vom See, Sir Triſtan's de Leonnais und vieler Anderen, und oft erlaͤuterte ſie die wilden Erfindungen ihrer eignen Muſe, welche in ſolchen Werken Nahrung fand, durch Bilder, die ſie dem ſeltenen und koſtbaren Ma⸗ nuſcripte„der Stunden der Anna von Bretagne“ und aͤhnlichen nachformte, und zwar mit einem Geſchmacke, wo nicht einer Geſchicklichkeit, welche einem Fran⸗ 9 cesco Veroneſe und Girolamo dei Libri, den beiden beruͤhmteſten Kuͤnſtlern in dieſer unvergeſſenen Art, keine Schande gemacht haben wuͤrde. Aber ungluͤcklicher Weiſe beſchraͤnkte ſich Elinor nicht auf dieſe Art geiſtiger Beſchaͤftigung. Ihr gluͤhender Geiſt, duͤrſtend nach Mannichfaltigkeit des Wiſſens und der Erkenntniß, und dieſen nachſtre⸗ bend in den hoͤchſten wie in den niedrigſten Sphaͤ⸗ ren, hatte ſich ſowohl in die Geheimniſſe der Aſtro⸗ logie als die Myſtificationen der Magie verſenkt; allein bei beiden dieſer verwickelten Gegenſtaͤnde ver⸗ mochte ſie ihren Weg nicht allein zu finden. Leſen verwirrte und Denken zerſtreute ſie, und ſie fuͤhlte ſich gleichſam von beginnendem Wahnſinn erloͤſet, als ſie zufaͤllig entdeckte, daß ihres Vaters Caplan ſich ganz mit Leib und Seele den geheimnißvol⸗ len und verbotenen Wiſſenſchaften ergeben habe, de⸗ ren Kenntniß, wie ſie ſich uͤberzeugt hatte, nie ohne Fuͤhrer erworben werden koͤnne. Der Mann hieß Bolingbroke, ein finſterer, verzweifelter Betrüͤger, der ſich nicht mit der geheimen Ausuͤbung ſeiner mannichfaltigen Kuͤnſte begnuͤgte, ſondern ein großes Verlangen nach jungen, unerfahrenen Convertiten trug, nicht unaͤhnlich dem Verlangen mancher gauk⸗ leriſchen Prieſter alter Zeit nach ſolchen unſchuldigen 1* 10 Schlachtopfern, die ſich am Altare ihrer falſchen Goͤtter beugten. Die Vertraulichkeit zwiſchen dem Lehrer und dem Zoͤgling wurde innig und tief, vielleicht mehr, als die Geſchichte enthuͤllt hat, oder wir ergruͤnden koͤnnen. So viel iſt aber gewiß, daß, als Gloce⸗ ſter ihrem Herzen zuerſt entgegenkam, ihr Gemüth keinesweges mehr unverdorben war. Sie war ſchon von Natur eine Eingeweihte in der Koketterie, und die Kunſt hatte ſie vollends zur erfahrnen Heuchle⸗ rin gemacht; und da ſie ſo lange bemuüht geweſen war, ſich ſelbſt zu taͤuſchen, ſo war es nicht zu verwundern, daß ſie ſich auch leicht der Verſuchung hingab, Andere zu taͤuſchen. Gloceſter zu heirathen war ihr einziges Ziel und Beſtreben. Bolingbroke ſtcengte alle ſeine Geiſteskraft an, ihren Plan zu unterſtuͤtzen, und alle nur möglichen Mittel wurden angewandt, auf die Leidenſchaften und Gefuͤhle Des⸗ jenigen zu wirken, der den tiefen Plan nicht ah⸗ nete, der den ſeinigen untergruh und ihm ntgegen, wirkte.. Es liegt nicht in unſerm Plane, die Raͤnke weiblicher Schmeichelkunſt und prieſterlicher Liſt zu ſchildern, auf welche Gloceſter bei jeder Annaͤherung ſtieß; er wurde wechſelsweiſe angezogen und abge⸗ 11 ſtoßen, feſtgehalten und losgelaſſen, und diente ſo zu einem Spiel, wie es der Fiſcher mit Gefangenen am Angelhaken treibt. Es iſt hinreichend, das We⸗ ſentliche von der Sache anzugeben. Seine Plane gegen Elinor gelangen ihm zwar, allein es war ein ſolches Gelingen, welches dem Sieger eben ſo viel Nachtheil bringt, als dem Beſiegten die Niederlage. Gloceſter bezahlte ſeinen Triumph mit dem Opfer fuͤrſtlicher Treue, koͤniglicher Wuͤrde und perſoͤnli— cher Achtung. In einem Momente entehrenden Wahnſinns ſchwor er, ſeine Vermaͤhlung mit Jac⸗ quelinen aufzuſchieben, und ſie nicht anders als mit Elinor's Einwilligung zu vollziehen. Unter dieſen Bedingungen triumphirte Gloce⸗ ſter, und eine lange Reihe von Aufregungen ver⸗ mehrte das Wachsthum einer Leidenſchaft, die nicht, wie man doch faͤlſchlich glaubt, durch Gewaͤhrung ermattet. Bolingbroke beſaß das volle Vertrauen der ſchuldbeladenen Liebenden, und wurde auch in der Folge nach Rom geſandt mit der geheimen Voll⸗ macht von Gloceſter, den Papſt Martin zu veran⸗ laſſen, daß er ſeine Zuſtimmung zu der verlangten Annullirung von Jacquelinens Verbindung mit ih⸗ rem Vetter, Johann von Brabant, verweigern moͤchte. Auf dieſe Art wurden Gloceſter's geheime Ueberre⸗ 12 dungen bei dem Papſte, mochten ſie ſeyn, welche ſie auch wollten, angewendet(ſo ſehr man auch das Gegentheil davon vermuthete), denſelben Gegen⸗ ſtand zu foͤrdern, den ſein Feind Herzog Philipp ſo unermuͤdet zu Stande zu bringen beſtrebt war. Der gluͤckliche Erfolg von Bolingbroke's Sen⸗ dung iſt bereits in der Unterredung Vrank' van Borſelen mit ſeinem Vater angegeben worden, allein ehe er England wieder erreichen konnte, die Erfolge derſelben zu berichten, entſchloß ſich Gloceſter, ge⸗ draͤngt durch Jacquelinens ſo ſchnell hereinbrechen⸗ des Ungluͤck, ſeiner verlobten und noch nicht ganz aufgegebenen Braut eine Truppenunterſtuͤtzung zuzu⸗ ſenden. Waͤre er indeſſen auch nicht durch dieſen letzten Beweggrund getrieben worden, ſo wuͤrde es ihm doch unmoͤglich geweſen ſeyn, der beredten Schilderung ihres Ungluͤcks zu widerſtehen, als ſie, verlaſſen von faſt Jedermann, außer ihrer Mutter, van Monfoort, ihrem Bruder Ludwig und der Be⸗ nina Beyling, zu ihm ihre Zuflucht nahm, an dem ſie ſich durch Bande moraliſcher Verpflichtung ge⸗ kettet fuͤhlte, denen kein Gefuͤhl perſoͤnlichen Wider⸗ willens widerſprach. Die beſten Beweiſe von Jac⸗ auelinens Neigung und der Natur derſelben ſind wohl in ihren Briefen zu finden, die ſie zu dieſer — 13 Zeit ſchrieb, und die deutlich den unvollendeten Zu⸗ ſtand ihrer Verbindung mit Gloceſter zeigen, und zwar im Gegenſatze mit dem, was wir nur fuͤr voreilig angenommene Schlußfolgen der meiſten Ge⸗ ſchichtsſchreiber halten, indeß ſie zugleich ein treffli⸗ ches Beiſpiel des Briefſtyls jener Zeit darbieten. Einer dieſer Briefe lautet woͤrtlich folgendermaaßen. „Mein ſehr gefuͤrchteter Herr und Vater.*) Auf die demuͤthigſte Weiſe von der Welt em⸗ pfehle ich mich Eurer Guͤte und Eurer Gunſt. Moͤge es Euch gefallen, zu erfahren, daß ich an Eure ehrwuͤrdige Macht ſchreibe als das ſchmerz— erfuͤllteſte, ungluͤcklichſte und auf die verraͤtheri⸗ ſcheſte Art betrogene Weib, welches nur lebt; denn am Sontag, dem 13ten dieſes Monats Juni, brachten die Deputirten Eurer Stadt Mons einen Vertrag zuruͤck, der zwiſchen meinen Vettern von Burgund und Brabant abgeſchloſſen worden iſt, und welcher Vertrag ohne meiner Mutter Vor⸗ *) Der Ueberſetzer Monſtrelet’s vermuthet, das Wort père möge wohl mehr in der Bedeutung von peer genommen ſeyn, als von father, wie bei anderer Gelegenheit. Allein die Unter⸗ zeichnung des Briefes widerlegt dies, und zeigt, daß Jacqueline an ihren verlobten Herrn in Ausdrückeu tiefer, aber feiner Hochachtung ſchrieb, welche ohne Zweifel dem modernen Brief⸗ ſtyle ganz fremd ſcheinen muß. „. 14 wiſſen, wie mir von meinem Caplan verſichert worden, gemacht worden iſt. Deſſenungeachtet hat ſie mir Briefe geſchrieben, welche beſtaͤtigen, daß dieſer Vertrag geſchloſſen worden, daß ſie mir jedoch auf keine Weiſe rathen koͤnne, indem ſie ſelbſt nicht wiſſe, was zu thun ſey; ſie meine aber, ich moͤchte mich bei den guten Leuten die⸗ ſer Stadt Raths erholen und ſehen, welche Huͤlfe und welche Anleitung ſie mir geben koͤnnten. „Dem zu Folge, mein lieber Herr und Vater, ging ich dieſen Morgen auf das Stadthaus, und ſtellte ihnen vor, daß nur auf ihr Begehren und Verlangen es Euch gefallen habe, mich unter ih⸗ rem Schutze zu laſſen, und wie ſie bei dem hei⸗ ligen Sacramente und der Bibel geſchworen haͤt⸗ ten, treue und loyale Unterthanen zu ſeyn, fuͤr mich zu ſorgen und Euch bei Eurer Ruͤckkehr gute Nachrichten von mir zu geben. Hierauf erwie⸗ derten ſie geradezu, daß ſie nicht ſtark genug waͤ⸗ ren, mich zu vertheidigen, und ſogleich erhoben ſie ſich tumultuariſch und ſagten, meine Leute wollten ſie ermorden, und mir zum Trotz ergrif⸗ fen ſie einen meiner Unterthanen, den Sergeant Marcquart, und ſchlugen ihm den Kopf ab, in⸗ dem ſie noch Viele Andere zu Gefangenen mach⸗ — 15 ten, die Euch gar ſehr zugethan waren, ſo daß ſich ihre Zahl bis auf zwei Hundert und Funfzig be⸗ lief. Sie gedachten ebenfalls, ſich Sir Balduin's, des Schatzmeiſters, und Sir Ludwig Monfoort's zu bemaͤchtigen, allein ob ihnen dies gleich nicht gelang, ſo ſagen ſie mir doch offen heraus, daß, wenn ich mich weigere, Friede zu machen, ſie mich meinem Vetter Johann von Brabant uͤberliefern wollen. Sie geben mir bloß eine Woche Friſt, dann werde ich mich nach Flandern begeben muͤſ⸗ ſen, das Haͤrteſte und Peinlichſte, was mir be⸗ gegnen kann, denn ich fuͤrchte, ich werde Euch dann nicht wiederſehen, wenn es Euch nicht be⸗ liebt, zu meiner Huͤlfe herbeizueilen. „Ach, mein gefuͤrchteter Herr und Vater, meine ganze Hoffnung beruht auf Eurer Macht, da ich ſehe, daß Ihr meine einzige Gluͤckſeligkeit ſeyd, und daß alle meine Leiden aus meiner Zuneigung zu Euch entſpringen. Daher flehe ich Euch de⸗ muͤthigſt und um Gottes Willen an, daß es Euch gefallen moͤge, Mitleid mit mir zu haben, und zur Errettung Eures hoͤchſt betruͤbten Geſchoͤpfs herbeizueilen, wenn Ihr es nicht fuͤr immer ver— lieren wollt. Ich hoffe auch, Ihr werdet es thun, denn ich habe nie Etwas gethan, und werde auch 16 nie Etwas thun, was Euch mißfallen koͤnnte, ſon— dern ich bin vielmehr bereit, aus Anhaͤnglichkeit fuͤr Eure Perſon und Macht zu ſterben. Bei meiner Treue, mein gefuͤrchteter Herr und Fuͤrſt, bei der Liebe Gottes und meines Herrn, des heil.. Georgs, bitte ich Euch, meine traurige Lage in Betrachtung zu ziehen, denn es ſcheint, als wenn Ihr mich ganz und gar vergeſſen haͤttet. „Fuͤr jetzt habe ich nichts weiter zu ſagen, als daß ich Ludwig van Monfoort eher zu Euch haͤtte ſenden ſollen, denn er kann nicht lange hier blei⸗ ben, ob er ſich gleich dicht zu mir hielt, als ich von Allen Uebrigen verlaſſen war, und er wird Alles, was geſchehen iſt, umſtaͤndlicher erzaͤhlen, als ich es thun kann in einem Briefe. Ich bitte Euch daher recht ſehr, Ihr wollet Euch als ei⸗ nen guͤtigen Herrn gegen ihn beweiſen und mir Euren Willen und Befehl zuſenden, dem ich herz⸗ lich gern gehorchen werde. Dies Alles iſt wohl⸗ bekannt dem gebenedeiten Sohne Gottes, den ich anflehe, Euch ein langes und gluͤckliches Leben zu ſchenken; auch daß ich die große Freude haben moͤge, Euch recht bald zu ſehen. „Geſchrieben in der falſchen und verraͤtheriſchen 17 Stadt Mons mit ſchmerzerfuͤlltem Herzen am öten Tage des Monats Juli. „Eure bekuͤmmerte und vielgeliebte Tochter, welche um Eures Dienſtes willen große Leiden duldet, Jacqueline.“ Solchen Aufforderungen vermochte Gloceſter nicht zu widerſtehen. Beim Empfang dieſes Briefes, der ihm in London von dem treuen Ludwig van Mon⸗ foort eingehaͤndigt wurde, ließ er ſich keine Zeit zum Nachdenken oder zu Bedenklichkeiten. Er faßte ſich daher ſchnell ein Herz, den kuͤhnen Hollaͤnder zu der vorgeſchlagenen Zuſammenkunft mit Jacquelinen und den Biſchof von Utrecht zu begleiten, auf welche dieſe jedoch in ihrer ſchriftlichen Mittheilung nicht anzuſpielen wagte, ſondern die ſie van Monfoort als einen muͤndlichen Auftrag empfahl, und die ſie durch die geheime Abreiſe mit ihrer Mutter von Mons zu bewirken im Stande war. Die rauhe, aber edle Beredſamkeit van Monfoort's machte gro⸗ ßen Eindruck auf den Lord Protector, und das Ge⸗ maͤlde, das ihm jener von Jacquelinens heldenmuͤ⸗ thiger Erduldung aller der Uebel, die ſie betrof⸗ fen, entwarf, erregte in ihm ſcharfe Gewiſſensbiſſe, die er bloß dadurch zu beſchwichtigen hoffen durfte, daß er ſchnelle Maaßregeln des Edelmuthes gegen — 18 ſie ergriff. Er berief daher augenblicklich den Earl von Salisbury und Lord Fitzwalter zu einem ge⸗ heimen Rathe. Der erſtere, von Eiferſucht gegen Philipp von Burgund entflammt, harrte aͤngſtlich auf des Protectors Befehl, ſich mit einer gewalti⸗ gen Ruͤſtung, die ſchon ſeit einiger Zeit fuͤr eine andere Invaſion in Hennegau zubereitet wurde, in Bewegung zu ſetzen. Allein es erforderte immer noch einigen Aufſchub, eine Unternehmung nach ſo großem Maaßſtabe zu Stande zu bringen. Alles, was daher fuͤr den Augenblick gethan werden konnte, war, den Vortrab von drei Tauſend Mann, an ſich ſchon eine bedeutende Verſtaͤrkung, unter Fitz⸗ walter's Befehl abzuſenden, um die Anſtrengungen des Biſchofs Zweder und der Hoeks in Holland und Zeeland zu unterſtuͤtzen, wie es am beſten ſchei⸗ nen moͤchte, und einen großen Schlag auszufuͤhren, ehe Philipp's Anſtalten zum Einbruch beendigt wuͤr⸗ den, oder Bedford in England einen Schritt thun koͤnnte, dieſem Zuſammenwirken zuvorzukommen. Fitzwalter's Herz ſchlug vor Freude, die zwar eben ſo ſtark, wenn auch nicht ſo ſtolz war, wie Salisbury's, allein ſie wurde ein wenig geſchwaͤcht durch Gloceſter's Andeutung, ſo wie ſich Salisbury entfernt hatte: daß er ſelbſt Willens ſey, mit Fitz⸗ —; 19 walter’n der Expedition vorauszugehen, um mit Jac⸗ quelinen und dem Biſchofe an der vorgeſchlagenen Stelle zu Zevenwolden zuſammenzutreffen, und ihr, die er ſo ſehr und ſo lange vernachlaͤſſigt hatte, die Umſtaͤnde offen auseinander zu ſetzen, die ihn hin⸗ derten, perſoͤnlich in ihrer Sache zu handeln. Die⸗ ſen edelmuͤthigen Entſchluß wollte er mit ſeinem ge⸗ woͤhnlichen Ungeſtuͤm ſogleich in Vollziehung ſetzen, und aufbrechen, ohne daß er ſich der Gefahr einer Unterredung zum Abſchied mit Elinor ausſetzte, denn er beſaß wohl Muth genug, ſich von ihr zu tren⸗ nen, allein bei weitem nicht genug, ihren Abrathun⸗ gen, ihren Vorwuͤrfen und ihren Thraͤnen Trotz zu bieten. Denn der Einfluß, den ſie in dieſer Zeit uͤber ihn gewonnen hatte, war faſt unbeſchraͤnkt, wenn ſie bei ihm war; doch auch abweſend befand ſich Gloceſter in der ſchlimmſten Sklaverei dieſer li⸗ ſtigen und leidenſchaftlichen Enthuſiaſtin, denn er glaubte in allem Ernſte an ihre Zauberkraft, und daß ſie ihn mit Bolingbroke's Huͤlfe dadurch ſo feſt an ſich gefeſſelt habe, eine Kraft, ſtaͤrker als die Verpflichtung ſeines Eides und die Feſſeln der Lei⸗ denſchaft. Was fuͤr geheime Gefuͤhle Fitzwalter's Unzu⸗ friedenheit mit des Protectors Entſcheidung, daß er —— 20 ihn begleiten wolle, beſtimmten, wird man nachher ſehen; wie ſie aber auch ſeyn mochten, ſo hatte er doch jetzt nicht Zeit, daruͤber zu bruͤten, da die ei⸗ lige Abreiſe ihn ſo ſehr beſchaͤftigte. Die Truppen, welche einige Tage ſchon in den Schiffen gewartet hatten, waren an dem andern Tage in See, indeß Gloceſter, Fitzwalter und van Monfoort in der ſchnell ſegelnden Brigantine, welche den Letztern nach Eng⸗ land gebracht hatte, ſich in gerader Richtung nach der Zuyder See vor dem Winde befanden. Kurz vorher, ehe Gloceſter den Fuß am Bord der Brigantine ſetzte, ſandte er eine Botſchaft an Elinor mit der Meldung(denn er wagte es nicht, ihr Plaͤne zu verhehlen, die ſie, wie er wußte, wol wuͤrde errathen koͤnnen) von ſeiner ſchnellen Abreiſe und dem Gegenſtande derſelben, indem er ihr zu⸗ gleich anzeigte, daß Monfoort's Schloß auf der In⸗ ſel Urk der erſte Punkt ſeiner Beſtimmung ſey, und die Hoffnung ausdruͤckte, daß Bolingbroke vor ſei⸗ ner Ruͤckkehr mit dem paͤpſtlichen Reſeripte zuruͤck⸗ kehren wuͤrde, indem er dabei mit Verſprechungen ewiger Liebe und Treue ſchloß. Dieſes Schreiben wurde durch einen treuen Boten abgeſandt; ein an⸗ deres ging an die vornehmſten Staatsraͤthe ab, und in dieſem wurde ihnen ſeine Abweſenheit auf einige 21 Tage kund gethan, jedoch ohne Angabe ſeiner Ab⸗ ſichten. Nun ſchlug Gloceſter ſeinen Mantel um ſich und ging auf dem Verdecke hin und her, einen Blick zuruͤckwerfend auf die immer mehr verſchwin⸗ denden Kuͤſten Englands, und ſich den Winden und Wellen zu fernerer Fahrt vertrauend. In der Nacht des Tages, wo wir Gloceſter und Fitzwalter verließen, als ſie mit Monfoort von der merkwuͤrdigen Zuſammenkunft in den Zeven⸗ wolden ſchieden, und ehe der Erſte und der Letztge⸗ nannte Urk erreicht hatten, waͤhrend Fitzwalter den Engliſchen Truppen entgegen ging, waren drei an⸗ dere Perſonen auf der Inſel in einem Engliſchen Schiffe angekommen, welches ſo ſchnell es ſegeln konnte, demjenigen gefolgt war, welches Gloeeſter'n gefuͤhrt hatte. Zwei dieſer Perſonen waren Frauen, die dritte ein Mann von finſterm und widerwaͤrti⸗ gem Anſehen, der, da er der Sprecher der Geſell⸗ ſchaft war, von der rohen Dienerſchaft auf Mon⸗ foort's Schloſſe Erfriſchungen und Wohnung im Namen des Protectors von England verlangte, dem er, wie er ſagte, wichtige Briefe uͤberbringe, und wegen deſſen Ruͤckkehr auf die Inſel mit dem Haͤupt⸗ linge deſſelben er ſowohl als ſeine Gefaͤhrten große Beſorgniß verriethen. Allein dieſer ſtarken Anſpruͤche auf Gaſtfreundſchaft bedurfte es gar nicht bei Mon⸗ foort's Dienerſchaft, ſo wie bei den rauhen, halb aus Soldaten, halb aus Freibeutern beſtehenden Haufen, die in Abweſenheit ihres Herrn die Be⸗ ſatzung ausmachten. Der Name des Fremden war in jenen rohen Zeiten und Gegenden ſchon hinrei⸗ chend, um der beſten Bekoͤſtigung und des waͤrm⸗ ſten Willkommens unter einem ſolchen Dache ſicher zu ſeyn; der Anblick eines Weibes aber war eine noch ſtaͤrkere Buͤrgſchaft fuͤr die Gaſtfreundſchaft dieſes wilden Gefolges eines mit Sporren und Wehr⸗ gehaͤnge gezierten Ritters, denn ſie ſahen ſich ſelbſt an als einen Theil des Ritterthums, welches jener auf ſeinem meerumguͤrteten Lehnshofe repraͤſentirte. Die Inſel Urk in den duͤſteren Gewaͤſſern der Zuyderſee war wenig beſſer als ein Zufluchtsort fuͤr den ſtolzen Haͤuptling, wenn er es auf dem feſten Lande zu heiß fand, fuͤr die eingebornen Schleich⸗ haͤndler und neutralen Piraten, ſo wie fuͤr eine ungeheure Menge von Waſſervoͤgeln, die an dem Strande niſteten, oder auf den kleinen Meerbuſen und Buchten umherſchwaͤrmten. Der finſtere An⸗ blick ihrer niedrigen und waldigen Kuͤſten wurde es noch mehr durch die verwitterten alten Thuͤrme von dem Schloſſe des Haͤuptlings, welche ſich aus der 23 Baumumgebung und den wenigen zerſtreuten Huͤtten ſeiner amphibienartigen Vaſallen erhoben. Es ſchien ein Ort ganz geeignet zum Aufenthalt des Geheim⸗ niſſes und der Schuld, und der Auftritt, der hier bald von den drei Fremden aufgefuͤhrt wurde, konnte nirgends einen paſſendern Schauplatz finden, als das duͤſtere, unheimliche Gemach, wo ihnen ihre rohen und gemeinen Erfriſchungen vorgeſetzt wurden. Ausgeſtreckt auf einem harten Lager und gehuͤllt in einen reich geſtickten, ſeidenen Mantel, das Haupt auf die Hand geſtuͤtzt, in der ausdrucksvollen Stel⸗ lung hoͤchſten Kummers, mit aufgeloͤſ'tem Haar, in ihrem bleichen Geſichte den Ausdruck ſchmerzlicher Anſtrengung bei der Erholung von den Wirkungen der Reiſe, lag ein junges Weib— ſo wie wir es im Anfange dieſes Kapitels beſchrieben haben, aus⸗ genommen, daß die unbeſtimmte Sehnſucht des En⸗ thuſiasmus, die ihr Geſicht auszeichnete, als ſie noch ein unerfahrenes Maͤdchen war, jetzt ſich in den entſchiedenen Ausdruck ſelbſthewußter Schuld verwan⸗ delt hatte, und eine Miſchung von Triumph und Gewiſſensqual verrieth. So war Elinor Cobham im Meridian ihrer verbrecheriſchen Leidenſchaft, und als ſie am heftigſten nach jener Groͤße ſtrebte, welche der langgeſuchte Lohn ihrer Gewaͤhrungen war. Die⸗ 24 ſer Alles verſchlingende Gegenſtand konnte indeſſen nicht erreicht werden durch die bloßen Wuͤnſche und Gebete eines erſchoͤpften Opfers der Anſtrengung und Kraͤnklichkeit; auch verſprach die Erſcheinung ihrer beiden Gefaͤhrten keinen Erfolg, der ſich eher durch hoͤfiſchen oder koͤniglichen Einfluß, oder Mit⸗ wirkung politiſcher Intriguen erwarten ließe. Zuſammengedruͤckt auf einen niedrigen Seſſel an den Fuͤßen von Elinor's Lager und dicht bei ei⸗ nem tragbaren Kohlenbecken, gefuͤllt mit gluͤhenden Kohlen, ſaß ein Weib, ſchon bejahrt und ſehr ma⸗ ger, und unſcheinbar in ſeiner Kleidung von jenem unbeſtimmten Material und Schnitte, wie ſie ſich nur fuͤr eine Perſon aus der ganz niedern Klaſſe oder das Borelvolk, wie man ſie nannte, eigneten; eine Perſon, die deſſenungeachtet als die beguͤnſtigte Vertraute einer fuͤrſtlichen Maitreſſe erſchien. Ihr Anzug und Benehmen ſtellte ſie als eine jener be⸗ quemeren Helfershelfer dar, welche immer bereit ſind, auf den Ruf geheimer Suͤnden diejenigen Dienſte zu leiſten, welche die vermaͤhlte Tugend ſich nicht ſcheut, maͤnnlichen Kunſtverſtaͤndigen zu uͤbertragen, kurz als eine Perſon, welche wol behuͤlflich ſeyn koͤnnte, ein unſchuldiges Pfand nicht unſchuldiger Liebe in die Welt zu befoͤrdern, aber gelegentlich auch 25 auch ein anderes, als das Opfer einer ſchwaͤrzeren Leidenſchaft in eine andere zu ſenden. Es befan⸗ den ſich uͤberdies um dieſe alte Vettel her gewiſſe Zeichen, daß ſie einen andern Beruf anerkenne, und daß ſie, weit entfernt fuͤr noͤthig zu halten, das zu verbergen, eben mit einer Handlung beſchaͤftigt ſey, die es weſentlich nothwendig machte, daß ſie dies bekannte, denn ſie trug die Inſignien der Zauberei, einen rothen ledernen Guͤrtel mit unheiligen Hiero⸗ glyphen, der ſich in der Mitte des Leibes um ihr dunkelblaues Gewand ſchlang, ſo wie eine bleierne Geſtalt der heil. Catharina(die auf ſehr pro⸗ fane Weiſe zum Patronate dieſer Kunſt gezwungen war), welche an einem blauen Halsbande auf ihre Bruſt herunterhing. Ihre Augen waren mit aller Gluth verſtellter oder eingebildeter Inſpiration auf einen alten Tiegel gerichtet, worinnen ſie eine Art von Getraͤnk umruͤhrte, indeß ſie zwiſchen den duͤr⸗ ren Lippen einige Worte murmelte, die ſelbſt dem getaͤuſchten Weſen nicht hoͤrbar waren, welches aͤngſt⸗ lich von dem rohen, unbequemen Lager dem Prozeſſe zuſah. In einem entfernten Winkel des Gemachs ſaß ein Mann, deſſen finſteres Geſicht und duͤſtere Be⸗ kleidung ſehr wohl mit dem dicken Rauche oder Nebel II. 2 2 26 uͤbereinſtimmte, den der Dampf einer Lampe um ihn her verbreitete, die an einem Stricke von der Decke herabhing. Dieſer Dampf war faſt erſtickend als Ausduͤnſtung des ganz abſcheulichen Oeles, wo⸗ mit der Docht der Lampe getraͤnkt ward. Ein eichener Tiſch, deſſen roh geſchnitzte Fuͤße Delphine vorſtellen ſollten, ſtand vor dieſem duͤſtern Menſchen, der bald aufſtand, um die Pergament⸗ rollen zu uͤberblicken, welche vermiſcht mit altvaͤte⸗ riſch geformten Inſtrumenten und Geraͤthſchaften verbotener Kuͤnſte, vor ihm lagen, oder ſich zuwei⸗ len in ſeinem gewichtigen hoͤlzernen Stuhl zuruͤck⸗ warf. Seine Kleidung kuͤndigte ihn als zum geiſt⸗ lichen Stande gehoͤrend an, doch als ein ſolches Individuum, welches einſtweilen ſeiner heiligen Ge⸗ ſchaͤfte entbunden war. Sie beſtand aus einer Art dicht anſchließenden Mantels von dunkelfarbigem Tu⸗ che, ſeine Kopfbedeckung aber war eine faſt ſchwarze Moͤnchskappe von mehr geiſtlichem Schnitte, und ging quer über die Stirn, ganz ſo wie ſie Geiſt⸗ liche oder Kirchendiener zu tragen pflegen. Der Bart fiel ihm auf die Bruſt, das Haar aber auf die Schul⸗ tern herab, und ein lederner Guͤrtel, mit ſeltſamen myſtiſchen Figuren in halb erhabener Arbeit beſetzt, kuͤndigten ihn als einen Menſchen an, der ſich mit 27 dem Studium der Aſtrologie, Alchimie oder Medi⸗ zin beſchaͤftige, denn dies deutete mehr auf eine dieſer Wiſſenſchaften hin, als auf die der Gottes⸗ gelahrtheit, der der Mann, dem erſten Anſcheine nach, ausſchließlich anzugehoͤren ſchien. Ein tiefes Schweigen wurde einige Zeit lang von dem in dieſer Stellung befindlichen Trio beob⸗ achtet. Das Geziſch des ſiedenden Trankes war das Einzige, was die ſchauerliche Stille in dem Gemache unterbrach, denn Elinor unterdruͤckte die Seußzer ihrer aͤngſtlichen Ungeduld, und die Schlaͤge ihres klopfenden Herzens waren nur ihr allein ver⸗ nehmbar. Die Hoͤfe und Gaͤnge des Schloſſes waren ebenfalls ganz geraͤuſchlos, denn der Sene⸗ ſchall und ſeine Diener, welche ſich allein von dem ganzen Hausgeſinde bei Sonnenuntergang nicht zur Ruhe begeben hatten, hielten Wache auf einem aͤu⸗ ßern Thurme wegen der zu erwartenden Ruͤckkehr ihres Herrn und ſeiner Gaͤſte, deren Rang Nie⸗ manden außer dem Seneſchalle bekannt war; er ſollte durch ungewoͤhnlich feierliche Anſtalten kein Gegenſtand neugieriger Nachforſchung werden. Au⸗ ßerhalb den Mauern des Schloſſes unterhielt das leiſe Rauſchen des Windes in den Baͤumen und das entfernte Toſen der See ein ſehr eintoͤniges und un⸗ 2* 28 angenehmes Accompagnement zu dem Schweigen im Innern. Elinor Cobham war zwar ſchon laͤngſt an die Auftritte ſo unfeierlicher Verſuche, wie der gegenwaͤrtige war, gewoͤhnt. Bolingbroke hatte ſeine Kunſt oft vor ihr, an ihr und fuͤr ſie ausgeuͤbt, und Margarethe Jourdain hatte oft bei der Zubereitung von Zaubertraͤnken, wobei er den Vorſitz fuͤhrte, huͤlfreiche Hand geleiſtet; allein bei jeder fruͤhern Gelegenheit war der Schauplatz ſolcher Dinge in England geweſen. Elinor hatte ſich in der Sicher⸗ heit des Vaterhauſes oder desjenigen gefuͤhlt, das ihr ſpaͤterhin ihr koͤniglicher Liebhaber dazu gemacht hatte. Sie hatte ſich daher ganz als eine Zaube⸗ rin betrachtet, die von ihren Getreuen bedient wurde; jetzt glich ſie einer von Daͤmonen Beſeſſenen, und dienſtbar den boͤſen Geiſtern ſelbſt, welche ſie zu beſchwoͤren Macht hatte— eine Sklavin der furcht⸗ baren Weſen, die ihre Befehle auszurichten ſchienen. Der oͤde und einſame Ort, das wilde Wohn⸗ haus, die rohen, rauhen Bewohner, die ſie empfin⸗ gen und bewirtheten, der Umſtand, daß ſie ſich zum erſten Male in ihrem Leben in einem fremden Lande befand, ihre huͤlfloſe Lage, wenn vielleicht Verraͤ⸗ therei auf ſie laure— denn ſolche Unfaͤlle waren ihr eingefallen— das Alles ſteigerte ihr Gefuͤhl fuͤr 29 den Werth des Hauſes, das ſie verlaſſen hatte, und fuͤr die Genuͤſſe ihres Vaterlandes; das erſtere hatte ſie aber fuͤr immer verwirkt, und zu keinem von beiden ſtand ihr mehr die Ruͤckkehr offen. Ihre ausſchweifende Einbildungskraft, die ſie ohnehin ſchon ſehr quaͤlte, ſtellte ihr unter tauſenderlei Wahrſchein⸗ lichkeiten Gloceſter's erſchoͤpfte Leidenſchaft und ſei⸗ nen Entſchluß dar, ſich von ihr loszumachen; die bereitwillige Verſchwoͤrung Derer, welche ihre Werk⸗ zeuge zu ſeyn ſchienen, aber wohl ihre Moͤrder wer⸗ den koͤnnten, immerwaͤhrende Gefangenſchaft auf die⸗ ſem einſamen Schloſſe, der Tod, in qualvoller Ver⸗ ſchiedenheit der Geſtaltung, die dunkeln Geheimniſſe der Zauberei, die wimmelnde Welt von Daͤmonen und Teufeln, in deren Geheimniſſe ſie ſo lange ein⸗ zudringen ſich geſehnt hatte— das Alles erhob ſich und tanzte in fieberhaften Bildern vor ihrem inne⸗ ren Auge. Das furchtbare Schweigen, welches der Zau⸗ berer und die Hexe bisher beobachtet hatten, wurde ihr endlich ganz unertraͤglich. Elinor fuͤhlte zuweilen eine Art von Erroͤthen uͤber Bruſt und Stirn flie⸗ gen, gleich flimmernden Scheinen am mondbeleuchte⸗ ten Himmel. Im Kopfe empfand ſie einen ploͤtzli⸗ chen Schmerz, ihr Athem wurde ſchwer und kurz, 30 ihre Haͤnde zitterten und brannten, ſie fuͤhlte krampf⸗ haftes Nervenzwicken, ihre Augen ſchienen in Feuer zu ſchwimmen; ſie arbeitete mit aller Kraft ihrer Haͤnde, ſich ſtill und feſt zuſammen zu halten, ſie druͤckte die Finger wie die Krallen eines Vogels zu⸗ ſammen, gleich als faſſe ſie einen beruͤhrbaren Ge⸗ genſtand zur Unterſtüͤtzung, ſie biß die Zaͤhne anein⸗ ander und ſchloß finſter die Augen, aus denen ſie jedoch keine Thraͤne hervorpreſſen konnte. Gern waͤre ſie aufgeſprungen, um ſich aus dieſer Todesangſt in die ſchrecklichſte Gewißheit zu ſtuͤrzen, waͤre ihre aͤngſt⸗ liche Theilnahme an dem hochwichtigen Geſchaͤfte, womit ihre Gefaͤhrten vorgeblich beſchaͤftigt waren, und ihr Ehrgeiz, der ſie in der erzwungenen Stille erhielt, nicht noch ſtaͤrker geweſen, als ſelbſt die Qual, die wir nur ſchwach geſchildert haben. Endlich ertoͤnte von der alten, geſprungenen Glocke, welche auf dem verwitterten Glockenſtuhle der Kapelle dicht an der Schloßmauer hing, der erſte Schlag der Mitternacht. Dieſer Ton war fuͤr Elinor eine unausſprechliche Erleichterung.„O, Gott!“ murmelte ſie mit unendlicher Freude leiſe fuͤr ſich, gleich als ob eine druͤckende Laſt ihr von der Seele genommen worden waͤre. 31 — Ein anderes Wort, ſchoͤne Herrin, ein an⸗ deres Wort!— murmelte das alte Weib mit finſte⸗ rem Geſichte.— Waͤre dieſes laut ausgeſprochen worden, ſo wuͤrde unſere Arbeit bis zum naͤchſten Mondesviertel verdorben geweſen ſeyn.— Elinor erhob das Haupt und warf einen furcht⸗ ſamen Blick auf Bolingbroke, um zu entdecken, ob er ihre unvorſichtige Apoſtrophe verſtanden habe; allein er gab kein Zeichen, daß er darum wiſſe, und ſo ſank ſie wieder auf ihr Lager zuruck. Zweites Kapitel. El noch rauhere und unangenehmere Schlaͤge ſprachen die Erfuͤllung der Stunde aus. „Wie wirkt der Zauber, Dame Margery?“ fragte der Zauberer mit dumpfer Stimme. Elinor bebte krampfhaft bei ſeinen tiefen Toͤnen, indeß die alte Vettel erwiederte: — Der Zauber wirket gut; Er war gemiſcht in der— Hoͤllenglut.— Elinor's geuͤbtes Ohr erſetzte den Reim, den die Hexe nicht vollſtaͤndig ausſprach, ſondern nur mit einem Tone hermurmelte, der zwiſchen einem kichernden Lachen und hoͤhnender Verwuͤnſchung mit⸗ ten inne ſchwebte. „Haſt Du auch geruͤhrt wie's vorgeſchrieben iſt, Gevatterin?“ — Dreizehn mal drei rund herum, in umge⸗ kehrter Bewegung von der Linken zur Rechten, mein Meiſter!— 33 „'S iſt recht ſo! Nun thu noch Alraunen⸗ Aepfel⸗Schale dazu nach dem Rezepte von Erne⸗ ſtus Burgranius.“ Ein ziſchendes Geraͤuſch in der Miſchung be⸗ lehrte ihn, daß ein neuer Beſtandtheil hinzugekom⸗ men war. „Wirkt es, Mutter Jourdain?“ fragte Bo⸗ lingbroke. — Der gelbe Schaum erhebt ſich nach dem Rande zu,— verſetzte die Hexe. „Trefflich! trefflich! Nun das krauſe Haar von einem Wolfsſchwanze, gut befunden von dem weiſen Mizaldus. Ich hoͤre kochen, Dame Mar⸗ gery. Immer ruͤhre, ruͤhre in dem Tiegel! Nun laß die Schwalbenleber den Zauber naͤhren! Dann die Aſche von einem Taubenherzen! Die Abgaͤnge von einem Eſelshufe! Das iſt des gelehrten Re⸗ beus's Mittel. Iſt Alles drinnen, Dame? Wirkt es?“ — Der Trank iſt klebrig wie Salbe— er kocht bis zum Rande, guter Meiſter Bolingbroke!— „Dann muß die Haupt⸗Portion des Zaubers ſparſam dazu kommen, das goͤttliche Pulver, das pulveriſirte Specificum, drei Pfoͤtchen voll, Dame. 7 2** 34 Jetzt ruͤhre! geſchwind, geſchwind, ehe der Tiegel uͤberlaͤuft.“ Ein ſchwarzer Rauch ſtieg auf, als noch dieſes Ingredienz dazu gemiſcht wurde, und die alte Hexe lachte laut auf vor Freude, als ſie ihr Werk ſo gut von Statten gehen ſah.. „Bedecke den Tiegel, Margery, und hebe den Trank auf fuͤr einen vornehmen Suͤnder. Das Philtrum iſt vollſtaͤndig!“ rief der Zauberer, indeß Elinor abermals ſich aufrichtete, und ein Hoffnungs⸗ blitz wegen des Erfolges dieſer maͤchtigen Zuberei⸗ tung ſie in ihrem ganzen Weſen durchzuckte. — Ich wollte doch, Seine Hoheit waͤre ein⸗ getroffen,— ſagte ſie laut,— lieber Bolingbroke, iſt er denn auch keiner Gefahr ausgeſetzt? Iſt er ſicher dieſe Nacht?— „Wenn die Sterne nicht truͤgen, und ich kann ihre Schrift recht gut leſen, liebe Elinor, ſo iſt Herzog Humphrey keiner Gefahr ausgeſetzt, weder zu Waſſer noch zu Lande; ihm iſt beſtimmt auf dem Bette zu ſterben.“ — Und ruhig, Bolingbroke? o ſage dies aus Liebe zu meinem guten Herrn, oder aus Liebe zu mir, Bolingbroke!— n „Elinor! ich mag mich jetzt nicht zu ſehr in 35 Unterſuchungen uͤber ſein Geſchick vertiefen. Allein ſein Horoſcop liegt vor mir, und Gewaltthat, Streit, Kaͤmpfe auf Leben und Tod laſſen ſich wahrnehmen in Flecken auf der Mondesſcheibe. Frage mich Nichts mehr durch dieſe ſcharfen Blicke und ruͤhren⸗ den Bewegungen. Ich bin nicht berufen, von To⸗ deszeichen dieſe Nacht zu ſprechen; fuͤr die Liebe, ſuͤße Elinor, und das Emporkommen deiner Ehre wache und wirke ich!“ — Gloceſter iſt mir aber theuer, Bolingbroke! Sage mir, o!l ſage mir kraft deiner Kunſt, wird ſein Leben ſanft dahin fließen? Sein Schickſal iſt das meine, und der ſtolze Herzog Philipp ſchaͤrft ſein feindliches Schwert.— Was haͤngt uͤber Sei⸗ ner Gnaden Haupte? Leben oder Tod?— „Tod!— Ja, bebe nicht auf von dem Lager, allzu aͤngſtliche Elinor! alle Menſchen muͤſſen ſter⸗ ben, fruͤher oder ſpaͤter— fuͤr den Augenblick aber droht Gloceſter keine Gefahr— beruhige Dich alſo! — Biſt Du beruhigt, liebes Maͤdchen?“ — Deine Stimme hat ſtets eine ſeltſame Ge⸗ walt uͤber mich ausgeuͤbt, Bolingbroke, aber nie ſo wie jetzt. Ich glaube, ich bin ruhiger, aber im⸗ mer bin ich nicht gewiß, daß ich es ſeyn ſollte. 3 Moͤgen mir auch dieſe verſprochenen Ehren entgehen. 36 Iſt der Herzog wirklich ſicher? Sage kuͤhn, was Du weißt, ich kann das Schlimmſte tragen!— „Dringe doch nicht weiter in mich!“ — Deine Wiſſenſchaft iſt ſehr maͤchtig— ſprich Alles aus— denn in ſeiner Sicherheit liegt auch die meine mit eingeſchloſſen— blicke noch ein⸗ mal auf das Horoſcop!— „Nun, weil Du denn einmal mehr wiſſen willſt als gut iſt,— was werd' ich leſen dieſe Nacht? Laß ſehen, laß ſehen! Was iſt jetzt im Aufſteigen? wer iſt der Herr der Conjunction? Das Zuſammen⸗ treffen des Saturns und des Mondes im Scorpion verkuͤndet nichts Gutes! und wenn die ſchwarze Galle aufſteigt in's Gehirn— humph! Was ſagt Jovia⸗ nus? Wenn Mercur, ſey es in welcher Genitur es wolle, in der Jungfrau und den Fiſchen, ſeinen ent⸗ gegengeſetzten Zeichen, gefunden wird, angeſtrahlt von jenen gevierten Scheinen des Saturns oder Mars, dann laͤuft der Menſch Gefahr. Ha, ha! Wiederum: Wer den Saturn und Mars hat, den einen culminirend, den andern im vierten Hauſe.— Wahrhaftig! Verderbliche Duͤnſte im Aufſteigen! So! laß doch ſehen, was Ranzovinus und Al⸗ bubater uͤber dieſen Punkt ſagen! Geduld, Eli⸗ nor! nur ein Weilchen Geduld!“— 2 37 Hier blaͤtterte Bolingbroke in den myſtiſchen Rollen vor ihm, indeß Elinor ruhelos und krampf⸗ haft bebend auf die Erneuerung ſeines Geſchwaͤtzes lauſchte, und ihre Augen wie mit einem bezauber⸗ ten Blicke auf ihn geheftet hielt. „Will denn meine ſchoͤne Lady, oder ſo der Himmel will, Herzogin, nicht noch einen Schluck nehmen von ihrer Herzſtaͤrkung?“ fragte Dame Jourdain, indem ſie den zauberiſchen Liebestrank immerfort umruͤhrte. — Ganz wie Du willſt, Margery, mein Blut gluͤht, und ich muß noch einmal trinken, ob es mir gleich daͤucht, der Trank ſey viel zu ſtark.— „Nein! nein! es iſt nur milder Malvaſier, My⸗ lady, mit etwas Pomeranzenſaft, Roſenwaſſer, ei⸗ nigen Tropfen Borax⸗Eſſenz, der echte, wahre Trank, heroiſche Liebe und ihre Phantaſieen zu be⸗ ruhigen. Meiſter Bolingbroke hat ihn mit eigener Hand gemiſcht, ganz nach dem Rezepte des großen arabiſchen Doctors.“ — Ich weiß es, Margery,— ſagte Elinor, und in einem leiſen Tone ſetzte ſie hinzu:— Ich bin ja auch in ſeinen Haͤnden, um nach ſeinem Willen gemiſcht und bearbeitet zu werden. Gieb mir den Becher!— und Elinor trank abermals von 38 der Miſchung, von der ſie ſchon fruͤher genommen hatte, und deren Wirkungen ihr ſchon in ihrem Kopfe fuͤhlbar wurden. „Habt Ihr oft ſeine Hand gefuͤhlt, Elinor?“ fragte Bolingbroke mit eintoͤnig tiefer Stimme. — Ob ich's habe? ach, Bolingbroke, Du weißt ja, ich habe ſie ſo oft in die meine geſchloſſen.— „Sie wird die Deine werden durch die Ge⸗ braͤuche der Kirche, Elinor!“ — Gieb mir Gewißheit daruͤber, und die fet⸗ teſte Pfruͤnde in England ſoll nicht ſo viel eintragen, als Dir werden ſoll, mein tiefgelehrter Freund.— „Haſt Du genau Acht gegeben, Elinor, ob die ſaturniniſche, epatiſche und natuͤrliche Linie ſich durchſchneiden, oder ein großes Dreieck bilden in ſei⸗ ner flachen Hand?“ — Ach, guter Bolingbroke, wenn Gloceſter's Hand in der meinen ruhte, dachte ich nicht an die Zeichen der Chiromantie, ſondern gab bloß den gluͤ⸗ henden Druck zuruͤck ohne eine kuͤnſtliche Liſt.— „Wenn ſich ſolche Zeichen drinnen finden, ſagt der gelehrte Corvinus, ſo ſind ſolche Leute beſtimmt zu Sorge, Unruhe, Verluſt von Ehre, Verbannung und Verwirkung anderer Strafen.“ 39 — Was war das fuͤr ein widriges Geraͤuſch? — rief Elinor von ihrem Lager aufgeſchreckt. „Es war die kraͤchzende Eule, die nach dem Scheine des Lichtes flattert, der durch das hohe Fenſter faͤllt.“ — Abermals! wie laut das flattert! Ich liebe das nicht, das iſt ein boͤſes Omen, Bolingbroke! Es kann nichts Gutes liegen in dem Winde, der die Nachtvoͤgel herbeifuͤhrt, um zu ſchreien uͤber den Zauber, den Du bereitet haſt. Die haͤßliche Eule und die Fledermaus ſind Todesboten, wie Du weißt. So auch: Der heiſ're Nachtrab, Todesangſt Drommeter; Des Uhu's Klagſchrei, auf die Bahre laurend, Des Pfeifers Schrillen, toͤdtlich dem, der's hoͤret.— — und dies waͤren die Verkuͤnder von Gloceſter's Sicherheit? O, Bolingbroke, gieb mir eine troͤſtende Verſicherung, daß Alles gut werden wird! Mich duͤnkt, es ſchwebe eine herzogliche Krone uͤber meinem Haupte, ſie verſchwinde aber in dem Dunſte der Lampen. Sprich zu mir durch das Geheimniß deines Zau⸗ bers.— Kannſt Du jetzt keine Geiſter mehr her⸗ vorrufen, Bolingbroke?— Es wuͤrde mir außeror⸗ dentlich erwuͤnſcht ſeyn, Worte zu vernehmen aus der Unterwelt. Beginne deine Beſchwoͤrung, arti⸗ 40 ger Bolingbroke! gut kann ich Dich nicht nennen, wenn Du es auch gut mit mir meinteſt. Rufe ei⸗ nen Geiſt herauf, fuͤr mich— mein Beſchuͤtzer!— Ach! mein Kopf, mein Kopf!— Ein kaum bemerkliches Laͤcheln ſpielte um Eli⸗ nor's Lippen, als dieſe Worte daruͤber glitten, indeß Mutter Jourdain ſich mit einer liſtig verlangenden Miene zu dem Zauberer wandte und rief: „Wollen wir anfangen, mein Meiſter! Seyd Ihr mit euren Studien fertig? Wie lautet die Be⸗ ſchwoͤrung? Conjurate! Adzum und Asmadl“— — Still, alte Hexe! wagſt du zu ſpaßen mit den dunklen Schickſalsworten? Selbſt meine Kunſt vermag jetzt nicht, das Volk der Schatten herauf⸗ zurufen. Ich trage keine Zaubermuͤtze, wie Koͤnig Erricus, und weder Elfe noch Erdgeiſt erkennt mich fuͤr ſeinen Herrn. Nein, Elinor, nein! mein Puͤpp⸗ chen! jetzt kann ich Nichts anders ausuͤben, als was man lernen kann von den Sternen und den Ge⸗ heimniſſen deſſen, was uͤber der Erde iſt; aber in Kurzem ſollſt Du mehr wiſſen, wenn ich ſelbſt Al⸗ les weiß, was ein Sterblicher wiſſen kann. Unter⸗ deſſen ſoll, um deine truͤbe Stimmung aufzuheitern, Margery den naͤchtlichen Zaubergeſang vortragen.— Beginne, Dame Jourdain!— aber laß den Liebes⸗ 41 trank indeſſen immerfort ſchmoren, er wird Nichts von ſeiner Kraft verlieren durch die Zauberworte— Nun denn, fang an!— Die alte Hexe machte hierauf einige myſtiſche Zeichen mit der Linken, allein nicht das, was fromme Katholiken als das Zeichen der Erloͤſung zu machen pflegen, und dann ſtimmte ſie in einem hoͤchſt widri⸗ gen Naſentone den verlangten Zaubergeſang an. Wie heißt der Reim, der's Haus zur Nacht Vor dem beſchuͤtzt, der boshaft wacht? Der neugeborne Balg, Des Katers ſchwarzer Balg, Des Zaubrers weiße Ruth Das Haus beſchuͤtzen gut. Vor Einbruchsdieben, Vor Mordbrandsdieben, Vor Naͤubertuͤck' und Streichen, Die durch die Thuͤren ſchleichen,. Vor jedem Schelm und Wicht, Der durch die Planken bricht.. 5 Neun Ruthen in die Runde Beſchuͤtzt zu jeder Stunde, Dies Reimlein Nacht und Tag Das Haus vor Ungemach. Ja dieſer Spruch Er ſchuͤtzt genug; Ja dieſer Zauber Er ſchuͤtzet ſauber.. Indeß nun Margery Jourdain die unchriſtlichen Er⸗ orcismusformeln langſam herplaͤrrte, flog Elinor's Seele zuruͤck in die fruͤhen Tage der Kindheit, wo die Mutter ſie beim Zubettgehen das weiße Va⸗ terunſer oder folgenden Reim andaͤchtig hatte beten laſſen: Maria, Mutter Gottes, Dich, Dich, meine Mutter, rufe ich. O ſuͤße Jungfrau, gut und mild, Sey Du bei Tag und Nacht mein Schild! Vor jedem Feind bewahre mich;⸗ Hilf mir, o Herrin, deiner Magd Bei Tag und Nacht mit deiner Macht. O ſuͤße Jungfrau, ſey mein Mund Vor Gott, daß er zu jeder Stund' In Abendmahl und Beichte kund Sich mache mir, und mich geſund Erhalt' an Leib und Seel', und wend' All' Uebel von mir, bis an's End'. Amen. Und als dieſe ungebetenen Erinnerungen ihrer Kind⸗ heit und Unſchuld in ihr erwachten, druͤckte das ungluͤckliche Maͤdchen die Hand vor die Augen, und fuͤhlte bald, wie gluͤhende Thraͤnen aus denſelben her⸗ vordrangen. „Sey nun ruhig und zufrieden, ſuͤße Elinor,“ ſagte Bolingbroke, als die Alte ihren Geſang geen⸗ 43 det hatte;„es kann uns nichts Boͤſes widerfahren in den Mauern, die uns ſchuͤtzen, bis der Hahn kraͤht, und die Geiſter der Nacht in die Eingeweide der Erde verſinken, oder unſichtbar werden in den Morgennebeln. Wir koͤnnen ſie weder wecken noch zur Ruhe bringen, aber feſt halten koͤnnen wir ſie immer.” 5 — Liegt ruhig, meine ſchoͤne Herzogin! der ſtaͤrkende Trank muß Euch bewundernswerthe Dienſte thun, und Euch geſchickt machen, Seiner Hoheit zu begegnen, wenn er den Liebestrank ſchluͤrft. Liegt ruhig, ſchoͤnes Puͤppchen,— mein Daumen ſagt mir's, er kann nicht weit ſeyn!— ſagte Dame Jourdain. „O! Bolingbroke! was iſt das fuͤr ein rau⸗ ſchender Ton!“ rief Elinor, ohne auf der Alten Worte zu achten—„Ich hoͤre ihn in der Luft; re⸗ gen die verbotenen Weſen ihre Schwingen? Haſt Du ſie wirklich uns zu Huͤlfe gerufen, oder kommen ſie unverlangt— vielleicht im Zorn und zu unſerer Strafe? Hu, wie ſchauerlich es vor dem Fenſter rauſcht!