7. Aus 1 beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen N⁸ Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und LCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8. Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtatret wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3— 3— 7 1 nI. u„— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer kunn Erſatz des Ganzen verp flichtet. eihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Erzaͤhlungen fuͤr unverdorbene Familien. Vierzehnter Band. Paͤchter Martin Erſter Theil. Leipzig bei Georg Joachim Goͤſchen 1816. Der Beifall, womit der Gedanke, welcher mich bei Herausgabe dieſer Sammlung leitete, auf⸗ genommen worden iſt, ermuntert mich, dieſelbe von Zeit zu Zeit fortzuſetzen. Mit ſtrenger Aus⸗ wahl wird ſie nur ſolche Schriften meines Ver⸗ lages enthalten, welche der Beſtimmung, in eine Familienbibliothek aufgenommen zu wer⸗ den, entſprechen, und die jeder Vater unbeſorgt ſeinen Toͤchtern in die Haͤnde geben kann; wobei noch beſonders darauf geſehen wird, den Preis ſo niedrig als moͤglich zu ſetzen. In dieſer Nuͤckſicht uͤbergebe ich hiermit den Kaͤufern der Erzaͤhlungen fuͤr unverdorbene Fa⸗ milien den Paͤchter Martin als 14. 15. u. 16. Baͤndchen dieſer Sammlung geb. fuͤr 2 thlr. 12 gl., der im Ladenpreis roh 3 thlr. 4 gl. koſtet. Leipz. Mich. Meſſe 1816. Der Verleger. Der Paͤchter Martin und ſein Vater. Erſter Band. * Dem Herrn Hofrath Wieland . inniger Hochachtung und Dankbarkeit gewidmet Verehrungswuͤrdigſter Lehrer! Ich weihe Ihnen, was ich zunaͤchſt Ihnen und Ihrer Empfehlung zu ver⸗ danken habe. Es iſt wenig, aber doch das Opfer eines dankbaren Herzens. Daß ich mich redlich beſtreben werde, mich Ihres ehrenvollen Beifalls, und des vorzuͤglichen Gluͤcks: unter den Tau⸗ ſenden, die Ihnen mit mir einen großen Theil ihrer Geiſtesbildung zu verdanken haben, in die engere Zahl Ihrer gelieb⸗ teren Schuͤler aufgenommen zu ſeyn; immer wuͤrdiger zu machen— dieß ſey mein thaͤtiger Dank. Moͤge der fuͤr mein Vaterland ſo ſegensvolle Herbſt Ihres ſchoͤnen Lebens Ihnen ſanft und milde ſeyn! Mit inniger Hochachtung verbleibe ich Ihr dankbarer Schuͤler der Verfaſſer. Vorrede. „Martin, warum ſchreibſt du?“ Aus Ehrgeitz?— Wollte der Himmel ich waͤre von allen Fehlern ſo frey, wie ich es von dieſem bin. Nein; nicht aus Ebrgeitz. Auch nicht, um ein paar Thaler zu verdienen; denn ich habe, Gott ſey Dank, mein taͤgliches Brot, und zwey geſunde Haͤnde zur Arbeit. Auch VIII Vorrede. kann ich nicht ſagen, daß mich meine Freunde darum gebeten haͤtten. Ich will's euch aufrichtig'geſtehen, wie ich auf den Einfall gekommen bin. Ich hatte einen Vater, von dem ich kuͤhnlich behaupten darf: es war ein ganzer Mannl Sein Herz— es giebt viele gute, ſehr gute Menſchenherzen, aber unter allen, die ich noch kennen lernte, (ſo weit man ſo was kennen lernen kann) unter allen, das meinige nicht ausgenom⸗ men, fand ich noch keins, das durchaus ſo gut war, wie das Herz meines Vaters. Und ſein Kopf— machte ſeinem Herzen keine Schande. 4— 4— Vorrede. 1X Ihr meint, das klinge wie Selbſtlob, weil der Gelobte mein Vater ſey. Das meine ich nicht; und bey Gelegenheit will ich euch ſagen, warum ich in dem Stuͤcke andrer Meinung bin. Jetzt bleiben wir huͤbſch bey der Hauptſache.— Nun da dachte ich: es moͤchte Manchem frommen, wenn ich ihm erzaͤhlte, was mein Bater geſagt und gethan habe. Ich wills alſo erzaͤhlen, ſo gut ich's kann; und es ſollte mich freuen, wenn es jemanden frommte. Ich war erſt Willens, ſeine ganze Lebensgeſchichte, von der Geburt an bis zum Grabe, in feiner Ordnung aufzu⸗ Vorrede. ſchreiben; habe aber den Vorſatz aufge⸗ geben: denn ich uͤberlegte, daß ich nur ein Abendſtuͤndchen— nach vollbrachter Arbeit— aufs Schreiben verwenden koͤnne, und daß mir dann wohl nicht immer zu rechter Zeit einfallen moͤchte, was der Orduung nach eben folgen muͤßte. Demnach will ich auf die Ordnung, ſo ſehr ich ſie ſonſt liebe, dermahlen Ver⸗ zicht thun, und lieber jeden Abend das ſchreiben, was mir eben am Tage ein⸗ gefallen iſt. Nun koͤnnt's aber kommen, daß mir manchmal auch ein guter Ge⸗ danke einfiele, den ich ſelbſt gedacht haͤtte: und da ſeh' ich nicht ein, warum ich ihn nicht auch aufſchreiben ſollte. —,—— Vorrede. XT Gern wuͤrde ich zwar in dem Falle da⸗ bey ſagen, daß es mein Gedanke waͤre; ich merke aber ſchon zum voraus, daß mir das viel Kopfbrechen koſten wuͤrde. Es iſt mir ſchon oft ſo gegangen, daß ich zuverſichtlich glaubte, ich haͤtte dieß oder jenes ſelbſt erdacht, und am Ende fand ich doch, daß mirs mein Vater vor⸗ gedacht, oder mir doch auf die Spur geholfen hatte. Was zu thun? Ich ſchreibe, was mir wahr und gut ſcheint, und was es wirklich iſt, das gehoͤrt ganz oder doch zum groͤßern Theile meinem Vater. Was gefehlt iſt, hat Martin ge⸗ fehlt.— Doch will ich das, was ganz XII Vorrede. gewiß und woͤrtlich von meinem Vater kommt, mit ein Paar Doppel⸗ haͤkchen(ich glaube man nennt's Aufüͤh⸗ rungszeichen) kenntlich machen.*) *) Ein Theil von Paͤchter Martins und ſei⸗ nes Vaters Erzählungen, Launen, Einfallen, Philoſophie fuͤrs Haus ꝛc. wurde zum erſten Male im Deutſchen Merkur gedruckt.(S. das öte, rote und 12te Stuͤck 1791.) A. d. H. Vorrede zur zweyten Auflage. Daß das Publikum und die Herren Recen⸗ ſenten mein Buͤchlein ſo freundlich auf⸗ genommen baben, das hat mir Freude gemacht. Gern habe ich aber auch Tadel und Belehrung angenommen, und verbeſ⸗ ſert, was ich verbeſſern konnte. „Doch iſt manches noch unverbeſ⸗ ſert geblieben, was wohl auch einer Verbeſſerung bedurft haͤtte.“ AI Vorrede. Das glaube ich ſelbſt; glaube aber auch, daß man das leicht verzeihen werde, wenn man bedenkt; daß mir dieſe Ver⸗ beſſerungen zur zweyten Auflage abgefor⸗ dert wurden, als die erſte kaum Ein Jahr alt war. Schlimmer waͤre es, wenn man man⸗ ches nur umgeaͤndert, nicht verbeſ⸗ ſert faͤnde.(Wie z. B. einer meiner Freunde gar nicht damit zufrieden war, daß ich das Kapitel; von ſeidenen und wollenen Nerven, geſtrichen habe; auch durchaus nichts von Verfeine⸗ rung des Ausdrucks in denjenigen Stuͤk⸗ ken, welche Paͤchter Martin als Paͤchter Martin geſchrieben batte, wiſſen wollte, und ſich zur Begruͤndung ſeines Urtheils auf die neunte Nummer:„Noch eine Vorrede. XV Vorrede;“ berufte.) Und da wuͤßte ich nichts zu meiner Entſchuldigung zu ſagen, als: daß ich gefehlt haͤtte, weil ich zu aͤngſtlich haͤtte Fehler vermeiden wollen. Der Verfaſſer. Noch einige Worte, die dritte Auflage betreffend. In dem Zeitalter der immer mehr und mehr ſich verkuͤrzenden Lebensdauer der Menſchen und— Buͤcher thut es einem ehrlichen Autor zwiefach wohl, wenn er ſeine Produkte mehr als Eine Ewigkeit (welche Ewigkeiten bekanntlich nach Leip⸗ ziger Meſſen berechnet werden) durchleben ſieht. Recht gutmuͤthige Menſchen wuͤr⸗ den es ihm in dieſem Falle gewiß ver⸗ zeihen, wenn ihn die Vaterfreude ſprach⸗ ſelig machte, wenn er von dem wohl⸗ gerathenen— oder doch gluͤckli⸗ chen Vorrede. XVII chen— Sohne ſeines Geiſtes und Her⸗ zens ein Langes und Breites erzaͤhlte. Lei⸗ der aber lehrt nun die Erfahrung, daß es gar wenig Unterhaltung gewaͤhre, wenn man andere Aeltern von dem Gluͤcke — ſoll heißen: von den guten Eigen⸗ ſchaften— ihrer Kinder erzaͤhlen boͤrt. Und ich ſollte meinen guten Leſern(von denen gewiß mancher hier und da ein Kapitel, in welchem ich ihm, ohne meine Schuld,— wenigſtens ohne ſtraͤfliche Ab⸗ ſicht, langweilig wurde, großmuͤthig uͤberleſen oder uͤberſchlagen hat) jetzt vor⸗ ſͤtzlich, wider beſſer Wiſſen und Gewiſ⸗ ſen, Langeweile machen?— Nein; lieber will ich mich meines Martins ganz im Stillen freuen, und es hoͤchſtens nur denen, zu welchen ich vom 2 XVII Vorrede. Großsaterſtuhl berab reden darf, im Ver⸗ trauen ſagen: der Martin iſt doch ein guter Jungel hat mir viel Freude gemacht! Einem ehrſamen Publiko aber ſage ich kuͤrzlich: „Daß ich mein Buͤchlein bey dieſer dritten Auflage von neuen durchge⸗ ſehen und hier und da veraͤndert habe, in der Abſicht es zu verbeſſern.“ Geſchrieben an der Wiege meines juͤngſt⸗ gebornen Toͤchterleins, bey welchem die Leſer gewiß aus Gegengefaͤlligkeit in den Wunſch des Verfaſſers einſtimmen: daß es, nebſt ſeiner Mutter, geſund bleibe, und daß es fromm und gut werde! Der Verfaſſer. —— 84 Verzeichniß der in dieſem erſten Bande enthaltenen Nummern, nach Aufſchrift und Seitenzahl. Seite I. Ueber Namen und Titel ⸗ 1 II. Der Mann, der mir beneidenswuͤrdig ſchien 4 III. Ich ſehe gern Licht ⸗* ⸗ 8 IV. Das Sonntagskleid ⸗ ⸗ Ir Verzeichniß. Seite V. Eine Erfahrung aus dem heiligen Eheſtande 15 VI. Ueber Kleidertrauer und Begraͤbniß 18 VII. Fragment aus einem alten Kochbuche 2² VIII. 3 Die großen und kleinen Zahlen. 35 . IX. Noch eine Vorrede ⸗ ⸗ 41 X. Hulderich.. 2 45 3 5 XI. Mein Vater ⸗ ⸗ 61 * 3 Verzeichniß. XII. Der Amtmann ⸗ ⸗ XIII Der Miniſter ⸗ ⸗ XIV. Die Bildergallerie ⸗ 3 XV. Etwas uͤber Menſchenkenntniß u Vom Zutrauen ⸗. XVII. Ein kleiner Beytrag zur Beantwortung der großen Frage: wie man Leidende troͤſten muͤſſe 2 2 2 XVIII. Die Feſtnacht im Mondſcheine ⸗ 82 89 98 107 1I11T . Verzeichniß. — Seite XIX. Die Prieſterin der Juno ⸗ 13⁰ 2 Meine Ordnung.. 134 XXI. Meine Wunſche ⸗ 2 141 XXII. . Bringe keine ſchlimme Bothſchaft; bekommſt ſonſt ſchlimmes Trinkged ⸗ 143 XXIII. Ueber Selbſtpruͤfung ⸗ 146 XXIV. * 1 Das Sonntagsbuch„ ⸗ 154 . XXV. . Ueber Hypochondrie und frohe Geſichter Verzeichniß. XXVI. Ueber Unſchuld ⸗„. XXVII. Geſchichte der ungluͤcklichen Luiſe L** XXVIII. An Maͤdchen und Juͤnglinge ⸗ XXIX. Die Schreibetafel ⸗ ⸗ XXX. An Maͤdchen, welche gluͤckliche Weiber wer⸗ den wollen 2 2 XXXI. Ein Abendlied. ⸗. XXXII. Ein Morgenlied. ⸗ XXIII Seite 177 190 206 210 218 222 225 Verzeichniß. Seite XXXIII. Lied auf Bergen zu ſingen 2 2 28 3„. XXXIV. Warum ich vorſtehende drey Lieder habe drucken laſſen ⸗. 230 A 4 XXXV. Ein Beytrag zum Kochbuche ⸗ 233 XXXVI. 3 Der letzte Tag im Jahre 5 238 XXXVII. Gedanken und Empfindungen am Vorabend des Neujahrs. Eine Vorleſung 242 I. Ueber — 8 2 44 Ueber Namen und LTieel. Martin— ja, wie ich noch ein kleiner Bube war, ſo haͤtte ich was drum gegeben, wenn mich mein Vater haͤtte anders nennen laſſen, ſo fatal war mir der Name. Ich weiß ſelbſt nicht warum, aber— er war mir fatal. Vielleicht kam's daher, weil mich einmal der Verwalter dummer Martin ſchimpfte, und da das Martin ſo nachdruͤcklich und zugleich ſo ſpoͤt⸗ tiſch ausſprach, als wenn ſich's ſchon an ſich verſtuͤnde, daß Martin ſo viel als ein Dumm⸗ kopf hieße, wenn man auch das dumm nicht dazu ſetzte. Nun wie dem auch ſey, genug ich haͤtte lieber Kaſpar, oder Rikolaus, oder wie ihr wollt geheißen, nur nicht Martin. Da erzaͤhlte aber einmal mein Vater von Doktor 1. Theil. 1 2 Paͤchter Martin. Luthern, daß der ein Mann geweſen waͤre, der ſeines Gleichen geſucht haͤtte— ein rechter Ehren⸗ mann, und der haͤtte auch Martin geheißen. Juch he! da ſprang ich vor Freude wie ein Boͤckchen, und ſagte es alt, und jung, und ich glaube gar, auch unſerm alten Spitz, daß Dok⸗ tor Luther auch Martin geheißen haͤtte. Von der Zeit an klang mir der Name Martin wie Glock zwoͤlfe zu Mittage, wenn's zur Schuͤſſel geht. Glaubt deßhalb ja nicht, als ſey ich ſo abſcheulich Martin⸗Lutheriſch, daß ich irgend einen andern haſſen. oder nur minder lieben koͤnnte, der Luthers Katechismus nicht gelernt hat. Gott behuͤte! Zwar halte ich ihn hoch in Ehren den braven Luther, wie er's denn auch verdient; aber der, glaube ich, weiß einen Luther nicht zu ehren, wie er's verdient, dem nur das Wahrheit iſt, was und weil es Luther ſagte, oder der gar den anders denkenden um ſeines Glaubens um ſeiner Meinungen willen haſſen kann.. Alſo, wie geſagt, ich war ſtolz auf den Namen Martin, und mochte es wohl damit äbertreiben. Siehe, da kam einmal mein Vater Erſter Theil. 3 mit ernſtem Geſicht zu mir, und ſagte:„An dem Paul Martin iſt doch kein gutes Haar!“ An wem? an welchem Martin? „An unſerm Kleinknecht.“ Hm! der heißt ja Paul. „Ja! Paul Martin.“ Das aͤrgert mich, daß er Martin heißt; ſo hieß ja Doktor Luther. „Paulus war eben ſo brav wie Luther. Der Kerl hat beider Namen und taugt doch nichts. Es iſt mit den Namen wie mit den Titeln. Eigentlich ehren koͤnnen ſie nicht, wohl aber den, der des Namens und des Titels nicht werth iſt, deſto mehr ſchaͤnden. Unſer Spitz iſt ein gutes Thier ſeiner Art, und niemand tadelt ihn, daß er nicht mehr iſt; aber man lacht uͤber unſers Nachbars Spitz, weil er Loͤwe heißt, und doch nur ein Spitz iſt!“ Von der Zeit an war ich mit meinem Namen eben nicht unzufrieden, aber auch nicht ſtolz darauf. 4 Paͤchter Martin. II. Der Mann, der mir beneidens⸗ wuͤrdig ſchien. War je einmal ein Menſch, den ich um ſein Gluͤck beneidet habe, ſo war es ein gewiſſer Rath eines Fuͤrſten, der noch lebt, den ich aber nicht nennen will, um ihm ſeine Freude nicht zu verderben. So ganz genau genommen war es wohl eben kein Neid; denn ich goͤnnte ihm ſein Gluͤck gar herzlich, aber ich haͤtte alles drum gegeben, wenn ich haͤtte eben ſo gluͤcklich ſeyn koͤnnen, wie er war. Ihr koͤnnt leicht denken, daß ich ihn nicht beneidete, weil er ein Fuͤrſten⸗ rath iſt und ich nur der Paͤchter Martin bin. Paͤchter Martin kennt mehrere Fuͤrſten⸗ und Konigsraͤthe, und Fuͤrſten und Koͤnige ſelbſt, die er nicht einen Augenblick beneiden koͤnnte, und mit denen er nicht tauſchen wuͤrde, wenn er auch nicht Paͤchter Martin, ſondern nur Paͤchter Mar⸗ —; 7 Erſter Theil. 5 tins Kleinknecht, oder ſein Gaͤnſehirte waͤre. Aber mit dem da, den ich nicht nennen wollte, um ihm ſeine Freude nicht zu verderben, war's ganz eine andere Sache. Der hatte euch ſeinen Fuͤrſten, der ein Leichtfuß war,(wie es deren mehr geben ſoll) ſo ganz allmaͤhlich umgeſtimmt, daß er wurde, was alle Fuͤrſten ſeyn ſollten— allen ſeinen Unterthanen ein lieber guter Vater. Da kamen Dinge zu Stande, die ihr euch nicht ſchoͤner haͤttet traͤumen koͤnnen. In Zeit von zehn Jahren bluͤhte das Land wie ein Paradies, und die Menſchen waren ſo froh darin, wie Adam und Eva, ehe ſie den verwuͤnſchten Apfel gegeſſen hatten. Und das alles war das Werk des guten Rathes, der ſo viel, aber dabey ſo ganz im Stillen, wirkte, daß es ſelbſt ſein Fuͤrſt nicht merkte. Wie er das angefangen habe, daß es der Fuͤrſt ſelbſt nicht merkte, wie viel er fuͤr ſein Land thaͤte, das kann ich euch ſo genau nicht ſagen. Aber wenn er ſo was gedacht hatte, das gut waͤre, wenn der Fuͤrſt darnach thaͤte, ſo wußte er es dem Fuͤrſten ſo unmerklich ins Herz zu ſchieben, daß der Fuͤrſt geſchworen haͤtte, es waͤre ihm nicht hinein geſchoben, ſondern waͤre 6 DPaͤchter Martin. da auf eigenem Grund und Boden gewachſen. Daher kam's denn, daß der Fuͤrſt ſeinen Rath zwar lieb hatte, weil er uͤberzeugt war, daß er ein ehrlicher Mann ſey, dergleichen bey Hofe nicht viel gedeihen ſollen— weil die Gluth der Fuͤrſtengunſt ſo manche gute Pflanzen aus⸗ dorrt:— aber daß ſein Rath durch ihn denke und handle, daß er nur das Inſtrument, und ſein Rath der Spieler ſey, das ließ er ſich nicht einfallen. Und gut fuͤr ihn und ſein Land, daß es ihm nicht einſiel, er wuͤrde ſonſt ſeinen treuen Diener weniger geliebt, und weniger Gutes ge⸗ than haben. So aber that er viel Gutes, und ſeine Unterthanen liebten ihn, wie die guten Kinder ihren guten Vater, und dankten ihm, daß er's ihnen ſo wohl ſeyn ließe. Und das thaten ſie einmal ſo feſtlich ſchoͤn und ruͤhrend, daß ihnen, und allen die es ſahen, und dem Fuͤrſten ſelbſt, die heißen hellen Thraͤnen uͤber die Wangen herab liefen. Da ſtand nun ſein Rath neben ihm, als bloßer Zuſchauer, und ſein Angeſicht glaͤnzte wie das Angeſicht eines Engels. Bey dem einzigen Gott! ich glaube, daß in der Stunde kein Engel im Himmel ſeliger war als— —— —— — —— Erſter Theil. 7, der Mann, der da als bloßer Zuſchauer neben dem Fuͤrſten ſtand! Schoͤner, meint ihr, waͤr's aber doch gewe⸗ ſen, wenn der Fuͤrſt nun ſeine Hand ergriffen, ihn vor den Augen des ganzen Volks umarmt, und laut geſagt haͤtte: Das iſt der edle Mann, dem ihr alle das Gute, das ich euch that, zu verdanken habt!— So! meint ihr das?— Dann haͤtte ich nichts weiter mit euch davon zu reden. Paͤchter Martin. III. Jeh ſehe gern Licht. Wenn ich zuweilen in der Daͤmmerſtunde— oft kommt's nicht, aber doch zuweilen— duͤſter wie der herannahende Abend vor mich hinſtarre, und meine liebe Marie bringt das Licht in die Stube, ſo iſt mir's, als wenn's mit einem⸗ male, nicht bloß in der Stube, ſondern auch in meiner Seele heller lichter Tag wuͤrde. Als mein Heinrich— der gute Heinrich!— geſtorben war, ſaß ich eines Abends in meiner dunkeln Kammer, unausſprechlich traurig. Es war als wenn mir's die Bruſt zuſammenſchnuͤ⸗ ren wollte.— Ich haͤtte ſo gern geweint, und konnte nicht weinen. Mit einemmale geht die Thuͤr auf, und— es war eben meines Wil⸗ helms Geburtstag, woran ich nicht gedacht hatte— meine Marie brachte den Geburtstags⸗ kuchen mit Lichtern beſteckt. Da war's als wenn Erſter Theil. 9 mir ein großer Stein vom Herzen fiele, und ich konnte herzlich weinen. Es gab mir einmal ein gelehrter Mann einen ſehr gelehrten Grund an von dieſer Er⸗ ſcheinung, wie er's, glaube ich, nannte; der aber, bey aller ſeiner Gelehrſamkeit, auf den einfaͤltigen Martin nicht recht paſſen wollte— vielleicht eben deßwegen weil er ſo gelehrt war. Die⸗Urſache, die ich mir denke, iſt ſehr einfaͤl⸗ tig, ich wollte aber wohl drauf wetten, daß ſie, bey aller ihrer Einfalt, doch die wahre waͤre. Als kleiner Bube freute ich mich auf kein Feſt im ganzen Jahre mehr, als auf's Chriſtfeſt. Da wurde in die Mette gegangen, wo viele hundert Lichter brannten, und wo ich zu den Hunderten auch mein Lichtchen anzuͤndete. Nach der Mette wurde beſchert, und beym Beſcheren brannten wieder ein halb Schock Lichter; das war eine Herzensfreude! Nun denkt der alte Martin freylich in dem Augenblicke, wo die Lichter ſeine Seele aufhel⸗ len, an keine Mette und Chriſtbeſcherung: aber Jer denkt auch, wenn bey naͤchtlicher Stille des Waͤchters Ruf ihn wehmuͤthig macht, nicht immer 10 Paͤchter Martin. an den Tod ſeiner Mutter, und iſt doch uͤber⸗ zeugt, daß kein Nachtwaͤchter ihn, mit ſeinem heiſern Nufe, wehmuͤthig machen koͤnnte, wenn er nicht in ſeinem fuͤnften Jahre am Grabe ſeiner Mutter, durch den, der da ſo dumpf, ſo ſchaurig ſang, waͤre erſchuͤttert worden. Starke Eindruͤcke in der Kindheit empfan⸗ 7717 gen, kann keine Zeit vertilgen!— Nimm dir ein liebes, frohes, freundliches Weib, und wo moͤglich, auch ein freundliches Kindermaͤdchen; ſonſt wird dein Knaͤblein einſt ein Murrkopf werden.““ Er ſter Theil. 11 IV. Das Sonntagskleid. Meinethalben moͤgt ihr immer noch einige Feſt⸗ tage abſchaffen; denn die Menge von Feſttagen macht Bettler, Faullenzer und Taugenichtſe; und wer der Feſttage zu viel hat, der hat gemeinig⸗ lich der Tage feſtlicher Freude deſto weniger. Aber den Sonntag haltet mir in Ehren! Ich weiß nicht, ob die Vornehmen und Gelehrten eben ſo gut oder ſchlecht, als ſie ohnehin ſind, bleiben wuͤrden, wenn kein Sonntag waͤre: aber das weiß ich, daß der gemeine Buͤrger und Land⸗ mann kaum halb ſo gut ſeyn wuͤrden, als ſie ſind, wenn kein Sonntag waͤre. Der Lehre und des Unterrichts nicht zu gedenken, ſo iſt ſchon das eine große Wohlthat, nach ſechs arbeits⸗ vollen Tagen einen Ruhetag zu haben. „Den koͤnnte ſich aber jeder ſelbſt machen.“ Glaubt das nicht! Die reichen Iſegrimms wuͤrden gewiß ihren Arbeitern keinen Ruhetag 1 Paͤchter Martin. verſtatten; manchem andern wuͤrde ſein eigener Geitz der Iſegrimm ſeyn; und noch andere wuͤr⸗ den auch ohne Geitz, aus aͤngſtlicher Sorge der Nahrung einen Tag wie den andern fortarbeiten, weil ſie nicht wiſſen, daß man mehr leiſtet, wenn man nach der Arbeit ausruht, als wenn man ruhelos ſeine Kraͤfte abnutzt. Und waͤre kein Sonntag, ſo waͤrve natuͤrlich auch kein Sonntagskleid. Ihr glaubt aber gar nicht wie viel das Sonntagskleid zur Ver⸗ beſſerung, oder, wie ih'rs nennen wuͤrdet, zur Veredlung der Menſchen in den niedern Staͤnden beygetragen habe.„„Wer alle Tage im ſchmutzigen Kittel mit ſeinem Ochſen pfluͤgen muͤßte, wuͤrde zuverſichtlich bald vergeſſen, daß er etwas mehr als ſein Kammerad Ochſe ſey.““ Ich habe einen Freund, der zwar nur ein Bauer iſt, den ihr mir aber gewiß hochſchaͤtzen wuͤrdet— vielleicht auch wider Willen hoch⸗ ſchaͤtzen muͤßtet, wenn ihr ihn ſo kenntet, wie ich ihn kenne. Unter ſieben Tagen iſt immer ein Sonntag, allein unter hundert Menſchen iſt leider wohl nur immer einer— Gott weiß ob immer Einer— ſo ein Sonntagsmenſch Erſter cheil. 1, wie mein Tennemann. Er hat ſich gewoͤhnt neben ſeiner Hände Arbeit, und ſelbſt uͤber ſei⸗ ner Haͤnde Arbeit nachzudenken, wodurch er ſei⸗ nen Kopf bereichert hat, ohne dabey an Herzens Einfalt zu verlieren, die ſelbſt bey ſeinem natuͤr⸗ lichen Witze ungefaͤhrdet bleibt. Tennemann erzaͤhlte mir ſelbſt: Erſt ſeit Jahr und Tag bin ich damit aufs Reine gekom⸗ men„ v'jie man ſich ſeinen Sonntag machen muß. Vorher war er mir nicht viel beſſer als ein Allta g. Von der Kirche will ich nichts ſagen. Unfere liebe Obrigkeit hat uns nun einmal den Herrn Magiſter— zum Prediger gegeben, und ſie mag es verantworten. Aber auch ſelbſt in mei⸗ nem Hatiſe wollte es lange nicht ſo gehen, wie ich dachte, daß es wohl von Rechtswegen gehen ſollte. Oft wenn ich aus der Kirche nach Hauſe kam, fand ich da alles noch ſo unordentlich, wie— ich haͤtte bald geſagt, wie der Herr Paſtor— den die hohe Obrigkeit ohne Gottes Beyſtimnzung berufen hat— Gottes Wort in der Kirche vorgetragen hatte. Auch war bald dieß bald jenes meiner Kinder noch in der Nacht⸗ jacke, und hatte meine gute Frau die Kuͤche ſelbſt 14 Paͤchter Martin. beſorgt, ſo kam ſie auch richtig im Kuͤchenkleide zu Tiſche. Da leerte nun jedes ſeinen Teller, ohne der Gaben Gottes froh zu werden, ſang dann aus bloßer Gewohnheit ſein Tiſchlied, und damit Punktum. Ja zuweilen hatte wohl gar die Hausfrau mit Magd und Kindern noch Rech⸗ nungen von voriger Woche abzuthun, und ſo wurde aus dem Tage der Ruhe und des Friedens ein Fehdetag.— Ich merkte mir, wo das Uebel ſaß, und habe es gluͤcklich kurirt. Jetzt muͤſſen an jedem Sonnabend alle Rech⸗ nungen der verfloſſenen Woche abgethan, und am Sonntage, ehe noch zur Fruͤhkirche gelautet wird, muß Mann, Weib, Kind, Magd— und Stube im Sonntagskleide ſeyn. An jedem andern Tage laſſe ich jeden meiner Tiſchgenoſſen beten, was ihm ſein Herz eingiebt; Sonntags aber bete ich ſelbſt vor Tiſche laut— und danke dem Herrn immer herzlicher, der uns den Sonntag, und dabey Sinn und Herz gab, des ſchoͤnen Tages uns zu freuen, und es lebhafter zu fuͤhlen, daß wir Menſchen ſind. Erſter Theil. 15 V. Eine Erfahrung aus dem heiligen Eheſtande. Drey volle Jahre war ich Ehemann, und noch liebte, kuͤßte und umarmte ich mein Weib ſo herzlich und ſo luͤſtern, wie ein Braͤutigam ſeine Braut; denn meine Marie hatte mich ſchamhaft erhalten, weil ſie's ſelbſt blieb. Ihr moͤgt's glauben oder nicht, aber wahr iſt's doch: ich ſah in den drey Jahren bey meiner Frau nichts mehr, als ich bey meiner zuͤchtigen Braut ſehen durfte.— Nach drey Jahren, gerade an unſerm vierten Hochzeitfeſte, trank ich mit meiner Braut ein Glaͤschen ſelbſtgezogenen Wein, und fuͤhlte es ganz: daß ich ein gluͤcklicher Mann und meine Frau ein Goldſchatz ſey. Ein Goldſchatz?— Poſſen! Der große Mogul haͤtte mir koͤnnen alle ſein Gold und alle ſeine Herrlichkeit fuͤr meine Frau bieten, ich haͤtte ihn ausgelacht. So wahr ich das Leben habe, ich haͤtte keinen Himmel voll Seligkeit fuͤr meine Marie genommen!— Ach, 16 Paͤchter Martin. ich war gar zu gluͤcklich; weinen haͤtte ich moͤgen in der einen Minute, und in der andern mich auf der Erde waͤlzen!— Es war ein ſchoͤner Sommertag; hell und warm ſchien die Sonne durchs Fenſter, warm machte der Wein, warm die Freude, und waͤrmer als Freude, Wein und Sonne— die Liebe. Ich dachte mich Adam, neben mir Eva, das Stuͤbchen ward zum Para⸗ dieſe.—— Das muß ich geſtehen: es war ein koͤſtlich Stuͤndchen; aber tauſendmal habe ich gewuͤnſcht, daß ich das koͤſtliche Stuͤndchen nicht gehabt haͤtte. Es ging mir gerade wie dem armen Adam, da er von der verbotenen Frucht genoſſen hatte. Wie er, haͤtte ich moͤgen Feigenblatter ſuchen; wiewohl ſie mir ſo wenig, wie ihm, moͤchten genutzt haben. Ich wurde aus dem Paradieſe vertrieben, und bin in meinem Leben nicht wieder hinein gekommen. 3 Noch immer finde ich meine Marie ſchoͤn und gut, noch kenne ich kein Weib, das mir lieber waͤre als ſie; und doch habe ich ſeit der paradieſiſchen Stunde nie bey ihrem Kuſſe wie⸗ der Erſter Theil. 17 der das gefuͤhlt, was ich vorher fuͤhlte.— Die⸗ ſelbe ſchoͤne Roſe; aber entweder hat ſie nicht mehr den vorigen bezaubernden Wohlgeruch, oder ich habe fuͤr ihren Wohlgeruch nicht denſelben Sinn mehr. Ich liebe ſie als meine beſte Freun⸗ din; doch ſcheint mirs, als wenn ich vordem zwiſchen Freundſchaft und Liebe einen weſentli⸗ chern Unterſchied, nicht bem erkt, aber gefuͤhlt haͤtte. Es ſcheint mir, als wenn wir uns bis zu jener Stunde noch Juͤngling und Maͤdchen geglaubt haͤtten, und der ſuͤßeſte Wahn waͤre uns nun genommen. „„Die Schamhaftigkeit erhaͤlt ſich in jung⸗ fraͤulicher Zartheit mit allen ihren Reitzen auch in der Ehe, ſo lange die freyere Rede und das drei⸗ ſtere Auge die Freuden der Liebe nicht entſchleiert. Entſchleiert ſie, ſo verſcheucht ihr die Schamhaf⸗ tigkeit, beraubt die Schoͤnheit der Anmuth, die Liebe ihrer Reitze— und ſo ſchwelgt das Auge auf Koſten der Einbildungskraft, die groͤbere Sinn⸗ lichkeit auf Koſten des Herzens, verſchwelgt den Vorrath ſchoͤnerer Empfindſamkeit fuͤr gluͤckliche Jahre im Taumel voruͤber eilender Minuten!““ —— 42 1. Theif. 18 Paͤchter Martin. VI. Ueber Kleidertrauer und Begraͤbniß. Es freut mich daß die tiefe Trauer abgeſchafft iſt. Aber daß mir der junge Herr Spitzkopf, dem ſein Vater vor fuͤnf Tagen geſtorben war, heute im Gallakleide mit friſiertem und gepuder⸗ tem Haar entgegenſtolzierte, das freute mich nicht. Das Florbaͤndchen ſcheint mir vom Galla⸗ kleide und vom friſiertem Kopfe gar wunderſelt⸗ ſam abzuſtechen.— Ich kann mich nicht uͤber⸗ zeugen, daß es gut waͤre, alle aͤußere Zeichen der Liebe und Dankbarkeit gegen unſere Verſtor⸗ benen als leeren Tand zu verwerfen; denn ich fuͤrchte, daß bey vielen die Liebe und Dankbar⸗ keit hinterher geworfen wird. Und da haͤtten wir dann am Gutſeyn— mein lieber Paſtor wuͤrde ſagen an Moralitaͤt— ungleich mehr verloren, als wir am Gelde erſpart haͤtten. Erſter Theil. 19 Glaubt ja nicht, daß ich hiermit der alten Trauer⸗ mode das Wort reden wolle; aber zwiſchen a und tz liegen ja noch viele Buchſtaben mitten inne.—— Auch hat Herr Spitzkopf ſeinen Vater ungewaſchen und ungekaͤmmt in den aͤlte⸗ ſten Schlafpelz einwickeln, und ſo zu Grabe tra⸗ gen laſſen;„denn die Wuͤrmer,“ meint er,„wuͤr⸗ den's ſo genau nicht nehmen, wenn der Braten auch nicht ſo appetitlich aufgetiſcht wuͤrde! Und wozu der Putz dem Todten? Er braucht keine Staatsviſite mehr zu machen.“ Das nennt Spitzkopf Aufklaͤrung; mag aber wohl wie⸗ der eine von den Aufklaͤrungen ſeyn, die das Haus ſelbſt anzuͤnden, um es deſto beſſer zu erleuchten. Der aufgeklaͤrte junge Herr hat, denk' ich, auch hier vergeſſen, daß zwiſchen a und kz viele Buchſtaben mitten inne liegen. Ich bin nicht fuͤr den Putz bey Lebenden, noch weniger bey den Todten; aber deſto mehr fuͤr Reinlichkeit; und daß nicht bloß deßwegen, weil es der Geſundheit des Koͤrpers, ſondern auch weil es der Geſundheit der Seele zutraͤglich iſt: denn ich habe gewoͤhnlich in einem ſchmutzigen Koͤrper eine noch ſchmutzigere Seele gefunden, 20o Paͤchter Martin. und habe da gemerkt, daß der Weiſe, der nie ein Haus anzuͤndete um es zu erleuchten, ſeine guten Urſachen dazu hatte, daß er uns rieth: unſern Leib in Ehren zu halten, und daß er die⸗ ſen Leib einen Tempel Gottes nannte, u. ſ. w. Aber, werden die Spitzkoͤpfe ſagen, das paßt wohl fuͤr die Lebendigen; aber wozu die Rein⸗ lichkeit dem Todten? Antwort: um der Leben⸗ digen willen! „Der Todte braucht keinen Putz; denn er hat keine Staatsviſite mehr zu machen!“ So braucht er auch keinen Schlafpelz, denn er wird auch ohne Pelz nicht frieren. Was ſoll ihm alſo uͤberhaupt Bekleidung? „Weil's wider Wohlſtand und Schicklichkeit waͤre, ihn ſo in Adams oder Evens Tracht den Augen anderer zu praͤſentieren.“ Beleidigt Schmutz das Auge minder als Nacktheit? Doch ich mag nicht mit Spitzkoͤpfen rechten. Ihr aber, die ihr nicht ſo ſpitzige Koͤpfe habt, denkt ob es wahr ſey, was mein Vater ſagte: „, Die liebe Menge richtet nach dem, was ſie ſieht und fuͤhlt. Ihr iſt deßhalb der Todte Erſter Theil. 21 eben ſo wohl Menſch als der Lebende. Laßt's nun Sitte werden, daß der Todte ohne Sang und Klang wie eine taube Nuß weggeworfen wird: ſo ſteht zu beſorgen, daß ſie von dem Tod⸗ ten auf den Lebenden und auf ſich ſelbſt ſchließen, und daß auch der wahre Menſch ihnen zur tau⸗ ben Nuß herabſinkt. Werft den Leichnam des Menſchen neben das Aas des Thieres auf den Anger, ſo wird die liebe Menge den Unterſchied zwiſchen Thier und Menſch bey beider Leben auch nicht hoͤher anſchlagen, als ſie ihn mit Augen ſieht— und wie viel ſieht ſie? Mit dem Todten Prunk zu treiben, ſeinen Leichnam auszuputzen, iſt mehr als kindiſche Eitelkeit; ihn aber abſichtlich ſo zu vernachlaͤſſt⸗ gen, daß ſein Anblick graͤßlich werde, und Ekel errege, iſt herzloſe Starkgeiſterey. Wenn ihr einſt mein gebrochenes Auge zuge⸗ druckt, den Todtenſchweiß von meinem Angeſicht abgewiſcht habt, ſo huͤllt dann meinen Koͤrper in ein reinliches Leichentuch, und ſo uͤber⸗ gebt ihn der muͤtterlichen Erde.““ Paͤchter Martin. VII. Fragment aus einem alten Kochbuche. Ihr ſollt mir gewiß den Vorwurf nicht mit Recht machen, daß ich ein empfindſamer Schwaͤr⸗ mer waͤre; doch danke ich der lieben Mutter Natur, daß ſie mich nicht zum bloßen Kopfe gemacht, ſondern mir auch ein Herz gegeben hat. Erhalte mir's, liebe Mutter! Ich weiß, daß ich noch lange nicht ſo gut bin, als ich ſeyn koͤnnte: aber ich weiß auch, daß ich nicht einmal ſo gut ſeyn wuͤrde, als ich bin, wenn ich nicht dieß Herz haͤtte das ſich mit den Froͤhlichen freuen und mit den Weinen⸗ den weinen kann. „Nur hat dein Gutſeyn dann nichts ver⸗ dienſtliches! 1* Das glaube ich ſelbſt, und es iſt mir in Wahrheit noch nicht eingefallen, daß ich mir aus meinem Bißchen Gutſeyn ein Verdienſt machen Erſter Theil. 