Leibbibliothe 3 deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Buücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von 3 jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.. 3 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahm e eines Buches, eine dem Werthe deſ Wen entſprechende Summe hiuterlegen, welche bei deſſen Zuruckgabe von mir zurückerſtattet wird. 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und bpeträgt: 4 3 3 fuͤr agscheutlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —— auf 1 Monat: 1 M. Ff. 1 N. 50 Ff. 2 Mr. Ff. —— Jacqueline von Holland. Eine hiſtoriſche Erzaͤhlung Thomas Colley Grattan, Verfaſſer der„Reiſebilder“, der„Erbin von Brügge“ ꝛc. Aus dem Engliſchen übertragen von K. T. Meth. Müller. Erſter Band.* Berlin, 1832. Verlag von Duncker und Humblot. — 1 Vorwort. D. Verfaſſer dieſes hiſtoriſchen Romans hatte das Erſcheinen deſſelben ſchon am Schluſſe des von ihm im vorigen Jahre unter dem Titel: Die Erbin von Bruͤgge, herausgegebenen angekuͤndigt, und er erſchien zu London unter der Aufſchrift: Jacequeline of Holland, a his- torical tale by Thomas Colley Gratlan, in three Volumes. Da der Ueberſetzer des er⸗ ſtern nun das Vergnuͤgen gehabt hat, zu be⸗ merken, daß die Freunde einer Lectuͤre dieſer Art an jenem mannichfache Unterhaltung ge⸗ funden haben: ſo entſchloß er ſich auch dieſen neuen in's Deutſche zu uͤbertragen, mit dem Wunſche und in der Hoffnung, daß er die Le⸗ ſer auf gleiche Art anizehen und unterhalten moͤge. An Lebendigkeit der Darſtellung, Fein⸗ IV heit und hiſtoriſcher Treue der Charakterzeich⸗ nung, Wahrheit der Natur⸗ und Sittenſchilde⸗ rung, ſo wie manchen tiefen Blicken in das Innere des Gemuͤths und das Getriebe menſch⸗ licher Leidenſchaften ſteht er dem erſtern gewiß nicht nach. * Der Ueberſetzer. Erſtes Kapitel. Auf der ſuͤdlichen Grenze des wilden Bezirks, Ze⸗ venwolden*) genannt, dicht an den wuͤſten Flaͤ⸗ chen der alten Grafſchaft Drenthe, da, wo ſie von der Zuyderſee beſpult werden, war an die uͤber⸗ haͤngenden Aeſte alter Eichen auf einer Anhoͤhe eine Art von Jagdzelt, allein aus beſſeren Stoffen, als die gemeinen Jaͤgersleute des Waldes dazu zu gebrauchen pflegten, befeſtigt. Es war umringt von Gruppen von Jaͤgern zu Pferde, ihre Hifthoͤr⸗ ner uͤber die Schultern gehangen, und Jagdhunde von der großen, rothen Albaneſiſchen Zucht und flaͤmiſche Huͤndinnen mit rauhem, gefleckten Fell an Koppeln haltend; von Dienern, welche Pferde, mit langen Decken geſchirrt, fuͤhrten, und von Solda⸗ ten, die, uͤber und uͤber gepanzert, Hellebarden in den Haͤnden hielten; allein die muntere Regſamkeit *) Sieben Wälder. I. 1 derer, die ſich zu einer Jagd anſchickten, die luſti⸗ gen Geſaͤnge, das Bellen der Hunde, das Getoͤn der Hoͤrner unterbrach nicht die Stille des Ortes. Er war zwar ſchon oft der Schauplatz aͤhnlicher Verſammlungen geweſen; allein zu keiner fruͤheren Zeit, und auch nicht in den vier Jahrhunderten, welche ſeitdem verfloſſen, war er von einer ſo aus⸗ gezeichneten Geſellſchaft oder eines ernſteren Zweckes wegen aufgeſucht worden. Unter dem Gezelte befanden ſich zwei Perſo⸗ nen; die eine, ein Mann von mehr als mittlerem Alter, ſaß mit gefalteten Haͤnden und uͤber einan⸗ der gelegten Beinen auf einem großen Seſſel, der mit der ungewoͤhnlichen Pracht eines wollenen Kiſ⸗ ſens verſehen war, die Elbogen auf deſſen Arme geſtuͤtzt. Trotz dieſer traͤge Gleichguͤltigkeit aus⸗ druͤckenden Stellung ſchien er ſich doch nicht behag⸗ lich zu fuͤhlen. Seine Reitkleidung von braunem Bruͤgger Tuche ſchien ihm beſchwerlich zu ſeyn, ob⸗ gleich ſein Wamms auf der Bruſt offen war, und ſein rother Lederguͤrtel nur loſe um den ſtattlichen Leib ſich ſchlang. Wenig kurze, weißliche Haare ringel⸗ ten ſich um ſeinen großen Kopf, der mit einem grauen Filzhute bedeckt war. Seine roſigen Wan⸗ gen waren ohne Backenbart, ſeine Oberlippe ohne Stutzbart, und ſein Kinn ebenfalls bartlos. Nichts 3 als das Gewebe und der Schnitt ſeines Kleides be⸗ zeichneten den Mann von Stande oder den Jaͤger. Nahe bei ihm und gelehnt auf einen Bogen von Spaniſchem Ebenholz ſtand ein Weib von zier⸗ licher Geſtalt und einem Geſicht von ſchwermuͤthi⸗ ger Schoͤnheit, welches, wiewohl mit dem Ausdruck vorgefaßter Abneigung, ſeinen Reden zuhoͤrte. Ihre Zuͤge waren ſchaͤrfer bezeichnet, als ſonſt bei Frauen in der erſten Jugend; indeſſen vereinigte ſich in ihnen mit der Ruhe und Friſche, die ſich ſelten noch nach dem erſten Fruͤhlinge des Lebens finden, jene entſchiedene Wuͤrde, die eigentlich nur dem Frauenalter eigen iſt; und auf ihrem Antlitz entfal⸗ tete ſich jener harmoniſche Glanz, der den Ausdruck von Leiden duldet, ohne dadurch zerſtoͤrt zu wer⸗ den. Sie war nach der Mode der reicheren Hollaͤn⸗ diſchen Frauen gekleidet, in ein Kleid naͤmlich von feinem weißen Kirſey, woruͤber ſie einen lichtblauen Ueberwurf von demſelben Stoffe trug, der dicht an Bruſt und Taille ſich ſchloß, mit flatternden Streifen beſetzt, welche bis an die Kniee reichten. Ihr Haar, in uͤberreicher Fuͤlle, war auf phantaſie⸗ reiche Art geziert mit goldenen Seitenſtuͤcken und Ringen, worinnen Cdelſteine glaͤnzten, und unter dem hohen gruͤnen Sammethut draͤngten ſich zahl⸗ 1* 4 loſe Locken von lichtbrauner Farbe hervor. Ihre Schuhe von blauem Corduan, waren ſcharf zuge⸗ ſpitzt und aufwaͤrts gebogen faſt bis zum Vorder⸗ fuße; ein ſchmaler, blauſeidener Guͤrtel war mit einer Demantſchnalle vorn befeſtigt, und unter ihm hingen noch zwei Streifen von goldener Filigranar⸗ beit herab.. „Ihr bemerkt die gute Wirkung der Froͤmmig⸗ keit und des Gebets, meine liebenswuͤrdige Graͤfin und ſehr geehrte Tochter“ ſagte ihr Gefaͤhrte in Franzoͤſiſcher Sprache, jedoch mit dem rauhen Ac⸗ cente des Nordens.„Indeß Ihr ſo mannichfachen Gefahren entgegen gingt, habe ich unaufhoͤrlich Meſſen geleſen fuͤr Euer Gluͤck, und hier ſeyd Ihr nun gluͤcklich im Hafen angekommen, oder doch we⸗ nigſtens iſt Euer Schiff unter guͤnſtigen Umſtaͤnden in See geſtochen.“ — Ja, aber in ſtuͤrmiſche See!— verſetzte ſie mit einem ſchweren Seußzer. „Was thut das? Ihr habt ja einen kuͤhnen und geſchickten Steuermann, es zu leiten,“ erwiederte der verkleidete Geiſtliche mit zufriedener Miene. „ Dieſer Sohn, Bruder und Oheim von Koͤnigen, ja ſelbſt Regent eines Reichs, iſt der Mann, Eurem unnatuͤrlichen Vetter die Spitze zu bieten. Bei dem —— — — Schreine von St. Willebrod, das nenne ich mir eine Heirath. Die Häaͤlfte der Prinzeſſinnen Euro⸗ pa's werden Euch darum beneiden.“ Die ſchoͤne Jaͤgerin,— denn das war ſie ſo⸗ wohl dem Geiſte als dem Aeußern nach,— ſchlug die blauen Augen zum Himmel auf, und eine Thraͤne zitterte in den langen Wimpern. Der Geiſtliche ſah graͤmlich und unzufrieden aus, und fuhr mit einem halb zornigen, halb krie⸗ chenden Tone fort: „Bedenkt nur, Madame, er allein iſt es, der Euer Erbe vor fernerer Beraubung retten kann. Wer ſonſt als der koͤnigliche Gloceſter iſt im Stande, dem maͤchtigen Burgund entgegen zu treten, oder der Welt zu zeigen, wie wenig Anſpruch er auf den ſchlecht angewandten Namen des Guten hat. Wie anders als durch ſeine Huͤlfe moͤgen Eure treuen Vaſallen gerettet, und Eure freien Staͤdte von Holland und Zeeland in den Stand geſetzt werden, ihre Freiheit zu behaupten? Und was ſoll aus dem innigen, unternehmenden Freunde, Zweder van Culemborg, und ſeinem Utrechter Biſchofsſitze werden, wenn uns, ohne andere Huͤlfe als unſere Freundſchaft, der ehrgeizige Philipp uͤberfallen ſollte? Laßt es mich Euch frei heraus ſagen, geehrteſte mit dem eines vermaͤhlten Weibes vertauſchen?“ 6 Prinzeſſin, in dieſem gefaͤhrlichen Spiele bin ich es, der am meiſten zu verlieren hat, denn der gute Herzog Philipp wuͤrde mich zu Tode hetzen, wenn er nur das Mindeſte von alle dem ahnen ſollte, was ich fuͤr Euch thue.“ — Laßt Eure Beſorgniſſe, mein verehrter Herr, auf ihrem wahren Grunde ruhen,— ſagte die Dame mit einem etwas veraͤchtlichen Stolze,— die Sachen ſind ſchon zu weit gediehen, um mir den Ruͤckſchritt zu erlauben, und Ihr braucht nicht erſt zu erfahren, daß Jacqueline von Holland von einem Geſchlechte abſtammt, welches Entehrung ſtets mehr gefuͤrchtet hat, als Ungluͤck.— „Nun, das iſt geſprochen, wie Ihr ſelbſt, wie der Sproͤßling Eures edlen Geſchlechts,“ verſetzte der beruhigte Biſchof, indem er ſich vor ſelbſtſuͤchtiger Freude die Haͤnde rieb,„und wenn Ihr die Sicher⸗ heit noch ſicherer machen, und noch ein Glied hin⸗ zufuͤgen wolltet, um uns Alle mehr mit einer Kette geemmeinſamer Wohlfahrt, als gemeinſamer Gefahr zu umſchlingen, iſt es nicht jetzt Zeit dazu? Was kann ſich gluͤcklicher ereignen, als meine Gegenwart, um das eheliche Band zu knuͤpfen? und wann koͤnn⸗ tet Ihr beſſer den Namen einer verlobten Braut —,— 7 Als er ſeinen Blick zu dem Jacquelinens er⸗ hob, war ihm auf einmal die Rede wie abgeſchnit⸗ ten, denn er bemerkte, daß ſie vor Unwillen gluͤhte. Und die Augen zu Boden ſenkend, wie er gemei⸗ niglich zu thun pflegte, wenn er ſprach, hoͤrte er ihrer Antwort ohne Unterbrechung zu. — Graf, oder Praͤlat,— ſagte ſie,— denn ich laſſe Euch die Wahl des Titels in dieſer Angelegenheit von geiſtlichem oder weltlichem Intereſſe, es iſt bei dieſem Beginn unſeres Unternehmens gut, daß wir einander verſtehen. Die Verbindung mit Euch iſt fuͤr Jemand in meiner verlaſſenen Lage von ho⸗ hem Werthe, aber noch ſchaͤtzbarer iſt die Huͤlfe von Englands Regenten. Aber um keiner von beiden kann ich das Gefuͤhl meiner eigenen Wuͤrde verlaͤugnen, oder der Beſchaͤmung meines Gewiſſens mich Preis geben. Ich laſſe es mir, wenn es der Himmel alſo will, gefallen, das elendeſte der Wei⸗ ber zu ſeyn, allein ich will lieber ſterben, als Et⸗ was thun, deſſen ich mich zu ſchaͤmen haͤtte. Wie koͤnnt Ihr mir alſo zu einer geheimen Ehe rathen, ſo lange ein anderer Gemahl lebt, und meine ver⸗ haßten Bande noch nicht geloͤſt ſind?— „O! Eurer und Seiner Hoheit von Gloceſter's Intereſſe laſſen keinen Zweiſel uͤbrig, daß Eure 8 ungeſetzliche Ehe in dieſer Stunde fuͤr nichtig erklaͤrt worden iſt, ſelbſt wenn Johann von Brabant noch leben ſollte, die Bulle zu empfangen, wodurch Seine Heiligkeit Eure Verbindung trennt. Sowohl Eheſchei⸗ dung als Wittwenſchaft koͤnnen in dieſem Augen⸗ blicke Euer Loos ſeyn. Laßt Euch daher nicht durch kleinliche Bedenklichkeiten abhalten„ von denen ich bereit bin, Euch zu abſolviren.“ — Ach,— ſagte Jacqueline, indem ſie in einen dem des Biſchofs aͤhnlichen Seſſel ſank,— wie oft bin ich auf meinem duͤſtern und oͤden Lebenspfade Solchen begegnet, die immer bereit waren, die Bedenklichkei⸗ ten meines Gewiſſens zu entfernen, und mir den breiten Weg des Verbrechens zu zeigen!— „Des Verbrechens, Madame Jacqueline!“ — Nicht anders, verehrter Graf! Als mein er⸗ ſter verlobter Herr, der Dauphin, ein Opfer des Verrathes durch Gift fiel, und ich auf einmal einen verſprochenen Gemahl und eine Krone verlor, wie viel Zungen waren da thaͤtig, die Fluth der natuͤr⸗ lichen Gewiſſensbiſſe zu hemmen, womit ich auf die unheilige Verbindung mit meinem verhaßten Vetter Johann hinſah! Und als ich mich dem Rathe meiner Freunde fuͤgte, und mich dem bloßen Phan⸗ tom eines Gatten opferte, der kaum die Laſt ſeiner 9 eigenen Schwaͤchen tragen, viel weniger mich und meine Rechte aufrecht zu erhalten vermochte— wie wurde ich durch dieſen Papſt Martin V. ſelbſt ge⸗ draͤngt, den Schrecken zu bemeiſtern, der mich, wie ich es in der vollen Verſammlung der Staaten von Hennegau erklaͤrte, erzittern machte wie ein Espen⸗ laub, ſo oft mein Knabe von Gemahl ſich mir zu naͤhern drohte!— „Ja, meine hochverehrte Tochter,“ verſetzte der Prieſter mit einem ziemlich unheiligen, verſchmitzten Laͤcheln,„und kein Wunder, daß Ihr vor der An⸗ naͤherung einer ſolchen Satire auf alle Maͤnnlich⸗ keit zuruͤckſchaudern mußtet! Aber wie ganz anders iſt jetzt Euer Loos! Wie ganz anders der ritter⸗ liche Gloceſter, wenn er Euch voll Liebe entgegen kommt.“ — Halt, mein Herr Zweder! Noch ein ſolches Wort, noch ein ſolcher Blick, unehrwuͤrdig an Euch und beleidigend fuͤr mich, und Augenblicks breche ich die Unterredung ab, zerſchneide Euren Plan fuͤr immer, und kehre zuruͤck zu meiner klei⸗ nen Stadt Amersfort, mein Geſchick dem Himmel anheim ſtellend!— „Das alſo, Madame, ſollte ich erwarten?— Fuͤr eine ſolche Behandlung habe ich alſo mein gan⸗ 1* 10 zes zeitliches Gut in Eurer faſt verzweifelten Sache auf's Spiel geſetzt! So alſo ſollen Eure ergebe⸗ nen Vaſallen, Eure getreuen Staͤdte von Holland und Zeeland, Eure braven Gemeinden von Kenne⸗ merland und Weſtfriesland der Laune eines Weibes aufgeopfert werden!“ — Ungluͤck hat mich damit vertraut gemacht, harte Worte zu ertragen!— ſagte Jacqueline mit einem ſtolz niedergeſchlagenen Weſen. „Kann Euch geſunder Sinn nicht lehren, wohl⸗ gemeinte Worte zu ſchaͤtzen? Koͤnnt Ihr nicht...“ — Hoͤrt, mein Herr Biſchof! ich kam nicht hier⸗ her, meiner Sache zu ſchaden, noch weniger Eure Vorhaltungen anzuhoͤren. Ich moͤchte mir ſelbſt nicht das Leid zufuͤgen, mit Euch zu hadern— ſo hoͤrt mich denn. Ich bin bereit, meinen Contract mit Humphrey von Gloceſter zu erfuͤllen, wenn Gott nach ſeiner Gnade Denjenigen zu ſich nimmt, der ſich meinen Gemahl nennt, oder der Papſt nach ſei⸗ ner Weisheit die Bande trennt, die er ſelbſt fuͤr mich geſchmiedet hat!— „Nun das iſt wohl geſprochen! und mehr als dies.. — Fragt mich Nichts mehr! meine Zunge wird nie den Heuchler meines Herzens ſpielen!— Ich 11 kann keinen Liebesworten lauſchen, wenn Gloceſter das Thema iſt. Ich liebe ihn nicht, und er liebt mich auch nicht. Politiſche Beweggruͤnde, welche ſo manche Prinzen und Prinzeſſinnen durch unpaſſende Bande vereinigten, fuͤhren uns Beide zu dieſer Ehe. — Nichts weiter. Da Humphrey tapfer gefochten hat fuͤr meine geringe Sache, ſo werde ich ihn treu⸗ lich ehren; da er ritterlich um meine Hand gewor⸗ ben hat, ſo werde ich ſie ihm geben in Dankbarkeit und Treue. Aber Liebe!— Ach! die habe ich nie gekannt, auch darf ich wohl nicht hoffen, ihre Reize je kennen zu lernen. Die niedrigſte Dirne, welche das Vieh eines Bauers beſorgt, mag eher die Sym⸗ pathie eines Herzens zum Herzen empfinden, als ich, geboren fuͤr einen Stand, dem Liebe nicht zum Erbtheil fiel. Und doch duͤnkt mich, daß, haͤtte ich.— „Horch! aufgeſchaut, Madame“, unterbrach ſie der Biſchof, der den mit ſchwacher Stimme hervor⸗ gebrachten Traͤumereien ſeiner Gefaͤhrtin nur we⸗ nige Aufmerkſamkeit geſchenkt hatte,„vernehmt Ihr nicht den Trompetenklang, der als Zeichen ih⸗ rer Annaͤherung gelten ſollte? Ja, ja, da kommen ſie, zwei Ritter mit ihren Knappen. Das kann Niemand anders ſeyn, als der Herzog und Ludwig 12 van Monfoort. Munter, munter, ſchoͤne Tochter, Eurem verlobten Herrn entgegen zu gehen!“ Ein glaͤnzender Strahl erhellte auf einen Au⸗ genblick Jacquelinens Angeſicht, allein er war einer ganz andern Quelle zuzuſchreiben, als der Biſchof ſich einbildete. Es war wiedererwachte Ehrſucht, die in ihrem ſtolzen Gemuͤthe aufglimmte, und ihr ſchoͤnes Geſicht belebte, bei der Ausſicht, mit Dem zuſammenzutreffen, der fuͤr ihre Rechte bereits ge⸗ fochten hatte, und jetzt ihre vornehmſte Hoffnung war. Sie erhob ſich von ihrem Sitze, und mit einiger weiblichen Schwaͤche ihre Haarflechten und ihren Kopfſchmuck ordnend, begab ſie ſich nach der Oeffnung des Zeltes. Hier traf ſie ihren eige⸗ nen und des Biſchofs Pagen nebſt einem jungen Maͤdchen, das ein halb Dutzend Jahre juͤnger war als ſie ſelbſt, die beguͤnſtigtſte und treueſte der wenigen Ehrendamen, welche ſie durch alle Wechſel ihres Geſchicks voll Ergebenheit begleitet hatten ſeit der Zeit ihrer ungluͤcklichen Vermaͤhlung mit ihrem Vetter Johann, Herzoge von Brabant. Die Pa⸗ gen waren, gleich den Soldaten und anderen Die⸗ nern, in ihrer Staatskleidung, unausgezeichnet durch irgend Etwas, wodurch ihr Dienſtverhaͤltniß zu er⸗ kennen geweſen waͤre. Das junge Frauenzimmer —— 13 war faſt nach derſelben Mode gekleidet, wie die Prinzeſſin, ausgenommen, daß die Farben, die ſie trug, und die Art, wie ſie ihr Haar geordnet hatte, ihrer blonden Hautfarbe und dem minder ernſten Ausdruck ihres Geſichtes mehr angemeſſen waren. Ein ſanftes Laͤcheln ſpielte um ihren lieblichen Mund, eine leichte Roͤthe bedeckte ihre Wangen, und ihre ſchlanke Geſtalt ſchien ganz elaſtiſch vor Freude. „Nun, Benina“, ſagte Jacqueline mit Faſſung, „Deine Wache hat nun ein Ende. Der Herzog Humphrey findet ſich an der beſtimmten Stelle ein.“ — Ja, ja, Madame, blickt einmal dorthin nach der Bucht, ſeht! ſie kommen ſchon! Bald haͤtten ſie uns, trotz unſerer Wachſamkeit, uͤberraſcht. Die. kleinen Pferde ſchluͤpften um die vorſpringende Ecke der Bay noͤrdlich, indeß ich und Hendrick, und des Biſchofs Page, die beiden Hellebardierer und der Trompeter, unſere Augen ſuͤdlich gerichtet hielten.— „Selten nur, meine gute Benina, blickt die Liebe ſo weit von ihrem Ziel hinweg. Nun, nun, erroͤthe nur nicht noch mehr, liebes Maͤdchen, Deine Wangen ſind ſchon genugſam mit der Farbe des Geſtaͤndniſſes bedeckt.“ — Ach, Madamo, verſchont mich mit dieſen Wor⸗ 14 ten und Blicken! Habt Mitleid mit der Schwaͤche, die Ihr bisher nicht gemißbilligt habt.— „Mißbilligen? Nein, das verhuͤte der Himmel! Waͤre ich Deine Nebenbuhlerin, dann koͤnnte ich Dich tadeln und haſſen. Allein Unwiſſenheit nur, nicht Zorn, laͤßt mich Dich um Dein Vergnuͤgen beneiden. O! koͤnnte ich doch auch meine Pulſe wie die Deinen ſchlagen, mein Geſicht wie Deines erroͤthen fuͤhlen! O! es muß doch ſuͤß ſeyn, zu lie⸗ ben und geliebt zu werden!“ — Seht, Madame, ſie kommen, der Herzog und.— „Du brauchſt den tapfern Fitzwalter nicht erſt anzumelden, meine Bettina, Deine Augen ſind ſchon die Herolde ſeiner Annaͤherung geweſen. Ich wuͤn⸗ ſche Dir alle Freude und Gluͤckſeligkeit, meine treue Freundin.“ — und Ihr, meine guͤtige Herrin, werdet Ihr nicht auch gluͤcklich werden? O! laßt wenigſtens ein Laͤcheln auf Eurem Angeſicht erſcheinen— Ihr, die auf Erden wohl am meiſten verdient, gluͤcklich zu ſeyn, und mehr als ich Grund habt, es jetzt zu erwarten. Euer ritterlicher Liebhaber, der koͤnig⸗ liche Gloceſter kommt, ſeinen Anſpruch auf Eure Treue geltend zu machen, indeß ich, leider, nur hof⸗ 15 fen und mir einbilden darf, darauf bauen zu koͤn⸗ nen. O! munter, munter, Madame, und geht dem Prinzen mit dem Laͤcheln des Willkommens ent⸗ gegen.— Jacqueline erwiederte nichts auf dieſe aus war⸗ men Herzen kommende Ergießung, ſondern blieb in gefaͤlliger Anmuth ſtehen, die Ankommenden zu em⸗ pfangen. Der Biſchof verließ gleichfalls das Zelt, und ging ihnen entgegen, indeß die Soldaten und Diener ſich in eine Linie ſtellten, ſie ehrenvoll zu be⸗ gruͤßen. Als Gloceſter ſich naͤherte, warf er ſeinen weiten Mantel einem Diener zu, und enthuͤllte ſeine ſtattliche Geſtalt, gekleidet in ein dicht anſchließen⸗ des Wamms von Lincoln⸗Gruͤn, woruͤber keine Zier⸗ rath hing, welche ſeinen hohen Rang verrathen konnte; ſein niedriger, runder Sammethut war ganz einfach geziert mit einer Binde von gleichem Stoffe, welche eine goldene Schnalle feſthielt, wie ſie jeder Englaͤnder von Stande zu tragen pflegte. Ein kurzer Dolch im Guͤrtel war ſeine einzige Waffe, und bloß ſein fuͤrſtlicher Anſtand und ſtolzer Blick zeugten davon, daß er und der ungeſtuͤme Protector von England eine und dieſelbe Perſon ſey. Der naͤchſte Gefaͤhrte an ſeiner Seite, der die Stelle eines Kammerherrn etwas ungeſchickt 16— verſah, indem er ihm den gehorſamen Biſchof vor⸗ ſtellte, war ein Mann von mittlerem Alter, mittle⸗ rem Wuchſe und mittelmaͤßiger Bildung, ſo wie ſie die Mehrheit des rohen und unabhaͤngigen Adels von Holland und Zeeland in jenen Tagen zu ent⸗ falten pflegte, Maͤnner, die mit ihrer Feudalmacht wenig ritterliche Verfeinerung verbanden, und auf ihren einſamen Schloͤſſern einen ſtolzen Krieg mit ihren parteiſuͤchtigen Nachbaren oder den Staͤdten unterhielten, welche ihre Autoritaͤt entweder verab⸗ ſcheuten oder bekaͤmpften. Ludwig van Monfoort eichnete ſich vor anderen ſeiner Klaſſe bloß aus durch die nie wechſelnde Treue fuͤr Jacquelinens Sache, worin ihm wenige der eigentlichen Vaſallen derſelben gleich kamen, in den ungluͤcklichen Kriegen gegen ihren Oheim, Johann den Unbarmherzigen, ſaͤculariſirten Biſchof von Luͤttich, deſſen vor Kur⸗ zem erfolgter Tod ſie in ihre Erbſchaftsrechte wie⸗ dereingeſetzt hatte, die ihr durch ſeine ſiegreiche Un⸗ gerechtigkeit einige Jahre zuvor entriſſen worden waren. Der nicht eben feine Krieger konnte bei der jetzigen Gelegenheit ſich nicht bewogen finden, ſeinen kriegeriſchen Anzug ganz bei Seite zu legen. Ueber ſeinem Wamms war eine eiſerne Halsberge — 17 zum Theil ſichtbar; ſein langes, zweihaͤndiges Schwert hing an einem mit Metall verzierten Wehrgehaͤnge an ſeiner Seite, und ſein Kopf war mit einer platten, rothen Tuchmuͤtze bedeckt, als dem Unterſcheidungszeichen der Hoeks, der Par⸗ tei, zu welcher er gehoͤrte, im Gegenſatz der grauen Muͤtzen der Kabblejaws, welche ſeit einem Jahr⸗ hundert ihre unverſoͤhnlichen Feinde waren. In ande⸗ rer Hinſicht aber entſprach die Kleidung dieſes ſtarren Anhaͤngers, der angeblichen Abſicht ſeines Beſuches in Zevenwolden, und ſeine ganze Erſcheinung bildete eine Miſchung von Jagd⸗, Ritter⸗ und Raͤuber⸗ coſtuͤm. Dicht neben Gloceſter, doch nicht in gerader Linie mit, aber auch nicht ſo weit hinter ihm, um die Stelle eines Dieners zu bezeichnen, ging ein Mann von ritterlichem Anſehen, ungefaͤhr dreißig Jahre alt, alſo genau fuͤnf Jahre juͤnger, als er ſelbſt, in einem dem ſeinen aͤhnlichen Anzuge, und mit jenem ganz beſonderen Anſtande, der zu allen Zei⸗ ten ein Unterſcheidungszeichen eines Engliſchen Edel⸗ manns geweſen iſt. Wenige Schritte hinter ihm befand ſich ein noch juͤngerer Mann, deſſen rauheres Anſehen, geringer Anzug und gemeſſene Achtſamkeit 1 18 auf van Monſoort's Bewegungen ihn als einen Knappen zu erkennen gab, wie er fuͤr einen ſolchen Ritter paßte. „Willkommen, gnaͤdigſter Herzog,“ ſagte Jac⸗ queline, als Gloceſter ſie mit jener feierlichen Hoͤflich⸗ keit begruͤßte, die durch die ſtrengen Regeln des Rit⸗ terthums vorgeſchrieben war, allein nicht mit jener vertraulichen Waͤrme, welche man von einem arti⸗ gen Prinzen gegen ſeine verlobte Braut wohl er⸗ warten durfte.„Laßt Euer Herz den Dollmetſcher meiner Dankbarkeit gegen dieſen neuen Beweis Eu⸗ res Eifers ſeyn. Ich bin eine Bettlerin auch in Worten.“ — Graͤfin, ich befinde mich hier nicht weniger aus Neigung, als aus Pflicht,— verſetzte Gloceſter.— Ich bin es meiner Ehre eben ſo wohl als Eurem Ungluͤck ſchuldig, Euch auf jede Gefahr hin zu unterſtüͤtzen und werthzuſchaͤtzen. Ich habe mein Schwert und mein Leben Eurem Dienſte geweiht, und der heilige Georg ſey mein Buͤrge, daß ich mein Wort erfuͤllen werde.— Der Ton dieſer Antwort traf Jacquelinens Herz. Sie hatte nie ſo gegen Gloceſter empfunden, als in dieſem Augenblicke. Als er ſich ihrer Sache zuerſt angenommen, und ein Eheverſprechen gegen 19 ſie eingegangen hatte, war ſie ein Ziel, nach dem jeder Fuͤrſt in Europa haͤtte ſtreben moͤgen, und in dem folgenden, vergeblichen Kampfe gegen die ver⸗ einte Macht Johann's von Brabant und Philipp's von Burgund haͤtte man wohl glauben koͤnnen, ihr ehrſuͤchtiger Kaͤmpfer ſtreite fuͤr ihre Beſitzungen mehr, als fuͤr ihre Perſon. Allein jetzt, als faſt Alles, Hennegau unwiderruflich, verloren war, und Holland nur zum Theil behauptet ward, und noch obendrein auf eine hoͤchſt zweifelhafte Weiſe, da ſchien die unerſchuͤtterliche Beharrlichkeit Gloceſter's in ihren Augen vollkommener Heroismus, und gab ihr zum erſten Mal die ſuͤßeſte Ueberzeugung, die ein Weib empfinden kann, daß ſie es naͤmlich ſelbſt war, welche die Begeiſterung ihres Kaͤmpfers entflammte. Sie antwortete daher in Ausdruͤcken noch ſtaͤrkerer Dankbarkeit, und wandte ſich dann mit anmuths⸗ voller Wuͤrde, um Lord Fitzwalter's achtungsvollen Gruß, ſo wie den weniger hofmaͤßigen von Ludwig van Monfoort zu erwiedern. „In der That, Mylord,“ ſagte ſie,„es glaͤnzt ein Strahl von Freude durch meine Seele, Seine Hoheit von einem ſo ausgezeichneten Gefaͤhrten, wie Ihr ſeyd, begleitet zu ſehen. Bei einer ſo ritterli⸗ chen Unterſtuͤtzung, wie Ihr und mein tapferer 20 Loͤwe von Urk hier gewaͤhrt, laͤßt ſich immer eine gute Hoffnung naͤhren.“ Van Monſoort dankte fuͤr ſeinen Titel, laͤchelte grinſend durch ſeinen graulichen Bart, und zuckte auf eine ganz beſondere Art mit den Schultern, ſo daß ſein Schwert etwas vorwaͤrts kam, und er ſeine Hand an deſſen großen Griff legen konnte. — Dies ſey mein Unterpfand,— ſagte er, die Waffe erfaſſend, indeß Fitzwalter einige Worte im Tone tiefen Gefuͤhls hinzufuͤgte, wodurch er ſeine Erge⸗ benheit gegen Jacquelinen in ihrem Dienſt ausdruͤckte. „Dank, Dank, mein guter Lord, iſt der einzige Lohn, den die aͤrmſte fuͤrſtlicher Frauen dem tap⸗ ferſten der Ritter gewaͤhren kann.“ — O, Madamo, das iſt mehr, weit mehr, als ich verdiene oder erwarte,— verſetzte mit vieler Ruͤh⸗ rung der Englaͤnder,— aber es werden ſchon auch noch beſſere Tage kommen,— ſetzte er im leichten Tone hinzu, gleich als wollte er aus einer zu ernſt⸗ haften Stimmung ſich wieder heraus ziehen. „Laßt uns das hoffen,“ rief Jacqueline,„ob wir gleich ſolche heiteren und gluͤcklichen Zeiten wohl nie wiederſehen werden, als die, wo das gluͤckliche England und Seine Hoheit hier meine geringen Ver⸗ dienſte uͤber die Gebuͤhr zu ehren ſuchten. Es iſt 8 21 nur eine geringe Erwiederung, deren ich faͤhig bin, fuͤr alle die feinen Hoͤflichkeiten, die mir damals erwieſen wurden,— ein verſtohlener Empfang in dieſen rauhen Waͤldern, ein ſchlechtes Zelt und eine duͤrftige Jagdpartie ſtatt eines glaͤnzenden Pala⸗ ſtes, eines ſchimmernden Hofes, praͤchtiger Gaſt⸗ mahle und ritterlicher Feſtlichkeiten.“ — Graͤfin,— ſagte Gloceſter mit großer Bewe⸗ gung,— wir füͤhlen uns zu geehrt in Eurem Dienſte, um noch Etwas zu entbehren, was ihn adeln koͤnnte. Fitzwalter iſt abermals bereit, ſeine Lanze einzule⸗ gen, und einen Gang wegen Eurer Sache zu ma⸗ chen, und zwar auf einem ehrenvolleren Felde, als in den engen Schranken von Weſtminſter oder Windſor. Denkt dieſer kindiſchen Spielereien nicht ferner, wir muͤſſen unſere Gedanken auf maͤnnli⸗ chere Thaten richten.— „Ach, edler Prinz, mein Herz iſt voll, und der Anblick der jetzt verblichenen Schleife, welche, wie ich ſehe, Seine Herrlichkeit mit fortwaͤhrender Galanterie an ſeinem Hute traͤgt, ruft mir jene Halcyoniſchen Tage mit zu ſcharfer Erinnerung zu⸗ ruͤck. Dieſer Ritterdank meiner Hand, Lord Fitz⸗ walter, zeigt einen nicht angenehmen Contraſt mit Eurer Treue— er wechſelt die Farbe.“ 22 — Das werde ich nie, ſo wahr mir der Him⸗ mel helfe!— ſagte Fitzwalter, ſeine Hand aufs Herz legend, indeß Benina Beyling, welche furchtſam hinter ihrer Herrin geſtanden hatte, vor Uebermaaß der Gluͤckſeligkeit ſchwindelnd, faſt zu Boden geſun⸗ ken waͤre. „Komm hervor! liebe Benina,“ ſagte Jacqueline, „und nimm Dich des Lord Fitzwalter's an. Sie wird, dafuͤr ſtehe ich Euch, Mylord, Eure Worte um England, um Eurer ſelbſt willen, in beſondere Obacht nehmen, wenn auch ihre Dankbarkeit nicht geſchwaͤtzig ſeyn mag. Van Monfoort, wartet dieſen tapfern Lord recht gut, er ſoll heut Eurer Fuͤrſorge empfohlen ſehn. Mein Page und der des Herrn Biſchofs hier wird an dieſem unſerem Hofe von Zevenwolden die Stelle eines Kammerherrn verſehen. Nun, gnaͤdigſter Prinz, kommt mit Sei⸗ ner Ehrwuͤrden und uns ſelbſt in unſer waldiges Rathsgemach. Ach! wie bitter ſpottet oft das Schickſal der Fuͤrſten und ihrer Macht!“ Dieſe Schlußworte wurden in einem Tone tie⸗ fer Traurigkeit vorgebracht, welcher ploͤtzlich die er⸗ zwungene Heiterkeit des Gedankens oder einiger vor⸗ hergehenden niederſchlug. Die liebenswerthe Spre⸗ cherin, welche das Ungluͤck moraliſche Betrachtungen 23 anzuſtellen gelehrt hatte, trat in den Pavillon, be⸗ gleitet von Gloceſter und dem Biſchof, indeß Fitz⸗ walter und van Monfoort unter Benina's Sorge und Obhut von einem anderen Zelte Beſitz nahmen, welches ſchnell in geringer Entfernung, doch ſo er⸗ richtet worden war, daß man die Unterhaltung nicht vernehmen konnte, welche das erhabene Triumvirat nun ſogleich begann. Zweite. Kapitel. Der Biſchof, ein felbſtſuchtiger Menſch, gaͤnzlich un⸗ bewußt ſeiner eigenen Unbedeutendheit und Stumpf⸗ heit, fing die Unterredung an, und da er ſich hier gewiſſermaaßen zu Hauſe fuͤhlte, erfuͤllte er die Pflich⸗ ten des Wirthes, ſo wie es Leute ſeiner Art im⸗ mer zu thun pflegen, indem ſie ſich ſelbſt und ihre Angelegenheiten an den Ehrenplatz ſtellen. Er ſetzte ſich in ſeinen mit Kiſſen verſehenen Armſtuhl, und in der Aufregung des Augenblickes alles Anſtandes und faſt alles Dienſtverhaͤltniſſes vergeſſend, rief er: „O! das iſt ein ſtolzer Tag fuͤr Zweder van Culemborg— mein koͤniglichſter Protector; meine Freude iſt unendlich 4 Euch zu ſehen. Jetzt muͤſſen die rebelliſchen Buͤrger von Utrecht zu Kreuze krie⸗ chen, und die Veraͤnderung annehmen— ja, ſie muͤſſen ihre ſchmuzigen Muͤtzen ziehen vor Eurem geringſten Anwald. Wann rechnet denn Eurer Ho⸗ heit edle Herrſchaft auf die Ankunft Eurer Kriegs⸗ macht —. 25 macht? Ludwig van Monſoort ſagte mir ganz keck, daß ſie kommen, aber nicht wann? Wie viel tauſend Helden fuͤhrt Ihr zu unſerer Huͤlfe heran, mein fuͤrſtlichſter Protector? Ihr macht doch Eu⸗ ren erſten Beſuch zu Utrecht? Nicht? Laßt die elenden Buͤrger ſich demuͤthigen!— Undankbare Sklaven, die keinen Nubin in ihres Praͤlaten Mütze ſetzen, keinen Deut zu ihres Fuͤrſten Einkuͤnften hin⸗ zufuͤgen wollen, auch keinen...“ — Bei'm Himmel, Madame,— ſagte Gloceſter ſchnell abgebrochen,— Euer ehrwuͤrdiger Allüirter hier macht es nicht wie die Genueſiſchen Bogenſchuͤtzen bei Azincourt; er laͤßt die, denen er zu Huͤlfe kommt, nicht die Front der Schlachtordnung halten;— er fuͤhrt die Vorhut mehr wie eine Hauptmacht, als wie ein Huͤlfscorps. Moͤge mich Gott und der heil. Georg bewahren, allein ich dachte, ich kaͤme hierher, Eure Sache zu unterſtuͤtzen gegen den treuloſen Burgund, aber nicht fuͤr dieſen heiligen Suffragan zu fechten gegen bettelhafte Vfarrkinder. Wie iſt denn das, ſchoͤne Graͤß:— oder vielleicht weiſen mich Eure Ehrwuͤn urecht?— „ceß Jacqueline auf Gloceſter's Aeußerungen arch ein Laͤcheln antwortete, und einen Blick un⸗ ausſprechlicher Verachtung auf den Mann der Kirche I. 2 26 warf, ſtammelte Letzterer, durch des Herzogs Ent⸗ gegnung zu dem Gefuͤhl ſeines unzarten Egoismus gebracht, einen nicht ſehr befriedigenden Commentar zu ſeinem fruͤhern Texte her. „Eure Hoheit wundert ſich,“ ſagte er, daß ich dasjenige zuerſt in dieſer Unterhaltung beruͤhre, was mein eigener Vortheil zu ſeyn ſcheint. Aber warum, laßt mich fragen, iſt es denn zu verwundern, daß ich von einem Antriebe bewegt werde, der alle Maͤn⸗ ner leitet, und, mit dieſer ſchoͤnen Dame Erlaub⸗ niß, auch alle Frauen? Geſetzt auch, ich daͤchte an mich, warum ſollte ich nicht? Setze ich nicht Alles aufs Spiel, um unſerer gemeinſchaftlichen Sache zu dienen? Und warum ſollte denn allein mein Vortheil unbeachtet bleiben? Warum ſollte denn der Biſchof von Utrecht vergeſſen werden,— we⸗ nigſtens von dem, der ſeine Mitra traͤgt? Niemand haßte doch jemals ſein eigenes Fleiſch, ſondern naͤhrte und liebte es, ſagt der heil. Paulus.“ — Nein, Graͤfin, mit Eurer Erlaubniß,— ſagt Gloceſter, die mißbilligende Antwore nterbrechend, di in Jacquelinens Blicken zu funkeln begann,— ich wi des wuͤrdigen Praͤlaten Fragen kuͤrzlich beantwon ten, und uͤber die Sache ſprechen, wie es mir paß ſend ſcheint. Erſtlich werden Eure Ehrwuͤrden ver * * 27 nehmen, ich bin kein Polemiker, auch kann ich keine Bibelſtellen anfuͤhren, obgleich ſchlechtere Leute als einer von uns dies vor uns ſchon gethan haben. Ueberdies ſage ich Euch frei heraus, daß ich kein Freund von Buͤndniſſen mit den Geiſtlichen bin; ein Biſchof iſt der erbitterte Feind der Graͤ⸗ fin hier geweſen, der unbarmherzige Johann von Luͤttich naͤmlich, den weder Religion noch Verwandt⸗ ſchaft beſaͤnftigen konnten. Ein anderer iſt, wie Ihr wohl wiſſen werdet, das Gift meines Lebens gewe⸗ ſen, der Verderben bruͤtende, elende Wincheſter; und, ohne unſchickliche Beleidigung, ich ſehe nicht, wie etwas Gutes aus einem Buͤndniſſe kommen kann, wo Selbſtſucht die erſte Stelle einnimmt.— „Aber ſo hoͤrt doch, mein Herr Herzog!“ — Laßt mich Euch ſagen, Prieſter, Humphrey von Gloceſter iſt keinesweges gewohnt, ſich in Rede oder Handlung einen Zaum anlegen zu laſſen; auch ſoll kein Prieſter dictiren, was ſelbſt der Starrkopf Bedford nicht wagte.— „Bei'm heiligen Willebrod, dem Patron meines Sitzes, wenn Eure Hoheit einen ſo hohen Ton mit Euren Freunden anſtimmt, ſo koͤnnen Eure Feinde Euch leicht hochfahrend und unehrerbietig nennen.“ — Meine Freundel halt, halt! guter Biſchof, 2* 28 nicht ſo ſchnell geſprochen. Ich bin nicht eben langſam, mir Feinde zu machen, wohl aber Be⸗ weiſe der Achtung zu vertheilen, beſonders unter Leuten von Eurer Tracht; damit meine ich aber nicht dieſe Jagdkleidung, die ich, beim heil. Georg, mehr ehre, als Prieſterroͤcke.— „Ihr, Ihr ſprecht zu ſchnell, Herr Prateckor; das ſind keine paſſenden Reden von einem Layen gegen einen Prieſter, auch befoͤrdern ſie gewiß die Sache nicht, die Ihr Euch angelegen ſeyn zu laſſen ruͤhmt. Meinen Biſchofsſtab zu eines Lahmen Kruͤcke zu machen! Darf man mich alſo behandeln?— Madame Jacqueline, verdiene ich dies von Euren Freunden?“ Mit dieſen Worten erhob ſich der Biſchof von ſeinem Sitze, und ging in ſtarker Aufregung im Zelte auf und ab, indeß Gloceſter ruhig ſitzen blieb, ſich des Sturmes freuend, den er erregt hatte. Jacqueline, nicht weniger erfreut uͤber die freie Behandlung eines ſo ſelbſtſuͤchtigen Menſchen(der hier nur das zuruͤckerhielt, was er nur zu oft An⸗ deren erwies, wenn er durfte), fuͤrchtete doch, daß ein zu voreiliger Bruch dem zu merklichen Ausdrucke von Gloceſter's ſtolzer Verachtung folgen moͤchte. In einem beſaͤnftigenden Tone bat ſie da⸗ 29 her den Biſchof, ſeinen Platz wieder einzunehmen, und durch einen uͤberredenden Blick deutete ſie dem Herzoge ihren Wunſch an, daß er ſeinen barſchen Ton doch in Etwas wieder gut machen moͤchte. Dieſer fuͤgte ſich ſchnell und ſagte: „Ei, mein Herr Biſchof, nehmt doch nicht Al⸗ les ſo ſchnell uͤbel. Laßt das voruͤbergehen, wir wollen nun ruhiger mit einander ſprechen. Aber, beim Kreuz! es kraͤnkte mich, zu hoͤren, daß Ihr unſere Berathung mit dem anfingt, was eigentlich zuletzt zur Beſprechung haͤtte kommen ſollen.“ — Nun, laßt die Sache ruhen,— ſagte Jac⸗ queline, des Praͤlaten Antwort unterbrechend,— Ihr ſehd nun Beide Freunde, und muͤßt meinetwegen Eure Gedanken und Mittheilungsart einander nach⸗ ſehen. Laßt es gut ſeyn, ehrwuͤrdiger Herr, mein trefflicher Verbuͤndeter!— „Selig ſind die Friedfertigen,“ verſetzte der hauchleriſche Auskramer apoſtoliſcher Ausſpruͤche, in⸗ dem er ſeinen Sitz wieder einnahm, und ſehr zu⸗ frieden war, die Stachelreden eines ſo maͤchtigen Cenſors, wie der Engliſche Protector war, einzuſtek⸗ ken, indem er bei deſſen rauhem Benehmen Geiſt genug gezeigt zu haben ſich einbildete. — Nun laßt uns, meine guten Herren,— ſagte Jae⸗ 30 queline,— ruhig zu dem eigentlichen Gegenſtand un⸗ ſerer Zuſammenkunft ſchreiten, und mit ernſter Stim⸗ mung und in gemeſſener Rede das, was uns ſo ſehr am Herzen liegt, abhandeln. Bedenkt, daß wir im Begriff ſind, es mit einem maͤchtigen Wi⸗ derſacher aufzunehmen, und aus Liebe zu einer recht⸗ lichen Sache laßt uns gegenſeitig unſere Kraͤfte da⸗ durch vermehren, daß wir gegenſeitig unſere Schwaͤ⸗ chen ertragen. Was Euch, Herr Biſchof, und mich betrifft, wir halten in dieſem Streite nur unſer eigenes Intereſſe aufrecht; denn ſollte es dem Ty⸗ rannen Philipp gelingen, mich in dieſem Kampfe zu zerſchmettern, ſo muͤßt auch Ihr ſein Opfer wer⸗ den. Aber laßt uns immer im Herzen tragen, daß dieſer edle Fuͤrſt ſich meiner Sache, als einer faſt verzweifelten, anſchließt, und daher auch an der Eu⸗ rigen nur aus einer edelmuͤthigen Hingebung Theil nimmt. Laßt unſere Dankbarkeit.— „Edle und ſchoͤne Jacqueline,“ erwiederte Glo⸗ ceſter,„erwaͤhnt das Wort nicht mehr, welches meine geringen Anſtrengungen beſchaͤmen muß.“ — Wir brauchen auch die reinen Beweggruͤnde Seiner Hoheit nicht zuuͤberſchaͤtzen,— hob der Geiſtliche mit einem liſtigen und neidiſchen Laͤcheln dazwiſchen an.— Durch ſein Ritterwort fuͤr Eure Sache verpflich⸗ 31 tet, und gebunden durch die heiligen Bande verlob⸗ ter Treue, duͤnkt mich, muß ihn der gehoffte Genuß Eurer verſchiedenen Laͤnder, Hollands, Zeelands und Frieslands gegen Norden, nebſt den beſtrittenen Anſpruͤchen auf Brabant und Hennegau gegen Suͤ⸗ den, außer der Erbfolge in die baieriſchen Lehen, die bei dem Tode Eurer edlen Mutter, Madame Margarethens, kraft gerader Abſtammung die Eu⸗ rigen werden muͤßten,— das Alles, duͤnkt mich, muͤßte, nebſt dem Beſitze einer ſo ſchoͤnen Braut, wie Ihr, ohne eine Schmeichelei zu ſagen, wirklich ſeyd, hinreichen, dieſen maͤchtigen Fuͤrſten zu beſtim⸗ men, ohne gerade den Einfluß uͤbermenſchlicher Tu⸗ gend bei ihm vorauszuſetzen.— Da der Praͤlat ſeine Augen, wie gewoͤhnlich, an den Boden geheftet hatte, bemerkte er nicht, was doch Jacqueline ſehr ſchnell bemerkte, wie eine ploͤtz⸗ liche Noͤthe uͤber Gloceſter's Angeſicht waͤhrend die⸗ ſer Rede flog, noch auch, wie er gewaltſam die flache Hand gegen ſeine Stirn preßte, noch das ge⸗ zwungene Zuſammenbeißen der Lippen, welches Alles einen innern Kampf von ungewoͤhnlicher Art an⸗ deutete. Ihre zartempfindende Seele, gewoͤhnt an Unfaͤlle und Taͤuſchungen, fand in dieſem Zeichen eine Menge uͤbler Vorbedeutungen. Der Fluß ihrer 32—. Rede ſchien zu ſtocken; auch ließ der Herzog nicht eine Sylbe von ſich hoͤren. Der Biſchof, der bei jedem Puncte ſeiner wortreichen Rede eine Unter⸗ brechung fuͤrchtete, blickte voll Verwunderung auf, welche Augenblicks in Triumph uͤberging, als er die unverkennbare Verwirrung i in Röſaeſn Blicken bemerkte. „Nun, nun!“ ſagte er mit einem vornehmnen Goͤnnerton,„Eure Hoheit muß ſich meine Worte nicht allzuſehr zu Herzen nehmen; ich wollte Euch nicht kraͤnken, ſondern unſerer ſchoͤnen Bundesge⸗ genoſſin hier nur zeigen, daß ich die geheimſten Fal⸗ ten des menſchlichen Gemuͤthes aufdecken, und die verborgenen Beweggruͤnde, die die Handlungen aller Manſchen beſtimmen, zu ſichten weiß. Deſh nicht niedergeſchlagen, edler Prinz.“ — Still, ſtill! guter Prieſter,— ſagte Gloceſter, die Hand ungeduldig wegſchiebend, welche der Biſchof auf die ſeine legte,— verſchwendet Eure Worte nicht, und vergeudet die Zeit nicht mit ſo kindiſchen Spielereien. Ich ſage Euch, Praͤlat, Ihr kennt mich nicht; auch vermag die Verſchmitztheit aller irdiſchen Hierarchen nicht das Geheimniß meiner ge⸗ genwaͤrtigen Gedanken aufzudecken. Eine Kindes⸗ hand kann aus den Saiten einer Laute nur Miß⸗ 8—— 33 toͤne ziehen; eben ſo haben Eure thoͤrichten Reden auf den Saiten eines Gemuͤths gekratzt, auf denen Ihr nicht ſpielen konntet. Genug davon! Die Zeit draͤngt, und eines Jeden Thaten muͤſſen jetzt die Ausleger ſeiner Beweggruͤnde ſeyn. Schoͤne Graͤfin, verzeiht mir, daß ich einen Augenblick von Eurer beſonderen Unterhaltung abgewichen bin. Ich ſpiele den galanten Mann ſchlecht, noch ſchlechter vielleicht den Staatsmann. Die Natur hat mich wol vorſchnell gemacht, doch nicht unachtſam, das werdet Ihr in Kurzem finden.— „Mein fuͤrſtlicher Gloceſter,“ verſetzte Jacqueline, „ich vermag Eure geheimen Gedanken nicht zu leſen, allein ich kann die Urſachen errathen, welche darauf Einfluß haben. Mangel an Lebensgluͤck ſchaͤrft das Auge der Seele, wie der Mangel des Geſichts das Gefuͤhl des Blinden ſchaͤrft. Hoͤrt mich denn bei dieſem Beginnen, ehe ein unverbeſſerlicher Schritt in unſerer gefaͤhrlichſten Unternehmung gethan wird. Wenn, wie ich jedoch nicht fuͤrchte, Euch unſere ge⸗ genſeitige Verpflichtung gereut, wenn dadurch eines Reiches Gluͤck auf's Spiel geſetzt wird, wenn Euer großer Bruder Bedford, von Burgund umgarnt, etwa mit unguͤnſtigem Auge auf unſere Verbindung blickt, weil ſie wichtigeren Staatsplanen hinderlich 27** 34 ſey,— ſo entbinde ich Euch dieſen Augenblick Eu⸗ res Verſprechens, und werde den mannichfachen Gefahren meines Kampfes allein entgegen gehen. Sprecht frei und offen mit mir, ohne die Worte kuͤnſtlich zu ſetzen, oder nach Hofſitte zu verſuͤßen. — Ich warte auf Eure Antwort.“ — Madame Jacqueline,— rief der Biſchof in fuͤrchterlicher Erſchuͤtterung— um der Liebe aller Heiligen willen! im Namen der heiligen Maͤrtyrer beſchwoͤre ich Euch, dieſe verderblichen Worte zuruͤck⸗ zunehmen. Herzog von Gloeeſter, ich darf Eure Ant⸗ wort nicht beſtimmen, aber als ein Praͤlat der hei⸗ ligen Kirche, als ein Beſchuͤtzer der Rechte der Prin⸗ zeſſin, lege ich Eurer Rede Schranken an, wenn ſie eine heilige Verpflichtung verletzen wollte, von der meine ganze— das heißt unſer Aller Rettung ab⸗ haͤngt. O Weib, Weib! welche geringe Weisheit hat die Frucht der Erkenntniß Dir gebracht! wann wirſt Du der Schlange den Kopf zertreten?— Indeß der ehrwuͤrdige Sprecher abermals von ſeinem Stuhle aufſprang, in dem Zelte auf und nieder ging, und mit heftiger Bewegung die Haͤnde rieb, ja faſt rang, blieb Gloceſter ſitzen, und ſah waͤhrend Jacquelinens und des Biſchofs Reden die Erſtere feſt an. Als des Letzteren Worte ſich end⸗ — — 3⁵ lich in ein ausrufungsartiges Gemurmel verloren, ſprach der Herzog ruhig alſo: „Wenn ich eines Beweiſes bedurft haͤtte von Jacquelinens von Holland Großmuth, oder einen Gegenſatz aufzuſuchen zwiſchen weiblicher Groͤße und maͤnnlicher Kleinheit, bei'm heiligen Georg, ſo haͤtte ich jetzt beide vor mir. Allein deſſen bedurfte ich nicht. Von dem Tage an, wo Ihr, nur zu ſchoͤne Jacqueline, den Hof und die Protection mei⸗ nes Bruders Heinrich(dem der Koͤnig der Koͤnige gnaͤdig ſey!) aufſuchtet, bis zu der gegenwaͤrtigen verhaͤngnißvollen Stunde, habe ich in Euch Alles erkannt, was Großes im Geiſte und Tugendhaftes im Herzen wohnt. Ich habe mein Leben Eurem Dienſte verſchworen, und keine menſchliche Macht ſoll mich von der Erfuͤllung dieſer großen Pflicht ab⸗ ſchrecken. Ich bin freilich in meinen gluͤhenden Wuͤnſchen gehindert worden. Als Heinrich auf ſei⸗ nem Todbette lag, war es faſt ſein letztes Begeh⸗ ren, daß ich England nicht wieder verlaſſen, noch mich in die franzoͤſiſchen Haͤndel miſchen ſollte. Allein ich achtete nicht auf die ſterbende Schwaͤche, ſelbſt eines Helden, wie er war. Ich folgte mei⸗ nem eigenen Urtheil, drang in Hennegau ein, focht fuͤr Eure Sache, und verlor ſie. Jetzt wiederholt 36 Bedford, gut und groß, wie er iſt, den Wunſch un⸗ ſeres koͤniglichen Bruders, und draͤngt mich durch alle Intereſſen des Reichs, Euch aufzugeben, und zu Hauſe zu bleiben. Allein die Wuͤnſche eines le⸗ benden Regenten halten mich nicht mehr zuruͤck, als die Bitten eines begrabenen Koͤnigs, wenn auch Burgund und Bretagne, dieſe raͤnkevollen Herzoͤge, Bedford's ganzes Vertrauen gewonnen haben, und mein Benehmen zum Vorwand brauchen, die Bande locker zu machen, die ſie an England's Sache knuͤ⸗ pfen. Auch der alte Wincheſter, dieſer liſtige Praͤ⸗ lat, dieſer offenbare Feuerbrand, den unſer verſtor⸗ bene Koͤnig Heinrich haßte, wie ich ihn haſſe, der nie den Fuß in die Kirche ſetzt, als um Ungluͤck fuͤr mich herab zu beten; er wagt es abermals nebſt einigen parteiſuͤchtigen Lords meine Bewegungs⸗ gruͤnde, als ich Eure Sache zu der meinigen machte, zu verdaͤchtigen, und ſchleudert Fluch und Bann ge⸗ gen mich um dieſer Sache wegen. Aber Nichts ſoll mich aufhalten, ſo lange England's Macht in meiner Hand liegt, oder bis mein junger Neffe, Heinrich VI., die Zuͤgel des Staats ergreift, oder der Tod mir das Amtsſchwert aus der Hand nimmt. Drei Tauſend tapfere Streiter, Gewapp⸗ nete, Bogenſchuͤtzen, und Andere in verhaͤltnißmaͤßi⸗ 37 ger Anzahl befinden ſich auf der See, und in drei Tagen muͤſſen ſie, wenn der Himmel die Winde in der jetzigen Richtung erhaͤlt, gluͤcklich in Holland gelandet ſeyn.