“ — s iſt Nichts als der Flug der Waſſervoͤ⸗ gel, die aus den Suͤmpfen am Schloſſe aufgeſchreckt worden; Ihr ſeyd zu aͤngſtlich, Elinor. Fuͤrchte Dich nicht, liebes Herz, ſey ruhig und gefaßt, denn vielleicht iſt das ſchwimmfuͤßige Geſchlecht durch Glo⸗ ceſter's Ankunft ſelbſt aufgeſcheucht worden, und macht uns den unnuͤtzen Laͤrm.— „Gloceſter's Ankunft? Himmel! wie dieſer Klang mich furchtbar durchbebt— und zwar zum erſten Male! Sonſt pflegte er nur Freude und Triumph zu wecken!“ — und warum nicht auch jetzt?— ſagte Bo⸗ lingbroke in einem Tone, der ſie beruhigen ſollte, der aber nur rauh war und uͤbereinſtimmend mit Elinor's Bewußtſeyn ihres Unrechts;— jetzt da deine Macht auf dem Punkte ſteht, Alles, was Du wuͤnſcheſt, zu erreichen? wo dein koͤniglicher Lieb⸗ haber in Besgriff iſt, Dir fuͤr immer geſichert zu werden?— „Dieſer Gedanke, Bolingbroke, iſt es eben, der mein Herz druͤckt.— Wird er wirklich der Meine werden, oder iſt er ſelbſt jetzt noch falſch, meinei⸗ dig, einer Andern angehoͤrend? Ach, mein beſter Rathgeber, wie quaͤlt ſich mein Herz mit trüber Ahnung!“ — Alles wird gut werden, Alles iſt gut, Elinor, denkſt Du, dieſe koͤſtlichen Blaͤtter, von dem Geiſte der Weisheit erfuͤllt, haͤtten mich Jahre langes Stu⸗ 45 dium um nichts weiter gekoſtet, als dein Verder⸗ ben? Habe ich mich mit all' den magiſchen Kuͤn⸗ ſten nur gequaͤlt, um ein Spielzeug zu ſeyn in den Haͤnden des Schickſals? Soll ich, der ſelbſt mit des ſtolzen Papſtes Macht ſpielte, wie Du nur auf deiner Laute ſpielen kannſt, durch Mißgeſchick ge⸗ taͤuſcht, oder zum Spielwerke des Zufalls gemacht werden? Nein, meine ſchoͤne Tochter, nein, mein Puͤppchen, das iſt nicht zu fuͤrchten. Gloceſter kommt, er kommt, um der Deine zu werden. He! Mar⸗ gery Jourdain! Du ſchlaͤfſt auf deinem Poſten? Du nickſt ein uͤber dem Geſchaͤft, woran das Schickſal des Herrn eines Reiches haͤngt? Traͤumſt Du denn, Alte?— „Noͤge Dich der boͤſe Feind erfaſſen vor dei⸗ ner Zeit wegen dieſes entehrenden Gedankens, ſchwar⸗ zer Bolingbroke!“ rief die erzuͤrnte Alte, welche durch die harten Worte des Zauberers aus der nickenden Stellung des beginnenden Schlummers aufgeſchreckt worden war, und mit Heftigkeit ihr Geſchaͤft bei Beſorgung des Liebestrankes wieder vornahm. — Ha, Alte! Du ſchimpfſt noch?— rief er in immer haͤrteren Ausdruͤcken.— Du laͤßt deine Zunge geheimes Spiel treiben, und das gegen mich? Fuͤrchteſt Du Dich nicht vor Kraͤmpfen? Hat die ſtechende Kolik keine Schrecken fuͤr Dich? Was murmelſt Du noch immer, Hexe? Du rufſt dein Schickſal ſelbſt herbei, ſo vernimm es denn!— Mit dieſen Worten erhob ſich Bolingbroke von ſeinem Sitze, ergriff einen weißen Stab, der ihm zur Seite lag, und ſchritt vorwaͤrts, dieſes Amts⸗ zeichen uͤber ſeinem Haupte ſchwingend. Die alte Margery, erſchreckt durch den angedrohten Ausbruch der Verwuͤnſchung, und ganz unterworfen einer an⸗ gemaßten Gewalt, vor welcher Aberglaube und Ge⸗ wohnheit ſie in Furcht erhielten, ſelbſt bei dem Be⸗ wußtſeyn, daß ſie ſich auf nichts Wirkliches gruͤnde, ſprang ſchnell von ihrem Stuhle auf und warf ſich vor der großen Geſtalt auf die Kniee, die ſich ihr ſo grauenvoll naͤherte. „Vergebung! Vergebung, lieber Meiſter!“ rief ſie.„Moͤge Sanct Colm und Sanct Bride...“ — Nenne mir keine Heiligen! Unverſchaͤmtes Geſchoͤpf!— rief der Zauberer.— Willſt Du, daß ich Dich zerſchmettern ſoll?— „Ach! Meiſter, ich habe euren Beruf verkannt. Mein Geiſt wandte ſich zuruͤck zu jenen Tagen, als ich Euch am Altar dienen ſah und die heilige Lita⸗ ney ſingen hoͤrte.”“ — Still, ſtill! Du Schaͤndliche! oder ich zer⸗ 47 martere Dich! Du wagſt es, ſolche Dinge zu er⸗ waͤhnen?— rief Bolingbroke, indem ein dunkles Roth ſich uͤber ſein Angeſicht verbreitete. „Verzeihung, Verzeihung!“ rief die Alte, das Geſicht mit der Hand bedeckend und das Haupt zur Erde beugend. — O, Bolingbroke! was wollt Ihr thun? Wie furchtbar blitzen eure Augen auf die arme Margery! Gebt Euch zufrieden; bedenkt, welches Werk Ihr unter der Hand habt!— rief Elinor, von ihrem Lager aufſtehend und einen abmahnen⸗ den Blick auf den erzuͤrnten Zauberer werfend, in⸗ deß ſie eine ihrer weißen Haͤnde auf ſeine Schul⸗ ter legte. „Wie darf mich die alte Hexe den ſchwarzen Bolingbroke nennen? oder mich verſpotten wollen mit den vergangenen Tagen meines Altardienſtes? Aber deine ſtrahlenden Augen und ſchmelzenden Toͤne, meine Elinor! haben mich uͤberwaͤltigt und den Strom der Verwuͤnſchungen aufgehalten, die ich auszuſtoßen im Begriff war.“ — Gnade, Gnade,— ſtammelte die hingewor⸗ fene Hexe. „Steh auf, Margery, und lerne behutſam ſeyn,“ ſagte Bolingbroke im Tone ſanfteren Gemurmels, 48 denn Elinor's verfuͤhreriſche Worte und Blicke hat⸗ ten ſeine verwundete Eitelkeit verſoͤhnt und den Sta⸗ chel ſeines Gewiſſens abgeſtumpft. — Horch, horch!— rief Elinor, an das ver⸗ koͤrperte Ebenbild der Finſterniß im erneuerten Schreck ſich anklammernd, als ſie den klagenden, aber un⸗ melodiſchen Ton eines Inſtrumentes außerhalb des Schloſſes vernahm.— Bolingbroke, das iſt kein irdiſcher Ton,— das iſt nicht Vogelgeſchrei, das iſt keine ſterbliche Melodie— Jeſus Maria, ſchuͤtze uns!— eh 4„ „Du haſt deine Huͤlfsrufe bewundernswerth ſchlecht gewaͤhlt dieſe Nacht, auch wenn Du nicht ſicher waͤrſt vor Leid und Schaden,“ ſagte Boling⸗ broke mit einem boshaften und Kraͤnkung verra⸗ thenden Weſen:„deine Anrufungen moͤchten wohl beſſer fuͤr eine Nonne bei den Veſpern oder einem Moͤnch in der Hora paſſen, als fuͤr Jemand, der... 1 — O! ſprich's nicht aus, wer ich bin, guter Bolingbroke! Tadle mich nicht deshalb, wozu Du mich ſelber gemacht haſt; ſey mitleidig, wie Du ge⸗ waltig biſt;— dieſe ſchauerlichen Toͤne, dieſer ein⸗ ſame Ort, ein Gefuͤhl meiner Huͤlfloſigkeit, und dieſe Furcht, die ich nicht bemeiſtern und nicht er⸗ . klaͤren 49 klaͤren kann, das Alles uͤbermannt mich ſchnell.— Horch! wieder! lauter und naͤher!— „Es iſt das wilde Horn des Norden! Van Monfoort blaͤſ't fuͤr ſich und Gloceſter dem Wacht⸗ thuͤrmer des Schloſſes ſeine Ankuͤndigung zu— ich hoͤre es ganz deutlich jetzt und kenne es recht gut. — Nun, gute Elinor, du zitterſt.“ — Nicht aus Furcht, lieber Bolingbroke, ob ich gleich des Herzogs Vorwuͤrfe wegen dieſes viel⸗ leicht zu kuͤhnen Schrittes ſcheue.— Hoffnung, Hoff⸗ nung bebt durch meine Nerven— werde ich..— „Herzogin werden? Ja, mein Kind, und das Schickſal koͤnnte Dich wol auch...“ — Zur Koͤnigin machen!— fluͤſterte die ſchmeich⸗ leriſche Here, die ſich unterdeſſen wieder erholt und ihre Stelle an dem Kohlenbecken eingenommen hatte. „Horch! Sie nahen! Die Zugbruͤcke droͤhnt in ihren roſtigen Ketten. Auf dein Lager, Elinor! Sey vorſichtig, Margery; nimm deinen Guͤrtel und dein. Halsband ab, benimm Dich recht matronenhaft, und ſprich nicht in Kunſtausdruͤcken. Und Euch, meine Schaͤtze, euch lege ich einſtweilen auch bei Seite, be⸗ deckt vor unheiligen Augen;— mein Guͤrtel liege ebenfalls hier verſteckt bei Euch. Nun moͤge Glo⸗ II.. 3 50 ceſter zu ſeinem demuͤthigen Geſandten eintreten und ſehen, wer von Beiden der Staͤrkere iſt.“ Indeß Bolingbroke dieß zum Theil wie ein Selbſtgeſpraͤch hermurmelte, deckte er ſorgfaͤltig ſei⸗ nen Mantel uͤber die auf dem Tiſche liegenden Ma⸗ nuſcripte und Inſtrumente; dann ſchritt er quer durch das Zimmer, oͤffnete die Thuͤr, die er vorher durch den ungeheueren Riegel verſchloſſen hatte, und ging dem Herzoge entgegen, um ihn fuͤr ſeinen fer⸗ neren Plan vorzubereiten. Elinor warf ſich wieder auf ihr Lager, in einem Zuſtande ungewohnter Auf⸗ regung und Unruhe, und ihre Augen hefteten ſich unwillkuͤrlich auf den geheimnißvollen Tiegel, deſſen Stiel wieder von der Hexe ergriffen wurde, indeß das leiſe Ziſchen und Brauſen ſeines Inhalts der einzige Ton war, der das tiefe Schweigen in dem geraͤumigen, feierlich ausſehenden Gemache unter⸗ brach. Drittes Kapitel. Nachdem Gloceſter und van Monfoort Fitzwaltern an's Land geſetzt und einige recognoſcirende Beſuche an verſchiedenen Punkten der Kuͤſten des Feſtlandes von Holland gemacht hatten, wandten ſie den Vor⸗ dertheil ihres offenen Bootes gegen Urk, und da die ſechs ſtaͤmmigen Ruderer, welche entweder kraͤftig die Wellen ſchlugen, oder das Segel von rother Leinwand geſchickt zu ſtellen wußten, den Bewegun⸗ gen des Steuerruders, welches Ludwig ſelbſt fuͤhrte, ſehr gut gehorchten, wurde die Inſel gluͤcklich er⸗ reicht, jedoch nicht eher, als bis der Mond in's Meer geſunken war, und Mitternacht ihren duͤſtern Mantel uͤber die Erde gebreitet hatte. Es war allerdings das rauhe Horn von Giles Poſtel gewe⸗ ſen, welches die Ankunft ſeines Herrn durch ein Blaſen angemeldet hatte, wie es ſeinen Lehnsrech⸗ ten angemeſſen war, und die ſchuldige Antwort von 3* 52— dem Seneſchall und den Thurmwaͤchtern vollendete die einleitenden Ceremonien, welche der Landung des Haͤuptlings, ſo wie ſeinem Eintritte in den Hof ſeiner Veſte vorausgingen. „Nochmals willkommen, Herr Herzog, in der Hoͤhle des Loͤwen!“ ſagte van Monfoort mit la⸗ chendem Grinſen, als die Waͤchter ihnen mit den Fackeln uͤber die Zugbruͤcke leuchteten. — Gebe der Himmel nur, daß ich auch wie⸗ der ſo gut herauskomme, wie Daniel in alter Zeit.— „Was meint Ihr denn, Mylord? Ihr fuͤrch⸗ tet doch keinen Trug oder Hinterliſt, wenn Ihr die Schwelle eines echten Ritters uͤberſchreitet?“ rief Ludwig etwas unſanft, indem er barſcher ausſah, als es ſeine Worte oder ſein Ton andeuteten; da⸗ bei machte er jene ganz beſondere Bewegung mit der Hand, die wir bezeichneten, als wir ihn unſern Leſern zum erſten Male vorſtellten, und wodurch der Griff ſeines gewaltigen Stoßdegens in ſchnelle Be⸗ ruͤhrung mit derſelben kam. — Hinterliſt, guter Sir Ludwig, nein! bei meiner Ehre, nicht von Dir und den Deinen, ſo wahr ich Ritterthum und Ehre ſchaͤtze!— Aber denke von meinem Muthe wie Du willſſt, lieber Freund, ich ſcheute mich und bebte, als ich uͤher den Schloßgraben ſchritt, auf eine Art, welche mich glauben ließ, dein Schloß hier werde von boͤſen Ge⸗ nien bewacht.—. „O! deshalb, Ihro Hoheit, werde ich nicht fuͤr verantwortlich geachtet werden durch ein Haupt⸗ noch Nebengeſetz des Ritterthums. Moͤgen Teufel und Daͤmonen Trotz bieten den Geweihten des Guͤr⸗ tels und Schwertes,— aber Ihr, Herzog, ſeyd der Erſte, Freund oder Feind, der meines Vaters Hal⸗ len geſchmaͤht hat.“ — Aber, guter Sir Ludwig— „Aber, guter Mylord, es iſt doch wahr. Ihr habt einen Schandfleck gebracht auf das Schloß der Monfoorts, das dem heil. Willebrod geſetzmaͤßig ge⸗ weiht iſt, deſſen Bildſaͤule auch in der Niſche uͤber der Kapellenthuͤr ſteht, eingeſegnet von dem ſeligen, aber einzigen Biſchofe von Geldern, und alle drei Monate beſucht von dem heil. Kanonikus Rudolph van Diepenholt. Allein, da ich Euch, Herr Herzog, fuͤr meinen rechtmaͤßigen kuͤnftigen Lehnsherrn er⸗ kenne, kraft des Rechtes meiner ſouverainen Graͤfin, Eures verlobten Weibes, durfte ich dieſe Herabſez⸗ zung nicht ungeruͤgt hingehen laſſen— denn Euer Hoheit darf es nicht unbekannt bleiben, daß der Ab⸗ koͤmmling Hendricks von Urk von den aͤlteſten Koͤ⸗ 54. nigen Daͤnemarks abſtammt und der Erbe iſt des Dirk van Zwieten, ſeiner Mutter Bruder, eines Blutsverwandten, ſo edel wie die Plantagenets... — Aber Sir Ludwig, wozu dies Alles? Bei meiner Ehre, es ſchwebt Etwas nicht Geheures uͤber uns, und hat Euch mit einer Art Wahnſinn befal⸗ len, wie mich mit Zweifel und Bangen. Was iſt das fuͤr eine Geſtalt dort?— Als Gloceſter erſtaunt und beſtuͤrzt zuruͤckbebte uͤber den Gegenſtand, der dieſen Ausruf veranlaßte, gab van Monſoort ſeinen Augen dieſelbe Richtung, und murmelte ſchnell eine Beſchwoͤrungsformel, in⸗ dem er ſich mit der geballten Fauſt kreuzte und da⸗ bei ſehr devot eine ſyſtematiſche Verbeugung der Ge⸗ ſtalt machte, die er anrief, ohne einen beſtimmten oder fuͤhlbaren Begriff von ihrer Natur oder ihrem Umfange zu haben. Es war die dunkle Geſtalt Bolingbroke's, der daherſchreitend dieſe doppelte Be⸗ ſtuͤrzung verurſachte. „Um Gottes Willen, guter Ludwig, ich hatte doch ſo ganz Unrecht nicht,— aber es war nicht dein, ſondern mein boͤſer Genius, von dem ich die Warnung empfing. Hey, Bolingbroke!“ fuhr der Herzog laut und in Engliſcher Sprache fort,„was willſt Du hier? Biſt Du mir ſo ſchnell gefolgt zum 1 5⁵ Gluͤck oder Ungluͤcke Was macht meine Elinor? Hat ſie Dich in Kenntniß geſetzt von meinen Be⸗ wegungen, und Dich zu meiner Unterſtüͤtzung ge⸗ ſandt? Und was fuͤr Nachrichten aus Rom? Oeffne deinen Mantelſack von Neuigkeiten, gut oder ſchlecht!“ — Wenn mir Eure Hoheit die Ehre erweiſen wollen, daß ich allein mit Ihnen ſprechen darf, das heißt, befreit von der Gegenwart dieſer Geſellſchaft — verſetzte Bolingbroke mit einem bedeutenden Blick auf Monfoort und deſſen Gefolge;— ich wuͤrde Ihnen dann die Nachrichten von meiner Sendung enthuͤllen, und Euer Gnaden den Beweis geben von dem Wohlbefinden der Lady Elinor. Mit Euer Gnaden Erlaubniß erſuche ich Euch, auch dieſe rohe Dienerſchaft um Eure koͤnigliche Perſon zu entlaſ⸗ ſen, und Eurem armen Diener zu geſtatten, Euch in das Gemach zu fuͤhren, welches Documente und lebende Beweiſe enthaͤlt von dem, was Eure In⸗ tereſſen und Eure Ehre am naͤchſten angeht.— „Lebende Beweiſe, Maſter Bolingbroke? Es liegt Etwas in dieſen Worten, das tiefer iſt, als mein Witz. Zu was wollt Ihr mich denn fuͤhren?“ — Schlagt dieſen Weg ein, Mylord! Ich bitte Euch darum, ehe dieſer unſer Wirth und ſeine Leute, * 8 1 56 die ſaͤmmtlich wie Raͤuber ausſehen, meiner Bot⸗ ſchaft auf die Spur kommen, oder erfahren, wer mein Genoſſe iſt auf dieſer Reiſe zu Eurer Hoheit Dienſt und Nutzen.— Bolingbroke begleitete dieſe dringende Einladung mit flehenden Gebehrden, und ſchritt allmaͤhlich auf den Eingang des Gebaͤudes zu. Gloceſter fuͤhlte ſich unwiderſtehlich fortgezogen, ſeinem Verlangen nachzugeben, und mit wenig Worten entſchuldigte er ſich bei Monfoort, daß er ſich mit dem Fremden entferne. Der Loͤwe war trotz alles ſeines Muthes gaͤnzlich erblaßt beim Anblicke dieſes wandelnden Geheimniſſes, und mit Freuden gab er ſeine Zu⸗ ſtimmung zu Gloceſter's Bewegung, welche ihn von der Geſellſchaft eines Weſens befreite, das der Her⸗ zog ſelbſt ſo freimuͤthig fuͤr eins von boͤſem Einfluſſe und Anblicke erklaͤrt hatte. Als Gloceſter in einen der ſchwach erleuchteten Gaͤnge, welche aus der Vorhalle fuͤhrten, mit Bolingbroke, der ihm den Weg zeigte, verſchwand, konnte ſich der Haͤuptling eines Schau⸗ ders nicht erwehren bei der bemerkten Aehnlichkeit dieſes Bildes mit dem eines boͤſen Geiſtes, der eine Seele dem duͤſtern Abgrunde zufuͤhrt. Er ſtand ſtill und ſtumm, als er die wandelnden Fußtritte den Gang entlang wiederhallen hoͤrte, und bebte bei dem 57 lauten Klange einer verſchloſſenen Thuͤr und dem Vorſchieben gewichtiger Riegel von Innen, denn dieß deutete ihm an, daß Gloceſter mit Jemanden eingeſchloſſen ſey, der der boͤſe Feind ſelbſt in menſch⸗ licher Geſtalt zu ſeyn ſchien. Der alte Seneſchall erſchien ſeinem Herrn als ein guter Genius, indem er ihm meldete, daß zwei Frauen die Gefaͤhrten des Fremden ſeyen, deren geheimnißvolles Weſen allgemein das Gefuͤhl einer aberglaͤubigen Furcht erweckt habe. Ludwig's boͤſe Ahnungen in Betreff ſeines Gaſtes gingen ſchnell von uͤbernatuͤplichen zu menſchlichen Verſuchungen uͤber, und ein unbeſtimmter Zweifel an Gloceſter's Treue gegen ſeine Herrin, Jacqueline, bemaͤchtigte ſich unwiderſtehlich der Seele des Haͤuptlings. Ei⸗ ner moͤglichen Treuloſigkeit auf edle Weiſe entgegen zu wirken, war ſein erſter Entſchluß, und ſein naͤch⸗ ſter halb ausgebildeter Vorſatz war der, mit Ge⸗ walt in das Zimmer einzubrechen, welches dem Un⸗ gluͤkk und der Entehrung geweiht ſeyn koͤnnte. Al⸗ lein ein augenblickliches Nachdenken brachte ihn davon zuruͤck. Gaſtfreundſchaft, ritterliche Sitte und der Heiligenſchein um die koͤnigliche Wuͤrde in der truͤben Atmoſphaͤre der Feudalgeſinnung, dies Alles vereinigte ſich, einen beſchimpfenden Einbruch 3*. 58 in das Gemach zu verhindern, und Ludwig begnuͤgte ſich nun mit dem Vorſatze, ſich am Morgen eine vollſtaͤndige Auskunft uͤber ein Benehmen zu ver⸗ ſchaffen, das ihm ſo unanſtaͤndig und ungewoͤhn⸗ lich ſchien, denn dieß waren die mildeſten Ausdruͤcke dafuͤr, die ſich in dem Woͤrterbuche ſeines Gemuͤths unter dieſen Umſtaͤnden auffinden ließen. Mit dieſem Entſchluſſe begab er ſich zu den rohen Bequemlichkeiten ſeiner Schlafſtelle, indem er zuvor nachſah, ob ſich auch Alles in dem fuͤr Glo⸗ ceſter eingerichteten Ehrenzimmer in gehoͤriger Ord⸗ nung befinde, ihm den Nachttrunk zur Hand ſtellte, und den Seneſchall und Giles Poſtel zur Bedienung in dem Vorzimmer bleiben hieß. Sich ſelbſt aber dis⸗ penſirte er von aller perſoͤnlichen Aufwartung, we⸗ gen der Schnelligkeit, womit ſich der Herzog ent⸗ fernte, und in der Abſicht, ſeine etwas zerſtreuten Gedanken einigermaßen wieder zu ſammeln und auf Alles Nothwendige in dieſem Falle gehoͤrig gefaßt zu ſeyn. Wir unternehmen es nicht, die verſchiedenen Eindruͤcke zu ſchildern, die auf Gloceſter einſtuͤrm⸗ ten, als er in die Halle eintrat, wohin ihn ſein fin⸗ ſterer Fuͤhrer geleitete. Ueberraſchung und Freude beim Anblicke Derjenigen, die ſich ſo feſt um ſein Herz * 59 geſchlungen hatte, vermiſchten ſich mit den ſcharfen Gewiſſensbiſſen bei dem ploͤtzlich erwachenden Gedan⸗ ken an die vergeſſene Jacqueline. Er fuͤhlte tief den Schmerz einer Vergleichung zwiſchen der Abweſenden und der Gegenwaͤrtigen, die fuͤr die Letztere ſo wenig guͤnſtig ausfiel, und zugleich eine aberglaͤubige Ban⸗ gigkeit bei ihrem Anblick ſowohl, als dem ihrer Be⸗ gleitung, wogegen ſelbſt ſein tapferes Herz nicht hin⸗ laͤnglich gepanzert war. Mit ſchnellem Ueberblick ſchien er alle Einzelnheiten des Auftritts in ihrer Verbindung zu umfaſſen, und er fuͤhlte ſich uͤber⸗ mannt von der Ueberzeugung, daß er ganz von den Sklavenbanden der Liebe und Zauberei umſtrickt ſey. Elinor ließ ihm aber nicht Zeit, ſeine Geiſtesgegen⸗ wart wieder zu gewinnen; auch erlaubte ihr der erſte Drang ihrer Gefuͤhle nicht, der ihrigen gemaͤß zu handeln. Die Rolle gaͤnzlich vergeſſend, welche ſie zu ſpielen hatte, bloß von ihrer Freude getrieben, den Gegenſtand ihrer Beſorgniſſe wieder zu ſehen, ſowohl ihrer ſelbſt als ſeinetwegen, ſprang ſie in einem Momente des Gefuͤhls vereinter Liebe, Si⸗ cherheit und Triumphs auf, und ſtuͤrzte ſich, nicht ohne den Einfluß des ſo kuͤnſtlich zu Aufregung ih⸗ rer Sinnlichkeit bereiteten Trankes zu empfinden, mit krampfhafter Entzuͤckung in die Arme ihres koͤnigli⸗ 60 chen Liebhabers. In demſelben Augenblicke ſtahl ſich Bolingbroke langſam aus dem Gemache in ein an⸗ ſtoßendes Cloſet, indeß ſeine hexenartige Gefaͤhrtin auf ſeinem Wink ebenfalls hinaushinkte, mit einem Grinſen, worinnen ſich Bosheit, Neid und andere verhaßte Empfindungen ausdruͤckten, und ſo blieb denn das leidenſchaftliche Paar allein ihrer ſtrafba⸗ ren Luſt und Freude uͤberlaſſen. Und nie genoß ſchuldbefleckte Liebe einen Augenblick verſoͤhnenderer Aufrichtigkeit. Die Gegenſeitigkeit reichen Entzuͤckens verbarg fuͤr einen Moment einen langen Zeitraum wech⸗ ſelſeitigen Betrugs. Es war kein anderer vorhanden, außer in der Wirkung auf das Herz jedes in Selbſtbe⸗ trug befangenen Liebenden, und ſo ſtanden ſie eine Weile verſchlungen in feſter Umarmung, welche ih⸗ nen Mitleid und Verzeihung haͤtte erwecken moͤgen, weil ſie glaubten, ſie ſey eben ſo rein, als ſie in der That unlauter und unheilig war. Auch darf der irrende Sohn der ſchwachen Menſchheit nicht mit frommen Schauder zuruͤckbe⸗ ben vor dieſem Gemaͤlde der Hingebung ſeiner Mit⸗ ſuͤnder an ſo ausgeſuchte Taͤuſchung. Moͤge er viel⸗ mehr hoffen, daß es eine Gnadenfriſt war, die ihnen der erzuͤrnte Himmel ſchenkte, um das Fieber un⸗ heiliger Leidenſchaft zu beſaͤnftigen. Und auf jeden 61 Fall mag auch der verhaͤrtetſte Moraliſt befriedigt werden, wenn er in den Buͤchern der Geſchichte fin⸗ det, daß Gloceſter und Elinor in ſpaͤteren Tagen des Leidens fuͤr dieſe und aͤhnliche Momente des Selbſtvergeſſens hinlaͤnglich gebuͤßt haben. „Nell, meine herrliche Nell,“ liſpelte Gloceſter nach einer Pauſe, indem er ſich ein wenig zuruͤckzog, als wolle er ſeiner Geliebten erroͤthendes und be⸗ lebtes Geſicht noch aufmerkſamer betrachten. — Was wuͤnſcht mein gnaͤdiger Herr?— ver⸗ ſetzte Elinor in einem ſanften und unterwuͤrfigen Tone.. „Was ich wuͤnſche? o Nichts, beim Himmel! als fuͤr immer ſo gluͤcklich zu ſeyn in Deinen Ar⸗ men!“ — Fuͤr immer, Mylord? Huͤtet Euch vor der Suͤnde der Uebertreibung. Immer iſt ein lan⸗ ges Wort.— „Nein! Nell, die Zeit iſt nur eine Spanne. Die Ewigkeit ſelbſt wuͤrde kurz ſeyn, wie das Leuch⸗ ten des Blitzes, koͤnnte Liebe und Schoͤnheit fuͤr immer einen Mann begluͤcken.“ — Ach, ſchmeichleriſcher Prinz! wie viel Stun⸗ den ſind denn wol verfloſſen, ſeit Ihr die naͤmli⸗ chen ſuͤßen Worte— Jacquelinen vorgeſagt habt?— 62 „Nell, ſuͤße Nell, liebes, liebes Maͤdchen! laß mich nur jetzt gluͤcklich ſehn! Miſche keine Galle in den reinen Becher des Genuſſes! Ich liebe Dich wahrhaft— Dich, Dich allein.“ — Ach, Mylord, vergebt mir; aber Eure heim⸗ liche Flucht,— dieſe uͤbereilte Reiſe— auf der ich Euch vielleicht zu raſch zu folgen wagte und einzu⸗ dringen ſuchte in.— „Nein! nein! meine Geliebte, Du haſt wohl⸗ gethan, ſehr wohl— ich frage nicht, warum, oder weshalb Du gekommen biſt,— ich will es, ſo wie Alles, was Du thuſt, nur fuͤr eine Handlung rei⸗ ner Liebe halten— aber zweifle auch nicht mehr an mir, als ich an Dir zweifle.“ — Wie koͤnnte Eure Hoheit zweifeln an einem armen, verlaſſenen Maͤdchen, welches Alles gethan hat, was ein Weib nur thun kann, um ſeines Her⸗ zens treue Anhaͤnglichkeit zu beweiſen! Aber Ihr, Mylord!— „Wie? was? Nell! Laß mich Dich ein wenig betrachten. Du biſt weder rothhaarig, noch ſchwarz⸗ augig; ſichere Zeichen der Eiferſucht bei Weibern. Deine lichtbraunen Flechten und Deine hellen Au⸗ gen druͤcken liebende Zaͤrtlichkeit und vertrauensvolle Treue aus. Auch biſt Du nicht in Gewaͤnder von 63 zweifelhafter Farbe gekleidet. Dieſer roſenfarbige Mantel, mit Seide durchwebt, kann nicht Miß⸗ trauen verhuͤllen. Dazu wuͤrde beſſer ein Kleid von ſchielendem Gelb oder verblichenem Gruͤn paſſen oder auch ein blaßblauer Sammetrock, mit geneſſelten Loͤchern und Nadelſtickerei verſehen, die echten Zei⸗ chen der Eiferſucht, ſo wie mein verſtorbener Bru⸗ der, Koͤnig Heinrich, noch als verſchrobener Prinz von Wales trug, als er unſerm koͤniglichen Vater einen Beſuch machte, um ihm Vorwuͤrfe zu machen we⸗ gen ſeines mißtrauiſchen Temperaments. Und woll⸗ teſt Du, meine traute Nell, in dieſer glaͤnzenden Stunde des Genuſſes meine Wonne vergiften und Dich ſelbſt mit ſolchen Herzensqualen martern?“ — Ach! Mylord, dieſer aus Ernſt und Spott gemiſchte Ton laͤßt mich mehr in Zweifel als andere.— „Merke Dir doch, meine Liebe, die Außbruͤcke eines alten Sprichwortes, wo es heißt: Fuͤr Ketze⸗ rei, Wahnſinn und Eiferſucht bewahre uns lieber Herre Gott! oder kennſt Du nicht die alten Verſe: Winde, Waffen, Flammen machen nicht ſo viel Laͤrm Als eiferſuͤchtige Weiber Alles in Unordnung brin⸗ gen gern. Warum haſt Du mich denn je geliebt, Nell, wenn Liebe nur Verdacht naͤhren ſollte?“ 64 — In der That, Mylord, ich kann darauf nur antworten mit Geoffrey Chaucer's Weib von Bath: Ich folgte bloß meiner Inelination Kraft meiner Conſtellation. Und abermals kann ich mit den bekannten Verſen ſagen, daß diejenige, welche liebt wie ich, Nicht immer im Vertrauen verweilen kann, Wem von allen Seiten Angriffe nah'n. Und wißt Ihr denn nicht, Hoheit, daß Diejenige, welche Venus und Mars in ihrem Horoſcope hat, beſonders reizbar iſt, wenn ſich der Mond und die Jungfrau in gegenſeitigem Aſpect befinden?— „Halt, halt hier, liebe Nell, um Himmels Wil⸗ len! O! was war ich fuͤr ein Thor, Dich zu Ver⸗ ſen und zur Kunde der Geſtirne zu fuͤhren!“ Mit dieſen Worten riß ſich Gloceſter aus Eli⸗ nor's Umarmung los, und ſeiner leidenſchaftlichen Gemuͤthsart folgend, ſchritt er ungeduldig im Zim⸗ mer auf und ab, indem er immer vor ſich hin murmelte: „ Du biſt nicht gerecht gegen mich, Nell!— Du haſt keine Nebenbuhlerin in meiner Liebe!— ich verdiene das nicht!— Waͤre ich ein muͤßiger Pflaſtertreter, ein traͤumeriſcher Narr, ein Landſtrei⸗ 65 cher, der, wie ein alter Mann mit ſchlotternden Gliedern und ausgetrockneten Saͤften und beſtaͤndi⸗ gem Huſten, ſich der nicht naͤhern darf, die er liebt. — Waͤre ich ein Klotz oder ein Stein— haͤtt' ich einen Kuͤrbiß ſtatt des Kopfes und eine Ruͤbe ſtatt des Herzens— nun dann moͤchteſt Du meine Treue allenfalls mit Zweifeln angreifen!— Aber ich, der ich Alles aufgegeben habe, ohne mich zu beklagen, um Deinetwillen,— ich, der ich Verſuchungen be⸗ ſtanden, Vorwuͤrfen getrotzt habe— o! Nelb, ſelbſt mein Gewiſſen Deinetwegen verletzt habe, ſoll ich dem Zweifel und Verdachte unterliegen? Aber was liegt denn hier? eine Rolle mit meiner Adreſſe in Seide gewickelt, mit einem großen Siegel verſehen? Ei! mit des Papſtes eignem geheiligten Petſchafte bedruckt! Vertu-dieu! hatte ich doch Bolingbroke und ſeiner Sendung gaͤnzlich vergeſſen! Ach, Nell! Iſt das kein Zeichen meiner Liebe fuͤr Dich? Ich will dieſe Schrift jetzt nicht oͤffnen! und hier wieder ein Pergamentblatt und offen! An Humphrey von Gloceſter!— Drollig genug!— Ein ſeltſamer Han⸗ del!— Wieder Reime! 1 O Humphrey, wer will leſen fertig, Muß erſtlich buchſtabiren ſchnell. Drei B ſind deines Tod's gewaͤrtig; Dein Lebensbalſam iſt ein. Kein Todtenglocken⸗Ritornell;*) Ein Nell fuͤr Lebens⸗Zeitvertreib. Denn jenes ſpricht:„Begrabt den Leib!“ Und dieſes ſpricht:„Nimm mich zum Weib!“ Hal hier iſt kein liſtiger Pfiff, kein nekromantiſcher Zauber; das iſt deutlich Engliſch! Drei B's? Ha! Burgund, Britannien und Bedford ſind die drei, die mich mit ihren Stacheln durchbohren moͤchten— und: ein Nell fuͤr's Leben? und„mich zum Weib“ erheben! bedarf keiner Buͤcherweisheit, duͤnkt mich, um verſtanden zu werden. Iſt dies deine koͤſtliche Handſchrift, Elinor? Iſt es eine offene Bitte um das Aufgebot? nicht wahr?“ Indeß Gloceſter eine Antwort auf dieſe etwas ernſt ausgeſprochene Frage erwartete, wurden alle ſeine ſanfteren Empfindungen dadurch aufgeregt, daß er laute Seufzer von Elinor's Lager her vernahm, — die einzige Antwort, die ſie jetzt geben konnte oder wollte. Doch unterſuchen wir nicht, wie viel Erkuͤnſteltes ſich mit der Wirklichkeit des an⸗ ſcheinenden Elends miſchte. Die kuͤrzlich ein wenig geſchwaͤchte Zaͤrtlichkeit des Protectors belebte ſich *) Nur ſo ließ ſich das Wortſpiel zwiſchen death-knell (Todtengeläute) und Nell(Leonore) beibehalten. 9 9 —— 67 von Neuem bei dieſem unwiderſtehlichen Aufrufe weib⸗ lichen Jammers, und er eilte augenblicklich an Eli⸗ nor's Seite, und erſtickte ihre Seufzer und Klagen durch zaͤrtliche Liebkoſungen. Jetzt bemerkte er auf einem hochbeinigen Drei⸗ fuße dicht neben der Feuerſtelle einen zum Theil vergoldeten Becher von ſeltener Arbeit, den er au⸗ genblicklich fuͤr ein Geſchenk erkannte, das er Elinor ſelbſt gemacht hatte. „Aber, liebe Nell, es war doch recht freund⸗ lich und Dir ganz angemeſſen,“ ſagte er,„dieſes Andenken alter Zeiten und gluͤcklicher Stunden mit⸗ zubringen, damit es mich begruͤße an dieſem einſa⸗ men Orte. Wohl gedenke ich noch der Nacht, wo ich auf dem ſchneebedeckten Fußpfade uͤber die Wie⸗ ſen von Weſtminſter nach Charing ging, dieſe Schale unter meinem Mantel, die ich fuͤr Dich bei Pi⸗ oli, dem Lombarden in Eaſtcheap, gekauft hatte. Oft habe ich daraus getrunken, Nell, wenn Du ſie mir gefuͤllt hatteſt, und ich wette, Du haſt eine Ah⸗ nung gehabt, von meinem außerordentlichen Durſt in dieſer unfreundlichen Nacht. O! laß ſehen!“ Mit dieſen Worten ergriff er das Trinkgefaͤß und wollte ſchon ſeinen Inhalt leeren, als Elinor ſeinen Arm aufhielt und ausrief: 68 — Nein! Mylord, nicht alſo, ich muß es Euch reichen!— von meiner Hand allein koͤnnt Ihr die⸗ ſes Getraͤnk empfangen.— „Gutes Maͤdchen!“ rief Gloceſter mit einem gluͤhenden Blicke der Dankbarkeit fuͤr dieſen neuen Beweis der liebenswuͤrdigen Beſorglichkeit ſeiner Geliebten, indeß ſie mit der linken Hand den Be⸗ cher hielt, und dabei die Zauberformeln hermur⸗ melte, welche dem Tranke erſt die volle Kraft ge— ben ſollten. „Was ſprichſt Du da?“ fragte der durſtige und liebekranke Herzog. — Nur ein kurzes Wohlbekomm's! mein gnaͤ⸗ diger Herr, mein theurer Geliebter!— erwiederte Elinor, indem ſie zu gleicher Zeit den Becher ſeinen verlangenden Lippen darbot. Begierig ergriff er ihn, und ſetzte ihn nicht eher ab, als bis er ihn, ohne Athem zu holen, voͤllig ausgeleert hatte. Da wir ſelbſt niemals einen Liebestrank zu uns genommen haben, koͤnnen wir auch nicht ge⸗ nau die Wirkung beſchreiben, welche bei Gloceſter durch dieſen bedeutungsvollen Trank innerlich her⸗ vorgebracht wurde. Allein der Einfluß deſſelben auf ſein Benehmen und Weſen war ſo, daß es das von Schreck ergriffene Maͤdchen aufs Aeußerſte beun⸗ ——— 69 ruhigte. Es war nicht Wahnſinn, welcher plötzlich die Krankheit der Seele offenbart, es war nicht Bloͤdſinn, der von ihrer Befangenheit zeugte. Glo⸗ ceſter raſ'te nicht, es ſtand ihm der Schaum nicht vor dem Munde, auch gab er kein anderes Zeichen wirklicher Tollheit von ſich, allein es ſprach ſich doch in jedem ſeiner Blicke, Worte und Bewegungen aus, daß er von einer unbezaͤhmbaren Leidenſchaft auf's Aeußerſte beherrſcht werde. Die geheimſten und wirkſamſten Ingredienzien dieſer alten Liebestraͤnke ſind gluͤcklicher Weiſe in unſeren Zeiten ganz unbe⸗ kannt, ſo daß man an keinem lebenden Weſen den Verſuch machen kann, das zu erfahren, was von ihren Wirkungen zu jener Zeit erzaͤhlt wird. Daß ſie im gegenwaͤrtigen Falle von der Art waren, daß ſie Elinor in nicht gemeines Schrecken ſetzten, iſt gewiß, allein es war ein ſolcher Schreck, wie er ein uͤberaͤngſtliches Gemuͤth ergreift, welches vor der Erfuͤllung ſeiner ausſchweifendſten Wuͤnſche erbebt. Haͤtte Gloceſter in dieſem Augenblicke die Welt be⸗ ſeſſen, er wuͤrde ſie als eine freie Gabe Elinor zu Fuͤßen gelegt haben; allein da er kaum Herr ſeiner ſelbſt war, hatte das Geſchenk, welches er machte, vergleichungsweiſe keine große Bedeutung, und ſein Hingeben in Elinor's unbeſchraͤnkten Beſitz wurde 70 mit einer Leichtigkeit bewirkt, die ihr, welche einen ſo hohen Werth auf dieſe Erwerbung ſetzte, wun⸗ derbar erſchien, fuͤr ihn aber ganz unbedeutend war, da er ſich ohne alle Anſtrengung weder der Ver⸗ nunft, noch der Ueberlegung gleichſam hinwarf. Ausgemacht iſt es wol, wie wir glauben, daß ſich Gloceſter in gleichem Falle mit vielen eigentli⸗ chen Luͤſtlingen ſpaͤterer Zeit befand; und daß der große Schritt zu ſeinem Verderben, den er ſeiner ſo wenig maͤchtig that, durch kein Zaubermittel, außer den Verlockungen weiblicher Schoͤnheit, auch durch keine andere fluͤſſige Reizmittel außer denen, welche den verſchiedenen Stufen und Graden der Trunkenheit angehoͤren, hervorgerufen wurde. Moͤge dem indeſſen ſeyn, wie ihm wolle, ſeine politiſche und moraliſche Entwuͤrdigung wurde in dieſer Nacht vollendet. Der liſtige Bolingbroke ſtand auf der Wacht, den paſſendſten Augenblick zu erſpaͤhen, um. wieder auf dem Schauplatze zu erſcheinen. Alle Abzeichen ſeines unheiligen Berufes oder Geſchaͤf⸗ tes abſichtlich von ſich werfend, zeigte er ſich nun in dem Gewande unentweihten Prieſterthums. Gloceſter, verwirrt und gedraͤngt durch unwiderſteh⸗ liche Ueberredungsmittel, mechaniſch Worte wieder⸗ holend, die er kaum verſtehen konnte, und Verlok⸗ 71 kungen nachgebend, die er zu bekaͤmpfen nicht Kraft genug hatte, wurde faſt ohne Bewußtſeyn und Einwilligung mit dem Weibe vermaͤhlt, das ſeine Buhlerin geweſen war, und in keiner Hinſicht als zu ſeiner Gemahlin geeignet angeſehen werden konnte. Bolingbroke war der beſte Mann zu einem ſolchen Geſchaͤfte, und Margery die wuͤrdige Zeugin bei deſſen Vollziehung. Wir wollen hier einen Schleier uͤber die Scene werfen, die ſo entehrend war fuͤr einen tapfern Fuͤrſten und das Land, deſſen Ehre bei der Verhand⸗ lung zum Theil mit im Spiele war, ſo wie fuͤr die menſchliche Natur ſelbſt, welche eine allzu genaue Zergliederung und Durchforſchung ſo wenig vertra⸗ gen mag. Wir ſchildern nicht gern Ritterlichkeit und Maͤnnlichkeit, in entehrenden Orgien ſchwelgend, noch auch Liebe und Religion, zwei ſo heilige Trieb⸗ federn, von verunreinigenden Duͤnſten getruͤbt. Als Ludwig van Monfoort am andern Mor⸗ gen mit Tagesanbruch aufſtand, erfuͤllt von der Ab⸗ ſicht, ſeinen koͤniglichen Gaſt ſcharf auszufragen, er⸗ ſchien er in dem Vorgemache des Fremdenzimmers, um Nachforſchungen anzuſtellen in Beziehung auf die naͤchtlichen Unternehmungen der Schloßbewoh⸗ naer, worunter einige mancherlei ſeltſamen Verdacht 72 erregt hatten. Er war nicht wenig erſtaunt, den Giles Poſtel und den Seneſchall in Stellungen zu finden, die ſich fuͤr die Ruhe ganz und gar nicht eigneten. Nicht ohne bedeutende Schwierigkeit weckte er ſie auf, und da er in ihrer dumpfen Verwirrung keine Befriedigung fand, begab er ſich in das Schlaf⸗ gemach, wo er aber Gloceſter nicht antraf. Sein naͤchſter Gang war nun in die Halle und die anſto⸗ ßenden Schlafzimmer, welche Bolingbroke und ſeiner Gefaͤhrtin uͤberlaſſen worden waren. Auch hier ſtellte ſich dem erſchrockenen Haͤuptling eine große Leere dar; indeß war er eben in keiner großen Verlegen⸗ heit, wie er ſich das Verſchwinden des Herzogs er⸗ klaͤren ſollte, wenn er die Natur des Weſens in Betracht zog, dem ſich Jener anvertraut hatte. Ein erneuerter Verſuch der Nachforſchung vermehrte ſeine Beſtuͤrzung, denn er fand die Thorwaͤchter noch mehr vom Schlafe uͤbermannt, als den Knappen oder den Seneſchall, indeß ſelbſt die Wachhunde an der aͤußern Umpfaͤhlung in einem Chorus ſchnarch⸗ ten, der mit ihrer ſonſtigen wilden Thaͤtigkeit ſehr im Widerſpruch war. In der That konnte er durchaus keine hinreichende Auskunft hinſichtlich des außeror⸗ dentlichen Verſchwindens ſeines Gaſtes erhalten. Allein die ſchlaftrunkenen Waͤchter, die er fuͤr Opfer irgend 73 irgend eines Zaubers hielt, geſtanden doch gegenſei⸗ tig ein, daß der duͤſtere Fremdling ihnen eine an⸗ ſehnliche Portion eines reich gewuͤrzten Trankes ge⸗ geben habe; und ein Fiſcher, der mit Anbruch des Tages nach der Inſel zuruͤckkehrte, verſicherte, er habe in der Morgendaͤmmerung ein fremdes Schiff dem ſtarken Weſtwinde entgegen in See ſtechen ſehen, und zwar mit einer Kuͤhnheit und Ge⸗ ſchicklichkeit, die ſelbſt dem keckſten Abenteurer der Zuyderſee nicht eigen zu ſeyn pflegten.. Unmittelbar darauf begab ſich van Monfoort zu Jacquelinen, um ſie zu dem Bogenſchießen in Suͤd⸗Beveland zu begleiten, nach welcher merkwuͤrdi⸗ gen Zuſammenkunft er ſie, wie wir bereits geſehen haben, nicht wieder verließ bis zur Nacht ihres Abenteuers im Schloſſe von Amersfort. Man darf wohl vorausſetzen, daß ſeine Nachrichten von dem, was ſich zu Urk begeben hatte, nicht eben mit Behutſamkeit hinſichtlich Gloeeſter's gegeben wurden; eben ſo laͤßt ſich auch vorausſetzen, daß das ſo wahrhaft erzaͤhlte zweifelhafte Benehmen deſſelben einen tiefen Eindruck auf Jacquelinens be⸗ reits ſehr gekraͤnktes und verletztes Gefuͤhl machte. II. 4 Viertes Kapitel. Die alte aber unbedeutende Stadt Hesdin auf der Grenze der Picardie(nach der wir uns im Ver⸗ folg unſerer Geſchichte begeben muͤſſen) hatte ſeit einigen Wochen nicht wenig von dem Geraͤuſch, viel von dem Muͤßiggange und einen guten Theil der Laſter — nur nicht zugleich Kunſtfleiß und Intelligenz— ei⸗ ner Hauptſtadt dargeſtellt. Die Eingeborenen, abge⸗ zogen von ihrer gewohnten betriebſamen Thaͤtigkeit und ihren einfachen Sitten durch den Einfluß des Geldes und das Beiſpiel des Aufwandes, blickten entweder mit Neid auf die luſtigen Adeligen und ihre Anhaͤnger, oder aͤfften in ihrer niederen Sphaͤre die verfuͤhreriſche Ausſchweifung des Hofes nach. Muͤßig weilend an den Thuͤren ihrer kleinen Laͤden, oder aus den Fenſtern ihrer hoͤlzernen Haͤuſer gaf⸗ fend, verfolgten ſie mit verwunderten Blicken die Gruppen der Herren und Damen, welche unauf⸗ —— 75 hoͤrlich durch die engen Straßen ritten. Der an⸗ ſehnliche Gewinn, den ſie aus jedem Gegenſtande ihres kleinen Handels und durch das Vermiethen von Wohnungen zogen, hatte, nebſt dem Stolze auf die Anweſenheit ihres Landesherrn, ſeines glaͤnzenden Gefolges und ſeiner erlauchten Gaͤſte, die Einwohner Hesdin's veranlaßt, ſich unter die gluͤcklichſten und froͤhlichſten Unterthanen Herzog Philipp's zu rech⸗ nen. Jeder Tag war faſt ein Feſttag fuͤr ſie, und die Abende brachte man nur mit Unterhaltungen uͤber die Vergnuͤgungen und den Glanz des Mor⸗ gens zu. Abenteurer aller Art draͤngten ſich von allen Sceeiten zu dieſen Scenen geſchaͤftigen Muͤßigganges. Marktſchreier von Bruͤſſel, Dijon und Paris fan⸗ den einen offenen Weg dahin. Sie waren privile⸗ girte Beſucher, unabhaͤngig von Waffenſtillſtand oder Kriegfuͤhren; ſelbſt Fremde, wenn ihr Gewerbe oder Kunſt in Vergnuͤgen oder kriegeriſchen Uebungen beſtand, konnten frei durch alle Gegenden der Staa⸗ ten im bunten Wechſel unter einander dahin ziehen. Unter der Maſſe dieſer reiſenden Volksmenge be⸗ fand ſich auch ein Mann, der mit den Achſeln zuckte und ſeine Lippen veraͤchtlich aufwarf, wenn die einfachen Buͤrger und ihre erſt halb verdorbenen 4* 76 Weiber und Toͤchter mit Erſtaunen die Pracht der Equipagen, das ſtattliche Aeußere der Ritter, die Schoͤnheit der Damen und die Groͤße ihres Her⸗ zogs betrachteten. Er war ein Fremder, der unter mehreren Vollkommenheiten, die er beſaß, auch das Gewerbe eines Waffenmeiſters trieb, denn die neuere Benennung eines Fechtmeiſters druͤckt keinesweges ganz die Verſchiedenheit der Methoden aus, die er lehrte, wie Menſchen ihre Mitgeſchoͤpfe zerhauen oder niederzuſtoßen vermoͤgen. Die beſonderen Beſchaͤfti⸗ gungen, denen ſich Herzog Philipp zu dieſer Zeit, wie wir ſchon bemerkt haben, hingab, machten Hesdin zum Aufenthalte einer Menge von Lehrern der edlen Kunſt der Vertheidigung und des Angriffs, welche, wenn ſie ſie ſonſt ſuchten, ſicher waren, Gnade vor Phi⸗ lipp's Augen zu finden. Allein unter dieſen Allen hatte Keiner einen ſo hohen Ruf erworben, als Balthaſar Spalatro, auch hatte Keiner ſeiner Klaſſe ſo viel Neugier durch ſein ungewoͤhnliches Beneh⸗ men erregt. Wenn man ihm glauben durfte, ſo hatte er manchen glaͤnzendern Hof, ſchoͤnere Trup⸗ pen, vorzuͤglichere Ritter und ſchoͤnere Frauen ge⸗ ſehen, wobei er denn ſchwur, daß ſich auch nicht ein einziger Edler in Burgund, Flandern und Ar⸗ tois befinde, welcher einen Stoßdegen zu handhaben, eine Streitaxt zu ſchwingen, oder eine wans gehoͤ⸗ rig einzulegen verſtehe. „Aber warum lehrt Ihr es denn die Leute nicht, Meiſter Balthaſar?“ fragte eines Abends die alte Wittwe, in deren Hauſe er bisher auf Credit ge⸗ lebt hatte; denn wenn er auch oͤffentliche Beweiſe ſeiner Talente abgelegt hatte, ſo war er doch nicht dazu zu bewegen geweſen, Unterricht in ſeiner Kunſt zu geben, obſchon er ſich immer in aͤußerſter Geldver⸗ legenheit zu befinden ſchien.„Warum lehrt Ihr Eure Kunſt nicht? Wie oft habe ich Euch geſagt, ſie wuͤr⸗ den Euch gut bezahlen und in baarer Muͤnze? Die Anhaͤnger unſers edlen Herzogs haben große Ein⸗ kuͤnfte und edle Herzen.“ — Sie mich bezahlen! Balthaſar Spalatro ihr ſchmuziges Geld beruͤhren! Bei'm heil. Bar⸗ nabas! Dame Magdalene!— verſetzte der Italiener in ſehr fließendem Franzoͤſiſch, allein mit finſterer Stirn, und druͤckte dabei ſeine abgetragene ſchwarze Sammetmuͤtze feſt in die Augen,— bei'm heil. Barnabas! Ihr habt eben ſo wenig Gedaͤchtniß, als ich Geld. Wie oft habe ich Euch ſchon geſagt, daß ich aus Mailand bin und ein Orleanite!— Meiſtentheils wagte es die gute Frau nicht, auf ſolche Erwiederung wiederum Etwas zu ent⸗ 78 gegnen, denn Spalatro in ſeinem groben Zeug⸗ wamms mit verroſteten Stahlknoͤpfen, wie in einem Futteral ſteckend, mit ſeinen wildledernen Hand⸗ ſchuhen, ſeinem breiten ledernen Guͤrtel, mit einem Dolche ohne Scheide, ſeiner hohen, geſtaͤrkten, ita⸗ lieniſchen Krauſe, ſeinen doppelt geſpitzten, braunen Stiefeln, gab gleich einem Lehnsherrn in Dame Magdalenens demuͤthiger Wohnung den Ton an. Allein in gegenwaͤrtigem Falle kuͤhn gemacht durch die dringende Nothwendigkeit, dieſer Mutter der Keckheit, eben ſo wie der Erfindung, wagte ſie es, ihre ſchneidende Discantſtimme mit dem Baſſe des unverſchaͤmten Miethmannes auf gleichen Grad der Vernehmlichkeit zu ſteigern, und ſagte etwas bitter: „Was macht Ihr denn fuͤr einen Laͤrm, Mei⸗ ſter Balthaſar, wegen meines guten Rathes? Soll ich nicht reden innerhalb meiner vier Pfaͤhle? Soll ich Euch keinen Wink geben? Wie ſoll's denn fer⸗ ner gehen? Habt Ihr nicht ſchon den ganzen Vor⸗ rath aufgezehrt, den ich fuͤr den Winter angeſchafft hatte? Iſt nicht ſchon das halbe Schwein darauf gegangen, das ich erſt zu Weihnachten anruͤhren wollte? Habt Ihr nicht die Flaſche Florentiner Oel in drei Tagen aufgebraucht, die fuͤr mich von Martini bis Lichtmeß gereicht haͤtte? Iſt das Faͤß⸗ 79 chen Wein nicht leer bis auf die Hefen? Habt Ihr nicht das letzte Stuͤckchen Braten geſtern Abends verzehrt? und die Tunke heute zum Fruͤhſtuͤck bis auf den Boden ausgetitſcht? Und was hab' ich dafuͤr geſehen? Zwei Zechinen und vier Spaniſche Gul⸗ den! Das iſt auch eine rechte Summe fuͤr ſechs Wochen Bett und Tiſch, und den Gebrauch meines huͤbſchen Hausflurs, wo Ihr geſtampft habt und ei⸗ nen Laͤrm mit den Waffen gemacht, daß ein ehrli⸗ ches Weib faſt Kraͤmpfe bekommen muͤßte! Und nun ſoll ich nicht reden? und warum denn? Sol⸗ len wir etwa Hungers ſterben, weil Madame von Orleans in Mailand geboren iſt, wie Ihr, indeß ganz Hesdin in Ueberfluß lebt und ſchwelgt? Mei⸗ ſter Balthaſar! Meiſter Balthaſar!