23 wollte, weil ich's wirklich zum Theil aus bloßer Neigung bin, weil mir's gar unſaͤglich große Freude macht, wenn ich einmal was gethan habe, wovon ich ſo in Einfalt meines Herzens glaube, daß es gut gethan ſey, und weil ich im Gegen⸗ theil mit mir ſelbſt nicht eins bin, wenn ich was that, wovon ich wuͤnſchte, daß ich's nicht gethan haben moͤchte. Und, lieben Leute, es iſt einem gar ſehr uͤbel, wenn man mit ſich ſelbſt nicht eins iſt. Glaubt ihr aber im Ernſt, daß ich mehr Verdienſt davon haͤtte, ſo ich mich nicht daruͤber freuete, wenn mir einmal ein gut Stuͤck⸗ chen Arbeit gelungen iſt? Mein Herzensbube Karl huͤpft und ſpringt, wenn er mir etwas zu Danke machen kann. Sein Bruder Chriſtel thut am Ende auch, was ich gethan haben will, wenn er weiß, daß er's thun muß, macht aber ein Geſicht dazu, als wenn's zur Frohne ginge. Natuͤrlich thut der Karl zehnmal mehr als der Chriſtel, und freut ſich daß er's thut; demnach haͤtte aber doch wohl der Chriſtel mehr Verdienſt, weil er das Gute wider Neigung that, ohne ſich ſein zu freuen. Hm mehr Gutes thun und gern thun, ſoll 24 Paͤchter Martin. minder Verdienſt ſeyn, als weniger Gutes ungern thun!— Meinem Karl ſchmeckt ſein Morgenbrot nicht, wenn ein armer Knabe neben ihm ſteht, der wohl auch ein Morgenbrot eſſen moͤchte, wenn er eins haͤtte. Karl theilt dann mit ihm, und nun ſchmeckt ihm die andre Haͤlfte noch einmal ſo gut, und gedeiht beſſer. Kaͤme noch ein Dritter, der mit hungerigem Auge nach der zweyten Haͤlfte ſchielte, ſo gaͤbe er ihm die zweyte Haͤlfte auch. Nur ein einziges Mal habe ich etwas aͤhnliches von Chriſteln erlebt: es fand ſich aber, daß er eben keinen Hunger hatte. Sagt, ob ihr meinen Karl nicht lieber haͤttet als ſeinen Bruder? „Wuͤnſche nur, daß der Herzensbube gut bleiben mag ſein Lebelang!“ Danke ſchoͤn fuͤr den Wunſch. Aber warum zweifelt ihr, ob er's bleiben werde? „Ey nu, die Herzensbuben pflegen in der Regel ſehr launige Buben zu ſeyn. Bloße Her⸗ zensguͤte ohne Grundſaͤtze bleibt immer ſehr man⸗ gelhaft. Auch—— Halt ein wenig! Zu viel auf einmal iſt unverdaulich. Was nun erſtens die Grundſaͤtze Erſter Theil. 23 anbetrifft, ſo ſoll doch das hier wohl ſo viel heißen, als: gut ſeyn, weil man weiß, daß und wie man's ſeyn muß. Kann mein Karl deßhalb, weil er ein gutes Herz hat, nicht auch wiſſen, oder, was er noch nicht weiß, lernen, daß und wie er gut ſeyn muß?. Zugeſtanden alſo: Herz ohne Kopf iſt ein Schiff ohne Steuermann, und es iſt Gluͤcksfall, wenn ein ſolches Schiff, von guͤnſtigen Winden getrieben, an Ort und Stelle kommt, wo es hin ſoll. Gebt aber dem geſchickteſten Steuermand ſtatt eines guten Schiffs einen plumpen Kaſten ohne Segel, ſo hat er auch ſeine liebe Noth; wirft am Ende ungeduldig das Steuerruder in's Waſſer, oder laͤßt es ermattet fallen.— Ihr werdet mir doch nie beweiſen: daß ein gutes Schiff nothwendig einen ſchlimmen Steuer⸗ mann haben muͤßte?— Laßt beides vereinigt ſeyn, ſo geht's(wenn es anders der Wind nicht gar zu arg macht) daß es eine Luſt iſt. Was nun die Laune betrifft, ſo iſt das eine Krankheit, wogegen euch ein gutes Herz freylich nicht ſchuͤtzt; die aber dennoch nicht ſo wohl aus dem Herzen als aus dem Kopfe entſpringt, und 26 Paͤchter Marlkin. am meiſten aus dem Magen und den Eingewei⸗ den. Braucht harte Arbeit, freye Luft, kaltes Bad und aͤhnliche Korroborantia, nebſt geſunder Nahrung! In Anſehung des letztern kommt's nun freylich quoad quantitatem et qualitatem, wie mein Schulmeiſter ſagte, auf eure Ver⸗ dauungskraͤfte an, und laͤßt ſich dahero kein allge⸗ meines Recept verſchreiben: indeß koͤnnt ihr doch das als Regel annehmen, daß allzu viel uͤberall ungeſund ſey, und Hausmannskoſt am beſten Hekomme. Und beides gilt vom Kopfe, wie vom Magen. Wir haben den Fall mehrmals erlebt, daß die beſten Koͤpfe durch loſe Speiſe, nach Hautgout und ſublimer Kochkunſt zubereitet, gar jaͤmmerlich zerruͤttet wurden, und die boͤſe Laune ſpukte darin wie ein Kobold: haben es aber auch zuweilen erlebt, daß durch ein kraͤftiges Reini⸗ gungsmittel, gute Diaͤt und Hausmannskoſt, der boͤſe Geiſt ausgetrieben, und der Kranke wieder hergeſtellt wurde. Und wir koͤnnen dahero nicht umhin, ein abgeriſſenes Stuͤckchen aus einem uralten Kochbuche mitzutheilen, wobey ſich, laut beygefuͤgter Nachricht, der Beſitzer geſund und wohl befand, und alt wurde bey guten Tagen. „ Erſter Theeil. 27 „Die Erde iſt kein Himmel, aber noch weni⸗ ger ein Jammerthal; die Menſchen ſind keine Engel aber eben auch keine Teufel! Und laß dir das lieb ſeyn, denn du ſtehſt gerade auf die ſer Erde unter dieſen Menſchen auf deinem rech⸗ ten Platze. Du wuͤrdeſt im reinen Aether des Himmels erſticken; und was wollteſt du unter lauter Engeln? Koͤnnteſt kaum Nachtwaͤchter oder Thuͤrmer werden; und was dann, wenn die lieben Engel keinen Nachtwaͤchter oder Thuͤrmer brauchten?“ 855 „Es fließen viele Thraͤnen unterm Monde; aber nicht alle preßte der Schmerz aus, und ſelbſt dieſe ſind dem, der ſie weint, oft wohl⸗ thuend, wie dem duͤrren Lande ein fruchtbarer Regen. Scheint nicht die Sonne nach dem Un⸗ gewitter am lieblichſten? Und wie viel hat der May ſeinen aͤltern Bruͤdern zu verdanken? Wuͤrde er wohl ſo gefallen, wenn alle ſeine Bruͤder den Einfall haͤtten, ſein Gewand anzuziehen, und ſein freundliches Geſicht anzunehmen?— Schoͤn iſt es auch, daß du manche Thraͤne von dem Auge deines Bruders abtrocknen, und dann dich feines Laͤchelns zwiefach freuen kannſt!“ 28 Paͤchter Martin. „Es iſt dir gewiß lieb, daß du, gleich deinen Bruͤdern, froh ſeyn kannſt; murre nicht unge⸗ recht, wenn du zuweilen gleich ihnen trauern mußt. Vergiß dann nicht, daß du oͤfter trauer⸗ teſt und hinterher immer wieder froh wurdeſt, und wohl noch einmal ſo froh als du vorher warſt. Noch war kein Winter, auf welchen nicht ein Fruͤhling gefolgt waͤre. Es ſtuͤrmte ſchreck⸗ lich, doch endlich hoͤrte es auf zu ſtuͤrmen; labend war die Ruhe nach dem Sturme, und ohne ihn waͤre die Luft verpeſtet worden.— Immer froh ſeyn, wenn's auch moͤglich waͤre, wuͤrde uns doch nicht frommen. Was wuͤrde bey ewig hei⸗ term Himmel und hellem Sonnenſchein aus unſrer armen Erde werden?— Es geſiel dem kleinen Buben, daß die liebe Mutter ihn mit Zuckerbrot fuͤtterte, und jedes rauhe Luͤftchen von ihm ab⸗ hielt: doch ſiehe, welch ein armer Wicht iſt aus ihm geworden!— Die bitterſte Arzney iſt oft die wohlthaͤtigſte. Wollteſt du Kind ſeyn, und den Arzt ſchmaͤhen, daß er dir bittre Arzney, und nicht fuͤßen Wein reichte, da du doch wuͤßteſt, daß der ſuͤße Wein dich kraͤnker, die bittre Arzney aber geſund machen koͤnnte?—“ Erſter Theil. 29 „Wie gluͤcklich ich ſonſt warl!— das ſagen Hundert, ehe Einer einmal ſagte(und das, was er ſagt, laͤnger als auf einige Stunden fuͤr wahr haͤlt), wie gluͤcklich ich bin! Hattet ihr wirklich ſonſt mehr Urſache froh zu ſeyn als jetzt? oder habt ihr jetzt gar nichts mehr, deſſen ihr euch freuen koͤnntet?— Seyd ihr's zufrieden, mit Ruͤckgabe alles deſſen, was ihr jetzt habt und ſeyd, wieder zu werden was ihr waret?— Ueberdenkt aber das—„mit Ruͤckgabe alles deſſen, was ihr jetzt habt und ſeyd“— ein wenig, ehe ihr euch zur Wahl ent⸗ ſchließt! Dieß Amt z. B. hatteſt du damals noch nicht; alſo— zuruͤck gegeben!— Dieſe Freunde, dieſe Kinder— Wie? Du erblaſſeſt, gute Mut⸗ ter?— Warum? Du ſollſt ja durch dieſes Opfer gluͤcklich werden.“— „Ja, ich gebe alles zuruͤk. Nur“— „Keine Ausnahme! Du mußt alles zuruͤck geben, was du damals nicht hatteſt. Dafuͤr empfaͤngſt du alle das Gute wieder, was du damals hatteſt; freylich aber auch alle das Unan⸗ genehme mit, was du damals wegwuͤnſchteſt.— Nun! ihr wollt nicht 2— Das Jetzt muß alſo 30 Paͤchter Martin. doch ſo gar traurig nicht ſeyn, da ihr es mit dem gluͤcklichen Sonſt nicht ganz ohne Vor⸗ behalt vertauſchen wollt!— Und wenn ihr euch zuruͤck erinnert, ſo werdet ihr finden: daß ihr damals, als ihr ſo gluͤcklich waret, auch nicht ſagtet: wir ſind's! ſondern erſt hinterher: wir waren's!— Lieben Leute, ihr hattet ſonſt Urſache froh zu ſeyn, und habt's jetzt nicht minder. Bey allem Unangenehmen, das ſich ſonſt in eure Freude einmiſchte, hattet ihr doch auch Freude, und mehr Freude, als ihr da⸗ mals erkanntet, und manches Gute, das ihr noch beſſer haͤttet benutzen und genießen koͤnnen, als ihr's benutzt und genoſſen habt. Und, wahelich, ſo iſt's noch jetzt. Lernt das Gute, das ihr heute habt, erkennen und genießen, ſo werdet ihr auf geſtern mit Zufriedenheit, auf mor⸗ gen mit Hoffnung ſehen, und alſo heute, wie ihr leicht berechnen koͤnnt, dreyfach genießen!“ „Wie mein Nachbar ſo gluͤcklich iſt!— Und wie noch gluͤcklicher er ſeyn koͤnnte, wenn er das Gute, das er hat, recht erkennen und genießen wollte!“ —— — 4 Erſter Theil. „Das letztere kannſt du mit Wahrheit von ihm ſagen, mit eben ſo viel Wahrheit als— von dir ſelbſt!— Ob auch das erſtere? Frage ihn, vielleicht ſpricht er nein dazu; oder ſpricht er ja, ſo widerſpricht vielleicht ſein Kopfkiſſen.“ „Doch, er ſey ſo gluͤcklich als du glaubſt! ich wette aber, wenn du dich in ſeine Stelle ver⸗ ſetzen, ganz dich und deine Lage mit ihm und ſeiner Lage vertauſchen ſollteſt, du ſchluͤgſt den Tauſch aus. Das heißt doch alſo: Ich bin gluͤcklicher als er, oder ich koͤnnte es doch ſeyn, wenn ich mich ſo recht auf mich und meine Lage, und aufs gluͤcklich ſeyn verſtuͤnde. Was klagſt du alſo, wenn du gluͤcklicher biſt als er? Und biſt du nicht ein Thor, wenn du gluͤcklicher ſeyn koͤnnteſt, durch dich es ſeyn koͤnnteſt, und es nicht biſt?——— Angenommen: dein Nachbar rechter Hand iſt gluͤcklicher als du; aber dein Nachbar linker Hand, oder der an der Ecke, iſt wieder nicht ſo gluͤcklich als du.“ „Warum wurde ich nicht der Gluͤcklichere, der dieſer iſt?“ 32 Pächter Martin. „Warum aber der Gluͤckliche, der du biſt, und warum nicht der Ungluͤcklichere, der jener iſt? Hoͤyt deine Gluͤckſeligkeit auf Gluͤckſeligkeit zu ſeyn, weil es eine noch groͤßere Gluͤckſeligkeit giebt?“ 1 „Dein Nachbar rechter Hand iſt gluͤcklicher als du; Tauſende ſind es mehr als er; mehr als die Tauſende iſt's der Seraph, oder wie ſonſt der Erſte unter Gottes Engeln heißen mag; und mehr als der Seraph iſt's der, der ihn ſchuf. Sind nun alle dieſe, von dir an bis zum Seraph, ungluͤckſelig, weil's einen Hoͤchſtſeligen giebt?“—— „Du haſt einen Rock, der dich deckt und waͤrmt, dich nicht uͤbel kleidet, mit Einem Worte: mit dem du zufrieden biſt. Nun aber ſiehſt du, daß dein Nachbar einen noch beſſern Rock hat als du— waͤrſt doch ein Thor, wenn du deß⸗ halb mit deinem Rocke unzufrieden ſeyn wollteſt! Noch iſt's die Frage: ob deines Nachbars Rock wirklich beſſer iſt als der deinige, oder ob dir's nur ſo ſcheint? denn du ſiehſt nur ſeine Außen⸗ ſeite. Er hat vielleicht eine ſchoͤnere Farbe, die aber bald verſchießt. Er fuͤhlt ſich weicher an; wird Erſter Theil. 33 „ wird er deßhalb laͤnger halten? Wer weiß wie manchen Ritz, Loch und Fleck des Schneiders Nadel, und die geſchickte Art, mit der ihn ſein Beſitzer zu tragen weiß, verbergen? Es iſt viel⸗ leicht gar ein abgetragener Kittel, den der Schnei⸗ der umwenden, und mit Muͤhe und Noth aus den alten Lappen ein Modenkleid zuſammenſtuͤk⸗ keln mußte.— Indeß, er ſey beſſer als der dei⸗ nige; immer noch iſt's die Frage: ob er dich ſo gut kleiden wuͤrde wie deinen Nachbar? nur ſo gut kleiden wuͤrde wie dein Rock? Und waͤre auch das: wird dein Rock ſchlechter, weil deines Nachbars Rock beſſer iſt? Vielleicht hat er nicht ſo gute Beinkleider wie du. Und haͤtte er auch die— ey nun, die deinigen ſind ja auch nicht zu verachten!— da kommt eben dein Nachbar linker Hand gegangen. Lieber Gott, was der arme Mann fuͤr Lumpen auf dem Leibe tragen muß, kann kaum ſeine Bloͤße damit bedecken! Was der ſich freuen wuͤrde, wenn er ſo einen guten Rock haͤtte wie du!— Doch ſo viel wuͤnſcht er kaum. Gieb ihm deinen alten Flaus; er duͤnkt ſich ein Koͤnig damit. Und wie behaglich du dann in deinem Rocke einher 1. Theil. 3 34 Paͤchter Martin. gehen wirſt, Mann, der du Koͤnige machen kannſt!“ So weit mein Kochbuch, das vielleicht man⸗ chem bloß deßwegen nicht gefallen wird, weil es von gar zu gemeinen gar zu bekannten Ge⸗ richten handelt. Ja, das iſt ein Ungluͤck, daß ihr die guten Kraͤuter, die in enrem eignen Gar⸗ ten wachſen, nicht achtet, und nach fremden Gewaͤchſen luͤſtert, die ihr mit Muͤhe und Un⸗ koſten herbeyſchafft, um— euch den Magen zu verderben.— 80 ₰‿ Erſter Theil. VIII. Die großen und kleinen Zahlen. Es faͤllt mir da eben, da ich die Noͤmiſche Achte hinſchreibe, ein: Warum ich nun Roͤmiſehe Zah⸗ len und keine Deutſchen ſchreibe? Zwar weiß ich nicht genau, ob die kleinen Zahlen 1, 2, 3, u. ſ. f. eigentlich Deutſche Zahlen ſind; doch das thut nichts zur Sache. Ich liebe aber ſonſt die klei⸗ nen Zahlen mehr als die großen. Man kann eben ſo viel damit ausdruͤcken, und doch nehmen ſie nicht viel Naum ein, und machen kein groß Aufſehen. Und viel mit wenigem, und ohne Gepraͤnge, ſagen, das liebe ich wo ich's finde, wenn ich's auch nicht immer ſelbſt kann. Aber ſie ſtanden nun einmal da, die großen Roͤmer, und ich merkte es erſt bey Nummer Achte, daß ſie da ſtanden. Und weil ſie denn doch an ihrer Stelle thun, was ſie thun ſollen, wenigſtens eben ſo gut, als es die kleinen gethan haben 36 Paͤchter Martin. wuͤrden: ſo moͤgen ſie ſtehen bleiben, und um der guten Ordnung und Uebereinſtimmung willen, moͤgen die andern ihrer Art nachfolgen— beſon⸗ ders da mir bey der Gelegenheit ein paar Spruͤ⸗ chelchen von meinem guten Vater ins Gedaͤchtniß kommen. „„Man kann auch, aus Vorliebe fuͤr die Kleinen, ungerecht gegen die Großen ſeyn; ob⸗ gleich der umgekehrte Fall weit oͤfter vorkommt!, Es giebt eben ſowohl einen buͤrgerlichen Stolz, der mit Verachtung auf den Adel, als einen adlichen Stolz, der mit Verachtung auf den Buͤrgerſtand blickt— und die eine Thorheit iſt ſo lang und breit als die andere. Der Menſch, als Menſch, wiegt um keinen Gran mehr, wenn er ſeine Ahnentafel, ſeinen Stern, ſein Ordens⸗ kreuz und dergleichen neben ſich auf die Wag⸗ ſchale legt; aber ich ſehe auch nicht ein, warum er mit dieſen Dingen weniger wiegen ſollte als ohne ſie. Zwar gebe ich zu, daß ein Mann in der Folge mit jenen Anhaͤngſeln weniger wiegen kann, als er ohne ſie gewogen haben wuͤrde, wenn er Narr genug waͤre, die Zunahme an innerm Menſchengehalt, der hier alleine wiegt, Erſter Theil. 227 zu vernachlaͤſſigen, im eiteln Wahne, daß ſein Pergament, und das Metall, woraus die Stern⸗ chen und Kreuzchen gemacht werden, das fehlende Gewicht erſetzen wuͤrden: aber das Metall und Pergament waren doch an dem eiteln Wahne unſchuldig! Im ſchlichten Fracke ſteckt oft eben ſo viel und zuweilen noch mehr Eitelkeit als im Hof⸗ kleide! Der Mann, der unter allen Alten die ſchoͤnſten Luftſchloͤſſer baute, antwortete dem drol⸗ ligen Kerl, der am lichten hellen Tage mit der Laterne Menſchen ſuchte, da er ihm ſeine ſchoͤnen Tapeten zertrat, und dabey ſagte: ich trete dei⸗ nen Stolz mit Fuͤßen!—„Jaz nur mit einer andern Art von Stolz!“ und er mochte wohl Recht haben. Der aus Samos ver⸗ bat ſich den Titel eines Weiſen, wollte nur Lieb⸗ haber der Weisheit ſeyn, und war dabey viel⸗ leicht eben ſo eitel, wie die Liebhaber gewoͤhn⸗ lich zu ſeyn pflegen. So verbat ſich Kromwell den Koͤnigstitel, um ſeine Unterthanen deſto oͤniglicher ſcheren zu koͤnnen. Klug iſt's mit ſeinem ſchlichten Fracke zufrie⸗ den zu ſeyn, und kein Treſſenkleid zu vermiſſen; 38 Paͤchter Martin. geſetzt aber, daß alle um und neben dir Treſfen⸗ kleider truͤgen, und du ſollteſt Standes wegen auch eins tragen, bliebſt aber aus bloßem Eigenſinn bey deinem Fracke— das waͤre ſchon weniger klug; und wollteſt du gar die, welche Treſſenkleider truͤgen, deßwegen verachten, das waͤre mehr als unklug!““ Wie in aller Welt paſſen aber die Spruͤchel⸗ chen zu Nummer VIII? So ganz genau nun eben nicht; doch immer beſſer als manche Pre⸗ digt zum Texte— wiewohl ich damit den Pre⸗ digern, welche uͤber vorgeſchriebene Texte predi⸗ gen muͤſſen, nichts zum Vorwurf geſagt haben will; denn ich wuͤrde es eben ſo machen. Geſetzt mein Text handelte von nichts als von goͤttlichem Zorn, Hoͤlle und Verdammniß, ich aber waͤre eben ſo recht warm von dem Gedanken: daß Gott die Liebe iſt; ſo laͤſe ich meinen Text her, und ſuchte mir einen Uebergang zu Gottes Liebe, ſo gut ich ihn finden koͤnnte; und koͤnnte ich kei⸗ neu finden, ſo predigte ich von dem, wovon mein Herz voll waͤre, ohne Uebergang. Seht, beym Ueberleſen finde ich, daß ich da meinen lieben Alten was ſagen ließ, was er wohl Erſter Theil. 39 nicht ſo geſagt haben mag:„um ſeine Unter⸗ thanen deſto koͤniglicher ſcheren zu koͤnnen.“ Man ſieht freylich wohl, was das koͤniglich hier heißen ſoll: nur konnte es mein Vater hier in dem Zuſammenhange unmoͤglich ſagen, weil er ſonſt ſeiner eignen Lehre widerſprochen hatte, was er ſo leicht nicht zu thun pflegte. Man ſagt, daß das bey manchen Gelehrten anders waͤre, und daß ſie's mit einem Widerſpruche mehr oder weniger ſo genau nicht naͤhmen. Da las ich eben ein Buch von der Einſamkeit, worin viel Schoͤnes ſtand, wo's aber auch von Wider⸗ ſpruͤchen wimmelte, und wo einer unter ihnen ſo grob war, daß ich nicht uͤbel Luſt gehabt haͤtte, dem Verfaſſer ſein Buch an den Kopf zu werfen. Schimpft der Mann nicht gegen Phariſaͤerey, Hofſinn, Gleißnerey und Unredlichkeit wie ein Rohrſperling! und erzaͤhlt uns doch nachher ſelbſt, daß er gegen einen andern, der bey vie⸗ len Eigenheiten doch ein. ehrlicher Mann war, wie ein S— Pfuy! bald haͤtte ich ſelbſt ge⸗ ſchimpft— gehandelt habe. luch muß ich noch erinnern, daß es mit dem„drolligen Kerl,“ von dem Manne 40 Pächter Martin. im Faſſe geſagt— hieß er nicht Diogenes von Sinope?— ſo ſchlimm nicht gemeint ſey; denn ſeit mein Vater ein kleines gar fuͤr⸗ treffliches Buͤchlein las, welches von dem Manne 7 handelte, pflegte er ſeiner immer in Ehren zu gedenken. Erſter Theil. 41 4 IX. Noch eine Vorrede. „Es waͤre doch beſſer, wenn du deinen Leſern deine und deines Vaters Lebensbe⸗ ſchreibung wenigſtens in nuce gaͤbeſt, ehe du fortfuͤhreſt ſeine Spruͤche und deine Ein⸗ faͤlle aufzutiſchen. Es darf dir nicht Sleichgälirg ſeyn, ob der Leſer urtheilt: daß das Buͤchlein wirklich von einem Paͤchter Martin geſchrieben ſey, oder doch ſo geſchrieben ſeyn koͤnne, oder nicht. Unſere meiſten Buͤcherſchreiber ſchrei⸗ ben aus neun und neunzig Buͤchern das hun⸗ dertſte, und koͤnnen nur dann hoffen, Lefer zu finden— ſolche Leſer, wie ſie ſich ein rechtlicher Mann wuͤnſchen wird, wenn ſie das, was ſie ſagen, ſchoͤner und beſſer als andere vor ihnen ſagen. Du biſt gewiß nicht eitel genug, zu waͤhnen: du ſchriebeſt ſo Paͤchter Martin. ſchoͤn, daß man, auch bey der Vorausſetzung, du ſeyſt ein Buchweiſer, oder wolleſt es we⸗ nigſtens ſeyn, dich dennoch mit Vergnuͤgen leſen werde. Aber haͤlt man dich fuͤr den, der du biſt, und fuͤr den du dich ausgiebſt, füͤr den ehrlichen Paͤchter Martin, der das, was er ſagt, ſelbſt gedacht, ſelbſt erfahren, ſelbſt empfunden, oder doch von Maͤnnern gehoͤrt hat, die mit Ehren ſprechen durften, und auch ſelbſt aus Erfahrung und aus dem Herzen ſprachen: ſo darfſt du dein Buͤchlein gar kuͤhnlich in die Welt ſchicken. Es wird ſich, bey allen ſeinen Maͤngeln, dennoch manchem Biedermanne empfehlen, und hier und da ausrichten, wozu du es geſendet haſt. Soll ich eine ſchoͤne Gegend gemahlt mit Vergnuͤgen ſehen, ſo muß ſie ſehr ſchoͤn gemahlt ſeyn! in der Natur ſehe ich eine minder ſchoͤne Gegend mit Wohlgefallen. Darum ſorge, daß du Glauben findeſt. Nun aber haſt du zuweilen ein Wort uͤber Dinge geſagt, die außer dem Felde des Paͤch⸗ ters liegen. Auch ſprechen genau genom⸗ Erſter Theil. 43 men, mehr als zwey Perſonen. Freylich konnte das ſchon deßwegen nicht ganz ver⸗ mieden werden, weil dein Vater durch dich ſpricht; wo ſich alſo, auch wider deine Abſicht, mancher fremde Zuſatz einmiſchen mußte. Aber auch ſelbſt die eigene Rede deines Vaters konnte, bey der Verſchieden⸗ heit ſeiner aͤußern Lage, ſich wenigſtens in Anſehung des Ausdrucks nicht ganz gleich bleiben. Wie ſoll nun aber das der Lefer errathen, wenn du ihn nicht in den gehoͤ⸗ rigen Standpunkt ſtelleſt, aus welchem er dich und deinen Vater richtiger beurtheilen kann? Alſo—“ Alſo gebe ich dem Leſer meines Vaters Lebens⸗ geſchichte in nuce. Da muß ich ihn aber vorher mit ein Paar Maͤnnern bekannt machen, deren Bekanntſchaft ihm hoffentlich nicht unlieb ſeyn wird: mit dem Paͤchter Hulderich, und deſſen Gutsherrn und Lebensbeſchreiber, dem Major von Ewald. 44 Paͤchter Martin. „Der Edelmann, und noch dazu ein Herr Major, ſeines Paͤchters Lebensbeſchreiber?“ Das klingt freylich etwas ſonderbar, iſt aber buchſtaͤblich ſo, wie ich's geſagt habe. Es iſt ein Erbſchaftsſtuͤckchen, das ich meinen Leſern aͤcht und unverfaͤlſcht mittheile. Erſter Theil. 45 — X. Hulderich. Major Ewaldan ſeine Kinder undEnkel, Eine ſelige Stunde! Selig wie die, wo mir meine Karoline zum erſten Male ſagte: Ich liebe dich! Vaterſreuden ſind doch die ſuͤßeſten und rein⸗ ſten unter allen, die der reichen Quelle menſch⸗ licher Verbindungen entſtroͤmen— und wie wenige achten ihrer! Und wuͤrde auch ich nicht vielleicht die ſchoͤne Gottesquelle vorbeygegangen ſeyn, und aus dem erſten beſten Sumpfe ge⸗ ſchoͤpft haben, wenn ich nicht einen Hulderich zum Freunde und Fuͤhrer gehabt haͤtte? Darum ſey dein Name heilig mir und mei⸗ nen Kindern und heilig noch unfern ſpaͤteſten Enkeln! Euch, meine Kinder, und mir ſelbſt wie⸗ derhole ich jetzt den Genuß der ſeligen Stunde, und ſtifte dem, dem wir ſie zu verdanken haben, 45⁵ Paͤchter Martin. ein Ehrendenkmal, ſo gut ich es hier ſtiften kann. Sein beſſeres unvergaͤngliches Denkmal ſey in eurem Herzen, ſo wie es in dem meinigen iſt! „Aber ſagen Sie mir nur einmal, lieber Vater, warum Sie das Bild da— in ihrer Studierſtube aufgeſtellt haben?“ So fragte mich Fritz, ein Knabe von acht Jahren, und Chriſtel und Eleonore wiederholten die Frage ihres juͤngern Bruders. Aus demſelben Grunde antwortete ich, aus welchem ich jenes dort habe aufſtellen laſſen. Fritz. Ja, das iſt auch das Bild mei⸗ nes braven Großvaters, des Oberſten; aber der da— Ewald. Iſt nur ein Bauer; willſt du ſagen. Fritz, ich habe das Bild deines Groß⸗ vaters hier nicht aufgeſtellt, weil er Edelmann und Oberſter, ſondern weil er ein braver Mann war. Er war ein ſehr braver Mann, aber ſchwerlich ſo brav wie der Bauer da. Chriſtel. Lebt er noch, lieber Vater? Ewald. Niict mehr auf der Erde. Wo er jetzt lebt, da ſtehen gewiß wenig Oberſten und wenig Koͤnige uͤber ihm. Erſter Theil. 42. Eleonore. Wollten Sie uns wohl ſagen, lieber Vater, wo er lebte, und was er that? Fritz und Chriſtel ſtimmten in die Bitte ihrer Schweſter ein, und ich erzaͤhlte: Hulderich(ſo hieß der Mann da, den ich als Freund und Wohlthaͤter verehrte, und ewig verehren werde) war der Sohn eines Paͤch⸗ ters aus unſerer Nachbarſchaft. Sein Vater widmete ihn dem Studieren, weil der Knabe ausgezeichnet große Anlagen hatte. Mit vollem Beyfall ſeiner Lehrer verließ er die Schule, ging mit mir auf die Univerſitaͤt, und wurde mein Freund. Ein Jahr hatte er ſtudiert als ſein Vater ſtarb. Mein Hulderich, ein zwanzig⸗ jaͤhriger Juͤngling, nach ſeinen Anlagen, nach ſeinen Kenntniſſen berechtigt, ein glaͤnzenderes Loos zu erwarten, war uͤberzeugt, daß Zufrie⸗ denheit und wahres Gluͤck nicht von Stand und Ehrenſtellen abhingen, und daß man in jedem Stande ein ſehr wuͤrdiges Mitglied der menſchli⸗ chen Geſellſchaft ſeyn koͤnnte, wenn man nur ſei⸗ nen Poſten ganz ausfuͤllte. Und er hatte Kraft und Seelengroͤße genug, freywillig den Studen⸗ tendegen mit dem Pflugſchar zu vertauſchen; 3. 4⁸ Paͤchter Martin. uͤbernahm zum Beſten ſeiner Mutter die Pach⸗ tung, und wurde in ſeinem Aeußern ganz wieder Bauer. Ich war indeß zur Armee abgegangen, hatte das Gluͤck in kurzer Zeit zum Major zu avancieren, war aber, ſehr gelinde geſagt, bey weitem nicht mehr ſo gut, wie zu der Zeit, da Hulderich mein Freund, mein Lehrer und mein Muſter war. 3 In meiner Abweſenheit hatte ich alles, was meine beiden Doͤrfer betraf, dem Gerichtshalter uͤberlaſſen, und glaubte meine Unterthanen in den beſten Haͤnden. Gott wie erſtaunte ich, als ich aus einem Briefe meines alten, leider! beynah ganz vergeſſenen Freundes, Hulderichs, erfuhr, daß mein Gerichtshalter 3 ſehr ungerechter Richter waͤre, unter deſſen uck meine Bauern ſeufzeten, und mir und ihm fluchten. Er erbot ſich, ſelbſt als Anklaͤger gegen den Gerichtshalter aufzutreten, und bat mich, je eher je lieber die Sache zu unterſuchen, und mich meiner armen Unterthanen zu erbarmen, oder vielmehr: zu thun was meine Pflicht waͤre. Ich nahm Urlaub, uͤberſiel meinen Gerichts⸗ halter, wie er ſich's am wenigſten vermuthete, und Erſter Theil. 49 und erfuhr weit ſchrecklichere Dinge, als Hulderich mir gemeldet hatte. Der Elende erhielt ſeine verdiente Strafe; aber damit war meinen Unter⸗ thanen, die er in Armuth und Ungluͤck geſtuͤrzt hatte, wenig geholfen. Da wußte nun Hulderich den Umſtand, daß ich einem fremden Fuͤrſten diente, und daß ich vielleicht einmal gezwungen werden koͤnnte, gegen mein Vaterland zu kaͤmpfen, gar ſchoͤn zu benutzen, um mich geneigter zu machen, meinen Abſchied zu fordern, und als Vater fuͤr meine Unterthanen zu ſorgen. Ich befolgte ſeinen Rath, gerade noch in dem ſchick⸗ lichſten Zeitpunkte; denn ein Jahr darauf brach der Krieg aus, wo ich denn freylich meinen Ab⸗ ſchied nicht wuͤrde gefordert haben. Nun war ich im Stande, durch meine Vor⸗ ſprache manches Ungemach des Krieges von mei⸗ nen Unterthanen abzuwenden, ſo daß ſie weit weniger als ihre Nachbarn gelitten haben. Jetzt befinden ſie ſich in bluͤhendem Wohlſtand, und lieben mich als ihren Bater. Und das habe ich einzig und allein meinem Hulderich zu verdanken. Ich that nichts, ohne den Mann, der weit mehr Erfahrung als ich hatte, und weit mehr im v. Theil. 4 5o Paͤchter Martin. Nachdenken uͤber dieſe Gegenſtaͤnde geuͤbt war, vorher um Rath zu fragen; und immer habe ich mich bey ſeinem Rathe wohl befunden. Wie ich nach dem Plane dieſes edeln Man⸗ nes meinen Unterthanen aufgeholfen habe, wie ich manche ſchaͤdliche Gewohnheit unter ihnen ver⸗ draͤngt, manche nuͤtzliche Verbeſſerung eingefuͤhrt habe: das will ich euch dann ſagen, wenn ihr im Stande ſeyn werdet es beſſer zu beurtheilen. 91 mein Hulderich war ein Segen fuͤr mich und alle meine Unterthanen, war das wohlthaͤtigſte Geſchenk, das ein guter Gott mir gegeben hat! Ach daß er zu fruͤh ſtarb! Nimm dieſe Thraͤne des Danks, verewigter Freund— Freund, Leh⸗ rer, Wohlthaͤter!!— Mein Hulderich wurde von vielen verkannt, wurde von vielen fuͤr einen harten Mann gehal⸗ ten, weil ſeine⸗Tugend zuweilen etwas rauh, und ſeine Gerechtigkeit aͤußerſt ſtrenge war, und vorzuͤglich deßwegen: weil er nur ſelten einem Bettler gab. Deſto thaͤtiger unterſtuͤtzte er den wahren Armen; und das that er oft mit einer ſo feinen Art, mit einer ſo zaͤrtlichen Schonung der Ehrliebe des edeln Armen, daß dadurch der Erſter Theil. 51 Werth ſeiner Wohlthaten um vieles erhoͤht wurde. 3. B. Herr G*, ein verungluͤckter Kaufmann aus He, ließ ſich in einem benachbarten Dorfe nieder, und fing einen kleinen Handel an. Aber auch hier verfolgte ihn ſein Ungluͤck. Krankheit ſeiner Frau und ſeiner Kinder ſetzte ihn, bey allem ſeinem Fleiße, den druͤckendſten Beduͤrf⸗ niſſen aus. Ich hatte ihn vorher in beſſern Unſtaͤnden als einen ſehr rechtſchaffenen Mann kennen gelernt, bedauerte um ſo viel mehr ſeine gegenwaͤrtige Lage, und uͤberſchickte ihm ein Ge⸗ ſchenk von einigen Thalern. Mit einem ſehr hoͤflichen Briefe, aus welchem aber doch gekraͤnk⸗ ter Stolz hervorleuchtete, ſchickte er mir mein Geſchenk zuruͤck, mit der Verſicherung:„daß er, ſo lange ihm Gott ſeine Geſundheit erhielte, ſich durch ſeiner, Haͤnde Arbeit ernaͤhren, und keinem Aermern die Huͤlfe des Menſchenfreundes rauben wuͤrde.“ Ich erzaͤhlte den Vorfall meinem Hul⸗ derich, nicht ohne Vorwuͤrfe, die ich dem armen Kaufmanne wegen ſeines unzeitigen Stolzes machte. Kann ſeyn, antwortete dieſer, daß ſein Stolz ein wenig uͤbertrieben iſt: doch gefaͤllt mir⸗ ₰ f 52 Paͤchter Martin. der Mann, je ſeltener eine ſolche Denkungsart in einer ſolchen Lage gefunden wird. Er ſchwieg, dachte bey ſich ſelbſt nach, und ſprach dann von andern Dingen. Erſt nach einigen Jahren habe ich erfahren, daß es mein Hulderich beſſer als ich verſtand, wie man einem edeln Armen wohl⸗ thun muͤſſe. Er zog im Stillen einige Nachricht ein, ſo viel er zu ſeinem Zwecke noͤthig hielt, und ging dann zu ihm.„Mein Herr, Sie ſind ein Sohn des Kaufmanns Friedrich G** aus H 6— Ihr Vater wohnte auf der Frie⸗ drichsſtraße?— Handelte mit Seidenwaaren?— 4 Nun ſo ſind Sie mein Glaͤubiger. Meiner Mutter Bruder hat von Ihrem ſeligen Vater 50 Rthlr. uſgenommen 7 und iſt durch ſeine Kraͤnklichkeit verhindert worden, ſelbſt nach H** zu reiſen, und ſeine Schuld abzutragen. Mein Vetter iſt vor einigen Wochen geſtorben, und ich bin ſein Erbe. Kurz vor ſeinem Tode hat er mir von dieſem Schuldpoſten geſagt, daß ich ihn nebſt Intereſſen an Herrn G* oder ſeine Erben* abtragen ſollte. Nun aber weiß ich nicht, wie 1 lange das Kapital geſtanden hat. Wollen Sie ſo guͤtig ſeyn, und in Ihres Herrn Vaters 3. — 5 Erſter Theil.. 53 Buͤchern deßhalb nachſchlagen? Meines Vetters Name war Georg Heinze.“ Gx konnte in ſeines Vaters Buͤchern natuͤr⸗ lich keinen Georg Heinze finden, und wei⸗ gerte ſich deßhalb etwas anzunehmen. Nach langem Streite ließ er ſich's endlich gefallen, das Kapital ohne Intereſſe zu nehmen; und bald wurde Hulderich ſein vertrauteſter Freund. Als Freund beredete er ihn bald darauf, noch ein Darlehn von einigen 100 Thalern von ihm an⸗ zunehmen, und rieth ihm, in die kleine Stadt Drr zu ziehen, wo er jetzt wieder ein wohl⸗ habender Kaufmann iſt. Nur noch eine gleich edle That will ich euch von meinem Freunde erzaͤhlen, und ihr werdet dann hoffentlich nicht wieder fragen: warum mir das Bild dieſes Mannes ſo ſchaͤtzbar iſt? Hulderich bemerkte in H*x, wo er einſt dem Geſange der Chorſchuͤler zuhoͤrte, daß einer von ihnen, ein Juͤngling, dem die Natur ein herrliches Empfehlungsſchreiben auf's Angeſicht geſchrieben hatte, von den andern mit bitterer Verachtung behandelt wurde. Alle entfernten ſich von ihm, und einige verſpotteten ihn mit 54 Paͤchter Martin. hoͤhniſchem Lachen, ſo daß der Juͤngling endlich weinend das Chor verließ. Er erkundigte ſich um die Urſache, und erfuhr, daß der arme Schuͤ⸗ ler einige Groſchen aus der Chorkaſſe entwendet haͤtte, und wahrſcheinlich deßwegen aus dem Chore und vielleicht gar aus der Schule gewie⸗ ſen werden wuͤrde.„Es iſt Schade um den Burſchen, ſagte ein Buͤrger, denn er ſoll viel Kopf haben, und hat ſich zeithero ſehr gut be⸗ tragen. Was thut die Armuth nicht? Sein Vater, der ein wackerer Prediger war, iſt geſtor⸗ ben, und ſeine Mutter naͤhrt ſich vom Naͤhen und Spinnen; ſoll aber ſeit einigen Wochen krank ſeyn.“ „Wo wohnt ſeine Mutter?“ „Dort in dem Haͤuschen am Thore wohnt ſie zur Miethe.