“ — Preis dem Herrn der Heerſchaaren! moͤgen die Winde immer weſtlich bleiben!— ſagte der Bi⸗ ſchof, indem er zugleich den Kopf aus dem Zelte ſteckte, und die flache Hand gegen den guͤnſtigen Punct des Compaſſes erhob.— Moͤge der heil. Petrus tuͤchtig in die Segel blaſen, und die heil. Jungfrau am Steuerruder ſitzen!— fuhr er fort, ſich wieder in's Zelt zuruͤckziehend, und vor Freude laut auflachend, als er fuͤhlte, daß der leiſe Wind ſich ziemlich verſtaͤrkte, und von der Zuyderſee aus in den Wald hinein blies.— O, tapferer Gloce⸗ ſter! wie ehre ich Euch! Hoher Burgund! man hat Euch endlich ausgeſtochen! Was will das ſchis⸗ matiſche Kapitel von Utrecht nun ſagen, wenn ſie ſehen, wie die Helden von Azincourt auf meiner Seite ihre Piken erheben, ihre Bogen ſpannen, und ihre Feldſchlangen aufſtellen. Ha, ha, ha! Seht, meine ſchoͤne Graͤfin, bat ich Euch nicht, gutes Muthes zu ſehn? Laßt Zevenwolden von Freude ertoͤnen!— „Bei m heil. Paulus, ich koͤnnte faſt ſelbſt lachen 38 bei den Narrenspoſſen dieſes geinfelten Marktſchrei⸗ ers!“ ſagte Gloceſter halblaut zu Jacquelinen, als der Biſchof im Zelte auf und ab ſchritt.„Schade, daß er keine Schellenkappe auf dem Haupte traͤgt. Nein, nein, Graͤfin! er paßt nicht zu unſerer Ver⸗ bindung. Seine Vermummung erinnert mich an die des Judas in dem Wunderſchauſpiel, das ſie zu Windſor vor uns auffuͤhrten.“ — Er kann uns aber hoͤchſt brauchbar ſeyn, wenn er gleich nicht uneigennuͤtzig iſt,— ſagte Jacque⸗ line in dem naͤmlichen Tone. „So braucht ihn denn, aber traut ihm nicht,“ fuhr der Herzog fort;„ich bin kein Aſtrolog und kein Cabaliſt, auch verſtehe ich mich nicht auf das große Magiſterium, allein es bedarf des dreiſeitigen Kryſtalls des Koͤnigs Alphons nicht, um mir zu zei⸗ gen, daß dieſer Prieſter uns ſicherlich verrathen wird, ſobald dies nur ſeinen Abſichten entſpricht.“ — Nun, Hoheit, was ſagt Ihr zur Graͤfin? — fragte der herbeitretende Biſchof. „Etwas Alltaͤglicheres, aber doch Wahreres, als Eure letzte Predigt, darauf will ich wetten,“ ver⸗ ſetzte Gloceſter. — Nun, wie es auch Eurer fuͤrſtlichen Protector⸗ ſchaft belieben mag,— ſagte der demuthsvolle Prie⸗ 5 39 ſter,— ich fange an, mich in Eure Laune zu finden, und werde ſie voruͤber gehen laſſen. Was gefaͤllt denn Eurer Hoheit noch weiter, Madame Jacque⸗ linen und mir mitzutheilen?— „Aufrichtig geſtanden, Praͤlat, was ich ihr zu ſagen habe, moͤchte ich Euch gerade nicht vertrauen.“ — Das kann wol ſeyn, von einem Liebhaber gegen ſeine Braut. Wolit Ihr etwa, daß ich mich hinaus begeben ſoll?— ſagte der Praͤlat mit einem bedeutſamen Laͤcheln. Eine dunkle Roͤthe flog hier abermals uͤber Gloceſter's Angeſicht. Jacqueline bemerkte ſie mit Schmerz und Stolz. Sie fuͤhlte ihr Angeſicht er⸗ gluͤhen, als ihr Herz ſchwoll, und ſchnell ſagte ſie: „Herzog, ſollen wir noch mehr hoͤren von Eurem Plan? Iſt dies der Fall, ſo mag Seine Ehrwuͤrden ſich wieder ſetzen, wo nicht, ſo laßt uns das Gruͤne aufſuchen, und das Gluͤck des Waldes verſuchen.“ — In der That, ſchoͤne Graͤfin, ich habe Euch jetzt Nichts mehr von Bedeutung mitzutheilen, au⸗ ßer, was Ihr vielleicht guͤtig genug als wichtig anſehen moͤchtet— ich muß dieſe Nacht nach Eng⸗ land zuruͤckkehren.— „Dieſe Nacht nach England zuruͤckkehren?“ wiederholte der Biſchof. 40 — Nach England?— ſagte Jacqueline. „Ja, bei meiner Treue! und gewißlich gegen maeinen Willen. Ich wollte, ich duͤrfte es wagen, hier zu bleiben, und zugleich mein Leben in dieſem Kampfe auszuſetzen.“ — Wie? Ihr wollt alſo nicht fechten in dieſer Angelegenheit? Eure Truppen nicht anfuͤhren, um meine parteiſuͤchtigen Buͤrger nieder zu halten?— fragte der Biſchof mit banger Beſorglichkeit, indeß Jacqueline ſchweigend Gloceſter anſahe. „Verehrter Graf,“ ſagte der Letztere,„ich kann die Truppen nicht anfuͤhren, ſelbſt in einem beſſeren Streite. Aber fechten will ich H'ezum Tode in ihrer gerechten Sache, oder Gott moͤge mich verlaſſen. Wiſſet, Madame, daß mein Zweikampf mit dem Tyrannen Burgund nun entſchieden iſt. Seine letzte Annahme der Bedingungen des Kampfs iſt mir vier Tage zuvor, ehe ich Weſtminſter ver⸗ ließ, zugekommen Mein Bruder Bedford iſt unſer Schiedsrichter, der Kampfplatz aber und der Tag nicht beſtimmt. Unterdeſſen aber bin ich durch ein feierliches Verſprechen, bei Ritterwort gebunden, mich ſelbſt unverletzt zu erhalten, und Niemand aannderm einen Kampf anzubieten, oder ſolchen anzu⸗ nehmen, meinen Koͤrper zu bewahren fuͤr die Rache 41* des Gegners, und meinen Arm nicht zu erheben in einem minder edlen Streite. So ſteht die Sache. Lord Fitzwalter befehligt die ankommenden Trup⸗ pen, da er durch ein ganz anderes Verſprechen ge⸗ bunden iſt, nicht in Perſon gegen Burgund zu fech⸗ ten, ſonſt aber mit aller Welt kaͤmpfen darf. Mein Herz lebt in jeder Klinge, und mein Gebet um Sieg wird ſich im Schwirren jeder Bogenſehne vernehmen laſſen. Damit er weilen moͤge auf die⸗ ſen tapferen Legionen, werde ich taͤglich den Altar des heil. Erkenwald, des Patrons unſerer großen Stadt, beſuchen, und in Kurzem werde ich mit dem Segen des heil. Georg's wegen England, und des heil. Michael wegen des Ritterthums, an dem Koͤrper des falſchen Burgund Gerechtigkeit uͤben, und Euch von Eurer Sklaverei befreien. Uebrigens habe ich den ganzen Plan unſeres Benehmens mit Fitzwal⸗ ter und van Monfoort heute Nacht in der Hoͤhle des kuͤhnen Loͤwen von Urk, und bei unſerer Ueber⸗ fahrt von der Inſel zum feſten Lande dieſen Mor⸗ gen verabredet. Wir wollen, wenn's Euch beliebt, Madame, uns mit ihnen beſprechen, und dann muß ich nochmals hinuͤber nach England, um mich zu dem bevorſtehenden Kampfe mit unſerem toͤdtlichen Feinde in den Stand zu ſetzen.“ 42 — Aber, Hoheit!— ſagte der Biſchof, ungeduldig die erſte Pauſe in Gloceſter's Rede ergreifend,— Ihr habt ja noch kein Wort erwaͤhnt von dem Haupt⸗ puncte— dem Contracte— der Ehe zwiſchen der Graͤfin und Euch..— „Horch! beim Horne des heil. Hubertus, die Hunde haben die Faͤhrte aufgefunden! Kommt, Madame, zu Pferde! zu Pferde! und tuͤchtig ein⸗ gedrungen in den Wald!“ rief Gloceſter, von ſei⸗ nem Sitze aufſpringend, und aus dem Zelte hin⸗ auseilend. Drittes Kapitel. Das Gebell der Doggen, welches Gloceſtern eine ſo gute Gelegenheit geboten hatte, ſich der Zudringlichkeit des Biſchofs Zweder zu entziehen, wurde in der That dadurch veranlaßt, daß einer von den Spuͤrhunden die Faͤhrte eines Hirſches auf⸗ gefunden hatte. Als der Herzog aus dem Zelte eilte, ſah er Alles in dem Zuſtande aͤngſtlicher Be⸗ wegung. Die Hunde ſtrebten wild, ſich von den Maͤnnern los zu machen, welche ſie an den Stricken hielten; die Windhunde ſtreckten ihre langen Haͤlſe vor, bewegten krampfhaft ihre geſpitzten Ohren, und richteten ihren ſcharfen Blick in den Wald hin⸗ ein. Die Roſſe wieherten, ſtampften den Boden, und die Diener und Jaͤger ſchauten ſich aͤngſtlich nach einem Zeichen um, das ſie zum Beginnen der Jagd rufen moͤchte. „Hallo! Fitzwalter! van Monfport!“ rief 44—— Gloceſter,„hinaus, hinaus, in den Wald, ein Hirſch iſt auf den Beinen; zu Pferde! zu Pferde!“ Bei dieſem Aufrufe erſchienen die beiden Krie⸗ ger, nebſt Benina und den Pagen; und das ganze Gefolge ſprang herbei, um jede noͤthige Vorberei⸗ tung zu beſchleunigen. Der Biſchof, etwas beſtuͤrzt uͤber Gloceſter's kurz abgebrochene Rede, kam mit einem ſo verſtoͤrten Blicke herbei, als waͤre er mehr von der Faͤhrte abgekommen, als einer der Jagdhunde; und Jacqueline zeigte nie ſo wenig Munterkeit bei'm Klaͤnge der Jagdmuſik, obgleich die Hoͤrner mit den tiefen Stimmen der Hunde in aufregenden Mißtoͤnen ſich vernehmen ließen. In⸗ ſtinctartig griff ſie nach ihrem Bogen, und hing ſich den Koͤcher uͤber die Schultern; ihre Gedanken aber waren einzig mit dem ſeltſamen Benehmen des Herzogs beſchaͤftigt, ſo wie mit ſeinem Blicke voller Verlegenheit, ſobald des Ehecontractes gedacht wurde, was ihr um ſo unerklaͤrlicher ſchien, wenn ſie ſeines feierlichen Geluͤbdes fuͤr ihre Sache ge⸗ dachte. Indem ſie ſo in dem Zelte ſtand, und uͤber dieſen offenbaren Widerſpruch gruͤbelte, trat Benina herein, ganz verwundert, die Graͤfin als die letzte von Allen zu finden, die ſich dem luſtigen Jagd⸗ zuge anſchließen wollten. Auf ihre achtungsvolle — — 45 und beſorgte Aeußerung dieſes Gefuͤhls erwiederte Jacqueline, ſie ſey uͤberraſcht worden, ſey noch nicht vorbereitet geweſen; nahm aber ein ſo ungezwun⸗ genes Benehmen an, als ſie nur vermochte, und verließ das Zelt. „Moͤge mich St. Hubertus geleiten!“ ſagte der Biſchof auf einige ungeduldige Bemerkungen Glo⸗ ceſter's,„wenn ich mir's je einfallen ließ, heut mich beritten zu machen, ſonſt, edler Herzog, wuͤrde ein beſſerer Marſtall zu Euern Befehlen geweſen ſeyn. Aber waͤhlt unter dieſem halben Dutzend.“ — Beim heil. Georg! das iſt eine Wahl, wie Satan ſie hatte unter den ſechs Kuͤſtern von Gla⸗ ſtonbury— ein erbaͤrmlicher Schlag Pferde! Seht mir einmal an!— ein Rothſchimmel⸗Wallach, gut fuͤr einen Saumſattel? und dieſe humpelnde Flamaͤndiſche Maͤhre, paſſend fuͤr einen Zunftvorſte⸗ her bei einem langſam einherſchreitenden Aufzuge? Und das da? Vertu Dieul ich will die Sporen hier nicht brauchen, damit die Aasvoͤgel nicht eine Woche zu fruͤh ſich auf ihre Beute ſtuͤrzen. Aber ſeyd nur vuhig— laßt mich dieſen Frieslaͤndiſchen Klepper beſteigen, ich wette, er hat einen ganz huͤb⸗ ſchen Trott, ganz wie der der klaͤffenden Bauer⸗ hunde hier. Ach, Praͤlat, ich fuͤrchte ſehr, die Race 46 der Biſchoͤfe iſt, wie ihre Pferde und Hunde, trau⸗ rig ausgeartet ſeit der Zeit, wo dieſe Waͤlder von Drenthe Euren Vorfahren unter der Bedingung ver⸗ liehen wurden, daß ſie mindeſtens taͤglich ſechs Mo⸗ nate des Jahres hindurch jagen ſollten.— „Laßt mich Euren Steigbuͤgel halten, edler Her⸗ zog, wie Euer großer Großoheim, der ſchwarze Prinz, mit Koͤnig Johann von Frankreich that, als er nach der Schlacht von Poitiers ſein Streitroß beſtieg. Ja,“ fuhr der Praͤlat fort, indem er ſich in ſei⸗ nem mit rothem Sammet bedeckten Sattel feſtſetzte (Gloceſter hatte hier ſeine Huͤlfe abgelehnt, und blieb ſtehen, auf Jacquelinens Ankunft wartend).„Ja, jene rohen Geiſtlichen, von denen Ihr ſprecht, mehr Wild⸗ ſchuͤtzen, als Prieſter, fertiger, in ein Horn zu ſto⸗ ßen, als einen Kelch zu erheben, einen Bogen im Walde zu ſpannen, als ein Knie vor dem Altare zu beugen, dieſe ſind, Dank dem Himmel, erloſchen, und bei ihren demuͤthigen Nachfolgern mag etwas Gottſeligkeit an die Stelle der Rohheit getreten ſeyn. Indeſſen jagen wir noch immer bisweilen, mein edler Herzog, und ich, als Graf von Drenthe, bin verpflichtet, jaͤhrlich meinem Lehnsherrn, dem Kaiſer, einen gewiſſen Tribut an Eberzaͤhnen, Wolfs⸗ ſchwaͤnzen und Auerochshoͤrnern zu uͤberſenden.“ 47 — Was? Habt Ihr noch immer Auerochſen in dieſen Waldanlagen? Ich dachte, ſie waͤren gaͤnz⸗ lich ausgerottet, und kein edles Wild mehr uͤbrig gelaſſen worden, als ein wilder Eber, um der Jagd noch einiges Leben zu geben.— „Ihr ſeyd im Irrthume, Herzog, denn die gro⸗ ßen Auerochſen, die Ur's, die groͤßten unter dem Rindergeſchlechte, exiſtiren noch, freilich nur in klei⸗ ner Anzahl, aber doch immer noch hinreichend„ um Schrecken zu verbreiten in dem Umkreiſe des Wal⸗ des, wie dies der tapfere Monfoort hier beſtaͤtigen kann.“ — Ich toͤdtete einen vor noch nicht ſechs Mona⸗ ten, mit Huͤlfe von vier kuͤhnen Gefaͤhrten,— ſagte van Monfoort,— und Eure Hoheit nahm Ihren Schlaftrunk zu Urk letzte Nacht aus einem ſeiner Hoͤrner.— „In der That?“ ſagte Gloceſter.„Nun, es kann ſeyn! aber ich achte nicht auf den Becher, wenn die Miſchung drinnen gut, und der Willkommen herzlich iſt, wie es der Fall in Eurem gaſtfreund⸗ lichen Hauſe war. Aber, da kommt die Graͤfin.“ Mit gehoͤriger Artigkeit half er jetzt Jacqueli⸗ nen ihren Zelter beſteigen, indeß Fitzwalter denſel⸗ ben Dienſt Benina Beyling leiſtete. Gloceſter war 48 ſehr erfreut, in ihren Roſſen zwei von denen zu er⸗ kennen, die er ſelbſt Jacquelinen geſchenkt hatte, und ſtolz auf den Contraſt, den ſie mit denen aus des Biſchofs ſchlecht verſorgtem Stalle machten. „Bei'm Himmel, Fitzwalter!“ rief er aus,„es iſt etwas Stattliches, dieſe ſchoͤnen Geſtalten in den Stellungen weiblicher Reitkunſt zu erblicken. Wie verſchieden von dem widrigen Anblicke der Weiber in Guienne und Bretagne, wenn ſie wie rohe Rei⸗ ter in dem Sattel ſitzen.“ — Oder den Weibern von Suffolk, die, wie uns Boke von Bury ſagt, eine wahre Wuth haben, Hoſen zu tragen,— verſetzte Fitzwalter. „Was ſind das fuͤr edle Thiere!“ fuhr der Herzog fort.„Es iſt ſehr freundlich, nicht wahr, Fitzwalter, es iſt ſehr freundlich von der Graͤfin, mich mein geringes Geſchenk ſo von Angeſicht zu Angeſicht ſehen zu laſſen.“ — Ganz, wie immer, ein Muſter guten Ge⸗ ſchmacks und zarten Gefuͤhls.— „Bin ich nicht, Fitzwalter, einen ſolchen Schatz innerhalb meines Bereichs, ja im Griffe meiner Hand— bin ich nicht wie ein gemeiner, plumper Bauer, als ob Plantagenet's Blut ploͤtzlich in mei⸗ nen Adern erſtarrt waͤre!“ 1 — Stiul 49 — Still! Still! gnaͤdiger Herr; auch laßt dieſe tiefe Bewegung nicht in Eurem Tone oder Euren Blicken kund werden!— Die Graͤfin wartet!— „Nun, ſo trage denn das Elend die Farbe der Freude, und England's Protector ſpiele den Ver⸗ mummten!“ Mit dieſen Worten trieb Gloceſter ſeinen klei⸗ nen Klepper zu Jacquelinen hin, und nahm ſeine Stellung an der einen Seite ihres reich aufgezaͤum⸗ ten Zelters, indeß der Biſchof auf der andern auf ſeinem duͤrren, knoͤchernen Langſchwanz ſaß, deſſen geſtickte Decken ein Gerippe verbargen, das von dem Spotte des Herzogs hart mitgenommen wurde. Entſchloſſen, den unruhigen Zuſtand ſeines Gemuͤths zu verbergen, und Jacquelinen keine Zeit zu Beob⸗ achtungen, oder dem Biſchofe zu unzeitigen Bemer⸗ kungen zu geben, ſtuͤrzte ſich Gloceſter mit ange⸗ nommener Heiterkeit in die mancherlei Luſtbarkeiten der Jagd, indeß die Hunde losgelaſſen wurden, und anſchlugen, ſo wie ſie des Wildes Spur entdeckt hatten. Er bat Jacquelinen, vorwaͤrts zu eilen, und ſie, nicht traͤge, befand ſich bald mitten unter der lebendigſten Regſamkeit. Allein der Biſchof war in großer Verlegenheit, mit dem beſchleunigten Schritte derſelben gleiches Maaß zu halten, und I. 3 50 fuͤhlte ſich ſehr gluͤcklich, als die uͤbelgeleitete Kop⸗ pel in Stocken und Verwirrung gerieth. Gloceſter, dem das ungeſchickte Benehmen der Hunde und Jaͤger hoͤchſt unangenehm war, ließ ſeine Urzufrie⸗ denheit gerade nicht in ſehr gewaͤhlten Worten aus. „Nennt Ihr das jagen, verehrter Graf?“ ſagte er, zu dem Biſchof ſich wendend, der jedoch zu weit zuruͤck war, um ihn ganz verſtehen zu koͤnnen,„o! ich wette, Ihr habt allen Geiſt der guten, alten Praͤ⸗ laten und Reichsritter verloren? Ein ganz anderes Vergnuͤgen als dieſes, wenn man das anders Ver⸗ gnuͤgen nennen kann, wuͤrde uns der alte Biſchof Robert von Rocheſter oder Leiceſter's infulirter Abt geben, wenn wir uns heute bei ihm zur Jagd be⸗ faͤnden. Hat wohl Jemand ſolche humpelnde Die⸗ ner geſehen, wie dieſe hier? Was fuͤr ein Peit⸗ ſchen und Hallohen! Was fuͤr viel Laͤrmen und Schelten! Und der heil. Hubertus bewahre uns vor ſolchen Hunden,— ſolchen Klaͤffern und Quaͤ⸗ kern! O, Graͤfin! als wir den koͤniglichen Hirſch aufjagten in den Waldungen von Sherwood, und Ihr mir die Ehre erwieſet, dieſen Zelter zum er⸗ ſten Male zu beſteigen, welch ein ganz anderes Vergnuͤgen war das, als dieſes!“ — Es iſt allerdings wahr, England traͤgt den — 51 Preis in Jagdluſtbarkeiten davovn— ſagte Jacque⸗ line etwas kalt und gereizt, ſowohl uͤber des Bi⸗ ſchofs Ausſtellung ſeiner elenden Jagdhunde, als uͤber des Herzogs derben Tadel, indem er, ohne auf die Wirkung deſſelben zu achten, ungeduldig in ſeiner Mutterſprache laut ausrief: „Der Himmel ſey uns gnaͤdig, Fitzwalter, aber es macht mich toll, dieſe elenden Kerls uns ſo unſere Jagdluſt verderben zu ſehen. Ol waͤren die Lei⸗ ter meiner Jagdhunde, Dick Lazenby, oder Ger⸗ vaiſe Gwynne, heute mit Merkin, Grappler, Pillager, und noch zehn Koppeln mehr zur Hand, was wuͤrden wir fuͤr eine Luſt haben! Gu⸗ ter Fitzwalter, fuͤhrt doch ſelbſt dieſe Hunde an! Laßt ſie den Wind ordentlich auffangen, treibet ih⸗ nen die Koͤpfe in die Hoͤhe, und laßt ſie, wie die Sonnenpferde, in einer Reihe laufen!“ Indeß Fitzwalter bereitwillig gehorchte, wandte ſich der Herzog zu Jacquelinen. „Nun, Madame, werdet Ihr ſehen, ob Et⸗ was mit Seiner Ehrwuͤrden ausgearteten Geſchoͤp⸗ fen zu machen iſt; wenn ſie irgend Jemand zur Jagd brauchen kann, ſo iſt es Fitzwalter.“ — Sind denn die Engliſchen Edelleute gewohnt, 3* — 52 die Geſchaͤfte der Jaͤger zu verrichten?— fragte Jacqueline etwas ſcharf. „Ja, Graͤfin, und bisweilen auch die von Hel⸗ den!“ verſetzte Gloceſter faſt ernſthaft,„und Ihr muͤßt wiſſen, Madame, daß der hier vor Euch ſteht, Lord⸗Aufſeher von Windſor⸗Forſt, und Waldmei⸗ ſter alles Wildes, Wildlagers, nebſt allen zur Jagd gehoͤrigen Perſonen iſt, die ſaͤmmtlich unter ſeinen Befehlen ſtehen. Necht, guter Fitzwalter, auf, bra⸗ ver Waldmeiſter!“ abermals auf gut Engliſch hin⸗ zuſetzend: „Ich liebe den kuͤhnen Jaͤger, der frͤh aufſteht, Die Flaſche mit Wein gefuͤllt, in klugen Haͤnden dreht... Wie geht's denn weiter? Was folgt zunaͤchſt?— Ja, ja, 1 — er blaͤst in des krummen Hornes Lauf, Sucht den ſtattlichen Hirſch im Gebuͤſch auf— Nun, gute Jagd, wackerer Ritter! Blast in die Hoͤrner, ihr Jaͤger, Blast in die Hoͤrner laut! In dem Walde dort lieget die Hindin, Sie iſt ſchon dem Tode vertraut— So blast in die Hoͤrner, ihr Jaͤger!“ — Und was denkt Eure Hoheit von unſern 53 Hunden? Sind dieſe gefleckten Hunde nicht treffliche Thiere?— fragte der Biſchof, der jetzt auch heran⸗ gekommen war.. „Ich fuͤrchte, ich habe meine Gedanken zu frei ausgeſprochen, ſagte Gloceſter mit einem bedeutungs⸗ vollen Blicke gegen Jacquelinen,— allein ein Gran von Wahrheit im gruͤnen Walde, iſt ein Pfund Schmeichelei am Hofe werth, wie unſer altes Sprichwort ſagt. Ihr verzeiht mir meine Aufrich⸗ tigkeit, Graͤfin!“ — Noͤchte ſie ſich doch noch offener ausſpre⸗ chen,— ſagte ſie mit einem Seufzer, allein augen⸗ blicklich beſann ſie ſich, und ſetzte hinzu:— Ja, Her⸗ zog, ich verzeihe Euch recht gern den Tadel unſerer unvollkommenen Jagdluſt, vorausgeſetzt, daß Ihr unſerem guten Willen, daß ſie beſſer ſeyn moͤchte, Gerechtigkeit widerfahren laſſet.— „Beſſer? Wie? Was? Warum?“ ſagte der Biſchof.„Kann es beſſere Hunde geben, als dieſe gefleckten? Sie ſind beruͤhmt... Haͤlt ſie Eure Hoheit nicht fuͤr ausgeſucht? Wie koͤnnte es eine beſſere Art geben?“ — Nein, guter Biſchof, ich will Euch einen Engliſchen Vers ſagen, den die Graͤfin wohl verſte⸗ hen wird, wenn auch Ihr nicht, So viel Koͤpfe, ſo viel Sinne, Das wird man auch bei den Hunden inne. — und nach meiner Anſicht mag es gar manche ge⸗ ben, die beſſer ſind, als Eure gefleckten Spuͤrhunde. Wir haben z. B. unſere ſuͤdlichen Hunde zum or⸗ dentlichen Zuge, unſere noͤrdlichen zum Aufſtoͤbern; der weiße Hund iſt wegen ſeines großen Phlegma gut zur Nachſtellung, der ſchwarze zeichnet ſich durch gutes Gedaͤchtniß, der braune durch Muth, der gelbe durch Beharrlichkeit aus. Dann giebt es noch eine Menge anderer, als Windhunde verſchiedener Art, ferner..— „Gut! Gut! Laßt uns jetzt uur bei den Windhunden ſtehen bleiben! Wie moͤgt Ihr etwas finden, wie dieſe große, Albaneſiſche Race? Sind das nicht wahre Muſter von Windhunden? Iſt das nicht die aͤchte, von Xenophon in ſeiner Ab⸗ handlung uͤber die Haſenjagd, und von Arrian in ſeinem Buche von der Hatzjagd ſo geruͤhmte Sorte?“ — Bei unſerer Frau! Biſchof, Ihr ſetzt mir hart zu.— Ich bin kein Gelehrter, und weiß nichts von den wuͤrdigen Jagdfreunden, deren Buͤ⸗ cher Ihr mir anfuͤhrt; aber wenn ſie ihre Hunde, moͤgen ſie ſeyen von welcher Zucht ſie wollen, zu 5⁵ vergleichen Luſt balen ſo bin ich bereit, gegen einige aufzutreten.. „Ei, Huezog, Einer von ihnen ſchrieb ſchon vor achtzehn Hundert Jahren, und der Andere im Jahre des Herrn 150.“ — Wenn auch— wenn auch— ich antworte ihnen und Euch mit ein Paar Zeilen aus einem eben ſo vorzuͤglichen Schriftſteller, als Einer von ihnen ſeyn mag, und dieſe enthalten das Bild eines guten Windhundes, Am Kopfe wie eine Schlange, Am Halſe wie ein Entrich, Am Ruͤcken wie eine Stange, An den Seiten wie ein Borsfiſch, Am Schwanze wie eine Ratte, Am Fuß wie eine Katze. — und einen ſolchen meinte die Prinzeſſin in Sir Eglamour, als ſie ihrem Ritter ein Geſchenk ver⸗ ſprach. — Sir, wenn am Jagen Ihr findet Geſchmack, Ich Euch einen Windhund geben mag, Wie ein Reh ſchlank und ſo duͤnn; So wahr ich'ne Edelfrau bin, Iſt ihm unter der Sonnen Kein Hirſch, kein Bock, kein Schwarzwild entronnen. 56 2 „Horch! horch!“ ſchrie Fitzwalter.„Weg! es kommt ein Hirſch, beim heil. Georg!“ — Er iſt nicht des Nachſetzens werth, Graͤfin. Nicht wahr? Fitzwalter,— rief der Herzog,— es iſt kein Vielender, wenn's hoch kommt, nur ein Spießer.— „Kennte ich nicht die Schaͤrfe von Eurer Ho⸗ heit Augen, ich wuͤrde ſagen, ein zierjahrider, ſagte der Lord⸗Aufſeher. — Ein Faß Malvaſier gegen eine Armbruſt, 's iſt, wenn's hoch kommt, ein Spießer.— „Ich bin's zufrieden, Eure Hoheit.“ — Indeſſen moͤchte ich wohl nicht im Stande ſehn, die Wette zu entſcheiden, denn das Thier rennt ja mit dem Winde, und mit ſolchen Lumpen⸗ hunden duͤrfen wir nicht hoffen, es wieder zu Ge⸗ ſicht zu bekommen.— Indeß ſich ſo der Herzog und ſeine edlen Ge⸗ faͤhrten uͤber die Beſchaffenheit des jungen Hirſches in den verſchiedenen Zeitreaͤumen ſeines Wuchſes von einem Jahre bis zum vierten ſtritten, nahm Jac⸗ queline, minder kunſtverſtaͤndig, aber aufmerkſamer, einen Pfeil aus ihrem Koͤcher, legte ihn ſicher auf den Bogen, zog die leichte Senne, die mit ſiber⸗ nen Gloͤckchen beſetzt war, an, und ſchnell zielend, 57 als das ſchuͤchterne Thier wenige Ruthen vor ihr voruͤber ſprang, ſandte ſie ihm das Geſchoß ſicher in's Mark. Es drang in den Hals, dicht an dem Schulterblatte— eine ſichere und toͤdtliche Wunde, wie aus dem hinkenden Schritte augenſcheinlich wurde, der unmittelbar auf die fruͤheren anmuthigen Spruͤnge des nun ‚getroffenen Wildes“ folgte. Ausrufungen des Beifalls ließen ſich jetzt von den Lippen Gloceſter's, Fitzwalter's, van Monfoort's und des Biſchofs vernehmen, indeß Benina ein Triumphauflachen bei dieſem neuen Beweiſe der Geſchicklichkeit ihrer Herrin erhob, und die Jaͤger ſogleich einige Hunde losließen, welche in Kurzem ihre Beute ſicher einholen mußten, denn ſie durften nur dem Blute folgen, das ihr aus der Wunde traͤufelte. „Mylord, ich ehre Eure Klugheit und Poli⸗ tit,“ ſagte der Biſchof, Fitzwalter'n ſich naͤhernd, indeß Gloceſter die Graͤfin complimentirte;„ein aͤchter Hofmann iſt niemals kluͤger als ſein Herr, oder er iſt ein Narr zu ſeinem Schaden.“ — Und wie, Mylord Biſchof, habt Ihr denn dieſe ſeltene Eigenſchaft in mir aufgefunden?— fragte Fitzwalter. 3** 58 „Still, ſtill, mein guter Lord, welcher verſtaͤn⸗ dige Mann wuͤrde ſeines Goͤnners Gunſt dadurch verwirken wollen, daß er bewieſe, ein Hirſch trage ein Ende mehr oder weniger an ſeinem Geweihe.“ Fitzwalter laͤchelte veraͤchtlich; allein van Mon⸗ foort, der dicht dabei ſtand, und ſein Piend am Zuͤ⸗ gel hielt, rief: — Ich will Euch Etwas ſagen, Biſchof Zwe⸗ der! Ihr verſteht Euch eben ſo wenig auf die kuͤhne Freimuͤthigkeit des Ritterthums, als dieſer Engliſche Earl auf die Pfiffigkeit der Prieſterſchaft, und ich prophezeie Euch, daß Eure Verſchmitztheit Euch mehr Verluſt als Gewinn bringen wird. Seht Euch nur vor, daß nicht der Kanonikus von Die⸗ penholt ſich zwiſchen Euch und das Kapitel ſchleiche, indeß Ihr es ſo gut zu leiten glaubt.— Viertes Kapitel. Ehe auf van Monfoort's derbe Rede eine Ant⸗ wort folgen konnte, wurde die ganze Geſellſchaft nicht wenig uͤberraſcht durch den Anblick von zwei Maͤnnern, welche ploͤtzliich aus dem Dickicht in der Richtung, welche eben erſt das verwundete Wild genommen hatte, hervortraten, umgeben von den Jaͤgern und Hunden, welche kurz zuvor die Verfol⸗ gung des Wildes begonnen hatten. Einer der Frem⸗ den war ein junger Mann, nach Sitte der Frie⸗ ſen gekleidet. Ein kleiner Hut mit niedrigem Kopf von braunem Tuche geſtattete einer Fuͤlle von nuß⸗ braunen Haaren, unter ihm hervor in Locken auf die Schultern ſich zu ergießen. Seine gruͤne Jagd⸗ weſte war mit kurzen, weiten, in einige bauſchende Falten gelegten Aermeln verſehen, unter denen an⸗ dere von Leder erſchienen, dicht am Arme anliegend, und bis zum Handgelenke reichend, wo ſie ohne 60 Band oder Schnalle feſt anſchloſſen. Seine weiten Oberhoſen oder haut de chausses, von demſelben Stoffe wie die Weſte, reichten bis faſt an die Kniee, uͤber welchen ſie durch eine Schnur gebun⸗ den waren; und unter denſelben zeigten ſich dicht anſchließende Pantalons, gleich den unteren Aer⸗ meln, welche ſeine Beine bis zum Knoͤchel, wo ſie ſich endigten, genau ſehen ließen. Eine Fußbeklei⸗ dung, halb Schuhe, halb Stiefeln, bedeckte ſeine Fuͤße, und war mit ledernen Riemen befeſtigt. An ſeiner ganzen Kleidung befand ſich nicht ein einziger Knopf(im Gebrauch bei modernen Anzuͤgen), hier aber durch verſchiedene Schnuͤre und kleine Schnallen erſetzt. Außer dem Bogen, den er in der Hand trug, und dem auf dem Ruͤcken hangenden Koͤcher, war noch ein kurzes, gerades Schwert an den Guͤrtel befeſtigt. Obgleich nicht uͤber zwei⸗ oder drei und zwanzig Jahr alt, vereinigte er doch in ſeinem Geſicht einen Ausdruck von Zartheit mit dem von maͤnnlicher Unerſchrockenheit, und neben jeder andern Geſtalt als der ſeines Gefaͤhrten, wuͤrde er fuͤr groß und ſtark haben gelten koͤnnen. Dieſer Andere, ein wahrer Rieſe, war einen ganzen Kopf groͤßer als er. Seine Kleidung war ziemlich von derſelben Art, nur von groͤberem Zeuge. 61 Die Jacke oder knappe Weſte war von Hundesfell, Die Baͤnder ſeiner dicken Sandalen reichten, kreuz⸗ weis gebunden, bis zu den Knieen, und ſein Kopf war, ſtatt eines Hutes oder einer Muͤtze, bloß mit einer Menge dicken, rothen Haares bedeckt, welches dicht anliegend, auf dem Wirbel in einen Knoten vermittelſt eines Bandes befeſtigt war. In ſei⸗ nem Guͤrtel ſtak ein Meſſer mit langer Klinge und einem Griffe von Hirſchhorn. In der Hand fuͤhrte er eine Waffe, die man in jener Zeit eine Tuͤrken⸗ keule nannte, ein einfacher Knuͤttel, der durch acht bis zehn an dem dickſten Ende eingeſchlagene Spitzen in eine furchtbare Keule umgewandelt worden war. Das Geſicht dieſes Mannes trug den Ausdruck ro⸗ her, faſt wilder Kraft, und die tiefen Furchen auf demſelben deuteten auf ein Alter von ungefaͤhr funfzig Jahren. Seine kleinen grauen Augen fun⸗ kelten unter einem Paar rothen, buſchigen Augen⸗ braunen, von denen ſie zum Theil verſteckt waren, und mehr als eine Narbe gab ſeinem eben nicht einnehmenden Anblicke etwas Stolzes, Zuruͤckſchrek⸗ kendes. Seine linke Hand hielt die Vorderbeine des verwundeten und noch zappelnden Thieres, das er uͤber die Schultern gehangen hatte, und deſſen Blut noch immer auf ſeinen Arm aus der Wunde 62 traͤufelte, in der noch Jacquelinens Pfeil ſtak. Ein Hund von ungeheurer Groͤße und wildem Anſehen, deſſen graues Haar an den Wurzeln roth gefaͤrbt war leine Folge des durch heftige Anſtrengung aus⸗ getretenen Blutes), ihn als einen von aͤcht Pom⸗ merſcher Zucht verrieth, trabte hinter ſeinem Herrn her; weder durch Leine noch Halsband feſtgehalten, verſuchte er zwar nicht fortzulaufen, doch zeigte ſein umherſpaͤhender Blick und ſein zuckender Ruͤcken die ſtolze Leidenſchaft, auf ſeine minder wilden Mit⸗ geſchoͤpfe Jagd zu machen. „Wahrhaftig, Graͤfin,“ ſagte Gloceſter, als er beider Fremden anſichtig wurde,„jener Rieſe dort mit Eurem Wilde auf dem Ruͤcken iſt keine ſchlechte Copie des Faunus mit ſeiner Hindin in der Sta⸗ tuͤengalerie des Louvre.“ — Ja, ja, und mich duͤnkt, ſein Gefähete koͤnne fuͤr eine Nachbildung des Aktaͤon gelten, der die Niſche gegenuͤber einnimmt,— ſagte Jarques line, den jungen Mann anſehend. „Bei'm heiligen Georg! ein ſtattlicher Junge! Aber wie kommt es denn, Mylord von Utrecht, daß Ihr Bogenſchuͤtzen und Keulentraͤger auf Eu⸗ rem Gebiete herumſtreifen laſſet; die Waldgeſetze von Drenthe muͤſſen ſehr gelind ſeyn, wenn ſolche 63 Wildſchuͤtzen und Raͤuber dem Grafen ſelbſt uͤber den Weg laufen duͤrfen. Ich will ſie in's Verhoͤr nehmen. Holla! gute Freunde!“ fuhr Gloceſter fort, indem er vorwaͤrts ritt,„mit welchem Rechte durchſtreift Ihr dieſe Waͤlder, den Bogen in der Hand, und bemaͤchtigt Euch des Wildes des Bi⸗ ſchofs, Eures Lehnsherrn?“ — Was das Wild betrifft, erwiederte der Juͤngere der beiden Fremden, in beſſerem Franzoͤ⸗ ſiſch und mit reinerem Accente, als der Herzog ſelbſt beſaß,— wir hoben das verwundete Thier ſo eben auf, und trugen es dem Klange der Jagd⸗ hoͤrner entgegen. Uebrigens befinden wir uns, wie Ihr, auf Frieslaͤndiſchem Gebiete, und Ihr muͤßt wiſſen, daß edle, freie Frieſen das Recht haben, Waffen zu fuͤhren, wann und wo ſie wollen.— „Um der Liebe der heil. Jungfrau willen,“ liſpelte der Biſchof mit betraͤchtlichem Zittern,„macht Euch nichts weiter mit ihnen zu ſchaffen! Das iſt eine Race von Menſcheu, oder vielmehr von Daͤmo⸗ nen, welche ſchon einige Grafen von Holland er⸗ ſchlagen, und mehr Biſchoͤfe von Utrecht mitgenom⸗ men haben, als ſich Saane auf meinem Haupte finden. 4 — Wir wollen doch ſchen„ ob ſie nich nicht 64— beſſer behandeln werden,— ſagte der ſtolze Prinz, immer vorwaͤrts draͤngend; allein der Biſchof faßte ihn am Arme, und mit faſt erſtickter Stimme fuhr er fort: „Um meinetwillen, maͤchtigſter Protector, wenn auch nicht um der heil. Jungfrau willen— laßt ſie vorbei ziehen! Ach, wenn ſie mich erkennen ſollten, ſo wuͤrde das Verderben Eurer Unvorſich⸗ tigkeit folgen. Herzog, Herzog, bleibt ruhig! Hier auf derſelben Stelle ward Florent der Zweite von Gambala, dem freien Frieſen, ermordet.“ — Laßt mich auf die drohenden Kerls los!— rief Gloceſter.— Legt die Waffen nieder, Ihr Ge⸗ aͤchteten!— und mit dieſen Worten legte er die Hand an den Dolch, ſeine einzige Waffe, und trieb ſein Roß an. Der Rieſe, denn ſo konnte man ihn wirklich nennen, ſtellte ſich ſogleich vor ſeinen jun⸗ gen Gefaͤhrten, ließ ſeine ſterbende Laſt von den Schultern auf die Erde fallen, und ſein ſchneller und durchdringender Blick ſchien von dem Ende ſei⸗ ner Keule nach des Herzogs Kopfe zu fliegen, gleich als wolle er die genaue Entfernung meſſen, die der Todesſtreich zu erfordern ſchien. „Ihr ſeyd des Todes, wenn Ihr Euch weiter wagt, und unſere Sache iſt gaͤnzlich verloren,“ rief 65 der Biſchof, indem er dem Pferde Gloceſter's in den Zuͤgel fiel, und es umdrehte. Dann wandte er ſich zu dem Rieſen, und ſagte aͤngſtlich in dem niederdeut⸗ ſchen Jargon:„Sollte ich Euch nicht kennen, mein edler, mein wuͤrdiger Freund? Sollten wir uns nicht ſchon begegnet ſeyn?“ — Das kann wohl ſeyn, denn ich habe in mancher Schlacht gefochten, wie Ihr auf meinem Geſichte leſen koͤnnet,— erwiederte muͤrriſch der Mann. „Und Euer Name, lieber Kamerad?“ — Ooſt, der Deichgraͤber.— „Und der meine? Ihr erinnert Euch doch des meinen? nicht wahr, mein braver Ooſt?“ — Ich weiß nichts von Euch, und mache mir noch weniger aus Euch.— „Der heilige Willebrod ſey gelobt!— Der Elende!“ murmelte der beruhigte Biſchof, indem er ſich gegen Gloceſter umwandte, der durch Jacque⸗ linens Ueberredung zuruͤckgehalten worden war. „Und Ihr, mein junger Herr,“ ſagte der Praͤ⸗ lat abermals, aber Franzoͤſiſch,—„Euer Geſicht kommt mir ganz bekannt vor. Ihr ſeyd aus Amers⸗ fort, Gouda oder Utrecht? Ihr habt mich ſchon vorher geſehen, nicht wahr?“ 66 — Weder Euch, noch Einen von Eurer Geſell⸗ ſchaft; auch bin ich nicht aus den Orten, die Ihr erwaͤhnt.— „Und wo kommt Ihr denn her? wo geht Ihr hin?“— — Wir gehen unſerem Vergnuͤgen im Walde nach, und halten uns nicht fuͤr verbunden, anzuge⸗ ben, woher wir kommen, und wohin wir wollen.— „Die heil. Jungfrau geleite Euch, wohin Ihr auch wollt, wenn es nur unſer Weg nicht iſt. Nun, immer zu, mein junger Freund, ſetzt Eure Wanderung fort, laßt Euch nicht ſtoͤren! So kommt denn, Madame, kommt Hoheit!“ fuhr der Biſchof fort, das letzte Wort ſo tief hervorliſpelnd, daß es der Gegenſatz zu dem Titel wurde. Gloceſter gab indeſſen wenig Acht auf dieſe Verhandlungen. Sein heftig erregter Zorn ſchien bloß durch die Beſtrafung der kuͤhnen Geaͤchteten, als wofuͤr er die Fremdlinge hielt, beſaͤnftiget wer⸗ den zu koͤnnen. — Bei Gott!— ſagte er,— ich kann dieſes unwuͤrdige Benehmen nicht ertragen. Soll ich mich von dieſen ungeſitteten Luͤmmeln foppen laſſen? Ruft doch die Schlingel von Hellebardierern her⸗ 67 bei, und laßt dieſe Burſchen verhaften. Koͤnnt Ihr nicht ſogleich einen Gerichtshof beſtellen, um ſie zu richten, und an den erſten beſten Baum haͤngen zu laſſen? Sorgt wenigſtens fuͤr ihre ſichere Aufbe⸗ wahrung, Biſchof, ehe ſie abermals in dem Dickicht entkommen.— „Um Chriſti Liebe willen, nennt mich nicht Biſchof! redet leiſer, laßt mich einen Buͤrgersmann ſeyn, oder gebt mir einen noch geringeren Titel!“ liſpelte der Praͤlat, indeß Jacqueline laut ſagte: — Ihr habt gewiß wenig Urſache, zu glau⸗ ben, daß dieſe Maͤnner die Flucht ergreifen werden. Sie ſtehen da mit dem Blicke edler Unabhaͤngig⸗ keit, und es waͤre Schade, wollte man ſie kraͤnken. Ueberdies koͤnnen ſie ja auch Freunde meiner Sache ſeyn.— 3 „Waͤren wir deſſen gewiß,“ ſagte der Biſchof, „ſo wuͤrde gar kein Hinderniß da ſeyn, ſie fort⸗ fuͤhren und beſtrafen zu laſſen, ganz nach Seiner Hoheit Belieben. Allein es iſt wohl Zehn gegen Eins zu ſetzen, daß jeder Frieſe ein Feind iſt,— und noch gewiſſer ſind ſie die meinen. Daher muͤſ⸗ ſen wir ſie behutſam und hoͤflich behandeln. D'rum bitte ich Euch, edler Herzog, laßt ſie ihres Weges 68 ziehen, und wagt keine Gewaltthaͤtigkeit. Sie müͤſ⸗ ſen einen Ruͤckhalt haben, das laͤßt ſich aus ihren kecken Benehmen vermuthen.“ — Wohin gedenkt Ihr, junger Mann?— fragte Jacqueline in einem freundlichen Tone. „Dieſe Frage habe ich mich ſchon zu beant⸗ ten geweigert,“ verſetzte der Fremde, indem er ſei⸗ nen Hut zum erſten Male waͤhrend der ganzen Un⸗ terredung abnahm, und ſo ſeine ſchoͤne Stirn und ſein ſchoͤnes Geſicht vortheilhaft ſehen ließ. — Euer Weg ſcheint nach Zeeland zu fuͤhren. Es giebt viel Parteifehden in dieſen zerriſſenen Landen, und ich moͤchte wohl wiſſen, auf welcher Seite Ihr Euch hieltet.— Ihr tragt kein Ab⸗ zeichen.— „Ich wollte, ich haͤtte nicht eines geſehen,“ erwiederte der Juͤngling,„indeſſen wuͤrde ich ſtolz darauf ſeyn, ſchoͤne Dame, dasjenige zu tragen, wel⸗ ches Eure Freunde und Anhaͤnger erkennen ließe.” — Soehr artig geſprochen, beim heil. Paul, und ganz wie ein Menſch von Stande und Erzie⸗ hung,— ſagte Gloceſter, der bei des Biſchofs be⸗ luſtigender Logik, woruͤber er, Fitzwalter und van Monfoort recht herzlich gelacht hatten, vollkommen 69 abgekuͤhlt worden war, waͤhrend Jacqueline mit dem jungen Manne geſprochen hatte. „Ich bitte Euch, ſprecht freundlich mit ihm,“ ſagte Jaequeline abermals zu Gloceſter.„Benina, ſieht er nicht recht edel aus, der junge Menſch?“ fuhr ſie fort, indeß der Herzog ſich ihm naͤherte. — Recht fuͤrſtlich,— verſetzte die Ehrendame. — Gebe doch die heilige Maria, daß er ein Hoek ſey!— „Ich habe nie zuvor ſo das Rauhe dieſes Beiwortes unſerer Sache gefuͤhlt. Es paßt recht gut zu dem Loͤwen von Hoek, wie zu manchen an⸗ deren Parteimaͤnnern, allein es klingt ſehr unange⸗ nehm, um ein Weſen zu bezeichnen, wie dieſes,“ ſagte Jacqueline. — So wolltet Ihr wohl lieber, er waͤre ein Kabblejaw?— „Ach, liebe Benina! erwaͤhne das auch im Scherze nicht.— Still, er antwortet dem Her⸗ zoge! — Warum ſollte ich nicht, Sir, wenn Ver⸗ huͤllung zu meiner Abſicht paßt? Ihr und Eure Geſellſchaft, Ihr ſeyd ja Alle, wie ich ſelbſt, in einfacher, nicht auszeichnender Kleidung,— und doch ziehe ich daraus keinen Schluß zu Eurem . Nachtheile,— erwiederte der junge Mann auf Gloceſter's Vorwurf, daß er das Geheimthun zu lie⸗ ben ſcheine. „Ha! Fitzwalter,“ ſagte der Letztere abſeits, iſt es nicht zu ſchimpflich, ſo, und zwar mit Recht, bei dieſem Verſteckensſpielen gefoppt zu werden? Iſt es ziemlich, daß ich es nicht wage, meine blau⸗ gekleideten Diener außzufuͤhren, gerade wie damals, als ich den alten Wincheſter und ſeine ſonnenver⸗ brannten Knechte in den Tower trieb?“ „Eure Bemerkungen ſind ſchnell und paſſend,“ fuhr er zu dem jungen Manne fort;„laßt uns we⸗ nigſtens wiſſen; mit wem wir geſprochen haben: wie iſt Euer Name?“— — Sir, ich habe jetzt keinen Namen, wenn ich gleich den meines Vaters trage. Allein ich darf deshalb den Anſpruch auf den meinigen nicht auf⸗ geben, und wenn eine paſſende Zeit kommt, ſo werde ich mich nicht entbrechen, ihn einem Jeden zu nennen, der mich danach zu fragen wagt.— „Verdammt, Fitzwalter! iſt es nicht hart, daß ich dem kuͤhnen Knaben meinen Handſchuh nicht hinwerfen darf?“ — Eure Hoheit braucht ſich nicht ſo zu ernie⸗ drigen. Er ſoll den meinen haben. Hier werfe ich 71 Euch meine Ausforderung hin, junger Herr, und ſage Euch, wenn ſich Gelegenheit dazu zeigt, ſo werde ich Euch Euer Geheimniß aus dem Herzen reißen, wofern Eure Lippen es nicht verrathen wollen.— 3 Der junge Mann hob den Handſchuh ruhig auf, den Fitzwalter heftig auf den Boden geworfen hatte; dann zog er einen von den ſeinigen aus, und warf ihn mit weniger Heftigkeit dicht zu den Fuͤ⸗ ßen vor des Herausforderers Pferde hin. — So weit, Sir, ſtehen wir alſo in gleichem Verhaͤltniſſe. Ich kann keinen Namen fordern, weil es mir nicht frei ſteht, den meinen zu geben. Aber wißt, Ihr habt es nicht mit einem un⸗ edlen Manne zu thun, noch mit einem, der Euch nicht zwingen koͤnnte, Eure prahleriſchen Reden zu⸗ ruͤckzunehmen, ſo wie ich dies denn hier bei der hei⸗ ligen Jungfrau und dem heiligen Andreas gelobe zu thun, und dieſe erblichene Hutſchleife in Eu⸗ rem Herzblute zu faͤrben, wenn wir uns entweder in geoͤffneten Schranken, oder in ehrlicher Schlacht begegnen.—„ „Genug geſagt! Es iſt eine Ausforderung, ich bin Zeuge derſelben, und erbiete mich zum Schiedsrichter,“ ſagte Gloceſter. 72 Wenn doch der Tag ſchon da waͤre, vor einem ſolchen ehrenvollen Richterzu ſtehen!— rief Fitzwalter. „Tag und Richter ſind mir ganz gleichguͤltig,“ bemerkte ſtolz der Fremde. — Welch' eine unverſchaͤmte Prahlerei!— murmelte der Biſchof. „Er gefaͤllt mir darum nicht weniger,— es waren meine eigenen Worte als Erwiederung auf des Burgunder's Ausforderung,“ ſagte Gloceſter. — Nun denn, Ihr lieben Freunde,— rief der Biſchof,— Ihr koͤnnt nun Eures Weges gehen, und moͤge Euch der Himmel in ſeinen Schutz neh⸗ men, junger Mann, um Euch fuͤr die Lanze und Streitaxt dieſes edlen und wuͤrdigen Herrn aufzu⸗ bewahren.— Der Fremde entfernte ſich ſtolz, in Begleitung ſeines ernſten Gefaͤhrten, und als er bei Jacqueli⸗ nen voruͤber ging, nahm er ſein Barett abermals ab, und machte ihr und Beninaun eine leichte Ver⸗ beugung. „Ich kann ihn auf dieſe ungefaͤllige Weiſe nicht gehen laſſen,“ ſagte die Graͤfin.„Sir, laßt mich Euch fuͤr die Artigkeit danken, mir die Jagd⸗ beute wiedergegeben zu haben, die mir ohne Euch ver⸗ 73 verloren geweſen waͤre. Sollten wir uns wieder begegnen, ſo bedenkt, daß ich Eure Schuldnerin bin; und moͤge der heil. Michael Euer Schild ſeyn, wenn Ihr Euer Pfand einloͤſt mit dieſem gefuͤrchteten Ritter.“ — Ein Engel koͤnnte mich nicht beſſer beſchuͤz⸗ zen, als ein ſolches zwiſchen mir und dem Himmel ſchwebendes Gebet.— „Auf, auf denn in die Tiefen des Waldes! Der Tag vergeht, und die Hunde hier werden ihre Sachen ſchon beſſer machen, wenn das Wild auf⸗ gejagt iſt,“ rief Gloceſter, Jacquelinen anregend, die ſich denn auch anſchickte, ſeinem Verlangen zu folgen. Mit anmuthiger Verbeugung wandte ſie ihr Roß von dem Juͤnglinge ab.— Dieſer aber trat vor des Pferdes Kopf, und bat um Verzeihung wegen der Freiheit, die er ſich nehme, ſie vor der Gefahr zu warnen, der ſie ſich bei Verfolgung des eingeſchlagenen Pfades auszuen ſetzen ſcheine. — Wie? Giebt es denn wirklich in dem Walde loſes Geſindel? Der heil. Willebrod möge uns beſchuͤtzen! Dacht' ich's doch! Dacht' ich's doch!— rief der Biſchof,— ſo laßt uns die Boote aufſuchen, und wieder von dannen ſegeln.— I.. 4 74 „Iſt das die gefuͤrchtete Gefahr?“ fragte Jac⸗ queline ruhig.. — Nein! Madame, wenigſtens ſo viel ich weiß,— erwiederte der Fremde im Tone beleidig⸗ ten Stolzes.— Allein dieſe Herren muͤſſen wenig Kenntniß haben von der Waldung, wenn ſie nicht wiſſen, daß im Monat September einzeln ſtreifende Ueberreſte der Auerochſen⸗ und Buͤffelheerden voller Wildheit und Wuth in dieſe Gegend der Kuͤſte herabkommen.— „Ihr heil. Maͤrtyrer! das iſt wahr! Dies iſt alſo wohl der Bezirk, der die wilde Stierjagd heißt? Nicht wahr?“ fragte der Biſchof voll Be⸗ ſtuͤrzung. — Allerdings!— ſagte der Juͤngling,— und horch! beim heil. Andreas! ich glaube, ich hoͤre das dumpfe Gebrumm des Unthiers ſchon? Ooſt, hoͤrt Ihr's nicht auch?— Auf dieſe letzte in Frieſiſcher Sprache gethane Frage antwortete der Rieſe bloß dadurch, daß er den jungen Mann um den Leib faßte, ihn gewalt⸗ ſam hinter einen Haufen verſchlungener Eichenwur⸗ zeln hob, welche ein wie von der Natur gebildetes Bollwerk ausmachten. Dann machte er ſein Meſ⸗ ſer im Guͤrtel los, doch ohne es zu entbloͤßen, und 8 .—— 75 die Keule mit beiden Haͤnden faſſend, ſtand er ge⸗ ruͤſtet, mit jener ernſten Beſorglichkeit, welche das mit Blaͤſſe uͤberzogene Angeſicht des unerſchrockenen Mannes bezeichnet, der die Gefahr kennt, aber ſie nicht fuͤrchtet. In demſelben Augenblicke ſtutz⸗ ten und zitterten auch die Pferde und Hunde voll inſtinktartiger, thieriſcher Angſt und Beſtuͤrzung. Auch das Wild, das ſchon in den letzten Zuckun⸗ gen auf dem Boden lag, ſchien ſich noch einmal aufrichten zu wollen, und verendete mit einem Schau⸗ der von Furcht. In dem naͤchſten Momente er⸗ klang ein Gebruͤll von furchtbarer Dumpfheit durch den Wald, und das Unthier, das es ausſtieß, erſchien, indem es durch das niedere Geſtruͤppe brach, dicht neben der Gruppe mit einem Ausdruck von wilder Majeſtaͤt, der etwas Erſchreckendes und Er⸗ habenes zugleich hatte. Seine Hoͤhe und ſein Um⸗ fang war unmaͤßig, doppelt ſo groß vielleicht, als der eines gewoͤhnlichen Stiers. Er war glaͤnzend ſchwarz, nur daß ihm ein breiter weißer Streif uͤber den Ruͤcken hinlief, welcher ſichtbar ward, in⸗ dem er ſeinen ungeheuren Kopf zur Erde ſenkte, und wuͤthend mit ſeinen kurzen Hoͤrnern den Boden aufwuͤhlte. Dabei gluͤhten ſeine Augen wie Feuer⸗ baͤlle unter dem buſchigen Haare, das ſich kraus⸗ 4* artig auf ſeiner Stirn wand. Den langen Schweif ſchwang er in die Hoͤhe, und ſchuͤttelte die Maͤhne, die volle ſechs Fuß ihm vom Nacken herab hing, und auf der Erde hinſchleppte. „Flieht, flieht!