— 8 beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das der Bücher nicht ſtattſinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von. Eduard Oflmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.— 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben eentſprchende Summe interlegen. welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: buane———,— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mt.— Pf. 7 7.„= 7„„, 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung * der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren erkes, ſo iſt der Leſer zunn Erſatz des Ganzen verpflichtet. 2 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird eiterverleihen ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Erzaͤhlungen fuͤr unverdorbene Familien 3. 4 8. 3 Dreizehnter Band Leipzig bei Georg Joachim Goͤſchen 1816. — Inhalt des dreizehnten Bandes. Fragmente aus den Briefen einer deutſchen an Lavater. Anekdoten aus Voltaire's Leben. Die Umſtaͤnde. Ueber die Trauer. Der Traum des Lebens. An eine Lerche. An eine Nachtigall. 8 Bruchſtucke aus den Briefen und dem Leben Ninon de Lenclos. Beſchluß. Gemaͤlde aus dem Leben des Menſchen. Die goldne Lyra. Die Wolken. Die Blaͤtter. Ddie Ahnenfrau. 12 Pfyche. 1 Selbſtgeſtändniſe. aber Bildung der Frauen fuüͤr Wiſſenſchaften und te.. Unbekannten. Beſchluß. Cezeli. ſekropompe. —,————— —— Fragmente aus den Briefen einer deutſchen Fuͤrſtin an La Eine geiſtreiche und edelgeſinnete deutſche ſtand mit Lavater im Briefwechſel. Eine me Krankheit ließ ſie ihr Ende voraus⸗ ordnete ihre Papiere und vernichtete Korreſpondenz. Doch zog ſie eine fragmentariſche Bemerkungen und Herze gen heraus, fuͤr die verehrte junge Ft. cher ſie immer als Mutter zugethan gew und durch welche die Blaͤtter mir zur machung anvertrauet worden ſind. Ich we aus dem, was der Korreſpondentin, nicht dem Korreſpondenten anzugehoͤren ſcheint; da jedoch zu den innern Merkmalen keine aͤußern kommen, kann ich nur dafuͤr ſtehen, daß keine Zeile abge⸗ J. f. F. IX. H. 1 druckt werde, die beide Entſchlafene ungern weiter verbreitet ſehen mochten. Fur die Mitiheilung dieſer ſehr intereſſanten Papiere würde ich oͤffent⸗ lich danken, wenn ich mir anmaßen duͤrfte auszu⸗ * rechen, was alle Leſer und Leſerinnen empfinden. Friedrich Rochlitz. A. „ 1 edler ein Ding in ſeiner Vollkommenheit, recklicher in ſeinem Verderben. Ein ver⸗ des Holz iſt nicht ſo widrig, als eine ver⸗ Blume; dieſe nicht ſo ekelhaft, als eſendes Thier; und dieſes nicht ſo ent⸗ als der Menſch in ſeiner Verweſung. im Moraliſchen. Und hier ſetze ich, die Parallele noch fort: kein Mann iſt ſerer gaͤnzlichen Ausartung ſo abſcheulich, mein Weib in der ihrigen. Gnn „Vergleiche dich nie mit Schlechtern— im⸗ mer mit den Beſten! Mit Feſtigkeit fang! an: mit Sanftmuth vollende! Vergiß das Große = 8 2 nicht, wenn du das Kleine zu thun haſt; und nicht das Kleine, wenn du auf das große Ganze ſchaueſt!“ Ich weiß nicht, wo ich das geleſen habe: aber daß es bei einem der weiſeſten Men⸗ ſchen geweſen ſeyn muͤſſe, das weiß ich. — O du unentbehrliche, goͤttlich ſchoͤne S warum mußt du doch auch zugleich die ar Wanderer ſo ſchrecklich druͤcken? Freund und Liebe, bluͤhendſte Toͤchter des Hir warum muͤßt ihr doch auch zugleich i che Herzen ſo tief verwunden? Warum möchte im heißen Durſte nach Antwort Frage nicht den Tod mit Freuden un welch ein Gott koͤnnte dieſen Duͤrſten ſterblichkeit verſagen 2 — Die taͤgliche Erfahrung lehrt mich, daß ig, an meinen groͤßten Leiden immer die meiſte Schuld habe. Es kommt ja am Ende alles darauf an, wie unſre eigne Gemuͤthsſtimmung ſei. Mit welcher Nachſicht, Guͤte und Liebe 1—— 4.— kann man Andere behandeln, kann man dul⸗ den, tragen, leiden und ruhig bleiben, wenn man in einer ſtillen, herzlichen, ernſten, hei⸗ tern Verfaſſung iſt! Und wie ſchlaͤgt's nicht im Gegentheil allen Muth, alle Kraft und abe darnieder, wenn uns die Schwachheiten Verſtandes oder Herzens Anderer begeg⸗ „ und unſre eignen Leidenſchaften und Maͤn⸗ löſind in Gaͤhrung in unſerm Buſen! Frei⸗ werden unſre ſchlummernden Leidenſchaften 3 durch jenes Begegnen gereizt! Gereizt: doch nicht unuͤberwindlich gemacht! Und umt ja auch zugleich mit ihnen die beſ⸗ timme des innerſten Herzeng, empor, wir uns nur nicht ſchon ſo verwoͤhnt „ dieſe dann ganz zu uͤberhoͤren! Sie war dann die leichtere, die Leidenſchaft die ſchwerere Wagſchale, und es koſtet ft und Anſtrengung, der leichtern ſo viel vicht freiwillig zuzulegen, daß ſie nun die er ſcheidende ſchwerere werde: aber wer darf je⸗ mals behaupten, es ſei unmoͤglich? In dieſem hoͤhern, edlern Sinn, mein' ich, iſt es geſagt: unſer Leben iſt Muͤhe und Arbeit! Aber wer —— 5 „ 5 arbeitet, darf auch Ruhe hoffen— und auch Ruhe im hoͤhern, edlern Sinn! — Ich breche immer ſchnell ab mit denen, die nicht abbrechen wollen, die Schwaͤchen ausgezeichneter Menſchen hervorzuheben und mit Genuß auszumalen. Es hat wenig, viel leicht gar keine großen Menſchen gegeben, die nicht aus ſcheinbaren Widerſpruͤchen zuſammen⸗ geſetzt geweſen waͤren. Die Natur iſt auch, und iſt gleichwol die groͤßte, herrlic Einheit. ¹ Die Fortſetzung folgt. Anek doren aus Voltaires Lebien, en beſten Memoiren gewaͤhlt und zuſammen⸗ geſtellt.*) . 2 uet, Voltaire'’s Vater, war Advokat in aris, ein feiner und wohlhabender Mann. 1 wurde im Februar 1694 geboren. Schon ſeinen erſten Tagen ſchien ſich das Wunder⸗ *) Ich weiß wol, daß dieſer Aufſatz nicht zunaäͤchſt fuͤr dieß Journal geeignet iſt: aber as ſo angenehm unterhaͤlt, wie Erzaͤhlungen von Voltaire, findet uͤberall ſeinen Platz— zu geſchweigen, daß dieſe Anekdoten auch ein hiſtori⸗ ſches Intereſſe haben koͤnnen, und die Leſerinnen denn doch wol auch etwas einigermaßen Befrie⸗ digendes uͤber den ſeltſamen Mann hoͤren wollen, von dem gewiß jede Etwas, manche viel geleſen hat, und keine etwas, das ihr nicht angenehme liche und Widerſprechende, das ſein ganzes inneres und aͤußeres Leben hernach begleitete, anzukuͤndigen. Er war ein ſo kleines und ſchwaͤchliches Kind, daß man ihn jeden Augen⸗ blick verſcheiden zu ſehen fuͤrchtete, und doch erreichte er hernach ein ſo hohes Alter. Er wurde zweimal getauft— erhielt erſt von der Hebamme die Nothtaufe, und hernach, ein halbes Jahr alt, die oͤffentliche. Es war an Einer zu viel, ſagte er ſpaͤter, zweideutig, wie faſt immer. Er zeigte ſchon in den erſten Jahren einen aͤußerſt lebhaften Geiſt, und, was beſonders in dieſem Lebensabſchnitt wol hoͤchſt ſelten damit verbunden iſt, ein treffliches Ge⸗ daͤchtniß. Als ein Knabe von drei Jahren be⸗ hielt er z. B. ſchon ziemlich lange Gedichte, vorzuͤglich aber eins— gegen die himmliſche Sendung Moſis.. Von ſeinem zehnten Jahr' an ſchickte man ihn in die Jeſuiten⸗Schule. Er zeigte einen Stunden gemacht haͤtte. Uberdieß uͤbergehe ich, was ſich in meiner Sammlung befindet, aber nicht Jedermann intereſſiren wuͤrde. d* D. Verf. ausgezeichneten Kopf und vielen Fleiß: in ſo fern waren ſeine Lehrer ſehr mit ihm zufrieden; aber ſeine immerwaͤhrenden Fragen und Ein⸗ wuͤrfe machten ſie zuweilen deſto unwilliger. Keinen quaͤlte er damit mehr, als den, der ihn im Chriſtenthum unterrichtete. Dieſer fuhr einmal auf ihn zu, ſchuͤttelte ihn maͤchtig zu⸗ ſammen, und rief: Bube, du wirſt einmal der Herold des Deismus in Frankreich! Im zwoͤlften Jahre wurde V. durch ein artiges Gedicht zum Lobe des Dauphin— erſt der beruͤhmten Ninon de Lenclos, hernach durch ſie in ganz Paris bekannt. Ninon, deren feiner Geiſt die vortrefflichen Anlagen des Knaben nicht verkannte, nahm ſich ſeiner an, ſprach fleißig mit ihm uͤber ſeine Arbeiten, half ſie ihm verbeſſern, empfahl ihn ihren ge⸗ lehrten Freunden, und vermachte ihm in ihrem Teſtamente 2000 Livres zu Buͤchern. Er kam aus dem Kollegium und ſollte nun eine beſtimmte Lebensweiſe erwaͤhlen. Sein Vater drang um ſo viel mehr darauf, da es ihm mit ſeinem aͤlteſten Sohne nicht gluͤckte, indem dieſer ſich in laͤcherlichen theologiſchen — —— ——— 9 Klopffechtereien erſchoͤpfte. Voltaire ſollte da⸗ fuͤr ein deſto tuͤchtigerer Advokat werden. Alles Zureden, aller Zwang war aber vergebens: V. machte Verſe, und nichts als Verſe. Er wollte privatiſirender Gelehrter ſeyn und blei⸗ ben, zum großen Verdruß des Vaters. Nichts paſſirte in Paris, und beſonders am Hofe, woruͤber er nicht Epigramme u. dergl. zuſpitzte. Die verſchiedenen, gegen einander geſpanneten Parteien des Hofs beguͤnſtigten ihn ſaͤmmtlich, denn er ſchrieb fuͤr und wider jede, wie es ihm die Laune eingab, und je nachdem er fuͤr oder wider den witzigſten Einfall anbringen konnte. Der Prinz Conti ließ ihn oft mit ſich ſpeiſen. Indem ſich V. einſt ſetzte und die Geſellſchaft uͤberſah, rief er mit ſeiner ge⸗ woͤhnlichen, unaufhaltbaren Lebhaftigkeit: Ah ſchoͤn! lauter Prinzen oder Dichter!— Als Juͤngling beſchaͤftigte er ſich viel mit alter, klaſſiſcher Literatur— doch meiſtens nur in Ueberſetzungen. Eine Folge davon war ſein Oedipus, den er im achtzehnten Jahre ſchrieb, und der die griechiſche Form nachahmte, ſo gut es gehen wollte. Das Gedicht gefiel, aber die Theaterdirektion wollte es nicht geben, weil— nichts von Liebe darin vorkam. Oho! ſagte V., fehlt's nur an einem Liebeshandel? Den zettl' ich uͤberall an! Er ſetzte auch wirklich noch ſo etwas hinein und verdarb damit das Ganze. Es wurde aber doch ſpaͤterhin mit vie⸗ lem Beifall ſehr oft gegeben. Er draͤngte ſich nun in Eitelkeit zu den Gelehrten von Ruf, ihre Urtheile zu vernehmen— im Grunde aber wol nur, ſich Komplimente ſagen zu laſſen; denn als ihm der alte Fontenelle mit vieler Artigkeit geſtand, er ſinde nur noch zu viel unzweckmaͤßig aufwallende Jugendhitze darin, erwiederte er: Mich von dieſem Fehler zu ent⸗ woͤhnen, werd' ich Ihre Idyllen ſtudiren!— Seine Eitelkeit trieb ihn nun, auch alles aufzubieten, um einen von der Akademie ausgeſetzten Preis zu erringen. Es gelang nicht, und er raͤchte ſich durch die giftigſten Epigramme. Er zog ſich ſchlimme Haͤndel zu, und der Vater jagte ihn aus dem Hauſe; doch ſorgte er dafuͤr, daß er bei der Geſandt⸗ ſchaft in Holland unterkam. Kaum war V. dort warm geworden, ſo verwickelte er ſich 11 in noch ſchlimmere Haͤndel, beſonders durch eine Liebſchaft. O Gott, rief der Vater, du ſtrafſt mich hart, da du mir zu Soͤhnen zwei Narren gegeben, den Einen in Proſa, den Andern in Verſen! Der letzte ſoll nach Ame⸗ rika! beſchloß der alte Herr, und hatte ſchon die Ordre dazu ausgewirkt. Da gab V. kurz zu, und verſprach heilig— wenn man ihn nur wieder nach Paris ließ, ein tuͤchtiger Advo⸗ kat zu werden, und auch ein ehrlicher, ſo viel das moͤglich. Der Vater ließ ihn kommen, und der viel geſchmeichelte junge Poet mußte— Amanuenſis eines Prokurators werden, und Be⸗ richte, Kaͤufe, Kontrakte machen lernen. Was half's? Ludwig XIV. ſtarb und eine Unzahl Epigramme und Satyren folgte ihm ins Grab. V.'s waren unter den witzigſten, wenigſtens unter den derbeſten. Sie liefen durch die ganze Stadt: da hielt es der Eitle nicht laͤnger bei den trockenen Akten aus, und entwiſchte. Einige mehr grobe, als witzige Zeilen, an den Herzog Regenten gerichtet, da er, der Verſchwendung Einhalt zu thun, Lud⸗ 1²2 4— wigs Pferde zur Haͤlfte abſchaffte— ohnge⸗ faͤhr: Zum Wohl des Staats ſchafft ihr des Konigs „ Pferde ab? Macht's mit den Eſeln ſo, womit er ſich umgab! dieſe Zeilen brachten ihn in die Baſtille, wo er faſt anderthalb Jahr ſaß. Daß ihm Feder und Tinte verweigert blieb, war ſeine groͤßte Noth. Doch hatte es ſehr gute Folgen. Als epigrammatiſcher Dichter ging er ins Gefaͤng⸗ nis, als epiſcher heraus. Er hatte ſich in der Baſtille ſeine Henriade entworfen, und nicht nur den Plan in allen Details, ſondern auch eine große Menge Verſe ſelbſt woͤrtlich ausge⸗ arbeitet. Der Regent hielt ihn nun fuͤr be⸗ ſtraft genug, entließ und empfing ihn ſehr gnaͤdig. Einen Witzkopf, der fuͤr die Regent⸗ ſchaft ſchriebe und ſpraͤche, konnte man brau⸗ chen. Was kann ich fuͤr Sie thun? fragte der Herzog.„Fuͤr meinen Unterhalt ſorgen: aber ſich mit meiner Wohnung nicht wieder bemuͤhen“— ſagte V.— 8 13 Nach Jahr und Tag erſchienen die eben ſo witzigen, als beißenden Reden gegen den Re⸗ genten. Der Verfaſſer(la Grange) wurde nicht errathen, und man hatte V. im Ver⸗ dacht. Da man aber keinen Grund dafuͤr fand, ließ man es dabei bewenden, ihn aus Paris zu verweiſen. V. ging und brachte nach einem Jahre zwei intereſſante Neuigkeiten mit zuruͤck: ein leidliches Trauerſpiel(Artemire) und eine ſchoͤne Maͤtreſſe. Beide wollte er zugleich aufs Theater verſetzen, durch beide triumphiren und ſeiner Eitelkeit geſchmeichelt ſehen. Sie werden nicht vereinzelt, ſagte er der Direktion; eine in der andern, der keine von beiden. Die Artemire kam aufs Theater und die Dame in derſelben. Nach dem zwei⸗ ten Akt ſtampfte und pfiff das liebe Publikum helle weg; V., ganz außer ſich, ſprang aus den Kuliſſen hervor, hielt eine Schutz⸗ und Trutzrede an das Parterre: man pfiff auch ihn aus. Er ließ ſich nicht ſtoͤren, haranguirte fort; endlich mußte man doch hoͤren! Nun ſiegten ſein Feuer und ſeine Schmeicheleien: man ließ weiter ſpielen, und applaudirte jetzt dem Dichter und der Schauſpielerin. So war's gut, ſagte V. zu dieſer; aber nun ſollt' ihr auch alle beide nur mein bleiben. Er nahm das Stuͤck und die Dame von der Buͤhne zuruͤck. Seine Mariane ſollte den Flecken wie⸗ der abwaſchen. Man fuͤhrte ſie gut auf, das Stuͤck geſiel, die Feinde des Dichters wur⸗ den beſorgt. Die ſtaͤrkſte Scene war die, wo Mariane das Gift trinkt. Indem die Schau⸗ ſpielerin die Phiole anſetzt, ruft ein boshafter Witzbold: die Koͤnigin trinkt!*) Das Haus brach in ein ſo helles Gelaͤchter aus, daß nicht fortgeſpielt werden konnte. V. mußte eine ſchwaͤchere Scene unterſchieben, worin die Ver⸗ giftung nur erzaͤhlt wird, und nun wurde das Trauerſpiel vierzigmal gegeben. Jetzt war die Henriade fertig und er ſelbſt hatte ſchon lange dafuͤr geſorgt, daß ganz Frankreich darauf, als auf ſein Lieblingskind, *)„Schnappſt,⸗ muͤßt' ich wol überſetzen, um den Doppelſinn im Deutſchen bemerklicher zu machen— wenn es nur nicht zu gemein klaͤnge. geſpannet war. Er wollte ſich den Genuß davon in allen Arten bereiten und oͤkonomiſirte ſogar damit. Er ließ ſich oͤffentlich zur Her⸗ ausgabe auffordern— that es auch wol unter der Hand ſelbſt; bat nun auserwaͤhlte Geſell⸗ ſchaften zu ſich, denen er das Gedicht vorlas, um, wie er ſagte, ihre Kritik noch zu benutzen, und unterhandelte mit mehrern Verlegern, deren jedem er das Werk als Manuſcript verkaufte. Bei jenen Vorleſungen hatte er zwar immer die Bleifeder bei der Hand, als ſchriebe er die Bemerkungen auf, ſie zu gebrauchen; aber ſeine Heftigkeit ließ ihn dieſe Rolle nicht durchfuͤh⸗ ren. Plötzlich ſprang er einmal auf und warf das Paket ins Kaminfeuer. Er haͤtte es aber wol ſelbſt ſchnell genug gerettet, wenn dieß nicht einer der Anweſenden gethan haͤtte. Die⸗ ſer neckte hernach V.n damit und wollte etwas von der Belohnung haben, weil ihm die Ret⸗ tung Koͤnig Heinrichs ein paar feine Manſchet⸗ ten gekoſtet habe. Die Geſellſchaft ſuchte ihn dadurch zu beruhigen— er moͤchte doch ſein Gedicht nicht beſſer haben wollen, als den Held deſſelben, der bei allen Fehlern doch liebens⸗ 16— wuͤrdig und groß geweſen ſei; V. haͤtte ſich wol auch ohne dieſe nichtige Wendung beru⸗ higt. Ueber jene Unredlichkeit gegen die Ver⸗ leger entſchuldigte er ſich ſo: Wenn jeder von ihnen nur 1000 Exemplare abgeſetzt haͤtte, haͤt⸗ ten ſie, nach dem, was ich erhalten, ſchon Profit; nun konnte ich aber meinen Kopf ver⸗ wetten, daß jeder viel mehr verkaufen wuͤrde, und da wollt' ich auch'was davon haben. Er gerieth zwar daruͤber in Prozeß: da aber die Herren ſo außerordentlich viel verkauften und immer nachdrucken mußten, ließen ſie allen⸗ falls fuͤnf gerade ſeyn. Man ſagt, daß ſchon in den erſten drei Monaten uͤber 12000 Exem⸗ plare abgingen. Einer von den Verlegern, der im voraus auf Abſchlag bezahlt hatte, quaͤlte ihn immerfort unanſtaͤndig um die Herausgabe. Es iſt alles fertig, ſagte V. einſt, nur noch nicht ganz niedergeſchrieben.„Wann wird das aber?“—„Laſſen Sie mich nur erſt recht fuͤr Sie zum Sitzen kommen!“—„Wann geſchieht das aber?“— Ausbrechend antwor⸗ tete V.:„Wahrſcheinlich ſchon morgen fruͤh, nach einer Taſſe Kaffee!“— — 17 4 Das ungehenere Gluͤck, das die Henriade machte, iſt weltbekannt; und nun ging es auch mit dem Gluͤck des Dichters raſch aufwaͤrts. Nicht als ob es ihm an mancher bittern Erfah⸗ rung gefehlt haͤtte— eine gewiſſe Tracht Schlaͤge, ſechsmonatliche neue Verhaftung in der Baſtille, und endlich Landesverweiſung ſind herbe und beruͤchtigt genug: aber alles das trug er leich⸗ ter, als mehrere aͤußerſt bittere, und ach, nicht ganz grundloſe Kritiken! Er ging nach Eng⸗ land, wo er drei Jahre blieb, und, theils immer durch neue Ausgaben der Henriade, theils durch Schmeicheleien, die er der„edeln, großherzi⸗ gen, freien Nation“ unaufhoͤrlich vorſagte, und in einigen Broſchuͤren ſogar engliſch ihr vor⸗ ſagte— Geld, Ruhm und Einfluß erwarb. Sein witziges, leichtſinniges, ihm ſo ganz zuſagendes Paris lag ihm aber doch ſehr am Herzen, und er ſeufzte im geheim unaufhoͤrlich nach ihm, indeß er laut rief: Nur unter Brit⸗ ten kann der freie Mann leben. Ganz leiſe wagte er 1728 nach Paris zuruͤckzuſchleichen: er wollte ſich im Verborgenen halten. Er— im Verborgenen! Die beruͤchtigte paͤbſtliche Bulle . f. F. IX. 9. 2 unigenitus war erſchienen, ganz Frankreich ge⸗ rieth in Streit daruͤber und ſchnitt ſich ab in zwei Parteien: V.— um verborgen zu blei⸗ ben— gab heraus: Die Narrheit beider Parteien.— Jetzt erſchien ſeine beruͤhmte Geſchichte— oder vielmehr ſein aͤußerſt anziehender hiſtori⸗ ſcher Halbroman, Karl der Zwoͤlfte, Koͤnig von Schweden. Es iſt hier keine leere Re⸗ densart, wenn man ſagt, ganz Europa ver⸗ ſchlang ihn. Ueber zwanzig Ausgaben erſchie⸗ nen in Einem Jahre, ohne die Menge der Nachdruͤcke. Mehrere der groͤßten Fuͤrſten be⸗ zeigten dem Verfaſſer ihre Achtung und mach⸗ ten ihm Geſchenke; nun waͤre man gern auch in Paris ſaͤuberlicher mit ihm verfahren, haͤtte er ſich nur einigermaßen bequemen wollen. Aber das war nicht ſeine Sache. Nur einige Belege dazu! Eine beruͤhmte Schauſpielerin ſtarb, und wurde, wie damals noch geſetzmaͤßig geſchehen mußte, von den Geiſtlichen nicht in die gewei⸗ hete Erde begraben. V. ſchrieb ihre Verklaͤ⸗ rung, verſetzte ſie in den Himmel, und ließ den geiſtlichen Herrn die Wahl, wohin ſie 19 einſt wandern wollten, wenn ſie von der Erde genommen wuͤrden, und nun in den Himmel, der durch eine Aktrize entweihet ſei, nicht koͤnn⸗ ten. V. mußte fliehen. Er ſchrieb die phi⸗ loſophiſchen Briefe, ſie wurden offentlich verbrannt: V. mußte fliehen. Das Werkchen, worin er ſich an der edlen Johanna d'Arc ſo ſchwer verſuͤndigt hatte, wurde unter der Hand bekannt; man drohete V. mit einem ewigen, unterirdiſchen Kerker, wenn er's drucken ließ: es hatte aber den Luͤſtlingen zu ſehr gefallen, er ließ es dennoch drucken: er mußte fliehen. Sein Julius Caͤſar ſollte gedruckt werden, die Cenſur berichtete daruͤber, das ſtrengſte Ver⸗ bot gegen den Druck erſchien: Julius Caͤſar kam doch heraus: V. mußte fliehen— und nun im vollen Ernſt! Fuͤnf Jahre mußte er mit ſeiner Geliebten, jetzt wirklich im Ver⸗ borgenen, auf dem Lande zubringen—— Von Einer Seite konnte er ſich darein finden— von oͤkonomiſcher. Er war jetzt ſchon im Zuge der reichſte Dichter der Welt zu werden, ob er gleich— abgerechnet ſeine ihm zur Liebhaberei gewordene Knauſerei gerade in den laͤcherlichſten Kleinigkeiten— ſehr gut, in der Folge ſplendid, und endlich fuͤrſtlich lebte. Seine Manuſcripte— beſonders wie Er damit handelte— trugen ſehr viel ein; jetzt hatte er auch eins der großen Looſe in der engliſchen ootterie gewonnen, und mit dieſem Gelde trieb er im geheim— Handlungsſpekulationen. Er hatte auch darin ungemeines Gluͤck. Als er ſeinen Brutus ſchreiben wollte, hatte er eben ein großes Schiff nach der Barbarei geſandt, Getreide zu kaufen; freilich hieß er's auch Brutus! Das Trauerſpiel wurde fertig, aber das Schiff kam nicht und wurde faſt fuͤr ver⸗ loren gegeben. Das Trauerſpiel wurde gege⸗ ben und gefiel nicht; da bekam V. Nachricht, ſein Schiff ſei gluͤcklich und reich beladen in Marſeille angekommen. Mag der eine Brutus zum Henker gehen, wenn der andere nur er⸗. halten wird! rief er.— Spaͤterhin vermehrten noch große Penſionen von mehrern Hoͤfen, deren einige ihm froͤhneten, wie, der alten Sage nach, die Indianer dem Teufel, damit er nicht ſchade— ſeine großen Reichthuͤmer.— Jene fuͤnfjaͤhrige Einſamkeit und Muße, 21 die durch nichts geſtoͤrt wurde, als durch Kri⸗ tiken und Satyren ſeiner Gegner, woruͤber V. aber freilich zuweilen faſt raſend werden woll⸗ te— jene Muße, ſag' ich, war ſehr fruchtbar fuͤr ſeinen Geiſt, oder vielmehr fuͤr die Welt: denn fuͤr ſich arbeitete er eigentlich nie, ſon⸗ dern immer nur fuͤr die Welt, aber freilich— um ſein ſelbſt willen! Anſtatt der Menge Wer⸗ ke, Werkchen und Werkleinchen, die er hier ſchrieb, moͤgen nur Geſpraͤche uͤber den Menſchen, Zaire, Merope, Mahomet und Alzire genannt werden. Vom letzten Stuͤck hatte er vier Akte fertig, aber er ſcheuete ſich vor dem letzten. Eines Abends hatte er mit ſeiner bekannten Madam de Chateler gut gegeſſen und ſehr angenehm ſich unterhal⸗ ten— Ei, ſagte er, jetzt bin ich froh genug, um das Trauerſpiel fertig zu machen! Und er ſchrieb den fuͤnften Akt wirklich in dieſer Nacht, und er gehoͤrt unter ſein Beſtes. Uebrigens klagte, ſchmaͤhete und ſchimpfte er immerfort, und nicht ohne Wohlbehagen, uͤber die entſetz⸗ lichen Verfolgungen, die ihn, den Schuldloſen! traͤfen. Doch erhielt er auch von anderer Seite 22 22 deſto ſchmeichelhaftern Erſatz— vornehmlich durch Friedrich II. von Preußen. Dieſer ſchrieb eben jetzt, noch als Kron⸗ prinz, eigenhaͤndig an V.:„Moͤchte der groͤßte Dichter und Denker doch mich ſeines Unterrichts wuͤrdig halten— mich, ſeinen Freunde ꝛc. Das war ein Genuß! Es waͤre aber nur ein halber geweſen, wenn der Brief nicht in der ganzen Welt cirkulirt haͤtte; dafuͤr ſorgte denn V. Als bald darauf Friedrich den koͤnig⸗ lichen Thron beſtieg, gratulirte ihm V. in Ver⸗ ſen und beſuchte ihn im Cleviſchen— doch nur auf einige Tage, und man will wiſſen, daß die Zuſammenkunft beiden bei weitem nicht die Herrlichkeit gewaͤhrete, die ſie davon erwartet haben mochten. V. wendete die Sache kluͤglich ſo, daß er unter der Hand ſeinen— Freunden unter den Fuß gab, er habe die Reiſe in ge⸗ heimen Auftraͤgen ſeiner Regierung gemacht: daher die baldige Ruͤckreiſe e eben die gluͤck⸗ liche Vollfuͤhrung ſeines wichtigen Geſchaͤfts beweiſe. Wahr iſt es indeſſen, daß das fran⸗ zoͤſiſche Miniſterium jetzt V. mit aller moͤgli⸗ chen Auszeichnung entgegen kam. Womit kann 9 23 ich mich Ihnen gefaͤllig bezeigen? fragte ihn der Miniſter in ſolenner Audienz. Durch die Erlaubniß, daß mein Mahomet aufgefuͤhrt wer⸗ de! antwortete V., dießmal wol mehr ſtolz, als eitel. Laͤchelnd erwiederte jener, er koͤnne dazu nichts thun, als daß er ihm erlaube, ſich ſei⸗ nen Cenſor ſelbſt zu waͤhlen.„So waͤhl' ich den wuͤrdigen Crebillonlch antwortete V. Crebillon wagte aber nicht, die Auffuͤhrung auf ſich zu nehmen, und V. raͤchte ſich an„dem wuͤrdigen“ eben ſo originell, als bitter. Cre⸗ billon war nehmlich als Theaterdichter im un⸗ geſtörten Beſitz ausgezeichneter Gunſt des Pu⸗ blikums, und fand darin ſein Gluͤck: V. ent⸗ riß es ihm, indem er ſeine Suͤjets alle ſelber bearbeitete, und ganz ſo, wie man ſie eben haben wollte. So entſtanden Semiramis, Oreſt, Roms Rettung ꝛc. Da V. die Auffuͤhrung des Mahomet in Paris nicht erlan⸗ gen konnte, brachte er ſie in Lille zu Stande, wo man uͤber gewiſſe Anſpielungen u. dergl. weniger aͤngſtlich war. Das Publikum zeigte ſich in den erſten beiden Akten ziemlich kalt: V. wurde bange. Zwiſchen dem zweiten und 24 dritten Akte brachte ihm ein Kurier den Brief, worin Koͤnig Friedrich ihm eigenhaͤndig ſeinen Sieg bei Molwitz meldete. V. tritt vor in ſeiner Loge, lieſet den Brief laut ab: das Par⸗ terre applaudirt dem Koͤnig, dem Dichter, und nun auch dem Mahomet. Hier hat das Mol⸗ witzer Trauerſpiel das Gluͤck von meinem ge⸗ macht! ſagte VB.— Als man in Paris bald darauf ſeine Merope gab, erfand der Enthuſiasmus zum erſtenmal, was hernach abgeſchmackte Sitte wurde: das Publikum rief den Dichter her⸗ aus. V. konnte ſich, des Unerhoͤrten dieſes Verlangens wegen, nicht ſogleich faſſen— we⸗ nigſtens that er ſo, und als ob er ſich ver⸗ berge; doch wurde er aufgefunden— wegge⸗ gangen war er nicht etwa! Ein Trupp Enrage's trug ihn in die erſte Loge, worin ſich die ver⸗ ehrte Herzogin von Villars und ihre reitzende Schwiegertochter befand: zwiſchen dieſe beiden Damen eskortirte man ihn, und als ihn das liebe ungezogene Parterre da erblickte, ſchriee es, die junge Herzogin muͤſſe den Dichter kuͤſ⸗ ſen. Der Tumult wurde ſo ungeheuer, daß ſich die junge Dame wirklich dazu entſchließen mußte. Die beruͤhmte und beruͤchtigte Pompa⸗ dour hatte, nach manchen vergeblichen Ver⸗ ſuchen, endlich ihren Zweck erreicht: der Koͤnig war in ſie verliebt, und ſie trat nun mit un⸗ geheuerm Pomp als erklaͤrte Favorite auf.*) V., der die Mittelmaͤßigkeit dieſer Dame, man mochte ſie von einer Seite anſehen, von wel⸗ cher man immer wollte— keinen Augenblick verkennen konnte, auch wol unter vier Augen ſich boshaft genug daruͤber aͤußerte, war doch ſo ſchwach und eitel, ſich bei ihr aufs widrigſte zuzudraͤngen, vor ihr im Staube ſich zu ſchmie⸗ *) Wenn dieſe kleine Folge Anekdoten und Charakterzuͤge nicht mißfaͤllt, wird im zweiten Jahrgange dieſes Journals eine aͤhnliche von die⸗ ſer Frau erſcheinen. Dieſe Sammlung kann zwar durch die Heldin ſelbſt nicht ſo intereſſiren, wie gegenwaͤrtige— wofern ich meinen Stoff nicht ſelbſt verdorben habe; wol aber durch die denk⸗ wuͤrdigen und großentheils einzigen Verhaͤltniſſe des Hofs und der Großen, mit denen die Pompa⸗ dour verbunden war„ und die hier darzuſtellen ſeyn wuͤrden. —— 26— gen und oͤffentlich mit Auszeichnungen von ihr zu prahlen, die er nicht einmal, wenigſtens nicht in dem Maße, erhalten hatte, denn die Pompadour konnte ihn nicht ausſtehen. Er verlor acht Jahre ſeines Lebens damit, daß er auf dieſem Wege ein Mann bei Hofe wer⸗ den wollte, wurde aber nur ein Hofmann, und allenfalls ein reichpenſionirter Titular⸗Kammer⸗ herr. Letzteres zunaͤchſt durch das ſchlechteſte ſeiner Schauſpiele: die Prinzeſſin von Navarra, ein Pomp⸗ und Sypektakelſtuͤck, das er auf Beſtellung jener Dame machte. V. ſelbſt nannte es eine Jahrmarktspoſſe, und meinte, etwas Kaͤufliches habe es hier ſeyn muͤſſen. In dieſen acht Jahren ließen ihm jene Plane und Bemuͤhungen nicht Zeit, etwas Bedeutendes zu ſchreiben. Ein zweites Lieblingsprojekt ſeiner Eitelkeit war, in die Akademie aufgenommen zu wer⸗ den. Funfzehn Jahre hatte er auf alle Weiſe darnach gerungen: endlich gluͤckte es ihm. Nun zogen aber ſeine Gegner, und großentheils die Herren Akademiker ſelbſt, gegen dieſe Wahl oͤffentlich oder in Familienzirkeln entſetzlich los. Es ging ihm, wie einem gewiſſen bekannten deutſchen Schriftſteller vor kurzem in einem gleichen Fall. Was hat denn der Mann ge⸗ macht? hieß es. Schauſpiele und dergleichen! Und dafuͤr wird er unter uns aufgenommen? unter uns, die wir wenigſtens Mathematiker— geweſen ſind?— V., ſtatt das zu verachten, aͤrgerte ſich halbtodt daruͤber, und verging ſich ſogar ſo ſehr gegen ſich ſelbſt, daß er beim Miniſter Klage fuͤhrte. Der Miniſter rieth ihm laͤchelnd, er moͤchte doch die Leute machen laſſen, was ſie wollten; und der beißige Menſch raͤchte ſich denſelben Tag durch ein Epigramm auf den verſtaͤndigen Rathgeber, worin er ihn den Miniſter nannte, der die Leute machen ließ, was ſie wollten— und welches nun in ganz Paris umherlief. Am Hofe des hochachtungswuͤrdigen, letz⸗ ten Koͤnigs von Pohlen, dieſes edeln Freun⸗ des der Muſen und aͤchter Humanitaͤt, ſchrieb V. einige ſeiner ſchoͤnſten Sachen, beſonders den Babouc, dieſe beißende Satyre auf Pa⸗ ris, und den niedlichen kleinen Roman, Zadig. V. gefiel ſich an dieſem Hofe der heitern Stille und geiſtvollen Ruhe ſo wohl, daß er zwei Jahre Dort verweilete: da ſtarb ihm ſeine vieljaͤhrige Geliebte, und er wußte nirgends Troſt, als— im Gewuͤhl von Paris. Hier lernte er den nachher ſo beruͤhmten le Kain kennen, der, da⸗ mals noch ein junger Menſch, trotz allen Hin⸗ derniſſen von Seiten ſeiner Familie u. dergl. zum Theater gehen wollte. V. nahm ſich ſehr brav dabei. Was treibt Sie dazu? ſagte er dem jungen Manne mit vaͤterlicher Schonung und Liebe. Eine unuͤberwindliche Neigung— Um dieſer willen moͤgen Sie oft ins Thea⸗ ter gehen, aber noch nicht aufs Theater! Neigung dazu iſt nicht Talent, Freude daran nicht Genie, Eifer dafuͤr nicht Fleiß, alles zuſammen noch nicht Beruf. Verſuchen Sie's eine Zeit lang, ſich vor der Scene zu halten, und damit Sie nicht durch Beduͤrfniſſe zu jenem Schritt mit veranlaßt werden, biete ich Ihnen 1 10000 Livres an. Le Kain folgte, aber er konnte ſich nicht beſiegen. Nun pruͤfte ihn V. und fand auch alle erforderlichen Talente in ihm. Von nun an trieb er ihn ſelbſt vorwaͤrts, gab ihm Un⸗ terricht in Deklamation und Aktion, uͤbernahm ſelbſt die Leitung ſeiner fruͤhern Verſuche, und ſo wurde le Kain der vorzuͤglichſte unter allen vorzuͤglichen franzoͤſiſchen Komikern.— Koͤnig Friedrich von Preußen hatte V. ſchon oft zu ſich eingeladen, und ihn durch tauſender⸗ lei feine Wendungen zur Reiſe ermuntert, un⸗ ter welchen das wol die ſchmeichelhafteſte war, daß er ſagte, alte Freunde muͤßten zuſammen⸗ halten, und Er, Friedrich, waͤre ja ſein aͤlte⸗ ſter Freund. V., der wol wiſſen mochte, daß Dichter— beſonders ſolche, wie er— gleich den Faſanen, aus der Ferne die ſchoͤn⸗ ſten Farben ſpielen, lehnte die Einladung im⸗ mer artig ab. Der Koͤnig drang auf Gruͤnde; V. ſchrieb, er fuͤrchte das rauhe Klima, und Friedrich fertigte ihm ein beruhigendes Certi⸗ fikat daruͤber aus, dem er, als aktenmaͤßigen Beleg, zwei Melonen zugab, die im Junii zu Potsdam gereift waren. V. blieb beim Entſchuldigen, Friedrich beim Dringen auf neue Gruͤnde; da wendete jener— der Mil⸗ lionen beſaß— die Reiſekoſten vor! Der ε 30 Koͤnig wieß ihm 16000 Livres dazu an.*) V. bezog ſie, zoͤgerte aber unſchluͤſſig noch immer. Endlich gab auch hier ſeine uner⸗ hoͤrte Eitelkeit die Entſcheidung. Der noch ſehr junge Dichter Arnaud hatte eine poetiſche Epiſtel, voll Geiſt und Leben, an den Koͤnig gerichtet. Friedrich hatte ihm geantwortet und unter anderm ſich, vielleicht durch jene Ver⸗ nachlaͤßigung beleidigt, geaͤußert: Voltaire iſt im Untergehen, Arnaud im Aufſteigen. V. lag im Bett, als er dieß erfuhr. Wuͤthig ſprang er im bloßen Hemd heraus: Was? ſchriee er; Voltaire im Untergehen? Um ſein Land, nicht um meine Wuͤrdigung ſoll ſich der Friedrich bekuͤmmern! Wart', ich will hin und dieſem Koͤnig zeigen, daß ieh nicht im Untergehen bin!— So machte er ſich ploͤtzlich auf und kam *) Einige erzaͤhlen, V. habe dieſe eingeſtri⸗ chen, ſei dennoch geblieben, habe ſich mit einem Bonmot beholfen, daß die Reiſekoſten zu Hauſe verzehrt worden waͤren, ſei nun vom Koͤnig zum zweitenmal damit beſchenkt worden, und nun erſt habe ſich begeben, was oben erzaͤhlt wird. nach Potsdam. Die Auszeichnungen, mit wel⸗ chen der Koͤnig ihn empfing und immerfort behandelte, anzufuͤhren, wuͤrde mehr Raum ein⸗ nehmen, als alles, was ich bisher geſchrieben habe. Wie manchem hochverdienten und auch geiſtreichen deutſchen Manne geſchahe hier wehe — vom Koͤnig, aber noch mehr von dem uͤber⸗ muͤthigen Franzoſen!*) Nur Eine ſeiner vie⸗ len Unverſchaͤmtheiten finde hier Platz! Das koͤnigliche Haus ſelbſt that ihm die Ehre an, ſein Drama, Roms Rettung, aufzufuͤhren, und V. ſpielte den Cicero. Die Gardiſten, die die roͤmiſchen Legionen vorſtelleten und dabei ſo ganz andere Manoͤver machen mußten, als ſie ge⸗ wohnt waren, verſahen etwas dabei: V. ſtieß ein niedriges Schimpfwort aus und ſchriee: *) Sehr artig iſt jedoch das Billet, das V. an den Koͤnig ſchrieb, und das erſt vor Jahr und Tag durch den Freimuͤthigen bekannt worden. V. fuͤhrt ſcherzhaft Klage, daß er im Schloſſe— ich weiß nicht ſogleich, wohin? habe gehen wollen: aber die baͤrtigen deutſchen Gre⸗ nadiere haͤtten ihm den Paß verrennt und ihn angeſchnautzt: Sour-oucque!(Zuruͤck!) 3.—— „Menſchen hab' ich verlangt und man hat mir Deutſche gegeben!“ Der Hof— ſchwieg und laͤchelte nur. Doch kam V. auch bei eini⸗ gen biedern deutſchen Maͤnnern nicht ſo leicht weg, ſondern mußte herbe Pillen verſchlucken— was er ſich denn auch gefallen ließ, wenn er ſeinem Manne gegenuͤber ſtand. Geehrt durch glaͤnzende Wohnung und Be⸗ dienung im koͤniglichen Palaſt und durch taͤgli⸗ chen Platz(wenn es ihm ſelbſt geſiel) an Frie⸗ drichs Tafel, geziert mit Orden und Kammer⸗ herrnſchluͤſſeln, unterſtuͤtzt durch eine Penſion von jaͤhrlichen tauſend Friedrichsd'or, reiſete V. ab— wier daruͤber ſind die Erzaͤhler zu uneinig, als daß ich irgend einem nacherzaͤhlen moͤchte. So viel gehet aber aus allen Berich⸗ ten, ſelbſt aus denen ſeiner Verehrer, hervor, daß er in gerechteſter Unzufriedenheit des Koͤ⸗ nigs und mit dem Bewußtſein eines Beneh⸗ mens wegging, das durchaus nur in der groͤß⸗ ten Reitzbarkeit des uͤbereilteſten, unbeſonnen⸗ ſten, nur immer vom augenblicklichen ſinnlichen Eindruck abhaͤngigen Menſchen einigen entfern⸗ ten Grund zur Entſchuldigung finden kann. 33 Vielleicht brachte ſelbſt dieß Bewußtſein die Stimmung in ihm hervor, daß er erſt noch eine Zeit lang in der Welt umher jagte und dann ſich ein ſtilles Landhaus bei Genf kaufte— welches aber bald nichts weniger als ſtill blieb, ſondern zum Sitz der Vergnuͤgungen aller Art umgeſchaffen wurde. Hier ſchrieb er, außer dem Tancred und mehrerem andern, ſeinen Candide und ſeinen Verſuch uͤber den Geiſt und die Sitten der Voͤlker— bekanntlich zwei ſeiner vorzuͤglichſten Schriften, die auch den außerordentlichſten Beifall faſt durch ganz Europa fanden; hier kam er aber auch mit J. J. Rouſſeau zuſammen— im doppelten Sinne des Worts. Ihr bekannter Streit entſpann ſich gar bald, und es konnte auch wol nicht anders ſeyn. Der großherzige Rouſſeau verachtete Voltaire'n, und der gluͤck⸗ liche Voltaire verlachte Rouſſeau'n; beide aber waren zu ſtolz und auch zu heftig, einander das verbergen zu koͤnnen. Als hernach Rouſ⸗ ſeau ſeinen Emil herausgab, und deßhalb die traurigſten Verfolgungen ausſtehen mußte, bot ihm V. eine Zuflucht bei ſich an, aber R. J. f. F. 1X. H. ₰ 3₰ 34 ſchlug ſie ſtreng aus. Jener wollte gern groß⸗ muͤthig, dieſer als Maͤrtyrer erſcheinen; beym Publikum aber zog ſich V., wie immer, am beſten aus der Sache, indem er die Lacher ge⸗ wann. Freund Jean Jaques, ſagte er, braucht nicht Rath, nicht Gefaͤlligkeiten, ſondern— Bouillon! den gebt ihm: der Mann iſt ſehr krank!— Die ſchweizeriſche Geiſtlichkeit, die mehr Freiheit genoß als verſtattete, fing an, V. ſein Landgut zu verleiden, und er zog, zum Theil wol ihr und andern Leuten zum Trotz, auf franzoͤſiſchen Boden, aber hart an der ſchwei⸗ zeriſchen Graͤnze, nach dem ſpaͤterhin weltbe⸗ ruͤhmten Ferney, wo er ſich ein Leben berei⸗ tete, wie es wenig Fuͤrſten ſich verſchaffen koͤnn⸗ ten, auch wenn ſie nur aͤußere Hinderniſſe abhielten. Taͤglich war große offene Tafel fuͤr jeden Geſitteten, der ſich dran ſetzen wollte— nur war V. ſelbſt nicht oft unter dieſen. Er ordnete fuͤr ſeine Gaͤſte einen bunten Wechſel von Baͤllen, Spiel, Muſik, luſtigen Landpar⸗ tieen, Schauſpielen— bekanntlich hielt er ſeine eigene Truppe— und der Himmel weiß, von 38 89 was noch allem! Er ergoͤtzte ſich an dem Vor⸗ genuſſe beym Arrangement, und an der Idee, wie dieſe Menſchen erſtaunen und dann hingehen und aller Welt die Wunder erzaͤhlen wuͤrden. Bei anderthalb⸗hunderttauſend Livres jaͤhrlicher Einkuͤnfte, fuͤr die man noch gar nichts zu thun braucht, und bei ſo großen Vermehrungen die⸗ ſer Summe, wenn man etwas thun will— und V. that viel— dabei, und wenn man auch uͤbrigens ein V. iſt, laͤßt ſich ſo was wol zu Stande bringen. Die Genfer und ſchoͤnen Genferinnen wallfahrteten nach Ferney, Fremde aller Nationen und jeden Standes miſchten ſich unter ſie; man war froh, disponirte uͤber alles, und zog wieder ab, gemeiniglich ohne V. geſe⸗ hen zu haben. Mancher Fremde, der es er⸗ zwingen wollte, ihn ſelbſt zu ſprechen und viel⸗ leicht ein Bonmot von ihm aufzuhaſchen, lebte mit Dienerſchaft und Pferden wochenlang zu Ferney herrlich und in Freuden; aber er mußte doch, ohne ſeinen Zweck erreicht zu haben, ab⸗ ziehen. Bekannt iſt jenes Epigramm, das ein deutſcher Gelehrter, dem es auch ſo ging, zu⸗ ruͤckließ, worin er V. mit Jemand verglich, 36 den man auch eſſe und trinke, ohne ihn zu ſehen; bekannt auch, daß V., ſobald er die Verſe erhielt, alles aufbot, ihn wieder zuruͤck⸗ zubringen. Sonſt ließ ſich der, nun endlich am Koͤrper, nicht am Geiſt, alternde Sybarit nur die letzten Reſultate von dem, was in ſei⸗. nem Hauſe vorging, referiren, lag den groͤßten Theil des Tages im Bett, trank immerfort Kaffee, und diktirte— Verſe, Proſa, Gutes und Boͤſes, Großes und Kleines, Witz, Phi⸗ loſophie und Poſſen, wie es ihm nun eben jeden Tag und jede Stunde gemuͤthlich war. Sein kleines Doͤrſchen erwuchs zu einer der niedlichſten, freundlichſten, beruͤhrigſten Land⸗ ſtaͤdte; beſonders ſetzten ſich viele junge Uhr⸗ macher, andere mechaniſche Kuͤnſtler, und Kauf⸗ leute, mit denen man's in Genf, wie ſie mein⸗ ten, zu genau genommen, dort feſt, und V. half ihnen nach Moͤglichkeit auf, wobei er noch das Vergnuͤgen hatte, die geſtrengen Genfer Herren tuͤchtig zu aͤrgern. Doch ging es auch fuͤr ihn nicht ganz ohne Aerger ab. Nicht nur die boͤſen Kritiker mach⸗ ten ihm oft das Leben ſauer und trieben ihn 37 nicht ſelten bis zur ausgelaſſenſten Erboßung; ſondern auch Andere ließen ihn, und tiefer, empfinden, er ſei kein Gott. Nur Einiges davon! V. verdankte einen betraͤchtlichen Theil ſeines Gluͤcks, namentlich auch die ihm nun zu⸗ geſicherte Freiheit in Ferney, dem beruͤhmten Miniſter Choiſeul; hatte das immer und laut anerkannt, und dieſem Allgewaltigen den Hof in aller Demuth gemacht, wie nur irgend Einer. Immer— das heißt: ſo lang' er dieſer Allgewaltige war! Aber kaum war er gefallen, als ſein zweideutiger, achſeltraͤgeriſcher Guͤnſtling nicht nur aus vollen Backen fuͤr die neue Regierung blies, ſondern auch etwas lei⸗ ſer gegen die alte. Choiſeul zog ſich auf ſein praͤchtiges Luſtſchloß, Chanteloup, zuruͤck, und that nichts gegen V., als daß er auf das Hauptgebaͤude einen ſehr eleganten Wetterhahn ſetzen ließ, der V. zum ſprechen gleich ſahe, und der abſichtlich ſo eingerichtet war, daß er beym veraͤnderten Winde entſetzlich knarrte— theils, die Voruͤbergehenden auf ſich aufmerk⸗ ſam zu machen, theils dadurch noch mehr Aehn⸗ lichkeit mit dem Portraitirten zu gewinnen.— 38 Joſeph II., auf den damals die Augen der gan⸗ zen Welt in dem Glauben gerichtet waren, er werde fortſetzen und vollenden, was ſein Vor⸗ bild, Friedrich 1I., begonnen— Joſeph reiſete in der Schweiz; er beſuchte Hallern, und wen er von verdienten Maͤnnern kannte. V. ruͤſtete ſich in aller Stille zu ſeinem Empfang; Joſeph kam hart bei Ferney vorbei, und ging, ohne V. ſehen zu wollen, voruͤber. Das ſchmerzte, obſchon man nur Witz daruͤber machte!— Sein junges, lockeres Voͤlkchen zu Ferney kultivirte, unter andern ſchlimmen Dingen, vornehmlich auch das— Stehlen. Der alte Herr bekam, nach manchen andern vergeblichen Verſuchen, ſie davon abzubringen, auch den wunderlichen, doch an ſich gewiß gut gemeinten Einfall, ihnen ſelbſt von der Kanzel die Gewiſſen zu ruͤhren. Mit großer Feierlichkeit betrat er den geweihe⸗ ten Ort, hielt, mit aller Gewalt ſeiner Be⸗ redſamkeit, eine vaͤterliche, vortreffliche Rede gegen den Diebſtahl, und die Predigt blieb gewiß nicht ganz ohne Erfolg. Sie blieb es aber auch fuͤr ihn nicht! Die Geiſtlichkeit hielt dieß fuͤr eine furchtbare Entheiligung des Got⸗ 39 teshauſes; ſteckte ſich hinter den Erzbiſchof von Paris, der laͤngſt einen Giftzahn gegen V. hatte; dieſer ſteckte ſich hinter die fromme Koͤ⸗ nigin, und ſchob es ihr jetzt, auf ihrem Ster⸗ bebett, ins Gewiſſen: die Koͤnigin ließ ſich ſterbend von ihrem Gemahl zuſchwoͤren, daß er die Religion an V. raͤchen wolle, und Choiſeul, damals noch Ludwigs rechte Hand und V.s Goͤnner, hatte vollauf zu thun, die Sache nach dem Tode der Koͤnigin in Vergeſſenheit zu bringen. V. war von dem ſchrecklichen Un⸗ gewitter, das ſich uͤber ihm zuſammenzog, un⸗ terrichtet, und ließ ſchon in aller Stille ein⸗ packen, als er einen Brief von jenem Miniſter erhielt, daß er ſicher bleiben koͤnne. So weit recht gut: aber was that V., um nun auch die Geiſtlichkeit zu verſoͤhnen? Er ſtellete ſich krank, ſprach vom Sterben, von Bereuung ſeines Unglaubens und Lebenswandels, von Sehnſucht nach Gnade und Troſt: man rief den Pfarrer, V. beichtete, legte. ein orthodoxes Glaubensbekenntnis ab, ließ es von allen An⸗ weſenden als Zeugen unterſchreiben, empfing das Sakrament— die Theaterſcene war aus, 40— V. war wieder geſund, lachte, und trieb es nach wie vor. Hier thut es Noth, ſich endlich auch nach etwas Gutem umzufehen, das er leiſtete! In dem, was aus ſeinem Kopfe kam, findet man bei ihm immer allenfalls einen Gegenhalt gegen das, was aus ſeinem Herzen floß. Es iſt zum Erſtaunen: in der Zeit dieſes ſeines Auf⸗ enthalts in Ferney— das heißt, in den ſech⸗ ziger und ſiebenziger Jahren ſeines Lebens— war ſein Geiſt am allerfruchtbarſten, und wenn mehrere ſeiner neueſten Werke den beſten aͤltern nicht beikommen, ſo ſind auch einzelne unter das Vorzuͤglichſte zu ſtellen, was er nur je her⸗ vorbrachte. Hier kann nur das Merkwuͤrdigſte genannt werden. Sein Kraft-⸗Buͤchlein uͤber die Toleranz wirkte auf Millionen, und unter dieſen auch auf die, die ſich ſonſt um Buͤcher wenig bekuͤmmern und Toleranz ge⸗ waͤhren koͤnnen; ſein Woͤrterbuch— phi— loſophiſch, nannte er's— verbreitete, freilich neben unwuͤrdigen, auch die herrlichſten und damals neuen Ideen; ſeine zwei kleinen Ro⸗ mane, die Prinzeſſin von Babylon, —— —— — 41 und noch mehr, der Hurone, erfreuen noch immer jeden Leſer; ſeine Geſchichte des Parlements, und ſeine Fragen uͤber die Encyklopaͤdie, regten Gedanken und Wuͤnſche auf, die in der Folge reichlich wucher⸗ ten. Daß faſt alle dieſe Schriften heftigen Widerſtand erregten, daß einige ſogar von Hen⸗ kers Hand oͤffentlich verbrannt wurden, ſchadet dem Guten nicht, das ſich in ihnen findet—— Aber auch das darf ich nicht uͤbergehen, daß ſich auch in ſeinem Leben aus dieſer Zeit manche Zuͤge finden, die groß und herrlich ge⸗ nannt werden duͤrfen, ſollte er auch dabei nicht ganz frei von Ehrgeitz, Ruhmſucht, Eitel⸗ keit u. dergl. gehandelt haben. Wer darf uͤber Beweggruͤnde und Abſichten entſcheiden, außer bei ſich ſelbſt? Und wie ſelten koͤnnen wir ſogar da ganz ſicher ſeyn! Nicht nur anfuͤhren will ich dergleichen Zuͤge, ſondern ſie ſorgſamer aufſuchen, als die Zuͤge von Schwd. che, Thorheit und Zweideutigkeit!— Der groͤßte Tragiker der Franzoſen, das Haupt ihrer Theaterdichter in jedem Sinne des Worts, Corneille, hatte eine Enkelin 42 b— hinterlaſſen, welche, hinausgeſtoßen in die Welt, die von ihr keine Notiz nahm, bei wahren Vorzuͤgen des Geiſtes und Herzens, in bitte⸗ rer Armuth ſchmachtete. Endlich gaben die Pariſer Schauſpieler fuͤr ſie eine Beneſizvor⸗ ſtellung: ſie trug aber ſehr wenig ein. Das ſchrieb man V. Ich baue zwar jetzt ein Schloß und eine Kirche, antwortete er, und beides beſchaͤftigt mich reichlich: aber ich alter Waffentraͤger will ſchon noch fuͤr die Enkelin meines großen Heerfuͤhrers fechten. Vorerſt ſoll ſie nur zu mir kommen. Sie kam: er richtete ihr ein ſehr anſtaͤndiges, ſorgenfreies, bequemes Leben ein; ſchrieb den bekannten Kommentar zu den Werken ihres Großvaters zu ihrem Beſten; blies Lerm, errichtete eine Subſcription zu ihrer Ausſteuer, wozu er faſt alle Fuͤrſten Europa's aufforderte, und hatte die Freude, auch wirklich faſt von allen unter⸗ ſtuͤtzt zu werden. Bekannter iſt, was er an der Familie des ungluͤcklichen, rechtſchaffnen Jean Calas that. Calas halbmelancholiſcher Sohn hatte ſich ſelbſt entleibt; Haß gegen den Vater, den Ketzer, 43 hatte gegen dieſen den Verdacht erregt, als habe er ſelbſt den Sohn umgebracht; das Parle⸗ ment zu Toulouſe hatte ihn auf dieſen Ver⸗ dacht hinrichten laſſen. Freilich konnte V. den Hingeopferten nicht aus dem Grabe erwecken; aber er nahm die Akten vor, erwieß aus ihnen unwiderſprechlich, mit groͤßter Kuͤhnheit und hinreißender Beredſamkeit, man habe einen Un⸗ ſchuldigen gemordet, rettete dadurch die Ehre des Ungluͤcklichen und ſeiner Familie, und er⸗ zeigte dieſer auch ſonſt noch vieles Gute. Dafuͤr ſegneten ihn Gutgeſinnte durch ganz Europa. Nicht nur gegen dieſes, ſondern auch oͤfter gegen aͤhnliches Verfahren der vormaligen graͤß⸗ lichen Kriminaljuſtiz der— feinſten, aufge⸗ klaͤrteſten Nation der Welt, zog V. die Sturm⸗ glocke. Ein Hausvater, Sirven zu Languedoc, hatte das Ungluͤck, daß eine ſeiner Toͤchter ſich ertraͤnkte. Man begann mit ihm, wie mit Calas; aber es gelang ihm mit ſeiner Familie zu entfliehen, ehe man die Todesſtrafe vollzie⸗ hen konnte. Doch es war der haͤrteſte Win⸗ ter, er mußte die unwegſamſten Gebirge auf⸗ 44 ſuchen: ſein Frau kam da um, ſeine zweite ſchwangere Tochter gebar ihr Kind im tiefen Gebirgsſchnee— V. ſchlug entſetzlichen Lerm: man revidirte den Prozeß, man fand die ganze Familie unſchuldig.— Ein armer Tagloͤhner, Martin, wurde des Straßenraubs angeklagt, und verhaftet, ohne daß man etwas, außer unbegruͤndete Vermuthungen, auf ihn bringen konnte. V. fuhr von neuem los, der wahre Straßenraͤuber gab ſich ſelbſt an— aber bei⸗ des war zu ſpaͤt, Martin war ſchon hingerich⸗ tet.— Entſetzlich! kurze Zeit darauf ermor⸗ dete ganz auf aͤhnliche Weiſe die Juſtiz zu St. Omer einen jungen Mann als Moͤrder ſeiner Mutter, ohngeachtet er bis zum letzten Augenblick Gott zum Zeugen ſeiner Unſchuld aufrief, und ſein ſchwangeres Weib wollte man nur erſt niederkommen laſſen, um ſie dann eben⸗ falls zu haͤngen. V. lief Sturm, ließ nicht ab, bis er eine neue Unterſuchung zu Stande brach⸗ te, und nun erkannte man die Unſchuld beider. Und was wirkten dieſe Handlungen V.s auf das Publikum in Frankreich? Das Volk jubelte, vergoͤtterte ihn, und— vergaß bald — 45 darauf alles. Die Gelehrten ſammelten eine Subſcription, ihm ein Ehrendenkmal zu ſetzen. Koͤnig Friedrich trug d' Alembert auf, zu be⸗ ſtimmen, wie viel er beitragen ſolle. Sire, antwortete dieſer, Ihr Name und Ein Thaler ſind genug!— Die Gerichte erbitterten ſich dagegen und riefen: Was miſcht ſich dieſer Atheiſt in Sachen, die ihn nichts angehen? Der Koͤnig(Ludwig XV.) ließ ſich von ſei⸗ nen Maitreſſen die Sachen als Stadtgeſchicht⸗ chen gegen die Langweile erzaͤhlen, und vergaß ſie in ihren Armen gleich wieder— als Stalw geſchichtchen. Nicht ſo das Ausland! Frie⸗ drich II., obgleich von V. beleidigt, ſchrieb ihm vortrefflich daruͤber, ließ ſeine Statuͤe von Porzellan fertigen und ſetzte eigenhaͤndig auf das Piedeſtal: Viro immortali.„Sire, ant⸗ wortete V., Sie weiſen mir ein Guͤtchen in Ihren Domainen an!“— Katharina II. von Rußland, obgleich von V. vernachlaͤßigt und mit zum Theil faden Schmeicheleien ab⸗ geſpeiſet,*), ſchrieb ihm mit eigener Hand: *) So war er z. B. von der großen Kaiſerin, die unter anderm durch ſeinen Karl XII. bezau⸗ 45— „Wehe den Verfolgern! ꝛc.“ ſchickte ihm die koſtbarſten Zobel und ihr mit Brillanten reich beſetztes Bildnis.—— Voltaire war vier und achtzig 3 Jahr, und noch voll Lebensluſt und Regſamkeit. Einer der Lieblingsplane, mit welchen er ſeine Eitel⸗ keit kitzelte, war, noch einmal in Paris auf⸗ zutreten und gleichſam als Triumphator zu ſter⸗ ben. Er hatte alles ſehr gut vorbereitet. Es hieß, er wolle nur ſeine geliebte Pflegetochter, die neuvermaͤhlte Marquiſin de Vilette, beſu⸗ when; aber ganz Paris war davon unterrichtet und brannte, ihn zu ſehen und ihm zu hul⸗ digen. Auch hatte er fuͤr Gelegenheit, das bert worden, erſucht, ein Seitenſtuͤck dazu in ihrem glorreichen Vorfahren, Peter dem Großen, aufzuſtellen. V. verſprach es 4 pries ſich gluͤck⸗ lich ꝛc. Er ließ ſich im voraus überreich dafuͤr belohnen, ließ ſich die wichtigſten Dokumente zu dieſer Geſchichte anvertrauen: das Buch erſchien nicht; und da er endlich gar keine Ausflucht mehr erſinnen konnte, kam die aͤrmliche, zuſammenge⸗ ſtoppelte Anekdotenſammlung aus dem Leben des Czars an's Tageslicht, die im Grunde wol weni⸗ ger als nichts genannt werden koͤnnte. — 47 huͤbſch oͤffentlich zu thun, geſorgt, indem er zwei neue Trauerſpiele, Irene und Aga⸗ thokles, mitbrachte, die aufgefuͤhrt werden ſollten. Im Winter 1777 machte er ſich wirk⸗ lich auf und kam gluͤcklich in das begierig har⸗ rende Paris. Er that fromm, beichtete erſt, und hielt dann Proben zur Irene. Sie verſprachen nicht viel. Es waͤre doch fatal, ſagte er, wenn ich nach Paris gekommen waͤre, um zu beich⸗ ten und mich auspfeifen zu laſſen. Dahin ließ es aber der Enthuſiasmus der Pariſer kei⸗ neswegs kommen. Im Gegentheil, da nun endlich Irene erſchien und V. unter den Zu⸗ ſchauern, graͤnzten die Huldigungen aller Art an Wuth. Kein Gott konnte glorreicher em⸗ pfangen werden. Die Berauſchung durch ſo unerhoͤrten Beifall, die ſtete Anſtrengung, alles das zu genießen, was man ihm veranſtaltete, uͤberall ſchoͤne Dinge zu ſagen, jung zu thun, oder wenigſtens uͤber ſein Alter jung zu ſcher⸗ zen— dieß zog ihm bald Unpaͤßlichkeiten zu. Er konnte den Wiederholungen der Irene nicht beiwohnen: aber er unterhielt ab⸗ und zuei⸗ lende Kuriere, die ihm von Akt zu Akt berich⸗ 48—— ten mußten, ob man huͤbſch applaudire.*) Miniſter, Gelehrte, Hofleute draͤngten ſich, ihm aufzuwarten: er ließ nicht leicht Einen ohne ein Bonmot weggehen, obſchon er krank war. Einige ſeiner alten Freunde und— Kampfgenoſſen, die es zu keinem ſo glaͤnzenden Siege gebracht hatten, ſuchte er ſelbſt auf, ſobald er ſich erholt hatte. Der Eine, ſteif und ausgetrocknet, wie Er, fand ſich in ent⸗ legenem Viertel der Stadt in einem Dachſtuͤb⸗ chen: Freund, ſagte V. eintretend, ich habe meinen Todeskampf aufgeſchoben, Sie zu um⸗ armen.— Franklin befand ſich eben damals in Paris, um Beiſtand zur Befreiung ſeines Va⸗ terlandes zu unterhandeln. Er kam zu V. und brachte ſeinen Enkel mit. Mein Sohn, ſagte er, kniee nieder vor dieſem großen Manne! Der Knabe that es. V. legte ſehr geruͤhrt die Hand auf ſein Haupt und ſagte ſegnend: Gott und Freiheit!— *) Die foͤrmliche Apotheoſe V.s iſt zu be⸗ kannt, ſo wie der Bericht uͤber alle die glaͤnzen⸗ den Feſte, die man ihm gab, zu einfoͤrmig, um hier wiederholt zu werden. — 49 Es iſt zu verwundern, daß gaͤnzlich veraͤn⸗ derte Lebensordnung, daß ſolche unaufhoͤrliche ſtarke Eindruͤcke und heftige Reitze den ner⸗ venſchwachen Greis nicht umbrachten, ſondern nur mehr ſchwaͤchten. Doch war Paris ſein Tod. Er konnte ſich von dieſen Beatifikatio⸗ nen, er konnte ſich auch von ſeiner ſo innig geliebten Pflegetochter, die er und nachher die Welt ſpruͤchwoͤrtlich Schoͤngutchen nannte— nicht trennen; er konnte aber auch ſein liebes Ferney nicht miſſen, deſſen Einwohner Depu⸗ tationen an ihn ſandten, ihn zuruͤrk zu erbitten, und ſogar eine Art von tragbarem, hoͤchſtbe⸗ quemen Kabinet machen ließen, um ihn darin auf ihren Schultern recht ſanft zuruͤckzubringen. Dieſes Schwanken ſeines Herzens ſetzte ihn in neue, heftige Spannung. Er wollte ſich durch Arbeiten abziehen, ſchlug der Akademie, die eben mit Planen zu einem moͤglichſt vollendeten Woͤrterbuche umging, vor, jedes Mitglied ſolle Einen Buchſtaben bearbeiten, und Er wolle gleich A. behalten; man nahm den Vorſchlag an, V. arbeitete mit groͤßtem Eifer, reitzte ſich J. f. F. IX. H. 4 50 noch mehr auf durch Opium: da mußte die alte, ausgelaufene Maſchine zuſammenbrechen. Seine letzten Stunden ſollten noch durch einen Prieſter verbittert werden, der ſich mit Gewalt herzudraͤngte, ihm das Gewiſſen zu ruͤhren und ihn zu bekehren; aber es ſollte ihm auch noch eine ſchoͤne Freude den Hingang verſuͤßen. Er hatte in der wichtigen und furchtbaren Prozeßſache der Familie der Grafen Lally⸗Tolendal ſich zum Vertheidiger aufgewor⸗ fen; er lag im Hinſcheiden, als man ihm die Nachricht brachte, er habe geſiegt— So giebt ihnen der Koͤnig ihr Recht, ſagte er: nun ſterb' ich vergnuͤgt. Da verſchied er, und Friedrich II. ſchrieb ihm, mitten im Tumult des Kriegs, eine treffliche Trauerrede. Die Umſtaͤnde.*) Die Umſtaͤnde ſind, was Aufſehen machen laͤßt, was Leuten von Kopf zum Gluͤck, Leu⸗ ten ohne Kopf zu Entſchuldigungen verhilft. Der große Menſch beherrſcht ſie, der feine Menſch zieht Vortheile von ihnen, der gemeine Menſch laͤßt ſich von ihnen tyranniſiren. Lange vor Galilai hatte man die Umdre⸗ hung der Erde um die Sonne gemuthmaßt: Galilaͤt wurde dieſer Meinung wegen von der Inquiſition eingekerkert, gequaͤlt, aufgeopfert: dieſen Umſtaͤnden verdankt er ſeinen Ruhm, als Erfinder dieſes Syſtems.— Es haͤngt von den Umſtaͤnden ab, ob eine Charlotte Corday eine Moͤrderin, oder eine thoͤrichte Schwaͤr⸗ *) Die erſten ſechs bis acht Zeilen dieſes Aufſatzes ſind nach dem Franzoͤſiſchen. 52— merin, oder ein edles Opfer fuͤr das Vaterland genannt werden ſoll. Und wie ſehr vieles ver⸗ dankt der Mann, der jetzt, heimlich oder offen⸗ bar, vielleicht drei Viertel von Europa beherrſcht, den Umſtaͤnden— oft ſogar den kleinſten, aller⸗ zufaͤlligſten? Man weiß von Heerfuͤhrern, die vor einer Armee Helden, und fuͤr ſich allein, äußerſt furchtſame Menſchen waren. Wie man⸗ cher beruͤhmte Schriftſteller verdankt nicht nur ſeinen Ruhm, ſondern auch den bedeutenden, tiefen Eingang ſeiner Arbeiten— nicht dem, was er ſchrieb, auch nicht dem, wie er ſchrieb, ſondern den Umſtaͤnden, daß er gerade da⸗ mals, damals gerade das, vielleicht ſogar, damals gerade jenes unvollkommnere, aber in die, eben wieder durch Umſtaͤnde herbeige⸗ fuͤhrte Stimmung des Publikums eingreifende, ſchrieb! Haͤtte Goͤthe vor fuͤnf und zwanzig Jahren die Eugenie, und vor dreien den Werther geſchrieben: wie wuͤrden ſie aufge⸗ nommen worden ſeyn? Vielleicht waͤren beide vom Strome dahingeriſſen, nur von wenigen be⸗ merkt worden. Ja, wahrſcheinlich haͤtten wir dann das noch vollkommnere, das zwiſchen bei⸗ den erſchien, gar nicht erhalten; denn daß aus⸗ gezeichnete Aufnahme, fruͤher Ruhm— kurz, daß Umſtaͤnde auch auf den Gang des Geiſtes, — auch des Geiſtes der ausgezeichnetſten Men⸗ ſchen, viel, ſehr viel wirken, ſowol in Abſicht der Hoͤhe, die Einer erklimmt, als auch in Abſicht des Weges, den er einſchlaͤgt: das iſt wol offenbar—— Solche Beiſpiele anzufuͤhren, geziemt mir vielleicht nicht ganz. Ich gebe andere. Ein Weib, das nie geliebt hat, iſt ein Weib, das den noch nicht gefunden, den es lieben ſollte. Eine herrſchende Juno bleibt in dieſem ihrem Charakter, wenn ſie keinen Jupiter findet, der ſie beherrſchen mag. Tauſend treue Weiber ſind das nur, weil ſie keine, oder doch keine wahrhaft gefaͤhrlichen Verlockungen von ihrer Bahn erfahren; ſo wie tauſend Maͤnner nur darum ehrlich bleiben, weil es ihnen nicht all⸗ zunah gelegt wird, Schurken zu ſeyn. Manche laͤßt ſich einen, und einen wirklich unbedeu⸗ tenden Fehltritt zu Schulden kommen, kehrt auch ſogleich von ihm zuruͤck: die Unſtaͤnde, fuͤr die ſie nicht kann, machen, daß ihr Ruf auf immer dadurch vernichtet. wird. Der An⸗ dern Gang iſt ein faſt unaufhoͤrliches Ausglit⸗ ſchen auf ſelbſtgewaͤhlter, ſchluͤpfriger Bahn: es vereinigen ſich aber die Umſtaͤnde, ohne ihr Verdienſt, zu ihren Gunſten, und ſie gilt im Urtheil der Welt fuͤr die ſchuldloſeſte, ehren⸗ wertheſte Frau. Ach, wie viel Thoren ſind noͤthig, ein Publikum auszumachen! ſeufzt Champfort.— 2n Ich gehe aus, eine ungluͤckliche Freundin zu troͤſten; ich ſetze mich in die rechte Stim⸗ mung und zugleich in die Faſſung, die mir Eingang verſchaffen muͤſſen. Ich eile; der einzige Umſtand—; ein rauher Wind wehet, reitzt einen kranken Zahn, ich bekomme heftigen Zahnſchmerz: und dahin iſt, trotz aller meiner Bemuͤhung, Stimmung, Faſſung, Eingang; und vielleicht war dieß der einzige und letzte Moment, die Ungluͤckliche von Verzweiflung zu retten. Der Umſtand, daß mein Vater ſich in der Antichambre des Miniſters erkaͤltete, hat mein ganzes Lebensgluͤck begruͤndet. Dieſe Erkaͤltung brachte nehmlich eine Schwaͤche in ſeinen Fuͤßen hervor. Dieſe zu heben, riethen ihm die Aerzte nach Karlsbad zu gehen. Er nahm mich mit. Dort lernte mein Mann mich ken⸗ nen, der ſonſt nie mich zu ſehen bekommen haͤtte; und dieſer mein Mann wurde eben mein Gluͤck. Eine meiner Freundinnen machte ihre glaͤnzende und vielbeneidete Carriere durch den Umſtand, daß(ohngefaͤhr achtzig Meilen von ihrem Wohnorte) die bekannte Proklamation des Herzogs von Braunſchweig gegen die Fran⸗ zoſen beym Einmarſch der verbundenen preußi⸗ ſchen und oͤſterreichiſchen Armee erlaſſen wurde. Ohne dieſe Proklamation waͤren nehmlich ge⸗ wiſſe politiſche Verhaͤltniſſe nicht eingetreten; ohne dieſe Verhaͤltniſſe waͤre die preußiſche Armee nicht zuruͤckgezogen worden; ohne dieß waͤre eine gewiſſe hohe Vermaͤhlung nicht zu Stande gekommen; ohne dieſe waͤren dem erha⸗ benen Paare gewiſſe Feierlichkeiten nicht ange⸗ ſtellt worden; ohne dieſe waͤre meine Freundin als eins der gebildetſten und ſchoͤnſten Maͤdchen nicht bekannt worden; ohne dieß haͤtte der 56 junge, vornehme, reiche und treffliche Juͤngling, der ihr hernach Herz und Hand botn nichts von ihr aſahran—— Zu was dieß alles fuͤhren ſoll? Will's Gott, dazu: daß die Leſerinnen auf folgende SGaͤtze ernſter aufmerken, und ſie zu Grund⸗ ſaͤtzen und Maximen, wonach ſie handeln, wer⸗ den laſſen: Verweben ſich die Umſtaͤnde ſo ohne dein Zuthun und meiſtens ſelbſt ohne dein Wiſſen: ſo rechne nie auf ſie. Ein Thor ſetzt in die Lotterie mit der gewiſſen Erwartung, das große Loos zu gewinnen; ein Thor ſetzt uͤber⸗ haupt in die Lotterie, wenn er nicht den Ein⸗ ſatz gleichguͤltig verlieren, und das Ganze nur als eine Taͤndelei anſehen kann. Laß dich durch ungluͤckliche Umſtaͤnde nicht darniederſchlagen, durch gluͤckliche nicht ſicher oder uͤbermuͤthig machen. Du kannſt fuͤr beide nicht, haſt an beiden kein Verdienſt, beide koͤnnen und werden, und oft nur allzu⸗ ſchnell, wechſeln. — 57 Benutze die Umſtaͤnde, ſobald ſie dir guͤnſtig werden, denn ſie fliehen. Dadurch unterſcheidet ſich eben der Kluge und Gewandte von dem Unklugen und Saumſeligen. Dieſer ſagt und thut vielleicht daſſelbe Schoͤne und Gute, wie jener: aber es bleibt ohne Erfolg fuͤr ihn und fuͤr die Welt, denn er ſagt's und thut's zur Unzeit. Erhebe dich uͤber die Umſtaͤnde. Je weniger du auf ſie rechnen kannſt, je mehr bilde und befeſtige dich, auf dich ſelbſt in allen Umſtaͤnden rechnen zu koͤnnen. Was iſt elender, als der Federball der ungezuͤgelten, oft muthwilligen Laune der Verhaͤltniſſe zu ſeyn? Was iſt edler, als dem Felſen zu glei⸗ chen, an den ſie wie fluͤchtige Wellen ſpuͤlen— dem ſie hoͤchſtens das gruͤne, artige Moos, das ihn ſchmuͤckte, entreißen, ihn ſelbſt aber nie umſtuͤrzen koͤnnen? Erhalte die Hoffnung und naͤhre den Glau⸗ ben an eine hoͤhere Macht, die dich, nach die⸗ ſer Periode deiner ganzen Exiſtenz, zu einer andern erheben wird, wo du nicht mehr mit 58 ſolchen Umſtaͤnden zu kaͤmpfen haſt. Wie es auch in jener Welt mit dir werden möͤge: die Umſtaͤnde ſind nur Erzeugniſſe von dieſer, und mithin mußt du, wenn du ihren Schau⸗ platz verlaͤſſeſt, auch ſie ſelbſt verlaſſen.