hek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 14 Leihbibliot NIr 3 Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. E 5 3. 2.. 8 eih- und eſebedingungen. ¹. Oftensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8. r offen. 3. 2. Lesepreis. Bei Kückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.. 2 3 3.(aution. Unbekannte Perſonen üſſen, bei Entgegennahme zeines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtatret wird. 3 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: m für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 M. 50 Pf. 2 Nk.— Pf. „ 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Lage feſtgeſetzt und wird 3 der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 3 ch ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 1 ₰ — Erzaͤhlungen fuͤr unverdorbene Familien. Funfzehnter Band. Paͤchter Martin Zweiter Theil. Leipzig bei Georg Joachim Goͤſchen 1816. Der Paäaͤchter Martin und ſein Vatrter. Zweyter Band. Verzeichniß der in dieſem zweyten Bande enthaltenen Num⸗ mern, nach Aufſchrift und Seitenzahl. —— Seite 1. Geſchichte meines ungluͤcklichen Lebens. Ge⸗ ſchrieben im Kerker 2 I1 II. Zuſaͤtze und Bemerkungen zu vorſtehender Geſchichte meines Lebens. Zehn Jahre ſpaͤter geſchrieben ⸗ ⸗ 36 III. Yannettin und Nantellin. Aus einer por⸗ tugieſiſchen Handſchrift ⸗ ⸗ 58 IV. Saddy; uͤber das Land der Vorbereitung zum Lande der Gluͤckſeligkeit ⸗ 64 2. Theil. — Verzeichniß. V. Durch Wohlthaten macht man Undankbare . VI. Wie man wohlthun muͤſſe 5 2 VII. Eddelhold und ſeine Charlotte 2 VIII. Eddelhold; uͤber ſeine Charlotte und ſeine haͤusliche Gluͤckſeligkeit ⸗ IX. Ueber Spiele, vorzüglich Kartenſpiele X. Tadle deinen Freund, wenn du ihn zum FSeinde haben willſt 7 2 XI. Ueber Menſchenliebe ⸗ ⸗ XII. Ueber große und kleine Tugenden u XIII. Ueber Tugend und Lebensweisheit ⸗ Seite 71 86 99 116 133 139 147 160 187 Verzeichniß.. IIT Die Geſellſchaft der freyen Maͤnner. Eine Beylage zum Paͤchter Martin und ſein Vater. Seite Vorrede 2. 2 2 197 J. Beantwortung der Frage: Warum unſere Geſellſchaften ſo wenig geſellige Freu⸗ den gewaͤhren? nebſt einem Vorſchlage zur Errichtung eines kleinern geſell⸗ ſchaftlichen Zirkels 5 ⸗ 206 II. Geſetze der Geſellſchaft der freyen Maͤnner 229 III. Einige in Vorſchlag gebrachte neue Geſetze fuͤr die Geſellſchaft ⸗ ⸗ 244 1 17 Verzeichniß. 4 Seite IV. Reden und Vorleſungen in der Geſellſchaft 3 der freyen Maͤnner gehalten 1) Ueber Schillers Lied an die Freude 250 2) Ueber den Mißbrauch des Freundd ſchaftskuſſes und der Umarmungen 27 2 3) Epitomierte Beantwortung ic. 288 4) Einige Fabeln ⸗ 2 297 5) Ueber Zufriedenheit ⸗ ⸗ 3⁰9 . —xqxq; 8 I. Ge⸗ Geſchichte meines ungluͤcklichen Lebens. Geſchrieben im Kerker, Es giebt viel Leiden unter'm Monde, und die Klage iſt ſo wahr als alt: Des Menſchen Leben iſt Elend von der Wiege bis zur Bahrel Sey es, daß hier und da Einmal ein Gluͤcklicher eine ſeltene Ausnahme macht; wir wollen ihm ſein Gluͤck nicht mißgoͤnnen; nur fordre er auch nicht, daß wir im Gefuͤhl unſerer eigenen Leiden, und bey'm Anblick tauſend ande⸗ rer, die um und neben uns weinen, oder, noch ungluͤcklicher, weinen moͤchten und nicht koͤnnen— in ſein Jubellied einſtimmen ſollen. „Aber, ſagt ihr, auch des Ungluͤcklichſten „Leben iſt nicht ganz freudenleer; auch er zaͤhlte, taͤuſchten bitter ſpottete? wenn es uns mit der einen 4 Paͤchter Martin. „wo nicht Jahre, doch gewiß Tage und Wochen, „in welchen ihm wohl war, wo er ſein Daſeyn „ſegnete, wo er ſich gluͤcklich fuͤhlte.“ Nun ja; wer wollte und koͤnnte auch ſonſt das Leben aus⸗ halten? Wie aber, wenn der Labetrank, der uns ſtaͤrkte, uns nur zur Ertragung neuer und groͤßerer Leiden ſtaͤrkte? wenn das Gluͤck uns durch ſein Laͤcheln taͤuſchte, und dann des Ge⸗ Hand gab, um mit der andern deſto mehr zu nehmen? wenn es uns den Becher der Freude 8 durch irgend eine herbe Beymiſchung ungenießbar machte? oder uns hier und da einige Blumen auf den Weg ſtreute, um uns uͤber dieſe Blumen unter Dornen zu treiben? 3 Dieß war mein Schickſal. Ich habe wenig heitre Tage gehabt. Schien mir einmal die Sonne, ſo folgte gewiß bald ein Ungewitter; mein ſcheinbares Gluͤck loͤſ'te ſich immer in groͤße⸗* res Ungluͤck auf. Hoͤrt meine traurige Geſchichte, und weint dem Ungluͤcklichen die Thraͤne des Mit⸗ leids. Doch nein; ich mag eure Thraͤnen und euer Mitleid nicht— ſpart das fuͤr euch ſelbſt und eure Freunde! Ich erzaͤhle, um meinem 4 Zweyter Theil. 5 gepreßten Herzen Luft zu machen. Indeſſen, wer weiß, ob euch meine Geſchichte nicht lehr⸗ reich, wohl gar troſtvoll iſt! Man ſagt ja, es waͤre Troſt fuͤr Ungluͤckliche, noch Ungluͤcklichere neben ſich zu ſehen. Den elenden Troſt kann ich euch geben. 8 Drey Jahre waren meine Aeltern ſchon ver⸗ heirathet, und noch war ihr ſehnlichſter Wunſch nach Vater⸗ und Mutterfreuden nicht erfuͤllt. Man kann denken, daß ich, ihr Erſtgebor⸗ ner, deſto freudiger bewillkommt wurde. Die Natur hatte mir ein ziemlich autes Empfehlungs⸗ ſchreiben mitgegeben, und mein Vater konnte einſt dieſem Empfehlungsſchreiben durch das große Gewicht, wornach auf unſrer beſten Welt alles abgewogen wird, Nachdruck geben— er war einer der reichſten Maͤnner meiner Vaterſtadt. Welche ſchoͤne Ausſicht in eine gluͤckliche Zu⸗ kunft! Aber fruͤh genug wurde mir die Ausſicht getruͤbt, fruͤh genug wurde ich in Trauergewand gekleidet, in die Farbe, die mein kuͤnftiges Leben 5 Paͤchter Martin. bezeichnen ſollte. Kaum konnte der Knabe Va⸗ ter lallen, ſo wurde ihm dieſer Vater ſchon durch den Tod entriſſen!— Meine Mutter umſaßte nun mit ihrer ganzen ungetheilten Liebe ihr einziges Kind. Alle auch noch ſo vortheilhafte Antraͤge zu einer zweyten Heirath ſchlug ſie aus, um ganz fuͤr mich zu leben— und lebte acht Jahr fuͤr mich; da mußte auch ſie, die mir taͤglich und ſtuͤndlich Beweiſe ihrer zaͤrtlichſten Mutterliebe gegeben hatte, von mir ſcheiden, da ward ich vater und mutterloſe Waiſe!— Der Bruder dieſer guten Mutter nahm ſich als Vormund des verlaſſenen Waiſen an. Ein biedrer Menn; allein wie konnte er mir meine Aeltern, wie ihre Liebe, wie beſonders die Liebe der ſanfteſten, zaͤrtlichſten Mutter erſetzen? Er ſorgte fuͤr meine Erziehung, unterrichtete mich ſelbſt— er war Prediger und, wie man ſagte, ein ſehr gelehrter Mann!— und ließ mich durch andere unterrichten: doch das alles mehr aus kal⸗ ter Pflicht als aus Liebe. Ich wollte, weil es meine Mutter g-wollt hatte, ſtudieren; und nun trieb mich mein Vormund ungeſtuͤm zum Fleiße 8 4☛ 4* 4☛ Zweyter Theil.— 7 an, um einſt ein recht geſchickter, wenn's der Himmel wollte, wohl gar gelehrter Mann zu werden. So mußte ich den groͤßten Theil meiner unwiederbringlichen Jugend, wo ich mich des Lebens noch haͤtte freuen koͤnnen, hinter Buͤchern ſchwitzen. Endlich erſchien mir die laͤngſt herbey ge⸗ wuͤnſchte Zeit des freyern akademiſchen Lebens, und ich fing wirklich an im Zirkel meiner Freunde mein Leben zu genießen. Doch kaum war ein Jahr verfloſſen, ſo war auch meine ſchoͤne Zeit ſchon zu Ende. Mein Vormund ſchrieb mir: daß mein ganzes Erbgut von vaͤterlicher Seite, welches in einem angeſehenen Handelshauſe ſtand, mit dem Falle dieſes Hauſes verloren gegangen ſey. Er rieth mir zugleich, da mein muͤtterliches Erbgut aͤußerſt unbedeutend waͤre, mich nicht nur in Anſehung meines Aufwands moͤglichſt einzuſchraͤnken, ſon⸗ dern auch mein Vorhaben, ein Rechtsgelehrter zu werden, aufzugeben, und lieber die Theologie zu waͤhten, wobey der aͤrmere Candidat doch immer mehr Ausſicht zur kuͤnftigen Verſorgung haͤtte. Ich mußte ja wohl, ſo wenig Neigung 8 Paͤchter Martin. ich auch zum theologiſchen Studio hatte— wie es damals getrieben wurde— den guten Rath befolgen, der Geſellſchaft meiner Freunde entſa⸗ gen, und mich wieder unter meine Buͤcher be⸗ graben. Bey meiner Nuͤckkehr in's Vaterland trat ich in ein Trauerhaus— fand meine Vormund auf der Bahre.— Der zeitherige Collaborator an der Kirche meines Vormunds bekam das Amt des Verſtorbe⸗ nen, und mir ward die Hoffnung Collaborator zu werden; eine Hoffnung, auf die ich deſto ſicherer bauen konnte, da ich nur Einen, aͤußerſt unwiſſenden und nach allgemeinem Ur⸗ theile ganz unwuͤrdigen Menſchen, zum Compe⸗ tenten hatte. Aber dieſer unwiſſende Menſch war der Sohn des Herrn Superintendentens, und der Superintendent war mein Exami⸗ nator. Noch jetzt ſiedet mir das Blut in den Adern, wenn ich an den ſchrecklichen Tag, an die Ungerechtigkeit, an die Mißhandlung, wenn ich an den Mann zuruͤck denke, dem ich fluchen moͤchte! Zweyter Theil. 9 Er fing ſein Examen damit an, daß er mich nach dem Geburts⸗ und Sterbejahre beruͤchtigter Ketzer fragte; und konnte ſich, da ich ihm keine dieſer Fragen zu beantworten im Stande war, nicht genug uͤber meine Unwiſſenheit in der Kir⸗ chengeſchichte wundern. Mit einiger Heftig⸗ keit ſagte ich ihm: daß ich dieß nicht fuͤr Kirchen⸗ geſchichte, wenigſtens nicht fuͤr das Weſentlichſte derſelben, ſondern fuͤr unbedeutende Nebenſache, fuͤr Kleinigkeit hielte:„Um ſo mehr,“ erwie⸗ derte er mit haͤmiſchem Laͤcheln,„ſollte man doch „bey einem dreyjaͤhrigen Studioso theologiae „vorausfetzen, daß er ſolche unbedeutende Klei⸗ „nigkeiten deſto fertiger beantwoyten koͤnnte. „Wie? wenn ich nach des großen Reformatoris „Lutheri Geburts⸗Jahr und Tage fragte?—“ Zuverlaͤſſig haͤtte ich dieß bey ruhigerm Blute gewußt; jetzt wußte ich es nicht. In die Seele drang mir nun der Spott des Examinators, der die beyſitzenden Conſiſtorialen verſicherte: daß ihm noch am vorigen Sonntage bey der Catechi⸗ ſation dieſe Frage von einem zehnjaͤhrigen Kna⸗ ben richtig waͤre beantwortet worden. Er ging zum Hebraͤiſchen uͤber, und fragte mich nach den 10 Paͤchter Martin. Namen und Gebrauche der Accente und andern Grammatikalien, welche ich als Schuͤler wußte, und wieder vergeſſen hatte. Unwillig ſchlug er ſeine hebraͤiſche Bibel zu, mit hoher Betheurung: daß ihm ſo etwaäs(ſollte heißen: ſolche abſcheu⸗ liche Unwiſſenheit) noch nicht vorgekommen waͤre. Er erreichte ſeinen Zweck. Ich verlor alle Faſſung, alle Beſinnungskraft, und konnte nun auch die leichteſten Fragen nicht beantwor⸗ ten. So wurde ein Juͤngling, der ſich durch Fleiß und Gelehrigkeit den Beyfall aller ſeiner Lehrer erworben, und er darf hinzu ſetzen, ver⸗ dient hatte, auf die ſchimpflichſte Art zur Schule zuruͤck gewieſen.— Noch Einmal: es war ein ſchrecklicher Tag! Alle meine Hoffnungen mit Einem Male vereitelt; mein ganzes Gluͤck untergraben— zertruͤmmert; meine Ehre auf die empfindlichſte Art gekraͤnkt; ſo in den Staub getreten!— Ohne die innigſte Theilnehmung, den Troſt, die Unterſtuͤtzung eines Herzensfreun⸗ des, meines G?**, wuͤrde ich vielleicht den ſchrecklichſten Tag nicht uͤberlebt haben. Und— deſto beſſer!— Allein, ich ſollte ja in Zukunft noch mehr, tauſend Mal mehr leiden. Zweyter Theil. 11 Auf den Rath meines Gr** ſammelte ich den kleinen Ueberreſt meines Vermoͤgens, ging auf die Univerſitaͤt zuruͤck, verließ die Theologie, deren Prieſter mich verlaſſen— verworfen hatten, und ſtudierte die Rechte.— Et⸗ was uͤber zwey Jahre hatte ich wieder mit uner⸗ muͤdetem Fleiße gearbeitet, als mich zum zwey⸗ ten Male die Hoffnung in meine Vaterſtadt rufte, um mich zum zweyten Male zu taͤuſchen. Ein armſeliger Schreiberdienſt war es, warum ich mich bewarb, der mir von mehrern Vaͤtern meiner Vaterſtadt mit Hand und Mund ver⸗ ſprochen, und wie es zur Wahl kam, dennoch einem andern gegeben wurde.„Sollte mein „Vetter die Stelle nicht wenigſtens mit eben ſo „viel Ehre bekleiden, als der neue Candidatus „juris, den die Theologen nicht brauchen konn⸗ „ten?“ ſagt einer von den waͤhlenden Herren, und ſeine Collegen gaben ihm Beyfall. Jetzt hatte ich in meinem Vaterlande nichts mehr zu ſuchen, nichts mehr zu erwarten; es hatte mich ausgeſtoßen. Sollte ich im Aus⸗ lande mehr erwarten? Es war Krieg. Eben war eine moͤrderiſche Schlacht vorgefallen; 12 Paͤchter Martin. viele Tauſende waren auf dem Schlachtfelde geblieben. Raſch war mein Entſchluß gefaßt: Ich werde Soldat! und eben ſo raſch ſchritt ich zur Ausfuͤhrung. Ich verkaufte meine Buͤcher, um Reiſegeld zu bekommen; und war nun reiſefertig. Waͤre ich es nur um Einen Tag fruͤher geweſen! Noch am letzten Abend vor der beſtimmten Abreiſe, werde ich in die Poſt gerufen:„Ein Fremder wuͤnſchte „mich zu ſprechen.“ Es war der Graf D, den ich in meinem letzten akademiſchen Jahre bey unſerm gemeinſchaftlichen braven Lehrer Wr kennen gelernt hatte. Er bat mich, ihn als Hofmeiſter oder auch bloß als Freund, wie ich das am liebſten wollte, nach Italien und Eng land zu begleiten, und verſprach mir im Namen ſeines Vaters, dem mich Wrr empfoh⸗ len hatte, nach unſerer Ruͤckkehr auf meine fer⸗ nere Verſorgung zu denken. Welch ein unverhofftes Gluͤck! Ich glaube ich weinte vor Freude— wozu, aufrichtig geſtanden, die liebe Eitelbeit nicht wenig beytrug. In einer Art von Triumph, im graͤflichen Wagen konnte ich aus der Stadt fahren, wo, wie ich mir Zweyter Theil. 13 ſchmeichelte, nun jeder einſehen wuͤrde, daß man mich verkannt haͤtte. Dieß war ein Stuͤck⸗ chen Weg, das mir das Schickſal mit Blumen beſtreute, um lhich uͤber Blumen unter Dornen zu treiben. Der Anfang unſerer Reiſe war erwuͤnſcht, war uͤber meine Wuͤnſche. Dex vergaß den Grafen, und gab ſich mir ganz zum Freunde; ſein Name und vollguͤltige Empfehlungen, wo⸗ mit er verſehen war, eroͤffneten uns Haͤuſer, die vielen andern Reiſenden verſchloſſen bleiben, und dieß machte uns unſern Aufenthalt in Ita⸗ lien eben ſo angenehm als lehrreich. Allein die Herrlichkeit dauerte nicht voͤllig Ein Jahr. Ein Weib in Neapel verdarb den Grafen, brachte mich um ſeine Freundſchaft, ihn um ſein Geld, um ſeine Ehre, um ſeine ganze moraliſche Guͤte. Vergebens waren meine Bit⸗ ten und Vorſtellungen, vergebens vereinigte ein Freund des alten Grafen, der Freyherr von Mex, der ſich eben damals in Neapel aufhielt, ſeine Bemuͤhungen mit den meinigen, um den verblendeten Juͤngling aus einer Verbindung heraus zu reißen, welche in mehr als Einer 14 Paͤchter Martin. Ruͤckſicht fuͤr ihn ſo gefahrvoll war: er trug die Bande ſeiner Donna nach⸗ wie vorher, vermied die Geſellſchaft des Barons, und ließ mich meine Abhaͤngigkeit fuͤhlen. Mitten im Rauſche ſeiner unedlen Vergnuͤ⸗ gungen uͤberraſchte ihn die Nachricht von dem Tode ſeines Vaters. Ich benutzte dieſe Gelegen⸗ heit ſo gut ich konnte; er ſchien geruͤhrt, ver⸗ ſprach mir zu folgen—„nur muͤſſe er noch ſo „lange in Neapel bleiben, bis er ſeine betraͤcht⸗ „lichen Schulden bezahlt haͤtte.“ Er gab mir deßhalb die noͤthigen Auftraͤge, mit welchen ich nach Teutſchland abreiſete, zugleich mit der ſchriftlichen Verſicherung: daß ich nach dem Tode ſeines Gerichtshalters deſſen Stelle erhalten, und ſo lange der alte Mann noch lebte, ihn fuͤr thaͤtige Dankbarkeit des Grafen in ſeinem Amte unterſtuͤtzen ſollte. Der alte Gerichtshalter empfing den ungebe⸗ tenen Gehuͤlfen eben nicht freundlich; deſto freundlicher empfing ihn ſeine Tochter— ein Maͤdchen— ich muß noch jetzt geſtehen, daß ich nie ein ſchoͤneres reitzenderes Maͤdchen geſehen habe. Sie war erſt vier Wochen vor mir, nach Zweyter Theil. 15 dem Tode ihrer Mutter, auf's Land gekommen. Eine Tante hatte ſie in der Stadt erzogen, und ihrer aͤußern Schoͤnheit durch die vortheilhafteſte Geiſtesbildung hoͤhern Reitz gegeben. So viel Reitz und mir ſo nahe, wie haͤtte ich ihm wider⸗ ſtehen koͤnnen? Und warum haͤtte ich ihm wider⸗ ſtehen ſollen? War nicht alles meinen Wuͤnſchen guͤnſtig? Schien es nicht, mit den Romanen⸗ ſchreibern zu reden, als haͤtte ſie mir das Schick⸗ ſal ſelbſt zugefuͤhrt, da ich ſie ſo unverhofft, zu ſo ſchicklicher Zeit, unter ſo einladenden Umſtaͤn⸗ den finden mußte? Nun ja! das Schickſal hatte ſie mir muͤtterlich, wie es immer fuͤr mich ſorgte, zugefuͤhrt! Ich liebte und wurde geliebt; der Vater, wie es ſich unter den Umſtaͤnden leicht denken laͤßt, billigte unſere Liebe, legte den Murr⸗ ſinn, womit er dem Fremden, der ſich in ſein Amt eindraͤngen wollte, begegnet hatte, ab, uͤberließ gern dem kuͤnftigen Schwiegerſohne ſeine Arbeit; und wir erwarteten nur die Ankunft des Grafen, um ſo gluͤcklich zu werden, als es Sterb⸗ liche ſeyn koͤnnen. Es verging indeſſen ein volles Jahr; noch ſchwelgte der Graf in Italien, und nahm ein 16 Paͤchter Martin. Darlehn nach dem andern auf ſeine Guter. Vielleicht, dachte ich, wirkt ein gut geſchriebener Brief mehr als muͤndliche Rede; ich ſchrieb ſo gut, ſo durchdacht und zugleich ſo herzlich, als ich konnte, und bekam fruͤh genug eine entſchei⸗ dende Antwort, die aber nicht unmittelbar an mich, ſondern an den Vater meiner Gelieb⸗ ten! meiner Brautl gerichtet war:. „Der naſeweiſe junge Menſch, der es ge⸗ „wagt haͤtte, einen ſoreſpektwidrigen „Brief an ſeinen Herrn zu ſchreiben, „ſollte je eher je lieber die hochgraͤflichen „Guͤter verlaſſen.— Ueberbringer dieſes „ſolle in ſeine Stelle einruͤcken ꝛc.“ „Es thut mir leid,“ ſagte der Vater meiner Braut,„allein wer kann's aͤndern! Da ich Ihnen aber meine Tochter nur sub conditione verſprochen habe; ſo werden Sie von ſelbſt einſe⸗ hen, daß bey ſo bewandten Umſtaͤnden— aus der Heirath nichts werden kann.“ Meine Braut vergoß Stroͤme von Thraͤ⸗ nen— und ließ ſich nach vier Wochen mit dem neuen Herrn Gerichtshalter ganz im Stillen trau⸗ Zweyter Theil. 17 trauen.„Wahrſcheinlich doch von ihrem Vater dazu gezwungen?“ Es hatte des Zwangs nicht bedurft. Der junge Mann, der in alle meine Rechte trat, war, wie ich bald nachher erfahren habe, ſchon vor Jahren ihr guter Bekannter geweſen. Am Abend ihres Hochzeittages hatte ſie herzlich uͤͤber den Spaß, wie es ihr Braͤuti⸗ gam nannte, gelacht:„daß ich nun mit meinen Einwendungen post festum kommen wuͤrde.“ Es fiel mir nicht ein, meine Rechte gegen den Grafen geltend zu machen— wozu es mir freylich auch an Geld und Goͤnnern fehlte: wie haͤtte es mir einfallen ſollen, Einwendungen gegen den neuen Ehehandel eines feilen Weibes zu machen! Ich konnte ſie verach⸗ ten; dieß war der einzige armſelige Troſt, wel⸗ cher dem Ungluͤcklichen uͤbrig blieb, den man nun wieder mit verwundeten Herzen aus der menſch⸗ lichen Geſellſchaft ausgeſtoßen hatte.—* Millionen Menſchen priefen damals die Milde ihrer Beherrſcher, daß ſie dem Morden und den Verheerungen des Krieges ein Ziel gefetzt hatten, und ſangen ein feſtliches Te Deum laudamus. Ich konnte nicht mitſingen. Mit den verkruͤp⸗ 2. Theil. 2 18 Paͤchter Martin. pelten und verabſchiedeten Soldaten pries ich das Gluͤck der Erſchlagenen, und wuͤnſchte nur noch Eine Schlacht, in der Hoffnung— dann auch Friede zu erhalten. Der Wunſch war nun ver⸗ geblich; ſo mußte ich dann wohl am Pilgerſtabe fortſchleichen, und bey erloſchenem Triebe zum Leben dennoch Lebensunterhalt ſuchen, ungewiß ob ich ihn finden, oder auf der reichen Erde, wo aber jedes Stuͤckchen ſeinen eigenen Herrn hat, verhungern werde. Betteln, ſchmeicheln, krie⸗ chen konnte ich nicht, ein nuͤtzliches Handwerk hatte ich nicht gelernt, und ſelbſt mein Kopf ſchien mir ſeine Dienſte verſagen zu wollen. Gu⸗ ter F*r, was wuͤrde ohne deinen Rath aus mir geworden ſeyn! Kaum eine Tagereiſe weit von D** hagen, wo man mich vertrieb, wohnte dieſer F**, einer meiner beſten Univerſitaͤtsfreunde. Er war Pre⸗ diger auf einem kleinen Dorfe, welches ſein Vor⸗ gaͤnger im Amte verlaſſen hatte— um dem Hun⸗ gertode zu entgehen. Nur zwey Mal hatte ihn der Verliebte waͤhrend ſeines Aufenthalts in Dr hagen, beſucht; jetzt nahm der Unglüuͤckliche, der Vertriebene zu ihm ſeine Zuflucht, daß er Zweyter Theil. 19 ihm rathe, daß er fuͤr ihn denke; und wurde von dem biedern Manne bruͤderlich aufgenommen. Er war mir hier, was mir mein Gex in meiner Vaterſtadt geweſen war, und gewiſſermaßen noch mehr, weil er mir in ſeiner Schweſter eine Freundin gab, deren ſanfterer Troſt dem Ungluͤck⸗ lichen naͤher an's Herz drang. Im ſchimmern⸗ den Glanze meiner erſten Liebe hatte ich zeither ein Maͤdchen ganz uͤberſehen, deſſen ungeſchminkte Herzensguͤte mir jetzt ſo wohl that— nur allzu wohl that. Gute Wilhelmine, haͤtte ich dich immer uͤberſehen! Keine ungluͤckliche Liebe wuͤrde dich dann in mein trauriges Verhaͤngniß gezogen haben.— Wie ſehr verdienteſt du ein beſſeres Loos!— Ich ſchreibe keinen Roman; und es iſt nicht meine Schuld, wenn die leider! nur allzu wahre Geſchichte meines Lebens in einigen Zuͤgen einem Romane aͤhnlicht. Beſſer fuͤr mich, wenn ſie dieſe Aehnlichkeit nicht haͤtte! Wer indeß ſeinen Agathon*) ſo geleſen hat, wie man einen *) Hierher gehoͤrt vorzuͤglich die Stelle im zten Kapitel des zweyten Theils:„Schwermuth und 20 Paͤchter Martin. Agathon leſen muß, oder die lebendige Sprache der Natur, aus welcher der Verfaſſer des Aga⸗ Traurigkeit machen die Seele nach und nach ſchlaff, und eroͤffnen ſie allen weichen und zaͤrtlichen Re⸗ gungen.“ Dieſer Satz iſt ſo wahr, daß tauſend Liebesverbindungen in der Welt keinen andern Ur⸗ ſprung haben. Ein Liebhaber verliert einen Ge⸗ genſtand, den er anbetet. Er ergießt ſeine Kla⸗ gen in den Buſen einer Freundin, fuͤr deren Reitzungen er bisher vollkommen gleichguͤltig ge⸗ weſen war. Sie bedauert ihn. Er findet ſich dadurch erleichtert, daß er frey und ungehindert klagen kann. Die Schoͤne iſt erfreut, daß ſie Ge⸗ legenheit hat, ihr gutes Herz zu zeigen. Ihr Mitleid ruͤhrt ihn, erregt ſeine Aufmerkſamkeit. So bald eine Frauensperſon zu intereſſieren an⸗ faͤngt, ſo bald entdeckt man Reitzungen an ihr. Die Lagen, worin jetzt beide ſich beſinden, ſind der Liebe guͤnſtig; ſie verſchoͤnern die Freundin, und blenden die Augen des Freundes. Ueberdieß ſucht der Schmerz natuͤrlicher Weiſe Zerſtreuung, und iſt geneigt ſich an alles zu hangen, was ihm Troſt und Linderung verſpricht. Eine dunkle Ahndung neuer Vergnuͤgungen, der Anblick des Gegenſtandes der ſolche geben kann, die guͤnſtige Gemuͤthsſtellung, worin man denſelben ſieht, auf Zweyter Theil. 21 thons uns ſo manche getreue Ueberſetzung lieferte, ſelbſt ein wenig verſteht, der wird es ſehr be⸗ greiflich finden: daß meine ſanfte theilnehmende, troͤſten de Freundin mir in kurzer Zeit mehr als Freundin werden, und daß ein Herz, das ſo ungluͤcklich geliebt hatte, ſich zum zweyten Male ſo leicht, ſo ſchnell der Liebe oͤffnen konnte. Meine neue Liebe gab mir neuen Muth zu leben; bey der wieder auflebenden Ueberzeugung, daß es mir nicht an Kenntniſſen und Kraͤften fehle, der Geſellſchaft zu nuͤtzen, bey dem feſten Entſchluſſe, ihr redlich nuͤtzen zu wollen, hoffte ich jetzt mehr als jemals eine Stelle zu finden, der einen— die Eitelkeit, dieſe große Triebfeder des weiblichen Herzens, das Vergnuͤgen, uͤber eine Nebenbuhlerin zu ſiegen, indem man liebens⸗ wuͤrdig genug iſt, ihren Verluſt zu erſetzen, die Begierde ſelbſt ihr Andenken auszuloͤſchen, viel⸗ leicht auch die Gutartigkeit der menſchlichen Natur und das Vergnuͤgen gluͤcklich zu machen, auf der andern Seite: wie viel Umſtaͤnde, welche ſich vereinigen, unvermerkt den Freund in einen Lieb⸗ haber, und die Vertraute in die Hauptperſon eines neuen Romans zu verwandeln! 22 Paͤchter Martin. wo ich nuͤtzen koͤnnte— und dieß beſonders am *rer Hofe. Hier war der Baron Me? erſter Rath des Fuͤrſten, eben der, deſſen Bekanntſchaft ich in Neapel gemacht, und der mich mehr als Einmal verſichert hatte: es werde ihm Freude machen, wenn er mir kuͤnftig dienen, und zu meiner beſſern Befoͤrderung beytragen koͤnne. Zum Ueberfluß hatte ich noch eine Empfehlung von meinem Lehrer W** an einen andern Viel⸗ vermoͤgenden an dieſem Hofe⸗ Geſtaͤrkt durch Liebe und Hoffnung trat ich alſo meine Reiſe an, und dieß, weil ich meinem Gluͤck entgegen zu eilen waͤhnte, ſo raſch, daß der geuͤbteſte Fußgaͤnger Muͤhe gehabt haben wuͤrde, mir in den erſten drey Tagen gleichen Schritt zu halten. Dafuͤr mußte ich aber vierzehn Tage gelaͤhmt auf einem Dorfe weilen, weil ich— freylich meinem Gluͤcke!— gar zu eil⸗ fertig entgegen gelaufen war. Beynahe haͤtte ich auch dieſes an ſich ſo angenehme Hinder⸗ niß auf meiner Reiſe fuͤr das Werk meines guten Genins halten ſollen! Der dortige Amtmann, ein Mann von ſeltenen Kenntniſſen und noch Zweyter Theil. 23 ſeltnerer Rechtſchaffenheit,*) nahm ſich des Fremden gaſtfreundſchaftlich an, machte ihm durch ſeine intereſſante Unterhaltung die Tage zu Stun⸗ den, wuͤrdigte den Juͤngling ſeines Zutrauens, ſeiner Freundſchaft; und dennoch— ja dennoch haͤtte ich eine ſchmerzliche, bittere Empfindung weniger, wenn ich ihn nie haͤtte kennen lernen. — Verzeihe mir, edler Mann, wenn ſich in das Andenken an deine Freundſchaft dieſe bittere Em⸗ pfindung einmiſcht, die nicht dir, ſondern mei⸗ nem ſchwarzen Verhaͤngniß gilt, welches mir die Hand, die mich retten konnte und retten wollte, von ferne zeigte, und mich dennoch ver⸗ hinderte, dieſe wohlthaͤtige Hand zu meiner Ret⸗ tung zu ergreifen!— Ich ging, ſo bald ich in der Reſidenz des Fuͤrſten, dem ich meine Dienſte widmen wollte, angekommen war, zu meinem großen Goͤnner, *) Du goͤnnſt mir die Freude, lieber Leſer, dir eben hier zu ſagen: daß dieſer Amtmann mein Va⸗ ter war.— Hieraus kannſt du dir es zugleich erklaͤren, wie mein Vater, und ich durch ihn, zu dieſer Geſchichte gekommen ſey. 4 Paͤchter Martin. dem Baron von Me, wurde, nachdem ich eine ganze Stunde im Vorzimmer hatte warten muͤſ⸗ ſen, vorgelaſſen, ſehr gnaͤdig angehoͤrt, und— „Mein Gott! wie Schade,“ ſagte der gnaͤdige Herr,„daß Sie nicht um eine Woche fruͤher kamen! Ich habe da zwey Stellen vergeben, die beide fuͤr Sie geweſen waͤren. Nun vielleicht findet ſich eine andere Gelegenheit— obgleich jetzt der einheimiſchen Competenten um jedes kleine Amt ſo viel ſind, daß man in Wahrheit nichts Gewiſſes verſprechen kann— Doch, wie geſagt, wenn es nur immer moͤglich iſt, werde ich gewiß auf Sie reflectieren! Ich bedaure nur, daß ich jetzt durch dringende Geſchaͤfte verhindert werde, Sie laͤnger zu genießen, wie ich es ſo ſehr wuͤnſchte; allein ich rechne darauf, daß Sie mir einmal in einer freyern Stunde Ihren ſchaͤt⸗ baren Beſuch goͤnnen werden!“ Mit Wers Empfehlung ging ich zum Ge⸗ heimenrath R**. Der Brief wurde durch den Kammerdiener uͤbergeben, und durch den Kammerdiener bekam ich die Antwort: Der Herr Geheimerath danke fuͤr den uͤberbrach⸗ Zweyter Theil. 25 ten Brief, und werde naͤchſtens Gelegenheit neh⸗ men, mich ſelbſt naͤher kennen zu lernen. Gut, dachte ich, daß du keine Empfehlung an einen dritten Maͤcen haſt; wahrſcheinlich wuͤrdeſt du ſonſt an der Hausthuͤr abgewieſen werden! „Wie mir uͤbrigens dabey zu Muthe war?“ — Wie beym Candidaten⸗Examen— wie bey der Stadtſchreibers⸗Wahl!— Auch hier hatte ich alſo nichts mehr zu ſuchen; allein an jedem andern Orte eben ſo wenig, und zu neuen Wanderungen fehlte mir's an Gelde. Die Frage war nun nicht mehr: woher Amt und Ehre? ſondern woher Arbeit um's Brot? Nun die fand ich doch hier, durch die Empfeh⸗ lung meines— Wirths, als ttalieniſcher Sprachmeiſter. Es war im eigentlichſten Ver⸗ ſtande Arbeit um's Brot. Eines Tages, wo ich mit den letzten drey Groſchen einen Brief an meine Freundin poſtfrey machte, mußte ich faſten. Doch wahrſcheinlich wuͤrde ich an dieſem Tage bey voller Tafel gefaſtet haben; denn der Inhalt meines Briefes war: Waͤhle einen Gluͤcklichern!— 26 Paͤchter Martin. Erſt dreyßig Jahre alt hatte ich nun ſchon alles, ſelbſt die Hoffnung aufgegeben, und ich genoß dabey eine Art von Ruhe, denn ich hatte ja nichts mehr zu verlieren als ein Leben, das mir ſpottwohlfeil war. Warum durfte ich nicht mit dieſer Ruhe oder doch Gleichguͤltigkeit, ohne Freude, aber auch ohne uͤberwiegenden Schmerz, zum Grabe ſchleichen? Ein neuer ſchoͤner Weg eroͤffnete ſich mir, er fuͤhrte zu Amt und Ehre, zu Hymens Altare, und—— verlor ſich im Kerker!— Der Erbprinz ſollte die italieniſche Sprache lernen: ich erhielt dieſe, bald nachher, da man merkte, daß ich doch noch etwas mehr als die italieniſche Grammatik verſtaͤnde, verſchiedene andere Lehrſtunden, und in kurzer Zeit, als unerwartete und in Wahrheit ungeſuchte Zu⸗ gabe, die Liebe eines Prinzen, welcher ſelbſt, auch ohne Ruͤckſicht auf den Fuͤrſtenſohn, Liebe verdiente. Etwas uͤber zwey Jahre war ich ſein Lehrer und taͤglicher Geſellſchafter geweſen, und hatte nun, da er auf Reiſen ging, die Wahl, ob ich ihn, wie er es wuͤnſchte, begleiten, oder mit einem, freylich ſehr maͤßigen, Gehalte Zweyter Theil. 27 als Unterarchivar angeſtellt werden wollte. Wohl mir, wenn ich das erſtere gewaͤhlt haͤtte! Aber ich hatte ein trautes liebes Mädchen, mit welcher ich mein Gluͤck theilen wollte, und waͤhlte das letztere. Gute Mine, ich habe wenig Gluͤck mit dir theilen koͤnnen! Kaum fuͤnf Monate war ich mit ihr verhei⸗ rathet, da mußte ſie die Krankenwaͤrterin ihres Mannes machen, mit der ſchrecklichen und doch ſo wahrſcheinlichen Beſorgniß: noch vor der Ge⸗ burt ihres erſten Kindes Wittwe zu werden. Mehr als alle Schmerzen der Krankheit folterte auch mich dieſer Gedanke um ſo mehr, je deut⸗ licher ich bey dieſer traurigen Gelegenheit den hohen Werth des guten liebevollen Weibes erkannte, das ich wahrſcheinlich ſo fruͤh und in der bemitleidungswuͤrdigſten Lage verlaſſen ſollte!— Ich genaß; und in den acht folgenden Jah⸗ ren, in welcher Zeit mir mein Weib fuͤnf Kinder gebar, ſchien das Gluͤck und Ungluͤck ſich nicht weiter um mich zu bekuͤmmern; ſo wenig als die Menſchen, deren Geſellſchaft ich, theils aus 28 Paͤchter Martin. Aerger vermied, weil weibliche Zierpuppen mein ſo gutes, edles, nur nicht mit dem Firniß der Modecultur ausgeputztes Weib vernachlaͤſſigten, theils aus Armuth vermeiden mußte. Mit Schulden hatte ich mich bey meiner Verheirathung haͤuslich eingerichtet, durch die Krankheit wurden meine Schulden vermehrt, und es gehoͤrte ein guter Wirth dazu, um von den maͤßigen Ein⸗ kuͤnften eines Unterarchivars in*en eine Fami⸗ lie zu ernaͤhren, und jaͤhrlich etwas fuͤr ſeine Glaͤubiger zuruͤck zu legen. Die Lage des Haus⸗ vaters, der bey unmaͤßiger Arbeit von Nah⸗ rungsſorgen gequaͤlt wird, iſt wahrlich nicht be⸗ neidenswerth! Drey Mal wurden mir zwar An⸗ traͤge gethan, durch ein paar unbedeutende Schur⸗ kenſtreiche, Einmal nur durch eine kleine Nieder⸗ traͤchtigkeit, meine Lage zu verbeſſern; ich wies aber mit Verachtung dieſe Antraͤge ab; und ſo ließ man denn den Thoren mit ſeiner altmodiſchen Ehrlichkeit arbeiten und hungern. Meine einzige Erholung nach einem arbeits⸗ vollen Tage fand ich am Abend in dem kleinen baͤuslichen Zirkel meiner Lieben; wo beſonders mein Erſtgeborner, mein Liebling Wilhelm, Zweyter Theil. 29 der bey einem kraͤnklichen Koͤrper— die Folge der Nachtwachen, der Sorgen, der Leiden ſeiner Mutter— an Geiſt und Herz ein ausgezeichne⸗ tes Kind war. Doch ſchon in ſeinem achten Jahre ſah ich das liebſte, beſte meiner Kinder zu Grabe tragen! Das entſcheidende zehnte Jahr meines Ehe⸗ ſtandes, das vierzigſte meines Lebens, begann wie ein ſchoͤner Sommertag, den der Landmann fruͤh mit frommen Dank begruͤßt, ohne zu ahnden, daß am Abend ein Gewitter, die Geburt des ſcho⸗ nen Tages, ſeine Saaten wegſchwemmen, ſeine Huͤtte in Feuer zerſtoͤren werde. Ich haͤtte es bey einiger Aufmerkſamkeit auf den zeitherigen Gang meines Lebens, wo immer auf einen heitern Sonnenblick ein Gewitter folgte, wo die Roſe, wenn ieh ſie pfluͤcken wollte, unter meiner Hand verbluͤhte, ich haͤtte es ahnden ſollen. So verſchwenderiſch hatte die Schutzgoͤttin der Dummheit und Bosheit ihre Gaben uͤber mich, der ich doch nicht zu ihren lieben Getreuen gehoͤre, nie ausgeſchuͤttet als jetzt. Ich wurde erſter Archivar mit verminder⸗ ter Arbeit und vermehrten Einkuͤnſten. Bald & 5 —,—— 30 Paͤchter Martin. darauf erhielt ich die Nachricht: daß eine Tante meiner Gattin, welche dieſe kaum dem Namen nach gekannt hatte, ihr und ihrem Bruder acht tauſend Thaler hinterlaſſen habe; wovon uns die Haͤlfte richtig uͤberſchickt wurde. In derſelben Woche, in welcher mir die Erbſchaft ausgezahlt wurde, erhielt ich einen Brief von dem Prinzen, gegenwaͤrtig kaiſerlichem Generale, der mit einer Gnade, die an Freundſchaft graͤnzte, mich er⸗ ſuchte:„nie ſein Land zu verlaſſen; und beyfolgenden kleinen Beweis ſeines Wohl⸗ wollens und ſeiner Erkenntlichkeit vor der Hand anzunehmen ,bis er im Stande waͤre mir groͤßere Beweiſe zu geben.“ Die Beylage betrug vier⸗ hundert Dukaten.— Dem wackern Amtmanne, deſſen ich oben erwaͤhnt habe, hatte ich dieſen außerordentlich guͤtigen Brief zu verdanken. Er, der zum Se— gen fuͤr ſein Land jetzt eine der hoͤchſten Wuͤrden im Staate bekleidete,*) hatte den Prinzen ge⸗ ſprochen, und mein Andenken bey ihm erneuert; wahrſcheinlich mit Aeußerungen, worauf die — *) S. N. XII. des erſten Bandes. Zweyter Theil⸗. 31 Stelle in dem Briefe des Prinzen: ſein Land nicht zu verlaſſen; Bezug hatte. Nan kann denken, mit welchem feurigen Danke ich dem Prinzen antwortete, und wie gern ich gelobte: jede Kraft ihm und ſeinem Lande zu widmen.— Der Prinz konnte meine Antwort noch nicht erhalten haben, als ich eben von dem Manne, welchem ich den Brief des Prinzen— zu verdanken!?— hatte, einen andern Brief, mit dem Antrage zu einem ehren⸗ vollen Poſten in ſeinem Lande, erhielt.— Dieß war die Hand, die ſich mir zur Rettung in der Ferne zeigte, und die ich dennoch, durch unzeiti⸗ ges Verſprechen gebunden, nicht ergreifen durfte; dieß die Urſache, daß ſich gegenwaͤrtig in das An⸗ denken an den edeln Mann, der mich retten wollte, eine ſo bittere Empfindung einmiſcht!— Ich blieb alſo, meinem gegebenen Worte getreu, Archivar, und troͤſtete mich uͤber das kleine Opfer, das ich dadurch meinem neuen Vaterlande brachte, leicht mit der Gnade des Prinzen, der nach aller Wahrſcheinlichkeit bald zur Regierung kommen mußte. Indeß genoß ich meine verbeſſerten Gluͤcksumſtaͤnde, freute 32 Paͤchter Martin. mich, nun ein eigenes Haus, und, was ich langſt ſehnlich gewuͤnſcht hatte, einen Garten zu beſitzen, und ſah um dieſes Gartens willen dem kommenden Fruͤhling mit Sehnſucht ent⸗ gegen. Es war der erſte Fruͤhlingstag, den ich in dieſem Garten zubrachte, voll ſuͤßer Traͤume, wie ich ihn verſchoͤnern, und mit Weib und Kind ihn genießen wolle; als ich fuͤrchterlich durch die Bothſchaft: mein Haus ſey mit Soldaten beſetzt, meine Zimmer wuͤrn den verſiegelt; aus meinem Traume geweckt wurde. Ich eile nach meinem Hauſe; der Se⸗ kretaͤr Nrer kommt mir mit Wache entgegen, kuͤndigt mir Gefangenſchaft an; und ohne mein Haus wieder betreten, ohne Abſchied von mei⸗ ner Frau und meinen Kindern nehmen zu duͤr⸗ fen, werde ich in den Kerker gefuͤhrt, wo ich nun in die fuͤnfte Woche ſitze, und Gott weiß! wie lange noch ſitzen werde!— Erſt zwey Mal bin ich verhoͤrt worden. Die Urſache meiner ſchimpflichen Gefangenſchaft iſt: Der Hof von H*X macht Forderungen an den unſrigen, welche ſich auf ein Dokument gruͤn⸗ den, das ich entwendet, das ich verkauft haben 3 ſoll— — Zweyter Theil. 33 ſoll— ein Dokument, das ich nie zu ſehen be⸗ kommen habe, und wovon ich in dem Regiſter, wie es mir von meinem Vorgaͤnger im Amte eingehaͤndigt worden, keine Anzeige finde. Die Beweiſe fuͤr die abſcheuliche Anklage ſind: Ich allein fuͤhre ſeit mehrern Wochen die Schluͤſſel zum Archiv; ich habe betraͤchtliche Summen aus dem Auslande erhalten; bin dadurch mit Einem Male, man weiß nicht wie, zum reichen Manne geworden; habe verdaͤchtige Correſpondenz mit einem auswaͤrtigen Miniſter gehabt.— Auf ſolche Beweiſe, die ſich ſelbſt widerlegen, werde ich wie ein ausgemachter Verbrecher behandelt. Meinem Weibe, meinen Kindern, allen mei⸗ nen Freunden iſt der Zutritt zu mir verſagt. Erſt geſtern iſt mir der Gebrauch von Feder und Dinte mit abgezaͤhlten Bogen Papier verſtattet worden.—— Ein Ungenannter hat ein Billet in mein Gefaͤngniß geworfen, in welchem er mir zur ſchleunigen Flucht raͤth, wozu Freunde, die es gut mit mir meinten, mir behuͤlflich ſeyn wuͤr⸗ den—„um meine Freyheit ſey es ſonſt auf 2. Oheil. 3 34 Paͤchter Martin. immer gethan, und ſelbſt mein Leben ſtehe in Gefahr.“ Haͤtte ich aber auch nicht Urſache,. gegen die unbekannten Rathgeber und Freunde mißtrauiſch zu ſeyn; entfliehen wuͤrde ich den⸗ noch nicht. Ich weiß, wie viel ich, bey noch ſo laut ſprechender Unſchuld, von einem Gerichte zu fuͤrchten habe, das ſchon jetzt ſo pflicht und geſetzwidrig verfaͤhrt, und deſſen Praͤſident mein Feind iſt; aber entfliehen werde ich nicht! Was ſoll mir die Freyheit, was ſoll mir das Leben ohne Ehre? Zwar ich bin Gatte, ich bin Va⸗ ter— o daß ich es nicht waͤre!— Doch, Ungluͤckliche, was koͤnnte euch rin entehrter Mann helfen? Ich muß nun gerechtferriget, nicht begnadigt— nur der Schuldige kann Begnadigung annehmen— ich muß ganz gerechtfertigt ſeyn, wenn mir nicht die weite Welt, bey voller Freyheit, zum ſchmaͤh⸗ lichen Kerker werden ſoll!—— — O warum durfte ich deinem Rufe nicht fol⸗ gen, der du mich retten, der du mich heraus reißen wollteſt aus einem Lande, wo die Unſchuld im Kerker ſchmachten muß!—— Zweyter Theil. 35 Soll der letzte Akt dem Trauerſpiele mei⸗ nes Lebens entſprechen: ſo habe ich bey ſonnen⸗ heller Unſchuld dennoch alles zu fuͤrchten— und— o es iſt leicht zu ſterben— unertraͤg⸗ lich iſt es mit befleckter Ehre zu leben! 36 Paͤchter Martin. II. Zuſaͤtze und Bemerkungen zu vorſteben⸗ der Geſchichte meines Lebens. Zehn Jahre ſpater geſchrieben. Vorſtehende Skizze meiner Lebensgeſchichte iſt fuͤr mich, ſo oft ich ſie wieder geleſen habe, demuͤthigend, aber ſehr lehrreich gewe⸗ ſen. Ich mag ſie deßwegen nicht vernichten. Berichtigen will ich ſie, und ſo meinen Freun⸗ den, vorzuͤglich meinen juͤngern Freunden hinterlaſſen. Vielleicht haben mehrere unter euch mit mir gleichen Fehler begangen, haben, wie ich, in einer truͤben Stunde aller vorhergegangenen heitern Tage ihres Lebens vergeſſen, eben ſo bit⸗ ter uͤber ihr trauriges Schickſal geklagt— und vielleicht nicht mehr oder nicht Einmal ſo viel ſcheinbar gerechte Veranlaſſung zur Klage — 7 Zweyter Theil. 37 gehabt. Ich ſage dieß nicht zu meiner Rechtfer⸗ tigung— daß ich als Kranker im Kerker klagte, das kann mir zur Entſchuldigung, nicht zur Rechtfertigung gereichen— aber man iſt, glaube ich, oft geneigter den Freund zu hoͤren, der aus Erfahrung raͤth, der vor Fehlern war⸗ net, die er ſelbſt begangen, aber auch bereut zu haben offenherzig geſteht, als den fehlerloſen Weiſen, der uns ſein Beyſpiel zum Muſter auf⸗ ſtellt. Darauf ſtuͤtzet ſich meine Hoffnung, daß meine Geſtaͤndniſſe fuͤr manchen eine heilſame Lehre enthalten werden. Meine Klagen waren ungerecht und thoͤricht, handelt ihr gerechter und weiſer! Freuet euch eures Daſeyns, dankbar gegen den Geber aller guten Gaben, der die Erde ſo ſchoͤn und des Menſchen Herz der Freude ſo empfaͤnglich ſchuf; ſcheucht nicht ſelbſt durch Truͤbſinn die Freude von euch; vergeßt im Win⸗ ter nicht, daß nach dem Winter wieder ein Fruͤh⸗ ling kommen werde— und ſucht durch Uebung euch die Fertigkeit zu erwerben: in den Bege⸗ benheiten eures eigenen Lebens die hellere ſchoͤnere Seite aufzufinden; eine Vor⸗ ſchrift der Lebensweisheit, die man zu ſeinem 38 Paͤchter Martin. Gluͤcke nicht zu fruͤh erlernen, und— was die Hauptſache iſt, in Ausuͤbung bringen kann. „Alſo waͤre die Erzaͤhlung aus dem Kerker eine Lüge?