— Keih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 8 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 4 1 „ 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 2 19 Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und 3 beträgt: 3 5, „für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mk. 50 Gf. 2 Nk. pf 3 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zun Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. --—õõ——— Erzaͤhlungen fuͤr 1 unverdorbene Familien. Sechzehnter Band. Paͤchter Martin Dritter Theil. Leipzig bei Georg Joachim Goͤſchen 1816. Dem Verfaſſer de s Noth⸗ und Hülfsbuͤchleins a u 8 inniger Hochachtung und Dankbarkeit gewidmet. Verzeichniß der in dieſem dritten Bande enthaltenen Num⸗ mern, nach Aufſchrift und Seitenzahl. Seite I. Ueber Beckers Volksſchriften und namentlich uͤber ſein Noth⸗ und Huͤlfsbuͤchlein ⸗ 3 II. Die Religion im Lande Johannettyn 2 23. 1. Aelteſte Urkunde, die Religionsverfaſ⸗ ſung betreffend. ⸗ ⸗. 2. Die Beichte im Lande Johannettyn 46 3. Die Stunden nach der Beichte ⸗ 51 4. Das Abendmahl 2 ⸗ 66 Verzeichniß. III. Ein Beytrag zum Hausbuche. Geſchrieben am Neujahrstage ⸗ ⸗ IV. NRoch ein Beytrag zum Hausbuche u V. Der gute Buͤrger, oder das war doch keine Luͤge, wenn es auch ſo ausſah ⸗ 2. Proceſſe und Richter ⸗ n 3. Leſeluſt und Leſeſucht ⸗ 4. Richter handelt beſſer, als er ſpricht 5. Richters Eh⸗ und Wehſtand ⸗ 5. Richter bekommt nach dem Tode ſei⸗ ner Frau eine Tochter, und die Tochter zwey Freyer ⸗ 7. Taubeneinfalt und Schlangenklugheit 8. Zahnſchmerz uͤber ein Vermaͤchtniß Die gute Mutter des guten Sohnes 95 100 Verzeichniß. n 10. Der Geburtstag ⸗ 11. Belohnte Liebe 2 5 VI. Kleine Beytraͤge zur Belehrung uͤber einen ſehr großen Gegenſtand ⸗ VII. Wie man tadeln muͤſſe, wenn man durch Tadel ſeine Kinder beſſern will ⸗ 166 168 180 VIII. Wie man loben muͤſſe, wenn Lob unſern Kindern heilſam ſeyn ſoll 2 2 2 IX. Ueber Oekonomie in der Erziehungskunſt X. Ueber Ungluͤckliche in der Einbildung XI. Das reiche Mahl der Freude in allen Jah⸗ reszeiten„ a 2 197 199 230 VIII Verzeichniß. XII. Kennzeichen und Werth des guten Herzens XIII. Noch einige Anmerkungen uͤber Herzensguͤte XIV. Von den Todten muß man nichts als Gutes reden.„ 3 2 XV. Der edle Glaͤubiger und der nicht minder edle Schuldner a a XvI. Ella⸗Mira 2 2 XVII. Die lehrenden Graͤber ⸗ 2 XVIII. Ueber unſere ſchoͤnſte und hoͤchſte Hoffnung Seite 243 254 278 293 I. Ueber Der Paͤcht er Martin un d ſein Vater⸗ Driiter Bandd. — 1. Ueber Beckers Volksſchriften, und namentlich uͤber ſein Noth⸗ und Huͤlfsbuͤchlein.*) Das Noth⸗und Huͤlfsbuͤchlein hat ein in der Buchhaͤndlerwelt unerhoͤrtes Gluͤck gemacht. Seit 1787, in welchem Jahre der erſte Band her⸗ aus kam, ſind uͤber 160000 Exemplare rechtmaͤßig *) Es giebt wenige Buͤcher, von denen ich ſagen koͤnnte, ich haͤtte ſie zum zweyten Male mit Vergnuͤgen und Nutzen geleſen. Das Noth⸗ und Huͤlfsbuͤchlein aber habe ich nicht zwey, ſondern vier Mal geleſen, und es iſt mir immer theurer geworden. Als laͤndlicher Paͤchter gehoͤre ich unter die Menſchen, fuͤr welche es zu naͤchſt geſchrieben worden iſt, und bin dafuͤr dem guten Manne, der es ſchrieb, zwiefachen Dank ſchuldig. Waͤre ich ein Maͤchtiger der Erde— was ich mir nur ſelten auf Augenblicke, und nicht um meinet⸗ 4 Paͤchter Martin. abgeſetzt worden, und der Abſatz von 14 ver⸗ ſchiedenen Nachdruͤcken, welche, Trotz der auffal⸗ lenden Wohlfeilheit des Buches, von privilegier⸗ ten— veranſtaltet wurden, iſt wahrſcheinlich noch willen zu ſeyn wuͤnſchte— ſo wuͤßte ich wohl, was ich dem Manne thaͤte, der den Armen ein ſo ſchoͤnes Evangelium gepredigt hat. Da ich aber nun nicht thun kann, was ich wollte; ſo wollte ich doch das thun, was ich koͤnnte, und in mei⸗ nem und in vieler Landleute Namen unſerm lie⸗ ben Lehrer herzlich danken. Daß der edle Gleim mir mit dieſem Danke zuvor gekommen waͤre, wubze ich damals noch nicht. Da mir es aber auch ſchien, als wenn das Buch, fuͤr welches ich dem Verfaſſer herzlich dan⸗ ken wollte, nicht nur ungemein nuͤtzlich, ſondern auch lieblich zu leſen waͤre: ſo wuͤnſchte ich dieß allen denen ſagen zu koͤnnen, denen es nicht genuͤgt, daß etwas gut ſey, ſondern die auch— was wohl nicht unbedingt zu tadeln iſt— das Gute zugleich ſchoͤn haben wollen. Denn ich hielte es fuͤr ſehr heilſam, wenn auch diejenigen, denen der Himmel ein groͤßeres Pacht⸗ oder gar Erbgut, als mir, zugetheilt hat— in ihrer Sprache wuͤrde es, glaube ich, heißen: die einen groͤßern Wirkungs⸗ kreis haben— um manches, was wir kleineren Dritter Theil. betraͤchtlicher. Ueberdieß iſt es ins Daͤniſche, Boͤhmiſche, Ungariſche, Polniſche und Lettiſche uͤberſetzt, und ſo vielleicht in die Haͤnde von Mil⸗ lionen Menſchen der niedern Volksclaſſen gekom⸗ men, fuͤr welche es zunaͤchſt beſtimmt war. Auch fehlte es nicht an Maͤnnern aus den hoͤhern Staͤnden, welche es auf das nachdruͤcklichſte empfahlen, nicht an Fuͤrſten und andern obrig⸗ keitlichen Perſonen, welche es auf eine ruͤhmliche Art unter den Landleuten zu verbreiten ſuchten, und nicht an Gelehrten, welche es mit vielem Lobe rezenſierten. Die Edlen von Dalberg, von Fuͤrſtenberg, von Rochow und von Zed⸗ litz gaben ihm gleich bey ſeinem Eintritt in die Paͤchter nur wuͤnſchen köͤnnen, auch wirklich aus⸗ zufuͤhren; ja, ich hielte es fuͤr ſehr heilſam, wenn auch ſie Luſt bekaͤmen, das Buͤchlein zu leſen. Ich ſprach daruͤber mit dem Prediger, der, wie meine Leſer ſchon wiſſen, ſo ganz Ein Herz und Eine Seele mit mir iſt, daß wir fuͤglich fuͤr Eine Perſon genommen werden koͤnnen. Dieſer war meiner Meinung, und uͤberſchickte mir, was ich hier mit⸗ theile, indem ich alles, was er geſagt hat⸗ unter⸗ ſchreibe, 6 Päachter Martin. Welt das vortheilhafteſte Empfehlungsſchreiben mit; und Gleim, der vortreffliche Dichter und noch vortrefflichere Menſch, mußte es wohl fuͤr etwas mehr als fuͤr ein gewoͤhnliches Buch hal⸗ ten, da er den Dank im Namen der Land⸗ leute an den Verfaſſer des Noth⸗ und Huͤlfsbuͤchleins, in das Halberſtaͤdti⸗ ſche Wochenblatt einruͤcken ließ. Indeſſen war dennoch, ſo weit meine Erfahrung reicht, die Zahl derer klein, welche das Beckeriſche Unter⸗ nehmen ſo, wie ein Gleim, wuͤrdigten. Bey wei⸗ tem der groͤßere Theil der Beurtheiler aus der gelehrten und cultivierten Claſſe entſchied: daß Herr Becker ein ganz gutes, fuͤr den gemeinen Mann lehrreiches und mit Klugheit geformtes Buch geliefert habe; was aber hundert Andere eben ſo gut in Einem ſchoͤnen Fruͤhlinge, vielleicht nur in ein paar Dutzend langen Winterabenden haͤtten ſchreiben koͤnnen. Man hatte die Ankuͤndigung geleſen, das Buch durchblaͤttert, die Holzſchnitte mit Läͤcheln betrach⸗ tet, die Ueberſchriften der Capitel uͤberleſen— Stoff genug zu einem ſolchen Urtheile. Wie haͤtte man ſich es auch einfallen laſſen koͤnnen, ein Dritter Theil. 7 Buch mit verweilendem Auge zu leſen und naͤher zu pruͤfen, das fuͤr den einfaͤltigen Landmann, und— wie der Catechismus und das A B C Buch— fuͤr die Schulknaben in Buͤrger⸗ und Landſchulen geſchrieben iſt? Der gute Abſatz des Buches erregte ſogar den Neid manches Zunftgenoſſen, der wohl auch ein⸗ mal ein Buch geſchrieben hatte, welches, ganz beſcheiden geurtheilt, wenigſtens ſo viel werth war als das Beckeriſche, und dennoch von dem undank⸗ baren Publico nicht geachtet wurde. Das Servum imitatorum pecus betrat ſchaa⸗ renweiſe die einmal eroͤffnete Bahn; glaubte ſich, bey der Vorausſetzung, etwas mehr zu wiſſen, als der Bauer und Schulknabe, zum Mitlehrer der⸗ ſelben berufen; folgte dem Rufe, weil die Waare eben gut zu gehen ſchien; brachte viel ſchlechte Waare zu Markte, und machte die gute Sache durch den Mißbrauch, der damit getrieben, durch die feile Art, wie ſie behandelt wurde, verdaͤchtig. Einige Guͤnſtlinge des Gluͤcks, die entweder an keine ſittliche Veredelung der niedern Volksclaſ⸗ ſen, durch Aufklaͤrung derſelben, glaubten, oder aus andern Gruͤnden(— ſie haßten das Licht, 8 Paͤchter Martin. denn ihre Werke waren finſter!) einen ſolchen Unglauben vorgaben, urtheilten nun deſto lauter: daß das ganze Unternehmen der Volksaufklaͤrung das Werk der Schwaͤrmerey und des Eigennutzes ſey. Bey dieſem Urtheile erlaubte man ſich um ſo zuverſichtlicher einen ſpoͤttiſchen Seitenblick auf die Beckeriſche Muſterſchrift, da man den gluͤck⸗ lichen Erfolg, das Gluͤck des Verlegers, mit dem Zwecke des Verfaſſers verwechſelte, und ſich es nur nicht zu erklaͤren wußte: wie dieſer ſich doch ſo wenig auf ſeinen Vortheil verſtehe, die ſchnelle Folge des aten, zten und 4ten Theils eines ſo g ut gehenden Buches verabſaͤumen, und es ſo ruhig mit anſehen könne, daß Andere auf dem von ihm angebauten Felde ernteten, und ohne Auftrag und Beruf mehr als eine Fortſetzung des Noth⸗und Huͤlfsbuͤchleins lieferten. Daß Becker auf eine Vorſchrift, welche Horaz denen Dichtern gab, die fuͤr Unſterblichkeit ſingen wollten, bey einem Buche fuͤr dengemeinen Mann Ruͤck⸗ ſicht nehmen, ſolch ein Buch mit ſo viel Sorg⸗ falt, Fleiß und Muͤhe ausarbeiten, das Geſchrie⸗ bene wieder durchſehen und verbeſſern, dabey nach einem tief durchdachten Plane handeln, dieſem Oritter Theil. 9 Unternehmen, nach eigenem Geſtaͤndniſſe, die beſten Jahre und Kraͤfte des Lebens widmen, und das fuͤr die Hauptarbeit ſeines Berufs anſehen koͤnne— wie haͤtte ihnen ſo etwas einfallen ſollen, da ſie im Noth: und Huͤlfsbuͤchlein nichts ſahen, als eine zufaͤllige Sammlung nuͤtzlicher prak⸗ tiſcher Wahrheiten fuͤr die untern Volksclaſſen, in ein burleskes Gewand gehuͤllt— und fuͤr Ertrag und Gewinn klug berechnet. Dem Verfaſſer mag bey dem Bewußtſeyn, den edlen Wunſch, fuͤr welchen er als Juͤngling gluͤhte, und als Mann mit raſtloſem Eifer arbei⸗ tete, nicht ganz verfehlt, und— wie ich mit voller Ueberzeugung hinzuſetze— ein Werk fuͤr Menſchenwohl und Menſchenveredlung vollendet zu haben, das ſeinem Jahrhunderte Ehre macht, und noch in den folgenden Jahrhunderten Segen uͤber die Menſchheit verbreiten wird„ wenn die Zeit erfuͤllt, und die ſchoͤne Prophezeihung, die ſein Te Deum rusticum enthaͤlt, Wahrheit und Wirklichkeit wirdd— ihm mag es in Ruͤckſicht auf Ehre gleichguͤltig ſeyn, mit welchem Lobe oder 10 Paͤchter Martin. Tadel einige uͤbercultivierte und verkuͤnſtelte Zeit⸗ genoſſen ſein Werk aufnehmen: aber ihm und. jedem Menſchen, der im vollen Sinne des Worts Menſch iſt, kann es nicht gleichguͤltig ſeyn, ob der Segen, den man ſich von dieſem Werke ver⸗ ſprechen darf, durch unrichtige Urtheile daruͤber aufgehalten, oder durch richtige Urtheile befoͤr⸗ dert werde. Ich weiß es aber aus Erfahrung, daß ſelbſt Handwerker und Landleute aus Eigenduͤnkel das lehrreichſte Buch ungeleſen ließen, weil es ihrer Meinung nach bloß fuͤr den ganz Einfaͤltigen, mit welchem ſie ſich doch nicht vermengen wollten, geſchrieben ſey. Nun wird zwar in dieſem Buche, wie in dem Religionsbuche der Chriſten, zunaͤchſt den Armen das Evangelium gepredigt: doch wer⸗ den auch gebildete Menſchen es nicht ohne Nutzen und nicht ohne Vergnuͤgen leſen; und der wahr⸗ haft gebildete, ſittlich veredelte Menſch wird ſich eben ſo wenig ſchaͤmen, dieſes Buch, als die Bibel mit dem gemeinen Manne gemeinſchaftlich zu benutzen, ſobald er tiefer in den Plan, Geiſt und Sinn deſſelben eindringen, und ſich ſelbſt davon uͤberzeugen wird: daß gewiß von wenig Buͤchern Dritter Theil. 11 ſich ſo viel fuͤr das Eine Hoͤchſte, das uns allen Noth thut, erwarten laſſe, als von dieſem. Uebri⸗ gens duͤrfte auch hier der Ausſpruch anwendbar ſeyn, mit welchem Melanchthon denen antwor⸗ tete, die ſich wunderten, daß er ein Schulbuch fuͤr Knaben mit ſo viel Aufmerkſamkeit und In⸗ tereſſe leſen koͤnne: aliter pueri legunt, aliter Melanchthon! Wer noch nicht allen Glauben an Menſchen⸗ guͤte und Tugend verloren hat, der leſe hier und pruͤfe, und er wird die ſchoͤne, dem Herzen wohl⸗ thuende Hoffnung, daß es in der Welt beſ⸗ ſer werden koͤnne undwerde, belebt, und ſich ſelbſt mit neuem Eifer, auch an ſeinem Theile dazu beyzutragen, daß es beſſer werde, beſeelt fuͤhlen. Selbſt der, der bloß zu ſeinem Vergnuͤ⸗ gen zu leſen pflegt, wird, vorausgeſetzt, daß ſein Geſchmack nicht ganz verkuͤnſtelt iſt, wenn er das eigentliche Noth⸗ und Huͤlfsbuͤchlein(das bekannt⸗ lich nur ein Theil des Ganzen iſt) fluͤchtig durch⸗ blaͤttert, und bey der Geſchichte des Dorfes Milddheim verweilet, nicht unbefriedigt bleiben. Der Verfaſſer richtete ſein Volksbuch ſo ein „daß die darin enthaltenen Lehren von dem Lefer 13 Paͤchter Martin. aus demſelben nicht, wie aus andern Lehrbuͤchern, erlernt werden, ſondern beym Leſen in ihm, durch eigenes Nachdenken, gleichſam von ſelbſt entſtehen ſollten: ſo daß dieſes Buch die Stelle einer abſichtlich geleiteten Erfahrung vertraͤte. Er glaubte daher mit Recht, zwar ein wohl geordnetes, auf ſichern Gruͤnden ruhendes, und in allen ſeinen Theilen zuſammen haͤngendes Ganze, doch kein ſchulgerechtes Lehrbuch uber die in ſeinen Plan gehoͤrigen Gegenſtaͤnde ent⸗ werfen, ſondern ein wirkliches Beyſpiel von Menſchen, welche durch den Beſitz ſolcher Kennt⸗ niſſe und deren Anwendung zufriedenere und beſ⸗ ſere Menſchen wurden, aufſtellen zu muͤſſen. Da aber eine ſolche, auf fortſchreitende Ausbildung und Entwickelung der Kraͤfte des Menſchen beru⸗ hende Gluͤckſeligkeit und ſittliche Veredelung in der geſellſchaftlichen und buͤrgerlichen Verbindung erreicht werden ſoll: ſo mußte dieſes Beyſpiel nicht bloß lehrreiche Begebenheiten und Handlun⸗ gen einzelner Menſchen und Familien, ſondern eines ganzen Dorfs, mit einer zweckmaͤßigen Ge⸗ meinheitsverfaſſung enthalten.“ Dritter Theil. 13 „So entſtand die Geſchichte von Mildheim, als ein Roman, worin das eigentliche Noth⸗ und Huͤlfsbuͤchlein, welches S. 61 ff. des erſten Theils abgedruckt iſt, den Knoten der Verwicke⸗ lung der Hauptbegebenheit abgiebt, wodurch auch die einzelnen, in dieſer Encyklopaͤdie enthaltenen, Materien eine Beziehung auf die Cataſtrophe, und verſtaͤrktes Intereſſe erhalten.“— Wenn man nun von einem Romane, der Sprache, Sitte und Denkart des wirklichen Land⸗ manns aufſtellen will, nicht fordert, daß er Schaͤ⸗ fer aus Arkadien ſprechen und handeln laſſe, ſon⸗ dern das urſpruͤnglich Rohe nur in ſo weit mil⸗ dere und veredele, daß das Wahre dadurch nicht verwiſcht, und hoͤhere Zwecke nicht aufgeopfert werden: ſo lieſet man Mildheims Geſchichte gewiß mit Wohlgefallen, verweilet gern eine Zeit lang in einer ungeputzten, aber reinlichen ländlichen Wohnung. Freylicch iſt es eine ſehr ſchwere Aufgabe, einen Roman zu liefern, der von dem Landmanne, ſo bald er nur geſunden Menſchenverſtand hat, und in der Schule nicht verwahrloſet wurde, mit Vergnuͤgen und großem Nutzen geleſen und verſtanden werden koͤnne, 14 Paͤchter Martin. dabey aber doch aͤſthetiſchen Werth habe, nach den Regeln der Kunſt angelegt ſey, und in dieſer Anlage auch Menſchen mit gebildetem— nur nicht verzaͤrteltem Geſchmacke gefalle. Ich glanbe aber, daß dieſe aufhabe hier brriedigend geloͤ⸗ ſet ſey. 4 Auch als liebliche und zum Theil ruͤhrende Dichtung hat dieß Buch unverkennbaren Werth. Wer kann das erſte Kapitel des 2ten Theils ohne herzliche Theilnahme leſen? Wem gefaͤllt nicht die Schilderung von Tells und Gertru⸗ dens haͤuslicher Gluͤckſeligkeit, wie eine ſchoͤne Gesnerſche Idylle? Und wer noch bey einem vorzuͤglichen Trauerſpiele auf der Buͤhne eine Thraͤne weinen kann, dem wird gewiß bey der Scene im Himmelsgarten— beylaͤufig, ein ungemein gluͤcklich gewaͤhlter Ausdruck ſtatt Kirchhof oder Gottesacker— eine aͤhn⸗ liche Thraͤne im Auge a glaͤnzen. Ueberdieß wird man ſich durch manche Bemerkung des Men⸗ ſchenkenners, durch ſo manche bedeutende, ob⸗ gleich nicht mit aufgehobenem Finger gegebene, Winke, durch manche neue aͤußerſt intereſſante und, was die Hauptſache iſt, durchgangig aus⸗ Dritter Theil. 15 fuͤhrbare Vorſchlaͤge zu wahren Verbeſſerungen, auf das angenehmſte uͤberraſcht finden. Meines Lebens Fruͤhling iſt voruͤber; ich bin ſeit mehrern Jahren ſchon in mannigfaltige Ge⸗ ſchaͤfte des alltaͤglichen Lebens, die mehr ruhige Beſonnenheit als Waͤrme erfordern, und dem Herzen ſeine Nahrung entziehn, verflochten, und habe, nach manchem mißlungenen frommen Wunſche, nach mancher vereitelten ſchoͤnen Hoff⸗ nung, meine, vielleicht einſt zu großen, Erwar⸗ tungen von und fuͤr Menſchen ziemlich herab⸗ geſtimmt: aber ich geſtehe es offenherzig, daß ich beym Leſen des großen Buches mit dem beſcheidenen Titel eine Thraͤne weinte, wie ſie mir als Manne nur ſelten floß; daß dann mein Blick in die Zukunft ſich erheiterte, und neue Hoff⸗ nungen fuͤr die Menſchheit in meiner Seele erweckt wurden, die auf ſicherem Grund gegruͤn⸗ det zu ſeyn ſchienen. Mildheim iſt kein Ingendtraum! Es kann in der Wirklichkeit dargeſtellt werden! Die Mittel ſind da; laßt ſie uns gewiſſenhaft anwenden— zu einer Zeit anwenden, wo 0 Huͤlfe ſehr noͤthig iſt. Zu einer Zeit, wo ſo manches 16 Paͤchter Martin. unaufhaltſam am Werthe ſinkt, was ſonſt, wenn auch nicht ſittlich gute Menſchen zu bilden, doch von vielen Laſtern abzuhalten, und etwas der Tugend aͤhnliches hervor zu bringen vermochte; wo keine irdiſche Macht verhindern kann„ daß der gemeine Buͤrger und Landmann an Klugheit zunehme, die, ohne ſittliche Grundſaͤtze, in ge⸗ faͤhrliche Verſchlagenheit und Argliſt ausartet— da wirket, wirket, Freunde der Menſchheit, um der hervorſtrebenden Geiſteskraft eine gute heil⸗ ſame Richtung zu geben. Es kann, ohne trau⸗ rige Folgen, nicht ſo bleiben, wie es iſt; und es iſt zu bewundern, und zeugt fuͤr urſpruͤngliche Guͤte der menſchlichen Natur, daß die Menſchen in den niedern Staͤnden, unter den gegenwaͤrti⸗ gen Umſtaͤnden, noch ſind, was ſie ſi ſind, daß nicht ganze Doͤrfer, an deren Bewohnern ſich jene her⸗ vorſtrebende Geiſteskraft zeigt, ohne zweckmaͤßige Leitung und Richtung zu erhalten, wo vielmehr kopf⸗ und herzloſe Lehrer in den Schulen tage⸗ loͤhnern, und die Erwachſenen in der Kirche, waͤhrend einer armſeligen Predigt, plaudern oder ſchlafen, und ſonſt nichts, nichts fuͤr die ſittliche Bildung der Armen gethan wird— zur Woh nung Dritrer Theil. 17 nung von Straßenraͤubern wurden. Und, Gott! ſolche verwahrloſete Doͤrfer findet man noch in allen Laͤndern. Laßt es uns mit Dank erkennen, daß wir gerade zu dieſer Zeit der Mittel zur wahren Aufklaͤrung und Veredelung der Men⸗ ſchen mehr haben, und ſie zweckmaͤßig anwenden. Man kann aber fuͤr dieſe Abſicht das Noth⸗ und Huͤlfsbuͤchlein nicht genug empfehlen. Wie planmaͤßig das Noth; und Huͤlfsbuͤchlein gearbeitet, und wie inhaltsvoll es ſey, leuchtet auf das deutlichſte aus dem Fragbuche hervor, durch welches der Verfaſſer die Schullehrer in den Stand ſetzen will:„die von den Kindern, beym Durchleſen des Noth⸗ und Huͤlfsbuͤchleins, gleichſam wie auf dem Wege der Erfahrung, ohne beſtimmte Ordnung geſammelten Kenntniſſe und Grundſaͤtze in wiſſenſchaftlichen Zuſammenhang zu bringen, und in Faͤcher zu ordnen.“ Da nun das Noth⸗ und Huͤlfsbuͤchlein ſchon in vielen Buͤrger- und Landſchulen, und zwar— was man nicht ohne innige Freude bemerken kann— ſowohl in proteſtantiſchen als catholi⸗ ſchen Schulen eingefuͤhret worden iſt, und 3. Theil. 2 18 Paͤchter Martin. kuͤnftig gewiß in noch mehrern eingefuͤhret werden wird: ſo iſt dieſes Fragbuch ein ſehr ſchaͤtzbares Huͤlfsmittel zur zweckmaͤßigen Benutzung deſſel⸗ ben fuͤr alle Schullehrer, die ihrem Amte einiger⸗ maßen gewachſen ſind. Da aber leider die Zahl der Schulmeiſter noch groß iſt, von denen man nicht ſagen kann: daß ſie ihrem Amte nur eini⸗ germaßen gewachſen waͤren; und da ich des⸗ wegen beſorge, daß das Fragbuch, ſo gut es auch iſt, dennoch fuͤr jene Geiſtesarmen nicht leicht genug ſeyn, und dann entweder zuruͤck gelegt, oder doch ſeltner und nicht zweckmaͤßig genug be⸗ nutzt werden moͤchte— beſonders da bey andern Lehrbuͤchern mehr fuͤr ihre Bequemlichkeit und Unwiſſenheit geſorgt worden iſt; ſo kann ich den Wunſch nicht unterdruͤcken, daß es dem edlen Verfaſſer ſeine Zeit erlauben moͤge, noch etwas zur leichtern Behandlung des Noth⸗und Huͤlfs⸗ buͤchleins in Frage und Antwort auszuar⸗ beiten, oder doch unter ſeinen Augen und nach ſeinem Plane ausarbeiten zu laſſen. Nur darf keiner von unſern allezeit fertigen, aber unberu⸗ fenen Schreibern ſich zur Erfuͤllung dieſes Wun⸗ ſches hinzu draͤngen! Es grenzt freylich an Unbe⸗ Dritter Theil.. 19 ſcheidenheit, von einem Manne, der ſo viel gab, noch mehr zu fordern; aber der Wunſch: das gemeinnuͤtzigſte Werk uͤberall zweckmaͤßig benutzen zu ſehen, ſcheint jene Bitte verzeihlich zu machen. Viiel Gutes darf man auch mit Zuverſicht von der Beckerſchen Liederſammlung erwar⸗ ten. Sie gehoͤrt zum Noth⸗ und Huͤlfsbuͤchlein, mit welchem ſie in engſter Verbindung ſteht, und vorzuͤglich die durchdachten ſittlichen Grundſaͤtze dem Herzen naͤher bringen ſoll, wie das Geſang⸗ buch zur Bibel. Wer es weiß, wie gern(was ſehr gut iſt) der gemeine Mann, und beſonders Juͤnglinge und Maͤdchen der niedern Staͤnde, bey jedem Luſtgelage, und ſo oft ſich ſonſt Gelegenheit darbietet, ſingen; aber auch,(was nun nicht gut, was vielmehr fuͤr ihre ſittliche Bildung uͤberaus nachtheilig iſt) welchen Schmutz und Unſinn ſie zu ſingen pflegen: der wird auch dieſe Zugabe zur Volksveredlung ſegnen. Freylich iſt nun das Lie⸗ derbuch— wie ſich es bey den mannigfaltigen Beytraͤgen von ſehr verſchiedenen Dichtern leicht denken laͤßt— nicht ſo fleckenlos und vollendet, wie das Noth⸗und Huͤlfsbuͤchlein ſelbſt; aber es 20 Paͤchter Martin. iſt weit mehr geleiſtet worden, als man bey dem zeitherigen kleinen Vorrathe an auten Volkslie⸗ dern erwarten konnte; und man ſieht mit Freu⸗ den, daß die vor mehrern Jahren von dei Her⸗ ausgeber veranſtaltete Preisaufgabe nicht ohne erwuͤnſchten Erfolg geblieben iſt. Außer den bekannten, beſſeren Liedern dieſer Art, ent⸗ haͤlt dieſe Sammlung eine betraͤchtliche Anzahl neuer und zum Theil muſterhafter Volkslieder. Nur bey einigen aͤltern luſtigen Liedern, von ſehr geringem Gehalte, fiel es mir auf, daß ein Becker ſie der Aufnahme gewuͤrdiget habe. Doch eben in dem Umſtande, daß es bekannte luſtige Lieder mit ſehr gefaͤlligen Melodien ſind; und daß es die Klugheit erfor⸗ dere, dem gemeinen Manne ſeine ge⸗ liebteren unſchaͤdlichen Juchheiſa's und Jubelgeſaͤnge unangetaſtet zu laſ⸗ ſen, wenn man will, daß er das Beſ⸗ ſere mit willigerm Herzen annehme; und daß man ſich, in billigen Stuͤcken, nach ſeinem gegenwaͤrtigen Schoͤn⸗ heitsgefuͤhl beqaemen muß, um ihn allmaͤhlich aufzuſtimmen und ſeinen 1 Drirter Theit. 2 ½ Geſchmack zu veredeln; glaubte ich den zureichenden Geund fuͤr die einſtweilige Aufnahme jener Luͤckenbuͤßer zu ſinden. Uebrigens ſagt der Zuſatz zum Titel: Fuͤr Freunde erlaubter Froͤhlichkeit und Tugend, die den Kopf nicht haͤngt! etwas ſehr Wahres. Man darf hoffen, daß der trauliche, freundliche Geſellſchaf⸗ ter des Noth⸗ und Huͤlſsbuͤchleins viel dazu bey⸗ tragen werde, den graͤmlichen Ernſt zu mildern, den noch viele faͤlſchlich fuͤr Wuͤrde der Tugend halten, da er doch nur allzu oft das Grab wahrer Tugend iſt, die Ausuͤbung der Pflichten erſchwe⸗ ret, und ſich und andern das Leben verbittert. Er lehrt wahre Lebensweisheit im engen Bunde mit wahrer Sittlichkeit, und wird dazu beytra⸗ gen, daß der gemeine Mann das, was er Got⸗ tesdienſt nennt, nicht mehr auf die Kirche ein⸗ ſchraͤnke, ſondern die wahre Religion als treueſte Gefaͤhrtin bey den Geſchaͤften, Freuden und Lei⸗ den des Lebens anerkenne, und das Gute freudig thue. Und nun, wer ſtimmt nicht in den Wunſch ein: Moͤge der Edle, dem wir dieſes 22 Paͤchter Martin. Gute zu verdanken haben, ſich lange noch hienieden des Segens, den er fuͤr die Menſchheit ſtiftete, erfreun! Und ſanft ſey, nach vollbrachtem ſchoͤ⸗ nen Tagewerke, ſeines Lebens Abend! 3 Drkirtor Thoil. 23 II. / Die Religion im Lande Johannettyn.*) 1. Aelteſte Urkunde, die Religionsver⸗ faſſung betreffend. Zu welcher Religionspartey bekennt ihr euch nun? fragte ich meinen Fuͤhrer Saddy. „Wir ſind Chriſten!“ antwortete, er. Du ſagteſt mir aber, daß von den europaͤi⸗ ſchen Stammvaͤtern eures Volkes jeder ſeine be⸗ ſondere Landes⸗ und Kirchenreligion mitgebracht haͤtte— 2 „Eben dieſen Umſtand wußte Vater Leſſow zu ſeinem wohlthaͤtigen Zwecke weiſe zu benutzen. Ich will dir dieſen Theil unſrer Geſchichte aus unſern aͤlteſten Jahrbuͤchern vorleſen, ſo wie ihn *) Vergleiche Num. III. im 2ten Bande, 24 Paͤchter Martin. Dendal, einer unſerer Stammvaͤter, aufge⸗ zeichnet hat: 3 n„Wir ehemaligen Europaͤer wuͤnſchten nun nichts mehr, als uns in Anſehung unſerer Reli⸗ gionsmeinungen naͤher zu vereinigen; und Tel⸗ low, Loſſy und Krowell glaubten mit mir dieß am ſicherſten zu Stande zu bringen, wenn wir uns uͤber die ſtreitigen Saͤtze freundſchaftlich unterredeten, eines jeden Meinung und ſeine Gruͤnde dafuͤr ruhig anhoͤrten, und unbefangen und unparteyiſch pruͤften, was wahr oder falſch ſey, um dann gemeinſchaftlich die gefundene Wahr⸗ heit anzunehmen. Vater Leſſow billigte unſere gute Abſicht; doch wollte er an unſern Unter⸗ redungen nicht eher thaͤtig Theil nehmen, bis wir unter einander voͤllig einverſtanden waͤren. Allein unſere Unterredungen blieben fruchtlos, und deſto angelegentlicher baten wir nun unſern Vater um Rath und Beyſtand. „Liebe Kinder, ſprach dieſer, ihr habt nicht den rechten Weg eingeſchlagen; aber ihr ſeyd doch, hoffe ich, dem rechten Wege naͤher gekom⸗ men. Ihr wißt nun aus Erfahrung, daß durch Disputieren uͤber Religionsmeinungen nichts aus⸗ Drirter Theil..25 gemacht werde— wenn jeder fuͤr ſeine Meinung zum voraus eingenommen iſt. Und dieß iſt faſt immer der Fall, und war es auch bey euch. Denn ſo ſchoͤn auch euer Vorſatz war, ruhig und unpar⸗ teyiſch die Gruͤnde fuͤr und wider abzuwaͤgen: ſo werdet ihr doch finden, wenn ihr euch aufrichtig pruͤfen wollt, daß jeder mehr darauf dachte, ſeine Meinung mit Gruͤnden zu unterſtuͤtzen, und die Gegner zu widerlegen, als zu unterſuchen, ob die Meinung des andern mehr Wahrheit enthalte als ſeine eigene. Ich mache euch aber keinen Vor⸗ wurf daruͤber, daß ihr nicht unbefangen und unparteyiſch unterſucht habt; ihr konntet das nicht. Ihr thatet redlich, was ihr konntet; ihr ſpracht ſo ſanft und liebevoll, als vielleicht noch nie unter Anhaͤngern verſchiedener Religionspar⸗ teyen geſprochen worden iſt. Aber werdet ihr das immer thun, wenn ihr fortfahret zu dispu⸗ tieren? Werdet ihr nicht bald hitzig ſtreiten? Wird nicht einer oder der andere anfangen, die Wahrheitsliebe und Redlichkeit der uͤbrigen zu bezweifeln, weil ſie ſeine Meinung, die ihm unlaͤugbare Wahrheit ſcheint, nicht annehmen wollen? Wird dieß nicht zu kaltem Mißtrauen 26 Paͤchter Martin. Veranlaſſung geben, und eure Herzen von ein⸗ ander entfernen? 3 1 Und ihr wuͤnſcht ja doch, daß auch eure Wei⸗ ber und Kinder, und die uͤbrigen gutmuͤthigen Inſulaner, welche wir an der Gluͤckſeligkeit dieſes Landes Theil nehmen laſſen, auch an dem Segen der chriſtlichen Religion Theil nehmen ſollen. Welchen Unterricht werdet ihr ihnen nun geben? Wird nicht jeder die Zahl ſeiner Glaubensgenoſſen vermehren wollen? Wird nicht mancher die Un⸗ terſcheidungslehren ſeiner Partey als Hauptſache vortragen? und dieß vielleicht mit Zuruͤckſetzung der wichtigſten Wahrheiten der eigentlichen Reli⸗ gion? Geſchieht aber dieß, ſo werden einſt bey euren Nachkommen die Religionsſtreitigkeiten die⸗ ſelben traurigen, ſchrecklichen Folgen haben, die ſie in unſerm Vaterlande hatten. Eure Kinder werden ſich um religioͤſer Meinung willen haſſen und verfolgen, und an den Altaͤren, die ihr dem Gott der Liebe errichtet, wird vielleicht das Blut eurer Nachkommen fließen.“ Traurig blickten wir uns unter einander, trau⸗ rig blickten wir unſern Lehrer an. Gott, Gott verhuͤte dieß! rief Tellow. Was koͤnnen wir —— Deitter Theil. 27 thun, fragte ich, Vater, was ſollen wir thun, um dieſe ſchrecklichen Folgen von uns und unſern Kin⸗ dern abzuwenden?. „Macht es, antwortete Leſſow, wie die Johannyten.“ Unter dieſem, von dem Stifter ihrer Reli⸗ gion abgeleiteten Namen lernte ich bey meinem Aufenthalt in Abiſſynien ein Voͤlkchen ken⸗ nen, deſſen Geſchichte fuͤr uns lehrreich werden kann. Ich habe ſie gluͤcklicher Weiſe noch unter meinen geretteten Papieren. Eben damals, als ich in Gambia war, hob der junge Koͤnig, Korda Molla, um die Johan⸗ nyten fuͤr eine edle patriotiſche That zu belohnen, die Verordnungen auf, durch welche ſein Vater, Korda Grando, ihre Religionsfreyheit be⸗ ſchraͤnkt hatte. Die Johannyten dankten ihm, machten aber von der wieder erhaltenen Freyheit keinen weitern Gebrauch. Daruͤber wunderte ſich der Koͤnig, ließ ihre Aelteſten und Lehrer zu ſich rufen, und fragte ſie: Warum handelt ihr nicht nach den Gebraͤuchen eurer Vaͤter, da ich euch doch die Erlaubniß dazu gegeben habe, und da 28 Paͤchter Martin. euch von nun an die uneingeſchraͤnkteſte Religions⸗ freyheit zugeſichert iſt?— Gern, ſetzte er hinzu, moͤcht' ich aber auch die Geſchichte eures Volks und eure Lehren ſelbſt naͤher kennen lernen, durch deren Befolgung ihr ſo gute Menſchen und gute Buͤrger geworden ſeyd. Da antwortete der Aelteſte unter ihnen, und El⸗ a: Siba(der Geſchwindſchreiber des Koͤnigs) zeichnete ſeine Rede auf:„Es ſind nun hundert und zwanzig Jahre, als unſern Vaͤtern eine hoͤhere uͤberirdiſche Sonne, die Sonne der Wahrheit aufging, als der Prophet Johauny unter ihnen auftrat, um ſein Volk zu veredeln, und ihre Religion zu verbeſſern. Weiſe benutzte der Prophet das Gute, das er unter ihnen vor⸗ fand, zerſtoͤrte nichts, was nur einer Ausbeſſerung bedurfte, nahm dem Schwachen nichts, was ihm jetzt noch zur Stuͤtze diente; ſuchte ihn aber zu ſtaͤrken, um ihm entbehrlich zu machen, was nicht dem Menſchen, ſondern nur dem ſchwachen Menſchen Beduͤrfniß iſt; ließ ſich herab zur Faß⸗ ſungskraft feiner Schuͤler, reihte die unbekannte Wahrheit an die bekannte, untergrub den Irr⸗ thum mit ſanfter Schonung gegen den Irrenden, Dritter Theil⸗ 29 und nur gegen das Laſter, und was das Laſter beguͤnſtigte„ ſprach er mit Feuereifer. Aus dem Buche Apokrypta(dem aͤlteſten Religionsbuche unſers Volks) hob er die Lehren der Weisheit und Tugend aus, welche er erlaͤuterte, berichtigte und ergaͤnzte. Von der in dieſem Buche enthal⸗ tenen Geſchichte urtheilte er, daß ſie fuͤr den Forſcher nuͤtzlich zu leſen waͤre, und entlehnte daraus zuweilen ein erlaͤuterndes Beyſpiel; und die unſern Vaͤtern vorgeſchriebenen religioͤſen Ge⸗ braͤuche beobachtete er zwar, in wie fern ſie an ſich ſchuldlos waren, aber nicht als religioͤſe Gebraͤuche, ſondern als Gebraͤuche ſeines Vaterlandes, die dem Volke heilig waren, unter welchem er als Lehrer wirken wollte. Allein eben deswegen, weil ſie dieſem Volke zu heilig waren, weil es ſie für Religion ſelbſt hielt, ſagte Johanny ſeinen Schuͤlern immer deutlecher und deutlicher, daß ſie das nicht waͤren, wofuͤr ſie gehalten wuͤrden; daß ſie aufhoͤrten unſchuldig zu ſeyn, wenn ſie das, was dadurch befoͤrdert werden ſollte, verhinderten, wenn ſie, die nur Huͤlfsmittel zur wahren Gottesverehrung durch ein frommes und tugendhaftes Leben ſeyn ſollten, 30 Paͤchter Martin. an die Stelle der Gottesverehrung und Tugend ſelbſt geſetzt wuͤrden, und daß darum(dieß ſind ſeine eigenen Worte) ſein Volk ſich frey machen muͤſſe von dem Geſetz der Knechtſchaft, ſo bald es mehr Empfaͤng⸗ lichkeit haͤtte fuͤr das Geſetz der Frey— heit, das Gott mit Flammenſchrift dem Menſchen ins Herz ſchrieb. Nur Einen dieſer aͤußeren Gebraͤuche, nehmlich den: an heiligen Tagen eine Bruſtdecke von weißer Leinwand zu tragen, ſchien der Prophet dadurch zu beguͤnſtigen, daß er ihm eine geiſtige Deu⸗ tung gab. „Dieſes weiße Gewand,“ ſagte er,„erinnere dich an Unſchuld und Herzensreinigkeit, ohne welche es unmoͤglich iſt Gott zu gefallen. Frage dich ſelbſt, ſo oft du die weiße Leinwand anlegen willſt, ob du auch ſchuldlos und reines Herzens ſeyſt, und gelobe, ſo oft du ſie ablegſt, auch in der neuen Woche ſchuldlos zu bleiben, um am naͤchſten heiligen Tage dich wieder mit freudigem Bewußtſeyn damit bekleiden zu koͤnnen. Lege dir ſelbſt, wenn du thateſt, was nicht recht iſt, und dadurch deine Seele befleckteſt, die Strafe auf, Dritter Theil. 31 entweder in der Verſammlung deiner Bruͤder ohne Leinwand zu erſcheinen, oder ſie doch in deiner Wohnung deſſelben Tages fruͤher, als ſonſt ge⸗ woͤhnlich, abzulegen. So wird die todte Lein⸗ wand dir zur lebendigen Lehre der Froͤmmigkeit werden! Doch, ſetzte er hinzu, wird das unreine Herz nicht durch die Lein⸗ wand gereiniget!“ Kaum aber war der Geſandte Gottes zum Himmel zuruͤck gekehret, ſo fing man ſchon an mit der Bruſtdecke Mißbrauch zu treiben, und nach dem Tode ſeines vertrauteſten Schuͤlers Johannettyns, hatte ein Prieſter den unſe⸗ ligen Einfall: geweihte Leinwand zu verkau⸗ fen. Die andern Prieſter wußten den Einfall zu benutzen. Sie ſchrieben der geweihten Leinwand, um ihr beſſern Abſatz zu verſchaffen, uͤbernatuͤr⸗ liche Kraͤfte zu; fingen an die Verſtorbenen mit einer geweihten, und bald nachher mit einer dreymal geweihten Decke zu bekleiden; und der Erfinder der Deckenweihe war frech und irre⸗ ligioͤs genug zu behaupten, daß auch der groͤßte Suͤnder durch dieſes Ehrenkleid von allen Suͤn⸗ den gereinigt werde.— Schrecklich! Denn der Paͤchter Martin. 3² Gedanke lag dem ſinnlichen Menſchen zu nahe: wozu ſoll man mit ſo viel Muͤhe nach einem hei⸗ ligen Leben ringen, da man ja eine heilige Bruſt⸗ decke hat? Auf dieſen Mißbrauch folgte eine Menge anderer. Johannettyn hatte ein Buch hinterlaſſen: Die Lehren der Weisheit und Tugend Johannys, nebſt einer kur⸗ zen Geſchichte des Lebens des Prophe⸗ ten in Beziehung auf ſeine Lehre; und dieſes Buch war bis auf den Erfinder der geweihten Leinwand das einzige Religionsbuch der Bekenner Johannys. O daß es das einzige geblieben waͤre! Mathary aber, ſo hieß der Prieſter, der die Deckenweihe erfand, vermehrte auch unſer Religionsbuch durch ſeine Thaumata, oder geſammelte Nachrichten von dem Leben und den Wundern des göottli⸗ chen Geſandten, und bald darauf durch ſeine erklaͤrte Apokrypta— nnd ſtiftete dadurch unſaͤglich viel Uebel fuͤr ſein Volk. Die Einfaſſung verdeckte nun den koͤſtlichen Stein, um deſſen willen ſie da war; der Geiſt der Religion erlag unter der koͤrperlichen Maſſe; das Dritter Theil. 33 das Weſentliche wurde von dem Nichtweſentlichen in Schatten geſtellt, und was das Mittel zur Tugend ſeyn ſollte, wurde als Zweck ſelbſt ange⸗ ſehn. Der groͤßte Theil unſers Volks fand es leichter, fromm zu ſprechen, als fromm zu han⸗ deln, und leichter, aͤußere Gebraͤuche zu beobach⸗ ten, als im Kampf der Leidenſchaften, bey den Neitzungen des Laſters, zu thun, was recht iſt; und fern vom Johannytiſchen Sinn hielten die Getaͤuſchten ſich fuͤr vollendete Johannyten, wenn ſie vermeinte Johannytiſche Gebraͤuche mitmach⸗ ten, und mit der geweihten Leinwand ein unge⸗ weihtes Herz bedeckten. Hierzu kam nun eine Menge Streitigkeiten uͤber die Erklaͤrung der Thaumata und Apokrypta. Siee ſtritten uͤber Meinungen und Worte, die keiner der Strei⸗ tenden verſtand, und vernachlaͤſſigten das Geſetz der Bruderliebe, das ſie alle verſtanden, nur nicht ausuͤbten. Bey Gelegenheit der Wahl eines Oberprie⸗ ſters theilten ſich die Prieſter in zwey Parteyen, und jede Partey wollte die erledigte Stelle mit einem ihrer Mitglieder beſetzen. Beide Parteyen machten ſich Anhaͤnger im Volke, beide ſchrieen: 3. Theil. 3 34 Paͤchter Martin, die Religion iſt in Gefahr!— Johan⸗ nyten ergriffen gegen Johannyten die Waffen. Es kam zu einem allgemeinen Aufſtand, in welchen auch Nichtjohannyten mit verwickelt wurden. Eine Schwaͤrmerey gebar die andere; man widerſetzte ſich der Obrigkeit; und Sultan Haſſan beſtrafte die Schwaͤrmer mit grauſa⸗ mer Strenge. Seine Krieger mordeten den Unſchuldigen mit dem Schuldigen, und ſchonten ſelbſt der wehrloſen Weiher und Kinder nicht. Von mehr als ſechstauſend Menſchen, welche die Lehre Johannys bekannten, blieben kaum tauſend uͤbrig, welche, aus Seſan vertrieben, zu dem Koͤnige, deinem Vater, ihre Zuflucht nahmen.— Wir geſtanden ihm offenherzig unſere Vergehungen, und gelobten, durch Ungluͤck gebeſ⸗ ſert, deſto friedfertigere und treuere Buͤrger ſei⸗ nes Staates zu werden, wenn er uns Ungluͤck⸗ liche aufnehmen wollte. Korda Grando, der Guͤtige und Weiſe, nahm uns auf; doch unter der Bedingung: daß wir aller aus⸗ zeichnenden Gebraͤuche uns enthalten, und die Buͤcher, Thaumata und Apo⸗ krypta, bey unſern gemeinſchaftlichen — 8 Oritter Theil. 35 Gottesverehrungen nicht vorleſen und erklaͤren ſollten; da wir ſelbſt geſtaͤn⸗ den, daß uͤber dieſe Buͤcher aller Streit entſtanden waͤre, und daß wir auch ohne ſie aͤchte Johannyten blei⸗ ben koͤnnten. Wir befolgten dieſen Befehl um ſo williger, da wir, durch gemeinſchaftliches Ungluͤck feſter an einander gekettet, mehr Eines Sinnes geworden waren, und gern jede Veran⸗ laſfung zu neuem Zwiſt vermeiden wollten. Wir ließen nun die Thaumata und Apokrypta jeden fuͤr ſich leſen, wer ſie leſen wollte, hielten uns aber in unſern Verſammlungen einzig und allein an die eigentlichen Lehren der Tugend und Weisheit unſers⸗ Propheten— und be⸗ fanden uns wohl dabey. Wir ſind bey weitem noch nicht, was wir ſeyn ſollten, aber wir ſind beſſer, als wir waren, und verſtehen nun den zweyten Abſchnitt unſers heiligen Buches: „In Elly ging zuerſt das Licht der Wahr⸗ „ heit auf. Die meiſten Bewohner dieſes Flek⸗ „ kens bekannten ſich zu der Lehre des Prophe⸗ nten, erwaͤhlten Aelteſte und Lehrer, und ver⸗ 36 Paͤchter Martin. „ſammelten ſich in ihrem Hechalini*), zu „hoͤren die heilige Wahrheit. „Nicht weit von Elly wohnte ein Mann „mit Namen Kalokagathos, der kam oft in „ihre Verſammlung: denn ſuͤß toͤnte die Lehre „der Wahrheit ſeinem Ohre, willig nahm ſie „ſein Herz auf, und ſein Leben war der reinſte „Abdruck dieſer Lehre. Er ſchied aber(wie „der Prophet dieſe Scheidung ſelbſt ſeinen Juͤn⸗ „gern empfohlen hat:„damit nicht der „Geiſt unter den Feſſeln des Koͤrpers „erliege, und nicht der Buchſtab den „Gedanken ertödte!“) die Lehre der Tu⸗ „gend und Weisheit von aller Beymiſchung aus „dem Buche Apokrypta, verwahrte das Ge⸗ „ſchiedene in einem reinen Herzen, und verwarf, „was bloß Zuſatz und Aufputz ohne innern Gehalt, „was bloß Koͤrper ohne Seele war, was dem „Menſchen nichts frommet zur Beſſerung, was „ihn verleitet nur zu ſcheinen, ſo daß er „dann wenig oder gar nicht mehr darnach ringet „zu ſeyn, was er ſeyn ſoll. *) Tempel. Oritter Theil. 