— 4 Die Wittwe. 59 Es iſt an vielen Orten zur herrſchenden Mode geworden, nicht mehr bei dem Verluſt geliebter Angehoͤrigen zu trauern. Soll es Aufklaͤrung, ſoll es Seelenſtaͤrke ſeyn; ich finde dieſe Sitte weder edel, noch natuͤrlich. Die Trauer iſt gleichſam ein Opfer, das die Selbſtliebe der Liebe zu den verlornen Freunden bringt; und die wildeſten, uncultivirteſten Nationen des Erdbodens fuͤhlen dieſe Ueberlegenheit eines ed⸗ lern Triebes. Der Ueberlebende fuͤhlt in dem Augenblicke des Verluſtes die Nichtigkeit deſſen, was ihm ſelbſt gehoͤrt, da er von ſeinem beſſern Selbſt, von denen die er liebte, ſchei⸗ den muß; er iſt nicht mehr eitel, und achtet koͤrperlichen Schmerz nicht mehr. Einige der wilden Nationen zerritzen ſich die Stirn mit Muſchelſchaalen, ihr Blut mit ihren Thraͤnen 60— zu vermiſchen; die edlen, liebenswuͤrdigen Be⸗ wohner von Euwa und den uͤbrigen freund⸗ ſchaftlichen Inſeln, ſie, die ſich ſo ſanft, ſo gefuͤhlvoll gegen ihre Nebenmenſchen zeigen, ver⸗ ſtuͤmmeln fuͤhllos ihren ſchoͤnen Koͤrper bei dem Verluſte geliebter Menſchen. Sie gehen zu weit; allein es iſt doch immer nur ein Ueber⸗ maß von Schwaͤrmerei zu nennen, die aus einer edeln Quelle fließt. Die ſchoͤnſte, ſeelen⸗ vollſte Art der Trauer ſcheint mir die Ge⸗ wohnheit, womit das weibliche Geſchlecht einer der nordamerikaniſchen Nationen ſeinen Schmerz auszudruͤcken pflegt. Die Maͤdchen, wenn ihre Gatten oder Geliebten in der Schlacht geblie⸗ ben, oder ſonſt geſtorben ſind, berauben ſich ihrer ſchoͤnen, langen Locken, gehn hinaus auf das Todtenfeld und ſtreuen den Haarſchmuck auf die Graͤber der Geliebten. Gleich als wollten ſie damit ſagen: Nur dir gehoͤrte meine Schoͤnheit! Ich will keinem Auge mehr gefallen, da ſich das Deinige geſchloſſen hat. Eine gleiche, nur ſchwaͤchere Bedeutung hat bei uns das Tragen dunkler, unſcheinbarer Farben; ſie wollen ſagen, daß der Schmerz — 61 des Trauernden jeden Wunſch, ſelbſt das na⸗ tuͤrliche Verlangen zu gefallen, uͤberwiegt. Im Augenblick des Todes der Geliebten, in die⸗ ſem wichtigen, großen Augenblicke fuͤr jedes menſchliche Gemuͤth, vergißt das Herz ſich ſelbſt, um ſich in Thraͤnen heißer Liebe auf⸗ zuloͤſen. Der Egoismus hat auf einige Zeit den alten Wohnſitz verlaſſen, und ſo koͤnnte man die Trauer gleichſam das ausgeſteckte Sie⸗ gespanier der Liebe nennen. Und ſollten wir es verlaͤugnen wollen, dieß Zeichen eines edle⸗ ren Gefuͤhls? Sollte nicht vor allen Andern diejenige, die den verlor, den ſie ihr Leben, den ſie die Haͤlfte ihres Weſens nannte, es begierig auffaſſen, dieß ſchoͤne ſprechende Zeichen, womit ſie dem Geliebten noch uͤber die Gruft hinuͤber den Schwur der liebenden Treue rufen kann? Mich duͤnkt, in keinem andern zaͤrtlichen Verhaͤltnis iſt der Sinn der Trauer tiefer und bedeutungsvoller, als in dieſem, die gaͤnzliche Verſchleierung der Reitze, die den. Verſtorbnen nur erfreuen ſollten! Der Brautkranz ſchmuͤckt die Jungfrau fuͤr ihren irdiſchen Geliebten; der 62 Wittwenſchleier zeugt gleichſam, daß ſie ſich zum zweitenmale mit ihrem himmliſchen Gatten vermaͤhlt.— Wir bewundern die zarte Blu⸗ menſprache der Indier, dieſe Miniaturſchrift inniger, liebender Gefuͤhle; und wir? ſollten wir nicht einmal die großen koloſſalen Lettern leſen koͤnnen? ſollte uns der zarte, treue Sinn jener wilden Amerikanerinnen beſchaͤmen, die den Schmuck ihrer Schoͤnheit am Grabe der Geliebten opfern? Iſt nicht das weibliche Ge⸗ ſchlecht von der Natur dazu geeignet, dazu geſchaffen, das Geiſtige auf eine edle Weiſe mit dem Sinnlichen zu verbinden? und dieſe edelſte, erhabenſte von allen ſinnlichen Bezie hungen ſollten wir verlaͤugnen? Noͤge den Maͤnnern, ihnen, die ſo empfaͤng⸗ lich ſind fuͤr alles Schoͤne der Gegenwart, die ſich mit philoſophiſch freiem Sinn uͤber unſre liebende Beſchraͤnktheit zu er⸗ heben wiſſen; moͤge ihnen auch die ſinnliche Bezeichnung eines Gefuͤhls erlaſſen ſeyn, das ſie nicht lange naͤhren koͤnnen! Uns ſei der Schmuck der Treue uͤberlaſſen!— Moͤgen ſie 6³ in den lachenden Blumen der Gegenwart Er⸗ ſatz fuͤr den verbluͤhten Fruͤhling ihres vergan⸗ genen Lebens finden! Uns bleibe treue Lieb' und treuer Schmerz! 1 Louiſe Brachmann. Der Traum des Lebens. Beſchluß. Jetzt betrat das junge Ehepaar den Schau⸗ platz einer großen, glaͤnzenden Hauptſtadt, in der alle Elemente des Guten und Boͤſen ge⸗ miſcht ſind, und, wie im großen Weltall, nach Vereinigung ſtreben. Aline ward angebetet, Alexis ward bewundert: er gab ſich dieſem neuen Leben ganz hin. Sein Volk und ſeine Regentenpflichten machten ihm das Herz gar nicht ſchwer; die lagen immer nur im Hinter⸗ grunde, wie das Nachtquartier fuͤr einen Rei⸗ ſenden. Je mehr Weg Einer macht, je wei⸗ ter koͤmmt er: Er machte denn auch einen weiten Weg! Weisheit hatte er bei den Prie⸗ ſtern des großen Tempels gelernt; es waͤr' ſehr gemein geweſen, die Thorheit nun bloß vom Hoͤrenſagen zu kennen. Er war treulich be⸗ — 63 muͤht, ſie bis auf den Grund anzuſchaun. Aline ihrer Seits fand in der Anwendung ihrer Kenntniſſe auch wieder viel Genuß. Auch in der großen Stadt gab es Schuͤler der Weis⸗ heit, die aber noch um ſo viel liebenswuͤrdiger waren, als ſie die Sache nicht ſo handwerks⸗ maͤßig, nicht ſo ſchulgerecht trieben. Sonder⸗ bar, daß die beiden Leute immer einerlei Zweck, einerlei Beſchaͤftigung hatten, und doch taͤglich eins mit des andern Treiben unzufriedner wur⸗ den! Was Alexis bei allen Weibern bezauberte, fand er bei ſeiner Frau aͤrgerlich; was ſie bei allen Maͤnnern entzuͤckte, ſchien ihr bei Alexis unrecht, erregte ihr Mißfallen, verleitete ſie zu Vorwuͤrfen. Tauſendſchoͤn ward ganz irre in ihren Gedanken. Sie ſah gar nicht ein, wie aus dem allen endlich Regententugenden her⸗ auskommen ſollten. Oft wollte ſie es mit dem Ruͤhrenden verſuchen, um die beiden Leute zu vereinigen; ſie erinnerte ſie an ihre Kinder⸗ jahre, an ihre Liebe— Aline erroͤthete, Alexis ſchenkte ſich ungeſtuͤm Wein ein. Sie entwarf ein ruͤhrendes Gemaͤhlde von haͤuslichem Gluͤck, einem Kreis von Kindern, Pflichten, Untertha⸗ TJ. f. F. IX. H. 5 66 nen— Alexis zuckte die Achſeln, Aline liſpelte etwas von proſaiſchem Leben.. Das machte Tauſendſchoͤns Galle rege— Denn mit den Feen iſt's eben wie mit allen andern Ueberir⸗ diſchen, wovon wir armen Menſchen ſchwatzen: wenn wir einer Gottheit recht viel Ehre ange⸗ than haben, haben wir ihr endlich doch nur unſre Eigenſchaften, unſre Leiden und Freuden gegeben. Tauſendſchoͤn war alſo boͤs, und weil ſie eine Fee war, recht feenmaͤßig boͤs; ſie er⸗ klaͤrte ihren Zoͤglingen kurz und gut, ſie ſoll⸗ ten jetzt zu ihren vaͤterlichen Fluren, zu der Wiege ihrer Kindheit zuruͤckkehren, oder ſie uͤberließe ſie ihrem Schickſal und verſchloͤſſe ſich in ihren ſchoͤnen Palaſt. Aline verſchluckte ihre Thraͤnen und ſchwieg, Alexis machte eine hoͤh⸗ niſche Reverenz und ging zur Thuͤr hinaus. Die Fee ließ ihren irdiſchen Schleier fallen, verſchwand, und unſre Leutchen blieben nun allein, ihrer eignen Weisheit uͤberlaſſen.— Anfangs ſchien es ihnen herrlich zu bekom⸗ men; ſie lebten ſich einander fremd, jedes in ſeinem Kreiſe. Nur Alma war, ſeit Tauſend⸗ ſchoͤn verſchwand, ſonderbar unruhig und ruͤh⸗ — 67 rig. Sie ging vom Garten in die Zimmer, ſuchte in allen Winkeln des Gartens, brachte endlich Biumen von hohem, wunderbaren Wuchs, legte ſie vor die Mutter, und reichte ſie dem Vater, und fragte leiſe und ernſt: Sind es die, die du ſuchſt? Aline ſah die Blumen und erſchrak: ſolche Blumen waren es, unter denen Alexis einſank in ihrem Traum. Alexis rief voll Feuer: Wo fandeſt du die Blumen? wo bluͤhen ſie?— Du kannſt ſie nicht pfluͤcken, fagte das Kind; ſie wachſen auf gefaͤhrlichem Boden: nur ſo ein kleines Kind kann dahin. Ich halte mich an die Zweige der Lilien, und klimme zum Haupt der Narziſſen— Ich will dahin, ich will dahin, rief Alexis, als trieb' ihn ein Zauber, und fort floh er und Alma mit Zephyrſchnelle ihm nach. Aline blieb wei⸗ nend zuruͤck; ſie dachte, ihr Traum gehe nun in Erfuͤllung. Ein ſchoͤner Mann, der ihr oft Geſellſchaft leiſtete, kam und. fand ſie in Thraͤ⸗ nen; er verſuchte lange ſie zu troͤſten, und wie es ihm endlich gelang, kam Alexis muͤde und ohne ſolche ſchoͤne Blumen nach Hauſe. Er fand Alinen getroͤſtet und ward boͤſe, daß ein 68 andrer als er ſie getroͤſtet hatte; ſie wurden ſehr uneins, und endlich beſchloſſen ſie, ſich nie mehr zu ſehen. Kaum war das Wort geſpro⸗ ſchen, ſo rief Alma mit bangem Ton im Gar⸗ ten vor dem Saale: Vater! Mutter! Beide blickten zu den großen Fenſtern hinaus auf den Raſen. Sie ſind alle verbluͤht die Blumen: dort ſtehen die letzten, letzten! ich will ſehen, ob ich ſie euch pfluͤcken kann.— Das Kind ſtreckte ſeine Aermchen aus nach einem Grund, wo ein blendendes Licht auf ein ſmaragdenes Gruͤn ſchien, das mit Zeitloſen durchbluͤht war; ſie eilte dahin, und wie ſie es betrat, wogte der Grund und wallten die Blumen, und das Kind ſank in die gruͤnen Wogen und ſein er⸗ habnes Haupt floß uͤber dem Gruͤn und ver⸗ ſchwand dann. Aline war aus dem Saal in den Garten geſtuͤrzt, aber wie ſie heraus kam, war alles verſchwunden; ſie erkannte den Weg nicht mehr, ſie lief und rief: Alma! Alma! und die Luft ſchwirrte und rauſchte: Alma! und leiſe rieſelten Bluͤthen von den Baͤumen, und Aline fuͤhlte ſich wunderbar bewegt und beſchaͤmt. Sie wußte, Alma ſei da, und fuͤrch⸗ 69 tete ſich nicht mehr vor dem wogenden Grunde. Nun ſehnte ſie ſich nach den Fluren ihrer Kind⸗ heit zuruͤck, und es fiel ihr ploͤtzlich ein, wie ſie einſt auf Zeitloſens Schooße geſeſſen, und mit den Perlen ihres Halsbands geſpielt, und verſprochen haͤtte, Alexis immer zu verzeihen. Ach das war aber ein anderer Alexis! rief ſie, nicht der, welcher jede Freude verwirft, die ich ihm anbiete, jeden Vorzug tadelt, den ich be⸗ ſitze, der mich nun verſtoͤßt und allein laͤßt! So ging ſie fort und ſuchte den Ruͤckweg in den Saal, aber ſie fand ihn nicht; ſie kam vom Gebuͤſch auf Wieſen und vom Huͤgel in ein Thal. Da wars Abend, und ſie fand vor der Thuͤr eines niedlichen Hauſes ein junges Weib ſitzen mit einem ſaͤugenden Kinde; ein Mann im Bauerkleide ſtand vor ihnen und hielt dem Kind' eine Taube vor, mit ihr zu ſpielen. Aüne gruͤßte ſie und ſetzte ſich neben ſie. Es war ihr, als ſei ſie nun an ihre Herberge ge⸗ kommen. Und ſo wars auch. Die junge Frau reichte ihr das Kind und ging hin, ihm den Brei zu kochen. Der Mann ſtach Salatkoͤpfe im Garten aus. Nachher nahm er den mun⸗ 70 tern Knaben Alinen vom Arm und ſchickte ſie an den Brunnen, den Salat zu waſchen. So etwas war ihr Zeitlebens noch nicht vorgekom⸗ men, und es war ihr doch recht natuͤrlich. Nur ganz ſtill war ſie in ihrem Gemuͤth und ihrem Weſen. Es daͤucht' ihr, ſie ſchliefe. Nach dem vielen Weinen von geſtern, uͤber Alexis Forteilen nach den fremden Blumen, und ſeinen Zorn, und ihre beſchloſſene Trennung, und Almas Verſchwinden, dachte ſie, ſie traͤume einen ſanften, ſchmerzſtillenden Traum, und hoffte immer, endlich werde auch Alma im Traum vorkommen, und ihr Blumen bringen, und dann wollte ſie das Kind nicht wieder allein gehen laſſen. Drum that ſie leiſe, als wenn ſie ſich fuͤrchtete, den Traum zu ſtoͤren. Wie ſie nun einmal auf die Wieſe ging, um Gras zu ſchneiden fuͤr die milchweißen Kuͤhe, bluͤhten viele Zeitloſen da, und ſie buͤckte ſich und pfluͤckte eine Handvoll und ſteckte ſie an den Buſen, ſin⸗ nend wo ſie doch ſonſt ſchon die Blume geſehen haͤtte? Da kam ein junger Mann im Jaͤgerkleide her, der hielt einen Strauß von Tauſendſchoͤn in der Hand und ſagte: Nimm dieſe Blumen, 71 ſie ſind ſchoͤner wie die deinen! ſieh, wie die welken!— Aline ſah ihre Bluͤmchen: die hin⸗ gen ihr ſchon farbenlos am Buſen, aber der Strauß widerſtand ihr— Behalte deine Blu⸗ men, fremder Mann, ſagte ſie; ich will lieber meine verwelkten— mich daͤucht, es gab einſt Blumen der Art!— Sie ſchwieg ſinnend, ihr war, als muͤßte ſie ſich erinnern, wo ſie die Blumen geſehen hatte. Der junge Mann warf ſeinen Strauß von Tauſendſchoͤn hinweg, und ſuchte Zeitloſen, wie Aline; aber wenn er hin⸗ griff zu einer, verſchwand ſie, und es ſtanden die ſteifen gruͤnen Blaͤtter da, die erſt nach der Blume kommen und giftig ſind. Aline ging taͤglich zur Arbeit auf die Wieſe, in den Wald und in den Garten; und Abends nach der Ar⸗ beit kam der fremde Mann und ſie ſaßen zuſam⸗ men, ſpielten mit den Kindern vom Hauſe, und waren ſo froh, wie ſie. Aline glaubte nun bei⸗ nahe, jetzt wache ſie und das Leben bei den Prie⸗ ſtern des Tempels und in der großen Stadt ſei ein Traum geweſen; nur ihre Kindheit ſei wahr, bis zu dem Tage, wo Alma geboren ward. Dann dachte ſie traurig: waͤr' Alma doch auch wahr, 72 und Alexis wie an dem Tage, da ich ſie ihm in den Arm legte! Aber der fremde Mann ſah ſie dann ſo ſanft an, und ihr wars oft, als haͤtte ſie ihn einmal im Traume geſehen; ſie beſann ſich, und wenn er ſie„Delia“ rief— denn Delia nannten ſie die Leute im Hauſe— ſo ſchauderte ſie oft, denn ſo hatte es getoͤnt, wenn Alexis ſie rief in den Tagen der Liebe. Und es war auch Alexis, der Delia rief, aber ſie erkannte ihn nicht, und er wußte nicht, daß es Aline war, die er Delia nannte. Wie nehmlich Alma hingeeilt war in den gruͤnen Grund voll Zeitloſen, und Aline ihr nach, ward es auf einmal dunkel um Alexis; er hoͤrte rauhe Toͤne und tappte auf ſteilen Pfaden, bis er oft an Saͤulen ſtoßend, an zackige Felſen ſich haltend, in einem dichten Wald an das Licht kam. Da ſaß ein alter Jaͤger an einem Eichſtamm und aß trocken Brot— Nun Evander, nicch duͤrſtet ſchon lange, wo haſt du die Flaſche? rief er ihm entgegen. Alexis erſtaunte, eine Kuͤrbisflaſche an ſeinem Halſe haͤngen zu ſehen; aber er reichte ſie dem Alten hin, und wie er ihm 23 einen ſchweren Rehbock nach Hauſe geſchleppt hatte, wars ihm in der kleinen Huͤtte, als ſei das eben ſeine Heimath. Die Hunde ſpran⸗ gen froh an ihn hinauf, wie an einen alten Bekannten, und wenn er Abends von der Jagd kam, ſah er froh das kleine Dach unter den Buchen ſchimmern. Er mußte fleißig auf die Jagd, mußte Holz faͤllen, und viel arbeiten, ſo, daß er muͤde war am Abend, wie nie zuvor. Wenn er nun unter den hohen Eichen die ſchwere Axt fuͤhrte und ausruhend durch die wogenden Wipfel hinauf ſah in den blauen Himmel, und die Blaͤtter ſanft rauſchten, in⸗ deß ſeine heiße Wange kein Luͤftchen kuͤhlte: da ward ſein Herz ſehnſuchtsvoll und ſchwer. . Ach in dieſe Einſamkeit haͤtte die Fee uns fuͤh⸗ ren ſollen, Alinen und mich! ſo muͤde vom Tagewerk an ein liebendes Herz! ſeufzte er in ſeinem Innern— und wenn er auf dem An⸗ ſtand war und ein fliehendes Reh durch das Gebuͤſch eilte, rief ſein Herz: Alma! Alma! Ihm war's, als rauſche Alma's Zephyrtritt im Gebuͤſch. Da ward ihm die Einſamkeit lieb, wie ein Traum von entrißnen Geliebten, 74 und ſein Herz ward ernſt, daß er gern den Alten pflegte, der oft matt war zur Jagd; und Abends, wann die Flamme auf dem Heer⸗ de kniſterte und alles ſtill war, nur die Jagd⸗ hunde, die zu des Alten Fuͤßen ſchliefen, im Traͤumen halblaut bellten oder ſchmeichelnd mit dem Schwanze wedelten— dann hoͤrte er dem Alten gern zu, der vom Tode redete, und ihm beſchrieb, wie gern der die Welt ver⸗ laſſe, der ſich mude gearbeitet habe in ihr. Wenn der Alte dann einſchlief mit dem hei⸗ tern Wunſche, nun bald einzuſchlummern ohne muͤdes Erwachen, da ſah Alexis in den dun⸗ keln Himmel voll blinkender Sterne, und ihm war's, als gaͤb' es nur das Grab oder der Liebe Arm, um Ruhe zu finden fuͤrs Herz. Da ging er einſt weit durch den Wald, und unter den Buͤſchen war ein heimlicher Ort, da ſang ein bunter Vogel in ſchmetterndem Ton. Alexis hoͤrte ihn nicht gern, und riß Blumen ab, ſie nach ihm zu werfen. Der Vogel flog von der kahlen Gerte weg, eh' er die Blumen noch warf. Da behielt ſie Alexis in der Hand und ſann nach, wo er die frem⸗ — 23 den Blumen ſchon ſonſt geſehen haͤtte. So kam er, auf die Wieſe, wo Aline das friſche Gras ſchneiden ſollte fuͤr die milchweißen Kuͤhe. Alexis ging zu ihr und kehrte zu ihr zuruͤck, und im Walde unter dem Tempel der hohen Eichſtaͤmme dachte er nun: Aline, warum gleichſt du nicht ihr? und wenn der Alte vom Tode ſprach am flackernden Feuer, dachte er voll Sehnſucht: O Delia, wie ſchrecklich waͤre der Tod dem, der dich beſaͤße!— Wenn ſie aber zuſammen ſaßen auf der Bank, den Abend nach der Arbeit, und Aline den Kindern Lie⸗ der ſang vom Rieſen im Vogelbauer, und vom Kindlein, das den Loͤwen am Faden fortzog— dann ſah er ſie ſinnig an. So ein Liedchen hoͤrte er einſt ſingen; ihm daͤuchte, er hoͤre Alinen, wie ſie Alma im Schooß wiegte, in den Zeiten der erſten Vaterfreude— Aber das ſchien ihm ein Traum, zu dem er eingeſchla⸗ fen ſei auf der Wieſe voll Zeitloſen, eh' er aufſprang und Alinen fand mit der neuge⸗ bornen Tochter im Arm. Eines Abends gingen ſie an das Ufer des Stroms, und Alexis warf ſein Netz von einem 76—— Felſen ins Waſſer, indeß Aline mit den Kin⸗ dern am Ufer Blumen las. Da kam ihnen gegenuͤber ein altes Weibchen am Strom her und ſuchte Binſen am abſchuͤſſigen Ufer, und eh' Aline noch auffah, glitt die Alte uͤbers Ufer und ſank. Aline hoͤrte ſie ſchreien; ihr Blick eilte auf Alexis, der in dem Augenblick vom Felſen herab in den Strom ſprang, um dem Weibchen zu helfen. Alexis, rief Delia, Alexis! denn jetzt hatte ſie ihn erkannt, und ſie ſtuͤrzte ſich ihm nach in den Strom, deſſen gelber Kiesgrund freundlich glaͤnzte im ſeichten Gewaͤſſer. Aline! toͤnte es aus den kleinen Wellen, meine Aline! und Alexis war ver⸗ ſchwunden und der Kiesgrund ſank und die Wellen ſchlugen auch uͤber Alinens Haupte zu⸗ ſammen. Wie ſie ſich wieder beſann, ſaß ſie in einem ſchönen großen Tempel, eine erhabne Harmonie fuͤllte das hohe Gebaͤude, der letzte Ton wirbelte durch das Gewoͤlbe, rauſchte an die ſchlanken Saͤulen hinauf, kraͤuſelte ſich um die leichten Schwibboͤgen, und ſchwirrte erſter⸗ bend an den dunkeln Fenſtern. Aline ging ge⸗ — 23 ruͤhrt und traurig nach Hauſe. Sie wußte nicht, wie ſie dahin kam; alles war ihr neu, und nichts ihr fremd. Ihr Haus war huͤbſch und ſie hielt es in Ordnung; ihre Leute hatten ſie lieb, und ſie behandelte ſie gut, mancher Arme ſah dankbar ſie an: aber von ſo vielen Leuten, die ſie ſah in großen Saͤlen und in praͤchtigen Haͤuſern, konnte ſie niemand fra⸗ gen nach Alma's fremden Blumen und Alexis Schickſal im Strom, und ſie dachte doch nur an dieſe Dinge allein. Einmal war ſie unter vielen Menſchen, die ihr gerne gefallen woll⸗ ten; ſie machten ſie zur Koͤnigin des Feſtes, und wie ein Haufen ſchoͤner junger Maͤdchen ihr einen Kranz von bunten Blumen im Rei⸗ hentanz reichte, fiel ihr der Kranz von Zeitlo⸗ ſen ein, der aus dem Schnabel des hochflie⸗ genden Schwans einſt auf ihr Haupt ſank. Mit naſſen Augen wendete ſie den Blick voen dem bunten Kranz und den frohen Taͤnzern ab: da erblickte ſie einen ſchoͤnen jungen Mann, der ſich traurig an einen Lorbeerbaum lehnte; ein kleiner Strauß von Zeitloſen ſtak an ſeiner Bruſt. O gieb mir deine Blumen, Fremd⸗ 78 ling! rief Aline; ich gebe dir den bunten Kranz!— Der traurige Mann reichte ihr bereitwillig die Blumen, aber den Kranz nahm er nicht:„Ich habe keine bunten Blumen lieb, ſagte er ſanft; und keine Blume wie dieſe, die den Fruͤhling uͤberlebt.“ Aline ſah nun oft dieſen Mann, er hieß Athenor, und kam eben von dem Heere des Koͤnigs zuruͤck, wo er tapfer gefochten hatte, von Feinden geehrt, und von ſeinen Soldaten geliebt war. Wenn die Menge in freudenloſer Luſtigkeit tobte, ſaß Athenor neben Evadne— ſo nannten die Leute Alinen, und ſie ſprachen von vielen Dingen. Evadne haͤtte gern von Alexis geſprochen, und haͤtte gern nach Alma gefragt: aber ſie durfte es nicht, ihr inneres Herz verbot es ihr; und Athenor haͤtte gern von Aline geſprochen, aber ihm verſagte ſeine Zunge den Dienſt, wenn er Aline nennen wollte. Denn Athenor, der tapfre Krieger, war Alexis; aber er erkannte Alinen nicht und ward nicht von ihr erkannt. Wie er ſich in den Strom ſtuͤrzte, das alte Weibchen zu retten, verſchwand der Zauber, der ihm Aline verbarg; er hoͤrte ihre Stimme, — d9 die: Alexis, Alexis! rief, und er antwortete: Aline, Aline! aber da ſchlugen die Wellen uͤber ſein Haupt, und wie er auftauchte aus dem Strom, ſah er Roſſe tummeln, und er ſchwang ſich auf eins, und eilte in die Reihen, die voll Wuth eindrangen auf den Feind. Er lebte im Getuͤmmel des Kriegs mit ernſtem, verſchloſ⸗ ſenen Gemuͤthe; er ſah Groͤße und Elend, Gefuͤhle, die uͤber die Menſchheit erheben, Menſchen, die unter die Menſchheit ſanken, um ſich; er ſehnte ſich nach den Fluren ſeiner Kindheit, nach dem Lande, das einſt ſein Erbe war, und nach einem Herzen, das dem ſeinen Ruhe gab nach ſo vielem Kampf. Er half Siege erfechten, welche den Frieden herbeifuͤhr⸗ ten, und erhielt den Lohn der Ehre an des Koͤnigs Thron. Aber leer blieb ſein Herz. Er dachte den Traum ſeines Lebens durch, und wuͤnſchte ſich noch einmal ſo ſuͤß zu traͤu⸗ men, als da, wo Aline, den Kranz von Zeitloſen auf den blonden Locken, ihn um⸗ armte, und da ſie ihm Alma hinreichte zum Vaterkuß,— nur noch einmal einen Abend ſtill zu ruhen, wie damals, wann 80— muͤde von Arbeit Delia ihn freundlich an der ſtillen Huͤtte empfing.— Wenn die Menſchen um ihn her dann tanzten und lachten und im ge⸗ meinſamen Bemuͤhen luſtig zu ſcheinen einander verbargen, wie leer ihr Herz ſei, ging er ein⸗ ſam durch die Wieſe und dachte an den Traum ſeines Lebens. Da fand er einſt einzelne Blu⸗ men, die er muͤhſam pfluͤckte, und ſie ſchienen ihm den Blumen ſeiner Traͤume zu gleichen; da⸗ her behielt er nur ſie, und die andern ließ er ſte⸗ hen. Wie aber Evadne ſie von ihm erbat, ver⸗ gaß er den Traum, und das Leben hatte wieder eine Bedeutung fuͤr ihn; er erwachte mit dem Gedanken, am Ende des thaͤtigen Tages ſei ſie da, und er neben ihr. Da lebten ſie ein ſon⸗ derbares Leben voll geheimnißvoller Zeichen, die beide verſtanden, und ſich doch den Schluͤſſel verſchwiegen. Denn beide hatten einen Zweifel, was alles von ihrem Traum Wahrheit ſei oder Taͤuſchung. An einem Abend fanden ſie ſich un⸗ ter laͤrmend froͤhlichen Menſchen, mit denen ſie Freundlich ſich gefreut hatten, und dann gluͤcklich Kllein zu ſeyn in der Stille, laͤngs einem kleinen es⸗ hingingen im duftenden Hain. Durch —— 81 das Gebuͤſch traten ſie auf eine ſmaragdne Wieſe, die von Zeitloſen durchbluͤht war. Ein zartes Maͤdchen eilte, wie gefluͤgelt, daruͤber hin; ihr ſtolzer Hals hob ſich ſchlank empor, ihr Blick drang tief in die Seele, ihr Mund laͤchelte himmliſch und ſeelenvoll, wie einer Liebenden Mund. Evadne's Herz klopfte hoch auf, ſie erinnerte ſich ihres Traums von Alma, Athenor ſah Evadne entgluͤhen und dachte mit einem Seufzer an ſeinen Traum von Aline. Suͤßes Maͤdchen, wo kommſt du her? fragte Aline und umarmte das Kind— Aus den Armen meiner Amme, antwortete ſie; ich ſchlief, bis die Blumen wieder bluͤhten. Sieh die lieb⸗ ſten! ſie gruͤßen dich zuerſt, und laͤcheln noch zuletzt dich an— Komm mit uns, holdes Kind! ſagte Athenor; wir wollen dich pflegen— Ich brauche keine Pflege, aber ich bedarf Liebe: ſo lieb' ich Euch! Und ſie huͤpfte mit zierlichen Fuͤßchen, und ſang wunderbare Lieder, die klan⸗ gen in Athenors Ohr wie die Harmonie auf der Wieſe, am Tage, wo ihm Alma's Geburt traͤumte. Nun war ihr Leben voll Wonne, denn J—. f. F. IX. H. 6 182 Pſyche, ſo hieß das wunderbare Kind, um⸗ webte es mit einem Zauber von Liebe. Athe⸗ nors Sehnſucht nach einem Herzen, das ihn ertruͤge, und Milde ihm gaͤbe, war erfuͤllt, Evadne war nicht mehr allein; ſie haͤtten im⸗ mer, immer moͤgen zuſammen leben: lange aber wagte es Athenor nicht zu ſagen, lange vermied es Evadne, wenn ſeine Lippen, von Liebe und Hoffnung bebend, es ausſprechen woll⸗ ten. Einſt ſaßen ſie im Abendſtrale im Graſe; es war ruhig in ihrer Seele, wie nach gelung⸗ ner Arbeit; die Voͤgel ſangen im Haine, ſchwei⸗ gend ſegelte ein Schwanenpaar im ſilbernen Teiche. Pſfſyche ſchluͤpfte durch die Straͤuche, pfluͤckte farbige Blumen, und wand Ketten da⸗ von, die ſtillen Schwaͤne zu bekraͤnzen. Athe⸗ nor ſenkte ſein Geſicht Liebe flehend auf Evad⸗ nes Schoos— O laß uns immer, immer ſo vereint leben— laß uns Eins ſeyn! ſagte er leiſe und voll Sehnſucht. Noch nicht, noch nicht, rief Pſyche, und mit flammendem Auge, hochgeroͤthet, wie von einer Gottheit belebt, flog ſie aus dem Gebuͤſch auf ſie zu— Noch bluͤhen die Blumen nicht alle, ihr zer⸗ * — 83 tratet ſie zu ſehr: aber bald, bald! Bis da⸗ hin will ich ſchlafen und will ruhen, denn das Warten iſt dem Kinde zu ſchwer. Blaß und ermattet ſank ſie nieder in Evadne's Schoos, und Athenor ſtuͤtzte ihr Haupt, das herabhing, wie das Haupt der Lilie, das der Gewitter⸗ regen traf.— Legt mich auf meine Blumen, laßt mich ſchlafen auf meinem Naſen! ſeufzte ſie mit lieblichem Laͤcheln, und wie Evadne mit bangem Herzen ſich umſah, bluͤhten Zeitloſen dicht vor ihnen auf. Sanft legten ſie Pſyche darauf, und Pſyche laͤchelte, wie Kinder im Schlafe thun. Evadne dachte an Alma, wie ſie dahinfloh in den ſmaragdenen Grund, der ſie verſchlang; Athenor dachte des dunkeln Schmetterlings, der uͤber ſeine Stirn hinflat⸗ terte, wie der Schwan den Kranz ſinken ließ auf Alinens blondlockiges Haupt—„ Jetzt ſei ein Mann!“ fluͤſterte es ploͤtzlich in ſein Ohr, und er ſah Pſyche bleicher werden und blei— cher, und um ſie her ſproßten wunderbare Blu⸗ men hoch auf und immer hoͤher; ſie woͤlbten ſich uͤber ſie, ihr holdes Gebild ſchimmerte durch ſie, die bunten Haͤupter der Blumen 84 neigten ſich und wogten, und ſpielten krauſe Schatten auf ihrer weißen Bruſt, bis ſie ganz verdeckt war, verſunken in die Blumen, ver⸗ ſchwunden vor Athenors aͤngſtlichem Blick. Evadne hatte ihren Arm gelegt unter Pſyche's ſchwer ruhendes Haupt: aber die Blumen hat⸗ ten ſie fortgedraͤngt, das geliebte Haupt war herunter geglitten tiefer und tiefer, Evadne's Bruſt zerfloß in unendlichem Schmerz, denn der Blumenhuͤgel war geſchloſſen, und Pſyche verſchwunden. O Alma, meine Alma! drang poͤtzlich der Ton des Schmerzens aus ihrem bebenden Mund— Aline, meine Aline, biſt du mir nah? rief Alexis und erkannte das Weib ſeiner Jugend, und beide ſanken einan⸗ der in die Arme und weinten an des andern Bruſt. Der Zauber war geloͤſt und die Ver⸗ gangenheit hatte ihre Deutung erhalten; ſie hatten einen Maßſtab gefunden fuͤr den Werth des Lebens; die beſchraͤnkte Menſchheit haͤtte ihnen genuͤgt, die engen Grenzen der Welt ſie erfreut: nur an dem Blumenhuͤgel, wo Alma verſank, flehten ſie die Maͤchte der Feenwelt an, ſich noch einmal— einmal— in ihr 8. — 85 Schickſal zu miſchen. Aber die Feen ſchwie⸗ gen, und je laͤnger es dauerte, je klarer ſtand die verworrene Vergangenheit vor ihnen. Be⸗ ſchaͤmt und wehmuthsvoll laͤchelte Aline, wenn ihr Alexis Tauſendſchons Lehren wiederholte und ſagte: ſte meinte es gut! Erroͤthend wuͤnſchte Alexis ihr dennoch zu danken, wenn ihn Aline an die Prieſterinnen des großen Tem⸗ pels erinnerte; denn ſie war's doch, ſagte er, die uns der falſchen Goͤttin entfuͤhrte. Aber an Alma's Blumenhuͤgel ſaßen ſie mit naſ⸗ ſen Augen in der heiligſten Feier der Liebe, und beſtrebten ſich die erſten Jahre ihrer Kind⸗ heit hell zu denken, und Zeitloſens hohe ſanfte Geſtalt, die ihnen immer naͤher zum Herzen trat, herzuzaubern mit der Inbrunſt ihrer Wuͤnſche. Die Blumen waren verbluͤht, die Erde hatte geruht und der Fruͤhling kam wieder: da eilte Aline und Alexis zu Alma's Blu⸗ menbett, um zu ſehen, wie es keime und ſproſſe. Aber ſchon von weitem ſahen ſie den gruͤnen Grund glaͤnzen im Schein der goldenen Sonne; Blumen aller Zonen bluͤhten im zar⸗ 86 ten Graſe, auch Alma's Huͤgel war zu einem Meere von Blumen geworden; weiße Schwaͤne durchſchnitten hoch oben die Luft, harmoniſch toͤnte es in Straͤuchen, wie Alma's Kinder⸗ geſang, Bluͤthen und Fruͤchte ſchmuͤckten die Baͤume. Alexis und Aline bebten, hielten ſich feſt umarmt und zitterten vor Entzuͤcken, denn ſo lachte die Natur an der Feier ihrer Ver⸗ bindung in den Tagen ihrer erſten Liebe. Ploͤtz⸗ lich rauſchte es in den Straͤuchen: Alma, Alma huͤpfte hervor, bluͤhend wie die Gegend umher, Engels Freude im flammenden Blick; der wun⸗ derbare Ernſt ihres Auges, der erhabene Zau⸗ ber ihres Weſens, war von Kinderanmuth ver⸗ draͤngt; ſie flog in die Arme der freudetrunk⸗ nen Eltern, und mit rauſchendem Fittig ſchweb⸗ ten zwei weiße Schwaͤne hoch in der Luft; eine Kette von Roſen und Myrten ſank aus ihren Schnaͤbeln und umſchlang die drei gluͤck⸗ lichen Menſchen. Doch jetzt fuͤhlte Aline noch ein paar liebende Arme, die ſie umſchlangen; ſie blickte auf, und ein erhabenes Weib ſtand neben ihnen; ein Kranz von Zeitloſen durch⸗ flocht ihr Haar, und auf ihren Wangen glaͤnzte 87 eine Schoͤnheit, die Jugend und Fruͤhling uͤber⸗ lebt. Liebe Amme, rief Alma mit kindlich bittendem Ton— laß mich nun bei ihnen: ſie haben das Land ihrer Jugend gefunden, ſie haben die Blumen gefunden, die im erſten Stral der Sonne entgluͤhen und die den Herbſt uͤberleben. Und wie Alexis ſich umſah, er⸗ kannte er des guten Koͤnigs Schloß, ſein Volk, das ſich verſammelte, und Freudengeſchrei er⸗ toͤnte:„Der Wille unſers guten Koͤnigs iſt erfuͤllt! ſeine Kinder ſind gluͤcklich!“— Indeß oͤffnete ſich die Thuͤr des Schloſſes: ein Weibchen trat heraus, ein bischen runzlich und duͤrr, aber bunt angethan, und ein großer Strauß von Tauſendſchoͤn hatte vollkommen Platz unter ihrem Kinn. Mit maleriſcher Stellung breitete ſie die Arme empor, und rief: Welche frohe Toͤne hoͤrt mein Ohr! Ge⸗ ſchieht endlich, was mein ahnend Herz nie bezweifelte? Alexis, Aline— Kinder meiner Pflege, meiner Sorgfalt— ſind meine Lehren endlich lebendig geworden in euren Herzen?— Unter dieſen Reden hatte ſie ſich der gluͤcklichen 88 Gruppe genaͤhert; ſie blieb ſtehen und uͤberſah ſie mit entzuͤckten Blicken. Wie ihr Auge auf Zeitloſe fiel, ſchnitt ſie ein Geſicht, das aber bald von einem gutmuͤthigen Laͤcheln ver⸗ wiſcht ward— Gute Schweſter, nahm ſie mitleidig das Wort, Ihre Huͤlfe blieb unndoͤ⸗ thig; meine Erziehung hat ſich bewaͤhrt: nur die erſte, reine Kinderliebe iſt die Aegide der Tugend Aber wie kommt ihr mir vor, meine Geliebten? es iſt ſo etwas.... ern⸗ ſtes, altfraͤnkiſches— und die albernen Blu⸗ men— Mutterchen, rief Alma, und hielt der Fee Tauſendſchön Hand zuruͤck, die eben die Kette faſſen wollte, die Eltern und Kind um⸗ ſchlang— Muͤtterchen, das ſag' ich dir, laß mir die Blumen— Welch ein bizarrer Ge⸗ ſchmack! nahm das bunte Weibchen von neuem das Wort. Ich verſprech' euch Tauſendſchoͤn, Roſen und Myrten— Die gluͤcklichen Men⸗ ſchen wieſen das wohlgemeinte Anerbieten freundlich ab. Sie lebten begluͤckend und gluͤcklich; ſchoͤne Geſchwiſter ſpielten mit der kindlichen Alma, die Zeitloſe blieb ihnen die — 85 Blume der Liebe, aber mit leichter Hand pfluͤckten ſie auch jede andere, die der bele⸗ bende Stral der Sonne hervor rief zum Kranze ihres Gluͤcks. 90— An eine Lerche. Die du mit wirbelnden Toͤnen Luft und Thaͤler erfuͤlleſt, Mit der Freude Geſang Felder und Wieſen entzuͤckſt; In der begeiſterten Bruſt des Menſchen Wonnen entfalteſt, Und den gehobenen Blick hoch in die Wolken verklaͤrſt—: Frohe Saͤngerin! Fruͤher, als goldener Krokus entkeimet, Spaͤt, bei herbſtlich Geton, hallt uns dein freudiges Lied, Eh' noch Aurora den ſilbernen Fluthen glaͤnzend entſteiget, Spaͤter als Phöbus uns ſinkt, wirſt du 3 und bleibeſt du wach. Dich umgaukeln die Scherze, die liebliche Unſchuld, die Freude; Denn zur Muſe der Luſt weihte Anakreon dich. An eine Nachtigall. Suͤße Zauberin! tiefer Empfindungen hoͤhere 1 Muſe! Dich hat Sappho gelehrt nennen des Lie⸗ benden Gram, Wenn in Wechſelakkorden zartere Wehmuth in Liſpel, Oder im ſchmetternden Schlag ſtarkes Ge⸗ fuͤhl dir enttoͤnt— Wim⸗ in naͤchtlicher Stille, die Sehnſucht auf leiſeren Schwingen Aus der tieferen Bruſt ſchmelzend in Seufzer verhallt.— Siehe, dir horchen die Sterne!— Cynthia lauſchet der Klage— Eros weiht ſich dir; und Helios nahet ſich ſanft. Jeden Buſen ſchwellet allmaͤchtig die Liebe! Dem Greiſe Wecket dein zaubernder Ton ſuͤßer Erinnerung Gluͤck. Bruchſtuͤcke aus den Briofen und dem Leben der Ninon de Lenclos. Fortſetzung. Nein, Marquis, glauben Sie im Ernſt, daß die Graͤfin kalt gegen Sie ſei, und vollends gar auch kalt bleiben werde? Die Gelaſſenheit, das gefaßſte Weſen, womit ſie Ihre Huldigun⸗ gen aufnimmt, ſoll das beweiſen? Und Sie ſind daruͤber in Verzweiflung? Ei, wie ſchreck⸗ lich! Indeß— wir wollen doch vorerſt den Zuſammenhang aufſuchen: vielleicht daß ſich dann das Raͤthſel von ſelbſt loͤſet, und Ihre leidige Verzweiflung obendrein. Sie, mein Freund, ſind froͤhlich, leicht, gewandt, ſind gluͤcklich ſogar bei Weibern, die— Ihrem Herzen gleichguͤltig ſind. Koͤmmt aber das mit ins Spiel, ſo ſind Sie furcht⸗ 9³ ſam, folglich ungeſchickt. Dadurch werden Sie nun zwar recht ſehr intereſſant, theils den Beobachterinnen— mir zum Beiſpiel; theils etwa einem gutherzigen, zaͤrtlichen Landmaͤd⸗ chen. Liebten Sie ein ſolches, gut: kein ver⸗ nuͤnftiger Menſch wuͤrde etwas dawider haben — wider Ihre Liebe und Ihre Verkehrtheit. Aber Sie bewerben ſich um eine Frau von großer Welt: da ſiehet's anders aus, und da haben Sie's folglich auch anders anzufangen. Vorerſt, daͤcht' ich, haͤtten Sie Ihre erhabe⸗ nen Spruͤche, Ihre ſchoͤnen Sentenzen, die Erguͤſſe Ihrer zarten Gefuͤhle, ganz ruhig bei Seite zu legen! Die Weiber von dieſer Welt— und vielleicht am Ende die andern auch— wollen immer lieber etwas zu keck, als gar zu ſaͤuberlich angegriffen ſeyn. Ich will Ihnen ſagen, wie das koͤmmt! Je furchtſamer ſich ein Liebhaber erweiſ't, je mehr reitzt er unſern Stolz, ihn noch furchtſamer zu machen. Je mehr Scheu er vor unſerm Widerſtand zeigt, je mehr will unſre Eitelkeit, daß er zeige. Um's Himmels Willen alſo nicht allzuviel Beſonnenheit, ihr —-ʒ—— 94 Maͤnner; ihr bringt uns ja ſonſt in die— Noth, ebenfalls nie unbeſonnen zu ſeyn! Ab⸗ gemeſſenheit lehrt uns auch abzumeſſen! Wenn ihr unſre Schwaͤche als etwas ſo Ernſthaftes behandelt, ſo muͤſſen wir wol auch ſo denken lernen, und ſich ergeben heißt ja ſtillſchweigend ſeine Schwaͤche eingeſtehen—— Oft iſt das ſicherſte Mittel, geliebt zu werden, wenn man thut, als ſei man es ſchon. Gehet Einer mit uns um, als ſei er ſeiner Sache ganz gewiß, ſo glauben wir am Ende ſelber, er habe doch wol nicht ſo ganz Unrecht; und iſt er uns nur nicht gerade gleichguͤltig, ſo bekoͤmmt er nun bald ganz Recht. Wenn ihr uns aber durch eigene Furchtſamkeit von der Gefahr unterrich⸗ tet, ſo ruft ihr uns gleichſam ſelbſt in's Ge⸗ wehr; und nun muͤſſen wir freilich vertheidi⸗ gen— wenn es ſogar nicht unſre Tugend waͤre, doch unſern Stolz. Und dieſer iſt bei Weibern von Welt euer gefaͤhrlichſter Feind. Wir wollen nun einmal durchaus nichts davon wiſſen, daß wir uns ſchwach zeigen, mit euch im Einverſtaͤndnis ſeyn koͤnnten; wir verſtatten bloß, daß man uns liebe: gehet's nun doch — 95 auders, ſo muͤſſen wir uns wenigſtens ſelbſt vorheucheln koͤnnen— es war Ueberraſchung! eine Art Gewaltthaͤtigkeit! ſo zwas von Schick⸗ ſal, von Nothwendigkeit! Seyd ihr nun klug, ſo gebt ihr uns ſchon vor dem Siege die⸗ ſen ehrbaren Ruͤckzug ſtillſchweigend unter den Fuß— Alſo, lieber Marquis— wir Weltleute ſind nun einmal aus den einfachern Verhaͤlt⸗ niſſen heraus, in die zuſammengeſetztern, kuͤnſt⸗ lichern, geruͤckt; daruͤber zu gruͤbeln, ob es Gewinn oder Verluſt ſei, fuͤhrte zu nichts— es iſt einmal ſo: darum behandeln Sie die Graͤfin aber auch jenen Verhaͤltniſſen gemaͤß. Sie iſt leichtſinnig, munter, neckt gern: ſeyn Sie das alles mit, ſcheinen Sie nichts zu ſeyn, als eben das, und Sie werden nur allzu⸗ bald ihr mehr ſeyn. Und auch dann muß ſie ſelbſt nicht bemerken, daß ſie Sie vor andern Maͤnnern auszeichne; am allerwenigſten duͤrfen Sie ſie zu dieſer Bemerkung fuͤhren. So wird ſie Sie lieben, ohne es zu wiſſen, oder doch, ohne ſichs einzugeſtehen; und eines Tages wird fie ganz verſteinert feyn vor Verwunderung, 96 wenn ſie den betraͤchtlichen Weg ſiehet, der leiſe zuruͤckgelegt worden, und auf welchem ſichs nun wüiht mehr zuruͤck⸗, nur zum naßen Ziele gehen läßt. Nun werde ich wol noch grauſamer heißen, als die Graͤfin: ſie veranlaßt nur Ihre Miß⸗ griffe, aber ich, Marquis, bin ſo frei, daruͤ⸗, ber zu lachen. Indeſſen nehme ich doch herz⸗ lichen Antheil an Ihrer Verlegenheit, die ich mir wirklich ſehr groß denke. Wie konnten Sie aber auch eine foͤrmliche Erklaͤrung gegen eine Dame wagen, die eine ſchelmiſche Freude daran findet, alles dergleichen abzuwenden? Wie oft ſoll ich Ihnen denn ſagen, daß Sie es mit keiner unerfahrnen, harmloſen Agneſe zu thun haben? Man hoͤrte Ihre ſerioͤſen Betheuerun⸗ gen und Antraͤge mit einiger geruͤhrten Erkennt⸗ lichkeit an; dann ging man ſeiner Wege; der Chevalier kam, dieſes leichtfuͤßige Puͤppchen: man ſchien auf ſeine auswendig gelernten Schmeicheleien und niedlichen Lappalien denn — — 9 27 doch zu achten; erwiederte ſeine Einfaͤlle, wur⸗ de dadurch heiter und ſchaͤkerhaft, und wenn Sie nun— halb verbluͤfft und mit ſchwer ver⸗ borgenem Unmuth, ein bedeutendes Woͤrtchen dazuſagten, warf man Ihnen laͤchelnd ein Bonmot hin oder kam ſchnell auf'was an⸗ ders— War's nicht ſo? Ja! Nun, das haͤtt' ich Ihnen vorausſagen wollen, und Sie haͤtten ſichs ebenfalls vorausſagen koͤnnen! In⸗ deſſen— es iſt geſchehen! Was nun zu thun? Wenigſtens nicht zu ſchmaͤlen, nicht zu verzwei⸗ feln— kurz, nicht, was Sie angeben! Seyn Sie ruhig: ich, Ihre Freundin, ſtehe Ihnen dafuͤr, Sie nehmen auch dieſes wieder zu ernſt, zu ſchwer, und Ihre Sache iſt durch jenen Mißgriff zwar freilich nicht gefoͤrdert, aber auch nicht gerade verdorben. aß man . nun zerſtreuet, unaufmerkſam, ungefaͤllig gegen Sie ſcheinen will, kann Ihnen beweiſen, daß man jenes in der That nicht iſt, dieſes nicht bleiben wird. Ihr unbeſonnenes Wagſtuͤck, die Folgen, die man ſehr gut anzuſchlagen verſteht, 7 die Lebhaftigkeit Ihrer Leidenſchaft, die dieſe Un⸗ beſonnenheit nur erklaͤrlich macht—; alles das . f. F. IX. H. 2 9⁸ verſchuͤchtert die gute Graͤfin und legt ihr Feſ⸗ feln an. War es nun aber bis dahin: ſo haͤtten Sie ſich wenigſtens nicht auch verſchuͤch⸗ tern laſſen ſollen. Noch einige kuͤhne Schritte, und Sie waren beide am Ziel. Nochefoucault hatte neulich Recht: der wackerſte Mann kann ſich verlieben, wie ein Thor; aber er kann es nicht bleiben, wie ein Schwachkopf—— Von der andern Seite jedoch— wenn Sie Ihre Achtung, Ihre ernſtlichen Huldigungen mit den Zudringlichkeiten des Chevaliers, die freilich zuweilen ſelbſt bis an's Unartige ſtrei⸗ fen, ſo ſtolz vergleichen, und daraus ſchließen, man muͤſſe Sie ihm vorziehen: ſo raiſonni⸗ ren Sie auch wieder aus falſchen Vorausſetzun⸗ gen. Wahr iſts, der Chevalier iſt nichts, als ein galanter Herr; alles, was er vorbringt, iſt mithin ohne bedeutende Folge— ſcheint es wenigſtens zu ſeyn. Er ſchwatzt drauf los— aus Oberflaͤchlichkeit, und zu allen huͤbſchen Weibern, die ihm in den Weg kommen, ohn⸗ gefaͤhr daſſelbe. An Liebe iſt bei ſolcher Ver⸗ bindung nicht zu denken; eine geſcheide Frau wird nicht einmal warm dabei. Die Graͤfin — — 99 kennet auch den ſchoͤnen Herrn und ſein aus⸗ geſchoͤpftes Herzchen; ſie brauchte weit weniger zu ſeyn, als ſie wirklich iſt, um ihn und Sie zu unterſcheiden. Aber auch Ihr allzu ſchroffer Gegenſatz, Ihr ewiger Reſpekt— ich ſag' es noch einmal— fuͤhrt nicht, wohin Sie wol⸗ len; und heute muß ich ſogar hinzuſetzen, weil Sie gegen den Chevalier gar zu ſtolz auftre⸗ ten— man hat Beiſpiele, daß doch ſolchen Perſoͤnchen, der Himmel mag wiſſen durch wel⸗ ches Zuſammentreffen guͤnſtiger, unverdienter Umſtaͤnde, und in gewiſſen Stuͤndchen, ein Kranz zugefallen iſt, nach dem Andere, Maͤnner von wahrer Bedeutung, allzubehutſam, allzubedaͤchtig, und vergebens reichten—— Was will ſo ein Menſchchen? Man ſoll ſich amuͤſiren laſſen und damit zugleich ihn ſelbſt amuͤſiren. Nun, das iſt bald zugeſtan⸗ den; man hat keine Sorge, und denn doch auch einigen Gewinn dabei. Dagegen Sie— Sie verlangen in die Augen fallende Beweiſe von Erkenntlichkeit, verlangen Auszeichnungen, Entgegenkommen, Opfer ſogar: die Graͤfin uͤber⸗ ſiehet dieſe Forderungen mit Einem Blick; und 100 wenn ſie ſie durch den Zauberſchleier, den Sie uͤber ſie geworfen haben, auch nicht ſo genau erkennet und unterſcheidet: ſo gab ihr die Na⸗ tur doch, wie uns allen, ein gewiſſes Vorge⸗ fuͤhl, wohin es fuͤhre, was es koſte, wenn man ſein Herz ſo ſelbſt verraͤth. Kann man nun das huͤbſch ordentlich uͤberlegen, in An⸗ ſchlag bringen: ſo huͤtet man ſich wol vor ſol⸗ chen Verraͤthereien; eben darum— ich komme immer wieder darauf zuruͤck— eben darum koͤnnen Sie nichts uͤblers thun, als ſolche Be⸗ rechnungen ſelbſt veranlaſſen. Zum Gluͤck wol⸗ len wir Weiber auch nicht gern ſo kalkuliren, wenn ihr uns nicht ſelbſt darauf fuͤhrt; wir wollen empfinden, uns unſern Herzen uͤberlaſ⸗ ſen. Und ſo ſoll's auch ſeyn. Da muͤßt ihr ja aber dieſes zu gewinnen, zu beſchaͤftigen, und feſtzuhalten wiſſen! Ihre ſchoͤne Adelaide freuet es, ſo lang' als immer moͤglich Verſtek⸗ kens zu ſpielen; und das iſt nicht Sache der Reflexion, ſondern der Neigung, des Ge⸗ ſchmacks— iſt Individualitaͤt. Nun, ſo ſcho⸗ nen Sie dieſe, und ſeyn Sie gewiß, je weni⸗ ger ſchnell die liebliche Pflanze nach außen her⸗ 101 vortreibt, je tiefer faßt ſie Wurzeln, und dann gehet's auch mit den ſich aufſchwingenden Ran⸗ ken deſto ſchneller, und— ſie haben mehr Dauer. Aber freilich muß der Gaͤrtner es ihr nicht an— ihr, gerade ihr zuſagender Nah⸗ rung fehlen laſſen!— Ich habe heute vielleicht etwas verworren geſchrieben, und muß darum zu dem Nothbe⸗ helf greifen, am Schluß anzugeben, was ich n habe ſchreiben wollen. Das: Sie haben ſich ſelbſt von zwei Seiten getaͤuſcht: einmal, wenn Sie glaubten, Ihre große Ehr⸗ furcht werde Ihnen von der Graͤfin hoch ange⸗ rechnet werden, und die Galanterieen des Cheva⸗ liers muͤßten nothwendig auf ſie ohne alle Wirkung ſeyn; und dann, wenn Sie ſich uͤber gewiſſe Zerſtreuungen, uͤber Mangel an Auf⸗ merkſamkeit, uͤber Gleichguͤltigkeit, uͤber unge⸗ woͤhnliche Faſſung, als Vorboten Ihres Un⸗ gluͤcks, betruͤbten. Es giebt kein ſichreres Merkmal geheimer Zuneigung, als das Beſtre⸗ ben, ſie zu verbergen. Seit die Graͤfin Sie, bei den Beweiſen Ihrer herzlichen Zuneigung, ſanft behandelt, und nun vollends, ſeit ſie bei 102— jenem Hervorbrechen Ihrer Wuͤnſche nicht boͤſe oder ſpoͤttiſch worden iſt—: auf's Wort, ſeit⸗ dem liebt ſie Sie!—— Ein wochenlanges Stillſchweigen, Marquis? Soll ich im Ernſt beſorgt werden? Doch nein; Sie ſind ja gluͤcklich! und noch mehr, Sie ſind es, weil Sie meinem Rath folgten! Aber wenn Sie das nur auch ganz thaͤten! Ich wuͤnſche Ihnen, Ihrem letzten Briefchen nach, Gluͤck: doch ich bringe wieder mein Aber hin⸗ terdrein. Ich kann durchaus nicht billigen, daß jenes Koͤrbchen Sie noch beunruhigt und wol gar beleidigt hat. Iſt denn das Woͤrt⸗ chen: Ich liebe dich, von ſo gar großem Werth in Ihren Augen? Seit Wochen ver⸗ kennen Sie das Herz der Graͤfin nicht mehr; Sie wiſſen, daß ſie Sie liebt. Was wollen Sie denn mehr? Welch ein Recht, oder welche neue Vortheile koͤnnte Ihnen ein woͤrtliches Geſtaͤndnis uͤber ihr Herz geben? Sie ſind wunderlich! Wiſſen Sie wol, daß nichts eine — — — 103 feine Frau mehr aufbringt, als ein hartnaͤcki⸗ ges Beſtehen auf dem Geſtaͤndnis, das man Ihnen verweigert hat? Ich begreife Sie gar nicht: muͤßte nicht einem zartfuͤhlenden Lieben⸗ den dieſe Weigerung weit koſtbarer ſeyn, als teine recht kategoriſche Erklaͤrung? Wo man das leidige Woͤrtchen ſo beſtimmt herausſagen kann, da koͤnnte man Grillen fangen; wo aber das: Jeh liebe dich, nicht uͤber die Lippen will, ſitzt es eben zu tief im Herzen: und was ſollen da Grillen? Weit entfernt, ein Weib bis zu dieſem Geſtaͤndnis zu draͤn⸗ gen, ſolltet ihr lieber, wie ich ſchon ſonſt geſagt habe, die Fortſchritte ihrer Neigung vor ihr ſelbſt zu verbergen ſuchen. Und dann, Mar⸗ quis! laͤßt ſich denn eine anziehendere Situa⸗ tion nur denken, als die— ein Herz zu ſehen, das ohne Beſorgniſſe, ohne aufgeſcheucht, beun⸗ ruhigt zu werden, ſich mittheilt, ſich erwaͤrmt, ſich erquickt, endlich ſich hingiebt? Welch ein Gluͤck, das im Stillen beobachten, lenken, ver⸗ ſtaͤrken zu koͤnnen; ſeines ſchoͤnen Siegs ſich zu freuen, ohne daß dies liebe Herz durch Grillen, wie die Ihrigen, erſt auf ſich ſelbſt aufmerkfam 104 gemacht wuͤrde? Aber ſo ſeid ihr Maͤnner: ihr ringet nach Einbildungen und zerſtoͤrt dar⸗ uͤber euer wahres Gluͤck. Brauchen Sie Ver⸗ nunft, Freund! und lernen Sie ſich allenfalls ſelbſt vorſpiegeln, die Graͤfin habe das ſo ent⸗ ſetzlich wichtige Woͤrtchen auch ſylbenweis aus⸗ geſprochen, wie ſie es thaͤtig ausgeſprochen hat. Und dem gemaͤß benehmen Sie ſich gegen das liebe Weibchen—— Sie wollen noch immer nicht hoͤren? Ihr Gluͤck, daß ich heute ſchreibluſtig bin! Be⸗ denken Sie doch: die Weiber ſind in gar keiner geringen Verlegenheit. Sie wuͤnſchen wenigſtens eben ſo ſehr ihre Neigung zu geſtehen, als ihr, ſie zu kennen; aber ihr ſelbſt, ihr Maͤnner, die ihr euch ſo gern Hinderniſſe ausſinnet, habt etwas Herabſetzendes an das Geſtaͤndnis unſrer Leidenſchaft fuͤr euch ge⸗ knuͤpft; und, moͤgt ihr uͤbrigens von uns denken, wie ihr wollt, moͤgen auch wir ſelbſt noch ſo verſchieden geſinnet ſeyn— jenes Ge⸗ ſtaͤndnis erniedriget uns allezeit; und moͤgen wir auch noch ſo wenig Erfahrung haben: unſer Gefuͤhl ſagt uns dieſe Folge voraus. 105 Das: Jeh liebe dich— nun ja, es bringt nicht ums Leben— wirklich nicht: aber die Folgen erſchrecken uns; wir wollen vor euch nicht gedemuͤthigt erſcheinen, ihr ſollt auch keinen Anſchein eines Grundes, uns zu verachten, bekommen. Und was haben Sie dagegen— Vernuͤnftiges? Und wenn Sie niehts dagegen haben: wie muͤſſen Sie ſich benehmen? Wie ich oben ſagte! Noch Eins! Nehmen Sie ſich wohl in Acht: wenn Sie auf jenem Geſtaͤndnis ver⸗ harren, ſo iſt das nicht Liebe, ſondern Eitel⸗ keit; und dann trau' ich Ihnen zu, daß Sie die Graͤſin und mich zu hintergehen im Stande waͤren. Nochmals: nehmen Sie ſich wohl in Acht! Die Natur hat uns einen bewunderns⸗ wuͤrdigen Scharfſinn verliehen, um mit Sicher⸗ heit zu unterſcheiden, was von Leidenſchaft, oder was ſonſt woher ſtammt. Einer Liebe, die wir ſelbſt eingefloͤßt haben, verzeihen wir Unbeſonnenheiten, Uebereilungen, Aufbrauſen, und wer weiß was ſonſt noch; trifft aber unſre Eigenliebe und die eurige zuſammen, ſo iſt das Lied am Ende.— Und endlich: wenn Sie 106 nun auch jenes Geſtaͤndnis erraͤngen, wuͤrden Ihre Zweifel damit gehoben? Bewahre! Nun machten Sie ſich neue, ob man Ihnen auch wirklich aus Liebe, nicht vielleicht aus Artig⸗ keit, aus Gefaͤlligkeit nachgegeben habe. Und das ließe ſich auch hören; denn durch eine woͤrtliche Erklaͤrung kann man wirklich taͤuſchen, aber nicht durch die unwillkuͤhrlichen Aeußerun⸗ gen einer Leidenſchaft, die man zaͤhmen will. Mit Einem Worte: die ſchoͤnſten Geſtaͤndniſſe ſind nicht, die wir ablegen, ſondern die uns entſchluͤpfen—— Ich weiß ja recht gut, Marquis, daß ein Mann in Ihren Verhaͤltniſſen, daß beſonders ein Militair nicht immer vermeiden kann, in ſchlechte Geſellſchaft— folglich auch zu den Schoͤnhei⸗ ten gezogen zu werden, von welchen Sie ſchrei⸗ ben. Deſſen ungeachtet haben Sie ganz Recht: ich wuͤrde Sie tuͤchtig ausſchmaͤlen, wenn ich nicht gewiß waͤre, daß dieſe Theatergoͤttinnen Ihnen, wie nun eben Ihr Herz beſchaͤftigt 107 iſt, nicht gefaͤhrlich werden koͤnnen. Die Graͤ⸗ fin iſt weniger nachſichtig? Ganz natuͤrlich! Und mich freuet das— auch darum, weil es mein Urtheil uͤber ſolche platoniſirende Lie⸗ bende unſers Geſchlechts beſtaͤtigt. Denn was gingen ihr jene Daͤmchen an? Selbſt im aͤußer⸗ ſten Fall— was entzoͤgen ſie ihr? Hinter den Kuliſſen hat man eben nicht die reingei⸗ ſtigſten Gefuͤhle: und dieſe Gefuͤhle ganz allein will ja die Graͤfin! Nun ja doch!— Wie doch die Weiber auch hierbei ſich ſelbſt widerſprechen! Sie zwingen ſich ein Vorgeben ab, als verachten ſie die Theaterheldinnen, und doch zeigen ſie dann in ihrem Benehmen wahre Furcht vor ihnen. Was man fuͤrchtet, ver⸗ achtet man nicht. Aber haben ſie denn nicht wirklich Grund zur Furcht? Empfinden die Maͤnner wirklich ſo unfein, um den Umgang mit ſolchen Geſchoͤpfchen dem Umgange mit einer geiſtreichen, vernuͤnftigen, anſtaͤndigen, ſittſa⸗ men Frau vorzuziehen? Wahr iſts, dort laſ⸗ ſen ſich die Herren ungenirt gehen, ſcheinen in, ihnen ſehr— natuͤrlichen Verhaͤltniſſen zu ſeyn; hier muͤſſen ſie auf ſich achten, ſich zuruͤckhal⸗ 108 ten, ihre beſte Seite vorzeigen. Wahr iſts auch, ſo weit ich einige jener Weſen kenne, ſind ſie wol im Stande zu einer Untreue ſelbſt an der innigſt Geliebten zu verlocken. Aber bei einem Manne von Kopf und Herz iſt das keine wahre Untreue— iſt nicht von Dauer. Sie koͤnnen einen lebhaften Hang erwecken, aber keine wahre Leidenſchaft, noch weniger eine dauerhafte Anhaͤnglichkeit. Die Operndamen wuͤrden wirklich gefaͤhr⸗ lich ſeyn, wenn ſie in ihren Koͤpfchen und in ihren Launen etwas haͤtten, das euch immer⸗ fort ſo angenehm unterhielt, als das erſtemal. Das Bischen Plauderei, Erfahrung, Witz und Anſtaͤndigkeit in den Außendingen, das ſie be⸗ ſitzen, kann euch freilich anfaͤnglich wohlgefal⸗ len. Ihr ſeid zuweilen ſo wenig delikat! die Freiheit ihrer Unterhaltung, die Lebhaftigkeit ihrer Neckereien, ihre Launen, alles das ſetzt euch in eine Situation, die euch behagt, und woraus ihr dann zu einer ſo hellen und poſ⸗ ſenhaften Luſtigkeit aufzureitzen ſeyd, daß euch einige Stunden wie Minuten verfliegen. Zu 109 euerm Gluͤck beſitzen die Daͤmchen aber, faſt ohne alle Ausnahme, viel zu wenig in ihrem Innern, als daß ſie dieſe ergoͤtzende Rolle durchfuͤhren koͤnnten. Es fehlt ihnen allen an Erziehung, an Bildung; und ſo haben ſie den Kreis, den ſie zu beſchreiben hatten, gar bald durchlaufen. Dieſelben Scherze, dieſelben Ge⸗ ſchichtchen, dieſelben Narrenspoͤßchen kommen wieder, und ſelten lacht man zweimal uͤber eine Sache, es geſchaͤhe denn aus Achtung gegen den, der ſie vorbringt— und damit wird's hier nicht geſpielt!— Die Graͤfin mag alſo ruhig ſeyn; ich kenne Sie genug, um fuͤr Sie ſtehen zu koͤnnen, daß das die Weiber nicht ſeyen, welche ſie beſorgt machen duͤrften. Aber es giebt eine andere Art, die Sie in Ihren Verhaͤltniſſen noch weniger vermeiden koͤnnen: galante Weiber! Dieſe Zweideutigkeiten in der gu⸗ ten Geſellſchaft, die das Mittel halten zwi⸗ ſchen den Ehrbaren, und denen, von welchen ich vorhin ſprach! Sie leben mit den anſtaͤn⸗ digſten Frauen, in den geachtetſten Zirkeln, und ſind doch von jenen Goͤttinnen eigentlich wahr⸗ 110— haftig nur in Zufaͤlligkeiten verſchieden. Mehr ſinnlich, als zaͤrtlich, wiſſen ſie gleichwol ihren unfeinen Empfindungen einen Schimmer von Zartheit, und zugleich von Innigkeit zu geben, daß ſie als Aeußerungen einer verborgenen, aber tiefen und edlen Liebe erſcheinen. Und das verfuͤhrt! Man haͤlt fuͤr warmes Herz, was nichts als Hang zu ſinnlichem Vergnuͤgen iſt. Sie wiſſen es zu machen, daß ihr glaubt, es ſei vernuͤnftige Wahl, ſei Anerkennung eurer Verdienſte, was ſie euch zuneige: damit ge⸗ winnen ſie, außer eurer Erkenntlichkeit, auch eure Eitelkeit; und nun— wenn ſie es auch ſogar bis zum aͤußerſten trieben, koͤnnen ſie der Entſchuldigung, ja der Rechtfertigung ſicher ſeyn. Ihr nehmt's fuͤr ungluͤckliche Ueberei⸗ lung, bewußtloſe Berauſchung der Sinne—— Das ſind Weiber, die ich fuͤrchtete, wenn ich die Graͤſin waͤre. Zum Beiſpiel, eine ge⸗ wiſſe Frau Praͤſidentin— Holla, Herr Mar⸗ quis! Sie fahren doch nicht etwa auf, indem Sie dieſen Namen leſen? Daraus wuͤrde ich viel mehr erfahren, als ich ſchon weiß. Ich I11 weiß aber bis jetzt nichts, als daß Ihnen die Dame mit ungemeiner Artigkeit und feinſter Auszeichnung entgegengeht— was jedoch ge⸗ rade genug iſt, um Sie hier zu warnen. Sie lieben die Graͤfin zu herzlich, als daß Sie ihr nicht alles aufopfern koͤnnten. Aber, Marquis, man iſt ſich nicht in allen Stunden gleich: auch nicht in allen Stunden gleich⸗wacker. Madame von. beſitzt die Gabe einer ſchmeichelnden, raſchen, beluſtigenden Unterhal⸗ tung; ſie hat eine reitzende Geſtalt; ſie iſt in den Jahren, wo dergleichen Weiber junge Maͤn⸗ ner von Geiſt und Anſehn ſo gern in die Welt fuͤhren und ihnen die erſten Lektionen freierer Lebensart geben—— Seyn Sie vorſichtig, mein junger Freund; ich ſag' es Ihnen vor⸗ aus, daß Sie es noͤthig haben. Vielleicht nehmen Sie es leichthin. Ich verachte ja ſolche Weiber! ſagen Sie wol ſich ſelbſt vor, und ſagen es von Herzen. Aber bei allem ſolchen Verachten kann man angezogen, gekirret und feſtgehalten werden. Ja, ich hab' es erlebt, daß Maͤnner wie Sie, gerade durch ſolche weibliche Weſen enger verſtrickt und zu 112 aͤrgern Streichen verleitet worden ſind, als es durch alle andere Arten von Weibern je haͤtte geſchehen koͤnnen.— 2 Geſtern alſo, geſtern war der ſchoͤne Tag, wo Ihre liebenswuͤrdige Adelaide auch ihre Hand dem Manne verſprach, der laͤngſt ihr Herz beſaß? Nun denn— meinen herzlichen Gluͤckwunſch, aber auch zugleich meinen Dank, daß ich nicht nur dieß angenehme Ereignis habe zuerſt erfahren ſollen, ſondern daß Sie auch fortfahren, mir die geheimſte Geſchichte dieſes ſchoͤnen Verhaͤltniſſes mitzutheilen und meinen Rath anzunehmen. Wie gern rathet man in gewiſſen Jahren! Faſt ſo gern, als man guten Rath vergißt in gewiſſen andern! *) Dieſer und der folgende Brief uͤber ehe⸗ liche Verhaͤltniſſe iſt faſt ganz umgearbeitet wor⸗ den. Die Leſerinnen verlieren nicht dabei, daß ihnen, ſtatt der Weiſung, etwas zu ſcheinen, eine gegeben worden, etwas zu ſeyn. 113 Das ſei eine Wendung nach einer neuen Lektion? Sie haben ganz recht, Marquis: es iſt eine! Daß der entzuͤckte Braͤutigam in ſei⸗ nem Briefe etwas wunderlich faſelt, iſt ſchon gut, iſt in der Ordnung, iſt allerliebſt; aber daß er ein gewiſſes Lamento anhaͤngt, das darf ihm nicht ſo hingehen. Im Ernſt— ſagen Sie, was Sie wollen: es bleibt eine gewaltige Thorheit, daß Sie mit einer Art von Gewalt nach dem ringen, was Ihnen beliebt die hoͤch⸗ ſte Gunſt zu nennen. Ihr Blinden! werdet ihr denn nimmermehr begreifen, daß Sturm⸗ laufen euch euern eigenen, ſchoͤnſten Gewinn raubt— vorausgeſetzt, daß ihr des Herzens eines Weibes gewiß ſeid? Kann man euch nie uͤber⸗ zeugen, daß es keine heilloſere Verſchwendung geben kann, als die, mit den ſuͤßen Gaben der Liebe? Waͤr' ich ein Mann und ich haͤtte das Gluͤck, das Herz einer Frau, wie die Graͤfin, zu beſitzen— mit welcher Schonung wollte ich mich meiner Vortheile bedienen! wie langſam wollte ich auf dem Blumenpfade wandeln! wie keine Bluͤthe, auch die kleinſte nicht, in Ueber⸗ eilung uͤberſehen oder ungepfluͤckt ſtehen laſſen! J. f. F. IX. 9. 8 114— Wie ein Geitzhals wollte ich unaufhoͤrlich mei⸗ nen Schatz betrachten, ſeinen Werth hoch an⸗ ſchlagen, daruͤber ſinnen, wie er mein ganzes Gluͤck mache, mir immer vorſagen, er iſt dein, du koͤnnteſt dich ſeiner bodienen— und doch mich in dem Entſchluß immer mehr befeſtigen, ihn mir durch Gebrauch nicht zu verringern! Welche Genugthuung, aus den Augen der Ge⸗ liebten zu leſen, was man uͤber ſie vermag; in ihren kleinſten Handlungen, die den theuren Freund angehen, eine gewiſſe Zaͤrtlichkeit zu bemerken; zu hoͤren, wie ihre Stimme ſanfter und weicher wird, ſobald ſie zu ihm oder von ihm ſpricht; ſich zu erfreuen ihrer Unruhe, ihrer aͤngſtlichen Aufwallung, bei ſeinen klein⸗ ſten, unſchuldigſten Liebkoſungen! Kann es fuͤr einen Liebenden ein entzuͤckenderes Verhaͤltnis geben? Kann er durch irgend etwas lebendiger, zuverlaͤßiger uͤberzeugt werden, er ſei geliebt? Er muß ſeine Gebieterin auf kurze Zeit verlaſ⸗ ſen— liebliche Ungeduld, mit der man ihn erwartet, und die man nicht einmal mehr ver⸗ heimlicht! Er koͤmmt zuruͤck— reitzende Ueber⸗ eilung, mit der man ihm entgegen fliegt, und vor der man nur erroͤthet, wenn es zu ſpaͤt iſt! Man hat ſich indeß anders gekleidet, und ſo, wie er's am liebſten ſiehet; man nimmt den Ton, die Art zu ſeyn, das Geſpraͤch auf, das ihm am meiſten ſchmeicheln kann. Sonſt putzte man ſich, um uͤberhaupt zu gefallen: jetzt thut man's nur fuͤr ihn. Ihm bluͤhet die Blume an der Bruſt, ihm ſchimmern die Diamanten am Arm, fuͤr ihn wurde das weiche Haar ſo kuͤnſtlich und doch ſo einfach geſchlungen. Liebte man ſonſt Andere in ſich, ſo liebt man jetzt ſich in ihm. Finden Sie etwas bezaubernder, als den Widerſtand einer Frau, die nur wuͤnſcht, Sie ſollen ihrer Schwaͤche nicht mißbrauchen? die Ihnen alles verdanken will, ſelbſt ihre Ent⸗ haltſamkeit? und die ſelbſt dieſe ihre gerechten Verweigerungen, noch ehe man ſich daruͤber beklagt, durch die zaͤrtlichſten Blicke, die ſanf⸗ teſte Rede, zu mildern ſucht? Und wie kann ein Mann, der nicht nur ſeinen Geiſt, ſondern auch ſein Herz und ſeine Neigungen gebildet hat, alle das Schoͤne voreilig vernichten wol⸗ len? Ich begreif' es nicht! Oder glauben Sie, das alles koͤnne und werde dennoch ſo bleiben? 