“ Hulderich ging nach dem angewieſenen Haͤus⸗ chen, wollte eben anklopfen, als ihm der Juͤng⸗ ling, den er aufſuchte, laut aufſchreyend entge⸗ gen ſtuͤrzte: O Jeſus! helft mir, meine Mutter iſt todt, und ich bin ihr Moͤrder! So ſchnell er konnte lief mein Freund zum Arzte, welcher ſie aus der Ohnmacht in's Leben —-— Erſter Theil.. 5z zuruͤck rufte, und die erforderlichen Arzeneyen verordnete. Der Juͤngling bekannte nun:„daß er aus dringender Noth, um ſeiner kranken Mutter Speiſe zu verſchaffen, einen halben Gulden aus der Chorkaſſe genommen haͤtte, mit der heiligſten Betheurung: daß er die Abſicht gehabt, wenn das Chorgeld ausgetheilt wuͤrde, ihn wieder zu erſetzen. Er habe es ſeiner kranken Mutter bis⸗ her verſchwiegen, heute aber haͤtte ihn die Miß⸗ handlung ſeiner Mitſchuͤler ſo tief geſchmerzt, daß er ſeiner Mutter alles geſtanden, und durch dieß Geſtaͤndniß— vielleicht ihren Tod beſchleu⸗ nigt haͤtte.“ Hulderich troͤſtete die Mutter, verſprach ihr, ſich ihres Sohnes anzunehmen, ſorgte fuͤr ihre beſſere Verpflegung, und ging dann zum Rek⸗ tor, den er erſuchte, die Sache des armen Schuͤlers ſo gut als möglich beyzulegen.„Gern, antwortete der Rektor, will ich das thun; nur wird es ſchwer ſeyn, ihn gegen alle Kraͤnkun⸗ gen ſeiner Mitſchuͤler zu ſichern, weil die Sache einmal zu bekannt iſt.“ Uebrigens ertheilte er ihm ſo wohl in Anſehung ſeiner Kennt⸗ 56 Paͤchter Martin. niſſe, als ſeines ſittlichen Verhaltens das beſte Zeugniß. „Koͤnnt' er wohl mit Ehren auf die Univer⸗ ſitaͤt gehen?“ „Eher als irgend ein anderer; aber wovon ſich da erhalten?“ Hulderichs Entſchluß war gefaßt; nur wollte er vorher den Juͤngling auf die Probe ſtellen. Er fand nach einigen Tagen die Mutter außer Bette, aber untroͤſtlich uͤber das Schickſal ihres Sohnes, der ſich ſelbſt die bitterſten Vorwuͤrfe machte. „Hoͤre er, mein Sohn, redete ihn Hulderich an, ich brauche ſo eine Art von Auſſeher uͤber mein Geſinde, der aber im Nothfall ſelbſt ein Bißchen mit Hand anleg en muß. Was meint er, will er bey mir in Dienſte treten?“ Das abſichtlich gewaͤhlte; in Dienſte tre⸗ ten, frappierte den jun gen Menſchen; doch faßte er ſich bald wieder, und nahm das Aner⸗ bieten mit Dank an, wen n er nur im Stande waͤre, ſeiner armen Mutte r einige Unterſtuͤtzung zu reichen. —,— E —-— ¹ Erſter Theil. 57 „Das kann er, wenn er will. Ich gebe ihm, wenn er treu und fleißig iſt, woͤchentlich einen Gulden.“ Heinrich, ſo hieß der Juͤngling mit dem Vornamen, ſchlug freudig die Hand ein, und ver⸗ ſprach alles, auch die niedrigſten Dienſte, gern und willig zu thun. Er hielt Wort. Nach vier Probewochen ſchickte Hulderich ſeinen Pflegeſohn, den er von nun an wie ſein eigenes Kind liebte, auf die Univerſitaͤt, ließ ihn ſtudieren, und ver⸗ ſorgte noch uͤberdieß ſeine Mutter. Heinrich traf, nach Verfluß ſeiner akademiſchen Jahre, ſeinen Wohlthaͤter auf dem Sterbebette.„Lieber Sohn, redete ihn der Sterbende an, ich habe fuͤr dich geſorgt. Glaubſt du mir einen Dank ſchuldig zu ſeyn, ſo verweiſe ich dich mit dieſer Schuld nach meinem Tode an die Armen, an die Leidenden unter deinen Mitbruͤdern, denen du helfen, denen du wohlthun kannſt!“ Soſtarb der edelſte Mann, den ich in mei⸗ nem Leben kennen gelernt habe. Sein Heinrich iſt jetzt Amtmann, und ſucht als ein ehrlicher Mann ſeine Schuld zu bezahlen. Schon manche ſchoͤne That bezeichnet ſein Leben. Man erkennt Paͤchter Martin. Hulde erichs Sohn in ihm— den 2hn ſeines Geiſtes und Herzens. Fritz. Der gute Hulderich! Eleonore. Schoͤn, ſchoͤn! Chriſtel. O bravo! bravo! Das nenn' ich mir einen Bauer! Der Mann war eine Krone werth.(Die Rechte empor geſtreckt:) Er ſoll leben! Ich. Ja, meine Kinder, ſein Gedaͤchtniß lebe in euren Herzen, wie es unſterblich in dem meinigen lebt! O er war ein guter, edler Mann! Dafuͤr war es ihm aber auch in ſeinem Leben recht wohl; denn wer ſo, wie er, andern Gutes thut, empfaͤngt immer mehr als er giebt. Wie wahr iſt es: daß Geben ſeliger als Neh⸗ men ſey!— Wenn es alle ſo recht wuͤßten, was es um's Wohlthun fuͤr eine herrliche Sache iſt, ſo wuͤrde jeder die Gelegenheit wohlzuthun ſuchen, wie man Freude ſucht. Die Freuden⸗ thraͤne im Auge des Ungluͤcklichen, dem wir Gutes thaten, lockt auch aus unſerm Auge eine gleiche Thraͤne hervor, und dabey wird's uns ſo wohl um's Herz, wie es den Seligen Gottes ſeyn mag. Da freut man ſich ſeines Lebens zwiefach. [O‧— ————. ————. Erſter Theil. 59 Und kommt Freund Hain, wie ihn der liebe Klaudius nennt, ſo erſcheint er uns im Bilde des geretteten Ungluͤcklichen mit der Freuden⸗ thraͤne, und da ſieht er gar freundlich aus.— Lieben Kinder, ſeyd gut und fleißig, damit ihr einſt recht vielen Menſchen wohlthun koͤnnt! Beym Wohlthun und Gutſeyn lebt und ſtirbt ſich's noch einmal ſo ſchoͤn! Und dort— dort finden wir die wieder, denen wir hier Gutes thaten!— Lieben Kinder, ſeyd fleißig und gut, auf daß ihr einſt vielen Menſchen wohlthun koͤnnt! Eleonore(oͤffnete das Klavier, ſpielte und ſang, und Vater und Bruder ſtimmten ein:) O Wunſch des Menſchenfreundes, werde Erfuͤllung! Menſchen gluͤcklich ſehn— Selbſt gluͤcklich machen!— Schoͤne Erde, Dann wirſt du noch einmal ſo ſchoͤn! Denn eine ſuͤß're ſchoͤn're Pflicht, Als Menſchenliebe, giebt es nicht. (Beym Schluß des Geſanges reichte Eleonore dem Vater die Hand mit dem Geluͤbde:) Ich will gut und fleißig ſeyn! 60 Paͤchter Martin. Fritz. Will einſt ein braver Mann wer⸗ den! Chriſtel. Und wohlthun ſo viel ich kann! Im Gefuͤhl voll Seligkeit umarmte ich ſie: „Gott gebe euch Kraft dazu!— ſegne anſ. meine Kinder!“ —— „—— Erſter Theil. 6 G XI. Mein Vater. Der arme Juͤngling— den die Juͤnger der Weisheit in den Staub traten, und ihre Meiſter huͤlflos liegen ließen, der in einer anſehnlichen Stadt des heiligen Roͤmiſchen Reichs Deutſcher Nation, wo zehn Prediger die Religion der Menſchenliebe verkuͤndigten, und eben ſo viel Schullehrer die Kuͤnſte und Wiſſenſchaften lehr⸗ ten, die uns menſchlicher machen; wo aus zwey Buchlaͤden und drey Leſebibliotheken die Aufklaͤ⸗ rung in hellen lichten Sonnenſtrahlen hervor⸗ guoll— dennoch im Staube waͤre zertreten wor⸗ den, wenn nicht ein Pilger vom Lande ihn auf⸗ gehoben, und ſein gepflegt haͤtte— glaubte nun ein paar Gruͤnde mehr als andere zu haben, alle ſeine Kraͤfte anzuſtrengen, um ein ganzer Mann zu werden; denn er wollte einen Jugendfehler wieder gut, und ſeinem Wohlthaͤter Freude machen. Er arbeitete redlich, hatte Kraft zur 62 Paͤchter Martin. Arbeit, und fand einen Mann, der ihm ſagte, was nicht jedem Jünglinge geſagt wird: wie er auf die beſte Arr arbeiten muͤßte. So ſammelte er einen großen Schatz nuͤtzli⸗ cher Kenntniſſe ein, mit dem er gleichwohl haͤtte verhungern koͤnnen, wenn er nicht durch Gluͤck einen Goͤnner, und durch den Goͤnner, ohne Ruͤckſicht auf ſeinen Schatz, eine gute Verſor⸗ gung erhalten haͤtte. Er wurde Amtmann, nahm eine Frau Amtmaͤnnin, und in Zeit von fuͤnf Jahren waren drey ſchmucke Jungen da, von denen der aͤlteſte Martin hieß— derſelbe Martin, der jetzt die Ehre hat, ſeines Vaters Lebensbeſchreiber, oder— wenn euch das huͤb⸗ ſcher klingt— ſein Biograph zu ſeyn. Vielleicht vermuthet ihr, daß ich nun— am Ende doch aus bloßer lieber Eitelkeit!— eine lange Entſchuldigungsrede uͤber obgedachten Ju⸗ gendfehler halten werde, da der Fehlende mein Vater war; habt euch aber geirrt, wenn ihr das vermuthetet. Ich habe zwey Cypreſſen auf ſein Grab gepflanzt; werft ihr, die ihr reiner ſeyd als er, Steine darauf, ob mich gleich ein ſolcher Steinregen, zwar nur auf ein Grab, aber auf Erſter Theil. 63 das Grab eines Biedermannes und meines Vaters geworfen, mehr ſchmerzen wuͤrde, als wenn er mich ſelbſt traͤfe! Seht, ich bin offenherzig genug, euch wohl einen ungleich groͤßern Fehler von meinem Vater zu entdecken, und bin dennoch ſicher dabey, daß kein Stein auf fein Grab fallen werde;— Zufall, oder die Hand eines Buben, oder eines Phariſaͤers— das letzte oder war wohl uͤberfluͤſſig?— moͤchte ihn denn hinwer⸗ fen.— Jenes war nur eine Brauſche, die der Knabe ſich gefallen hatte, und die ohne Arzt und Wundbalſam wieder zuheilen konnte: dieß aber war wirkliche Krankheit, an welcher dem kluͤgſten Arzte neun und neunzig Patienten hinſterben, wenn er kaum den Hundertſten auskuriert— Ehrgeit. Ehrgeitz, ſo nannte er die Krankheit ſelbſt, an welcher er ein Dutzend Jahre laborierte, ehe er ganz ausgeheilt ward; ob ſie gleich Maͤnner, die ihn naͤher kannten, mit gelindern Namen belegen wollten: weil das Uebel doch ſeine edeln Theile nicht angegriffen hatte, da es ſonſt, wenn es ſich zum eigentlichen Ehrgeitz qualifiziert, krebsartig um ſich füßgen⸗ und alle geſunde Saͤfte 64 Paͤchter Martin. verderben ſoll.—„Als ſchuldloſer Juͤng⸗ ling— die kleine Brauſche abgerechnet, welche in kurzer Zeit gut geheilt und vernarbt war— Kopf und Herz auf dem rechten Flecke; reich an Kenntniſſen, und dieſe Kenntniſſe alle in guter Ordnung, daß er ſie zu Mitternacht ohne Licht ſinden, und immer, wo er wollte, Gebrauch davon machen konnte; dabey im Stande, im großen Buche der Natur ſo fertig, wie in ſeinem gedruckten Kompendio zu leſen, und tauſend Dinge da zu finden, wovon weder im Kompendio noch in ſeines Praͤceptors Heften ein Wort ſtand: ſo verließ er die Univerſitaͤt, und ging als Fuͤhrer des Grafen Sch** auf Reiſen, um Menſchen, Staatsverfaſſungen, Sitten und dergleichen ken⸗ nen zu lernen. Da fand er nun gar vieles weit ſchlechter als er ſichs gedacht hatte, und fing an ſtolzer von ſich ſelbſt zu denken. Mit voller Zuverſicht konnte er von ſich ſelbſt ſagen: Mir iſt's unmoͤglich, wiſſentlich ſchlecht zu handeln! und das konnten ihm nur wenige nach⸗ ſagen. Die ſchoͤnſten Menſchenthaten, die er erfuhr, ſah oder hoͤrte er mit Herzenswaͤrme an, aber ohne zu ſtaunen; dann er fuͤhlte, daß er faͤhig — Erſter Theil. 63 faͤhig waͤre, eben ſo zu handeln. Bis dahin war er beſcheiden, und faſt demuͤthig geblieben, weil er fuͤhlte, wie viel ihm noch fehle, um das zu ſeyn, was der Menſch, deſſen Bild er uͤberall mit ſich herum trug, ſeyn koͤnnte: nun aber ſuchte er unter den geprieſenen beſſern Men⸗ ſchen vergeblich den Mann, der ſeinem Bilde gliche, fand die mehreſten unter ihnen dem Bilde noch unaͤhnlicher als ſich ſelbſt; da litt ſeine Be⸗ ſcheidenheit Schiffbruch. Er fuͤhlte ſich uͤber ganze Tauſende erhaben, und glaubte ein natuͤr⸗ liches Recht zu haben, uͤber dieſe Tauſende ge⸗ ſtellt zu werden. Sich ſeiner Kraft und ſeines guten Willens bewußt, hoffte er, daß dieſe Tau⸗ ſende ſich ungleich beſſer befinden wuͤrden, als ſie ſich jetzt befaͤnden, wenn ſie ihn zum Fuͤhrer annaͤhmen; und in dieſer Hoffnung fand er die ſtaͤrkſte Aufforderung ihr Fuͤhrer werden zu wol⸗ len. Kein Wunder, daß er raſtlos empor zu ſtreben ſuchte, und daß er voll bittern Unwil⸗ lens die Buben haßte, die ihm durch Schleich⸗ wege den Rang abliefen, und die Menſchen⸗ fratzen verachtete, die dieſen Buben ihre Schleich⸗ wege ebneten: aber Ehre fuͤr ſein Herz, daß er 1. Theil. 5 66 Paͤchter Martin. nicht, gleich ihnen, empor kriechen, nie ſich ſelbſt entwuͤrdigen wollte, um eine Ehrenſtelle zu erhaſchen.“ 3 So urtheilte ein Mann uͤber meinen Vater, der uͤber ihn urtheilen durfte. Und nun ſollt ihr ihn aus ſeinem eignen Geſchaͤftsbuche, wovon ich euch, in Betreff ſeiner Lebensgeſchichte, einen Auszug mittheile, naͤher kennen lernen. d Erſter Theil. 67 — XII. Der Amtmann. Vier Jahre lebte mein Vater als Amtmann froh und wohlgemuth; was er theils ſeiner lie⸗ ben Frau, theils ſeiner Arbeit zu verdanken hatte. Er hatte ſich's in den Kopf geſetzt, ſeine Bauern ſo wohlhabend und gluͤcklich zu machen, als ſie's nur werden koͤnnten; und da fand er beide Haͤnde voll zu thun, um das zwanzigſte Theilchen von dem, was er wollte, zu Stande zu bringen, weil ſeine Bauern ſich's eben ſo feſt in die Koͤpfe geſetzt hatten: bym Ahlen zu bleiben(beym Alten zu bleiben.) So lag, zum Beyſpiele, an der aͤußerſten Graͤnze ihres Tarretoriums, wie ſie's nannten, ein Stuͤck Gemeinland, von mehr als dreyhundert Aeckern, ganz unbenutzt, oͤde und wuͤſte wie vor der Schoͤpfung— oben kahler Berg und unten Sumpf. Vergebens ſuchte er ſie zu bereden, an 68 Paͤchter Martin. dem Berge Holzungen anzulegen, und im Thale das Sumpfwaſſer durch Graͤben abzuleiten. Herre dat geht nit! das war und blieb ihre Antwort. „So verpachtet's!“ Ja, meinten ſie, wenn man dem Paͤchter jaͤhrlich funfzehn Gulden zu⸗ gaͤbe, ſo moͤchte ſich wohl einer finden, der Ha⸗ fer in's Waſſer ſaͤen wollte. „Gebt mir's in Erbpacht, und ich gebe euch jaͤhrlich nicht funfzehn ſondern funfzig Gulden Pacht.“ Erbpacht?— Der Amtmann mußte ihnen erklaͤren: wat dat Dings heißen ſolle? Und nun riſſen ſie Augen und Maͤuler auf, und trieben was ſie treiben konnten, daß der Kuntrakt noch heute Schwarz auf Weiß kaͤme, damit der Amtmann nicht wieder auf die Hinterfuͤße traͤte. Weniger aus Gewinnſucht, als um ihnen die Guͤte ſeiner Vorſchlaͤge recht handgreiflich zu machen, uͤbernahm mein Vater den Pacht, kaufte eine in der Naͤhe liegende Meierey, ſetzte einen geſcheidten Paͤchter hin, ordnete alles ſelbſt an; und ſiehe! in Zeit von drey Jahren gruͤnte der Berg, und im Thale reiften Erſter Theil. 69 Fruͤchte aller Art, lieblich anzuſchauen, und baß zu genießen. Mein Vater hatte, wie geſagt, von dem Handel keinen großen Gewinn erwartet; aber der Gewinn kam unerwartet nach, und wurde von Jahre zu Jahre betraͤchtlicher. Er konnt' es brauchen: weil die Einkuͤnfte ſeines Amts um vieles waren verringert worden, da das anſehn⸗ liche Accidenz an Strafgeldern und Gerichtsſpor⸗ teln wegfiel; denn er ſtrafte nicht leicht einen Bauer um Geld, und ſchlichtete ihre Streitig⸗ keiten gewoͤhnlich ohne foͤrmlichen Prozeß, und ohne Advokaten. Es brauchte freylich Muͤhe und Kunſt, um ſein prozeßſuͤchtiges? Völklein zu uͤberzeugen, daß ſie mit ihren Prozeſſen nur Richter und Advokaten maͤſteten, und ſelbſt da⸗ bey duͤrre wuͤrden, wie Pharao's magre Kuͤhe: allein eben die Schwierigkeit war ihm der ſtaͤrkſte Sporn, ſeinen Plan durchzuſetzen. Es gelang ihm einigemal, die ſtruppigſten Streitkoͤpfe, die ſeine Entſcheidung in der Guͤte verwor⸗ fen hatten, durch den Erfolg zu uͤberzeugen, daß ſie ſich ſelbſt dadurch geſchadet haͤtten; er geißelte ſie dann oͤf fentlich vor aller Augen mit yo Paͤchter Martin. Skorpionen, und goß hinterher in geheim unter vier Augen heilenden Balſam auf die ge⸗ ſchlagenen Wunden. Auch beredete er ſeinen Paſtor— ein Schaf am Geiſt, zum Gluͤck aber auch ein Schaf am Herzen— ſeine vorgeſchrie⸗ benen Warnungen vor Prozeſſen in ſeine Predig⸗ ten als eigene Arbeit einzuflechten; und ſo gelang es ihm endlich, die Bauern dahin zu bringen, daß ſie ihm als Richter keinen Pfennig zu verdienen gaben. Doch eben der Umſtand, wodurch er ſeinen Bauern Friede ſchaffte, brachte ihn um den ſei⸗ nigen. Sein Herr Kollege im naͤchſten Amte uͤberwarf ſich mit ſeiner Kaſſe, weil er einen merklichen Defekt an ihr verſpuͤrte; dieſe warf die Schuld auf die Friedfertigkeit feiner Nach⸗ barn, und hatte Recht. Denn da ſonſt ſeine und meines Vaters Bauern ſich einander oft nachbarlich in den Haaren lagen, und jener das Vorrecht hatte, die verworrenen Haare, gegen gute Gebuͤhren, wieder gleich zu kaͤmmen: ſo mußte ihm freylich der Verluſt dieſer Kunden einen ſtarken Strich durch die Rechnung machen. Noch mehr fuͤhlte dieß ſein Herr Sohn, wohl⸗ Erſter Theil. 21 beſtallter Hof⸗ und Gerichtsadvokat, der Feither von ſeiner Nachbarn Hafer ſein Reitpferd, und von ihren Waizen ſich ſelbſt geruͤndet hatte. Nun war aber der Herr Kollege ſo wenig als ſein Herr Sohn gewilligt, das ſchoͤne Acci⸗ denz, das ſie ſo lange in ungekraͤnktem Beſitz genoſſen hatten, ſich vor dem Maule wegnehmen zu laſſen, und kam deshalb, im Vertrauen zu ihrer gerechten Sache, klasbar gegen meinen Vater ein. Unglaublich, aber doch wahr! die Klage wurde angenommen, und mein Vater mit einem derben Verweiſe angewieſen: ſich in Zukunft dergleichen unzeitiger Neuerungen zu enthalten!— Ja! ja! woͤrtlich wahr! denn— der Bru⸗ der des Herrn Klaͤgers war dirigi⸗ render Miniſter. Dieß brachte einen laͤngſt durchdachten Plan meines Vaters zur Zeitigung. Er kannte das Elend der Doͤrfer des Landes, in welchem er geboren war, aus Erfahrung; kannte ihre arm⸗ ſelige Oekonomie, die traurige Rechtspflege, und andere Urſachen ihres Elendes, wendete ſich 72 Paͤchter Martin. 1 unmittelbar, doch nur ſchriftlich, an ſeinen Fuͤr⸗ ſten, ſchilderte ihm das Elend ſeiner armen Un⸗ terthanen, und zeigte ihm die Mittel, wodurch er es mildern koͤnnte. Unter den angegebenen Mitteln war auch der Vorſchlag: einen bewaͤhrten Mann von Kennt⸗ niſſen und Rechtſchaffenheit zum Oberamt⸗ mann anzuſetzen, der die Doͤrfer bereiſen, die Wirthſchaft der Amtleute und Bauern unterſu⸗ chen, und davon ſeinem Fuͤrſten Bericht erſtatten ſollte. Kaum waren ſechs Wochen verfloſſen, ſo erfuhr mein Vater, daß der letzte Vorſchlag aus⸗ gefuͤhrt werde: aber, guter Himmel, wie? Obgedachter Kollege hatte die Artigkeit, ſei⸗ nen eigenen Herrn Sohn an meinen Vater zu ſchicken: um ſeinem liebwertheſten Herrn Nachbar, von dem er wuͤßte, daß er vorzuͤglichen Antheil an ſei⸗ nem Gluͤcke nehmen wuͤrde, die ange⸗ nehme Nachricht zu melden, daß er durch hohe Gnade Sr. Hochfuͤrſtl. Durchl. zum Juſtiz⸗Oberamtmann ernannt ſey. 5 Erſter Theil. 23 Der wuͤrdige Sohn des neuen Herrn Juſtiz⸗ Oberamtmanns ritt mit den letzten Worten eben ſo ſchleunig zuruͤck, als er angekommen war, und wieherte Hohngelaͤchter. Kurze Zeit darauf wurde mein Vater und alle ſeine Kollegen im ganzen Fuͤrſtenthum ad mandatum Serenis- simi aufgefordert:„an einem beſtimmten Tage perſoͤnlich in der Reſidenz, unausbleiblich, bey Verluſt Hochfuͤrſtl. Gnade, zu erſcheinen, da⸗ ſelbſt dem neuerwaͤhlten Juſtiz⸗Oberamtmann obedientiam et reverentiam zu ſtipuliren, und ihm von der Anzahl ihrer Bauern, deren Haͤuſer, Ackerzahl und dergleichen, pflichtmaͤßig vor⸗ aaͤufigen ſchriftlichen Bericht zu erſtatten. 46. Zu⸗ gleich meldete ihm ein Freund— doch ich habe die troſtvolle Epiſtel noch im Original, und will ſie euch ſelbſt zu leſen geben, weil ſie Wahrheit ſpricht, obgleich in Galle getaucht, und weil manches darin aus meines Vaters Seele heraus⸗ geſchrieben ſcheint. 1„Wahrſcheinlich werden Sie es nun ſchon wiſſen, lieber Amtmann, daß Sie mit mir und allen Amtskommiſſarien und uͤberhaupt dem gan⸗ zen Land⸗Gerichts⸗Perſonale— weiß nicht ob 74 Paͤchter Martin. mit oder ohne Gefaͤngnißwaͤrter und Haltane— eine Pilgerreiſe nach der Reſidenz machen muͤſſen, um einem armen Suͤnder— vielleicht aͤrmer, als irgend einer unter allen Pilgern iſt, obedien- tiam et reverentiam zu ſtipuliren. Das wiſſen Sie aber wohl noch nicht, daß der Actus quam solemnissime, praevia oratione Viri Excel- lentissimi— in der Schloßkirche wird vollzo⸗ gen werden. Ha! es empoͤrt meinen Stolz, einen Stolz, der, wie ich glaube, nicht unedel iſt, auf's Aeußerſte. Und, lieber Amtmann, was fuͤhlen Sie dabey, und was werden Sie thun? Ich habe es uͤberall fuͤr unſchicklich gehal⸗ ten, einen freyen Mann in das Verhaͤltniß des Knaben zu ſeinem Praͤzeptor zuruͤck zu zwaͤngen, und ihn zu noͤthigen, einem andern mit Hand⸗ ſchlag Gehorſam und Ehrerbietung zu verſprechen, es waͤre denn dem Fuͤrſten ſelbſt, mittelbar oder unmittelbar: denn der Fuͤrſt repraͤ⸗ ſentirt den Staat im ſichtbaren Bilde, und hier alſo gelobe ich Gehorſam und Treue dem Vater⸗ lande und dem Geſetze. „Ich bin nicht Thor genug, um alle Subor⸗ dination im Staate verwerfen und guter Ordnung — —— Erſter Theil. 75 mich widerſetzen zu wollen: aber man muß auch dieſe Subordination nicht weiter ausdehnen wol⸗ len, als es zur Erhaltung guter Ordnung noͤthig iſt, und Mann und Amt von einander zu ſon⸗ dern wiſſen.— Wenigſtens ſollte man Maͤn⸗ nern, bey denen man die noͤthige Bil⸗ dung des Geiſtes, Kenntniß der Ge⸗ ſetze des Staats und deren Abſichten und Zwecke, und uͤberhaupt, hinlaͤng⸗ liche Kenntniß ihrer Pflicht voraus⸗ ſetzen darf, nicht unnoͤthige enteh, rende Feſſeln anſchmieden. Was ſoll das Geluͤbde? Der Mann, den man mir zum Vorgeſetzten gab, ſoll mir doch nicht nach Will⸗ kuͤhr Befehle ertheilen, ſondern nur, in ſo weit ſeine und meine Inſtruktion ihn dazu berechtigen? Gut; ſo ſchwoͤren wir beide unſerer Inſtruktion nachzukommen, und unſere Pflichten heilig zu halten; und außerhalb dieſer Graͤnzen iſt er nicht mehr und nicht weniger Buͤrger des Staats, als ich, und wir ſind beide freye Maͤnner. Außer Amt und Pflicht ſchaͤtze ich den Mann als Mann nach ſeinem perſoͤnlichen Werthe, und lache des Burſchen, der ſeine Vorgeſetztenmiene mit in b 76 Paͤchter Martin. Geſellſchaft bringt! Immer habe ich es fuͤr ein Zeichen von gutem Gewiſſen und Biederherzig⸗ keit gehalten, wenn der Untergeordnete, außer Amt und Pflicht, ſich gegen ſeinen Vorgeſetzten ſo gerade trug als gegen jeden andern Menſchen; bey dem entgegengeſetzten Betragen fand ich immer einen armen Schlucker, der ſich ſeiner Schwaͤchen, oder einen Schurken, der ſich ſeiner Betruͤgereyen bewußt war, oder auch eine nie⸗ drige Wurmſeele, die zu Ehren kriechen wollte. „Im gegenwaͤrtigen Fall iſt die Demuͤthi⸗ gung der Beamten zwiefach und zehnfach unge⸗ recht. Es iſt uͤberfluͤſſiges Ceremoniell, das der Hochmuth des Miniſters und die Eitelkeit ſeines Bruders veranſtaltete; viele Beamten muͤſſen lange Tagereiſen, ohne einigen Erſatz fuͤr Auf⸗ wand und Verſaͤumniß machen; und am Ende kann und wird nichts Gutes daraus entſtehen, weil der Mann zuverlaͤſſig dem Amte nicht ge⸗ wachſen iſt. „Was zu thun? Supplicando beym Fuͤrſten einkommen, hilft nichts; denn— der Miniſter will es einmal ſo haben. Sich geradezu in cor⸗ pore zu weigern?— dazu haben wenige Muth, — Erſter Theil. 77 weil ſie die Allmacht des Miniſters ſcheuen.— Ich werde auf den 13ten May ſterbenskrank wer⸗ den. Hier haben Sie noch ein Gedicht von der Art, wo man den Sinn ſuchen muß, zu Deutſch: ein Sinngedicht. „Kein Unterthan in Koͤnig Friedrichs Staaten Darf ihm aus Ehrfurcht knien. Der Großſultan Ruft: Voͤlker, Sklaven, kuͤßt die Erde Und betet den Monarchen an. . Ein Maͤnnlein— uͤber Maͤnner wegzu⸗ 2 ſehen, Wie kann das Maͤnnlein das?— Es kann Es anders nicht, als wenn ſich dieſe buͤcken; Doch Koͤnig Friedrich iſt ein Manna— Ihr koͤnnt den Großſultan in allen Laͤndern, In Staͤdten und in Doͤrfern ſehn, Wo winzige Despoten, die zu Ehren Hinauf gekrochen ſind, ſich blaͤhn!“ ——————— Liebe Leſer, ſeyd ihr unterm fuͤnften Knopf⸗ loch linker Hand wohl verwahrt, ſo koͤnnt ihr „. 78 Pächter Martin. euch vorſtellen: wie meinem Vater bey der Nach⸗ richt zu Muthe war; beſchreiben kann ich's euch nicht. Er hatte erwartet, und durfte das ohne Eitel⸗ keit erwarten, daß man bey Ausfuͤhrung ſeines Plans vorzuͤglich auf ihn ſelbſt denken wuͤrde; und man benutzte ſeinen Plan ganz ohne ihn. Und hatte man ihn nur benutzt! So aber wurde er verunſtaltet und verdorben, da man die Ausfuͤhrung einem Manne uͤbertrug, der weder Kopf noch Willen hatte ihn auszufuͤhren. Und dieſer Mann war ſein Feind, der ihn mit bitterm Spotte mißhandelte; und nun die Demuͤ⸗ thigung unter einen ſolchen Mann!— Konnte er wohl auf eine empfindlichere Art gekraͤnkt wer⸗ den als auf dieſe? Vergebens ſuchte er einige Beamte zu bere⸗ den, mit ihm gemeinſchaftlich eine Vorſtellung dagegen einzureichen; ſie waren zu furchtſam. Vergebens ließ er dem neuen Juſtiz⸗Oberamt⸗ mann ins Ohr raunen: er wuͤrde alle Beamte wider ſich aufbringen, wenn er ſie eine ſolche öffentliche Erniedrigung erdulden ließe. Das —- Erſter Theil. 79 eitle Maͤnnchen antwortete laͤchelnd: das depen⸗ dire von ſeinen hohen Obern. Noch ein Mittel beſchloß er zu verſuchen, und wenn das nicht fruchtete, dann wollte er ſein Amt niederlegen, und auf ſeinem Meiergute Korn ſaͤen und Kohl pflanzen. Denn gleich ſeinem Herrn Kollegen, durch erlogene Krankheit ſich dem Ceremoniell zu entziehen, das verſtatteten ihm ſeine Grundſaͤtze nicht. Durch eine Luͤge, ſprach er, wuͤrde ich mich ſelbſt entehren, und das waͤre tauſendmal mehr als Entehrung von außen! Mit Tagesanbruch, nach einer ſchlafloſen Nacht, die er unter freyem Himmel im Garten durchwacht hatte, machte ſich mein Vater auf, und ritt nach der Reſidenz; harrte daſelbſt drey Tage; machte zehn Verſuche ſeinen gnaͤdigen Landesvater ſelbſt zu ſprechen: und alle zehn Verſuche waren vergeblich. Er ging zum dirigirenden Miniſter, goß ſeinen Unmuth bitter genug aus, und Se. Excellenz verſchluck⸗ ten es, zuckten die Achſeln, und entließen ihn mit einem gelinden Verweiſe, und dem huldrei⸗ chen Verſprechen: ihn Serenissimo bey naͤchſter Gelegenheit unterthaͤnigſt zu empfehlen. 80 Paͤchter Martin. „Wie das alles moͤglich war?“— Der Höͤfling hatte meines Vaters Brief an den Fuͤrſten aufgefangen, und Frechheit genug gehabt, deſſen Bericht fuͤr eigne Arbeit dem Fuͤr⸗ ſten einzuhaͤndigen; und nun fuͤrchtete er den Mann, bey dem er ſo viel Kraft und Muth fand. Kaum war mein Vater in ſein Amt zuruͤckgekom⸗ men, ſo folgte ihm ein honigſuͤßes Schreiben Sr. Excellenz ſchier auf dem Fuße nach, mit bey⸗ gefuͤgtem fuͤrſtlichen Reſkripte, laut welchem, zur Belohnung ſeiner Verdienſte, das erledigte Amt ſeines hoͤher befoͤrderten Herrn Nachbars mit dem ſeinigen vereinigt wurde; nebſt dem gnaͤdig⸗ ſten Verſprechen: daß Serenissimus auf ſeine weitere Befoͤrderung denken wuͤrden!— Etwas unerwarteters konnte meinem Vater nicht begeg⸗ nen. Er kannte den Miniſter zu gut, als daß er ihm haͤtte uneigennuͤtzige Belohnung, oder auch nur Fuͤrſprache zur Belohnung des Verdien⸗ ſtes zutrauen koͤnnen; und er nahm es als unmit⸗ telbare Ehrenbelohnung von ſeinem Fuͤrſten ſelbſt an, der nur um des Miniſters Willen deſſen Bruder jetzt vorgezogen habe, nun aber deſto an⸗ gelegentlicher fuͤr ihn ſorgen werde. Er hoffte Erſter Theil. 8r daher ſeine baldige hoͤhere Befoͤrderung mit Zu⸗ verſicht, dachte ſich als Verſorger ſeiner Gattin und Kinder, waffnete ſich mit ſtoiſchen Senten⸗ zen, und trat, als der 13te May erſchien, ſeine Pilgerreiſe nach der Reſidenz an. Ungluͤcklicher Weiſe mußte ihm aber, gerade wie er dem Ueber⸗ muͤthler die Hand reichte, der Triumph der alten Roͤmer einfallen, wie die uͤberwundenen Koͤnige im Triumphzuge gefeſſelt einhergingen. Er der Sieger, und Du der Beſiegte vorſeinen Triumphwagen geſpannt— ſo ſtellte ſich das Bild vor ſeine Seele; und weg waren alle ſeine ſtoiſchen Sentenzen, und alle ſeine Kraft verließ ihn. Er mußte ſich vor Endigung der Caͤremonie entfernen, kam krank zuruͤck, ver⸗ fiel in ein hitziges Fieber, und phantaſierte von nichts als von Triumphen und gefeſſelten Koͤnigen. 1. Theil. 6 Paͤchter Martin. 1 XIII. Der Miniſter. Er wurde wieder hergeſtellt, betrieb ſeine Amts⸗ geſchaͤfte mit moͤglichſtem Fleiße, dachte aber dabey unaufhoͤrlich darauf, ſich hoͤher empor zu arbeiten. Zu dem Ende uͤberſchickte er ſei⸗ nem Fuͤrſten eine zweyte Schrift von Landes⸗ verbeſſerungen, die ihm manche ſchlafloſe Nacht gekoſtet hatte, mit der er aber auch ſelbſt ganz zufrieden war, da er's ſonſt mit ſeinen beſten Ausarbeitungen immer nur halb und kaum halb war. Er erhielt ein Dankſagungs⸗ ſchreiben im Namen des Fuͤrſten vom Mini⸗ ſter, mit der Verſicherung, daß man auf ſeine Vorſchlaͤge und auf ihn ſelbſt reflektieren werde. Indeß verlief ein ganzes Jahr, und es geſchah nichts, als daß man einen ſeiner Vorſchlaͤge, aͤußerſt verunſtaltet und verkruͤppelt, an's Ta⸗ geslicht brachte. Da machte er dann eine zweyte Erſter Theil. 33 Reiſe nach der Reſidenz, um ſeinen Fuͤrſten ſelbſt zu ſprechen; und jetzt gelang es ihm beſſer als das erſte Mal. Wie erſtaunte er aber, da der Fuͤrſt nicht einmal ſeinen Namen kannte, nichts von ſeinen Schriften, nichts von des Miniſters Briefe wußte! Und faſt noch mehr erſtaunte der Fuͤrſt ſelbſt, da ihm mein Vater die deutlichſten Beweiſe von der unverſchaͤmteſten Frechheit ſeines Herrn Miniſters unter die Augen legte. Der arme Schaͤcher wurde vorgerufen, und machte gleich beym Eintritt, wie er meinen Vater erkannte, ein Geſicht, wie der Erzvater Jakob am Morgen nach der erſten Brautnacht. Er wollte laͤugnen, wollte, wie das Laͤugnen nichts half, ſich entſchuldigen: aber uͤberraſcht, und aus der Faſſung gebracht, war er nicht im Stande, ſeiner boͤſen Sache auch nur ein ertraͤgliches Faͤrb⸗ chen anzupinſeln. Der Fuͤrſt ertheilte ihm den guten Rath, eine kleine Reiſe außer Landes zu machen, und zwar ſo geſchwinde als er koͤnnte, weil er ſich ſonſt gemuͤßigt ſehen wuͤrde, ihm eine kleine Reiſegeſellſchaft zuzuordnen, die vielleicht nicht nach ſeinem Geſchmack ſeyn moͤchte. Mein Vater benutzte die Gelegenheit, den Fuͤrſten noch 84 Paͤchter Martin. auf manche andere Gebrechen des Staats, und auf die Klagen ſeiner armen Unterthanen auf⸗ merkſam zu machen; wo dann freylich bey naͤherer Unterſuchung mehrere der erſten Diener des Fuͤr⸗ ſten in keinem guͤnſtigen Lichte erſchienen. Ein Umſtand, der den auf ſo mannigfaltige Art getaͤuſchten, und gerade durch diejenigen, denen er das meiſte Zutrauen bewieſen hatte, ſo ſehr getaͤuſchten, und dadurch aͤußerſt aufgebrachten Fuͤrſten bewog, zum Erſtaunen des ganzen Ho⸗ fes, einen unbedeutenden Amtmann allen ſeinen Raͤthen vorzuziehen.— Mein Vater erhielt die Stelle des entſetzten Miniſters, und fing gleich mit Antritt ſeines Amts an zu arbeiten, wie ein Herzberg, und zu reformieren wie weiland D. Luther. Da wurden Rechnungen revidiert, Caſſen geſtuͤrzt, Tagediebe zur Arbeit gezwungen, unverbeſſerliche Buben dem Herrn Exminiſter nachgejagt, und in Zeit von ſechs Jahren mehr gethan, als vor ihm in einem Jahrhundert geſchehen war. Nlles bekam eine andere, und, nach dem Urtheile von Ken⸗ nern, eine weit beſſere Geſtalt, als es vor dem gehabt hatte; nur daß viele mit verdorbenen Erſter Theil. 