“ — Hoͤrt, liebe Frau,— ſagte der Italiener, mit ſtolzer Miene ſich den Schnauzbart ſtreichend, — die Zunge eines Weibes iſt ſchwer auszupariren. Sie bietet Spitze und Schneide zugleich, ſtoͤßt Quart und Terz durch einander, und iſt zu gleicher Zeit passado, staccato und punto.— „Ich weiß nicht, was dieſes Gerede bedeuten ſoll,“ verſetzte die Frau, deren Muth in dem Maße ſtieg, als die Zahmheit ihres Miethmannes zunahm, „aber ſo viel weiß ich, daß ich eine ehrliche Frau 80 ———xãx; 7. bin und mich wenig um eure punto und staccalo bekuͤmmere. Wenn Leute wie Ihr mit ihren Dol⸗ chen und Degen ſich helfen, hat ein armes Weib, wie ich, keine anderen Waffen, als ſeine Zunge.“ — Und die laͤßt es gewiß nicht roſtig werden, — erwiederte der Italiener. Die Wirthin war im Begriff, darauf wieder Etwas zu erwiedern, und zweifelsohne wuͤrde die Unterhaltung hoͤchlich erbau⸗ lich fuͤr uns und unſere Leſer fortgefuͤhrt worden ſehn, haͤtte ſich nicht ein ſtarkes Klopfen derber Knoͤchel an der Straßenthuͤr hoͤren laſſen, die bei dem ungewohnten Sturm faſt bebte, indeß ſich Bal⸗ thaſar, die Hand am Degen, ſogleich in einer ver⸗ theidigenden Stellung ſetzte. Die Alte oͤffnete die Thuͤr, und dicht davor ſtanden zwei Maͤnner in weite Maͤntel gehuͤllt. „Iſt das die Wohnung des Italieniſchen Waf⸗ ſenmeiſters?“ fragte der Eine in einem nicht gerade ſehr hoͤflichen Tone und nicht dem reinſten Accente, indem er ohne Weiteres das Geſicht hineinſteckte, von dem jedoch nur eine dicke, mißgeſtaltete Naſe ſichtbar war, welche von derben Angriffen von Keulen oder Eiſenhandſchuhen gelitten zu haben ſchien, nebſt einem ſtarken rothen und graugemiſch⸗ ten Schnauz⸗ und Knebelbarte. 81 — Ja, meine Herren, hier iſt es, wo der be⸗ ruͤhmte Profeſſor uns die Ehre erwieſen hat, ſeine Wohnung zu nehmen. Tretet ein! Tretet ein. Hier ſteht Seine verehrliche Excellenz Signor Spalatro ſelbſt, willig und bereit zu einem Waffengange mit Jedem, der's wuͤnſcht. Ein erprobter Edelmann, und ſehr herablaſſend dazu!— Indeß Frau Magdalene durch die Hoffnung ei⸗ ner Erleichterung alſo beredt wurde, warf der Mann, der eben geſprochen hatte, einen Blick in dem nie⸗ drigen Gemache umher, deſſen Balken halb verdeckt wurden durch den Rauch von einem Torffeuer, der nur einen Ruhepunkt fand, wenn ſich ihm ein Luftloch öffnete, ſonſt aber einer Draperie glich, die mancherlei Kuͤchengeraͤthe umfloß, welche an der Wand hingen. Der Frende ſchuͤttelte den Kopf und liſpelte einige nur ſeinem Gefaͤhrten, der dicht hinter ihm ſtand, vernehmliche Worte. Allein der Italiener, mehr gehoben durch Frau Magdalenens Prahlerei, und wohl einſehend, daß die Armſeligkeit des Ortes auch eine armſelige Idee von den Talen⸗ ten des Profeſſors erweckt haben muͤſſe, gab ſich ſelbſt eine immer mehr imponirende Stellung, warf einen Blick, der Alles, nur nicht beleidigend war, auf die Fremden, und mit ſtolzer, ja faſt drohender 4** 82² Miene wartete er, bis jene wieder zu ſprechen be⸗ gannen. „Und habt Ihr denn, großmuͤthigſter Signor Spalatro,“ fing der erſte Sprechende wieder an, als Beide in's Haus eintraten,„keinen beſſern Waf⸗ fenplatz, als dieſen? auch keine beſſeren Waffen, als dieſe zweihandige Streitart und dieſen Hau⸗ und Stoßdegen dort in dem Winkel.“ — Ein geſchickter Arbeiter braucht nicht viel Werkzeug, erwiederte Balthaſar mit Verachtung. „Ihr habt alſo wohl nicht ein kurzes Schwert, einen Sarazenenſaͤbel, oder eine demantgeſpitzte oder falkenſchnaͤblige Streitart?“ fraͤgte der Andere et⸗ was rauh. 3 — Beim heil. Barnabas, meine Herren, es ſcheint, Ihr denkt, ich ſey in dieſem elenden Loche geboren, und habe nur eine Sammlung von Hef⸗ ten und Klingen zuſammengebracht. Ich muß Euch aber ſagen, daß ich, als ich den Alpen den Ruͤcken wandte, Nichts mit mir brachte, als dieſen Dolch, ſeht Ihr, und da ſeine Spitze noch immer roth war, ſah ich nicht lange hinter mich. Vielleicht ereignete ſich daſſelbe, als ich von Toulouſe aufbrach, und eben ſo von Paris— und wenn ich ohne Gepaͤck reiſe, ſo werdet Ihr wol auch den Grund davon 83 einſehen. Allein die Hand und das Auge Spala⸗ tro's— die reiſen, Gott ſey Dank, mit mir!— „Und wollt Ihr mich nicht, mein kuͤhner Herr, durch eine Probe von Eurer Geſchicklichkeit in den Waffen erfreuen?“ fragte hoͤflich der zweite Fremde, der uͤber ſeinem Geſichte die damals gewoͤhnliche Verhuͤllung einer ſchwarzen Sammetmaske trug. — Von Herzen gern,— ſagte Balthaſar,— ein artiges Wort und eine gewandte Hand ſind ſichere Empfehlungen fuͤr meine Gunſt.— Und mit einem Ausdruck, worinnen ein gewiſſes Vornehm⸗ thun mit Vorwurf ſich miſchte, blickte er auf den erſten Sprecher, der dieß mit einem rauhen Blick voll Trotz und Herausforderung erwiederte. — Aber bevor ich eine Waffe in die Hand nehme,— entgegnete Spalatro,— laßt mich Euch ſagen, meine Herren, daß ich ein geborner Mallaͤnder bin, und ein Anhaͤnger des Hauſes Orleans.— Bei dieſen Worten machte der unmaskirte Fremde eine ſtolze Miene, und fuhr mit der rech⸗ ten Hand unter den Mantel, aber ein Blick aus ſeines Gefährten durchdringenden blauen Augen, welche aus der ſchwarzen Sammetmaske glaͤnzend 84 hervorleuchteten, hielten ſeinen Arm an, und der Italiener fuhr alſo fort: — Ihr bekommt auf koinen Fall weder eine Lection, noch einen Gruß von Spalatro, wenn Ihr nicht Eure Ehre zum Pfande einſetzt, daß Ihr Euch nicht in Dienſten von Burgund befindet.— Die alte Magdalene machte ein fuͤrchterliches Geſicht, als ſie dieſe Worte hoͤrte, denn es war Tauſend gegen Eins zu wetten, die Fremden ge⸗ hoͤrten zum Hausſtande, auf jeden Fall doch zum Gefolge des Herzogs Philipp. Eben dieß las ſie auch in den gluͤhenden Blicken des gemeinern Frem⸗ den, welcher ein kurzer, ſehr ſtaͤmmig gebauter Mann war, deſſen Geſicht Spuren des Dienſtes trug; und ſie war ſchon im Begriff, eine Vermittelung zwi⸗ ſchen dem Italiener und dem Fremden zu uͤber⸗ nehmen, den Jener ſo ſchnoͤde abgewieſen hatte, als der Mann mit der Maske mit kuͤhnem Anſtande in die Mitte des Gemaches trat und mit Nach⸗ druck rief: „Gebt Euch zufrieden, Signor! Ich bin we⸗ der ein Diener noch ein Vaſall Herzog Philipp's.“ — Gut!— ſagte der Italiener,— unter Maͤmnern von Ehre gilt ein Wort ſo viel wie ein Eid, und nun, mein Herr, welchen Verſuch iſt's 8⁵ Ihnen gefaͤllig, zu machen? Schwert, Streitaxt, oder Dolch?— „Man ſagt, Ihr verſteht Euch gleich gut auf alle Waffen, Signor,“ entgegnete der Fremde in etwas ſtolzem Tone,„und vielleicht habt Ihr mit einem ſchwaͤchern Arme, als der meine, ſchon die Klinge gemeſſen. Ich habe Nichts dagegen, den Stoßdegen oder Dolch mit Euch zu kreuzen— al⸗ lein Euer Ruf im Schwingen der Streitarxt iſt es beſonders, der mich jetzt zu Euch gefuͤhrt hat.“ Hier gab er ſeinem Gefaͤhrten ein Zeichen, und dieſer zog hierauf unter ſeinem Mantel ein Paar leichte Stoßdegen hervor, wie man ſich ihrer in Waffenuͤbungen, aber nie zum ernſten Kampfe zu bedienen pflegte. Spalatro warf einen verachten⸗ den Blick darauf, und ſagte mit ſpoͤttiſchem Laͤcheln: — Wahrhaftig, lieber Herr, wenn dieß Eure Waffen ſind, ſo werdet Ihr ſie wol recht gut bei den Schalksnarren oben auf dem Schloſſe oder bei den Pagen brauchen koͤnnen, die nach der Ouintine reiten. In kindiſchen Spielereien pflege ich Nie⸗ manden zu unterrichten. Wuͤnſcht Ihr aber eine Lection in Sachen von Bedeutung, ſo laßt uns zur Streitaxt greifen, und ich will Euch ein Paar rechte Knunſtſtuͤcke zeigen.— 86 Auf einen Wink von dem ſo angeredeten Frem⸗ den entfaltete der Andere abermals ſeinen Mantel, und man erblickte an ſeinem Guͤrtel hangend zwei ſchoͤn polirte Streitaͤxte, eine falkenſchnaͤblige und eine am aͤußerſten Ende diamantſpitzige, genannt der Maillet, deren Griff ſich in drei Hoͤrner en⸗ digte, und eine Klaue hieß. „Gut, recht gut! mein Herr,“ ſagte Spala⸗ tro, die Waffen ergreifend und ſie mit Bewunderung aller Theile in der Hand wiegend.„Beim Barte des heil. Barnabas, dieſe gefallen mir! treffliche In⸗ ſtrumente! Wehe dem Schaͤdel, der damit von Spa⸗ latro''s Arme einen Hieb bekommt! In Stellung! Signor! Ich werde Euch den Schickſalsſtreich lehren!“ — Hoͤrt, Meiſter Balthaſar,— rief der Fremde mit einem leichten Ausdrucke von Ueberlegenheit,— Folgendes ſoll die Bedingung unſers Vertrages ſeyn! Wenn Ihr mich einen einzigen neuen Stoß lehrt, den ein Mann im ehrlichen Kampfe gegen ſeinen Feind benutzen kann(und ich werde es Euch bei meiner Ehre eingeſtehen, wenn er mir wirklich neu iſt) ſo ſoll dieſer Beutel Euer ſehyn,— und ſo zog er einen aus ſeinem Guͤrtel und legte ihn auf den Tiſch.— Aber wenn nur Eure ſtolzen Prahle⸗ 87 reien zu Nichts weiter fuͤhrten, als was ich bereits kenne, was dann?— „Genug!“ rief der Italiener mit einem eben ſo arroganten Weſen, als zuvor.„Wenn dieſer Beutel nicht in fuͤnf Minuten mein iſt, ſo will ich ihn und ſeinen Inhalt aufeſſen.“ — Behuͤte der Himmel! Nein! nein! Meiſter Balthaſar, wir brauchen den Inhalt noͤthig genug, das weiß die heil. Jungfrau, um nicht daran zu denken, daß— rief aͤngſtlich Frau Magdalene. „Still, ſtill, alte Hexe!“ ſchrie Spalatro, „wer hat Euch erlaubt, von meinen Bedurfniſ⸗ ſen zu ſprechen? In Stellung, Signor, in Stel⸗ lung!“ Der Mann mit der Maske warf nun ſeinen Mantel von ſich, und zeigte eine große, anmuths⸗ volle Geſtalt in beſcheidenem Anzuge. Er ergriff ſeine Waffe mit beiden Haͤnden, indem er die Schneide gegen ſich hielt, den falkenſchnaͤbligen Maillet(einigermaßen dem Kopfe eines Hammers aͤhnlich) gegen das Haupt des Italieners gerichtet; ſein Handgelenk aber beſchuͤtzte er durch die Ron⸗ delle, eine runde Stahlplatte, welche am Griff der Streitaxt befeſtigt war. Er ſetzte den linken Fuß 88 vor und nahm eine feſte Stellung, als wolle er ſo dem Angriffe eines Feindes begegnen. „Und iſt dieß das, was Ihr eine ſchuͤtzende Stellung nennt?“ fragte Spalatro mit einem hoͤhniſchen Laͤcheln;„das mag vielleicht hier im Norden hinreichend ſeyn, allein wenn Ihr es mit einem Italiener oder Spanier zu thun habt... — Wie?— ſagte der Fremde etwas empfind⸗ lich,— glaubt Ihr denn, daß ein Nordlaͤnder we⸗ niger zu fuͤrchten iſt im toͤdtlichen Kampfe?— „Das eben nicht, Signor! Das doppelgriffige Schwert eines Flamaͤnders, eines Deutſchen Keule, oder eines Englaͤnders langer Bogen ſind Waffen, die ihres Gleichen nicht finden in anderen Landen. Allein was die Axt oder den Dolch betrifft, ſo ſind keine zu vergleichen mit denen jenſeits der Al⸗ pen und der Pyrenaͤen.— Nun wie wuͤrdet Ihr denn den Hieb fuͤhren auf Euren Mann?“ — Mit dem Malllet auf die Schaͤdelbedek⸗ kung, und dann einen Stoß mit dem Griffe in das Viſir.— „Ja, ja,“ ſagte Spalatro mit einem Laͤcheln, „um den Kopf zu betaͤuben und die Wange zu riz⸗ zen! Das iſt Alles ganz gut in dem Laͤrmen eines Angriffes, wo Ihr bloß Rechts und Links Eure ,— 89 Streiche fuͤhrt, und keine Zeit habt zu Fineſſen. Ihr moͤgt wol ſchon ſolch' Werk geſehen haben, Signor?“ — Vielleicht habe ich es!— verſetzte der Fremde mit Stolz. „Und wol auch manche Lanze im Turniere gebrochen?“ — Allerdings! aber wozu dieſe Fragen?— „Nun! ich will meinen Dolch hier wetten ge⸗ gen die kleinſte Muͤnze in eurem Beutel, Ihr habt nie in den Schranken gefochten, Fuß gegen Fuß, Blut um Blut, Leben um Leben, oder Ihr wuͤrdet nicht davon reden, daß Ihr Eure Art ſchwingt, wie ein Fleiſcher. Jetzt zu unſerer Lection!“ Mit dieſen Worten ſetzte ſich der Italiener in eine Angriffsſtellung, und erhob die Streitaxt uͤber das Haupt empor. „Nun, Signor,“ ſagte er,„geſetzt Ihr waͤrt ein Nordlaͤnder, ein Schotte etwa, oder ein Daͤne, oder ein Englaͤnder,— der Herzog von Gloeeſter vielleicht— und ich, wie es wohl ſeyn koͤnnte, der Herzog Philipp von Burgund, und das Schickſal ihres bevorſtehenden Duells hinge von einer Wendung ab, wie dieſe,— dann wuͤrde ich keine Zeit verlie⸗ ren, und meinen Koͤrper nicht ſeinen Streichen aus⸗ 90 ſetzen, indem ich's verſuchte, wie ein gemeiner Art⸗ fuͤhrer, den Griff meiner Streitart ihm in's Viſir zu bohren, ſondern ich wuͤrde es durch eine geſchickte Wendung locker zu machen ſuchen. Verſteht Ihr mich?“ — Bei'm heil. Andreas! ja,— erwiederte der Fremde ungeduldig. „Ein Viſir,“ nahm Spalatro wieder das Wort, „und vor Allen das neuerfundene Viſir der Engli⸗ ſchen Helme, von Eurem letzten Koͤnig Heinrich ein⸗ gefuͤhrt, das jetzt ſo geprieſen wird, wird unfehlbar locker gemacht und abgeloͤſt, wenn man einen von den Naͤgeln herausſchlagen kann, woran es an bei⸗ den Seiten haͤngt. Allein mit der Schneide der Arxt koͤnnt Ihr das nicht bewirken, ohne Euch das Handgelenk zu verrenken. Ihr muͤßt daher mit dem Griffe zwiſchen dem Nagel und der Ohrenplatte ein⸗ dringen. Verſteht Ihr mich?“ — Weiter! weiter!— rief der Fremde. „Iſt das Viſir auf dieſe Art gelockert, fliegt es auch leicht auf die Seite, und das Geſicht ent⸗ bloͤßt ſich von der Stirn bis zum Kinn, und Ihr habt nur zu waͤhlen, wo Ihr den Griff oder den Schnabel des Maillet anwenden wollt. Ich pflege mir immer den Schlaf oder das Auge zu waͤhlen.“ 91 — Aber,— ſagte der Fremde in einem min⸗ der aufgeregten Tone,— es iſt nicht leicht, die Stelle zwiſchen der Roſette und der Ohrenplatte zu treffen. Es iſt ja kaum fuͤr eine Nadelſpitze Platz da!— Spalatro laͤchelte.„Ein wenig Geſchicklichkeit, Signor, das iſt Alles,“ ſagte er.„Seht! Eure Sammetmaske iſt kaum ein Haarbreit von der Ro⸗ ſette eines Viſirs angebunden,— der Knoten beruͤhrt das Ohr— presto! friſch!“ Und als er ſo ſprach, ſchlug er dem Fremden die Streitaxt aus der Hand, brachte durch eine ge⸗ ſchickte Wendung die Spitze des Griffes der ſeini⸗ gen in den Knoten, und in einem Augenblicke hatte er dem Fremden die Maske vom Geſichte geriſſen. Spalatro ſowohl als Frau Magdalene erkannten ſo⸗ gleich die Adlernaſe, die blauen Augen und andere ausgezeichnete, aber nicht eben ſchoͤne Zuͤge des Ge— ſichtes von Philipp dem Guten. Das alte Weib ſchlug die Haͤnde zuſammen, und ſchauderte vom poͤtzlichen Schreck ergriffen. Spalatro gluͤhte von geheimen Triumphe. Des Herzogs Begleiter ſchlug mit der Hand an's Schwert, und trat mit drohen⸗ der Haltung dem Italiener entgegen. Allein Phi⸗ lipp legte ſich dazwiſchen und rief: 92 „'S iſt gut, ich bin zufrieden!“ Der Familiar, wie man Diejenigen nannte, welche den Dienſt zunaͤchſt der Perſon aller Gro⸗ ßen jener Zeit verſahen, ſteckte den Degen wieder in die Scheide, hob die Maske auf, und indem er Etwas murmelte, was die Anderen nicht verſtan⸗ den, ſchickte er ſich an, die verſchiedenen Waffen zu ſammeln. „Schoͤn! Spalatro, Ihr habt Euren Beutel verdient und Eure Geſchicklichkeit erprobt; indeß zweifle ich, daß es mir gelingen moͤchte, des Her⸗ zogs Humphrey's Helm auf eine ſolche Weiſe zu bearbeiten, wie Ihr bei meiner Maske bewieſen habt. Allein wir werden bald einen andern Streich aus⸗ fuͤhren und Euch in anderen Waffen verſuchen. Laßt mich Euch Morgen fruͤh um ſieben Uhr auf dem Turnierplatze ſehen, Ihr ſollt gehoͤrig bedient wer⸗ den. Joos Wooters hier, mein treuer Waffentraͤ⸗ ger, wird Euch mit echt Flamaͤndiſcher Gaſtfreund⸗ ſchaft behandeln, und Euch einige Stuͤcke von ſelte⸗ ner Erfindung und Arbeit zeigen. Und Ihr, liebe Frau, ſeyd heiter und ruhig. Nehmt dieſes Geld⸗ ſtuͤck fuͤr den Gebrauch Eures Gemaches, und die Zuſicherung meines Schutzes, und zeigt Euch in der Wirthſchaft auf dem Schloſſe. Hier werdet Ihr — 93 willkommen ſeyn und eure Vorrathskammer wieder anfriſchen koͤnnen. Keine Antwort, Signor Bal⸗ thaſar; kein Wort, liebe Frau! Ich habe meine Luſt gehabt, und Jedermann weiß, ich vertrage kein langes Gerede deshalb. Wenn ich meinen Fuß wie⸗ der uͤber dieſe Schwelle geſetzt habe, ſo laßt die Vorfaͤlle bei dieſem Beſuche vergeſſen ſeyn.— Gu⸗ ten Abend!“ — Vergeſſen?— ſagte Frau Magdalene, als der Herzog und ſein Begleiter in ihre Maͤntel wie vorher gehuͤllt wieder davon ſchlichen,— vergeſſen! Verhuͤte doch der Himmel, daß es je vergeſſen werde, daß meine armſelige Wohnung von dem gu⸗ ten Herzoge mit ſeinem Beſuche beehrt worden iſt. O, Signor Spalatro, ſagte ich's Euch nicht, daß uns großes Gluͤck bevorſtand? Große Ehre iſt Euch geworden, und viel Ehre habt Ihr auch mir ge⸗ bracht.— „Kaum eine Stunde iſt hin, da war nichts als Vorwurf und Tadel gegen Meiſter Baltha⸗ ſar,“ ſagte Spalatro;„ſo iſt der Gang der Welt in Artois wie in Italien. Ach, Frau Magdalene, Ihr konntet es ſchlecht errathen, wie ein Italieni⸗ ſcher Fechtmeiſter ſeinen Gang mit dem Gluͤcke be⸗ ſtehen wuͤrde. Aber jetzt iſt Alles gut. Geht mit dieſem Goldſtuͤcke hier zu Herrn Merlet, dem Schenk⸗ wirth, loͤſet mein roth⸗-ſammetnes Wamms ein und meine ſilberbeſetzten Hoſen— Ihr braucht aber nicht zu ſagen, wie abgetragen ſie ſind— fuͤllt dann das Weinfaͤßchen wieder, holt eine Doppel⸗ flaſche Bordeauxer und bereitet mir ein Abendeſſen, wie es ſich fuͤr einen Partner des Herzogs Philipp ſchickt. Fuͤnftes Kapieel. Am andern Morgen war der Waffenmeiſter ſehr puͤnktlich in Beobachtung der von dem Herzoge be⸗ ſtimmten Stunde. Er nahm ſeinen Weg nach dem Schloſſe ſtattlich gekleidet in dem rothen Sammet⸗ wamms, das die gute Frau eingeloͤſet hatte; das Baret hing ihm, mit Quaſten und Federn verziert, auf einer Seite des Hauptes, ſeinen Hieb⸗ und Stoßdegen hielt er unter dem Arme, wenn ihm Niemand nahe war, ſchleppte ſie aber mit Oſten⸗ tation auf dem Boden, ſo wie er Jemand zu Geſicht bekam. Bald ſchritt er durch das Stadt⸗ thor, die Vorſtaͤdte, uͤber die Bruͤcke des kleinen Fluſſes Canche, und naͤherte ſich der Umfriedigung des beruͤhmten Schloſſes, wo Herzog Philipp zu je⸗ ner Zeit eines der glaͤnzendſten Hoflager in Europa unterhielt. 1 Spalatro beſaß kein Auge eines Architecten R oder Alterthuͤmlers, ſonſt moͤchte er wohl ſtehen ge⸗ blieben ſeyn, um das alte Gebaͤude naͤher in Au— genſchein zu nehmen, welches in dem ſiebenten Jahr⸗. hunderte von Balduin, Grafen von Artois, an der Stelle eines alten Forts erbaut worden war, das ſchon ſieben Jahrhunderte vor dieſem entfern⸗ ten Zeitpunkte von einem Roͤmiſchen Gouverneur Galliens gegruͤndet ward. Unſer Italiener ging mit großer Gleichguͤltigkeit an dem Hauptgebaͤude ſowohl, als den ungeheuren Angebaͤuden voruͤber, die die ſpaͤteren Beſitzer allmaͤhlich hinzugefuͤgt hat⸗ ten, und nahm kaum Kenntniß von den praͤchtigen Parks, Gaͤrten und Luſtplaͤtzen, die ſich auf allen Seiten ausbreiteten; ſein Hauptaugenmerk war der Turnierplatz. Nach dieſem aber wurde er mit vie⸗ ler Artigkeit geleitet durch die verſchiedenen Por⸗ 4 tiers und andere Diener, die an den Barrieren ſtanden, und er fand, daß ſein Name ihm an jeder Stelle zum hinreichenden Paſſe diente, dem denn auch der Ausdruck von Selbſtbewußtſeyn in ſeiner Perſon nicht widerſprach. Der Turnierplatz war ein großes Viereck von Mauern umſchloſſen, in be⸗ traͤchtlicher Entfernung von dem Schloſſe und in der Mitte von Gebaͤuden zur Unterbringung von Pfer⸗ den, Hunden und Falken, wie von allen den Jagd⸗ requiſiten 97 requiſiten einer fuͤrſtlichen Einrichtung. Der Ita⸗ liener wurde bei ſeinem Eintritte von ſeinem muͤr⸗ riſchen Bekannten von geſtern Abend empfangen, und als er nach Seiner Hoheit fragte, auf Deſſen Einladung er hier erſcheine, wies ihm der Flamaͤn⸗ der nach einer anſteigenden Flaͤche hin, wo Spala⸗ tro alsbald den Herzog erkannte, wie er einen ſtei⸗ len Huͤgel hinaufkeuchte, indem er mit mehreren Maͤn⸗ nern um die Wette lief. Er befand ſich wirklich bei ſeinen gewoͤhnlichen Uebungen, die er keinen Tag, unter keiner Bedingung ausſetzte, indem er entſchloſ⸗ ſen ſchien, jeden Vortheil phyſiſcher Kraft und Ge⸗ wandtheit mit dem geiſtigen Muthe zu vereinigen, der ihn zum Kampfe mit Humphrey von Gloceſter trieb.— Nachdem dieſe Voruͤbung voruͤber war, beſtieg Philipp ein Pferd, das ſchon geſattelt von einem Stallmeiſter gehalten wurde, und nachdem er meh⸗ rere Male in einem dazu beſtimmten Kreiſe herum⸗ galoppirt hatte, ritt er nach dem eigentlichen Tur⸗ nierplatze. Er wurde hier von einer Menge von Fuͤrſten und Edlen begleitet, nebſt ihrer und ſeiner perſoͤnlichen Bedienung, denn faſt alle ſeine Gaͤſte folgten ſeinem Beiſpiele, nahmen aus Artigkeit oder des Vergnuͤgens wegen Antheil an ſeinen Uebungen. II. 5 98 Der Herzog von Bretagne, ſein Bruder, Arthur de Richemont, Philipp Graf von St. Pol, Bru⸗ der Johann's von Brabant, Anton Baſtard von Burgund, Jakob de Lalain, Peton de Saintrail⸗ les und viele andere ausgezeichnete Maͤnner wa⸗ ren von der Partie. Allein der Herzog von Bed⸗ ford, der vornehmſte von Philipp's Gaͤſten, war nie bei dieſen Morgenuͤbungen gegenwaͤrtig, welche au⸗ genſcheinlich aus Feindſchaft und Haß gegen ſeinen Bruder unternommen wurden. Als Philipp in den Turnierkreis eintrat, er⸗ kannte ſein ſcharfes Auge ſogleich die Geſtalt des Italieniſchen Waffenmeiſters; er ging dann mitt je⸗ ner offenen, leichten Herablaſſung auf ihn zu, wel⸗ che ſo viel dazu beigetragen hatte, ihm den Bei⸗ namen zu gewinnen, der eigentlich nur fuͤr Thaten und nicht fuͤr das Benehmen gegeben werden ſollte. Spalatro fuͤhlte einen doppelten Stolz, ſowohl auf dieſe Auszeichnung, als auf ſeine Klugheit, wodurch er die Aufmerkſamkeit des Herzogs auf ſich gelenkt hatte; denn die Weigerung, in der Stadt Hesdin keine Stunden zu geben, und die anſcheinende Of⸗ fenheit, womit er ſich fuͤr einen Anhaͤnger des Hau⸗ ſes Orleans erklaͤrte, waren zu dem Zwecke ange⸗ nommen, Philipp's Neugier zu erregen, die, wie er — —— 99 wußte, mehr als jemals auf jeden Gegenſtand und jede Perſon gerichtet war, die mit den Waffen in Verbindung ſtand. Seine Speculation war gut, denn der Ruf ſeiner Geſchicklichkeit und ſeine Wei⸗ gerung, Unterricht zu geben, hatte ſich bald in der Stadt und im Schloſſe verbreitet, und Philipp konnte, wie der Italiener wohl berechnet hatte, dem Ver⸗ langen nicht widerſtehen, ſelbſt zu urtheilen. Ver⸗ ſchiedene ſeiner Dienſtleute waren ſchon einige Tage vorher damit beſchaͤftigt geweſen, den Spalatro aus⸗ zuforſchen, und als der vornehme Beſucher endlich ſelbſt erſchien, erkannte ihn der Italiener im erſten Augenblicke, und richtete ſeine Unterhaltung darnach ein. Philipp empfing ihn jetzt mit all' der Zuvor⸗ kommenheit, die der Beweis ſeiner Geſchicklich⸗ keit am letzten Abend ihm eingefloͤßt hatte. Bald ſetzte er dieſe durch mehrere Verſuche mit Schwert und Lanze weiter auf die Probe, und Alles ent⸗ ſprach den vorhergegangenen Beweiſen von des Ita⸗ lieners großer Fertigkeit in ſeiner Kunſt. Waͤhrend dies Alles vorging und die Edlen und Ritter an den mancherlei Uebungen Theil nah⸗ men, indem ſie nach der Quintane ritten, oder mit der Armbruſt und dem Bogen ſchoſſen, oder nach einem Ziele warfen u. ſ. w., vernahm man einen 5* 100 7 bedeutenden Laͤrm, der ſich von der Stadt her naͤ⸗ herte; und mehrere bedienſtete Perſonen, von dem Thorwaͤrter bis zum Kaͤmmerling, kamen nach ge⸗ hoͤriger Abſtufung des Ranges herbei, um den Her⸗ zog von der Urſache dieſer Unruhe zu unterrichten. Es ergab ſich, daß ein Bewohner der Vorſtaͤdte, welcher eben einen andern, wie er und ſeine Freunde verſicherten, im ehrlichen Kampfe getoͤdtet hatte, mit einem Geleitsbriefe der Stadtbewohner, in Gemaͤß⸗ heit ihres verfaſſungsmaͤßigen Vorrechts herbeikam, um von dem Herzoge in Perſon das Recht der Freiheit oder Nichteinkerkerung fuͤr den ſiegenden Kaͤmpfer in Anſpruch zu nehmen. Da dies ein Vorfall war, der ſich ſelten ereignete, ſo hatte ſich faſt die ganze Bevoͤlkerung von Hesdin auf die Beine gemacht, froh, eine Gelegenheit zu haben, auch nur den kleinſten Theil ihrer Gemeinderechte geltend zu machen, auf die zu allen Zeiten die Staͤdte natuͤrlich ſo viel gehalten haben. Der Herzog und ſeine Freunde nebſt deren Gefolge waren ihrerſeits nicht wenig geſpannt auf das, was erfolgen werde, und Philipp beſtieg ſein Roß und faßte in der Mitte des Turnierplatzes Poſto, umgeben von den Beam⸗ ten ſeines Hausſtandes, welche die feierliche Ord⸗ nung ganz vergeſſen hatten. Nachdem zum Ein⸗ 101 laß des Haufens die Erlaubniß gegeben war, dran⸗ gen eine Menge Maͤnner, Weiber und Kinder her⸗ ein, welche den Mann, fuͤr deſſen Freiheit ſie ſich verwendeten, auf den Schultern trugen. Dieſer aber war noch von Blut befleckt, und ſah ganz blaß und erſchuͤttert aus, theils von der Erinnerung an die That, die er eben vollbracht, theils wegen des Erſtaunens uͤber die ihm jetzt zu Theil werdende Ehre. „Lange lebe Nikolas Mavot, freier Buͤrger von Hesdin!“ ſchrie der Haufe, und es verging einige Zeit, ehe das triumphirende Getoͤſe ſich hinlaͤnglich legte, um ihrem amtlichen Sprecher, dem Prevoſt der Stadt, zu erlauben, hervorzutreten und ſeine foͤrmliche Bitte um Zulaſſung des blutbefleckten Wichts zum Genuſſe der Rechte und Privilegien des Buͤr⸗ gerthums an den Herzog zu richten. Philipp nahm alle ſeine Ernſthaftigkeit zuſammen, um dadurch den Ausbruch des Gelaͤchters oder der Zeichen des Spottes von Seiten ſeines zahlreichen Gefolges zu hindern, und fragte dann, ob die Thatſache, worauf ſich dieſe Anſpruͤche gruͤndeten, durch Beweiſe un⸗ terſtuͤtzt werde. 1. „Geruhen Eure Hoheit ſich zu erinnern,“ er⸗ wiederte der Prevoſt,„daß durch den ſieben und 10² ſiebenzigſten Artikel oder Item des Freiheitsbriefes unſerer verehrlichen Stadt Hesdin, oder Hesdinum, der durch den maͤchtigen Grafen Robert von Ar⸗ tois im J. 1288 gewaͤhrt, und von ſeinem edlen, maͤchtigen und fuͤrſtlichen Bruder und Nachfolger Otto im J. 1330 beſtaͤtigt wurde, von welchem Artikel oder Item Eure Hoheit, als unſer Lehnsherr und Souverain gewiß die gehoͤrige Kenntniß hat...“ — Ich kann mich ſo eben im Augenblick nicht beſinnen, nicht ganz deutlich der beſondern Clauſel erinnern,— ſagte Philipp. „Nun ſo will ich ſie Eurer Hoheit vorleſen,“ erwiederte der Prevoſt, indem er eine große Maſſe ſchwarz beſchriebener Pergamente vor dem Herzoge entfaltete;„oder wenn es Eure Hoheit erlaubt, kann ich auch die ganze Urkunde vom Anfange bis zu Ende leſen.“ — Nein! nein!— rief der Herzog ſchnell,— ich bitte, edler Prevoſt, erſpart Euch die Muͤhe. Fern ſey es von mir, um meiner Selbſt willen ei⸗ nem ſo ehrenwerthen Beamten ein ſolches Geſchaͤft aufzulegen, oder unſerm herzlich geliebten Volke von Hesdin einen nutzloſen Verzug in Bewilligung ſei⸗ ner rechtlichen Anſpruͤche aufzuerlegen. Fuͤhrt die 1 103 Clauſel nur an, wenn es Euch gefaͤllig iſt, aber leſet ſie nicht— ich glaube Euch auf's Wort.— „Lange lebe der gute Herzog Philipp!“ ſcholl es von hundert Stimmen rings um die Mauern des Turnierplatzes, indeß der Prevoſt ſich tief verbeu⸗ gend, doch ein wenig verbluͤfft, weil er die Gele⸗ genheit verloren hatte, ein Paar Hundert Blaͤtter abſcheuliches Latein herzuleſen, den erſten Moment des Schweigens benutzte, um zu ſagen: „Der Artikel, Hoheit, lautet folgendermaßen: Wenn ein Einwohner, oder Jemand, der ſich in den Vorſtaͤdten der beſagten freien Stadt Hesdin oder Hesdinum aufhaͤlt, toͤdtet, oder getoͤdtet hat einen Andern auf der Stelle im Zweikampf um eine gute Sache, ſein eigenes Leben vertheidigend, ſo mag er geradezu kommen, mit ſo viel Buͤrgern oder Be⸗ gleitung, als ihm beliebt, und ſeine Freiheitsrechte in Anſpruch nehmen vor ſeinem ſouverainen Grafen in Perſon.— Als einzigen Beweis wird erfordert, daß das Blut des erſchlagenen Feindes und deſſen anerkannten Leichnams ſich noch ungetrocknet an ſei⸗ ner rechten Hand zeige, und ſeine Erklaͤrung, daß er die That vollbracht, mit dem Entſchluß, ſie zu be⸗ haupten, Schild am Arme, Kampfſtock in der Hand 104— gegen Jedermann, der ihm dazu eine Aufforderung ſtellen ſollte.“ — Und haſt Du, Nikolas Mavot, Deinem Feinde den Tod gegeben im Zweikampfe um eine gute Sache?— fragte der Herzog, ſich zu dem blutbefleckten Bewerber wendend. „Ja, Eure Hoheit Majeſtaͤt!“ ſagte der Menſch, und hielt ſeine rechte Hand mit einem blutigen Meſ⸗ ſer empor, indeß Andere den Leichnam herbei⸗ ſchleppten. 4— — Und macht ihm Niemand die verlangte Frei⸗ heit durch Ausforderung ſtreitig?— fragte nun Philipp laut, von den empoͤrenden Beweiſen ſich abwendend. „Ja, ja!“ rief ein halb athemloſer Mann, der ſich dnrch den Haufen draͤngte und dem Her⸗ zoge naͤherte;„gebe Gott, daß ich nicht zu ſpaͤt komme! Ich mache dem Moͤrder ſeinen Anſpruch ſtreitig. Ich fordere ihn zum Zweikampfe, Schild am Arme, Kampfſtock in der Hand;— ich werde beweiſen des Buben Verbrechen an ſeinem falſchen Koͤrper, in offenen Schranken, wann und wo es Eurer Hoheit und den guten Buͤrgern hier gefal⸗ len mag.“. 105 — Und wer biſt Du, guter Menſch?— fragte Philipp, durch des Mannes Aufregung geruͤhrt. „Ich bin Jakotin Plouvier, Hoheit! Frei⸗ mann von Hesdin, und Bruder des jungen Man⸗ nes, den dieſer Elende erſchlagen hat.“ — Er behauptet aber, Euern Bruder im ehr⸗ lichen guten Kampfe getoͤdtet zu haben,— ſagte der Herzog. „Im guten Kampfe?“ rief der Andere,„wer wird ihm das glauben? Seht ihn nur an, wie er daſteht— wankend und ſchwankend und verun⸗ ſtaltet— ſeht nur ſeine verrenkten Glieder! und fragt, ob ſo ein Menſch einen Mann uͤberwaͤltigen kann, beſonders einen Mann wie Peter Plouvier? Ach! hier liegt ja meines Bruders Leichnam!“ fuhr er fort, faſt außer ſich, als er dieſen erkannte, faßte ihn in ſeine Arme und bot ihn der Verſammlung zum Beſchauen dar.„Seht nur dieſe Leiche an, die vor Kurzem ein Mann war, betrachtet die ſchoͤ⸗ nen Proportionen dieſer Geſtalt, die nervigen Arme, die gewaltige Bruſt, die kraͤftigen Schultern, und ſagt, ob ein ſolches Ding, wie jener Kerl, es mit ihm aufnehmen konnte! o Gott! o Gott! und das iſt Dein Schickſal, mein lieber, theurer Bruder! Seht 5** 9 106 hieher! hieher, wo des Buben Meſſer ihm in den Ruͤcken gedrungen iſt.— Seht nur, noch quillt das Blut heraus! Iſt das ein ehrliches, gutes Gefecht! Herzog Philipp, ich flehe, ich fordere Gerechtigkeit von Euch! Mitbuͤrger, wollt Ihr Eure Rechte ent⸗ weihen laſſen durch Aufnahme dieſes Moͤrders? o mein Bruder, mein braver, mein geliebter Bruder! Du ſo kraftvoll, auf dem Punkte Dich zu vermaͤh⸗ len, voller Hoffnung und Geſundheit in die Zukunft ſchauend— ſo mußteſt Du enden!“ Mit dieſen Worten faßte er den Leichnam in ſeine Arme und weinte wie ein Kind. Dann warf er den Koͤrper wuͤthend zu Boden, und rief aber⸗ mals laut aus: „Aber wozu dies? Iſt dies die Art und Weiſe, ſeinen Tod zu raͤchen? Mag der Koͤrper in ſein blutiges Grab ſinken, aber gebt mir meine Rache. Herzog Philipp, ich rufe Euch auf zur Gerechtigkeit und Rache!“ — Ungeſitteter Menſch!— rief der Prevoſt, ihn auf die Seite draͤngend,— bringt Ihr ſo Eure Klage bei dem Herzoge vor? Iſt das die ſchuldige Achtung gegen Seine Hoheit? Was werden dieſe Edlen hier denken von dem Volke von Hesdin, nach einer ſolchen Probe? Zuruͤck, zuruͤck, Burſche!— V —ꝛ— 107 „Nein! Nein! nicht alſo!“ rief Philipp, ſein Roß vorwaͤrts treibend,„beim heil. Michael, der Mann hat Recht! und nie ſoll man ſagen, daß Philipp von Burgund in einem ſolchen Falle Ge⸗ rechtigkeit verweigert habe, er, der Jahre lang um Nache ſchrie und noch ſchreit uͤber die Moͤrder ſeines Vaters. Der Kampf mag Statt finden— es iſt gerechte Urſache dazu vorhanden!— Was ſagt Ihr, Nikolas Mavot, zur Beſchuldigung die⸗ ſes Mannes?“ — Er zittert und kann nicht ſprechen,— ſagte Plouvier,— iſt das nicht Schuld, Ihro Hoheit!— „Es kann auch Unſchuld feyn, lieber Mann,“ ſagte Philipp;„dieſe Verſammlung und Eure An⸗ klage moͤgen wohl Jemand erſchuͤttern. Sprecht, Mavot! Wie kam dieſe Wunde in den Ruͤcken Eu⸗ res Gegners?“ — Das kann ich nicht ſagen,— verſetzte der Angeſchuldigte mit bebender Stimme,— allein es finden ſich auch Wunden im Geſichte und der Bruſt!— Und als er dieſes ſagte, hielten einige ſeiner Freunde das Geſicht des Todten in die Hoͤhe, das an mehreren Stellen zerfetzt war, auch ſah man ſchwache Spuren des Meſſers in der Bruſt. 108 3— „Ich weiß von dieſen Schrammen und Wun⸗ den zu ſagen, wenn es Eure Hoheit erlauben,“ ſagte eine alte Frau, die dabeiſtand. — Nun, ſo redet ohne Furcht und Gunſt!— ſagte der Herzog in aufmunterndem Tone und mit einem Blick der Anerkennung. „Nun, mit Euer Hoheit Schutz und Gottes Gnade,“ ſagte Spalatro's Wirthin, Dame Mag⸗ dalene, indem ſie aus dem Haufen hervortrat,„ich ſah von der Seite des Fluſſes her, wo ich mich buͤckte, um Kreſſe zu ſammeln, wie Nikolas Ma⸗ vot hinter dem Zaune dicht bei St. Helena's Brun⸗ nen hervorſprang, und den jungen Peter Plouvier von hinten ſtach, und waͤhrend der arme junge Menſch blutend und aͤchzend auf dem Boden lag, Jener ihn umwandte und ihn mit dem Meſſer in's Geſicht und die Bruſt ſchnitt und ſtach. Bei dieſen Worten lief ein Ausbruch der Ver⸗ wuͤnſchung durch die Menge, und nur Achtung ge⸗ gen den Herzog und ſeine Geſellſchaft hielten das Volk ab, den Schuldigen in Stuͤcke zu reißen. —'S iſt falſch!'s iſt falſch!— rief Mavot mit einem Blicke der Verzweiflung,— ſie iſt ſei— ner Mutter Schweſter, und wuͤrde ſchwoͤren gegen 109 mein Leben! Ich toͤdtete ihn ehrlicher Weiſe, und will meine Handlung vertreten.— „So walte denn die Gerechtigkeit!“ ſagte der Herzog.„Man richte Schranken auf fuͤr Morgen Mittag auf dem Marktplatze, dicht dabei einen Gal⸗ gen fuͤr den Beſiegten, man halte Waffen und an⸗ dere noͤthige Dinge bereit; Angeklagter und Anklaͤ⸗ ger geſchworen und gebeichtet, und mit Gottes Gnade wollen wir ſelbſt Zeuge ſeyn des Kampfes, worin⸗ nen der Himmel das Recht beguͤnſtigen und das Unrecht beſtrafen moͤge.“ Ein lauter Ruf des Beifalls und der Freude durchlief den Haufen. Die Beeintraͤchtigung, welche die Ausuͤbung eines Gemeinheits⸗Vorrechtes erlitten hatte, wurde reichlich verguͤtet durch die Ausſicht auf eine Scene geſetzlichen Barbarismus. Die dienſtthuenden Beamten nahmen die beiden Kaͤm⸗ pen in ihre Obhut, um ſie der Sitte der Zeit ge⸗ maͤß zu dem morgenden Gottesurtheil oder Orda⸗ lium vorzubereiten, und ſobald ſich die Menge zer⸗ ſtreut hatte, ſchlug der Herzog den Weg nach dem Schloſſe ein, um die Vornehmern ſeines Beſuches zum Fruͤhſtuͤck zu geleiten, nachdem er vorher dem Joos Wooters Befehl gegeben hatte, Spalatro in 110 die Waffenſchmiede zu fuͤhren, die nach des Her⸗ zogs eigener Angabe neu erbaut war, und ihn wegen eines neuen Kopfſtuͤckes nebſt Halsberge zu Rathe zu ziehen, welche einige Tage zuvor Philipp und ſeine Werkleute, faſt mit Ausſchluß alles an⸗ dern Verkehrs, beſchaͤftiget hatten. Sechstes Kapitel. Poiipps Aufmerkſamkeit wurde von der eben be⸗ ſchriebenen Scene bald abgelenkt durch die Verſchie⸗ denheit der Gegenſtaͤnde ſowohl des Vergnuͤgens als der Politik, welche um dieſe Zeit ſeine Sorge er⸗ heiſchten und theilten. Bei dem Fruͤhſtuͤck, das ihn bei ſeiner Ruͤckkehr in das Schloß erwartete, waren die vorher aufgezaͤhlten fuͤrſtlichen Gaͤſte verſammelt, zugleich mit den Herzoginnen von Burgund, Bed⸗ ford, Guienne und der beruͤhmten Graͤfin von Sa⸗ lisbury, deren Schoͤnheit den guten Herzog gaͤnz⸗ lich gefeſſelt hatte, von dem ſie in gleichem Range . mit ſeinem Weibe und ſeinen köͤniglichen Gaͤſten er⸗ hoben worden war. Sie theilte die Ehren ſeines Hofes mehr wie Herrin deſſelben, als Gaſt, und ihr Einfluß wurde nicht nur geduldet, ſondern auch geſucht und ſehr hoch angeſchlagen von allen Denen, deren Intereſſe mehr oder weniger auf dem Spiele 112— ſtand bei jeder oͤffentlichen Maaßregel, welche Phi— lipp annahm oder aufgab. Der aͤngſtlichſte von allen zu dieſer Zeit hier verſammelten hohen Perſonen war der Herzog von Bedford, welcher ſah, daß trotz dem Traktate von Amiens, der zwiſchen ihm und den Herzogen von Burgund und Bretagne zwei Jahre zuvor beſchwo⸗ ren worden war, Philipp augenſcheinlich in ſeiner Beſtaͤndigkeit wankte, aufgereizt einer Seits durch die unaufhoͤrlichen Intriguen Arthur's de Riche⸗ mont, welcher mit ſeiner Schweſter, der Herzogin von Guienne, vermaͤhlt war, anderer Seits durch ſeine perſoͤnliche Feindſchaft gegen den Herzog von Gloceſter. Bedford richtete daher alle ſeine Beſtre⸗ bungen dahin, Philipp an ſeine Sache zu binden, ſowohl durch den Einfluß ſeines Weibes, die eben⸗ falls Philipp's Schweſter war, als durch den der Graͤfin von Salisbury, ſeiner oͤffentlich anerkann⸗ ten Geliebten. Wenig Herzlichkeit herrſchte folg— lich unter den vornehmeren Bewohnern des Schloſ⸗ ſes von Hesdin, und alle weniger ausgezeichnete Perſonen folgten ihren hohen Beiſpielen, um den herzoglichen Hof in einen Schauplatz oͤffentlicher Ver⸗ ſtellung und geheimer Intrigue umzuwandeln. „Liebenswuͤrdige Graͤfin, meine ſchoͤnen Schwe⸗ 113 ſtern, mein Weib, und Ihr edlen Fuͤrſten alle, ich bitte ſehr um Verzeihung deſſen, was Euch als ein unhoͤflicher Verzug erſcheinen moͤchte,“ ſagte Philipp bei ſeinem Eintritt in das Tafelzimmer, mit jener feinen Art, die ihn beſonders auszeichnete, und die ſelbſt in jener entfernten Zeit, wie wir wol vor⸗ ausſetzen duͤrfen, ſich nach demſelben Syſteme geſel⸗ liger Obſervanz richtete, welches noch jetzt eine gute Erziehung leitet; denn wenn auch die wechſelnde Mode mehrere Modificationen deſſelben herbeigefuͤhrt hat, ſo muß doch das Weſentliche der Sitten unter einem gebildeten Volke zu allen Zeiten faſt daſſelbe geblieben ſeyn. „Ich weiß nicht, wie es kommt,“ fuhr der Herzog fort,„allein Tag fuͤr Tag laͤßt uns ein un⸗ vorhergeſehenes Hinderniß immer ſpaͤter zu unſeren Mahlen kommen, und macht, daß wir ganz des al⸗ ten Sprichworts oder der goldenen Lebensregel ver⸗ geſſen, die uns lehrt: Steh auf um Fuͤnf, Iß zu Mittag um Neun, Zu Abend um Fuͤnf, Geh zu Bett um Neun, Und Du wirſt leben der Jahre: Neunzig und Neun. Aber wir wollen das ſchon nach und nach aͤndern, 114 und zu den geſunden Stunden unſerer Vorfahren zuruͤckkehren.“ — Lieber Bruder,— ſagte die Herzogin von Bedford,— dazu ſcheint wenig Hoffnung zu ſeyn, ſo lange Du Dich dieſen Uebungen hingiebſt, die Deine Morgenſtunden auf eine Art ausfuͤllen, welche ſich mehr fuͤr junge Pagen und unbeſpornte Knap⸗ pen ſchickte, als fuͤr einen ſouverainen Fuͤrſten und gepruͤften Krieger.— „In der That, Schweſter Anna,“ rief die ſtolze Herzogin von Guienne, indeß ihr Gemahl, Graf Richemont, ihr einen billigenden Blick zuwarf, „Du laͤßt ſelten eine Gelegenheit unbenutzt, unſern edlen Bruder mit dieſen nothwendigen Beſchaͤfti⸗ gungen zu necken, die jedem Ritter wohl noͤthig ſind, ehe er ſeinen erbitterten Feind bekaͤmpft. Es moͤchte faſt ſcheinen, wenn das nicht ganz unnatuͤr⸗ lich waͤre, daß Du die Hoffnungen des Sieges be— dauerteſt, die er ſich auf dieſe Art verſchaffen muß.“ — Kaum mehr unnatuͤrlich, als daß meine Schweſter einem ſolchen Argwohne gegen meine Liebe und Pflicht Worte geben ſollte.— „Liebe und Pflicht, meine gute Anna, wiegen, wenn ſie getheilt ſind, nur leicht in jeder Wag⸗ 115 ſchale, und es iſt zweifelhaft, welche die andere auf⸗ ſchnellen mag.”“ — Wie? Was iſt das, liebe Schweſter?— ſagte Bedford mit ſeinem gewoͤhnlichen gemaͤßigten und ſanften Verſoͤhnungstone bei ſolchen Neckereien, — hat denn eine Stunde ungewoͤhnlichen Faſtens Euch dieſen Morgen ſo bitter ſpoͤttiſch gemacht?— „Nein! Bedford,“ rief de Richemont,„allein es ſcheint unſere Schweſter Anna etwas muͤrriſcher gemacht zu haben, als ſonſt, wenn ſie auf dieſe Art unſern Bruder Burgund auf's Korn nimmt.“ — Ich bin wenigſtens gewiß,— verſetzte Bed⸗ ford ruhig, daß unſer edler Bruder Deines Ritter⸗ dienſtes nicht bedarf, de Richemont, um ihn vor ſeiner Schweſter freundlichen Beſorgniß zu retten.— „Beſorgniß!“ ſagte de Richemont gereizt;„mich duͤnkt, das Wort iſt uͤbel angebracht, oder wenig⸗ ſtens der Gegenſtand, auf den es angewandt wird. Deine Herzogin, Bedford, iſt zu ſehr Engliſch in ihrem Herzen, um Gloceſter nicht reichlich ihre— Beſorgniß theilen zu laſſen.“ — Der Graf de Richemont iſt ein zu berei⸗ ter Ausleger von Anderer Gedanken und ein gar zu undelikater Ausſprecher von Namen, die wenig⸗ ſtens unanssgeſprochen bleiben moͤchten,— erwie⸗ 116————— derte die Herzogin von Bedford mit ſteigender Waͤrme. „Falſche Delikateſſe iſt der Zwillingsbruder von falſchem Spiel,“ ſagte de Richemont,„ich uͤbe keines von beiden, ich bin ſchnell im Sprechen und offen im Handeln.