116 Laͤcherlich! als ob das, ſelbſt der Natur der Dinge nach, nur moͤglich waͤre! Etwas an⸗ deres, ebenfalls ſchoͤnes, ebenfalls liebliches, kann und ſoll einmal an ſeine Stelle treten: aber waͤr' es nicht hoͤchſt thoͤricht, wenn man's koͤnnte, als Kind, die Kinderjahre zu uͤber⸗ ſpringen, oder ſie doch moͤglichſt voruͤber zu jagen, um das Juͤnglingsleben im voraus zu nehmen? Ja, gerade ſo, ginge man nicht nur der Freuden der Kindheit verluſtig, ſondern auch der vollen Freuden des Juͤnglingsalters. Man waͤre fruͤher kein rechtes Kind, und hernach auch kein rechter Juͤngling. Ich meine: ſelbſt das erſehnte eheliche Verhaͤltnis wird viel von ſeiner Schoͤnheit verlieren, wenn man das Suͤße des braͤutlichen Verhaͤltniſſes nicht zu ſchaͤtzen und zu genießen verſtanden; gerade aus: wenn man es nicht weit laͤnger zu ſchonen gewußt hat, als die Kirchenordnung vorſchreibt. Aber ſo ſind die Maͤnner vom gewoͤhnlichen Schla⸗ ge— ſie haben eher nicht Ruhe, bis ſie im ganzen, leichten und ununterbrochenen Beſitz ſind; und doch ſind ſie wie aus den Wolken gefallen, wenn ſie hernach Gleichguͤltigkeit, Kaͤlte, * — 117 wol auch Wankelmuth ſinden, im Herzen der Gattin und in ihrem eigenen auch! Und nun ſind ſie ungluͤcklich, machen Vorwuͤrfe, wollen mit dem Kopfe wider die Wand, und haben's doch ganz darauf angelegt, haben nicht geru⸗ het, bis es dahin kam— kommen mußte. Marquis, ſeyn Sie geſcheid, und nicht von den Maͤnnern dieſes gewoͤhnlichen Schlages! Ich hab' es immer geſagt und werd' es immer ſagen, denn es iſt wahr: die Liebe ſtirbt nie am Darben, aber ſehr oft an Ueberladung. Ich wollte nur, es ſchriebe einmal Einer eine recht gruͤndliche und ganz detaillirte Diaͤtetik fuͤr Lie⸗ bende und Eheleute— er muͤßte aber freilich ganz der Mann dazu ſeyn, oder vielmehr, der rechte Mann und die rechte Frau ſchrieben ſie gemeinſchaftlich! Bis aber ſolch ein erbaulich Werk zu Stande gekommen, will ich an Ihnen thun, was ich vermag; doch verſtehen Sie mich recht— an Ihnen beiden! Ich wer⸗ de von heut' an ſo oft als nur moͤglich um die Graͤfin ſeyn; ich werde viel uͤber gewiſſe Dinge ſprechen; ich werde, ſobald ich merke, der Herr Marquis hoͤrt nicht, geradezu gegen 118— Ihre Intriguen, Plane und Verſuche auftre⸗ ten. Da moͤgen Sie nun meinetwegen uͤber mich ſchreien, wie Sie wollen; mögen mich einen achſeltraͤgeriſchen Advokaten nennen, der es mit beiden Parteien haͤlt u. dergl.: das hilft alles nichts, denn ich bin gewiß, ich arbeite ſo fuͤr das Wohl aller dabei intereſſir⸗ ten Perſonen.— Die Fortſetzung folgt. — Gemaͤlde aus dem Leben des Menſchen, in Briefen an einen Freund. 1801. Haſt Du nicht alles ſelbſt vollendet, Heilig glühend Herz? Goeth e. Erſter Brief. Das Morgenroth. ——;— Sei du, mein Freund, durch den mir unter vielen, Vom holden Gluͤck gewaͤhrten, edlen Gutern, Das edelſte, der Freundſchaft Treue ward, Beſchuůtzer meines Liedes, ſei mein Fuͤhrer! Laß uns, weil noch des Lebens Mittagsſonne F. f. F. X. H. 1 2 Den ſchoͤnen Pfad, uns waͤrmend, hell beſcheint, Die Dinge um uns her in Licht bezeichnet; Eh ihre tiefgeſunk'nen muͤden Strahlen — Viel breitere und laͤng're Schatten werfend— Entſtellend uns die Gegenſtaͤnde zeigen: Eh kuͤhler Abendwind die ſanften Fluren Mit leiſem Schauer ploͤtzlich uͤberfahrt— Dies kurze Leben— an Begebenheiten So reich— licht— dunkel— nun in Daͤmme⸗ rungen Verfloſſen— mit dem Aug' geſtaͤhlter Kraft, Mit hellem Geiſtesblick, mit unbefang'nen, Von Vorurtheilen nicht beherrſchten Sinnen Beſchaun. O, wandle ſtandhaft mir zur Seite, Ein Huͤter— wo der Weg ſich abwaͤrts lenkt; Ein Warner— wo ein Irrlicht mich bethoͤrt; Und, ach! ein Stab, wenn ich ermuͤdet ſinke. Vor Millionen Weſen ſcheint der Menſch Beſtimmt, ein Naͤthſel ſich zu ſeyn; denn ihm, Ihm ward allein die hoͤhere Vernunft, Die ihren Blick zu jenen lichten Fernen, Mit einem tiefen Seufzer, wweſen lenkt; Nicht wiſſend, ob der Sehnſucht, die die Bruſt N— 05 Mit brennender Begierde maͤchtig fuͤllt, Mit heißem Durſt nach Gluͤck, nach beſſerm Gluͤck, Je eines Bechers kühles Labſal wird! Komm, laß uns dieſes irren Wand'rers Pfad, Der rauh, in tauſend Kruͤmmen, vor uns liegt, Verfolgen, und, zu welchem Ziel er fuͤhre. Da liegt er, auf dem müutterlichen Boden, Durch fremde Kraft— ſein Wille galt hier nicht— Ein huͤlflos armes Thier— erkaufter Sorge — Ohnmaͤchtig ſelbſt— gezwungen anvertraut. Ihn naͤhret eine fremde Mutter⸗ Bruſt; Und mit der Nahrung ſaugt er Vorurtheile, Verborg'nes Gift der Laſter ſaugt er ein. Gebrechlich wird er fruͤh an Leib und Geiſt, Eh Keime ſich zur Bluͤth' in ihm entfalten, Wozu Natur umſonſt die Kraft ihm lieh. Erziehung, ſchlimmes Beiſpiel, ſie entwickeln Oft bis zur Reife dieſe ſchlechte Saat— Der Sohn des Unglucks, ohne ſein Verſchulden, Entartet, endet ſchrecklich— laſterhaft! Wohl ihm, wenn er, ein Opfer fremden Willens Und fremder Laſter, ſeine Ungluͤcksbahn Für ſich und and're fruͤh im Grabe endet. 4 Doch, nein, mein Freund, hinweg mit die⸗ ſem Bild, So treu es auch lebend'ge Muſter malet, Hinweg! hinweg! Sie naͤhren nur den Gram. Des Schickſals dicht verflocht'ne, dunkle Wege Hat keine Fackel jemals uns erleuchtet.— Wir weihen dem dorthin gebannten Wand'rer Kurzſichtiger Empfindung Mitleidszaͤhren, Und wenden uns zum ſchoͤneren Gemaͤlde. Der zarte Menſch erwaͤchſt am warmen Herzen, An einer echten, treuen Mutter⸗Bruſt. Ihr ſpaͤhend Auge wacht bei ſeiner Wiege, Bei jedem Schritt mit gleicher Sorglichkeit. Sie iſt ſein Engel, ſeiner Tugend Wache; Die Weckerin der ſchlummernden Empfindung; Der Gegendruck der fruͤhen Leidenſchaften; Sein kuͤnftig Ideal der Haͤuslichkeit. Bei dieſem milden Sonnenſchein entwickelt Sich jede Koͤrperkraft— entfaltet freier Der Geiſt ſich, bluͤhend; reift zu rechter Zeit. Gluͤckſeligkeit fuͤllt nun ſein Daſein aus, Dem jedes Wieſenbluͤmchen granng ache Den ſelbſt die leeren Schatten noch ergötzen, 1 2 „* Nur ſanfte, unbewußte Bande feſſeln: Das ſuͤße Laͤcheln ſeiner Mitgebornen; Der milden Mutter ſteter Fruͤhlingsblick; Des ernſten Vaters frohes Kinderſpiel. Des Himmels warme Farben glaͤnzen immer, Der Bluͤthen Duͤfte hauchen einzig ihm. Der Unſchuld Jahre gleichen lauter Lenzen, Die ſelten nur ein Nebelduft beſtreift, Wo neben Bluͤthen auch die Frucht ſchon reift; Sie ſchwinden hin in ſorgenfreien Taͤnzen: Ein Himmel wohnt in dieſer weiten Bruſt. Mit allen Farben, die den Goͤtterbogen Der Iris ſchmuücken, ſcheint ihr jede Luſt; Freiwillig iſt ihr jedes Gluͤck gewogen: Die Welt daͤucht ihr ein unermeßlich Reich, Mit bunten Bildern ſchimmernd ausge⸗ ſchmuͤckt.— Sie greift nach allen— und erhaſcht ſie gleich; Dem Kindesſinn ſcheint nie das Ziel entruͤckt. In ewig junger Morgenroͤthen Licht' Erſcheint der erſte Lenz des ſchoͤnen Lebens: Ihm naht der dunkle Gram ſich nur vergebens, Er laͤchelt zu den Kraͤnzen, die er flicht. Zweiter Brief. Die Traͤume. Ein Morgenroth verkuͤndet uns den Tag. Der Jugend frohe, gold'ne Jahre ſteigen Am Horizont des Lebens praͤchtig auf, Mit jeder neuen Hore heller, ſchoͤner. Und ſo, wie vor der Sonne Sterne bleichen, Entfaͤrbt ſich leis das bunte Puppenſpiel, Das unſern zarten Menſchen ſuͤß erfreute. Kraft, Lebenswaͤrm' umſtralt den jungen Geiſt. Nicht mehr genügt ihm, was die aͤußern Sinne Bewegt; er ſieht ſich ſchon nach ſtaͤrk'rer Nahrung, Nach einem edlern Spielwerk ſieht er um. Da treten vor das Aug' des jungen Forſchers, — Gekleidet in bezaubernde Gewaͤnder— —1* — —. — 2 Geſtalten, wie die Phantaſie ſie traͤumt. Der hohen Tugend ſchoͤne Ideale— Ein goͤttlich Muſter der Vollkommenheit— Des Heldenmuths ruhmvolle Wuͤrd' und Groͤße— Der Selbſtbeherrſchung ſchwer errung'nes Ziel. Er ſtaunt die Dinge an.— Er fuͤhlt mit Luſt Ein nie empfund'nes heftiges Verlangen, Die Goͤtterbilder moͤcht' er gern umfangen; Ein fremdes Feuer wuͤhlt in ſeiner Bruſt. Jedoch der jungen Kraft fehlt noch die Reife. Selbſtſtaͤndig wird der Menſch nach langem Streit. Ihn treibt noch eine Kraft; denn, ungeſtuͤm, Tritt kuͤhn die Neigung mit der Pflicht in Kampf. Ihn locken fruͤh ſchon der Sirenen Stimmen; Er ſchleicht den falſchen Toͤnen langſam nach, Von ſeinen jungen Bruͤdern aufgemuntert, Die, ſo wie ihn, des Leichtſinns Ton beſtimmt. Der Geiſt der Zeit bekaͤmpft geerbte Tugend, Ja ſelbſt den leiſen Ruf, der in ihm ſpricht. Doch, nein, nicht immer brennt beſchaͤmend Roth Des jungen K Kaͤmpfers weiche Wange— ihn Umſchwebet heinnlich eine ſtille Gottheit; Der Unſchuld ſuͤß Gefühl erwacht in ihm. Als Sieger tritt er auf, eilt in die Schranken, 8 Und fordert, muthig, ſelbſt das Laſter auf, Ein zweiter Herkules an Heldenmuth. So bilden ſich die Kraͤfte in dem Menſchen; Der Widerſtand fuͤhrt zur Vollkommenheit. Die ſtille, immer unverſuchte, Tugend Wird dann erſt groß, wenn ſie durch Kampf geſiegt. Da ſteht mein junger Held— Sein munt'res 4. Auge Blickt freundlich in die weite Welt hinein, Wo alles lachend bluͤht.— Er ſeufzt und laͤchelt. Verlangen, Wuͤnſche, Hoffnungen, Entſchluͤſſe Beſtuͤrmen, wie der Liebe Wechſelfieber, Die volle Seele und den weichen Buſen, Sie loſen ſich in ſanfte Thraͤnen auf, In leichte Seufzer, in der Luſt Entzuͤcken, In unwillkuͤhrlich froh erregten Schauder. Die Geiſter ſeiner kuͤnft'gen Thaten ſchweben Um den Begeiſterten mit ſtiller Weihe; Geweihter ſieht er die gebahnten Wege Der Sterblichen, die ſich zum Gluͤcke draͤngen, In hellem Mittagsglanze vor ſich liegen. Er ſieht und ſtaunt, und weilt im frohen An⸗ ſchaun.— 4 9 Hier winkt, mit ſeiner Schaͤtze reichem Fuͤllhorn, Der Handelsfleiß, zeigt gold'ne Quellen ihm: Dort malt ein Tempel ſich mit Lorbeerkraͤnzen, Mit Siegstrophaͤen, glaͤnzend ausgeſchmuͤckt, Von muthigen Verehrern dicht umlagert; Doch, ach! auf blut'gen Boden hingebaut⸗ Von rauchenden Ruinen aufgefuhrt.— Hier ſchwebet eine holde Gottheit auf; Ihr Lichtgewand erhellt die weite Ferne— Ihr Sonnenblick verdunkelt alle Sterne— Sie winkt ihn, ſchweigend, zum Olymp hinauf! Dem Jungling ſchlaͤgt das Herz, ihm gluͤht die Seele. Er moͤchte gern aus jeder Quelle trinken, Des weiten Buſens heißen Durſt zu ſtillen; Auf jedem Schauplatz maͤnnlich kuͤhn verſuchen Die Nieſenkraft, die ſeine Nerven ſtaͤhlt. Raſch lenkt er ſeinen Flug nach allen Seiten, Im muth'gen Eifer ſchnell das Ziel zu finden, Das vielen dunkel, unerreichbar blieb, Das manchem ſich vergebens glaͤnzend zeigte. Doch, gleich dem jungen Aar, der ſich verfliegt, Verirrt er bald ſich auf verworr'ne Wege, 10 3—— In ungewohnte Hoͤhen, grauſe Tiefen, und, ach! ihm ſinkt der eitle wilde Muth. Die Hoͤh'n erreichen, Tiefen zu ergruͤnden, In mittler Region ſich ſchwebend halten, Hat Uebung, hat das Beiſpiel nur gelehrt. Voll edler Scham, ſenkt er die heiße Stirn; Ihm brennt im Aug' der Reue bitt're Zaͤhre, Er fuͤhlt den Irrthum, fuͤhlt ihn wahr und tief. Jetzt waͤgt er pruͤfend ſtolze Kraͤfte ab; Waͤhlt, mehr als mit Bedacht. Doch was er waͤhlt, Trifft nie mit ſeiner Hoffnung uͤberein. Denn kaum verfolgt er eine Bahn mit Eifer, So bieten ſich der Widerſpruͤche Heere, Gleich laut erklaͤrten Neidern ſeines Gluͤcks, Zu Tauſenden auf ſeinen Wegen dar. So ſieht er ſich getaͤuſcht; denn die Erwartung, Vom Feuer ſeiner warmen Bruſt genaͤhrt, Fuͤhlt ſich betrogen bey der kalten Wahrheit, In der die Wirklichkeit, begraͤnzt, erſcheint; Die nie ſich mit der Phantaſie vereint. 4 Nun engt der Kummer ihm die freie Bruſt; Nun ſtoͤrt ihm Unmuth jede Goͤtterluſt. 11 Wo weilet ihr, ihr ſuͤßen Huldgeſtalten! Du, holder Traum, in Himmelslicht ge⸗ taucht— Von Fruͤhlingsaͤtherduͤften angehaucht?— O, moͤchten deine Bilder niemals alten!— Umſonſt! ich ſehe ſie wie Schatten ſchwin⸗ den!— Was mich im fuͤßen Wahn ſo hoch begluͤckt, Was mich im Innerſten ſo wahr entzuͤckt, Laͤßt mich die Wirklichkeit jetzt anders finden!— Wen ruͤhrt— wer ſtillt das innerliche Toben, Den wilden Aufruhr in der engen Bruſt?— Wo iſt die zarte, ewig heit're Luſt, Aus ſuͤßen Phantaſteen nur gewoben? Du, holde Freundſchaft! ſchenkſt dem armen Kranken Von deinem echten Lebens⸗ Balſam ein. Dir wird er kuͤnftig ſeine Hoffnung weihn— Zu dir hinfluchten, klagend, die Gedanken. Und eine Gottheit, reich an Himmelsfulle, Die Liebe, gießt ihm Nectar in das Herz:— Es ſchweigt der Aufruhr, und es weicht der Schmerz; Und auf den Sturm folgt linde Seelenſtille. Du, Götterfunke! du belebſt mit Wonne Den ſchlaffen Muth— du ſtaͤhlſt ihm jede Kraft.— Und nun gelingt das, was er wirkt und ſchafft;— Und nun erſcheint, verſchönt, der Freuden Sonne. — Dritter Brief. Licht und Schatten. Hymne an die Liebe. Sie ſchwebt herab, in hehrem Sonnenglanze, Ihr Haupt umſtralt mit einem Sternenkranze, Dem Licht entſtammt— ſich Sterblichen zu weihn!— Unter ihren leichten Schritten ſprießen Tauſend ſuͤße Bluͤthen auf— es ſchließen Alle Wonnen ſich an ihren Reihn! Sie weilet hier, und ſchenket uns von oben Den Goͤttertrank; die Freude, ganz gewoben Aus Aetherlicht, auch Irdiſchen gewaͤhrt.— Denn in dieſen nebelvollen Gruͤnden, Muͤſſen alle dunkle Schatten ſchwinden, Die ſie, ſchaffend, uns zu Glanz verklaͤrt! Sie tränket hier die durſt’gen Erdenfluren Mit Himmelsthau; und ihren Segensſpuren Entkeimt das Gluͤck,— entkeimet jede Kraft.— Selbſt den Muth, ſie weiß ihn zu befluͤ⸗ geln;— 4 Des Betruͤbten tiefen Gram zu zuͤgeln; Alles dient, wo ihre Allmacht ſchafft! Wem ſie den Blick zur fernen Heimath lenket, Dem reift ein Gluck, das hohe Wonnen ſchenket; Der iſt ſchon hier dem engen Thal entflohn. Sie erhebt ihn!— Laͤßt auf Aetherſchwingen Kuͤhner ihn durch alle Raͤume dringen— Und er waͤhnt, er ſei bei Goͤttern ſchon! Verfolge nun mit mir, mein edler Freund! Den raſchen Pilger auf der Bahn des Gluͤcks, Die er mit neuem Muth betritt. Denn ihn, Ihn lͤchelten des Lebens reinſte Freuden, Der Freundſchaft und der Liebe Wonnen an! Sie haben dieſen Gluͤcklichen verklaͤrt! Ihm ward ein Freund, an deſſen treuem Buſen Er Schmerz und Luſt, und jede Wonne theilte; Dem er der Neigung tiefſten Quell verrieth; Den gleich Vertraun zu ſeinem Herzen fuͤhrte. Sie waren Eines Sinns!— Gefuͤhl fuͤr Tugend, ¹ 5 - Fuͤr Schönheit, Wahrheit, jede Trefflichkeit, Beſeelte Beider Geiſt zu Recht und Pflicht Im Denken, Handeln, Leiden und Genießen!— In Freundes Gegenwart reift ſchnell zu That Der aufgebluͤhte Wille, der Gedanke! Geeinte Kraͤfte fuͤhren raſch zum Ziel, Denn das Vertrauen hebt ſich durch Vertrauen, Lebend'ger aus der Seele Grund die That! So tönen wohlgeſtimmte reine Saiten, Als hier der Einklang dieſer beiden Herzen. Die Liebe ſchwebt' in noch verklarterm Lichte, In reiner Goͤttlichkeit, zu ihm hernieder! Sie flocht ihm ihre hochgeweihten Kraͤnze, Die ſchoner bluͤhenden, die nie verwelken! O ſieh das Bild von ſeiner holden Gattin, In matten Tinten nur! Zu fein dem Pinſel Sind Reitze, die des Schoͤnen Urbild gleichen. Ein ſanftes Weib— im Stillen bluͤhte ſie, Mit jedem Reitz an ihrer Mutter Seite— Und Unſchuld, ſuße Unſchuld! und Natur — Sie bluͤhte unter reinem Himmel auf, Am Meergeſtade, in der Staͤdte Naͤhe— Erfuͤllt mit Grazie ihr ganzes Seyn. Unwiſſend lenkt ſie jedes Aug' auf ſich— 16 Unwiderſtehlich zieht ſie Herzen an.— Der hohe Adel ihrer reinen Seele, Die Kindlichkeit des unbefang'nen Sinn's, Der Himmel ihres ſchoͤnen edlen Herzens, Lag unverſchleiert jedem Auge offen. Die inn're Charis leiht der aͤußern Wuͤrde, Die mit Bewunderung das Aug' entzuͤckt, Doch das gefang'ne Herz auf ewig feſſelt. So war die Seine! nenne mir den Mann, Den dieſe Seligkeit nicht ganz begluͤckt! Doch, nein, nicht immer fließt der Quell des 3 Gluͤcks Still, klar und eben hin.— Sein rein Gewaͤſſer Wird auch vom Sturm ſo heftig oft erſchuͤttert, Daß ſich der Grund, der feſte Grund, bewegt. Wo iſt das Gluͤck, das ohne Neider bluͤht? Wo ſtellt die Falſchheit nicht der Unſchuld Netze? Wo laurt Verderben nicht im Hinterhalt? Doch, zitt're nicht, mein Freund!— denn dieſe unſchuld, Erhaben uͤber alle Gaukeleien Der falſchen Tugend und der fremden Thorheit, Sie, eine ſtille Gottheit, ſchreitet hin Mit Blicken voller Huld, mit ſuͤßem Laͤcheln.— ——— 17 Umſonſt liegt hier ein Abgrund neben ihr— Sie kennt ſie nicht, die drohende Gefahr! Umſonſt ruft ihr ein Retter warnend zu— Sie giebt Geſetze— ſie bedarf ſie nicht! Ihr Herz, ihr reiner Sinn, ſind ihre Lenker, Ihr unbefleckter Wandel iſt ihr Richter! Ihn trifft der Sturm, der Beide hart bedroht; An ſeinem Haupte ſtreift der Wetterſtral, Der ſchnell verderbende, voruͤber!— Denn Der hohe Gluͤckliche ehrt nicht, genießend, Sein ſelt'nes Gluͤck, ihm traͤumt, er koͤnn' ein Gut, Ein theures Gut verlieren— fuͤhlt im Wahn, Im toͤdlich irren Wahne, ſich gekraͤnkt. Sein Freund, ſein treuer Freund gebiert ihm Qual; Und Mißtraun haucht die reinſte Tugend an. So lagern bei des Lebens ſchoͤnſten Freuden Sich Sorge, Furcht und Argwohn lauernd hin.— Je mehr begluͤckt, je mehr iſt zu verlieren.— Oft darbt der Menſch in vollem Ueberfluß; Denn ſelten weiß er Schaͤtze recht zu nutzen. Dem reinen Sinn und dem geſunden Herzen Ward es allein gegeben Gluͤck zu ſchaͤtzen, . f. F. X. H. 8 18— Allein, die Macht des Irrthums zu zerſtreuen, Die jeder Wonne Morgenroth umnebelt, Den Mittag der Erinn'rung ſchwarz verſchleiert, Den Irrenden zum ſichern Opfer fordert, Den nicht der Gottheit helle Fackel leuchten: Vernunft, und Glauben an der Menſchen Tugend. Hier ward der Kranke ſich ſein eig'ner Arzt. Sein ſchnell geſundend Auge ſah ſein Gluck 1 In ungewelkter Schoͤne herrlich prangen: Mit jedem Tage bluͤht' es friſcher ihm, Mit jedem Tage fuͤhlt' er es erhoͤhter. Sein liebend Weib fuͤllt ſeine Wuͤnſche aus; Sie fuͤhlt ſich gluͤcklich einzig nur durch ihn! Er liebt die Thaͤtigkeit— den regen Fleiß; Sie liebt die Ordnung— ſtille Haͤuslichkeit, Und beide bieten ſich zum Gluͤck die Hand, Zum dauerndſten in dieſem Lebenswechſel. Vereinigt wirken hier die ſchoͤnſten Kraͤfte, Mit der Natur im ungetrennten Bunde.. Sie ſtaͤhlen ſich zum kuͤnft'gen Ungemach, Sie ſtaͤrken jede Fiber zum Genuſſe, Genießen zwiefach, ſchoͤner und erhoͤhter, Und ſpenden Andern gern aus ihrer Fuͤlle. Der Liebe Allmacht wirkt auf alle Weſen, Ihr heili Feuer foͤrdert Kraft zu Thaten. Mit Luſt ſieht man ſie eifrig wirken, Beide Fuͤr And're nuͤtzlich ſeyn in That und Wort. Und wenn, wo ſie geſaͤ't, auch keiner erndet; Da Undank lohnt, wo jedes Dank erwartet; So laſſen ſie nicht ab.— Verfehlter Zweck Hat wahre Thaͤtigkeit noch nie geſtoͤrt. Geiſt der Ordnung! reges Wirken— Stre⸗ ben— Du erhellſt des dunkeln Daſeyns Leben, Schuͤtttelſt uns aus traͤgem Schlummer auf!— Dir verdanken wir die reinſten Freuden; Du verminderſt jedes unſ'rer Leiden; Alles Wiſſens Schaͤtze thuſt du auf! Goͤttern aͤhnlich ſchafft des Menſchen Wollen! Selbſt die regen Elemente zollen Ihrem Herrſcher, ſind ihm unterthan! Ihre Kraͤfte dienen ihm zum Segen— Auf des Oceanes irren Wegen Schafft der Menſch ſich eine ſich're Bahn! 20 Adlern gleich bewegt er ſich in Höhen, Wiegt den Aether, ſieht Gebirge, Seen, Kleine Punkte— Wolken um ihn ziehn! Aus dem Todten lockt er Feuerfunken: Wo Gewitter drohen, feuertrunken, Muß, auf ſeinen Wink, Gefahr entfliehn! V 1 Und die Koͤrperwelt, ſie iſt ihm eigen. Das Belebte muß vor ihm ſich beugen; Er durchwuͤhlt der Erde innern Raum!. —— In den Sternen ſieht er Sonnen glaͤnzen; Weilet, meſſend, unter Sphaͤrentaͤnzen— Und umfaßt des Aethers weiten Saum! Und Gedanken weiß er zu befluͤgeln! Schlöſſe nicht, den raſchen Muth zu zuͤgeln, Tiefe Nacht die ferne Zukunft ein, Wuͤrde den Olymp er kuͤhn beſteigen.— Alles nennt der Maͤchtige ſein eigen, Selbſt das Reich der Geiſter nennt er ſein! Vierter Brief. Freude und Schmerz. Welch ſuͤßes Gluͤck erwartet Beide nun! Die Stille ihrer Seele laͤßt es ahnen, Der Wonne Luſt, die aus den Augen ſpricht. So kuͤndiget der warmen Luͤfte Wehen Den holden Lenz mit allen Freuden an; Es lebt der Wald, das Feld, und tauſend Stimmen, In wechſelnden Accorden Freude wirbelnd, Ertoͤnen nun von neuem Lebenswonnen. Melodiſch klagt das Lied der Nachtigall; Sie klagt der Liebe Gram, jedoch mit Luſt, Mit ſuͤßer Luſt im freudetrunknen Wechſel. So regt ſich in dem Schooß der jungen Frau Ein neulebend'ges zartes Weſen, das ſie Mit Sorge liebend, zu beſchützen ſtrebt, das All ihre Sinne ernſt und froh beſchaͤftigt. Doch kaum nur wagt, erroͤthend, halb beſchaͤmt, Die junge Mutter ein Gefüͤhl zu nennen, 22 Das neu und ſchoͤn, entzuͤckend, ſie begluͤckt, Selbſt ihrem Gatten nur im leiſen Lispel. Wohl uns, Natur! du gabſt dies Zartgefuhl; Und reizender bluͤht jede Tugend auf! Doch heimlich naͤhrt ſie gern ein ſtark Verlangen, Den zarten Liebling innigſt zu umfangen, Mit tauſend Augen, mit der Luſt Entzuͤcken An ihren Mutterbuſen ihn zu druͤcken. Wie ſchlaͤgt ihr Herz, wie jubelt ihre Seele, Weil ihres Lebens Pulſe zwiefach ſchlagen! Nun malen Beide ſich das ſchoͤnſte Gluͤck, Das die Natur fuͤr alle Staubgeborne Auf ihrer ungezaͤhlten Stufenleiter, Zum ſuͤßeſten für jedes auserſah— Es fuͤllt die hellſten Stunden ihres Lebens Faſt uͤberirdiſch aus;— denn ſie genießen — Von Phantaſie und Hoffnungen umgaukelt, Der noch Erfahrung nicht die Bluͤthe raubte— In Unſchuld reiner Freuden echte Luſt, Und trinken ſie in langen, vollen Zuͤgen!— So weilet froh auf weichen Sammetraſen Die Unſchuld, traͤumt von lauter Fruͤhlings⸗ wonnen! Sie horcht dem Murmeln nah geleg'ner Quellen, Des Saͤngers Wirbeln uͤber ihr in Luͤften!— Sie blickt zum Aether, auf die bluͤhn'den Fluren, Und ahnet nicht ihr nahes Mißgeſchick. Da ſchleicht, verborgen unter dichten Blumen, Die Natter, farbig glaͤnzend, leiſ' herbei: Das holde Kind will nach der Falſchen greifen Und fuͤhlt den gift'’gen Stich im ſuͤßen Laͤcheln. So nahte hier die bitterſuͤße Stunde, Wo die Natur ihr ernſtes Werk vollendet!— Wohl uns, daß ſich der Augenblick verbirgt, Die naͤchſte Stunde, uns beſtimmt zur Freude, Zum Gram, zur Folterpein, zur Seelenmarter!— Da liegt die junge Mutter. Weh auf Weh Durchzuckt den zarten Bau— ſie ſeufzet— aͤchzet— Sie zittert, jede Muskel leidet, jede Fiber Wird angeſtrengt, wird folternd ausgeſpannt. Sie leidet viel, doch fuͤllt noch hoher Muth Den Mutterſinn; ſie leidet um den Liebling, Und bald wird ſeiner Stimme lauter Schrei Die Angſt, die Todesangſt, ihr reich vergelten.— Sanfttroͤſtend ſteht ihr Gatte ihr zur Seite; Er leidet tief, vielleicht noch mehr als ſie. Verhakt'ner Schmerz zerſprengt ihm faſt die Bruſt, In der ein Stral der Hoffnung kaum nur glimmt, Weil noch entfernt iſt der Erlöſung Stunde. Denn, ach! die Sonne ſtieg, und langſam wandelt Sie ihre Bahn— ſinkt— ſteigt noch einmal auf, Gebiert den Tag— doch unſ're Mutter, nicht! Ihr zartes Leben, faſt dahin gemartert, An einem Faden haͤngt es, lechzend, kaum. Da naht der ſchoͤne, große Augenblick, — Der ſchwer erkaufte, mit Gefahr des Le⸗ bens!— Ein holdes Kind liegt— laͤchelnd ihr im Schooß, Ach! mit dem Lächeln eines jungen Todten— Des Weinens ſuße Laute hort ſie nicht! Ihr Schmerz iſt ſtumm.— Der wahren Leiden Stimme Erſtickt, dumpf folternd, ſich in unſ'rer Bruſt. O klage die Natur nicht an! Sie zog Feindſelig nicht, uns nur zu Qualen auf. Geerbte Uebel, Clima, Lebensart,— Sind hier die Wuͤrger unſers ſchoͤnſten Glücks. Sieh dich umher in ihrem Allgebiet; Was hier Geſetzen frei ſich unterwirft, Von ihr geordnet, fuͤhlt ſich auch begluͤckt. 25 Doch nun erwacht der Schmerz!— In lau⸗ ten Klagen Beſtuͤrmt, die ſonſt ſo Sanfte, jetzt den Himmel; Sie fordert kuͤhn den Liebling nun von ihm; Und rechtet mit der ew'gen Weisheit ſelbſt.— Nothwendigkeit lehrt endlich Unterwerfung, Vernunft beſiegt den wilden herben Schmerz.— Ohnmaͤchtig fuͤhlt der Menſch die hoͤh're Hand, Und fuͤgt ſich, leidend, ihren ſtillen Zwecken. O Zeit, du heilſt mit deinem Balſamaͤther Der Seele Wunden langſam, aber ſicher! Du lehrſt Erinnerung, der ſchwer beſiegten, Sich nur umflort dem wunden Herzen nahen! Du fuͤhreſt im Gewand von Morgenroͤthen Die laͤchelnde, die Freude, leiſer naͤher, Die tiefgeſenkten Blicke zu beleben! Und wenn am wollkenloſen reinen Himmel Sie nun in voller Glorie ſich malt, — Die ſchönſte Sonne in azurner Blaͤue!— Wenn ſie das Auge ſtaunend an ſich zieht, Den Buſen weitet, jede Muskel ſchwellet— Dann, neu, ein dicht Gewoͤlk, in Nacht gelagert, Der Hehren breiten Stralenſaum erfaßt, 26 So flichſt du, durch den immer fluͤcht'gen Wechſel, Den Kranz der Roſen, wo die dunkeln Mooſe Die zartſten Farben nur zum Schutz umſchließen, Daß laͤnger ſie und duftender verblühen. So nahte hier auf dunkeln Gram die Freude Mit ihren Silberſittigen, im Lichte! Nicht immer handelt ſtrenge das Geſchick! Sie ſchmeckt das hohe Gluͤck der Mutterwonnen, In voller, reicher, aufgebluͤhter Fuͤlle! Sie ſieht in edlen Söhnen, holden Toͤchtern Sich neu verjuͤngt, und widmet ſich mit Luſt Zur Fuͤhrerin der erſten Jugendzeit. Da bluͤhen neue Freuden um ſie her, So uͤberſchwenglich hold, daß ſie die Welt Mit allen Schaͤtzen, die ſie beut, vergißt. Verſuch' es nicht, dies zarte Gluͤck zu malen, Es traͤgt gar nichts von irdiſchem Gewand: Es flieht die Worte, wie den Blick der Menge, Und fuͤhlt ſich wahrer, tiefer, unentwickelt. Nur einzig theilt ſie ihre ſtillen Freuden An des geliebten Gatten treuem Buſen, Und beider Luſt wird noch dadurch erhöht. Doch hier auch lauert manchmal unter Blumen 1 —ę—ↄ—ꝭQOOQC— — ——— —Q—QQ———Q———— Die falſche Natter, deren neid'ſcher Stich Oft ihre hoͤchſten Wonnen ſo vergiftet, Daß ſich in Wermuth jede Freude taucht. O ſieh, bei aller treuen Mutterpflege Waͤchſt dennoch Unkraut neben Weitzen auf; Erſtickt des Guten Keim zuletzt wol gar— Und lohnt die Mutterſorg' mit Weh und Gram. Hinweg, zu traurig Bild! nur ſelten arten Auf gutem Boden gute Pflanzen aus; So wirkt nicht die Natur im Widerſpruch.. Doch and're Sorgen drohn dem Mutterherzen. Verhaͤltniſſe— ein weit umfaſſend Wort— Vielleicht verpflichten ſie nun beide Aeltern, Ihr Kind der Fremden Aufſicht zu vertraun. Nicht immer gluͤckt die Wahl. Der Klugheit Auge Sieht ſcharf— doch tief verbirgt ſich auch der Menſch. Wohl ihnen, wenn der Zoͤgling, nicht der Strenge, Nicht roher Freiheit hingegeben iſt; Die bildet Sklaven, ſchwaͤcht die Kraft, den Muth, Und dieſe waͤchſt zu Ungebundenheit; Das ſittlich Schoͤne ruhet zwiſchen beiden. So kaͤmpfen in dem zarten Mutterherzen Abwechſelnd Schmerz und Freude, Wohl und Weh, Die ſtetigen Gefaͤhrten unſers Seyns, — 28 Die, ſtets verbuͤndet, niemals ſich getrennt. Da droht ein neuer Kummer ihrer Seele: Ein bluͤhend Kind, es welkt dahin, erkrankt. Sie pflegt es.— Auf das brennend heiße Auge Sank lang' kein Schlaf, wohlthuend, ſanft herab, Denn ſie, ſie ſelbſt iſt ihres Kindes Wache— Wie konnte dieſer echte Mutterſinn Erkaufter Sorge jemals es vertraun?— Doch, ach! umſonſt. Es ſinkt dahin und ſtirbt. All ihre Pflege hatt' es nicht geſchuͤtzt— Nicht eines treuen Arztes kluges Walten. Der Unerbittliche, noch nie Beſiegte, Nimmt aus dem Arm der Mutter ſeinen Raub! Ihn jammert nicht ihr bleicher, ſtummer Schmerz! Er horcht nicht ihrer Weiſung:„ſuͤßes Leben, „Das Licht der Sonne ſei ein Recht der Jugend; „Ins Schattenreich zu wallen ſei dem Alter „Von der Natur geſetzlich auferlegt; „Die junge Bluͤte harre noch der Reife!“ Er hat kein Aug' fuͤr ihre Seelenleiden— Ihm ward kein Ohr fuͤr ihre lauten Klagen— Er kennt nicht Rechte, achtet kein Geſetz;! Den kalten Reſt birgt nun ein dunkles Grab: Und mit ihm ſank die Hoffnung auch hinab!— Warum, Natur! erſchufſt du die Geſetze? Soll dieſer Gram das Mutteraug' entweihn? Verſchwenderiſch verſpendeſt du uns Schaͤtze, Und weihſt ſie, ungenuͤtzt, zum Sterben ein. Wohin ich ſeh' in deinen weiten Reichen, Iſt Alles dieſer Ordnung unterthan:. Beim Thier, wie beim Inſekt, erblick' ich Leichen; An Bluͤten ſchließt ſich die Verweſung an. O murre nicht, kurzſichtiger Bewohner Des kleinſten Punkts! Nur Ein Verſtand durch⸗ ſchaut Das Wie?— Warum?— Vergelter heißt Er— Lohner! Auf Kummer hat er dauernd Gluͤck gebaut. Fuͤnfter Brief. Genuß und Taͤuſchung. Komm, laß uns dieſes unruhvolle Seyn Des Menſchen, faſt zum Spiel dahingegeben Der Ebb' und Fluth der Dinge rings um ihn; Wo Well' auf Welle ſeinen Nachen treibt, Dem Ufer naͤher bringt, ihn jetzt entfernt; Wo lauer Wind der Hoffnung Segel ſchwellt, Und nun ein Sturm daſſelbe Segel bricht, Vertrauend auf den milden Sonnenſchein Beim wolkenloſen Himmel ausgeſpannt— Laß uns ihn fern vom engen Kreis beſchaun! Ward ihm vielleicht da ungeſtoͤrtes Glück? Er ſchaut umher, und findet uͤberall Ein weites Feld, noch ganz nicht angebaut, Die raſche Kraft, den kuͤhnen, muth'gen Willen Ruhmwüurdig zu beſchaͤft'gen. Dahin eilt er, Befluͤgelt mit den immer regen Schwingen Der Thaͤtigkeit an ſeinen Sohlen, will Sich ſeinen Wirkungskreis bis an den Rand Der Erd', des Meers erweitern— dahin fliegen — — 31 Auf ſeinen Wink die Schiffe wie die Roſſe. Es gluͤckt ihm auch, er ſieht um ſich herum Zehntauſend Haͤnde froh beſchaͤftigt, die Den reichen Unterhalt faſt einzig ihm, Faſt einzig ſeinem klugen Muth verdanken. Wie eilt er ruͤſtig fort auf einer Bahn, Die ſich der Thaͤtigkeit wohlthaͤtig weitet; Die reichlich lohnt bei Klugheit, Maͤßigung; Und die das Ungluͤck ſelten gaͤnzlich hemmt. Doch, ach! je mehr das Gluͤck ihn hier anlacht, Je mehr trifft er auch ſeine Neider an; Ein haͤßliches Gezuͤcht— ein Afterbild— Der Menſchheit Zuͤge ſind darin verwiſcht. Sie regen Unmuth ihm im ſtillen Buſen, Drohn dem Gebaͤude ſeines Gluͤcks den Umſturz, Und hemmen ſeiner Thätigkeit die Kraͤfte. Er ſieht ſich um nach einer andern Bahn. Des Ruhmes Lorbeerkraͤnze ſieht er flattern, In Prachtgebaͤuden, lockend, aufgehaͤngt, Doch neben Truͤmmern, unter blut'gen Waffen.— Der Anblick fuͤllt mit Weh— er mag ſie nicht— Sein Herz iſt weich, ſo ſchuf es die Natur! In ſeiner Seele hallen Klageſtimmen, Vom Krieg geboren, vieler Millionen! Er denkt des Jammers, denkt der tauſend Leichen, Der Menſchenleichen, die das Saatfeld duͤngen, Das eben dieſer Haͤnde froh beſtellten! Er ſieht in ruhig heit're, ſanfte Zuͤge Der holden Braut, der itzt verlaß'nen Mutter, Verzweifelung und wilden Gram ſich praͤgen! Bleich, duͤrr vom Hunger— denn das Feld liegt oͤde— Die munt’re Jugend!— ſieht ſie langſam wel⸗ ken!— Geſchwaͤcht, entnervt die kommenden Geſchlechter! Die Seele blutet ihm— ſein Auge weint Dem falſchen Ruhm, der heut' die Menſchheit ſchaͤndet, Des Mitleids und des Unmuths bitt're Zaͤhre. „Was ſinnſt du,⸗ denkt er,„was beklagſt du dich? „Wo der Gewinn auf Schaͤtze Schaͤtze haͤuft, „Die nur die Koͤrperwelt dem Fleiße zollt, „Da wundre ſich doch nie der kluge Menſch, „Wenn er den niedern Neid in Thaͤtigkeit, „— Er klebt an dieſen Guͤtern— uͤberraſcht! „Wo wilder Ehrſucht Nauſch den Muth entflammt, „Und Herrſchbegierde eine Welt in Feſſeln „Zu ihren Fuͤßen ſieht— da regen ſich „Die Kraͤfte in dem Menſchen zum Verderben „Fuͤr Tauſende, indeß nur Einer ſchwelget. „Ich waͤhle mir ein and'res, hoͤhers Ziel, „Ein Feld, wo ſchoͤn're Bluͤthen ſich'rer rei⸗ fen— „Unendlichkeit fuͤllt ihre Dauer aus! „»Hier liegen ſie vor mir, die ungezaͤhlten Schaͤtze: „Der Wiſſenſchaften Buch entfalt' ich, ſchwei⸗ gend, hier: „Enthuͤllet zeigt es mir von Allem die Ge⸗ ſetze; „Das Wie?— Warum?— in mir, und außer mir. „Hier ſaͤt der Geiſt die Kraft!— Es erndet Segensfülle. „Der Denker, wie der Sinn, der, fuͤhlend, jenen ehrt: „Der Friede bluͤht, das Gluͤck, die heit're Seelenſtille, „Wo Wiſſenſchaft das Univerſum naͤhrt. J. f. F. X. H. 4 3 34 „Hier kriecht der finſt're Neid beſchamt in ſeine Hoͤhle; „Ein Sinn iſt's, der, vereint, dem Ganzen G Kraͤfte lieh: „Denn hier wirkt Alles, Geiſt, Ver⸗ nunft, Natur und Seele, „In ungetrennter Goͤtterharmonie.“⸗ Verſenge nicht, mein Freund! beim raſchen Fluge Die Schwingen deiner heißen Phantaſie; Und traͤume dir ein Gluͤck nicht allzuleicht, Das, wohl ihm! ſchwer errung'ne Kraͤnze beut. Der Kaͤmpfer waren viel, der Sieger nicht— Und Neider wachen hier, wie uͤberall. Denn kaum erhebt dein ſtolzer Adlerflug Sich uͤber die gewohnte Region, So meldet ſich der dreiſten Krittler Heer, — Ein dichter Schwarm, zerſtorend iſt ihr Blick— Scheucht dich vielleicht von einer Bahn herab, Die dich zum Quell des reinen Lichts gefuͤhrt. Doch wenn du ſie auch rieſenhaft bekaͤmpfſt; Wenn dein Gefuͤhl auch anders dich belehrt, Dein Genius ſich uͤber ſie erhebt, . — In welchen finſtern Labyrinthen irrend 35 Weilt hier dein Juß?— und— ohne Freundes Hand?— Wo hilft ein Genius dem andern auf? Wo wird Talent mit Waͤrme aufgemuntert? Vielleicht zertrat es fruͤh ein ſtarker Fuß— Es welkte hin, was herrlich bluͤhen ſollte.— Du ſeufzeſt, Freund?— O lies, ich bitte dich, O blaͤtt're nur im Buch der Zeitgeſchichte! Du findeſt uͤberall die tiefen Spuren, Von dieſen Geiſtesſchwaͤchen eingedruͤckt. Oft wird die Kraft geſchuͤtzt;— allein warum? Zur Schande fuͤr der Freien hohe Wuͤrde, Wird ſie zu niederm Sklavendienſt verbraucht, An And'rer Goͤtterwagen muß ſie ziehn. Dem Genius, dem kühnen Feuergeiſt, Ward es, in hoͤchſter Region zu ſchweben, Dem Adler gleich, allein, in ſicherm Fluge. Er trinkt den Aether, trinkt der Sonne Gluth, Die freie Flamme ſeines Buſens naͤhrend! Ihn feſſeln nicht an nied'rer Heimath Fluren Die Bande ſirenger Regeln; das Geſetz, Der Freiheit Siegel, glaͤnzt an ſeiner Stirn. 36 Die Kraft ſpricht aus den Fittigen der Staͤrke. Und im geweihten, warmen Buſen traͤgt er Erkenntniß jedes Rechts und aller Wahrheit, Gefühl fuͤr Schoͤnheit, Groͤße, Sittlichkeit. Des Freigebornen frei geſchaff'nes Werk Traͤgt jeder Goͤttlichkeit erkannt' Gepraͤg, Und lehrt Bewunderung die ſtumme Menge. Ihm ſtaunt der Geiſter ungeſeh'ne Schaar. Sie ehret der Begeiſt'rung ſelt'ne Weihe, Sie horcht den neuen Toͤnen ſeiner Lieder, Sie weht ihm mit dem Hauch der reinſten Liebe, Im Flammenwechſel ſeiner Bruſt— Entzuͤcken.— Doch dieſen Genius, der Zeiten Stolz, Jahrtauſenden zur Fackel wohl geboren, Erſchafft Natur, wie jedes Große, ſelten. Ach! kroͤnt Euch ſelbſt mit hohem Edelmuth, Ihr Geiſter, deren Ruhm von Pol zu Pol Aus Famens ſchallender Trompete toͤnt! Verkuͤmmert nicht dem keimenden Talent Das werdende Verdienſt— es bluͤhe auf! Es bilde ſchoͤner ſich an Eurer Seite, Und ſpiele mit den Lorbeern Eures Ruhms! Wohlthaͤt'ge Waͤrme ſtroͤm' von Euch ihm zu; Es ſonne ſich;— blickt Ihr voll Huld herab! Und wenn Ihr gar die Hand dem Bruder reicht, Dem Bruder, der an gleicher Bruſt geruht; Wenn Ihr ihn ſchuͤtzt vor der Cabale Wuth; Wenn Ihr das Gute laut an ihm verehrt— Zum Wettlauf ihn ermuntert— ſeinem Spiele Begeiſterung zujauchzet— und am Ziele Ihm, ſelbſt, die Krone reicht; Euch in dem an⸗ dern ehrt: Dann ſeid Ihr Goͤtter! ſeid beneidenswerth! — Der Wiſſenſchaften reich erhellte Nacht Hat noch kein ſterblich Auge ganz durchſchaut: Des Handels Gluͤck, ſo hold es immer lacht, Iſt, ſchwankend, oft auf leichten Sand gebaut. Der Ehre Ruhm, wie glaͤnzend er auch ſcheint, Iſt oft ein Dunſtbild, truͤg'riſch aufgeſchmuͤckt: Der Lorber, ach! um den die Waiſe weint, Hat oft des Siegers Scheitel wund gedruͤckt! Ein Weiſer waͤhle ſich das ſchoͤne Feld, Und naͤhre ſich von ſeiner Haͤnde Frucht! 38.— Dem Range hat noch keiner nachgeſtellt; Da lebſt du, von der Thorheit unbeſucht. Natur, bei dir, an deiner Mutter⸗Bruſt, Da ſaug' der Menſch der Freude Balſam ein: Du bleibſt dir gleich— und deiner ſtillen Luſt Kann ſich die Kindheit, wie das Alter, freun. Sechster Brief. Der Widerſpruch. So lebt denn alles hier im Widerſpruch? So iſt denn jede Bahn des Lebens rauh, Die unſerm Auge glatt und eben ſchien, Eh' die Erfahrung anders uns belehrte?. Da ſteht der Menſch. In ſeinen Freudenbecher Tropft ihm dieſelbe Gottheit Wermuth ein, Die ihn, faſt bis zum Rand', mit Luſt gefuͤllt, Und nun mit wenig Tropfen ihn vergaͤllt. So tönen disharmoniſch Inſtrumente; — 39 Ein reiner Einklang iſt noch nie gegeben. Was wird er thun?— Sein ewig reger Geiſt Forſcht immer noch, ſucht noch umher nach Gluͤck; Waͤhnt immer noch, es ungetruͤbt zu finden. Da ſieht er, in gedraͤngten dichten Haufen, Ein glaͤnzend Prachtgewuͤhl, umgeben Mit tauſend Dingen, die das Aug' ergoͤtzen, Mit allem Zauber, der das Ohr entzuͤckt, Zu einem reich vergold'ten Tempel eilen.— Er miſcht ſich gern in dieſe muntern Haufen, Fragt nach den Namen, fragt nach dem Geſchaͤft;— Doch alle laͤcheln— keiner ſagt es an. Da raunt dem Neuling einer leiſ' in's Ohr: „» Wir nennen uns die große feine Welt, „ Und erndten immer, immer erndten wir; „Die Luft iſt faſt ernaͤhrend rund um uns. „ Uns hat die Kunſt in jeder Kunſt geübt, „Zu ihren zarten Lieblingen erzogen.“ Hier glaubt er ſich begluͤckt; hier lacht die Freude Aus tauſend Augen ihn, gefaͤllig, an. Doch bald erfuͤllt ihn Ekel, Ueberdruß. Der Glanz, die Pracht, ſie blenden ſeine Augen, — An reines Licht gewoͤhnt— den edlen Sinn, Auf kurze Stunden nur— ach! er bemerkt, — 40 Daß ihnen falſches Licht den Schimmer lieh. Wie ſchaal, wie leer, wie taͤndelnd ſind die 7 Freuden, Mit Ueppigkeit und Thorheit einverſtanden, Wie unbefriedigend fuͤr edlern Sinn! So kinderhaft erſcheint der ernſte Menſch: Er huldigt nur der Gottheit dieſes Tempels, Der ewig angebeteten, der Mode. Gebrauch rechtfertigt hier die ſchlimmen Sitten; Entſchleiert ſelbſt der Jungfraun Sittſamkeit, Beſiegt des feinern Sinn's der edlen Scham Gefuͤhltes, tief entzuͤckendes Erroͤthen. So wird die zarte Weiblichkeit verletzt.— Weh ihr! ſie fuͤhlt die tiefe Wunde nicht, Hier hat der Ton ſelbſt die Natur erſtickt. Du wendeſt ein:„ Hier ſei auch viel zu lernen.⸗ Ja! wahre Klugheit erndtet immer ein— Doch die Erfahrung laͤßt Erinnerungen, Die Biederherzige mit Unmuth fuͤllt. Die Thorheit glaubt, hier ſei der Bildung Schule. Die aͤchte Anmuth braucht die Bildung nicht; Sie huldigte den beſſern Eharitinnen, Denn jene iſt nur leere Ziererei. Ein reiner Siun iſt fuͤr das wahre Schoͤne 4¹ Empfaͤnglich, aus Natur und Harmonie, Aus Harmonie in ihm, nicht außer ihm. Die Kunſt bleibt Kunſt, und ewig leer und arm.— Jedoch verlieren wir uns nicht vom Ziel? Wo blieb mein wack'rer Freund? Ich ſah' ihn dort, Ich ſah' ihn laͤcheln— doch mit bitterm Unmuth; Denn ſeine ſchoͤnſten Stunden ſind geraubt. Wohl ihm, wenn er ſich aus dem Taumel rettet, Wo ſich, ein Schwacher, fortgeriſſen fuͤhlt, Und oft an Gluͤck und Ehre Schiffbruch leidet, Ein ewig unerſetzlicher Verluſt! Sohn der Natur, zuruͤck aus dem Getummel, Wo alles durch einander wogt und treibt! Wo Glanz an Glanz, an Luſt ſich Luſt zerreibt— In deiner ſtillen Bruſt da bluͤht ein Himmel, 83 Ein Himmel, der dir ewig bleibt! — Hier gleicht die bunte Welt dem reichſten Masken⸗ balle, Wo jeder fuͤr ſich glaͤnzt, doch ſchoͤner noch fuͤr alle: Wo jeder ſich ſo ganz in ſeiner Larv' gefaͤllt, Um and're heimlich lacht, ſie nur fuͤr Thoren haͤlt. 4² Hier wechſeln mit dem Gluͤck die Zeiten, Monden, Stunden. Die Meinung, das Gefuͤhl, glaubt ſich an nichts gebunden. Hier giu fuͤr Weſen Schein; der Irrthum glaͤnzt im Licht, Da Folie des Glucks die falſchen Strahlen bricht. Die Wahrheit iſt verdraͤngt. Der ſtillen reinen Freude Wird keine Nahrung hier auf kahler, duͤrrer Weide; Denn Jeder ſchließt, mit Recht, Gefüͤhle, Weis⸗ heit ein; Ein volles Hirn ſcheint leer— ein weiches Herz 8 ein Stein. Umſonſt wirſt du— zu kuͤhn— nach Treu und Glauben fragen, Nicht Einer wird dir hier die nackte Wahrheit ſagen. Ein Laͤcheln wird dir gern— doch ach! die Muskel log— Es war die Maske, die den kuhnen Forſcher trog. Der Beſchluß folgt. —„ Fragmente aus den Briefen 2 einer deutſchen Fuͤrſtin an Lavater. Fortſetzung. Wie oft hat mich die Schwachheit Tage lang ungluͤcklich gemacht, leichtverſchwindenden Klei⸗ nigkeiten durch leidenſchaftliche Beruͤhrung blei⸗ bende Wichtigkeit zu geben! Wie Vielen erge⸗ het es, wie mir, und wie vieles Unheil koͤmmt folglich dadurch in die Welt! Wir alle kennen wol die Thorheit dieſes unſers Benehmens; wir alle haben uns ſelbſt daruͤber ausgeſcholten, wenn wir uns nun wieder einmal dazu hatten hinreißen laſſen und das Uebel geſchehen war: und doch— wie ſchwer wird es, das Alte nicht immer von neuem zu wiederholen? O ſolche Kleinigkeiten in der weiſen Fuͤhrung 44 des Lebens— wie wichtig, wie nothwendig, aber auch wie ſchwierig ſind ſie!— Wer die Naͤhe der Beſten nicht ertragen mag, der gehoͤrt gewiß auch nicht zu den Beſten. Ja, ich glaube Ihnen,.. iſt ein guter Menſch, und dennoch— dieſe ſeine erſtarrende Kaͤlte!— O, ſolche Kaͤlte guter Menſchen druͤckt reine, aber weiche Seelen oft mehr, giebt ihnen ſchmerzlichere Leiden, als Bosheit ſchlechter Menſchen! ... gehoͤrt unter jene raffinirteſten Welt⸗ menſchen, die in der leichten, ganz abſichtlos ſcheinenden Unterhaltung ein zweideutiges Wort hinwerfen, das von Allen im ſchlimmſten Sinn genommen werden muß, und dem ſie doch, ſobald man ſie dabei faßt, einen ganz unſchuldigen Sinn— aber auch ſelbſt dieſen wieder ſo geben koͤnnen, daß der boͤſe Sinn nur deſto tiefer in die Seele deren gedruͤckt — 45 werde, auf die es abgeſehen iſt. Zu ſolchen Kuͤnſten taugt doch keine Sprache ſo, wie die franzoͤſiſche. Iſt es nicht ſonderbar, daß ſchon feit lange her in der einzigen franzoͤſiſchen Sprache die Wortverbindungen: un bon prince, un bon homme, un bon mari u. dgl. fuͤr ſchimpflich gehalten ſind, und ſo viel heißen, als: ein einfaͤltiger Tropf? [¶[— Seltſam! In der Geſellſchaft, ſelbſt in der gewaͤhlteſten, befreundetſten, beſten, findet man jetzt eher alles, als Jemand, mit dem man ganz frei und unbefangen, ohn' alles Fuͤrchten, Stocken und geheimes Widerſtreben, von Religion und dem Heiligſten, Ehrwuͤrdig⸗ ſten, ſprechen koͤnnte! Liegt das mehr an uns oder den Andern? Die Fortſetzung folgt. — Sevigne, Deshoulieres, Daeier, 8 oder die goldne Lyra. Auf jener Flur entſank ſie Phöbus Hand, Wo Lnda weidete, die ungeſucht ſie fand. Um die Mitte des ſiebzehnten Jahrhunderts, ungefaͤhr gegen das Jahr 1656, lud die Marquiſe de Sevigne an einem feſtlichen Tage Mademoiſelle de Scudery zu ſich, um einem gewaͤhlten Cirkel von Freunden und Freundin⸗ nen einige Stellen aus ihrem neueſten Ro⸗ mane, ich weiß nicht, war es Artamenes oder Almahide, vorzuleſen. Ach, dieſe Romane waren ſo voluminoͤs, daß man ſie nur ſtellen⸗ weiſe genießen konnte! Doch ſie waren da⸗ mals in der Mode, und ihre Weitſchweiſigkeit 47 uͤberſtieg nicht allzuſehr die Geduld des Publi⸗ kums. Ohne Einladung der Mar unſe und dies⸗ mal gewiß gegen den Wunſch der gutmuͤthi⸗ gen Dame, erſchienen nach und nach einige andere Perſonen, die der guten Seu⸗ dery die zugedachte Freude verdarben, einmal ganz allein unter denen zu ſeyn, die ihr Pu⸗ blikum ausmachten; es erſchien der Verfaſſer des Cid, der große Corneille, es erſchien ein Gelehrter aus der Provinz, der beruͤhmte le Fevre, ein Mann, der mehr Geſchmack fuͤr Wahrheit als romantiſche Dichtung hatte, es trat endlich auch ein der alte Moliere und mit ihm der Gedanke an ſeine Pretioͤſen, die geſtern mit dem lauteſten Beifall gegeben wor⸗ den waren. Viele der Damen waren im Schauſpiele geweſen, manches weibliche Genie, das ſich nicht ganz ſicher wußte, huͤllte ſich in doppelten Schleier. Leiſe ſteckte die Scu⸗ dery ihre Hefte beiſeite, und begann ſich emſig mit einer weiblichen Arbeit zu beſchaͤftigen, die ſie ſehr uͤbel verfertigte. Viele der juͤngern Anweſenden, die Scuderys Romane, beſonders 48— von ihr ſelbſt geleſen, nicht ungern hoͤrten, murrten heimlich, und die edle Sevigne warf auf alle einen mitleidigen Blick. Die vorgehabte Luſt war geſtoͤrt, man be⸗ aͤftigte ſich ſo gut man konnte. Herr le vre hatte ſeine Gemahlin, eine junge lie⸗ benswuͤrdige Frau ohne alle Anſpruͤche, mit ſich gebracht, und dieſe legte ihre kleine Toch⸗ ter der Marquiſe, ihrer Pathe, in die Arme. Anne le Fevre, kaum ein Jahr alt, war das ſchoͤnſte Kind, das man ſehen kann, und gab, waͤhrend die Maͤnner mit ihrem Geſpraͤch ſchon tief in den Wiſſenſchaften waren, den Frauen hinlaͤngliche Unterhaltung, indeſſen die juͤngern Leute einen ſchoͤnen Knaben von ungefaͤhr fuͤnf Jahren, den Soͤgling des Herrn le Fevre, zwi⸗ ſchen ſich genommen hatten; es war der junge Andre Dacier, der durch ſeine naiven Ant⸗ worten einen Geiſt verrieth, welchen in der Folge nur tiefe Gelehr rſamkeit mit Wolken um⸗ ſchleiern konnte. An einem Fenſter ſtand das liebenswuͤr⸗ digſte Paar im ganzen Saale: ein junger Mann, von damals noch unberuͤhmtem Namen, 4 49 Johann Nacine, und ein reizendes Maͤdchen, Antoinette duͤ Ligiers. Sie ſprachen ſehr emſig, und es war unmoͤglich zu verkennen, wie ſehr die aufbluͤhende Schoͤnheit von acht⸗ zehn Jahren den neunzehnjaͤhrigen Dän intereſſirte. Stand und Gluͤck beider war verſchieden, die Sache ſchien nicht gefaͤhrlich; er, ein jun⸗ ger Dichter, der ſich vor kurzem erſt durch eine wohlgerathene Ode*) auf die Vermaͤh⸗ lung des Koͤnigs ein kleines Einkommen ge⸗ wonnen hatte, das ihn in den Stand ſetzte, ein Talent, deſſen Groͤße er ſchwerlich ſelbſt ahnete, auszubilden; ſie, eine junge Dame von großem Hauſe, von anſehnlichem Vermoͤ⸗ gen, und die verſprochene Braut des Herrn Deshoulieres. Auch betrafen bei dieſen Ver⸗ haͤltniſſen ihre Geſpraͤche nichts, was einige lauſchende Tanten haͤtte beunruhigen koͤnnen: 4₰ *) Racinens Ode fuͤhrte den Titel, la Nim- phe de la Seine; ſie brachte ihm hundert goldne Louis und eine Penſion von ſechshundert Livres ein. J. f F. X. H. 4 50—— Racine ſagte der reizenden Antoinette nichts weiter, als einige verbindliche Worte uͤber ein Kleinod in Geſtalt einer Lyra, das ſie im braunen, lockigen Haar trug— ein niedliches igramm, das woͤrtlich nicht auf uns gekom⸗ L iſt, das aber, der Sage nach, unge⸗ faͤhr den Sinn der Worte des alten Dich⸗ ters haben mochte, welche wir ſchon erwaͤhnt haben: Auf jener Flur entſiel ſie Phoͤbus Hand, Wo Lyda weidete, die ungeſucht ſie fand. Man konnte nichts wahrers, nichts paſſenders ſagen. Antoinette war die ſuͤßeſte Dichterin: der zarteſte Ton der laͤndlichen Poeſie, der zauͤberiſchen Idylle, war ihr Eigenthum, und ungeſucht, ungeſucht hatte ſie das himmliſche Saitenſpiel gefunden. Die Natur war ihre einzige Lehrerin. Regellos und wild waren die erſten Verſuche der holden Sappho, aber man ſah, man fuͤhlte hier keinen Fehler wider Regeln, die Antoinette nie gelernt hatte; man berauſchte ſich in ihren ſuͤßen Gefuͤhlen, in ihren zauberiſchen Bildern, und— die Schoͤn⸗ 1 — 51 heit des Mundes, der ſo ſang, gab den Vor⸗ zuͤgen dieſer Lieder keinen kleinen Zuſatz. Sie waren wenigen bekannt; Racine hatte durch Zufall, durch ſchalkhaften Raub, durch freundſchaftliche Verraͤtherei einer Freundin An⸗ toinettens vielleicht, ſich zum Eigner einiger ihrer Idyllen gemacht, und in reizender Be⸗ ſtuͤrzung ſtand ſie jetzt ihm gegenuͤber. Sie fuͤhlte die ganze Feinheit eines Lobes, das ihr aus dieſem Munde, ſo unberuͤhmt er noch war, unmoͤglich mißfallen konnte, und die gluͤhende Roͤthe, die ihr ſchoͤnes Geſicht uͤberzog, gab ihr ſo ſehr das Anſehn einer Perſon, die durch eine nicht unwillkommene Liebeserklaͤrung uͤberraſcht wird, daß man in einer nicht allzu⸗ großen, nicht uͤbermaͤßig beſchaͤftigten Geſell⸗ ſchaft, aufmerkſam werden mußte. Deshonulieres, der Verlobte des ſchoͤnen Maͤdchens, war gegenwaͤrtig; ohne Eiferſucht, doch aufmerkſam trat er herzu. Die Tanten drangen auf Erklaͤrung. Racine ſchwieg voll Beſchaͤmung, Antoinette ward noch roͤther, Madame de Sevigne, die das Ganze errieth, miſchte ſich in die Sache, und ſo geſchah es, 52 daß die junge beſcheidene Dichterin— nicht um noch mehr Lob einzuerndten, nein, um ſich zu rechtfertigen, alles geſtehen, endlich ſogar er⸗ lauben mußte, daß die Marquiſe einige ihrer Gedichte, die in ihrer Hand waren, hervor⸗ ſuchte, und ſie mit der Liebe, mit dem Wohl⸗ laut, die der Grund ihres ganzen Weſens waren, der horchenden Geſellſchaft vorlas. Arme Antoinette! welch ein Schickſal, ſich vor Corneille, vor Moliere, vor der beruͤhmten Scu⸗ dery vorleſen zu hoͤren!— Wie mitleidig wird der Verfaſſer des Cid die Reime eines acht⸗ zehnjaͤhrigen Maͤdchens anſehen! Moliere wird wenigſtens heimlich an ſein letztes Stuͤck den⸗ ken! und die Seudery—? Ach was ſind einige Strophen gegen ſo viele Baͤnde! Die Beſchaͤmung, die Antoinette beſorgte, erfolgte nicht. Corneille laͤchelte beifaͤllig, Mo⸗ liere verſicherte, in einer Beſcheidenheit, die ſo ſorgfaͤltig verhehlte, was andere zur Schau truͤgen, das reizende Gegenbild zu ſeinen Pre⸗ tioͤſen gefunden zu haben, und Scudery be⸗ theuerte mit einer Gutmuͤthigkeit, die ihr haͤß⸗ liches Geſicht ungemein verſchoͤnerte, ſie wolle der jungen Dichterin gern ihre dicke Clelie fuͤr eine einzige ihrer Idyllen hingeben. Nur Eins, ſetzte ſie hinzu, nur Eins er⸗ lauben Sie einer aͤltern Freundin zu bemerken. Noch zu ungebildet iſt Ihr herrliches Talent; lernen Sie nach Regeln, was Ihnen die Natur regellos gab; ſchmuͤcken Sie aus, umſchreiben Sie, wo Sie nicht anders koͤnnen. Nicht Aller Geſchmack iſt fein genug fuͤr Quinteſſen⸗ zen; nicht fein genug, um die Fuͤlle des Ge⸗ fuͤhls, in wenig geiſtige Tropfen concentrirt, ganz genießen zu koͤnnen. O, ums Himmels willen, rief Corneille, umſchreiben Sie nicht; feilen Sie lieber, con⸗ centriren Sie noch mehr! Wir haſſen bogen⸗ lange Ausarbeitungen einer Dame! Und bilden Sie nicht zu viel an einem Talent, das Ihnen die Muſe ſo rein und treu darbot: Sie moͤchten es verbilden; ſagte ganz leiſe der beſcheidene Racine. Und feilen Sie erſt dann, wenn Sie nicht mehr ſchoͤn ſind, ſetzte Moliere hinzu; einer ſchoͤnen Hand wird jeder Mißgriff auf der goldnen Lyra verziehen! 54— Sehr galant war, was der verbindliche Greis ſagte, ob auch wahr?— Was kuͤm⸗ mert das die Maͤnner bei ihren Complimenten! Antoinette hatte hier keine Stimme; ſie ſchwieg, aber der laute Beifall hatte ihr Herz nicht verfehlt; der Rath ward in Ueberlegung genommen: welcher?— das entſchied die Liebe. Deshoulieres, entzuͤckt, in dem angebeteten Maͤdchen auch die Dichterin zu ſehen, ſtahl ihr heimlich alle ihre Idyllen, und da dieſe bald in den Haͤnden des ganzen Hofs waren, ſo praͤnumerirte man der Verfaſſerin geſchwind den Namen einer gelehrten Dame. Guͤtiger Gott, welch ein Wort, kluge Be⸗ ſcheidenheit von jedem unſchuldigen Verſuch in die tiefſte Dunkelheit zuruͤckzuſchrecken! Welch ein Wort, thoͤrichte Einbildung zu den gewag⸗ teſten Dingen zu befluͤgeln! Zum Gluͤck waren unter denen, welche die neue Muſe kennen lernten, auch unbeſtochene Forſcher; nicht alle hatten die ſchoͤne Antoi⸗ nette geſehen, nicht alle liebten ſie, weil ſie — 33 ſchoͤn war. An der Seite des Beifalls und der Bewunderung erhob ſich auch mancher, ach ſo gerechte Tadel, daß Deshoulieres, der an ſeiner Gottheit keinen Tadel leiden konnte, darauf drang, Antoinetten ſchulgerechten Un⸗ terricht in der Kunſt geben zu laſſen, die ſie die Natur ſo ſchoͤn, ſo ganz befriedigend zu ihrem Glück, gelehrt hatte. Madame de Sevigne fand ſie einſt an der Seite ihres Lehrers, des Dichters Henault. Was machſt du, mein Kind? rief ſie. Du zaͤhlſt Sylben? du zerkaͤueſt Federn? du ſtreichſt aus? willſt du verderben, was du ungebeſ⸗ ſert kaſſen ſollteſt? Aber, Madam, wie koͤnnen dieſe Verſe ſich in dieſer Form ſehen laſſen? Sie ſollen ſich gar nicht ſehen laſſen! Fuͤr deinen Deshoulieres, fuͤr deine Freundinnen iſt der reine Ausfluß deines Herzens das beſte; ſinge ihnen deine Lieder mit deiner bezaubern⸗ den Stimme, und ſie werden entzuͤckt ſeyn Und mein Gott! wie lang! Willſt du denn mit aller Gewalt der armen Sendery glei⸗ chen?*) Das verhuͤte der Himmel! rief An⸗ toinette mit einem Blick in den Spiegel. Die gute Scudery, fuhr die Marquiſe fort, iſt ſo haͤßlich, daß ſie uns bloß durch ihren Geiſt intereſſiren kann, und ihre Schrei⸗ bereien ſind ſo lang, daß wir ſie bloß aus⸗ hoͤren, weil wir ihr gut ſind. Um zu gefal⸗ len, brauchſt du weder bloß zu unſerm Ver⸗ ſtande, noch viel weniger zu unſerer Nachſicht Zuflucht zu nehmen; du gefaͤllſt durch dein liebenswuͤrdiges Selbſt, und Gefallen iſt nicht allein der Wunſch des Weibes, nein, auch ſeine Beſtimmung. Gefallen, Madam, aber wodurch? Einem Manne von Geiſt, wie mein Deshoulieres!— Nichts unvollendetes haͤlt bei ihm die Probe, *) Wie wenig Vorzuͤge die Geſtalt der gu⸗ ten Scudery hatte, das beweißt folgendes kleine Gedicht von ihr, auf ihr von Nanteuil gefertig⸗ tes Portrait. Nanteuil, en faisant mon image, A de son art divin signalé le pouvoir; Je hais mes traits dans mon miroir; Je les aime dans son ouvrage! 57 beſonders wenn ſich die angebetete Braut in die alltaͤgliche Ehefrau verwandelt hat! Du gefaͤllſt ihm dann gar nicht mehr durch ſteife Erudition. Du wirſt dann die Fuͤrſtin ſeines Hauſes, die Mutter ſeiner Kinder ſeyn, keine Dichterin. O meine Goͤnnerin, nur ein wenig Poeſie, wenn ich bitten darf, in die fade Alltaͤglichkeit des Lebens! Nur keine ſtudirte, Antoinette! Die hei⸗ tre Phantaſie, die dir uͤberall ein Eliſium bil⸗ det, die dich mitten in einem verderbten Zeit⸗ alter in einer unſchuldigen Hirtenwelt leben laͤßt, die dich ſelbſt Sitten lehrt, die des goldnen Alters wuͤrdig ſind, dieſe iſt dein, dieſe er⸗ halte dir. Eigentliche Schriftſtellerei iſt dazu unnoͤthig.— Dein Mann kommt nach Hauſe: du vernachlaͤſſigſt ihn uͤber der Strophe, die dir noch zum Gemaͤlde des haͤuslichen Gluͤcks fehlt! Deine Kinder rufen nach dir: du fer⸗ tigſt ſie kurz ab, weil du den Kopf voll Ideen zu einem vortrefflichen Erziehungs⸗Plane haſt! Ach, und Gott, welche gelehrte Falten auf die⸗ ſer jetzt ſo heitern Stirn! Wie ſieht man 33 dieſem ſchoͤnen Kopfe die Beugung am Schreib⸗ tiſch an! Wie leidet deine Geſundheit! Um deinen Pflichten nichts zu rauben, opferſt du am Ende die Zeit unſchuldiger Erholungen der Feder! opferſt ihr vielleicht die Nacht und den fruͤhſten Morgen! Alſo duͤrfte eine Dame nie die Feder fah⸗ ren? Fuͤhrt ſie nicht die unterrichtene Sevigne felbſt? Unterrichtet bin ich, auch fuͤhre ich die Feder, und werde ſie, trennt mich das Schick⸗ ſal einmal von meiner Tochter, noch fleißiger fuͤhren; aber nur fuͤr ſie, nicht zum Prunk. Und iſt nicht meine gelehrte Freundin mehr, als unterrichtet? Vielleicht, Antoinette! aber niemand weiß davon, als allenfalls du und meine alten Lehrer. Das unnoͤthige Geruͤſte von Wiſſenſchaften, die das Weib nicht braucht, iſt abgebrochen und ſorgfaͤltig verſteckt, denn das heitre Ge⸗ baͤude ſteht da, das man, unter uns geſagt, mit leichtern Koſten haͤtte auffuͤhren koͤnnen; es iſt, frohe, genau berechnete Erfuͤllung mei⸗ ner Pflichten, Wachſamkeit auf die Bildung 8 meiner Kinder und— Muth im Ungluͤck! Glaube mir, manche ganz gewoͤhnliche Frau uͤbertrifft mich hierin! Die Marguiſe verließ Antoinetten mit einer Thraͤne im Auge; das Andenken an ihre Lei⸗ den, die nicht gemein waren, obgleich ihr ho⸗ her Muth den groͤßten Theil derſelben der Welt gaͤnzlich zu entziehen wußte, erſchuͤtterte ſie zu ſehr, um eine Unterredung fortſetzen zu koͤnnen, die bei dem jungen Maͤdchen we⸗ nig fruchtete, wenig fruchten konnte, da all ihre andern Rathgeber der entgegengeſetzten Meinung waren. Die meiſten Verwandten Antoinettens, be⸗ ſonders die Damen, drangen auf das Streben nach dem hoͤchſten Gipfel eines Beifalls, der ihrer Eitelkeit weit mehr ſchmeichelte, als der Eitelkeit der jetzt noch unbefangenen Dichterin; wie die Verwandtinnen riethen, ſo auch der Verlobte, ſo noch vielmehr der Lehrer, ſo am meiſten Mademoiſelle Scudery, die in einem aufbluͤhenden Genie ihren eignen Fruͤhling wie⸗ der zu finden glaubte. Antoinette mußte ſich alſo entſchließen, den ſchoͤnen, blumigten Pfad 60— zu verlaſſen, den ſie bisher betreten hatte, und der ſo gut auf weibliche Kraͤfte, auf weibliche Tugenden berechnet war. Sie forſchte, ſie fuͤhlte, wie viel ihr noch zu der neuen Lauf⸗ bahn fehlte, die man ihr vorzeichnete. Sie war ſchon achtzehn Jahr, und ſollte von neuem zu lernen beginnen. Und muß ich, muß ich denn all dieſe Tiefen ergruͤnden, fragte ſie, um etwas zu ſeyn? Kann, darf das Weib dieſe dornigen Pfade wandeln? Winkt ihr der Kranz der Vollendung nicht weit naͤher, im Arm des liebenden Gatten? im Kreiſe bluͤ⸗ hender Kinder? Die junge Gemahlin des Herrn le Fevre, Anntoinettens Buſenfreundin, verſicherte, ſie u ihr Gluͤck ſehr leicht auf dieſe Art ge⸗ funden, und gern moͤchte ſie ihre kleine Annette den nehmlichen Weg fuͤhren, aber leider for⸗ derten manche Maͤnner mehr, und Herr le Fevre beſtehe darauf, dem Kinde eine durchaus ge⸗ lehrte Erziehung zu geben, ganz die nehmliche, wie ihren aͤltern Bruͤdern, und dem jungen Dacier. Ach, ſeufzte Antoinette, dann hat ſie ſieb⸗ — 61 zehn Jahre vor mir voraus; ich komme zu ſpaͤt, ich werde ſie nie erreichen! Henault und Deshoulieres verſicherten die Muthloſe, hier ſei nichts verſaͤumt, Antoinette ſei gemacht, alles zu verdunkeln, und Made⸗ moiſelle Scudery, die jetzt ſtets um die junge Dichterin war, ſtimmte ein, und feuerte ſie an, ſich in nichts zu beſchraͤnken, keine der Wiſ⸗ ſenſchaften zu verſaͤumen, die der Dichtkunſt ſchweſterlich die Hand bieten. Sie bat, da Antoinetten ein wenig vor dieſen Labyrinthen ſchauderte, nur wenigſtens ſich nicht auf die Idylle einzuſchraͤnken; hoͤhere, weitlaͤuftigere Dichtungen beduͤrften ihrer Meiſterhand, und gern, gern wuͤrde ſie ſich von ihr uͤbertroffen ſehen. Antoinette, die Scuderys Winke ſehr wohl verſtand, hatte keine Luſt zur Nachahmung ihrer dicken Romane. Sie entſchloß ſich in der Folge zum Trauerſpiel.