85 Augen dieſe beſſere Geſtalt nicht erkennen konn⸗ ten, oder mit verdorbenen Herzen nicht erken⸗ nen wollten. Der Geiſt der Rechtſchaffen⸗ heit und hoͤherer Weisheit begleitete mei⸗ nen Vater auf jedem ſeiner Schritte— nur nicht immer der Geiſt der Klugheit. Er ging zu raſch, zuͤchtigte die Buben, ohne Ruͤck⸗ ſicht auf ihre Baſen und Onkels und Tanten zu nehmen, that— da ſein Fuͤrſt gutmuͤthig, dabey aber ein entnervter Wolluͤſtling war— zu viel ohne ihn, und verbarg es nicht, daß er es ohne ihn gethan habe. Dennoch erhielt er ſich, bey der Menge ſeiner Feinde, denen ſeine Fehler nicht entgingen, ſechs volle Jahre auf dem gefaͤhrlichen Poſten, und wuͤrde ſich vielleicht noch laͤnger erhalten haben, wenn er nicht durch freywillige Entfernung ſeinen Feinden zu viel freyes Feld eingeraͤumt haͤtte. Die Blatterkrankheit beſchleunigte ſeinen Fall. Laͤngſt ſchon hatte er ſeinem guten Weibe gerathen, ihren Kindern die Blattern inoculieren zu laſſen, da er auf ſeinen Reiſen die vortheilhafteſten Zeugniſſe dafuͤr geſammelt hatte; aber ſein ſonſt ſo feſter unbiegſamer 86 Paͤchter Martin. Wille konnte doch den Bitten, Thraͤnen und Liebkoſungen der allzu zaͤrtlichen Mutter nicht widerſtehen. Jetzt kam der laͤngſt gefuͤrchtete Feind, ſtreckte meine beiden juͤngern Bruͤder ins Grab, und ich ſtand auf dem Punkte ihnen nachzufolgen. Vom Schmerz aͤberwaͤltigt, beugte der ſonſt zaͤrtliche Gatte die, ohnehin nur allzu ſehr gebeugte, Mutter durch die unzeitigſten Vor⸗ wuͤrfe noch tiefer nieder. Sie erlag ihrem Schmerz. In Zeit von vierzehn Tagen hatte er ſein Weib und zwey Kinder verloren, und ich allein blieb ihm aus dem kleinen traulichen Kreiſe ſeiner Lieben uͤbrig. Unfaͤhig ſelbſt zu denken und zu handeln, hatte er doch noch ſo viel Kraft, den Rath ſeines Arztes zu befol⸗ gen, ſich von dem traurigen Schauplatze, wo man ſeine beſten Freuden begrub, zu entfer⸗ nen, und auf Reiſen Zerſtreuung zu ſuchen. Er uͤbernahm eine wichtige Geſandtſchaft, nahm ſeinen einzigen uͤbrig gebliebenen Liebling mit ſich, und ſammelte ſich neue Staͤrke zur Ertra⸗ gung neuer Leiden. Erſter Theil. 32 Das uͤbernommene Geſchaͤft gelang zu ſei⸗ ner und ſeines Fuͤrſten voller Zufriedenheit. Der Fuͤrſt war ſo gnäͤdig, ihm mit eigner hoher Hand ein Dank⸗ und Belobungsbillet zu ſchreiben, und trug ihm ein aͤhnliches Ge⸗ ſchaͤft an einem dritten Hofe auf. Mein Vater uͤbernahm auch dieß, fand aber bey naͤherer Unterſuchung, daß die Forderung ſeines Fuͤrſten an dieſem Hofe durchaus ungerecht ſey, ſchrieb ihm dieß mit duͤrren Worten, und reiſete unver⸗ richteter Sache wieder zuruͤck. Auf eine ſolche guͤnſtige Gelegenheit, meinen Vater dem Fuͤr⸗ ſten verdaͤchtig zu machen, hatten ſeine Feinde laͤngſt gelauert; ſie benutzten ſie kluͤglich, deck⸗ ten zugleich ſeine andern Fehler auf, vergroͤßer⸗ ten ſie, und logen neue hinzu. Vorzuͤglich aber wußten ſie ſeine willkuͤhrlichen Verordnun⸗ gen und angemaßte Macht, mit Vernachlaͤſſi⸗ gung des ſchuldigen Reſpekts und Gehorſams gegen Se. Hochfuͤrſtliche Durchl. ihm zu einem ſo unverzeihlichen Majeſtaͤtsverbrechen anzurech⸗ nen, daß endlich der Fuͤrſt ſein Verdammungs⸗ urtheil unterſchrieb, und es ihm noch unter Weges einhaͤndigen ließ. Der Inhalt war 38 Paͤchter Martin. dieſer:„Daß mein Vater, als erkannter treu⸗ loſer Diener, nie wieder die hochfuͤrſtliche Re⸗ ſidenz betreten, auch mit keinem Entſchuldi⸗ gungsſchreiben oder dergleichen den Fuͤrſten behelligen ſollte.“ Erſter Theil. 89 XIV. Die Bildergallerie. . Mein Vater begab ſich auf ſein kleines Meier⸗ gut, niedergeſchlagener als wohl von Rechts wegen ein Mann, wie er, uͤber den Verluſt eines ſo wandelbaren Guts, als Fuͤrſtengunſt iſt, haͤtte ſeyn ſollen. Doch war es auch nicht ſowohl die⸗ ſer Verluſt, der ihn ſchmerzte, als vielmehr die entriſſene Gelegenheit, noch ſo viel zu wirken, und der Gedanke: als treuloſer Diener, ungehoͤrt, und ohne ſich rechtfertigen zu duͤrfen, verurtheilt zu ſeyn. Einſam nagte er an ſeinem Grame und der Gram an ihm; als ein Mann, wie vom Himmel herabgeſandt, ihm erſchien, und ſeiner Seele neue Schwung⸗ kraft, und ſeinem Leben neuen Reitz gab. In meinem ganzen Leben habe ich noch keinen groͤßern Mann geſehen als ihn. Groß, uͤber allen gewoͤhnlichen Maßſtab war ſeine Seele, und ſein Angeſicht ſeiner Seele treueſter Spiegel. 90. Pächter Martin. Ich verſtehe mich nicht auf gelehrte Geſichtskunde; aber vor dem da mußte jedermann Reſpekt haben, wer ihn auch nur von weitem ſah. Ein paar Augen hatte er, mit welchen er euch durch und durch ſah, und doch, wenn ihr reines Herzens war't, ſo ließet ihr euch gerne von ihm durch⸗ ſchauen. Denn ſein Blick flammte wie die Sonne, aber waͤrmte zugleich, daß euch dabey unbeſchreiblich wohl wurde. Mein Vater war reines Herzens, darum labte er ſich an dem Blicke des großen Mannes, freute ſich der Nachricht daß er ſein Nachbar war, wenigſtens kaum drey Meilen weit von ihm entſernt wohnte, und nahm mit Freuden ſeine nachbarliche Aufforderung an, ihn zu beſu⸗ chen. Er war ungefaͤhr um die Zeit, als mein Vater Miniſter ward, in die Gegend gekommen; hatte, weil ihm die Gegend geſiel, ſich daſelbſt angebaut, ſich einen großen aͤcht Engliſchen Gar⸗ En angelegt, und lebte unbekannt, aber weit wirkend. Er kannte meines Vaters Geſchichte und ihn ſelbſt ſo genau, als wenn er Jahre lang in vertrautem Umgange mit ihm gelebt haͤtte: und doch konnte ſich mein Vater nicht entſinnen, Erſter Sheil. 91 ihn je Einmal in ſeinem Leben geſehn zu haben. Das klingt raͤthſelhaft: doch halt ein wenig, und ihr ſollt die Aufloͤſung haben, und den großen Mann ſelbſt naͤher kennen lernen, ſo bald ich im Stande bin, die Copie, die ich mir von ihm genommen habe, ihm etwas naͤher zu bringen, als ſie dermalen noch iſt. Denn, glaubt mir's, es iſt keine kleine Arbeit, von einem recht großen Manne eine aͤhnliche Copie heraus zu bringen; und der da beſonders haͤtte gewiß ſelbſt einem Apelles mehr als ein Mal ſitzen muͤſſen, wenn er ihn haͤtte treffen ſollen. Nun aber habt ihr mir's laͤngſt ſchon angemerkt, daß ich kein Apelles bin, und auch wohl keiner werden werde. Nehmt alſo vor der Hand mit dem vorlieb, was ich euch, in Bezug auf meines Vaters Leben, von ihm ſagen kann. Er fuͤhrte meinen Vater bey ſeinem erſten Beſuche in eine Bildergallerie, wo Stuͤcke und Faͤcher auf eigene Weiſe und zu beſonderer Abſicht geordnet waren, ſo einzig in ihrer Art wie der Beſitzer ſelbſt. Im erſten Zimmer fiel das Auge zuerſt auf den ſterbenden Jeſus, und konnte, wenn 1 92 Paͤchter Martin. es ein recht menſchliches Auge war, Stunden lang darauf ruhen. Denn der herzvolle Kuͤnſtler hatte goͤttliche Hoheit und goͤttliche Milde mit Meiſter⸗ hand gemiſcht, und ſanft in einander zuſammen⸗ fließen laſſen. Neben ihm Sokrates mit dem Giftbecher, weiter hin Phocion in dem Ker⸗ ker— und andre Maͤnner, die der Stolz ihres Geſchlechts waren, und faſt alle von dem Ge⸗ ſchlechte, deſſen Stolz ſie waren, dem ſie Gutes thaten, fuͤr welches ſie ſich aufopferten— gemiß⸗ handelt. Die Ueberſchrift dieſer erſten Abthei⸗ lung war: Leidende Unſchuld, und ver⸗ kanntes, oder mit Undank belohntes Verdienſt! mit dem vorbereitenden Gedanken: „Die Tugend iſt goͤttlichen Urſprungs!“ „Darum ſoll und kann Erdengluͤck nicht ihr Lohn ſeyn!“ „Aber darum bleibt ſie auch dann noch ſchoͤn, entzuͤckend ſchoͤn, wenn ſie lei⸗ det!“ „Wollteſt du wohl nicht dieſer Tugendhafte ſeyn, wenn du auch, wie er, leiden muͤßteſt?“ Erſter Theil. 93 „Selig biſt du, wenn deine Tugend durch Leiden gepruͤft, und bewaͤhrt gefunden wurde! Selig, wenn du dieſen Edeln 3 verwandt biſt!“ Im zweyten Zimmer war eine Sammlung edler guter Menſchen ohne jene beſondere Ruͤck⸗ traulich neben einander; mit der Ueberſchrift: „Es kommt hienieden nicht darauf an, „welche Rolle du ſpielteſt, ſondern wie du „ſie ſpielteſt! Die Wahl haͤngt ſelten nur „von dir ab; aber auch die kleinſte Rolle „macht dir Ehre, wenn du ſie vorzuͤglich „gut ſpielteſt!“ Das dritte Zimmer hatte die Aufſchrift, Narrenkabinet. Eine Aufſchrift, die mir anfaͤnglich nicht ſo recht gefallen wollte, weil viele der daſelbſt aufgeſtellten mir mehr Boͤ ſe⸗ wichter als Narren ſchienen; die ich aber paſſender fand, ſeit mir der große Mann erklaͤrte, Narrheit ſtehe. ſicht, auf erduldete Leiden; Koͤnig und Bauer in welcher Verwandtſchaft die Bosheit mit der 4 — 94 Paͤchter Martin. Da war unter andern zu ſehen: 1) Die liebe Goͤttin Gerechtigkeit, wie ſie mit verbundenen Augen ihr Schwert gebraucht— um zu morden. Gegenuͤber, wie ſie ohne Binde ihre Wage brauchte, um— Geld zu waͤgen. 2) Ein Loͤwe und ein Tiger, welche die ſchwaͤ⸗ chern Thiere zerfleiſchten; mit der Unter⸗ ſchrift: Das Recht des Staͤrkern! Gegenuͤber, ein Schlachtfeld voll getoͤdteter und verſtuͤmmelter Menſchen, mit der Unter⸗ ſchrift: Das Loͤwen⸗ und Tigerrecht. 3) Unter einer Heerde Ochſen zwey Maͤnner— ſahen aus wie Metzger— welche, wahrſchein⸗ lich des Handels einig, Hand in Hand ſchlu⸗ gen; und im Nebenabſchnitt, unter einer Heerde von Menſchengeſchoͤpfen, zwey andere Maͤnner in ſtattlicher Kleidung mit blinkendem Stern an der Bruſt, welche ſich eben ſo wie jene die Hand gaben. Die gemeinſchaftliche Unterſchrift: Stuͤck fuͤr Stuͤck dreyßig Gulden. Erſter Theil. 95 4) Ein Mann mit einer Krone ſiegelte Briefe, die ein anderer, mit einem breiten Bande geſchmuͤckt, ſchrieb; und eine Dirne, frech in Kleidung und Miene, wie eine vornehme Buhlerin, ſtand ſo, daß man ihr anſehen konnte, ſie diktiere. Gegenuͤber wuͤtheten und mordeten in einer Stadt, die in vollen Flammen ſtand, Bewaffnete, in der Uniform jenes Mannes mit der Krone. Die Unter⸗ ſchrift: pro Deo et patria. 5) Ein ſchmutziges Zimmer. In der Ecke lagen Kutten, Galgen, Paternoſter, Dolche, Cruciſixe; und wohlgemaͤſtete Geſchoͤpfe in Menſchengeſtalt ſaßen in bunten Reihen beym allgewaltigen Kelchglas. Die Unterſchrift: ad maiorem Dei gloriam.— Gegenuͤber ein weiblicher Engel, aus deſſen Angeſicht uͤberirdiſche Schoͤnheit ſtrahlte, der aber in ein abſcheuliches Gewand gehuͤllt war. Zwey der Wohlbeleibten aus obigem Schmutzzim⸗ mer ſtanden vor ihm, eben beſchaͤftigt, auch uͤber das ſchoͤne Engelgeſicht einen dichten Flor herabzuziehen. Unterſchrift: Wir haben 96 Paͤchter Martin. ſie ausgeſchmuͤckt, die goͤttliche Re⸗ ligion!— Item: ein Quadrat, ein Baum und eine Waſſerquelle, mit der Unterſchrift: ein Triangel, ein Wald und ein Weinſtock! 6) Eine Sammlung von Peruaͤckenſtoͤcken— per plurima vota! 7) Ein paar zerlumpte Kerl mit wahren Spitz⸗ bubengeſichtern, und zum Ueberfluß der Gal⸗ gen auf ihre Stirne gebrannt. Vor ihnen ſtand ein fein gekleideter Mann, welcher ihnen die Hand reichte, die jene aber mit Ver⸗ achtung zuruͤck wieſen. Die Unterſchrift zeigte: daß ſie ihn fuͤr ungleich ſchlechter als ſich ſelbſt hielten, und deßhalb den angebotenen Freundſchaftsbund ausſchlugen.— Spaͤter⸗ hin habe ich den fein gekleideten Mann von Perſon kennen lernen. Es war ein Nach⸗ drucker— 3 Doch weg aus dem Narren⸗ und Schurken⸗ kabinett! Mein Vater befand ſich im erſten Zimmer außerordentlich wohl, vergaß ſeine eigenen Leiden, weinte Erſter Theil. 97 weinte denen eine Thraͤne, die, edler als er ſelbſt, mehr als er gelitten hatten, und fuͤhlte ſich geſtaͤrkt durch den Gedanken: doch auch ein Plaͤtz⸗ chen unter ihnen zu verdienen! Er lebte im trau⸗ lichen Umgange mit dem großen Manne von neuem auf, war gluͤcklich, und wirkte im Stillen viel Gutes. Er war mein Freund und Lehrer, beguͤnſtigte meine Neigung fuͤr's Landleben, ließ mich auf Reiſen Erfahrungen ſammeln, Laͤnder und Menſchen kennen lernen, und was man ſonſt noch Gutes auf Reiſen lernen kann. Ich kam zuruͤck und wurde Paͤchter, der ich noch bin, und der ich hoffentlich bleiben werde, bis der Guts⸗ herr dort oben mir die letzte Rechnung abfordert. — Das wollte ich euch noch ſchluͤßlich ſagen: daß mein Vater den Triumph erlebte, den ihm ſein Freund bereitete, daß der Fuͤrſt ſeine Sachen unterſuchte, ihn fuͤr ſchuldlos erklaͤrte, und mit einem großen Gnadengehalte das begangene Un⸗ recht gut machen wollte. Es verſteht ſich aber, daß mein Vater das Gnadengeſchenk ausſchlug. 1. Theil. 98 Paͤchter Martin. A XV. Etwas uͤber Menſchenkenntniß. „„Du ſollſt reiſen; zunaͤchſt, um fuͤr dich und (das hoffe ich zu dir!) auch fuͤr andere ein geſcheidterer Landwirth zu werden. Und es müßte nicht gut ſeyn, wenn du nicht durch erlangte groͤßere Kenntniß im Landbau, und durch kleine Handwerksvortheile, von Meiſtern erlernt, die Reiſekoſten in kurzem wieder gewinnen ſollteſt. Magſt alſo imner noch einige goldene Ludewigs unter die Leute bringen, um nebenher noch etwas mehr zu lernen, was nicht gerade Boden und Keller fuͤllt, was dir aber deßhalb nicht minder frommen wird.. Beobachte Sitten, Gebraͤuche, Lebens⸗ und Handlungsweiſe anderer Voͤlker, und lerne den Menſchen kennen. Es iſt ein ſchweres Stuͤckchen Arbeit, unter den tauſend Larven und Masken den Menſchen heraus zu finden, und Reiſen thut's nicht allein: —V———Q—,:,.:„...— Erſter Theil 99 aber es hilft dann viel, wenn man vor der Reiſe ſeine Menſchenbeobachtung anfaͤngt, und nach der Reiſe fortſetzt. Bey unſern gereiſeten jungen Herren heißt: „ich habe Menſchen kennen gelernt!“ ſo viel, als: ich habe viele Menſchen geſehn, einige geſprochen, und weiß, wie man da und dort ſich kleidet, ſpeiſet, wohnt, und Complimente macht. Und, im Vertraun geſagt, es giebt große gelehrte Maͤnner, die uͤbrigens nicht ohne Nutzen reiſe⸗ ten, die bereichert mit mannigfaltigen Kenntniſ⸗ ſen zuruͤck kehrten; aber an praktiſcher Menſchen⸗ kenntniß ſo arm als jene Herren blieben. Der ſicherſte Beweis iſt doch, denk' ich, der: daß ſie den Menſchen nicht zu behandeln, nicht zu leiten wiſſen, und oft bey der beſten Abſicht, ihm wohl⸗ zuthun, nicht verſtehen: wie man ihm wohlthun, wie man ihn uͤberzeugen muͤſſe, daß man ihm wirklich wohlthun wolle. Der vorige Amtmann in W**, ein eben ſo verſtaͤndiger als recht⸗ ſchaffner Mann, befand ſich in dem Falle. Er meinte es herzlich gut mit ſeinen Bauern, unter⸗ nahm mehr als Eine wirkliche Verbeſſerung, und konnte keine durchſetzen; immer waren ihm die 100 Paͤchter NRartin. Bauern, obgleich offenbar zu ihrem Schaden, hinderlich. Sein Nachfolger hat alle ſeine Plane in kur⸗ zer Zeit durchgeſetzt, und die Bauern wiſſen's ihm Dank— weil er mehr Menſchenkenntniß hat; obgleich jener weit gereiſet, und dieſer nicht uͤber zehn Meilen von ſeinem Geburtsorte gekom⸗ men iſt. Jener hatte viele Menſchen, dieſer aber den Menſchen kennen gelernt. Er machte den Anfang an ſich ſelbſt, pruͤfte ſich taͤglich, forſchte nach den Abſichten, Neigun⸗ gen, Triebfedern, Bewegungsgruͤnden ſeiner Handlungen, und verglich damit die Beobach⸗ tungen, die er uͤber zwey ſeiner vertrauteſten Freunde machte; ſtudierte hierauf ein paar der roheſten Naturmenſchen, die er auffinden konnte, und einige Kinder; ſah hier den nackten Men⸗ ſchen ſich entwickeln, und dort mit Wahrheit han⸗ deln. Und nun ging er mit dieſen eigenen Be⸗ merkungen, und mit Benutzung des Unterrichts erfahrner Menſchenkenner, in den kleinen Kreis ſeiner Bekanntſchaft, beobachtete: welche Abaͤn⸗ derungen durch Cultur, Stand, Lebensart u. ſ. f. in dem Menſchen hervorgebracht wuͤrden; und Erſter Theil. 101 erwarb ſich dadurch die große Geſchicklichkeit, Menſchen ohne aͤußere Zwangsmittel nach ſeinem— zum Gluͤcke guten Willen zu leiten. Ich wollte dir wohl rathen, denſelben Weg einzuſchlagen, und die erſten Schritte ſchon jetzt zu thun; die Reiſe wird dir dann noch ein Mal ſo nuͤtzlich werden. Und ſollte dir's einſt auf die Art gelingen, daß du es in der großen Kunſt Menſchen zu kennen weiter als viele andere braͤchteſt: ſo ver⸗ giß den Rath nicht, den ich dir jetzt gebe: Suche deine Menſchenkenntniß, ſo viel nur immer noͤglich, zu verbergen! Vergiß dieſen Rath nicht, wenn dir deine Ruhe lieb iſt, und wenn du mit deiner Kenntniß dir und andern nuͤtzen willſt! Die Menſchen koͤnnen es nicht leiden, daß ein anderer ihnen in irgend einem Stuͤcke ſeine Ueberlegenheit merken laſſe; am wenigſten aber ertragen ſie den großen Menſchenkenner, weil die meiſten Urſache haben ihn zu fuͤrchten. Man kann aber den nicht lieben, den man fuͤrchten muß. * 102 Paͤchter Martin. „Aber deſto weniger werden ſie ſich an mich wagen, wenn ſie mich fuͤrchten. Der Furchtſame wird doch meiner Ruhe nicht gefaͤhrlich werden!“ Ich hoffe, Sohn, du wirſt lieber geliebt als gefuͤrchtet werden wollen. Doch rechne darauf ja nicht, daß der Furchtſame dir nicht ſchaden werde; er ſchadet durch Hinterliſt oft ſichrer als der offene muthige Gegner, und iſt in der Rache gegen den gefuͤrchteten Feind gemeiniglich eben ſo grauſam als niedertraͤchtig. Die grauſamſte Rache uͤbten oft die furchtſamſten Weiber aus. Und ein alter Roͤmiſcher Kaiſer, Namens Mauri⸗ zius, zeigte ſich in ſeinem ganzen Leben nicht ſo ſehr als Menſchenkenner, als damals, da er ſei⸗ nem Guͤnſtlinge, der den Phokas, den Feind des Maurizius als eine aͤußerſt furchtſame Memme beſchrieb, antwortete: Iſt er furchtſam, ſo iſt er gewiß auch grauſam! Der Erfolg beſtaͤtigte den Ausſpruch. Phokas ließ den beſieg⸗ ten Maurizius nebſt ſeinem Weibe und ſeinen Kindern oͤffentlich hinrichten. Die Aufloͤſung dieſes anſcheinenden Widerſpruchs iſt nicht ſchwer. Die kleinliche Seele des Furchtſamen kann keine Empfindung der Großmuth faſſen: er iſt nicht Erſter Theil. 103 zufrieden ſeinen Feind beſiegt zu haben; ſondern ſucht, theils, weil er ſeinen Feind nach ſich abmißt, ihn alſo gleicher niedriger Rachſucht faͤhig glaubt, theils aus Gefuͤhl eigener Schwaͤche, den gefuͤrchteten Feind ganz außer Stand zu ſetzen, ihm wieder zu ſchaden. Hierzu koͤmmt bey weiblichen Furien die Wuth gewiſſer Leiden⸗ ſchaften.— Haͤtteſt du aber auch in deinem gluͤcklichern Stande ſolche ausgezeichnete Rache nicht zu beſorgen; ſo wuͤrdeſt du doch den kleinen Neckereyen der Verleumdungsſucht nicht entgehen. Du wirſt finden: daß man die kluͤgern Menſchen, beſonders die, welche Welt⸗ und Lebensklugheit zeigen, gemeiniglich in Anſehung ihres Herzens verdaͤchtig macht. Oft mag der Verdacht gegruͤn⸗ det ſeyn, oft moͤgen ſie wenigſtens ſelbſt durch zu harte Urtheile uͤber andere, durch beleidigenden Witz, ober(wenn ſie etwa die Menſchen zu oft von der ſchlimmen Seite kennen lernten,) durch zu deutliche Aeußerungen von Mißtrauen zu die⸗ ſem Verdacht Veranlaſſung gegeben haben: aber gewiß iſt es auch oft bloß Verleumdung von Heuchlern, denen ſie die Larve abriſſen, oder von kleinen eiteln Menſchen, die, ihnen gegenuͤber 104 Paͤchter Martin. geſtellt, ihre eigene Kleinheit deſto druͤckender fuͤhlten, und des druͤckenden Gefuͤhls ſich entle⸗ digen wollten. Auf alle Faͤlle pflegt man gegen den uͤber⸗ legenen Menſchenkenner in der Regel miß⸗ trauiſcher als gegen andere zu ſeyn, vermeidet dann entweder ſeinen Umgang, oder verhuͤllt das Geſicht mit doppelter Larve. Habe du Selbſtverlaͤugnung genug, dein Urtheil uͤber andere zuruͤck zu halten, auch wohl zuweilen dem Luͤgner, deſſen Luͤge du mit Einen Blicke fuͤr das erkannteſt, was ſie war, den kleinen Spaß zu laſſen, daß er waͤhne, dich getaͤuſcht zu haben. Als ich noch unter den Schauſpielern am Hofe meine Rolle ſpielen mußte, hatte ich mir eine kleine Pflanzſchule fuͤr den Staat angelegt, von jungen Mannern, die ich ſtrenge erzog und beſonders zur Arbeitſamkeit anhielt. Da koͤmmt einſt einer von ihnen zu mir, und ruͤhmt mir die Treue und Ergebenheit ſeiner Collegen gegen mich.„Er habe ſie auf die Probe geſtellt, habe die Miene angenommen, als wenn er mit meiner Strenge gegen ſie aͤußerſt unzufrieden Erſter Theil. 105 waͤre. Aber, ſieh da, kein einziger habe ihm beygeſtimmt, und der edle v. St** habe ihm laut widerſprochen.“ Ich durchſchaute den jungen Menſchen mit Einem Blicke: ſah', daß es ſeine ernſtliche Abſicht geweſen, meine Schuͤler gegen den ſtrengen Praͤ⸗ zeptor aufzubringen, und daß er nun bey miß⸗ lungenem Plane dem St* habe zuvorkommen, und ſeine Vertheidigung vor der Anklage anbrin⸗ gen wollen. Ich ſah' das deutlich genug, und wurde nachher uͤberzeugt, daß ich recht geſehen hatte, nahm aber auch die Miene an, als wenn ich nichts ſaͤhe, gab ihm einen gelinden Verweis, daß er ohne Beruf den mißlichen Verſuch unternommen habe; lobte aber die gute Abſicht, ermunterte ihn zur fortgeſetzten Treue, Arbeitſamkeit und Gerechtigkeit, und verſprach ihm: dann, wenn er in Zukunft ſelbſt in die⸗ ſer Probe ſo gut, als ich hoffte, beſtehen wuͤrde, auf ſeine Befoͤrderung zu denken. Von der Zeit an war der junge Mann fuͤr mich oder vieſmehr fuͤr ſich ſelbſt gewonnen. Vor kurzem hatte ich einem andern, der mich taͤuſchen wollte, laut und nachdruͤcklich geſagt: 106 Paͤchter Martin. daß ich die Taͤuſchung merkte; und hatte mir dadurch einen erklaͤrten Feind gemacht. Dieß bringt mich auf das Kapitel vom „Zutrauen.“— Ich aber habe fuͤr heute genug geſchrieben. Erſter Theil. 107 XVI. Vom Zutrauen. „„Nichts bringt das Herz dem Herzen naͤher, als Zutrauen! Zutrauen richtet den Gefalle⸗ nen auf, weckt ſchlummernde Kraͤfte, iſt Sporn zu edeln großen Thaten, haͤlt oft Suͤnder von gewohnten Suͤnden ab, macht zuweilen Betruͤ⸗ ger zu ehrlichen Leuten— thut Wunder! Aber nichts entfernt auch den Freund dem Freunde mehr, als die kleinſte Spur von Miß⸗ trauen! Mißßtrauen druͤckt den Gefallenen tie⸗ fer in den Staub, laͤhmt jede Kraft, und reitzt oft Leute, die ſonſt ehrlich waren, Betruͤger zu werden!. Ich habe Bande der Freundſchaft, die fuͤr die Ewigkeit geknuͤpft zu ſeyn ſchienen, durch den leiſeſten Hauch des Mißtrauens zerfallen geſehn; ich habe Knaben mit herrlichen Anlagen durch Mißtrauen ihrer Erzieher entmuthet und verſchro⸗ ben gefunden; habe es erlebt, daß treues Geſinde 108 Paͤchter Martin. erſt durch ungegruͤndetes Mißtrauen zur Untreue gegen ihre Herrſchaft gereitzt wurde; und habe es erlebt, daß ſonſt ehrliche Weiber ihre Maͤn⸗ ner betrogen, die ſie durch Eiferſucht quaͤlten, durch Mißtrauen herab wuͤrdigten. Ich habe aber auch die Erfahrung gemacht, daß man durch Beweiſe von Zutrauen den Geg⸗ ner, der ſich ſchon zur Rache ruͤſtete, entwaffnete, und ſich zum Freunde machte; daß ein Wuͤſtling von der erſten Claſſe im ungezwungenſten Um⸗ gange mit dem reitzenden Weibe ſeines Freundes, der ihm unverdientes Zutrauen ſchenkte, als ein Mann von Ehre handelte, und den Umgang aus freyer Entſchließung aufgab, da er gegen ſich ſelbſt mißtrauiſch wurde; ich habe ſogar bey Menſchen aus der Hefe des Volks Zutrauen mit gluͤcklichem Erfolge gebraucht. Nur der ganz Verworfene kann das Zutrauen des ehrlichen Mannes mißbrauchen, um ihn deſto ſicherer zu betruͤgen! Indeß es giebt ſolche Ver⸗ worfene, und darum will ich dir eben nicht blin⸗ des Zutrauen gegen alle Welt rathen: aber lie⸗ ber wollte ich doch auch, daß einmal ein Bube dein Zutrauen mißbrauchte, als daß ein ehrlicher Erſter Theil. 109 Mann durch ungerechtes Mißtrauen von dir gekraͤnkt wuͤrde. Gehe lieber in deinem Zutrauen langſa⸗ mern Schritt, um nur nicht genoͤthigt zu wer⸗ den, zuruͤck gehen zu muͤſſen: denn der billige Mann laͤßt ſich leicht eine kleine Zuruͤckhaltung, bey noch junger Bekanntſchaft gefallen, die ihm aber zwiefach empfindlich wird, wenn man vor⸗ her bewieſenes Zutrauen mit einem Male zuruͤck nimmt! 1 Ehrlichkeit ohne Klugheit iſt es, wenn man es andern zu deutlich merken und fuͤhlen laͤßt, daß man kein Zutrauen zu ihnen faſſen koͤnne. Muß ich gerade mein Mißtrauen zu erkennen geben, wo ich ohne Zwang Beweiſe von Zu⸗ trauen vermeiden kann? Es gehoͤret viel Klugheit dazu, andere auf die Probe zu ſtellen, ohne es ihnen merken zu laſſen; und mehr als Klugheit, eigene Fainheit der Empfindung wird dazu erfordert, um die Pruͤfung nach dem Grade des groͤbern oder fei⸗ nern Gefuͤhls des zu Pruͤfenden abzumeſſen. Bey Menſchen mit grobverhaͤuteten Merven thuſt du wohl, wenn du ihnen jeden Beweis 110 Paͤchter Martin. von Zutrauen mit Vor⸗und Nachrede giebſt, um es ihnen recht deutlich zu ſagen: daß es Zutrauen ſey! Aber allen Werth wuͤrde dein ſo bewieſenes Zutrauen bey dem verlieren, der ſich die Vor⸗ und Nachrede ſelbſt machen kann.““ Erſter Theil. 111 XVII. Ein kleiner Beytrag zur Beantwortung der großen Frage: wie man Leidende troͤſten muͤſſe. Es war ein ſchoͤner herrlicher Abend, und ich ruhte aus von meiner Wanderung, ſaß an einem Berge, ſah auf zum Mond und Ster⸗ nen, und freute mich, daß der Abend ſo herr⸗ lich und ſchoͤn war. Horch! da erſcholl mit einem Male ein lautes Jammergeſchreyh: Jeſus, Jeſus Maria! Hurtig ich den Berg hinauf nach der Seite zu, wo das Jammergeſchrey hertoͤnte, und fand da einen Mann, der ſich mit ſeinen Pferden abarbeitete, um den umgeſchleuderten Wagen, der die Pferde zum jaͤhen Abhange nachziehen wollte, herauf zu bringen. Ich half was ich konnte, und Kutſche und Pferde waren bald in Sicherheit. 112 Paͤchter Martin. „Aber, Gott im Himmel! rufte nun der Kutſcher, wie wird's meinem Herrn ergangen ſeyn?“ 3 Wem? wo?— „Aus dem Wagen in den Abgrund'nunter gefallen.“ Es war ein jaͤher grauſer Abhang; aber ich kam ſchnell und ohne Verletzung hinunter, und 4 fand den Ungluͤcklichen in ſeinem Blute liegen, ohne die geringſte Spur von Leben. Es gelang uns durch manchen umweg, und nicht ohne Ge⸗ fahr, den Wagen in die Hoͤhle hinab zu bringen; wir hoben den blutigen Mann ohne Leben hinein, ich ſetzte mich zu ihm, und nun ging's nach dem Dorfe zu, das kaum eine Viertelſtunde weit von uns lag. Eben wollte ich den Kutſcher fragen: wer ſein ungluͤcklicher Herr waͤre? als uns ein frohes: Er iſt's! er iſt's! entgegen gerufen wurde. Mit dem frohen: Er iſt's! kam ein Weib zum Wagen geflogen, und des Kutſchers klaͤgliches: Ach liebe Frau Amtmaͤnninl! ließ mich ahnen, wer ſie ſelbſt, und was der Ungluͤck⸗ liche, der in meinen Armen lag, ihr ſey? Haſtig V Erſter Theil. 113 Haſtig oͤffnete ſie den Kutſchenſchlag, blickte ſtarr mich an, erkannte jetzt beym Schimmer des Mondes ihren Mann in ſeinem Blute, und ſtuͤrzte mit einem dumpfen Ach! zu unſern Fuͤßen. Nun kam auch ihre Begleiterin mit einem Knaben an der Hand naͤher. Sie war des Amtmanns Schweſter, der Knabe ſein Sohn, und— ja das erzaͤhle, wer ſich beſſer auf's Er⸗ zaͤhlen verſteht als ich.— Das Weib haͤnderingend, und laut jam⸗ mernd: Ach, mein Bruder! ach, mein Bruder!— der Knabe wimmernd: Lieber Vater, liebe Mutter todt!— Der Kutſcher ſchluchzend— und ich, unter ihrem Jammern und Wimmern und Schluchzen, einen Todten in meinen Armen, eine Todte zu meinen Fuͤßen— es wird mir bey der Ruͤckerin⸗ nerung ſo ſchwarz vor den Augen, ſo bang' um's Herz—-—————— Die Armen hatten ſich ſo herzlich auf die Ruͤckkehr des geliebten Mannes, des guten Bru⸗ ders, des lieben Vaters gefreut, hatten ſeine Ankunft im Hauſe nicht erwarten koͤnnen, hatten ihn mit dem froheſten Willkommen uͤberraſchen 1. Theil. 2 114 Paͤchter Martin. wollen— und nun ſo ein Wiederſehen!—— ——— Wir kamen endlich im Trauerhauſe an, tha⸗ ten vorlaͤufig, was uns unter den Umſtaͤnden zu thun moͤglich war, bis uns nach zwey Stunden ein geſchickter Arzt aus der Stadt zu Huͤlfe kam — wiewohl auch dieſer mit aller ſeiner Geſchick⸗ lichkeit wenig helfen konnte. Der Amtmann war und blieb todt, und die Amtmaͤnnin erwachte zu einem ſchrecklichen Leben. Sie war bey ihrer Todtenblaͤſſe dennoch ein ſchoͤnes Weib, wie ſie da in Ohnmacht lag; jetzt bey ihrem Erwachen erregte ihr Anblick Grauſen. Wild rollten ihre Augen, und ihre abgebrochnen Worte, ohne Sinn und Zuſammenhang herausgeſchrien, klan⸗ gen fuͤrchterlich. Drey Tage vergingen; ihr Mann ward begraben; und noch hatte ſie keine Thraͤne geweint; kein Schlaf hatte ihre Augen geſchloſ⸗ ſen; wie ein Schatten wandelte ſie umher, ohne fuͤr irgend etwas die geringſte Theilnehmung zu bezeigen. Uns allen ward bange fuͤr ihren Ver⸗ ſtand und fuͤr ihr Leben. Fruͤh am vierten Tage ſprach ſie zum erſten Male viel uͤber ihren Verluſt, in ordentlichem m Erſter Theil. 115 Zuſammenhange, aber mit einer Kaͤlte, mit einem ſo gleichguͤltigen, und, wie es ſchien, ruhigen Tone, daß man nicht das zaͤrtliche Weib, das geſtern ihren geliebten Mann begraben ließ, ſon⸗ dern irgend eine weitlaͤuftige Verwandte des Ver⸗ ſtorbenen zu hoͤren glaubte. Nun brauchte man zwar kein großer Seelenkenner zu ſeyn, um dieß nicht fuͤr wahre Ruhe zu halten; indeß glaubten wir doch, es waͤre der ſchicklichſte Zeitpunkt, ihr unſere Troſtgruͤnde an's Herz zu legen. Das tha⸗ ten wir denn auch, ſo gut wir konnten. Sie hoͤrte uns zu, ſprach ſelbſt, wie ein Prediger, uͤber die große Beruhigung, welche die Religion dem Leidenden gewaͤhre— nur dieß alles mit unbe⸗ ſchreiblicher Kaͤlte. Auf ein Mal unterbrach ſie uns mit wildem Aufruf:„Mein Mann! mein Mann! Wobleibt denn auch mein Wilhelm?— Komm doch, Wilhelm, will dich auch troͤſten!—— Da waren wir wieder auf demſelben Punkte, wo wir geſtern und vorgeſtern geweſen waren, und, wie es ſchien, ſogar um einige Schritte zuruͤck geworfen. Stumm und traurig ſahen wir jetzt die Leidende, jetzt uns ſelbſt unter einander an; als in dem 116 Paͤchter Martin. Augenblicke ein Mann herein trat, der uns mit einer Thraͤne begruͤßte, und mit tauſend Thraͤ⸗ nen wieder gegruͤßt wurde.— Ihr habt vielleicht die Erfahrung ſelbſt gemacht, wie die Hinterlaſſenen eines lieben Todten von neuem laut aufweinen, ſo oft ein Freund unter ſie tritt, von dem ſie wiſſen, daß auch ihm der Verſtorbene theuer war; theils, weil das Anden⸗ ken an ihren Todten dadurch recht lebhaft erneuert wird; theils, weil es dem Betruͤbten ſo wohl thut, wieder einen zu finden, der an ſeiner Be⸗ truͤbniß Theil nimmt.— Und einige Seelen, die der liebe Gott aus feinerm Thone bildete, ver⸗ geſſen wohl bey der Gelegenheit auf einige Au⸗ genblicke die Groͤße ihres eigenen Verluſtes, wofuͤr ſie keine Thraͤnen hatten, und weinen eine wohl⸗ thaͤtige Thraͤne uͤber den Verluſt des Freundes. Das war hier der Fall. Er— gerade der Mann, von welchem ich euch zu einer andern Zeit erzaͤhlt habe, ohne ſeinen Namen nennen zu duͤrfen— war der Herzensfreund des Ver⸗ ſtorbenen. Als ſolchen kannte ihn des Amtmanns Schweſter, und darum weinte ſie ihm laut ent⸗ gegen. Wir andern, ohne deutlich zu wiſſen, 1 — Erſter Theil. 115 warum? weinten mit; und, ſiehe, auch die Amtmaͤnnin weinte nach dem Tode ihres Mannes die erſten Thraͤnen, reichte dem Freunde die Hand, und ſprach mit dem ruͤhrendſten Tone: Liebſter*** Ihr Eddelhold iſt nicht mehr! Nur dauerte dieſe ſtille weinende Weh⸗ muth bey der Ungluͤcklichen nicht lange; da ſiel ſie wieder in dumpfen Schmerz zuruͤck. Der edle Freund hatte von dem ungluͤcklichen Falle ſeines Herzensfreundes, doch nichts von ſeinem Tode gehoͤrt! war Tag und Nacht gefah⸗ ren, in der Hoffnung, ihn noch am Leben zu finden; und fand ihn nicht mehr uͤber der Erde. So uͤberraſcht, ſo tief erſchuͤttert, war der edle Mann dennoch im Stande, ſo wie er aus einigen Worten des Arztes die Lage des ungluͤcklichen Weibes erfahren hatte, mehr auf ſie, als auf ſich ſelbſt zu denken, um die Troſtloſe aufzurichten. Das gelang ihm, und auf eine Art— daß ich nicht wußte: ob ich mehr uͤber den Erfolg, oder uͤber das gebrauchte Mittel erſtaunen ſollte. „Ach! liebe Amtmaͤnnin,“ fing er an, „was fuͤr einen Mann haben Sie verloren!“ Und nun erzaͤhlte er zwanzig, dreyßig Vorfaͤlle 118 Paͤchter Martin. aus dem ſchoͤnen Leben des Veſtorbenen, verbarg dabey die Thraͤnen nicht, die ihm waͤhrend des Erzaͤhlens herabrollten; wir alle mußten von neuem mitweinen, und die Amtmaͤnnin fing laut an zu jammern und zu wehklagen. Er fuhr fort:„Dieß iſt eine traurige Woche fuͤr mich! Kurz vor meiner Abreiſe habe ich auch die Nachricht von meiner guten Schweſter erhal⸗ ten: daß ihr aͤlteſter Sohn geſtorben iſt.