“ Wahrheit und Luͤge gemiſcht! Ich habe nichts geſagt, was mir nicht damals ausgemachte Wahrheit war; noch jetzt habe ich von dem, was ich als bloße Begebenheit erzaͤhlte, nichts zuruͤck zu nehmen: aber das Re⸗ ſultat iſt unrichtig, und unrichtig iſt alſo die ganze Erzaͤhlung, in wie fern ich ſie in Ruͤckſicht auf dieſes Reſultat erzaͤhlt habe. Mein Leben iſt das Leben eines Gluͤ ck⸗ lichen, der die ſtaͤrkſte Aufforderung hat, mit Thraͤnen des Danks die Vorſehung zu preiſen, welche ihn ſo weiſe und liebreich fuͤhrte, ihm ſo unausſprechlich viel Gutes zu Theil werden ließ! Freunde! ich hoffe mit froher Zuverſicht ein noch beſſeres Leben jenſeit des Grabes, und moͤchte mir um alles Gluͤck der Erde dieſe Hoffnung nicht entreißen laſſen: aber wuͤrde ſie mir entriſ⸗ ſen, dennoch wuͤrde ich mein gegenwaͤrtiges Daſeyn — — Zweyter Theil. 39 ſegnen, dennoch wuͤrde ich es mit Dank erkennen, bis hierher gelebt zu haben. Haltet dieß nicht fuͤr voruͤber eilende frohe Aufwallung, welche am Ende nicht mehr Werth haͤtte als die vorige Aeußerung meines Miß⸗ muths. Zehn Jahre fruͤher, bey dem ſchnellen Uebergange vom Ungluͤck zum Guuͤck, moͤchte dieſe frohe Aufwallung Statt gefunden haben; allein ſeit dieſer Zeit iſt meine aͤußere Lage die⸗ ſelbe geblieben, ohne merklichen Zuwachs an Gluͤck und Freude— wo alſo laͤngſt ſtiller zu⸗ friedener Genuß und ruhiges Nachdenken an die Steile der lebhaftern Empfindung der uͤber⸗ wallenden Freude getreten iſt. Doch wozu da Einladung zum Glauben, wo die Wahrheit fuͤr ſich ſeibſt ſpricht? Mein Leben im Ganzen genommen iſt das Leben eines Gluͤcklichen, dem nichts fehlte, als zuweilen— laßt mich lieber ſagen, als ſehr oft: Weisheit zum Genuf. Die truͤben Tage meines Lebens verhielten ſich zu den hellern wie Tage zu Jahren; meinen wenigen wirklichen Leiden habe ich das Beſte, was mir auf dieſer Erde zu Theil werden konnte, einige Vered⸗ — 4⁰ Paͤchter Martin. lung des Geiſtes und Herzens, zu ver⸗ danken; kleinere Uebel bewahrten mich vor groͤßern; manches ſcheinbare Ungluͤck loͤſte ſich in hoͤheres Gluͤck auf— und nichts war wohl unge⸗ rechter als die Klage: daß das Schickſal mir zuweilen Blumen auf den Weg geſtreut haͤtte, um mich uͤber Blumen unter Dornen zu fuͤhren; vielmehr fuͤhrte es mich zuweilen durch einen dor⸗ nigen Pfad zu einem Ziele, an welchem ich fuͤr die kleinen Unannehmlichkeiten des zuruͤckgelegten Weges reichen Erſatz fand. Dieß iſt das wahre Reſultat, das ſich aus der ganzen Geſchichte meines Lebens ergtebt. Eine leichte Thraͤne weinte ich als Kind am Grabe meiner Mutter; des Todes meines Vaters weiß ich mich gar nicht zu erinnern. Haͤtte ich alſo noch ſo viel in ihnen verloren, ſo war es doch nicht gefuͤhlter Verluſt. Wahrſcheinlich iſt es uͤbrigens nicht, daß meine Aeltern, wenn ſie beide am Leben geblieben waͤren, ihren einzi⸗ gen Liebling, und den Erben ihres betraͤchtlichen ¹ Zweyter Theil. 41 Vermoͤgens, zum guten und brauchbaren Manne wuͤrden gebildet haben; gewiß aber waͤre ich, nach dem Tode meines Vaters, unter der allzu zaͤrtlichen Pflege meiner Mutter, deren Abgott ich war, verwahrloſet worden. Mit vernuͤnftiger Liebe, die mein wahres Beſte zum Zweck hatte, ſorgte mein wackrer Vor⸗ mund fuͤr meine Erziehung. Und wie ſehr hatte ich beſonders nach dem Verluſte meines Vermoͤ⸗ gens Urſache, ihm zu danken: daß er mich zum Fleiße anhielt, um mir fruͤh Kenntniſſe zu erwer⸗ ben, durch deren fernern Anbau ich in den Stand geſetzt wurde, Reichthum leichter entbehren zu koͤnnen! Ein Ungluͤck waͤre es fuͤr mich geweſen, wenn ich am Schluſſe meiner akademiſchen Laufbahn die Nachricht von jenem Verluſte erhalten haͤtte. Ein Gluͤck war es, daß ich dieſe Nachricht fruͤher erhielt, wo ich erſt Ein Jahr verſchwendet hatte, und nun zu neuem Fleiße erweckt wurde, das Verſaͤumte nachzuholen, da es noch Zeit war. Wider Neigung und gegen den Rath eines erfahrnen Arztes, welcher mich wegen meiner Paͤchter Martin. ſchwachen Bruſt zu einem Predigeramte fuͤr untauglich hielt, hatte ich mich der Theologie gewidmet, und ſollte nun in meiner Vaterſtadt Collaborator werden, wo ich haͤtte woͤchent⸗ lich Einmal in unſerer ungeheuer großen Haupt⸗ kirche predigen muͤſſen. Wahrſcheinlich entriß mich alſo mein Superintendent durch ein, frey⸗ lich ſehr hartes und ungerechtes, Mittel dem fruͤ⸗ hern Tode. Es war allerdings ein ſchwerer Tag fuͤr mich, der Tag meines Examens! Doch wurde mir das Unangenehme dieſes Vorfalls durch den Troſt eines Freundes, und die Aufmunte⸗ rung von mehrern wackern Maͤnnern, die alle von der Ungerechtigkeit meines Examinators uͤber⸗ zeugt waren, ſehr gemildert— Und konnte ich auf irgend eine andere Art aus einer Lage, in welche ich ſchlechterdings nicht paßte, heraus ge⸗ riſſen werden? Gluͤcklicher Weiſe reichte der Reſt meines Ver⸗ moͤgens zu, daß ich noch zwey Jahre auf Akade⸗ mien zubringen konnte. Hier erwarb ich mir die Freundſchaft meines edlen Lehrers W** des Grafen D*X und meines lieben F**s, die alle 1 —=— Zweyter Theil. 43 drey auf mein Schickſal einen wohlthaͤtigen Ein⸗ fluß hatten. Die Schreiberſtelle, um welche ich mich nach der Ruͤckkehr in meine Vaterſtadt bewarb, brachte gerade ſo viel ein, daß ein maͤßiger Mann ohne Familie nothduͤrftig davon leben konnte. Zu den eintraͤglichern Aemtern, welche die Sena⸗ toren bekleideten, mußte man, nach den Statu⸗ ten meiner Vaterſtadt, gegen zwey tauſend Tha⸗ ler Werth an unverſchuldetem Vermoͤgen beſitzen, wozu ich auf keine andere Art als durch ein reiches Weib haͤtte gelangen koͤnnen. Nie wuͤrde ich mich zu einem ſolchen Handel verſtanden haben; und ſo haͤtte ich zeitlebens fuͤr das taͤgliche Brot Akten ſchreiben muͤſſen. Dennoch waͤre ich zuverlaͤſſig patriotiſch genug geweſen, den ungleich vortheil⸗ hafteren Antrag des Grafen abzuſchlagen, wenn ich kaum vorher jene Stelle erhalten haͤtte.— Und verdiente es nun nicht einen frommen Dank, daß der Graf eben jetzt kam, und mein Retter ward? Kam er nur um Einen Tag, nur um einige Stunden ſpaͤter, ſo wuͤrde ich durch Aus⸗ fuͤhrung eines zu raſchen Entſchluſſes mich nach 44 Paͤchter Martin. aller Wahrſcheinlichkeit ſehr ungluͤcklich gemacht haben. Die Abſicht des Grafen war anfaͤnglich, nur wenige Zeit in Italien, deſto laͤnger in Eng⸗ land zu verweilen. Mir waͤre dieſes lieber, aber wie der Erfolg zeigte, nicht zu meinem Gluͤcke geweſen. Ich hatte in Italien Gelegenheit viele nuͤtzliche Kenntniſſe zu ſammeln, und— was mir damals der kleinſte Vortheil ſchien und der groͤßte war— mich in der italieniſchen Sprache, die ich vorher(Dank meinem Vor⸗ munde!) grammatiſch erlernet hatte, ſo zu ver⸗ vollkommnen, daß ich nachher mit Ehren als Leh⸗ rer dieſer Sprache auftreten konnte. Den unan⸗ genehmen Stunden, welche mir des Grafen Aus⸗ ſchweifungen machten, hatte ich die naͤhere Be⸗ kanntſchaft des Freyherrn von Mæ zu verdan⸗ ken, welcher mir durch ſein freyherrliches Wort, das er nicht hielt, dennoch viel genuͤtzt hat. So ſonderbar dieß klingen mag, ſo wahr iſt es doch. Ohne ihn, ohne Glaußen an ſein gegebenes Wort, waͤre ich nicht an den Hof gekommen, wo ich mein Gluͤck machte. Zweyter Theil. 43; Ein frohes, ganz genoſſenes, durch meine erſte Liebe verſchoͤnertes Jahr lebte ich nun in Derhagen, auf den Guͤtern des Grafen.„Aber das Erwachen aus dem ſchoͤnen Traume“— war ſehr unangenehm! Doch wuͤrdet ihr den ſchoͤnſten Traum einer langen Sommernacht deß⸗ wegen verwuͤnſchen, weil es nur ein Traum war? Und wenn ihr es thut, handelt ihr weiſe? Liebe Menſchen, wie viele eurer Freuden ſind nur ſchoͤne Traͤume!— und was ſchadet es, wenn ihr ohne weſentlichen Verluſt erwacht? Ich habe fuͤr eins der ſchoͤnſten Jahre meines Lebens zwey, hoͤchſtens drey Wochen gelitten— ein Leiden, das mir abermals durch einen aͤchten Freund ſehr ge⸗ mildert, und bald durch eine Freundin in Freude verwandelt ward. Hatte ich wohl Urſache gegen das Schickſal zu murren? Und wenn ich bald nachher aus ſichern Nachrichten die ſchoͤne Schau⸗ ſpielerin, welche gegen mich die Rolle der reinſten Liebe, der Treue, der Unſchuld ſo meiſterhaft ſpielte, naͤher kennen lernte, ſo kennen lernte, daß ich ſie nun um alle Schaͤtze der Welt nicht wuͤrde zum Weibe genommen haben: konnte mir dann etwas Gluͤcklicheres begegnen, als die Ent⸗ * 46 Paͤchter Martin. laſſung vom Grafen, wodurch ich von einem der groͤßten Uebel, von einem boͤſen Weibe erloͤſet ward, und fuͤr dieſes Uebel ein Gut von unſchaͤtz⸗ barem Werthe erhielt? Denn ohne dieſe zuſam⸗ men treffenden Umſtaͤnde wuͤrde meine Mine, das Muſter eines guten Weibes— ſo darf ich ſie nach zwanzig jaͤhrigem Eheſtande ohne Ueber⸗ treibung nennen— nicht mein Weib geworden ſeyn.— Noch muß ich hinzu ſetzen: daß der Graf ſeine anſehnlichen Guͤter, bis auf ein einziges kleines Dorf, durchgebracht hat, und daß ich vor vier Jahren das Gluͤck gehabt habe, ſeinem Gerichts⸗ halter, der dort mit Weib und Kindern in der groͤßten Duͤrftigkeit leben mußte, zu einer beſſern Verſorgung zu helfen.— Mein edler Lehrer W'*r, dem ich meine jetzige Verlegenheit meldete, uͤberſchickte mir ein Em⸗ pfehlungsſchreiben an den Geheimenrath Rer am**er Hofe, und meldete mir zugleich, daß der Baron Merx dort erſter und alles vermoͤgen⸗ der Rath des Fuͤrſten ſey. Ein Umſtand, der mich mit neuem Muth belebte, und meinen Ent⸗ Zweyter Theil. 47 ſchluß beſtimmte, an dieſem Hofe meine Befoͤr⸗ derung zu fuchen. Weder der Baron noch der Geheimerath nahm ſich meiner an, letzterer wurde ſogar mein Feind; allein auch ohne ſie erreichte ich meinen Zweck, vollkommner als ich ihn wahrſcheinlich an jedem andern Hofe— wo ich ja auch ohne Goͤnner haͤtte anfangen muͤſſen— wuͤrde erreicht haben. Zwar nicht ſo fruͤh, als es meine Liebe und mein— Ehrgeitz wuͤnſchten; doch fuͤr das Land, dem ich dienen ſollte, und ſo fuͤr mich ſelbſt deſto beſ⸗ ſer. Und was ſage ich: nicht ſo fruͤh? Wie viel ſind derer, die, fremd, ohne Goͤnner, nach zwey Jahren ſchon befoͤrdert wurden, wie ich es ward? Indeſſen ſchuͤtzte mich meine italieniſche Sprachkenntniß gegen druͤckenden Mangel. Denn daß ich einmal an einem Tage nicht aß, wo ich keinen Hunger hatte, das verdient doch wohl nicht als Mangel, oder gar als Ungluͤck in Anſchlag gebracht zu werden? Wie haͤtte mir es aber auch nur im Traume einfallen koͤnnen, daß ich durch meine italieniſchen Sprachkenntniſſe zu einem Ziele gelangen koͤnnte, zu welchem auf die⸗ 48 Paͤchter Martin. ſem Wege wohl noch niemand vor mir gekommen iſt!—— Ich hatte als Unterarchivar nur maͤßige Einkuͤnfte; aber der Ausdruck in meiner Lebens⸗ geſchichte aus dem Kerker: Man ließ mich arbei⸗ ten und hungern; war doch ein hyperboliſcher Ausdruck der Unzufriedenheit, des Unmuths. Ich konnte nicht koͤſtlich leben, aber ich hatte doch immer mehr, als zu den eigentlichen nothwen⸗ digſten Beduͤrfniſſen des Lebens erfordert wird. Und der Hausvater, der mit einem lieben und immer zufriedenen Weibe, und guten Kin⸗ dern, die ihm ſein maͤßiges Mahl durch Liebe und Freundlichkeit wuͤrzen, mehr hat als er zur Nothdurft braucht, der, ohne von ſeinen Glaͤu⸗ bigern dazu getrieben zu werden, jaͤhrlich noch etwas zur Bezahlung ſeiner Schulden zuruͤck legen, und ſich in fuͤnf Jahren(wie das der Fall bey mir war) ſchuldenfrey machen kann— iſt nur dann in einer ungluͤcklichen Lage, wenn er ſte ſich ſelbſt durch Unzufriedenheit und unmaͤ⸗ ßige Wuͤnſche dazu macht. Ich wuͤrde mich und die Meinigen in eigente lich druͤckenden Mangel geſtuͤrzt haben, wenn ich 8 Zweyter Theil. 49 ich meinem Hange zu geſellſchaftlichen Vergnuͤ⸗ gungen, wozu mich, beſonders in dem letzten Jahre vor meiner Verheirathung, der taͤgliche Umgang mit dem Prinzen verleitete, nicht wi⸗ derſtanden haͤtte. Und es war nicht meine Weisheit, daß ich ihm widerſtand; ich vermied die meiſten Geſellſchaften, weil man mich durch die Vernachlaͤſſigung meines guten Weibes belei⸗ digt hatte. Und hier ein Geſtaͤndniß, das in dieſer Geſchichte nicht unbedeutend iſt. Ich aͤrgerte mich uͤber die Menſchen, die meinem guten Weibe, wegen ihrer laͤndlichen Simpli⸗ citaͤt, mit einer Art von Geringſchaͤtzung begeg⸗ neten; und dennoch ſchlich ſich unmerklich ein Gefuͤhl in mein Herz, das, wo nicht ſelbſt Geringſchätzung, doch gewiß nicht viel beſſer war: es ſchien mir, als wenn ich mich meiner gar zu kunſt⸗ und ſchmuckloſen Frau doch ein wenig zu ſchaͤmen haͤtte. Durch den Vergleich mit meiner Schauſpielerin, die mit den glaͤn⸗ zendſten Talenten des Witzes, einer alles ver⸗ ſchoͤnernden Einbildungskraft und natuͤrlichen Beredtſamkeit, mich zu halben Tagen auf das angenehmſte zu unterhalten, und oft uͤber Gegen⸗ 2. Theil. 4 —— 5o Paͤchter Martin. ſtaͤnde des Geſchmacks und der ſchoͤnen Kuͤnſte wirklich zu belehren wußte, wurde jenes Gefuͤhl verſtaͤrkt, und— ich fing ſchon nach dem erſten halben Jahre unſrer Verheirathung an ein ziem⸗ lich kalter Ehemann zu werden. Jetzt wurde ich(zum erſten Male in meinem Leben) krank; und dieſe Krankheit erweckte wieder den Funken der Liebe, der nahe am Verloͤſchen war, be⸗ feſtigte das Gebaͤude meiner haͤuslichen Ruhe, meiner ehelichen Gluͤckſeligkeit, das dem Ein⸗ ſturz nahe war. Ich haͤtte Unmenſch ſeyn muͤſ⸗ ſen, wenn ich gegen die Beweiſe der zaͤrtlichſten, ſich ganz fuͤr mich hingebenden Liebe meiner Gat⸗ tin haͤtte gefuͤhllos bleiben koͤnnen. Wie ſie alles um und neben ſich, wie ſie ſich ſelbſt ver⸗ gaß, um ihren Mann zu pflegen; wie ſie bit⸗ tend die Hand des Arztes ergriff; wie ſie Naͤchte an meinem Lager durchwachte; durch⸗ aus nicht von mir zu bringen war; und, wo ich ſie dringend zum Schlafe noͤthigte, nur zu ſchla⸗ fen ſchien, und bey der kleinſten Bewegung, die ich machte, wieder vor meinem Bette ſtand; wie ſie einſt, da ſie mich ſchlafend waͤhnte, im Ne⸗ benzimmer mit heißen Thraͤnen zu Gott betete: 3 Zweyter Theil. 51 „Laß mich ſterben, wann du willſt, nur mache meinen Mann geſund!“—— O ein gutes, edles Weib iſt die beſte Gabe Gottes, die er dem Manne geben kann! Meine Augen wurden geoͤffnet; ich lernte die groͤßern Vorzuͤge der ungeſchminkten Natur des ſchlichten Menſchen⸗ verſtandes, des geraden Sinnes, der reinen Herzensguͤte, der treuen Liebe richtiger ſchaͤtzen, und ward ſtolz, dieß Weib mit dieſen Vorzuͤ⸗ gen mein nennen zu koͤnnen— und bin es noch; mein Weib wurde meine Freundin im hoͤchſten Sinne des Worts, und iſt es noch. Sagt: war meine Krankheit Ungluͤck zu nen⸗ nen? Und wie viel Leiden muͤßten den Mann, der in ſeinem Weibe die Freundin ſeines Her⸗ zens liebt, zu Boden druͤcken, um ihn ganz ungluͤcklich zu machen? Ich hatte viele Arbeit, aber auch viele Belohnung, viel haͤusliche Gluͤckſeligkeit.— Das liebſte meiner Kinder— nicht ohne Ungerechtigkeit meinen andern Kindern, die bey gleicher Herzensguͤte langſamer, aber mehr fuͤr die Dauer reiften, vorgezogen— mein Wil⸗ helm ſtarb. Er war ein Knabe mit fruͤh reifem 5²2 Paͤchter Martin. Geiſte und kraͤnklichem Koͤrper— der vieleeicht, und ſehr wahrſcheinlich, bey laͤngerm Leben ein ungluͤcklicher verſtimmter Menſch geworden waͤre. Er hatte mir viel Freude gemacht; ſollte ich lieber wuͤnſchen, ihn nicht gehabt, dieſe Freude nicht genoſſen zu haben? Sollte ich murren, daß das Sterbliche nicht unſterblich ward?— Und er iſt ja unſterblich!— Als wollte das Schickſal— Schickſal?— nun ſtehe der todte Buchſtab, wir denken Geiſt und Leben!— als wollte das Schickſal mit muͤtterlicher Zaͤrtlichkeit mir ja jeden Schmerz gleich moͤglichſt wieder verguͤten: ſo folgte un⸗ mittelbar nach Wilhelms Tode ein angenehmer Vorfall auf den andern.— Ich will die Ge⸗ ſchichte dieſes gluͤcklichen Jahres nicht wieder⸗ holen, da ſie in der erſten Erzaͤhlung richtig an ſich, obgleich aus einem unrichtigen Ge⸗ ſichtspunkte, dargeſtellt iſt. Nun aber der Kerker?— Es war der haͤrteſte Schlag, der mich in meinem Leben getroffen hat. Verzeihlich war es, wenn ich uͤber die Ungerechtigkeit, uͤber die Mißhandlung, die ich hier, einſam, von allen meinen Lieben Zweyter Theil. 53 getrennt, mit geſchwaͤchter Geſundheit und dadurch um ſo mehr verſtimmter Seele, erdulden mußte, mich beklagte: aber wie ſehr waren dieſe Klagen uͤbertrieben, wie ungerecht waren ſie! Vorzuͤglich erfuͤllte mich der Gedanke mit bitterm Unmuth: daß ich den ehrenvollen Ruf des Miniſters** nicht angenommen haͤtte, nicht haͤtte annehmen koͤnnen. Es fiel mir nicht ein, daß die Verleumdung mich auch dort wuͤrde verfolgt, und durch meine Entfernung noch mehr Schein fuͤr ſich gehabt haben wuͤrde. Doch hier brach ich die Geſchichte im Kerker ab, die ich nun fortſetzen will. Der Sturm in meinem Innern tobte in einem hitzigen Fieber aus, und mit wiederkehren⸗ der Geſundheit kehrte Ruhe und Friede in meine Seele zuruͤck. Jetzt wurde mir mein Kerker zur Schule der Weisheit und Tugend, wo ich nach dem Grade meiner Empfanglichkeit viel gelernt habe. Nach dem Grade meiner Em⸗ pfaͤnglichkeit! Ich weiß, daß ich noch jetzt erſt Schuͤler und Anfaͤnger bin, aber mit heißem Dante gegen die Vorſehung ſegne ich die Schule, wo ich es geworden bin! Paͤchter Martin. Waͤhrend meiner Krankheit war der Fuͤrſt geſtorben. Sein Nachfolger ließ ſich gleich nach dem Antritt ſeiner Regierung meine Sache vor⸗ legen, las ſelbſt meine Vertheidigungsſchrift, wurde von meiner Unſchuld uͤberzeugt, ließ mei⸗ nen Richter ſeinen Unwillen fuͤhlen, und ich ward, mit dem fuͤrſtlichen Verſprechen: daß ich volle Genugthuung erhalten ſolle, frey geſpro⸗ chen. 4 Der edle Fuͤrſt hielt ſein Wort, befriedigte alle Forderungen des**er Hofes, da er ſie ſelbſt fuͤr gegruͤndet hielt, mit der einzigen Bedingung: daß man ihm den Verraͤther entdecken moͤge. Man handelte am*rer Hofe nach der bekannten — Mayime: Nutze die Verraͤtherey und haſſe den Verraͤther; war noch ſo großmuͤthig ihm vorher geheime Anzeige zu thun, und entdeckte zwey Tage nach ſeiner Fucht, als Verraͤther— den Geheimenrath R**; den Mann, welcher die Frechheit gehabt hatte, den Richter uͤber einen unſchuldig Angeklagten zu machen wegen eines Verbrechens, das er ſelbſt begangen hatte. Ich haͤtte dieß ſchon als Patriot fuͤr reiche Verguͤtung uͤberſtandener Leiden meiner Geſan⸗ Zweyter Theil. 55 genſchaft halten muͤſſen, da ſie Veranlaſſung wur⸗ den, mein zweytes Vaterland von einem Unge⸗ heuer an Bosheit und Ruchloſigkeit zu befreyen, von einem vollendeten Boͤſewicht, der um ſo viel gefaͤhrlicher war, je mehr er, ausgelernt in der Verſtellungskunſt, ſelbſt Menſchenkenner mit der Miene der Rechtſchaffenheit taͤuſchte, und je mehr „Macht Boͤſes zu thun er an ſeinem Poſten in Haͤnden hatte. Doch mein Lohn war groͤßer. „Ich bin Ihnen, ſagte mein guͤtiger Fuͤrſt, „fuͤr unverſchuldete Leiden Erſatz ſchuldig. Und „der Miniſter—(der Mann, von dem ich Thor einmal waͤhnen konnte, das Schickſal habe ihn mir in den Weg geworfen, um mir meine Leiden deſto fuͤhlbarer zu machen!) und Ihr Freund „(mein Lehrer) W** haben mir eine zu vortheil⸗ „hafte Schilderung von Ihnen gemacht, als daß „ich Bedenken tragen duͤrfte meinem Herzen zu „folgen. Machen Sie in dem Poſten des Rer „wieder gut, was er boͤſe gemacht hatte!“ Ich habe es nicht an gutem Willen, nicht an Thaͤtigkeit fehlen laſſen, um die Erwartung mei⸗ nes edlen Fuͤrſten zu erfuͤllen. Und bey nur maͤßigen Kraͤften, iſt mir dennoch auch manches 56 Paͤchter Martin, Gute gelungen, weil ich es ohne Selbſt⸗ ſucht that*)— Das verdanke ich den drey letzten Wochen meiner Gefangenſchaft.—— Als nicht uͤberfluͤſſige Zugabe zu dieſem klei⸗ nen Abriß meines gluͤcklichen Lebens muß ich noch ſagen: daß dem Miniſter— der mich in ſei⸗ nem Lande anſtellen wollte, wenige Jahre nach⸗ her, durch die niedrigſte Kabale ſeiner Feinde ſein Amt genommen, und ſeine Freunde zuruͤck geſetzt wurden. Spaͤterer Zuſatz. Meine Gattin, meine beſte, meine einzige Freundin, die meine und ihre Kinder mit mir erzogen, und ihre Herzensguͤte ihnen mitgetheilt hat, Kinder, *) Ich bitte nun die Leſer N. II. des erſten Bandes noch ein Mal zu leſen, um ſich von der Wahrheit dieſer Stelle zu uͤberzeugen, und ſich der naͤhern Bekanntſchaft eines Mannes zu freuen, der noch jetzt als Greis ein Segen fuͤr das Land iſt, das er ſein zweytes Vaterland nennt. Zweyter Theil. 527 die jetzt meine Thraͤnen trocknen, die vier und zwanzig Jahre das beſte Gluͤck meines Lebens war— iſt zur Ruhe gegangen.— Mein Tod wird ſanfter ſeyn— er fuͤhrt mich zu ihr! Paͤchter Martin. III. Yannettin und Nantellin. (Aus einer portugieſiſchen Handſchrift.*) Ungluͤck und Gewinnſucht trieben mich aus meinem Vaterlande auf das Weltmeer, um in neu entdeckten Laͤndern Ruhe— und Gold zu ſuchen. Aber Ruhe ſucht man vergebens außer ſich; mein Gold verlor ich beynahe in demſelben Augenblicke wieder, da ich es gefun⸗ den hatte; und kaum rettete ich ein Leben, das in meinen Augen damals wenig Werth hatte. Ein heftiger Sturm ſchleuderte unſer Schiff in eine uns unbekannte Gegend; wir litten Schiff⸗ bruch, und nur drey Menſchen von hundert und funfzig, ich und zwey Spanier, wurden von den Bewohnern einiger Inſeln gerettet. *) Mit dieſer Aufſchrift fand ich es unter den Papieren meines Vaters. — Zweyter Theil. 59 Zwey Jahre haben wir unter dieſen guten Inſulanern gelebt— im Vorhoſe des Allerhei⸗ ligſten der Natur!—— Drey und zwanzig kleinere Inſeln, deren felſiger Boden die Arbeit ſeiner Bewohner nur mit duͤrftigem Unterhalte belohnt, umkraͤnzen hier eine groͤßere und ſegensvolle Inſel, welche in ihrer Sprache Yannetrin genannt wird, das heißt: das Land der Gluͤckſeligkeit. Die kleinern Inſeln heißen, in Beziehung auf jene groͤßere, Nantellin— das Land der Vorbereitung. Durch Klippen und Sandbaͤnke hat die Na⸗ tur das Land der Gluͤckſeligkeit gegen Weltent⸗ decker und Eroberer geſichert, und ſelbſt den Yantellinern iſt der Zugang zu Yannet⸗ tin verſchloſſen. Aber von Zeit zu Zeit win⸗ den ſich einige Bewohner des gluͤcklichen Landes mit ihren Kaͤhnen durch die Klippen und Sand⸗ baͤnke hindurch, verſorgen die Yantelliner mit den Fruͤchten ihres Landes, und wohnen unter ihnen, wie Vaͤter unter ihren Kindern, wie wohlthaͤrige Genien unter den huͤlfsbeduͤrf⸗ tigen Soͤhnen der Erde. 60 Paͤchter Martin. Ich hatte waͤhrend meines Aufenthalts auf den kleinern Inſeln, wo wir gerettet und ſo liebreich behandelt wurden, das Gluͤck, daß ein Bewohner Yannettins, Namens Saddy, mein Freund ward, ob er mir gleich die Bitte, mich zu feinem Mitbuͤrger zu machen, verſagen mußte. „Dein Herz,“ ſprach er,„macht dich zu unſerm Verwandten, und ich liebe dich darum: aber du muͤßteſt viel verlernen, viel vergeſſen, muͤßteſt werden, wie dieſe zwar rohen, aber unverbildeten Kinder der Natur, um an unſe⸗ rer Gluͤckſeligkeit Theil zu nehmen. Auch be⸗ ſorgen die Weiſen meines Volks, dein Aufent⸗ halt unter uns moͤchte unſern juͤngern Mitbuͤr⸗ gern nachtheilig ſeyn. Du wuͤrdeſt dich ihnen mittheilen, wuͤrdeſt ihnen— unſtreitig wohl in guter Abſicht, oder auch ohne Abſicht— uͤber die Sitten, Gebraͤuche, Meinungen, Kuͤnſte und erkuͤnſtelten Freuden deines Vater⸗ landes einen Unterricht ertheilen, der ihnen nicht frommte, der ihnen vielleicht ſehr ſchaͤdlich waͤre. Du wuͤrdeſt Wuͤnſche in ihnen wecken, die wir nicht befriedigen koͤnnten, ohne ihren Zweyter Theil. 61 groͤßern Schaden nicht befriedigen duͤrften; und mancher moͤchte dann mitten im Beſite des Reichthums, den die Natur in vollem Maße uͤber uns ausſchuͤttet, an Freude verarmen. Unſere Juͤng linge und Maͤdchen haben unter unſerm warnien Himmel eine warme Einbil⸗ dungskraft, die ihnen jetzt, da ſie den reinen Urſtoff der Natur verarbeitet, den Genuß ihres Lebens erhoͤht und verſchoͤnert. Wir wollen ihnen nichts Fremdartiges einmiſchen. Die kleinſte Entfernung von der Natur und der Unſchuld ihrer Sitten waͤre Enikfernung von ihrer Gluͤckſeligkeit! „Du ſiehſt hieraus zugleich die Urſache, warum wir dich— und mehr noch unſere andern beiden Gaͤſte— auch mit den Yantelli⸗ nern nicht gern zu vertraut werden laſſen,— Yantellin iſt die Pflanzſchule fuͤr Yannet⸗ tin— und warum wir gerne ſehen, wenn ihr nun bald unſern Vorſchlag annehmt, in euer Vaterland zuruͤckzukehren. Wir bringen euch in ein fernes Land, wo, wie wir wiſſen, oft Euro⸗ paͤiſche Schiffe anlanden, und geben euch von dem gelben Metalle, wofuͤr, nach deiner eigenen 62 Paͤchter Martin. Erzaͤhlung, bey euch alles feil iſt, und was bey uns keinen Werth hat, ſo viel wir davon finden und ihr fortbringen koͤnnt. Ich werde dir manche Thraͤne nachweinen— aber wir muͤſſen ſcheiden. Ich bin dein Freund, aber ich bin auch Buͤrger Yannettin's, und kann kein Gluͤck fuͤr mich wollen, wovon die Weiſern meines Volks befuͤrchten, daß es meiner Mit⸗ buͤrger Ungluͤck werden koͤnnte.“ Wir mußten uns dieſen Vorſchlag gefallen laſſen; doch wurde mir vor unſerer Abreiſe noch der Wunſch gewaͤhrt: einige Tage auf Nannet⸗ tin zuzubringen. O daß es nur einige Tage waren! Und dennoch Dank euch, herzlichen Dank euch, Kinder der Natur, fuͤr die weni⸗ gen Tage, die ich unter euch leben durfte! Bey euch habe ich leben gelernt; ich bin der Natur naͤher gekommen, und verſchoͤnere mir jetzt mein YJantellin ſo gut ich kann, bis auch mir einſt ein Yannettin ſich eroͤffnet. Gern wandelt indeſſen mein Geiſt noch unter 4 dieſen ſchuldloſen, guten, und durch ihre Un⸗ ſchuld und Guͤte ſo gluͤcklichen Menſchen, und gern erzaͤhle ich von ihnen.— Nehmt fol⸗ Zweyter Theil. 63 gende kleine Belehrung, die mir mein Saddy uͤber das Verhaͤltniß Yantellins zu Yannettin ertheilte, als Anfrage: ob ich mehr von ihm und ſeinem Lande erzaͤhlen ſoll. Paͤchter Martin. — IV. Saddy uͤber das Land der Vorbereitung zum Lande der Gluͤckſeligkeit. Wir herrſchen ſeit den aͤlteſten Zeiten uͤber die Yantelliner durch Wohlthun, wie— wenn der Vergleich nicht zu ſtolz waͤre— wie der unſichtbare Wohlthaͤter uͤber das ganze Menſchengeſchlecht. Wir theilen ihnen von dem Segen unſerer Inſel mit, ſo viel wir glauben daß ihnen in ihrer jetzigen Lage gut ſey;— denn du ſiehſt leicht ein, daß bloß von unſern Wohlthaten, ohne eigne Arbeit zu leben, ihnen nicht gut ſeyn wuͤrde.— Wir bilden ihre Herzen, machen ihre rohen Sitten milder, und nehmen dann die am meiſten Ausgebildeten und Veredelten mit uns hinuͤber in das Land der Gluͤckſeligkeit. 3 Nun Zweyter Theil. 65 Nun iſt zwar unſere Inſel groß und fruchtbar genug, daß alle Yantelliner, und waͤren ihrer noch drey Mal mehr als ihrer jetzt ſind, gar fuͤg⸗ lich unter uns wohnen, und„wenn ſie ſonſt nichts wollten, reichlich ernaͤhrt werden koͤnnten; aber ſoll der Menſch ſonſt nichts wollen, als reichlich ernaͤ hrt werden? Nahrung koͤnnen wir ihnen auch nach Nantellin bringen, wie wir das wirk⸗ lich thun: aber wir moͤchten ihnen nicht bloß Nahrung, wir moͤchten ihnen auch Gluͤckſeligkeit, menſchliche Gluͤckſeligkeit verſchaffen; und wir koͤnnen das nicht, ſo lange wir nicht den Menſchen uͤber das Thier, die Vernunft uͤber die groͤbere Sinnlichkeit erheben koͤnnen. Was ſollten ſie jetzt im Lande der Gluͤekſelig⸗ keit, ſo lange ſie der Gluͤckſeligkeit noch nicht em⸗ pfaͤnglich ſind, ſo lange ihnen noch Weisheit zum Genuß mangelt, und Wohlwollen zum Mitthei⸗ len?— ein Wohlwollen, das ſelbſt mit zu jener Weisheit gehoͤrt, uns wenigſtens den reinſten und hoͤchſten Genuß eigener Gluͤckſelig⸗ keit gewaͤhrt— „Doch wir koͤnnten ihnen ja dieſen Mangel auch dort erſetzen, koͤnnten in unſerm Lande durch 8. Theil. 5 66 Paͤchter Martin. Lehre und Beyſpiel ihre Erziehung vollenden.“ Freund, der Gefahr hier gar nicht zu gedenken, daß ihr entgegen geſetztes Beyſpiel aͤußerſt nach⸗ theilig auf unſere juͤngern Mitbruͤder wirken duͤrfte— wird ein gewoͤhnlicher Yantelliner da, wo die Natur ohne ſein Zuthun ſeinen Tiſch berei⸗ tete, das edlere Beduͤrfniß fuͤhlen, ſich zu vervoll⸗ kommnen? Wird er Trieb und Luſt haben, ſeine Kraͤfte zu entwickeln, wo er in aller Traͤgheit nur zugreifen darf? Wird er den Rath des Weiſern hoͤren, und ein gegenwaͤrtiges Gut, das fuͤr ihn Reitz hat, maͤßiger genießen wollen, um nicht ein entferntes Gut zu verſcherzen, deſſen Werth er nicht kennt? Und was wird der rohe Sohn der Erde fuͤr andere thun wollen, da er zu ſeinem Wohlbefinden keines andern bedarf, oder doch nicht zu beduͤrfen glaubt?— Den hoͤhern Zweck, den wir mit unſern Zoͤg⸗ lingen haben, ſie des Genuſſes reinerer menſchli⸗ cher Gluͤckſeligkeit empfaͤnglich zu machen, wuͤr⸗ den wir alſo gewiß verfehlen, wenn wir ſie mit Einem Male unter unſere Mitbuͤrger aufnaͤh men Und zuverlaͤſſig wuͤrden ſie in kurzer Zeit auf Yannettin nicht einmal ſo gluͤckſelig ſeyn, als Zweyter Theil. 6 ſie es jetzt auf Yantellin ſind. Sie wuͤrden bald durch Unmaͤßigkeit und Schwelgerey auch fuͤr die Freuden, welche gegenwaͤrtig allein Reitz fuͤr ſie haben, allen Sinn verlieren. Und was bliebe den Armen dann uͤbrig?— Die Pflanze, die im duͤrren Boden entkeimte, mit Einem Male in allzu mildes Erdreich verpflanzt, wird ſelten gedeihen. Glaube mir, fuͤr Yantelliner iſt ein Yantellin, fuͤr Menſchen, die der Erziehung ſo ſehr beduͤrfen, ein Land der Erziehung nothwen⸗ dig! „Wenn ſie nun aber auch ohne Erziehung und Vorbereitung nicht Buͤrger im Lande der Gluͤckſeligkeit werden koͤnnen; ſo ſcheint es doch hart und ſelbſt zweckwidrig: daß ſie das beſſere Land vorher nur in dunk⸗ ler Ferne ſehen duͤrfen, und daß ſich ihre Hoffnung, daß es ihnen dort beſſer ſeyn werde, nur auf Glauben ſtuͤtzen muß?“. Gerade ſo urtheilten einſt, nach der Erzaͤh⸗ lung unſerer aͤlteſten Weiſen„ einige Yantel⸗ liner, welche das Buͤrgerrecht bey uns erhalten 68 Paͤchter Martin. hatten.„Ja, ſagten ſie mit freudigem Danke zu unſern Vaͤtern, wir ſind im Lande der Gluͤckſeligkeit, und fuͤhlen daß wir's ſind. Wir haben mehr, tauſend Mal mehr bey euch gefunden, als wir erwarteten, und ſegnen unſer Loos. Und dennoch verließen wir unſer erſtes Vaterland nur ungern, folgten unſern Fuͤhrern furchtſam, und mit widerſtrebendem Herzen, und unſere zuruͤck gelaſſenen Freunde weinten um uns, wie man um Verſtorbene weint. Wie koͤnnte es aber auch anders ſeyn? War uns nicht das Land der Gluͤckſeligkeit ein unbekanntes Land, das wir vorher nur in dunkler Ferne ſahen? Und keiner von denen, die vor uns hinuͤber gingen, kehrte wieder zuruͤck! O darum erfuͤllt unſere Bitte fuͤr unſere erſten Mitbuͤrger: nur drey Tage laßt ſie unter uns wohnen, laßt ſie Au⸗ genzengen unſerer Gluͤckſeligkeit ſeyn! Freudig werden ſie euch dann folgen, und mit doppel⸗ tem Eifer arbeiten, um immer unter euch woh⸗ nen zu duͤrfen!“ Unſere Vaͤter erfuͤllten ihre Bitte— zum Ungluͤck der Yantelliner, fuͤr die ganze damals lebende Generation, und nicht ohne Nachtheil fuͤr ihre Nachkommen. Zweyter Theil. 69 Ihr bis hierher ihnen immer noch liebes Vater⸗ land ſchien ihnen von nun an ein Land des Unglaͤcks, ein trauriger Kerker, aus welchem ſie je eher deſto lieber befreyt zu werden wuͤnſch⸗ ten; nur die Noth konnte ſie zwingen ihren Boden ferner zu bearbeiten; mit Gram und Mißmuth ſaͤeten und pflanzten ſie, mit Thraͤ— nen ernteten ſie, und mit finſterm Murrſinn nahmen ſie jetzt unſere Wohlthaten, die ſie ſonſt mit frohem Dank empfangen hatten. Auf Schleifwegen ſuchten einige in unſere Inſel ein— zudringen, mit thoͤrichten Bitten beſtuͤrmten uns andere, ſie aus ihrem Elende zu erloͤſen, und in unſer ſeliges Land hinuͤber zu fuͤh⸗ ren. Vergebens ſagten wir ihnen: daß ſie durch ihre Unzufriedenheit ihren Wunſchen ſelbſt ent⸗ gegen handelten, daß ſie durch Truͤbſinn ſich und ihre Lage verſchlimmerten, daß weiſer Ge⸗ nuß ihres gegenwaͤrtigen Lebens die beſte Vor⸗ bereitung zu einer gluͤckſeligern Zukunft ſey; niemand wollte ſich mehr den langſamen Gang der Erziehung und Vorbereitung gefallen laſſen; ſie wollten die Schranken uͤberſpringen, und entfernten ſich vom Ziele.—— 70 Paͤchter Martin. Freund, auch wir glauben: daß der Un ſicht⸗ bare unſer Daſeyn nicht auf das Land, das wir jetzt bewohnen, ſo ſchoͤn es auch iſt, beſchraͤnkt habe; wir erwarten jenſeit des Grabes eine noch beſſere Zukunft. Aber auch wir ſehen dieſe Zukunft noch in dunkler Ferne, und verehren deßwegen die Weisheit und Guͤte des unſicht⸗ baren Wohlthaͤters. Wir genießen die Gegenwart mit frohem Dank, und glauben und hoffen! Zweyter Theil. 71 V. Durch Wohlthaten macht man Undankbare. Wer wollte laͤugnen, daß es Undankbare gaͤbe? Und da ſich Undankbarkeit ohne vorher empfangene Wohlthaten eben ſo wenig denken laͤßt als— Dankbarkeit, ſo hat man frey⸗— lich mit der Redensart: Durch Wohltha⸗ ten macht man(zuweilen) Undank⸗ bare; etwas ſehr wahres geſagt, ſo wahres, als etwa mit der: Durch Wein und aͤhn⸗ liche ſtarke Getraͤnke macht man(zu⸗ weilen) Betrunkene. Aber viel waͤre dann damit eben nicht geſagt. Nun laͤugne ich nicht, daß mancher wohl mehr dabey gedacht haben mag; und ſo moͤchte meinetwegen dieſe Redensart unter hundert andern, die noch oͤfter gebraucht, und am Ende nicht einmal ſo viel, vielleicht gar baren Unſinn enthalten, mit hin⸗ 72 Paͤchter Martin. gehen: wie aber, wenn ſie von manchem als All⸗ gemeinſatz zur Entſchuldigung ſeiner Haͤrte, ſei⸗ nes Geitzes, ſeiner Undienſtfertigkeit, angewandt wird?— Weg dann mit der haͤßlichen Luͤge, und dem ungerechten Vorwurfe, den man der Menſchheit macht? Dieß uͤber die Redensart. Was nun aber die Klage uͤber Undankbarkeit ſelbſt betrifft, ſo kann ſie bey einigen ſeltnen Menſchen— die aber nicht leicht laut klagen werden— ſehr edel ſeyn, wenn ſie ſich nicht beklagen, daß andere undankbar gegen ſie, ſondern daß ſie undank⸗ bar waren. Undankbarkeit ſchmerzt ſie als La⸗ ſter, das von einem ſehr verwahrloſeten Herzen zeugt; es ſchmerzt ſie, den Menſchen durch Undankbarkeit ſich ſelbſt ſchaͤnden zu ſehen. Die Klage iſt bey andern, die zwar zunaͤchſt um ihrer ſelbſt willen klagen, aber auch viele traurige Erfahrungen gemacht haben, ſehr verzeihlich: aber, aber wahrlich, ſie iſt auch bey vielen ſehr ungerecht. Ich habe ſie oft mit der: daß der Tugend⸗ hafte hienieden ſo viel leiden muͤſſe, indeß es dem Laſterhaften wohl gehe; Zweyter Theil. 73 in Eine Klaſſe geſtellt. Man ſetzt bey dieſer Klage gewoͤhnlich voraus: daß man ſelbſt unter die Tugendhaften gehoͤre; ſo wie bey jener: daß man ſich um andere ſehr verdient gemacht— ihnen wirklich Wohlthaten erwieſen habe; und ſollte dieſe Vorausſetzung immer gegruͤndet ſeyn? Wird die Tugend nicht verdaͤchtig, welche daruͤber murret, daß Gott gegen andere ſo guͤtig iſt?— eben ſo verdaͤchtig wie die Wohlthaͤtigkeit, welche uͤber Mangel an Wiedervergeltung in bit⸗ tere Klagen ausbricht? Du leideſt; aber leideſt du als Tugend⸗ hafter und um deiner Tugend willen? Je⸗ ner iſt gluͤcklich; aber iſt er es als Laſterhaf⸗ ter und durch ſeine Laſter?— Da handelt jemand minder freundſchaftlich, oder gar feindſe⸗ lig gegen dich; aber thut er es, weil du ihm wohl thateſt? oder nicht vielmehr deßwe⸗ gen, weil du ihm, fuͤr eine vielleicht unbedeu⸗ tende Wohlthat, deſto mehr uͤbel thateſt, weil du ihn mißhandelteſt, ihn zum Sklaven dei⸗ ner Launen machen wollteſt, Dienſte von ihm 4 Paͤchter Martin. forderteſt, die er als rechtſchaffener Mann nicht leiſten darf?— Es giebt allerdings Menſchen, die ſich dem Wohlthaͤter entziehen, aus Furcht, wieder geben, oder Gegendienſte leiſten zu muͤſſen, oder aus einer zweydeutigen Art von Stolz, der ſich dem Wohlthaͤter gegen uͤber gedemuͤthigt glaubt; manche, wenn ſie das Geborgte zuruͤck geben, oder gewiſſe Verſprechen erfuͤllen ſollen, fuͤhlen jetzt bloß das Unangenehme des Wiedergebens, und haben das Angenehme des Empfangens ver⸗ geſſen; ja es giebt ſogar Menſchen, die wahre Wohlthaten mit Uebelthaten vergelten.— Es giebt auch Menſchen, die durch Laſter Gluͤck ma⸗ chen, und ihr Gluͤck genießen: aber ihr wuͤrdet ſehr irren, wenn ihr den Weg des Laſters fuͤr den ſicherſten Weg zur Gluͤckſeligkeit halten woll⸗ tet; und nicht bloß ſehr irren, ſondern auch ſehr ungerecht urtheilen, wenn ihr die Menſchen in der Regel fuͤr undankbar halten wolltet. Wie manchen haltet ihr fuͤr gluͤckſelig, dem geheimer Gram am Herzen nagt?— und wie mancher ſcheint undankbar zu ſeyn, der es nicht iſt? Zweyter Theil. 75 Ihr haltet den, dem ihr Wohlthaten erzeig⸗ tet, fuͤr undankbar, weil er euch gewiſſe Dienſte nicht leiſtete, oder nicht ſo leiſtete, wie ihr es wuͤnſchtet: aber kannte er eure Wuͤnſche, und konnte er ſie nach ſeinen Einſichten, ſeinen Grund⸗ ſaͤtzen, ſeinen Kraͤften erfuͤllen? Schmerzte es ihn nicht vielleicht, daß er nicht konnte, was er ſo gern wollte? Wie? wenn ſeine Bemuͤhungen fuͤr euch ohne ſeine Schuld fehl ſchlugen, und er zu beſcheiden war, als daß er mit dem, was er fuͤr euch unter⸗ nahm, prahlen ſollte? Wie? wenn er ohne Geraͤuſch dennoch viel fuͤr euch that— zur Vertheidigung eurer Ehre eures guten Namens, zu eurer Empfehlung bey andern? Err iſt vielleicht nicht Freund von vielen Worten; und ihr hattet Unrecht, wenn ihr waͤhntet, daß er auf eure Wohlthaten keinen Werth ſetze, weil er nicht viel Worte daruͤber machte.. Er nahm vielleicht euer:„Bitte, bitte, kei⸗ nen Dank!“ fuͤr Ernſt, und hielt den Ausdruck ſeiner dankbaren Empfindung zuruͤck. Er wußte, 76 Paͤchter Martin. daß edlere Menſchen ſich nicht gern laut in's Ge⸗ ſicht danken, ſo wenig als loben laſſen, und zaͤhlte euch zu dieſen Edleren. Er ſchwieg, weil ihr ihn uͤberraſchtet, und ſeine Empfindungen zu lebhaft waren, als daß ſie ſich in Worten ergießen konnten; und ſeinen Haͤndedruck habt ihr nicht verſtanden, den Dank ſeiner Augen nicht bemerkt. Er ſchwieg mit dem Entſchluſſe, euch thaͤtig zu danken. Er erwaͤhnte des von euch empfan⸗ genen Guten ſeltner, als ihr— minder edel— es wuͤnſchtet, um eure Guͤte nicht zu mißbrau⸗ chen; euch nicht zu reitzen, mehr noch zu geben; oder euch auch nicht den Verdacht ein⸗ zufloͤßen, als wenn er euch dazu reitzen wollte.*) Moͤglich waͤre es auch, daß er das, was er von euch empfing, wirklich nicht ſehr hoch an⸗ ſchlug, ohne deßwegen undankbar zu ſeyn. Er *)„In dem: gratiarum actio est ad plus dandum inuitatio!— wie wir Lateiner uns aus⸗ zudruͤcken pflegen— da liegt das Fundament zur Dankbarkeit!“ ſagte unſer Schulmeiſter. Gut, daß wir ehrlichen Junger das nicht verſtanden. — ——— — —— Zweyter Theil. 4 fuͤhlte, daß er eben das, und mehr noch fuͤr euch thun koͤnnte, und vielleicht gegen andere that, ohne deßwegen zu glauben, daß er etwas gethan habe, das großen Dank verdiente— und denkt nun nicht geringer von euch, als von ſich ſelbſt. Noͤgen dann diejenigen liebenswuͤrdiger ſeyn, welche auf das, was ſie gaben, keinen Werth legen, deſto mehr aber auf das, was ſie von andern empfingen: aber fuͤr unedel werdet ihr doch den nicht halten, der das, was er wirklich Gutes in ſich fuͤhlt, auch bey euch vermuthet; der es fuͤr Undank halten wuͤrde, wenn er ſchlech⸗ ter von euch als von ſich ſelbſt daͤchte?— Oder wenn er, vielleicht aus Mangel an beſ⸗ ſerer Einſicht, eure Wohlthat nicht fuͤr Wohlthat erkennen konnte, ſie nicht zu ſeinem Wohl zu benutzen wußte; wenn er dann, da ihr ſie ihm dennoch aufdrangt, ihm ſchon durch dieß Aufdrin⸗ gen weh thatet, euch unmoͤglich fuͤr Freunde hal⸗ ten kann, die es gut mit ihm meinten?