— Ach ungluͤcklicher Entſchluß! Arme Deshoulieres, welche ſchoͤne Jahre raubte er dir! Wie fruchtlos war er! und wie ſon⸗ derbar iſt es, daß wir noch heut zu Tage, nicht deine Eclogen, deine Madrigale, deine 62—— Trauerſpiele, nur noch deine Idylllen leſen, von welchen uns noch vielleicht deine unzeitige Bedenklichkeit die ſuͤßen Erſtlinge raubte, die dir die Muſe ungefordert gab! Corneille, der zuweilen das Haus Ligiere beſuchte, ſahe mit Unwillen, wie das liebliche Maͤdchen auf Irrwege geleitet ward. Er ſprach unaufhoͤrlich von den Graͤnzen der Wiſſenſchaft des Weibes, und da er auf die alte unbeant⸗ wortliche Frage: ob Beſtimmung und Faͤhigkeit beider Geſchlechter nicht die nehmliche ſei? nicht anders als durch die gewoͤhnlichen Ein⸗ ſchraͤnkungen antworten konnte, ſo ſagten ſich die Damen ins Ohr: nicht alle Maͤnner ſeyen ſo vernuͤnftig, als Herr le Fevre; dieß ſei maͤnnlicher Neid, dieß ſei Wunſch das Weib blos zur Haushaͤlterin, blos zur Kinderpflegerin herabzuwuͤrdigen. Herabzuwuͤrdigen? rief die liebenswuͤrdige Madame le Fevre, indem ſie die Arme ausbrei⸗ tete, um alle gegenwaͤrtige Kinder, die ſich ihr entgegenſtuͤrzten, an ſich zu ziehen. Es war gut, daß die armen Kleinen eine Zuflucht bei ihr hatten— Antoineltens kleine mutterloſe Geſchwiſter ſowol, als die eigenen Kinder der holden le Fevre. Sie war die Mutter aller; hier hatte man vor Nachdenken uͤber die große Streitfrage keine Zeit an ſo unbedeutende Weſen zu denken. Racine, uͤberdem zu jung, um ein entſchei⸗ dendes Wort zu ſagen, beſuchte das Haus Ligiere nicht mehr ſo fleißig, ſeit ſich die Grazie des Hauſes in eine Muſe verwandelt hatte; ihm wars, als ſei ſie nicht mehr ſo ſchoͤn, nicht mehr ſo gut, als in den Augen⸗ blicken, da ſie die goldne Lyra ungeſucht ge⸗ funden hatte. Deshoulieres fuͤhlte keine Veraͤnderung; An⸗ toinette begluͤckte ihn mit ihrer Hand, und er fand die gelehrte Gemahlin ſo entzuͤckend, als die anſpruchloſe Braut. Er war ſtolz darauf, eine Frau, die allgemach beruͤhmt zu werden begann, ſein Eigenthum nennen zu koͤnnen. Gelehrt? beruͤhmt? War das die neun⸗ zehnjaͤhrige Deshoulieres ſo geſchwind gewor⸗ den?— Ach man kannte damals noch nicht den goldnen Spruch: 64 A little learning is a dangerous thing! Drink deep or taste not the Pierian Spring! Man koſtete den kaſtaliſchen Brunnen ein we⸗ nig, und weil man ſich berauſcht fuͤhlte, glaubte man ihn erſchoͤpft zu haben, oder man ſchoͤpfte noch tiefer, und befand ſich deſto uͤbler dabei. Die Feindin jeder Vollkommenheit, die Schmeichelet, brachte zu zeitig den Kranz; man richtete ſich hoch auf, man maß ſich mit Maͤnnern; und da nun auch unter dieſen zu den damaligen Zeiten ſo mancher war, der ſich auf halbem Wege zum Tempel des Ruhms bereits am Ziel glaubte, ſo bewunderte man ſich ſelbſt, einige Schritte weiter zu ſeyn, und die halbgelehrte Pedantin war fertig. Madame Deshoulieres, ſich jedes maͤnnli⸗ chen Verſuchs faͤhig haltend, hatte ſich um dieſe Zeit in politiſche Haͤndel gemiſcht, und war ungluͤcklich genug, als Staatsgefangene nach Bruͤſſel zu kommen. Ihr zaͤrtlicher Ge⸗ mahl glaubte ihr Leben bedroht, und unter⸗ nahm ihre Rettung ganz im Geſchmack jener romantiſchen Zeiten. Ihre Schoͤnheit, ihre Jugend, ihr Ungluͤck, die Zaͤrtlichkeit eines Gemahls, der, ganz wider die Mode, nie auf⸗ hoͤrte ihr Liebhaber zu ſeyn— alles vereinigte ſich mit dem Ruhme, den ſie bereits als Schriftſtellerin beſaß, bei ihrer Ruͤckkehr nach Paris einen glaͤnzenden Hof um ſie zu ver⸗ ſammeln. Er blieb nicht lange die Schule des guten Geſchmacks, denn, ach, der be⸗ kannte Pradon fuͤhrte hier neben der Gottheit des Tempels das Wort. Corneille kam nicht hieher, Racine ſchwieg, der ſchmeichleriſche Rei⸗ mer Pradon redete. Deshoulieres war ſchwach genug, das wahre Verdienſt gegen das falſche zu vertauſchen, ſie beguͤnſtigte den Reimer gegen den Dichter. Um Pradon neben, wo moͤglich uͤber Racinen zu heben, veranlaßte ſie jenen, den nehmlichen Gegenſtand zu bearbeiten, den Racine bearbeitet hatte. Die Sache fiel aus, wie man denken kann: die Phaͤdra Pra⸗ dons iſt vergeſſen; wer kennt nicht die Phaͤ⸗ dra Racinens! Was fuͤr Kuͤnſte der niedrigſten Cabale wur⸗ den nicht gebraucht, dies Meiſterſtuͤck jener Zeit zu ſtuͤrzen! Falſche Abſchriften, Auslaſſung der J. f. F. X. H. 5 56— beſten Stellen, eingeſchobene Plattheiten, tau⸗ ſend andere niedrige Kunſtgriffe koͤnnen wir un⸗ moͤglich auf die Rechnung der armen Deshou⸗ lieres ſchreiben; Pradon mag ſie allein tragen. Ob die Dame jemals Leute beſoldete, Racinens Schauſpiele auszupfeifen, wiſſen wir nicht, aber gutmuͤthig genug war ſie, kein Geld zu ſcho⸗ nen, den armen Pradon, den das Ungluͤck ausgepfiffen zu werden regelmaͤßig bei Auffuͤh⸗ rung aller ſeiner Stuͤcke traf, von dieſer De⸗ muͤthigung zu befreien. Eines Tages haͤtte dieſe Großmuth ihrem Schutzbefohlnen faſt das Leben gekoſtet; er war bei der Vorſtellung eines ſeiner Lieblingsſchauſpiele, und weil alles pfiff, ſo pfiff er in der Zerſtreuung, die ſein gewoͤhn⸗ licher Gemuͤthszuſtand war, getroſt mit. Des⸗ * houlierens Freunde, die ihn nicht kannten, und denen er ſich auch nicht zu erkennen gab, wehr⸗ ten ihm, und endigten, als er ſich nicht weh⸗ ren lies, mit Beleidigungen und Schlaͤgen. Seiner Peruque und ſeines Huts beraubt, ging er pfeifend von dannen. Es kann ſeyn, ſagte er, als man ihm die Sache auseinander ſetzte, es kann ſeyn, daß ich irre war; aber mich 67 duͤnkte gar eigen ein Stuͤck von Racine zu hoͤren. Laͤßt ſich wol Bosheit, Eigenduͤnkel und Dummheit in wenigere Worte zuſammen draͤn⸗ gen? Deshoulieres gab in der Folge einer Menge mittelmaͤßigen und einigen ſchlechten Verſuchen das Daſeyn; ihr fehlte der Rath des treuen Freundes. Sie hatte den guten Genius von ſich geſcheucht: der boͤſe, in Geſtalt des ſchmeich⸗ leriſchen Pradons, war an ihrer Seite. Mittlerweile ging die edle Sevigne ihren koͤniglichen Weg, ohne nach Celebritaͤt zu ſtre⸗ ben. Sie war unterrichtet, um andere unter⸗ richten zu koͤnnen, oder vielmehr, man kam, ſich des heitern Lichts zu freuen, das ſie um⸗ ſtralte, ohne daß es ihr einfiel, jemals Leh⸗ rerin zu ſeyn, als derer, die ihr die Natur verbunden hatte. Sie ſchrieb nur aus der Fuͤlle des edelſten Herzens, nie fuͤr den Ruhm. Sie triumphirte einzig in Erfuͤllung ihrer Pflich⸗ ten, und in ihrer vollkommenen Tochter, der Graͤfin von Grignan. Deshoulieres bekam auch eine Tochter, die 68 ſie zum Ungluͤck zu dem erziehen wollte, was ſie ſelbſt war— zur beruͤhmten Frau. Die arme kleine Deshoulieres! Sie war nicht geiſt⸗ reich genug, um, wie ihre Mutter, gute Idyl⸗ len zu machen, und nicht ſchoͤn genug, damit man ihr ſchlechte Trauerſpiele verzieh! Sie ward Mitglied verſchiedener gelehrten Geſellſchaften, erhielt in ihrem fuͤnf und zwanzigſten Jahre den Preis in der franzoͤſiſchen Akademie, und ſtarb im fuͤnf und funfzigſten, unvermaͤhlt, an einer Krankheit, die auch das Leben ihrer Mutter hoͤchſt traurig geendet hatte, und die, wie viele wollen, Folge, durch zweckloſes Studiren verderbter Saͤfte war. Indeſſen war die kleine Annette zur be⸗ ruͤhmten le Fevre herangewachſen. Ihr Vater hatte ihr ganz die gelehrte Erziehung gegeben, die er ihr zudachte. Sie war die Gattin Da⸗ eiers geworden, den wir in jener ſonderbaren Geſellſchaft, welche die damaligen groͤßten Gei⸗ ſter Frankreichs, theils in voller Reife, theils in noch unenthuͤllter Bluͤthe verſammelte, als Knaben geſehen haben. Der Pfad, den ſie von der fruͤhſten Kindheit an, an der Hand eines 69 gelehrten Vaters, eines noch gelehrtern Gemahls betrat, ließ ſie Fortſchritte in den Wiſſenſchaf⸗ ten machen, die wir— wenigſtens die meiſten unter uns, ohne Neid und ohne Nacheiferungs⸗ trieb anſtaunen. Die Bahn, die dieſer beruͤhm⸗ ten Frau das Schickſal beſtimmt hatte, war eigen. Sich den tiefſten Studien zu widmen, war fuͤr ſie die heiligſte Pflicht gegen einen Vater, gegen einen Gemahl, denen ſie nichts geweſen waͤre, haͤtte ſie nicht mit ihnen glei⸗ chen Schritt gehalten. Im Grunde war Ma⸗ dame Dacier weit mehr als ihr Gemahl, und nie ließ ſie ihn den Vorzug ahnen, der jedem in die Augen ſiel, und der ihr ſelbſt un⸗ moͤglich entgehen konnte. Pflichten gegen Kin⸗ der hatte ſie nur kurze Zeit. Einen hoffnungs⸗ vollen Sohn und eine liebenswuͤrdige Tochter, die ſie nicht fuͤr den dornigen Pfad der Wiſ⸗ ſenſchaften beſtimmt hatte, nahm ein fruͤhes Grab; eine zweite Tochter beſtimmte ſich eben ſo fruͤh zum Schleier. Madame Dacier fand in den Wiſſenſchaften Troſt fuͤr dieſe Verluſte. Ein Gedraͤng von gelehrten Geſchaͤften, und die Stimme der mit Beifall lohnenden Welt, A 70 riſſen ſie ſchnell von den Graͤbern ihrer Geliebten zuruͤck. Lange blieb bei dem Weihrauch, der ſie umduftete, noch die Beſcheidenheit auf ih⸗ rer Seite. Sie hatte dem guten Moliere einen kriti⸗ ſchen Streich uͤber ſeinen Amphitryo zugedacht, und zog ſich gutmuͤthig oder vorſichtig zuruͤck, um nicht mit ſeinen gelehrten Frauen, die damals das Publikum zuerſt ſah, ins Gedraͤnge zu kommen. Weiterhin kannte die Geißel ihrer Critik weniger Schonung. Armer Hardouin! armer Lamotte! ihr erfuhret die Streiche der zuͤrnenden Muſe! Der frevelhafte Traͤumer, wie der redliche, vielleicht irrende Mann, ward von ihr mit gleicher Strenge behandelt. Voila un dispute bien inutil, ſagt ein Philoſoph ſpaͤterer Zeit, qui n'a rien appris au genre humain, sinon que Madame Da- cier avait encore moins de logique que la Motte ne savoit du Grec. Wir Frauen, die wir gern das Andenken unſerer gelehrten Schweſtern feiern, und mit unſerer Dacier beweiſen koͤnnen, was eine Frau 71 vermochte, die ſich entſchloß, den leichten lieb⸗ lichen Pfad zu verlaſſen, den uns die Natur vorzeichnet, geſtehen uns gleichwol vertraulich, daß ſie uns weit weniger in ihren gelehrten Streitigkeiten gefaͤllt, als in der beſcheidenen Aeußerung, welche ihr einſt der Vorſchlag eines Freundes abnoͤthigte, auch uͤber unſere heiligen Buͤcher kritiſch zu ſchreiben: VUne femme, ſagte ſie, doit lire et me- diter l'ecriture, pour regler sa conduite sur ce qu' elle enseigne, mais elle doit garder le silence, suivant le precepte de St. Paul. 72— Wolken, luftige Geſtalten, Ewig wechſelnd, raſtlos eilend: Ihr wandelt hin auf nie betretnen Bahnen, Erfuͤllt mich bald mit heiterm, bald mit ban⸗ gem Ahnen! Rieſen ſcheint ihr jetzt, im Sonnenglanz ge⸗ lagert, tauchend in das Stralenmeer; nun, ausgedehnt, genießet ihhr der Ruhe, und gebt euch Kunde von vergangnen Thaten; doch bald, entzweit, tretet ihr auf zum Kampf, kleidet euch in Dunkelheit, verfolgt, zerſtoͤrt einander, jaget die Fluͤchtigen wirbelnd hin nach allen Winden, und beruͤhrt, eilenden Schritts, kaum die eiſigen Gipfel der hoͤchſten Erdengebirge. Doch Blumen ſeid ihr nun, mit denen Engel ſpielen, ſie ſcherzend in den Aether ſtreuen, dann ſie ſammeln, bunte Kraͤnze dar⸗ aus winden, und die goldnen Pforten damit ſchmuͤcken, durch welche Helios uns erſcheint, und verſchwindet. Oder ſeid ihr Traͤume wol, ihr formlos Vielgeſtaltigen? Traͤume der wirkenden Na⸗ tur?— oder Skizzen, welche dieſe hohe Bildnerin entwirft, zu Weſen, die ferne Wel⸗ ten, unbevoͤlkerte Wandelſterne, einſt beleben ſollen?— Aber iſt nicht das, was ich in euch er⸗ blicke, ein Abglanz nur, meiner eignen innern Welt?— Darum wol ſcheint ihr mir bald truͤbe, graue Schreckensbilder, bald freundlich laͤchelnde Engelsgeſtalten; bisweilen gefaͤllt es meinem Geiſt, wenn ihr phantaſtiſch gaukelnd, ſchaarenweiſe herbeizieht, und er ſieht in euch bald ein theures Bild, bald einen geliebten Namen; doch andremale ſucht mein forſchender Blick euch zu durchdringen, um in das reine, wolkenloſe, tiefe Blau des Aethers zu ſchauen, denn nach Wahrheit ſtrebt in dieſen ernſten 74 1 Stunden der denkende Geiſt!— Seid mir gegruͤßt und willkommen; nur verwandelt euch fuͤr mich nie in leere, nichtsſagende Duͤnſte! nie in ſchwarze, Ungluͤckbringende Wetter!— 1 Emilie. Freundlich gruͤnende Blaͤtter, Bluͤtenbeſchuͤtze⸗ rinnen, Schattenſpenderinnen, euch will ich dieſe Zeilen weihen. Und ſollt' ich nicht? aͤhnelt ihr nicht ſo vielfach meinem Geſchlecht? Sanft und wohlthaͤtig ſtaͤrkt eure milde Farbe das Auge, ſo wie der ſanfte Ton und Blick des Weibes jede Strenge mildert, jede kleinliche Sorge verſcheucht. Die zierlichge⸗ formten Blaͤtter der Buche und Linde bieten erfriſchenden Schatten, wie die ſtille, haͤusliche Gattin dem Gatten; ernſter und dunkler iſt das Laub der Eiche: gleich dem Verdienſte des Welt⸗ buͤrgers, kraͤnzt es am wuͤrdigſten ſein Haupt. Wuͤrzig und labend iſt der Duft der Me⸗ liſſe, des Baſilikum, des Muskatenkrautes; anſpruchlos verbreiten ihn dieſe Blaͤtter, ohne durch prangende Farben die Blicke auf ſich ziehen zu wollen: geiſtvolle, wahrhaft gebildete 76— Maͤdchen, laßt dieſe euer Bild ſeyn, und huͤtet euch den Blaͤttern des Roſenſtrauchs zu glei⸗ chen, welche, indem ſie den Geruch der ſchoͤn⸗ ſten Blume nachahmen wollen, Inſektenſchwaͤr⸗ me an ſich ziehen, und, von wenigen Dornen geſchuͤtzt, aus minder aͤtheriſchem Stoff gebil⸗ det, als die Roſe, wehrlos ihren giftigen Fein⸗ den unterliegen. Immer lispelnd, immer rauſchend, ſchwatzt die bewegliche Espe, die glaͤnzende Pappel, unaufhoͤrlich, und ſagt doch dem Herzen— nichts; aber, ſanft von Farbe, reizend ge⸗ formt, ſaͤuſelt das weiche Laub der Akazie, jeden leiſen Hauch des ſcherzenden Zephyrs ver⸗ ſtehend, und verſinkt dann wieder in ſuͤße Ruhe. Gleicht dem letztern, ihr heitern, geſpraͤchigen Weſen!— Hoch woͤlbt ſich das ſchirmende Blatt der ſegensreichen Palme, ſchmuͤckend und verſor⸗ gend, gleich euch, ihr edlen, wohlthaͤtigen weiblichen Seelen, die ihr Frieden, Schutz und Segen uͤber alles um euch her verbreitet! Geiſtig und zart, freundliche Geſelligkeit befoͤrdernd, nuͤtzen und erfreuen die Blaͤtter des —— 27 Theeſtrauchs; nur finſtere Grillenfaͤnger tadeln die Argloſen, waͤhrend Zuneigung von Tauſen⸗ den ihnen lohnt. Niedlich und klein, aber dennoch dauer⸗ haft, unverwelklich, ſind die der Liebe geweih⸗ ten Myrtenblaͤtter; kraͤftig und ſtark ſie, die beſtimmt wurden, die herrlichen Bluͤten der Orange zu beſchuͤtzen: aber es giebt auch ſteife Aloe, farblos mattes Nelkenlaub, ſtechende Brennneſſeln, und giftige Wolfsmilch, im Reiche der Blaͤtter—! Endlich erſcheint der ſtuͤrmende Herbſt, und ſie fallen alle dahin, die Blaͤtter, welkend und fahl: doch „Nichts iſt verloren und verſchwunden, Was die geheimnißvoll waltenden Stunden In den dunkelſchaffenden Schoos aufnahmen— Die Zeit iſt eine bluͤhende Flur, Ein großes Lebendiges iſt die Natur, Und Alles iſt Frucht, und Alles iſt Saa⸗ men!— Emilie. — Die Ahnenfr a un. Eine Erzaͤhlung. Das Foͤrſterhaus ſtand im dunkelſten Theil des Waldes. Auf den Ruinen einer alten, ſchon im Huſſitenkriege zerſtoͤrten Stadt war es gebaut; und Niemand bewohnte es, als mein Vater, die alte Erdmuth, der Jaͤger⸗ burſch, und ich. Es kam auch Niemand zu uns. Reiſende beſuchten dieſen Theil des Forſtes nicht. Nur jaͤhrlich um die Zeit der heiligen drei Koͤnige zogen zwei alte Moͤnche die Straße herab, knieten an einer uralten Linde nieder, und beteten. Darauf wanderten ſie weiter. Wir wußten nicht, woher ſie kamen, noch wohin ſie gingen, denn ſie ſprachen niemals. Mein Vater ſpeißte ſie, und ſtoͤrte ſie nicht in„ ihrer Andacht. Wir waren ihrer abenteuerli⸗ chen Erſcheinung gewohnt. 79 Ich ſah ſie immer mit ſonderlicher Theil⸗ nahme die beſchneite Straße herabziehen, wenn Erdmuth mir ſagte, daß ſie weit her aus fer⸗ nen Landen kaͤmen, die hinter unſern Baͤumen laͤgen. Erdmuth war vor langer Zeit auch einmal dort geweſen, und erzaͤhlte gern von jenen Tagen: ich kannte nur den Wald. Der Sonnenſchein gukte freundlich durch die Staͤmme, die Blͤtterſchatten ſpielten an den Waͤnden unſers Hauſes hernieder, meine Freuden gaukelten, wie dunkle Schmetterlinge, einfoͤrmig hin um meine traͤumende Jugend; und die Bilder der Fremde zogen, wie die fliehenden Wolken, unerreichbar hoch, uͤber mein Haupt und meine Wipfel, in wunderbarer Klarheit ſchwebend dahin. So verfloß meine erſte Kindheit. Jaͤhrlich einmal reißte mein Vater nach einer nicht fern entlegenen Stadt. Er blieb dann zwei, bis drei Tage weg,— der Jaͤger mußte ihn begleiten, die Alte bewachte mich, und huͤtete das Haus. Einſt hatte ſie nicht ſonderlich auf mich Acht: ich ſpielte mit dem Hunde vor der Thuͤr, und ging dann laͤngs 80 dem Hauſe fort, bis an einen hohen Wald⸗ abhang, von dem ein ungebahnter Weg zu uns hernieder in die Tiefe fuͤhrte. Der Regen hatte die Wurzeln blos geſpuͤlt und untergra⸗ ben, die Baͤume ragten uͤber die Tiefe hin, wilder Hopfen rankte ſich dazwiſchen, und das dunkle Erdreich war von den Wetterbaͤchen ge⸗ furcht. Ich ſetzte mich nieder, und blickte hinauf nach der Hoͤhe: dieſer Platz zog mich unwill⸗ kuͤhrlich an. Es war mir, als muͤßte mir hier etwas Bedeutendes widerß ren, und ich wartete darauf, ſo oft ich herkam. Vielleicht war es auch, daß der Vater, wenn er aus der Stadt zuruͤckkehrte, hier herabſtieg, und mit ſeinen Gaben von Band und Kleidern, die ich mit einer ſcheuen Neugier empfing, die einzige bedeutende Epoche in meinem Leben machte. Als ich ſo ſaß, fing mein Medor an zu bellen. Gebell von Hunden und Hoͤrnerklang antwortete von der Hoͤhe. Drei ſchoͤne Tiger⸗ hunde ſchoſſen den Abhang herunter, und ihnen folgte eine Dame auf einem weißen Pferde. 81 Ihr blondes Haar ſank auf das gruͤne Jagd⸗ kleid nieder, ein weißer Federbuſch ſchwankte von dem Hute im Winde: eine Feder flatterte herab, ich haſchte ſie, und ſtaunte wechſelnd ſie und die Dame an, die geſchickt das Pferd lenkte, daß es mit behenden Fuͤßen den Ab⸗ hang nieder ſchritt. Als es dicht vor mir ſtand, hielt ſie ſtille, ſtieg ab, und faßte mich bei der Hand. Ihre Fragen duͤnkten mich ſonderbar: ich mußte laͤcheln, daß ſie mich nicht kannte, und Medor nicht, und meinen Vater nicht. Sie fuͤhrte ihr Pferd am Zuͤgel und begleitete mich nach Hauſe. Ich betrachtete Alles, was ſie umgab, mit großer Andacht— ihren Zelter, ihr Kleid, wie vielmehr ſie ſelbſt in ihrer Schoͤne! An der Bruſt trug ſie ein kleines Bild, an vielen goldnen Ketten. Es ſtellte einen jungen Mann vor, in ſchoͤner fremder Tracht. Ein Federhut, den er trug, ſtand ihm ſon⸗ derbar ſtolz und anmuthig. Die fremde Dame blieb den ganzen Tag bei uns, bis der Vater zuruͤckkehrte. Er war ſehr ehrertietig gegen ſie; ſie ſprach viel mit ihm in einer Sprache, F. f. F. X. H. 6 82 die ich nicht verſtand: doch wußt' ich, daß es mich betraf, denn beide blickten waͤhrend des Sprechens oft nach mir, und die Dame ſe in bald froh, bald traurig dazu aus. Als es dunkelte, und die Sonne nur noch in den Wipfeln weilte, nahm ſie Abſchied. Am Morgen, als ich erwachte, glaubt' ich beinahe getraͤumt zu haben: dennoch ging ich nach dem Waldabhang. Da klangen die Hoͤr⸗ ner wieder friſch von oben her, und die Dame auf ihrem weißen Pferde erſchien und gruͤßte mich freundlich. Sie ſprach viel mit mir, und liebkoßte mich, und immer guter mußt' ich ihr werden. Ich ſuchte nach dem Bilde an ihrem Halſe; aber ſie trug ein fremdes an ſeiner Stelle. Es ſtellte ein Kind vor im ſchwarzen Fallhut. Es war mir recht zuwider, und ich mocht' es nicht leiden, daß ſie es trug. Es war ein Maͤdchen, wie ich; in der Hand hatte ſie einen Vogel, und ſah ſo haͤmiſch drein, als wollte ſie ihm eben ein Leid zufuͤgen. Die Dame laͤchelte, als ich ſie bat, mir kuͤnftig den ſchoͤnen Mann wieder mitzubringen, und auch E den Vogel, damit das Kind ihm kein Leid zufuͤge. Von nun an kam ſie beinahe jeden Tag, und ich erwartete ſie immer mit herzli⸗ cher Sehnſucht, wenn ſie einmal ausblieb. Sie ſprach mit mir von fremden Landen, wo keine Baͤume ſtaͤnden, von großen, unabſeh⸗ baren Waſſerflaͤchen, und von Maͤnnern und Frauen, die ſchon laͤngſt geſtorben waͤren, und viel weite Laͤnder beherrſcht, und viel Men⸗ ſchen gluͤcklich gemacht haͤtten. Sie gab mir auch viel gute Lehren, und erzaͤhlte mir von heiligen Maͤnnern und Frauen, die lieber ge⸗ ſtorben waͤren, als von ihnen gelaſſen haͤtten. Der Sommer ging zu Ende. Eines Tages kam ſie wie gewoͤhnlich, und als ſie Abſchied nahm, umarmte ſie mich beſonders zaͤrtlich, und ſagte mir, daß ich ſie nun lange nicht ſehen wuͤrde— ſo lange als der Winter dauerte. Dann ſchenkte ſie mir einen ſchoͤnen Vogel, wie der, den ich auf dem Gemaͤlde geſehen hatte, beſtieg ihr Roß und verſchwand oben in den Baͤumen. Der Winter kam; und in den langen Aben⸗ den lernte ich allerhand kleine weibliche Arbeiten von der alten Erdmuth. Ich begriff Alles ziemlich geſchwind: der Gedanke, der ſchoͤnen, guten Dame Freude zu machen, war mir ein beſtaͤndiger Sporn. Wenn ich dann ſo bei dem Kamine ſaß, die Flamme luſtig in die Hoͤhe ſpielte, und große dunkle Schatten an den Waͤnden umherſchweiften, draußen der Sturm heulte, und den Regen rauſchend gegen die Fen⸗ ſter trieb, erzaͤhlte ich mir in Gedanken die Ge⸗ ſchichten, welche ich von der fremden Dame gehoͤrt hatte. Dann ſah ich mich mitten unter hohen, vornehmen Leuten, in wunderbaren Lan⸗ den, und vollbrachte große und gute Thaten, woruͤber mich Jedermann ſehr lobte. Oder ich ſah den Mann, deſſen Bild die Dame getra⸗ gen hatte. Alle meine Helden glichen dieſem Bilde, und ſie thaten immer die edelſten Hand⸗ lungen. Mein Vogel ſang dazwiſchen ſeinen hellen, vieltoͤnigen Geſang: ich verſtand ihn nicht, und verſtand ihn doch recht gut; es war ein Lied von der Fremde, und alle Ge⸗ ſtalten daraus belebten ſich bei dem Geſang in meiner Seele. Nun kam der Fruͤhling wieder, und blickte. 85 mit freundlichen Augen aus den Zweigen, und ſtreckte die kleinen Blaͤtterarme hervor. Die Blumen richteten ſich auf, und hoben ſchuͤchtern ihre Haͤupter aus dem lichten Gruͤn. Die Schwalben kehrten zuruͤck in ihre Neſter und ſchwirrten vor unſern Fenſtern. Die Baͤume rauſchten, die Luͤfte und Gewaͤſſer klangen; und ich erwartete mit jedem Tage meine Freundin. Ich erzaͤhlte mir oft, wenn ich allein war, wie ich an dem Abhang ſitzen, ſie herab kom⸗ men, ich ihr entgegen fliegen wuͤrde. Ich ſah ihr gruͤnes Kleid und ihren Federbuſch im Winde wehen. Jeden Morgen ging ich hin und blickte unverwandt nach den Buchen, wo ſie meinen Blicken entſchwunden war; es war mir gewiß, daß ſie von dort an einem Mor⸗ gen wieder kommen muͤſſe—— So richten wir die Blicke auf die Stelle, wo uns ein ſchoͤnes Gluͤck untergegangen iſt, und erwarten es wieder daher; indeß tritt ein neues ungeſehen, von ferne zu uns; umfaͤngt uns freundlich, und wir vergeſſen nun das alte nur zu leicht. 36 Eines Abends ſaß ich auf der Bank vor unſerm Hauſe; da ſtand die Dame ploͤtzlich vor mir. Sie war nicht zu Pferde, und trug ein anderes Gewand. Ich konnte Anfangs kaum glauben, daß ſie es ſei. Aber als mich die liebe Stimme gruͤßte, flog ich auf ſie zu, und erdruͤckte ſie faſt vor Freude. Sie er⸗ kundigte ſich nach meinen Fortſchritten. Ich kramte meine kleinen Geſchicklichkeiten vor ihr aus; ſie lobte mich ſehr und ſchenkte mir ein ſchoͤnes goldnes Halsband. Das alte Leben nahm nun wieder ſeinen Anfang; ich wurde nicht muͤde zu lernen, noch die Dame, mich zu belehren. Sie gab mir Buͤcher, ich mußte ihr daraus erzaͤhlen; manches war mir unverſtaͤndlich: ſie ſagte dann, ich wuͤrd' es mit der Zeit verſtehen, und ſo fuͤhrte ſie meinen Geiſt zuerſt hinaus in die Zukunft. Der Winter kam wieder: die Dame ver⸗ ließ uns; ich lernte und dachte fleißig, und ſo vergingen mehrere Jahre. Ich war an ſie gewoͤhnt, wie an Schmetterlinge und Blumen. Meine Sehnſucht nach der Fremde wurde im⸗ 87 mer heißer: ich lebte in Gedanken unter lauter großen und bedeutenden Menſchen; und oft kam es mir ſonderbar vor, daß ich hier im Walde ſei, und von jeher hier geweſen ſeyn ſollte. Es ward mir dann beinahe gewiß, daß ich noch einſt in der Ferne ein recht be⸗ deutendes Daſeyn leben wuͤrde. Zuweilen trieb ich meine Gedanken aͤngſtlich an die aͤußerſten Graͤnzen meines Bewußtſeyns, als ob dahin⸗ ter ſchon ſolch ein Daſeyn ruhen muͤßte, das ich nur nicht erreichen koͤnnte. Der Wald umfing mit ſeinem daͤmmrigen Dunkel und ſei⸗ nem ahnungsvollen Rauſchen mein Leben, ſo lange ich mich deſſen entſann. Meine Traͤume waren ſo lebhaft, daß ich oft an mir ſelbſt irre ward, wenn mir Erinnerungen von hohen Geſtalten, praͤchtigen Gemaͤchern und Kriegs⸗ getuͤmmel lebendig werden wollten, ob es nicht auch nur Bilder meiner Phantaſie waͤren. Dann betrachtete ich ſorgfaͤltig, ſinnend, eine Laute, die mir die Unbekannte geſchenkt hatte. Wunderbar verſchlungne Gebilde von Elfenbein waren in das dunkle Holz eingelegt; und mir war, als ob dieſe Bilder aAld Zeichen ſich einſt 58 * 88 entwickeln, und mir in ihnen alles klar wer⸗ den muͤßte. Die Dame hatte mich gelehrt, dem Inſtrumente Toͤne zu entlocken; es war meine liebſte Beſchaͤftigung: wenn ſie um die Saiten ſummten, und der Wind durch die Wip⸗ fel ſtrich und in den Blaͤttern rauſchte, ſo duͤnkte mich, beide kaͤmen aus der vielerſehnten Fremde, und dort ſpraͤche und verſtaͤnde man die Worte, womit ſie dunkel ahnend mein Herz beruͤhrten. Es ward mir dann immer einſamer im Walde, und die Dame, die meinen Wunſch errieth, fragte mich einſt, nachdem ſie lange insge⸗ heim mit meinem Vater geſprochen hatte, ob ich mit ihr gehen wollte, wenn der Herbſt käme?— Ich erſchrak beinahe vor der Er⸗ fuͤllung meiner Sehnſucht: was weit hinaus lag, trat ploͤtzlich in naher Wirklichkeit zu mir. Anfangs fuͤhlte ich nichts als Freude, aber je naͤher der entſcheidende Augenblick kam, je ban⸗ ger und wehmuͤthiger ward mirs im Herzen. Dery Herbſt kam, die Wipfel wurden lichter, die Blaͤtter faͤrbten ſich roͤthlich, die goldnen Nebel zogen durch den Forſt, und er ward mir nun wieder ſo lieb, es that mir ſo weh 8 — 89 ihn zu verlaſſen, daß ich gern Alles aufgege⸗ ben haͤtte. Es iſt ſo, daß des Menſchen Geiſt hinaus ſtrebt uͤber die eng und freundlich begraͤnzte Gegenwart, vorwaͤrts, in die Zukunft, und, bluͤht ihm dort die liebliche Erfuͤllung, zuruͤck will in die Vergangenheit mit wehmuͤthiger Liebe. Die Zeit nimmt immer ihr Theil des Genuſſes voraus: ſie iſt dann arm, als Ge⸗ genwart. Mir waren die alten Umgebungen noch einmal ſo lieb, nun ich ſie laſſen ſollte. Meine Kindheit war ſo friedlich dazwiſchen hingezogen! Alle Liebe meines Vaters und der alten Erdmuth kam uͤber mich; ich fuͤhlte recht traurig, wie einſam ſie ſeyn wuͤrden, wenn ich fort waͤre, wie mich der gute Medor vergebens ſuchen wuͤrde, die Blumen umſonſt die bunten, gluͤhenden Augen nach mir auf⸗ thun, der Schatten mich nicht mehr umfan⸗ gen, und die Baͤume mit Niemand mehr fluͤſtern wuͤrden. Zum erſtenmal fuͤhlt' ich mich ungluͤcklich. Endlich erſchien der Tag der Abreiſe. Das 90 Poſthorn erſchallte, vier muthige Roſſe ſtampf⸗ ten ſchnaubend vor dem Wagen, und ich druͤckte den Vater, die Alte, den Jaͤger— alle im⸗ mer wieder an mein Herz. Alle weinten, ſo⸗ gar Medor war traurig, und es ward mir ganz beſonders ſchmerzlich, wenn ich ihn anſah— er wußte ja nicht, warum er ſo klaͤglich that, und ſah mich mit ſeinen ehrlichen Augen ſo treuherzig an, und ſchmeichelte mir ſo zutrau⸗ lich, als wollte er ſagen: du bleibſt bei uns! Da that es mir ſo weh, ihn zu taͤuſchen! Wir ſtiegen in den Wagen und er flog davon, an allen wohlbekannten Plaͤtzen voruͤber; und bei jedem ward der Schmerz wieder neu. Endlich war es als ob ein großes Waſſer hinter den Baͤumen ſchimmerte. Ich zeigte es der Dame, aber ſie ſagte, es ſei die Luft. Der Wald ward lichter und wir kamen in das freie Feld. Mir ward bange, als ich ſo weit um mich ſah. Ich kam mir ſo allein vor, und ſo klein, in dieſer ungeheuren Weite. Alles war ſo ſtill— kein Rauſchen, kein Fluͤſtern; der Wind ſchlug mit breiten Fluͤgeln an mein Geſicht, und kreiſchte in mein Ohr, daß mir 8 91 immer baͤnger ward. Ein Heer von drohen⸗ den Geſtalten zog himmelan, als wollte es uns uͤberfallen: die Dame laͤchelte zu meiner Furcht. Als wir eine ganze Weile gefahren waren, erblickte ich am fernen Horizont rothe Daͤcher in dunkle Baͤume verſteckt. Wir fuhren darauf zu, und als wir naͤher kamen, ſeitab uͤber das Feld, ſtand vor uns ein ſchoͤnes Schloß. Der Vor⸗ hof war mit Ketten umzogen, die zwiſchen kleinen Saͤulen wie Gewinde ſchwankten; ein Graben ſchloß ihn tief gemauert ein. Wir rollten uͤber eine Zugbruͤcke hinein; die Thor⸗ fluͤgel wurden aufgeriſſen, praͤchtig gekleidete Lakeyen ſtuͤrzten hervor, halfen uns aus dem Wagen, und vor uns her wurden die Thuͤren alle geoͤffnet, bis in die innern Gemaͤcher.— Alles war mir fremd und ſonderbar. Ich hatte mir es viel anders gedacht, und mir war beklommen in dieſer neuen, prachtvollen Umgebung. An den Waͤnden hingen Gemaͤlde in breiten goldnen Rahmen, die in ihrer leben⸗ digen Unbeweglichkeit durch Zauberei in das umſchließende goldne Viereck gebannt ſchienen. 8 92 In langen Spiegeln ſah ich mich an mir ſelbſt voruͤberſchreiten, und die Dame auch. Sie zog bald an einer bunten ſeidnen Schnur, die am Kamine herabhing. Ein Lakey erſchien, ſie ſagte ihm einige Worte, er ging, und kehrte bald mit einer alten Frau zuruͤck, der ſie mich uͤbergab. Die Alte fuͤhrte mich eine breite, heller⸗ leuchtete Treppe hinauf, in ein großes Zimmer. Als ich die Dame nicht mehr ſah, ward mir voͤllig fremd zu Muth: ich haͤtte zuruͤck gemocht in den Wald, wo ich noch vor ſo kurzer Zeit war, und begriff nicht, warum es nicht ſeyn konnte.— Die Matrone ließ mich allein. Ich ſchaute im Zimmer umher, und gewahrte wieder viele Gemaͤlde an den Waͤnden. Es. waren lauter einzelne Figuren: Maͤnner, und Frauen, und Kinder. Manche kamen mir vor, als ob ich ſie ſchon ehemals geſehen: in dem Einen erkannte ich den ſchoͤnen unbekannten Mann, in einem andern das haͤßliche Kind; aber der Mann trug eine andere Kleidung, und das Kind ſchien aͤlter zu ſeyn. Zwiſchen beiden hing das Bild einer Dame von ſeltner Schu 4 93 heit: ſie war ſehr blaß, hatte einen ſchwarzen Schleier um Haupt und Nacken geſchlungen, und hielt eine Laute in den Armen, die der meinigen vollkommen aͤhnlich war. Dabei ſah ſie mich immer an, wohin ich ging, und laͤ⸗ chelte mir zu, als ob ſie mich liebte. Ich konnte nicht muͤde werden ſie anzuſchauen, ſo bedeutend ergriff mich ihr Blick, und traf mich im innerſten Herzen. Als die Alte mit mei⸗ nen Sachen zuruͤckkehrte, fand ſie mich noch vor dem Bilde. Sie rief mich zur Tafel. Ich ſpeißte allein mit der Dame. Viel Ker⸗ zen brannten in dem Zimmer, und vielerlei Speiſen wurden aufgetragen: mir war alles neu und merkwuͤrdig, und mein Erſtaunen ſchien ſie zu ergoͤtzen. Als ich wieder hinauf kam, fand ich mich von meinen Sachen umgeben, wie ich es im Walde gewohnt geweſen war; und kam mir nun um vieles heimiſcher vor. Ich ergriff die Laute, ſetzte mich vor das Bild der Dame, und ſpielte; ſie ſchien mir freundlich zuzuhoͤ⸗ ren: darauf ging ich zur Ruhe und entſchlum⸗ merte ſuͤß. 4 94 Die Sonne ſtand am naͤchſten Morgen ſchon hoch am Himmel, als ich erwachte. Ich oͤffnete die Vorhaͤnge und die Fenſter: ein Nußbaum ſtand davor; der Wind regte huͤpfend die Blaͤtter, und ſie nickten und ſpielten freund⸗ lich in mein Zimmer hinein, und ihre Schat⸗ ten tanzten uͤber die Gemaͤlde nieder, wie Er⸗ innerungen aus dem Walde.— Unten lag ein weiter Raſenplan, mit Orangerie beſetzt, und Granatenbluͤthen ſchwankten wie rothe Flammen in dem hellen Laube. Rechts erhob ein Wald ſich, wie eine gruͤne Mauer, in die blaue Luft. In der Mitte der Orangenbaͤume ſpielte ein Springbrunn luſtig in die Hoͤhe, und eine hohe Schilfſtaude zitterte freudig in dem Baſſin, in der Beruͤhrung der nieder⸗ ſchießenden Stralen.— Ich kleidete mich eilig an, und hinaus in Luft und Waldesnacht und Rauſchen! Fremde, koſtbar duftende Blu⸗ men drangen auf mich an; mein Herz war froh und leicht in ſtolzem Hoffen. Ich wand einen Kranz von den ſchoͤnſten Blumen, und brachte ihn dem Gemaͤlde: es laͤchelte mich dankend dafuͤr an. 4 93 Ein Monat verging, und ich ward bald einheimiſch in all' der Pracht. Die Blumen verbluͤhten, die Duͤfte verflogen, die Orangerie ward hinweggenommen, der Springquell erſtarr⸗ te, Nebel ſchritten uͤber die Ebene, die dunklen Wolken hingen ſchwer am Himmel, es blieben nur noch die leeren Geruͤſte der Freudenbuͤhne: da verließ die Dame mich und das Schloß. Ich trennte mich ungern von ihr. Im Schloſſe ward es ſtiller, als ſie fort war; die praͤchtigen Zimmer wurden verſchloſſen, das koſt⸗ bare Geraͤth verdeckt, nur wenig Bediente blie⸗ ben zuruͤck, die Alte fuͤhrte die Herrſchaft im Hauſe. Gewöhnlich war ich allein; und wie vor alter Zeit verging mir der Winter unter Beſchaͤftigung und Einſamkeit. Zuweilen ſchrieb mir die Graͤfin, ſo nannte man die Dame im Schloſſe, und ſchickte mir Geſchenke, und gab mir Buͤcher und Lehren. Zuletzt meldete ſie mir im fruͤhſten Fruͤhling ihre Ruͤckkehr. Sie kam auch bald darauf, und nun wurde es wieder lebendig. Die Zim⸗ mer wurden gereinigt und geſchmuͤckt, der Park aufgeputzt; Handwerker erneuten die Schoͤnheit des Alten, und brachten manches Neue. Mehr Bediente wurden angenommen, und ich bekam einen mir ganz unbekannten Theil des Gebaͤu⸗ des zu ſehen— den großen Saal und die Paradezimmer.— Der Saal war mit dunk⸗ lem Holze verkleidet, in den Waͤnden ſah man Wappenſchilder, und Bilder von alten Rittern. Einer davon, auf einem hochbaͤumenden Roſſe, glich wieder dem ſchoͤnen Unbekannten. Es traf mich ſonderbar, daß der Zeitſtrom in ſei⸗ nem Laufe mir immer ſein Bild wieder empor ſpuͤlte, ſo oft es in meiner Seele zu erldſchen begann. Die Graͤſin ſagte mir, daß alle dieſe An⸗ ſtalten den Beſuch einer vornehmen Fuͤrſtin bedeuteten, die mit ihrer Familie den Sommer uͤber einige Monate bei uns zubringen wuͤrde. Dabei ermahnte ſie mich, mich vorzuͤglich um ihre Gunſt zu bewerben. Dieſe Ermahnung machte mir bange. Noch nie hatte ich etwas erworben: ich kannte keine Mittel, und fragte aͤngſtlich, wie es anzufangen? Sie er⸗ wiederte: durch dein Betragen! und dieſe Rede verwirrte mich voͤllig. Frei war ich in das — 94 Leben geſchritten, ohne je zu denken, daß mein Thun und Laſſen fuͤr mich und Andre von Bedeutung ſei: nun ſollte ich ein wichtiges Gut damit erwerben! Ich kuͤmmerte mich, und ſchaͤmte mich dennoch, der Graͤfin neue Fragen zu thun. Als ich mir endlich ein Herz dazu faßte, ſprach ſie, ich moͤchte nur ruhig bleiben, wie immer; aber mein Ge⸗ muͤth wurde nicht ſtill, und aͤngſtlich verbarg ich mich im Grunde des Vorſaals, als ſie die Fuͤrſtin empfing. Es war eine aͤltliche Frau: eine große Ge⸗ ſtalt, mit ſcharfen, bedeutenden Geſichtszuͤgen. Die kalte Ruhe der Hoheit und des innern Bewußtſeyns von Wuͤrde lag uͤber ihr Weſen verbreitet, welches mich mit Ehrfurcht erfuͤllte. Ich ſtaunte nur ſie ehrerbietig an, und hatte nicht Acht auf ihr Gefolge, als die Graͤfin ſie an mir voruͤber fuͤhrte. Aber alles Stau⸗ nen verſchwand vor der Freude, als eine Dame aus dem Gefolge zu mir trat, und ich die ſchoͤne Unbekannte des Gemaͤldes erblickte. Ich fiel ihr um den Hals, ich ſprach zu ihr, wie zu einer Bekannten. Man umringte uns, J. f. F. X. H. 7 7 98 erſtaunt, und wollte wiſſen, wer ich ſei, und woher ich die Prinzeſſin kenne? Ganz unbefangen erklaͤrte ich das Raͤthſel, und ſagte, wie ich ſie im Bilde ſchon lange gekannt und geliebt haͤtte. Man lachte laut.— Ich erro⸗ thete vor Scham, und ſchlug die Augen nieder. Die Unbekannte nahm mich in Schutz, und liebkoſete mich. Allmaͤhlich wagt' ich, die Blicke zu erheben und im Kreiſe umherzu⸗ ſchauen: da ſtand dicht hinter mir der ſchoͤne Mann, und an ſeinem Arme das haͤßliche Kind— Es war kein Kind mehr, es war eine erwachſene Jungfrau, groͤßer und ſchoͤner als ich: allein ich erkannte ſie dennoch: derſelbe widrige Ausdruck beherrſchte ihre Zuͤge, und daſſelbe unangenehme Gefuͤhl, das ich empfand, als ich zuerſt ihr Gemaͤlde am Halſe der Dame erblickte, regte ſich aufs neue in mir, ſie an dem Arme des ſchoͤnen Mannes zu ſehen— meinen Haß und meine Liebe vertraulich bei einander! Der Unbekannte glich dem erſten Bilde ganz. Er trug auch daſſelbe Kleid, und ſtolz 99 ſchwankten die Federn auf ſeinem Hute. Er lachte nicht uͤber mich, ſondern blickte mich mild an. Die Jungfrau ſah ſtolz von ſeiner Seite auf mich nieder, und zog ihn mit ſich fort, der Fuͤrſtin nach, in das Zimmer. Ihr ſeidnes Gewand rauſchte hinter ihr drein, als ſie ging; und ich fuͤhlte mich gedemuͤthigt vor ihr, und wagte kaum die Hand der Prinzeſ⸗ ſin zu beruͤhren, die mich ihnen nachfuͤhrte. Die Uebrigen folgten uns fluͤſternd. Als wir herein kamen, ſtellte mich die Prinzeſſin der Fuͤrſtin vor, und erzaͤhlte ihr den Vorfall im Vorzimmer in einer fremden Sprache: ich errieth ihre Reden aus ihrem lebhaften Mienenſpiel. Die alte Fuͤrſtin gruͤßte mich ohne ſonderliche Theilnahme, und hoͤrte ihr mit einem halben Laͤcheln zu. Sie war gegen alle gleich ernſt, außer gegen den Unbe⸗ kannten, den man Prinz Jago hieß, und gegen die Jungfrau, die ſie Valeska nannte. Ich hatte mich kaum beſonnen, ſo drang ein neues Gefuͤhl uͤberraſchend auf mich ein: Va⸗ leska nannte die Prinzeſſin Mutter.— Es that mir im Herzen weh, als ich es 100— hörte: auch dieſe wollte ſie mir entreißen! und ich fuͤhlte mich ſo verlaſſen und allein in der Welt, daß mir Thraͤnen in die Augen kamen. Jago betrachtete mich oft lange mit ſonderba⸗ rem Ausdruck in den Blicken, aber er ſprach nicht mit mir: er blieb in der Ferne neben Valeska, die vertraulich zu ihm redete. Seine Blicke machten mich immer wehmuͤthiger; ich war ſroh, als alle ſich an kleine Tiſche ſetzten, die alte Fuͤrſtin mit Jago und Valeska, und Niemand mehr auf mich Acht hatte, ſo daß ich mich entfernen durfte. Ich ging in den Park. Ein naher Bach quoll murmelnd dahin; ein leiſes Summen regte ſich in den Zweigen: ich ſchloß die Au⸗ gen, lehnte mich an einen Baum, und mir war, als ob ich wieder in dem Forſt ſei. Aber die Ruhe war nicht in meiner Bruſt, die ich damals empfand. Ich verglich mit geheimem Schmerz mein Loos und Valeska's. Hier ſtand ich einſam und betruͤbt: ſie war dort mit ihm; die Unbekannte war ihre Mut⸗ ter; ſie war geſchmuͤckt und geehrt: ich ver⸗ geſſen und vernachlaͤſſigt; ſie war in ihrer 101 Heimath bei den Ihren, ich der meinigen ent⸗ riſſen—— Es zog mich unaufhaltſam fort, zu fliehen in meine Waͤlder, und nicht zu raſten, bis ich dort ſei. Ich begriff nicht, wie ich alles ſo leichtſinnig hatte verlaſſen koͤn⸗ nen: es ward mir nun ſo lebendig, ſo ſehn⸗ ſuͤchtig lieb! Ich fing an zu laufen, ſo ſehr ich vermochte, um bei meinem Vater, bei Erd⸗ muth, bei Medor zu ſeyn. Da traten ploͤtz⸗ lich die Prinzeſſin und die Graͤfin aus dem Dickicht auf mich zu. Sie fragten, was ich weine, und wohin ich wolle? Ich fiel ihnen ſchluchzend um den Hals und entdeckte ihnen alles. Die Prin⸗ zeſſin weinte mit mir, und troͤſtete mich: ſie nannte mich ihre Tochter, ihr liebſtes Kind. Ich mußte ihr von meinem Vater erzaͤhlen, von meinem Kindesleben; ich vergaß meinen Vorſatz und mein Weh, war wieder zufrieden und ganz mit meinem Schickſal ausgeſoͤhnt. Als wir wieder zuruͤckkehrten auf das Schloß, ruhten Aller Augen mit ſonderbarer Neugier auf mir; auch die alte Fuͤrſtin ſah mich waͤhrend der Tafel oft an. Ich ſaß ihr 10²2 ſo fern, daß ſie mich nicht recht bemerken konn⸗ te; nach einer Pauſe ſagte ſie ploͤtzlich: wenn ſie mich erblicke, ſei ihr, als wolle irgend eine Erinnerung in ihrer Seele wach werden; es waͤre ein Dunkel, worein ſie ſich nicht zu fin⸗ den wiſſe, und ſie aͤngſtige ſich nach einem Worte, das ihr alles deutlich mache. Dies verſtand ich recht gut, aber aus den andern Geſpraͤchen konnte ich mich nicht fin⸗ den. Sie klangen mir fremd und bedeutend; es wurden große Namen genannt, und hatte irgend einer meine Aufmerkſamkeit aufs hoͤchſte geſpannt, und ich erwartete etwas recht Merk⸗ wuͤrdiges von ihm zu vernehmen, ſo war die Rede ſchon beendigt, das Geſpraͤch ging auf andre Dinge uͤber, und Niemand ſchien dabei etwas zu vermiſſen. Unter andern nannte man oft einen Fuͤrſten Lothar, und ſprach von ſeiner ſonderbaren Aehnlichkeit mit Prinz Jago. Ich konnte dem Zuge nicht widerſtehen, der mich trieb, mehr von dieſem Manne zu er⸗ fahren: es war, als wuͤrde mir mein Gluͤck verkuͤndigt werden. Ich wandte mich zu mei⸗ nem Nachbar und fragte, wer dieſer Fuͤrſt G — —— 103 geweſen, und ob er noch am Leben ſei?— Er ſah mich erſt verwundert an; dann ant⸗ wortete er: Fuͤrſt Lothar ſei der Onkel des Prinzen Jago, und ſchon vor ſechzehn Jah⸗ ren, als jener nur noch ein Knabe geweſen, im Felde geblieben. Er habe eine Schrift hinterlaſſen, worin er den Prinzen zum Erben ſeiner Guͤter ernannt, unter der unbegreiflichen Bedingung, daß er dereinſt die aͤlteſte Enkelin der Fuͤrſtin heirathe; weigre er ſich deſſen, ſo fielen ſeine Guͤter dem D— ſchen Hauſe zu, und ſo ſei Jago mit Valeska verlobt. Ich hatte keinen deutlichen Begriff des Wortes verlobt; aber eine dunkle Ahnung ſeiner Bedeutung zog durch meinen Sinn und beruͤhrte alle ſchlummernde Empfindungen, daß ſie ſtuͤrmiſch durch einander klangen und ein⸗ ander erweckten. In dieſem Augenblick ward ich um viele Jahre aͤlter: in einem ungeheuren Weh ſonderte ſich, was dunkel und verworren war, in mir; ich ward mir meiner ſelbſt bewußt, es war mir vieles klar, und vor allem, daß ich Jago lieben und Valeska haſ⸗ ſen muͤſſe, die, wie ein dunkler Schatten, im⸗ 104 mer zwiſchen mir und meines Lebens Licht und Freude trat. Ich fuͤhlte mein Schickſal ent⸗ ſchieden, mein Daſeyn dem Kummer geweiht, und doch wollte die Hoffnung nicht von mir laſſen, daß ich das nimmer verlieren moͤchte, was ich ſo gluͤhend umfaßte. Alle Verſtellung war mir bis dahin fremd geweſen: jetzt fuͤhlte ich die Nothwendigkeit, mein Inneres zu ver⸗ bergen, und eine Reihe kampf; und qualvoller Tage haganha; 7* Der Beſchluß folgt. Pſyche. Ein Rathſel. Kennſt du die Königin von jenem Reich, Des Reichs Gefangene und Herrſcherin zugleich? Sie wohnt im Dunkel einer ſchoͤnen Stadt, Die ſie doch nur im Bild geſehen hat. Die ewig offnen Thore laſſen ein— Viel Fremde, die ſie oft mit Untergang be⸗ draͤun. Die Einfuhr zu verſperren hat ſie wenig Macht: Gnug, wenn ſie fleißig ob der Contrebande wach Das Neich bedroht ein alter mäͤcht'ger Feind; Er ſiegt zuletzt, wenn ſie's am mindſten meint. Er treibt ſie aus, wenn das Verhaͤngnis ſpricht; Die Arme flieht— wohin? das weiß man nicht. 106—. Genug, ſie iſt für Ein Land nicht geboren; Wohin ſie wallt: ſie bleibt ſich unverloren! Entflieh zum Vaterland, du Himmliſche, entflieh, Und laß dein Reich der ew'gen Anarchie! Sie ſiegt, ſie herrſchet; kaum biſt du entflohn, Zuſammmen ſtuͤrzt dein wunderbarer Thron! Es hemmt ſich deiner Stroͤme ſtolzer Lauf, Und Kraͤfte reiben ſich mit Kraͤften auf! O welch ein Schauſpiel bietet dir die Wohnung dar, Die oft dich druͤckte, dich beengte zwar, Und doch ſo innig— innig lieb dir war! Warum ſo ueb?.— Du haſt dich matk ge⸗ weint Ob innerer Verſchwoͤrung mit dem aͤußern Feind; Haſt zu den Sternen ſehnender geſchaut, Als nach dem Braͤutigam die junge Braut; Die ſchoͤne Wohnung Kerker oft genannt, Geſeufzt: Ach, hier iſt nicht mein Vaterland! Hinauf nun, Sehnende! Entflieh! entflieh! — 107 Und laß dein Reich zum Raub der Anarchie! Dort unten fandſt du deine Ruhe nie! Wär' dieſes nicht der letzte Scheideblick, Und kehrte Pſyche ſiegend einſt zuruͤck, Und naͤhm' ſie ihren Thron dort wieder ein: Wie wundervoll wuͤrd' alles ſich erneun, Wie alles— alles anders ſeyn! 108— Bruchſtuͤcke aus den Briefen und dem Leben der Ninon de Lenclos. — Fortſetzung. An die Marquiſe, vormalige Graͤfin. Das war eine lange Pauſe in unſerm Brief⸗ wechſel, meine Freundin! Nun, es thut nichts. Ich habe mich unterdeſſen auch recht wohl be⸗ funden und die Fruͤhlings⸗ und Sommermo⸗ nate hoͤchſt angenehm auf dem Lande verlebt. Mein üue Andenen an Sie, Ihren liebens⸗ wuͤrdigen Gemal und Ihr beiderſeitiges Gluͤck hat nicht wenig zu dieſen Annehmlichkeiten bei⸗ getragen. Wie koͤnnen Sie fuͤrchten, ich ſei bös, daß Sie beide mir ſo lange nicht ge⸗ — 109 ſchrieben? Die feurige Liebe, weiß ich recht gut, uͤberlaͤuft die bedaͤchtige Freundſchaft; hat ſie dieſe aber den Morgen und Mittag am Wege ſtehen laſſen, ſo kehrt ſie auch den Abend, wenn's kuͤhler wird und man denn doch etwas muͤde werden will, wieder zu ihr zuruͤck. Das iſt in der Ordnung, folglich gut, folglich mir recht. Sie ſchreiben mir nun eben uͤber Ihr Gluͤck, und zwar ſchildern Sie es ſo huͤbſch ausfuͤhr⸗ lich, ordentlich, zierlch—— Nun ja doch, meine junge Ehefrau, ich verſtehe! Ich ſchmaͤle aber nicht etwa; ich ſage nicht einmal heraus, was ich verſtehe; ich rathe nicht einmal: nichts thu' ich, als daß ich aus meinen koſt⸗ barſten Papieren einen Brief des„geiſtreichen und ſeelenvollen St. Evremont an mich her⸗ vorſuche und ihn hier, mit beſtem Empfehl, beilege. f 110— St. Evremont an Ninon. Ich bin ganz Ihrer Meinung, Mademoi⸗ ſelle: nicht die Ehe, der geſicherte Beſitz des Geliebten, loͤſet die Liebe auf, ſondern die Unklugheit in den Aeußerungen ſeiner Empfin⸗ dungen, der gar zu vollſtaͤndige, gar zu leichte und bequeme, der gar zu ununterbrochene Be⸗ ſitz thut es. Sobald man ſich ohne allen Ruͤckhalt jeder Aufwallung, jeder Laune einer Leidenſchaft hingiebt, ſo muß nothwendig, wie auf Ueberreizung durch Opium und Uebermaas an geiſtigen Getraͤnken, eine Art der Abſpan⸗ nung erfolgen, die ich tiefe Oede, hohle Einſamkeir nennen wuͤrde, wenn Sie dieſer wunderlichen Ausdruͤcke nicht lachten. Dann ſtockt vornehmlich auch das erkaͤltete Herz; und wird es ja noch durch'was bewegt, ſo geſchieht es durch die Unruhe uͤber dieſen Zu⸗ ſtand ſelbſt. Vergeblich ſuchen wir dann die Urſache dieſer Ruhe in der— Wuͤſte außer uns; nur unſere Enthaltſamkeit haͤtte uns ein gleichmaͤßigeres und dauerhafteres Gluͤck ver⸗ I1I ſchaffen koͤnnen. Zergliedern Sie, was in Ihnen vorgeht, wenn Sie ſich nach etwas ſehnen; Sie werden finden, daß ein Haupt⸗ ingredienz dieſes Affekts nichts iſt, als— Neugierde. Sie iſt die Feder des gehei⸗ men Mechanismus. Iſt ſie geſtillt, ſo laſſen die Wuͤnſche nach. Soll mithin ein Gatte, ſoll eine Gattin gefeſſelt bleiben, muͤſſen ſie immer noch irgend etwas zu wuͤnſchen haben; es muß wenigſtens ſcheinen, als ob ihnen fuͤr morgen noch etwas zu hoffen uͤbrig ſei. Wahrhaftig, man ſollte auch mit Geiſt, nicht nur mit Gefuͤhl, gewaͤhren und genießen! Inzwiſchen geſteh' ich— fuͤr ein alltaͤg⸗ liches Weib kann die Ehe nicht anders, als das Grab der Liebe ſeyn. Aber bei weitem in den meiſten dieſer Faͤlle iſt nicht der Be⸗ klagte, ſondern die Klaͤgerin Schuld. Dieſe ſchreibt der Verderbtheit des Herzens, dem Wankelmuth, der Sittenloſigkeit zu, was doch Folge ihrer eigenen Ungeſchicklichkeit, Nach⸗ laͤſſigkeit, und beſonders ihrer wenigen Ent⸗ haltſamkeit iſt. Sie hat in einem Tage ver⸗ 112 ſchwendet, wovon ſich lange Zeit leben ließ. Was ſoll ſie nun ihrem Gatten ſeyn— be⸗ ſonders in Abſicht auf den genannten Haupt⸗ theil der Zuneigung? Sie bleibt nun dieſelbe, wenn auch ſchoͤne— Statuͤe. Er weiß ſie auswendig. Aber bei einer Frau, wie ich mir ſie denke, iſt die eheliche Vereinigung das Morgenroth des ſchoͤnſten Tages. Sie erwartet jene nahen Herzensergießungen, jene ungerufenen, gegenſeitigen, kleinen Vertraulich⸗ keiten, die die Seele ſo lieblich beſchaͤftigen, jene Wuͤnſche, jene Geſtaͤndniſſe ohne Worte, jene Belebung der Gewißheit, den Andern ganz gluͤcklich machen zu koͤnnen und darum die Ergebenheit des Geliebten zu verdienen: das erwartet ſie, und dann erſt wird dem Gatten verſtattet, die Schaͤtze ſich zuzueignen, die man ihm bisher verborgen, entzogen hat; ja dann auch, bei aller Innigkeit ihrer Ge⸗ fuͤhle, bei aller ſeelenvollen Erkenntlichkeit, wird meine Frau den Kopf nicht verlieren und den Geſchmack keinen Augenblick beleidigen. So wird die Zeit, ſtatt Gleichguͤltigkeit(wo nicht gar geheimen Ueberdruß,) nur neue Urſachen 113 herbeifuͤhren, ſie noch mehr zu lieben. Aber freilich, dazu gehoͤrt, ich ſag' es noch einmal, Geiſt, dazu gehoͤrt Charakter, um den eigenen Hang zu beherrſchen, dazu gehoͤrt Feinheit und Delikateſſe, um dies nicht auf zuruͤckſtoßende, beleidigende Weiſe zu aͤußern. Wahrhaftig, ſittſame Schamhaftigkeit waͤre, auch in der Ehe, das raffinirteſte aller kuͤnſtlichen Mittel, wenn ſie nicht zum Gluͤck das natuͤrlichſte Ge⸗ fuͤhl waͤre; man muͤßte alles aufwenden, ſie ſich anzubilden, waͤre ſie nicht zartern Seelen angeboren. Aber ſich ſelbſt in dem Geliebten gleichſam vernichten, heißt nicht lieben, heißt nicht ihn gluͤcklich machen wollen, ſondern nur ihn zu einem eigenſinnigen Kinde verwoͤhnen. Die thoͤrigte Mutter uͤberfuͤllet es nur gleich mit allem Erſinnlichen, damit's nicht ſchreiet. Wie ſoll ich eine Frau achten, die ſich ſelbſt nicht mehr achtet? Die Lebhaftigkeit ihrer Leidenſchaft kann ſie nicht mehr entſchuldigen, als die Lebhaftigkeit der Mutterliebe jene Un⸗ beſonnene; der Beobachter bedauert ſie und ſiehet ſchon voraus, welche Noth ſie ſich fuͤr die Folge bereitet. J. f. S. X. H. 8 114 Hierzu kommt, daß ja ſie ſelbſt, wie der Gemal, nach ſolchen Ueberladungen jene Unbe⸗ haglichkeit empfindet, die gar zu leicht ge⸗ heimer Widerwille wird, und dann nur durch einen neuen Sturm der Empfindung uͤbertaͤubt werden kann, der nun noch tiefer ſinken laͤßt—— Mit Einem Worte: es gehoͤrt mehr Geiſt dazu, als man glaubt, um zu lieben, und durch Liebe gluͤcklich zu ſeyn. Bis zu dem entſcheidenden Ja bedarf es keiner Kunſt, den Geliebten zu feſſeln. Jenes unerklaͤrliche ſym⸗ pathetiſche Gefuͤhl fuͤhrt ihn herzu, Neugierde (meiner Meinung nach) reizt ihn mehr auf, Wuͤnſche halten ihn feſt, Hoffnung macht ihn muthig. Iſt er aber einmal gluͤcklich, dann, meine Schoͤne, gilt es, daß du alle die Sorg⸗ falt aufwendeſt, ihn zu erhalten, die er auf⸗ wendete, dich zu erlangen— und mehr! Das Herz iſt wie die großen Feſtungen: ſie zu er⸗ obern iſt nicht ſo lihwe, als ſie zu ahan ten-— Dauſendmal hört man die Klage: durch Ver⸗ nachlaͤſſigung belohnen die undankbaren Maͤnner die innigſte Ergebung der Frauen; und nun knuͤpfen ſie daran ausgemalte Schilderungen der ungeſtoͤrten Freuden aus der erſten Zeit gluͤck⸗ licher Liebe. Gutmuͤthige Blinde! bemerkt ihr denn nicht, daß ihr dieſe euch ſo theure Zeit wieder zuruͤckrufen koͤnnt— vorausgefetzt, ihr habt die Wunde durch eure Schuld nur nicht ſchon allzutief unter ſich freſſen laſffen? Vor dem Bruͤten uͤber dem, was ihr fuͤr uns ge⸗ than, vergeſſet ihr, was ihr noch zu thun habt, oder uͤberlaßt euch traͤgem Seufzen, ent⸗ ſtellendem Weinen, und gebt wol alles gar auf. Umgekehrt: erreget Unruhen, Beſorg⸗ niſſe, legt Hinderniſſe, Schwierigkeiten; ein Gut, das uns durch ſteten und gar zu ſichern Beſitz gleichguͤltig geworden, wird uns von neuem werth, wenn wir ſeinetwegen in Sorge gerathen. Soll ichs rund heraus ſagen? Alles wird gut gehen, wenn die Gattin nie ver⸗ gißt, daß die Rolle ihres Geſchlechts iſt, ſich bedraͤngen zu laſſen, die des unſrigen, zu bitten und neue Gunſt zu verdienen; daß aber ein Preis nie entgegengetragen werden darf—— 116 Weenn Vermaͤhlte, die die Liebe verbunden, hernach ſo bald wie entzaubert daſtehn und einander wol gar vermeiden, ſo gehen gewoͤhn⸗ lich beide von gleich falſchen Vorſtellungen aus. Der eine Theil glaubt, er koͤnne nichts mehr erhalten; der andere, er köoͤnne nichts mehr gewaͤhren. Nun hoͤrt freilich jener auf, zu wuͤnſchen und zu ſuchen; dieſer vernachlaͤſſigt ſich, ſucht nicht mehr ſich geltend zu machen, oder will nun auf einmal nur durch eine ge⸗ wiſſe pruͤde Soliditaͤt und vornehme Gleich⸗ muͤthigkeit, wo nicht gar durch affektirte, druͤk⸗ kende Kaͤlte, bedeutend werden. Unmittelbar nach der verſengenden Leidenſchaft ſoll der er⸗ ſtarrende Verſtand die Regierung bekommen! Der Vernunft gebt das Zepter! Nach dem Allerreizendſten ſoll das Allerentfernendſte eintreten! Zwiſchen beiden hin fuͤhrt der rechte Weg! Kleine Unebenheiten mag's geben — das thut nichts; es kann ſogar, als Unter⸗ brechung, wohlthaͤtig ſeyn. Nur werden ſie nicht durch Verkehrtheit druͤckend gemacht, aber auch nicht mit allzugefuͤgiger, unbedachtſamer, gaͤnzlich verzichtleiſtender Ergebung beſeitigt. 3 117 Selbſt bei einem wahren Fehltritt des Man⸗ nes ſollte die Frau eben ſo wenig in ganz unverwuͤſtlicher Duldung alles uͤber ſich erge⸗ hen laſſen, als in leidenſchaftlichem Ungeſtuͤm Klugheit und Schonung vergeſſen. Jene macht Undankbare, dieſer Trotzkoͤpfe, die nun erſt aus Erbitterung und um Uebermacht, Freiheit, Herrenrecht zu zeigen, auf einem Wege weiter fortgehen, den ſie ſonſt von ſelbſt oder auch aus ſtillſchweigender Erkenntlichkeit gar bald ver⸗ laſſen haͤtten—— Und nun endlich die Schlußſentenz:„In allem, was Liebe betrifft, muͤſſen die Frauen Herrinnen ſeyn, und wir muͤſſen ihnen unſer Gluͤck zu verdanken bekommen. Das wird ihnen unfehlbar gelingen, wenn ſie nicht nur durch Schoͤnheit und Artigkeit unſere Sinn⸗ lichkeit und Phantaſie, ſondern auch durch in⸗ nere Vorzuͤge unſer Herz gewinnen, nun uͤber dieſes mit Geiſt, Klugheit und Sitte ſchalten, und um dies zu vermoͤgen, ihre eigenen Affek⸗ ten maͤßigen und ſich in einer Achtung zu erhalten wiſſen, welche ſie eben ſo wenig preis⸗ geben, als mißbrauchen“—— 118—— So weit mein Freund St. Evremont. Vielleicht ſcheint Ihnen in dieſem ſeinen Brie⸗ fe, vielleicht auch in meinem letztern an Ihren Gemal— den er Ihnen doch mitgetheilt hat?— manches zu frei und undelikat. Er⸗ lauben Sie uns aber, den innern Menſchen zu behandeln, wie der Anatom den aͤußern: wird Er ſich Bedenken machen auch die Theile zu zergliedern, die rohen oder verdorbenen Menſchen allerdings verborgen werden muͤſſen? Nicht in den Dingen, auch nicht einmal in dem Sprechen daruͤber liegt das Unanſtaͤndige, ſondern in der Abſicht und Art, wie man ſpricht, und in der Verderbtheit deſſen, der hoͤrt. Die Fortſetzung folgt. Selbſtgeſtaͤndniſſe, 3 anzuſehn als ein kleiner, ſehr unpoetiſcher Roman. Zweites Buſch. (Kann, wie das erſte, allenfalls auch für ſich beſtehen.) Erſtes Kapitel. Allerhand aus der ſeltſamſten und kuͤrzeſten Periode des jungfraͤulichen Lebens. Ein Kapitel, das etwas lang iſt. „Ich war in dieſer Einen Nacht um einige Jahre aͤlter geworden.“ So beſchloß ich das vorige Buch: mit dem Kommentar dazu fang' ich das neue an. Ich war nehmlich in die Periode des jung⸗ fraͤulichen Lebens getreten, welche ich in der Ueberſchrift die ſeltſamſte und kuͤrzeſte genannt J. f. F. Nl. H. I habe. Meiner Meinung nach iſt das die, wo man gleichſam mit den Fuͤßen noch in der Kindheit, mit dem Herzen in der Jungfraͤu⸗ lichkeit, mit dem Kopfe wol ſchon in dem Frauenſtande ſtehet; wo man von den Leuten (nur nicht von Aeltern, Onkels und Tanten,) als erwachſen und vollbuͤrtig angeſehen wird, ſich daruͤber erſtaunlich freuet, und ſich im ge— heim doch noch nicht ſo fuͤhlt; wo man alt⸗ klug— nicht mehr ſcheinen mag, aber es iſt; wo man zu empfinden— nicht mehr affektirt, ſondern ſichs ſelbſt uͤberredet; wo man wie aus hoher Ferne auf ſeine Kindereien und kindi⸗ ſchen Vergnuͤgungen herabſiehet, und doch, ſobald man nicht auf ſich achtet, wieder in ſie verfaͤllt; wo man nicht Fiſch, nicht Fleiſch, nicht im Himmel, nicht auf Erden zu Hauſe, aber faſt immer gereizt, geſpannet, gehoben, ahnend, lauernd iſt, ohne es ſich im gering⸗ ſten merken zu laſſen, und ſehr gluͤcklich, ohne ſichs ſelbſt zu geſtehen. Ich kann mir denken, daß viele meiner Leſerinnen dieſen Zuſtand aus eigener Erfah⸗ rung gar nicht kennen, und ihn, beſonders an 8 2 ₰ einem ſchon faſt volle funfzehn Jahre alten, hochaufgeſchoſſenen, bluͤhenden Maͤdchen, hoͤchſt albern finden. Es ſei drum; dieſe Leſerinnen ſind ohne Zweifel in großen Staͤdten aufge⸗ wachſen, wo man alles, wie in Treibhaͤuſern, zu fruͤhzeitigem Bluͤhen und— Abfallen bringt; wo das Maͤdchen von zwoͤlf Jahren ſchon Schmeicheleien hinzunehmen verſteht, ſchon ſich wie eine Dame zu produziren weiß, mit⸗ hin die reiferen Jungfraunjahre, ſo gut ſichs thun laſſen will, im voraus hinwegnimmt, und jenen Mittelzuſtand uͤberſpringt. Ein an⸗ deres iſt es aber mit denen, die den Haͤnden der Natur, nicht der Großſtaͤdter, uͤberlaſſen bleiben; und noch ein anderes mit denen, wel⸗ chen, wie mir bis dahin, obendrein auch die Huͤlfen abgeſchnitten ſind, die ſich ſonſt uͤberall von außen darbieten— mit denen, welche, wie ich, ganz auf ſich ſelbſt angewieſen, ganz in ſich ſelbſt zuruͤckgedraͤngt ſind. Giebt es eine, nicht nur kunſtloſe, ſondern ſogar bewußtloſe Verſtellung, ſo findet ſie ſich an Maͤdchen in jener Periode ihres Daſeins. Wie mir um's Herz war, hab' ich ehrlich genug geſtanden; daß ich aber gar im geringſten nicht darnach ausſahe, hat eben ſo ſeine Richtig⸗ keit, als daß ich vorſaͤtzlich durchaus keine Maske vornahm. Mein Aeußeres ſchien aus meinem Innern nothwendig und von ſelbſt zu reſultiren: gleichwol war eins vom andern faſt ganz ver⸗ ſchieden. Entziffern kann ich das nicht: wol aber Materialien zur Entzifferung geben. Mein ganzes Benehmen verrieth eine ge⸗ wiſſe heitere Ruhe, eine ſtille Gemuͤthlichkeit, eine gelaſſene Geſetztheit, in welcher ich mir meiner ſelbſt immer bewußt und maͤchtig, mit⸗ hin auch zu allem faͤhig und aufgelegt blieb, was ich ſelbſt billigte. Wenn ich zuweilen alles um mich her auf mich achtend, mit mir zufrieden ſahe; wenn ich dies beſenders auch aus Theo⸗ dors Miene las: ſo gab mir das ein ſo ſuͤßes und doch ruhiges Entzuͤcken, ein ſo erquickendes und doch nur heimliches Genuͤgen, daß ichs durchaus nicht durch Worte, nur(meinen Schweſtern) durch den Vergleich kenntlich ma⸗ chen kann: es war, im mindern Grade, daſ⸗ ſelbe Gefuͤhl, das mir ſpaͤterhin in hoͤherm zu 5 Theil wurde, als ich zum erſtenmal gewiß ward, ich duͤrfe hoffen, Mutter zu werden. Mit allem, was mich umgab, war ich dann— nicht nur im Frieden uͤberhaupt, ſondern in dem ſuͤßen Frieden, der auf Zwiſt und herzliche Aus⸗ ſoͤhnung unter Liebenden folgt. Nichts von dem, was ich zu thun hatte, ſelbſt das Gemeinſte, war mir zuwider; kein Opfer, ſelbſt das ſchwie⸗ rigſte, mir zu ſauer. Was es auch war, das man von mir forderte: ich richtete es aus, nicht nur ſorgfaͤltig, ſondern ſogar mit einer gewiſſen Achtung, Anhaͤnglichkeit, Freude. Das ge⸗ meine Leben, mit allen ſeinen kleinlichen Ver⸗ haͤltniſſen und neckenden Hudeleien, verklaͤrte ſich im Spiegel meiner Seele zu einem hoͤhern; das hoͤhere fand in dem gemeinen ſein verklei⸗ nertes Abbild. Ich kochte und naͤhete eben ſo willig und mit Luſt, behandelte die Schwaͤchen des Onkels und der Tante eben ſo ſorgfaͤltig und treu, wie ich mich mit dem Edelſten und Schoͤn⸗ ſten beſchaͤftigte, womit mich mein lieber Lehrer, zur Erhebung und Bildung meines Geiſtes und Herzens, allmaͤhlig bekannt machte; kurz, ich ging mit dem Alltaͤglichſten um— ohngefaͤhr, wie 6 weiſe Maͤnner mit kleinen Kindern umzugehen pflegen.