— Es war ein guter hoffnungsvoller Knabe— ganz wie Ihr Chriſtel.— Das war auch ein harter Schlag fuͤr Sie, liebes Weib, wie Ihr guter Chriſtel ſtarb! Ein ſo ausgezeichnet gutes Kind!“— Nun wurde Chriſtels kurzer Lebenslauf durchge⸗ gangen, wie vorher der Lebenslauf ſeines Vaters. Die Amtmaͤnnin that ſo klaͤglich, daß es einen Stein haͤtte ruͤhren moͤgen; und ich, der Him⸗ verzeihe mir's, aͤrgerte mich uͤber den unbarm⸗ herzigen oder unklugen Mann— denn fuͤr eins von beiden hielt ich ihn. Doch, ſieh, allmaͤh⸗ lich nahm der Zufluß ihrer heißen Thraͤnen ab, ſie ſenkte den Kopf auf's Kanapee zuruͤck, die Natur behauptete ihr Recht— ſie entſchlief! — Erſter Theil. 119 Wir alle, bis auf ihre Schwaͤgerin, ſchlichen auf den Zehen zum Zimmer hinaus, und ich konnt's nicht laſſen, ſo bald wir zum Zimmer hinaus waren, den fremden Herrn beym Kleide zu zupfen, und ihm meine Beſorgniß: er moͤchte doch wohl zu hart mit der Leidenden verfahren ſeyn, in's Ohr zu raunen. Liebreich aber ergriff er meine Hand, und ſagte mir da manches, was ich damals freylich nicht ſo ganz verſtand, was ich aber ſorgfaͤltig in meinem Herzen aufbewahrte: „von den ſchrecklichen Wirkungen des thraͤnen⸗ loſen Schmerzes; von der Gefahr, wenn die trauernde Seele den ſtarren Blick immer auf Ei⸗ nen Punkt heftete; daß man deßhalb ihren Ge⸗ ſichtskreis erweitern, ſie aber auch zugleich geneigt machen muͤſſe, mehr ſehen zu wollen; darum ja keine fremdartige Gegenſtaͤnde, welche ſie von ſich ſtoßen wuͤrde, in dieſen Geſichtskreis bringen duͤrfe; daß man viel uͤber den Leidenden gewon⸗ nen habe, wenn man ihn vom bloßen Empfin⸗ den zum Denken bringen koͤnne, waͤr's auch vorlaͤufig nur zum Denken uͤber ſeinen Schmerz ſelbſt, denn uͤber etwas andres wuͤrde er nicht denken wollen.— 120 Paͤchter Martin. „Der gewoͤhnliche Troſtredner,“ fuhr er fort, „taugt fuͤr gewoͤhnliche Betruͤbte; taugt aber, und wenn er auch die durchdachteſten und heilig⸗ ſten Troſtgruͤnde der Philoſophie und Religion in ſchoͤnſter Rede aufſtellte, durchaus nicht fuͤr Seelen, die ihren Schmerz ſo tief, wie unſere Freundin, fuͤhlen, ſo lange als ſie ihn ſo tief fuͤhlen. Solch eine Seele haͤlt ihren Schmerz fuͤr gerecht, fuͤr pflichtmaͤßig, fuͤr heilig, gewinnt ihn lieb, und liebt dann um ſeinetwillen alles was ihm aͤhnlich, und haßt alles was ihm fremd iſt. Koͤnnte ſie alſo auch— was ſie doch jetzt unmoͤglich kann— Troſtgruͤnde faſſen: ſo wuͤrde ſie ſie dennoch nicht wollen; denn ſie enthalten etwas ganz Fremdartiges, von ihrer einzigen Empfindung ganz Verſchiedenes, wollen ihr dieſe liebgewonnene Empfindung entreißen, und ſind, wenn auch noch ſo gefaͤllig eingekleidet, den⸗ noch Vorwuͤrfe, die ihr ſelbſt und ihrem Schmerze gemacht werden. Der troͤſtende Freund iſt ihr kein Freund; denn wie wuͤrde er troͤſten koͤn⸗ nen, wenn er nicht ein kaltes gefuͤhlloſes Ge⸗ ſchoͤpf waͤre? wie wuͤrde er troͤſten wollen, wenn er die Groͤße und Heiligkeit ihres Schmerzes Erſter Theil. 121 faſſen koͤnnte? Weinen, weinen muß er mit ihr, wenn er ihr Freund ſeyn will!“ Wie geſagt, ich verſtand ihn nicht ganz: aber das merkte ich doch, daß er ſich beſſer als ich auf's Troͤſten ſolcher Traurigen, wie die liebe Eddelhold war, verſtehen moͤchte. Auch ich, ſagte der Arzt, verſtehe ihn nicht ganz; aber das weiß ich: die Amtmaͤnnin war verloren, wenn ſie ihren Schmerz nicht ausweinen konnte! Das liebe Weib hatte die ganze Nacht hin⸗ durch geſchlafen, und war am Morgen zwar noch ſehr, ſehr betruͤbt; aber nichts mehr von dem ehemaligen ſtarren Blicke, nichts mehr von dem ſchauerlichen eiskalten Tone, in dem ſie vorher geſprochen hatte. Ihr Seelenarzt gab ſich heute viel mit ihrem kleinen Wilhelm ab, und ſagte der Mutter gar viel Schoͤnes von dem allerliebſten kleinen Knaben. Einmal, da es ſchien, als wenn ſie ſich wieder in ſich ſelbſt verſchließen wollte, erzaͤhlte er ihr die traurige Leidensgeſchichte ſeiner guten Schweſter, welcher vor einem halben Jahre ihr Mann, und juͤngſt ihr aͤlteſter Sohn ſtarb; und wußte in die Erzaͤhlung ganz unmerklich die Troſtgruͤnde einzu⸗ 2 122 Paͤchter Martin. flechten, mit welchen dieſe fromme auf Gott ver⸗ trauende Dulderin ſich in ihren Leiden aufgerich⸗ tet haͤtte. Das wirkte ſichtbarlich. Das Weib, mit dem Herzen aus feinerm Thone gebildet, ſchien ihr eigenes Ungluͤck zu vergeſſen, bemitlei⸗ dete die leidende Schweſter, und lobte ihr from⸗ mes Vertrauen auf Gott, der auch der Leidenden Vater iſt.—— 3 Ich aber mußte nun, ſo ſchwer mir's einging, meinen Wanderſtab weiter ſetzen, bekam den waͤrmſten Haͤndedruck von dem guten Weibe und ihrem edlen Arzte auf den Weg, der mir unſaͤg⸗ lich wohl that, und mir noch nach Monaten, wenn ich daran zuruͤck dachte, das Herz erwaͤrmte. ————— ——— — Erſter Theil. 123 — XVIII. Die Feſtnacht im Mondſcheine. Durch Siegwart und Conſorten iſt der unſchul⸗ dige Mond ſo in Mißkredit gekommen, daß man's kaum noch wagt laut zu geſtehen: daß man ihm gut ſey, und ihn gern ſehe. Ich geſtehe es aber laut: daß ich ihm gut bin, daß ich ihm mehr als Einmal zu Gefallen gegangen bin, und, will's Gott, noch mehr als Einmal zu Gefallen gehen werde.—— Seit meinem zehnten Jahre feire ich jaͤhrlich zwey halbe Feſtnaͤchte im Mondſcheine; nur zwey, weil es Feſtaaͤchte bleiben ſollen; und dieß ſeit meinem zehnten Jahre, weil mein Vater da den gluͤcklichen Einfall hatte, mir in einer mondhellen Nacht unter freyem Himmel den erſten Unterricht von Gott zu ertheilen. Ewig unvergeßlich wird mir die Nacht bleiben, wie ich zum erſten Male mit Erſtaunen hoͤrte: 124 Paͤchter Martin. daß jener Mond und jene flimmernden Punkte am Himmel lauter Welten, ſo groß wie unſere Erde, und die meiſten 10, 100, 1000 mal groͤßer als dieſe waͤren; wie ſie alle ihren beſtimmten regelmaͤßigen Lauf und Bahn haͤtten, und wahr⸗ ſcheinlich alle eben ſo wohl, wie unſere kleine Erde, bewohnt waͤren— und wie nun dieſe Welten alle von Einem Unſichtbaren, Allmaͤchti⸗ gen, Allweiſen gemacht waͤren, erhalten und regiert wuͤrden; und wie dieſer Einige, Unſicht⸗ bare, Allmaͤchtige, Allweiſe mit unbeſchreiblicher Liebe allem, was in allen’ ſeinen Welten lebt, Leben und Freude gegeben haͤtte— alle, alle wie ein lieber Vater verſorgte; wie er ſeine milde Hand aufthaͤte, und alles was da lebet ſaͤttigte und ſegnete mit Wohlgefallen, und wie auch ich ihm mein Leben und jedes Gluͤck und jede Freude meines Lebens zu verdanken haͤtte, wie er auch mein Gott und mein Vater waͤre*)—! *) Man ſollte glauben, Martins Vater muͤßte etwas von Theodors gluͤcklichem Morgen gehoͤrt haben; waͤr's nicht ein Gedanke, auf wel⸗ chen gar fuͤglich mehrere kommen koͤnnten, ohne etwas von einander gehoͤrt zu haben. 1 1 4 — * — —, Erſter Theil. 125 Nun in einer ſolchen Feſtnacht, wozu ich mir iimmer, ohne Ruͤckſicht auf den Kalender, eine mondhelle Nacht ausſuche, pflege ich denn zuerſt meinen Nachbar Hainberg zu beſteigen, mich an Gottes ſchoͤnem Sternenhimmel und ſeinem Mondſcheine recht herzlich zu laben, und dabey an meinen Vater, und an mein zehntes Jahr zuruͤck zu denken. Hierauf geht die Reiſe nach dem Walde, in deſſen Miſchung von halbem Lichte und Schatten ich uͤber mich ſelbſt Gericht halte, meines Herzens Heimlichkeiten zu erfor⸗ ſchen, ſeine Schlupfwinkel auszuſpaͤhen ſuche, meine Vergangenheit, von Jahr zu Jahre, zur Muſterung aufmarſchieren laſſe, mich des Gu⸗ ten, das ich etwa an mir finde, innig freue, und dann mit dem Vorſatze: das Boͤſe, ſo viel ich immer kann, wieder gut, und das Gute noch beſſer zu machen, nach dem Gottesacker wall⸗ fahrte— Der Gottesacker— wie man ihn mit Fug und Recht nennt: denn er muß ja nicht eben auch Kirchhof ſeyn, und gut fuͤr die Lebenden, wenn er dieß nie, oder doch nur ſelten waͤre! Und warum nicht Gottesacker? Zwar moͤgen Paͤchter Martin. viele, mit mir, den Glauben an Auferſtehung zu ihrem Glauben an Unſterblichkeit eben nicht noͤthig haben; aber fuͤr alle die, welche ihn dazu noͤthig haben, vielleicht auch fuͤr manchen, der ihn nicht noͤthig hat, iſt es doch eine Vorſtellung, die ſich dem Herzen ſanft anſchmiegt: die Grab⸗ ſtaͤtte der Verſtorbenen als Saatfeld zu den⸗ ken, wo Saat von Gott geſaͤet dem Tage der Ernte reift!— Der Gottesacker alſo iſt mir immer ein lieber Ort geweſen, und iſt es noch. Er predigt die Vergaͤnglichkeit des Lebens und aller ſeiner Herrlichkeit ſo ſtark und nachdruͤcklich, ohne doch zu ſchrecken; denn er predigt zugleich Ruhe nach vollbrachter Arbeit, Friede nach dem Streite, Vergeſſenheit der Sorgen, und aller Leiden Ende. Oft ſtand ich da, und verlor mich ſelbſt bey dem Gedanken: daß jene waren und nicht mehr ſind, und dieſe ſind und bald nicht mehr ſeyn werden! Keiner von den jetzt Lebenden war vor hun⸗ dert Jahren: und die Erde war dieſelbe, und der Himmel gab Regen und Sonnenſchein, und die Menſchen bauten und pfluͤgten, freyten und ließen ſich freyen, liebten und zankten ſich, lachten — —.— Erſter Theil. 127 und jubelten, und weinten und wehklagten, und Weiſe und Thoren, und Tugendhafte und Laſter⸗ hafte, trieben ihr buntes Spiel unter einander— alles wie jetzt; und ſie ſind nicht mehr. Raſtlos arbeiteten Tauſende, um ein Stuͤckchen Metall mehr in ihren Kaſten zu ſchließen, ein Stuͤckchen Erde mehr bebauen zu koͤnnen; und mußten ihr Stuͤckchen Metall und Erde zuruͤck laſſen. Wie viele wohnten, und lachten, und wein⸗ ten dort in jener Huͤtte; und haben nun ausge⸗ lacht und ausgeweint! Und gleiches Schickſal hatte der Beſitzer des Pallaſtes mit dem aͤrmſten Huͤttenbewohner, gleiches Schickſal der Mann auf dem Throne mit dem Bettler auf dem Stroh⸗ lager! Und jene Knochen ſind die Ueberreſte eines Weibes, die mit ihrem Laͤcheln Maͤnner zu Kindern macht!— Was iſt Ehre? Reichthum? Schoͤnheit?— Was iſt der Menſch? Auch ich, ihr Todten, werde in kurzem ſeyn, was ihr waret; aber noch ſtehe ich auf eurem Staube, und blicke zum Himmel auf, danke Gott, und hoffe mit froher Zuverſicht: daß das, was in mir iſt, und Gott denken kann, nicht werde zu Staube werden!— 128 Paͤchter Martin. Freylich habe ich da nun eben nichts neues gedacht, nichts was meine Großmutter nicht auch haͤtte denken koͤnnen: aber es macht doch ganz eine andere Wirkung, wenn man es einſam in feiner mondhellen Nacht auf dem Gottesacker denkt. Man bekoͤmmt's da aus der erſten Hand rein und unverfaͤlſcht, und fuͤhlt, daß es Wahr⸗ heit ſey, was man ſonſt nur glaubte. Hier nun iſt das Ende meiner naͤchtlichen Wanderung, wie einſt das Ende meiner ganzen Pilgerreiſe. Ernſt, aber nichts weniger als trau⸗ rig, geh' ich in meine Schlafkammer, durchſchlafe, ſo gut ich kann, den Reſt der Nacht, gehe bey Tagesanbruch wieder an meine Arbeit, wie geſtern und vorgeſtern, nur, wie mir's ſcheint, um einige Grade beſſer, oder doch zum Beſſerwerden williger als geſtern und vorgeſtern. Ich moͤchte euch wohl mein Nachtfeſt im Mondſcheine zur Nachahmung empfehlen; ver⸗ ſteht ſich, venn ihr an Leib und Seele geſund ſeyd, und Nachtluft und naͤchtliche Einſamkeit vertragen koͤnnt. Zwar wirds euch dabey zuwei⸗ len— beſonders in der Miſchung von halbem Lichte und dunkeln Schatten des Waldes, und auf — — Erſter Theil. 129 auf dem Gottesacker— ſo warm und ſchauerlich um's Herz werden, daß ihr ſelbſt nicht wißt, ob euch wohl oder weh ſey: im Grunde aber iſt's euch doch wohl, wenn ſonſt nur Kopf und Herz eintraͤchtig bey einander wohnen, ſich einander mittheilen, und mit einander genießen. 1. Theil. 9 130 Paͤchter Martin. XIX. Die Prieſterin der Juno. Im Heidenthum, wo die Leute noch an die Goͤttin Juno, und an viele andere Goͤtter und Goͤttinnen glaubten— ſo wie nachher an die Heiligen; da war einmal eine Frau, die war Prieſterin der Juno; ein gutes braves Weib; und die hatte zwey Soͤhne, ein paar herzensgute Jungen; der eine hieß Kleobis, und der andere Biton. Die Prieſterin ſollte nun einmal von Amts wegen in den Tem⸗ pel der Juno kommen: zum Gehen war ſie aber zu alt, und ſie hatte weder Pferde noch Maulthiere, die ſie haͤtten hinfahren koͤnnen. Was thaten da ihre Soͤhne? Die ſpannten ſich, mir nichts dir nichts, vor den Wagen und fuhren die liebe Mutter in den Tempel. Das freute nun ihre Mutter ſo ſehr, daß ihr Erſter Theil. 131. die hellen Thraͤnen uͤber die Wangen herablie⸗ fen. Und wie ſie in den Tempel kam, ſo bat ſie die Goͤttin: ihren guten Soͤhnen, zum Lohne fuͤr ihre kindliche Liebe, das Beſte zu geben, was nur einem Menſchen zu Theil werden koͤnnte. Die Goͤttin that's. Die gu⸗ ten Soͤhne entſchliefen— ohne je wieder zu erwachen. Das Maͤhrchen hat mir ausnehmend wohl gefallen, und iſt mir ordentlich ruͤhrend gewe⸗ ſen. Nun bin ich doch in Wahrheit nicht ſo milzſuͤchtig, daß ich den Tod fuͤr das Beſte halten ſollte, was man dem Menſchen geben koͤnnte; und doch gefiel mir die Goͤttin mit ihrer Belohnung. Ich habe den Verſuch bey andern gemacht, und es ging ihnen eben ſo wie mir, ungeachtet ſie eben ſo wenig milz⸗ ſuͤchtig waren. Da habe ich nun hin und her gedacht, wie das wohl kommen moͤchte. Erſt dachte ich, es koͤnnte vielleicht daher kommen, weil der Ausgang ſo unerwartet iſt, als wenn's ein huͤbſcher Spaß, oder, wie's die feinen Lente nennen— ein Bonmot ſeyn ſollte; aber 132 Paͤchter Martin. das iſt's nicht. Denn man merkt bald, daß das Wohlgefallen mehr aus dem Herzen als aus dem Kopfe entſpringt— es macht eben nicht luſtig, aber es ruͤhrt. Seht, wie ich dem Dinge auf die Spur gekommen bin. Ich erzaͤhlte es mit der klei⸗ nen Abaͤnderung: Und die Goͤttin ließ ſie ſterben, anſtatt: Sie entſchliefen; und, ſiehe, da wollte es ſchon nicht ſo gefal⸗ len. Ein ander Mal erzaͤhlte ich gar: Bald darauf verfielen ihre beiden Soͤhne in ein hibziges Fieber, und ſtarben; und da ſagten die, denen ich's erzaͤhlte, gera⸗ dezu: es waͤre ein dummes Maͤhrchen. Es iſt alſo im Grunde ein Bißchen Ta⸗ ſchenſpielerey dabey. Die guten Jungen ſchie⸗ nen uns belohnt, nicht daß ſie ſtarben, ſon⸗ dern daß ſie ſo ſanft entſchliefen. Man glaubt nicht, wie viel der Name zur Sache thue. Entſchlafen, heimge⸗ hen, ſcheint etwas ganz anders als ſterben, wenn es auch das nehmliche bedeuten ſoll. Erſter Theil. 133 So ſcheint dem Kinde die uͤberzuckerte Pille nicht mehr Arzney, dem ſuͤßen Herrn das Freudenmaͤdchen nicht mehr H**(pfuy! es iſt auch ein haͤßliches Wort— aber iſt die Sache beſſer?) und dem Exoherer— ihr ver⸗ ſteht mich ſchon.— Meine Ordnung. Manche Quelle des menſchlichen Elends wuͤrde verſtopft werden, und wir wuͤrden mehr frohe Menſchen haben, wenn ſie beſſer rechnen lernten, und mehr an Ordnung und Puͤnktlichkeit gewoͤhnt wuͤrden. Schon mancher kam um Haus und Hof, weil er Einnahme und Ausgabe nicht zu berechnen wußte, und mancher hat bey allem Fleiß und Arbeit bloß deßwegen kein Gluͤck und keinen Segen, weil er Zeit und Arbeit nicht zu ordnen weiß. Nicht der iſt ein guter Wirth, der am meiſten kargt und arbeitet; ſondern der, der alles zur rechten Zeit thut, und das Buͤchlein der Einnahme fragt: wie viel er ausgeben darf? Findet ihr einen Mann, der kein Leichtfuß, und dennoch in der Regel ein froher Geſellſchafter iſt, ſo wette ich Eins gegen Zehn: es iſt ein Mann von Ordnung! 1 Erſter Theil. 135 Ich habe dieß an mir ſelbſt und noch mehr an Nachbar Paul beſtaͤtigt gefunden. Sonſt wußte der oft vor vieler Arbeit nicht wo ihm der Kopf ſtand, und machte dann eins ins andere; natuͤrlich wurde aber keins ſo gut als er's wuͤnſchte, und er ward unzufrieden. Mitten in der Arbeit brauchte er zuweilen dieß und jenes, wußte es aber nicht zu ſinden; wurde verdrießlich und brummte, verdarb ſich und ſeinen Leuten die Luſt zur Arbeit, und alles was er that, bekam ein ſo ſchiefes Geſicht, wie er ſelbſt hatte. Das argerte ihn von neuem; nun wurde uͤbel aͤrger, und am Ende fand er alles unausſtehlich, und— ſo gerecht war er doch noch— ſich unter allen am unausſtehlichſten. Es traf ſich, daß mehrere Ausgaben ſich auf Einen Tag zuſammengehaͤuft hatten; das gab ein Loch in den Beutel, und er wurde aͤngſtlich— Was werden wir eſſen? was werden wir trinken? wo will das noch hinaus? und fing an zu knickern. Am Abend fiel's ihm ein: Das haſt du heute verſehn, das vergeſſen; da gab's neue Runzeln auf der Stirn. Auch hatte er gewoͤhnlich kleine Geſchaͤfte, die, ein⸗ zeln und in der Ordnung gethan, Tag fuͤr Tag 136 Paͤchter Martin. kaum Minuten weggenommen haͤtten, auf Mo⸗ nate, und laͤnger zuſammen kommen laſſen; nun graute ihm vor dem Aufraͤumen; je mehr ihm graute, deſto laͤnger ſchob er's auf, und je laͤnger er's aufſchob, deſto mehr haͤufte ſich's zuſammen, und deſto unzufriedener und muͤrriſcher ward er, bis es endlich weit und breit keinen groͤßern Murrkopf und keinen unzufriedenern graͤmlichern Menſchen gab, als meinen Nachbar Paul. Jetzt iſt Paul ein Mann wie er ſeyn muß, thut ſeine Arbeit mit Luſt, iſt am Abend mit ſich ſelbſt, und deßhalb mit Gott und der ganzen Welt zufrieden, kann ſich an Feſttagen herzlich freuen, iſt freundlich gegen Frau und Kind, und Knecht und Magd, macht auch ſie freundlicher und froher, und was er macht das geraͤth wohl. So umgeändert iſt Paul, ſeit er meine Ord⸗ nung nachmachte, wie ich ſie von meinem Vater gelernt, und ihm gut nachbarlich dazu gerathen und geholfen habe. . Erſter Theil.. 137 Dieß iſt meine Ordnung: Erſtlich fuͤhre ich einige Schreibebuͤcher, als 1) Ein Sonntagsbuch— wovon naͤchſtens ein mehreres. 2) Ein Landbuch, nebſt einem Anhange vom Viehſtande. Hierein koͤmmt das ganze Ver⸗ zeichniß meiner Laͤnderey Stuͤck fuͤr Stuͤck auf⸗ geſchrieben, mit gelaſſenem Zwiſchenraume, der von Jahr zu Jahr ausgefuͤllt wird. Z. B. den Acker beſtellt, geduͤngt, darauf gebun⸗ den ꝛc. Hierauf Summe: wie viel eingeaͤrn⸗ tet; und dann, wie viel ausgedroſchen. ꝛc. Im Anhange: wie viel jedes Stuͤck Vieh gekoſtet? wie alt? wie viel junger Zuwachs ꝛc. 3) Buch der Einnahme, a) an Naturalien, b) an Gelde. Wobey zu merken: daß kein Groſchen Ein⸗ nahme in die Taſche koͤmmt, bevor er berech⸗ net, und in die Kaſſe gelegt war, weil das ſonſt Konfuſion macht. 4) Buch der taͤglichen Ausgaben, nebſt einem Anhange von jaͤhrlich feſtgeſetzten Ausgaben, 138 Paͤchter Martin. 3z. B. So viel Pacht; ſo viel dem Groß⸗ knechte; und ſo fort bis zu 1 Thaler 4 Gro⸗ ſchen fuͤr Gevatter Knaut den Dorfhbalbier. Taͤgliche Ausgaben werden nur dann beſon⸗ ders aufgeſchrieben, wenn ſie einen Gulden oder druͤber betragen; zu Beſtreitung kleinerer Ausgaben nehme ich ſowohl als meine Marie von Zeit zu Zeit 2— 3 Thaler, und das Da⸗ tum im Buche zeiget, wie lange wir damit gewirthſchaftet haben. Denn jeden Dreyer einzeln aufzuſchreiben, koſtet theils zu viel Zeit, theils verleitet es zu niedrigem Geitze, der jeden Pfennig drey Mal umwendet, ehe er ihn ausgiebt. 5) Ein Notabene Buch; ein Huͤlfsmittel fuͤr's Gedaͤchtniß, um deſto ſichrer nichts von alle dem, was ich ſelbſt thun oder gethan haben will, zu vergeſſen. Zweytens werden nun nach vollbrachter Tagesarbeit a) Die Buͤcher berichtigt. b) Unterſucht was morgen, und in welcher Ordnung es gethan werden muͤſſe. Erſter Theil. 139 c) Dabey die großen Geſetze immer vor Augen und im Herzen behalten: A) Das Nothwendige immer zuerſt zu thun; B) Nichts auf morgenzu verſchieben, was man fuͤglich heute thun kann; C) Immer nachzudenken, was man beſſer machen koͤnne, als man es ſonſt gemacht hat. Drittens pflege ich ſehr darauf zu ſehen, daß jedes Ding im Hauſe, von der Bibel und dem Kaſſenſchluͤſſel an, bis zu Scrivers Seelenſchatz (den ſich meine Frau nicht nehmen laͤßt) und zum Dreſchflegel herab, ſeinen angewieſenen Ort und Stelle habe, ſo daß man jedes im Dunkeln finden kann. Viertens wird beym Schluſſe jeder Woche Special⸗ und beym Schluſſe jedes Monats Ge⸗ neralrevuͤe gehalten. Ihr koͤnnt kaum glauben, wie weit ſchoͤner einem der Abend, und wie weit feſtlicher einem der Sonntag wird, wie man mit ſich ſelbſt ſo einig, ſo frohen Sinns und ruhigen Herzens iſt, 140 Paͤchter Martin. wenn man alle ſeine Geſchaͤfte mit Ordnung und Puͤnktlichkeit vollbracht hat! Schluͤßlich koͤnnte ich euch noch ſagen, daß ich meinem Vater auch darin folge, und jedem meiner Hausbuͤcher einen ſeiner Spruͤche vor⸗ ſetze. Z. B. Du biſt nicht Eigenthuͤmer, ſon⸗ dern Verwalter dir anvertrauter Guͤter. Wenig oder viel, du mußt davon einſt Rechnung ablegen. Und wohl dem, der jeden Tag, wenn ſein Herr ihn fordert, ihm mit Zutrauen unter die Augen rreten und ſeine Rechnung ſchließen kann! Puͤnktlich ſeyn in allen Dingen und Ordnung halten, das giebt dem Herzen ſanften Frieden, macht fro⸗ here und beſſere Menſchen, und ſelbſt das Sterben wird einſt viel leichter, wenn man mit berichtigter Rechnung ſterben kann! ———ʒÿ;ÿ—;— —— — ————ᷓ——— Erſter Theil. 141 XXI. Meine Wuͤnſche. Ein Herz, das rein von Laſtern iſt, Kein heit'res Auge truͤbet, Und, wenn du Tuͤrk' und Heide biſt, Dich doch als Menſchen liebet; Das Theil nimmt an der Bruͤder Schmerz, Und Theil an ihren Freuden: Erhalte mir, o Gott, dieß Herz, Auch ſelbſt mit ſeinen Leiden! Geſund bin ich, zufried'nen Sinn Hab' ich—'s iſt deine Gabe! Gieb, daß ich bleibe, was ich bin, Behalte, was ich habe! Reichthum und Armuth gieb mir nicht, Gieb mir mit Vaterhaͤnden: Daß ich nur Menſchen Angeſicht Nicht darf durch Kriechen ſchaͤnden. 143 Paͤchter Martin. Laß immer ſich ein trautes Herz Feſt an das meine ſchließen, Und jeden bittern Seelenſchmerz Durch Freundſchaft mir verſuͤßen, Und bin ich froh, ſich mit mir freun. Dann ſoll mir deine Erde Ein Dankaltar der Freude ſeyn, Bis ich zu Staube werde! — N. S. Der Reim kam ungeſucht; und ſo dachte ich: Willſt es gereimt hinſchreiben. Soll aber uͤbrigens nicht mehr bedeuten als wenn's nicht gereimt waͤre. * 1 Erſter Theil. 143 XXII. Bringe keine ſchlimme Bothſchaft; bekoͤmmſt ſonſt ſchlimmes Trinkgeld. Der Spruch hat viel wahres; iſt aber doch nicht ganz wahr. Wenigſtens habe ich mehr als Eine ſchlimme Bothſchaft uͤberbringen muͤſſen, kann mich aber nie uͤber ſchlimmes Trinkgeld bekla⸗ gen.— Doch habe ich auch nie auf gutes Trinkgeld fuͤr meine Bothſchaft gerechnet, und liebe die Trinkgelder uͤberhaupt nicht.— Es koͤmmt dabey auf den Mann an, dem, und auf die Art, wie du ſchlimme Bothſchaft bringſt. Gehoͤrt dein Mann unter die großen Kinder, die den Tiſch ſchlagen, wenn ſie ſich daran geſtoßen haben: ſo ſagt der Spruch Wahrheit; denn ſo ein boͤſes Kind wird den Erzaͤhler mit dem Stif⸗ ter ſeines Ungluͤcks verwechſeln, und dann natuͤr⸗ lich ſeinen ganzen Zorn uͤber ihn ausgießen. Wahrheit ſagt er auch, wenn du jemanden, der . 1 Paͤchter Martin. 144 kein verzogenes Kind iſt, eine boͤſe Maͤhre ſelbſt wie ein boͤſes, oder doch unverſtaͤndiges Kind erzaͤhlſt. Dann darfſt du dich aber auch nicht uͤber ſchlimmes Trinkgeld beſchweren, weil du kein beſſeres verdient haſt. Man kann freylich den unmoͤglich freund⸗ lich anſehen, der uns ohne die geringſte Theil⸗ nehmung Ungluͤck verkuͤndigt, und es iſt ver⸗ zeihlich, wenn man, im erſten Schmerze, ſeine Kaͤlte fuͤr Schadenfreude nimmt:„Denn wie waͤre es ſonſt moͤglich“ wird der Ungluͤckliche denken,„daß der dir ſo ruhig was ſagen koͤnnte, das dich ſo tief erſchuͤttert, wenn er nicht ein haͤmiſcher ſchadenfroher Menſch, oder doch dein Feind waͤre?“ Verkuͤndigeſt du aber einem verſtaͤndigen Manne doͤſe Nachricht(nota bene: die er doch erfahren muß; und wo es ihm zutraͤglich iſt, daß er ſie bald und auf gute Art erfahre!) ſo, daß er ſieht und hoͤrt, du moͤch⸗ teſt ihm lieber frohe Nachricht bringen: ſo wird er dir zwar nicht gleich einen großen 1 Erſter Theil. 145 Dank dafuͤr ſagen— du waͤrſt ein jaͤmmerli⸗ cher A B C ſchuͤtze in der Menſchenkunde, wenn du ſo etwas erwarten wollteſt— aber harre ein wenig, bis der erſte Sturm voruͤber iſt, und du wirſt mit ihm zufrieden ſeyn. 1. Theil. 18 146 Paͤchter Martin. XXIII. Ueber Selbſtpruͤfung. Ich verſprach euch neulich, auch ein Woͤrtchen uͤber mein Sonntagsbuch zu ſagen, und ein ehr⸗ licher Mann haͤlt Wort; nur muͤßt ihr mir erlau⸗ ben, ein wenig weiter als gewoͤhnlich auszuholen. Mein Vater hielt gar viel auf Selbſtpruͤ⸗ fung. Er behauptete: daß nie ein beſſerer Mann es ohne Selbſtpruͤfung geworden ſey; daß keiner ohne ſie es werden koͤnne; und daß Selbſtpruͤfung die fruchtbarſte Quelle der reinſten Tugend und Gluͤckſeligkeit ſey. Er hatte dazu ſeine guten Gruͤnde, die ich euch der Reihe nach aufſtellen will, ſo gut ich ſie gemerkt habe. „„Durch Selbſtpruͤfung lernſt du das Gute, was du an dir haſt, deutlicher erkennen, um es deſto beſſer zu benutzen. Haͤtteſt du das beſte Werkzeug, wuͤßteſt aber nicht, wie man es hand⸗ Erſter Theil. 147 haben, und was man damit ſchaffen koͤnne; was wuͤrde dir's nuͤtzen?“ „Du lernſt deine Fehler fruͤh, und in ihrer erſten Entſtehung kennen, um dich leichter zu kurieren: denn bey heilbaren Krankheiten iſt ſchon die halbe Kur vollbracht, wenn der Arzt erſt weiß, wie das Uebel entſtanden ſey, und wo es ſeinen Sitz habe.“ „Du lernſt Menſchenkenntniß. Jeder große Nenſchenkenner griff zuerſt in ſeinen eigenen Buſen; und wer dieß verſaͤumt, mag ſich in allen Welttheilen herumtreiben, und er wird wohl Menſchen, aber nicht den Menſchen kennen lernen.“ „Du gewoͤhnſt dich auch uͤber andere Dinge nachzudenken, koͤmmſt auf manche gute Wahr⸗ heit, die um ſo viel beſſer gedeiht, weil ſie auf deinem eigenen Grund und Boden gewach⸗ ſen iſt.“. 3 „Durch Erfahrung gelehrt— die beſte Leh⸗ rerin— wirſt du nicht nur ſelbſt alles beſſer machen lernen, ſondern auch andern rathen und helfen koͤnnen.“— 148 Paͤchter Martin. „Du gewoͤhnſt dich an Ordnung und Puͤnkt⸗ lichkeit; und bey Ordnung und Puͤnktlichkeit erhaͤlt man leichten frohen Sinn, ohne Leichtſinn und Flatterhaftigkeit.“ „Kenntniß deiner Schwaͤchen bewahrt dich vor Uebermuth, und das Bewußtſeyn: daß du unausgeſetzt an deiner Beſſerung arbeiteſt, und nicht ganz vergebens arbeiteſt, giebt dir im Ge⸗ gentheil einen edlen Muth und edlen Stolz, der ſich fuͤhlt, ohne ſich uͤber andere zu erheben, und ohne andere zu verachten.“ „Du wirſt dir ſelbſt beſſerer Geſellſchafter, brauchſt nicht dir ſelbſt zu entfliehen, bedarfſt nicht der Luſtjagd der armen Menſchengeſchoͤpfe, die nicht wiſſen, was ſie mit ſich und ihrer Zeit anfangen ſollen; ſchaffſt dir jaͤhrlich, bey dem Ruͤckblick in die Vergangenheit, ein paar herrliche Feſttage; und— wer froh in die Vergangenheit blicken kann, genießt die Gegen⸗ wart froher, und blickt ruhiger in die Zu— kunft.““ So ohngefaͤhr empfahl er mir die Selbſtpruͤ⸗ fung. Und nun ſagte er mir auch wie ich die Sache am beſten anzugreifen haͤtte. Erſter Theil. 149 „„Wende, vor allen Dingen, die hellſten Stunden deines Lebens dazu an, dich zu uͤber⸗ zeugen: daß Menſchen, unter denen einſt ein Jeſus Chriſtus lebte, unmoͤglich beſtimmt ſeyn koͤnnen, wie das Thier zu genießen, und dann zu ſterben; daß ſie vielmehr noch jenſeit des Grabes vollkommner leben und wirken ſollen; daß dieſes Leben nur der Anfang ihres Da⸗ ſeyns, die beſte Benutzung dieſes Lebens un⸗ aufhoͤrliches Streben nach ſittlicher Veredlung, und dieſe ſittliche Veredlung ihre Beſtimmung, und der einzige ſichere Grund ihrer Gluͤckſelig⸗ keit ſey! Suche alſo deine Beſtimmung zu erfuͤllen und jener Gluͤckſeligkeit dich wuͤrdig zu machen!“ 1 „Lerne deine Pflichten kennen, die dir als Menſchen, als Buͤrger eines Staats, und dann in den verſchiedenen Lagen und Verhaͤlt⸗ niſſen deines Lebens, als Gatten, Vater u. ſ. f. obliegen, und es ſey dir genug zu wiſſen: Dieß iſt Pflicht! ohne zu fra⸗ gen: Was wird mir dafuͤr, wenn ich ſie er⸗ fuͤlle?“ 150 Paͤchter Martin. „Und nun befolge die große goldene Regel eines uralten Weiſen, die der Saͤnger Gleim verdollmetſchte: „Die Augen ſchließe nie zum Schlaf, als . bis die Frage Zuvor an dich geſchehn: Was haſt' an dieſem Tage Gethan? haſt' etwa was verſehen? was verſaͤumt? Der Traͤumer ſchlaͤft nicht gut, der ſeine Suͤnden traͤumt!“ „Doch brauchſt du deine Selbſtpruͤfung nicht gerade an die Abendſtunde zu binden. Fuͤr den oft ſo kleinen Ueberreſt von Kraft, den dir des Tages Arbeiten fuͤr den Abend laſſen, iſt dieß Geſchaͤfft zu ernſt und wichtig. Darum widme ihm lieber die erſte Morgen⸗ ſtunde. Richte den vergangenen Tag, und beginne den neuen mit deſto lebhafteren Ent⸗ ſchließungen: Fehler, die du geſtern begingſt, heute mit verdoppelter Aufwerkſamkeit zu ver⸗ meiden, und das Gute, das dir geſtern nur Erſter Theil. 15¹ halb gelang, heute, wo moͤglich, ganz zu voll⸗ bringen!“ „Wache vorzuͤglich uͤber deine Lieblingsnei⸗ gungen und Schooßfuͤnden; loͤſche den Funken, ehe er zur Flamme wird!“ „Frage nicht bloß was? ſondern auch wie du es gethan haſt?— Du haſt dieß nicht ſchlecht gemacht, aber konnteſt du es nicht noch beſſer machen?“ „Erforſche die Abſicht und Bewegungs— gruͤnde, aus welchen du handelſt! Du gabſt z. B. heute einem Armen mit mil⸗ der Hand. Aber warum? Weil Voruͤbergehende es bemerkten? Weil du hoffteſt: der Arme wuͤrde deine Gutthaͤtigkeit ruͤhmen? Aus eigennuͤtzigem Aberglauben: daß es der liebe Gott tauſendfaͤltig erſetzen werde? Aus bloßer Laune? Weil dir ein gewiſſes Etwas an dem Ar⸗ men gefiel? Paͤchter Martin. Um den beſchwerlich Bittenden los zu werden? Weil deine ſchwachen Nerven beym An⸗ blick des Ungluͤcklichen mitzitterten; weil dich die Erzaͤhlung von ſeiner Noth erſchuͤtterte; weil du das unangenehme Gefuͤhl ſchneller entfernen wollteſt— alſo aus Weichlichkeit und Selbſtliebe? Weil du dir ſelbſt ein Compliment machen wollteſt, daß du ſo wirleidia⸗ ſo eichherzid, ſo freygebig waͤrſt? Oder aus Menſchenliebe, aus Ueberzeu⸗ gung von deiner Pflicht: wohlzuthun, zu helfen, zu nuͤtzen, ſo viel du kannſt?“ „Bemerke nicht bloß, was du thatſt, ſon⸗ dern auch was du thun wollteſt, und belau⸗ ſche, ſo viel nur immer moͤglich, die geheimſten Wuͤnſche, Gedanken, Empfindungen deiner Seele!— Du ſahſt einen Ungluͤcklichen, und es ſtand nicht in deinem Vermoͤgen, ihm zu hel⸗ een; fuͤhlteſt du aber den gluͤhenden Wunſch; O daß ich helfen koͤnnte!— Dort ging dein Feind vor dir voruͤber; wie war dir zu Muthe?— Erſter Theil. 153 * Du hoͤrteſt von dem Gluͤcke eines andern; war wohl dein erſter Wunſch: O daß ich jetzt an ſei⸗ ner Stelle ſeyn koͤnnte!— Du laſeſt von Frie⸗ drich dem Sieger, und von Friedrich dem Vater ſeines Volks; weilteſt du bey jenem lieber als bey dieſem?— Moͤchteſt alſo wohl ſelbſt lieber die Bewunderung der Menge, als den ſtillen Dank der Geretteten? lieber groß als gut ſeyn?““ Paͤſchter Martin. XXIV, Das Sonntagsbuch. Fortſetzung uͤber Selbſtpruͤfung. „„Damit es dir nun aber nicht gehe, wie dem Manne, von dem in der Bibel ſteht:„Er beſah ſein Angeſicht im Spiegel, und ging dann fort, und vergaß wie er geſtaltet war;“ ſo komme deinem Gedaͤchtniſſe durch die Feder zu Huͤlfe, halte neben deinen Haus⸗ und Rechnungs⸗ buͤchern noch ein Sonntagsbuch, oder ein moraliſches Wochenbuch, in welches du an jedem Sonntage die gemachten Bemerkungen uͤber dich ſelbſt und dein Verhalten einſchreibeſt.