“ rief der junge Fremdling, der ſein Schwert zog, und im Schutze der Baͤume ſte⸗ hen blieb; allein die meiſten von der Geſellſchaft bedurften ſeiner Warnung nicht, und fuͤr die An⸗ deren kam ſie zu ſpaͤt. Die Jaͤgersleute, bekannt mit der furchtbaren Stimme des Ur's oder Auer⸗ ochſen flohen in allen Richtungen, oder erklimmten die naͤchſten Baͤume, ehe noch das Thier erſchien; die Hunde zerſtreuten ſich, vor Furcht heulend, mit Ausnahme desjenigen, der dem Deichgraͤber zuge⸗ hoͤrte, dicht bei ſeinem Herrn ſtehen bleibend, zwar zitternd an allen Gliedern, doch mit geſtraͤub⸗ tem Haar, und, faſt wie Jener, eine Miſchung von Furcht, durch Entſchloſſenheit beſiegt, entfaltend. Saͤmmtliche Pferde wieherten laut, baͤumten ſich, und ſuchten ſich in Galopp zu ſetzen, was denn auch Manchen gelang. Dasjenige, welches Benina ritt, wurde von ſeiner erſchrockenen Reiterin noch angetrieben, denn ſie ließ ihm die vollen Zuͤgel, und reizte es zur hoͤchſten Eile. Gloceſter's und Fitz⸗ walter's Klepper, ſtoͤrriſche und hartmaͤulige Thiere, — 77 wurden ihrer Reiter ganz Meiſter, und fuͤhrten ſie in verſchiedener Richtung in das Dickicht. Der ſtammhafte van Monfoort, der zu Fuß war, ließ bei dem erſten Laͤrmen ſein Pferd ſtehen, und eilte an Jacquelinens Seite, um ihr zu helfen, das wi⸗ derſpaͤnſtige Roß, das ſie ritt, zu zaͤhmen, allein nicht mit hinreichender Kraft, um ſie in den Stand zu ſetzen, abſteigen zu koͤnnen. Der Bi⸗ ſchof wurde bei dem erſten Sprunge ſeines aufge⸗ regten Gaules in ein Schwarzbeeren⸗Geſtruͤppe ge⸗ worfen, und ſeine Haͤnde und Geſicht waren bald von dem Safte der zerdruͤckten Beeren, der ſich mit ſeinem Blute miſchte, gefaͤrbt, das in den Dornen immer reichlicher floß, je tiefer er ſich in dieſelben zu ſeiner Sicherung hineinwaͤlzte. Das erſte Opfer der Wuth des Auerochſen war ein ungluͤcklicher Jaͤger, der von einem Aſte, den er ergriffen hatte, um auf eine Eiche zu klettern, her⸗ abfiel, und in demſelben Augenblicke von dem wuͤ⸗ thenden Thiere auf die Hoͤrner genommen, und ei⸗ nige Ellen weit blutend und athemlos fortgeſchleu⸗ dert wurde; der naͤchſte Gegenſtand des Angriffes war der abgeworfene Geiſtliche. Das Ungeheuer ſprang auf ihn zu mit dem Gebruͤlle wachſender Wuth, mit dem ſich das Geſchrei der Zuſchauer 78— miſchte, welche auf dieſe Art hofften, die Aufmerk⸗ ſamkeit deſſelben von dem kreiſchenden Prieſter ab⸗ zulenken. Als der Ur vorwaͤrts ſchoß, ſtieß er in ſei⸗ nem Laufe auf einen Baum von fuͤnfjaͤhrigem Wuchſe, und mit der breiten Stirn anrennend, zerknickte er ihn, wie eine Lanze zerſplittert; der Baum fiel gerade uͤber des Biſchofs ſonſt nur ſehr unvollkommene Schutzwehr, und rettete ihn ſo durch ſeine ſchirmenden Zweige von dem Untergange. Jacqueline gelangte jetzt auf den Boden, und indeß van Monfoort ihr ſich baͤumendes, faſt wuͤ⸗ thend gewordenes Roß mit beiden Haͤnden hielt, legte ſie, als letztes Mittel, die Wuth des wilden Stiers abzulenken, einen Pfeil auf ihren Bogen, und mit einem Muthe, durch den ſie ſich bei aͤhn⸗ lichen großen Gefahren als eine der tapferſten Frauen gezeigt hatte, die Flucht verſchmaͤhend, oder das Un⸗ nuͤtze derſelben vielleicht erkennend, ſchoß ſie die Waffe mit feſter Hand ab. Der Pfeil traf das Thier gerade in das eine Auge, und zerſplitterte an dem Knochen. Aufgeregt durch die Hinderniſſe, die ihn von dem Biſchofe trennten, und entflammt durch die Wunde, war ſein langer Bart ganz weiß von Schaum, und es ſetzte mit einem wahren Tigerſprunge auf den Ort los, wo die Graͤfin und van Monfoort ſtan⸗ 79 den. Das Pferd, das der Letztere noch immer hielt, machte ſich jetzt von ihm los, und in einem verzweifelten Verſuche zu entkommen, fiel es uͤber die Zweige des zerbrochenen Baumes in die Kniee. Faſt augenblicklich rannte es der Auerochſe durch⸗ bohrt zu Boden, und zerfleiſchte es ſodann, wie es ſtoͤhnend und keuchend vor Angſt und Furcht dalag, auf eine furchtbare Weiſe. In dieſem Augenblicke ſprang der junge Fremdling, der waͤhrend des kur⸗ zen Zeitraums des furchtbaren Auftritts von ſeinem rieſenhaften Gefaͤhrten feſtgehalten worden war, nachdem er ſich von ihm mit Anſtrengung losge⸗ riſſen, an Jacquelinens Seite. Alle falſche Deli⸗ kateſſe oder erzwungene Zuruͤckhaltung bei Seite ſetzend, faßte er ſie in einen Arm, und verſuchte ſie fortzutragen gegen das Dickicht zu, von wo ihm Ooſt gefolgt war, indeß van Monfoort mit ge⸗ wohnter Achtung, aber gleicher Tapferkeit, ihren Ruͤckzug deckte, und ihnen nach, ruͤckwaͤrts ſchritt, die Spitze ſeines zweihaͤndigen Schwertes gegen das verfolgende Unthier gerichtet. Der junge Fremde, deſſen ſcharfes Auge uͤberall umherſpaͤhte, bemerkte bald, daß weit mehr Gefahr mit dem Verſuche der Flucht, als einer verzweifelten Gegenwehr verbun⸗ den ſey. Er kehrte ſich daher abermals um, und * 80 ſtellte ſich an van Monfoorts Seite, indem er ihm zurief, Stand zu halten. Der unerſchrockene Ludwig hielt ſogleich an, und antwortete durch ein aufmun⸗ terndes Wort. Ooſt ſchritt ein wenig vor, und Beiden zur Seite befand ſich der Hund. Jacque⸗ line haͤtte nun recht gut fliehen koͤnnen, weil ſie ſich durch die lebendige Bruſtwehr wahrſcheinlich ganz geſchuͤtzt ſahe; allein aus einem geheimen Gefuͤhle, oder aus Sympathie,— wir wollen das nicht ent⸗ ſcheiden,— blieb ſie ſtehen, umfaßt von dem Arme des jungen Fremden, und ſchien zufrieden, die Ge⸗ fahr theilen zu koͤnnen, in die er ſich ihretwegen geſtuͤrzt hatte. Als ſich der Auerochſe, Hoͤrner und Geſicht von dem Blute des zerriſſenen Pferdes ſtroͤmend, auf ſie los ſtuͤrzte, ſtreckten Monfoort und der Fremde die Spitzen ihrer Schwerter ſeiner breiten Stirn entgegen, und in demſelben Augenblicke gab Ooſt einen furchtbaren Schlag mit ſeiner Keule auf das Haupt. Er haͤtte aber eben ſo gut auf einen Felſen ſchlagen koͤnnen; die eiſernen Spitzen dran⸗ gen zwar ein, und ſplitterten die Knochen, allein das Ungeheuer wankte nicht. Indeſſen erhob es den Hals und Kopf auf einen Augenblick zu ſeiner aͤußerſten Hoͤhe, entweder durch die Wirkungen des 3 R 81 Schlages, oder um ein beſſeres Ziel fuͤr den toͤdt⸗ lichen Sprung zu gewinnen, der unmittelbar darauf gegen den Fremden und Jacquelinen hin erfolgte, die nur einen Zielpunkt bildeten. Ooſt that noch einen Schritt vorwaͤrts, und warf ſich vor ſie; es war nur noch ein Schlag zwiſchen ihm und dem Tode. Faſt bis zur Erde gebeugt, auf der der ſchwere Kopf ſeiner Keule ruhte, erhob er die Waffe mit einem gewaltigen Ruck in beiden Haͤnden bis zur Hoͤhe ſeines eigenen Hauptes, und richtete ſich zugleich in voller Laͤnge auf. Das geſenkte Maul des Thieres faßte, wie es mit gleicher Schnelligkeit und zehnfacher Kraft herankam, den aufwaͤrts gehen⸗ den Schlag auf. Dies war der verwundbare Theil, der Theil, den Mutter Natur ihm gelaſſen hatte, als ſie dieſes Ungeheuer und ſeines Gleichen in die ungewoͤhnliche Form ſeiner furchtbaren Kraft tauchte. Es bruͤllte laut auf, und taumelte zuruͤck. In einem Augenblicke ſtaken die Schwerter Monfoort's und des jungen Fremdlings in ſeiner Bruſt, und das noch wirkſamere Meſſer des Deichgraͤbers ſchob ſich in den Hals deſſelben; ſein Hund ſprang ihm zu gleicher Zeit nach der Lippe, und mit der ſcharfſichtigen Art ſeiner Race, Etwas feſtzuhalten, hielt er das Thier nach der Erde zu, worauf es 82 endlich in ſeinem Blute hinſank. Ein Triumph⸗ geſchrei ertoͤnte von den Siegern, das durch ein Gekreiſch von dem Biſchofe beantwortet wurde, der ſich eben gewaltſam von ſeinem Sicherheitsorte aufgerafft hatte, und zu fliehen begann, ohne recht zu wiſſen, warum und wohin. Aber bei dieſem neuen Tone, den er ſich durch nichts Anderes, als das Gebruͤll des Ungeheuers erklaͤren konnte, warf er ſich abermals zu Boden, und wuͤrde gern, wie der Strauß, ſeinen Kopf in den Boden geſteckt haben. Die geſchaͤftige Gruppe der Kaͤmpfenden ſahe, daß nun ihr Geſchaͤft voruͤber war, auch Jacque⸗ line erkannte die Gefahr, der ſie entgangen. Mitleid war ihr erſtes Gefuͤhl. „ Eilt, eilt, van Monfoort, und helft dem Jaͤ⸗ gersmann, wenn er noch lebt,“ ſagte ſie. Ihre naͤchſte Regung war Dankbarkeit. Schnell band ſie den Guͤrtel um ihren Leib los, und zu dem jungen Fremdling ſich wendend, der die Vollendung des Metzgerwerks ſeinem Gefaͤhrten uͤberlaſſen, ſagte ſie mit thraͤnennaſſen Augen und bebender Stimme: „Nehmt dies, und tragt es zum Andenken Der⸗ jenigen, die Ihr gerettet habt. Fragt nicht, wer ich bin; aber wenn je der Tag kommt, wo Ihr es 1 83 entdeckt, ſo denkt, daß ich den heutigen fuͤr einen der glaͤnzendſten achte in meinem Leben voll Miß⸗ geſchicks.“ — Schoͤnes und edelmuͤthiges Weib,— rief der Fremde,— das verdiene ich nicht! Auch wage ich nicht, dies Geſchenk anzunehmen, das an Je⸗ mand verſchwendet wird, der es ſelbſt nicht wagen darf, ſeinen Namen zu nennen.— „Nehmt es, nehmt es! mein Herz buͤrgt mir fuͤr Euren Adel; ſchnell, ſchnell,— ſie kommen.“ Der junge Mann riß eiligſt ſein Wamms auf, und ſteckte den Guͤrtel in den Buſen, weit koͤſtlicher ihm durch die Art und Weiſe des Gebens, als durch den inneren Werth der ſeidenen Stickerei und der diamantenen Agraffe, womit er gezieret war. Allein Jacqueline, deren Augen ſeiner Bewegung folgten, empfand das Zucken eines unangenehmen Gefuͤhls von Taͤuſchung und Reue, als ſie mitten auf dem inneren Wamms des Fremden das breite rothe Andreaskreuz, das Zeichen der Burgundiſchen Partei, entdeckte. Sie wuͤrde die ganze Welt da⸗ rum gegeben haben, haͤtte ſie die Gabe zuruͤckneh⸗ men koͤnnen. Es war aber zu ſpaͤt. Van Mon⸗ foort und der Biſchof mit dem verwundeten Jaͤ⸗ gersmann waren ſchon nahe bei ihnen, und Gloce⸗ 84 ſter nebſt Fitzwaltern im Geſicht, nachdem der Eine ſein Roß bezaͤhmt, der Andere es Preis gegeben hatte. Die zerſtreuten Elemente der letzten Verwirrung ſammelten ſich nun wieder; von Allen die Letzte kam Benina Beyling, nachdem ſie ſich von der Beſtuͤr⸗ zung erholt hatte, welche ſie veranlaßt, ihre edle Herrin zu verlaſſen, und gefuͤhrt von Gyles Poſtel, van Monfoort's Knappen, der zu ihr aus dem Zelte gekommen war, wo man ihn zuruͤckgelaſſen hatte, um Erfriſchungen fuͤr den Reſt der Geſellſchaft zu be⸗ reiten. Als ſie den Ort der Handlung erreicht hatte, fand ſie Jacquelinen bei dem Herzoge und Fitzwal⸗ tern ſtehen, welche Beide mit Entſchuldigungen wegen ihres unfreiwilligen Entweichens aus der Gefahr und mit Klagen um ihr getoͤdtetes Roß be⸗ ſchaͤftigt waren; ſie ſchien jedoch Beiden wenig Aufmerkſamkeit zu ſchenken, ſondern mehr nach den Verletzungen des verwundeten Mannes zu fragen. Van Monfoort war mit Unterſuchung des Leich⸗ nams des erſchlagenen Ochſens beſchaͤftigt, indeß der Biſchof, nachdem er ſich das Geſicht durch Ab⸗ wiſchen ganz blutig gerieben hatte, in Unterhaltung mit Ooſt ſtand, der eben ein Horn abſchneiden wollte, nachdem er das andere ſchon in ſeinen Guͤr⸗ 8⁵ tel geſteckt hatte. Der junge Fremdling reinigte ſein Schwert von dem Blute mit einem Eifer, wuͤr⸗ dig eines Klingenpolirers von Dinant oder Luͤttich; allein Benina, welche in Sachen des Gefuͤhls ein ſcharfes Auge beſaß, glaubte eine Tiefe des Aus⸗ drucks in ſeinem Geſichte zu entdecken, die dem Zwecke, den er ſo eifrig zu erreichen ſtrebte, keines⸗ weges angemeſſen ſchien. Der Biſchof erhielt auf ſein dringendes Bit⸗ ten, daß ihm der Deichgraͤber des Auerochſens Hoͤr⸗ ner geben oder verkaufen moͤchte, eine kurze, aber beſtimmte abſchlaͤgige Antwort. Allein, als er ſich endlich an den jungen Fremden wandte, damit dieſer ſeinen Gefaͤhrten zur Nachgiebigkeit bewegen moͤchte, erfuͤllte Ooſt ſein Begehren, und uͤberließ ihm eines der Hoͤrner. Das andere uͤberreichte er ſeinem Gefaͤhrten mit einigen feierlichen Worten, die die Uebrigen nicht verſtanden, welche aber, wie der Letztere dem forſchenden Praͤlaten ſagte, eine rohe Anrufung bei Ueberreichung eines Trinkhornes waren, ſo alt, wie die fruͤheren Barbaren, welche dieſe wilden Bezirke bewohnt hatten. Der Biſchof, obgleich nur halb befriedigt, nahm aus ſeinem Guͤr⸗ tel einen ledernen Beutel, den er bei ſeinem letzten Unfalle nicht verloren hatte, und reichte dem Deich⸗ 86 graͤber einige Geldſtuͤcke, die der Letztere jedoch mit dem Ausdrucke wilder Verachtung in ſeinen Blicken zuruͤckwies, dann ſich aber abwandte, als habe er eine Beſchimpfung erlitten. Wenige Minuten waren hinreichend, den Auf⸗ tritt zu endigen. Die Fremden nahmen Abſchied, und entfernten ſich, nachdem Ludwig van Monfoort mit Jedem ſeiner Gefaͤhrten in der gemeinſamen Gefahr einen traulichen Handſchlag gewechſelt hatte. Die Englaͤnder gruͤßten kalt und ſtolz. Benina laͤ⸗ chelte dem jungen Manne freundlich zu; er war jedoch verwundert, verletzt, und fuͤr einen Augen⸗ blick bekuͤmmert, einen Ausdruck von Zuruͤckhaltung, und wie er glaubte, faſt von Unwillen, auf dem ſchoͤnen Geſicht Derjenigen zu ſehen, die ihm noch wenige Minuten zuvor, als dem Retter ihres Lebens, gedankt und gelohnt hatte. Er fuͤhlte indeſſen, daß er jetzt kein Mittel beſitze, das Geheimniß aufzu⸗ hellen, welches ſie und ihre Gefuͤhle umhuͤllte, und ſo nahm er ſeinen Weg nach der ſüdlichen Grenze der Waldung, gefolgt von ſeinem rieſenhaften Be⸗ gleiter und dem Hunde, der noch manchen Blick ruͤckwaͤrts auf das todte Ungeheuer warf, als koͤnne er ſeine Feindſchaft noch nicht gänzlich ver⸗ geſſen. —— — — 87 Die uͤbrige Geſellſchaft blieb ebenfalls nicht lange zuruͤkk. Der Vorſchlag, ſich nun nach dem Zelte zu begeben, wurde ſogleich ausgefuͤhrt, und ein Mahl aufgetragen, bereitet aus den Vorraͤthen, die man vergangene Nacht in den Booten mitge⸗ bracht hatte, welche Jacquelinen, den Biſchof und ihr kleines Gefolge gelandet hatten. Der verwundete Jaͤgersmann wurde nebſt dem erlegten Wilde ebenfalls an Bord gebracht, und es erwies ſich, daß dieſes ein dreijaͤhriger Hirſch war, wodurch denn auch die Schaͤrfe von Glo⸗ ceſter's Auge dargethan, und die Vermuthung von des Biſchofs Verdachte widerlegt wurde, als habe Fitzwalter ſich einer kriechenden Schmeichelei ſchul⸗ dig gemacht. Die Haut des Ur's und andere Er⸗ innerungen an die Heldenthat wurden gleichfalls mitgenommen; der Biſchof aber prahlte mit dem Ganzen, und zeigte das als Tribut empfangene Horn, welches er fuͤr den Kaiſer beſtimmte, mit einer Großſprecherei vor, als halte er ſich wirklich fuͤr den eigentlichen Helden des Tages. Nach einer kurzen Beredung ſegelte Gloceſter und van Monfoort in einem dem Letzteren gehoͤ⸗ rigen Schiffe nach deſſen Schloſſe auf der kleinen Inſel Urk, indeß der Biſchof, Jacqueline und ihre 88 Begleiter ſich nach Amersfort zuruͤckbegaben, ge⸗ folgt von Fitzwalter, der den Oberbefehl uͤber die Engliſchen Truppen uͤbernehmen ſollte, die faſt un⸗ mittelbar darauf auf einer der Inſeln von Zeeland erwartet wurden.. — 85 S 1 ſ/ 3 . 5 lo 4* 1 A A9 2— 9 d— AA A t Ii1 aaki es Fuͤnftes Kapitel. Dem Leſer, der mit dem Zeitmomente unſerer Erzaͤßlung nicht genau bekannt ſeyn moͤchte, duͤrfte wohl ein kurzer Abriß ſeiner Geſchichte, in ſo fern ſie die entweder ſchon eingefuͤhrten, oder ihm noch vorzufuͤhrenden Perſonen betrifft, nicht unwillkom⸗ men ſeyn. Zu dieſer Zeit, in der erſten Haͤlfte des 15ten Jahrhunderts, befand ſich die Macht des Hauſes Burgund im ſchnellſten Aufſtreben zu der Herr⸗ ſchaft, die es unter Philipp, mit dem Beinamen des Guten, erreichte, und funfzig Jahre lang behaup⸗ tete: der groͤßeſte unter den Herzoͤgen ſeines Ge⸗ ſchlechts oder Ranges, zur Zeit der in dem vorher⸗ gehenden Kapitel erzaͤhlten Auftritte in der Bluͤthe des Lebens und der vollen Entwickelung ſeines kraft⸗ vollen Ehrgeizes. Er war ein maͤchtiger, mit vie⸗ len Vorzuͤgen ausgeſtatteter Fuͤrſt, ein tapferer 90 Krieger und liberaler Beſchuͤtzer der Literatur. Das Gluͤck, wie gewoͤhnlich, dem Gange vorſichtigen Un⸗ ternehmungsgeiſtes folgend, ſchien ein ungewoͤhnli⸗ ches Vergnuͤgen darin zu finden, ſeine Gunſt auf ihn zu haͤufen; allein er mißbrauchte, wie dies oft der Fall iſt, ſein gutes Gluͤck durch verſchiedene Handlungen der Ungerechtigkeit und Tyrannei. Die vornehmſte von dieſen, die jedoch von den Geſchichts⸗ ſchreibern keinesweges mit der gebuͤhrenden Mißbil⸗ ligung bezeichnet wird, war die unedelmuͤthige Be⸗ harrlichkeit, womit er Jacqueline von Baiern, Graͤ⸗ fin von Holland und Hennegau, ſeine leibliche Cou⸗ ſine im doppelten Grade, verfolgte; denn ſeine Mut⸗ ter war die Schweſter von Jacquelinens Vater, dem Grafen Wilhelm,— und Jacquelinens Mutter, Margarethe, die Schweſter von Philipp's Vater, Johann ohne Furcht, geweſen, der im Jahre 1419 in Gegenwart und auf Veranlaſſung des Dauphins von Frankreich ermordet wurde, welcher beim Tode ſeines aͤltern Bruders, Jacquelinens erſtem Verlob⸗ ten, im Range ihm folgte, und dann als Karl VII. auftrat. Ein gerechtes Prinzip kindlicher Rache, welches er jedoch ſpaͤterhin wegen mehr politiſcher Leidenſchaften aufgab, hielt Philipp einige Jahre in ſtolzer Feindſchaft mit dem neuen Dauphin, und 91 machte ihn auf einmal zu dem maͤchtigſten Verbuͤn⸗ deten Englands und zu dem furchtbarſten Feinde Frankreichs. In den Kriegen Heinrich's V. blieb ſeine Treue gegen dieſen Monarchen ſonder Wan⸗ ken; auch hatte er ſich noch nicht von derjenigen ge⸗ wendet, die er ſeinem unmuͤndigen Sohne und Nach⸗ folger ſchuldig war, der damals in Frankreich durch ſeinen aͤlteſten Oheim, den großen Herzog von Bedford, den Regenten, repraͤſentirt wurde, der in jener Zeit auf dem Gipfel ſeines Ruhms wegen ſeiner Weis⸗ heit und Tapferkeit ſtand, eines Ruhmes, der noch nicht durch das Ungluͤck befleckt ward, ſeine Zu⸗ ſtimmung, wo nicht gar die erſte Idee zur Hinop⸗ ferung der Jeanne d Arc, einer der echteſten Hel⸗ dinnen der Geſchichte, gegeben zu haben. Philipp war jetzt Oberherr von Burgund, Flan⸗ dern, Artois und einigen kleineren Beſitzungen, al⸗ lein ſein Durſt nach Vergroͤßerung weckte in ihm den Entſchluß, nicht allein die benachbarten Herzog⸗ thuͤmer Brabant und Hennegau zu erwerben, ſondern auch ſein Gebiet durch die Eroberung von Holland, Zeeland und den tributpflichtigen Provinzen zu erwei⸗ tern, die ſich aufwaͤrts nach der Nordſee zu erſtreckten. Die Vermaͤhlung Jacquelinens, ihrer erblichen Graͤ⸗ fin, mit Johann von Brabant, einem unvermoͤgen⸗ 92 den Knaben, war ſeinen Planen aͤußerſt guͤnſtig, indem ſie eine Verſicherung war, daß ſich wahr⸗ ſcheinlich keine Erben zwiſchen ihn und die Erbſchaft ſtellen wuͤrden, zu welcher er die naͤchſte Anwart⸗ ſchaft hatte. Er unterſtuͤtzte daher mit ſeiner gan⸗ zen Macht den ſogenannten Ehegemahl gegen das ſchlecht behandelte Weib, und als ſie, erzuͤrnt durch wiederholte Beleidigungen, um Schutz nach England floh, und die Verlobte Humphrey's von Gloceſter wurde(in den Annalen ſeines Landes unter dem Namen des ‚großen Herzogs“ bekannt), unterſtuͤtzte Philipp den Johann mit einer Macht, die zu uͤber⸗ legen war, als daß ihr der Engliſche Prinz haͤtte widerſtehen moͤgen, der mit ſeiner verlobten Braut aus Hennegau vertrieben wurde, wo ſie dann in Holland Schutz ſuchte, er aber zu den Pflichten ſei⸗ nes Protectorates nach Hauſe zuruͤckkehrte. Johann der Mitleidloſe, ſaͤculariſirter Bi— ſchof von Luͤttich, Oheim ſowohl von Philipp, als Jacquelinen, einer der ſchlechteſten Menſchen in ei⸗ ner an Laſtern nur zu fruchtbaren Zeit, hatte ſchon vorlaͤufig einen Krieg gegen ſie begonnen, der ſich auf einen nichtsſagenden Vorwand gruͤndete, und, wie vorher gemeldet worden, hatte er auch alle An⸗ ſtrengungen zur Vertheidigung ihrer Rechte vereitelt, 8 2* —y — 93 mit Huͤlfe hauptſaͤchlich jener Feudaldespoten, deren es damals ſo viele in Holland gab, und deren Be⸗ wunderung gegen Jacquelinens treffliche Eigenſchaf⸗ ten uͤberwogen wurde durch den Haß gegen ihren Stamm, der ſeit mehreren Generationen eine ſel⸗ tene und edelmuͤthige Sympathie mit der Bevoͤlke⸗ rung der Staͤdte gegen die adeligen Tyrannen, von denen Jene bedruͤckt wurden, bewieſen hatte. Jac⸗ queline wurde gezwungen, ihre Rechte an ihren grau⸗ ſamen Oheim auf deſſen Lebenszeit abzutreten; allein das Ende derſelben, welches kurz vor Eroͤffnung un⸗ ſerer Geſchichte eintrat, ſetzte ſie wieder in den zwar noch, immer unvollkommenen Beſitz ihrer Erbſchaft. Man zweifelte nicht daran, daß der Biſchof von Luͤttich an Gift geſtorben ſey, und außerte dabei laut die Meinung, daß die von ihm ſo hart ge⸗ kraͤnkte Nichte die Urheberin der That geweſen. Ein vornehmer Hollaͤnder, Namens van Vlyett, ein An⸗ haͤnger Jacquelinens und einer der Hoeks, wurde, nachdem ihm wegen des ihm Schuld gegebenen Ver⸗ brechens nach der Sitte der Zeit ſummariſch der Prozeß gemacht worden, hingerichtet. Philipp, der durch ſeines Oheims Willen in dem Gebiete von Luͤttich und den andern Staaten ſuccedirt hatte, wurde der That nicht angeklagt, die ihm doch eben 94 ſo gut wie Derjenigen nuͤtzte, der ſie beigemeſſen wurde. Das Geheimniß war hier das Gluͤck des Einen und das Ungluͤck der Andern, eine Regel, die durch alle Abſtufungen des Lebens und Gluͤcks das Lob oder den Tadel der Welt beſtimmt. Philipp erhielt indeſſen ſehr bald von Johann von Bra⸗ bant, ſeinem ohnmaͤchtigen Geſchoͤpfe und Vetter, (denn alle handelnden Perſonen in dieſem politiſchen Drama waren nahe Verwandte), einen Auftrag, der ihn bevollmaͤchtigte, als Gouverneur in ſeinem Namen die Beſitzungen ſeines Weibes einzunehmen, und Kraft dieſer ihm uͤbertragenen Autoritaͤt ſchickte er ſich jetzt an, mit Feuer und Schwert in dieſe letzte Zufluchtsſtäͤtte einzubrechen, welche unſerer zwar hulfloſen, aber immer noch unerſchuͤtterten Heldin uͤbrig blieb. Um ſeinem Benehmen eine endliche Beſtaͤtigung zu geben, hatte Philipp ſeinen aͤußer⸗ ſten Einfluß bei Martin V., dem anerkannten Papſte, angewandt, damit dieſer die Eheſcheidung, welche ſie ſo dringend begehrte, verweigere, und den Con⸗ tract fuͤr nichtig erklaͤre, wodurch ſie Gloceſter's Ver⸗ lobte geworden war. Und um dieſen unerſchrocke⸗ nen, aber unvorſichtigen Kaͤmpfer von ihrer Unter⸗ ſtützung abzubringen, hatte er mit dem Beiſtande des Herzogs von Bretagne einen bedeutenden Ein⸗ 9⁵ fluß bei dem Regenten zu gewinnen gewußt, der bald ſahe, daß Philipp jedes Gefuͤhl der Freund⸗ ſchaft und Treue der Ausfuͤhrung ſeiner Plane zu immer allgemeinerer Herrſchaft aufopfern wuͤrde. Daher die Anſtrengungen von Seiten Bedford's, Philipp zu verſoͤhnen, deſſen Schweſter er geheira⸗ thet hatte, und den gluͤhenden Eifer ſeines Bruders zu maͤßigen, worauf Gloceſter in ſeiner Unterredung mit Jacquelinen anſpielte. Ein anderes Mittel, wozu Philipp ſeine Zu⸗ flucht nahm, um Gloceſter's Anſtrengungen zu laͤh⸗ men, wahrſcheinlich mehr durch Verſchlagenheit als Muth eingegeben(wiewol es ihm an letzterem ganz und gar nicht fehlte), war eine Ausforderung zum Zweikampfe, gegruͤndet auf einige zweifelhafte Phra⸗ ſen, in Bezug auf ſeine Wahrhaftigkeit, in Briefen von dem Letzteren. Der ganze Briefwechſel iſt von den Chronikenſchreibern aufbewahrt worden, und liefert den Beweis von dem Talente der guten Herzoͤge, ihre gegenſeitigen Angelegenheiten durch die Feder zu behandeln, ſo wie ihre Geneigtheit, ſie mit dem Schwerte zu rtheidigen. So lange, bis die Bedingungen des Zweikampfs entſcheidend an⸗ geordnet waren, durch eine Art von General⸗Con⸗ ſeil, das unter Bedford's Oberaufſicht zu Paris uͤber 96 den ganzen Fall niedergeſetzt worden war, hatte Gloceſter, wie er angefuͤhrt, das Verbot erhalten, Nichts in Perſon gegen ſeines Gegners Sache oder in Jacquelinens Streitigkeit zu unternehmen. Man glaubte, er befinde ſich in England, indeß er ſeinen verſtohlenen Beſuch machte, um ſein Benehmen zu erklaͤren, und die faſt troſtloſe Graͤfin zu beruhigen; und indeß Philipp ſeiner Seits wirklich die kraͤftig⸗ ſten Vorbereitungen zum Einbruch in ihre Beſitzun⸗ gen traf, behauptete er auf ſeinem Schloſſe Hesdin in der Picardie den Schein, als gebe er ſich nur Uebungen hin, die ſich auf den bevorſtehenden Zwei⸗ kampf bezoͤgen, und als treffe er Anſtalten zu glaͤn⸗ zenden Turnieren und andern Vergnuͤgungen, welche mehr dem Ritterthume, als dem wirklichen Kriege angehoͤrten. Die Angelegenheiten Frankreichs auf der einen Seite und die Streitigkeiten in England zwiſchen Gloceſter und dem Biſchofe von Wincheſter auf der andern, machten Bedford genug Sorge und Be⸗ ſchaͤftigung, um ihn zu hindern, ſich in den heran⸗ nahenden Streit zwiſchen Jacquelinen und Philipp zu miſchen. Den Letzteren Englands Intereſſe treu ergeben zu erhalten, war des Regenten hauptſaͤch⸗ liche 97 liche Sorge, und wie auch immer ſeine Privatnei⸗ gung ſeyn mochte, ſeine politiſche Aufmerkſamkeit konnte wahrſcheinlich nur wenig fuͤr eine Perſon er⸗ weckt werden, deren ungluͤckliche Streitigkeit die ei⸗ gentlichen Grundfeſten von Philipp's Allianz er⸗ ſchuͤtterte, und ganz England in die Gefahr ver⸗ wickelte, der ſie ſich auszuſetzen im Begriffe ſtand. Jacqueline wurde daher, Gloceſter allein aus⸗ genommen, von keinem auswaͤrtigen Verbuͤndeten unterſtuͤtzt. Ihr einflußreichſter inlaͤndiſcher war der Biſchof von Utrecht. Er wurde in ihre Streitig⸗ keiten hinein gezwungen durch Philipy's verjaͤhrte Feindſchaft gegen ihn in Folge deſſen, daß er ſich fruͤher aus perſoͤnlich gereizter Stimmung Johann dem Unbarmherzigen widerſetzt hatte, der, wiewol fruchtlos, ſeine beſten Kraͤfte anſtrengte, Zweder's Erwaͤhlung zu dem Sitze zu verhindern, als er nur noch Dechant zu Osnabruͤck in Weſtphalen war. Philipp hatte es ſich gelobt, den Biſchof aus ſeiner Wuͤrde zu verdraͤngen, und wenn auch die Mitra auf's Haupt des aͤrmſten Pfarrers in Friesland ge⸗ ſetzt werden ſollte, und hatte ſogar einige krie⸗ chende Verſuche zur Unterwerfung von Seiten des Praͤlaten mit Verachtung zuruͤckgewieſen, der da⸗ I. 5 98 durch ebenfalls in Zwiſt mit dem der Unterwerfung abholden Kapitel von Utrecht gerieth, welches ſo weit gegangen war, ihm mit Vertreibung zu dro⸗ hen, als es erfuhr, daß ſeine Eroͤffnungen von dem Herzoge ſo veraͤchtlich zuruͤckgewieſen worden ſehen. Damals war es denn auch, wo er ſich un⸗ mittelbar wieder auf Jacquelinens Seite wandte, und, wie wir geſehen haben, ihre Sache zu der ſeinen machte, ſo lange es ihm bequem ſchien. Mehrere von den anderen Staͤdten hatten mit vielem Muth ſich der Streitigkeit ihrer verfolgten Graͤfin angenommen, und ſetzten ihre ganze Exi⸗ ſtenz bei dieſem Wagniß aufs Spiel. Amersfort war von ihr zur Reſidenz und zum Sitze ihres klei⸗ nen Hofes erwaͤhlt worden, wo ſie von ihrer Mut⸗ ter, einer Frau von maͤnnlichem Geiſte und ent⸗ ſchloſſenem Charakter, unterſtuͤtzt, verſuchte, die An⸗ ſtrengungen ihrer Freunde zu ernſten Vorbereitungen auf den Kampf zu organiſiren. Einer von den thaͤtigſten und merkwuͤrdigſten Parteigaͤngern war Rudolph van Diepenholt, ein Mann von guter Fa⸗ milie, allein nur ein unbekannter Domherr, bis er endlich von dem Utrechter Volke als ein paſſender Candidat zu dem Biſchofsſitze vorgeſchlagen wurde, von dem ſie den gegenwaͤrtigen Beſitzer zu verdraͤn⸗ N 99 gen entſchloſſen waren. Andere von Jacquelinens Freunden und Unterſtuͤtzern werden gelegentlich in unſerer Erzaͤhlung auftreten. Die alten Antipathieen zwiſchen den Hoeks und den Kabblejaws waren durch Uebereinkunft fuͤr den Augenblick bei Seite gelegt worden, wenigſtens in ſo fern thaͤtliche Feindſeligkeiten ein Beweis von Haß waren. Es war ein Waffenſtillſtand zwiſchen ihnen abgeſchloſſen, und einige Wochen lang kein Blut vergoſſen worden,— ein ſeltener Umſtand in den Annalen eines Jahrhunderts. Die allſaͤhr⸗ liche Verſammlung zur Uebung der Bogenſchuͤtzen, genannt Jayſhooting, von dem Gegenſtande, nach dem man dabei zielte, ſollte eben zu Tergoes auf der Inſel Suͤd⸗Beveland Statt finden, und es war beſtimmt, daß man dabei den Sinn oder die Mei⸗ nung der ſtreitenden Parteien uͤber die große Frage der Oberherrſchaft vornehmen wollte, welche eben das Land in Bewegung ſetzte. Dieſe zwei Parteien, die ſo oft erwaͤhnt wor⸗ den, hatten ihre Benennungen auf eine Art und Weiſe erhalten, welche hoͤchſt charakteriſtiſch ſowohl fuͤr die rohe Zeit, in der ſie bluͤhten, als auch fuͤr die Beſchaͤftigung mit der Fiſcherei und der Denk⸗ 5* 100 art des Amphibiengeſchlechts, zu welchem ſie ge⸗ hoͤrten. Waͤhrend der Kaͤmpfe um Gewalt und Macht unrs Jahr 1350 zwiſchen Margarethen von Baiern, Graͤfin von Holland, und ihrem Sohne Wilhelm, Jacquelinens Großoheim, hielten die maͤchtigſten Maͤnner im Lande ein Mahl, wobei eine ſcherz⸗ hafte Verhandlung der Frage Statt fand, ob man ſagen koͤnne, der Hoek(der Hamen) halte den Kabe blejaw(den Stockfiſch), oder umgekehrt. Ein ernſt⸗ hafter Kampf ward die Folge dieſes Wortſtreits; die verſchiedenen Parteien belegten ſich gegenſeitig mit den Namen, die die Gegenſtaͤnde der Verhand⸗ lung ausmachten; man nahm gewiſſe Unterſchei⸗ dungszeichen an, und die ganze Bevoͤlkerung theilte ſich faſt ein volles Jahrhundert hindurch in zwei verzweifelte politiſche Sekten. Auf dieſe Art vermiſchte ſich mit all' der barbariſchen Feindſeligkeit alter Zeiten eine Ader rohen Humors faſt unausgeſetzt. Politiſche Spitz⸗ namen verdanken ihren Urſprung mehrentheils dem Zufalle, oder irgend einer Verbindung mit dem Laͤ⸗ cherlichen. Geuſen, Rundhuͤte, Tories, Whigs ha⸗ ben keine beſondere Bedeutung als Benennungen ei⸗ ner maͤchtigen Partei, ſondern bezeichnen bloß un⸗ 4 101 ddle und gemeine Factionen. Liguiſten, Conventi⸗ kler und wenige andere bezeichnen nur obenhin den Zweck ihrer Parteien, fuͤhren jedoch keinesweges eine moraliſche Bedeutung mit ſich. Es war fuͤr unſere Vorfahren hinreichend, auf dieſe Art ſich gegenſei⸗ tig anfeindende Sekten zu unterſcheiden, und ihnen hoͤchſtens einen burlesken Nebenbegriff beizufuͤgen. Die ausdrucksvollen Beinamen, die ſich heut zu Tage Menſchen von einander widerſprechenden Par⸗ teien geben(wie Radikale, Ultra's u. ſ. w.), gehoͤ⸗ ren zu den Beweiſen einer mehr geordneten Energie in dem menſchlichen Gemuͤthe, oder wenigſtens eines ernſteren Geiſtes in ihrem Haſſe.. Der Hauptanfuͤhrer der Hoeks(die ſich ſaͤmmt⸗ lich fuͤr Jacquelinen erklaͤrt hatten, und die man die liberale Partei nennen koͤnnte) war Ludwig van Monfoort, den unſere Leſer bereits kennen, ein rauher Krieger und Junggeſell, der in ſeinem Wi— derwillen gegen Zwang ſelbſt ſo weit ging, daß er ſich den ſeidenen Ketten des Eheſtandes nicht unter⸗ werfen wollte. Die Hauptperſon auf der entgegen⸗ geſetzten Seite war Floris van Borſelen, ein ver⸗ heiratheter Mann und Familienvater; er war, gleich den Uebrigen ſeiner Partei, zugleich ein ſkla⸗ viſcher Anhaͤnger abſoluten Rechts und tyranniſchen 10²—. Unrechts, und zeigte ſich in ſeinen haͤuslichen Verhaͤltniſſen eben ſo durchaus als Deſpot, wie der Herr, vor dem er das Knie beugte. In das Schloß dieſes Haͤuptlings auf der ſuͤdlichen Spitze der Inſel Suͤd⸗Beveland muͤſſen wir jetzt unſere Leſer geleiten, und ſie ſowohl in dieſes, als bei deſ⸗ ſen Herrn einfuͤhren, und zwar am dritten Tage nach den Ereigniſſen in den Zevenwolden, womit wir uns in den Eingangskapiteln beſchaͤftigt haben. Das Schloß von Eversdyke war ein ſchoͤnes Exemplar jener Gebaͤude, die zu dieſer Zeit in den Lehnsbezirken von Holland, Zeeland und den be⸗ nachbarten Provinzen ſich ſo haͤufig fanden. Es er⸗ hob ſich am Nande der Hondt oder Weſt⸗Schelde, der Kuͤſte von Oſt⸗Flandern gegenuͤber. Die Bucht zeigte an dieſer Stelle nicht den zuweilen maleriſchen An⸗ blick von weißen, ſonnevergoldeten Sandhuͤgeln. Sie beſtand, wie der groͤßte Theil der Kuͤſte der Inſel, aus Baͤnken von brauner, orangefarbiger, oder rothgefaͤrbter Erde, welche die kahle Oberflaͤche der Polder*) beſchuͤtzten, und die einzige Bruſt⸗ wehr bildeten zwiſchen der See und den reichen *) Der techniſche Name der Gründe, welche unmittel⸗ bar an die Deiche oder Dämme ſtoßen. ——— 103 Weiden und Flachspflanzungen, dem Stapelprodukte der Inſel. Jenſeits dieſes Deiches, der nicht ſehr hoch war, dehnte ſich eine rohe Schutzwehr aus, gebildet aus ſtarken, ſchwarzen Pfaͤhlen, zwi⸗ ſchen denen Felſenſtuͤcke ſich befanden, gegen die ſich unaufhoͤrlich die ſchaͤumenden Wogen brachen. Ge⸗ ſchuͤtzt durch dieſe Wehr, erblickte man meiſtentheils wenig ſchwere Fahrzeuge mit glattem Boden, ſo wie man ſie zur Schifffahrt auf den nicht ſehr tie⸗ fen Seen von Zeeland brauchte, vor Anker liegend. Ein großes Baſſin vollendete dieſen kleinen Hafen, und ſchien beſtimmt fuͤr den gelegentlichen Abfluß der Gewaͤſſer aus den jenſeitigen Ebenen. Dicht bei dieſem Baſſin, gleich als ſollte er den Hafen beherrſchen, erhob ſich der viereckige Thurm, der das vornehmſte Bauwerk des Schloſſes aus⸗ machte. Er nahm immer allmaͤhlich von dem Grunde nach dem Dache zu an Breite ab, und dieſe Bau⸗ art, deren man ſich, der Staͤrke wegen, bedient hatte, gab ihm das Anſehn von groͤßerer Hoͤhe, als der Bau wirklich beſaß. Ein ſchmaler Bach be⸗ netzte den Fuß dieſes Thurmes, dem man ſich bloß vermittelſt einer hoͤlzernen Zugbruͤcke naͤhern konnte, welche ſo abſchuͤſſig war, daß der dem Ge⸗ baͤude naͤchſte Theil volle zwanzig Fuß hoͤher ſtand, als das entgegengeſetzte Ende, eine bei dieſen Schloͤſ⸗ ſern, welche ſo oft ploͤtzlichen Angriffen der Raͤu⸗ ber, die dieſe Kuͤſte unſicher machten, ausgeſetzt wa⸗ ren, eben nicht ungewoͤhnliche Vorſichtsmaaßregel. Der untere Theil des Thurmes enthielt keine Fen⸗ ſter, ſondern war mit verſchiedenen engen Wall⸗ gewoͤlben verſehen, welches bewies, daß er auf den Fall einer Belagerung zur Bergung des Viehes und der Lebensmittel fuͤr die Beſatzung beſtimmt ſey, welche ihre Quartiere weiter oben hatte. Der obere Theil war unregelmaͤßig mit Fenſtern verſe⸗ hen, groß und eng gebaut, und das Gebaͤude wurde durch ein Dach gekroͤnt, das ſo ſpitzig zulief, daß im Winter kein Schnee darauf liegen bleiben konnte. Das abgeſonderte Haus, aus Holz und Lehm erbaut, das der Haͤuptling nur zuweilen be⸗ wohnte, bot, nebſt den Nebengebaͤuden dicht unter dem Schutze des Thurmes, nichts Beſonderes dar; auch gewaͤhrte ſelbſt das Dorf Eversdyke, einige hundert Schritte davon entfernt, auf einem etwas abſchuͤſſigen Boden, keine Zuflucht im Fall einer Ueberſchwemmung. Die einzigen auffallenden Ge⸗ genſtaͤnde rings umher waren die hohen Signal⸗ ſtangen, Bakenen genannt, an denen die Haͤupt⸗ linge ihre Banner aufhingen, wenn ſie entweder 105 wegen einer oͤffentlichen Angelegenheit oder in einer Privatfehde die Waffen ergriffen hatten. Allein dieſe letztere Sitte war allmaͤhlich in Verfall gekom⸗ men, ſeitdem man ſich der Thurmuhren zu bedie⸗ nen anfing, welche nun die Vaſallen zu den Waf⸗ fen riefen, und deren eine ihr grotesk verzier⸗ tes Zifferblatt gerade unter dem Dache des Thur⸗ mes emporhielt. An der andern Seite hingen ei⸗ nige ungeheure Storchneſter, welche jaͤhrlich am Um⸗ fange erweitert, immerfort von Geſchlecht zu Ge⸗ ſchlecht regelmaͤßig beſetzt waren. In einem der beſten Gemaͤcher dieſes Schloſ⸗ ſes ſaßen Floris van Borſelen, ſein ſtolzer Be⸗ ſitzer, und deſſen Hausfrau, welche von Geburt, Er⸗ ziehung und Denkart eine Frieſin war, von adeli⸗ ger, aber wir koͤnnen kaum ſagen edler Herkunft, in zwei Armſtuͤhlen von ſeltſamer und hoͤchſt unbe⸗ quemer Einrichtung, welche dicht an einer der hohen und ſchmalen Fenſteroͤffnungen ſtanden, die nach Weſten gingen. Sie ſchauten uͤber die rohen Au⸗ ßenwerke des Platzes auf den Ocean hinaus, der ſich nach der nicht fernen Inſel Walcheren breitete. Allein nicht auf dieſen Ocean waren jetzt ihre Ge⸗ danken geheftet, auch machte das kleine Schiff, wel⸗ ches, leicht auf den Wellen tanzend, von dem feſten . 5* 106— Lande gegenuͤber daher kam, den Inhalt ihrer Un⸗ terhaltung nicht aus. Dieſe drehte ſich um die wahrſcheinlichen Schickſale ihres aͤltefeen Sohnes, Vrank, der ſich einige Jahre zuvor auf die weite 4 See des Lebens mit Ausſichten begeben hatte, dde ohne Zweifel ſchmeichelhaft waren, aber auch auf eine Reiſe, die, wie die Erfahrung ihnen gelehrt hatte, im beſten Falle mit Schwierigkeit und Gefahren ver⸗ bunden war. „Mein lieber Gemahl und gnaͤdiger Herr,“ ſagte die Dame,„ich denke denn doch, mit aller Achtung gegen Eure Weisheit, daß in dieſem Puncte keine Urſache zu ſchlimmer Ahnung vorhanden iſt. Seine, obgleich ſpaͤrlichen Briefe ſind mit deutlichen und großen Buchſtaben geſchrieben, und enthalten geziemende Worte fuͤr Euch und mich, ſo wie liebe⸗ volle Ausdruͤcke fuͤr Schweſtern und Bruͤder, und er ſcheint die ehrenvolle Belohnung ſeines Berufs wohl zu benutzen, und die damit verbundene Ehre zu begreifen; auch ruft er immer den Patron ſeines Patron's, den heil. Andreas an, den er ſich auser⸗ waͤhlt hat, und deſſen Zeichen er traͤgt.”“ — Mein gutes Weib— ſagte van Borſelen, mit einem Ausdruck, der eigentlich ein Laͤcheln ſeyn ſollte, aber mehr von Spott an ſich trug,— was 6 107 hat denn dies Alles mit dem Gegenſtande unſerer Beſorgniß zu ſchaffen? Kann das geſtickte Andreas⸗ kreuz dem Herzen eines Juͤnglings, das es bedeckt, Schutz verleihen? Oder wird ſein Pflichtgefuͤhl gegen Vater und Mutter ihn ſchuͤtzen vor den Ge⸗ fahren eines ſittenloſen Hofes, vor der Verderbniß, die einen Reiſenden in fremden Laͤndern befaͤllt, oder dem Zufall, daß er ſein Vaterland vergeſſen, oder, was noch ſchlimmer iſt, verachten lerne?— „Ja, aber unſer theurer Sohn Vrank...“ — Iſt bloß ein junger Menſch, und der Denk⸗ art der Jugend unterworfen. Das iſt meine ſchnell bereite Antwort auf Dein Raiſonnement, Weib! Sieben Jahre moͤgen ihn weiter gebracht, aber leichtlich auch veraͤndert haben.— „Ol das hoffe ich nicht!“ ſagte die parteiiſche Mutter. — Nun, auch ich hoffe es nicht,— nahm der Ehemann wieder das Wort, der ſich eben in einer ungewoͤhnlich ſanften Gemuͤthsſtimmung befand,— denn als er uns verließ, war er ein vielverſprechen⸗ der,— ein ruhmwuͤrdiger Knabe, der Stolz mei⸗ nes Herzens, und gebe der Himmel, daß er die Ehre unſeres alten Geſchlechts bewaͤhre. „Er wird es, er wird es! Wenn je ein Juͤng⸗ K 108 ling zu Anmuth und Herzensguͤte gelangte, ſo wird es Vrank van Borſelen,— mein theurer, theurer Sohn!“ rief die zaͤrtliche Mutter, indem ſie Thraͤ⸗ nen des Stolzes und der Freude von den Wangen trocknete, die eben tief genug gefurcht waren, um anzudeuten, daß ſie ſich in der Mitte ihrer Lebens⸗ bahn befinde. — Immer, meine gute Bona, meine wuͤrdige Ehegenoſſin,— ſagte der Vater mit einem Tone, der mit jedem Worte mehr an Rauhheit verlor,— immer lag in ſeinem Weſen eine furchtſame Nei⸗ gung zur Weichheit, zu jener unmaͤnnlichen Schwaͤche, welche manche entartete Knaben verleitet, andere Weiber zu lieben oder zu heirathen, als die, welche die Eltern ihnen zu Frauen beſtimmt haben.— „O! Du haſt nichts zu fuͤrchten...“ — Ich bin auch nicht gewohnt, zu fuͤrchten, mein gutes Weib! allein wenn irgend eines meiner Kinder, ja wenn ſelbſt Vrank den mir ſchuldigen Gehorſams dergeſtalt vergeſſen ſollte, ſo ſchwoͤre ich, ſo wahr ich ein Edelmann bin und ein Kab⸗ blejaw..— „O, lieber Herr! ſchwoͤrt nicht, denn ich kenne Eure unbeugſame Natur.— O! Ihr duͤrft nichts Unwuͤrdiges vermuthen von unſerm Lieblingskinde.“ — 109 — Wohl denn! ich will nicht ſchwoͤren, mir auch nicht das ſchlimmſte aller Uebel vorſtellen. Aber ich wuͤnſchte doch, und wie ſehnlich! daß unſer Sohn zuruͤck ſeyn moͤchte unter den rohen Tugenden ſeines Vaterlandes, und frei von den Schmeicheleien jener ſuͤdlichen Gegenden, wo unſere rauheren Pflanzen verwelken, und die Frucht abge⸗ riſſen wird, ehe ſie reif iſt.—— Was mag denn das fuͤr ein Schiff ſeyn, das ſo gegen den Wind ſteuert? Es hat keinen Wimpel, ſo viel ich ſehen kann— indeſſen ſollte es nicht das meines Bruders Jakob ſeyn? es kommt von Biervliet heruͤber, und bringt vielleicht Nachrichten aus Flandern. Moͤchte es doch die Kunde bringen, daß der junge John Uterken kommt!— 3 „Das wolle der Himmel nicht!“ rief die Frau,„denn dann wuͤrde der Krieg ſicherlich von Neuem beginnen. Laßt uns wenigſtens dieſes kur⸗ zen Zwiſchenraumes von Ruhe genießen, und zu⸗ frieden ſeyn!“ 8 — Zufrieden? Ich kann es nicht ſeyn, bei Unſerer Lieben Frau! nicht, bis unſere Feinde da⸗ nieder liegen, und dieſe Ehebrecherin, dieſe Giftmi⸗ ſcherin, dieſer weibliche Feuerbrand aus dem Lande vertilgt iſt. Zufrieden? ſo lange die weiße Flagge 110 weht an meinen Grenzen, ſo lange mein Banner nicht aufgepflanzt iſt auf dem Bakener(Signal⸗ maſte), ſo lange Zegher von Hemſted auf demſel⸗ ben Pfade mit mir reitet, und ich mein Schwert nicht ziehen darf, ſondern meine Muͤtze abnehmen muß vor ihm und Seinesgleichen! Zufrieden? Aber unſere morgende Zuſammenkunft zu Tergoes wird dieſen unruͤhmlichen Zuſtand der Dinge enden! Uterken und ſeine braven Flamaͤnder werden in Kurzem eintreffen, und die Kabblejaws noch einmal ihre Muͤtzen vor Freude in die Hoͤhe werfen.— Indem der Haͤuptling dieſe Worte ziemlich rauh heraus ſtieß, ſchritt er in dem engen Zimmer auf und nieder, als wenn jeder Schritt ihn ſeinen Feinden naͤher bringen, und von der laͤhmenden Un⸗ thaͤtigkeit weiter entfernen ſollte. Eine fernere Un⸗ terhaltung, wenn man anders das ſo nennen darf, wo neun Zehntheile des Geſpraͤchs auf einer Seite ſind, brachte die ungleichen Zwieſprecher zu einer Uebereinſtimmung der Meinungen einander nicht naͤher. Allein die Zeit, die es ausfuͤllte, erlaubte dem Schiffe, ſich dicht dem Geſtade zu naͤhern, wel⸗ ches ſich unter dem Walle des Schloſſes hinzog. Als van Borſelen ſeiner finſteren Laune durch ſolche Declamationen, wie die, deren wir gedacht 3 111 haben, und die ſein Weib zwar zu mildern, doch nicht ganz zu bezaͤhmen vermochte, einigermaßen Luft gemacht hatte, wandte er ſeine Aufmerkſamkeit wie⸗ der nach dem kleinen Fahrzeuge, welches augen⸗ ſcheinlich der Steinumbergung zuſteuerte, die fuͤr kleine Schiffe hinreichende Waſſertiefe darbot, um dicht unter der Muͤndung der wenigen Kanonen, die ſich auf dem Walle nach der Seeſeite zu be⸗ fanden, anlegen zu koͤnnen. „Ja, ja, es iſt meines Bruders Boot!“ rief van Borſelen.„Da flattert ja der gruͤne Wim⸗ pel mit den drei ſilbernen Sternen der Borſelen an der Spitze des Maſtes— und— wie? was? bei St. Peter und Paul! das rothe Burgundiſche Kreuz auf einer weißen Flagge haͤngt an dem Hin⸗ tertheile herab! Das iſt gut, gut, ſehr gut! Der Herzog wird nicht lange zaudern, da ſein Banner an den Kuͤſten weht. Das Schiff liegt feſt! John Uterken in ſeinem Bootsmantel ſteigt an's Land. Laßt uns den braven Juͤngling geziemend empfan⸗ gen! So! ſo!