Ses Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von.. Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Ieih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr vis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 1 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 3. b 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für achentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —— —— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Nk. 5 Pf. 2 Mk. Pff. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſe endung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern dc.) muß der U.⸗ 5 Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt 1 der Leſer jum Erſatz des Ganzen verpflichtet.. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben 4 4. Erzaͤhlungen fuͤr unverdorbene Familien. Eilfeer Band. Lei p 3 i g bei Georg Joachim Goͤſchen 1810. Inhalt des eilften Bandes. An die Leſerinnen. Der trotzige Guſtav. Kolumbus. Ballade. Die Wanderer im Geiſterreiche, oder das Ziel des Lebens. Maͤhrchen. Das Geheimniß der Freundſchaft. Reiſe ins Appenzeller Land. Putz und Mode. Dialog. Der Apfelbaum. Bruchſtuͤcke aus den Briefen und dem Leben der Ninon de Lenclos. Weiblicher Briefſtyl. Tante Hedwig. Pathenbrief. Ueber Ludwig Tieck's dramatiſches Gedicht: Kai⸗ ſer Oktavianus. Pedro's Klagen. Des Nachbars Haus. Der große Ball in der kleinen Stadt. Die naͤchtliche Harfe. Ein⸗ und Ausfaͤlle. Der Rheinfall bei Schafhauſen. Wie ſoll man Gemaͤlde betrachten. Epiſtel. An eine Freundin. Die alte Lebensweiſe. Die Baͤrin und ihr Baͤrchen. Eine Fabel⸗ Das Oſterfeſt. Lied der Jungfraun am Grabe der jungen Freundin. Beantwortung der Frage: duͤrfen Weiber gelehrte Kenntniſſe haben u. ſ. w. Minona. Kinder, nur nichk oben hinaus! Neuentdecktes Arkanum. Neue Muſik fuͤr Geſang, Klavier, Harfe und Guitarre. An die Leſerinnen. Dies Journal erſcheint vor dem Publikum, wie in achtungswerther Geſellſchaft gern ein Mann auftritt, der ſich Gehalt— aber in Beſcheidenheit, zugeſtehet. Er koͤmmt ohne alle vorhergegangene Ankuͤndigung, ohne irgend einen Verſuch, zu beſtechen oder zu erobern; aber mit dem Wunſche, nicht uͤber⸗ ſehen zu werden, und, kann es ſeyn, den Beſten wohlzugefallen. Er vernachlaͤſſigt darum weder ſich, noch Andere; zeigt ſich von vortheilhafter— aber nicht vortheilhaf⸗ terer Seite, als er glaubt, ſich immer 4. f. F. I. 9. 1 2 zeigen zu koͤnnen. Er verſpricht nicht mehr, als er gewiß iſt, ſtets zu halten— ja, auch das verſpricht er nicht, ſondern leiſtet es. Er iſt uͤberzeugt, die Achtſamern wer⸗ den leicht vom Thun auf das Wollen, und deſto lieber ſo ſchließen, je oͤfter ſie durch Schluͤſſe vom Wollen auf das Thun getaͤuſcht worden ſind. Er verſchont die Geſellſchaft immer mit dem Alltaͤglichen und Allen Ge⸗ meinem: tritt aber auch nicht gleich Anfangs mit ſeinem Eigenſten, Geheimſten und Hoͤch⸗ ſten hervor. Durch das, was er anfaͤnglich Andern iſt, wuͤnſcht er nur ein Band zu knuͤpfen: durch das, was er ihnen dann ſeyn wird, es erſt zu befeſtigen. Allen alles zu ſeyn, koͤmmt ihm nicht in den Sinn— er iſt nicht anmaßend und nicht eitel: Allen etwas zu ſeyn, hofft er— er iſt nicht ohne Selbſtgefuͤhl und nicht ohne Zutrauen zu An⸗ dern. Er ſcheuet die ernſte Unterſuchung ſo wenig, als den fluͤchtigſten Scherz: er ver⸗ ſucht aber, den Ernſt durch ein gut gewor⸗ fenes Gewand einladend werden zu laſſen, und dem Scherz die Schwingen zu ſtaͤrken, wenn er ſinken und nur am Boden hinflat⸗⸗ tern wil—— Wuͤrden die Leſerinnen einen ſolchen Mann gern zum Geſellſchafter waͤhlen, und ihm, iſt er gepruͤft und mit der Zeit bewaͤhrt erfunden, als einem Freunde ach⸗ tend vertrauen?— Wir lieben ſaͤmmtlich das Verſprechen eben nicht— obſchon das Halten. Von dem Geſellſchafter, den wir in dieſer Zeit⸗ ſchrift den Frauen zufuͤhren, die weder ſo gelehrt ſind, um jeder weiblichen, noch ſo— in ſich ſelbſt beſchloſſen, um aller fremden Unterhaltung feind zu ſeyn— von ihm ſey darum nur vorausgeſagt, daß man mit ihm wenigſtens nichts wage; daß man ihm zwar immer noch Manches werde wuͤnſchen koͤn⸗ nen, was ſich nicht findet, aber niemals „ 4 etwas an ihm finden ſoll, was man ihm⸗ nicht wuͤnſchen duͤrfte: ſondern daß wir ihn zuverlaͤſig aus der Geſellſchaft entfernen werden, ſobald er aufhoͤrt zu leiſten, was wir uns von ihm verſprechen. Die Herausgeber. Der trotzige Guſtav. Ein Erziehungsbericht. Du haſt recht, liebe Freundin, Erziehung lernt man aus der unzaͤhligen Menge Buch⸗ ſtaben, die daruͤber gedruckt ſind, eben ſo wenig, als Fraͤulein B. aus der furchtbaren Reihe von Kochbuͤchern, welche der Obriſt⸗ lieutenant vor ihren Augen in Reihe und Glied geſtellt hatte, den Geſchmack ihres Herrn Vaters befriedigen lernte. Dann erſt, wann wir ſelbſt die Sache angreifen, lernen wir, was dabei zu thun, was ausfuͤhrbar iſt, was zum Guten fuͤhrt. Eine meiner Freun⸗ dinnen hatte Rouſſeau's Emil mit Bewunde⸗ rung geleſen, nahm einen verwaiſten Knaben zu ſich, und bemuͤhte ſich mit allen Kraͤften, einen zweiten Emil aus ihm zu machen. Du ſteheſt mehrere dergleichen verungluͤckte Emile in unſerer Welt als Fremdlinge verſchlagen; ich brauche dir alſo nicht zu ſagen, was daraus ge⸗ worden iſt. Eigentlich ſollte ich dir das geheime Kunſt⸗ ſtuͤck,(wie du es zu nennen beliebſt,) durch welches ich meinen kleinen Trotzkopf, den Gu⸗ ſtav, gebeſſert habe, nicht verrathen. Denn es iſt ſo einfach, daß du— daß auch jede aufmerkſame Mutter ohne Muͤhe es finden wird, wenn ſie es bedarf. Doch du moͤchteſt mich des Ehrenneides beſchuldigen, und ſo nimm es denn hin, halte dich aber nicht daruͤber auf. Mein Vaͤter hatte ſeine eigene Methode, uns, als Kinder, zum Nachdenken zu gewoͤhnen. Wir mußten z. B. die mehrſylbigen Woͤrter ſorgfaͤltig zergliedern. Vornehmlich hatte er einen großen Reſpekt fuͤr die kleine Sylbe: er⸗. Finden, ſprach er, will nicht viel ſagen; finden kann ein jeder: aber er finden, dazu gehoͤrt ſchon viel. Eben ſo kann jeder, der ſtarke Arme und zwei geſunde Haͤnde hat, einen Baum und dergleichen ziehen: aber zum Erziehen gehoͤrt unſere ganze Seelenkraft. Als ich uͤber die Erziehung nachdachte, kam es mir vor, daß es gar leicht ſey, ein Kind zu ziehen, wie man es haben wolle, nach willkuͤhrlichen Abſichten; auch, in dem Kinde uns ſelbſt zu erziehen, oder es ſo zu machen, wie wir ſelbſt ſind, nach eigenſinnigen Abſichten; daß es aber eben ſo ſchwer als nothwendig ſey, die Anla⸗ gen und Kraͤfte des Kindes zu wecken und zu hoͤheren Zwecken zu leiten.. Jetzt entſtand die Frage: welches iſt uͤber⸗ haupt der hohe Zweck der Erziehung? Eigenes Nachdenken und verſtaͤndige Menſchen konn⸗ ten mir keinen beſſeren angeben, als das Kind zum Menſchen zu bilden. Ich weiß wohl, ich ſchreibe dir hier nichts neues: doch ſcheint es mir, daß man in neuerer Zeit die Sache gewoͤhnlich zu einſeitig nehme. Meiner Einſicht nach ſollte dafuͤr geſorgt wer⸗ den, daß der Menſch nicht allein originell bleibe, ſelbſtſtaͤndig werde, ſich frei aͤußere, fuͤhle und genieße: ſondern daß er auch koͤnne tragen, dulden, leiden und ſich fuͤgen; damit er nicht durch ſeine eigene Bildung genoͤthiget werde zu darben, wo Andere, in aller Unſchuld, 8 reichlich genießen; damit er nicht Furcht, Miß⸗ trauen, Entfernung finde, wo er Achtung, Zutrauen, Liebe ſucht; damit er nicht nieder⸗ gebeugt werde durch ſich ſelbſt, wo Andere, ohne Erniedrigung, ſich zu erheben wiſſen; damit er nicht, gewiſſen Thieren gleich, mit dem Kopfe wider die Wand renne. Ich war von jeher uͤberzeugt,— was ohnehin jedes Mutterherz ſo gern glaubt— kein Kind ſei boͤſe von Natur. Zwar ver⸗ nimmſt du da wieder nichts Neues von mir; aber vielleicht gefallen dir doch die Regeln, welche ich von dieſem Gemeinplatz mit mir nahm, und die Folgen, welche ſie bei meinem Guſtav gehabt haben. Mehrere Muͤtter behandeln ihre Kinder oft darum falſch, weil ſie ſolche manchmal fuͤr boshaft halten und daruͤber aufgebracht werden; das darf aber nicht ſeyn. In den erſten drei Jahren muß ſie es blos mit Liebe zur Liebe erziehen. Ich verwerfe daher alle Strafen bis zu dem Zeitpunkte, da ich ſeine Liebe in einem hoͤheren Grade gewonnen habe, als alle uͤbrige Perſonen, die es umgeben: 9 denn die Liebe macht die Strafe erſt ſchmerz⸗ lich. Liebt das Kind nicht, ſo muß die Strafe nach und nach bis zur Unbarmherzigkeit ver⸗ ſtaͤrkt werden, und das Kind verdirbt doch.— Nur das Mutterherz kann zur Liebe bil⸗ den. Ach! die armen Kleinen, welche zu fruͤh davon weggeriſſen werden! Erziehungsinſtitute koͤnnen Dankbarkeit, Wohlwollen, Achtung, Eintracht, und eine Menge andere Tugenden als Pflichten vortragen laſſen: aber in der Ael⸗ tern Hauſe— da ſieht das Kind ſie, und lernt ſie mit dem Herzen. Tanten und Gou⸗ vernanten koͤnnen wohl ein fleißiges, folgſames, geſchicktes Kind erziehen: aber den innern Men⸗ ſchen gleichſam heraus zu bilden— Ach! meine lieben Schweſtern, moͤcht' ich allen zurufen— ich bitte euch, entfernt eure Kinder nicht zu fruͤh, wenn ihr anders das Bewußtſeyn habt, daß ihr ſelbſt unverdorben ſeyd, und in eurem Hauſe alles wohl ſtehet!— Jetzt iſt es Zeit, daß ich dich zu meinem ungezogenen Trotzkopf im dritten Jahre ſeines Lebens fuͤhre. Er ſchlaͤgt— alle muntere 10—/ Knaben ſchlagen gern— ſeinen Bruder. Der Vater ſieht es und fragt: Guſtav, wen ſchlaͤgſt du? „Bruder⸗ Du darfſt deinen Bruder nicht ſchlagen. „Ich will ſchlagen“⸗ Nach der gedruckten Regel:„in den ſoge⸗ nannten Jahren der bloſen Sinnlichkeit muß das Kind auch blos ſinnlich behandelt werden,“ ſtrafte mein Mann den Knaben leicht mit der Ruthe. Das half nichts, Guſtav ſchlug den Bruder wieder. Mein Mann wollte einlenken, nahm ihn auf den Schoos, und wollte ihn zer⸗ ſtreuen. Aber der Knabe ließ ſich nicht zer⸗ ſtreuen, ſondern ſtrebte mit Haͤnden und Fuͤßen zur Erde herunter. Bleib ſitzen! ſagte der Vater heftig. „Ich will nicht ſitzen bleiben,“ antwortete der Knabe. Junge! rief der Vater zornig, bleib ſitzen, oder ich werfe dich zum Fenſter hinaus! „Ich will zum Fenſter hinaus,“ bekam er zur Antwort. — 11 Hier erſchrak ich, entfernte den geſchlage⸗ nen Bruder ſo ſchnell als moͤglich, griff nach dem Knaben, und flog mit ihm in ein ande⸗ res Zimmer. Zum Gluͤck ſtanden auf dem Tiſche bleyerne Soldaten. Mit Einem Hiebe wuarf er ſie nieder.— Der Bruder war vergeſſen.— Jetzt fuͤhrte mein Mann den Bruder herein: freundlich ſtreckte Guſtav die Haͤnde nach ihm aus und zeigte ihm die Sol⸗ daten; den Vater ſah er nicht an. Ich fuͤhle, ich habe gefehlt, ſagte mein Mann freundlich zu mir. Du haſt mehr Ge⸗ duld als ich; behandle du den Knaben. Sein Vertrauen that mir wohl, ich nahm mir vor, es zu verdienen. Vor allen Dingen fand ich noͤthig zu un⸗ terſuchen, woher wol bei dem Kinde der ſchreck⸗ liche Trotz und die große Hartnaͤckigkeit komme? Ich fand in ihm, bei großer Feſtigkeit, eine Abneigung, irgend etwas zu thun oder zu laſ⸗ ſen, das er nicht ſelbſt beſchloß; dabei eine große Entſchloſſenheit, in allen Faͤllen, wobey das Zuthun anderer Menſchen nicht im Spiele war. Man haͤtte ihn leicht fuͤr unentſchloſſen 12 halten koͤnnen; denn er ſaß zuweilen lange und beſann ſich, ob er z. B. die Suppe eſſen wollte, oder nicht. Er beſann ſich aber blos deswegen, weil ihm die Suppe von andern vorgeſetzt wurde. Nun kam es darauf an zu entdecken, durch welche andere Eigenſchaften des Knaben jene unſchaͤdlich gemacht werden koͤnnten. Ich war froh, als ich fand, mein Guſtav habe Ehrbegierde und eine große Zaͤrt⸗ lichkeit gegen ſeine juͤngern Geſchwiſter zum Erbtheil von der Natur erhalten; und daß er, bei Gegenſtaͤnden des Mitleidens, bis zu Thraͤnen geruͤhrt werden konnte. Als ich uͤber den Charakter des Knaben mit mir einig war, ſuchte ich uͤber mich ſelbſt unablaͤſſig zu wachen, ihm nicht zu verrathen, daß ich meinen Willen haben wollte. Unbe⸗ ſchreibliche Sorgfalt hat es mich gekoſtet, alles zu entfernen, was ſeinen Eigenwillen in einem hohen Grade haͤtte reitzen koͤnnen; unbeſchreib⸗ liche Anſtrengung, Geduld und Selbſtbeherr⸗ ſchung, ihn weder Zorn noch Abneigung em⸗ pfinden zu laſſen. Auch mußte ich mich ſehr huͤten, ſeine Geſchwiſter wegen irgend eines 13 Talentes, das er nicht auch beſaß, zu loben; daruͤber waͤre er bitter und verſchloſſen gewor⸗ den. Ich ſuchte ja ſeine Liebe und fuͤrchtete, daß er, ohne Liebe zu mir, durch die Mittel, welche ihn beſſern ſollten, ſtoͤckiſch werden moͤchte. Bei Austheilung von Geſchenken und bei Beweiſen meiner Zaͤrtlichkeit gab ich mei⸗ nen uͤbrigen Kindern niemals einen Vorzug. Ich leiſtete ihm alle Pflege ſelbſt, die man ſonſt wol den Domeſtiken uͤberlaͤßt; ich beglei⸗ tete ihn mit einem Kuſſe zu Bette, ich reichte ihm ſelbſt das Fruͤhſtuͤck u. ſ. w. So gelang es mir, ihm die zaͤrtlich ſte Liebe einzufloͤßen; eine Liebe ganz anderer Art, als die, welche Kinder gegen ihre Waͤrterin⸗ nen und andere Perſonen aͤußern. Als ich dieſe gewonnen hatte, folgte er leicht. Jetzt verlangte ich Manches, was ihm ſchwer wurde; verlangte oft, unterſagte vieles, und mit Ernſt, und mein Wille war unabaͤnderlich. Nur ein⸗ mal habe ich noͤthig gehabt, eine koͤrperliche Strafe zur Huͤlfe zu nehmen; ſie war ſo leicht, ſie konnte nicht leichter ſeyn, und der Knabe, welcher ſonſt, wie du in der Folge ſehen wirſt, 14 Schmerzen nicht achtete, druͤckte hierbey den empfindlichſten Schmerz aus. 8 So waren einige Jahre hingegangen. Guſtav hat einen ſtarken Knochenbau, und kam mir etwas unbeholfen und hoͤlzern vor. Ich uͤbergab ihn dem Tanzmeiſter. Nachdem dieſer ihm die Poſitionen gewieſen hatte, und die Stunde voruͤber war, trat er mit einer gravitaͤtiſchen Miene zu mir und erklaͤrte: „Mutter, ich will nicht tanzen lernen.