— Wenn ich an Gloce⸗ ſter denke, ſo nenne ich ihn, und wenn ich ihn nenne, ſo geſchieht es nicht unter der Huͤlle der Freundſchaft.“ — Wir beduͤrfen dieſer Erklaͤrungen nicht, lie— ber Bruder,— ſagte Bedford, der bei dieſer be⸗ harrlichen Rohheit die Faſſung verlor,— wir wiſ⸗ ſen wohl, daß kein Englaͤnder mit Arthur de Ri⸗ chemont's Freundſchaft beehrt wird.— „Vielleicht weil ich ſie zu wohl gepruͤft habe,“ murmelte de Richemont. — Vielleicht weil Ihr ſie ſchle echt behandelt habt,— verſetzte Bedford in einem eben ſo lei⸗ ſen Tone. Philipp, der dieſer Unterredung zugehoͤrt hatte, ſah, wie die Lippen zuckten und die Wangen er⸗ bleichten, und er hielt es nun fuͤr hohe Zeit, da⸗ zwiſchen zu treten, da er keinen offenen Bruch zwi⸗ ſchen ſeinen Schwaͤgern wuͤnſchte, ob er ſich gleich nicht viel aus dieſen gelegentlichen Scharmuͤtzeln 1 —— 117 machte, welche ihm ſeine eigene Wichtigkeit in den Augen Derer zeigten, die ſich ſo leicht ſeinetwegen entzweiten und ſtritten. „Liebe Bruͤder und Schweſtern!“ ſagte er, „das iſt eine Art, die Schaͤrfe des Appetites zu ſtumpfen. Sie ziemt ſich auch nicht fuͤr den Fa⸗ milienkreis, den wir zuſammen bilden. Bei dem heiligen Schutzpatron meines Namens und Hauſes, es thut mir leid, boͤſes Blut zu ſehen zwiſchen De⸗ nen, die mir ſo theuer ſind. Und der Tadel faͤllt immer auf mich zuruͤck, denn ich muß doch ein ſchlechter Wirth ſeyn, um meine Gaͤſte ſo zu be⸗ handeln, daß ich ihnen Zeit laſſe zu Mißvergnuͤgen. Zur Tafel! Knappen auf! an Eure Pflicht! laßt die Zerleger und Vorſchneider kommen!“ Waͤhrend die verſchiedenen Knappen des Wein⸗ kellers und der Speiſekammern, nebſt Denen, die als Zerleger dienten, und verſchiedene Andere, welche auf das Zeichen warteten, ſich geſchaͤftig bewieſen bei den mancherlei Dienſten, die das ſubſtantioͤſe Mahl erforderte, welches jetzt aufgetragen wurde, verſuchte Philipp jedes moͤgliche Mittel, die Ruhe unter ſeinen Verwandten wieder herzuſtellen, und wandte dann ſeine aufmerkſamſte Galanterie der ſchoͤnen Englaͤnderin zu, die faſt als vorſitzende Dame 118 des Feſtes betrachtet werden konnte, dieſe Stelle je⸗ doch nicht auf eine ſo entſchiedene Art einnahm, daß die Gefuͤhle der Herzogin von Burgund an ihrer Seite oder die hinhaltenden Bedenklichkeiten der anderen Fuͤrſtinnen dadurch verletzt wurden. Nach einiger Zeit wurde die Unterhaltung allge⸗ mein. Die letzte Mißſtimmung war entweder ver⸗ geſſen, oder man ging daruͤber hin, da die auf den menſchlichen Egoismus berechnete Verſtellung der Hofleute die rivaliſirenden Schwaͤger belehrte, daß die gegenſeitige Politik von ihnen fordere, heitere Geſichter zu zeigen. Philipp erzaͤhlte Bedford und den Damen die Scene auf dem Turnierplatze, und Alle waren aͤußerſt geſpannt auf den Ausgang des morgenden Gefechtes. Andere Gegenſtaͤnde von un⸗ mittelbarem Intereſſe fuͤr den gegenwaͤrtigen Tag — wie das Mirakelſchauſpiel, das von der Geſell⸗ ſchaft Pariſer Pantomimen vor dem Mittagseſſen aufgefuͤhrt werden ſollte, die Falkenpartie in den Ebe⸗ nen dicht bei dem Palaſte fuͤr den Abend und der Ball zur Nacht, dem der beliebteſte Zeitvertreib vor allen, die danse macchabée oder Todtentanz folgen ſollte— gaben hinreichenden Unterhaltungs⸗ ſtoff waͤhrend der verſchiedenen Gaͤnge der Tafel. Sie endete zu gehoͤriger Zeit, und die verſchiedenen 119 Perſonen brachen auf, entweder in Gruppen, oder ſchlichen ſich einzeln davon zu mancherlei geraͤuſchlo⸗ ſen Galanterien, oder noch leereren Beſchaͤftigungen, welche die Stunden der ununterrichteten„ wo nicht bildungsloſen Weſen ausfuͤllten, die den ehrenvol⸗ len Trieb nach Aufklaͤrung nicht kannten, der in dem unmittelbar nachfolgenden Geſchlechte durch die Erfindung der Buchdruckerkunſt und das Wiederauf⸗ bluͤhen der Literatur belebt wurde. Als man die Damen mit gebuͤhrender Ehre und ritterlicher Sorgfalt dahin begleitet hatte, wo⸗ hin ſie ihre beſonderen Neigungen und Launen fuͤhr⸗ ten, ſchlug Philipp ſeinen Bruͤdern von Bedford und de Richemont, nebſt dem Herzoge von Bretagne und dem Grafen von St. Pol, Bruder Johann's, Herzogs von Brabant, Regenten von Hennegau und Jacquelinens unbeugſamſten Feindes, eine Zuſam⸗ menkunft in ſeinem geheimen Cloſet vor. Die vier Fuͤrſten folgten Philipp, ſo wie er ſie durch die Reihen von Pagen, Kaͤmmerlingen und Hellebar⸗ dieren fuͤhrte, die die Galerien und Corridors in Reihen beſetzt hielten, und dieſer Fuͤrſtenrath be⸗ fand ſich bald in geſchloſſenen Debatten bei ver⸗ ſchloſſenen Thuͤren, nachdem beſtimmter Befehl ge⸗ geben worden war, daß dieſer geheime Verkehr nicht 120 geſtoͤrt werden ſollte, außer durch das Eintreffen ſehr dringender Depeſchen. Wir wollen den Gang unſerer Erzaͤ Pluun nicht durch Aufzaͤhlung aller der Gegenſtaͤnde aufhalten, welche in dieſem Familiencongreſſe verhandelt wur⸗ den, wo die verſchiedenen Mitglieder ſich bemuͤhten, eines die Plaͤne des andern zu durchkreuzen, und es ſeinen beſonderen Intereſſen dienſtbar zu machen. Der Herzog von Bretagne, ein Fuͤrſt von geringen Talenten, und gaͤnzlich geleitet von ſeinem Bruder de Richemont, uͤberließ dem Letztern die Sorge, den Anſtrengungen entgegen zu wirken, die Bedford machte, um Philipp feſtzuhalten in ſeinem Buͤndniſſe mit England und ſeiner Feindſchaft gegen Karl VII, und gewaͤhrte ihm bloß die negative Unterſtuͤtzung ſeines allgemeinen Stillſchweigens oder gelegentli⸗ cher Zuſtimmung zu den Berufungen, die de Riche⸗ mont an ſeine Autoritaͤt wegen ſeiner Gruͤnde und Andeutungen richtete. Der Herzog von Bedford ſtrebte auf der an⸗ dern Seite in jeder moͤglichen Art dahin, ſeinen Einfluß auf Burgund zu verſtaͤrken durch die Ver⸗ ſicherung, daß England neutral bleiben ſolle in deſ⸗ ſen Streite mit Jacquelinen, mochte Humphrey von Gloceſter wuͤnſchen oder denken was er wollte. St. Pol, . 121 St. Pol, der den Letztern perſoͤnlich haßte, ſowohl aus Erinnerungen an den Krieg in Hennegau vom vorigen Jahre, als auch im Gefuͤhl des Rechtes ſeiner Kaͤmpferſchaft fuͤr die Sache ſeines Bruders, Johann's von Brabant, deſſen Ehre, wie man glaubte, von Gloceſter in dem zarteſten Punkte ver⸗ letzt werden ſollte, warf alles Gewicht ſeiner Un⸗ terſtuͤzung in dieſelbe Schale mit den Bruͤdern von Bretagne, ſo daß ſich Bedford allein den an⸗ deren Drei gegenuͤber ſah. Allein noch immer ſich verlaſſend auf Philipp's Achtung gegen ihn, wie auf ſeinen Haß gegen den Moͤrder ſeines Vaters, und ſein perſoͤnliches Intereſſe, das bei dieſer hollaͤndi⸗ ſchen Frage ſo ſehr auf dem Spiele ſtand, hoffte er, ſeinen Platz doch in dem ungleichen Kampfe zu behaupten. Philipp, immer getrieben von ſeinem Durſte nach Vergroͤßerung und ſeinem Geldmangel wegen ſeiner ungeheuren Verſchwendung, benutzte dieſe Ge⸗ legenheit, verſchiedene Bitten an Bedford zu richten, die, wie er wohl wußte, der Regent nicht wagen wuͤrde, zuruͤckzuweiſen. „Sehr gern, mein Bruder,“ ſagte Bedford mit diplomatiſcher Schmiegſamkeit, indem er das moͤglich beſte Geſicht zu Philipp's habſuͤchtigen For⸗ II. 6 122 derungen machte;„es iſt nicht mehr als billig, daß ich das erfuͤlle, was Ihr ſo gebuͤhrend nach dem Rechte Eurer Vorfahren in Anſpruch nehmt. Ich trete Euch ab im Namen meines Neffen, Koͤnig Heinrich's,— und dieſe edlen Fuͤrſten ſind meine Zeu⸗ gen— die Grafſchaften Auxerre und Macon, nebſt der Herrlichkeit und der Schloßhut von Bar⸗ſuͤr⸗ Seine, in voller Souverainetaͤt, und zur Ausglei⸗ chung fuͤr dieſe unberichtigten Rechnungen. Und ich fuͤr meine eigene Perſon gebe mein Recht auf baare Zahlung des Betrags von Hundert und Zwan⸗ zig Tauſend Goldkronen auf, welche noch immer auf die Mitgift meiner geliebten Herzogin ruͤckſtaͤn⸗ dig ſind, indem ich mir gefallen laſſe, es in zwei Jahren von heute an zu empfangen, oder eine jaͤhr⸗ liche Abzahlung von vier Tauſend Liores vierteljaͤh⸗ rig faͤllig, nach Eurer oder Eurer Erben Belie⸗ ben und Wahl anzunehmen.“ — Bedford, lieber Bruder,— ſagte Philipp, des Regenten Hand ergreifend,— dieſe edelmuͤthige Gefaͤlligkeit gegen Anſpruͤche, denen Ihr haͤttet wi⸗ derſtehen, gegen Forderungen, die Ihr haͤttet zuruͤck⸗ weiſen koͤnnen, verdient meine Dankbarkeit und ver⸗ mehrt meine Achtung. Und Ihr macht Euch auch verbindlich, Euren ungeſtumen Bruder Gloceſter, der 123 Euch ſo wenig gleicht an Klugheit wie an Discre⸗ tion, davon abzuhalten, daß er Huͤlfe ſende jenem falſchen Weibe, das ich nicht mehr meine Couſine nennen mag.— „Mein Bruder Humphrey iſt mir theuer, ob ich gleich ſeine Uebereilung in dieſer ungluͤcklichen Sache beklage,“ erwiederte Bedford,„und ich ge⸗ lobe Euch, kein Mittel unverſucht zu laſſen, um ihn zu beſtimmen, daß er ſie aufgebe, oder wenigſtens ſeine Oppoſition bei Euren Unternehmungen gegen die Graͤfin Jacqueline zu laͤhmen. Er ſoll weder Menſchen noch Geld bekommen, wenn mein Einfluß ſie zuruͤckhalten kann. Ich wuͤnſchte, es moͤchte mir eben ſo gut gelingen, den ungluͤcklichen Zwiſt zwi⸗ ſchen Euch zu ſchlichten, und Euch Beide von dem Kampfe abzumahnen, den Ihr vorhabt.“ — Sprich davon nicht, Bedford! Ich ſchwoͤre beim heil. Andreas, daß wenn der jetzt zu Paris verſammelte feierliche Rath nicht das Gefecht un⸗ terſagt, entweder ich oder Gloceſter todt in den Schranken bleiben werden.— „Recht, Vetter!“ rief St. Pol,„man ſage nie, daß Ihr Euch bereden ließet, von dem Zwei⸗ kampfe abzuſtehen, wozu Ihr aufgefordert habt,— 6* 124 das Blut Euers Geſchlechts wuͤrde entehrt zuruͤck⸗ kehren zu ſeiner Quelle.“ — Lieber Bruder von Burgund,— ſagte de Richemont,— an Eurer Stelle wuͤrde ich bei Strafe perſoͤnlichen Zweikampfes verbieten, daß ein Englaͤn⸗ der in meiner Gegenwart von dieſer Sache ſpraͤche. Es iſt ein abgeſchloſſener Punkt, und nur ein fal⸗ ſcher Freund koͤnnte ein Zuruͤckziehen Eurer Seits anrathen, denn es wuͤrde Euren guten Namen mit Schande bedecken.— „So denk' auch ich!“ rief der Herzog von Bretagne mit einem feierlichen Kopfnicken. — Hoͤrt mich, Ihr Fuͤrſten,— ſagte Bedford, — allein zu Dir, Richemont, ſpreche ich beſonders. Niemand wird es hoffentlich wagen, mein Wort zu verdaͤchtigen,— es iſt uͤber jeden Flecken erhaben, und Philipp von Burgund wurde, als er mich zum Schiedsrichter in dem unſeligen Zwiſte, ſelbſt fuͤr den Kampf ernannte, der denſelben entſcheiden ſoll, Buͤrge fuͤr meine Unpartheilichkeit. Was Euch an⸗ betrifft, Arthur de Richemont, ſo weiß ich, daß Ihr ſehr choleriſch ſeyd, und der, welcher ſo zwei⸗ felhaft gegen die Engliſche Nation ſich benommen hat, mag wol auf Entſchuldigung rechnen, wenn er ſich einige Ungeziemtheit gegen Individuen der⸗ — — 125 ſelben erlaubt. Ich laſſe daher Eure unuͤberlegte Redensart hingehen.— 1 „Um deſto mehr Freiheit zu gewinnen, meine Ehre anzugreifen?“ rief de Richemont in heftigem Zorne.„Iſt es ſo, Bedford? Und wenn es ſo iſt, ſo wird Gloceſter und Burgund nicht allein in den Schranken ſeyn. Wollt Ihr mir ein Unrecht aufbuͤrden in der Sache meines gegebenen Wortes? Erweckt Ihr die Frage wegen meiner Befreiung von ſeiner Verbindlichkeit wieder, ſobald Euer Bru⸗ der Koͤnig Heinrich ſtarb?“ — JIch erwecke keine Frage wieder, denn ſie hat nie aufgehoͤrt zu exiſtiren,— ſagte Bedford kalt,— auch will ich jetzt keinen Punkt eroͤrtern, in dem wir nie einerlei Meinung ſeyn moͤchten; der Fall iſt ganz einfach. Ihr waret ein auf rechtliche Art in der Schlacht von Azincourt gemachter Ge⸗ fangener. Ihr erhieltet auf Euer Ehrenwort nach ſechsjaͤhriger Gefangenſchaft die Erlaubniß, nach Bretagne zu gehen, in der beſonderen Abſicht, den Herzog, Euren Bruder, aus dem Gefaͤngniſſe zu be⸗ freien. Hier war er verraͤtheriſcher Weiſe eingeſchloſ⸗ ſen auf Veranlaſſung des falſchen Karl's, des ſich ſelbſt ſo nennenden Koͤnigs von meines Bruders und meines gegenwaͤrtigen Neffens Koͤnigreich Frankreich. 126 Als Ihr ankamt, hatte Euer Bruder ſeine Freiheit ſchon auf anderm Wege erhalten,— unſer koͤnig⸗ 3 licher Heinrich ſank in ein zu fruͤhes Grab. Und Ihr, der Gefangene der Engliſchen Nation, hieltet Euch fuͤr entbunden Eures Wortes durch den Tod des Engliſchen Koͤnigs. England konnte keine Ar⸗ mee abſenden, Euch aufzujagen. Ihr nahmt Euch die Freiheit und behauptet ſie. So iſt die Lage der Sache, und nichts weiter. Ich mache keine Bemerkung dazu, und Ihr werdet das kaum zu laͤugnen wagen.— „Laͤugnen,“ verſetzte de Richemont,„Nein! Ihr haͤttet Euch und mir und unſern Bruͤdern und Vettern hier wol die lange Wiederholung bekann⸗ ter Thatſachen erſparen koͤnnen, die ich uͤberdies zu erhaͤrten bereit bin mit meinem Koͤrper gegen den G niedrigſten, wie den hoͤchſten Mann in England oder in Frankreich, guter Bruder, ſo ſehr Ihr auch Re⸗ gent ſeyd!“ — Halt! de Richemont! Eure Sache wird 1 durch leere Worte keine Staͤrke bekommen. Ihr wißt, ich wage es nicht, meines Landes und mei— nes Neffen Rechte aufs Spiel zu ſetzen, um mich ſelbſt im Privatſtreite mit irgend einem Lebenden zu meſſen.— 127 „So duͤrft Ihr auch Niemanden beleidigen, dem Ihr nicht ritterlich Genugthuung geben wollt.“ — Die Zitterpappel bebt, de Richemont, ehe ſie noch beruͤhrt wird. Ihr ſeyd empfindlich, weil Ihr wund ſeyd. Aber laßt uns die Zaͤnkereien auf⸗ geben, die zu keinem guten Reſultate fuͤhren koͤnnen. Der Augenblick hat dringendere Sorgen fuͤr uns. Fuͤr Euch iſt die Frage: wollt Ihr oder wollt Ihr nicht maͤnnlich den Kampf aufnehmen in Gemein⸗ ſchaft mit Bretagne, Eurem leiblichen Bruder, und mit Burgund und einem Eurer Bruͤder durch Ver⸗ maͤhlung? Wollt Ihr Euch nicht dem dreifachen Akte anſchließen, der uns durch feierliche Bande der Ehre zu gemeinſamer Sache verbindet? Oder wollt Ihr dafuͤr den laͤcherlichen Connetableſtab von Frank⸗ reich annehmen, durch deſſen Anerbieten der Uſur⸗ pator Karl Euch entehrt?— „Niemand wird es wagen, mich zu entehren, ſelbſt ein Koͤnigsſohn nicht, er ſey Englaͤnder oder Franzos, weder direct noch indirect,“ ſagte de Ri⸗ chemont.„Und um meine gerade, vorwaͤrts ſchrei⸗ tende Bereitwilligkeit zu beweiſen, Euren Fragen zu begegnen, und mich ſo zu benehmen, wie es mir in dieſem kritiſchen Augenblicke ziemt, ſo vernehmt meine Antwort. Wenn Burgund und Ihr und mein Bruder 128 von Bretagne hier, nebſt St. Pol als Zeuge des Ver⸗ trags, uͤbereinkommen, und mir den Oberbefehl uͤber ein hinreichendes Truppencorps verſprechen, um das Feld halten zu koͤnnen gegen Karl, ſo verwerfe ich ſein Anerbieten des Connetableſtabes, nach dem keine Hand gegriffen hat, ſeitdem Earl Buchan ihn ſter⸗ bend hat fallen laſſen auf dem Blutfelde von Ver⸗ neuil. Ich verbinde mich dann zu Eurer gemein⸗ ſchaftlichen Sache, und verpflichte mich, den Krieg zu endigen, oder in dem Verſuche zu ſterben. Ant⸗ wortet mir jetzt Alle frei und ohne Verſtellung.“ — Ich gebe meine volle Zuſtimmung,— ſagte der Herzog von Bretagne. „Sprecht, Bedford,“ ſagte Philipp mit ſeiner gewoͤhnlichen Behutſamkeit:„Ihr ſeyd der Repraͤ⸗ ſentant eines Koͤnigs, und koͤnnt zum Ausgange am meiſten wirken.“ — Nun ſo antworte ich denn mit aller von mir verlangten Offenheit,— ſagte Bedford mit Ueberlegung.— Zuerſt biete ich Arthur de Ri⸗ chemont an, die Grafſchaft Jerſey, mit voller Sou⸗ verainetaͤt und eine jaͤhrliche Penſion aus den ver⸗ einten Einkuͤnften von Frankreich und England, de⸗ ren Betrag beſtimmt werden mag durch Schieds⸗ richter, gewaͤhlt von ihm und mir, zum Beweiſe — 129 meines Verlangens, ihn feſt an unſere Sache zu binden. Allein ich kann mit gutem Gewiſſen die Leitung eines Heeres von Tauſend Mann Nieman⸗ den anvertrauen, der nie auf einem Schlachtfelde gefochten hat, ſeit ſeinem erſten Verſuche auf den Ebenen von Azincourt, und der auch nicht die Ge⸗ ſchicklichkeit zeigte, die zu einem ſolchen Poſten er⸗ fordert wird.— „Furien der Hoͤlle! muß ich das hoͤren?“ rief de Richemont wuͤthend aufſpringend.„Es iſt geſagt! es iſt geſchehen! der Schimpf iſt mir in's Herz ge⸗ graben. Bei Himmel und Erde ſchwoͤr ich, das nie zu vergeſſen. England, von dieſer Stunde an ge⸗ lobe ich Dir ewigen, verzweifelten Haß, Rache und Untergang! Philipp, lebe wohl! St. Pol, geht mit mir! Bruder, folge mir! Bedford, es wird der Tag erſcheinen, wo dieſer Schimpf Euch und Eure verabſcheute Nation gereuen ſoll.“ Mit dieſen Worten verſuchte de Richemont, ge⸗ folgt von ſeinem Bruder, das Zimmer zu verlaſſen, allein Philipp ſtellte ſich dazwiſchen, und bemuͤhte ſich, ſeine Wuth zu beſaͤnftigen. Da trat ein Kaͤm⸗ merling ein, der vorher an die geheime Thuͤr des Cloſets geklopft, und welchen Philipp hereinzutreten . befohlen hatte und uͤberreichte dem Herzoge ein ver⸗ 6** 130 ſiegeltes Packet mit dem Bemerken, daß der Ritter, der es uͤberbracht habe, auf's Eiligſte, ohne eine Stunde zu raſten, von Zeeland uͤber Flandern ge⸗ reiſt ſey, und um unmittelbare Audienz bitte. „Und wer iſt der Ritter?“ fragte Philipp, das Packet ungeduldig ergreifend. — Sir Francon de Borſelen,— verſetzte der Kaͤmmerling. „Ha!“ rief der Herzog,„er werde augenblick⸗ lich vorgelaſſen! Bruͤder, Freunde, ich bitte Euch, bleibt noch eine Weile, und opfert mir fuͤr einen Augenblick nur jede Perſoͤnlichkeit; dann folgt nach Belieben Euren Antrieben!“ Die vier Fuͤrſten nahmen ihre Sitze wieder ein, oder behielten ſie mit ſo viel anſcheinender Ruhe, als ſie nur kurz nach dem rauhen Ausbruch erzwin⸗ gen konnten, der ſie Alle mehr oder weniger bewegt hatte. Philipp begann das Siegel abzuloͤſen, den Umſchlag zu zerreißen und die ſeidenen Baͤnder, die das Packet umſchlangen, zu entwickeln, als auch ſchon Vrank van Borſelen in das Zimmer trat. „Willkommen, Sir Francon,“ ſagte Philipp ungeduldig, als der junge Ritter ſeine Verbeugung machte:„dieſes Packet iſt mit einer Genauigkeit zugemacht, welche der Zeelaͤndiſchen Etiquette Ehre — 131 macht. Es iſt ohne Zweifel von Eurem edlen Va⸗ ter, und Ihr mögt uns wohl Zeit erſparen, wenn Ihr uns den Inhalt ohne Umſtäͤnde mittheilt. Sprecht, guter Sir Francon, Ihr befindet Euch unter vertrauten Perſonen, und braucht keine Zu⸗ ruͤckhaltung zu beobachten.“ Vrank war ſicherlich wohl im Stande, dieſem Befehle Folge zu leiſten, denn er hatte ſelbſt ſeines Vaters Depeſche geſchrieben, zuſammengefaltet und geſiegelt in einer ſolchen Form, wie ſie unter den Großen in den meiſten eiviliſirten Theilen Europa's gewoͤhnlich war, jedoch in den ungebildeten Ge⸗ genden ganz und gar nicht beobachtet ward„woher er eben kam, außer von regierenden Herren oder Damen, die unmittelbar mit den Hoͤfen in Verbin⸗ dung ſtanden. Er war auf die kurze Nachricht, die er dem Herzoge von der Verhandlung zu Ter⸗ goes mitzutheilen hatte, ziemlich leidlich vorbereitet, indem er ſeines Vaters Erzaͤhlung, welcher er waͤh⸗ rend der halben Stunde, die er mit Einſchlagung und Siegelung der Depeſche zubrachte, aufmerkſam zuhoͤrte, ſehr wohl in ſich aufgenommen hatte. Er kannte die Perſoͤnlichkeit der Fuͤrſten, vor denen er jetzt ſprechen ſollte, ſehr gut, und hatte ſchon von dem Kaͤmmerling vernommen, daß ſie ſich beim Herzoge 13² in dem Cloſet befaͤnden; ſo verrieth denn ſein Aeu⸗ ßeres ganz und gar keine Verlegenheit, und er be⸗ gann ſeine Rede mit der eines Abgeſandten wuͤrdi⸗ gen Sicherheit. Allein ohe er uͤber die der Hofſitte angemeſſenen foͤrmlichen Redensarten hinauskommen konnte, womit er die Botſchaft ſeines Vaters ein⸗ leitete, war es Philipp gelungen, bis zur innerſten Papierumhuͤllung zu gelangen, welche das geſchrie⸗ bene Document umſchloß, und indem er ſein Auge einen Augenblick darauf ruhen ließ, brach er in ein Gelaͤchter aus und rief: „Bei'm heil. Andreas, das iſt ein Muſter fuͤr Diplomatiker! Hoͤrt nur, Freunde, die Depeſche meines edlen Vaſallen Herrn Borſelen von Evers⸗ dyke:„Um Zeit zu erſparen und aus Furcht vor „Gefahr verweiſe ich Eure Hoheit an meinen Sohn „Vrank, den Ueberbringer; er weiß Alles, was ich „mittheilen koͤnnte.) Wahrlich, Sir Francon, Eure Landsleute verdienen ihren Ruf wegen Vorſicht und Behutſamkeit. Aber warum denn ſo viel Zeit auf das Aeußere wenden, wenn die Eil ſo wichtig war?“ — Um Niemand, in deſſen Haͤnde vielleicht ein Zufall dieſes Packet fuͤhren koͤnnte, auf die Ver⸗ muthung zu bringen, wir haͤtten Eil, weſches vft Unentſchiedenheit andeutet.— e 133 „, und waͤrt Ihr ploͤtzlich krank geworden un⸗ terwegs, Sir Francon, oder gar geſtorben, welchen Nuͤtzen wuͤrde dann Eure Depeſche gehabt haben?“ — Beſſer, waͤren Eure Hoheit einige Tage in Unwiſſenheit meiner Neuigkeiten geblieben, als daß ſie Ihren Feinden zu vorſchnell bekannt geworden waͤren.— 2 „Der Himmel verleihe mir nur immer ſolche kluge Verbuͤndete, wie Euren Vater, und ſolche treue Diener, wie Euch!“ rief Philipp,„und nun zu Euron Nachrichten, Sir Francon, die durch dieſe Vorrede gerade nicht als gute angekuͤndigt werden.“ — Sie ſind es auch nicht, Ihre Hoheit, und Ihr werdet das dem Boten verzeihen, der ſie gern beſſer wuͤnſchte. Mit kurzen Worten alſo: Graͤfin Jacqueline, ihr Bruder Wilhelm, Rudolph von Die⸗ penholt, Ludwig van Monfoort und die ganze Macht ihrer Faktion ſtehen in enger Verbindung und haben die Oberhand.— „ Sie ſollen bald unterliegen, Sir Francon,“ rief Philipp. — Hoͤrt mich ganz an! Hoheit! und eine an⸗ ſehnliche Engliſche Flotte mit einigen Tauſend Eng⸗ liſchen Truppen...— „Ha! was willſt Du ſagen?“ rief Philipp, 134 indeß Bedford, de Richemont und St. Pol ploͤtzlich aufſprangen, der Herzog von Bretagne aber lang⸗ ſam ihrer Bewegung folgte. — befand ſich in unſeren Gewaͤſſern in dem Augenblick, wo ich Suͤd⸗Beveland verließ,— fuhr Vrank achtungsvoll und feſt fort. „Gut, gut!“ rief Philipp. 1 — Und ehe ich die Kuͤſte von Flandern er⸗ reichten— „Nun, was da? Sprich ſchnell, Sir Francon, was da?“ — muͤſſen ſie auf einer der Inſeln von Zeeland gelandet ſeyn.— Bei dieſem Schluſſe von Vrank's abgehroche ner Rede verlor Philipp alle gewohnte Herrſchaft uͤber ſeine Stimmung und alle Beſonnnenheit. Er ſtampfte auf den Fußboden und ſtieß mit erſtau⸗ nenswerther Schnelligkeit Verwuͤnſchungen uͤber Ver⸗ wuͤnſchungen aus. De Richemont und St. Pol konnten ihre Freude nicht verbergen, und ſtimmten mit jedem aufregenden Beiworte ein, um Philipp's Wuth zu vermehren, indeß Bedford von Erſtaunen und Kummer uͤbermannt, ſchweigend und fan be⸗ taͤubt daſtand.. „Puniſche Treue darf nicht Eängen das Bei⸗ 13⁵ wort fuͤr Verrath ſeyn, ſondern Engliſche Treulo⸗ ſigkeit muß an deſſen Stelle treten!“ rief Philipp. — Laßt das Haus Lancaſter ſein Haupt nie⸗ derbeugen im Gefuͤhl der Schande!— ſagte St. Pol in faſt noch ſchaͤrferem Tone. „Moͤge kein Brite jemals Bertrauen finden und Glauben!“ rief de Richemont lauter und ſtol⸗ zer als die Anderen. Bedford ſprach indeſſen kein Wort, und ſein von keiner Verwirrung zeugendes Weſen, welches bewies, daß er uͤber perſoͤnliche Kraͤnkungen unter ſo beleidigenden Umſtaͤnden erhaben ſey, wirkte mehr zu Philipp's Beſaͤnftigung, als die Heftigkeit de Ri⸗ chemont's und St. Pol', welche ihn indeſſen ſchon beſchaͤmt hatten dadurch, daß ſie ihm das Entſtel⸗ lende ſeines ungezaͤhmten Benehmens ſichtbar mach⸗ ten. Bedford's Geſicht, welches einen unverſtellten Schmerz ausdruͤckte, zeigte ihm auch, wie tadellos er in dieſer Angelegenheit ſey. Philipp wurde da⸗ her vermittelſt einer jener ſchnellen Anſtrengungen der Selbſtbeherrſchung, deren nur wenig Menſchen faͤhig ſind, augenblicklich ſo ruhig, als haͤtte ihn durchaus nichts außer Faſſung gebracht, und indeß de Richemont und St. Pol ihn mit einem Erſtau⸗ nen anſahen, zu dem ſich Achtung miſchte, die mehr 136 ſeiner Herrſchaft uͤber ſich ſelbſt, als uͤber Andere gebuͤhrte, reichte er ſeine Hand Bedford hin und ſagte: „Bedford, ich bitte Euch recht herzlich um Ver⸗ zeihung! Als meinem Bruder, meinem Gaſte und dem edelſten lebenden Beiſpiel von Ehre, Weisheit und Tapferkeit gebuͤhrt Euch eine dreifache Verguͤ⸗ tung! Ich ſchaͤme mich, daß ich meines Sinnes fuͤr Anſtand und Schicklichkeit vergeſſen habe, und 3 ſo in Eurer Achtung geſunken bin. Vergebt mir!“ Bedford druͤckte die dargebotene Hand in der ſeinen, und verſicherte Philipp, daß er den natuͤrli⸗ chen Ausdruck einer ſo mit Recht erregten Leiden⸗ ſchaftlichkeit nicht tadele, daß er aber ſein Bedauern und Mißfallen wegen der Urſache derſelben dadurch beweiſen wolle, daß er ſich augenblicklich nach Eng⸗ land aufmache, und ſein ganzes Anſehen zwiſchen ſeinem Bruder und der Tollheit ſeines Benehmens eintreten laſſe. „Vormittag noch werde ich Euch, meine Freunde, alle meine Anſichten von dieſer unvorhergeſehenen An⸗ gelegenheit mittheilen; allein ſeyd verſichert, ſie wird in Nichts meine ſchon beſchloſſenen Plaͤne aͤndern, auch ſoll ſie in keiner Hinſicht die Vergnuͤgungen — 137 unterbrechen, welche fuͤr die naͤchſt folgenden ſechs Tage beſtimmt ſind. Laßt mich Euch Allen zugleich Stillſchweigen auflegen uͤber dieſe Ereigniſſe, und anſcheinende Vergeſſenheit wenigſtens Alles deſſen als eine Gunſt erflehen, was in dieſer Conferenz vorgefallen iſt. Ende dieſer Woche werden alle meine Plaͤne in Ordnung ſeyn, und ein Jeder kann und mag dann frei ſeinen eigenen verfolgen. Un⸗ terdeſſen macht mir die tolle Erpedition von Eng⸗ land aus wenig Beſorgniß. Meine treuen Freunde in Zeeland und Holland werden die Invaſion ſchon verhindern, und meine Truppen aus Flandern unter Johann Uterkin...“ — Stehen dem Feinde ſchon entgegen!— ſagte Vrank, der recht wohl wußte, wie er zur rechten Zeit, ſelbſt bei ſeinem Souverain eine Unterbrechung anbringen ſollte. „Gut!“ rief Philipp, und ſeine Augen glaͤnz⸗ ten vor Freude bei dieſer ſchnellen Nachricht,„und wir wollen bald ſelbſt der Gefahr die Stirn bieten. Und nun laßt uns zu unſerer Frieslaͤndiſchen Sen⸗ dung kommen, Sir Francon!“ — Alles verſpricht das Beſte, Hoheit! Rad⸗ bolt von Ils und Haron von Bolswart, die leiten⸗ 13 den Haͤuptlinge haben unſerer Sache Treue und ſchnelle Unterſtuͤtzung geſchworen. „Genug denn! Laßt Gloceſter auf ſeiner Hut ſeyn! Ihr koͤnnt Euch entfernen, Sir Francon, wir wollen Euch Morgen eine beſondere Audienz geben und das Einzelne umſtaͤndlich vernehmen.“ Kaum hatte Vrank dieſer Andeutung Folge ge⸗ leiſtet, als Philkpp nochmals Allen ſtrenges Geheimniß empfahl, und ſich's verbat, irgend einen Beweis von Mißhelligkeit unter den Schwaͤgern laut werden zu laſſen. So trennten ſich denn die Fuͤrſten, um den fuͤr den Tag angeordneten Vergnuͤgungen nachzuge⸗ hen, mit den heiterſten Mienen und einer ſo ruhi⸗ gen Haltung, als ſie nur anzunehmen im Stande waren. Vrank nahm ſogleich Maßregeln zur Ruhe und Erquickung nach ſeiner ſo ſchnellen Reiſe, und wurde nicht eher wieder ſichtbar, als bis die Nacht einge⸗ brochen war; dann aber, jedoch mehr aus Pflicht, als aus wirklicher Neigung— denn die Erinnerung an Zevenwolden hatte eine z zauberaͤhnliche Veraͤnde⸗ rung in ſeinem ganzen Weſen hervorgebracht, da er fruͤher ſehr zu rauſchenden Vergnuͤgungen ſich geneigt fuͤhlte— verfuͤgte er ſich zu den Tanzen⸗ 139 den im Ballſaal. Ein gewiſſes Gefuͤhl der Eitel⸗ keit veranlaßte ihn auch zu zeigen, wie wenig er ſich aus den Anſtrengungen von drei Tagen und Naͤchten mache. Und nie erregte er mehr Bewun⸗ derung, als bei dieſer Gelegenheit durch die ſeltene Vereinigung von Anmuth, Eleganz und Galanterie mit einem ihm in vorzuͤglichem Grade eigenen Aus⸗ drucke von Ernſt und Wuͤrde. Siebentes Kapitel. Der Kampf auf Leben und Tod zwiſchen Jakotin Plouvier und Nikolas Mavot war der Gegenſtand allgemeiner Neugier, und erregte eine Art wilden Intereſſes fuͤr faſt jedes Individuum in der Stadt und dem Schloſſe Hesdin. Er war auf die Mit⸗ tagsſtunde des folgenden Tages nach den Auftritten feſtgeſetzt, die wir ſo eben beſchrieben haben. Lange vor dieſer Stunde hatte man die Schranken auf dem Marktplatze der Stadt bereitet, gerade dem Orte gegenuͤber, wo in der Folge das Stadthaus von Sebaſtian Oya, dem Architekten Kaiſer Karl's V, erbaut wurde. Der Platz, wo das Gebaͤude jetzt ſteht, war bei dieſer Gelegenheit beſetzt mit einem bedeckten hoͤlzernen Pavillon, den man in der Eil zur Bequemlichkeit Herzog Philipp's und ſeiner fuͤrſt⸗ lichen Gaͤſte errichtet hatte, nebſt einigen anderen daran ſtoßenden fuͤr die Hofleute und die Diener 141 ſeines Hausſtandes. Dieſe Staͤnde, wie wir ge⸗ meiniglich ſolche Vorrichtungen nennen, waren mit verſchiedenfarbigem Tuch behangen, und ſo ſorgſam bekleidet worden, als es in ſolcher Kuͤrze nur immer geſchehen konnte. Allein weder die Zeit, noch die Gelegenheit geſtattete oder verbuͤrgte eine Annaͤhe⸗ rung an jene Pracht und Verzierung, wie ſie zu Ehren der Kampfſpiele und Turniere entfaltet wurde, von welcher der Auftritt, der jetzt aufgefuͤhrt werden ſollte, nur eine Farce und nach modernen Begriffen eine empoͤrende Parodie war. Allein die unermeß⸗ liche Menſchenmenge, die ſich aus Staͤdten und Doͤr⸗ fern viele Meilen in der Runde geſammelt hatte, da man waͤhrend der Nacht von der Sache Kunde erhalten, fuͤllte jetzt den weiten Naum des Markt⸗ platzes, als ein lebendes Bild menſchlicher Aengſt⸗ lichkeit, in einer Angelegenheit, welche tauſend Mal groͤßere Aufregungen herbeifuͤhrte, als das elegan⸗ teſte Schauſpiel des Ritterthums. Ja, es lag et⸗ was ungemein Grauſenhaftes in der Abweſenheit Alles Imponirenden und dem Vorhandenſeyn Alles Deſſen, was in der Vorbereitung zu dem toͤdtlichen Kampfe von tiefem Eindruck ſeyn konnte. Die nur aus dem Groͤbſten zugerichtete Arena war dick mit Sand beſtreut; das Pfahlwerk, welches ſie umgab, 142— war roh und ohne alle Zier; zwei mit ſchwarzem Tuch bedeckte Stuͤhle hatte man an jedem Ende auf⸗ geſtellt; die Huͤtten außerhalb der Schranken, welche die faſt wilden Zuſchauer in ſich ſchloſſen, waren von dem gemeinſten Material und wenig beſſer als Schweineſtaͤlle; dem herzoglichen Pavillon gegenuͤber aber ſtand ein hoher Galgen, von dem ein Strick herunterhing, und ein Henker mit dunkel gefaͤrbtem Geſichte ſtand unter demſelben und hielt die Schlinge in der ungeduldigen Hand. Gerade als die Glocke auf der Marienkirche mit dumpfen Toͤnen die Mittagsſtunde bezeichnete, verkuͤndeten die Trompeten den Eintritt Herzog Philipp's in den Thurm; und in wenig Minuten nahmen ſeine Freunde und Anhaͤnger die verſchie⸗ denen ihnen angewieſenen Plaͤtze ein. Kein glaͤn⸗ zendes Gefolge außer der gewoͤhnlichen Dienerſchaft begleitete Philipp bei dieſer Gelegenheit. Er er⸗ ſchien bloß als Zuſchauer, und das Feierliche ſeines ſchwarzen Anzugs und die ernſte Ruhe ſeines Blickes, worinnen er ein Muſter fuͤr ſeine ganze Umgebung ſchien, ſtimmte ſehr wohl zu den grauſenhaften Ge⸗ fuͤhlen der Menge. Keine Damen erſchienen in dem Pavillon. Ihre Abweſenheit war nicht durch die Wildheit, ſondern durch die Gemeinheit des zu er⸗ — 143— wartenden Schauſpiels veranlaßt. Waͤren es Edel⸗ leute geweſen, welche haͤtten fechten ſollen, die zar⸗ ten Damen des funßzehnten Jahrhunderts wuͤrden nicht vor einem ſolchen Anblick zuruͤckgebebt ſeyn, ſon⸗ dern ſich dazu gedraͤngt haben. Allein der gaͤnz⸗ liche Mangel an allem Mildernden und Anmuths⸗ vollen ließ den Zuſchauer den Eindruck menſchlicher Wildheit ungeſchwaͤcht empfinden. Der Prevoſt der Stadt, Mercio duͤ Gardin, und Meſſire Gilles de Harchies, ein Edelmann, der fuͤr dieſen Tag zu demſelben Amte von dem Her⸗ zoge ernannt worden war, verſahen die Stelle der Richter, und nahmen ihren Platz auf einem Balcon dicht neben den Schranken. Auf ein Zeichen von Philipp, daß er bereit ſey, ertoͤnte eine Glocke, denn die Streitenden erhielten nicht die Ehre eines Trom⸗ petenſtoßes, und die Thuͤren der Arena wurden zu⸗ gleich geoͤffnet und die Maͤnner nach ihren Sitzen gefuͤhrt. Mavot ſah wild aus und unbaͤndig, ſein Gegner entſchloſſen und ſtolz; allein auf dem Ge⸗ ſichte Beider erkannte man das Siegel der Ver⸗ zweiflung, das Menſchen eigen iſt, die auf dem Punkte eines Kampfes ſtehen, der ſich mit dem Tode Eines von Beiden endigen muß. Die ganze Erſcheinung dieſer Menſchen hatte 144 Etwas furchtbar Komiſches, und als die Menge ſie erblickte, konnte ſie einem Gemurmel des Lachens nicht widerſtehen, welches ſich uͤber den Ausdruck des Schauders erhob, der ſich damit vermiſchte. Denn eine knapp anſchließende lederne Kleidung um⸗ huͤllte jeden, und ſtellte die Form der Glieder und des Koͤrpers mit einer Genauigkeit dar, als wenn ſie nackend waͤren; ihre Fuͤße waren wirklich nak⸗ kend, ihre Naͤgel verſchnitten und ihre Koͤpfe geſcho⸗ ren. Sie ſtarrten einander mit dem Ausdrucke ge⸗ genſeitigen Erſtaunens und Abſcheus an, und ſich erinnernd, daß ſie zu gleicher Zeit Einer ein treues Abbild des Andern waren, bebten ſie zuruͤck, als ob ſie vor dem Gedanken ihrer eigenen Entſtel⸗ lung erſchraͤken. Sie nahmen ihre Sitze ein, und warteten auf den Fortgang der Feierlichkeit, indeß die Prevoſts ihre Staͤbe erhoben und dem den An⸗ ſtand wenig beachtenden Haufen mit lauter Stimme zuriefen: „Wahret den Bann!“— ein techniſcher Aus⸗ druck von zauberaͤhnlicher Wirkung, denn er brachte eine augenblickliche unter dem Volke hervor, welches die Strafe fuͤrchtete, die unausbleiblich dem Bruche des darinnen enthaltenen Befehles zu folgen pflegte. Eiinige von den Gemeinde⸗Beamten traten jetzt 3 ein, 145 ein, begleitet von Dienern, welche verſchiedene Ge⸗ genſtaͤnde trugen. Zwei von ihnen gaben jedem der Kaͤmpfer in die Hand eine Art von Faͤhnlein mit frommen Emblemen ihrer beſonderen Heiligen; und ein anderer Beamter, ein großes illuminirtes Meß⸗ buch mit ſilbernen Schloͤſſern in der Hand haltend, las die gewoͤhnlichen Eidesformeln vor, und zwar mit echter amtlicher Gleichguͤltigkeit gegen den Mein⸗ eid, den Einer oder der Andere nothwendig begehen mußte. Mavot ſchwor, daß er ſeinen Feind recht⸗ licher Weiſe getoͤdtet habe, und Plouvier, daß er die That auf eine ſchlechte Art vollbracht habe. Die Ungeduld der Zuſchauer wurde aber ſchnell durch entſcheidendere Zeichen des rohen Kampfes gehoben. Jedem der Maͤnner wurde nun ein drei⸗ eckiges hoͤhzernes Schild uͤbergeben, deſſen Spitze ſie nach Oben halten mußten, ſtatt es in der natuͤrli⸗ chen und wirkſamen Manier zu tragen, welche den Rittern und Soldaten gewoͤhnlich war. Dann wur⸗ den die Faͤhnlein erſetzt durch zwei Ahornſtaͤbe von gleicher Laͤnge und Schwere, eine furchtbare Waffe in den Haͤnden eines verzweifelten Menſchen. Die Sitze wurden außerhalb der Schranken gebracht, und die letzte Vorbereitungsfeierlichkeit fand Statt. Dieſe war jedoch ſo beſchaffen, daß es des II. 7 146 vollen Anſehens des Prevoſts bedurfte, das Gelaͤch⸗ ter des Haufens zu unterdruͤcken, und daß die Faſ⸗ ſung der gebildeten Zuſchauer dadurch auf eine be⸗ deutende Probe geſetzt wurde. Dicht neben beide Kaͤmpfer naͤmlich ſtellte man ein kupfernes Gefaͤß mit Fettigkeit angefuͤllt, und ein Diener faßte einen Jeden am Arme und beſchmierte ihn damit an je⸗ dem Theile des Koͤrpers, ſo daß es dadurch unmoͤg⸗ lich wurde, daß Einer den Andern ſo anfaſſen konnte, daß er ihn auch nur auf einen Augenblick feſt zu halten vermochte. 1 Zunaͤchſt nun wurden zwei Becken mit Aſche herbeigebracht, worin jeder der Streiter die Haͤnde ſteckte und ſie tuͤchtig rieb, um das Fett wegzu⸗ bringen, und ſo Schild und Kampfſtock ordentlich faſſen zu koͤnnen. Dann ſteckte man einem Jeden etwas rohen Zucker in den Mund, um ſie im Gange des Gefechtes zu erfriſchen, ihnen den Athem zu er⸗ halten und genugſamen Speichel zu verſchaffen, Ei⸗ genſchaften, die dieſem Mittel damals zugeſchrieben wurden. Die Diener zogen ſich zuruͤck, und einer von den Prevoſten richtete ſich auf dem Balcon auf, warf einen Handſchuh auf die Arena, und rief mit lauter Stimme: — 147 „Ein Jeder thue ſeine Schuldigkeit!“ Ein Andrang vorwaͤrts gegen die Umpfaͤhlung, welche ſich unter der Kraft des Haufens einwaͤrts beugte, der ſich einander draͤngte, druͤckte, ſtieß, und durch Laͤrm betaͤubte, folglich jede individuelle Anſtrengung fruchtlos machte, bewies die Ungeduld des Volkes, von dem erſten Angriffe Zeuge zu ſeyn. Er erfolgte augenblicklich. Plouvier, der ſehr ſtark und athletiſch war, ſprang mit der Kraft eines wilden Thieres, das ſich auf ſeine Beute ſtuͤrzt, vor⸗ waͤrts. Es ſchien, als muͤſſe der naͤchſte Augen— blick das Geſchick des kurzen und gekruͤmmten, aber eben ſo regſamen Weſens entſcheiden, dem Je⸗ ner gegenuͤber ſtand; und haͤtte Mavot den Anfall abgewartet, ſo waͤre dies auch ohne Zweifel das Re⸗ ſultat geweſen. Allein als Plouvier ihm ganz nahe kam, und ſchon den Arm zum Schlage erhob, nahm dieſer ſeinen Stock in die linke Hand und hielt den Schild empor; dann buͤckte er ſich, faßte eine Hand voll Sand und ſchleuderte dieſen geſchickt dem Geg⸗ 3 ner in's Geſicht. Beifallsgeſchrei und Gelaͤchter brach bei dieſer unheroiſchen Kriegsliſt aus dem Volke hervor, und erneuerte ſich laut bei Plou⸗ vier's Bemüͤhung, ſich den Sand aus den Augen zu reiben; unterdeſſen begruͤßte ihn Mavot immer 7*½ 148 mit neuen Guͤſſen der feinen Wurfwaffe, und be⸗ gleitete jeden ſolchen Wurf mit einem Hieb auf des Gegners Beine, wodurch dieſer vor Schmerz und Wuth in eine Art von Tanz gerieth, wobei er wechſelsweiſe die Hand hob, um ſich den Sand aus den Augen zu wiſchen, oder ſie ſenkte, ſich die Beine zu reiben. Plouvier fuͤhrte auf's Ungewiſſe wuͤthende Hiebe um ſich her, welche auch wohl einen keckern Gegner, als den ſeinigen, entfernt haͤtten halten koͤnnen, und allmaͤhlich befreite er ſich auch die Augen vom Sande. Dann maß er die Entfernung zwiſchen ſich und ſei⸗ ner Beute, ſprang vorwaͤrts und verſuchte Mavot am Arme zu faſſen. Allein das fettige Glied ent⸗ ſchluͤpfte ihm, und mehrere aͤhnliche Anſtrengungen hatten denſelben Erfolg, indem der gekruͤmmte Mann ſich immer in den laͤcherlichſten Stellungen den Grif⸗ fen des Andern zu entziehen wußte. Plouvier ſchnappte nach Athem, und der Schaum ſtand ihm vor dem Munde, indeß Mavot, dieſe Gelegenheit ſeiner Er⸗ ſchoͤpfung benutzend, einen Streich nach dem gebuͤck⸗ ten Kopfe des Andern fuͤhrte, daß ihm das Blut ſogleich uͤber Stirn und Geſicht floß. Er wankte ruͤckwaͤrts, und fiel dem Anſcheine nach leblos zu Boden. 149 Um den Sieg, den er ſo ſchnell errungen hatte, zu ſichern, hinkte Mavot auf ſein Schlachtopfer zu, aufgemuntert durch das Geſchrei ſeiner Freunde. „Lange lebe Nikolas Mavot, der freie Buͤrger von Hesdin!“ Dies war der von allen Seiten her toͤ⸗ nende Zuruf, und der bis hieher ſiegende Mann ſchwang vor Freude ſeinen Stock hoch in die Luft. Er naͤherte ſich ſeinem hingeſtreckten Feinde, und ſchien mit hoͤher erhobener Waffe die Stelle ſeines Koͤrpers zu ſuchen, wo er ſie am wirkſamſten nie⸗ derfallen laſſen koͤnnte, als Plouvier, der Liſt mit Liſt erwiedert, und ſich nur leblos geſtellt hatte, ploͤtzlich aufſprang, und ehe der uͤberlegende Todtſchlaͤger ſeinem Griff entgehen konnte, ihn mit beiden Haͤnden an der Bruſt faßte, ſchuͤttelte und mit rieſenhafter Gewalt auf den Sand hin warf, dann aber mit einem halben Dutzend wohlgefuͤhr⸗ ter Schlaͤge ihm den Garaus machte. Er ſchaute eine Weile auf ihn hin, bis ſeine Zuckungen voruͤber waren, dann aber nahm er un⸗ ter dem Schweigen der erſtaunten und von Schau⸗ der ergriffenen Menge den Leichnam in die Arme, naͤherte ſich auf einer Seite den Schranken und warf ihn uͤber das Pfahlwerk zu den Fuͤßen des 150 Henkers und unter den Galgen, von dem er bald herabbaumeln ſollte. Ein lauter Beifallsruf erſcholl jetzt aus dem Haufen des Volkes, das ſich von ſeinem augenblick⸗ lichen Schauder erholt hatte.„Jakotin Plouvier lebe!