“ Mit dieſen Worten ſetzte er ſich wieder in ſeinen Staatsſtuhl, und nahm eine Stellung an, ſteif und foͤrmlich, wie dieſer ſelbſt. Mit aufrech⸗ tem Ruͤcken, feſtgeſtellten Fuͤßen und Armen, welche 112 eine Linie bildeten mit denen ſeines Hausgeraͤthes, nach dem er ſichtlich ſeine Stellung einrichtete, ſchaute er ſo ruhig und ernſt vor ſich hin, als es die Hollaͤndiſche Gravitaͤt und der Feudalſtolz vor⸗ ſchrieben, und ſo erwartete er den Eintritt des jun⸗ gen Mannes, der jetzt ſchnell durch die verſchiedenen Außenwerke nach dem Hauptgebaͤude zuſchritt. Die Bewegungen der Frau Bona van Borſelen waren ſchon ſchneller und behender, als die ihres viel aͤlte⸗ ren Eheherrn, ſelbſt wenn ſie dieſelbe Kreislinie des Benehmens zu beſchreiben hatte; und Beide ſtellten dann ungefaͤhr das Verhaͤltniß des Minutenzeigers zum Stundenzeiger auf dem alten Zifferblatte der Schloßuhr dar. Sie ſetzte ſich daher ebenfalls in ihren Stuhl von Eichenholz, nur mit weit ſchnelleren und ſichtlicheren Beſtrebungen, ſich auf ein paſſen⸗ des Benehmen waͤhrend der bevorſtehenden Unter⸗ haltung vorzubereiten. Demnach ſtrich ſie ihr kuͤr⸗ zeres Obergewand von dickem braunen Zeuge recht glatt uͤber ihre Kniee herab, indem ſie von ihren Beinen gerade nur ſo viel ſehen ließ, um den blauen Strumpf an ihren Knoͤcheln und die Abſaͤtze der ungegaͤrbten Schuhe zu zeigen, auf denen hoch oben die metallenen Schnallen ſaßen. Hierauf zog ſie ihren Guͤrtel noch feſter an, und befeſtigte ihn —— 113 mit den Spangen, zog dichter an ihre Backen das gefaͤltelte Haͤubchen von feinem und ſchneeweißem Gewebe, Sendell genannt, welches ihre eigenen Maͤgde geſponnen hatten; dann legte ſie um die Schultern ihren Tippet(Schaͤrpe), ſchoͤn geſtickt auf Ywernſche Art, huſtete, raͤuſperte ſich, machte mit ihrem langen Halſe einige ſchwanenaͤhnliche Bewe⸗ gungen; dann ſetzte ſie ſich in Harmonie mit der Stellung ihres Gemahls, wozu die ihrige ein voll⸗ kommen paſſendes Seitenſtuͤck bildete. Hier ſaßen ſie nun einige Minuten lang wie Bildſaͤulen, ohne ein Wort oder einen Blick zu wechſeln, und dadurch die ſtrenge Wuͤrde ihrer Geſichtszuͤge zu ſtoͤren, ob⸗ gleich die ſchnelltoͤnenden Schritte, welche auf den ſteinernen Treppen und durch den engen Corridor wiederklangen, einen ungewoͤhnlichen Mangel an Form bei des Beſuchers Annaͤherung verriethen. Wenige Augenblicke nachher bewegte ſich die Thuͤr des Gemaches auf ihren ſchwerfaͤlligen An⸗ geln nach Außen, und ſtatt die zierliche Geſtalt des gewappneten Marſchalls oder des alten, fetten Kaͤmmerlings zu zeigen, der gewoͤhnlich die Ankom⸗ menden meldete, und ſie durch eine Reihe von Do⸗ meſtiken einfuͤhrte, trat der Juͤngling, der einen ſo kurzen Weg von dem Schiffe nach dem Audienz⸗ 114 zimmer gemacht hatte, oder ſprang vielmehr herein, naͤherte ſich dem ſtattlichen Paare, warf den Man⸗ tel bei Seite, nahm die Muͤtze ab, und ließ ſich auf ein Knie nieder. Der ſchnelle Blick muͤtterlicher Liebe ließ ſich auch nicht einen Augenblick durch Zweifel truͤben. Frau Bona, Alles vergeſſend au⸗ ßer das Sehnen ihres Herzens, das ſie ſieben lange Jahre bis zu dem jetzigen gluͤcklichen Augenblicke un⸗ vermerkt begleitet hatte, ſprang von ihrem Sitze auf, gleich als ob eine Bildſaͤule von ihrem Fußgeſtelle geſprungen waͤre, und ohne ihres Haͤubchens, ihrer Schaͤrpe, ihres Oberkleides zu achten, warf ſie ſich in die offenen Arme des Sohnes, kuͤßte ihn, druͤckte ihn an ſich, und ſchrie laut auf in all der Anmuth eines natuͤrlichen Mangels an Erziehung. Sey es nun, daß das Gedaͤchtniß eines Va⸗ ters nicht ſo ſchnell das Kind zu erkennen vermag, oder daß der Stolz eines Zeelaͤndiſchen Edelmanns und eines Kabblejaws uͤber die aͤlterlichen Gefuͤhle ſiegte, Floris van Borſelen folgte nicht dem Bei⸗ ſpiele ſeiner Gattin, ſondern blieb ruhig in ſeinem Stuhle ſitzen, indeß ſie immerfort ihre Bewillkomm⸗ nungen ausſchuͤttete, und die Erwiederungen erſtickte, die der liebende Juͤngling vergebens hervorzubrin⸗ . gen verſuchte. Waͤhrend dieſer Aufregung war es 115 indeſſen ſichtbar, daß der Haͤuptling ſeinen Sohn erkannte, und daß der Anſtand mit der Freude bei ihm in furchtbarem Kampfe lag. Sein Koͤrper be⸗ wegte ſich zwar nicht, allein ſeine Kniee bebten, ſeine Haͤnde griffen krampfhaft nach den Armen des Stuhls, ſein Mund war niederwaͤrts gezogen, ſeine Lippen zitterten, ſeine Augen blinzelten, und ſein ganzes Geſicht verrieth jenen nicht zu benen⸗ nenden wunderlichen Ausdruck, den man zuweilen bei weinenden Engeln an einem Grabmahle er⸗ blickt. Der junge Vrank bemerkte ſeines Vaters gewaltſam unterdruͤckte Ruͤhrung, und eilte nun, ihm nahe genug zu kommen, um deſſen ausgeſtreckte Hand erfaſſen zu koͤnnen, die, Trotz aller Kraftan⸗ ſtrengung zitterte, als ſie der Juͤngling ehrerbietig an ſeine Lippen zog. Allein die Mutter ließ den Sohn nicht los, ſondern hing ſich an ihn auf die andere Seite, und machte ihn ſo ganz eigentlich zu dem, was ein gehorſames Kind im moraliſchen Sinne ſtets iſt, zu dem echten Gliede, das ſeine Aeltern in einer Liebeskette vereinigt. In dieſem Augenblicke erhob ſich ein wahrer Tumult in dem Vorzimmer und dicht an der Thuͤr des Heiligthums, wohin ſonſt nie ein anderer Ton, als der der abgemeſſenen Etikette, ſo viel 116 man wußte, gedrungen war. Eine Gruppe von vier bis fuͤnf Kindern, Knaben und Maͤdchen, von dem Alter von funfzehn Jahren bis zu zehn herab, hatte ſich auf dem Corridor, als ſie von der An⸗ kunft ihres laͤngſt erſehnten Bruders Vrank gehoͤrt hatte, verſammelt. Auch die Diener, alte, treue Anhaͤnger der Familie, und einige neu hinzugekom⸗ mene zur Verſtaͤrkung des Hausweſens, welche Alle ihres jungen Herrn treffliche Eigenſchaften kannten, oder doch davon gehoͤrt hatten, draͤngten ſich, unfaͤhig, dem Beiſpiele der Kinder zu widerſtehen, ihnen nach, vorwaͤrts, indeß die alte Haushofmeiſterin in ihrem Sendellmuͤtzchen und ſchwarzer Kaputze und der aͤl⸗ tere Kaͤmmerling mit dem grauen Haar und den weiten Hoſen ſich als ein Bollwerk zwiſchen ihres Herrn Geheimzimmer und die ungeſtuͤmen Draͤnger warfen, und ihre Arme kreuzweis vor die Thuͤre breiteten, um ihnen den Eingang zu ſperren. „Laßt ſie herein! laßt ſie Alle herein!“ rief Floris van Borſelen, indem er aufſprang, und die Arme um den Hals ſeines Sohnes ſchlang;„laßt es Feſttag ſeyn und ein Jubiliren fuͤr Alle, ſo weit man den Wetterhahn ſehen kann auf dem Schloß⸗ thurme! Ach!“ fuhr er fort, als nun die Kinder und die Diener hereinſtuͤrzten, huͤpfend, ſchreiend, 117 und tanzend und weinend vor Freude,„o! wenn ich doch auch ſo tanzen und ſchreien koͤnnte!“ Mit Blittzesſchnelle verbreitete ſich die Freude durch das ganze Schloß. Der rauhe Waͤchter auf dem Walle, die Wachen am Thore, und die Leute auf dem Schloßhofe, Alle folgten der freudigen Aufregung. Die Artillerie ſandte in abgemeſſenen Zwiſchenraͤumen ihre Toͤne uͤber das Gewaͤſſer nach dem feſten Lande jenſeits, und ſelbſt die Wacht⸗ hunde in dem Schloßgraben ſchienen in ſtolzem, hef⸗ tigen Geheul ihr Willkommen zu aͤußern.— Die grauen Waͤlle von Eversdyke hatten ſeit Jahren nicht von ſolchen Klaͤngen ertoͤnt. Sechstes Capitel. Der eben beſchriebene Auftritt wird zum Beweiſe dienen, welche guten Gruͤnde Vrank van Borſelen hatte, ſeine Aeltern zu lieben und zu ehren, die, mochten auch ihre beſonderen Stimmungen ſeyn, welche ſie wollten, viel von jener Zaͤrtlichkeit in ſich vereinigten, die dem zwar ungebildeten, aber kindli⸗ chen Volke von Zeeland eigen war. In Vrank's Seele lebten noch immer, und zwar in der vollſten Staͤrke— was er auch durch Handlungen zu er⸗ weiſen bereit war— jene fruͤheſten Begriffe von Gehorſam, den ſchon der Name ſeines Vaters ein⸗ zufloͤßen im Stande war; auch hatte all die erwor⸗ bene Sittenverfeinerung, die in den ſechs oder ſie⸗ ben Jahren ſeines Dienſtes unter dem Herzoge von Burgund auf ſeine natuͤrlich feine Sinnesart ge⸗ impft worden war, den Einfluß der geſelligen Bande nicht geſchwaͤcht, die ihn mit dem Lande ſeiner er⸗ 119 ſten Jugend verknuͤpften. Indeſſen konnte er ſich nicht mit den rohen Vorurtheilen des Landes be⸗ freunden, das er jetzt nach einem ſo langen Zwiſchen⸗ raume wiederſahe, obgleich ſelbſt ſein Vater von denſelben angeſteckt war. Er betrachtete den geſell⸗ ſchaftlichen Zuſtand des Volks als nur wenig ent⸗ fernt von Barbarei, und ſahe ihre wilden und ge⸗ meinen Fehden als etwas vollkommen Veraltetes in einer Zeit an, wo das Ritterthum in allem ver⸗ fuͤhreriſchen Glanze ſtolzer, aber eleganter Kriegs⸗ fuͤhrung bluͤhte. Er wurde empoͤrt durch die Erin⸗ nerungen, die ſich, wie er ſich der Heimath naͤherte, ſeiner Seele aufdrangen, in die leidende Unterwuͤr⸗ figkeit unter den Willen ſeiner Aeltern, in Bezug auf Angelegenheiten, die er, ſeiner Ueberzeugung gemaͤß, nur als Herzensangelegenheiten betrachtete; und er fuͤhlte, daß Nichts in der Welt ihn jemals vermoͤgen koͤnnte, ſich dem Rechte der Verfuͤgung uͤber ſein eigentliches Selbſt zu unterwerfen, wel⸗ ches die wuͤrdigen Vaͤter von Zeeland uͤber ihre Kinder beiderlei Geſchlechts eben ſo unerſchuͤtterlich in Anſpruch nahmen, als ſie ſich des Genuſſes ih⸗ rer erblichen Lehne erfreuten. Mit einem Worte, Vrank van Borſelen ſtand in den Hallen ſeines alten Geſchlechts eben ſo hoch uͤber den rohen, aber 120 edlen Weſen um ihn her, als er an den Hoͤfen von Burgund, Frankreich oder Rom uͤber den genuß⸗ gierigen, durch keine Grundſaͤtze geregelten Schwaͤr⸗ mern ſtand, welche die Treibhauswaͤrme der Civi⸗ liſation nothwendig erzeugen muß. Er war ein jun⸗ ger Mann, der der Zeit, worin er lebte, zuvorgeeilt war, indem die Vernunft die Leidenſchaften be⸗ herrſchte, indeß ein gelaͤuterter Geſchmack die Kraft des warmen Gemuüͤths zugleich zuͤgelte und ſtaͤrkte. Selbſt in jenen unternehmungsvollen Tagen, und unter Menſchen, zu den kuͤhnſten Wagniſſen geneigt, nahm er eine hohe Stelle ein, und wurde allgemein, als zur Ausfuͤhrung großer Dinge beſtimnit, betrach⸗ tet, nicht ſowol wegen ſeiner trefflichen Talente, ſo unlaͤugbar dieſe auch waren, als wegen der ſeltenen Entwickelung geſunden Verſtandes, wodurch ſie alle auf die rechte Bahn gebracht wurden. Philipp von Burgund, ſein Herr durch freie Wahl, dem er aber durch kein anderes Band, als das gegenſeitiger Dienſtleiſtungen verpflichtet war, achtete ihn ſehr hoch, und hatte ihn erſt kuͤrzlich zu zwei Sendun⸗ gen gebraucht(bei der einen als untergeordneten Helfer, bei der andern als unabhaͤngigen Agenten), wodurch ſich mancher aͤltere Diener hoch geehrt ge⸗ fuͤhlt, wenn er ſie auch minder geſchickt ausgefuͤhrt haben 121 haben wuͤrde. Einen kurzen Bericht von dieſen Sendungen abzuſtatten, deren letztere durch Abgabe eines verſiegelten Sendſchreibens an ſeinen Vater be⸗ endigt worden war,— das war das Geſchaͤft, das zu vollziehen er ſich ſo eben anſchickte, als der erſte Ausbruch des Willkommens ſich in eine minder ſtuͤr⸗ miſche Freude aufloͤſte, und ehe das Abendeſſen in dem Speiſezimmer aufgetragen wurde, bei dem ſie ſich nun bald hernach einfanden. Vrank achtete we⸗ nig auf das Mahl ſelbſt, ſondern ſuchte bloß ſeinen trefflichen Appetit zu ſtillen. Er bemerkte, daß es ohne jene ſtrengen Formen der Etikette ifgetragen war, an die er ſich ſeit einigen Jahren gewoͤhnt hatte, ſo wie auch, daß die verſchiedenen Gerichte, woraus es beſtand, nur ſo viel veraͤnderte Geſtal⸗ ten der zwei Hauptſchuͤſſeln der Zeelaͤndiſchen Koch⸗ kunſt, naͤmlich Fiſche und wildes Gefluͤgel, waren. Allein die letzten wenigen Wochen hatten ihm taͤg⸗ lich die Erinnerung an den alten Geſchmack und die alten Sitten zuruͤck gerufen, dadurch, daß er immer faſt ganz Daſſelbe, oder doch Dem, was jetzt ihm dargeboten wurde, Aehnliches angetroffen hatte. „Mein lieber, herrlicher Sohn,“ ſagte die Mutter, indem ſie mit aͤngſtlichem Auge jedem Biſſen folgte, den er mit dem großen zinnernen I. 6 12²² Loͤffel oder mit der ſcharfen Spitze ſeines rohen Meſſers in den Mund ſteckte,„es thut mir recht wohl, Dich eſſen zu ſehen. Sieh nur, mein edler Herr und freundlicher Gemahl, wie unſerm Sohne dieſe Miſchung von zerſchnittenem Lachs und Schell⸗ fiſch mundet, und kein Wunder! denn die Wachhol⸗ derbruͤhe koͤnnte wohl den verwoͤhnten Gaumen ei⸗ nes Middelburger Buͤrgers reizen. Nehmt Eurem jungen Herrn den Teller weg, und gebt ihm ein Stuͤck von der wilden geſchmorten Ente dort,“ fuhr ſie fort, indem ſie ſich an eine auftragende Magd wandte, die dem Koche und den Kuͤchenjungen bei ihrem Dienſte half, der darin beſtand, das Mahl nicht nur zuzubereiten, ſondern es auch aufzutragen, ſo wie die verſchiedenen Theile deſſelben auf die Tafel kommen ſollten. Um ſeinen Sohn im Eſſen nicht zu ſtoͤren, hatte Floris van Borſelen ſeine Blicke abermals auf die Depeſche gerichtet, welche ihm Vrank ſchon vorher vorgeleſen hatte, da ſeine Unkenntniß der Franzoͤſiſchen Sprache ihm den Inhalt zu einer un⸗ üͤberſteiglichen Schwierigkeit machte, und, taub gegen ſeiner Hausfrau obige Bemerkungen, bruͤtete er nur uͤber den Worten, die er nicht entziffern konnte, und unterſuchte das herzoglich Burgundiſche Siegel mit 123 einer ſtolzen Zufriedenheit, als einen Beweis, daß er in wirklicher und unmittelbarer Correſpondenz mit einem der maͤchtigſten Souveraine Europa's ſtehe. „Nun, mein liebes Kind,“ nahm Frau Bona wieder das Wort,„ſetze Deinen Teller weg! Ich ſehe ſchon, die Ente ſchmeckt Dir zu ſehr nach Fiſch, und in der That, ſo lange bis der Froſt eintritt, ſchmecken dieſe Voͤgel allerdings nach dem Seegraſe; allein dieſer geſpickte Corlieu*), mit Kaſtanien aus der Picardie gefuͤllt, wird Dir ſchon beſſer munden; er hat wohl vier Tage in Eſſig gelegen, und iſt zart wie ein Breda'er Kapaun.“ — Wahrhaftig, meine gute Mutter,— ſagte Vrank mit Laͤcheln,— ich kann Nichts mehr ge⸗ nießen. Alle Gerichte waren vortrefflich, aber ich muß nun Alles vorbei laſſen. Ihr ſeht, der Vater hat ſeine Mahlzeit beendigt, und ich muß nun in meinem Reiſeberichte fortfahren.—. „Wie? mein Kind, was iſt Dir denn wider⸗ ahwn Nichts mehr genießen? Du kannſt doch Deinen urſpruͤnglichen Geſchmack nicht verloren ha⸗ *) Oder Courlis, Brachvogel, Wind⸗, Wettervogel. 6* 12⁴4— ben; oder gar Franzoſiſche Leckerbiſſen an unſe⸗ rem echt vaterlaͤndiſchen Tiſche erwarten? Weder Dein Vater, noch ich, lieber Vrank, erlauben ſich ſolche ſchaͤdliche Zuſaͤtze zu unſeren heimathlichen Speiſen.“ — Ihr thut mir Unrecht, liebe Mutter, wenn Ihr glaubt, daß ich die gute Kuͤche nicht liebte, von der Ihr mir Beweiſe gebt.— Aber, wo habt Ihr Eure Augen gehabt? Alle menſchlichen Kraͤfte muͤſſen doch ihre Grenzen haben. Ich habe wahr⸗ lich ein recht tuͤchtiges Mahl gehalten.— „Wie? Vrank, das nennſt Du alſo ein tuͤchtiges Mahl? Achl! ich fuͤrchte in der That, die fremden Sitten haben Deinen guten Appetit durch Ueber⸗ reizung verdorben. Der alte Pfarrer von Overneſſe, der geſtern vom feſten Lande heruͤber kam, und mit uns fruͤhſtuͤckte, aß fuͤr ſein eigenes Theil eine junge Meerbutte, zwei gepoͤkelte Waſſerhuͤhner mit Paſti⸗ naken, dann eine gute halbe, auf dem Roſte ge⸗ bratene Rohrdommel, wovon ein Fluͤgel mehr aus⸗ machen wuͤrde, als Dein ganzes Abendeſſen, end⸗ lich noch eine Schnitte rothrindigen Eydamer Kaͤſe,— und der gute Vater Sibrant iſt doch ge⸗ rade kein außerordentlicher Eſſer.“ Brank hatte Nichts mehr zu erwiedern; allein 125 der Vater nahm ſich jetzt ſeiner an, und gab dem Geſpraͤche eine andere Wendung. „In der That und Wahrheit, liebes Weib,“ ſagte er,„es ſchien mir doch, als haͤtte Vrank den Fleiſchſpeiſen alle Ehre angethan, und genug, um ſich als einen echten und ehrlichen Zeelaͤnder zu bewaͤhren. Draͤnge den Jungen nicht mehr, laß ihn noch einen Becher Meth zu ſich nehmen, und ſeine noch uͤbrigen Kraͤfte fuͤr das Hauptgericht un⸗ ſerer Mahlzeit, das Wahrzeichen unſerer Sache und das Vorbild unſerer Hoffnungen aufbewahren. Ja, ſo wahr als dieſer koͤnigliche Kabblejaw auf ſeiner Schuͤſſel dampft, ſo gewiß werden wir uͤber dieſe widerſpaͤnſtigen Hoeks ſiegen, die morgen fuͤr immer unterliegen muͤſſen. Alle Ehre dir, mein Herr Kabblejaw, und Preis und Gluͤck deiner Sache!“ Dieſe letzte Anrede war in einem ernſthaft⸗ ſcherzhaften Tone an einen ungeheuren Stockfiſch gerichtet, den der erſte Koch in Proceſſion daher⸗ trug, und auf den Tiſch ſtellte, indeß die Kuͤchen⸗ jungen und Maͤgde nachfolgten, Einige mit Bruͤ⸗ hen, Andere aber bloß zum Staate. Der Fiſch hatte einen Blumenkranz auf dem Kopfe, der mit kleinen hoͤlzernen Spießen befeſtigt war, und ſein 126 Schwanz war mit einer Schnur aufgebunden, und an die Seitenfloſſen befeſtigt, wodurch das Anſehn von ungemeiner Dummheit in den ſtieren Augen und dem aufgeſperrten Munde dieſes todten Idols, zu dem wol mancher Lebende ein Seitenſtuͤck abge⸗ ben moͤchte, nicht wenig erhoͤht wurde. Vrank konnte ſich eines, obgleich mit Schmerz vermiſchten Laͤchelns nicht enthalten, bei der Ernſt⸗ haftigkeit, womit ſein wirklich großgeſinnter Vater ſo der entehrenden Tyrannei des Parteigeiſtes ſeinen Tribut bezahlte. Zum Gluͤck fuͤr ihn be⸗ merkte der Letztere den zweifelhaften Ausdruck ſei⸗ nes Geſichts nicht, und Dieſer wagte es nicht, die Theilnahme an dem verehrten Gerichte auszuſchla⸗ gen, oder ihm zu Ehren nicht einen Becher zu lee⸗ ren, welche Ceremonie, wie er wohl wußte, die Be⸗ weiſe jener politiſchen Grundſaͤtze waren, deren vornehmſter Verfechter jetzt Floris van Borſelen war. „Laßt die Speiſen wegnehmen, und den zweiten Tiſch beſetzen!“ ſagte der Haͤuptling in ſeinem ge⸗ woͤhnlichen, gebietenden Tone, und ſein wieder er⸗ wachtes Anſehn von roher Wuͤrde ſchien nicht laͤn⸗ ger von irgend einer fremdartigen Schwaͤche ge⸗ ſtoͤrt zu werden. Er hatte Theil genommen an 127 dem myſtiſchen Sinnbilde ſeines politiſchen Glau⸗ bens, und ſeine ganze Seele war nun ploͤtzlich in den breiten, aber getruͤbten Canal oͤffentlicher An⸗ gelegenheiten geleitet. Seine Befehle wurden ſo⸗ gleich befolgt, indem man die verſchiedenen Speiſen wegnahm, und andere von feſterer Subſtanz auf⸗ ſetzte, und zwar auf dem langen ſteinernen Tiſche, der an dem unteren Ende der Halle ſtand. Der obere oder Ehrenplatz war, nach Lehnſitte, um meh⸗ rere Stufen erhoͤht, und bei gewiſſen Gelegenheiten durch einen gefalteten Schirm von den niedrigeren getrennt. Jetzt wurde dieſe untere Abtheilung durch Mehrere als die gewoͤhnlich an ihm Speiſenden ein⸗ genommen, indem Vielen von dem Hausgeſinde aus beſonderer Gefaͤlligkeit die große Ehre vergoͤnnt worden war, wenn auch nicht in der Geſellſchaft, doch in dem Angeſichte ihres Herrn das Mahl ein⸗ zunehmen. Er und die Glieder ſeiner Familie, welche Alle bis herab zum juͤngſten Knaben, bei dieſer gluͤcklichen Gelegenheit an ſeinem Tiſche hat⸗ ten Platz nehmen duͤrfen, entfernten ſich nun. Als ſie ſich wegbegeben hatten, ließ ſich der achtungs⸗ volle Eifer ihrer Diener nicht laͤnger zuruͤckhalten, ſondern brach in einen lauten Freudenruf aus, von dem in dreimaliger Wiederholuug die nackten Waͤnde 128—— des Gemaches wiederhallten, und manches Spin⸗ nengewebe an den beraͤucherten Balken erßzitterte, von denen die unverzierte Decke getragen ward. Unter den lauten Stimmen, die ſich in den hoͤch⸗ ſten Toͤnen in dieſem Chor vernehmen ließen, klang die des Deichgraͤbers Ooſt am meiſten hervor. Viele von ſeinen Mitrufern mußten ihr Geſchrei einſtellen, und ihre Ohren verſtopfen, welche ganz im eigentlichſten Sinne durch dieſe rauhen, aber durchdringenden Toͤne zerriſſen wurden. Man kann leicht denken, daß dieſer ſeltene, aber keinesweges unbekannte Beſucher auf Schloß Eversdyke mit ge⸗ buͤhrender Achtung behandelt wurde, wenn man er⸗ faͤhrt, daß er der Mann der Amme des jungen Vrank war, der in Friesland's rauhem Clima, ſei⸗ ner Mutter Geburtslande, geboren, dort auch der Amme Bruſt erhalten hatte. Ooſt war mehr als einmal als Agent zur Unterhaltung der Verbindung zwiſchen ſeines Herrn Beſitzungen in ſeiner Heimath und dann in Zeeland gebraucht worden, und hatte jetzt Vrank als Fuͤhrer auf dem rauhen Wege be⸗ gleitet, wo wir ihn zuerſt bei unſern Leſern ein⸗ fuͤhrten, und den er bald wieder zuruͤck machen ſollte mit einem ungleich wichtigeren Auftrage. Die Schmauſenden ihrer rohen Luſt uͤberlaſſend, und 129 fuͤr die Nacht von den zwei bluͤhenden Maͤdchen und drei Knaben, den juͤngeren Gliedern der Bor⸗ ſelen'ſchen Familie, Abſchied nehmend, begaben ſich Vater und Mutter, von Vrank begleitet, wieder in ihr Wohnzimmer. „So, mein Sohn, haſt Du allerdings eine glaͤnzende Laufbahn begonnen,“ ſagte Floris van Borſelen mit Stolz, als er ſeinen Sitz wieder einge⸗ nommen, und Vrank achtungsvoll neben ihm ſtand, die Mutter aber beſcheiden ſich zurüͤckzog, obgleich nicht ſo weit, daß ſie nicht die Unterhaltung haͤtte vernehmen koͤnnen, die fuͤr ſie zu wichtig war, um nicht lebhaft Theil daran zu nehmen. „Das iſt eine Ehre fuͤr Dich in doppeltem Grade! Sey ſtolz darauf, mein Sohn, und lerne Deine Stelle kennen!— Und nun antworte mir noch auf ein Paar Punkte. Als des guten Her⸗ zogs von Burgund Abgeſandte, denen Du als Ge⸗ heimſchreiber zugegeben wurdeſt, mit Deiner Huͤlfe ſo geſchickt daran arbeiteten, Seine Heiligkeit zu beſtimmen, den laͤcherlichen Ehecontract mit Gloce⸗ ſter zu annulliren, unterſtuͤtzte da Niemand von ſei⸗ ner Seite insgeheim Jacquelinens Bitte, daß er beſtaͤtigt werden moͤchte?“ 6 130 — Mein edler Vater! macht mich nicht eitel oder hochfahrend wegen der Auszeichnung, die mir mein fuͤrſtlicher Goͤnner erweiſt. Der heil. Andreas ſey mein Zeuge, ich hege keine anmaßenden Be⸗ griffe von meinem eigenen Verdienſte, ſondern halte mich fuͤr geehrt weit uͤber daſſelbe. Was den Her⸗ zog von Gloceſter betrifft.— „Lieber Vrank! das wird nie gut fuͤr Dich ſeyn. Wer ſeinen Werth nicht ſelbſt fuͤhlt, kann ihn auch Anderen nicht fuͤhlbar machen. Je hoͤher Du Deinen Kopf traͤgſt, deſto tiefer wird der Poͤ⸗ bel zu Deinen Fuͤßen kriechen. Stelle Dich ihnen gleich, und ſie werden verſuchen, Dir auf den Nak⸗ ken zu treten. — Ich begehre gar nicht, uͤber den geringen Haufen der Menſchen zu triumphiren, lieber Vater; vielleicht koͤnnte ich, wenn ich mein Haupt allzuhoch im Leben truͤge, den feſten Tritt auf dem ſchluͤpfri⸗ gen Boden meines Pfades verlieren, und gerade des⸗ halb ſtraucheln, weil ich in der Luft fliegen wollte.— „Wohl denn! ſo gehe Deinen eigenen Weg! Ueber dieſen Punkt ein anderes Mal! Fahr' in Deiner Erzaͤhlung fort! Der Herzog von Glo⸗ ceſter. 3 — Wurde durch einen einzigen Abgeſandten 131 am paͤpſtlichen Hofe repraͤſentirt, einen finſteren, ge⸗ heimnißvollen Mann, der gar Nichts auf Glanz und aͤußeren Schein hielt, ſondern kam, ſtand und ging in duͤſterer Abgeſchloſſenheit. Indeſſen ſagte man, er habe großen Einfluß auf Seine Heiligkeit, und koͤnne zu jeder Zeit deſſen Ohr in Anſpruch nehmen. Deſſenungeachtet erhielten meine gnaͤdigen Herren, unſeres edlen Herzogs Abgeſandte, aus des Papſtes eigener Hand— das kann ich behaupten, denn ich las beſtaͤtigte und copirte das Document — ein Schreiben an den Herzog, daß in Kurzem eine Bulle erlaſſen werden ſollte, welche Jacqueli⸗ nens Contract mit Gloceſter fuͤr nichtig erklaͤren, und ihre Vermaͤhlung mit ihm unterſagen wuͤrde, ſelbſt wenn ihr rechtmaͤßiger Gemahl, Johann von Brabant, vor ihr ſterben ſollte.— „Das muß er ſicherlich,— denn bei einem ausſchweifenden Leben kann eine ſchwache Geſund⸗ heit, wie die ſeinige, nicht lange ausdauern. Aber wer war denn der geheime Abgeſandte, der ſich umſonſt bemüͤhte, Deine und der Herren Geſandten treffliche Beſtrebungen zu vereiteln? Gewiß ein Adeliger oder ſtolzer Ritter, den der hochfahrende Gloceſter zu dieſer Sendung ausgeſucht hatte?“ — Keinesweges, mein Vater. Es war ein 1³² einfacher Prieſter ohne Rang und ſelbſt ohne Pfruͤnde. Ueber ſeinen Charakter und ſein Benehmen liefen ſeltſame Geruͤchte umher. Man ſagte, der ſtolze Glanz ſeines Auges entzuͤnde ſich an unheiligem Feuer, ſeine Wange habe ihre gelbe Farbe von den vergiftenden Ausduͤnſtungen verbotener Kuͤnſte, von Oefen und Schmelztiegeln.— „So wahr mir die heilige Jungfrau helfe und der heilige Philagon, Du machſt, daß mir das Blut in den Adern gerinnt, und die Haut ſchauert.— Hoͤrſt Du wohl, liebes Weib?— Und hab' ich nicht Recht, wenn ich die Beruͤhrung unſeres einzi⸗ gen Kindes mit der fremden Geſellſchaft fuͤrchte? Ketzer und Zauberer ſelbſt zum vertrauten Umgange des Papſtes zugelaſſen! Behuͤte uns doch vor ſo Etwas der Himmel! Und moͤge unſer kaltes Klima uns vor der Peſt der ſuͤdlichen Verderbniß ſchuͤtzen!“ Frau Bona begnuͤgte ſich damit, zu ſchweigen, innerlich beruhigt, daß weder Daͤmon noch Teufel irgend eine Macht uͤber die Tugend ihres geliebten Sohnes ausuͤben koͤnnen; allein mit ihrem Gemahle wollte ſie daruͤber nicht ſtreiten. Vrank fuͤhlte ſich jedoch geneigt, den Abſcheu ſeines Vaters bei ſei⸗ 133 nen Mittheilungen zu ſchwaͤchen, und bemerkte des⸗ halb, daß gerade die innige Vertraulichkeit, womit der Engliſche Prieſter von dem Papſte beehrt wor⸗ den ſey, gegen die zu ſeinem Nachtheile verbreiteten Geruͤchte zeuge. „Und geſetzt auch, ſie waͤren wahr,“ fuhr er fort,„ſo war es doch immer erwieſen, daß er keine Gewalt durch Zauberei oder ſchwarze Kuͤnſte uͤber des Papſtes Gemuͤth gewonnen hatte. Denn als er am letzten Morgen ſeiner Sendung aus dem ge⸗ heimen Cloſet kam, bemerkte ich, indeß ich und meine Herren, die Geſandten, im Vorzimmer war⸗ teten, an ihm ein Laͤcheln, ein ſolches Laͤcheln, wie es ein boͤſer Geiſt gezeigt haben moͤchte. Wir Alle hiel⸗ ten unſere Bemühungen fuͤr verloren, und glaubten, Jacquelinens Sache habe geſiegt. Allein zu unſe⸗ rem groͤßten Erſtaunen wurden wir in der naͤchſten Minute bei'm Heiligen Vater vorgelaſſen, und das wichtige Schreiben wurde von Seiner Heiligkeit ſelbſt den Abgeſandten eingehaͤndigt.“ — Wohl, mein Sohn,— verſetzte Floris,— das beweiſt nur, was die Schrift ſagt, wie mich der Pfarrer von Overneſſe verſichert hat, daß der Papſt ſtaͤrker iſt, als der Teufel, und daß er den 134—— Engliſchen Beſchwoͤrer, wenn es ein Solcher war, uͤberliſtet hat. Und was wurde denn hernach aus ihm?— 88 „Das weiß ich nicht. Wir Alle von der Ge⸗ ſandtſchaft reiſten augenblicklich ab, um das gehei⸗ ligte Schreiben dem Herzoge zu Hesdin, zugleich mit einem Duplicate fuͤr den Herzog von Brabant zu Bruͤſſel zu uͤberbringen. Und Ihr koͤnnt Euch die Freude vorſtellen, womit der gute Philipp den Ausgang unſerer wichtigen Sendung vernahm, denn die Entſcheiduug des Papſtes uͤberhob ihn aller Furcht, daß Jacqueline im Stande ſeyn werde, ihre Sache zu behaupten, und wird ſie noͤ⸗ thigen, ihren geſetzloſen Verkehr mit Gloceſtern ab⸗ zubrechen.“ — Und ich bin eben ſo ſtolz, als der Herzog gluͤcklich iſt, mein theurer Vrank, daß Du ſo viel dazu beigetragen haſt, die Sache dieſer Ehebreche⸗ rin zu verderben, und es dahin zu bringen, daß ſie ſich reuig unterwerfen muß. Die Vergifterin ihres Oheims! das Verderben unſers Landes!— Gluͤck und Friede kann uns nimmer laͤcheln, bis dieſe neue Jeſabel den Hunden vorgeworfen worden iſt.— „Verzeihung, mein Vater! wenn ich ſo kuͤhn 3 135 bin, Euch zu ſagen, daß Ihr die Sache zu warm aufnehmt! Ich that meine Pflicht, indem ich mich bemuͤhte, den Befehl meines Herrn zu vollziehen, allein ich hege gerade keinen giftigen Haß gegen die Graͤfin Jacqueline, denn erſtlich iſt ſie ein Weib. — Deſſen bin ich nicht ſo ganz gewiß, Vrank; ſie kann auch ein boͤſer Geiſt ſeyn, ein eingefleiſch⸗ ter Teufel in Weibesgeſtalt..— „Mein theurer Vater...“ — Iſt ſie nicht eine Ehebrecherin?— „Nun, das bewieſe ja wenigſteus, daß ſie ein Weib iſt.“ — Ja vielleicht..— „Dann iſt ſie ungluͤcklich, Vater!“ — Welches beſſere Loos konnte ihr denn zu Theil werden? Hat ſie nicht ihren Oheim, den Grafen und Biſchof, vergiftet?— „Ich weiß nicht, daß dies erwieſen worden.“ — Wurde nicht van Blhet deßwegen gehan⸗ gen? und war er nicht ein Hoek? Und iſt ſie nicht durch gemeinſames Intereſſe mit dieſer verhaßten Faction verbunden? Iſt das nicht ein Beweis von Allem und noch mehr, als ihr zur Laſt gelegt wird? Kocht Dir nicht das Blut eben ſo, wie das mei⸗ 136 nige, Vrank, bei der bloßen Erwaͤhnung der Feinde unſers Geſchlechts? Biſt Du nicht an Herz und Seele, auf Leben und Tod, ein Kabblejaw?— „Vater!“ ſagte Brank van Borſelen mit ei— nem Tone von Wuͤrde, der auf einige Zeit ſelbſt die ſtolze Hitze des Parteigeiſtes milderte,„ich bin mit Kopf und Herzen, durch Gefuͤhl und Pflicht, Euer Sohn. Eure Sache iſt die meinige, und mein Leben gehoͤrt meinem Vaterlande. Ich werde bis zum Tode die Anſpruͤche meines gnaͤdigen Herrn von Burgund gegen dieſe uſurpatoriſche Graͤfin ver⸗ theidigen, weil ich ſie fuͤr gerecht halte; ſo wie ich gegen ihre beabſichtigte Heirath arbeitete, weil ich ſie fuͤr ſuͤndlich hielt. Allein ich fuͤhre nicht Krieg aus Verfolgungsſucht. Ihr Geſchlecht und ihr Un— gluͤck nehmen mein Mitleid in Anſpruch; und was Diejenigen betrifft, die ſich ihrer Sache zugewandt haben, ſo werde ich ſie bekaͤmpfen als Feinde, aber ich kann ſie nicht haſſen als Menſchen.“ — Die Hoeks nicht haſſen? Mitleid haben nen?— pief der Vater, dem bei dieſer Steigern g der Entartung ſeines Sohnes alle Ge⸗ duld ausging.— Heeiliger Philagon, ſchenke mir Geduld! Iſt das wirklich mein Kind? Iſt das Vrank Borſelen? O Schande! Weib, Bona, 137 Frau, komm' nur her, und ſiehe den Menſchen an, und verbuͤrge es mir, daß er mein iſt! Bei dem Blute der Borſelen, ich zweifle jetzt daran! Die Hoeks nicht haſſen? Unerhoͤrt! Unerhoͤrt! Hoͤrt Ihr, junger Herr? Ihr muͤßt, Ihr werdet ſie haſ⸗ ſen, oder, bei dem heiligen Paul und Petrus, ich verſtoße Dich auf ewig!— „O! Vrank, Vrank, wenn Dein Vater ſchwoͤrt, dann geſchieht es auch. O mein lieber Sohn, aus Liebe zur heil. Jungfrau, und zum heil. Andreas, Deines Goͤnners Patron, deſſen Zeichen Du traͤgſt, heiſ⸗ ſie immer von Herzen, Alle, Alle, Mann, Weib, Kind, haſſe ſie wie ein guter Kabblejaw und ein frommer Chriſt!“ — Chriſt oder Tuͤrk! er ſoll ſie haſſen, ver⸗ abſcheuen, wie ich es thue, wie es mein Vater und meines Vaters Vater ſchon gethan hat! Haben wir ſie nicht ſeit drei Generationen mit Feuer nnd Schwert verfolgt? Haben wir ihnen jemals im Frieden gedient, oder ſie im Kriege geſchont? Ha⸗ ben wir ihnen nicht jeden Schaden zugefuͤgt, den Menſchen einander nur zufuͤgen koͤnnen? Und ſol⸗ len wir ſie nicht haſſe? Vrank Borſelen, hoͤre mich an, und bedenke, daß Dein Großvater und deſſen Vater auf meine Worte lauſchen. Sey ver⸗ ☛ .— nuͤnftig, und verbittere das Gluͤck dieſes Tages nicht durch ein hartnaͤckiges Vorurtheil! Denke an die Weisheit Deiner Vorfahren, und haſſe die Hoeks!— „Und, lieber Vrank, habe kein Mitleid mit der ſchlechten Perſon, die von ihrem jungen Gemahl, der nur ein Kind war in ihren Haͤnden, in die Arme eines fremden Liebhabers floh!“ ſetzte Frau Bona mit bittendem Tone hinzu. Waͤhrend dieſer Reden fuͤhlte der junge Mann, daß er tief erroͤthe wegen der Vorurtheile und Un⸗ wiſſenheit ſeiner Aeltern. Allein er liebte ſie des⸗ halb nicht weniger, und es that ihm in der That leid, daß ſein unbedachtes Geſtaͤndniß ſeiner tole⸗ ranten Geſinnungen ihnen ſo offenbaren Schmerz verurſacht, oder die Uebereinſtimmung ihrer fruͤheren Gefuͤhle geſtoͤrt hatte; deshalb beſchloß er, Dasje⸗ nige noch aufzuſchieben, was er zu erringen nicht hoffen konnte, und ſagte: — Mein verehrteſter Vater und meine gute Mutter, ſeyd nicht boͤſe uͤber meine Rede, und zwei⸗ felt nicht an meinem Eifer, weil ich die ihn verbuͤr⸗ genden Worte nicht gehoͤrig gewogen habe. Ver⸗ fahrt nicht zu ſchnell mit Eurem Sohne; bedenkt, daß ich nur ein Fremder in dem Lande bin, und 139 viel vergeſſen habe von der ihm vielleicht heilſamen Denkart. Goͤnnt mir nur ein wenig Zeit— macht mich bekannt mit den neuerlichen Urſachen der Feindſchaft, belebt in mir die Erinnerung des alten Haſſes gegen die Feinde unſeres Hauſes, und ich gebe Euch mein Wort, ich werde meinem Namen keine Schande machen.— „Brav geſprochen, Vrank,“ ſagte der Vater, des Sohnes Hand ergreifend,„ich wußte es, Dein Blut wuͤrde zu kochen anfangen, und ich verurtheilte Dich zu ſchnell.— Du verſprichſt alſo, zu haſſe ſen.”ℳ — Ich will thun, was ich kann, mein Vater, Euch in Allem zu gehorchen.— „Das iſt auch genug, mein theurer Gemahl; erſchuͤttert ihn dieſen Abend nicht zu ſehr, ſein koſt⸗ bares Gehirn bedarf der Ruhe,“ erwiederte die Mutter. — Ja, und morgen, wenn wir zuſammen nach Tergoes gehen, wird er genug hoͤren, um ſeine Wuth auf die gehoͤrige Hoͤhe zu treiben, wo jeder echte Kabblejaw ſeinem Todfeinde begegnen ſollte.— „Aber ſind wir nicht jetzt mit den Hoeks im Waffenſtillſtande? Iſt unſere morgende Zuſammen⸗ kunft nicht zu einer friedlichen Uebung in der Ar⸗ 140— balette(dem Bogenſchießen) beſtimmt, ſo wie zu einer freien und friedlichen Eroͤrterung?“ fragte der Sohn. — Ich will verwuͤnſcht ſeyn, Vrank, wenn Du nicht noch immer ein Kind biſt! Verhuͤte es St. Peter und Paul, daß Einer von uns mit ei⸗ nem Hoek in Freundſchaft zuſammenkomme! Es iſt allerdings eine Zeit des Waffenſtillſtandes, aber eines ſolchen, wie ihn Loͤwe und Tieger einander gewaͤhren, indeß ſie nur Athem ſchoͤpfen, ihren Kampf auf Tod und Leben zu erneuern! Der mor⸗ gende Tag wird Dich lehren, wie die Maͤnner von Suͤd⸗Beveland mit einander verkehren im Frieden, und vielleicht kann der naͤchſte Tag Dich mit dem Geheimniß ihrer Art, Krieg zu fuͤhren, bekannt machen. Halloh! herein!— und wie der Haͤupt⸗ ling mit der Hand auf den eichenen Tiſch ſchlug, trat ein Diener herein. — Sagt dem Fritz Stoop van Stitchel, dem Schneider, er ſolle den Augenblick eine Kabblejaw⸗ muͤtze nach der Form der meinigen, und ſo groß, wie die von Mynheer Vrank's brauner Kappe, welche dort liegt, machen. Sie muß heut Abend noch fertig werden, damit ſie morgen aufgeſetzt werden kann.— 141 „Eure Gnaden erlauben, der alte Fritz iſt ſchon betrunken durch das Bier und die Franzoͤſi⸗ ſchen geiſtigen Getraͤnke, die der Dienerſchaft auf Euern Befehl gereicht worden ſind.“) — So muß er augenblicklich wieder mnunter werden, denn die Muͤtze muß heut Abend noch fer⸗ tig ſeyn!— rief van Borſelen. „Aber, Vater,“ ſagte Vrank,„es moͤchte dem armen Schneider wohl unmoͤglich ſeyn, wie Ihr's befehlt, nuͤchtern zu werden, wenn es ihm gleich leicht wurde, ſich mit Eurer Erlaubniß zu be⸗ trinken.“ — Unmoͤglich? Was kann unmoͤglich ſeyn, wenn ich befehle, daß es geſchehen ſoll in meinem eigenen Schloſſe? Bei Unſerer Frau, Vrank, Du vergiſſeſt Dich ſelbſt auf mehr als eine Art. Stoop van Stitchel muß die Muͤtze machen, trunken oder nuͤchtern, oder die Spitze ſeiner Nadel wird ſtumpf ſeyn in Vergleichung mit meinem Zorne. Fort! Marſch!— Als ſich der Diener entfernt hatte, machte Vrank Vorſtellungen gegen die Nothwendigkeit ſei⸗ nes Erſcheinens auf der morgenden Verſammlung mit irgend einem Abzeichen, außer dem Burgundi⸗ 142² ſchen, da er ein Diener von Burgund ſey, und uͤberdies damals ganz beſonders in deſſen Dienſt thaͤtig war; allein der Vater war faſt wieder bei dieſer anſcheinenden Widerſpaͤnſtigkeit in ſeine unge⸗ zaͤhmte Laune verfallen, und beſtand ſo zornig dar⸗ auf, daß ſich ſein Sohn mit dem Erkennungszeichen ſeiner erblichen Sekte bekleiden ſollte, daß Dieſer endlich ſich, ſo artig er es vermochte, dem unter⸗ warf, was er als ein Ungluͤck von nicht gewoͤhnli⸗ cher Art betrachtete. Nachdem dieſer Punkt beſeitigt war, nahm er den Bericht von ſeiner Reiſe nach Friesland wieder auf, wohin er von Philipp ſogleich nach ſeiner Ruͤckkehr geſandt worden war, um Diejenigen von dem Adel, welche der Sache Jacquelinens abhold waren, fuͤr des Herzogs beabſichtigten Einfall in ihre Staaten vorzubereiten*). Zunaͤchſt erzaͤhlte nun Vrank ſeine Reiſe heimwaͤrts durch Zevenwol⸗ den unter der Obhut Ooſt's; ihr Gerathen an einen Auerochſen, ihre nachfolgende Wanderung *) Friesland hatte zu dieſer Zeit ſo gut ſeine Factionen⸗ wie Holland und Zeeland. Die Schieringers hatten ſich auf die Seite Johann's des Unbarmherzigen gewandt, und die Vetkoovers auf die Seite Jacquelinens 143 durch die Ebenen von Drenthe und Oberyſſel, den maleriſchen Weg durch Geldern, dann die Reiſe an der Maas hinab, und ihren endlichen Beſuch bei Jakob van Borſelen, dem Bruder von Floris, auf dem feſten Lande von Oſtflandern, von deſſen Schloſſe in der Naͤhe von Biervliet ſie eben mit der Nachricht heruͤbergekommen waren, daß die Trup⸗ pen unter John Uterken ſich auf dem Punkte be⸗ faͤnden, nach Zeeland ſich einzuſchiffen, als Vor⸗ trab von Philipp's beabſichtigter eigener Zuruͤ⸗ ſtung. Allein in all' dieſen Mittheilungen ließ Vrank auch nicht ein Wort fallen von ſeinem Zuſammen⸗ treffen mit der ſeltſamen Jagdpartie, und von ſei⸗ ner Verpflichtung zum Zweikampf mit einem unbe⸗ kannten Ritter, und aus alter Gewoͤhnung kindi⸗ ſcher Furcht zitterte er faſt bei der Moͤglichkeit, ſeinem Vater durch Worte oder Blicke Etwas zu verrathen von ſeinem Abenteuer mit der ſchoͤnen Jaͤgerin, deren Geſchenk er von dem Augenblicke, wo er es empfing, um den Hals und dicht auf ſeinem Herzen trug. Nach vielen Beweiſen liebevoller Dienſtfertig⸗ keit von Seiten der guten Frau, die dem Sohne 144 mit eigener Hand den Nacht⸗ oder Schlaftrunk von gluͤhendem Bordeauxwein bereitete, nahm Dieſer ſchuldigen Abſchied von beiden Aeltern, empfing ih⸗ ren Segen, und ging auf das Gaſtzimmer, welches er zu ſeiner Bequemlichkeit in aller Eil eingerich⸗ tet fand.. Sie⸗ —— — Siebentes Kapitel. Am naͤchſten Morgen weckte der laute Schall der Hoͤrner und das Schmettern einer ſchlechten Trom⸗ pete Vrank aus einem geſunden Schlafe, ihm mel⸗ dend, daß man ſich zur Abreiſe auf die Verſamm⸗ lung zu Tergoes ruͤſte. Er hatte ſeine Kleidung bald angelegt, und zwar eine fuͤr ſeine Lebensver⸗ haͤltniſſe paſſendere, als die war, die er auf ſeiner Wanderung durch die Zevenwolden trug, denn er hatte einen Vorrath von Kleidern aus dem herzog⸗ lichen Schloſſe in der Picardie vorausgeſendet, und dieſer war gluͤcklich durch Flandern gekommen mit einem Waarenzuge, der an ſeinen Oheim zu Bier⸗ vliet zu weiterer Beſorgung adreſſirt den war. Dabei hatte er mit ſeiner gewohnten Genauigkeit Alles ſo eingerichtet, daß er mit ſeinen Anzuͤgen an Einem Tage eintreffen konnte. Auch darf man ſich daruͤber nicht verwundern, denn es war I. 4 7 146 nicht nur zu jener Zeit die Poſt ſchon in dieſen Theilen Europa's eingerichtet, ſondern die Ab⸗- und Zuſendung von Courieren und Packwagen wurde in dieſen reichen und Handel treibenden Gegenden von Flandern mit einer Schnelligkeit und Regelmaͤßig⸗ keit beſorgt, welche in unſeren Tagen ſchwerlich uͤber⸗ troffen werden moͤchte. Vrank legte jetzt die Fries⸗ laͤndiſche Tracht ab, die er waͤhrend ſeiner Sen— dung in dieſem Lande hatte tragen muͤſſen, und waͤhlte dafuͤr einen eleganteren Anzug, der aber wahrſcheinlich einer Geſtalt und einem Geſichte, die des Putzes eben nicht bedurften, und ſich in derje⸗ nigen Kleidung, welche er nun ablegte, ſo vortheil⸗ haft ausgenommen hatten, nicht viel beſſer ſtand. Bei der gegenwaͤrtigen Gelegenheit trug er die fuͤr einen Burgundiſchen, Franzoͤſiſchen oder Brabanti⸗ ſchen Edelmann paſſende Staatskleidung, denn in dieſer Zeit waren die Unterſcheidungszeichen der Landestracht ſchon in einer dieſen Gegenden ge⸗ meinſamen Mode untergegangen. Vrank entfaltete indeſſen keinen ſo glaͤnzenden Anzug, als er in den Palaͤſten von Dijon, Paris, Bruͤſſel oder Hesdin getragen haben wuͤrde. Er wollte den einfachen Geſchmack ſeines Vaters eben ſo wenig kraͤnken, als den Neid Derer erregen, denen er ſich anzu⸗ NV Aä — 1417 ſchließen im Begriffe ſtand. Seine einzige Sorge war die, nur Etwas zu tragen, was fuͤr ſeine Perſon paßte, und mit dem fuͤrſtlichen Dienſte, in dem er ſtand, uͤbereinſtimmte. Sein Mantel von dunkelblauem Tuche war beſcheidentlich mit grauem Taffet gefuͤttert und mit Grauwerk, einer zwar koſtbaren, aber nicht auffallenden Einfaſſung geziert; ſein Wamms zeigte eine einfache, gewirkte Beſetzung in Silber; ſeine Struͤmpfe waren nicht farbig, ſondern ſchlicht weiß. Kurz, er hatte keinen ſo glaͤnzenden Putz angelegt, wie er wohl ſonſt bei paſſenden Gelegenheiten nicht ungern zu tragen pflegte. Das breite Burgundi⸗ ſche Kreuz glaͤnzte einfach auf ſeinem Wamms, und wurde nicht durch das offene Ueberkleid verdeckt; auch bewieſen die goldenen Sporen an ſeinen braun⸗ ledernen Stiefeln, daß er die ſtolzeſte Auszeichnung der Ritterſchaft erhalten hatte. Hierauf guͤrtete er ſein Schwert um, welches er an einem breiten Ge⸗ henk von polirtem ſchwarzen Leder um den Leib trug. Dieſes Gehenk war mit ſilbernen Punkten ge⸗ ſtickt, damit es zu der Einfaſſung ſeines Wammſes und den Knoͤpfen ſeines Oberkleides paßte. Und dann, um ſeiner Ausſtaffirung die Krone aufzuſez⸗ zen, ſeiner Meinung nach aber ihre Wirkung zu vernichten,— druͤckte er ſich die bedeutungsvolle, 7* 148 graue Muͤtze aufs Haupt, die, von ſchlechter Form, ihm noch ſchlechter paßte, und manchen falſchen Stich zeigte, womit der betrunkene Schneider mehrere Stunden zugebracht, und eben ſo viele Unzen von dem verbraucht hatte, was die Gelehrten Mitter⸗ nachtsoͤl nennen. Unter dieſer Kopfbedeckung hing eine gewaltige Fuͤlle von ſorgfaͤltig gekaͤmmten und parfuͤmirten Locken nach der damaligen Sitte auf die Schultern Deſſen, der ſie trug, herab. Allein, ſo oft er ſich in dem kleinen, hell polirten, an der Wand befeſtigten Stahlſpiegel betrachtete, mißfiel ihm ſeine Erſcheinung gaͤnzlich, beſonders aber die unleidliche Muͤtze, die er fuͤr ein paſſendes Sinnbild der niedrigen, gemeinen und ſinnloſen Sache betrach⸗ tete, welche ſie bezeichnete. Haͤtte er um drei bis vier Jahrhunderte ſpaͤter gelebt, ſo wuͤrde er haben ſehen koͤnnen, wie das civiliſirteſte Volk Europa's, das alte Nom nachahmend, ein ahnliches Sinnbild fuͤr eine Sache annahm, die zu heilig war, um durch irgend ein Zeichen entweiht, und durch ihre fanatiſchen Schuͤler zu Grunde P n werden, wenn ſie ſchon in ihrer Entw g aufgehalten ward. Ach! dachte Vrank Borſelen, wenn ich es wa⸗ gen duͤrfte, um den Rand dieſer elenden Muͤtze das * 1 7 — 149 glaͤnzende blaue Band zu ſchlingen, das jetzt meinen Hals umgiebt, und die ſchimmernde Agraffe, die ich in meinem Buſen trage, an der Seite derſelben zu befeſtigen, welch' ein ganz anderes Anſehn muͤßte ich heute haben! Wie viel ehrenvoller wuͤrde ich meine Kabblejaw⸗Muͤtze halten, als den ſtolzeſt be⸗ fiederten Helm in der Chriſteuheit! Aber halt! laſſe ich nicht die Galanterie den ruhigen Verſtand und die vernuͤnftige Ueberlegung betaͤuben? Ziemt es ſich auch, daß ich, wie der ungeſtuͤme Haufen der Menſchen, unbeſonnen in den verwachſenen Wald des Gefuͤhls und der Leidenſchaft hineinrenne, worinnen ich mich nothwendig verirren, wenn nicht gar meinen Untergang finden muß? Ziemt ſich das fuͤr einen klugen Ritter, beehrt mit dem Vertrauen eines regierenden Fuͤrſten, und eiferſuͤchtig auf ſeine Selbſtachtung? Welche ruhige Gedanken, welche bewundernswerthe Vernunftſchluͤſſe, mein geſetzter Vrank Borſelen, wie ich hier genannt werde, oder Sir Francon der Weiſe, wie man mich an⸗ derwaͤrts benennet! Aber was riethe Vernunft oder Ueberlegung in dieſem Falle zu thun? Koͤn⸗ nen ſie das Schlagen meines Herzens gegen dieſes Band aufhalten, das mich wie mit einem Zauber umſchlungen haͤlte Und was iſt das fuͤr ein Ein⸗ 150 fluß, der ſich ſo feſt in meiner Seele geſetzt hat? Ein Weib, nur einmal geſehen, und damals mir ganz unbekannt! Entſpringt dieſes tiefe Gefuͤhl aus irgend einem Wohlgefallen am Aeußern? Iſt es ihre Schoͤnheit? So ſchoͤne Frauen habe ich ſonſt auch geſehen. Iſt es ihre Wuͤrde, ihr Ton ſchwermuͤthigen Stolzes? Habe ich nicht die edel⸗ ſten Frauen und Jungfrauen Europa's geſehn in allen Verſchiedenheiten des Gluͤckes und Elendes? Nein! es iſt das, daß ich ihr Dienſte leiſtete, und daß ſie mir dankbar war; daß ich ſie bewunderte, und daß ſie meine Huldigung nicht zuruͤckwies.— Hier liegt der Zauber, der den Geiſt der Liebe weckt.— Ha! abermals halt, Sir Francon!— Liebe!— O huͤte dich vor dieſem Geiſterſpuk, den du bisher als Nichts betrachtet haſt! Nimm dich in Acht vor den Fallen der Leidenſchaft!