“ Warum nicht? „Das Zeug iſt nicht noͤthig.“ Gut, du ſollſt es nicht lernen. Nach einiger Zeit veranſtaltete ich in mei⸗ ner Familie einen Tanz. Ein anderer Knabe zog mich zu einer Menuet auf; man lobte den kleinen Chapeau wegen ſeines einnehmen⸗ den Anſtandes ſehr. Nicht acht Tage waren voruͤber gegangen, und weißt du, wer zu mir kam? Guſtav, mit der Bitte, den Tanzmei⸗ ſter doch wieder rufen zu laſſen. Ich gewaͤhrte ihm ſeine Bitte nach einem kurzen Verweiſe, und er iſt bald ein leidlicher kleiner Taͤnzer geworden, und hat vielen Anſtand gewonnen. ——— 1 5 Er mochte ungefaͤhr ſechs Jahr alt ſeyn, als er, dem die Natur eine gute Stimme und ein feines Gehoͤr fuͤr den Geſang verſagt hat, das Lied: Bluͤhe, liebes Veilchen, das er oft gehoͤrt hatte, zum Erbarmen ſang. Eine Bekannte wollte es ihn richtig ſingen lehren; er weigerte ſich mit den Worten: Ich ſinge fuͤr mich und nicht fuͤr Euch. Eine kleine allerliebſte Saͤngerin mußte bald nachher uns Aeltern in ſeiner Gegenwart etwas vorſingen, und, nach andern Liederchen, auch das, was Guſtav fuͤr ſich geſungen hatte. Wir liebkoſeten das Kind und lobten die Mut⸗ ter, welche ſie das Singen gelehrt hatte. Es dauerte nicht lange, ſo erſchien mein Guſtav. Mutter, ſagte er, lehre mich auch das Lied: Bluͤhe, liebes Veilchen, ſo ſchoͤn ſingen, als es das Maͤdchen geſungen hat.— Aber, lieber Sohn, du haſt keine ſo ſchoͤne Stimme.„1 Thraͤnen traten ihm in die Augen. Wenn du dir Muͤhe geben willſt, ſo kann ich dich lehren, das Lied richtig zu fingen. Die richtige Melodie kannſt du wol durch Fleiß 16—:— erlernen; aber eine ſchoͤne Stimme iſt ein Ge⸗ ſchenk der Natur, und das kann man ſich nicht ſelber geben. Was man ſich nicht ſelber ge⸗ ben kann, daruͤber muß man ſich beruhigen.— Er lernte mit großer Anſtrengung die richtige Melodie. Jetzt lernt er ſogar mit bewunderns⸗ wuͤrdigem Fleiße Klavierſpielen, und bringt es ſo weit darin, daß er ſchon ſeinem Lehrer Ver⸗ gnuͤgen macht.—. Du ſieheſt, mit mir kam der Knabe bald in ein ganz gutes Gleis; aber von dem Va⸗ ter blieb er lange entfernt. Er war zuruͤck⸗ haltend und nicht zaͤrtlich, ohngeachtet ihn die⸗ ſer nie wieder geſchlagen hatte und ſtrenge ge⸗ recht gegen ihn war. Doch, nach und nach, wie er aͤlter wurde, gewann auch der Vater ſeine Liebe, vornehmlich dadurch, daß er jede freundliche Miene des Knaben und die kleinſte Annaͤherung gleich mit Liebkoſen erwiederte, ihm Kartenhaͤuſer baute, den Stecken mit ihm ritt und ſich wol gar auf das Schaukelpferd ſetzte. Jetzt leben ſie mit einander auf dem beſten Fuß von der Welt. So war vieles gewonnen; aber noch nicht —x; 1 7 alles. Guſtav ſollte ja nicht allein nachgiebig gegen ſeine Aeltern werden, ſondern auch ge⸗ gen andere Menſchen. Dazu waren heroiſche Mittel noͤthig. In meiner Nachbarſchaft in der Stadt wohnen einige ordentliche Handwerksleute, die tuͤchtige, unverdorbene Knaben haben; im Sommer auf dem Lande fanden ſich dergleichen Kinder auch. Dieſe waͤhlte ich fuͤr Guſtav zum Spiel, unter der geheimen Aufſicht eines Domeſtiken und mit der nachdruͤcklichſten Er⸗ mahnung, ſich ja nicht von Guſtav beherrſchen zu laſſen, und, im Fall er durchaus ſeinen Willen haben wollte, gleich mit Spielen auf⸗ zuhoͤren. Das erſte Spiel war ein militaͤ⸗ riſches. Guſtav wollte Officier ſeyn: ſeine Kameraden ließen es ſich das erſtemal gefal⸗ len; aber als er das naͤchſtemal wieder die Befehlshaberſtelle erzwingen wollte, warfen ſie ihn unſanft zuruͤck und gingen nach Hauſe. Langweile und der Reitz des Spielens zogen ihn wieder zu den Knaben hinunter. Er lei⸗ ſtete auf den Officier Verzicht und nahm mit dem Korporal vorlieb; endlich ließ er ſich auch J. f. F. 1. H. 2 ——— 13 zum Musketier herab. Hatte er etwas ver⸗ ſehen, ſo mußte er Spießruthen laufen, wie die andern. Wenn er lief, rief er: Schlagt zu! Lief ein Anderer, ſo ſchlug er ſehr ſchwach, verwieß auch den Anderen, wenn ſie zu ſtarke Hiebe austhei ten. Nichts in der Welt lehrt Kinder beſſer, ſich zu fuͤgen und nachzugeben, als der Um⸗ gang mit andern kraftvollen Kindern— der Kampf der Staͤrke mit groͤßerer Staͤrke. Ich nahm meine eigenen aͤlteren Soͤhne nicht zu dieſem Experiment, weil ich fuͤrchtete, es moͤchte der Bruderliebe nachtheilig werden, und Vater und Mutter zu oft ins Spiel ziehen. Erſt da Guſtavs harter Kopf durch andere Haͤn⸗ de bearbeitet war, hoͤrte die Kampfſchule auf, und die Spiele und Freuden der geſchwiſterli⸗ chen Liebe begannen, ohne Klage uͤber Gu⸗ ſtav.— Noch duͤrfen wir die Häaͤnde nicht in den Schoos legen. Eine große Neigung anzuord⸗ nen und eine Abneigung anzugreifen muß noch ins Gleichgewicht gebracht werden. Doch iſt Guſtav durchaus nicht faul. Er haͤlt die —— I 9 ſtrengſte Ordnung in allen ſeinen Sachen und iſt thaͤtig mit großer Kraft, wenn die Bruͤ⸗ der mit ſich ſelbſt nicht ausreichen und ſeiner Huͤlfe beduͤrfen. Weil ſein Herz und ſein Kopf gut ſind, ſo habe ich nun Urſache zu hoffen, eine gluͤckliche Mutter durch einen bra⸗ ven Sohn zu werden. Kolumbug. Ballade. „Was willſt du, Fernando, ſo truͤb und bleich? Du bringſt mir traurige Maͤhr!« „Ach edler Feldherr, bereitet Euch! Nicht laͤnger bezaͤhm' ich das Heer! Wenn jetzt nicht die Kuͤſte ſich zeigen will, So ſeyd Ihr ein Opfer der Wuth; 5 Sie fordern laut, wie Sturmgebruͤll, Des Feldherrn heil'ges Blut.⸗⸗ Und eh' noch dem Ritter das Wort entflohn, Da draͤngte die Menge ſich nach, Da ſtuͤrmten die Krieger, die wuͤthenden, ſchon, Gleich Wogen, ins ſtille Gemach— Verzweiflung im wilden, verloͤſchenden Blick, Auf bleichen Geſichtern der Tod: „Verraͤther! wo iſt nun dein gleiſendes Gluͤck? Jetzt rett' uns vom Gipfel der Noth! 21 Du giebſt uns nicht Speiſe, ſo gieb uns dann Blut!e Blut! riefen die Schrecklichen, Blut!! Sanft ſtellte der Große den Feiſenmuth Entgegen der ſtuͤrmenden Fluth. „Befriedigt mein Blut euch, ſo nehmt es und lebt! Doch bis noch ein einzigesmal Die Sonne dem feurigen Oſten entſchwebt Vergoͤnnt mir den ſegnenden Strahl. Beleuchtet der Morgen kein rettend Geſtad, So biet' ich dem Tode mich gern. Bis dahin verfolgt noch den muthigen Pfad⸗ Und trauet der Huͤlfe des Herrn! Die Wuͤrnde des Helden, ſein ruhiger Blick, Beſiegte noch einmal die Wuth. Sie wichen vom Haupte des Fuͤhrers zuruͤck, Und ſchonten ſein heiliges Blut. „Wohlan denn: es ſey noch! Doch hebt ſich der Strahl Und zeigt uns kein rettendes Land: So ſiehſt du die Sonne zum letztenmal! So zittre der ſtrafenden Hand!er 22— Geſchloſſen war alſo der eiſerne Bund, Die Schrecklichen kehrten zuruͤck.— Es thue der leuchtende Morgen uns kund Des duldenden Helden Geſchick! Die Sonne ſank, der Schimmer wich, Des Helden Bruſt ward ſchwer; Der Kiel durchrauſchte ſchauerlich Das weite, wuͤſte Meer. Die Sterne zogen ſtill herauf, Doch ach, kein Hoffnungsſtern! Und von des Schiffes ödem Lauf Blieb Land und Rettung fern. Sein treues Fernrohr in der Hand, Die Bruſt voll Gram, durchwacht, Nach Weſten blickend unverwandt, Der Held die duͤſtre Nacht. „Nach Weſten, o nach Weſten hin Befluͤgle dich, mein Kiel! Dich gruͤßt noch ſterbend Herz und Sinn, Du, meiner Sehnſucht Ziel! 23 Doch mild, o Gott, von Himmelshoͤhn Blick auf mein Volk herab! Laß nicht ſie troſtlos untergehn Im wuͤſten Fluthengrab!“ Es ſprachs der Held, von Mitleid weich— Da, horch! welch eiliger Tritt? „Noch einmal, Fernando, ſo truͤb und bleich? Was bringt dein bebender Schritt?⸗⸗ .Ach, edler Feldherr, es iſt geſchehn! Jetzt hebt ſich der oͤſtliche Strahl— e— „Sey ruhig, mein Lieber, von himmliſchen Hoͤhn Entwand ſich der leuchtende Strahl. Es waltet die Allmacht von Pol zu Pol; Mir lenkt ſie zum Tode die Bahn.“ „Leb wohl dann, mein Feldherr! leb ewig wohl! Ich hoͤre die Schrecklichen nahn!—“ Und eh' noch dem Ritter das Wort entflohn, Da draͤngte die Menge ſich nach; Da ſtroͤmten die Krieger, die wuͤthenden, ſchon, Gleich Wogen, ins ſtille Gemach. —— „Ich weiß was Ihr fordert, und bin bereit: Ja, werft mich ins ſchaͤumende Meer! Doch wiſſet, das rettende Ziel iſt nicht weit. Gott ſchuͤtze dich, irrendes Heer!⸗— Dumpf klirrten die Schwerdter, ein wuͤſtes Geſchrei Erfuͤllte mit Grauſen die Luft; Der Edle bereitete ſtill ſich und frey Zum Wege der fluthenden Gruft. Berriſſen war jedes geheiligte Band; Schon ſah ſich zum ſchwindelnden Rand Der treffliche Fuͤhrer geriſſen— Und: Land! Land! rief es, und donnert' es, Land!! Ein glaͤnzender Streifen, mit Purpur gemalt, Erſchien dem befluͤgelten Blick; Vom Golde der ſteigenden Sonne beſtrahlt Erhob ſich das winkende Gluͤck, Was kaum noch geahnet der zagende Sinn, Was muthvoll der Große gedacht:— Sie ſtuͤrzten zu Fuͤßen des Herrlichen hin, Und prieſen die goͤttliche Macht! — 25 Die Wanderer im Geiſterreiche, oder Das Ziel des Lebens. Maͤhrchen. Drei Wanderer kamen zuſammen auf dem Kreuzweg. Der Eine kam vom Thale, der Zweyte von der Hoͤhe, der Dritte laͤngs dem Strome herauf. Woher dein Pfad? und von wannen du? fragte Einer den Andern. Ich komme weit her, ſprach der vom Thale, und werde wol noch weit gehen muͤſ⸗ ſen, bevor ich finde, was ich ſuche. Und was ſuchſt du? Das will ich euch erzaͤhlen. Kommt, wir wollen weiter gehen und uns den muͤhſamen Weg durch freundliche Geſpraͤche verkuͤrzen. Die Andern ſtimmten ein. Sie gingen zuſammen. Der vom Thale begann ſeine Ge⸗ ſchichte: 26— Das Land, woher ich komme, iſt wol fruchtbar und gut— Um meine Huͤtte ſchat⸗ teten geſunde Obſtbaͤume, wogten gelbe Wei⸗ zenfelder, ſprangen allerliebſte kleine Laͤmmer; drinnen hatt' ich ein junges, arbeitſames Weib und muntere Kinder; meine Aerndte gerieth immer, meine Heerde mehrte ſich: und doch konnt' ich bei dem allen nicht zufrieden ſeyn; denn der Gedanke, daß alles, was ich beſaͤße, ſo vergaͤnglich ſey, verbitterte mir jeden Ge⸗ nuß. Meine vollen Speicher nahmen durch unſern geſunden Hunger taͤglich ab; mein Weib verlor nach und nach die friſchen Kraͤfte und die ſchoͤne Bluͤthe der Jugend: uͤberall ſah' ich die Spuren der verheerenden Zeit. Was iſt denn eigentlich dein? ſagt' ich zu mir ſelbſt. Eins zehrt das andere auf. Weib, Kinder und Heerden kann der Tod, deine Huͤtte kann das Feuer hinwegnehmen; du ſelbſt kannſt ſterben— morgen, heute, ja noch in dieſer Stunde ſterben!— Ich hatte weder Ruhe noch Raſt. Meine Angſt brachte mich bey⸗ nahe zur Verzweiflung und trieb mich endlich von Haus und Vaterland in die weite Welt. — 2 7 Irgendwo muß doch etwas Bleibendes ſeyn, ſagt mir ein inneres Gefuͤhl; und ich ſchwoͤre, daß ich nicht eher mein Haupt zur Ruhe legen will, bis ich dies Gut gefunden habe— dies Gut, das nicht allein ſelbſt ewig feſt und un⸗ zerſtoͤrbar iſt, ſondern auch mir ein ewiges Leben mittheilen kann.— Wunderbar! rief der von der Hoͤhe; ſo gehen wir ja nach Einem Ziele! Ja, Le⸗ ben— Leben iſt's, wonach ich ſtrebe, was ich ſeit meinen Kinderjahren ſuche, wonach ich durch Laͤnder und Meere gezogen bin! Das iſt ſeltſam! begann der vom Stro⸗ me; auch ich ſuche das nehmliche! Auch ich bin deswegen ſchon manchen weiten Weg ge⸗ gangen. Es iſt mir ſehr ſauer geworden, denn ich bin, wie ihr ſehet, ein wenig ſtark von Perſon. Wollte doch der Himmel, das Ziel unſrer Reiſe waͤre nun nicht mehr fern!— Luſtig! habt guten Muth! rief der von der Hoͤhe: es iſt auch nicht mehr fern! Ein Traum, deren ich immer viele habe, weiſſagte mir einſt, daß, wenn ich noch zwey Gefaͤhr⸗ ten zu meinem Ziele faͤnde, und wir den rech⸗ 28— ten Weg einſchluͤgen, die Geiſter rege werden und uns beiſtehen wuͤrden. Da waͤr' uns ja geholfen! ſagte der vom Strome. Damit wir aber eben den rechten Weg einſchlagen und nicht zu viel umgehen muͤſſen, ſollten wir doch, meine Freunde, vor⸗ her wiſſen, wo das Ziel unſerer Reiſe ſey! Nach meiner Meinung— nahm der vom Thale das Wort— iſt es nirgends als unter der Erde. Sagt, wo koͤmmt denn das Bis⸗ chen Armuth her, das wir etwa noch beſitzen? Vom Himmel faͤlltes denn doch nicht! Aus der Erde koͤmmt's! In ihrem Herzen muß alſo die Quelle des wahren Reichthums, das Gut der Guter ſeyn. Auch muß da ohnſtrei⸗ tig die Unvergaͤnglichkeit ihren Sitz haben: zeigen das nicht die Felſen, die, wenn alles um ſie her vergehet, einzig unerſchuͤttert aus der Tiefe ragen? Sind dieſe nicht gleich⸗ ſam als Markſteine aufgerichtet, daß unter ihnen ein unzerſtoͤrbarer Schatz ruhen muͤſſe? Die blinden Menſchen gehen freilich kalt an ihnen voruͤber, und halten nur das fuͤr Guͤter, was ſie genießen— das heißt in meiner —— —õł— — — 29 Sprache, vernichten köoͤnnen: aber mich hat's immer unwiderſtehlich nach ihnen gezo⸗ gen. Oft, wenn meine Klagen in ihre Kluͤfte toͤnen, koͤmmt mein Laut mir wunderbar zu, ruͤck, und verkuͤndigt mir, hier— hier ſey der eigentliche Wohnſitz unſerer Seele.