37 „Dawider eiferten die Aelteſten und Lehrer „der Gemeinde zu Elly, und ſtießen ihn aus, „den Kalokagathos, aus ihrem Hechalini. „Bald darauf kam der Prophet ſelbſt nach „Elly, und ſprach in der Gemeinde: „Ich habe einen Mann gefunden, der recht „thut, weil er recht iſt, der das Laſter verab⸗ „ſcheut, und die Menſchen liebt, einen Mann, „der reines Herzens iſt. „Ich fand einen andern, der viel betet und „viel opfert, und alle Gebraͤuche beobachtet, wo⸗ „von geſchrieben ſtehet im Buche der Vaͤter, „Apokrypta— nur nicht die Gebote, die der „ewige Geiſt den Menſchen in's Herz ſchrieb, „und ſein Prophet ihnen erlaͤuterte. Was meint „ihr, welchen von beiden ich Bruder genannt „und geſegnet habe mit dem Segen des Alle „ſegnenden? „Sie antworteten, den erſten. „Ihr habt recht geurtheilt, ſprach Johanny. „Warum habt ihr nun aber den Kalokaga⸗ „thos ausgeſtoßen aus eurer Gemeinde? „Darum, ſprachen ſie, weil er nicht hielt uͤber dem Gebot von Faſten, Opfern und Neu⸗ 7 38 Paͤchter Martin. „mond; weil er nicht glauben wollte an das „Geheimniß von Allah, Hyan und Triton, „ und ſich nicht einhuͤllte in die weiße Leinwand. „Wie die Sonne durch voruͤbereilende Wol⸗ „ken, ſo ward das Angeſicht des Propheten auf „Augenblicke verfinſtert. Eine Thraͤne zitterte „in ſeinem Auge, und mit der Thraͤne im Auge „ſprach er: Ach wie viel fehlt euch noch, „ehe ihr verſteht, was da ſey der Geiſt „und das Weſen meiner Lehre! Liebe— „voll— und die Liebe hellte ſein Angeſicht „auf— fuhr er fort zu reden: „Durch mancherley Voruͤbungen bringt ihr „eure Kinder dahin, daß ſie lernen, was ſie als „Maͤnner ausuͤben und ſeyn ſollen; und ihr „thut wohl daran. Wollet ihr euch aber immer „nur voruͤben ohne Zweck und Anwendung?— „Der Gelaͤhmte braucht Stuͤtzen, und ihr „thaͤtet nicht wohl, wenn ihr ihm dieſe Stuͤtzen „naͤhmet. Allein rathen wuͤrdet ihr ihm: Bru⸗ „der, wirf die Stuͤtzen weg! wenn ihr ſaͤhet, „ daß er nur deswegen gelaͤhmt bliebe, weil „er fortfuͤhre Stuͤtzen zu brauchen, die er doch „entbehren koͤnnte. Wie? wenn nun aber gar Dritter Theil. 39 „der Gelähmte euch Geſunden ſeine Stuͤtzen „aufdringen wollte?— Ach, daß ihr wuͤrdet, „was Kalokagathos iſt; daß ihr, wie er, der „Voruͤbungen und der Stuͤtzen nicht mehr be⸗ „duͤrftet! „Dringet wenigſtens dieſe Stuͤtzen nieman⸗ „den auf! Laßt ſie jedem zu freyem Gebrauch, „aber dringet ſie niemanden auf!“ Gütiger Fuͤrſt und Vater, darum wollen wir die Stuͤtzen und Kruͤcken der Tugend, die man nur gar zu leicht fuͤr die Tugend ſelbſt an⸗ nimmt niemanden aufdringen, und, wo moͤglch, ſie entbehrlich zu machen ſuchen.““ In ſchoͤner Aufwallung und mit glaͤnzendem Auge druͤckte Korda Molla dem Aelteſten die Hand, und entließ ſie mit den Worten:„Gehet „hin und thut, was ihr fuͤr recht haltet! Ihr „werdet nicht irren; denn ihr hoͤrt auf die „Stimme des Gottes, der in euch ſpricht!“ Und ſo lehrten und thaten die Johannyten ferner, wie vorher, nur das, was ſie fuͤr den Geiſt und das Weſen der Religion hielten, und waren durch ihre ſtrengen Sitten ohne Froͤmmeley, durch die muſterhafte Erziehung ihrer Kinder, 4⁰ Paͤchter Martin.⸗ durch ihre Betriebſamkeit in Handel und Ge⸗ werbe, und die dabey bewieſene Ehrlichkeit ein Segen fuͤr das Land, das ſie bewohnten. Ein Johannyt und ein rechtſchaffner Mann, in def⸗ ſen Herz kein Falſch iſt, waren gleichbedeutende Namen.——— „Lieben Freunde, fuhr Vater Leſſow nach geendigter Vorleſung fort zu reden, ich habe das heilige Buch der Johannyten geleſen, und fand es ſehr gut. Allein ich fand dennoch das Leben und die Lehre Jeſu weit vortrefflicher, goͤttlicher, als das Leben und die Lehre jenes Johannys. Und wir Verehrer Jeſu ſollten in dieſem gluͤcklichen Lande, entfernt von allem Zwiſt gelehrter Schulen, nicht werden koͤnnen, was die Jehannyte n waren? Sollten nicht auch wir ſcheiden koͤnnen das Weſentliche von dem Zufaͤlligen, den lebendigen Geiſt von dem todten Buchſtaben? Enthaͤlt nicht auch unſer Religions⸗ buch mauches, was lehrreiche Geſchichte, aber deswegen nicht Lehre Jeſu ſelbſt iſt? Koͤnnen nicht auch in Jeſu goͤttliche Lehren der Weisheit und Tugend ſich ſpaͤtere ſehr menſchliche Zuſaͤtze eingeſchlichen haben? Iſt alles fuͤr uns wichtig, Dritter Theil. 4¹ was es dem Juden war? Iſt nicht vieles offenbar der Zeit, dem Orte, den Sitten und der Vorſtellungsart damals lebender Menſchen angepaßt, was fuͤr ein ganz anderes Volk unter einem andern Himmel gar nicht mehr an⸗ wendbar iſt? Sollen wir z. B. noch juͤdiſche Gebraͤuche beobachten, wie ſie Jeſus beobachtet hat? oder die Wahrheit der chriſtlichen Religion den Menſchen unſerer Zeit mit Gruͤnden bewei⸗ ſen, welche die Apoſtel ſehr ſchicklich fuͤr Juden brauchten? Iſt nicht manche Stelle der Bibel fuͤr uns, aus Mangel hinreichender Kenntniß der dama⸗ ligen Zeiten, Sitten und Sprache, beſonders der Volksſprache, ganz unverſtaͤndlich, wo wir, wenn wir ſie ja erklaͤren wollen, in Gefahr ſind, ihr einen ganz falſchen Sinn unterzulegen? So fand ich, um noch einmal auf meine Johannyten zu kommen, in ihrem heiligen Buche folgende mir dunkele Stellen: Johanny ſprach mit ſeinem Geiſte allein; und Gehet hin, ſprach Johanny zu Jairo; der Todesengel iſt bey ihm! Paͤchter Martin. Was heißt dieß? fraate ich einen ihrer Aelte⸗ ſten. Jenes, antwortete er, heißt: er dachte in ſtiller Einſamkeit, und dieſes: er iſt dem Tode nah. Gut und ſehr natuͤrlich erklaͤrt! Aber dieſe Stellen koͤnnen ſehr leicht mißverſtanden werden. „Gar nicht, denn es ſind ſprichwoͤrtliche, noch jetzt gewoͤhnliche, und eben deswegen von uns allgemein verſtandene Redensarten.“ Nur fuͤrchte ich, daß eure ſpaͤtern Gelehrten und Schriftſorſcher, dann wenn der Sprachge⸗ brauch ſich aͤndert, oder noch mehr, wenn eure Religion von einem ganz fremden Volke ange⸗ nommen wuͤrde, aus dem Geiſt und dem To⸗ desengel, wer weiß was? machen werden.— Was ſoll aber die Stelle: „Du kannſt, ſprachen einige Bewoh⸗ „ner von Elly, nicht der erwartete „Prophet ſeyn; denn alſo ſtehet ge⸗ „ſchrieben im Buche Apokrypta: Der „Prophet, welchen ich euch ſenden „werde, wird aus der Stadt Gottes „kommen, und keine ſterbliche Mutter „wird ihn nahren. Dritter Theil. 43 „Johanny antwortete: Bin ich nicht „aus Elly! und ſtarbnicht meine Mut⸗ „ter gleich nach meiner Geburt?“ „Dieſe Stelle iſt ja an ſich ganz deutlich, ſprach der Aelteſte. El⸗lya heißt verdollmet⸗ ſchet Gottes Haus.“ „Braucht ihr dieß auch als Beſelsgund fuͤr die Wahrheit eurer Religion?“ „Wozu das? antwortete er, wir haben es ja nicht mehr mit blinden Anhaͤngern des Worts der Apokrypta zu thun. Und lies doch weiter, was unmittelbar darauf folgt:. „Allein beſſer waͤre es, wenn ihr weniger „nach meiner Geburt, und nach der Mutter „fragtet, die mich geboren hat, ſondern mehr „darnach, ob meine Lehre Wahrheit ſey, die von „Gott kommt, und nicht Nahrung fuͤr den Sohn „der Erde, ſondern fuͤr den Unſterblichen, den „Sohn der Gottheit iſt!“—-—— Ich uͤberlaſſe es euch, Freunde, ſo ſchloß Leſſow, die Anwendung davon zu machen, und empfehle dieſen Auszug aus dem Leben und den Lehren Jeſu Chriſti, den ich mit aller mir mög⸗ lichen Aufmerkſamkeit und Sorgfalt aus dem 44 Paͤchter Martin. neuen Teſtamente gemacht habe, eurer Pruͤfung. Ich bin uͤberzeugt, daß er das Weſentliche der Lehre Jeſu enthaͤlt, und daß der, welcher darnach thut, gewiß ein wahrer Chriſt iſt. Ihr werdet euch wundern, und gewiß daruͤber freuen, daß ihr alle in den weſentlichen Lehren des Chriſten⸗ thums vollkommen uͤbereinſtimmt, und werdet hoffentlich ferner nicht daruͤber ſtreiten, uͤber die wenigen nicht weſentlichen Dinge, uͤber Worte und Gebraͤuche, woruͤber ihr verſchieden denkt, weil die Gelehrten eurer Kirche verſchieden dar⸗ uͤber gedacht haben.“ Siehe, dieſer Auszug macht nun das Reli⸗ gionsbuch aus, welches wir noch gegenwaͤrtig in unſern Tempeln und Schulen brauchen, und wor⸗ nach wir nicht bloß lehren, ſondern auch handeln. Wir ſind religios um der Tugend willen; nach Tugend ringen wir um ihrer ſelbſt willen; wir ſuchen Gott zu verehren im Geiſt und in der Wahrheit. Indeſſen wirſt du doch bey naͤherer Pruͤfung finden, wie wohl es unſere Weiſen be⸗ dacht haben, daß der Menſch nicht ein bloßes Dritter Theil. 45 reines Vernunftweſen iſt, ſondern auch ein Herz hat. Wir feiern, wie ihr, zur gemeinſchaftlichen Erbauung jeden Sonntag, und an dieſen Sonntagen auch unſere religioͤſen Feſttage, als: das Feſt der Geburt Jeſu; das Fruͤhlingsfeſt; das Feſt der erſten Jugendweihe; das Feſt des Ehebun⸗ des; das Freundſchaftsfeſt; das Ge⸗ daͤchtniß der Edleren— und mehrere. An den uͤbrigen Wochentagen iſt jaͤhrlich nur der Abend vor der Gedaͤchtnißfeier des Todes des Edelſten zur gemeinſchaftlichen oͤffentlichen Gottesverehrung beſtimmt, und die Fruͤhſtun⸗ den, an welchen wir unſere Verſtorbenen in den Garren der Ruhe(Gottesacker— Him⸗ melsgarten) bringen. In der Regel verſam⸗ meln auch wir uns zur gemeinſchaftlichen Andacht in Kirchen, nur einige feſtliche Tage ausgenom⸗ men, an welchen wir den Allgegenwaͤrtigen unter freyem Himmel im offnen Tempel der Natur anbeten. Gewoͤhnlich ſind die erſten Tagesſtun⸗ den an unſern Sonn⸗ und Feſttagen der oͤffentli⸗ chen Gottesverehrung geheiligt, zwey Mal aber 46 Paͤchter Martin. in jedem Jahre— eben heute und morgen— verſammeln wir uns in Abendſtunden. Morgen feiern wir das Gedaͤchtnißfeſt des Todes Jeſu, und heute Abend iſt Vorbereitung. In einer Stunde werde ich wieder bey dir ſeyn, und dich, wenn du willſt, in den Tempel fuͤhren, wo wir uns heute zur Vorbereitung auf das morgen zu feiernde Feſt verſammeln. Du darfſt— und ich glaube, du wirſt gern— an der heutigen und an der morgenden Feier Theil nehmen. 2. 8 * Die Beichte im Lande Johannettyn. Saddy ließ mich allein, war nach Verfluß einer Stunde(die er, wie mir ſein Auge ſagte, in der tiefer gefuͤhlten Gegenwart des Allgegenwaͤr⸗ tigen zugebracht hatte) wieder bey mir, und fuͤhrte mich in die Verſammlung. Wir nahmen den erſten beſten noch unbeſetzten Platz in der Kirche ein, welche von wenigen Lichtern matt Drirter Theil. 47 erleuchtet war. Grabesſtille herrſchte in der Ver⸗ ſammlung. Nach einigen Minuten wurden die Thuͤren geſchloſſen, und eine unausſprechlich ſanfte Muſik auf Inſtrumenten, die bloß zur Gottesver⸗ ehrung,*) und auch da nur ſelten gebraucht wurden, erweckte bey mir Gefuͤhle, fuͤr welche ich keinen Namen habe. Mir war, als entwaͤnde ſich mein Geiſt der koͤrperlichen Huͤlle, und wuͤrde in hoͤheren Welten von Engelſtimmen bewill⸗ kommt. Hierauf hielt einer der Aelteſten der Gemeinde eine Rede uͤber die Abſicht der heutigen Verſammlung, uͤber die Pflicht, unablaͤſſig an der moraliſchen Beſſerung fort zu arbeiten, nie zu waͤhnen, daß man das Ziel ſchon erreicht habe, aber auch den Muth nicht ſinken zu laſſen, wenn man bey redlichem Ringen nach Wahrheit und Tugend doch noch manche Schwaͤche und Unvoll⸗ kommenheit an ſich bemerke, ſo fern man ſich nur der Redlichkeit ſeiner Geſinnung bewußt ſey, und *) Dazu kaͤnnte bey uns die Harmonika ge⸗ braucht werden— wenn unſere Gottesverehrun⸗ gen ganz waͤren, was ſie ſeyn ſollten, und dann gehoͤrig gewuͤrdigt wuͤrden. 438 Paͤchter Martin. jede Kraft aufbiete, begangene Fehler in Zukunft zu vermeiden. Beylaͤufig geſagt, die Johannettyner ſpra⸗ chen und laſen faſt ohne Ausnahme vortrefflich, weil bey ihnen auf dieſen Theil der Bildung ihrer Jugend mehr Fleiß als bey uns verwendet wird. Aber ſo wie der Aelteſte hier redete, habe ich in meinem Leben nie reden gehoͤrt. Licht war ſeine Rede fuͤr den Verſtand, und mit Allmacht drang ſie zum Herzen. Er ſchloß mit der Aufforderung:„Wer ſich dieſer redlichen Ab⸗ ſicht bewußt iſt, der pruͤfe ſich ſelbſt, wie vor dem Gerichte des ewigen Geiſtes, der uns alle einſt richten wird.“ Er las hierauf die Fragen der Selbſt⸗ pruͤfung vor, machte nach jeder Frage eine kleine Pauſe, reichte beym Schluſſe der Vor⸗ leſung ſeinem naͤchſten Nachbar die Hand, und ſprach:„Bey dem 4 der einſt mich richten wird! ich bin mir der redlichen Abſicht bewußt, Fehler, die ich begangen habe, in Zukunft zu vermeiden, gut zu machen, was ich gut machen kann, und immer beſſer werden zu wollen. Wer ſich mit mir gleicher redlichen Abſicht bewußt iſt, der gelobe es Dritter Theil. 49 es wie ich, und ſchlage ſeine Hand in die Hand ſeines Bruders.“— Alles ſchlug Hand in Hand. Auch mir wurde von beiden Seiten die Hand gereicht. Ich ſchlug ein; und mir war, als ſtaͤnde ich vor dem Richter, der den Weltkreis richtet, und als gelobte ich, unmittelbar am Altare der Tugend, neue Treue. Ich darf es ſagen, mehr als ein wuͤrdigeres Geluͤbde wurde hier der Tugend dargebracht, doch kein redlicheres als das Meinige. Wir ſtanden Hand in Hand, und einige Stimmen ſangen: Der du des Meeres Tiefen, wie Den Silberbach durchſchauſt, Und wie im offnen Buche, in Der Menſchen Herzen lieſt, Und Thaten, die in Mitternacht Gehuͤllet ſind, mit Sonnenlicht Erhellen wirſt, und richten wirſt, Ewiger Geiſt, Allwiſſender, Richter der Sonnen, der Erden, Richter der Menſchen, Auch unſer Nichter! 3. Theil. 4 Pachter Martin. Vor dir geloben wir Der Tugend neue Treue! Seane, ſegne Den Bund der Liebe, Den Bund der Tugend! Wehe dem Heuchler! Heil dem Redlichen! Friede Gottes ihm im Leben, Friede Gottes in der ernſten Stunde, Wenn ſein Auge bricht! Segne, ſegne Den Bund der Liebe, Den Bund der Tugend! Gehet n nun hin— ſo ſprach zuletzt der Ael⸗ teſte— gehet hin und bereitet euch noch in ſtiller Einſamkeit vor, zur wuͤrdigen Gedaͤchtnißfeier des Edelſten unter allen, die auf Erden lebten, und des groͤßten Wohlthaͤters der Menſchheit! Gott ſegne Euch! Oritter Theil. 51 3⸗ Die Stunden nach der Beichte. Komm, ſagte mein Saddy zu mir, als wir die Verſammlung verließen, komm, laß uns ins Freye gehen! Der Abend iſt ſo ſchoͤn, und die offene Natur ſteht gewiß jetzt mit unſerer Seelen⸗ ſtimmung mehr im Einklange als das verſchloſſene Zimmer! Ich antwortete bloß mit einem Haͤndedruck und folgte ihm. Auch er ging ſchweigend an mei⸗ ner Seite. Ein ſanft gebahnter Weg fuͤhrte uns einen Berg hinauf; wir erſteigen ſeinen Gipfel, und in dem Augenblicke ſehen wir auch den Mond aus dem Meer empor ſteigen. Unwillkuͤhrlich beugte ich meine Kniee, Saddy kniete neben mir nieder, und: o Gott, Gott, wie groß und gut biſt dul mehr konnte ich nicht, und: Gott, du biſt die Liebe! mehr konnte auch Saddy nicht ſprechen. Paͤchter Martin. Noch knieten wir, als uns Fidtentoͤne uͤber: raſchten, und in ſchmelzender Melodie ſangen einige Stimmen: Gott iſt die Liebe! Die Erde ruͤhmet es, Durch alle Himmel Von allen Sonnen, Von allen Sternen, Erſchallt es wieder: Gott iſt die Liebe Gott iſt die Liebe! O danket Gott! Auch du lobſingeſt, O Mond, Gefaͤhrte du Der ſtillen Naͤchte, Auch du lobſingeſt: Gott iſt die Liebe! Aus ſeinem Herzen Stroͤmt Segen nieder Auf alle Welten! Dankt unſerm Gott! Dritter Theil. 53 Die Muſik erhob ſich mit ſtaͤrkeren Toͤnen blaſender Inſtrumente, und ein volles Chor ſtimmte in das Loblied ein: Lobſingt dem Ewigen, Dem Guͤtigen und Weiſen! Lobſinget unſerm Gott, Den Erd' und Himmel preiſen! Ihm, der die Welt Allmaͤchtig haͤlt, Der alles, alles weisheitsvoll Und liebevoll regieret, Bringt unſerm Schoͤpfer Lob und Dank, Dem Lob und Dank gebuͤhret! Die Erde predigt dich Umſtrahlt mit Fruͤhlingsglanze, Luft, Sonnen⸗, Mondenſchein, Thau, Regen, Blitz und Pflanze; Der Thiere Heer, Und Fluß und Meer, Und Berg und Thal, und Flur und Wald, Sie predigen und preiſen Dich unſern Gott, den Maͤchtigen, Den Guͤtigen und Weiſen! Paͤchter Martin. Was iſt der Erdenball, Gott, gegen Sternenheere? Ein Trepfen iſt er nur Im großen Weltenmeere. In ſtiller Nacht Mit welcher Pracht Iſt dort der Himmel ausgeſpannt In unermeßner Ferne! Es ſingen Gottes Sonnen ihm, Es ſingen ihm die Sterne. Ein hoͤh'res Lied ertoͤnt! Nicht bloß von Menſchenzungen, In Engelchoͤren wird Dem Herrn ein Lied geſungen. Zu Sternenklang Toͤnt ihr Geſang: „Lob, Ehre ſey Gott in der Hoͤh', Und Friede wohn' auf Erden, Und Heil euch, Menſchen, Bruͤdern, euch Soll Himmelswonne werden!“ O Menſchen ſtimmet ein! Noch druͤcken euch zwar Maͤngel Dritter Theil. 55 Und Unvollkommenheit, Doch ſtimmt ins Lied der Engel, Unſterbliche! Gott in der Hoͤh', Gott uͤberall ſey Ehr und Lob! Und Friede wohn' auf Erden! Und Engeln Gottes ſoll der Menſch Durch Tugend aͤhnlich werden. Mit welchen Gedanken, mit welchen Empfin⸗ dungen kehrte ich in mein einſames Zimmer zu⸗ ruͤck! Ich fuͤhlte meinen hoͤhern Urſprung, meine höhere Beſtimmung, fuͤhlte mich unſterb⸗ lich und fuͤr ein beſſeres Leben eingeweiht. Da⸗ bey beſeelte mich ein ſo reines Wohlwollen gegen die Menſchheit, daß ich ſie alle, weß Volks, weß Glaubens ſie auch ſeyn mochten, ſie alle meine Mitmenſchen im Geiſte als Bruͤder umarmte, daß ich mit Wahrheit ſagen konnte: „Theurer ſeyd ihr mir, Menſchen, als ſelbſt mein Leben! Wie Muͤtter, Zaͤrtliche Muͤtter ihr Kind, 56 Paͤchter Martin. So umarm' ich euch. Euch alle gluͤcklich zu 1 machen, Schloͤſſe mein Auge ſich gern, Stuͤrb' ich gern den fuͤßeſten Tod; fuͤr Bruͤder zu ſterben, Gott! den ſuͤßeſten Tod!“ Ja, in dieſen Stunden waͤre ich faͤhig gewe⸗ ſen, jedes Leiden, und ſelbſt einen qualvollen Tod willig zu uͤbernehmen, wenn ich meine Mit⸗ menſchen dadurch haͤtte veredeln und beſeligen koͤnnen. Deſto ſchmerzlicher war mir der Gedanke an die gegenwaͤrtige Lage der Menſchheit; deſto ſchmerzlicher, die Menſchen, im Ganzen genom⸗ men, noch ſo weit von dem Ziele ihrer Beſtim⸗ mung entfernt, Millionen in allen Laͤndern, unter allen Himmelsſtrichen, noch ſo ſehr verwahrloſet, noch ſo tief entwuͤrdiget zu denken.— Und was kann man fuͤr die Menſchheit hof⸗ fen? Traurend legte ich mir ſelbſt dieſe Frage vor. Was kann man hoffen, da man uͤberall noch die Mittel, wodurch die Menſchen veredelt werden koͤnnten, ſo ſehr vernachlaͤſſiget, und oft Dritter Theil. 57 ſo ſchaͤndlich mißbraucht, daß der Segen, den fie ſtiften ſollten, dadurch in Fluch verwandelt wird?— Ich dachte an mein Vaterland, an den Zuſtand ſeiner Religion, ſeiner Geſetzgebung und Rechtsverhandlungen, ſeiner Erziehungsan⸗ ſtalten und Schulen, und an ſo manches andere, das, auf das Gelindeſte ausgedruͤckt, nicht ſo iſt, wie es ſeyn ſollte und muͤßte, wenn man es ernſt⸗ lich darauf anlegen wollte, die Menſchen weiſer und beſſer zu machen;— und da lag die Zukunft in dichter dichter Nacht vor mir. Das— ſo fuhr ich fort zu denken— das iſt unlaͤugbar: ſoll der Zuſtand der Menſchheit beſſer werden, als er, leider! jetzt noch iſt, ſo muͤſſen wir Menſchen ſelbſt weiſer und beſſer wer⸗ den. Nur ſittlich veredelte Menſchen koͤnnen die beſſere Zeit herbey fuͤhren. Es leuchtet mir ein: daß, wenn es auch moͤg⸗ lich waͤre, daß die Menſchen ohne Ausnahme, trotz des Gottesgerichtes in ihnen, trotz der Aus⸗ ſpruͤche der Vernunft und des Gewiſſens, dieß als allgemeine Regel annaͤhmen: ſuche jeder, ohne Ruͤckſicht auf Recht und Unrecht, auf Pflicht und Gewiſſen, das, was ihm Vergnuͤgen macht, was 58 Paͤchter Martin. ſeinen Neigungen und Trieben ſchmeichelt!— es leuchtet ſonnenklar ein: daß die Menſchen dann in dieſer Regel eine der nothwendigſten Bedin⸗ gungen zur wahren Gluͤckſeligkeit ſelbſt, welche eben in dem Beyfall des Gewiſſens, in der ver⸗ nuͤnftigen Billigung unſerer Geſinnungs⸗ und Handlungsweiſe beſteht ausſchloͤſſen, und daß, wenn der Verſuch, der Tugend laut Hohn ſpre⸗ chen und das Gewiſſen unterdruͤcken zu wollen, gelange, durch dieß unſelige Gelingen namenloſes Elend, an die Stelle des erwarteten vollkomm⸗ nern Lebensgenuſſes treten wuͤrde. Wie koͤnnte es anders ſeyn? Tauſend Mittel, welche zur Ver⸗ ſchoͤnerung des menſchlichen Lebens durch geſellige, auf gegenſeitiges Zutrauen gegruͤndete, Vereini⸗ gung zu Stande gebracht worden ſind, wuͤrden wegfallen, weil das Zutrauen verſchwaͤnde; bey gleichen Begierden, bey gleich heißer Sehnſucht nach denſelbigen Guͤtern wuͤrde einer den andern als Feind betrachten, wuͤrde ein Krieg Aller gegen Alle mit Argliſt und Gewaltthaͤtigkeit zur gegenſei⸗ tigen Zerſtoͤrung und Vernichtung gefuͤhrt werden. Im Gegentheil iſt es eben ſo einleuchtend: daß Tugend, ob ſie gleich nicht um des Gluͤcks Dritter Theil. 59 willen, das in ihrem Geſolge iſt, geſucht und verehrt werden ſoll, dennoch, wenn die Menſchen ſie uͤberall mit reinem Herzen verehrten, den reichſten Segen uͤber die Erde verbreiten wuͤrde. Denke ich mir ein Volk, bey welchem Rechtſchaf⸗ fenheit, Treu und Redlichkeit uͤberall herrſchend waͤre, bey welchem Jeſu Vorſchrift: Was ihr wollt, daß euch Andere thun ſollen, das thut auch ihnen! nicht bloß als Grundſatz erkannt, ſondern auch uͤberall befolgt wuͤrde; wo jeder gern nach dem Maße ſeiner Kraͤfte zum gemeinen Wohl beytruͤge, wo keiner ſich ſo tief entwuͤrdigte, von der Wohlthaͤtigkeit Anderer leben zu wollen, ſo lange er noch Kraft zur Arbeit haͤtte, wo aber der kraftloſe Greis oder der durch Ungluͤcksfaͤlle zuruͤck geſetzte Arme auf unerbetene Huͤlfe mit Zuverſicht rechnen, und dieſe Huͤlfe ohne die mindeſte Kraͤnkung ſeines Ehrgefuͤhls annehmen koͤnnte, weil er ja nur das empfaͤnge, was er unter guͤnſtigern Umſtaͤnden ſelbſt geben wuͤrde; wo der, der irgend etwas Gutes in Vorſchlag zu bringen haͤtte, nichts mehr beduͤrfte, als ſeine Mitmen⸗ ſchen zu uͤberzeugen, daß es gut waͤre, um dann die thaͤtigſte Theilnahme und Befoͤrderung des 60 Paͤchter Martin. erkannten Guten zu erwarten;; ein Volk, bey welchem das gegebene Wort und der treue Hand⸗ ſchlag die Guͤltigkeit und Unverbruͤchlichkeit des feierlichſten Eides haͤtte, ein Volk, deſſen Mit⸗ glieder ſich alle als Kinder Eines Hauſes, als Mitglieder Einer durch Bande der Liebe und des Wohlwollens verbundenen Familie daͤchten und als ſolche handelten, ein Volk, wie dieſe Johan⸗ nettyner— weich ein Bild! Und, Gott, ſollte es denn ewig ein leeres Bild, ein Traum aus einer beſſern Welt ſeyn, der auf dieſer Erde nie in Erfuͤllung gehen koͤnnte? Kann man be⸗ haupten: daß die Vorſtellung von einer durch allmaͤhlichen Fortſchritt in Erkenntniß und Befol⸗ gung des Wahren und Guten, zu veredelnden Menſchheit in ſich etwas widerſprechendes habe? Muß ſie nicht vielmehr von jedem denkenden Menſchen gebilliget werden? Fuͤhlt nicht jeder, in dem noch ein wahrhaft menſchliches Herz ſchlagr, dieß Herz dafuͤr erwaͤrmt? Und giebt es nicht wirklich in jedem Volke Menſchen, die Gott fuͤrchten und recht thun, Menſchen, welche die Tugend durch ihre eigene ungeheuchelte Verehrung derſi hen in Achtung Dritter Theil. 61 erhalten— Menſchen, an welchen die Zuͤge aus jenem ſittlich ſchoͤnen Bilde auf das deutlichſte ausgedruͤckt ſind? Giebt es nicht andere, die ſich wenigſtens ernſtlich beſtreben, jenem Bilde aͤhn⸗ licher zu werden? Und man ſollte nicht hoffen, man ſollte nicht mit Zuverſicht erwarren duͤrfen, daß die Zahl der Guten ſich vermehren, und ihr Beyſpiel wohlthaͤtig auf Andere wirken werde?— Die Menichen haben ganz unlaͤugbar Kraͤfte und Fäͤhigkeiten, immer vollkommner, weiſer und beſſer zu werden, und ihr Schoͤpfer haͤtte ihnen dieſe Kraͤfte und Faͤhigkeiten zwecklos gegeben? Sie fuͤhlen ganz unlaͤugbar in ſich ſelbſt die Auffor⸗ derung, immer vollkommner zu werden, erkennen in dieſer Aufforderung ein heiliges Gebot Gottes: und Gott koͤnnte ihnen ein ſolches Geſetz ins Herz geſchrieben, ein ſolches Gebot gegeben haben, deſſen Vollbringung ſchlechterdings unmoͤg⸗ lich waͤre? Wie? erſtreckt ſich die goͤttliche Vor⸗ ſehung nicht auch uͤber das Reich der Wahrheit und Sittlichkeit? oder iſt die Gottheit ſo einge⸗ ſchraͤnkt, daß ſie bloß hier und da auf dieſen oder jenen einzelnen Menſchen ihren Blick richten, und ſeine Schickſale zu ſeinem wahren Wohle 62 Paͤchter Martin. leiten kann? Waͤre ſie dieß, was koͤnnte dich berechtigen, dich gerade fuͤr den ſo vorzuͤglich begluͤckten, ſo vorzuͤglich von der Gottheit beguͤn⸗ ſtigten Menſchen zu halten? Nein; mit gleicher Weisheit und Guͤte leitet Gott die Schickſale des Einzelnen und die Sohickſale des ganzen menſch⸗ lichen Geſchlechts ſo, daß ihr wahres Wohl durch ſittliche Veredelung befoͤrdert werde. Erſte Erzie⸗ hungsanſtait unſers Gottes iſt das gegenwaͤrtige Leben; wie ſollte ich es nicht dom weiſeſten Er⸗ zieher zutrauen, daß ſeine Anſtalt immer mehr und mehr den beabſichtigten Zweck erreichen werde. Es wird gewiß, gewiß mit dem menſch⸗ lichen Geſchlechte immer beſſer werden!— Beruhigter blickte ich zum Sternenhimmel, und betete herzlich: Zu uns komme dein Reich! Dein Wille geſchehe auf Erden wie im Himmel! Spaͤt nach Mitternacht entſchlief ich; und im Traume erſchien mir ein Weſen, das meinem Saddy aͤhnlich, aber mit Himmelsglanz und hoher Glorie umgeben war.„Folge mir!“ ſo redete mich dieſes uͤberirdiſche Weſen mit unaus⸗ —— Dritter Theil. 63 ſprechlicher Freundlichkeit an,„folge mir! du ſollſt gewuͤrdiget werden, einen Blick in das Buch des Schickſals zu thun.“ 8 Leicht gehoben, als haͤtte auch ich alles Irdi⸗ ſche abgelegt, folgte ich meinem Fuͤhrer, und wir ſchwebten zu dem Gipfel eines Berges von uner⸗ meßlicher Hoͤhe empor. Ich blickte von dieſer Hoͤhe hinab, und ſah unter mir alles— wenige etwas lichtere Punkte ausgenommen— mit dich⸗ ter Nacht umgeben. Siehe, ſprach mein Fuͤhrer, in dieſer naͤcht⸗ lichen Dunkelheit wandeln die Menſchen, die du als Bruͤder liebſt— und, ach! die meiſten lieben dieſe Finſterniß und ſuchen ſie ſorgfaͤltig zu unter⸗ halten, weil ihre Werke das Licht ſcheuen. Er beruͤhrte meine Augen und fuhr fort zu reden:„Mit geſchaͤrfterm geiſtigerm Blicke ſollſt du ſie handeln ſehen in allen Lagen und Verhaͤlt⸗ niſſen ihres Lebens, und durchſchauen zugleich die Abſichten und Bewegungsgruͤnde, aus welchen ſie handeln.“ Ich ſah hinab in Palaͤſte und Huͤtten, in Kirchen und Schulen, in Gerichtsſäͤle und Siech⸗ 1 64 Pächter Martin. haͤuſer, in Gefaͤngniſſe und Zuchthaͤuſer; und das Herz blutete mir. Befreye mich— bat ich meinen Fuͤhrer— befreye mich von der Sehkraft, durch welche ich Graͤuel entdecke, die ich nicht geahnet haͤtte.— Dieſe verwahrloſete und gemißhandelte, entwuͤr⸗ digte und geſchaͤndete, verfuͤhrte und verfuͤhrende, gepeinigte und ſich ſelbſt und Andere peinigende Menſchengeſchoͤpfe— ich kann den Anblick nicht aushalten!— Ach! auch in dem kleinen Kreiſe der einzelnen Familien, unter Gatten, Aeltern und Kindern, ſo viel Treuloſigkeit, ſo wenig Liebe, ſo viel Selbſtſucht!— Ja leider! ſprach Saddy, der Verklaͤrte,— ſo viel Selbſtſucht!— dieß, dieß iſt das Grund⸗ uͤbel des armen Menſchengeſchlechts; dieſe kalte Selbſtſucht! Freylich muß der Anblick deinem Herzen wehe thun; doch verzweifle nicht! Das Volk, das jetzt im Finſtern wandelt, wird ein helleres Licht ſehen, eine hoͤhere wohlthaͤtige Sonne wird ihm aufgehen, wird die Finſterniſſe allmaͤhlich zerſtreuen, und mit demſelbigen Lichte, mit welchem ſie den Geiſt erleuchtet, wird ſie die Herzen erwaͤrmen!— Siehe dort in Oſten, ſie Dritter Theil. 65 ſie gehet auf, die erſehnte Sonne! und blicke nun wieder hinab auf die lichteren Punkte der Erde, welche ihre erſten Strahlen begierig auffaſſen. Ich blickte hinab und ſah hier und da ein menſchliches Antlitz mit Sonnenlicht erleuchtet. Ein Punkt nach dem andern wurde lichter und lichter, und es bildeten ſich ſchoͤne Familiengrup⸗ pen. Mit dem Ausdruck der zaͤrtlichſten Freund⸗ ſchaft, der treueſten Liebe und der innigſten Zu⸗ friedenheit ſah ich Vaͤter und Muͤtter im Kreiſe ſchuldloſer froher Kinder, und holde Genien ſtreu⸗ ten ihnen Blumen. Detzt flogen die Genien hin⸗ auf zur Sonne, kehrten mit Sonnenſtrahlen, die unter ihren Haͤnden zu ſchoͤnfarbigen Guirlanden wurden, zur Erde zuruͤck, und umkraͤnzten die gluͤcklichen Familien. Die Hausvaͤter der um⸗ kraͤnzten Familien reichten ſich gegenſeitig die Hand, die Genien aber webten groͤßere Kraͤnze, umſchlan⸗ gen damit die Hausvaͤter mit allen den Ihrigen und vereinigten ſie ſaͤmmtlich zu Einem gluͤckli⸗ chen Volke. Immer heller wurde es auf der Erde; alle Wolken verſchwanden, in Majeſtaͤt und Herr⸗ lichkeit ſtrahtte die Sonne vom blauen Himmel zur Erde herab, unter ihren Strahlen entſproßten 3. Theil. 5 66 Paͤchter Martin. Blumen und Gewaͤchſe, reiften Fruͤchte der man⸗ nigfaltigſten Art, verwandelte ſich die ganze Erde in einen Luſtgarten; die Genien umſchlangen mit dem Sonnenkranz das ganze Menſchen ge⸗ ſchlecht, und von Myriaden Stimmen im Himmel und auf Erden ertoͤnte das Lied: „Lob, Ehre ſey Gott in der Hoͤh'! Denn Friede wohnt auf Erden, Und Engeln Gottes wird der Menſch Durch Tugend aͤhnlich werden!“ Das Abendmahl.*) Auch an dem Abende, an welchem wir uns zur Feier des Gedaͤchtniſſes Jeſu verſammelten, war die Kirche nur mit einigen Lichtern erhellt. *) Saddy ſagte mir, daß dieſe Feierlichkeit nicht immer auf dieſelbe Art begangen wuͤrde. Die Johannettyner ſuchen durch Abaͤnderungen der aͤußern Formen die Wirkung des Guten zu erhal⸗ Dritter Theil. 67 Nach einer feierlichen Muſik trat einer der Aelteſten auf und ſprach: „Wer ſeine Pflichten treu erfuͤllt, Wer auf der Wahrheit Sonnenbahn Mit feſterm Tritt den ſteilen Pfad Zum Tugendtempel wallet, wer Im Auge ſeines Bruders ſpaͤht: Ob eine Thraͤn' es truͤbe? gern Die Thraͤn' ihm trocknet, gern die Hand Dem Feinde zur Verſoͤhnung reicht, Durch Milde ihn zu beſſern ſucht, Wer reines Herzens ſtets zu ſeyn Mit edlem Eifer ſich bemuͤht: Den, den beſeelet Jeſu Geiſt, Der iſt ein wahrer Chriſt! — „Gott ſtaͤrke uns der Tugend treu zu bleiben, Und unſerm heiligen Beruf!. Gott ſegne uns, der edlen Thaten Im Stillen viel zu t ten und zu erhöhen, nehmen Ruͤckſicht auf Zeit und Umſtande, und ſorgen dafuͤr, daß der Buchſtabe nicht den Geiſt toͤdte, Paͤchter Martin. Wir wollen uns mit Bruderliebe lieben, Von Selbſtſucht frey und rein von Eigennutz; Und unſre Freundſchaft, unſre Liebe Soll Hand in Hand mit Tugend gehn!“ Die ganze Verſammlung ſtimmte hierauf in folgendes Lied ein: Heil dir ſchon auf Erden, Freund der Wahrheit und des Rechts, Denn durch Tugend werden Menſchen goͤttlichen Geſchlechts. Unter aller Leiden Buͤrde Bleibt die Tugend unſre hoͤchſte Wuͤrde. So, in hoͤh'rer Klarheit, So umſtrahlt mit Gotteslicht, Ging den Weg der Wahrheit Jeſus Chriſtus, wankte nicht, Feſt entſchloſſen, ſelbſt ſein Leben Fuͤr die Pflicht zum Opfer hin zu geben. Und vergebens drohte Marter, Bande, Blutgeruͤſt; Dritrer Theil. 69 Treu dem Pflichtgebote— Das Gebot des Ew'gen iſt— Stirbt er, ſtirbt mit edlem Muthe, Zeugt fuͤr Wahrheit ſelbſt mit ſeinem Blute⸗ Tugend, Segensfuͤlle, Du, o Ziel des hoͤchſten Ruhms, Du der Gottheit Wille, Geiſt des wahren Chriſtenthums, Durch dich kann der Menſch auf Erden Hoͤhern Geiſtern Gottes aͤhnlich werden. Tugend, unter Freuden Dieſes Lebens biſt du ſchoͤn; Doch nur unter Leiden Kann man deinen Urſprung ſehn, Daß du von dem Himmel ſtammeſt Und den Geiſt fuͤrs Goͤttliche entflammeſt. Du, o hoͤh're Sonne, Strahlſt mit uͤberird'ſchem Schein, Schaffſt dem Geiſte Wonne, Weihſt zu Gottes Himmel ein, Du veredelſt unſre Freuden, Du veredelſt uns durch Schmerz und Leiden. * 79 Paͤchter Martin. Unter deinem Strahle Bluͤhn auf Graͤbern Blumen auf, Aus dem Todes⸗Thale Ringen wir zum Ziel hinauf, Wo in deinen lichtern Hoͤhen Wir die Wunder Gottes heller ſehen. Heil'ge mein Beſtreben, Gieb, o Gott, mir Kraft und Muth, Tugendhaft zu leben, Wahrhaft weiſe, wahrhaft gut. Daß mich weder Schmerz noch Freude, Noch der Tod von wahrer Tugend ſcheide! Nach dieſem Liede trat einer aus dem Rathe der Aelteſten auf, und hielt folgende Rede:*) Chriſten! Wenn uns jemand, zu deſſen Rechtſchaffenheit und Wahrheitsliebe wir Zutrauen haͤtten, folgende *)„Nun gar eine Predigt?— und eine ſo fromme Predigt?— Ihr faͤndet es vielleicht nicht unſchicklich, wenn ich einen Auszug aus der Lebensgeſchichte Socrates abdrucken ließe, beſonders wenn ich auf einige Dritter Theil. 71 Schilderung von irgend einem Weiſen der Vor⸗ welt machte: „Dieſer Weiſe, obgleich arm und duͤrftig, unter einem Volke geboren, das noch auf einer ſehr niedrigen Stufe der Geiſtesbildung ſtand, erhob ſich zum Lehrer der Menſchheit. Seine Lehre war eine ſo reine Tugendlehre, wie ſie nie nicht genug erkannte Zuͤge in dem ſittlich ſchönen Bilde aufmerkſam machte; denn wer wollte nicht gern an dem Bilde eines edeln Menſchen verwei⸗ len? Jeſus aber— o wahrlich, Jeſus war edler als der edle Socrates! „Aber das alles iſt nun ſchon bekannt— Waͤre es das wirklich, dann, daͤchte ich, muͤßte Jeſus inniger und wahrer verehrt werden, als er zur Zeit noch in der Chriſtenheit verehrt wird, und unter unſern Schriftgelehrten wuͤrde es nicht mehr zweifelhaft ſeyn: ob wir die Wunder fuͤr das Chriſtenthum entbehren koͤnnten. Man wuͤrde das Buch Apokrypta ſcheiden lernen von dem Buche der Weisheit und Tugend, und das Goͤttliche in der Menſchheit ohne Streit anerkennen.— Uebrigens iſt es doch auch keine eigentliche Pre⸗ digt, die ich hier den Leſern mittheile, ſondern nur der Auszug einer zu Johannettyn gehaltenen Rede. Paͤchter Martin. ein Weiſer vor ihm gelehrt hatte, und— er lebte, wie er lehrte. Er ſchaͤtzte den gefelligen Umgang, war oft unter Menſchen aller Staͤnde, wirkte unter ihnen, nahm an ihren Freuden und Leiden Theil, ſuchte nur zuweilen auf kurze Zeit die Einſamkeit, um dann geſtaͤrkt mit neuer Kraft ins thaͤtige Leben zuruͤck zu kehren: und keiner von allen, die ihn kannten, konnte behaupten, daß er ihn irgend ein Mal, ich will nicht ſagen laſter⸗ haft, ſondern nur leidenſchaftlich und uͤbereilt habe handeln ſehen. Schuldlos, fehlerlos war ſein Leben, der reinſte Abdruck wahrer Tugend. Er haßte Froͤmmeley und Scheinheiligkeit, aber Froͤmmigkeit— als Tugend mit Hinſicht auf Gott— war ihm uͤber alles theuer. Immer wandelte er wie in der gefuͤhlteren Gegenwart des Allgegenwaͤrtigen, den er mit kindlicher Liebe und kindlichem Zutrauen bis an das Ende ſeines ſchoͤnen Lebens verehrte. Mit gleich inniger Liebe umfaßte er das menſchliche Geſchlecht; in jedem Menſchen— welches Volks, welches Standes, welches Glaubens er auch ſeyn mochte— liebte er einen Bruder; mit raſtloſem Eifer bemuͤhete er ſich, ſeine geliebten Bruͤder zu veredeln und DOritter Theih. 73³ gluͤckſeliger zu machen, und ſcheute dabey keine Muͤhe, keine Gefahr, ja ſelbſt den Tod nicht. Er konnte ohne Mitgefuͤhl keinen Andern lei⸗ den ſehen, aber ſeine eigenen Leiden ertrug er mit hoher Geduld. Er war ſanft, ſchonend und dul⸗ dend gegen den Irrenden und Fehlenden, aber voll edlen Muthes, wenn es darauf ankam, das Laſter zu bekaͤmpfen; unerſchuͤtterlich in ſeinen Grundſaͤtzen, und ſtandhaft in Erfuͤllung ſeiner Pflichten. Bey allen ſeinen großen Vorzuͤgen war er voll ſeltener Beſcheidenheit und ächter Demuth. 3 Und dennoch wurde der tugendhafte Weiſe von vielen gehaßt und verfolgt, weil Eigennutz, Herrſchſucht und Aberglaube ſich gegen ihn empoͤr⸗ ten. Er ſah es, daß man ſeinen Tod ſuchte, konnte der Gefahr entfliehen, und Liebe zum Leben in einem bluͤhenden Alter, in welchem er mit ſeinem fuͤr Freundſchaft, fuͤr Freuden der Natur und fuͤr alles Schoͤne und Gute ſo empfaͤnglichen Herzen, noch ſo manche Freude, ſo manches Gluͤck haͤtte genießen koͤnnen, mahnte ihn zu entfliehen; aber ſtaͤrker rufte die Pfticht: leide und ſtirb, auf daß die Wahrheit durch dei⸗ Paͤchter Martin. nen Tod beſtaͤtigt ſiege! Er hoͤrte den Zuruf der Pflicht, ertrug ſtandhaft die Qualen einer grau⸗ ſamen Todesart, und ſtarb edel, wie er gelebt hatte.“ Wer wuͤrde dann durch dieſe Schilderung, bey der Vorausſetzung ihrer Wahrheit, ſich nicht von Hochachtung gegen den tugendhaften Weiſen durch⸗ drungen fuͤhlen! Und doch iſt dieß nur ein ſchwaches unvollen⸗ detes Bild von dem Leben Jeſu Chriſti, deſſen Wahrheit uͤber alle Zweifel erhaben iſt. Wer lehrte je eine ſo reine himmliſche Tu⸗ gend, verbunden mit ſo wuͤrdigen Begriffen von Gott, Vorſehung und Unſterblichkeit, als Jeſus Chriſtus? und weſſen Leben war ſo ſei⸗ ner Lehre Beweis und Vollendung? In ihm erſchien die Tugend ohne Maͤngel, ſich ſelbſt gleich im Sonnenſchein des Gluͤcks und unter den Stuͤrmen des Ungluͤcks, in der ganzen Fuͤlle ihrer Gottheit. Zerſtreut finden wir ſonſt nur die Zuͤge zum Bilde ſittlicher Guͤte unter den beſſern Menſchen, und verzeihn gern um einiger Vorzuͤge willen manche damit verbundene Maͤngel Dritter Theil. 25 und Schwaͤchen; verzeihen z. B. der feurigen Thaͤtigkeit einige Uebereilung und unnachgiebige Strenge, und dem ſanften Mitleide, daß es nicht mit hohem Muthe gepaart iſt. Bey Jeſu aber bedarf es nur einer Sammlung der zerſtreu⸗ ten Zuͤge aus ſeinem eigenen Leben, und in ſich ſelbſt vollendet ſteht das Bild der reinſten ſittli⸗ chen Guͤte, der uͤberirdiſchen Tugend da. Doch es genuge uns jetzt, nur einige wenige Zuͤge aus dieſem Bilde aufzufaſſen. Mit dem edelſten Gefuͤhle ſeiner Wuͤrde und dem hohen Bewußtſeyn der Reinheit ſeines Her⸗ ens und ſeines Lebens fragte er, da es darauf kam, Verleumdungen zu entkraͤften, ſeine inde: Welcher unter euch kann mich eines Vergehens zeihen? Mit dieſem edeln Bewußtſeyn durfte er ſeine Freunde auf ſein Beyſpiel hinweiſen, aber mit gleich edler Beſcheidenheit ermunterte er auch dieſe Freunde, fuͤr alles Gute, das durch ihn geſch nur Gott zu danken; bewies uͤberall Demuth, durfte mit Wahrheit von ſich ſagen Jch bin niec t kommen, daß ich mir dier nen laſſe, ſondern daß ich diene; ich * 76 Paͤchter Martin. ſuche nicht meine Ehre, ſondern die Ehre deſſen, der mich geſandt hat. Mit ſelbſtſtaͤndiger Kraft, mit ſelbſtthaͤtiger Wirkſamkeit handelte er ſeiner gepruͤften Ueber⸗ zeugung getreu, und vereinigte damit eine ſo ganz in den Willen Gottes, ſeines himmliſchen Vaters, ſich hingebende Froͤmmigkeit, betete noch unter dem ſchwerſten Druck der Leiden: Vaterl iſt's moͤglich, ſo gehe dieſer Kelch voruͤber; doch nicht wie ich, ſondern wie du willſt! Grenzenlos war ſeine Menſchenliebe; ſein ganzes Leben eine Kette wohlthaͤtiger gemeinnuͤtzi⸗ ger Handlungen. Kein Undank, kein Haß, keine Verfolgung konnte dieſe Liebe ſchwaͤchen.* Mit unbeſchreiblicher Sanſtmuth duldete er das Unrecht, das ihm wiederfuhr, ſchalt nie wieder, da er geſcholten wurde, drohte nie, da er litt; weinte mit ſeinem ſanften Herzen eine Thraͤne am Grabe ſeines Lazarus, 5n die Umſtehenden ſprachen: Siehe, wie er ihn ſo lieb gehabtl dachte mit die⸗ ſem ſanft mitleidigen Herzen das Ungluͤck, wel⸗ ches einer Stadt bevor ſtand, deren Bewohner —— Dritter Theil. 