— Das alles konnte nun nicht unbemerkt blei⸗ ben. Endlich wirken meine tauſendfaͤltigen Ré⸗ flexions und Avertissemens! ſagte die Tante. Das Maͤdchen wird wirthſchaftlich und fleißig. Endlich findet das Beiſpiel meiner ruhigen Wuͤrde und Energie ſeinen Eingang! ſagte der Onkel. Das Maͤdchen wird anſtaͤndig und ge⸗ ſetzt. Endlich gehet der Saame ſolider Geiſtes⸗ nahrung auf, den ich in ihre Seele geſtreuet habe! ſagte der Conſiſtorialis. Das Fraͤulein bekoͤmmt Charakter und Moralitaͤt. Theodor ſagte nichts; aber ſeine Zufriedenheit fand ich in der Achtung und in dem Anſtande, womit er mich nun behandelte, und gerade dies war mir jetzt die allerwertheſte Aeußerung derſelben. So war Fraͤulein Emma, die Große: aber wie ſehr verſchieden von ihr war Fraͤulein Emma, die Kleine! Dieſe kam zum Vor⸗ ſchein, wenn ich allein und unbeobachtet war. Dann trat— erſt der bloße kindiſche Sinn her⸗ vor und machte manche alberne Streiche. Dieſe ſind ſchwerlich intereſſant und auch von 2 keinem Erfolg fuͤr das Ganze; darum uͤbergehe ich ſie. Allgemach ruͤckte die Phantaſie bei meinen Kindereien aus Reih' und Glied und fing an zu kommandiren. Ach wie gern folgte ihr die kieine Emma! Davon erzaͤhl' ich Ei⸗ niges.— Theodor hatte einmal im Garten in einem Buche gelefen. Ich hatte ihn durch die Bu⸗ chenhecken ungeſehen eine feine Weile beobachtet, und nicht ohne Freude bemerkt, wie ſich uͤber dem Leſen ſeine Miene oft zu einem ſanften, geiſtigen Laͤcheln erheiterte. Er wurde abgeru⸗ fen, ließ das Buch, weil er ſogleich zuruͤckzu⸗ kommen gedachte, liegen, kam aber nicht wie⸗ der. Kaum war er weg, ſo ſchlich ich herzu, nahm das Buch—: es war ein Band von Geß⸗ ners Idyllen, und zwar der, worin die klei⸗ nern Stuͤcke ſtehen. Ich las: ich war ent⸗ zuͤckt. Das Buch mußt du ganz, mit Muße, mußt es hundertmal leſen! ſagte ich zu mir ſelbſt. Du willſt dir's ausbitten! Das war nun zwar ſchon gar oft der Fall bei andern Buͤ⸗ chern geweſen; aber bei dieſem ſagte mir eine innere Stimme, das ließe ſich nicht thun. Frei⸗ 8 4— lich war in jenen Buͤchern, die mich mein Leh⸗ rer hatte ſehen laſſen, nicht von dem und jenem die Rede, wovon hier die Rede war; und wie⸗ wol ich mir ganz ſicher bewußt war, es iſt das Schuldloſeſte, was die Daphnen und Lykons da ſprechen: ſo wurde ich doch blutroth, wenn ich mir dachte, du ſollſt gerade ihn, Theodor'n, um dies Buch bitten. Ich fragte mich oft: warum aber nicht? ich wußte keine beſtimmte Urſache; aber— kurz und gut, es ging nicht! Es heimlich wegzunehmen, ging auch nicht: er mußte es ja vermiſſen und Nachfrage halten! Die kleine Emma, die ſo weit faſt wie die große gedacht und empfunden hatte, that dies nun noch mehr, indem ſie einen leidlichen Schleichweg erſann. Sie ſetzte ſich ſehr unbe⸗ fangen in die Laube, wo Theodor geſeſſen; las, ſo gut ſichs bei der geheimen Beaͤngſtigung der Schleicherei thun ließ; wollte ſich von Theodor dabei uͤberraſchen laſſen, wollte einiges, doch nur leichte Intereſſe daran aͤußern, und trauete nun ſeiner Gefaͤlligkeit zu, er werde es ihr laſ⸗ ſen. Geſagt, gethan; alles gerieth, und Theo⸗ 9 dor ließ mir, nach einem kurzen Bedenken, das Buch. War es doch, als ob meine Phantaſie nur auf ſolch einen Stoff gelauert haͤtte! Ich las mit Heißhunger, mit ſchwelgeriſchem Genuß: eben darum war ich bald geſaͤttigt. Ich wollte weiter dringen: ich ſpielte nun Idyllen— freilich, ganz im geheim— und dabei wurde die große Emma wieder zur kleinen. Vor allem waͤhlte ich mir ein ſchoͤnes, ſchneeweißes Laͤmmchen aus des Onkels Heerde, und bat dieſen, es mir zu ſchenken, weil ich etwas fuͤttern wollte, das mich lieb haͤtte, und zuweilen auf einſamen Spaziergaͤngen um mich waͤre. Der Onkel war jetzt guͤtig genug gegen mich geſinnet, nur den Kopf zu ſchuͤt⸗ teln. Ja, er ſchlug mir ſogar zu jenem Be⸗ huf vor, lieber ſeinen großen ſchwarzen Pudel an mich zu gewoͤhnen, der ein gar treues Thier ſei, mir gewiß nichts zu Leide thun laſſe, und obendrein apportire und ſpashafte Maͤnnchen mache; da ich aber mit ſchmeichelnden Bitten fortfuhr, geſtand er mir das Lamm mit der Bemerkung, ich ſei nicht klug, zu. Nun wur⸗ 10 den tauſenderlei ſchoͤne Dinge in Maſſe an das liebe Thier verſchwendet— wenn ich nehmlich mit ihm allein war! Ich lauſchte, ob mich Niemand ſaͤhe; ich zog ſchuͤchtern das roſen⸗ rothe Band meiner Nachthaube hervor, knuͤpfte das Laͤmmchen dran, und fuͤhrte es ſo zur Weide und an die Quelle, die durch unſern Garten floß. Waͤhrend ſichs mein Lamm hier wohl ſeyn ließ und ihm wol noch mancher Blu⸗ menſtraus gepfluͤckt und gereicht wurde, rich⸗ tete die wartende Daphne, Phyllis oder Glyce (ich war unſchluͤſſig, welchen von dieſen drei Namen ich mir zulegen ſollte,) ſchoͤne Geß⸗ nerſche Reden an das unachtſame Thier, und beklagte nichts, als daß es ſo viele Zaͤrtlichkeit nicht in gleichem Maas erwiederte. Lange genuͤgten mir dieſe Taͤndeleien nicht. Die Phantaſie wollte weiter in unbekannte Laͤnder, und dazu Huͤlfsvoͤlter im Herzen werben. Es war mir, als muͤſſe derſelbe Geß⸗ ner, der mir denn doch ſchon dies und das verrathen hatte, noch mehr verrathen. Daß mir mein Lehrer den einen Theil willig uͤber⸗ 11 laſſen hatte, machte mich ſo muthig, ihn um den zweiten zu bitten— Ich hab' ihn eben jetzt verliehen, ſagte er leichthin, und ſprach von etwas anderm. So? verliehen? Hm! iſts denn auch wahr? dacht' ich, muß aber meine Zweifel ſehr gut verborgen haben, denn ſonſt haͤtte Theodor gewiß dieſen zweiten Theil aus dem Schranke weggenommen, ſo gewohnt er auch war, daß ich nicht wagte, unter ſeinen Sa⸗ chen zu kramen. Diesmal aber war die Ver⸗ ſuchung fuͤr die— große Emma zu gefaͤhr⸗ lich. Sie ſchlich ſich in ihres Meiſters Zim⸗ mer, ſobald er den Ruͤcken gewendet hatte, und wollte— nicht etwa das Buch ſtehlen, ſondern nur ſehen, ob es da waͤre; und als ſie es wirklich fand, ſtahl ſie's doch, las von Stund' an darin mit vollem Genuß, der durch die Verheimlichung noch einen neuen Reiz be⸗ kam, ſo oft der redliche Theodor wegging; ja, ſie empfand ſogar einen ganz eigenen Ki⸗ tzel darin, daß ſie ihn, der ihr uͤberall ſo ſehr, zuweilen ſogar druͤckend, uͤberlegen war, hier aͤberliſten und ſonach doch von Einer Seite 12 ſich eines Uebergewichts bewußt werden koͤnnte. Freilich wurde das Buch, ſobald der Beſitzer nahete, wieder an ſeinen Platz geſtellt, und Emma, die große, ſchlich mit dem unſchul⸗ digſten Geſichtchen auf den Vorfaal, und ver⸗ mocht' es ſogar, nach einigen gelungenen Pro⸗ ben, dem Kommenden unbefangen Rede anzu⸗ bieten. In dieſem Bande der Geßnerſchen Werke war nun mehr, als all die lieblichen und from⸗ men Taͤndeleien der Areten und der Philemons. Daphnis ſtand darin, und der erſte Schiffer. Daphnis entzuͤndete mich— ich muß dies Wort brauchen, wenn ich ehrlich ſeyn will; aber eigentlich zuſagen wollte er mir nicht. Daß er wirklich keinen betraͤchtli⸗ chen dichteriſchen Werth hat, war gewiß nicht die Urſache davon! Aber der erſte Schiffer—! ach, dieſer erſte Schiffer! Und ſeine Meli⸗ da— ſeine himmliſche Melida—! Nein, daruͤber ging nichts! 1 Dies gab nun mehr, dies gab laͤnger, gab volleres Genuͤge. Es ſchien mir, als koͤnne die Poeſie hier ins wirkliche Leben, wie eine — 13 bluͤhende Akazie in das hoͤlzerne Skelett einer Laube, heruntergebogen werden. Ich legte ſo⸗ gleich Hand an und etablirte mir etwas, das Melida's Lebensweiſe gleichen, und mich zu ihr auspraͤgen ſollte. Auf einem huͤbſchen Raſenplatze unſers weitlaͤufigen Gartens ſtand ein halbverfallenes Luſthaus. Von dieſem aus ſahe man durch eine lange Lindenallee, und dieſe wurde, ſo wie der ganze Garten, mit einem Teiche be⸗ ſchloſſen, deſſen Spiegel, wenn ihn die Sonne beſchien, wirklich ſehr angenehm heruͤberſchil⸗ lerte. Ich gab dem Gaͤrtner gute Worte, (weiter hatt' ich nichts) daß er mir die wuͤſte Huͤtte ein wenig aufraͤumte, und die Neſſeln und Fliederbuͤſche am Eingang hinaufband⸗ Nun war mir dieſe Klauſe „die ſchimmernde Hoͤhle am Ufer, wohl⸗ „ausgeſchmuͤckt in dem Felſen— und vor „dem Eingang flatterten bluͦhende Stau⸗ „den luftig empot.- Ich knuͤpfte mein Lamm an die Thuͤrpfoſte, und ſahe wie 14——— „um mich her ſich lagerten in lieblicher „Ruhe die Heerden.“ Das Stuͤck Garten bis zum Teiche war „das einſame Eiland, vom tobenden Meer’ „umſchloſſen— Und in der Huͤtte ſaß „Melida, unverwandt nach den Wogen „blickend und ſeufzend: Wofuͤr haben die „Goͤtter mich hieher verwieſen, ſo einſam? „Ungluͤcklicher, als alle andre Geſchoͤpfe, „wofuͤr bin ich da geweſen und wofuͤr bin Bege ich noch da? O ich fuͤhl' es: woher ſonſt „dieſer Unmuth—“ Ich hatte aber in der That keinen, ſondern war vielmehr ſehr vergnuͤgt— „woher dies Gefuͤhl, als fehlte mir etwas, „dgs zu meinem Weſen gehoͤrte? etwas, ich nicht nennen kann?“⸗ d6 veme es aber doch, wiewol ganz leiſe „O ich bin nicht zu dieſer Einſamkeit ge⸗ „ſchaffen.*⁵ Und eben darum, dacht' ich, ſollte nun auch mein erſter Schiffer kommen, dort uͤber die kraͤuſelnden Wellen des ewigen Neers. Aber er kam nicht! Melida ſeufzte noch ein Saͤtzchen, brachte es, nicht ohne Muͤhe und Fleiß, einigemal ſogar bis zu einem Paar Thraͤnlein, oder trocknete doch wenigſtens Augen, in denen nichts abzutrocknen war; hatte dann aber auch das Ihrige redlich ge⸗ than und ging nun ziemlich froh wieder in das Schloß zuruͤck zu lhren gewoͤhnlichen Ver⸗ richtungen. Nach und nach wollte es aber mit dieſer zwiefachen Lebensweiſe, wo eine die andere nicht betraͤchtlich ſtoͤrte, nicht mehr gelingen, und die kleine Emma wuchs der großen nach. Die verklaͤrte, poetiſche Anſicht des Gegen⸗ ſtandes meiner Neigung floß mit der reellern, proſaiſchen, nicht ſowol von ſelbſt zuſammen, wie in jenem ſeltſamen Augenblick am letzten Morgen des erſten Buchs dieſer meiner hoͤchſt⸗ merkwuͤrdigen Hiſtorie; als daß nun beide von mir freiwillig, mit Bedacht, und nicht ohne eine gewiſſe luͤſtelnde Neugierde, in Verbin⸗ 16— dung gebracht wurden. Dies Zuſammendenken und— Reproduciren that mir viel zu wohl, als daß ich es nicht oft haͤtte wiederholen und mich endlich daran gewoͤhnen ſollen: und ſo war ich denn nach geraumer Zeit— wie nun die liebe Natur zu fuͤhren pflegt— ohngefaͤhr wieder auf demſelben Punkte, von welchem ich jenen Morgen ausgegangen war, aber ich ſelbſt war veraͤndert— ſtand mit Bewußtſein und freier Wahl da, wohin ich dort inſtinktmäaͤßig verſetzt 3 worden. Es iſt in dieſem Kapit ſchon ſo viel reflek⸗ tirt worden, daß ich mir auch noch die Frage erlaube: wird der Menſch nicht immer alſo ge⸗ fuͤhrt? iſt ſelbſt der Weiſeſte im Greiſenalter nicht ebenfalls ohngefuͤhr da, wo er als Kind war, nur mit Bewußtſein und Wahl, wie da⸗ mals ohne dieſe?— Die Leſerinnen, die an einer Geſchichte nur das leiden moͤgen, was ſich begeben hat, und die darum verlangen, man ſoll nur immer huͤbſch geradeweg und kurzab ſagen, was ſie die Sache nennen, werden nicht ohne Verdruß ausrufen: „Was ſtehet denn nun auf alle den Blaͤttern? — 17 Das Maͤdchen iſt verliebt, und iſts in ihren Hofmeiſter, weil nun eben kein anderer da iſt. Zuletzt kommt ſie ſo weit, daß es auf Ihm be⸗ ruhen wird, ob aus Scherz Ernſt werden ſoll. Und das waͤre mit dieſen vier Zeilen geſagt ge⸗ weſen.“— Dieſe Leſerinnen haben wirklich Recht. Zweites Kapitel. Allerhand von der kleinen Emma, die nun auch groß wird. Ein Kapitel, das etwas kurz iſt. Mein Lehrer ſchien endlich auf mich aufmerk⸗ ſamer zu werden. Die erſten Folgen ſeiner Auf⸗ merkſamkeit waren jene edle Scheu und jene ſanftere Schonung, die jeder gute junge Mann fuͤr jedes ſittſame Maͤdchen hegt, das eben zu dem Gefuͤhle erwacht, es ſey ein Weib. Wie viel werther wurde mir Theodor durch dieſe Ge⸗ ſinnungen, die mir keinesweges entgingen! Nach einiger Zeit fing ich aber auch an, daraus zu folgern. Er liebt dich, brachte ich ohne große J. f. F XI. 9. 2 2 18 Schwierigkeit heraus; aber er wagt nicht, ſich ſeinen Gefuͤhlen zu uͤberlaſſen, viel weniger, ſie zu geſtehen! Haͤtt' er das Gegentheil geaͤußert, ſo haͤtt' ich geſchloſſen: er liebt dich, und nimmt ein rohes Aeußere an, ſeine Gefuͤhle zu ver⸗ bergen. Ein Gleiches haͤtt' ich argumentirt, wenn er alltaͤgliche Gleichguͤltigkeit geaͤußert haͤtte. Kurz, wenn man nur erſt recht be⸗ ſtimmt iſt, etwas ſehen zu wollen, ſo ſiehet man's gewiß. Die Sache war alſo ausgemacht: ich wur⸗ de geliebt, und ſeit ich daruͤber mit mir einig war, fanden ſich in allen, ſelbſt den unſchein⸗ barſten Ereigniſſen, neue Beweiſe dafuͤr. Ich fing nun an auf den lieben Mann, auch außer jenem Verhaͤltniß, genauer zu merken. Das erſte, was ich bemerkte, war, daß er mir als Lehrer, ich mir als Schuͤlerin, nicht mehr recht gefallen wollte. Seine Ueberlegen⸗ heit in allem, was wir zuſammen laſen und dergl. und meine Abhaͤngigkeit— die unter⸗ geordnete Rolle, die ich dabei zu ſpielen hat⸗ te, wurden mir etwas fatal. Wir halfen uns aber: jene Geſinnung gegen mich veranlaßte ihn, die Saiten ſo viel als moͤglich nachzulaſ⸗ ſen: das Gefuͤhl meiner Wichtigkeit, als der Geliebten, gab mir Muth, ſie hoͤher zu ſpan⸗ nen. Aber in die rechte Temperatur, fuͤhlte ich wol, wurden ſie doch noch nicht geſtimmt. Ich machte allerlei ſchuͤchterne Verſuche, dies zu bewerkſtelligen: da nahm er aber allemal ein gewiſſes Weſen an, das mich ganz verſchuͤch⸗ terte, ſo daß ich froh war, wenn's nur wieder ins vorige Geleis kam, und nach einigem alt⸗ klugen Erſeufzen uͤber die Lage meines Geſchlechts und die Haͤrte der Maͤnner, ließ ich mir alles gefallen. Ich weiß nicht, ob dieſe ſeine Mannhaftig⸗ keit mich nicht allgemach von ihm entfernet ha⸗ ben wuͤrde; aber ein kleiner Vorfall brachte mich ihm deſto naͤher. Sie haben neulich gewuͤnſcht, den zweiten Theil der Geßnerſchen Schriften zu leſen— re⸗ dete mein Herr und Meiſter mich einsmals an; hier iſt er, wenn Sie ſich ihn noch wuͤnſchen. Ich war ſchon bei den erſten Worten wie mit Karmin uͤberzogen; wollte reden und konnte nicht; und da auch er kein Wort weiter ſagte, 20 ſondern mir nur das Buch hinhielt, wußt' ich meiner Noth kein Ende. Er ſahe meine große Angſt, ſahe die Beſtaͤtigung ſeiner Vermuthung, und fuhr nun langſamer fort: Ich habe mich bei dieſem Buche einer Un⸗ redlichkeit gegen Sie ſchuldig gemacht. Ich hatte es nicht verliehen. Ich verleugnete es Ihnen aber aus guter Abſicht. Das war mir zu viel; meine Thraͤnen bra⸗ chen hervor; es fehlte nicht viel, ſo haͤtt' ich mich ihm um den Hals geworfen. Er dagegen nahm mich bei der Hand, ſchlug einen Spaziergang in den Garten vor, und ſprach von etwas ganz anderm, und zwar recht ſanft, recht freundlich. Ich fuͤhlte mich erſt aͤußerſt beſchaͤmt, dann tief gebeugt, hernach ein wenig aufgebracht, end⸗ lich ganz zu ihm hingeneigt. Er ſprach im Ge⸗ hen immer fort— der Himmel mag wiſſen, von was?— Wir kamen in den untern Saal, und ſahen durch die Glasfenſter Onkel und Tante vor dem Hauſe ſitzen. Ich zögerte: Ich habe Ihre Achtung verloren— ſagte ich ſchmerzlich, aber doch ſo, daß ich mich an⸗ ſtrengte, mich aufzuraffen. Nein, nein— antwortete er und wollte weiter gehen. Ich habe falſch, ſchlecht an Ihnen gehan⸗ delt, habe Sie hintergangen— fuͤſterte ich und zoͤgerte wieder. Mit einiger Verwirrung fiel er ein: 3 Nun ja, Sie haben gefehlt: aber ſolch ein Zuruͤckkommen macht den Fehlenden jedem guten Menſchen noch werther. Das war Balſam in die ſchmerzende Wun⸗ de, und ich fand tiefe Abſicht in dieſen Wor⸗ ten. Es kam mir gar nicht bei, daß ſie ihm in der ſehr natuͤrlichen Verwirrung nur ent⸗ ſchluͤpft ſeyn koͤnnten. Und waͤre mir's bei⸗ gekommen, ſo haͤtt' ich geſchloſſen: jetzt end⸗ lich einmal wollte ſein Geheimnis ſich uͤber die Lippen draͤngen, und dies waren ſchon die er⸗ ſten Sylben dieſes Geheimniſſes. Er brachte mich zu dem Sitz meiner Pflegaͤltern, blieb bei uns und ſprach uͤber allerlei gleichguͤltige Gegenſtaͤnde. Seine gluͤckliche Verſtellung(da⸗ fuͤr nahm ich's) hatte etwas Pikantes, etwas recht fein Reizendes fuͤr mich. Als wir her⸗ nach alle vier im Garten wandelten, kamen 22— wir auch an Melida's Hoͤle; wunderlich! ſie, mein ganzer idylliſcher Apparat, und ich mit ihm— alles das kam mir jetzt ſo kin⸗ diſch, ſo laͤcherlich vor, daß ich vor mir ſelbſt erroͤthete, ohne daß dieſer Dinge mit einem Worte erwaͤhnt wurde. Von nun an vernach⸗ laͤſſigte ich dieſe Spiele und ſie kamen bald ganz in Vergeſſenheit.— Den Abend, als ich allein war, fand ich, wie viel inniger wir Weiber fuͤr den empfin⸗ den, gegen den wir unrecht gehandelt haben, und der uns erſt zum ſtarken Gefuͤhl unſers Un⸗ rechts gebracht, dann aber durch ſchonendes Ent⸗ gegenkommen aufgeholfen hat. Gleichwol war mir auch die hier bewieſene Ueberlegenheit Theodors ſehr unangenehm. Man muß eine gute Gattin ſeyn, um ſo etwas am geehr⸗ ten Gatten lieb zu haben. Es fanden ſich der Gelegenheiten noch viele, die dies unangenehme, druͤckende Gefuͤhl erweckten: aber ich war ſchon zu weit gegangen, als daß dies eine andere Wir⸗ kung haͤtte hervorbringen koͤnnen, außer, daß ich mich anſtrengte, einen neuen Ausweg zu fin⸗ den; und dieſer fand ſich darin, daß ich ein⸗fuͤr 23 allemal einen gaͤnzlichen Unterſchied zwiſchen Herrn Willich, meinem Lehrer, und Theodor, meinem Freund, feſtfetzte— ohngefaͤhr wie manche Dame von Welt den Gemal und den Freund mit aller Konſequenz unterſcheidet, den erſten ertraͤgt, ſich in ihn findet, ihr Beſtes aber fuͤr den zweiten aufſpart, ohne das Geringſte von dem Einen auf den Andern uͤberzutragen— nur daß ich in Einer Perſon fand, was ſie in zweien. Zwei kleine Anekdoten aus dieſer Zeit zogen das Band noch feſter. Ein armes Dienſtmaͤd⸗ chen hatte einige Porzellan⸗Geſchirre zerbrochen, die ieh ihr uͤbergeben, ohne daß es zu ihrem Dienſte gehoͤrte. Die Tante jagte ſie aus dem Hauſe zu ihren blutarmen Aeltern; ich ſah' mich als Urſach ihres Ungluͤcks an, konnte nicht hel⸗ fen und betruͤbte mich innig daruͤber. Ich klagte meine Noth meinem Freunde, und erfuhr nach einiger Zeit, daß er von dieſem Tage an den Leutchen insgeheim alle Wochen einige Unterſtuͤ⸗ tzung brachte. O der Edle! rief ich. Um mei⸗ netwillen theilt er ſeine Habe mit Andern! Und heimlich— ohne Lohn, ohne nur Dank 24 zu fordern! O der Treffliche! muß ich ihn nicht lieben? Nach einiger Zeit ging ich im Garten an dem oben erwaͤhnten Teiche ſpazieren und es kam mir die Grille ein, mich ſelbſt auf dem Waſſer zu fahren. Abgeſtoßen war der Kahn leicht; als ich aber auf die Hoͤhe kam, brachte ich ihn nicht von der Stelle, ſondern er drehete ſich nur im Kreiſe. Ich wurde aͤngſtlich, arbei⸗ tete unbedachtſam, der Kahn ſchwankte, ich ſelbſt ſchwankte nun auch und— lag im Waſſer. Ein Kreiſch— und der Freund, der zufaͤl⸗ lig in einiger Entfernung geſeſſen hatte, ſpringt herbei, wirft im Nu den Rock von ſich und ſich ſelbſt ins Waſſer, hebt mich in den Kahn und rudert nach dem Ufer. Halbtod vor Schrecken lag ich, von ihm feſtgehalten, einige Minuten an ſeiner Bruſt. In der herzlichſten Beſorgnis rief er mich mit den ſchoͤnſten Schmeichelnamen ins Leben, und ich blieb noch ein kleines Weil⸗ chen mit geſchloßnen Augen in der Situation, nachdem ich ſchon zum hellen Bewußtſeyn ge⸗ kommen war, ohne zu bedenken, daß ich eben ſo lange ſeine Angſt verzoͤgerte. Endlich ſchlug 25 ich die Augen mit einem Seufzer auf, ſo zier⸗ lich, als ich's praͤſtiren konnte. Aber im Nu riß mich der Anblick meiner, durch Naͤſſe nur allzuverraͤtheriſchen Kleidung aus der Illuſion: eine helle Glut ſchoß mir ins Geſicht, ich wen⸗ dete mich ſchnell weg— und noch ſchneller ſchien mein Freund von gleicher Empfindung er⸗ griffen zu ſeyn. In großer Verwirrung ließ er mich, bat mich in die Huͤtte zu treten, und verſprach, mir den Augenblick andere Klei⸗ der zu ſenden. Er ſprang davon, ich trat in die Huͤtte, und in meiner ganzen Seele erklang es: Sein Leben hat er um meinetwillen nicht geachtet! Ich verdank⸗ ihm das meini⸗ ge! Kann man heißer lieben, als er? kann man feſter gebunden ſeyn, als ich? Wohl mir! treu iſt mein Freund bis in den Tod! Ach, wenn er's doch nur auch ſagte!— Drittes Kapitel. Endlich etwas mehr Leben! Ich bekam die Kleider, die Sache blieb verſchwiegen, Theodor wurde wieder zuruͤck⸗ haltender, alles kam wieder in den vorigen Gang, und ich war in meiner Seele gewiß: ihr ſeid beide— wie ich's nannte— vor Gott und der Natur auf ewig vereinigt. Es iſt nun wol ganz gut um eine ſolche Gewißheit: wenn man aber nichts weiter da⸗ von hat— und ich hatte wirklich nichts— ſo wird die Sache etwas langweilig und ge⸗ dehnt. Ich fuͤhlte, es thue mir und meinem nur allzu ſchuͤchternen Freunde nichts mehr Noth, als etwas Kreuz, Jammer und Elend, das die verborgen gluͤhenden Funken heraus⸗ ſchluͤge und zu heller Flamme vereinigte. Ich haͤtte gern ſelbſt ſo'was angezettelt, wenn ichs nur anzufangen gewußt, oder Muth ge⸗ habt haͤtte. Endlich erbarmte ſich der Him⸗ mel und ließ ein furchtbares Ungewitter her⸗ aufwogen. Es kam mit der Poſt. 27 Der Onkel erhielt einen Brief. Das war etwas ungewoͤhnliches und machte mich ſchon aufmerkſam. Er hielt hierauf einigemal gehei⸗ me Zweiſprach mit der Tante, wobei ich weg⸗ geſchickt wurde. Das war noch ungewoͤhnli⸗ cher, und machte mich neugierig. Der Brief wurde nicht, wie ſonſt gewoͤhnlich, vom Herrn expedirenden Sekretair und Aktuarius, ſondern vom alten Conſiſtorialrath ſelbſt in des Onkels Namen beantwortet, und als der gute alte Herr von dieſem Geſchaͤft, das einen ganzen Vormittag weggenommen hatte und bei ver⸗ ſchloßnen Thuͤren zu Stande gebracht worden war, hinwegging, ſahe er mich mit ſo ſonder⸗ baren Augen an, ſagte mir einige hoͤchſt gleich⸗ guͤltige Worte mit ſo ceremonioͤſer Hoͤflichkeit, daß mir ganz baͤnglich, unheimlich, feierlich zu Muthe ward. Ich hatte nichts dringenders zu thun, als vor das Dorf auf den Weg zu gehen, wohin der Bote mußte, um den Brief nach der Poſt in die benachbarte Stadt zu tragen. Der Bote kam. Mit moͤglichſter Unbefangenheit fragte ich, wohin er wolle? 28 In d'e Stahdt, Froͤlen Emmchen! Da koͤnnt ihr einen Brief vom Onkel mit⸗ nehmen, ſagt' ich. „Hab'n wul ſchonſt! Da tſchaun's: im Saͤ⸗ kel thut er ſtaͤcken! Zeigt doch her!— Ganz recht, das iſt der Brief!— Nun, geht in Gottes Namen!— Das Schreiben war groß gebrochen, wie ein Gevatterbrief, und doch waren die Titel kaum auf die Adreſſe gegangen. Ich hatte dieſe mit aller Aufmerkſamkeit geleſen: An Seine Hochwohlgebohrne Gnaden, den Herrn, Herrn Hans, Kilian von R., Erb⸗ Lehn⸗ und Gerichtsherrn auf und zu U., wie auch wohlbe⸗ ſtallten Kammerjunker, Forſt⸗ Revier⸗ und Wildmeiſter Ihrer Durchlaucht, Heinrichs des *rten— nun folgte der ganze Titel des Fuͤr⸗ ſten, und unten im Winkel hing noch an einer gekruͤmmten Linie, wie an einem zierlichen Baͤndchen, der Name des Aufenthaltsorts, dem gegenuͤber ein Cito oitissime die Balance zu halten ſchien. Ich hatte mit großer Muͤhe viele hochtoͤ⸗ nende Worte auswendig gelernt, ohne auch nur um ein Haar kluͤger geworden zu ſeyn— wie es andern Leuten oftmals auch ergehen ſoll. Die Sache blieb einige Wochen im Dunkel, nur daß dies Dunkel durch allerlei abgebrochene, ſelt⸗ ſame Reden zwiſchen Onkel und Tante, und durch öftere Winke, die ſie einander gaben, und die Bezug auf mich zu haben ſchienen, immer feierlicher wurde. Endlich fiel ein Licht⸗ ſtrahl in die Nacht. Es kam wieder ein Brief: er wurde wieder bei verſchloßnen Thuͤ⸗ ren geleſen, nachdem ich entlaſſen worden; und kaum war er durchlaufen, als in die Tante ein furchtbarer Rumor⸗ Fege⸗ und Scheuer⸗ Geiſt gefahren ſchien. Alle Maͤgde mußten Hand anlegen, und die Tante war mit einem Feuereifer hinterher, wie mir das alles in meinem Leben nicht vorgekommen war. In Erwartung der Dinge, die da kommen ſollten, ging ich den folgenden Mittag an den Tiſch, und fand Matantchen geſchmuͤckt, wie zum zweiten Pfingſtfeiertage. Ein erhabnes Schweigen herrſchte waͤhrend der Mahlzeit; einiges, was Herr Willich zu ſprechen begann, verfing nicht, griff nicht ein: man ſtand fruͤh⸗ 30— zeitiger auf, als ſonſt, und das Einzige, was die Tante endlich vorbrachte, war: Lieber Herr Willich, wenn's gefaͤllig, ſo moͤgen die Lehr⸗ ſtunden dieſen Nachmittag ausgeſetzt bleiben; wir erwarten Geſellſchaft. Nun kam mir, wie aus weiter Ferne, eine bange Ahnung. Mein Freund nahm ganz unbefangen das Anerbieten der Tante an, und meinte, er wolle, wenn ſie ſeine Theilnahme an der Geſellſchaft nicht heute beſonders wuͤnſche, einen Bekannten, der einige Stunden entfernt wohnte, beſuchen, von woher er erſt Abends ſpaͤt zuruͤck kommen wuͤrde. Man fand das gut, er ging, und ich blieb, wie eine Verbrecherin, deren Verhoͤr beginnen ſoll. Onkel und Tante ſahen einander in einiger Verlegenheit an, und ſetzten ſich ſchweigend in beide Ecken des Sopha. Setze dich doch zu uns, mon enfant! be⸗ gann endlich die Tante, und zog den Schlumper von fleiſchfarbnem Moor mit ungeheuern wei⸗ ßen Glanzblumen naͤher an ſich. Eine ſolche Einladung, in ſo ſanftem Tone; die Benen⸗ nung, mon enfant, und in der Folge gar, ma nièce, war mir noch nie worden. Zitternd 31 nahm ich zwiſchen beiden Platz und huſchelte mich ſo eng zuſammen, als moͤglich. Ja, wir haben mit dir eine Sache von gro⸗ ßer importance zu beſprechen, begann die Tante. Und die dir unbeſchreibliche Freude machen wird, ſetzte der Onkel hinzu. Wollen Sie, liebwertheſter Herr Gemal, ihr den propos gefaͤlligſt vorlegen? Wollen Sie nicht das Wort behalten, meine Fuͤrtreffliche? Ich moͤchte der vaͤterlichen dignité nicht gern vorgreifen— O, die weibliche Feinheit und Delikateſſe verarbeitet dergleichen Gegenſtaͤnde viel dienſam⸗ licher—— Wenn Sie denn befehlen— Wenn's gefaͤllig waͤre—— Hier raͤuſperte ſich die Tante, der Onkel bließ einige Staͤubchen von ſeinem Rockermel, ich ſaß bleich und an allen Gliedern zitternd.— Die Tante begann: Ja, wir haben dir eine Sache von groͤßter importance kund zu thun. Sieh, du trittſt 32 nun in die Jahre, wo ein Maͤdchen ſeine for- tune gruͤnden, pouſſiren, formiren muß. Gott hat dich reich gemacht, mon enfant, obgleich du blutarm biſt, durch deine glaͤnzende Familie. Um unſertwillen vergißt und vergiebt die Welt auch deiner Mutter, dieſem gemeinen Geſchoͤpf, Gott hab' ſie ſeelig— ihre Demi-Mésalliance. Aber eben deswegen liegen die Pflichten gegen dein Haus doppelt auf dir. Nun, und der junge Herr iſt ja auch von einer der beſten Familien im Lande! plumpte der Onkel ein, dem das Exordium zu lange dauerte. Wollen Sie erlauben— 2 verſetzte ſchnell die Tante, mit fliegender Hitze im Geſicht, weil ſie unterbrochen worden war, was ſie durchaus nicht vertragen konnte. Alſo— alſo— Mein Gott! haben Sie mich doch ganz aus der con⸗ nexion gebracht, mein Beſter!— Aergerlich gab ſie mir nun, gedraͤngt genug, meinen Beſcheid: Alſo kurz— der junge Herr iſt von beſter Geburt; iſt durch Neiſen formirt; braucht kein Vermoͤgen; wir und ſein Herr Va⸗ otr ſind in Richtigkeit, bis auf einige Punkte: und und uͤber dieſe hoffen wir, mit Gott, uns auch zu vereinigen, wenn beide Herren heute eintreffen— Heute? heute? rief ich, und die bisher ver⸗ haltenen Thraͤnen ſtuͤrzten aus meinen Augen. Die Tante, die darauf nicht achtete, fuhr ganz im vorigen Ton fort: Ja, heute— du wirſt dich alſo mit aller Erkenntlichkeit und Dankbarkeit gegen beide zu benehmen wiſſen— Doch nichts gegen den Anſtand— ſchob der Onkel ein— Mein Gott, das iſt hoffentlich bei der éducation, die das Maͤdchen durch uns er⸗ halten hat, vorauszuſetzen! Alſo— geh', mach' deine Toilette; mach' ſie gut, und—— Nun, ein Maͤdchen von nicht uͤbler figure und ge⸗ wiſſer tournure des Wuchſes kann ſich wol in ſolchen Faͤllen Einiges verſtatten und von ge⸗ wiſſen douceurs der Natur profitiren— Alſo — kurz, du wirſt's ſchon machen, und wenn du fertig biſt, wiederkommen. Wir uͤberlaſſen uns indeß der Ruhe auf einige Viertelſtunden. In Verzweiflung ſtuͤrzte ich zu ihren Fuͤßen, J. f. F. Xl. H. 3 34 rief: Bei allem, was Ihnen heilig iſt, opfern Sie mich nicht auf! machen Sie mich nicht ungluͤcklicher, als irgend ein lebendiges Weſen, das Gott zur Freiheit erſchuf— und ſo weiter, wie man das in tauſend Thraͤnenbuͤchern des Breitern nachleſen kann. Ganz erſtaunt rief die Tante: Was ziert ſich das Ding? Und der Onkel fragte vollends gar verbluͤfft: Was will's denn eigentlich, das Weſen? ſagen Sie doch, mein Engel! Die Tante faßte ſich, waͤhrend ich ihre Kniee umfing, winkte dem Onkel zu und ſagte ihm: Laissez moi faire! Ich kenne das!— Nun hob ſie mich etwas freundlicher auf, und ſagte: Mon enfant, ſei kein Kind! Es hat dich uͤberraſcht. Mein Wille war's nicht, dir's ſo ohne achéminement zu geben!(Hierbei ein etwas giftiger Seitenblick auf den Onkel.) Nun, laß gut ſeyn! Ich weiß, was die jungfraͤuliche modestie in ſolchen Faͤllen er⸗ heiſcht, und du haſt es redlich geleiſtet. Nun aber auch genug. Alles will ſein Ende haben. Geh' in Gottes Namen; recolligire dich; mach⸗ 35 dich huͤbſch— hoͤrſt du? Und laß mir das alberne Weinen, das ſag' ich dir! nichts iſt fataler fuͤr die Augen! Nun, wirſt's ſchon machen! Damit hatte ſie mich an die Thuͤr gebracht, die zu meinem Zimmer fuͤhrete, ſchob mich hinaus, machte die Thuͤr zu, und beide lieben Leute— uͤberließen ſich der Ruhe auf einige Viertelſtunden. Viertes Kapitel. Worin man die beiden Herren ankommen hoͤrt, und Nachtraͤge zu jedem deutſchen Woͤrterbuche ſammlen kann. Ich war in Verzweiflung. Weinend und haͤnderingend ging ich die Stube auf und ab, und warf wirklich kaum einige Seitenblicke in den Spiegel, wie mir das Verzweifeln ſtehe. Ich konnte zufrieden ſeyn und verharrete des⸗ halb dabei. Endlich rief ich auch den Tod, mich zu retten: es kam aber nur die Kam⸗ merjungfer der Tante, mich zu putzen. 30— Dorchen— ſo hieß ſie— war vor Zei⸗ ten ein ſehr huͤbſches Landmaͤdchen geweſen, hatte dann in einigen Reſidenzen in ziemlich vornehmen Haͤuſern gedient, daſelbſt gar man⸗ cherlei Erfahrungen eingeſammlet, ſich außer der Art, ſich zu kleiden, von ihrer Gemein⸗ heit zwar nichts ab⸗, aber doch von Weltklug⸗ heit ein wenig an⸗bilden laſſen, dabei ihr wirklich gutes Herz nicht ganz zugeſetzt, und war endlich, weil es ihr mit verſchiednen An⸗ betern ſehr contrair gegangen, in die laͤndliche Ruhe zu meiner Tante zuruͤckgekehrt. Dorchen kam alſo, von dieſer geſendet, mir beim Ankleiden zu helfen. Wie erſchrak ſie, als ſie eintrat und mich in meiner Verzweif⸗ lung erblickte, die jetzt noch lebhafter ausbrach, weil ſie einen Zeugen bekam. Ei du liebes Vaͤterchen im Himmel, rief ſie aus und ſchlug die Haͤnde zuſammen; Ihr' Gnaden, gnaͤdigs Froͤlen: was haben Sie denn fuͤr eine Jam⸗ merigkeit vor? Will ich doch nicht ehrlich ſeyn, oder Sie ſehn aus, ſo blaß, wie meine Schuͤrze, und zittern, wie ein leibhaftiges Eepenlaub, bis in die Schuhe'nunter. Es moͤchte ja einen Stein in der Erde erbarmen, und wenn er von Stahle waͤr'! Nee, was haben's denn? ſo ſchwatzen's doch, Ihr' Gna⸗ den, gnaͤdigs Froͤlen! Nehmen Sie ein Zu⸗ traun an mich! Ich bin zwarſt nur eine Jungfer im Hauſe; aber ich hab' nicht immer hier in Finſterniß geſeſſen, und wol manchs in der großen Welt geſehn und erſahren, eh ich ſo zuſammengeſchwunden bin. Ach,'s ſteht mancher Chriſtenſeele nicht an der Stirn ge⸗ ſchrieben, wo ſie der Schuh gedruͤckt hat! Hier erwieß ſich das Epidemiſche der Wei⸗ berthraͤnen: Dorchen fing an, trotz mir, zu weinen und zu ſchluchzen. Schweig, gute Dorothee, ſagte ich; mir fehlt nichts! Ach, ich Ungluͤcklichſte auf Erden! O, ſagen Sie mich von das nicht! rief ſie. Nichts fehlen? Das glaub' Sie mein Wirth! Unſer Eins hat Augen, paarweiſe! Und, die Unglaͤcklichſte—? Was wollen's denn ungluͤck⸗ lich ſeyn? Die ſchoͤnſte, beſte, herzallerliebſte Froͤlen, ſo weit die goldige Sonne beſcheint! Ungluͤcklich? und obenein heute? Das iſt nicht mehr wie ohne—! Heute, wo der gnaͤdge 38 Herr Braͤutgam Gnaden koͤmmt, wie ich wol belauſchert habe— Kein Wort von dieſem, fuhr ich auf, wenn du mich nicht umbringen willſt— Ach liebes Gottchen, fiel ſie ein; dacht' ichs doch, daß der Haaſe da im Pfeffer laͤge! Sehn's, Ihr' Gnaden, gnaͤdigs Froͤlen: Kloͤß⸗ chen will ich heißen, wenn michs nicht ſchwahn⸗ te, eh' ich das Sterbenswoͤrtchen darvon er⸗ fahren thaͤt. Freilich, das iſt'n groß Kreutz, ſo's Patſchchen hingeben und's troͤſtliche Ja ſagen ſollen, wenn's arme Herzchen's Nein mit Kanonen rausſchießen moͤchte! Ach, ich hab's erfahren und mit blutgen Thraͤnen geſehn in der großen Welt, als ich noch draußen war— So geh und laß mich ſterben! rief ich. Sterben? fuhr ſie auf. Ach mein holzſe⸗ ligs, allergnaͤdigſts gnaͤdigs Froͤlen: nennen Sie mich das Wort nicht! Sehn Sie, die Gaͤn⸗ ſehaut laͤuft mir uͤber alle meine Gliedmaßen, wenn ichs nur hoͤre! Ach nee doch, nee! Neh⸗ men Sie doch nur einen Mundbiſſen Zutrau⸗ lichkeit zu mich! Sehn Sie: wenn ein Frauen⸗ 34 zimmer nichts weiter will, als einem Menſchen die Schippe geben: da laͤßt ſich ja wol bei⸗ kommen und Huͤlfe thun! Glauben Sie mich doch: ich bin ja in der großen Welt dabei geweſt—'wiß und wahrhaftig! Huͤlfe? Huͤlfe? rief ich. Weißt du Huͤlfe? O meine gute Dorothee: rede doch! gieb mir Rath! gieb mir Troſt! Du haſt neulich den Paladin ſo gern haben wollen: da— dal! er iſt dein! Nun ja doch: wenn Sie ſo ſprechen, muͤßt' ich ja ein haͤßlicher Igel ſeyn, wenn ich nicht ins Feuer griffe, und ſollt' ich mir die Finger anbrennen, wie Nachtlichter! Nachdem ſie mir viel Exempel aus der großen Welt erzaͤhlt hatte, wo aͤhnliche preß⸗ hafte Umſtaͤnde immer gut abgelaufen waͤren, wenn man ihr die Haͤnde im Spiel gelaſſen: ſo begann ſie ihren— in der That nicht uͤblen Rath: Sehn Sie, Ihr' Gnaden, gnaͤdigs Froͤlen: mit der Parforſche zwingen wir's nicht— hier nicht! Ach, ich weiß auch was drein 4 40 fegen heißt und mit der Zunge manneffriren: aber allens zu ſeiner Zeit! Willt du durch, mußt du dich buͤcken: Dann ſchau auf, es wird dir gluͤcken! Das iſt ein goldner Spruch, und ſollte an jedem Spiegel geſchrieben ſtehn, daß ihn unſer Eins immer vor den Augen haͤtte! Laben Sie jetzt der gnaͤdgen Frau Tante die Lunge nicht: putzen Sie ſich nach Herzensluſt! Ich will die Thraͤnchen abtrocknen— lieber Gott! Nun ſo! Nun hauchen's ein bischen aufs Tuch, daß die ſchoͤnen Aeugelchen wieder flott wer⸗ den! So! Ein bischen traurig koͤnnen's im⸗ mer bleiben, wenn Sie'nunter kommen: aber doch muͤſſen's huͤbſch freundlich ausſehen, oder wenigſtens— wie ſag' ich? ein bischen ſanft⸗ muͤthig und milchthaͤtig! Damit iſt die gnaͤdge Tante vorderſt zufrieden, und wenn nun die Herrn kommen, ſo ſehn Sie ſich ſie nur erſt huͤbſch an! Man kann ja doch nicht wiſſen—! Glauben Sie der Dorthee: Hinterm Berge wohnen auch Leute. Je nun ja doch,'s mag erſt ſalzig ſchmecken und muͤßlich: aberſt's iſt doch's Beſte, ſich allens erſt recht anzuſehn, und wenn's der leibhaftige Popanz waͤr! Ich will die Augen auch hinten und vorn haben. Hernachent komm' ich heimlich wieder zrauf zu Sie gewuſcht: und ich will ſchwarz wer⸗ den, wie ein Federmuff, wenn ich da nicht guten Rath mitbringe, und allens, was wir nur brauchen an Leib und an der Seelen!— Ich gab mich der geſpraͤchigen Dorothea endlich auf Gnade und Ungnade hin, und zwar ihrer Zunge ſowol, als ihren Haͤnden, welche beide Haupttheile ihres Weſens ſie zu⸗ gleich in groͤßter Regſamkeit erhielt, indem ſie mich ziemlich huͤbſch ankleidete und die Haupt⸗ ſätze ihres Raths dabei ſehr ausfuͤhrlich durch⸗ ging, auch mit vielen Beiſpielen aus der großen Welt, die ſie geſehen, belegte. Was mich ſo gefuͤgig machte, war dreierlei: erſtens, hatte ich mich endlich ausgeweint und es wollte da⸗ mit nicht mehr rechten Fortgang haben; zwei⸗ tens, mußte ich ihr Recht geben, daß ich mit Liſt viel weiter in dieſem Handel gelangen koͤnnte, als mit Gewalt; drittens, beſchaͤftigte ſich jetzt meine Phantaſie mit ſchmeichelnden Bildern von dem Effekt, den mein Leiden und die dabei zu erweiſende, kindliche Duldung oder heroiſche Bravour auf Theodor machen wuͤrde, wenn er nur erſt zuruͤckkaͤme.— Der Tag war ſehr heiß und die Tante hatte heute und geſtern ſo unbeſchreiblich viel im Hauſe rumort, daß ſie ungewoͤhnlich lange ſchlief; und der Onkel ſchlief immer, wenn er nicht geweckt wurde. Daher erwachten und ſchickten ſie nach mir erſt, als ſich die Sonne ſchon ziemlich tief herabſenkte. Ich hatte mich indeſſen durch jenes Spiel meiner Phantaſie ſo erheitert, daß, als ich hinabkam, die Tante mir mit wohlgefaͤlligem Laͤcheln entgegenkam, und nichts an mir auszuſetzen fand, außer daß ſie meine Spitzen ein wenig zuruͤckbog. Wir beklagten uns beide uͤber das lange Außenbleiben der Erwarteten— ſie laut, uͤber die Fremden, ich in der Stille, uͤber den Freund; doch erhob mich die Hoffnung, mein Freund werde noch eher kommen und bei dem Erſcheinen der Andern gegenwaͤrtig ſeyn, wo ich denn, ihm zu Ehren, ein anziehendes Tableau zu liefern mir ausſann. Das Sinnen 43 war vergebens: er kam nicht, aber die Her⸗ ren kamen, und kaum hoͤrten wir den Wagen hereinrollen, als mich eine toͤdtliche Angſt uͤber⸗ ſiel, alles Ausgeſonnene verflogen war, und ich mich mit Gewalt von der Hand der Tante, die mich den Ankommenden entgegenfuͤhren woll⸗ te, losriß. Was iſt das wieder? rief dieſe, und der Onkel ſtieß nur ein: Na? aus: aber jene beſann ſich ſogleich, klopfte mich auf die Wangen und rief: Haſt Recht! nicht entge⸗ gen— warten laſſen— iſt vom letzten gout! — Nun nahm ſie den Onkel beim Arm, ſagte ihm halbleiſe: Voila la petite fripponne! fuͤhrte ihn hinaus, und ich flog in das andere Zimmer. Fuͤnftes Kapitel. Vorin man die beiden Herren ankommen ſiehet und Nachtviſi ten abgeſtattet werden. Das längſte von allen meinen Kapiteln. * Jetzt fuͤhlte ich mich wirklich unwuͤrdig behandelt, tief gekraͤnkt und erniedrigt; jetzt 4 44 floſſen meine Thraͤnen ohne Kunſt, ohne Selbſt⸗ taͤufcherei. Es waren aber Thraͤnen des Trotzes auf hoͤhern Werth. Sie verſiegten allmaͤhlich: der Trotz blieb. Er ſtaͤrkte mich, den Entſchluß feſt zu faſſen: ich wollte hinuͤbergehen, ſobald man mich rief, wollte mir nicht merken laſſen, wie tief ich bewegt ſey, ſondern mich mit ru⸗ higem Anſtand, mit hoͤflicher Kaͤlte benehmen, bis man mich vielleicht durch neue Entwuͤrdi⸗ gung kraͤnkte; dann wollte ich aber auch frei mein Herz ſprechen laſſen, moͤchte daraus ent⸗ ſtehen, was da wollte. Kaum hatt' ich mich dazu in die gehoͤrige Poſitur geſetzt, als die Tante ſehr freundlich kam und mich hinuͤberfuͤhrte. Das Erſte, was mir in die Augen fiel, war ein Herr— ohn⸗ geſaͤhr von funfzig Jahren, vierthalb Ellen lang, nach Proportion breit und dick, in einen gruͤnen Flausrock geknoͤpft, uͤber den das Cou⸗ teau geſchnallt war, mit einem rothbraunen Geſicht und funkelnden Augen. Er ſtand ne⸗ ben dem Onkel, und indem ich noch in der Thuͤr war, erhob er die ungeheuere Hand, wieß mit dem Zeigefinger, der faſt ſo dick ——— 45 war, als mein Arm, wo er in die Hand uͤberging, nach mir hin, und ſagte zum Onkel — leiſe, wie er meinte, aber laut genug, daß ichs vor der Thuͤr gehoͤrt haͤtte: Iſt ſie das? Hm!'s kann angehn!— Ich war erſchrocken ſtehen geblieben: er ſetzte nun die furchtbaren Stiefeln in Bewe⸗ gung— der ganze uͤbrige Koͤrper behielt ſeine Haltung und Richtung auf's Haar, nur daß er zu mir befoͤrdert wurde; die daumenbreiten Sporen mit ihren großen Raͤdern erklangen: er ſtand ſtarr und feſt vor mir; wie Goliath auf den David, ſahe er auf mich herab, ſchwieg eine Minute, und jetzt— ich war, der feier⸗ lichen Vorbereitung wegen, wirklich auf das Schrecklichſte gefaßt— jetzt ſagte er: Gehor⸗ ſamer Diener!— Zaghaft beugte ich mich ſo tief, als moͤglich: er blieb in ſeiner Stellung; faßte, und wirklich ſaͤuberlich genug, meine Hand in die ſeinige, die davon umgeben wurde, wie der Altar von der Kirche, ſahe mir im⸗ merfort ins Geſicht, ſagte: Na— gut! gut! ſchob ſich nun eben ſo ſtarr wieder zum Onkel, und ſetzte das von mir unterbrochene Geſpraͤch 4 46 alſo fort: Ja, was ich ſagen wollte! Alſo— den Fuchs kaufte ich eigentlich nur, weil er ſo feſt im Kreutz iſt— denn ich brauche ſo ein Thier: das Uebrige hat ſich erſt hernach her⸗ ausgearbeitet! Er bekuͤmmerte ſich nun eine feine Weile nicht weiter um mich. Dafuͤr haſt du's ge⸗ funden! dacht' ich, und wurde faſt ein wenig munter; wenigſtens fuͤhlt' ich ein geheimes Ge⸗ luͤſt, den Herrn zu belachen. Er ſprach nun uͤber alle Eigenheiten ſeines Fuchſes mit großer Ausfuͤhrlichkeit; kam dann vom Fuchs auf die Schäaͤcke, von dieſer auf die Iſabelle, und redete immer gerad' aus vor ſich hin— Es war aber wol nur Zufall, daß ich ihm gegenuͤber Platz fand, und ſo ſeine Reden vom rechten und linken Anſprung, von Trenſiren, Spath, Staͤtigkeit, und was weiß ich? an mich ge⸗ richtet ſchienen— was mir wirklich Spaß zu machen anfing. Ich hatte einigemal ab⸗ und zuzugehen, und hörte, daß er, wieder ſo leiſe als vorhin, ſagte: Wahrlich, ein Kind, ſo geſund und ſchwank und firlich, wie ein Rehbock!— Eben ſo ſchnell, als er vorhin 42 von mir zum Pferde uͤbergeſprungen war, ſprang er jetzt vom Pferde zu mir: Ach apro⸗ pos! Nehmen's nicht uͤbel, ſchoͤn's Kind, daß mein Lorenz ſich Ihnen noch nicht vorgerit⸗ ten hat! Wie nun die Burſche ſind, die in der Reſidenz gelebt haben: er laͤßt ſich erſt ſtriegeln und's gute Zeug auflegen!— Aber, ſagen Sie mir, hat's vorigs Jahr viel Schmal⸗ thiere gegeben, hier? ſo ſetzte er die Rede, ohne Antwort von mir abzuwarten, zum Onkel fort. Indem der Bediente meldete, daß ange⸗ richtet ſei, kam der junge Herr herein und ge⸗ rade auf mich zu, mit den Worten: Laurent von †... kuͤßt Ihnen die Hand! Er that dies aber nicht, ſondern drehete ſich ſchnell ge⸗ gen Onkel und Tante: Ihnen ganz ergeben! Eine Dampfwolke ſuͤßer Geruͤche umfloß mich; er pflanzte ſich ohne Umſtaͤnde hart an meine Seite und ſagte: Schoͤne: wie leben Sie hier? wie befinden Sie ſich? In meinem Leben hat kein Mann gleich beim erſten Anblick einen ſo entſchiedenen Wider⸗ willen, oder vielmehr Ekel, in mir aufgeregt, 48— als dieſer Ausbund aller Lorenze. Man denke ſich einen hochaufgeſchoſſenen Menſchen, der noch gar nicht ausgewachſen ſchien und doch ein Geſicht, wie eines fruͤh verlebten Vierzi⸗ gers, hatte; einen Menſchen, der vor Ver⸗ weichlichung und Entkraͤſtung immer zuſammen⸗ ſinken wollte, und doch raſche, unbeſonnene Jugendlichkeit affektirte; der mir unaufhoͤrlich die abgeſchmackteſten Schmeicheleien uͤber Dinge, die er nicht kennen, ich nicht achten konnte, ins Geſicht ſagte, und doch dabei zerſtreuet ausſahe, als verachte er mich; der uͤber Tiſche, als mein Nachbar, das flache, ſeelenloſe Geſicht zuweilen in bedeutende Falten zwang und mir mit wichtigſter Miene vorſprach, von den Mo⸗ den der Damen in der Reſidenz, hernach be⸗ ſonders bei den Aktrizen und Operntaͤnzerinnen verweilte, und endlich, da er durch gar man⸗ ches gleichguͤltig hinuntergegoſſene Glas ſich ſelbſt aͤhnlicher geworden, mir ſogar mit ekel⸗ haftem Blinzeln der ausgeloͤſchten Augen aller⸗ hand zweideutige Anekdoten aus dem Privat⸗ leben jener Damen leiſe zufluͤſterte. Hier ertrug ichs nicht mehr. Ich ſtand 8 auf und wuͤrde mich losgeriſſen haben, wenn man mich auch mit Gewalt zuruͤckgehalten haͤtte. Das that man aber keineswegs; ſondern die Tante eilte, ſobald ſie mich aufſtehen ſah, zu mir, und ſagte leiſe, und auf eine unausſteh⸗ liche Weiſe laͤchelnd: Du willſt fort? Bien! iſt von effet!. Entſchuldige dich mit Kopf⸗ ſchmerz!— Ich vermochte nichts zu erwiedern, als: Thun Sie es in meinem Namen! Damit ging ich, und hoͤrte noch, wie die Tante ihre Entſchuldigungen begann. Hatte ich vorhin die Verzweifelnde geſpielt, ſo war ichs jetzt wirklich, als ich auf mein Zimmer kam. Ich warf mich aufs Sopha. Ich lag eine Weile, wie betaͤubt, und wurde mir keines Gedankens, keiner Empfindung klar bewußt. Eine widrige Erbitterung uͤberlief mich, wie Fieberfroſt, und ruͤttelte mich aus meinem Stumpfſinn, indem ſie mir vorhielt, hier ſei Widerſtreben und Nachgeben gleich un⸗ moͤglich. Dieſe Entſcheidung druͤckte erſt all meinen Muth ſo ganz darnieder, daß ich Gott herzinniglich bat, mich von der Welt zu nehmen, und wirklich mit Freuden jetzt geſtorben waͤre. S. f. F. XI. H. 4 50 4 Bald aber ſammleten ſich meine Kraͤfte wieder zu jenem Trotz, an welchen ich durch ſo lan⸗ gen Druck ſchon gewoͤhnt war. Ich ſprang auf: Was kann daraus werden? rief ich. Eher wollt' ich im Kerker verſchmachten, als dieſen ekeln Suͤnder umarmen! Offen und be⸗ ſtimmt widerſtreben— das ziehet mir die qual⸗ volleſte, langſamſte Folter zu von meinen Ty⸗ rannen! Liſt? dazu bin ich zu wenig geuͤbt und— ſie entwuͤrdigt mich, hier, wo es nicht eine Kleinigkeit, ſondern mein ganzes Leben gilt! Was bleibt mir uͤbrig?— Mit einem⸗ mal ſtand es hell vor mir: Entfliehen! Noch in dieſer Nacht, in dieſer Stunde entfliehen! Was daraus entſtehen mußte, daran dacht' ich nicht: nur daran, daß ich bald frei— frei ſeyn wuͤrde: und dieſer Gedanke reizte, erhob, kraͤftigte mich ſo, ich gefiel mir in meinem Heroismus ſo ungemein, daß ich ſogleich Hand an's Werk legte, und— meine Nachtſachen in ein Schnupftuch zu packen an⸗ fing. Daß ich jetzt nicht auf meinen Freund zaͤhlte—: ich uͤberlaſſe es den Leſerinnen, dar⸗ aus zu ſchließen, was ſie wollen.— 51 Eben knuͤpfte ich die Zipfel des Tuchs, das alle meine Reiſegeraͤthſchaft ſaßte, als Je⸗ mand leiſe die Thuͤr oͤffnete und ſchuͤchtern her⸗ einguckte. Zum Tode erſchrocken blickte ich zuruͤck: es war nur Dorchen. Nun, ſagte ſie: hab' ichs nicht geſagt, ich wuſche'rauf? Tauſig, wie hab' ich mir zu Sie gereinſcht, bis ich unten fort konnte! Nun? was haben's denn da vor? was thun's denn, Ihr' Gnaden, gnaͤdigs Froͤlen? Und wie ſehen's denn aus? Die ſchoͤnen Baͤckelchen, wie eingepudert, und die Aeugelchen flinkern wie Karfunkel? Je du mein Heiland— ſagen's mich von das nicht: da iſts nicht richtig! So wahr ich die ewge Freude ſehen will:'s iſt wiß und wahrhaftig nicht richtig! So ſagen's doch! ich bin ja die treue Dorthee, die ehrſt das liebe Leben dreitauſendmal verlaͤßt, als ihr herzigs, ſchneeweißes, goldigs Froͤlen! Was iſts denn? was thut's denn ſeyn? Gute Dorothee, ſagte ich mit einigem Pathos; ich danke dir fuͤr deine Liebe. Aber dein Gluͤck darf ich nicht an mein ungewiſſes Geſchick binden. Bleib' du hier.— Was! rief ſie. Bleib du hier? Und Sie — Sie nicht hier bleiben? wie? was? mein engliſche Gnaden nicht hier bleiben? Ach du mein Gott—! mir wird ganz ſchweimlich! es zieht mir die Kehle zu!'s iſt mein Letztes! Faſſe dich, und verſprich mir das Einzige, daß du gegen Jedermann uͤber das ſchweigen willſt, was du hier ſieheſt! Es war vergebens, ihr zuzureden. Sie kam immer wieder in ihr Jammern, und ver⸗ ſuchte zwiſchendurch alles, meinen Entſchluß wankend zu machen. Erſt ſagte ſie, der junge Herr ſei doch ſo uͤbel ganz und gar nicht: er ſei munter und zuthulich, und huͤbſch gewach⸗ ſen, und ſo ſchoͤn gekleidet, wie Salomon in aller ſeiner Herrlichkeit, und reich, wie der große Mogul, und habe die große Welt ge⸗ ſehn, wie ſie gleich beim erſten Anblick weg⸗ gehabt habe, und mit ſolchen Ehemaͤnnern koͤnne man ſich ja auf allerlei Weiſe einrich⸗ ten—; und als ich daruͤber boͤs wurde, fuhr ſie in demſelben Tone fort: freilich ſei der junge Herr ein Laffe, und unausſtehlich, und habe'was von einem Kreuzkanker, und ſie, — 53 ihres Theils, moͤchte lieber eine Stachelraupe am Halſe leiden, als ihn, wenn er ihr auch nur die Fingerſpitze beruͤhren wollte: aber dar⸗ um muͤſſe man ja noch nicht ſich in die Deſpe⸗ ration werfen—— Weil aber auch das kei⸗ nen Eingang fand, ſo verſuchte ſie es, mich durch die Gefahren einer Flucht abzuſchrecken: Was? rief ſie, jetzund, in nachtſchlafender Zeit? in ſtock⸗pech⸗rabenſchwarzer Finſterniß? wo der liebe Gott ſelber die Menſchen ins Bette verweiſ't, und nur die Schelme draußen ihr Weſen treiben, die ſich ſeiner Ordnung wider⸗ ſetzen? und wo die Irlichter'rausſpringen, wo⸗ hin man den Fuß ſetzt, und die Feuerwuͤrmer die Kreuz' und die Queer' den Leuten ums Geſicht fahren, als wollten ſie Einem die Au⸗ genbraunen verſengen?— Als auch das um⸗ ſonſt und ihre Lunge erſchoͤpft war, that ſie mir endlich den Willen und rief: Nu mei⸗ netwegen! Ich waſche meine Haͤnde! Und, weil Sie's wollen, Ihr' Gnaden, gnaͤdigs Froͤlen, ſo geh' ich, und lege nur erſt ſtehends Fußes den koͤrperlichen Eid ab, daß man mich eher in Kochſtuͤckchen zerſchneiden ſoll und mir den Hals umdrehen, wie einer Taube, als daß ich einer Chriſtenſeele ein Sterbenswort ſage, daß ich weiß, was ich weiß. Damit ging ſie, und hielt den Eid treulich, bis ſie— ſechs Schritte nach der Treppe ge⸗ than hatte. Es kam nehmlich eben Herr Willich herauf, der, ohne von irgend etwas zu wiſſen, das ſeit ſeinem Weggehen vorgefallen, nach ſei⸗ nem Zimmer wollte. Ach lieber, goldger Herr! rief ihm Dorothee leiſe, aber heftig zu. Sie ſind ein Engelsgeſicht, das der liebe Gott durch den blauen Himmel lugen laͤßt, eben, wenn's Gewitter koͤmmt! Laufen Sie, rennen Sie, thun Sie mehr, als moglich iſt: oder's iſt zu ſpaͤt. Erſtaunt fragte Theodor, wozu es zu ſpaͤt ſei? Ohne darauf zu hoͤren, ziſchte aber Do⸗ rothee weiter: Unten ſitzen ſie in Sauß und Brauß, und oben wohnt's gebrannte Herzeleid! Und ich darf nichts verrathen— will's auch nicht: uͤber meine Lippen ſoll kein Hauch fahren, ge⸗ ſchweige wie's hier ausſieht! Wenn Sie aber nicht Wunder thun, ſo will ich nichts geſagt 55 haben, als daß es die heilgen Engel wiſſen moͤgen, ob wir ſie morgen in England oder draußen im Wehre finden! Wen denn? um alles in der Welt, wen? rief Theodor. Wen? wen anders, als das liebe Zucker⸗ kind, Froͤlen Emmchen? Frau, iſt ſie rafend? fuhr Theodor auf und faßte ſie derb an. Beleidigt fiel Doro⸗ thee ein: 4 Nunu, geſtrenger Herr! belieben's nicht die Waͤnde'nauf zu rennen! Raſend bin ich nicht: ich weiß nur gar zu gut, was ich weiß, und koͤnnte ſehen, auch wenn ich die Augen zumachte! Und Frau bin ich auch nicht, daß Sie's nur wiſſen! Haͤtt's hundert⸗ mal werden koͤnnen! hab' aber nicht gewollt— nein, habe nicht gewollt! Lieber Gott, ich will Sie ja nicht beleidi⸗ gen: Sie haben mich nur ſo ſehr erſchreckt, liebe Dorothee!— Alſo geſchwind, was iſts? Auf einmal wieder gut, zog ihn Dorothee leiſe nach meiner Thuͤr und fluͤſterte: Hier⸗ hin gehen Sie, und ſehen und hoͤren Sie ſelbſt! und reden Sie ihr in's Gewiſſen, wie ſichs geziemt fuͤr einen Herrn, der ſie hat hel⸗ fen mit geiſtlichen Guͤtern ſchmuͤcken, und der einmal an heilger Staͤtte ſteht und die Kanzel betritt. Dabei oͤffnete ſie die Thuͤr leiſe, ſchob Herrn Willich hinein, machte wieder zu, und blieb auf der Gallerie, Wache haltend— wirk⸗ lich aus Kammerjungfern⸗Inſtinkt, denn irgend ein verborgenes Verhaͤltniß zwiſchen uns ahnete ſie keineswegs. Sobald ich meinen Freund erblickte, fuͤhlte ich mich unbeſchreiblich bewegt. 9 Gott ſei Dank, rief ich, daß ich von Ihnen noch Abſchied nehmen kann— Noch ganz blaß vor Schrecken, wiederholte er nur: Abſchied— Abſchied nehmen? Das wolle Gott nicht! Nicht anders! Hier iſt keine Rettung fuͤr mich. Man will mich aufopfern, man will mich hinwerfen— einem Geſchoͤpf hin⸗ werfen, das ich haſſe, das ich verabſcheue, vor dem mich ſchaudert— Alle Menſchen ver⸗ laſſen mich: ſo werf' ich mich denn in die Arme Gottes! Er fuͤhre mich, wie es ihm wohlgefaͤllt! Hier faßte Theodor meine beiden Haͤnde feſt und maͤnnlich: Fraͤulein, Sie ſind außer ſich— Dieſe Kaͤlte— dafuͤr nahm ichs, daß er nicht, gleich mir, aufſprudelte— dieſe Kaͤlte riß unbeſchreiblich ſchmerzhaft in mein Herz. Was ſoll ich hier, rief ich, und wollte einen Ton erzwingen, der ebenfalls Kaͤlte verrathen ſollte— hier, wo ich verachtet, ausgeſtoßen bin? wo Niemand ſich nur die Muͤhe geben mag, mich kennen zu lernen? Ich will mir Theilnahme, Achtung, Freundſchaft unter Frem⸗ den ſuchen!. Sehr erſchuͤttert ſiel Theodor ein, indem er, vielleicht bewußtlos, die Arme nach mir aus⸗ breitete: Fraͤulein—! Emmal liebſte, beſte Emma! Sie haͤtten keinen Freund? Nun freilich— das brach das wunde Herz⸗ chen! Ich— was kann's helfen? es muß heraus!— ich flog in ſeine Arme; ich preßte ihn an mich; ich verbarg mein gluͤhendes Ge⸗ ſicht an ſeiner Bruſt; ich fluͤſterte im ſuͤßeſten, 38— ſchmeichelndſten Sprachtoen: Ja, wenn Sie mich eines andern verſichern—! Ich war viel zu ſehr hingeriſſen, um die große, peinliche Verlegenheit meines Freundes zu bemerken. Indeß, er hielt mich ſanft, als ich an ſeiner Bruſt ruhete; er trocknete, als ich ſtill zu weinen anfing, meine Thraͤnen, und that es, ach, ſo mild! Er fuͤhrte mich nach einer feinen Weile zum Sopha, wo er ſich neben mich ſetzte und um genauern Bericht des Vorgefallenen bat. Ich war nun ruhig genug, dieſen zu ge⸗ ben; dann, ſeinen Zuredungen Eingang zu verſtatten; endlich auch auf ſeine Erweiſe, daß gerade meine Maasregeln die ungluͤcklichſten waͤren, zu hoͤren. Ich hatte ja nun Jemand, auf welchen ich meine Sorge werfen konnte: warum haͤtte ichs nicht thun und am Ende ſogar beinahe ruhig werden ſollen, ohne daß ich noch einen einzigen Schritt wußte, wie dem Hauptuͤbel fuͤr den Augenblick auszuweichen ſei? Eben ſchien es, als ob mein Freund auf ſolche geheime Traktaten kommen wollte, als Dorchen ganz leiſe hereintrat und ziſchelte: 59 O ſachtchen! bei Leibesleben reden Sie ſachtchen! Was ich ausgeſtanden habe fuͤr Todesangſt: nee, das geht uͤber menſchliche Kraͤfte und keine Zunge kann's malen! Wir fragten ſchnell, was vorgefallen ſei; ſie antwortete: 1 Je du mein Himmel: wiſſen's denn, wer dageweſt iſt, draußen bei mich? Die gnaͤdge Tante, wie ſie Gott erſchaffen hat, leibhaftig! Ich ſprang erſchrocken auf; ſie ſuchte mich zu beruhigen: Getrauen Sie mich doch zu, daß ich in der großen Welt dabei geweſen bin, wenn ich auch jetzunder nur eine Jungfer hier im Hauſe heiße! Nun alſo— die gnaͤdge Tante kommt'ran mit dem Licht in der Hand: Was machſt du hier? ſchnautzt's mich an. Ich dachte: brauſ' du nur, und's war als wenn mir's vom blauen Himmel zugerufen wurde, daß ich ſagte: ich haͤtt' nur hier war⸗ ten wollen, bis ſie geklingelt haͤtte, zum aus⸗ kleiden, weil ſie den großen Schlumper noch antruͤge. Nun fragte ſie, ob Sie ſchon ſchlie⸗ fen, Ihr' Gnaden, gnaͤdigs Froͤlen! Und ebenſt, wie ich Ja ſagen wollte, ſpitzt' ſie die 60 Ohren und ſagte: Was iſt das? Das ſpricht noch! Und's iſt eine Mannsperſchon derbei! Nee, ſo war mir's doch nicht anderſt, als wenn mich eine eiskalte Hand hinten den blan⸗ ken Nuͤcken'nunter fuͤhre! Aberſt, wie nun unſer Herrgott allemal hilft, wenn die Noth am groͤßten iſt, ſo ſatzte ſie gleich ſelbſt dar⸗ zu: Es iſt einer von den Fremden! geſteh's nur! Und da ſagt' ich: Ja! Und da ſagte ſie: Der alte Herr oder der junge? Und da ſagt' ich: Der Alte. Und da—— Aber, mein Gott, warum hat Sie denn nicht die Wahrheit geſagt? fiel Theodor ein. Dorothee ſtand da, wie ploͤtzlich aus den Wol⸗ ken gefallen. Theils war es Entruͤſtung, daß ſie uͤber das getadelt wurde, was ſie doch ſo fein eingefaͤdelt zu haben glaubte; theils lag, was Willich ſagte, ſo ganz natuͤrlich und nahe da, daß ſie davor erſchrak und ganz ver⸗ bluͤffte, wie es oft Leuten gehet, die krumme Wege gewohnt ſind. Kurz, ſie ſahe Herrn Willich eine Minute ſtarr ins Geſicht und hielt den Mund offen, als ob ſie ſprechen wollte und nur der Ton verſagte. Endlich 61 behielt die Entruͤſtung, wie bei ſolchen Wei⸗ bern immer, die Oberhand, und nun fand ſich auch ſogleich die Sprache, und deſto ge⸗ laͤufiger, wieder. Je, daß du mir nicht aus dem Koͤberchen huͤpfſt! rief ſie. Mein lieber Herr Willich: ein großer Gelehrter moͤgen Sie ſeyn und keine andern als'rabiſche Buͤcher leſen— da hab' ich nichts wider! Aberſt, wie's bei ſo'was hergehen muß, und wie ſo'was anſtellig zu machen iſt: da laſſen's lieber eine Jungfer von reden, die dabei geweſen iſt— So'was! ſo'was! Was denn? fiel mein Freund ſehr ernſthaft ein. Das war nun wieder ſo ganz natuͤrlich gefragt, daß ſie, wie vorhin, ſtecken blieb, und dann vor Grimm ſich kaum zu laſſen wußte. Sie rief: Und kurz und gut: ich hab' geſagt,'s iſt der alte Herr, und ſie hat's geglaubt, und hat freundlich ausgeſehn, und iſt ihrer Wege gegangen, und hat ſich niedergelegt! Und nun iſt das mein Dank—! ſetzte ſie hinzu, indem ihre heißen Thränen hervorbrachen. 1 62— Sie dauerte mich und ich gab mir alle Muͤhe, ſie zu beſaͤnftigen. Herr Willich trat indeſſen an das Fenſter und ſchien unruhig zu ſeyn. Endlich wendete er ſich mit der Frage an Dorotheen: Welcher der Herren wohnt dort druͤben in der gruͤnen Stube, wo noch Licht iſt? Der alte! antwortete ſie. Mit Faſſung und edlem Anſtand fuhr nun mein Freund zu mir fort: Der gerade Weg iſt immer der beſte. Allem thorigten Geſchwaͤtz vorzubeugen, erlauben Sie mir, mein Fraͤulein, daß ich zu dem alten Herrn gehe, und ihm ehrlich das ſage, was ihn bei dieſer Sache angeht. Er ſagte das ſo feſt und bedeutend, daß weder ich noch Dorothee zu widerſprechen wag⸗ ten, obgleich wir vielleicht beide gleich uͤber⸗ raſcht davon waren. Ja, gehen Sie nur hin, ſchluchzte jene; er wird Sie ſchoͤne bekomplimentiren! Er iſt ein Mann, wie der große Chriſtophel von Goslar, und ein entſetzlicher Jaͤger, der ſein Lebelang mit nichts zu thun hat, als mit Loͤwen und Pantherthieren! Gehn Sie nur hin! Wie heißt der Mann? fragte mich Willich. Forſtmeiſter von X½..., antwortete ich furchtſam. Wie? Forſtmeiſter von...7 fuhr Theo⸗ dor auf. Der Kammerjunker? dem die Herr⸗ ſchaft U. bei... gehoͤrt? Derſelbe! kennen Sie ihn? Sie ſcheinen vergnuͤgt— fragte ich ſehr befremdet. O ich bin es auch! rief er. Jetzt, mein Fraͤulein, ſeyn Sie ganz ruhig! Er wollte eilig fort, ich hielt ihn auf: Was iſts denn? Sie irren ſich gewiß! Er iſt die roheſte, gemeinſte Seele— Meine gute Emma, ſagte er in edlem Ton: wir verſuͤndigen uns ſo oft mit dieſen herab⸗ ſetzenden Worten an achtbaren Menſchen! Vom Rohen iſt wahrlich weit mehr Gutes zu er⸗ warten, als vom Verbildeten! Und gemein— 2 Wahre Gemeinheit iſt nicht in angenommenen aͤußern Sitten und Gewohnheiten: in der Denkungs⸗ und Sinnesart iſt ſie; und da ſteh' ich fuͤr unſern ehrlichen Nimrod!