— Nimm mirs nicht uͤbel, Freund, verſetzte der vom Strome; du ſcheinſt mir viel Unſinn zu reden! Wie kannſt du Leben in der Tieſe der Erde ſuchen, da ſchon auf ihrer Oberflaͤche alles ſo ſtarr und unbeweglich iſt, daß es nicht anders, als durch unſre Kraͤfte, durch unſre ſaure Muͤhe belebt und fortbewegt werden kann? Wir muͤſſen uns ſo aufopfern, um das Bischen Leben auf der Welt noch ſo halbwege zu erhalten! muͤſſen ſo viel Muͤhe anwenden, daß nicht alles todt liegen bleibt und erſtarret, daß wir ja gar nicht recht zunehmen koͤnnen! Da lob' ich mir das Waſſer! das Einzige im ganzen Weltall, was ſich von ſelber regt; was nicht von fremder Willkuͤhr abhaͤngt, und alſs auch niemals das Aufhoͤren der Bewegung, das heißt, den Stillſtand des Lebens, zu fuͤrch⸗ ten hat. Das Meer rauſcht noch heute ſo⸗ wie es vor tauſend Jahren gerauſcht hat, und nicht allein ſich ſelbſt, auch alles andere, was ihm zu nahe kommt, bewegt es mit beleben⸗ der Gewalt. Wie ſchoͤn muͤßt' es ſeyn, ſich ewig, ohne Muͤh' und Arbeit, im Schooße der Wellen wiegen zu laſſen und das Leben immer mit gleichen Toͤnen um ſich her fluͤſtern zu hoͤren! wie ſanft muß ſich's in dieſem wei⸗ chen Bette ruhen! wie weich, wie nachgebend iſt da alles! Die feindlichſten Gegenſtaͤnde flieſ⸗ ſen ſanft in einander, die haͤrteſten Felſen werden geſchmeidig, ſo daß ſich gewiß nie⸗ mand an ihnen beſchaͤdigt: auch geben ſie durch ihr beſtaͤndiges Regen und Weben die deut⸗ lichſten Zeichen des Lebens von ſich. Du ſprichſt vom Wiederhall, Freund vom Thale; aber haſt du denn nie die zauberiſche Welt in den Wellen geſehen? hat dir nie deine eigene Ge⸗ ſtalt daraus entgegengeblickt, und dir mit freundlicher Lockung hinuntergewinkt? Begreifſt du nun, daß wir nirgends anders als da das Ziel unſrer Reiſe zu ſuchen haben? Es iſt nur noch ein einziges Bedenken bei der Sache; man hat nehmlich aus Erfahrung, daß die ——. 3 I Leute zu ertrinken pflegen, die in's Waſſer fallen, und das waͤre freilich der Natur des Lebens ſchlechthin zuwider. Dahinter muß noch ein Geheimnis ſtecken. Wer uns das zu oͤſen vermag, dem koͤnnen wir das Leben dan⸗ ken!— Biſt du nun fertig? fragte der von der Hoͤhe, und lachte uͤber beide, am meiſten aber uͤber den, der die Tiefe der Erde geprieſen hatte. Tiefe der Erde! rief er; die iſt's ja eben, der zu entfliehen ich mir Fluͤgel wuͤnſche! Nur in der Luft wohnt das Leben! Ohne Luft iſt der Tod! Es kann freilich nur wenig von jenem ewigen Lebensodem zu uns dringen, denn die Erde haucht beſtaͤndig Verderben aus und bekaͤmpft das Leben. So lange wir ſie beruͤhren, ſind wir Unterthanen des Todes und der Zerſtoͤrung. Unter ihr vermodert alles: auch wir werden vermodern, wenn es uns nicht gelingt, uns aufzuſchwingen in die Re⸗ viere der Luft. Ich kann nicht ſagen, wie mich die Sehnſucht mit aller Gewalt nach oben zieht, und ich mich dann ſo peinlich angefeſ⸗ ſelt fuͤhle an dieſes große Grab! Dann iſt's 32— als ob der Boden unter meinen Fuͤßen brennte! —— So hab' ich durch mein ganzes Leben keine ruhige Stunde gehabt. Schon als Kind erklomm ich oft die hoͤchſten Gipfel und blickte ſehnlich nach den Wolken hinuͤber— hinuͤber nach dem eigentlichen Wohnſitz der Schoͤnheit und des herzerfreuenden Genuſſes! Denn, ſa⸗ get ſelbſt, hat wol die Erde irgend etwas auf⸗ zuweiſen, was mit der Herrlichkeit der Wol⸗ ken, und mit ihren bunten, tauſendfach ſpie⸗ gelnden Farben zu vergleichen waͤre? Wie plump und roh, wie langweilig iſt jedes irdi⸗ ſche Vergnuͤgen! Ich habe nie Geſchmack daran finden koͤnnen! Da reden die Menſchen ſo viel von Liebe; ich geſteh' Euch, mir wuͤrde Zeit und Weile dabei lang! Sie reden von Treue, und man kann ſich nichts unertraͤgli⸗ cher denken! Aber ſo ſind nun die Menſchen; dergleichen alberne Gewohnheiten haben ſie noch mehr und legen ſich dadurch ſelbſt unnuͤtze Feſ⸗ ſeln an, da ſie doch ohnehin genug gebunden ſind! Eigentlich haben ſie noch gar keinen Sinn fuͤr wahren Genuß; ſie wollen alles mit Ernſthaftigkeit betreiben, wollen alles feſt⸗ 33 halten und ſind darin gerade ſo unſinnig als du, der du das Gluͤck in deinem alten, ewig eintoͤnig murrenden Meere ſuchſt! Ueberlegt ihr denn nicht, daß euer Genuß eben darum aufhoͤrt Genuß zu ſeyn, weil er immer einer⸗ lei bleibt? Veraͤnderung iſt Leben. Schaut uͤber euch, betrachtet die Wolken! Sie wechſeln immer und immer ihre mannigfachen Wunder⸗ geſtalten und bleiben doch ewig Eins und daſ⸗ ſelbe. In ihnen iſt der Born des Lebens, die Heimat ewiger Jugend, oder nirgends. Wenn das ſo fortgeht, ſagte der vom Strome, ſo werden wir wol auf den Nim⸗ mermehrstag einig! Da will ja immer einer kluͤger ſeyn, als der andere; endlich kann noch der aͤrgſte Zank daraus werden, und der iſt mir ganz von Natur zuwider. Ich daͤchte, wir ließen es gut ſeyn; denn da einmal die Geiſter verſprochen haben, uns beizuſtehen, ſo koͤnnen wir es ganz ruhig abwarten und ihnen die Entſcheidung uͤberlaſſen. Die muͤſſen doch am beſten wiſſen, wer von uns dreien Recht hat und wo das Ziel zu finden iſt. J. f. F. I. H. 3 Es wird ſich ausweiſen; ich ſpreche immer: der Kluͤgſte giebt nach! Unter ſolchen Geſpraͤchen waren ſie zu einem dichten Haine gekommen. Ein dunkler, ſchat⸗ tiger Pfad nahm ſie auf. Die Sonne war geſunken, und warf nur noch einige zuruͤckge⸗ laßne gluthrothe Strahlen zwiſchen die Staͤmme der Baͤume herein. Da wurden die drei in dieſer wunderbaren Beleuchtung einen bleichen, dunkellockigen Juͤngling gewahr, der traurig hingeſunken unter einem Baume lag. Er ſah ſie nicht, denn ſein Blick war ſtarr und truͤbe auf den Boden geheftet; auch ſchien er das Geraͤuſch ihrer Tritte nicht zu achten. Sie nahten ſich, und der von der Hoͤh rief ihm mit munterer Stimme zu: Wohlauf, guter Freund! wer biſt du? was liegſt du hier ſo traurig auf dem harten Boden? Der Juͤngling hob das Haupt ein wenig empor und ſchlug die ſchoͤnen traurigen Augen auf: aber bald ſank er wieder zuruͤck, ohne auf die Frage zu antworten. Biſt du ſtumm? oder gar melancholiſch? fing der von der Hoͤh aufs neue an. Wir —— 35 wollen dich heiter machen! Steh auf und geh mit uns! Wir werden bald das Leben finden— das Leben! Und ich bald den Tod! ſeufzte der Juͤng⸗ ling. So biſt du der Erſte, rief lachend der von der Hoͤh— der Erſte, der gutwillig ſtirbt! Sag uns um's Himmels willen, was hat dich zu ſolchem Unſinn gebracht? Was kann euch an der Urſache meines Ungluͤcks gelegen ſeyn? erwiederte der Juͤng⸗ ling. Ihr koͤnnt mir doch nicht helfen! Ach es iſt ein einziges Weſen in der Welt, das mich retten koͤnnte, und gerade das giebt mir den Tod! Wie, ſoll ich nicht ſterben, da mich mein Leben verlaſſen hat? Die Wanderer, durch dieſe ſeltſamen Re⸗ den noch neugieriger gemacht, drangen heftig mit Bitten in ihn, ſeine Geſchichte zu erzaͤh⸗ len. Er weigerte ſich lange, doch endlich gab er ihrem freundlichen Zureden nach; ſie ſetzten ſich um ihn her und er begann, wie folget: Ihr werdet mich zwar nicht ganz verſte⸗ hen; denn ihr ſcheint mir ſehr froh und Inſtig. —x; 36 Die Gluͤcklichen ſind in den Gegenden des Ungluͤcks fremd, und koͤnnen das Maas des Jammers nicht begreifen, das einen Elenden zu Boden druͤckt. Auch bin ich ungeuͤbt im Sprechen: das lange Leiden hat meine Gedan⸗ ken ganz irr' und truͤbe gemacht. Wenn euch indeſſen wirklich etwas an meiner traurigen Geſchichte gelegen iſt, ſo will ich euch gern dieſen Gefallen thun. Der Anfang meines Lebens iſt dunkel; obgleich ein Koͤnigsſohn, war ich doch immer verlaſſen und verachtet. Mein Vater war ſehr ſtreng und liebte mich nicht; denn meine juͤngeren Bruͤder hatten ſein Herz. Ich war zuruͤckgedraͤngt und in mich gekehrt, und die Einſamkeit war meine einzige Zuflucht. Ich fuͤhlte, daß mir etwas fehlte, und wußte ſelbſt nicht was. Oft ſah ich die Menſchen ſehn⸗ lich an, als ſollten ſie mir Antwort auf meine geheimen Fragen geben: aber ſie blieben ſtumm und ſchienen mich nicht zu verſtehen. Verge⸗ bens wandte ich alle meine Kraͤfte an, die Liebe meines Vaters zu gewinnen: ſein Herz blieb kalt und unerweichlich gegen mich. Ich 37 konnte nichts nach ſeinem Wunſche machen. Meinen Bruͤdern wuͤnſchte er das Erbe ſeines Thrones zu hinterlaſſen und mich auszuſchlie⸗ ßen: darum ſuchte er immer mich zu entfer— nen. Einſt uͤbergab er mir die Fuͤhrung ſei⸗ nes Heeres gegen einen dreimal ſtaͤrkeren Feind. Wir kaͤmpften lang; und blutig: doch endlich unterlagen wir der großen Uebermacht, und ich mußte beſiegt vor ſeine Augen treten. Da wurd' er ſehr zornig, und verſtieß mich von ſeinem Angeſicht in eine unbewohnte rauhe Wildnis, von wo ich niemals wieder zu ihm kommen ſollte. I Einen langen Tag hindurch irrte ich da im wuͤſten Walde, ohne irgend ein lebendes Ge⸗ ſchoͤpf zu erblicken. Die Nacht brach ein und ich warf mich ermuͤdet unter einen Baum, die Ruhe zu erwarten. Rings um mich her war alles todtenſtill; niemand war bei mir— nur meine traurigen Gedanken, die mich waͤhrend dem Wandern durch unbekannte Gegenden ein wenig verlaſſen hatten, kamen jetzt vereinigt wieder zu mir und boten mir ihre finſtre Geſellſchaft an. Wie einſam iſt es um mich her! ſprach ich nachdenkend zu mir ſelbſt; wie bin ich doch ſo ganz verlaſſen auf der weiten Erde! Alle andre Menſchen leben— immer Einer um des Andern willen: Einer ſehnt ſich nach dem Andern und koͤnnte ohne ihn nicht gluͤcklich ſeyn. So herrſcht auch durch das ganze Reich der Natur dieſe liebende Verwandtſchaft: die Baͤche fließen ſchneller, ſich in die Stroͤme zu ergießen; friſcher gruͤ⸗ nen die Baͤume des Waldes in ihrer trauten Gemeinſchaft, und ſelbſt die Blume duftet füßer, wenn ſie die Zwillingsblume neben ſich fuͤhlt. Nur an mir hat niemand Freude! nur an mein Geſchick iſt kein anderes Weſen geket⸗ tet! Selbſt die, die durch das Blut mit mir verbunden waren, haben ſich losgeriſſen, und es iſt nun nichts auf der ganzen Welt, was ich mein nennen koͤnnte. Die Baͤume rauſchten uͤber mir, als ob ſie meine Klagen hoͤrten und mich mitleidig in Schlummer wiegen wollten. Das ſanfte Rauſchen that mir wohl; vor meiner Seele verirrten ſich und zerfloſſen die truͤben Vor⸗ ſtellungen, die mich bisher beſchaͤftigt hatten, und ich entſchlummerte. Mein Schlaf war ruhig und tief; und das bunte Land der Traͤume, das Land mit gruͤnen Wieſen und goldnen Huͤgeln, das mich ſo oft als Kind ſchon aufgenommen hatte, wenn ich, zuruͤckgeſtoßen von den Menſchen, weinend eingeſchlummert war, begann auch eben jetzt ſich vor mir aufzuthun, als mich auf einmal ein fuͤrchterlicher Laut erſchreckte. Ein donnerndes Gebruͤll kam vom Berge her: ich fuhr empor, und ſah, ſo gut es mir die Dunkelheit erlaubte, nicht fern von mir einen ungeheuern Loͤwen auf mich zuſtuͤrzen. Sein Rachen war geoͤffnet und ſeine Augen funkel⸗ ten wie Feuer. Allein und wehrlos wie ich war— wie konnt' ich meinem nahen Tode entgehen? Da ſieh, in dieſem Augenblicke ſtand eine glaͤnzende Geſtalt zwiſchen mir und dem Loͤwen: ein Weib, wie ich noch nie in meinem Leben geſehen hatte. Sie winkte mit der Rechten, und das Unthier floh winſelnd und wie von ihrem Glanze geblendet nach ſei⸗ ner Hoͤhle zuruͤck. Indeſſen wandte ſie ihre lichten Augen auf mich und gebot mir mit Blicken, zu fol⸗ gen. Ich kann nicht ſagen, was in dieſem Augenblicke in meinem Innern vorging; nur ſo viel weiß ich, daß ich nicht mehr an den Loͤwen, noch an die Rettung meines Lebens dachte, ſondern daß mich ein unbekanntes, un⸗ ausſprechliches Gefuͤhl ergriff, und mich ihr zu folgen zwang. Durch's tiefſte Dickicht ſchwebte ſie immer vor mir her, bald nahe, bald wieder etwas ferner; aber erreichen konnt' ich ſie nie. Ein zarter Schimmer, wie Mondenlicht, umfloß ſie, und erhellte vor mir die Dunkelheit der Nacht und des Waldes. Die Baͤume traten jetzt aus einander: ſie ſchwebte uͤber einen anmu⸗ thigen Raſenplatz und blieb am Eingange einer gruͤn belaubten Hoͤhle ſtehn. Hier wandte ſie ſich nach mir um, und ich ſank auf meine Kniee.—— Ruhe hier ſicher, du Armer! ſagte ſie mit einer Stimme, ſo wunderbar und ſuͤß, daß mir die Sinne faſt vergingen. Du biſt ge⸗ rettet! Morgen um Mitternacht ſiehſt du mich 41 wieder. Ich will dich nicht verlaſſen. Jede Nacht will ich hier voruͤber gehn.