277 ehn mit Undank, Haß und Grauſamkeit behan⸗ delt hatten und noch behandelten; und er ſah die Stadt an und weinte: Ach daß du es wuͤß⸗ teſt, was zu deinem Frieden dient! Aber bey dieſem ſanft fuͤhlenden und mitleidsvol⸗ len Herzen handelte er zugleich, wo die Pflicht gebot, mit einer Kraft und Feſtigkeit, wie ſie wohl nicht leicht in dieſer Vereinigung mit jenem ſanften Gefuͤhle gefunden wird. Mit furchtloſer Freymuͤthigkeit entriß er den Verfuͤhrern ſeines Volks, deren Macht und Anſehen ſich auf Taͤu⸗ ſchung gruͤndete, die Maske der Scheinheiligkeit; mit Feuereifer beſtrafte er den Eigennutz, dem nichts heilig war; und mit einer Ruhe, als ſpraͤche er von ſchon uͤberſtandenen Leiden, ver⸗ kuͤndigte er ſeinen Juͤngern: Wir gehen nun hinauf gen Jeruſalem, und es wird vollendet werden, was von mir ge⸗ ſchrieben iſt; ſie werden mich verſpot⸗ ten, verſchmaͤhen, geißeln und toͤdten. Unausſprechlich viel duldete er fuͤr Wahrheit, Tugend und Menſchenwohl, und uͤbernahm dieſe Leiden freywillig, mit feſtem ausdauerndem 78 Paͤchter Martin. Muthe, bey der Ueberzeugung, daß er dadurch ſeinen hohen Beruf zum Segen der Menſchheit vollende. Sein Todestag nahete heran; er feierte das Ab⸗ ſchiedsmahl mit ſeinen Freunden, und— Gott! mit welcher Guͤte und Kraft, mit welcher Milde und Geiſtesgroͤße handelte der Scheidende. Nicht ſich, ſondern ſie, ſeine Freunde, ſuchte er zu beruhi⸗ gen, ſie richtete er auf mit dem Troſte des Wie⸗ derſehens, der ſeligen Vereinigung in einer beſſern Welt, ſie ſtarkte er zu dem Entſchluſſe: der. Wahrheit, die er durch Lehren und Leben ver⸗ kuͤndiget hatte, lebend, leidend und ſterbend ge⸗ treu zu bleiben; ſie beſeelte er in ſeiner Todes⸗ ſtunde mit einem edlern Leben, verwebte in ſein Gedaͤchtniß das Geluͤbde, gut zu ſeyn, ſtiftete in dieſer feierlichſten Stunde den heiligſten Tugend⸗ bund, errichtete auf ſeinem Grabe den Altar, an welchem Millionen Menſchen aus allen Voͤlkern, unter allen Himmelsſtrichen, den Ewigen im Geiſt und in der Wahrheit verehren, das Heilige mit warmen Herzen auffaſſen und fuͤr den Himmel eingeweihet werden ſollten. — Dritter Theil. 79 Mit Ruhe ging er nun den groͤßten Leiden entgegen, und blieb ſich gleich bis zum ſchmaͤhli⸗ chen Tode am Kreuze. Nur eine einzige, doch ſanfte Klage konnte der Schmerz dem Gekreuzigten auspreſſen: aber unter Schmerzen betete er noch fuͤr ſeine Ver⸗ folger, die mit unmenſchlicher Grauſamkeit die Qualen des Sterbenden vermehrten: Vater! vergieb ihnenl! ſie wiſſen nicht, was ſie thun! Unter Schmerzen am Kreuze ſprach er noch einem ſeiner Mitgekreuzigten Troſt ins Herz. Schon ringend mit dem Todeskampfe, ſah er unter dem Kreuze ſeine Mutter ſtehen, und den Juͤnger, den er lieb hatte; mit kindlicher Zaͤrtlichkeit ſprach er da zu ſeiner Mutter: Siehe! das iſt dein Sohn! mit dem Zutrauen be⸗ waͤhrter Freundſchaft ſprach er zu dem Freunde: Siehel! das iſt deine Mutter!*) Mit der ruhigen Uebergebung in den Willen Gottes, die er ſein ganzes Leben hindurch bewieſen hatte, ³)„Und von der Stund an nahm ſie der Juͤnger zu ſich!“ Wie ſchmucklos und dennoch wie ſchoͤn und erhaben! 30 Paͤchter Marrin. ſſtarb er auch: Vater, ich befehle meinen Geiſt in deine Haͤndel———— Mitchriſten! Ein Beyſpiel von vollendeter Guͤte war uns Beduͤrfniß, um unſern Glauben an die Tugend zu beleben. Darum betet mit Dank den Ewigen an, deſſen Vorſehung auch uͤber das Reich der Wahrheit und Sittlichkeit waltet, daß er dieß Beduͤrfniß geſtillt hat; und verehret den Heiligen, den er der Erde gab! Aber wie werden wir ihn nun wuͤrdig ver⸗ ehren? wie ſein Gedaͤchtniß wuͤrdig feiern? Jeſum verehren heißt: die Tugend ver⸗ ehren; ſein Gedaͤchtniß feiern heißt: bey ſei⸗ nem Tode der Tugend unverbruͤchliche Treue geloben! Nach vollendeter Rede begann wieder die Harmonica⸗ Muſik; in der oͤſtlichen Gegend der Kirche wurde ein gruͤner Vorhang aufgerollt, und wir blickten in eine rings herum mit ſchwarzem Tuch umhaͤngte Halle, in welcher, mit weißem Leichentuche bedeckt, eine Bahre ſtand. Einige Engelſtimmen ſangen:. S Nahet ————— Theil. Dritter Theil. 8²⁷ Nahet der Bahre, Unſterbliche, nahet Und feiert hier den Tag der Heiligung, Feſttag des edleren Lebens! Empfahet Bey Jeſu Mahle Kraft zur Beſſerung! Fuͤhlt Gottes Frieden, Dann ſchon hienieden Gewaͤhrt die Tugend euch Beſeligung! Aber gebietet auf rauheren Wegen Die Tugend euch zu gehn: o wanket nicht! Blicket auf Jeſum! Mit ewigem Segen, Mit Ruhm vor Gott belohnt erfuͤllte Pflicht. Auf! auf! und ringet Zum Ziel! vollbringet Den Ruf der Gottheit! Auf! und wanket nicht! Bey dem Gedaͤchtniß des Heiligen ſchwoͤret: Dem hohen Tugendbund getreu zu ſeyn! Schwoͤrt bey dem Tode des Heiligen! Hoͤret, Ihr Mitunſterbliche, den Schwur:„Wir weihn In dieſer Stunde Dem großen Bunde Der wahren Tugend uns. Gott, wir ſind dein!“ △ 82 Paͤchter Martin. Singt dem erhabenen Muſter der Frommen, Des Bundes Erſtem Preis und Lobgeſang! Er iſt zum Segen der Menſchheit gekommen; Vom Himmel bracht' er Licht. Nun lebenslang Im Licht' zu wandeln, Wie er zu handeln— So, Chriſten, bringet ihm geweihten Dank! Wir gingen, einer nach dem andern, waͤhrend dieſes Geſanges, in die feierliche Halle. Zwey der Aelteſten reichten uns neben der Bahre Brot und Wein, und ſprachen bey der Darreichung jedem einige Worte zur Lehre, oder zum Troſt, oder zur Staͤrkung im Guten ans Herz. Mir wurde von dem Einen der Zuruf: Wer von dieſem Brote ißt und aus dieſem Kelche trinkt, werde geſtnnt, wie Jeſus Chriſtus war! und von dem Andern: Lebe, wie du, wenn du ſtirbſt, wuͤnſchen wirſt gelebt zu haben! Nachdem wir alle an unſere Stellen zuruͤck gekehrt waren, erhob ſich die Muſik allmaͤhlich ——— — Dritter Theil. 83 vom ſchmelzenden Wonnetone zu Toͤnen der lau⸗ teren Freude. Jetzt uͤberreichte man uns ein fuͤr dieſe Abſicht beſonders gedrucktes Lied. Die Ael⸗ teſten uͤberſtreunten die Bahre mit Blumen; der ſchwarze Vorhang rollte empor; im hellſten Glanze zeigte ſich ein herrlicher Altar, an welchem in Flammenſchrift die Worte: Gott!— Tu⸗ gend!— Unſterblichkeit!— hervor ſtrahl⸗ ten; und wir ſangen mit Vorgefuͤhl der Seligkeit einer hoͤhern Welt: So wahr als Jeſus Chriſtus lebt, Wir werden mit ihm leben! Zum Urquell alles Lichtes ſtrebt Der Geiſt, von Gott gegeben; Sinkt nun hinab Der Leib ins Grab, So ruht er aus von Erdenleiden Den Geiſt erwarten Himmelsfreuden. Gedanke, der das Herz erfreut, Gedanke voller Segen! Die Blume der Unſterblichkeit Bluͤht uns am Grab entgegen! Paͤchter Martin. Die beſſ're Welt Iſt uns erhellt. Der Weg durch Graͤber fuͤhrt zu Freuden, Und ſanfter werden wir einſt ſcheiden. Doch nur der Tugend Sonnenbahn Fuͤhrt zu den ſel'gen Hoͤhen. Auf ihr ging Jeſus uns voran. Laßt uns auch muthvoll gehen Die Sonnenbahn Zum Ziel hinan. Und koſtet es auch Kampf und Leiden, Dem Sieger lohnen ew'ge Freuden. Dritter Theil. 85 III. Ein Beytrag zum Hausbuche.*) Geſchrieben am Neujahrstage. Wieder ein Jahr verfloſſen!— Wie ſchnell doch die Jahre des Lebens verfließen! Man kann wohl darauf rechnen, daß dieſer ſo bekannte Erfahrungsſatz an dem heutigen Tage ſchon oft iſt ausgeſprochen worden, und oft noch wird ausgeſprochen werden. Der Tag ſelbſt erin⸗ nert lebhaft daran. Verſchwunden iſt wieder eins von unſern Lebensjahren; und blicken wir zuruͤck, ſo ſcheint die nicht unbetraͤchtliche Zahl von Tagen, die es enthaͤlt, zu Stunden, und die Tauſende ſeiner Stunden zu Minuten ſich verkuͤrzt zu haben. Indeſſen geht es dieſem Satze, wie mehrern Gemeinſaͤtzen: je bekannter ſie, den Worten nach, *) Vergleiche die Fragmente aus einem alten Kochbuche im erſten Bande. 86 Paͤchter Martin. ſind und je oͤfter ſie gebraucht werden, deſto mehr werden ſie gleichſam verbraucht, deſto mehr ver⸗ lieren ſie fuͤr viele in der Anwendung am Werthe, deſto mehr verſchwindet der Geiſt, der in ihnen athmete, und die bloßen todten Worte bleiben zuruͤck. Wie viele ſprachen es nach: daß die Jahre des Lebens ſchnell verfließen, ohne etwas beſtimmtes dabey zu denken; und doch iſt dieſer Ausſpruch in mehr als einer Ruͤckſicht lehrreich— kann wenigſtens fuͤr uns ſehr lehrreich werden. „Schnell verfließen die Jahre des Lebens, und mit ihm unſere Leiden!“ Wer iſt unter uns, der nicht in dem verfloſſenen Jahre hier und da einen Wunſch verfehlt, eine Hoffnung vereitelt geſehen haͤtte! Und wie Mancher erlebte Kraͤn⸗ kungen, Verluſt, erlebte Trauertage, die ihm bange Thraͤnen auspreßten! Wer an ſolche Trauer⸗ tage zuruͤck denkt, der wird finden, daß es ihm damals ſchien, als koͤnnte er die Kraͤnkung nicht verſchmerzen, ſeinen Verluſt nicht uͤberleben, ſeine Leiden ſchwerlich ertragen, und als haͤtte die Zu⸗ kunft fuͤr ihn keine Freude mehr. Und, ſiehe, die Kraͤnkungen ſind verſchmerzt, er hat den Verluſt uͤberlebt, die Leiden uͤberſtanden. Mit ſanfter Dritter Theil. 87 Hand trocknete die Zeit ſeine Thraͤnen ab, und gab dem Herzen allmaͤhlich wieder fuͤr die Freude einige Empfaͤnglichkeit. Ja was noch mehr iſt, liegt zwiſchen dem Tage des Schmerzes und der ſchoͤnern Gegenwart ein laͤngerer Zwiſchenraum, ſo gewaͤhrt die Erin⸗ nerung an uͤberſtandene Leiden ſelbſt Genuß. Anfaͤnglich iſt es freylich noch eine gemiſchte Empfindung von Freude und Schmerz, vielleicht noch mit Thraͤnen begleitet— aber mit Thraͤnen, die nicht mehr ungeſtuͤme Bewegung, ſondern Friede ins Herz bringen. Unmerklich wird das Unangenehme der Empfindung immer mehr ver⸗ draͤngt, und der Genuß des Angenehmen reiner. Erfreulicher iſt der Fruͤhling nach dem rauhen Winter, erquickender der Sonnenſtrahl nach dem Ungewitter. Durch gleichen Wechſel wird der Tag, an welchen uns ein, wenn auch nur maͤßi⸗ ges Gluͤck zu Theil wurde, zum feſtlichen Tage. Der Gedanke an uͤberſtandene Leiden hat an ſich, ſo wie der Gedanke an eine vollbrachte muͤhevolle Arbeit, etwas Wohlthaͤtiges. Wir ſind uns einer Kraft im Leiden bewußt worden, die wir uns ſelbſt nicht zugetrauet haͤtten; und Gefuͤhl von 38 Paͤchter Martin. Kraft und noch mehr von edler Geiſteskraft iſt Gefuͤhl von Gluͤck. Wir haben fuͤr das menſch⸗ liche Leben wichtige Erfahrungen gemacht; und Erfahrungen machen weiſer, koͤnnen wenigſtens fuͤr wahre Lebensweisheit uͤberaus heilſam wer⸗ den. Moͤchten ſie dieß uns allen werden! In dem Lande der Unvollkommenheit, in wel⸗ chem wir jetzt noch leben, koͤnnen wir unmoͤglich erwarten, daß in Zukunft unſer Himmel immer heiter, der Weg durchs Leben immer geebnet und mit Blumen beſtreut ſeyn werde. Nein; noch oft wird ſich unſer Himmel truͤben, noch manchen ungebahnten rauhen Theil unſers Erdenweges werden wir zuruͤck legen, noch manche Schwie⸗ rigkeiten bekaͤmpfen und beſiegen muͤſſen, ehe wir zum Ziel gelangen. Unterſtuͤtze uns dann die in der Vergangenheit geſammelte Erfahrung mit Kraft und Muth fuͤr die Zukunft! Nach jedem Winter folgte bis jetzt noch immer ein Fruͤhling, nach jedem Sturm Ruhe, nach jedem Ungewitter milder Sonnenſchein, nach Trauertagen wieder Tage der Freude. So war es ſonſt, ſo wird es auch kuͤnftig ſeyn. Auch nach kuͤnftig uͤberſtandenen Leiden wird die Zeit Dritter Theil. 89 mit ſanfter Hand unſere Thraͤnen wieder trocknen, und dem Herzen fuͤr die Freude wieder Empfaͤng⸗ lichkeit geben. Der vernuͤnftige Menſch, der dieß weiß, ſollte es doch nicht vergebens wiſſen; dieſe Erfahrung ſollte ihn fuͤr ſein Gluͤck und ſeine Pflicht weiſer machen. Warum wollten wir bloß leidend alles der Wirkung der Zeit uͤberlaſſen? warum nicht mit freyer Selbſtthaͤtigkeit dieſe Wirkung beſchleunigen? Wir, die wir vorſichtig genug im Sommer fuͤr die Beduͤrfniſſe des Win⸗ ters ſorgen, wir ſollten doch auch in den helleren Tagen des Gluͤcks Weisheit ſammeln, von wel⸗ cher wir dann Gebrauch machen koͤnnen, wenn die truͤben Tage der Leiden kommen. Ja laßt uns im Gluͤck nie uͤbermuͤthig, aber auch im Ungluͤck nie verzagt werden, auf einer Welt, wo Gluͤck und Ungluͤck wechſelt— bis uns die ſtille Ruhe des Grabes empfaͤngt. „Schnell verfließen die Jahre des Lebens, und mit ihnen nicht bloß unſere Leiden, ſondern auch unſere Freuden!“ Aber ſie verfließen nicht ohne ein Bild in der Seele zu laſſen, bey deſſen Betrachtung wir mit Wohlgefallen oder Mißfallen verweilen. Es giebt Freuden, welchen 90 Paͤchter Martin. Traurigkeit und Reue auf dem Fuße nachfolgen. Moͤchte doch Keinem die feſtliche Feier des heu⸗ tigen Tages durch ſolche Erinnerung getruͤbt wer⸗ den! Wem ſie aber doch getruͤbt wird, den mache die Reue fuͤr die Zukunft ſeines Lebens weiſer und beſſer! Es giebt aber auch Freuden, die in der Ruͤck⸗ erinnerung zum zweyten Male, und oft mit vol⸗ lerm Genuß des Herzens genoſſen werden. Gelang es uns, durch redliches Forſchen eine Wahrheit von bedeutendem Einfluſſe auf Men⸗ ſchenwohl und Menſchenveredlung aufzufinden; Gelang es uns, im ſchweren Kampfe zwi⸗ ſchen Vernunft und Sinnlichkeit unſerm edleren Selbſt den Sieg uͤber das unedlere zu erringen, und das erkannte Gute allen Reitzen des Ange⸗ nehmen und Nuͤtzlichen vorzuziehen; Gelang es uns, eine boͤſe Gewohnheit durch einen feſten Entſchluß des Willens abzulegen, ein weiſeres Geſetz uns ſelbſt zu geben und treu zu befolgen; Gelang es uns, unſern Mitmenſchen Thraͤnen abzutrocknen, Leiden zu mildern, Frenden zu ſchaffen; Dritter Theil. 91 Gelang es uns, ſelbſt dem Feinde, dem wir ſchaden konnten, wohl zu thun; Gelang es uns, mit reinem Herzen eine That zu vollbringen, von welcher ſich Segen fuͤr Mit⸗ und Nachwelt erwarten laͤßt: da da bereiteten wir uns Freuden, die ein wohlthuendes Bild in der Seele zuruͤck laſſen. Sey uns das folgende Jahr reich an ſolchen Freuden, die in der Ruͤckerinnerung zum zweyten Male genoſſen werden, und in der letzten Ab⸗ ſchiedsſtunde in holden Geſtalten als Engel Got⸗ tes uns umſchweben und den Abſchied ſanfter machen! „Schnell fließen die Jahre unſers Lebens vor⸗ uͤber; und wir alle, die wir hier mit und neben einander wandeln, kommen dem Grabe naͤher!“ Einer nach dem andern tritt von der Schaubuͤhne des Lebens ab; Tauſende in jeder Stunde. Mil⸗ lionen ſtarben in dem verfloſſenen Jahre, Millio⸗ nen werden in dieſem ſterben; und keiner von uns weiß, ob er unter den naͤchſten Millionen der Abgehenden ſeyn werde; aber jeder weiß, daß er mit jeder Stunde dem Grabe naͤher ruͤcke, daß das Leben ſchnell verfließen, daß er auf alle 92 Paͤchter Martin. Faͤlle nur eine kurze Zeit hienieden verweilen werde. Und doch— guter Gott— und doch ver⸗ bittern wir uns ſelbſt ſo oft das kurze Leben ein⸗ ander durch Neid, Verleumdung, Haß, Ver⸗ folgung! O Sterblicher, moͤchteſt du es nie vergeſſen, daß du als Sterblicher neben andern Sterblichen zum Grabe walleſt, und daß es dir nur auf kurze Zeit vergoͤnnet ſey, die noch von Lebenskraft erwaͤrmte Hand deines Mitpilgers zu faſſen! „Sterblicher Mitbruder, der du mich aus Mißverſtand, Wahn oder Leidenſchaft verfolgeſt, es ſollte mich ſchmerzen, wenn du durch deine Ungerechtigkeit mich zu einer Vertheidigung, die dir Gram verurſachen koͤnnte, noͤthigteſt— aber ſelbſt dann will ich meine gerechten Forderungen moͤglichſt durch Billigkeit mildern; und fern, fern ſey es von mir, daß ich dir je wehe thun ſollte, um dir wehe zu thun. Wie? wenn ich vielleicht in kurzem an deinem Grabe voruͤber ginge, und mir es denken muͤßte: ihm, deſſen Gebeine nun zu Staube einſinken, dem keine Erdenſonne fer⸗ ner ſcheint, dem habe ich die Tage, wo ſie ihm Dritter Theil. 93 noch ſchien, getruͤbt. Welch eine ſchreckliche Empfindung muͤßte mir das ſeyn! Aber waͤre dir die Empfindung milder, wenn du das an meinem Grabe denken muͤßteſt? Nein, Mitſterblicher, ſchone ein Herz, dem es vielleicht ohnehin nicht an ſchmerzlichen Gefuͤh⸗ len fehlt, und das ſo bald brechen kann. Gern will auch ich dir die Hand reichen, ſo lange ich ſie dir noch reichen kann, und uͤberall ſo leben, daß ich an jedem Grabe ohne Vorwurf des Ge⸗ wiſſens verweilen darf; und daß der, der mich uͤberlebt, an meinem Grabe ſagen muͤſſe: Hatte er Feinde, ſo verdiente er es nicht ſie zu haben! Ruhen ſeine Gebeine in Frieden!“ Solche Empfindungen, ſolche Entſchließun⸗ gen, ſtelle ich mir vor, muͤſſen in Menſchen erweckt werden, die es lebhaft denken koͤnnen, daß wir alle, die wir mit und neben einander hienie⸗ den wallen, mit jeder Stunde dem Grabe naͤher kommen. Und werden ſie in mehrern unter uns erweckt und genaͤhrt, dann werden wir uns durch Friede und Wohlwollen künftig der Leiden weni⸗ ger, der Freuden mehr machen. 94 Paͤchter Martin. „Schnell fließen die Jahre des Lebens hin, und mit ihnen ein Gut von unſchaͤtzbarem Werthe!“ Ein ernſter, ernſter Gedanke! Iſt dieſes Leben Pruͤfungs⸗ und Vorbereitungszeit fuͤr eine beſſere Welt, iſt es der Anfang eines grenzenloſen Daſeyns, haͤngt von ſeinem weiſen oder unweiſen Gebrauch hoͤheres Gluͤck oder Ungluͤck der Ewigkeit ab, ſaͤen wir hienieden, was wir dort ernten werden, gehen wir mit den Fertigkeiten, die wir im Guten oder Boͤſen erlangt haben, zu dem Richterſtuhl des Heiligen und Allwiſſenden hinuͤber; wem dringt dann nicht die Lehre ans Herz: Erkaufet die Zeit! ſehet ſie 4 als ein Gut von unſchaͤtzbarem Werthe an, und benutzet ſie mit Weisheit. O darum verbinde doch jeder mit Dank gegen Gott, der ihn ein neues Jahr erleben ließ, den Entſchluß: ſo zu leben, daß er einſt ohne Reu in die Vergangenheit, und ohne angſtliche Furcht in die Zukunft blicken koͤnne! — Dritter Theil. 95 — IV. Noch ein Beytrag zum Hausbuche. Es iſt gut, daß ihr geſellig ſeyd, und daß euch der Becher der Freude, in Geſellſchaft getrunken, beſſer ſchmeckt, als wenn ihr ehn allein ausleer⸗ tet: aber vergeßt nicht, daß man aus kleinen Bechern große Haͤuſer vertrinken kann; daß der, der immer in Geſellſchaft lebt, in ſeinem eigenen Hauſe ein Fremdling wird, und vielleicht bald nirgends mehr einheimiſch iſt. Mit ſechs Faſttagen Einen Feſttag erkaufen, das, daͤchte ich, hieße zu theuer erkauft. Auch werdet ihr wiſſen, daß ſich's an Faſttagen nicht gut arbeiten, und ohne Arbeit nicht viel Segen erwarten laͤßt. Wer die Freude nur außer ſich ſucht, findet ſie nirgends! ſagt einer unſerer alten Weiſen, und die Erfahrung ſagt, daß er Recht hat. Es giebt Menſchen, welche aus einer luſtigen Geſell⸗ ſchaft in die andere taumeln, und in keiner recht Paͤchter Martin. froh ſind; ſie thun es, weil es ihnen nun einmal zur Gewohnheit geworden iſt. Ich kenne Men⸗ ſchen, die durch koſtſpielige Geſellſchaft und an⸗ dern Aufwand ihrem Verderben entgegen eilen, dieß ſelbſt einſehen, und dennoch nicht den Muth haben, ihre Geſellſchaft aufzugeben, und ihren Aufwand einzuſchraͤnken; die aus unzeitiger Schaam einer eingebildeten Beſchimpfung entge⸗ hen wollen, und ſich in wirkliche Schande und Elend ſtuͤrzen. Ich habe mehr als einen edlen jungen Mann durch Verſchwendung nicht nur ſein Vermoͤgen, ſondern auch Tugend und Recht⸗ ſchaffenheit verlieren ſehen. „Hademende zeichnete ſich ſchon als Juͤng⸗ ling durch große Kenntniſſe aus, beſaß dabey die Gabe zu gefallen, und dadurch ſeine Kenntniſſe geltend zu machen, und hatte von ſeinem Vater das ererbt, was ſo oft den Mangel an allen andern Vorzuͤgen erſetzt, ihm aber nur dazu diente, ſeine Vorzüge in einem glaͤnzendern Lichte zu zeigen— Reichthum. Mit ſolchen Empfeh lungen trat er, nach ſeines Vaters Tode, kaum zwey und zwanzig Jahr alt, in die große Welt, und wurde uͤberall, ſelbſt in den erſten Haͤuſern— be⸗ Oritter Theil. 9 beſonders wo erwachſene Toͤchter waren— mit Beyfall aufgenommen. In kurzem ward er die Seele aller Geſellſchaften von Geſchmack und fei⸗ ner Lebensart. Aufforderung genug, die Freuden des Lebens zu genießen. Er genoß ſie und ließ Andere mit genießen. Sein Haus ward ein Tem⸗ pel der Freude; Kuͤche und Keller waren immer wohl verſorgt; jeder Tag war ein Feſttag. Nach dem Hauſe unſers Hademende war kein buͤrgerliches Haus glaͤnzender, als das des gehei⸗ men Raths R..., der fuͤr noch reicher als Hademende gehalten wurde, und, wie er, ſich auf Lebensgenuß,verſtand, oder doch zu verſtehen waͤhnte. Er hatte eine Tochter, eine erſt auf⸗ bluͤhende Roſe, die aber, ſchon im Aufbluͤhen, alles, was neben ihr bluͤhte, durch ihre Reitze ver⸗ dunkelte. Schon mancher Juͤngling fuͤhlte den Zauber dieſer Reitze, betete an und ward uner⸗ hoͤrt zuruͤck gewieſen⸗ Hademende war der Gläcliche, der die ſchoͤne Blume in ſeinen Garten verpflanzte, und bald darauf durch die Empfehlung ſeines Schwie⸗ gervaters die Stelle eines— Raths exrhielt. Neue Bewegungsgruͤnde, als Gatte des ſchoͤnſten 3. Theil⸗ 7 98 Paͤchter Martin. Weibes, und als— Rath ſich in vollem Glanze zu zeigen; und kein Wunder, wenn der gluͤckliche Mann nicht eher bemerkte, daß dieſer Glanz viel Geld koſte, bis ihn einige Glaͤubiger daran erin⸗ nerten. Durch dieſe Erinnerung aus ſeinem Taumel aufgeweckt, unterſuchte er den Zuſtand ſeines Vermoͤgens, und erſchrak uͤber die gemachte Entdeckung. Noch waͤre es Zeit geweſen, durch Einſchraͤnkung, durch Abſchaffung des Entbehr⸗ lichen und Verminderung der Feſttage, ſich zu retten. Allein: Was wuͤrden die Leute dazu ſagen? und wenn Er auch die Einſchraͤn⸗ kung ſich gefallen ließe, wie koͤnnte ſie ſein Weib ertragen?— noch blieb ihm ja auch die Ausſicht auf das Vermoͤgen ſeines Schwiegervaters. Er bezahlte die unhoͤflichen Mahner, borgte von Andern, und fuhr fort, zwar nicht ſo ſorglos und froh, doch eben ſo praͤchtig als vorher zu leben, bis er von neuem um Bezahlung gemahnt wurde. Er ſuchte wieder durch erborgtes Geld zu bezah⸗ len, aber der Verſuch ſchlug fehl, niemand wollte leihen. In der Noth nahm er ſeine Zuflucht zu ſeinem Schwiegervater, der ihm mit blaſſem Ge⸗ ſichte geſtand, daß er ſich in gleicher Verlegenheit Dritter Theil. 99 befinde. Hademende erkaufte ſich noch auf ein Jahr dadurch Ruhe, daß er fuͤr jedes Hundert ſeinen Glaͤubigern hundert und funßzig verſchrieb. Das Jahr verfloß, und ungeſtuͤmer als vorher forderten alle, denen er ſchuldig war, ihre Bezah⸗ lung, und droheten ihn zu verklagen. Hade⸗ mende bezahite; woher er aber das Geld ge⸗ nommen habe, erfuhr man juͤngſt bey Unterſu⸗ chung der ihm anvertrauten Staatscaſſe. Aus ſeinem praͤchtigen Palaſte wurde Hade⸗ mende in einen Kerker gefuͤhrt, wo er oft auch das Nothwendigſte entbehren mußte, weil er nicht Muth und Kraft gehabt hatte, ſich das Entbehr⸗ liche zu verſagen. Berechne deine Ausgabe nach der Einnahme! Wende nicht mehr auf Vergnuͤgungen, als dein Vermoͤgen erlaubt, und huͤte dich, ſo lieb dir dein Gluͤck und der Friede deines Herzens iſt, vor Schuldenmachen! Paͤchter Martin. V.„ Der gute Buͤrger, oder: Das war doch keine Luͤge, wenn es auch ſo ausſah. Friedrich Nichter war Buͤrger einer freyen Stadt des heiligen Roͤmiſchen Reichs; nur ein gemeiner Buͤrger— was man nun gewoͤhn⸗ lich ſo zu nennen pflegt— aber es koͤnnte nicht fehlen, wir muͤßten bald ein heiliges deut⸗ ſches Reich haben, wenn nur die Haͤlfte der Buͤrger jeder deutſchen Stadt ſo brav waͤre wie Friedrich Richter. Durch einen guͤnſtigen Zufall beſaß die Schule ſeiner Vaterſtadt einen Mann, mit welchem die Herren Ephoren nicht ſehr zufrie⸗ den waren, weil ſeine Schuͤler— die kuͤnftigen Gerber, Strumpfwirker, Schuhmacher ꝛc.— gar zu wenige Fortſchritte in der Latinitaͤt machten; der ſie aber ganz im Stillen ſo manches andre lehrte, wovon ſie einmal im thaͤtigen Leben —— Dritter Theil. 101 27 Gebrauch machen konnten, und ſie vorzuͤglich im eignen Nachdenken ſo zu uͤben, und dabey die Gebote der Vernunft ihrem Herzen ſo nahe zu bringen wußte, daß viele unter ihnen den Mann noch ſpaͤt in ſeiner Gruft dafuͤr ſegneten— oder doch zu ſegnen Urſach hatten. 3 Der Knabe Friedrich Richter hatte das Gluͤck, von dieſem verkannten Wohlthaͤter der Jugend vorzuͤglich geliebt zu werden, und auf eine laͤngere Zeit, als es nach der Schulordnung gebraͤuchlich war, ſeinen Unterricht zu genießen. Mit faͤhigem Kopfe und gutem Herzen verdiente er dieß Gluͤck, erkannte und benutzte es. Noch nach geendigten Schuljahren, da er ſchon das Handwerk ſeines Vaters erlernte, machte er mit Freuden von der Erlaubniß, die ihm ſein guͤtiger Lehrer ertheilte, Gebrauch, brachte manche lehr⸗ 3 reiche Abendſtunde in Geſellſchaft des ſtillen Wei⸗ 3 fen zu, und empfing mehr Licht und Feſtigkeit im Guten. Die Zeit ſeiner Wanderjahre nahete heran, und auch uͤber deren Anwendung gab ihm der erfahrne Lehrer— der ſelbſt ein halbes Jahr mit einem jungen Grafen auf Reiſen geweſen war und ſich dieſer Zeit oft mit der lebhafteſten 102 Paͤchter Martin. Freude erinnerte— heilſamen Unterricht, der auf fruchtbaren Boden fiel; ſo daß er nun mit dem Nutzen reiſete, mit welchem einſt die Bewohner Mildheims reiſen werden— wenn einmal einer unſerer Fuͤrſten den ernſtlichen Wunſch haben wird, das Beckeriſche Mildheim*) in der Wirklichkeit darzuſtellen. Richter kam nach drey Jahren, geſund an Geiſt und Koͤrper, viel verſtaͤndiger als ein großer Theil der Muſenſoͤhne von ihren gelehrten Schu⸗ *) Siehe Noth⸗ und Huͤlfsbuchlein, 2ter Theil.— Daß es in der Wirklichkeit darge⸗ ſtellt werden koͤnne— ich wuͤrde den armen Mann bedauern, der den Glauben an Menſchenguͤte und Tugend, und ſelbſt den Glauben an menſchliche Vervollkommung ſo ganz verloren haͤtte, um dieß bezweifeln zu koͤnnen. „Aber wenn denn doch die zeitherige Erfah⸗ rung ſo laut fuͤr ſeinen Unglauben zeugte?“ Wahrlich fuͤr dieſen Unglauben zeugt die zeit⸗ herige Erfahrung nicht, ſondern nur dafuͤr: daß bey allem Geſchrey von Aufklaͤrung, dennoch bis hieher fuͤr die wahre Aufklaͤrung, fuͤr die ſittliche Veredelung der niederen Volksclaſſen gar wenig— wenig iſt gethan worden, Dritter Theil. 103 len, von ſeinen Reiſen zuruͤck, und ward Buͤr⸗ ger und Meiſter in ſeiner Vaterſtadt; wo er zum Anfange ſeines kleinen Gewerkes von guten Freunden borgen mußte, aber durch Fleiß, Spar⸗ ſamkeit, Ordnung und durch die erworbene Fer⸗ tigkeit, uͤber alles, was er machte, nachzudenken, ob es ſich nicht beſſer machen laſſe, als es gewoͤhn⸗ lich gemacht werde, ſich in wenigen Jahren in den Stand geſetzt ſah, ſchuldenfrey ein eignes Haus zu kaufen, und ſein Gewerbe nach und nach mehr auszubreiten. Richter gehoͤrte in kur⸗ zer Zeit zu den wohlhabendſten ſeiner Mitmeiſter, und wurde dabey wegen ſeiner Rechtſchaffenheit allgemein geſchaͤtzt. Beſonders ertheilte man ihm faſt durchgaͤngig den Ehrennamen des guten Buͤrgers, den er verdiente. 104 Paͤchter Martin, 2. Proceſſe und Nichter. . Ich glaube bemerkt zu haben, daß ſelbſt ſehr gebildete Maͤnner zuweilen, waͤre es auch nur auf der Buͤhne, den Ausdruck des gemeinen ſchlichten Menſchenverſtandes, wenn er ſich mit einem guten Herzen paart, mit Wohlgefallen hoͤren. Und ſo darf ich mit gleicher Hoffnung es wagen, meinen biedern Richter ein wenig vor ihnen ſprechen und handeln zu laſſen. Er wird ihnen zwar durchaus nichts ſagen, was ſie nicht eben ſo gut und beſſer wuͤßten; aber er beweiſet ſich doch damit als einen Mann, den man wohl mit Ehren in einer honetten Geſellſchaft produ⸗ eieren darf. Richter genoß mehr als einmal das ausge⸗ zeichnete Zutrauen von ſeinen Mitbuͤrgern, daß ſie ſeinem Namen die volle Bedeutung des Wor⸗ tes gaben, ihn freywillig zum S chiedsrichter Dritter Theil. 105 bey Streitigkeiten ernannten und ſich bey ſeinem Ausſpruche beruhigten. Mancher unſelige Pro⸗ ceß wurde dadurch verhuͤtet. Dennoch verwarf einſt einer ſeiner juͤngern Verwandten, dem er viele Wohlthaten erwieſen hatte und noch erwies, den Rath des verſtaͤndigen Freundes, proceſſierte mit ſeinem Gegner, verlor, und beſchuldigte dann den Richter der Ungerechtigkeit. Da ſprach ſein vaͤterlicher Freund zu ihm: „Du haſt alſo deinen Proceß verloren, und biſt nun durch die Erfahrung uͤberzeugt worden, daß es beſſer geweſen waͤre, wenn du meinen Rath angenommen und dich mit deinem Gegner in Guͤte verglichen haͤtteſt. Zum Gluͤck iſt der Verluſt nicht ſehr betraͤchtlich, und koͤnnte zum groͤßten Gewinn fuͤr dich werden, wenn dich dieſe Erfahrung klug machte: daß du dich kuͤnftig, ſo viel nur immer moͤglich iſt, vor Proceſſen huͤteteſt. Bey mir wenigſtens hatte eine aͤhnliche Erfahn rung gleich gute Wirkung hervor gebracht. Ju Wahrheit, es macht mir noch jetzt in meinen alten Tagen eine unangenehme Empfindung, wenn ich an die Zeit zuruͤck denke, wo ich einmal in einen langwierigen Proceß verwickelt wurde. 106 Paͤchter Martin. Ich hatte Tag und Nacht keine Ruhe, wurde oft in meinen Geſchaften geſtoͤrt, kam aus mei⸗ ner Lebensordnung heraus, hatte keine Luſt zur Arbeit, wurde muͤrriſch gegen Weib und Kinder, konnte nicht mehr mit Andacht beten, war in der Kirche nur mit dem Koͤrper zugegen, und kams im Vaterunſer an die Worte:„Und vergieb uns unſere Schuld, wie wir vergeben unſern Schuld⸗ nern!“ ſo gab mirs einen Stich ins Herz; denn ich fuͤhlte, daß es mir uͤberaus ſchwer ſey, mei⸗ nem Gegner die Muͤhe, den Kummer, Aerger und Verdruß, die er mir machte, von ganzem Herzen zu vergeben. Hatte ich auch einmal die fatale Sache auf einige Stunden vergeſſen, und wollte mich vielleicht mit gutem Appetit zu Tiſche ſetzen; ſiehe, da kam ein Gerichtsdiener, und die Speiſe wurde mir zu Gift und Galle. Oft mußte ich zum groͤßten Schaden meiner Wirth⸗ ſchaft die nothwendigſte Arbeit liegen laſſen, und zu meinem Advocaten oder dem Richter kommen, bekam dann vielleicht einen ſchlimmen Beſcheid, ging ins erſte beſte Weinhaus, um— d ich Thor!— um den Aerger zu vertrinken, und— kurz ich waͤre an Leib und Seele verdorben, wenn — Dritter Theil. 107 das Ding noch lange gewaͤhrt haͤtte. Da machte ich aber, daß ich, ſo gut ich konnte, davon kam, und nahm mir vor, mich kuͤnftig vor Proceſſen, wie vor der Suͤnde, zu huͤten. Hoffentlich wirſt du einen gleichen Entſchluß gefaßt haben, und fuͤhrſt du ihn aus, ſo haſt du dein Lehrgeld nicht uͤbel angewandt.„ Erfahrung, ſagt ein Weiſer, iſt zwar eine theure Lehrerin, aber ſie iſt auch die einzige, bey der die meiſten Menſchen etwas lernen, was ſie fuͤr's Haus und fuͤr's Leben brau⸗ chen koͤnnen.—“ „Ich kann, wie du weißt, in meinem heran⸗ nahenden Alter mich, Gott ſey Dank! noch herz⸗ lich des Lebens freuen. Damit auch dir einſt, wenn Gott dir ein laͤngeres Leben verleihen will, dieß Gluͤck zu Theil werde: ſo erhalte dir ein gutes Gewiſſen, vermeide jede Art von Unmaͤßig⸗ keit, vermeide Zorn, Aerger— und Proceſſe! Ich gebe dir es zwar gerne zu, daß auch der friedfertigſte und billiaſte Mann zuweilen durch einen unbiegſamen oder unbilligen Gegner wider ſeinen Willen in einen Proceß verwickelt werden kann;— und da wollen wir zu einer andern Zeit davon ſprechen, wie man ſich bey einem 108 Paͤchter Martrin. ſolchen unverſchuldeten Ungluͤck zu betragen habe. Indeſſen glaube ich doch nach meiner Erfahrung, daß ein wahrhaft friedfertiger, ordent⸗ licher, billiger, ſanftmuͤthiger und menſchenfreund⸗ licher Mann nicht leicht, oder doch nicht oft, in dieſe Verlegenheit kommen werde.“ „Was ich aber ſehr ungern gehoͤrt habe, das war die Behauptung:„Offenbar habe ich den Proceß durch die Ungerechtigkeit des Richters verloren, der mir vor einigen Wochen, da ich wegen der Sache mit ihm ſprach, ſehr unfreund⸗ lich begegnete.“ „Lieber, du haſt es wohl nicht bedacht, welche harte Beſchuldigung dieß enthaͤlt. Den Richter, von dem ich behaupte, daß er, wider beſſer Wiſſen und Gewiſſen, ein ungerechtes Ur⸗ theil gefaͤllt habe, zaͤhle ich eben dadurch unter die groͤßten Spitzbuben. Iſt's nicht ſo? Gegen den offenbaren Dieb kann ich mein Haus ver⸗ ſchließen, und mich nach meinen Kraͤften ver⸗ theidigen; aber nicht gegen den Mann, der mich unter dem heiligen Namen der Gerechtigkeit um das Meinige bringt. Der Straßenraͤuber giebt Dritter Theil. 109 ſich fuͤr das, was er iſt, aus; gegen den Richter, der Unrecht bey andern verhuͤten, der an der Spitze der ehrlichen Maͤnner ſtehn ſollte, und dennoch unter dem Schein des Rechts betruͤgt, nach Gunſt urtheilt, das Recht verkauft— gegen den war Cartouche ein Engel. Wenn du einen Richter uͤberfuͤhren koͤnnteſt, daß er wider beſſer Wiſſen und Gewiſſen, fuͤr Geld oder Gunſt, unrecht gerichtet haͤtte: ſo muͤßteſt du ihn als guter Staatsbuͤrger bey ſeinen Obern anklagen, Dieß iſt Pflicht gegen den Staat, deſſen Grund⸗ feſten, Gerechtigkeit, Treu und Glaube, und Liebe und Zutrauen der Unterthanen zu ihrer Obrigkeit, ein ungerechter Richter untergraͤbt. Aber eben deswegen iſt es auch ſtrafbarer Leicht⸗ ſinn und wahre Verſuͤndigung, einen Richter auf ungegruͤndete Vermuthung der Parteylichkeit und Ungerechtigkeit zu beſchuldigen.“ „Die Stimme desjenigen, der einen Proceß verlor, und dann ſeinen Richter der Ungerechtig⸗ keit beſchuldigt, iſt immer ſehr verdaͤchtig. In der Regel glaubt jede Partey Recht zu haben; kein Wunder, daß dann die verurtheilte Partey uͤber Unrecht ſchreyt. Aber billige und verſtaͤn⸗ 110 Paͤchter Martin. dige Menſchen ſollten das nicht thun, follten vielmehr Mißtrauen in ihr eigenes Urtheil ſetzen, wenn Eigenliebe und Eigennutz im Spiele ſind, wodurch oft ſelbſt die kluͤgſten Menſchen geblen⸗ det werden.“ „Worauf gruͤndet ſich dein Urtheil? Darauf, daß der Richter dir unfreundlich begegnete?— Sage mir erſt, was hatteſt du bey dem Richter, da deine Sache rechtlich eingeleitet war, noch zu ſuchen? Du wollteſt ihn doch nicht um ein guͤn⸗ ſtiges Urtheil fuͤr dich bitten? Nein, das war gewiß der Fall bey dir nicht. Nur ein ſehr ſchwacher oder ein ſehr unredlicher Menſch kann einen Richter um Gerechtigkeit bitten. Der Richter hat ja keine Gerechtigkeit zu ver⸗ ſchenken, und wer ihn darum bittet, der belei⸗ digt ihn auf eine grobe Art; denn er ſagt ihm ins Angeſicht:„ Richter, ich halte dich fuͤr einen Mann, der mir zu Gefallen wohl einen Schur⸗ kenſtreich begehen koͤnnte!“ Wenn nun dein Richter dich nicht naͤher kannte, und etwa deine Rede fuͤr eine ſolche beleidigende Zumuthung auf⸗ nahm, konnte er dir da freundlich begegnen? Aber auch ohne dieſe Ruͤckſicht, ſollten nicht biln Dritter Theil. 111 lige Menſchen einem Manne, der mit Geſchaͤften uͤberhaͤuft iſt, und oft uͤberlaufen wird, ſoliten ſie nicht beſonders einem Richter, der oft die ſanfie Stimme des Mitleids nicht hoͤren darf, aus heiliger Pflicht, um ganz gerecht zu ſeyn, es leicht verzeihen, wenn er zuweilen eine minder freundliche Antwort gaͤbe?—“ „ Lieber! Wer einen Richter, der ein ſo großes und ſchweres Amt hat, unverdienter Weiſe um die Achtung und das Zutrauen der Menſchen bringt, der verfuͤndigt ſich ſehr! Sollteſt du deine ungegruͤndete Vermuthung Mehreren mitgetheilt haben: ſo mußt du als rechtſchaffener Mann laut und oͤffentlich bekennen, daß du dich uͤbereilet, und ihm Unrecht gethan habeſt.“ 3. Leſeluſt und Leſeſucht. „Amts und Berufstreue— das gehoͤrt zu den erſten Geboten im Catechismus des guten Buͤrgers. Iſts in dem Punkte noch nicht richtig, 112 Paͤchter Martin. ſo wird der Menſch mit hundert guten Eigenſchaf⸗ ten dennoch ein Taugenichts!“ Dieß war einer von Richters Sittenſpruͤchen; und ſeine Sittenſpruͤche waren die Regeln, nach welchen er handelte. Wie er anfing den eignen Herd zu bauen, zog er ſeinen Wirkungskreis ganz eng um ſich herum, und erweiterte ihn von Zeit zu Zeit in dem Maße, in welchem ſich ſeine Kraft zu wirken vergroͤßerte. In gleichem Verhaͤltniſſe wußte er den Calender um ein paar feſtliche Stunden zu vermehren. Zu ſolchen ſeſtlichen Stunden rech⸗ nete er auch die, welche er auf das Leſen guter Buͤcher verwendete. Einige ſeiner juͤngern Zeitgenoſſen— Joͤg⸗ linge deſſelben Lehrers, dem er ſelbſt ſeine jugend⸗ liche Bildung zu verdanken hatte, und dem er ſehr thaͤtig dafuͤr dankte— errichteten unter ſich eine Leſegeſellſchaft, und fragten ihn dann— da ſie freylich ſchon ohne ſeinen Rath gethan hatten, was ihnen zu thun beliebte— um guten Rath. Dieß, ſagte Richter, iſt meine Meinung: „Ihr habt Recht, liebe Freunde, ein gutes Buch hat ſeinen großen Werth! Man hoͤrt a. gerne Dritter Theil. 113 gerne einen verſtaͤndigen Mann ſprechen; und was iſt denn ein gutes Buch anders, als die Rede eines verſtaͤndigen Mannes? Freylich faͤllt dabey das Angenehme der Unterredung weg, da der Mann in ſeinem Buche immer allein ſpricht; aber ſey es doch, wenn er nur gut ſpricht. Und in der Regel kann man doch wohl annehmen, daß jeder das, was er ſchreibt, ſo gut uͤberdenken werde, als es ihm nur moͤglich iſt, alſo noch um etwas beſſer ſchreiben als reden werde. Wie ſollte ich alſo nicht gern etwas von einem Manne leſen, den ich, wenn ich dazu Gelegenheit haͤtte, gern ſprechen hoͤren wuͤrde?— Wenn aber nun jemand auch noch ſo klug, gelehrt und verſtaͤndig waͤre, ich aber wollte ihm deswegen immer nach⸗ gehen, um ihn ſprechen zu hoͤren, und verſaͤumte daruͤber meine Arbeiten, und die Pflichten mei⸗ nes Berufs— handelte ich wohl da auch klug? Und wenn nun am Ende der Mann von Dingen ſpraͤche, die ich nicht verſtaͤnde, und die ich nicht zu wiſſen brauchte; ſo haͤtte ich doch offenbar meine Zeit verſchwendet. Freunde, mit dem Leſen verhaͤlt ſichs eben ſo. Wer zu viel lieſet, und daruͤber nicht thut, was er thun ſollte, der 3. Theil. 8 114 Paͤchter Martin. wird gewiß durch ſein Leſen nicht verſtaͤndiger und beſſer werden. Und wer gar Buͤcher lieſet, die nicht fuͤr ihn geſchrieben ſind, und die er nicht verſtehen kann, der kommt mir vor wie ein unverſtaͤndiger Knabe, der ſeinem Schulmeiſter entlaͤuft, ehe er noch deutſch leſen kann, um auf der gelehrten Stadtſchule in der Geſchwindigkeit Lateiniſch und Griechiſch zu erlernen. Es wird nichts aus ihm.“ „Unſer Hopfmann druͤckte ſich nicht uͤbel aus:„der Menſch bedarf nicht bloß Nahrung fuͤr ſeinen Koͤrper, ſondern auch fuͤr ſeinen un⸗ ſterblichen Geiſt!“ Allein bekanntlich iſt nicht ein Nahrungsmittel ſo gut als das andere, und manchem ſtarken Magen bekommt, was dem ſchwaͤchern Gift ſeyn wuͤrde. Unmaͤßigkeit aber ſchadet jedem ohne Ausnahme. Auch habe ich bemerkt, daß manche Vielleſer immer einſylbigere Sprecher, und beſonders fuͤr Weib und Kinder ſchlechtere Getellſchafter wurden.“ „ Eure Abſicht, meine Freunde, durch Leſung guter Buͤcher verſtaͤndiger und beſſer zu werden, iſt loͤblich, und die Errichtung eurer Leſegeſellſchaft kann allerdings dazu ein taugliches Mittel ſeyn, Oritter Theil. 115 wenn ihr, wie ich hoffe, nie zu viel leſet; nie uͤber das Leſen das Handeln ver⸗ ſaͤumt; Weibern und Kindern nicht freundliche Rede und Unterhaltung verſagt; bey der Auswahl der Buͤcher Sachkundige um Rath fragt; uͤber das Geleſene nachdenkt, und das gepruͤfte Gute ausuͤbt!“ 4. Richter handelt noch beſſer, als er ſpricht. Hoffentlich urtheilen die Leſer nach dieſen klei⸗ nen Proben, daß Richter fuͤr einen gemei⸗ nen Buͤrger nicht uͤbel ſprach; aber mit noch mehr Theilnahme werden ſie finden, daß er wie ein ausgezeichnet guter Buͤrger han⸗ delte. Er betrachtete den Staat als eine groͤßere Familie, in welcher die Obrigkeit Vaterſtelle ver⸗ traͤte, und nach dieſem Verhaͤltniſſe urtheilte er 116 Paͤchter Martin. uͤber Pflichten der Obrigkeiten und Unterthanen. Er meinte, ein Vater, der wiſſentlich ungerecht gegen ſeine Kinder handele, ihre Rechte verletze und ihnen ohne Noth Schmerz verurſache, ihr Woh! nicht nur nicht befoͤrdere, ſondern ihm ent⸗ gegen wirke, und z. B. die Ausbildung ihres Geiſtes verhindere, um ſie in fortdauernder Un⸗ muͤndigkeit zu erhalten u. ſ. w. ein ſolcher unna⸗ tuͤrlicher Vater wuͤrde mit unvertilgbarer Schande ſich ſelbſt brandmarken. Man erwarte von einem Vater, der ſeine heiligen Pflichten erfuͤllen wolle, unparteyiſche Gerechtigkeit und weiſe Guͤte; erwarte, daß das Ziel aller ſeiner Wuͤnſche und Bemuͤhungen das Wohl ſeiner Kinder ſeyn, und daß er bloß darauf denken werde, ſie immer ver⸗ ſtaͤndiger, beſſer und gluͤcklicher zu machen. Mit gleichem Rechte erwarte man nun aber von den Kindern eines ſolchen Vaters, daß ſie mit dank⸗ barem Herzen, und darum deſto williger und freudiger zur Erfuͤllung ſeines edlen Wunſches, zur Befoͤrderung des gemeinſchaftlichen Wohls, beytragen wuͤrden.. Mit dieſer ſo ſimpeln Vorſtellungsart wurde ihm jede Buͤrgerpflicht zwiefach heilig. Drirter Theil. 