— Aber — bin ich nicht ſchon gefangen? Indeß der Juͤngling in dieſem Selbſtgeſpraͤche begriffen war, hatte er ſich, ohne es zu bemerken, auf einen großen Kaſten mit eiſernen Krampen nie⸗ dergelaſſen, einem Hausgeraͤthe, welches zu doppeltem Zwecke diente, denn es verwahrte die Kleider, und bot auch Sitze dar fuͤr Die, welche die Schlafge⸗ maͤcher eines Zeelaͤndiſchen Schloſſes inne hatten, 151 ſo wie dies auch bis auf die letzten Zeiten in man⸗ chen anderen Laͤndern der Fall war. Aller aͤußeren Gegenſtaͤnde gaͤnzlich vergeſſend, und in ſeinen Ge⸗ danken verſunken, war er taub fuͤr alles Geſchmetter der Hoͤrner und Drommeten, ſo wie fuͤr das Ge⸗ ſchrei und den Laͤrm, den ſie erweckt hatten. Me⸗ chaniſch hatte er ſein Wamms geoͤffnet, und die ſchimmernden Enden des koͤſtlichen Geſchenks des un⸗ bekannten Gegenſtandes ſeiner aufkeimenden Leiden⸗ ſchaft hervorgezogen, und indem er daſſelbe betrach⸗ tete, fuhr er in ſeinem Selbſtgeſpraͤche alſo fort: Von welchem ſeltenen Werthe iſt nicht fuͤr uns das kleinſte Geſchenk einer Perſon, die— wir zu lieben geneigt ſind! Wie ruft es doch jede Bewe⸗ gung, jedes Wort, jeden Blick zuruͤck, und wie naͤhrt es die reine Flamme des Gefuͤhls, das es entzuͤndet hat! Aber wie viel hoͤher noch wuͤrde ich ein Wort achten, geſchrieben von der ſchoͤnen Hand, die dieſe Gabe in die meinige legte— einen Beweis ihrer Gedanken, eine Erinnerung ihres Gemuͤthes! O! nicht alle Locken, die jemals in Nadeln gefaßt, oder in Armbaͤnder gewoben wurden, ſind ſo viel werth, als ein geſchriebenes Wort von Denen, die wir— lieben! Ach! damit iſt es aus, obgleich ein Zauber in den Toͤnen liegt. Und wer mag dieſe Zauberin 152 ſeyn? wer die gemiſchte Geſellſchaft, die ſie ſo dicht umgab? wer der feiſte, alte Schmeichler?— ihr Vater, ohne Zweifel! Und die ſtolzen Fremden, denn das waren ſie? Und der hochmuͤthige Kerl, der mich ſo ausfragte? Vielleicht ihr Ehemann? Ja, ja, ganz gewiß, denn ſein ganzer Ton war der eines geſetzlich anerkannten Befehls. Und dann mein Herausforderer? Und der ſtaͤmmige, toͤlpel⸗ hafte, wie ein Raͤuber ausſehende Krieger mit ſei⸗ ner rothen Muͤtze? Das muß ein Hollaͤnder ſeyn, und ein Hoek dazu, folglich ein Feind! O! moͤchte ich bald entfliehen koͤnnen aus dieſen rauhen Ge⸗ genden, wo die Menſchen noch immer Wilde ſind, wo ich vielleicht heute noch in blutigem Haſſe zu⸗ ſammentreffen muß mit Dem, an deſſen Seite ich einſt einer gemeinſchaftlichen Gefahr trotzte, und deſſen Hand ich nur einmal gefaßt habe, allein in Freundſchaft. Aber ſie, deren Leib dieſes ſeidene Band umſchloß,— wird ihn dieſer Arm je wieder umfaſſen? Wann werde ich ſie wiederfinden, und erfahren, um Weſſen willen ich dieſes Pfand trageꝛ Ich zittere, ſie aufzuſuchen, denn meine Feindin muß ſie ſeyn! Eine Feindin! Welch' ein ſchlech⸗ tes Wort fuͤr ſo etwas Schoͤnes!— Ja, ja, die ganze Geſellſchaft muß zu ihrem Vergnuͤgen die 153 Erlaubniß von dem Grafen, Biſchof von Drenthe und Utrecht, erhalten haben! Als ſie mit einander ſprachen, hoͤrte ich ſeinen Namen erwaͤhnen; ſie ſchienen auf ſeinem Beſitzthume zu ſtehen, als ſie Ooſt und mich zuerſt herausforderten! Und als wir an der Kuͤſte des Zuyderſee's hinzogen auf unſerm Weg nordwaͤrts, ſtanden ihre Boote nach dem fe⸗ ſten Lande zu, gerade zwiſchen Urk und Schokland. Vielleicht ein reicher Kaufmann aus Amſterdam mit ſeiner Tochter, ein Inſel⸗Haͤuptling und zwei beſuchende Englaͤnder, denen ſie ein Feſt gaben in des Praͤlaten Gehegen zu Zevenwolden. Kann aber dies Geſicht voll Wuͤrde entſprungen ſeyn aus ſer⸗ vilem Handel? Kann dieſe ſinnende Grazie gewon⸗ nen werden in gemeinem Verkehr? Bei'm Himmel und dem heiligen Andreas! ich weiß nicht, was ich denken ſoll, und ob es nicht beſſer waͤre, mir Alles aus den Gedanken zu ſchlagen. „Halloh! Vrank!“ rief Floris van Borſelen, indem er mit ſeiner breiten, flachen Hand dem Sohne einen derben Schlag auf die Schultern gab, von dem er in die Hoͤhe ſprang, als waͤre ſein Koͤrper durch eine Feder in Bewegung geſetzt wor⸗ den.„Was treibſt Du denn da? Du handhabſt ja Dein Spielzeug, wie ein Narr von den Stadt⸗ 3 154 zuͤnften mit ſeinen Gloͤckchen ſpielt.— Schon fuͤnf ganzer Minuten ſtehe ich hier, und zupfe Dich beim Elbogen, und Du achteſt eben ſo wenig auf mich, als jener Signalmaſt dort auf dem Walle.“ — Vergebung, Vater! mein Geiſt war...— „Bei'm Ende dieſer Quaſten, nicht wahr? O, Vrank! Vrank! das will ſich nicht ſchicken, wenig⸗ ſtens nicht in Zeeland,— nach den freien Sitten Burgund's und Frankreich's mag's wohl angehen! — Aber, um's Himmels willen! wie haſt Du Dich denn geputzt? Wie riecht Dein Haar nach Roſen⸗ waſſer und Ambra! Und was fuͤr Stickerei, welche Beſetzungen! Wahrhaftig! ein Sterngucker von dem hohen Thurme in Rotterdam wuͤrde Muͤhe ha⸗ ben, die Knoͤpfe auf T Deinem Wamms zu zaͤhlen!“ Durch dieſe etwas rauhe Anregung und das bittere Laͤcheln, das uͤber ſeines Vaters Geſicht zuckte, wurde Vrank von der Sorge befreit, daß man ſeine Gedanken errathen, oder daß er ſelbſt denſelben unbewußt einen Ausdruck gegeben habe. Er bemerkte, daß der alte Floris doch nicht ſo ganz unzufrieden mit dem Putze ſey, gegen den er ſo hef⸗ tig geſprochen hatte, und ſeine Beſcheidenheit errieth halb die Thatſache, daß ſein Vater, nicht ohne ſich 155 ein wenig geſchmeichelt zu fuͤhlen, ſich ſelbſt in der Perſon des Sohnes wiederholt ſahe. — Mein theurer Vater,— ſagte er, das Laͤ⸗ cheln erwiedernd, und die Agraffe nebſt dem Bande wieder in ſein Wamms ſteckend,— ich konnte mich, zu Ehre Seiner Hoheit von Burgund, nicht wohl einfacher kleiden, und ich hoffe, Ihr werdet mich, Trotz Eures Spottes, nicht einen Gecken ſchel⸗ ten.— „Ja, ja, das Kreuz auf Deiner Bruſt ſteht Dir gut, und ich ſehe den Stoßdegen gern an Dei⸗ ner Seite, auch die Sporen an Deinen Fuͤßen— aber am meiſten ergoͤtzt es mich, die Muͤtze auf Deinem Kopfe zu ſehen, Vrank! Jetzt ſiehſt Du Deinem Großvater vollkommen aͤhnlich.“ — Ich hoffe, ihm auch in ſeinen Tugenden nachzuſtreben.— „Davon bin ich vollkommen uͤberzeugt, lieber Sohn, wenn Du eben ſo herzlich, wie er, die Hoeks haſſeſt. Und ſo ſehe ich Dich endlich in vollem Glanze der Ehre— Sir Francon de Borſelen, wie Dich die Franzoͤſiſchen Annalenſchreiber in dem dies⸗ jaͤhrigen Adelsverzeichniſſe nennen, das auf vergol⸗ detem und gemaltem Pergamente unter dem Bor⸗ 156 ſelen'ſchen Baume in der Waffenhalle aufgehangen iſt. Und Deine Sporen wurden verdient in der furchtbaren Schlacht bei Corvant. Manches edle Haupt ſank an dieſem Tage, Vrank!“ — Ja, mein Vater, Franzoſen, Schotten und Lombarden fielen dick vor unſeren Lanzen!— „Arme Burſchen! Alles Fremde fuͤr Die, welche ſie toͤdteten! Ach! was iſt es doch fuͤr eine trau⸗ rige Sache, fechten zu muͤſſen gegen Menſchen, de⸗ ren Namen man nicht kennt, mit Degen und Streit⸗ axt Geſichter zu zeichnen, die Einem ganz neu ſind! Aber das iſt etwas Ruhmvolles, niederzu⸗ hauen die eigenen Landsleute, wirkliche Feinde, Ketzer, deren Geſi ſchter uns ſo bekannt ſind, wie unſere Schwerter. Und wie herzhaft ſtoßen wir zu, wenn's gilt, ein Herz zu durchbohren, das wir haſſen, und das uns haßt.“ Dieſe Lobrede auf den Buͤrgerkrieg, und die Anſicht, die ihr zum Grunde lag, ſo wenig uͤber⸗ einſtimmend mit den edelmuͤthigen Begriffen des Ritterthums, erregten in Vrank Borſelen einen wah⸗ ren Schauder. Allein ſein Vater ahnte dieſes nicht, denn er konnte die Quelle davon nicht begreifen. — Mein verehrter Vater,— ſagte der Juͤng⸗ ling,— Ihr koͤnnt uͤberzeugt ſeyn, daß ich aufrich⸗ 157 tig wuͤnſche, meine Meinungen und mein Beneh⸗ men nach dem Eurigen zu formen. Allein ſolche Geſinnungen ſind denn doch, das muß ich geſtehen, denjenigen etwas fremd, in welchen ich auferzogen bin. Unſer fuͤrſtlicher Herzog Philipp, der große Bedford und alle andere Muſter des Ritterthumes halten den Buͤrgerkrieg fuͤr ein Uebel der Barbarei, und fuͤhren den bewaffneten Arm nicht gegen die Bruſt ihrer Mitbuͤrger, die, wenn ſie auch in ihrer Denkart ein wenig von uns abweichen, oder ein gewiſſes Lokalintereſſe haben, doch daſſelbe Land lieben, dieſelbe Sprache reden und gemeiniglich von dem naͤmlichen Stamme ihre Herkunft ableiten, in dem auch unſer Blut ſeine Quelle findet.— „Vrank!“ rief der ungeduldige Haͤuptling, „ich habe Dir ſo lange zugehoͤrt, bis mir das Blut in den Fingerſpitzen prickelt, und in den Schlaͤfen pocht. Jetzt kann ich es nicht laͤnger mehr ertra⸗ gen! Du biſt faſt ein ruinirter Menſch! allein ich muß Dich von der gefaͤhrlichen Bahn falſcher Mei⸗ nungen ablenken, und Dich noch einmal zuruͤckbrin⸗ gen zu unſerer rechten Denkungsart. Jetzt iſt keine paſſende Zeit, Dir Deine Thorheit zu zeigen; wir muͤſſen zu Pferde— aber nimm Dir das zu Her⸗ zen, als die Worte Deines Vaters, der die Maxi⸗ 158— 4 men eines ruhmvollen Ahnengeſchlechts ausſpricht. Es giebt nur eine richtige Linie des Benehmens, wenigſtens fuͤr dieſes Land, denn ein anderes kuͤm⸗ mert mich nicht, und dieſe iſt: feſt bei der Sache. der Kabblejaws zu beharren, und mit unbeugſamen Haſſe die ſchaͤndlichen Hoeks zu verfolgen, kein Mit⸗ leid, keine Gnade ihnen zu beweiſen, weß Alters, Geſchlechts oder Standes ſie ſeyn moͤgen; und wenn etwa, was doch moͤglich waͤre, in einem Augen⸗ blicke des Wahnſinns, oder von dem Teufel aufge⸗ reizt, Dein eigener Vater ſich in ihren Reihen fin⸗ den laſſen ſollte, ihm Deinen Degen bis an's Heft in's Herz zu ſtoßen, ihn unter Dein Roß zu wer⸗ fen, oder unter Deine Fuͤße zu treten!“ — Was? meinen eigenen Vater? Dich? Dich? meinen edlen, geliebten, theuerſten Verwandten?— rief Vrank, und hoffte dadurch den wutherfuͤllten Haͤuptling zur Beſinnung zu bringen. „Ja, Knabe, mich! mich! Floris van Borſe⸗ len, der— wenigſtens glaub' ich's ehrlich— Dein leiblicher Vater iſt. In einem ſolchen Falle iſt es Deine heilige Pflicht, Deinen Vater ſelbſt zu toͤd⸗ ten, wie ich es in gleichem Falle— ſo wahr mir Gott helfe— an meinem auch gethan haͤtte.“ — Aber— ——— 159 „Nicht ein Wort mehr, Vrank! nicht ein Wort! Ich befehle Dir bei Deiner Pflicht, zu ſchweigen! Ach! mein lieber Sohn, ich fuͤrchte gar ſehr, Deine Grundſaͤtze ſind faſt allzulocker gewor⸗ den, als daß hier an Heilung zu denken waͤre; al⸗ lein an mir ſoll es nicht liegen,— ich will meine Schuldigkeit thun.— Jetzt aber komm, mein Sohn! unſere Pferde warten, und wir haben nicht viel Zeit uͤbrig,“ ſetzte er mit wieder gewonnener Heiterkeit, aber immer noch im Tone feierlicher Be⸗ ſorglichkeit hinzu, welcher aus dem Kummer uͤber ſeines Sohnes Entartung entſprang.„Aber hoͤr' einmal! Was war denn das fuͤr ein weibiſches Spielzeug, das Du ſo ſorgſam aufgehoben haſt, vorhin aber ſo aufmerkſam beſaheſt, wie Deine Mutter die Kuͤgelchen ihres Roſenkranzes zaͤhlt?“ — O! Nichts, Vater! Eine Kleinigkeit, ein Geſchenk,— ein in Spfetzeug, wie Ihr es ganz recht nennt.— „Es iſt ein weibliches Putzück, Vrank, ich kenne es, und Deine Verwirrung beſtaͤtigt es.“ — Lieber Vater, da iſt Nichts zu eroͤffnen, und Aneni zu geſtehen.— Es iſt ein Andenken von ein.. em Freunde.— „S iſt gut, daß Du ein wenig hier inne ge⸗ 160 halten haſt, denn haͤtteſt Du geſagt, einer Freun⸗ din oder Geliebten, bei'm heil. Peter und Paul! ich haͤtte...“ — Ach, Vater! gebt Euch doch nicht die Muͤhe, zu ſchwoͤren,— ich ſagte ja nicht einer Ge⸗ liebten, und konnte es auch in Wahrheit nicht ſa— gen, denn ich habe keine.— „Vrank, Du biſt mein Kind durch und durch! Ich hatte auch niemals eine Geliebte, ſondern eine gute Frau, Deine Mutter. Ich bin auf keinem Turniere geweſen, habe nie das Gunſtzeichen eines Weibes auf Helm oder Schild getragen. Aber in meiner Jugend und hier in unſerem Vaterlande tauſchten Maͤnner Pfaͤnder der Achtung, die mehr werth waren, als jene. Mein Freund Oliver Pe⸗ terkins von Zurie⸗Zee gab mir einſt einen ſtaͤhler⸗ nen Halskragen, und ich ſchenkte ihm dafuͤr meinen zehnzolligen, zweiſchneidigen Dolch, und Simon van Swigel ſchlang mir, als ich ihn in dem Gefechte bei Zwoll rettete, ſeinen eiſernen Kettenguͤrtel um den Hals zum Zeichen der Bruͤderſchaft. Aber Eure ſuͤdlichen galanten Herrchen ſind nicht in ſol⸗ cher Form gegoſſen, und ſeidene Baͤnder und Fili⸗ granarbeit ſind jetzt in der Mode.“ 161 — Unter Maͤnnern nicht, mein Vater, aber wenn man eine Freundin hat.— „Das verhuͤte der heilige Philagon! O, Vrank! wenn die Freundſchaft dieſe Maske an⸗ nimmt, dann gleicht ſie dem Teufel in der Haut einer Schlange.“ — Mich duͤnkt aber, daß Freundſchaft, wenn ſie des Namens wirklich werth ſeyn ſoll, die Sanft⸗ heit des einen Geſchlechts mit der Waͤrme des an⸗ dern vereinigen muß.— 4 „Und das wuͤrde ein recht bequemer Schlaf⸗ rock ſeyn, die Maͤnnlichkeit hineinzuhuͤllen. Nein, Vrank! Nein! Weiber ſind zu anderen Zwecken beſtimmt, als ſich Freunde aus ihnen zu machen. Allein ich habe jetzt nur Zeit, Dir zu ſagen, Dich vor ihnen in Acht zu nehmen. Am meiſten wirſt Du Dich gegen ſie zu ſtaͤhlen haben, wenn Du zu den Verſuchungen des Hofes zuruͤckkehreſt. Sie ſtehlen ſich in eines Juͤnglings Buſen, Vrank, ſo geſchickt, wie der Dolch eines Italieners ſich in die Spalten der Ruͤſtung ſeines Feindes ſtiehlt. Gift und Verrath liegt in Allem, was ſie ſagen oder thun; in ihrem Nicken und Locken, ihren Artigkei⸗ ten und Schmeicheleien, ihrem Gegenlaͤcheln und 162 ſtummen Zeichen. Huͤte Dich vor ihnen, mein Sohn, vor ihren Armbaͤndern und Guͤrteln, ihren Spangen, Stickereien, Baͤndern und anderm Spiel⸗ zeug, ihrem gekraͤuſelten Haar und gemalten Ge⸗ ſichtern. Indeß ſie mit dem einen Auge weinen, winken ſie mit dem andern— die Crocodille! man ſollte ſie peitſchen, und an den Pranger ſtellen, oder ihre bemalten Backen mit gluͤhenden Eiſen zeich⸗ nen. Sehr bekuͤmmert es mich, zu wiſſen, daß Du ſelbſt an unſerem guten Herzoge ein ſchlechtes Bei⸗ ſpiel hinſichtlich dieſer falſchen Sirenen haſt. Es giebt von Dinant bis Dijon kaum einen Strauch, aus dem man nicht einen Baſtard des Burgunders klopfen koͤnnte; auch ſagt man ſchlimme Dinge, lieber Vrank, von ſeinem Benehmen mit dieſer Engliſchen Graͤfin. Ach, mein Sohn! nimm Dich vor ihnen in Acht, am meiſten aber vor den verhei⸗ ratheten. Du erroͤtheſt, armer Menſch! es iſt ein Zeichen von Anſtand und Tugend, Vrank; ich liebe das in Deinem Alter. Aber genug davon! wir kommen ſchon vielleicht zu ſpaͤt.“ Nachdem Vrank und ſein Vater die Hausfrau und die jungen Zweige des Familienſtammes liebe⸗ voll umarmt, und ein ſchnell bereitetes Fruͤhſtuͤck mit eingenommen hatten, begaben ſie ſich anſtaͤndig — 163 in den Schloßhof, beſtiegen die ſchon bereit ſtehen⸗ den Roſſe, ritten uͤber die ſchon erwaͤhnte Bruͤcke, und ſetzten dann ihren Weg in gehoͤrigem Feſtzuge fort. 4 Vier Trompeter zu Pferde eroͤffneten ihn, dann kamen ſechs Edelleute, deren Beſitzungen in Evers⸗ dyke zu Lehn gingen, Alle vollſtaͤndig geruͤſtet, die Lanzen in Ruhe, Jeder begleitet von ſeinem Knap⸗ pen, einem Armbruſttraͤger und zwei Dienern. Auf dieſen Vortrab folgte der Knappe, welcher den mit Pelz verbraͤmten Ehrenmantel des Haͤuptlings trug. Ein Anderer trug ſein Schlachtſchwert von fuͤnf Fuß Laͤnge und einer gewundenen Klinge, ſo wie dasjenige abgebildet wird, welches der Erzengel traͤgt, der das Paradies bewacht. Zuletzt kam der dritte Knappe, welcher den mit Federn und Edel⸗ ſteinen gezierten Hut ſeines edlen Herrn trug. Nach dieſen drei Knappen ſchritt einher„Heer’ Borſelen (eine Benennung, welche den hoͤheren Klaſſen des Zeelaͤndiſchen und Hollaͤndiſchen Adels zukam) auf ſeinem beſten Roſſe. Dicht hinter ihm folgte Vrank, nur in der achtungsvollen Entfernung von einigen Schritten, faſt mitten unter den Beamten des Haus⸗ haltes, die ſaͤmmtlich in blaue Maͤntel gekleidet und wohl beritten waren. Ein kuͤhner, doch faſt poͤbel⸗ 164 haft ausſehender Haufen von Leuten zu Fuß, un⸗ regelmaͤßig bewaffnet, und nichts weniger als gleich⸗ foͤrmig gekleidet, beſchloß den Zug. Jeder der Maͤn⸗ ner fuͤhrte eine Armbruſt oder Arbalette, oder einen langen Bogen, oder ein Schwert, oder einen Dolch, oder eine Streitart, und Ooſt, der Deich⸗ graͤber, war kein unausgezeichneter Gegenſtand in dieſem Haufen; er trug ſeine ungeheure Keule, noch mit dem Blute des Unthiers befleckt. Schlechte In⸗ ſtrumente und noch ſchlechtere Spielleute ließen ei⸗ nen Marſch ertoͤnen, und bald hatte der ganze Haufe den Sumpf paſſirt, und die ungepflaſterte Straße gewonnen, die durch tief eingeſchnittene Fahrgeleiſe bezeichnet wurde, und in dem feuchten Boden ein ſehr ſchlechtes Fortkommen gewaͤhrte. In den meiſten anderen Theilen Europa's war es bereits heller Tag, als Vrank und ſeine Beglei⸗ ter nach Tergoes aufbrachen, allein in der ſchweren Atmoſphaͤre von Zeeland war die Sonne noch nicht ſichtbar geworden; ein dicker Nebel hing in der Luft, und verhuͤllte das ganze Angeſicht der Natur. Zu⸗ weilen zerriß ein aus Weſt kommender Windſtoß dieſen dumpfigen Vorhang, allein nicht ſtark genug, um ihn von der Erde, wo er feſthing, ganz zu ver⸗ draͤngen. Das Toſen der Fluth, welche gegen den ——-—— 165 Damm ſchlug, der die Bucht ſchirmte, und einige Fuß hoͤher war, als die Haͤupter der Reiſenden, glich dem melancholiſchen Gemurmel der Natur uͤber die Scene, die ſie geſchaffen hatte. Der Wind ſeufzte in dem langen Roͤhricht und Gebuͤſche, welches in dem ſtehenden Gewaͤſſer aufſchoß, das auf bei⸗ den Seiten die Gruben des Weges fuͤllte, den man aus Hoͤflichkeit eine Straße nannte, und der ſchwere Fluͤgelſchlag, ſo wie das Geſchrei der Waſſervoͤgel, die bei jedem Schritte aufflogen, bewieſen, daß die animaliſche und elementariſche Natur in Einklang waren. Vrank vermochte kaum den Kopf ſeines Pferdes in dem dicken Nebel zu unterſcheiden, er fuͤhlte die Kaͤlte durch alle Glieder, und huͤllte ſich dicht in ſeinen Mantel. Er dachte an die heitere Weinleſe in Burgund, welche in dieſem Augen⸗ blicke in voller Thaͤtigkeit war, an Italiens dunkel⸗ blauen Himmel, an die glaͤnzende Atmoſphaͤre von Artois, und das Alles regte duͤſtere Vergleichungen an, die ihn zu ſchmerzlichem, mit Reue vermiſchtem Nachdenken veranlaßten. Kann ich dieſes Land lieben? Und doch wuͤrde ich wol immer ein guter Patriot geweſen ſeyn, haͤtte ich meine Heimath nicht verlaſſen. Er ſah ſeinen Vater an, der in Gedanken ver⸗ 166 ſunken ſchien, mit offenem Munde die feuchte Luft einathmend, ſo natuͤrlich, wie das Kind die Milch der Mutter trinkt. Vrank konnte ſich nicht erweh⸗ ren, die ergreifende Geſtalt, die er betrachtete, zu⸗ gleich mit Verwunderung und Bewunderung anzu⸗ ſehen. Floris van Borſelen war, wie ſein Sohn, wohl gewachſen und kraftvoll; der obere Theil ſeines Geſichtes ausdrucksvoll und ſchoͤn, allein der untere mit einem graulichen Barte umhuͤllt. Seine Kleidung beſtand aus einer Miſchung von Kriegs⸗ und Friedenstracht, bezeichnend auf dieſelbe Art, wie die ſeines Nebenbuhlers van Monfoort bei der Jagdpartie in den Zevenwolden, das Miß⸗ trauen, womit jedes Individuum beider Factionen ſich aus ſeinen Grenzen wagte, ſelbſt zur Zeit ei⸗ nes Waffenſtillſtandes, oder zum Vergnuͤgen. Zu⸗ naͤchſt auf ſeinem Koͤrper trug Floris van Borſelen ein leichtes Panzerhemd, aus ſtaͤhlernen Schuppen beſtehend, aͤhnlich einer Fiſchhaut, und bis auf die Haͤlfte der Schenkel hinabgehend, die, wie die Beine, mit knapp anliegenden Hoſen, ebenfalls von Leder, bekleidet waren, dick uͤberlegt mit breiten Riemen, die bis zu den Knieen heraufgingen, auf dieſelbe Art, wie die, welche der Deichgraͤber Ooſt trug. Seine Arme wurden beſchuͤtzt durch Schulterblaͤtter — 167 von wohlgehaͤrtetem Stahl, und der von ſeinem Barte bedeckte Halskragen ſchirmte dieſen edlen Theil des Koͤrpers; auf ſeinem Haupte aber erblickte man, ſtatt eines Helmes oder einer Stahlhaube, oder einer anderen ſchuͤtzenden Kopfbedeckung, die beliebte Muͤtze, welcher die Kabblejaws oder Hoeks (bloß mit Unterſchied der Farbe) die Beſchuͤtzung des Schaͤdels anvertrauten, auf deſſen natuͤrliche Widerſtandskraft ſie eben ſo zuverſichtlich als be⸗ ſcheiden allein zu rechnen ſchienen, denn ſelbſt im Gefechte ſetzten die verſchiedenen Parteien einen Stolz darin, ihre Hirnſchalen den Streichen der Schwerter und Streitaͤxte auszuſetzen, welche denn auch oftmals einen innerlich wie aͤußerlich ſo ſchlecht verſehenen Schaͤdel ſpalteten. Und von dem Hin⸗ terhaupte Borſelen's hing bis auf gleiche Linie mit des Roſſes Schweife jene verkehrte Art von Wim⸗ pel von ſcharlachenem Tuche herab, den man einen Lamberquin nannte. In einer Hand hielt er eine Armbruſt von ungeheurer Staͤrke, und an der Seite war ſein Stoßdegen(vollkommen ſo lang, wie er ſelbſt, wenn er im Sattel ſaß), dicht an ſeinem Guͤrtel befeſtigt, vermittelſt eines Hakens, groß ge⸗ nug, um den groͤßten Kabblejaw, Fiſch oder Fleiſch, damit feſtzuhalten. 168 „Kennſt Du meine Gedanken, lieber Vrank?“ ſagte der Haͤuptling, ſich ploͤtzlich zu ſeinem Sohne umkehrend.— — Nein, Vater!— verſetzte der faſt erſchreckte Juͤngling. 1 „Nun, ſo will ich ſie Dir ſagen! Ich dachte eben, was wol die beſte und leichteſte Art ſeyn moͤchte, bei dieſer Waffenſtillſtandsverſammlung mit dieſen Hoeks ploͤtzlich einen Streit anzufangen, und die Uebereinkunft aufzuloͤſen.“ Vrank erroͤthete tief uͤber dieſen neuen Aus⸗ bruch des eingewurzelten Factionsgeiſtes. „Brav, mein Sohn!“ rief der Vater;„ich ſehe, Dein Blut kocht auf bei der bloßen Erwaͤh⸗ nung der Abtruͤnnigen.“ Vrank fand, daß ſein Vater ſein Erroͤthen auf keine Art verſtand, und freute ſich dieſer Ueber⸗ zeugung. 4₰ Achtes Achtes Kapitel. 5 Nach einem Zuge von ungefaͤhr zwei bis drei Mei⸗ len, der aber Vrank doppelt ſo lang vorkam, ge⸗ langten ſie in die Naͤhe des Orts ihrer Beſtim⸗ mung. Dieſer Verſammlungsort kuͤndigte ſich ſchon lange, ehe er, des dichten Nebels wegen, erkennbar war, durch lautes Geſchrei und Muſik von jener mannichfachen und unregelmaͤßigen Art an, welche immer eine vermiſchte Verſammlung andeutet, die ſich mit dem vergnuͤgt, was man im Sprichworte ein Hollaͤndiſches Concert“ nennt. Herrn van Borſelen's Trompeter blieſen eine ſtolze Fanfare zu Ehren ſeiner Annaͤherung, und dieſe Toͤne wurden durch eine lange und breite Begruͤßung erwiedert. Die Nebel wurden allmaͤhlich duͤnner, ſo wie die Sonnenſtrahlen anfingen durchzudringen und ſie aufzuloͤſen, und der Anblick, der ſich nun fuͤr Vrank oͤffnete, hatte Viel von dem Zauber jener ſchoͤnen I. 8 4 Decorationen, welche zu weilen auf unſeren Buͤhnen die Vollkommenheit der ſceniſchen Kunſt entfaltet. Die ſchleierartige Geſtaltung der Nebelduͤnſte mil— derte die Schaͤrfe der Umriſſe vieler Gegenſtaͤnde, die durch denſelben hindurchſchienen, und warf uͤber Alle jenen Anſtrich unbeſtimmter Taͤuſchung, wodurch nur wenige Gegenſtaͤnde in der Natur nicht gewinnen ſollten. Verſchiedene Zelte auf Stellen von beſtimmter und regelmaͤßiger Umzaͤunung ſielen zuerſt dem Ge⸗ ſichte auf. Sie beſtanden aus Tuch von mancher⸗ lei Geweben und Farben, untermiſcht mit bunten ſeidenen Streifen, deren Anblick im Allgemeinen etwas ungemein Glaͤnzendes hatte. Auf jedem die⸗ ſer Zelte wehte entweder ein Wimpel, Banner, oder eine breitere Flagge, jede von der anderen unter⸗ ſchieden. Die Banner bezeichneten die edelſten Fa⸗ milien Zeeland's; die breiteren Flaggen gehoͤrten den verſchiedenen Corporationen der benachbarten Staͤdte, oder den Landleuten, welche das Recht beſaßen, an den jaͤhrlichen Uebungen der Arbalette Theil zu neh⸗ men, und auf jedem dieſer Faͤhnlein bemerkte man das Bild des heil. Sebaſtian, als des Schutzpa⸗ trons der Bogenſchuͤtzen, oder irgend ein anderes, auf die Beluſtigung ſich beziehendes Emblem. — 171 Die verſchiedenen Verbruͤderungen oder Geſell⸗ ſchaften waren meiſt Alle eingetroffen, und ſtanden in Gruppen vor ihren verſchiedenen Umzaͤunungen; die Edlen, wie van Borſelen, in faſt kriegeriſcher Kleidung; die Gilden in Uniformen von mannich⸗ farbigem Tuch, mit verſchiedenen Unterſcheidungen an Aufſchlaͤgen, Schaͤrpen und Leibguͤrteln. Auch viele Frauen aus allen Staͤnden und Klaſſen befan⸗ den ſich darunter, Einige in natuͤrlicher Schoͤnheit laͤchelnd, die Scene beſchauend, Andere mit ſchwar⸗ zen Sammetmasken(der gewoͤhnlichen Tracht jener Zeit), weil ſie ſich der Menge nicht bloßſtellen woll ten. Und immer noch ſahe man von Zeit zu Zeit einige zerſtreute Haͤuptlinge ſich naͤhern, deren Na⸗ men von Herolden oder Trompetern ausgerufen wurden; einige von den Gilden oder Zuͤnften, die von den benachbarten Inſeln von Nord⸗Beve⸗ land, Duveland oder Schowen kamen, erſchienen et⸗ was ſpaͤter mit fliegenden Fahnen, toͤnender Muſik, Jede unter Voraustritt ihres Narren, deren ziem⸗ lich rohe Spaͤße die meiſten Lachen erregenden Epi⸗ ſoden des Tages ausmachten. Auf dieſem weiten Raume, um den herum die Zelte einen unregelmaͤßi⸗ gen Kreis bildeten, waren vier Pfaͤhle, von der Hoͤhe eines gewoͤhnlichen Mannes, in glaichen Ent⸗ 172 fernungen von den Schießſtaͤnden aufgerichtet, und an jedem dieſer Pfaͤhle befand ſich eine hoͤlzerne Figur, einen Vogel darſtellend, deſſen Geſchlecht kaum ein Naturforſcher anzugeben im Stande ge⸗ weſen ſeyn moͤchte. Eine dieſer Figuren ſchien et⸗ was beſonders Ehrenvolles zu bezeichnen, denn ſie war ganz bekleidet mit Federn von ſo vieler Art und Farbe, wie die erborgten Federn der Kraͤhe in der Fabel. Standplaͤtze fuͤr die Schüͤtzen waren in verſchiedener Entfernung von den Gegenſtaͤnden, an welchen ſie jetzt ihre Geſchicklichkeit uͤben ſollten, aufgerichtet, und auf einem hohen Maſte, gerade im Mittelpunkte des Raumes, flatterte eine weiße Flagge zum Zeichen des Waffenſtillſtandes, der noch in voller Kraft beſtand, ſo lange es den ſich befeh⸗ denden Factionen ihn aufrecht zu erhalten gefiel. Als Floris van Borſelen an den Schranken des Lagerplatzes erkannt wurde, erfolgte eine gleich⸗ zeitige Bewegung ihm und ſeinem Gefolge entgegen von einer Volksmenge zu Fuß, indeß Mehrere von den berittenen Edelleuten ihre Roſſe antrieben, um ihrem anerkannten Anfuͤhrer ihre Achtung zu bezei⸗ gen. Vrank bemerkte, daß ein Jeder von dieſer Menge eine graue Muͤtze trug, ganz ſo, wie er und ſein Bater; aber indem er auf den Lagerplatz hin⸗ 173 ſahe, wurde er nicht ohne Beſorglichkeit gewahr, daß eine anſehnliche Zahl der Verſammelten auf ihrem Platze blieb, und daß Alle die, welche ſeinem Vater die Ehre der Begruͤßung verſagten, rothe Muͤtzen trugen, als das Erkennungszeichen der ent⸗ gegengeſetzten Partei. Seiner Meinung nach war das kein gutes Anzeichen fuͤr die wahrſcheinliche Ruhe der Verſammlung, denn wenn eine duͤſtere Zuruͤckhaltung— und er glaubte eine ſolche deutlich zu bemerken— an der Tagesordnung ſtand, was war zu erwarten, wenn die Leidenſchaften angeregt wurden, ſcharfe Worte fielen, und die Waffen zur Hand waren? Man wird Vrank wohl nicht der Furchtſamkeit verdaͤchtig finden,— wenigſtens fanden die, welche ihn genau kannten, dies niemals,— allein er konnte den Wunſch nicht unterdruͤcken, von einem Schauplatze fern zu ſeyn, der wahrſcheinlich bald eben ſo unruhig und roh werden wuͤrde, als er jetzt maleriſch und fuͤr ihn neu war. Er erinnerte ſich ganz dunkel, daß ihn noch als kleiner Knabe ſein Vater einmal zu einer ſolchen Verſammlung mitgenommen hatte. Das Geſicht eines der Nar⸗ ren erweckte in ihm ploͤtzlich die Erinnerung an jene Zeit. Allein, da er ſehr fruͤhzeitig auf die hohe Schule von St. Omer unter der Obhut eines 174 muͤtterlichen Oheims gekommen war, der als Gou⸗ verneur der Stadt in Franzoͤſiſchem Dienſte ſtand, ſo war er jetzt zum erſten Male, wo nicht Zeuge dieſes Schauſpieles, doch im Stande, es ganz zu faſſen. 2 Vrank wurde nun in gehoͤriger Form von ſei⸗ nem Vater in den ganzen Schwarm der Kabble⸗ jaws eingefuͤhrt, in deren Mitte ſie ſich befanden. Seine Erſcheinung erregte einige Bewunderung, große Achtung und unendlichen Neid. Allein jedes andere Gefuͤhl wurde von dem Vergnuͤgen beim Anblicke des Burgundiſchen Zeichens verſchlungen, ſo wie von dem Triumphe der Anhaͤnger des Her⸗ zogs uͤber die ſchon laͤngſt gehaßten, jetzt aber auch verachteten Gegner, den jenes einfloͤßte. Das Ge⸗ toͤſe der Gluͤckwuͤnſchungen, welches durch die Grup⸗ pen der Kabblejaws lief, belehrte die Gegenpartei uͤber das Geheimniß, welches Vrank's Anweſenheit beſtaͤtigte, und fruͤher, als es Dieſer erwartete, zeig⸗ ten ſich Symptome von Fehde, als deſſen unab⸗ ſichtliche Urſache er ſich betrachten mußte. Als Floris van Borſelen vom Pferde geſtiegen war, ging er mit ſeinem Sohne und ihrem Gefolge auf das Zelt zu, welches fuͤr die Richter des Spiels beſonders aufgeſchlagen war, in deren Verzeichniß der Haͤuptling die oberſte Stelle einnahm; ſogleich aber ſchritt auch eine Anzahl edler Hoeks, Jeder in Begleitung gemeiner Parteiglieder, auf ihn zu, und zwar mit nichts weniger, als jenem Ausdrucke von Verſoͤhnlichkeit, worinnen ſich das Volk gemeiniglich halben Weges entgegenkommt. Einer von ihnen, ein entſchloſſen ausſehender Mann, in der Bluͤthe des Lebens, der in Abweſenheit Ludwig's van Monfoort,(welcher von der Wohlthat des Waffen⸗ ſtillſtandes durch ein gegen ihn von Johann dem Unbarmherzigen gefaͤlltes und noch nicht zuruͤckge⸗ nommenes Verbannungsurtheil ausgeſchloſſen war) offenbar den Anfuͤhrer vorſtellte, ſchritt auf Floris zu, und rief! „Herr Borſelen, was ſoll das bedeuten? Ich proteſtire im Namen jedes hier anweſenden Hoeks gegen die Verletzung des Waffenſtillſtandes! Was? Will man uns durch Burgund's Abzeichen trotzen? Ihr wagt es, uns in unſerem privilegirten Vergnuͤ⸗ gungsorte einen Guͤnſtling des Philipp's aufzudrin⸗ gen, der nicht ſelbſt erſcheinen duͤrfte?“ Dieſer ploͤtzliche Angriff uͤberraſchte die Kabble⸗ jaws nicht wenig. Sie hatten in ihrem Stolze die Wirkung nicht berechnet, die dies auf ihre Gegner hervorbringen muͤſſe. Selbſt van Borſelen hatte es 176 uͤberſehen, und was Vrank betrifft, ſo glaubte er, der Waffenſtillſtand ſey ein geheiligter Schutzbrief fuͤr alle Meinungen und Grundſaͤtze. Allein er war der Erſte von der Partei, mit der er jetzt verſchmol⸗ zen ſchien, der ſich von dem Erſtaunen uͤber den gegen ihn ſo perſoͤnlich gerichteten Angriff erholte. Er trat dicht zu dem Sprecher hin, und wollte ihm eben in gemaͤßigten Ausdruͤcken antworten, als ſein Vater ihn bei'm Arme ergriff, und ausrief: — Zuruͤck, Knabe! laß mich auf dieſen Schimpf antworten. Heer Hemſted, Eure kuͤhne und un⸗ ziemliche Sprache verdiente eigentlich eine andere Erwiederung, als durch Worte; allein ich unter⸗ druͤcke meinen Zorn in Hinſicht meiner Verach⸗ tung.— „Verachtung!“ rief der ſtolze Fuͤhrer der Hoeks, und das Wort wurde von der Maſſe der um ihn ſtehenden Parteiglieder in jeder Form zor⸗ nigen Nachdrucks wiederholt. — Ja, bei meinem Heiligen! Verachtung! — ſagte van Borſelen,— denn ich und die anwe⸗ ſenden Kabblejaws halten uns und unſere Sache fuͤr ſo ſicher, und die Eurige fuͤr ſo verzweifelt, daß ich Euer Geſchrei und Euern Vorwurf verachte!— — 177 „Genug!“ ſagte Zegher van Hemſted. Freunde, Parteiglieder, Hoeks! Ihr habt's gehoͤrt! Zuruͤck zu Euern Staͤnden, Alle! und zu den Waffen!“ — Schneller, als ich's dachte! beim Himmel! aber nicht ſchneller, als ich wuͤnſchte!— rief van Borſelen.— Kabblejaws, ſeyd auf Eurer Hut! die Waffen heran! macht Euch fertig!— „Weg, Ihr Weiber!“, Streicht die weiße Flagge!“ „Spannt Eure Bogen!“ ,In Eure Glieder!“ Fern und feſt!“ Dieſe und andere Kunſtausdruͤcke, ge⸗ woͤhnlich in den Aufſtaͤnden jener Zeit, wurden von beiden Parteien mit einer Schnelligkeit und einem Laͤrm ausgeſprochen, uͤber den Vrank ſtaunte, der jetzt in einem Augenblicke den ganzen weiten Schau⸗ platz wie durch Zaubermacht in ein Feld fuͤr toͤdt⸗ lichen Kampf umgewandelt ſahe. Er fuͤr ſeine Per⸗ ſon fuͤhlte, daß er nichts Anderes thun koͤnne, als fechten. Sein Blut war eben ſo ſtark in Wallung, wie das eines Kabblejaws oder Hoeks um ihn. Jetzt war keine Zeit zur Ueberlegung; daher zog er ſein Schwert, gleich den Uebrigen, und hielt ſich dicht an der Seite ſeines Vaters, uͤberzeugt, daß es bei dem Angriffe, zu dem ſich Alle bereit machten, keineswe⸗ ges auf Regelmaͤßigkeit abgeſehen ſey, oder daß es 8** 178 eine beſondere Stelle fuͤr ihn dabei zu behaupten gebe. Weiber und Kinder flohen nach allen Rich⸗ tungen, die Narren gaben ihre Poſſenſpiele auf, und ſuchten ſich, ſo gut ſie konnten, in Sicher⸗ heit zu bringen. Alles kuͤndigte einen ſehr ernſten Kampf an, als ein Mann von merkwuͤrdig ſchar⸗ fem und energiſchem Geſichtsausdrucke, augenſchein⸗ lich aus dem Prieſterſtande, aber in der halb welt⸗ lichen Tracht, welche zuweilen den Geiſtlichen ge⸗ ſtattet iſt, in die Mitte des Platzes trat, und ohne ſeine Muͤtze abzunehmen, die weder roth noch grau war, ſondern ſchwarz, folgendermaßen ſich verneh⸗ men ließ: „Edle, Buͤrger, Landleute! ich rede zu Euch Allen auf gleiche Weiſe, denn Alle haben ja gleiche Rechte auf dieſer alljaͤhrlichen Verſammlung zu ei⸗ ner Nationalbeluſtigung. Iſt denn ein ploͤtzlicher Windſtoß uͤber dieſe Ebene gefahren, und hat Euch wahnſinnig gemacht, wie das Schwert des Todes⸗ engels Peſt und Seuchen uͤber Israel verbreitete? — Hoͤrt, Floris van Borſelen, und Ihr, Zegher van Hemſted! welcher tolle Geiſt treibt Euch zu ſolcher Ausſchweifung, die ſo viel ſchnellfertige Toll⸗ koͤpfe nachzuahmen Willens ſcheinen? Hochgeborne Edle von Zeetand! Ehrenfeſte Buͤrger! Handarbei⸗ — 179 tende Landleute! haͤlt denn Keiner von Euch Eure beſten Vorrechte fuͤr etwas Bedeutendes? Soll man denn einſt ſagen, daß die Uebung der Arba⸗ lette ein ganzes Jahr aufgegeben ward? Denn, wenn ſie heute nicht Statt findet, erlaubt ſie Euch Euer Freibrief nicht auf morgen. Und wie mancher Pacht und andere freie Verpflichtung haͤngt von ihrer regelmaͤßigen Beobachtung ab? Wie man⸗ cher Contract wird von einem Vogelſchießen bis zum anderen geſchloſſen? Und welche Verwirrung wird ſich durch die ganze Inſel verbreiten, wenn Ihr auf dieſe Verletzung Eurer eigenen Rechte be⸗ harrt? Verdammter Kerl! laß das ſeyn!“ rief der Sprecher einem Menſchen zu, der den Maſt ſchon faſt ganz erklimmt hatte, um die weiße Flagge herunter zu reißen;„lege Deine freche Hand nicht an dieſes Friedenszeichen! So lang' es flattert, haben Alle, die mich hoͤren, Zeit zum Nachdenken, und ich kann vielleicht Alle zur geſunden Vernunft zuruͤck⸗ bringen. Wird mir Einer einen Grund fuͤr dieſe Thorheit, dieſe Tollheit angeben?“ Die gebietende Stimme und das Benehmen des Redners machte einen bedeutenden Eindruck auf ſeine Zuhoͤrer, und der ſich um ihn draͤngende Haufe wurde vom Mittelpunkte aus immer ſtiller, 180 ſo wie ein Teich ſeine ruhige Oberflaͤche wiederbe⸗ kommt, wenn ein Stein hineingeworfen worden. — Ihr bedient Euch ſtrenger Worte, Cano⸗ nicus, allein ich will Euch antworten,— ſagte van Borſelen;— es iſt die Frechheit der Hoeks, die uns zu den Waffen zwingt.— „Die Beſchimpfung der Kabblejaws iſt die Ur⸗ ſache!“ rief Zegher van Hemſted; und von jeder Seite wiederholten ſo Viele die Reden der Anfuͤh: rer mit lautem Geſchrei, daß Alles verwirrt durch einander klang. — Hoeks und Kabblejaws, Kabblejaws und Hoeks! hoͤrt mich an!— rief der Geiſtliche mit einer Donnerſtimme.— Was wollt Ihr haben?— Blut! Rache! und viel aͤhnliche Worte waren die Antwort auf dieſe Frage. — Das werdet Ihr bekommen, in Ueberfluß, mehr, als Ihr wuͤnſcht! Eurer Feinde Zerſtoͤrung, Eure eigene!— fuhr der Prieſter fort, in einem Tone, in einer Stellung, welche fuͤr einen Prophe⸗ ten gepaßt haben wuͤrden. Seine Worte erzeugten eine unmittelbare Ruhe unter der Menge.— Ja, ja, Ihr ſollt geſaͤttigt werden mit Blut und Rache, das verſpreche ich Euch! Wollt Ihr denn aber nicht einſtweilen einen kleinen Zeitvertreib eorneh⸗ 181 men? Sehyd verſtaͤndig, Ihr Maͤnner von Zeeland! Wenn Ihr Euch die Haͤlſe abſchneidet, ehe Ihr noch um den Preis der Geſchicklichkeit gekaͤmpft habt, ſo wird man beſtimmt ſagen, Ihr haͤttet Euch vor der Pruͤfung gefuͤrchtet, und Euch in den Tod geſtuͤrzt, um der Niederlage zu entgehen.— „Wohl geſprochen! Er hat Recht! Rudolph van Diepenholt ſoll leben!“”“ Dies konnte man un⸗ ter dem lauten Beifallsrufen vernehmen, welches auf dieſe Rede folgte. Es war augenſcheinlich, daß dieſer Bewerber um den Biſchofsſtab, das Volk, mit dem er zu thun hatte, recht gut kannte; und dadurch, daß er zugleich den Stolz und den Eigen⸗ nutz deſſelben in's Spiel zog, brachte er vollkommen die beabſichtigte Wirkung hervor. Beide Theile waren offenbar ein wenig naͤher zur Vernunft ge⸗ bracht worden. Der naͤchſte Punkt war nun, je⸗ den Theil zu verſoͤhnen, ohne irgend Eines Selbſt⸗ gefuͤhl herabzuſetzen; und das ſchien außerbalb der Geſchicklichkeit ſelbſt eines Rudolph van Diepenholt zu liegen. — Aber geſetzt auch, wir ließen es uns gefallen, unſere Rache ſo lange aufzuſchieben, bis die Belu⸗ ſtigung voruͤber, und die Preiſe vertheilt waͤren, ſo muͤſſen wir doch erſt eine Genugthuung wegen van ———— —õ—— 182—— Hemſted's Beleidigung erhalten!— ſagte Floris van Borſelen. „Das muͤſſen wir, das muͤſſen wir!“ ſchrieen die Kabblejaws. — Ehe wir unſere Schwerter in die Scheide ſtecken, muß erſt der Schimpf ausgeglichen werden, der uns durch das Erſcheinen dieſes jungen Man⸗ nes widerfahren iſt!— riefen van Hemſted und die Hoeks. „Mit welchem Rechte wagtet Ihr es, meinen Sohn zu beſchimpfen?“ fragte Borſelen. — Wie durfte er es wagen, mit dem Bur⸗ gundiſchen Zeichen auf der Bruſt unter uns zu tre⸗ ten?— erwiederten die Hoeks. „Ihr ſolltet Euch davor beugen, als dem Zei⸗ chen Eures Souverains und Lehnsherrn!“ rief eine Partei. — Eher reißen wir es herunter, und treten es mit Fuͤßen, wenn er es nicht entfernt oder verbirgt! — ſchrie die andere. Und ſo kam es dahin, daß nur durch Kampf und Blutvergießen die Sache beendigt werden zu koͤnnen ſchien. Da trat Vrank van Borſelen vor die Front ſeines Haufens, ehe noch ſein Vater oder Andere es hindern konnten, und da ſeine ſchoͤne Ge⸗ — 183 ſtalt und ſein edler Anſtand Bewunderung und Auf⸗ merkſamkeit geboten, ſprach er: „Ich verlange Gehoͤr in dieſem Streite; erſte lich als ein Fremder ſelbſt fuͤr Die, welche meine⸗ Freunde ſind; zweitens als ein geborner Zeelaͤnder und als ein freier Buͤrger; drittens als Repraͤſen⸗ tant des Herzogs Philipp von Burgund, deſſen An⸗ ſehen von wenigſtens der Haͤlfte der hier Gegen⸗ waͤrtigen anerkannt wird, und von den Uebrigen erſt noch beſtritten werden muß.“ — Hoͤrt ihn! laßt ihn ſprechen! Fangt an, fangt an!— erſcholl es von allen Seiten, und all⸗ maͤhlich begann der Haufe, ſich nach Jenem zu draͤngen, als wenn Vrank den Mittelpunkt der all⸗ gemeinen Anziehung bildete. Die Weiber kehrten nach ihren urſpruͤnglichen Plaͤtzen in dem Haufen zuruͤck, und ſelbſt die Narren kamen aus ihren Schlupfwinkeln wieder hervor, gleich den Schnecken nach einem Regen. „Ich kam hierher,“ fuhr Vrank fort,„weder, um Beleidigungen zu erweiſen, noch um dergleichen zu dulden. Ich trage das Zeichen des Fuͤrſten, dem ich diene, weil ich mich in ſeinem beſonderen Auf⸗ trage hier befinde. Allein ich kann mich nicht in meiner eigenen Perſon beleidigen laſſen bei einem 184— Ausbruche von Haß gegen meines Herrn Wappen; auch werde ich das nicht ablegen oder verhehlen, was ich, naͤchſt den Sporen an meinen Ferſen und dem Schwerte in meiner Hand, fuͤr mein ſchoͤnſtes Ehrenzeichen halte.“ Ausrufungen des Beifalls folgten dieſen Wor⸗ ten, worin ſelbſt van Hemſted einzuſtimmen ſich nicht enthalten konnte, denn es lag eine beſcheidene Unerſchrockenheit in des jungen Ritters Benehmen, das fuͤr den Tapfern unwiderſtehlich war. „Jetzt,“ nahm Brank wieder das Wort, als er ſich Gehoͤr verſchaffen konnte,„bleibt mir nur noch uͤbrig zu ſagen, was ich thun will, um den Frieden zu erhalten in dieſer ehrwuͤrdigen Verſamm⸗ lung der National⸗Staaten. Ich will mich, mit meines Vaters Erlaubniß, und hoffentlich auch mit allgemeiner Zuſtimmung, aus dieſer Verſammlung entfernen, an der ich kein perſoͤnliches Intereſſe nehme, wo ich durch meine Gegenwart Nichts zu gewinnen habe, und durch meine Abweſenheit keine Pflicht verletze.“ Ein lauter Ausbruch des Beifalls mit dieſer wuͤrdigen Art, die Schwierigkeit beizulegen, toͤnte dem Vrank von allen Seiten zu, indeß eine Partei mit der anderen wetteiferte, entweder ihren Stolz — 185 zu bewaͤhren, oder ihren Edelmuth zu entfalten. Einige von den Parteifuͤhrern verſuchten es, ſich Gehoͤr zu verſchaffen, allein die Stimme des Ein⸗ zelnen wurde von dem gemeinſamen Chor uͤbertaͤubt, waͤhrend Vrank, nachdem er von ſeinem Vater(der die Klugheit und in der That auch die Nothwen⸗ digkeit des Verfahrens einſahe) ein Wort der Zu⸗ ſtimmung vernommen hatte, ſich auf ſchickliche Weiſe aus dem Gedraͤnge zuruͤckzog; und ehe die Ver⸗ handlung eine neue Wendung nehmen konnte, um die Uebereinſtimmung, die er hervorgebracht hatte, zu ſoͤren, gelangte er zu ſeinem Pferde, ſchwang ſich in den Sattel, und verließ die Schranken des La⸗ gerplatzes. Allein er konnte dies nicht ſo geheim thun, als er wuͤnſchte, denn mehrere von ſeines Vaters Freunden, meiſt junge Leute, von einem ſtarken Gefuͤhl der Achtung bei der Maͤßigung des Junkher's*) durchdrungen, beſchloſſen, dieſe Hoch⸗ achtung dadurch zu beweiſen, daß ſie ihn uͤber die Schranken begleiteten. Da er ſeine Pflicht erfuͤllt hatte, machte er ſich wenig aus irgend einer Aus⸗ zeichnung von Seiten des Haufens aus allen Staͤn⸗ den und beiderlei Geſchlechts, die ſich bei ſeiner *) Ein Titel, der dem ‚Junger Herr' entſpricht. 