— Bei dieſen Worten verſchwand ſie leiſe zur Linken in den Baͤumen, aber ihr ſuͤßer Laut und der Glanz ihrer Herrlichkeit blieben allge⸗ genwaͤrtig in meiner Seele. Mir war's, als ob mein ganzes voriges Leben nur ein Traum geweſen ſey, aus dem ich jetzt erwachte, und als ob mich dagegen jenes wunderbare Land aufgenommen haͤtte, das mir ſo oft im Schlum⸗ mer nur als Taͤuſchung vorgekommen war. Ich blickte um mich her: da rauſchten die gruͤ⸗ nen Baͤume aus meinen Jugendtraͤumen, da ſpielten meine Sterne uͤber mir und ſtreuten goldne Funken auf mich herab; die Blumen fluͤſterten, und die Quelle, die ſich zur Seite meiner Hoͤhle vom Felſen ergoß, ſang Zauber⸗ lieder. O wer biſt du, himmliſches Weſen? rief ich aus; du, die mich in das Leben fuͤhrt? du, mein Leben ſelbſt— wer biſt du? O daß ich deinen Namen wuͤßte! Aeonal doͤnt' es langſam von der Quelle; Aeona, klang es durch mein ganzes Weſen wieder. Dies war das Zauberwort, das lang 4² meine dunkle Ahndung geſucht hatte, und bei dem alle meine Geiſter rege werden mußten, wenn ſie auch in den tiefſten Gruͤnden meines Herzens geſchlafen haͤtten.— Die Sonne fand mich noch in meiner Be⸗ rauſchung, und erinnerte mich erſt durch ihre blendenden Strahlen, das Obdach meiner an⸗ gewieſenen Wohnung zu ſuchen. Ich trat hinein; eine gruͤne Dunkelheit umfing mich, denn der Epheu hatte alle Waͤnde uͤberzogen, und hielt, als ein beweglicher Schleier vor der Oeffnung ſchwebend, das allzuhelle Tages⸗ licht zuruͤck. In dieſer holden Daͤmmerung ging der Schimmer der vergangenen Nacht wieder vor mir auf, und ich verlor mich ſo in die Wunder, die ſich mit mir zugetragen hatten, daß ich nicht bemerkte, wie ſchnell mir der Tag verſtrich. Es war mir alles ſo neu und außerordentlich, ich wußte mich ſelbſt noch nicht zurecht zu finden, ich konnte nichts deut⸗ lich fuͤhlen und denken; die Fuͤlle meines Gluͤcks lag ſo groß und uͤberſchwenglich vor mir, daß ich ſie ſelbſt keiner Vermehrung faͤhig glaubte, und daß es ſchon finſter war, als 1 43 mir erſt das Verſprechen des mitternaͤchtlichen Beſuchs wieder einſiel. Ich ſprang auf und eilte mit pochendem Herzen vor den Eingang der Hoͤhle. Mitter⸗ nacht konnte nicht mehr fern ſeyn, denn am Himmel war keine Spur von Licht geblieben; tiefe Schatten ruhten auf dem Thale, und der Wald lag finſter vor mir. Ich harrte ſtill, die Blicke unverwandt nach dem Walde gerichtet: da ſchlich ſich ein fernes Glaͤnzen durch die Zweige, immer naͤher und naͤher; ein heller Schleier wurde ſichtbar, und ſie ſtand jetzt in aller ihrer Herrlichkeit unter der hohen Eiche mir gegen uͤber. Himmliſch laͤ⸗ chelnd neigte ſie ihr Haupt gegen mich, winkte mir gruͤßend mit der Hand und war voruͤber, ehe ich noch wagte, ihr ins Auge zu ſehen.— Laßt mich von den Gefuͤhlen ſchweigen, die ſeit dieſem Augenblicke immer maͤchtiger in meinem Innern wurden! Jede Nacht ſah ich ſie wieder; ſie glaͤnzte eben ſo von ferne durch den Wald, blieb einen Augenblick unter der Eiche ſtehen, und begluͤckte mich mit einem himmliſchen Gruße. Von Zeit zu Zeit wurde ich immer noch gluͤcklicher. Sie oͤffnete die ſchoͤnen Lippen, und ſuͤße Geſpraͤche verkuͤrzten unſre Naͤchte. Himmliſche Belehrung trank ich von ihren Lippen, und ſeliges Vergeſſen aller meiner Lei⸗ den. Ich war nicht mehr verlaſſen: ich hatte Gut, Heimath und Verwandtſchaft. Oft ließ ſie ſich mir nah' auf einem Felſenſtuͤck nieder, und ſuchte mir durch ihre holdſelige Milde Muth und Zutrauen einzufloͤßen; auch ward ich nach und nach ſo ſtark, daß ich dieſe himmliſche Naͤhe ohne Zittern ertragen konnte: doch nimmer wich jene verdaͤchtige Scheu aus meinem Herzen, die mich in heiliger Entfer⸗ nung von ihr hielt. Zuweilen wagte ich eine ſchuͤchterne Frage nach ihrer Herkunft; allein ihr Blick gebot mir Schweigen. Nur ſo viel ſagte mir mein Herz, daß ſie ein Weſen hoͤhe⸗ ren Urſprungs ſey, und ich begnuͤgte mich bei meinem Gluͤcke. So lebt' ich eine Zeitlang in ihrer ſeligen Naͤhe; ringsum die holdeſte, freundlichſte Ge⸗ gend, und nirgend ein Mangel, der mich an meine Sterblichkeit erinnert haͤtte. Fruͤchte — 45 gab mir der Wald, und aus der kuͤhlenden Quelle ſchoͤpft' ich meinen erquickenden Trank. Halb im Schlummer, halb in wachen Traͤu⸗ men meines Gluͤcks bracht' ich die langen Tage hin: aber die Naͤchte waren Licht, denn da ging mein himmliſches Geſtirn mir auf. Ich haͤtte gluͤcklich ſeyn koͤnnen: aber ach, hat denn das ungeſtuͤme, ewig duͤrſtende Herz genug? Warum mußte mich doch jene unbe⸗ greifliche Sehnſucht verzehren, die durch ihre Guͤte nicht geſtillt, ſondern immer heftiger an⸗ gefacht wurde? Je oͤfter ich ſie ſah, je heißer ward der Durſt nach ihrem Anblick. Ich hatte nirgends Frieden mehr; die fernſten Gegenden des Waldes durchirrte ich, und ſuchte Raſt fuͤr mein empoͤrtes Blut. Die Baͤume waren meine Freunde, ihnen klagte ich meine Liebe und meine Pein. Da ward ich niemals muͤde von ihr zu ſprechen; da nannt' ich allen Win⸗ den ihren Namen: und gleichwol wenn ich ſie nun ſelber ſah, ſo war meine Zunge wie ge⸗ laͤhmt, ſo konnt' ich keinen Laut von meiner Liebe ſagen. Die heilige Ehrfurcht hielt das verwegne Geſtaͤndnis zuruͤck, und nie verrieth 46 ich ihr durch einen Blick meine innern Qua⸗ len, bis einſtmals—— ach es war eine ſelige Nacht! die letzte meines Gluͤcks!— Ich war in anbetender Verehrung zu ihren Fuͤßen geſunken, ich hoͤrte, fuͤhlte nichts als ſie; mein ganzes Weſen war gleichſam aufgeloͤſt und ihr zum Opfer hingegeben; die Zauberworte, die von ihren Lippen floſſen, erhoben mein Herz zu einer ſeligen Hoͤhe— aber ach! ſie naͤhrten auch zugleich die verzehrende Glut, die in meinem Innern brannte. Mit zitternden Flammen goß ſich die Sehnſucht durch alle meine Adern, ſo heftig, ſo unausſprechlich heiß, daß ich aufſprang und die Arme nach ihr ausbreitete, um ſie an meine Bruſt zu druͤcken. Ich Ungluͤcklicher! wohin trieb mich der raſche Wahnſinn! in wel⸗ chen unabſehlichen Jammer hab' ich mich ſelbſt geſtuͤrzt!— Die Himmliſche wich zurück vor meiner frevelhaften Beruͤhrung, und das milde Laͤcheln, das um ihre Zuͤge ſchwebte, verwan⸗ delte ſich in Ernſt und Unwillen. Verwegner Sterblicher! rief ſie mit hoher Stimme; wer biſt du, daß du mir alſo zu nahen wagſt? mit koͤrperlichen Armen willſt du mich 47 Himmliſche umfaſſen? Weil ich mich mild zu dir herabließ, weil ich mit deinem Zuſtande Mit⸗ leid fuͤhlte und dich Verlaßnen troͤſten wollte, ent⸗ brannteſt du gegen mich in frevelhafte Flammen? Ungluͤcklicher, halt ein! wir koͤnnen uns nie be⸗ ruͤhren! Das Irdiſche liegt zwiſchen uns. Auch darf ich dir von nun an nicht mehr erſcheinen: dein eignes Vergehn iſt Schuld, daß wir auf immer ſcheiden muͤſſen! Leb wohl! und wenn du dich ſelber liebſt, ſo uͤberwinde deine Thorheit und ſtuͤrze dich nicht ins Verderben, denn wer das Himmliſche zu ergrei⸗ fen trachtet, der muß ſich ſelbſt ver⸗ loren geben!—— Sie ſchwand bei dieſen Worten und ich blieb in einem Zuſtande zuruͤck, der mir zu ſchildern und auch zu faſſen unmoͤglich iſt. Mit tauſend Thraͤnen buͤßte ich meinen ungluͤcklichen Wahn⸗ ſinn; ich rief, ich flehte ſie an, mir nur noch einmal zu erſcheinen, mir nur noch einen einzi⸗ gen Blick zu ſchenken: umſonſt, ſie hoͤrte mich nicht! Noch viele Naͤchte brachte ich auf derſel⸗ ben Staͤtte zu: ſie kam nicht, ich habe ſie ſeit dieſer Zeit nimmer wieder geſehn. 48— Nun wurde mir die Gegend verhaßt, die mir vordem ſo herrlich ſchien: ſie hatte das ver⸗ loren, was ſie zu meiner Heimath machte. Ein Fremdling, ein Verbannter floh ich hinaus in die weite Welt; ich muß nun raſtlos forteilen und weiß ſelbſt nicht warum? und wohin? Ich ſuche, was ich nie zu finden hoffen darf, und dennoch kann ich jenem Triebe nicht widerſtehen, der immer heftiger wird, je weiter ſich die Hoff⸗ nung von mir entfernt; er naͤhrt ſich von mei⸗ nem Schmerze, ich athme nur in ihm!—— Sagt nun ſelbſt, ob es einen unſeligern Men⸗ ſchen auf der Welt giebt, als mich, der ich nicht einmal das Ende meines Jammers abſehen kann— denn oft, wenn ich ganz erſchoͤpft zu Boden ſinke, und nun den Tod, den Endiger meiner Leiden, nahe glaube, ſo reißt mich wie⸗ der die raſtioſe Sehnſucht empor, und jagt mich von neuem uͤber Berge und Thaͤler, und ſo kann ich nicht einmal den Tod meinen Gefreundten nennen. Hier endigte ein Strom von Thraͤnen die Rede des ungluͤcklichen Elwin; das Gefuͤhl ſeines Elends war ihm waͤhrend der Erzaͤhlung 49 ſo lebhaft geworden, daß er ſich lange nicht zu faſſen vermochte. Die Wanderer, durch das was ſie gehoͤrt hatten und jetzt ſahen, in die außerſte Verwunderung geſetzt, gaben ſich alle Muͤhe, ihn wieder zu ſich ſelbſt zu bringen, und ſagten ihm wetteifernd, was ſie nur Troͤſtliches wußten. 3 3 Gieb dich zufrieden, lieber Freund, ſagte der von der Hoͤh; du biſt zwar auf dem Wege zum Verderben, allein es iſt noch Rettung moͤg⸗ lich. Vertraue mir: ich will dich heilen. Ich kenne ſchon die boͤſe Macht, in deren Stricke du gefallen biſt: das iſt die heilloſe Liebe— die Schlinge, die der Tod den Menſchen legt, um ſie hinabzuziehen! Um Himmelswillen reiß dich los, weil du noch kannſt! und laß vor allen Dingen das abſcheuliche Weinen! Ich kann ſo etwas Betruͤbtes nicht erſehen. Mir ſind die Thraͤnen Boten des Todes, oder vielmehr Die⸗ ner und Vollſtrecker ſeiner Macht.— Wie anders? ſagte der vom Thale; dadurch verzehrſt du dich augenſcheinlich! Die Thraͤnen, die du hier vergießeſt, gehen ja vom Stoffe dei⸗ nes Weſens ab! Verkehrter Menſch! du ſelbſt J. f. F. I. H. 4 50 beſchleunigſt deine Vernichtung! Fuͤrwahr ich kann ſo große Thorheit nicht begreifen! Iſt dir nur darum Kraft und Jugend gegeben, daß du ſie ſo fuͤr einen Schatten, fuͤr ein Unding ver⸗ ſchwenden ſollſt? Und iſt es nicht Schuldigkeit, ſetzte der vom Strome hinzu, fuͤr unſer eigenes Beſtes zu ſor⸗ gen? Was gehn dich andere Leute an? Laß doch die Liebſte oder Schoͤnſte, oder wie du ſie heißen magſt, ihre Wege gehn, und ſorge du fuͤr dich! Sie giebt dir nichts, wenn du aus Gram fuͤr ſie geſtorben biſt! Und hat ſie dir nicht ſelbſt geſagt, beſchloß der von der Hoͤh, daß du ſie nimmermehr errei⸗ chen kannſt? daß du verloren biſt, wenn du ihr nicht entſagſt? Du muͤßteſt raſend ſeyn! du rennſt mit offnen Augen ins Verderben! Ihr moͤgt wol Recht haben, erwiederte El⸗ win, der ſich zu faſſen ſuchte und ſeine Thraͤnen mit Gewalt zuruͤck hielt; auch befremden mich eure harten Worte keineswegs: ſchon viele Men⸗ ſchen, die mir begegneten, und denen ich mein Schickſal erzaͤhlte, haben mir das nehmliche ge⸗ ſagt und mich ermahnt, zuruͤckzukehren.— 51 Allein, wie ſoll ich euch gehorchen? Sprecht doch zum Sturme: bruͤlle nicht! zum Strome: hoͤr' auf zu fließen! zu meinem Herzen: werde ſtill! Er brach bei dieſen Worten in neue Thraͤnen aus. Der von der Hoͤh nahm wieder das Wort und ſagte: Es wird mir zwar ſauer werden, dich zu retten; doch laſſ' ich den Muth noch nicht ſinken. Ich will dir eine Geſchichte erzaͤhlen, die dir, denk' ich, mit einemmal den Abgrund zeigen ſoll, an dem du ſtehſt. Es lebte auch einſt ein Juͤngling, eben ſo jung, wie du; eben ſo hatte er den Verſtand verloren; auch blieb er leider zu ſeinem Ungluͤck gerade ſo hartnaͤckig und verſtockt, wie du. Er liebte auch ein Weſen, das hoͤher war als er, und das er nie erreichen konnte. Sie warnte ihn ſelbſt und rieth ihm abzulaſſen: aber das half alles nichts— er wurde nur noch unver⸗ nuͤnftiger, und verfolgte einſt die luftige Schoͤn⸗ heit mit wahnſinniger und unbegreiflicher Sehn⸗ ſucht. Kein Fels war ihm zu ſteil, kein Wald zu dicht, kein Strom zu wild: er ließ nicht ab, ſo lange er ſie vor Augen ſah. Als ſie aber auf 52 eine gewiſſe Stelle im freien Felde kamen, verſchwand ſie ihm auf einmal vor ſichtlichen Augen, und er wußte nicht, wohin ſie gekom⸗ men war. Verzweifelt ſtreckte er die Arme nach ihr aus und faßte nichts als bloße Luft. Da ſetzte er ſichs in den Kopf und blieb wie einge⸗ wurzelt auf der Staͤtte ſtehen, kam nicht wieder heim zu ſeinen Aeltern, und wollte von nichts hoͤren und ſehen als von ihr. Die Leute gin⸗ gen hinaus und redeten ihm aufs freundlichſte zu und baten ihn, zuruͤck zu kehren; er aber ließ ſich nicht um ein Haar breit bewegen, blieb ſtehen und ſtarrte nur unverwandt nach der Stelle hin, wo ſie verſchwunden war. In Sturm und Regen, bei Tag und Nacht ſtand er draußen, und keine Macht auf Erden vermochte den harten Sinn zu brechen. Da ſtieg einſt in einer tiefen ſchauerlichen Nacht vom Berge ein alter Mann zu ihm nieder, von großem und ſchrecklichem Anſehen, mit ſchnee⸗ weißem Bart und glaͤnzenden Augen. Laß ab von deiner Thorheit, ſprach er mit furchtbarer Stimme, du ſtuͤrzeſt dich ſonſt ins Verderben! Die, nach der du ſtrebſt, kann nie dein wer⸗ — 53 9 den; ſie iſt bei mir! Aber ich will dir Erſatz geben. Kehr' um und ſey zufrieden! Ich will dir die Erde geben! Ich mag die Erde nicht! rief der Verwegne trotzig, und blieb wie ein Fels auf ſeiner Stelle ſtehen. Ich will dir das Meer geben! begann der Alte zum zweytenmal. Ich mag dein Meer nicht! verſetzte jener. Ich will dir ewiges Leben geben! ſprach er zum drittenmal. Ich mag dein ewiges Leben nicht! rief je⸗ ner; und in dem Augenblick fuhr ein Blitz her⸗ ab und verzehrte den Frevler mit Mark und Gebein, und keine Spur ward fuͤrder auf Erden von ihm geſehen.