“ Ich bin nicht fuͤr die moraliſchen Tage buͤ⸗ cher, oder vielmehr ich glaube: daß ſie nicht fuͤr jeden ſind. Wer zu viel auf Einmal uͤber⸗ nimmt, bringt ſelten etwas ordentlich zu Stande! Und ich beſorge, es moͤchte den Tagebuchſchrei⸗ bern auch ſo gehn. Heute ſind ſie nicht dazu 8 Erſter Theil. 155 aufgelegt, und verſchieben's auf morgen; mor⸗ gen ſind ſie vielleicht eben ſo wenig dazu aufge⸗ gelegt, und verſchieben's auf uͤbermorgen, und denken uͤbermorgen nicht daran. Verzeihen wir uns aber dieſe Nachlaͤſſigkeit ein, zwey Mal, ſo verzeihen wir ſie uns oͤfter, werden unordentlich, und dadurch auf viele Schritte vom Ziele zuruͤck⸗ geworfen. Aber geſetzt auch, daß ſie ausdauern, und ihr Tagebuch regelmaͤßig fortſetzen: ſollte denn nicht bey manchem die taͤgliche Aufmerkſamkeit auf ſich ſelbſt in Aengſtlichkeit uͤberge⸗ hen? Es iſt nichts ſo gut, das nicht durch Ueber⸗ treibung von ſeiner urſpruͤnglichen Guͤte verlie⸗ ren ſollte. Die einzelne Tugend ſelbſt hat ihre Grenzlinie, jenſeits welcher ſie aufhoͤrt Tugend zu ſeyn; Gerechtigkeit wird zur hartherzigen Strenge und Grauſamkeit; Maͤßigung im Ge⸗ nuß der Freude wird zur graͤmlichen Unzufrie⸗ denheit, und die Froͤmmigkeit wird jenſeits jener Linie zur froͤmmelnden Schwaͤrmerey. Dein Tagebuch kann dir aͤußerſt nachtheilig werden, wenn du es ſtuͤndlich im Kopfe mit dir 156 Paͤchter Martin. herumtraͤgſt, und alles, was du thuſt und thun willſt, mit Aengſtlichkeit in Beziehung auf dein Tagebuch denkſt. Man macht ſelten etwas gut, was man zu aͤngſtlich macht; man faͤllt am erſten, wenn man ſich zu ſehr zu fallen fuͤrchtet, fehlt aus Furcht zu fehlen, und, was das ſchlimmſte iſt, man verliert Muth und Kraft, begangene Fehler zu verbeſſern. Das edle Roß verſah's im raſchen Sprunge, und ſtuͤrzte. Komm, ſprach der Eſel, und lerne von mir ſichern Schritt gehen! Und das Pferd, durch die Schmerzen ſeines Falles geſchmeidig gemacht, folgte dem Lehrer und lernte ihm gleich gehen. Nie ſtuͤrzte es nun wieder: aber es war auch nicht mehr das edle Roß, das es ſonſt war, ſondern der Pflegeſohn des Eſels. Wie mancher muthige Knabe hatte unter der Zuchtruthe ſeines Lehrers gleiches Schickſal! Und es giebt Kranke, die es bloß ihrer zu aͤngſtlichen Sorgfalt fuͤr ihre Geſundheit zu verdanken haben, daß ſie nie zur vollen Geſundheit gelangen koͤn⸗ nen. Bemitleide du dieſe Kranken, bedaure den entmutheten Knaben, huͤte dich vor gleicher Erſter Theil. 157 Krankheit und Muthloſigkeit, und ſpiegle dich an dem Schickſale des geeſelten Roſſes! Auch iſt mancher Tagebuchſchreiber durch ſein Tagebuch zum Skribler geworden. Man wollte uͤber den vergangenen Tag etwas ſagen, und doch war die Geſchichte des Tages auch gar zu duͤrftig und alltaͤglich, daß man alſo auf neue Bemer⸗ kungen— wenn auch ein wenig weit hergeholt— denken mußte, um doch etwas daruͤber ſagen zu koͤnnen. Die aufgeſtutzte Erzaͤhlung gefaͤllt, man denkt auf neuen Schmuck fuͤr den folgenden Tag — und endlich ſchreibt man, nicht mehr um beſ⸗ ſer leben zu lernen, ſondern lebt, um beſſer zu ſchreiben; lebt fuͤr ſein Tagebuch, vergißt uͤber das Denken das Handeln, wird ein Buchweiſer; und dann iſt es um Wirthſchaftlichkeit, Haͤuslich⸗ keit, Geſelligkeit, Fleiß, Arbeitſamkeit, und gute Laune geſchehen. Gott bewahre dich vor der kalten, todten Buchweisheit, die nur am Schreibepulte, und ſonſt in der ganzen weiten Gotteswelt nirgends zu Hauſe iſt! Darum rathe ich dir, die gemachten Bemer⸗ kungen uͤber dich ſelbſt nur mit zwey Worten, in deiner Schreibtafel zu notieren, und ſie Sonn⸗ 158 Pächter Narten. tags, kurz und ſchmucklos, in dein Wochen⸗ buch einzutragen. Fuͤr den Anfang moͤgen dir die beiden Ka⸗ pitel: Beyfall und Reue oder Billi⸗ gung und Mißbilligung genuͤgen.— Was dachte, wollte, that ich heute, wovon meine Vernunft mir ſagte: daß es gut oder nicht gut ſey? Und nun noch eine nothwendige Bedingung, ohne welche dir dein Sonntagsbuch mehr ſchaͤd⸗ lich als nuͤtzlich ſeyn wuͤrde: Du mußt es einzig und allein fuͤr dich ſchreiben, und es durchaus von keinem andern leſen laſ⸗ ſen; mußt es vor deinem Tode noch verbrennen, und auf den Fall deines unvermutheten ſchnellern Todes, mußt du von deinem trauteſten Freunde, oder deinem Weibe— ſo fern dir das ſeltene Gluͤck zu Theil wurde, daß dieſe deine Freundin ward— das heiligſte Geluͤbde nehmen: es unge⸗ leſen verbrennen zu wollen. Halte dieſe Bedingung auf's gewiſſenhafteſte, oder ſchreibe lieber gar nicht: damit du dich nicht zum Heuchler ſchreibeſt. Erſter Theil. 159 Ich war beym Anfange meines Sonntags⸗ buchs dieſe Bedingung nicht eingegangen, weil ich ſie nicht fuͤr ſo wichtig, wenigſtens nicht fuͤr ſo noͤthig hielt, entdeckte aber zum guten Gluͤcke noch zeitig die Gefahr, der ich mich naͤherte. Ich fand, daß ich in den erſten Bogen meines Sonntagsbuchs nicht Zuͤge von mir, ſondern von einem der beſten Menſchen geſammelt hatte; und doch fehlte ſo viel, ehe ich unter die beſſern Menſchen gehoͤrte. Bey jeder Handlung war die gute Seite in das hellſte Licht geſetzt, die ſchlechte entweder gar nicht aufgeſtellt, oder mit der feinſten Entſchuldigung verdunkelt. Ganz im Hintergrunde des Herzens verſteckt, ſaß der Ehrgeitz, und fuͤhrte den armen Verſtand am Gaͤngelbande. „Warum wollteſt du die Achtung anderer, die vielleicht einmal das Buch, dei⸗ ner Selbſtpruͤfung leſen moͤchten, durch eigene Schuld verlieren? warum ihnen alle deine Schwaͤchen zeigen, die ſie ſchadenfroh aufhaſchen und dein Gutes uͤberſehen wuͤrden? Taͤuſchen willſt du nicht, aber auch nicht geradezu einem ungerechten Urtheile uͤber dich ſelbſt Veranlaſſung 160 Paͤchter Martin. geben, wozu die Menſchen ohnehin ſo geneigt ſind! Du, uͤber andere ein ſo billiger Richter, warum wollteſt du uͤber dich ſelbſt unbilliger ur⸗ theilen? warum eben den unedlen, freylich moͤg⸗ lichen, Bewegungsgrund, der dich zu einer Hand⸗ lung beſtimmt haben koͤnnte, aufſuchen, und den, doch wenigſtens eben ſo moͤglichen, edlern Bewe⸗ gungsgrund verſchweigen? Welche Moral will, daß du ungerechter gegen dich ſelbſt, als gegen andre ſeyn ſollſt? Das ohngefaͤhr raunte mir die Eigenliebe ins Ohr, und machte mein Sonntagsbuch zur Luͤge. Ich verbrannte es; fing unter der gegebenen Bedingung von neuem an, und habe mich wohl dabey befunden. Zwar iſt nun das jetzige Ge⸗ maͤhlde von mir und meinen Handlungen bey wei⸗ tem nicht ſo ſchoͤn als das erſte, aber es ſieht mir aͤhnlicher, iſt wahrer, und fuͤr mich lehrreicher. „Wenn ich nun aber meine Erfahrungen, die ich aus meiner Selbſtkenntniß ſchoͤpfte, auch fuͤr Freund und Kind, und vielleicht auch fuͤr andere, lehrreich zu machen ſuchte?“ Thue das immer, wenn du glaubſt daß es ihnen frommen werde. Du kannſt es durch Unterredung, kannſt ihnen, vor⸗ Erſter Theil. 161 vorher von dir ſelbſt durchleſene Stel⸗ len vorleſen;(ſo wie ich dir einige aus meinein Sonntagsbuche vorleſen werde, um dir von der 1 innern Einrichtung deſſelben einen anſchaulichern Begriff zu verſchaffen) kannſt ihnen ſo gar einen Auszug aus deinem Sonntagsbuche mittheilen: nur dein Buch ſelbſt duͤrfen ſie nicht leſen, und du darfſt beym Schreiben dieſes Buchs nicht daran denken, Unterricht fuͤr andere ſchreiben zu wollen!— Sohn, denke dir noch ein Mal Selbſtpruͤfung als das wohlthätigſte Mittel, dich fuͤr Zeit und Ewigkeit zu vervollkommnen, und wende es ge⸗ wiſſenhaft an! Krankheit und andere unuͤber⸗ windliche Hinderniſſe abgerechnet, vergehe dir kein Tag der Woche ohne Selbſtpruͤfung, und kein Sonntag, an welchem du nicht ein und das andere Urtheil uͤber dich ſelbſt und dein Verhalten niederſchreibeſt! Nache, wie ich dir ſchon vorhin gerathen habe, den Anfang mit der Beantwortung der ſim⸗ peiſten Fragen: Was habe ich heute oder geſtern gut oder nicht gut gemacht? um dir die erſten, ohnehin ſchon ſchwerern Schritte, weil es auf 1. Theil. 11 . 162 Paͤchter Martin. 2 noch ungewohntem Wege, mit noch ungeuͤbten Kraͤften, die erſten ſind, moͤglichſt zu erleich⸗ tern, bis du, des Weges mehr gewohnt, und durch geuͤbte Kraft ſtaͤrker, eine volle Tagesreiſe ohne Ermattung vollenden kannſt. Aber um ſo viel weniger verzeihe dir auch die Traͤgheit oder Nachlaͤſſigkeit, an irgend einem Tage die wenigen erſten Schritte nicht gemacht zu haben! Im Namen unſers guten Gottes, habe Muth, weiſer und beſſer zu werden, und beginne das große Geſchaͤft der Selbſtpruͤfung! Habe Muth, und zittere vor keiner Schwie⸗ rigkeit zuruͤck; ſelbſt dann nicht, wenn du Schwaͤ⸗ chen an dir entdeckeſt, die dir Thraͤnen koſten, wenn du Flecken an dir bemerkeſt, die du mit deinem Blute ausloͤſchen moͤchteſt; habe Muth: 3 denn ſchon der ernſtliche Vorſatz, dich ſo viel als du nur kannſt vor Fehlern zu huͤten, und immer beſſer werden zu wollen, iſt edel. Der kindiſche Kranke behauptet, gegen ſein Gefuͤhl, daß er geſund ſey, um der bittern Arz⸗ ney zu entgehen. Unmerklich wurzelt aber die Krankheit tiefer ein, und das Uebel wird unheil⸗ bar. Wahnſinnig ſchwelgt und jubelt der Ver⸗ Erſter Theil. 163 ſchwender fort, um dem Gedanken an die be⸗ vorſtehende Duͤrftigkeit zu entgehen, und eilt dem Uebel, dem er entgehen will, im Fluge entgegen. Waͤre es nicht eben ſo kindiſch, eben ſo wahnſinnig gehandelt, wenn du abſichtlich die Zeichen deiner Seelenkrankheit nicht bemer⸗ ken wollteſt, um dir ſelbſt geſuͤnder zu ſcheinen, als du biſt?. Andere fuͤhlen und bekennen ihre Krankheit, und ſchlagen dennoch die Mittel zur Geneſung aus, weil ſie an ihrer vollen Geneſung verzwei⸗ feln, wollen das Beſſere nicht, weil ſie das Beſte nicht erlangen koͤnnen. Sohn— fuhr er fort und ſein Angeſicht gluͤhete, wie er zu mir redete— es iſt zum Er⸗ ſtaunen, wie armſelig, ſich ſelbſt, ihre Vernunft und ihr vermeintes Chriſtenthum ſchaͤndend, ſo viele Menſchen ihre Traͤgheit zum Guten ent⸗ ſchuldigen! 1 „Es mag gut ſeyn: aber was hab' ich eben fuͤr Beruf es zu thun! was ſoll ich eben arbeiten, indeß andere, um und neben mir ihre Haͤnde in 164 Paͤchter Martin. den Schooßlegen?“ Als waͤxe es nicht Be⸗ ruf genug, das Gute zu thun, weil du es als gut erkennſt und Kraft und Gelegenheit haſt, es zu vollbringen! Haben die andern, die es nicht thun, gleiche Kenntniß, Kraft und Gelegenheit? Und wenn ſie es haben, biſt du dadurch gebeſ⸗ ſert, weil andere auch ſchlecht ſind? Iſt es nicht kindiſche Entſchuldigung: Weil der gefehlt hat, ſo darf und will auch ich fehlen? Und iſt es nicht eben ſo kindiſch oder viel⸗ mehr wahnſinnig geurtheilt: Weil ich nicht allesthun kann, was ich wohl wollte; ſo will ich nichts thun? Ich bin ein ſchwacher Menſch, der doch einmal keine Engeltugend erreichen kann! Weil du keine Engeltugend erreichen kannſt, willſt du auch nicht menſchlich tugendhaft wer⸗ den? Giebt's zwiſchen dem Engel und dem All⸗ tagsmenſchen, oder wohl gar Laſterhaften keine Zwiſchenſtufe, die du erſteigen koͤnnteſt? Und wenn du auch, als Augenkranker, nicht hoffen duͤrfteſt, ein ganz geſundes, hell⸗ und ſcharfſfe⸗ hendes Auge zu bekommen, wuͤrdeſt du deßwegen Erſter Theil. 165 die Sorge fuͤr dein krankes Auge vernachlaͤſſigen? wuͤrdeſt du nicht die Mindrung deiner Schmer⸗ zen, wuͤrdeſt du nicht die kleinſte Staͤrkung des ſchwachen Auges, und ſchon die Abwen⸗ dung der Gefahr, einſt ganz zu erblinden, fuͤr großen Gewinn halten? Iſt es nun aber gerin⸗ gerer Gewinn, das Uebel, das deiner Seele Verderben droht, zu mindern? Iſt nicht jeder, auch noch ſo kleine, Schritt im Guten Annaͤ⸗ herung zum großen Ziele? Wird dir nicht der Weg zum Tempel der Tugend immer bekann⸗ ter und deine Kraft durch Uebung verſtaͤrkt werden? Und kannſt du nicht mit Zuverſicht hoffen, auf bekannterem Wege, mit geuͤbteren Kraͤften, immer groͤßere Fortſchritte zu ma⸗ chen? O der Menſch hat hohe, hohe Kraft! Laß ſie ihn redlich anwenden, laß ihn taͤglich an ſeiner Beſſerung arbeiten, und er wird Stufen der Tugend erſteigen, die ſeinem Auge einſt uner⸗ reichbar ſchienen! Habe du Muth weiſe und gut zu werden, und es wird dir gelingen! 166 Paͤchter Martin. Iſt dieſes kurze Leben erſte Erziehungsperiode fuͤr eine graͤnzenloſe Ewigkeit: ſo kannſt du keine groͤßere und angelegentlichere Sorge haben, als die, deine Erziehungszeit weiſe zu benutzen; ſo hat jeder Tag deines Erdenlebens unausſprechli⸗ chen Werth; ſo iſt jede verlorene Stunde uner: fetzlicher Verluſt auf Zeit und Ewigkeit! Jeder errungene Sieg uͤber dich ſelbſt und deine Leiden⸗ ſchaften, die kleinſte gute That, mit reiner Ab⸗ ſicht, aus reinen Bewegungsgruͤnden unternom⸗ men, jeder edle Wunſch, der, wenn du Macht haͤtteſt, zur That werden wuͤrde, muß dir dann mehr und theurer ſeyn, als alles was die Welt Gluͤck nennt! O du mein Einziger! Mehr konnte nie ein Vater ſeinen Sohn lieben, als ich dich liebe. Gern gaͤbe ich den Reſt meiner Jahre, gern ſtuͤrbe ich vervielfaͤltigten Tod, wenn ich dich dadurch gluͤcklich machen koͤnnte; aber deine Tugend iſt mir noch mehr als dein Gluͤck. Ich kann dir kein Gluͤck ohne Tugend wuͤnſchen; ja, ich flehe zu Gott: daß der Pfad deines Lebens blumenleer, daß er voller Dornen ſey, Erſter Theil. 167 „wenn dieß deiner Tugend guͤnſtig iſt. Du kannſt mit und durch Tugend ſchon fuͤr dieſes Leben gluͤckſelig⸗ſeyn, und es iſt Weisheit, ſich, ſo viel man kann, das Leben zu verſchoͤnern, und mit Dankſagung die Freuden zu empfa⸗ hen, die ein Gott mit milder Vaterhand auf ſeine ſchoͤne Erde ſtreute: aber Tugend gelte dir mehr als Gluͤck, und wo die Pflicht ruft, da folge ihrem Rufe, ohne zu fragen: Was wird mir dafuͤr? . Sey gluͤckſelig, aber ſey es an der Hand der 4 Tugend; wolle kein Gluͤck ohne ſie; opfre alles, opfre dich ſelbſt, wenn ſie das Opfer forderte. . Werde dir Freude oder Schmerz, ſey nur der Gluͤckſeligkeit wuͤrdig, erwirb dir den Beyfall Gottes und deines Herzens; und alle meine Waͤnſche ſind erfuͤllt, und freudig will ich ſterben, wenn ich ſterbend mich an deiner Tugend laben kann!“ Ich willl ich will!— Gott!— mein 8 Vaterl— ich will! Mohr konnte ich nicht ſagen, auch mein Vater konnte nicht mehr. Aber ich ergriff ſeine Hand, und legte ſie auf mein 168 Paͤchter Martin. Herz. Er verſtand mich, fiel mir um den Hals, und weinte lange an meinem Halſe. Da war mir's, als draͤngen ſeine gluͤhenden Thraͤnen mir in's Herz, und zuͤndeten da ein Feuer an, das keine Zeit, das ſelbſt die Wwinken nicht auszuldͤs ſchen vermoͤchte. Erſter Theil. 169 — * XXV. Ueber Hypochondrie und frohe Geſichter. Ich hatte einen guten Freund aus der Stadt, der ein Gelehrter war, und der ſah euch ſo geſund aus wie ich, war's aber nicht. Er laborierte an der Hypochondrie, wie er's nannte; und das muß eine Hoͤllenkrankheit ſeyn. Es fehlt einem, und man weiß nicht wo? und was? Man iſt in der einen Viertelſtunde ſo ausgelaſſen luſtig, daß man ſich waͤlzen moͤchte, und weiß nicht warum? iſt in der naͤchſten Viertelſtunde ſo trau⸗ rig, daß man ſich in’s Grab legen moͤchte, und weiß wieder nicht warum? kleidet ſich uͤber Hals und Kopf an, um auszugehen, wirft, wenn man angekleidet iſt, Hut und Stock in die Ecke, und bleibt zu Hauſe; nimmt ein Buch, in wel⸗ chem man geſtern goͤttliche Weisheit fand, und findet es heute ganz abſcheulich fade; zankt mit der Frau, daß ſie zu leiſe, und wieder mit der 170 Paͤchter Martin. „Magd, daß ſie zu laut ſpricht; ſchlaͤgt nach der unverſchaͤmten Fliege, die ſich einem auf die Naſe ſetzt, daß das Blut aus der Naſe ſpritzt; aͤrgert ſich uͤber alles, was man ſieht und hoͤrt, und zuletzt uͤber ſich ſelbſt am meiſten. So beſchrieb mein Freund ſeine Krankheit ſelbſt, und auf die Frage, die ich ihm einmal 4 vorlegte: warum eben die Gelehrten mit der haͤßlichen Krankheit ſo oft behaftet waͤren? gab er mir die gelehrte Antwort: — „Unſer Ahnherr Prometheus ſtahl das Feuer vom Himmel. Zur Strafe ließ ihn Jupiter an einen Felſen ſchmieden, und ſchickte einen Geier uͤber ihn, der ihm Tag fuͤr Tag die Leber abfraß, die ihm in jeder Nacht von neuem wuchs. Seine Nachkommen ſinnen auf gleichen Diebſtahl, erha⸗ 3.. ſchen aber gewoͤhnlich nur Rauch ſtatt des Feuers. Indeß, weil doch der boͤſe Wille wenigſtens halb ſo ſtrafbar als die boͤſe That iſt; ſo erlaͤßt ihnen Jupiter das Angeſchmiedetwerden, laͤßt aber ſtatt des Geiers den Hoͤllengeiſt Hypochonder an nahtem Innern nagen.“ P 7 Erſter Theil.. 171 „Und dieſe Art Geiſter,“ verſetzte mein Pa⸗ ſtor,„faͤhrt nicht aus, denn durch Maͤßigkeit und Arbeit!“ Hm! dachte ich da, ſollſt wohl einmal den Verſuch wagen, ob du den Teufel austreiben koͤnnteſt? ließ mir von meinem Freunde verſpre⸗ chen, einen Sommer bey mir zu wohnen, mit mir zu eſſen und zu arbeiten;— und habe den Satan gluͤcklich in die Hoͤlle zuruͤck gejagt. Aber rechte Spruͤnge hat er mir gemacht, ehe ich ihn ſo weit brachte; und mit meines Paſtors Mittel allein konnte ich's ſchlechterdings nicht zwingen. Das laͤßt ſich ſo leicht hin ſagen: Laß den Kranken Hausmannskoſt, und die maͤßig genießen, und von Tage zu Tage mehr Hand und Fuß in freyer Luft bewegen; und das Mittel gehoͤrig ge⸗ braucht, iſt auch zuverlaͤſſig probat. Aber das iſt die große Frage: wie man den Kranken dazu bringen koͤnne, daß er das gute Mittel gehoͤrig brauchen wolle? Es ging mancher ſchoͤne Tag hin, ehe mein Kranker der guten Hausmannskoſt Geſchmack abgewinnen konnte; und da half nichts, ich 172 Paͤchter Martin. mußte meine beſten Dorfgerichte anfaͤnglich ein wenig verſtaͤdtern laſſen. Und mit der Arbeit ging's nicht beſſer. Ehe ich mir's verſah trieb der boͤſe Geiſt den Kranken einmal von der Arbeit in die Einſamkeit, ſpielte ihm den Young oder einen andern Nachtgedaͤnkler in die Haͤnde, oder hielt ihm ſelbſt eine Vorleſung uͤber Tod und Grab und Menſchenelend, mahlte ihm die Zukunft ſo haͤßlich wie ein altes boͤſes Weib, warf ihm hun⸗ dert Zweifel in den Weg, daß der Arme weder aus noch ein wußte; und riß ſo in einer Stunde nieder, was ich in drey Wochen gebaut hatte. Doch, Geduld, Vernunft und Zeit Macht moͤglich die Unmoͤglichkeit! reimten unſere lieben Alten, und hatten Recht. Mit der Zeit wurde mein Kranker wieder geſund. Wir haben der Buͤcher fuͤr Hypochondriſten ſchon zu Dutzenden— die der Halbkranke fleißig leſen muß, wenn er Luſt hat ganz krank zu werden. Ich will mit der Krankheits⸗ und Heilungsgeſchichte meines Freun⸗ des keinen Beytrag dazu liefern, ſondern euch Erſter Theil. 173 nur bey der Gelegenheit noch ein paar kleine Erfahrungen fuͤr Nichthypochondriſten mittheilen. Gerade in der Zeit, wo ich meinen kranken Freund in der Kur hatte, neckte mich das Gluͤck auf mancherley Art. Ich wurde um vieles betro⸗ gen; wurde, ſo ſehr ich mich auch dagegen ſtraͤubte, in einen Pkozeß verwickelt, und bekam— wie mirs wenigſtens ſo ſchien, da ich das kuͤnſtliche Recht nicht kannte— bey einer offenbar gerechten Sache, einen ungerechten Spruch nach dem an⸗ dern; meine zwey beſten Pferde fielen; mein Großknecht lief fort, und die verfuͤhrte Magd taugte nicht mehr zur Arbeit— und was derglei⸗ chen Neckereyen mehr waren, die zwar alle kein großes Ungluͤck ſind, aber zuſammengenommen oft mehr, als ein eigentlich großer Ungluͤcksfall aus der Faſſung bringen und die gute Laune gar haͤßlich verſtimmen koͤnnen.—„„Bey einem großen Ungluͤck nimmt man ſich zuſammen, braucht ſeine ganze Kraft; bey den kleinen Neckereyen hingegen haͤlt man's nicht der Muͤhe werth, ſich zu ruͤſten: und da wurde mancher brave General, der den großen geachteten Feind beſiegt hatte, Paͤchter Martin. 174 vom kleinen verachteten Feinde in die Enge getrieben. 1. 7777 Hauptbataillen kein großer General bin. Ich war oft ſo verſtimmt wie unſere alte Kirchorgel. Da ſollte man nun meinen, daß die Geſellſchaft mei⸗ nes Kranken gar ſchlimme Geſellſchaft fuͤr mich geweſen waͤre: aber umgekehrt. I ſeiner Ge⸗ ſellſchaft wurde ich gewoͤhnlich ſo froh, als ich bey manchem Luſtgelage gewiß nicht geworden waͤre. — Ich gab mir Muͤhe ihn aufgeraͤumt zu ma⸗ chen, und wurde es mit und durch ihn ſelbſt. In— der erſten Viertelſtunde wurde mir's freylich ein wenig ſauer, aber in der zweyten ſchon leichter; meine Abſicht wurde erreicht, mein Freund wurde muntrer, und ich durfte mir's ohne Eitelkeit ſagen, daß ich ihn dazu gebracht haͤtte— ja nun quoll die Freude aus dem Herzen. Ich ging noch weiter. Mein Kranker ſollte kein boͤſes Geſicht an mir ſehen. Nun kamen aber obgedachte leichte Truppen, und fielen mir in die Flanke. Da mache einer ein gut Geſicht dazu! Ich ging zuweilen vor mich hin, blickte zur Erde, wie mein Stier, und hatte eine Stirn So ging mir's— der ich freylich auch in Erſter Theil. 175 wie ein neugepfluͤgter Acker. Siehe! da kam mein Kranker. Hurtig wurde das Auge gehoben, die Stirn geglaͤttet; und war ich erſt damit in Richtigkeit, ſo konnte ich ihm eine Lobrede auf's gute Wetter halten, ob ich's gleich in dem Au⸗ genblicke erſt ſelbſt gemerkt hatte, daß es gut Wet⸗ ter waͤre.. Ich habe es ſeit der Zeit mehr probiert, habe, wenn ich mich aufgeraͤumt machen wollte, erſt im Geſicht aufgeraͤumt; und kann die Methode beſtens rekommandieren. Mußte zwar ein Mal uͤber mich ſelbſt lachen, wie ich, eben mit dem . Aufraͤumen beſchaͤftigt, von ungefaͤhr in den Spiegel ſahe, und da den naͤrriſchen Zickzack im Aprillgeſichte wahrnahm: aber mit dem Lachen war auch alles wieder geordnet und geebnet. Kurz: wie ſich das Geſicht hellt, ſo nimmt das Herz auch eine freundlichere Miene an! „Das hieße aber, meint ihr, die Pferde hinter den Wagen geſpannt! Mit dem Her⸗ zen muͤſſe man anfangen, dann wuͤrde ſich's mit dem Geſichte von ſelbſt geben!“ Habt auch Recht! Aber man thut doch nicht uͤbel, wenn man's auf mehr als Eine Art ver⸗ 1 176 Paͤchter Martin. ſucht. Der beſte Fuhrmann muß manchmal den Wagen zuruͤck ziehen; und geht's nicht mit dem Zurückhuͤfen; ſo ſpannt er die Pferde hinter den Wagen— und es geht!— Das muß ich euch aber auch ſagen, daß ich in der Regel ein frohes Geſicht, und ein noch frohe⸗ res Herz habe, und daß ich ſelbſt glaube: daß bey denen, die das nur in ſeltener Ausnahme haben, mein Mittel auch nicht viel fruchten werde. XXVI. Erſter Theil. 77 XXVI. Ueher Unſchuld. Man wird einer unceldbteh That beſchuldigt, und vertheidigt ſeine Unſchuld; das heißt nach dem Sprachgebrauche(ſo weit ich ihn kenne) man ſucht zu beweiſen: Daß man die That nicht begangen habe; oder, daß man daran nicht Theil genommen, nicht mitgewirkt, niemanden dazu beredet habe; nicht dazu behuͤlflich geweſen ſey; ſie nicht gebil⸗ ligt habe; nichts davon gewußt habe; ſie nicht habe verhindern koͤnnen;(wie Pilatus ſagte: daß er unſchuldig ſey) oder daß man ſie nicht habe begehen wollen— von Außen dazu gezwungen worden ſey; oder ſie nicht als un⸗ erlaubte That begangen habe— nicht gewußt habe, daß ſie unerlaubt ſey.(Er hat es in aller Unſchuld geſagt; dachte nichts Boͤſes dabey.) 4 1. Theil. man beſchuldigt wird, und waͤre es Mord und fuͤr ſchuldig Erkannten nur: daß er ſchuldig ſey; 2* 178 Paͤchter Martin. Welche That es aber auch ſeyn mag, deren Landesverraͤtherey; ſo ſagt man doch von dem nicht: daß er deßhalb ſeine Unſchuld ver⸗ loren habe; was man von dem Juͤnglinge, und der Jungfrau ſagt, welche, nach geſetzwi⸗ driger Befriedigung des ſtaͤrkſten ſinnlichen Trie⸗ bes, aufhoͤrten Juͤngling und Jungfrau zu ſeyn. Man braucht die Redensart im eigentlich⸗ ſten Verſtande von dem erſten Menſchenpaar, da ſie zu ſuͤndigen angefangen hatten. Vorher da ſie noch nichts Boͤſes, oder nichts, als erkanntes Boſſe, gethan hatten, lebten ſie im Stande der Unſchuld. Die Denker oder Neulinge— was weiß ich's welchen Namen ſie verdienen— welche ſich von Adams und Evens Weisheit und Heilig⸗ keit im Paradieſe nicht ſo große Vorſtellungen machen, wie die aͤltern Herren Gottesgelahrten, ſondern ihren damaligen Zuſtand Zuſtand der Kindheit, und der kindlichen Unſchuld— Ab⸗ 3 weſenheit des Boͤſen— nennen, wenden beide — Erſter Theil. 179 Redensarten auf Kinder, und die den Kindern aͤhnliche Naturvöͤlker an: So lange, ſagen ſie, ſolche Voͤlker in Einfalt ihres Herzens thun, was ſie glauben, das Recht ſey, und tauſend Suͤnden und Laſter der großen und feinen Welt auch nicht dem Namen nach kennen; ſo leben ſie im Seunde der Unſchuld; und haben ihre Unſchuld verloren, wenn ſie erkuͤnſtelte Beduͤrfniſſe kennen, neue ſtuͤrmiſche Begierden fuͤhlen und unnatuͤrliche Laſter aus⸗ uͤben lernten. Bis hieher ſcheint bey dem Deutſchen Sprachgebrauche ein ſehr richtiges Urtheil zum Grunde zu liegen. Man hat ſeine Unſchuld verloren, wenn man ſich moraliſch verſchlim⸗ mert— in Ruͤckſicht auf Moralität merklich herabſinkt. Man kann aber einer geſetzwidri⸗ gen That ſchuldig ſeyn, ohne ſich fuͤr die Zu⸗ kunft moraliſch zu verſchlimmern, ohne an Mo⸗ ralitaͤt merklich herabzuſinken, ohne daß wenig⸗ ſtens ein andrer den Grad der innern Straf⸗ barkeit unſrer Handlung genau beſtimmen, oder daraus ſicher auf unſere moraliſche Verdorben⸗ heit ſchließen kann! 180 Paͤchter Martin. Wie kam man aber nun darauf, jene Ver⸗ gehung des Juͤnglings und der Jungfrau mehr als andere geſetzwidrige Handlungen durch den Sprachgebrauch zu brandmarken? 1 „Es iſt Erfindung aus dem froͤmmelnden Moͤnchszeitalter, wo man, trotz der unkeu⸗ ſchen Seele, die körperliche Keuſchheit zur Heiligkeit rechnete, um die Kloͤſter zu bevoͤl⸗ kern. Darum ſollte man, nach weggeworfenen phantaſtiſchen Begriffen, auch den einfaͤltigen, der Chriſtuslehre widerſprechenden Sprachge⸗ brauch wegwerfen!“ Nein; wegwerfen moͤchte ich ihn doch nicht. Es kann ſeyn, daß er den angegebenen Urſprung hatte: aber, den Wahnſinn von ewiger Jung⸗ frauſchaft und verdienſtlicher Eheloſigkeit, und den groben Begriff von bloß koͤrperlicher Tugend ohne Herzensreinigkeit abgerechnet, widerſpricht er der chriſtlichen Religion gar nicht, ſcheint vielmehr mit ihren Grundſaͤtzen gar ſehr uͤber⸗ einzuſtimmen. Vielleicht iſt er aber auch aͤlter, und ſchreibt ſich ſchon aus der grauen Vorzeit von unſern ehrwuͤrdigen Vaͤtern her, bey denen * — Erſter Theil. 181 Juͤnglings: und Maͤdchenunſchuld heilige Sitte, und Keuſchheit allgemeine Tugend war. Doch, wie dem auch ſey, ich bin fuͤr Beybehaltung die⸗ ſes Sprachgebrauchs; theils weil er— wenig⸗ ſtens fuͤr viele— gegen einen der ſtaͤrkſten Triebe, deſſen geſetzwidrige Befriedigung ſo viel Unheil ſtiften kann, ein nicht unbetraͤchtliches Gegenge⸗ wicht giebt; theils, und vorzuͤglich: weil er ſelbſt nach oben angegebener Erklaͤrung gerechtfertiget werden kann. „Wie? Eine der verzeihlichſten Vergehun⸗ gen— greife jeder in ſeinen Buſen, um das Verzeihlich zu unterſchreiben— ſollte unſere Moralitaͤt mehr untergraben, als andere, zu denen die Sinnlichkeit weniger reitzt? Und du wollteſt ein ſolches niederſchla⸗ gendes Urtheil, ein ſolches Verdammungsur⸗ theil uͤber eine arme Gefallene, vielleicht Ver⸗ fuͤhrte, faͤllen?“ Nein; das ſey ferne! Ich verdamme nicht, nenne den, der eine an und fuͤr ſich laſterhafte That beging, deßwegen nicht gleich laſterhaft, weiß Fehler von Verbrechen zu unterſcheiden, 182 Paͤchter Martin. weiß bey Beurtheilung einer That auf Unſtaͤnde, Reitz, Verfuͤhrung und dergl. Ruͤckſicht zu neh⸗ men, kann dem Fehlenden mit herzlichem Mit⸗ leide die Hand reichen, zuweilen wohl gar die volle Achtung gegen ihn erhalten, die, ich vorher hatte, da ich nur ſein Gutes kannte; dennoch aber behaupte ich, was ich aus Beobachtung, und mehr als Einer Erfahrung als Wahrheit erkannte: daß die Tugend des Juͤnglings und der Jungfrau durch die erſte Verletzung der Keuſchheit in der Regel groͤßerer Gefahr ausge⸗ ſetzt werde, als durch irgend eine andere Verge⸗ hung; daß dieß gewoͤhnlich die Quelle von tau⸗ ſend andern Vergehungen, die Urſache ihrer gaͤnzlichen moraliſchen Umaͤnderung und Ver⸗ ſchlimmerung werde, und daß man in dieſem Be⸗ tracht eben ſo, wie von den Stammeltern des Menſchengeſchlechts nach der erſten Suͤnde, oder wie von einem verkuͤnſtelten„ verkultivierten Volke, auch von ihnen ſagen koͤnne: daß ſie ihre Unſchuld verloren hatten. Ich ſage: mehr als durch irgend eine andere Vergehung in wie fern ich einen moraliſchen Menſchen vorausſetze, der gewiſſer 8 Erſter Theil. 183 Vergehungen— aller derer, welche ohne Nieder⸗ traͤchtigkeit nicht begangen werden koͤnnen— ſchlechterdings unfaͤhig iſt. Begeht er ſie, ſo wird er dadurch nicht viel ſchlimmer werden, als er vorher war— an ihm war nichts zu verder⸗ ben. Der Juͤngling aber, und die Jungfrau konnten in einem hohen Grade moraliſch gute Menſchen ſeyn, und dennoch jener maͤchtigen Leidenſchaft unterliegen. Und zweytens ſagte ich: in der Regel; denn Ausnahmen gebe ich zu, und habe felbſt dergleichen gefunden. Ich kannte ein Maͤdchen, die an einem Som⸗ merabend, und mit Sommerbluͤthe, zu Falle kam, und nach ihrem Falle volle moraliſche Jungfraͤulichkeit, reines Herz und unbefleckte Phantaſie erhielt, trotz der Herabwürdigung, die ſie von ihren Schweſtern erdulden mußte, welche ſich tugendhafter waͤhnten, weil ſie aus Mangel an Gelegenheit, oder durch die Eiskruſte ihres Bluts, oder durch Gluͤck geſchuͤtzt, ihren jungfraulichen Namen nicht verloren hatten.— Aber Regel iſt mir dennoch die entgegengeſetzte Erfahrung. 184 Paͤchter Martin. Denkt euch den Juͤngling mit voller Un⸗ ſchuld— wozu ich freylich etwas mehr rechne, als die gewoͤhnlichen Erklaͤrer des ſechsten Ge⸗ bots dazu zu rechnen pflegen.(Denn wer weiß wohl nicht, daß man ſich ſelbſt, ohne Einwir⸗ kung eines, oder einer andern, um ſeine Un⸗ ſchuld bringen koͤnne, und daß keine Suͤnde der Unkeuſchheit ſo viel moraliſches Verderben im Gefolge habe als dieſe?) Denkt euch den ZJuͤngling mit voller Un⸗ ſchuld und Herzensreinigkeit, und mit dem hohen Gefuͤhle, daß er ſchuldlos und reines Herzens ſey; mit der heiligen Scham; mit dem Bewußtſeyn ſeiner Kraft, durch welche er bisher uͤber mancherley Verfuͤhrungen den Sieg erkaͤmpfte, und mit der daraus entſprin⸗ genden gerechten— wenn auch zuweilen etwas ſchwaͤrmeriſchen, oder etwas uͤberſpannten— Selbſtachtung: und ſagt, ob nicht ſeine Stimmung der Tugend aͤußerſt guͤnſtig ſey; ob er mit dieſer Stimmung nicht hoffen duͤrfe, jede Stufe von erreichbarer Menſchenguͤte zu erſteigen? 8 1 Erſter Theil.. 185 Und nun urtheilt ſelbſt, wie unendlich viel er verloren habe, wenn er dieſe Stimmung ver⸗ lor, die er gewiß ganz, oder doch groͤßtentheils, verliert, wenn er durch Begehung einer unkeu⸗ ſchen That aufhoͤrt Juͤngling zu ſeyn. Die Leidenſchaft hat nun einmal den Damm durchbrochen, und ſtroͤmt, durch neu erwachte Luͤſte verſtaͤrkt, gewaltſam und verheerend; die Phantaſie, die ſonſt im leichten Fluge ſich zum Himmel erhob, kriecht mit gelaͤhmten Schwingen auf der Erde, und weidet ſich an groͤbern Bildern der niedern Sinnlichkeit; die Schamhaftigkeit, mit dem leiſen zarten Ge⸗ fuͤhle fuͤr alles Schoͤne und Gute, iſt verletzt; der ſieggewohnte Sieger iſt uͤberwunden; des Feindes Kraft iſt dadurch verſtaͤrkt, ſeine eigene Kraft, und, was noch mehr iſt, ſein Muth geſchwaͤcht, und, was das wichtigſte iſt, er ver⸗ liert an Selbſtachtung. „Armer Schwacher, zu biſt nicht was du zu ſeyn waͤhnteſt, und kannſt doch nun einmat nicht werden, was du wohl gern werden wollteſt, und was du einſt zu werden hoffen durſteſt!