“ war nun der Ruf, und mitten unter den laͤrmenden Begruͤßungen des Volkes, welches ſich von allen Seiten rings umher zudraͤngte, entfern⸗ ten ſich ploͤtzlich Philipp und ſeine Gaͤſte, empoͤrt, wie es ſchien, durch dieſen Auftritt, und etwas be⸗ ſchaͤmt, Zeuge davon geweſen zu ſeyn. Um mit aller moͤglichen Eil den unangeneh⸗ men Eindruck dieſes Vorfalls ſowohl bei ſich als bei Anderen zu verloͤſchen, gab Philipp Befehl zu ei⸗ ner Unterhaltung durch Lanzenbrechen fuͤr den folgen⸗ den, aber nur den einen Tag, und in der Zwiſchen⸗ zeit nahm er ſeine Zuflucht zu jeder moͤglichen Ab— wechſelung derjenigen Beſchaͤftigungen, welche ihn damals am meiſten intereſſirten. Eine lange ge⸗ heime Conferenz mit Vrank van Borſelen uͤber die beſonderen Umſtaͤnde ſeiner Frieslaͤndiſchen Sen⸗ dung und die Nachrichten, die er aus Zeeland uͤber⸗ brachte, verſchobene Audienzen, um die Edlen aus Flandern, Hennegau und ſeinen anderen Staaten zu empfangen, welche eingeladen waren, der Feſt⸗ 151 lichkeit dieſer Woche beizuwohnen, nahmen meh⸗ rere Stunden vor Abends hin. Mehr als eine ernſte Beſprechung mit Spalatro und Joos Woo⸗ ters fuͤllte einige Zwiſchenraͤume aus, auf eine Weiſe, wie ſie Philipp's vorherrſchender Neigung und Stim— mung eben am angemeſſenſten war, und der Empfang mehrerer Briefe aus verſchiedenen Gegenden gab dem geſchaͤftigen Tage vielfache Nahrung. Eine dieſer Depeſchen, die waͤhrend des Empfan⸗ ges einiger Neuankommenden ſchnell geoͤffnet wurde, ſchien Philipp eine Miſchung von Zufriedenheit zu gewaͤhren. Er war von zu beweglicher Natur, um nicht oft zu Aeußerung von Gefuͤhlen hingeriſſen zu werden, die er gern verborgen gehalten haͤtte. Die Beobachter mußten daher die Verſchiedenheit der Gemuͤthsbewegung wohl bemerken, die ihn bei Durch⸗ leſung dieſer Mittheilung zu ergreifen ſchien. Bald eilte er ſchnell uͤber die Feierlichkeit des Auftrittes hin, womit er eben beſchaͤftigt war; bald wandte er ſeine Aufmerkſamkeit ploͤtzlich von den Beſuchern zu ei⸗ nigen ſeiner dienſtthuenden Hausbeamten; zuweilen verrieth er den ganzen uͤbrigen Tag einen Anſtrich von tiefer Abſtraction, gleich als ſinne er wider ſeinen eigenen Willen uͤber eine zweifelhafte, ihn in Verlegenheit ſetzende Frage nach. Allein mit unge⸗ 15² ſtoͤrter Lebhaftigkeit wurden die Vergnuͤgungen der Tafel, des Feldes und des Waldes fortgeſetzt, und die Erſcheinung des naͤchſten Morgens brachte er⸗ neuten Appetit fuͤr jede derſelben mit. Zwei mit dem herannahenden Turniere verbun⸗ dene Umſtaͤnde ſchienen das Intereſſe des Herzogs ganz beſonders zu erregen. Der eine war die An⸗ kunft eines beruͤhmten und tapferen Ritters, Galiot de Baltaſini, Kammerherrn des Herzogs von Mai⸗ land, der ſich eben auf Reiſen befand, um Gele⸗ genheiten aufzuſuchen, ſich durch Waffenthaten aus⸗ zuzeichnen, und der zu Hesdin erſchienen war, ohne alle weitere Einladung, als die, welche Philipp's Gaſtfreundſchaft Jedem, der kommen wollte, dar⸗ bot. Der Herzog empfing ihn mit mehr als ge⸗ woͤhnlicher Herzlichkeit, denn er hatte am Tage zuvor von Spalatro viel von ſeinem Rufe und beſonders ſeiner Geſchicklichkeit in Schwingung der Streitart, des Dolches und der furchtbaren Art von Stoßdegen gehoͤrt, den man estoc nannte, welches die Waffen waren, uͤber die man bei dem beabſichtigten Kampfe mit Gloceſter uͤbereingekommen war. Das Verlangen Baltaſini's, daß er am folgen⸗ den Tage mit einem der edlen Ritter in die Schran⸗ ken treten duͤrfe, bewilligte Philipp gern, und der 153 Mallaͤnder ſchaute zu dem Ende um ſich, um zu erkunden, mit wem er ſich wohl wuͤrde meſſen koͤn— nen. Unter den Edlen, welche bei dem Bankett und dem Balle glaͤnzten, befand ſich auch Martin de Ternaut, einer der Kaͤmmerlinge Philipp's, der ſich dadurch bemerklich machte, daß er auf dem linken Arme eine geſtickte Damenhandkrauſe oder Manſchette trug, befeſtigt mit einer Schleife von ſchwarz und blauem Bande und reich mit Diamanten und Perlen geſtickt. Sobald Baltaſini dieſes endeckt, naͤherte er ſich Philipp, ließ ſich auf ein Knie nieder, und bat um die Erlaubniß, de Ternaut's emprise— ſo nannte man dieſe Zeichen ritterlicher Abenteuer— be— ruͤhren zu duͤrfen. Der Herzog bewilligte dieſes Geſuch, und der Italiener wandte ſich nun an Toi⸗ ſon d'or, des Herzogs Herold, um die Sitte des Landes zu erforſchen, denn in Italien hielt man das bloße Beruͤhren einer emprise fuͤr eine Aus⸗ forderung zu einem ritterlichen Kampfſpiele, das Abreißen derſelben vom Arme des Traͤgers aber fuͤr eine Ausforderung à Poutrance, oder auf Leben und Tod. Nachdem Toiſon d'or ihm geſagt hatte, daß de Ternaut ſeine emprise nur zum Zeichen ei⸗ nes freundſchaftlichen Waffenſpiels trage, trat der Italiener vor, beugte ein Knie und rief: un 154 „Edler Ritter, ich beruͤhre Eure emprise, und will, ſo es Gott gefaͤllt, jede That verrichten, die Ihr in Vorſchlag bringen oder begehren moͤget zu Pferde oder zu Fuß!“ — Ich danke Euch auf das demuͤthigſte, und heiße Euch willkommen, beruͤhmter Kaͤmpfer; bald ſollt Ihr meine Kampfbedingungen ſchriftlich erhalten!— ſo entgegnete der Andere in gleicher Stellung, und es wurden ſogleich Maaßregeln ge— nommen zu Anordnung des Kampfes. Der andere Gegenſtand, der Philipp's Auf⸗ merkſamkeit in ſo hohem Grade beſchaͤftigte, war eine angebotene und angenommene Ausforderung zum Kampfe zwiſchen einem Spaniſchen und einem Engliſchen Ritter, welchem Kampfe der Herzog, aus breits erklaͤrten Gruͤnden, mit beſonderer Aengſtlich⸗ keit entgegen ſah. Die Originalausforderung war folgendermaaßen abgefaßt: „Im Namen Gottes und der Jungfrau Maria habe ich, Michael d'Orris, um meinen Namen zu erhoͤhen, und wohl bekannt mit der Tapferkeit der Engliſchen Ritterſchaft, von dem Datum gegenwaͤrti⸗ gen Briefes an, an meinem Beine eine greve(Schiene, Stuͤck von einer Ruͤſtung, eine Art von Halbſtiefel aus hartem Leder oder von Stahl) befeſtiget, um . .* 15⁵ ſie ſo lange zu tragen, bis ich davon durch irgend einen Engliſchen Ritter befreit werde, welcher fol⸗ gende Waffenthaten vollbringen ſoll: „Zuerſt: Eintritt in die Schranken, Jeder in einer Ruͤſtung nach eigenem Belieben, mit einem Schwerte und einem Dolche an irgend einem Theile des Koͤrpers, nebſt einer Streitaxt mit einem Griffe von ſolcher Laͤnge, wie ich es beſtimmen werde. Der Kampf findet folgendermaaßen Statt: Zehn Streiche mit der Streitaxt, und wenn dieſe Streiche gegeben worden und der Richter ausrufen wird: Halt! dann zehn Hiebe mit dem Schwerte, ohne eine Aen⸗ derung der Ruͤſtung. Wenn dann der Richter aber⸗ mals ausrufen wird: Halt! dann greifen wir zu den Dolchen und geben uns Stoͤße damit. Sollte Ei⸗ ner ſeine Waffe verlieren, oder fallen laſſen, ſo kann ſich der Andere der ſeinen immerfort bedienen, bis der Richter abermals ausruft: Halt! „Iſt der Kampf zu Fuß voruͤber, dann beſtei⸗ gen wir unſere Roſſe, Jeder bewaffnet nach Gefal⸗ len, doch mit aͤhnlichen eiſernen Helmen, die ich her⸗ beiſchaffen werde. Jeder kann einen Halskragen fuͤh⸗ ren, wie es ihm beliebt. Fuͤr die Saͤttel werde ich auch ſorgen. Die Lanzen ſollen von gleicher Laͤnge ſeyn und der Rennen mit denſelben zwanzig; auch 156 ſoll es erlaubt ſeyn, die vordern oder hintern Theile des Koͤrpers zu beruͤhren, von dem Sattel aufwaͤrts. „Sind dieſe Rennen voruͤber, dann ſoll folgen⸗ der Kampf Statt finden, naͤmlich: Sollte Keiner von uns verwundet werden, dann wollen wir ſo viel Ritte halten, bis einer vom Pferde faͤllt dieſen oder den folgenden Tag, oder bis er verwundet iſt, ſo daß er es nicht laͤnger aushalten kann; am Leibe und Kopfe kann Jeder gewappnet ſeyn nach Gefal⸗ len. Die Schilde ſollen ſeyn von Horn oder Seh⸗ nen, ohne alles Eiſen oder Stahl, auch darf keine Taͤuſchung dabei obwalten. Die Rennen muͤſſen vollbracht werden mit den vorhin genannten Lan⸗ zen und Saͤtteln zu Pferde. Jeder kann ſeine Steig⸗ buͤgel nach Belieben einrichten, doch ohne Betrug.“ Dieſe von Paris datirte und durch einen Cou⸗ rier nach Calais geſandte Ausforderung erhielt fol⸗ gende Antwort: „Dem edlen und ſehr ehrwuͤrdigen Don Mi⸗ chael d'Orris ſendet John Prendergaſt, Ritter und Familiar des ſehr hohen und maͤchtigen Lords, des Earls von Sommerſet, Gruß, Ehre und Vergnuͤgen: „Moͤge es Euch gefallen zu erfahren, daß ich ſo eben Euren Brief zu Geſicht bekommen habe, der * 157 mich belehrt von Eurem tapfern Verlangen nach Waffenthaten, und daß Ihr ein gewiſſes Ding tra⸗ get, das Euch Schmerz macht, welches Ihr aber nicht eher abnehmen wollt, als bis Ihr davon be⸗ freit werdet durch einen Engliſchen Ritter. Da ich nun ebenfalls wuͤnſche Ehre und Vergnuͤgen zu ge⸗ winnen, wie ein Edelmann, ſo nehme ich Eure Aus⸗ forderung an im Namen Gottes, der geſegneten Jungfrau Maria und meiner Herren St. George und St. Anton, eben ſo wohl um Euch zu erleich— tern von dem Schmerz, den Ihr jetzt erduldet, als weil ich mich zu meſſen wuͤnſche mit Einem von dem Franzoͤſiſchen Adel. Ich will an den Gouver⸗ neur von Boulogne ſchreiben, am naͤchſten Epipha⸗ niastage, oder wo moͤglich auch fruher, um ihn von der Zeit und dem Orte des Gefechtes zu unterrich⸗ ten, damit Ihr augenblicklich benachrichtigt werden moͤget von der Bereitwilligkeit meines Herzens, Euer Verlangen zu erfuͤllen.. „Edler, ſehr ehrwuͤrdiger und tapferer Don, ich bitte den Urheber Alles Guten, Euch zu gewaͤh⸗ ren, Freude, Ehre und Vergnuͤgen, nebſt Allem, was Ihr Angenehmes wuͤnſchen moͤget, fuͤr die Dame Eurer Liebe, der ich mich durch Gegenwaͤr⸗ tiges zugleich angelegentlichſt zu empfehlen bitte.“ *+ 158 Da auf dieſes Schreiben nicht ſo bald eine Antwort erfolgte, als der Engliſche Ritter erwartet hatte, ſchrieb er abermals: „Dem ſehr ehrwuͤrdigen Michael d'Orris u. ſ. w. „Da ich, um Euch zu erretten von dem Schmerze, den Ihr erlitten habt und noch erleidet, indem Ihr die Feſſel des greve an Eurem Bein tragt, ſo habe ich mich entſchloſſen zu dem Waffenkampfe, wie er in Eurem Briefe beſchrieben iſt, und daher bin ich bereit, unſere gegenſeitige Waffenverpflich⸗ tung zu erfuͤllen, ſo es Gott gefaͤllt und den heil. George und Anton. Ich hoffe, Ihr werdet nicht unterlaſſen, mit mir zuſammenzutreffen zu Befreiung von Euren langen Leiden, und um dies zu errei⸗ chen, habe ich Euch verſchafft und ſende Euch einen Paß fuͤr vierzig Perſonen und Pferde. „Ich habe nichts weiter hinzuzufuͤgen, denn Ihr wißt ja, wie ſehr Eure Ehre bei dieſer Sache in's Spiel kommt. Ich fiehe daher den Cupido, den Gott der Liebe an, daß er, ſo wahr Ihr ſtreben moͤget nach der Zuneigung Eurer Dame, Euch an⸗ treibe, Eure Reiſe zu beſchleunigen.“ Da dieſer zweite Brief auch ohne Antwort blieb, ſchrieb der Engliſche Ritter von Calais aus, 159 welche Stadt er etwas eigenmaͤchtig zum Orte des Kampfes erwaͤhlt hatte: „Ich bin hoͤchlich erſtaunt, daß ic, in Betracht des Inhalts meiner Briefe, keine Antwort erhalten habe. Ich weiß nicht, ob der Gott der Liebe, der Euch mit dem Muthe begeiſtert hatte, Eure Aus⸗ forderung zu ſchreiben, ſeitdem gezuͤrnt und ſeines al⸗ ten Vergnuͤgens vergeſſen hat, welches darinnen be⸗ ſtand, zu Waffenthaten anzutreiben und zu Vergnuͤ⸗ gungen des Ritterthums*). Er hielt die Edlen ſeines Hofes unter einer ſo guten Regierung, daß ſie, um ihre Ehre zu vermehren, nachdem ſie irgend eine Waffenthat unternommen hatten, ſich nicht aus dem Lande entfernen konnten, wo ſolch' eine Unterneh⸗ mung ausgefuͤhrt werden ſollte, bis ſie vollkommen zu Stande gebracht war. Ich wollte nicht, daß er mich als einen ſo großen Suͤnder in dieſer Hinſicht erfaͤnde, um mich von ſeinem Hofe zu verbannen, und deshalb werde ich noch einen Monat hier blei⸗ ben, bereit Euch zu befreien, ſo daß Eure Dame und die meine erfahren moͤgen, daß ich aus Ach⸗ tung gegen ſie willig bin, Euch von Euren Leiden 3 Aiilr dieſe Stellen beziehen ſich auf die alten diebeszüfe (cours d'amour).. 160 zu erleichtern. Nach dieſem Zeitraume werde ich, falls Ihr nicht kommen ſolltet, mit Gottes Huͤlfe nach England zuruͤckkehren, wo ich zu Gott hoffe, daß Ritter und Knappen mir das Zeugniß geben werden: ich habe mich nicht ſchlecht benommen ge⸗ gen den Gott der Liebe, dem ich meine Dame und die Eurige empfehle, hoffend, daß er ihnen nicht zuͤrnen werde wegen irgend Etwas, das vorgefallen ſeyn koͤnnte.“ Ein langer Zwiſchenraum verfloß, ohne daß von dieſem Schreiben Notiz genommen worden waͤre. Endlich erſchien ein anderes von dem urſpruͤnglichen Ausforderer, worinnen er geſtand, daß er ein ge⸗ vorner Arragonier und kein Franzos ſey, wie das Datum ſeines erſten Briefes den Engliſchen Ritter hatte glauben machen, indem er zugleich ſein Still⸗ ſchweigen mit ſeiner Abweſenheit in Spanien ent⸗ ſchuldigte,„wo er die Zwiſte ſeiner Freunde“ aus⸗ gefochten habe; auch enthielt dieſes Schreiben be⸗ ſondere Antworten auf Sir John Prendergaſt's Briefe, und endlich eine Erneuerung ſeiner Ausfor⸗ derung; allein hie und da waren behutſame Vor⸗ wuͤrfe und Andeutungen eingeſtreut, um ſeines Geg⸗ ners aus Andacht und Galanterie zuſammengeſetzte Aeußerungen zu erwiedern. Er druͤckte dabei ſeine 161 Bereitwilligkeit aus, bis nach der Picardie zu kom⸗ men, um dort mit Prendergaſt zuſammen zu treffen, und der Hof Philipp's von Burgund, des Stifters des Ordens vom goldenen Vließ, ſchien der natuͤr⸗ lichſte Ort, die ſo lang obſchwebende Angelegenheit zu entſcheiden. Hierauf erfolgte durch Vermittelung Perrin's de Laherent, eines Engliſchen Waffenſergeanten, eine Antwort des Inhalts, daß wenn d'Orris an Prendergaſt fuͤnf Hundert Mark zahlen wolle fuͤr den Aufwand, der ihm verurſacht worden durch das Nichterſcheinen des Erſteren bei der erſten Gelegen⸗ heit, er mit ihm zuſammentreffen wolle; ſonſt aber nicht. Hierbei blieb es denn in dieſer Angelegen⸗ heit, wodurch in der ritterlichen Welt nicht geringe Beſorglichkeit erregt wurde, und woran Herzog Phi⸗ lipp beſonders einen großen Antheil nahm, den un⸗ ſere Leſer, wie wir hoffen, theilen werden, denen wir dieſen merkwuͤrdigen Briefwechſel hier nur kurz mitgetheilt haben. Die Meinungen uͤber die ganze Verhandlung waren ſehr verſchieden. Spanien und England fan⸗ den viele Kaͤmpfer, bereit und willig, jede Anſicht dieſer Frage zu vertheidigen, und man vernahm, 162 daß wenn keine der Hauptperſonen in der Sache an dem zum Turniere zu Hesdin beſtimmten Tage erſcheinen ſollte, zwei Ritter, Einer aus Caſtilien, Namens Jehan de Boniface, der Andere aus Eng⸗ land, Namens Thomas Que, in den Schranken als freiwillige Stellvertreter fuͤr die Ehre ihrer Na⸗ tionen und zur Entſcheidung des Streites auftreten wuͤrden.. 1 Die Beſchreibung von Turnieren hat ſo manche Feder beſchaͤftigt und ſo manches Blatt erfuͤllt, und es iſt uͤberhaupt ſo viel uͤber dieſen Gegenſtand ge— ſchrieben worden, daß er nun eben ſo abgenutzt ge⸗ worden, als er an ſich maleriſch und intereſſant iſt; allein laͤßt man auch Alles, was je von dieſen hei⸗ teren Erſcheinungen erzaͤhlt worden iſt, oder was man ſich in der Phantaſie davon vorgeſtellt hat, im Gedaͤchtniß an ſich voruͤber gehen, ſo wird es doch kaum den fuͤrſtlichen Glanz uͤbertreffen, der ſich auf dem Turnierplatze in dem Schloſſe zu Hesdin entfaltete an dem Tage, welcher zu den großen Waffenſpielen beſtimmt war, welche ſich auf die eben erzaͤhlten Ereigniſſe gruͤndeten. Wir muͤſſen hier die Erwaͤhnung ſo mancher tapferen Waffenthaten uͤbergehen, worinnen juͤngere Ritter nicht ſelten aͤltere Helden auf ihren Ruhm 163 eiferſuͤchtig machten. Auch koͤnnen wir uns nicht in reizende Details einlaſſen uͤber die Schoͤnheit, die Eleganz oder Coquetterie, die bei den verſchiedenen Kampfſcenen dieſes Tages begeiſternd, Anmuth ver⸗ leihend, oder Vortheil ziehend ſichtbar wurden; gro⸗ ßer Ungerechtigkeit aber wuͤrden wir uns ſchuldig machen gegen den edlen Lord de Ternaut, wenn wir in Eil ſein tapferes Anſehen und ſein gutes Benehmen uͤberſehen wollten, ‚ſo wie ſeine gebraͤunte Haut, ſeinen buſchigen Bart, und ſein Geſicht, wel⸗ ches das eines Kriegers, und nicht das eines Maͤd; chens“ war, wie der ehrliche Geſchichtsſchreiber ſei⸗ ner Thaten ausdruͤcklich meldete. Eben ſo wuͤrden wir uns verfuͤndigen gegen das Andenken ſeines ge⸗ fuͤrchteten Ausforderers, Galiot de Baltaſini, der, durchaus gewappnet, mit einem Sprunge ſich aus dem Sattel hob; ‚ſo leicht,“ nach Angabe derſelben Quelle, ‚„als haͤtte er auf ſeinem Leibe nur ein ſei⸗ denes Wamms getragen.“ Mit Lanze und Streit⸗ axt fuͤhrten dieſe Kaͤmpen manchen Streich und Stoß auf die Kopfſtuͤcke und Harniſche, und voll⸗ brachten ſo mit voller Tapferkeit ihre Waffentha⸗ ten. Allein in dem Allen entdeckte Philipp's durch⸗ dringendes Auge Nichts, was ſeine eigene Geſchick⸗ lichkeit haͤtte vermehren, oder was auf eine andere 164 Art der Meiſterwendung haͤtte gleich geſtellt wer⸗ den koͤnnen, die er von Spalatro erlernt hatte, der nicht verfehlte, mit bedeutungsvollen Winken und Nicken die herablaſſenden Blicke zu erwiedern, die ſein ohne Uebertreibung koͤniglich zu nennender Goͤn⸗ ner manchmal auf ihn warf. Und eben ſo wenig Raum koͤnnen wir auch dazu beſtimmen, dem getreuen Engliſchen Squire Thomas Que zur wohlverdienten Unſterblichkeit zu verhelfen, der bei dieſer Gelegenheit mit dem tapfern Bonifaz von Alt⸗Caſtilien manchen Streich der Ehre wegen that und empfing, indem Jeder die Strei⸗ tigkeit eines Andern verfocht mit all' der edlen Wildheit, die das Ritterthum nur erfordern konnte, wenn es ihre eigenen geweſen waͤren. Philipp von Burgund und ſeine Herzogin, nebſt ſeinen Schwe⸗ ſtern und der Dame, die der Gegenſtand ſeiner un⸗ geſetzlichen Liebe war, und alle die vornehmen Per⸗ ſonen, mit denen wir unſre Leſer zuvor bekannt gemacht haben, nebſt dem zahlreichen und glaͤnzen⸗ den Gefolge von Ehrendamen und Fraͤuleins, von Kaͤmmerlingen, Stallmeiſtern, Knappen und Pagen, nahmen auf das Lebhafteſte Theil an all den ge⸗ woͤhnlichen Vergnuͤgungen, welche der intereſſante 165 Auftritt herbeifuͤhrte. Alle zeigten einen Ausdruck feſtlicher Zufriedenheit. Das Feuer politiſcher Er⸗ bitterung glimmte nur, brach aber nicht aus, und. der am Hofe herrſchende Neid und die Eiferſucht waren bedeckt mit der Maske der Herzlichkeit und Aufrichtigkeit. Indeß lief doch auch mehr als ein Umſtand mit unter, der die tiefere Stroͤmung boͤſen Willens verrieth, wodurch der Fluß politiſcher Außenſeite getruͤbt wurde. Waͤhrend des Lanzenrennens zwi⸗ ſchen dem Englaͤnder und dem Spanier wurden mehrere ſarcaſtiſche Bemerkungen von dem de Riche⸗ mont und ſeiner Gemahlin ausgeſtoßen, zwar nicht ſpitzig genug, um den Herzog und die Herzogin von Burgund zur Erwiederung zu reizen, jedoch hinrei⸗ chend, um die Empfindlichkeit der Letzteren auf's Aeußerſte zu verletzen, und die Galle ihres ſonſt ruhigen und wuͤrdigen Gemahls zu erregen. Als in der Hitze des Angriffs Thomas Que große Gewandtheit und Geſchicklichkeit verrieth, rief die Herzogin von Bedford, zu ihrer naͤchſten Umge⸗ bung ſich wendend: „Wahrhaftig! er benimmt ſich ganz wie ein wackerer Edelmann.“ 166 — Ungefäͤhr, wie ein Sperling einem Falken gleicht, liebe Schweſter,— ſagte de Richemont mit einem böͤslichen Laͤcheln. „Aber er ſchwingt ſeinen Stoßdegen mt vie⸗ lem Anſtand, Richemont.“ — CEher ſo, wie ein Iriſcher Galgenſtrick ſei⸗ nen Pruͤgel fuͤhrt, als wie es einem zum Ritter⸗ thume erzogenen Manne anſteht.— „Still, ſtill, gute Anna,“ ſagte Bedford;„Du ſiehſt, daß Richemont den Streich einer Engliſchen Waffe nicht ertragen kann!“ Hierauf wollte der ſtolze Bretagner ſchon eine ſcharfe Replik ergehen laſſen, als er einen Blick auffing, der unter Phi⸗ lipp's buſchigen Augenbrauen hervorſchoß, und Ver⸗ gebung und Vergeſſen halb befahl, halb erbat. De Richemont leiſtete Folge, allein er fand doch bald Gelegenheit, zu ſeinem neckenden, ſarcaſtiſchen Tone zurüͤckzukehren. Lautes Zurufen, Schwenken der Schaͤrpen und andere Zeichen des Beifalls bewie⸗ ſen, daß man die Anſtrenzungen der Kaͤmpfer in jedem beſonders harten Strauße anerkenne. Der Caſtilianer erwiederte dieſe aufmunternden Zeichen durch artige Verbeugungen, und ſchien zu immer groͤßeren Kraftaͤußerungen ermuthigt zu werden. Der phlegmatiſche Que hingegen nahm von dem 167 Allen keine Notiz, ſondern begegnete mit Feſtigkeit nur jedem neuen Angriffe ſeines Gegners. „Bei'm heil. Andreas!“ rief de Richemont, indem er ſich zu Burgund wendete;„der Engliſche Kerl dort ſcheint unſer Lob zu verachten, indeß der brave Spanier immer braver wird, ſo wie wir ihn loben.“ — Des Spaniers Tapferkeit quillt aus den Augen des Zuſchauers; die des Englaͤnders liegt um ſein Herz her,— bemerkte ruhig Bedford. „Ich kenne keinen Unterſchied der Tapferkeit,“ erwiederte de Richemont, und ſchon wollte er noch Etwas hinzufuͤgen, als Philipp ihn unterbrach. — Aber ich,— ſagte der Herzog;— eine Tapferkeit der Ehre naͤmlich, und eine Tapferkeit des natuͤrlichen Muthes— und ſo ſind unterſchie⸗ den ein Turnierplatz und ein Schlachtfeld— ſo ein Luſtgefecht und ein Kriegskampf, und ſo— ſetzte er mit lautem, nachdrucksvollen Tone hinzu, und warf den weißen Stab, den er als Turnierrichter fuͤhrte, von ſich,— iſt auch dieſes Waffenfeſt zu Ende! Ehre und Ruhm den edlen Kaͤmpen! Jeder hat ſeines Landes und ſeines abweſenden Landsmanns Namen wohl behauptet. Und nun, Marſchall, laßt meinen edlen Freund Jakob Lalain, die Bluͤte der 168 Brabantiſchen Ritterſchaft, einreiten. Er wartet im Pavillon auf das Zeichen. Laßt die Trompeten erſchallen! Geh', guter de Richemont, mit den Lords von Ravenſtein und Beauvais, den jungen Kaͤmpen in die Schranken zu geleiten. De Richemont machte ſich in nicht angeneh⸗ mer Stimmung auf, der Einladung zu folgen, in⸗ dem er Worte von bitterer Bezuͤglichkeit auf Bed⸗ ford murmelte, welche Dieſer aber nicht hoͤrte oder nicht zu hoͤren ſchien. Aller Augen waren auf den neuen Kaͤmpfer gerichtet, deſſen Ruhm von Chro⸗ niken und Traditionen hinlaͤnglich geprieſen wird, denn Beide erklaͤren ihn fuͤr das Muſter ritterlicher Vollkommenheit. Er war groß, ſtark, ſchoͤn, tap⸗ fer und edelmuͤthig— die Haupttugenden in jenen Zeiten, wo geiſtige Vollkommenheiten einen un⸗ tergeordneten Werth hatten, und die Gaben, derb zuzuſchlagen und ungemeſſenen Aufwand zu machen, ihre Beſitzer zu den beneidetſten Rittern von Ruf machten. Jakob Lalain ſprang ſogleich aus ſeinem gruͤn und weiß ſeidenen Pavillon hervor, uͤber dem ſich ſein Wappenſchild erhob, geziert mit dem Unter⸗ ſcheidungszeichen ſeines Hauſes, naͤmlich einem Hirſch, einem Sechzehnender, der auf jeder Spitze zwei 169 zwei Faͤhnlein trug, wodurch die zwei und dreißig Wappen der verſchiedenen Zweige ſeines Hauſes be⸗ merklich gemacht wurden, deſſen Oberhaupt eben der Kaͤmpfer war. Der Helm deckte ſein Haupt, das Viſir war offen, die Bruſt unbedeckt, und, wie er es in unzaͤhligen Gefechten gewohnt war, ſo ging er auch jetzt zu Fuß in die Schranken mit ſtolzen, faſt Verachtung zeigenden Schritten; ſein praͤchtig auf⸗ gezaͤumtes Roß aber wurde, mehr zur Schau als zum Gebrauch, von reich gekleideten Pagen gefuͤhrt, denn der Kampf, wozu er dieſen Tag alle Ankom⸗ mende aufgefordert hatte, beſchraͤnkte ſich bloß auf die Streitaxt, um ſich gefaͤllig zu zeigen gegen die beſondere Neigung, welche Herzog Philipp zu die⸗ ſer Waffe gefaßt hatte. An ſeinem linken Arme trug er einen Schild von polirtem Stahl, auf dem ſich eine weibliche Geſtalt zeigte, die einen Pfeil trug, mit dem Motto: ‚Wer eine ſchoͤne Dame liebt, huͤte ſie wohll? Seine Rechte hatte die Waffe von außerordentlicher Schwere gefaßt, und er fuͤhrte ſie auf eine ſolche Art, daß die Zu⸗ ſchauer veranlaßt wurden zu vermuthen,(ſo ſagt uns wenigſtens der wuͤrdige Chroniſt) daß er ge⸗ ſonnen ſey, mit dem Kopfe der Art eine ordentliche Schlacht zu liefern. II. 4 170 Der große Ruf dieſes Kämpfers in Fuͤhrung dieſer Waffe und ſeine mehr als gewoͤhnliche Staͤrke machten, daß nur wenig Mitbewerber um ſolchen Kampf ſich fanden, obgleich er in Turnieren zu Roß, wo es auf perſoͤnliche Kraft nicht ſo ſehr an⸗ kam, immer Wettſtreiter fand, die den Kampf wag⸗ ten, wenn auch nur Wenige, die den Preis erran⸗ gen. Im gegenwaͤrtigen Falle zeigte ſich Anfangs kein Gegner in den Schranken. Lalain's Trompe⸗ ten erklangen zu wiederholten Malen zur Ausforde⸗ rung, und der Kaͤmpfer ſelbſt ſchritt im Angeſichte des herzoglichen Pavillons auf und ab, wo die Her⸗ zogin von Bedford in ihrer ſchoͤnen Hand die ge⸗ ſtickte Schaͤrpe hielt, womit ſie zu Ehren ihres Ran⸗ ges und weil ſie bei Philipp ſich zum Beſuche be⸗ fand, den Sieger kroͤnen ſollte. Lalain war wenig zufrieden mit der ſeiner Tapferkeit durch das Nicht⸗ erſcheinen eines Nebenbuhlers bewieſenen negativen Huldigung, und er blickte ſo kalt⸗ſtolz um ſich, wie ein Racen⸗Pferd, das des Rennens ſich ruͤhmt, ohne daß ſein Feuer oder ſeine Schnelligkeit auf die Probe geſtellt wird. Der letzte Trompetenſtoß war eben erklungen, und Philipp, in ſeiner Eigenſchaft als Kampfrich⸗ ter, ſchon im Begriffe, den tapferen Jakob La⸗ V V 171 lain, in Ermangelung einer Oppoſition, fuͤr berech⸗ tigt zu erklaͤren auf das geſtickte Siegeszeichen, als ein Nuf um freien Einzug, begleitet von der ſchmet⸗ ternden Fanfare einer feindlichen Trompete, alle Augen auf den Eingang der Schranken richtete, gerade der Stelle gegenuͤber, wo ſich Lalain's Pa⸗ villon in ſo ſchimmerndem Glanze zeigte. Bald ſchritt ein einzelner Ritter, unter Vortritt ſeines Herolds, in den umſchloſſenen Raum, und indeß der Herold vorwaͤrts ging, um ſeine Annahme der Ausforderung des Ritters zu erklaͤren, berüͤhrte der Fremde ruhig Lalain's Schild, das nebenan hing, und blieb dann ſtehen mit gekreuzten Armen in der Stel⸗ lung feſter Erwartung. Alle Zuſchauer draͤngten ſich auf ihren verſchiedenen Plaͤtzen vorwaͤrts, um den neuen Ankoͤmmling in's Auge zu faſſen, und Lalain's Wange röthete ſich vor Freude. Die Neu⸗ gier war außerſt geſpannt, allein ſie konnte durch das Aeußere der Erſcheinung nicht befeiedigt wer⸗ den. Der Ritter war bedeckt mit jener Art von leichter Ruͤſtung, die man eine Brigandine nannte, gebildet aus kleinen Stahlplatten, deren eine immer uͤber die andere fiel, gleich den Schuppen eines Fi⸗ ſches. Sein Helm war ohne alle Zier, weder von Federn noch einer Helmdecke, und ſein Schild von 25 3- 172 polirtem Horn ohne Vergoldung, Motto oder De⸗ viſe. Das Viſir war heruntergelaſſen, und er zeigte durchaus ein ſo vollkommenes Incognito, wie es nur Stolz, Schuld oder Beſcheidenheit irgend eines Zweckes halber annehmen konnten. Tauſenderlei Vermuthungen ließen ſich in Be⸗ ziehung auf dieſe Erſcheinung vernehmen; es wurde gewettet, und man wagte allerlei Meinungen, in⸗ deß Herzog Philipp mit offenbarer Aengſtlichkeit und einiger Ungeduld, aber doch immer mit wuͤrdiger Selbſtbeherrſchung auf den Ausgang des Kampfes harrte, der nach wenig kurzen Ceremonieen heiß begann.— Kaum hatte der Fremde ſeine Vertheidigungs⸗ ſtellung genommen, welche Spalatro durch ein lautes Bravo! fuͤr ſehr gut erklaͤrte, als Lalain einen ſehr geſchickten Streich nach dem Viſir mit dem Griffe ſeiner Art fuͤhrte, den er, im Widerſpruche mit ſei⸗ — ner anſcheinenden Abſicht, ſich nur des Kopfes zu bedienen, ſo trefflich zu brauchen wußte, daß wohl nur Wenige einen ſolchen unerwarteten Streich pa⸗ rirt haben wuͤrden. Der Fremde begegnete ihm aber mit großer Gewandtheit und Geſchicklichkeit, und dann ließ er nach der gluͤcklichen Parade einen Hagel von Streichen, ſowohl vom Kopf als von ſ 173 dem Griffe ſeiner Waffe fallen, alle gerichtet nach dem unbedeckten Geſichte des Gegners, gleich als wollte er die eitle Prahlerei beſtrafen, welche den Schutz eines Viſirs verſchmaͤhte. Allein Jakob La⸗ lain bewies, daß ſeine Unerſchrockenheit in dieſer Hinſicht von dem gerechten Vertrauen auf ſeine ei⸗ gene Geſchicklichkeit herruͤhre. Er begegnete jedem Angriffe mit unerſchuͤtterlichem Muthe, ſprang von einer Seite zur andern, und parirte jeden Streich des Gegners mit ſo viel Behendigkeit und Wirk⸗ ſamkeit, daß dem fremden Ritter jeder Verſuch mißlang, und waͤhrend der Letztere inne hielt, um Athem zu ſchoͤpfen, verſetzte ihm Lalain einen ſol⸗ chen Hieb auf den Helm, daß er einige Schritte rüͤfckwaͤrts taumelte. Die Luft erklang von Beifalls⸗ rufen, die Trompeten ertoͤnten, und der Name Ja⸗ kob Lalain ſtieg zum Himmel empor. Spalatro ſchien auf Dornen zu ſtehen, da es ihm nicht moͤg⸗ lich war, dem Herzog Philipp ſeine Meinung uͤber die verſchiedenen Gaͤnge des Angriffes mitzutheilen. Allein er ließ von Zeit zu Zeit laute Lobpreiſungen von ſich hoͤren, und es war offenbar, daß er La⸗ lain's Gegner zu einer Haͤlfte des ausgeſetzten Preiſes fuͤr berechtigt hielt. Die Streitenden waren bald abermals im Kam⸗ 174 pfe, und Lalain ſetzte der erneuten Kraft des Frem⸗ den eine Folge furchtbarer Angriffe entgegen, wel⸗ chen Jener mit beſonnener Vorſicht auszuweichen ſtrebte. Jeder loͤſ te jetzt die aͤußeren Befeſtigungen ſeiner Halsberge auf, weil die Hitze ihnen ſonſt un⸗ ertraͤglich geworden waͤre, und Meſſire Jakob(wie ihn der Chroniſt nennt) ergriff, als wollte er den Kampf auf einmal enden, mit beiden Haͤnden ſeine Streitaxt, und fuͤhrte einen ſolchen Streich nach des Gegners Haupte, der, wenn er es nur beruͤhrt haͤtte, ihm dieſes zerſchmettert haben wuͤrde. Allein Dieſer ſetzte mit einer ſelbſt Spalatro's wuͤrdigen Geſchicklichkeit den falkenſpitzigen Stiel ſeiner Waffe dem Streiche entgegen, wodurch denn der Gegner dergeſtalt am Handgelenke verwundet wurde, daß er das verletzte Glied ſinken ließ, und die Art auf den Boden fiel. Der Fremde warf dann au⸗ genblicklich auch die ſeine weg; allein Lalain, wuͤ⸗ thend uͤber dieſes demuͤthigende Hoͤflichkeitszeichen, ſprang vorwaͤrts, ſchlang ſeinen verwundeten Arm um den Nacken des Gegners, und faßte ihn mit der Linken an die Gurgel. Der Griff wurde eben ſo ſchnell erwiedert, und jetzt, da durch Lalain's Ver⸗ wundung die Kraͤfte der Streitenden ziemlich gleich geworden waren, entſtand ein verzweifeltes Ringen. 175 Bei der feindſeligen Wendung, welche der Kampf genommen hatte, erhob ſich ein Gemurmel, und Al⸗ ler Augen richteten ſich auf den Herzog, in Erwar⸗ tung, daß er ſchnell ſeinen Stab hinabwerfen werde. Allein zum Erſtaunen der Zuſchauer, ein Erſtaunen, welches ihre ganze Aufmerkſamkeit auf Philipp rich⸗ tete, welcher, ſtatt ſeine gewoͤhnliche kalte Miene richterlicher Unparteilichkeit beizubehalten, einen Aus⸗ bruch von Parteiſucht verrieth, der ganz deutlich auf einen tieferen und heftigeren Antrieb ſchließen ließ als bloße Nuͤckſicht auf Einen der Kaͤmpfer, beglei⸗ tet von Gleichgüͤltigkeit gegen den Andern. An⸗ fangs, als das Ningen begann, und Lalain's kraft⸗ voller Griff die Stahlſpange aufriß, welche des Gegners Bruſtplatte befeſtigt hielt, gab Philipp ein Zeichen des Erſtaunens; allein dies Gefuͤhl wunde bald in eins von wildem Gepraͤge ver⸗ wandelt, denn er ſprang auf, ſtampfte heftig mit dem Fuße auf den Boden, und ſchlug unwillkuͤrlich mit ſeinem Stabe ſo heftig gegen die mit Sammt bedeckte Baluſtrade vor ihm, und mit einer ſolchen Gewalt, daß das Zeichen des Befehlshabers in Splitter zerſchellte. 1 „Blaſ't, Trompeter! blaſt zum Ende des Ge⸗ fechts!“ riefen einige von den dienſtthuenden Beam⸗ 176 ten, welche glaubten, der Herzog habe das Zeichen dazu geben wollen. Allein Dieſer rief ſogleich laut: — Nein, laßt das Gefecht fortgehen! Laßt den tapfern Kaͤmpen Burgunds das falſche Herz aus dem verhaßten Koͤrper reißen!— Ein Auftritt des Erſtaunens und der Verwir⸗ rung folgte auf dieſe unerwartete Rede. Jeder er⸗ hob ſich von ſeinem Platze— Damen, Herren, Ritter, Hoͤflinge draͤngten ſich um den erzuͤrnten Herzog, der, ſeine Blicke feſt auf den Kampf gerich⸗ tet, einige Sekunden lang in der Stellung heftiger Bewegung verweilte. Er wurde von den ihn um⸗ ringenden Verwandten und Gaͤſten mit hundert Fragen beſtuͤrmt. Auf die letzte Frage:„Wer iſt es denn?“ antwortete Philipp dem Herzoge von Bedford, der, der ruhigſte unter den Anderen, dieſe Frage wiederholt hatte: — Wer es iſt, Bedford? Wer es iſt? Wie? Auch Ihr kennt ihn nicht? Denkt Ihr denn mich blind zu machen? Abermals, zwei Mal in einer Woche? Geht! geht! Philipp iſt kein Kind, wie Heinrich von England, oder ein Narr, wie Karl von Frankreich! Ihr kennt ihn wirklich nicht?— Euren falſchen Bruder, Humphrey von Gloceſter?— x 177 „Humphrey von Gloceſter!“ rief Bedford, und viele andere Stimmen wiederholten es.„Unmoͤg⸗ lich! er iſt in England, und darf ſo augenſcheinli⸗ cher Gefahr ſich nicht leichtſinnig ausſetzen.“ 4 — Er iſt es, ſo wahr ich lebe!— rief Phi⸗ lipp;— er, der bereits verkleidet erſchien, und ver⸗ buͤndet mit der verraͤtheriſchen Jacqueline und ihren Bravos in den Waldestiefen von Drenthe,— der nun, der Gefahr und Schicklichkeit zum Trotz, hier⸗ her kommt, um ſich mit meinem tapferſten Kaͤmpfer zu meſſen, als wollte er mich durch ſeine Staͤrke und Geſchicklichkeit einſchuͤchtern. Allein er ſoll ſeine Thorheit und meine Macht kennen lernen. Alle Bande ſind zerriſſen zwiſchen meiner Rache und ſeiner Ehre. St. Pol, ich ernenne Euch zu mei⸗ nem Marſchall in dieſer Sache— legt Hand an den Elenden, Frechen, und bringt ihn hierher! Sein eigener Bruder ſoll Zeuge ſeyn, wie ich ſeine Be⸗ ſtrafung beſtimme!— „Der heil. Georg bewahre mich, daß ich in einen ſolchen Fall mich miſche!“ ſagte Bedford; „ich bin ganz außer Faſſung daruͤber. Kann dies Humphrey ſeyn, den ich ganz gewiß zu Weſtmin⸗ ſter glaubte? Im Panzer, wie er ihn traͤgt, kann 8* 7 178 ich den Ritter nicht fuͤr meinen Bruder erkennen. An welchem Zeichen erkennſt Du ihn, raund?“ — An einem, das mich nicht taͤuſchen kann; an einem, das ich allein kenne, dem befleckten Wahr⸗ zeichen einer niedrigen Sache.— Warte, warte ein wenig, und der Ausgang der Sache wird mich in Allem rechtfertigen.— Die Streitenden wurden noch von einander getrennt, waͤhrend dies Geſpraͤch Statt fand. St. Pol war ſchnell hinzugeſprungen, um den ihm ge⸗ gebenen Auftrag zu vollziehen, und legte Hand an den verhuͤllten Kaͤmpfer, der, von der Anſtrengung erſchoͤpft, keinen Widerſtand zu leiſten vermochte, und ſo mit Gewalt von den Dienern, die ihn er⸗ griffen hatten, in den herzoglichen Pavillon getragen wurde. 6 181 Achtes Kapitel. Ass Philipp in der Mitte ſeiner Freunde und Un⸗ terthanen ſtand, den Mann zu empfangen, den er unter Allen auf Erden am meiſten haßte, ſah er vollkommen aus, wie ein lebender Inbegriff des gan⸗ zen Geiſtes ſeiner Zeit und Stellung, des Ritter⸗ thumes und der Furſtenherrſchaft des funfzehnten Jahrhunderts. Sein Geſicht war der Abdruck al⸗ ler rachſuͤchtigen Leidenſchaften des Zeitalters, ge⸗ beugt unter dem Stolz der Lehnsgewalt. Seine hohe Geſtalt und ſein gebieteriſcher Anſtand nah⸗ men ſich gut aus in dem praͤchtigen Anzuge, den er bei dieſer Gelegenheit trug. Die verſchiedenen Stuͤcke deſſelben waren vom reichſten Sammet, At⸗ las und Goldſtoff in den ſchimmerndſten Farben, obgleich Schwarz ſonſt ſeine gewoͤhnliche Farbe war. Ein von Diamanten glaͤnzendes Wehrgehaͤng hing über ſeine Schultern. Sein Ueberkleid und Man⸗ 180 tel waren beſetzt mit vollen funfzig Engliſchen Ellen ſilberdurchwirkten Bandes in Schleifen und Roſet⸗ ten. Sein geſticktes Barrett, in Geſtalt eines Kriegs⸗ helmes, war geziert mit einem Federbuſche, deſſen Untertheil aus ein und zwanzig Reiher⸗, und deſſen Obertheil aus ein und zwanzig Straußfedern beſtand; indeß ſiebenzig Pfauenfedern gleich einer Helmdecke hinten hinabſtroͤmten. Um das maſſiv goldene Hals⸗ band, mit Edelſteinen beſetzt, von dem das Zeichen des goldenen Vließes herabhing, das ſeinen Beſitzer als Ordenshaupt zu erkennen gab, hing noch eine Menge anderer Ketten und Roſenkraͤnze, mit welchen Zierrathen Philipp's Perſon zu allen Zeiten reichlich beladen war. Er war ohne Vergleichung der am reichſten Gekleidete der ganzen Geſellſchaft; obſchon Alle durch das uͤberfluͤſſig Koſtbare des Anzugs, dem herrſchenden Geſchmacke zufolge, ausgezeichnet waren. Unter den Hofleuten trugen vier und zwanzig hoͤchſt glaͤnzende Livreen von ſeidenen Stof⸗ fen mit Stickerei und Beſetzung von Juwelen, die der Herzog Denen geſchenkt hatte, welche der Ehre genießen ſollten, gelegentlich mit ihm Waffenſpiele zu halten. Auch den Knappen und Pagen fehlte es nicht an praͤchtigem Aufputz; kurz die ganze Ver⸗ ſammlung gewaͤhrte den bezauberndſten Anblick. — —— V 181 Alle ſtanden in athemloſer Erwartung, indem ihre Blicke immer von Philipp nach dem Eingange des Pavillons hinſchweiften, wo Gloceſter jeden Augen⸗ blick erſcheinen ſollte, und ihre Ohren bereit waren, die Worte des Unwillens und rauher Wuͤrde auf⸗ zufaſſen, womit ihr Herzog augenſcheinlich ſich an⸗ ſchickte, ſein raſches, unzeitiges Erſcheinen zu be⸗ gruͤßen. Und ſehr bald erblickte man auch den Grafen von St. Pol, wie er ſich durch die Menge der Wachen und Diener Platz machte, und ziemlich un⸗ ſanft den gefangenen Ritter herbeizog, deſſen noch immer geſchloſſenes Viſir das Geſicht nicht erkennen ließ. Jedermann wunderte ſich, daß der ſtolze und herriſche Humphrey von Gloeceſter ſich ſo ohne Wi⸗ derſtreben herbeifuͤhren ließ; allein dieſes Erſtaunen wurde noch zehnfach vermehrt, als man bemerkte, daß der Gegenſtand der allgemeinen Forſchung ſich, ſobalb er den Fuß der Plateform erreicht hatte, wor⸗ auf Philipp ſtand, auf ein Knie niederließ, und ſich vor dem Herzoöge beugte, wie es nur Einer ſeiner Vaſallen oder Diener haͤtte thun koͤnnen. Bedford und die Engliſchen Lords in ſeinem Gefolge ſtan⸗ den ganz ſtarr vor Erſtaunen und Unwillen, indeß ihre Wangen von Scham ergluͤhten uͤber die ſo er⸗ 182 niedrigende Handlung. De Richemont aber, St. Pol und die Burgundiſchen und Brabantiſchen Ed⸗ len konnten ſich eines triumphirenden Laͤchelns nicht enthalten. Philipp warf einen Blick ſtolzer Verach⸗ tung auf den knieenden Ritter. Er ſchien auf einen Augenblick aus der Rolle gefallen, aus der hohen majeſtaͤtiſchen Stellung, zu der er ſich ſelbſt hinauf— geſchraubt hatte, und es ließ, als ob er Worte ſuchte, einen demuͤthig Bittenden anzureden, ob es ihm gleich ſonſt nicht an Worten fehlte, einen gefalle⸗ nen aber kuͤhnen Feind mit Vorwuͤrfen zu uͤberhaͤufen. Waͤhrend dieſer augenblicklichen Pauſe benutzte der knieende Ritter den Vortheil ſeiner befreiten Haͤnde, und loͤſte ſchnell die Befeſtigungen ſeines Helmes, den er nun vom Haupte nahm, und ſo der hoch erſtaunten Verſammlung das ſchoͤne Ge⸗ ſicht und den zugleich harrenden und fragenden Blick Vrank's van Borſelen enthuͤllte. Alle Umſtehenden riefen in einem Chor:„Sir Francon van Borſelen!“ Philipp allein ſchwieg. Als er entdeckte, wer der Ritter eigentlich ſey, ſtand er ganz ſtarr von Erſtaunen. Eine unange⸗ nehme Empfindung ſchien ſein Weſen zu durchbeben, er runzelte die Stirn, preßte die Lippen zuſammen, und unwillkuͤrlich entfuhr ihm ein kurzer, abgebro⸗ — — 183 chener Seufzer. Sein naͤchſtes Gefuͤhl war offen⸗ bar Wuth, aber nicht von der Art, wie man er⸗ wartete, daß ſie uͤber ſeinen gefangenen Feind los⸗ brechen wuͤrde, durch Spott und Vorwurf naͤmlich; ſie war toͤdtlich und ſtumm, ſeine Wange wurde bleich, und als er den mit Diamanten beſetzten Griff ſeines Degens faßte, ſprach er ernſt aber mit erkuͤnſtelter Sitte zu den Umſtehenden: „Fuͤrſten, meine Vettern und guten Freunde, und Ihr, edle Damen, meine Gemahlin und meine Schweſtern, ſchoͤne Graͤfin und ſo weiter, ich bitte Euch, habt ein wenig Geduld mit mir!— Begebt Euch Alle in's Schloß, die Morgenluſtbarkeiten ſind voruͤber! Ich werde mich alsbald wieder meiner ed⸗ len Geſellſchaft anſchließen, wenn ich erſt mit einem kuͤhnen, niedrigen Heuchler— einem undankbaren, ſchaͤndlichen Verraͤther, wie ſich's gebuͤhrt, verfahren habe.“ Die alſo Angeredeten entfernten ſich ſchweigend aus dem Pavillon, nachdem Bedford ſchon fruͤher gegangen war, weil er nicht Zeuge ſeyn wollte von einer Demuͤthigung ſeines Bruders, die er fuͤr ver⸗ dient erkannte, und daher auch nicht abzuwenden ſuchte.— Des Herzogs Augen waren durchdringend auf Vrank geheftet, als er die letzten Worte ſprach. 184 Der Juͤngling aber war aufgeſprungen, und ſahe aus, wie von Erſtaunen gelaͤhmt. Ein tiefes Er⸗ roͤthen bedeckte als Ausdruck des Unwillens ſeine Wangen. — Verraͤther?— wiederholte er im halb er⸗ ſtickten Tone des Erſtaunens und Trotzes; allein die Worte, welche dieſem Ausruf folgen ſollten, erſtar⸗ ben ihm auf den Lippen. „Verraͤther!“ wiederholte Philipp, dem ver⸗ meintlichen Schuldbelaſteten mit geballter Fauſt und bebenden Lippen entgegen tretend.„Ja, ſchaͤndli⸗ cher, offenbarer Verraͤther! Haͤtte ich je auf einen ſo uͤberzeugenden Beweis rechnen koͤnnen? So jung und ſo verbrecheriſch! Darf ich meinen Augen trauen, wenn ich auf digſes Zeichen Eurer Schande blicke!“ 1 Und dann, gleich als ſey er nicht faͤhig, ſeinen Zorn in Schranken zu halten, riß er den blauſeide⸗ nen Guͤrtel, den Vrank ſo treulich immer getragen, und ſo ganz ohne ſeine Schuld aus ſeinem Buſen hatte hervorſcheinen laſſen, ihm ab, warf ihn zu Boden, trat mit den Fuͤßen darauf, und rief: „So vergehe jedes Andenken von ihr, der Elenden, und ihm, ihrem frechen Liebhaber! So moͤgen ſie und ihre Sache und ihre Vertheidiger 185 mit Fuͤßen getreten werden! Wie dieſes Zeichen der Schande befleckt und entwuͤrdigt wird, ſo moͤge Sie, die es gab, und Er, der es zu tragen wagte, unter meiner Rache zermalmt werden!“ Dann wandte er ſich zu ſeinen Offizieren, die dicht um ſeine Perſon ſich hielten, und ſagte zu ihnen in fe⸗ ſtem und beſonnenem Tone und mit einem Geſicht, das vollkommene Beruhigung verrieth:„Sorgt da⸗ fuͤr, daß meine Befehle genau vollſtreckt werden! Ihr Johann Vilain, mein treuer Flamaͤnder, Ihr, der mein Leben rettete auf dem blutigen Felde von Mons, in meiner erſten geordneten Schlacht! Ihr, den ich an dieſem gefaͤhrlichen Tage zum Ritter ſchlug, ſeyd auch an dieſem nicht minder gefaͤhrli⸗ chen mein Schutzgeiſt. Ich ernenne Euch zum Hauptmann meiner Leibgarde, meiner Bogenſchuͤz⸗ zen, meiner Lanzentraͤger und Arkebuſirer. Steht mir zur Seite, denn ich bin umſtellt und betrogen. Jener warnende Brief war nicht ohne Grund, al⸗ lein ich ließ es mir nicht einfallen, daß dieſe an meinem Buſen genaͤhrte Schlange Einer von De⸗ nen war, auf die er deutete. Bewacht dieſen Ver⸗ raͤther wohl, guter Johann! und laßt den Eng⸗ laͤnder Que und den elenden Orleaniten Baltaſini, nebſt dem, den ſie Spalatro nennen, in engen Ge⸗ 186 wahrſam bringen. Das Complot iſt tief und man⸗ nichfaltig, allein ich will es an's Licht ziehen. Der alte William le Begue ſoll mich in meinem Cloſet erwarten; wenn Verſchlagenheit retten kann, iſt er mein beſter Rathgeber. In's Gefaͤngniß nun mit dieſem Undankbaren!