— Dies war das Ende eines Elenden, der ſeine Thorheit hoͤher hielt, als Leib und Leben. Nimm das zur Warnung, Freund, und ſpiegle dich im Schickſal eines Andern! Auch du biſt auf dem Wege, das höchſte Gut, das ewige Leben, ſo frevelhaft von dir zu ſtoßen, das dir durch un⸗ ſern Mund jetzt angeboten wird. Wir werden 54 es in kurzem finden: wir gehn ins Geiſterreich. Komm mit und theile unſer Gluͤck! Was ſoll ich dort? erwiederte Elwin; was ſoll mir Leben ohne ſie?— Und was verſchwend' ich laͤnger meine Wor⸗ te? fiel der von der Hoͤh unwillig ein. Ich ſehe ſchon, dir iſt nichts auszureden. Meinet⸗ wegen— wenn du denn ſchlechterdings auf dei⸗ nem Sinne bleibſt, ſo hoͤre einen andern Vor⸗ ſchlag: Dein Liebchen iſt, wie man ganz un⸗ verkennbar ſieht, ein Geiſt. Auf Erden iſt ſie nicht zu Hauſe: wo alſo iſt ſie ſichrer zu vermu⸗ then, als in der Geiſterwelt? Wohlan! ſo geh denn ihretwegen mit, wenn du nicht dei⸗ netwegen willſt! Dieſe Worte entzuͤndeten einen Lichtſtrahl in der Seele des ungluͤcklichen Elwin; er willigte mit Freuden ein, und ſie ſetzten alle vier voll guter Hoffnung ihre Reiſe fort. Es war eine finſtre Nacht; der Himmel hing voll ſchwarzer Wolken, als ſich ihr Weg in ein verlaſſenes, tiefes Thal verlor. Auf allen Seiten ſtiegen hohe Felſen empor und machten die Dunkelheit der Nacht noch ſchauervoller; 55 Waͤlder ſauſten auf den Gipfeln, Stroͤme bruͤll⸗ ten in den Tiefen, und am ganzen Himmel war kein Stern, die armen Irrenden zu leiten. Sie wußten weder aus noch ein. Auf einmal ſahen ſie von fern ein kleines Licht durch die Gebuͤſche blinken. Es ſchimmerte bald hell hervor, bald ſchwand es wieder, als deckten es die Zweige mit ihren flatternden Schatten. Sie gingen drauf zu; doch ehe ſie es noch erreichten und ehe die Uebrigen etwas beſtimmt zu ſehen vermochten, brach der vom Thale in ein lautes Jauchzen aus: Gluͤck auf! ſchrie er: ich habe Recht behalten! die Geiſter ſind auf meiner Seite!— Die an⸗ dern wurden nun an der Felswand eine kleine finſtre Geſtalt gewahr, auf deren Haupte das Flaͤmmchen brannte, das ihnen vorher geleuch⸗ tet hatte.— Willkommen! o ſey mir willkom⸗ men, mein Bruder! rief der vom Thale. Ich kenne dich, verwandte Seele, Geiſt aus der Tiefe! Der Gnome ſah die Wanderer muͤrriſch an. Was wollt ihr? toͤnte eine hohle Stimme. Wir wollen in das Innerſte der Erde, ver⸗ ſetzte der vom Thale; ins Reich des Lebens! So folgt mir! ſprach der Geiſt. Der Fel⸗ ſen krachte und gab ſich aus einander, und ſie betraten einen finſtern, unterirdiſchen Pfad, der uͤber Truͤmmer und Felſenſtuͤcke bald auf⸗ bald niederwaͤrts in jene Regionen fuͤhrte, wo vor ihnen noch kein Sterblicher gewandelt hatte. Die Waͤnde draͤngten ihre zackigen Klippen oft ſo dicht zuſammen, daß es unmoͤglich ſchien, hin⸗ durch zu kommen; bald wieder dehnten ſie ſich aus zu weiten Schluͤnden und ſenkten ſich zu bei⸗ den Seiten des Wegs in bodenloſe Kluͤfte hinab, ſo daß die Wanderer mit jedem Schritte in Ge⸗ fahr geweſen waͤren, umzukommen, haͤtten ſie nicht einen Fuͤhrer gehabt, der in dieſen Gegen⸗ den bekannt und einheimiſch war. Er wandelte leuchtend voran und der vom Thale folgte ihm auf dem Fuße nach, ohne ſich durch Felſenriſſe oder vorragende Klippen in ſeiner Eile hemmen zu laſſen; waͤhrend die Uebrigen nur muͤhſam von weitem folgen konnten und oͤfters uͤber Steine und Truͤmmer ſtrauchelten und zur Erde ſielen. Wie wird mir hier? keuchte der vom Stro⸗ me. Weh mir, hier komm' ich um! ich ſtoße —— 3 27 1 mir den Kopf ein! O weh, mein Arm! Das iſt ein haͤßlicher Ort!— Ach freilich wol! antwortete der von der Hoͤh: mir iſt ganz ſchreck⸗ lich hier zu Muthe, ich kann kaum Athem ho⸗ len; dieſe Felſen liegen all' auf meiner Bruſt!— Aber wir muͤſſen doch wol folgen: die Geiſter haben ja entſchieden!— Und immer tiefer und tiefer wand ſich der mitternaͤchtliche Pfad. Die Wanderer gingen mitten durch die Schreckniſſe der Tiefe, durch das dumpfe unterirdiſche Getoͤs, das aus den Schluͤnden ſchallte. Es ſauſte und brauſte um ſie her, und ſchauerliche Geiſterſtimmen toͤnten dazwiſchen; hier und da erblickten ſie ein blei⸗ ches Flaͤmmchen, und ſahen graue Schattenge⸗ ſtalten an ſich voruͤber huſchen, die ſich in Berg⸗ gekluͤft verloren. Allmaͤhlig lenkte ſich ihr Weg in ſtillere Ge⸗ genden. Das dumpfe Getoͤs verhallte nach und nach in der Ferne und machte endlich einem gaͤnz⸗ lichen geheimnißvollen Schweigen Platz. Hier war auch der Boden nicht mehr ſo rauh und uneben, die Felfen woͤlbten ſich hoͤher und oͤffne⸗ ten jetzt die Ausſicht auf eine ungeheure ſchwarze 38 Pforte von Erz, die vom Boden aus bis an die aͤußerſte Hoͤhe des Gewoͤlbes reichte, und von allen Seiten dem Blicke keinen andern Raum uͤbrig ließ. Der Fuͤhrer blieb hier ſtehen, wandte ſich nach den Wanderern um und ſagte feierlich: Ihr ſteht jetzt an der großen Pforte. Hier hauſt der Koͤnig des unterirdiſchen Reichs. Be⸗ reitet euch und folgt mir ſtill. Hierauf ſchlug er dreimal mit einem ehernen Stabe an das Thor, die Fluͤgel flogen donnernd auf und die Wanderer erblickten ein ungeheures Gewoͤlbe, in deſſen Mitte der finſtre Koͤnig auf einem erhabnen Throne ſaß. Auf ſeinem Haup⸗ te brannte eine Krone von blaͤulichem Schwefel⸗ licht und ein weiter, farbloſer Mantel floß von ſeinen Schultern bis auf die Fuͤße nieder und erhoͤhte noch das Feierliche ſeines Anſehens. Rings um ihn her ſaßen in duͤſtrem Schwei⸗ gen die Großen ſeines Hofs, deren blaue Flaͤmm⸗ chen ſich tauſendfach an dem glimmernden Erz der Waͤnde brachen und durch das ganze Ge⸗ woͤlbe eine zauberhafte Helle verbreiteten. Die Wanderer traten ein und beugten ſich in — 39 ſtummer Ehrfurcht vor der Verſammlung, allein die Geiſter erwiederten den Gruß nicht; unbe⸗ weglich blieben ſie ſitzen und ſtarrten blos die Eintretenden mit ihren Demantaugen ſtumm und ernſthaft an, woruͤber dieſe ein ſolcher ſon⸗ derbarer Schauer uͤberlief, daß ſelbſt der vom Thale nicht wagte, einen Schritt vorwaͤrts zu thun, noch weniger die Lippen zu eroͤffnen; bis endlich der Koͤnig das lange, todtenaͤhnliche Schweigen unterbrach und mit gebietender Stim⸗ me ſprach: Was wollt ihr hier? Noch nie betrat ein Sterblicher mein heiliges Gebiet. Sogleich trat der vom Thale hervor, warf ſich vor dem Throne nieder und ſprach, das Haupt zur Erde gebeugt: Erhabner! Großer! Maͤchtiger! vergoͤnne mir vor dir den Mund zu oͤffnen, und dir mein Innerſtes zu offenbaren! Rede! gebot die finſtre Majeſtaͤt. So wiſſe dann, Unſterblicher, begann nun der vom Thale, daß es nicht freche Neugier iſt, was mich hierher vor deine Hoheit fuͤhrt; ſon⸗ dern daß ich von jeher eine innige Verwandt⸗ 60 ſchaft mit dir gefuͤhlt, daß ich dein Daſein geah⸗ net habe, von dem ich doch nicht das geringſte erfahren hatte. Auf der Welt bin ich niemals recht zu Hauſe geweſen; das grelle Tageslicht, und noch mehr das laute Laͤrmen der Menſchen und ihre abgeſchmackte Luſtigkeit waren mir von Grund aus zuwider. Dagegen zog mich immer ein geheimnisvoller Trieb nach deiner ſtillen Naͤhe; ich meine, ſelbſt du muͤſſeſt oft die Stimme meiner Liebe vernommen haben, die ich in deine Felſenkluͤfte toͤnen ließ. So nahm ich auch alles, was aus der Erde wuchs, mit warmer Zaͤrtlichkeit auf, nicht des vergaͤnglichen Genuſſes wegen, ſondern als Merkmal von wohlthaͤtigen Maͤchten geſandt, uns zum For⸗ ſchen nach ewigen Guͤtern einzuladen. Ich fuͤhlte, daß hier unten der Schatz verborgen ſeyn muͤſſe, der uns Menſchen fehlt, und weshalb wir den verhaßten Namen: Sterbliche, fuͤhren muͤſſen. Nach vielen Drangſalen iſt es mir endlich ge⸗ lungen, zu dir zu kommen.— Ich bin nicht fehl gegangen, das fuͤhl' ich in allen Adern; mein Gluͤck muß hier ganz nahe ſeyn, es haͤngt jetzt blos von deiner Huld und Gnade ab, mir — 61 den Beſitz deſſelben zu gewaͤhren. Ich werfe mich in tiefer Demuth vor deinem Throne nie⸗ der, und flehe, du wolleſt mir und meinen Ge⸗ faͤhrten nur einen Theil des Lebens zukommen laſſen, deſſen unumſchraͤnkter Herr und Gebieter du biſt. Der Koͤnig hoͤrte mit großem Wohlgefallen die lange, ſchmeichelhafte Rede, neigte ſein Scepter, und ſprach: Die Bitte ſey dir gewaͤhrt. Nehmet hin, und lebt! Im Nu that ſich die Wand auf, und zeigte eine unabſehliche ſchimmernde Ferne von Gold und Edelgeſteinen. Unſterblichkeit! rief der vom Thale, und ſtuͤrzte ſich halb außer ſich in die unendlichen, ausgegoßnen Schaͤtze, ohne ſich weiter nach ſeinen Gefaͤhrten umzuſehen, die hoͤchſt betrof⸗ fen und verlegen ſtehen blieben. Iſt dieß das Leben? ſagte leiſe der von der Hoͤh zu ſeinem Gefaͤhrten vom Strome. Verwuͤnſchte Gau⸗ kelei! hier koͤnnen wir nicht bleiben! O weh, wir ſind umſonſt gegangen! ſeufzte jener. Nun, was ſteht ihr noch dort? wollt ihr nicht Theil an meiner Gnade nehmen? fragte der Koͤnig, und ſah ſie dabei mit einem Blicke an, bei dem ihnen nicht eben wohl zu Muthe ward; demohngeachtet faßte ſich der von der Hoͤh ein Herz und antwortete folgendermaßen: Erhabner Koͤnig, nimm das Bekenntnis un⸗ ſrer Einfalt nicht ungnaͤdig auf! Wir fuͤhlen uns eines ſo großen Gluͤckes gar nicht werth: unſre Augen ſind zu ſchwach, um dieſes koſt⸗ bare Funkeln und Blitzen ertragen zu koͤnnen, auch koͤnnen wir die Luft hier nicht gewoh⸗ nen; vergoͤnne daher, daß wir wieder nach Hauſe kehren, und aus uͤbergroßer Gnade gieb uns einen deiner Unterthanen zum Fuͤhrer mit, der uns zuruͤck geleite durch die vielfach verſchlungnen Pfade deines unendlichen Reichs. Blodſinnige Thoren! antwortete der Koͤ⸗ nig, euch geſchehe wie ihr begehrt! Das Gluͤck wird niemand aufgedrungen. Kehrt heim zu Elend und zu Duͤrftigkeit.— Du, Nachtſchatten! bring' ſie hinweg! Ein Gunome trat auf dieſen Ruf muͤrriſch unter den Uebrigen hervor, den Befehl ſeines 63 Herrn zu vollziehen; die Wandrer bezeigten dem Koͤnig ihre ſtumme Dankbarkeit und tra⸗ ten ohne Verzug ihre Reiſe an. Elwin hatte ſich indeſſen ſchon laͤngſt trau⸗ rig hinweggeſchlichen; er irrte einſam draußen in den oͤden Kluͤften, und ſuchte das, was ihm die Macht des Koͤnigs nicht gewaͤhren konnte. Aeona! biſt du hier, mein Leben? rief er unzaͤhligemal in der Beklemmung ſeines Her⸗ zens. Der Ruf verhallte in den weiten Schluͤn⸗ den, und Geiſtertoͤne gaben dumpf zur. Ant⸗ wort: Was wagſt du, Sterblicher, den heili⸗ gen Namen zu entweihen? Huͤte dich! Huͤte dich! hier iſt ſie nicht! Die Wandrer kamen und fanden ihren ver⸗ mißten Gefaͤhrten zuruͤck gefallen in ſeine alte Traurigkeit, und fuͤhrten ihn mit ſich zuruͤck, die dunkeln Pfade hinauf, bis zu einer Fel⸗ ſenoͤffnung, die ſie dem Tage wiedergab. Die Sonne ging eben auf, als ſie der Unterwelt entſtiegen. Eine weite gruͤne Ebene ſtreckte ſich vor ihnen aus und lachte im gold⸗ nen Morgenlicht— ein Anblick, der den ar⸗ 64 men Verſchmachteten gar lieblich und erquickend war. Der von der Hoͤh hob muthig ſein Antlitz zum Aether empor, und trank mit dur⸗ ſtigen Zuͤgen die lang entbehrte freie Luft, waͤhrend der vom Strome aͤngſtlich ſeinen gan⸗ zen Koͤrper befuͤhlte, um zu unterſuchen, ob irgend hin und wieder eine Verletzung zu fin⸗ den ſey. Das muß ich ſagen, fing er zu dem von der Höh an; diesmal hat uns dein Traum gar arg betrogen! Ein Wunder, daß ich mei⸗ nen Kopf noch auf den Schultern habe! Ich waͤre nimmermehr mit in das verwuͤnſchte Klippenneſt gegangen, wenn du mich nicht durch deine Weiſſagung dazu verleitet haͤt⸗ teſt!— 4 Der von der Hoͤh ſtutzte ein wenig, dann beſann er ſich und erwiederte: Freunde, mein Traum iſt an der Sache ganz unſchuldig; wir haben bloß etwas unbeſonnen gehandelt. Je mehr ich mir das uͤberlege, je klaͤrer wird es mir. Es heißt ja ausdruͤcklich in meinem Traume, daß die Geiſter rege werden und uns ihre Huͤlfe anbieten wuͤrden: aber wo hat uns denn der finſtre Kauz von Gnomen ſeine — 65 Huͤlfe angeboten? blieb er nicht unbeweglich ſitzen und konnte uns kaum auf unſre Rede Antwort geben? Wer weiß, in was fuͤr Ge⸗ ſchaͤften er aus ſeinem Berge hervorgekrochen war, und wir draͤngten uns ihm ordentlich auf! Nein, nein; gebt Acht, die Geiſter werden uns ſchon ſelber winken, wenn wir zu ihnen kommen ſollen! Die andern faßten neuen Muth und ſie gingen nun zuſammen muntern Schrittes wei⸗ ter. Als ſie noch nicht lange gegangen wa⸗ ren, erblickten ſie von fern, da wo der Him⸗ mel mit der Erde zuſammenfließt, einen hel⸗ len ſilbernen Streifen. Dem vom Strome begann das Herz zu klopfen. Sie kamen naͤ⸗ her, und— das grenzenloſe Meer lag ſchim⸗ mernd vor ihren Blicken ausgegoſſen; der fri⸗ ſche Morgenwind ſpielte leis auf den zittern⸗ den Wellen und die Sonne badete ihr holdes Antlitz darin. Ermuͤdet von der langen Reiſe ſetzten ſich die Wanderer ans Ufer nieder; der vom Strome konnte ſich gar nicht ſatt ſehen an der unermeßlichen Waſſerwelt.