“ 186 Paͤchter Martin. Der Gedanke draͤngt ſich hier der Seele unwider⸗ ſtehlich auf, und druͤckt unter hundert Gefallenen neun und neunzig tiefer in den Staub, ehe es dem hundertſten gelingt ſich edel wieder zu erhe: ben.— Sehe ich einen Mann, der, ohne Hochmuth und Eitelkeit, mit wahrem edlen Seibſtgefuͤhl ſpricht und handelt, ſo habe ich im— mer das gute Vorurtheil fuͤr ihn: daß er, als Juͤngling, ſeine Unſchuld nicht verletzt habe. Unſchuld iſt ein Feſtkleid der Seele. Und es geht ihm wie jedem andern Feſtkleide, mit dem ihr den Koͤrper ſchmuͤckt: ihr ſchont und achtet es, ſo lange es rein und unbefleckt iſt. Es be⸗ koͤmmt den erſten verunſtaltenden Fleck; das ſchmerzt oder aͤrgert euch: indeß iſt's Einmal geſchehen, und ihr ſchont und achtet es weniger. Schon gleichguͤltiger ſeht ihr den zweyten Fleck, merkt kaum auf den dritten und vierten— und in kurzer Zeit iſt das ſchoͤne Feſtkleid ein verwor⸗ fener Lappen! „Aber konnte man den erſten Fleck nicht aus⸗ tilgen?“ Vielleicht! wenn man's verſtand, wenn man ſich Muͤhe gab, und vor Verdruß dazu kommen 8 Erſter Theil. 187 konnte. Und bey dem allen mußte man es doch ſehr geſchickt angreifen, wenn nicht, durch das Austilgen, die Farbe oder gar der Stoff leiden ſollte. Liebe gute Juͤnglinge und Maͤdchen, bewahret ihr das Feſtkleid eurer Seele, daß es rein und unbefleckt und euch immer werth bleibe. Es lohnt reichlich fuͤr allen angewandten Fleiß und Muͤhe. Denn, bey der angegebenen Aehnlichkeit mit dem Feſtkleide fuͤr den Koͤrper, hat es den groͤßern Vorzug: daß ihr euch darin unbeſchreiblich wohl befindet. Sonſt iſt man im Alltagskleide gewoͤhn⸗ lich leichter und froher, als im Feſtkleide: aber mit dieſem iſt's eine große Ausnahme. Unter ihm ſchlaͤgt das Herz ſo ruhig, ſitzt ſo viel Muth auf der Stirn, iſt das Auge ſo heiter, daß ihr's, wenn ihr ſeinen Werth recht kennt, um keinen Koͤnigspurpur vertauſchen werdet. Herrlich iſt es in glaͤnzender Weiße: aber bewahret es eben deß⸗ wegen um ſo viel mehr, je mehr es der kleinſte Fleck verunſtalten kann!— Ich habe oben abſichtlich zunaͤchſt von der Unſchuld des Juͤnglings geſprochen, und . 188 Paͤchter Martin. der Gefahr nicht erwaͤhnt, der das verungluckte Mädchen ausgeſetzt wird: durch Schmach und Schande an der Ruͤckkehr zur Tu⸗ gend gehindert, tiefer zum Laſter her⸗ abgeſtoßen zu werden; um den Vorwurf zu verhuͤten, daß ich den Sprachgebrauch durch Folgen vertheidigte, von denen er mitwirkende Urſache waͤre. Aber droht nicht dieſe Gefahr dem ungluͤcklichen Maͤdchen auch bey andern geſitteten, oder doch kultivierten Voͤlkern, bey denen dieſer Sprachgebrauch nicht iſt? Es iſt Ungerechtigkeit, es iſt Grauſamkeit und Unmenſchlichkeit, eine arme Gefallene als die groͤßte Verbrecherin zu behandeln, ihr die Ruͤckkehr zur Tugend zu erſchweren, und oft unmoͤglich zu machen!— Dos gebe ich zu; aber, arme Ungluͤckliche, wird dadurch eure Lage gebeſſert? Gott im Himmel, wenn die Tauſende auftreten ſollten, welche Furcht vor der Schande zum ſchrecklichſten Kindermorde verleitete, auf's Schaffot oder in's Irrhaus brachte; oder welche Gram uͤber ihren Verluſt in's fruͤhe Grab ſtuͤrzte; oder denen es ſo ging Erſter Theil. 189 wie der ungluͤcklichen Luiſe L½*— Ich muß euch die Geſchichte der ungluͤcklichen Luiſe L** erzaͤhlen, ſo weit ſie erzaͤhlbar iſt, denn es kom⸗ men Dinge vor, die das Gefuͤhl empoͤren, und fuͤr welche die geſittete Sprache keinen Aus⸗ druck hat. Paͤchter Martin. — XXVII. Geſchichte der ungluͤcklichen Luiſe 8**. 92 Tuiſe L** war die einzige Tochter eines wak⸗ kern Landgeiſtlichen, der ſie gemeinſchaftlich mit ſeinem braven Weibe zu allem Guten erzog, und den guten Samen, den er ausſtreute, gar lieblich gedeihen ſah. Wie f eute ſich das gluͤck⸗ liche Paar der lieben Tochter, die von Tage zu Tage ſchoͤnern Angeſichts, und noch ungleich ſchoͤnern Geiſtes und Herzens ward, und ihre Liebe ſo reichlich erwiederte! Denn das liebe Maͤdchen hatte keinen groͤßern Wunſch, als den: ihren Aeltern Freude zu machen; und es verging nicht leicht ein Tag, wo ſie ihren Wanſch nicht ganz, oder doch zum Theil, er⸗ reicht haͤtte. O du beſtes Weib, ſprach dann oft der Vater in Entzuͤckung zu ſeiner Marthe, der liebe Gott Erſter Theil. 191 hat uns in unſerm Kinde einen großen Keoßen Schatz gegeben! Ja wohl, Herzensvater, antwortete ſeine Marthe, ja wohl, einen großen Schatz, fuͤr den wir ihn nicht genug loben und danken koͤnnen! Und dabey weinten ſie dann oft die hellen Freudenthraͤnen dem lieben Gott zum Dankopfer. Luiſe hatte funfzehn gluͤckliche Jahre gelebt, als es dem Baron von KX*X einfiel, ſeinem Dorfe einen Beſuch zu machen, und bey dem Beſuche ſich in das ſchoͤne Landmaͤdchen zu verlieben. Er war nichts weniger als huͤbſch, aber er wußte durch Klugheit, gefaͤlliges Be⸗ tragen und Beredtſamkeit, dieſen Mangel zu erſetzen; lernte bald, wie das gute Maͤdchen geſinnt ſey, und was ſie gern hoͤre; ſprach mit ihr von Tugend, Freundſchaft, ſchoͤner Natur; that, dem Scheine nach, im Stillen, doch ſo, daß es Luiſe durch den Dritten erfahren mußte, den Armen viel Gutes: und ſtahl ſich ſo in ein edles, aber unerfahrnes Herz ein, das die Tugend zu lieben glaubte, wenn es den Baron liebte. 199 Paͤchter Martin. Doch wuͤrde der abſcheuliche Mann wahr⸗ ſcheinlich ſeine Abſicht nicht erreicht haben, wenn nicht zum Ungluͤck fuͤr Luiſen ihr war⸗ nender Vater geſtorben waͤre. Sie zog hier⸗ auf mit ihrer Mutter in eine kleine Landſtadt, ihrer Mutter Geburtsort, und beweinte den Tod ihres geliebten Vaters. Erſt nach Ver⸗ fluß von mehrern Wochen meldete ſich der Ba⸗ ron wieder, und vollendete da den Eindruck, den er auf ſie gemacht hatte, durch die innigſte Theilnehmung, die er an ihrem Schmerze und ihrem Verluſte zu nehmen ſchien, und durch die Lobesehebung, die er dem Verſtorbenen machte. Auch ihre Mutter wurde dadurch in der guten Meinung, die ſie von ihm hatte, beſtaͤrkt, glaubte nichts gewiſſers, als daß der Baron rechtliche Abſichten auf ihre Tochter haͤtte, ermunterte ihn deßhalb ſelbſt zur oͤftern Wiederholung ſeiner Beſuche und— beſchleu⸗ nigte ihr und ihrer Tochter Ungluͤck. Luiſe fiel. Bald darauf hatte der Baron eine wichtige Reiſe zu thun, und verſchwand. Ihre damalige Lage laͤßt ſich wohl nicht nachdruͤcklicher beſchreiben, als mit den Worten, mit Erſter Theil. 193 mit denen ſie ſie ſpaͤterhin ſelbſt beſchrieb:„Ich hatte kein Gebet mehr, als das um einen baldi⸗ gen Tod. Bey jedem Biſſen, den ich, von mei⸗ ner Mutter dazu beredet und faſt gezwungen, eſſen mußte, wuͤnſchte ich, daß er Gf enthalten moͤchte. Nie ſchlief ich eine Nacht laͤnger als eine Stunde, und weinte laut beym Erwachen, daß ich noch lebte. Seit acht Wochen trat ich zum erſten Male an's Fenſter, als ein Miſſethaͤ⸗ ter zum Gericht gefuͤhrt wurde, und, weiß Gott, wie herzlich ich wuͤnſchte, an ſeiner Stelle zu ſeyn!“ Sie gebar ein todtes Kind. Bald darauf ſtarb die einzige Freundin, die ihr uͤbrig geblie⸗ ben war, ihre Mutter; und Luiſe fuͤhlte ihren Tod zwiefach, weil ſie glaubte, ihn durch ihre Vergehung befoͤrdert zu haben. Und dennoch— o es iſt unglaublich, wie viel ein Menſch ertra⸗ gen kann!— blieb ſie leben, um noch mehr zu leiden. Ein Jahr verging, ehe ſie es wagte, wieder unter Menſchen zu gehen— um neue Kraͤnkun⸗ gen zu erdulden. Ihre ehemaligen Freundinnen flohen ſie, von vielen wurde ſie verſpottet, von 1. Theil. 13 194 Paͤchter Martin. vielen verachtet, von andern glaubte ſie ſich verachtet, und— was ſie am meiſten nieder⸗ beugte— junge Maͤnner, die ihr ſonſt mit Ach, tung begegnet hatten, machten ihr jetzt ohne Scheu, und ohne die geringſte Schonung, die entehrendſten Antraͤge; und von einem dieſer Elenden, dem ſie mit dem Reſte von ehemaligem Selbſtgefuͤhl zu antworten wagte, wie er's ver⸗ diente, wurde ſie ſchnell wieder durch ein hefti⸗ ges Lachen, und durch einen bittern Ausruf: Ich glaube gar, Mademoiſelle Exjungfer will die Tu⸗ gendhafte ſpielen! auf das empfindlichſte gede⸗ muͤthiget. Dieſen Kraͤnkungen zu entgehen, raffte ſie ihr geringes Vermoͤgen zuſammen, und ging nach B**, in Hoffnung, dort durch Naͤhen, Stik⸗ ken und andere weibliche Geſchicklichkeit ſich leich: ter zu ernaͤhren, oder auch im Nothfalle ſich als Magd zu vermiethen. Lange wollte ihr, aus Mangel an Bekanntſchaft, das erſte Mittel zur Erwerbung ihres Unterhalts nicht gelingen, und ſchon war ſie im Begriff das zweyte, freylich fuͤr ſie traurigere Mittel zu ergreifen, als ihr ein neuer * Gluͤcksſtern aufzugehen ſchien. Leider aber war „Erſter Theil. 195 es ein Komet, der nur auf eine kurze Zeit glaͤnzte, dann verſchwand, und— was man ſonſt den unſchuldigen Kometen nachſagte— Ungluͤck brachte. Ein Juͤngling ſchoͤn von Angeſicht und Wuchs, Eduard war ſein Name, lernte ſie kennen, nahm ſich der Verlaſſenen an, machte ihr, da ſie ſeine Geſchenke ausſchlug, Arbeit aus, die ihr uͤberreichlich bezahlt wurde, hatte ſo viel Klugheit und Selbſtuͤberwindung, ihr erſt nach Verfluß von einigen Wochen von Liebe zu ſpre⸗ chen, und nur mit langſamen abgemeſſenen Schritten zudringlicher zu werden. Und Luiſe war ſtark, und warum ſollte ich nicht ſagen war tugendhaft genug, ſich die fernern Beſuche des ſchoͤnen Juͤnglings zu verbitten, und, ſo oft er dennoch wiederkam, ihre Thuͤr verſchloſſen zu halten. Es vergingen Monate, ehe es ihm zum erſten Male wieder gelang, ſie zu uͤberraſchen— und welche Ueberraſchung! Mit dem Anſcheine der tiefgefuͤhlteſten Reue flehte er wegen vormali⸗ ger Zudringlichkeit um Verzeihung, geſtand, daß er ſich dadurch ihrer unwuͤrdig gemacht habe, betheuerte aber auch, daß er ſeiner Liebe nicht entſagen koͤnne, ohne ſeinem Leben zugleich mit 196 Paͤchter Martin. zu entſagen, und bat um ihre Hand, bat ſie, als Gattin(ſobald er ſeine Mutter vorbereitet, und ihre Einwilligung erhalten habe, die ſie ihm gewiß nicht verſagen werde, wenn ſie die Vor⸗ zuͤge und Tugend ſeiner Geliebten kennen gelernt haͤtte) das Gluͤck ſeines Lebens zu machen! Setzt euch in ihre Lage, wie wuͤrdet ihr gehandelt haben? Sie ſo arm, und ein reicher Juͤngling warb um ihre Hand; der erſte Freund, den ſie in ihrem Ungluͤck wieder gefunden hatte; der ſich ſo brav der Verlaſſenen annahm; ſie frey⸗ lich wohl durch ſeine ehemalige Zudringlichkeit einmal beleidigt hatte— was ihr Herz aber ſo gern und willig mit dem Feuer ſeiner Liebe ent⸗ ſchuldigte; ein Juͤngling, der ſo liebenswuͤrdig war, und— das wichtigſte!— den ſie ſelbſt ſo liebenswuͤrdig fand, und laͤngſt ſchon, obgleich mit widerſprechender Vernunft, geliebt hatte.— Wuͤrde unter Hunderten in ihrer Lage Eine ge⸗ weſen ſeyn, die ſich dem ſchoͤnen Juͤnglinge nicht in die Arme geworfen haͤtte? unter Tauſenden Eine, die in dem Augenblicke zitternd an ihre Unſchuld gedacht haͤtte, und ungewiß geweſen waͤre: ob es erlaubt ſey ihre Schuld zu verheh⸗ Erſter Theil. 197 len? Und unter Zehntauſenden Eine, die im Stande geweſen waͤre, das traurigſte und demuͤ⸗ thigendſte Geſtaͤndniß ihrer Schuld ſelbſt abzule⸗ gen, ſich ſelbſt dadurch der Gefahr auszuſetzen, mit einem Male Liebe und Gluͤck zu verſcherzen? Das that Luiſe! Und Gott verdamme den Buben, der die ſeltene Ehrlichkeit auf das ſchaͤnd⸗ lichſte mißbrauchen konnte! Der Bube war Eduard. Er hoͤrte oder viel⸗ mehr las Luiſens Geſtaͤndniß, troͤſtete ſie wegen ihres Ungluͤcks, unterſchied zwiſchen aͤußerer Unſchuld und innerer Tugend, wiederholte ſein Verſprechen, und bat Luiſen nur: ihre zeitherige Arbeit fuͤr Fremde aufzugeben, und noch eine Zeit lang in einer beſſern Wohnung mit mehr Gemaͤchlichkeit zu leben, damit ſeine, im Grunde herzensgute, nur etwas eitele Mutter, bey ge⸗ machter Entdeckung nicht an der abſchreckenden Außenſeite der Duͤrftigkeit Anſtoß faͤnde. Ihr koͤnnt leicht denken, daß Luiſe kein Be⸗ denken fand, dieſen Wunſch ihres edeln lieben Eduards zu erfuͤllen, koͤnnt aber auch leicht die Abſicht des edeln lieben Eduards errathen: warum er ihr Wohlleben ohne Arbeit gab. 198 Paͤchter Martin. Zwey Monate hatte Luiſe wieder froh, wie in ihrer erſten Kindheit, und froher noch verlebt, als Eduard, des Zauderns muͤde, eines Abends jauchzend mit der frohen Nachricht kam: daß er ſeiner Mutter Einwilligung erhalten haͤtte!„Er ſolle ſich mit ihr trauen laſſen, und ihr dann die liebe Tochter auf ihr Landgut bringen!“— „Und nun,“ jauchzte er fort,„meine Luiſe iſt uͤber alle Grimaſſe erhaben— morgen wird ſie mir angetraut— und heute— Wein her!— heute mußt du eins mit mir trinken, heute feiern wir Verloͤbniß! Morgen mein Weib— So betrog ſie der Bube im Rauſche der Freude. Am folgenden Tage kam er mit truͤber Miene: weil ſeine Mutter ihm geſchrieben, daß er die Trauung verſchieben ſolle, bis ſie ſelbſt nach B** kaͤme. Luiſe erſchrak, fing an miß⸗ trauiſch zu werden, widerſtand ſeinen neuen An⸗ griffen, betheuerte ihm mit Feſtigkeit, daß ſie ihr geſtriges Vergehen nicht wiederholen werde: da warf der Verfuͤhrer ſeine Maske ab, und erſchien in ſeine wahren Geſtalt— ein Teufel. „Luiſe,“ ſprach er,„ſey klug und fordere keine Unmoͤglichkeit. Wie koͤnnte ich, ohne den Erſter Theil. 199 Verſtand verloren zu haben, an eine Heirath mit dir denken? Laß den Traum von Tugend fahren, aus dem dich ſchon der Baron hat wecken ſollen, genieße mit mir; du ſollſt es beſſer haben als tau⸗ ſend Verheirathete.“ Ich lege die Feder nieder, und wage den Verſuch nicht, Luiſens erſte ſchreckliche Empfin⸗ dung zu ſchildern. 3 Ihre erſte That nach wieder erlangter Beſin: nungskraft war: daß ſie dem Betruͤger alle ſeine Geſchenke zuruͤck ſchickte, und ihre Wirthin bat, ihr bey irgend einer Herrſchaft einen ertraͤglichen Dienſt auszumachen.„Herzlich gern, antwor⸗ tete die Wirthin:„nur werden Mamſel die Guͤ⸗ tigkeit haben, mir die ruͤckſtaͤndige Miethe abzu⸗ tragen!“ und forderte eine Summe, die Luiſe, und wenn ſie alles was ſie hatte zu Gelde machte, kaum bezahlen konnte. Ich will bezahlen, ſchluchzte ſie, taumelte nach dem Fenſter, und blickte ſtarr zum Himmel auf. Lange hatte ſie ohne Beſinnung da geſtan⸗ den, als ſie auf der Straße ihren Namen nennen hoͤrte. Sie blickte hinab, und in zwey Minuten lag eine ihrer Jugendfreundinnen in ihren Armen. 200 Paͤchter Martin. „Luiſe, Herzensluiſe, wie koͤmmſt du hierher? und warum ſo traurig? Die Ungluͤckliche, die ſich ſeit drey Jahren zum erſten Male wieder von einer Freundin lieb⸗ reich behandelt ſah, und zu einer Zeit, wo ſie von allen Menſchen verlaſſen war, erleichterte ihr Herz in den Armen der Freundin„entdeckte ihr ihre ganze traurige Lage, und alles was ſie iln die traurige Lage gebracht haͤtte. Freundin Hannchen bezeigte ihr ſo viel Mit⸗ leid und Theilnehmung, als ſie— nun ſchon ins dritte Jahr erklaͤrte Luſtdirne— nur faͤhig war, erwiederte hierauf ihr Zutrauen mit gleicher Of⸗ fenherzigkeit, erzaͤhlte ihr: wie ſie daſſelbe Schick⸗ ſal gehabt, aber mit ihrer gluͤcklichen Blutp hi⸗ loſophie, wie ſie es nannte, ſich in den Welt⸗ lauf geſchickt, und mit den Froͤhlichen wieder ge⸗ lacht haͤtte, da dieſe nicht mit ihr haͤtten weinen, und noch weniger ihr helfen wollen.„Und da waͤre nun mein Rath.“ fuhr ſie fort,„du mach⸗ teſt es auch ſo. Was hilft's, ſich die Haare aus⸗ reißen? Dadurch wird's nicht beſſer. Komm mit mir, Herzensmaͤdel; Frau Haug bezahlt deine Miethe, und ich lehre dich wieder froh ſeyn!“ Sreſter Theil. 201 Nimmermehr, nimmermehr! antwortete Luiſe mit gluͤhendem Unwillen; lieber ſterben, lieber mich ſelbſt umbringen! „Nein, gute Luiſe, das waͤre offenbar Suͤnde. Ob's auch Suͤnde iſt, ſo zu leben, wie ich lebe, das weiß ich nicht. Aber waͤr's auch: ſo moͤgen es die Schurken verantworten, die uns dazu gebracht haben. Denn ſage ſelbſt, was bleibt dir ſonſt uͤbrig? Willſt du Magd werden? Denke wie dir das ſchmecken wird, da du vorher ſo gut, und ohne Arbeit gelebt haſt. Und die Frage noch: ob man dich als Magd aufnimmt? Einmal haſt du deinen Credit verloren, und bekoͤmmſt ihn nimmer wieder. Lebe keuſch, wie die Suſanna; es glaubt dir's doch niemand. Schmach und Spott folgt dir auf dem Fuße nach, und die ſpotten und ſchmaͤhen am meiſten, die es am we⸗ nigſten Urſache haben. An eine Heirath iſt nicht zu denken:— denn gerade die groͤßten Suͤnder unter den Maͤnnern verzeihen es uns am wenigſten, daß wir uns haben von ihnen verfuͤhren laſſen. Und was nun fuͤr Ausſicht? Liebe Luiſe, laß uns die Maͤnner behandeln wie ſie's verdienen!— Ich wette drauf, daß der Schurke, der dich ver⸗ 202 Paͤchter Martin. fuͤhrte, mit deiner Wirthin unter Einer Decke ſpielt. Ganz gewiß hofft er, daß du durch Armuth gezwungen, dich wie⸗ der in ſeine Arme werfen follſt.“ Dieß wirkte. Raͤchen wollte ſie ſich, die Be⸗ trogene, an dem Betruͤger, und ſtrafte ſich ſelbſt. Frau Haug bezahlte ihre Schuld, nahm ſie freundlich auf, brachte durch erhitzende Getraͤnke ihr Blut noch mehr in Wallung, und uͤberlieferte ſie ſo einem reichen Wolluͤſtlinge.— Sie erwachte, und die Geſchichte des geſtrigen Tages ſchien ihr ein Traum. Aber jetzt fiel ihr Auge auf den ſchlafenden Wuͤſtling an ihrer Seite, und da war ihr, als ſaͤhe ſie ihren Vater und ihre Mutter vor ſich ſtehen, und hoͤrte, wie dieſe laut um die verlorne Tochter weine, und jener ſie verfluche. In wilder Verzweiflung ſprang ſie von ihrem Lager auf, wollte niederknieen vor ihren Aeltern: aber beide verſchwanden. Halb angekleidet, wie ſie war, und mit fliegenden Haaren, ſprang ſie zur Thuͤr hinaus, und rennte wahnſinnig durch einige Straßen. Es war fruͤher Morgen: alles ſchlief noch. Nur ein Prediger, der eben aus ſeinem Hauſe heraus ging, ſtieß ihr auf. Erſter Theil. 20G Sie blieb ſtehen, ſtarrte ihn an, ſank dann mit grauſendem Aufruf: Erbarmen und Tod! um Gottes willen Erbarmen und Tod! vor ihm nieder, und blieh leblos liegen. Der Prediger war und handelte, wie jeder Lehrer der Religion der Menſchenliebe ſeyn und handeln ſollte. Er brachte die Ungluͤckliche in ſein Haus, ſchickte eilig zum Arzte, half ſelbſt ſo viel er konnte, und ſprach ihr bey ihrem Wiederaufleben ſo liebreich zu, verbot ihr ſo paͤterlich alles Sprechen, bis ſie ſich mehr erholt haͤtte, daß ſie bald mit Zutrauen zu ihm auf⸗ blickte, in ſanfterer Stimmung ihrem gepreßten Herzen durch einen Strom von Thraͤnen Luft machen konnte, und ihm dann eine Beichte ablegte, dergleichen er in ſeinem Amte noch nicht gehoͤrt hatte. Sie klagte nicht ihre Ver⸗ fuͤhrer, ſie klagte ſich ſelbſt an, verzweifelte um ſo mehr an Gottes Gnade, da ſelbſt ihr Vater ſie verdammt, ein 4 ſonſt ſo liebevoller Vater ſein eigenes Kind verflucht haͤtte. Dennoch gelang es dem, eben ſo weiſen als menſchen⸗ freundlichen Prediger, der Verzweifelnden wie⸗ der Hoffnung und Muth einzufloͤßen; und da 204 Paͤchter Martin. er bey naͤherer Erkundigung ihre Ausſage durch⸗ aus beſtaͤtigt fand, ſo konnte kein Vater mit groͤßerer Zaͤrtlichkeit ſich ſeines Kindes anneh⸗ men, als der edle Mann ſich der Ungluͤcklichen annahm. Seine Gattin war des edeln Man⸗ nes wuͤrdig; auch ſie behandelte die Ungluͤckliche mit muͤtterlicher Liebe; und Luiſens Dankbar⸗ keit gegen ihre Wohlthaͤter kannte keine Graͤnze. Es war ruͤhrend, wie ſie, kaum im Stande von ihrem Krankenlager aufzuſtehen, zur Arbeit eilte, ihre Schwaͤche verbarg, um arbeiten zu duͤrfen, und ſich nur darum Kraft wuͤnſchte, um ſie zum Dienſt ihrer Wohlthaͤter verwenden zu koͤnnen. Aber ihre Kraft wollte nicht zuruͤck⸗ kehren. Schamhaftigkeit und Unwiſſenheit ließen ſie einen zuruͤck gebliebenen empfindlichen Schmerz — die Folge der Nacht, welche ſie in den Ar⸗ men eines beſtraften Wolluͤſtlings zugebracht hatte— verbergen, und das verborgene Uebel fraß um ſich, und Liebe Leſer und Leſerinnen, ich vermag es nicht, euch den letzten Theil der Lebensgeſchichte 4 Erſter Theil. 205 der unbeſchreiblich ungluͤcklichen Luiſe ſo nachzu⸗ erzaͤhlen, wie ich ihn ſchaudernd gehoͤrt habe. Ihr koͤnnt euch keinen ſchrecklichern Tod denken, als der war, den die ungluͤckliche Luiſe ſtarb. 206 Paͤchter Martin. XXVIII. An Maͤdchen und Juüͤnglinge. Nachrede uͤber No. XXVII. 3„Liebe Maͤdchen, habt herzliches Mitleid mit einer ungluͤcklichen Schweſter, die in einer unbe⸗ wachten Stunde verlor, was keine Reue und keine Thraͤnen zuruͤck bringen koͤnnen. Vielleicht fiel ſie verfuͤhrt, wie Luſſe, vielleicht litt ſie wie dieſe; auf alle Faͤlle iſt ſie eine Ungluͤckliche— und wahrlich die muß am Kopfe oder am Herzen oder an beyden zugleich verwahrloſet, gar ſehr verwahrloſet ſeyn, die die Leiden einer ſolchen Un⸗ gluͤcklichen vermehren, ihr mit Geringſchaͤtzung, oder gar mit Verachtung und Spott, begegnen kann! Waͤhnt ja nicht: daß man eure ſtolze Verachtung fuͤr Tugendliebe halten werde. Wahre Tugend bruͤſtet ſich nicht, verachtet den Schwaͤ⸗ chern nicht, iſt vielmehr ſchonend und duldend. Und gerade vom Weibe erwartet man dieſe Scho⸗ 3 Erſter Theil. 20„ nung, Duldung und Mitleid am erſten. Ein hartherziges, grauſames Weib iſt ein Ungeheuer. Nur die freche Buhlerin verdient eure Gering⸗ ſchaͤtzung; doch Wehe denen, die einer Fehlenden die Ruͤckkehr zur Tugend erſchwerten, und ihre Reue in Verzweifelung wandelten! Ihr aber, liebe Maͤdchen, mit ſanfter weib⸗ licher Herzensguͤte, wachet uͤber euch ſelbſt, daß ihr gleiches trauriges Mitleid nicht beduͤrft. Bey der Ruhe eures Herzens, bey eurer Liebe fuͤr die Tugend, bey der Gluͤckſeligkeit eures Le⸗ bens, bewahrt eure Unſchuld! Schamhaftigkeit iſt eurer Unſchuld Schutzgeiſt; beleidigt ihn nie, daß er nie von euch weiche. Der Mann, der ungeſtraft den erſten Angriff auf eure Schamhaf⸗ tigkeit wagen durfte, bedarf bloß einer guten Ge⸗ legenheit, um alles zu wagen und alles zu errei⸗ chen. Du aber, Juͤngling, der du noch nicht allen Sinn fuͤr Tugend und Menſchheit verloren haſt, koͤnnteſt du den Gedanken ertragen, an dem ſchrecklichen Schickſale einer Luiſe LN* Schuld zu ſeyn? 208 Paͤchter Martin. Iſt's nicht die ſchwaͤrzeſte That, das Maͤd⸗ chen, das dich liebte, der Schande, der Verach⸗ tung, dem Laſter, dem fuͤrchterlichſten Elende Preis zu geben? Vater zu ſeyn, und dein Kind zu verſtoßen? die Mutter vielleicht zur Moͤrde⸗ rin dieſes Kindes— deines und ihres Kindes zu machen? Oder ſcheint dir's minder ſchlechte That, die Verheirathete zur Treuloſigkeit zu verfuͤhren, haͤusliche Ruhe und Familiengluͤckſeligkeit zu untergraben? vielleicht dem Manne Freundſchaft zu heucheln, um ihn auf die empfindlichſte Art zu beleidigen?*) Nuͤß⸗ *)) Es giebt gewiß wenig Maͤnner, die nicht die Verfuͤhrung ihres Weibes fuͤr die groͤßte Belei⸗ digung hielten, welche ihnen nur wiederfahren koͤnnte, und denen nicht bey einer ſolchen Beleidi⸗ gung das Blut in den Adern kochte. Und wahr⸗ lich es iſt auch keine geringe Beleidigung. Wer mir mein Haus anzuͤndete, mich zum Bettler machte, dem koͤnnte ich eher verzeihen, als dem Buben, der mich um die Liebe meines Weibes braͤchte, ſie, die Mutter meiner Kinder, zur Unkeuſchheit, ſie, meine trauteſte Freundin, zum Betruge gegen mich Erſter Theil. 209 Muͤßteſt du dich aber nicht ſelbſt verachten, wenn du in den Armen einer feilen Dirne, die mit Thiergenuß, den ſie Liebe nennt, Wucher treibt, deine Menſchenwuͤrde verlaͤugnen koͤnn⸗ teſt? verleitete.— Es iſt doch, traun, nicht recht, daß Volkslehrer unter geſitteten Voͤlkern— das 4 ſind doch, denk' ich, die Schriftſteller— den jun⸗ die Verfuͤhrung eines ehrlichen Weibes, die aͤrgſte Beleidigung eines ehrlichen Mannes, die Vernich⸗ tung von Gatten⸗ und Vaterfreuden, die Verletzung ohne deſſen Heiligkeit es gewiß um unſere Sitten und Gluͤckſeligkeit weit ſchlechter ſtehen wuͤrde, als es jetzt ſtehen mag, als eine aͤußerſt unbedeutende Handlung abmahlen, den Betrogenen wohl gar verlachen und dem Berruͤger Beyfall klatſchen. Und wie muß es um die Sittlichkeit eines Volkes ſtehen, bey welchem(wenigſtens auf offentlichen Buͤhnen) ſogar dem Schurken Beyfal geklatſcht wird, der unter der Maske der Freundſchaft den Mann betrog, und ſein Weib verfuhrte! 1. Theil. 2 14 gen Wuͤſtling ſelbſt zum Ehebruch ermuntern, ihm der Treue, die Entheiligung eines Buͤndniſſes, 210 Paͤchter Marsin. XXIX. Die Schreibetafel. „„Ich bin, außer andern verliehenen und nicht zuruͤck erhaltenen Sachen, wenigſtens um 150 Buͤcher gekommen; und das Schlimmſte dabey iſt, daß mir betraͤchtliche Werke durch den Ver⸗ luſt einzelner Theile minder werth und brauchbar geworden ſind. Gewoͤhnlich war es ein guter Freund, der mir das Buch nur auf einige Tage abborgte. Aus den einigen Tagen wurden aber Monate; der gute Freund gab das Buch wieder einem andern guten Freunde, oder ließ es unter ſeinen eigenen Buͤchern ruhen, vergaß mit der Zeit, von wem er es erhalten, und ich vergaß, wem ich es gegeben hatte— mein Buch kam nicht wieder. Jetzt nicht mißtrauiſch, aber vor⸗ ſichtiger als ſonſt, ſchreibe ich auf, was? und an wen ich etwas verlieh, und haͤtte ich es auch dem beſten Freunde, und nur auf Einen Tag, Erſter Theil. 211 verliehen. Denn ich erweiſe meinem Freunde gewiß ſelbſt einen Dienſt, wenn ich ihn, im Falle, daß er vergaß: an wen er das, was er gern zuruͤck geben wollte, zuruͤck zu geben habe? aus der Verlegenheit reiße. Jeh wenigſtens wuͤrde gewiß in der groͤßten Verlegenheit ſeyn, wenn ich unter dem Meinigen etwas faͤnde, wo⸗ von ich zwar wuͤßte, daß es nicht mein ſey, aber nicht wuͤßte, an wen ich es zuruͤck geben ſollte. Lieber wuͤrde ich ſelbſt einen Verluſt von zehn Mal groͤßerem Werthe erleiden. Und das wird das Gefuͤhl eines jeden ehrlichen Mannes ſeyn. Und wie? wenn der Herr der Sache, die ich von ihm geliehen und vergeſſen haͤtte, zu hoͤflich waͤre, um ſie von mir zuruͤck zu ſordern, aber zugleich auch ſo argwoͤhniſch, daß er Mißtrauen in meine Ehrlichkeit ſetzte? Wie? wenn er ſei⸗ nen Verluſt einem andern Freunde klagte, und der Zufall wollte, daß dieſer Andere, was beſonders bey Buͤchern ſo leicht moͤglich iſt, die⸗ ſelbe unangenehme Erfahrung mit mir gemacht haͤtte; kann dann meine Ehre nicht auf das empfindlichſte gekraͤnkt werden? So ging es einem gewiſſen Brandis. In einem kleinen 212 Paͤchter Martin. Zirkel von guten Freunden und Bekannten fiel die Rede auf's Spiel und Spielſchulden.„Ich bleibe im Spiele niemanden etwas ſchuldig,“ fing A. an,„aber ich laſſe mir auch nicht gern ſchuldig bleiben; denn es wird ſo leicht vergeſſen.“ Wohl wahr, verſetzte B., ich habe das noch juͤngſt erfahren mit einem gewiſſen Herrn S. B. A. Eben mit einem gewiſſen S. B. iſt mir's auch ſo gegangen. C. Doch nicht Sekretaͤr Brandis? A. Sie haben ihn errathen. B. Denſelben meine ich auch. Doch— keinen Gebrauch davon zu machen! Es iſt eine Kleinigkeit, die er vergeſſen hat, und der ich auch nicht erwaͤhnt haben wuͤrde, wenn nicht eben das Geſpraͤch darauf gekommen waͤre. A. Ja wohl! denn Brandis iſt der ehrlichſte Mann, nur ein wenig vergeſſen. C. Aber vergeſſen iſt er ſehr. So mußte ich neulich eine kleine Auslage in Geſellſchaft fuͤr ihn machen, weil er eben kein klein Geld bey ſich hatte, und niemand wechſeln konnte. Wer's aber vergeſſen hat, das iſt Brandis. Erſter Theil. 213 D. Das iſt auffallend! Mir geht's auch ſo mit ihm. Seit Jahr und Tag habe ich ihm ein paar Buͤcher geliehen, und noch nicht zuruͤck erhalten. A. bis D., und noch drey andere, die an der Unterredung Theil nahmen, wetteiferten ihren Glauben an des Brandis Ehrlichkeit durch Worte zu bezeugen, und doch war vielleicht unter allen ſieben keiner der wirklich noch dran glaubte. Ich erfuhr nach einigen Tagen, wo wahrſcheinlich ſchon hundert andere davon gehoͤrt hatten, den Inhalt dieſer Unterredung; erin⸗ nerte mich, daß Brandis mir ſchon vor einiger Zeit klagte: daß er den Eigenthuͤmer von zwey erborgten Buͤchern vergeſſen, und deßwegen die Buͤcher in das Fenſter ſeines Beſuchzimmers gelegt habe, ob vielleicht ein Freund ihm den Eigenthumer nennen koͤnne; ich wußte mit voller Ueberzeugung, daß Brandis der ehrlichſte Mann ſey, und hielt es fuͤr Pflicht ihm das Gehoͤrte zu erzaͤhlen. Ich fand die Buͤcher noch auf dem alten Flecke liegen, und ſie gehoͤrten wirklich dem Herrn D. Auch an die Schuldforderung des B. und C. erinnerte er ſich, und dem A. geſtand er ſeine Forderung ein, ob er gleich nicht im Stande Paͤchter Martin. 214 war, ſich darauf zu beſinnen. Natuͤrlich eilte er nun ſo ſehr er konnte, den Herrn A. bis D. das Ihrige zuruͤck zu geben: aber konnte er damit allen Verdacht ausloͤſchen? O wie gern haͤtte er tauſendfach gegeben, wenn er den Vorfall dadurch haͤtte ungeſchehen machen koͤnnen! Er mußte fuͤr ſeine Vergeſſenheit bittrer buͤßen, als vielleicht mancher Betruͤger fuͤr beabſichtigte Unredlichkeit. Dieſe bittere Empfindung wuͤrde er ſich erſpart haben, wenn er ſich weniger auf ſein Gedaͤchtniß verlaſſen, das Geliehene eben ſo puͤnktlich, und noch puͤnktlicher, als das Verliehene, aufgeſchrie ben haͤtte. Ehrenſache iſt es auch fuͤr den Biedermann: mit Wort und Zuſage haushaͤlteriſch umzugehen, wie ein guter Wirth mit ſeinem Gelde. Vermeide leichtſinniges Verſprechen eben ſo ſehr als unnoͤ⸗ thige Ausgaben. Verſprechen macht Schuld. Borge nicht, ohne zu wiſſen wovon du es wieder bezahlen kannſt, und verſprich nicht, was du nicht im Stande biſt zu halten: haſt du aber Ein⸗ mal verſprochen, ſo biſt du eben ſo ſchuldig das Verſprechen zu leiſten, als das Geborgte wieder zu bezahlen, wenn du anders ein ehrlicher Mann Erſter Theil. 215 bleiben willſt. Moͤglich iſt es freylich, daß auch der ehrlichſte Mann durch Ungluͤcksfaͤlle an Be: zahlung ſeiner Schuld, und eben ſo moͤglich, daß er an Erfuͤllung des gegebenen Worts verhindert werde: aber in beiden Faͤllen iſt es dann Pflicht, ſich bey ſeinem Glaͤubiger zu entſchuldigen. Un⸗ verzeihlich waͤre es, wenn der Schuldner die Nichtbezahlung ſeiner Schuld mit Vergeſſenheit 8 entſchuldigen wollte; und ſo ſchaͤme ſich dann der ganz ehrliche Mann, auch das gebrochene Wort damit zu entſchuldigen. Darum verlaſſe er ſich weniger auf ſein Gedaͤchtniß, damit er nicht, von ihm verlaſſen, vor andern, und mehr noch vor ſich ſelbſt, mit Schimpf und Schande beſtehe. Und ſo wie kleinere Schulden leichter als groͤßere vergeſſen werden, und doch im Wiederholungs⸗ falle— denke an Brandis!