“ Ein anderer zorniger Blick, auf Vrank geworfen, begleitete dieſe Worte, und ehe er ihn gegen dieſen Strom von Anklagen ein Wort hervorbringen ließ, hatte der Herzog den Pavillon verlaſſen. Vrank ſahe ſich von einigen Gardiſten noch roher als zuvor ergriffen, um abgefuͤhrt zu werden.— Eine ganze Fluth von Gedanken ſtroͤmte durch die Seele des Gefangenen, als er die praͤchtig beklei⸗ dete Geſtalt des Herzogs aus dem Pavillon ſchreiten ſahe, und den Hufſchlag ſo wie das Klin⸗ gen des Metalls am Gezaͤume des Roſſes vernahm, das vergefuͤhrt wurde, um den Herzog von danneu zu tragen. Vrank fuͤhlte nichts von der unwuͤrdi⸗ gen Behandlung, die ſich die Satelliten des Ty⸗ rannen gegen ihn erlaubten, und verſank immer tie⸗ fer in Gedanken. Guter Gott! dachte er, was iſt dieſe Welt, und was bin ich? Verdiene ich das? Unſchuldig, redlich, treu die⸗ ſem Fuͤrſten— geweiht ſeinem Dienſte!— Behandelt — .— 187 zu werden wie ein wortbruͤchiger Sklave in dem Augenblicke, wo ich Lob, Ehre und Auszeichnung verdiente und erwartete! Indeß, fuhr er fort, denn ſein ſcharfer Gerechtigkeitsſinn und ſeine offene Nuͤckſicht auf Andere, ſelbſt in dieſem Augenblick, erwachte wieder— indeß iſt dies Alles doch wohl nicht ganz unverdient— es iſt klar, ich habe es ſelbſt uͤber mich gebracht. Der ungluͤckliche Guͤrtel! Wer oder was kann ſie denn ſeyn, die Circe, die das um mich ſchlang, was ich fuͤr einen Talisman gegen das Boͤſe hielt, was aber, wie es ſcheint, wie der Zauber, mit dem ſie mich umſtrickt hat, ein Gift fuͤr mein Wohl, eine Vorbereitung zum Verderben iſt? Der Herzog iſt nicht ungerecht, er wird nicht Strafe ohne Schuld verhaͤngen, und hat ſich ſeine Wuth beſaͤnftigt, ſo wird er mich gewiß hoͤren, ehe er mich verdammt. Kaum waren ihm dieſe Betrachtungen durch den Kopf gegangen, als ſie ihre beſte Erlaͤuterung in dem Wiedererſcheinen Herzog Philipy's im Pavillon fanden. Dieſer ſtolze, aber hellſehende Deſpot hatte auf ein⸗ mal in Brank's Blicken und in ſeiner erzuͤrnten Wiederholung des Wortes ‚Verraͤther’ einen voll⸗ ſtaͤndigen Beweis ſeiner Unſchuld geleſen. Schnell entſchloſſen, wie er gewaltthaͤtig war, hatte er ploͤtz⸗ 188 lich eine gewiſſe Reue empfunden, der ſich ein ſtol⸗ zes Gemuͤth und eine hohe Stellung im Leben im⸗ mer ohne Gefahr einer Mißdeutung hingeben darf, und es that ihm leid, ſeinem treuen und beguͤnſtig⸗ ten Anhaͤnger einen ſolchen Schimpf zugefuͤgt zu haben. Er beſchloß, ſein Unrecht auf der Stelle wieder gut zu machen, und wenigſtens Gelegenheit zu geben zur Erklaͤrung Deſſen, was ihm faſt un⸗ glaublich geſchienen hatte, indem alle ſeine beſſeren Gefuͤhle ihm ſagten, daß es urſpruͤnglich doch nicht boͤſe gemeint ſeyn konnte. Er ſtieg daher ſogleich wieder vom Pferde, ehe er es noch dem Schloſſe zugewandt hatte, und, indem er ſeinen Begleitern befahl, die angeordnete Verhaftung aufzuſchieben, und außen an dem Pavillon ſtehen zu bleiben, ging er allein wieder in denſelben hinein, gerade in dem Augenblicke, als Johann Vilain, der gefuͤrchtete Krieger, den er mit Vrank' Bewachung beauftragt hatte, mit der rauhen Strenge Flamaͤndiſcher An⸗ ſichten im Begriffe war, eine Binde zurecht zu ma⸗ chen, um ſeinem Gefangenen die Arme zu feſſeln; denn ſein Abſcheu vor aller Verraͤtherei ließ ihn kein Zartgefuͤhl beobachten gegen einen Menſchen, den ſein Herr ſelbſt fuͤr einen Verbrecher erklaͤrt hatte. Philipp befahl in ſeinem gewoͤhnlichen feſten 189 und entſchiedenen Tone Johann Vilain und den ihm helfenden Gardiſten ſich zu entfernen, und in einem Augenblicke ſtanden ſich der Herzog und Vrank gegenuͤber, ohne daß ſie von Jemand unkerhrdchen oder beobachtet werden konnten. Waͤhrend der erſtaunte Juͤngling in dieſem Augenblick all' ſeine Geiſtesgegenwart und Selbſt⸗ beherrſchung ſammelte, und ein Aufwallen angebor⸗ ner Wuͤrde ſeinem Blicke und Benehmen den Aus⸗ druck von Kraft und Erhebung verlieh, redete ihn Philipp mit der Ungezwungenheit des in dem dop⸗ pelten Bewußtſeyn der Gewalt und der Herablaſ⸗ ſung ungebeugten Deſpotismus alſo an: „Sir Francon! ich bin zu ſchnell geweſen, und ich hoffe hinzufuͤgen zu koͤnnen, auch ungerecht, denn fuͤrſtliches Unrecht kann verguͤtet werden, aber eines Lehnsmannes Verraͤtherei nicht. Nehmt dieſe un⸗ behandſchuhte Hand, nicht um ſie aus Etikette an Eure Lippen zu druͤcken, ſondern um ſie in die Eu⸗ rige zu ſchließen als ein Unterpfand meiner Reue und meiner Achtung.“ Vrank ſtand ſtill und ſchweigend waͤhrend der Herzog ſprach, und ehe die letzten Worte voruͤber waren, hatte er, wie uͤberlegend, die Arme uͤber die Bruſt gefaltet. Philipp ſtutzte, und warf das 190 Haupt ſtolz in die Hoͤhe, als ob er an der Moͤg⸗ lichkeit deſſen, was er ſahe, zweifelte. „ Was?“ rief er,„taͤuſchen mich meine Au⸗ gen wirklich nicht? Darf irgend ein Menſch zoͤ⸗ gern, die dargebotene Hand Philipp's von Burgund anzunehmen? Darf mein eigener Diener, meines Lehnsmannes Sohn, ein der Verzeihung gewuͤrdig⸗ ter... „Verraͤther“ wuͤrde er im ruͤckkehrenden Zorne hinzugefuͤgt haben, haͤtte nicht Vrank ihn ſchnell unterbrochen. — Um Eurer ſelbſt willen, Herzog Philipp! um der Ehre der Wahrheit und des Ritterthums willen! ſprecht kein beleidigendes Wort, damit das Maaß des mir angethanen Unrechts nicht uͤberfließe, und aller moͤglichen Ausgleichung den Weg verſperre. Ein treu ergebener Anhaͤnger bin ich; aber der Ver⸗ zeihung gewuͤrdigt bin ich nicht, und will es nicht ſeyn, denn wer Verzeihung annimmt, erkennt ſich ſchuldig. Haltet mich deßhalb aber nicht fuͤr einen ſtolzen Thoren, der den großen Abſtand zwiſchen uns nicht eingeſehen habe, bis Ihr ein Unrecht thatet und Euch dadurch mir gleich ſtelltet, wenn es mich auch nicht zu Euch erheben konnte. Hoͤrt mich, mein Fuͤrſt! hoͤrt mich ganz aus! Ich appellire an Eure —y—— —— — 191 Vernunft, Eure Gerechtigkeit gegen Zorn und Ue⸗ bereilung. Ich bin keines Verbrechens ſchuldig, we⸗ der in Thaten noch Gedanken. Niemals that ich Jemandem etwas Boͤſes, am wenigſten Euch, dem ich Treue und Dienſte gelobt habe, und fuͤr den ich mein Blut vergoß, wohl bezahlt durch das ruhm⸗ wuͤrdige Geſchenk des Vertrauens und der Ehre. Aber Ihr habt mich beſchimpft— entehren konn⸗ tet Ihr mich nicht— Angeſichts dieſes ganzen Ho⸗ fes, meiner Freunde, meiner Mitſoldaten, der Fuͤr⸗ ſten, Herren und Damen, eingebornen ſowohl als fremden, deren Keinem, ich darf es ohne Ruhmre⸗ digkeit behaupten, mein unbefleckter Name unbekannt geblieben iſt.— Und was iſt das Heilmittel fuͤr die tiefe, ſo ſchnoͤde geſchlagene Wunde? Eure Hand, im Geheim gegeben— als ob Kraͤnkung und Beleidigung offen in alle Welt hinaus ſchallen koͤnnte, ihre Verguͤtung aber verſtohlen ſich abthun ließe! Das paßt fuͤr Keinen von uns, Herzog! Keine Ehre kann mir erwieſen werden, bin ich un⸗ ſchuldig, durch das geheime Druͤcken der Hand, die noch vor Kurzem ſich drohend erhob gegen mein Geſicht, indeß ſie befleckt werden wuͤrde durch meine Beruͤhrung, waͤre ich wirklich ein gerechtes Ziel fuͤr ihre Gewaltthaͤtigkeit und fuͤr Euren halb widerru⸗ 192 fenen Verdacht geweſen! Nein, mein edler Fuͤrſt, — fuhr Vrank fort, deſſen Ton und innere Bewe⸗ gung durch die Wirkung verſtaͤrkt wurden, die ſeine Worte auf Philipp machten.— Nein! weſchet den Flecken Eurer Vorwuͤrfe ab durch den breiten Strom eines lauten, oͤffentlichen Widerrufs; oder, wenn noch irgend eine Anklage von etwas der Ritterſchaft oder Maͤnnlichkeit Unwuͤrdigem auf mir haftet, ſo laßt mich meine Ehre in dieſen Schranken, die noch offen ſind, beweiſen im Kam⸗ pfe mit dem beſten und küͤhnſten Ritter Eures Ho⸗ fes.— In Philipp regte ſich bei dieſer Rede eine dop⸗ pelte Empfindung. Er bewunderte den Juͤngling, deſſen Geiſteswuͤrde die des Ranges ganz in Schat⸗ ten ſtellte, und ſprach ihn innerlich frei; indeſſen ſtraͤubte er ſich doch unter dem Schimpfe, der, wie er wohl fuͤhlte, durch jedes Wort, Gefuͤhl und je⸗ den Blick des Juͤnglings ſeiner hohen Stellung wi⸗ derfahren war. Einzeln wuͤrde er wohl jedes die⸗ ſer Gefuͤhle haben uͤberwaͤltigen koͤnnen, allein ver⸗ eint waren ſie zu ſtark, ſelbſt fuͤr ſeinen erfahrenen Stolz und Hochmuth. Er war vollkommen geſchla⸗ gen. Stolz, Macht und Hinterliſt verſchwanden einſtweilen in Ohnmacht, und Philipp ſtand ſo eine Zeit 193 Zeit lang beſchaͤmt und gedemuͤthigt, wenigſtens hoͤchſt verlegen da. Sein Charakter erhob ſich nie zu der Hoͤhe wahrer Großherzigkeit, die ihren Be⸗ ſitzer gelehrt haben wuͤrde, ſeinen Arm um des jun⸗ gen Ritters Hals zu ſchlingen, und Ehre ſtatt Ent⸗ wuͤrdigung in dieſer Handlung zu finden. Philipp im Gegentheil zog ſeine eben erſt ausgeſtreckte Hand wieder zuruͤck, und da er nicht wohl wußte, wie er auf das, was er gehoͤrt hatte, antworten ſollte, nahm er ſeine Zuflucht zu der gewoͤhnlichen Huͤlfs⸗ quelle Derer, die ſich um eine Antwort in Verle⸗ genheit befinden,— er trug eine Frage vor. „Sagt mir doch, Sir Francon, aber ohne Falſch und Sophiſterei, wie kommt Ihr zu dieſem Guͤrtel, deſſen erneuerter Anblick mich um ſo mehr außer mich ſetzte, als meine Wuth beim Gewahren deſſelben in Eurem Beſitz dem Werthe gleich kam, den ich auf Eure Treue legte?“ Vrank begegnete, ohne von dem Complimente Notiz zu nehmen, dieſer Nachforſchung durch eine kurze und einfache Erzaͤhlung des Vorfalls zu Ze⸗ venwolden und eine genaue Schilderung jedes der mithandelnden Theilnehmer dieſer Scene. Philipp hoͤrte mit geſpannter Aufmerkſamkeit zu, indem er ſich dabei in den ſchon vorher eingenommenen Staats⸗ 9 194 ſeſſel warf. Als Vrank ſeine Rede ſchloß, hatte der Herzog ſeine Selbſtbeherrſchung wieder gewon⸗ nen, und ſagte in einem Tone, der durch ſeinen Ernſt, wie durch den begleitenden durchdringenden Blick, tiefen Eindruck machte: „Sir Francon, Ihr habt zufaͤllig den Schluͤſſel zu einem ſo tiefen Geheimniß gefunden, als je eins in einem Walde verborgen war,— Eure Jagdpar⸗ tie war keine geringe, denn ihre Hauptperſonen waren Biſchof Zweder von Utrecht, Humphrey von Gloceſter und Jacqueline von Holland. Bei Nennung des letzten Namens zuckte es wie ein Blitz durch Vrank's ganzes Weſen; ſein Herz ſchwoll, und ſein Kopf drehte ſich faſt in der Trunkenheit ehrſuͤchtiger Freude. Es war der elektriſche Schlag von tauſend gehaͤuften Zu⸗ ſammenſtellungen, ſaͤmmtlich warm, glaͤnzend und ruhmvoll; es war ein voller Zug aus dem Becher gluͤhender Einbildungskraft.— Jacque⸗ line von Holland, das ausgezeichnetſte Weib in Eu⸗ ropa, die fuͤrſtliche Verlobte, die Ebenbuͤrtige von Koͤniginnen, die koͤnigliche Schoͤnheit, die Huldin ihrer Zeit!— Sie hab' ich in meinen Armen ge⸗ halten! Sie iſt die Geberin des Pfandes, das ihre eigene reizende Geſtalt umſchloß, ihre Lippen dank⸗ 195 ten mir, ihre Augen ſchauten in das Heiligthum meines Herzens, und ließen einen Strahl von Liebe in ſeiner Dunkelheit zuruͤkk!— Suͤß waren die Gedanken dieſes erſten leidenſchaftlichen Moments, wo ſeine Seele ihre Feſſeln abgeſtreift, und un⸗ ſterbliche Wonne errungen zu haben ſchien; allein ein eiſiges Erſtarren folgte ſchnell darauf, als die Wirklichkeit ploͤtzlich ihre ſchwere Hand auf ihn legte, und er bezahlte den von der Natur dem geſunden Verſtande aufgelegten Tribut, indem er die aus⸗ ſchweifende Phantaſie plöͤtzlich zu feſſeln wußte. Jacqueline von Holland! dachte er wieder, die dreimal Vermaͤhlte! die durch ſich ſelbſt Geſchiedene, die Landraͤuberin, der Feuerbrand meines Vaterlands, die angeklagte Ehebrecherin, die vermeintliche Gift⸗ miſcherin, der Abſcheu meiner Eltern und meines Fuͤrſten Qual! Wehe, daß ich je ihr begegnete! Warum erwuͤrgte mich das Ungeheuer nicht an ih⸗ rer Seite, in der lieblichen Taͤuſchung daß ich fuͤr ein eben ſo edles als ſchoͤnes Weib entgluͤhte? Verſunken in ſolchen Traͤumereien, ſchlug Vrank die Haͤnde zuſammen, ſein Kopf ſank auf die Bruſt, und eine Art Unwohlſeyn ſchien ſich uͤber ſein gan⸗ zes Weſen zu verbreiten. „Nun, Sir Francon!“ rief Herzog Philipp. 9⸗ 196 — Nun!— wiederholte Vrank, aufgeſchreckt in unwillkuͤrlicher Wiederholung des Wortes. Nun! findeſt Du jetzt Vergebung fuͤr Deinen Fuͤrſten? Sah' ich doch an Deinem Halſe das Band, daß ich mit eigener Hand als ein Geſchenk fruͤher Neigung um Diejenige ſchlang, die meine Couſine war, als ſie, faſt noch Kind, zu Compiegne mit Johann von Frankreich verlobt ward, und durfte ich da nicht fuͤr eine kurze Zeit dem Zeugniß mei⸗ ner Augen trauen, und Dich fuͤr einen Verraͤther halten, da alle Welt abtruͤnnig wird? Nun denn, Sir Francon! kannſt Du mit ritterlicher Aufrich⸗ tigkeit das Unrecht verzeihen, das ich Dir gethan habe?“ Der Ausdruck wuͤrdevoller Reue, der dieſe Worte begleitete, beſiegte Vrank gaͤnzlich. Er ſah in der Frage und der Art, wie ſie gethan wurde, ein Zeichen der Entſchuldigung, und faſt der Recht⸗ fertigung alles Deſſen, was der Herzog gethan hatte. Niemand beſaß auch wohl im hoͤheren Maße als Vrank jene koͤſtliche Eigenſchaft der red⸗ lichen Aufrichtigkeit, die uns in den Stand ſetzt, uns in Anderer Lagen zu verſetzen, ihr Benehmen zu entſchuldigen, und ſie ſo zu beurtheilen, wie wir ſelbſt beurtheilt werden moͤchten. Es war daher 1 4 ½ 4 ½ 197 auch bloß eine inſtinktartige Behauptung der eige⸗ nen Wuͤrde, deren er nie zu vergeſſen pflegte, die ihn abhielt, ſich dem ſtolzen Herrn zu Fuͤßen zu werfen, und das als Beweis der Guͤte und Huld zu empfangen, worauf er mit Recht Anſpruch ma⸗ chen konnte. Dieſes that er nicht, und vielleicht achtete ihn Philipp deßhalb nicht weniger; indeß liebte er ihn auch gewiß nicht mehr, weil er es an der kriechenden Erniedrigung hatte fehlen laſſen, die allein in den Augen des Deſpotismus Gunſt erwirbt, und auf die der Herzog wohl rechnete, als er die verſtellte Miene ſtolzer Demuth annahm. In der That konnte Philipp der Gute dem Vrank Borſe⸗ len weder die ungewohnte Behandlung verzeihen, die er ihm ſelbſt erwieſen hatte, noch die edle Art, womit der beleidigte Juͤngling die Entſchuldigung aufnahm, die eine fluͤchtige Gutmuͤthigkeit ihn zwang, Jenem zu machen. Wer mit einem Ty⸗ rannen auf einem guten Fuße ſtehen will, muß im⸗ mer unter ihm ſtehen. Sich ihm gleich ſtellen, er⸗ regt ſein Mißfallen; ſich uͤber ihn erheben, ſeinen Haß. Vrank fand dies in der Folge beſtaͤtigt. Fuͤr jetzt aber war eine Art von Vergleich ein⸗ getreten zwiſchen Philipp's neu erzeugter Feind⸗ ſchaft, deren er ſich jedoch ſelbſt nicht bewußt war, 198 und ſeiner langen Achtung, die doch nicht auf ein⸗ mal ſo ganz erſtickt werden konnte. Er hielt noch eine fernere Unterredung mit Vrank, deren Reſul⸗ tat von Seiten des Letzteren ein feierliches Aufgeben aller Verbindung mit Jacquelinens Sache und eine Verpflichtung war, ihr das ungluͤckliche Pfand ih⸗ rer Dankbarkeit(wenn man ihren Empfindungen keinen bedeutenderen Namen geben will) zuruͤck zu geben, ſo wie das Verſprechen, ſogleich an ſeinen Arme das ſilberne Schild mit dem Bilde der auf⸗ gehenden Sonne zu befeſtigen, welches St. Pol und einige ſeiner Gefaͤhrten an dieſem Tage angenom⸗ men hatten, um ihre Ueberzeugung von der ſonnen⸗ klaren Reinheit von Philipp's Sache gegen die eben ſo offenbare Uſurpation Jacquelinens anzudeuten. Philipp ſeiner Seits war aͤngſtlich verlegen, wie er Vrank'’ Ehre und Treue auf die oͤffentlichſte und unzweifelhafteſte Art volle Gerechtigkeit widerfahren laſſen koͤnne. Er verließ daher den Pavillon, und ſchritt dem Schloſſe zu, auf Vrank's Arm geſtuͤtzt, und im vertraulichſten Tone ſich mit ihm unter⸗ haltend. Bei'm Anblicke des unerwarteten Ausganges der letzten Scene ſchauten ſich die Hofleute, Wa⸗ chen und Diener in ſtummer Verwunderung an. 199 Alle beeiferten ſich, dem wieder aufgenommenen Guͤnſtlinge Gluͤck zu wuͤnſchen, und Diejenigen, welche eine halbe Stunde zuvor ihr Gehirn ge⸗ brandſchatzt hatten, um Gruͤnde aufzufinden, den Herzog zu rechtfertigen, und den in Ungnade Ge⸗ fallenen ſchuldig zu finden, beſtrebten ſich, ſolche zu erſpaͤhen, wodurch die Schuldloſigkeit des Einen ſich beweiſen, und der Wankelmuth des Andern ſich vertheidigen ließ. — Neuntes Kapitel. Indeß die Bewohner des Schloſſes zu Hesdin ſich auf das große Bankett vorbereiteten, das dieſen ge⸗ ſchaͤftvollen Tag kroͤnen ſollte, und indeß Vrank van Borſelen mit Muͤhe den Zudringlichkeiten ſeiner ſo ſchnell bekehrten Freunde entgehen konnte, um einen Beſuch bei Jakob Lalain, ſeinem verwundeten Ne⸗ benbuhler im Turnier, zu machen, und ſich nach ſei⸗ nem Befinden zu erkundigen, ſchloß ſich Herzog Phi⸗ lipp mit dem alten Wilhelm Le Begue, dem liſtig⸗ ſten, verſchlagenſten, gewandteſten Staatsmann, den es bis zu dieſer Zeit auf dem Felde der Politik ge⸗ geben hatte, in ſein Cabinet ein. Dieſer alte Mann, von den ſchweren Spuren der Zeit gezeichnet, und grau geworden in einer langen Laufbahn von Verbrechen, hatte von fruͤhe⸗ ſter Jugend an dem Herzoge von Brabant gedient, und die Wuͤrde eines Obergouverneurs bei Johann, 201 dem nur ſo genannten Gemahle Jacquelinens, zur Zeit dieſer ſchlecht berechneten Verbindung erhalten. Es war bekannt, daß Le Begue der Hauptanſtifter des ganzen abſtoßenden Benehmens dieſes ſchwachen Knaben gegen ſeine hochgeſinnte Gemahlin war; auch war es kaum noch ein Geheimniß, daß der Miniſter in ſeiner feindlichen Geſinnung gegen ſie durch Philipp's Belohnungen aufgemuntert wurde, deſſen Zweck es war, ſie zu der Flucht zu noͤthigen, die ſie von ihrem Tyrannen befreit hatte, der nun ganz das Inſtrument des guten Herzogs bei ſeinen Plaͤnen auf das neue Herzogthum wurde. Als Philipp, wie im Vorhergehenden erzaͤhlt worden, zum Gouverneur von Holland und Zeeland von ſeinem Vetter Johann ernannt wurde, befand ſich dieſer alte Staatsmann bei ihm als Oberhaupt ſeines geheimen Rathes, und Philipp beachtete zu allen Zeiten ſeine Unheil bringenden, ihm aber ſehr zuſagenden Winke weit mehr, als die aller ſeiner uͤbrigen Miniſter zuſammen. Die Verhandlung, welche nun zwiſchen dieſem wohl zuſammen paſſen⸗ den Paare hinſichtlich Philipp's Bewaffnung gegen Jacquelinen und ihre Beſitzungen Statt fand, mit all' den Verzweigungen von Ungerechtigkeit und 9** 202 Betrug, wuͤrde ein anziehendes Gemaͤlde von fuͤrſt⸗ licher Treuloſigkeit und ſtaatsmaͤnniſcher Dienſtbe⸗ fliſſenheit gewaͤhren. Allein wir koͤnnen den Fort⸗ ſchritt unſerer Erzaͤhlung dadurch nicht unterbrechen. Auch paßt es nicht zu unſerm Plane, die gehei⸗ men Mittheilungen unſern Leſern vorzutragen, welche Philipp ſeiner Creatur machte. Er entfaltete vor ihm ein ganz beſonderes Beiſpiel von Treuloſigkeit, aber ganz zu ſeinem Vortheile ſprechend, was den alten Miniſter keinesweges uͤberraſchte, aber ihm ganz ausnehmend wohlgefiel, denn ſeine Meinung von der Menſchheit bereitete ihn ſchon auf alle moͤg⸗ liche Schlechtigkeiten vor, und er freute ſich uͤber jeden neuen Beweis, daß ſeine eigene durch das allgemeine Beiſpiel entſchuldigt wuͤrde. In Beziehung auf das fragliche Beiſpiel ſtrengte er alle ſeine Kraͤfte, und zwar nicht ohne Gluͤck an, auf Philipp's Mißtrauen, den hervorſtechendſten Zug des Despotismus, zu wirken, und ſchnell be⸗ redete er ihn, daß ihn Nichts als Verrath umgebe, da, wo er jetzt war, und ihn auf der Bahn er⸗ warte, die er zu verfolgen im Begriffe ſey. Die große Baſis von Wilhelm Le Begue's ganzer Poli⸗ tik war Verachtung der Menſchheit und ungemil⸗ derte Selbſtſucht. Durch den Mangel an Glauben 203 an die Redlichkeit Anderer ſuchte er ſſeine eigene Unredlichkeit zu rechtfertigen, und nie aͤußerte er Mitleid oder Liebe gegen ſeine Mitmenſchen, weil er uͤberzeugt war, daß er keins von beiden fuͤr ſich ſelbſt verdiene. Das Ziel ſeiner jetzigen Beſtrebun⸗ gen bei Philipp war daher, das Vertrauen deſſel⸗ ben zu allen ſeinen Verbuͤndeten zu erſchuͤttern, und ihn zu uͤberzeugen, daß ein ſehr verwickeltes Com⸗ plot und Gegencomplot exiſtire, worin er hineingezo⸗ gen, und am Ende vernichtet werden ſollte. Seine Bemuͤhungen hatten bereits einen guten Erfolg ge⸗ habt, und Vrank van Borſelen war demzufolge, trotz ſeiner ſcheinbaren Aufrichtigkeit, nebſt den An⸗ deren nicht ohne Schuld, und Philipp trat dieſem falſcheſten aller Schluͤſſe um ſo bereitwilliger bei, je mehr ſein Widerwille gegen Vrank wuchs, und ſein Entſchluß ſich befeſtigte, eine Rechtfertigung fuͤr das Gefuͤhl zu ſuchen, das keine andre Quelle hatte, als ſeine vorſchnelle Ungerechtigkeit und die damit verbundene Selbſterniedrigung. Floris van Borſelen und alle ihm ergebene Kabblejaws wurden durch das weitgreifende Urtheil Wilhelm Le Begue's ebenfalls fuͤr angeſteckt und verraͤtheriſch erklaͤrt. Allein fuͤr dieſe letzte Verur⸗ theilung laͤßt ſich ein Grund leicht auffinden in dem — 204 Entſchluſſe deſſelben, das ganze Gouvernement von Jacquelinens in die Acht verfallenen Provinzen fuͤr ſich zu erhalten, als dem Miniſter Philipp's, der an Johann's von Brabant Stelle handelte; ſo wie in dem darauf ſich gruͤndenden Vorſatze, jedes Hinder⸗ niß bei ſchicklicher Gelegenheit aus dem Wege zu raͤumen, beſonders aber Floris van Borſelen, deſſen politiſche Stellung, ſo wie ſeine Rang⸗ und Ge⸗ burtsverhaͤltniſſe ihn fuͤr die erſten Ehrenſtellen be⸗ zeichneten in dem Lande, auf deſſen Eroberung Phi⸗ lipp jetzt ſchon im Voraus rechnete. Deer Erfolg dieſer Unterredung war ein Be⸗ ſchluß, daß der Herzog ſeinen Verdacht verhehlen ſollte, ſo daß die Verſchworenen um ſo ſicherer ge⸗ macht wuͤrden; ferner daß Baltaſini und Spalatro, die, wie auf den Liſten der Roͤmiſchen Tyrannen, ‚angeſtrichen’“ waren, am ſtrengſten zu bewachen ſeyen, weil man von ihnen annahm, ſie wuͤrden von der verwittweten Herzogin von Orleans gebraucht, wel⸗ che eine Mallaͤndiſche Prinzeſſin war, und waͤren bloß hier erſchienen, um einige Anſchlaͤge gegen Phi⸗ lipp's Leben auszufuͤhren. Alle in Hesdin gegen⸗ waͤrtige Englaͤnder, von Bedford bis zu Thomas Que hinab, muͤßten gleichfalls ſtreng gehuͤtet werden, 205 als ſolche, die in den Intereſſen und der Rache Gloce⸗ ſter's verwickelt ſehen. Die Edlen im Allgemeinen, mochten ſie ſeyn aus welcher Provinz ſie wollten, entgingen dem Verdachte gleichfalls nicht; beſonders aber Vrank van Borſelen, als der unbezweifelte Agent entweder von Jacquelinens feindlichen Pla⸗ nen oder den ehrgeizigen Abſichten ſeines Vaters, oder auch von Beiden zugleich. Nachdem man nun uͤber alle dieſe Punkte in Richtigkeit gekommen war, ſchickte ſich der alte Wilhelm Le Begue an, in ſeiner gewoͤhnlichen Maske eines liſtigen Laͤchelns ſeinen Platz bei dem Ban⸗ kette einzunehmen, indeß Philipp, der Maͤchtige, der Tapfere, der Ehrſuͤchtige, ſich dem entehrenden Joche eiferſuͤchtiger Furcht unterwarf, und den Ehrenplatz in der feſtlichen Halle einnahm;— der Einzige, der unter ſeinem goldgeſtickten Kleide ein Panzerhemd trug, und der es nicht wagte, von den Leckereien der Tafel zu genießen, ohne daß ſie erſt von dem Diener gekoſtet worden, deſſen Pflicht es war, die Treue des Hausgeſindes einer ſo gehaͤſſigen Prü⸗ fung zu unterwerfen. Jetzt gaͤbe es Gelegenheit zu glaͤnzenden Be⸗ ſchreibungen und Schilderungen, waͤre nicht unſer 206 Zweck mehr, das menſchliche Herz zu entfalten, und die Schickſale einzelner Perſonen unſeren Leſern vor⸗ zufuͤhren. Unter allen den phantaſtiſchen Vorſtellungen aber, welche, der Sitte der Zeit gemaͤß, zur Verſchoͤnerung dieſes Feſtmahles Statt fanden, war die bedeutendſte, Jaſon's Unternehmen zu Eroberung des goldenen Vließes, nebſt den wilden Ochſen, Schlangen, Ti⸗ gern, Drachen und Rieſen, die dieſer Fuͤrſt der Schafſcheerer erlegte, ſo wie vor Allem das Saͤen der Drachenzaͤhne und das Aufwachſen bewaffneter Maͤnner, wobei denn auch allerlei poetiſche Unter⸗ haltungen eingeſtreut waren, mit denen mir jedoch die Nachwelt aus Gnade verſchonen wollen. Mitten in einer Scene, wie dieſe, welche aber auf die jetzt eben geſpielte folgte, war es, daß Her⸗ zog Philipp und zwanzig der gefuͤrchtetſten Ritter des beruͤhmten Ordens, den man mit jener Vor⸗ ſtellung zu ehren meinte, den unſinnigen Plan eines neuen Kreuzzuges faßten, und ihre nie zu erfuͤllende Abſicht durch das feierliche Ausſprechen jener gott⸗ los laͤcherlichen Geluͤbde weihten, welche dem be⸗ ruͤhmteſten Feſtmahle jener Zeit den Namen gaben, und wobei Philipp ſich verpflichtete, bei Gott, dem Schoͤpfer, der glorwuͤrdigen Jungfrau Maria, den 207 Damen und dem Faſan), daß er wolle das Kreuz nehmen, und ſeine Perſon Preis geben zur Verthei⸗ digung des chriſtlichen Glaubens gegen die verdam⸗ menswerthe Herrſchaft des Großtuͤrken und der Unglaͤubigen. Allein bei der Gelegenheit, mit der wir es jetzt zu thun haben, hatte der gute Herzog noch nicht den Gipfel fanatiſcher Tollheit erreicht, ſondern ſein Gemuͤth beſchaͤftigte bloß ein Kreuzzug des Raubes und der Pluͤnderung gegen alle Grund⸗ ſaͤtze maͤnnlichen Edelmuthes und moraliſchen Rechtes. Und gerade als Philipp ſo in ſeinem Glanze daſaß, ſtolze Blicke werfend auf die verſammelte Ritterſchaft, und bedeutſames Laͤcheln nebſt galan⸗ ten Reden an die Graͤfin von Salisbury ihm zur Seite ſpendend, erfaßte ihn eine neue Qual des Mißtrauens bei der Entdeckung eines andern war⸗ nenden Billets, welches ſinnreich in einer Schale mit Fruͤchten verſteckt war, die ſeinen enthaltſamen Appetit reizen ſollten.— „Beim Himmel! das iſt zu ſchaͤndlich!“ rief der gefolterte Deſpot, als er die ſchlecht geſchriebene Verſicherung geleſen hatte, daß ein vergifteter Dolch fuͤr ſeine Bruſt beſtimmt ſey.—„Wie? dient denn meine Macht zu Nichts als mich in nie endende *) S. Barente's Geſchichte von Burgund. 208 Qual zu ſtuͤrzen? Iſt mir auch nicht eine Stunde Erholung vergoͤnnt? Muͤſſen ſich denn Zeichen und Prophezeiungen uͤber meinem Haupte haͤufen, indeß Klinge und Speer immer nach meinem Herzen zie⸗ len? Wer wagt es, mein Vergnügen zu ſtoͤren, und dieſe Feſtlichkeit zu verbittern durch einen ſo ſchaͤndlichen Einfall? Man breche das Feſt ab! Laßt den Laͤrm dieſer ſchreienden Minſtrels ſchwei⸗ gen! Schließt die Thuͤren! Unterſucht Alles ge⸗ nau! Kein Menſch darf ſich von der Prüfung aus⸗ ſchließen! Alle Luſt mag aufhoͤren— ich habe ge⸗ nug!“ Mit dieſen Worten warf er ſich hoͤchſt ver⸗ drießlich in ſeinem Stuhle zuruͤck. So aͤußerte ſich gewoͤhnlich im erſten Anfalle Philipp's deſpotiſches Weſen, wenn er dem ploͤtzii⸗ chen Eindrucke nachgab. Allein dies war mehr der Fehler ſeiner Stellung als des Charakters, denn er war von Natur nicht leidenſchaftlich, und waͤre er als Privatmann geboren worden, und nicht als un⸗ beſchraͤnkter Fuͤrſt, ſo waͤre ſein im Ganzen ſanftes und mildes Weſen wohl nicht durch ſolche dieſem fremde Ausbruͤche entſtellt worden. Allein man hat geſehen, daß er ſich leicht von ſeiner zornigen Stim⸗ mung erholte, und daß Nuͤckſichten auf gute Sit⸗ ten, die ſo oft fuͤr gute Geſinnungen gelten, ihn — 209 ſchnell zu dem Gefuͤhl deſſen zuruͤckbrachten, was man Anderen ſchuldig, und an ſich ſelbſt ſchicklich iſt. Voll Erſtaunen und Beſtuͤrzung ſtand jetzt die ganze Ge⸗ fellſchaft auf, aber nun wurden die ungeheuren Thuͤ⸗ ren der Halle geſchloſſen, und dienſtbare Knechte des Deſpotismus ſchickten ſich an, ſeinem Befehle Gehorſam zu leiſten. Philipp ſtampfte mit dem Fuße, und erhob die Hand, und der beginnende Tumult legte ſich ſogleich, als ob ein Zauberer mit ſeinem Stabe einen Sturm der Elemente beſchwich⸗ tiget haͤtte. Dann wandte er ſich zur Graͤfin von Salisbury, zeigte ihr das Blatt, das er voll Zorn zuſammengedruͤckt hatte, läͤchelte ſo freundlich er konnte, und ſagte laut genug, daß es alle in ſei⸗ ner Naͤhe Sitzende hoͤren konnten: „Kann die liebenswuͤrdigſte der Frauen dem Schwaͤchſten der Sterblichen vergeben, wenn der Anblick dieſes Unheil bedeutenden Papieres ihn in einem Sinne außer ſich ſelbſt ſetzte, indeß ihre Reize daſſelbe in einem anderen Sinne thaten? Meine erſte Suͤhne bin ich hier ſchuldig.— Freunde, nehmt Alle ſie an! und laßt meine Be⸗ ſtrafung in Eurem freundlichen Vergeſſen meiner Selbſtvergeſſenheit beſtehen! Nehmt Eure Sitze wieder ein, damit die Feſtlichkeit ihren Fortgang habe. Moͤge der freche Verraͤther, der dieſe Drohung von ſich zu geben gewagt hat, ſich nicht einmal der Wirkung erfreuen, daß eine augenblickliche Stoͤrung dadurch erzeugt worden!“ Ein anmuthiges Laͤcheln der Engliſchen Graͤ⸗ fin beantwortete dieſe Bitte, und die gute Herzogin von Burgund bemuͤhte ſich liebevoll, ihren untreuen Gemahl zu beſaͤnftigen. Die Prinzeſſinnen, ſeine Schweſtern, ließen Alle den Herzog troͤſtende Worte vernehmen, und ſchon legte ſich der Sturm der Aufregung unter dem Einfluſſe jener wiederholten Aeußerungen, welche nach und nach von einem Ti⸗ ſche zum andern gingen, als St. Pol, welcher nahe bei Le Begue ſaß, und waͤhrend des Aufruhrs leiſe mit ihm und de Richemont geſprochen hatte, ſich erhob, und rief: — CEdler Burgund, mein guter und treuer Vetter! ich kann nicht ſchweigend daſitzen, waͤhrend ich ſehe, daß Ihr durch die Folgen Eures allzued⸗ len Vertrauens ſo gequaͤlt werdet! Ihr habt in dieſen Tagen Jedermann offene Gaſtfreundſchaft angeboten, und es iſt Allen außer Euch ſelbſt klar, daß Eure Guͤte gemißbraucht worden iſt, und daß Fremde und Wallfahrer Eure Hallen fuͤllen, unbe⸗ kannt und durch Nichts empfohlen, was Burgund's . 211 Gaͤſten anſtaͤndig waͤre. Es ſind Zeiten voller Ge⸗ fahr, und ich ſehe nicht ein, warum irgend Jemand an Eurem Tiſche ſich in negativer Verkleidung darf ſehen laſſen, wie alle Diejenigen, die ſich nicht be⸗ ſtimmt fuͤr Eure Sache erklaͤrt haben. Ich und einige meiner Freunde, wie Richemont, Saintrail⸗ les, Isle d'Adam, Andreas d'Humieres, Johann Vilain, Francon von Borſelen und andere brave Gefaͤhrten in der edlen Geſellſchaft tragen frei das Abzeichen der guten Sache, der jeder gute Arm, welcher es traͤgt, ſich verpflichtet hat. Mich duͤnkt, daß Die, welche das nicht thun, bei dieſer feierli⸗ chen Gelegenheit erklaͤren ſollten, warum ſie es nicht thun, und ich ſchlage vor, daß Alle, welche die abweichende Meinung nicht zu rechtfertigen ver⸗ moͤgen,— und dieſe iſt denn doch nur Verrath an Wahrheit und Recht— den vollen Becher erheben, und den Toaſt mittrinken, den ich alſo ausſpreche: „Philipp der Gute und ſeine gute Sache gegen die Machtraͤuberin Jacqueline und Diejenigen, die ſie unterſtuͤtzen oder ihr wohlwollen!“— „Brav! St. Poll ich leere meinen Becher mit dieſem Toaſt!“ ſagte Richemont, aufſtehend und eine halbe Flaſche Champagner in ſeinen Humpen gießend. 212 — Gluͤck auf, Burgund! fuͤr Dich und Dein Unternehmen! Ich habe zwar das Schild an mei⸗ nem Arme noch nicht befeſtigt; allein Haß gegen alle Deine Feinde, einheimiſche und fremde, em⸗ poͤrte Hollaͤnder und treuloſe Englaͤnder iſt mir tief in's Herz gegraben.— 1 Indeß er nun den ſchaͤumenden Trank hinab⸗ ſchlang, wollte der Herzog von Bretagne eine kurze und kraftvolle Zuſtimmung zu dieſen Aeußerungen verſuchen; allein Bedford erhob ſich mit dem Aus⸗ druck beſonderer Wuͤrde, und noͤthigte ihn, ſein Beipflichten lieber durch Schweigen anzudeuten, als welches beſſer fuͤr ſeinen Mangel an allen Redner⸗ gaben paſſe. „Aber, Bruder Burgund,“ ſagte Bedford,„muͤſ⸗ ſen denn bei einer Scene, wie dieſe, ſolche zuͤgelloſe Ausfaͤlle gethan und erwiedert werden? In der That ſcheint es, als ob ich und die edlen Lords in mei⸗ nem Gefolge nebſt dieſen andern Rittern und Knap⸗ pen, welche von unſrer Inſel auf den Ruf ritterli⸗ cher Einladung hierher kamen, eine Zielſcheibe der Beleidigung waͤren, und daß Richemont das er⸗ waͤhlte Mundſtuͤck derſelben ſey. Ich, fuͤr meine Perſon, mache mir, bei'm Himmel! Nichts daraus; es iſt an mir voruͤbergegangen, wie ein Nachtgewoͤlk 213 auf des Wanderers Pfade; aber als der Repraͤſen⸗ tant meines Vaterlandes kann ich es nicht dulden, und werde es auch nicht dulden! Wie? ſeit wann ſteht denn Alt⸗Englaud ſo niedrig an Rang und Ehre, daß es jeder Lump zu Boden rennen kann, wenn er ſich ein Schild an den Arm befeſtigt? Philipp, mein wuͤrdiger Bruder, Verbuͤndeter mei⸗ nes Vaterlandes, Vaſall meines jugendlichen Ge⸗ bieters, ich fordere Euch auf, feſt und laut auf einmal dieſen Geiſt aufruͤhriſcher Beſchimpfung zu daͤmpfen, oder ich verlaſſe dieſes Schloß auf der Stelle in perſoͤnlichem Zorn und nationaler Feind⸗ ſchaft. Das iſt meine Meinung!“ Dieſe muthvollen Worte, denen des Regenten ſtolzes und feierliches Weſen einen zehnfachen Nach⸗ druck gab, ergriffen Diejenigen, gegen die ſie gerich⸗ tet waren, mit großer Gewalt. Bedford ſprach von Zorn, aber nicht wie ein Erzuͤrnter; er drohte, aber nicht wie ein Eiſenfreſſer; er ſchwur, aber nicht wie ein Gotteslaͤſterer; er ließ Worte von ungewoͤhnlicher Kraft vernehmen, allein ſie ſchienen keinem beſonderen Zwecke zu entſprechen. Es war, als habe England's Macht ihrem Weſen nach ſeine Seele durchdrungen, und den Worten eine gehei⸗ ligte Kraft verliehen, die, wie man ſich wohl ein⸗ 214 bilden konnte, der verkoͤrperte Geiſt ſeines Landes ausſprach, keinesweges aber der bloß ſterbliche Kaͤm⸗ pfer fuͤr ſeine Rechte. Die Verbuͤndeten, die bisher eine ſo kuͤhne Sprache gefuͤhrt hatten, verſtummten ploͤtzlich. Der Herzog von Bretagne ſpielte abwechſelnd mit ſei⸗ nem Barte, oder mit den Fingern, und ſelbſt der alte Le Begue warf ungewiſſe verſchmitzte Blicke auf Philipp und die Anderen, als ſey er zweifelhaft, welche Partei er nehmen, oder zu welchen Geſin⸗ nungen er ſich bekennen ſolle. Die verſchiedenen Wirkungen auf den Reſt der Geſellſchaft laſſen ſich leicht denken, und Philipp ſchien alle Meinungen waͤhrend einer Pauſe von wenigen Minuten bei ſich zu waͤgen. Endlich hob er das in Sinnen geſenkte Haupt, und rief in deklamatoriſchem Tone: „Meine fuͤrſtlichen Gaͤſte, Bruͤder und Freunde, wenige Worte werden dieſen ſtreitigen Punkt in Ordnung bringen. Ich befinde mich, der Himmel weiß es, in keiner beneidenswerthen Lage, und will Alle gern zu Frieden ſtellen. Laßt mich alſo auch Eu⸗ rer freundlichen Behandlung mich erfreuen. Ich will Schiedsrichter ſeyn in dieſem Wortkriege, den ich ſo⸗ gern in ſchweigenden Frieden verwandelt ſaͤhe. Ri⸗ chemont, ich bitte Dich, hoͤre auf zu ſpotten. Wir ——— 215 ſind es unſerm guten Bruder, dem edlen Regenten hier, und ſeinem fuͤrſtlichen Gefolge ſchuldig, und bitte ihn dagegen, meine Freunde ein Zeichen tra⸗ gen zu laſſen wie es ihnen paſſend ſcheint, und durch deſſen Herabſetzung meine Rechte nicht zu entwuͤr⸗ digen.“ — Das war auch meine Meinung nicht— ſagte Bedford. „Nun, ſo hoͤre mich an,“ verſetzte Burgund: —„ich nehme das Recht des Wirthes und Schieds⸗ richters in Anſpruch— ich verlange keine Erklaͤ⸗ rung noch Entſchuldigung.“ — Entſchuldigung, ich glaube Dir's, Bruder, auch gebe ich wirklich keine. Ich habe nichts zu Deiner Entwuͤrdigung oder Herabſetzung geſagt, Burgund, ſondern bloß die Artigkeit in Anſpruch genommen, die England gewohnt iſt, und die es erfahren muß wenn ich zugegen bin, wo daſſelbe oder ſeine Soͤhne genannt werden. Wir verhandeln ja nicht bei ver⸗ ſchloſſenen Thuͤren im geheimen Rathe, und Riche⸗ mont muß auf dieſen Unterſchied aufmerkſam gemacht werden, wenn er ihn nicht kennt. In Philipp's Ka⸗ binette, iſt Bedford ein Privatmann; in dieſer of⸗ fenen Halle iſt er England's Kaͤmpfer, der Sproͤß⸗ ling ſeiner Koͤnige, und ich muß ſeine Ehre bewah⸗ ren gegen Verunglimpfung.— 216 „Wohl, wohl, es ſey wie Du willſt, guter Bedford!“ ſagte Philipp beguͤtigend, denn er ſah, daß der Regent ungewoͤhnlich aufgeregt war, und er fuͤrchtete, daß Richemont oder St. Pol einen voreiligen Bruch herbeifuͤhren moͤchten, der alle ſeine Plane dadurch vereiteln koͤnnte, daß er Bedford noͤ⸗ thigte, ſeines Bruders Humphrey Streit aufzuneh⸗ men und England's Macht in die Schaale zu legen gegen die ſeine in der Fehde mit Jacquelinen. Dies war jedoch eine unnoͤthige Befuͤrchtung, denn Bed⸗ ford war ein zu tiefer Politiker und dem Intereſſe ſeines Landes zu ſehr ergeben als daß er dies haͤtte auf's Spiel ſetzen ſollen. Klugheit und Stolz ließen ihn bloß dieſen hohen Ton anſtimmen.„Ganz wie Du willſt, lieber Bruder— England und deſ⸗ ſen Ritterſchaft ſollen ihre deahxten Namen ganz unbefleckt erhalten.“ — Gegen Sarcasmen oder Argwohn— ſonſt moͤchte wohl nichts ſie anzugreifen wagen,— ſagte Bedford in demſelben unbefangenen Tone. „Große Worte! Bedford“ murmelte, de Ri⸗ chemont mit bittrem Laͤcheln. — Sie ſind das Echo großer Thaten, Riche⸗ mont— verſetzte ruhig, aber mit Stolz auf den Ruhm ihres Gemahls, die Herzogin Anna, und bei dieſem Abend⸗ 217 Abendeſſen waͤre es vielleicht zugegangen, wie fruͤ⸗ her bei dem Fruͤhſtuͤck, haͤtten nicht Wilhelm Le Be⸗ gue und St. Pol, Philipp's ausdrucksvolle Blicke ver⸗ ſtanden, und de Richemont veranlaßt, ſeinen Zorn zu unterdruͤcken. Um ihn ſchweigend zu erhalten, ſtand St. Pol abermals auf, und ſagte mit erkuͤn⸗ ſtelter Gutmuͤthigkeit, doch immer in unlauterer Ab⸗ ſicht: — Wahrhaftig, Ihr Herren, dieſe Stimmung gereicht meinem ausgebrachten Toaſt nicht eben zur Ehre. Kein Glas, außer Richemont's iſt geleert. Burgund, fordert ein volles Glas— ich nehme das Tiſchrecht in Anſpruch— und ich bin gewiß, keiner von meinen oder euren Freunden wird ſich an die einfache Form ſtoßen, in der mein Toaſt ausge⸗ bracht war.— „St. Pol,“— ſagte Bedford,—„ich muß mich verwahren gegen Hinterliſt eben ſo wie ge⸗ gen offene Spottreden. Ich wuͤnſche dem Bur⸗ gund alles Gute, allein ich kann nicht trinken auf eine Verlegenheit fuͤr mich ſelbſt, nicht in dem Ma⸗ ße, womit Ihr ſie zu erfuͤllen meintet. Deine Ge⸗ ſundheit, Philipp, und Gluͤck in jeder guten Sache, denn hier ſehe ich ſie fuͤr meine eigene an.“ Die Verbuͤndeten ſahen, daß Bedford zu ſchlau II. 10 218 war, um ſich in der Schlinge zu fangen. Sie be⸗ ſchloſſen daher, ihn in dem Kampfe gegen Gloceſter und Jacqueline aus dem Spiele zu laſſen, und St. Pol, klug genug, ſich von einem Punkte abzuwenden, wo er eine ſo feſte Zuruͤckweiſung gefunden hatte, rief mit erkuͤnſtelter Verwunderung: „Was koͤnnte man mehr von Dir verlangen, guter Bedford? Der Himmel behuͤte, daß ich Dich in einen Kampf verwickeln ſollte mit Deinem eige⸗ nen Fleiſch und Blute, wenn es auch den Schrein eines Herzens bilden ſollte, wie Gloceſter's. Auf! die Becher fuͤr meinen Toaſt gefuͤllt! Moͤgen die Eng⸗ liſchen Freunde neutral bleiben wenn ſie wollen, aber es giebt doch, ſo Gott will, keine andere hier, die nicht gern trinken ſollten auf das Gluͤck des guten Herzogs Philipp, und Tod dem Uſur⸗ pator ſeiner Nechte.“ Hundert Becher wurden jetzt erhoben und ſchnell geleert, indeß viele Stimmen den Trinkſpruch im Echo wiederholten. Die Ritter mit den ſilbernen Schilden bewieſen einen ganz beſonderen Eifer, und nicht der Letzte war Vrank Borſelen, den ein See⸗ lenfieber ſchon ſeit der Scene von dieſem Morgen gluͤhend von den mannigfachſten Bewegungen erhielt. Allein mitten unter dieſen belebten Gruppen war 219 eine befremdliche Erſcheinung bemerklich, und die Aufmerkſamkeit lenkte ſich ſchnell auf dieſes Indivi⸗ duum, deſſen Adelszeichen lehrte, daß er zu einem Platz an den Tiſch berechtigt ſey, indeß ſein buſchi⸗ ger Bart und gleiche Augenbraunen, nebſt der Kappe, die er nach der Sitte der Zeit in einer etwas un⸗ eleganten Form auf dem Kopfe trug, ihn gaͤnzlich vor der Erkennung ſchuͤtzten. Waͤhrend Alle um ihn her aufſtanden, und mit Geraͤuſch den Trinkſpruch ehrten, blieb er trotzig ſitzen, und fuͤllte nicht ein⸗ mal den Becher aus der friſchen Flaſche, die ein Diener neben ihn hingeſtellt hatte. Ein lautes Ge⸗ murmel erhob ſich, und St. Pol, deſſen Augen Al⸗ les umher bewachten, bemerkte bald eine ſo auffal⸗ lende Ausnahme von der allgemeinen Negel. „Ich will nicht ehrlich ſeyn, Ihr Fuͤrſten und Edlen,“ rief er,„wenn wir nicht Jemand unter uns haben, der, wie ich vermuthe, eben kein Eng⸗ laͤnder iſt, den des Regenten Gewiſſensſerupel von unſerer gemeinſamen Sache abgewendet haben. Ed⸗ ler Sir, darf ich Euch ritterlich hoͤflich fragen, ob Ihr ein geborner Bretagner ſeyd.“ — Oder ein franzoͤſiſcher Sklave im Joche eines Engliſchen Herrn— ſetzte de Richemont mit veraͤchtlichem Nachdruck hinzu. 6 10* 220 „Weder ein Bretagner noch ein Brabanter, St. Pol,— auch auf keines Guͤnſtlings Botſchaft, oder Kraft meines gebrochenen Wortes, de Riche⸗ mont,“— rief der befragte Ritter mit einem Tone und Ausdruck, der einen ganzen Band hollaͤndiſcher Rauheit und Keckheit in ſich ſchloß. — Ich kenne dieſe Stimme, beim Himmel,— rief St. Pol. „Ihr moͤgt ſie wohl nimmer vergeſſen, lieber Graf, ſeit dem Tage, wo ſie Euch ſo laut aber ver⸗ geblich rief vor Soignies in Hennegau, um Euch zur Umkehr und vor das Angeſicht eines Mannes zu bringen, der weniger gewohnt iſt, auf ſeines Fein⸗ des Aufforderung zu warten.