— O ſuͤße Ruhe, die da unten herrſcht! rief er verlan⸗ J. f. F. 1. H. 5 66 gend aus. Wie ſehnt ſich mein ermuͤdeter Koͤrper nach dir! Seht nur, die ſchoͤne Sonne ruht ſelbſt da unten aus! ſeht, wie ſie ſich ſo ruhig von den Wellen ſchaukeln laͤßt! Ach wer doch auch da unten waͤre!— Jetzt, Freund, jetzt wollt' ich, daß uns dein Traum in Er⸗ fuͤllung ginge! jetzt waͤre mir der Lhe ſanwit willkommen! Hier bin ich, eure Winſche zu erfuͤllen! koͤnte ploͤtzlich eine dumpfe Stimme aus den Wellen u, und ein großer meergruͤner Delphin, hob ſich glaͤnzend empor. Die Wan⸗ drer ſahen einander an, der vom Strome uͤber⸗ raſcht und entzuͤckt, der von der Hoͤh betrof⸗ ſen. Sekzt euch auf meinen Ruͤcken! ſprach der Delphin und legte ſich ganz nahe an's Ufer. Du biſt ſehr guͤtig, lieber Delphin, ſagte der vom Strome; allein—— wir wer⸗ den doch wol nicht ertrinken? ich bin etwas ſchwer.— Seyd ruhig! zöͤgert nicht! ſchnaufte der Delphin und ſchlug unwillig mit dem Schwan⸗ ze. Der vom Strome half ſich nunmehr, ſo geſchwind er konnte, auf das bewegliche Schiff: —x;— 6 7 die Andern folgten nach und der Dalp in ging rauſchend unter Waſſer. Die Fluthen ſchlugen uͤber ihnen zuſam⸗ men: doch wurden ſie nicht benetzt, auch fuͤhl⸗ ten ſie nicht die mindeſte unangenehme Beruͤh⸗ rung. Je tiefer ſie hinabgetragen wurden, je weicher ſchmiegten ſich die Wellen an ſie an und ein traͤges Wohlbehagen bemaͤchtigte ſich ihrer Glieder. Die Wogen fluͤſterten me⸗ lodiſch um ſie her, doch war es nicht blos ein Wellengeraͤuſch, ſondern wie fernher ſchal⸗ lender Geſang, der in immer gleichen Toͤnen mit dem Murmeln des Waſſers zuſammenfloß. Hoͤrt ihr wol in der Ferne? rief ihnen der Delphin zu; das iſt der Geſang der Gei⸗ ſter! So ſingen ſie Tag und Nacht in Ewig⸗ keit. Der vom Strome zerfloß ganz in Vergnuͤ⸗ gen; der von der Hoͤh hielt ſich die Ohren zu. Die Fahrt ging ſchnell und auf einmal befanden ſie ſich in einem weiten Saale aus Waſſer gewöͤlbt, wo ſie bei dem mild gebroch⸗ nen Lichte, das von oben herein ſiel, die ganze Schaar der Waſſergeiſter erblickten, die rings im Kreiſe gelagert auf weichen Wellenkiſſen ruhten, und ſich unter ihrem eintoͤnigen Ge⸗ ſange behaglich hin und her ſchaukeln ließen. Blaue durchſichtige Gewaͤnder umfloſſen ihre Glieder, und die meergruͤnen Haare ſtanden gar wohl zu den ſanften freundlichen Geſich⸗ tern. Der Koͤnig der Wellen ſah die Fremd⸗ linge holdſelig an und ſang ihnen alſo entgegen: Willkommen von der harten Erde, Der Heimath jeglicher Beſchwerde— Willkommen hier, im Land der Ruh! Dem vom Strome war es auf einmal, als wuͤrde ihm die Zunge geloͤſt, und er ſang unwillkuͤhrlich in denſelben Toͤnen zur Antwort: Ach freilich war uns armen Muͤden Gar große Truͤbſal dort beſchieden, Du lieber, holder König, du! Da wird man ſtets umher getrieben, Gedraͤngt, geſtoßen und zerrieben, Da koͤmmt man nimmermehr zur Ruh⸗ — 69 Die Menſchen treiben's ſpaͤt und frühe: Und nichts erlangt man ohne Muͤhe, Nur todt iſt alles, Holz und Stein! Ich waͤre ſaſt zu Grund gegangen: Doch mich erhielt noch das Verlangen, Gerettet einſt bei dir zu ſeyn; Bei dir nur iſt das wahre Leben: Und willſt du mir es gütigſt geben, So bin ich ganz auf ewig dein! Der Koͤnig ſang dagegen: Ich harrte deiner lange ſchon! Komm her, du biſt mein lieber Sohn! Auf dieſem weichen Wellenkiſſen Magſt du des Lebens recht genießen. Da liege hier an meiner Seite, Und ewig morgen ſo wie heute. Kaum endigte der Koͤnig dieſe Worte, als der vom Strome auf eins der weichen Kiſſen niederſank und mit froher Stimme in die ein⸗ foͤrmige Melodie der Wellengeiſter einſtimmte. 8 70 1 Waͤhrend des Geſanges hatte ſich Elwin eben ſo traurig, eben ſo unbefriedigt von der Ge⸗ ſellſchaft verloren, wie er vorher den Hof des Gunomenkoͤnigs verließ; rief eben ſo den oͤden Waſſerwuͤſten den Namen ſeiner Sehnſucht zu, den er damals den Kluͤften vertraute, und er⸗ hielt eben jene ſchreckliche Antwort: Huͤte dich! Huͤte dich! du ſtrebſt nach deinem Untergange! Hier iſt ſie nicht! Willſt du denn hier bleiben? rief plötzlich der von der Hoͤh, und weckte dadurch den Ar⸗ men aus ſeiner ſchmerzlichen Betaͤubung. Ich habe dich aufgeſucht, denn ich konnte den ab⸗ ſcheulichen Geſang nicht laͤnger aushalten; willſt du denn wirklich in dieſem Lande bleiben? Ich hier, wo ſie nicht iſt? rief Elwin ſchmerzlich aus. Nun wohl, ſo gehn wir mit einander, ſagte der von der Hoͤh. Hoffentlich werden wir an Einem Orte unſer Liebſtes finden! Sei gu⸗ tes Muthes, Freund, uns bleiben noch die Wolken uͤbrig! Mein Traum hat mich ver⸗ wuͤnſcht betrogen: jetzt laß uns meinem Herzen folgen! Wir muͤſſen nach der Hoͤhe! Ach, 71 waͤren wir nur erſt hinauf! Vielleicht kann uns der Wellenkoͤnig dazu behuͤlflich ſeyn: er ſcheint zum Gluͤck ganz freundlicher Gemuͤths⸗ art. Komm nur zuruͤck! Sie kamen nun zum Saale zuruͤck; ſo wie ſie eintraten, ſang ihnen der Koͤnig gleich ent⸗ gegen: Nun wollt' ihr nicht auch Platz hier nehmen? Und euch zur ew'gen Ruh bequemen? Herr König, erwiederte der von der Hoͤh, wir koͤnnen die Ruhe nicht vertragen. Auch ſind wir nur zufaͤllig auf der Durchreiſe hieher ge⸗ kommen: unſer Weg geht eigentlich nach den Wolken. Wenn du nun, guͤtiger und holdſe⸗ liger Koͤnig, die Gewogenheit haben wollteſt, uns einen ſichern Weg dahin anzuweiſen, oder noch lieber, was deiner Macht vielleicht nicht ſchwer ſeyn wird, uns unmittelbar dahin zu befoͤrdern, ſo wuͤrdeſt du uns dadurch zu einer immerwaͤhrenden Dankbarkeit verpflichten. Der Koͤnig ſah ihn huldreich an und ſang: O ja, recht gern ſoll das geſchehen; Ihr ſollt noch heut die Wolken ſehen! Wir haben ſtets Verkehr mit ihnen, Drum wird mein Vetter gern mir dienen, Der Nebelfuͤrſt! Auf mein Verwenden Wird er euch eine Wolke ſenden, Die traͤgt euch nach dem Himmel leicht, Und dann iſt euer Wunſch erreicht.— Der von der Hoͤh und ſein ungluͤcklicher Gefaͤhrte bezeigten dem König ihre Dankbarkeit. Dieſer ließ ſie auf die nehmliche Art, wie ſie herunter gekommen waren, durch die Waſſer⸗ pfade wieder hinauf bringen, bis auf die Ober⸗ faͤhe des Meeres, wo, auf ſeine Veranſtal⸗ tung, die dienſtfertige Nebelwolke ſchon in Be⸗ reitſchaft ruhte. Sie betraten ſie freudig, ob⸗ ſchon nicht ohne Zittern, und leicht, auf Fluͤ⸗ geln der Winde, wurden ſie emporgehoben. Die Erde breitete ſich unter ihren Fuͤßen aus mit ihren bunten Wieſen und Hainen, im Strahl der untergehenden Sonne; aber ihre Blicke waren jetzt nicht auf die Erde gerichtet: ſie hingen an der Herrlichkeit der Wolken, die glaͤnzend, mit Gold und Purpur und Azur geſchmuͤckt, uͤber ihrem Haupte ſchwebten und (0 ſich wie zum Empfange freundlich herunter neigten. Die Wolke, die ſie trug, ſchien einen neuen Schwung zu erhalten, je hoͤher ſie kamen, als befluͤgele ſie das Verlangen, ſich bald zu ihren ſchimmernden Bruͤdern zu ge⸗ ſellen. Schneller und gewaltiger fuͤhlten ſich die Ungeduldigen emporgehoben, und jetzt landeten ſie an jenem himmliſchen Geſtade, das ihnen ſo lang nur aus der Ferne geglaͤnzt hatte. Das ganze Reich der Wolken lag vor ihnen aufgeſchloſſen mit ſeinen ſtets erneueten Geſtalten und ſeiner immerwandelnden Farben⸗ glut; alle Schimmer des Regenbogens wohn⸗ ten hier; wie Fluthen hoben und ſenkten ſie ſich um ſie her; Farben floſſen bald mit Far⸗ ben freundlich zuſammen, bald trennten ſie ſich wieder, um ſich mit andern zu vereinigen— ein voller, ſich ewig verjuͤngender Fruͤhling, und die Geiſter, die ihn bewohnten, luftige Schmetterlinge, die ihre Bildungen eben ſo ſchnell veraͤnderten, als die Wolken. Die Blicke der uͤberraſchten Sterblichen vermochten nicht, ſie feſt zu halten, wie ſie im bunten Gewimmel um fie her gaukelten und ſie mit froͤhlichen Winken und Gruͤßen willkommen hießen. Luſtig, luſtig! riefen ihnen tauſend muntere Stimmen zu. Seyd ihr der alten Erde entronnen? Wollt ihr euch in unſern Farben baden? Willkommen, willkommen, wer luſtig iſt, wie wir! O himmliſches Land! rief der von der Hoͤh, indem er die Arme ausbreitete und nach allen Seiten entzuͤckte Blicke warf. So bin ich denn hier angelangt, wohin ich mich ſo lange ſehnte? So hab' ich mirs ge⸗ wuͤnſcht! Das iſt die friſche Jugend, der ſchoͤne Wechſel, von dem ich immer traͤumte! Ach, ich kann mich gar nicht ſatt ſehen! Wie hier das Alte immer untergeht, dem Neuen Platz zu machen! Ich werde ſelber neu! O meine Bruͤder, ihr lieben frohen Geiſter, hier laßt mich ewig wohnen! An meiner Luſtigkeit ſollt ihr nichts auszuſetzen haben! Ich bin den alten Sklavenketten entronnen: laßt mich nun Gluͤck und Leben mit euch theilen! Mit Freuden! antworteten die Wolkengei⸗ ſter; nehmt alles hin, was wir ſelber haben! Hier iſt kein Eigenthum: wer mag den Aether 2 5 theilen? Meint ihr, es ſey hier wie auf der duͤrftigen Erde, wo jeder nur ſein eignes Theilchen hat? Geſellig fließt hier die große Seligkeit in einander, und wir ſind alle gleich — die einzig Freien in der großen Welt! Das ſeyd ihr! ja, das ſeyd ihr! rief der von der Hoh. O welches Leben erwartet mich hier! Nur munter muͤßt ihr ſeyn! riefen die Wolkengeiſter wieder, indem ſie ſich tanzend von einem Wolkenhuͤgel zum andern ſchwan⸗ gen. Bei uns gehts etwas ſchnell zu: wir ſpielen und tanzen und lachen in einem fort und bleiben keinen Augenblick dieſelben. Ihr ſeyd wol klug, daß ihr euch von der laͤcherli⸗ chen Erde losgeriſſen habt, wo immer ein Tag dem andern aͤhnlich ſieht und wo die Thoren, die Menſchen, ſogar ein Verdienſt darin ſuchen, dem Alten anzuhaͤngen. Erholt euch nun bei uns von jenem traurigen Einerlei: wir neh⸗ men euch als Bruͤder auf! ſeyd ewig jung und froh wie wir! Aeona! rief Elwin, der ſeiner nicht laͤnger maͤchtig war, in ſchmerzlicher Beklemmung aus, und ein dumpfer Donner gab aus den Wolken dreifach ſchrecklich zur Antwort: Huͤte dich! Huͤte dich! du ſtrebſt nach deinem Unter⸗ gange! Hier iſt ſie nicht! So wehe mir! rief Elwin; ſo bin ich denn uͤberall ausgeſtoßen! Die andern haben ihre Heimath gefunden: nur fuͤr mich iſt in Erde, Meer und Himmel keine Ruheſtatt! Das Land der Wolken war ihm nunmehr zu eng; er ſehnte ſich zur Erde zuruͤck, zum Geburtslande ſeines Gluͤcks und ſeines Elends, um ſeine endloſe Wanderung von neuem zu beginnen. Die Wolkengeiſter, denen ſeine Ver⸗ zweiflung hoͤchſt mißfaͤllig war, hatten nicht geſaͤumt, ihn ſo geſchwind als moͤglich wieder herunterbringen zu laſſen. Sein alter Schmerz war nun mit doppel⸗ ter Gewalt erwacht, da ihn die letzte Hoff⸗ nung betrogen hatte; es trieb ihn wieder un⸗ aufhaltſam fort, bis er endlich ganz ermattet niederſank. Er meinte zu ſterben, als es ihm dunkel vor den Augen wurde, und er Sinne und Bewußtſein verlor; allein es war nicht der Todesſchlaf, ſondern nur ein tiefer Schlum⸗ — 72 mer, ihm von einer wohlthaͤtigen Macht ge⸗ ſandt, um ſeine ſinkenden Kraͤfte zu erquicken und die Flamme ſeines Lebens noch im Erloͤ⸗ ſchen zuruͤckzuhalten. Er ſchlief, und ein Traumbild trat vor ſeine Seele: Aeona ſtand vor ihm, ſo ſchoͤn und hold, als ſie ihm je erſchienen war. Sie ſtand an ſeinem Lager, und dennoch war es, als ob ein weiter Raum, eine unuͤberſteigliche Kluft, zwiſchen ihnen laͤge. Ein weißer Duft umfloß die himmliſche Ge⸗ ſtalt, wie Nebel den herbſtlichen Mond. Sie ſah ihn mitleidig an, und ihre Stimme, die wie aus der Ferne heruͤber toͤnte, war zwar ernſt und warnend, doch wurde ſie von einer wehmüthigen, faſt liebenden Theilnahme gemildert. Ungluͤcklicher! ſprach ſie; noch im⸗ mer haͤngſt du deiner wahnſinnigen Liebe nach? So willſt du dich denn ſelbſt vernichten? Noch einmal hab⸗ ich dir erſcheinen duͤrfen, dich zu warnen; es iſt das letztemal, Elwin! Laß ab: wir koͤnnen uns nie vermaͤhlen! meine Ruhe iſt in den Flammen.—— Die letzten Worte erſtarben auf ihren Lip⸗ ven, wie vom Winde verweht, und drangen 78⁸ nur unvernehmlich in Elwins Ohren; auch ſie ſelber zerfloß in Luft, und als er erwachte, blieb ihm nichts als eine dunkle Erinnerung von der ganzen Erſcheinung. Doch war's, als haͤtte ſich ein neues Feuer in ſeine muͤden Glie⸗ der gegoſſen, und neue Kraft, zu leben und zu leiden. Er war nun wieder ganz allein, doch ver⸗ mißte er die Geſellſchaft ſeiner Gefaͤhrten nicht, da ihre Neigungen den ſeinigen ſo ganz wider⸗ ſprechend geweſen waren; auch hatte er ſie und ihr Gluͤck ſchon beinahe vergeſſen, als er einſtmals, indem er ſich um die Ecke eines Felſen wandte, eine duͤſtre Menſchengeſtalt auf einem Steine ſitzen ſahe. Den Kopf in die Hand geſtuͤtzt, ſaß ſie unbeweglich, und ſchien in den tiefſten Gram und Unmuth verſunken. Elwin trat naͤher, und erkannte nicht ohne Befremden den vom Thale.