117 Er entrichtete nicht nur ſelbſt ſeine buͤrgerli⸗ chen Abgaben an den Staat auf das puͤnktlichſte und gewiſſenhafteſte, ſondern da er zufaͤlliger Weiſe erfahren hatte, daß ſein Vater(der einſt in gluͤcklichen Umſtaͤnden geweſen, im Alter aber verarmt war) einige 30 Thaler an ſolchen Abga⸗ ben ſchuldig geblieben waͤre: ſo eilte er auch dieſe Schuld ſeines Vaters abzutragen. Einer ſeiner Verwandten tadelte ihn deswegen und nannte es uͤbertriebene Ehrlichkeit. Uebertriebene Ehrlichkeit? erwie⸗ derte Richter; muß man nicht durchaus und immer ehrlich handeln? „Nun ja, aber die Bezahlung dieſer Schuld konnte doch die Obrigkeit nicht von dir fordern?“ Die Obrigkeit?— Ihr gab ich es ja nicht, ſondern dem Staate, der ganzen buͤrgerlichen Geſellſchaft. „Und die ganze große Geſellſchaft konnte die 30 Thaler leicht entbehren.“ Freylich wird ſie durch 30 Thaler naßt. viel reicher. Doch wird ſie nur durch die Menge klei⸗ ner Einnahmen in den Stand geſetzt, große ge⸗ meinnuͤtzige Ausgaben beſtreiten zu koͤnnen.— 118 Paͤchter Martin. Daruͤber ſind wir aber gewiß beide einverſtan⸗ den: wir bezahlen unſere Schulden, moͤge der Glaͤubiger arm oder reich ſeyn. „Unſere Schulden. Allein die Bezablung dieſer alten laͤngſt vergeſſenen Schuld deines Vaters konnte doch niemand nach ſtrengem Rachti von dir fordern.“ Es wuͤrde nicht gut um die Welt ſtehn, wenn niemand mehr thun wollte, als was andere nach ſtrengem Rechte von ihm fordern koͤnnten. Aber, lieber Vetter, es machte dir gewiß noch auf dei⸗ nem Sterbebette eine unangenehme Empfindung, wenn du eine Schuld, und noch mehr, eine Schuld an einen Wohlthaͤter nicht bezahlen koͤnnteſt.— Wie lieb wuͤrde es dir in dieſem Falle ſeyn, wenn dein Sohn Vermoͤgen und guten Willen haͤtte, an deiner Statt zu bezah⸗ len!— Und iſt denn nicht der Wohlthaͤter, dem mein Vater ſchuldig blieb, auch mein Wohle thaͤter?— War irgend etwas Gemeinnuͤtziges zu befoͤr⸗ dern, Richter war gewiß, ſobald er von der Gemeinnuͤtzigkeit der Sache uͤberzeugt ward, einer der erſten und thaͤtigſten Befoͤrderer derſelben.— Dritter Theil. 119 Sein woͤchentlicher Beytrag zur Unterſtuͤtzung der Armenverſorgungsanſtalt war ungleich betraͤchtli⸗ cher, als man nach ſeinem Vermoͤgen erwarten konnte. Man wunderte ſich daruͤber; aber Rich⸗ ter meinte, er gaͤbe eher zu wenig als zu viel, weil er wirklich nicht mehr gaͤbe, als er ſonſt, da die Straßenbetteley noch erlaubt geweſen waͤre, an Arme und Bettler vor den Thuͤren haͤtte geben muͤſſen.— „Damals,“ ſagte er,„war ich ſelbſt uͤber⸗ zeugt, daß mein Almoſen nur ſelten wahre Wohl⸗ that war, daß ich ſogar zuweilen, obgleich wider meine Abſicht, Boͤſes damit ſtiftete, wenn Faul⸗ heit und Liederlichkeit dadurch unterhalten wur⸗ den. Und ich ſollte jetzt zur Vertilgung der ſittenverderblichen Straßenbetteley, und zur Un⸗ terſtuͤtzung wahrer Armen weniger als vorher geben? Nein; ſo viel als vorher muß ich noth⸗ wendig geben; denn wie ſollte ich von dieſer Anſtalt unmittelbaren Vortheil fuͤr mich ziehen wollen? Mehr aber ſollte ich von Rechts wegen geben, um durch dieß Mehr doch auch etwas fuͤr die gute Sache zu thun, weil es gute Sache iſt.“ 38 3 120 Paͤchter Martin. Ein junger Kuͤnſtler hatte, ich weiß nicht was fuͤr ein Kunſtwerk verfertigt, das den Beyfall aller Kenner, nur keinen Kaͤufer fand. Der junge Mann kam dadurch in keine geringe Vern legenheit, und war Willens ſein Kunſtwerk, weil ihn Armuth noͤthigte, mit großem Verluſte zu verkaufen, und der Kunſt zu entſagen. Richter erfuhr dieß, und rettete ihn durch einen anſehn: lichen Vorſchuß an Gelde, das er ihm ohne Zin⸗ ſen uͤberließ, bis er ſein Werk mit Vortheil ver⸗ kaufen koͤnnte; und erhielt der Kunſt einen Mann, der nach einiger Zeit ſeiner Vaterſtadt durch dieſe Kunſt Ehre und Vortheil brachte. Durch einen entſtandenen Krieg wurden die Aermern ſeiner Mitmeiſter gezwungen, die Arbeit liegen zu laſſen, weil ſie keinen Abſatz fanden. Richter beredete einige der Edlen unter ſeinen wohlhabenden Mitbuͤrgern, ein Capital zuſammen zu legen(wozu er ſelbſt den anſehnlichſten Bey⸗ trag gab), um jenen aͤrmern Mitmeiſtern ihre verarbeiteten Waaren abkaufen und ſie in fort⸗ geſetzter Thaͤtigkeit erhalten zu koͤnnen. Er er⸗ reichte ſeinen Zweck, und da der Krieg ſich fruͤher endigte, als man nach Wahrſcheinlichkeit erwarten Dritler Theil.. 121 1 konnte, und Handel und Gewerbe wieder aufbluͤh⸗ ten; ſo wurde ſeine patriotiſche That mit einem Gewinn belohnt, auf den er nicht gerechnet hatte. Er fand, als er ſeinen Keller ausmauern ließ, 1500 Thaler, und brachte ſie ehrlich auf's Rath⸗ haus. Man ſagte ihm, daß, den Geſetzen nach, das gefundene Geld ſein Eigenthum ſey, weil er es auf ſeinem Grund und Boden, in einem Hauſe, das ſchon ſein Vater und Großvater be⸗ ſeſſen hatten, gefunden haͤtte. Richter bat: daß es die edlen Herren des Raths als ein Capital annehmen moͤchten, von welchem wohlverdiente Schullehrer in ihrem Alter Ehrenzulagen erhal⸗ ten ſollten, und daß man die erſte Ehrenzulage ſeinem lieben alten Lehrer Weber geben moͤchte. Vor der Vaterſtadt unſers Richters lag ein oͤder wuͤſter Platz, uͤber vier Aecker groß, den man deswegen auf immer fuͤr unbrauchbar hielt, weil man glaubte, daß die Koſten, die man auf⸗ wenden muͤßte, um das Land vorher von Stei⸗ nen zu reinigen, ungleich mehr betragen wuͤrden, als der davon zu erwartende Gewinn. Richter war nicht der Meinung.„Mich dauert es, ſprach er, wenn ich nur ein kleines Stuͤckchen Erde, — 122 Paͤchter Martrin. und noch dazu in der Naͤhe von Menſchenwoh⸗ nungen, ungebraucht liegen ſehe. Es ſcheint mir dem Menſchen einen Vorwurf zu machen, daß er von der Herrſchaft, die Gott ihm uͤber die Erde gegeben hat,(um ſie zu verſchoͤnern, und die Kraft, welche der guͤtige Schoͤpfer in ſie legte, zum Beſten der Lebenden zu benutzen) keinen beſ⸗ ſern Gebrauch mache. Wenn von den Fruͤchten, die auf einem ſolchen Stuͤcke Land erzeugt werden koͤnnten, nur ein Hungriger ſich einmal ſatt aͤße, oder ein Wanderer ſich daran labte, und dafuͤr dem lieben Gott, der die ſchoͤnen Fruͤchte wachſen ließ, herzlich dankte, und vielleicht dann auch das Andenken des Menſchen ſegnete, der ſie ſaͤete oder anpflanzte; das waͤre doch, denke ich, ein Gewinn, der fuͤr die darauf verwandte Arbeit und Koſten hinlaͤnglich lohnte. Und was die Koſten betrifft, ſo werden dieſe ſchon an ſich zur Wohlthat, wenn wir— denn die Arbeit erfor⸗ dert ja nicht viel Kunſt— mehreren Armen Arbeit geben koͤnnen. Moͤgen dann auch erſt die ſpaͤteſten Nachkommen die Fruͤchte dieſer Ar⸗ beit einernten; es iſt ja gar ein ſchoͤner Gedanke: „Baͤume fuͤr die Nachwelt pflanzen!“ Dritter Theil. 123 Richter erbot ſich das wuͤſte Land auf ſechs Jahre zu pachten, und laͤchelnd uͤberließ man es ihm fuͤr dieſe Zeit unentgeldlich. Nun machte er ſeine wahre Abſicht bekannt, ſammelte zur Erreichung derſelben freywillige Beytraͤge von ſeinen Mitbuͤrgern, die uͤber ſeine Erwartung reichlich ausſielen, ließ dann unter Aufſicht eines Sachkundigen, groͤßten Theils durch Arme, die der Staat verſorgte, und denen er ein gutes Tagelohn reichte, daß ſie ihre Arbeit mit Freude thaten, taͤglich arbeiten, das Land umgraben, die Steine aufleſen u. ſ. w., und nach ſechs Jahren uͤberließ Richter der Armenverſorgungsanſtalt einen fruchtbaren Garten, mit Obſtbaͤumen be⸗ pflanzt, von denen er ſelbſt noch reiche Ernten zum Beſten der Armen erlebte. Zugleich hatte er durch dieſen Garten, der auf einer Anhoͤhe lag, von welcher man die herrlichſte Ausſicht hatte, ſeinen Mitbuͤrgern einen der ſchoͤnſten Spaziergaͤnge geſchaffen, den man zur Dankbar⸗ keit Richters Buͤrgerfreude nannte. 124 Paͤchter Martin. — 5⸗ Nichters Eh⸗ und Wehſtand. Den guten Buͤrger nannte man ihn, weil unter ſeinen guten Eigenſchaften die der Vater⸗ landsliebe, der Buͤrgertreue, des Gemeinſinnes hervor ſtrahlten. Mit Recht konnte man ihn aber uͤberhaupt den guten Menſchen nennen. Er war es; er war ein tugendhafter Mann, und ſeine Tugend hatte deſto groͤßern Werth, da ſie durch Leiden war gepruͤft und bewaͤhrt erfunden worden. Waͤre ſie bloß das Erzeugniß eines gut geſchaffenen Herzens geweſen, ſchwerlich wuͤrde ſie dann in einer ſo unguͤnſtigen aͤußern Lage haben gedeihen koͤnnen— ſolche Pflanzen kommen nur unter dem mildeſten Himmel im Sonnenſchein des Gluͤcks zur Bluͤthe— aber ſie war von der Vernunft geſaͤet in ein reines Herz, in welchem ſie tiefe Wurzel ſchlug und zum fruchtbringen⸗ den Baum, der allen Stuͤrmen trotzte, empor wuchs. Dritter Theil. 125 Es iſt ſchwer, wenn man nichts als Mißtoͤne um ſich herum hoͤrt, in einer guten Stimmung zu bleiben; ſchwer, mit unverdroſſenem Eifer ſein Tagewerk zu vollbringen, wenn man keinen heitern Feierabend hoffen darf; noch ſchwerer, ein wohlwollendes Herz zu behalten, wenn die, welche durch die engſten Bande mit uns verbun⸗ den ſind, es ſo recht darauf anzulegen ſcheinen, uns das Leben zu verbittern. Dieß war Rich⸗ ters Loos an der Seite eines uͤbelgelaunten, muͤr⸗ riſchen, immer klagenden und ſchmollenden Wei⸗ bes. Ein zwiefach trauriges Loos fuͤr einen Mann, der fuͤr haͤusliches Gluͤck, fuͤr Gatten⸗ und Vaterfreude, ſo viel Sinn und Gefuͤhl hatte; den ſeine Geſchaͤfte an ſein Haus feſſelten, in welchem der Daͤmon der boͤſen Laune ſpukte; der nur ſelten in frohen Geſellſchaften außer dem Hauſe ſein einheimiſches Ungluͤck auf einige Stun⸗ den vergeſſen konnte. Schuldlos, geſund an Seele und Leibe, nicht ohne maͤnnliche Schoͤnheit, mit viel Kraft und gutem Willen, ein ſehr nuͤtzliches Mitglied der menſchlichen und buͤrgerlichen Geſellſchaft zu wer⸗ den, blickte der Juͤngling bald nach vollendeten 126 Paͤchter Martin. Wanderjahren unter den Toͤchtern des Landes herum, voll Sehnſucht und Hoffnung. Dennoch verfagte er ſich aus Grundſatz die Erfuͤllung ſei⸗ nes ſuͤßen Wunſches noch eine Zeitlang, um dann freyer waͤhſen zu koͤnnen, ohne Furcht, daß ein ganz armes Weib an ſeinem Tiſche klagen, oder ein reicheres ihm Vorwuͤrfe machen moͤchte. Jetzt, durch den belohnten Fleiß fuͤnf arbeitsvoller Jahre, gegen aͤngſtliche Nahrungsſorgen geſchuͤtzt, und mit einer ſchoͤnen Ausſicht in die Zukunft, fuͤhrte er die Erwaͤhlte in ſein eigenes Haus, und lebte ſieben volle Monate lang, nach ſeinem eigenen Ausdruck(beylaͤufig geſagt, er war ein großer Freund der Muſik und des Geſanges, wie dieß die beſſern Menſchen in der Regel ſind) ein wahres Nachtigallenleben; arbeitete unter Liebe, Geſang und Freude fuͤr das Weib ſeines Herzens, freute ſich des werdenden Tages und ſang der kommenden Nacbt entgegen. Am Schluſſe des ſiebenden Monats brachte ein ungluͤcklicher Fall ſeine Gattin um die erſte Mutterfrende, und eine langwierige ſchmerzhafte Krankheit ließ unheilbare Nervenſchwaͤche, und damit zugleich gaͤnzliche Geiſtes⸗und Herzens⸗ Dritter Thell. 127 verſtimmung des vorher ſo geſunden, gutmuͤthigen und wohlgelaunten Weibes zuruͤck. Richter kannte ſeine Gattin nicht mehr; ſo ganz umgeaͤndert war ſie, ſo ſehr hatte ſie allen Sinn fuͤr Freude und Scherz, fuͤr Liebe und Wohlwollen verloren, und ſchien aus der zaͤrtlichſten Freundin ſeine erklar⸗ teſte Feindin geworden zu ſeyn. Nichts konnte er ihr mehr zu Dank machen, durch keinen Be⸗ weis von Liebe einen freundlichen Blick gewinnen. Tage vergingen, in welchen ſie kein Wort mit ihm geſprochen hatte; und ſprach ſie, ſo waren es Klagen des Unmuths und unverdiente Vor⸗ wuͤrfe. Kalt ſtieß ſie den mitleidenden Freund zuruͤck, ſeine Liebkoſungen waren ihr laͤſtig, der Scherz, womit er ſie zu erheitern ſuchte, ſchien ihr bitterer Spott; und duldete er ſtill in ſich ſelbſt verſchloſſen, ſo klagte ſie, daß er ihrer uͤber⸗ druͤßig geworden ſey, und ihren fruͤhen Tod wuͤn⸗ ſche. Er verſuchte, ſo ſchwer ihm auch bey dem innigen Mitleide, das er gegen die arme Kranke fuͤhlte, der Verſuch wurde, mit feſtem Ernſt dem Ausbruch ihrer boͤſen Laune entgegen zu wirken; da verfiel ſie in convulſtviſche Zuckungen. Nur zuweilen gelang es ihr nach haufig vergoſſenen 128 Paͤchter Marrin. Thraͤnen ihren Unmuth in ſtillere Wehmuth um⸗ zu wandeln. Nuͤhrend bat ſie ihren ungluͤcklichen Gatten um Verzeihung, gelobte kuͤnftig mehr gegen ſich ſelbſt zu kaͤmpfen, und ihre Leiden gelaßner zu ertragen; und wie ein Sonnenſtrahl unter Regenwolken ſtrahlte ein freundlicher Blick aus dem thraͤnenvollen Auge. Der gute Richter vergaß in den ſeltenen Stunden monatliche Lei⸗ den— und hoffte kuͤnftige Fruͤchte. Ach, es waren nur Bluͤthen, die ein Fruͤhlingstag hervor lockte, und der Froſt der folgenden Nacht zer⸗ ſtoͤrte. Drey Mal gebar ſie. Das eine Kind ſtarb, aber bald nach der Geburt; das zweyte im vier⸗ ten Jahre ſeines ſiechen Lebens; und nur bey dem dritten ſchien ein hohes Maß von Geiſtes⸗ kraft uͤber die angeerbte koͤrperliche Schwaͤche den Sieg davon zu tragen. Es war ein ausgezeich⸗ neter Knabe, ſchoͤn, fuͤr einen Knaben nur zu ſchoͤn und zart gebildet, mit vieler Herzensguͤte, und mit bewundernswuͤrdigen Geiſtesfaͤhigkeiten. Durch ihn fuͤhlte ſich das Herz ſeines Vaters von neuem zur Freude belebt; uͤberreicher Erſatz fuͤr alle Leiden, die er erduldet hatte und noch erdulden mußte, Dritter Theil. 129 mußte, war ihm ſeine Vaterfreude; obgleich der aͤngſtliche Gedanke: wird die fruͤhreife Frucht fuͤr die Dauer ſeyn? einige bittere Tropfen in den Kelch der Freuden miſchte. Doch wohl ihm, daß er ſich dem Genuß ſeines Gluͤcks nicht ganz ſorg⸗ los uͤberließ, daß er auf den Verluſt des Theuer⸗ ſten und Liebſten, was er auf Erden hatte, eini⸗ germaßen vorbereitet war! Kaum vierzehn Jahre alt, ſtarb auch ſein Wilhelm.— Den moͤchte ich ſehn, ſagte der kinderloſe Vater, der in meiner Lage ohne Glauben an Gott, Tugend und Unſterblichkeit das Leben ertruͤge!— Wilhelms ſeelen⸗ und nervenkranke Mutter hatte zwar ihn oft lieblos von ſich geſtoßen, den⸗ noch aber machte ſein Tod einen ſchrecklichen Ein⸗ druck auf ſie. Sprach- und thraͤnenloſes Hin⸗ ſtarren wechſelte mit wildem ſchreyendem Aus⸗ druck ihres Schmerzes. Erſt nach mehreren Tagen ſchien einige Ruhe in ihre Seele zuruͤck zu keh⸗ ren; und dieſen Zeitpunkt benutzte der vernuͤnf⸗ tige fromme Gatte, ihr aus derſelben wohlthaͤti⸗ gen Quelle, aus welcher er ſelbſt geſchoͤpft hatte, Starkung mitzutheilen.— Er wußte, daß ſeine 3. Theil. 9 130 Pächter Martin. Frau ſeit ihrer Krankheit viel auf Traͤume halte, und da meinte er, der ſtreng wahrhafte Mann, das koͤnne doch wohl keine Luͤge genannt werden, wenn er das, was er wachend gedacht haͤtte, ihr in der Einkleidung des Traumes gaͤbe. Lieb⸗ reich naͤherte er ſich ihr und erzaͤhlte: „Mir traͤumte, daß unſer Wilhelm geworden ſey, was er ſo gern werden wollte, ein Kauf⸗ mann. Er hatte ausgelernt, und ging, von unſern Thraͤnen und Wuͤnſchen begleitet, auf Reiſen. Im Traume floſſen mir die drey Jahre, die er auf Reiſen zubrachte, wie Stunden vor⸗ uͤber, und wir freuten uns beide, ihn nun bald wieder zu ſehen. Aber ſiehe! da kam ſtatt ſeiner ein Brief. Er meldete uns, daß er einen unge⸗ mein vortheilhaften Ruf nach America erhalten haͤtte, ſo vortheilhaft, daß er glaube, er muͤſſe ihn annehmen, wenn er nicht muthwillig ſein Gluͤck verſcherzen wollte. Er baͤte deshalb um unſere Einwilligung.. Gott, wie erſchraken wir!— Unſer einziges Kind ſo weit von uns in einen andern Welttheil ziehen zu laſſen, mit wenig oder gar keiner Hoff⸗ nung, ihn je in unſerm Leben wieder zu ſehen!— Oritter Theil. 131 Wir weinten beide die heißeſten Thraͤnen. Und doch— ſollten wir ihn an ſeinem Gluͤcke hin⸗ dern? das waͤre doch eigennuͤtzig!— Nein, das darf ein guter Vater, das darf eine gute Mutter nicht!— Nach ſchwerem Kampfe gaben wir unſere Einwilligung. Bald darauf(wie denn im Traume alles ſehr geſchwind geht) bekamen wir wieder einen Brief von ihm. Er ſchrieb, daß er ungleich mehr Gluͤck gefunden habe, als er erwartet haͤtte; und da, da vergaßen wir die Trennung, und weinten Freudenthraͤnen uͤber das Gluͤck unſers Sohnes.“ Mutter, liebe Mutter, was iſt denn der Tod mehr als eine laͤngere Trennung,— vielleicht nicht einmal laͤngere Trennung? Was iſt uns denn mehr widerfahren, als daß unſer Kind in einem andern Lande ein weit groͤßeres Gluͤck ge⸗ macht hat, als es je hier haͤtte machen koͤnnen? Freylich bekommen wir aus jenem Lande keine ſchriftliche Nachricht von ſeinem Wohlbefinden, aber auch nie eine traurige Nachricht, daß ſein Gluͤck ſich in Ungluͤck verwandelt habe, wie das auf Erden ſo oft der Fall iſt. Und wozu die Nachricht von ſeinem Wohlbefinden? Wiſſen wir 132 Paͤchter Martin. es doch mit Zuverſicht, daß es ihm in dem Lande, wo er jetzt iſt, wohl gehe, unausſprechlich wohl gehe, immer wohl gehe. Und bey dieſem Glauben— in Wahrheit, gute Mutter, wenn uns der liebe Gott ſelbſt gefragt haͤtte, ob wir ihn wollten ziehen laſſen, wir haͤtten als Aeltern, denen das Gluͤck ihres Kindes uͤber alles theuer iſt, ihm unſere Einwil⸗ ligung nicht verfagen koͤnnen. Ja, ja! unſer Wilhelm war gut! und die Guten kommen dort in das Land der Seligen! Und wir werden ihn wieder ſehen! Er lebt! unſer Wilhelm lebt!—“ „Er lebt!“ unterbrach ihn ſeine Gattin; „lebt er?— Wo? in America?— Fort, ich muß fort zu meinem Wilhelm!“ Sie ſprang nach der Hausthuͤre, wo ſie ihr Mann kaum noch zuruͤck halten konnte, hoͤrte keine Gegenrede mehr, und klagte laut uͤber die Grauſamkeit, daß man ſie von ihrem Kinde tren⸗ nen wollte. Sie weinte, kaͤmpfte, bis ſie mit er⸗ ſchoͤpften Kraͤften niederſank. Nach wenigen Tagen fand das ungluͤckliche Weib, die ſo viel gelitten hatte, die erſehnte Ruhe neben ihrem Wilhelm! 6. Richter bekommt nach dem Tode ſeiner Frau eine Tochter, und die Tochter zwey Freyer. Um die nehmliche Zeit entriß der Tod der einzi⸗ gen Schweſter unſers Richters ihren Gatten. Auch ſie hatte in ihrem Eheſtande vieles, beſon⸗ ders wegen der ſinnloſen Verſchwendung ihres Mannes, erduldet, und fand jetzt nach ſeinem Tode nichts als Schulden. Gleiches Leiden hatte beide Geſchwiſter, die ſich ohne dieß von Jugend auf zaͤrtlich liebten, noch naͤher an einander geket⸗ tet; um ſo leichter vereinigten ſie ſich jetzt, den Reſt ihres Lebens mit einander recht bruͤderlich und ſchweſterlich zu verleben; und dieſe Bruder⸗ und Schweſterliebe gewaͤhrte ihnen ein Gluͤck, das ſie in der Ehe vergebens geſucht hatten. Richter machte die Bemerkung, daß ſeiner Schweſter Tochter eine ganz auffallende Aehnlich⸗ keit mit dem verſtorbenen Liebling ſeines Herzens 134 Paͤchter Martin. haͤtte; und mit dieſer Bemerkung kam die kleine Friedrike ſehr ſchnell in den vollen Beſitz der Stelle, die ihr der gute Oheim zugedacht hatte. Sie war ſeiner Vaterliebe werth und erwiederte ſie mit Kindlichkeit; der gute Vater ſparte kein Geld, um die ſchoͤnen Anlagen der lieben Tochter zu entwickeln, und die liebe Tochter ſchien bloß darum ſo viel Fleiß auf ihre Ausbildung zu ver⸗ wenden, um den guten Vater von Tage zu Tage mehr Freude zu machen. Sie erreichte das jungfraͤuliche Alter, und es konnte nicht fehlen, ein ſo ſchoͤnes, ausgebilde⸗ tes— fuͤr ihren Stand faſt zu ſehr ausgebildetes Maͤdchen, und dabey die Erbin von 25000 Tha⸗ lern, mußte die Augen und Herzen der jungen Maͤnner an ſich ziehen. Doch gaben die andern bald ihre Hoffnung auf, da ſie vernahmen, daß ein Bellmann und ein Lauter ſich um Frie⸗ drikens Hand bewuͤrben. Bellmann war ein junger Senator von altem reichsſtaͤdtiſchen Adel, ein Mann mit aͤußerſt ein⸗ nehmender Geſichtsbildung und gefaͤlligen— nur freylich nicht ſehr ſtrengen Sitten, dabey das, was man einen Welt⸗ und Lebemann nennt. 4 Dritter Theil. 135 Nicht an maͤnnlicher Schoͤnheit, ſondern nur an Leichtigkeit im Betragen und Gefaͤlligkeit in Ma⸗ nieren ſtand der Kaufmann Lauter dem Sena⸗ tor nach, uͤbertraf ihn aber weit an Reinheit der Sitten und feſten Grundſaͤtzen, und war das, was man einen ſoliden und biedern Mann nennt. Zum erſten Male kamen hier die Wuͤnſche des Vaters und der Tochter in Widerſpruch. Er ſtimmte fuͤr Lautern; die Tochter aber ließ es merken, daß ſie Bellmannen lieber ſaͤhe. Die Mutter, ein herzensgutes Weib, ohne viel Wil⸗ lenskraft, blieb neutral; ſie meinte, beide Par⸗ tien waͤren ungleich beſſer, als ſie je mit den kuͤhnſten Wuͤnſchen fuͤr ihre Tochter gehofft haͤtte. Nun, ſo moͤchte ſie in den Gluͤckstopf greifen; ſie haͤtte gut Greifen, da ſie auf alle Faͤlle einen Treffer ziehen wuͤrde. Das meinte nun Richter nicht. Er behauptete vielmehr, wuͤrde ſie Bell⸗ mannen ziehen, ſo erhielte ſie in einem niedlichen Stuͤckchen Goldpapier eine Niete.. „Und ſage mir nur, liebſtes Riekchen, wie du den luftigen Bellmann einem wackern Lauter vorziehen kannſt?“ 136 Paͤchter Martin. „Liebſter Vater, antwortete Friedrike, blickte dabey feuerroth zur Erde nieder, und legte ihr Schuͤrzchen in Falten— ich habe ja noch keinem mein Wort gegeben, und wuͤrde das auch nicht ohne Ihre Einwilligung. Freylich aber— dafür kann ich ja nichts— ich ſchaͤtze ja den Herrn Lauter ſehr hoch— aber— freylich— ſcheint mirs, als wenn mein Herz mehr fuͤr den Senator Bellmann ſpraͤche.“ 3 „Das iſt eben das Schlimme, daß du bloß das naͤrriſche betruͤgliche Ding von Herzen hoͤren willſt. Die Vernunft ſollteſt du ſprechen laſſen. Ich ſtehe dir dafuͤr, die entſchiede fuͤr Lautern. Lauter meint dich, liebt und will dich; und mein Riekchen, denk' ich, verdiente doch wohl um ihrer ſelbſt willen begehrt zu werden. Aber Bellmann,— liebes Riekchen, ich muß dirs ſagen, wie ich es denke,— ich wette hundert gegen eins, der Herr Senator von Bellmann laͤßt ſich bloß deswegen zum buͤrgerlichen Maͤd⸗ chen herab, weil ihm die buͤrgerlichen Thaler gefallen.“ „Beſter Vater— da— in dem Puncte— ſcheinen Sie den Bellmann zu verkennen. Haͤt⸗ Dritter Theil. 137 ten Sie ihn neulich uͤber uneigennuͤtzige Liebe ſprechen hoͤren, wie er da—“ „Nun freylich, wenn ers ſelbſt gefagt hat, daß er uneigennuͤtzig liebe, ſo iſt die Sache kei⸗ nem Zweifel unterworfen. Lauter hat dir das gewiß nicht geſagt; der bedarf ſolcher Betheue⸗ rungen nicht.“ „Trauen Sie mir doch zu, mein Vater, daß ich Bellmannen mit Verachtung abweiſen wuͤrde, wenn ich mit Grunde vermuthen koͤnnte, daß er eigennuͤtzige Abſichten haͤtte. Ueberhaupt ver⸗ ſpreche ich Ihnen—“ „Liebe Tochter, verſprich du mir nichts als dieß, daß du unter einem Vierteljahre, a dato an, fuͤr keinen von beiden entſcheiden willſt.“ „Das verſpreche ich Ihnen, und noch dazu, daß nur Sie fuͤr mich entſcheiden ſollen.“) „Nein, liebes Kind, entſcheiden ſollſt du. Aber zu Rathe gehen muß ich vorher mit dir, weil mir dein Gluͤck uͤber alles theuer iſt, und weil ich ſelbſt keine Freude mehr haben wuͤrde, wenn ich mein Riekchen ungluͤcklich wuͤßte.“ heit im Ausdruck die Erklaͤrung von ſich gegeben 138 Paͤchter Martin. 7. Taubeneinfalt und Schlangen⸗ klugheit. Richter freute ſich herzlich, daß ſeine Pflegetoch⸗ ter mit ſo viel edlem Stolze und ſo viel Wahr⸗ hatte: ſie werde Bellmannen mit Verachtung abweiſen, wenn man ſie uͤberzeugte, daß er mehr die Mitgabe als die Braut meine. Und davon glaubte er ſie nach dem, was er von Bellmanns Vermoͤgensumſtaͤnden und Denkungsart wußte, in kurzem auf das deutlichſte zu uͤberzeugen. Als am Abend Bellmann und Lauter den Vater zu beſuchen vorgaben, und die Tochter beſuchten, fagte er ihnen mit froher Laune: Wenn Sie von irgend jemanden hoͤren, daß er Luſt haͤtte mein Schwiegerſohn zu werden, ſo vermelden Sie ihm gefaͤlligſt: daß er nicht unter einem Vierteljahre, ganz beſtimmt, nicht vor dem 1 1ten No⸗ vember, als dem Geburtstage meiner Dritter Theil. 139 Friedrike, ein Wort mit mir oder ihr davon ſprechen moͤge. Im ganzen Ernſt, meine Her⸗ ren! wer fruͤher kommt, wird nicht gehoͤrt; wer ſpaͤter kommt, duͤrfte vielleicht zu ſpaͤt kommen. Indeſſen ſand er doch bey naͤherer Unterſu⸗ chung, daß die Sache nicht ſo leicht ſey, als er ſie gedacht hatte. Zwar wußte er ſchon mit Ge⸗ wißheit, und hatte dafuͤr guͤltige Zeugniſſe in Haͤnden, daß Bellmann ſein vaͤterliches Erbgut verſchwendet habe, und wenigſtens 4000 Thaler ſchuldig ſey; aber damit war doch der Beweis nicht gefuͤhrt, den ſeine Tochter verlangte. Sie konnte einwenden: das iſt geſchehen, ehe er um meine Hand warb— und wie leicht verzeiht das Weib dem Manne wohl groͤßere Fehler, wenn er ſie nur beging, ehe er der Ihrige wurde! Wie leicht glaubt ſie Geluͤbde, wenn er ihr dabey zaͤrt⸗ lich ins Auge blickt! Mit welchem Zutrauen zu ihm— und zu ſich ſelbſt, hofft ſie alles von der Zukunft!— Und hatte er doch ein eintraͤgliches Amt, wovon er bey kuͤnftiger beſſerer Wirthſchaft ſeine Schulden bezahlen, und auf eine anſtaͤndige Art leben konnte; woraus alſo nicht folge, daß er darauf ausgehe, Geld erheirathen zu wollen. 140 Paͤchter Martin. „Wie! dachte Richter, wenn ich vorgaͤbe, daß ich durch Betrug um den groͤßten Theil mei⸗ nes Vermoͤgens gekommen waͤre?— Die Sache ließe ſich glaubwuͤrdig machen, und der Herrt Senator wuͤrde ſich um des armen Buͤrgers Toch⸗ ter nicht weiter bekuͤmmern— Nicht uͤbel!— Aber— nein, das geht nicht; es waͤre eine Luͤge!— Freylich verzieh ich mir es bey Wil⸗ helms Tode einen Traum zu erdichten— Aber das that ich nicht um meinetwillen, nicht um einen eigennuͤtzigen Zweck zu erreichen. Ich gab dem armen Weibe die Wahrheit in der Einklei⸗ dung des Traumes um ihrer ſelbſt willen. Ich konnte darauf rechnen, daß ſie, haͤtte ſie ihre volle Geſundheit wieder erlangt, meine Erdich⸗ tung gebilligt haben wuͤrde.— Allein in dem gegenwaͤrtigen Fall ſuchte ich Bellmannen zu taͤu⸗ ſchen, um davon Vortheil fuͤr mich und meine Tochter zu ziehen.— Nein! das darf ich nicht; es waͤre eine Luͤge!— Zwar wenn ichs von der Seite nehme: ich darf nicht nur ſelbſt keine Un⸗ gerechtigkeit begehen, ſondern muß auch nach meinen Kraͤften Unrecht verhuͤten! Nun kommts aber hier darauf an, meine unſchuldige Friedrike Dritter Theil. 141 gegen eine Ungerechtigkeit zu ſchuͤtzen.— Uind dennoch— man darf nichts Boͤſes thun, daß Gutes daraus entſtehe! Nein! ich darf nicht; es waͤre eine offenbare Luͤge!“ So kaͤmpfte der ge⸗ wiſſenhafte Mann, und unter Kampf und Unruhe verfloß ihm eine Woche nach der andern. Der erſte November erſchien, und noch war er unent⸗ ſchloſſen, ſaß nachdenkend auf ſeinem Sorgeſtuhle, und warf zuweilen einen Blick auf ſeine Friedrike, der dem guten Maͤdchen das Herz durchdrang. Sie wußte, daß der zärtliche Vater fuͤr ſie litt. Da eilte ſie in die Einſamkeit, um durch Thraͤnen dem gepreßten Herzen Luft zu machen, und um ſich in dem Entſchluſſe zu ſtaͤrken, der Dankbar⸗ keit ihre Liebe aufzuopfern. Feſt ſtand jetzt ihr Entſchluß; und ſie empfand den erſten ſchoͤnen Segen, womit die Tugend edlen Seelen die Opfer vergilt, welche ſie ihr darbrachten. Friede, lang entbehrter Friede kehrte in ihr Herz zuruͤck; und als wollte die himmliſche Tugend ihr nun ſelbſt die Ausfuͤhrung des erkaͤmpften Entſchluſſes er⸗ leichtern, ſo ſchwebte dem armen Maͤdchen mit einem Male das Bild einer geſtrigen Abendſtunde auf eine Art vor, wie ſie es geſtern nicht, oder 14² Paͤchter Martin. doch bey weitem nicht ſo dentlich, geſehn hatte. Lebhaft erinnerte ſie ſich jetzt, wie Lauter, da ihr Vater ſo ganz bedeutungslos, wie es ſchien, ein wieder ein Monat zu Endel hinwarf, ſie ſo ſeelenvoll anblickte, und dann ſo ſtill und trau⸗ rig war, bis die Rede auf die neue Schulverbeſ⸗ ſerung fiel, welche der Senat beſchloſſen, und deshalb ſaͤmmtliche Buͤrger aufgefordert hatte, durch freywillige Beytraͤge die Grundverbeſ⸗ ſerung des Staats und die Erhoͤhung des Gehalts der verdienſtvollſten Mitglie⸗ der deſſelben(zur Ehre des Senats ſey es geſagt, daß dieß woͤrtlich in der Aufforderung ſtand!) mitzuwirken. Sie erinnerte ſich lebhaft, wie da ihr Vater und Lauter mit gleichem Feuer den Senat, die Schulephoren und den neuen braven Rector lobten; wie ſie ſich freuten, daß ihre Mitbuͤrger dafuͤr ſo viel Sinn hatten, und das Gute ſo thaͤtig befoͤrderten, und nun ſich zu einer ſchoͤnen Zukunft Gluͤck wuͤnſchten. Mit Mißfallen dachte ſie es, wie Bellmann bloß an dem, was der Senat(der Senat— und Er) dabey gethan hatte, verweilte. Richtig erklaͤrte ſie nun Lauters Miene, und die Urſache, warum Dritter Theil. 143 er das Geſpraͤch ſo ſchnell auf einen andern Ge⸗ genſtand hinleitete, als Bellmann die Frage auf⸗ warf: Wer wohl der Unbekannte geweſen ſeyn moͤge, der juͤngſt am Abend dem Rector ein ſo anſehnliches Geſchenk fuͤr die Schule zum Fenſter hinein mehr geworfen, als gegeben habe; da doch ſchon alle Buͤrger ohne Ausnahme bey der Ein⸗ ſammlung ihren verhaͤltnißmäͤßtgen Beytrag mit ihres Namens Unterſchrift eingereicht haͤtten? Lauter, Lauter, ſagte ſie ſich laut, iſt doch ein edler Mann! und es iſt unverkennbar, er liebt mich herzlich!— Und damit fing das Herz an ſich williger in die Ausſpruͤche der Vernunft zu fuͤgen. Heiter kehrte ſie zu ihrem Vater zuruͤck, der aber, einen Brief vor ſich auf dem Tiſche, den andern in der Hand, ſo ernſtlich nachdenkend, daß er ſie nicht bemerkte, zur Erde blickte. Jetzt erhob ſich ſein Blick, und:„Herrlich! herrlich!“ rufte er aus,„das ſchlaͤgt gewiß nicht fehl! Ich kenne ihn zu gut dazu— Mein Riekchen wird die Wahrheit mit den Haͤnden greifen, und gluͤck⸗ lich ſeyn!— Und das iſt keine Luͤge, wenn es anch ſo ausſieht!— Riekchen, biſt du da? Will⸗ 144 Paͤchter Martin. kommen, liebſtes, beſtes Riekchen! Komm, Her⸗ zensmaͤdchen, gieb mir einen Kuß!— Nun ſoll ſich alles geben! Jetzt hole mir eine halbe Bou⸗ teille von dem alten Rheinwein, und Feder und Tinte!— Und auf den Abend laß mir den Senator und Freund Lautern einladen!“ „ Lieber Vater! was ich Ihnen aber doch ſagen wollte.—“ „Nichts, nichts jetzt, meine Herzenstochter! ſoll ſich alles von ſelbſt finden. Hoͤrſt du, Liebe, eine halbe Bouteille von dem alten Rheinwein, und Feder und Tinte—“ 8· Zahnſchmerz uͤber ein Vermaͤchtniß. Richter war nach vollbrachter Arbeit jugendlich heiter, und bat ſeine Tochter, heute Abend nicht verlegen zu werden, wenn es ihr ſcheinen ſollte, daß er mehr guter Buͤrger, als guter Vater ſey. „Nicht wahr, fragte er ſie voll Zutrauen, du weißt, daß ich dich ſo ſehr liebe, als nur ein Vater Oritter Theil. 145 Vater ſein Kind lieben kann? weißt auch, daß es immer mein Grundſatz war, erſt die naͤhern Pflichten zu erfuͤllen, dann die entferntern?— Nun, erhalte dir dieſen Glauben feſt, daß ich mein Vaterherz nicht verlaͤugnen, und meinen Grundſaͤtzen nicht ungetreu werde, wenn auch Bellmann, und vielleicht ſelbſt Lauter, mich in dieſem Puncte verkennen ſollten. Gruͤble du nicht, ſondern glaube und belauſche heute ein wenig die Mienen.“ Mit Ernſt ſprach er am Abend zu den beiden eingeladenen Gaͤſten: Sie haben zeither an mei⸗ nen Hausfreuden Theil genommen, darum muß ich Ihnen den Entſchluß mittheilen, den ich heute gefaßt und ausgefuͤhrt, und wodurch ich mir einen ſehr feſtlichen Tag bereitet habe. Nach genauer Berechnung uͤber mein durch Gottes Segen und meinen Fleiß erworbenes Vermoͤgen habe ich ge⸗ funden, daß ich, alles an Geld nach jetzigen Prei⸗ ſen angeſchlagen, gegen 25000 Thaler beſitze; da iſt aber mein Haus neben der Schule— ich kaufte es, wie Sie wiſſen, vor Jahr und Tag, vorzuͤglich um des ſchoͤnen großen Hausgartens willen, der damit verbunden iſt, fuͤr 2500 Thaler, 3. Theil. 10 146 Paͤchter Martin. in der Abſicht, um es ſelbſt zu beziehen; wozu mir aber die Luſt nun ganz vergangen iſt, weil ich in meinem alten Hauſe zu eingewohnt bin, als daß ich es nun ohne Schmerz verlaſſen koͤnnte.— Dieß vormals ſogenannte Amtshaus iſt von mir zu 3000 Thaler angeſchlagen worden, weil mir ſo viel noch vor zwey Jahren von dem Kaufmann Luauprecht dafuͤr iſt geboten worden. „Ey, da waͤrs Ihnen ja auch zu verdenken, fiel Bellmann ein,(der, wie Richter wußte, juͤngſt zwey Mal den Stadtſchreiber, der es zur Miethe bewohnte, beſucht, und das ſchöne Haus in allen ſeinen Theilen und mit vielem Wohl⸗ behagen betrachtet hatte) da waͤrs Ihnen ſehr zu verdenken, wenn Sie das ſchoͤne Haus ver⸗ kaufen wollten. Auch iſt es ſeine viertehalbtau⸗ ſend Thaler unter Bruͤdern werth.“ „Ey, fuhr Richter fort, da waͤre ich alſo gar um 500 Thaler reicher, als ich gedacht haͤtte. Doch was geſchehen, iſt geſchehen! Ich habe es nur zu 3000 Thaler angeſchlagen.— Nun, da habe ich denn mein dermatiges Vermoͤgen in zwey gleiche Haͤlften zertheilt. Die eine Haͤlfte wird Dritter Theil. 1427 nach meinem Tode ihren geſetzmaͤßigen Erben ſin⸗ den; die andere Haͤlfte aber—— (— Wie funkelten Bellmanns Augen vor Freude bey der ſichern Hoffnung, daß nun folgen werde: iſt zur Mitgift fuͤr meine Pfle⸗ getochter beſtimmt! Aber wie ſehr erloſch das Freudenfeuer! wie weit eroͤffnete ſich der Mund! wie erblaßte das Angeſicht! wie krampf⸗ haft zuckte es ihm durch alle Glieder! da hinge⸗ gen Lauters vorher truͤbes Auge ſich mit einem Male aufheiterte, als Richter nach einer kleinen Pauſe dem Aber ſein Gefolge gab.) iſt zu einem Vermaͤchtniß zum Beſten der Schule beſtimmt! Meinen ſchriftlichen Aufſatz habe ich bereits dem Herrn Buͤrgermeiſter uͤberſchickt, der es mor⸗ gen im Rathe vortragen wird. Ihnen theile ich davon einen kurzen Auszug mit. Ich ſchenke mein Haus neben der Schule dem jedesmaligen Rector zur Wohnung, wogegen die gegenwaͤrtige Wohnung des Rectors dem Ter⸗ tins eingeraͤumt wird; es waͤre denn, daß der Conrector, oder nach ihm, der Subrector lieber das jetzige Rectorat beziehen, und ſeine freye 148 Paͤchter Martin. Wohnung dem Tertius uͤberlaſſen wollte. Die eine Haͤlfte des mit dieſem Hauſe verbundenen Gartens bleibt dem Rector, die andere Haͤlfte aber wird zu dem kleinen Hofraum des Schul⸗ gebaͤudes geſchlagen, um Lehrern und Schuͤlern einen freyern Spaziergang und den Genuß reiner Luft zu verſchaffen, in den Zwiſchen⸗Viertelſtun⸗ den, in welchen ſie von ihrer Arbeit ausruhen. Ueberdieß vermache ich zum Beſten der Schule an barem Gelde 9500 Thaler, und wuͤnſchte, daß die jaͤhrlichen Intereſſen davon(nach jetzt uͤblichen Zinſen zu 5 pro Cent gerechnet, welche E. Edler Rath zur Befoͤrderung des Guten auch fuͤr die Zukunft zur Norm annehmen wird) auf folgende Art verwendet werden moͤgen: 300 Thaler erhaiten davon jaͤhrlich ſaͤmmt⸗ liche Schullehrer als Gehaltszulage; weil ich glaube, es ſey ein Haupterforderniß zu einer gruͤndlichen Schulverbeſſerung, daß der Staat die Schullehrer ſo gur beſolde, als er nur nach ſeinem Vermoͤgen Maͤnner, denen er am meiſten zu verdanken hat, beſolden kann. 50 Thaler werden zu einer Schulbibliothek und zu andern noͤthigen Lehrmitteln verwendet. Dritter Theil. 149 25 Thaler zur Anſchaffung von Schulbuͤchern fuͤr arme Schuͤler. Fuͤr andere 25 Thaler werden Buͤcher gekauft, welche Schuͤler zur Aufmunterung erhalten, die ſich durch gutes ſittliches Betragen, Fleiß und Kenntniſſe auszeichnen. 25 Thaler werden den Schullehrern uͤberlaſ⸗ ſen, als ein kleiner Beytrag, ſich zuweilen bey einem freundſchaftlichen Mahle des Lebens zu freuen, und hier weelleicht manche gute Verab⸗ redung zum Beſten der Schule zu treffen. Die Herren Schul; Ephoren, mit Einſchluß des Herrn Rectors, ſtimmen von 10 Jahr zu 10 Jahr, wozu die uͤbrigen 75 Thaler den jedesmaligen Zeitbeduͤrfniſſen gemaͤß verwendet werden ſollen. Dieß iſt mein Vermaͤchtniß. Sagen Sie mir offenherzig, was Sie dazu denken.“ Mit dem Ausdruck von Hochachtung und herzlicher Freude zugleich druͤckte Lauter Richtern die Hand:„Gott ſegne Sie dafuͤr!“ „Sehr noble!“ ſtotterte Bellmann,„ſehr noble und patriotiſch! Man wird Ihnen eine Ehrenſaͤule errichten.“ 150 Pächter Martin. Laſſen wir, ſprach Richter, die Ehrenfaͤule an einen andern! Wir trinken ein Glas Wein mit dem Wunſche, daß der Himmel die gute Ab⸗ ſicht ſegne. Bellmann.„Trinken— nein, trinken darf ich heute nicht. Ich habe enorme Zahn: ſchmerzen.“ Richter. Kommt der Schmerz von einem hohlen Zahne, ſo kann ich Ihnen ein probates Hausmittel geben. Kommt er aber aus dem Magen, dem Blute, dem Herzen, oder wo⸗ her ſonſt die Aerzte den Zahnſchmerz herleiten: da hilft freylich mein Hausmittel nichts. Bellmann. Rihe, das iſt das einzige, das mir ſonſt geholfen hat. Ich bedaure es recht ſehr, durch die fatalen Zahnſchmerzen eben heute fortgetrieben zu werden. Ruhe dir— und nun auch uns! dachte Richter, freute ſich ſeines Abends mit Freund Lautern, und erhielt von ſeiner Tochter, welche den Gedanken: Der gute Vater haͤtte doch nicht noͤthig gehabt, mir die Augen durch ein ſo theures Mittel zu eroͤffnen! gleich im Ent⸗ Dritter Theil. 151 ſtehen unterdruͤckte— eine herzliche Umarmung, wobey dem einzigen Zuſchauer, Lautern, das Herz mit verſtaͤrkten Schlaͤgen klopfte. 9⸗ Die gute Mutter des guten Sohnes. Zeither hatten ſich die beiden Eheſtandscandida⸗ ten, aus Achtung gegen den Vater, mit einem woͤchentlichen Beſuche, an jedem Sonntagsabende begnuͤgen muͤſſen, mit nur wenigen Ausnahmen, wenn der Vater ſelbſt ſie beide bitten ließ: aber dieſe Sonntagsſtunden hatte auch noch keiner ver⸗ ſaͤumt. An dem naͤchſten Sonntage— es war der vor dem entſcheidenden urten November— kam Lauters Mutter, ein Weib von aͤchtem Adel, fruͤh zu Friedriken, und ſprach ſo muͤtter⸗ lich zaͤrtlich, daß das gute Muͤhmchen— wie ſie Friedriken nannte, obgleich die Verwandtſchaft ziemlich weit hergeſucht war— auf das lebhaf⸗ teſte geruͤhrt wurde. 152 Paͤchter Martin. „Ich habe die Gelegenheit benutzt, weil mein Sohn ein paar Stunden ausgeritten iſt. Er darf von meinem Beſuche nichts wiſſen. Allein mein Mutterherz ließ mir keine Ruhe; ich mußte Sie ſprechen Glauben Sie nicht, daß ich Sie bitten wolle, meinem Sohne Ihre Hand zu geben. Nein, das darf und will ich nicht. Aber das muß ich Ihnen ſagen: mehr kann Sie in Ihrem Leben niemand lieben, als Sie mein Sohn liebt. Und eben darum fuͤrchte ich fuͤr ihn, wenn er ſeinen liebſten Wunſch mit einem Male vereitelt ſaͤhe. Darum will ich nicht Liebe von Ihnen erbitten; denn an einem bloß durch Mitleid erweichten Herzen laͤge ihm gewiß nicht, der(freylich nach vorhergegangenem ſchweren Kampfe) noch vor wenigen Wochen Ihrer Liebe bloß deswegen entſagen wollte, weil er glaubte, daß Ihr Herz bioß fuͤr Herrn Bell⸗ mann ſchlage, Ihr Oheim aber ihn zu ſehr be⸗ guͤnſtige, und dadurch Ihre freye Wahl beſchraͤn⸗ ken moͤchte; und der gewiß ſeinen Entſchluß ausgefuͤhrt haͤtte, wenn ich nicht—“ „Hat er im Ernſt gewollt?“ Dritter Theil. 153 Friedrike, ſagte er, muß ganz frey waͤhlen! Waͤhlt ſie dann auch einen andern: ſo werde ich doch weniger leiden, wenn ich ſie nur gluͤcklich weiß. „Das war edel!“ „O glauben Sie es, daß mein Karl edel handeln kann!— Doch jetzt bitte ich Sie nur darum: hat Ihr Herz fuͤr Herrn Bellmann entſchieden, ſo ſagen Sie mir es, daß ich mei⸗ nen Sohn vorbereite.“ „Sagen Sie, wuͤrdige Frau, ſagen Sie Ih⸗ rem wuͤrdigen Sohne, daß ich Bellmannen nicht waͤhlen wuͤrde; ſagen Sie Ihrem Sohne, daß ich ihn innig hochſchaͤtze. Geben Sie ihm, beſte Mutter, dieſen Haͤndedruck in meinem Namen.