186— Entfernung um ihn her draͤngten. Er hullte ſich dicht in ſeinen Mantel, und war nicht mehr von den graubemuͤtzten Kabblejaws, in deren Mitte er fortritt, zu unterſcheiden. Als ſie eben aus den Linien des Lagerplatzes hinaus ritten, zog eine Proceſſion von Buͤrgern ein; unter Andern befan⸗ den ſich auch dabei zwei Frauen, mit Masken und zu Pferde, begleitet von einem einzigen Diener, der dicht hinter ihnen ritt; ſein weiter Mantel und ſeine Kopfbedeckung oder Kapuze(welche ohne Un⸗ terſchied von beiden Geſchlechtern damals getragen wurde) geſtatteten Niemandem, das maͤnnliche und weibliche Incognito zu durchdringen. Als die Gruppe der jungen Kabblejaws den Neuangekom⸗ menen Platz machte, ließ ſie manche Spaͤße und nicht ſehr feine Bemerkungen uͤber die Masken und deren Begleiter laut werden. Ein ſchnelles Antrei⸗ ben der Pferde bewies aber, daß die Reiter keinen ſonderlichen Gefallen an den Spaͤßen faͤnden, und ihnen ſo bald als moͤglich zu entgehen ſuchten. Wenige Minuten ſpaͤter nahm Vrank von ſei⸗ nen neu erworbenen Freunden Abſchied, er mit fei⸗ ner Zuruͤckhaltung, ſie mit prahleriſcher Herzlichkeit. Sie uͤberſchuͤtteten ihn mit einer Menge Einla⸗ dungen auf ihre und ihrer Vaͤter Schloͤſſer, und 187 verſprachen ihm ihren baldigen Beſuch zu Evers⸗ dyke; beim Abſchiede gruͤßten ſie ihn noch mit lau⸗ tem Geſchrei, dem er dadurch entging, daß er ſei⸗ nem Pferde die Sporen gab, und ſchnell den Weg zuruͤck einſchlug, auf dem er gekommen war. Nach⸗ dem er wenige Minuten fortgeritten, verlor ſich der Nachruf, und die Laͤrmenden kehrten zu ihren Be⸗ luſtigungen zuruͤck. Er ſelbſt blickte hinter ſich auf die Scene, die er verlaſſen hatte, zuruͤck, mehr aus Neugier oder Verdrießlichkeit, als um ſie ſeinem Gedaͤchtniſſe recht einzupraͤgen. Er ſchaute auf die luſtig daſtehenden Zelte, auf die ſchimmernd wehenden Flaggen, vor Allem auf das weiße Banner, denn der Nebel ſtieg oder zerſtreute ſich, und die Sonne be⸗ ſtrahlte nun den ganzen Schauplatz, und enthuͤllte die Wogen der Fluth, welche wie ſchnee⸗ oder ſil⸗ bergekroͤnt an's Ufer ſchlugen. Zur Rechten erho⸗ ben ſich die Thuͤrme von Tergoes in die Luft, gleich als ſchuͤttelten ſie von ihren traͤgen Haͤuptern die neblichten Duͤnſte, ſo wie ein eben Erwachter ſich langſam von den Wolken des Schlafs befreit. Vrank mußte ſich geſtehen, daß die Gegend umher wirklich ſchoͤn und eigenthuͤmlich war. Al⸗ lein lange Gewohnheit, ſtaͤrker ſelbſt als der Reiz der Neuheit, machte, daß er ſich zuruͤckſehnte nach 188 dem Zauber ſuͤdlicher Landſchaften, in all' ihrer Mannichfaltigkeit von Thal und Huͤgeln und Baum⸗ gruppen; und dieſe Seegegend, wenn auch in ihrer Art recht angenehm, ermangelte doch des ſtarken Bandes anziehender Erinnerungen, um ihn durch⸗ aus zu befriedigen. Er wandte abermals ſein Pferd, und, verſinkend in tiefes Sinnen, eine Stim⸗ mung, welche oft auf den Sturm lebhafter Aufre⸗ gung folgt, ließ er das Thier ſeinen ruhigen Schritt fortgehen, und die unruhvolle Scene, der er eben entgangen war, wurde ſeinem Gemuͤthe bloß durch die fernen Toͤne der Muſik gegenwaͤrtig erhalten, worin ſich einzelne Rufe miſchten, die ihn lehrten, daß die Uneinigkeit nunmehr beſeitigt ſeh, und die Spiele ihren Anfang genommen haͤtten. Wir koͤnnen Vrank van Borſelen nicht in all den verſchiedenen Traͤumereien folgen, die ſein Ge⸗ muͤth in den zwei Stunden beſchaͤftigten, die er auf ſeiner Ruͤckkehr nach Eversdyke zubrachte. Die wechſelnd in ihm auftauchenden Betrachtungen gli⸗ chen an Schnelligkeit den beweglichen Wogen der See, die er ſich zur Seite erblickte, als er auf der Hoͤhe des Dammes hinritt, der ſie von den frucht⸗ baren Ebenen trennte, die ihm zur Linken blieben; und ſeine Gedanken wurden, wie dieſe Wellen, von 189 einem glaͤnzenden und geheimnißvollen Einfluß be⸗ wegt, den ihre Ebbe und Fluth verurſachte. Vrank dachte indeß jetzt keinesweges uͤber die Lehre von Ebbe und Fluth nach, obgleich ihm ein analoges Gefuͤhl zur Entdeckung des Geheimniſſes haͤtte lei⸗ ten koͤnnen, welche lange nach ſeiner Zeit erſt ge⸗ macht werden ſollte. In tauſend verſchiedenen Ge⸗ ſtalten ließ er die Hauptgegenſtaͤnde, die ſein Ge⸗ muͤth beſchaͤftigten, an ſich voruͤbergehen; mochten ſie dann auch eine Wendung nehmen, welche ſie wollten, immer waren es die Worte und Blicke der unbekannten Jaͤgerin, welche Allen den eigentlichen Ton zu geben, und um die ſich Alle zu drehen ſchienen. Neuntes Kapitel. Nicht ſo bald hatte ſich Vrank von dem Lager⸗ platze zuruͤckgezogen, als ein Jeder aus der Ver⸗ ſammlung, der noch vor wenig Minuten zum Kam⸗ pfe bereit geweſen war, ſich thaͤtig mit Vorberei⸗ tungen zu dem Spiel beſchaͤftigte, das er ſo ſchnell aufgegeben hatte. Die Bogenſchuͤtzen nahmen ihre Stellungen in kleinen Trupps oder Pelotons, deren jeder unter den Befehlen Eines aus den Er⸗ fahrenſten der verſchiedenen Bruͤderſchaften gewaͤhl⸗ ten Fuͤhrers ſtand. Edle, Buͤrger und Landleute ſpannten ihre Bogen, und legten ihre Pfeile dar⸗ aauf mit einer offenen Gleichſtellung, die, fuͤr Einen Tag im Jahre wenigſtens, Stolz, Geiz und ſkla⸗ viſche Denkart(die natuͤrlichen Zeichen der ver⸗ ſchiedenen Staͤmme) in dem Gefuͤhle einer ſchoͤnen und edlen Rivalitaͤt untergehen ließ. Die Narren der verſchiedenen Geſellſchaften, die einzigen privile⸗ ——— — 191 girten gegenwaͤrtigen Feiglinge, welche ohne Schande ausreißen konnten, wenn Andere, ob auch nur des Schimpfes halber, genoͤthigt waren, Stand zu hal⸗ ten, aͤußerten jetzt frei und offen das Vergnuͤgen, welches viele Andere unterdruͤckten, aus Furcht, man moͤchte ſie fuͤr zu gluͤcklich halten, der allgemeinen Gefahr entronnen zu ſeyn. Allein die wahrhaft Tapferen,— und dies war denn auch die groͤßte Mehrzahl,— ſtimmten in die lauten Freudenrufe und Aeußerungen ein, denn Diejenigen, welche am be⸗ reiteſten ſind, aus einer gerechten Urſache des Strei⸗ tes zu fechten, ſind auch ſtets die Erſten, welche das Vergnuͤgen anerkennen, der Nothwendigkeit da⸗ zu uͤberhoben zu ſeyn. Die kleinen Pylrapers, oder Pfeilſammler, leicht bekleidete Knaben, mit aus Baſt geflochtenen Huͤten, Jeder einen ſchmalen Koͤ⸗ cher am Arme, um die aufgefundenen Geſchoſſe hineinzuſtecken, nahmen ihre Poſten ein, und die Narren begannen ihre Poſſen, welche einen Haupt⸗ zug in den Erſcheinungen des Tages ausmachten. Ein beſtimmter Preis und einige Privilegien fuͤr das folgende Jahr waren der Lohn Deſſen, der ſich durch eine hoͤhere Miſchung von Abgeſchmacktheit mit dem gemeinen Witze auszeichnete, den die rohe Manu⸗ factur vaterlaͤndiſcher Poſſenhaftigkeit geſtattete. Es 192 wurden nun vielerlei Anſtrenguugen von Denen, welche ‚die Vielfarbigkeit auf ihren Haͤuptern tru⸗ gen,“ gemacht, die Menſchheit zu den groteskeſten und erniedrigendſten Geſtalten zu verzerren; ſie Alle zeigten ſich in einer ihrem Geſchmacke am be⸗ ſten zuſagenden Vermummung, entweder als mißge⸗ ſtaltete Ungeheuer, oder als erzwungene Darſtellun⸗ gen von vierfuͤßigen Thieren und Voͤgeln. Nur Einer zeichnete ſich durch einen ſatyriſchen Zug in ſeiner Ver⸗ wandlung aus, indem er mit Fiſchſchuppen bedeckt erſchien, wie ein ungeheures Seethier, nebſt einem kuͤnſtlichen, nach Art der Kabblejaws aufgebundenen Schwanze; an dem furchtbaren Ebenbilde eines Stockfiſchkopfes, das ſeinen wirklichen Kopf bedeckte, hing ein gewaltiger Haken, und oben auf der Spitze deſſelben ſaß eine Muͤtze, ganz nach dem Schnitte und der Form beider Parteien, die eine Seite aus grauem, die andere aus rothem Tuche gemacht. Dieſer Menſch trieb ſich unter den ver⸗ ſchiedenen Haufen mit der Unparteilichkeit eines Stellenjaͤgers umher, indem er ſich bald zu der ei⸗ nen, bald zu der andern Partei hielt, Geld von je⸗ der nahm, Allen auf eine ſo glatte, einſchmeichelnde, ſich nach allen Winden drehende Art um den Bart ging, — — S 193 ausgefochtene Schlacht ging, daß er, mehr als eine an beide Parteien in gute es vermocht haben wi Laune verſetzte. In Kurzem war Alles angeordnet, und die Bolzen und Steine flogen von den Armbruͤſten und Bogen mit Geſaus oder Geziſch entweder einzeln oder in ganzen Schwaͤrmen durch die Luft, je nach⸗ dem es die Ordnung des Tages erheiſchte. Die drei beſtimmten Vogelgeſtalten, bloß von bemaltem Holze, wurden nach einander von den drei Staͤn⸗ den der Verſammlung zum Schuß gewaͤhlt, verfehlt oder getroffen, indem jeder ein eigenes Ziel zu ſei⸗ ner beſonderen Uebung hatte. Das unbeſtimmte, vorher erwaͤhnte Gefieder aber wurde fuͤr die all⸗ gemeine Geſchicklichkeitsprobe aufgeſpart, an der alle Staͤnde auf gleiche Art Antheil zu nehmen berech⸗ tigt waren. Dieſer Vogel war ſo eingerichtet, daß er, wenn er an einem der aͤußerſten Theile getrof⸗ fen wurde, ſich drehte um die eiſerne Spindel, auf der er an der Stange befeſtigt war; wurde er aber in dem Mittelpunkte des Koͤrpers, oder an dem Theile getroffen, den man als den Sitz des Lebens ſich einſtweilen vorſtellte, ſo ſprang vermittelſt einer Feder eine Lorberkrone oder ein Blumenkranz her⸗ vor, der dem gluͤcklichen maͤnnlichen oder weiblichen I. 9 194 Schuͤtzen ſogleich aufgeſetzt wurde, denn auch die Weiber waren bei dieſer Gelegenheit von dem Rechte des Bogenſchießens nicht ausgeſchloſſen. 5 Nachdem nun eine gewiſſe Anzahl von Schieß⸗ verſuchen nach den drei ungefiederten Bildern ge⸗ macht worden, zog man Looſe, um die Ordnung bei der Ehre, nach dem andern zu ſchießen, zu beſtim⸗ men. Man bemerkte, daß Einige von den leiten⸗ den Vorſtehern, deren Einer auch Zegher van Hem⸗ ſted war, eine nicht ſo ganz ehrliche Vertheilung der Looſe machten, als dieſe von den verſchiedenen Bewerbern gezogen wurden, und man fand, daß die beiden erſten, Zweien von ſeiner eigenen Partei zu Theil wurden, das dritte aber auf Eine der maskirten Damen ſiel, welche in einem ſo ſpaͤten Zeitpunkte der Verſammlung auf dem Schauplatze ſich eingefunden hatten; die niederen Mitglieder ka⸗ men an die Reihe, ohne Unterſchied, ob Hoeks oder Kabblejaws, Maͤnner oder Frauen, Der erſte Bogenſchuͤtze, ein geuͤbter Zieler, be⸗ deckt mit Medaillen, den Zeichen ſeines fruͤheren Gluͤckes, ſchoß ſeine drei Bolzen ohne Wirkung ab, da er bloß eine Feder aus dem Schwanze des Vo⸗ gels traf und trennte. Der zweite Bewerber, ebenfalls ein bewaͤhrter Mann, und gleich dem Er⸗ 195 ſten decorirt, war kaum gluͤcklicher, denn nachdem er mit den erſten beiden Bolzen gefehlt hatte, ſtreifte er mit dem dritten bloß den ausgebreiteten Fluͤgeh ſo daß ſich der Vogel auf der Spindel einige MNi⸗ nuten lang umdrehte. Dies aber berechtigte ihn keinesweges zu dem Preiſe. Die maskirte Dame ergriff jetzt zunaͤchſt ihre Armbruſt, und, ſicher zielend ſie anlegend, ſchoß ſie den Bolzen in gerader Richtung ab, traf damit die rechte Stelle, und ſchuͤttelte ſomit einen Regen von Federn herab, indeß die Lorberkrone ſich dabei triumphirend erhob. Ein Jubelruf, der faſt klang, als waͤre er vor⸗ her einſtudirt geweſen, wenn er nicht auf der Stelle erfolgt waͤre, brach von den Hoeks los, die ſich ſo⸗ gleich um die ſchoͤne Armbruſtſchuͤtzin draͤngten, denn ſchoͤn mußte ſie, der Meinung nach, ſeyn. Die Ge⸗ genpartei vereinigte ſich zu gleichen Beifallsbezeigun⸗ gen fuͤr Diejenige, welche keiner Partei anzugehoͤ⸗ ren ſchien. Die Lorberkrone wurde nun von der Spindel herabgenommen, herbeigebracht, und den Haͤnden Floris van Borſelen's uͤbergegeben, der der aͤlteſte der Richter, und unter allen Edlen ohne Unterſchied ausgewaͤhlt war. Er nahm dieſes Sinn⸗ bild der Ehre, trat zur Dame hin, die ſich anmuths⸗ 9* 196 Q/˖—˖˖˖q——— voll auf ihre Armbruſt lehnte, ſetzte ihr den Kranz aufs Haupt, indem er dabei einige Complimente ausſorach, und laut rief: „Lang lebe unſre ſouveraine Frau...“ „Die Arbalette!“ wuͤrde er hinzugefuͤgt haben, gemaͤß der bei ſolchen ſcherzhaften Kroͤnungen uͤbli⸗ chen Redensart, allein die Rede wurde ihm von Hemſted und ſeinen Freunden kurz abgeſchnitten, die mit lautem Geſchrei van Borſelen's Worte wie⸗ derholten. — Lang' lebe unſere ſouveraine Frau!— toͤnte es laͤngs der Bucht hin, ein Ruf, der ſich endlich in der Sandflaͤche verlor, und auf der See erſtarb, welche ihn durch kein Echo zuruͤckgeben konnte; und als mit achtungsvoller Gewalt, der Sitte gemaͤß, die Maske der Dame abgenommen ward, erblickte der ſtaunende Haufen das ſchoͤne und ſtrahlende Angeſicht Jaequelinens von Holland. Schnelligkeit und Liſt ſchienen an dieſem Tage die Haupttaktik der Hoeks zu ſeyn, ſo wie Ueber⸗ raſchung und Beſtuͤrzung das Loos ihrer Gegner. Die Kabblejaws ſtanden da mit offenem Munde und ſtieren Augen, treue Abbilder ihres Fiſchwahr⸗ zeichens. Ein dicht geſchloſſener Phalanx von An⸗ haͤngern nahm nun ſeine Stellung hinter Jacqueli⸗ —,——— — 197 nen und zur Seite derſelben, und Dieſe ſtand an ihrer Spitze mit dem ihr eigenen Ausdrucke von Unerſchrockenheit, wenn es galt mit einer Gefahr zu kaͤmpfen oder eine Schwierigkeit zu beſiegen. Die Parteiführer ſchloſſen ſich dicht an ſie an, um jedes Wort, das ſie vorbrachte, mit Beifall zu un⸗ terſtuͤtzen, oder was ſie eben befehlen moͤchte, ſo⸗ gleich mit allem Eifer auszufuͤhren. „Brave Zeelaͤnder!“ ſagte ſie mit feſtem Tone, „meine Unterthanen und meine Freunde, ich bin hierher gekommen, um Euch die Nothwendigkeit ei⸗ nes Streites zu erſparen, der auf dieſe Beluſtigun⸗ gen folgen ſollte; ich befinde mich hier, um mein Erbrecht als Eure Beherrſcherin in Anſpruch zu nehmen. Wer ſollte dieſes beſtreiten wollen? Scheint es doch der Himmel ſelbſt zu beſtaͤtigen! Wer wagt es wol, ihm zu widerſprechen? Hat nicht ein Wunder dieſen Arm faͤhig gemacht, beim erſten Verſuche den Preis in dieſen Euren Spielen zu gewinnen? Eure eigenen Haͤnde, ſelbſt ohne Euren Willen, haben dieſes Zeichen der Herrſchaft auf meine Stirn geſetzt,— Eure eigenen Stim⸗ men, unwillkuͤrlich die Vollziehung der Gerechtig⸗ keit ausſprechend, haben meine Gewalt ausgerufen.“ 198 Van Borſelen und ſeine Partei begannen ſich jetzt von ihrem Erſtaunen zu erholen, und es ent⸗ ſtand unter ihnen ein mannichfaches Gemurmel. — Es war eine bloße Liſt— unſere Worte wurden unterbrochen— es war nie unſere Mei⸗ nung, Euch als etwas Anderes, denn als Koͤnigin dieſer Spiele auszurufen— wir verwerfen Eure Anſpruͤche auf unſere Vaſallenpflicht— wir erken⸗ nen Euch nicht als unſere Beherrſcherin an!— Das waren die Aeußerungen der Kabblejaws. Die Hoeks ließen dagegen den Ruf erſchallen: „Lang' lebe unſere ſouveraine Frau! Lang' lebe Jacqueline, Graͤfin von Holland, Zeeland und Hennegau!“ Und als der allgemeine Ruf verhallt war, wurde dieſelbe Weiſe von einer einzigen kreiſchenden Sdtimme, naͤmlich der des die doppelten Farben tra⸗ genden Narren aufgenommen, welcher im rauhen Tone ſchrie: — Lang' lebe Jacqueline!— und ſich dann ſchnell an die Spitze ihrer Partei ſtellte. „Hoͤrt mich, Ihr irregeleiteten Maͤnner!“ rief die Graͤfin, indem ſie mit der Hand um Stil⸗ ſchweigen gegen van Borſelen und ſeine Partei hin winkte.„Iſt Jemand unter Euch, der uͤber Eure — 199 Behauptungen nachzudenken, und meinen Anſpruch durch Gruͤnde zu beſtreiten vermag? Ich bin be⸗ reit, ihm Gehoͤr zu ſchenken, und will durch den Mund meiner treuen hier anweſenden Anhaͤnger auf jede mir zu machende Einwendung widerlegend ant⸗ worten.“ — Ich nehme dieſe Ausfordeeung an, Graͤfin! — ſagte van Borſelen,— denn als ſolche erkennen wir Euch an, obgleich nicht mehr als unſere Be⸗ herrſcherin, da Euer Geburtsrecht durch Vermaͤh⸗ lung auf Euern Ehegemahl, unſern geſetzlichen Herrn, uͤbergegangen, und von ihm dem maͤchtigen und glanzumſtrahlten Fuͤrſten Philipp dem Guten, Her⸗ zog von Burgund, Gouverneur und Penſionair von Holland und Zeeland, dem Gott langes Leben ſchenken moͤge, uͤbertragen worden iſt.— „Lang' lebe Herzog Philipp, unſer Gouberneuee⸗ und Penſionair!“ erſcholl es aus den Reihen der Kabblejaws. — Es lebe Philipp!— rief der Narr, ſich nach der Seite des letzten Schreienden hinwendend, und mit den Glöͤckchen, die von ſeiner Kappe her⸗ abhingen, klingelnd, indeß er mit ſchmunzelndem Laͤcheln, wie es ſchien, nach beiden Theilen hin⸗ ſchaute. 200 „So ſprecht denn, Herr van Borſelen!“ rief van Hemſted;„vertheidigt Eure Verraͤtherei, und ſtellt jenes ſinnloſe Geſchrei ein, woruͤber ſelbſt die Nar⸗ ren veraͤchtlich lachen.“ — Ihr, Ihr ſeyd ein Verraͤther, Herr van Hemſted! Ich gebe Euch Euern thoͤrichten Vorwurf zuruͤck. Iſt nicht Herzog Johann Euer Lehnsherr, wie er der meinige iſt? Iſt nicht Philipp ſein ge⸗ ſetzlicher Abgeordneter? „Weder Eins noch das Andere! Unſer Sou⸗ verain iſt dieſe Fuͤrſtin hier, der Sproͤßling und die Nachfolgerin von ſechs und zwanzig Grafen, und kraft ihres eigenen Rechts unſere Lehnsfrau. Eine ungeſetzliche, bloß dem Namen nach beſtehende Ehe mit ihrem Vetter, dieſem Schatten von Maͤnnlich⸗ keit und Fuͤrſtlichkeit, kann ihr Recht nicht antaſten, welches ich und meine Freunde aufrecht zu halten bereit ſind.“ 3 — Ihre Ehe war geſetzlich durch heilige Dis⸗ penſation!— rief Roland Uterken, der Vater des jungen Mannes, deſſen Verſtaͤrkungen von Flan⸗ dern aus ſtuͤndlich von den Kabblejaws erwartet wurden. „Sie iſt nun aufgeloͤſt durch ein geheiligt Re⸗ ——— — 201 ſcript,“ verſetzte Aren von Hemſted, Zeghers Bruder. — Das iſt unwahr!— rief van Borſelen,— ob uns gleich bekavig iſt, daß ein ſolches Reſcript von Gloceſter nathgoſucht worden, von Glöcrſtn ihrem Buh... „Halt! halt Freund Floris!“ ſagte der Narr, indem er ſeine Hand auf van Borſelens Mund legte;„haͤttet Ihr dieſes haͤßliche Wort ausgeſpro⸗ chen, ſo wuͤrde der Beweis am Ende mit Schwer⸗ tern, und nicht mit Zungen gefuͤhrt worden ſeyn.“ — Weg mit dem unverſchaͤmten Duns!— rief van Borſelen, indem er den Narren auf die Seite ſtieß. „Privilegium! Privilegium!“ ſchrie der Letz⸗ tere.„Ihr Narren Alle! ſteht Eurem Gefaͤhrten bei! Wer wird dann wol als Gegner fuͤr mich uͤbrig bleiben?“ — Wird denn Niemand dem vermummten Kerl das Maul ſtopfen?— rief van Borſelen. „So laßt doch den alten Floris ſeinen Unſinn fortſchwatzen! Privilegium fuͤr Heer Borſelen! Privilegium! Privilegium!“ rief der Narr abermals, und entſchluͤpfte den Haͤnden Derer, die ſich eben 9** 202 nicht ſehr anſtrengten, ihn feſtzuhalten, indem er zur Partei der Gegner hinuͤber tanzte, die ihn bei ſei⸗ ner Ruͤckkehr mit lautem Gelaͤchter begruͤßte. — Und abermals ſag': es iſt falſch, daß die Ehe aufgeloͤßt, oder der Contract mit Gloceſter von dem Papſte beſtaͤtigt worden ſey,— nahm van Borſelen mit ungeſtuͤmer Ernſthaftigkeit wieder das Wort, indem er ein Pergament hervor zog,— hier iſt die erwartete Copie des Schreibens Seiner Heiligkeit an die Herzoͤge von Burgund und Bra⸗ bant, um die Behauptung zu widerlegen.— „Und hier iſt des Papſtes Eheſcheidungsbulle!“ rief der Mann, der Jacquelinen und Beyling be⸗ gleitet, und bis jetzt dicht neben der Erſten geſtan⸗ den hatte; dabei hielt er eine Rolle in die Hoͤhe, indem er ſeine Kopfverhuͤllung abwarf, und die rohe Geſtalt Ludwig's van Monfoort, in dem vollen Co⸗ ſtuͤm ſeiner Partei, zeigte. Ein lauter, gellender Freudenruf brach von den Hoeks aus, als ſie ihren unerſchrockenen Fuͤhrer er⸗ kannten, den Einige erwartet hatten, Andere aber beſtimmt unter ſich wußten. Die Tapferſten der Kabblejaws erſchraken auf einen Augenblick, als ſie ihren ſtolzeſten Gegner erblickten, den ſie ſaͤmmtlich 203 auf ſeiner einſamen Inſel Urk in Verbannung glaubten. — Bravo! bravo!— rief der Narr.— Lang' lebe der alte Ludwig! Lang' lebe Jacqueline! Lang' leben die Hoeks! Das heißt, ſo lange, als ſie die Oberhand haben!— 2 „Das iſt ja recht ſchoͤn, recht paſſend in allen ſeinen Theilen!“ ſagte Floris van Borſelen, der ſeine Selbſtbeherrſchung wieder erhielt, doch noch immer im unvollkommenen Ausdrucke der Leiden⸗ ſchaft.„Gaukelei, Betrug, Verrath, Alles verei⸗ nigt! und ein verbannter, treubruͤchiger Vaſall an der Spitze von Allem!”“ — Floris van Borſelen! ich ſchwoͤre es Dir bei dem Blute der Maͤrtyrer! dieſe Deine Worte ſollen Dir wieden im Halſe ſtecken bleiben in dem Todeskampfe, den Dir dieſe Hand bereiten wird.— er Van Monſfoort ſprach dieſe Drohungen mit einem Tone und Blicke aus, worinnen ſich eine ſo ruhige und doch furchtbare Wildheit malte, daß da⸗ von Freunde und Feinde durchbebt wurden. Er ergriff ſeine Halsberge mit der einen Hand, und ſchlug mit der andern den Kragen ſeines Mantels 204 auf die Seite, als ob beide ihn beengten; dann brach er zuerſt das Stillſchweigen: — So viel von unſerer eigenen Angelegenheit nun zu der wichtigeren dieſer Verſammlung! Maͤn⸗ ner von Zeeland! ich fordere Euch feierlich auf, Euren Huldigungseid zu ſchwoͤren Jacquelinen, un⸗ ſerer rechtmaͤßigen Beherrſcherin! Hier iſt die Bulle, welche ihre Ehe mit dem ausſchweifenden, gebrand⸗ markten Johann von Brabant aufhebt, und ihre Rechte auf Eure Treue und Lehnsbande beſtaͤ⸗ tigt.— „Mitbuͤrger und Freunde! laßt Euch nicht durch Schmeicheleien oder Drohungen verfuͤhren oder einſchuͤchtern!“ rief van Borſelen;„obgleich Hol⸗ land das Beiſpiel des Aufſtandes und der Empo⸗ rung gegeben hat, ſo laßt doch unſere Inſeln feſt bleiben und rechtlich! Gebt weder dieſem Hollaͤn⸗ der Gehoͤr, noch den ausgearteten Zeelaͤndern, die ihm folgen! Sein Vorgeben iſt falſch, jenes Per⸗ gament muß nachgemacht ſeyn! Hier iſt der Brief des Papſtes, unterzeichnet von ſeiner heiligen Hand, und beſiegelt mit dem Siegel des heil. Petrus.“ — Leſt, leſt das Schreiben!— riefen ſogleich hundert Stimmen. „Ach, meine Freunde! Ihr verlangt mehr, als 20⁵ ich leiſten kann,“ verſetzte Floris;„das heilige Do⸗ cument iſt Lateiniſch geſchrieben.“ — Nun, ſo leſ't denn Eure Bulle, van Mon⸗ foort!— rief der Haufe. „Bei der heiligen Meſſe!“ ſagte Dieſer mit grinſenden Laͤcheln;„Ihr habt ein Wunder gethan, Ihr habt van Borſelen und mich auf gleiche Linie geſtellt. Dieſes Blatt iſt ebenfalls Lateiniſch— wenigſtens glaub' ich's, doch kann ich als gewiß be⸗ theuern, daß es nicht Hollaͤndiſch iſt, und weiter reicht meine Geſchicklichkeit nicht.“ — Auch in dieſer beſitzt Ihr nicht viel!— ſagte der Narr, indem ein dumpfes Gemurmel von Lachen durch beide Parteien lief. Der Narr aber, der bereit ſchien, jede Gelegenheit zu benutzen, die gute Stimmung wieder herzuſtellen, tanzte in die Mittt des Haufens hinein, und ſprach: — Ich ſagte Euch ja, wenn Ihr eines Wei⸗ ſen beduͤrftet, ſo muͤßtet Ihr nach Bethlehem ſchik⸗ ken. Allein, da die Weisheit auch aus eines Nar⸗ ren Munde kommen kann, was meint Ihr, wenn Ihr den Rudolph van Diepenholt beide Rollen leſen ließet?— Ein Ruf des Beifalls war die Antwart, und ſogleich wurde ‚der Pfarrer von den Fiſcherboͤten“ 206 herbei gebracht. Er ſchien zu dem Geſchaͤft fertig und bereit, und indem er die Documente von den feindlichen Anfuͤhrern empfing, unterſuchte er ſie ge⸗ nau, indeß ein feierliches und aͤngſtliches Schweigen von den dichten Haufen beobachtet wurde, die den Raum, welcher beide Parteien von einander trennte, immer mehr verkleinerten. — Zuruͤck, zuruͤck! Ihr Lumpengeſindel! Zu⸗ ruͤck, Ihr Hoeks! Zuruͤck, Ihr Kabblejaws!— ſagte der Narr, indem er die Reihen auf beiden Seiten auf und nieder rannte, den Vorderſten mit den Schellen ſeiner Kappe in's Geſicht klingelte, und ſo den Haufen in angemeſſenen Schranken hielt.— Zuruͤck Alle! Wollt Ihr denn den wuͤrdigen Prie⸗ ſter erſticken, und ſo das achte Wunder der Welt vernichten? und mich dazu, den einzigen Narren unter Euch, der den Verſtand hat, weiſe zu han⸗ deln, und die Weisheit, Unverſtand zu reden. Ich verſichere Euch, Seine Ehrwuͤrden braucht Luft; denn wenn er nicht ein Paar Paͤpſte in ſeinem Halſe zu ſtecken hat, ſo will ich mich anheiſchig machen, meine Kappe mit Schellen und Allem zu verſchlingen.— „Allerdings! der Narr hat die Wahrheit ge⸗ troffen,“ ſagte Rudolph,„und Keiner dieſer ſtolzen 207 Edlen hat ſich durch eine Luͤge entehrt; dieſe Ur⸗ kunden ſtammen von den nebenbuhleriſchen Paͤpſten her. Van Borſelen's Schrift iſt unterzeichnet von Martin V., und die van Monfoort's von Bene⸗ diet XIII.“ — Was? von Peter de Luna, dem Spaniſchen Betruͤger? der alten Olla Podrida?— rief ſpoͤt⸗ tiſch Roland Uterken. „Und iſt er nicht eben ſo gut, als ſein italieni⸗ ſcher Nebenbuhler, der hartnaͤckige Antichriſt?“ ver⸗ ſetzte Zegher van Hemſted. — Antichriſt in Euern Hals hinein!— ſagte van Borſelen. „Was fuͤr eine Huſten erregende Pille gebt Ihr da meinem armen Freunde Zegher!“ ſagte der Narr in dem Jone ſpoͤttiſchen Mitleids. — O! macht doch dieſen Mißhelligkeiten ein Ende, Ihr Herren!— rief Rudolph van Diepen⸗ holt,— ſie bringen Euch bloß Zeitverluſt, und er⸗ muͤden die Geduld jedes vernuͤnftigen Menſchen. Vermoͤgen denn die Ausſpruͤche zwei ſich entgegen⸗ ſtrebender Paͤpſte ſo Viel, daß ſich eine Nation deßhalb bekaͤmpfe? Was ſind denn dieſe neben⸗ buhleriſchen Prieſter? Geht der Eine vorwaͤrts, ſo geht der Andere ruͤckwaͤrts;— der Eine gleicht ei⸗ * 208 nem Thiere, das das Land ſcheut; der Andere ei⸗ nem, das ſich vor dem Waſſer fuͤrchtet.— „Das iſt unehrerbietig von Deiner Seite, Ru⸗ dolph!“ ſagte van Borſelen.„Bedenke doch, daß Du ein Prieſter biſt, ob ich gleichwohl weiß, kein ganz reiner. Nach Lollhard's und Wiklef's Grund⸗ ſaͤtzen ſchmecken auch die Deinen,— Du biſt nicht viel beſſer, als ein Ketzer— im beſten Falle ein Reformer, der der Kirche und dem Staate den Kopf verdrehen moͤchte.“ — Wenn er doch ſeine Kunſt auch an ande⸗ ren leeren Koͤpfen verſuchen koͤnnte!— ſagte der Narr, indem er ſich ſchnell außer dem Bereich der erzuͤrnten Kabblejaws begab. „Ich bitte Dich, van Borſelen, laß mich aus dem Spiele!“ ſagte Rudolph, der ſich durch dieſen ernſthaften Ausfall gegen ihn nicht verwirren ließ. „Laß uns bei der Streitigkeit dieſer Paͤpſte blei⸗ ben. Warum ſollte denn Jacqueline ſich nach dem Martin bequemen?“ — Er hat ihre Ehe guͤltig geſprochen,— ſagte Einer von den Kabblejaws. „Der beſte Grund fuͤr ihre Unguͤltigkeit, denn er iſt ja ſelbſt nur ein Uſurpator!“ rief eine Skinnndes aus dem Haufen der Hoeks. 209 — Nach meiner Meinung— nahm Rudolph wieder das Wort,— ſind die Handlungen keines dieſer ſich ſelbſt ſo nennenden Paͤpſte einen Stroh⸗ halmen werth, und da Beide eigentlich Nullen ſind, ſo muß man die Graͤfin als frei betrachten, nach den Ausſpruͤchen der Natur und Vernunft zu han⸗ deln. Was? Sollen denn dieſe alten und abge⸗ lebten Prieſter fuͤr den kurzen Reſt ihrer Tage Pri⸗ vatfrieden und die Seligkeit der chriſtlichen Welt gefaͤhrden? Was iſt denn der verlorne Scepter, den dieſe geiſtlichen Souveraine ſchwingen?— „So Etwas!“ ſagte der Narr, ſeine Pritſche empor haltend. — Was iſt die Tiare auf ſolchen Schwach⸗ koͤpfen?— rief der Canonicus, nicht achtend auf die Unterbrechung oder das Gelaͤchter, das ſie ver⸗ urſachte. „Eine Narrenkappe ohne Schellen!“ erwiederte der Narr.. — Still! ſtill, mein junger Freund!— ſagte Rudolph laͤchelnd.— Jedes Ding hat ſeine Zeit, auch die angenommene Narrheit kann außer der rechten Zeit kommen.— „Nicht eher, als bis die Weisheit in die Mode 210 kommt. Da hab' ich denn noch lange Zeit zu mei⸗ nen Spaͤßen!“ verſetzte der Narr. — Gebt mir den Brief des Papſtes zuruͤck!— rief van Borſelen mit Ernſt und Strenge.— Es iſt umſonſt, mit Gruͤnden gegen Pflichtvergeſſenheit und Rebellion aufzutreten. Dieſe Verſammlung wird am beſten nun wohl aufgeloͤſ't. Wer es treu haͤlt mit ſeinem rechtmaͤßigen Herrn, und feſt zu ihm ſteht, der mag mir folgen. Und Ihr, hartnaͤckige Maͤnner, die Ihr es mit der Sache dieſer falſchen Graͤfin haltet, deren Verbrechen ich nicht mit Na⸗ men bezeichnen will, wißt, daß in dieſem Augen⸗ blicke eine Macht uns vielleicht zu Huͤlfe kommt, die Euern Aufſtand vernichten wird, ehe noch der große Philipp ſelbſt erſcheint.— 5 In dieſem Augenblicke ſah man einen Blitz aufleuchten durch den fernen Nebel, der weit hin⸗ aus in der See ſich in eine dicke, aber ſonnenhelle Wollke gebildet hatte, und uͤber dem Waſſer ſchwebte gleich einem ungeheuren Vogel, der ſich nicht zur Flucht erheben konnte. „Seht Ihr dieſen Blitz,“ ſagte Rudolph van Diepenholt;„hoͤrt Ihr das Geraͤuſch?“ und ein dumpfer Ton rollte uͤber das Waſſer hin, und er⸗ ſtarb matt, als er die Kuͤſte erreichte.„Abermals! 211 noch Einer! Das ſind keine zufaͤlligen Donner⸗ ſchlaͤge, Maͤnner von Zeeland! das ſind die Sig⸗ nale menſchlicher Hulfe, geſendet vom Himmel in der Sache der Tugend und des Rechtes! Hoͤrt Ihr, wie das Geſchuͤtz donnert, und wie die Muſik auf dem Gewaͤſſer toͤnt? Das ſind die Herolde von Englands Macht, von des großen Gloceſter Freundſchaft, zu erfreuen alle brave Herzen, und zu quaͤlen alle falſchen! Jetzt, mein braver Narr, kannſt Du huͤpfen und ſpringen vor Freude!“ — So fahre denn hin, du Narrenkappe, du thoͤrichtes Factionszeichen; fahre hin, meine Prit⸗ ſche, du poſſenhaftes Emblem der Gewalt! Die Weisheit moͤchte heut zu Tage den Narren ſpielen; ſoll denn die Narrheit nicht lernen, weiſe zu wer⸗ den!— ſo rief der groteske Repraͤſentant des viel⸗ farbigen Parteigeiſtes, welche Maske er bloß an⸗ genommen hatte, um ſeinen Plan auszufuͤhren; mit jedem Worte warf er Beſtandtheile ſeiner Vermummung von ſich, und bald erblickte man die Perſon eines der witzigſten, beſten und edelmuͤ⸗ thigſten Juͤnglinge ſeiner Zeit, Ludwig's, Baſtards voon Hennegau, des natuͤrlichen Bruders Jacqueli⸗ nens, die ihn mit einer Zaͤrtlichkeit liebte, welche die edelſten Empfindungen des Herzens geweiht hat⸗ 212 ten. Nachdem er bis zum letzten Verſuche, ihrer Sache zu dienen, auf ſeinem Schloſſe Scandeuvre, in Hennegau, ausgehalten hatte, gab er endlich ei⸗ nen hoffnungsloſen Kampf auf, und, ſeinen Weg nach Avignon richtend, wo Papſt Benedict XIII. ſeinen Hof hielt, bekam er hier die Eheſcheidung, welche Martin V. verweigert hatte, und mit die⸗ ſem wichtigen Documente war er gerade den Tag vor der Verſammlung eingetroffen, bei der wir ihn eine ſo ausgezeichnete Rolle haben ſpielen ſehen, eine Rolle, welche eben ſo mit ſeiner heitern Laune uͤbereinſtimmte, als ſie die Sache foͤrderte, die er als ſeine eigene betrachtete. Bei dieſer neuen Erſcheinung eines ſo ausge⸗ zeichneten Freundes von Jacquelinen, der jetzt aus ſeiner Verhuͤllung hervor trat, wagten die nieder⸗ geſchlagenen Kabblejaws kein Wort hervorzubrin⸗ gen, ſondern wandten ſich mit Blicken der Verzweif⸗ lung nach der Entwickelung der Streitkraͤfte, welche beſtimmt zu ſeyn ſchienen, ihnen den Untergang zu bereiten. Staͤrkere Artillerieſalven zerſtreuten endlich ganz die Wolke, welche ſo lange die Engliſche Flotte verhuͤllt hatte, die nun durch die zerſtreuten Theile des Nebels und Rauches in all der Majeſtaͤt und —HO—— 3 Schoͤnheit daher ſegelte, welche einem ſolchen Schau⸗ ſpiele eigen ſind. Die Schiffe jener Zeit gewaͤhr⸗ ten, wenn ſie auch einzeln weniger elegant und ge⸗ faͤllig ausſahen, als die unſerer Tage, doch, wenn ſie in Maſſe vereinigt waren, wie bei der gegen⸗ waͤrtigen Gelegenheit, einen weit ſtattlicheren An⸗ blick. Ihre Bauart hat ſich ſeit einem halben Jahrhundert gar ſehr geaͤndert. Sie waren da⸗ mals von weit groͤßerem Umfange; bis zur Haͤlfte der Maſten aufwaͤrts, befanden ſich caſtellartige Plateformen, von denen im Gefechte Steine, Pfeile oder Bolzen abgeſchoſſen wurden; auch hatte man um dieſe Zeit Verdecke hinzugefuͤgt, mit ſchwerfaͤlli⸗ gen, aber impoſanten Gebaͤuden von Holz an jedem Ende, welche zwar der Bewegung des Schiffs nicht wenig hinderlich waren, aber dem ganzen Geſchwa⸗ der den Anblick einer ſchwimmenden Stadt gewaͤhr⸗ ten. Die Schiffe waren bedeckt mit Vergoldungen und Malereien; Wappenſchilder und aͤhnliche Em⸗ bleme waren an verſchiedenen Theilen in eingelegter Arbeit angebracht; Fahnen von koſtbarer Arbeit und glaͤnzenden Farben wurden ausgehangen, und die Segel waren purpurfarbig, azurblau und der⸗ gleichen, dabei mit Goldgewirk verziert. Nimmt man nun noch zu dieſem Glanze die ſchimmernde 214 Maſſe von Ruͤſtungen und Waffen, die ſich auf dem Verdecke zeigten, das Rufen der Mannſchaft, ſo wie das Toͤnen kriegeriſcher Muſik uͤber die I Waſſerflaͤche hin, und man wird ſich eine Vorſtel⸗ lung machen koͤnnen von der Wirkung, welche die Erſcheinung der Engliſchen Flotte hervorbrachte, als ſie ſo in all ihrem Pompe und Stolze daher ſe⸗ gelte. Als nun die Schiffe der Kuͤſte naͤher und naͤher kamen, und laͤngs dem ſchmalen Canal hin⸗ ſegelten, indem ſie im Voruͤberziehen ſalutirten, kannte der Enthuſiasmus von Jacquelinens Freun⸗ den keine Grenzen mehr. Folgend dem Beiſpiele des jungen Ludwig's, van Monfoort's, Hemſted's und anderer Fuͤhrer, warfen ſie ſich vor ihr auf die Kniee, ſchwuren ihr Unterwerfung und Treue, und weihten ihr Leben ihrem Dienſte. Viele von De⸗ nen, die ſich ihr ſo ernſthaft widerſetzt hatten, folg⸗ ten der Bewegung des Stromes, und ſtreuten dem Gluͤcke ihren Weihrauch. Allein Floris van Bor⸗ ſelen, Roland Uterken und mehrere andere ſtarrſin⸗ nige Kabblejaws zogen ſich in dumpfer Feindſchaft zuruͤck, und ſchwuren ihr murmelnd unverſoͤhnlichen Haß. Und mochte dies nun die Wirkung dieſer un⸗ bezaͤhmten feindſeligen Geſinnung ſeyn, oder moch⸗ ten einige Gedanken uͤber Gloceſter's zweifelhaftes 215 Benehmen ihr Gemuͤth durchkreuzen, oder mochte irgend ein anderes geheimes Leiden ſeinen Stachel ihr in's Herz geſenkt haben; ſoviel war gewiß, Jac⸗ queline ließ in dieſem ſtolzen Augenblicke keine Miene des Triumphs ſehen, ſondern glich mehr ei⸗ nem Schlachtopfer, als dem Idole einer Ovation. 3 Zehntes Kapitel. As die beſtuͤrzten Kabblejaws ſich von dem ſo eben beſchriebenen Auftritte entfernten, hielten ſſe eine eilige Berathſchlagung uͤber die beſten Maaß⸗ regeln, die bei der unvorhergeſehenen Criſis zu er⸗ greifen ſeyn moͤchte. Der Factionsgeiſt, oft wirk⸗ ſamer als der reinſte Patriotismus, regte die Ver⸗ buͤndeten zur Energie und Eintracht auf. Es wur⸗ den Eilboten nach den Inſeln von Zeeland und nach Holland abgeſandt, welche ihre Anhaͤnger von der Gefahr benachrichtigen ſollten, und Floris van Bor⸗ ſelen nahm es auf ſich, ſeinen Sohn Vrank in hoͤch⸗ ſter Eil abzuſenden, um ſeinen Bruder Jakob auf⸗ zufordern, die Verſtaͤrkungen vom jungen Uterken zu beſchleunigen, und dann nach dem Schloſſe Hes⸗ din in der Picardie zu eilen, wo Herzog Philipp ſeinen Hof hielt, und mit gewohnter Pracht die He⸗ 217 Herzoͤge von Bedford und Bretagne, nebſt einem zahlreichen Gefolge von Edlen, durch eine Menge von Feſten und Schaugepraͤngen voll ungewoͤhnli⸗ chen Glanzes vergnuͤgte. Als van Borſelen nach Eversdyke zuruͤckgekehrt war, voll von den wichtigen Angelegenheiten ſeines Vaterlandes, begab er ſich eiligſt in das Familien⸗ Wohnzimmer, um ſeinen Sohn aufzuſuchen, und fand Dieſen zu ſeinem hoͤchſten Erſtaunen und Un⸗ willen, wie er ſich auf dem mit Binſen beſtreuten Hausflur mit ſeinen Bruͤdern und Schweſtern her⸗ umtummelte, indem er die Rolle irgend eines furchtbaren Thieres, unter dem grenzenloſen Beifalle ſeiner jungen Gefaͤhrten, ausfuͤhrte, welchen nie zu⸗ vor, und wahrſcheinlich auch nie nachher, ein Paar Stunden in ſo laͤrmender Luſt gegoͤnnt worden, als ihnen hier mit reißender Schnelligkeit entflohen waren. „Ihr heiligen Maͤrtyrer, St. Peter und Paul! und du heilige Mutter! hat man je ſo etwas ge⸗ ſehen?“ rief der erſtaunte Haͤuptling, in der Thuͤr ſtehen bleibend, und die Haͤnde uͤber dem Kopfe zu— ſammenſchlagend. „Wie, Vrank? Heer van Borſelen! Sir I 10 218 Francon! Junker! Ritter! Muß ich das erleben? Weißt Du, wer Du biſt? Denkſt Du denn nicht an den Auftritt von dieſem Morgen?“ — Ich bemuͤhte mich eben, ihn zu vergeſſen, Vater,— ſagte Vrank, aufſtehend, und ſeine in Unordnung gerathene Kleidung zurecht legend. „Bemuͤhte mich, ihn zu vergeſſen!“ wiederholte der Haͤuptling.„Hoͤrſt Du das, Frau? Du ſü⸗ zeſt ſo vergnuͤgt dabei, als wenn Du dem Todten⸗ kanze, oder der Hoͤllenfahrt, oder ſonſt einem Poſ⸗ ſenſpiele zuſaͤheſt, wie es die Franzoͤſiſchen Masken⸗ ſpieler zu Middleburg gaben.— Schickt ſich das fur unſeren Sohn? Schaͤmt Ihr Euch denn ſol⸗ cher Dinge nicht?“ — Mein guter Herr, ſcheltet mich nicht; ich habe den lieben Sohn wohl getadelt, daß er ſeine ſchoͤne Kleidung von Kirſey und Taffet ſo zu Schan⸗ den gemacht hat,— und ſieh' nur!— moͤge mir die heilige Hedwig, die Schutzpatronin der Haus⸗ wirthſchaft, gnaͤdig ſeyn!— da iſt wahrhaftig ein Loch im Aermel! Der alte Stoop dan Stichel braucht gewiß eine Stunde, es auszubeſſern.— „Ein Loch im Aermel! ſeine Kleider zu Schan⸗ den machen! Wie? Iſt es ſo weit gekommen? Iſt der feierliche Stolz der van Borſelen ſo tief herabgeſunken, daß ihre entarteten Soͤhne Schalks⸗ narren werden und Hanswuͤrſte, denen die Muͤtter zuſehen und lachen, ohne Gefuͤhl fuͤr ihre eigene Entwuͤrdigung?“ — O, mein freundlicher Herr! ſprecht doch nicht ſo verwundende Worte, und werft uns nicht noch ſtren⸗ gere Blicke zu! Ich hatte ja dabei nichts Arges im Sinne; auch bei Vrank war dies nicht der Fall, dafuͤr will ich buͤrgen. Ach! es iſt etwas ſo Seltenes fuͤr uns, ſeinen heitern Scherz mit an⸗ . zuſehen, und ich freute mich inniglich uͤber dieſen! Doch, es ſoll genug ſeyn damit! Die Kinder ſol⸗ len ſich entfernen! der Aermel an Vrank's Wammſe wird bald zugenaͤht ſeyn...— „Rede mir doch nicht von Waͤmmſern und Naͤhen, liebes Weib! jetzt, wo das Schickſal un⸗ ſeres Landes an einem Haare haͤngt! Vrank, Du mußt in einer Stunde nach Flandern aufbrechen, und dann mit der hoͤchſten Eil an den Hof des Herzogs Philipp zu Hesdin.“ Ein Ausbruch von Schmerz und Kummer von Seiten der Mutter und Kinder beantwortete die⸗ ſes Todesuntheil fuͤr die kurzen Freuden zu Evers⸗ dyke. 10* 220 — In einer Stunde?— rief die Hausfrau. — Wier ehe das Abendeſſen fertig werden kann? O, nehmt Euer Wort zurück, lieber Herr! laßt mein theures Kind wenigſtens ſo lange verweilen, bis er ein tuͤchtiges Mahl zu ſich genommen hat, — bis der junge Kranich, der eben erſt gefangen und gerupft worden, geroͤſtet werden kann, bis die Seefiſche geſchmort ſind, und das Backwerk zube⸗ reitet iſt.— „Still, ſtilll liebes Weib! Wenn Vrank an Hunger denken kann, ſo mag er genießen, was eben zur Hand iſt; allein ich glaube doch, er beſitzt ge⸗ nug von dem Geiſte ſeines Geſchlechts, nicht an's Eſſen zu denken, ſo lange ſein Vaterland all' ſeine Sorge in Anſpruch nimmt. Folge mir, mein Sohn, ich will Dir meine Anweiſungen mittheilen.“ Innerhalb des beſchraͤnkten Raumes von einer Stunde ſchwamm Vrank nochmals auf den Wel⸗ len, mit umſtaͤndlichen Anweiſungen zu ſeiner Reiſe, und in dem ziemlich plump ausſehenden Fahr⸗ zeuge, das, zum Nachtheile der Hollaͤndiſchen Schiffbaukunſt immer noch das Modell ihrer Schiffe zu ſeyn ſcheint. Der dunkelblaue Wimpel von Eversdyke wehte von der Spitze des Maſtes, und die Burgundiſche Flagge auf dem Hintertheile. — 221 Ooſt, der Deichgraͤber, verſehen mit Sendungen und Beglaubigungszeichen, wie ſie in jener Zeit die Stelle der Briefe vertraten, an die Frieſiſchen Haͤuptlinge, die im Intereſſe Burgund's waren, nahm ſeine Stelle auf dem Vordertheile ein, und wenn er ſich mit ſeiner ungeheuren Keule uͤber⸗ beugte, ſah er aus wie eine roh gearbeitete Geſtalt des Herkules in einer Sammlung von Alterthuͤ⸗ mern. Vrank ſaß im Hintertheile; der Beſuch in ſeiner rauhen Heimath kam ihm vor wie der fluͤch⸗ tige Schatten eines Baumes, und, ſo wie der Wind ihn von der Kuͤſte wegtrieb, bemaͤchtigte ſich ſeiner ein melancholiſches Gefuͤhl, wie es ſich unſe⸗ rer zu bemeiſtern pflegt, wenn wir uns von Etwas trennen, das wir lieben. Und liebte Vrank denn wirklich dieſen duͤſte⸗ ren Aufenthalt, dieſes ungeſellige Denkmal des rau⸗ hen Ahnenſtolzes ſeiner Familie und ſeiner ungebil⸗ deten Gewalt? Allerdings! Der tief gewurzelte Inſtinkt, der die Menſchen, trotz aller Vernunft, ruͤckwaͤrts fuͤhrt, um einen Theil ihres Stolzes auf dem Alterthume ihres Geſchlechts zu begruͤnden, wirkte in dieſem Augenblicke maͤchtig auf des jungen Mannes Gemuͤth. Er hatte nichts davor empfunden, als er ſich Eversdyke naͤherte. Ein lan⸗ 222 ges Verweilen in der Welt hatte die fruͤheren Em⸗ pfindungen unterdruͤckt, und er hegte mehr Verach⸗ tung als Verehrung gegen dieſe Zeichen einer dun⸗ kelen Ariſtokratie, die er als eine ſehr zweideutige Ehre anzuſehen gelernt hatte. Allein dieſe kurze Beruͤhrung mit den Sitten ſeiner Vorfahren, die⸗ ſes neue Einathmen ſeiner vaterlaͤndiſchen Feudal⸗ atmoſphaͤre erweckte das ſchlummernde Princip, das er fuͤr erſtorben gehalten hatte, und als er zuruͤck⸗ ſahe auf die grauen Waͤlle des Schloſſes, konnte er ſich des Gedankens nicht erwehren, daß er doch 6 eigentlich hier leben und ſterben ſollte. 1 Ein anderes Gefuͤhl von einer ihm ganz neuen Art trug viel dazu bei, dieſe mehr wiedererweckte als eben erſchaffene Anhaͤnglichkeit an ſeine Hei⸗ math zu ſtaͤrken. Es war das Vergnuͤgen, das er in einer zweiſtuͤndigen Bekanntſchaft mit dieſen jun⸗ gen Geſchwiſtern empfunden, die mit ihm durch ein Band verknuͤpft waren, deſſen Natur er kaum vor⸗ her verſtanden hatte, das aber, wie Viele wohl aus Erfahrung wiſſen, zu ſtark iſt, um durch Ab⸗ weſenheit, oder Zeit, oder auch durch Undankbarkeit und Unrecht gaͤnzlich zerſchnitten zu werden. Vrank kannte dieſes neue Gefuhl bruͤderlicher Liebe bloß von ſeiner reizendſten Seite. Er hielt es da⸗ — —õüꝛüü 223 her fuͤr etwas uͤberaus Koͤſtliches, und in ſeinem ſpaͤtern Leben vergaß er nie dieſe zwei, mit ſeinen jungen Spielgefaͤhrten zugebrachten Stunden, welche ohne alle Anſpruͤche, auf eine ſo natuͤrliche Weiſe, eine Gleichheit zwiſchen ihm und Jenen begruͤndet hatten, zu welcher er auf einmal, ohne den Schmerz einer Anſtrengung, oder das Bewußtſeyn der Ent⸗ wuͤrdigung herabgeſtiegen war. Fuͤr dieſe jugendlichen Geſchoͤpfe, die in ſo kur⸗ zer Zeit ſeine liebevolle Theilnahme in ſo hohem Grade gewonnen hatten, war ſeine ploͤtzliche Abreiſe ein wahres Ungluͤck im Vergleich mit der koͤſtlichen Ueberraſchung ſeines Erſcheinens und der Verwun⸗ derung, die er waͤhrend ſeines Verweilens ſowohl durch ſeine ſchoͤne Geſtalt, ſeine feine Kleidung, vor Allem aber durch ſeine Gewandtheit in den Poſſenſpruͤngen, ſo wie durch das praͤchtige Grunzen, womit er das Ungeheuer ſpielte, erregt hatte. Bru⸗ der Vrank war, wie ſie ſich ihn vorſtellten, immer fuͤr ſie das Ideal alles Deſſen geweſen, was ihnen edel und ſchoͤn duͤnkte; daß er aber ihre Begriffe in dieſer Hinſicht noch uͤbertraf, war vermuthlich weniger ein Beweis ſeiner Verdienſte als der noch unvollkommenen Reife ihrer Einbildungskraft. So viel iſt aber gewiß, daß die Kraft und Staͤrke die⸗ 224 ꝙʒ ſes Eindrucks nie ganz erloſch, und dieſe entzückten Schweſtern und Bruͤder betrachteten auch ſpaͤterhin Vrank van Borſelen als eine der vorzuͤglichſten Er⸗ ſcheinungen der Menſchheit, nur, ſo viel als moͤg⸗ lich, aus beſſeren Gruͤnden, als dieſer fruͤhere Ein⸗ druck. Frau Bona war recht herzlich daruͤber betruͤbt, daß ſie der Geſellſchaft ihres Sohnes ſo bald be⸗ raubt wurde. Sie hatte gemeint, ſie wuͤrde ihn fuͤr immer haben behalten koͤnnen, und als er nun das Schloß verließ, kam es ihr vor, als ſollte ſie ihn niemals wiederſehen. Viele Stunden lang wußte ſie nicht, wie ſie dieſer qualvollen Empfin⸗ dung entgehen ſollte. Ihres Gemahls Ankuͤndigung neuer Feindſeligkeiten ſchien ſie mit ungewoͤhnlichem Schrecken erfuͤllt zu haben; ſie wußte, daß Vrank mit des Herzogs Philipp Streitkraͤften zuruͤckkom⸗ men ſollte, und ein druͤckendes Vorgefuͤhl, das ihre Schwaͤche des Aberglaubens mehr naͤhrte als unterdruͤckte, lehrte ſie, daß der bevorſtehende Kampf zum Nachtheil fuͤr das Haus Borſelen aus⸗ gefochten werden wuͤrde. Um dieſem peinlichen Gefuͤhle auf irgend eine Art zu entgehen, eilte ſie zu ihren haͤuslichen Beſchaͤftigungen, nicht ungleich 1 +——— 225 jener koͤniglichen Hausfrau aus viel ſpaͤterer Zeit, — nie verdrießlich, Zu poͤkeln ihre Fiſch', und ihre Bruͤh' zu wuͤrzen. Waͤhrend dieſer haͤuslichen Gefuͤhle und Be— trachtungen von Seiten der Familie von Eversdyke uͤberließ ſich die ſtolze Partei der Hoeks, wie es auch wohl verzeihlich war, einiger Ueberſchreitung der nothwendigen Grenzen. In einer langen Reihe von Jahren ſahen ſie ſich zum erſten Mal beſchenkt mit der Oberhand, und wenn ſich dieſe ganz unbe⸗ fangen oͤffnete, um nach dem Gluͤck zu greifen, ſo iſt es nicht zu verwundern, wenn ſie ſich auch dem Feinde in's Angeſicht ernſt ballte. Die Hoeks nah⸗ men in der That eine Stellung kraftvoller Ent⸗ ſcheidung an, ſie zeigten ſich bald auf allen Punk⸗ ten in großer Staͤrke. Die Engliſchen Truppen, unter Fitzwalter's Anfuͤhrung, landeten ohne Wider⸗ ſtand auf den Kuͤſten von Holland und der Inſel Schowen, und verbreiteten ſich in den verſchiedenen Staͤdten, die jetzt unbedenklich Jacquelinen, kraft des Rechtes anerkannten, welches der Macht nie zu mangeln pflegt. Der junge Ludwig von Henne⸗ gau, van Monfoort, die Hemſteds und andre Fuͤh⸗ rer ſtellten ſich an die Spitze ihrer Contingente. 8.. 10**☛ 226 Rudolph van Diepenholt trat eine Ermunterungs⸗ reiſe nach den ſeefahrenden Theilen des Staates an, und Jacqueline, alle perſoͤnlichen Bewegungen be⸗ meiſternd, nahm auf einmal jene Stellung thaͤti⸗ gen Einfluſſes, wozu ihre Lage ſo wohl berechtigt war, und ihr Charakter ſie vollkommen geſchickt machte. Und ſehr bald war ihre und ihrer Freunde Energie zu voller Anſtrengung aufgeboten. Der be⸗ ſchraͤnkte Schauplatz beſchleunigte die Ereigniſſe, und drängte die Urheber derſelben in einen engen Raum zuſammen. Ehe Vrank van Borſelen die Kuͤſte von Oſtflandern erreichte, hatte ſie Johann Uterken mit ſeinen ziemlich bedeutenden Streitkraͤf⸗ ten ſchon verlaſſen, und, ſchnell dieſe Binnenwaſſer uͤberſchiffend, bewirkte er binnen zwei Tagen ſeine Landung unweit Harlem, nach welchem Platze ſich ſein Vater zuruͤckgezogen hatte, und drang mit eben ſo viel Eile als Geſchicklichkeit ſchnell nach dieſer Stadt vor. Allein, ehe er dieſelbe erreichte, oder eine vertheidigende Stellung einnehmen konnte, wurde er von Jacquelinens Truppen, unter Fitzwalter's und Anderer Anfuͤhrung, kraͤftig angegriffen, indeß ſie ſelbſt, den Bogen in der Hand, auf einem ſtattlichen Roſſe, einem neuen Geſchenke des Engliſchen Lords, um 6 . — 227 ihr verlornes zu erſetzen, durch die Glieder ritt, die Truppen anredete, und waͤhrend des ganzen Ge⸗ fechtes anweſend blieb. Die Flamaͤnder wurden nach einem kuͤhnen Widerſtande gaͤnzlich geſchlagen, und zerſtreut; mit Muͤhe nur entkam der junge Uterken vom Schlachtfelde, und fluͤchtete ſich zu ſeinem Vater nach Harlem. Waͤhrend des Gefechtes wetteiferten die Eng⸗ laͤnder, Hollaͤnder und Zeelaͤnder mit einander in Thaten des Muthes; allein als es voruͤber war, hoͤrte dieſer Wetteifer auf. Dann ergriff der Fac⸗ tionsgeiſt wieder das Werk, das die Tapferkeit nur halb vollendet hatte, und es begann die Metze⸗ lei des Krieges. Jeder Hoek, der ſich im Beſitze eines Gefangenen befand, fing nun an, ihn dem Tode zu uͤberliefern, ohne Ruͤckſicht auf einen An⸗ ſpruch der Menſchlichkeit oder Gerechtigkeit, da dieſe Ungluͤcklichen meiſtentheils Flamaͤnder waren, und daher unter keinerlei Vorwand es verdienten, au⸗ ßerhalb der Grenze feindlichen Edelmuthes geſtellt zu werden. Jacqueline ruhte nach der Anſtrengung und Aufregung des Gefechtes unter einem Zelte, nicht weit von dem Schauplatze deſſelben aus, und zwar in Geſellſchaft ihrer treuen Benina, welche, obgleich unfaͤhig, die Furchtſamkeit zu bemeiſtern, 228 die ſie von dem Kampfe entfernt hielt, doch ſchnell ihrer Fuͤrſtin zur Seite ſtand, um ihr zum Aus⸗ gange deſſelben Gluͤck zu wuͤnſchen. Lord Fitzwal⸗ ter befand ſich ebenfalls bei ihr, ſo wie er es waͤh⸗ rend des ganzen Gefechtes geweſen war, wo er ſie mit Gewalt noͤthigte, ſich vor der dringenden Ge⸗ fahr in Acht zu nehmen, und, wenn ſie ihr Muth zu weit trieb, ſeinen ſtahlbedeckten Koͤrper zwiſchen ſie und die Pfeile ſtellte, die zwar ſehr dicht flo⸗ gen, von denen aber keiner von Beiden beſchaͤdigt wurde.. Indem ſie nun in der Eil Bemerkungen ilber die Begebenheit und gegenſeitige Lobſpruͤche und Hoͤflichkeitsbezeigungen austauſchten, erſchien ein Engliſcher Offizier, und meldete ſeinem General, daß ihre Hollaͤndiſchen Verbuͤndeten ohne Gnade die Gefangenen auf die ſchnellſte Art ermordeten. „Wie? Alſo ein neuer Angriff? Wir ſind wool uͤberfallen? Muß der Sieg noch einmal er⸗ rungen werden?