— Du hier? redete er ihn theilnehmend an, und ſo traurig? Du hatteſt ja dein Gluͤck gefunden. Mein Gluͤck? mein Ungluͤck, moͤcht' ich ſagen! Truͤbſeliger iſt mirs noch in der gan⸗ zen Welt nicht gegangen, als in den verwuͤnſch⸗ —— 79 6 ten Kluͤften; und ſtatt das Leben zu gewinnen, haͤtt' ich beinahe das Leben verlieren koͤnnen. Denke dir nur, von alle dem koſtbaren Schim⸗ mer, der mich ſo entzuͤckte, iſt mir jetzt nichts, gar nichts geblieben. Anfangs ging alles gut, und ich konnte nicht ſatt werden, in meinen Schaͤtzen zu wuͤhlen und ſie zu uͤberzaͤhlen: aber eh' ich mich's verſah, ſtiegen ſchwefliche, giftige Daͤmpfe aus der Erde, und verdunkel⸗ ten meine Augen— mein ſchoͤner Reichthum ward kohlſchwarz, und ich ſelbſt meinte zu er⸗ ſticken. Kein Menſch wird mir es verdenken, daß ich unter ſolchen Umſtaͤnden verdrießlich ward und meine Meinung ſagte; aber die gro⸗ ben Berggeiſter nahmen die Sache ſehr uͤbel, und ſtießen und ſchleuderten mich aus einem Winkel in den andern; wie einen Kinderball ſchickte mich einer dem andern zu; durch alle Wege, die wir vorher gegangen waren, wurde ich geworfen, bis ich zuletzt herauf ans Ta⸗ geslicht gelangte, ich wußte nicht wie? denn warlich von den vielen Schlaͤgen und Stoͤßen hatt' ich die Sinne bald verloren. Ich habe mir vorgenommen zuruͤck in meine Heimath 80 und zu meinen Guͤtern zu gehen, und das Leben wenigſtens noch ſo lange zu genießen, als es mir die Natur goͤnnt. Wenn ich dir rathen ſoll, ſo gehſt du auch wieder heim und lebſt ver⸗ nuͤnftig unter Menſchen; es iſt ein eitler Wahn, daß du noch irgendwo ein ewiges Leben zu finden hoffſt. Fuͤr mich iſt keine Heimath in der Welt, erwiederte Elwin. Reiſe du gluͤcklich! ich kann dich nicht begleiten. So bleib meinetwegen, wo du willſt, ver⸗ ſetzte der vom Thale; ich habe nun ausgeruht und gehe meines Weges. Leb wohl und werde kluͤger! Mit dieſen Worten ſtand er auf und wan⸗ derte fort, ſo wie Elwin von einer andern Seite ſeinen Weg verfolgte. Der Himmel truͤbte ſich, und ein fuͤrchterliches Rauſchen toͤnte von fern her. Der Sturm heulte in den einſamen Kluͤften, und ſtuͤrzte die Baͤume von den Abhaͤngen der Felſen herab. Dem Herzen des ungluͤcklichen Elwin that dieſer Aufruhr aller Elemente wohl, weil er ſo ſehr 81 mit ſeiner hoffnungsloſen Stimmung zuſammen traf.—. Nach und nach beſaͤnftigte ſich der Sturm, und Ewin gelangte nun an das Ufer des Meers. Eine grauſame Verwuͤſtung hatte ſich hier ͤber die Gegend verbreitet: das ganze Geſtade lag mit Sand und Felſentruͤmmern bedeckt, die die Gewalt der Wogen vom Grunde los geriſſen hatte. Noch immer ſchlugen die Wellen unruhig an das Ufer, als eoͤnnten ſie das ſchon verſoͤhnte Zuͤrnen noch nicht vergeſ⸗ ſen. Mit einemmal ſchallte eine klaͤgliche Stimme durch das Geraͤuſch der Wellen: Huͤlfe, Huͤlfe! Komm mir doch zu Huͤlfe, lieber Freund! Elwin erblickte nun den vom Strome, mitten unter den Truͤmmern auf der Erde liegend; er war uͤber und uͤber verletzt, und hatte nicht den Muth, ſeine Stelle zu verlaſſen. Elwin nahte ſich und richtete ihn empor. Wiie froh bin ich, rief der arme Beſchaͤ⸗ digte, daß ich wieder einen Menſchen ſehe! Ach, du glaubſt gar nicht, mein Lieber, wie J. f. F. J. H. 6 8² ſchlimm es mir bisher ergangen iſt! Die holde Ruhe, die ich im Wellenreiche gefunden hatte, verwandelte ſich gar bald in die ſchrecklichſte Unruhe. Es entſtand ein Sturm, der die Grundveſten unſers Wellenpalaſtes erſchuͤtterte; die Waſſergeiſter ſchluͤpften zwiſchen den Wo⸗ gen hin und her, und, ihrer weichen geſchmei⸗ digen Form nach, konnten ſie ſich jedem Ge⸗ genſtande anſchmiegen, und blieben alſo unbe⸗ ſchaͤdigt; ſie floſſen zuweilen mit den Wellen zuſammen, und ließen ſich bey alledem in ihrem ruhigen Geſange nicht ſtoͤren,— nur daß ſie dreimal lauter ſangen als vorher. Mich hin⸗ gegen riß die wuͤthende Fluth von Klippe zu Klippe, bis ſie mich endlich hier ans Ufer warf. Du ſiehſt ſelbſt, wie ich zugerichtet bin. Die aͤrgſte Arbeit auf der Welt haͤtte mir nicht ſo viel Schaden bringen koͤnnen, als dieſe vermeintliche Ruhe. Nein, lieber Freund, nun hab' ich das ewige Leben mir ganz aus dem Sinne geſchlagen; ich gehe wieder unter Menſchen.— Sieh nur, der Sturm hat ſich noch immer nicht gelegt, die Wolken fliehn wie ſchwarze Rieſenſchatten uͤber den Himmel, — 83 σ und der Regen ſtuͤrzt jetzt in großen Tropfen herab; gieb Acht, das wird ein Wolkenbruch! Der vom Strome hatte kaum ſeine Rede geendigt, als dicht neben ihnen unter dem ein⸗ ſtuͤrzenden Regen ein dichterer Koͤrper niederſiel, der einige Augenblicke wie betaͤubt vom Fallen liegen blieb, ſich aber dann ſchnell empor raffte und die leichte Geſtalt deſſen von der Hoͤh vorſtellte. Iſts moͤglich? rief er, hier find ich ja Bekannte. Beklagt mich, Freunde! das war ein harter Sturz! jetzt hing mein Leben an einem Haar! Iſt es dir auch gegangen, wie mir? un⸗ terbrach ihn der vom Strome. Wie es dir gegangen iſt, Freund, ver⸗ ſetzte jener, iſt mir noch unbekannt: aber daß ich bisher ein jaͤmmerliches Leben gefuͤhrt habe, das weiß ich nur zu gut. So lange die Wolken ruhig zogen, ging es vortrefflich: aber mit einemmale erhob ſich ein fuͤrchterlicher Wind, zerriß unſre Wolken, thuͤrmte ſie wie⸗ der zuſammen, riß ſie von neuem aus einan⸗ der, und jagte ſie am Himmel hin. Die Gei⸗ 84 ſter konnten ſich wol helfen— ſie ſchwangen ſich luftig und gleichſam ſpielend von Wolke zu Wolke, und triumphierten in dem verheerenden Sturme. Das konnt' ich aber nicht, ob ich gleich ſonſt ziemlich leichtfuͤßig bin; auch half ich mir noch lang genug,— allein mein irdiſcher Stoff zog mich zur Erde, und ſo—— ihr wißt das uͤbrige!— Aber wie mir waͤhrend der Wolkenjagd zu Muthe war, koͤnnt ihr euch nicht vorſtellen. Todesangſt hab' ich ausgeſtanden! Er erklaͤrte nunmehr, wie er, weit entfernt ſich zu graͤmen, kurz und gut beſchloſſen habe, ſein Gluͤck wieder unter den Menſchen zu ver⸗ ſuchen. Der vom Strome ſtimmte ein, und beide drangen nun vereinigt in Elwin, daß er mit ihnen gehen ſolle. Was laͤufſt du in der Irre umher? ſagte der vom Strome; das iſt ja ein elendes Leben! Geh heim zu deinen Anverwand⸗ ten und lebe huͤbſch ſtill und ordentlich. Ich habe keine Anverwandten in der Welt! erwiederte Elwin. Ich habe auch keine Anverwandten in der Welt, rief der von der Hoͤh; aber deßwegen 8⁵ ſtreich' ich nicht zwiſchen Dornen und Diſteln umher und graͤme mich zu Tode, wie du. Was brauchſt du Anverwandte? Wer klug iſt, iſt ſich ſelbſt genug. Nur munter und luſtig! das ziemt ſich fuͤr die Jugend! So lang man jung iſt, darf man niemals verzagen, und hat man auch alles verloren, ſo bleiben doch noch tauſend Hoff⸗ nungen in der Welt, die uns umgaukeln und umſchimmern bis zum letzten Athemzuge. Fuͤr mich iſt keine Hoffnung mehr auf Er⸗ den! entgegnete Elwin. Nein, laͤnger haͤlt es meine Geduld nicht aus, rief der von der Hoͤh, und wandte ſich zu dem vom Strome: Komm, guter Freund, wir wollen uns nicht laͤnger bey dieſem Hartnaͤckig⸗ ſten aller Menſchen verweilen! Leb wohl, und wenn du klug biſt, komm bald nach! Sie wanderten bei dieſen Worten ungeſaͤumt von dannen, und einſam, wie vorher, ging El⸗ win ſeinen traurigen Weg; ſeine Leiden waren ſeine Verwandten und ſeine einzige Hoffnung der Tod. So war er einſt in der Daͤmmrung des Abends an den Eingang eines ſchwarzen, hoch⸗ 36— gewoͤlbten Waldes gekommen. Ein tiefes Schwei⸗ gen herrſchte hier, von keinem Laut unterbro⸗ chen; kein Luͤftchen regte ſich in den Blaͤttern der Baͤume, die alle ſtumm und unbeweglich, wie in feiernder Erwartung, ſtanden. Wunderbar fuͤhlte er, ſo wie er hinein trat, die alte Sehn⸗ ſucht verdoppelt in ſeiner Bruſt; dieſer Wald erinnerte ihn an jenen, den er in Tagen ver⸗ gangner Seligkeit bewohnte. Er draͤngte ſich unaufhaltſam vorwaͤrts, ob ihm gleich Baͤume und Buͤſche immer verwachſener in den Weg tra⸗ ten, und ſeine Tritte hemmen wollten. Es wurde Nacht und ſein Pfad verlor ſich gaͤnzlich. Phloͤtzlich wurde er von fern einen rothen Schim⸗ mer gewahr, der dann und wann verloren durch die Zweige flammte. Mit haſtigen Schritten eilte er darauf zu, und nun erblickte er durchs Laub ein ungeheures großes Feuer, das auf einem freien Platze, hochlodernd wie in einem ſtillen Tempel brannte. Die Flammen ſchlugen kniſternd in die Luft, daß die Wipfel der hohen Baͤume ringsum ganz roth im Wiederſcheine gluͤhten. Auf einmal ward es licht vor ſeiner Seele; das dunkle Traumbild jener Nacht ſtand — 87 hell und glaͤnzend vor ihm, und die Worte, auf die er ſich nicht hatte beſinnen koͤnnen, fielen wie ein Blitzſtrahl in ſein Herz: Du wohnſt in den Flammen? rief er in wilder Entzuͤckung aus: o nimm mich auf zu dir! ich will verlo⸗ ren ſein! Mit dieſen Worten ſtuͤrzt' er mitten in die Glut— und ſelig fuͤhlt' er ſich von ihren aͤtheri⸗ ſchen Armen umſchlungen, und an ihren himm⸗ liſchen Buſen gedruͤckt. Die Flammen ſchlugen uͤber dem Gluͤcklichen zuſammen und ſangen lodernd den Siegsgeſang: Du ſucheſt die Liebe? Wo willſt du ſie finden? In Wolken umher? In naͤchtlichen Schluͤnden? Im wogigten Meer? Unſeliger! weile! Du findeſt ſie nicht— Das rettende Leben, Das troͤſtende Licht! Unſeliger! weile! Du findeſt ſie nicht! Du ſucheſt die Liebe? Wohl auf, in die Flammen! Die Liebe, das Leben, Sie wohnen beiſammen! Verloren ſich geben Mit Leib und mit Blut, Um ewig zu leben, In heiliger Glut— Du haſt ihn erwaͤhlet, Dem Tod dich vertraut: Nun biſt du vermaͤhlet Der himmliſchen Braut! Wir Geiſter der Flammen, Wir walten allein! Unſterbliches Leben, Uins iſt es gegeben! Wir geben es wieder, Wir tragen es nieder Zu Kluͤften der Erde, Und wolkenwaͤrts! 89 Wir waͤrmen die Tiefen, Wir regen die Wogen, Wir faͤrben die Wolken, Wir haben das liebende Herz!! Luiſe Brachmann. * Das Geheimnis der Freundſchaft. Sagt mir, ſagt mir, wenn ihr es ergruͤndet, O ihr Weiſen! ſagt mir, wenn ihrs wißt, Wie ſich Geiſt und Geiſt zuſammen findet? Wie ſich Seel' an Seele traulich ſchließt? Wie aus Tauſenden ſich zwei erblicken, Sich mit ſicherm, ſeligen Vertraun Schnell die Hand zum ſchoͤnen Bunde druͤcken, In einander, wie in Spiegel, ſchaun? We aus Tauſenden ſich zwei erwaͤhlen, Die ein fern entlegnes Mutterland Einzeln aufzog? was verwandte Seelen Vor dem erſten Anſchaun ſchon verband? — Sagt mir, wie, getrieben vom Geſchicke, Oft in einem ſeligen Moment 8 Mit dem ſichern, hellen Seherblicke Ungepruͤft der Freund den Freund erkennt? — 91 Innig und geheimnisvoll verbunden, Wiſſen die verwandten Seelen dann Einzig nur: ſie haben ſich gefunden, Und— daß keine Macht ſie trennen kann. Bald erſcheint in Wort und Sprach' und Mienen Heiteres Bewußtſein ihres Gluͤcks. Wort und Sprach' und Sein und Leben dienen Zur Beſtaͤtigung des Seherblicks. Kalte Weisheit wird das nie ergruͤnden: Stiller, reiner, frommer Kindesſinn— Glaubend wird er das Geheimnis finden, Wie an Herzen Herzen ſich entgluͤhn. Selig, wer an Lieb' und Treu' und Wahrheit Noch den frommen Glauben in ſich traͤgt: Ihm erſcheint, umglaͤnzt von Himmelsklarheit, Was das Herz zum Herzen hinbewegt. K— e. —— Reiſe ins Appenzeller Land. Dieſe Reiſe wurde zwar ſchon im Jahr 1797 gemacht, und die bald darnach ausbre⸗ chenden, unſeligen Zwiſtigkeiten haben auch manches hier Geſchilderte umgeſtaltet. Wer Topographien ſammelt, wird darum dieſen Aufſatz ſchwerlich brauchen koͤnnen. Frauen ſammeln keine Topographien, und werden den folgenden Brief als Idylle nach der Natur aufzunehmen wiſſen, auch daran einen um ſo ungetruͤbtern Genuß haben, je genauer ſie hier erfahren, wie es in jenem gluͤcklichen Laͤnd⸗ chen war, ohne daruͤber unterrichtet z8 ſeyn, wie es jett dort iſt. St. Gallen. Wenn ich auch an meine freundſchaftliche Sophie hier nicht haͤtte denken wollen, ſo haͤtt⸗ ich an meine wirthſchaftliche Sophie hier wol — 93 denken muͤſſen. Die Scene, als ich vorigen Sommer Dich, die Gießkanne in der Hand, uͤberraſchte, und Deinen Mann ſchmollend, daß Du Deinen ſchoͤnen Teint immer der Sonne ausſetzteſt— dieſe Scene ſtand leben⸗ dig wieder vor mir, als wir St. Gallen vor uns ſahen. Denke Dir dieſe Stadt, wie ſie in einem lieblichen Thale, rund umgeben von ſchoͤnen Huͤgeln liegt, auf denen Du eine Menge ſchneeweißer baumwollener Tuͤcher ſie⸗ heſt, wie ſie ausgebreitet auf den gruͤnen Mat⸗ ten an der Sonne liegen und gebleicht werden! Nicht wahr, das iſt etwas, wenn auch die Maͤnner dafuͤr keinen Sinn haben? Nur wir Frauen wiſſen, was ein Vorrath ſchoͤner Lin⸗ nen ſagen will; ſo wie ſie am beſten den Er⸗ werb und den Werth der klingenden Muͤnze zu beurtheilen wiſſen. Nun, wir wollen es ihnen nicht uͤbel nehmen, und lieber die Stadt noch einmal anſehen. Sie koͤmmt mir vor, wie eine ſtille, beſcheidene Blume unter hohen Kirſchbaͤumen, die eben in voller Bluͤthe ſte⸗ hen.