— Der Fall iſt haͤnfiger, als manche glauben moͤgen. Wenn z. B. der große ungluͤckliche Kaiſer Joſeph, der von ſich es ſagen durfte: daß 78 Paͤchter Martin. er oft, wo er Dank verdienen wollte, und ver⸗ diente, mit Undank belohnt wurde— wenn der oft verkannte Joſeph die teutſche Sprache in Un⸗ garn einfuͤhren wollte, ſo glaubte er gewiß den Ungarn dadurch wohlzuthun. Das glaubten nun aber die Ungarn nicht. Sie meinten, ſie wuͤrden mit ihrer Sprache auch ihren Narional⸗ charakter verlieren, wuͤrden dadurch entwuͤrdigt, und was ſie ſo mehr meinten. Laßt ſie nun noch ſo Unrecht gehabt haben, ſo haͤtte doch wahrlich ihr Koͤnig auch Unrecht gehabt, wenn er ſeine ſonſt braven Ungarn deßwegen fuͤr Undankbare, ſchlechte Unterthanen gehalten haͤtte, weil ſie ſeine Wohlthat nicht fuͤr Wohlthat erkennen konn⸗ ten.— Was beſonders Wohlthaten an Geld und Geldeswerth*) betrifft, ſo iſt's in Wahrheit bey *) Und zwar bloß Geldeswerth, und um dieſes Werthes willen gegeben.— Mein Freund ſchenkt mir ſein Bild mit einer koſtbaren Einfaſſung; nun da konnte zwar die koſtbarn Einfaſſung, mir zu Gefallen, weggeblieben ſeyn: aber ohne Beymiſchung eines unangenehmen Ge⸗ fuͤhls nehme ich das Bild auch mit der koſtbaren Zweyter Theil⸗ 79 Menſchen, welche mehr vom Herzen als vom Magen abhaͤngen, keine leichte Sache: ihnen ſo zu geben, daß es ihnen wirklich wohl thue. Das laͤßt ſich als Regel annehmen: Der Mann, der ohne Anhaͤngſel von Titeln und ohne gefuͤllte Kaſten gelten kann, bey dem es Einmal feſter Entſchluß iſt, keinen Finger breit vom geraden Wege abzuweichen, um jene Anhaͤngſel und Kaſten zu erhalten, und dem Freyheit mehr als alles Gold der Erde wiegt— der nimmt nicht gern reiche Geſchenke, befindet ſich immer in keiner kleinen Verlegenheit, wenn er ſie, durch Noth gezwungen, nehmen muß, und kann dann leicht von dem Geber ſehr verkannt werden, wenn die⸗ ſer nicht ſelbſt ſeines Geſchlechts iſt. „Ich ſah mich einſt genoͤthigt,“ ſo erzaͤhlte mir mein Vater,„von einem reichern Freunde ein Darlehn an Gelde aufzunehmen, und that es unter der Bedingung: gegen landes⸗ uͤbliche Intereſſen; was er ſich um ſo eher gefallen laſſen koͤnnte, da ich es fuͤr einen Einfaſſung. Die Einfaſſung iſt fuͤr das Bild, das Bild fuͤr mich.. 30 Paͤchter Martin. andern aufnaͤhme.— Wirklich hatte ich einem noch aͤrmern Freunde von der erborgten Summe wieder einen Theil geliehen.— Nach zwey Jah⸗ ren zahle ich meinem Freunde ſein Geld, bis auf einen kleinen Reſt, der der Verabredung gemaͤß erſt im naͤchſten Jahre abgezahlt werden ſollte. Er nahm es,— aber ohne Intereſſen. Die Wahrheit zu ſagen: ich hatte die Intereſſen mit einer gewiſſen Aengſtlichkeit aufgezaͤhlt, die aus dem Bewußtſeyn entſprang, daß ich, ſelbſt ein paar Mal in dem Falle, andern Geld geliehen zu haben, um alles nicht im Stande geweſen waͤre, Intereſſen anzunehmen; dennoch kraͤnkte es mich tief, daß ich, wollte ich anders meinen Freund nicht beleidigen, die Intereſſen geſchenkt nehmen mußte. Es war, dachte ich, doch hier ein anderer Fall: die Summe war groͤßer, und er wußte ja, oder ſollte doch wiſſen, daß du es fuͤr einen Dritten geborgt habeſt. Einen noch truͤbern Tag machte mir mein ſonſt ſo guter, bra⸗ ver Freund, da er unter nichtigem Vorwande, von vielen Dienſtleiſtungen, die er von mir er⸗ halten haben wollte, auf keine Art zu bewegen war, den Reſt wieder anzunehmen. Und mit dem Zweyter Theil. 81 dem truͤben Tage war's nicht abgethan. Es ver⸗ gingen Jahre, ehe ich wieder ſo unbefangen, wie ſonſt, ſeine Geſellſchaft genießen konnte. Gewiß war mir mein Freund nicht minder lieb als vor⸗ her; aber ich war von nun an minder traulich im Umgange; fuͤhlte jetzt erſt, was ich vorher nicht gefuͤhlt hatte: daß er reich und ich arm ſey, daß er nur geben, ich nur empfangen koͤnnte, ohne Ausſicht ihm je wieder geben zu koͤnnen; konnte ihn nicht mehr ſo offenherzig wie ſonſt tadeln, ihm nicht ſo herzlich meinen Beyfall geben— zum Tadel ſchien ich mir das Recht vergeben zu haben, mein Lob ſchien der Schmeicheley verdaͤch⸗ tig. Tauſend Mal habe ich gewuͤnſcht, daß ich ihm, ſelbſt auf die Gefahr ihn zu beleidigen, und ſeine Freundſchaft zu verlieren, ſein Geld aufge⸗ zwungen haͤtte. Ich habe nachher dieſes Geld als ein Kapital angeſehen, wovon ich bloß Ver⸗ walter zu gutem Gebrauch fuͤr andere waͤre, und habe es ſo angewandt, wie ich glaubte, daß es mein Freund, wenn er es mir zu der Abſicht gegeben haͤtte, billigen wuͤrde.— Es ſcheint mir jetzt bey kaͤlterem Blute ſelbſt, als wenn in meinem damaligen Betragen und Empfindungen 2. Theil.— 6 82 Paͤchter Martin. etwas Ueberſpanntes und Uebertriebenes geweſen waͤre, vielleicht gar etwas unfreundſchaftlicher Stolz: aber ich wollte doch nicht, daß du je in die Verlegenheit kaͤmſt, von einem reichen Freunde Geld borgen zu muͤſſen. Lieber von einem Frem⸗ den, und im Nothfall lieber von einem Wuche⸗ rer, dem du das Kapital zwiefach verzinſen mußt. Durch Sparſamkeit und Fleiß kannſt du den hohen Zins wieder einbringen; aber Geſchenke koͤnnen dich um Guͤter bringen, die fuͤr kein Geld feil ſind. Und wie? wenn der reiche Mann, der ſich deinen Freund nennt, minder edel waͤre, als mein Emmard war? wenn er es bedauerte: daß er eben jetzt keinen Vorrath an Gelde habe? oder wenn er des niedrigen Mißtrauens faͤhig waͤre, daß du nicht ſeine Freundſchaft, ſon⸗ dern ſein Geld gemeint habeſt? wenn er dir mer⸗ ken ließe, daß er das, was er dir liehe, fuͤr ſo gut als geſchenkt hielte?— Glaube mir, es giebt unter den reichſten Leuten viele Kraͤmerſeelen, und im Punkte des Geldes ſind die meiſten zum Mißtrauen geneigt. Ein Mißtrauen, das frey⸗ lich bey manchem, der mehrere unangenehme Er⸗ fahrungen mit Buben oder Leichtfuͤßen machte, Zweyter Theil. 83 gewiſſermaßen verzeihlich iſt: aber wuͤrde dich's darum minder kraͤnken, daß der Mann, den du fuͤr deinen Freund hielteſt, dich mit jenen Men⸗ ſchengeſchoͤpfen in Eine Klaſſe ſetzte? Nein, lie⸗ ber von einem ganz Fremden geborgt, als von einem reichen Freunde, deſſen Freundſchaft nicht ſchon laͤngſt erprobt und durch's Feuer gelautert iſt. Denn freylich fuͤr Freunde im engſten Sinne des Worts hoͤrt dieſe Klugheitsregel auf, Klug⸗ heitsregel zu ſeyn. Bey einem Freunde, der dir an Vermoͤgen gleich, oder doch nicht viel rei⸗ cher iſt, da braucht es ſchon weniger Bedenklich⸗ keit. Da ſchmerzt eine abſchlaͤgliche Antwort ſchon minder, weil es wahrſcheinlich iſt, daß er nicht im Stande war, deine Bitte zu erfuͤllen; und giebt er, ſo ſiehſt du eine Moͤglichkeit, ihm einmal gleichen Gegendienſt zu erweiſen; und andre Gefaͤlligkeiten wird er nicht, nach der Un⸗ art mancher reichen Leute, die oft zur Unzeit groß⸗ muͤthig ſind, oder ſo ſtolz, daß ſie durchaus nie⸗ manden auch nur die kleinſte Verbindlichkeit ſchul⸗ dig ſeyn wollen, mit Gelde aufwiegen!?“ Ich kann und mag nicht entſcheiden: ob mein Vater in dem gegebenen Falle ſich ganz ſo benom⸗ 84 Paͤchter Martin. men habe, wie es die kalte pruͤfende Vernunft recht heißen wuͤrde; ob nicht, wie es ihm ja ſelbſt ſchien, ein wenig Stolz und Ueberfeinerung ſeine ſonſt ſo reine Empfindung getruͤbt habe: aber ge⸗ ſetzt, daß ſo ein Mann als Empfaͤnger ſich gegen den Geber nicht ganz nach der Regel benimmt, wuͤrdet ihr ihn wohl deßwegen einen Undankbaren nennen? Wuͤrdet ihr, die ihr euch auf Menſchen⸗ werth verſteht, und Sinn genug habt, in einem Meiſterwerke, trotz einiger Fehlzuͤge, doch ein Meiſterwerk zu erkennen, euch nicht lieber um einen ſolchen Mann, als um hundert andere, die ſich durchaus nach der Regel benehmen, verdient gemacht zu haben wuͤnſchen?—— So wird alſo gewiß mancher ehrliche Mann fuͤr undankbar gehalten, der vielleicht im Grunde ein ungleich dankbareres Herz hat, als mancher andere, der die Miene der Dankbarkeit annimmt, und jede Gelegenheit ergreift, ſeinem Wohlthaͤ⸗ ter— ein Compliment zu machen; oder klug genug iſt, euch kleine Gefaͤlligkeiten zu erweiſen, um neue groͤßere Wohlthaten zu erhalten—— Die Klagen uͤber Undankbarkeit wuͤrden weni ger werden, wenn ſich die Menſchen beſſer auf's Zweyter Theil. 85 Wohlthun und Freudemachen verſtaͤnden, wenn— Doch dieß verdient ein eigenes Kapitel. Nicht zwar als wenn ich eben uͤber dieſen Gegenſtand was Ausgezeichnetes zu ſagen wuͤßte, ſondern weil es dem Leſer frommen wuͤrde, ſelbſt ein wenig uͤber das Thema nachzudenken. 86 Paͤchter Martin. VI. Wie man wohlthun muͤſſe. Was wohlthun heißt, weiß jedermann— Leiden mindern, oder doch mildern, die Menſchen froher, gluͤcklicher, oder(was unſtreitig die groͤßte unter allen Wohlthaten ſeyn wuͤrde!) beſſer machen. Die Frage aber: wie man an ſicher⸗ ſten dieſen Zweck erreichen koͤnne, wie man es anfangen muͤſſe, um die Menſchen geneigt zu machen, das, was wir fuͤr ſie thun, als Wohl⸗ that anzunehmen, und den beſten Gebrauch davon zu machen? iſt eine Frage, deren voll⸗ ſtaͤndige Beantwortung ſelbſt der Verfaſſer des goldenen Spiegels ec. nicht leicht finden wuͤrde. Und forderte der Fragende nun gar, daß die Antwort jeden, der den Willen haͤtte gute Lehre anzunehmen, in den Stand ſetzen ſolle, ſie in allen Lagen, unter allen Umſtaͤnden ſeines Le⸗ bens gluͤcklich zu befolgen; ſo forderte er etwas, Zweyter Theil. 87 das ſelbſt der weiſeſte Lehrer nicht zu leiſten ver⸗ moͤchte. Er muͤßte dann ſeine Menſchenkenntniß nicht bloß lehren, ſondern ſie, und mit ihr ſeinen gelaͤuterten Sinn fuͤr alles Schoͤne und Gute auf andere uͤbertra⸗ gen, das heißt, er muͤßte etwas thun koͤnnen, wogegen alles, was euch eure Ammen von Wunderdingen etzihle haben, eine Kleinigkeit waͤre. Hoffentlich erwartet ihr von keinem Men⸗ ſchenkinde Wunder, am wenigſten von dem ehr⸗ lichen Paͤchter Martin; koͤnnt alſo zum voraus vermuthen, daß er ſich nicht auf eine vollſtaͤndige Beantwortung der Frage, ſondern nur auf einen kleinen Beytrag zur Beantwor⸗ tung einlaſſen werde. Dieß iſt mein Beytrag: Man muß vor allen Dingen mit ſich einig werden, daß man An⸗ dern wohlthun wolle. „Ein wichtiger Beytrag! Als wenn ſich das „nicht von ſelbſt verſtaͤnde, daß man Andern „wohlthun wolle, wenn man etwas fuͤr Andere „thut!“ 88 Paͤchter Martin. Ihr lieben guten Menſchen, bey denen ſich das in der Anwendung immer von ſelbſt ver⸗ ſteht! Fuͤr euch bedarf's keiner geſchriebenen und gepredigten Moral; ſo ſchoͤn ſie geſchrieben oder geprediget waͤre, ihr haͤttet ſie beſſer in euch ſelbſt. Aber, liebe gute Menſchen, es verſteht ſich das nicht bey allen von ſelbſt— ach, nur bey we⸗ nigen! Blickt um und neben euch, und ihr wer⸗ det finden, daß man ſich oft ſelbſt taͤuſchte, wenn man glaubte, man habe Andern wohlthun wollen. Man wollte ſich ſelbſt, ſich allein, oder doch vorzuͤglich wohlthun. Man giebt, um wieder zu empfangen, leiſtet Dienſte, um Gegendienſte zu erhalten, um gelobt zu werden, um ſich Freunde zu machen, und aus wer weiß wie viel andern Bewegungsgruͤnden, die ſich am Ende alle auf das liebe Selbſt beziehen. Und wem hat man nun wohlthun wollen? Unſere meiſten Wohlthaten, die wir vielleicht zu unſern beſten Thaten zaͤhlten, gehoͤren zu denen Tugenden, welche der, der nicht nach dem, was wir thaten, ſondern nach den Abſichten und Be⸗ wegungsgruͤnden, aus welchen wir es thaten, nicht nach dem, was wir gluͤcklicherweiſe wirkten, Zweyter Theil. 89 ſondern nach dem, was wir wirken wollten, richtet, einſt— verzeihen wird. Unſere ver⸗ meinten Wohlthaten ſind Handel, wenigſtens Tauſch handel, bey welchem beide Theile gewin⸗ nen wollen. „Aber wenn ich nun keine Gegendienſte zur „Bedingung gemacht habe?“ Nun, ſo war's vielleicht Handel auf Spe⸗ kulation. Ich kaufe einen Artikel Waare um erhoͤhten Preis, weil ich hoffe, daß die Waare ſteigen werde; ſie ſteigt aber nicht, und ich ver⸗ liere: habe ich denen, welchen ich abkaufte, eine Wohlthat erwieſen?— Wer Andern giebt, um mehr, wenn auch nicht in derſelben Muͤnzſorte, wieder zu empfangen, der kann nicht ſagen, daß er ihnen Wohlthaten erwieſen habe. Wer alſo auf Dank rechnet, der rechnet auf eine Art von Wiedererſtattung, und wer um des Dankes willen giebt, der giebt eigentlich nicht, ſondern verkauft oder leihet.*) *) Doch kann es Faͤlle geben, wo Leihen wohlthaͤtiger iſt als Schenken. S. erſte Bey⸗ lage zu 12. VI. 3. Aber war dieß Wohlthaͤtige in deinem Plane? 90 Paͤchter Martin. „Dennoch bleiben meine, wenn auch nicht „aus reiner Abſicht erwieſenen Wohlthaten, dem „Empfaͤnger dieſelben Wohlthaten.“ Du willſt ſagen, er haͤtte denſelben Vor⸗ theil und Genuß davon. Aber haͤtteſt du denſelben Genuß von der Gabe eines Andern, er moͤchte dir ſie geben, aus welcher Abſicht, und auf welche Art er wollte? mit oder ohne Scho⸗ nung deines Herzens, deiner Ehre, oder auch deines vielleicht nicht unedlen Stolzes? Zugegeben, daß man zuweilen beide Zwecke, ſich und andern wohlzuthun vereinigen und beide erreichen koͤnne; daß man durch die gute oder doch feine Art, womit man giebt, ſeiner Gabe Werth verſchaffen, und den Empfaͤnger in dem ſuͤßen Wahne erhalten koͤnne: daß man bloß auf ſein Wohl gedacht habe; aber am ſicherſten wird doch derjenige Andern wohlthun, der nicht ſich, ſondern dieſen Andern dadurch wohlthun will. „Aber auf den guten Willen koͤmmt's doch hier nicht allein an. Der Kalabriſche Wirth hatte auch wohl den guten Willen, ſeinen Gaͤſten wohlzuthun; doch moͤchte ich ſein Gaſt nicht Zweyter Theil. 91 ſeyn.*) Der Major Ewald(N. NX. des Iſten Bandes) hatte eben ſo viel guten Willen, dem verungluͤckten Kaufmann zu helfen, als Hulde⸗ *) Den guten Willen hatte er eigentlich nicht. Hier iſt die Stelle aus Horazens ſechsten Briefe des erſten Buchs, nach Wielands Ueberſetzung: Du haſt mich ſo nicht reich gemacht, wie mein Kalabrier den Gaſt von ſeinen Birnen zu eſſen noͤthigt.—„Lang' er zu, Herr Nach⸗ bar!“— Ich habe ſatt—„So ſteck' er immer ein, ſo viel er will.“— Ich danke ſchoͤnſtens.—„J! ſo nehm er doch! Er kann's ja ſeinen Kleinen zum Gruß nach Hauſe bringen.“— Sehr ver⸗ bunden! Es ſoll ſo ſeyn, als ob ich ſchwer beladen davon gegangen waͤre.—„Wiess beliebt! Uns ſpart er nichts, es bleibt nur fuͤr die Schweine.“— So giebt die plumpe, unverſtaͤndige Gutherzigkeit mit vollen Haͤnden weg, was keinen Werth in ihren Augen hat; und dieß iſt eine Saat, die immer Undankbare getragen hat und ewig tragen wird 92 Paͤchter Martin. rich: aber nur Hulderich wußte ihm zu hel⸗ fen. Und warum konnte der eine Amtmann in Wrrÿ(N. XIV. S. 115.) ſeinen Bauern nicht ſo wohlthun, als der andere, da es doch beide gleich gut mit ihnen meinten?— Und ſo koͤmmt's ge⸗ wiß auf den guten Willen nicht allein an!“ Sehr wahr. Aber ich habe auch nicht geſagt, daß der Gebrauch meines Hausmittels alle andere entbehrlich mache. Ihr koͤnnt vielmehr darauf rechnen, daß niemand eifriger ſeyn werde, alle zweckmaͤßige Mittel kennen zu lernen, und anzu⸗ wenden, als derjenige, bey dem es Einmal mit dieſem guten Willen ſeine Richtigkeit hat. Auch wird ihm alles mit und durch dieſen guten Willen erleichtert; der gute Wille ſelbſt ſagt ihm*), wo nicht immer, was er thun, doch wenigſtens, was er nicht thun muͤſſe— was ſeinem Zwecke entgegen waͤre. Er laͤßt euch gewiß den Wohlthaͤter nicht fuͤh⸗ len, blickt nicht mit der Goͤnnermiene auf euch herab, macht euch ſeine Wohlthaten nicht zu *) Wie der Genius des Sokrates; ſetzt mein Paſtor hinzu. Zweyter Theil. 953 Sklavenfeſſeln, macht keine unedlen Forderungen an euch— miſcht nicht in den Labetrank, den er euch darreichte, Gift ein. Auch zwingt er euch nicht ſein Steckenpferd zu reiten, weil ihm das Spaß macht, dringt euch ſeine Wohlthaten nicht auf, und entreißt euch nicht gewaltthaͤtig das, was euch jetzt unſchuldige Freude macht, um euch zu noͤthigen, euch auf ſeine Art zu freuen. Er wollte euch ja wohlthun, wie ſollte er nicht, ſo viel nur moͤglich, alles vermeiden, was ſeinem Zwecke entgegen waͤre, und wodurch er euch wehe thun koͤnnte? Wer aber erſt weiß, was man vermeiden muͤſſe, um etwas nicht ſchlecht zu machen, der iſt auf geradem Wege, es gut machen zu lernen, und lernt es da, wo es auf Rechtthun(auf Moralitaͤt) ankommt, gewiß— wenn Kopf und Herz eintraͤchtig bey einander wohnen!— Ich habe Maͤnner, die eben nicht in dem Rufe waren, große Gelehrte, am allerwenigſten große Redner zu ſeyn, Reden halten hoͤren, die Aller Herzen fuͤr ſie einnahmen— weil ſie ſelbſt aus dem Herzen ſprachen. Was von Herzen koͤmmt, ſagten unſere Alten, geht wieder 54 Paͤchter Martin⸗ zu Herzen! Dieß gilt gewiß auch hier. Selbſt bey weniger Menſchenkenntniß, und beym Man⸗ gel an andern ſeltenen Vorzuͤgen, die von Seiten des Kopfes dazu erfordert werden, um viel Gutes zu thun, wird der Mann mit jenem guten Wil⸗ len wenigſtens das leicht erreichen: daß andere gern von ihm annehmen, was er gern fuͤr ſie thut— und ihr ſeht leicht, wie viel er dadurch fuͤr ſeinen Zweck gewennen habe. Auch giebt es Faͤlle, wo ſchlechterdings nur der, der mit dieſem guten Willen handelt, wohl⸗ thun kann. Wuͤrde der edle Mann, mit dem ich euch, ſo weit ich es durfte, in der zweyten Nummer des erſten Theiles, und in der erſten und zweyten Nummer dieſes andern Theiles meines Buͤch⸗ leins bekannt machte, ohne dieſen guten Willen der Wohlthaͤter ſeines Fuͤrſten und ſeiner Mitbuͤr⸗ ger geworden ſeyn? O wie manches Gute kam bloß deßwegen nicht zu Stande, weil der Ehrgeitzige es allein thun wollte?— weil die Welt es wiſſen ſollte, daß Er es gethan habe?— Wie manches wurde wohl gar verhindert, weil man Andern die Ehre Zweyter Theil. 95 mißgoͤnnte, es vollbracht, oder nur es zuerſt in Vorſchlag gebracht zu haben?— „Es iſt ein großes Ungluͤck fuͤr die Welt im Reiche der Wahrheit, ſo urtheilte der heilige Rath in der Koͤnigsprobe*), daß nur wenige uneigennuͤtzig genug ſind, Baͤume zu pflanzen, welche erſt der Nachwelt Fruͤchte bringen. Faſt alle bringen ihre Pflaͤnzchen in's Treibhaus, um die erſten Fruͤchte noch ſelbſt zu genießen; nur ſelten wird aber die verzaͤrtelte und uͤbertriebene Pflanze zum dauerhaften fruchtbaren Baume. Der aͤchte Freund der Wahrheit und der Menſchen weiß Licht und Schatten genau fuͤr das Auge ſeiner Zeitgenoſſen abzumeſſen, und uͤberreicht dann dem Schuͤler, den er ſich nach ſeinem Geiſt und Herzen erzog, den Pinſel und Farbekaſten, um nach und nach lichtere Farben, deren Zubereitung und Gebrauch er ihn gelehrt hatte, aufzutragen. Freylich faͤllt dann das praͤch⸗ tige N. N. pinxit unter ſeinem Gemaͤlde weg; aber dankbar nennt der Schuͤler den Namen des *) S. Meine Erzaͤhlungen(von Karl Stille) Erſter Band S. 128. 96 Paͤchter Martin. Meiſters, der die erſten ſchoͤnen und feſten Grund⸗ zuͤge gemacht hatte. Und thaͤte er auch das nicht, ey nun, ſein Lehrer hatte nicht darauf gerechnet. Er wollte das Bild der Wahrheit, nicht ſich ſelbſt mahlen!“ Gott! recht viel ſolcher Menſchen mit dem feſten Entſchluſſe, ſo viel ſie kͤnnen, zum Wohl ihrer Mitmenſchen beyzutragen, und ſo bey⸗ zutragen, wie ſie glauben, daß es fuͤr dieſe Menſchen am wohlthaͤtigſten ſeyn moͤchte: ſo wird Wahrheit und Tugend unter uns gedei⸗ hen, und die Erde verſchoͤnern; ſo werden wir, wie Kinder Eines guten Vaters, durch bruͤderliche Theilnehmung des Lebens Ungemach vermindern, und manche Thraͤne des Schmerzes in Freuden⸗ thraͤnen verwandeln!— Bruͤder! wer ſchlaͤgt ein: auf Wohlthun ohne Lohnſucht!— 2 Freylich koͤnnt' es ſcheinen, als wenn dieß— beſonders in den Faͤllen, wo wir, zur vollen Er⸗ reichung unſers Zwecks, den Wohlthaͤter nicht nur nicht fuͤhlen laſſen duͤrfen, ſondern ihn ſogar moͤglichſt verbergen müſſen— ein wenig zu Zweyter Theil. 97 zu viel gefordert waͤre; im Grunde iſt es aber wirklich nicht mehr gefordert, als: daß man die Mittel anwenden muͤſſe, wenn man den Zweck will; und, daß wir, als gute Menſchen, gegen Andere ſo handeln muͤſſen, wie wir, waͤren wir in ihrer Lage, ſie in der unſrigen, wuͤnſchen wuͤrden, daß ſie gegen uns handeln moͤchten. Denkt: daß Geben ſeliger ſey, als Nehmen, und fuͤhlt euch gluͤcklich, daß ihr geben koͤnnt: ſo wird euch die ſanfteſte Schonung gegen den, der eurer Huͤlfe bedarf, leicht werden, und ihr werdet ſie, als Gluͤcklichere gegen den Un⸗ guͤcklichern, fuͤr heilige Pflicht erkennen. Und genau genommen, waͤre es wohl kein Wi⸗ derſpruch, wenn man behauptete, daß ihr bey dieſer Handlungsweiſe mehr gewinnen als ver⸗ lieren wuͤrdet— wenn ihr etwa zum guten Anfange dieſer Ermunterung beduͤrftet. Un⸗ dank ſchmerzt, wenn man auf Dank gerechnet hat! Den Schmerz werdet ihr euch erſparen. Ihr genießt euch ſelbſt, indem ihr eine Pflicht erfaͤllt, genießt die Seligkeit eines Gottes, Gutes 2. Theil. 7 98 Paͤchter Martin. zu thun, im reichen Maße, ſo daß ihr gewiß des Danks dabey leicht entbehren koͤnnt. Wuͤrde er euch aber dennoch— und warum follte er euch nicht oft werden, da Liebe und. Wohlwol⸗ len gewiß noch oft erkannt, und mit Gegen⸗ liebe erwiedert wird; da das, was von Herzen koͤmmt, ſo leicht den Weg zu andern Herzen findet?— nun dann genießt ihr auch dieſen Dank als deſto angenehmere Zugabe, je weni⸗ ger ihr darauf gerechnet hattet. Zweyter Theil. 99 VII. Eddelhold und ſeine Charlotte. Der Amtmann Eddel hold und ſeine Charlotte ſind nun zehn volle Jahre verheirathet, und noch lieben ſie ſich, als waͤren ſe es erſt ſeit zehn Tagen. „Das erſte Feuer der Leidenſchaft iſt zwar verlodert,“ ſagte mir der gluͤckliche Ehemann, „aber eine zaͤrtliche Freundſchaft hat uns fuͤr dieſen Verluſt— wenn es anders Verluſt zu nennen war— uͤberreichen Erſatz gewaͤhrt.“ Beide behaupten, daß ſie ſich jetzt noch mehr liebten, als im Wonnemonathe der entſtehenden Liebe, und ſind bey ihrer Ueberzeugung ſo gluͤck⸗ lich, daß ſie keinen Menſchen ohne Ausnahme auf Gottes weitem Erdenrunde um ſein⸗Loos beneiden. „Und woher dieſe Seltenheit?“ Ja, das laͤßt ſich nun freylich nicht ſo mit Einem Male beantworten: aber Materialien 7 100 Paͤchter Martin. zu einer Antwort auf die vorgelegte Frage denke ich euch liefern zu koͤnnen. Ich erzaͤhle euch wieder, was mir mein Freund Eddelhold von ſeiner Liebe und Ehe, von ſeiner vortreffli⸗ chen Gattin und von ſeinem Hausgluͤck erzaͤhlte, und was ich ſelbſt daruͤber bemerkte, ganz getreu, wie ich's empfangen habe; nur daß ich die Perſonen nicht bey ihrem wahren Namen nenne, aus dem ſimpeln Grunde— weil ich's nicht darf. Ich fange mit der Geſchichte ihrer Liebe an. Sie hat eben nichts Außerordentliches, aber man ſieht doch, daͤucht mir, daraus, daß ſie zu dem kuͤnftigen Gebaͤude ihrer Gluͤckſeligkeit einen guten Grund legten. Charlotte war nicht, was man im ge⸗ woͤhnlichen Verſtande ein ſchoͤnes Maͤdchen nennt. Sie hatte eine Schweſter, welche von Kennern weiblicher Schoͤnheit— wofuͤr ſie ſich ausgaben— Charlotten weit vorgezogen wurde. Himmelweit, ſagten dieſe, waͤre der Abſtand zwiſchen Brigitten und Charlot⸗ ten. So fand es auch Eddelhold, nur mit dem kleinen Unterſchiede, daß er Charlotten Zweyter Theil. 1 ſo hoch uͤber Brigitten ſetzte, als ſie nach dem Augenmaße der Kunſtrichter unter ihr ſtand. Und meine Leſer unterſchreiben gewiß ſein Ur⸗ theil, wenn ich ihnen ſage, daß es eben die Char⸗ lotte ſey, deren erſte Bekanntſchaft ſie in dem Kapitel: Auch Wohlthaten, gemacht haben. Ihr gebildeter Verſtand und ihr ſanftes wohl⸗ wollendes Herz machten ein Geſicht, das ſonſt unter die alltaͤglichen gehoͤrt haͤtte, reitzend; verſchafften ihr die Schoͤnheit der edlern Menſchen, welche von Allen, die ſich darauf verſtehen, das heißt, die ſelbſt etwas davon erhal⸗ ten haben, mit dem innigſten Wohlgefallen erkannt wird. Sekretaͤr Eddelhold ſuchte die Bekanntſchaft der beiden Schweſtern, machte den hoͤflichen Geſellſchafter bey Brigitten, und bewarb ſich um Charlottens Freundſchaft. Eddelhold war ein wackrer junger Mann, aber von vielen verkannt, und von manchen als Sonderling beſpoͤttelt. Er hatte ſeine Außen— ſeite, Gang, Stellung und Anſtand zu ſehr vernachlaͤſſgt— woran er nicht wohl that. Er ſetzte ſich zu ſehr uͤber die Geſetze der Mode, und uͤber Gebraͤuche, deren Beobachtung man 102 Paͤchter Martin. zur feinen Lebensart rechnet, hinweg— woran er wieder nicht wohl that. Und doch haͤtte man ihm das vielleicht verziehen, weil Maͤnner von Gewicht ihn wegen ſeiner Kenntniſſe und guten Arbeiten lobten, und weil man geſtehen mußte, daß er in Geſellſchaften nicht uͤbel ſpraͤche. Aber er handelte nach ſtrengen Grundſaͤtzen als ehrlicher Mann— woran er ſehr wohl that; und das verzieh man ihm nicht. Er ſollte z. B. eine anſehnliche Stelle, und mit der Stelle zugleich ein ſchoͤnes, kluges, reiches Weib erhal⸗ ten;„Nein,“ ſagte er,„das waͤre des Guten zu viel auf Einmal!“ und bekam das erſte nicht, weil er das zweyte nicht mit wollte. Das fand man ſehr unklug.— Man empfahl ihm als Sachwalter von hoher Hand die Vertheidigung einer ſchlimmen Sache, und er ſchlug das geradezu ab: weil die Sache nicht bloß ſchlimm, ſondern offenbar ungerecht waͤre. Wieder unklug! Aber er ließ ſich ſogar leicht bereden, der Gegenpartey zu dienen, die keine Empfehlung und Unter⸗ ſtuͤtung von hoher Hand hatte.— Das hieß ganz ohne Kopf gehandelt. —— — Zweyter Theil. 103 Eine viel vermoͤgende Dame— im Vor⸗ beygehn geſagt: Eddelhold galt, ſo wenig er dieß geltend zu machen ſuchte, fuͤr einen ziemlich wohlgeſtalteten Mann, und beſagte Dame war eben durch ihre Schoͤnheit ſo vielvermoͤgend geworden— und dieſe Vielvermoͤgende hatte die Gnade fuͤr ihn, ihm einige kleine Geſchaͤfte aufzutragen, die er ſo ſehr zu ihrer Zufrieden⸗ heit ausrichtete, daß ſie ihm aͤußerſt lebhaft— ihre Dankbarkeit zu erkennen gab. Eddel⸗ hold— wahrſcheinlich um die allzu dankbare Dame nicht wieder wegen des Dankes in Ver⸗ legenheit zu ſetzen— bat ſie ganz trocken, ihn in Zukunft mit ihren Auftraͤgen zu verſchonen. Natuͤrlich mußte ſie dieß unartige Betragen ein wenig beleidigen; doch war ſie gutmuͤthig genug, den Vorfall zu verſchweigen, und ſich mit der kleinen Rache zu begnuͤgen, daß ſie ihm den Spottnamen: der hoͤlzerne Sekretaͤr, gab, der bald von hundert Zeugen nachgelallt, wurde. Deſto mehr aber ſchaͤtzten ihn die Wenigen, welche ihn naͤher kannten, und vor allen Char⸗ lotte und ihre vortreffliche Mutter. Er war, 104 Paͤchter Martin. ſo oft er kam, ein willkommner Gaſt, und durfte als Anverwandter— wenn auch die Verwandt⸗ ſchaft etwas weit hergeholt war— ſchon mit Anſtand oͤfter als ein ganz Fremder kommen. Die Mutter fand den Umgang mit ihrem jun⸗ gen Freunde fuͤr ihre Toͤchter lehrreich; und er war es, wo nicht fuͤr Brigitten, welche aus dem kalten Sittenlehrer, wie ſie ihn nannte, nicht viel machen konnte, doch gewiß fuͤr Char⸗ lotten, und fuͤr ihn ſelbſt nicht minder. Er bereicherte ſie mit Kenntniſſen, und ſtuͤtzte ihre Tugend, die bisher mehr Sache des Herzens geweſen war, auf Grundſaͤtze; und ſie machte ſeine Sitten milder, nahm ſeiner Tugend das Rauhe und Eckige. Man lehrte, ohne ſich das Anſehn oder gar das Uebergewicht des Leh⸗ rers zu geben, lernte Winke zur Belehrung vern ſtehen, und gewann dadurch an gegenſeitiger Achtung. Lange hatten ſie ſich ſo als Freund und Freundin kennen gelernt, und veredelt, Gedan⸗ ken und Empfindungen umgetauſcht und durch den Tauſch verſchoͤnert, lange hatte ſich eben deß: wegen eins in dem andern geliebt, ehe Eddelhold — Zweyter Theil. 105 ſeiner Charlotte den großen Herzenswunſch ent⸗ deckte, ſie einſt, wenn ſeine aͤußere Lage nur um etwas vortheilhafter wuͤrde, ganz die Seine nennen zu duͤrfen. Bis dahin gelobte er ihr unverbruͤchliche Treue, ſo lange er hoffen duͤrfte, daß ſie ihm Liebe mit Liebe erwiedern koͤnne, ohne ein Gegenverſprechen von ihr anzunehmen; denn noch mußte er von den geringen Einkuͤnf⸗ ten ſeines Amtes einen Theil zur Bezahlung der hinterlaſſenen Schulden ſeines Vaters ver⸗ wenden, und ſeine Ausſichten in die Zukunft waren noch viel zu ungewiß, als daß er das Gluͤck eines guten Maͤdchens davon haͤtte ab⸗ haͤngig machen ſollen. Vielleicht war in die⸗ ſem Beweiſe von Edelmuth einige Selbſttaͤu⸗ ſchung; wenigſtens hoffte er gewiß, daß ſein lie⸗ bes Maͤdchen auch ohne gegebenes Verſprechen ihm Treue mit Treue erwiedern wuͤrde: aber bald zeigte ſich die Gelegenheit, wo Eddelhold bewies, daß er nicht bloß edel ſprechen, ſondern auch handeln koͤnnte. Bellin, ein akademiſcher Lehrer, der Ed⸗ delholden an mehrern aͤußern Vorzuͤgen uͤber⸗ traf, und an Adel des Herzens ihm nicht weit wuͤrde ſelbſt um ihre Hand geworben haben, 106 Paͤchter Martin. nachſtand, lernte Charlotten kennen, und wurde bloß dadurch abgehalten, ihr Hand und Herz anzutragen, weil er von ihrem freundſchaftli⸗ chen Umgange mit Eddelholden gehoͤrt hatte. Er machte bald darauf Eddelholds Bekanntſchaft, bat um ſeine Freundſchaft, und entdeckte ihm offenherzig ſeine Abſichten auf Charlotten, im Fall daß Eddelhold nicht ſelbſt Anfpruͤche auf ſie mache. Eddelhold war zwar auf die Nachricht nicht ganz unvorbereitet, und hatte ſchon nach hartem Kampfe ſeinen Entſchluß gefaßt; dennoch konnte er jetzt nur aus zuſammengeſchnuͤrter Bruſt die Antwort hervor ſtammeln: daß er keine andern Anſpruͤche, als die der Freundſchaft, auf Charlotten habe. Bellin. Aber, lieber Freund, Ihre Ver: legenheit, Ihr Angeſicht, Ihr Ton der Sprache, ſcheint mit dieſer Antwort nicht uͤberein zu ſtim⸗ men. 3 Eddelhold. Nun ja!—— Ich geſtehe es Ihnen, ich ſchaͤtze ſie ſehr hoch, und— ja, ich wenn meine Lage mir das verſtattete: aber—,, Zweyter Theil. 10 Bellin. Das raubt Ihnen aber doch die Hoffnung nicht. Die Zukunft— Eddelhold. Eine noch viel zu ungewiſſe Zukunft. Und— und— Herr Profeſſor, Sie verdienen das Maͤdchen, und ich wuͤnſche Ihnen Gluͤck. Bellin. Lieber Eddelhold! Ich verlange kein ſo theures Opfer von Ihnen, ſchaͤtze Sie zu hoch, liebe Sie zu ſehr, als daß ich Ihrem Herzen wehe thun koͤnnte. Eddelhold(mit warmen Händedruck.) Ich kann ſie nicht gluͤcklich machen. Sie koͤnnen es. Ich verreiſe morgen, und bey meiner Ruͤckkehr umarme ich Sie als den wuͤrdigſten Verobten des wuͤrdigſten Maͤdchens. Bellin. Wird aber ein Maͤdchen, das einen Eddelhold zum Freunde hatte, einen andern lieben koͤnnen? G Eddelhold. Eben weil Eddelhold ihr Freund iſt, ſo wird er ihr dazu rathen muͤſſen. Bellin. Rathen muͤſſen?— Alſo doch mit widerſtrebendem Herzen? 108 Paͤchter Martin. Eddelhold. Er wird ihr als Freund dazu rathen muͤſſen, weil es ihr Gluͤck betrifft. Eddelhold hielt Wort, ſchrieb noch am Abend, oder vielmehr in der Nacht vor ſeiner Abreiſe an ſeine Freundin,(ihre wuͤrdige Mutter lebte nicht mehr) rieth ihr, mit angefuͤhrten wichtigen Gruͤnden, ſeinem Freunde Bellin die Hand zu geben, trat ab als Liebhaber, und empfahl ſich ihrer Freundſchaft. Freylich brauchte er acht volle Stunden zu dieſem Briefe; aber er kam doch endlich gluͤcklich zu Stande. Noch ein paar Thraͤnen rollten ihm, wie er auf den Poſtwagen ſtieg, gluͤhend uͤber die Wangen herab; aber das Gefuͤhl ſeiner erfuͤllten ſchweren Pflicht, der Stolz edler Seelen, der unmoͤgliche Dinge moͤglich macht, trocknete ſeine Thraͤnen, und beſaͤnftigte den Sturm ſeines Herzens. Es gelang ihm fruͤher, als er es ſelbſt hoffte, ſeine Charlotte zwar nicht ohne Schmerz, doch ohne heftige Bewegung als das Weib eines andern, aber als das wahrſcheinlich gluͤckliche Weib eines wuͤrdigen Mannes denken zu koͤnnen. Er kam zuruͤck, um durch Arbeit— das beſte Heilmittel fuͤr jeden Seelenkranken— ſeine ſo iy—-y— —— Zweyter Theil. 109 gluͤcklich angefangene Cur zu vollenden. Bellin war der erſte, der ihn beſuchte, mit einer Miene, die nicht viel Frohes verkuͤndigte, und dennoch Eddelholden gar ein froher Bothe war. Doch nur auf einige Augenblicke; denn bald fuͤhlte er ſich wieder ganz Eddelhold. Mit innigſter Theil⸗ nehmung hoͤrte er jetzt Bellins Klage:—„Ach! haͤtte ich ſie nie kennen gelernt!— Ich haͤtte nicht geglaubt, daß verſchmaͤhte Liebe ſo ſchmer zen koͤnnte!— Ich kann die neuen Beweiſe der Gnade meines Fuͤrſten zwar mit Dank erkennen, aber mich ihrer nicht freuen. So eben iſt mir die Nachricht geworden, daß er mich zu ſeinem Hofrathe ernannt hat, mit der Verſicherung: wenn ich vor meiner Gattin ſterben ſollte, dieſer einen anſtaͤndigen Jahrgehalt zu verwilligen. Gu⸗ ter Fuͤrſt, Bellin braucht nun keinen Jahrgehalt fuͤr eine Gattin.“ Eddelhold verſicherte nicht bloß nach Alltags⸗ ſitte den Freund ſeiner Theilnehmung, ſondern ging ſelbſt zu Charlotten, um ſo angelegentlich, als je ein eigennütziger Liebhaber fuͤr ſich ſelbſt ſprach, fuͤr ſeinen Freund zu bitten. Er wieder⸗ holte ihr mit verſtaͤrktem Nachdruck muͤndlich 110 Paͤchter Martin. alles, was er vorher zu Bellins Empfehlung geſchrieben hatte, fuͤgte die neuen Bewegungs⸗ gruͤnde vom Hofrathsrange, und ſogar, im Feuer ſeiner Rede, den vom Jahrgehalte hinzu, und ſchloß mit der Betheurung: daß von ihrem Ent⸗ ſchluſſe ſeine kuͤnftige Ruhe abhinge; daß er den Gedanken: um deinetwillen wurde ein gutes Maͤdchen minder gluͤcklich, als ſie es ſonſt gewe⸗ ſen ſeyn wuͤrde! nicht ertragen koͤnne; daß er mit dieſem Gedanken wahrſcheinlich nie wieder eine frohe Stunde in ihrer Geſellſchaft genießen wuͤrde, und daher gezwungen ſey, ſeiner Liebe zu entſagen. Charlotte hoͤrte den Redner, der bey allem Feuer, mit welchem er ſprach, dennoch kaum wagte ſeiner Zuhoͤrerin in's Auge zu ſehen, aufmerkſam zu, ohne ihn zu unterbrechen, und warf dann mit ihrer Antwort alle ſeine Gruͤnde, ſeine Hoffnung fuͤr ſeinen Freund, und ſeine Beſorgniß fuͤr ſich ſelbſt nieder, und fachte ſeine Liebe von neuen an, ohne ſeine Ruhe zu unter⸗ graben. ſehr edel gehandelt haben, aber— auch ein wenig lieblos. Doch ich verzeihe Ihnen um der edeln „Eddelhold,“ antwortete ſie,„Sie moͤgen Zweyter Theil. 111 Abſicht willen, und ſage Ihnen zur Beruhigung, daß ich dem Herrn Bellin, der ein ſehr wackrer, braver Mann ſeyn mag, dennoch keine guͤnſtige Antwort haͤtte geben koͤnnen, wenn auch kein Karl Eddelhold auf der Welt geweſen waͤre. Warum?— Ich bin nicht Philoſophin genug, um alle Warum's erklaͤren zu koͤnnen. Kurz, die Sache iſt in Anſehung des Mannes entſchie⸗ den; mein Eddelhold wird mir nicht zutrauen, daß mir der neue Rang wichtiger als der Mann ſeyn werde. Und der Jahrgehalt?— Auch das verzeihe ich Ihnen, daß Sie Sich jetzt ver⸗ geſſen konnten, das mit als Bewegungsgrund zu brauchen.— Sollte ich einſt ſo ungluͤcklich ſeyn, den Mann, den ich liebe, zu uͤberleben: ſo hoffe ich mit Zuverſicht, daß dieſe Trennung nicht ſo lange dauern wird, daß ich indeß eines Jahrgehalts beduͤrfte.“ Dieſe letzte Erklaͤrung, freylich woßl ein we⸗ nig Schwaͤrmerey, aber Schwaͤrmerey, deren nur eine ſchoͤne Seele faͤhig war, mit dem Ausdruck wahrer Empfindung aus dem Herzen geſprochen, und mit dem waͤrmſten Haͤndedruck verſiegelt—— obwohl einer von den alten Weiſen, die bloß Kopf 112 Paͤchter Martin. ſeyn wollten— ich glaube Stoiker nannten ſie ſich— in dem Augenblicke noch gewußt haben wuͤrde, daß die Abſicht ſeines jetzigen Beſuchs ſey, der Geliebten Lebewohl zu ſagen, und fuͤr einen andern zu werben? Und wenn denn nun auch ein aͤchter Stoiker ſtandhaft geblieben waͤre; nun ſo war freylich Eddelhold, der es nicht blieb, kein Stoiker, aber ihr werdet ihn darum nicht minder lieben. Er war Juͤngling mit liebevollem Her⸗ zen, hatte Muth genug gehabt, ſein Liebſtes der Pflicht aufzuopfern, ſeine Liebe dem Gluͤck der Geliebten nachzuſetzen, und glaubte jetzt berech⸗ tigt zu ſeyn, der Stimme ſeines Herzens zu gehorchen, ganz fuͤr ſeine Charlotte zu leben, ihr von neuen unwandelbare Liebe zu geloben, und zum Lohne fuͤr den ſauern Kampf der Pflicht, auch von ihr ein gleiches Geluͤbde anzunehmen. „O da— rufte Eddelhold aus, wie er mir dieß erzaͤhlte— da verfloſſen uns Stunden wie Minu⸗ ten, und eine jede Minute hatte den Werth eines ſchoͤn verlebten Jahres!“ Aber wie nun dem Hofrathe den Erfolg ſeiner Geſandtſchaft berichten?— Mußte er nicht beſorgen, daß Bellin, dem er die Hand der Zweyter Theil. 113 der Freundſchaft gab, ihn fuͤr einen Heuchler halten wuͤrde?— „Wer keine Vorwuͤrfe ſeines eigenen Her⸗ zens zu befuͤrchten hat, ſagte mein Vater, wem das Bewußtſeyn der Rechtſchaffenheit ſeine Bruſt ſtaͤhlt, der fuͤrchtet keines Menſchen Vorwuͤrfe; der ſieht jedem mit feſtem Blick in's Auge, hat Muth gegen Freund und Feind, wie ein junger Loͤwe. Und wer ſelbſt ein rechtſchaffener Mann iſt, der wird die Sprache der Rechtſchaffenheit bey andern nicht leicht mißverſtehen!“ Eddelhold erzaͤhlte ſeinem Freunde offenherzig den ganzen Verlauf der Sache, und fand vollen Glauben; Bellin ſchied als Freund von ihm, und nach Verfluß von einigen Monathen er⸗ hielt Eddelhold durch Bellins Empfeh⸗ lung eine, zwar mit vieler Arbeit, aber auch einer angemeſſenen Beſoldung verbundene Amt⸗ mannsſtelle, und Charlotte ward Frau Amt⸗ maͤnnin.——— So weit die Geſchichte ihrer Liebe bis zur Ehe, die ich groͤßtentheils mit den eigenen 8. Theil. 8 114 Paͤchter Martin. Worten meines biedern Freundes erzaͤhlt habe. Und daraus ergaͤbe ſich denn: Erſtens, daß Eddelhold ein braver Juͤngling und Charlotte ein braves Maͤdchen war; Zweytens, daß ſie ſich wirklich liebten; Drittens, ſich um ſolcher Vorzuͤge willen liebten, die in der Ehe bleiben— die keine Krankheit ganz vernichten, und keine Diebe ſtehlen koͤnnen; Viertens, daß ſie vor der Ehe ſich ſchon Freunde waren;—„„Heil dem Manne, dem ſeine Gattin Freundin ſeyn kann!““ Fuͤnftens, daß ſie die erſte Pflicht der Freund⸗ ſchaft edler Menſchen— fuͤr das Nochbeſſe r⸗ werden des Freundes wie fuͤr ſein eigenes zu ſorgen— zu erfuͤllen wußten, und ſchoͤn— mit zaͤrtlicher Schonung und Achtung— erfuͤll⸗ ten; und Sechstens, daß Eddelhold in ſeinem Amte volle Arbeit fand; aber auch arbeiten konnte und wollte, und durch ſeine Arbeit gegen druͤk⸗ kende Nahrungsſorgen und gegen boͤſe Laune gedeckt war. — ,— Zweyter Theil. 115 Lauter gute Zeichen, die auf eine gluͤckliche Ehe deuten. Vergleicht man nun hiermit Ed⸗ delholds eigene Bemerkungen uͤber ſeine Gattin, und ſein haͤusliches Gluͤck: ſo, glaube ich, be⸗ antwortet ſich die oben aufgeworfene Frage von ſelbſt. 116 Paͤchter Martin. — VIII. Eddelhold uͤber ſeine Charlotte und ſeine haͤusliche Gluͤckſeligkeit. „Meine Kinder jubeln mir, ſo oft ich nach einer kleinen Abweſenheit in mein gluͤckliches Haus zu⸗ ruͤckkehre, entgegen. Es iſt Verdienſt meiner Charlotte. Ihr freundliches: der Vater kommt! ging auf meine Kinder uͤber. Die Herren der Erde moͤgen einen glaͤnzendern Ein⸗ zug in ihre Staͤdte halten, aber gewiß keinen freudigern, als ich in mein Haus, wo Weib und Kinder mich empfangen.— Ihre Befehle an ihr Geſinde klingen wie Bitten, ihre Verweiſe wie guter Rath; aber ihre Befehle werden deſto puͤnktlicher befolgt; ihr ſanftes: Das habt ihrnicht gutgemacht; denn ac. wirkt mehr, als die derbſte Straf⸗ und Schimpfpredigt mancher Korporalsfrau.— Ein —— Zweyter Theil. 117 Schimpfwort habe ich noch nie von ihr gehoͤrt; was man freylich auch nie aus einem weiblichen Munde hoͤren ſollte. Bey'm Manne laͤßt ſich's im Nothfalle mit ſeiner Hitze entſchuldigen— mehr auch nicht als entſchuldigen; aber ein hitziges zorniges Weib!— Siehe Jeſus Sirach, Kap. 25. V. 23.— 26. Sanftmuth iſt der hervorſtechendſte Zug im Charakter meines Weibes, wie er das bey jedem Weibe ſeyn ſollte. Nur drey Mal*) erinnere ich mich, uͤber kleine Fehler des guten Weibes mit alter Jugendhitze aufgebrauſt zu haben: aber wie ſchnell entwaffnete ſich durch eine Thraͤne, die ſie verbarg, durch ihren flehenden Blick, durch ihr Beſtreben, das Verſehene zwiefach gut 2 *) Nur drey Mal!