“ rief Fitzwalter, vorſpringend und ſein Schwert ziehend, mit der ſchnellen Bewegung des Muthes, der nie eine Niederlage fuͤrchtet. — Nein, Mylord,— verſetzte der Offizier,— es iſt nirgends ein Feind zu ſehen, außer den Un⸗ gluͤcklichen, denen die Hoeks den Tod bereiten.— 4 229 „Das darf doch nicht ſeyn, Madame?“ ſagte Fitzwalter im fragenden Tone; allein Jacqueline war der Frage ſchon zuvorgekommen, indem ſie ih⸗ ren Sitz verlaſſen, und nach der Oeffnung des Zeltes geeilt war. Benina und die Englaͤnder nebſt einigen Wachen und Dienern folgten der Graͤfin. Von Menſchlichkeit getrieben, eilte ſie zu der naͤchſten Gruppe von Kriegern, die ſie allerdings mit ihrem grauſamen Werke beſchaͤftigt fand, indem ſie mit Meſſern, Schwertern und Streitaͤxten die wehrlo⸗ ſen Flamaͤnder niedermachten, welche faſt ohne Aus⸗ nahme mit dem dumpfen Stolze der Verzweiflung dem Gemetzel trotzten, indem ſie es verſchmaͤhten, um ein Leben zu flehen, deſſen Geſchenk, wie ſie wohl wußten, ihnen verweigert werden wuͤrde. Al⸗ lein ein Ungluͤcklicher entſprang, da er in der An⸗ naͤherung Jacquelinens einen ploͤtzlichen Hoffnungs⸗ ſtrahl erblickte, als ſchon Arme uud Streitaxte erhoben waren, um ihm den Todesſtreich zu geben. Mit lautem Geſchrei um Gnade lief er ihr ent⸗ gegen, deren Blick ver den himmliſchen Eigenſchaf⸗ ten der Macht und des Mitleids ſtrahlten. Einer der rohen Moͤrder eilte ſeinem Schlachtopfer nach, und ehe das Letztere das Ziel ſeiner Errettung er⸗ reichen konnte, ſiel ein toͤdtlich gemeinter, aber un⸗ 230 vollkommen gefuͤhrter Streich auf die Schulter des⸗ ſelben, anſtatt auf den Kopf, und der Menſch ſank ſchwimmend im Blute, zu den Fuͤßen ſeines Ver⸗ folgers nieder. Der Wuͤthende warf ſogleich ſeine Streitaxt weg, zog den Dolch aus dem Guͤrtel, und wollte ihn eben in des Verwundeten Bruſt ſtoßen. Allein in dieſem Augenblicke fiel ihm Fitzwalter, der den Uebrigen zuvorgeeilt war, in den Arm, und Jacqueline, die ihm nun ganz nahe war, befahl ihm, den Flamaͤnder los zu laſſen. „Ihn loslaſſen?“ rief der erſtaunte Giles Po⸗ ſtel, van Monfoort's Knappe,— denn er war es, der dieſe zugleich feige und unmenſchliche Rolle ſpielte. „Seht Ihr denn nicht, Madame, daß es ei⸗ ner von den Boͤſewichtern, den Flamaͤndern, iſt?“ Er begleitete dieſe Worte mit einer Bewegung, die ihn von Fitzwalter's Hand befreite, und den Dolch dicht an die Bruſt des hingeſtreckten Gefan⸗ genen gerathen ließ. — Elender!— rief Jacqueline, ſich auf die Kniee werfend, und ihre Hände vor die Spitze des Dolches ſtreckend, indeß Fitzwalter und die andern Offiziere Giles Poſtel ergriffen, und ihn mit Ge⸗ walt von dem Gefangenen trennten. 3 3 231 „Boͤſewicht!“ rief Fitzwalter,„wie kannſt Du eine ſo grauſame That begehen?“ — Boͤſewicht nennt Ihr mich?“ erwiederte Poſtel in ſchlechtem und gebrochenem Franzoͤſiſch, und in einem ſehr rauhen Tone,— und das, weil ich meinen rechtmaͤßigen Gefangenen toͤdten will? Wie Viele habt Ihr und Euer Engliſcher Koͤnig dem Tode uͤberliefert nach der Schlacht von Azin⸗ court?— „Bube!“ rief der Englaͤnder. — Ob antwortet ihm nicht, Lord Fitzwalter!— ſagte Jacqueline;— eilt, eilt, und thut dem Gemez⸗ zel Einhalt! Seht nur jene grauſamen Haͤuptlinge, die ich mich ſchaͤme, meine Landsleute zu nen⸗ nen; wie kalt ſtehen ſie nicht dabei, und ſehen dieſe grauſamen Thaten mit an!— Dann wandte ſie ſich an Giles Poſtel, und fuhr alſo fort: — Niedrig geſinnter Sklave! Du wagſt es, Dich gegen den edlen Lord dort zu verantworten, oder viele Worte zu machen, wo Du ſogleich ge⸗ horchen ſollteſt? Deiner blutigen That und Deiner Unverſchaͤmtheit wegen befehle ich Dir, nie wieder vor meinem Angeſichte zu erſcheinen. Selbſt Lud⸗ 232 wig van Monfoort wird Dir nicht Verzeihung er⸗ wirken.— „Eure Mutter, Graͤfin, wuͤrde mich nicht ſo behandeln; ſie iſt nicht ſo ekel!“ verſetzte der Knappe mit einem duͤſtern Stirnrunzeln, welches auf ein⸗ mal Jacquelinen das Blut in's Geſicht trieb, und es in ihren Adern erſtarren machte. — Frecher Bube! Du wagſt es, meine edle Mutter zu begeifern?— „Begeifern?“ murmelte der Menſch mit einem boͤsartigen und hoͤhniſchen Laͤcheln. — Heilige Jungfrau, gieb mir Geduld!— rief Jacqueline,— damit ich nicht augenblicklich die Strafe an Dir vollziehe. Geh', verbirg Dich unter den Metzgern des Lagers, lebe in den Fleiſch⸗ ſcharren, und laß Dich nie wieder in ehrenden Waffen erblicken!— Giles Poſtel hoͤrte dieſes Urtheil mit der Wuth eines Boͤſewichts an, allein er machte keine Bewegung. — O Gott!— fuhr Jacqueline fort, indem ſie das Haupt des Verwundeten ſanft empor hob, — warum bin ich denn zu ſolchen Auftritten ge⸗ rathen, die ich noch dazu mit ſo elenden Werk⸗ zeugen ausfuͤhrhen muß? Wird nicht das Blut 233 des Ungluͤcklichen, welches jetzt mein Gewand be⸗ fleckt, auch meinen Namen beflecken? Wie wird die Geſchichte dieſen moͤrderiſchen Vorfall erzaͤhlen? Wird nicht ihre ſchwere Hand, die nie leicht auf die Fuͤrſten faͤllt, mich mit dem Haſſe dieſer That belaſten, die ich verabſcheue, und werden ihre falſchen Blaͤtter nicht den Peſthauch zuruͤckgeben, ꝛder ſchon jetzt meinen Ruf ſchmaͤhet?— „Das wird meine Schuld nicht ſeyn!“ mur⸗ melte Poſtel mit einem wahrhaft teufliſchen Aus⸗ druck der Kaͤlte, als er ſeine Streitaxt aufhob, das Blut davon abwiſchte, und ſich langſam entfernte. Jacqueline nebſt Benina und ihr— ließen es nicht bei dieſer erſten Aeußerung der Menſchlichkeit bewenden, um ſo ſchnell als moͤglich, dem Gemetzel Einhalt zu thun. Vieler Leben wurde ſowohl durch ſie ſelbſt, als die Unterſtuͤtzung der Engliſchen Trup⸗ pen gerettet, die, da ſie keine perſoͤnliche Urſache zum Haſſe hatten, bei dieſer Gelegenheit eben ſo bereit waren, Retter zu werden, als ſie in ihren verſoͤnlichen Zwiſtigkeiten es geweſen ſeyn wuͤrden, den geſchlagenen Feind gaͤnzlich zu vernichten. Denn dies war der Geiſt des Zeitalters, wo eine abgoͤt⸗ tiſche Verehrung deſſen, was man Ehre nannte, 231 und eine Nichtachtung jeden Gefuͤhls der Menſchlich⸗ keit der herrſchende Grundſatz des Mannes ſchien. Was Jacquelinens Benehmen bei dieſer Gele⸗ genheit anbetrifft, ſo muͤſſen wir es zwar in einer Hinſicht edelmuͤthig nennen, koͤnnen es aber in ei⸗ ner andern kaum gerecht finden. Giles Poſtel han⸗ delte ganz in Uebereinſtimmung mit ſeinen Gefaͤhr⸗ ten und mit Denen, die es beſſer haͤtten verſtehen, und minder hart empfinden ſollen. Es iſt natuͤr⸗ lich, den Tigergrundſatz kaltbluͤtiger Grauſamkeit zu verabſcheuen; es iſt weiſe, ihm zuvor zu kommen; aber es iſt nicht ſchoͤn, das wilde Thier zu haſſen, das der Inſtinkt und die Gewohnheit zu Dem macht, was es iſt. Auf jeden Fall iſt es unklug, das wilde Thier oder das menſchliche Ungeheuer gegen uns ſelbſt zu reizen. Allein ein kuͤhnes und ſtolzes Ge⸗ muͤth uͤberſieht die Folgen, und verachtet ſie; es eilt zur Rettung, ohne Ruͤckſicht auf den Erfolg. So machte es auch Jacqueline, und ſie hatte bald Ur⸗ ſache, es zu bedauern, wenn ſie auch vielleicht ihr Benehmen nicht bereute. Die Wirkungen dieſer erſten Schlacht zu Jac⸗ quelinens Gunſten waren, wie dies in ſolchen Faͤl⸗ len gewoͤhnlich iſt, ungeheuer. Der Schwankende — ——— 23⁵ wurde entſchloſſen, der Furchtſame kuͤhn, und der Tapfere klug. Feiglinge werden leicht durch das Gluͤck zu Grunde gerichtet, denn es macht ſie un⸗ ausbleiblich unbeſonnen. Allein der muthige Mann, der ruhig und ſeiner ſtets maͤchtig im Kampfe bleibt, pflanzt gern das Nachdenken auf den vortheilhaften Boden des Sieges. Ein anderes Gefecht fand bald zwiſchen den ſich bekaͤmpfenden Parteien unweit Gouda Statt. Allein an dieſem nahmen weder Englaͤnder noch Flamaͤnder Theil. Es war eines jener ausgeſuchten Biſſen geſellſchaftlicher Kampf⸗ luſt, welche Floris van Borſelen— und nicht er allein— ſo ungemein liebten. Hoeks und Kabblejaws kaͤmpften Mann gegen Mann, ohne daß Fremde ſich in ihre Ergetzlichkeit miſchten, oder ſie theil⸗ ten. Die letztere Faction wurde abermals geſchla⸗ gen, und die Nachricht des Sieges erreichte bald die Mauern von Utrecht, und erfreute halb, halb erſchreckte ſie unſern alten Bekannten, Zweder van Culemburg, den ſehr ehrwuͤrdigen Grafen⸗Biſchof die⸗ ſes wichtigen Platzes. Denn der wuͤrdige Praͤlat war, waͤhrend der ſo ſchnell wechſelnden Umſtaͤnde von Jacquelinens Gluͤcke, in einem ſtuͤrmiſchen Kampfe mit Zweifeln herum geworfen worden. Es war keinesweges 2 236 Mangel jenes gierigen Antriebes, auf den wir oben angeſpielt haben, daß er nicht ſo raſch ungeſtuͤm ge⸗ worden war, als irgend ein Feigling im Lande. Waͤre er mit in die Fluth des Sieges geriſſen wor⸗ den, ſo wuͤrde er ohne Zweifel auch den friſchen Wind des Triumphes getheilt haben; allein er war weit entfernt von all der laͤrmenden Aufregung des Gefechtes. Er mochte zwar wol oftmals vom Altar und von der Kanzel herab im kriegeriſchen Tone zum Volke geſprochen haben. Er empfahl ihm, die Ruͤſtung anzulegen, und das Schwert um⸗ zuguͤrten, und machte allerlei Anſpielungen auf Ga⸗ briels ſtolzes Schwert und das Urim und Thummim von Aaron's Bruſtſchilde. Allein waͤhrend alle dieſe der Schrift entlehnten Ermahnungen anzude ſchienen, er befinde ſich auf der hohen vndſe Tapferkeit, gab es eine Art von Ruͤckſtroͤmung (back-water), welche den Biſchof Zweder regel⸗ maͤßig des Abends zu derſelben Stelle zuruͤckfuͤhrte, von der er des Morgens ausgefahren war, und wodurch er in einem Zuſtande der beunruhigendſten Ungewißheit erhalten wurde. Die Erfolge davon werden ſich in dem Folgenden finden. Unterdeſſen ſchritt aber das Kapitel und das Volk von Utrecht kraftvoll auf dem Wege der guten Sache fort, fuͤr ** 8 237 welche ihr Praͤlat ſich nicht beſtimmt erklaͤrt hatte. Ihre Schiffe waren ſchnell ausgeruͤſtet und bemannt. Jacquelinens lichtblaue Flagge wehte auf denſelben, und Wilhelm von Brederode, ihr tapferer Admiral, furchte bald die Zuyderſee mit funfzig Schiffen, welche vom guͤnſtigen Winde und den Rudern ihrer kraͤftigen Anhaͤnger getrieben wurden. Elftes Kapitel. Indeß ſo Alles dem Anſcheine nach recht gut mit Jacquelinen ging, bildete ſie allein einen Contraſt mit der Gemuͤthserhebung ihrer Partei. Sie ver⸗ nachlaͤſſigte nichts, was die gemeinſame Sache foͤrdern konnte; ihre Thaͤtigkeit war unermuͤdlich; ſie eilte von Ort zu Ort, empfing die Deputationen von den Staͤdten, antwortete ihnen, und leitete jede Bewegung in Civil⸗ und Militairſachen. Al⸗ les wurde jedoch mit dem Anſcheine eines Auto⸗ mats vollbracht, welches zwar die Faͤhigkeit zu han⸗ deln, aber kein Gefuͤhl davon beſitzt. Gewoͤhnliche Beobachter mochten dies wohl nicht bemerken, denn es lag immerwaͤhrend etwas Hohes, um nicht zu ſagen Hochmuͤthiges, in dem Benehmen unſerer Hel⸗ din, was ſich in ihrem Verkehr mit gewoͤhnlichen Menſchen ſelten verlaͤugnete, und was Dieſe nicht zu durchdringen vermochirn um zu entdecken, ob ihr * 2 239 Gemuͤth von Wohl oder Weh bewegt werde. Al⸗ lein fuͤr ihre Vertrauten war die Niedergeſchlagen⸗ heit ihres Weſens unverkennbar, wenn ſie auch den tiefften Grund deſſelben zu erforſchen nicht im Stande waren. Ihr Bruder Ludwig von Henne⸗ gau, und Fitzwalter ſahen es, und wunderten ſich daruͤber. Benina Beyling allein war in ihrem Ver⸗ trauen, und kannte die Wahrheit. Es war jetzt vier Tage nach dem Siege von Gouda, an dem Jacqueline keinen Theil genommen hatte, und in einer Stunde wollte ſie ihren Einzug in Amersfort, an der Spitze eines Theiles ihrer urſpruͤnglichen Truppen halten. Die verbuͤndeten Englaͤnder waren auf der Inſel Schowen concen⸗ trirt und cantonnirt, und ihr Hauptquartier befand ſich in der Stadt Zurie⸗Zee. Man hielt es nicht fuͤr klug, die Gefuͤhle der Rivalitaͤt in den guten Patrioten Holland's gegen die Fremden zu erregen, deren beſſere Mannszucht und Ausſtaffirung zu de⸗ muͤthigenden Vergleichungen wohl leicht haͤtte Ver⸗ anlaſſung geben koͤnnen. Lord Fitzwalter begleitete daher Jacquelinens Bewegungen ohne einen an⸗ ſcheinenden Befehl, und mehr als Repraͤſentant Gloceſter's, ihres Verlobten, denn als Befehlshaber der Engliſchen Streitkraͤfte. Er ritt ihr bei der 240 jetzigen Gelegenheit dicht zur Seite, begleitet von Ludwig von Hennegau, und die lebhaft witzigen Einfaͤlle des Einen, verbunden mit den ernſten An⸗ ſtrengungen des Andern, wurden auf's Aeußerſte getrieben, um den Gegenſtand ihrer gleichen Beſorg⸗ niß in gute Laune zu ſetzen, und ſie die beſte Hal⸗ tung beim Einzuge in die Stadt annehmen zu laſ⸗ ſen, welche ihre erwaͤhlte Reſidenz und der Sitz ih⸗ rer Regierung war, und wo ihre Mutter ſie erwar⸗ tete mit aller Energie eines ſtolzen Geiſtes, der nach Entfaltung ſeines Triumphes ſtrebt. Allein alle Bemuͤhungen des heitgken Bruders oder des ernſten Lords(und in der Ernzſthaftigkeit des Englaͤnders lag eine tiefere Bewegung, als bloße Diplomatik) wa⸗ ren unwirkſam, den Ausdruck tiefer Schwermuth zu unterdruͤcken, der die ſiegreiche Jacqueline nicht verlaſſen wollte. Bei allen ihren Bewegungen von einem Orte zum andern verſchmähte Jacqueline den Gebrauch jener Pferdeſaͤnften, des gewoͤhnlichen Fortſchaffungs⸗ mittels der Frauen von Stande, und da ſie ihren Zelter eben ſo geſchickt als anmuthsvoll zu leiten wußte, ſo war ihr Vergnuͤgen an dieſer Uebung wahrſcheinlich mit dem Stolze vermiſcht, ihre Per⸗ ſon dem Volke auf die angemeſſenſte Weiſe zu zeie gen. 27 241 gen. So ritt ſie jetzt daher, begleitet von einem Gefolge, wie es fuͤr ihren Stand paßte. Mehrere Damen ihres Hofſtaates bildeten den anziehendſten Theil des Zuges, und unter denſelben nahm Benina wieder, wie gewoͤhnlich, die Stelle zunaͤchſt ihrer Herrin ein. Ungefaͤhr eine Stunde vor Amersfort wurde Halt gemacht, um die Ordnung des Zuges zu beſtimmen, in der man in die Stadt ſich bege⸗ ben, und die verwittwete Graͤfin von Hennegau nebſt den ſtaͤdtiſchen Deputationen bei einer ſo wichtigen Gelegenheit empfangen wollte. Waͤhrend ſich die Haͤuptlinge in ihren verſchiedenen Poſten beſchaͤftigten, winkte Jacqueline Benina zu ſich, — wenig abwaͤrts von den Uebrigen, und , Komm zu mir her, Benina! halte Dich dicht an meiner Seite bei der Zuſammenkunft mit mei⸗ ner Mutter— bei dieſer Pruͤfung ihrer und meiner Scham! Wenn ich auch keinen Troſt in Deinen Worten finden kann, ſo werden doch ſchon Deine theilnehmenden Blicke mich ſtaͤrken!“ — Meine Pfilicht feſſelt mich ſtets da, wo es meine gnaͤdige Herrin will, und moͤchte ich nur die Macht beſitzen, das Gefuͤhl zu entfernen, das ich ſo wenig zu erleichtern vermag, und um die Ungerech⸗ I. 11 242 tigkeit ihres ſtrnngen. Utthaits uͤber ſich ſelbſt daus zuthun.— „Benina, D leihe gegen Deine Ueberzei⸗ gungl 1— 11 — So mahr mir die heil. Tugfeau⸗ helfet Madame, ich rode die Wahrheit. Ich glaube, Ihr habt keine Urſache zu Selbſtvorwuͤrfen, und doch ſehe ich Euch leiden, als waͤret Ihr eben ſo ſchuld⸗ belaſtet, als Ihr ſchuldlos ſehd.— „Benina, Du biſt ſelbſt aus edlem Vlute,— Du kennſt den reinen Stolz der Weiblichkeit, und doch haͤltſt Du dafuͤr, daß ich, eine Fuͤrſtin, nicht entehrt werde durch Das, was Schande gebracht haben wuͤrde auch der einfachſten Edelfrau meihes Gefolges?“ — Der Himmel ſey mein Zeuge! meine guͤtige Herrin, daß ich mit ganz anderen Augen, und, wie ich glaube, mit richtigeren, die beiden Punkte be⸗ trachte, uͤber die Ihr mir Euer Vertrauen geſchenkt habt. Was das Benehmen Seiner Hoheit Gloce⸗ ſter's betrifft, ſo kann dies Euch keinen Tadel zu⸗ ziehen.— „Nein, Benina den könnte ich wohl ertragen, denn ich koͤnnte ihn als falſch erweiſen,— allein es erzeugt eine Selbſtverachtung in dem Innerſten —— 243 meines Herzens! ich fuͤhle es, wie tief die Schma ſeiner Verwerfung hier wurzelt!“ — Braucht das Wort nicht fuͤr dieſen Fal, Madame; es paßt nicht. Der Herzog warb um Euch mit aller Heftigkeit eines Liebhabers, und gewann Eure Einwilligung zu ſeiner Bewerbung.— „Und jetzt verlaͤßt er mich um Scenen niedri⸗ ger Intrigue und ausſchweifender Abenteuerlichkeit. Hat Sacquaie von Hollande dies— koͤn⸗ nen?“ — So iſt es nicht, Madame; aus Luter Mei⸗ nung entehrt Ihr Euch ſelbſt, und koͤnnt Seiner Hoheit auch wohl Unrecht thun.— „Still, ſtill, Benina! Ich ſah ſeine Treulo⸗ ſigkeit in ſeinem Blicke, im erſten Moment unſeres Zuſammentreffens in jenem ungluͤckſeligen Walde— doppelt ungluͤckſelig fuͤr meine Wuͤrde. Jeder ſei⸗ ner Blicke beſtaͤtigte es bei unſerer Verhandlung mit dem Biſchofe Zweder, deſſen Gemeinheit wenig⸗ ſtens die Wahrheit von dem falſchen Herzoge her⸗ ausbrachte; und van Monfoort's Erzaͤhlung von dem Auftritte zu Urk beweiſ't das Schlimmſte.“ — Ihr ſolltet milder verfahren mit Seiner Hoheit, Madame; ſolltet die unangenehmen Ver⸗ haͤltniſſe beruͤckſichtigen, worinnen er ſich befindet— 11* 1 241 den Einfluß der andern Herzoͤge— das Intereſſe England's.— „Kein Einfluß, kein Intereſſe, Benina, ſollte ſich zwiſchen den ehrenwerthen Mann und das Weib ſtellen, dem er ſich verpflichtet hat.“ — Aber, Madame, Ihr nehmt vielleicht zu voreilig ein Urtheil fuͤr verbuͤrgt an, welches der Herzog noch nicht uͤber ſich ausgeſprochen hat.— „Doch, doch, Benina, er hat es! Derjenige, deſſen Worte und Blicke auch nur einen Zweifel auf ſeine Redlichkeit werfen, iſt verdammt, ohne Erloͤſung.— Aber laſſen wir das! Es iſt mehr ein politiſcher als perſoͤnlicher Gegenſtand; er ver⸗ wundet meine Eitelkeit, meinen Stolz, meine Ehre, allein mein Herz bleibt davon unberuͤhrt. Ich habe in dieſem Falle weder als Weib eine Schwaͤche verrathen, noch als regierende Fuͤrſtin eine Pflicht verletzt. Aber in dem andern, Benina, welch' eine lange Zeit der Schande habe ich uͤber mich ge⸗ bracht wegen der Thorheit eines Augenblicks!“ — Vergeßt dieſen unwuͤrdigen Gegenſtand, Madame, und laßt Euer Gemuͤth auf ſeinen eie genthuͤmlichen Weg zuruͤckkehren. Betrachtet den koͤniglichen Gloceſter in einem paſſenden Lichte. Ich bin verſichert, er wird bald zu Euch zuruͤckkommen, — 2ʃ5 befreit von all den Staatshinderniſſen, die ihn feſ⸗ ſeln, um Euch zu der Seinigen zu machen.— „Niemals, Benina, niemals! Ich ſchwoͤre Dir, Gloceſter wird nie dieſe Hand erhalten! Kein erzwungenes Band ſoll ihn oder irgend einen An⸗ dern mit mir vereinen— auch koͤnnte ich jetzt nicht uͤber dieſes Herz verfuͤgen, ſo wie es ein gewaͤhlter Gemahl beſitzen ſollte.“ Ein tiefer Seufzer begleitete dieſe Worte, und Jacqueline druͤckte die Hand gegen ihre Bruſt, um die aufſtrebende Schwaͤche nieder zu halten. „Ach, Benina, haſt Du kein Mitleid mit Dei⸗ ner armen Herrin? Dein Mitleid will ich anneh⸗ men, ja erbitten. Das von Anderen aber wuͤrde meinen ſtolzen Geiſt ſicherlich zum Wahnſinn trei⸗ ben. Aber Du biſt mir auch Alles geweſen in ſo mancher harten Pruͤfung— meine Freundin in Niederlage und Kummer, und jetzt nicht minder ſo in Sieg und Schande.“ — Theuerſte gnaͤdige Frau!— „Ach! ſage mir nichts, liebe Benina; es iſt vergeblich, dieſe Angſt zu bekaͤmpfen. Hab' ich nicht meine Geburt, meine Stellung entehrt? Iſt nicht das ſuͤße Gift, das ich zu koſten mich ſehnte, tief in mein Herz gedrungen? Habe ich nicht die 246 ungluͤckliche Frucht der Erkenntniß gebrochen, und meine Schande entdeckt— oder das als verraͤthe⸗ riſch von mir gewieſen, was, wie Reiſende erzaͤh⸗ len, von Außen nur Blume, und inwendig Aſche iſt? Eben ſo war es auch mit dem einzigen tiefen Zuge ans dem bittern Kelche der Liebe— denn Liebe war es! Ja, Benina, ich fuͤhlte die glaͤn⸗ zende, nicht verzehrende Flamme durch meine Seele zucken,— mein Kopf ſchwindelte, und meine Bruſt hob ſich unten dem bezaubernden Einfluſſe, und ich fuͤhlte endlich zum erſten Male in meinem Leben, in meinem ſechs und zwanzigſten Jahre wirklich die Leidenſchaft, deren Macht man ſonſt nur auf den erſten Fruͤhling des Lebens beſchraͤnken wollte,— und fuͤr wen? Einen Fremdling— einen juͤngeren Mann, als ich bin— ein Geſchoͤpf Burgund's— we⸗ der beſſer, noch ſchlechter, als Alle— Einen von jener niedrigen, verhaßten Partei, dem Verderben meines Vaterlandes, meinen eigenen erbittertſten Feinden, meinen rebelliſchen Unterthanen! O, das iſt zu ſchlecht! Die Reue hat keinen Stachel ſpibig ge⸗ nug, mich zu quaͤlen!“ 2 — Ich muß, ich will reden, meine theurs Herrin, und Ihr werdet mir verzeihen, das weiß ich. In der That, Madame, Ihr thut Euch Un⸗ 247 recht; Ihr koͤnnt dieſen Juͤngling nicht geliebt ha⸗ ben, den Ihr ſo kurze Zeit geſehen, nur um ihn wieder zu vergeſſen. Er leiſtete Euch einen Dienſt, er warf ſich zwiſchen Euch und die Gefahr, Ihr fuͤhlt eine natuͤrliche Dankbarkeit; das iſt Alles! Das iſt nicht Liebe, meine edle Herrin! Ihr ver⸗ kennt dieſe Leidenſchaft gaͤnzlich.— „Hoͤre mich an, Benina! Du biſt klug, lie⸗ bes Maͤdchen; aber nach Deiner eigenen Weiſe, ſobald Du Dir einen Ton tiefer Erfahrung uͤber Deine arme Herrin anmaaßen moͤchteſt. Ach! meine Freundin, es bedarf keines jahrelangen Stu⸗ diums, keiner erlernten Kunſt, um die Lectionen der Liebe zu leſen! Die Stimme der Natur, uns um⸗ wehend in milder Luft, oder uns umſaͤuſelnd im Dufte der Blumen, iſt nicht leichter zu verſtehen, als das Geliſpel der Liebe in unſerm Buſen. Ihr Licht gleicht dem Lichte der Sonne. Das Herz iſt eben ſo bereit, ihren erſten Strahl aufzunehmen, als die Erde es iſt, den Schimmer des werdenden Tages zu begruͤßen. Das Gefuͤhl gleicht einem verſchloſſenen Buche, bis Beide die Feder beruͤhrt. O, es iſt nicht mißzuverſtehen! Man kann Alles ſpielen, Freundſchaft, Tapferkeit, Froͤmmigkeit; nur die Liebe laͤßt ſich nicht erkuͤnſteln. Ja, ja, 248 es war Liebe, was mich zu ihm trieb, was ihn mir entgegen fuͤhrte, was die Schlinge legte, in welche ich ſo ſchnell gegangen bin. Allein es war auch Schickſal, Benina; ich war dazu beſtimmt, ich konnte dieſem Geſchicke nicht entgehen.“ — Unmoͤglich, meine geliebte Herrin! Ihr konntet unmoͤglich einem Manne Liebe ſchenken, der ohne ein einziges Abzeichen des Adels, um nicht zu ſagen koͤniglichen Standes, worauf Ihr bei einem Liebhaber berechtigt ſeyd, auftrat— einem ganz Unausgezeichneten, der nicht im Stande war, einen Namen als Antwort zu geben auf Lord Fitzwal⸗ ter's Ausforderung, oder auf des Herzogs Befehl. Wuͤrde nicht die Graͤfin von Holland das ſtolze Blut in den Adern klopfen gefuͤhlt haben?— „Ach, leider! ſie fuͤhlte es klopfen!“ — Ein bloßer Abenteurer, meine theure Herrint Vielleicht ein Geaͤchteter oder aufs Hoͤchſte ein I ger niederen Standes!— „Nein, nein, Benina! Du biſt zu ſchnell in Deinen Schluͤſſen! Der Juͤngling trug das Ge⸗ praͤge des Adels in ſeinem Geſichte, Weisheit lag in ſeinen Reden, Tapferkeit und Ritterlichkeit in ſeinem ganzen Benehmen. Nie hat wohl die Liebe ein Weib in ſchoͤnerer Geſtalt verſucht, und waͤre 249 nicht dieſes Abzeichen auf ſeiner Bruſt geweſen, brandmarkend ihn, wie das gluͤhende Eiſen den Verbrecher, und ihn als meinen Feind bezeichnend. — Doch was ſag' ich? Haͤtte er auch nicht dieſen ihn verdammenden Beweis der Feindſchaft entfal⸗ tet, habe ich ihn ſeitdem nicht auch in ganz ſchlech⸗ ter Geſellſchaft geſehen, tragend jene verhaßte Mütze, die jedes freche Haupt als das eines rebelliſchen Unterthanen bezeichnet? Und einem ſolchen Men⸗ ſchen habe ich meinen Guͤrtel gegeben; ein Ehren⸗ zeichen, um welches ſich ſelbſt Fuͤrſten geſtritten, und ſolches nicht gar oft gewonnen haben. O, Schande, Schande uͤber Dich, Jacqueline! Hinge⸗ riſſen von blindem Naturtriebe, ſelbſt von Leiden⸗ ſchaft, Dein Geſchlecht zu entehren. Aber hat er nicht ſein Leben gewagt, um das meine zu retten? Und war er im doppelten Sinne mein Feind, war dann nicht auch ſein Benehmen um ſo edelmuü⸗ thiger?“. — Madame, er wußte wohl nicht, daß...— „Still, ſtill! ich bitte Dich, liebes Maͤdchen, unternimm die harte Bemuͤhung nicht, mir meinen einzigen Troſt zu rauben.“ — In der That, Madame, ich bin uͤberzeugt, 11** 250 der junge Mann kannte Euch nicht; ſondern wuͤrde eben ſo gehandelt haben fuͤr j des Weib in gleicher Gefahr.— 3 „Um ſo heldemmüthiger von ihm, denn Andere ließen ihren Rennern in dieſer gefahrvollen Stunde die Zuͤgel, und kehrten eben noch zeitig genug zu⸗ ruͤck, um die Ehre einzuernten, die er oentlich ge⸗ wonnen hatte.“ 4 Allein kaum hatte Jacqueline dieſe Worte aus⸗ geſprochen, als ſie auch die Ungerechtigkeit derſelben fuhlte. Es bedurfte nicht des tiefen Erroͤthens auf Benina's Wangen, halb erzeugt durch Reue uͤber ihr eigenes furchtſames Entweichen, halb durch Em⸗ pfindlichkeit wegen des auf Lord Fitzwalter gewor⸗ fenen Schattens, um die Graͤfin zum wahren Ge⸗ fuͤhl ihrer Worte zu bringen. Mit der ihr eigenen Offenheit gegen ihre Vertraute und Beguͤnſtigte er⸗ kannte ſie es an, daß ſie zu voreilig geſprochen habe; allein das Gefuͤhl, das ſie dazu bewogen hatte, geſtand ſie nicht ein, vielleicht verſtand ſie es auch nicht ganz. — In der That, Ihr ſeyd nur gerecht gegen den edlen Fitzwalter,— erwiederte Benina auf die Apolegie ihrer Herrin;— er hat mir unendlich oft 1 p 251 geſagt, daß er ſein Leben gern tauſend Mal in Eu⸗ rem Dienſte auf's Spiel ſetzen wolle.— „Er hat es gethan, Benina,“ verſetzte Jae⸗ queline;„nie kann ich ſeines Benehmens in dem letzten Gefechte vergeſſen, noch der Gefahren, denen r ſich ausſetzte, um mich davor zu bewahren.“ Benina ergluͤhte immer tiefer bei dieſem, dem Englaͤnder geſpendeten Lobe; indeß ſchauderte ſie auch von Neuem bei dem Gedanken an die Gefah⸗ ren, denen er ſich bloßgeſtellt hatte. — Ach, meine theure Herrin,— ſagte ſie,— er wuͤrde gewiß abermals einen ſolchen Beweis ſeiner Anhaͤnglichkeit geben. Moͤchte es Euch doch ge⸗ fallen, ihm den Auftrag zu geben, den anmaaßen⸗ den Juͤngling aufzuſuchen, und ihm das Pfand Eu⸗ rer Gunſt von der Bruſt zu reißen.— „Behuͤte der Himmel! Benina; biſt Du toll, einen Gedanken auszuſprechen, der den Untergang des jungen Mannes zur Folge haben, das heißt— laß es mich geſtehen— der mein Ungluͤck verra⸗ then koͤnnte.“ — Ach! Madame, iſt das Geheimniß denn ſicher im Beſitz dieſes Kabblejaws?— „Ja, ich will mich fuͤr ſeine Ehre verbuͤrgen, 252 Benina; ich muß die Sache hier zu Ende bringen. Laß uns nicht weiter davon ſprechen, oder wenig⸗ ſtens nicht von ihm! Laß mich bloß meiner Schwach⸗ heit gedenken, und ſie bitterlich bereuen. Laß mich Kraft gewinnen, einen ungluͤckſeligen Augenblick wie⸗ der gut zu machen. Laß mich aufſtehen gegen den Druck meiner Schande, wie ich es that in der Ver⸗ ſammlung der Bogenſchuͤtzen, als mein Herz ſchwoll, und mein Arm ſich von Neuem ſtaͤhlte bei'm blo⸗ ßen Anblicke dieſes ungluͤcklichen Mannes, in ſeiner neuen Erſcheinung als Rebell und als Feind!“ — und wie wich er Eurer perſoͤnlichen Begeg⸗ nung aus, Madame! Weder mir, noch van Mon⸗ foort gelang es, unſere Augen auf ihn zu heften in dem ganzen Haufen der Verraͤther.— Ach! wenn doch die ſeinen ſich auf mich gehef⸗ tet haͤtten! dachte Jacqueline. „Nun, liebe Benina,“ ſagte ſie,„laß die Sache fallen, und ſey verſchwiegen, meine Freun⸗ din, in dem Maaße, wie das Geheimniß wichtig iſt. Jetzt laß uns fortſchreiten in dieſem duͤſtern Triumphzuge, meiner Mutter entgegen!— Ach! welch' ein Stachel druͤckt ſich mir hier wieder in's Herz, Benina!— Meine Mutter, von ſo reinem Blute und ſo ſtolzem Gemuͤthe, Preis gegeben der —-·—QQmQQ————y— —— 25³3 Zunge eines feigen Moͤrders! O, Gott! koͤnnte es wahr ſeyn, was dieſer elende Giles Poſtel ausbrei⸗ tet, und deſſen er ſich ſo ruͤhmt? Koͤnnte Marga⸗ rethe von Baiern ſich mit einem ſolchen Menſchen verbuͤndet, und ihn zu einer ſo ſchlechten Handlung veranlaßt haben? Und ſtarb van Vlyett eines ge⸗ rechten Todes? Ich kann, ich will mich nicht wei⸗ ter mit dieſer Frage befaſſen— mein Blut kocht, und doch erſtarrt es auch wieder bei dem Gedan⸗ ken, dieſe Verlaͤumdung zu unterſuchen. Laß mich meiner Mutter mit der beſtmoͤglichen Haltung ent⸗ gegen gehen.“ Die Ordnung des Zuges war bald wieder hergeſtellt, und Jacqueline, welche den Ausdruck ſtolzer, aber melancholiſcher Schoͤnheit wieder ge⸗ wann, ritt an der Spitze ihrer ſiegreichen Truppen, begleitet von ihrem tapfern Bruder und den an⸗ deren Haͤuptlingen, welche ihre Schlacht ſo gut aus⸗ gefochten hatten. Die Fahne der geſchlagenen Fla⸗ maͤnder wurde vor dem Hauptcorps der Truppen hergetragen, und einige Hundert dem Tode entriſſe⸗ ner Gefangenen verſchoͤnten den Siegeszug, indem ihre Ketten in duͤſterer Harmonie zuſammenklangen mit dem hoͤhnenden Rauſchen der Muſik und dem Geſchrei des jauchzenden Volkes. 254 Die Magiſtratsdeputation, die ſich im Gefolge der verwittweten Graͤfin befand, empfing Jacqueli⸗ nen an den Stadtthoren. Die bei ſolchen Gele⸗ genheiten gewoͤhnlichen Ceremonieen wurden ſaͤmmt⸗ lich vollzogen, und die Stadtſchluͤſſel von der ſtolzen Mutter der demuͤthigen Tochter uͤberlaſſen, die zu jeder Zeit, auch in der ihrer hoͤchſten Stellung, eine ehrerbietige Achtung dieſer nahen Verwandtin be⸗ wahrte, die ſie in ihren fruͤheren Zeiten geleitet hatte, und die noch jetzt einen maͤchtigen Einfluß auf ſie ausuͤbte. Und dies mit Recht; denn ob ſie gleich die veranlaſſende Urſach ihrer ungluͤcklichen Verbindung mit Johann von Brabant geweſen, hatte ſie doch dieſen Verſtandesirrthum durch eine treue Anhaͤnglichkeit an Jacquelinens Sache wie⸗ der gut gemacht, als ein offener Bruch unvermeid⸗ lich wurde. Auch in dem ganzen Kampfe in Hen⸗ negau gegen Philipp von Burgund war die Graͤfin Margarethe unermuͤdlich in ihren Verſuchen bei die⸗ ſem ihrem Neffen geweſen, um fuͤr Jacquelinen gute Bedingungen zu erhalten, indem ſie ſich ſelbſt zu vergeblichen Unterhandlungen demuͤthigte, da ſie bekanntlich einen tiefen Haß gegen dieſen unerbitt⸗ lichen Sieger hegte. Ferner gewaͤhrte ſie ihrem un⸗ druͤckten Kinde Zuflucht auf ihrem Schloſſe zu Va⸗ ———— —— — 2⁵5⁵ lenciennes, und floh endlich mit ihr nach Holland, wo ſie ihr Schickſal mit dem der Tochter in dem Streite vereinte, der eben jetzt im Gange war. Nachdem die Begruͤßungen voruͤber, die Feier⸗ lichkeiten vollbracht, und der Tag beſchloſſen war, freute ſich Jacqueline von Herzen, Ruhe zu finden von der Aufregung und der Anſtrengung, die ſie hatte erdulden muͤſſen. Zwoͤlftes Kapitel. Man wird wol ſchon genug aus Jacquelinens ei⸗ genen Worten haben abnehmen koͤnnen, um ſich im Allgemeinen eine Vorſtellung von ihrem Gemuͤthszu⸗ ſtande zu machen. Allein weit wuͤrde es unſre Faͤ⸗ higkeit uͤberſchreiten, wenn wir die Aufregung ihrer verſchiedenen Gefuͤhle in all ihren widerſtreitenden Einzelnheiten malen ſollten. Stolz kaͤmpfte mit Empfindung, und Leidenſchaft ſtritt mit Vernunft; und ſo ſtrebte ſſe— ach, wie vergeblich!— den Gegenſtand zu haſſen, der dieſen Aufruhr in ihrem Herzen und Kopfe entzuͤndet hatte. Gern haͤtte ſie dann die ganze Fluth ſchmerzlicher Rene in zornigen Vorwuͤrfen auf ſich ſelbſt geleitet; allein das war sin eben ſo vergeblicher Verſuch. Die menſchliche Natur kann nicht lange im Kriege mit ihrer eige⸗ nen Schwaͤche ſeyn. Tauſend freiwillige Entſchul⸗ digungen erheben ſich neben der ſtrengſten Selbſt⸗ 257 anklage, und iſt auch das Urtheil von dem Ver⸗ ſtande geſprochen, ſo geht die Appellation an das Herz, welches nie ſeine Gnade verſagt. Fand daher Jae⸗ queline in ſich Selbſtverdammung, ſo fand ſie auch Selbſtverzeihung. Man hat geſehen, mit welcher Waͤrme ſie Benina's geringſchaͤtzige Winke in Be⸗ zug auf den jungen Fremden zuruͤckwies. Selbſt der Stolz, der ihre Schwaͤche tadelte, war dabei inte⸗ reſſirt, ſeinen Gegenſtand aufrecht zu halten. Indeß nun ſo die ſtaͤrkſte ihrer ſelbſtanklagenden Leiden⸗ ſchaften ihre Angriffe neutraliſirte, war es kein Wunder, daß diejenigen, die ſich zu ihrer Verthei⸗ digung erhoben, einen vollſtaͤndigen, wenn auch nicht anerkannten Sieg davontrugen. Waͤre der Juͤng⸗ ling, der ihr Leben ſo tapfer vertheidigte, ja viel⸗ leicht gerettet hatte, der ſo brav, ſo zierlich, ſo ſchoͤn war, auch ein Anhaͤnger ihrer Sache gewe⸗ ſen; ſo wuͤrde ſie ſich unbedenklich dem Gefuͤhle hingegeben haben, das er ſo maͤchtig eingefloͤßt hatte. Denn Jacqueline, von fruͤher Jugend ſich zu einer Leidenſchaft hinneigend, deren Freuden zu empfinden ſie ſich faͤhig fuͤhlte, naͤhrte die Ueber⸗ zeugung, daß jene auch: die leichten Nuͤancen des Unterſchiedes zwiſchen Alter und Stand ausgleichen werde und ſollte. Sie hatte ſich ſchon ſeit Jahren 258 mit ziemlich ſtarker, doch keinem andern Auge ſicht⸗ barer Aengſtlichkeit nach irgend Jemand umgeſe⸗ hen, dem ſie ihre Neigung ſchenken koͤnne. Allein ſie fuͤhlte, daß Achtung, Bewunderung, und vielleicht Dankbarkeit vor Allem zu beachten waͤren, und ſie hatte nie einen Gegenſtand gefunden, der ſolche Anſpruͤche mit jener nicht zu beſchreibenden Anzie⸗ hungskraft vereinigte, die weder in der Perſon, noch in den Sitten, noch in dem Charakter beſteht, ſon⸗ dern einen Schimmer uͤber jeden Vorzug verbreitet, der einem Weibe die Befriedigung gewaͤhrt, daß Alles ganz fuͤr ſie paſſe, und mit ihr ſympathiſire. Das macht denn auch viele Verbindungen erklaͤrlich, welche gewoͤhnlichen Beobachtern als ganz unpaſſend erſcheinen. Gleichheit oder Aehnlichkeit iſt aber nicht nothwendig, um Sympathie hervorzubringen. Die entgegengeſetzteſten, mit einander verbundenen Far⸗ ben bilden ein Ganzes von Schoͤnheit. Die ver⸗ ſchiedenſten Toͤne erzeugen Harmonie. Die abwei⸗ chendſten Stimmungen treten oft in die beſte Ge⸗ meinſchaft, vielleicht weil wir auf einmal Dasjenige anerkennen und ſchaͤtzen lernen, was von unſerer eigenen Stimmung und Denkart ſo ſtark abweicht; denn Das, was uns ſelbſt eigen iſt, wird uns zu gewoͤhnlich, um es an Anderen noch zu ſchaͤtzen. 259 Humphrey von Gloceſter war dem moraliſchen Ideale, welches Jacqueline in ihrer Einbildung ver⸗ langte, naͤher gekommen, als ſonſt Einer von den Fuͤr⸗ ſten, die ſich um ihre Hand beworben, oder Einer von den Edlen, die ſie kennen zu lernen Gelegenheit gehabt hatte. Haͤtten es die Umſtaͤnde geſtattet, und haͤtte er das augenblickliche Gefuͤhl, welches in dem Zelte von Zevenwolden erweckt worden war, verfolgt, ſo iſt es mehr als wahrſcheinlich, daß ihre Achtung gegen ihn durch alle Abſtufungen ſchnell ſich zu der ach⸗ tungswerthen, aber kuͤnſtlichen Anhaͤnglichkeit erho⸗ ben haben wuͤrde, die man gemeiniglich Liebe zu nennen pflegt. Allein Gloceſter's nachfolgendes Benehmen waͤhrend dieſer Zuſammenkunft laͤhmte ſchnell dieſes ſich erhebende Gefuͤhl, und bereitete vielleicht Jaequelinen nur um ſo mehr auf dasje⸗ nige vor, welches bald nachher in ihr erregt wurde. Und wie gewaltig enthuͤllte ihr dieſes auf einmal ſeine eigene Natur, ſo wie die derjenigen Gefuͤhle, die ſie fruͤher erfahren hatte. Wir wollen damit nicht ſagen, daß ſie auf einmal in jene leidenſchaft⸗ lichen Verzuͤckungen fiel, die, wie man meint, durch. einen geheimen Zauber hervorgebracht werden. Al⸗ lein es iſt mehr als gewiß, daß ſie allmaͤlich einen balſamiſchen Anhauch jenes zauberiſchen Gefuͤhls 4 260 verſpuͤrte, welches das Gemuͤth beſaͤnftigend und reinigend ergreift bei dem erſten Zuſammentreffen mit dem Weſen, das die Natur beſtimmt hat, von ihm geliebt zu werden. Jenes Vergnuͤgen an Dem, was wir von ihnen ſehen; jenen Wunſch, noch mehr kennen zu lernen; jene nicht zu erklaͤrende Ueberzeu⸗ gung von ihrem Werthe, geſtuͤtzt auf Gruͤnde, die wir nicht genauer pruͤfen moͤgen; und jenes Etwas, welches die Abweſenheit derjenigen Eigenſchaften ſelbſt erſetzt, die wir zuvor als weſentlich fuͤr die Begeiſterung betrachtet hatten,— dieſes Alles er⸗ kennen wir dann deutlich an. Dieſe Zuͤge gehoͤren zu den Symptomen jener Leidenſchaft, die Viele wohl als ſolche bezweifeln moͤ⸗ gen, und Manche zugeſtehen werden; einer Leidem ſchaft, die, wie Alle uͤberzeugt ſeyn muͤſſen, diejenige war, welche das ganze kuͤnftige Geſchick unſerer Heldin beſtimmte. Häͤtte ſie dieſelbe zehn Jahre fruͤher empfunden, ſo moͤchte ſie vielleicht ihren Wir⸗ kungen entgangen ſeyn; allein in ihrem Alter ließ ſie ſich nicht vertilgen. Die Knoſpe, welche ſich der Aprilſonne oͤffnet, kann ſich wieder ſchließen, um fuͤr einen ſpaͤtern Strahl zu reifen; allein die ausge⸗ bildete Blume, die den Strahl des Sommers auf⸗ nommen, der ihr Gefaͤngniß ſprengt, muß entweder 261 aufbluͤhen, oder in der Gluth verwelken. Dies war auch das Schickſal von Jacquelinens Herzen. Den Eindruck, den ſie wider Willen aufgenommen hatte, zu bekaͤmpfen, war das große Geſchaͤft ihres Le⸗ bens, Allein, da alle Gefuͤhle hoher Begeiſterung durch Widerſtand verſtaͤrkt werden, ſey es nun von uns ſelbſt oder Anderen, ſo pflegte ſie auch, indem ſie ſo dieſe Empfindungen zu erſticken bemuͤht war, ohne es zu wiſſen, dieſelben, bis ſie zur Leidenſchaft wurden. Allein viele andere Gefuͤhle wirkten un⸗ terſtuͤtzend mit, ihr zu empfindliches Gemuͤth zu be⸗ unruhigen. Dasjenige, welches Gloceſter's Benehmen erregte, laͤßt ſich leicht vorſtellen; diejenigen, welche ſich mit Giles Poſtel's weit verbreiteten Andeutungen in Beziehung auf ihre Mutter verknuͤpften, machten jetzt das Maaß ihrer Beaͤngſtigungen ganz voll. Margarethe von Burgund, verwittwete Herzo⸗ gin von Hennegau und Holland, war einer jener niederen und untergeordneten hiſtoriſchen Charak⸗ tere, eines jener gewoͤhnlichen Weſen, die ſich durch wenige Worte bezeichnen laſſen. Stolz, rauh und grauſam; mit zu wenig Talent begabt, um den Mangel an Tugend zu erſetzen; ihr Kind aufrecht erhaltend, mehr aus Stolz als Liebe; und der Nach⸗ welt bloß uͤberliefert durch den zufaͤlligen Umſtand 262 ihrer Geburt, und ihrer angenommenen Mitver⸗ ſchwoͤrung bei verbrecheriſchen Verſuchen, die in dem Zeitalter, worinnen ſie lebte, zu gewoͤhnlich waren, um den widerſtrebenden Tribut unſerer Verwunde⸗ rung zu gewinnen. Denn alle Klaſſen der Geſel⸗ ſchaft waren in ihren Tagen angeſteckt von jener Gleichguͤltigkeit gegen Menſchenleben, welche in ei⸗ nem cioiliſirten Zeitalter dem Menſchen empoͤrend erſcheint. Gleichguͤltig gegen das eigene, verlieren ſie viel von ihren Anſpruͤchen auf Bewunderung wegen Thaten ſcheinbaren Heldenmuthes. Durch Nichtſchonung des Lebens Anderer floͤßen ſie mehr Widerwillen ein, als Schauder— denn Mord war ein Gemeinplatz und eine taͤgliche Erſcheinung. Koͤnige, Fuͤrſten und Edle gingen umher, befleckt mit dem Blute ihrer Schlachtopfer, wie Metzger aus ihren Fleiſchſcharn. Wir verdammen wohl ihre Thaten, aber wir empfinden wohl ſchwerlich einen Schauder vor ihnen, wie dies der Fall iſt, wenn wir uns die Abſcheulichkeiten neuerer Zeiten vorſtellen. Die oͤfteren Vergiftungen und Erdol⸗ chungen in der Zeit, von der wir reden, und die Ermordungen durch Piſtolenſchüͤſſe, volle zwei Jahr⸗ hunderte ſpaͤter, benehmen dieſen Vorfaͤllen viel von dem Romantiſchen, was ſich an kecke und unge⸗ * 263 woͤhnliche Thaten knuͤpft, beſonders aber an blutige. In der That liegt etwas mehr Eigenthuͤmliches, und daher Ergreifenderes in dem Gemaͤlde eines Individuums, das vor ſolchen Handlungen zuruͤck⸗ bebt, und der Ueberredungsverſuche, welche nothwen⸗ dig ſind, um zu Begehung derſelben aufzuregen. Solch' einen Auftritt werden wir jetzt zu beſchrei⸗ ben haben. Es war bald Nacht; die aͤußeren Vergnuͤgun⸗ —gen hatten aufgehoͤrt, und das feſte Schloß von Amersfort war ungeſtoͤrt und ſchweigend. Die Dienerſchaft hatte ſich zuruͤckgezogen, Benina Bey⸗ ling Jacquelinens Gemach verlaſſen. Ihre Frauen hatten ſich auf ihr Geheiß entfernt, und Niemand blieb bei ihr zuruͤck als ihre Mutter, die Graͤfin Margarethe, die neben der kleinen Platform ſaß, auf der ein kupfernes Gefaͤß mit gluͤhenden Kohlen ſtand, womit man damals alle Zimmer außer dem Speiſezimmer, zu erwaͤrmen pflegte; und ſelbſt in dieſem wurde das Feuer gemeiniglich gegen einen Ruͤckenwaͤrmer gemacht, da die Menge von Kaminen, woruͤber ein ſpaͤterer Engliſcher Chroniker ein lau⸗ tes Lob anſtimmt, damals in Gukapa auch nicht Vusotadih geworden war. Die Unterhaltung der Graͤfin, die weit 264 uͤber die gewoͤhnliche Zeit des Zuruhegehens verlaͤn⸗ gerte, drehte ſich um die neueſten Ereigniſſe. Die Einleitung zu ihrem Geſpraͤche machte die Graͤfin damit, daß ſie ihrer Tochter allerlei Fragen vor⸗ legte, z. B. in Beziehung auf die Fortſchritte der Waffen, die Umſtaͤnde der Schlachten und den Stand der Angelegenheiten mit Gloceſter; auf welche Erkundigungen Jacqueline zwar achtungs⸗ voll antwortete, allein manchmal mit Zuruͤckhaltung, und meiſtens mit einer Laͤſſigkeit, welche an Apa⸗ thie grenzte. Deſſenungeachtet fuhr ihre Mutter fort, und zwar faſt eben ſo in ſich verſunken, wie es Jacqueline war, nur dabei eine gewiſſe Unruhe verrathend, gleich als kaͤmpfe ſie mit einem noch unausgebildeten Plane in ihrer Seele. Zuweilen brach ſie mit einer Fluth von Fragen hervor, ohne eine Antwort auf die zuerſt gethane abzuwarten; bisweilen ſtockte ſie, und murmelte einige unver⸗ ſtaͤndliche Worte her, oder blickte ſtarr vor ſich hin, und preßte die Lippen zuſammen, auf eine Art, welche Jaequelinen furchtbar erſchien, wenn ſie ſie mit der Erinnerung an Giles Poſtel's dunkle An⸗ klage verknuͤpfte. Sie ſchauderte oft zuſammen, wenn ſie den ernſten Ausdruck im Geſichte ihrer Mutter auffaßte, welches halb im Schatten, halb durch 265 durch den blaßrothen Abglanz der Gluth des Koh⸗ lenbeckens erhellt wurde. Oft ſchon hatte der Schlag der Schloßglocke die Flucht der Stunden bezeichnet, ſeit ſich die Dienerſchaft entfernt hatte; allein Graͤ⸗ fin Margarethe kehrte ſich nicht daran, und Jac⸗ queline, welche wohl wußte, daß Mitternacht be⸗ reits voruͤber ſey, wollte ihre Mutter nicht gern zum Aufbruche mahnen, denn ſie fuͤhlte ſich ſelbſt wie von Zauber gefeſſelt, wuͤnſchend, aber nicht wa⸗ gend, einen Gegenſtand zur Sprache zu bringen, den ſie um Alles in der Welt gern beruͤhrt geſehen haͤtte. Sie hoffte, ihre Mutter wuͤrde ihr eine Veranlaſſung geben, die ſie dahin fuͤhren moͤchte, und indeß ſie aͤngſtlich darauf harrte, wurde ſie von Erſtaunen und einer gewiſſen Furcht ergriffen, die ihr ganz ungewohnt war, als die alte Graͤfin ploͤtz⸗ lich ausrief: „Van Blyett iſt alſo doch nicht fuͤr Nichts ge⸗ ſtorben!