“ Mit dieſem Haͤndedruck umarmte ſie die Mut⸗ ter, die in dieſer Umarmung ihren Sohn dachte und ſich ſelig fuͤhlte. Friedrike ſagte ihr noch etwas von einem Wunſche wegen des heutigen Abends; und die 67jaͤhrige Frau eilte dann mit der frohen Both⸗ ſchaft raſch, wie ein 14jaͤhriges Maͤdchen, in ihre Wohnung, und erwartete mit Sehnſucht die Ruͤckkehr ihres Sohnes. 154 Paͤchter Martin. Offenherzig theilte die gute Tochter den In⸗ halt dieſer Unterredung— bis auf den Haͤnde⸗ druck, ihrem Pflegevater und ihrer Mutter mit; beide druͤckten Sie ſegnend an ihr Herz, und: das nenne ich mir einen Sonntag! ſagte der Vater; der lohnt fuͤr mehr als fuͤr ſechs volle Tage Muͤhe und Arbeit. 10. Der Geburtstag. Zwiefach willkommen war Richtern an dieſem ſchoͤnen Nachmittage der Beſuch eines alten treuen Freundes. Unter traulichen Unterredun⸗ gen uͤber Freuden und Leiden, die ſie mit einan⸗ der genoſſen und uͤberſtanden hatten, ſchlug die Abendſtunde der buͤrgerlichen Tiſchzeit; da trat Richters Schweſter herein, und bat ihren Bru⸗ der, daß er heute Abend mit ſeinem Freunde in Riekchens Stube ſpeiſen wolle. Das loſe Maͤd⸗ chen haͤtte fruͤh, da der Vater den heutigen —y— —f.—‧ Dritter Theil. 155 Sonntag ſo vorzuͤglich ſchoͤn gefunden, gleich dar⸗ auf gedacht, am Abend einmal eine Schuͤſſel mehr als gewoͤhnlich zu geben. Der vorbereitete Freund nahm die Einladung gefaͤllig an, und der Vater freute ſich uͤber den gluͤcklichen Einfall ſeiner Herzenstochter. Ja ja, ſprach er, indem er ihr Zimmer oͤffnete, das haſt du gut gemacht, dafuͤr— Aber mit dem dafuͤr war ſeine Rede abge⸗ brochen, da er das Zimmer mit vielen Lichtern erleuchtet fand, und da er die Frau Lautern mit ihrem Sohne erblickte, und noch drey ſeiner lieb⸗ ſten Freunde, unter welchen der Paͤchter Martin war—(welcher dafuͤr der lieben Stifterin des ſchoͤnen Feſtes, das ſie auch ihm bereitete, jetzt, da er eben dieſe Erzaͤhlung in einer Fruͤhſtunde niederſchreibt, einen ſchoͤnen heitern Tag, und einſt einen nicht minder ſchoͤnen Abend wuͤnſcht). Friedrike ſaß am Klavier— gegen ihr uͤber das umkraͤnzte Bild ihres Vaters— ſpielte und ſang: Sey mir gegruͤßt mit frommen Freuden⸗ thraͤnen, Mein feſtlich ſchoͤnſter Tag im ganzen Jahr! 856 Paͤchter Martin. Der einſt der ſchoͤnſte eines edlen Lebens, — Geburtstag meines guten Vaters war! Nur ein Gebet: Allmaͤchtiger! o bringe Den feſtlich ſchoͤnſten Tag noch oft zuruͤck! Und gieb dem Edlen, den ich kindlich liebe, Mit jedem Lebensjahr erhoͤhtes Gluͤck! Sprachlos empfing Richter Umarmungen und Gluͤckwuͤnſche. Er war zu ſehr uͤberraſcht. Seit ſeinen Juͤnglingsjahren hatte er jetzt zum erſten Mal nicht an den Tag gedacht, der ihm ſonſt immer heilig geweſen war. Die Sorge fuͤr das Gluͤck ſeiner Tochter hatte ihn zu lebhaft be⸗ ſchaͤftigt. 3 In deſto herzlichern und freudigern Dank ergoß er ſich aber, ſobald er wieder zu ſprechen vermochte; denn niemand wußte einen Dienſt, den man ihm erwies, eine Freude, die man ihm machte, dankbarer zu erkennen, als er, der fuͤr das Gute, das er andern that, nie Dank erwar⸗ tete. Seelenvoll hing ſein Auge an dem Auge der guten Tochter, und mit dem Ausruf: Wie kann ich dir genug fuͤr alle die Freude danken, Dritter Theil. 157 womit du mein Alter verſchoͤnerſt! traf ſein Blick auf Lautern, und da ſprach er in der Freude den Wunſch ſeines Herzens aus: Moͤchte mein Riek⸗ chen an Ihrer Hand das gluͤcklichſte Weib werden! Lauter, dem die durch ſeine Mutter erhaltene Nachricht Muth gemacht hatte, richtete ſeine Antwort an Friedriken:„Was die zaͤrtlichſte Liebe vermoͤchte, das wuͤrde ſie fuͤr Ihr Gluͤck thun, wenn Sie ein Herz annehmen koͤnnten, das Sie unausſprechlich liebt!“ Friedrike reichte ihm die eine Hand, und die andere dem Vater; und ſchweigend druͤckte ſie der Vater beide an ſeine Bruſt. Doch halt! rufte er jetzt. Ein Wort, ein Wort! ein Mann, ein Mannl! Erſt kuͤnftigen Mittwoch feiern wir den I1ten No⸗ vember. Was wird ohnehin Herr Bellmann ſagen, wenn er heute Abend erſt nach dem Feſte kommt— wiewohl ich ſehr zweifle, ob er kom: men wird. Bellmann kam nicht, und wurde im Kreiſe froher Menſchen nicht vermißt. 158 Paͤchter Martin. 11. Belohnte Liebe. In demſelben freundſchaftlichen Kreiſe wurde an Friedrikens Geburtstage der Bund ihrer Liebe mit Lautern beſtaͤtigt. Richter brachte den zweyten Becher der Freude ſeinen Gaͤſten zu: Zum Andenken unſers gemeinſchaftlichen Wohlthaͤters— Wol⸗ temanns! Doch, doch, ſprach er, es iſt ja bil⸗ lig, daß ich Sie zuvor mit meinem Woltemann bekannt mache. Das will ich. Die Haͤlfte der Zeit, die ich in der Fremde verlebte, habe ich bey dieſem Woltemann in N.. zugebracht. Ich wurde ſein Freund, und hatte das Gluͤck, ihm einige gute Dienſte zu leiſten, beſonders dadurch, daß ich eine reiche Tante, die ihn enterben wollte, und ſchon ihr Teſtament ein⸗ gereicht hatte, zu bewegen wußte, das Teſtament zuruͤck zu nehmen, und ſich mit meinem Wolte⸗ mann auszuſoͤhnen. Ich beleidigte ihn aber da⸗ Dritter Theil. 159 durch, daß ich ſeine Geſchenke ausſchlug. Es vergingen mehrere Jahre, in welchen wir nichts von einander hoͤrten. Erſt nach 12 bis 13 Jah⸗ ren beantwortete er mir einen Brief, und unſer freundſchaftliches Verhaͤltniß wurde von nun an durch fortdauernden Briefwechſel unterhalten. Allein nie haͤtte ich mir einfallen laſſen, daß er mir eine ſo ungemein große Wohlthat erweiſen wuͤrde, als er mir wirklich erwieſen hat! Denken Sie, gerade zu einer Zeit, in wel⸗ cher meines Riekchens Herz noch zwiſchen Bell⸗ mann und Lauter— getheilt war, weil ſie beide fuͤr gleich treu und brav hielt; wo mir alles daran lag, einen Irrthum des guten Maͤdchens zu berichtigen; wo ich mir aber, trotz alles Den⸗ kens und Sinnens, nicht heraus helfen konnte— weil ich's ohne eine Luͤge nicht zu machen wußte, die Luͤge aber verabſcheute: da reißen mich am Sonntage vor acht Tagen ein Brief von meinem Woltemann und einer von dem dortigen Magi⸗ ſtrate aus aller Verlegenheit. „Aber,“ fiel Riekchen ein,„Sie erlauben mir, ich habe Ihnen doch geſagt, wie es auch gewiß wahr iſt, daß ich ſchon vor der Ankunft 160 Paͤchter Martin. Ihrer Briefe fuͤr meinen Lauter ganz entſchie⸗ den hatte.“ Schon recht, mein Toͤchterchen! Das wußte ich aber damals noch nicht. Und auf alle Faͤlle war es doch gut, deine Ueberzeugung feſter zu begruͤnden. Nun, der Inhalt von Woltemanns Briefe war der: „Er habe, in lebhafter Erinnerung an manche unſerer ehemaligen Unterredungen uͤber wohlthaͤ⸗ tige Vermaͤchtniſſe, ſein anſehnliches Vermoͤgen von circa 60 bis 70000 Thalern, da er weib⸗ und kinderlos ſey, und keinen nahen Verwandten kenne, zu mehreren wohlthaͤtigen Vermaͤchtniſſen beſtimmt; und weil er glaube, daß es mir, ob ich gleich es ſelbſt nicht brauche, doch Freude machen wuͤrde, in meiner Vaterſtadt etwas Aehn⸗ liches zu ſtiften, ſo habe er auch mich mit 12000 Thalern zum Miterben eingeſetzt; doch ſollte es mir uͤberlaſſen bleiben, nach Willkuͤhr damit zu ſchalten.“ In der Beylage meldete mir der Magiſtrat, daß der biedere Woltemann bald nach Abfaſſung jenes Briefes geſtorben ſey; ſein Teſtament ſey aber geſetzmaͤßig ausgefertigt und beſtatigt, und man Dritter Theil. 161 man frage bey mir an: ob ich die mir vermach⸗ ten 12000 Thaler ſelbſt oder durch einen Bevoll⸗ maͤchtigten abholen laſſen wolle, oder ob ſie mir ſolche mit der Poſt uͤberſchicken ſollten. Ich habe das Letztere gewaͤhlt, und geſtern ſind die 12000 Thaler richtig angekommen. Sie wiſſen, wie ich ſie angewendet, und wel⸗ chen beſondern Zweck ich zugleich damit erreicht habe. Morgen werde ich nun dem Senate mit Ueberſchickung des Geldes auch die beiden Briefe uͤberſchicken. Und nun, nun ſagen Sie mir: daß ich bis hierher den Namen des eigentlichen Wohlthaͤters verſchwieg— nein! nein! Das war doch keine Luͤge, wenn es auch ſo ausſah? 3. Theil. 4 11 Paäaͤchter Martin. —. 1, VI. Kleine Beytraͤge zur Belehrung uͤber einen ſehr großen Gegenſtand. Soll das menſchliche Geſchlecht ſich vervollkom⸗ men, ſoll es dem Ziele ſeiner erhabenen Beſtim⸗ mung immer naͤher ruͤcken: ſo muß bey der Ju⸗ gend der Grund zu dieſer Vervollkommung, zu dieſer Veredelung gelegt werden. Darin ſtimm⸗ ten von jeher die Weiſeſten aller Voͤlker uͤberein. Die Menſchen, wer kann der traurigen Er⸗ fahrung widerſprechen?— die Menſchen ſind bey weitem noch nicht, was ſie ſeyn koͤnnten und ſoll⸗ ten. Aber wo, wo ſoll man anfangen, um die erſehnte beſſere Zeit, durch gebeſſerte, veredelte Menſchen, herbey zu fuͤhren? Das ſchon Ver⸗ dorbene ins Beſſere umzuſchaffen, iſt ſchwer, iſt unſaͤglich ſchwer und oft unmoͤglich. Der ver⸗ kruͤppelte Baum bleibt verkruͤppelt; und der in der Jugend verwahrloſete Menſch?— laſſet uns die Hoffnung nicht aufgeben, daß es ihm, bey redlichem und ausdauerndem Fleiße, durch Kampf Dritter Theil. und Anſtrenaung gelingen koͤnne, ein neuer, ein zum geiſtigen und ſittlichen Leben umgeſchaffener Menſch zu werden: doch mit ausdauerndem Fleiße wird er arbeiten, ſchweren Kampf wird er kaͤmpfen, alle Kraͤfte wird er anſtrengen muͤſſen. Aber mit leichter Muͤhe kann man das zarte Reis in jede beliebige Form biegen; und bey dem juͤn⸗ gern Menſchen beginnt ihr, denen das Wohl der Menſchheit theuer iſt, ihr alle, die ihr wachet an dem heiligen Herde des uͤberirdiſchen Feuers der Wahrheit, bey ihm beginnt das große Got⸗ teswerk der geiſtigen und ſittlichen Veredelung! Bey dem juͤngern Menſchen, bey welchem noch keine Vorurtheile einwurzelten, keine Neigungen zu Leidenſchaften empor wuchſen, bey dem juͤn⸗ gern Menſchen, deſſen weicheres Herz noch eben ſo leicht eine edle als eine unedle Form anneh⸗ men kann— bey ihm werdet ihr nicht fruchtlos arbeiten. ht Erziehung macht den Menſchen, bildet ſinn⸗ liche Geſchoͤpfe in geiſtige Weſen, Verwandte des Thiers in Engel, und wandelt dadurch die Erde in Himmel, den Wohnſitz der Sterblichen in Gefilde der Seligen um. 164 Paͤchter Martin. Unter die unverkennbaren Vorzuͤge unſerer Zeit gehoͤret aber ganz vorzuͤglich der: daß man, mehr als in irgend einem der vorhergehenden Zeitalter, uͤber zweckmaͤßige Erziehung nachge⸗ dacht, eine Menge ſonſt gewoͤhnlicher Fehler geruͤgt, beſſere Grundſaͤtze aufgeſtellt, und in der Anwen: dung bereits einen ſehr guten Anfang ge⸗ macht hat. Ich will durch den Zuſatz: daß man in der Anwendung nur erſt einen guten Anfang gemacht habe, nicht das Verdienſt derer, welche den An⸗ fang machten, herabſetzen— wer weiß wohl nicht, daß bey guten Unternehmungen gerade der Anfang mit den groͤßten Schwierigkeiten verbun⸗ den ſey?— ſondern ich will damit nur einem oft wiederholten, aber, wie es ſcheint, nicht ſehr durchdachten Einwurfe begegnen, dieſem: die neuen Pflanzungen haben uns noch keine Fruͤchte geliefert! Was iſt denn nun, fragt man, durch eure vermeinte beſſere Erziehung bewirkt worden? Wo ſind die beſſern Menſchen, die ihr dadurch gebildet habt? Man koͤnnte auf dieſen Einwurf antworten: daß die Annaͤherung des Menſchen zu dem Ziele Dritter Theil. 165 ſittlicher Guͤte(welche in der Verbeſſerung des Herzens und der Geſinnung beſtehet,) ſich nicht 1 ſo, wie die Annaͤherung des Wanderers zu einem beſtimmten Orte, berechnen laſſe; und daß viele Menſchen durch zweckmaͤßige Erziehung gebeſſert ſeyn koͤnnen und zuverlaͤſſig gebeſſert worden ſind, ohne daß dieſe Beſſerung von dem gemeinen Beobachter, der mehr mit koͤrperlichem als mit geiſtigem Auge ſieht, deutlich bemerkt, und aus ihren wahren Quellen abgeleitet wird. Man ekoͤnnte ferner antworten: daß die Grundſaͤtze einer beſſern Erziehung, wenn ſie auch ſchon ein ganzes Menſchenalter hindurch erkannt und angewendet worden waͤren, dennoch ihre volle Wirkung deswegen noch nicht haͤtten aͤußern koͤnnen, da ſo viele ſelbſt noch nicht ge beſſerte Menſchen darauf einwirkten, da ſo oft boͤſe Beyſpiele niederreiſſen, was die guten Lehren aufbauten.. 1 Aber es ſcheint mir dieß eine voͤllig zurei⸗ chende Antwort zu ſeyn: wir haben wirklich mit der beſſern Erziehung erſt den Anfang gemacht! Zum ſichern Beweiſe dienet ſchon dieß: daß die Zahl derer noch immer gering iſt, welche ſitt⸗ 166 Paͤchter Martin. liche Guͤte oder Tugend als den hoͤchſten Zweck aller Erziehung anerkennen und darauf hinar⸗ beiten. Wie viele Aeltern moͤgen wohl ſeyn, welche mit voller Ueberzeugung ſagen koͤnnen:„Wir gaͤben zwar gern alles hin, um unſere Kinder gluͤcklich zu machen, aber ihre Tugend iſt uns doch noch mehr als ihr Gluͤck. Gern moͤchten wir ihnen den Weg durchs Leben mit Blumen beſtreuen: aber wir wuͤnſchen dennoch, daß ihr Pfad rauh und dornvoll ſey, ſo fern dieß ihre ſittliche Veredelung befoͤrdert. Moͤgen ſie in Ar⸗ muth und Niedrigkeit ſchmachten, wenn wir nur hoffen duͤrfen, daß ſie bis an ihren Tod Gott und der Tugend getreu bleiben!“ Wie viele koͤn⸗ nen dieß mit Ueberzeugung ſagen? Laſſen nicht die meiſten Aeltern es deutlich genug merken, daß ihnen Ehre und Reichthum ungleich wichtiger ſind, als Froͤmmigkeit und Tugend? Gilt nicht den Meiſten ein Bißchen Witz mehr als ein gutes Herz? Wird nicht oft ein Fehler, der aus Schwaͤche des Verſtandes ent⸗ ſprang, weit ſtrenger getadelt, als ein Vergehen, das von einer boͤſen Geſinnung zeugte? Wird * Dritter Theil. 167 nicht oft gelobet, was des ernſten Tadels werth iſt?——.. Wo aber bey einer guten Sache erſt der An⸗ fang gemacht iſt, da darf man hoffen, daß auch kleine Beytraͤge zu Verbeſſerungen, oder auch nur Winke uͤber Fehler, die noch vermieden werden muͤſſen, eine willige Aufnahme finden werden. Dieß hoffe auch ich bey meinen kleinen Bey⸗ traͤgen. * 168 Paͤchter Martin. VII. Wie man tadeln muͤſſe, wenn man durch Tadel ſeine Kinder beſſern will. Wir tadeln Andere, wenn wir ihnen Vorwuͤrfe machen, daß ſie nicht ſind, oder nicht thun, was ſie ſeyn und thun ſollten— daß ſie auf irgend eine Art gefehlt haben. Man kann tadeln, ohne ſich darum zu bekuͤm⸗ mern, welche Wirkung dieß auf die Getadelten machen werde; und dieß iſt leichtſinniger Tadel. Man kann tadeln, bloß um den Geta⸗ delten wehe zu thun; und dieß iſt boshafter Tadel. Man kann tadein um den Fehlenden zu belehren, zurecht zu weiſen, zu beſſern— dieß iſt pflicht⸗ und rechtmaͤßiger Tadel. Man kann mit der Abſicht, durch Tadel zu beſſern, zugleich uͤber die beſte Art nachdenken, dieſen Zweck auf das vollſtaͤndigſte und dennoch mit moͤglichſter Schonung des Getadelten zu er⸗ reichen, und ſo mit weiſer Guͤte handeln— dieß iſt edler Tadel. + Dritter Theil. 169 Hieraus laſſen ſich nicht bloß die allgemeinen Regeln zur Beurtheilung der Recht: und Pflicht⸗ maͤßigkeit unſers Tadels uͤberhaupt, ſondern auch die beſondern Regeln in Anwendung des Tadels bey der Erziehung unſerer Kinder ableiten. Das darf man nun wohl vorausſetzen, daß Aeltern, die nicht allen Anſpruch auf den Namen menſchlicher Aeltern aufgegeben haben, nie ihre Kinder tadeln, oder auf irgend eine andere Art beſtrafen werden, bloß um ihnen wehe zu thun, um ihnen Schmerz zu verurſachen; die Erfah⸗ rung aber lehret, daß viele Aeltern ſich der Ab⸗ ſicht, durch Tadel und Strafe zu beſſern, nicht immer deutlich bewußt ſind, in der Anwendung dieſe Abſicht haͤufig verfehlen, und dadurch mehr boͤſes als gutes ſtiften. Jedem guten Vater und jeder guten Mutter muß es daher wichtig ſeyn zu wiſſen: was man beym Tadel thun und ver⸗ meiden muͤſſe, wenn man die Abſicht, ſeine Kin⸗ der zu beſſern, nicht verfehlen will. Eine Kennt⸗ niß, die um ſo wichtiger iſt, da die beym Tadel zu beobachtenden Vorſchriften ſich leicht auf jede andere Art von Beſtrafung anwenden laſſen. 170 Pachter Martin. Indeſſen ſchraͤnke nuns abſichtlich jetzt bloß auf Tadel ein, theils, weil diefe Beſtrafung in der Menſchenerziehung die wuͤrdigere iſt; denn der Getadelte wird als Geiſt, der koͤrperlich Gezuͤchtigte als Thier beſtrafet; theils, weil man mit Zuverſicht hoffen darf, daß der, welcher im Tadel gerecht und weiſe handelt, dieß um ſo mehr auch bey haͤrtern Beſtrafungen thun werde. Die erſte Vorfthrift iſt die: Tadle nie ungerecht! Man wird in ſeinem Tadel oft ungerecht, wenn man nach bloßer Anzeige von Andern rich⸗ et, ohne genauer zu unterſuchen, ob dieſe An⸗ zeige durchaus gegruͤndet ſey; man wird unge⸗ recht, wenn man bey einer an ſich fehlerhaften That auf das, was ſie vexanlaßte und vielleicht ſehr entſchuldigte, keine Ruͤckſicht nimmt; man wird faſt immer ungerecht, wenn man in einem Anſall von boͤſer Laune, Unzufriedenheit und Mißmuth tadelt— und wehe den Kindern, wenn ſich, wie das gewoͤhnlich der Fall iſt, mit der boͤſen Laune ihrer Aeltern Hitze und Jaͤhzorn vereinigte. Der irrt gewiß, welcher glaubt, daß Kinder ohne Ausnahme eine ſolche Ungerechtig⸗ Dritter Theil..171 keit nicht bemerkten, oder doch leicht wieder ver⸗ gaͤßen. Es giebt viele Kinder, welche ein erdul⸗ detes Unrecht tief tief fuͤhlen, und bey welchen dieß Gefuͤhl Erbitterung erzeugt. „Aber,“ wendet man ein,„man muß in einem ſolchen Falle gleich einige Gruͤnde bey der Hand haben, um die Kinder zu uͤberfuͤhren, daß man doch recht gehabt habe, wenn's auch nicht wahr iſt.“ Schaͤndlich! Man will alſo ein Vergehen durch ein anderes gut machen. Man will ſeinen Kin⸗ dern Unrecht fuͤr Recht verkaufen— ja ſchaͤndlich! Und ſchwerlich wird das elende Mittel immer die gehoffte Wirkung hervorbringen. Faͤhigere Kinder werden die Luͤgen der Aeltern bald ent⸗ decken, werden dann auch gegen gerechten Tadel gleichguͤltig bleiben, und dem Beyſpiel der Aeltern folgen: ſich nicht bemuͤhen, gerecht und gut zu ſeyn, ſondern nur gerecht und gut zu ſchei⸗ nen— werden alſo Luͤgner und Heuchler wer⸗ den.. Unmittelbar an jene Vorſchrift: Tadle nie ungerecht! ſchließt ſich eine zweyte an, die zum Theil ſchon in jener enthalten iſt: Sey ſtren⸗ 1721 Paͤchter Martin. ger gegen Vergehungen, die von einer boͤſen Geſinnung, als gegen die, wel⸗ che von Verſtandesſchwaͤche zeugen; ſtrenger gegen Laſter, als gegen Irr⸗ thum und Thorheit! Eine Vorſchrift, der, leider! noch oft entgegen gehandelt wird. Wie viele Vaͤter und Muͤtter giebt es, denen es mehr darum zu thun iſt, kluge und artige, als gut geſinnte Kinder zu erziehen! Wie viele Aeltern giebt es, welche die Fehler ihrer Kinder bloß nach Schaden und Verluſt berechnen, ſich uͤber ein zerbrochenes Gefaͤß, uͤber einen Flecken im Kleide ereifern, aber den Flecken an der Seele, die Zerſtoͤrung der Herzens⸗ guͤte ihrer Kinder nicht bemerken! Wie viele Aeltern, welche einen Verſtoß gegen vermeinte Hoͤflichkeit bitter tadeln, und einem boshaften Einfalle ihrer Kinder Beyfall laͤcheln, weil er ihnen von Witz zu zeugen ſcheint— Aeltern, denen ein Bißchen Witz weit mehr als ein gutes Herz gilt! Daher denn die Menſchen, welche Honig auf der Lippe, aber Galle im Herzen haben, daher die Men—⸗ ſchen mit abgeglaͤtteter Außenſeite ohne innern Gehalt; daher die Menſchen voller Klugheit in Berechnung ihrer Vortheile, aber mit wenig — Dritter Theil. 173 Lebensweisheit— welche uns lehret des Lebens Freuden zufrieden, maͤßig und dankbar zu ge⸗ nießen, und des Lebens Leiden ſtandhaft zu ertra⸗ gen— und ohne Tugend, welche uns auffordert zu thun, was recht iſt, ohne zu fragen: was wird uns dafuͤr? Wollen wir tadeln, um zu beſſern, ſo muͤſſen wir uns drittens von den Fehlern, die wir an unſern Kindern tadeln, ſelbſt zu befreyen ſuchen. Mit welcher Stirn koͤnn⸗ ten wir z. B. unſern Kindern ſagen:„Wer oft ſchimpft, beweiſet dadurch, daß er noch unter die ganz ungebildeten, unter die roheſten Men⸗ ſchen gehoͤre. Fluchen verzeiht man im Neth⸗ fall dem Geiſtesarmen, der einer gedankenloſen Rede einen vermeinten Nachdruck geben, oder dem Feigen und Muthloſen, der ſich furchtbar machen will. Und wer oft ſchwoͤrt, giebt deutlich zu erkennen, daß er Treu und Glauben verwirkt habe, daß man ihm wenigſtens ohne wiederholte Betheurungen nicht glauben duͤrfe.“— Mit welcher Stirn koͤnnten wir ihnen dieß ſagen, wenn ſie hoͤrten, daß wir uns ſelbſt oft zum Schwoͤren, Fluchen und Schimpfen erniedrigten? 4 174 Paͤchter Martin. Wie koͤnnten wir ihnen Tugenden empfehlen, von denen ſie die entgegen geſetzten Laſter an uns be⸗ merkten? wie ſie zur Rechtſchaffenheit ermahnen, wenn ſie ſaͤhen, daß wir uns ſelbſt in Handel und Wandel unrechtmaͤßige Vortheile erlauben? Wuͤrden wir nicht auf die Art Recht und Pflicht bey ihnen zum Geſpoͤtte machen? Wur⸗ den wir nicht den Gedanken in ihnen erzeugen: Tugend ſey etwas, wovon ſich nur gut ſp rechen laſſe? Wuͤrden wir nicht moraliſche Schwaͤtzer bilden, welche der Tugend mit Worten huldigen, und durch ihr Leben ſie verlaͤugnen? Wuͤrden wir nicht phariſaͤiſche Menſchen bilden, welche der Weiſeſte ſo ausdrucksvoll uͤbertuͤnchte— ausge— ſchmuͤckte Graͤber nennt;— Laſterhafte mit dem Firniſſe der Tugend uͤberzogen? Kinder muͤſſen uns die heiligſten Zeugen un⸗ ſrer Handlungen ſeyn. Nie duͤrfen wir uns in ihrer Gegenwart eine That erlauben, deren wir uns vor den Augen anderer rechtſchaffener Men⸗ ſchen ſchaͤmen wuͤrden; daher es denn kommt, daß gute Menſchen als Aelrern durch ihre Kinder ſelbſt noch beſſere Menſchen werden. Sie lernen nicht nur durch Lehren, ſondern legen auch leichter Dritter Theil. 175. boͤſe Gewohnheiten ab, wenn ſie dieſe an ihren Kindern tadelnswuͤrdig finden. Aber auch die Aeltern werden ihren wohlge— meinten Zweck beym Tadel ihrer Kinder immer verfehlen, welche zu oft, zu viel, und zur Unzeit tadeln.„Woher es nur kommen mag, hoͤrte ich zuweilen Aeltern klagen, daß alle unſre guten Lehren bey unſern Kindern nichts fruchten wollen Wir laſſen es doch gewiß an unſerm Theile nicht ermangeln, laſſen ihnen ge⸗ wiß keinen Fehler hingehen, hoͤren nicht auf, ſie zu ermahnen und zu warnen, und doch will nichts anſchlagen. Woher das nur kommen mag?“ Liebe Aeltern, vielleicht eben daher, weil ihr, wie ihr ſelbſt ſagt, gar nicht aufhoͤrt zu ermahnen, zu warnen, und alſo zu viel, zu oft, und dann natuͤrlich wohl nicht immer zu rechter Zeit tadelt. Die Erfahrung wird euch lehren, daß Uebertrei⸗ bung nie etwas tauge, und daß nichts ſo gut ſey, was nicht durch Mißbrauch, wo nicht an eigenthuͤmlichem Werthe, doch an Kraft und Wirkſamkeit fuͤr uns verlieret. Das beſte Gebet wird von dem, der es taͤglich betet, endlich gedan⸗ ken⸗ und gefuͤhllos hingeſprochen. Wundert euch 175 Paͤchter Marrin. nicht, wenn dieß auch der Fall mit eurem, zwar gut gemeinten, aber unzeitigen und zu oft wieder⸗ holten Tadel iſt, wenn eure Ermahnungen end⸗ lich als leere Toͤne vor den Ohren eurer Kinder voruͤber rauſchen, und eure Lehren auf der Ober⸗ flaͤche ihres Herzens abgleiten. Und in Wahr⸗ heit, ich wuͤßte nicht, ob ich es euch wuͤnſchen ſollte, daß dieß Voruͤberrauſchen und Abgleiten nicht ſeyn moͤchte; wenigſtens wuͤnſchte ich es gewiß nicht bey aͤngſtlichen Kindern; denn bey dieſen wuͤrdet ihr ſonſt den ohnehin kleinen Vor⸗ rath von edlem Muthe gaͤnzlich vertilgen. Man hat aber unſaͤglich viel verloren, wenn man Muth und Vertrauen zu ſich ſelbſt verloren hat. Man ſieht ſich dann uͤberall mit unuͤberwindlichen Schwierigkeiten und Hinderniſſen umgeben, ſieht in jedem Huͤgel einen unuͤberſteiglichen Berg— und die Dinge in der Welt ſind ja fuͤr uns, was ſie uns zu ſeyn ſcheinen. Der bringt auch die leichteſten Geſchaͤfte nicht zu Stande, wer nun einmal glaubt, daß ſie unausfuͤhrbar ſchwer ſeyen. Man fehlt aus aͤngſtlicher Furcht, nicht fehlen zu wollen, und verliert endlich die Hoff⸗ nung ſich beſſern zu koͤnnen. Ein Wort mit Ernſt Dyitter Theil. 177 Ernſt und Wuͤrde und zu rechter Zeit geſprochen, wirkt immer mehr, als eine lange Rede zur Un⸗ zeit gehalten. Vergeßt auch nie, gute Aeltern, denen es um ſittliche Veredelung eurer Kinder ein Ernſt iſt, bey jedem Tadel und bey allen Beſtra⸗ fungen es euren Kindern recht ſicht⸗ bar werden zu laſſen: daß ihr ungern tadelt, ungern beſtraft; daß es euch, wie dieß ja wirklich der Fall bey allen guten Aeltern iſt, ſelbſt Schmerz mache, wenn ihr euren Kin⸗ dern Schmerzen verurſachen muͤßt! „Man muß zwar ſeine Kinder lieben, aber man darf es ihnen nicht merken laſſen, daß man ſie liebe!“ Das iſt eins von den Spruͤchelchen, die von Tauſenden ausgeſprochen, und von vielen als RNegeln angenommen werden, ob ſie gleich wenig oder gar keine, oder doch nur eine ſehr ſchief ausgedruͤckte Wahrheit enthalten. Man wollte vielleicht damit ſagen:„Aeltern, laſſet ja eure Kinder die Schwaͤche nicht merken, daß ihr nicht faͤhig ſeyd, ihren dringenden Bit⸗ ten, waͤren ſie auch noch ſo thoͤricht, zu wider⸗ 3. Theil. 12 878 Paͤchter Martin. ſtehen!“ Aber das iſt doch immer nur ein aͤrm⸗ licher Nath. Wer wirklich ſo ſchwach iſt, dem wird es auch ſchwer ſeyn, ſeine Schwaͤche zu ver⸗ bergen. Warum nicht lieber gerathen, was man mit Recht fordern kann: Seyd nicht ſo ſchwach! Erringet die Kraft, euren Pflichten auch dann getreu zu handeln, wenn es euren Neigungen ent⸗ gegen iſt!. Aber vernuͤnftige Liebe braucht ihr euren Kindern nicht zu verbergen, und duͤrft ſie ihnen nicht verbergen, wenn ihr wollt, daß eure Kin⸗ der euch wieder lieben, und aus Liebe euch willi⸗ ger folgen ſollen; ihr duͤrft ihnen dieſe Liebe auch beym Tadel und bey euren Beſtrafungen nicht verbergen, wenn ihr wollt, daß die Strafe nicht erbittern, ſondern beſſern ſoll. Ich beweiſe meinen Kindern durch den Aus⸗ druck, mit welchem ich tadele, wie herzlich ich es wuͤnſche, daß ſie nichts Tadelnswuͤrdiges gethan haben moͤchten; meine Kinder wiſſen es, daß ich nur ſtrafe, weil ich ſtrafen muß, um dem eeicht⸗ ſinne, der ſonſt die Lehre vergeſſen wuͤrde, dieſe Lehre fuͤhlbarer zu machen und tiefer einzupraͤgen; und daß ich mich gewiſſermaßen ſelbſt beſtrafe, Dritter Theil, 179 wenn ich ſie beſtrafe. Nie aber habe ich auch die Erfahrung gemacht: daß ein Kind durch meine Strafe waͤre erbittert worden, oder mir auch nur eine unwillige Miene gezeigt haͤtte; wohl aber die Erfahrung; daß des Vaters Schmerz den Kindern empfindlicher war, als ſelbſt die koͤrper⸗ liche Zuͤchtigung, die ſie erdulden mußten. 3 Endlich iſt es noch eine wichtige Regel: daß man auch mit dem Tadel oͤkonomiſch ver⸗ fahre; nicht lange Reden halte, wo noch wenige Worte fruchten; nicht den Ausdruck ohne Noth verſtaͤrke; nicht beſchaͤme, wo die volle Wirkung auch ohne Beſchaͤmung erreicht werden kann; nicht— doch hiervon ein Mehreres in dem Capi⸗ tel: Ueber Oekonomie in der Erziehungskunſt. 180 Paͤchter Martin. 1 VIII. Wie man loben muͤſſe, wenn Lob unſern Kindern heilſam ſeyn ſoll. Der noch ganz rohe Menſch kannte keinen Be⸗ wegunasgrund zu handeln, als Beduͤrfniſſe und ſinnliche Antriebe, die ſich auf Befriedigung der⸗ ſelben, auf Genuß und Entfernung des Schmer⸗ zes beziehen. Geben, verſprechen, drohen oder beſtrafen mußte man ihn, um ihn in Thaͤtigkeit zu ſetzen. Mit der erſten Geiſtesbildung wurde nun aber der Ehrtrieb geweckt, und erzeugte eine Ge⸗ ſinnungs⸗ und Handlungsweiſe, bey welcher der Menſch ſich ſeiner hohen Vorzuͤge deutlicher be⸗ wußt wurde. Unter dem Antriebe der Ehre wur⸗ den Menſchen faͤhia, ſich manche Bequemlichkeit und manchen Lebensgenuß zu verſagen, die muͤh⸗ volleſten Arbeiten zu uͤbernehmen, mit Gefahren zu kaͤmpfen, und durch manches ſchwere Opfer ſich Verdienſt um die menſchliche Geſellſchaft zu erwerben. Dritrer Theil. 181 Kein Wunder, daß man in dieſem Triebe etwas Großes, Erhabenes, das Edle von dem Unedlen unter den Menſchen Scheidendes zu ent⸗ decken glaubte, ihn darum recht fruͤh durch die Erziehung in den Menſchen zu erwecken ſuchte, und dazu Lob und Tadel als die kraͤftiaſten Huͤlfs⸗ mittel anſah; und kein Wunder, daß Aeltern, beſonders in Austheilung des Lobes, um ſo frey⸗ gebiger wurden, da ihre Liebe ſie oft zu einem einſeitigen Urtheile verleitete, daß ſie die kleinſten Vorzuͤge ihrer Kinder vergroͤßerten, zuweilen auch wohl fuͤr Vorzuͤge hielten, was kein unbefange⸗ ner Richter dafuͤr erkennen konnte, und da der ſcheinbar gute Erfolg(daß ſie im Stande waren, bloß durch Worte Kinder von unſchicklichen Hand⸗ lungen abzuhalten, und ſie dahin zu bringen, daß ſie williger thaten, was man von ihnen gethan haben wollte)— da dieſer ſcheinbar gute Erfolg fuͤr die Guͤte des Mittels zu ſprechen ſchien. Der wirkliche Erfolg war aber nur allzu oft der: daß man den Ehrtrieb zum Ehrgeitze ent⸗ flammte, daß man eitle, ruhmſuͤchtige, hochmuͤ⸗ thige Menſchen zum groͤßten Nachtheil fuͤr ihre ſittliche Veredlung, zum Nachtheil fuͤr ihr eigenes 182 Paͤchter Martin. Gluͤck und fuͤr das Glück der menſchlichen Geſell⸗ ſchaft bildete. 3 Man bildete lob- und ehrfuͤchtige Menſchen zum groͤßten Nachtheil fuͤr ihre ſittliche Veredlung. Sitttliche Veredlung ſoll den Menſchen dahin bringen, daß er williger thue, was er fuͤr Recht und Pflicht, und alſo fuͤr Got⸗ tes Willen erkennt, ohne zu fragen: Was wird mir dafuͤr? Der Lobſuͤchtige wird nun zwar auch oft eine ſchwere Pflicht erfuͤllen, aber nicht, weil es Pflicht, weil es Wille Gottes, ſondern weil es ihm ſelbſt Mittel iſt, Lob und Ehre zu erwer⸗ ben. Nicht das Gute an ſich, ſondern das da⸗ durch zu erreichende Lob iſt der Bewegungsgrund ſeiner Handlungen. Faͤllt das Lob weg, was ſollte ihn antreiben, ein Mittel ferner anzu⸗ wenden, das fuͤr ihn fruchtlos iſt?— und wie nur gar zu leicht wird er auf unerlaubten und wahrhaft ehrloſen Wegen zu ſeinem Ziele gelau⸗ gen, Ehre zu erkaufen oder zu erſchmeicheln, oder auch wohl auf dem Umſturz der Ehre Anderer, die er verleumdete, empor zu ſteigen ſuchen. Es iſt ſehr ſchwer, ſagte der weiſe Gute, daß ein Reicher, der ſein Herz an die Guͤter dieſer —— Dritter Theil. 183G Erde haͤngt, in das Reich Gottes eingehe. Aber wahrlich, es iſt nicht minder ſchwer, daß ein ehr⸗ ſuͤchtiger Menſch von ganzem Herzen an dem Reiche Gottes, an dem Reiche der Wahrheit und Sittlichkeit, Theil nehme. Der Ehrſuͤchtige handelt nicht minder aus Eigennutz, als der Habſuͤchtige; freylich mit fei⸗ nerm, verſteckterm, aber auch darum ſchwer zu vertilgendem Eigennutze, weil die Beymiſchung von dem ſcheinbar Großen und Edlen ihn taͤuſcht, und weil ihn Selbſtliebe gar zu leicht verblendet, daß er waͤhnt zu ſeyn, wofuͤr er von denen, die ihn loben, gehalten wird. Man bildete lob⸗ und ehrſüchtige Menſchen zum Nachtheil fuͤr ihr eigenes Gluͤck. Sie ringen mit Tauſenden auf Einem Wege nach Einem Ziele; es kann nicht fehlen, ſie werden oft im Gedraͤnge leiden, und oft auf die empfind⸗ lichſte Art zuruͤck geſtoßen werden. Sie haſchen nach einem Gute, das zu den ungewiſſeſten Guͤtern der Erde gehoͤrt; ſie haͤngen von Mei⸗ nungen der Menſchen ab, die nicht immer guͤl⸗ tige, ſachkundige und unparteyiſche Richter uͤber 184 Paͤchter Martin. Verdienſte ſind, und die ihre Meinungen ſo leicht bey der geringſten Veranlaſſung umſtimmen. Hierzu kommt denn, daß der Ehrgeitz das mit jedem andern Geitze gemein hat, daß er nie zu ſaͤttigen iſt, und um ſo ungeſtuͤmer mehr for⸗ dert, je mehr er erhalten hat. Zahlreich iſt die Elaſſe der Unzufriedenen, welche es deswegen ſind, weil ihre ſtolzen Erwartungen nicht befrie⸗ diget werden, und wie viele ſtuͤrzte gekraͤnkte und gedemuͤthigte Ehrſucht in ein fruͤhes Grab! Man bildet lob⸗ und ehrſuͤchtige Menſchen zum Nachtheil fuͤr das Gluͤck der menſch⸗ lichen Geſellſchaft. Wer kann es beſchrei⸗ ben, das Elend, das von jeher durch Ruhmſucht uͤber die Erde verbreitet worden iſt? Wer mag die Opfer zaͤhlen, die von jeher dieſer unſeligen Leidenſchaft geblutet haben? Allerdings kann zwar die Ruhmſucht ſo viel Boͤſes im Großen nur dann ſtiften, wenn Men⸗ ſchen, die an Macht uͤber andere erhaben ſind, ſich zu Sklaven jener Leidenſchaft erniedrigen: aber ſie ſtiftet gewiß auch in den geringern Staͤn⸗ den viel Boͤſes, da ſie gewoͤhnlich mit Neid, Ver⸗ beumdung und Argliſt verbruͤdert geht, ſo manche Dritter Theil. 135 Ungerechtigkeit ſich erlaubt, ſo oft ſich ohne Beruf, ohne Kraft und guten Willen empor hebt, und dann von oben her durch Nichtsthun oder durch Boͤſesthun deſto mehr ſchadet.— Und wie ſollten wir es nun, wenn uns das Wohl unſerer Kinder theuer iſt, nicht fuͤr Pflicht halten, bey dem Gebrauch eines ſo zweydeutigen Mittels, als das Lob iſt, die groͤßte Vorſicht anzuwenden? In dieſer Abſicht ſcheinen folgende Regeln empfehlungswuͤrdig zu ſeyn: „Dein Lob ſey weniger Lobeserhebung, als ausgedruckter Beyfall der Liebe und der Zufrie⸗ denheit! Nimm bey dieſem gemaͤßigten Beyfalle darauf Ruͤckſicht, ob deine Kinder dergleichen Ermunterung mehr oder weniger beduͤrfen! Ver⸗ huͤte, ſo viel moͤglich, daß der dem einen Kinde ertheilte Beyfall nicht fuͤr die uͤbrigen nachthei⸗ lige Wirkungen hervor bringe! Berichtige all⸗ maͤhlich die Begriffe deiner Kinder uͤber das, was wahrhaft ehrwuͤrdig iſt, und leuke darauf deinen Beyfall!“ Dein Lob ſey alſo weniger Lobeserhebung als Beyfall der Liebe und der Zufriedenheit. Eigent 186 Paͤchter Martin. liches Lob iſt laute Anerkennung der Vorzuͤge eines Andern, ſeiner guten Eigenſchaften und Hand⸗ lungen; und ein ſolches eigentliches Lob iſt, denke ich, durchaus nicht auf Kinder anwendbar. Alles Gute, was ſie haben, iſt Anlage, die erſt ent⸗ wickelt werden ſoll. Sie ſind noch nicht, ſon⸗ dern ſollen erſt werden. Anlagen an ſich, waͤren ſie auch noch ſo gut, koͤnnen nur als Gegenſtand der Freude und des Dankes gegen die Vorſehung betrachtet werden, nie als Gegenſtand des Lobes fuͤr den, den die Natur beſchenkte. Wie koͤnnte ein vernuͤnftiger Menſch ſich zum Verdienſt an⸗ rechnen laſſen, was ihm ohne ſein Zuthun gewor⸗ den iſt? Und bey den guten Anlagen unſerer Kinder muß erſt die Zeit lehren, ob ſie als wahre geltende Vorzuͤge geſchaͤtzt, und der Beſitzer da⸗ von deswegen, weil er ſie auf eine wuͤrdige Art benutzte, geachtet werden koͤnne. Eilen wir mit unſerm Lobe dem bewaͤhrten Urtheile der Zeit vor: ſo ſetzen wir ſie nicht nur der Gefahr aus, fuͤr angeſchmeichelte Tugenden eine wirkliche, die der Beſcheidenheit, zu verlieren, ſondern geben ſie auch dem Ehrgeitze mit allen ſeinen traurigen Folgen preis, und verhindern vielleicht gar das, —y Dritter Theil. 1187 was wir befoͤrdern wollten, ihre fernere Vervoll⸗ kommung. Sie glauben nun der Anſtrengung weniger zu beduͤrfen, da ſie ja, nach unſerm Lobe, ſchon ſind, was ſie erſt werden ſollten. Geben uns unſere Kinder Beweiſe von Her⸗ zensguͤte, von Fleiß, Folgſamkeit und andern erſten Aeußerungen guter Anlagen: dann wird ſchon die Miene der Zufriedenheit, mit welcher wir dieſe erſten guten Aeußerungen bemerken, oder einige wenige Worte der Billigung ihnen wohl thun, ihnen Freude machen; und mehr be⸗ duͤrfen ſie gewiß nicht, ſo fern ſie nicht ſchon durch ſonſtiges lautes Lob verwoͤhnt und verwahr⸗ loſet worden ſind.— r Nimm bey deinem gemaͤßigten Beyfalle dar⸗ auf Ruͤckſicht, ob dein Kind dergleichen Ermah⸗ nung mehr oder weniger beduͤrfe! Es giebt Kin⸗ der, deren raſcher, feuriger Thaͤtigkeitstrieb durch ſich ſelbſt, ohne alle Ermunterung von Außen, ſich uͤbt und vervollkommet; wenn hingegen andere mit traͤgerm Geiſte uͤberall Ermunterung beduͤr⸗ fen. Es giebt Kinder, die mit kuͤhnem Selbſt⸗ vertrauen oft mehr unternehmen, als ihre Kraͤfte erlanben, wenn andere muthlos vor jeder Schwie⸗ 188 Paͤchter Martin. rigkeit zuruͤck zittern. Es giebt Kinder, welche die leiſeſte Bemerkung des Beyfalls ſchnell und tief auffaſſen, wenn andere fuͤr mehr ausgedruͤck⸗ tes Lob wenig Empfanglichkeit aͤußern. Die Kenntniß unſerer Kinder ſelbſt lehre uns alſo, wo einiger Zuſatz oder Verminderung unſers Bey⸗ falls wohlthaͤtig wirken moͤchte; lehre uns beſon⸗ ders da, wo ſich der Funke des Ehrtriebes fruͤh zeigt, dieſen Funken nicht durch unzeitiges Lob zu entflammen; und da, wo bey wenigern Anla⸗ gen, bey geringern Kraͤften und ſchwaͤcherm Muthe ſich dennoch guter Wille aͤußert, dieſem guten Willen die Gerechtigkeit, die ihm gebuͤhrt, die Ermunterung⸗ die ihn belebt, nicht zu ver⸗ ſagen.— Verhuͤte, ſo viel moͤglich, daß der dem Einen Kinde ertheilte Beyfall nicht fuͤr die uͤbrigen nach⸗ theilige Wirkungen hervor bringe! Man kann es wohl nicht laͤugnen, daß gegen dieſe Vorſchrift ſehr haͤufig gefehlt wird. Man hofft dadurch, daß man das Eine Kind mit vorzuͤglich guten Anunh den Uebrigen bey jeder Gelegenheit als Muſter aufſtellt, einen doppelten Zweck zu errei⸗ een: hofft, das gelobte Kind im Guten deſto Dritter Theil. 189 feſter zu machen, und die andern zur Nacheife⸗ rung zu erwecken— verfehlt aber oft beide Zwecke, oder erreicht ſie doch nur mit Aufopfe⸗ rung eines ungleich groͤßern Gutes. Welche Kraft muͤßte das als Muſter aufgeſtellte Kind haben, wenn es nicht fruͤh anfangen ſollte, ſich ſeiner Vorzuͤge zu uͤberheben, und mit Stolz auf andere herab zu blicken! Und wie darf man hof⸗ fen, daß die uͤbrigen Kinder den Bruder oder die Schweſter, durch welche ſie ſich ſo oft gede⸗ muͤthiget und zuruͤck geſetzt ſahen, herzlich lieben koͤnnten! Warnend ſollte uns auch in dieſer Ruͤckſicht die bekannte lehrreiche Geſchichte aus dem aͤlteſten Buche der Vorzeit von einem mit unweiſer Liebe ſeinen Bruͤdern vorgezogenen, dar⸗ um aber gehaßten und verfolgten Joſeph ſeyn. Jeder Vater, jede Mutter wuͤnſcht gewiß nichts angelegentlicher, als daß ihre Kinder ſich gegenſeitig bruͤderlich und ſchweſterlich lieben moͤchten; da dieſe Liebe nicht nur ihr Leben ver⸗ ſchoͤnern, ſondern auch das von Jugend auf an Liebe und Wohlwollen gewoͤhnte Herz der Kin⸗ der ſehr veredeln wird.— Aeltern, verſcherzt nicht ſelbſt dieſes Gluͤck und dieſen Herzensadel 190 Paͤchter Martin. eurer Kinder durch ungleich ausgetheilte Liebe und durch unweiſen Vorzug, den ihr dem einen oder andern Kinde ertheilt. Berichtiget endlich ſelbſt eure Begriffe uͤber wahre Ehre des Menſchen immer mehr, und ſuchet dann auch allmaͤhlich euren Kindern dieſe gelaͤuterten Begriffe beyzubringen. Leget nie dem Kleide, der Geburt, dem Titel, dem gefaͤl⸗ ligen Aeußern einen Werth bey, den dieſe Dinge, die nicht zu unſerm Selbſt gehoͤren, die bloße Geſchenke des wandelbaren Gluͤcks ſind, unmoͤg⸗ lich haben koͤnnen. Gewoͤhnt eure Kinder, den ſtillen Beyfall ihres innern Richters jedem lauten Lobe weit vorzuziehen, und das laute Lob der Menge immer mehr entbehren zu koͤnnen— und ihr werdet dadurch fuͤr ihr Gluͤck und far ihr⸗ ſittliche Patedeiuns dorh Dritter Theil. 