— Was die ſtrengen Ehemaͤnner nicht uͤberleſen moͤgen. Freylich wehe dem Manne, dem ein Weib ohne Sanftmuth die Hoͤlle ſchon auf Erden heitzt; aber riß nicht auch mancher durch Mißhandlungen ſeinem Weibe ge⸗ waltthaͤtig die koͤſtlichſte Perle aus dem Kranze ihrer Tugenden? Man muß auch, wie Eddelhold, ein ſanftes Weib zu verdienen, und ihre Tugend, wie er, zu wuͤrdigen wiſſen! 118 Paͤchter Martin. zu machen, meinen Zorn! Einmal ſuͤndigte ich doppelt, daß ich aufbrauſte, und daß ich um ein Nichts aufbrauſte. Ich erkannte mein Unrecht; und ſie erſtickte meine Abbitte mit ihren Kuͤſſen. Sanftmuth iſt die koͤſtlichſte Perle im Kranze weiblicher Tugend! Wohl mir, ich habe ein liebes, freundliches, ſanftes Weib!— Diefe Sanftmuth verlaͤßt ſie auch in Krank⸗ heiten und Leiden nicht. Ich moͤchte ſagen: ſie leidet ſchoͤn. Freund, ich weiß dieſen Vorzug um ſo mehr zu ſchaͤtzen, je mehr ich ihn bey einer fonſt guten Schweſter vermißte. Ich liebte ſie bruͤderlich: aber ſie hoͤrte auf liebenswuͤrdig zu ſeyn— wenn ihr der Kopf weh that., Niemand konnte ihr dann was zu Danke machen; das kleinſte Verſehen reitzte ſie zum Zorne, kalt ſtieß ſie jede freundſchaftliche Hand von ſich, und fuͤr ihre Krankenwaͤrterinnen mußte ich Geduld kau⸗ fen, ſonſt haͤtte es keine bey ihr ausgehalten. Ich habe nie noͤthig gehabt, eine Waͤrterin mei⸗ ner Charlotte durch Verſprechungen und Geſchenke zu ermuntern. Selbſt rohe Geſchoͤpfe fuͤhlten ſich durch die Guͤte und den freundlichen Dank der lieben ſanften Dulderin belohnt.— Zweyter Theil. 119 Ich kenne Weiber, die im Grunde ſo geſund, und vielleicht geſuͤnder, wie meine Charlotte, dennoch immer kraͤnkeln und klagen, und dadurch ſich und ihrem Manne das Leben verbittern. Die Raͤthin S*X* kommandiert augenblicklich eine Krankheit her, ſo oft es ihrem Manne einfaͤllt, ihr etwas abzuſchlagen, oder ſonſt etwas zu thun, was dem armen preßhaften Weibe mißfaͤllt.— Andere kraͤnkeln und klagen, um bemitleidet zu werden, andere aus boͤſer Laune, aus Liebe zur Bequemlichkeit, aus Einbildung, aus Gewohn⸗ heit u. ſ. w. Meine Charlotte weiß kleinere Schmerzen ohne Klagen zu beſiegen, ſo wie groͤßere mit Geduld zu ertragen. Und dennoch iſt ſie das theilnehmendſte Weib bey fremden Leiden, und die zaͤrtlichſte Troͤſterin und Pflegerin ihrer Lieben in Krankheiten. Zwar muß ich geſtehen, daß eben dieſe Zaͤrt⸗ lichkeit ſie zuweilen zu unzeitiger Nachſicht und Schonung gegen ihre Kinder verleitet: aber ſie kaͤmpft auch redlich, dieſe Fehler zu vermeiden. Zum Gluͤck bedarf es der Strenge bey ihren Kin⸗ dern nur ſelten. Dem Saͤugling floͤßte ſie ſchon 120 Paͤchter Martin. ihre Sanftmuth ein, laͤchelte ſie ſchon ihre Freund⸗ lichkeit in's Herz.— Ich rechne es meiner Charlotte ſehr zum Ver⸗ dienſte an, daß ſie im ganzen Hauſe auf Rein⸗ lichkeit und Ordnung haͤlt— ohne aͤngſt⸗ liche Uebertreibung. Es giebt Haͤuſer, in welchen nichts ſeinen angewieſenen Ort hat, wo man taͤglich mit Muͤhe und Zeitverluſt das Ver⸗ legte oder Verworfene herbey ſuchen muß. Ich wuͤrde bey ſo liederlicher Wirthſchaft meines Le⸗ bens nicht froh werden; aber gewiß auch eben ſo wenig da, wo die Ordnungsliebe bis zur Aengſt⸗ lichkeit uͤbertrieben wird— wo der Mann nach der Uhr wohnt, oder wo die Frau ein finſtres Geſicht macht, wenn der Mann etwas zur Linken ſtellte, was zur Rechten ſtehen ſollte. Und eben ſo verhaͤlt ſich's mit der Reinlichkeit. Sie iſt eine gar ſchoͤne Tugend, und ein Weib ohne ſie koͤnnte uͤbrigens noch ſo ſchoͤn und noch ſo gut ſeyn, ihrer Schoͤnheit wuͤrde dennoch aller Reitz fehlen, und ihre Guͤte ſelbſt waͤre zwar immer ein koſtbarer Edelſtein, aber— an dem der Roſt naget. Zweyter Theil. 121 Ein noch ſo vortreffliches Gericht, in einer ſchmutzigen Schuͤſſel aufgetragen, erregt Ekel. Unreinlichkeit trieb manchen Mann aus ſeinem Hauſe, und er wurde in taͤglichen Geſellſchaften ein Liederlicher und Verſchwender. Aber gewiß hat auch manches Weib durch uͤbertriebene Reinlichkeit erſt des Mannes Freunde, und dann ihn ſelbſt zum Hauſe hinaus gekehrt. Meine Freunde duͤrfen ſich nicht ſcheuen, im ſchmutzig⸗ ſten Regenwetter in meine reinen Zimmer zu treten, und es wird keine Miene verzogen, wenn ſie ein Glas Bier oder Wein verſchuͤtten. Bey einem meiner Collegen habe ich den groͤßten Schmutz und die uͤbertriebenſte Rein⸗ lichkeit neben einander gefunden. Er bewohnt mit Weib und Kindern das ſchlechteſte Zimmer im ganzen Hauſe, und das durch aͤußerſte Ver⸗ nachlaͤſigung mehr einem Stalle als einer menſchlichen Wohnung aͤhnlich geworden iſt. Dafuͤr aber haben ſie ein ſauberes Beſuchzim⸗ mer, einen praͤchtigen Speiſeſaal, und noch fuͤr die Frau Gemahlin eine ſchoͤne Putzſtube. Sie bekommen ſelten Beſuch; nur Einmal im Jahre 122 Paͤchter Martin. werden Gaͤſte im Speiſeſaale bewirthet; noch ſeltner hat die Frau Amtmaͤnnin Gelegenheit, eine gute Freundin in ihre Putzſtube zu fuͤhren: und dennoch wohnen ſie drey hundert fuͤnf und funfzig Tage im Jahre ſo armſelig, wie der geringſte Bauer in ihrem Dorfe, um zehn Tage mit ihren nicht bewohnten Zimmern gegen Fremde und Gaͤſte zu prunken. Das nenne ich doch fuͤr Andere leben! Und ſo wie ihre Zimmer, ſo haben ſie auch ihr gutes Hausge⸗ raͤthe nicht fuͤr ſich, ſondern fuͤr Andere. Die Frau Amtmaͤnnin hat das ſchoͤnſte Kuͤchen: und Tafelgeraͤthe im groͤßten Ueberfluſſe; aber der Herr Gemahl muß aus groben irdenen Sohuͤſ⸗ ſeln ſpeiſen, und auf ſchmutzigem Tiſchzeuge.— Nein, das heißt die Gaſtfreundſchaft ein wenig zu weit getrieben. Willkommen iſt uns der Gaſt, der freundſchaftlich mit uns genießen will; meine Lotte giebt gern, was das Haus vermag: aber ſie vernachlaͤſſigt um des Gaſtes willen ihren Mann nicht; ſie weiß, daß ihr Mann eben ſo gern in einem reinlichen Zimmer wohnt, und aus ſaubern Gefaͤßen ißt und trinkt, als irgend einer ihrer Gaͤſte.— Zweyter Theil. 123 Und Reinlichkeit im Anzuge ohne Putzſucht!— Freund, koͤnnte ich einen Ehe⸗ ſtands-Katechismus fuͤr junge Weiber ſchreiben, und ſo ſchreiben, daß er geleſen wuͤrde: dieß ſollte unter den zehn Geboten nicht das letzte ſeyn. Die Uebertretung dieſes Gebots hat viele ungluͤckliche Ehen gemacht, obgleich die Ungluͤck⸗ lichen oft ſelbſt nicht wiſſen, wie ſie um ihre Liebe und haͤusliche Gluͤckſeligkeit gekommen ſind. Die meiſten halten ſich an die naͤchſten Ur⸗ ſachen, die aber ſchon Folgen von einem Fehler waren, den ſie fuͤr eine unbedeutende Kleinig⸗ keit hielten. Mir iſt in dieſer Ruͤckſicht das Geſtaͤndniß eines meiner Freunde, der gegenwaͤrtig mit ſei⸗ ner Gattin ein ſehr unzufriednes, ungluͤckliches Leben fuͤhrt, aͤußerſt intereſſant geweſen. Ich war Zeuge ihrer erſten Liebe. Mehr liebte ich meine Charlotte nicht, mehr ward ich von ihr nicht geliebt, als mein Freund ſein trautes Maͤdchen, als ſein Maͤdchen ihn liebte. Beide waren ſich einander werth. Mein Freund hatte 124 Paͤchter Martin. Kopf und Herz auf dem rechten Flecke, und in guter Eintracht; ſein Maͤdchen war ſchoͤn und tugendhaft, und nicht ohne Geiſtesbildung. Auch hatte er, wie er ſein Julchen heirathete, ein Amt, dem er mit Ehren vorſtand, und ſo viel Einkommen, um eine Familie anſtaͤndig verſorgen zu koͤnnen. Wer haͤtte nicht die gluͤck⸗ lichſte Ehe vermuthen ſollen? und ſie ward es nicht. Julchen hatte bey vieler Guͤte den kleinen Fehler der Nachlaͤſſigkeit und Unſauberkeit im Anzuge, und der brachte ſie um die Liebe ihres Mannes, um ihr haͤusliches Gluͤck, und um manche Tugend. Kann man ihn noch fuͤr klein halten? A Das erſte Jahr ihrer Ehe ging noch ſo ziemlich froh hin. Der junge Ehemann bemerkte den Fehler ſeiner jungen Frau, aber— als junger Ehemann. Ihre Vorzuͤge waren ihm weit uͤberwiegend, und mit der Kleinigkeit, dachte er, wuͤrde ſich's ſchon geben. Es gab ſich nicht. Julchen wurde zum erſten Male Mutter, und nun wurde Uebel aͤrger. Ihr Mann machte ihr ſanfte Vorſtellungen; ſie verſprach was ſie Zweyter Theil. 125 nicht hielt. Ein zweyter Eheſegen folgte etwas ſchnell auf den erſten: jetzt glaubte Julchen fuͤr ihren kleinen Fehler, wenn es ja ein Fehler waͤre, hinlaͤngliche Entſchuldigung zu haben. Wer kann, ſagte ſie, bey zwey kleinen Kindern immer ge⸗ putzt gehen?„Aber liebes Weib, das fordre ich ja nicht; nur Reinlichkeit!“. „Ey nun, ſo abſcheulich ſchmutzig gehe ich doch auch nicht!“ Der Mann aͤrgerte ſich, die Frau ſchmollte. „Du liebſt mich nicht mehr; ſonſt wuͤrdeſt du mir eine ſo gerechte Bitte nicht abſchlagen: und es kann dir an meiner Liebe nicht gelegen ſeyn; ſonſt wuͤrdeſt du dich nicht ſo ſehr vernachlaͤſſigen. Du putzeſt dich, wenn du in Geſellſchaften gehen willſt, fuͤr andere; fuͤr deinen Mann iſt dir alles gut genug!“ So machte er ihr taͤglich Vorwuͤrfe, und ich glaube nicht mit Unrecht. „Du liebſt mich nicht mehr; ſonſt wuͤrdeſt du aus ſolchen Bagatellen nicht ſo viel Aufhebens machen!“ entgegnete ſeine Frau. Er warf ihr Unbiegſamkeit, Eigenſinn, Trotz vor; ſie ihm Despotismus. Ihre gemeinſchaftlichen Spazier⸗ gaͤnge unterblieben; es verging ihm die Luſt 126 Paͤchter Martin. Stunden lang zu warten, bis ſich ſeine Frau angekleidet hatte, oder es behagte ihr nicht, ſich eines kleinen Spazierganges wegen anzukleiden. Gewoͤhnlich eilte er jetzt vom Mittagstiſche aus ihrem Zimmer, wo er ſonſt ſo gern noch ein Stuͤndchen verweilt hatte. Es traf ſich einige Mal, daß Freunde ſie mit einem Beſuche uͤber⸗ raſchten, und Madame war noch im reitzenden Neglige. Das trieb dem Herrn Gemahl das Blut in's Geſicht, und alle Achtung gegen ſie ging ver: loren. Seine Vorwuͤrfe wurden nun bitterer, und ihre Stirn haͤrter.*) Allmaͤhlich entſtand— wie das gewoͤhnlich der Fall iſt— aus einer zu⸗ nehmenden Vernachlaͤſſigung des Aeußern auch Vernachlaͤſſigung des Innern; der Sinn fuͤr das Schoͤne und Schickliche wurde immer ſtumpfer; ſie erlaubte ſich in Gegenwart ihres Geſindes, ihrer Kinder, und ſelbſt ihres Mannes eine Suͤnde gegen die Schamhaftigkeit und weibliche *) Ob aber der Herr Gemahl nicht ſelbſt zum Theil an dieſer Verhaͤrtung ſchuld war 7 Tadelte er nicht vielleicht zu oft, und machte eben dadurch ſeinen Tadel fruchtlos? Tadelte er nicht vielleicht zu bitter ——˖QOñOOQO—ZOꝛB—L—:—: Zweyter Theil. 127 Delikateſſe nach der andern: und ihr Mann ver⸗ achtete ſie jetzt von ganzem Herzen, und— ſuchte außer dem Hauſe fuͤr ſein haͤusliches Ungemach Schadloshaltung.— Meine Charlotte iſt vom fruͤheſten Morgen an bis zum ſpaͤteſten Abend ſauber und nett gekleidet. Zu jeder Tagesſtunde mag ſie mit ſeinem Beſuche uͤberraſchen wer will; ſo wie ſie jetzt und taͤglich gekleidet iſt, in ihrem ſchmuckloſen, aber reinen Anzuge wird ſie ihrem Gaſte entgegen kommen und ihn bewirthen. „Aber wie ſteht's denn mit der Hauswirth⸗ ſchaft? mit der Kuͤche? ꝛc.“ Zu dienen, Madame, recht ſehr gut. In der Kuͤche haͤngt immer eine reine Schuͤrze, ſteht immer ein Gefaͤß mit Waſſer— durch dieſe ſim⸗ peln Mittel weiß meine Frau Arbeitſamkeit und Reinlichkeit zu verbinden.— Sie verſteht ſich gar herrlich darauf, manchen ſchoͤnen Feſttag zu machen, wovon nichts im Ka⸗ lender ſteht;— was ihr die Herren Staatsoͤkono⸗ men verzeihen werden: denn die Hausfeſte mei⸗ ner Frau werden mit einem ſehr geringen Auf⸗ 128 Paͤchter Martin. wande von Zeit, Muͤhe und Geld gemacht; und es ſollte mir nicht ſchwer werden zu beweiſen: daß ſolche Feſte— die guten Folgen gehoͤrig in Anſchlag gebracht,— ſogar in oͤkonomiſcher Ruͤckſicht verdienten empfohlen zu werden. Der Vater wird gebeten den Kaffee, den er ſonſt auf ſeiner Studierſtube trinkt, ein Mal mit Frau und Kindern gemeinſchaftlich zu trin⸗ ken, wird mit Iubelgeſchrey in den Garten gelei⸗ tet, und der Kaffee wird in der Laube aufgetra⸗ gen— zum Fruͤhlingsfeſtel Unvermuthet findet er im Speiſezimmer ein paar ohne ſein Wiſſen eingeladene Freunde— ein Feſt: Im feſtlichen Anzuge kommen ſeine drey aͤlte⸗ ſten Kinder, als Deputierte ihres juͤngſten Bru⸗ ders, ihn ſolenniter zur Feier ſeines Geburtstages einzuladen. Das Mahl iſt ſo einfach wie gewoͤhn⸗ lich, aber das Zimmer mit einigen Lichtern illu⸗ miniert— ein Feſt! Wieder das Zimmer erleuchtet.„Und wem gilt das?“ Dem Gedaͤchtniſſe aller gu⸗ ten Menſchen. Jedes meiner Kinder erzaͤhlt, was Zweyter Theil. 129 was es von guten Menſchen gehoͤrt oder gele⸗ ſen hat. Der Vater muß dann jedem ein Glas Wein mit Waſſer miſchen, und allen guten Menſchen zu Ehren, von denen heute etwas erzaͤhlt wird, mit Mutter und Kindern die Glaͤ⸗ ſer anſtoßen, und jeden unter oder uͤber dem Monde hoch leben laſſen! Ein Feſt das ſei⸗ nes gleichen ſucht. Neulich mußte ich, wegen außerordentlicher Arbeit, vierzehn Tage anhaltend in meiner Studierſtube zubringen. Kaum Viertelſtunden konnte ich taͤglich von meiner Arbeit abmuͤßi⸗ gen; aber wie beeiferte ſich mein gutes Weib mit ihren Kindern, mir dieſe Viertelſtunden recht angenehm zu machen, mich zu zerſtreuen und zu erheitern! Die Arbeit war nun vol⸗ bracht; Mittags war ich fertig, und feſtlich ſchoͤn war mein Nachmittag im kleinen Kreiſe meiner Lieben, noch ſchoͤner mein Abend.„Heute ſollten wir von Rechts wegen ein Mal in des Vaters Zimmer ſpeiſen. Dort wird er ſich der vollbrachten Arbeit freuen, und wir freuen uns mit ihm.“ Der Vorſchlag fand Beyfall, und 9. dheil. 9 130 Paͤchter Martin. ſiehe, mein Arbeitszimmer war in einen kleinen Tempel der Freude umgewandelt; rings herum war es mit Immergruͤn bekraͤnzt, und uͤber dem Schreibepult hing ein Lorbeerkranz mit der Inſchrift: Dem guten Gatten und guten Vater dankbar gewunden von ſeinem Weibe und ſeinen Kindern fuͤr welche er ſo thaͤtig arbeitet. Gott erhalte Ihn uns geſund! Welcher Lohn fuͤr erfuͤllte Pflicht, welche Auf munterung zum Fleiße, zur Arbeitſamkeit fuͤr die Zukunft! Wie fuͤß arbeitet ſich's nicht fuͤr Weib und Kinder!— Fuͤr Liebende im Maymonath der aufbluͤhen⸗ den Liebe hat alles, was des Geliebten Hand oder Fuß beruͤhrte, unausſprechlichen Werth. Zweyter Theil. 131 Der ſuͤße Zauber ſchwindet in der Ehe; und was kann ich der geben, die, ſobald ſie mein Weib iſt, auf alles, was ich beſitze und erwerbe, 8 gleiche Anſpruͤche, gleiche Rechte hat? Ich ſelbſt habe mich ihr, ſie hat ſich mir ganz hingege: ben, da ich ihr Mann, ſie mein Weib wurde. Aber es laͤßt ſich doch das entgegen geſetzte Ex⸗ trem vermeiden: alles kalt zu thun, weil, und gerade nicht mehr als man muß, und alles fuͤr Schuldigkeit anzunehmen. Kleine an ſich unbedeutende Gaben koͤnnen Werth er⸗ halten durch die Art und Weiſe, wie man giebt; und iſt es kein Verdienſt, wenn meine Gattin thut, warum ich ſie bat, ſo iſt es doch Verdienſt, wenn ſie weine Wuͤnſche errieth, 1 4 G wenn ſie den kaum errathenen Wunſch, wo moͤglich, erfuͤllte, wenn ſie mir einen Alltag zum Feſttag macht, und wenn ſie meine gleiche Aufmerkſamkeit fuͤr ſie mit ſo freundlichem Dank belohnt. In eigener hoher Perſon habe ich noch im vorigen Fruͤhling die erſten Veilchen fuͤr meine Lotte gepfluͤckt; und meine Lotte hätte mir fuͤr den koſtbarſten Schmuck nicht herzlicher danken koͤnnen, als ſie mir fuͤr einen 132 Pachter Martin. Veilchenſtraus dankte. Man habe nur den guten Willen, dem Gatten Freude zu machen, und ein Herz, das ſich gluͤcklich fuͤhlt, wenn es gluͤcklich machen kann; ſo giebt ſich das Uebrige von ſelbſt!“— 3 27 Zweyter Theil..133 IX. Ueber Spiele, vorzuͤglich Kartenſpiele. Wenn ſich ein Mann zum Wuͤrfeln herab laͤßt, ſo geſchieht's gewiß nur auf wenige Minu⸗ ten zum Spaß. Die ſo genannten Hazard⸗ ſpiele in der Karte— ſollten ſie wohl vor den Wuͤrfeln Vorzug haben? Mir wenigſtens bleibt es unbegreiflich, wie ein Mann, der an Kopf und Herz unverwahrloſet iſt, der denken kann, und nicht bloß aus niedriger Gewinnſucht ſpielt, an einem Hazardſpiele Vergnuͤgen findet, das der duͤmmſte Feuerlaͤnder, ſo bald er nur die Karten kennt, in ſechs Minuten erlernen und mitſpielen koͤnnte. Ich moͤchte doch nicht behaup⸗ ten: daß alle die, oft feinen Leute, die ich Stun⸗ den lang ſolche Hazardſpiele mit Theilnehmung ſpielen ſah, aus niedriger Gewinnſucht ſpiel⸗ ten!— 1 134 Paͤchter Martin. Spiel um Geld iſt immer ein gefaͤhrliches, fül Ruhe, Gluͤckſeligkeit und Sitten gefaͤhrliches Spiel. Der Grundſatz: Im Spiele muß man keinen Dreyer ſchenken; fuͤhrt oft zu ſchmutzigem Geitze, und viel Gluͤck im Spielen macht Ver⸗ ſchwender und Liederliche. Man kann bey'm Spieltiſche nicht bloß ſein Geld und ſeine Geſundheit, man kann auch Kopf und Herz verlieren! Ich habe geſehen, daß Maͤnner, welche ſonſt nach ſtrengſter Ehrlichkeit handelten, ſich im Spiele Vortheile erlaubten, die unmoͤglich mit den Grundſaͤtzen des ehrlichen Mannes beſtehen koͤnnen; beſonders beym Verluſte, und ge⸗ gen den Gewinner. Das Schuldigblei⸗ ben und Verge ſſen gar nicht einmal gerechnet, weil es ja moͤglich iſt, daß ſie es wirklich ver⸗ gaßen— nur daß manche gar zu leicht und zu oft vergeſſen! Wer bey'm Spiele, mitten im — Verluſte, dennoch auch die, von Andern vergeſ⸗ ſene, kleine Schuld, die er nach den Geſetzen des Spiels bezahlen muß, immer puͤnktlich bezahlt, deſſen Ehrlichkeit iſt im Feuer bewaͤhrt gefunden. Zuverlaͤſſig geht aber auch manche Ehrlichkeit in Zweyter Theil. 135 der Probe verloren, und kleine Unredlichkeiten im Spiele begangen, gehen unmerklich auch in andere Handlungen uͤber. Es ſcheint mir beynahe ein Wunder, wenn ein profeſſionierter Spieler ein ehrlicher Mann iſt. Doch iſt der Baͤrenfuͤhrer ein nuͤtzlicheres Mit⸗ glied der menſchlichen Geſellſchaft, als, ſelbſt ein ehrlicher Spieler, der ſich vom Spiele naͤhrt. Es muß ein vernichtender Gedanke fuͤr den Greis ſeyn: ſein Leben verſpielt zu haben! Aber dawider hat meine Moral nichts, daß ein Biedermann zuweilen auf ein paar Stunden ein ſolches Spiel in der Karte mitſpielt, worin Mannigfaltigkeit und Verwickelungen Statt finden, und wo das blinde Gluͤck doch nicht ganzallein entſcheidet. Ein Mann, der viel, und mit vieler Geiſtesanſtrengung arbeitete, be⸗ dauerte, daß er allen Geſchmack am Spiele ver⸗ loren habe: weil es ihm ſonſt oft eine wohlthaͤ⸗ tige Zerſtreuung und Erholung gewaͤhrt haͤtte. Man behauptet zwar, ſprach er, daß uns armen Gelehrten, die wir ohnehin zu langem Sitzen am Schreibepulte verurtheilt ſind, dergleichen Spiele, die ſitzend geſpielt werden, mehr nach⸗ 136 Paͤchter Martin. theilig als nuͤtzlich waͤren: aber vorausgeſetzt, daß der fleißige Gelehrte die nothwendige Bewegung ſonſt nicht verabſaͤumt, ſo iſt ihm das Ausruhen am Spieltiſche gewiß nicht nachtheilig, vielmehr zuverlaͤſſig wohlthaͤtig, in wie fern es ihn von fortgeſetztem ernſten Nachdenken abhaͤlt, und eine angenehme Zerſtreuung gewaͤhrt. Oft habe ich nach einem arbeitsvollen Tage in Geſellſchaft Er⸗ holung geſucht, und fand peinigende Langeweile, wenn man etwa von Nichts und wieder Nichts ſprach; oder wurde in eine ernſte Unterredung verwickelt, die mir jetzt gerade zur Unzeit kam, und meinen Zweck, warum ich heute in Geſell⸗ ſchaft ging, vereitelte. Eine leichte Beſchaͤftis gung, die uns von ernſtem Nachdenken abhaͤlt, die uns zerſtreuet und erheitert, iſt niemanden mehr zu rathen, als dem Manne, der mit vieler Geiſtesanſtrengung arbeitet, und der es ſo ſelten uͤber ſich vermag, Feierabend zu machen, wenn er es ſollte. Freylich muß er aber ohne Leiden⸗ ſchaft und nicht lange ſpielen, und muß das Spiel mit Leichtigkeit uͤberſehen koͤnnen, damit es ihm nicht zur neuen Arbeit wird. Es giebt Manner, welche bey aller ihrer Gelehrſamkeit Zweyter Theil. 137 nicht im Stande ſind, ein Spiel, in welchem einige Verwickelung iſt, ohne Muͤhe und Geiſtes⸗ anſtrengung zu ſpielen. Dieſe moͤchten ſchwerlich am Spieltiſche Zerſtreuung und Erholung finden. Alſo unter den Bedingungen darf ein Bieder⸗ mann ſpielen. Dennoch wuͤrde ich jedem den Rath meines Vaters empfehlen: „„Beſtimme jaͤhrlich von deinen Einkuͤnften eine kleine Summe, die nicht mehr betragen darf, als du nach Maßgabe deines Vermoͤgens, ohne dir und den Deinigen die Befriedigung eines Be⸗ duͤrfniſſes, oder auch nur ein ſonſt genoſſenes 4 Vergnuͤgen zu verſagen, fuͤglich verſchenken, oder mit dem erſten beſten Freunde in Champagner vertrinken koͤnnteſt, zur Spielkaſſe; mit dem feſten Entſchluſſe: 1) Den etwanigen Gewinnſt ſchlech⸗ terdings nicht fuͤr dich, oder die Deinigen zu verwenden; 2) Für den Reſt des Jahres, in wel⸗ chem die Kaſſe geſprengt wurde, nicht wieder zu ſpielen. Man wird dann nicht leicht im Spiele fuͤn⸗ digen, noch durch das Spiel zum Suͤnder werden, 138 Paͤchter Martin. man wird ohne Leidenſchaft und ohne Eigennutz, nicht zu hoch, nicht zu lange, nicht zur Unzeit ſpielen... 1 Wer die gegebene Bedingung nicht erfuͤllen kann, ſollte, wenn er ein ganz ehrlicher Mann bleiben will, nie um Geld ſpielen!“ Zweyter Theil, 139 X. Tadle deinen Freund, wenn du ihn zum Feinde haben willſt. Ich bin ſo gluͤcklich mehr als Einen Freund zu haben, und das nicht etwa bloß im weitlaͤuftig⸗ ſten Sinne des Worts, wo das Freund nicht mehr ſagen will als, ein guter Bekannter, der etwa ein Mal mit uns an Einem Tiſche gegeſſen und getrunken hat. Nie nannte ich aber einem Freunde zu Gefallen ſchwarz weiß— wer wuͤrde auch nicht das ſchon fuͤr Beleidigung gegen ſeinen Freund halten, wenn er nur glauben koͤnnte, daß er ihm damit etwas zu Gefallen thaͤte!— nie billigte ich, was ich nicht billigen konnte; viel⸗ mehr tadelte ich offenherzig, was ich tadelnswuͤr⸗ dig fand, weil ich das fuͤr Pflicht hielt, und ein Gleiches von meinem Freunde erwarte und for⸗ dere: und ich habe noch nie durch meinen offen⸗ herzigen Tadel einen Freund verloren, oft aber Dank und herzlichen Haͤndedruck dafuͤr erhalten. 14o0 Paͤchter Martin. Was waͤre auch eure Freundſchaft, wenn ihr nicht gern eurem Freunde wohlthun wolltet? Oder iſt's euch nicht Wohlthat: edler und beſſer zu werden? Das iſt nun Einmal eine ziemlich allgemeine Erfahrung, daß wir Augen haben wie die Falken, um die Fehler andrer zu erkennen— aber eine Binde vor den Augen, die uns hindert, unſere eigenen Fehler zu ſehen. Sehen muͤſſen wir ſie doch aber, um ſie ablegen zu koͤnnen; und daß 2„ wir ſie nicht ablegen wollten— das waͤre doch wahrlich nicht freundſchaftlich von unſerm Freunde, wenn er ſo ſchlecht von uns daͤchte! Du wuͤrdeſt es deinem Freunde uͤbel nehmen, wenn er dich ließe mit einem ſchwarzen Fleck im 3 Geſicht, oder auch nur auf dem Kleide, uͤber die Straße gehen, da er ihn doch bemerkt haͤtte: und es ſollte verzeihlicher ſeyn, wenn er deine Seele durch einen haͤßlichen Fleck verunſtaltet ſaͤhe, und dich nicht aufmerkſam darauf machte? Dank alſo dem Freunde, der uns die Binde von dem Auge reißt, die uns hinderte, unſere Fehler zu erken⸗ nen, und uns zu beſſern. „Wer nun aber nicht gebeſſert ſeyn will?“ Zweyter Theil. 141 Nun den wuͤrde ich bitten: Suche dir einen andern Freund! Doch, glaube mir, der Fall iſt aͤußerſt ſelten, daß jemand nicht gebeſſert ſeyn wollte,— er muͤßte ſich denn ſchon fuͤr unver⸗ beſſerlich gut halten. Das iſt freylich eine gefaͤhr⸗ liche Krankheit; allein eben ſo gefaͤhrliche Krank⸗ heiten ſind doch ſelten; und, wie geſagt, wer ſo krank waͤre, und die Huͤlfe des Arztes ausſchluͤge, der taugte ſchlechterdings nicht zur Freundſchaft. Haſt du aber mit deinen Freunden ſchon den Verſuch gemacht? haſt du wirklich durch gut gemeinten Tadel ſchon einen Freund verloren, deſſen Verluſt dich ſchmerzte? Du weißt, daß man oft Gemeinſpruͤche auf Treu und Glauben, ohne eigene Pruͤfung und Erfahrung nachſpricht, beſonders wenn ſie eine Klugheitsregel enthalten, oder enthalten ſollen— wer wollte nicht gern das Anſehn eines klugen Mannes haben! Haſt du alſo wirklich dieſe unangenehme Erfahrung mit einem Freunde ſelbſt gemacht: hundert gegen Eins! ſo lag die groͤßere Haͤlfte der Schuld— an dir. „Nun ja! weil ich ihn tadelte.“ 144 Paͤchter Martin. Nein; weil du ihn nicht auf die rechte Art, nicht ſo recht freundſchaftlich tadelteſt; oder weil du ihn mißverſtanden haſt. „Mißverſtanden?“ Eine angenehme Empfindung kann es doch nicht ſeyn, haͤßliche Flecken an ſich wahrzuneh⸗ men? „Das freylich nicht!“ Je mehr man auf Reinlichkeit haͤlt, deſto unangenehmer muß jene Wahrnehmung ſeyn. „Natuͤrlich!“ Alſo gerade bey edlern Menſchen muß dieſe Wahrnehmung von Fehlern, beſonders wenn ſie damit uͤberraſcht werden, deſto ſchmerzlicher ſeyn? „Nun— ja!“ Und wenn du ihnen nun mit Einem Male den Spiegel vorhaͤltſt, in welchem ſie dieſe Fehler wahrnehmen, und dadurch unzufrieden mit ſich ſelbſt werden— kannſt du wohl erwarten, daß ſie mitten in dieſer unangenehmen Empfindung ſogleich ſich ſammeln, mit ruhiger Vernunft deine gute Abſicht anerkennen, gleich merken ſollen, daß du ihnen weh thatſt, um ihnen wohlzuthun, Zweyter Theil. 143 gleich überlegen, daß dieß das Mittel zu ihrer Beſſerung ſey— und von der kalten Ueberlegung eben ſo ſchnell zum warmen Dank gegen dich uͤber⸗ ſpringen ſollen? „Das waͤre freylich zu viel gefordert!“ Siehe, und ſo viel fordert man wohl zuweilen aus gaͤnzlichem Mangel an Kenntniß des menſch⸗ lichen Herzens, und des Ganges ſeiner Empfin⸗ dungen. Wir tadeln den Freund, zeigen ihm Fehler, die er natuͤrlich nicht gern an ſich ſehen kann; das ſchmerzt. Die Seele ſtraͤubt ſich gegen dieſe unangenehme Empfindung, er vertheidigt ſich, hat vielleicht Recht ſich zu vertheidigen, da wir aus Irrthum leeren Geruͤchten nachſprachen, oder uns ſelbſt in unſerer Bemerkung getaͤuſcht hatten, oder doch den Fehler groͤßer darſtellten als er wirklich war; er vertheidigt ſich alſo, und, eben ſo natuͤrlich, da es Sache ſeines Herzens iſt, mit einiger Hitze. Das verdrießt uns; wir werden auch hitzig, vielleicht bitter, laſſen den Thoren, wofuͤr wir ihn jetzt halten, laufen, laſ⸗ ſen in ihm die Empfindung der Bitterkeit unſers Tadels zuruͤck, die ihn verhindert unſere gute 144 Paͤchter Martin. Abſicht zu erkennen— und die Freundſchaft iſt abgebrochen. Forderten wir nichts Unmoͤgliches, nichts Unnatuͤrliches vom Menſchen, ließen wir die erſte Empfindung ſeines Schmerzes oder ſeines Unwil⸗ lens voruͤbergehen, ließen wir ihm Zeit zum Denken; gewiß er wuͤrde die Guͤte unſerer Ab⸗ ſicht anerkennen, und uns dafuͤr danken. Die Wahrheit: Wer mir meine Fehler zeigt, damit ich ſie ablege, und mich beſſere, meint es gut mit mir! dringt ſich dem Verſtande auf, ſo bald nur erſt der Nebel der Empfindungen, der ſeine freye Wirkung hinderte, zerſtreut iſt. Freylich koͤmmt auch außerordentlich viel, und faſt alles auf die Art und Weiſe an, wie wir tadeln.. Daß man nicht mit Hitze, oder gar mit Spott und Bitterkeit tadeln muͤſſe, verſteht ſich von ſelbſt, da es ja freundſchaftlicher Tadel ſeyn ſoll; und uͤberhaupt verſteht ſich das meiſte von ſelbſt, wenn es nur erſt mit der Abſicht: ſeinen Freund zu tadeln, um ihm wohlzu⸗ thun, um ihn zu beſſern; immer ſeine Richtigkeit hat. Die Befolgung der ſimpeln — Res⸗ Zweyter Theil. 145 Regel: Behandle deinen Freund, wie uͤberall, ſo auch dann, wenn du ihn pflichtmaͤßig tadeln mußt, ſo, wie du wuͤnſcheſt, daß er dich behan⸗ deln moͤge! wird uns ſelten— beym weiſern Freunde nie— unſern Zweck verfehlen laſſen. Zwar folgt daraus keinesweges, daß der Freund die uͤbrigen Regeln der Lebensklugheit, aus Menſchenkenntniß und beſonderer Kenntniß ſei⸗ nes Freundes geſchoͤpft, vernachlaͤſſigen duͤrfe. Er wird und muß alle Mittel, die zur beſſern oder ſichern Erreichung ſeines Zwecks dienen, anwenden, ſo weit er ſie kennt, oder kennen ler⸗ nen kann. Er wird z. B. nie den Tadel ſei⸗ nes Freundes in derſelben Stunde mit Gegen⸗ tadel erwiedern; nie ihn im Tadel eine gewiſſe ſtolze Ueberlegenheit fuͤhlen laſſen— im Tone des Lehrmeiſters gegen den Schuͤler; nicht Pre⸗ digten halten, wo ein hingeworfenes Wort eben ſo viel und mehr wirken kann; nicht zur Unzeit tadeln, wo er merkt, daß ſein Freund in uͤbler Stimmung iſt— uͤberhaupt alles thun, was den erſten, immer unangenehmen, Eindruck des Tadels mildern kann. 2. Theil. 10 146 Paͤchter Martin. Doch, wie geſagt, Guͤte der Abſicht und ein wahrhaft wohlwollendes freundſchaftliches Herz machen hier die Hauptſache aus. Wer mit dieſem Herzen tadelt, wird nicht leicht durch ſeinen Tadel einen Freund verlieren, deſſen Verluſt ihn ſchmerzen koͤnnte! 1 X Zweyter Theil. 147 XI. Ueber Menſchenliebe. 4„Es war ein ſchrecklicher Wahn, der den Ewi⸗ gen, den Schoͤpfer und Vater aller Menſchen, aller Erſchaffnen, zum eingeſchraͤnkten National⸗ gotte, und wohl gar zum blutgierigen Moloch, welcher Menſchenopfer forderte, herabſetzte; der Wahn, der Menſchen gegen Menſchen mit Grau⸗ ſamkeit bewaffnete, weil dieſe nicht auf dieſelbe Art, in denſelben Formeln, wie jene Menſchen, ihren Gott verehrten!„Wer nicht glaubt, was wir glauben, was wir von Jugend auf zu glau⸗ ben gelehrt wurden; das, was wir fuͤr Gottes⸗ dienſt halten, nicht auf dieſelbe Art verrichtet, wie wir's verrichten; gewiſſe geheimnißvolle Worte nicht ſo ausſpricht, wie wir ſie ausſpre⸗ chen; nicht in unſerm Tempel, eben ſo wie wir, kniet, betet, opfert: den hat die Gottheit in ihrem Grimme verflucht, der iſt ewig ver⸗ 148 Paͤchter Martin. dammt— und wie ſollten wir nicht den Feind unſers Gottes auch als unſern Feind anſehen, ihn haſſen und verfolgen— ihm ſein kurzes Erdenleben, das Einzige was der Elende hat, ver⸗ bittern, weil er doch dort, um ſeines Glau⸗ bens willen, ewig leiden muß!“ Es war ein ſchrecklicher Wahn! Dank den Weiſen und Guten, welche die Blutaltaͤre des Molochs zer— 8 truͤmmert, Gottesverehrung, rein, wie ſie Je⸗ ſus lehrte, Verehrung des Vaters aller Men⸗ ſchen, ausgebreitet, und Menſchenliebe, ohne 4 Ruͤckſicht auf Volk, Gebraͤuche, Meinungen, Glauben— allgemeine Menſchenliebe gepredigt haben! Moͤge ihre Predigt uͤberall, wo Menſchen wohnen, gehoͤrt, uͤberall angenommen, richtig verſtanden und befolgt werden! Aber eben mit dem richtig verſtanden und befolgt werden iſt's noch bey weiten nicht ſo, wie es ſeyn ſollte. Noch iſt bey vielen die allgemeine Menſchenliebe, oder vielmehr das Vorgeben von allgemeiner Menſchenliebe, nichts als ein ſchoͤnes Aushaͤngeſchild, das viel verſpricht und wenig haͤlt, eine ſchoͤne Redensart⸗ Zweyter Theil. 149 wobey man nichts oder etwas ſehr Unrichtiges denkt, ein Duͤnkel von Aufklaͤrung, womit man ſeiner Eitelkeit ſchmeichelt, und— womit man ſogar wirkliche Liebloſigkeit, Haͤrte und Ungerechtigkeit, deren man ſich im Betragen gegen andere, wo man eben am erſten Gele⸗ genheit haͤtte, ſeine geprieſene Menſchenliebe in Ausuͤbung zu bringen, ſchuldig macht. Niemanden habe ich mehr uͤber allgemeine Menſchenliebe deklamieren hoͤren, als einen gewiſ⸗ ſen Herrn von Ler, einen meiner ehemaligen Col⸗ legen; und, was noch mehr ſagen will, es gab Faͤlle, wo er wirklich den Forderungen der Men⸗ ſchenliebe gemaͤß, nur nicht aus Menſchenliebe handelte. Er war es, der mit Feuereifer gegen den ſchmaͤhlichen Leibzoll ſprach, womit man die Juden belegte; er betrieb es am thaͤtigſten, daß der in unſerm Lande ſo ſehr unterdruͤckten Religionspartey ihre Menſchen⸗ und Buͤrger⸗ rechte wieder hergeſtellt wurden; und das neue Krankenhaus hat Er erbauen laſſen. Aber eben derſelbe Herr von Lir iſt ein Tyrann in ſeinem Hauſe, iſt ein Unmenſch gegen ſeine Bauern. Die Armen zittern, ſo oft ihnen die Nachricht * 150 Paͤchter Martin. wird: ihr Herr werde ſie beſuchen; wiewohl der Beſuch nie ihnen, ſondern ſeinen Hirſchen und Haſen gilt. 3 Herr von L'r(ich kenne ihn zu gut, als daß ich befuͤrchten duͤrfte, ihn ungerecht zu beur⸗ theilen) iſt ein ehrgeitziger Mann, ſpielt aus Ehrgeitz die Rolle des Aufgeklaͤrten, ſpricht und handelt auch wohl zuweilen, mit prunkendem Geraͤuſch, ſeiner Rolle gemaͤß, ſpricht und han⸗ delt deßwegen, wenn es bemerkt, wenn ſeinem Ehrgeitze dadurch geſchmeichelt wird, mit ſchein⸗ barer Menſchenliebe: aber ſein Herz weiß nichts von Menſchenliebe. L** hat ſeines gleichen zu Tauſenden— die nur weniger bemerkt werden, weil ſie nicht die Macht, nicht das Vermoͤgen haben, ihrem Ehrgeitze ſo ſtattliche Opfer zu bringen— zum Gluͤck aber auch nicht die Macht, in geheim ſo viel Boͤſes zu thun. „Mancher ſpricht vielleicht nur deßwegen ſo viel von Pflichten der Menſchenliebe gegen Men⸗ ſchen, welche durch Weltmeere von ihm getrennt ſind, oder welche doch ganzaußer ſeinem Wir— kungskreiſe liegen, und wo er alſo nicht leicht in die Verſuchung kommt, bey'm Worte gehalten Zweyter Theil. 151 zu werden; um ſich mit Ehren von den Pflich⸗ ten gegen die Menſchen, mit welchen er in naͤherer Verbindung lebt, und die ihn bey'm Worte halten, die von ſeiner ſchoͤnen Rede Be⸗ weiſe fordern könnten, los zu machen.— So giebt er leere Worte fuͤr Thaten, und bruͤſtet ſich mit Tugenden, die er jenſeits des Meeres, wo er hoffentlich nicht hinkommen wird, ausuͤben wollte, und die er hier, wo er ſie ausuͤben koͤnnte, verabſaͤumt.“ Dieß ſcheint ein hartes Urtheil, dennoch iſt es das Urtheil eines Menſchenkenners, und ich beſorge, es enthaͤlt Wahrheit. Wenigſtens um etwas gemildert— etwa die durchdachte Abſicht abgerechnet, gilt es gewiß von vielen unſerer Zeitgenoſſen, beſonders von unſern jungen Kraftmaͤnnern. Sie wollen die Welt umfaſſen, und uͤber⸗ ſehen das Fleckchen Erde, auf welchem ſie ſtehen; verlieren in dem All der Menſchheit den Menſchen um und neben ſich; wollen dem ganzen Menſchen⸗ geſchlechte angehoͤren, und gehoͤren keinem Men⸗ ſchen an— gerade ſo wie die Allerweltsfreunde nicht ſelten ganz ohne Freunde ſind. 152 Paͤchter Martin. So einen Weltumfaſſer, ohne thaͤtige Men⸗ ſchenliebe, hatte ich, doch nur auf kurze Zeit, an dem jungen Grafen Mex in meiner Pflanz⸗ ſchule.*) Man haͤtte, wenn man ihn reden hoͤrte, wuͤnſchen ſollen, das Schickſal moͤchte ihn zu einem Koͤnigsthrone beſtimmt haben, damit er ein ganzes Volk beſeligen koͤnne. Auf einer kleinen Reiſe, die ich mitten im Winter in Geſchaͤften machte, lernte ich aber den voll⸗ herzigen jungen Mann von einer ganz andern Seite kennen. Wir begegneten uns einander auf offener Straße, ließen, Trotz des Sturms und des Schneegeſtoͤbers die Pferde anhalten, und be⸗ gruͤßten uns aus dem Wagen.— Der Graf ſaß allein in ſeinem Wagen; ich hatte in dem meinigen den Rath Schulz bey mir.— Waͤhrend des Grußes und Gegengrußes bemerke ich, daß des Grafen Bedienter auf dem Bocke ſich wie ein Wurm kruͤmmte, und ſeinen Kopf an den Kutſcher anſchmiegte, der mitleidig ſei⸗ nen Arm um ihn herumſchlang. *) Siehe N. XIV. S. 119. des erſten Bandes. Zweyter Theil. 153 „Herr Graf, was fehlt Ihrem Bedienten?“ „Der arme Kerl hat wieder einen heftigen Anfall von Kolik; er iſt dem Uebel oft unter⸗ worfen.“ „Graf! und Sie laſſen den kranken Men:⸗ ſchen in der Kälte draußen ſitzen?— Wollen Sie ihm nicht erlauben, daß er ſich mit in mei⸗ nen Wagen ſetzen darf? Der Herr Rath wird ſo gern als ich, einem kranken Menſchen eine Stelle neben ſich goͤnnen.“ Wie der Mann die Augen aufrißt Es war ihm nur nicht eingefallen, daß ſein Bedienter auch ein Menſch ſey. Der Graf war im Grunde ein ungleich beſſerer Mann, als der Herr von L*, deſſen ich vorher erwaͤhnte; jener taͤuſchte mit ſeinem Vorgeben an Menſchenliebe abſicht⸗ lich andere, dieſer taͤuſchte ſich ſelbſt— Er war zu wenig zum Menſchen, zu ſehr zum Grafen erzogen worden, ſein Blick hatte von Jugend auf eine falſche Richtung bekommen, und ſein uͤberſpanntes Kraftgefuͤhl erhaͤlt ihn in die⸗ ſer falſchen Richtung. Indeſſen warne ich dich nicht vor dem Betruge eines L**— wehe mir und dir, wenn ich dieſe Warnung noͤthig haͤtte!— 154 Paͤchter Martin. wohl aber vor der Selbſttaͤuſchung des Grafen; vor mißverſtandner, oder faͤlſchlich angewandter allgemeiner Menſchenliebe. Sohn! ich hoffe mit Zuverſicht, daß du nie einen Menſchen um ſeiner Abſtammung, ſeines Volks, ſeines Glaubens willen haſſen, oder auch nur minder lieben werdeſt; daß es dir vielmehr immer genug ſeyn werde, zu wiſſen: das iſt ein Menſch, der deiner Huͤlfe bedarf; um, wo du kannſt, ihm gern nnd willig zu hel⸗ fen. Aber wo wirſt du nun mit den Beweiſen deiner Menſchenliebe— und beweiſen, durch Thaten beweiſen, ſo weit deine Kraͤfte reichen, mußt du ſie doch, wenn es dir anders damit Ernſt iſt— wo wirſt du damit anfangen, wo zunaͤchſt Gutes wirken, als in dem Kreiſe, den dir Amt und Beruf vorzeichnen, unter denen Menſchen, mit welchen du in naͤherer Verbin⸗ dung lebſt? Du wirſt mich nicht mißverſtehen. Deine Menſchenliebe ſoll nicht auf dein Haus, oder dein Dorf ſo eingeſchraͤnkt ſeyn, daß die Men⸗ ſchen jenſeits dieſer Grenzen dir fremd wuͤrden. Kein Menſch darf als Menſch dir ein Fremder Zweyter Theil. 155 ſeyn. Wer deiner Huͤlfe bedarf, iſt dein Naͤch⸗ 3 ſter. Wir alle machen nur Eine große Familie aus, und jedes Mitglied aus der großen Fa; milie, weiß oder ſchwarz, in Deutſchland oder in dem neu entdeckten fuͤnften Welttheile, hat eben deßwegen, weil es zur Familie gehoͤret, Anſpruͤche auf deine Bruderliebe. Dieß iſt und bleibt eine große heilige Wahrheit, und es iſt gut und heilſam, ſie oft zu denken, oft zu er⸗ neuern, und dem Herzen naͤher zubrin⸗ gen.(„Seyd umſchlungen, Millionen! die⸗ ſen Kuß der ganzen Welt!“) Und wenn du nun in den Fall kaͤmſt, einem deiner Menſchen⸗ bruͤder jenſeit des Oceans deine Bruderliebe thaͤtig erweiſen zu koͤnnen, nun ſo iſt es keine Frage, daß du ſie ihm ſo wohl, als deinem naͤchſten Nachbar erweiſen mußt. Geſetzt, daß du mit derſelben Gabe, mit welcher du deinem naͤchſten Nachbar einen Feſttag verſchoͤnern woll⸗ teſt, den Pilger aus fernem Lande vom Hun⸗ gertode erretten koͤnnteſt: ſo waͤre wieder keine Frage, welchem von beiden du deine Gabe mit⸗ theilen muͤßteſt. Und haͤtteſt du Kraͤfte und Gelegenheit, einem ganzen Lande wohl zu thun, 156 Paͤchter Martin. und ließeſt dieſe Gelegenheit ungenutzt, dieſe Kraͤfte ungebraucht, wollteſt aus bloßem Eigen⸗ ſinn, oder aus Liebe zur Bequemlichkeit, nur fuͤr dein Dorf leben, ſo verdienteſt du den ge⸗ rechteſten Tadel des Menſchenfreundes. Oder wenn es dir gar einſiele, nach der Moral der Großweſire, den Mitbewohnern deines Dorfs auf Unkoſten anderer, etwa dadurch wohl thun zu wollen, daß du das Sumpfwaſſer von ihren Aeckern und Wieſen ab, und auf die Aecker und Wieſen ihrer Grenznachbarn leiteteſt: ſo handelteſt du nach einer Moral, vor welcher dich deine geſunde Vernunft und dein Herz bewahren wird. Aber was wuͤrdeſt du im Ge⸗ gentheile von dem Menſchen halten, der die Ausuͤbung ſeiner Menſchenliebe auf den Fall verſchieben wollte, daß der liebe Gott ihm ein Mal einen armen Wanderer aus fernem Lande in's Haus ſchickte? der ſeinem Nachbar, ſei⸗ nem Freunde Huͤlfe und Beyſtand verſagte, weil es im Auslande Menſchen gaͤbe, welche vielleicht noch ungluͤcklicher waͤren als ſie? oder der das Gute, das er in ſeinem kleinern Wir⸗ kungskreiſe thun koͤnnte, deßwegen nicht thaͤte, weil dieſer Wirkungskreis fuͤr ihn und ſeine Kraft viel zu klein waͤre, weil er einen ungleich groͤßern ausfuͤllen koͤnnte; der, weil er Kraft genug zu haben waͤhnte Tauſenden zu helfen, es nicht der Muͤhe werth hielte, einem einzelnen Menſchen Huͤlfe zu leiſten?— „Laß uns eilen unſere Pflanzen zu begießen; ſie verdorren uns, wenn wir laͤnger ſaͤumen! Werden wir fruͤher fertig, ſo wollen wir dann auch unſerm guten Nachbar helfen.