“ — O! war er denn wirklich ſchuldig?— ſagte Jacqueline unwillkuͤrlich. „Schuldig!“ wiederholte die Mutter.„Viel⸗ leicht gab er den Trank, der von einer andern Hand gemiſcht wurde;— vielleicht ward Dein treuloſer Oheim zu fruͤhzeitig ſeinem Richterſpruche uͤberlie⸗ J. 12 266 fert.— Das kann Alles ſeyn! und nach dem Ge⸗ ſetze wird der Agent der Gerechtigkeit in einem ſol⸗ chen Falle ſchuldig genannt. In ſo fern litt der arme van Blyett die Strafe fuͤr eine That, die Dich, mein Kind, wieder in Deine Rechte einſetzte, und, da dieſe nun durch die letzten Siege ge⸗ ſichert ſcheinen, ſage ich, er iſt nicht fuͤr Nichts ge⸗ ſtorben.“ Jacqueline ſahe, daß ſie ihrer Mutter Ausru⸗ fung ganz mißverſtanden habe. Sie ſchauderte, daß van Vlhett's Verbrechen auf dieſe Art mißver⸗ ſtanden und offen vertheidigt wurde, und die Aner⸗ kennung, daß er einen Mitſchuldigen gehabt, er⸗ ſchreckte ſie ſehr. Allein man wird wohl glauben, daß ſie nicht um Giles Poſtels guten Ruf beſorgt war. Sie wuͤrde ſogleich dieſen Namen ausge⸗ ſprochen, und die Hindeutungen erwaͤhnt haben, die er im Auslande verbreitete; allein ſie wurde durch die Furcht vor einem kuͤhnen Geſtaͤndniſſe von Sei⸗ ten ihrer Mutter abgehalten. Sie zweifelte kaum noch an ihrer Schuld, und ſie wagte es nicht, die einzige negative Widerlegung derſelben zu vernich⸗ ten, indem ſie ein Geſtaͤndniß, vielleicht gar ein Ruͤhmen der Mitſchuld gewaltſam veranlaßt haͤtte. — Wohl, meine Mutter,— ſagte ſie mit ab⸗ gewandten Blicken,— laßt uns die Aſche des Tod⸗ ten nicht beunruhigen;— hat van Vlyett die That wirklich vollbracht, wofuͤr er gelitten hat, ſo moͤge ihm Gott graͤdig ſeyn, und es ſo ſchicken, daß ſie nicht zum Kriege fuͤhr)e und zum Ungluͤck, ſtatt zu dem Guten, das Ihr darin findet.— „Wie, Jacqueline? Niedergeſchlagenheit in der Stunde des Triumphs?“ — Nein, nein, meine Mutter! Aber immer noch Ungewißheit wegen der Erfolge und Zweifel, ob eine auf Verbrechen beruhende Sache Gluͤck verdient!“ Jacqueline fuͤhlte, daß ſie wohl zuviel geſagt habe, daß es faſt Vorwuͤrfe fuͤr ihre Mutter ge⸗ weſen. Gern haͤtte ſie ihre Worte verbeſſert, oder um Verzeihung gebeten; allein ſie fuͤhlte, daß dies Kraͤnkung zur Anklage fuͤgen heiße. Die Antwort auf ihre Bemerkung befreite ſie von dieſer Beſorg⸗ niß dadurch, daß ſie eine groͤßere erzeugte. „Meine Tochter,“ ſagte die Graͤfin Marga⸗ rethe,„wann wirſt Du durch die Erfahrung Staͤrke des Gemüͤths gewinnen, wie Du von Natur Kuͤhn⸗ heit des Herzens erhalten haſt? Wie magſt Du den Kampf mit den Staatsſorgen und Deinen viel⸗ 12* 268 fachen Feinden beſtehen, wenn Du nicht einſehen kannſt, daß Nuͤtzlichkeit und Gerechtigkeit Eins und Daſſelbe iſt? Kann Buͤberei ſanfter geſtimmt werden durch ſchoͤne Worte, oder der Wolf be⸗ zwungen werden durch das Bloͤken des Lammes? Muͤſſen nicht Fallen gelegt werden fuͤr die Unge⸗ heuer des Waldes, und Hinterhalte fuͤr mitleidloſe Menſchen? Iſt es ein Verbrechen, ſich von der Tyrannei zu befreien? Deine Sache iſt gut, mein Kind! Der Himmel ſchenke ihr Gedeihen! Aber nicht eher, als bis der um ſich greifende Burgund, der ſchwache Brabant ruhig liegen in ihren Gruͤf⸗ ten, wie der alte Johann von Luͤttich, kannſt Du wirklich ſicher ſehn. Du mußt Wittwe werden, Jacqueline. Der Tod, der keinen Nebenbuhler um ſeinen Scepter hat, muß Deine Eheſcheidung un⸗ terzeichnen, da ſie den Papſt Benedict mit Spitzfin⸗ digkeiten umlagern. Dann wird Gloceſter kein Hin⸗ derniß finden zwiſchen ſich und Deinen Armen. Und wenn mein ſchwacher Neffe den langen Schlaf ſchlaͤft, wer weiß, wie Philipp, der ſtarke, uner⸗ ſaͤttliche Raͤuber Deiner Rechte, ſeine letzte Stunde finden, und Dich gaͤnzlich frei laſſen wird! Der Himmel iſt gut, meine Tochter, und erweckt immer Werkzeuge zum Beſten der Huͤlfloſen; als Beweis 269 dient van Vlyett, wenn er die That gethan hat. Gloceſter, deſſen Tapferkeit Dein rechter Arm iſt, und Andere werden ſich zeigen in der Stunde der Noth, oder zu Deinem Beſten handeln, mein Kind, ohne ſich und Dich der Gefahr auszuſetzen. Jetzt aber zu Bette, zu Bette, und traͤume von gluͤckli⸗ chen Tagen! Denke, daß Deine Mutter fuͤr Dich wacht und betet.— Horch! Zwei Uhr! Wie doch die Zeit entflieht! Es iſt ſpaͤt— zu Bett, zu Bett, meine Jacqueline! Schlaf wohl!“ Ein Kuß begleitete dieſe Worte, und obgleich, wie ſie glaubte, ihrer Mutter Lippen die ihrigen nie ſo ſanft druͤckten, wie die einer Mutter wohl ſoll⸗ ten, ſo bildete ſich Jacqueline doch ein, daß ſie nie ſo rauh geweſen als jetzt. Der Kuß bebte durch ihr ganzes Weſen; ſie konnte ihn nicht erwiedern, machte auch keinen Verſuch, den letzten Wunſch zu beantworten, der uͤber ſie war hergemurmelt wor⸗ den. Die verwittwete Graͤfin ergriff nun ihre ſchon angezuͤndete Lampe, und eilte aus dem Gemache ver⸗ mittelſt einer Thuͤr, welche in das geheime Zimmer ihrer Tochter fuͤhrte und dann durch einen Gang mit dem ihrigen zuſammenhing, zu welchem Gange die Graͤfinnen allein die Schluͤſſel bewahrten. Jacqueline betrachtete die Geſtalt ihrer Mut⸗ 4 270 ter, als ſie ſich entfernte, und zwar ſo leicht, als wenn Unſchuld und Tugend ihre Schritte und ihre Bewegungen leiteten. Sie getraute ſich ſelbſt nicht, einmal in Gedanken den Gegenſatz zu verfol⸗ gen, den die Wirklichkeit darbot. Sie fuͤhlte ſich aͤußerſt ungluͤcklich, und eine Furcht belaſtete ſie als wenn ſie in Beruͤhrung mit etwas Unheimli⸗ chem gekommen ſey; denn zu der Furcht vor ih⸗ rer Mutter Theilnahme an der begangenen That geſellte ſich auch die, Andere vielleicht mit Unrecht als verabſcheuungswerth zu betrachten. Sie ver⸗ ſuchte es einzuſchlafen, allein vergebens, und wenn es ihr auch gelang, ſich einige Minuten dem Schlummer uͤberlaſſen zu koͤnnen, ſo draͤngten ſich Scenen, welche Stunden lang ſie in wirklicher Thaͤ⸗ tigkeit erhalten haben wuͤrden, vor ihre Einbildungs⸗ kraft. Das geſchwaͤrzte Geſicht und die entſtellte Perſon ihres vergifteten Oheims,— van Vlyett am Galgen,— Giles Poſtel, den Todestrank miſchend, oder befleckt mit dem Blute der erſchlagenen Gefan⸗ genen, waren die vornehmſten Gegenſtaͤnde; und die Geſtalt ihrer Mutter, die durch jede dieſer Scenen glitt, lieh jeder auch noch einen beſonderen furcht⸗ baren Anſtrich. Endlich ſprang ſie von ihrem un⸗ ruhigen Lager auf. Die Lampe war dem Erloͤſchen & 271 nahe. Es war ihr, als habe ſie ſchon Stunden lang geſchlafen, und unfaͤhig, den Zuſtand ihrer Zweifel und Befuͤrchtungen zu ertragen, beſchloß ſie ploͤtzlich, aufzuſtehen, und zu ihrer Mutter ſich zu begeben, um ſo auf einmal ihrer Pein ein Ende zu machen, moͤchte auch die Ueberzeugung ihr ſo viel Qual bringen, als ſie wollte. Sie ſchlug ihren Nachtmantel um ſich, nahm von dem Tiſche den Schluͤſſel zu dem geheimen Gange, und begab ſich, ohne einen Augenblick zu verweilen, in ihr Cloſet. Sie ſteckte ohne viel Behutſamkeit den Schluͤſſel in das Loch, denn ſie wollte von ihrer Annaͤherung Kunde geben. Dann trat ſie in den Gang, und erreichte die entgegengeſetzte Thuͤr, welche zu ihrer Mutter Cloſet fuͤhrte. Hier blieb ſie eine kleine Weile ſtehen, und hoͤrte die Uhr Drei ſchlagen. Sie zweifelte einen Augenblick, ob dies nicht Alles Zau⸗ berei ſey, oder dachte auch wohl, ſie ſchlafe noch, denn wie konnte eine ſo lange Zeit der Qual in eine einzige kleine Stunde zuſammengedraͤngt wor⸗ den ſeyn? Sie ſammelte ſich indeſſen bald, und ſetzte ihren Weg fort, ſchloß die Thuͤr auf, trat in das Cloſet, und eilte durch daſſelbe in das anſto⸗ ßende Schlafgemach. Die Lampe, welche die Graͤ⸗ fin Margarethe mitgenommen hatte, glimmte noch 4 272 ganz ſchwach auf dem Tiſche. Jacqueline naͤherte ſich dem Bette mit dem halb verzweifelten Ent⸗ ſchluſſe, die Schlafende zu wecken, um die Frage wegen Schuld oder Nichtſchuld derſelben geloͤſit zu ſehen. Als ſie die Vorhaͤnge aufſchob, bebte ihr die Hand, der Muth entſank ihr, und ſie fuͤhlte ſich uͤbermannt von der Angſt, ihre Befuͤrchtungen be⸗ ſtaͤtigt zu finden. Dann aber mit einer eilig con⸗ vulſiviſchen Bewegung ſchlug ſie endlich die Sammet⸗ draperie zuruͤck, und fand mit einem Gemiſch von Freude und Schreckniß, daß daß Bett leer war. Bald ſiegte der Schrecken. Sie bebte zuruͤck. Ein Anſtoß perſoͤnlicher Furcht war ihre erſte Em⸗ pfindung— warum und weßhalb wußte ſie nicht. Allein konnte nicht ihre Mutter dem Schickſal, das ſie ſo mitleidlos uͤber Andere herbeigerufen hatte, ſelbſt zum Opfer gefallen ſeyn? und konnte nicht auch eine verraͤtheriſche Hand in der Naͤhe ſeyn, auch ihr einen gleichen Schlag zu verſetzen? In⸗ deß ſie ſo, von Furcht und Angſt erfuͤllt, daſtand, ſchlug ein dumpfer Ton an ihr Ohr, der aus der kleinen Kapelle kam, welche bloß durch ein ſchma⸗ les Vorzimmer von dem Schlafgemache getrennt war. Es war die Stimme ihrer Mutter. Sie klang ihr wie ein Ton vom Himmel. 273 „Gott ſey Dank! Gott ſey Dank!“ rief Jac⸗ queline, indem ſie auf die Kniee ſank, und ihre Haͤnde faltete.„Sie iſt wohl! ſie iſt im Gebete begriffen! indeß ich Verdacht gegen ſie naͤhrte, und faſt im Begriffe war, ſie eines Verbrechens anzu⸗ klagen. 12* Dreizehntes Kapitel. Sie erhob ſich ſchnell wieder, fuͤhlend ein unwider⸗ ſtehliches Verlangen ſich in die Kapelle zu ſtehlen, um Zeuge zu ſeyn von dem Gebete, das ſie ſo tief er⸗ griffen, und darin mit einzuſtimmen. Sie ſchlich daher ganz leiſe uͤber den Flur, und in das Vor⸗ gemach. Die zur Kapelle unmittelbar fuͤhrende Thuͤr war offen, und dieſer Tempel fuͤr haͤusliche Andacht— vielleicht auch fuͤr geheime Suͤnden — war uͤberall an den Seiten mit Teppichen be⸗ hangen, die ſo angebracht waren, daß eine Perſon zwiſchen denſelben und den Waͤnden hin gehen konnte, ohne weder dieſe noch jene zu beruͤhren. Die tiefen und ernſten Toͤne von der Graͤfin Mar⸗ garethe Stimme kamen von dem oberen Ende dicht am Altare. Jacqueline ſchlich ſich leiſe noch einige Schritte weiter bis dahin, wo, wie ſie wußte, in dem geſtickten Gewebe einige Oeffnungen gelaſ⸗ ſen worden waren, um, ohne leicht entdeckt zu werden, hindurch ſchauen zu koͤnnen. Voll aͤngſtlicher Beſorgniß, ihrer Mutter An⸗ dacht zu ſtoͤren, wagte ſie kaum zu athmen, und ihr Auge an eine dieſer Oeffnungen legend, lauſchte ſie mit frommer Bewegung. Sie erblickte ihre Mutter wirklich,— aber in welcher Geſellſchaft? Sie ſelbſt ſaß an einem Tiſche, dicht an den unterſten Altarſtufen; ihr zur Seite befanden ſich zwei Maͤnner, die ſich zu ihr hinbeug⸗ ten, und ihrer dumpf toͤnenden Stimme lauſchten; auf dem Tiſche ſtanden zwei große metallene Leuch⸗ ter, deren Kerzen ein bleiches, ungewiſſes Licht auf die Gruppe fallen ließen, wodurch ſie mehrere offene Pergamentrollen, zwei Dolche und ein eifernes Hals⸗ band, ein altes Marterwerkzeug, bemerklich machten, waͤhrend Jacqueline, die vor unterdruͤckter Bewegung ihres Gemuͤths kaum athmen konnte, ganz deutlich in einem der Maͤnner das verhaßte Geſicht des Moͤrders Giles Poſtel erkannte. Sein Blick war, wie gewoͤhnlich, muͤrriſch und entſchloſſen. Es war nicht moͤglich, darin ein Nachdenken uͤber die Reden der Graͤfin Margarethe zu leſen. Sein Gemuͤth ſchien ſich im Zuſtande vollkommen ruhiger Beſtimmtheit zu befinden. Nicht ſo war es mit 4 276 dem anderen Manne. Er war ebenfalls jung, allein ſein Geſicht gluͤhte von dem Ausdrucke eines unge⸗ wiſſen Fanatismus, als wenn ſeine ganze Seele zwar vollkommen bei dem verhandelten Gegenſtande ſich befaͤnde, ihr Entſchluß aber noch nicht feſt be⸗ ſtimmt ſey. Er lehnte ſich vorwaͤrts, indem er die Kante des Tiſches mit beiden Haͤnden feſthielt, und der verwittweten Graͤfin unverwandt in's Angeſicht ſchaute, wie ſie entweder ſprach oder las. Der Ruͤcken derſelben war Jacquelinen zugekehrt, welche aus ihren Bewegungen bloß ſahe, daß ſie eher Et⸗ was auseinanderſetzte, als eine Unterhaltung fuͤhrte, und zwar mit ſichtbarer Beziehung auf das vor ihr liegende Pergament, das ſie zuweilen mit einer Hand in die Hoͤhe hielt, indeß ſie mit der anderen Et⸗ was darauf bezeichnete. Jacqueline war einige Minuten lang nicht im Stande, etwas von Dem zu verſtehen, was geſprochen wurde. Beſtuͤrzt, er⸗ ſchreckt, beunruhigt, wie ſie war, ſummte es ihr nur in den Ohren; die Gemaͤcher ihres Gehirns ſchienen die Toͤne zu wiederholen und undeutlich zu machen; die erſten Worte, die ſie verſtand, waren beſtimmt aus der Schrift. War denn ihre Mutter alſo wirklich im Gebete begriffen? Las ſie aus den heiligen Blaͤttern Stellen von troͤſtender Bedeutſam⸗ — 277 keit dem Boͤſewichte, der die Leſende verlaͤumdet hatte, ſo wie ſeinem unbekannten, aber unſchuldig ausſehenden Gefaͤhrten vor? Dieſer Gedanke war einer von jenen, der ſeinen ſchimmernden Glanz in ein edles Gemuͤth wirft, das ſo gern gut von ei⸗ uem Andern denken moͤchte, und ſich daher bemuͤht, das blendende Licht der Wahrheit auszuloͤſchen, wenn jener Andere ein naher Verwandter iſt, und unſer Freund ſeyn ſollte. Allein in dem gegenwaͤr⸗ tigen Falle zerſtreute die Wirklichkeit ſehr bald die Taͤuſchung. Eine Pauſe in der Rede der Graͤfin Margarethe benutzeud, ſagte der Fremde mit be⸗ zaͤhmter Energie ſeines Weſens: „Geſetzt auch, gnaͤdigſte Frau, ich, als ein Lehnsmann unſerer hochverehrten und ſchwer ge⸗ kraͤnkten Frau, der Graͤfin Jacqueline, haͤtte ein Recht, ihren Unterdruͤcker zu toͤdten— und die gewich⸗ tigen Gruͤnde, die Ihr angefuͤhrt habt, uͤberzeugen mich faſt, daß ich es habe— bin ich denn auch eben ſo gut berechtigt, dieſen Herzog zu toͤdten, ohne zu hoͤren, was er wol zu ſeiner Entſchuldigung zu ſagen habe? Laßt mich uͤber dieſen Punkt noch mehr Gewißheit erhalten, ich bitte Euch. Ich habe ihn wohl erwogen und ſtudirt, allein der heil. Au⸗ guſtin in ſeiner Civitas Dei iſt ſtreng in dieſem 4 278 Punkte.„Wer ſelbſt einen Verbrecher toͤdtet,“ ſagt er, ‚„ohne geſetzliche Autoritaͤt, ſoll des Mordes ſchuldig erachtet werden, velut homicida judicabi- tur.“ Was ſagen denn daruͤber die Schriften der Rechtsgelehrten?“ — Deine Bedenklichkeiten, junger Mann, ma⸗ chen Dir Ehre, und Deine Gelehrſamkeit beweiſtt, daß Du eben ſo fleißig als tugendhaft biſt. Ich halte es fuͤr eine große Ehre, einen ſolchen Juͤng⸗ ling in unſerer heiligen Sache als Theilnehmer aufzunehmen. So hoͤre denn, die Rechtsgelehrten ſagen: ‚Es iſt Jedermann, ohne beſonderen Befehl von irgend einem Andern, als dem goͤttlichen, mo⸗ raliſchen oder natuͤrlichen Geſetze, erlaubt, einen Ty⸗ rannen zu toͤdten;“ und dieſes kann durch zwoͤlf Gruͤnde zu Ehren der zwoͤlf Apoſtel bewieſen wer⸗ den. Die drei erſten Gruͤnde ſind gezogen aus den Zeugniſſen von drei Moralphiloſophen; drei andere aus St. Auguſtin's Dogmen der heiligen Theologie; drei aus Schriftſtellern der buͤrgerlichen Geſetzge⸗ bung, und drei endlich aus Beiſpielen der heiligen Schrift.— „Leſet, o leſet dieſe hohen Zeugniſſe!“ ſagte der junge Mann mit Blicken geſpannter Aufmerk⸗ ſamkeit. 279 — Sollte ich Euch das Ganze vollſtaͤndig vor⸗ tragen, mein junger Freund, ſo moͤchte wol die Nacht daruͤber hingehen. Doch vernehmt die Namen Thomas von Aquino, St. Peter, Sabellius, Ari⸗ ſtoteles, Cicero, Boecaccio, und hoͤrt den Hauptin⸗ halt: ‚„Wer einen Tyrannen toͤdtet, thut ein Werk, das Lob verdient; da es erlaubt iſt, ihn zu toͤdten, ſo iſt es auch erlaubt, ihn durch ſchmeichelnde Rede zu hintergehen; es iſt gut und gerecht, ihm durch einen Hinterhalt den Garaus zu machen, wenn es darauf ankommt, das Leben und Eigenthum eines Herrſchers von dem Raube zu retten.“— Und iſt nicht Philipp ein Raͤuber— iſt Johann nicht ein Tyrann?— „Dies, edle Dame, geſtehe ich nicht nur zu, ſondern ich will ſogar darauf ſterben— die Zeug⸗ niſſe ſind gut; aber des heiligen Auguſtin's Worte ſind ſtreng— daher...“ — Und was ſagt der heil. Paulus, lieber, jun⸗ ger Mann?„Dem woͤrtlichen Sinne, ſelbſt der heiligen Schriften, zu folgen, iſt Tod fuͤr die Seele.“ Und welche Regel des Rechts oder der Moral hat nicht ihre Ausnahme?— „Ich fange an, das Licht dieſer Gruͤnde zu erblicken, geehrte Dame!— Verzeiht mir, wenn ich 280 es mit dem Gegenſtande etwas genau zu nehmen ſcheine— aber die Faͤlle aus der heilgen Schrift? ſind ſie in dieſen Blaͤttern verzeichnet?“ — Das ſind ſie, und ſehr umſtaͤndlich behan⸗ delt. Das erſte Beiſpiel iſt das von Moſes, der, ohne allen Befehl, den Egypter erſchlug, der die Israeliter tyranniſch behandelte. Das zweite, das eines Hohenprieſters, der die gottloſe Athalia uͤberſiel und ermordete. Das dritte iſt das von Michael, dem Erzengel, der, ohne ausdruͤcklichen Befehl von Gott dem Herrn, den Lueifer todtete, das vollkommenſte Geſchoͤpf, das je aus Gottes Haͤnden hervorging. Und erſchlug nicht Joab den Aufruͤhrer Abſalom ſelbſt gegen den Befehl David's, ſeines Vaters und Koͤnigs? Dieſer aber dankte nachher dem Joab, als einem guten und loyalen Ritter, ſo wie Gott den heil. Michael mit Reich⸗ thum und Macht belohnte, und wie Du auch be⸗ lohnt und geehrt werden ſollſt, edler Juͤngling, wenn Du Deine rechtmaͤßige Beherrſcherin, Graͤfin Jac⸗ queline, von einem oder dem andern der grauſamen Tyrannen erloͤſet haben wirſt, die uns Ale unter⸗ druͤcken.— „Dieſe Gruͤnde ſind unwiderleglich,“ ſagte der junge Mann mit einem feſten Ausdrucke des Ge⸗ 281 ſichts, gleich als waͤre er allmaͤhlich uͤberzeugt worden. — Und was— fuhr die verwittwete Graͤfin fort,— iſt die Schlußfolge aus all' den begeiſter⸗ ten Gruͤnden dieſes großen Lehrers der Theologie, dieſes gelehrten Erforſchers der Geſetze, dieſes be⸗ redten Vertheidigers des Rechts? Mit ſeinen ei⸗ genen Worten keine andre als folgende: ‚Dieſes iſt der paſſende Tod fuͤr Thrannen! Sie ſollten er⸗ ſchlagen werden durch Hinterhalt und Wegelage⸗ rung, oder andere ſchnelle Mittel, deren man ſich gegen gute Menſchen nicht bedienen darf. Und aus dieſem Grunde ſind wir verbunden, unſre Treue zu bewahren ſelbſt unſerem toͤdtlichſten Feinde, keines⸗ weges aber einem Tyrannen.“— „Und welche Treue ſind wir dem Herzoge Phi⸗ lipp und dem Herzoge Johann ſchuldig? Sind ſie unſere Herren?“ ſagte Giles Poſtel, indem er ſei⸗ nen ſchweren Blick auf den Neueingeweihten ruhen ließ.„Befindet ſich in Eurem Collegium, John Che⸗ valier, ein Gelehrter, der dies beweiſen kann?“ — Und gedenket indeß Derjenigen, welche Eure rechtmaͤßige Herrin iſt,— fuhr die alte Graͤfin fort: — auf ſie und ihre Leiden richtet Eure Gedanken; wendet ſie von ihren verhaßten Verwandten, meinen 282 eigenen Neffen ab, die ich ihrem wohlverdienten Schick⸗ ſale zuſchleudere. Denn ſo gewiß, als wir die Flam⸗ men dieſer geweihten Kerzen hier erblicken, die ich von dem Altare dort nahm um uns bei unſerem Werke zu leuchten, eben ſo gewiß werden Philipp von Bur⸗ gund und Johann von Brabant den Tod der Ty⸗ rannen ſterben, ehe eine Woche Bet und dann ewig brennen in..— Ein glötzlicher Schauder dorcodrang Jacqueli⸗ nens ganzes Weſen. Sie lehnte ſich an die Wand; und hoͤrte ſo nicht den Schluß des gottloſen Ur⸗ theils. Allein ihr Gefuͤhl war zu tief verwundet, und ihre Aufmerkſamkeit zu geſpannt, um ihr mehr als eine augenblickliche Unterbrechung zu geſtatten. Sie nahm ihre Stelle an der Tapete wieder ein, und ſchaute durch die kleine Oeffnung. Nun ſahe ſie, wie der junge Student, denn als ſolchen be⸗ zeichnete ihn ſeine Kleidnng, die ſie vollſtaͤndig ſe⸗ hen konnte, aufrecht daſtand, einen der Dolche in der Hand hielt, und mit einer Miene, die wahr⸗ hafte Wuth ausdruͤckte, rief: „Ja, ja, ich ſchwoͤre es wiederholt, Einer von ihnen ſoll ſterben durch dieſe Hand, geopfert am Altar der Rache, zur Ehre Deiner ſchoͤnen Tochter, 283 der Graͤfin Jacqueline, deren Sache ich mich weihe mit Leib und Seele!“ und mit dieſen Worten kuͤßte er den Griff des Dolches. — CEdler Juͤngling,— ſagte die verwittwete Graͤfin,— auf dieſe Weiſe wirſt Du große Ehre hier und ewige Freude dort ernten. Allein maͤßige Deine Begeiſterung. Wir muͤſſen uns jetzt uͤber die Mittel und die Art berathen, wie das, was geſchehen muß, geſchehen ſoll. Wie, meine braven Freunde, wollt Ihr uͤber unſere beſonderen Opfer verfuͤgen?— „Das iſt mir gleichguͤltig,“ ſagte Poſtel;„al⸗ lein ich denke, ich nehme wohl am beſten Philipp auf mich. Ich kenne die Art und Weiſe ſeines Volkes beſſer als mein junger Freund John Che⸗ valier. Ich uͤberlaſſe ihm dafuͤr ſeinen Namens⸗ vetter, den ſogenannten Gemahl Derjenigen, fuͤr die er ſo abgoͤttiſch entflammt iſt. Ich, aufrich⸗ tig geſprochen, ich bin kein ſolcher Enthuſiaſt fuͤr ihre Sache. Ich werde den Herzog Philipp toͤdten fuͤr Euch, meine hochverehrte Dame, fuͤr die ſchoͤ⸗ nen Sonnen und goldenen Kronen in dieſem Beu⸗ tel, und den ehrenvollen Platz, der der Lohn des Gelingens iſt. Der Beredtſamkeit des Doctors John 284 Petit, ſo wie ſeiner langen Auseinanderſetzung, be⸗ durfte es gar nicht, mich von der Gerechtigkeit deſ⸗ ſen noch zu uͤberzeugen, wofuͤr ich gut bezahlt werde.“ Eine Art von Schmunzeln begleitete dieſe Re⸗ den, als Poſtel einen ledernen Beutel in der Hand wog, und ihn dann in den Guͤrtel ſeines Wamm⸗ ſes ſteckte. — Nimm dieſen Dolch! er iſt von Mallaͤnder Stahl,— ſagte die verwittwete Graͤfin,— drei⸗ ſchneidig, und die Spitze muß vor Roſt bewahrt werden! Das bedenke wohl— laß ihn nicht aus der Scheide kommen.— „Bis er eine von Fleiſch findet in Herzog Phi⸗ lipp's Leib!— Ich verſtehe Euch, Graͤfin, und werde die Salbung nicht abwiſchen, darauf verlaßt Euch!“ Waͤhrend dieſer teufliſchen Vereinbarung hatte der junge Student, der eben in den Todesplan ein⸗ geweiht worden war, mit Begierde die Schriftrolle ergriffen, woraus die Graͤfin Margarethe ihre Gruͤnde genommen hatte, und durchlief nun den In⸗ halt derſelben, als waͤre es recht das eigentliche Manna der Rechtlichkeit geweſen, ſtatt daß es eine 285 Eſſenz von Sophiſterei, Ungerechtigkeit und Unſinn war.*) „Nimm ſie mit Dir, edler Juͤngling,“ ſagte die Wittwe, und der junge Mann ſteckte ſie ſo⸗ gleich unter ſeinen Mantel. Dann fuhr ſie fort: „Nimm ſie mit, lies ſie Wort fuͤr Wort, und er⸗ fuͤlle Dich ganz mit der Begeiſterung, die ſie ein⸗ floͤßt. Und mag Philipp, mein undankbarer Neffe, auch wenn ſchon der Dolch auf ſeiner Bruſt ge⸗ *) Dieſe Vertheidigungsſchrift Jean Petit's für den Herzog von Burgund gegen die Beſchuldigung, die Mörder ſeines Vetters, des Herzogs von Orleans, gedungen zu ha⸗ ben, wird vollſtändig gegeben von Monſtrelet. Sie beſteht aus ungefähr achtzig Octavblättern, und iſt eines der ſelt⸗ ſamſten Documente der Zeit. Die Verwirrung von Argu⸗ menten und Autoritäten iſt höchſt wunderlich. Der Pfal⸗ miſt und die Propheten David und Daniel, die Heiligen und die Apoſtel, heilige und weltliche Autoren werden mit Verdrehung alles Sinnes und aller Wahrheit auf unglaub⸗ liche Art durch einander gemiſcht. Die Schrift wurde vorge⸗ leſen in Gegenwart des Dauphins, nachmals Karls VII., des Königs von Sieilien, und einer Menge von Cardinälen, Prinzen und anderen Edelleuten. Der Redner empfiehlt ſich und ſeine Sache dem Schutze und der Unterſtützung Gottes ſeines Schöpfers und Erlöſers, der glorreichen Mutter und des heil. Johannes, des Evangeliſten, des Fürſten der Theo⸗ logen.. 286 zuͤckt waͤre, Zweifel zu erregen gegen die hohen Zeugniſſe, die ſeinen eigenen Vater, meinen gelieb⸗ ten Bruder, dem Gott verzeihe, rechtfertigten, daß er die Welt von einem Tyrannen befreit habe, der nicht halb ſo verderblich war, als er ſelbſt iſt? Nein! weder er, noch ſein edler Guͤnſtling, Johann von Brabant, noch ihre Creaturen und Werkzeuge vermoͤgen es, ein einziges Argument umzuſturzen, noch weniger aber die Streiche abzuhalten, die im Begriff ſind, auf ſie herabzufallen. Wollt Ihr alſo, John Chevalier— da dies einmal Euer Name iſt— Chevalier, der es ſowohl durch Titel als Namen bald ſeyn wird...“ — Und Kaͤmmerling der ſchoͤnen Graͤfin Jac⸗ queline! So iſt Euer Verſprechen, Madame! wie⸗ derholt es, damit ich des einzigen Dankes verſichert ſeyn moͤge, nach welchem ich ſtrebe; des Gluͤckes naͤmlich, taͤglich das liebenswuͤrdigſte Weſen zu ſe⸗ hen, das je menſchliche Geſtalt trug!— „So lautet meine Verpflichtung gegen Dich, bei der Ehre meines edlen Geſchlechtes!“ ſagte die Mutter, indeß die zitternde Jacqueline kalt und bleich wurde bei dem Gedanken, daß ihre ungluͤck⸗ liche Schoͤnheit eben das Begeiſterungsmittel fuͤr den fanatiſchen Juͤngling ſey. ³ 1 — So bin ich denn bereit fuͤr Eure Befehle, — ſagte John Chevalier in feierlichem Tone. „Nein, lege den Dolch nieder,“ verſetzte die Graͤ⸗ fin:„Du ſollſt eine That ſicheren und geſetzli⸗ chen Todes vollbringen.— Jenem tapfern Ritter habe ich das Werk eines blutigen Opfers und einer verzweifelten Gefahr vorbehalten. Du ſieh' die⸗ ſes Halsband hier!“ und mit dieſen Worten ergriff ſie das auf dem Tiſche vor ihr liegende Marter⸗ werkzeug:„dieſes Inſtrument iſt ſo eingerichtet, daß es fuͤr jeden Hals paßt; ein Druck mehr oder we⸗ niger zieht es zuſammen, oder macht es locker; der Hals, den es umſchlingt, kann durch den Griff ei⸗ ner kuͤhnen Hand bald zum Todesroͤcheln gebracht werden, oder wenn der Schuldige Aufſchub ver⸗ dient, kann man ihn ſo lange ſchmachten laſſen, als es der Gerechtigkeit gut duͤnkt, die Verurtheilung zu verſchieben. Mich duͤnkt, die engſte Spannung wird am beſten fuͤr den Hals des Herzogs Johann von Brabant paſſen! So nimm es denn mit, und ſuche unter irgend einem erdichteten Vorwand Dich ihm zu naͤhern. Faͤnde auch Entdeckung Statt, faͤnde dieſes Inſtrument ſich bei Dir— was beweiſt es? Es iſt ganz außer Gebrauch, und kein Menſch ahnet ſeine eigentliche Beſtimmung; es iſt ſelbſt ein 288 guter Heuchler, und kann Dir zugleich eine treffliche Lehre geben. Es wurde durch Zufall aufgefunden, als ein ſeltenes Ueberbleibſel, um eine Kleinigkeit gekauft, ausgegraben aus einer Ruine, wenn ich nicht irre. Ein Studirter, wie Du biſt, kuͤhner Che⸗ valier, bedarf nicht der Winke einer alten Frau, wie ich bin. Aber lies nur die Grundſaͤtze und Gruͤnde des goͤttlichen Lehrers, deſſen Schriften Du bei Dir traͤgſt; thue, wie ich gethan habe, lerne das Ganze auswendig,-was fuͤr Dich, Du gelehr⸗ ter Juͤngling, ein Leichtes iſt, fuͤr mich aber eine beſchwerliche Arbeit und muͤhevolles Studium. Al⸗ lein der Durſt nach Erkenntniß kann nur geſtillt werden an der tiefen Quelle der Wahrheit, undehier habe ich ſie gefunden.“ 5 — Ich nehme dieſes Halsband und dieſe ge⸗ heiligten Blaͤtter als Symbole der Wahrheit und Ge⸗ rechtigkeit bei der Sendung, die ich jetzt antrete,— rief Chevalier, indem er beide Gegenſtaͤnde unter ſeinen Mantel verbarg.— Keine Gefahr ſoll mich zuruͤckhalten, keine Marter mich erſchrecken, keine Gewalt mich meines Geluͤbdes entbinden! Was einmal geweiht iſt, kann nicht wieder entweiht wer⸗ den; das iſt ein maͤchtiger Grundſatz der Theologie, und 289 und ich ſtehe hier als ein lebendes Abzeichen deſ⸗ ſelben.— „Und was willſt Du thun in dieſer guten Sache?“ ſagte die Wittwe, ſich zu Giles Poſtel wendend. — Dieſe Klinge in Philipp's Herz ſtoßen!— war die kurze und ruhige Antwort. „Genug, genug!“ rief die vorſitzende Prieſte⸗ rin dieſer teufliſchen Orgien.„Jetzt laßt uns Alle aufbrechen, und mit dem fruͤheſten Morgen begebt Euch auf Eure verſchiedenen Wege. Setzt dieſe geweihten Leuchter wieder auf den Altar, empfehlt Euch ſelbſt Euern Heiligen, und ſchreitet dann zum Werke. Gute Nacht, brave Freunde! Ich danke Euch fuͤr meine Tochter und fuͤr mich ſelbſt.“ — Ich brauche ihren Dank nicht!— mur⸗ melte Poſtel. „Ich will meinen Anſpruch, mich ihren treu⸗ ergebenen Diener zu nennen, durch die That be⸗ waͤhren!“ ſagte Chevalier laut. Jacqueline bebte zuruͤck, weil ſie ſich faſt einbildete, der Blick ſeiner hervortretenden Augen ſey auf ſie gerichtet ge⸗ weſen. 4 Ein Paar Minuten, nachdem ſich die Wittwe I. 13 290 entfernt hatte, ergriff Poſtel die Leuchter, kletterte in ſehr unehrerbietiger Art auf den Altar, und ſtellte ſie wieder auf den gewoͤhnlichen Platz. Indeß dies vorging, ſchlich ſich Jacqueline, nur mit einem Vor⸗ ſatze beſchaͤftigt, mochte deſſen Ausfuͤhrung auch ko⸗ ſten, was es wollte, ſtill hinter dem Altare weg, und nahm auf der anderen Seite der Capelle, dicht an der Eingangsthuͤr aus dem großen Corridor, ihre Stellung, aber immer noch hinter den Teppi⸗ chen verborgen. Als Poſtel ſein Gebet verrichtet hatte, hoͤrte ſie ihn zu ſeinem Gefaͤhrten ſagen: „Warte nur hier ein wenig! Ich will hinun⸗ tergehen, und ſehen, ob Alles dort ſicher iſt. Ich komme ſchnell zuruͤck, und fuͤhre Dich durch den geheimen Gang. Unterdeſſen kannſt Du ein Paar Paternoſter und Aves beten, oder ein kurzes Gebet fuͤr die Seelen Derer, die wir in's Jadatuer ſchik⸗ ken wollen.“ Als der Elende an Jacquelinens Platze vor⸗ uͤberging, ſtieß er mit der Schulter an die Tapeten, die ſich bewegten, indeß er uͤber ſeine eigne Schlech⸗ tigkeit lachte. Sie bebte zuruͤck, als koͤnnte ſie durch die Tapete hindurch befleckt werden, und nach dem ſchwach erleuchteten Altare hinſchauend, bemerkte ſie, daß Chevalier noch immer vor demſelben ſtand. 291 Sogleich flammte ein neuer Gedanke in ihrer Seele auf. Sie warf ihren Mantel da, wo ſie ſtand, ab, und begab ſich ganz leiſe hinter den Altar. Ueberzeugt, daß religioͤſe Gefuͤhle in einer Seele, wie Chevalier's, tiefe Eindruͤcke hervorbringen muͤß⸗ ten, und wohl wiſſend, daß eine geheimnißvolle Sentenz uͤber ein ſolches Gemuͤth mehr vermoͤge, als ganze Baͤnde voll Beweiſe, beſchloß ſie im Drange des Augenblicks, ihm eine Warnung zuzu⸗ rufen, der der Zuſtand ſeines Innern und die Um⸗ gebung um ihn her wohl eine Feierlichkeit verleihen konnte, die ſie ſelbſt zu bewirken keinesweges hoffen durfte. Allein ihr eigener Gemuͤthszuſtand war in dieſem Augenblicke der Inſpiration ſo nahe, als es das Gefuͤhl eines Sterblichen nur zu ſeyn vermag; und es moͤchte wohl auch nur wenig Menſchen, ſelbſt in einem minder aberglaͤubigen Zeitalter, ge⸗ geben haben, die nicht durch das Folgende auf's tiefſte erſchuttert worden waͤren. Den rechten Arm mit einer nicht voraus berechneten Bewegung er⸗ hebend, wodurch ihre Geſtalt einen Ausdruck er⸗ hielt, wie man ihn uͤbernatuͤrlichen Beſuchern zuzu⸗ ſchreiben pflegt; das ſchneeweiße Nachtgewand leicht um ſie her flatternd, und ihr Geſicht durch . 13* 292 den Schatten des Altars verdeckt, trat Jacqueline leiſe hervor, und rief mit einer ſo zitternden Stimme, als kaͤme ſie aus dem Innern des Tabernakels: „Es ſteht geſchrieben: Du ſollſt keinen Mord begehen!“ Erſchreckt ſowohl durch den Ton ihrer eigenen Stimme in ſolch' einer Lage, als durch das dem Wahnſinn gleichende Erbeben des jungen Mannes, der augenblicklich an den Stufen des Altars auf ſeine Kniee niederſank, und als haͤtte ſie durch ihre Worte das goͤttliche Gebot, das ſie ausſprach, ſelbſt verletzt, fuͤhlte ſich Jacqueline einen Augenblick wie Eine, die zwiſchen Leben und Tod ſchwebt. Allein der Juͤngling erhob ſich ſchnell wieder auf ſeine Kniee, und ergoß ſich mit erhobenen Haͤnden in ein feuriges Gebet. Als ſie dies bemerkte, begab ſie ſich ſchnell wieder hinter den Vorhang, nahm ihre fruͤhere Stellung dicht bei der Thuͤr wieder ein, hob den Mantel auf, huͤllte ſich darein, und da ſie des zurüͤckkehrenden Giles Poſtels Tritt auf der Treppe toͤnen hoͤrte, eilte ſie in den Gang zuruͤck, entſchloſſen, ihren erſten Plan ſogleich zur Ausfuͤh⸗ rung zu bringen. Jacqueline hegte zwar keine per⸗ ſoͤnliche Furcht, mit dieſem Manne zuſammen zu treffen, indeſſen ſchauderte ſie doch, als ſie beim ——— * — 293 Schimmer der Lampe, welche allnaͤchtlich in dem Gange brannte, ſeine Geſtalt die Stufen herauf⸗ kommen ſahe. Sie ſtand auf der oberſten, und als er ſeinen Fuß darauf ſetzte, ſchlug er die Augen auf und erkannte ſie. Er bebte zuruͤck, und ſtarrte ſie an, ohne ein Wort zu ſagen. „Folge mir!“ ſagte Jacqueline, auf eine Thuͤr am entgegengeſetzten Ende des Ganges deutend, auf welche ſie zuging. Poſtel gehorchte ihr unwill⸗ kuͤrlich, denn er war durch ihre ploͤtzliche Erſchei⸗ nung ſo angegriffen, wie es ein Menſch nur ſeyn konnte, der ſonſt fuͤr unerwartete Eindruͤcke ſo we⸗ nig empfaͤnglich war. Sie trat in das Gemach ein, nahm die Lampe von dem marmornen Fußge⸗ ſtelle in dem Corridor, und ſetzte ſie auf einen Tiſch. Dann verſchloß ſie die Thuͤr. Als ſie dies that, legte der Boͤſewicht ſeine Hand an den Dolch, ſich wirklich vor einem ſchutzloſen und unſchuldigen Weibe fuͤrchtend. „Verſucht es nicht, mir zu drohen!“ ſagte Jacqueline, welche dieſe Bewegung bemerkte und mißverſtand. 1 — Ich drohe Euch nicht, Graͤfin,— ſagte er, — allein.— 294 „Warum denn aber die Hand am Griffe der Dolches?“ — Warum verſchließt Ihr die Thuͤr? Das ſieht aus wie Verrath, Madame; gerade in dem Augenblicke, wo ich im Begriffe bin, Euch einen wichtigen Dienſt zu leiſten.— Dabei ſchaute er mit ſuchenden Blicken im Zimmer umher. „Verraͤther fuͤrchten ſelbſt ihre eigenen Waffen, das iſt ein altes Sprichwort,“ ſagte Jacqueline. „Ihr moͤgt der Eurigen wohl mißtrauen, denn ſie iſt einer ſchlechten Sache geweiht.“ — Der Eurigen iſt ſie geweiht!— „Nein! ich verſchmaͤhe die Dienſte von Meu⸗ chelmoͤrdern. Ich vertraue meine Sache dem Himmel, und mag keinen andern Verbuͤndeten ha⸗ ben!— Ueberliefert mir dieſe hoͤlliſche Waffe, ich befehle es Euch bei Euerm Lehnseide! und gebt au⸗ genblicklich Euern Plan gegen den Herzog Philipp auf!“— — Graͤfin Jacqueline,— ſagte der Boͤſewicht, der ſeine Faſſung ſogleich wiederfand, als er unſe⸗ rer Heldin heftige Gemuͤthsbewegung und ſeine Si⸗ cherheit bemerkte;— Graͤfin, Ihr habt Giles Poſtel zum erſten Mal in ſeinem Leben nicht auf dem rech⸗ ten Wege ertappt, und dieſes iſt ein anderer Poſten — 295 in der Rechnung, die ich Euch ſchuldig bin. Ihr wart es alſo, die vorhin die Tapeten bewegte, was ich fuͤr Wirkung des Windes hielt, und was meine Gefaͤhrten nicht bemerkten? „Eure Gefaͤhrten, Elender!“ — Nur keine Beleidigung, Graͤfin! Ihr habt Eure Engliſchen Prahlhaͤnſe nicht zum Ruͤckhalte, und, bei'm Himmel! mein Dolch moͤchte eben ſo bald ſeine Scheide finden in Eurer, wie in Her⸗ zog Philipp's Bruſt; ſchneller vielleicht noch, denn Ihr habt mich entehrt.— Denkt Ihr, ich ver⸗ geſſe das Feld von Harlem? So nehmt Euch denn in Acht, und laßt mich Eure Mutter nennen, wie ich Luſt habe; iſt ſie etwa nicht meine Gefaͤhrtin in dieſem Unternehmen? Ich weiß, Ihr habt uns vorhin belauſcht, und koͤnnt uͤber meine fruͤheren Winke in Bezug auf ſie urtheilen.— Jacqueline fuͤhlte ſich von Schrecken ergriffen bei dieſen Worten, ſo wie dem entſchiedenen Tone, womit ſie begleitet waren. Poſtel's Augen ſchienen nach ihrem Blute zu duͤrſten. Sie wollte ſich nach der Thuͤr wenden, um ſich unter den Schutz des jungen Enthuſiaſten in der Capelle zu begeben, al⸗ lein Poſtel trat dazwiſchen, und ſagte: — Nicht alſo! Ihr ſollt nicht entweichen, um 296— das Geſinde zuſammen zu rufen, und Eure beſten Freunde zu verrathen,— vielleicht auch, um unter den Schutz des Engliſchen Lords Euch zuruͤck zu ziehen.— „Elender!“ rief Jacqueline, bei der jetzt der Unwille uͤber die Furcht ſiegte. — Kein kraͤnkendes Wort mehr, ſonſt ſitzt der Dolch in Eurer Bruſt!— ſagte ganz ruhig Poſtel, indeß er ſie am Arme faßte, und ſeine Hand an den Griff des Dolches legte.— Ihr habt Euch ſelbſt in meine Macht gegeben, und Ihr muͤßt nun auch die Folgen davon tragen. Fuͤr wie thoͤricht habt Ihr mich gehalten, und wie thoͤricht habt Ihr Euch ſelbſt gezeigt! Glaubtet Ihr denn, den Giles Poſtel durch Worte und Blicke zu bethoͤren? Eure Mutter kennt mich beſſer, und auch Ihr ſollt mich kennen lernen. Was brachte Euch hierher? warum winktet Ihr mich herein? Was wolltet Ihr mit mir? Seyd Ihr Fitzwaltern abgeneigt geworden meinetwegen, wie Ihr es ſeinetwegen Gloceſtern, und dem Herzog Johann Gioeefn wegen wurdet? Wolltet Ihr...— „Frecher Bubel“ rief Jaenueüinc, von der Hand des Boͤſewichts ſich los machend, mit dem Tone und Blicke leidenſchaftlich erregter Wuͤrde, — 297 wodurch fuͤr einen Augenblick ſeine Wildheit ge⸗ laͤhmt wurde.„Ich ſehe wohl, daß ich in Eurer Gewalt bin, daß ich mich thoͤrichter Weiſe ſtark geglaubt habe in der Stunde meiner hoͤchſten Schwaͤche— allein ich trotze Euch eben ſo mu⸗ thig, als ich Euch verachte. Eure Drohungen fuͤrchte ich nicht, und Eure Dienſte erkenne ich nicht an. Nehmt mir das Leben, wenn es Euch beliebt,— allein, wenn noch ein Funke maͤnnlichen Gefuͤhls in Euch glimmt, ſo kraͤnkt meine Ehre und meine Unſchuld nicht durch ſolche ſchaͤndliche Worte!“ — Warum habt Ihr denn meine Ehre be⸗ ſchimpft, und auf mich all' die Schaͤndlichkeit ge⸗ laden, die Euer Anſehen befehlen konnte? Reuet Euch das Unrecht, das Ihr mir gethan habt? Wollt Ihr es verguͤten— reichlich?— „Mit Euch gehe ich keine Bedingungen ein,“ verſetzte Jacqueline ſtolz.„Laßt mich jetzt frei, und ich verſpreche Euch Verzeihung und Stillſchwei⸗ gen wegen dieſer Beſchimpfung, die ich vielleicht unbedacht hervorgerufen habe; doch unter der Be⸗ dingung, daß Ihr Nichts gegen Herzog Vyilpds Leben unternehmt!“ — Bedingungen! Ei, Ihr ſeyd wohl eben in 298 der beſten Lage, welche zu machen, Graͤfin?— ſagte der Menſch, indem ſeine ihm angeborne Rohheit durch die Ehrfurcht, die ihm Jacquelinens Beneh⸗ men eingefloͤßt hatte, und die Unentſchloſſenheit hin⸗ durch brach, die ihm das Bewußtſeyn verurſachte, daß er ſich durch jene Rohheit deih zu weit habe fuͤhren laſſen.— „Was wollt Ihr denn von mir?“ fragte die Prinzeſſin. — Daß Ihr mich bei der erſten Gelegenheit mit eigener Hand zum Ritter ſchlaget, wie Ihr zu Harlem mit vielen Anderen gethan habt, die der Ritterſchaft weit weniger werth waren, als ich es bin. So koͤnnt Ihr den Flecken wieder abwaſchen, den Ihr ſo grauſam auf meine Ehre gebracht habt. Naͤchſtdem macht Ihr Euch auch verbindlich, mir eine hinreichende Geldſumme auszuzahlen, um mich ſo ausſtatten zu koͤnnen, wie es ſich fuͤr einen Kaͤm⸗ pfer Eurer Ritterſchaft geziemt. Habt Ihr dies feierlich beſchworen, dann moͤgt Ihr Euch wegbege⸗ ben, und lernen, mit Maͤnnern, wie ich bin, nicht zu ſpaßen, oder Plaͤne vereiteln zu wollen, wodurch Eure Sache gefoͤrdert werden ſollte. Verweigert Ihr dieſe Bedingungen, ſo ſchwoͤre ich heilig, die —— — 299 Thuͤr ſoll ſich augenblicklich aufthun, und ein Zeuge aus der Capelle eintreten— Ihr habt ihn geſehen oder gehoͤrt— und Euch von meinen Armen um⸗ fangen finden!— „Ich verſpreche Alles!“ rief Jacqueline, ſchau⸗ dernd vor Entruͤſtung und Furcht; ungewiß, ob nicht der Boͤſewicht ſeine Drohung in Erfuͤllung bringen moͤchte, und bloß an das Entkommen den⸗ kend, ohne die Lehre von der moraliſchen Verpflich⸗ tung reiflich zu uͤberlegen.„Laßt mich gehen, ich will Alles thun, was Ihr verlangt!“ — Gemach! gemach, Graͤfin! Zuerſt muͤſſen zwei Punkte in Betrachtung gezogen werden, und Ihr werdet ſehen, daß mir Euer Ruf theurer iſt, als Euch ſelbſt. Geht Ihr in dieſer in Unordnung gebrachten Kleidung hinweg, und begegnet auf dem Gange vielleicht Euren anderen Kaͤmpen, oder ei⸗ nem umherirrenden Diener; was moͤchte dann die Verleumdung ſagen? Ich will mich daher zuerſt mit meinem jungen Freunde Chevalier entfernen, und Euch ſo den Weg frei machen. Die naͤchſte Sicherheit fuͤr Eure Ehre in anderer Hinſicht iſt die, daß Ihr mir irgend einen Gegenſtand als Un⸗ terpfand Eures Verſprechens gebt.— Ihr moͤchtet 300 es ſonſt vergeſſen; Fuͤrſten haben, wie Ihr wißt, immer ein kurzes Gedaͤchtniß.— „Ihr koͤnnt kein Mißtrauen in mein Wort ſetzen. Hat Eine meines Stammes jemals daſſelbe gebrochen?“ 3 — Kann ſeyn, Graͤfin; ch bin kein Gelehrter und ein ſchlechter Logiker dazu. Gebt mir daher nur den Ring mit dem Rubin von Eurem Finger, oder die Thuͤr fliegt auf, und es mag eintreten, wer Luſt hat!— „Dieſen Ring fordert nicht er iſt ein Geſchenk meines Vaters— das Einzige, was mir von ſei⸗ ner Liebe uͤbrig iſt.“ — Was habt Ihr aber ſonſt zu geben? Ich ſehe nichts als dieſe Flechten, welche mit Gewißheit als die Eurigen anerkannt werden koͤnnten. Darf ich eine mit meinem Dolche abſchneiden, und ſie als ein Zeichen der Gunſt auf meiner Muͤtze tra⸗ gen?— „Nehmt den Ning hin, und entweiht meine Perſon nicht durch Eure Beruͤhrung einer Locke meines Haares! Nehmt den Ring, und der Him⸗ mel verzeihe mir's, wenn es ein Verbrechen iſt, mich von ihm zu trennen!“ —— 301 Sie nahm den Ring vom Finger, und haͤn⸗ digte ihn ihm ein.— So ruhe hier als ein glaub⸗ wuͤrdiges Zeugniß unſers Vertrages,— murmelte er, und ſteckte den Ring in das Wamms. „So laßt mich denn frei!“ ſagte Jacqueline, und nun hinweg aus meiner Naͤhe! Gott wende Dein verhaͤrtetes Herz von ſeinem ſchrecklichen Vor⸗ haben.“.. — Lebt denn wohl, Graͤfin!— ſagte Giles Poſtel mit einem triumphirenden und frechen Laͤ⸗ cheln;— lebt wohl und gedenkt dieſer Lehre; ſeyd beſonnen und verſchwiegen. Erinnert Euch, daß Ihr nicht nur meinen Ruf in Eurer Gewalt habt, ſondern daß auch der Eurer Mutter und Euer ei⸗ gener auf dem Spiele ſteht. Laßt Euer Gewiſſen befriedigt ſeyn; Ihr habt Eure Rolle gut geſpielt. Ueberlaßt den guten Herzog und Euren verehrten Gemahl der Sorge des Himmels und der unſrigen. Vor Allem laßt Euch Eins empfohlen ſeyn: huͤtet Euch, nur einen Wink oder einen Gedanken davon kund werden zu laſſen!— Mit dieſen Schlußworten legte er ſeine Hand an den Dolch, oͤffnete leiſe die Thuͤr, und verließ das Gemach. Jacqueline ſank auf einen Seſſel, 4 30² und war faſt ohnmaͤchtig uͤber den Strom ihrer wurde ſie dadurch zum Bewußtſeyn gebracht, daß ſie die Tritte der Verſchworenen vernahm, wie ſie die Marmortreppen hinabſtiegen, und das entfernte Verſchließen einer Thuͤr belehrte ſie, daß ſie ſich nun außerhalb der Schloßmauern befaͤnden. Nun ſuchte ſie das Zimmer ihrer Mutter auf, entſchloſſen, ihr jedes Wort, das geſprochen worden, zu entdecken, und durch Anrufung jedes Gefuͤhls muͤtterlicher Liebe, weiblicher Sanftmuth, oder chriſtlicher Milde die ſchrecklichen Thaten abzuwenden, zu deren Voll⸗ ziehung die Verbuͤndeten ſich eben auf den Weg machten. Bald war ſie durch die Capelle und das Vorgemach in ihrer Mutter Zimmer gelangt. Das laute Athmen von dem Bette her uͤberzeugte ſie, daß jene bereits ſchliefe. Mehr erſchuͤttert durch die⸗ ſen Beweis einer aller Reue unzugaͤnglichen Grau⸗ ſamkeit, als wenn ſie ihre Mutter von Gewiſſens⸗ biſſen gefoltert angetroffen haͤtte, konnte ſie der Ge⸗ fahr nicht trotzen, ſie zu erwecken, und vielleicht einen Auftritt von Vorwuͤrfen und Kraͤnkungen zu veranlaſſen. Sie ging daher durch dieſes Gemach und das anſtoßende hindurch, verſchloß ſorgfaͤltig auf's aͤußerſte geſpannten Gefuͤhle. Bald aber 303 die Thuͤr, erreichte ihr eigenes Zimmer, kleidete ſich ſchnell an, rief einen treuen Diener, und ehe es vollkommen Tag geworden war, ließ ſie Ludwig van Monfoort zu einer geheimen Unterredung in ihrem Zimmer auffordern. Berlin, gedruckt bei i. Petſch. Anzeige. Von demſelben Verfaſſer ſind ebendaſelbſt erſchienen: 2 Heer⸗ und Querſtraßen. Aus dem Engliſchen uͤberſetzt von 4 Willibald Alexis und Theodor Hell. 1 5 Thle. 8. geh. 6 ½ Thlr. Einzeln: Theil 1. 2.(Des Vaters Fluch.— La Vilaine Tèéte.— Der Verbannte in den Landes.— Die Geburt Heinrich's IV.) 2 ½ Thlr. Theil 3. Eriberf der Baͤrenjaͤger.) 1 5 Thlr. Theil A.(Alles fuͤr ſeine Koͤnigin, oder der Prieſter und der Garde du Corps.) 1 ½ Thlr.. Theil 5.(Leonie, das weiße Maͤdchen.) 1 5½ Thlr. 1 Reiſebilder, oder Züge von Menſchen und Staͤdten. Aus dem Engliſchen uͤbertragen von CTheodor Hell. 2 Thle. 8. geh. 3 Thlr. Inhalt: Laura Pemegia.— Eine Nuß zu knacken.— Das Geneſungshaus.— Skizen aus Belgien.— Kriegsſcenen. Die Erbin von Bruͤgge. Eine Erzaͤhlung aus dem Jahre 1600. Ins Deutſche uͤbertragen von K. L. Methuſ. Muͤller. 4 Bde. 8. 4 ½ Thlr. — —— —