191 IX. Ueber Oekonomie in der Erziehungskunſt. Ich habe einen Freund, der ein ſehr großer Ver⸗ ehrer des Weins iſt, dennoch aber— ob ihm gleich der Himmel Mittel genug gab, ſeine Verehrung thaͤtig zu beweiſen, und ob er gleich ſonſt mit dieſen Mitteln gar nicht kargt— den Wein mit vieler Maͤßigung und weiſer Oekonomie braucht. Sein gewoͤhnlicher Tiſchwein iſt ein guter reiner, aber leichter Wein. Alten Wein mit Feuerkraft trinkt er nur an Sonn⸗ und Feſttagen in Geſell⸗ ſchaft eines bewaͤhrten Freundes, und Cham⸗ pagner— den lieben Freudengeber, wie er ihn nennt— nur an Hauptfeſten. Aechten Tokayer, ſagte er mir, habe ich in meinem Leben nur Einmal getrunken, und dabey mir feſt vorgenom⸗ men, dieſen Goͤttertrank nur dann wieder zu trinken, wenn ich nach einer uͤberſtandenen Krank⸗ heit, oder nach ſchweren Leiden das Beduͤrfniß fuͤhlen ſollte, auch durch den Gebrauch aͤußerer 892 Paͤchter Martin. Mittel Kraft und Erheitrung zu ſuchen. Gott aber ſey Dank, daß ich es ſeit dieſer Zeit noch nicht noͤthig gefunden habe, ein Tokayer⸗Flaͤſch⸗ chen zu entſiegeln! Mein Freund gehoͤrt unter die heiterſten, zu⸗ friedenſten Menſchen, die ich kenne, und unter die, die das Gute mit Freuden thun. Moͤchten die Menſchen ihm im Genuſſe ihrer Freuden nach⸗ ahmen; dann wohnte auf Erden mehr Zufrieden⸗ heit und mehr freundliche Tugend. Und beob⸗ achtete man gleiche Maͤßigung und weiſe Oekono⸗ mie im Gebrauche der Beſſerungsmittel in der Erziehung, ſo wuͤrden dieſe Mittel nicht ſo oft den beabſichtigten Zweck verfehlen. Leider aber brauchen auch viele Erzieher bey ihren Zoͤglingen zu oft alten Feuerwein, Champagner und To⸗ kayer, daß ihnen dann ein leichter guter Tiſcht wein wie Waſſer ſchmeckt, daß die edleren Weine ſelbſt in immer ſtaͤrkern Portionen gegeben wer⸗ den muͤſſen, wenn ſie wirken ſollen, und daß ihnen fuͤr die ſeltenen Faͤlle, fuͤr welche mein Freund das Beſte ſparte, nichts mehr uͤbrig bleibt. Im Loben und Tadeln, im Ermahnen und Warnen, im Verſprechen und Drohen, im Beloht nen Dritter Theil. 193 nen und Beſtrafen— kurz in allem, was man als Beſſerungsmittel in der Erziehung anwendet, muß man oͤkonomiſch verfahren, nie mit unnuͤtzem Aufwande von Kraft thun, was man auf eine leichte Art eben ſo gut und vielleicht noch beſſer zu Stande bringen kann, und ſeſtene große Mit⸗ tel zu ſeltenen großen Zwecken aufſparen. Aber wie viele Aeltern und Erzieher verachten das Kleine und verſchwenden und verſchwelgen das Große! In einer kleinen Erziehungsanſtalt war es Sitte, daß jeder neue Zoͤgling bey ſeiner feier⸗ lichen Aufnahme die Formel nachſprechen mußte: Ich gelobe und ſchwoͤre: daß ich meine Pflichten treu erfuͤllen will, daß ich u. ſ. w. Ich weiß zweckmaͤßige religioͤſe Feierlichkeiten ſehr hoch zu wuͤrdigen, und wuͤnſchte ſehr, daß ſie uͤberall gehoͤrig gewuͤrdiget und zu rechter Zeit angewendet wuͤrden. Aber ſollte wohl jene Feier⸗ lichkeit zweckmaͤßig fuͤr Knaben von 8 bis 10 Jah⸗ ren ſeyn? Sollte es wohl erlaubt ſeyn, Knaben ſchwoͤren, oder doch feierliche dem Eide aͤhnliche Betheurungen ausſprechen zu laſſen? Sollte es nicht zweckmaͤßiger ſeyn, in Erziehungsanſtalten 3. Theil. 13 194 Paͤchter Martin. und Schulen fuͤr eine beſſere Zeit, in welcher Wort und Handſchlag die Stelle des Eides vern treten ſollen, hinzuarbeiten? In einer andern Erziehungsanſtalt wurde bey der Aufnahme ein Roſenſtock mit einigen Roſen⸗ knospen aufgeſtellt. Der Aufzunehmende mußte mit drey Fingern der rechten Hand eine Knospe beruͤhren, und die Worte ſprechen: Ich ſchwoͤre: daß ich mich eifrig be⸗ muͤhen will, mich wie dieſe Roſen⸗ knospe(— an welcher vielleicht ein verbor⸗ gener Wurm nagte—) zu entfalten ꝛc. Ein genialiſch ſeltener Gedanke! ſagte ein Zuſchauer bey einer ſolchen Aufnahme, wo auch ich zugegen war. Sehr feierlich! ſagten Andere. Sehr zweckwidrig, und mehr als zweckwidrigl dachte ich. Ein Mann, den ich wegen ſeiner ungeheu⸗ chelten Froͤmmigkeit ſchaͤtzte, und dem es gewiß als Vater um die ſittliche Veredlung ſeiner Kin⸗ der ein Ernſt war, hatte den Einfall, ſich noch bey voller Geſundheit ſeinen Sarg machen zu laſſen. Oritter Theil. 195 Eines Tages ſagte er mir ſehr betruͤßt: Ich bin ein ungluͤcklicher Vater!— Meine Kinder haben heute meine feierliche Ermahnung an mei⸗ nem Sarge mit ſichtbarem Leichtſinne angehoͤrt. „An Ihrem Sarge?“ Leider! an dem Sarge, den ich mir machen ließ, um mich, und noch mehr, um meine Kin⸗ der zum Guten zu ermuntern und zu ſtaͤrken. „War es heute zum erſten Male, daß Sie Ihre Kinder um Ihren Sarg herum verſammel⸗ ten? Und was gab Ihnen dazu Veranlaſſung?“ O ich habe das ſchon oft gethan. „Schon oft! dann freylich!—8— Wie viele andere Vaͤter und Muͤtter ſetzen zwar ihren Kindern nicht den Sarg vor, aber halten ihnen doch nur allzuoft Sargs⸗ und Grabesreden.— Eine Grabeerede, zu rechter Zeit und auf die rechte Art gehalten, kann viel wirken; aber zu rechter Zeit und auf die rechte Art muß ſie gehalten werden. „Ich habe gar ein gutes Kind!“ ſagte mir juͤngſt noch eine Mutter.„Zuweilen zwar wan⸗ delt meinem Lottchen ein kleiner Eigenſinn an. Dann ſage ich aber nur: Lottchen, ich ſterbe, 196 Paͤchter Martin. wenn du nicht gut biſt! Da kann ich leicha alles mit ihr machen, was ich will.“. Arme Mutter, wie lange wird dieß Mittel noch ſeine Wirkung thun, da du es zur Unzeit verbrauchſt? Wie wird es dich ſchmerzen, wenn es nicht mehr wirkt! Und wie ſehr wirſt du in Verlegenheit ſeyn, wenn es kuͤnftig noͤthig ſeyn ſollte, deinem Lottchen ein Wort ans Herz zu reden! Eine andere Mutter hielt ihrem zehnjaͤhrigen Knaben, der ein Paar Fenſterſcheiben eingewor⸗ fen hatte, eine nachdruͤckliche Rede, in welcher ſie ihm, nach ihrem eigenen Ausdrucke, Himmel und Hoͤlle vorſtellte, und ihn tief erſchuͤtterte. Sie erzaͤhlte mir dieß ſelbſt, wiederholte einen Theil der gehaltenen Rede, und ſetzte mit Triumph hinzu: Der wird mir gewiß kein Fen⸗ ſter wieder einwerfen!— „Aber,“ fragte ich ſie,„wenn nun Ihr Sohn einen Fehler beginge, der nicht ſo leicht, wie die ſer, mit jugendlichem Leichtſinne entſchuldigt wer⸗ den koͤnnte, was wollten Sie ihm dann ſagen?“ „Dann— dann wuͤrde ich es ihm ſchon noch nachdruͤcklicher ſagen—“ Dritter Thei. 297 „ Freylich noch nachdruͤcklicher muͤßte es ſeyn, damit er den Unterſchied zwiſchen einem kleinen Fehler und einem groͤßeren Vergehen bemerke.“ „Nun,“ fuhr ſie etwas beleidigt fort,„ich hoffe doch, daß ich es mit meiner muͤtterlichen Ermahnung beſſer gemacht habe, wie Frau Dra⸗ goman, die um deſſelben Fehlers willen ihren Karl ausgeſchimpft hat, mit gar haͤßlichen Schimpfwoͤrtern— 2 „ Ganz unlaͤugbar,“ antwortete ich,„denn ein Weib und eine Mutter, welche ſchimpft—“ „Oder gar wie Frau Huſſar, die neulich ihre Tochter, welche eine Kaffekanne zerbrochen hatte, mit voller Hitze ſo ins Geſicht ſchlug, daß dem armen Maͤdchen Maul und Naſe blutete—?2“ „Frau Huſſar—“ „Und, denken Sie nur, drey Tage darauf, in meiner Gegenwart, wurde ihre Minna uͤber⸗ fuͤhrt: daß ſie ſchaͤndlich gelogen und ein unſchul⸗ diges Dienſtmaͤdchen verleumdet habe. Und das ließ Frau Huſſar mit einem leichten Werweiſe hingehen!“ 3 „Liebe Frau Gevatterin,“ ſagte ich, ſie be⸗ ſaͤnftigend,„Sie handelten mit muͤtterlichem 198 Paͤchter Martin. Herzen. Aber ich meine nur, Ihre Ermahnung war ſo nachdruͤcklich, ſo herzangreifend, daß Sie ſchwerlich ſelbſt im Stande waͤren, bey kuͤnftigen Veranlaſſungen noch nachdruͤcklicher zu ſprechen.“ „Nun vielleicht habe ich auch das bey mei⸗ nem Wilhelm gar nicht noͤthig.“ „Vielleicht!“ Aber, liebe Aeltern, wir wollen es doch nicht auf ein Vielleicht ankommen laſſen, ſondern lieber zweckmaͤßig nach durchdachten Grundſaͤtzen handeln lernen. Deurter Theil. 199 X. Ueber Ungluͤckliche in der Einbildung. „ Ich weiß nicht,“ ſagte mir ein Freund, der in ſeinem Leben den ſeltenſten Wechſel von Gluͤck und Ungluͤck erfahren hatte,„ich weiß nicht, ob ich Gott mehr fuͤr die Freuden, die ich genoſſen, oder mehr fuͤr die Leiden danken ſoll, die ich erduldet habe. Das weiß ich, daß Leiden fuͤr mich ſehr wohlthaͤtig waren.“ Mein Leben war weder durch außerordentli⸗ ches Gluͤck noch Ungluͤck— was man gewoͤhnlich dahin zu rechnen pflegt— ausgezeichnet, aber ich habe bey vielen frohen auch manche traurige Stunden gehabt, und ich unterſchreibe den Aus⸗ ſpruch meines Freundes; und wahrſcheinlich un⸗ terſchreibt ihn jeder, der uͤber ſich und ſeine moraliſche Bildung nachzudenken gewohnt iſt. Laͤßt ſich aber bey wirklich großen Leiden eine Seite auffinden, von welcher ſie nicht als Un⸗ gluͤck erſcheinen, und giebt es Menſchen, die, wie 200 Paͤchter Martin. mein Freund, viele und große Leiden erduldeten, ohne zu murren, ja ohne ſich fuͤr ungluͤcklich zu halten; wie unweiſe und ungerecht handeln dann diejenigen, die in einem Leben, das jeder andere fuͤr gluͤcklich halten wuͤrde, dennoch, immor unzu⸗ frieden, die Welt fuͤr ein Jammerthal, und ſich gerade in dieſem Jammerthale fuͤr die ungluͤckſe⸗ ligſten Geſchöpfe halten— die Ungluͤcklichen in der Einbildung! „Ueberlaſſen wir ſie der Strafe ihrer eigenen Thorheit? 4 Nein; lieber laßt uns verſuchen, ob es uns nicht vielleicht gelinge, den einen oder den andern von ſeinem Irrthum, und von der Ungerechtig⸗ keit ſeiner Klagen zu uͤberzeugen und ihn zu beſ⸗ ſern!— Wohlthäͤtig und verdienſtvoll iſt es unlaͤugbar, die Leiden ſeiner wirklich ungluͤcklichen Mitbruͤder durch Rath und Troſt zu mildern; aber nicht minder wohlthaͤtig ſcheint mir es, den eingebilde⸗ ten Unglücklichen, wo moͤglich, von ſeinem Wahne zu befreyen, den Unzufriedenen zufriedener zu machen, und den graͤmlichen Menſchen⸗ und Freu⸗ Drirter Theil. a01 denhaſſer mit der Welt, mit ihm ſelbſt und ſei⸗ nem Schickſale auszuſoͤhnen. S Nicht bloß wirkliche, auch eingebildete Kranke beduͤrfen des Arztes. Die letztern eben deswe⸗ gen, um nicht vielleicht in kurzem zu werden, was ſie jetzt zu ſeyn waͤhnen. Und fuͤhlt nicht der Kranke in der Einbildung die Schmerzen der Krankheit, die er zu haben glaubt? Und gehoͤrt der nicht unter die bedauernswuͤrdigen Menſchen, der durch boͤſe Laune und Mißmuth, und durch die unſelige Geiſtesſtimmung, alles um ſich herum durch ſchwarzen Flor, und bey Menſchen und Dingen uͤberall nur die ſchlimme Seite zu ſehen— alle Freuden von ſich ſcheucht und ſich um den Genuß ſeines Lebens bringt? Ich beſuchte vor einiger Zeit in dem Staͤdt⸗ chen S... einen alten Bekannten, einen Kauf mann, der in ſeinen juͤngern Jahren in D... wohnte, wo es ihm mit ſeinem Handel nicht gluͤcken wollte. In S... erwarb er ſich ein anſehnliches Vermoͤgen, und nach allem, was ich ſonſt von ſeiner Lage gehoͤrt hatte, glaubte ich in ihm einen gluͤcklichen, zufriedenen Mann zu finden. Seine Miene, gleich nach dem erſten Empfang. 202 Paͤchter Martin. ſchien mir aber das Gegentheil von dem anzukuͤn⸗ digen, was ich erwartet hatte. Sie ſind doch geſund? fragte ich ihn. „Geſund, Gott ſey Dank!“(Er ſprach das Gott ſey Dank! mit einer Kaͤlte aus, die eben nicht von einem dankbaren Herzen zeugte.) „geſund bin ich.“ Und die Ihrigen? „O die befinden ſich wohl.“ Beſondere Ungluͤcksfaͤlle haben Sie doch zeit⸗ her auch nicht erfahren? „Das eben nicht.“ Nun ſo ſind Sie auch hoffentlich,: was Sie der Welt zu ſeyn ſcheinen. Man zaͤhlt Sie unter die Gluͤcklichen, und mit Ihrem Kopf und Herzen werden Sie Ihr Gluͤck zur Gluͤckſelig⸗ keit erheben, werden— „Mich unter die Gluͤcklichen?— Die Menſchen urtheilen nach dem Scheine, und der Schein truͤgt. Es gehoͤrt nicht viel dazu, um mitten unter armen Leuten— wie das bey mir der Fall iſt— fuͤr einen reichen Mann zu gelten. Waͤre ich aber auch noch einmal ſo reich: macht Geld allein gluͤckſelig?“ Dritter Theil. 20 92 Geld thuts freylich nicht; aber— „Freund, ich bin im Grunde ein Sclav mit ſcheinbarer Freyheit und ohne beſtimmten Herrn— ich bin ein laſttragendes Thier. Da habe ich mir, außer meinen Kaufmannsgeſchaͤften, eine neue Laſt auf den Hals geladen durch eine weit⸗ laͤufige Oeconomie; habe mir einige Hufen Lan⸗ des gekauft, auf welche ich Knechte und Maͤgde halten muß; und was es da fuͤr Arbeit giebt, das koͤnnen Sie ſich nicht vorſtellen. Habe ich den Vormittag auf meiner Arbeitsſtube geſeſſen, ſo muß ich Nachmittags auf dem Felde herum reiten. Denn iſt man nicht allenthalben ſelbſt dabey, ſo geſchieht nichts, oder doch nichts in der Ordnung—“ Um davon zu leben, brauchen Sie ja die Feldwirthſchaft nicht zu treiben— „Das wohl nicht; aber einmal habe ich das Land gekauft, ſo will ichs doch auch benutzen.“ Und werden fuͤr Ihre Geſundheit keinen klei⸗ nen Gewinn davon haben. Die Bewegung im Freyen, nach vollbrachter Arbeit im Zimmer, muß Ihnen heilſam ſeyn. Und manches Angenehme 204 Paͤchter Martin. iſt doch gewiß mit dieſer Art Arbeit auch ver⸗ bunden. „Ja das Angenehme!— Aerger und Ver⸗ druß mit Knechten und Maͤgden, das iſt das Angenehme. Moͤchte doch aber alles drum ſeyn, wenn man fuͤr ſaure Arbeit wieder Erholung, nach einem muͤhevollen Tage wieder einen frohen Abend zu erwarten haͤtte; wenn man einen oder einige gute Freunde haͤtte, mit denen man ſich freuen und zuweilen einen Feſttag feiern koͤnnte. Aber wo ſollte ich hier Erholung, wo ſollte ich hier einen Freund ſuchen? So rohe, ungeſchlif. fene und einfaͤltige Leute, wie hier, muß es weit und breit nicht geben.“ Doch ſtehen ihre Nachbarn und Mitburger in ſehr gutem Rufe von Seiten ihrer Ehrlichkeit und Gutmuͤthigkeit. „Ehrlich, das ſind ſie groͤßten Theils. Man iſt aber wahrhaftig ſehr wenig, wenn man nichts als ehrlich iſt.“ Wie man das nimmt. Man hat mit aller Klugheit ohne Ehrlichkeit als Menſch gar keinen Werth! Wer einmal in die Haͤnde eines feinen Betruͤgers ſiel, der verzeiht gewiß dann dem ehr⸗ Dritter Theil. 205 lichen Manne gerne den Mangel an aͤußerer Cultur. „Giebts zwiſchen rohem Klotz und feinem Schurken keine Mittelelaſſe? Laſſen ſich Geiſtes⸗ bildung und feinere Sitten nicht mit Rechtſchaf⸗ fenheit und moraliſcher Guͤte verbinden?“ Unſtreitig! Und wo ſie verbunden ſind, da hat der Diamant die Politur und ſchoͤne Einfaſſung erhalten, die er verdient, und wodurch er allge⸗ mein— dem Nichtkenner wie dem Kenner— gefaͤllt: allein auch ohne Politur und Einfaſſung vertauſcht der Kenner, der ſich auf ſeinen innern Werth verſteht, ihn gewiß nicht mit einem ge⸗ meinen Steine, waͤre dieſer auch noch ſo ſchoͤn geſchliffen und eingefaßt; und der Nichtkenner, der ihn dafuͤr eintauſchte, iſt betrogen, und wird es gewiß bereuen, daß er durch aͤußern Glanz ſich blenden ließ.— Sie ſagten ganz recht, es giebt Mittelclaſſen, die, wie gute gangbare Muͤnze, auch ihren Werth haben, und die man zum Gluͤck uͤberall findet. Es iſt nicht leicht ein Doͤrfchen ſo arm an Menſchen, wo man nicht hier und da Rechtſchaffenheit mit geſundem, auch wohl gebils detem Menſchenverſtande(verſteht ſich ohne hoͤſin 206 Paͤchter Martin. ſche Bildung, die Sie auch eben nicht wuͤnſchen werden) vereint faͤnde. 3 „Hier ſuchten Sie das vergebens. Ich wenig⸗ ſtens habe es nicht gefunden.“ So waͤren Sie freylich zu bedauern— wenn Sie nicht in Ihrem Hauſe Erſatz faͤnden. Im traulichen haͤuslichen Kreiſe ſeiner Lieben vermißt man Geſellſchaften außer dem Hauſe weniger. Mit Ihrem Weibe und Kindern— „Sie kennen ja mein Weib. Ein gutes, treues, braves, wirthſchaftliches Weib; nur zur Unterhaltung— dazu iſt ſie freylich nicht.“ Ein gutes, treues, braves, wirthſchaftliches Weib! Nun das heiß ich doch einmal gelobt, wie ichs gerne hoͤre.— Guter, ungluͤcklicher B... koͤnnteſt du das von deinem Weibe ſagen!— Sie kennen ja den Praͤſident B... „Ganz genau. Ich war in D.. ſo gluͤck⸗ lich, oft in ſeiner Geſellſchaft zu ſeyn. Ja das iſt ein herrlicher Mann! Wer ſo einen Mann zu ſeinem Nachbar haͤtte!“ Jetzt wuͤrden Sie ihn kaum noch kennen. Ich habe ihn auf meiner kleinen Reiſe beſucht. Seit zehn Jahren ſah ich ihn nicht; und in den zehn Oritter Theil. 207 Jahren, Gott! wie hat ſich der Mann geaͤn⸗ dert! „Iſt er krank?“ Der Gram nagt an ſeinem Herzen. Der Gram, den ihm ſein Weib verurſacht, ein Weib, das in allen Geſellſchaften die erſte Rolle ſpielt, die wie ein Engel ſpricht, aber wie das gemeinſte Weib handelt, die ſich um ihr Haus nicht bekuͤm⸗ mert, die gute Haͤlfte des Vermoͤgens ihres Man⸗ nes durch Spiel und Putzſucht durchgebracht, und ihren guten Ruf aͤußerſt verdaͤchtig gemacht hat. Er klagt jetzt auf Eheſcheidung. Ein trauriges Mittel fuͤr einen Mann, der Vater iſt! Auch fuͤhlt er das ſelbſt ſehr lebhaft; und doch, ſagte er, habe ich kein anderes Mittel, wenn ich mich, wenn ich meine Ehre, und ſelbſt meine Kinder retten will, welche ſie auf die unverzeihlichſte Art vernachlaͤſſigt. „Armer B.. Wie bedaure ich ſein un⸗ gluͤckliches Loos!“ Ja wohl ein ungluͤckliches Loos! Handelt ein falſcher Freund treulos an uns, das greift frey⸗ lich auch das Herz an; aber wir koͤnnen doch ſeinen Umgang vermeiden, und finden in der 208 Paͤchter Martin. Umarmung eines treuern Freundes Troſt und Beruhigung. Was ſoll aber der Mann thun, der mit dem Feinde ſeiner Ruhe in einem Hauſe wohnen, ihn taͤglich um ſich ſehen und taͤglich neue Kraͤnkungen von ihm erdulden muß? Wo ſoll der Mann, dem ſein eigenes Weib die Freu⸗ den des Lebens vergaͤllt, den Biſſen, den er ißt, vergiftet— wo ſoll der Beruhigung und Troſt ſuchen?—— Wohl dem, dem Gott ein gutes, treues Weib gab!— Wer ertruͤge nicht gerne kleinere Maͤngel, wenn er Guͤter von ſo unſchaͤtz⸗ barem Werthe beſitzt?—— Er gab mir vollen Beyfall, aber— ohne die Anwendung auf ſich ſelbſt zu machen. Er hatte drey Toͤchter, gute, liebenswürdige Kinder; aber er war unzufrieden, weil er einen Sohn wuͤnſchte. Ich fand, und— natuͤrlich, da es hier am rechten Orte war— ſagte ihm, daß er ein ſchoͤnes Haus habe; aber ſein ſchoͤnes Haus hatte keinen Reitz fuͤr ihn, weil ungluͤcklicher Weiſe gegen uͤber ein Wirthshaus ſtand, wo immer ge⸗ laͤrmt wurde, wo Fnhrleute einkehrten, ihm ihre Wagen vor der Thuͤre ſiehen ließen, und mit den Wagen und ihrem Koth die Straße verun⸗ rei⸗ Dritter Theil. 209 reinigten. Ich lobte ſeinen ſchoͤnen Garten, aber da war der Boden nicht fruchtbar genug, und unter dem rauhen Himmel wollte kein— Wein gedeihen. 1 Der Kaufmann aus S.. gehoͤrt unter die große Zahl der Ungluͤcklichen in der Einbildung, zu den verſtimmten Menſchen, die nur an Din⸗ gen, die ſie nicht haben, die ſchoͤne, gute Seite auffinden, ſonſt uͤberall nur die ſchlimme Seite der Menſchen und Dinge ſehen, und dadurch ſich und Andere, die mit ihnen in naͤherer Verbin⸗ dung ſtehen, das Leben verbittern. Und woher dieſe traurige Gemuͤthsſtimmung? Sie entſteht aus ſehr verſchiedenen Urſachen, die aber doch zum Theil in einander greifen, und wo es dann oft ſchwer ſeyn moͤchte, beſtimmt anzu⸗ geben, welche unter mehreren an der vollen Wir⸗ kung den groͤßten Antheil habe. Die erſten Ein⸗ druͤcke, in der Kindheit empfangen, geben den Durchſchlag in das ganze uͤbrige Gewebe unſers Lebens, und die Geiſtesſtimmung zunaͤchſt unſrer Muͤtter, und dann aller derer, die in dem Alter, wo unſere Seele noch ein unbeſchriebenes Blatt iſt, am meiſten ſich mit uns beſchaftigen, geben 3. Theil. 14 210 Paͤchter Martin. gewoͤhnlich den Grundton zu unſerer eigenen Stimmung an. Wenn manche Aeltern mit un⸗ maͤßiger Strenge jeden kleinen Fehler ihrer Kin⸗ der ruͤgen, immer tadeln, immer Vorwuͤrfe machen, iſts dann Wunder, wenn die armen gemißhandel⸗ ten Geſchoͤpfe allen Muth verlieren? Wenn An⸗ dere mit unweiſer Liebe ſich zu Sclaven ihrer Kinder machen, jeden Wunſch, jede Laune des kleinen Deſpoten befriedigen: ſo laͤßt ſich's dann wohl ſchwerlich erwarten, daß dieſe verzaͤrtelten Menſchen im maͤnnlichen Alter mit einer Welt, die ſich nicht mehr nach ihren Launen drehen will, zufrieden ſeyn werden. Wenn Andere eilen, was ſie koͤnnen, um ihre Kinder zu Drahtpuppen der Mode zu machen; wenn ihnen Kinderſpiele ver⸗ boten werden, weil ſie dabey ihre ſchoͤnen Kleider beſchmutzen koͤnnten; wenn das Buͤbchen von ſechs und das Maͤdchen von fuͤnf Jahren ſich wie huͤbſche, manierliche, artige Herren und Damen betragen ſollen; oder wenn ihnen durch Lecke⸗ reyen, durch geiſtige Getraͤnke*) und ſtark *) Der eben ſo vortreffliche Menſch als Dichter Gleim ſoll einſt auf die Frage: Wie fangen Sie es Dritter Theil. 211 gewuͤrzte Speiſen fruͤh Blut und Magen verdor⸗ ben wird— koͤnnen aus ſolchen Kindern frohe und gluͤckliche Menſchen werden? Wenn Kinder durch unnatuͤrliche Anſtrengung zu Maͤnnern ge⸗ macht werden; iſts dann nicht natuͤrlicher Lauf der Dinge, daß ſie im maͤnnlichen Alter muͤrri⸗ ſche Greiſe werden? Uebrigens faͤllt es mir nicht ein, die mannigfaltigen Fehler der Erziehung, welche dieſe Stimmung vollenden, der Reihe nach aufzuzaͤhlen, weil ich nicht Luſt habe, ein Buch daruͤber zu ſchreiben. Mir iſt es genug, Vaͤter, Muͤtter und Erzieher, denen das Wohl ihrer Kinder und Zoͤglinge am Herzen liegt, auf dieſen 1. an, daß Sie, trotz Ihrem Alter, immer ſo heiter bleiben, wie Sie es als Juͤngling waren? geant⸗ wortet haben: Ich fing erſt im Alter an Wein zu trinken, und auch da aͤußerſt maͤßig. Gleim, der Weiſe, wollte nun damit wohl nicht ſagen— daß er dieſem Umſtande allein ſeine Heiterkeit verdanke, aber er fand ihn doch wichtig genug, ihn vor andern auszuheben.— Zuweilen einige Tropfen Wein ſollen, wie Aerzte behaupten, auch zarten Kindern dienlich ſeyn. Aber wohl zu merken: zuweilen und einige Tropfen. 212 Paͤchter Martin. noch immer ſehr vernachlaͤſſigten Punet der Er⸗ ziehung von neuem— denn mehrere haben es ſchon vor mir gethan— aufmerkſam gemacht zu haben.— Ein großer Theil der Ungluͤcklichen in der Ein⸗ bildung iſt es aus Selbſtſucht, welcher gewöhn⸗ lich Neid und Mißgunſt zur Seite gehen. Der Selbſtſuͤchtige ſieht nur ſich als Zweck, alle andere Menſchen als Mittel an, hat bey dieſer Voraus⸗ ſetzung natuͤrlich vor allen andern gegruͤndete An⸗ ſpruͤche auf alles, was zum Lebensgenuß gehoͤrt, und was er dazu rechnet, muß aber eben ſo natuͤrlich unter Menſchen, die ſich nicht zu Mit⸗ teln hergeben wollen, und am meiſten bey denen, die ihm gleich denken, uͤberall anſtoßen und frey⸗ lich immer Stoff zur Klage finden— die aber nur dann gerecht waͤre, wenn er uͤber ſeine eigene Thorheit und Ungerechtigkeit klagte. Schwer mag es freylich ſeyn, den, welchen es trifft, da⸗ von zu uͤberzeugen— wer wollte in einem ſo haͤßlichen Bilde ſein liebes Ich erkennen?— aber es iſt darum nicht minder Wahrheit. Was hat der Selbſtſuͤchtige Gutes, das er nicht zu haben verdiente, und wie viel Gutes giebt es nicht in Dritter Theil. 213 der Welt, das er nicht hat, das Andere haben, die es, ganz beſcheiden geſagt, nicht mehr ver⸗ dienen als er? Warum ward es nun gerade jenen zu Theil? Und was er hat, verliert durch alltaͤg⸗ lichen Beſitz an Reitz, da hingegen das, was er nicht hat und zu haben wuͤnſcht, immer an neuen Reitzen gewinnt. Wie kann er gluͤcklich ſeyn? Leopoldchen hatte mehr, ſchoͤneres, koſtbare⸗ res Spielzeug, als hundert andere Kinder, und duͤnkte ſich reich in ſeinem Beſitze. Ungluͤcklicher Weiſe ſah er bey einem andern Knaben eine Trommel.„Ach die ſchoͤne Trommel!“ ſprach Leopoldchen,„das nenne ich mir doch ein Spiel⸗ zeug, das einem Freude machen kann! Papachen, eine Trommel muß ich haben.“ Lieber alles andere, antwortete der Vater, nur das nicht; du betaͤubſt mich ſonſt mit deinem Trommeln. Und was haͤtteſt du auch an einer Trommel? Sieh doch, wie viel ſchoͤner dein Spielzeug iſt; und ich will dir noch mehr kaufen, nur fordre keine Trommel. Aber Leopoldchen ließ veraͤchtlich alle ſein Spielzeug liegen, und konnte ſich nicht eher wieder freuen, bis er eine Trommel erhielt. Wie gluͤcklich war nun der kleine Trom⸗ 214 Paͤchter Martin. melſchlaͤger! Drey Tage trommelte er vom Mor⸗ gen bis an den Abend. Allein am vierten Tage warf er die Trommel hin und wollte— eine Querpfeife. Wie viel erwachſene Leopoldchen giebt es nicht in der Welt?— ob es ſich gleich Niemand zur Ehre rechnen wird, im maͤnnlichen Alter noch mit dem verzaͤrtelten Kinde in einer Claſſe zu ſtehen. Dieſe Selbſtſucht aͤußert ſich nicht bloß in der Begehrlichkeit alles zu haben, ſondern auch in dem Ehrgeitz, alles zu ſe yn, und in der Reformierſucht, alles umaͤndern, und— wie ſich von ſelbſt verſteht— beſſer machen zu wollen. So ſchoͤn und edel nun dieſes Beſtre⸗ ben, beyzutragen nach ſeinen Kraͤften, damit es in der Welt immer beſſer werde, an ſich iſt, ſo wenig Werth hat es doch, wenn nur Ehrgeitz, nicht durch Weisheit geleitete Liebe zum Guten, die Triebfeder iſt; wenn das Beſſermachen nur Mittel zur Erziehung eines 1 eigennuͤtzigen Zweckes iſt, ein Mittel, um wel⸗ ches man ſich nichr bekümmern wuͤrde, wenn man eicen Zweck ſichrer und ſeichter auf eine andre Dritter Theil. 215 Art zu erreichen wuͤßte. Wer aber das Beſſer⸗ machen nicht bey ſich ſelbſt anfaͤngt, wer die Gelegenheit, im Stillen Gutes zu thun, unge⸗ nutzt vorbey laͤßt, wer ſich traͤge finden laͤßt, wenn er etwas Gutes nur mit befoͤrdern, nicht dabey die erſte Rolle ſpielen ſoll, wer ſich nicht aber das Gute, das Andere ohne ihn zu Stande brachten, herzlich freuen kann, ſobald er es ſelbſt fuͤr wirklich gut erkennt: der taͤuſcht ſich, wenn er ſich mit Menſchen; und Tugendliebe ſchmei⸗ chelt, der liebt nur ſich, iſt nicht Verehrer der Tugend, ſondern Sclave ſeines Ehrgeitzes, und hat ſehr unrecht, die Menſchen anzuklagen, daß ſie nicht ſeinem Eigennutze froͤhnen, nicht ſeine eigennuͤtzigen Plane befoͤrdern wollen. 1 Dieſe reformierſuͤchtigen Menſchen, die Alles anders haben wollen, als es iſt, in der Hoff⸗ nung, daß es dann fuͤr ſie ſelbſt heſſer werde, theilen ſich aber wieder in zwey Claſſen, in ſolche, die ſelbſt Hand⸗ anlegen, um, wo moͤglich, die ge: wuͤnſchte Umaͤnderung der Dinge zu Stande zu bringen, und in ſolche, die das Alte tadeln, und Neuerungen, oder, wie ſie ſich ausdruͤcken, Verbeſſerungen waͤnſchen, aber es beym * 216 Paͤchter Mart in. Tadeln und Wuͤnſchen bewandt ſeyn laſſen. Ich befuͤrchte, daß dieſe letzte Claſſe bey weitem die zahlreichſte iſt; und da leuchtet es doch ein, wie wenig Urſache dieſe haben, uͤber die Menſchen zu klagen, daß ſie nicht beſſer ſind— als ſie ſelbſt. 2* Man braucht eben nicht ſcharfſichtig zu ſeyn, um einzuſehen, daß vieles in der Welt beſſer ſeyn koͤnnte und ſollte, als es dermalen noch iſt: allein durch bloßes Tadeln und Wuͤnſchen wird es doch nicht beſſer, eben ſo wenig, als durch das Treiben und Draͤngen eigennuͤtziger, ſelbſtſuͤchtiger Menſchen. Denn ſind nicht eben Irrthum, Traͤgheit und Selbſtſucht der Menſchen die reichhaltigſten Quellen, aus welchen moraliſches Verderben und Elend uͤber die Erde. ſtroͤmt? Iſt dir es wirklich ein Ernſt mit Tu⸗ gend und Menſchenwohl, ſo fange vor allen Din⸗ gen bey dir ſelbſt an, wirke treu und redlich in deinem Stande und Berufe, und hilf dann dei⸗ nem Nachbar: ſo wirſt du im allmaͤhlich erwei⸗ terten Kreiſe Segen um dich herum verbreiten; und je mehr Menſchen dir gleich denken und han⸗ deln, deſto beſſer wird es mit der Welt werden. Dritter Theil. 217 „Wenn nun aber mein Nachbar meine Huͤlfe ausſchlaͤgt?“ So zuͤrne deswegen nicht mit ihm; er verkennt vielleicht dich und deine gute Abſicht; ſuche ihn zu uͤberzeugen, daß du es gut mit ihm meineſt; gelingt dir das, ſo wird er dir dann um ſo herzlicher danken. Gelaͤnge dir's aber auch nicht; nun das iſt freylich unangenehm. Indeſſen wird doch hoffentlich der Gedanke: Der Mann handelt ſeinem eignen Wohl entgegen! deinen Unwillen, das ſehr verzeih⸗ liche bittre Gefuͤhl des erſten Augenblicks, leicht in ſanfteres Mitleid umwandeln, und das Trau⸗ rige, das noch jenes Mitleid begleiten moͤchte, verliert ſich in dem ſchoͤnen, wohlthuenden Be⸗ wußtſeyn: Ich verdiente wenigſtens, daß mir mein gutes Werk gelungen waͤre! Ihr lieben, guten Menſchen, ihr Edelſten unter den Ungluͤcklichen, die durch den Gebrauch zweckmaͤßiger Mittel glückſeliger ſeyn koͤnnten! euch ſey dieß geſagt, die ihr wirklich mit einem Herzen voll reiner Tugend⸗ und Menſchenliebe in die Welt tratet, mit dieſem Herzen die Men⸗ ſchen umarmtet, jede Kraft zum Dienſt der Menſchheit aufbotet— und verkannt, zuruͤck 218 Paͤchter Martin. geſtoßen von dieſen Menſchen, denen ihr euch aufopfertet, mit verwundetem Herzen euch in die Einſamkeit zuruͤck zieht und euch mit Menſchenhaß taͤuſchet. Euch taͤuſchet— denn wie koͤnntet ihr die Menſchen haſſen, mit dem Herzen, mit welchem ihr ſo viel fuͤr die Menſchen gethan und gelitten habt, und noch leidet?— Kann auch eine Mutter ihr Kind haſſen?— Richtet euch auf, edlere Men⸗ ſchen, die ihr verkannt und mit Undank belohnt wurdet, richtet euch auf mit dem Zeugniſſe eures Herzens! Wohl euch! und wenn eine Welt euch verurtheilt, wohl euch, wenn ihr gerechtfertiget ſeyd vor dem Gerichte des Gottes, der in euch iſt, der Gluͤck ſcheidet von der Tugend, und Lohn von Wuͤrdigkeit! Ihr aber, deren Guͤte nicht bewaͤhrt gefun⸗ den wurde vor dem innern Richter, die ihr euch der Guͤte eurer Geſinnungen, der Reinigkeit eurer Abſichten nicht bewußt ſeyd, huͤtet euch, daß ihr nicht Schein fuͤr Wahrheit nehmt, und, zwie⸗ fach getaͤuſcht, euch durch den Schein der Tu⸗ gend nicht nur von der Tugend ſelbſt entfernt, ſondern auch zugleich um die Gluͤckſeligkeit eures Lebens bringt.* Dritter Theil. 219 Dieß iſt der Fall der religioͤſen und morali⸗ ſchen Schwaͤrmer, die um des Himmels willen die Erde herab ſetzen, jede, auch die ſchuldloſeſte, Freude des Lebens verdammen, immer klagen, nichts als Jammer und Elend in der Welt fin: den, und dieſe Klage und Unzufriedenheit, die ihnen endlich zur traurigen Gewohnheit wird, fuͤr Froͤmmigkeit und Tugend halten. „— Wir muͤſſen durch Leiden und Truͤbſal in das Himmelreich eingehen!—“ Wahr und troſtvoll fuͤr den Leidenden! Er leidet alſo nicht zwecklos. In Ruͤckſicht auf den großen Zweck ſeiner moraliſchen Veredelung ſind ihm Leiden oft wahre Wohlthat, und ſo lange er dieſen Zweck nicht aus dem Auge verliert, wird kein Leiden ihn ganz niederdruͤcken. Allein iſt Leiden Zweck an ſich? und grenzt es nicht an Wahnſinn, von dem, was uns zum Troſt und zur Beruhigung gegeben iſt, eine ſo verkehrte Anwendung zu machen, ſelbſt Nahrung fuͤr ſeinen Gram, Stoff zur Schwermuth und zur Klage aufzuſuchen? Der weiſe Vater verſagt dem Sohne, den er lieb hat, manchen Wunſch, gewoͤhnt ihn fruͤh 220 Paͤchter Martin. an Ertragung mancher Muͤhe und Unannehmlich⸗ keit des Lebens. Wie ſehr wuͤrde aber der Sohn die Abſicht des Vaters verkennen, wenn er glaubte, dein Vater ſieht es gern, wenn du lei deſt; und wenn er, um dem Vater deſto lieber zu werden, der Freude jeden Zugang zu ſeinem Herzen verſchließen, es nur dem Grame und der Schwermuth oͤffnen wollte! „O du kennſt nicht das Suͤße der Schwer⸗ muth!“ ruft mir ein Schwaͤrmer einer andern Art entgegen. Ich kenne es, ehrlich geſtanden, aus eigener Erfahrung. Auch ich floh einmal in meinem Juͤnglingsalter Geſellſchaft, Freude und Scherz, wandelte gern einſam im dunklen Hain und unter Graͤbern, und Wonnegenuß ward mir die Thraͤne der Schwermuth. Vielleicht iſt dieſe Art der Schwaͤrmerey die verzeihlichſte, vielleicht kann ſie gar auf die Bildung unſers Geiſtes und Herzens einen vortheilhaften Einfluß haben, wenn ſie nur bis auf einen gewiſſen Punct ge⸗ trieben wird: aber Schwaͤrmerey, die immer mit Thorheit verſchwiſtert iſt, bleibt ſie doch, und wird uͤber jenen Punct hinaus fuͤr Dritter Theil. 221 unſere Gluͤckſeligkeit, und ſelbſt fuͤr unſere Mora⸗ litaͤt ſehr gefaͤhrlich. Daß du im Herbſt, wenn das Laub von den Baͤumen ſinkt, etwas mehr denkſt und fuͤhlſt, als: daß der Winter nun her⸗ an nahe; das iſt nicht uͤbel: aber daß du nun mit Verachtung herab blickſt auf die uͤbrigen kal⸗ ten Menſchengeſchoͤpfe, welche ruhig uͤber das gefallene Laub hingehen, das taugt nicht; und ſchwemmſt du mit deinen Thraͤnen die Kraft der Seele hinweg, faͤngſt du an zu empfindeln, wan⸗ delt ſich deine fanftere Schwermuth in finſtern Gram und Mißmuth: ſo wirſt du mit allem dei⸗ nen ertraͤumten Seelenadel ein, in jedem Be⸗ tracht, armſeliger Menſch werden. O daß es doch ſo ſchwer iſt die Linie zu treffen, die zwiſchen zu viel und zu wenig, zwiſchen Wahrheit und Irrthum mitten inne liegt, oder, wie es unſer Wieland beſtimmter ausdruͤckt: die einzige Art recht zu thun zwiſchen unzaͤhligen zu fehlen. Unſere meiſten Irrthuͤmer ruhen auf halber Wahrheit; wir fliehen einen Fehler, und verfallen in den entgegen geſetzten; wir ken⸗ nen den Irrweg rechter Hand, und, um ihn deſto ſicherer zu vermeiden, ſchweiſen wir eben Paͤchter Martin. ſo weit linker Hand vom rechten Wege ab; ver⸗ fallen z. B. aus herzloſer Starkgeiſterey in das entgegen geſetzte Extrem, in vernunftloſe Schüuäe merey.— So kenne ich Menſchen, die, um nur nicht fuͤr leichtſinnig gehalten zu werden, die ſchoͤne Gottesgabe, leichten, frohen Sinn, die ihnen im reichen Maße zu Theil geworden war, in graͤmlichen Ernſt umſetzten. Freylich wollten ſie nicht graͤmlichen Ernſt, ſondern nur den, der ſich mit Wuͤrde paart, aber die erkuͤnſtelte Wuͤrde zieht gewoͤhnlich Falten in die Stirn, die immer tiefer und tiefer ſich in die Seele eindruͤk⸗ ken. So betruͤgen ſich die Menſchen ſelbſt um die Gluͤckſeligkeit ihres Lebens. „Aber wenn nun nicht Selbſtſucht, nicht Ehrgeitz, nicht Wahn; wenn wirkliche Leiden, wenn z. B. der Verluſt deſſen, was uns das Liebſte war, oder wenn anhaltende Krankheit uns auf immer fuͤr jede Freude verſtimmte 2** Nun als Leidende, als wirklich Ungluͤckliche gehoͤrt ihr ja nicht in die Claſſe, wovon hier die Rede iſt, nicht unter die nngtneslichen in der Einbildung. „Dritter Theil. 223 Fern ſey es von mir, euch ungerechte Vor⸗ wuͤrfe daruͤber zu machen, daß ihr weint, wenn der Schmerz euch Thraͤnen auspreßt. Weinen will ich lieber mit euch, fliehen aus dem Kreiſe der Frohen und Gluͤcklichen, und mit euch wei⸗ nen; und wenn die Thraͤne des mitfuͤhlenden Freundes euch wohl thut, dieſe Thraͤnen ſegnen. Aber noch mehr wuͤrde ich mich dann gluͤcklich preiſen, wenn ich im Stande waͤre, euch nicht bloß auf Augenblicke Milderung eures Schmer⸗ zes, ſondern durch guten, wenigſtens gut gemein⸗ ten freundſchaftlichen Rath einem und dem andern unter euch dauerhafte Beruhigung zu verſchaffen. und, Freunde, gewiß waͤre doch bey einigen unter euch nicht bloß Milderung des Schmerzes auf Augenblicke, durch ſanfte freundliche Theil⸗ nehmung, ſondern auch Beruhigung moͤglich, wenn ihr euer Auge nicht einzig und allein auf die truͤbe Seite eures Schickſals heften, und wenn ihr eure ganze Kraft dem Druck der Leiden entgegen ſetzen wolltet. Es giebt verſchiedene Grade der Leiden, verſchieden an und fuͤr ſich, und verſchieden in Ruͤckſicht auf den Leidenden ſelbſt. Ein Ungluͤck, das mich niederdruͤcken 124 Paͤchter Martin. koͤnnte, iſt vielleicht fuͤr einen andern, der ent⸗ weder mehr innere Kraft oder weniger Gefuͤhl hat, ein leicht zu ertragendes Uebel; und ich kann in dem Ganzen meines Lebens viel Unan⸗ genehmes erfahren haben, ohne dennoch berech⸗ tigt zu ſeyn, mein Leben fuͤr ungluͤcklich zu hal⸗ ten, wenn das Angenehme dennoch weit uͤberwie⸗ gend iſt, und vielleicht aus manchem geringen Verluſt ein groͤßerer Gewinn entſprang, manches ſcheinbare Ungluͤck die Grundlage zu meinem wah⸗ ren Gluͤcke war. So pflegen freylich die Men⸗ ſchen nicht immer zu rechnen, aber ſo follten ſie doch rechnen, wenn ſie mit ihrer Klage nicht ungerecht werden wollen. Der Weg durchs Er⸗ denteben kann und ſoll ſich nicht immer durch Blumengefilde ſchlaͤngeln;aber wo iſt der Menſch, der ſagen koͤnnte, daß er auf ſeinem Wege nichts als Dornen gefunden habe? Daß ihr aber nur die Dornen, durch die ihr euch winden mußtet, nicht auch die Blumen, die euch entgegen bluͤhten, bemerktet, das war nicht Schuld des Weges; und daß ihr ganze Tagereis ſen, wo ihr heitern Himmel, ſchoͤne Gegend und guten Weg hattet, vergeßt, und gleich mißmuͤthig wer⸗ Dritter Theil. 225 werdet, wenn einmal der Himmel ſich auf Stun⸗ den truͤbet, die Gegend etwas rauher, der Weg weniger gebahnt wird— das iſt nur dem Kran⸗ ken zu verzeihen. V b „Aber eben Krankheit!— Und wie man⸗ 1 her wird für geſund gehalten, der es nicht iſt!“ Wie mancher haͤlt ſich aber auch fuͤr krank oder doch fuͤr kraͤnker, als er iſt, und entſchuldigt ſeine boͤſe Laune und ſeinen Mißmuth mit einer Krankheit, von der er ſich befreyen koͤnnte, wenn er nur ernſtlich wollte! „Wenn er wollte?“ Wenn er ernſtlich wollte; was freylich den Gebrauch zweckmaͤßiger Mittel in ſich ſchließt. b Der als Gelehrter ſchaͤtzbare, als Menſch hochachtungswuͤrdige Bode beſuchte mich noch in dem letzten Jahre vor ſeinem Tode, auf einer Reiſe, die er, nach ſeinem eignen Ausdruck, unternommen hatte, um, wo nicht einer Krankheit, doch wenigſtens der haͤßli⸗ 1 chen Hypochondrie zu entgehen. Denn, ſetzte er hinzu, graͤmlich Wund hypochon driſch mag ich ſchlechterdings in mei⸗ 6 nem Alter nicht wieder werden. Ich 3. Theil. 15 V Paͤchter Martin. werde es aber auch nicht wieder, denn ich beſitze noch das Mittel dagegen! „Und dieß Mittel iſt?—“ Ich will es nicht werden.—— Sie ſcheinen mir einiges Mißtrauen in mein angegebenes Mittel zu ſetzen? „Bey nicht gar zu truͤbem Himmel mag es hinreichend ſeyn.”“ Auch beym truͤbſten Himmel!— Ein Stuͤckchen aus meiner Lebensge⸗ ſchichte unter der Bedingung, daß wir dann kein Wort weiter davon ſpre⸗ chen: Ich war drey Mal verheirathet, hatte ſechs Kinder, und habe weder Weib noch Kind mehr.———— Da⸗ mals, am Sterbebette meiner Lieben, uͤberſiel mich die hartnaͤckigſte Hypo⸗ chondrie, und nichts haff, als endlich der feſte Entſchluß, den ich ſtuͤndlich erneuerte: Du willſt nicht mehr hypo⸗ chondriſch ſeyn! Der Menſch vermag viel, wenn er ernſtlich will, und wer im Gegentheil den Muth verliert, Dritter Theil. 227 der hat Alles verloren. Sey es denn, daß nur wenige ſich zu der Geiſteskraft eines Bode erhe⸗ ben koͤnnen; aber anwenden ſollte doch jeder ſeine Kraft; nicht muthlos, nicht ohne Kampf erliegen. Und jede Kraft wird ja durch Uebung erhoͤht, und durch jeden errungenen Sieg erhal⸗ ten wir neuen Muth. Und iſt der Sieg nicht des Kampfes werth? Nicht bloßes Lebensgluͤck; was mehr als Lebens⸗ gluͤck iſt— Menſchenwuͤrde und Tugend ſelbſt, iſt der Preis des Sieges. Nicht allein dir ſelbſt, auch allen, die mit dir in naͤherer Verbindung ſtehen, verbitterſt du durch Unzufriedenheit, boͤſe Laune und Mißmuth das Leben. Armer Mann an der Seite einer hyſteriſchen, launenhaften Gattin! Armes Weib an der Seite eines hypochondriſchen, muͤrriſchen Gatten! Und armes Land, deſſen Fuͤrſten boͤſe Laune und Mißmuth plagen! „Mein wahres Mitleid jedem Sidenſohne⸗ Er trage eine Koͤnigskrone, Er ſchleich' an einem Hirtenſtab, Den ein erzuͤrnter Gott zur Straſe, Paͤchter Martin. Hier ſeines Volks, dort ſeiner Schafe, Der Laune Daͤmon uͤbergab.“*) Ja wohl Mitleid dem Peiniger ſeiner ſelbſt! „Aber auch den Peinigern Anderer? Auch den Ungerechten, die Liebe und Wohlwollen ihrer Freunde mit Haͤrte und Bitterkeit vergelten? Den Tyrannen in ihren Haͤuſern?—“ Auch ihnen Mitleid; ſie wiſſen nicht, was ſie thun. Du aber, der du die Menſchen liebſt, und jedes Unrecht verabſcheueſt, dennoch aber aus Erfah⸗ rung weißt, zu welcher Ungerechtigkeit Gram, Mißmuth und oͤſe Laune verleiten koͤnnen, und noch Kraft haſt, ihnen entgegen zu kaͤmpfen, nicht durch ſchwere Leiden nieder gedruͤckt, nicht durch tief eingewurzelte Krankheit entnervt biſt— kaͤmpfe ihnen entgegen, ſuche frohe Menſchen auf, gewoͤhne dich, die gute Seite der Men⸗ ſchen und der Dinge zu erkennen, maͤßige deine Wuͤnſche, lerne entbehren und weiſe genießen! Wie koͤnnteſt du die Menſchen lieben und das Unrecht haſſen, und dich dennoch der Gefahr *) Thu mmels Reiſen in die, mittäglichen Provinzen von Frankreich. „Dritter Theil. 