“ So ſprach ein biedrer Landmann zu ſeinem Sohne. „Laßt's ſeyn mit dem Gießen!“ antwortete der Juͤngling.„Einen Regen brauchen wir, einen Regen fuͤr's ganze Land!“ „Wohl waͤre der zu wuͤnſchen! Aber ehe er koͤmmt, moͤchte es um unſere Pflanzen gethan ſeyn, wenn wir ſie indeß nicht fleißig begießen.“ „Unſere paar Pflanzen! Was will das ſagen gegen die Pflanzen im ganzen Lande, gegen die Saaten und andere Gewaͤchſe, die die Sonnengluth alle verſengen wird, wenn nicht bald ein guter Regen koͤmmt? O was ich mich freuen wuͤrde, wenn ich im Stande waͤre, Zweyter Theil. 157 158 Paͤchter Martin. das ganze Land ſo mit Einem Male durch einen wohlthaͤtigen Regen zu erquicken!“. „Das ſollte mich ſelbſt freuen. Da wir nun aber das nicht koͤnnen, ſo laß uns thun, was wir koͤnnen. Komm, laß uns unſere Pflan⸗ zen begießen, und dann unſerm Nachbar hel⸗ fen!“ Mache es nicht wie dieſer Juͤngling, befolge vielmehr die Lehre ſeines weiſern Vaters. Und wahrlich! die Welt wuͤrde ſich wohl dabey befin⸗ den, wenn ihm jeder folgte.. „Ach! es iſt noch gar zu viel in der Welt zu bauen und zu beſſern!“ Wohl wahr; nur wird durch bloßes Klagen nichts gebeſſert. Soll's beſ⸗ ſer werden, ſo muͤſſen wir uns bruͤderlich, jeder nach dem Maße ſeiner Kraft, in die Arbeit theis⸗ len, Wollen alle alles thun, ſo bleibt's ewig beym Wollen, und nichts wird vollbracht werden. „Wenn ich an jenem Poſten ſtaͤnde, wenn ich die Macht haͤtte, die jener hat; o wie viel Gutes wollte ich fuür die Welt thun!“ Ein ſchoͤner Vorſatz! Sollen wir aber uͤber⸗ zeugt werden, daß es dir damit Ernſt ſey; ſo beweiſe es dadurch, daß du an dem Poſten, an Zweyter Theil. 159 welchem du jetzt ſteheſt, mit der Kraft, die du jetzt haſt, ſo viel Gutes thuſt, als du gegenwaͤrtig thun kannſt. Fuͤllſt du den kleinern Kreis nicht aus, wie wirſt du den groͤßern ausfuͤllen? So lange dein Nachbar huͤlflos leidet, deſſen Leiden du zu mindern im Stande biſt, ſo lange iſt dein Vorgeben von allgemeiner Menſchenliebe ein leeres Geſchwaͤtz, Betrug oder Selbſttaͤu⸗ ſchung! Paͤchter Martin. XII. Ueber große und kleine Tugenden. Eine aͤhnliche Bewandtniß, wie mit der Men⸗ ſchenliebe ſcheint mir es mit den ſo genannten großen Tugenden— heroiſchen Tu⸗ genden, Heldentugenden— zu haben; in wie fern dieſe andern Tugenden entgegen geſtellt werden, zu deren Vollbringung, wie man oft faͤlſchlich glaubt, weniger Geiſtes⸗ kraft— Energie, Seelenſtaͤrke— erfordert wird; und die man deßwegen kleinere Tugenden nennt. Nun iſt es zwar unlaͤugbar, daß der gerechte und ſtandhafte Mann, den weder Verſprechun⸗ gen noch Drohungen, weder Ehrenbezeigung noch unverdiente Beſchimpfung, weder Gluͤck noch Ungluͤck in ſeinem feſten Sinn erſchuͤttern, nichts der Tugend und ſeiner Pflicht ungetreu machen kann; der, wo die Pflicht ruft, keine —— Zweyter Theil. 161 keine Gefahr ſcheut, jede Freude jeden Lebens⸗ genuß, ſeine liebſten Wuͤnſche, ſeine ſchoͤnſten Hoffnungen der erkannten Pflicht willig aufop⸗ fert, willig jedes Leiden, das ſie ihm auflegt, uͤbernimmt, ohne Murren es ertraͤgt, und, gebietet ſie, ſelbſt ſein Leben ihr zum Opfer darbringt;— ganz unlaͤugbar iſt es, daß ein ſo gerechter und ſtandhafter Mann die hoͤchſte Achtung verdient, die ein Menſch dem edlern Menſchen, ein Geiſt dem hoͤhern Geiſte erwei⸗ ſen kann, und daß alſo Tugenden, durch welche man ſich dieſe Achtung verdienet, mit Recht auf den vorzuͤglichſten Rang unter den Tugen⸗ den— wenn man nun ja Einmal Rangordnung unter den Tugenden annehmen will— An⸗ ſpruch machen duͤrfen. Wie aber, wenn man nun aus dieſem Bilde die Zuͤge, die eigentlich und allein den morali⸗ ſchen Werth ausmachen, die Zuͤge von Gerech⸗ tigkeit, von Handeln aus Pflicht, aus⸗ loͤſcht, oder doch in den Hintergrund ſtellt? den gerechten Mann nur mitnimmt, im Grunde aber doch bloß den ſtandhaften Mann meint? die Guͤte der Handlung gelten laͤßt, aber 2. Theil. 11 8 162 Paͤchter Martin. zunaͤchſt doch nur die Groͤße, die ungewoͤhnliche Aeußerung von Kraft, oft ganz ohne Ruͤckſicht auf den beabſichtigten Zweck, oder doch ohne Ruͤckſicht auf einen moraliſchen Zweck, mit lautem Lobe bewundert? wenn man ein⸗ zelne Aeußerungen dieſer Kraft, einzelne Hand⸗ lungen fuͤr die Tugend ſelbſt nimmt, mit die⸗ ſen einzelnen Handlungen, die man vollbrachte, oder vielleicht erſt vollbringen will, ſich ſchon im Beſitze der großen Tugenden glaubt, und in dem ertraͤumten Beſitz es kaum der Muͤhe werth haͤlt, auch die kleinen alltaͤglichen Tugen⸗ den in Ausuͤbung zu bringen— ſo iſt man doch, auf das gelindeſte geſagt, in einem Wahne, der fuͤr die ſittliche Vervollkommnung, und ſelbſt fuͤr die Gluͤckſeligkeit des Menſchen wahrlich nicht unbedeutend iſt. Und dieſer Wahn iſt gemeiner als es manchem ſcheinen duͤrfte. „Aber ſollte nicht auch eine einzige große gute That, zu deren Vollbringung vorzuͤgliche Kraft, Muth, und Staͤrke des Willens erfordert wird, den Werth von tanſend andern alltaͤglichen Thaten — Zweyter Theil. 163 haben, die man mit aleaͤglichen Kraͤften verrich⸗ ten kann?“ Ich glaube das, unter gewiſſen Beſtimmunꝛ gen, ſelbſt. Nur moͤchte es uns oft ſchwer fal⸗ len, nach dieſem Mahſtabe die Groͤße einer That abzumeſſen. Dem einen wird etwas ſehr leicht, was dem andern ſchwer iſt, ohne daß man deßwegen im⸗ mer mit Zuverlaͤſſigkeit behaupten koͤnnte, daß der, dem es leichter wird, darum mehr Kraft habe, als der andere— vielleicht oft das Ge⸗ gentheil.„Ich ſah die ſanfte Weiblichkeit Laſten tragen, an denen der maͤnnliche Muth ermatten wuͤrde!“ Wer unterſchreibt dieſe Erfahrung*) nicht? Gewiß koſtet es manchem großen Manne Muͤhe und Anſtrengung, dem Feinde zu ver⸗ zeihen, an dem er ſich raͤchen konnte; und ich ſah gutmuͤthige, uͤbrigens aͤußerſt ſchwache Men⸗ ſchen, durch eine Thraͤne beſaͤnftigt, dem Feinde die Hand reichen. 1 Fuͤr ein gutes Tagelohn uͤbernahmen alltaͤg⸗ liche Menſchen Arbeiten, wobey ſie mehr Gefahr *) Vom Verfaſſer des Buchs: Ueber die Ehe. 164 Paͤchter Martin. fuͤr ihr Leben zu beſorgen hatten, als der Held in der Schlacht. Sie kannten die Gefahr, berei⸗ teten ſich wohl gar vorher zu ihrem Tode vor, und uͤbernahmen ſie dennoch. „So muß ich alſo bey Beurtheilung einer That Ruͤckſicht nehmen auf den Kampf, die An⸗ ſtrengung, den wirklichen Aufwand von Kraft, den ſie dieſem Handelnden koſtete.“ Wie aber kannſt du dieſes bey einer einzelnen iſolierten That eines andern?— Und je oͤfter er eine Art von Handlungen ausgeuͤbt hat, deſto mehr Fertigkeit erlangt er, deſto leichter werden ſie ihm. Iſt nun die That, die er zum erſten Male mit Kampf und Anſtrengung vollbrachte, groͤßer, oder die, die er zum zehnten Male mit Leichtigkeit thut? Du wirſt nach deinem Maß⸗ ſtabe die erſte That fuͤr groͤßer halten; und doch war ſie nur der erſte Schritt zur Tugend. Noch iſt es zweifelhaft, ob ſie auch nur der er ſte Schritt zur Tugend war, ob ſie gethan ward, weil ſie tugendhaft, weil ſie pflichtmaͤßig iſt? Unſtreitig muß man doch die Frage beſtimmt beantworten koͤnnen: warum jemand dieß that? wenn man den moraliſchen Werth ſeiner That Zweyter Theil.⸗ 165 abwaͤgen will, und wie kann man dieſes bey einer einzelnen That? Nimm eine eigentliche Heldenthat: Tap⸗ ferkeit in Gefahr, und noch beſtimmter, Tapferkeit im Kampfe fuͤr's Vater⸗ land. Der Soldat hat tapfer gefochten; aber er kann tapfer geweſen ſeyn, ohne Muth und Herzhaftigkeit. Seine Tapferkeit iſt ganz ver⸗ dienſtlos, wenn er nicht abſichtlich tapfer war, wenn er nicht vor der Schlacht ſchon entſchloſſen war, tapfer fechten zu wollen; und er konnte dieß gewollt und ſeinen Vorſatz ausgefuͤhrt haben, ohne daß ſeine Tapferkeit moraliſchen Werth haͤtte.— Verſuche nur Einmal die mannigfaltigen⸗ Bewegungsgruͤnde, Antriebe, Reitzungen, die den Soldaten, der jetzt mit Ehren aus der Schhlacht zuruͤckkehrt, zu ſeiner bewieſenen Tap⸗ ferkeit bewogen, angeſpornt, hingeriſſen haben koͤnnten, anzugeben. Er war tapfer, aus, mehr oder minder deut⸗ lich erkannter, Pflicht;— aus Ueberzeugung, daß er fuͤr die gerechte Sache ſtritt; 166 Paͤchter Martin. aus Liebe zum Vaterlande; aus Liebe zu ſeinem eigenen Herde und zu den Seinigen, die bey Unterjochung des Vater⸗ landes mit leiden wuͤrden; aus Liebe zu ſeinem Fuͤrſten— oder auch zu ſeinem Anführer; aus Rachſucht gegen Feinde, die ſeinen Mit⸗ buͤrgern— ſeinen Freunden— ſeinen naͤhern Verwandten wehe thaten; aus Ehrgeitz; aus Gewinnſucht, durch vorhergegangene, verſprochene, oder erwartete Belohnung gereitzt; aus politiſcher, oder religioͤſer Schwaͤrmerey; weil er die Gefahr nicht kannte; weil man ihm gegen den Feind Gering⸗ ſchaͤtzung, Verachtung eingefloͤßt hatte; weil ihm kurz vor der Schlacht ſein Anfuͤh⸗ rer oder ſein Prediger Muth einſprach; aus wirklicher Herzhaftigkeit, die er uͤberall in Gefahren beweiſet— mit oder ohne Ruͤckſicht auf die Sache, fuͤr welche er kaͤmpft; aus Lebensuͤberdruß— als ganz Ungluͤck⸗ licher; a us barbariſcher Mordluſt; Zweyter Theil. 167 als Maſchine, die ſich mechaniſch nach der Richtung hinbewegt, die ihr der Fuͤhrer gab, und jetzt eben in eine Richtung kam, wo ſie ihre Wirkung thun konnte; aus Furchtſamkeit, oder, wenn man lieber will, aus Verlegenheit, in perſoͤnlicher Ge⸗ fahr ſich ſeiner Haut wehren zu muͤſſen— aus Verzweiflung; erhitzt durch ſtarke Getraͤnke; aufgeſchreckt durch Drohungen und Strafe; hingeriſſen durch das Beyſpiel anderer; ermuntert durch Zuruf, durch Siegesgeſchrey, durch die Trommel; zur Rache entflammt durch den Freund, der neben ihm fiel;. in Wuth verſetzt durch das Getoͤſe der Schlacht. Du ſiehſt, daß Flechier's Bemerkung: „Ich habe Soldaten gekannt, die ſich recht brav in der Schlacht gezeigt hatten, und doch vor einem Aderlaß zuruͤck bebten!“ ſich erklaͤren laͤßt; und daß man ganz ohne Muth und ohne Herzhaftigkeit tapfer ſeyn kann. 168 Paͤchter Martin. Streiche jetzt aus dem gegebenen Verzeichniſſe der Tapfern alle die aus, welche es waren ohne es ſeyn zu wollen, welcher himmelweite Unter⸗ ſchied findet noch unter den uͤbrigen bey morali⸗ ſcher Wuͤrdigung ihrer Tapferkeit Statt! Fuͤr dieſelbe That, fuͤr welche der Edle, der aus er⸗ kannter Pflicht, und aus Liebe zum Vaterlande, ſein Leben zum Opfer brachte, die ſchoͤnſte Buͤr⸗ gerkrone verdiente, was verdiente der Unmenſch dafuͤr, der in der Schlacht ſeine Mordluſt befrie⸗ digte, ſeinen Blutdurſt ſtillte? Muß nun der moraliſche Werth der Handlun⸗ gen nach unſichtharen Gewichten, deren Gehalt wir nur bey Menſchen, die wir naͤher kennen, die wir oft handeln ſahen, nach Wahrſchein⸗ lichkeit beſtimmen koͤnnen, gewogen werden: wie willſt du uͤber den Werth einer einzelnen That, von welcher du nicht viel mehr weißt, als daß ſie gethan ſey, entſcheiden? Iſt's nicht wahr, was ein Menſchenbeobach⸗ ter ſagte: daß manche unſrer geprieſenen Thaten nicht viel mehr als ein Bonmot iſt, das oft zu laut beklatſcht wird— und wo zuweilen andere erſt einen Sinn hinein tragen, wovon der ehrliche 1 Zweyter Theil. 169 Mann, der es ausſprach, ſich wohl ſelbſt nichts traͤumen ließ? Fern ſey es von mir, Tugenden, zu deren Vollbringung ungewoͤhnliche Kraft, Muth, Selbſtverlaͤugnung, Aufopferung erfordert wer⸗ den, herab wuͤrdigen zu wollen— was man nur mit verkruͤppeltem Geiſte und Herzen wollen koͤnnte! Auch iſt es mir Grundſatz— wie es Grundſatz aller derer ſeyn wird, die ſich eigener Rechtſchaffenheit bewußt ſind; bey gleicher, oder auch nur nicht ſehr uͤberwiegender Wahrſchein⸗ lichkeit, eine That lieber fuͤr gut als ſchlecht zu halten, lieber edle als unedle Bewegungsgruͤnde voraus zu ſetzen. Ich verabſcheue die aus ein⸗ ſeitiger Menſchenkenntniß geſchoͤpfte Weltklugheit, die alle, auch die beſten Menſchenthaten aus unlautern Quellen ableitet, wie den grinzenden Neid und die kleinliche Eiferſucht niedriger See⸗ len, die an dem Verdienſte großer Menſchen nagen, und— was ſie freylich, um ſich mit ihnen meſſen zu koͤnnen, leichter finden ſie lie⸗ ber zu ſich herab ziehen, als ſich zu ihnen erheben wollen. Aber deßwegen werde ich doch auch nicht alles, was ſchwer wiegt und wie Gold ausſieht, 170 Paͤchter Martin. gleich fuͤr aͤches Gold, und nicht jede Aeußerung von Kraft fuͤr Tugend nehmen. Man kann mit geſetzwidriger Anwendung großer Kraͤfte ein deſto groͤßerer Boͤſewicht ſeyn, wie zum Beyſpiel der verabſcheuungswuͤrdige Catilina; und man kann große Kraͤfte geſetz⸗ maͤßig anwenden, ohne deßwegen die Achtung des tugendhaften Mannes zu verdienen, wie zum Beyſpiel der furchtbare Tilly.*) Sagt nun ſelbſt: ſollte es wohl ein unbedeu⸗ tender Irrthum ſeyn, wenn man Heldenthaten und Heldentugenden ſo oft verwechſelt, wenn man Groͤße der That ſo oft zum einzigen Maß⸗ ſtabe nimmt, wonach man den Werth der That, und wohl den ganzen Werth des Mannes *) Freylich kann man nicht ſagen, daß der ſchreckliche Tilly dem Moralgeſetze gemaͤß gehan⸗ delt habe— wenn er z. B. bey Magdeburg den Offizieren, die ihn baten, dem Sengen und Mor⸗ den Einhalt zu thun, kaltblütig und unmenſchlich antwortete:„Es hat noch Zeit! Kommt in einer Stunde wieder; ich werde dann ſehen, was ich thun werde.“— Aber der Staat, dem er diente, nannte doch ſeine Handlungen geſetzmaͤßig. Zweyter Theil. 171 abmißt?— Und wenn man nun dem Juͤnglinge von großen Anlagen fruͤh dieſen unrichtigen Maß⸗ ſtab in die Hand, ſeinen noch unentwickelten Kraͤften fruͤh dieſe falſche Richtung giebt, wenn man in dem Bilde des großen Mannes, den man ihm zum Muſter aufſtellt, gerade die Zuͤge, die allein ſeinen moraliſchen Werth ausmachen, aus⸗ loͤſcht, oder doch verdunkelt? wenn man ihm nur gegen ſolche Tugenden Hochachtung einfloͤßt, durch welche man Ruhm erwerben kann?— Will man ehrgeitzige ruhmſuͤchtige Menſchen erziehen, ſo kann man nicht zweckmaͤßiger han⸗ dein als ſo; aber auch nicht zweckwidriger, wenn man Verehrer der Tugend bilden will. Fragt die Erfahrung; ſeht ſelbſt, wie ſich eure Menſchen, die mehr nach Groͤße, als nach Guͤte ſtreben, im thaͤtigen Leben benehmen, wie ſie urtheilen, wie ſie handeln? Es iſt zum Erſtaunen, welche ſchiefe Begriffe viele unter ihnen ſelbſt mit denen Tugenden, denen ſie, nach ihrer ſtolzen Ausſage, gehuldigt haben, zu verbinden pflegen, und wie jaͤmmerlich ver⸗ kruͤppelt ſie ſolche in der Ausuͤbung darſtellen. 172 Paͤchter Martin. Ich habe Menſchen kennen gelernt, welche alles, was andern Menſchen heilig iſt, ohne Ausnahme und ohne Schonung als Pfaffenbetrug verlachten, und ſelbſt uͤber malſche gute Sitte, oft uͤber wahre Tugenden, zum Beyſpiel uͤber Schamhaftigkeit, Unſchuld, Keuſchheit ſpotteten, als uͤber Poͤbelwahn— und das nannten ſie Er⸗ habenheit uͤber die gewoͤhnliche Denk⸗ und Hand⸗ lungsart gemeiner Menſchen. Ich ſah andere, denen niemand etwas zu Danke machen konnte, die alles, was ſie nicht ſelbſt thaten, tadelten, keine Geſetze uͤber ſich erkennen, ſich in keine Ordnung fuͤgen wollten, die Pflichten ihres Amtes vernachlaͤſſigten— und die das hohen Freyheitsſinn und edle Frey⸗ muͤthigkeit nannten. Noch andere handelten ganz ohne Ueberle⸗ gung, beharrten, auch ſelbſt von ihrem Irr⸗. thum oder ihrem Unrecht uͤberzeugt, mit Eigen⸗ ſinn und Hartnaͤckigkeit auf ihren Meinungen, fuhren fort, Trotz dem erkannten Beſſern, das Schlechtere zu thun— und hielten dieß fuͤr Ent⸗ ſchloſſenheit, fuͤr Feſtigkeit des Charakters. ——— Zweyter Theil. 173 Leute, die verwegen und tollkuͤhn, wider Beruf und Pflicht, ſich in Gefahren ſtuͤrzten, duͤnkten ſich muthvoll und herzhaft; und die mei⸗ ſten gaben Geſchwaͤtz fuͤr Thaten, ſprachen nur immer von Engelthaten, ohne irgend ein Mal eine ſchoͤne Menſchenthat vollbracht zu haben. In einer Geſellſchaft von ſolchen Menſchen wurde uͤber Freundſchaft geſprochen, und die Frage aufgeworfen:„Wenn mein Freund ein ſtrafwuͤrdiges Verbrechen begangen haͤtte, und der Staat von mir, der ich ſeinen verborgenen Auf⸗ enthalt wuͤßte, ſeine Auslieferung forderte, mit der Drohung: mich als den Verbrecher mit dem Tode zu beſtrafen, wenn ich dieß verweigerte;— ob ich dann meinen Freund ausliefern, oder lie⸗ ber fuͤr ihn leiden, und, wenn man unmenſchlich genug waͤre, die Drohung auszugiiren, fuͤr ihn ſterben muͤſſe?“ Ehre, Ehre dem Manne, der fuͤr ſeinen Freund ſtirbt! ruften meine Hel⸗ den. Nun ja; ich ſinde die That auch groß; aber war ſie auch recht? Darf man es als moraliſchen Grundſatz annehmen, daß jeder ſo handeln ſolle? 174 Paͤchter Martin. „Raht?— nun das moͤgen kalte Buͤcher⸗ menſchen unterſuchen. Der edle Mann handelt, und jedes Herz, das die Gottheit adelte, klopft ihm Beyfall.“ Bewundern werden wir ihn, wie man jedes Große bewundert— womit aber nicht noth⸗ wendig Billigung und Hochachtung ver⸗ bunden iſt. Doch zugegeben: ſelbſt hochachten werde ich den Mann, der ſo handelt, in wie fern er das, was er fuͤr Recht hielt, mit Anſtrengung vollbrachte. Aber war es deßwegen Recht, was Er fuͤr Recht hielt? Kann die Vernunft— Man unterbrach mich ſtuͤrmiſch. Von pruͤ⸗ fender Vernunft und Recht wollten meine Helden nichts wiſſen. 4 Du meinſt, es ſey in dieſer Schwaͤrmerey, wenn auch Schwaͤrmerey, doch etwas Schoͤnes und Edles. Das meinen mehrere; aber es kann doch unmoͤglich ſchoͤn und edel genannt wer⸗ den, der Vernunft in's Angeſicht Hohn zu ſpre⸗ chen, und die Frage: Was iſt Recht? als eine unbedeutende Nebenſache anzuſehen. Wir bleiben zu oft bey der Wahrnehmung ſtehen: Hier iſt Zweyter Theil. 175 große Anlage!— hier ein ſchaͤumender Moſt, aus welchem ein trefflicher Wein werden kann! Aber eben durch ſein wildes Schaͤumen beweiſet er, daß er noch nicht iſt, was er werden koͤnnte und ſollte. Bewahret ihn, daß er nicht vor der Zeitigung das Gefaͤß zerſprenge! Auch iſt nicht alles was ſchaͤumt edler Weingeiſt— und von einer enthuſiaſtiſchen Rede gilt der Schluß auf Faͤhigkeit zur enthuſiaſtiſchen That nicht immer. Jene Helden, die einen Pythias und einen Py⸗ lades in der Freundſchaft weit hinter ſich laſſen wollten, erfuͤllten ihren Freunden in der Wirk⸗ lichkeit oft auch nicht einmal die alltaͤglichſten Pflichten der Freundſchaft. Und dieß iſt eben die traurigſte Erfahrung, die ich dir in dem Kapitel uͤber Menſchen⸗ liebe ſchon mitgetheilt habe, und die du in Zu⸗ kunft nur allzu oft ſelbſt zu machen Gelegenheit haben wirſt. Was Großes oder gar nichts! iſt die Loſung; und leider bleibt's gewoͤhnlich beym letztern. Hohe Berge will man uͤberſteigen, und ermattet beym kleinſten Huͤgel. Außerordentliche Dinge will man zu Stande brin⸗ gen, ohne zur Befoͤrderung des beſſern Ganges 176 Paͤchter Martin. der ordentlichen Dinge eine Hand zu bewegen. Wie ſollten ſie denn auch, die Maͤnner mit Rie⸗ ſenkraͤften, dieſe Kraft an Kleinigkeiten verſchwen⸗ den, die tauſend andere gemeine Menſchen auch thun koͤnnen, und— was die Hauptſache iſt— die nicht bemerkt werden! Denn das faͤllt doch in die Augen, daß ihre eingeſchraͤnkte Moral nothwendig zum Ehrgeitz fuͤhrt und auf Ehrgeitz gegruͤndet iſt. Und glaubt doch ja nicht, daß ſie, mit und durch ihren Ehrgeitz, wenig⸗ ſtens von jenen großen Tugenden deſto ſtandhaf⸗ kere und thaͤtigere Verehrer ſeyn werden. Ehre iſt ihnen Zweck, Tugend Mittel. Es giebt ja aber mehrere Mittel, die zu demſelben Zwecke fuͤhren. Was kuͤmmert es ſie am Ende, auf wel⸗ chem Wege ſie zu ihrem Zwecke gelangen, da es ihnen ja ohnehin nicht eigentlich um die Tugend felbſt, ſondern um Thaten, die man fuͤr Tugend haͤlt, zu thun war! Koͤnnen ſie andern ſcheinen, was ſie ihnen ſcheinen wollen— nun ſo haben ſie ja ihren Zweck erreicht. Mag es doch nur leerer Schein ſeyn: was ſchadet es, wenn ihn alle andere um und neben ihnen fuͤr Wahrheit halten! Darauf koͤnnt ihr euch verlaſſen, in 4 kur⸗ Zweyter Theil. 177 kurzen uͤberreden ſie ſich ſelbſt, daß es Wahr⸗ heit ſey. Warum ſollten ſie geringer von ſich denken als andere?— Koͤmmt Ehrgeitz mit in's Spiel, ſo duͤrfen wir es immer fuͤr ziemlich ausgemacht annehmen, daß es dem Menſchen mehr um's Scheinen als um's Seyn, mehr um das Lob als um die lob⸗ wuͤrdige That zu thun ſey. Es iſt kein aͤrgerer Tyrann, und zugleich kein groͤßerer Sophiſt, als der Ehrgeitz. Miſcht er ſich Einmal in unſere Handlungen ein, ſo laͤßt er ſich gewiß nie mit der zweyten Rolle begnuͤgen; er thut alles, und giebt ſich das Anſehn, nichts gethan, hoͤchſtens ein wenig mit eingewirkt zu haben; macht uns zu Betriegern, und haͤlt zu derſelben Zeit unſrer Rechtſchaffenheit eine Lobrede. Vie oft iſt man aus S tolz demuͤthig, ver⸗ meidit Auffehen zu machen um Aufſehen zu mayen, ſchlaͤgt Ehrenbezeigung aus aus Ehegeitz, tritt, wie weiland Diogenes, die Eitelkeit mit Fuͤßen aus einer andern Art vor Eitelkeit.— Warum fehlt in dem gewoͤhnlichen Verzeich⸗ niſe geprieſener Heldentugenden die Geduld 2 Theil. 12 d 178 Paͤchter Martin. entweder ganz, oder muß ſich doch mit dem zwey⸗ ten, dritten Range begnuͤgen? Gehoͤrt weniger Kraft dazu, ein ungluͤckliches Leben, das allen Reitz fuͤr uns verloren hat, ſtandha aft zu ertra— gen, als dazu, einem ruhmvollen Tode muth: voll entgegen zu gehn 7 weniger Kraft dazu, bey unverdienter Schmach ſie aufrecht zu erhal⸗ ten, als, Ehre im Kampfe mit Gefahren zu verdienen? weniger Kraft dazu, bey dem Drucke wirklich gefuͤhlter Leiden nicht zu erliegen; als Leiden, deren Schwere man noch nicht aus Erfahrung kennt, uͤbernehmen zu wollen? Nach meiner Erfahrung iſt es ſchwerer, feſten Muth im Leiden und Dulden, beſonders bey anhaltenden Leiden, zu beweiſen, als eine That zu thun, wozu, wenn gleich große, doch auch kurze Anſtrengung unſrer Kraͤſte er⸗ fordert wird. Ich wenigſtens habe es inmer 3 fuͤr leichter gehalten, eine ausgezeichnet goße That, ſelbſt mit Aufopferung— in der Stunde des Enthuſiasmus zu vollbin⸗ gen, als im traͤgen kalten Gange des alltali⸗ chen Lebens nur Wochen lang die kleinrn * Zweyter Theil. 179 Pflichten durchaus tadellos zu erfuͤllen— keine Liebloſigkeit, keine uͤbereilende Hitze, keinen unfreundlichen Spott, keine muͤrriſche Unzufrie⸗ denheit ſich zu Schulden kommen zu laſſen; fuͤr leichter, Trotz allen Drohungen und Ge⸗ fahren, die gerechte Sache muthig zu verthei⸗ digen, als ſelbſt Unrecht zu leiden; fuͤr leichter, den beſiegten Feind mit Wohlthaten zu uͤber⸗ haͤufen, als ſeinen kleinſten Triumph ohne Neid und Mißgunſt zu ertragen:— ſo wie ich mich auch immer bey großem Ungluͤck, das ſich gleich als ſolches ankuͤndigte, wo ich mich dann zuſam⸗ mennahm und meine ganze Kraft aufbot, un⸗ gleich beſſer und ſtandhafter betragen habe, als bey den kleinern Unannehmlichkeiten des Lebens, bey den kleinern Neckereyen des Gluͤcks, die mich oft aus aller Faſſung brachten. Vergl. N. XXV. S. 197. des erſten Bandes. Nittelmaͤßige Kraͤfte werden durch Enthu⸗ ſiasmus erhoͤht; er ſammelt ſie auf Einen Punkt, heftet den Blick des Menſchen auf Ein Ziel, laͤßt uns Gefahren uͤberſehn, beſtreut Graͤber mit Roſen— was iſt dem Menſchen im Enthu⸗ 180 Paͤchter Martin. ſiasmus unmoͤglich! Aber welcher Enthuſiasmus erloͤſcht nicht in anhaltenden Leiden?— Welche innere ſelbſtſtaͤndige Kraft wird zur ſtandhaften Ertragung großer anhaltender Leiden erfordert! Allein— die Anſtrengung dieſer Kraft wird weniger bemerkt. Die Helden wollen bemerkt ſeyn! „Geduld, ſagte einer dieſer ſeyn wollenden Helden, gehoͤrt fuͤr's Weib; der Mann kaͤmpft dem Ungluͤck mit Muth entgegen!“ Richtig! mit Muth; nur nicht mit Un⸗ muth! Verwechſelt doch nicht Winſeln und Wehklagen mit ruhiger Erduldung nothwendi⸗ ger Leiden, die nun Einmal mit Gewalt nicht abgeſchuͤttelt werden koͤnnen. Das gemeine Weib winſelt, und wehklagt; mit Unmuth flucht und tobt der gemeine Mann— beide ſind gemeine Menſchen. Wer weder durch Klage noch durch Unmuth ſich und den Seini⸗ gen die Laſt erſchwert, im Ungluͤck ſeinen Glau⸗ ben an Gott und Tugend nicht verlaͤugnet, und den Muth nicht ſinken laͤßt, im Leiden noch Pflichten anerkennt und ausuͤbt— der beweiſet Zweyter Theil. 181 wahrlich Tugend, die den Mann ſo wohl als das Weib adelt.— O% der unmaͤnnlichen Eitelkeit, die mit der Tugend ſelbſt Prunk treiben will, und die ſtille anſpruchloſe Tugend verſpottet! Spoitet ja nicht uͤber weibliche Tugend, ihr moͤchtet beym Vergleich vielleicht verlieren. Nehmt das Be⸗ merktwerden, nehmt die Ruhmſucht weg, wie manche eurer Thaten, worauf ihr ſo ſtolz ſeyd, wuͤrde ungethan bleiben. Das Weib han⸗ delt im Stillen, hat fuͤr die Erfuͤllung ihrer, oft ſo ſchweren, Pflichten nur den Beyfall ihres Gatten— wenn anders dieſer Sinn dafuͤr hat— und den Beyfall ihres eigenen Herzens zu erwarten. Liebe vermag bey ihr mehr als bey dem Manne Ruhmſucht. Dieſe ſtille ge⸗ raͤuſchloſe Tugend des Weibes, die ſo ganz, und ſo ohne allen Anſpruch, fuͤr den Kreis ihrer Lieben lebt, ſollte ſie nicht die innigſte Hochachtung verdienen? Sollte nicht mancher Mann, dem ein edles tugendhaftes Weib zu Theil ward, mit Leſſings Odoardo ſagen: Es iſt doch wahr, das Weib iſt die Krone der Schoͤpfung! 182 Paͤchter Martin. Sohn, es war eine Zeit, wo auch mir der Ausdruck von Kraft mehr als der von morali⸗ ſcher Guͤte galt. Ich bin freyer geworden, und ich habe anders, ich hoffe richtiger, uͤber den Werth des Menſchen und der menſchlichen Handlungen urtheilen gelernt— gewiß nicht ganz ohne Gewinn fuͤr eigene Moralitaͤt. Menſchen, die ich ſonſt uͤberſah, Handlungen, die ich kaum fuͤr bemerkenswerth hielt, ſind mir jetzt aͤußerſt wichtig. Ich fand einſt meinen Freund Walter in einem kleinen Streite mit ſeiner Frau, weil ſie die Zeitung nicht geſchwinde genug abgeſchickt hatte. „Aber,“ ſagte ſeine Frau,„ſie iſt ja nur zwey Stunden uͤber die gewoͤhnliche Zeit liegen geblie⸗ ben; der Accisrath, von dem wir ſie erhal⸗ 1 ten, laͤßt ſie ja oft ganze Tage liegen.“ „Da thut der Accisrath nicht recht. Es war feſte Verabredung: keiner ſollte ſie uͤber zwey Stunden behalten; und unſere Nachfolger üͤberließen uns das fruͤhere Leſen nur unter der weiter befoͤrderte, ſo— Zweyter Theil. 183 Bedingung. Ich habe dir das geſagt, und doch ſchon 3 zweyten Male bloß aus Nachlaͤſſig⸗ keit— „Ey nun, ich dachte, weil's bey dieſer Zei⸗ tung nicht aufgeſchrieben wuͤrde, wann ſie jeder 4„ 3 „Stille, liebes Weib, das tonnteſt du un⸗ moͤglich denken, daß man ein muͤndlich gegebe⸗ nes Wort weniger halten muͤſſe als ein ſchrift⸗ liches.“ Ich lachte damals uͤber die, wie mir es ſchien, uͤbertriebene Ordnungsliebe meines Freundes. Aber es war nicht bloß Ordnungsliebe, es war zugleich die ſtrengſte Gerechtigkeitsliebe, die mein Freund im Kleinen wie im Großen bewies, und die mir ihn jetzt noch ehrwuͤrdig macht.— Du weißt, wie viel ich auf unſern braven Hunold halte. Er erwarb ſich meine Freund⸗ ſchaft durch eine ſchoͤne, und gewiß zugleich große That kindlicher Liebe. Er war der Sohn eines armen Bauers, und liebte die Tochter ſeines wohlhabenden Nachbars⸗ 184 Paͤchter Martin. Roͤschen liebte ihn wieder, und ihre Aeltern wollten ſie ihm geben, wenn er, aber ohne ſeinen armen kranken Vater, zu ihnen ziehen, und ihre Wirthſchaft uͤbernehmen wollte. Nein, ſagte der brave Hunold, das kann ich nicht. Wer wird ſich meines alten kranken Vaters annehmen, wer wird ihn pflegen und warten, wenn ich ihn verlaſſe? Da mußte Roͤschen einen andern nehmen, und Hunold war lange untroͤſtlich; aber er ließ es ſeinen Vater nicht merken, verbarg ihm ſogar Roͤs⸗ chens Verheirathung, und hielt aus in der geduldigſten, zaͤrtlichen Verpflegung des kranken Nannes bis an ſeinen Tod. Wie manche That, welche die Geſchichte verewigte, duͤrfte, gegen dieſe gewogen, zu leicht geſunden werden!— Ich brauche dir es nicht zu wiederholen, wie ſehr ich es billige, daß man Thaten der Groͤße, des Muths, der Selbſtverlaͤugnung, der Auf⸗ opferung, in der Geſchichte vor allen andern aushebe; daß man unſern ſchlaffen und ſelbſt⸗ ſuͤchtigen Menſchen durch jene Beyſpiele zeige, wie viel der Menſch vermag; daß man dadurch 4 Zweyter Theil. 185 den Traͤgen ermuntere, den Muthloſen aufrichte: nur mache man ſie dabey mehr auf moraliſchen Werth, als auf bloße ſchimmernde Groͤße, auf⸗ merkſam; laſſe ſie das ſtille Verdienſt nicht uͤber⸗ ſehen; bilde nicht Sklaven des Ehrgeitzes fuͤr Tugendverehrer, nicht Menſchen, denen es mehr um den Beyfall anderer, als um den Beyfall ihres eigenen Herzens zu thun iſt! Sey du mißtrauiſch gegen deine Tugend, wenn ſie Geraͤuſch liebt, gern in vollen Ver⸗ ſammlungen handeln, Aufſehn machen, gelobt werden will! Sey du entſchloſſen, uͤberall und immer zu thun, was recht iſt. Der iſt nicht tugendhaft, der in Erfuͤllung ſeiner Pflichten abſichtlich Aus⸗ nahmen macht, der nur einzelnen Tugenden hul⸗ digt und andere vernachlaͤſſigt. Und wer um einzelner großer Thaten willen, die er vollbrachte oder vielleicht noch vollbringen will, ſich im taͤg⸗ lichen Leben pflichtwidrige Handlungen erlaubt, der meint nicht die Tugend, ſondern die Ehre! Wer im Kleinen aus Grundſatz getreu iſt, der iſt's gewiß auch im Großen. 136 Paͤchter Martin. Feſt entſchloſſen zu ſeyn, jede erkannte Pflicht zu erfuͤllen, ſo theure Opfer ſie auch fordern mag, dieß allein iſt wahre Erhabenheit des Geiſtes— moraliſcher Heldenſinn, dadurch allein erwerben wir uns moraliſche Wuͤrde, die nicht des Bey⸗ falls der Menge bedarf!““ Zweyter Theil. 187 — XIII. Ueber Tugend und Lebensweisheit.*) „„Drey⸗ Juͤnglinge, alle drey mit Anlagen einſt geſchickte brauchbare Maͤnner zu werden, gingen auf die Univerſttaͤt, um ihre Anlagen dort zu entwickeln, ihre Kenntniſſe zu vermeh⸗ ren; machten aber von der ſchoͤnen Zeit der Vorbereitung zum kunftigen thaͤtigen Leben ſehr ungleichen Gebrauch. „Ich will meine Jugend genießen!“ ſagte der eine, ſuchte den Genuß in taͤglichen Geſell⸗ ſchaften froher Bruͤder— und vergaß das Stu⸗ dieren. „Nein!“ ſagte der andere,„ich bin hier um zu lernen! Weg mit allen Zerſtreuungen und *) Ich wuͤnſche, daß man dieß als Einleitung, zu allen denen Kapiteln, in welchen von Zu frie⸗ denheit und Lebensgenuß gehandelt wird, betrachten moͤge. 4 188 Paͤchter Martin. Vergnuͤgungen, die mich von meinem Studieren abhalten koͤnnten!“ Er arbeitete vom Morgen an bis in die ſpaͤte Nacht, ohne an irgend einem Vergnuͤgen Theil zu nehmen. „Wahr;“ ſagte der dritte,„ich bin hier um zu lernen. Das will ich auch, will alles ver⸗ meiden, was dieſem Zwecke entgegen waͤre, will meine Zeit gewiſſenhaft anwenden. Das kann ich ja aber, ohne deßwegen allem Lebensgenuß zu entſagen; und wie wuͤrde ich auch ununter⸗ brochene Anſtrengung aushalten? Man leiſtet offenbar im Ganzen mehr, wenn man zu rech⸗ ter Zeit ausruht, um neue Kraͤfte zu ſammeln; man macht beſſer, was man froh und wohlge⸗ muth thut!“ Er handelte dem was er ſagte gemaͤß, und kam geſund an Leib und Seele, und mit wohl geordneten Kenntniſſen bereichert, in ſein Vaterland zuruͤck. Der erſte ward unbrauchbar fuͤr die Welt aus Mangel an Kenntniſſen; der zweyte nicht minder aus Mangel an Geſundheit; nur der dritte erreichte das Ziel. Dem erſten gleichen unſere Weltmenſchen, die bloß fuͤr die Erde, bloß fuͤr den Augenblick gZweyter Theil. 189 ihres gegenwaͤrtigen Daſeyns leben; dem zwey⸗ ten die religioͤſen und moraliſchen Schwaͤrmer, welche um des Himmels willen die Erde vergeſſen, und bey dem ſtarren Hinblicke nach dem Ziele den Weg uͤberſehen, der zum Ziele fuͤhrt— und welche die Grenzen der Menſchlichkeit uͤberſprin⸗ gen wollen. Sohn, gleiche du dem dritten! Mit froher Ueberzeugung hoffe ich nun, nach⸗ dem du richtige Begriffe uͤber deine Beſtimmung als Menſch, als moraliſches Weſen, erlangt, und nun alle deine Schickſale, Gluͤck und Ungluͤck, Freude und Schmerz, in Ruͤckſicht auf dieſe Be⸗ ſtimmung zu denken gelernt haſt; da du nun weißt, daß du nie zwecklos leiden wirſt, daß deine Leiden dich veredeln ſollen, daß dieſe Ver⸗ edlung vielleicht ſchon hier, gewiß einſt dort, „wo Gott Gluͤck und Tugend gegen einander gleich wiegt,“ deine hoͤhere Gluͤckſeligkeit befoͤr⸗ dern wird; von dir, der du mich nun verſtehſt, wenn ich nicht in die gewoͤhnlichen, an ſich ſchon unmoͤglichen, und wahrlich nicht wohl durchdach⸗ ten Wuͤnſche von ununterbrochenem Lebens⸗ gluͤck einſtimme; der du den Vater in mir nicht verkennſt, wenn ich dir nicht wuͤnſche, daß dein 190 Paͤchter Martin. Lebensweg immer uͤber Roſen gehen moͤge;(ich habe unter den Lieblingen des Gluͤcks nur ſelten einen Menſchen gefunden, der ſich uͤber das All⸗ taͤgliche erhoben hatte!)— von dir hoffe ich jetzt mit Ueberzeugung; daß du nie die Tugend zum bloßen Mittel zur Gluͤckſeligkeit herabwuͤrdigen, aber auch nicht graͤmliche Unzufriedenheit fuͤr Tugend halten, ſondern es vielmehr als Pflicht anſehen werdeſt, ſo viel nur moͤglich zufriednen Sinn, und frohen Muth zu erhalten— eben weil dir dadurch die Ausuͤbung deiner uͤbrigen, ſelbſt der ſchwerſten Pflich⸗ ten erleichtert wird. Daß die Tugend mit der Zufriedenheit nicht geradezu im Widerſpruch ſtehe, ſie vielmehr oft befoͤrdere, erkennſt du ſchon daraus, daß der Tu⸗ gendhafte, und nur er allein, im Stande iſt, unter dem Drucke der Leiden ohne muͤrriſche Klage der Unzufriedenheit auszudauern, in wie fern er dieſe Leiden als wohlthaͤtige Mittel zu ſeiner Veredlung anſieht.—— Daß hingegen durch Truͤbſinn und Unzu⸗ friedenheit jene moraliſche Veredlung mehr erſchwert und verhindert, als erleichtert und Zweyter Theil. 191 befoͤrdert werde, das lehre dich Menſchenkennt⸗ niß und Erfahrung. Muth, hoher Muth wird zum Kampf der Tugend erfordert; und nichts ſchwaͤcht dieſen Muth mehr als Truͤbſinn und Unzufriedenheit.*) *)„Ich halte nichts von Truͤbſinn und Traurigkeit;“ ſagt Montaigne,„ich kann ſie nicht leiden, ob ſich's die Welt gleich in den Kopf geſetzt hat, als ob's ein abgeredter Handel waͤre, ſie mit beſonderer Gunſt zu beehren. Sie beklei⸗ det damit die Weisheit, die Dugend, das Ge⸗ wiſſen. Es iſt ein dummer alberner Schmuck! Die Italiener haben weit geziemender die ſchalk⸗ hafte Buͤberey mit dieſem Namen getauft; denn es iſt allemal eine ſchaͤdliche, narriſche Art und Weiſe.“ Herr Bode macht hierbey(in der neuen trefflichen Ueberſetzung der Gedanken und Meinungen uber allerley Gegenſtaͤnde, von Mon⸗ taigne,) die Anmerkung:„So wie die Italiener, nach Beobachtung der Sitten und Charaktere, einen hinterliſtigen Schelm in der affektierten Traurigkeit gefunden haben, und von einem ſol⸗ chen ſagen: é6 un tristo; ſo meinen wir Deut⸗ ſchen auch bemerkt zu haben, daß ein Menſch, der immer den Kopf, als vor Traurigkeit, ſchlaff 192 Paͤchter Martin. Verliere nie das hohe Ziel deiner Beſtimmung aus dem Auge, und ſcheue keine Muͤhe, keinen Kampf, keine Gefahr, um es zu erreichen! Dein Weg wird dich oft uͤber Dornen fuͤhren; ſey es wenn er dich nur zum Ziele fuͤhrt. Vermeide jeden NRebenweg, waͤre er auch noch ſo reitzend, wenn er dich von deinem Ziele abfuͤhrt. Aber hier und Roſe entgegen bluͤhen; uͤberſieh ſie nicht! Du wirſt zuweilen auch guten Weg, ſchoͤne Gegend, freyere Ausſicht finden; genieße ſie, ſammle Muth und neue Kraͤfte, um, wenn du viehleicht bald 3 da wird dir auch auf geradem Wege zum Ziel eine b wieder durch rauhere Gegenden muͤßteſt, nicht zu ermatten. Der Kaͤmpfer, der den Muth verliert, iſt ſchon beſiegt. Nichts aber druͤckt den Muth tiefer nieder, als Gram und Truͤbſinn „Den Knaben, den du zum Mann erziehen willſt, mußt du fruͤh gewoͤhnen, Muͤh und Ar⸗ beit zu ertragen, mußt ihn uͤben in der Geduld und Selbſtverlaͤugnung!“ Eine haͤngen laͤßt, nicht weit vom Schelme entfernt ſey. Das wollen wir durch die Namen Kopfhaͤnger, oder trauriger Patron, andeuten.“ Zweyter Theil. 193 Eine weiſe Vorſchrift! Aber ein unweiſer Er⸗ zieher machte die falſche Anwendung davon, daß er ſeinen Zoͤgling ſklaviſch arbeiten ließ, Erholung und Vergnügen verſagte, alle Heiterkeit aus ſei⸗ nem Angeſichte, und endlich auch aus ſeiner Seele verdraͤngte— Aus dem armen verſtimmten Knaben wurde nie ein Mann! Wie kann man von dem verſtimmten, uͤbel gelaunten, truͤbſinnigen, unzufriedenen Menſchen erwarten, daß er, beſonders im alltaͤglichen Le⸗ ben— als Gatte, Vater, Freund— ſeine Pflichten erfuͤllen werde? Wie wird er ſchonend, duldend, liebreich, gefäͤllig gegen andere ſeyn— er, der mit ſich ſelbſt unzufrieden iſt? Aus Pflicht alſo ſtrebe darnach, dir, ſo viel nur immer moͤglich, Heiterkeit und frohen Muth zu erhalten. Erwirb dir ſo viel du kannſt, Lebensweisheit— nothwendige Leiden ge: duldig und ſtandhaft zu ertragen, und des Lebens Freuden weiſe zu genießen— in wie fern ſie Mit⸗ tel iſt, deinen großen Zweck, moralt ſche Ver⸗ edlung, ſichrer zu erreichen. Wichtig ſey dir, um jenes großen Zwecks willen, alles, was dazu beytragen kann, dich zufriedener zu machen. 2. Theil. 3 13 194 Paͤchter Martin. „Wer zur Zufriedenheit forderte, daß wir ganz ohne Wuͤnſche ſeyn ſollten, forderte freylich etwas ſchlechterdings Unmoͤgliches und ſogar Schaͤdliches. Ohne alle Wuͤnſche wuͤrde der edelſte Trieb der Thaͤtigkeit erſchlaffen, die Quelle der reinſten Freuden verſiegen, und die Welt in toͤdtliche Schlafſucht verfallen. Wir, nach deren Ueberzeugung Thaͤtigkeit im Himmel wie auf Er⸗ den ein nothwendiges, unentbehrliches Mittel iſt, um gluͤckſelig zu leben und immer beſſer zu wer⸗ den— wir wollen den Menſchen nichts entreißen, was ihnen Bewegungsgrund zum thaͤtigern Ge⸗ brauch ihrer Kraͤfte werden kann; wollen ihnen alſo immerhin ihre Wuͤnſche fuͤr die Zukunft laſ⸗ ſen, und ihnen nur den freundſchaftlichen Rath ertheilen: nicht unweiſe, nicht unmaͤßig, nichts Unmoͤgliches, und das Moͤgliche nicht zu heftig zu wuͤnſchen, nicht die Erreichung eines Wun⸗ ſches zur nothwendigen Bedingung ihrer Gluͤck⸗ ſeligkeit zu machen, uͤber dem gewuͤnſchten Guten nicht das Gute zu vergeſſen, das ſie haben— dulden, entbehren und genießen zu lernen!““ Die Geſellſchaft der freyen Maͤnner. Eine Beylage zum Paͤchter Martin und ſein Vater. Vorrede. Nun habe ich woͤchentlich einige frohe Stunden weniger, und die Stadt hat ihren ſchoͤnſten Reitz fuͤr mich verloren!— Ich war Mitglied der Geſellſchaft freyer Maͤnner, die nun eingegangen iſt. Zwey der thaͤtigſten Maͤnner entriß uns der Tod; drey andere, und unter dieſen unſer von Mx, die Seele der Geſell⸗ ſchaft,(der Himmel gebe ihm einen guten Abend, dem lieben frommen M**, dem wir ſo manchen guten Abend zu verdanken hatten!) wurden in's Ausland befoͤrdert; und nun iſt uns andern Muth und Luſt vergangen, das zerſtuͤckelte Werk fort⸗ zuſetzen. Aber es iſt Schade, Schade fuͤr uns und Schade fuͤr die Stadt!— Das letzte klingt freylich etwas ſtolz, aber es iſt doch wahr, 198 Paͤchter Martin. und ich darf es ſagen; denn ich that ja das wenigſte dabey. Manche wohlthaͤtige Einrichtung waͤre gewiß nicht zu Stande gekommen, manches Gute gewiß nicht geſchehen, wenn die Geſellſchaft freyer Maͤnner nicht geweſen waͤre. Ich habe zwiefach Urſache an dieſe Geſellſchaft mit Dank zuruͤck zu denken, denn ich habe viel dabey gelernt. Das war wohl weniger der Fall bey meinen Freunden, die ein gut Theil mehr wußten als ich— es waren faſt lauter ſtudierte Leute; aber ich habe viel gelernt. Kurz, ich traure um die Geſellſchaft der freyen Maͤnner, wie man um einen lieben Verſtorbenen trauert, der uns viel Gu⸗ tes that, noch mehr verſprach, und nun mitten in der Bluͤthe ſeines Lebens uns entriſſen ward. Ich*) bin nicht fuͤr ſchoͤne Leichenſteine und Grabſchriften;— lieber Gott! ſie luͤgen gar zu oft!