“ — Wer iſt denn das? Kann mir's Niemand ſagen?— rief der Herzog von Burgund mit gebie⸗ triſchem Ton. „Ich kann die Frage am beſten beantworten, edler Herzog und mein hochgeehrter Wirth; ich werde in meinem Vaterlande Ludwig von Urk genannt, und bin hier nicht ganz unbekannt als Louis de Monfoort, ſagte der kuͤhne Hollaͤnder, in aufrechter Stellung ſeine Kappe abziehend, und ſein behaartes Geſicht enthuͤllend, ſo daß er ausſah, wie ein Baͤr, der von einer Jagdgeſellſchaft uͤberfallen worden iſt. 221 Der Eindruck, den dieſes Geſtaͤndniß hervor⸗ brachte, war ungeheuer, und alle Ordnung des An⸗ ſtandes und der Etiquette wurde verletzt bei den Anſtrengungen der Geſellſchaft, den gefuͤrchteten Fuͤh⸗ rer der rebelliſchen Hocks, den bedeutendſten Kaͤm⸗ pfer von Herzog Philipp's beſtimmtem Schlachtopfer, und ſeinen Todfeind zu ſehen. Allein ſo ſehr war das Gefuͤhl ritterlicher Ehre hier Sitte geworden, daß auch nicht Einer von den Anweſenden daran dachte, ſich Gewaltthat oder Beſchimpfung gegen den einzelnen Krieger in dem Mittelpunkt des Auf⸗ enthaltes ſeines Feindes zu erlauben. Nachdem ſich die Aufregung des erſten Erſtaunens gelegt hatte, redete Philipp den ungebetenen Gaſt mit aller rit⸗ terlichen Artigkeit an. „Tapfere Maͤnner ſind ſtets in meinen Hallen willkommen,“ ſagte er,„und Ihr, Sir Louis de Mon⸗ foort, tragt den Anſpruch auf eine edle Behandlung in Eurem Rufe; keine Verpflichtung, kein Verſpre⸗ chen, das Eurer Geſinnung widerſpricht, wird von Euch gefordert werden. Ihr ſeyd dreimal willkom⸗ men an meinem Tiſche, moͤgen die Beweggruͤnde Eures Erſcheinens ſeyn welche ſie wollen, und wenn Ihr dieſe Maßregel, die ich wegen des dadurch in mich geſetzten Vertrauens nur um ſo mehr ſchaͤtze, 222 genommen habt, um etwas fuͤr Euch ſelbſt zu er⸗ reichen, ſo iſt es Euch bereits gewiß, in ſo weit ich Macht habe es zu gewaͤhren. Ich weiß, Ihr ſeyd verbannt durch den Ausſpruch meines verſtorbenen Oheims, des Biſchofs Johann von Luͤttich. Kommt Ihr, die Aufhebung dieſer Sentenz zu begehren, ſo iſt Euch dieſe Bitte gewaͤhrt,— ich ſchwoͤre es bei meinem Ritterworte!“ — In ſolcher Abſicht komme ich keinesweges, Herzog Philipp; ich habe dies immer verſchmaͤht, und nur mit dem Schwerte in der Hand um eine Gunſt geworben. Ich kam hierher, um Euch zu dienen, nicht etwas zu ſuchen. Ich nahm Platz an Eurer Tafel kraft Eurer weit verbreiteten Auf⸗ forderung, und vielleicht auch mit einem neugierigen Auge all dieſen Glanz mit anzuſehen. Allein nach Vollbringung meines Werkes, wie es einem guten Ritter und ehrlichen Manne ziemt, hoffte ich gehen zu koͤnnen, wie ich kam, unerkannt und unbefragt. Meine fernere Anweſenheit jetzt, da ich erkannt bin, kann dieſe Luſtbarkeiten nur ſtoͤren, deshalb nehme ich nun Abſchied; zufrieden, wenn der kurze Ein⸗ tritt eines Mannes, der, wenn auch nicht Euer Freund, Herzog Philipp, doch auch kein Spion iſt, Euch Behutſamkeit gegen Andere zu lehren vermag, 223 die durch kein Band des Ritterthums gebunden ſind, Euer fuͤrſtliches Vertrauen zu ehren. Kann ich ſcheiden frei in Frieden und Ehre? kann ich's?— „Ja, auf mein Wort, Herr Ritter, und hoch⸗ geehrt wegen dieſes großartigen Benehmens, das Euren Ruf nicht Luͤgen ſtraft. Lebt wohl, Herr Ludwig, und um ſo mehr in Freundſchaft, als un⸗ ſer naͤchſtes Zuſammentreffen dem jetzigen nicht ganz gleich ſeyn moͤchte.“ — Wie Ihr wollt, edler Herzog; wenn Ihr mich einmal in Urk freundſchaftlich beſucht, ſo war⸗ tet Eurer dort ein warmes herzliches Willkommen; ſetzt Ihr aber den Fuß als Feind auf meines Va⸗ terlandes Boden, ſo verſpreche ich Euch, Ihr ſollt eines Freimanns Hand an dem Halſe eines Raͤu⸗ bers fuͤhlen. Lebt wohl.— 3 Indeß der Loͤwe von Urk ſeine Maͤhne ſchuͤt⸗ telte, ſich aus der Halle entfernte, und noch einen eben nicht zaͤrtlichen Blick aus ſeinen wilden Augen ſchoß, rief St. Pol, der allein bei dieſer rauhen Rede ſeiner Geiſteskraͤfte maͤchtig zu bleiben ſchien, und zwar bloß weil ſie durch lange perſoͤnliche Feind⸗ ſchaft geſchaͤrft worden waren, mit lauter Stimme: „Das muß man nicht dulden, guter Burgund. Sind nicht meine Worte beſtaͤtigt worden? Haben 224 nicht rohe Zudringliche Deine Milde gemißbraucht? Laß es dieſe hollaͤndiſche Amphibie erfahren, und durch ihn ſeine falſche Herrin, daß Philipp's Freunde den ihnen angethanenen Schimpf zu ſtrafen wiſſen. Soll denn der Sklave einer gebrandmarkten Ehe⸗ brecherin”“.. — So alſo brauchſt Du Deine ſchaͤndliche Zunge— rief Ludwig van Monfoort, indem er ſeine Kopfbedeckung nochmals von ſich warf, und mit dem ſcharfen etwas wankenden Schritte, der ſeinen Lands⸗ leuten eigen iſt, auf St. Pol zuſchritt. Mit der ſchnellen Behendigkeit eines Brabanters ſprang da⸗ gegen der Letztere von ſeinem Sitze auf, und mit der Hand am Dolche erwartete er den Angriff. Allein Bedford, Le Begue, und ſelbſt de Richemont, (der viel Gefuͤhl fuͤr Anſtand zeigte, wenn der Streit nicht ſeine Sache betraf) warfen ſich zwiſchen die Er⸗ zuͤrnten, indeß Philipp auf alle Art die Beſtuͤrzung der Graͤfin von Salisbury, und der Damen ſeines Bettes und Blutes zu beſchwichtigen ſuchte. Einige von den Lords und Rittern der unteren Tafel, wo Monfoort geſeſſen hatte, traten hinzu, ihn ab⸗ zuhalten, allein er durchbrach jedes Hinderniß, bis ein junger Mann ihm Einhalt that, und ihn mit — 225 ůberredendem Blicke und ſanfter, aber feſter Stimme bat, nicht weiter zu gehen. „Ha Bruder aus dem Waldlande, treffen wir uns hier, und vermehreſt auch Du die Reihen der Feinde meines Vaterlandes? Thut nichts! Gieb mir Deine tapfere Hand! So! Dieſer kamerad⸗ ſchaftliche Druck hat meine Wuth beſaͤnftigt! Bei dem Blute des Auerochſen, ich freue mich, Dich wieder zu ſehen und Dich zu umarmen, ob es mir gleich leid thut, dieſes Schild an Deinem Arme zu erblicken, und dich als einen Feind zu erkennen.“ Indeß van Monfoort, dem Anſcheine nach, Alles vergeſſend, gewißlich aber gleichguͤltig gegen Alles was um ihn her vorging, Vrank van Borſelens Haͤnde herzlich ſchüͤttelte, verſuchte Wilhelm Le Be⸗ gue Herzog Philipp's Aufmerkſamkeit auf dieſe Scene zu lenken, durch eine jener liſtigen Bewegun⸗ gen der Augen und Lippen, die weder Wink noch Laͤcheln ſind, aber das Boͤsartige von Beidem in ſich vereinigen. Philipp antwortete durch ein Nicken und Stirnrunzeln, welches zeigte, daß er wußte was vorging, und daß es ihm mißfiel. Unterdeſſen fragte Monfoort ganz unbefangen, wer denn ſein neu ge⸗ fundener Freund eigentlich ſey, und mehrere Stim⸗ 10* 226 men antworteten ſtatt des Letztern mit ſeinem vollen Namen und Titel. „Wahrhaftig,“ rief Ludwig in duͤſtrem und feierlichem Tone, indem er ſeine eigene Hand ſinken ließ, doch ohne die Vrank's zu laſſen, die er im Ge⸗ gentheil faſt krampfhaft in die ſeinige ſchloß— und biſt Du wirklich auch der Sohn meines ſchlim⸗ ſten Feindes, deſſen, dem ich ewigen Haß geſchwo⸗ ren habe, deſſen, der mit ſeinem Herzblut ſeine Schuld von Unrecht und Kraͤnkung bezahlen muß! Sey es! Gott hat mich auserſehen zu einem einſa⸗ men und freundloſen Manne, und ich muß mein Geſchick erfuͤllen. Vrank van Borſelen, ich haͤtte Dich lieben koͤnnen! und ich that es auch, bei'm Himmel! Deine Tapferkeit, Deine Beſcheidenheit, Dein aͤcht heroiſches Benehmen gewannen mein rauhes Herz, und ehe ich Deinen Namen kannte, hatte ich Deinem Weſen Zuneigung gelobt. Und haͤtte ich auch meinen letzten Athemzug aushauchen ſollen zu den Fuͤßen meines Feindes, ich haͤtte Dich aufgeſucht durch die ganze Welt, Dich anerkannt als meinen Sohn, ja noch mehr als meinen er⸗ waͤhlten Freund, meinen angenommenen Erben!— Ei, was iſt denn das?“ unterbrach ſich der rauhe Krieger, 227 indem er Vranks Hand losließ, und ſeine geballte Fauſt vor's Auge hielt, wie ein Deichgraͤber die an⸗ ſchwellende Fluth zu dammen ſucht.„Das iſt in der That ein Ungluͤck, ſchlimmer als der elende Hohn je⸗ nes prahleriſchen Grafen.— Ludwig von Urk muß fliehen, um ſich vor ſich ſelbſt zu retten— ſo lebe denn wohl, junger Mann!— Und wenn wir uns im Schlachtfelde begegnen, ſo vergiß dieſe Schwaͤche, und mache Dich gefaßt auf das Hagelwetter mei⸗ nes Zorns, welches doppelt niederfaͤllt gegen einen Borſelen und gegen einen Kabblejaw!“— Mit dieſen Worten ſtuͤrzte er aus der Halle in ſeine Kappe gehuͤllt, und ehe ſich die Umſtehenden zu erholen vermochten, oder die herzloſe Spoͤtterei und der unziemliche Stolz die beſſere Empfindung erſticken konnten, die dieſe Scene geweckt hatte, ſaß Ludwig ſchon im Sattel ſeines Roſſes, welches auf ſeinen Befehl ſchon im Hofe bereit ſtand; und ſeine ſchweren Hufe ſchlugen ſchon Feuer aus den Stei⸗ nen des Pflaſters von Hesdin, ehe die Feſte und Luſt⸗ barkeiten im Schloſſe wieder ihren Anfang nahmen. Unterdeſſen befanden ſich die Schmauſenden wieder an ihren Plaͤtzen, und ehe ein neuer aufregender Vor⸗ fall den Gedanken wieder eine gewiſſe Richtung geben 228 konnte, ſtand der Herzog von Burgund von ſeinem Ehrenſitze auf, und nach einer ſehr heitern, ja witzi⸗ gen Vorrede, die er ſchon fuͤr dieſe Gelegenheit in Bereitſchaft gehalten hatte, nahm er von einem hinter ihm ſtehenden Pagen eine bunt und praͤch⸗ tig verzierte Pergamentrolle, welche es an Schmuck wohl mit der beruͤhmten illuminirten Abſchrift„der goldenen Legende“ haͤtte aufnehmen koͤnnen, und las der Verſammlung ein Reſcript vor, welches er dieſen Morgen von dem Sultan von Babylon erhalten hatte, und wovon Duplicate an faſt alle und jede Potentaten und Fuͤrſten der Chriſtenheit abgegangen waren. In dieſem Schreiben wurden dieſelben aufgefordert, ſogleich ihre Staaten bei dem Sultan in Lehen zu nehmen, und ihren Glauben abzuſchwoͤren, wo nicht, der groͤßten Beſtrafung ge⸗ waͤrtig zu ſeyn. Alles dies war auf die prun⸗ kendſte Weiſe darinnen ausgedruͤckt. Ein allgemeines Gelaͤchter belohnte dieſe Vor⸗ leſung, und Philipp hatte ſich keinesweges verrech⸗ net, wenn er jenes Schreiben als ein treffliches Heilmittel gegen die bittere Stimmung vieler ſeiner Gaͤſte anſah. Durch dergleichen Mittel war es ihm gelungen, ſeinen Zunamen zu erhalten. Nie⸗ 229 mals war er herablaſſender an ſeinem Hofe gewe⸗ ſen, als dieſen Abend, den er ſehr geſchickt aus ei⸗ nem an mancherlei unangenehmen Streitigkeiten und Eroͤrterungen reichen, in einen der heiterſten und froͤhlichſten umzuwandeln gewußt hatte. Zehntes Kapitel. Der folgende Tag war der ſechſte der von Phi⸗ lipp zu Ehren ſeiner Gaͤſte veranſtalteten Feſtlich⸗ keiten, und da er, nach oͤffentlicher Ankuͤndigung, auch der letzte ſeyn ſollte, ſo beſchloß man, ihn durch irgend eine ganz ungewoͤhnliche Luſtbarkeit zu ver⸗ herrlichen. Die kriegeriſchen Bewegungen, welche mit dem morgenden Tage beginnen ſollten, ließen wenig Hoffnung einer baldigen Erneuerung ſolcher Scenen uͤbrig, woran Viele von den Anweſenden nie Antheil nehmen zu koͤnnen erwarten durften, und ob auch wenig Menſchen es lieben, ungluͤckliche Ahnungen zu naͤhren, ſo greifen doch Alle gern nach gegenwaͤrtigen Vergnuͤgungen, wie wenn Jedem eine Warnungsſtimme ſagte, er werde wol das erſte Opfer des Schickſals ſeyn. Das fruͤheſte Geſchaͤft des Morgens, nach Phi⸗ lipp's gewoͤhnlichen Uebungen und dem Fruͤhſtuͤck, 231 war eine Jagdpartie in den Haidegegenden oder den Waldungen um das Schloß her, jedoch von ſehr gemiſchter Natur; denn die Falkenjagd und das Schießen auf Kaninchen mit der Armbruſt wechſelte mit der Trappenjagd durch Hunde, die dazu ganz beſonders abgerichtet wurden: ein Ver⸗ gnuͤgen, das ſeitdem laͤngſt in Abnahme gekom⸗ men iſt. Nichts konnte glaͤnzender ſehn denn der Auf⸗ bruch des Jagdzuges, als die Thore des Schloß⸗ parks ſich aufthaten, und die ganze berittene Ge⸗ ſellſchaft ſich den Augen der ſtaunenden Einwohner von Hesdin darſtellte. Der lange Zug der Jaͤger, Falkoniere und Hunde, die toͤnenden Hoͤrner, die ſchimmernden Livreen, die Wachen, die vornehme Geſellſchaft von Damen und Herren, jede Dame auf ihrem ſtattlich aufgezaͤumten Zelter, und jeder Ritter zur Jagd geruͤſtet, den Falken auf der Fauſt, der Klang von Ringen und Glocken, der Hufſchlag der Roſſe, die muntere Unterhaltung und das frohe Lachen,— dies Alles half manche nagende Sorge verbergen, und weckte die Bewunderung wie den Neid der gluͤcklich unwiſſenden und uneingeweihten Zuſchauer. Bei all' ſeiner Ergebenheit gegen die Engliſche 232 Graͤfin, deren Zelter mit ſeinem Roſſe ganz Ein und Daſſelbe zu ſeyn ſchien, ſo dicht hielt er ſich an ihrer Seite, hatte doch Herzog Philipp einen aͤngſtlichen, wenn nicht furchtſamen Blick fuͤr faſt jedes verdaͤchtige Individuum ſeines Gefolges. Mit einer vielleicht klugen Politik, auf jeden Fall aber mit angebornem Selbſtvertrauen, hatte er beſchloſ⸗ ſen, dicht um ſeine Perſon alle Diejenigen zu halten, die er am meiſten fuͤrchten zu muͤſſen glaubte. Er fuͤhlte, daß unter der Aufſicht ſeines eigenen ſchar⸗ fen Auges ſie weit weniger Gelegenheit faͤnden, ihm zu ſchaden; auch rechnete er viel auf die imponi⸗ rende Wirkung ſeiner Groͤße, und gleich allen wahr⸗ haft muthigen Menſchen, fuͤhlte er ſich gefaßter, wenn ihm die Gefahr nahe war, als wenn ihm ferne Moͤglichkeiten drohten. Außer dieſen Beweg⸗ gruͤnden oder Empfindungen war Philipp zu vorſich⸗ tig, als daß er von ſeinem Verdacht nicht auch Die⸗ jenigen haͤtte unterrichten ſollen, die er als ihm ganz treu erkannte; denn es iſt eine ſchmerzliche Bemer⸗ kung fuͤr tugendhafte Groͤße, daß auch die ſchlimm⸗ ſten Tyrannen(und Philipp war gewiß Keiner von dieſen) zu allen Zeiten treue und ergebene Anhaͤn⸗ ger gehabt haben. Auf dieſe Art wurde jedes In⸗ dividuum, das Wilhelm Le Begne bezeichnet hatte, 233 unter das beſondere Spionauge eines von des Her⸗ zogs auserwaͤhlten Vertrauten geſtellt. Der Mai⸗ laͤndiſche Ritter z. B. wurde dem Hugo de Bourg, einem Burgundiſchen Edelmann, uͤbergeben; Vrank van Borſelen dem Johann Vilain, dem Kapitain der Leibwache; und Spalatro, der Fechtmeiſter, dem Joos Wouters, Philipp's erſtem Waffenmei⸗ ſter, und noͤthigenfalls auch wohl ſeinem treueſten Bravo. Die Jagd ging luſtig von Statten; der Tag war heiter und mild; das Wild im Ueberfluſſe, die Hunde munter, die Falken zum Griff geneigt. Man⸗ ches Rebhuhn wurde durch ihre Faͤnge den ſchoͤnen Damen zu Fuͤßen gelegt, welche durch die grauſame Jagdluſt eben ſo wenig unangenehm bewegt wur⸗ den, als durch die blutigen Kaͤmpfe auf dem Tur⸗ niere. Auch die Faſanen, die geheiligten Voͤgel der Ritterſchaft, wenn ſie auf der Tafel dampften, wur⸗ den im offenen Walde ſelbſt von den Rittern, die ſie bei dem Feſtmahle gar ſehr verehrten, mit kei⸗ ner beſondern Beachtung behandelt. In der kurzen Pauſe, welche durch den Fang eines dieſer ſchoͤnen Voͤgel, der, ehe ihn noch der Falke ergriffen hatte, ſchon halb todt aus Furcht war, unterhielten ſich Bedford, Philipp und die anderen Fuͤrſten mit den 234 Edeldamen in einer galanten Gruppe von der wun⸗ dervollen Verſchiedenheit, welche dieſe gefiederten Schaaren dem Verehrer der Natur darboͤten. In⸗ deß die Damen hauptſaͤchlich bei dem glaͤnzenden Gefieder, der anmuthigen Geſtalt, dem angenehmen Geſange verweilten, wodurch dieſe beſchwingten Be⸗ wohner der Luͤfte den gefuͤhlvollen Seelen ſo inte⸗ rreſſant werden, ſprach der maͤnnliche Theil der Ge⸗ ſellſchaft von der Kraft, Behendigkeit und dem Muthe der Raubvoͤgel. Wenige nur hatten in die⸗ ſem rohen Zeitalter ſich der Beobachtung der mehr philoſophiſchen Erſcheinungen des Charakters und der Conſtruction hingegeben, die dem tieferen Be⸗ obachter an dieſen wunderbaren Geheimniſſen der Schoͤpfung ſich offenbaren, die Geſtalt ihrer Koͤrper, zum Fliegen ſo trefflich eingerichtet, dies Zweckmaͤ⸗ ßige ihrer gefiederten Bekleidung zum Schutze in der hohen Atmoſphaͤre und ſtuͤrmenden Winden, der be⸗ ſondere Bau ihrer Knochen, welche hohl ſind, und Leichtigkeit mit Kraft vereinen, die eigenthuͤmliche Bildung ihrer Lungen, Glieder und Membrane, wodurch das Athemholen in ihrem Fluge ſo ſehr erleichtert wird, die erſtaunenswerthe Vollkommen⸗ heit ihres Geſichtsſinnes, ihr Inſtinkt zur Verſor⸗ gung der Jungen; dieſe und tauſend andere inte⸗ 235 reſſante kleine Umſtaͤnde machten wahrſcheinlich ge⸗ rade nicht den Gegenſtand der Unterhaltung und Unterſuchung aus. Sey dem aber, wie ihm wolle, dieſe wurde ploͤtzlich unterbrochen durch die Entdek⸗ kung eines großen Volkes von Trappen, welche, in verſchiedener Richtung zerſtreut, ſogleich von den Hunden verfolgt wurden, ſo lange ſie liefen, und von den Falken, ſo wie ſie aufflogen, und ſich in ſchwerem und langſamen Fluge zu retten ſuchten. Nichts konnte intereſſanter ſeyn, als die nun ſchnell fortgeſetzte Jagd. Manchmal neckten die gejagten Voͤgel die Hunde, indem ſie ſich vor ihnen herumdrehten, und mit den Fluͤgeln ſchlugen, faſt mit der Schlauheit und Schnelligkeit der Ha— ſen, und ſich dann in niederes Geſtruͤpp und Ge⸗ ſtraͤuch verbargen. Andere aber bedienten ſich, wenn ſie ſich ſchnell gedraͤngt, und zur Flucht gezwungen ſahen, desjenigen ſeltſamen Vertheidigungsmittels, womit ſie die Natur ſelbſt verſehen hatte. Sie ſpritzten naͤmlich aus den Behaͤltern im Halſe das Waſſer aus, welches ſie dort ſammeln, weil es ih⸗ nen in den trockenen Gegenden ihres gewoͤhnlichen Aufenthaltes leicht daran mangeln koͤnnte. Sehr bald zerſtreute ſich die Geſellſchaft in der Hitze und Bewegung dieſes Lieblingsvergnuͤgens 236 Herzog Philipp's. Er vergaß auf einen Augenblick ſeine Galanterieen, ſeinen Verdacht, ſeine Vorſicht. Er ſetzte dem Roſſe die Sporen ein, und verfolgte den Lauf von ein Paar Jagdhunden der beſten Art, auf deren Schnelligkeit er mit St. Pol eine hohe Wette eingegangen war. Die Jagd wurde jeden Augenblick mannichfacher. Philipp war trefflich be⸗ ritten und ein geſchickter Reiter, ſo wie er ſich in jeder maͤnnlichen Uebung ſehr hervorthat. Nun uͤberließ er ſich ganz der Hitze der Jagd, und ritt ſeinen Gefaͤhrten weit voraus, die entweder ſich zu den Damen hielten, oder andere Richtungen ein⸗ ſchlugen. Wenige von dem Gefolge beſtrebten ſich indeſſen, ihm dicht zur Seite zu bleiben; unter ih⸗ nen auch van Borſelen, ein guter und kuͤhner Rei⸗ ter, nebſt Spalatro, der vollkommen Herr ſeines Thieres war, und ſich im offenen Felde und Walde eben ſo an ſeiner Stelle befand, als auf dem Fecht⸗ und Turnierplatze. John Vilain, deſſen Pflicht es war, ſich an die Perſon des Herzogs anzuſchließen, hielt aus, ſo lange er konnte; allein ſein Gewicht ermuͤdete bald das ſchwere Flaͤmiſche Roß, und er ſah ungern ſeinen Gebieter der Leibwache vorausreiten, um vielleicht in die Gewalt irgend eines Feindes zu gerathen. Hugo de Bourg war ganz mit Balta⸗ 237 ſini's Bewachung auf einer andern Seite des Wal⸗ des beſchaͤftigt. Der einzige Wouters, der Philipp's Art zu jagen laͤngſt kannte, befand ſich jetzt naͤher um ihn, als ſelbſt Spalatro oder Vrank. So war faſt eine Stunde verſtrichen, waͤhrend welcher Vrank, obwohl ein munterer Jaͤger, ſeine Aufmerkſamkeit groͤßtentheils von Hunden und Voͤ⸗ geln auf etwas ganz Anderes und Beſonderes, wenn auch nicht eben Ungewoͤhnliches gerichtet hatte, die Erſcheinung eines Moͤnches naͤmlich, der auf einem 3 ſchnellfuͤßigen Klepper den Bewegungen der Jagd, oder vielrnehe des Herzogs, in der offenbaren Ab⸗ ſicht, ihm immer recht nahe zu bleiben, gefolgt war. Ein Prieſter auf der Jagd war damals,— eben ſo wie ein jagender Pfarrer jetzt,— kein eben ſehr merk⸗ wuͤrdiger Gegenſtand. Biſchoͤfe und Aebte ſowohl, als die Geiſtlichkeit niederen Ranges, genoß dieſes Vergnuͤgen eben ſo, wie die Laien; allein der Geiſt⸗ liche, der jetzt Vrank's Aufmerkſamkeit auf ſich zog, war offenbar kein mit einer Pfruͤnde verſehener, ſondern eher Einer aus dem Bettlerorden, welcher von den Reichen wie von den Armen ſeine Con⸗ tribution erhob. Es war daher nicht zu verwun⸗ dern, daß der Moͤnch ſich den Herzog von Burgund zum Ziel auserſehen hatte, und ihn verfolgte, bis 238 er durch Anſtrengung matt und freigebig geworden ſeyn wuͤrde, ſo wie ſich ein lange vom Falken ver⸗ folgter Vogel endlich ſelbſt ihm zum Raub uͤberlaͤßt. Bei einem Stillſtande, den die Jagd nehmen mußte, weil es an Wild zu fehlen begann, hielt Philipp am Rande eines dichten Geſtruͤppes ſein Pferd an, ſchaute ſich um, und fand ſich mit Er⸗ ſtaunen faſt allein. Bei allen Gelegenheiten war ihm ein dicht ſich anſchließendes Gefolge ſo gewoͤhnlich geworden, daß er ſich, ſo lange er Nichts bedurfte, nach demſelben nicht umgeſehen hatte; allein jetzt plagte ihn der Durſt, und er blickte in aller Demuth des durſtigen Deſpotismus forſchend nach einer laben⸗ den Quelle. Joos Wouters, an ſeines Herrn Beduͤrfniſſe gewoͤhnt, ſchoͤpfte ſogleich aus einem vorbeifließenden Bache, und miſchte dazu etwas Herzſtaͤrkendes aus ſeiner Jagdflaſche. Vrank van Borſelen zog den Zuͤgel an, und nahm ſeinen Hut ab in ſchuldiger Achtung; auch Spalatro zog die Muͤtze und ſtrei⸗ chelte den Hals des ſtolzen Roſſes, das man ihm deshalb gegeben hatte, damit er das wilde Thier ein wenig zahmer machen ſollte. — Wie kommt denn das?— fragte Philipp 239 mit einem geſchmeidigen Tone, indem er ſich rechts und links umſah,— wir ſind ja allein!— „Ich wollte wir waͤren es, Hoheit!“ verſetzte der Waffenmeiſter, indem er den Trank miſchte. — Iſt Niemand bei uns als dieſe Beiden?— fragte der Herzog, indem er dabei inſtinktartig nach dem in ſeinem Wamms verborgenen Dolche griff. „Niemand als jener Bettelmoͤnch dort im Ge⸗ buͤſche— ich mag weder ſeine Blicke leiden, noch die Art und Weiſe wie er uns belauert hat.“ — Wen meinſt du denn? ich ſehe ja Nieman⸗ den, als Sir Francon und den Italiener.— „Schaut nur ſchaͤrfer dort unter die Baͤume, Hoheit! dort werdet Ihr Jemand entdecken, der Euch ſchon ſeit einer vollen Stunde gefolgt iſt und auch immer feſt im Auge behalten hat.“ — Ein Bettelmoͤnch, ſagſt Du? Nun von dem iſt wohl nichts zu fuͤrchten, als ein Angriff auf meinen Beutel. Dieſe Burſchen berauben uns im Namen Gottes und ein Paar goldene Laͤmmer moͤ⸗ gen einen Fuͤrſten ſelbſt in's Paradies verhelfen, wenn der Segen eines Barfuͤßer⸗Moͤnchs anders ſo weit reicht. Komm, Joos, geſchehe was da wolle, ich werde abſteigen. Sir Florival unter mir kann ſeine Laſt kaum noch ertragen; er zittert auf 240 den Vorderfuͤßen. Es war nicht Recht, daß ich ihn heute ſchon nach ſeinem Fieber wieder beſtieg. Hilf mir herunter, Burſch!— b „Das gute Thier zittert allerdings, und der weiße Schaum ſteht ihm auf dem Felle, mein ed⸗ ler Herr,“ ſagte Wouters mit unheimlichen Blicken. „Schlimme Anzeichen! Vielleicht wittert es das Uebel eher, als es Eure fuͤrſtlichen Augen zu erſpaͤhen V vermoͤgen! Ich liebe den rothbaͤrtigen Bruder nicht. — Steigt nicht ab, Hoheit, ſondern ſpornt Euer Roß und folgt mir, ich kenne dieſen Pfad durch den Wald!“ 3 — Still, ſtill!— verſetzte der Herzog, ſich ſchaͤmend, ſich ſelbſt, viel weniger aber ſeinem Ge⸗ folge, zu geſtehen, daß ein Anfall aberglaͤubiſcher Furcht ihn durchbebe, und entſchloſſen, dieſen nie⸗ derzuhalten.— Still, ſtill, Du biſt allzu bedenklich heute! Haſt Du den heil. Withold im Walde ge⸗ ſehen, oder hat Dir der Todtenvogel Etwas in's Ohr geraunt? Gieb mir das Horn, ich muß hier ausruhen. Wir ſind Zwei gegen Zwei, und Dein Hirſchfaͤnger iſt gut zu Hieb und Stich.— Mit dieſen Worten ſchwang ſich Philipp ſelbſt vom Pferde, gab aber mit der Hand einen gebie⸗ tend abwehrenden Wink, als Vrank Borſelen und Spa⸗ 241 Spalatro eine Bewegung machten, als ob ſie ihm helfen wollten. In Vrank's Adern kochte das Blut bei dieſem Schimpfe, und er ſchwur es ſich, daß ſeine Dienſte nicht zum zweiten Male von einem ſtolzen und launiſchen Fuͤrſten zuruͤckgewieſen wer⸗ den ſollten, der nach dem Auftritte von geſtern ihn mit einem leichtfertigen Waffenmeiſter verwech⸗ ſeln konnte. Haͤtte Vrank gewußt, welche Ideen durch Philipp's Seele gingen in dem Augenblicke, wo er die angebotene Huͤlfe ausſchlug, er wuͤrde ihm auf der Stelle verziehen haben. „Das wird Eure Hoheit erfriſchen, indeß ein Mund voll aus dem fließenden Waſſer Eurem Sir Florival friſchen Muth geben wird,“ und damit reichte Jakob Wouters mit der einen Hand dem Herzoge das Trinkhorn hin, der ſich auf einer mit Haidekraut bewachſenen Stelle niedergeſetzt hatte, und mit der andern ergriff er den Zuͤgel, den ihm Philipp uͤberließ. Allein als Letzterer den Trank zum Munde fuͤhrte, ergriff ihn der Schauer eines neuen Verdachtes,— dieſes ganz eigenen Erbtheils des Despotismus,— unverloͤſchlich, wie das Brand⸗ mahl auf Cain's Stirn. — Joos!— rief ihm Philipp zu,— haft Du auch die Flaſche den ganzen Tag bei Dir be⸗ II. 11 — halten? Trank Niemand daraus? Haſt Du ſie nicht etwa den Haͤnden jenes Italieners vertraut, an deſſen Seite Du ſo lange ritteſt?— „Edler Herr,“ ſagte Wouters ernſt,„meine lang gepruͤfte Klugheit haͤtte mich wohl vor ſolch! einem Verdachte ſchuͤtzen ſollen;— die Flaſche iſt nicht von mir gekommen, noch geoͤffnet worden, ſeitdem ſie mir der Diener am Schenktiſche dieſen Morgen bei'm Aufbruche gefuͤllt hat.“ — Verdammt ſey doch die Hand!— rief Phi⸗ lipp, waͤhrend der Waffenmeiſter noch ſprach, und Jener, wie durch Zufall, das Trinkhorn zu Boden fallen ließ;— da liegt der ſchoͤne, herzſtaͤrkende Trank! doch es thut Nichts, guter Joos, ich mag ihn auch nicht, er reizt die Nerven;— ein Trunk aus dem klaren Waſſer iſt doch beſſer als eine ſolche gaͤhrende Miſchung;— laß das, laß das nur!— Indeß er dieſe Worte ſchnell ausſprach, hob er das leere Horn vom Boden auf, und ſorgfaͤltig jeden Tropfen ausſchuͤttend, der ſich etwa noch da⸗ rinnen befinden koͤnnte, tauchte er es ausſpuͤlend, wiederholt in das fließende Waſſer, und trank dann von dieſem einen derben Schluck, gluͤcklicher Weiſe unangefochten von dem Zweifel, ob nicht auch die —q 243 Weiden am Rande des Baches dieſen vergiftet ha⸗ ben koͤnnten. Ehe noch der Herzog das Horn wieder abge⸗ ſetzt hatte, naͤherte ſich der Bettelmoͤnch, nachdem er ſeinen Klepper an einen Weidenzweig gebunden, dem Erſteren mit gebeugtem Koͤrper und demuͤthi⸗ ger Miene. Eine ſeiner Haͤnde hielt er ausgeſtreckt mit einem ledernen Beutel, die erwartete Gabe zu empfangen, und die andere hatte er unter dem Kleide verborgen. Der Herzog konnte ſich hierbei einiger Furcht oder Beſorgniß nicht erwehren, denn der Anſteckungsſtoff von Wouter's Stimmung fand ihn ſchon hinreichend praͤdisponirt, Verraͤtherei ſchien ihm die Atmoſphaͤre der wilden Gegend um ihn her zu ſeyn, und das Schickſal hatte ihn vielleicht als ein Opfer ſeiner Unvorſichtigkeit hierher gera⸗ then laſſen. Wouters, noch mehr erſchrocken als der Herzog, ſprang ſogleich auf ihn zu, als wollte er ſich zwiſchen ihn und den Moͤnch werfen, und in demſelben Augenblicke ließ er auch Sir Florival's Zuͤgel fahren. Das ſich frei fuͤhlende Roß ſetzte nun durch den kleinen Fluß, und galoppirte uͤber die Ebene hin. Der Himmel will es einmal ſo, dachte Phi— 41* 244 —— lipp, Wouters Benehmen mißverſtehend; auch dieſer Undankbare iſt gegen mich verbuͤndet, und uͤberlie⸗ fert mich ſeinen Mitverſchwornen. Nun denn, Bur⸗ gund, jetzt gilt’'s mit der Wuͤrde zu ſterben, die dei⸗ nem Geſchlechte und deiner Lage geziemt!„Was willſt Du, Freund?“ fragte er mit ſeinem gebiete⸗ riſchſten Tone, indem er ſich an die oft geleſene Scene erinnerte, wo der Blick aus Marius Augen den Vorſatz ſeines Moͤrders laͤhmte. Allein der Mann, der jetzt ſo angeredet wurde, gehoͤrte keines⸗ weges in dieſe Klaſſe. — Was ich will, Herzog?— verſetzte er,— einen Beitrag von einem maͤchtigen Fürſen zu dem Vermoͤgen eines armen Ordens.— „Du kommſt mir zu nahe, Freund,“ ſagte Philipp, ein Paar Schritte zuruͤckweichend, und die Hand an den Dolch legend, ſo wie der kuͤhne Bett— ler mit jedem Worte naͤher und naͤher trat. — Ich habe ein Gelüͤbde gethan, Herzog Phi⸗ lipp, Dir einmal recht nahe zu kommen, und habe lange auf die Gelegenheit dazu gewartet,— Euren Beitrag, guter Herzog, in meinen Beutel— Euren Beitrag, Herzog, Euren Beitrag—— nun, ſo nimm dies in Dein tyranniſches Herz!— 5 245 Eine feindliche Bewegung des Arms begleitete dieſe Worte, und Philipp blieb indeſſen nicht ſtumm und unthaͤtig. Er ſchrie laut, parirte jeden wohl⸗ gerichteten Stoß, bis endlich des Moͤrders Dolch auf ſeiner Bruſt zerbrach, waͤhrend ſie ſelbſt un⸗ beſchaͤdigt blieb; indeß mußte er bald mit ſeinem Feinde ringen. „Huͤlfe, Wouters, Huͤlfe!“ rief er, als der Boͤſewicht mit dem zerbrochenen Dolche immer auf ihn losſtieß, ſo ſehr der Herzog ſich auch be⸗ muͤhte, ihn ſich vom Leibe zu halten. Der Waf⸗ fenmeiſter hatte ſich ſchon von der Verfolgung des Pferdes abgewendet, und eilte auf den Ruf herbei, indeß Spalatro, bemerkend was vorging, laut ſchrie, und ſein Roß vorwaͤrts trieb. Jedes Hinderniß beſiegend, befand er ſich bald dicht bei'm Herzoge. Brank van Borſelen, der von dem Augenblicke der beleidigenden Bewegung des Herzogs an nach einer anderen Richtung hingeſchaut hatte, wandte ſich ſchnell auf den Ruf um, und da er Philipp ruͤck⸗ weichend, im Kampfe mit dem Bettelmoͤnche Dolch gegen Dolch erblickte, eilte er Spalatro nach, indem er im raſchen Roſſeslauf ſein kurzes Jagdſchwert zog. Wouters hatte ſich ben zwiſchen ihn und den 2 246 Herzog geſtellt, und da er zu ſehen ſich einbildete, wie die beiden Reiter herzuflogen, um ſeinen Herrn hinzuopfern, warf er kuͤhn dem zunaͤchſt vor ihm befindenden ſich entgegen, und Vrank's Zuͤgel er⸗ greifend, hieb er nach ihm mit dem Schwerte, in⸗ dem er Flaͤmiſche Fluͤche aller Art gegen denſelben ausſtieß. Vrank gab die empfangenen Begruͤßun⸗ gen derb zuruͤck, denn er glaubte, Wouters ſey auch mit gegen des Herzogs Leben verſchworen, und ſo verwundete er ihn am Halſe, daß er den Zuͤgel los⸗ laſſen mußte, und vor Schmerz zuruͤckſank. Mit ein Paar Spruͤngen befand ſich Vrank bei der Gruppe, und als er eben einen Streich gegen Spalatro fuͤh⸗ ren wollte, in der Ueberzeugung, daß auch Dieſer zu dem Mordcomplotte gehoͤre, ſahe er zu ſeiner Verwunderung und Freude, daß der Italiener dicht hinter dem Moͤrder war, und dieſem, indeß er noch mit Philipp rang, den Dolch in die Seite ſtieß; in demſelben Augenblick erkannte er in dem Geſichte des Boͤſewichts die Zuͤge eines der Handelnden in dem Auftritte zu Zevenwolden. Kaum brauchen wir hinzuzufuͤgen, daß es Giles Poſtel war. Die Gedankenfluth, welche jetzt Vrank's Ge⸗ hirn anfuͤllte, war eine jener wunderbaren Bewe⸗ gungen des menſchlichen Gemuͤthes, wo es eine „. * 247 Maſſe von Licht in ſich aufnimmt, wo jeden Au⸗ genblick ein beſonderer Theil bis auf's Kleinſte und Geringfuͤgigſte erleuchtet wird. Daß dieſer Menſch von Jacquelinen beſtochen, und ein Mitgenoſſe van Monfoort's ſey, dieſe und eine Menge anderer Schluͤſſe machten die Summe von Vrank's augen⸗ blicklicher Ueberzeugung aus. Der Schauder vor dem Gedanken uͤberwog noch den von dem ver⸗ ſuchten Verbrechen, und ein Antrieb, ſtaͤrker noch als Beſorgniß wegen Philipp's Rettung, brachte ihn immer dichter zu dem aͤchzenden Elenden, damit er noch mit dem letzten Athemzuge des Sterbenden den Namen ſeines Anſtifters erfahren moͤchte. Vrank war von außerordentlicher innerer Bewegung ergrif⸗ fen, als er vom Pferde ſprang, den Menſchen in den Arm nahm, und ihn aufrichtete, damit er nicht durch das Blut erſtickt wuͤrde, das ihm aus Mund und Naſe, ſo wie aus der verwundeten Seite floß. Waͤhrend Spalatro kaltbluͤtig die rothen Flecke von ſei⸗ nem Stahle abwiſchte, ſtand Philipp da, faſt athemlos und erſtaunt uͤber Alles, was ſo ſchnell vorgefallen war, und daß er nicht auf der Stelle von den beiden, erſt ſo kuͤrzlich ihm verdaͤchtig gewordenen Maͤnnern getoͤdtet worden, welche jetzt nur auf ſeine Rettung bedacht zu ſeyn, und des Angreifers ſich bemaͤchti⸗ 8 248 gen zu wollen ſchienen, indeß Wouters in uner⸗ ſchuͤtterter Treue und roher Verachtung der Schmer⸗ zen auf ihn zuſchritt. „Rede, Ungluͤcklicher! wer biſt Du? warum haſt Du dieſe That unternommen? wer hat Dich angeſtellt?“ rief Vrank dem in ſeinen Armen ſich windenden Boͤſewichte zu. Ein abermaliger Blut⸗ ſturz machte jede Antwort unmoͤglich, und Poſtel ſchien zu erſticken, als haͤtte ihn ſchon der Tod er⸗ faßt ohne Abſolution und Beichte. „Guter Gott, er ſtirbt, er ſtirbt!“ rief Vrank, indem er ihn aufrichtete und zu erleichtern verſuchte, als wenn es ein ihm theurer Freund waͤre, deſſen Leiden er zu mindern ſtrebte. Krampfhaft ſchaute ihn Giles Poſtel an, als wollte er die Urſache ſol⸗ cher Beſorglichkeit erſpaͤhen, und er erkannte ſo⸗ gleich den jungen Fremden von Zevenwolden, den er den Guͤrtel aus Jacquelinens Haͤnden hatte erhal⸗ ten ſehen. Sein teufliſches Gemuͤth gewaͤhrte ſei⸗ nem koͤrperlichen Leiden eine augenblickliche Erho⸗ lung. Er ſchluckte das Herzblut, das ihm nach der Bruſt ſtieg, hinunter, ergriff Vrank's Hand, und murmelte ihm folgende Worte ohne Zuſammen⸗ hang zu: 249 — Die Graͤfin— der Guͤrtel— der Wald — der Engliſche Lord!— „Iſt denn der Hund noch am Leben?“ fragte Spalatro, ſich ihm naͤhernd und den Dolch erhe⸗ bend, ſein Werk zu vollenden; allein Vrank ſiel ihm in den Arm, und machte ihn aufmerſam darauf, wie wichtig es ſey, des Boͤſewichts Geſtaͤndniſſe zu hoͤren. Philipp, ſeiner Sicherheit nun gewiß, trat ebenfalls zwiſchen Spalatro und den Moͤrder, und hielt auch Wouters zuruͤck, der noch immer in der Meinung ſtand, ſein Herr werde von drei Verraͤ⸗ thern bedroht, und das Verhaͤltniß von Keinem deutlich unterſcheiden konnte. — Was ſagt er, Sir Francon?— fragte dringend der Herzog;— hat er Namen genannt? hat er ſeine Mitſchuldigen bezeichnet?— „Die Graͤfin!“ murmelte der Verwundete auf's Neue, nach Athem ringend. — Wer? wer? Menſch!— fragte Philipp, dicht ſich zu ihm neigend. Poſtel ſuchte zu antwor⸗ ten, vermochte aber kein Wort hervorzubringen. Da ihm dies nicht gelang, deutete er auf einen Ring an der Hand, die gegen ſeine Bruſt gepreßt war. 11** 0 — Abermals alſo,— rief Philipp,— ein neuer verdammender Beweis ihrer Schaͤndlichkeit! Ihres Vaters Siegelring, beim Himmel!— und dieſe Worte fanden einen nur zu tiefen Wiederklang in van Borſelens Herzen; denn er erkannte auf einmal den blitzenden Edelſtein in der reichen Faſ⸗ ſung, der ſeine Aufmerkſamkeit beſonders erregt hatte unter den anderen, welche die ſchoͤne Hand ſchmuͤckten, die er bei dem gefaͤhrlichen Kampfe in den Zevenwolden in der ſeinigen gehalten hatte. Er konnte nicht mehr ſprechen. Sein Gemuͤth war niedergedruͤckt durch die Ueberzeugung von Jacque⸗ linens Schuld, und er achtete nicht weiter auf Phi⸗ lipp's fortgeſetzte, wiewohl vergebliche Bemuͤhungen, noch mehr Auskunft von Giles Poſtel zu erhalten. Endlich ſchien der Letztere durch eine heftige innere Anſtrengung auf einmal wieder Kraft, Bewußtſeyn und die Macht der Rede erhalten zu haben. „Ja, ja,“ rief er,„ich befinde mich jetzt beſſer, ich weiß, es wird voruͤber gehen— es muß tiefer kommen, wenn Giles Poſtel daran ſterben ſoll!— Ach, Philipp! Du biſt mir entkommen— ich dachte nicht, daß Du einen Panzer unter Deinem Wamms truͤgeſt, ſonſt haͤtt' ich Dich in den Hals, und nicht —— 251 in die Bruſt geſtochen. Aber Dein Tag wird kom⸗ men,— der naͤchſte Stoß von mir wird... Ehe er dieſe wilde Rede vollenden konnte, ſank er erſchoͤpft zu Boden. — Laßt den Buben ſterben!— ſagte Vrank voll unbeſchreiblichen Unwillens;— er hat zu viel geſprochen.— „Nein, nein!“ rief Philipp,„hebt ihn noch einmal in die Hoͤhe— gebt ihm Waſſer, guter Sir Francon! Hier, Spalatro! knoͤpft ihm den Koller auf!— So darf er mir nicht entgehen— er hat noch Schaͤtze zu enthuͤllen.— Sieh', er lebt wieder auf!“ Die verdrehten Augen gaben noch einmal ei⸗ nen ſtarren Schein von Bewußtſeyn von ſich. Sie hafteten zuerſt auf Philipp, dann wandten ſie ſich ſeitwaͤrts, und verweilten auf Vrank. — Ihr tragt ein Zeichen ihrer Gunſt— ſo auch Gloceſter— Fitzwalter— ſo auch ich— ja ich!— Ich ſahe ſie bedeckt mit Flaͤmiſchem Blute auf dem Felde von Gouda.— Ich umfaßte ſie in der ſchweigenden Halle von Amersfort— Ich— mag Herzog Johann ſich vorſehen— der Graͤfin Hals⸗ band iſt eben an ſeinem Halſe. Es war Eure 252 Hand, die mir dieſen Stoß gab,— fuhr er fort, ſich ploͤtzlich mit finſteren Blicken zu Spalatro wen⸗ dend,— Euch— Euch habe ich bezeichnet— und moͤge mich die ewige Verdammniß ergreifen, moͤge meine Seele.— „Er iſt hin!“ rief Philipp im Tone tiefen Be⸗ dauerns, indeß ein kurzer Krampfanfall des Boͤſe⸗ wichts Worte hemmte, und die aufwaͤrts gekehrten Augen und herabhaͤngenden Kinnbacken den an ge⸗ waltſamen Todesarten gewoͤhnten Umſtehenden als ſichere Zeichen erſchienen, daß Alles voruͤber ſet. „Er iſt hin— aber er hat genug geſagt— ſie iſt verurtheilt fuͤr immer! Macht ihm die Klei— der auf, und laßt uns ſehen, was fuͤr Geheimniffe er an ſeiner Perſon verbirgt— laßt uns ſehen, wer er iſt!“ Joos Wouters, der nun die wahre Lage der Dinge zu begreifen anfing, ſchickte ſich ſogleich an, den Befehl des Herzogs zu vollziehen, und dem Tod⸗ ten das Moͤnchsgewand abzuſtreifen, und die einzelnen Stuͤcke genau zu unterſuchen. Allein es fand ſich keine Hindeutung auf Poſtels Namen oder Beruf, und indeß man in der Unterſuchung fortfuhr, ver⸗ nahm man immer naͤher kommende Hoͤrnertoͤne, und ——— 25³ kurz darauf kamen St. Pol, Johann Vilain und einige Andere heran geritten, um den Herzog auf⸗ uſuchen, der ſeinem graͤflichen Vetter einen kurzen Abriß gab von dem, was vorgefallen war. So⸗ bald Johann Vilain den Leichnam erblickte, rief er:„Beim Himmel! das iſt Giles Poſtel, van Monfoort's Knappe!“ — Van Monfoort’s?— riefen Philipp, St. Pol und Vrank van Borſelen durch einander, und die beiden Erſten bedurften nur des Wechſels eini⸗ ger Blicke, um die gegenſeitige Ueberzeugung zu er⸗ kennen, daß der Ritter nicht ohne Schuld ſey an dem verbrecheriſchen Unternehmen ſeines Knappen. Ihren fernern Verdacht aͤußerten ſie noch nicht; allein, indeß der Herzog Befehl gab, daß Wouters den Todten da, wo er lag, beſtatten laſſen ſollte, und dem Spalatro ſehr gnaͤdig fuͤr die Rettung ſei— nes Lebens dankte, bemerkte Vrank, daß Philipp ſchweigend an ihm voruͤberging, mit einem Blicke, der mehr Feindſchaft als Gleichguͤltigkeit zu verra⸗ then ſchien. Indeß die Anderen von der nun an⸗ wachſenden Reitergeſellſchaft davon zogen, blieb er mit dem Leichnam zuruͤck, nicht ohne eine beſondere, mit ſeiner Beerdigung verbundene Abſicht. 251 Dieſes Abenteuer gab vielfachen Stoff zur Un⸗ terhaltung fuͤr den Reſt des Tages, und Philipp, ermuͤdet durch die uͤbertriebenen Gluͤckwuͤnſche ſeiner Freunde und Vertrauten, miſchte ſich unter die Reihen der Tanzenden, denn der Tanz ſchloß die Unterhaltungen des Tages, und Philipp liebte die⸗ ſes Vergnügen leidenſchaftlich. Am andern Morgen mit Tagesanbruch zerſtreute ſich die Geſellſchaft nach verſchiedenen Richtungen. Bedford ging mit ſeiner Herzogin und zahlreichem Ge⸗ folge nach London, um durch ſeinen Einfluß Gloce⸗ ſter abzuhalten, England in einen Streit mit Philipp zu verwickeln; in Paris aber ließ er eine Commiſſion von Lords zuruͤck, um ſeines Neffen Heinrich's VI. Be⸗ ſitzungen gegen die unausgeſetzten Verſuche Karl's VII. und ſeiner unternehmenden, wenn auch zu dieſer Zeit nicht gluͤcklichen Freunde zu ſchuͤtzen. St. Pol begab ſich nach Brabant, um die Regierung der Herrſchaften ſeines ſterbenden Bruders zu beſorgen, de Richemont und ſein Bruder, der Herzog, nach ihren Beſitzungen in Bretagne, um jede Anſtrengung gegen England zu verſuchen. Auch die fremden Ritter zogen, Jeder fuͤr ſich, ihres Weges, uͤber⸗ haͤuft mit erfreulichen Beweiſen von Philipp's Ver⸗ ſchwendung. 