229 ausſetzen, durch boͤſe Laune und Mißmuth zu einem menſchenfeindlichen Betragen fortgeriſſen zu werden! Die finſtern Freudenfeinde ſind, wo nicht Feinde, doch gewiß auch nicht leicht thaͤtige Freunde der M enſchen. Wie ſollten ſie andern Freude ſchaffen, wenn ſie ſelbſt fuͤr die Freude keinen Sinn haben? Erwartet wenigſtens keine gute That von ihnen, wozu anhaltende Thaͤtig⸗ keit und ausdauernde Kraft erfordert wird! An guten Wuͤnſchen und Vorſaͤtzen ſind einige von ihnen reich, aber arm an Thaͤtigkeit und Hand⸗ lung, und bey manchem erſtirbt allmaͤhlich auch der gute Wille. Lerne Weisheit und uͤbe ſie aus um der Tugend ſelbſt willen! Tugend erfordert Kampf; wo ſoll aber der die Kraft zum Kampfe hernehmen, dem Gram und Unzufriedenheit am Herzen nagen? Wolle kein Gluͤck ohne Tugend, aber oͤffne dein Herz der ſchuldloſen Freude, die dich mit Kraft ausruͤſtet, deine Pflichten auch dann zu erfuͤllen, wenn ſie Kampf und Opfer fordern! Paͤchter Martin. XI. Das reiche Mahl der Freude in allen Jahreszeiten. Man ſollte glauben, jeder Menſch, der faͤhig iſt, geſund mit offnem Sinn und mit denkendem Geiſte die Wunder der Weisheit und Guͤte Got⸗ tes in der Natur zu betrachten, muͤßte ſich von Ehrfurcht, Liebe und Vertrauen gegen den Schoͤpfer durchdrungen, und ſich geſtaͤrkt fuͤhlen, zufriedener auf einer Erde zu wandeln, auf wel⸗ cher ſelbſt fuͤr den minder Begluͤckten doch ſo manche Quelle des Troſtes, der Ruhe, der Freude fließet; ſich geſtaͤrkt fuͤhlen, auch den truͤbern Tag muthvoll, glaubend und hoffend, zu ertra⸗ gen, des hohen Vorzugs, der ihm als Menſchen zu Theil wurde, immer wuͤrdiger zu leben, und vorzuͤglich immer freudiger die Gebote eines Got⸗ tes zu vollbringen, der als liebevoller und ſeg⸗ nender Vater gebietet— und der ſeinen Men⸗ ſchen in jeder Jahreszeit ein reiches Mahl der Freude bereitet. Dritter Theil. 231 Schon der Wechſel der Jahreszeiten an ſich, wie wohlthaͤtig iſt er! Einen ewigen Fruͤhling moͤchte der Menſch ſo wenig, als ein anhaltendes ununterbrochnes Gluͤck, ertragen. Inniger ge⸗ nießt er das Gluͤck, das er eine Zeit lang entbeh⸗ ren mußte, und fuͤhlt es nach dem Winter zwie⸗ fach, welch ein reiches Mahl der Freude ihm in jedem Fruͤhlinge bereitet wird. Wenn nun wieder des Himmels Blaͤue und der Erde Gruͤn ſo Auge als Herz erquickt; wenn nun wieder ein milderer Sonnenſtrahl das vorher erſtarrte Erd⸗ reich erwaͤrmt, und Pflanzen, Blumen, Fruͤchte und Gewaͤchſe aller Art empor keimen; wenn der Baum, der vorher ſo reitzlos und traurend da⸗ ſtand, als haͤtte des Todes Hand ihm Laub und Leben abgeſtreift, nun mit neuem Leben beſeelt, mit neuen Reitzen ausgeſchmuͤckt, die bluͤhenden Zweige ausbreitet; wenn Fluͤſſe wieder rauſchen, Baͤche wieder rieſeln, Bluͤthen wieder duften, und Millionen verſchiedener Geſchoͤpfe theils zum Leben entſtehen, theils zu erneutem Leben wieder erwachen, theils aus entfernten Gegenden auf die verjuͤngte Flur zuruͤck kehren, und in mannig⸗ faltigen Toͤnen ihr Daſeyn und Wohloefuͤhl ver⸗ 232 Paͤchter Martin. kuͤndigen: wo waͤre dann ein menſchliches Auge, das nicht mit Wohlgefallen die Schoͤnheit der Natur betrachtete! wo ein menſchliches Ohr, das nicht den Aufruf zur Freude vernaͤhme! wo ein menſchliches Herz, das dann nicht hoͤher ſchluͤge! Selbſt diejenigen, deren beſſere Anlagen der Menſchheit weniger ausgebildet wurden, koͤnnen dann doch den wohlthuenden Einfluͤſſen des Alles belebenden, Alles erfreuenden Fruͤhlings nicht ganz widerſtehen. Auch der Kranke vergißt auf Stunden ſeine Schmerzen; der Ungluͤckliche den Kummer, der ihm am Herzen nagte. Zunaͤchſt fuͤr den Menſchen iſt das freudige Mahl bereitet. Wie eingeſchraͤnkt iſt das Ge⸗ fuͤhlsvermoͤgen der niedern Mitbewohner der Erde! Wie viel hingegen kann der Menſch um⸗ faſſen, wie viele Freuden genießen! Ihm, ihm zunaͤchſt duftet die Blume, bluͤhet der Baum, rauſchet die Quelle, ſinget der Voͤgel⸗Chor. Er nur hat Sinn fuͤr hoͤhere Schoͤnheit, Wohllaut, Ordnung und Uebereinſtimmung im Mannigfal⸗ tigen. Er nur kann dunkle Gefuͤhle, die ihm durch die Sinne zuſtroͤmen, zu lichtvollen Gedan⸗ ken veredlen; er nur kann von dem Sichtbaren Dritter Theil. 233 zu dem Unſichtbaren ſich erheben, in dem Leben und Weben der Natur eine Stimme aus einer andern Welt vernehmen, und, von dem Hauche des Allliebenden umweht und durchdrungen, mit denkendem Geiſte und fuͤhlendem Herzen zugleich ausrufen: Wie wunderſchoͤn iſt Gottes Erde Und werth darauf ein Menſch zu ſeyn! Drum will ich, bis ich Engel werde, Mich dieſer ſchoͤnen Erde freun! Mit Abwechſelung, aber mit wohlthuender ſegensvoller Abwechſelung dauert dieſes Mahl der Freude im Sommer fort. Zwar ſenget dann der Sonne Gluth manche Blume ab, aber treibt auch manche Blume und Freude empor. Zwar fuͤhlt dann der Menſch bey den Arbeiten ſeines Berufs druͤckend die ſchwuͤle Hitze mancher Stunden, aber deſto labender und erquickender wird ihm dann auch Schatten und Kuͤhlung. Zwar giebt es Menſchen, die dann nicht ohne bange Furcht dem herannahenden Gewitter ent⸗ gegen ſehen koͤnnen; aber es giebt auch Men⸗ ſchen— und ihre Zahl wird ſich mit den Fort⸗ 234 Paͤchter Martin. ſchritten in richtiger Religions: und Naturkennt⸗ niß vermehren— Menſchen, die faͤhig ſind, jene bange Furcht zu verdraͤngen, faͤhig, bey den lau⸗ teſten Stuͤrmen der Natur ſich ihrer ſittlichen Wuͤrde und ihrer Erhabenheit uͤber das Irdiſche und Vergaͤngliche deutlicher bewußt zu werden, und dann noch, wenn naͤchtliche Wolken den Himmel umgeben, ſtrahlende Blitze herabfahren, rollender Donner vom Gebirge wiederhallt und den Erdkreis erſchuͤttert— dann noch mit Ruhe dem guͤtigen Schoͤpfer und Erhalter des Welt⸗ alls zu danken, der auch im Gewitter ſegnet, Geſundheit und Fruchtbarkeit herabgießet, daß die ſinkende Pflanze ſich wieder erhebe, und Alles, was da lebt, ſich vom neuen erquickt und geſtaͤrkt fuͤhle. Der Sommer iſt es, welcher uns den vol⸗ leſten Genuß der erſten und letzten Stunden des Tages gewaͤhret; wenn am Morgenhimmel die Sonne prachtvoll empor ſteigt, und Licht und Waͤrme und Leben und Freuden uͤber die Welt verbreitet, oder, nach vollbrachtem Lauf fuͤr den Theil der Erde, den wir bewohnen, am Abend⸗ himmel hinab ſinkt, um in einem andern Welt⸗ Orieter Theil. 235 theile wieder als Morgenſonne begruͤßt zu wer⸗ den. Im Sommer vollbringt die Natur, unter der Leitung und Regierung des Allweiſen und Allguͤtigen, ihr Werk zur Ernaͤhrung und Be⸗ gluͤckung zahlloſer Geſchoͤpfe; da reift die Bluͤ⸗ the zur Frucht, die Saat zur Ernte, zur Frende deſſen, der auf Hoffnung den Samen ausſtreute, und ſeine Hoffnung nun erfuͤllt, ſeinen Fleiß be⸗ lohnt ſieht. Da wird ſie ausgebreitet, die uner⸗ meßliche Tafel zur Verſorgung der Lebenden vom Aufgange bis zum Niedergange. Und welche Fuͤlle, welche Mannigfaltigkeit gereifter Fruͤchte wird dann beſonders dem Menſchen dargereicht, zum augenſcheinlichſten Beweiſe, daß ihm nicht bloß ein Mahl zur Saͤttigung, ſondern auch zur Freude bereitet iſt, daß er nicht bloß ſein Leben erhalten, ſondern auch ſeines Daſeyns froh wer⸗ den, und dem milden Ernaͤhrer und freundlichen Geber den herzlichſten und freudigſten Dank dar⸗ bringen ſolle. Die Ernte beginnt im Sommer, und wird mit dem Anfange des Herbſtes vollendet; und ſo dauert ſchon in dieſer Ruͤckſicht das Mahl des Segens fort. Freylich tritt nun wohl mancher 236 Paͤchter Martin. truͤbe Tag ein, doch ſo, daß uns auch oft noch der Herbſt eine erfreuliche Zugabe zur ſchoͤnern Jahreszeit ſchenket, die vielleicht um ſo mehr genoſſen wird, weil ſie unerwartete Zugabe iſt. Denn ſo iſt der Menſch: in der Fuͤlle von Gluͤcksguͤtern, und mit der Hoffnung, immer mehr zu erhalten, verſchiebt er oft den weiſen Genuß von einem Tage zum andern. Kuͤnf⸗ tig will er thun, was er jetzt thun koͤnnte; und ſo laͤßt er die Gegenwart ungenuͤtzt voruͤber fliegen. Er vergißt, daß der kuͤnftige Augenblick, kaum als Zukunft gedacht, zur Gegenwart und eben ſo ſchnell zur Vergangenheit wird. Der Fruͤhling gleicht dem Feſte des Reichen, der alle Tage herrlich, aber darum nur ſelten in Freude lebt. Der heitere Herbſttag gleicht dem Feſte des Armen, das ſelten kommt, aber dann mehr genoſſen wird. Darum gewinnt der heitere Herbſttag nicht bloß durch den Wechſel mit vor⸗ her gegangenen truͤben Tagen, ſondern auch durch die Beſorgniß, daß er vielleicht der letzte, oder doch bald der letzte ſeyn moͤchte, an welchem noch Sonnenlicht und Sonnenwaͤrme zugleich dem Menſchen wohl thut. Und ſo werden wir nicht Dritter Theil. 237 mit einem Male, ſondern durch allmaͤhliche Vor⸗ bereitung aus der freyern Natur in den engern Raum der haͤuslichen Wohnung zuruͤck gewieſen. Freylich iſt das Gefuͤhl, mit welchem wir den bluͤhenden Baum betrachteten, verſchieden von dem, mit welchem wir jetzt uͤber das herabſin⸗ kende Laub hinwandeln. Eine Art von Wehmuth befaͤllt uns, wenn wir das Laub— als ob es dem Tode entgegen bluͤhen wollte— in gefaͤllige Farben umgeſtal⸗ tet herab ſinken ſehn; aber eine Wehmuth, die bey Menſchen, welche einen ſchoͤnern Fruͤhling in Gefilden einer beſſern Welt hoffen, nicht Schmerz, ſondern nur eine Freude ernſter Art iſt. Es ſcheint, als ob wir jetzt weniger mit den Sinnen als mit dem Geiſte genießen ſollten, durch einen Wechſel, den wir vielleicht nicht will⸗ kuͤhrlich waͤhlen wuͤrden, deſſen Wahl aber fuͤr uns heilſam iſt. Vergleicht man den Fruͤhling mit der Jugend des Lebens, ſo erſcheint der Herbſt in dem Bilde des vollendeten maͤnnlichen Alters, dem nicht ſo ſpielender Scherz als ſtille denkende Heiterkeit geziemt. Ja ein herzerhebendes Bild ſtellt der 238 Paͤchter Martin.. Herbſt von einem Menſchen dar, der in reifern Jahren ohne Reue auf die genoſſenen Fruͤhlings⸗ freuden zuruͤckblicken, und jetzt ſich ſagen darf, daß er in ſeinem Sommer gewirkt habe, und 4 noch nach dem Maße ſeiner Kraft ſich fuͤr die Welt nuͤtzlich zu machen ſuche. O daß doch jeder in dem Herbſte ſeines Lebens ſich in dieſem Bilde erkennen moͤchte; ruhiger wird er dann ſeinen Winter herannahen ſehn! Auch der Winter iſt nicht freudenleer. Er gewaͤhrt uns manchen Tag, an welchem wir mit heiterm Blick den Sonnenſtrahl auf der Ober⸗ flaͤche des Schnees, auf dem Eiſe der Gewaͤſſer, auf dem Dufte der Baͤume glaͤnzen ſehn, oder auch mit dem Wohlgefuͤhle, das aus dem Be⸗ wußtſeyn der Sicherheit vor Gefahren entſpringt, im ruhigen Obdach, durch Gottes Huld gegen Mangel, Sturm und Kaͤlte geſchuͤtzt, in dem erwaͤrmten Zimmer die ſtuͤrmiſche rauhe Witte⸗ rung leicht ertragen koͤnnen— beſonders wenn wir von Menſchen umgeben ſind, mit welchen wir in traulichen Geſpraͤchen Gedanken und Em⸗ pfindungen umtauſchen. Denn eben dieſe engere Vereinigung im haͤuslichen und freundſchaftlichen Drirrer Theil. 239 Kreiſe verdient gewiß als ein vorzuͤglicher Theil des freudigen Mahles, das Gott uns durch den Wechſel der Jahreszeiten bereitet, mit Dank ge⸗ dacht zu werden. Der Menſch, der vorher frey, wie die Natur, ſich ausbreitete, ſoll nun die Bande, welche Menſchen zu ihrer gegenſeitigen Veredlung und ihrem gegenſeitigen Wohle binden, ſegnen, und im Umgange mit Andern milder und menſchlicher werden. Damit aber dennoch nicht bey der aͤußern Beſchraͤnkung ſein Geiſt allmaͤch⸗ tig eingeengt werde: ſo bereitet ihm Gott von Zeit zu Zeit ein Schauſpiel, das den freyen Auf⸗ flug des Geiſtes befoͤrdert, ein majeſtaͤtiſches Schauſpiel, das in den laͤngern Winternaͤchten auf das vollkommenſte genoſſen werden kann— den Anblick des geſtirnten Himmels. In einer heitern Winternacht unten erſt die Schneedecke wie ein großes weißes Leichentuch ausgebreitet ſehn, und dann zum wolkenloſen Himmel, zu zahlloſen Welten empor blicken, die gewiß eine hoͤhere Beſtimmung haben, als matte Lichtſtrahlen auf unſere Erde zu werfen, in wel⸗ chen gewiß auch vernuͤnftige Weſen das heilige Geſetz des ewigen Geiſtes anerkennen— wahr⸗ 240 Paͤchter Martin. lich, dieß iſt ein feſtliches, hochfeierliches Mahl fuͤr jeden, der an Gott und Tugend, und darum an Unſterblichkeit glaubt! Der Chriſt, wird ſich lebhaft an Jeſu Ausſpruch erinnern: In meines Vaters Hauſe ſind viel Wohnungen! und mit unausſprechlicher Ruhe wird er dann von dem Leichentuche zum ſtrahlenden Sternenkranze empor blicken, erhaben uͤber alles, was Zeit und Raum beſchraͤnkt, und da auch unter dem Froſt des Winters ſein Herz fuͤr hoͤhere reinere Freuden erwaͤrmt fuͤhlen. Reich, reich iſt das Mahl der Freude, das uns Gott in jeder Jahreszeit bereitet! Laßt es uns mit Dank gegen den Geber aller guteß Gaben genießen!⸗ Unſere Empfaͤnglichkeit fuͤr die Schoͤnheit der Natur haͤngt aber von unferer Empfaͤnglichkeit fuͤr das ſittlich Schoͤne und Gute ab. Wie wahr, wie unlangbir wahr iſt, was der Dichter ſagt: Der Erde fehlts an Engeln, nicht an Pracht, Dabß ſie kein Himmel iſt! Allein ſie glaͤnzet fuͤr die Tugend nur, Der Unſchuld iſt ſie ſchoͤn! Dritter Theil. 241 Umſonſt ſchmuͤckt ſich mit Himmeln die Natur Fuͤr Augen, die nicht ſehn! Ach, von wie vielen Menſchen muß man noch ſagen: Sie haben Augen, und ſehen nicht, ſie haben Ohren, und hoͤren nicht; denn es fehlt ihnen an dem Herzen, welches das Schoͤne und Gute aufzufaſſen vermag. Wie kann die ſtille Feierlichkeit der Natur uns wohlthun, ſo lange noch Stuͤrme wilder Begierden und Leidenſchaf⸗ ten in unſerm Innern wuͤthen? Wie koͤnnen wir mit Wohlgefallen ſchoͤne Ordnung außer uns wahrnehmen, ſo lange wir noch im Widerſpruche mit uns ſelbſt begehren und thun, was wir nach unſrer Vernunft mißbilligen muͤſſen? Wie koͤn⸗ nen wir mit Freude die Natur als das Werk eines guͤtigen Gottes betrachten, ſo lange wir noch wiſſentlich und vorſaͤtzlich dem Willen die⸗ ſes Gottes entgegen handeln? O laßt uns das erkannte Gute aufrichtig wollen und vollbringen, und die Natur wird uns mit Mutterliebe umfan⸗ gen und wohlthun! Laßt uns aber auch mit wei⸗ ſer Zufriedenheit unſere Wuͤnſche beſchraͤnken, und nicht unmaͤßig auf einer Erde fordern, wo wir 3. Theil. 15 242 Paͤchter Martin. doch alle mehr erhielten, als wir zu fordern be⸗ rechtigt waren. Laßt uns den truͤben Tag mit Muth und Standhaftigkeit ertragen auf einer Erde, auf welcher nach jedem Winter ein Fruͤhling folgt, und ſelbſt der Winter nicht freudenleer iſt! Laßt uns ſo leben, daß wir einſt mit freu⸗ digem Danke das Mahl, das uns Gott hienie⸗ den bereitet hat, verlaſſen koͤnnen, mit der Ueber⸗ zeugung: Gott wird auch dort uns ſegnen! Dritter Theil. 1243 XII. Kennzeichen und Werth des guten Herzens. Viele unter meinen Leſern werden ſich noch einer Zeit erinnern, in welcher von nichts mehr als von Empfindſamkeit geſprochen und geſchrieben wurde, in welcher man alle Tugend auf Empfind⸗ ſamkeit zuruͤck zu fuͤhren ſuchte, und den gan⸗ zen Werth des Menſchen nach ſeiner Faͤhigkeit, ſchnell und leicht geruͤhrt zu werden, beurtheilte. Die Folge davon war: man erzwang und erkuͤn⸗ ſtelte Empfindungen, um doch auch unter die vermeinten beſſern, edleren Menſchen zu gehoͤ⸗ ren, oder man begnuͤgte ſich, zu empfinden, wo man haͤtte denken, und Thraͤnen des Mitleids zu weinen, wo man haͤtte die Hand zur Huͤlfe und Rettung anlegen ſollen. Es entſtand eine Schwaͤrmerey, welche der Vernunft Hohn ſprach, eine kraftloſe Weichlichkeit, die vor jedem muͤh⸗ 244 Paͤchter Martin. ſamen Geſchaͤfte zuruͤck bebte, und eine Froͤm⸗ meley, welche Empfindungen fuͤr Thaten gab. Der Irrthum war zu groß, und hatte zu traurige Folgen, als daß nicht weiſe Menſchen: freunde alle Kraft haͤtten aufbieten ſollen, ihn, und die durch ihn erzeugte Empfindeley zu ver⸗ draͤngen; und ihre Bemuͤhung war nicht frucht⸗ los. Es iſt aber das gewoͤhnliche Loos der Men⸗ ſchen, daß ſie nur gar zu leicht von einem Irr⸗ thum zu dem entgegen geſetzten aͤbergehen, und die dazwiſchen liegende Tahrheit uͤberſpringen. Je lebhafter ſie von der Groͤße und Schaͤdlichkeit eines Irrthums uͤberzeugt ſind, deſto geneigter werden ſie, zu glauben, daß ſie ſich nicht weit genug davon entfernen koͤnnen; ſo eilen ſie von einem aͤußerſten Ende zum andern, und verſehlen die Wahrheit. Dieß iſt beſonders dann der Fall, wenn ein Irrthum leidenſchaftlich bekaͤmpft wird; wo nicht ſelten auch der aufrichtigſte Wahrheits⸗ freund durch Uebertreibung der guten Sache ſcha⸗ det, und den entgegen geſetzten Irrthum beguͤn⸗ ſtigt. So geſchah es denn auch, daß viele von jener unaͤchten Empfindſamkeit, von jener vernunftloſen Dritter Theil. 245 Empfindeley zu einem herzloſen Vernuͤnfteln uͤber⸗ gingen. Faͤlſchlich glaubten ſie, daß ein gefuͤhl⸗ volles Herz immer von Schwaͤche des Geiſtes zeuge, daß jede lebhafte Empfindung den Men⸗ ſchen zur Sinnlichkeit herabziehe und dadurch ihn entwuͤrdige. Wer hoͤrte nicht zuweilen das Urtheil: Der Menſch hat ein gutes Herz! mit einer Miene, mit einem Tone, auf eine Art faͤllen, daß das Lob dadurch zum Tadel wurde. Er hat ein gutes Herz! das heißt in dem Munde mancher Ueberweiſen: Der Menſch hat kindliche Guͤte— ohne maͤnnliche Kraft und Einſicht. Nun gebe ich es zwar gern zu, daß nicht ſelten Gutmuͤthigkeit ohne Geiſteskraft gefunden werde— ſo wie leider oft ein ſehr heller Kopf bey einem boͤſen Herzen gefunden wird—: glaube aber auch, daß ſich Geiſteskraft und Herzensguͤte, wie Licht und Waͤrme, gar wohl vereinigen laſſen, und daß beides vereinigt den Adel der Menſchheit ausmache. Pflanzen, die in Treibhaͤuſern, durch bloße Ofenwaͤrme, ohne Sonnenlicht, gezogen werden, ſind aͤrmliche kraͤnkliche Pflanzen; aber auch nicht 2456 Paͤchter Martin. einmal eine duͤrftige Pflanze entkeimt dem vom Froſt erſtarrten Erdreiche unter den Strahlen der Winterſonne. Nur dann, wenn der erhellende Sonnenſtrahl zugleich den Boden erwaͤrmt, ent⸗ keimen, bluͤhen und reifen Gewaͤchſe aller Art ſchoͤn und kraftvoll. Vielleicht wird man den Werth des guten Herzens hoͤher anſchlagen, wenn man einen richtigern Begriff mit dem Worte ſelbſt verbindet, als wohl gewoͤhnlich damit ver⸗ bunden wird. Wir finden in dem Menſchen Vernunft und Sinnlichkeit im Kampfe, die Forderungen eines hoͤheren Geſetzes, deſſen Vernunft; und Recht⸗ maͤßigkeit er nicht verkennen kann, mit ſeinen Neigungen und Begierden im Widerſpruche. Der Menſch kann nicht mit ſich ſelbſt zufrieden ſeyn, ſo lange er dieſen Widerſpruch in ſich wahrnimmt. Aber wie ſoll er ihn loͤſen? Was kann und ſoll er thun, um zur Einigkeit mit ſich ſelbſt, da— durch zur innern Ruhe, zum Frieden der Seele zu gelangen? Soll er es als das hoͤchſte Ziel ſeines Lebens anſehen, Gluͤck zu machen, irdiſche, vergaͤngliche Freuden in ſo vollem Maße, als nur immer moͤglich, zu genießen? Ach auf dieſem Dritter Theil. Wege gelangt er nimmer zum Frieden mit ſich ſelbſt! Gottes Stimme in ihm, ſein Gewiſſen ſpricht dagegen, und er fuͤhlt ſich ſelbſt entwuͤr⸗ digt, wenn er die Vernunſft zum Dienſte der Sinnlichkeit herabwuͤrdigt, wenn er ſich bloß als Thier betrachtet, mit dem einzigen Vorzuge, mehr und laͤnger als das Thier ſinnliche Freuden ge⸗ nießen zu koͤnnen. Soll er hingegen die Sinn⸗ lichkeit ertoͤdten, jeden Trieb nach Lebensgenuß und Freude gewaltthaͤtig ausrotten? So muͤßte er aufhoͤren Menſch zu ſeyn, um als reiner Geiſt leben zu koͤnnen. „Nein; nicht vernichten ſoll der Menſch den Trieb nach Lebensgenuß und Freude, ſon⸗ dern ihn nur der Vernunft unterordnen, durch ſie ihn beherrſchen und gehoͤrig lei⸗ ten!“ Richtig! das ſoll er. Aber welch ein ſchweres Unternehmen! Wie wahr iſt es, was ein Weiſer der Vorzeit ſagt: Wem dieß gelingt, wer ſeines Muthes Herr wird, wer ſeine Neigungen, Be⸗ gierden und Leidenſchaften beſiegt, der iſt mehr, als wer Staͤdte gewinnt und Laͤnder erobert! 248 Paͤchter Martin. Was wird bey den meiſten Menſchen die bloß gebietende, kalte, ruhige Vernunft, da ſie uͤber⸗ dieß gewoͤhnlich erſt dann, wenn die Sinnlichkeit ſchon erwachſen iſt, entkeimt— was wird ſie bey den meiſten Menſchen gegen warmes Blut, was gegen heftige Begierden und ſtuͤrmiſche Lei⸗ denſchaften vermoͤgen? Wie wird der Menſch im Stande ſeyn, das, was er vernauͤnftig billigt, dem vorzuziehen, was die Begierde mit Unge⸗ ſtuͤm fordert?—— Muth! Muth uns Mitgenoſſen dieſer Erde, aber auch Mitgenoſſen der Unſterblichkeit! Der Allguͤtige und Allweiſe, der den Menſchen zu einer hohen Beſtimmung ſchuf, ruͤſtete ihn auch mit Kraft aus, ſie zu erreichen. Er, der uͤberall bey allen Stuͤrmen dennoch Ordnung, Ueberein⸗ ſtimmung und Zuſammenhang in dem großen Gebiete der Natur zu erhalten weiß, er ſorgte auch fuͤr Aufrechthaltung der ſittlichen Ordnung in der Geiſterwelt, und er wußte den ſcheinbaren Widerſpruch in dem Menſchen, zwiſchen den For⸗ derungen der Vernunft und den Trieben der Sinnlichkeit, durch Vermittelung des menſchlichen Herzens aufzuloͤſen. Dritter Theil. 249 Gott gab den Menſchen ein Herz. Verſte⸗ hen wir unter dem Ausdruck Herz nicht das Empfindungsvermoͤgen, Gefuͤhl fuͤr Freude und Schmerz, uͤberhaupt; ſondern wir das davon ab, was der Menſch an ſinnlichen Trieben mit dem Thiere gemein hat— und was ja ſchon durch den gewoͤhnlichen Sprachgebrauch ſelbſt ab⸗ geſondert wird, da man nie von dem Thiere, ſondern nur von dem Menſchen in ſittlicher Be⸗ ziehung ſagt: daß er ein Herz habe— ſo bleibt dann der unlaͤugbare Vorzug des Menſchen: Sinn und Empfaͤnglichkeit fuͤr das wahrhaft Schoͤne und Gute zu haben, daher das, was die Vernunft billigt, begehrungs:, wuͤnſchens⸗ und liebens⸗ wuͤrdig zu finden. So iſt das Herz das Reinmenſchliche in dem Menſchen, das, womit er von der Sinnenwelt zum Geiſterreiche uͤbergeht, das, was ihn uͤber die Erde erhebt, ohne ihn doch, ſo lange er noch als Menſch hienieden wandeln ſoll, der Erde zu entziehen. Das erſte Kennzeichen eines guten Herzens iſt: reine, innige Liebe fuͤr das wahr⸗ haft Schoͤne und Gute. 250 Paͤchter Martin⸗ Empfaͤnglichkeit dafuͤr— Faͤhigkeit, das er⸗ kannte Gute zu lieben, hat der Menſch unlaͤug⸗ bar; er muß durch wiederholte Laſter tief unter die Menſchheit herabgeſunken, muß— wenn ich mich des Ausdrucks bedienen darf— ſchon ganz entmenſcht ſeyn, wenn er dieſe Empfaͤnglichkeit verliert. Nicht bloß die Vernunft, ſondern auch das Gefuͤhl jedes nicht ganz verwahrloſeten Men⸗ ſchen empoͤrt ſich gegen offenbar ungerechte und laſterhafte Handlungen; er ſieht hingegen ſchoͤne, gute Thaten mit Wohlgefallen, bemerkt die Aeuße⸗ rungen ſittlicher Guͤte nicht bloß mit Billigung, ſondern auch mit freudiger Theilnahme; und je mehr er dieß Gefuͤhl ausbildet, je inniger und wirkſamer dadurch ſeine Liebe zum Guten wird: deſto beſſer wird ſein Herz, deſto mehr weiß er ſeine edleren Wuͤnſche gegen die unedleren geltend zu machen— denn Gottes Geſetz iſt in ſeinem Herzen. So gelangt er zur Uebereinſtimmung mit ſich ſelbſt, zu innerer Ruhe, zum Frieden der Seele, weil er das Gute williger und freudiger vollbringt. Nun freut er ſich des Lebens, ohne dem Tode entgegen zu zittern, nun ſtrebt er nach dem hohen Ziele, das ihm aufgeſteckt iſt, ohne . 6 Drirter Theil. 251 ſeinen irdiſchen Beruf zu vernachlaͤſſigen, aber auch ohne uͤber den erſten Wohnſitz das Vater⸗ land, ohne uͤber das Land der Vorbereitung das Land der Vollendung zu vergeſſen; nun genießt er die Freuden der Erde an der Hand der Tugend mit weiſer Maͤßigung, weiß ſich ſelbſt die klei⸗ neren Vergnuͤgungen des Lebens durch Beymi⸗ ſchung des Geiſtigen und Sittlichen zu erhoͤhen, zu verſchoͤnern und zu veredeln; und fordert die Tugend auch groͤßere Opfer, er bringt ſie willi- ger, da die Goͤttin, die er anbetet, die Geliebte ſeines Herzens geworden iſt— ſo iſt die Erde und der Himmel ſein. Sehet das erſte Kennzeichen des guten Her⸗ zens, das: der innigen Tugendliebe uͤberhauptv; und verbindet damit das zweyte, das: der Menſchenliebe insbeſondere. Und hier, hier, denke ich, zeigt es ſich noch deutlicher, daß das Herz der Vermittler in dem Menſchen ſeyn ſollte— zwiſchen den Forderun: gen, die der Himmel, und den Anſpruͤchen, die die Erde an ihn macht; zwiſchen dem, was er als Verwandter der Geiſterwelt billigt, und dem, 252 Paͤchter Martin. wozu ihn, noch mit der Huͤlle der Menſchlichkeit umgeben, die Sinnlichkeit hinzieht. Darum pflanzte uns Gott den ſchoͤnen Trieb des Mit⸗ gefuͤhls, der Theilnahme an den Freuden und Leiden unſerer Mitmenſchen, ins Herz, den edlen Trieb, der ſich bey allen guten Menſchen ſo wirk⸗ ſam zeigt. Ungemaͤßigte Selbſtliebe— Selbſtſucht iſt es, welche die Menſchen zu den meiſten Thorhei⸗ ten, Vergehungen, Ungerechtigkeiten und Ver⸗ brechen verleitet; durch das Mitgefuͤhl aber an den Freuden und Leiden unſerer Mitmenſchen wird es uns erleichtert, die Selbſtliebe ſo zu be⸗ ſchraͤnken, daß ſie nicht in Selbſtſucht ausarte. Wird dieſer Trieb richtig geleitet, daß er nicht durch unzeitige Guͤte und ſchlaffe Nachſicht gegen den Einzelnen Ungerechtigkeit gegen Andere be⸗ foͤrdere, wirkt er, was er wirken ſoll: uns geneig⸗ ter und williger zu machen, die Sache der ge⸗ ſammten Menſchheit als unſere eigene zu betrach⸗ ten; dann wirkt er im Dienſte der Tugend durch thaͤtige Menſchenliebe. Und ſind dieß die Kennzeichen des guten Her⸗ zens, beſteht es nicht im bloßen Mitleid ohne 3 Britter Theik. 253 That und Kraft, nicht in leerer Empfindeley, die das Leben verweint, nicht in ſchlaffer Nachgie⸗ bigkeit gegen Andere ohne alle Selbſtſtaͤndigkeit— beſteht es in inniger Tugend⸗ und Menſchenliebe: dann iſt der Werth des guten Herzens unver⸗ kennbar groß, und wir haben Urſache, allen Er⸗ ziehern zuzurufen: Arbeitet nicht bloß an der Bildung des Kopfs eurer Kinder, ſondern auch an der Bildung ihres Herzens, bildet die herr⸗ liche Anlage in ihnen aus: das Gute liebenswuͤr⸗ dig zu finden und es darum williger und freu⸗ diger zu thun! Herzensguͤte ohne Weisheit bleibt unvollen⸗ det; aber es giebt auch keine herzloſe Weisheit, nicht einmal herzloſe Philoſophie;— da, wie mein Paſtor ſagt, Philoſophie Liebe zur Weis⸗ heit bedeutet— ob es gleich herzloſe Wiſſen⸗ ſchaftskenner und Gelehrte geben kann. XIII. Einige Anmerkungen zu dem Capitel: Ueber das gute Herz. Von meinem Paſtor. Nach dem bibliſchen Sprachgebrauche bedeutet zuweilen Herz: Sinnlichkeit im Gegen⸗ ſatze der Vernunft; und da kann freylich von einem guten Herzen nicht die Rede ſeyn, da iſt es vielmehr wahr: daß das menſch⸗ liche Herz boͤſe ſey von Jugend auf und immerdar. Oft wird es aber auch in einem beſſeren Sinne genommen, und die Haupt⸗ bedeutung ſcheint zu ſeyn: Gemuͤthszuſtand— Neigungen, Wuͤnſche, Wille im Guten und im Boͤſen; Empfindungsvermoͤgen, oder die Faͤhig⸗ keit, durch gewiſſe Vorſtellungen bewegt, geruͤhrt zu werden, ſie mit lebhaften Aeußerungen des Dritter Theil.⸗ 255 Willens zu denken, dabey eines Gefuͤhls von Luſt oder Unluſt ſich bewußt zu werden. In dem jetzt gewoͤhnlichen Sprachgebrauche denkt man unter Herzensguͤte gemeiniglich nur Wohlwollen gegen Andere, Menſchenliebe; geſteht aber zu, daß auf dieſem Stamme auch andere Tugenden leicht gedeihen. Er hat Herz!l das heißt: er hat Muth! Vielleicht nahm man in dieſem Ausſpruche zu⸗ naͤchſt auf phyſiſche Herzensfuͤlle Ruͤckſicht. Allein es giebt auch muthvolle Menſchen, bey denen man dieß nach ihrer koͤrperlichen Beſchaffenheit nicht erwarten ſollte, und die gewiß dieſen Muth nicht durch kaltes Vernuͤnfteln erlangten. Groß⸗ herzigkeit und Großmuth(— wir uͤber⸗ ſetzen animus durch Herz, und nehmen auch oft im Deutſchen das: Er hat ein gutes Herz! und: Er hat ein gutes Gemuͤth! fuͤr gleichbedeutend—) bezeichnet: Erhabenheit uͤber gewoͤhnliche Denk⸗⸗ und Handlungsart. Ein edles Herz— Edelmuth ſcheint ſitt⸗ liche Groͤße und Guͤte im engſten Bunde(An⸗ muth und Wuͤrde) zu bezeichnen. Ein reines —— 256 Paͤchter Martin. Herz bezeichnet(moraliſche) Keuſchheit— Un⸗ ſchuld— Lauterkeit der Geſinnung— vollen⸗ dete Guͤte.*)„Reines Herzens, das ſeyn, iſt die hoͤchſte, ſteilſte Hoͤh von dem, was Weiſe erſannen, Weiſere thaten!“ ſingt Klopſtock; und:„Selig ſind, die reines Herzens ſind!“ ſagt Sei us. 1— Man thaͤte alſo wenigſtens dem Sprachge⸗ nen keine Gewalt an, wenn man den Aus⸗ druck Herz auf die Bedeutung beſchraͤnkte, daß es ſo viel hieße, als: Empfaͤnglichkeit fuͤr das wahrhaft Schoͤne und Gute— Faͤhigkeit, das, was die Vernunft billigt, wuͤnſchens⸗ und lie⸗ benswuͤrdig zu finden. Die Aufgabe: Thue, was recht und gut iſt, weil es recht und gut iſt, willig und freudig! ſcheint durch den Zuſatz willig und freudig erſchwert zu werden; aber es ſcheint nur ſo. Wer die Faͤhigkeit, das Gute zu lieben, in ſich ausbildet, findet es deſto leichter, das Gute zu thun. Und warum ſollte man es dem Menſchen nicht *) Vergleiche im Paͤchter Martin das Capitel: Ueber Unſchuld. Dritter Theil. 257 nicht eben ſowohl aufgeben koͤnnen, die Anlage zur Herzensguͤte, als die zum freyern Vernunft⸗ gebrauche auszubilden. Einen freudigen Geber hat Gott lieb— und auch der Menſch. Wer uns ſeine Gabe mit ſichtbarem Widerwillen giebt, macht uns durch die Gabe nicht froh. Und wer das Gute ungern thut, wird es nur ſelten thun, und durch die Art, wie er es thut, verunſtalten. „Aber wenn die Tugend nun ſchwere Opfer fordert; kann man die willig und freudig bringen?“ Fragt den liebevollen Vater und die zaͤrtliche Mutter, ob man es kann? Liebe vermag alles; opfert ſich ſelbſt auf fuͤr den Geliebten. „Tugend ohne Kampf iſt ohne Verdienſt!“ Doch werdet ihr die aufgebluͤhte Roſe, die ganz wurde, was ſie als Roſe werden konnte, der Knospe, welche der Wurm zernagte, oder der Froſt entblaͤtterte, weit vorziehen. Und der Vergleich paßt nicht einmal. Waͤre es denn ver⸗ dienſtlos, daß wir die ſchoͤnſte Anlage der Menſch⸗ heit in uns ausbildeten? den Sinn fuͤr das wahr⸗ 3. Theil.. 17 258 Paͤchter Martin. haft Schoͤne und Gute ſchaͤrften? unſere Em⸗ pfaͤnglichkeit dafuͤr vermehrten? Da habt ihr aber recht: wer das Gute willig und freudig thut, wird ſich ſelbſt kein großes Verdienſt daraus machen; wird es kaum ſelbſt wiſſen, daß die beſcheidene Tugend durch die Beſcheidenheit ihren Werth erhoͤhet. Tugendliebe uͤberhaupt, und Menſchenliebe insbeſondere, ſind die Kennzeichen des guten Her⸗ zens; und dann iſt es das, was das Chriſten⸗ thum ſo nachdrucksvoll von ſeinen Bekennern for⸗ dert. Der Stifter unſerer Religion kannte den Menſchen, und ſchoͤpfte die beſten Lehren fuͤr Menſchen aus ſeinem Herzen. Darum iſt ſeine Religion ſo weiſe fuͤr unſere Beduͤrfniſſe berech⸗ net; darum antwortete er auf die Frage: Wel⸗ ches iſt das groͤßte Gebot? Liebe Gott uͤber Alles, und deinen Naͤchſten wie dich ſelbſt! Dar⸗ um ſagte ſein Apoſtel: Haͤtte ich alle Kenntniſſe, und noch ſo viel andere Vorzuͤge, waͤre aber ein kalter, liebloſer Menſch, ſo wuͤrde mir alles nichts nuͤtzen. Ach! ein Menſch ohne Waͤrme fuͤr das Gute und ohne Wohlwollen gegen ſeine Dritter Theil. 259 Mitmenſchen iſt ein armer Menſch, und es wird ihm ſchwer, unſaͤglich ſchwer werden, ſeine Pflichten zu erfuͤllen. Liebe aber, Gottes- und Menſchenliebe, weiht zu jeder Tugend ein. Weiſe Guͤte iſt der Menſchheit Adel. Paͤchter Martin⸗ XIV. Von den Todten muß man nichts als Gutes reden. Man hat dieſes Sprichwort zu einem Gebot der Sittenlehre zu erheben geſucht, und ihm einen Anſtrich von Menſchenliebe gegeben, wo⸗ durch gewiß mancher bewogen worden iſt, es ohne fernere Pruͤfung fuͤr ausgemachte volle Wahrheit anzunehmen. Bey naͤherer Pruͤfung zeigt ſich's aber, daß es viel Einſeitiges, Unbeſtimmtes, ja ſogar der Sittlichkeit Nachtheiliges enthalte. „Von den Todten ſoll man nichts als Gutes reden!“ Wie nun, wenn man des Guten nur wenig, oder(wie das gewoͤhnlich der Fall iſt) einzelne Tugenden und gute Eigenſchaf⸗ ten mit Fehlern vermiſcht findet? Soll man ein⸗ ſeitig loben und durch einſeitiges Lob taͤuſchen? Oder gar den Verſtorbenen Tugenden anluͤgen? Dritter Theil. 261 Soll die Schmeicheley noch uͤber das Grab hin⸗ aus reichen? Oder darf man gar nicht urtheilen? Es iſt erlaubt und zuweilen Pflicht, die Le⸗ benden zu tadeln— es verſteht ſich, daß wir zur rechten Zeit und auf die rechte Art tadeln; daß unſer Urtheil gepruͤft, gerecht, und mit moͤglicher Schonung des Getadelten abgefaßt ſey. Alles gut heißen, was offenbar nicht gut iſt, wuͤrde entweder Heucheley, oder eine gut⸗ muͤthige Schwaͤche, ohne Weisheit und Gerech⸗ tigkeitsliebe, verrathen. Man kann unmoͤglich von der Wuͤrde und Goͤttlichkeit der Tugend recht lebendig uͤberzeugt ſeyn, und doch bey ihrer Ent⸗ heiligung den gleichguͤltigen Zuſchauer oder Zuhoͤ⸗ rer machen; aus Furcht vor verdienter Schande unterbleibt manche ſchaͤndende Handlung; es kann verdienſtlich ſeyn, dem Heuchler, der ſich und ſeine Thaten in Mitternacht huͤllt, und unter der Maske der Froͤmmigkeit betruͤgt, zu entlarven, und es iſt Pflicht, verkehrte Urtheile, wodurch das Laſter mit gefaͤlligem Namen belegt, mit taͤu⸗ ſchendem Gewande umkleidet, und wohl gar, wenn es der Maͤchtige beging, zur Tugend erlogen wird, — 262 Paͤchter Martin. zu laͤutern und zu berichtigen. Warum ſollte es nun verboten ſeyn, auch an dem Verſtorbenen zu tadeln, was tadelnswuͤrdig iſt? Etwa um der hinterlaſſenen Verwandten, be⸗ ſonders der Kinder willen? Aber dann haͤtte man ja auch um ihrer willen(— um ja ihr wohl hergebrachtes Recht, Verdienſt eben ſo wie Rang und Gold zu erben, zur Ehre der Ver⸗ nunft und zum Segen der menſchlichen und buͤr⸗ gerlichen Geſellſchaft, unangefochten zu laſſen—) auch den Lebenden nie tadeln duͤrfen. Gerade uͤber den Verſtorbenen laͤßt ſich aber am erſten ein gerechtes und durch Guͤte gemil⸗ dertes Urtheil erwarten; weil ſich da unſer Ur⸗ theil nicht auf einzelne Handlungen beſchraͤnkt, ſondern uͤber das ganze vollendete Leben ausbrei⸗ tet; und weil doch gewoͤhnlich Neid und Miß⸗ gunſt am Grabe ruhen, und die bitterſte Feind⸗ ſchaft ſich verſoͤhnt fuͤhlt. Auch moͤchte es gewiß fuͤr die Lebenden nicht gut ſeyn, wenn man ihnen alles Urtheil uͤber die Verſtorbenen verſagen, oder es bloß auf Lob einſchraͤnken wollte. Gewiß iſt Manchem, und beſonders manchem Maͤchtigen, der im Leben nur ſelten die Stimme der tadelnden Dritter Theil. 263 Wahrheit hoͤrt, die Ruͤckſicht auf ein gerechtes Gericht der Nachwelt, ein nicht ganz zu verwer⸗ fender Antrieb zum Guten— oder haͤlt wenigſtens zuweilen von Thorheit und Ungerechtigkeit ab, und macht gegen das Lob des Schmeichlers miß⸗ trauiſch. Und die Lehre wirkt ja bekanntlich ungleich mehr, wenn ſie durch das Beyſpiel zur Warnung oder zur Nachahmung belebt wird. Warum ſollten wir nun nicht die Beyſpiele der Verſtorbenen zur Lehre fuͤr die Lebenden benutzen? Der Menſch iſt ſeine Wirkfamkeit nicht bloß den Zeitgenoſſen, ſondern auch den Nachkommen ſchul⸗ dig. Schoͤn iſt es, Baͤume zu pflanzen, die der Nachwelt Fruͤchte bringen. Nun hoͤrt er zwar am Grabe auf, fuͤr die Welt ſelbſt zu wirken, aber ſein vollendetes Leben giebt mehr oder weni⸗ ger Stoff zur fortgeſetzten Wirkung. Sey alſo dieß Leben Vermaͤchtniß fuͤr die Nachwelt, diene ihr ſein Beyſpiel zur Lehre, zur Nachahmung, oder zur Warnung! Jenes Sprichwort kann aber auch leicht zu einer ſehr unrichtigen Folgerung Veranlaſſung geben, wenn man ſich das: von den Todten muß man nichts als Gutes reden, mit dem 264 Paͤchter Martin. Gegenſatze denkt: ein Angriff auf die Ehre und⸗ den guten Namen der Lebenden iſt alſo ſchon eher zu verzeihen. Es iſt uns aber ungleich wich⸗ tiger, die Menſchen vor Ungerechtigkeit gegen die Lebenden zu warnen.„Allein ſollte denn das Sprichwort gar nichts Wahres enthalten?“ Es enthaͤlt folgende wahre Vorſchrift:„Nie verleite dich Haß und Feindſchaft, die Verdienſte des Verſtorbenen herabzuſetzen, ihm Fehler anzu⸗ lügen, oder begangene Fehler zu vergroͤßern; denn eine ungerechte Anklage gegen Jemanden, der ſich nicht vertheidigen kann, ſetzt den Anklaͤger in die Claſſe verworfener Meuchelmoͤrder; und verabſcheuungswürdig iſt der Menſch, deſſen Durſt nach Rache ſelbſt der Tod des Feindes nicht aus⸗ loͤſchen kann.“ Doch, wie geſagt, wichtiger iſt es, uns vor der Ungerechtigkeit zu warnen, welche durch Ver⸗ leumdung gegen die Lebenden begangen wird. Dritter Theil. 265 Der edle Glaͤubiger und der nicht minder edle Schuldner. Eine kleine perſiſche Erzaͤhlung. 4 Sultan Hamed liebte die Jagd, aber er befrie⸗ digte dieſe Neigung auf eine ganz andere Art, wie ſein Ahnherr, unter deſſen Regierung es ſchien, als wenn die Thiere nicht um der Men⸗ ſchen, ſondern dieſe um jener willen da waͤren. In ſeinem, theils durch den Sunnafluß, theils durch Mauren und ſtarke Verzaͤunungen einge⸗ ſchloſſenen Jagdrevier jagte Hamed mit den Ali Sebas,*)(Kindern des Staats) benutzte dieſe Gelegenheit, ſeine Pflegeſoͤhne naͤher kennen *) Den Kindern maͤnnlichen Geſchlechts, deren Vaͤter im Dienſte des Staats geſtorben ſind, ohne 3 Vermoͤgen zu hinterlaſſen; fuͤr deren Erziehung der Sultan ſorgt. 265 Paͤchter Martin. zu lernen, ihre Neigungen und Faͤhigkeiten zu erforſchen, und durch die Jagd ihre Koͤrper ab⸗ zuhaͤrten. Sein Vergnuͤgen erhielt alſo ſchon auf dieſe Art den Werth einer nuͤtzlichen Beſchaͤf⸗ tigung. Es wurde aber auch dadurch noch wohl⸗ thaͤtig, daß er dann oft in den umliegenden Doͤr⸗ fern verweilte, und da auch den geringſten ſeiner Unterthanen freyen Zutritt verſtattete. So man⸗ cher, der es nicht gewagt haͤtte, in der Reſidenz Huͤlfe zu ſuchen, der zu arm geweſen waͤre, dort die theure Huͤlfe abzuwarten, der ſchwerlich durch alle Wachen und Vorzimmer haͤtte durch⸗ dringen koͤnnen, ſchwerlich auf den verſchlungenen Wegen, die den unkundigen Wanderer ſo leicht irre fuͤhren, ſeinen Fuͤrſten gefunden haben wuͤrde; der fand ihn hier, fand ihn ohne glaͤnzendes Ge⸗ folge und ohne abſchreckenden Prunk, erkannte ſeinen Vater, trug ihm mit kindlichem Zutrauen feine Bitten vor, und bat gewiß nicht vergebens, wenn anders ſeine Bitte gerecht, und ſein Recht noch erkennbar— nicht durch Adikaſten*)⸗ Kuͤnſte in undurchdringliches Dunkel gehuͤllt war. *) Advocaten Dritter Theil. 267 Einſt wurde dem guten Fuͤrſten auf dieſem Wege von einem Greiſe folgende Bittſchrift uͤber— reicht: „Mein Fuͤrſt! Soll ein Mann, der dem Staate treu gedient hat, in ſeinem Alter nicht von fremdem Mitleid leben, oder ſeine wenigen Tage gewaltthaͤtig verkuͤrzen, ſo halte meinen Schuldner an, mich zu bezahlen! Al⸗Makar.“ „Al⸗ Makar?— Der Nanme iſt mir be⸗ kannt!“ ſprach Hamed.„Setze dich, ehrwuͤr⸗ diger Greis, erzaͤhle mir kuͤrzlich deine Geſchichte, und nenne mir deinen Schuldner.“ Mein Vater, erzaͤhlte Al⸗Makar, war Protevont(General), ſtand allgemein in dem Rufe, ein Biedermann und ein guter Pro⸗ tevont zu ſeyn, und war es. Ich widmete mich der Geſetzkunde, mußte aber wider Nei⸗ gung, weil es mein Vater wollte, Soldat wer⸗ den, machte den Feldzug gegen die Saliden mit, that meine Pflicht, und wurde in meinem fuͤnf und zwanzigſten Jahre Anfuͤhrer von 300 Reitern. In demſelben Jahre ſtarb mein Vater. 