— bin auch zu arm, um ſchoͤne Lei⸗ *) Beym Ueberleſen faͤllt mir's auf, daß das Wörtchen ich in wenigen Zeilen zu oft vorkoͤmmt; und das ſoll nicht huͤbſch laſſen, weil es zu ruhm⸗ — Zweyter Theil. 199 chenſteine mit Grabſchriften errichten zu koͤnnen: aber ein paar Blumen moͤchte ich meinem lieben Todten doch auf's Grab ſtreuen, ſo gut ſie in meinem kleinen Garten wachſen, nicht durch Kunſt und Treibhaus geſchmuͤckt, geſchminkt und verzaͤrtelt. „Nimm meinen Dank fuͤr viele frohe Stun⸗ den, die keine Reue truͤbte; fuͤr manches Freu⸗ denmahl, das ich in der Zuruͤckerinnerung zum zweyten Male genoß; fuͤr manche gute Lehre, die du, ohne ſtrenge Amtsmiene, mit liebem freund⸗ lichen Geſichte gabſt, und fuͤr jede gute Gele⸗ genheit, wo auch ich mein Scherflein zur Summe des Guten, das meine Freunde thaten, beytra⸗ gen konnte!“ Man ſpricht gar zu gern von ſeinen lieben Todten, moͤchte gar zu gern auch andern den Freund, der uns im Leben theuer war, und, wie es dann zu gehen pflegt, uns im Tode noch redig klingt. Aber es war Einmal mit den andern Worten ſo verſchlungen, daß ich's nicht fuͤglich heraus zu bringen wußte, ohne die Nebenfaͤden zu verletzen. 200 Paͤchter Martin, Einmal ſo theuer wird, recht kenntlich machen, auf daß ſie ihn mit uns lieben, mit uns um ihn weinen, oder doch unſere Thraͤnen billigen moͤgen. Laßt mich ein gleiches thun. Freylich pflegt bey einer ſolchen Gelegenheit viel Menſchliches mit unter zu laufen. Man lobt, wo man nur erzaͤhlen wollte, und lobt, was andere koum des Erzaͤhlens werth finden; wird redſelig, wie die lieben Muͤtter, wenn ſie von dem lieben Soͤhnchen ſprechen, und ſieht Vortrefflichkeit, wo andere mit geſunden Augen nur und kaum gemeines Gut erkennen koͤnnen. So was haäͤlt nun der Menſch dem Menſchen gern zu Gute, und freut ſich, daß es ſo iſt; denn es iſt ein Meiſterſtuͤck, das die Natur da gemacht hat! Aber das berechtigt uns doch nicht zu for⸗ dern, daß der unparteyiſche Zuſchauer mit unſern Augen ſehen, und daß er ſchwer finden ſoll, was nur auf unſrer Wagſchale, durch die Zuthat von Freundſchaft, Liebe und Dankbarkeit; Gewicht bekam. Und— Aber ich merke, daß ich unter Fuͤhrung des Herzens, das bekanntlich ſich gar zu leicht einen Seitenſprung erlaubt, etwas vom geraden Wege abgekommen bin. Zweyter Theil. 201 Ich legte die Feder nieder, ging noch ein Mal ernſtlich mit mir ſelbſt zu Rathe, und ſorgte, ſo viel nur immer moͤglich, dafuͤr, daß das Herz nicht das große Wort fuͤhren, wenigſtens nicht, wie die großen Herren, nach ſeinem Geluͤſte ent⸗ ſcheiden durfte. Jetzt, lieber Leſer, ſtatte ich dir von allem, was da zur Sprache kam,— dem Inhalte nach, in wie fern es zur Sache gehoͤrt— ehrlichen Bericht ab. „Thuſt du wohl, wenn du von der Erlaubniß deiner Freunde, die Ge⸗ ſetze und Einrichtungen der ehemali⸗ gen Geſellſchaft freyer Maͤnner dem Drucke zu uͤbergeben, Gebrauch machſt? 4. „Was haſt du zur Abſicht 24 Erſtens: Ein kleines Opfer der Dankbarkeit darzubringen. „Taugt nicht! Wozu andere, die die Sache nichts angeht, zu Zeugen deiner Dankbarkeit machen? und lauter— auspoſaunter Dank iſt immer ein ſehr zweydeutiges Ding!“ Zweytens: ich glaube dadurch Veranlaſſung zu geben, daß vielleicht an andern Orten, wo ſich 202 Paͤchter Martin. aͤhnliche Menſchen mit denſelbigen Beduͤrfniſſen finden, eine aͤhnliche Geſellſchaft errichtet werde. „Und ob das fuͤr dieſe Menſchen wahrer Ge⸗ winn waͤre?“ Dafuͤr ſpricht meine Erfahrung. Nicht bloß ich, ſondern alle Mitglieder der Geſellſchaft befan⸗ den ſich wohl dabey. Alle ohne Ausnahme— und es waren Maͤnner von Kopf und mannigfaltigen Kenntniſſen darinnen— haben an Einem Orte, wo kein Mangel an andern Geſellſchaften war, dennoch dieſe allen andern vorgezogen; alle haben vier Jahre lang— ſo lange dauerte ſe— die Verſammlung regelmaͤßig beſucht, ſich auf den Tag der Verſammlung gefreut, haben den Ge⸗ winn angenehmer und nuͤtlicher Unterhaltung gehabt, und oft vereinigt gethan, was einzeln keinem moͤglich geweſen waͤre. „Sollte ſich aber nicht an jedem Orte, wo ſich ſolche Maͤnner finden, eine aͤhnliche Geſellſchaft von ſelbſt machen? Sollte deine Geſellſchaft wirk⸗ lich ſo muſterhaft ſeyn? Sollte das etwanige Gute, das in ihrer Verfaſſung liegen mag, nicht leicht auch von jedem andern, ohne Vorſchrift, gedacht werden koͤnnen 2 Zweyter Theil. 20G Engere Freundſchaft macht ſich von ſelbſt und findet ihr Geſetzbuch ſchon gemacht: nicht ſo Ge⸗ ſellſchaften von Mehrern, die eben deßwegen nicht engere Freundſchaften ſeyn koͤnnen,— wo wenig⸗ ſtens die engere Freundſchaft erſt aus der Geſell⸗ ſchaft erwachſen muß. Indeß glaube ich nicht, daß unſere Einrichtungen und Geſetze unverbeſſer⸗ 3 lich, muſterhaft waren;(wir haben ſelbſt viel davon verbeſſert, und wuͤrden bey laͤngerer Dauer der Geſellſchaft noch mehr verbeſſert haben) ich gebe es zu, daß an jedem Orte, wo ſich Men⸗ ſchen finden, die fuͤr eine ſolche Geſellſchaft tau⸗ gen, gewiß auch Maͤnner gefunden werden, die eben ſo gute, und vielleicht beſſere Einrichtungen und Geſetze dazu entwerfen koͤnnen, als die Stif⸗ ter unſerer Geſellſchaft entworfen haben; aber deßwegen koͤnnte doch auch fuͤr dieſe die Be⸗ kanntmachung der unſrigen nuͤtzlich ſeyn: weil der erſte Verſuch durch Benutzung dieſer ſchon gethanen Arbeit erleichtert wird; weil ſich unter ihnen mehrere finden moͤchten, die gleiche Geſchicklichkeit haͤtten, oder doch zu haben vermeinten, fuͤr die zu errichtende Geſell⸗ ſchaft Geſetzgeber zu werden; 204 Paͤchter Martin. weil unter den uͤbrigen, die auf die Ehre, ſelbſt Geſetzgeber zu ſeyn, Verzicht thaͤten, doch einer und der andere ſeyn koͤnnte, der lieber von einem Fremden und Unbekannten, als von einem Mitgliede der Geſeellſchaft Geſetze annehmen moͤchte; weil der Einwurf, daß die Sache unausfuͤhr⸗ bar ſey, wegfaͤllt; und weil ſie wenigſtens dadurch Veranlaſſung bekaͤmen, ihr gedachtes Beffere zur Wirk⸗ lichkeit zu bringen.. Und ſo bin ich aus Gruͤnden entſchloſſen, die Geſetze und Einrichtung der ehemaligen Geſell⸗ ſchaft freyer Maͤnner durch den Druck bekannt zu machen. Wem dieſe Gruͤnde nicht ſo guͤltig ſind, als ſie mir zu ſeyn ſcheinen, der verzeiht doch hoffentlich dem Irrenden um ſeiner guten Abſicht willen?*) *)„Am wohlthaͤtigſten koͤnnte vielleicht eine nach dieſem Plane eingerichtete Geſellſchaft fuͤr Akademien werden, unter der Bedingung: daß jedem akademiſchen Lehrer der Zutritt in die Geſellſchaft offen ſtaͤnde; oder daß die edleren Juͤnglinge, welche fuͤr eine ſolche Geſellſchaft — Zweyter Theil. 205 Sinn haͤtten, ſelbſt einen ihrer Lehrer zum Vor⸗ ſteher ernennten, der zuweilen an ihren geſell⸗ ſchaftlichen Unterhaltungen Theil naͤhme. Schon in dieſer Ruͤckſicht ſcheinen mir die Geſetze dieſer Geſellſchaft(nicht geheimen Ordensver⸗ bindung) der Bekanntmachung werth zu ſeyn.“ Dieß war das Urtheil des Herrn Hofrath Wie⸗ lands uͤber dieſe Geſellſchaft, im öten Stuͤck des neuen Merkurs 1793. Paͤchter Martin. — I. Beantwortung der Frage: Warum unſere Geſellſchaften uns ſo wenig geſellige Freu⸗ den gewaͤhren? nebſt einem Vorſchlage zur Errichtung eines kleinern geſellſchaft⸗ lichen Zirkels.*) 8 Die Klage, daß wir des geſelligen Vergnuͤgens zu wenig haͤtten, iſt ziemlich allgemein— und nicht ungegruͤndet. Wir haben ihr an unſerm Orte dadurch abzuhelfen geſucht, daß wir noch zwey oͤffentliche Geſellſchaften ſtifteten, wo Per⸗ ſonen beiderley Geſchlechts ſich woͤchentlich, lei⸗ der! vier Mal**) zuſammen finden, und *) Als aͤlteſte Urkunde uͤber Stiftung der Ge⸗ ſellſchaft F. M. **) Ja wohl leider! vier Mal. Halb ſo viel waͤre vielleicht ſchon fuͤr manche Mutter und manche Tochter mehr als zu viel geweſen, Auch — Zweyter Theil. haben das Uebel dadurch vergroͤßert. Nicht Mangel an Geſellſchaft, ſondern Mangel an guter Geſellſchaſt war der Punkt unſerer Klage. Geſellſchaften hatten wir ſchon vorher zu viel, und eben dieſe Vielheit ſcheint mir eine der erſten Urſachen zu ſeyn, aus welchen ſich der Mangel an geſellſchaftlichem Vergnuͤgen brauchte man kein ſcharfes Auge, um die mannig⸗ faltigen nachtheiligen Folgen von dieſer durchaus fehlerhaften Einrichtung einzuſehen. Eine unter vielen war dieſe: daß der freyere geſellſchaftliche Ton zuweilen in Frechheit ausartete, und unſere Juͤnglinge durch die gar zu haͤufige Gelegenheit, mit ihren Schoͤnen traulich umzugehen, zum Theil gleichguͤltiger gegen ſie wurden. Sie hatten ſich mit ihren Reitzen zu ſehr familiariſiert. Und wollte man auch annehmen, daß dieß Familiariſieren— verſteht ſich in Zuͤchten und Ehren!— der Sitt⸗ lichkeit in gewiſſer Ruͤckſicht nicht eben ſehr nach⸗ theilig geweſen waͤre:(ex assuetis non ſit passio, ſagen die Philoſophen) ſo verloren doch unſere Schoͤnen viel an der ihnen gebuͤhrenden Achtung, und mit ihnen verlor der gebildete Mann an ſcho⸗ nerem Lebensgenuß. Das e longinquo reveren- tia maior hat auch ſein Wahres! 208 Paͤchter Martin. erklaͤren laͤßt. Man denke ſich die Menge der Muͤßiggaͤnger, welche, ſich ſelbſt die ſchummſten Geſellſchafter, taͤglich fremde Geſellſchaft ſuchen, um ſich die Zeit zu vertreiben, und Andere zu gleichem Zeitvertreibe und Zeitverderbe zu ver⸗ fuͤhren! Wo iſt aber das Vergnuͤgen, welches, taͤglich und un maͤßig genoſſen, nicht an ſei⸗ nem Reitze verlieren ſollte? Und was laͤßt ſich von Menſchen erwarten, die aus Geiſtesarmuth ſich in allen Geſellſchaften herumtreiben? Sie gehen in Geſellſchaft, wie der abgeſtumpfte Wolluͤſtling zur Buhlerin— unfäͤhig ohne ſie, unfaͤhig mit ihr froh zu ſeyn. Unſere Alten gingen ſelten in Geſellſchaft, aber ſie waren dann auch deſto froher. Indeß iſt die Menge der Geſellſchaften, obgleich eine der vorzuͤglichſten, doch bey wei⸗ ten nicht die einzige Urſache, aus welcher ſich der Mangel an geſellſchaftlichen Freuden erklaͤ⸗ ren läßt. Wir haben uͤberhaupt in den gebildeten Staͤnden viel an frohem Sinn, an Empfaͤnglichkeit fuͤr Freude verloren;— was bey unſerer uͤbertriebenen Verfeinerung und unſerm unmaͤßigen Hange nach Zweyter Theil. 209 nach ſinnlichem Wohlleben, unangsleiglich Folge ſeyn mußte. Viele unſerer Zeitgenoſſen ſind ganz fuͤr die Freude verſtimmt, weil ſie von Jugend auf der Freuden zu viel genoſſen, zu fruͤh ſich uͤberſaͤttigt haben. Wer kennt nicht mehrere zwanzig⸗ dreyßigjaͤhrige Greiſe, die es durch unmaͤßigen Genuß der kleinern Freuden des Lebens geworden ſind? Und wie zahlreich iſt die Klaſſe derer, welche angeerbte, oder durch vornehme Verweichlichung eingeimpfte, oder durch gelehrte Treibhaͤuſer erzeugte, durch unnatuͤrliche Lebensart vermehrte Kraͤnklichkeit um Lebensgenuß und frohen Muth brachte! Laͤßt ſich's nun aber wohl von dieſen Kran⸗ ken, von dieſen Greiſen, von dieſen verſtimmten, uͤbellaunigen Menſchen, die mit Gott und der ganzen Welt unzufrieden und ſich ſelbſt zur Laſt ſind, erwarten, daß ſie gute Geſellſchafter ſeyn, daß ſie auch nur das Geringſte zur Unterhal⸗ tung und zum Vergnuͤgen Andrer beytragen ſollten? Werden ſie nicht vielmehr auch Andere 2. Theil.. 14 210 Paͤchter Martin. verſtimmen?*) Es leuchtet ein, daß, da die Zahl dieſer Kranken ſich immer vermehrt— daß man jetzt ſchon gegen Einen heitern, wohl gelaun⸗ ten Menſchen vier truͤbſinnige und mißlaunige rechnen kann— die Summe der geſelligen Freude nothwendig immer kleiner werden muͤſſe. Zur Verſtimmung unſrer Zeitgenoſſen, zur Verminderung der Freude uͤberhaupt, und der geſelligen Freude insbeſondere, hat unſere Leſe⸗ ſucht viel beygetragen. Viele leſen ſich um Geſundheit und frohen Muth. Andere verlernen bey vielem unver⸗ dauten Leſen das Selbſtdenken, wenn ſie anders *) Fern ſey es von mir, daß wir dieſe Ungluͤck⸗ lichen ſich ſelbſt und ihrem Mißmuthe uberlaſſen, und aus aller Geſellſchaft verdraͤngt wuͤnſchten! Nein; menſchlich wollen wir zur Verminderung des Gefuͤhls ihrer Leiden beytragen, was wir bey⸗ tragen koͤnnen: aber dem widerſpricht der Wunſch nicht, zuweilen auch eine Geſellſchaft zu haben, wo man ſelbſt Zerſtreuung, Erholung, Freude ſindet, und wo man alſo das, was Freude ſtoͤrt, moͤglichſt entfernen muß. Zweyter Theil. 211 in dem Punkte was zu verlernen hatten, und bleiben todte Geſellſchafter. Viele glauben zu wiſſen, was ſie nicht wiſ⸗ ſen, weil ſie ſo viel geleſen haben; oder hoffen doch— wenn ſie ja noch ſo viel Verſtand haben, die großen Luͤcken in ihren Kenntniſſen zu bemer⸗ ken— ſie mit leichter Muͤhe durch Lektuͤre auszu⸗ fuͤllen, und vernachlaͤſſigen die Gelegenheit, durch hoͤren zu lernen. Und wozu Geiſtesunterhal⸗ tung in Geſellſchaft, wenn man dieſe zu Hauſe haben kann? Hier kramt ein Kleinmeiſter ſeine Beleſen⸗ heit aus, ohne einen andern zum Worte zu laſ⸗ ſen, und ohne dennoch vorzutragen, was des Hoͤrens werth waͤre; denn er lernte nur die Stellen aus ſeinen Buͤchern auswendig, die ihm ſchoͤn ſchienen. Man wagt es kaum, einen wirklich intereſ⸗ ſanten Gegenſtand zur Unterredung zu bringen, weil er ſchon in einem allgemein geleſenen Buche abgehandelt war; oder wagt man es, ſo wird die Unterredung ſchnell mit Hinweiſen auf das Buch abgebrochen, ohne daß es den Leuten ein— fiele, daß durch die Unterredung die Begriffe 212 Paͤchter Martin. daruͤber deutlicher und vollſtaͤndiger gemacht wer⸗ den koͤnnten, daß man dadurch erſt das Gute, das der Schriftſteller daruͤber geſagt, ſich eigen machen, vielleicht auch manches berichtigen koͤnnte. Mancher verfaͤllt, gewoͤhnt an beſſere Un⸗ terhaltung mit den lehrenden Todten, in geſell⸗ ſchaftliche Intoleranz gegen die Lebenden. Mancher verlernt durch Buͤcherſprache die Sprache des Umgangs, oder vergißt uͤber die Buͤcherwelt die wirkliche, wird in dieſer um ſo fremder, je mehr er dort zu Hauſe iſt. Und wer zu viel lieſt, wird ſelten viel han⸗ deln, ſelten das Geleſene guf's Leben anwenden; wird hoͤchſtens wieder lehren, aber nicht mit An⸗ dern Hand anlegen, um das gelehrte Gute zu Stande zu bringen; wird es vielleicht gar unter ſeiner Wuͤrde waͤhnen, fuͤr den kleinen Kreis der Geſellſchaft ſeiner Vaterſtadt zu wirken, zur Veredlung, zur Verſchoͤnerung des geſellſchaft⸗ lichen Umgangs beyzutragen; weil der große Mann— nicht ſeiner Stadt, ſondern der Welt angehoͤren wil. Zweyter Theil. 213 Nicht minder nachtheilig als die Leſeſucht iſt die Spielſucht. Freylich iſt es in manchen Geſellſchaften Maͤnnern, die uͤber das Liebeln hinaus ſind, an Stadtneuigkeiten und Zeitungs⸗ nachrichten keinen Geſchmack finden, und nicht verleumden moͤgen, nicht zu verargen, daß ſie, aus Mangel beſſerer Unterhaltung, den Spiel⸗ tiſch aufſuchen: aber unlaͤugbar iſt es doch auch, daß die Hoffnung, den Ton des geſellſchaftli⸗ chen Umgangs nach und nach zu veredeln und mehr Freude und Leben in unſere Geſellſchaften zu bringen, immer mehr ſchwinden muß, je mehr die Spielſucht einreißt. Und leider! iſt ſie bey uns bis zur Wuth eingeriſſen! Leider haben wir ſchon eine Menge leidenſchaftlicher Spieler, denen, ſelbſt in beſſerer Geſellſchaft, alles fehit, ſo lange die Karten fehlen, die beym Spieltiſch alles um ſich herum vergeſſen, und Zeit, Geld, Geſundheit, frohen Sinn und oft auch ihre Ehr⸗ lichkeit verſpielen! Verdienter Sklavenlohn iſt es, daß die Freude, das Kind der Freyheit, von uns gewi⸗ chen iſt, ſeit wir uns von der Mode 214 Paͤchter Martin. tyranniſieren laffen, und das tollſte unter allen Geſetzbuͤchern, das Ge⸗ ſetzbuch der Etikette, angenommen haben! Wer frohe Menſchen in groͤßern Geſellſchaf⸗ ten ſehen will, der beſuche die Landleute, und etwa die unkultivierte Klaſſe der Buͤrger an ihren Freudenfeſten und Luſtgelagen. Bey den kultivierten ſucht er ſie vergebens. Das uͤber⸗ muͤthige Voͤlklein der ſogenannten vornehmen Welt war der ſanftern Regierung der guten V Mutter Natur uͤberdruͤſſig, uͤbertrat ihre Ge⸗ ſetze, und entzog ſich ihrer Herrſchaft; da uͤber⸗ gab ſie Zevs im gerechten Zorne zur ſtrengern Zucht der Tyranney der Mode und des Hof⸗ 6 zwangs— unter deren eiſernem Joche ſie jetzt ſeufzen und buͤßen muͤſſen. Aerger wurden die Sklaven des Orients von ihren Zuchtmei⸗ ſtern auf dem Throne nicht gemißhandelt, als das arme Voͤlklein, das der Natur ungetreu b ward, von dieſen Furien, den Toͤchtern der Heucheley und des Wahnſinnes. Kleidung, Gang, Stellung, Miene, Sprache, Bewegung Zweyter Theil. 215 der Hand und des Fußes— alles iſt ihren unnatuͤrlichen Geſetzen unterworfen.„Das laͤßt nicht! Das ſchickt ſich nicht! Was wuͤrden die Leute dazu ſagen!“ Das ſind die Donnerworte, mit welchen ſie ihre Skla⸗ ven in unterthaͤnigſtem Gehorſam erhalten. Ihr meint vielleicht, daß das: Esſchickt ſich nicht! ſich auf ein hoͤheres Geſetz der Vernunft und der Sittlichkeit beziehe. Liebe Menſchen, Tugend iſt noch nicht zur Mode geworden, am wenigſten bey dem Voͤlklein, das die Natur verließ. Geſittet ſeyn, heißt bey ihnen, den Ton ihrer ſogenannten guten Lebensart tref⸗ fen. Nur die Miene der Tugend nehmen ſie an, aber mit Grimaſſen und Uebertreibung; und Thoren duͤnken ſich Weiſe, wenn ſie ihr Geſicht zu grämlichen Ernſt verziehen! Mit dem Zauber des armſeligſten Ehr⸗ geitzes, der kleinlichſten Eitelkeit blenden die deſpotiſchen Beherrſcherinnen der vornehmen Welt viele ihrer Knechte, daß ſie, der Vernunft und ihrer beſſern Einſicht zu Trotz, aus Gehor⸗ ſam gegen ihre Gebieterin ſich ſelbſt in ihr Ver⸗ 216 Paͤchter Martin. derben ſtuͤrzen. Sie ſollten als Gatten und Vaͤter, vielleicht Verſorger einer zahlreichen Fa⸗ milie, weniger Aufwand machen; aber es ſchickt ſich nicht! Innerlich von bangen Nahrungsſorgen gefoltert, erſcheint man dem— nach mit aͤußerm Glanze in mancher koſtſpieligen Geſellſchaft; macht ſelbſt mit erkuͤnſtelter froher Miene den Wirth, verſchwelgt die Einkuͤnfte von mehrern Monathen in Einem Tage, ſtuͤrzt ſich immer tiefer in Schulden, bereitet ſich und den Seinigen eine ſchreckliche Zukunft, muß am Ende wohl gar ſeine Glaͤubiger betriegen!— Aber wie kann man anders? Stand und Verbindung bringen es ſo mit ſich, die gute Lebensart erfordert es, die Mode ge⸗ bietet. Ach, es giebt viel glaͤnzendes Elend! — Das Herz blutet einem, wenn man bey immer ſteigendem Luxus, bey Vermehrung der Beduͤrfniſſe, ohne verhaͤltnißmaͤßige Vermeh⸗ rung der Mittel ſie zu befriedigen, die vielen Sklaven der Mode, des Ehrgeitzes, der Eitel⸗ keit ſieht. Habt Mitleid mit den Ungluͤckli⸗ chen, wenn ſie— das Bild des haͤuslichen Elends und der traurigen Zukunft vor den Au⸗ Zweyter Theil. 217 gen— kaum im Stande ſind, in euren gläͤnzen⸗ den Geſellſchaften eine frohe Miene zu erheucheln, aber unmoͤglich gute frohe Geſellſchafter ſeyn koͤnnen. Auch das iſt, ſo unglaublich es ſcheinen mag, dennoch ausgemachte Wahrheit: daß viele unſrer Modemenſchen gar nicht in der Abſicht in die Geſellſchaft gehen, um ſich zu vergnuͤgen, ſon⸗ dern um zu glaͤnzen, ſich ſehen zu laſſen, Er⸗ oberungen zu machen, zu gefallen. Und ſo liegt freylich die Schuld groͤßten Theils an den Menſchen ſelbſt, wenn ſie uͤber Mangel an geſelliger Freude klagen; aber doch auch zum Theil mit an ihren Einrichtungen, an der Form ihrer meiſten Geſellſchaften. Wie ſchwer iſt es fuͤr den Mann, deſſen Geiſt Bildung genug hat, um das Wahre, Schoͤne, Gute zu erkennen, zu empfinden, und zu begehren, aber nicht Bildung genug, um das Schlechtere er⸗ tragen, und nicht Geſchmeidigkeit genug, um allen allerley werden zu koͤnnen; wie ſchwer wird es einem ſolchen, dem unertraͤglichſten Gefuͤhl der Langenweile in man chen groͤßern 218 Paͤchter Martin. Geſellſchaften zu entgehen, wo eine Menge ihm groͤßten Theils unbekannter, zum Theil nur von einer nicht vortheilhaften Seite bekannter Per⸗ ſonen, von verſchiedenem Stande und noch verſchiednerm Grade der Geiſtesbildung, mit einander— man weiß eigentlich ſelbſt nicht recht, warum, zuſammen kommen! An eine trauliche Unterredung iſt nicht zu denken; gegen ein Koͤruchen Witz werden ganze Ladungen von Spreu ausgeſtreut; alles draͤngt ſich um die Reichen, Großen und, verſteht ſich, wenn Weiber dabey ſind, auch um die Schoͤ⸗ nen, und umwoͤlkt ſie mit Weihrauch. Dieſe und die Kleinmeiſter fuͤhren das große Wort und ſprudeln Unſinn; und Zweydeutigkeiten, deren Deutung Koͤnig Midas ſelbſt ohne Wuͤhe errathen haͤtte, werden, wo nicht laut beklatſcht, doch mit gefaͤlligem Laͤcheln aufge⸗ nommen, oder auch mit ſanftem Faͤcherſchlage — belohnt. Noch ein Mal: wie ſchwer iſt es da dem Manne von einigem Geſchmacke, froher Geſellſchafter zu ſeyn— wenn er nicht gluͤcklicer Weiſe bey Einer Perſon die andern vergeſſen, oder, ſo fern der ſtrenge Wohl⸗ Zweyter Theil. 219 ſtand das erlaubt, ſich ſelbſt mitten im großen Zirkel einen kleinen bilden kann!*) Und muß man nicht ſeiner Geſundheit feind ſeyn, ein paar Schuͤſſeln mehr außerordentlich hoch anſchlagen, und Verſtand und Herz unter den Gehorſam des Gaumens gefangen nehmen, um bey den gewoͤhnlichen Gaſtmaͤhlern**) in manchen Haͤuſern, wo man— dem Himmel ſey's geklagt!— zu leben weiß, auszudauern? Und muß man nicht ſeiner Exiſtenz uͤberdruͤſſig ſeyn, um in mancher andern Geſellſchaft halbe Tage lang Kegel ſchieben und Karten ſpielen zu ſehen, oder ſelbſt mitzuſpielen?***) 2* *) Nur daß man groͤßern ſehr gemiſchten Ge⸗ ſellſchaften nicht ganz entſage, daß man auch den Schwachen ertragen lerne, um wenigſtens zuwei⸗ len, wo nicht Allen alles, doch Vielen vieles zu werden. **) Auch unſere Gaſtmaͤhler ſind gemeiniglich cu†ραραοσσαιι und urderrx, compotationes et concoena- tiones, nicht conuiuia— vbi maxime simul viui- tur, wie es Cicero erklaͤret. ***) Auch die Verdraͤngung des geſell⸗ ſchaftlichen Geſanges hätte hier angeführt 220 Paͤchter Martin. Und wie nun zu helfen und zu beſſern? Freunde! wir ſind nicht im Stande die Menſchen umzubilden, nicht im Stande ihre Societaͤten und Eßgelage zu reformieren: aber wir koͤnnen ihre Fehler vermeiden, koͤnnen uns den Genuß des geſellſchaftlichen Lebens ver⸗ ſchoͤnern, und koͤnnen, wenn wir vereinigt ernſt⸗ lich wollen, dann gewiß auch mittelbar auf Andere außer uns wirken, und vielleicht viel Gutes ſtiften. Dieß koͤnnen wir durch Errich⸗ tung einer kleinern beſſern Geſellſchaft, wozu wir unſern Ker Be*r Rer ꝛc, die mit uns gleiches Beduͤrfniß fuͤhlen, einladen, von denen wir, ſo weit ich ſie kenne, keine abſchlaͤgliche Antwort zu befuͤrchten, vielmehr die thaͤtigſte Theilnahme zu erwarten haben. Ich lege Ih⸗ nen zunaͤchſt meinen Plan zur Pruͤfung vor; wir theilen ihn dann auch unſern uͤbrigen werden koͤnnen. Doch gehoͤrt dieß vielleicht auch unter das Geſetz der Mode: es ſchickt ſich nicht!— Hierzu koͤmmt an unſerm Orte der abſtoßende Stolz ei niger Vornehmen, oder viel⸗ mehr die kriechende Demuth mancher Nichtvor⸗ nehmen in Geſellſchaft mit jenen. Zweyter Theil. 221 1 Freunden mit, benutzen ihren Rath, pruͤfen ihre Vorſchlaͤge, nehmen ihre Verbeſſerungen an, und entwerfen dann uͤber die neu zu errich⸗ tende Geſellſchaft ein kleines Geſetzbuch. Meiner Meinung nach haͤtten wir hierbey vorzuͤglich auf folgende Punkte zu ſehen: 1) Die Geſellſchaft duͤrfte nicht zahlreich ſeyn. 2) Muͤßte aus lauter Maͤnnern beſtehen, die wenigſtens ſo viel Bildung haͤtten, um an Gei⸗ ſtesunterhaltung Geſchmack zu finden, und die mit einander freundſchaftlich— wenn auch nicht Freunde im ſtrengſten Sinne des Worts— umgehen koͤnnten. 3) Die Verſammlungen muͤßten ſelten und mit wenigem Aufwand verbunden ſeyn.. 4) Man muͤßte, ſo viel nur immer moͤglich, das Angenehme mit dem Nuͤtzlichen, und 5) Freyheit mit geſetzmaͤßiger Ordnung zu vereinigen ſuchen. 6) Man muͤßte durch Mannigfaltigkeit der Unterhaltung jedem wenigſtens etwas zu geben 222 Paͤchter Martin. ſuchen, was nach ſeinem Geſchmack waͤre, und— Doch wozu unnoͤthige Wiederholung, da dieß alles in dem Entwurfe der Geſetze, den ich Ihnen zur Pruͤfung und Verbeſſerung vor⸗ 3 lege, enthalten iſt? Lieber noch ein paar Worte zur Beantwor⸗ tung einiger Einwuͤrfe, die man meinem Plane entgegen ſetzen koͤnnte. „Es ſcheint, als wenn wir nach dem angege⸗ benen Plane mehr zur gemeinſchaftlichen Arbeit, als zur Erholung und zum Vergnuͤgen in Geſell⸗ ſchaft kaͤmen.“ Aber gerade Mangel an allen Geiſtesbeſchaͤf⸗ tigungen erzeugte in den meiſten zeitherigen Ge⸗ ſellſchaften das unertraͤglichſte Gefuͤhl der Langen⸗ weile. Nachdenken ohne Anſtren gung, ſo viel man ſelbſt will, uͤber Gegenſtaͤnde, uͤber die man mehr oder weniger ſchon vorher ge⸗ dacht hat, oder die durch den Reitz der Neu⸗ heit feſſeln; und das vorher Gedachte oder in dem Augenblick ungeſucht Gefundene andern mittheilen, iſt fuͤr den Mann von einiger Geiſtes⸗ bildung ſo wenig Arbeit, daß es ihm vielmehr nach — Zweyter Theil. 223 vollbrachter Arbeit die liebſte Erholung iſt. Und nun die Mannigfaltigkeit der leichten Geiſtes⸗ beſchaͤftigungen, die zum Theil bloß Spiele des Witzes und der Phantaſie ſind, mit in Anſchlag gebracht: ſo wird gewiß keiner von uns unſere gemeinſchaftlichen Abendſtunden fuͤr Arbeitsſtun⸗ den halten. „Aber zu viel Gekuͤnſteltes!“ Nicht mehr, als was der gegenwaͤrtigen, durch Kunſt, freylich zum Theil verwahrloſeten, zum Theil aber auch veredelten Natur unſerer Menſchen angemeſſen iſt. Unſere jetzige Staats⸗ verfaſſung iſt nicht das Werk der rohen Natur; aber bey allen ihren Maͤngeln befinden wir uns dennoch wohl dabey; wenigſtens wird nicht leicht ein Buͤrger eines polizierten Staates Luſt haben, in den natuͤrlichen Zuſtand der Wilden zuruͤck zu kehren. Wir bereiten ein Gaſtmahl von verſchiede⸗ nen Speiſen. Freylich koͤnnten wir uns mit Einer Schuͤſſel begnuͤgen; aber moͤglich waͤre es doch auch, daß gerade dieſe Schuͤſſel den meiſten nicht behagen wollte; ſo iſt es doch nicht zu 224 Paͤchter Martin. verachten, daß ſie unter mehrern Schuͤſſeln nach ihrem Geſchmacke auswaͤ hlen, oder, wenn ſie verwoͤhnt ſind, von mehrern Schuͤſſeln koſten koͤnnen. Oder vielmehr wir halten einen Picke⸗ nick, wozu jeder, der Verabredung gemaͤß, ſei⸗ nen Beytrag liefert. Und da wir den Fall erlebt haben, daß bey ſolchen Gelegenheiten, wenn keine beſtimmte Verabredung genommen wurde, ſich zuweilen einer auf den andern ver⸗ laſſen hatte, und dann einer mit dem andern faſten mußte; oder, daß ungluͤcklicher Weiſe die meiſten auf eine und dieſelbe Speiſe verfallen waren, und, das Uebel zu vergroͤßern, gerade auf eine unverdauliche Speiſe: ſo haben wir auf die Zukunft beſtimmtere Verabredung getrof: fen. Uebrigens bleibt, wie vorher, die Art der Zurichtung jedem uͤberlaſſen. Was waͤre in die⸗ ſer Verabredung Gekuͤnſteltes? „Aber die freyere Unterredung, der Haupt⸗ theil der geſelligen Unterhaltung, fällt dabey weg!“ Auch das nicht. Wir ſorgen nur fuͤr guten Stoff, den wir dann in freyerer Unterredung bear⸗ Zweyter Theil. 225 bearbeiten. Ein Herzensgeſpraͤch hat ſeinen großen Werth; darf man aber, um aus dem Herzen zu ſprechen, ſchlechterdings nicht vorher uͤber die Materie, wovon man ſprechen will, nachgedacht haben? „und endlich die neue Beſchraͤnkung der Freyheit! Lieber Gott, wir ſind ohnedieß ſchon durch ſo mannigfaltige Bande gefeſſelt! Und wer den Menſchen kennt, weiß, daß ihm manche engere Verbindung bloß deßwegen laͤſtig faͤllt, weil er ſich gebunden fuͤhlt. Man thut ungern, was man thunmuß!“ Sehr wahr an ſich; nur glaube ich, die An⸗ wendung paßt nicht auf unſere Geſellſchaft. Denn erſtens ließe ſich's wohl leicht beweiſen, daß unſere Geſetze die Freyheit weit weniger beſchraͤnken, als in andern Geſellſchaften die Geſetze der Mode 3 und des Hofzwangs, die aus unſerm Zirkel ver⸗ bannt ſind. Und zweytens leuchtet der Unter⸗ ſchied ein zwiſchen einer Abhaͤngigkeit von Ge⸗ ſetzen, die ich gezwungen annehmen mußte, und von denen ich mich nicht wieder los machen kann, und einer Abhaͤngigkeit von Geſetzen, die ich freywillig annahm, und 9. Theil. 15 226 Paͤchter Martin. zum Theil mir ſelbſt vorſchrieb, und, was die Hauptſache iſt, von welcher ich mich zu jeder Stunde, ſo bald ich will, wieder losſagen kann! Noch beſtehen bey ungleich groͤßerer Ab⸗ haͤngigkeit, nicht bloß von Geſetzen und Einrich⸗ tungen, ſondern auch wohl von unbekann⸗ ten Obern, eine Menge geheimer Verbindun⸗ gen; und zuverlaͤſſig ſuchte ein Theil der Ver⸗ buͤndeten weder uͤberirdiſche noch unterirdiſche Weisheit, ſondern nur eine beſſere Unterhal⸗ tung fuͤr Geiſt und Herz, als ihm die gewoͤhn⸗ lichen Geſellſchaften gewaͤhrten, und blieb gern im Orden, wenn er fand was er ſuchte. Wir duͤrfen hoffen, daß in einer Geſellſchaft, die zwiſchen geheimen Orden und Alltagsgeſellſchaf: ten mitten innen ſteht, wo der, welcher beſſere Unterhaltung ſucht, das findet was er ſucht, ohne manches andere, was er nicht ſuchte und nicht wuͤnſchte, mitnehmen zu muͤſ⸗ ſen, die Beobachtung unſerer leichten Geſetze keinem laͤſtig fallen werde. Freunde, ſo weit ich unſern Kr**, B*, Rexr ac. kenne, die mit uns gleiches Beduͤrfniß Zweyter Theil. 2247 und gleiche Sehnſucht nach beſſerer Geſellſchaft fuͤhlen, duͤrfen wir dieſes mit Zuverſicht hoffen. Ich mache nicht gern den Propheten, ich wuͤrde ſonſt prophezeihen: man werde in kurzen wuͤn⸗ ſchen, daß beide woͤchentliche Verſammlungen nach den Geſetzen moͤchten gehalten wer⸗ den.*) Zum Voraus wuͤrde ich ſie aber auch bey Eintretung dieſes Falls bitten, dieſen Wunſch nicht zu befriedigen, theils um nicht zu uͤber⸗ ſaͤttigen, theils um das Beſſere durch den Gegen⸗ ſatz deſto augenſcheinlicher zu erheben. Laſſen Sie uns nur die kleine Muͤhe, die beſonders zu Anfange noͤthig ſeyn moͤchte, nicht ſcheuen, und ſelbſt manches kleine Opfer willig darbringen, um dieſes unſer gemeinſchaftliches und gewiß gute Werk feſter zu begruͤnden! Gern wollen wir z. B. die Stelle des Erſten— wenn Sie anders einen Erſten anzunehmen fuͤr gut finden— jedem andern uͤberlaſſen; bey Vorleſungen da, wo am meiſten zu tadeln waͤre, am wenigſten tadeln; und uͤberhaupt alles, *) Eine Prophezeihung, die woͤrtlich in Erfuͤl⸗ lung gegangen iſt. D. V. 228 Paͤchter Martin. was uns Menſchenkenntniß und Klugheit lehrt, anwenden, um unſere uͤbrigen Freunde bey Luſt und gutem Muthe zu erhalten. Manche ſchoͤne genoſſene Stunde, und manches durch unſere Vereinigung bewirkte Gute, wird uns fuͤr dieſe kleine Muͤhe uͤberreichen Erſatz gewaͤhren. Zweyter Theil. 22 12 — II. Geſetze 1 der Geſellſchaft freyer Maͤnner. 1. Unſere Geſellſchaft heißt die Geſellſchaft freyer Maͤnner. Die Freymuͤthigkeit, mit welcher jeder in unſern Verſammlungen laut ſagt, was ihm wahr ſcheint, ohne Furcht deßhalb ver⸗ ketzert zu werden; und der Vorzug, daß wir nicht— wie vielleicht in manchen Geſell⸗ ſchaften— von den willkkuͤhrlichen Befehlen eines andern Mitgliedes, ſondern bloß von freywillig angenommenen Geſetzen abhaͤngen, berechtigt uns zu dieſem Namen. 2 2 Genuß geſelliger Freude, erhoͤhter Lebens⸗ genuß im trauten Kreiſe edler Freunde, iſt der 230 Paͤchter Martin. erſte Zweck unſerer Vereinigung; wir hoffen aber hierbey das Nuͤtzliche mit dem Angeneh⸗ men zu verbinden, und vielleicht vereinigt man⸗ ches Gute zu wirken, das einzeln keinem moͤg⸗ lich geweſen waͤre. 3. Niemand kann ohne allgemeine Ueberein⸗ ſtimmung aufgenommen werden, den einzigen nicht leicht zu befuͤrchtenden Fall ausgenommen: daß nur Einer, ohne Urſachen anzuge⸗ ben, dem in Vorſchlag Gebrachten, den alle andere aufzunehmen wuͤnſchten, den Eintritt verſagen wollte. 4. Jeder iſt verbunden, ſo lange er Mitglied der Geſellſchaft bleiben will, den Geſetzen gemaͤß zu handeln, darf aber zu jeder Zeit, wenn es ihm beliebt, die Geſellſchaft wieder verlaſſen. Nur muß er dann der Geſellſchaft muͤndlich oder ſchriftlich ſein Ehrenwort geben: das ihm vorher bewieſene Zutrauen nie zum Schaden eines freyen Mannes zu mißbrauchen; nie eine Zweyter Theil. 231 der Geſellſchaft mitgetheilte freyere Meinung einem andern als Meinung eines unſe⸗ rer Mitglieder zu verrathen. Jeder muß gleich beym Eintritt in die Geſellſchaft auf Ehre geloben, daß er beſonders dieſes Geſetz treulich beobachten wolle. 5. Wir verſammeln uns in dem Winter⸗ hal⸗ ben⸗ Jahre(vom Oktober an gerechnet bis zum Ausgange des Maͤrz) woͤchentlich zwey Mal. Ein Mal zur bloßen Unterredung, ohne ge⸗ ſetzliche Form, und Ein Mal nach dem Ge⸗ ſetze. An einem beſtimmten Orte, wo die Miethe gemeinſchaftlich bezahlt wird, und wohin jeder ſeinen Wein, oder was ihm ſonſt zu trin⸗ ken beliebt, bringen oder durch den Wirth beſor⸗ gen laͤßt, kommen wir an den feſtgeſetzten Ta⸗ gen Abends nach Tiſche. 6. Mit dem Glockenſchlage der verabredeten Stunde beginnt in den woͤchentlichen geſetz⸗ maͤßigen Zuſammenkuͤnften die Unter⸗ — Paͤchter Martin. haltung. Wer ſpaͤter kommt, zahlt eine be⸗ ſtimmte Geldſtrafe, wofern er nicht, auf das Wort eines freyen Mannes, verſichern kann, daß er hinreichende Entſchuldigung habe; welches ihm auf ſein Wort, ohne daß er ſeine Entſchuldigung der Geſellſchaft anzuzeigen hat, geglaubt wird.— 7. Wer gar nicht kommen kann, muß ſeinen Beytrag zur Unterhaltung ſchriftlich einſchicken, oder muß im Unterlaſſungsfalle eine beſtimmte Geldſtrafe erlegen. Doch wieder mit der im vorhergehenden Geſetze angegebenen Ausnahme. EEr iſt frey von Strafe, wenn er auf das Wort eines freyen Mannes verſichert, daß er ohne Schuld, durch uͤberraſchende Abhaltung, ſey verhindert worden, ſeinen Beytrag aufzu⸗ ſchreiben.) 8. Vierteljaͤhrig iſt Wahltag, wo durch die meiſten Stimmen einer als Erſter ernannt Zweyter Theil. 233 wird, der uͤber Beobachtung der Geſetze haͤlt, und die Unterhaltungen in der Geſellſchaft ord⸗ net; und einer als Sekretaͤr, der uͤber jede Verſammlung das Protokoll und Rechnung fuͤhrt. Beide haben uͤbrigens vor den andern Bruͤdern keinen Vorzug. Doch iſt der Sekre⸗ taͤr von woͤchentlichen Beytraͤgen an Gelde befreyt. 9. Der alte Sekretaͤr kann— aber immer durch neue Wahl— in ſeiner Stelle, ſo oft die Geſellſchaft will, beſtaͤtigt werden.*) Aber der Erſte im verfloſſenen Vierteljahre, iſt fuͤr das naͤchſt folgende Vierteljahr zu dieſer *) Dieß: von neuen wahlfaͤhig ſeyn, in Verbindung mit dem(8) von woͤchentli⸗ chen Geldbeytraͤgen befreyt zu ſeyn, wird eine edelmuͤthige Geſellſchaft weislich zu be⸗ nutzen wiſſen.— Es verſteht ſich, daß dieſe fuͤr eine ſolche Geſellſchaft uͤberfluͤſſige Bemerkung nicht im Geſetzbuche aufgeſchrieben wird. 234 Paͤchter Martin. Stelle(zum Primat) nicht wieder wahl⸗ faͤhig.*) 10. 6 Der Erſte vertritt zugleich die Stelle des abweſenden Sekretaͤrs, und dieſer die Stelle des abweſenden Erſten. 6 6 11. . Bey Wahlen wird immer, und ſonſt, wo es die Geſellſchaft gut findet, verdecke votiert. Beylage. 3 Die erſten Mitglieder loſen, unter welcher Zahl ſie aufgeſchrieben werden. Der Neuauf⸗ genommene bekoͤmmt die naͤchſt folgende Zahl. Statt des Namens wird oft die Zahl der Per⸗ ſon genannt, und(eine kleine Erleichterung fuͤr den Sekretaͤr zum Geſchwindſchreiben) *) Mögliche Anmaßung von Praͤpotenz zu ver⸗ huͤten— die Unterhaltungen durch dieſe kleine Abaͤnderung zu beleben— manchen zu ermun⸗ tern ꝛc. Zweyter Theil. 235 geſchrieben, und dadurch in der Geſellſchaft mit dem Namen gleichbedeutend. Von jeder dieſer Zahlen wird ein Vorrath, auf Papier geſchrie⸗ ben, in einem Kaͤſtchen verwahrt, aus wel⸗ chem dann bey Wahlen jeder die den Namen deſſen, dem er ſeine Stimme geben will, bezeich⸗ nende Zahl herausnimmt, und in den Wahltopf einwirft. Auch koͤnnen dieſe Zahlen bey andern verdeckten Stimmenſammlungen ihre Bezeichnung erhalten. 12. In den geſetzmaͤßigen Verſammlungen wird a) die Verſammlung durch Anrede des Erſten mit dem Glockenſchlage eroͤffnet; b) das Protokoll von voriger Verſammlung vom Sekretär vorgeleſen; c) eine in vorhergehender Verſammlung auf⸗ gegebene Frage— am liebſten die Frage: ob und wie ein Vorſchlag zu Verbeſſerungen(in oder außer der Geſellſchaft) ausgefuͤhrt werden koͤnne?— von jedem freyen Manne muüͤndlich, oder was man lieber ſehen wuͤrde— ſchriftlich beantwortet. Paͤchter Martin. Beylage. Die Beantwortungen uͤber intereſſante Fra⸗ gen werden vom Erſten, oder einem andern Mit⸗ gliede, das die Geſellſchaft darum erſucht, epi⸗ tomiert zum Protokolle gelegt. §d) Eine Vorleſung oder Rede gehalten. Beylage. 1) Eine eigene, wenn auch noch ſo kurze Aus⸗ arbeitung, wird vorgezogen, Vorleſung frem⸗ der Arbeit angenommen. 2) Jeder muß, wenn die Reihe an ihm iſt, die Vorleſung ſelbſt halten, oder, wenn er nicht in die Verſammlung kommen koͤnnte, einem andern deßhalb Auftrag ertheilen. 3) Ueber die gehaltene Vorleſung muß jedes Mitglied etwas— und betraͤfe es auch nur die Derſchluckung einer Sylbe, oder einen noch ſo unbetraͤchtlichen Fehler gegen das Gut leſen— tadeln;— und darf niemand etwas loben. (Das geſetzmaͤßige muß ſichert den Tadelnden, — der ohnehin bey wichtigern Bemerkungen nur Zweyter Theil. 237 ſagt, was ihm nicht richtig oder nicht ſchoͤn ge⸗ ſagt ſchiene— daß der Vorleſer ſich dadurch nicht beleidigt glauben kann. Aber Nichtlob iſt fuͤr manchen beleidigender Tadel, wenn er, eben ſo wohl wie andere Gelobte, Lob verdient zu haben glaubt.) 4) Statt der Vorleſung koͤnnen zuweilen auf Antrag des Erſten Excerpte*) aus andern Buͤchern— von jedem Mitgliede einige— geliefert werden. e) Jeder giebt noch einen kleinen Beytrag zur frohern Unterhaltung— eine Anekdote, kleines Gedicht, witzigen oder auch nur ſcherz⸗ haften Einfall ꝛc.— was er gehoͤrt, geleſen oder ſelbſt gedacht hat. 13. In jeder woͤchentlichen Verſammlung wird von allen Mitgliedern der Geſellſchaft(den Se⸗ kretaͤr ausgenommen) ein kleiner beſtimmter Bey⸗ *) Dieß bunte Quodlibet von Excerpten, mit eingewebten eigenen Bemerkungen, war immer ſehr unterhaltend. 238 Paͤchter Martin. trag an Gelde geliefert, ſo viel man noͤthig zu haben glaubt, um den jedesmaligen Wahltag als Feſttag mit einem freundſchaftlichen Mahle zu feiern.*) Die Geſellſchaft ernennt eines ihrer Mitglieder, die beſſere Anordnung des freund: ſchaftlichen Mahls, Abſchrift zweckmaͤßiger Lie⸗ der zum Geſange u. dergl zu beſorgen.**) 14. In den ſchon oben genannten Wahltopf wird in jeder Verſammlung ein verdeckter Beytrag fuͤr edlere Arme geſammelt, welcher an un⸗ ſern Feſttagen auf die beſte Art verwendet *) Zu gleichem Gebrauche werden die einge⸗ gangenen Strafgelder verwendet. **) Oft haben wir einen gluͤcklichen Einfall des anordnenden Freundes, einer kleinen Ueberra⸗ ſchung, einer Veränderung der gewoͤhnlichen For⸗ men unſere ſchoͤnſten Abende zu verdanken gehabt. Wie wenig hedarf es oft, gewiſſe Dichterſeelen zur hoͤchſten Freude aufzuſtimmen, deren Freude ſich dann uͤber den ganzen trauten Kreis wohl⸗ thaͤtig verbreitet! O daß ſich doch die Menſchen beſſer aufs Frohſeyn verſtaͤnden! Zweyter Theil. 239 wir.— Schon der Gedanke: ein edler Arme freut ſich heute mit uns, erhoͤht und verſchoͤnert unſere Freude. 4. 15. Jedes Mitglied hat das Recht, wegen Ab⸗ ſchaffung oder Abaͤnderung eines alten Geſetzes, oder Aufnahme eines neuen, Vorſchlaͤge zu thun; wo dann in der naͤchſtfolgenden Verſammlung durch die meiſten Stimmen ausgemacht wird, ob a) der Vorſchlag angenommen, oder bb) verworfen, oder c) erſt nach Verfluß einiger Zeit, auf neuen Antrag, entſchieden werden,*) oder d) nur auf einige Zeit zur Probe angenom⸗ men werden ſolle? Die Entſcheidung a) gilt nur bey groͤßerm Uebergewichte der Stimmen— *) Schon als bloße Milderung von b) haͤtte o) ſein Gutes. Es giebt aber Faͤlle, wo c) nicht bloß Euphemiſmus iſt. Es kann mir etwas nach einiger Zeit nuͤtzlich werden, was mir es jetzt noch nicht iſt. 240 Paͤchter Martin. wenigſtens zihey gegen eine; denn wir wuͤnſchen, daß die Geſetze nicht ohne wichtige Gruͤnde ver⸗ aͤndert oder vervielfaͤltigt werden moͤgen.