25⁵5 Die Vaſallen Burgund's, ſeine Miniſter und Anhaͤnger bereiteten ſich auf ihren verſchiedenen Poſten zu dem Zuge gegen Holland vor, der ſchon laͤngſt trotz aller anſcheinenden Zerſtreuung durch Ver⸗ gnuͤgungen eingeleitet worden war. Kein Tag ging verloren, Nichts wurde vernachlaͤſſigt, was nur ir⸗ gend das Gelingen ſichern konnte. An einem der letzten Tage dieſer Vorbereituu⸗ gen empfing man jedoch eine Nachricht von etwas beunruhigender Art von Bruͤſſel. Man hatte naͤm⸗ lich einen Studirenden ergriffen und hingerichtet, we⸗ gen eines Verſuches, den Herzog Johann vermit⸗ telſt eines eiſernen Halsbandes zu erdroſſeln. Man erinnerte ſich bei dieſer Gelegenheit der Worte des ſterbenden Giles Poſtel, und kein Menſch in Hes⸗ din zweifelte an Jacquelinens Mitwiſſenſchaft um John Chevalier's Verbrechen. Elftes Kapitel. Jacauslinens Freunde, die treuen und ſiegreichen Hoeks, waren unermuͤdlich in dem Beſtreben, Nach⸗ richten von den Bewegungen des Herzogs von Bur⸗ gund einzuziehen, und alle Vorbereitungen, dem Anfalle zu begegnen, wurden von denen getroffen, die ſich durch Muth oder Verzweiflung der Criſis gewachſen fuͤhlten. Die Engliſche Macht, der Haupt⸗ nerv der gemeinſamen Sache, war auf der Inſel Schowen concentrirt, welche Privatnachrichten als den beabſichtigten Punkt des Angriffs durch die furchtbare Armee bezeichnet hatten, welche von Tag zu Tage aus der Picardie und Flandern naͤher her⸗ anzog. Die Contingente von den verſchiedenen Staͤdten Hollands und Zeelands, welche Jacquelinen treu waren, eilten dem Sammelplatze der Haupt⸗ abtheilung ihrer Streitkraͤfte zu, allein mancher Abfall von ihrer Sache wurde mit der nahenden 257 Gefahr doch auch bemerklich, und wenn ſich auch einzelne Freiwillige von dem Kapitel und der Stadt Utrecht haͤufig einfanden, ſo blieb doch des Biſchofs verſprochene Verſtaͤrkung an Mannſchaft aus. Meh⸗ rere Briefe trafen zwar bei Jacquelinen von dem ehrwuͤrdigen Alliirten ein, voll guten Rathes und Betheuerungen guten Willens, allein Zweder van Culemburg's Name genoß doch keines ſolchen Ver⸗ trauens, daß man ihn mit Recht auf das Verzeich⸗ niß der der guten Sache Ergebenen haͤtte ſetzen koͤnnen. Jacqueline hielt ihren kleinen Hof fortwaͤhrend zu Amersfort. Ihre Mutter befand ſich bei ihr, dem Anſcheine nach, ihren Muth aufrecht haltend, in der That aber durch ihre Gegenwart die jener von Natur eigene Energie laͤhmend. Fitzwalter hatte ſich aufgemacht, das Commando ſeines kleinen Heeres zu uͤbernehmen. Der muntere Louis hatte ſeine Schweſter ebenfalls verlaſſen, und ging dahin, wohin ihn die Pflicht rief. Rudolph van Diepenholt verfolgte ſein eigenes Intereſſe, um deſto beſſer im Stande zu ſeyn, Jacquelinen bei dem Kapitel von Utrecht zu dienen, ſo daß, mit Ausnahme der wahren, oft gar nicht zu leitenden Oberhaͤupter der freundlichen Parthei, Jacqueline 258 ſich faſt einzig und allein auf die Huͤlfsquellen ihres eigenen Geiſtes und Muthes beſchraͤnkt ſah. Allein dieſe verließen ſie auch nicht in dieſer wichtigen Criſis. Sie ertrug feſt und entſchloſſen ihre man⸗ nigfachen Kraͤnkungen und Entbehrungen, und ver⸗ ließ ſich bloß auf Benina Beyling's Treue. So ſchien ſie allen Anfaͤllen eines widrigen Schickſals Trotz bieten zu wollen. Die Vorboten des nahenden Verderbens, das ſie nicht aufhalten konnte, wurden nicht wenig durch Ludwig van Monfoort verſtaͤrkt, der jetzt von ſei⸗ ner Sendung nach Hesdin zuruͤckkehrte, und ſeiner beſorgten Gebieterin Alles erzaͤhlte, was ihm dort zugeſtoßen war. Er meldete unſtaͤndlich, wie er durch Beſtechung eines Dieners ein warnendes Bil⸗ let auf Herzog Philipp's Teller habe ſchluͤpfen laſſen, und wie er gezwungen worden ſey, das Schloß zu verlaſſen ohne daß es ihm moͤglich geweſen, Giles Poſtel's teufliſchen Plan auf andere Art zu vereiteln. Ob dieſer noch gelungen ſey oder nicht, das wußte er nicht, allein er fuͤgte Jacquelinens Ungewißheit uͤber dieſen Punkt, einen heftigen Schmerz durch die Nachricht hinzu, daß der junge Jaͤger und Kabblejaw, in deſſen Lob er ſich oft wider Willen ergoſſen hatte, ein Liebling Burgund's ſey, ein erklaͤrter Anhaͤnger 259 Johann's von Brabant und der Sohn des heftigſten Feindes von Jacquelinen, ſeiner, und der Harthei der Hoeks im Allgemeinen. Dieſes erhoͤhte Jacquelinens Leiden hinſichtlich Vrank's ungemein. Sie hatte die Hoffnung ge⸗ naͤhrt, daß er, wenn auch ein Kabblejaw und An⸗ haͤnger Philipp's, doch keinen Namen von tiefer Bedeutung bei der Parthei fuͤhren, und den Ver⸗ lockungen zugaͤnglich ſeyn werde, den Dienſt des Tyrannen zu verlaſſen. Aber zu hoͤren, daß er der Sohn und Erbe des Haſſes der Borſelen ſey, und einer der verpflichteten Creaturen ihres verhaßten Gemahls und ſeiner ſchaͤndlichen Sache, das brachte ſie zu unerwarteter Verzweiflung. — Nun denn— rief ſie in den erſten Augenblicken, wo ſie nach Empfang dieſer Nachricht allein war, — So iſt der ſchoͤne Traum verſchwunden! Er iſt nun fuͤr mich ohne Hoffnung verloren! O! Stolz, Stolz, wie biſt du geſunken! Warum ſtehſt du nicht auf, mich zu kraͤftigen in dieſer erniedrigenden Stunde? Erhebe dich aus dieſem Liebesſchlummer, meine Seele! vergeſſen ſey auf ewig dieſe niedrige Zwiſchenzeit in meinem Leben! Ich will hinſtuͤrmen in die Reihen meiner Feinde,— allein— erfuͤllt von Haß und Menſchenverachtung, um durch meinen Tod auszu⸗ 260 loͤſchen die Schande meines Lebens! Weh! ich kann dem mich fortreißenden Strome nicht widerſtehen! dieſer letzte Schlag beugt mich zu Boden! O! Stolz, Wuͤrde, Bewußtſeyn des Rechts! wo ſeyd ihr nun? Wie wenig vermoͤgt ihr gegen die Gewalt ungluͤck⸗ licher Liebe!—— Die Thraͤnen des hochgeſinnten Weibes floſſen in Stroͤmen,— ein bitterer Tribut der Tyrannei jener Leidenſchaft gezollt, welche auch die edelſten und kraͤftigſten Geiſter unterjocht.— Wenig Tage darauf ging die Nachricht aus England ein, daß Herzog Humphrey ſeine Vermäh⸗ lung mit Elinor Cobham oͤffentlich bekannt gemacht habe, die als Herzogin von Gloceſter und Gemahlin des Protectors von England auf einmal zu einer dem Throne nahen Stufe gelangt war und durch zu bereitwillige Mithelfer die Kunſtgriffe gefunden hatte, welche die ſo unpaſſende Erhebung bewirkt hatten. Jacqueline vernahm dieſe Nachricht mitten in ihrem kleinen Staatsrathe. Alle um ſie her entgluͤhten von Unwillen uͤber den ſo niedrigen Ver⸗ rath der Ehre und der Pflicht. Graͤfin Marga⸗ rethe gelobte dem meineidigen Gloceſter gluͤhende und bittere Rache. Van Monfoort verwuͤnſchte ihn aus vollem Herzen, und hielt ihn gar fuͤr einen boͤſen Geiſt in menſchlicher Geſtalt. 261 Jacqueline allein behauptete ein ruhiges und kaltes Benehmen, was ſie ſelbſt keinesweges fuͤr Wuͤrde hielt, und wir auch nicht ſo darſtellen wol⸗ len. Es war eigentlich Gleichguͤltigkeit, die ſo oft fuͤr Selbſtbeherrſchung gilt, voͤllige Gleichgültigkeit. Haͤtte ſie dieſe Nachrichten einen Tag fruͤher ver⸗ nommen, ihr ſtolzes Blut moͤchte wohl heiß aufge⸗ wallt ſeyn, und Zorn wuͤrde das Unrecht zuruͤckge⸗ wieſen oder wenigſtens getadelt haben. Alleein jetzt kam Gloceſter's Abfall, dem ſie ſchon lange gefaßt entgegen geſehen hatte, ihr als eins der gemeinſten Ereigniſſe vor; auch fuͤhlte ſie keine Art von Tri⸗ umph bei der anerkannten Entwuͤrdigung, in die er verfallen war. Anſcheinend taub fuͤr alles perſoͤnliche Gefuͤhl ſchien ſie alle ihre Kraͤfte fuͤr einen großen oͤffentli⸗ chen Kampf zu ſammeln, und nur in der Einſam⸗ keit ihres Zimmers und mit den Vertrauten ihres Herzens ließ ſie die Empfindungen ihres Ungluͤcks und Kummers laut werden. Unterdeſſen hatten die Vorbereitungen zum Kriege ihren Fortgang. Der Feind nahte ſich, und Jacqueline war wie gewoͤhn⸗ lich entſchloſſen, ſich an die Spitze ihrer Truppen zu ſtellen, um im Drange der Thaͤtigkeit die un⸗ ertraͤglichen Qualen ihres Gemuͤths zu erſticken. 262 Das Jahr naͤherte ſich jetzt ſeinem Ende. Lange Reihen von Waſſervoͤgeln ſahe man uͤber den Him⸗ mel hin nach dem Innern des Landes ziehen; das Laub fiel von den Baͤumen, und die nackten Zweige krachten in den winterlichen Stuͤrmen, indeß die duͤrren Blaͤtter unter dem Fußtritte des Wanderers kniſterten. Alles verkuͤndigte die Vergaͤnglichkeit des Irdiſchen. Jacqueline ſympathiſirte vollkommen mit der Oede und Trauer in der Natur. Sie V fuͤhlte, daß der Winter ihres Lebens fruͤh herein⸗ breche, und ihre verwelkten Hoffnungen und mit Froſt belegten Freudenquellen ſchienen zu ſagen, daß fuͤr ſie hienieden kein Fruͤhling wieder aufgehe. b In ſolcher Stimmung ſaß ſie oft Stundenlang wenn die ſinkende Sonne ſich blutroth in die duͤ⸗ ſtern Nebel Holland's huͤllte, oder der Mond mit mattem Strahl die Gegend erhellte, in ihrem Zim⸗ mer, und ernſte Gedanken erfuͤllten ihre Seele. Verachtung der Welt und ihres Treibens, ihrer Hoffnungen und Wuͤnſche, ſchien ſich als Grundſatz in ihrem Gemuͤthe feſtſtellen zu wollen, als ein Umſtand eintrat, der ſie auf einmal wieder in die Sphaͤre menſchlicher Leiden und Freuden herabzu⸗ ziehen vermochte. An einem ſolchen Abende, wie wir eben be⸗ 263 ſchrieben haben, im Monat Dezember des Jahres 1425, ſaß unſere Heldin,(die damals auch ohne Widerſpruch die des Zeitalters war), nachdem ſie ſich fruͤhzeitig aus der Nachmittagsſitzung ihres Staats⸗ raths zuruͤckgezogen hatte, an dem hohen und engen Fenſter, welches in gleicher Flaͤche auf eine Terraſſe in den weitlaͤufigen und duͤſtern Garten des Pa⸗ laſtes fuͤhrte. Sie hatte Befehl ertheilt, daß man ſie nicht ſtoͤren ſollte, und ihr kleines Gefolge hatte ſich entfernt. Benina Beyling war auf ihren Be⸗ fehl beſchäftigt, eine Privatdepeſche an Lord Fitz⸗ walter einzupacken als Antwort auf ein Schreiben, worinnen er ſeine fortdauernde Ergebenheit gegen ihre Sache und Gloceſter's Befehl mittheilte, daß er ſie bis auf's Aeußerſte zu vertheidigen ſuchen ſollte. Graͤfin Margaretha war mit van Mon⸗ foort, einem von den Hemſteds und andern Anfuh⸗ rern der Hoeks in ihrem Cabinette bei einigen Ge⸗ genſtaͤnden von unmittelbarer Wichtigkeit thaͤtig, ſo daß Jacqueline auf eine Stunde jener voͤlligen Ein⸗ ſamkeit rechnen konnte, die ihr die Mutter ſo un⸗ gern gewaͤhrte, aus Furcht, daß dadurch die duͤſtre Stimmung immer mehr genaͤhrt werden moͤchte, die Jacquelinens Geſundheit und Seelenruhe ganz zu untergraben drohte. Der einfache eichene Seſſel, * 264— worauf Jacqueline jetzt und in mancher andern Stunde des Nachdenkens und ſtiller Betrachtung ſaß, wird noch aufbewahrt*), und ſein hoher Sitz, niedrige Nuͤckenlehne und unbequeme Bauart ſcheint(wenigſtens einer lebhaften Phantaſie) das Bild der Leiden zu vervollſtaͤndigen, das da⸗ mals ſeine Beſitzerin erfuͤllte. Vor ihr ſtand ein Tiſch, und auf demſelben lag ein illuminirtes Ma⸗ nuſcript der Geſchichte Sir Lanval', der durch die feenhafte Tryamour entfuͤhrt worden war. Mecha⸗ niſch ſchlug Jacqueline von Zeit zu Zeit die Blaͤt⸗ ter um, allein ihre Augen glitten nur fluͤchtig uͤber die Verzierungen hin, und ſie genoß nichts von der Geſchichte, die ſie zu anderer Zeit hoͤchlich intereſſirt und unterhalten haben wuͤrde. Eine Laute lag neben ihr, uͤber welche nur zuweilen ihre Finger, wie in halber Bewußtloſigkeit, leiſe hinſtreiften. Als ſie nun ſo in den Garten hin ſchaute, wurden ihre Augen ploͤtzlich von einer Geſtalt angezogen, die ihr augenblicklich das Gefuͤhl des Erſtaunens, des Zweifels und Schreckens verurſachte. In der Bewegung derſelben lag Etwas von der eines in einen Mantel gehuͤllten Mannes, und wie ſie durch die *) Im Muſeum zu Haag. 265 die Daͤmmerung hinſchlich, ſchien ſie kaum den Bo⸗ den zu beruͤhren. Allein ehe Jacqueline noch Zeit gewann, ihren Vermuthungen Raum zu geben, uͤberzeugte ſie das Naͤherkommen des Gegenſtandes und das Erkennen der Geſichtszuͤge, daß es Nie⸗ mand anders ſey, als derjenige, der ſo lange immer ungerufen vor ihrer Seele geſtanden hatte, in all dem Zauber des begeiſternden Moments, den ſie zu Zevenwolden erlebt hatte. Es giebt Seelenſtimmungen, wo die Ueberzeugung in einem Punkte ein ganzes Heer von Vernunft⸗ V gruͤnden herbeifuͤhrt, die der regelmaͤßigen Gedan⸗ kenfolge nach eigentlich haͤtten vorausgehen ſollen. Jacqueline befand ſich jetzt in dieſer Gemuͤthsſtim⸗ mung. Sie war vorbereitet zur Aufnahme des Geheimniſſes, das ſich ihr zeigte, und wog die Be— weiſe dafuͤr in demſelben Augenblicke, wo ſie die Thatſache als gewiß annahm. Er iſt todt! ſtammelte ſie, und die bebende Bewegung ihrer Lippen dauerte noch einige Secun⸗ den lang fort, nachdem ſchon die Toͤne nicht mehr die Luft bewegten. 1 Er iſt todt, wiederholte das innere Echo des— Gedankens, und der Ton des Gefuͤhls ſchien ſchwer auf ihr Herz zu fallen.— Kein lebender Menſch II. 12 266 ſeiner Partei oder ſeiner Meinung koͤnnte hier Eintritt gefunden oder die Gefahren eines ſolchen Eindringens zu beſtehen gewagt haben. Er iſt todt und ſein Geiſt iſt erſchienen mich zu warnen, daß auch meine Stunde nicht fern iſt. „Graͤfin Jacqueline!“ ſagte die Geſtalt im lang⸗ ſamen, feierlichen, ernſten Tone, der wie ein Klang aus dem Grabe durch unſerer Heldin ganzes We⸗ ſen bebte, und nachdem er dieſe Worte geſprochen, ſtand der Unbekannte vor ihr auf den Stufen, welche zu dem Parterre fuͤhrten, und zwar in einer Stellung, welche achtungsvoll und wuͤrdig zugleich war; dabei nahm er ſeine Muͤtze mit der dunkeln Feder ab, welche ſein Geſicht in Schatten gehuͤllt hatte.. „Ich komme, eine geheiligte Sendung zu erfuͤllen,“ ſagte er, und als er ſo ſprach mit feſt auf ſie ge⸗ richteten Augen, flog ihm eine dunkle Roͤthe uͤber Wangen und Stirn. Was der Grund dieſer ploͤtz⸗ lichen Gemuͤthsbewegung war, wird ſich Jeder leicht zu erklaͤren wiſſen, der den Scharfblick eines Liebenden kennt. Er las in Jacquelinens Blicken die ganze Geſchichte ihrer geheimſten Gefuͤhle gegen ihn. Allein haͤtte auch ein widerſtrebender Zweifel dieſe Ueberzeugung in ihrem Andrang hemmen wol⸗ 267 len, ihre Sprache und ihre ganze Perſon haͤtten ihm den Beweis geben muͤſſen, daß in ihren Blicken die Hingebung ihres Herzens zu leſen geweſen ſey. — Dem Himmel ſey Dank!— rief Jacqueline in dem Tone uͤberſtroͤmender Freude,— er iſt es, iſt es ſelbſt. O! Gott, das iſt zu viel!— Mit dieſen Worten ſprang ſie auf von ihrem Stuhle und auf Vrank zu. Allein der Sturm ih⸗ rer Empfindung hatte allzu heftig auf ihr Nerven⸗ ſyſtem gewirkt, und ſo waͤre ſie huͤlflos und er⸗ ſchoͤpft zu Boden geſunken, haͤtte ſie Vrank nicht ſchnell mit den Armen umſchloſſen, wiewohl er faſt eben ſo aller Kraft ſich beraubt fuͤhlte, wie ſie. Jede ſolche Scene iſt ſchnell voruͤbengehend, und durch den Sturm der Leidenſchaft glaͤnzt bald wie⸗ der das Licht der Beſonnenheit. „Kommt herein!“ rief Jacqueline ganz außer ſich,„Ihr ſeyd verloren, wenn man uns ſieht!“ und ohne ſich aus ſeiner Umfaſſung los zu machen, neigte ſie ſich nach dem Schloſſe hin, ſo daß ein Paar Schritte(die, wie Vrank bis an's Ende ſei⸗ nes Lebens glaubte, von ihr allein gethan wurden) das faſt bewußtloſe Paar innerhalb der Thuͤr brach⸗ ten; und der naͤchſte Augenblick, wo Jedes erkannte, was vorgegangen war, fand Jacquelinen wieder in 12* 268 ihrem eichenen Armſtuhle, und Vrank auf den Knieen vor ihr, ihre kalte Hand an ſeine Bruſt druͤckend, und ſie mit Kuͤſſen bedeckend, die ſelbſt einen Marmor haͤtten erwaͤrmen moͤgen. „Unbeſonnener Menſch!“ ſagte Jacqueline end⸗ lich, doch nicht im Tone des Zorns und des Vor⸗ wurfs—„wie konntet Ihr dieſen Schritt wagen? Wolltet Ihr mir dadurch dienen, daß Ihr Euch ſelbſt dem Verderben weiht?“ — Dem Verderben?— wiederholte Vrank im Tone wahrhaften Schreckens, der Jacquelinen aber⸗ mals ſchaudern machte.— Dem Verderben! O! Gott welches Orakel ſprach ſo mein Urtheil aus! Ja, es iſt ſicher mein Verderben!— Allein indem er ſo ſprach, vom tiefſten Gefuͤhl erſchuͤttert, machte er doch nicht die mindeſte An⸗ ſtrengung, ſich der Gefahr zu entziehen, die er nicht verkannte, ſondern er blieb in der Stellung der Anbetung, wie vor einem Goͤtzenbilde. „Ihr wagt ganz gewiß Euren Untergang, wenn man Euch hier entdeckt,“ begann Jacqueline, eine ganz andere Anſicht von Vrank's Lage faſſend, als diejenige, die ihn niederdruͤckte, und ſich nicht wenig uͤber den Widerſpruch verwundernd, zwiſchen den Worten, die ſein Gefuͤhl der Gefahr ausſpra⸗ — — 269 chen, und Handlungen, die ihr zu trotzen ſchienen. Indeß lag in dem Allen Nichts, was nicht ſchmei⸗ chelhaft fuͤr ſie geweſen waͤre, und ſelbſt in ſolch einem Momente mißfiel ihr der ihrem maͤchtigen Einfluſſe gezollte Tribut keinesweges. Sie fuͤhlte ſich uͤberzeugt, daß Vrank Alles ihretwegen aufge⸗ geben hatte; allein ihr eingenommener Kopf und ihr klopfendes Herz waren nicht im Einklange zu einem tieferen Plane der Selbſtunterſuchung. „Aber fuͤrchte Nichts!“ fuhr ſie in einem be⸗ ſaͤnftigenden und ermunternden Tone, und in der erſten Aufwallung edelmuͤthiger Dankbarkeit fort— „fuͤrchte Nichts, denn Deine Gefahr iſt auch die meine! was Dich trifft, trifft auch mich! Du haſt Deine Sache zu der meinigen gemacht; geſchehe was da will, wir ſtehen und fallen mit einander.“ Nichts konnte die Geiſtesqual uͤberſteigen, welche Vrank beſiel, als er dieſe Worte vernahm. Er wußte nicht, was er thun oder ſagen ſollte. Er fuͤhlte ſich wie an den Boden gekettet, den ſeine Kniee noch immer beruͤhrten. Ein Ungluͤckszauber ſchien uͤber ihm zu ſchweben, und er fuͤhlte, daß es ihm nur an Kraft fehle, ſich den Tod zu geben, um der furchtbaren Lage zu entgehen, worin er ſich . 12** ˖/Q-—q—B— 270 durch ſeine Schwaͤche verſetzt hatte. Es war ſchon ſchlimm genug zu wiſſen, daß er jede ſeiner wohl⸗ berechneten Abſichten verletzt, ſeine Vernunft aufge⸗ opfert, ſeine Grundſaͤtze bloßgeſtellt habe; allein ein noch bittrerer Schmerz lag in dem Vorwurf, ein getaͤuſchtes und vertrauendes Weib zum Geſtaͤndniß einer Leidenſchaft verfuͤhrt zu haben, die er ſelbſt nicht zu erwiedern wagte, und die, mochten ihre Irrthuͤmer und Verbrechen ſeyn, welche ſie wollten, das Gepraͤge aufrichtiger und inniger Ergebenheit gegen ihn trug. Auch hatte wohl die Selbſtliebe Antheil an ſeinen, wie an ihren Empfindungen um die ungezaͤhmte Leidenſchaft zu unterſtuͤtzen, in die er verloren ſchien. Sey dem wie ihm wolle, es draͤngten ſich auf einmal eine Menge Entſchuldi⸗ gungsgruͤnde fuͤr Jacquelinen in ſeine Seele. Eine innere Ueberzeugung ſchien ihm zu ſagen: Sie iſt unſchuldig; allein er uͤberhoͤrte dabei die leiſe Stimme der Eitelkeit, die ihm zufluͤſterte:„Wie koͤnnte das Weſen ſo verbrecheriſch ſeyn, das mich liebt!“— Aber jetzt erwachte in ihm das ernſte Gefuͤhl der Pflicht, das ihn ſchon oft vor Verirrungen der Leidenſchaft bewahrt hatte. Gedanke und Hand⸗ lung folgten ſchnell auf einander. Er ließ die ſchoͤne Hand, die er bisher feſt in der ſeinen gehalten, — 271 los, erhob ſich ſchnell aus der knieenden Stellung, und feſt aufrecht ſtehend empfand er auf's Neue die Kraft der Unabhaͤngigkeit, die ihm Geiſt und Koͤrper ſtaͤhlte. — Graͤfin Jacqueline— ſagte er endlich mit weit mehr Zaͤrtlichkeit, aber mit nicht minderer Fe⸗ ſtigkeit, als Anfangs:— das war ein Moment der Pruͤfung fuͤr uns Beide. Gott weiß es, er hat mich uͤberraſcht— das iſt meine Entſchuldigung vor dem Himmel und meinem Bewußtſeyn— ich verdiente den 2 zu leiden, wenn ich dieſen Auf⸗ tritt abſichtlich herbeigefuͤhrt haͤtte. Ich ſuchte Euch auf, aber nicht in unedelmuͤthiger oder anma⸗ ßender Abſicht, und bitterlich beklage ich jetzt den Irrthum, wozu Euch mein Erſcheinen verleitet hat.— Jacqueline hoͤrte dieſer feierlichen Vorrede mit athemloſer Theilnahme zu, und ſah ihn aufmerkſam und geſpannt an, als er fortfuhr: — Hat der Sturm des Augenblicks, die Erin⸗ nerung an einen fruͤheren Auftritt, das allzu große Gefuͤhl fuͤr meine Gefahr Euch zur Enthuͤllung ei⸗ ner ſo reizbaren Empfaͤnglichkeit veranlaßt, ſo glaubt nicht, daß ich ſie unwuͤrdig benutzen moͤchte. Tretet zuruͤck in Eure Wuͤrde, wie ich an meinen Platz zuruͤckgetreten bin.— „Weg mit der Wuͤrde und falſchen Unterſchei⸗ dungen in dieſer Stunde,“ rief Jacqueline, da ſie in Vrank's Benehmen eine ſklaviſche Verehrung ihres Ranges zu erblicken meinte, und um den furchtſamen Juͤngling hinſichtlich ihrer Gefuͤhle, ſo⸗ wohl ihret⸗ als ſeinetwegen auf den rechten Stand⸗ punkt zu ſtellen. „Nein!“ fuhr ſie fort,„dies iſt nicht die Zeit fuͤr kalte Formen— das volle Herz verwirft ſie jetzt— Euer Platz iſt gefunden, auch iſt mein Stolz nicht gedemuͤthigt. Ich weiß, Ihr ſeyd von Adel, Jedem ebenbuͤrtig, und an Geſinnung ſteht Ihr weit uͤber den Meiſten. Die Scheidewand zwiſchen uns iſt niedergeriſſen; ich vergeſſe Alles, nur nicht das Mitgefuͤhl, das mir ſagt, ja mir befiehlt, Euch zu achten und zu ehren.“ Vrank'’s Kopf ſchien zu ſchwindeln. Er konnte den glaͤnzenden Blick des vollen Auges, das auf ihn ruhte, nicht ertragen, und ließ das ſeine auf dem Boden weilen. „So ſprecht denn frei, tapferer und edler Ritter,“ ſagte Jacqueline,„ſagt mir, was mein Herz ſchon ahnet, daß Ihr die Sache des Unrechts und der Tyrannei aufgegeben habt, und die meine unuͤber⸗ windlich machen wollt.“ 273 — Graͤfin! Ihr treibt mich zum Wahnſinn!— rief Vrank mit großer Bewegung, indem er ſeinen Mantel auseinander ſchlug und ſein Wamms zeigte — ich kann die Qual Eures irrigen Vertrauens nicht laͤnger ertragen. Ach! ich bin nicht Euer Freund oder von Eurer Partei, ob ich gleich fuͤhle, daß mich der Pfad der Pflicht zu gaͤnzlichem Elende fuͤhrt. Seht hierher— und hierher!— Jacqueline ſtand faſt ſprachlos bei dem Anblicke des rothen Burgundiſchen Kreuzes auf ſeiner Bruſt, und des ſilbernen Schildes, das van Monfoort ſo genau beſchrieben hatte, an ſeinem Arme. „Wie kamt Ihr denn hierher?“ ſagte ſie leiſe nach einer Pauſe,„und warum?“ — Ich enthuͤllte dieſe beiden Abzeichen nicht, die mich ein feierliches Geluͤbde ſtets zu tragen ver⸗ pflichtet, und dieſes Zeichen hier verſchaffte mir freien Eintritt durch Eure Thore.— Jacqueline bedeckte ſich das Geſicht mit den Haͤnden, indem ſie den Ring bemerkte, den ſie Gi⸗ les Poſtel gegeben hatte. „Laßt mich meine Schande verbergen,“ rief ſie,—„ich will nicht fragen, wie und wo ihr die⸗ ſen ungluͤcklichen Edelſtein empfangen habt, aber, warum, um's Himmels Willen ſagt mir, warum —;— 274 biſt Du hier, mit ſolchen Zeichen, um mein Herz bis aufs tiefſte zu verwunden?“ — Ich bin hier, Graͤfin, im Gefuͤhl der Ehre und des Nitterthums. Ich wollte— beim heil. Andreas ſey es geſchworen— keinesweges durch freche Enthuͤllung dieſer Zeichen meines Dienſtes und meiner Treue die Gefuͤhle Eures Herzens ver⸗ wunden. Aber, edle Dame, ſeht hier dieſes noch koͤſtlichere Pfand! Es wurde mir im hohen, edel⸗ muͤthigen Vertrauen gegeben; ich konnte es nicht anders als durch meine eigene Hand gerade wieder in diejenige zuruckgeben, welche es hier befeſtigte.— Mit dieſen Worten machte Brank den Guͤrtel von ſeinem Halſe los, und zog ihn aus dem Buſen. „Es zuruͤckgeben?“ rief Jacqueline mit einer Stimme, welche ihre ganze Muthloſigkeit verrieth, „und warum es denn zuruͤckgeben? warum nicht noch tragen? Das Gefuͤhl, das die Gabe verlieh, lebt noch immer in meinem Herzen!“ Unempfindlich gegen alle Gruͤnde des Stolzes, fuͤhlte Jaequeline wie ihre Stimme bebte und ihr Herz ungeſtuͤm ſchlug, und ohne einen Gedanken an Erniedrigung oder Schande bemerkte ſie, daß heiße Thraͤnen ihr uͤber die Wangen rannen. Brank erblickte dieſe untruͤglichen Beweiſe innern Leidens. Er fuͤhlte, daß ſeine Kniee ſich unwillkuͤrlich beug⸗ — 275 ten, und daß ſein Herz ihr von Neuem huldigte; ja, waͤre noch ein einziges Wort uͤber Jacquelinens Lippen gegangen, vielleicht waͤre er ihr abermals zu Fuͤßen geſunken, und haͤtte ſich ihr fuͤr immer geweiht. Allein ſie ſprach Nichts, denn in dieſer Stunde duͤſterer Aufrichtigkeit war ſie nicht im Stande, einen kuͤnſtlichen Gedanken auszubilden, oder ein Wort mit Abſicht zu aͤußern; hingegen Vrank war faͤhig die aͤußerſte Geiſteskraft zu behaupten, deren er in ſolch einem verlockenden und ruͤhrenden Falle bedurfte. Er war zu ſehr bewegt durch ihr Leiden, und wir muͤſſen geſtehen, auch zu ſchmerzlich dadurch geſchmeichelt, als daß er haͤtte denken koͤnnen, es ſey nicht wirklich; allein er rief ſich, trotz geheimen Widerſtrebens, gleich einem Ertrinkenden, der nach einem Strohhalme greift, Alles in's Gedaͤchtniß, was gegen ſie ſprechend, ihm helfen konnte, ſich aus der Schlinge zu ziehen, die ſein reizbares Gefuͤhl ihm bereitet hatte. Er that dies aber weniger um Jacquelinen anzuklagen, als aus Selbſtvertheidigung. Die abgebrochenen aber verdammenden Entdeckungen Giles Poſtel's, die lange geglaubten Beſchuldigungen in Beziehung auf die Vergiftung ihres Oheims, ihre falſch dargeſtellte Verbindung mit Gloceſter, 276 Herzog Philipp's heftige Reden, der Haß ſeiner ei⸗ genen Eltern, die Wuth ihrer Partei, das Alles trat vor Vrank's Seele, und bis jetzt hatte er auch nicht ein Wort der Rechtfertigung von Jacqueli⸗ nens Lippen vernommen, außer dem Geſtaͤndniſſe ihrer Gefuͤhle gegen ihn. Bei vielen Maͤnnern wuͤrde dies hinreichend geweſen ſeyn, ſie von Allem frei zu ſprechen, auch wohl von noch bedeutenderen Vorwuͤrfen, als Vrank's Gedaͤchtniß ihm gegen ſie vorhielt. Allein, ſey es nun ein Verdienſt oder Mangel, ſein Gemuͤth war von anderer Art, denn wenn ihm auch ihre Zuneigung in Geheim wirklich ſchmeichelte und er dafuͤr dankbar war, und ob ihn auch die Entdeckung nicht wenig uͤberraſchte, ſtand doch das Gleichgewicht zwiſchen Vernunft und Ge⸗ fuͤhl bei ihm feſt, und ſeine Selbſtachtung ſchuͤtzte ihn davor, daß er durch den bloßen Eindruck des Anblicks oder der Thraͤnen nicht uͤberwaͤltigt wurde. Allles, was wir hier kuͤrzlich zu ſchildern ver⸗ ſucht haben, ging mit unendlich groͤßerer Schnellig⸗ keit in unſers Helden Seele vor, allein die Worte und Handlungen, die auf dieſe Gedanken folgten, waren minder unzuſammenhaͤngend als es ihre Be⸗ ſchreibung ſeyn kann. Er rief alle ſeine Geiſtes⸗ ſtärke auf, und reichte den Guͤrtel mit der ausge⸗ 277 ſtreckten Hand hin. Mechaniſch nahm Jacqueline ihn an. Er fuͤhlte ſich wie von einer druͤckenden Laſt befreit, und ihr ſchien es, als ſey auch das letzte Glied der Kette geloͤſtt, die ſie mit ihrer letzten Hoffnung verband. — Dem Himmel ſey Dank!— ſagte Vrank, — ich habe die Pflicht eines treuen und ehrlichen Ritters erfuͤllt. Graͤfin! ich habe dieſes Zeichen der Gunſt wuͤrdig getragen, und haͤtte ich es nie als das Eure erkannt, ſo wuͤrde mir es, beim Himmel, kein Sterblicher entriſſen haben, ohne mein oder ſein Leben dagegen zu opfern. Allein da es von Euch herruͤhrt, konnte ich ein Zeichen nicht tragen, das jedem Grundſatze der Pflicht und Ver⸗ nunft widerſpricht. Ihr habt wohl ein Recht auf weitere Erklärung, allein ich kann nicht freiwillig verwunden, wo ich ſchon, ohne es zu wollen, Unheil geſtiftet habe. Ich muß ſchweigen, und Eure Offen⸗ heit meinen Mangel an Worten erſetzen laſſen— „Sprecht! o ſprecht! Ihr koͤnnt jetzt nichts ſa⸗ gen, was mich tiefer ſchmerzen moͤchte.“ — Dieſe Worte und Blicke dringen verwundend in die Tiefe meines Herzens. Beſſer, ich entferne mich, und uͤberlaſſe es Euch zu vergeſſen, daß Ihr je mich kanntet, oder mich mit einem Gedanken beehrtet.— „Ol verweilt noch ein wenig, ſelbſt in dieſer Atmoſphaͤre furchtbarer Gefahr! Erklaͤrt mir dieſes Benehmen, das ſo grauſam iſt als es gerecht ſeyn mag.“ — So laßt mich denn zu meiner eigenen Recht⸗ fertigung ſprechen. Ich will nicht der, meinem rechtmaͤßigen Fuͤrſten gelobten Treue, nicht der Treue gegen meinen Familienglauben gedenken, die mich ſchon als Euren politiſchen Gegner bezeichnen; allein Gott, der in meinem Herzen lieſtt, weiß, daß ich nicht Euer Feind bin. Doch, wie koͤnnte ich als Edelmann, Soldat und treuer und freier Ritter ein Gunſtzeichen tragen von Der, moͤge ſie eine Fuͤrſtin und noch ſo bezaubernd ſeyn, deren Zeichen auch von Gloceſter und Fitzwalter getragen wird? die mit dem einen Manne verlobt, und deren Herz im Beſitze eines andern, ja vielleicht mit zweien oder mehrern getheilt, deren guter Ruf nicht unbefleckt iſt— und, mit tiefem Schmerz ziehe ich den Vor⸗ wurf aus meinem widerſtrebenden Buſen— deren Creaturen den Mord tragen in den Palaſt ihres Gemahls und gegen die Bruſt ihres Vetters, und von deren einer, der niedrigſte und ſchaͤndlichſte aller ——— 279 Menſchen, das Gepraͤge dieſes furchtbaren Auftrags in dem Siegelringe trug, den ich ihm von dem er⸗ ſtarrten Finger zog, woran ihn ihre Hand geſteckt hatte. Vergebt mir, wenn ich zu gerade heraus ſpreche! ein offenes Herz liebt offene Rede. Ich ſehe, wie Euch meine Worte bewegen! bringt meine Zunge auf immer zum Schweigen, und nehmt eine Laſt von meiner Seele durch ein einziges Wort der Ablaͤugnung oder ein Wort der Rechtfertigung.— Waͤhrend dieſer Rede, worin Vrank viel wei⸗ ter gegangen war, als er Anfangs gewollt hatte, empfand Jacqueline den ganzen ſchnellen Uebergang von der Unterwuͤrfigkeit zum„iderſtande, all das Wiedererwachen des Stolzes und Unwillens, wel⸗ ches beleidigte Tugend und verletzte Wuͤrde nur empfinden kann. Das Blut von vier und zwanzig ſouverainen Fuͤrſten, ihren Ahnherren und Vorfah⸗ ren, ſchien in ihren Adern zu gluͤhen und ihr Herz zu ſchwellen. Jede Regung von Zaͤrtlichkeit war verſchwunden; ihre Thraͤnen trockneten. An die Stelle fruͤherer Ermattung durch Leiden und Schmerz trat ſchnell Spannung des Geiſtes und Koͤrpers. Sie war auf einmal eine Heldin, bereit, Unrecht zuruͤckzuweiſen, faͤhig, ihre Gluͤckſeligkeit aufzuopfern oder ihr Leben zu laſſen, um ihre beleidigte Ehre 280 zu retten; allein ſie verſchmaͤhte es auch, nur eine Sylbe zur Ablaͤugnung oder Vertheidigung gegen Beſchuldigungen zu aͤußern, die, wie ſie fuͤhlte, ſchon durch ihre Aeußerung vernichtet werden mußten, wie ein ſchaͤdliches Inſekt an der Unreinheit ſeines eigenen Athems ſtirbt. Sie erhob ſich in ihrem Stuhle, als ob ſie auf ihrem Throne ſaͤße. „Ablaͤugnung!“ ſagte ſie,„Rechtfertigung!— Iſt es dahin gekommen? Muthet man ſo Etwas Jacquelinen von Holland zu? Soll der ganze edle baieriſche Stamm auf ſolche Beſchuldigungen in meiner Perſon vor Gericht gezogen werden, wie ein gemeiner Menſch? O! Gott, was habe ich ge⸗ than, um ſo Etwas zu erfahren! Und Ihr, Sir, der mir dieſe bittere Lehre gegeben hat, wie habe ich mich in Euch getaͤuſcht, wie mich ſelbſt vergeſſen? Wie konntet Ihr ſolche Gedanken von mir hegen, oder, wie es wagen, ſie in Worte zu kleiden? Sollte nicht, wenn auch die lange Reihe von Fuͤrſten keine Beachtung verdiente, mein Geſchlecht ſchon mich vor Euren beſchimpfenden Worten ſchuͤtzen? Aber ich vergebe Euch: was konnte ich auch anderes er⸗ warten von einem Borſelen, einem verraͤtheriſchen Kabblejaw, und einem Miethlinge Burgund's?“ 281 Indeß Jacqueline von ungeſtuͤmer Verachtung getrieben weit mehr ſagte, als ſie in beſonnenerm Zorne gethan haben wuͤrde, fuͤhlte ſich Vrank in demſelben zarten Punkte verletzt, worin er ſie ſo tief verwundet hatte. Ihre bittern Vorwuͤrfe kraͤnk⸗ ten ſeinen Stolz, der ſich, wie ein verwundetes Wild, gegen ſeinen Angreifer wandte; und er fragte ſich ſelbſt: Iſt das Unſchuld? Iſt es nicht vielmehr der prahleriſche Ton bewußter Schuld? Allein ſein gewoͤhnlicher Scharfblick wurde verdunkelt durch ſein gereiztes Selbſtgefuͤhl, und er bedachte nicht, daß Symptome, die an einer gewoͤhnlichen Perſon ſeine Schluͤſſe gerechtfertigt haben wuͤrden, dies nicht erlaubten, bei dem Zorn in einer hoͤhern Stellung, wenn er durch Beſchuldigung uͤber ſeine Grenze gefuͤhrt wird, und die Vertheidigung verſchmaͤht. — Madame— ſagte Vrank mit aller Ruhe, die er gewinnen konnte,— ich brauche vor dieſen ſchimpflichen Beinamen nicht zu erſchrecken; ein rei⸗ nes Bewußtſeyn kann auch ſchlimmeren Anklagen Trotz bieten, wie es denn jetzt das meine thut.— „Eine hohe Seele verſchmaͤht die Widerlegung niederer Beſchuldigungen, wie es die meine thut; das koͤnnt Ihr Eurem thranniſchen Herrn ſagen, auf deſſen Befehl Ihr mir dieſen Schimpf angethan habt.“ 282 — Madame,, ich ſehe wohl, Ihr kennt mich nicht, — verſetzte Vrank,— und es thut mir nur um unſerer Beiden willen leid, daß mich das Schickſal Eurer falſchen Beurtheilung in den Weg geworfen hat.— „Meinetwegen koͤnnt Ihr Euch das Bedauern er⸗ ſparen. Euer zufaͤlliges Begegnen wird vergeſſen, wie es Statt gefunden. Es kann mich nur wenig koſten, dieſen Flecken aus meinem Gedaͤchtniſſe zu tilgen.“ — Das haͤtte ich vor Kurzem kaum denken ſol⸗ len,— ſagte Brank mit einem bittern Laͤcheln, in⸗ dem er unmoͤglich das ſtolze Bewußtſeyn des Ein⸗ fluſſes unterdruͤcken konnte, den ſie ſo fuͤhlbar ihm eingeſtanden hatte. „Dieſes Laͤcheln eines zu ſchnellen Triumphs wird ſich doch wohl in ſchmerzliche Bitterkeit ver⸗ kehren, Herr Borſelen, wenn ihr findet, daß die Schwaͤche des Weibes untergeht in der Verachtung der Fuͤrſtin. Und nun, Sir, koͤnnt Ihr Euch ent⸗ fernen; Eure kraͤnkende Sendung iſt erfuͤllt, nehmt Euren Ruͤckzug ſo gut Ihr koͤnnt.“ Vrank's Herz ſchwoll von beleidigtem Stolze. Nie war er ſo unzufrieden geweſen, weder mit An⸗ deren noch mit ſich ſelbſt. Er haͤtte gern Alles in der Welt darum gegeben, wenn es ein Mann ge⸗ weſen waͤre, der ihn ſo behandelte. All ſein ſonſt 283 gewoͤhnliches Nachdenken wurde von der Fluth des Zornes unterdruͤckt, und er ſah nicht ein, daß die Quelle ſeiner heftigen Bewegung nicht in den Aus⸗ druͤcken von Jacquelinens Verachtung lag, ſondern in der tiefgefuͤhlten Leidenſchaft, welche eben dieſe wunde Empfindlichkeit erzeugt hatte, die ihre Aus⸗ druͤcke ſo ſchmerzlich beruͤhrten. — Ich gehorche Euch, Graͤfin,— rief er— ich verlaſſe Euch, und mein gutes Schwert wird mir den Weg durch die Gefahren bahnen, die ſich, wie Eure Worte vermuthen laſſen, meinem Nuͤckzuge entgegenſetzen koͤnnten.—— „Gefahren!“ rief Jacqueline, indem der Ge⸗ danke an die, welche ihn treffen koͤnnten, wie ein ſchmerzlicher Lichtſtrahl in ihre Seele ſiel,—„Ich fuͤrchtete keine, ich wuͤnſchte keine fuͤr Euch, deß ſey der Himmel mein Zeuge! Geht, da Ihr ſo niedrig von mir denkt, aber geht ungekraͤnkt! Werft Euren Mantel uͤber dieſe verhaßten Zeichen,— hundert⸗ facher Tod moͤchte auf ihre Enthuͤllung folgen in dieſen Mauern.“ — Ich ſuche den Tod eben ſo wenig als ich ihn ſcheue,— verſetzte Vrank, tief bewegt durch ihre edelmuͤthige Beſorgniß um ſeine Sicherheit— ob⸗ 284 gleich das Leben keinen neuen Werth fuͤr mich be⸗ kommt durch dieſen Auftritt.— Indeß er ſeine Muͤtze wieder aufſetzte, ſeinen Mantel um Bruſt und Schultern ſchlug und nach dem Garten zuging, fuͤhlte Jacqueline wieder einen Strom zaͤrtlicher Gefuͤhle in ihrer Bruſt ſich regen. Auf dem ſchoͤnen Geſichte des Juͤnglings, welches die Daͤmmerung im mildern Lichte zeigte, druͤckte ſich die tiefſte Empfindung aus. Die Groͤße ſei— nes Charakters ſchien ſeinerſeits ohne alle Anſtren⸗ gung auf einmal ſich zu entfalten und ihrerſeits ohne bedeutenden Zweifel anerkannt zu werden; die Wirkung war unwiderſtehlich. Verwundeter Stolz, beleidigte Wuͤrde, gekraͤnkte Tugend, Alles wich dem maͤchtigen Einfluſſe unbegrenzter Liebe, und Jacque⸗ line war auf dem Punkte, dem Antriebe zu folgen, der ſie zu ihm hinzog, der doch im eigentlichſten Sinne ihr Geliebter war.— Da wurde ſie ploͤtzlich durch den Eintritt mehrerer Bewaffneter unterbrochen und erſchreckt, die aus dem Garten kamen, und ehe Vrank den Mantel zuruͤckſchlagen und nach dem Schwert greifen konnte, wurde er von einem halben Dutzend nerviger Arme gepackt und feſtgehalten. Berlin, gedruckt bei A. Petſch. Anzeige der Verlagshandlung. Etendaſelbſt ſind erſchienen: Romane von J. F. Cooper, in deutſchen Ueberſetzungen von 3 Gottfried Friedenberg. Die Prairie. 3 Baͤnde. 1827.. 3 Thlr. Red Rover. 3 Baͤnde. 1828... 31 Thlr. Conanchet und die Puritaner in Connecticut. 3 Baͤnde. 1829...... 34 Thlr. Die Waſſernixe, oder der Streicher durch die Meere. 3 Baͤnde. 1830.... 3 Thlr. Der Bravo. Eine venetianiſche Geſchichte. 3 Bde. 1832.......... 3 Thlr. „Ddie Leipz. Lit. Ztg. 1832. No. 101. ſagt uͤber die Waſſernixe:„Auch in dieſer romantiſchen Dichtung be⸗ waͤhrt ſich Cvoper's kraͤftiger Dichtergeiſt. Wir erhal⸗ ten hier ein hoͤchſt lebendiges Seeleben⸗Gemaͤlde, eine tuͤchtige Darſtellung der verſchiedenſten Charaktere, eine Gallerie von intereſſanten Ereigniſſen und die Theilnahme feſſelnden Gemuͤths⸗ und Seelenlagen. Auch hier ent⸗ buͤllt der talentreiche Amerikaner ſeine große Veranſchau⸗ lichungsgabe. Wie vor uns liegend, werden wir auf den Schauplatz verſetzt, den er unſerer Phantaſie aufſchließt. Was ſich auf ihm begiebt, welche Geſtalten ſich auf ihm vor uns bewegen: wir glauben uns Augen⸗ und Ohren⸗ zeugen. Bis an das Ende unterhalten und befriedigt, ſcheiden wir von dem trefflichen Leben⸗ und Seelenmaler. So koͤnnen wir deun nicht anders, als mit Vergnuͤgen der neuen Production, dem Banditen, entgegen ſehen, die uns in oͤffentlichen Blaͤttern angekuͤndigt wird. Ein ſo vielfach begabter Darſteller kann nur erzeugen, was ſei⸗ nes ausgezeichneten Geiſtes wuͤrdig iſt.“ W. Alexis geſammelte Novellen. Erſter bis vierter Band. 8. 1830. 31. 5 ½ Rthlr. „Der Dichter des Walladmor,“ heißt es uͤber Bd. 1, 2 im Lit. Wegweiſer No. 53 zur Abendzeitung 1830, „zog, ehe er als congenialer Nebenbuhler W. Scott's auftrat, ſchon durch mehrere kleinere Novellen die Auf⸗ merkſamkeit auf ſich, und dieſe ſeine Dichtungen wurden in den Taſchenbuͤchern und Zeitſchriften, worin ſie zerſtreut erſchienen, mit großer Vorliebe aufgeſucht und geleſen. Eine Geſammtausgabe derſelben war daher eben ſo ge⸗ wimſcht als erfreulich, und die Veraͤnderungen und Ver⸗ beſſerungen, welche der Verf. damit vornahm, ehe er ſie wieder vor dem Publiko erſcheinen ließ, ein neuer Gewinn. Die vorliegenden beiden erſten Baͤnde dieſer Sammlung werden ſich des allgemeinſten Beifalls zu erfreuen haben, und bilden auch in typographiſcher Binſicht ein werthvolles Geſchenk. In der Vorrede zum erſten Bande kaͤmpft der Verfaſſer zuvoͤrderſt gegen diejenigen, welchen die neuere Novellen⸗Literatur eine Abirrung von der Poeſie duͤnkt, die er lyriſche Kritiker nennt. Uns beduͤnkt, als habe er Novelle und Roman ſiegreich vertheidigt und die Einſeitigkeiten der entgegengeſetzten Anſichten dargethan. Weiterhin ſpricht er ſelbſt einige Worte uͤber die einzelnen Novellen, welche in den vorliegenden beiden Baͤnden enthalten ſind. Iblou war die erſte, die von ihm in Druck erſchien. Aber ge⸗ wiß auch eine der friſcheſten und anziehendſten. Ihr hi⸗ ſtoriſcher Hintergrund iſt der Feldzug von 1815. Die Schlacht bei Porgan laͤßt allerdings den Dialog ſehr hervortreten, dafuͤr iſt aber ſo eine lebendige Charakteriſtik * der ſprechendſten Soldatengeſtalten darin aufgeſtellt, daß man ſich nicht im mindeſten dadurch aufgehalten fuͤhlt. Wir kennen wenig Novellen, worin dieſer achte Soldaten⸗ bumor ſo wahr aufgefaßt waͤre als hier.— Der Schwank: die Erſcheinung von Anklam, iſt unbedeutend.— Die ehrlichen Leute beginnen den zweiten Band. Sie erregten beim erſten Erſcheinen vieles Intereſſe und wer⸗ den es durch ihre Eigenthuͤmlichkeit und heitere Ironie ſtets erhalten.— Von dem Schleichhaͤndler ſagt der Verf. ſelbſt, daß er auch in ſeiner veraͤnderten Geſtalt mehr der Unterhaltung als der Kritik angehoͤre, und die erſtere wird ihn mit Vergnuͤgen vindiziren.— Der Braune wird den Leſern unter dem fruͤheren Namen Collabo⸗ rator Liborius noch wohl bekannt ſeyn. Er ſelbſt ſagt, daß er darin polemiſch gegen die Richtung, welche die Hofmann ſchen Geiſtergeſchichten der Literatur zu ge⸗ ben drohten, aufgetreten ſey. Kaum duͤrfte man bei alledem dieſe Abſicht ahnen, und er durch dieſes„dumpfe Stilleben,“ das ſo ganz den Charakter jener Dichtungen traͤgt, ſie ſchwerlich erreicht, jedenfalls aber dem Leſer etwas ſehr diaehandes geboten haben. In zu engem Raume zeigt ſich das Schauergemaͤlde: Graͤfin He⸗ lena, und verletzt dadurch. Moͤchten die folgenden Baͤnde mit gleich ſchaͤtzbaren Gaben bald erſcheinen.“ Der dritte und vierte Band, welche ſeitdem erſchie⸗ nen ſind, enthalten folgende Novellen: Venus in Rom— Emmerich.— Pommerſche Geſpenſter.— Acerbi.— Herr Kritik. Erzaͤhlungen von Karl Streckfuß. 2 Bandchen. gr. 12. 1830. geh. 2 Nthlr. Der Name des durch ſeine Ueberſetzungen italieniſcher Meiſterwerke ruͤhmlichſt bekannten Herrn Verfaſſers iſt Buͤrge fuͤr die Guͤte ſeiner Gabe. Das erſte Baͤndchen enthaͤlt: der Unbekannte in Brachfeld.— Der Koͤnig in Brachfeld.— Die drei Nebenbuhler.— Bod. 3. Die Kur.— Liebesprobe.— Die Erſcheinungen am See.— Bianca. Die Bildhauer. Roman von Car. v. Woltmann. 2 Baͤnde. 8. 1829. geh. 3 Rthlr. Von den ausgezeichnet guͤnſtigen Beurtheilungen, welche dieſer Roman unter andern in der Jena'ſchen Litt. Ztg. 1829, No. 135.— Geſellſchafter 1829, No. 121. Abendztg. 1829. Wegweiſer No. 61.— Schleſ. Provin⸗ zialbl. 1829, S. 435.— Maälten’s Bibliothek 1829, 2ter Theil S. 231, 32. und in der Berl. Voß'ſchen Ztg. 1829, No. 135 erfahren hat, lautet die letztere:„Die Bildhauer verdienen unter der Fluth gehaltloſer, ver⸗ kehrter und verderbter Romane der neueſten Zeit eine auszeichnende Erwaͤhnung. Der Zweck der geiſtreichen Verfaſſerin, das Poetiſche, das in Kunſt und Leben des Bildhauers liegt, fuͤr eine Dichtung zu benutzen, iſt ihr auf eine eben ſo phantaſiereiche als ungezwungene Weiſe gelungen, und ihr Werk verdient neben Wagner’s an⸗ erkannte Verſuche dieſer Art geſtellt zu werden. Sie hat ernſte Studien und heitere Betrachtungen der Kunſtwelt an eine durchgehends intereſſante Erzaͤhlung geknuͤpft und treffende Charakterzeichnungen darein verwebt. Vor gl⸗ lem empfehlen wir dieſes Buch den Frauen. Es gehoͤrt zu den ſeltenen Werken, welche, indem ſie die Kenntniß und Liebe der Kunſt foͤrdern, dies auf eine Weiſe thun, die dem zarteren Geſchlecht auch die kleinſte Befangenheit erſpart. Die Verleger haben es uͤbrigens ſehr geſchmack⸗ voll ausgeſtattet.“ 4 1 Ueber die Verſchwoͤrung gegen Venedig, im Jahre 1618. 541 Von Leopold Ranke. 7. 8... 3 Mit Urkunden aus dem venezianiſchen Archive. gr. 8. 1831. 1 ½ Rthlr. — 8 3