— OOC— 64— Sechstes Kapitel. Noch mehr Nachtviſiten. Mit der zuletzt angefuͤhrten, mich nicht wenig beſchaͤmenden Rede machte ſich Herr Willich los, nahm ein Licht, und flog davon. Wir beiden Verlaßnen ſahen— ohngefaͤhr die Eine ſo klug aus, als die Andere; und da wir nichts weiter zu thun wußten, folgten wir mit unſern Blicken dem Lichte, wie es eins der Gallerie⸗Fenſter nach dem andern, bis zur gruͤnen Stube, erhellete. Hernach ſahen wir einander ſchweigend an. Das Ein⸗ zige, was eine geraume Zeit gehoͤrt wurde, war Dorotheens Ausſpruch: Na, ich will Kloͤßchen heißen, wenn das gut ablaͤuft! Endlich bemerkten wir, wie die Thuͤr jenes Zimmers aufging und beide Herren mit Lich⸗ tern die Gallerie her kamen. Dorothea ver⸗ kroch ſich in den hinterſten Winkel der Stube und waͤre gern ganz entwiſcht, wenn ich ihr nicht zu bleiben befohlen haͤtte; ich aber war⸗ — 65 tete, in reſignirender Ergebung, der Dinge, die da kommen ſollten. Mein Freund oͤffnete die Thuͤre weit, der Forſtmeiſter trat geſtreckt herein, jener folgte. Ich ging dem Rieſen de⸗ und wehmuͤthig ent⸗ gegen; aber eh' ich ein Wort vorbringen konnte, redete er mich an: 3 Na, nur ſtill! nur gut, kleines Weſen! da, ſetzen Sie ſich und——(Hier entdeckte er Dorotheen.) Was, zum Wetter! liegt denn da fuͤr ein Dachs im Loch? O, treiben Sie mir die Perſonage'naus, liebes Kind: ich will mit Ihnen ein zutraulichs Wort ſprechen! Ich ſetzte mich, Dorothee ging mit einem giftigen Blick ſchnell hinaus; er rief ihr ſcherz⸗ haft ein weidmaͤnniſches: Huſſa! nach, und fuhr fort: Da iſt der Herr Willich, mein guter Freund — ei, weiß Gott, mein guter Freund! Der hat mir allerhand geſagt, was ich gern glau⸗ be— O, ihm glaub' ich alles!— Nun aber— ich muß Sie doch auch erſt druͤber ver⸗ nehmen! Selber iſt der Mann! Sie moͤgen den Lorenz nicht leiden. Nun ſehn Sie, wie J. f. F. XI. H. 5 66— ich Sie jetzt kenne, nehm' ichs Ihnen eben nicht uͤbel, ob ich gleich ſein Vater bin. J— h, was denn? was denn? Sie fahren auf, wie ein geſcheuchtes Rebhuhn? Bleiben Sie doch ſitzen, und ſagen Sie nur gerade aus: Iſts ſo, wie der Herr da ſagt?— So! Gut! Abgebrannt von der Pfanne! Gut! Punktum! Der Stoͤber hat die Naſe verloren! Linksum! Andre Faͤhrt! 3 So ſagte er immer vor ſich hin und ging die Stube auf und ab. Ich war in großer Angſt. Willich ſagte kein Wort. Endlich wen⸗ dete ſich der Forſtmeiſter wieder an mich und zwar mit einem ſo freundlichen Geſicht, als er's eben zu Stande bringen konnte. Warten Sie, ich werd' Ihnen den ganzen Zuſammenhang er⸗ zaͤhlen, ſagte er, und ſetzte ſich zu mir, daß das ganze Geruͤſt des Sopha knackerte. Ich ſchoͤpfte guten Muth und ruͤckte ihm ſo nahe, als moͤglich war. Er begann: Sehn Sie: an jedem Hunde haͤngt ein Kloͤppel! Ich war mit einer Frau geſegnet, die mir viel Vermoͤgen zubrachte, aber auch der Teufel ſelber war— Gott hab' ſie ſelig! Das erſte, was wir be⸗ 67 merkten, als wir Mann und Frau wurden, war, daß wir mit einander nimmermehr leben knnten. Indeſſen wollten wir's, des Skan⸗ dals wegen, probiren. Sie kam redlich zwei⸗ mal in die Wochen. Ich dachte, die Jungen ſollten ſie anders machen: es war aber nicht ſo. Ich that, was ich konnte: die ganze Mane ge war umſonſt, das Weib blieb ein ſtaͤtiſcher Ren⸗ ner. So gingen wir denn— Eins wiſte, Eins hotte: ſie zog in die Reſidenz mit dem aͤltſten Buben— das iſt eben der Lorenz— ich blieb mit dem juͤngern auf der Hufe, und keins durfte dem andern in ſein Thun und Treiben einreden. Was ſie nun aus dem Bur⸗ ſchen gehaͤtſchelt und getaͤtſchelt hat, zeigt Fi- gura. Vor dem Jahr ſtarb ſie, und nun kriegt' ich den duͤnnlaͤuftigen Maͤrzhaaſen ins Revier. Er dauerte mich; ich verſuchte alles Gute, was mir mein Herz und Maͤnner rie⸗ then, die mehr hinter den Loͤffeln haben, als ich: es wurd' eben nichts draus. Endlich ſagte mir mein Arzt— ein herrlicher Mann, der Doktor! das Einzige, was dem Schmalthier allenfalls noch an Geiſt und Koͤrper ein bischen 58 aufhelfen koͤnne, waͤr' eine huͤbſche, geſunde und geſcheidte Frau. Es ging mir ſchwer ein. Lieber Gott, dacht' ich, ſollſt du ſo ein liebes Weſen mit dem Windſpiel zuſammenkoppeln? Gleichwol ließ ſich das Vaterherz beruͤcken. Ich dachte: du willſt eine ſuchen, die, bei jenen Eigenſchaften, ganz ſtill und beſchraͤnkt erzogen iſt; die die Welt nicht kennt und nie kennen lernt— die alſo keine hoͤhern Wuͤnſche hat; die arm iſt und bisher im Hauſe geplagt worden; die mithin denn doch in dem, was ſie außer dem Ehemann bekoͤmmt, einigen Erſatz findet—— Nun, als ſo ein Weſen wurden Sie mir genannt: und da ſchrieb ich denn dem Onkel meine Abſichten und meldete unſern Beſuch. Wir wollten nichts, als auf den Anſtand gehen; und ich behielt mir's durchaus vor, daß Sie ganz freiwillig ein⸗ oder abzoͤgen, und von keinem Menſchen uͤber⸗ redet wuͤrden. Das iſt denn, hoͤr' ich, nicht befolgt worden, und Sie haben dennoch ganz beſtimmt dagegen entſchieden: alſo— gut! Streuſand druͤber! Ab, hinterm Dorfe'rum! Hier konnt' ich mich nicht mehr halten. Ich faßte ſeine Hand in meine beiden, druͤckte ſie an mein Herz—: er ſah' mich freundlich laͤchelnd an und ſagte immer vor ſich hin: Nun ja! Gut! Punktum! Angehaucht! Ver⸗ ſchweift! Ich bemerkte, daß er mich kuͤſſen wollte, aber ohne betraͤchtliche Zuruͤſtungen ſich nicht zum Zweck lenken konnte: ich hob mich alſo an ſeinen Schultern auf und vorn herum, und kuͤßte ihn einigemal recht herzlich. Er laͤchelte noch freundlicher, ſchien ſogar geruͤhrt, und wiederholte leiſer ſein: Nun ja! Gut! Abgefahren! Ausgeſprengt! Naſ' verloren! Endlich beſann er ſich und wollte mit den Worten aufſtehn: So verſtehn wir alſo ein⸗ ander und nun iſt keine Rede mehr davon! Da erinnerte der kluge Willich, woran weder der Forſtmeiſter in ſeiner Geradheit, noch ich in meiner Freude, gedacht hatte—: er erin⸗ nerte, wie nun aber Onkel und Tante dieſe Entſcheidung aufnehmen, wie ſie mich dafuͤr behandeln wuͤrden?„ Ja ſo! antwornmte der Forſtmeiſter und kruͤmmte den Zeigefinger uͤber der Naſe. Ver⸗ ſtehe! Ich ſoll die Hinde nicht nur aus dem 70 Garn laſſen: ich ſoll's ihr auch aufmachen! Verſtehe! Hm, bff! bff! bließ er vor ſich hin, trommelte auf dem Seitenkiſſen des So⸗ pha's, und ſann. Endlich fuhr er auf: Zum Velten! was iſt da viel Kopfbrechens? Ich nehm' alles auf meine Schultern! Nunu, machen Sie nur kein Aufheben davon: Sie ſehen, ſie ſind breit genug und koͤnnen ſchon was tragen. Und dort dem Herrn muͤſſen wir fuͤr ſeinen guten Willen auch den Ruͤcken decken! Wie, wenn wir's ſo machten? Ich gehe morgen fruͤh zu Onkel und Tante, lobe Sie, ſage, Sie haben mir ſo ſehr gefallen, daß ichs nicht laſſen gekonnt, noch dieſen Abend mit Ihnen beſtimmt'raus uͤber die Sache zu ſprechen. Herr Willich, den ich gekannt und der mich beſucht, hab' es auch gebilligt, um die Sache zu foͤrdern, und ſei von mir mit heruͤbergenommen worden, das Haͤschen zu ſetzen. Sie haben ſich bei meinen Antraͤgen gar nicht abgeneigt finden laſſen—— Ei, zum Stern! ſo warten Sie doch nur: ich hab' ja noch nicht abgebrannt! Alſo— nicht abgeneigt finden laſſen! Nun, fahr' ich fort, haben wir 21 Alten gethan, was unſre Pflicht war: weiter darf nun nichts von uns geſchehen, ſondern wir muͤſſen's den jungen Leuten ſelbſt uͤberlaſſen, ob ſie ferner zielen wollen oder nicht. Damit fahr ich mit dem Lorenz ab, und wir laſſen von uns weder ſehen, noch hoͤren. Bekomm' ich Briefe — ſchreiben Sie in Gottes Namen, Kind, wenn man's haben will— ich beantworte keinen. So ſchlaͤft die Sache ein— Sie koͤnnen nicht dafuͤr; man ſchimpft ein bischen auf mich: damit iſts aus; und koͤmmt Ihnen'was beſſeres vor, ſo greifen Sie zu, von uns ganz ungenirt; und find' ich, was uns zuſagt, ſo thun wir's auch, und melden's ganz kurz hieher. Ach lieber Gott, ich werd's nur allzubald finden: denn leider ſind ja heut zu Tage viele Maͤdchen ganz des Satans auf ſolche ſtumpfe Heirathen! Aber Ihr Herr Sohn— 4 fiel Willich ein. Wird der ſich das ruhig gefallen laſſen? Soll ich denn alles'rausſagen? fuhr der wackere Forſtmeiſter fort. Nur allzugern laͤßt ſichs der gefallen! Der Schlucker hat die Cou⸗ rage nicht, eine Frau zu nehmen, die Leben, die Verſtand und Charakter hat, und die er 72² hochachten muͤßte. Lorenzen helf' ich aus den Noͤthen, wenn ich's ſo mache. Ihr Geſichtchen, und was ſonſt noch dazu gehoͤrt, das hat ihm wol gefallen— hm, freilich: was ſollt's nicht! — aber, ob Sie gleich noch ſaͤuberlich genug mit ihm gefahren ſind, ſo hat er mir doch ſchon vorhin ſo viel vorgenoͤrgelt und vorgequaͤkelt, daß ich ihm haͤtte einen Bart vorbinden moͤgen, als hab' er das Reh im Lager gefehlt. Darum ſeyn Sie alſo ganz außer Sorgen.— Hier ſtand der Mann auf. Ich wollte vor Entzuͤcken an ihn hinanklimmen: da nahm er mich, leicht wie eine Feder, an ſich herauf, hielt mich empor, druͤckte mir einen Kuß auf die Wange, daß ſie wie wund brannte, ſetzte mich dann ſaͤuberlich wieder hin, und ging. Willich begleitete ihn— was mir gar nicht recht war. Siebentes Kapitel. Was folgte. Kurz, wie ein Regiſter. Der mannfeſte Forſtmeiſter hielt treulich Wort. Ich war ſehr froh. Onkel und Tante ſchrieben das meinen ſchoͤnen Hoffnungen zu: ich ließ ſie dabei, und ſie behandelten mich gut. Eins war mir ſehr unangenehm: Herr Willich wollte eine Reiſe machen, und eine Reiſe auf zwei volle Monate. Meine Pfleg⸗ aͤltern hatten nichts dawider, und mich fragte er nicht. Ich wurde boͤs, kalt, einſylbig: er that, als bemerke er's nicht, und ſo mußte ich wol wieder gut werden, wenn ich ihn nicht im Zorne ziehen laſſen wollte. Er ließ mir eine ziemliche Anzahl Buͤcher da, die vornehmlich zur Bildung des Geſchmacks abzweckte, und auf Erweckung des Sinnes fuͤr edlere Familien⸗ verhaͤltniſſe, fuͤr ein ſchoͤneres haͤusliches Leben, als ich bisher aus Erfahrung kennen konnte. Er bat mich, was ich in irgend einem Betracht auszeichnenswerth faͤnde, mir mit einigen Zei⸗ len zu bemerken, woruͤber wir dann, bei ſeiner Zuruͤckkunft, recht viel ſprechen wollten. Ich, in meiner Schreibluſtigkeit, ging um ſo lieber an dies Werk, weil ichs als fuͤr ihn gethan betrachtete, und gerade in der Wahl dieſer Ge⸗ genſtaͤnde beſondere Abſichten gar nicht verken⸗ nen konnte. Ueber dem Leſen und Schreiben fand ſich aber auch das groͤßte Intereſſe an den Sachen ſelbſt. So bekam ich, faſt unverſe⸗ hens, ein dickes Buch voll Auszuͤge, Urtheile, Fragen, Zweifel, einzelne vorzuͤglich ſchoͤne und woͤrtlich abgeſchriebene Stellen, aus meinen Autoren. Herr Willich kam zuruͤck, und nun hielt er Betrachtungen(wenn ichs ſo nennen ſoll) uͤber meine eigenen Hefte. Das iſt es, wofuͤr ich ihm mehr, als fuͤr alles, ewig dankbar bleiben werde! was ich allen— allen meinen Schweſtern aus den feinern Staͤnden, in den fruͤhern Jahren der Jungfrau, mehr, als alles andere wuͤnſchen moͤchte! Nur mit Muͤhe enthalte ich mich hier weiter aus ein⸗ ander zu ſetzen, wie ſehr ſie eines ſolchen Cur⸗ ſus beduͤrfen, und wie wohlthaͤtig er ihnen fuͤr das ganze Leben werden muͤßte. Durch dieſen, immer nur geſpraͤchsweiſe, wie eine freundſchaftliche Unterhaltung, gefuͤhr⸗ ten Unterricht wurde mein Herz mehr, als durch irgend etwas, von Hochachtung und Dankbarkeit fuͤr meinen Freund erfuͤllt, und ſelbſt die Wuͤrde und Ueberlegenheit, die er dabei zeigte und die mir ſonſt zuweilen druͤk⸗ 75 kend geworden war, verlor dies Druͤckende und kettete mich nur naͤher an ihn. Nur zweierlei hatt' ich gegen ihn einzuwenden: daß er noch immer keine offene, gerade Erklaͤrung wagte, und— daß er zuweilen fuͤr den Con⸗ ſiſtorialrath predigte. Seine Predigten waren trefflich, ich wuͤrde ſie mit wahrer Erbauung geleſen haben: aber ich wollte ihn nicht da oben im geiſtlichen Ornat ſehen, ſo gut er ihm ſtand. In rother Uniform, an der Spitze einer Compagnie—: ja, das waͤre'was an⸗ ders geweſen! Auch rechnete ich ſicher dar⸗ auf— wenn nur erſt die Hauptſache in Ord⸗ nung waͤre, ihn zur Veraͤnderung ſeines Lebens⸗ plans zu vermoͤgen. Onkel und Tante lauerten auf Briefe: es kamen keine. Man ſchrieb: man erhielt keine Antwort. Man ſprach mit mir und ſchien allerlei Bedenklichkeiten zu faſſen, die fuͤr mich ſchlimm ablaufen konnten: man ſahe aber, daß ich ſelbſt ſo beſchaͤmt, ſo verlegen, ſo gekraͤnkt daruͤber war—— Wer waͤre in meiner Lage frei vom Heucheln geblieben?— Das iſt alles, was ich aus dieſem Halb⸗ jahr meines Lebens zu erzaͤhlen weiß— man muͤßte denn das Folgende auch noch fuͤr etwas gelten laſſen!— Herr Willich bekam einmal uͤber Tiſche einen Brief von der Poſt, erbrach ihn, und war faſt außer ſich vor Freude. Ich haͤtte gar zu gern gewußt, was darin ſtand— die Tante auch, und dieſe fragte. Ich werde Beſuch bekommen! rief Herr Willich, und erroͤthete vor Freuden— was ihn ungemein verſchoͤnte. Mein liebſter Freund, einer der trefflichſten Menſchen auf Erden— er wird kommen! und ich hab' ihn ſeit drei Jahren nicht geſehn! Von dieſer Stunde an kam er, ehe man ſichs verſahe, immer wieder auf dieſes Muſter aller jungen Herrn zuruͤck— mochte er ſprechen, mit wem er wollte. Anfaͤnglich geſiel mir dieſe warme, faſt leidenſchaftliche Freundſchaft; all⸗ gemach wurde ſie mir ein wenig laͤſtig. Endlich kam dies Muſter—! Nun, in der That, der Doktor— Reich, denk' ich, nannte er ſich— war ein ſehr huͤbſches, raſches, geiſtreiches, jun⸗ ges Maͤnnchen. Seine Heftigkeit, die ihn manchmal zu einem derben Perſtoß verleitete, —. 77 konnte man ihm nicht uͤbel nehmen, wenn man in ſein ſchwarzes, leuchtendes, und doch ſanftes Auge ſahe; ſie ſchien vielmehr zu dem dunkeln, kurzlockigen Haar und der ganzen vollen, bluͤ⸗ henden, gedraͤngten Figur zu gehoͤren. Gegen Frauenzimmer hatte der junge Herr eine wun⸗ derliche Scheu, obgleich er ganz der Mann ſchien, ſelbſt mit Baͤren anzubinden; wenigſtens ging er mir— vielleicht ſogar gefliſſentlich, aus dem Wege. Ich konnte das um ſo leichter ge⸗ ſchehen laſſen, da er mir zwar gar nicht miß⸗ fiel, aber doch eben in ſeiner Heftigkeit und Ungelecktheit(ich weiß es nicht anders zu nen⸗ nen) etwas hatte, das mich furchtſam machte. Ich kann nur eine einzige kleine Scene, die mit ihm vorfiel, berichten. Willich, der ganz vernarrt in ſeinen Freund war, wollte uns beide im Kahne uͤber den ſchon beſchriebenen Teich am Garten ſetzen. Dem Doktor ging's nicht ſchnell genug. Er ließ ſich die Ruderſtange geben, ſtach ſo un⸗ maͤßig drauf zu, daß der Kahn flog, aber auch hernach mit ſolcher Gewalt an's Ufer prallte, daß ich, die freilich etwas zu zeitig 28 aufgeſtanden war, vorwaͤrts hinaus an's Ufer in's Gruͤne— ziemlich weich, aber in die Brennneſſeln fiel. Der Doktor ſchlug ſich mit der Fauſt vor das— Muſtkorgan, ſprang, indem er ſich unbarmherzig ausſchalt, augen⸗ blicklich herzu, hob mich auf, trug mich, die verworrenſten und verkehrteſten Entſchuldigun⸗ gen ſtotternd, unter den Baum, und ehe ich mich nur beſinnen konnte, hatte er mir die Arme und Haͤnde, die doch von den Neſſeln nur wenig verbrannt waren, ganz mit feuchter Erde bedeckt, ohne daran zu denken, daß er mir mein weißes Kleid ganz uͤbel zurichtete. Willich kam nun dazu und rief komiſch: Das Kleid! das Kleid! und nun ſprang der arme Doktor wieder auf, blutroth, und ſtampfte mit den Fuͤßen vor Aerger, indem er rief: Soll ich denn nichts als dumme Streiche machen? Ich mußte lachen und ſuchte ihn zu beruhi⸗ gen; er blieb aber bitter und boͤs gegen ſich, und ſetzte ſich, als wir zuruͤckfuhren, ganz gedemuͤthigt und ſtill in das Hintertheil des Kahns, ſo, daß ich ihm den NRuͤcken zukehren mußte. Mein Freund hatte erſt vom monatlichen Aufenthalte des Doktors bei uns geſprochen; es mußte dieſem aber nicht recht gefallen haben: ſchon nach vierzehn Tagen war er weg, und zwar, wie weggeblaſen, ohne Abſchied zu neh⸗ men— als wozu er meinen Theodor beauf⸗ tragt hatte, der die Sache auch bei mir und den Pflegaͤltern recht gut abmachte. Ende des zweiten Buchs. Gemaäaͤlde aus dem Leben des Menſchen, in Briefen an einen Freund. Beſchluß. Siebenter Brief. Verſuche. Wo blieb denn unſer Held?— Verſchwunden Iſt er dem Blick. Geſchwind, mein Freund, daß wir Den Unmuthsvollen noch im Flug' erhaſchen!— Er ſucht das Gluck in fremden Laͤndern auf. Dort landet er am Ufer Albions. Hier wohnt ein edles Volk; doch ſtolz und kalt, Verſchmaͤht es alles, was das Ausland beut, Und huldigt ewig ſich nur in ſich ſelbſt. Der warme Deutſche eilt, mit waͤrmerm Blut, Den mildern Himmelsſtrichen eilt er zu. 7 Er iſt ſchon an der Seine munterm Strand. Doch hier vertraͤgt er nicht die leichten Sitten, Den Flatterſinn— das leere Wortgepraͤng; Sein Herz iſt warm— jedoch ſein Kopf iſt kalt, Sein Wiſſen ernſt, und ſeine Tugend rauh, Und alte Deutſchheit klebt ihm immer an. Auch rauchen ihm die tauſend Schaͤdelſtaͤtten, — Ein grauſer Anblick— ach! er ſcheucht ihn fort. Sie mahnen ihn an Mordluſt, Blut und Raub; An das zerſtoͤrte Gluͤck der Nationen, Der Tugend, Ordnung, Freiheit, Sittlichkeit, Der Kuͤnſte, wie des Ruhms der Wiſſenſchaften— An das verlorne haͤuslich ſtille Gluͤck, Auf lang', wo nicht auf ewig, hingeſchwunden! Erinnerung wird jeden Frieden ſtoͤren; Der Glaube an die grauſe Moͤglichkeit, Daß Menſchen, wild, der Taumel neu ergreife Von Freiheitswuth, von mißverſtand'ner Gleichheit, Laßt zitternd ſie das naͤchſte Gluͤck genießen Und ferne Uebel, ahnend, vorempfinden.— So wie das Große nur im Stillen wird, Verſchleiert bluͤht und ſpaͤt erſt Fruͤchte bringet, Sprang hier das Nied're— langſam auch gewor⸗ den— 82— In nackter Wildheit jaͤhlings aus dem Abgrund, Und ließ das Ungeheure uns erblicken! Hinweg von dieſem Höollenpfuhl der Greuel, Aus dem in Schaaren wilde Geiſter ſtiegen!— O, deckten die Gorgone dichte Schleier! O zeichnete der Wahrheit reiner Griffel Die Heldengroͤßen, dieſer Nacht entſtiegen, Den Menſchen mit der Menſchheit zu verſöhnen!— Mein Wand'rer eilt zur Schweiz— zu ſtillern Thaͤlern— Sucht da den edlen Ruhm der echten Freiheit — Die Wilhelm Tell, ihr Stifter, kuͤhn errang— Auf ſchoͤnerm Boden auf— doch, ach! ſie ſank!— Gefeſſelt liegt ſie itzt— ſie iſt entnervt— Der große Umſturz hat auch ſie ergriffen. Noch freilich naͤhrt ſie Hoffnung in der Bruſt; Doch ſchwerlich wird die Schaale wieder ſteigen. Hier ſieht er die Natur in wilder Schoͤnheit. Ein Weltgebirg' in aufgethuͤrmten Maſſen, Mit tauſend Stroͤmen, Teichen, Seeen, Thaͤlern, In langen Kettenreihen vor ſich liegen. Auch er beſteigt des Gotthards eis'ge Hoͤhen; Der rauhen Furka ungebahnte Wege; Des ſchönen Grimſels reizumwebten Gipfel; Blickt in die ſonnenhellen ew'gen Quellen Der Stroͤme, die ſich fremde Thaͤler ſuchen, Des wilden Rhodans, und der ſanftern Aar, Des ſchoͤnen Rheins, der wildumwachſ'nen Reuß, Mit ihren tauſendarm'gen Katarakten; Beſchaut der hohen Gletſcher Silberruͤcken, Mit Staunen, und mit ſchaudernder Bewundrung! An ferner Berge ungemeß'nen Spitzen Ergoͤtzt das Stralenſpiel, in Flammenfarben, Der faſt geſunk'nen Sonn' ſein trunknes Auge. Hier hebt ſich ſein Gemuͤth! hier will er weilen! Hier will er im Betrachten ſich verlieren!— Das Große zieht erhab'nes Denken an!— Ein warmer Wind weht von Italiens Huͤgeln Zu ihm, verlockt ihn ſchnell zu ſanftern Fluren, Die, wie ein Eden, bluͤhend vor ihm liegen. Ihm winkt die Tiber! An der Gelben Ufer Bluͤht, in verſchwenderiſcher reicher Pracht, Den Geiſt und alle Sinne zu berauſchen, Natur, in ewig jungem Fruͤhlingsalter. Er eilt im Flug, an ihrem Mutterherzen Aetheriſch zu genießen— weilt dort laͤnger.— Doch nicht allein ihr uͤberird'ſcher Zauber, 84 Auch nicht der Menſch, der, in der Sonne Stral, Am mindeſten hier zur Vollendung reifte, Iſt, was ihn haͤlt; die holden Kuͤnſte ziehen, Ehrwuͤrdig, edel, ſchoͤn, vom Alterthum Der Weisheit aufbewahrt, ſein Auge an. Hier bluͤht dem Kuͤnſtler heut noch reiche Erndte Von allem Schoͤnen fuͤr den feinern Sinn, Obwohl der kuͤhne Franke viel geraubt. Bewundernd ſieht er, in den ew'gen Formen, Die Harmonie des Schoͤnen feſtgehalten; Die Grazie in ſanftern Reiz entbluͤht; Die Schoͤnheit in vollendeten Contouren, Und Keuſchheit in umhuͤllenden Gewaͤndern; Die Freude in der ſchoͤnſten Goͤtter Laͤcheln, Des Sohns Alkmenens— und Cytherens Knaben; Begeiſterung in der Verklaͤrung Zuͤgen Der Muſe, und des Gott's von Belvedere; Unſterblichkeit der Liebe in der Gruppe, Der reizenden, des Amors und der Pſyche!— Im Herkules fuͤhlt er die Kraft gebildet, Der, aus dem Schattenreich, ein Sieger, ſtieg! Den Schmerz in jeder Muskel des Laoko'ns, Der Knaben, die der Schlange ſich entwinden, 85 Und, Huͤlfe ſuchend, ſich zum Vater wenden; Den Heldenmuth in Hektors ſtarkem Arm; Die Treue in Patroklus edlen Zuͤgen, Im zuͤrnenden Achill genaͤhrten Gram. Die Klugheit lieſt er auf Ulyſſens Stirne; Auf Neſtors Scheitel die Erfahrungs⸗Weisheit.— Er waͤhnt ſich unter Hellas reinem Himmel, Beſchaut Ruinen alter Goͤtter-Tempel—. Sieht ſich nach Sokrates, Homer und Plato, Nach Phidias und nach Apelles um— Sie ſchwanden läͤngſt von dieſem fluͤcht’gen Schau⸗ platz, Doch weilt ihr Geiſt noch mitten unter uns. Die ſanfte Ruhe jener heitern Griechen, Die Harmonie der Schöͤnheit, des Gefuͤhls, Die ſie zu kuͤhner Goͤtterthat beſeelte, Spricht heute noch das unbefangne Auge, Den Geiſtesblick, aus ihren Werken an. Der Bildner, der die ſchoͤnen Formen ſchuf, Die uns das Weſen aͤchter Kunſt entfalten, Entſchlief; die Seele ſeines Wiſſens blieb. Unſterblichkeit gebuͤhrt den Meiſterwerken.— Noch andre Reize ziehn mit ſanftem Zauber Das aͤußre Auge unſers Pilgers an, Beſchaͤftigen ſein innres tiefes Denken, Und reden, ſeelenvoller, zu dem Herzen. Bei Raphaels verklaͤrter Goͤttlichkeit Sieht er des ſanften Guido's geiſt'gen Pinſel; Die kuͤhne Kraft des Michel Angelo Bei TDitians wahrem Abriß der Natur; Correggio's fromme reine Kindlichkeit Bei Zambier's begeiſterndem Gefuͤhl; Carracci's Wuͤrde bei Albano's Frohſinn; Da Vinci's Tiefblick bei dem hohen Mengs. In dieſen Bildergallerieen, wo Die Kunſt den Lebensfunken angehaucht, Den einſt Prometheus von den Goͤttern ſtahl, Sieht er den Ausdruck jeglicher Empfindung, Die Neigung, den Affekt, die Leidenſchaften, In Harmonie mit Wahrheit und Natur. Der innre Seelenadel ſtiller Tugend Ruht, bei der Glorie, die ſie umſchwebt, Auf der Madonna kindlich reinem Antlitz. Begeiſternde Geduld, die ſanfte Liebe, Spricht, mit der Goͤttlichkeit die ihr gebuͤhrt, Ihn in des hoͤchſten Dulders Ruhe an. Von heil'ger Lippe toͤnt ihm Ueberredung Vom ſanften Lehrer in der rauhen Wuſſto. 87 Der Glaube, das Vertrauen, frohe Hoffnung, Weilt bei der Mutterliebe, Hand in Hand; Die Wehmuth netzt die halbgeſenkte Wimper; Die Andacht hebt, verklaͤrt die Seelenblicke; Und Reue ſpricht aus ſchuldbewußten Zuͤgen. Erſtaunt ſieht er die redenden Naturen, Und kann das Auge nicht von ihnen wenden; So wahr ſpricht hier das Todte zu dem Leben, Daß dieſes im Beſchauen ſich vergißt. Mit Muͤh' entfernt er ſich vom ſchoͤnſten Schauplatz, Wo Kunſt mit der Natur den Wettkampf hielt. Doch er entſchließt ſich ſchnell— wagt einen Sprung/ Steht auf Siciliens ungewiſſem Boden— Beſteigt des Aetna's himmelhohe Spitze— Schaut jetzt in ſeinen tiefen Schlund hinab, Wo die Natur ein ewig Feuer birgt, Und kehrt zuruͤck, von ihrer Groͤß' ergriffen. Nun ſchwimmt er zu den Kuͤſten Afrika's— Beſucht Sgyptens alte Pyramiden⸗ Und ſteht erſtaunt vor dieſer Wunder⸗Groͤße, f In eine leere Wuͤſte hingebaut. Hier iſt das Weib, unedel, feſt, beherrſcht; Vom boͤſen Daͤmon, Eiferſucht, geplagt. Natur verlich ihr Schoͤnheit, doch der Zwang 88 Verbietet hier der Schoͤnheit Huldigung. So bluͤhen Roſen auf, und, ungeſehen, Verhauchen ſie umſonſt den zarten Duft. Jetzt weilt er in Arabiens ſchoͤner Wildniß; Durchſtreift der Perſer ſtiets verheertes Land— Verirrt am Ganges ſich, und ſuchet Perlen Und Goldſtaub— ſieht Natur bald wild und roh, Bald mild und lieblich, ſo wie die Bewohner. Doch nun verlaͤßt er Hindoſtan, gewinnt Tibet, beſucht des großen Lama Grab, Und wundert ſich ob ſeiner ſelt'nen Pracht, Doch mehr noch ob des Volkes ſelt'nem Glauben, Der mit der Schoͤpfung ſeinen Anfang nahm. Ihr Dalai⸗Lama lebet wieder auf: Sein Geiſt erſcheint auf's neu im andern Koͤrper— Und immer iſt's derſelbe, wenn er ſtirbt. Sehr ſeltſam! doch, ſo widerſinnig nicht, Wie mancher Glaube aufgeklaͤrter Voͤlker, Womit der Stumpffinn gern in Schlaf ſich wiegt; Der, mitten in der Zeit des edlern Denkens, Sich die Vernunft— des Geiſtes Kraft und Zierde, Sein ſtaͤrkſter Sporn zur Region der Wahrheit— Jetzt wieder neu zum niedern Sklaven macht. Ein grader Weg fuͤhrt unſern muntern Pilger 8 — 89 In's eng bewohnte Reich der ſchlauen Seren.*) Hier wirft umſonſt die Habſucht Netze aus— Dies kluge Volk ſcheut jede Nation, Die, ſtolz, den Namen„Europaͤer⸗ traͤgt, Mit waͤgendem Bedacht;— umſonſt bemuͤht Der hohe Britte ſich um deſſen Gunſt. Es bleibt ſeit tauſend Jahr bei ſeinen Sitten, Und gleich ſind bei ihm Moden, heut wie geſtern; Vielleicht hat es das beßre Theil erwaͤhlt.— Des Landes ſtrenge Sitte nothigt ihn, Die Grenzen ſeiner Reiſe hier zu ſinden. Er eilt dem Meere zu, und landet wieder— In ſeinem Welttheil— viel Gefahr entronnen— Und ſchwaͤrmt umher in Suͤdens heißen Laͤndern, In Portugals, in Spaniens Provinzen, Wo Sonnenbrand die Leidenſchaften reift. Nun trägt ein Schiff ihn, auf dem grauen Ruͤcken Des alten Oceans, zur kalten Newa, Wo jetzt auf einem Thron die Sanftmuth herrſcht. Hier lebt ein nervigt Volk— vom rauhen Clima Zu Köoͤrperkraft und wildem Muth geſaugt; Doch leicht zu lenken, ſelbſt von Frauenhand. *) Aeltere Benennnng der Chineſen. 90— Von hier durchreiſ't er das getheilte Land Der Polen.— Roh und mild ſind ihre Sitten, Denn langſam reift bei ihnen Geiſtesbluͤthe; Sie fördert Freiheit— und die herrſcht nicht dort. Jetzt naht er ſchon der ſtolzen Donau Kuͤſten, Wo die Umgebungen das Aug' entzucken. Bald ſieht er ſie in hundert Armen ſtroͤmen um Inſeln— Thaͤler ſegensreich durchwaͤſſern; Dann— doch vergeblich— ew'ge Felſenmaſſen Der waldigen Gebirge, zuͤrnend, ſchlagen; Nun, mit vereintem Reichthum, eine Flaͤche, Dem Auge unabſehbar, ſanfter, bilden. Doch denkt er auch, und heiße Thraͤnen fuͤllen Sein Aug, hier, Sklaven keuchen, angekettet, Herabgewuͤrdigt zu des Thiers Beruf. Fuͤhlt hier der Geiſt nicht frei? die Politik Haͤlt ſeine Feſſeln für Gewinn und Gluͤck, Zerdruͤckt den edlen Keim der Wiſſenſchaften, Und ihre Tiefen bleiben unentdeckt, Und ihre Reize bleiben unempfunden. In allen Laͤndern, die ſein Fuß betrat, Sucht er ſich Kenntniß jeder edlen Art, und forſcht und fragt, und ruht nicht, bis er's weiß. Doch was er ſucht— ein ungetruͤbtes Gluͤckz 91 Die ſcharf beſtimmten Grenzen von dem Wahren Und Falſchen; von dem Recht und Un⸗ 8 recht; von Dem Guten und dem Schlimmen, ſieht er nicht. So iſt die Welt denn uͤberall ſich gleich! Das iſt das Reſultat von ſeiner Reiſe.— Nun ſucht er ſeiner Heimath ſtille Fluren, Der ſchoͤnen Elbe reich umbluͤhte Ufer, Wo Freiheit herrſcht, und aͤchter Buͤrgerſinn, Wohlthaͤtigkeit, und immer reger Fleiß; Wo der Beguͤterte ſein Brot mit Freuden Genießt, weil neben ihm kein Armer hungert. Da eilt er hin zu ſeinem Heerd',— da ruht Er an der Treue ſicherm Buſen aus, 1 An Freundes Herz, im Arm der holden Liebe; Und ruft ſich ſelbſt die theure Wahrheit zu — Erkauft mit Unruh, mit Gefahr des Lebens—: „Der Weisheit und der Tugend hoͤchſte Stufe, „Das iſt das Maaß von unſerm beſſern Gluͤck! „Wo jene bluͤhen, bluͤhet dieſes auch.— „Das Land iſt reich, was dieſe Schaͤtze zollt: „„Noch reicher der, der ſie im Buſen traͤgt.“ 9² Aus gleichem Stoff iſt jedes Land gemacht: Doch wirkt Natur durch ewige Geſetze. Wenn hier ein Paradieß uns hold anlacht, Verſchließt ſie, ſparend, dort die ſchönſten Schaͤtze. So auch der Menſch.— Erziehung, Clima, bauen An ſeiner Korper⸗, ſeiner Geiſteskraft: Hier ſiehſt du ihn den Quell des Lichts beſchauen; Dort iſt er ſchwach— entnervt— ſein Geiſt er⸗ ſchlafft. Sei nicht zu ſtolz, du, unter Millionen, Dem die Natur in's ſchoͤn're Daſeyn rief: Dir ward die Kraft,— wenn unter aͤrmern Zonen Ein Peſcheraͤh faſt bis zum Thier entſchlief. Natur allein durchſchaut die Naͤh' und Fernen Der Kraft und Rohheit— die wir, ſtaunend, ſehn; Doch können wir von ihr die Wahrheit lernen: Nicht eine Kraft wird jemals untergehn. Achter Brief. Erkenntniß. Hier haͤlt der irre Fuß ermüdet ſtill. Komm, laß uns auf des Berges mitt'ler Höhe, Die unſer Wanderer bis jetzt erreicht, Uns traulich lagern— an der kuͤhlen Quelle, Die ſilberner hier ſprudelt, uns erfreun, Und ſeinen muͤden Geiſt, ſo wie den unſern, Mit einem friſchen Trunk zur Reiſe ſtaͤrken; Doch, eh' der Fuß die weit're Bahn betritt, Mit ihm, noch einmal, langſam, rückwaͤrts ſchaun. „„ Wie ungleich, rauh, verworren und verſchlungen „War dieſer Weg, den ich zuruͤckgelegt!“ — So denkt er ſeufzend—„und wie weit entfernt „Von jenem Ziel, das ich mir, traͤumend, dachte! „Wie anders ſind die Dinge um mich her, „»Als ſie mein Wahn im blinden Eifer ſchuf! „ Die Luſt nach Gluͤck, nach ungetruͤbtem Glͤck, „Iſt ſie geſtillt?— o nein, bei weitem nicht! „Derſelbe Durſt, der meinen Buſen fuͤllte, „ 94 „Als ich die erſten Schritte zitternd wagte, „ Als ich auf der Begierde raſchen Fluͤgeln „Schnell uͤber Berg' und Thaͤler, eilend, flog, „Sie zu erhaſchen— und mich doch betrog; „Derſelbe Durſt, ich fuͤhl' ihn immerhin, „Nichts gnuͤgt dem Aug'— und nichts dem innern Sinn!“ „Ich blicke vor mir hin— dort ſeh' ich Nacht! „Der naͤchſte Augenblick iſt mir verborgen— „„Und, was er birgt, entfaltet mir kein Gott! „Ich ſchaue zu den Sterngefilden auf— „Die Zukunft bluͤht in meiner Hoffnung Traͤumen.— „Ob dieſe ſuͤßen Traͤume jemals reifen? „„Sich Nacht und Daͤmmerung zu Licht erhellt? „Was hier verworren ſcheint, ſich je entwickelt? „Die Tugend ſiegt? das Laſter nicht mehr herrſcht? „Ob dieſer Geiſt den reinen Strom des Lichts, „Nach dem ihn durſtet— nach der Heimath Quelle, „Von der er ſtammt— begierig trinken wird?— „Wer ſagt's mir an?— Von Millionen Weſen, „Die denken und empfinden, ſo wie ich, „Antwortet mir nicht Eines— alles ſchweigt.— „Ich fragte dich, Natur! ich ſchaut' umher, „Auf deinen ungeheuren Meeresflaͤchen— „Erforſchte dich in deinen tiefſten Gruͤnden, „Die ſchauerliche dunkle Naͤchte bergen— „Ich eilte hin auf deiner Berge Spitzen, „Zu aͤtherreinen, lichten, Himmelshoͤhen— „„„Hier biſt du,“ ſprach ich,„Weltgeiſt, naͤher mir, „„In dieſer weiten Herrlichkeit Gebiet! „„Mein ſpaͤhend Aug' erblickt dich uͤberall; „„Mein klopfend Herz verkuͤndet deine Naͤhe!— „ Weilſt du, dort, in dem feierlichen Schatten, „, Der unter mir, ein grauer Nebel, liegt?— „„Soll ich dich hier in dieſer Felſenmaſſe „„— Ein majeſtaͤtiſch Bild der Staͤrk'— um⸗ armen?— „„Wohnſt du bei Quellen dieſer Lebensſtroͤme, „„Die ferne Laͤnder ſegensreich bewaͤſſern?— „„ Sprichſt du aus jenen tauſend Katarakten, „„ Die, brauſend, donnernd, hier mein Ohr um⸗ toͤnen?— „„ Blickſt du mit jenem Silberſtral herab? „„Aus jenem Glanz, der dort im Nebel zittert? „„ Biſt du im grauſen Sturm, der unten wuͤthet? „„Fuͤhl' ich dich hier in dieſem linden Wehn? „„ Such' ich dich, fern, an Niagarens Ufer, 9u9—— „„ Wo der Hurone betend niederknicet? „„Auf Chimboraſſo's nicheſichter Spitze, „„„ Von den Geſtirnen einzig nur beſchaut? „„O ſtille du den Durſt, der in mir brennt! „„O ſage mir nur Einen ſichern Laut, „„Der mich, nur halb gewiß, die Wahrheit lehret— „„Umſonſt! du ſchweigſt mit all der Harmonie!“e⸗ „Ich ſah Bewegung, durch ſie Geiſt und Leben; „Das Alte neu, das Neue wieder alten; „ Den ew'gen Kreislauf aller Kreaturen; „Doch was nach dieſem Kreislauf werden wird „— In dem auch ich ſo ernſthaft mit verflochten— „Wo er den Anfang nahm— und wie er endet, Das lehrte mich nicht dies lebend'ge Buch.— Wo ſind' ich denn die Sprache, die mir nennt, „Was ſich vor mir in ew'gen Naͤchten birgt? „Verirrter! hat Erfahrung denn umſonſi „— Die Lehrerin— die Zeit an dir verwandt? „Forſcht denn dein Blick noch immer hier umher, „ Und weilet bei der engen Erde Grenzen? 8 „Wie? haſcht der reife Geiſt, den Kindern gleich, 9. „Nach Seifenblaſen? nach dem eig'nen Schatten, 97 „Den eine Wolk', und die ein Hauch zerſtoͤrt, „Noch immer, immer noch? O, ſieh hinauf, „Dort lieſ'— in Flammenzuͤgen ſteht es dort— „Die Sprache tönt zu deiner innern Stimme, „ Und loͤſ't ſich auf in reine Harmonie. „Wer haͤlt die Weltſyſtem' mit ſtarken Züͤgeln? „— Doch, nein, ſie brauchen dieſer Zuͤgel nicht— „ Geordnet halten ſie die gleiche Bahn; „Denn Eines dient dem Andern zum Geſetz. „Doch wer war des Geſetzes erſter Stifter? „Wer laͤßt die Kraft in ew'gen Keimen wirken? „Wer ordnet ſie mit dieſer Allmachts⸗Hand, „Daß alle, in einander greifend, ſchaffen? „Nichts ſie zerſtört, und nichts hier untergeht? „Wer ſchuf in deiner Bruſt Gefühl fuͤr Gluͤck? „Wer lehrte dich des Mitempfindens Wonne? „Und gab dir Muth— gleichwie mit Rieſen⸗ Armen— 1 „Das Ungemach, die Uebel zu bekaͤmpfen, „Die uns Natur, die ſich der Menſch erſchuf? „Verkennſt du hier noch jenen hoͤhern Geiſt, „„Der dieſes All zum ſchoͤnern Daſeyn weckte? „ Was er beſeelte, immerfort erhaͤlt, „— Das Geiſtige in ihm kann nicht zerſtaͤuben!— J. f. F. XI. H. 7 98 „Der ſeinen Liebling, ihn, den edlen Menſchen, „Auf rauhe Bahnen fuͤhrt, ſie ihm erſchwert, „Um ſeine ſchoͤnſten Kraͤfte hier zu bilden „Zu höhern Zwecken— hier ihn zu erziehn „Zu kuͤnft'gen Freuden und zu ſchönerm Glück? „Und dieſe Kraft in immer ſtetem Steigen, „— Sie, Ausfluß jener ewig hoͤchſten Kraft,— „Denkſt du begrenzt?— geſchaffen?— irdiſch?— Nein! „Sie ſchließt ſich an die ew'ge Urkraft an, „Iſt ewig wie ſie ſelbſt.— Von ihr entſtammt „Kehrt ſie zuruͤck.— Im Quell des Lichts „Gebadet, reift ſie zur Vollkommenheit.“ So denkt er, und in ſeine wunde Bruſt, Zerriſſen von Erfahrung mancher Art— Geaͤngſtet von des falſchen Wahnes Zweifel— Tropft der Gedanke heilend Balſam ein: Jetzt will er ſich nur der Betrachtung weihn. Wohl ihm! er eilt, auf Schwingen leiſer Ruh, Dem Hafen ſeiner ſtillen Hoffnung zu. Du, ohne Namen, den die Millionen In ihren Sprachen leiſ' und laut genannt! Den alle Welten, wo Geſchoͤpfe wohnen, Als ihren Schoͤpfer ewig anerkannt! Dich preiſen laut der Sphaͤren Jubellieder, Dir toͤnen Luft und Wald und Thaͤler wieder! Wohin des Menſchen Aug' ſich auch verirret, Wohin ſein Geiſt im regen Fluge ſtreift, Hat jedes ihn auf ſeiner Bahn verwirret, Wenn er von dir, der Quelle, abwaͤrts ſchweift. Doch, bald auch merkt er, daß ihn Traͤume trogen; In dir fuͤhlt er ſich wieder hingezogen. Du, großes Seynl! das, ehe Sonnen waren, Aus dunkler Nacht die lichten Funken ſchlug, Und alle Weſen— Millionen Schaaren— Zu gleichem Gluͤck, an's Licht des Daſeyns trug! Der Menſch ehrt, ſchweigend, die beengten . Schranken— Zu dir erhebt er, hoffend, die Gedanken. Denn du, du lenkſt, auf Schwingen hoher Wonne, Den Geiſtes⸗Blick zu ſeiner Urkraft auf! Du biſt ſein Angelſtern, biſt ſeine Sonne⸗ 100— und, ſehnend, ſteigt ſein Wuͤnſchen da hinauf! Der Tropfen ſpruͤht durch tauſend fremde Wogen, Bis ihn ſein Quell, gelaͤutert, angezogen. Neunter Brief. Ruhe. Gluͤck. Hymne an die Ruhe. O, ſteig' herab, in feierlicher Stille, Du, Gottheit, die den freien Geiſt entzuͤckt; Der ſich, mit ſanfter Luſt, in Wehmuth Fülle, Bei deinem linden Wehen neu erquickt. Er fuͤhlt ſich wach— von jedem Traum entbun⸗ den;— Dir weiht er einzig der Begeiſt'rung Stunden! Mir toͤnt es, wie ein Wiederhall aus Fernen, Wohin Geraͤuſch zum Lispel ſich verlor. Mir glaͤnzt ein Licht, als ob aus jenen Sternen Ein Goͤtterbild, mir winkend, ſchwebt hervor. 4 5 — So ſchwindet nun der Weg, den ich gewonnen— So gläͤnzen mir der hellern Zukunft Son 1 Du, Stille, biſt die Gottheit!— deiner Feier Weiht ſich dies Herz— ein Tempel deiner Ruh— Das, aus der Naͤchte dunkelm Wolkenſchleier Gerettet, eilt den lichtern Thaͤlern zu. 3 O, nimm es hin— und jede Hoffnungswelle Fuͤhr' ſanfter es zur nahen Landungsſtelle.— So eilt denn unſer Pilger nun dem Gipfel, Der Hoͤhe, wo der zarten Hoffnung Kraͤnze, Voll aufgebluͤht, in lichten Farben prangen— Dem ſchoͤnen Gipfel eilt er muthig zu. Er ſieht, tief unter ſich, die engen Thaͤler, Gefuͤllt mit Schaaren, die zum Gluͤcke rennen, Sie, nach des Ruhmes gold'nen Flittern jagen— Und freut ſich ſeiner innern ſtillen Ruh, Der aͤußeren um ihn.— O, holde Gottheit! Du hoͤchſtes Gut, du ſeligſter Beſitz! Was gleicht wol deinem Werth' und deiner Dauer? Du machſt uns ſtark, mit edlem Muth zu tragen, 102 Was auch das Schickſal uͤber uns beſchließe!— Die ſchwer errung'ne, theurr erkaufte Ruhe Gaͤb' er nicht hin um aller Erden Won⸗ nen. Sie iſt des Lebens ſeligſter Genuß; Sie bildet ihn erſt recht zum wahren Menſchen; Sie legt den Leidenſchaften Feſſeln an, Und naͤhert ihn dem Ideal der Gottheit, Dem ewig echten reinen Schoͤnheitsſinn, — Der hoͤchſten Stufe menſchlicher Vollendung— Entwickelt aus der Tugend reichen Fuͤlle. Laß immer grauſe Stuͤrme um ihn toben— Mag ihn das Glück nicht mehr ſo hold anlaͤcheln— Ein treuer Freund kaltherzig ihn verſchmaäͤhn— Ein liebend Weib ſich lange von ihm trennen— Sein Herz iſt feſt— es dauert ſtandhaft aus, Dies große Herz, vollendet durch ſich ſelbſt! In ſeiner Bruſt wohnt ewig ſtiller Friede. Nun iſt ihm jeder Augenblick Genuß, So rein und unverfäaͤlſcht wie Himmelsaͤther. Nun reift er der Vollendung immer naͤher— Melodiſcher ſtimmt nun ſein reiner Wandel Mit ſeinem ſchönern Denken uͤberein: Sein beſſ'res Selbſt hat ſich in ihm entfaltet— Nichts irdiſches klebt an dem edlen Seyn. Er hat die Welt in ſeiner Luſt vergeſſen; Und ſuͤße Ahuuugteiunß umſchweben ihn Von einer lichtumwebten ſchoͤnern Zukunft. So lebt er ſeiner fernern Wnnfaßft Tage, In ungeſtoͤrtem Frieden, heit'rer Ruhe. So trifft ihn einſt der Genius, der ihn Zum Hafen ſeiner ſtillen Hoffnung fuͤhrt. So ſenkt ſich, nach des Mittags heißen Strahlen, Ein kuͤhler Abend, ſanft und ſtill, herab:— Der Laͤrm entſchlaͤft— die Welt gleicht einem Grab: Und auf den glatten Meeresflachen malen Sich Mond und Stern in hellem Spiegel ab. So weilet der Betrachtung heil'ge Stille; So ſenkt die Gottheit ſich in unſre Bruſt. In ſich gekehret, fuͤhlt der Menſch, mit Luſt, 104 In ſeinem Herzen hohe Goͤtterfuͤlle, Der ſchlimmen Traͤume ſich nicht mehr bewußt. Denn itzo ſchweigen alle Leidenſchaften, Die oft ein Hauch zu heißer Gluth geweckt. Nichts iſt was nun den hohen Menſchen ſchreckt:— An ſeinem Schöoͤnheitsſinn kann Wahn nicht haften, Und keine Reue, die den Geiſt befleckt. Wenn auch um ihn die grauſen Stuͤrme to⸗ ben— Er horcht nicht mehr nach ihrem irren Lauf;— Sein Eden bluͤht in ſeiner Hoffnung auf:— Sein Geiſtes⸗Blick ſchaut immer nur nach oben— Da nimmt ihn ſeine ſtille Gottheit auf. Die Ahnenfranu. Eine Erzaͤhlung. — Beſchluß. Immer Zeuge von Valeska's Triumph, war ich in meinen eignen Augen erniedrigt, und dem Zweifel hingegeben, ob mich nicht niedrer Neid beherrſche. Dem Grame geweiht, mit allen gluͤhenden Herzensanſpruͤchen auf Gluͤck und Liebe verlaſſen, machte ſelbſt die fortdauernde Guͤte der Prinzeſſin und der Graͤfin meine Qual nur peinlicher: ſie ſchien mir ein Almoſen, und mein geheimes Gefuͤhl fuͤr Jago Verrath dage⸗ gen.— Ich wollte mich von ihm losreißen; ich verhaͤngte ſein Gemaͤlde in meinem Zimmer, und dennoch verfolgte mich ſein Bild, und ſo oft ich die Blicke erhob, begegnete ich ſeinem lieben Auge. Das Alles trug ich im verſchwieg⸗ nen Buſen; in meinem Aeußern mußte Friede ſeyn; und es nagte heimlich an meinem Herzen, 106— daß meine Geſundheit zu wanken begann. Mit geheimer Wolluſt fuͤhlte ich meine Kraͤfte ſchwin⸗ den, denn ich waͤhnte der Erloͤſung von meiner Pein entgegen zu ſehen. Gebannt war ich in einen Zauberkreis: darin zu leben, verzehrte mich, aber ich konnte ihm nicht entfliehen. Zu fern lag der Wald mit ſeinem Dunkel und mit ſeinem Frieden; die Freuden meiner Kindheit waren darin zuruͤckgeblieben— ſie hatten mich vergeſſen und wollten nicht wieder zu mir kom⸗ men. Die Laute war verſtimmt, wenn ich ſie lockte, und ich fuͤhlte von Jenſeit ſchon die Ahnung des Sieges fuͤr mein Dulden und Schweigen.— Zuletzt ward ich wirklich ſo krank, daß ich mein Zimmer nicht verlaſſen durfte. Alle kamen, mich zu beſuchen, auch Valeska; aber ihr Mitleid hatte etwas Ernie⸗ drigendes, das mich verwundete. Sie that, als ſpraͤche ſie mir Troſt zu, doch jedes Wort des Troſtes von ihren Lippen war eine Belei⸗ digung. Beim Scheiden ſagte ſie mir, ich ſollte nur unbekuͤmmert leben: ich wuͤrde meine Aeltern vielleicht mit der Zeit entdecken; und geſchaͤhe es nicht, ſo ſei's nur um ſo beſſer. Es wuͤßte 107 ja Niemand, wer ſie ſeyn moͤchten, und die Graͤfin ſorge gewiß dereinſt fuͤr mich. Bei dieſen Worten ging ſie aus der Thuͤr mit ſtol⸗ zen Schritten, und ſah nicht mehr nach mir zuruͤck; ſie ließ mich erſtarrt vor Schmerz und Staunen. Alſo hatte ich keinen Vater, keine Mutter; Niemand kannte meine Aeltern! Ich war aͤrmer, als die Pflanzen, die ihre Lebensfaͤden an den muͤtterlichen Boden ketten. Und ſie, die gluͤck⸗ liche Tochter, konnte ſo gleichguͤltig davon ſpre⸗ chen! Zerriſſen war jedes Band: als einen Fuͤndling hatte mich der Zufall in die Welt geworfen, und ſich tuͤckiſch verborgen. Mir blieb nichts, als Abhaͤngigkeit, Huͤlfloſigkeit, Schmerz und Niedrigkeit; ſie waren meine Verwandten, ihnen gehoͤrte ich an.— Ich ſchlief keinen Augenblick vor Gram und Zwei⸗ fel; ich erwartete ſehnlich den Morgen und den Augenblick, wo ich die Graͤfin ſprechen moͤchte. Mein Elend hatte den hoͤchſten Gipfel 3 erreicht; es mußte ſich vermindern, oder mich vernichten. Ich wollte alles wiſſen, was nur moͤglich zu erfahren war; dann wollte ich das 108 Schloß und die geliebte Graͤfin, und die Prin⸗ zeſſin, und Jago verlaſſen, und in die Weite wandernd, meine Aeltern, meine Heimath, mein Grab ſuchen.— Der naͤchſte Morgen war mein Namens⸗ tag. Es war mein erſter Gedanke, als ich aus einem kurzen Schlummer erwachte, und er machte mich nur truͤber. Ich verließ er⸗ mattet mein Lager, und ſchleppte mich nach meinem Wohnzimmer. Ein balſamiſcher Duft ſtroͤmte durch die geoͤffnete Thuͤr mir entgegen. Ich ſah das Zimmer mit Blumen geſchmuͤckt; Kraͤnze und Guirlanden ſchwankten in der Zug⸗ luft an den Waͤnden; auf allen Tiſchen ſtan⸗ den Blumen; der Sopha und der Teppich waren damit beſtreut, als ſei der Fruͤhling durchgezogen. Nur wer ſich ſo ganz, ganz verlaſſen waͤhnt, als ich, kann meine Empfin⸗ dung bei dieſer unerwarteten Theilnahme ahnen. Ich konnte mich des lauten Weinens nicht er⸗ wehren; es war eine unausſprechliche Wehmuth, die mich uͤberwaͤltigte; mit ſchmerzlicher, ſuͤßer Dankbarkeit ſank ich weinend und betend an einem Stuhle nieder.— 109 Als ich mich gefaßt hatte und umher blickte, die Blumen ſcheu beruͤhrte und kuͤßte, fiel mir eine ſeltne Dalura in die Haͤnde. Auf der großen, blendend weißen Duftglocke waren dieſe Worte mit einem Griffel gegraben: Ein Lied aus Duͤften Bringen wir dir, Kinder des Fruͤhlings, Lebend in Duft. Gruͤßen dich, Duftige, Laͤchelnd und liebend, Schmiegen uns geiſtige Geiſtig dir an. Meine Wehmuth ging in Erſtaunen uͤber. Noch nie war dieſe Sprache mit mir geſpro⸗ chen worden, und ſie beruͤhrte alle meine ge⸗ heimen Empfindungen fuͤr Jago, ſo zart, und doch ſo maͤchtig, daß ich mir unwillkuͤhrlich ſeinen Namen nannte. In dem Augenblick trat die Graͤfin in das Zimmer, und die an⸗ dern Gefuͤhle, die vor dieſem verſtummt wa⸗ ren, regten ſich aufs neue bei ihrem Anblick. Ich ſtuͤrzte weinend an ihre Bruſt, als ſie 110 mir freundlich Gluͤck wuͤnſchte, und entdeckte ihr mein ganzes Herz, meine unſelige Liebe, und meinen Vorſatz, ſie zu verlaſſen.— Sie um⸗ armte mich zaͤrtlich.„Komm mit mir, ſprach ſie; ich gebe dir deine Mutter.“⸗ Ich wußte nicht, ob ich wach war oder traͤumte, als ſie mich bei dieſen Worten fort⸗ fuͤhrte. Ein gewaltiger Strom, braußte die Freude uͤber mich her, und bewußtlos ging ich darin unter. Am Herzen der Prinzeſſin fand ich mich wieder. Gott! Sie, Sie meine Mutter! und mein Vater Fuͤrſt Lothar!— Das fernſte Wunderbare und die Wirklichkeit, die hoͤchſte Seligkeit und der hoͤchſte Schmerz, beruͤhrten ſich in dieſer einen Minute.— Meine Mutter war die einzige Tochter des Fuͤrſten von D... und er ſtand als Komman⸗ dant einer bedeutenden Grenzfeſtung in— ſchen Dienſten. Der Krieg war ſo eben ausgebro⸗ chen, und Fuͤrſt Lothar diente im feindlichen Heere. Bei einer ungluͤcklichen Schlacht riß ihn ſein Muth dahin; er entfernte ſich von den Seinen und ward gefangen. Das Gluͤck be⸗ guͤnſtigte damals unſre Waffen, und unſer Hof — 111 verwarf alle Antraͤge zur Auswechslung des bedeutenden Gefangnen, der dem feindlichen Hauſe nahe verwandt war. Ihn ſelbſt behan⸗ delte man mit der gröͤßten Achtung; er lebte in der Feſtung, die mein Großvater komman⸗ dirte, und genoß dort aller moͤglichen Aus⸗ zeichnung und Freiheit. Er war oft in ſei⸗ nem Hauſe; hier lernte er meine Mutter ken⸗ nen, und ſie gewannen einander bald lieb. Dennoch durften ſie an keine Verbindung den⸗ ken, denn der Parteigeiſt entfremdete ihm die Gemuͤther ihrer Aeltern, und ſeine Lage ver⸗ bot jede ſolche Hoffnung. Die Zukunft bot ihrer Liebe freundlichere Ausſichten; und im Vertrauen darauf entſchloſſen ſie ſich zu einer geheimen Verbindung. Indeſſen wandte ſich das Kriegsgluͤck: einer unſrer vornehmſten Ge⸗ nerale wurde gefangen genommen, die Unter⸗ handlungen wegen der Auswechslung Lothars erneuten ſich, unſer Hof verwarf ſie nicht mehr, und mein Vater bekam ſeine Freiheit zuruͤck, aber er mußte ſich auch von meiner armen Mutter trennen. Er ließ ſie voll Sorge und Hoffnungen zu⸗ 112 ruͤck: meine Geburt erfuͤllte die ſchoͤnſten; doch der Krieg ſpielte ſich naͤher an die Grenze, die Feſtung mußte eine Belagerung erwarten, und mein Großvater, der entſchloſſen war, ſie aufs Aeußerſte zu vertheidigen, und doch Gemahlin und Tochter nicht der Gefahr ausſetzen wollte, drang darauf, daß beide ſich nach der Reſidenz begaͤben. Meine Mutter mußte fort; es war unmoͤg⸗ lich mich mit ſich zu nehmen. Eine alte treue Kammerfrau, die Einzige, die um das Ge⸗ heimniß ihrer Ehe wußte, uͤbernahm es, zuruͤck zu bleiben und fuͤr mich zu ſorgen; im Fall die Feſtung uͤberginge, mich meinem Vater zu uͤbergeben, im Fall ſie die Belagerung aushielt, bei mir zu bleiben.— So verließ ſie mich; und kaum war ſie einige Tage fort, ſo ruͤckte das feindliche Heer, unter der Anfuͤhrung Lo⸗ thars, vor die Waͤlle. Der Widerſtand war heftig, es war eine bange Zeit fuͤr die Be⸗ wohner, und meine Waͤrterin litt unter der doppelten Sorge fuͤr ſich und mich. Endlich ward ein Sturm beſchloſſen, die Waͤlle wurden erobert, das Getuͤmmel der Schlacht drang — naͤher und naͤher in die Gaſſen, und die Angſt und der Schrecken raubten der alten, ſchwachen Frau das Leben. Ich blieb ganz allein in dem kleinen Hauſe, wo ſie mit mir wohnte. Das junge Maͤdchen, das uns bediente und mich fuͤr das Kind einer Verwandtin hielt, war entſlohen und hatte ſich verſteckt; huͤlflos und bewußtlos ſank ich neben die Leiche der Alten, als ein ungluͤcklicher Au⸗ genblick mir meinen Vater nahm. Sein letzter Gedanke war eine Sorge fuͤr meine Mutter und mich: er wollte es ihr uͤberlaſſen, den guͤnſtigen Augenblick fuͤr die Offenbarung ihres Geheimniſſes aus der Zukunft zu waͤhlen, und doch die uͤblen Folgen, die ein ſolcher Aufſchub veranlaſſen konnte, von uns wenden, und mit der letzten Lebenskraft diktirte er das Teſtament, welches ſeinen rechtmaͤßigen Erben an die Toch⸗ ter ſeiner Gemahlin band, oder ihr die Guͤter zuſicherte, die ohne ihr Daſeyn jenem ge⸗ hörten. Aber der Zufall, der mir in einem Augenblick alles nahm, ſorgte auch in dem naͤchſten wieder fuͤr mich. Ein alter Jaͤger be⸗ kam ſein Quartier in dem Hauſe, wo ich lag; . f. F. Xl. H. 4 2 114 ihn erbarmte mein huͤlfloſer Zuſtand. Er nahm ſich meiner an, und ahnete wol nicht, daß er die Tochter ſeines jungen, geliebten Feldherrn in den Armen hielt, deſſen fruͤhen Tod ſein Alter beweinen mußte. Er ſchaffte mich zu ſei⸗ ner Frau in Sicherheit, ſie hatte keine Kin⸗ der, und hielt mich, als ſei ich ihr eigen. Die Nachricht von der Einnahme der Feſtung, von der Gefangennehmung des Fuͤr⸗ ſten, von dem Tode und Teſtamente Lothars, kam bald an den Hof, und verſetzte alle in die tiefſte Trauer. Aber meine ungluͤckſelige Mut⸗ ter war am meiſten zu beklagen: ſie hatte alles verloren. Der letzte Wille ihres Gemals war ihr ein Wink zu ſchweigen uͤber ihr nahes Verhaͤltniß; er deutete noch troͤſtend aus der Gruft auf den einzigen lichten Punkt in ihrem Daſeyn, wo das ſeine fortlebte in mir. Ich war ihr letzter Troſt, an mir hing ſie mehr als je, und keine Nachricht von mir gelangte zu ihr. Jeder neue Tag ging auf mit ſchmerz⸗ licher Hoffnung, von mir zu erfahren, und jeder verſank, ohne daß ſie geſtillt ward.— Der letzte Schlag war entſcheidend fuͤr den 115 Ausgang des Krieges geweſen: ein ſanfter Friede folgte darauf— aber nicht fuͤr meine Mutter. Sie kehrte nach der Feſtung zuruͤck, dem Schauplatz ihres kurzen Gluͤcks.— Ihr erſter Gang war nach dem Kirchhof, wo ſeine Truͤmmer lagen, und wo ein ſchwarzes Mar⸗ morkreuz deß Namen trug, der nicht mehr war. Sie umſchlang das Kreuz voller Ver⸗ zweiflung, das einzig theure, was ſie auf Er⸗ den hatte, und betete um Kunde von ſeinem Kinde. Als ſie zuͤruͤck ging, fiel ihr ein ein⸗ facher Stein in die Augen, worauf der Name ihrer Getreuen ſtand. Ihre Verwandten hat⸗ ten ihn ihr geſetzt; aber ſie wußten nichts von mir. Nun war es meiner Mutter ge⸗ wiß, daß ich bei dem Sturme umgekommen ſei. Ihr Theil am Leben war dahin: doch die Hoffnung loͤßt nur eine beſtimmte Gewißheit davon ab; und ſo hoffte auch ſie noch immer, mich vielleicht dereinſt zu finden, und ließ das Teſtament beſtehen. Aber der Augenblick war verflogen, in welchem ſie ihre Verbindung mit Lothar haͤtte entdecken moͤgen: der lange Grau zehrte an ihrer Kraft und raubte ihr die Ent⸗ 116 ſchloſſenheit zu einer ſolchen Erklaͤrung. Die Einnahme der Feſtung hatte den Stolz ihres Vaters gekraͤnkt, er haßte Lothar noch in der Gruft, und verhehlte es nicht; dieſer Haß entfremdete ihn ihr; woher ſollte ſie den Muth nehmen ihm zu offenbaren, daß ſein Feind ihr Gemahl geweſen, und ſelbſt das Einzige, was ihr noch von ihm blieb, ihren Schmerz, ſei⸗ ner Verfolgung preis zu geben! So lebte ſie, bis ihre Aeltern ſie zu einer neuen Verbindung zwangen, welche ſie unbeſchreiblich elend mach⸗ te, und deren einziger Troſt die Freundſchaft der Graͤfin war. Valeska war die Frucht dieſer zweiten Ehe. Der Jaͤger, der ſich meiner angenommen, hatte indeſſen eine Forſtbedienung erhalten, und wir bezogen das einſame Foͤrſterhaus im Walde. Die Guͤter der Graͤfin lagen in der Nachbar⸗ ſchaft, und ein Zufall fuͤhrte ſie beim Jagen in die Naͤhe unſres Hauſes. Sie ſah von der waldumkraͤnzten Hoͤhe unten ein blondlocki⸗ ges Kind neben einem Hunde; der Anblick freute ſie, und ſie kam herab. Sie redete mich an, und allmaͤhlich ſprachen ſie bekannte 117 Zuͤge aus meinem Geſicht und Weſen an. Meine Mutter hatte ihr das Geheimnis ihrer erſten Ehe entdeckt; ſie forſchte nach, und entraͤthſelte bald meine Abkunft. Sie nahm ſich nun meiner Erziehung an, und ſann ver⸗ eint mit meiner Mutter auf eine Moͤglichkeit, mich in meine Rechte einzuſetzen. So lange der Gemal meiner Mutter lebte, war es un⸗ moͤglich; ſie mußte bei ſeinem Charakter fuͤr mein Leben oder meine Freiheit fuͤrchten. Er ſtarb, und nun blieb nur noch die alte Fuͤrſtin mit meinem Daſeyn zu verſoͤhnen. Die Graͤ⸗ fin uͤbernahm es; ſie hatte einen Plan dazu im Sinne, den ſie ſelbſt meiner Mutter nicht vertrauen wollte; und nahm mich bis zu ſei⸗ ner Ausfuͤhrung zu ſich. Meine Mutter dankte ihr zu viel, um nicht darein zu willigen: auch ſie hatte eine Abſicht, die ſie dadurch zu erreichen hoffte; ich ſollte Jago kennen lernen, dem mich mein Vater beſtimmte. Sie war zu ungluͤcklich in ihrer zweiten Ehe geweſen, um mir ein gleiches Schickſal zu bereiten: liebte ich Jago nicht, ſo ſollte er ſein Erbe und ſeine Freiheit an demſelben Tage zuruͤck * 118 erhalten, der mir meine Rechte gab, und ſie wollte uns einander nahe bringen, ehe ſie meine Anſpruͤche auf ſeine Hand und ſeine Guͤter offenbarte. Jago hatte ſchon lange die Gunſt der alten Fuͤrſtin gewonnen, und ſie ſah freu⸗ dig ſeiner Verbindung mit unſrem Hauſe ent⸗ gegen. Er war entſchloſſen Valeska zu heira⸗ then; das Gluͤck der Liebe kannte er nicht; die Vortheile der Macht ſicherten ihm dieſe Heirath. So war die Lage der Dinge, als ſie zu uns kamen. Meine arme Mutter beob⸗ achtete aͤngſtlich den Eindruck, welchen ich auf Jago machte; zuweilen verhieß ſein Blick ihr Hoffnung, aber immer ward ſie wieder an ihm irre, denn er beherrſchte die Neigungen ſeiner Seele wohl. Mich zu durchſchauen ward ihr viel leichter, denn unbewußt gab ich mich ihnen hin, wie ich ſie fuͤhlte. Am vergangenen Morgen war Jago zu ihr und ihrer Mutter getreten, und hatte allen Anſpruͤchen auf Valeska's Hand und Lothars Guͤter ploͤtzlich entſagt. Die alte Fuͤrſtin ver⸗ langte vergebens Gruͤnde. Kaum konnte meine Mutter ihre Freude bei dieſer Erklaͤrung ver⸗ —— 119 bergen; ſie loͤßte ihr endlich das Naͤthſelhafte ſeines Benehmens, und fuͤr ihr Geheimnis er⸗ lauſchte ſie von ihm das Geſtaͤndniß ſeiner unbeſiegbaren Neigung.— Nur ein kurzes Schweigen verlangte ſie von uns: die alte Fuͤrſtin war eine ſtolze Frau und durch Jago's Stolz fuͤr ihn gewonnen, ſo lange er den ih⸗ rigen nicht feindlich beruͤhrte; ſich fuͤr jenen Entſchluß Jago's zu raͤchen, konnte ſie leicht ſich der Verbindung mit ihrer Familie wider⸗ ſetzen, ſo ſehr ſie ſie vordem gewuͤnſcht hatte. Die Prinzeſſin mußte mir alſo das Herz ihrer Mutter gewinnen: ein andres maͤchtigeres Ge⸗ fuͤhl mußte ihren beleidigten Stolz uͤberwaͤlti⸗ gen, und ein Traum ſollte das vermoͤgen. In der großen Galerie unſres Stammhau⸗ ſes hing ein altes Gemaͤlde. Es ſtellte eine unſrer Ahnenfrauen dar. Sie war eine Tuͤr⸗ kin und folgte ihrem Gemal aus den Kreuz⸗ zuͤgen in ſein Vaterland, und die großen Reich⸗ thuͤmer, welche ſie mitbrachte, gruͤndeten zu⸗ erſt den Rang und die Groͤße unſres Hauſes. Ihre wunderbare Schoͤnheit machte immer großen Eindruck auf die Fuͤrſtin; ſie hoͤrte oft 120 ihre Geſchichte erzaͤhlen, und verweilte vor dem Gemaͤlde. Die Ahnherrin war gebildet, wie ſie einen dunklen Schleier um das Haupt ge⸗ wunden, ihre Laute im Arm hatte; die be⸗ ſchraͤnkte Ruhe ſtillen Gluͤckes ſprach aus der Haltung, die Sehnſucht nach dem ſchoͤnen Mut⸗ terlande, aus dem dunklen Auge. Am Tage ihrer Vermaͤhlung traͤumte der alten Fuͤrſtin, dieſe Ahnenfrau traͤte in einem zauberiſch ge⸗ ſchmuͤckten Walde aus einer Fuͤlle abenteuer⸗ licher Geſtalten. Sie nahte ſich und fuͤhrte ihr eine verſchleierte Jungfrau entgegen, und ſprach: Gewaͤhre dieſer, ſo wird deinem Hauſe langes Gluͤck bluͤhn. Die Fuͤrſtin ſchlug den Schleier in die Hoͤhe, erkannte die Ahnherrin, die verjuͤngt vor ihr ſtand, und der Traum ging in verworrene Bilder uͤber. So weit hatte die Graͤfin eben erzaͤhlt, als man ſie unterbrach. Sie gebot mir, mich auf meinem Zimmer verborgen zu halten, bis der Abend erſchienen ſei, und Jago begleitete mich— denn nach jener Erklaͤrung wollte er ſich nicht vor dem Abend ſeiner Abreiſe zeigen. Wie ward mir, als ich es an ſeiner Hand 121 betrat! Meine Freude war ſtumm; in einem kurzen Augenblick überſtroͤmte mich das Leben mit allen ſeinen reichſten Himmelsgaben, und trug mich empor, mit ihm in ſeliger Liebe verklaͤrt.— Der Abend kam, mein Gefuͤhl fand Thraͤnen und Worte, wurde ſtiller und milder. Jago hielt mich ſchweigend umſchlun⸗ gen, und wir blickten hinaus in die Schoͤpfung. — Es ſchien als koͤnne ſich der Tag, wie ein ſcheidender Geliebter, nicht losreißen von der ſchoͤnen bluͤhenden Erde, und als ſchicke er, da ſein Blick zu erloͤſchen begann, den Abend⸗ wind an ſie ab, als Boten, daß er uͤber die Wieſen und durch die Wipfel dahin ſtrich, und V den Blumen und Blaͤttern leiſe Liebesworte zu⸗ fuuͤſterte, worauf ſie bald unbeweglich zu lau⸗ ſchen ſchienen, bald mit ſchuͤchternem Neigen antworteten.— Immer dunkler ward es, und ſtiller: Jago hatte ſich zur Geſellſchaft bege⸗ ben. Ich ſaß allein auf meinem daͤmmernden Zimmer. Da erſchien die Graͤfin, abenteuerlich gekleidet, mit einem gleichen Gewande fuͤr mich. Sie hieß mich es anlegen, gab mir meine Laute, fuͤhrte mich vor den Spiegel, und hielt 12²— mir ein kleines Gemaͤlde vor. Ich erſchrak, denn es war mein eignes Bild, was ich er⸗ blickte. Sie loͤſchte darauf ſchnell die Kerzen, und wir tappten ſchweigend die dunkle Treppe herab. Ich konnte nichts von ihrem Vorha⸗ ben begreifen; ſie zog mich an der Hand mit ſich fort, dem Park zu, aus deſſen Mitte uns Toͤne und Lichter entgegen ſchwirrten.— Wir kamen tiefer in das Gebuͤſch: einzelne Geſtal⸗ ten ſtreiften durch die Daͤmmerung an uns voruͤber; ich ſah die Moͤnche, die ich im Walde ſonſt immer unter der Linde geſehen hatte, aber als wir ihnen naͤher kamen, ver⸗ loren ſie ſich ſchweigend in den Buͤſchen. Mir war, als wollte meine Kindheit zuruͤckkehren. Wunderbar gereizt, wandelte ich weiter.