*) 16. Streit und Zwiſt der Glieder unter einander zerruͤtten den ganzen Koͤrper, untergraben die Grundfeſte jeder Geſellſchaft. Jeder freye Mann wird um deßwillen allen Anlaß zu Streitigkeiten vermeiden, und wo er es nicht ganz vermeiden konnte, doch gern die Hand zur Verſoͤhnung reis chen, um der Geſellſchaft willen. Sobald der Erſte beſorgt, daß eine Unterre⸗ dung in der Verſammlung den Frieden ſtoͤren moͤchte, ſo gebietet er unter Autoritaͤt dieſes Ge⸗ *) Nur ein eitles Geſchoͤpf, nicht ein freyer Mann, koͤnnte es fuͤr Beleidigung halten, wenn andere nicht ſeiner Meinung waͤren, und ſei⸗ nen Vorſchlag nicht fuͤr ſo gut und nuͤtzlich hiel⸗ ten, als er ſelbſt. Der freye Mann wird andern keine Wohlthat— waͤre es auch wirklich Wohl⸗ that— auforingen wollen. Das an ſich noch ſo Gute iſt deßwegen noch nicht gut fuͤr mich. Zweyter Theil. 241¹ Geſetzes, daß in der heutigen Verſammlung nichts mehr von dem Gegenſtande geſprochen werde. Wer nach dieſer Aufforderung nicht Folge leiſtet, wird noch Einmal an das Geſetz erinnert, und muß, wenn dieſe Erinnerung fruchtlos bliebe, ſich aus der Geſfellſchaft ent⸗ fernen. In der letzten Verſammlung vor einem Feſttage bittet der Erſte jeden, der nicht mit freundſchaftlichem Herzen allen Mitgliedern der Geſellſchaft die Hand reichen koͤnne, daß er aus Achtung gegen die Geſellſchaft, und um nicht die Freude anderer zu ſtoͤren, an dem naͤchſten Freundſchaftsmahle nicht Theil nehmen moͤge; es waͤre denn, daß er die edle Abſicht haͤtte, dort ſeinem Gegner den Becher der Freundſchaft zu bringen. Uebrigens nimmt die Geſellſchaft von Zwiſten einzelner Mitglie⸗ der, die außer der Verſammlung vorfielen, keine Notiz, bis ſie ſelbſt die Geſellſchaft zu Richtern auffordern. 17. Der durch wiederholte Warnung nicht zu beſ⸗ ſernde Sklave unſittlicher Leidenſchaften begiebt 2. Theil. 16 242² Paͤchter Martin. ſich von ſelbſt des Rechts, Mitglied der Geſell⸗ ſchaft freyer Maͤnner zu ſeyn. 18. Aber geſegnet ſey uns das Gedaͤchtniß der Edlen ſpaͤt noch nach ihrem Tode! Alſjaͤhrlich heiligen wir ihrem Andenken eine feierliche Abendſtunde. 19. Vorſchlag von Ster, angenommen den 7. Sept. 17**. Wir wollen hoffen, daß wir ſobald nicht in die traurige Nothwendigkeit geſetzt werden, dieſes 18te Geſetz in Ausuͤbung zu bringen. Aber ſeelen⸗ erhebend iſt mir der Gedanke, jaͤhrlich eine feier: liche Stunde mit meinen Freunden dem Andenken edler Menſchen, die im vergangenen Jahre ſtar⸗ ben, zu heiligen.*) Aufmerkſam wird dann *) Schlichtegrolls Nekrolog an einem ſolchen Tage, zur Vorbereitung fuͤr einen ſolchen Abend geleſen— welch ein Tag, welch ein Abend muͤßte das werden! K. St. Zweyter Theil. 243 jeder die zerſtreuten Zuͤge ſchoͤner Menſchheit ſam⸗ meln, und ſie oft finden, wo er ſie nie zu finden geglaubt hatte, oft am Grabeshuͤgel des armen Tageloͤhners reiche Ernte haben. Mit Wonne⸗ gefuͤhl hoͤren und erzaͤhlen wir von Edelthaten, die Menſchen, unſere Bruͤder, vollbrachten, und mit geſtaͤrktem Glauben an Tugend ſchlagen wir Hand in Hand: Bruͤder, wir wollen gut ſeyn! 244 Paͤchter Martin. III. Einige in Vorſchlag gebrachte neue Ge⸗ ſetze, uͤber welche die Geſellſchaft der freyen Maͤnner theils nach o, theils nach d, Geſ. 15. entſchieden hat. 1. Zu den im 12ten Geſetze vorgeſchriebenen Unter⸗ haltungen kommen hinzu: f) daß einige Mitglieder zuweilen, auf An: trag des Erſten, die in einem allgemein gelobten Buche aufgefundenen Fehler, oder aus einem allgemein getadelten Buche das aufgefundene Gul⸗ der Geſellſchaft mittheilen; 8) daß es uͤberhaupt dem Erſten vergoͤnnt ſeyn ſoll, in jeder dritten Verſammlung neue, nicht durch das Geſetz beſtimmte Unterhaltungen anzuordnen. — Zweyter Theil. 245 2. Wuͤrde es nicht viel zur Verſchoͤnerung unſers freundſchaftlichen Mahles an unſern Feſttagen beytragen, wenn jedes freyen Mannes Gattin, Schweſter oder Freundin an dieſem Mahle Theil naͤhme?— 3. Schade, daß das Geſetz edler Freundſchaft: Tadle deinen Freund, um ihn zu beſſern! nicht in unſerm Geſetzbuche ſteht! Und— Sie ver⸗ ſtatten mir, freymuͤthig meine Meinung zu ſagen!— ſcheint es nicht ungereimt, daß wir den Freund, der gegen die ſo unſtaͤten Regeln der Kunſt fehlte, tadeln muͤſſen, und nicht auch den, der gegen die ewigen, heiligen Ge⸗ ſetze der Sittlichkeit ſuͤndigte? Noch haben wir keine Erfahrung gemacht, daß jener Tadel den Frieden der Geſellſchaft geſtoͤrt haͤtte— weil jeder that, was er geſetzmaͤßig thun mußte; warum ſollten wir nicht hoffen, auch bey mora⸗ liſchem Tadel unſern Zweck zu erreichen, wenn es uns eben ſo durch's Geſetz zur Pflicht ge⸗ macht wuͤrde? Wer weiß nicht, daß die meiſten * 246 Paͤchter Martin. Menſchen lieber ihr Herz als ihren Kopf in Anſpruch nehmen laſſen, ſich weniger beleidigt fuͤhlen, wenn man ihnen ſagt, daß ſie nicht recht gehandelt haͤtten, als wenn man ihren Witz nicht fuͤr Witz gelten laſſen, ihre Geiſtes⸗ kinder, waͤren ſie auch noch ſo verkruͤppelt, nicht ſchoͤn finden will? Indeß wüͤrde ich doch ſelbſt aus Liebe zum Frieden rathen, die Regeln der Vorſicht und Klugheit bey dieſem moraliſchen Tadel zu beobach⸗ ten, und bringe deßhalb in Vorſchlag; Wir wollen vierteljaͤhrlich Ein Mal Sit⸗ tengericht halten; einem freyen Manne den Auftrag ertheilen, durch eine zweckmaͤßige Rede die Gemuͤther vorzubereiten; dann Hand in Hand geloben, mit freundſchaftlichem Herzen Wahrheit zu fagen und Wahrheit anzunehmen; hierauf einem nach dem andern offenherzig fagen, was wir ihm zu ſagen wiſſen, und zum Schluſſe den Becher der Freundſchaft leeren. Sollte etwa(was ich bey der gebrauchten Vorſicht nicht befuͤrchte) laut geſagter Tadel Zweyter Theil. 247 dennoch manchem bedenklich ſcheinen: ſo gebe jeder nach gehaltener Rede ſeinen Tadel dem, an walchem er etwas Tadelnswuͤrdiges bemerkte, ſchriftlich,*) ſo iſt auch dieſe Bedenklichkeit gehoben. Nur geſtehe ich, daß mir die erſte Methode lieber waͤre, weil ſie dem Charakter freyer Maͤnner angemeſſener iſt. 4. Jeder freye Mann uͤbergiebt der Geſellſchaft ein vollſtaͤndiges Verzeichniß ſeiner Buͤcher, um ſe allen Mitgliedern auf Verlangen zu leihen. 5- Es waͤre zu wuͤnſchen, daß dem Erſten zur Aufrechthaltung guter Ordnung in der Ver⸗ *) Am beſten waͤre es wohl, wenn jeder, ohne Ausnahme, auch dem, welchem er nichts zu ſagen hatte, ein verſchloſſenes Papier uͤberreichte, und wenn dann die Papiere verbrannt und alle Nach⸗ reden unterſagt wuͤrden.(Beleidigen wuͤrde es ſonſt, wenn etwa nur einem oder zweyen mehrere ſolcher Gerichtspapiere uͤberreicht wuͤrden.) 1 248 Paͤchter Martin. ſammlung der freyen Maͤnner und zu fieyerer Betriebſamkeit, wovon die Geſellſchaft ſelbſt Gewinn haben wuͤrde, mehrere Vorrechte ein⸗ geraͤumt wuͤrden. Z. B. daß er die Unbrrhal⸗ tungen nach Willkuͤhr anordnete, und nur im⸗ iner in der vorhergehenden Verſammlung genau beſtimmte, was in der naͤchſt folgenden abge⸗ handelt werden ſollte. Mißbrauch dieſer zurch Geſetze beſtimmten Vorrechte wuͤrde ſchon deß⸗ wegen nicht zu beſorgen ſeyn, weil ſie durch Geſetze beſtimmt waͤren. Ueberdieß abir wuͤrde an jedem Wahltage von dem Sekretaͤt, nachdem der Erſte Abtritt genommen, Umfrage gehalten: was jeder zum Lobe oder zum Tadel des zeitherigen Erſten in Ruͤckſicht auf die Ver⸗ waltung ſeines Amtes zu ſagen wiſſe? Ueber etwanigen Tadel wuͤrde ihm Verantwortung abgefordert, und dann von der Geſellſchaft ent⸗ ſchieden, ob er mit dem Urtheile: a) daß die Geſellſchaft mit der Verwaltung ſeines Amtes nicht ganz zufrieden, oder b) zufrieden, oder c) ſehr zufrieden ſey— zu entlaſſen Zweyter Theil 249 Bey außerordentlichen Verdienſten, welche die Geſellſchaft einſtimmig anerkennte, koͤnnte ihm noch eine beſondere Ehrenbelohnung von der Geſellſchaft ertheilt werden. 250 Paͤchter Martin. IV. Reden und Vorleſungen in der Geſell⸗ ſchaft der freyen Maͤnner gehalten. I. Ueber Schillers Lied an die Freude. Mit gefurchter Stirn, und zur Erde geſenktem Blick einher zu ſchleichen, die Erde, um des Him⸗ mels willen, verachten, und ihre Freuden ver⸗ dammen— nein; das kann dem Gotte, der die Erde ſo ſchoͤn und des Menſchen Herz fuͤr die Freude ſo empfaͤnglich ſchuf, unmoͤglich gefallen, und kann unmoͤglich Weisheit ſeyn!— Mit freyer entwoͤlkter Stirn, mit der Miene voll Heiterkeit, mit dem Auge, wo denkender, aber nicht trauriger Ernſt mit ſtiller Seelenruhe ſanft zuſammen ſchmelzt, denke ich mir das Bild Zweyter Theil. 251 des Weiſen. Und es ſcheint mir nicht bloße Dich⸗ teridee, ſondern das Reſultat aͤchter Philoſophie zu ſeyn: lerne des Lebens Leiden mit Hinſicht auf den hohen Zweck deiner ſittlichen Veredlung ſtandhaft ertragen, und des Lebens Freuden an der Hand der Tugend genießen! „Alſo dein Weiſer wird nicht, wie weiland Thor Heraklit, ſein Leben verweinen, aber deſto Demokritiſcher lachen?“ Immerhin, wenn er wie Wielands De⸗ mokritus lacht! In der Regel aber wird er beide Extreme vermeiden; wird nur ſelten zu ſeinem Freudenmahle„das Lachen, die Haͤnde geſtemmt in keuchende Seiten,“ einladen, aber auch nur ſelten einer ſchwermuͤthigen Empfindung mit ſchwaͤrmeriſchem Wohlbehagen nachhaͤngen. Er wird mit theilnehmendem Herzen den Leiden ſei⸗ nes Bruders eine Thraͤne weinen; iſt Menſch, und ſchaͤmt ſich der ſanftern Gefuͤhle der Menſch⸗ heit nicht; aber er wird nicht winſeln, und nicht durch Naͤhrung ſchwarzer Melancholie nach dem zweydeutigen Adel der weichgeſchaffenen Seelen ringen. Er weinet mit den Weinenden, aber ſchwemmt nicht mit Thraͤnenfluthen die Energie 252 Paͤchter Martin. der Seele, und den Goͤttertrieb, dem Leidenden zu helfen, hinweg. Sein Entſchluß zu helfen wird, wo moͤglich, That, und dann blickt er wie⸗ der heiter zu Gottes Himmel empor— ſieht nicht die ganze Welt in Flor gehuͤllt, weil eine Bahre vor ſeinem Hauſe hingetragen wurde. Er freut ſich mit den Froͤhlichen, und freut ſich mit ganzer Seele. Jeder Thautropfen, der im Graſe perlt, jede Blume, die ihm entgegen duftet, perlt und duftet ihm Freude; Wuͤſten ſchafft er ſich in lachende Fluren, die Erde in Himmel um. Er verſchöͤnert und veredelt ſich die kleinern Freuden des Lebens, und genießt da als Geiſt, wo tauſend andre bloß fuͤr's Thier leben. Freylich wird er in euren Alltagszirkeln, wo er ſich nicht mittheilen kann, wo er nicht verſtan⸗ den wird, nicht den unterhaltenden Geſellſchafter nach dem Modeſchnitte machen.—„Der verken⸗ net den Scherz, hat von den Grazien keine Miene belauſcht, der es nicht faſſen kann, daß ſich der Liebling der Freude nur mit ſokratiſchen Freunden freut!“ Aber gebt ihm dieſe Freunde, und er freut ſich mit ihnen, wie ſich die Seligen freuen. r . Zweyter Theil. 253 Beym trauten Freundſchaftsmahle,„beym ſokra⸗ tiſchen Becher von der thauenden Roſe umkraͤnzt,“ welche Gedanken, welche Empfindungen heben dann ſeine Bruſt empor, und entflammen ihn zum Gottgefuͤhl! Keine Sprache iſt im Stande, auch nur den tauſendſten Theil dieſes Gefuͤhls auszudruͤcken. Mehr noch, als Leſſings Mahler in Emilia Galotti, auf dem langen Wege vom Herzen zum Pinſel, geht ihm verleren, wenn er es in todte Worte uͤbertragen ſoll; und doch iſt das, was ihm rodte Worte waren, fuͤr die Millionen von Menſchengeſchoͤpfen, wie ihr ſie taͤglich ſeht, mehr als ſie faſſen koͤnnen. Und weil ſie es denn nicht faſſen koͤnnen; ſo muß Enthuſiasmus Schwaͤrmerey, und der hellſte Abglanz vom Strale des goͤttlichen Lichts Fieberhitze heißen. Wundert's euch, daß ihr ſeine Sprache nicht ver⸗ ſteht? Laßt euch das nicht wundern, denn um ſie zu verſtehen, muͤßtet ihr ſelbſt gelaͤuterten Sinn fuͤr's hoͤchſte Schoͤne haben, muͤßtet ihr ſelbſt mit dieſen Ideen, mit dieſen Empfindun⸗ gen vertraut ſeyn; dazu gehoͤrt nun aber freylich 254 Paͤchter Martin. mehr, als nach euren Theorien der ſchoͤnen Kuͤnſte und Wiſſenſchaften zu kunſtrichtern.—— Meiner Empfindung nach iſt es lange keinem Dichter ſo gut gelungen, den hoͤchſten Grad von Enthuſiasmus der edelſten Freude ſo ausdrucksvoll in die Sprache uͤberzutragen, als dem Saͤnger des Liedes, das ſchon oft in dieſem Zirkel ihm nachgeſungen worden iſt, und hoffentlich auch heute mit zwiefacher Theilnehmung, und mit Herzensdank gegen den edlen Saͤnger der Freude, geſungen werden wird. Und dieß wird meine Wahl rechtfertigen, wenn ich an dieſem, der Freude geweihten Tage Ihnen, Ver⸗ ehrteſte, meine Meinung uͤber einige kuͤhnere Ausdruͤcke dieſes Liedes und uͤber den Tadel eini⸗ ger unzuͤnftigen Kunſtrichter zur Pruͤfung vor⸗ lege. Schiller's großes Lied an die Freude iſt von Vielen mit dem verdienteſten Beyfall auf: genommen, aber auch von noch Mehrern getadelt worden. Freylich iſt nun wohl der Tadel der Menge von Iſaſchars zahlreicher Nachkom⸗ menſchaft fuͤr einen Schiller mehr Ehre, als ihr lautes Lob ſeyn wuͤrde: aber wenn auch Maͤn⸗ Zweyter Theil. 255 ner von Gewicht, die ſie ſich wenigſtens zu ſeyn duͤnken, ſich auf die Seite des großen Haufens ſchlagen, und ihren Tadel mit Gruͤnden be⸗ weiſen wollen: ſo ſcheint es doch der Muͤhe werth, ihre Gruͤnde zu pruͤfen. Ihr erſter Tadel trifft nicht ſowohl das Lied ſelbſt, als die Schubartiſche*) Kompoſition. Kunſtkenner behaupten, in dieſer Kompoſition unverzeihliche Fehler gegen die Grundſätze der Tonkunſt zu finden. Da aber dieſe Fehler, wie die Herren ſelbſt geſtehen, auch von A B C Schuͤ⸗ lern in der Muſik aufgefunden werden koͤnnen; Schubart aber bekanntlich als competenter Richter in Kunſtprodukten der Muſik anerkannt worden iſt: ſo laͤßt ſich doch wohl vermuthen, daß ihm jene angenommene Grundgeſetze nicht allein unbekannt geweſen ſeyn moͤgen, und daß er dann wohl nicht ganz ohne Grund den *) Aber hat auch der— nun verſtorbene— Schubart dieſe Melodie gemacht? Erſt vor kurzen hoͤrte ich, daß ſie einem andern— aber auch Meiſter inder Kunſt— zugeſchrieben werde. K. St. 256 Paͤchter Martin. bekannten Regeln entgegen handelte. Wie? wenn er eben durch dieſe Diſſonanzen mit dem Dichter deſto harmoniſcher Hand in Hand ginge? Wie? wenn gerade der ungebahntere, nicht nach Winkelmaß und Richtſchnur abgemeſſene, Gang fuͤr den Garten, der nach keiner franzoͤſiſchen Gaͤrtnerregel zugeſtutzt war, der paſſendſte, der ſchicklichſte waͤre?— Und ſollte nicht in Werken des Geſchmacks das Urtheil der natuͤrlichen ungekuͤnſtelten Empfin⸗ dung mehr als die Stimme irgend eines kunſt⸗ richterlichen Dictators gelten? Ich glaube es; doch mag ich als Laie nicht mit dem reitzbaren Voͤlklein der Kleriker rechten. Und am Ende auch zugegeben, daß die Muſik nicht ganz gut ſey; ſo kann ja dieß doch unmoͤglich den Werth des Lie⸗ des an ſich vermindern. Die aber, die das Lied ſelbſt tadelten, haben es wahrſcheinlich nicht ganz verſtanden. Ein Herr Diaconus aus Fyxhauſen fand die erſten Verſe dieſes Liedes, das ihm von einem Freunde vorgeleſen wurde, vortrefflich; aber er ergrimmte im Geiſte, und ſprach das Verdam: mungsurtheil uͤber das unheilige Lied, als die Stelle Zweyter Theil. Stelle kam: Allen Suͤndern ſoll verge⸗ ben, und die Hoͤlle nicht mehr ſeyn! „Nein,“ ſchrie er, di Hoͤlle ſoll: man uns nicht nehmen!“ „Aber iſt's nicht a wirklich ein ſehr hetero⸗ doxer Gedanke?“ Es gab Maͤnner, welche geradezu behaupte⸗ ten: daß die gewoͤhnliche Vorſtellung von Ewigkeit der Hoͤllenſtrafen der tollſte Widerſpruch waͤre, der je in einem ungeordneten Kopfe haͤtte entſtehen koͤnnen. Denn, ſagten ſie, der groͤßte Schmerz erzeugt durch die Laͤnge der Zeit entwe⸗ der Gefuͤhlloſigkeit, oder der uͤberſtraff geſpannte Bogen ſpringt. Sollte dieß verhindert werden, ſo muͤßte der leidende Geiſt bey ſteigendem Schmerz auch erhoͤhtes Kraftgefuͤhl erhalten, um ihn ertragen und immerfort fuͤhlen zu koͤnnen. Kraftgefuͤhl iſt aber an ſich Gluͤck!— Nun denkt euch ſteigendes Gluͤck und Ungluͤck in Pa⸗ rallele; und wenn ihr das koͤnnt, ſo koͤnnt ihr euch auch denken, daß Ein Ding zu gleicher Zeit ſeyn und auch nicht ſeyn koͤnne. Und was ſagt ihr zu der Vorſtellung: daß der Swiggute irgend einem ſeiner Geſchoͤpfe ſeine Kraͤfte immer mehr 2. Theil. 17 258 Paͤchter Martin. erhoͤht, um es fuͤr den Schmerz deſto fuͤhl⸗ barer zu erhalten? Andere Maͤnner„, in allen theologiſchen Kenntniſſen eingeweiht, behaupteten, daß dieſe Lehre gar nicht bibliſch ſey. Sie ſetzten hinzu, daß Vergehung, in einem ſpannelangen Leben begangen, mit ewigen Strafen ſchlechterdings in gar keinem Verhaͤltniſſe ſtehe, und daß der Ewiggute, der ſeine Sonne aufgehen laſſe uͤber Boͤſe und Gute, und regnen uͤber Gerechte und Ungerechte, unendlich guͤtiger*) waͤre, als die ganze Schaar der Zeloten. Freylich wuͤrde der Boͤſe, durch langſamern Fortſchritt in morali⸗ ſcher Veredlung, auf immer an barer Gluͤckſe⸗ ligkeit verlieren, und das Bewußtſeyn ſeiner Schuld wuͤrde dort noch ſeine Hoͤlle ſeyn: nur muͤßte man das Poſitive von ewigen Hoͤllen⸗ ſtrafen abſondern, wenn man die Gottheit nicht laaͤſtern wolle. Laßt uns, liebe Menſchen, rufen *) Herr Hofrath Wieland macht hierbey die Anmerkung im Merkur:(ö5tes St. 1793) „Ich haͤtte lieber gerechter geſagt;“ die ich unterſchreibe. Zweyter Theil. 259 ſie mit heiliger Begeiſterung aus, laßt uns gut ſeyn aus Liebe zu Gott und der Tugend, und nicht aus Furcht vor der Hoͤlle! Es iſt hier nicht der Ort, ſich in dieſe theolo⸗ giſchen Streitigkeiten weitlaͤufiger einzulaſſen: aber das wird man doch zugeſtehen, daß es kein unchriſtlicher Wunſch ſey, zu wünſchen, daß Gott allen Suͤndern vergeben, und die Hoͤlle vernichten moͤge! Und mehr wollte der Saͤnger des erhabenen Liedes auch nicht ſagen. Er will keinem, der die Hoͤlle noͤthig hat, ſeine Hoͤlle nehmen: aber in dem Gefuͤhl von Freude, in welchem er die ganze Menſchheit umarmt: „Seyd umſchlungen, Millionen! Dieſen Kuß der ganzen Welt!“ wuͤnſcht er, daß alle Weſen mit ihm froh und gluͤcklich ſeyn moͤgen: und wer ihm das nicht nachwuͤnſchen kann— den armen Suͤnder bemit⸗ leiden wir. Ich wenigſtens werde, bey aller meiner Rechtglaͤubigkeit, immer mit vollem Her⸗ zen ſingen: 260 Paͤchter Martin.— Allen Suͤndern ſoll vergeben, Und die Hoͤlle nicht mehr ſeyn! „Aber, aber, dieſes Glas dem guten Geiſt! nein; das iſt abſcheulich! Denkt! dem lieben Gotte eine Geſundheit zutrinken wollen!“ Es iſt wahr, nach dieſer Vorſtellung iſt der Ausdruck ſehr unſchicklich; aber wer erlaubte euch auch, dem Dichter ein ſo grobes Bild unterzuſchieben? Beym freundſchaftlichen Mahle froh, wie ein Seliger Gottes, fordert der Dichter ſeine Freunde auf: 4 Danket dem Herrn! Er gab uns Freundſchaft, gab uns Wein, Gab dieſe ſel'ge Stunde; Auf, laßt uns, laßt uns dankbar ſeyn, Lobt ihn mit Herz und Munde! Und unſre Freude und Geſang Iſt unſerm guten Vater Dank. Danket dem Herrn! Danket dem Herrn! Zweyter Theil. 261 Und dieſe fromme Empfindung druͤckt er dich⸗ teriſch unter dem Bilde von Opfer aus. Zwar bedarf der Ewige eurer Opfer nicht, und eure Opfer und Gebraͤuche und Außenwerke ſind an ſich nicht Gottesverehrung, nicht Verehrung des Heiligſten, der im Geiſte und in der Wahrheit angebetet, nur durch Tugend verehrt ſeyn will: aber die fromme Empfindung des Danks, die dadurch lebhafter wird, und euch ermuntert, Gottes gute Gabe deſto froher, mit Theilneh⸗ mung des Herzens zu genießen— dieſe fromme Empfindung iſt ihm angenehm; darum weihet ihm eure Opfer! Den der Sterne Wirbel loben, Den des Seraphs Hymne preiſt, Dieſes Glas dem guten Geiſt Ueber'm Sternenzelt dort oben! Um cetwas wichtiger, als jene Vorwuͤrfe der Zeloten ſind, ſcheint mir der Tadel, welcher den Schluß der erſten Strophe betrifft: Bruͤder, uͤber'm Sternenzelt Muß ein lieber Vater wohnen! 262 Paͤchter Martin. „Iſt es erhaben,“ fragt man,„der Gott⸗ heit, welche das Weltall nicht umfaſſet, irgend einen beſtimmten Ort, waͤre es auch das Ster⸗ nenzelt, zur Wohnung anzuweiſen?“ Man koͤnnte antworten, daß die richtige Erklaͤrung von dem herrlichen, nur, leider! ſehr gemißbrauchten Gebete: Unſer Vater im Himmel ꝛc. auch hierher paſſe, nach welcher gerade der Ausdruck; im Himmel, der Vor⸗ ſtellung von Beſchranktheit entgegen wirkt. „Du, nicht bloß Gott auf Zion oder Gari⸗ zim, nicht bloß der Juden, oder Samaritaner, oder auch der Chriſten Gott— Gott uͤberall, ſo weit die Himmel reichen!“ Und wie? wenn der Geiſt, der ſich zu dem Vater uͤber'm Sternenzelt erhebt, in noch erwei⸗ tertem Geſichtskreiſe, nicht bloß den Gott der Voͤlker, die den Erdkreis bewohnen, auch den Gott und Vater der Sternenbewoh⸗ ner ſaͤhe, den Vater alles Lebens, der ſeine milde Hand aufthut, und in allen ſeinen unge⸗ meſſenen, ungezaͤhlten Welten Lebensgenuß und Freude verbreitet— ſaͤttiget und ſegnet alles, wasda lebet, mit Wohlgefallen? Zweyter Theil. 263 Sollte man ja hier eine kleine Abaͤnderung wuͤnſchen, ſo waͤre es die: daß der Dichter ſtatt des Wortes wohnen, etwa ſeyn oder irgend ein anderes haͤtte waͤhlen oͤnnen. Wenigſtens geſtehe ich, daß auch ich— vielleicht zu ſehr an den Sprachgebrauch geheftet— bey dieſem woh⸗ nen etwas zu Beſchraͤnktes— ich weiß nicht ob ich ſoll ſagen zu denken oder zu fuͤhlen, gewohnt bin. und, Freunde, ich wage hier noch ein ande⸗ res Geſtaͤndniß: daß der Ausgang der ſchoͤnen Strophe: Wem der große Wurf gelungen, Eines Freundes Freund zu ſeyn; Wer ein holdes Weib errungen, Miſche ſeine Jubel ein! Ja; wer auch nur Eine Seele Sein nennt auf dem Erdenrund! Und wer's nie gekonnt, der ſtehle Weinend ſich aus unſerm Bundl fuͤr mein Gefuͤhl etwas aͤußerſt Unangenehmes hat, und mir mit den andern Empfindungen des Wohlwollens, der hoͤchſten, reinſten Humanitaͤt, 264 Paͤchter Martin. die das Lied athmet, zu ſtark zu kontraſtieren ſcheint. Ach! der Mann, der keinen Freund hat, keine Seele auf dem ganzen Erdenrunde ſein nennen kann, iſt ein gar zu ungluͤckſeliges Weſen! Und, Gott! es waͤre doch moͤglich, daß der Un⸗ gluͤckſelige an ſeinem Ungluͤck, wenigſtens zum Theil, unſchuldig waͤre. Vielleicht ließ ihn ſein Schickſal die beſſern Menſchen vorbeygehen, und unter Unmenſchen gerathen, die ihn mißhandel⸗ ten; vielleicht wollte ſich ſein Herz mehr als Ein⸗ mal der Freundſchaft oͤffnen, aber immer kam er an Unwuͤrdige, die ihn mißbrauchten; vielleicht fiel er unter Moͤrder, die ſein Herz unheilbar verwundeten! Waͤre es aber auch ſeine eigene Schuld; doch koͤnnt' ich ihn jetzt nicht ausſtoßen, f. ihn nicht ſeinem einſamen Grame und Unmuth uͤberlaſſen, am wenigſten in der Stunde der Se⸗ ligkeit, wo mein Schuldbuch vernichtet, und die ganze Welt mit mir ausgeſoͤhnt iſt, wo ich dem— 1 Verbrecher am Hochgerichte Gnade, dem Suͤnder in der Hoͤlle Vergebung wuͤnſche, wo ich eine Welt umarmen, und— gaͤlt' es Gut und Blut, gaͤlte es Aufopferung meines Lebens!— eine Zweyter Theil. 265 3 Welt beſeligen moͤchte! Ich muß ihn bemitlei⸗ den! Es liegt zu viel Seligkeit in dem Gedan⸗ ken: zu lieben und geliebt zu ſeyn! ich muß den Armen bemitleiden, der an dieſer Seligkeit kei⸗ nen Theil hat. Mit Angſt dachte ich, ſo oft die Stelle geſungen wurde: Wenn Einen unter uns der Fluch traͤfe: wenn Einer ſich entfernen ſollte! Und mir war es dann, als koͤnnt' ich ihn nicht laſſen, als muͤßt' ich ihn mit Bruͤderarmen zuruͤckhalten, oder ihm nachei⸗ len: Armer! Armer! Du biſt unſaͤglich elend! ich fuͤhle dein namenloſes Elend, und ich muß austreten mit dir aus dem Kreiſe der Freude, und mit dir weinen!— Der Dichter ſcheint ſelbſt etwas Aehnliches gefuͤhlt zu haben: Wer's nie gekonnt, der ſtehle weinend ſich aus unſerm Bund! Aber wenn er nun noch weinen— ſein Elend fuͤhlen kann!— Der Ungluͤckſelige! Gern gebe ich zu: daß jenes harte urtheil durch den Beyſatz: wer's nie gekonnt, gewiſſer Maßen gerechtfertiget werde; ja daß man, den Menſchenfeind bloß in abſtrakto gedacht, wie ihn der Dichter hier gedacht haben wollte, 266 Paͤchter Martin. dieß Urtheil ohne Bey miſchung einer unangeneh⸗ men Empfindung nachſprechen, und vielleicht durch den hinzu gedachten Gegenſatz:„Hier aber iſt ein Kreis von Menſchen, die ſich lieben!— und auch ich liebe, und werde geliebt!“ ſich im ungeſtoͤrten Freudengenuß erhalten koͤnne. Indeß geht mir es mit dem Liede, wie dem liebenden Maͤdchen mit dem geliebten Juͤnglinge, beym erſten bemerkten Widerſpruch ihrer Empfindungen. Es ſchmerzt vielleicht um ſo mehr, weil es der erſte und einzige iſt; aber ſie liebt ihren Juͤngling darum nicht minder, und iſt geneigt, den Irrthum mehr in ſich, als in ihm zu ſuchen. Moͤglich auch, daß ſie ihn da ſicherer findet! Uebrigens gehe ich mit meinem Dichter durch alle verſchlungene Wege der enthuſiaſtiſchen Freude Hand in Hand, und folge ihm ſelbſt da, wo ſeine Tadler ihn auf dem gefaͤhrlichſten Irrwege waͤhnen. Eine heit're Abſchiedsſtunde! Suͤßen Schlaf im Leichentuch! Bruͤder, einen ſanften Spruch Aus des Todtenrichters Munde! Zweyter Theil. 267 „Was, um's Himmels willen! ſoll der Grab⸗ geſang im Weinliede, beym Trinkgelage?“ Die Antwort werdet ihr dann leicht finden, ſo bald ihr den kleinen Unterſchied zwiſchen einem Schilleriſchen Liede an die Freude, und euren gewoͤhnlichen Trinkliedern, zwiſchen einem ſokratiſchen Freudenmahle und euren Bacchusfe⸗ ſten einſehen lernt!— Auffallend iſt es aber, daß dieſe Frage auch von ſolchen aufgeworfen wird, welche aus Hoͤl⸗ ty's leider! Volksliede:„Roſen auf den Weg geſtreut ac. auch eine Strophe, die alles ſchoͤne und ſittliche Gefuͤhl empoͤrt, ohne Anſtoß abſingen koͤnnen:. „Wonne fuͤhrt die junge Gebt den Harm und Braut Grillenfang, Heute zum Altare; Gebet ſie den Winden! Eh' die Abendwolke Ruht bey hellem Be⸗ graut, cherklang Ruht ſie auf der Bahre.“ Unter gruͤnen Linden!“ Iſt's wahr, daß die alten Aegypter bey ihren Luſtgelagen einen ihrer Todten in den 268 Paͤchter Martin. Speiſeſaal bringen ließen, um den verſammelten Gaͤſten entweder die Lehre:„Genießet mit kluger Maͤßigung!“ deſto nachdruͤcklicher an's Herz zu legen; oder im Gegentheil das memento mori! mit dem post mortem nulla voluptas! zur Er⸗ munterung zu deſto lauterem Jubel zu gebrau⸗ chen: ſo handelten ſie im erſten Falle ſehr zweck⸗ widrig— machten„ wenn es ſelten geſchah, froͤmmelnde Schwaͤrmer, oder bewirkten, wenn es oft geſchah, gar nichts—; und im zweyten Falle wahnſinnig. IZch kann nicht laͤugnen, daß ich ein mit Hoͤlty's: Wonne fuͤhrt die junge Braut— Gebt den Harm und Gril⸗ lenfang ꝛc. garniertes Mahl jenem aͤgyptiſchen voͤllig an die Seite ſetze. Hoͤlty war keiner von unſern Kraftmaͤn⸗ nern, die zwiſchen den Tod aͤngſtlich fuͤrch⸗ ten, und uͤber den Tod ſpaßen, keinen Mittelweg kennen; er war ein armer Kronker/ und ſang in hypochondriſcher Spannung, was man ihm in dieſer Ruͤckſicht gern verzeiht, ohne eben in einer gluͤcklichern Lage, geſund an Geiſt 1 und Koͤrper, Beruf zu finden, es ihm nach zu Zweyter Theil. 269 ſingen. Wenigſtens kann ich mir keinen Begriff davon machen, wie ein geſunder, an Kopf und Herz unverwahrloſeter Mann, oder gar ein ſo geſundes Weib und Maͤdchen, jene heterogenſten Empfindungen im Augenblick an einander zu reihen, und vom traurigſten Bilde des Todes,— von der Braut, die am Abend ihres Hochzeit⸗ tages auf der Bahre ruhet!— zum frohen Be⸗ cherklang uͤberzuſpringen, ja ſogar den Hinblick auf eine ſolche Bahre als Ermunterung zur lau⸗ ten Freude, beym Becherklange, anzuwen⸗ den vermag. Faſt ſollte man ſagen: es waͤre ge⸗ wiſſer Maßen Gluͤck fuͤr die Welt, daß Viele ſingen, ſprechen und noch manches Andere thun koͤnnten, ohne was dabey zu denken oder zu empfinden! Zuverlaͤſſig iſt es in dem gegebenen Falle fuͤr ihre Sittlichkeit minder gefaͤhrlich. Wer den gedan⸗ kenloſeſten Leichtſinn und die herzloſeſte Frivolitaͤt befoͤrdern, wer ein Voͤlklein bilden will, das im Stande waͤre zur Luſt zu morden— Pariſer⸗ poͤbel—: der gebe ihnen oͤftere Veranlaſſung, ſchnell von einer Empfindung zur entgegengeſetz⸗ ten uͤberzuſpringen, laſſe im Trauerſpiel den Har⸗ lekin, mit oder, nach neuerer Sitte, ohne 270 Paͤchter Martin. Hanswurſtkleid, das thut nichts zur Sache! eine komiſche Zwiſchenrolle ſpielen— oder ſorge dafuͤr, daß dergleichen Volkslieder mehr geſungen und verſtanden werden! Verzeihung, Freunde, fuͤr dieſe etwas laͤn⸗ gere Epiſode!— Der Tadel trifft aber keinesweges die oben angefuͤhrte Stelle aus Schillers Liede, das nicht von weinberauſchten Zechern geſungen ſeyn will, das nicht zur Luſtigkeit aufſpielt, ſondern zu hoͤhe⸗ rer Freude und zu den edelſten menſchwuͤrdigſten Gefuͤhlen begeiſtert. Gerade in dieſer Seelen⸗ ſtimmung iſt der Gedanke an Tod und Grab, verbunden mit der freyern Ausſicht in ein beſ⸗ ſeres Leben willkommen und wohlthaͤtig! „Laßt uns gut ſeyn bis zum Grabe, edle Tha⸗ ten thun, wie das Lied ſie ſingt, dann Fuͤhrt der Tod, ein ſchoͤner Genius, Wie Mengs ihn mahlt in ſeinem ſchoͤnſten Bilde, Uns einſt in ſelige Gefilde! Hand in Hand wir wollen gut ſeyn! und unſern Bund vernichtet kein Tod! Auf Wiederſehen!!“—— Zweyter Theil. 271 Es waͤre leicht, noch andere aͤhnliche Ein⸗ wuͤrfe zu widerlegen: aber die ſchoͤneren Lebens⸗ ſtunden, dergleichen uns der heutige Tag gewaͤhrt, ſind zu koſtbar, als daß man ſie mit Widerle⸗ gungen und Streitigkeiten verderben ſollte. Wir wollen ſie weiſer genießen, und heute den erſten Becher der Freude dankbar unſerm Schiller weihen! 3 8 272 Paͤchter Martin. 2. Ueber den Mißbrauch des Freundſchafts⸗ kuſſes und der Umarmungen. Luther— jedem Wahrheitsfreunde, auch ohne ſeine Partey zu nehmen, ohne ſeine Mei⸗ nungen durchaus zu unterſchreiben, ein geweih⸗ ter heiliger Name! Luther, der Enthuſiasmus. fuͤr Wahrheit und Recht, der Muth und Kraft genug hatte, bey allen Muͤhen, bey allen Hin⸗ derniſſen, bey allen Gefahren, die ſich ihm ent⸗ gegen ſtellten, dennoch den großen Kampf fuͤr Wahrheit und Menſchengluͤck zu beginnen, hundertjaͤhrige Sklavenketten des Wahns, der Vorurtheile, des Aberglaubens zu zerbrechen, und Tauſenden ſeiner Bruͤder Retter und Heis⸗ land zu werden!— ſein Name ſey die Lofung, mit welcher ich die Verſammlungen einer Ge⸗ ſellſchaft freymuͤthiger teutſcher Maͤnner fuͤr dieſes Winterhalbejahr hiermit eroͤffne! 3 In⸗ Zweyter Theil. 273 Indeß iſt es jetzt nicht meine Abſicht, eine genauere Schilderung des Charakters und der Verdienſte des großen teutſchen Mannes— zu verſuchen; ſondern nur einen ſeiner gut⸗ muͤthigen Einfaͤlle zum Eingang einer Rede zu nehmen, welche ſich Ihnen— durch ihre Kuͤrze empfehlen wird. Luther erklaͤrt, was in der ſogenannten vierten Bitte des Vater⸗ unſer s unter taͤglichem Brote zu verſtehen ſey, und rechnet dazu unter andern auch getreue Nachbarn und gute Freunde. Heil dem Manne, dem Freundſchaft eben ſo nothwendiges Beduͤrfniß wie das taͤgliche Brot iſt! Ihrer aller Herzen klopfen ihm ge⸗ wiß lauten Beyfall; denn auch Sie fuͤhlen gleich edles Beduͤrfniß, und wiſſen das Gluͤck zu ſchaͤtzen, daß auch Sie, auf einer Welt, wo das Thier ſeine Weide, der Schwelger ſeine Leckereyen findet, im Genuſſe der reinſten Freundſchaft, Nahrung fuͤr Geiſt und Herz fan⸗ den. Aber ſollte es Ihnen, meine Freunde, die Sie die Goͤttlichkeit der Freundſchaft ſo herz⸗ lich anerkennen, und ihre Freuden ſo dankbar genießen, nicht eben deßhalb zwiefache Pflicht 2. Theil. 18 ———— 274 Paͤchter Martin. ſeyn, die heiligen Rechte der Freundſchaft, gleich⸗ ſam als ihre geweihten Prieſter— obgleich tole⸗ ranter als die Prieſter vergangener Zeiten— zu vertheidigen? Ich rechne deßwegen mit Zuver⸗ ſicht darauf, daß Sie, wenn Sie anders, wie ich hoffe, meine Gruͤnde wichtig genug finden, einem der ſchaͤndlichſten Mißbraͤuche in der Freund⸗ ſchaft, dem Mißbrauche, dermit Freund⸗ ſchaftskuß und Umarmung getrieben wird, mit vereinigten Kraͤften, womit Sie ſchon ſo manches Gute bewirkten, ſo manches ſchaͤdliche Vorurtheil ausrotteten, ſo manche unſin⸗ nige Mode verdraͤngten,— entgegen wirken werden. Je ſeltner wahre Freundſchaft iſt, deſto gangbarer iſt ihr Name, deſto gewoͤhnlicher ſind leere Freundſchaftsverſicherungen, und der affec⸗ tierte Ausdruck ihrer Empfindungen. Freund⸗ ſchaft, in wie fern ſie mit der Liebe, ihrem Geiſte nach, gleicher Natur iſt, ſucht ſich dem gelieb⸗ ten Gegenſtande zu naͤhern, und druͤckt dann ihre Empfindungen durch den Haͤndedruck, und im vollen Erguß von Zaͤrtlichkeit durch Kuß und Umarmung aus. Schande, daß es nun Zweyter Theil. 275 zur Mode geworden iſt, mit dem Ausdrucke die⸗ ſes hoͤchſten innigſten Gefuͤhls zu ſpielen, und zu taͤuſchen! Schande, daß dieſe Mode an eini⸗ gen Orten, und vorzuͤglich auch bey uns, wahr⸗ lich bis zum Unſinn uͤbertrieben wird! Ich treffe einen Mann, deſſen Bekannt⸗ ſchaft— nicht Freundſchaft— ich zufaͤllig an einem dritten Orte machte, oder mit dem ich als Gelehrter oder Kaufmann in Briefwechſel ſtand, der wohl auf nichts weniger als auf eigentliche Freundſchaft Beziehung hatte: es muß, ſo will es hier die Mode, gekuͤßt und umarmt werden. Ich lerne einen weitlaͤufigen Verwandten ken⸗ nen, der vielleicht, nach ſeinem moraliſchen Charakter, meiner Seele auf immer fremd blei⸗ ben wird: es muß gekuͤßt und umarmt werden. Ich komme zu einem Gaſtmahle, oder muß ſelbſt den Wirth machen, und aus Hoͤflichkeit, und gewiſſer Verhaͤltniſſe wegen, manche Perſonen mit einladen, die wohl meine Tiſchgenoſſen, nur nicht meine Freunde ſeyn koͤnnen; und — ja, hier wiederhole ich den vorhin nicht zu ſtark geſetzten Ausdruck: daß der Mißbrauch 276 Paͤchter Martin. mit Freundſchaftskuß und Umarmung bis zum Unſinn uͤbertrieben werde. O weg mit einer tollen Mode, welche die Freundſchaft entwuͤrdigt, unſern Charakter verderben, und unſere Ge⸗ fundheit vergiften kann! „Unſere Geſundheit vergiften?“ Herr Hofrath Gruner, in ſeinem Alma⸗ nach fuͤr Aerzte und Nichtaͤrzte, be⸗ hauptet: daß der gemeinſchaftliche Kelch im Abendmahle— auch ohne Ruͤckſicht auf den Armenſuͤndertrank, auf den elenden verfaͤlſchten Wein, welcher noch jetzt, zur Ehre der Polizey! in vielen Kirchen zur Communion verbraucht wird— ſchon durch bloße Beruͤhrung des Kelchs von gewiſſen Kranken, der Geſund⸗ heit des Nachfolgenden, welche mit ihm aus demſelbigen Kelche tranken, aͤußerſt nachtheilig werden koͤnnte. Man hat ihm, und ich glaube mit Recht, widerſprochen; weil bey gehoͤriger Aufmerkſamkeit des Predigers, durch oͤftere Um⸗ drehung des Randes vom Kelche, das Nachthei⸗ lige der unmittelbaren Beruͤhrung verhuͤtet wuͤrde. Zweyter Theil. 277 Kann aber dieſe, aus unmittelbarer Beruͤh⸗ rung entſpringende Gefahr, auch beym Kuſſe vermieden werden? „Ein ſolcher Kranker(wird man einwenden,) nimmt nicht leicht an Gaſtmaͤhlern Theil.“ Nicht leicht; das gebe ich zu: aber ich kann Ihnen Erfahrungen von bewaͤhrten Aerzten auf⸗ ſtellen, daß es doch zuweilen geſchah. „So wird er wenigſtens ſo billig ſeyn, und Kuß und Umarmung vermeiden.“ Ja; wenn Leichtſinn, Frechheit, oder auch unzeitige Scham ihn nicht zur Unbilligkeit, zur Ungerechtigkeit verleiten. „Nun, ſo muß der Geſunde ihn von ſich abhalten.“. Das wird er, wenn er ihn ſchon als einen ſolchen Kranken kennt, wenn die Krankheit des Ungluͤcklichen ſchon ſo auffallend leſerlich in ſein Geſicht eingegraben iſt, daß ſie Andre warnen und abſchrecken kann. Iſt ſie aber das immer — und ſchon bey ihrem erſten Entſtehen? Doch, naͤhmen wir auch an, daß man in kleinern Staͤdten, wo der Mißbrauch der Umarmung am haͤufigſten iſt, bey verhaͤltnißmaͤßig geringerer 278 Paͤchter Martin. Sittenverderbniß, ſeltener dieſer Gefahr der ſchrecklichſten Vergiftung ausgeſetzt waͤre: kann nicht Ekel vor andern— obgleich bemitleidens⸗ wuͤrdigen Perſonen— meine Geſundheit auf andre Art untergraben? Wenn mir z. B. nach genoſſenem, vielleicht unmaͤßig genoſſenem Mahle, nun zu guter Verdauung der verpeſtete Athem irgend eines Tiſchgeſellſchafters entgegen gehaucht wird? Auch faß vielleicht ein vornehmer Cyniker mit an der Tafel, der mir, von Speiſe und Wein ausduͤnſtend, die Ehre anthut, meine Wan⸗ gen zur Serviette zu gebrauchen! Verzeihen Sie mir, daß ich Ihnen ein ſo ekelhaftes Gemaͤlde aufſtellte, das Sie indeß nicht Abertrieben finden werden! Iſt es nun aber nicht mehr als thoͤricht, um einer elenden Mode willen, ſeine Geſundheit, ſein Leben in Gefahr zu ſetzen? Aber dieſe unver⸗ nuͤnftige Sitte mordet zugleich die Geſundheit der Seele, verdirbt unſern moraliſchen Charakter. Kuß und Umarmung bey'm Abſchied oder Wiederfinden des Zwihlingsbruders unſrer Seele, . gweyter Theil. 279 bey Entdeckung eines neuen ſchoͤnen Zuges ſeines Geiſtes und Herzens, in den ſeligſten Augen⸗ blicken des Lebens, wo das innigſte Gefuͤhl des Wohlwollens gegen den Freund die Sprache hemmt, gegeben und empfangen, entehrt auch den Mann ſo wenig, als die Thraͤne ſanfte⸗ rer Theilnehmung an dem Schiekſal unſrer Lieben. Nur wird der Mann nicht Sieg⸗ wartiſch empfindeln, wo er denken, nicht weinen, wo er handeln ſoll— und wird, glaube ich, eben ſo wenig in ewigem Wonnegefuͤhl von Freundſchaft uͤberſtroͤmen, da er ja mit ſeinem Freunde nicht bloß Empfin⸗ dungen, ſondern auch Gedanken wechſeln, und durch vereinte Thaͤtigkeit deſto mehr wirken will. Es iſt bey der Neigung zu ſolchen Freund⸗ ſchaftsergießungen ſo etwas ſinnlich Schwaͤrmen⸗ des, ſo etwas Suͤßliebelndes, das ſich mit dem maͤnnlich teutſchen Charakter nicht wohl verei⸗ nigen läßt.— Wer kann aber auch den trau⸗ teſten Freund mit immer gleicher Waͤrme und Herzlichkeit empfangen? Wozu nun gegen ihn, unſern trauteſten Freund, leerer Auedruck von Empfindungen, die das Herz nicht hat, nicht 280 Paͤchter Martin. haben kann, und, nach dem kaum vorher Ge⸗ ſagten, nicht immer haben ſoll? Unſere vollherzigen Menſchen nach der Mode haben aber dieſen Ausdruck von warmer Herzlich⸗ keit nicht bloß fuͤr ihre eigentlichen Freunde, ſon⸗ dern auch fuͤr alle die Hunderte oder Tauſende ihrer Bekannten immer in Bereitſchaft. O der vollherzigen? Modemenſchen! Doch danke ich fuͤr ihre Freundſchaft! Denn bey der Fuͤlle ihres Herzens kann es doch, in tauſend Theile zerlegt, jedem nur eine ſo kleine Portion tragen, daß es kaum der? Muͤhe lohnt, auch nur die Hand darnach auszuſtrecken. Die Erfahrung lehret, daß die Allerweltsfreunde nur ſelten Einen Freund haben, der des Namens werth iſt, und noch ſeltner einen ſolchen Freund verdienen. 3 Indeß geſtehe ich, daß mir die Umarmun⸗ gen dieſer freundſchaftsvollen Geſchoͤpfe zuwei⸗ len auch mehr Lachen als Verdruß erregt haben. Madam RNies tritt ein, macht ihren Knix, und faͤngt nun an die verſammelten Damen der Reihe nach zu umarmen. Jede— bewundern Zweyter Theil. Sie die Gegenwart des Geiſtes, bey der Er⸗ gießung von uͤberſtroͤmender Freundſchaft!