268 Paͤchter Martin. Gleich nach ſeinem Tode legte ich meine Stelle nieder, und wurde als Landrichter uͤber den Schemaniſchen Kreis angeſtellt. In funf⸗ zehn Jahren meiner Amtsverwaltung brachte ich es dahin, daß meine guten Landleute ſelten mit einander um das Recht ſtritten, und wenn ja Streitigkeiten vorfielen, nie bey dem Oberge⸗ richte klagten; weil ſie mit meiner Entſcheidung zufrieden waren. Deſto weniger waren aber, aus ſehr begreiflichen Urſachen, die Prieſter der Gerechtigkeit damit zufrieden, daß meine Land⸗ leute friedfertiger und vernuͤnſtiger wurden. Ich wurde vor Gericht gefordert, um mich wegen unzeitiger und eigenmaͤchtiger Neuerungen zu ver⸗ theidigen. Mit feſtem Muthe vertheidigte ich mich; aber mein Muth verließ mich, da ich merkte, daß der Oberrichter mit den Dunkeln*) gemeinſchaftliche Sache machte. Damals brach der Krieg mit Schach Gendal aus. Auf mein Bitten erhielt ich die vor funfzehn Jahren frey⸗ willig niedergelegte Stelle zum zweyten Male, und— frage die, welche dem Treffen bey Silly *) Die Dunkeln— Feinde der Aufklaͤrung. ———VOOH:˖:˖—— ——— —————— . Dritter Theil. 9 69 beygewohnt haben, ob Al⸗Makar und ſeine Rei⸗ ter ihre Schuldigkeit thaten. In dieſem Treffen verlor ich meinen rechten Arm, wurde hierauf mit dem Ehrentitel eines Protevonts entlaſſen, und habe ſeit dieſer Zeit den Reſt meines kleinen Vermoͤgens verzehrt. „Und dein Schuldner?“ Fuͤrſt! ſprach Al⸗Makar mit Stolz, wenn du meine Erzaͤhlung wahr findeſt, und dann mei⸗ nen Schuldner nicht erkennſt, ſo habe ich keinen, oder thue wenigſtens auf die Schuld Verzicht. Eine edle Schamroͤthe faͤrbte Hameds Ange⸗ ſicht; und noch an demſelben Tage wohnte Al⸗ Makar in dem Palaſte des Fuͤrſten und ſpeiſete an ſeiner Tafel. XVI. Ellac⸗Mira. Noch eine perſiſche Erzaͤhlung. Es war am ſechsten Tage des ſchoͤnen Monats, in welchem Sultan Hamed der Gute— wie er gewiß genannt zu werden verdient— in ſei⸗ nem Garten zu wohnen pflegte, als der gute Fuͤrſt fruͤh, wie er aus dem Luſthauſe trat, einen Anblick hatte, der ſeine Seele erſchuͤtterte. Ein junges Weib, deren Schoͤnheit Gram und Lei⸗ den nicht ganz hatten ausloͤſchen koͤnnen, lag ent⸗ ſeelt, den Dolch in der blutenden Bruſt, vor der Thuͤr, und neben ihr ein kleiner Engel, ein Kind, kaum ein halbes Jahr alt, das im Graſe ſpielte, mit einigen beſchriebenen Palmblaͤttern. Vergebens war die Bemuͤhung der geſchickten Aerzte, welche auf Hamed's Befehl alles, was die Kunſt vermochte, zur Rettung der Ungluͤck⸗ Dritter Theil. 271 lichen aufboten; der Stoß hatte das Herz getrof⸗ fen! Sultan Hamed, der waͤhrend der Zeit, daß die Aerzte die Mutter zu retten ſuchten, ihr Kind in ſeine Arme nahm, und ſich bey dem Laͤcheln des kleinen ſchuldloſen Geſchoͤpfes erhei⸗ terte, richtete jetzt ſeinen Blick auf die Palm⸗ blaͤtter, bemerkte die Aufſchrift: An Sultan Hamed; und las: „Verzeihe, Vater, verzeihe einer Ungluͤckli⸗ chen, die nun, wenn du dieſes lieſeſt, ausge⸗ weint hat, verzeihe ihr, daß ſie aus Mutterliebe Deinem edlen Herzen wehe that! Hoͤre, Vater Hamed, hoͤre meine traurige Geſchichte, und Du wirſt mir verzeihen, und wirſt die Bitten— ich hoffe es mit Zuverſicht zu Deinem edlen Her⸗ zen, und fuͤhle mich durch dieſe Hoffnung allein gegen die Schrecken des nahen Todes geſtaͤrkt wirſt die Bitten der Sterbenden erfuͤllen. Ich war die einzige Tochter eines Mannes, der zwar dem Range nach nichts als Buͤrger von Kaſchmira, aber an innerem Werthe— doch ſeine Freunde, ſeine Nachbarn, und alle, die ihn kann⸗ ten, moͤgen Dir ſagen, was fuͤr ein Mann Had⸗ dina war. Meine Mutter verdiente das Gluͤck, 272 Paͤchter Martin. des beſten Mannes Gattin zu ſeyn; und die kleine Ella⸗Mira war der Mutter Stolz und des Vaters Freude. Mein Vater lehrte mich denken, die Natur gab mir ein Herz, fuͤr alles Schoͤne und Gute empfaͤnglich, und als ich kaum dreyzehn Sommer zaͤhlte, ſo ſagten mir die Juͤng⸗ linge von Kaſchmira, meine Geſtalt ſey nicht ohne Reitze. Unter andern ſagte mir das auch Al: Haſſan, und von keinem hoͤrte ich es lie⸗ ber, als von ihm: denn Al⸗Haſſan war ſelbſt ein ſchöner junger Mann, und uͤbertraf alle Juͤnglinge, die ich kannte, an Geiſtesbildung. Er ſuchte und fand Gelegenheit, meinen Vater oft zu beſuchen, und meine gute Mutter— ach die gute Mutter fehlte aus allzu zaͤrtlicher Liebe und vielleicht aus verzeihlicher muͤtterlicher Eitelkeit, die es ſchmeichelhaft fand, einen Raja zum Schwiegerſohn zu haben— erleichterte ihm den Umgang mit ihrer Tochter. Al⸗ Haſſan ſchwur mir ewige Liebe, verſprach mir, ſo bald er die Einwilligung ſeines Vaters erhalten haͤtte, mich zu ſeiner Gattin zu waͤhlen: und ich glaubte ſeinem Schwur und ſeinen Verſprechungen, weil ich ihn fuͤr wirklich edel hielt, und— weil ich ihn Dritter Theil. 273 ihn liebte. Drey Jahre dauerte unſer Umgang; manche Stunde der Einſamkeit wollte Al⸗Haſ⸗ ſan mißbrauchen; ich zuͤrnte, und verzieh; denn Liebe war ſeine Vertheidigerin, Liebe ſeine Rich⸗ terin. Am Ende des dritten Jahres ſtarb Al⸗ Haſſans Vater. Er war oder ſchien troſtlos ber dieſen Verluſt; ich weinte mit ihm und troͤſtete ihn. In dieſer Lage, wo ich ihm zum erſten Male erlaubte, mich allein in einer Abendſtunde zu beſuchen, wo ich nur den leidenden Freund neben mir ſah, wo ich alles anwandte, um ihn zu beruhigen, wo ich ihm die Thraͤnen vom Auge kuͤßte, feſter ihn an das theilnehmende Herz druͤckte: ach! da ſiegte er uͤber das ſchwache Herz——— Ich weinte nun nicht mehr uͤber feinen Verluſt, ich weinte uͤber den meinigen, klagte ihn an, machte ihm Vorwuͤrfe, und ward untroͤſtlich. Da ich die Folgen meiner Schwach⸗ heit zu fuͤhlen anfing: da wurden ſeine Beſuche ſeltener. Drey Monate nach der Todesſtunde meiner Unſchuld und meines Gluͤcks hoͤrte ich den ſchrecklichen Ruf: Al⸗Haſſan hat ſich mit der Tochter Al⸗Ala⸗Reddins verheira⸗ thet. Mein Vater, wie er die Entehrung ſeiner 3. Theil. 18 274 Paͤchter Martin. Tochter erfuhr, behandelte mich zum erſten Male in ſeinem Leben— nicht vaͤterlich, und in der darauf folgenden Nacht machte ein Schlagfluß— unſtreitig die Folge des heftigen Zorns, ſeinem Leben ein Ende. Noch ehe ich das Kind des Ungluͤcks gebar, ſtarb auch meine Mutter vor Gram— und ich allein, die Moͤrderin meiner Aeltern, wenigſtens die Urſache ihres fruͤhen Todes, ich mußte leben bleiben, um noch mehr zu leiden. Die einzige Hoffnung blieb mir, daß die Stunde der Geburt meines Kindes die Stunde meines Todes ſeyn werde. Ich gebar und konnte nicht ſterben. Ich wollte mein Leben gewaltſam endigen: aber die Mutterliebe entwand mir den Dolch aus den Haͤnden. Nun fiel ich in die Haͤnde des Geſetzes, und mit dem Reſt meines Vermoͤgens mußte ich die mir angedrohte oͤffent⸗ liche Schande abkaufen. Ich ſuchte Zuflucht bey Freunden; Niemand wollte ſich der Geſchaͤndeten annehmen; die Noth trieb mich unter die Men⸗ ſchen, und ſie ſtießen mich mit Verachtung von ſich. Dieſelben Menſchen, welche mei⸗ nen Verfuͤhrer— Jederman wußte, daß er das ſey— oͤffentlich ehrten nach ſeiner Dritter Theil. 275 ſchwarzen That, wie zuvor, behandelten die Verfuͤhrte, die ſchrecklich genug fuͤr ihren Fehler gebuͤßt hatte, mit dem bitterſten Spotte, mit der empfind⸗ lichſten Geringſchaͤtzung. O Menſchen, was verachtet ihr, das Laſter oder das Ungluͤck? Unſere heiligen Buͤcher erzaͤhlen viel von den Martern, welche die Uebelthaͤter jenſeits des Grabes an dem Orte der Nacht und der Qual ausſtehen muͤſſen: aber mehr koͤnnen ſie nicht leiden, als ich gelitten habe. Darum ſey mein Loos nach dem Tode, was es wolle; ich unterwerfe mich; aber dieß Leben kann ich nicht laͤnger ertragen. Unter Hunger und Kummer habe ich um meines Kindes willen bis hierher das Leben der Nacht und der Qual ertragen, laͤnger kann ich nicht. In kurzem wuͤrde ich ohnehin mit mei⸗ nem Kinde vor Mangel haben umkommen muͤſ⸗ ſen, wenn ich nicht ſtehlen, oder mich zu einem Gewerbe, das eben ſo ſchaͤndlich iſt, erniedrigen wollte. Ich ſterbe alſo lieber allein, und rette mein Kind, das ich Dir, guter Fuͤrſt, Vater 276 Paͤchter Martin. aller Deiner Unterthanen, in Deine Haͤnde lege. Erbarme Dich des ſchuldloſen Geſchoͤpfs, und der Unſichtbare wird zum Lohn fuͤx Deine Erbar⸗ mung Freude Dir ins Herz gießen.* Vater, erbarme Dich! erbarme Dich meines Kindes! aber— hoͤre auch noch eine Bitte der Sterbenden: Erbarme Dich der Ungluͤcklichen, die, ſo wie ich, die Mutterwuͤrde zu ihrem Ver⸗ derben empfangen! Erbarme Dich der Gerech⸗ tigkeit, die die Verfuͤhrte beſtraft und den Ver⸗ fuͤhrer ungeſtraft laͤßt! Erhoͤre dieſe Bitten der ungluͤcklichſten aller Muͤtter! Ella⸗Mira. Nun iſt, Trotz des Widerſpruchs des Ober⸗ prieſters Muſſuck und der Raja's, die Ver⸗ ordnung ergangen: „Daß jeder Verfuͤhrer eines Maͤdchens, und waͤre ſie auch ein bloßes Landmaͤdchen, und ihr Verfuͤhrer ein Omrah, gehalten ſeyn ſoll, die Verfuͤhrte, wenn ſie Mutter wird, zur Ehe zu nehmen, um ihre verlorne Ehre vor der Welt wieder herzuſtellen. Sie koͤnnen dann wieder getrennt werden,— wenn Gruͤnde dazu vor⸗ Drittei Theil. 277 handen ſind; doch behaͤlt die Mutter den Namen des Mannes, und unter dieſem Namen wird auch das Kind erzogen, fuͤr deſſen Erziehung der Vater, nach Maßgabe ſeines Vermoͤgens, zu ſorgen ver⸗ bunden iſt. Das Kind hat uͤbrigens mit den in der Ehe erzeugten Kindern gleiche buͤrgerliche Rechte, und ſeine Geburt ſoll ihm zu keinem Vorwurfe gereichen. 1 Paͤchter Martin. XvII. Die lehrenden Graͤber. Man thut wohl, daß man die ſtille Ruheſtaͤtte der Verſtorbenen von den Wohnungen der Leben⸗ den abſondert, nicht bloß aus pflichtmaͤßiger Vor⸗ ſorge fuͤr Leben und Geſundheit, ſondern auch um die Gefilde, wo Saat, von Gott geſaͤet, dem Tage der Ernte reift, fuͤr diejenigen, welche noch auf Erden ſaͤen und ernten, lehrreicher und erbau⸗ licher zu machen. Es beſtaͤtiget ſich nehmlich durch die Erfah⸗ rung, daß das Alltaͤgliche und Gewohnte, das beſonders, was ſich unſern Blicken zu oft dar⸗ ſtellet, nur ſelten ein aufmerkſames Nachdenken, und noch ſeltner eine tiefe Ruͤhrung zu erwecken vermag Wer taͤglich uͤber Graͤber hinwandelt, veraißt nur gar zu leicht, daß es ein geweihter Boden iſt, den hier ſein Fuß betritt, daß er an einem Orte wandelt, der ihm zur lehrreichſten Schule werden kann— und gewiß dann werden Dritter Theil. 27, wuͤrde, wenn er in ſtiller Einſamkeit ihn zuwei⸗ len, ihn in ſolchen Stunden beſuchte, in welchen ſein Herz ein hoͤheres Beduͤrfniß fuͤhlt. Wird einſt die Menſchheit in Erkenntniß und Befol⸗ gung des Wahren und Guten merklichere Fort⸗ ſchritte als zeither machen, wird die Ueberzeu⸗ gung allgemeiner werden, daß ſittliche Verede⸗ lung das Eine Hoͤchſte ſey, worauf Alles abzielen muͤſſe, und daß man darum jedes Mittel, wodurch der wuͤrdigſte Gedanke und die edelſte Empfindung erweckt und belebt werden kann, ſorgfaͤltig be⸗ nutzen muͤſſe; dann werden ſo manche Schreck⸗ bilder roher Einbildungskraft, die hier und da noch die Graͤber umgeben, verſchwinden, und in ſchoͤnere, geiſtigere Bilder umgewandelt werden; dann wird vielleicht die Ruheſtaͤtte, wo unſterb⸗ liche Seelen ihre irdiſche Huͤlle ablegten, man⸗ chen, der noch mit dieſer Huͤlle umkleidet iſt, zu einem hoͤhern Leben erwecken. Tugend iſt freylich nicht das Werk des Augen⸗ blicks und einer voruͤberwallenden guten Empfin⸗ dung; ſie erfordert vielmehr Kampf, Muͤhe und Anſtrengung. Aber es giebt doch unlaͤugbar Stunden im menſchlichen Leben, welche auf unſere 280 Paͤchter Martin. ſittliche Veredelung einen entſcheidenden Einfluß haben koͤnnen; Stunden, in welchen die Gott⸗ heit uns umfaͤngt und ihr Geiſt uns durehdrin⸗ get; Stunden, in welchen die Wahrheit mit Son⸗ nenlichte uns zugleich erleuchtet und erwaͤrmt— Geburtsſtunden fuͤr das edlere Leben, wo die Tugend in einem reinen Herzen geboren wird, wo wir als Buͤrger im Reiche der Sittlichkeit fuͤr den Himmel eingeweihet werden, wo der Entſchluß in uns befeſtiget wird: von nun an wuͤrdig zu wandeln der großen Beſtimmung, wo⸗ zu wir uns berufen fuͤhlen; uͤberall und immer, welches Opfer es auch gelten moͤge, uͤberall und immer zu thun, was Recht iſt, weil es Recht und Pflicht, und alſo gewiß Wille der heiligen Gottheit iſt!— Noͤchte doch alles, was dieſe Stunde herbey fuͤhren, was Vernunft und Herz in Eintracht bringen, und den Eifer fuͤr das Gute beleben kann, auf das Gewiſſenhafteſte benutzt, moͤchte doch jedes Mittel dazu mit wahrer Weis⸗ heit angewendet werden! Einſt von ſorgfaͤltiger erzogenen, ſorgfaͤltiger vorgebildeten Menſchen wird der Gottesacker als ſolch ein Mittel benutzt werden, Mancher wird auf den Graͤbern zum Dritter Theil. 28 1 Leben erwachen, das aus Gott iſt, wird ſich ge⸗ ſtaͤrkt fuͤhlen fuͤr die Ewigkeit. Der Gottesacker, (der Garten der Ruhe— der Himmelsgarten) wird zum heiligen Tempel der Gottheit, jeder Grabeshuͤgel zum Altar der Tugend werden. In dieſem Tempel, an dieſem Altare werden Menſchen, die ſich durch engere Bande der Liebe und Freundſchaft verbinden wollen, das Geluͤbde verſiegeln: Hand in Hand treu bis zum Grabe ſich gegenſeitig zum Guten zu ermuntern und zu ſtaͤrken! An dieſem Altare wird der fromme Vater dem Sohn ſeines Geiſtes und Herzens zurufen: Sey treu und redlich bis zum Grabe! An dieſem Altare wird die fromme Mutter der Tochter ein: Selig ſind, die reines Herzens ſind! zurufen. An dieſem Altare wird der Juͤngling, wenn Blut und Luͤſte ſchaͤumen, den Sturm der Begierden ſtillen und den edelſten Sieg erkaͤmpfen; an die⸗ ſem Altare wird der Menſch das, was das Gluͤck ihm gab, von dem, was er ſelbſt iſt, ſcheiden, und als reinerer Menſch mit thaͤtigerm Eifer fuͤr das Gute unter ſeine Mitmenſchen zuruͤck keh⸗ ren; an dieſem Altare wird der verfolgte Wahr⸗ heitsfreund, wie einſt ein Stephanus, den Himmel Paͤchter Martin. offen ſehen, und fuͤr den Himmel ſich geſtaͤrkt fuͤhlen——— Neine Leſer wiſſen es, daß ich jaͤhrlich Eine Feſtnacht im Mondſcheine feiere, und dann ge⸗ woͤhnlich eine Stunde auf dem Gottesacker zu⸗ bringe. Auch geſtern habe ich die Graͤber beſucht, die fuͤr mich lehrende Graͤber wurden. Ver⸗ goͤnnt es mir, hier einige Lehren wieder zu geben, wie ich ſie dort aus der erſten Hand empfangen habe. Vergaͤnglich iſt das menſchliche Le⸗ ben mit ſeinen Freuden. Darum wuͤn⸗ ſche nicht mit zu heißer Sehnſucht Guͤter, die du am Grabe zuruͤck laſſen mußt! Da ruhen ſie in ihren ſtillen Graͤbern, die vor uns lebten und wirkten, und ſo mancher unter ihnen, der einſt im Leben uns theuer war, und bey deſſen Andenken unſer Herz jetzt noch fuͤhlt, wie viel wir in ihm verloren haben. Aeltern, Kinder, Gatten, Geſchwiſter, Lehrer, Freunde— Menſchen, die theils unſer Gluͤck be⸗ gruͤndet, theils unſer Leben verſchoͤnert, theils auf unſere geiſtige und ſittliche Bildung einen Dritter Theil. 283 wohlthaͤtigen Einfluß gehabt, kurz auf mannig⸗ faltige Weiſe ſich um uns verdient gemacht haben. So mancher Baum, den ſie gepflanzt, ſo man⸗ ches Gute, das ſie geſtiftet haben, dauert zum Theil noch ſort; aber ſie wandeln nicht mehr unter den Schatten ihrer Baͤume, genießen nicht mehr hienieden die Fruͤchte ihrer Arbeit. Sie wohnten einſt, wo wir jetzt wohnen, ſie bauten einſt das Land, auf welchem wir jetzt ernten, ver⸗ walteten einſt die Aemter, die uns jetzt anver⸗ trauet ſind, betrieben die Geſchaͤfte, denen wir jetzt unſern Fleiß und unſere Kraft widmen;— und ſie haben fuͤr dieſe Erde ausgewirkt! Es predigt doch nichts die Eitelkeit und Vergaͤnglichkeit alles Irdiſchen ſtaͤrker und nachdruͤcklicher, als die Graͤ⸗ ber der Menſchen!. Da ſanken ſie hin, die, die einſt in vollem Genuß der Geſundheit ſich des Lebens freuten— von denen aber auch mancher des Lebens Kraft ver⸗ ſchwelgte; da ſanken ſie hin, die die Natur mit aͤußern Reitzen ausſchmuͤckte— von denen aber auch mancher uͤber die Sorge fuͤr Ausbildung des aͤußern Menſchen vergaß, den innern Men⸗ ſchen zu verſchoͤnern und zu veredeln; da ſanken Paͤchter Martin. ſie hin, die, welche von einer Ehrenſtufe zur an⸗ dern empor ſtiegen— von denen aber auch man⸗ cher uͤber das Streben nach Ehrenſtellen das ſich zu erwerben vernachlaͤſſigte, was allein wahrhaft ehrwuͤrdig macht, und nicht von dem veraͤnder⸗ lichen Lobe oder Tadel der Menge abhaͤngt; und die, welche im Beſitz der Guͤter dieſer Erde vor andern wohl thun konnten, und nicht immer wohl thaten— und alles, was das Gluͤck ihnen gab, mußten ſie am Grabe zuruͤck laſſen. In kurzer Zeit werden auch wir die dunkle Bahn des Todes betreten, und dann zuruͤck laſſen, was nicht zu unſerm Selbſt gehoͤret. Darum wollen wir die Freuden dieſes Lebens zwar nicht, unzufrieden und undankbar gegen Gott, verachten;(wir beduͤrfen heitern Sinn und freudigen Muth, um unter mancher Muͤhe auszudauern, und unſere Pflichten puͤnktlich zu erfuͤllen!) aber nie wollen wir auch uͤber dem Genuß voruͤbereilender Freuden den ernſten wuͤrdigen Zweck unſers Daſeyns ver⸗— geſſen. Wir wollen die Guͤter dieſer Erde, die bey weiſem Gebrauch uns Mittel werden koͤnnen, uns und Andern das Leben zu verſchoͤnern, nicht thoͤricht verachten, aber ſie auch nicht mit zu Hrikhier Theil. 285 heißer Sehnſucht wuͤnſchen, und noch weniger durch Ungerechtigkeit und Verletzung heiliger Pflichten Guͤter zu erwerben ſuchen, die wir nie in unſer Herz auffaſſen koͤnnen, die uns vielleicht morgen entriſſen werden, und die wir wenigſtens am Grabe zuruͤck laſſen muͤſſen!——— Vergaͤnglich iſt das menſchliche Le⸗ ben mit ſeinen Freuden, aber auch mit ſeinen Leiden. Darum verzage nicht muthlos unter den Leiden die⸗ ſes Lebens! Da ruhen ſie aus im ſtillen Grabe, alle die unter der Buͤrde ſchwerer Leiden ſeufzten, alle die Ungluͤcklichen, denen das Schickſal heiße Thraͤnen zum Loes des Lebens gab. Freylich wohl waren manche unter ihnen, die ſich ſelbſt und Andern das Leben verbitterten, ſich ſelbſt Sorge und Gram und Leiden ſchufen, denen das Leben keinen Werth hatte, weil ſie den hohen Zweck deſſelben verkannten; Menſchen, welche durch ungemaͤßigte Wuͤnſche ſich um den freudigen Genuß des Guten, das ihnen hienieden zu Theil ward, oder im Gegentheil durch Unmaͤßigkeit im Genuß ſich fluͤh um alle Genußfaͤhigkeit brachten, 286 Paͤchter Martin. oder auch Menſchen, die auf dem Wege des Laſters die Freude ſuchten, und bangen Schmerz und nagende Reue fanden. Aber gewiß waren auch manche unter ihnen, welche das Schickſal ohne ihre Schuld einen rauhen dornenvollen Pfad fuͤhrte. Die, welche naͤchtliche Tage und noch truͤbere Naͤchte auf langwierigem Krankenlager verweilten; die, welchen durch den Verluſt des edelſten Sinnes, des Geſichts, die ganze ſchoͤne Erde ſich in ein dunkles Trauerhaus umwan⸗ delte; die, welche bey der redlichſten Berufstreue doch vielleicht nicht im Stande waren, ſich und den Ihrigen die Stillung der nothwendigſten Be⸗ duͤrfniſſe zu erwerben; die, welchen der liebſte Freund, die treuſte Freundin durch den Tod von der Seite geriſſen wurde, und die, welche mit dem liebevollſten Herzen in die Welt traten, und unter die Moͤrder fielen, die durch Betrug und Treuloſigkeit ihr Herz verwundeten. Da umfing der Tod die Unglücklichen ſanft, wie ein Engel des ewigen Friedens, da freuten ſie ſich des Abſchieds von dieſer Erde, wie der, der des Tages Laſt und Hitze trug, des erſehnten Feier⸗ abends.— DOritter Theil. 287 Ihr, die ihr noch unter den Lebenden weilet, und unter dem Drucke ſchwerer Leiden kaͤmpft und duldet, werdet nicht muthlos! Strengt red⸗ lich eure Kraͤfte an, um des Lebens Leiden euch zu mildern, und glaubt und hoffet: Gott ſegnet euch durch Leiden! Veredelt ſollen wir hienieden werden, im Guten immer mehr befeſtiget; und was dazu als Mittel dienet, ſo hart es euch auch jetzt ſcheinen mag, werdet ihr doch einſt als Wohl⸗ that erkennen, wenn ihr mit erhelltem Geiſtes⸗ blicke eure Schickſale im Zuſammenhang uͤber⸗ ſchauen koͤnnt. Nicht jede Pflanze gedeiht im milden Sonnenſchein, und nicht fuͤr jeden, viel⸗ leicht nur fuͤr ſehr wenige Menſchen iſt anhal⸗ tendes Gluͤck wahrhaft heilſam. Sittliche Wuͤrde, vereint mit ſtiller Guͤte, Strenge gegen ſich ſelbſt, vereint mit ſanfter Schonung und Duldung gegen den Irrenden und Fehlenden, Kraft und Milde im engſten Bunde werden nicht leicht anders als in der Schule des Ungluͤcks ausgebildet. Zu jedem hoͤhern Wirkungskreiſe wird eine ſorgfaͤltigere und muͤhevollere Vorbereitung erfordert. Glaubet und hoffet, der Vater der Menſchen, der ſo gern wohl thut, ſo gern erfreut und ſegnet, laͤßt ſeine Paͤchter Martin. Kinder nicht zwecklos leiden. Gewiß auch ihr, die ihr jetzt leidet, werdet einſt den rauhen Weg ſegnen, den Gott euch fuͤhrte, werdet in ſeiner Fuͤhrung weiſe Guͤte mit Dank erkennen; die ihr mit Thraͤnen ſaͤetet, ihr werdet einſt mit Freuden ernten. Duldet muthvoll, glaubt und hofft, und will der ſchwache Menſch in euch ermatten; ſo blicket nach dem Grabe, wo Vergeſſenheit der Sorgen, NRuhe nach der Arbeit, Sieg nach dem Kampfe, und das Ende jedes Kummers euch erwartet. Nur auf eine kurze Zeit wandelſt du neben deinen Mitmenſchen, wandle im Friede mit ihnen den Weg zum Grabel Da ruhen auch ſie in Frieden neben einander, die einſt in Zwiſt und Feindſchaft mit einander lebten, die oft ein leichtes Wort entzweyte, ein kleiner Verluſt, den ihnen Andere verurſachten, erbitterte, ein Fehler der Uebereilung zu Rach⸗ ſucht entflammte, und die dann mit unverſoͤhn⸗ lichem Haſſe ſich einander verfolgten. O die Armen, daß ſie ſich ſelbſt den Becher der Freude, den ihnen ihr Schutzgeiſt ſo freundlich hützg dar⸗ Dritter Theil. 289 darreichte, vergaͤllten und vergifteten! Laſſet uns weiſer, laſſet uns beſſer handeln! Verziehen ſey allen, die mich beleidigten! Ich habe keinen Feind mehr! Es kehret zum Staube zuruͤck, was dem Staube angehoͤrt. Lerne vom Staube ſcheiden, was uͤber den Staub erhaben, was unvergaͤnglich iſt! Dieſe Lehre begleite uns noch vom Grabe ins thaͤtige Leben. Wir nannten die Graͤber Ruhe⸗ ſtaͤtten unſerer verſtorbenen Bruͤder, Graͤber der Menſchen; und folgten in dieſem Ausdrucke dem gewoͤhnlichen Sprachgebrauche. Allein ſollte wohl dieſer Sprachgebrauch beſtimmt und richtig ſeyn? Menſchen, vernuͤnftige Weſen, die ſich mit einem Strahle des goͤttlichen Lichts beſeelt fuͤh⸗ len; Menſchen, die durch Geiſteskraft uͤber alle andere Geſchoͤpfe der Erde weit erhaben ſind, die auf Kenntniſſe verfloſſener Jahrhunderte neue Kenntniſſe fortbauen, die Welten meſſen, den Lauf der Geſtirne berechnen, und maͤchtigen Ele⸗ menten gebieten, fuͤr ihren Dienſt zu arbeiten— Weſen mit allen dieſen hohen Vorzuͤgen ſollten der Raub eines vernichtenden Todes ſeyn? Und 3. Theil. 19 290 Paͤchter Martin. Weſen, die faͤhig ſind, mit edler Freyheit das erkannte Gute ſelbſt im Widerſpruch mit ihren Neigungen und ſinnlichen Wuͤnſchen zu waͤhlen, dieſe koͤnnten im Grabe vernichtet werden? Wenn der Juͤngling mit raſtloſem Eifer ſeine Kraͤfte ausbildete, und nun eben, da er ſeine Kraͤfte zum Segen für die Welt anwenden wollte, von dieſer Welt abgerufen wird; und wenn der Edle ſein Leben der Tugend zum freywilligen Opfer darbringt, oder von dem Laſterhaften zu Boden getreten wird— da umfaßte das Grab jene Kraft, da umfaßte das Grab dieſe Tu⸗ gend?— O mit einem Glauben, den nichts zu erſchuͤttern vermag, blicke ich vom Grabe zum Himmel empor, unterſcheide mit dem deutlichſten Bewußtſeyn das, was jetzt noch uͤber dem Staube ſteht, und einſt zu Staub wird, von mir ſelbſt, der ich glaubensvoll Gott, Tugend und Unſterblichkeit zu denken vermag. Wir ſind unſterblich! So wahr wir ein hei⸗ liges Geſetz anerkennen, das nicht fuͤr die Be⸗ wohner des Staubes, das nur fuͤr Verwandte der Geiſterwelt gelten kann, wir ſind unſterblich! —,., 1—— Dritter Theil. Und Wahrheit und Tugend ſind die Guͤter, 291 die wir in das innere Heiligthum der Seele auffaſſen koͤnnen, und als unſer bleibendes Eigenthum uns in die beſſere Welt hinuͤber nehmen werde 1. Geweihter Ort, wo Saat von Gott Dem großen Ernte⸗Tage Entgegen reift, ſey mir gegruͤßt, Du Ort, wo jede Klage Verſtummt, wo mancher Ruhe fand, Der ſie auf Erden nie gekannt! 2. Zwar floſſen hier der Thraͤnen viel, Wenn von des Freundes Herzen Den treu'ſten Freund das Schickſal riß:— Mit tief gefuͤhlten Schmerzen Hab' ich auch ſelbſt, ach, manchem Freund Die Abſchiedsthraͤne hier geweint! mit n! Paͤchter Martin. 3. Doch Schlaf iſt ja des Menſchen Tod, Er ſchaffet Ruh den Muͤden, Nimmt Leidenden die Buͤrde ab, Und bringt zum ew'gen Frieden. Weint, Freunde, nicht; denkt: Wiederſehn! Die Todten werden auferſtehn!*) 4. Belebend ſinkt ein Sonnenſtrahl Einſt auf die Graͤber nieder; Und was hier ſchlaͤft, erwachet dann Zum ſchoͤnern Leben wieder. Im Winter ſtarb die Roſe; ſeht! Sie bluͤht vom Fruͤhlingshauch umweht. 5. Und was man hier der Erde giebt, Iſt nur des Geiſtes Huͤlle. Unſterblich iſt des Menſchen Geiſt! Vernunft und guter Wille *) Auferſtehung— es iſt und bleibt doch eine ſchoͤne bildliche Vorſtellung von Unſterblichkeit! — Dritter Thell. 293 Begleiten, wenn die Huͤlle faͤllt, Den Geiſt in jene beſſ're Welt. 6. Drum kann mein Blick vom Leichenfeld Zum Himmel ſich erheben; Und winkt auch mir das kuͤhle Grab, Werd' ich nicht aͤngſtlich beben. Ich pfluͤcke in der Bluͤthe Zeit Die Blume der Unſterblichkeit. 7. Was ihr einſt war't, das bin ich jetzt, Ein Pilger hier auf Erden; Was ihr, entſchlaf'ne Bruͤder, ſeyd, Werd' ich vielleicht bald werden. Nun dann— durch's Todesthal eilſt du, Mein Geiſt, dem Vaterlande zu! 8. Doch dem nur wird der Uebergang Zu jenem Vaterlande Der Weg zum Heil, der edel hier Des Laſters Selavenbande 294 Paͤchter Martin. Zerriß, der in der Pruͤfungszeit Sein Herz der Tugend hat geweiht. 9. Auf Graͤbern der Entſchlafnen ſey Der Tugendbund aufs neue Verſiegelt, hier gelobe ich Der Tugend ew'ge Treue, Und heilig ſey mir jede Pflicht, Bis einſt mein Auge ſterbend bricht! — — —4,— — — —,— Dritter Theii. 295 XVIII. Ueber unſere ſchoͤnſte und hoͤchſte Hoffnung. Erfreulich iſt die Hoffnung der Unſterblichkeit, ſo daß ſelbſt der Gluͤckliche ſie nicht entbehren kann, wenn er reinere menſchliche Gluͤckſeligkeit genießen will. Ohne dieſe Hoffnung erblickt er unter den Blumen, die ihm entgegen bluͤhen, ſein Grab, und die Furcht vor der Zukunft truͤbt ihm die Freuden der Gegenwart. Je mehr er mit ſeinem Daſeyn zufrieden iſt, deſto lebhafter fuͤhlt er den Wunſch, es auf eine laͤngere Zeit zu erhal⸗ ten; aber er weiß nicht, ob er morgen noch ſeyn werde. Er hat vielleicht Sinn und Empfaͤnglich⸗ keit fuͤr die Freuden der Natur; des Himmels Blaͤue erheitert ſeinen Blick, die Erde im Fruͤh⸗ lingsgewande ſpricht ihm ans Herz; aber mitten in dieſem Genuß erwacht der Gedanke: Wird 296 Paͤchter Martin. die morgende Sonne auch mir noch ſcheinen? oder iſt vielleicht der heutige Sonnenuntergang der letzte, den mein Auge ſieht? Oder der Herbſt nahet; und der Sturm, der den Baum entblaͤt⸗ tert, beſtuͤrmt ſeine Seele mit dem Gedanken an ſeine eigne Hinfaͤlligkeit und Vergaͤnglichkeit. Trauernd verweilt er bey der Frage: Wenn der wiederkehrende Fruͤhling neues Leben verbreitet, wirſt auch du dieſes Lebens dich noch freuen koͤn⸗ nen? oder biſt du dann ſchon ins Grab geſun⸗ ken; abgebluͤht, um nie wieder aufzubluͤhen? Er hat treue Freunde, mit welchen er Gedanken und Empfindungen wechſelt, in deren Geſellſchaft er jede Freude, jedes Gluͤck, das ihm zu Theil wird, zwiefach genießt, weil er auf ihre Theilnahme rechnen kann, und wuͤnſcht dann natuͤrlich, mit ihnen Hand in Hand und unzertrennlich den Weg durchs Erdenleben zu gehen; aber wie bald wird ihm vielleicht der liebſte Gefaͤhrte von der Seite geriſſen? Er iſt gluͤcklicher Gatte und ſieht dar⸗ um mit dem ſchmerzlichſten Gefuͤhle dem furcht⸗ baren Feinde entgegen, der das Band ehelicher Liebe auf immer zu trennen droht. Er iſt zaͤrt⸗ Dritter Theil. 297 licher Vater, wuͤnſcht ſo ſehnlich noch auf eine laͤngere Zeit fuͤr ſeine Kinder zu leben; und je ſehnlicher er dieß wuͤnſcht, deſto aͤngſtlicher iſt die Beſorgniß ſeinen Wunſch zu verfehlen. Ohne Glauben an Unſterblichkeit gleicht der Gluͤckliche einem Manne, dem ein Maͤchtiger der Erde die herrlichſte Wohnung und ſchoͤnſte Fiur zwar zum Eigenthum uͤbergaͤbe, doch auf eine ſo ungewiſſe Zeit, daß der Beſitzer mit jeder Stunde beſorgen muͤßte, es werde ihm alles wieder ge⸗ nommen werden, und alſo unter dieſer traurigen Bedingung unmoglich ſeines Gluͤcks recht froh werden koͤnnte. Aber iſt nicht dieſer Vergleich auch auf den Gluͤcklichen mit dem Glauben an Unſterblichkeit anzuwenden? Nein, dieſer gleicht einem Manne, dem zwar auch Wohnung und Gluͤcksguͤter auf eine kurze ungewiſſe Zeit, doch zugleich mit dem ſichern Verſprechen uͤbergeben wurden: wirſt du von hier abgerufen, ſo geſchie⸗ het es, um in eine andere noch ſchoͤnere Gegend verſetzt zu werden, und ungleich mehr zu erhal⸗ ten, als du hier hatteſt. Jener iſt entſetzt, dieſer 298 Paͤchter Martin. weiter befoͤrdert worden. Jener iſt in anhalten⸗ der Gefahr, alles zu verlieren, dieſer darf mit Zuverſicht hoffen, durch den Wechſel zu gewinnen. Mit dieſer Hoffnung eines beſſern Lebens jen⸗ ſeit des Grabes werden dem Frommen ſchon die Freuden des gegenwaͤrtigen Lebens erhoͤht und verſchoͤnert. Dankbar genießt er, was ihm der Geber alles Guten hienieden zu Theil werden laͤßt, und ruft ihn dieſer von der Erde ab, ſo weiß er ja, daß, nach Jeſu Ausſpruche, in Got⸗ tes Hauſe viele Wohnungen ſind, und daß er den Wechſel der Wohnung gewiß nicht werde zu bereuen haben. Und wie troſtvoll iſt dieſe Hoffnung fuͤr den leidenden Frommen! Wer kann es laͤugnen, daß des Lebens Schoͤne noch mit mancher Noth ver⸗ eint ſey, daß auf Erden manche bange Thraͤne geweint werde? Was troͤſtet nun aber den Un⸗ gluͤcklichen ohne den Glauben an eine beſſere Zukunft? Vielleicht die kalte vermeinte Weis⸗ heit: man muß ertragen, was das Schickſal uͤber uns verhaͤngt hat, und was wir nicht abaͤn⸗ — —————ioe — Dritter Theil. 299 dern koͤnnen—2 Freylich muß man; nur ge⸗ waͤhrt dieſe ſtrenge Nothwendigkeit wenig Troſt, wenn der Leidende dabey denken muß, daß er zwecklos, oder doch nur als Mittel zur Befoͤrde⸗ rung fremder Zwecke leiden muͤſſe; wenn der Schmerz ihm dabey die Frage abnoͤthigt: Warum war ich nun eben zu Leiden beſtimmt, da doch ſo vielen andern der Weg durchs Leben uͤberall mit Blumen beſtreuet iſt? Was wollten wir ihm antworten auf ſeine Klagen:„Nur ein ſo kurzes, auf wenige ungewiſſe Jahre beſchraͤnktes Leben iſt mein Loos, und auch dieß ſoll ich unter Schmerzen hinbringen? Mit gleichen Anſpruͤchen auf Lebensgluͤck, wie jeder andere Sterbliche, betrat ich dieſe Erde, und warum mußte ich eben zu Leiden ohne Erſatz verurtheilt ſeyn? Lange habe ich auf Hoffnung eines mildern Schickſals geduldet, und immer bin ich getaͤuſcht worden. Jetzt erwarte ich nur Ruhe im Grabe; und was hindert mich, dieſer Ruhe entgegen zu eilen, und meine Leiden durch einen raſchen Schritt zu enden?“— was wollten wir dem Ungluͤcklichen auf dieſe bittren Klagen antworten, ſo fern wir 300 Paͤchter Martin. ihm keine Ausſicht uͤber das Grab hinaus eroͤff⸗ nen koͤnnten? Nur der Glaube: du biſt unſterblich! gießt dem leidenden Frommen Troſt ins Herz. Er weiß, daß er nicht zwecklos, weiß, daß er fuͤr eine beſſere Welt leidet, und daß ein guͤtiger und weiſer Vater der Menſchen nicht bloß Freude und Gluͤck, ſondern auch Schmerz und Ungluͤck als Mittel anwendet, um uns deſto vollkomme⸗ ner zu unſerm eigenen Heil fuͤr jenes Leben vor⸗ zubilden. Erreicht man ſchon in dieſem Leben nicht leicht etwas Wuͤnſchenswuͤrdiges ohne Muͤhe; darf der, welcher nur in irgend einer Wiſſenſchaft groͤßere Fortſchritte machen will, keine Arbeit, keine Anſtrengung ſcheuen: wie ſollte nicht den Frommen, der dieſe Erde als Bildungs⸗ und Erziehungs⸗Anſtalt fuͤr den Himmel betrachtet, wie ſollte ihn nicht, wenn er vielleicht mehr als Andere leiden muß, die Vorſtellung aufrichten: daß er unter der Regierung ſeines Gottes zu einem groͤßern Wirkungskreiſe in jenem Leben durch Leiden vorgebildet werde— und daß dieſer —— —— Dritter Theil. 301 Zeit Leiden nicht werth ſey der Herrlichkeit, die dort an uns offenbaret werden ſoll, wenn wir hier treu erfunden wurden? Wirkung des Glaubens an Unſterblichkeit iſt es, daß wir nun am Grabe unſerer Lieben nicht troſtlos weinen, und auch unſerm Tode nicht mit Angſt entgegen beben duͤrfen. Zwar tadeln wir keinesweges die Thraͤnen wahrer Empfindung, am Grabe derer geweint, die im Leben uns theuer waren. Auch das Herz hat ſeine Rechte; und ſeine gelaͤuterten Gefuͤhle haben den wohl⸗ thaͤtigſten Einfluß auf unſere ſittliche Veredelung. Aber der Menſch mit der zugeſicherten Hoffnung, daß ihm jenſeits des Grabes ein beſſeres Leben erwarte, und daß er von dem ſterbenden Freunde auf Wiederſehn in ſchoͤneren Gefilden einer voll⸗ kommnern Welt ſcheide, weinet nicht troſtlos; denn er denkt bey der Ausſaat die Ernte, wan⸗ delt ruhiger unter Graͤbern, wo Saat, von Gott geſaͤct, dem Tage der Ernte reift. Kann die zaͤrtlichſte Mutter ſich uͤber eine, wenn auch noch ſo weite Entfernung von ihren Kindern leicht 302 Paͤchter Martin. beruhigen, wenn ſie nach hoͤchſter Wahrſcheinlich⸗ keit glaubt, daß dieſe Entfernung wahres Gluͤck fuͤr ihre Kinder ſey: nun, was iſt denn der Tod unſerer Lieben mehr als eine weitere Entfernung durch den Uebergang in ein beſſeres Land?— und Entfernung auf Wiederſehen? . Den Tag, den wir auf Erden Todestag deeses— Frommen nennen, den feiern dort Selige als ſeinen Geburtstag zum beſſern Leben. Zu einem beſſern Leben werden wir ſterbend geboren, zu V einem Leben, wo wir das, was hienieden uns noch dunkel war, in hellerm Lichte erkennen, und unſern erhabenen Beruf: immer weiſer, beſ⸗ 6 ſer, edler zu werden, vollkommener als auf Erden erfuͤllen ſollen. — und fuͤr dieſen heiligen Beruf, fuͤr das eifrigſte Beſtreben, immer williger und freudiger den Willen Gottes zu vollbringen, was koͤnnte uns wohl dazu mehr ermuntern, was uns mehr 4 ſtaͤrken, als die Ueberzeugung: daß wir hier nur beginnen, was wir dort in einem grenzenloſen Daſeyn fortſetzen ſollen, daß wir hier zu dem Dritter Theil. 303 großen Werke unſrer Heiligung nur den Grund legen, worauf wir dort in der Reihe vollendeter Geiſter fortbauen ſollen! Ach, ohne dieſe Ueberzeugung, woher ſollten wir den Muth nehmen, in dieſem kurzen Leben nach einem Ziele zu ringen, das ſich, je mehr wir uns ihm zu naͤhern ſuchen, deſto weiter von uns zu entfernen ſcheint? Woher den Muth, uns dem Kampfe, der Muͤhe, der Anſtrengung, welche die Tugend fordert, zu unterziehen? Wo⸗ her den Muth und die Kraft, auch dann den Forderungen des goͤttlichen Geſetzes gemaͤß zu leben, wenn wir ſie mit unſern liebſten Neigun⸗ gen, mit unſern ſehnlichſten Wuͤnſchen im Wider⸗ ſpruche finden; auch dann im Guten ſtandhaft auszudauern, wenn unſere Guͤte mit Undank belohnt wird, wenn wir von Andern verkannt und verfolgt werden, mit Einem Worte, wenn die Tugend ſchwere Opfer fordert? Nur dann, wenn wir uͤber das Grab hin⸗ aus, wenn wir in eine vollkommnere Welt blicken, 304 Paͤchter Marrin. wo der Heilige Gluͤck und Tugend gegen einander gleich waͤget, wo, was hier noch mißtoͤnt, ſich in Harmonie aufloͤſet— nur dann fuͤhlen wir uns mit neuem Muthe beſeelet, mit neuer Kraft durchdrungen, ſtandhaft auf dem Wege der Tu⸗ gend fortzuwandeln, und wenn er auch noch ſo ſteil und muͤhevoll waͤre. Mitunſterbliche, laſſet uns Gutes thun und nicht muͤde werden! Laſſet uns vereinigt Gutes thun, denn dieſer Vereinigung werden wir uns noch in den Wohnungen des Lichts und der Vollkommenheit erfreuen. Bande, durch welche Seelen unter dem hei⸗ ligen Geſetze der ſittlichen Freyheit ſich vereini⸗ gen, ſolche Bande loͤſet kein Tod! Menſchen, die zum Guten ſich verbinden, errichten einen Bund fuͤr den Himmel, einen Bund fuͤr die Ewigkeit! O wie wird mit dieſer Anſicht der Menſch dem Menſchen mehr und theurer, und wie werden dadurch unſere Verbindungen zu ge⸗ meinnuͤtzigen und edlen Zwecken geheiliget und befeſtiget! 1 Der . Dritter Theil. 305 Der Menſch mit allen ſeinen ſonſtigen Vor⸗ zuͤgen, was waͤr' er ſich ſelbſt ohne Glauben an Fortdauer in einer andern Welt? Er fuͤhlt ſeine Erhabenheit uͤber das Thier, und dennoch erwar⸗ tet ihn daſſelbe Schickſal. Er blickt empor zu fernern Welten, und der naͤchſte Grabeshuͤgel erinnert ihn an ſeine Vergaͤnglichkeit. Er ver⸗ ſagt ſich um der Tugend willen manchen Genuß, und wie bald wird er keines Genuſſes mehr faͤhig ſeyn! Er bauet und beſſert in Jahren, was eine Minute niederreißt. So bleibt er im Wider⸗ ſpruche mit ſich ſelbſt, und fuͤhlt ſich bey der Sehnſucht nach dem Hoͤheren und Beſſeren den⸗ noch immer wieder zur Erde herab gedruͤckt. Und ſeine Mitmenſchen, auch ſie die Kinder der Zeit und der Vergaͤnglichkeit, Weſen, die als fliehende Geſtalten voruͤber eilen, heute vielleicht mit dem waͤrmſten Herzen den Freund umarmen, und morgen entſeelt keinen Haͤndedruck mehr erwie⸗ dern koͤnnen— auch ſie werden ihm, ſo gedacht, mehr ein Gegenſtand des Mitleids als der Ach⸗ tung ſeyn. 3. Theil. 20 306 Paͤchter Martin. 3 Aber von welcher ganz andern Seite erſcheint uns der Menſch, wie gewinnt er an Wuͤrde und das menſchliche Leben an Werth, und welch ein heiliges unzertrennliches Band umſchlingt die Menſchheit, ſo bald wir mit Glauben und Hoff⸗ nung an eine Wiedervereinigung aller Frommen und Guten im Lande der Seligen denken! O! bey dieſem lebendigen Glauben iſt mir kein Menſch als Menſch ein Fremder, ſind alle meine Mitmenſchen meinem Herzen theurer, denn ſie haben ja alle mit mir gleiche große Beſtim⸗ mung und gleiche ſelige Hoffnung; und vielleicht, daß mancher unter ihnen, den ich hier noch nicht kennen lernte, dort den Bund der engſten Freund⸗ ſchaft mit mir errichtet, und, Geiſt mit Geiſte verbruͤdert, die Bahn der Tugend mit mir wan⸗ delt, die uns der Gottheit näͤher bringt. Und euch, welche die Gottheit ſchon hienieden mir zu treuen Gefaͤhrten und Begleitern auf dem Wege durchs Erdenleben zufuͤhrte, mit dem herzlichſten Wohlwollen reiche ich euch die Hand. Auf wie mannigfaltige Art kann in einem grenzenloſen Dritter Theil. 307 Daſeyn unſere Verbindung fuͤr uns ſegensvoll werden! wie viel Gutes koͤnnen wir noch verei⸗ nigt wirken! Sey es auch, daß der eine fruͤher, der andere ſpaͤter wieder von mir ſcheidet; beſtre⸗ ben wir uns nur redlich, unſere Pflichten zu erfuͤllen, ſo finden wir alle, alle uns wieder in dem gemeinſchaftlichen Vaterlande. Und da unſer ganzes Erdenleben als die erſte Jugend unſers Daſeyns zu betrachten iſt; ſo werden uns noch nach Millionen Jahren Seelen, die ſich hier mit uns vereinigten, zwiefach theuer ſeyn, theuer, wie geliebte Jugendfreunde. Freuet euch, Mitmenſchen, freuet euch mit mir der ſchoͤnſten Hoffnung! Wir ſind unſterblich! Moͤgen Sonnen erloͤ⸗ ſchen, moͤgen Erden zertruͤmmern; wir, mehr als ſie, wir ſind unſterblich! Menſchen, Mitgenoſſen dieſer Erde, und Mitgenoſſen der Unſterblichkeit, ihr alle, die ihr dort noch mit mir leben, und vielleicht durch immer engere Bande verbunden, mit mir leben 303 Paͤchter Martin. werdet, bruͤderlich reiche ich euch die Hand; und fordert von mir, wo ich helfen, wo ich Leiden mildern, wo ich Gutes befoͤrdern ſoll! Gern will ich thun, was ich kann; denn ich bin unſterblich, und wirke fuͤr Unſterbliche. —— Grimma, gedruckt bey Georg Joachim Goͤſchen. — — “ 6 “