— Wir kamen in eine lange Allee, aus deren tiefem Grunde uns ein ſeltſamer Glanz entge⸗ genſtroͤmte. Wir gingen drauf zu, und traten aus dem Dunkel auf einen freien Platz, der rings mit Baͤumen umgeben war. Von Baum zu Baum hingen Guirlanden von bunten, flammenden Blumen und duftigen Bluaͤttern. Blumen leuchteten aus den Wipfeln, und ſchoſ⸗ “ 12³3 fen, wie der Wind die Blaͤtter regte, matte blaue, rothe und gelbe Strahlen hernieder; Klaͤnge, Farben und Duͤfte vermiſchten ſich, wie in lieblichen Traͤumen, in einander. Ge⸗ ſtalten wandelten unter den Baͤumen; vor ihnen her ſchwankten ihre eignen dunklen, koloſſali⸗ ſchen Schatten, und ihr Fluͤſtern miſchte ſich in die fernen Toͤne einer Laute. Ich wan⸗ delte, wie eine Traͤumende. Vor mir ſtand ein phantaſtiſch gekleideter Juͤngling, und ſang ein wunderbares Lied vom Walde in abge⸗ brochnen Strophen. Ich lauſchte: da trat die Graͤfin plotzlich aus dem Hintergrunde mit mir hervor, und wendete mich raſch zur alten Fuͤrſtin, die horchend da ſtand. Sie riß den Schleier empor, der mein Geſicht bedeckte, und ſprach jene Worte des Traumgeſichts. Jetzt wurde mir alles deutlich; bewegt ließ ich die Laute fallen und ſank zu ihren Fuͤßen. Das Inſtrument erklang dumpf, als ob die Worte der Aufloͤſung darin verhallten: „Die Ahnenfrau! mein Traum!“ rief die Faͤrſtin. Lothars und meine Tochter! rief die 124 Prinzeſſin; und Jago ſprach, uns alle um⸗ ſchlingend:„Meine Braut!“ Traͤum' ich denn? ſtammelte die alte Fuͤr⸗ ſtin. Man loͤßte ihr das Raͤthſel. Die ſon⸗ derbare Aehnlichkeit hatte ſie getroffen.— Alle Gemuͤther, deren Eigenthuͤmlichkeit eine kraͤf⸗ tige Beſchraͤnktheit iſt, ſind von einer Seite ſehr ſchwach, und der Glaube an bedeutende Geſichte war ihre Schwachheit. Sie verzieh ihrer Tochter, ſie liebte mich, und als Jago's gluͤckliches Weib lebe ich itzt des Sommers auf dem Jagdſchloſſe, im dun⸗ kelſten Theil des Waldes, wo einſt das Foͤr⸗ ſterhaus ſtand, wo meine Kindheit entfloh— dem Gluͤcke und der Liebe. Karoline Stoſch. Ueber 8 Bildung der Frauen fuͤr Wiſſenſchaften und Kuͤnſte. Es war zu erwarten, und auch ſehr wuͤnſchens⸗ werth, daß der Aufſatz uͤber obigen Gegenſtand im vierten Hefte dieſes Journals eben jetzt Auf⸗ merkſamkeit erregen, eingreifen, und mehrere den⸗ kende Frauen bewegen wuͤrde, ſich weiter daruͤber zu aͤußern. Das iſt denn auch geſchehen. Man hat uns nicht wenige, und unter dieſen verſchie⸗ dene ſehr ſchaͤtzbare Beitraͤge anvertraut, die die Sache— ganz, oder einzelne Theile— hell anſe⸗ hen und ernſtlich angreifen. Einen dieſer Aufſaͤtze, wo, eben ſo geiſtreich als zierlich, ſtatt des Mark⸗ ſteins ein gefaͤlliger— Janus⸗Kopf aufgeſtellt war,(die goldene Lyra) haben wir im Ok⸗ tober⸗Hefte gegeben; hier folgen zwei andere, welche uns der eigenen Anmerkungen ſo wenig, als der beſondern Empfehlung zu beduͤrfen ſcheinen. 2— I. An Minna. Mit Vergnuͤgen habe ich bemerkt, daß der Aufſatz im Journal fuͤr deutſche Frauen: Duͤrfen Weiber gelehrte Kenntniſſe haben? oder: ſind Weiblichkeit und wiſſenſchaftliche Bildung zu verei⸗ nigen? Deine Aufmerkſamkeit erregt hat. Du wuͤnſcheſt auch meine Gedanken uͤber die⸗ ſen Gegenſtand zu wiſſen: ich will verſuchen Deine Wuͤnſche zu befriedigen. Die geiſtreiche Verfaſſerin des Aufſatzes ſcheint mir uͤber die Lage und Beſtimmung unſers Geſchlechts ſehr richtig zu denken; auch wird jetzt uͤber dieſen Gegenſtand ſo mancher⸗ lei geſchrieben, und in unſern geſellſchaftlichen Cirkeln ſo oft und verſchieden daruͤber geſpro⸗ chen, daß man nicht umhin kann, mit ſich ſelbſt daruͤber moͤglichſt ins Klare zu kommen. 60 Was nun jene Irage betrifft, ſo denke ich daruͤber alſo: Wird ſie ſo im Allgemeinen abgefaßt: duͤr⸗ fen Weiber gelehrte Kenntniſſe haben? dann ſcheint mir ebenfalls im Allgemeinen durchaus zu antworten: warum ſoll es uns nicht, gleich den Maͤnnern, vergoͤnnt ſeyn zu erlernen, wozu wir Gelegenheit haben und was wir faſſen koͤnnen? Wenn viele Maͤnner uns die Geiſtesfaͤ⸗ higkeiten nicht zugeſtehen wollen, die zur wiſſen⸗ ſchaftlichen Bildung vorauszuſetzen ſind: ſo wer⸗ den ſie durch mehrere Beiſpiele gelehrter Frauen der Vorwelt und der heutigen Welt widerlegt. Es iſt gut, daß unſer Geſchlecht ſolche ein⸗ zelne Beiſpiele aufzuweiſen hat: ſie ſind die Ehrenrettung unſerer Faͤhigkeiten; allein unſe⸗ rer Verfaſſung iſt es eben ſo angemeſſen, daß dieſe Beiſpiele nur einzelne ſind. Ehedem, wie den Maͤnnern noch ein roher Heldenmuth uͤber alles galt, wie ſie ſich faſt ausſchließend nur dem Kriege widmeten: da hatten die Frauen nicht allein das Hausweſen zu beſorgen, ſondern es lagen ihnen auch noch mehrere Pflichten ob, die jetzt die Maͤnner 4—— ausſchließend zu ihren Geſchaͤften gemacht ha⸗ ben. Die Frauen der alten Deutſchen waren Aerzte und Wundaͤrzte der Maͤnner; nur die Prieſter beſchaͤftigten ſich, gleich ihnen, mit der Heilkunde, die damals um vieles einfacher, vielleicht aber auch um vieles ſicherer war. Auch vom Dienſte des hoͤchſten Weſens waren jene Frauen nicht ausgeſchloſſen, und die aͤlteren hatten ihre Stimme bei den Be⸗ rathſchlagungen uͤber die oͤffentlichen Angele⸗ genheiten. Seit dieſer Epoche hat ſich unſere buͤrger⸗ liche Verfaſſung ſehr geaͤndert; der Durſt nach Kuͤnſten und Wiſſenſchaften iſt an die Stelle des Durſtes nach kriegeriſchem Ruhme getre⸗ ten, und uns Frauen iſt Manches abgenom⸗ men worden, was uns von unſrer natuͤrlich⸗ ſten, folglich naͤchſten Beſtimmung ab⸗, aber auch den Wiſſenſchaften zufuͤhrete. Doch dieſes letztere lag nur in den Umſtaͤn⸗ den: was dieſen Urſprung hat, vergehet. Statt deſſen iſt und bleibt immer unvergaͤnglich die eigentliche Beſtimmung des Weibes— Haus⸗ frau, Gattin und Mutter, im volleſten Sinne des Worts, zu ſeyn. So wie es nun die Pflicht junger Maͤnner iſt, ſich auf ihre kuͤnftige Beſtimmung vorzubereiten, und alles zu erlernen, was ihnen dazu dienen kann, dieſe ihre Beſtimmung vollkommener, ſicherer und angenehmer zu erreichen: ſo ſollten es ja offen⸗ bar auch die jungen Maͤdchen, in Abſicht auf ihre kuͤnftige Beſtimmung machen. In wie⸗ fern nun Wiſſenſchaften und Kuͤnſte dahzu die⸗ nen, in ſo fern ſind ſie dem Weibe des geſit⸗ teten Standes nothwendig. Hat nun aber Jemand ſo viel Kraͤfte, Zeit und Mittel, daß er, außer dem, was eigentlich von ihm ge⸗ fordert werden kann, und was, damit er's leiſte, von ihm vorher erlernt werden muß— noch anderes lernen, uͤben, treiben kann, was jenes nicht ſtoͤrt, nicht hindert, ja, es wol auch erleichtert und angenehmer macht: ſo ſeh' ich nicht ein, wie es ihm, ohne Inhumanitaͤt, verwehret werden koͤnnte— ſollte dies Hin⸗ zukommende nun Wiſſenſchaft, oder Kunſt, oder was ſonſt ſeyn, wenn es nur etwas Ach⸗ tungswerthes und Gutes iſt? Das iſt meine Meinung im Allgemeinen; 6 ich will verſuchen, ſie auch im Einzelnen zu be⸗ ſtaͤtigen. Unſere Haͤnde muͤſſen zu allen weiblichen Arbeiten geſchickt ſeyn; wir muͤſſen uns be⸗ muͤhen, fuͤr uns und unſere Kinder faſt alles ſelbſt machen zu koͤnnen, ſollten wir auch nicht immer noͤthig haben, es zu thun. Wir muͤſſen treue Vorſteherinnen des inneren Hausweſens ſeyn, Kinder und Geſinde durch unſere Beiſpiele und Lehren auf gute Wege fuͤhren und darauf erhalten, mit Anſtand und weiſer Sparſamkeit zugleich auf das Nuͤtzliche und Wohlanſtaͤndige ſehen, und damit dem Manne kleinliche Sorgen erſparen, die ihn nur von ſeinen Hauptgeſchaͤften abziehen wuͤrden; und muͤſſen wir in wichtigern Faͤllen allerdings nie ohne die Zuſtimmung des Mannes handeln, ſo wird er denn doch bei einem gemeinſchaftlichen Regimente, wie das Hausre⸗ giment ſeyn ſoll, auch unſrer Stimme Gehoͤr ge⸗ geben. Soll nun dieſes alles wirklich gut ge⸗ ſchehen, ſo ſetzt ja das ſchon mancherlei Kennt⸗ niſſe voraus; und ſoll es, wie denn doch noͤthig iſt, wenn der Erfolg es kroͤnen ſoll, auch klug geſchehen, ſo verlangt es noch andere Kenntniſſe. — 2 Wir ſollen aber nicht blos die Wirthſchafte⸗ rinnen, ſondern auch die Freundinnen und Ge⸗ ſellſchafterinnen unſerer Maͤnner; wir ſollen nicht blos die Pflegerinnen, ſondern auch die Er⸗ zieherinnen und Leiterinnen unſerer Kinder ſeyn; ſo iſt es denn uns heilige Pflicht, auch zu dieſer hoͤhern Beſtimmung uns alles, folglich auch Einſichten zu erwerben. Und daß auch dieſer unſer Beruf, wenn er gut und klug gefuͤhrt wer⸗ den ſoll, Kenntniſſe— und noch weit mehrere, als jener, und um ſo mannichfaltigere, je wei⸗ ter ſich auch unter den nicht eigentlich gelehrten Maͤnnern doch mancherlei wiſſenſchaftliche und Kunſt⸗ Kenntniſſe verbreiten, und je mehr man jetzt auch von der Jugend verlangt— erfordere, ergiebt ſich von ſelbſt. Sonach moͤgen und ſollen eigentlich gelehrte Unterſuchungen— z. B. uͤber die Zuverlaͤſſigkeit hiſtoriſcher Thatſachen, oder uͤber den Grund alles Wiſſens, Empfindens und Handelns in unſerm innerſten Weſen u. dgl. immer den Maͤnnern, und namentlich den Gelehrten, uͤber⸗ laſſen bleiben: dazu taugen wir nicht; und taug⸗ ten wir dazu, ſo taugt er fuͤr uns nicht. Was in der Erfahrungswelt nicht unmoͤglich iſt, moͤgen wir immer fuͤr wahr annehmen; und was wir in unſerm Innern finden, moͤge, als exiſtirend, uns genuͤgen: aber anwenden— anwenden muͤſſen wir lernen, und das An⸗ wendbare uns erſt bekannt machen. Ferner: Talente zu uͤben iſt gewiß eben ſo wenig ein Fehler bei jungen Maͤdchen, wie bei jungen Maͤnnern. Warum ſollten die Muſen ſich nicht mit den Grazien verbinden? Allerdings giebt es wenige ſeltene Faͤlle, wo man ſich ihnen ausſchließend widmen darf; allein das moͤchte wol bei jungen Maͤnnern derſelbe Fall ſeyn! Hier moͤchte ich freilich ein Wort der Warnung an meine jungen Schweſtern wen⸗ den— an die jungen Maͤnner, die es eben ſo gut angehet, darum nicht, weil ſie auf mich nicht hoͤren wuͤrden. Die ſchoͤnen Künſte haben nehmlich etwas ſo ſehr Hinreißendes; ſie ziehen uns leicht von dem Nuͤtzlichen ganz ab, was ſie doch nicht ſollten, am allerwenig⸗ ſten bei vielen und bei Hausfrauen, Gattin⸗ nen, Muͤttern! ſie naͤhren auch bei wenig ed⸗ len Gemuͤthern die Eitelkeit zu ſehr—— 9— Ein reiner weiblicher Charakter ſuche nur nie mit etwas zu glaͤnzen! Beſcheidenheit bleibe ſtets der erſte, ſchoͤnſte Vorzug unſers Geſchlechts! Dann umgehen wir gemeiniglich auch jene Klippe des Zu viel, ſo wie des Ein⸗ ſeitigen und des Unſchicklichen. Wir muͤſſen unſere Vollkommenheiten nie oͤffentlich zur Schau tragen. Nur der Gatte ſoll ſeine Le⸗ bensgefaͤhrtin ganz kennen, wenn er faͤhig iſt ſie zu verſtehen; iſt er es nicht, ſo ziehe ſie auch fuͤr ihn den Schleier nicht von jenen Voll⸗ kommenheiten hinweg, die Er nicht ſchaͤtzen koͤnnte; vielleicht wuͤrde er ſie weniger lieben, wenn er ihre Ueberlegenheit fuͤhlte. Schwei⸗ gend zu wirken ſei unſer ſchoͤnes Loos; und ſo tragen wir vielleicht auch, ohne nachtheilige Wirkung und gleichſam unvermerkt, zur Bil⸗ dung und Verfeinerung eines rauhern, unfei⸗ nen Mannes bei. Aber ein Maͤdchen, das den eheloſen Stand waͤhlt, glaubſt Du, Minna, duͤrfe, gleich dem Manne, ſich ausſchließend den Wiſſen⸗ ſchaften widmen? Wol koͤnnte ſie das, wenn ſie das Erſte duͤrfte; allein es iſt uns ſo 10 wenig, als den Maͤnnern, erlaubt, vorſetzlich einem Stande zu entſagen, den nicht nur unſere Verfaſſung, ſondern auch die Natur, folglich Gott, uns offenbar zum Geſetz macht, und uns vielleicht noch mehr, als ihnen; denn es iſt bei⸗ nahe der einzige Stand, in dem wir— in dem wir wenigſtens jetzt, nuͤtzlich ſeyn koͤnnen. (Es giebt nur wenig einzelne Faͤlle, Kraͤnk⸗ lichkeit ausgenommen, die uns berechtigen koͤn⸗ nen, den eheloſen Stand zu waͤhlen, und wol auch Wenige, die es nie bereueten, wenn dieſer Stand ihre Wahl war.) Noch eine Hinſicht, aus welcher Maͤdchen allerdings ſuchen muͤſſen, ihren Verſtand aus⸗ zubilden und ihre Kenntniſſe zu erweitern! Was ſie auf dieſem Wege erringen, iſt faſt das Einzige, wodurch ſie dem allmaͤligen Ver⸗ ſinken in gewiſſe Gemeinheit ſicher entgegenkom⸗ men koͤnnen; nur dadurch werden ſie auch man⸗ che Luͤcke in ihrem einſamen Leben ausfuͤllen. Ehe ich ſchließe aber noch ein Wort zum Beſten der Frauen, die den Namen der Ge⸗ lehrten oder Kuͤnſtlerinnen— nicht faͤlſchlich uſurpiren, ſondern wirklich verdienen, ohne 11 damit glaͤnzen zu wollen; und die man jetzt, in vielen, auch weiblichen Geſellſchaften, faſt wie geaͤchtet anzuſehen pflegt! Iſt es— ich will nur ſagen, menſchlich, wenn man es einer Frau, die irgend ein hartes Geſchick des haͤuslichen Gluͤckes beraubte, uͤbel deutet, daß ſie im Umgang mit den Muſen einige Schad⸗ loshaltung fuͤr das Entriſſene ſucht? Sollte ſie wol zu tadeln ſeyn, wenn ſie nicht nur fuͤr ſich, ſondern auch fuͤr Andere zuweilen ſchreibt? beſonders wenn ſie damit beſcheiden hervortritt und ihren Schweſtern zu nuͤtzen, oder ſie zu erfreuen ſucht? Am wenigſten waͤre dies wol in unſern Tagen zu tadeln, wo ſo manches geſchrieben, und ſo manches geleſen wird, das nicht nur weder Nutzen, noch auch Freude ge⸗ waͤhrt, ſondern weit oͤfter einen unerſetzlichen Schaden anrichtet!— C. A. 2 2. Nun, ſagte der Geheimerath B. im Her⸗ eintreten zu ſeiner Freundin Z.; wie ſtehts mit dem Erziehungsplan fuͤr Ihre Toͤchter? Haben Sie das vierte Stuͤck des Journals deutſcher Frauen geleſen? Haben Sie jenen gehaltreichen Aufſatz uͤber die Graͤnzen der weiblichen Bildung ſo in Sich aufgenommen, daß er Ihre Grundſaͤtze daruͤber wenigſtens unter einen andern Geſichtspunkt ſtellt, und mehr auf die wahre Beſtimmung Ihrer Toͤch⸗ ter hinfuͤhrt? Sie meinen, ich ſoll bei der Erziehung meiner Toͤchter weniger von dem Idealen aus⸗ gehen, und mehr die Wirklichkeit beruͤckſichti⸗ gen, um nicht den eigentlichen Zweck ihres Berufs zu verfehlen? nicht verſchrobene Weſen aus ihnen zu machen, welche als Zwitterge⸗ ſtalten Keinem genuͤgen koͤnnen? Allerdings! und uns Maͤnner um den ſchoͤnen Genuß bringen, uns an reiner Weib⸗ lichkeit zu weiden, und an den zarten Geſtal⸗ tungen einer lebendigen, aber einfachen Natur 13 auszuruhen, wenn unſer Geiſt durch Einfoͤr⸗ migkeit und Willkuͤhr erſchoͤpft, und unſre Phantaſie in den abgemeſſenen Raum der her⸗ koͤmmlichen Formen eingeengt iſt. Wieder eine egoiſtiſche Ruͤckſicht Ihres Ge⸗ ſchlechts, zu welcher die Maͤnner doch faſt im⸗ mer zuruͤckkehren, wenn es unſre Beſtimmung und die Ergruͤndung unſrer Natur betrifft! Es iſt alſo wol billig, daß auch wir zuweilen aͤhnlichen Gefuͤhlen nachgeben und auch ich es verſuche, meinen Toͤchtern eine von allen aͤu⸗ ßern Zufaͤllen unabhaͤngige Exiſtenz zu ſichern. Sie wollen alſo der Natur in den Weg treten; Sie wollen maͤnnliche Wirkſamkeit auf den zarten Stamm weiblicher Anmuth pfro⸗ pfen, und dieſe preis geben, um eine unna⸗ tuͤrliche Frucht hervorzukuͤnſteln? Gerade das Gegentheil, lieber Geheime⸗ rath! Ich uͤberlaſſe Alles der Natur, und ſtrebe nur, dieſer aufzuhelfen; ich gebe dem Baͤumchen ſeine Stuͤtze, um es gerade auf⸗ ſchießen zu laſſen, und pflege der Pflanze, da⸗ mit ſie ſich in hoͤchſter Vollkommenheit ent⸗ falte. 14 Warum aber die Richtung zur Kunſt? Warum wollen Sie aus Ihren Toͤchtern Kuͤnſt⸗ lerinnen bilden, wenn Sie von den einfachen Grundſaͤtzen wahrer Weiblichkeit ausgehen? Ich bitte Sie, den erwaͤhnten Aufſatz mit neuer Aufmerkſamkeit durchzugehen, und das recht zu beherzigen, was die Verfaſſerin uͤber Gelehrſamkeit und Kunſt in ihrem Einfluſſe auf Einſeitigkeit ſagt; wodurch beide fuͤr den weiblichen Verſtand als verſchloſſen erſcheinen muͤſſen! Muß ich Sie denn erſt daran erinnern, daß ja die Kunſt ganz weiblich ſei? Und ſo uͤberzeugend auch die geiſtreiche Verfaſſerin die⸗ ſer Bemerkungen uͤber weibliche Bildung, be⸗ ſonders in wiſſenſchaftlicher Hinſicht, ſich aus⸗ gedruͤckt hat: ſo erlaube ich mir doch, Ihnen einige Einwendungen, beſonders in Beziehung auf Kunſtbildung, vorzutragen, und von der allgemein guͤltigen Anwendung auf das Ge⸗ ſchlecht, Ausnahmen fuͤr Einzelne aufzu⸗ ſtellen, welche ohne Nachtheil ihrer Weiblich⸗ keit aus der Nothwendigkeit unſrer buͤrgerli⸗ chen Verhaͤltniſſe hervorgehen muͤſſen. — 15 Ich bin rig zu hoͤren, wie Sie jene durchaus wahren und tief eingreifenden Behaup⸗ tungen widerlegen, und Ihre, wo nicht para⸗ doxen, doch ganz idealiſchen Grundſaͤtze weibli⸗ cher Erziehung entſchuldigen wollen! Nicht widerlegen das Ganze, aber rechtfer⸗ tigen die verhaͤltnismaͤßige Anwendung eines Theils! Denn wenn auch die eigentliche Gelehr⸗ ſamkeit uns nicht angehoͤren kann; wenn unſere ganze Eigenthuͤmlichkeit dem widerſpricht, daß wir uns in das trockne Feld der Spekulation, der poſitiven, der eigentlich hiſtoriſchen Wiſſen⸗ ſchaften u. dgl. verlieren, an bloßen Sprach⸗ Studien unſern Geiſt erſchoͤpfen, und in einen oͤffentlichen Beruf treten koͤnnen; ſo muß doch wahre Kunſt, indem ſie ja nur eine veredelte Natur iſt, ſich nicht nur der Weiblichkeit aneig⸗ nen laſſen, ſondern hauptſaͤchlich aus ihr hervor⸗ gehen. Und ich folge daher nur dem Winke der Natur zu ihrer hoͤchſten und reinſten Entfaltung, wenn ich meine Toͤchter dem Genius der Kunſt entgegen fuͤhre. Wird aber dieſer Genius ihnen laͤcheln? Wird er ſeiner ungebildeten Schweſter Natur 16— die Hand reichen, um ſie zu ſeiner aͤtheriſchen Hoͤhe hinauf zu ziehen? Ich fuͤrchte ſehr, liebe Freundin, es bleibt nur bei der ſchoͤnen Idee, und der kuͤhne Verſuch ſcheitert ſchon an den vielleicht entgegengeſetzten Anlagen Ihrer Toͤch⸗ ter! Denn wie wollen Sie ſie den Muſen nahe bringen— wie Ihre Thereſe in die Begeiſte⸗ rung und die wirkliche Erzeugung eines Kunſt⸗ werks ſetzen, wenn ihre Talente ſich— z. B. nicht zum Pinſel, ſondern zu weiblichen Hand⸗ arbeiten hinneigen? wie Ihrer Fanny die Seele der Muſik einhauchen, wenn ihr Gefuͤhl ihr ei⸗ nen andern Wirkungskreis anweiſt? Durch fruͤhe Richtung ihrer eigenthuͤmlichen Kraͤfte! durch das fruͤh geweckte Bewußtſein des ſie belebenden hoͤhern Inſtinkts! Dieſer muß zuerſt in einer reichen Phantaſie ihnen die irdi⸗ ſchen Gegenſtaͤnde heiligen; muß alles vergeiſti⸗ gen, was ſich ihrer Menſchheit darſtellt, und mit der dadurch hervorgehenden Geſchmacksbil⸗ dung zugleich ihr Gefuͤhl veredeln und erwaͤr⸗ men, um ſo die Grundlage aller Kunſt zu bil⸗ den; worauf dann leicht weiter fortgebaut wer⸗ den kann. Dabei bleibt ja noch die Wahl, in ihren verſchiedenen Zweigen auf individuelle Neigung und Faͤhigkeit Ruͤckſicht nehmen zu koͤnnen, wodurch der Genialitaͤt ihre Freiheit geſichert bleibt! Und alle die Erfahrungen, welche man bis jetzt von dem wenigen Gelin⸗ gen weiblicher Kunſtwerke gemacht hat, ent⸗ halten noch immer nicht den Beweis der Un⸗ moͤglichkeit eines ſolchen Gelingens. Sie verſtehen mit Waͤrme eine Lieblings⸗ idee zu vertheidigen. Aber Sie uͤberzeugen mich doch noch nicht von ihrer moͤglichen Aus⸗ fuͤhrbarkeit; wie viel weniger von der Noth⸗ wendigkeit einer weiblichen Kunſtbildung. Ich ſehe nur Schwierigkeiten ſich auf Schwierigkei⸗ ten haͤufen; und warum aus der Ferne holen, was die Naͤhe uns ſicherer und nicht minder anziehend darbietet? Die Nothwendigkeit liegt in unſern buͤr⸗ gerlichen Verhaͤltniſſen. Unſer Geſchlecht braucht immer mehr eines Mittels, ſich ſelbſt zu be⸗ gluͤcken, da uͤber ſeine ganze Exiſtenz immer mehr der Zufall entſcheidet. Es uͤber dieſen zu erheben, muß die angelegentlichſte Pflicht jeder wohlmeinenden Mutter, ſo wie jedes Men⸗ J. f. F. XII. H 2 0. 18 ſchenfreundes ſeyn. Denn ſagen Sie, lieber B., ob das Maͤdchen ſich nicht doppelt ungluͤck⸗ lich fuͤhlen muß, wenn ihre ganzen Kraͤfte da⸗ hin ſtrebten, Gattin und Mutter, im vollſten Sinne des Wortes, zu werden; wenn ihr Herz, nur von ihrem Berufe erfuͤllt, voll Liebe und Hingebung dem Anfang ſeines Wirkens und der Befriedigung ſeiner ſtillen Sehnſucht entgegen ſieht, und nun Verhaͤltniſſe, oder andere, ihrer Gewalt nicht uͤberlaſſene Urſachen, von denen unſer Geſchlecht auch phyſiſch abhaͤngt, dieſe innere Fuͤlle erregender und gemeinnuͤtziger Thaͤ⸗ tigkeit vernichten, und in den Strom des Le⸗ bens begraben! Allein ſteht ſie da in dem wei⸗ ten Raume einer Welt, welcher ſie nicht nuͤtzen kann, und das Gefuͤhl ihrer Entbehrlichkeit ſtellt ſich ihr uͤberall niederdruͤckend dar; ſie traͤgt es in ihre Umgebungen uͤber und glaubt in jedem Gegenſtande es ſich vorgehalten. Muͤſ⸗ ſen wir daher ihnen nicht etwas geben, woran ſie ſich halten koͤnnen, was ſie fuͤr die ſchein⸗ bare Zuruͤckſetzung entſchaͤdigt, ihrem Zartge⸗ fuͤhle durch ſchoͤpferiſche Thaͤtigkeit entſpricht, und ihnen die Achtung der Welt ſichert? Und 19 was koͤnnte da wol zweckmaͤßiger eingreifen, als das Kuͤnſtlerleben, das, die Wirkilichkeit verſchoͤnernd, an und fuͤr ſich ſchon den innern Frieden eines mit ſich einigen Geiſtes herbei fuͤhrt?—. Wird aber dieſe ſinnlich⸗geiſtige Thaͤtigkeit, dieſes Schaffen in Formen und Geſtalten, ihr Herz das ganze lange Leben hindurch ausfuͤllen? Wird das blos innere Leben ihnen ſo genuͤgen, daß ſie nie auf ihre eigentliche Beſtimmung zuruͤckkommen? Ich fuͤrchte das unterdruͤckte Gefuͤhl der raͤchenden Natur zu ſehr: es er⸗ wacht mit deſto groͤßerer Bitterkeit gegen das Schickſal; zumal wenn ſie, aus Gruͤnden, wel⸗ che, wie die geiſtreiche Verfaſſerin jenes Auf⸗ ſatzes ſagt, aus dem Geſchlechte hervor gehen, ſich der Welt ganz entziehen und in kloͤſterlicher Einſamkeit begraben muͤſſen! Ihre Weiblichkeit kann und darf in keinem Falle unterdruͤckt werden; darum will ich ja ihrem Herzen etwas geben, was es zu feſſeln und mit der Menſchheit in Uebereinſtimmung zu bringen vermag! Ihr Gefuͤhl ſoll daſſelbe bleiben, wie es von ſeinen Urtrieben ausging; 20— ich will es nur auf hoͤhere Zwecke hinleiten! Uebrigens kann ich mich nicht davon uͤberzeugen, daß die Wahl einer Kunſt bei unſerm Geſchlechte zugleich eine Entſagung der Welt heiſche; denn eine Gleichſtellung mit den Maͤnnern in Einem Punkte, der Wetteifer einzelner Kraͤfte und Faͤhigkeiten, ſetzt noch keine Erhebung uͤber ſie voraus. Wir naͤhern uns ihnen nur, und thun das mit einem keuſchen Sinn fuͤr das Schoͤne, Liebliche und Erhabene. Zudem, wenn wir auch phyſiſch ihres Schutzes nicht entbehren koͤnnen, ſo ſollten wir doch moraliſch dahin trachten, um nicht nur den vielfachen Verlegen⸗ heiten zu entgehen, in welche uns dieſe Ab⸗ haͤngigkeit ſetzt, ſondern auch um uns fuͤr den allgemeinen Beruf des Lebens und des Wirkens geſchickter und— ſtaͤrker zu machen. Nun, zugegeben, daß Sie ohne alle dieſe Aufopferungen zu Ihrem Ziele kommen, Ihre Tochter dem ſchoͤnen Berufe der Kunſt entge⸗ gen zu fuͤhren; was wird aber dann mit ihnen ſeyn, wenn aͤußere Reize oder dieſe hervorſte⸗ chenden Talente weiblicher Ausbildung ſie Maͤn⸗ nern werth machen, die ſie zu ihren Gat⸗ 21. tinnen waͤhlen, und nun, bei aller Achtung dafuͤr, doch wuͤnſchen, daß ſie nur ihnen und ihren Kindern angehoͤren ſollen? Wie wird ſich der freie Flug ihrer Phantaſie zu den einfachen Beſchaͤftigungen des Hausweſens und ihr ſchaf⸗ fender Geiſt zu den gemeinſten Dingen oͤkono⸗ miſcher Thaͤtigkeit und Sorgfalt herablaſſen koͤnnen? Dies wird die moraliſche Ausbildung ihres Charakters in dem heiligſten Pflichtgefuͤhl be⸗ wirken, auf welches ich ſie zuerſt hinweiſe. Sie werden in jeder Lage des Lebens ihre Pflich⸗ ten kennen und uͤben lernen; und wenn Zeit und Verhaͤltniſſe ihren Lieblings⸗Beſchaͤftigun⸗ gen in den Weg treten, ſo wird zwar das Me⸗ chaniſche der Kunſt zuſammenfallen; ſie werden aufhoͤren ſichtbar zu geſtalten: allein der ewige Geiſt, die Seele ihrer Kunſtuͤbungen wird ih⸗ nen bleiben und Alles verſchoͤnern und veredeln, was ſie umgiebt. Und iſt dieſer Gewinn nicht des Aufwandes von Zeit und Kraft werth, wel⸗ che etwa eine ſolche weibliche Erziehung koſten duͤrfte? Allerdings: wenn die Ausfuͤhrung in der 22——— Wirklichkeit ſo gelaͤnge, wie das Gefuͤhl einer geruͤhrten weiblichen Natur in Ihnen ſie jetzt ahnet! Indeſſen iſt es ſchon eines Anſtrebens zu dieſem Ideale der Weiblichkeit werth, denn wahr iſts: Tauſend Keime zerſtreut der Herbſt, doch bringt kaum einer Fruͤchte, zum Element kehren die meiſten zu⸗ ruck; Aber entfaltet ſich auch nur Einer, der ein⸗ zige ſtreuet Eine lebendige Welt ewiger Bildungen aus! C. Lieder der Unbekannten. Beſchluß. 10. D amon. (Auf Veranlaſſung von Göthe's: Mein Mädchen war mir ungetreu.) Mein Damon liebte mich nicht mehr; Nichts konnte meinem Kummer gleichen! Mich trieb's, den Felſen zu erſteigen, Zu ſchaun in öder Fluth umher. Mich ruhrte nicht die treue Schaar So vieler mir geweihten Herzen; Ich fuͤhlte nichts als meine Schmerzen⸗* Nahm nichts als ſeine Untreu wahr. Mein Auge ſank, von Thraͤnen ſchwer, Auf meine wund gerungnen Haͤnde— O Jammer, Jammer ſonder Ende: Mein Damon liebte mich nicht mehr! 9 Mir war's, als bebt' um mich die Welt, Als traͤt der Mond aus ſeiner Sphaͤre: Weiß nicht, was noch geworden waͤre Was wird aus der, die nichts mehr haͤlt? Da toͤnt' es wie Geſang um mich, Und bebend ſchloß michs in die Arme; Ach, fleht' es innig, ach erbarme, Erbarme meines Lebens dich! Dein Freund, er kehrt zu dir zuruͤck! Sein Leben haͤngt an deinem Leben! Vergieb ihm, Chloe!— Dir vergeben? Rief ich mit thraͤnenvollem Blick. Du kennſt mein Herz, das laͤngſt vergab! Nur deinem Undank wollt ich weichen. O, rief er, Liebe ſonder gleichen! Und— ſtieß vom Felſen mich hinab. Ich ſtuͤrzte in den wuͤſten Raum; Er rief mir nach mit bitterm Hohne: Gluͤck zu, du neue Alcyone! Und ich erwacht': o ſchwerer Traum!— 11. Grablied meiner Wachtel. Ruhe ſanft im Schatten dieſes Baumes, Du, die Iris mir geſchenkt; Iris, die nicht dein, und nicht des Traumes Unſrer ſuͤßen Jugendfreundſchaft denkt; Die dir nicht ein kleines Bluͤmchen ſtreute Auf dein Grab, wo einſt ſie gluͤcklich ſaß; Die ihr Lied der Welt, dir keines weihte, Im Gewuͤhle dein und mein vergaß. Wenn der Fruͤhling deine Ruheſtaͤtte Mit den erſten Bluüͤthen uberſtreut; Wenn die Mohnſaat, die ich weinend ſa'te, Mit den Blumen der Vergeſſenheit Roth und weiß die kleine Hohle kroͤnet, Die ich ſelbſt zum Ruhplatz dir gemacht: Dann— du Kleine, troͤſte dich— ertoͤnet Harfenſpiel durch deines Grabes Nacht; 25 Und ich komm', und meine Turteltaube, Deine Freundin, klagend auf dein Grab, Und es flattert aus dem jungen Laube 3 Dann dein Schatten ſtill zu uns herab; Deine Schweſtern kommen nun, und picken, Was ich dir zu Ehren ausgeſtreut, Und ein Kraͤnzchen will ich dann mir pfluͤcken Von den Blumen, die dein Grab mir beut. 12. Warnung. Scherze nie mit deines Freundes Liebe; Waͤhne nie, daß ſeine Zaͤrtlichkeit Ewig feſt und unerſchüttert bliebe, Trotz dem Leichtſinn, der Vergeſſenheit! Wagſt du je, was heilig ihm, zu ſtöoren, 9 ſo bauſt du eurer Liebe Grab. Traure nur! denn keiner Reue Zaͤhren Löſchen jemals dein Verbrechen ab. 27 Ach, er wird mit tiefem, duͤſterm Schweigen, Matt, erbleichend dir zur Seite gehn; Wird, wie vormals— zwar die Hand dir reichen, Aber forſchend dir ins Antlitz ſehn. Nur Vertrauen kann ein Herz ergruͤnden: Sein Vertrauen haſt du weggelacht! Liebe heißt ihn zwar dich ſchuldlos finden, Doch gerechter Stolz bricht ihre Macht— Ihre Macht, und endlich ihre Kette; Eures Bundes Friedensengel fliehn, An verborgner Freuden Roſenbette Tritt der Zweifel, tritt Verachtung hin. Zwar er wankt, er ringt, dein Vielgetreuer— Ach, er kann dir nie ſein Herz entziehn; Sehnend weinſt du, und mit welchem Feuer Wird er nun in deine Arme fliehn: Doch die wonnevollen Himmelsſtunden Reiner, unentweihter Sympathie Sind fuͤr dich auf ewig hingeſchwunden— Deine Schuld, dein Leichtſinn ſcheuchte ſie. Deine Schuld— auch wenn ſie laͤngſt vergeben, Wird bei jedem Druck von ſeiner Hand Wie ein Schreckbild draͤuend vor dir ſchweben, Und du bebeſt, von Ihm abgewandt. Treuer Liebe reine Gluthen ſtammen Vom Olymp, der Geiſter Paterland; Sie ſind hehr und heilig, wie die Flammen, Die in Veſta's Heiligthum gebrannt: Einmal ausgeloſcht— wie ſie entzuͤnden? Wer vermag in ſtrahlenloſer Nacht Jenen Himmelsfunken aufzufinden, Den der Gottheit Hauch zur Flamme facht? Keine Macht auf Erden, keine Reue Macht erbluͤhn entflohner Liebe Glück; Kaum in ferner Zukunft, führt die Treue Einſt zur ſtillern Freundſchaft euch zuruͤck. 13. Am Grabe meiner Mutter⸗ Nimm noch dieſen Blick, noch dieſe Thraͤne, Noch den letzten, letzten Kuß der Hand: Und nun lebe wohl! und jede, jede Scene, Die mich inniger mit dir verband, Jede Stunde, die uns froh verfloſſen, Jedes Wort, das Mutterliebe ſprach—, Alles werd' in meiner Seele wach, Was ich, Mutter, je durch dich genoſſen! Schon dein Blick war meiner Freuden Quelle, Meines Kummers ſieggewohnter Feind; Auf dein Laͤcheln ward die Seele helle— Und wie gern haſt du mit mir geweint! Von der Zeit, da ich zuerſt empfunden, Da ich ſtill an deiner Seite ſaß, Deines Anblicks froh, mein Spiel vergaß⸗ Bis auf heute— o, wie ſchoͤne Stunden! 30— Und ſie ſind nun alle hingegangen; Sind verſchwunden, wie ein Morgentraum! Wie mich duͤnkt, erſt geſtern angefangen: Nun vorbei!— Ach, noch vermag ichs kaum Von der ſuͤßen Hoffnung mich zu trennen, Immer ungeſtort bei dir zu ſeyn: Und bin ſchon verlaſſen— bin allein—— Mutter! wie werd' ich dich miſſen können? Gute Mutter! wie wird mir geſchehen, Wenn ich nun in meiner Einſamkeit Stets dich ſuchen werde, nirgends ſehen? O wie freudenleer und oͤd' und weit Wird mir jedes Lieblingsplaͤtzchen duͤnken, Wo mich tauſendfache Luſt umfing, Wenn ich nur an deiner Seite ging,. Lauernd deines Auges mildem Winken! Ach umſonſt ruft mich die Abendkuhle Und der Mond in unſern Lindengang! Ach vergebens lockt zum Saitenſpiele Mich ein neuer, feſtlicher Geſang! Selbſt der Ton von deinen Lieblingsliedern Hat fuͤr mich nun keine Reitze mehr: Still' und Schweigen wuͤnſch' ich um mich her— Todtesahnung bebt in meinen Gliedern.— Todtesahnung!— O wie gern, wie gerne Folg' ich, ſchoͤn verklaͤrte Mutter, dir!— Iſt es Taͤuſchung? oder winkt von ferne, Dort, aus Sternen, mir dein Geiſt von hier? Schweigſt du? Rief ich nicht in deinen Armen: Ohne dich iſt mir die Welt ein Grab?— Todtesengel, ſteigt denn ihr herab, Euch getrennter Liebe zu erbarmen!—— Ich muß weilen!— Nimm noch dieſe Zaͤhre, Noch den letzten, letzten Scheideblick!— Euch entlaſſ' ich, meiner Freuden Choͤre: Hier am Grabe laſſ' ich euch zuruͤck!— Ahnung beßrer Welten Wiederſehen: O vermoͤchtet ihr den finſtern Gram, Der den ſtillen Schmerz der Seele nahm, Mit dem Engelsfittich zu verwehen!— Conſtanze Cezeli. (Zeit: von 1580 an.) Francisca de Cezeli an ihren Gemal. Die Reiſe iſt geendigt, und ich verſpreche dir, mein Geliebter, es ſoll die letzte ſeyn, ſo wie es die erſte war, zu der ich die Einwilli⸗ gung deiner beſſern Ueberzeugung entriß. O wie weit richtiger beurtheilteſt du die Dinge, als ich, vom blinden Glauben geblendet: wie in mir alles der Veraͤnderlichkeit trotze, ſo muͤſſe es auch außer mir ſeyn! Die Freundin, die ich vor zwanzig Jah⸗ ren aus meinen Armen ließ und die, welche ich wiederzuſehen brannte, die fromme Ines de Caſtelli, meine Kloſtergefaͤhrtin, und die — 33 ſtolze Herzogin von Alba waren noch immer ein Weſen in meiner Phantaſie; nichts konnte dieſen ſuͤßen Wahn ſtoͤren, ein ununterbroche⸗ ner Briefwechſel erhielt mir immer das ſeltne Bild, und noch weiß ich nicht, ob ich mei⸗ nen Augen trauen, noch weiß ich nicht, ob ich es fuͤr ganz verſchwunden halten ſol. Nein nein, mein Gemal, ganz haſt du doch wol nicht recht. Es iſt wahr: hier iſt das Aeußere voͤllig ſo, wie du mir es ſchilderteſt, als du mich von der Reiſe abhalten wollteſt, zu der mich die alte Freundin zuletzt faſt mit Unwillen aufforderte; hier iſt nichts als Groͤße und Glanz, der meine Beſchraͤnktheit beſchaͤmt; hier ſind Cirkel, in welchen die beſcheidene Aus⸗ laͤnderin ſich einſam und unbehaglich fuͤhlt, weil die, welche ihr in denſelben eine Exiſtenz geben koͤnnte, ſich immer ihr fern ſtellt, und ihr nicht oͤffentlich ſeyn will, was ſie ihr heim⸗ lich iſt. Selbſt in Gegenwart des Herzogs iſt Ines nicht das, was ſie mir gegen ihn ſeyn ſollte, um ſein ſtolzes Herabſchauen auf mich zu mildern: aber— ſind wir allein, o mein Geliebter, ſind wir allein, o dann ganz J. f. F. XII. H. 3 8 34 wieder das Alte, ganz nur die Ines, die alle ihre Geheimniſſe in meinen Buſen niederlegte, nichts von der ſtolzen Dame, die das Gluͤck ſo hoch uͤber mich erhob. Das Gluͤck ſie erhob?— Verzeihe, Freund meines Herzens, der Satz gilt umge⸗ kehrt: das Gluͤck erhob mich uͤber ſie!— Denn was iſt ihr ihr Gemal, und was biſt du mir! Die arme, arme Ines! wie theuer mußte ſie Glanz und Groͤße um das ſchoͤnſte Gluͤck des Weibes kaufen! Muͤndlich ſage ich dir hiervon mehr, denn bald bin ich wieder bei dir. Dies iſt nur ein ganz kurzer Beſuch, ob gleich die Herzogin Anſtalt macht, ihn ſehr lang auszudehnen. Wir wollen dieſen ganzen langen Sommer zuſam⸗ men auf dem Lande leben, ſo ſagte ſie heut, und dann erſt die Feſte der Vergangenheit feiern. Ich glaube ihr, daß ſie Ruhe an einem freundſchaftlichen Buſen bedarf, aber— ich ſehne mich nach dir. Ihr bin ich ja doch nicht alles, wie ichs dir bin! fuͤr mich hat ſie ja doch nur Stunden, da du mir dein ganzes Leben weihſt! O wie konnte ich dich verlaſ⸗ ſen; verlaſſen in dieſen Zeiten, da die Ruhe der Waffen ſo unzuverlaͤſſig iſt, da vielleicht die naͤchſte Action uns ewige Trennung bringen koͤnnte!— Nein nein! dies nicht! zu eilig will ich wiederkommen! Auf laͤngere Zeit, auf Aus⸗ fuͤhrung groͤßerer Plane war der Zuſchnitt ge⸗ macht, das verhele ich dir jetzt nicht; aber, verlaß dich darauf, ich komme bald— zu wenig ſinde ich hier alles wie ichs erwartete! Conſtanzen habe ich abſichtlich noch in Juͤnglingskleidern gelaſſen: die ganze Mumme⸗ rei gilt nun nichts. Keine Erklaͤrung gegen Ines, ſie wuͤrde ihres ganzen Endzwecks ver⸗ fehlen! Daß ſie einen Endzweck hatte, noch einen andern, als Bequemlichkeit auf der Reiſe, un⸗ ſchuldigen Scherz, und was ich dir etwa an⸗ gab— daß Conſtanzens Verkleidung noch einen andern Endzweck hatte, o daß ich dir dieſes bekennen, daß ich Heimlichhaltung verborgener Abſichten mir vorwerfen muß!— O mein Gemal! dich ſchuͤtze die Gottheit! wuͤrdeſt du jetzt mir entriſſen, ich muͤßte vergehen; um Verſtand und Leben waͤr's gethan, weil ich Geheimniſſe vor dir hatte! weil ich dich taͤu⸗ ſchen wollte!— O wie ganz anders macht Entfernung, macht der Gedanke an ewige Trennung, die Geſtalt deſſen, was wir uns oft ohne Bedenken gegen theure Lebensgefaͤr⸗ then erlauben! Wahrheit! Wahrheit! du räͤchſt dich fuͤrchterlich! Du belachteſt immer mit Achſelzucken die Sorgfalt, mit der ich der Herzogin verſchwieg, daß ich eine Tochter habe. Ich ſagte dir oft, ich wollte ſie einſt mit Conſtanzen froͤh⸗ lich uͤberraſchen. Du konnteſt noch weniger begreifen, was hier fuͤr ſuͤße Ueberraſchunig liegen ſollte; du wußteſt nicht, daß dieſes in einem uralten Maͤdchen⸗Verſprechen lag: gaͤb uns Gott einſt Kinder von verſchiedenem Geſchlecht, ſo ſollten ſie eins fuͤr das andre leben. Ern⸗ ſter gefaßt, und feſter beſchworen ward dieſer Einfall, als ſonſt bei jugendlichen Traͤumen der Fall iſt; ich hielt ihn fuͤr unumſtoͤßlich.— Ich ward bald nach Ines verheirathet, ich ſchrieb ihr von meinem Gluͤck, ſchrieb ihr von der Geburt meiner erſten Soͤhne, die der Tod 37 nahm. Gott ſchenkte uns Conſtanzen.„Und noch, und noch kein Maͤdchen?“ ſchrieb die Herzogin, der das Geruͤcht wieder von einem Sohne geſagt hatte.„Und noch kein Maͤd⸗ chen!“ antwortete ich, und ein Gedanke nahm in der Folge Platz in meiner Seele, der nicht unvernuͤnftig war, und den ich dir nicht haͤtte zu verhelen gebraucht. Wir hatten geſchwo⸗ ren, nicht unſre Kinder. Dieſe Kinder muß⸗ ten ſich ſehen, wenn ſie erwachſen waren, mußten ſich lieben, wenn das Gluͤck unſern Schwur beſtaͤtigen ſollte; nichts mußte hier Zwang, alles freier Wille ſeyn: ſo entſtand mein Geheimniß, deſſen Entwickelung du nun errathen kannſt. Conſtanze iſt durch unſern Eid fuͤr Don Pedro, den Sohn der Herzogin, beſtimmt. Die Beſtimmten einander in fremder Geſtalt zu zeigen, und wenn alles ſo waͤr' wie ich wuͤnſch⸗ te, dann erſt, dann erſt meinen Conſtans in eine Conſtantie zu verwandeln— dies war mein Plan: ach er verdiente ſchon dadurch ſein Mißlingen, daß er ſich dir unbewußt in meine Seele ſtahl. 38— Trauter Gemal, in manchen Augenblicken iſt mirs faſt gewiß, dieſer thoͤrigte, auf jugend⸗ liche Traͤume gegruͤndete Schwur mußte ge⸗ brochen werden. Don Pedro gefaͤllt mir nicht ganz; wer weiß ob Conſtanze ihm jemals ge⸗ fallen wird. Auf die Herzogin ſcheint ſie als Knabe ſehr gleichguͤltig zu wirken; was wuͤrde ſie erſt als Maͤdchen thun!— O wie hat ſich in dieſem Herzen alles geaͤndert—! Und doch wieder— wenn wir laͤnger um ſie, wenn wir in der Einſamkeit um ſie und Don Pedro waͤ⸗ ren, wuͤrden da ſich nicht vielleicht Gefuͤhle ent⸗ wickeln, wuͤrden nicht Plane gedeihen, wie wir ſie ehemals traͤumten? Ganz gleichguͤltig ſind die Kinder einander nicht. Aber kann ich dies wuͤnſchen? Wuͤnſche ichs wirklich? Nein! nein! nein!— Mein Herz reißt ſich in dieſem Augenblick von allem los, was deine Wahl nicht heiligte, und was alſo auch nicht gluͤcken konnte. Rechne darauf, in unerwarteter Kuͤrze liegen wir wie⸗ der in deinen Armen. Wohl mir, daß Con⸗ ſtantiens Kleid das Geheimnis deckt. — Die Frau von Cezeli an die Herzogin von Alb a. Theure Ines, die ſchrecklichſte Zeitung reißt mich von hinnen. Es iſt unmoͤglich, mein Kind mit mir zu nehmen. Ich empfehle es dir! Haſt du noch Gefuͤhl ehemaliger Freund⸗ ſchaft, ſo ſchicke dieſes Pfand alter Geluͤbde unablaͤſſig mir nach. Die Geſundheit dieſes zarten Weſens fordert andre Reiſeanſtalten, als ich in dieſem Augenblick der fuͤrchterlichſten Eile machen kann! Leb ewig wohl. 40—— Nachſchri f r eines Briefes des Herzogs von Alba an ſeine Gemalin. Ihre raͤthſelhafte Freundin iſt dieſen Morgen ſo ſchnell wieder verſchwunden, als ſie ankam. Wie iſt es moͤglich, Madam, daß dies Weſen ehemals eine Buſenfreundin meiner Gemalin war? Doch ich haͤtte dieſe Gemeinheiten auch nicht der Frage gewuͤrdigt, wenn ich nicht vorſtehende wichtigere Dinge Ihnen haͤtte mel⸗ den muͤſſen. Es ſoll ein Brief der Madam Cezeli an Sie vorhanden ſeyn, den man nicht finden kann; ich denke es thut nichts, denn ſie hat den faden Conſtans, Ihren maͤdchenhaften Pathen, zuruͤckgelaſſen, der Ihnen ja wol alles muͤndlich ſagen wird. Ich bin nicht da⸗ gegen, daß wir das Kind hier behalten. Don Pedro kann es leiden; er braucht ein Spiel⸗ zeug. Dem Knaben ein Unterkommen zu ſchaf⸗ fen, war ja wol die einzige Abſicht, warum ihre demuͤthige Kloſterbekannte heruͤber kam. Nun, es ſei: aber das war nicht wohl gethan, daß die Herzogin von Alba mich an ehemalige geringfuͤgige Freundſchaften erinnert. — Conſtanze an ihre Mutter. O meine Mutter, in welchen Verlegenheiten haben Sie mich zuruͤckgelaſſen! War's denn keine Moͤglichkeit Sie zu begleiten? Meine Jugend— die Schwaͤche meiner kaum wieder⸗ hergeſtellten Geſundheit— die rauhe Jahrszeit — ja, es iſt wahr, Urſachen genug mich hier zuruͤck zu halten; aber galt es nicht vielleicht den letzten Blick eines Vaters? Die nehm⸗ liche Eile, die die treue Gemalin nach Mont⸗ pellier rief, haͤtte auch die zaͤrtliche Tochter von hier reißen ſollen, und, ſorgen Sie nicht, auf 4² dem Wege der Pflicht wuͤrde mich keine Ge⸗ fahr getoͤdtet haben. O Mutter! Gefahren wollten Sie mich entreißen, und welchen haben Sie mich hier zum Raube gelaſſen!— Es iſt nicht moͤglich, die ſchnelle Nachricht von der toͤdtlichen Ver⸗ wundung meines Vaters muß dieſen hellen Verſtand auf einige Augenblicke verdunkelt, die⸗ ſes zaͤrtliche Herz auf einige Augenblicke gegen die arme Conſtanze erkaltet haben! Sie rie⸗ fen mir beim letzten Scheidekuſſe zu, den ich mehr Ihnen entriß, als daß Sie mir ihn gegeben haͤtten: Sei ruhig, ich laſſe dich in den Armen der Herzogin!— Der Herzogin? in ihren Armen?— Mutter, mit Erroͤthen ſehe ich auf das Kleid, das ich trage, und das mir es allenfalls erlaubt, zu ihren Fuͤßen zu knieen oder ihre Hand an mein Herz zu druͤk⸗ ken; mich in ihre Arme zu werfen, duͤrfte ich das wagen, ohne mich ihr genannt zu haben? Wie wuͤrde der Sohn auch der geliebteſten Freundin von der Stelle zuruͤckgeſtoßen werden, die allenfalls nur die Tochter einnehmen duͤrf⸗ te!—— Duirfte, duͤrfte ich mich ihr nur 42 entdecken! Koͤnnte ich nur das Herz faſſen, es zu thun!— O warum ward ich in dieſe Ver⸗ legenheit geſtuͤrzt! Die Kleidung des maͤnnli⸗ chen Geſchlechts diente recht gut, unſere weite Reiſe bis hierher ſicher und bequem zu machen, aber nun haͤtte ſie auch ſogleich abgelegt wer⸗ den ſollen.— Ein ausgedachtes Spiel! eine froͤhliche Ueberraſchung, die Sie der alten Freundin beſtimmten! O Gott! mußte dieſer Kinderei meine ganze Ruhe aufgeopfert wer⸗ den? Mutter, ich bin vielleicht zu kuͤhn, aber gewiß, Sie haͤtten wenigſtens in dem letz⸗ ten Augenblicke reden ſollen!— Zwar gegen wen? gegen den Herzog, den finſtern, men⸗ ſchenfeindlichen, ſtolzen?— Gegen Don Pe⸗ dro?— Die Herzogin war nicht anweſend, als Sie das Geſchick ſo ſchnell von hinnen riß! Eine Stunde war ja der Zeitraum, der mich noch ruhig an der Seite derjenigen ſah, von der ich mich nie trennte, und die— noch duͤnkt michs ein Traum!— Meilen zwiſchen uns lagerte! Als die Herzogin des andern Tages von To⸗ ledo zuruͤck kam, machte der ſchnelle Abſchied * 44 der Freundin, auf deren langen Umgang man gerechnet hatte, einen Eindruck auf ſie, den ich nicht erwartet haͤtte!— Nicht gekraͤnkte Freund⸗ ſchaft, nicht getauſchte Hoffnung: beleidigter Stolz war dieſes!— O Mutter! dieſe Her⸗ zogin iſt die Gemalin des hochherabſchauenden Alba! Jetzt, da Sie nicht mehr hier ſind, jetzt erſt werde ichs gewahr, und— wo ſoll ich Herz finden, dieſer zu bekennen: Conſtans de Cezeli, den ſie ſehr weniger Achtung wuͤr⸗ diget, ſei ein verkleidetes Maͤdchen? Je mehr ich es uͤberdenke, je gewiſſer uͤber⸗ zeuge ich mich, ich muß bleiben wer ich bin, bis meine Mutter, meine gute Mutter zuruͤck⸗ kehrt, oder mich abfordert.— Auch noch aus andern Urſachen muß ich es.— Ach, dieſer Don Pedro! meine Kleidung erlaubt ihm, mich ſo vertraulich zu behandeln! Ich bin ſein Freund, wir ſind unzertrennlich! wie muͤßte ich erroͤthen, ihm zu geſtehen, ein Maͤdchen ſei es, gegen die er ſich dies alles erlaubte! Geſtern kuͤßte er mich! O gewiß, er behandelt mich als ein Kind! Ich bin ſchon funfzehn Jahr, man haͤlt mich hier kaum fuͤr zwoͤlf! — 45 O Mutter! Mutter! holen Sie mich eilend ab, oder ich muß fliehen, fliehen, und ob der weite Weg, und die ungewoͤhnliche Witterung, und meine arme, noch immer leidende Vruſ mir den Tod gaͤb. Conſtanze an dieſelbe. Drei Wochen voruͤber, und noch keine Ant⸗ wort!— O Mutter! das bedeutet mir nimmer kein Gutes! Den Tag quaͤlen mich die peinigend⸗ ſten Beſorgniſſe; des Nachts, meine Traͤume! Ich ging dieſe Nacht allein, ganz allein durch eine weite unabſehliche Flaͤche— kalt, feucht, herbſtlich, wie man die nordiſchen Gegenden mahlt. Es war dunkel um mich; alles Licht, das mich zuweilen umleuchtete, wie voruͤber⸗ gehende Blitze, kam von zwei Stralengeſtalten, die uͤber mir ſchwebten,— bald, ach bald verſchwanden ſie ganz aus meinen Augen.— Ich kenne, o ich kenne euch wol, ihr himm⸗ 40— liſchen Sterne: Vater⸗ und Mutterliebe heißt ihr, und ihr ſeid mir ſo fern! und ich bin hier unter Fremden!. Dann war's, als wollte ich Blumen pfluͤk⸗ ken in einer ſchoͤnern Gegend: da wand ſich eine Schlange um meine Hand; ich wußte lange nicht, daß ſie es war; ich hielt ſie fuͤr eine zarte Liane, und wollte ſie mit Blumen zum Kranze fuͤr mich durchwinden; aber ſchnell nagte das Ungeheuer an meinem Herzen, und anſtatt es von mir zu ſchleudern, liebkoßte ich es lange, und druͤckte es feſter und feſter an mich, bis ein unnennbarer Schmerz mich uͤber⸗ machte und ich mit einem lauten Geſchrei auffuhr. Mutter! dies ſind Traͤume: aber ſie zei⸗ gen Ihnen den Zuſtand meines Herzens. Kom⸗ men Sie, o kommen Sie zuruͤck! Der Va⸗ ter wird leben; die kindlichſten Gebete erhal⸗ ten ihn, und ach!— ſollte das aͤrgſte ge⸗ ſchehen— entriß ihn uns das Schickſal— Don Pedro hat heute ſehr bedenklich mit mir uͤber ſeinen Zuſtand geſprochen— o dann habe ich ja Sie noch! Kommen, kommen Sie 47 nur, oder laſſen Sie mich abholen. Mich duͤnkt, ich kann hier keinen Tag laͤnger blei⸗ ben!— Don Pedro verſpricht mir dieſen Brief durch einen Eilboten abzuſchicken. O, der Bote moͤchte ich ſelbſt ſeyn!— Ich waͤr es, duͤrfte ich mir die ſchnelle Bewegung des Reitens erlauben!— O haͤtte ich dieſes ge⸗ durft, ſo haͤtte ich Ihnen folgen koͤnnen! ſo waͤr ich in all dieſe ſchrecklichen Verlegenhei⸗ ten, von welchen ich Ihnen die wenigſten melde, gar nicht gerathen! Conſtans de Cezeli an Donna Helena de Toledo. Guaͤdiges Fraͤulein, erlauben Sie einem armen fremden Knaben, ſich in der peinlichſten Ver⸗ legenheit an Sie zu wenden; die Huld, mit welcher Sie zuweilen an meinen verweinten Augen hingen, macht mir Muth zu der Bitte, „ 48— zu welcher mir der Herzog und die Herzogin zu hoch ſind, Don Pedro zu wenig aufrichtig ſcheint. Ich weis, der Bote aus Montpellier iſt zuruͤck. Man ſagt mir nicht, was er bringt. Ach Gott, ich zittere vor dem ſchrecklichſten!— Nur ein Wort zur Antwort. Oder habe ich zu kuͤhn gebeten? Donna Mencia an Conſtans. Es iſt Verwegenheit, wenn ein Juͤngling an ein ſo zartes Fraͤulein ſchreibt, wie meine junge Dame. Conſtans wende ſich mit ſeinen Fra⸗ gen an andre. Hier werden keine Briefe mehr angenommen. 49 Conſtans de Cezeli an den Herzog von Alba. Erlauben Sie, gnaͤdiger Herr, dem, der nicht das Herz faſſen kann, Sie anzureden, eine ſchriftliche Bitte. Zwei Wochen ſind voruͤber, da ich die entſetzliche Nachricht erhielt, die mich ganz zum Waiſen machte.— Wie es moͤglich war ſie zu uͤberleben, weiß ich nicht, und, o wollte Gott, ich waͤr' mit denen ge⸗ ſtorben, nach denen ich nun nichts mehr hier zu thun habe!— Doch, wie duͤrfte ich Kla⸗ gen wagen, da mir nur eine kurze Bitte er⸗ laubt iſt. Man ſagt mir, mir ſei das Gluͤck zuge⸗ dacht, unter die Pagen Don Pedro's aufge⸗ nommen zu werden; darf ich das Geſtaͤndniß wagen, daß dies kein Gluͤck fuͤr mich iſt?— Ich bitte um einen Aufenthalt, einen kurzen Aufenthalt in einem Kloſter, bis ich einem ent⸗ fernten Verwandten, dem Bruder meiner Mut⸗ J. f. F. XII. H. 4 50 ter, Nachricht von mir gegeben habe; er wird mich abholen, und dem großen Manne, an den ich zu ſchreiben wagte, den Dank fuͤr die Nachſicht gegen einen bloͤden Knaben abſtat⸗ ten, den ich ſelbſt nicht auszudruͤcken im Stande bin. Don Pedro a n Conſtans de Cezeli. Das muß man dir laſſen, mein Kind, daß du die Feder zu fuͤhren weißt, trotz einem Doktor von Salamanca. Mein Vater hat mir mit großem Lachen deine Bittſchrift gezeigt, und wahrſcheinlich haſt du dieſes Lachen voraus⸗ geſehen, und aus Mißtrauen in die Erhoͤrung deiner Bitte, lieber die Flucht genommen. Aber wie iſt das, lieber Knabe? Man ſagt, du haͤtteſt dich verirrt, und Zutritt bei den koͤniglichen Nonnen von Toledo geſucht. Fuͤr⸗ 51 wahr, der laͤcherlichſte Misgriff, der ſich den⸗ ken laͤßt! Du mußt unmoͤglich noch weit juͤn⸗ ger ſeyn als du ſcheinſt, daß du ſogar nicht merkſt, wie ſehr du der Zucht der Frauen entwachſen biſt.— Daß man dich zu den Carmelitern geſchickt hat, das haſt du, wie man mir ſagt, mit heißen Thraͤnen aufgenom⸗ men, und wahrſcheinlich wirſt du wieder wei⸗ nen, wenn dir dieſer Brief meldet, daß du dort nicht bleiben kannſt. Schaͤme dich, Conſtans! Ein zwolh ähriger Knabe darf nicht mehr weinen! Bedenke, aus was fuͤr einem Heldengeſchlecht du entſproſſen biſt. Dein edler Vater ſtarb an ehrenvollen Wunden, nach einer gewonnenen Schlacht; deine großmuͤthige Mutter opferte den Pflichten ge⸗ gen einen tapfern Gemal ihr jugendliches Leben auf, und du haſt nichts als Thraͤnen und Kloſtergedanken? Komm zuruͤck, geliebtes Kind, du darfſt mir nicht fern, du mußt meinem Herzen wie⸗ der nahe ſeyn! Laß den Namen eines Pagen Don Pedro's deinen Stolz nicht ſchrecken; ich will in dir nie etwas als den Freund, den 52— Waffengefaͤhrten ſehen. Ich bin jetzt ſiebzehn Jahr, noch koͤnnen wir zuſammen lernen; auch ich bin noch nicht vollkommen! Komm, klei⸗ ner Heldenſohn; die Waffen ziemen dir, nicht das Kloſter! Du biſt von dieſem Augenblick an mein. Kuͤmmere dich weder um meinen Vater, noch um meine Mutter; der erſte fin⸗ det deine Bedraͤngniſſe laͤcherlich, die ich ehre, die andre hat ſchwerlich deine treffliche Mutter ſo geliebt, wie ſie ſie. Sie wuͤrde ſonſt dei⸗ ner mehr achten. O Conſtans, ich moͤchte mit dir weinen! Was haſt du verloren! Doch ſorge nicht, ich will dir Vater und Mutter erſetzen! Conſtanze an ihren Oheim. O mein beſter, mein einziger Verwandter! Mann, den ich mir nicht anders, als das mil⸗ deſte, huͤlfreichſte Weſen denken kann, denn Sie ſind ja der Bruder meiner verewigten Mutter; hoͤren Sie die Stimme eines Ret⸗ tung bittenden Weſens, das die Natur Ihnen 55 ſo nahe ans Herz legte! hoͤren Sie die Stimme Ihrer Nichte, der ungluͤcklichen Conſtanze Ce⸗ zeli! Durch ein Nichts, einen Zufall, eine Grille derjenigen, die ich keiner Unvorſichtig⸗ keit beſchuldigen darf, bin ich in einen Zu⸗ ſtand verwickelt, der die hoͤchſten Gefahren fuͤr mich nach ſich zieht; der mich in Noth⸗ wendigkeiten ſetzt, die weder mit meinem Ge⸗ ſchlecht, noch meinem Alter, noch meiner wan⸗ kenden Geſundheit uͤbereinſtimmen! Retten, ret⸗ ten Sie mich aus demſelben, oder ich muß umkommen! Meine Mutter fuͤhrte mich in dem Hauſe ihrer Jugendfreundin, der Herzo⸗ gin von Alba, die das Gluͤck ſo ſehr uͤber ſie erhob, als einen Juͤngling ein. Der Tod meiner Aeltern traf mich wie ein vernichtender Wetterſchlag: ich ſah nie die wieder, aus de⸗ ren Armen mich das Schickſal viß! Die ſelt⸗ ſamſte Verkettung von ſchauervollen Umſtaͤnden haͤlt mich hier in taͤuſchender Geſtalt noch jetzt zuruͤck, und ich bin ein Maͤdchen! Die Eil, mit der ich dieſes ſchreibe, verhindert Ausein⸗ anderſetzung meiner ganzen Lage; ich mag die⸗ ſem ſo ſtrengen als milden Herzen, in dem 34— Augenblicke, da es meine Klagen erreichen, vielleicht als eine Leichtſinnige, als eine Ver⸗ brecherin erſcheinen; o Gott! wie wenig bin ich dies, und wie ungluͤcklich bin ich, keinen Zeugen zu haben als Gott und mein Herz. Sie koͤnnen niemand uͤber mich befragen, nie⸗ mand weiß von meinem eigentlichen Selbſt, als ich; aber kommen Sie, mich abzuholen. Ein Kloſter iſt die einzige Wohlthat, die ich bitte. Man ſagt mir, Sie ſtaͤnden jetzt als Capitaͤn unter den koͤniglichen Truppen bei... Andre melden mir, gehaͤufte Ungluͤcksfaͤlle, und eine durch viele Beſchwerlichkeiten geſchwaͤchte Geſundheit, habe Sie bewogen, den Degen niederzulegen, und Sie lebten unter den Reli⸗ gioſen zu...— Es ſei eins oder das andre, ſo ſehe ich wol, daß es nicht in meines theu⸗ ren Oheims Macht iſt, großen Aufwand fuͤr mich Verlaſſene zu machen, aber ich bitte nur um den Aufwand einer einzigen Reiſe. Theu⸗ rer Oheim, das Kloſter, wenn Sie mir es goͤnnen wollen! oder auch, wenn Sie dieſes nicht vermoͤgen, wenn Sie vielleicht den Degen noch nicht niederlegten, nur das Leben an Ihrer 55⁵ Seite! Ich will ſelbſt, wenn Sie es ver⸗ langen, bleiben, was ich hier ſcheine, will, wenn Sie es fordern, fortfahren den Degen zu fuͤhren, den man mir hier aufzwingt; nur unter Ihnen, nur von Ihnen gekannt, nur nicht hier, wo mit jedem Tage meine Lage peinlicher wird. Leben Sie wohl, mein Retter! Don Pe⸗ dro verſpricht mir, dieſen Brief in Ihre Haͤnde zu bringen, Sie moͤchten ſeyn wo Sie woll⸗ ten.— Ach, ich zittre, dieſes Blatt in ſeine Haͤnde zu legen! Mirr iſt, als koͤnnte er ihm ſeinen Inhalt anſehen, der niemand mehr als ihm verborgen bleiben muß. Conſtanze an denſelben. 1581. Sie erhielten ſeit meinem erſten Briefe noch einen. Er ſetzte Ihnen meine Lage umſtaͤnd⸗ licher aus einander. Er ſchilderte Ihnen mei⸗ nen Zuſtand, von dem ſchrecklichen Augenblicke 66— an, da ſich meine Mutter aufs Pferd ſchwang — zu Pferde mußte ſie die Reiſe zu einem ſterbenden Gemal antreten, die Reiſe, die nicht den Aufſchub einer einzigen Minute erlaubte.— Von dieſem Augenblicke an bis auf jenen, da Don Pedro mich von den Carmelitern zuruͤck holte, wiſſen Sie alles; Sie kennen in dem Charakter derer, die mich umgeben, die Un⸗ moͤglichkeit, mich einem einzigen zu entdecken, und ach, Sie errathen vielleicht, was mein Leben an Don Pedro's Seite am peinlichſten macht. Dieſer debersätdege Juͤngling, dieſer Menſch ohne Gleichen iſt mein Freund, ein Freund, der ſich meinem Herzen mit jedem Tage naͤher draͤngt! O mein Oheim! dieſes Herz iſt kein Fels, und ich bin kaum ſechzehn Jahr. Was ich fuͤr Don Pedro fuͤhle, weiß ich nicht, aber dieſes weiß ich, verwandelte ſich Conſtans in eine Conſtanze, ſo koͤnnte auf Don Pedro's Seite ſich ſehr ſchnell Freundſchaft in Liebe verwandeln. Und welch eine ungluͤck⸗ liche, von keinem Hoffnungsſtral beleuchtete Lie⸗ be! Don Pedro, Sohn des großen Herzogs 57 von Alba? Conſtanze Cezeli?— Nein, dies Herz muß zum Schweigen gebracht werden, und das ſeinige darf nie reden! Nach ſeinem Willen waͤr ich unablaͤſſig um ihn. Ich entferne ihn, ſo viel ich kann, durch trockene Kaͤlte; oft erlaube ich mir halbe Be⸗ leidigungen, die er keinem andern hingehen laſſen wuͤrde, und o Gott! welche Gefuͤhle verbirgt dieſe rauhe Huͤlle! Jede Stunde der Einſamkeit ſieht meine Thraͤnen! Du, Gott, kenneſt ſie, und ihr, ihr heiligen Altaͤre, theu⸗ re Zufluchtsorte, deren Stufen dieſe Stirn nur fluͤchtig beruͤhren darf. O wie gern wuͤrde ich ewig dort verweilen! Man ſagt mir, ich ſei ſchoͤn, zu ſchoͤn fuͤr einen Juͤngling; ich glanbe es, und ſpare nichts, dieſe verraͤtheriſchen Reize zu entſtellen. Ich ſorge wenig um meine Geſundheit; moͤchte ſie doch mit meinem Leben vergehen! Ich mu⸗ the mir die groͤßten Beſchwerlichkeiten zu: ſie vernichten nicht, was ich gern vernichten moͤch⸗ te, ſie ſtaͤrken mich mehr, und geſellen zu der Zartheit meines Baues einen ungewoͤhnlichen Wuchs, und eine gewiſſe Friſchheit, die ſeltſam 58—— zu dem matten, geſunkenen Zuſtand meines In⸗ nern paßt. Meine Arme werden ſtark, ich fuͤhre die Waffen mit Kraft, ich habe Don Frederic, den aͤltern Bruder meines Pedro, ſchon einmal ins Feld begleitet. O mein Oheim, welch ein Poſten fuͤr mein ſchwaches Geſchlecht! Gleichwol begeiſterte uns ein Trieb, mich und den jungen Helden, oder vielmehr, es ſchien uns der nehmliche zu begeiſtern. Ach, ihn trieb Begierde nach Ruhm und Sieg, mich, Be⸗ gierde zu ſterben. Er ſandte mich zu dem Herzoge ſeinem Vater, mit Bitte, die Rebellen angreifen zu duͤrfen. Geh, Cezeli! ſagte der Herzog mit einem entzuͤndeten Geſicht, dem der unerklaͤrliche Widerwille, mit dem er mich immer anſieht, eine neue Furchtbarkeit gab— geh, und ſage Don Frederic, daß ich ihm ſeine Bitte nur wegen ſeiner Jugend und Unerfah⸗ renheit verzeihe, aber er huͤte ſich wol, wegen Befehlen in mich zu dringen, deren Zeit nur ich zu beſtimmen weiß. Wiſſe, junger Ver⸗ wegner, dir und jedem ſeiner Abgeſchickten koſtet die Wiederholung einer ſolchen Gefand⸗ ſchaft das Leben! 59 O wie gern haͤtte ich mir auf dieſe Art den Tod geholt, wie gern waͤr' ich nachmals im Getuͤmmel der Schlacht geſtorben! Moͤch⸗ ten ſie mich doch nach meinem Tode gekannt haben; mich duͤnkt, ich fuͤhle eine ſuͤße Be⸗ friedigung in den Thraͤnen, die dann um mich gefloſſen ſeyn wuͤrden— in meines Pedro Thraͤ⸗ nen! Dann wuͤrde er mich geliebt haben, dann haͤtte er mich lieben duͤrfen, und haͤtte ihm dann eine freundſchaftliche Seele verrathen: Conſtanze liebte auch dich— nun, ich haͤtte nichts dagegen gehabt. Liebe im Reiche der Schatten iſt Liebe der Engel, ſie iſt keinem Tadel unterworfen. Ich vertiefe mich in dieſen ſeligen Traͤu⸗ men— Sie ſind nicht zur Wirklichkeit ge⸗ worden.— Ich lebe noch, ich bin wieder in meiner alten Lage. Verwundet bin ich gewe⸗ ſen, ſchwer verwundet; ich habe mich meinem alten treuen Wundarzte vertrauen muͤſſen. Ich fuͤhle Erleichterung, daß mein Geheimniß nun noch in einer treuen Seele ruht. Bald, bald werde ich es auch der andern vertranen muͤſſen. Seit ich aus dem Felde 60 zuruͤck bin, bin ich viel um mein eignes Ge⸗ ſchlecht. Mir iſt wohl bei ihnen, und man⸗ chen unter ihnen, ich fuͤrchte es, nur gar zu wohl in meiner Naͤhe. Ich fliehe Don Pedro, um Verlegenheiten auszuweichen. Ich ſtuͤrze mich in die Arme der Frauen; ſie ſind mir lieb, ſind meine Schweſtern, und neuen, neuen Verlegenheiten eile ich entgegen. O He⸗ lene! Helene! * Conſtanze an Donna Helena de Toledo. 1582. Kennſt du mich, kennſt du mich nun, Freun⸗ din meines Herzens? Wie, daß du nicht laͤngſt mich erriethſt! Ich nahte mich dir mehr als den andern, weil ein unnennbarer Zauber in deiner Naͤhe liegt. Theures Ebenbild des herr⸗ lichen Don Pedro! Aber ich nahte mich dir —;; — 61 nicht mit den gewoͤhnlichen Schmeicheleien der Maͤnner; ſchon in der Zartheit meiner Zunei⸗ gung haͤtteſt du das Maͤdchen erkennen ſollen. Doch du wurdeſt getaͤuſcht, obſchon ich dich nicht taͤuſchen wollte; dein Herz haͤtte ſich vielleicht in Liebe zu einem Gegenſtande ver⸗ ſtrickt, den deine Phantaſie ſchuf, und nun mußte ſich Conſtans in Conſtantien verwan⸗ deln. Heil dem goͤttlichen Bande, das uns ſeitdem verbindet! Man haͤlt uns fuͤr Lie⸗ bende; uns vereinigt die heiligſte Freundſchaft! An deinem treuen Herzen ruhe ich aus, wenn der Zwang meine Kraͤfte faſt aufgezehrt hat! du biſt meine Troͤſterin, meine Rathgeberin, wenn die Naͤhe deines gefaͤhrlichen Bruders meine Ruhe bedroht! O Helena, du wirſt auch meine Retterin werden, denn,— ſoll ich dirs geſtehen? ich fuͤrchte Entdeckung! noch mehr, ich fuͤrchte mich ſelbſt entdecken zu muͤſſen, weil ich beſorge, Ungluͤck droht uns, uns bei⸗ den, dir und nmiir von einer andern Seite.— Siehe in dieſem letzten die Urſach, warum ich dich heute und die folgenden Tage nicht ſehe. Schriftliche Nachricht ſollſt du haben, 62— ausfuͤhrlicher als dieſe, die mir die Eil in die Feder ſagt. Wird es moͤglich ſeyn, dieſe Zei⸗ len von deiner alten Mencia ungeſehn in deine Haͤnde zu bringen? An dieſelbe. Helena, deine Freundin wirft ſich in deine Arme, eile mich dem Ungluͤck zu entreißen! Nur zu wahr iſt, was ich beſorgte, und nur zu ſchnell naht ſich das Verderben!— Welche Rettung ich wuͤnſche? Keine, als das Klo⸗ ſter!