— jede weiß ſie mit ſo geſchicktem Anſtande zu umarmen, daß auch kein Haͤrchen von der Fri⸗ ſur gekruͤmmt wird, und kein Baͤndchen aus ſeiner Lage koͤmmt; und, haben ſie eben die großen Huͤte auf, die nun mit der Hand zuruͤck gebogen werden, ſo koͤmmt eine Attituͤde fuͤr den Pinſel eines Hogarth's heraus. Madam Mer, welche beym Eintritt der Dame Nex eben in einem wichtigen Geſpraͤche begriffen war, faͤhrt in dem Augenblicke, wie ſie ihren Mund vom Kuſſe zuruͤck gezogen hat, in ihrer Unterredung fort: Ja das m uß ich ſagen, der Anzug war ganz niedlich; aber“— Und eben ſo umarmen unſere Kleinmeiſter, und drehen ſich in demſelben Augenblicke auf dem Abſatz herum, um das allerliebſte Fuͤßchen der naͤchſten Dame zu bewundern. Was iſt hier der ſogenannte Freundſchaftskuß? Ein fades Compliment, wobey nichts gedacht und nichts empfunden wird. Und ſoll es das ſeyn; nun gut, ſo uͤberlaſſe man ihn den maͤnn⸗ 282 Paͤchter Martin. lichen und weiblichen Puppen; und der teutſche Mann verachte den faſelnden Modekuß, wie jede andere Stutzernarrheit! Wollen wir aber, daß Kuß und Umarmung ferner bedeute, was ſie doch wohl ihrer Natur nach bedeuten ſollten— die ſtaͤrkſte ſymboliſche Freundſchaftsverſicherung: ſo wird uns der damit getriebene Mißbrauch nicht bloß veraͤchtlich, er wird auch verabſcheuungswuͤrdig werden. Iſt's denn nicht niedrige Heucheley, einem Andern ſolche Freundfchaftsverſicherungen zu geben, gegen den mein Herz keine Freundſchaft fuͤhlt, den es wohl gar von ſich abſtoͤßt? Vergebens wird man mir einwenden, daß das nun Einmal konven⸗ tioneller Ton von guter Lebensart ſey, wobey gar keine Moralitaͤt Statt faͤnde; vergebens mit Lord Cheſterfield ſagen, daß dergleichen Hoͤf⸗ lichkeitsbezeigungen eben ſo wenig Beleidigungen der Aufrichtigkeit waä⸗ ren, als ein gehorſamer Diener am Schluſſe eines Ausforderungsſchrei⸗ bens. Denn der ehrliche Mann ſollte doch wenigſtens dergleichen Hoͤflichkeitsbezeigungen nicht uͤbertreiben. Muß man, um froher Zweyter Theil. 283 Geſellſchafter zu ſeyn, eben die Rolle des Luſtig⸗ machers ſpielen? und, um in Geſellſchaften nicht zu beleidigen, jedem mit ausgebreiteten Armen entgegen kommen? Es giebt eine gewiſſe ſchoͤne Linie zwiſchen zu viel und zu wenig mitten inne, welche der Mann von Kopf und Herz auch bey Beobach⸗ tung willkuͤhrlicher Geſetze der alles beherrſchen⸗ den Mode nicht aus dem Auge verlieren wird. Nach dieſer Richtſchnur wird er hoͤflich ſeyn, ohne zu kriechen; wird eure Vorzuͤge, wenn ihr deren habt, anerkennen, wohl gar euch Gelegen⸗ heit verſchaffen, ſie im hellern Lichte zu zeigen, aber euch nicht Vorzuͤge anſchmeicheln, die ihr nicht habt; wird eine naͤrriſche Rede gefaͤllig anhoͤren, und, ohne Beruf, nicht ſagen, daß ſie naͤrriſch ſey, aber ſie auch nicht, wider ſeine Ueberzeugung, klug nennen; wird uͤber eure faden unſittlichen Scherze nicht zur Unzeit mora⸗ liſieren, aber euch auch keinen Beyfall zuklatſchen; wird dem Buben, mit welchem ihn Zufall und Verhaͤltniſſe in einen freundſchaftlichen Zirkel zuſammen fuͤhrten, da nicht geradezu ſeine Ver⸗ achtung fuͤhlen laſſen, aber ihm auch nicht die 284 Paͤchter Martin. Achtung beweiſen, die dem rechtſchaffnen Manne gebuͤhrt.— Kurz, es giebt ein gewiſſes Ge⸗ fuͤhl fuͤr's Schoͤne und Schickliche, das uns in ſolchen Dingen lehrt, gerade ſo viel und nicht mehr zu thun, als man muß, und ſelbſt dieß nur, in ſo weit es unſern hoͤhern Pflichten nicht entgegen iſt. Kein Geſetz der Mode— wo ſo oft ein Geck Geſetzgeber war— kann den freyen Mann zwingen, etwas zu thun, was mit den ewigen Geſetzen der Sittlichkeit, was mit den Grundſaͤtzen des ehrlichen Mannes im Wider⸗ ſpruche iſt. Und nun ſagen Sie ſelbſt, ſind jene Umarmungen, als bloße Hoͤflichkeitsbezeigungen betrachtet, nicht armſelige Uebertreibungen, und als Freundſchaftsverſicherungen gegen Menſchen, die wir nicht lieben, niedrige Heucheley? Und der Mann von Grundſäͤtzen ſollte ſeinen beſten Vorzug einer kleinſtaͤdtiſchen Mode aufop⸗ fern? Das ſey ferne! Ich war Willens, meine Herren, in Bezug auf dieſe kleinliche Mode noch etwas uͤber die Grimaſſe manches Vornehmen gegen den Min⸗ derbetitelten hinzu zu fuͤgen; auch haͤtte ich gern noch fuͤr die Eingeweihten in der ſchoͤnern Zweyter Theil. 285 Leebe etwas uͤber die Oekonomie und kluge Schaͤtzung des Kuſſes geſagt: aber ich beſorge, theils Ihre Aufmerkſamkeit von der ernſten Seite des Gegenſtandes abzuziehen, theils, gegen mein Verſprechen, durch die Laͤnge der Rede zu ermuͤden. Und gewiß bedarf es auch zur Hauptſache— wenigſtens fuͤr Sie, meine Freunde— keiner weitlaͤufigern Ausfuͤhrung. Iſt es wahr, was doch wohl nicht leicht gelaͤug⸗ net werden kann, daß die Beobachrung jener Mode unter gewiſſen Umſtaͤnden der Geſundheit nachtheilig werden kann; daß ſie in einer Ruͤck⸗ ſicht Stutzernarrheit, in einer andern niedrige Heucheley und Entwuͤrdigung der Freundſchaft ſey: ſo duͤrfen Sie, freye teutſche Maͤnner, edle Freunde, dieſer elenden Mode nicht laͤnger froͤhnen, ſo ſind Sie gezwungen—(Sie wiſſen, wie der edle Mann kann gezwungen werden), vereinigt zu arbeiten, um ſie, wo moͤglich, gaͤnzlich zu verdraͤngen. Es iſt ſchwer, der Mode, die mit bleyernem Scepter die Welt 1 beherrſcht, entgegen zu kaͤmpfen: aber der Sieg nach ſchwerem Kampfe iſt deſto ſuͤßer; und Sie haben ſich ja dieſes Sieges ſchon ſo oft, haben 286 Paͤchter Martin. ſich ſeiner, noch in dieſem Jahre, bey Abſchaß fung der Todtentrauer erfreut! Sey es dann, daß uns eine Zeit lang von der Mode treuen Sklaven der Vorwurf der Sonderlinge, oder der Maͤnner ohne Lebensart gemacht werde; mehr Ehre, als mit Aufopfe⸗ rung unſerer Grundſaͤtze, auf Koſten unſerer Rechtſchaffenheit, das zweydeutige Lob artiger Geſellſchafter zu erwerben. Und hoffentlich wird auch dieß— doch eben nicht ſehr furcht— bare— Urtheil bald abgeaͤndert, oder doch lei⸗ ſer, und endlich nur noch von denen geſprochen werden, deren Tadel mehr Ehre als ihr Beyfall iſt, wenn wir, wie bey Abſchaffung der uͤber⸗ maͤßigen und koſtſpieligen Kleidertrauer um die Verſtorbenen, die Gruͤnde unſers Verhal⸗ tens oͤffentlich bekannt machen, und dann feſt vereinigt handeln. Von nun an alſo Freundſchaftskuß und Umarmung nur fuͤr den eigentlichen Freund, und nur fuͤr die ſeltnen Augenblicke, wo das Herz ſelbſt mit innigſtem Gefuͤhle den Freund umſchlingt! Nie wieder eine Umarmung als Zweyter Theil. bloße Hoͤflichkeitsbezeigung, nie eine Umarmung um der Mode willen! Der teutſche Haͤndedruck erhalte nun durch Freunde, die ſich lieben, wie ich Sie liebe, und wie ich mit froher Ueberzeugung von Ihnen ge⸗ liebt zu werden glaube, ſeine alte Wuͤrde wieder! 288 Paͤchter Martin. 3. Epitomierte*) Beantwortung der Frage: . Darf der rechtſchaffene Mann, als Mitglied eines Collegii, in welchem durch die meiſten Stimmen wichtige Aemter im Staate beſetzt werden, dem unwuͤrdigern Competenten ſeine Stimme geben, weil er zum voraus ſieht, daß doch dem wuͤrdigern ſeine einzelne Stimme nichts helfen werde?“ Die Frage wurde von einigen bejaht, aus folgenden Gruͤnden: 1) Weil ich keine Verpflichtung habe, mir zu ſchaden, wo ich doch keinem Andern damit nuͤtzen kann. *) Vergleiche in den Geſetzen der F. M. Geſ. 11, c; wozu dieß als Probeſtüͤck, oder als erlaͤuterndes. Beyſpiel, eine Stelle zu verdienen ſchien. Zweyter Theil. 289 2) Weil ich dadurch nicht nur mir, ſondern auch meinen Freunden und Anverwandten ſchade; 3) ja dem Staate ſelbſt;— indem ich dadurch meine Macht, Gutes zu wirken, vermindere. Denn meine Collegen, durch dieſen Widerſpruch, durch dieſe Unbieg⸗ ſamkeit beleidigt, werden mir nun auch bey den beſten Unternehmungen entgegen 3 handeln, und manches Gute, das ich nur mit ihrer Beyſtimmung zu Stande brin⸗ sgen kann, verhindern. Die gute Abſicht wird alſo meine Handlung techtfertigen, der Zweck die Mittel heiligen. 4) Es waͤre ſogar moͤglich, daß ich dadurch ſelbſt meinem Candidaten, in Nuͤckſicht auf ſeine kuͤnftige Befoͤrderung, ſchadete: weil der Haß gewoͤhnlicher Menſchen gegen ihren Feind ſich oft uͤber alle dieje⸗ nigen verbreitet, welche ſie als ſeine Freunde betrachten. Hier beſonders wird der, wenn auch noch ſo unſchuldige, Candidat als Mit⸗ urſache einer veraßten Wirkung mit gehaßt werden.— 4 a. Theil. 19 8 29o Paͤchter Martin. 5) Und wie weiß ich mit Gewißheit, ob mein Candidat, der mir der Wuͤrdigere ſcheint, auch wirklich der Wuͤrdigere ſey? Konnte ich mich nicht in der guten Mei⸗ nung, die ich von ihm habe, taͤuſchen? iſt dieſe Taͤuſchung nicht wahrſcheinlich, da die andern alle Ticht fuͤr ihn ſtimmen wol⸗ len?“ Auf 1) und 2) wurde geantwortet: Die bey Antretung deines Amtes uͤbernom⸗ mene Verpflichtung: bey vorfallenden Wahlen dem nach deiner Ueberzeugung Wuͤr⸗ digſten deine Stimme zu geben; iſt nun fuͤr dich Geſetz, das du, auch mit Aufopferung dei⸗ nes eigenen Vortheils erfuͤllen mußt, ſo lange du dein Amt als ehrlicher Mann bekleiden willſt. Angenommen, daß dir dieß Geſetz nicht aus⸗ druͤcklich von Andern vorgeſchrieben waͤre, ſo wuͤrde dir's deine eigene Vernunft und Rechtſchaf⸗ fenheit vorſchreiben. Wie viel mehr aber biſt du verbunden, dein feierlich gegebenes, vielleicht— was in den meiſten Staaten der Fall ſeyn wird— durh einen Eid bekraͤftigtes Wort zu halten? 7 Zweyter Theil. 291 Es laͤßt ſich aber auch nicht behaupten, daß du deßwegen nichts nuͤtzeſt, weil du jetzt deinen naͤchſten Zweck durch deine Stimme nicht errei⸗ chen kannſt.*) Du nuͤtzeſt ſchon dadurch, du befoͤrderſt die gute Sache, daß du an deinem Theile beweiſeſt, daß dir Pflicht, Treu' und Glaube heilig ſey. Da hingegen der Unredliche und Ungerechte in ſeiner Ungerechtigkeit noch beſtaͤrkt werden wuͤrde, wenn er ſaͤhe, daß ſelbſt der, welcher den Ruf des rechtſchaffenen Mannes fuͤr ſich hat, dennoch ihm gleich handelte, und ſo die Ungerechtigkeit und Treuloſigkeit gleichſam heiligte.— 3) Der Mann, welcher ohne Ruͤckſicht auf Privatintereſſe, bloß um dem Staate deſto mehr zu nuͤtzen, jetzt mit widerſtrebendem Herzen thaͤte, was er in keiner andern Ruͤckſicht thun wuͤrde, iſt— wenn er anders vor ſeinem Gewiſſin uͤber⸗ ») Moͤglich waͤre es doch auch, daß der Mann, der ſeine Stimme mit Gruͤnden unterſtuͤtzte, viel⸗ leicht einige ſeiner Collegen zur Abaͤnderung ihrer Stimme bewegen, und ſo ſelbſt ſeinen naͤchſten Zweck vielleicht erreichen koͤnnte. 292 Paͤchter Martin. zeugt war, daß dieſe Abſicht allein ſeine Hand⸗ lung beſtimmte; ſo feſt davon uͤberzeugt war, daß er, und wenn er in der folgenden Stunde ſterben, und vor den Richterſtuhl des Allgerech⸗ ten gefordert werden ſollte, mit dieſer Ueberzeu⸗ gung von der Lauterkeit ſeiner Abſicht ſeinem Richter entgegen gehen koͤnnte— der Mann iſt, in wie fern er ſeiner Ueberzeugung ein ſchwe⸗ res Opfer brachte, ein edler Mann! Aber, nicht zu gedenken, daß dieſe vorgege⸗ bene Abſicht bey den meiſten nur Maske ſey, hin⸗ ter welcher ſich entehrende Menſchenfurcht und Privatintereſſe verſtecken; daß vielleicht auch mancher ſich ſelbſt taͤuſcht, und aus Patriotis⸗ mus zu handeln waͤhnt, wo er nur aus Be⸗ ſorgniß zu beleidigen, und ſich oder ſeinen Freun⸗ den zu ſchaden, handelte: ſo ruhet dennoch ſeine Ueberzeugung auf einem Jerthume, und er iſt alſo nur ſo lange gerechtfertigt, als er dem un⸗ verſchuldeten Irrthume unterworfen iſt. Er ſtiftet zuverlaͤſſig fuͤr den Staat mehr Boͤ⸗ ſes als Gutes! Die Grundſtuͤtzen, worauf das Wohl der Geſellſchaft gegruͤndet iſt, ſind Gerech⸗ tigkeit, Treu und Glaube. Wehe dem, der Zweyter Theil. 293 dieſe Grundſtuͤtzen untergraͤbt, oder auch nur nicht, ſo viel er kann, ihre Untergrabung von Andern verhindert! Und ſollten nicht die Geſetze denen vorzuͤglich heilig ſeyn, welchen die Regie⸗ rung des Staats und die Sorge fuͤr Aufrechthal⸗ tung der Geſetze uͤbertragen iſt? Du ſollſt und darfſt aber auch, als moraliſch guter und gerechter Mann, dem Staate nicht durch Verletzung deiner Pflichten, durch Be⸗ gehung einer Ungerechtigkeit nuͤtzen. Der Satz: Der gute Zweck heiligt die auch an ſich unerlaub⸗ ten Mittel; iſt ein ſehr unrichtiger Satz, kann zur Begehung der abſcheulichſten Ungerechtigkeiten verleiten, kann einem Ravaillac den Dolch in die Hand geben, um einen Heinrich IV. zu morden, in der vermeinten edlen Abſicht, Gott und der Religion dadurch einen Dienſt zu leiſten.*) „Man darf nichts Boͤſes thun, daß Gutes daraus entſtehe!“ ſagt der Lehrer der Chriſten. Und auf den Bericht des Ariſtides von dem ihm entdeckten Plane des Themiſtokles: daß *) Auch Guſtaos Moͤrder glaubte ſeine ab⸗ ſcheuliche That damit zu rechtfertigen. 294 Paͤchter Martin. dieſer Plan zwar ſehr nuͤtzlich, aber unge⸗ recht ſey; urtheilten die damals braven Athe⸗ nien ſer einſtimmig:„Alſo darf er nicht ausge⸗ fuͤhrt werden!“ Hieraus ergiebt ſich die Widerlegung des vierten Grundes von ſelbſt— wo man ohnehin der einen Moͤglichkeit eine andere: daß der Candidat durch ſeinen entſchloſſenen Vertheidi⸗ ger auch gewinnen, und daß dadurch ſeine Ver⸗ dienſte mehr anerkannt werden koͤnnten; entge⸗ gen ſetzen kann. Der fuͤnfte baufaͤllige Grund ſtuͤrzt, ſo bald man annimmt, wie es jeder rechtſchaffene und aufgeklaͤrte Mann gewiß annehmen wird; Es iſt dir Pflicht, dem, nach deiner Ueber⸗ zeugung, Wuͤrdigſten deine Stimme zu geben. So wenig du eine begangene Ungerechtigkeit damit entſchuldigen kannſt, daß Andere ſie auch begingen, auch ungerecht handelten, eben ſo wenig wird deine, einem Unwuͤrdigen gegebene Stimme gerechtfertigt, weil auch Andere ſie ihm gegeben haben. Pflicht iſt es dir freylich, auch die Urtheile Anderer zu hoͤren, und zu pruͤ⸗ 1 fen, ſo viel du kannſt, ob dein Candidat auch Zweyter Theil. 295 der Wuͤrdigere ſey? aber bleibt er dieß auch dann noch, nach deiner Ueberzeugung, ſo mußt du als ehrlicher Mann fuͤr ihn ſtimmen, und wenn auch keiner deiner Collegen ihm bey⸗ treten wollte.*) Moͤglich waͤre es, daß du, bey aller vor: hergegangenen ſorgfaͤltigen Pruͤfung, dich den⸗ noch in deinem Candidaten geirrt haͤtteſt; aber. du waͤreſt gerechtfertigt. Angenommen, daß dein Candidat, der durch dich das Amt erhalten haͤtte, weil du ihn fuͤr den Wuͤrdigſten hieltſt, ein Heuchler geweſen, und nun ſeinem Amte Schande machte, dem ein Andrer, welchem du entgegen arbeiteteſt, weil du ihn faͤlſchlich fuͤr *) Eine armſelige Entſchuldigung fuͤr die Unge⸗ rechtigkeit— denn das iſt und bleibt ſie immer:— hoͤrte ich von einem Wahlherrn: Man wuͤrde ſich durch ſeine ſingulaͤre, nichts fruchtende Stimme nur laͤcherlich machen!— Waͤre es wirklich ſo weit gekommen, daß man ſich laͤcherlich macht, wenn man, ſeiner Ueberzeugung getreu, gerecht handelt?— O euern Spott, ungerechte meinei⸗ dige Menſchen, oder kopfloſe Jaherren, wuͤrde ich mir zur wahren Ehre rechnen! 296 Paͤchter Martin. unwuͤrdig hielteſt, Ehre gemacht haben wuͤrde; doch biſt du gerechtfertiget. Du wuͤrdeſt dir hingegen Vorwuͤrfe zu machen haben, haͤtteſt 4 ungerecht gehandelt, wenn du dem nachher erkann⸗ ten Wuͤrdigern damals, als du ihn noch nicht dafuͤr erkannteſt, deine Stimme gegeben haͤtteſt. Der Erfolg, den wir nicht vorher ſehen konnten, koͤmmt nicht auf unſere Rechnung, und kann eine ungerechte That nie entſchuldigen. Zweyter Theil. 297 4. Einige Fabeln. — Die Saͤnger des Waldes. Unter der Regierung Furchtbars des neun und neunzigſten begann im Thierreiche das philoſophiſch⸗ oͤkonomiſche Zeitalter. Alles rech⸗ nete jetzt—„wie man ſeine Beduͤrfniſſe ein⸗ ſchraͤnken, ſeine Begierden maͤßigen, mit weni⸗ gem zufrieden leben koͤnnte?“— Nein, das nicht; ſondern wie man mehr gewinnen, wie man mehr Mittel erhalten koͤnne, die unmaͤßig⸗ ſten Begierden zu befriedigen. Der Maßſtab, nach welchem man jetzt das Gute beſtimmte, war das Nuͤtzliche, und nuͤtzlich war, was bereicherte.. Beſonders machte die lucrative Philoſophie am Hofe ſchnelle Fortſchritte. Kein Wunder; denn Sultan Furchtbar hatte die beſten Koͤpfe 298 Paͤchter Martin. zu Rathgebern, welche nicht ermangelten, ihm pflichtmaͤßigſt einen weiſen Rath nach dem andern zu geben, deſſen Befolgung, wo nicht immer ihrem Herrn, doch zuverlaͤſſig ihnen ſelbſt Nutzen brachte. Niemand verlor aber bey dieſer Philoſo⸗ phie mehr als die Saͤnger des Waldes. Man bewies ihnen, daß ſie unnuͤtze Buͤrger des Staats waͤren, brachte ſie um die Gunſt des Fuͤrſten und um die Achtung ihrer Mitbuͤrger, und kraͤnkte ſie durch Spott und Demuͤthigung aller Art ſo lange, bis ſie endlich das Singen unterließen, und ſich auf etwas Nuͤtzlicheres legten. Aber mit ihrem Geſange verſtummte auch die Freude, und alle Thiere wurden roheren Sinnes. Boͤſe Laune und Mißmuth erzeugte bey den min⸗ der Maͤchtigen heimtuͤckiſche Bosheit, bey den Maͤchtigern blutgierige Grauſamkeit. In kurzen ſank die philoſophiſche Thierwelt in die tiefſte Barbarey zuruͤck. Zweyter Theil. 299 Der Fuchs und die Nachtigall. Es iſt wahr, ſprach ein Fuchs zur Nachtigall, ihr ſeyd geiſtvolle Saͤnger; nur Schade, daß es euch ganz an Weltkenntniß und Lebensklug⸗ heit fehlt! Erſt geſtern ſah ich eine deines Ge⸗ ſchlechrs recht plump in eine Falle gehen, die ihr der Menſch geſtellt hatte. Wer einen Fuchs fangen will, der muß es liſtiger angreifen. Natuͤrlich! antwortete die Nachtigall; ihr verſteht euch ſelbſt zu gut auf das Fallenſtellen. Wuͤrden die Nachtigallen auch erſt betriegen ler⸗ nen, ſo wuͤrden ſie wahrſcheinlich nicht mehr ſo leicht betrogen werden. Aber freylich wuͤrden ſie dann auch aufhoͤren, Nachtigallen zu ſeyn, deren ſuͤßeſter Beruf es iſt, andern Freude in's Herz zu ſingen. · Paͤchter Martin. — Phylax und ſein Vater⸗ Ey ſagt doch, ſprach Phylax, ein ehrlicher Haushund, zu ſeinem Vater, wie unſer Mo⸗ narch zu den Beynamen des Guͤtigen, des Thierfreundes gekommen iſt? Ich bin Augenzeuge geweſen, daß er einen Hirſch, der ihm eben in den Weg kam, auf das grauſamſte zerfleiſcht hat. Das war doch, bey meiner Treue, nicht guͤtig und thierfreundlich! Er hat das, antwortete der Vater, dem Andenken an ſeine hohen Vorfahren in der Regierung zu verdanken. Man erkennt es mit Dank, daß er weniger mordet als jene. Zweyter Theil. 301 Murner und das Windſpiel. Waͤhrend der Vorleſung, die Murner dem Windſpiele Haltan hielt, um ihm zu beweiſen, daß es unverzeihlich ſey, unſchuldige Haſen zu morden, ließ ſich ein armes Maͤuschen blicken, und huſch! hatte es Murner zwiſchen den Zaͤh⸗ nen. „Ey, ey,“ ſprach das Windſpiel,„Herr Ka⸗ binetsprediger, wie reimt ſich das zu Ihrer Lehre?“ Ja, antwortete Murner, das iſt auch nur eine elende Maus! Der Amtmann B. Es iſt unverzeihlich, wie der Fuͤrſt von Ne* mit ſeinen Unterthanen umgeht ꝛe. 302 Paͤchter Martin⸗ Herr von A. Sie haben Recht!— Aber, Herr Amtmann, Ihre Bauern klagen, denke ich, auch nicht mit Unrecht uͤber Ihre Strenge.* Der Amtmann. Ja, das ſind Bauern, denen muß man ſtrenge ſeyn. Herr von A. Aber doch auch Menſchen wie Sie und ich? Ein Dritter. Schoͤn geſagt, Herr von A.! doch— Freymuͤthigkeit mit Freymuͤthig⸗ keit belohnt!— Wie konnten Sie geſtern Ih⸗ ren Bedienten um eines ſo kleinen Verſehens willen, ſo— gerade heraus geſagt— miß⸗ handeln? Herr von A. Ja-— der Schlingel von Bedienten! Ihr kleinen Tyrannen, werdet ſelbſt erſt menſchlicher, ehe ihr die großen tadeln wollt! Zweyter Theil.. 583 Das verleumdete Roß. Am Hofe des Loͤwen war ein edles Roß, das dem Koͤnige lange treu gedient hatte. Und der Koͤnig ſchaͤtzte und liebte ſeinen treuen Diener, wie er's verdiente. Das verdroß das kleinere Hofgeſindel; und der Fuchs uͤbernahm es, dem Loͤwen ſeinen treuen Diener verdaͤchtig zu ma⸗ chen. Aber edel und weiſe antwortete der Koͤnig der Thiere:„Es iſt ein ſichrer Beweis von der Guͤte meines Roſſes, daß es dich Elenden zum Feinde hat!“ Der Hopfen und die Eiche. „Was hilft am Ende Fleiß und Arbeit, und die muͤhevollſte Ausbildung des Geiſtes— ohne Gluͤck und ohne Goͤnner? Nex, der ſeine 304 Paͤchter Martin⸗ Jugend verſchwelgte, ſteigt durch ſeine Goͤnner von einer Ehrenſtelle zur andern empor, und blickt mit Verachtung auf mich herab.“ Du aber weißt, daß du ſeine Verachtung ſo wenig verdienſt, als er deinen Neid.— Er hat Ehrenſtellen ohne Ehre, und wer weiß wie lange die Stellen. So mit ſtolzer Verachtung blickte einſt der Hopfen von ſeiner hohen Stange auf eine junge Eiche herab. Ein Sturm warf die Stange nieder, und der Hopfen ſeiner Stuͤtze beraubt, kroch auf der Erde. Indeß wuchs die Eiche langſamer, aber auf die Dauer, zum ſchoͤn⸗ ſten Baume des Waldes. 8 Zweyter Theil. 305 — Die Wahl eines neuen Koͤnigs. Die hohe Wahlverſammlung im Thierreiche Arabiens war jetzt beſchaͤftigt, den Wuͤrdigſten zum Koͤnige zu ernennen; und hatte, wie ſich denken laͤßt, volle Arbeit. Unter den zahlloſen Candidaten, die ſich wuͤrdig fuͤhlten, meldete ſich auch ein Pferd, das im Dienſt eines Ara⸗ bers an Geiſt und Leib verkruͤppelt war, weni⸗ ger aus Ehrgeitz— dazu war es zu lange Sklav geweſen!— als aus Liebe zur Bequem⸗ lichkeit und zum Wohlleben. Denn als Koͤnig, dachte es, laſſe ich Andere fuͤr mich arbeiten, und mich von meinen fleißigen Unterthanen fuͤttern. „Du,“ ſprach der Praͤſident der hohen Ver⸗ ſammlung,„du willſt Koͤnig werden? Weißt du denn nicht, daß, der neueſten Verordnung gemaͤß, nur der Wuͤrdigſte ein Recht zum Throne haben ſoll?“ „Das weiß ich,“ antwortete das Pferd, „und eben darum melde ich mich; denn fragt a. Thell.. 20 306 Paͤchter Martin. meinen vorigen Herrn, ob ich nicht aus dem vornehmſten Geſchlechte abſtamme. Seit meh⸗ rern hundert Jahren gab mein Geſchlecht Ara⸗ bien die edelſten Roſſe.“ 3 Ihr haͤttet hoͤren ſollen, mit welchem bittern Spotte dieſe Erklaͤrung aufgenommen wurde. „ haͤtteſt du geſchwiegen,“ ſprach der eine, „ſo waͤrſt du als ein gemeines Pferd zwar unbe⸗ merkt und ungeehrt geblieben, aber niemand wuͤrde dich verachtet haben.“ „Zwiefache und zehnfache Schande dem, der edle Roſſe zu Vaͤtern und Großvaͤtern hatte, und dennoch ein ſo muthloſes, ſklaviſches, gemei⸗ nes Thier geworden iſt!“ ſprach ein Anderer. „Sollen wir einen Dummkopf zum Koͤnige ernennen, weil ſein Vater klug war?“ ſprach ein Dritter. „Und wird,“ fuhr ein Vierter fort,„dein weiland braver Vater aus ſeinem Grabe zuruͤck kehren, und ſeinem nichtswuͤrdigen Sohne Ver⸗ ſtand und Muth einathmen?“ „Ey hoͤre doch,“ rufte ein Fuͤnfter einem Eſel zu,„haſt du nicht auch Luſt, Koͤnig zu wer⸗ den? Vor zwey, drey tauſend Jahren ſoll ja —.— Zweyter Theil. 307 Einmal einer aus deinem langgeoͤhrten Geſchlechte gar ein Prophet geweſen ſeyn!“ Beſchaͤmt ſchlich der ausgeartete Sohn braver Vaͤter aus der Verſammlung. ** Xℳ Der Wuͤrdigſte ſey Koͤnig! das war nun ausgemacht; aber nach langem blutigen Streite blieb es immer noch unausgemacht: Wer dieſer Wuͤrdigſte ſey? Die Tieger machten endlich mit Unter⸗ ſtuͤtzung der Fuͤchſe dem Streite ein Ende. „Wozu?“ ruften ſie,„wozu uͤberall einen Koͤ⸗ nig? Frey wollen wir ſeyn, alle frey ſeyn! Tod und Verderben dem, der ſich's einfallen laͤßt, Koͤnig uͤber ein freyes Volk werden zu wollen!“ „Herrlich, herrlich,“ ſchrieen alle!„Tod dem Koͤnige! Wir ſind frey!“ Vertilgt wurde der Koͤnigs⸗Name; die Tieger theilten ſich in die koͤnigliche Macht, und herrſchten uͤber die andern freyen Thiere— wie Tieger. zos Paͤchter Martin. — 5. Ueber Zufriedenbeit. Freund Mer machte einſt folgende Frage zum Gegenſtande der gemeinſchaftlichen Unterſuchung und Unterhaltung ſeiner Freunde: „Welches ſind die vorzuͤglichſten Urſachen, daß ſo viele Menſchen— obgleich geſund, ohne mar⸗ ternde Vorwuͤrfe des Gewiſſens, ohne eben viel Ungluͤck erfahren zu haben, mit Einem Worte, in einer Lage, die man gluͤcklich nennen kann— dennoch nur ſelten ſich ſelbſt gluͤcklich fuͤhlen, nur ſelten mit ihrem Zuſtande zufrieden ſind? Und welches waͤren wohl die beſten, ausfuͤhrbaren Mittel, dieſe Menſchen zufriedener zu machen?“ Er hatte die Anmerkung hinzu geſetzt: „Die bekannte Einrichtung unſrer Geſellſchaft laͤßt uns uͤber die vorgelegte Frage keine weitlaͤu⸗ ſigen Abhandlungen erwarten: aber mit Zuverſicht koͤnnen wir doch auf allgemeine thaͤtige Theilneh⸗ mung rechnen, da der Stoff ſo reichhaltig und Zweyter Theil. 309 der Beantwortung ſo wuͤrdig iſt. Wir wollen und koͤnnen hier die Materie nicht erſchoͤpfen, aber doch der Wahrheit um etwas naͤher kommen, und auch dieſes Etwas iſt Gewinn.— Am willkommenſten wuͤrde uns die Mittheilung klei⸗ ner erprobter Hausmittel gegen boͤſe Laune, Miß⸗ muth und Unzufriedenheit, und kurze Bemerkun⸗ gen uͤber weiſern Lebensgenuß ſeyn.“ Ich habe die Beytraͤge zur Beantwortung dieſer Frage, welche mir die zweckmaͤßigſten ſchienen, geſammelt, und hoffe, daß wenigſtens einige davon auch meinen Leſern nicht ganz miß⸗ fallen werden. Ich bin weit ruhiger und zufriedener gewor⸗ den als ich ſonſt war, ſeit ich mich gewoͤhnt habe, die Menſchen und Dinge um mich herum mehr von ihrer guten, oder doch von ihrer beſſern, als von ihrer ſchlimmern Seite zu betrachten. Tauſend Dinge, die uns Uebel ſcheinen, ſind in einer andern Ruͤckſicht ſehr gut, und werden oft durch ihre heilſamen Wirkungen wahre Wohl⸗ thaten. Und die Menſchen— ey glaubt doch nicht, daß ſie ſo grundaus verdorben waͤren. 310 Paͤchter Martin, Sie handeln boͤſe, weil ſie das Beſſere nicht mit Ueberzeugung als das Beſſere kennen. Die Schlimmern unter ihnen ſind die groͤßern Thoren; — ſie handeln aus kleinlichem Eigennutz, der ſelbſt in der Eingeſchraͤnktheit ihrer Begriffe ſeinen Grund hat; und die Schlimmſten ſind arme bemitleidungswuͤrdige Geſchoͤpfe, denen der Kopf in der Jugend verſchrohen, und das Herz ver⸗ wahrloſet wurde. Freylich werde ich mich ſo viel wie moͤglich huͤten, daß ſie mir durch ihre Thorheit nicht ſcha⸗ den; wo ich aber das nicht verhuͤten konnte, nun da werde ich dieſen Schaden wie jedes andre Ungluͤck, das mir ohne meine Schuld begegnet, ſtandhaft ertragen, und nicht ſelbſt ſo thoͤricht ſeyn, mir durch Aerger uͤber die Urſache des Un⸗ gluͤcks, das Gefuͤhl deſſelben zu erhoͤhen. Ein alter Weiſer ſagt etwas derb, aber doch wahr: Wird ſich ein kluger Mann uͤber das Pferd oder den Eſel aͤrgern, der ihn getreten hat? „Ja das Thier that's aus Unvernunft!“ Glaubt ihr, daß es der boͤſe, das heißt, der thoͤrichte, der verſchrobene Menſch aus Vernunft gethan habe? Zweyter Theil. 311 Wir bringen uns um die meiſten Freuden durch Schwelgerey, erſchoͤpfen jede Art des Ver⸗ gnuͤgens bis auf den Grund, und klagen dann thoͤricht: daß alles eitel ſey. Allein durch kluge Oekonomie, durch weiſe Sparſamkeit im Genuß, koͤnnen wir uns auch kleinere Freuden immer neu und reitzend erhalten.— Rouſſeaus Heloiſe trank gerne Kaffee — das hatte ſie mit vielen ihrer Schweſtern gemein. Aber ſie trank ihn aͤußerſt ſelten, um ſich dieſen Genuß im mer reitzend zu erhalten— das moͤchten ihr nur wenige nach⸗ thun koͤnnen.— Einer meiner Univerſitaͤts⸗Freunde, welcher ſonſt den ganzen Tag in einer Wolke von Tabaks⸗ rauch eingehuͤllt ſaß, und ſich dabey oft uͤber ſich ſelbſt aͤrgerte: weil ihm, wie er ſagte, das unmaͤßige Rauchen mehr Beduͤrfniß als Ver⸗ gnuͤgen ſey; hatte endlich ſo viel Selbſtuͤber⸗ windung, ſich des Tages auf zwey Pfeifen ein⸗ zuſchraͤnken, die er am Abend rauchte. Jetzt freute er ſich auf jeden Abend; und, ſo ſauer es ihm auch am Tage geworden war— wer ihn am 312 Paͤchter Martin. Abend bey ſeiner Pfeife fand, der fand ihn froh und wohlgemuth.— Ich halte es ſo mit dem Weine. Kein Dich⸗ ter kann ihn lieber trinken als ich; und doch trinke ich ihn gewiß ſeltener als Heloiſe ihren Kaffee trank. Dafuͤr ſchmeckt mir aber mein Glas Wein deſto beſſer, und ich brauche nicht viel zu trinken um froh zu werden.. Selbſt das reine Vergnuͤgen, das mir die Muſik gewaͤhrt, genieße ich nur ſparſam. Nur dann, wenn es am Tage ſtuͤrmte, ergreife ich am Abend meine Floͤte, und es mißlingt mir nicht leicht, die volle Ruhe wieder herzuſtellen. Man kann mit Wahrheit behaupten, daß die Menſchen fuͤr ihr Gluͤck zu reich werden koͤnnen. Wovon ich an einem meiner Bekannten eine auffallende Erfahrung gemacht habe. Der Mann lebte ſonſt von den maͤßigen Einkuͤnften ſeines Amtes gluͤcklich und zufrieden. Er richtete ſich kluͤglich mit den Ausgaben nach der Einnahme, ſo daß beym Schluß der Rech⸗ nung jedes Jahres noch ein kleiner Spar⸗ und Zweyter Theil 313 Nothpfennig zuruͤck gelegt, und der Reſt zum Vergnuͤgen beſtimmt ward.* Er hatte einen Garten, der fuͤr ihn und die Seinigen ein Paradies war. Mit Vergnuͤgen denke ich noch an die Lobrede zuruͤck, die er mir einmal uͤber ſeinen Garten hielt. Die ſchoͤne Lage, der gute Boden, die trefflichen Obſtarten, die kuͤhle Laube, die lieben Nachbarn— alles, was in und an ſeinem Gar⸗ ten war, bis auf den Zaun, alles trug bey, um ihm den Werth ſeines Gartens zu erhoͤhen. Noch wichtiger war mir, was er uͤber die Benutzung ſeines Gartens ſagte: „Jahr aus Jahr ein ziehe ich meinen Kohl aus meinem Garten; und Sie koͤnnen denken, daß er beſſer ſchmeckt, weil er aus meinem Gar⸗ ten iſt, weil ich ihn gepflanzt habe; Wenn das Obſt nur mittelmaͤßig geraͤth, ſo koͤnnen Sie Weihnachten— oft noch ſpaͤter— die herrlichſten Aepfel bey mir ſpeiſen— auch eine vorzuͤgliche Art von Winterbirn; Jeder erſte Fruͤhlingstag iſt ein Feſttag fuͤr mein ganzes Haus; denn da geht's mit Weib und Kind in den Garten; 314 Paͤchter Martin. Wieder ein Feſttag, wenn die erſten Fruͤchte aus dem Garten genoſſen werden; Dadurch wird zugleich der Naſchbegierde der Kinder geſteuert; denn das iſt nun Einmal Ge⸗ ſetz: Niemand ruͤhrt eine Frucht eher an, bis das erſte Feſtgericht gemeinſchaftlich genoſſen iſt; Und der Jubel, wenn ein Baͤumchen zum erſten Male traͤgt, das ich ſelbſt gepflanzt habe! Habe ich mich am Tage muͤde am Schreibe⸗ pulte gearbeitet, ſo hole ich am Abend Geſundheit und Erholung im Garten; Es faͤllt mir nicht ein, im Sommer in Ge⸗ ſellſchaft zu gehen— was auch fuͤr meine jetzigen Einkuͤnfte zu koſtbar waͤre; ich gehe in meinen Garten;. Ich arbeite das meiſte in meinem Garten ſelbſt, und bin deſto gefuͤnder; Waͤhrend der Arbeit denke ich ſchon an die Ernte,— wie das gedeihen werde; und bin deſto froher; Auch meine Kinder arbeiten nach ihren Kraͤf⸗ ten mit, und gewinnen mit mir an Staͤrke, Ge⸗ ſundheit und frohem Muthe; —— Zweyter Theil. 315 Ich habe ſie da unter naͤherer Aufſicht; und ſie lernen bey der Arbeit in freyer Natur, in traulicher Unterredung oft mehr, als aus todten Buͤchern; 3 Wenn ich ſo eine kleine Verbeſſerung oder Verſchoͤnerung angebracht habe, und Sonntags die Mutter damit uͤberraſche— was das fuͤr Freude iſt! Ja der Sonntag! Sie ſollten uns Einmal des Sonntags, wenn nur einiger Maßen gute Witterung iſt— da ſollten Sie Einmal meine kleine frohe Familie im Garten ſehen, wie ſich alt und jung freut!“ Wie herzlich freute ich mich ſelbſt, da ich den Mann ſo behaglich, ſo zufrieden von ſeinem Gluͤck ſprechen hoͤrte! Wie herzlich wuͤnſchte ich jedem ehrlichen Manne, der ihn ſo zu genießen verſteht, einen Garten! Und ſeht der arme Mann iſt durch eine reiche Erbſchaft um ſein Gluͤck gekommen. Er hat jetzt vier Gaͤrten, und genießt keinen. Von ſei⸗ nem kleinen Vermoͤgen war er Herr, von ſeinem Reichthum iſt er Sklav. Vorher hatte er jaͤhr⸗ lich einen kleinen Ueberſchuß, den er zum Ver⸗ 316 Paͤchter Martin. gnuͤgen verwendete; jetzt ſammelt er alle Gro⸗ ſchen, um jaͤhrlich ein Kapital mehr auszuleihen. Er klagt jetzt uͤber Arbeit und Sorgen, und wird ſeines Lebens nicht mehr froh. Niemand klagt mehr uͤber Mangel an Freude, als die uͤbercultivierten Menſchen aus der Klaſſe der ſo genannten vornehmen Welt, eben weil ſie uͤbercultiviert— verwoͤhnt, verzaͤrtelt und verweichlicht ſind; weil ſie nicht mehr an den reinen Freuden der Natur, ſondern nur an erkuͤnſtelten Vergnuͤgungen, Geſchmack finden, und durch unmaͤßigen Genuß ſich uͤberſaͤttigt haben. Weſſen Gaumen an ſtarke Gewuͤrze ver⸗ woͤhnt iſt, wird, natuͤrlich, gemeine Koſt ver⸗ achten. Das iſt ſchon ſchlimm. Aber noch ſchlim⸗ mer iſt, daß der verwoͤhnte Gaumen immer ſtaͤr⸗ kere und ſtaͤrkere Gewuͤrze verlangt; daß alſo die Zahl der gemeinen Gerichte, die er nicht mag, immer groͤßer wird, bis ihm endlich nichts mehr ſchmecken will. Zweyter Theil. 317 „Wer doch noch bey einem Glaſe Wein ſich froh trinken koͤnnte!“ ſagte mir juͤngſt der Land⸗ rath H**:„jetzt muß ich ſehr viel, und ſtarken Wein trinken, um dieſelbe Wirkung hervor zu bringen!“. Allein warum brauchteſt du auch Arzeney als Alltagskoſt? Laßt uns die kleinern Freuden des Lebens nicht als Zweck anſehen, ſondern als Mittel zu nuͤtzlicher edler Thaͤtigkeit; laßt uns den Land⸗ mann nachahmen, welcher den Hunger erarbei⸗ tet; laßt uns eine frohe Abendſtunde durch einen wohl vollbrachten Tag verdienen; laßt uns zur ungekuͤnſtelten Natur zuruͤckkehren, und die gute Mutter wird dann mit milder Hand uns Segen und Freude ſpenden! Mit ſteigender Cultur vermehren ſich unſere Beduͤrfniſſe; aber nicht zugleich die Mittel ſie zu befriedigen. Die nothwendigſte Folge davon iſt, daß das Menſchengeſchlecht immer aͤrmer an Freude wird. Den gaͤnzlichen Banquerout zu vermeiden, giebt es, glaub' ich, nur zwey Mittel: 318 Paͤchter Martin. entweder wir muͤſſen neue reichhaltige Goldgru⸗ ben zur Befriedigung unſerer Beduͤrfniſſe ent⸗ decken, oder muͤſſen unſere Beduͤrfniſſe einſchraͤn⸗ ken. Zu jener Entdeckung gehoͤrt viel Gluͤck; und am Ende waͤre es doch nur Palliativ— denn welche Goldgrube iſt unerſchoͤpflich? und bekaͤmen alle mehr Gold, wer waͤre dadurch reicher geworden?— Moͤchten doch die Men⸗ ſchen einſehen lernen, was zu ihrem Frieden dient, und das zweyte, ſichere und untriegliche Mittel ſelbſt anwenden, und ihren Kindern die Anwen⸗ dung erleichtern. Wie viel wuͤrden wir dadurch an reellem Reichthum gewinnen! Bey einiger Seelenkraft iſt es wahrlich nicht ſchwer, ſich frey⸗ willig manchen Genuß zu verſagen, aus eigenem freyen Entſchluß zu entbehren; aber ſchwer iſt es, entbehren zu muͤſſen, wenn man es, vor dem Zwange von Außen, nicht gelernt hat. Hierzu koͤmmt, daß ja alle unſere Freuden durch weiſe Sparſamkeit im Genuß gewinnen, und daß hingegen unmaͤßiger Genuß das Grab jeder Freude iſt. = —— 7 Zweyter Theil. 319 Die Menſchen werden zufriedener werden, wenn ſie ihre Gluͤckſeligkeit mehr in ſich ſelbſt als außer ſich werden ſuchen lernen; und der groͤßte Schritt, den ſie zur Erlangung dieſer Selbſtſtaͤndigkeit und vernuͤnftigen Selbſt⸗ genuͤgſamkeit thun koͤnnen, iſt der, daß ſie ſich von den Meinungen der Menſchen unabhaͤngiger machen, und nicht zu ſehr nach den Seifenbla⸗ ſen des Ruhms haſchen. Ich wenigſtens, einſt ehrſuͤchtiger, und bey meiner Ehrſucht immer unzufriedener Juͤngling, bin jetzt der zufriedenſte Mann, ſeit ich das Tadelnswuͤrdige vermeide, nicht, weil es die Welt, ſondern weil ich es tadelnswuͤrdig finde; uͤbrigens bey ungerechtem Tadel anderer, wo nicht ganz gleichguͤltig, doch ziemlich ruhig bleibe, ſo ruhig als bey ihrem unverdienten Lobe— und ſelbſt verdientes Lob ihnen gern erlaſſe. Denn was loben, was ehren die meiſten Menſchen? Buſch, ein Gelehrter, der gegen den An⸗ fang des ſechzehnten Jahrhunderts lebte, und nicht unberuͤhmt war, ging einſt im Alltagskleide aus, und wurde von den Voruͤbergehenden kaum bemerkt. Bald darauf erſchien er im Feſtkleide, 3260 Paͤchter Martin. und jeder, der ihm begegnete, neigte ſich tief. Buſch, wie er in ſein Zimmer zuruͤck kehrte, warf ſein Kleid ab, trat es mit Fuͤßen, und ſprach mit dem heftigſten Ausdruck des Unwillens: „Biſt Du Buſch, oder bin ich's?“ Das war nicht klug, lieber Buſch, und wenn du auch wirklich ſonſt ein noch ſo kluger Mann warſt— das war nicht klug. Geſetzt, dieſe Ehrenbezeigungen waͤren dir, auch ohne dein Feſtkleid, erwieſen worden, waͤrſt du ſelbſt dadurch geehrt worden? „Ey freylich; dann haͤtte man den Buſch, nicht ſein Kleid geehrt!“ Nun, und was haͤtten ſie ſich wohl bey dem Buſch gedacht? „Das iſt ein kluger, weiſer Mann?“ Da dachten ſie alſo, er waͤre was ſie, ihrer Meinung nach, ganz gewiß auch ſind, und gruͤß: ten ihn— um wieder gegruͤßt zu werden. „Er iſt ein gelehrter Mann?“ Was machen ſie daraus, wenn ſie's nicht auch ſind? Sind ſie es aber, oder glauben ſie es zu ſeyn, ſo ehren ſie an ihm die Gelehrſamkeit, um Zweyter Theill 321 um des guten Beyſpiels willen, damit man ſie wieder an ihnen ehre. Man erweiſet uns aͤußere Ehrenbezeigung aus Hoͤflichkeit, wobey man entweder gar nichts, oder vielleicht etwas denkt, was uns nicht ſchmeicheln wuͤrde, wenn wir's wuͤßten. Der erſte neigt ſich, die andern folgen nach, weil's der erſte that. Die Sache hat ihr Gutes. Die Menſchen werden durch Hoͤflichkeit freundli⸗ cher, gefaͤlliger. Aber Thorheit waͤre es darauf ſtolz zu ſeyn, daß man uns Höflichkeit erweiſet. Verſuche es Einmal, erwiedere die Hoͤflichkeis anderer nicht mit gleicher Hoͤflichkeit; habe dann noch ſo viele Verdienſte, nur diejenigen fahren fort hoͤflich gegen dich zu ſeyn, welche hoffen, daß du ihnen nuͤtzen, oder fuͤrchten, daß du ihnen ſchaden werdeſt. Laß es dem, der dich am meiſten lobte, merken, daß du ihn gering ſchaͤtzeſt, er wird dich nun mehr tadeln, als er dich vorher gelobt hatte.. Ehrte, lobte man dich alſo um dein ſelbſt willen?— Neben den wuͤrdigſten, edelſten Mann ohne Rang und Titel, tritt ein andrer, ohne Wuͤrde 2. Thetl. 21 322 Paͤchter Marti n. und Seelenadel, aber mit Rang und Titel; vor welchem von beiden buͤcken ſich neun Zehn⸗ theile unſrer Menſchen am tiefſten? „Wie koͤmmt's, daß dieſer Mann ſo außer— ordentlich heute in derſelben Geſellſchaft ausge⸗ zeichnet wird, wo man ihn vorgeſtern kaum bemerkt hatte?“ Er hat geſtern den— Titel erhalten. „Iſt ſein innerer Werth dadurch erhoͤht wor⸗ den? Gab ihm der Titel Verdienſte?— Und faſt ſcheint es ja, als wenn der Mann das ſelbſt glaubte, ſich ſelbſt jetzt mehr fuͤhlte!“ Ey nu, es iſt auch keine kleine Ehre!— ſo von hoher Hand— Wer iſt der Große, der dich ehrt? Sprich: kennt er der Verdienſte Werth? Setz' ihn aus ſeinem hohen Stande, Vielleicht wird dir ſein Beyfall klein, Vielleicht haͤltſt du's, ihm werth zu ſeyn, 4 Wohl gar fuͤr eine Schande:*) G Mer gab ſeinen Beytrag als eine Art von Naͤthſel. *) Gellert. Zweyter Theil. Er iſt, geſteht er, gluͤcklich einſt geweſen, Und iſt es jetzt nicht mehr; Hofft in der Zukunft es zu werden, Murrt, wenn zur Gegenwart —— Die Zukunft wird, und wird ſie wieder preiſen, Iſt ſie Vergangenheit; Er ſpart und kargt, und lebet ſtets fuͤrmorgen; Drum lebt er heute nie. — Nichts fehlt ihm als ein Auge fuͤr das Gute Der Gegenwart, und Sinn Es zu genießen: dann wird ihm die Erde Schoͤn wie der Himmel ſeyn! Mein Mittel iſt Arbeit. Arbeit wiſcht die wilden Bilder, welche die Phantaſie mahlte, aus, beſaͤnftiget den Sturm der Seele, ſcheucht Lau⸗ 3 nen, Gram und Grillen fort, erhaͤlt Seel' und Leib geſund, und macht uns jede Freude erſt recht ſchmackhaft. Ich bin ſo feſt von dem ſeligen Einfluſſe nuͤtzlicher Thaͤtigkeit auf Lebensgluͤck uͤberzeugt, daß ich, wenn ich glauben koͤnnte, was mir mein Orbil aus ſeiner Dogmatik bewei⸗ . 3 3243. Paͤchter Martin. ſen wollte, daß im Himmel nichts gethan wuͤrde,„ als daß man ein Hallelujah nach dem andern ſaͤnge— daß alſo im Himmel ohne Thaͤtigkeit vegetiert wuͤrde— unmoͤglich den Wunſch unter⸗ druͤcken koͤnnte: Laß, Herr, meine Gebeine ruhig in der Erde fortſchlummern! Denn es iſt beſſer ohne Traͤume ſchlafen, als wachend traͤumen, oder von dem unertraͤglichſten Gefuͤhl der Langen⸗ weile gequaͤlt werden. Zwar gebe ich zu, man kann auch hier des Guten zu viel thun, man kann ſich uͤberarbeiten, und eben dadurch wieder um Geſundheit und frohen Muth bringen. Doch uͤbernimmt ſich wohl nicht leicht jemand in der Arbeit, ohne dringende Noth, großen Ehr⸗ oder Geldgeitz. Da weiß ich nun freylich kein anderes Mittel, als: Gebt dem Armen Brot, und dem Ehr⸗ und Geldgeitzigen Nießwurz.