— unſrer Ehre nach⸗ theilig werden koͤnnen, ſo verhaͤlt ſich's auch mit kleinern Verſprechen. — Ich habe dem Nachtwaͤchter Huͤllen ver⸗ ſprochen, kuͤnftigen Sonnabend um fuͤnf Uhr zu ihm zu kommen, um ihm zum Bau ſeiner Huͤtte guten Rath zu geben. Und ſiehe! da ſteht ſchon in meiner Schreibetafel: Sonnabend 5 Uhr 216 Paͤchter Martin. Huͤlle. Und zur beſtimmten Stunde bin ich entweder bey ihm, oder, wuͤrde ich wirklich ver⸗ hindert zu kommen, ſo entſchuldige ich mich beym Nachtwaͤchter eben ſo puͤnktlich, als wenn ich mein Wort einem Miniſter nicht haͤtte halten koͤnnen.— O es iſt keine kleine Ehre als Ma un von Wort anerkannt zu werden! Und es ſteht in unſrer Gewalt, ung die Ehre zu erwerben; zwie⸗ fache Schande dem„ der ſich leichtſinnig drum bringt! Schluͤßlich iſt es Gewinn an Zeit, Geld und Arbeit, und alles geraͤth beſſer, wenn man alles zu rechter Zeit thut. Veit Muͤller wollte im vori⸗ 4 gen Sommer ſeinen Ofen ausbeſſern laſfen: aber er brauchte ja den Ofen im Sommer nicht, und ſo vergaß er die Ausbeſſerung. Der Winter uͤberfiel ihn, und er mußte im Rauche ſitzen, und aus dem kleinern Schaden wurde ein groͤßerer. Jetzt koſtet ihm ſeine Vergeſſenheit einen neuen Ofen.— Da iſt ein Ziegel auf dem Dache uͤber dem Heuboden aus ſeiner Lage gekommen. Laſſ' ich ihn nicht gleich einrichten, ſo werden bald ſeine naͤchſten Nachbarn mit leiden, und ſo habe Erſter Theil. 21„ ich fuͤr Einen Kranken ihrer fuͤnf, ſechſe. Unver⸗ muthet kommt ein Regenguß, und das Waſſer beſchaͤdigt mir mein Heu. Laſſe ich alſo lieber meinen Ziegel gleich wieder einrichten, wie ich den Schaden bemerkt habe. Heute Mittag ſchicke ich zum Dachdecker. Ich werde das wahrſchein⸗ lich nicht vergeſſen, wenn ich's auch nicht ein⸗ ſchreibe: aber es koſtet auch gar keine Muͤhe das Wort Ziegel in meine Schreibetafel einzuſchrei⸗ ben. Nun ſo ſchreibe ich's ein, und vergeſſe es dann gewiß nicht.““ Paͤchter Martin. XXX. An Maͤdchen, welche glüuͤckliche Weiber werden wollen. Liebe Maͤdchen, wollt ihr gluͤcklice Weiber werden, ſo leat ja mit dem Brautkleide die Schamhaftigkeit nicht ab: denn ſie iſt ein koͤſt⸗ licher Schmuck fuͤr das Weib, wie fuͤr die Jungfrau, und liegt ein Zauber darin, der jedem Kuſſe Wuͤrze, und der Liebe lange Dauer giebt! Wundre dich nicht, junges Weib⸗ chen, daß die feurige Liebe deines Mannes ſchon in den erſten Flitterwochen der Ehe erkal⸗ tete: du haſt deinen bezaubernden Schmuck abgelegt. Er liebte ein ſchamhaftes Maͤd⸗ chen, und hat nun ein ſchamloſes Weib erhalten. Wundere dich nicht, daß er bey dei⸗ nem Kuſſe gaͤhnt: ihm fehlt die Wuͤrze. Auch wollte ich euch wohl rathen, euch als Braͤute in Anſehung des Hochzeittages nicht Erſter Theil. 219 f zu verrechnen— nicht zu fruͤh zu freygebig zu ſeyn. Ich will euch dieſen guten Rath nicht mit einer Vorleſung uͤber die Kirchenord⸗ nung unterſtuͤtzen: denn euer Braͤutigam moͤchte leicht in einer Gegenvorleſung beredter als ich ſeyn. Auch will ich euch nicht erzaͤhlen, daßs man den Fall erlebt habe, daß ein Braͤutigam vor der Trauung geſtorben ſey; denn welche Braut wird an den Tod, oder gar an den Tod ihres Braͤutigams, denken wollen? Nicht ein⸗ mal das will ich als Grund fuͤr meinen guten Rath brauchen, was doch die Erfahrung gar oft beſtaͤtigt haben ſoll: daß nehmlich der — Mann, der aus der Hand des kleinen fuatter⸗ haften Liebesgottes erhielt, was von Nechts wegen nur ſein alterer verſtaͤndiger Bruder geben ſollte, leicht in Verſuchung komme, den aͤlteren Bruder zu umgehen; denn ihr wuͤrdet mir gleich einwenden— was freylich jede ge⸗ taͤuſchte Braut vor euch ſchon eingewendet 4 haben ſoll:— daß, wenn auch alle Liebhaber treulos wuͤrden, doch der Eurige, der euch äbber alles liebt, ſolcher Treuloſigkeit nicht faͤhig waͤre. 220 Paͤchter Martin. Aber das will ich euch ſagen: Haltet ihr meinen erſten Rath fuͤr gut, ſo befolget auch den letztern, weil euch ohne dieſen die Be— folgung des erſten ſehr erſchwert wird. Der Mann, der vor der Ehe zu viel erhielt, for⸗ dert in der Ehe unbeſcheiden; und ihr habt euch des Rechts begeben, mit Anſtand zu verſagen. 88 Das wußte er nun ſchon; er glaubt ſich berechtigt mehr zu erforſchen, zu ſehen u. ſ. w. — will das ganze Buch mit Einem Male durchleſen. Es muß aber ein außerordent⸗ liches Buch ſeyn, das man zum zweyten Male mit gleichem Vergnuͤgen leſen ſoll. Gewoͤhn: lich ſteltt man's nach einmaligem Durchleſen in der Bibliothek auf, zum etwanigen Nach⸗ ſchlagen. Noch eins, liebe Maͤdchen. Der Him⸗ mel behuͤte euch vor eiferſuͤchtigen Ehemaͤn⸗ nern! Sie ſollen einem ehrlichen Weibe das Leben recht ſauer machen. Habt ihr indeß meinen Rath befolgt, ſo kann doch ſo ein . 8 3 Erſter Theil. 221 Grillenfaͤnger wenigſtens nicht auf die Grille kommen: die als Braut gegen ihn 1 ſchwach geweſen waͤrve, duͤrfte es als Weib leicht auch gegen einen andern ſeyn. 2 3 Paͤchter Martin. O— . XXXI. Ein Abend.Iie d.*) Die Ruhe ſenkt ſich wieder Auf unſre Erde nieder In ſtiller dunkler Nacht. Mit ungezaͤhlten Leiden, Und ungezaͤhlten Freuden Iſt abermals ein Tag vollbracht. Mir ſind des Tages Stunden Nicht freudenleer verſchwunden. Mit lieber Vaterhand Haſt du mich, Herr, geleitet, Die Freuden mir bereitet, Die ich an dieſem Tage fand. *) Singt ſich am beſten an ſolchen Abenden, wo nach der Frage: Was thatſt du heute? das Herz ruhigen Schlag behaͤlt. Ich ſinge es auf die Melodie eines alten, gluͤcklich vergeſſenen Lie⸗ des: Nun ruhen alle Waͤlder ꝛc. Erſter Theil. Drum preiſ' ich deine Guͤte Mit dankendem Gemuͤthe, Und herzlichem Geſang. 1. Was du mir haſt gegeben— Mein ganzes kuͤnft ges Leben Sey dir geweihter frommer Dank! Hab' ich gefehlt: verzeihe Dem Sterblichen, verleihe Zur Beßrung Kraft und Muth! Auch ich will Schuld erlaſſen, Will Feinden, die mich haſſen, Verzeihen chriſtlich⸗ fromm und gut. Gieb jetzt zu neuen Kraͤften In nuͤtzlichen Geſchaͤften Des Schlafes Wohlthat mir! Mein Vater, ich empfehle Mein Leben, Leib und Seeſe, Und alle meine Lieben dir. Erquickung allen, denen Das Schickſal heiße Thraͤnen 224 Paͤchter Martin. Zu ihrem Looſe gab! Gott lindre jeden Kummer, Und gieße ſanften Schlummer Auf jeden Leidenden herab! So ſchlaf' ich dann in Frieden. Wie labend iſt dem Muͤden Die Ruh' in ſtiller Nacht! Sey einſt der Feierabend Des Lebens mir ſo labend, Wenn alle Arbeit iſt vollbracht! Erſter Theil. — XXXII. Morgenlied.) In Morgenroth gekleidet, Beginnt ſie ihren Lauf, Die ſchoͤne große Sonne, Wie herrlich geht ſie auf! *) Es muß freylich viel zuſammen kommen, um dieß Morgenliedchen, ſo ſimpel es auch iſt, recht ſingen zu koͤnnen. Ihr erwacht an einem ſchoͤnen Fruͤhlings⸗ oder Sommermorgen geſund und munter vor Sonnenaufgang, ſteht flugs und froͤhlich auf, geht hinaus in's Freye, fuͤhlt recht lebhaft des Morgens Schoͤne, denkt dabey: daß es der liebe Gott ſo ſchoͤn gemacht, und euch Sinn dafuͤr gegeben habe; fuͤhlt dann Trieb in das Morgenlied der Voͤgel einzuſingen: ſo moͤgt ihr, in Ermangelung eines beſſern, mit dem meinigen die aufgehende Sonne begruͤßen. Um die Melodie werdet ihr dann nicht verlegen ſeyn. 1. Theil. 226 Paͤchter Martin. Willkommen uns, willkommen, Des guten Gottes Bild! So groß und ſo erhaben, Und doch ſo ſanft und mild! Du weckſt zu neuem Leben Die ſchlummernde Natur, Und Wohlgeruͤche duften Auf blumenreicher Flur. Und alles, alles freuet Des neuen Lebens ſich. Auch du, mein Geiſt, erfreue Des neuen Lebens dich. Dank' ihm, dem Ewigguten, Mit frommen Lobgeſang! Singt Menſchen, meine Bruͤder, Singt eurem Schoͤpfer Dank! Zum Gluͤck von zweyen Welten Schuf er— der Vater euch. Und iſt die ſchoͤne Erde An Freuden ſchon ſo reich: Erſter Theil. Wie wird dereinſt ſein Himmel Fuͤr Eingeweihte ſeyn! Des Herzens Guͤte weihet Zu Gottes Himmel ein. Seyd gut, und reines Herzens. Gott, laß mich's immer ſeyn! So kann man ſich der Erde, Wie deines Himmels freun! ——— 2 27 Paͤchter Martin. XXXIII. Ein Lied, im Fruͤhling oder Sommer auf Bergen zu ſingen. Mel. Die Felder ſind nun alle leer, ꝛc. Schaut, lieben Freunde, weit und breit! Auf Bergen, wie im Thal, Iſt Freud' an Freude hingeſtreut, Und Schoͤnheit uͤberall! Seht hier ſo manches Bluͤmchen bluͤhn! — Es pflanzte die Natur.— Und da der Wieſe dunkles Gruͤn, Und dort die reiche Flur! Und ſtolz erhebt ſich Baum an Baum! ¹ Und oben ausgeſpannt Der große weite Himmelsraum!— — Noch unbekanntes Land. Erſter Theil. 229 Schaut her in Tiefen und auf Hoͤh'n, Auf Flur, und Feld und Wald— Fuͤhlt, was unnennbar iſt: Wie ſchoͤn Iſt unſers Gottes Welt! Schoͤn iſt ſie wie Elyſium,*) Und ſchoͤner wird ſie ſeyn, Wenn um euch her ſich ringsherum Durch euch Begluͤckte freun. Drum ſeyd und machet froh und gut, Reicht gern die Bruderhand Zur Huͤlfe— geht dann wohlgemuth In's unbekannte Land! *) Elyſium. So ſollen die Alten das ſchoͤne Land genennt haben, wohin einſt die Gerechten und Guten kaͤmen. „Das waren aber Heiden und Unchriſten.“ Doch war der Glaube an ein ſchöͤnes Land, wo aus allerley Volk wer Gott fuͤrchtet und recht thut ſein Plaͤtzchen finden werde, eben nicht unchriſtlich. Paͤchter Martia. G XXXIV. Warum ich vorſtehende drey Lieder habe abdrucken laſſen. I bin freylich kein Dichter, iſt mir auch alle Luſt vergangen, es zu werden, weil, wie mein Paſtor ſagt, heut zu Tage unter den Deutſchen gar zu viel zu einem Dichter erfordert wird. Wieland, meint er, und noch zwey oder drey andere, die man nach ihm nennen koͤnne, haͤtten den ganzen Spaß verdorben, und den Geſchmack der Deutſchen ſo verwoͤhnt, daß ſie gar keine gemeine Koſt mehr annehmen wollten. Warum ich nun aber demungeachtet vorſtehende drey Lie⸗ der habe abdrucken laſſen? das will ich euch ehr⸗ lich beantworten. 4 Ich kann manches Lied in und außer meinem Geſangbuche beym Leſen ſehr ſchoͤn finden, kann's aber dennoch nicht recht herzlich nachſingen. Es paßt entweder nicht ganz fuͤr meine dermalige Erſter Theil. 231 Lage, oder doch nicht zu den Vorſtellungen, die ich mir in Einfalt meines Herzens von dem lieben Gotte, und von des Menſchen Beſtimmung mache. Ich habe es alſo zuweilen verſucht aus dem Herzen zu ſingen, wie ich aus dem Herzen bete, und habe ein paar dieſer Lieder abdrucken laſſen, in der Hoffnung: daß doch vielleicht ein und der andere Leſer mir gleich denken und gleich empfinden, und dann in aͤhnlicher Lage mir eher als manchem eigentlichen Dichter nachſingen koͤnne. Ich glaube: daß kein Vater ſeine Kinder mehr lieben koͤnne als der liebe Gott ſeine Men⸗ ſchen liebt; daß er, bey allen unſern Thorheiten, dennoch nichts von Zorn und Strafe, ſondern nur von Beſſerungsmitteln wiſſe, und daß es des guten Vaters Wille ſey, daß ſeine Kinder recht thun, und dann ihm vertrauen, dabey ihres Lebens froh werden, und ſo viel ſie koͤnnen auch andere froh machen ſollen; daß ſie nicht viel bit⸗ ten, ſondern das Gute, das ſie haben, mehr erkennen und dankbarer anwenden, des Lebens Leiden als wohlthaͤtige, wenn auch bittere, 232 Paͤchter Martin⸗ Arzeney annehmen, den Tod nicht wuͤnſchen aber auch eben nicht fuͤrchten ſollen. Wer das mit mir glaubt, und dann eben in der Stimmung und Lage iſt, wo man, laut Auf⸗ ſchrift und Anmerkung, meine Lieder ſingen kann: der— nun ja, der ſinge ſie. Die andern moͤgen die paar Blaͤtter uͤberſchlagen. Erſter Theil. 42 8 28* XXXV. Ein Beytrag zum Kochbuche. N. VII. Ponamus: du haͤtteſt ein gutes Weib und vier Kinder, die um das zehnte, oder auch nur um das zwanzigſte Theilchen ſo gut waͤren, als du und deine liebe Haͤlfte ſie dafuͤr halten; und du haͤtteſt dein gutes Weib und deine guten Buben und Maͤdel herzlich lieb, muͤßteſt aber freylich deine geſunden Haͤnde(danke ja dem lieben Gott daß du geſunde Haͤnde haſt!) fleißig regen, um ihre geſunden Maͤuler zu verſorgen. Nun ſaͤhſt du neben dir einen andern, der viel Geld und Gut, aber ein boͤſes Weib und keine Kinder haͤtte; und wuͤrdeſt unzufrieden und fingſt an zu murren, daß der liebe Gott die Guͤter ſo ungleich austheilte: ſo wuͤrdeſt du— ich haͤtte bald geſagt, ſo waͤrſt du ein ausgemachter Thor;— das wollte ich aber nicht ſagen, weil ein rechtlicher Mann 234 Paͤchter Martin. nicht ſchimpfen muß, ſondern nur: ſo thaͤtſt du nicht weiſe und nicht wohl daran. „Aber der Faullenzer, der Tagedieb.“ Stille! Du mußt auch nicht ſchimpfen, wenn du willſt ein rechtlicher Mann ſeyn. Doch ange⸗ nommen, daß er ein Muͤßiggaͤnger iſt: ſo haſt du ſchon deßwegen keine Urſache ihn um ſein Gluͤck zu beneiden; denn ich habe in meinem Leben noch keinen Muͤßiggaͤnger geſehen, der recht froh und zufrieden gewefen waͤre. „Hat doch aber alles, was ſein Herz nur wuͤn⸗ ſchen mag, und weit weit mehr, als er bedarf, indeß ich mit Frau und Kind darben muß.“ Darben: Darben mußt du ja nicht; mußt nur mehr arbeiten wie er, und kannſt nicht ſo koͤſtlich eſſen und trinken; aber dafuͤr ſchmeckt dem fleißigen Manne das erarbeitete Brot auch tauſend Mal beſſer, als die ſchoͤnſten Leckerbiſſen dem Muͤßiggaͤnger. „Wird einem aber auch fauer genug ge⸗ macht. Und warum hat nun gerade der da alles im Ueberfluß? Drum iſt's doch wahr: daß der liebe Gott des Lebens Guͤter gar zu ungleich austheilt!“ Erſter Theil. 233 Faſt moͤcht' ich das ſelbſt ſagen: da er dir ſo viel und jenem da ſo wenig gab. „Was? Wie? Mir zu viel? ihm zu wenig?“ Was meinſt du: wenn ich dir fuͤr eines dei⸗ ner Kinder drey tauſend Thaler gaͤbe? du muͤß⸗ teſt aber allen Vaterrechten entſagen, duͤrfte ſt dein Kind in deinem Leben nicht wiederſehen wollen, muͤßteſt mir es ganz uͤberlaſſen, ohne weiter nachzufragen. „Nein! nein! mein Kind i mir fuͤr kein Geld feil!“ Oder wenn eines deiner Kinder krank waͤre, und du koͤnnteſt es mit drey tauſend Thalern, die gerade dein ganzes Vermoͤgen ausmachten, vom Tode retten, wuͤrdeſt du das Geld oder dein Kind hingeben? „Keine Frage. Ich gaͤbe alles hin um mein Kind zu retten.“ Und dein gutes Weib iſt dir doch gewiß eben ſo viel werth als eines deiner drey Kinder? „Das verſteht ſich von ſelbſt. Wenn ein— mal— Gott behuͤte mich davor! Aber wenn einmal Ungluͤck ſeyn ſollte, ſo wollte ich lieber 236 Paͤchter Martin. alle vier Kinder hingeben als meine liebe Marthe.“ Gluͤckſeliger Mann!!— Und wie viel be⸗ traͤgt wohl der Reichthum des Mannes, den du beneideſt, an Geld angeſchlagen? „Ich ſchaͤtze ihn auf zwoͤlf tauſend Thaler.”“ Nur zwoͤlf tauſend Thaler? Nun ſo waͤrſt du gerade noch Einmal ſo reich als er. „———!. Und nun haſt du nicht einmal berechnet: wie viel der arme Mann drum gaͤbe, wenn er ſein boͤſes Weib mit Ehren los werden koͤnnte. 4 „Ja; wenn man's ſo nehmen will!—— Aber ich meine nur, wenn ich bey meinem guten Weibe und Kindern das Geld haͤtte, das jener hat, ich wuͤrde es beſſer zu benutzen wiſſen!“ Vielleicht! Aber, unzufriedener Mann, kannſt bey dem Beſitz der ungleich beſſern Guͤter, die jener nicht hat, ihn um die kleinern Guͤter, die er zu einigem, obgleich geringen Erſatze erhielt, beneiden. Willſt du alles Gute fuͤr dich, und andern nichts goͤnnen?— Es war einmal ein reicher Mann, der ließ ſich's einſt im ſtrengen Winter, wo es dem Armen, 3 Erſter Theil. 237 der kein Holz hatte, ſehr uͤbel ging, in ſeiner warmen Stube gar wohl ſeyn. Eines Mittags ſiel aber ein milder Sonnenſtrahl ſeinem armen Nachbar gegenuͤber in die kalte Stube: da ver⸗ gaß der Reiche, daß er bey ſeinem wohlgeheitzten Ofen die duͤrftige Waͤrme der Winterſonne leicht entbehren koͤnne, ward unzufrieden, und benei: dete dem Armen den Sonnenſchein. „Pfuy! das war haͤßlich!“ Wohl war's haͤßlich. Du aber, der du das fuͤhlſt, mach' es nicht alſo! 238 Paͤchter Martin. XXXVI. Der letzte Tag im Jahre⸗ Der Abend vor dem Neujahrstage iſt fuͤr mich und fuͤr mein ganzes Haus gar ein feſtli⸗ cher heiliger Abend; und ſollte es, denk' ich, fuͤr alle ſeyn. Es faͤllt einem da ſo mancher Gedanke ein, der 3 an keinem andern Abend ſo leicht zu denken iſt, wenigſtens nicht ſo tief eingreift, als gerade an dieſem. Ich pflege dann gewoͤhnlich alle die Meinen um mich herum zu verſammeln, und halte mit ihnen große Jahrsrechnung. Erſtens wird gebeichtet. Meine Kinder geſtehen offenherzig die Fehler, die ſie im vergan⸗ genen Jahre begangen haben, ſo viel ſie ſich deren erinnern. Vater und Mutter gehen ihnen mit ihrem Beyſpiele vor; merken ſich die Feh⸗ ler, die ſie in Gegenwart ihrer Kinder —— Erſter Theil⸗ 239 begingen, und bekennen ſie ſo, wie ſie glauben, daß es fuͤr ihre Kinder lehrreich ſey. Beym Schluſſe der Beichte bemerkt der Vater, wo es jedem ſeiner Lieben noch am meiſten fehle, und worauf ſie alſo im kuͤnftigen Jahre vorzüglich aufmerkſam ſeyn muͤßten, wenn ſie gute Men⸗ ſchen werden wollten. Das Gute, das wir etwa gethan haben moͤchten, zaͤhlen wir nicht auf, weil wir wiſſen, daß man das Gute nicht thun muß, um ſich damit zu bruͤſten und dafuͤr gelobt zu werden, und daß es ſeinen Werth verliert, wenn man viel Redens davon macht. Wird's ja erwaͤhnt, ſo geſchiehet es in der dritten Rechnung— als Freudengenuß. Zweytens berechnen wir die traurigen Tage und Stunden, die wir im verwichenen Jahre gehabt haben, die aber bis hierher noch immer eine unmerklich kleine Zahl ausmachten; theils weil der Menſch fuͤr uͤberſtandene Leiden kein Gedaͤchtniß hat, theils weil wir wirklich, ſeit lan⸗ gen Jahren, wenig eigentliche Leiden erfahren haben. Und bey den wenigen Uebeln, die uns wiederfuhren, fanden wir noch uͤberdieß, nach 24o Paͤchter Martin. naͤherer Unterſuchung, daß ſie entweder ein groͤße⸗ res Uebel abhielten, oder ein anderes groͤßeres Gut verſchafften, oder doch die darauf folgende Freude deſto ſchmackhafter machten. Nun geht's drittens an die große Rechnung der Freuden und Vergnuͤgungen und Luſtbarkei⸗ ten, deren wir uns aus dem vorigen Jahre erin⸗ nern. Da ſolltet ihr die Luſt ſehen, wie mit einem Male alle Lippen in Bewegung kommen. Da wird erzaͤhlt vom frohen Abend, den uns im vergangenen Winter der Fremde machte, den wir halb erfroren im Felde fanden; von Lieschens Geneſungsfeſte nach uͤberſtandenen Pocken: vom herrlichen Maytage; und von der Labemilch, wie wir den Z1iſten Juny, wo's ſo heiß war, aus der Stadt kamen, und von tauſend andern groͤßern und kleinern Freuden, die wir genoſſen haben; und des Erzaͤhlens wird kein Ende. „Hoͤrt auf!“ ruft dann wohl der Vater— wobey ihm immer recht warm um's Herz wird— „hoͤrt auf, liebe Kinder! Wir erzaͤhlten ſonſt bis an den lichten Morgen, und wuͤrden doch nicht fertig. O der liebe liebe Gott hat uns ja gar zu Erſter Theil. 241 zu viel Gutes gethan! Laßt es uns mit Dank erkennen, und, aus Liebe aus Dankbarkeit gegen ihn 3 allen Fleiß anwenden, um kuͤnftig jeden Fehler, der ihm mißfaͤllt, zu vermeiden, und ſo gut zu werden, wie der liebe gute Vater uns haben will! u. ſ. w. Hierauf wird ein: Nun danket alle Gott! angeſtimmt, und jeder geht dann in ſein Kaͤmmerlein. N. S. Ich finde unter meines Vaters Skripturen eine kleine Vorleſung gleichen In⸗ halts. Sie iſt zwar, wie ich aus der Jahrs⸗ zahl erſehe, nur Juͤnglingsarbeit, mag ſich aber doch am letzten Decemberabend gut leſen laſſen. Hier iſt ſie. 1. Theil. 16 Paͤchter Martin. XXXVII. Gedanken und Empfindungen am Vor⸗ abend des Neujahrs. Eine Vorleſung im Zirkel einiger Freunde gehalten. Es iſt ein ernſter Gedanke: am Ende eines Jahrs in die erhellte Vergangenheit zuruͤck zu blicken, und dann das Dunkle der Zukunft vor ſich zu ſehen! Da ſchwanden ſie hin, die frohen Stunden, wo mir die Sonne ſo hell und milde ſchien, wo mein Himmel ſo blau und heiter, und die ganze Schoͤpfung Gottes ſo herrlich und ſchoͤn war— da ſchwanden ſie hin! Aber mit ihnen auch die traurigen Stunden, die Menſchen und Schickſal, zuweilen auch wohl meine Laune, und— warum ſollte ich's nicht beym rechten Namen nennen?— meine Thorheit mir truͤbte!— Mit froher Ruͤckerinnerung denke Erſter Theil. 243 ich die Thaten erfuͤllter Pflicht, wo mein Herz mir Beyfall klopfte; aber mit Wehmuth erinnere ich mich auch ſo mancher Fehler, zu welchen Wahn, und Irrthum, und Leichtſinn und Lei⸗ denſchaft mich verleiteten! Und was wird nun in Zukunft mein Loos, und was werde ich ſelbſt ſeyn? Ja es iſt eine ernſte feierliche Stunde, die Abſchiedsſtunde des ſterbenden Jahrs— ernſt und feierlich wie die Stunde der letzten Trennung vom Freunde, und gewiſſermaßen, wie einer unſrer Dichter ſagt, noch ernſter und feierlicher; denn den ſterbenden Freund ſehe ich wieder; des Menſchen Todesſtunde iſt die Stunde ſeiner Ge⸗ burt zum beſſern Leben: aber jeder verlebte Tag iſt auf ewig fuͤr uns verloren, wenn wir ihn nicht durch edle Thaten bezeichnet haben! Achttauſend ſiebenhundert und ſechzig Stun⸗ den in Einem Jahre!— ihre Zahl ſcheint groß; aber wie ſchnell floſſen ſie hinuͤber in's Meer der Ewigkeit!— Und wie ſchnell eilen Tage und Jahre des Lebens hin! Der Traum der erſten Kindheit, wie bald iſt er vertraͤumt! Die Fruͤh⸗ 244 Paͤchter Martin. lingsſpiele unſrer Jugend, wo wir ſo harmlos und ſorgenfrey, uns, unbekuͤmmert um die Zu⸗ kunft, der Gegenwart freuten, wie ſchnell ſind ſie hingeſpielt! Der angehende Sommer unſers Lebens, wo die Roſe uns in ihrer vollen Pracht entgegen bluͤht, die ganze Erde ſich in Himmel kleidet, und jedes Bluͤmchen Freude athmet; wo das Blut in unſern Adern huͤpft, und lachende Bilder der Phantaſie uns umtanzen; wo, wenn wir ja einmal in truͤber Laune klagen, dieſe Klage auch leicht wieder verſtummt, und in Freude verwandelt wird— der ſchoͤne Vorſommer, wo wir im Vollgenuß unſrer Kraft da ſtehen, wie der Baum in ſeiner Bluͤthe, auch er wird uns vom Strom der Zeit mit fortgeriſſen— und wie ſchnell! Kaum ſchien uns noch mit erſtem Strahle Die Sonne ſanft und mild: So naht des Sommers Gluth, und ſenget Schon manches Bluͤmchen ab, Und Blumen, die des Sommers Gluth ver⸗ ſchonte, Dort ſinken ſie ins Grab! —— Erſter Theil. In Herbſtesſturm, in Winterkaͤlte, Faßt ſie des Todes Hand. Und ſchnell verrinnt in unſerm Stundenglaſe Der zugemeſſ'ne Sand!—— Vielleicht daß mancher zu dieſem Gemaͤhlde von Flüͤchtigkeit der Zeit noch einige Zuͤge von Unannehmlichkeit, von Leiden dieſes Lebens hinzugefuͤgt, und dann von uns, als richtige Folgerung, Klagen der Schwermuth und wohl gar des Unmuths erwartet: aber deſſen Erwar⸗ tung moͤchten wir doch nicht zuſagen. Wir moͤchten wohl zum Ernſt, aber nicht zum Mißmuth und zur Unzufriedenheit ſtimmen. Zwar braucht man freylich nicht aus der Luft zu greifen, um ein Buch vom menſchlichen Elend zu ſchreiben; zwar wird auch das ver⸗ gangene Jahr manche Trauerthraͤne geſehen, und manches Ach!l aus zuſammengeſchnuͤrter Bruſt herausgepreßt, gehoͤrt haben: aber es hat auch gewiß manches ſprachloſe Entzuͤcken, manche Freudenthraͤne im Auge, mit angeſehen, manches Jubellied mit angehoͤrt. Und ſollten wir wohl ungerecht genug ſeyn, nur die naͤcht⸗ Paͤchter Martin. lichen Stunden, wo Gram und Sorgen den Schlaf von unſerm Lager ſcheuchten, in unſere Vorſtellung zuruͤck zu rufen, und nicht auch die, wo wir, froh wie die Seligen Gottes, unſer Daſeyn ſegneten? Es giebt doch wohl wenig Menſchen, denen nicht zuweilen eine Stunde ward, wo ſie im Wonnegenuß mit Hoͤlty ausruften, oder ſchweigend deſto inni⸗ ger es fuͤhlten: daß Gottes Erde ſchoͤn, wunderſchoͤn ſey!— Und die, die von ſolchen Freuden nichts wußten, ey nun die wußten auch weniger von Leiden. Und waͤre es nun aber nicht Undank gegen den, der ſo viel Gluͤck, ſo viel Freuden auf ſeine Erde goß, wenn man in einem Anfall von truͤber Laune alle das vorher genoſſene Gute vergeſſen wollte? Nein; mein Herz entweihe ſich nicht durch ſolchen Undank! Und war ich vielleicht zeither von dieſer Undankbarkeit nicht ganz frey— ſo will ich wenigſtens in Zukunft dankbarer und weiſer werden! Noch ging kein Jahr vorbey, wo nicht nach dem Winter wieder ein Fruͤhling kam; zwar nicht einer ſo ſchoͤn als der andere, aber doch ein Fruͤh⸗ Erſter Theiſ. 24 ling! Nach jedem Ungewitter heiterte ſich der Himmel noch immer wieder auf, und im Gewitter ſelbſt ſtroͤmte Segen herab und Fruchtbarkeit. O die Erde Gottes iſt ſchoͤn, und ſchoͤn iſt das Loos, auf dieſer Erde Menſch zu ſeyn! Aber zwiefach ſchoͤn, herrlich wie ſeine Himmel oben, iſt ſie fuͤr den, der ihre Blumengefilde an der Hand der Tugend durch⸗ wallt. Seyd gut, Menſchen, und ihr werdet mit und durch dieſe Guͤte oft ſchon auf dieſer Erde gluͤckſeliger leben, und einſt dem Tode ruhiger in's Auge ſehen koͤnnen. Forderte die Moral, daß man, um des Himmels willen, die Erde ganz vergeſſen, mit niedergeſenktem Blicke und gefurchter Stirn einherſchleichen, und jede, auch die ſchuldloſeſte Freude fliehen muͤſſe; dann haͤttet ihr vielleicht Recht, wenn ihr des Moraliſten lachtet, und ſeiner unnatuͤrlichen Forderungen ſpottetet: aber wir bemitleiden euch, wenn ihr jenen Spott auf die reine Moral der Vernunft und des Chriſtenthums anwenden wollt, nach welcher, gut zu ſeyn, 248 Paͤchter Martin. von Herzen gut zu ſeyn, keineswegs dem Froh⸗ ſeyn, dem Menſchlich Frohſeyn entgegen geſetzt iſt. Genieße dankbar was ein guter Gott dir gab, aber genieße weiſe, um nicht mit Stun⸗ den von Freuden Tage und Jahre von Schmer⸗ zen zu erkaufen! Lerne Taumel von Freude unterſcheiden, und voruͤber eilende Vergnuͤgun⸗ gen von wahrem Lebensgenuſſe! Da winkt dir der Becher der Freude beym freundſchaft⸗ lichen Mahle, trinke ihn immer, ſo lange du Freude daraus trinken kannſt; aber wiſſe, daß der Unmaͤßige nicht mehr Freude, ſondern toͤdtenden Gift trinkt! Und ſiehe, ſo iſt es mit jedem ſinnlichen Genuſſe. Unmaͤßigkeit berauſcht, aber nach wenigen Stunden verfliegt der Rauſch, und läßt, ach, oft bittere Nach⸗ wehen zuruͤck. Wie mancher moͤchte mit ſei⸗ nem Blute den Frieden der Seele, den er im Rauſche verſcherzt, zuruͤck kaufen! Da man aber nur mit einem ſchuldloſen reinen Herzen heiter zu Gottes Himmel aufblicken, und mit feſterm Tritt auf ſeinem Lebenspfade fortwan⸗ Erſter Theil. deln kann— ſollte es da nicht auch der Muͤhe werth ſeyn, uͤber ſich ſelbſt, uͤber ſein eigenes Herz zu wachen, und ſich Unſchuld und gutes Gewiſſen zu erhalten? Und da du als Menſch, beſeelt von einem Strahle goͤttlichen Lichts, hoͤherer, beſſerer Freuden empfaͤnglich biſt, als des bloßen Sinnengenuſſes, den du mit den Thieren gemein haſt; ruft dich da nicht offen⸗ bar das Gefuͤhl deiner Wuͤrde auf: keine Ge⸗ legenheit zur Bildung deines Geiſtes und Her⸗ zens zu verabſaͤumen, vielmehr mit unablaͤſſi⸗ gem Fleiße nach groͤßerer Vollkommenheit zu ringen, immer weiſer, immer beſſer zu wer⸗ den? Dieß um ſo viel mehr, da durch dieſe „hoͤhern Freuden ſelbſt die kleinen Vergnuͤgun⸗ gen des Erdenlebens veredelt und verſchoͤnert werden. Welch ein himmelweiter Unterſchied zwiſchen dem Bacchanale, wo Eſſen und Trin⸗ ken der Hauptzweck der Verſammlung iſt, und dem freundſchaftlichen Nahle, wo Wieelands Grazien nicht erroͤthen duͤrften, Theil zu nehmen! Es ſey, daß bey euren Schmauſe⸗ reyen zuweilen aus vollem Halſe gelacht wird: aber das iſt uns noch lange nicht Beweis, 250 Paͤchter Martin. daß ihr euch auch freut, wie der Menſch, der ganz Menſch iſt, ſich freuen kann. Dort im trauten Kreiſe, wo man keinen Haͤndedruck mit widerſprechendem Herzen giebt, wird zwar weniger gelacht; aber ſeht jedem in's Auge, und ihr werdet finden, daß ſie darum nicht minder froh ſind, daß ſie ſich freuen, wenn jene nur lachen. Freylich gelten hier fade Zweydeutigkeiten nicht fuͤr Witz: aber deßhalb iſt munterer Scherz und heitere Laune nicht verbannt. Sokratiſche Geſpraͤche ſind die Wuͤrze des frugalen Mahles, und ſie beduͤrfen des Bacchus Gaben nicht, um das Herz fuͤr Liebe, Wohlwollen und Freundſchaft zu oͤffnen. Sagt ſelbſt: ob es mehr Reitz iſt, mit den unwuͤr⸗ digen Nachfolgern des weiſern Epikurs zu ſchmauſen, oder beym trauten Mahle gebil⸗ deter Menſchen froh zu ſeyn? Wenigſtens werdet ihr uns zugeſtehen: daß die Ruͤckerinne⸗ rung an die Gaſtmahle eurer Magenmenſchen eben nicht viel Suͤßes hat; da ihr hingegen Stunden der Freundſchaft, wie ſie Sokrates und Plato feierten, durch die Zuruͤckerinnerung zum zweyten und dritten Male genießt. Erſter Theil. 251 „Aber, die Tugend, die ſich nur Freuden zu ſchaffen, nur das Leben ſich zu verſchoͤ⸗ nern ſucht, hat mehr Reitz als Wuͤrde, iſt, genau genommen, nur Lebensweis⸗ heit.“ Ich gebe das zu; aber, liebe Men⸗ ſchen, laßt uns nur dieſe Lebensweisheit erſt zu erwerben ſuchen, und gewiß wir werden mit ihr auf den Weg kommen, der zum Tem⸗ pel der goͤttlichen Tugend fuͤhrt, und ſie, die uns erſt liebenswuͤrdig ward, wird uns deſto anbetungswuͤrdiger werden.——*) Tugend erfordert Kampf! Aber man denkt ſich gewiß auch oft das Tugendhafthan⸗ deln ſchwerer als es iſt, und unrichtig, wenn man nur große auffallende Thaten, nur Heldentugenden— wozu die Gelegenheit ſich nur ſelten zeigt— dazu fordert. Erfuͤllung unſrer Pflichten, wie ſie im alltaͤglichen Men⸗ ſchenleben vorkommen, auch das iſt Tugend, und oft mehr werth als einzelne große Thaten, *0 Vergleiche im zweyten Theile das Kapitel: Ueber Tugend und Lebensweisheit. 252 Paͤchter Martin. welche von der Menge angeſtaunt und beklatſcht werden! Die Unſchuld des Abweſenden gegen die Angriffe des ſchadenfrohen Verleumders mit Klugheit vertheidigen; hier und da einen Feuergeiſt von einer raſchen unuͤberlegten Hand⸗ lung zuruͤckhalten; oder einen Laͤſſigen zur Thaͤtigkeit anſpornen; Freunde, die Mißver⸗ ſtand von einander trennte, wieder vereinigen; den Fehlenden, der oft durch wegſtoßende Unduldſamkeit zum Suͤnder werden kann, mit Wohlwollen zurecht weiſen, ihm neuen Muth zum Beſſerwerden einfloͤßen; ſeinen Freunden mit ganzem Herzen Freund ſeyn: im haͤuslichen Zirkel durch Liebe und Heiterkeit dem Gatten, und andern, die mit uns in engerer Verbindung ſtehen, Freude ſchaffen— auch das iſt Tugend, wofuͤr das Herz uns lohnt!—— Dankbar will ich denn die Freuden des Lebens genießen: aber an der Hand der Weis⸗ heit. Und weil es der Freuden reinſte und groͤßte iſt, auch andere froher und guͤckli⸗ cher zu machen; ſo will ich Freuden geben, Erſter Thell. 253 ſo viel ich kann— o gewiß, ſo viel ich kann, denn, Menſchen, Bruͤder, ich liebe euch herz⸗ lich.. —— Euch alle glücklich zu machen, Schloͤſſe mein Auge ſich gern; Stuͤrb ich gern den ſuͤßeſten Tod. Fuͤr Bruͤ⸗ der zu ſterben— Gott!— den ſuͤßeſten Tod! Tugend iſt das Ziel, wonach ich ſtrebe, und Selbſtvervollkommnung und Menſchenliebe zeichnen mir den Weg, der zum Ziele fuͤhrt. Mit dem erſten Tage des neuen Jahrs will ich meinen Lauf beginnen, um uͤbermorgen dem Ziele um eine Tagereiſe naͤher zu ſeyn! Viel⸗ leicht daß morgen ſchon mein letzter Abend her⸗ andaͤmmert! Aber wohl mir, wenn ich an meinem Abende ohne Reu' auf den vollbrach⸗ ten Tag zuruͤck blicken kann! Erlebte ich aber auch den Schluß des nun folgenden Jahres, und koͤnnte dann mit Beyfall meines Herzens ſagen: daß ich die ganze Reihe der Tage 7 *—. 3 Paͤchter Martin. 8 des vergangenen Jahres weiſe und gut ge⸗ lebt haͤtte— Gott im Himmel! welch ein Tag wuͤrde mir dann der naͤchſtfolgende letzte December ſeyn!!! 1 Ende des erſten Theils. ——— —