— Die koͤniglichen Nonnen zu Toledo werden mich nicht verſtoßen, wenn du mich empfiehlſt; ſie werden mich nicht zu den Car⸗ melitern ſchicken, wie ſie damals thaten, als der Anfang meines Ungluͤcks mich zu ihnen trieb. Ihre Oberin, die Prinzeſſin von*** iſt deine Verwandte. Sie wird mich, wenn du mich ihr vorſtellſt„ nicht mit dem kalten verachtenden Blick zuruͤckſchrecken, der das Be⸗ kenntniß, wer ich ſei, in dem Augenblicke, da ich es zu ihren Fuͤßen ablegen wollte, von meinen Lippen ſtahl. Genug, ich werde auf⸗ genommen werden, denn Donna Helena fuͤhrt mich ein. Ueber die Mittel zu meiner Auf⸗ nahme ſei unbeſorgt; ich kenne jetzt die For⸗ »derungen dieſes reichen Kloſters, und Don Frederic goͤnnte mir ſo reichen Antheil an der Beute ſeiner Siege, daß ich in Ruͤckſicht mei⸗ ner Ausſtattung auf keine fremde Großmuth, ſelbſt nicht auf die deinige, zu rechnen brauche. Daß es mein ganzer, mein voͤlliger Ernſt iſt, nicht nur auf einige Zeit in die Schatten zu treten, nein, daß ich mich ganz dem Schleier widme, davon uͤberzeuge dich immer mehr. Ich entſage der Welt, weil ein Don Pedro in ihr iſt; ich waͤhle Toledo, um mei⸗ ner Helena bis ans Ende meines Lebens nahe zu ſeyn. Huͤte dich, dem Geluͤbde untreu zu werden, dem einzigen, das ich von dir for⸗ derte, als du die unſtatthafteſten in meine Hand ablegen wollteſt. Die Welt darf dich darum nicht verlieren, weil Conſtans eine Con⸗ ſtantie war, aber vergiß nie, daß du mir ge⸗ kobteſt, keinen Gemal zu waͤhlen, der dich aus 64 meiner Naͤhe bringt. Helena, unſre Freund⸗ ſchaft ſteht feſt, wie die Ewigkeit! ich folge dir zu den Schatten. Wie Chloris und Thya wollen wir auch dort noch die Feſte der Freund⸗ ſchaft feiern. 4 Freundſchaft! Freundſchaft! Liebe iſt ein Hirngeſpinſt. Ach ſelbſt Don Pedro konnte mich taͤuſchen! An dieſel b g. Mit Recht nennſt du meine letzte Zuſchrift kalt, raͤthſelhaft, unzulaͤnglich!— Ach werde ich heute im Stande ſeyn, dir befriedigender zu ſchreiben? Laͤnger als eine Stunde liegt dieſes Blatt vor mir; ich beginne, ſtreiche aus, meine Thraͤnen fließen, kaum wirſt du im Stande ſeyn dieſe Zuͤge zu leſen. Daß man Conſtans und Helena fuͤr Lie⸗ bende haͤlt, daß nichts uns, dich und mich, nichts von der Wuth deines ſtolzen Hauſes retten kann, als wenn ich bekenne, daß wir Freundinnen ſind, das weißt du. Ich werde dieſes Bekenntniß thun, ich muß es thun, wenn kein andrer Ausweg iſt; aber denke dir mein brennendes Erroͤthen, denke dir die de⸗ muͤthigendſte Beſchaͤmung, unter denen als Maͤdchen aufzutreten, in deren Geſellſchaft ich bisher, ein Mann unter Maͤnnern lebte!—— Hiervon jetzt kein Wort mehr; kannſt du mich nicht retten durch das Kloſter, ſo weiß ich, wozu ich gezwungen bin. Hoͤre jetzt, was mich weit mehr bedraͤngt als dieſes, was ich noch kaum im Stande bin dir zu ſagen. Wahrſcheinlich, mehr als wahr⸗ ſcheinlich kennt mich Don Pedro, und— iſt meiner Liebe, auch des kleinſten Gedankens von mir unwuͤrdig.— Wer mich ihm verrathen hat?— Gott weiß es! nicht ich!— Du wareſt die Verraͤtherin nicht! vielleicht der Wundarzt, der einzige außer dir, der mich 1 kennt, vielleicht— genug, hier mag ich nicht forſchen.— Hoͤre den Vorgang. Geſtern, als wir von der Jagd kamen, begleitete ich die andern nicht zur Tafel: ich vertiefte mich in die Schatten des koͤniglichen J. f. F. XII. H. 5 63 66 Gartens. Toͤdtlich ermuͤdet— ach zu oft buͤße ich in der Stille fuͤr den Frevel, weiblichen Kraͤften maͤnnliche Arbeit zuzumuthen— toͤdt⸗ lich ermuͤdet warf ich mich auf eine Raſenbank, und wie ein Todter hatte ich geſchlafen. Die Sicherheit, in der ich mich hier in dem ent⸗ fernteſten Theil des Orangenwaldes, waͤhrend die andern zechten, wußte, gab mir die Tiefe dieſer erquickenden Ruhe. Der Hut war mir entfallen. Meine Haare, deren Laͤnge und Reichthum ich aus Furcht, man moͤchte ſie fuͤr einen Juͤngling ungewoͤhnlich finden, nie ſehen laſſe, hatten ſich aus dem ſeidnen Netz gedraͤngt, und ſchwammen um mich her. Ich fuhr auf, ich weiß nicht, welcher Traum mich ſchreckte. Don Pedro kniete vor mir, und druͤckte eine meiner Haͤnde an ſeine Lippen. Pedro! ſchrie ich und ſprang auf, ſchwaͤrmſt du?— Was machſt du hier?— Ich dachte, dachte, dachte— ſtammelte er.— Und was dachteſt du? erwiederte ich mit gluͤhender Roͤthe.— Ich dachte, wenn Conſtans eine Conſtantie waͤr'! 67 Und was dann? 9! Freundſchaft wuͤrde dann Liebe ſeyn! Darnach haͤtte dann ich zu fragen. Con⸗ ſtantie waͤr' meine Schweſter, wenn eine exi⸗ ſtirte, und der ſollte nicht leben, der ſie ohne meine Einwilligung liebte! Conſtans, rief Pedro immer noch kniend, kennſt du Conſtantien? O ſteh auf! was ſollen dieſe Poſſen? Wenn nun eine Conſtantie lebte, und ich liebte ſie, ſie mich? O die unſeligſte, von den feindlichſten Ster⸗ nen beherrſchte Liebe! ſchrie ich, und Thraͤnen waren nahe, mich zu verrathen. Unſelig? Warum? Welches Band koͤnnte ſie ehren? Das Haus der Cezeli, ſo edel es iſt, koͤnnte dir keine Herzogin von Alba geben. Eine Herzogin? wer redet hier von Her⸗ zoginnen? Wir ſprechen von der Liebe, von der ſchoͤnen, freien, ungefeſſelten Liebe! Don Pedro! Die kuͤnftige Herzogin von Alba wird meine Frau ſeyn. Conſtantie de Cezeli mir 68 den—— Don Pedro! denkſt du, mit wem du ſprichſt? Mein Degen ward bloß, da ich dieſes ſagte. Er ließ den ſeinigen in der Scheide und ſtrebte mich in ſeine Arme zu ſchließen. Wir hoͤrten Leute. Wir beide entflohen!— Helena! du weißt nun alles!— Noch vor Abend das Kloſter oder den Tod! Conſtantie an Helena. Dank dir, Freundin meines Herzens, fuͤr die Ruhe, die du hier mir gabſt!— Ganz wa⸗ ren meine Kraͤfte aufgezehrt, als du mich in dieſe Schatten brachteſt. Du haſt mein Leben gerettet!— Auf wie lange, das weiß die Gottheit! Ich bin alſo verſchwunden aus dem Kreiſe, in welchem ich lebte. Niemand weiß, wo ich durch weit ſuͤßere, weit feſtere Bande verbun⸗ 69 hinkam!— Don Pedroo forſcht nicht? fragt nicht?— Recht gut!— Meohr braucht es nicht, mich zu uͤberzeugen, daß er alles weiß. — O Himmel! Himmel! wo ſoll ich hin mit dieſer Beſchaͤmung! Er erfuhr— es gilt gleich, wie?— Conſtans ſei ein Maͤdchen. Seine Eitelkeit ſpiegelte ihm vor, dies Maͤdchen liebte ihn; abſichtlich, vielleicht blos, um immer ihm nahe zu ſeyn, blieb ſie was ſie ſchien, und daher, daher die Kuͤhnheit, mit der er ſich mir in ſeiner wahren Geſtalt zeigte. O dies ver⸗ ſtehe ich jetzt alles, ſehe all den boͤſen Schein, der auf mich Unſchuldige faͤllt, kann niemand anklagen, niemand belehren, niemand uͤberzeu⸗ gen; will es auch nicht.— O Helena, den Tod fuͤr dieſe Beſchaͤmung! Kommſt du dieſen Abend ans Sprachgit⸗ ter?— Vielleicht daß du mich noch fin⸗ deſt!—— Spoaͤterhin wahrſcheinlich nicht!— Wo iſt der Engel, der mich aus dieſen Laby⸗ rinthen fuͤhren kann?— Die Ruhe meines Lebens iſt dahin! Die Ehre auch!— Eben ſagt mir eine der Schweſtern: Schwerlich werde ich hier die Gnade erhalten den Schleier 70— nehmen zu duͤrfen.— Die Domina finde bedenklich, mich hier aufzunehmen! Wie iſt das— Helena? Mein unſchuldi⸗ ges Leben mitten in den Stricken der Ver⸗ fuͤhrung, verdiente es dieſes Urtheil? Oder ſteht hier Don Pedro im Hintergrunde? ſcheut man ſich, ihm, dem Maͤchtigen, ein Weſen zu entziehn, das er verfolgt?— Gieb mir Ant⸗ wort, Helena; wo nicht, ſo erwarte, daß ich auch dich unter diejenigen rechne, die ſich wi⸗ der mich verſchworen haben! Grimaldo de Loupian an Conſtanze de Cezeli. Daß ich weiß, daß eine Conſtantie lebt, wo federmann nur von einem Conſtans redet, das diene mir zur Beglaubigung, daß ich es wiſ⸗ ſen darf. Mit tauſendfacher Muͤhe erfuhr ich, wo die Nichte meines Freundes lebt, der, an 71 ſein Kloſter gebunden, nicht ſelbſt kommen kann ſie zu retten, ach, der an kein Kloſter gedacht haben wuͤrde; haͤtte er gewußt, daß noch eine ſo nahe Verwandte von ihm lebte. Das Geruͤcht wies mich hier zuerſt an Don Pedro; jedermann wußte, Conſtans ſei ſein Buſenfreund geweſen. Ich erhielt Zutritt, aber ſein Betragen gegen mich war ſo ſeltſam, er that in allem ſo fremde, und am Ende, wie ich merkte, daß er mich ausforſchen wollte, da doch ich gekommen war, mir Fragen von ihm beantworten zu laſſen, da entfernte ich mich kalt, und mußte Nachforſchungen von neuem beginnen, von denen ich nicht wußte, wie ſie einzuleiten waren. Endlich erfuhr ich ein Geruͤcht, das mir uͤber alles Aufſchluß gab: Conſtans de Cezeli und Donna Helena de Toledo, Don Pedro's Schweſter, lebten in heimlicher Liebe. Sie zu zerſtoͤren habe man Helenen in ein Kloſter gebracht, und Conſtans ſei verſchwunden, niemand wiſſe wohin. Jetzt kam mir alles darauf an, Donna Helena zu ſprechen. Ich ſtrebte umſonſt, denn ihr Ge⸗ ſchick iſt ſo, wie man fagt; aber eine ihrer g 22— Frauen, als ſie in mir den redlichen Mann ſah, iſt mitleidig genug geweſen, mir Mittel zu verſchaffen, dieſes in Conſtantiens Haͤnde zu bringen. Traut die edle Nichte meines Freun⸗ des all den Proben von meiner Redlichkeit, die jede Zeile dieſes Briefs enthalten muß, traut ſie dem Wappen ihres Hauſes, das dieſer Brief verſiegelt, und das ihr Oheim mir zu dieſem Ende anvertraute, ſo findet ſie ſich mor⸗ gen am Sprachgitter ein, mit mir das wei⸗ tere zu ihrer Befreiung aus einem Hauſe zu bewirken, fuͤr das ihr Oheim ſie nicht beſtimmt. Erhalte ich Zutritt, ſo werde ich freilich auch einige Fragen an Conſtantien thun. Ihr Oheim iſt ſtreng, ihre Briefe waren ungnuͤglich, unzuſammenhaͤngend, wo nicht mehrere aus der Reihe fehlten. Auf der Rechtfertigung der geliebten Nichte, auf Ergaͤnzung jener Luͤk⸗ ken, beruht ihr Geſchick. Es wird gut, es wird glaͤnzend ſeyn, wenn ſie dem Oheim Gnuͤge leiſtet in ſeinem Abgeſchickten. Loupian. * Conſtanze an ihren Oheim. 15853. Wie die Jahre fliehen! Heute beſchließe ich mein zwanzigſtes, und nicht viel uͤber ſieb⸗ zehn war ich, als Sie, mein Retter, mich in Ihre Arme riefen. Nie vergeſſe ich jener Zeit, da Troſt und Verzweiflung ſo nahe an einander graͤnzten. Mir jenen Tag zuruͤckzu⸗ rufen, mir ihn in allen ſeinen Theilen zu denken, dies mache einen Theil der Feier des heutigen aus.— Wo war ich damals? Wie nahe ſtand ich an einem Abgrunde, an deſſen Rand mich Hirngeſpinſte ſchreckten. Sie droh⸗ ten mich hinabzuſtoßen, und ich waͤr' geſtor⸗ ben, in der vollen Ueberzeugung, meine Ver⸗ zweiflung ſei eine Frucht der unausweichbaren Nothwendigkeit, waͤr' nicht ein Engel erſchie⸗ nen, der die Nacht um mich erhellte, der mir zeigte, um wie vieles meine Phantaſie mir meinen Zuſtand ſchrecklicher malte, als er war. — Ich glaubte meine Ruhe unwiederbringlich 24— verloren, ſie war es nicht, die Hand der ewi⸗ gen Tugend ſicherte ſie jenſeit der Naͤchte, die mich umgaben, wenn ich nur Muth hatte, dieſe Naͤchte feſten Fußes zuruͤckzulegen, ohne Glau⸗ ben an Gott und an mich ſelbſt zu verlieren. Ich glaubte mich rettungslos der Leiden⸗ ſchaft zu einem Unwuͤrdigen hingegeben; ich war es nicht, haͤtte ich Muth gehabt, das Chaos meiner Gefuͤhle zu entwickeln; die Ver⸗ achtung gegen Don Pedro, die uͤberall ſein von der Phantaſie mir aufgedrungenes Bild verhoͤhnte, der heilige Unwille gegen ihn, waͤr' mir Buͤrge fuͤr eine Heilung geweſen, die frei⸗ lich nur die Zeit vollenden konnte. Ich glaubte mich von dem Geliebten ver⸗ achtet, von der Freundin verrathen; ich war es nicht. Helena, die man in ein Kloſter geſchickt hatte, konnte nichts mehr fuͤr mich thun, und Don Pedro mußte wenigſtens durch meine Flucht uͤber mich belehrt werden. Selbſt die Widerſetzlichkeit der Domina, mich unter ihre Fraͤulein aufzunehmen, gruͤndete ſich nicht auf Verdacht in meine Sitten, in die Regel⸗ maͤßigkeit meines Lebens; nicht in Einver⸗ 1 1 75 ſtaͤndniß mit Don Pedro, nein, auf den ganz einfachen Umſtand, daß ich nur eine Franzoͤſin, daß meine Abkunft nicht hoch ge⸗ nug war, mir eine Stelle unter den koͤnigli⸗ chen Damen von Toledo zu verſchaffen. So dichtete ich mir eine Menge Schreckniſſe, die ein einziger Lichtſtral zerſtreuen mußte. Dieſer Lichtſtral war der Brief unſers Loupian, dieſes treuen Freundes, den ich wol meinen Lebensretter nennen kann. Der Gift⸗ becher ſtand ſchon bereit. Eine Stunde ſpaͤter, und Conſtanze, die ihre Ehre, ihr beſſeres Selbſt nicht uͤberleben wollte, ſie, die ſich un⸗ wiederbringlich einer Leidenſchaft dahin gegeben glaubte, die ſie zu ewig freudenloſem Leben oder zum Laſter fuͤhren mußte— Conſtanze waͤr' verloren geweſen. Da kam dieſer rettende Engel, und brachte die Botſchaft, es lebe noch eine Seele, die um mich ſorge und mich zu retten ſuche. Laͤngſt hatte ich meinen theuern Oheim, der mir nie antwortete, fuͤr todt gehalten; jetzt erfuhr ich, daß er bei weitem nicht alle meine Briefe— (ach einige derſelben hatten mich vielleicht an 26—— Don Pedro verrathen) daß er am Ende die erſten und den letzten auf einmal, daß er alle vor ſo kurzer Zeit erſt erhalten hatte, daß ich die Ret⸗ tungseil der vaͤterlichſten Liebe bewundern mußte. O mein Oheim, einziger, einziger Freund, wenn alle andre falſch ſind! traure nicht, daß der Wahn, keine Seele lebe mehr, die dir ange⸗ hoͤre, dich zu dem uͤbereilten Schritte verleitete, der dir nichts mehr uͤbrig laͤßt mir zu geben, als deine Fuͤrſorge; du haſt mir das groͤßere aufbe⸗ halten. Du mußteſt freilich irre werden an dem Geruͤcht, das dir immer nur von einem Neffen ſprach, da du doch wußteſt, daß meine Mutter nie einen Sohn hatte. Meine Briefe wurden dir vorenthalten. O war hier Pedro's Hand wirkſam, ſo waren ſeine Anſpruͤche auf meine Verachtung ſchon alt; ſie haͤtten die regelloſeſte Leidenſchaft beſiegen muͤſſen, wie vielmehr die heilige Liebe, die Conſtanze fuͤr ihn hatte. Alle der Heilmittel, die in Loupians Briefe, die noch mehr in ſeiner muͤndlichen Unterhaltung lagen, war ich mir nicht lebhaft bewußt, aber ich fuͤhlte ihre Wirkung. Das Zutrauen, das ſein ehrwuͤrdiges Geſicht ſchon einfloͤßte, und 75 die gänzliche Abſpannung, in der ich war, mach⸗ ten, daß ich mich ihm ganz uͤberließ. Man entließ mich gern und ehrenvoll aus dem Kloſter, er brachte mich in die Arme des vaͤterlichen Freundes, und heute, heute, da ich dieſe Dinge noch einmal vor meinen Augen uͤber⸗ gehen laſſe, ſehe ich mich ſtaunend um und frage, frage freilich jetzt mit ganz geheiltem Herzen: Wo waren die Schreckniſſe, die mich jenesmal zur Verzweiflung trieben? Wars eine boͤſe Macht, die meine Augen mit Hirngeſpinſten taͤuſchte? Weßwegen waͤr' ich jenesmal geſtor⸗ ben? Ich weiß es nicht, aber dies weiß ich: Nie darf der Menſch aufhoͤren zu hoffen, uͤber ihm waltet eine Hand, die jede Nacht, die wahre, und die ſelbſtgeſchaffene, zu zerſtreuen vermag. O du, der mich aus jener rettete, er⸗ halte mir dieſe Ueberzeugung in all den Naͤch⸗ ten, die in ferner Zukunft noch mein Daſeyn umſchatten koͤnnten! Jetzt, mein Oheim, iſt alles bei mir vol⸗ ler heller Tag. Auf die lange Ruhe in dem ſchoͤnen heitern Kloſter der Coͤleſtinerinnen, das aus dem wilden Conſtans eine Conſtantie bil⸗ 78 dete, kam ich an dieſen frohen, wohlgeregelten und doch ſo zwangloſen Hof. Ich hatte hier das Gluͤck, meine Helena wieder zu finden, die man nicht ins Kloſter, ſondern hieher zu ihrer Verwandtin, der Marquiſe von Entragues, ſchickte! O dies ſind der Freuden faſt zu viel! Ich mag heute an keine Leiden denken— es ſind einige vorhanden, aber ich verſpare die Nachricht davon fuͤr einen kuͤnftigen Brief; nur Freude und Dank ſollen mein Jahresfeſt bekroͤnen. Au denſelbenn. Ja, mein Oheim, auch Leiden habe ich, und meinem Zuſtande fehlt es nicht an Bedenklich⸗ keiten. Rathen, rathen Sie mir, denn große Selbſtuͤberwindungen, kluge, wohl uͤberdachte Schritte werden von mir gefordert. Mein Schickſal hier iſt glaͤnzend. Ich bin noch immer nichts mehr als Conſtanze de Cezeli, gleichwol ſieht hier niemand ſtolz auf mich herab ——— 79 wie in Spanien, und Maͤnner bewerben ſich um meine Hand, die ſich mit Don Pedro meſſen koͤnnen, mit Don Pedro, der fuͤr das Maͤdchen, das ihm ſchwaͤrmeriſch ergeben war, das ihn an⸗ betete, keine Erwiederung hatte, als ſchimpfliche Liebe. Die Herzogin von Montmorenci, in deren Hauſe ich lebe, billigt rechtmaͤßige Abſichten, die ihr Sohn auf mich hat, und— ich wuͤrde ſagen, mein Herz ſpricht fuͤr ihn, wenn dieſes Herz ſeit der fruͤhen grauſamen Taͤuſchung, die es erfuhr, noch eine Stimme haͤtte. Es wuͤrde Anſchein des Stolzes haben, wenn ich ſo manchen nennte, fuͤr den ich entſcheiden koͤnnte, wann und wie ich wollte; es ſei mir alſo erlaubt, nach dem hoͤchſten meiner Bewer⸗ ber auch den zu nennen, der dem Range nach am niedrigſten ſteht— nicht dem Werthe nach. Sie kennen den Herrn de Saint Aunex, mein Oheim, und die redliche Wahrheit ſeines Cha⸗ rakters; der Ruhm eines thatenvollen Lebens entſchaͤdigt ihn ſo ſehr fuͤr die glaͤnzende Ver⸗ goldung, die andern das Gluͤck gab, entſchaͤ⸗ digt ihn ſo ſehr fuͤr die Politur der großen 80— Welt, fuͤr die fluͤchtigen Reize der Jugend, daß ich faſt ſagen moͤchte, die Muͤhe, die er ſich um meine Hand giebt, ehret mich mehr, als die Anbetungen all der andern. Welcher von beiden ſoll ſiegen, mein Oheim— er oder Montmorenci? Er hat einen gefaͤhrlichen Ne⸗ benbuhler an dem jungen Herzoge. Ich ſelbſt bin noch jung, bin erſt zwanzig, bin ſchoͤn, eine Freundin der Freude und des Glanzes, liebe den Hof, haſſe die Einſamkeit. Welche Wahl zwiſchen ihm und dem kalten ernſten Manne, der mir nichts anzubieten hat, als den Genuß eines ſehr eingeſchraͤnkten Vermoͤ⸗ gens, und den Aufenhalt in einer alten, weit entlegnen Feſtung, die ihm anvertraut iſt, und wo ich auf ewig fuͤr alle meine Freunde, fuͤr alle Freuden der Jugend verloren waͤre. Glauben Sie nicht, mein Oheim, daß ich Ihnen dieſe Parallele aus Eitelkeit ziehe, wenn es etwa geſchehen ſollte, daß ich dem edeln, dem ſchoͤnen Montmorenci entſagte; ich will meinen Sieg bei Ihnen nicht vertheuern: aber Gott, und alle Maͤchte der Tugend und Freund⸗ ſchaft werden helfen, daß ich ihn davon trage. 81 Ich kann mich nicht weiter hieruͤber erklaͤ⸗ ren; ich ſcheine Ihnen vielleicht mit ruhiger Kaͤlte uͤber dieſe Dinge geſchrieben zu haben, aber, Gott, was leidet dieſes Herz, indem ich mich zu dieſer Kaͤlte zwinge, zu einer Kaͤlte, die gleichwol noͤthig iſt, wenn ich gerecht, wenn ich den heiligſten Geſetzen der Zreundſchaſt treu ſeyn will. Noch wiſſen Sie eigentlich Nichts von dem Innern der Sache, die ich Ihnen vor⸗ legen wollte, als ich die Feder ergriff: aber es iſt mir heute unmoͤglich! unmoͤglich!— Sie kennen jetzt die Namen der beiden, unter de⸗ nen ich waͤhlen will, weil beide die wuͤrdigſten ſind; Rath zu dieſer Wahl wollte ich holen,— wie es uns oft geht, Herz oder beſſere Vernunft haben ſchon gewaͤhlt, indem wir noch fragen. Kann ich zweifeln, ob ich Montmorenei entſagen muß, da Helena, meine Helena, in ihm den Geliebten beweint, der ihr treulos ward, treulos um meinetwillen?— Nein, Helena, das ſoll man nicht ſagen, daß ich mein Gluͤck auf deine Verzweiflung baute! J. f. F. XII. H. An denſeiben Ja, die Wahl war feſt: Montmorenei wuß⸗ te, daß ich gegen ihn entſchieden hatte, und jeder Tag giebt mir neue Hoffnung, daß er ſich beruhigen, daß er zu ſeiner vorigen Liebe zuruͤckkehren wird. Aber wie iſt das: dies iſt ja nur der erſte Theil meines Entſchluſſes, warum zoͤgre ich mit dem andern? Edler St. Aunex! bin ich dir denn ſo gar abge⸗ neigt, daß ich das Wort nicht uͤber die Lippen bringen kann: ich will dein ſeyn? Ach, mein Oheim, es beginnen ſich Um⸗ ſtaͤnde um mich zu draͤngen, die mich noͤthi⸗ gen koͤnnten, ſchnell zu entſcheiden. Hoͤren Sie die Vorgaͤnge des letzten Hoftages, und bewundern Sie, wie ich zu dem getrieben werde, was mein Schickſal heiſcht. O, iſts nicht vielleicht Gluͤck, wenn ein Sturm am Ende das ſchwankende Schiff faßt, und es in den Hafen ſchleudert, der zwar nicht der gewaͤhlte war, der aber doch wol in ein Land fuͤhrt, wo wenigſtens Ruhe wohnt, wenn auch keine Gluͤckſeligkeit? Halb entzuͤckt uͤber einen gewonnenen Sieg, halb entkraͤftet von dem ſchweren Kampfe— denn Ihnen geſtehe ichs, ich liebte Montmorenci— entſchloß ich mich, meine traute Donna Helena nach Hofe zu begleiten. Ich mußte ihr zei⸗ gen, daß der Entſchluß, ihr einen entfremde⸗ ten Geliebten wieder zu geben, mir nicht ſo gar ſchwer geworden war; ich mußte ihr zei⸗ gen— was nicht wahr war. Es gab unter beiden Wiedervereinigten noch mancherlei zu berichtigen, manche Miß⸗ verſtaͤndniſſe zu loͤſen, manche loſe gewordene Bande neu zu verſchlingen, Fehler zu ver⸗ decken, Vollkommenheiten ans Licht zu ziehen; genug, es kam darauf an, beide ganz wieder einander anzueignen, und in beiden die Ueber⸗ zeugung zu wecken, die ich wenigſtens fuͤr meine Helena wuͤnſche: die Treuloſigkeit ihres Mont⸗ morenci ſei nur fluͤchtige Verirrung jugend⸗ licher Phantaſie, nicht volle Entfremdung des Herzens geweſen. Alles gelang zum Verwundern wohl, und 84 mir lag zu viel daran, daß meine arme Helena heute noch des öͤffentlichen Triumphs uͤber mich genoß, als daß ich nicht beide haͤtte nach Hofe begleiten ſollen. Helena war ſchoͤn zum Ertzägen; gluͤck⸗ liche Liebe, wiederauflebende Hoffnung ver⸗ ſchoͤnten ſie.— Ich, die ſich nie in Reizen mit ihr meſſen konnte, wollte juſt das ſeyn, was ich war, und gab den Schein den ich geben wollte. Schwer iſt es, erkuͤnſtelte Fröͤhlichkeit nicht zu uͤbertreiben; ich war vielleicht zu lebhaft— ein Fehler, der mir uͤberhaupt, ſobald mein Herz zu wahrer oder erkuͤnſtelter Ruhe ge⸗ bracht iſt, von den Zeiten, da ich die Klei⸗ dung jenes freieren Geſchlechts trug, noch et⸗ was anhaͤngt.— Ich ſtuͤrzte mich bald in den Haufen der Tanzenden. Dem ſpaniſchen Geſandten zu Ehren—(ich hatte ihn noch nicht geſehen, ſeinen Namen noch nicht einmal gehoͤrt)— war heute zahlreiche Geſellſchaft zum freiern Tanz. Der frohe Wirbel, in dem ich ſchwamm, ſollte vollenden, was ich in dem einſamen Ge⸗ mach mit tauſend Thraͤnen erkaͤmpft hatte. Es gelang; mein Herz blutete nicht mehr, meine Schritte befluͤgelten ſich, meine Augen logen die unbefangenſte Froͤhlichkeit.— Da fuͤhrte mich der Tanz vor dem Koͤnige uͤber, der in einer Ecke des Saals mit dem Nuntius und noch einem Herrn ſprach; ich ward gewahr, daß ich bemerkt wurde, ich hoͤrte, daß man von mir ſprach. Bald darauf, als die Wen⸗ dung des Tanzes mich auf der nehmlichen Stelle muͤßig ſtehen machte, hoͤrte ich, daß der Koͤnig zu dem Roͤmer ſagte: Nie habe ich ein ſchoͤneres Eſcadron als dieſe Damen, nie ein gefaͤhrlicheres geſehen! Ja, Sire, ant⸗ wortete eine Stimme, die wie ein Pfeil durch mein Herz fuhr— und die Anfuͤhrerin der ſchoͤ⸗ nen Kriegerinnen, die goͤttliche Conſtanze, traͤgt nicht nur Cytherens Waffen, auch mit dem Degen in der Hand kann ſie Ihren Feinden gefaͤhrlich werden! ſchon ſehr fruͤhzeitig lernte ſie ihn fuͤhren! Wie, Don Pedro? rief der Koͤnig, und, o Gott, er haͤtte nicht noͤthig gehabt dieſen fuͤrchterlichen Namen zu nennen, um mir zu 86 ſagen, in weſſen Naͤhe ich war; mein weiſſa⸗ gendes Herz fuͤhlte es bei den erſten Toͤnen dieſer Stimme, und unfaͤhig war ich mehr zu hoͤren. Die Kette der Tanzenden kam jetzt um mich herum; halb bewußtlos ſchlang ich mich in ſie ein, und nahm der erſten Gelegenheit war, mich aus dem Wirbel loszumachen, und unter dem Vorwand von Unpaͤßlichkeit nach Hauſe zu fahren. Hier ſei es genug fuͤr heute: mir fehlen die Kraͤfte! Morgen die Fortſetzung, und dieſe Nacht noch ernſte Ruͤckſprache mit mei⸗ nem Genius, wie ich mich ſchnell genug aus einer Verkettung von Umſtaͤnden losmachen will, deren Gefahrvolles ſich Ihnen jetzt noch nicht ganz darſtellt. 1 Fortſezung. Kaum war ich nach Hauſe, kaum hatte ich den laſtenden Schmuck, und die das gepreßte Herz noch mehr beengenden Prachtgewande von mir gelegt und mich auf ein Ruhebette geworfen, als ich die Thuͤr des Gemachs leiſe aufgehen hoͤrte. All meine Leute hatte ich fortgeſchickt. Die Lichter brannten dunkel; mein Geſicht, von Thraͤnen uͤberſtroͤmt, hatte ich mit meinem Schleier verhuͤllt: ich ſah nicht wer eintrat, aber ich vermuthete St. Aunex, dem vielleicht meine ſchnelle Entfernung Sorge gemacht haben konnte, und der mir willkom⸗ men geweſen waͤr'. Er war der einzige, der in ſo einem Augenblicke Zutritt bei mir hatte. Selbſt Montmorenci durfte mich nie ſo zwang⸗ los beſuchen; nur dem Freunde, dem ernſten, geſetzten Freunde, in dem mich mein Genius ſchon ſo oft den kuͤnftigen Lebensgefaͤhrten ahnen ließ, nur ihm gebuͤhrte das vollkom⸗ menſte Zutrauen. 88 Man nahte ſich leiſe, man ließ ſich vor mir auf ein Knie nieder. Ach, theurer St. Aunex! rief ich, und ſtreckte meine Hand nach dem Knieenden aus. Conſtanze! meine Conſtanze! war die Antwort. Gerechter Gott! ſchrie ich und winde mich aus meinen Huͤllen los, und reiße mich aus mich heftig umfangenden Armen!— Ach Pedro, Don Pedro iſts! Seine Stimme verkuͤndigt mir ihn! noch mehr ſeine Gewalt⸗ that! Er haͤlt mich im Fliehen auf, und ich— zu ſehr verachte ich ihn, um nicht zu bleiben. Ich beruhige mein klopfendes Herz, ich bringe Faſſung in meine zerſtoͤrten Blicke. Eine Un⸗ terhaltung beginnt, die ich wörtlich zu wieder⸗ holen keine Geduld habe, deren Reſultat aber auf ſeiner Seite, Wunſch erneuerter Liebe, Trotz auf jene ungluͤckliche, Gottlob, laͤngſt getilgte Leidenſchaft, war, die ihm meine treu⸗ los behandelten Briefe, die ihm—(zittern Sie, Oheim, vor einem treugeglaubten Freun⸗ de!) die ihm noch weit mehr der Vertraute —ᷣ— 89 meiner Leiden, der Zeuge meiner Kaͤmpfe, der Verraͤther Loupian verrieth.— O Gott! die⸗ ſes ehrwuͤrdige Geſicht! dieſe Augen eines Heiligen, die ich ſorglos in mein Herz blicken ließ! dieſer Mund der Weisheit, der mir Troſt und Rath verlieh— dieſer, dieſer konnte mich taͤuſchen! Soll ich denn uͤberall nichts als Falſchheit finden? Pedro trotzte auf eine Neigung, deren Staͤrke er kannte, und an deren Beſiegung er nicht glauben wollte.— Ich widerſprach den Ueberzeugungen nicht, die ſeine Eitelkeit un⸗ umſtoͤßlich machte, aber ich ſagte ihm kalt, daß der Name einer Herzogin von Alba mir jetzt ſehr gleichguͤltig ſei, und daß ich weit innigere Bande, als die einer jugendlichen Phantaſte, der Pflicht und Tugend zu Liebe zu zerreißen wuͤßte. Ach Gott, mein Oheim! ich dachte an Montmorenci. Eine ſeltſame Verwirrung verbreitete ſich uͤber ſein gluͤhendes Geſicht, er wiederholte die Worte: Herzogin von Alba! vermuthlich, weil er gar nicht wußte, was er ſagen ſollte, und 90 ich verließ das Zimmer, ohne daß er wagte, mich aufzuhalten. Welch eine Nacht folgte dieſem Auftritt! Nur der Morgen, der ſich an dieſelbe knuͤpfte— es war der vorgeſtrige— konnte meine Verle⸗ genheiten vermehren. O Gott, mein Oheim, werde ich Ihnen alles ſagen, werde ich den edelſten der Menſchen, ihn, den ich innig ver⸗ ehre, ihn, der tauſend koͤnigliche Tugenden mit einem einzigen Fehler verbindet, der hoͤchſten Beleidigung anklagen durfen, die dem weib⸗ lichen Ehrgefuͤhl widerfahren kann! Mit dem fruͤheſten Morgen war Helenens Baſe, die Marquiſe von Entragues bei mir. Sie ſagte mir, ſie ſei die Abgeſandte des Koͤnigs, die Dolmetſcherin der Gefuͤhle, die ihm geſtern, ein in meinen Augen ſehr unbe⸗ deutender, ach hoͤchſt ungluͤcklicher Gegenſtand, erregt habe. In einer Stunde werde er ſelbſt erſcheinen, ein Herz zu meinen Fuͤßen zu legen, das— das——. Hier waͤren indeſſen die erſten Opfer deſſen, der mir die Kronen der Welt aufſetzen wuͤrde, wenn—— wenn nicht!—— —— 91 O Gott! ſo ſchimpflich! ſo ganz gemein behandelt zu werden! Ich waͤhlte aus einem Fruͤhling von Blu⸗ men, den man der rauhen Jahrezeit abgenoͤ⸗ thigt hatte, und der eine Menge ſchimmernder Edelſteine verbarg, eine Roſe.— Sie ſoll, ſagte ich, indem ich einen Dorn aus dem Fin⸗ ger zog, mit dem ſie mich(o wie deutungs⸗ voll!)— verwundete, ſie ſoll mich an mei⸗ nem Hochzeittage ſchmuͤcken: ich bin die Ver⸗ lobte des Herrn Barri de St. Aunex! Und dies, rief die Marquiſe, indem ſie erzuͤrnt aufſtand, dies die ganze Antwort, die ich dem Koͤnig zu bringen habe? Die ganze! An der Hand meines Ge⸗ mals, in dem Augenblicke, wenn ich den Hof verlaſſe, bringe ich dem groͤßten und beſten der Koͤnige noch ſelbſt den geruͤhrteſten Dank fuͤr ſeine Parteilichkeit gegen eine Unwuͤrdige. Oheim, ich weiß nicht, ob ich mich ver⸗ nuͤnftig, ob ſchicklich betrug! Ich konnte mich in dieſen Augenblicken der ſchrecklichſten Ver⸗ wirrung hinter nichts verſtecken, als— hinter 92 . eine Luͤge, die ich— jeden Augenblick zur Wahrheit machen konnte. Einmal in meinem Leben war das Gluͤck mir guͤnſtig. St. Aunex trat ein. Wie ein Schutzengel erſchien er mir, ich empfing ihn mit Entzuͤcken! Ich ſagte ihm alles! Ich verſchwieg ihm nichts, als die Thorheit, mit der ich mich bereits fuͤr ſeine Verlobte ausge⸗ geben hatte, ehe ich noch wußte, ob er, nach dem vollen Geſtaͤndniß der verworrenſten Um⸗ ſtaͤnde, mich noch ſeiner Neigung wuͤrdigen, ob er mir das lange Zoͤgern in einem Ent⸗ ſchluſſe verzeihen wuͤrde, den mein beſſeres Selbſt ſchon laͤngſt gefaßt hatte. Selten ſind wir ſo unbemerkt, als wir glauben; das Raͤthſel in uns kennt der redliche Freund oft beſſer, als wir ſelbſt. St. Aunex wußte alle meine Verhaͤltniſſe zu Don Pedro und zu Montmorenci; er nannte mich, mit einer Thraͤne im Auge, ein Weſen ohne glei⸗ chen. Nur das einzige, der unglückliche Blick, den der Koͤnig geſtern auf mich geworfen hat⸗ te, war ihm noch ein Geheimniß. Zitternd — 93³ fragte er mich, was ich thun wolle?— Ach Gott, ich verſchwieg ihm nichts; ich ſagte, daß ich mich mit ſeinem Namen geſchuͤtzt haͤtte. Und waͤr' dies moͤglich, rief er, indem er mich in ſeine Arme druͤckte; waͤr's moͤglich, daß die ſelbſtſtaͤndige Tugend Zuſlucht an mei⸗ nem Herzen ſuchen wollte? Ich weinte an ſeinem Halſe, heiße, o heiße Thraͤnen der Reue, meinen Schutzengel ſo lange verkannt, ihn ſo lange uͤber mein Herz zweifelhaft gelaſſen zu haben!— Nein, St. Aunex, ich taͤuſche nicht dich! nicht mich ſelbſt! Nicht Nothwendigkeit iſts, die mich in deine Arme wirft! nicht Mangel an an⸗ derer Zuflucht! Dieſe ungluͤcklichen Umſtaͤnde thaten nichts, als den Schleier zetreißen, der die Gottheit in meinem Innerſten verhuͤllte! Freilich mußten erſt alle Leidenſchaften ſchwei⸗ gen, ehe mir die Stimme des Goͤttlichen, das immer in unſerm Herzen redet, hoͤrbar werden konnte!— Ich bin St. Aunexs Verlobte; dieſen Abend werde ich ſeine Gemalin, mor⸗ gen verlaſſen wir den Hof! Ja, die edle, die treffliche Conſtanze, die Siegerin ſo mancher von unſerm Geſchlecht unbeſiegbar geglaubter Leidenſchaften, ward die Gemalin des braven St. Aunex— eines Man⸗ nes, der außer dem Charakter der reinſten Redlichkeit und Wahrheit wenig hatte, das ihn dem erſten aller weiblichen Weſen jener Zeit haͤtte empfehlen koͤnnen. Der erſte Schritt in die Welt aus dem Heiligthum, das ſie zur Gattin ihres Ge⸗ waͤhlten machte, zeigte ihr erſt, was ſie be⸗ ſiegt hatte. O weit groͤßer war der Sieg in der Vorſtellung, die ſie von dem Ganzen hatte, in dem was ihr Wahrheit war, als in dem was ſich ihr nun entdeckte. Mit einer kleinen Beſchaͤmung, mit einer Demuͤthi⸗ gung, die nicht ihrem beſſern Selbſt galt, denn ihr ſchrieb der alles aufzeichnende Engel die Sache ſo an, wie ſie ſie gefuͤhlt hatte— mit Beſchaͤmung, Demuͤthigung, Befremdung, ſah ſie, daß— ſie fliehen mußte, und frei⸗ lich am beſten am Arme eines edeln Gemals — um einer eiferſuͤchtigen Freundin, der ſie die heiligſte, wahrſte Liebe, die Liebe zu Mont⸗ morenci opferte, Ruhe zu ſichern. Sie ſah, daß, waͤr' ſie auch klein genug geweſen Koͤnig Heinrichs Liebe anzunehmen, Henriette d' En⸗ tragues ihn noch zu feſt in ihren Banden hielt, um ihn leichten Kaufs los zu geben; ſah, daß Don Pedro ihr nicht den Namen einer Herzogin von Alba—(er war nun ſchon vermaͤhlt)— nein, nichts als die Rechte auf ſein Herz antrug, die ſie ſchon laͤngſt veraͤcht⸗ lich von ſich geſtoßen hatte. Arme Conſtanze, du hatteſt der Tugend heilige und ſchwere Opfer gebracht, und mit brennendem Erroͤthen ſahſt du, daß ſie nur auf den Altar der Klugheit gehoͤrten! Wohl dir: dies geſellte zu all deinen Tugenden noch die Demuth, und die Wage, die droben waͤgt, rechnete dir darum nicht minder, o nein noch mehr, den Werth an, den du im Augenblicke des Opferns fuͤhlteſt. Conſtanze, nachdem ſie einen langen, pein⸗ lichen Abend Pedro's, Montmorenci's, und Heinrichs Blicken ausgeſetzt geweſen war— Blicken, die uͤber ihrem Anſchauen die Herzogin 96 von Alba, und Helenen, und Henrietten von Entragues gaͤnzlich vergaßen, folgte ihrem Ge⸗ mal nach der Feſtung Leucate, einem wichtigen ihm anvertrauten Platze, der aber fuͤr eine Conſtanze, waͤr' ſie nichts weiter geweſen, als die erſte Schoͤnheit ihrer Zeit, zu den groͤßten Hoffnungen der Ehre und der Liebe erzogen, ein Kerker geweſen ſeyn wuͤrde. Er war es nicht, er war ihr das Heilig⸗ thum des ſchoͤnſten haͤuslichen Lebens. Zu den kleinſten Pflichten der Hausfrau ſtieg die Heldin herab; nach den kleinſten Launen eines alternden Gemals bequemte ſich die Goͤttin der glaͤnzendſten Feſte. Sie fuͤhlte ſich weder als Heldin, noch als Goͤttin, blos als ein gu⸗ tes weibliches Weſen, das nach der Vollkom⸗ menheit ſtrebt und dem— dies ſetzen wir hinzu—— erſt die Ewigkeit den Kranz aufſetzen konnte. Sie ſollte ihn noch nicht ſo bald erhal⸗ ten; es warteten ihrer hier noch ſchwere Pflichten. Die Zeit ward immer ſtuͤrmiſcher und 92 kriegeriſcher, Don Pedro, der ſo kuͤhn*) ſpre⸗ chen konnte, konnte noch kuͤhner handeln; haͤtte einer den Waffen Heinrich des IV. Gefahr gedroht, ſo waͤr's Don Pedro geweſen. Alles zitterte vor ihm. Auch die Feſtung, die dem Gemal der ſchoͤnen Conſtanze anvertraut war— Conſtanze war damals kaum 25 Jahr,— ſah dieſem fuͤrchterlichen Feinde entgegen. Der Herzog von Montmorenci, Generalcommandant von Languedoc, wußte ſeine Gemalin und ſei⸗ nen neugebornen Sohn nicht beſſer zu ſchuͤtzen, *) Als Don Pedro einſt dem großen Hein⸗ rich von der Macht ſeines Konigs zu viel Ruͤhmens machte, antwortete jener: Tout cela ne m'impose pas. 8i le roi, votre maitre, continue ses attentats, je porterai le feu jusque dans 1'Escurial, et on me verra bientôt à Ma- drit. Francois IJ. y fut bien! antwortete der un⸗ beſcheidene Don Pedro. 4 C'est pour cela, verſetzte Heinrich in dem koͤniglichen Ton, der ihm eigen war, c'est pour cela, que j'y veux aller, venger son injure, eelles de la France, er les miennes. J. f. F. XII. H. 98 als in den Armen der alten Freundin. Helena lag noch einmal in Conſtanzens Armen. Der Herr de St. Aunex war genoͤthigt, auf eine Nachricht, die die Herzogin mitbrachte, ſelbſt zu Montmorenci zu eilen, um die beiderſeiti⸗ gen Plane, die kein fremdes Auge duldeten, mit einander zu vergleichen. Kurz war die Reiſe, die Feſtung blieb indeſſen in Conſtan⸗ zens Aufſicht. Noch ſind Brieſe von Helenen und Con⸗ ſtanzen vorhanden, welche die ganz unvorher⸗ geſehenen Ereigniſſe, die 1590 dieſem Schritte folgten, ſchoͤn und lebhaft genug ſchildern; doch der Raum, der dieſe Geſchichte beſchraͤnkt, iſt zu klein, nur wenige Worte enden den Heldenruhm derjenigen, die es verdient, unter den Genien unſers Geſchlechts aufgeſtellt zu werden. Der edle St. Aunexr fiel bei der Ruͤckkehr in die Haͤnde der Liguiſten. Don Pedro, der Anfuͤhrer des ſpaniſchen Heers, kannte die Wichtigkeit der Feſtung Leucate, kannte die Schaͤtze, die ſie barg, Montmorencis Gema⸗ lin und Sohn, und— die ewig unvergeßliche 1 99 Conſtanze, ihm, wie er meinte, jetzt eine gar leichte Beute!— Er ruͤckte auf die Feſtung an, ſie mußte, ſeines Erachtens, ſogleich die Thore oͤffnen, der Commandant war ja in ſeinen Haͤnden. Kaum war hier eine ordent⸗ liche Aufforderung noͤthig; doch um der Foͤrm⸗ lichkeit willen, doch um der Sache ihr Recht zu thun, geſchah was braͤuchlich war. 1 Helena ſiel in den Armen ihrer Freundin in Ohnmacht, als die Aufforderung der Feſtung, und die Nachricht von der Gefangenſchaft des Mannes, auf dem hier, ſo ſchien es, jede Hoffnung der Sicherheit beruhte, zu gleicher Zeit da war. Helena wußte, wie ſehr ſie Don Pedro haßte, ſeit ſie Montmorencis Ge⸗ malin war. Conſtanze ward bleich, zitterte, ſchwankte, nahm ihr Kind, mit Helenens Sohn ohnge⸗ faͤhr von gleichem Alter, und legte es in der Freundin Arme. Kann ich darauf rechnen, ſagte ſie mit ernſtem Blick, daß du dieſem verlaſſenen Kinde auf jeden Fall Mutter ſeyn willſt? daß du 100 es ſchuͤtzen wirſt gegen deinen grauſamen Bruder? 2 Helena ſchwieg und ſah ſie mit Erſtau⸗ nen an. Willſt du mir ſchwoͤren, fuhr Conſtanze fort, daß der kleine St. Aunex und der junge Montmorenci, auch wenn ich nicht mehr bin, bei dir gleiche Rechte haben ſollen? ſchwoͤren, bei jenem großen Opfer, das ich einſt dir brachte? Helena ſchwur. Nun ſo iſt alles gut! rief Conſtanze mit erheitertem Blick, man laſſe den ſpaniſchen Abgeſandten vor mich kommen. Saget eurem Herrn, ſprach ſie mit ruhi⸗ ger Kaͤlte, er ſolle ſich der Worte erinnern, die er einſt beim Tanze zum Koͤnige von Frankreich ſagte. Dieſe Arme verſtehen den Degen recht gut. Leucate iſt des Feinds ge⸗ waͤrtig, und Conſtanze wird zugleich die Rechte ihres Koͤnigs und den gefangenen Gemal aus Don Pedro's Haͤnden fordern.—— Keine weitern Worte, ihr und euer Herr haben die gehoͤrige Abfertigung! 101 Voll Erſtaunen entfernte ſich der Bote. Conſtanze kuͤßte die Freundin und die Kinder, und eilte aus dem Gemach, ihren heldenmuͤ⸗ thigen Worten Nachdruck zu geben. Conſtanze verſammelte die Garniſon, ſie ſtellte ihr ihre Pflicht vor, zeigte ihr in dem guten Zuſtande der Feſtung und in der nach⸗ theiligen Lage, die ſie dem Feinde zuſchrieb, die Moͤglichkeit ſich zu halten. Alles jauchzte ihr den Ruf der Treue und Bewunderung zu. Schnell waffnete ſie ſich, und die Pike in der Hand vereinigte ſie die Pflicht des Anfuͤh⸗ rers mit der des ſelbſt angreifenden Kriegers ſo gut, daß die Belagerer uͤberall zuruͤckgetrie⸗ ben wurden. 1 Wuth und Beſchaͤmung, einer Dame wei⸗ chen zu muͤſſen, uͤbermochte die Feinde. Es war weit gegen den Morgen, als Don Pedro Conſtanzen zuentbieten ließ: Es gelte hier das Leben ihres Gemals. Sie habe die Wahl, die Feſtung zu uͤbergeben, oder ihn bluten zu ſehen. 4 1 Dies war zu viel fuͤr die Heldin, ſie zer⸗ floß in Thraͤnen. Ich bin reich, rief ſie 102 mit gewundenen Haͤnden: man nehme mir alles, o man nehme mein Leben; nur ihn, nur ihn ſchone man, den ewig Geliebten!— Doch wuͤrde er dulden, daß ich mit einer Nieder⸗ traͤchtigkeit ihm ein Leben erkaufte, deſſen er ſich ſchaͤmen wuͤrde? Wuͤrde Don Pedro, der klein genug denkt, mich in die ſchrecklichſte aller Verlegenheiten zu ſtuͤrzen, mir, wenn ich ihm Ehre und Pflicht aufopferte und meinen Koͤnig verrieth, Glauben halten?— Hinweg jeder Anſchein von Rettung, als durch das Schwerd! —— Doch nein, ich bin ſchwach, bin ein Weib! ich kann irren!— Nur der Wille des Gemals kann mich leiten. Wird der grauſame Don Pedro, wird er mir die letzte Befriedi⸗ gung verſagen? Man verſtand Conſtanzen, und glaubt des Erfolgs einer ſolchen Ruͤckſprache ſo ganz gewiß zu ſeyn, daß man ſie ſich gefallen ließ. Du haſt als eine Heldin begonnen, ließ St. Aunex ſeiner Gemalin ſagen, mein Wille iſt, daß du als eine Heldin endigeſt. Das will ich, erwiederte Conſtanze, und 103 bald ſehen wir uns wieder! ſei es nun hier oder dort! Das Stuͤrmen hatte einige Augenblicke nachgelaſſen. Conſtanze eilte von den Waͤllen und warf ſich Helenen in die Arme; ſchon blutete ſie aus mehrern Wunden. Halte dei⸗ nen Schwur, rief ſie. Die Feſtung erhalte ich dir und dem Koͤnig! Mein Gemal muß ſterben, aber ich folge ihm.— Helena reichte ihr, unfaͤhig zu ſprechen, den kleinen St. Au⸗ nex, der ſeine Arme, Nahrung fordernd, nach der Mutter ausſtreckte. Hinweg! Hinweg! ſchrie ſie. Hier nichts, das mich erweiche! Dieſe Milch muͤßte ihm Tod ſeyn! Fuͤr ihn bin ich nun ſchon nicht mehr! Helena! ſei ganz ſeine Mutter! Conſtanze flog auf die Waͤlle, der Sturm begann von neuem. Verzweiflung begeiſterte den Widerſtand. Gegen den Mittag trieb ein maͤchtiger Ausfall den fliehenden Feind vol⸗ lends in die Flucht. St. Auney blutete, und 104— die Heldin ward leblos in Helenens Arme gelegt. — Wo iſt mein Gemal? rief ſie in halber Bewußtloſigkeit.— Man ſchwieg.—— Wohl, wohl! antwortete ſie, da, wo ich auch bald ſeyn werde! Gegen die Nacht fuͤhlte ſie ſich ſtaͤrker, ſie konnte einige Befehle geben, und verſprach der verzweifelnden Helena, ſo lange zu leben, bis ſie ſie in Montmorencis Haͤnde geliefert haͤtte. Man ſagte ihr von einem Gefangenen von Bedeutung, den man gemacht haͤtte, und ſchlug ihr als Linderungsmittel ihres Schmer⸗ zes vor, ihn den Manen St. Aunexs zu opfern.—— Abſcheulich! ſchrie ſie mit aller Kraft, die ihre ſchwache Bruſt enthielt.— Man fuͤhre ihn zu mir, ich will von ihm hoͤren, wie St. Aunex ſtarb, damit ich ſterben lerne; dann mag er friedlich ziehen! Der Gefangene trat ein, es war,— ach ſollte die kaum noch athmende Conſtanze noch Nach einigen Stunden ermunterte ſie ſich. 3 — dieſe Erſchuͤtterung erfahren?— es war der Sieur Loupian. Wie, rief ſie, und ein Strom von Blut entquoll ihren Wunden. Wie? du, der einſt die Unſchuld an das Laſter verrieth, du mußt mir auch noch die letzten Augenblicke erſchweren? Ich komme zu buͤßen, komme zu verguͤ⸗ ten! rief der Gefangene, indem er ſich bei ihrem Lager niederwarf. St. Auney lebt, die⸗ ſer Arm war's, der ihn rettete, er iſt nahe, er iſt hier, vermoͤgt ihr ſeine Erſcheinung auszuhalten? O meine Leſerinnen, Euch und mir nichts mehr nach dieſer Entwickelung!*) *) Die Geſchichte, die uͤber St. Auners Ret⸗ tung ſich nicht deutlich erklaͤrt, ſichert uns we⸗ nigſtens Conſtanzens Leben. Sie blieb, ſo ſagt ſie, Commandantin von Leucate, wie wir uͤber⸗ zeugt ſind, durch das Leben ihres guten Gemals, und alsdann haben wir auch nichts dagegen, daß König Heinrich ihrem Sohne die Suürvivance in dieſer Stelle ſicherte. Weniger konnte er nicht thun. 106— Fragmente— aus den Briefen einer deutſchen Fuͤrſtin an Lavater. Beſchluß der erſten Sammlung. Ein aͤußeres Merkmal einer ſchoͤnen, guten, weiblichen Seele hat mich bisher noch nie ge⸗ taͤuſcht: wenn das Weib mit ruhiger, heitrer, lieblicher Freude anhaltend von andern Gutes erzaͤhlen hoͤrte. Hoͤrte, ſag' ich, nicht ſelbſt erzaͤhlte: denn da achtet man mehr auf ſich und kann durch feine Bildung der Außen⸗ werke taͤuſchen.„Und doch auch dort—« ſagen Sie? Ich glaube nicht: denn da wuͤrde die Taͤuſchung ſo unendlich ſchwieriger, als die Wahrheit ſelbſt: warum ſollte man alſo nicht lieber dieſe annehmen 2 — 107 Sie haben Recht: die meiſte Zeitverſchwen⸗ dung ruͤhrt her von Unbeſtimmtheit des Zwecks oder der Mittel— wir ſind mit uns ſelbſt nicht einig, was wir wollen, oder wie wir es zu erreichen haben. Klare Beſtimmtheit des Zwecks mit Ueberſicht und kluger Wahl der Mittel, und ernſtem Willen, ihn zu erreichen, thut faſt Wunder und ſchafft zugleich Zeit, un⸗ endlich mehr zu genießen, als ſonſt nur moͤg⸗ lich waͤre. Einen Mann hab' ich geſehen, dem dies unwandelbarer, nie im Handeln ver⸗ letzter Grundſatz— der darin vollkommen war; einen Mann, der, wie geſagt, eben dadurch faſt Wunder that, und zugleich viel Zeit uͤbrig be⸗ hielt fuͤr Lebensgenuß aller Art: Friedrich l. von Preußen war der Mann!— Es mag Klugheit ſeyn, die Schwaͤchen Anderer zu ſeinem Vortheil zu benutzen: Liebe aber benutzt ſie zu ihrem Vortheil. 108— Wer nicht Herzensfreude hat, wenn ſein Feind etwas Vorzuͤgliches verſucht, und es ge⸗ lingt und Beifall findet: der nenne ſich doch 3 ja noch keinen guten Menſchen, viel weniger einen Chriſten. — Boͤſe Menſchen werden nie gut in der Geſellſchaft der boͤſen. Boͤſe, naͤher mit ein⸗ ander vereinigt, werden nena nnne g ach, wie viele Gute werden auch boͤs im tuͤmmel von jenen! So viele Anſtalten brin⸗ gen leider Boͤſe einander nahe: wo iſt eine, die Gute einander nahe bringt? Ich weiß wol, daß eine geſtiftet worden und daß auch ihr Name noch da iſt: aber wo iſt ſie ſelbſt? Als beim heutgen Gottesdienſt.... das gewoͤhnliche Kirchengebet las— wie im Tief⸗ ſten der Seele erſchuͤtterten mich die Worte: Wir empfehlen dir, o Gott, alle, die in die⸗ ſer Zeit unrecht leiden, und denen Gewalt geſchiehet, und die ohne dich keinen — ———— —— — 109 Helfer noch Retter haben—— Welch ein Wort! Wie viele Tauſende werden eben jetzt(1702) in dieſen einigen Seufzer zuſam⸗ mengefaßt! (1792.) Alles Wahrſcheinliche geſchieht nicht, und alles Unwahrſcheinliche hat ſeinen raſchen Fortgang: heißt das nicht, es giebt noch Wunder? Ich erwarte von dem leidenſchaftlichſten, roheſten Menſchen eher etwas Gutes, als von dem kaltbluͤtigen Schiefkopfe, dem Seitenblik⸗ ker, dem Lauerer. Hat dieſer nun noch oben⸗ drein Schlauheit, Neid, und etwas Zuruͤck⸗ ſtoßendes, und weiß, daß er das letz⸗ tere hat: ſo fuͤrchte ich das Allerſchlimmſte von ihm. Ich erſtaune, wie Schiller, damals noch ein kaum heranwachſender Juͤngling, und ehe er nur einen Blick in die Welt hatte thun koͤnnen, alle dieſe Momente zu ſeinem Franz Moor zu vereinigen gewußt hat. 110 Komm' ich in Gefahr durch irgend etwas innig erbittert zu werden, ſo iſt es durch die ganz natuͤrlich ſcheinende Freundlichkeit, die ganz unnatuͤrlich iſt und eine ganz natr⸗ liche Feindlichkeit verdecken ſrl. — Alle meine redlichen und ſchonenden Be⸗ muͤhungen,... wieder zu gewinnen, ſind ver⸗ geblich geweſen. Ich bin ſehr betruͤbt. Ich ſinne und ſinne: warum mußte das kommen? wohin wird es fuͤhren? Ich finde keinen Grund und der Boden unter mir wird nur immer wankender.—'s kluges Auge bemerkt ohne Zweifel die Verhaͤltniſſe. Er ſchont mein Schweigen und gehet gern auf alles ein, wor⸗ auf ich mit Heiterkeit— die mir ſo ſchwer wird vorzugeben— das Geſpraͤch lenke, und was freilich immer die fernſten, bezugloſeſten Dinge betrifft. Geſtern hielt er— was die Leute eine ſehr ſchoͤne Predigt nennen, worin einige verborgene Wendungen wahrſcheinlich mein Herz beruhigen helfen ſollten: mein Ver⸗ ſtand folgte ihm, mein Gefuͤhl blieb todt und 111 kalt. Da ſchloß er mit dem gewoͤhnlichen, apoſtoliſchen Seegenswunſch: Der Friede Got⸗ tes, welcher hoͤher iſt als alle Vernunft u. ſ. w. Zum erſtenmal griffen dieſe Worte tief in mein Innerſtes. Hab' ich Recht, wenn ich ſie ſo verſtehe: Friede in Gott iſt erhab⸗ ner,(folglich auch wirkſamer) als alles, was ſich Menſchen vernuͤnfteln, erſinnen koͤnnen u. ſ. w.? Nach dieſem Frieden will ich ſtreben und jenes Sinnens und Gruͤbelns mich ent⸗ ſchlagen. Ja, ſchon in dieſem Augenblick, da ich mir's vornehme, fuͤhl' ich mich erleichtert, geſtaͤrkt, und folglich beſtaͤtigt ſich jenes: „welcher hoͤher iſt als alle Vernunft⸗—— [O— Klage nicht, mein Herz—— Es lebte Einer, der ſich, um Gottes und der Zukunft willen, jeder Freude entaͤußerte, im guten Willen ſeines Vaters ruhete, an ihn bei jeder Aufopferung ſich hielt, die Menſchen mit un⸗ ausſprechlicher Liebe umfaßte— auch die ihm unbeſchreiblich wehe thaten; Einer, der ſich ſelbſt und jede Freude, worauf er Anſpruch 112— hatte, vergaß, und lieber litt, um dann ſeine Freuden mit Andern theilen zu koͤnnen—— Auf ihn ſiehe, mein Auge! Wir alle wer⸗ den durch Leiden fuͤr uns und Andere genuß⸗ faͤhiger. Der erſte Schritt zu— ſogar unnatuͤrli⸗ chen Laſtern iſt, daß man ſie an Andern ver⸗ deckt; der zweite, daß man ſie an ihnen entſchuldigt; der dritte, daß man fuͤrch⸗ tet, Laſter, Laſter zu nennen; der vierte, daß man ſie unter irgend einem Vorwande gut heißet. Nun verliert man ſelbſt den Boden unter den Fuͤßen, den man ſo wankend gemacht hat, und ſtuͤrzt unaufhaltſam hinab—— Man iſt nie mehr geneigt, Andere ſcharf zu richten, als wenn man mit ſich ſelbſt un⸗ zufrieden zu ſeyn Urſach hat und daruͤber in uͤbler Laune iſt. * 113 Der Zuſchauer vor dem Schauplatz hat es beſſer, als der in der Kuliſſe lauſcht. Wahr iſt es, dieſer erkennet Einzelnes weit deutlicher, aber das Ganze uͤberſiehet er nicht, und die boͤſe Schminke, und der Flitterſtaat, die er⸗ nun in ihrer Armſeligkeit bemerkt—! Das Suchen nach Wahrheit macht gluͤcklich; das Gefundenhaben macht oft ſatt, traͤge, kalt. So vielleicht bei nichts mehr, als bei Menſchenkenntnis.— Wie wohlthaͤtig iſts auch darum, daß die Natur ihre Geheim⸗ niſſe mit einem ewigen, aber durchſchimmern⸗ den Schleier verhuͤllt! Ihr nachzugehen, ihre hohen Geſetze— erſt zu ahnen, dann zu be⸗ merken, jetzt ſie tauſendfach beſtaͤtigt zu finden, neu anzuwenden, lieb zu gewinnen, und ſie ſich ſelbſt anzubilden: das eben macht den Werth und das Gluͤck des einſamen, be⸗ ſonders des Landlebens. Alles, was ſich liebt, veraͤhnlicht ſich ein⸗ ander. Wie zwei Farben zuſammenſtralen, daß J. f. F. XII. H. 2 114 eine dritte, mittlere werde: ſo werden auch auf eine wunderbare Weiſe, ſchon durch das bloße theilnehmende Beiſammenſeyn, menſchliche Ge⸗ muͤther, ja ſogar Gebehrden, Geſichtszuͤge und die feinſten Uebergaͤnge der Denkart, der Hand⸗ lungsweiſe, einander aͤhnlich. Wahnſinn, alle Gemuͤths⸗Krankheiten, Schwaͤrmerei, Furcht, alle Affekten, ſind anſteckende Uebel—: aber, Gott ſei Dank, auch das freundſchaftliche Bei⸗ ſammenſeyn mit guten Menſchen veraͤhnlicht, beſſert uns ſo ohne Gewalt, ſelbſt ohne Worte. — So verſteh' ich, was Sie mir letztlich etwas dunkel ſchrieben; und ſo wird es mir unendlich wichtig und troſtreich, wenn es mir ſchwer auf die Seele faͤllt, wie vieles Menſchen von mir erwarten, und wie weniges ich leiſten kann. Dann verſteh' ich auch, was Ihr Autor in der Folge ſagt—— Ja, auch mein bloßes Daſeyn kann nicht ohne Wirkung bleiben; und je mehr Ordnung, Geſetzmaͤßigkeit und Gutes ich ſelbſt beweiſe, je wohlthaͤtiger muß dieſe Wirkung auch auf meine Umgebungen werden. Es kann nicht anders ſeyn: der beſte 115 Menſch muͤßte eben darum wie Gott wirken— unwiderſtehlich, und ſo, daß er ein gaͤhrendes Chaos um ihn her ordnete, Finſternis vertrieb, Licht werden hieß. 116— Bruchſtuͤcke aus den Briefen und dem Leben der Ninon de 8 Lenclos. — Beſchluß. Vielleicht wuͤnſchen die Leſerinnen zum Be⸗ ſchluß dieſer Reihe von Briefen auch zu er⸗ fahren, wie dieſe geiſtreiche, ſeltſame Frau, die ſich fuͤr die Herzensangelegenheiten ihrer Freunde ſo theilnehmend beeiferte, ihre eigenen betrieb? Gut genug; wovon ſchon das anſtatt aller Beweiſe dienen kann, daß ihr noch faſt in Matronenjahren die gebildetſte maͤnnliche Ju⸗ gend, und das geiſtreiche maͤnnliche Alter nicht minder, huldigte, und ſie ſogar Gelegenheit bekam, in den funfziger Jahren einem koͤnig⸗ lichen Prinzen kaum in den zwanzigen, der all⸗ gemein als aͤußerſt liebenswuͤrdig galt, foͤrmlich das Koͤrbchen zu flechten. Jener— Wißbe⸗ 117 gierde Genuͤge zu leiſten, ſtehe hier ſo etwas von Billet-doux, wo nicht in optima forma, denn doch in beſter Form. Es wird dadurch noch anziehender, daß es zu einer Zeit geſchrie⸗ ben worden, wo Ninon gar leicht haͤtte Groß⸗ mutter ſeyn koͤnnen. „Nein, guter Freund, wenn Sie aus die⸗ ſem Tone mit mir ſprechen wollen, ſo iſts aus. Was fuͤr ein Daͤmon heißt Sie denn mich zu fuͤrchten machen, wie geſtern Abend? Ich weiß nicht, was Sie alles fuͤr Thorheiten begangen haben; ich weiß nur, daß ich nicht recht von Herzen boͤs daruͤber ſeyn konnte, daß ich das aber werden muß. Nein, ſagen Sie, was ſoll das? Machen Sie, was Sie wollen: ſo viel iſt richtig, ich will Sie nicht lieben, und das iſt mehr gefagt, als, ich werd' es nicht. Im Ernſt, iſts nicht thoͤrigt, ein Frauenzimmer uͤberreden wollen, ſie ſei traurig, brauche Auf⸗ heiterung, wenn ſie ſelbſt verſichert, es ſei nicht wahr? Was zu arg iſt, iſt zu arg. Ich daͤch⸗ te, Sie waͤren ſo gut und uͤberdaͤchten ein Au⸗ genblickchen, welche Grille Ihnen durch den Kopf laͤuft. Mir, Ihrem Mentor, mir, die ich ſo muͤtterlich mit Ihnen verfahren bin, ſol⸗ che Dinge vorzuſchwatzen? mir altem Maͤdchen? Wollen Sie mich etwa in Verſuchung fͤhren, ob ich meine Theorie der Liebe auch durch die Praxis zu erweiſen im Stande ſei? O mein Freund, ſo weit ſehen wir noch—— Kurz und gut, das kann zu nichts fuͤhren Bleiben Sie auf Ihrer glaͤnzenden Laufbahn. Der Hof bietet Ihnen hundert Schoͤnheiten, bei denen Sie wahrhaftig nicht, wie bei mir, wagen, ſich zu langweilen, weil man Ihnen vorraiſon⸗ nirte, oder wo ſie ſich zuſammennehmen muͤßten, weil Sie Geiſt zeigen ſollten. Das alſo iſt abgethan unter uns und davon weiter keine Rede! Nun aber will ich Ihnen nicht verheim⸗ lichen, daß ich nicht boͤs ſeyn wuͤrde, wenn ich Sie heute ſaͤhe. Die Herren haben mir geſtern mit ihren Dispuͤten uͤber die Alten und Modernen ganz den Kopf verdrehet, beſonders uͤber die leidigen Alten. Wiſſen Sie etwas daruͤber zu ſagen, das ihn wieder zurecht ſetzte? Wenn Sie nur huͤbſch ernſthaft ſeyn wollen, ſo moͤcht' ich mich freilich lieber von Ihnen, als von Andern belehren laſſen. Aber ich weiß 4 119 ₰ ſchon, Sie ſind ſo unruhig, ſo untraktabel, daß ichs gar nicht wage, Sie zu bitten, morgen Abend bei mir zu eſſen. Nein, nicht morgen Abend— ich bin irrig: es iſt ja ſchon zwei Uhr nach Mitternacht, und gegen Mittag erhalten Sie mein Blatt erſt. So waͤr' es denn heute—— Alſſo ein foͤrmliches Rendez- vous! Daß ich das zugeſtehe, beweiſet Ihnen hoffentlich, man ſcheue Sie eben nicht und man wiſſe von all den ſchoͤnen Dingen, die Sie ſagen, nur das fuͤr ſich auszuwaͤhlen, was paßt. Ich kenn' euch, ihr Herren!—— Das ohngefaͤhr blieb Ninon— und auch das ſchoͤnſte Weib— bis gegen ihr ſechzigſtes Jahr; und ſelbſt hernach war ſie noch aͤußerſt angenehm, immer geiſtreich, heiter, und leich⸗ ten Sinnes bis in das ſpaͤteſte Alter. Aus ihren letzten Jahren nur noch einige Zuͤge, die wenig bekannt zu ſeyn ſcheinen. Ludwig der XIV., der nun auch alt wor⸗ den war und nicht ſelten von Langeweile und Lebensuͤberdruß gedruͤckt wurde, wuͤnſchte, und die Freundin ſeines Alters, von der ſchon fruͤ⸗ her geredet worden, wollte ſelbſt vermitteln, 120 daß Ninon nach Verſailles zoͤge, damit er, der Koͤnig, ſich ihres belebenden Umgangs er⸗ freuen koͤnnte. Ninon ſchlug es aus, weil ſie zu alt ſei, um ſich an den Zwang des Hof⸗ lebens gewoͤhnen zu koͤnnen— wahrſcheinlich aber noch mehr, um nicht einen alten Herrn unterhalten zu ſollen, der nicht mehr unter⸗ haltbar war, weil nichts an ihm haftete. Der Koͤnig wuͤnſchte ſie alſo nur noch einmal zu ſehen, und Ninon erſchien wirklich vor ihm mit ſchoͤnem Anſtand, mit einnehmender Wuͤrde, und war damals eben— achtzig Jahr' alt. Der Koͤnig unterhielt ſich mit ihr in einem leichten Anflug jugendlicher Artigkeit, und nannte ſie ſelbſt eins der ausgezeichnetſten Wunder ſeiner Periode. Einige Zeit nachher lief ein artiges Ge⸗ dicht auf den Dauphin umher, das ein alter Offizier dieſem uͤbergeben hatte, um ſich zu einer Penſion zu empfehlen. Es gefiel ſo ſehr, daß man nachfragte, wer es gemacht habe, und der Offizier nannte einen Knaben von zwoͤlf Jahren, den Sohn eines Advokaten, der ſein Freund ſei. Ninon wollte den Kna⸗ — 121 ben ſehen, ließ ihn kommen, unterhielt ſich lang' und in der Folge oͤfter mit ihm, ging ſeine Arbeiten mit ihm durch, und ſagte Jeder⸗ mann, dieſer Knabe werde zuverlaͤſſig einer der groͤßten Maͤnner der Nation. Dadurch brachte ſie den jungen Menſchen in Ruf, mehrere Reiche und Große nahmen ſich ſeiner an— das hatte Ninon gewollt: aber ſie begnuͤgte ſich nicht damit, ſondern nahm an ſeinen Be⸗ ſchaͤftigungen ſo lange ſie noch lebte Theil, em⸗ pfahl ihn auf dem Todesbette ihrem gelehrten Freunde, Chateauneuf, und ſetzte dem jun⸗ gen Dichter eine anſehnliche Summe aus zu Buͤchern und andern gelehrten Huͤlfsmitteln. Und der junge Menſch war— Voltaire. Ohne Ninon waͤre er vielleicht in ſeiner Je⸗ ſuiten⸗Schule zu Grunde gegangen, wenigſtens ganz gewiß bei weitem das nicht geworden, was er wurde. Ninon war faſt immer ganz geſund, und, wie ſie ſelbſt ſagte, nur zweimal ungluͤcklich geweſen— das einemal durch ihren Sohn, wie im erſten Hefte dieſes Journals erzaͤhlt worden, das zweitemal fruͤher, wie es hier —— 122 nicht wohl erzaͤhlt werden kann. Endlich nah⸗ men ihre koͤrperlichen Kraͤfte ploͤtzlich und von Tag' zu Tage ab; aber ihre geiſtigen Ver⸗ moͤgen blieben ihr bis zum letzten Moment. Sie fuͤhlte ihr Ende herannahen; ſie erwar⸗ tete es mit Faſſung— mit Heiterkeit ſogar. Sie hatte vom September 1615 bis zum ſiebzehnten Oktober 1706, folglich ein und neunzig Jahre gelebt: da machte ſie noch die Verſe, die wenigſtens durch dieſe Umſtaͤnde intereſſant ſind: Qu'un vain espoir ne vienne point s'offrir, Qui puisse ébranler mon courage: Je suis en äge de mourir, Que serois-je ici davantage? wendete ſich, legte ſich zurecht, und ver⸗ ſchied. Schillers Nekropompe. Geſchrieben auf dem Bothniſchen Meerbuſen. Wir erzaͤhlten traulich und durchliefen Noch einmal das Leben Jahr fuͤr Jahr, Da erſchien ein Freund, und ſeine tiefen, Hohlen, ernſten Trauertoͤne riefen Uns die Bothſchaft, die gekommen war: Schiller iſt geſtorben! Alle ſchwiegen Drey Minuten feyernd, bis empor In des Schmerzes ſchweren Athemzuͤgen Unſerm Liebling Todtenopfer ſtiegen, Und die Preſſung ihr Gewicht verlor. Schiller iſt geſtorben! Scholls in allen Zirkeln an der Newa auf und ab Von dem Marmor in den Kaiſerhallen. Freund, ſo ſchoͤne Blumenkraͤnze fallen Selten nur auf eines Dichters Grab. J. f. F. XII. H. 9 Aber ſelten heiligen die Muſen Einen Geiſt auch ſo ſich zum Altar, Wohnen himmliſch ſo in einem Buſen, Wie vom Griechen bis zu dem Tonguſen Unſer Liebling ſtets ihr Liebling war. Von dem Rheine bis zum Oby haben Tauſende ſich oft durch ihn erfreut, Reicher ſich gelebt durch ſeine Gaben, Die er, ihren Seelendurſt zu laben, Unerſchoͤpflich um ſich ausgeſtreut. Maͤchtig klang dem Delier die Laute, Wenn er ihre Saiten Schillers Hand, Ihre Lieder ſeiner Bruſt vertraute; Und die dichte ſtille Menge ſchaute Dann durch ihn ſich in das Geiſterland. Seine Zauber oͤffneten die Pforte, Daß der Blick in neue Welten ging; Blumen ſchuf er, wo die Flur verdorrte, Und der Sturm befluͤgelte die Worte, Die er flammend von dem Gott empfing. Wem nicht er des Himmels Goͤtterfunken Aus des Weſens letzter Tiefe ſchlaͤgt, Wenn er goͤttlich ſingt und feuertrunken, Bleibet, in des Stumpfſinns Nacht verſunken, Zu den Seelenloſen hingelegt. Groß und mit der Tugend hohem Muthe, Die den Maͤnnerwerth in Lumpen ehrt, Sprach er kuͤhn und offen fuͤr das Gute, Unbekuͤmmert ob der Thor verblute, Der vom Mark der ſtillen Einfalt zehrt. Liebenswuͤrdig war der Mann als Dichter, Und der Dichter es noch mehr als Mann. Gluͤcklich, wer wie er ſo viel Geſichter, So viel Herzen, auch als ſtrenger Richter, Auf den guten Weg erheitern kann. Schiller wird mit ſeinem Poſa leben, Leben, wenn der Undank ihn vergißt. Niemand kann aͤtheriſcher uns heben, Niemand beſſer zu genießen geben Was der Silberblick des Lebens iſt. Seume. 123