—— Die Einwohner von St. Gallen muͤſſen 94 ſehr gute Leute ſeyn. Ein Mann hat durch ſein Teſtament veranſtaltet, daß in Haͤuſern, worin kleine Kinder ſind, die Milch um einen ſehr geringen Preis gegeben werden muß. Das heiß' ich doch ſich ein Monument errich⸗ ten! Das Andenken des Mannes lebt in der Seele der kleinen Engel! ſein Name wird ge⸗ nannt von den Lippen der reinen Unſchuld! Die Thraͤnen kommen mir in die Augen uͤber den Gedanken des Mannes.— Vor einiger Zeit kaufte ein Buͤrger fuͤr eine ſehr betraͤcht⸗ liche Summe ein ſchoͤnes Naturalienkabinet und ſchenkte es dem Gymnaſium, ein Tiſchler verfertigte die Schraͤnke, ein Glaſer die Glaͤ⸗ ſer, ein Schloſſer die Schloͤſſer dazu unent⸗ geldlich. Wie gefaͤllt Dir wieder das, So⸗ phie? Dieſe Stiftungen erinnern mich an meine in Gott ruhende Tante, die mehrere Altaͤre bekleidete und ein Taufbecken anfertigen ließ, worauf die Namen von hundert Schaͤf⸗ lein verewigt waren, die ſie, als Pathin, in dem geiſtlichen Brunnen hatte waſchen laſſen!— Mein Mann hat— wie ſoll ich es nen⸗ — 95 nen? Du weißt ſchon, wie es die guten Maͤnner machen! uͤberredet, will ich ſagen, da ich kein Wort weiß, welches den freundli⸗ chen Blick, den leifen Wunſch und das ſanfte Wort zugleich ausdruͤckt— uͤberredet alſo hat mich mein Mann, in die Bibliothek mit ihm zu gehen. Was ich da geſehen habe? Liebe Sophie— ich weiß nichts mehr, bis auf Eins, und das muß ich dir anzeigen, denn das findeſt du gewiß in keiner Reiſebe⸗ ſchreibung! Das freundliche Maͤnnchen, das uns herumfuͤhrte, zeigte uns nehmlich auch eine uralte, geſchriebene, bibliſche Geſchichte in altdeutſcher Sprache, wo das Kind Jeſus abgebildet iſt, wie es das deutſche ABC lernt. Ich freuete mich ſehr, daß der himmliſche Knabe nicht noͤthig hatte, die fatalen vierecki⸗ gen Kaſten der hebraͤiſchen Buchſtaben zu lernen.— 3 Im Flecken Appenzell ſetz' ich meine Be⸗ richte fort.— Das thue ich denn jetzt, denn ich bin in Appenzell. Zuerſt muß ich dir etwas huͤbſch Solides ſagen„ das ich von meinem gelehrten Herrn Gemal erfahren habe. Der Canton Appenzell wird eingetheilt in Inner⸗ und Außer⸗Roden— das heißt, Gemeinden. Innerroden wird von lauter Hirten bewohnt; Außerroden von vielen Fabrikanten. In die⸗ ſem Außerroden webt und ſpinnet und ſtrickt alles auf dem Lande in der bewundernswuͤr⸗ digſten Vollkommenheit, und doch ohne In⸗ duͤſtrieſchulen. Dieſe Leute ſind reformirter Religion. Jene Hirten aber im Innerroden ſind nicht ſolche, wie ſie Geßner gemahlt hat; denn, bedenke jetzt nur Eins: ſie ſind alle— recht durch und durch katholiſch. Es ſchadet aber nichts, daß ſie katholiſch und keine Geß⸗ nerſchen Hirten ſind: gute Leute ſind ſie doch, und Hirten, wie ſie die Natur ſchafft und braucht. 1597, wenn ich recht behalten habe, hatten die Appenzeller ſich uͤber ihre Religions⸗ meinungen ſatt gezankt, vertrugen ſich, und zogen als vernuͤnftige Leute in Frieden aus einander. Ein kleiner Bach trennt nun zwey Voͤllchen, die ehemals verbruͤdert waren. Es mag gut ſo ſeyn: aber ich ſahe doch traurig in den klaren Bach. In Kleidung, Beſchaͤf⸗ 92 tigung, Thuͤn und Weſen ſind dieſe Voͤlkchen ziemlich verſchieden; in der Verfaſſung ſind ſie noch jetzt einander gleich. Ich kenne Dich: meiner Warnung unge⸗ achtet, willſt Du gern gleich zu den Hirten: aber Du mußt Dir's ſchon gefallen laſſen, erſt durch Außerroden mit mir zu gehen, oder vielmehr berganf bergab zu ſteigen. Hier ſiehſt Du Haͤuſer, wie kleine Palaͤſte. Du meinſt, ſie ſind von Stein, und ſie ſind blos von Holz, gar zierlich und nett, und alle mit vielen Fenſtern ſo recht nach meinem Geſchmack; denn ich kann die Dunkelheit weder in mir noch neben mir leiden. In dieſen Haͤuſern wohnen ſehr wohlhabende Muſſelinfabrikanten. Du findeſt darin eini⸗ gen Luxus: doch nur einigen, und darum fin⸗ deſt Du auch noch darin Geſundheit, Heiter⸗ keit, Wohlſtand, Unſchuld und Fleiß. So, denke ich, darf man ſich des Luxus freuen; denn ſo zeigt er nicht nur ein genußreicheres Leben, ſondern auch das erſte Erwachen des Sinnes fuͤr das Schoͤne.“(Das hat mein S.E f. 9. 7 9⁸ Mann nicht geſagt, ſondern ich hab's ge⸗ funden!) 6— e Ich eile von den Reichen weg, um. Dich zu den Hirten zu bringen, die blos von ihrer Heerde leben, und dabei die kraͤftigſten, ge⸗ ſundeſten Menſchen ſind. Wie ſehr dieſe Men⸗ ſchen die Freiheit lieben, ſieheſt Du ſchon dar⸗ aus, daß ſie meinen Mann, der ihnen gefaͤllt, einen freien Mann nennen, mit welcher Benennung ſie den Inbegriff aller maͤnnlichen Vollkommenheit ausdruͤcken. Ein Junge— das ganze, kleine, trotzige Weſen iſt ungefaͤhr neun Jahr: dieſer geſellte ſich zu uns, und ſagte zu meinem Manne: Wenn ich den Hirſch⸗ faͤnger da an der Seite haͤtte, ſo wollt' ich's wol mit Euch aufnehmen. Die Maͤnner uͤben ſich im Steinſtoßen— das iſt, ſie werfen Steine von hundert und mehr Pſund mit Einer Hand eine große Strecke weit. In Geis, einem Molkenkur⸗Orte, druͤckte ein ſiebenzigjaͤhriger Greis mit dem bloßen Dau⸗ men eine betraͤchtliche Vertiefung in einen hoͤl⸗ zernen Tiſch. Ich moͤchte einen ſolchen Ap⸗ penzeller Hirten, mit aufgeſtreiften Hemdaͤr⸗ 99 meln, die Senſe in der Hand, einen ſolchen Herkules, abgebildet ſehen, und neben ihm einen Soldaten, wie er bei uns zu Lande im Wirthshauſe ſitzt und die Spielkarten in der Hand haͤlt, oder eins unſrer niedlichen Officier⸗ chen, wie es um die Maͤdchen ſcherwenzt. Doch du ſollſt dieſe Leute auch angekleidet ſehen, wie ſie vom Lande in den Flecken kom⸗ men. Eine rothe Weſte ohne Aermel, darun⸗ ter das weiße Hemde, daruͤber— nichts; ein Paar lange Beinkleider, gleich Pantalons, von Leinwand; keine Struͤmpfe, aber doch Schuhe.— Doch nun der wichtigſte Putz! Das Hemd iſt hinten eine Elle lang aus den Beinkleidern herausgezogen und formirt einen Wedel, oder einen, meiſtens zuſammengelegten, Faͤcher! Das Haupt bedeckt ein dreieckiger ſchwarzer Hut, deſſen Eine Krempe herunter in's Geſicht geſchlagen iſt. Schoͤn kann ich das nun eben nicht nennen. Die Weiber hin⸗ gegen ſind wirklich artig und ſehr natuͤrlich geputzt. Sie ſind auch aͤußerſt munter, naiv, und witzig ſogar. Ihre gurmuͤthige, unbefan⸗ gene Treuherzigkeit aber macht ſie vorzuͤglich 100— einnehmend, auch wenn ſie ſich auf eine Art aͤußert, die uns kuͤnſtlich gebildeten Menſchen noch ſo ſeltſam vorkömmt. Wir wuͤnſchten etwas Milch zu trinken: Ja, ihr guten Leute, ſagte die Frau, ich wollt' euch gern geben, aber ich habe ein Paar junge Schweine und fuͤr die brauche ich die Milch. Das ſagte ſie ſo unbefangen, freundlich und gutmuͤthig, daß wir's im geringſten nicht uͤbelnehmen konnten. Auch begleitete ſie uns zur naͤchſten Nachba⸗ rin, welche, wie ſie ſagte, keine jungen Schweine zu erziehen haͤtte.— Doch auch ein Proͤbchen von ihrer witzigen Naivetaͤt. Der beruͤhmte deutſche Gelehrte—— machte auch die Reiſe hieher: er hat ſie ja wol auch beſchrieben? Nun alſo— er iſt auch durſtig und koͤmmt, die Leute anzuſprechen, an eine Verzaͤunung, wie ſie hier die Haͤuſer haben. Er kann die Thuͤr nicht oͤffnen: ſein Bedienter ſchreiet nach der Frau. Sie kömmt heraus: Wer ſeid ihr? fragt ſie freundlich. Der Bediente antwortet: Gelehrte! Ei, erwiedert die Frau, Gelehrte follten doch gelernt haben, die Thuͤr aufzuma⸗ chen! und das ſagt ſie mit ſchalkhaftem Laͤcheln 101 und macht die Thuͤr auf, die, wie alle Thuͤ⸗ ren, kein Schloß hat, weil es hier keine Diebe giebt. Denke, welch ein Wunder!— Wie man in dieſem Lande nichts von Die⸗ ben weiß, weiß man auch nichts von Steuern, Zehnden, Acciſe, Stempelpapier, Umgeld, Zollhaͤuſern, Schlagbaͤumen, lateiniſchen Ge⸗ ſetzen, Advokaten, Jagdhunden, Frohnen— von dem allen nichts! Mein Gott, ſagte ich zu meinem Manne, da ich das hoͤrte; wie geht das zu? Ganz natuͤrlich, erwiederte er mit gehoͤriger Ernſthaftigkeit: die Leute ſind ſtark, einfach, genuͤgſam, unverdorben, und weil ſie das ſind, ſind ſie frei, und weil ſie frei ſind— iſt dies das Land der Wunder. Du denkſt ſchon wieder an Geßners Hirten, gute Sophie? Da muß ich wol Folgendes hin⸗ zuſetzen! Dieſe freien, ſtarken Menſchen ſind freilich auch roh— in ihrer Freude und Liebe, wie in ihrem Zorn und Haß. Wenn du den Kuhreigen, ſelbſt nur von einem einzelnen Ap⸗ penzeller in deinem Garten ſchreien und abgur⸗ geln hoͤrteſt, du liefeſt davon. In der Entfer⸗ 102 nung von den Bergen klingt er freilich anders. Dieſe Rauhheit giebt jedoch der Zutraulichkeit und Freundlichkeit, womit die feſten Menſchen ihre große derbe Hand darreichen, einen eigenen Reitz. Ich kann es dir nicht beſchreiben, welch einen Eindruck es macht, wenn ein ſolcher Mann ſein herzliches„Willkommen in Hund⸗ wil! Willkommen in Wiler u. ſ. w.“ aus⸗ ſpricht. Noch mehr! Wir kamen in eine Kirche. Der katholiſche Kaplan hielt in ſeinem Vortrag innen, hieß uns von der Kanzel herab treuherzig willkommen, ſagte uns, wovon die Predigt handle, nehmlich„von der Weisheit des herzigen lieben Gottes,“ wiederholte kuͤrz⸗ lich, was wir nicht gehoͤrt hatten, und fuhr dann fort.— Die Geſtalt des Landes kann ich dir nicht reitzend genug beſchreiben. Da ſind zierliche und große, da ſind ganz wunderbare Figuren von Bergen, Huͤgeln und Thaͤlern. Nirgends ſahe ich einen ſo ſchoͤnen Blumenweg und ein ſchoͤneres Gruͤn. Nimm dazu— auf und ab aller dieſer Berge und Huͤgel die lichten und be⸗ quemen hoͤlzernen Haͤuſer; um jedes Haus und ſeinen Hof, welches zuſammen— wie huͤbſch! — Heim heißt, eine Verzaͤunung, und Du glaubſt, das alles ſey nur zur Luſt gemacht, das ganze Land beſtehe aus einem großen Park mit Gartenhaͤuſern, den ſich— etwa ein Dut⸗ zend Koͤnige in Kompagnie haͤtten anlegen laf⸗ ſen. Ueber dieſe Berge und Huͤgel ragen in kleiner Entfernung die Schnee⸗ und Eisgebirge hervor, welches macht, daß man ſich unter den Blumen, auf dem lieblichen Gruͤn, in der er⸗ waͤrmenden Sonne, doppelt wohl fuͤhlt. Ich ſtand auf einer hohen Spitze, die Vogelis⸗ Eck heißt, und uͤberſah dieſe gluͤcklichen Huͤtten; blickte verwirrt uͤber die weiße Flaͤche des Bo⸗ denſee's bis nach Schwaben hinein, dann ruͤck⸗ 1 waͤrts auf die ungeheuern Schneemaſſen: erha⸗ bene und ſanfte, erſchuͤtternde und frohe Em⸗ pfindungen wechſelten in meiner Seele. Da ſagte mein Mann zu mir: Dort und hier, wo wir ſtehen, mußte der maͤchtigſte Despotismus vor der wehrloſen Freiheit fliehen!— Liebe Sophie: da wurde meine ganze Seele zugleich von Bewunderung der Natur und des Adels des Menſchen durchdrungen, und Entzuͤcken ergriff 104 mich, da eben die Sonne unter und der Mond den blauen Himmel herauf ging.— Ich komme noch einmal zu den braven Hir⸗ ten zuruͤck, und da muß ich Dir doch auch ſa⸗ gen, daß meine lieben Appenzeller gar keine galanten Leute ſind. Eiferſuͤchtig auf ihre Frei⸗ heit, nehmen ſie— denke Dir die Unart!— ſelbſt auf uns Damen gar keine Ruͤckſicht, wenn wir mit jener ihrer Goͤttin in einige Kolliſion kommen. Die folgende Geſchichte, die Dir wol auch in anderer Ruͤckſicht merkwuͤrdig ſeyn wird, mag dir das beweiſen.— Ich ſchneide das Blatt ab, weil es mir nicht gelungen war, Dir die etwas verwickelte Hiſtorie gehoͤrig aus einander zu ſetzen, und bitte meinen Mann, ſie Dir und dem Deinigen zu erzaͤhlen. „Mit Vergnuͤgen erfuͤlle ich den Wunſch meiner Frau. Die Geſchichte, die ſie meint, iſt folgende, und wird auch mir immer eine der merkwuͤrdigſten bleiben, die ich je erlebt habe. Die Rede iſt von den Außerrodern an der letz⸗ ten Landesgemeine, oder oͤffentlichen Zuſammen⸗ kunft. Ihre Landesbeamten hatten einer Frau Moreillon, der Tochter des kuͤrzlich verſtor⸗ benen Landammanns Vetter von Heriſau, die durch ihre Verheirathung an einen Fremden das Landrecht verloren hatte, jetzt aber, da ſie Wittwe worden war, daſſelbe wieder ſuchte— dies Landrecht eigenmaͤchtig ertheilt. Die Burſami,(Bauerſchaft, Gemeindheit der Bauern,) eiferſuͤchtig uͤber ihre Freiheit, be⸗ zeigte ſogleich ihre Unzufriedenheit uͤber den Eingriff in ihre Rechte. Die Landesgemeine wird jederzeit am letzten Sonntage des April— in den Jahren von gerader Zahl zu Heriſau, in den Jahren von ungerader Zahl zu Hundwil gehalten. Zwanzig wohlgeſinnte Bauern mach⸗ ten noch vor der diesmaligen Landesgemeine den Beamten freundliche Vorſtellungen, die Sache nicht eigenmaͤchtig abzuthun, ſondern ſie, wie ſich's gebuͤhre, vor die Landesgemeine zu brin⸗ gen. Dieſe hatten nicht darauf geachtet, und nun brach der letzte Aprilſonntag an. Die Ver⸗ ſammlung war zahlreicher, als ſeit Jahren: uͤber 10,000 Mann erſchienen. In Ruhe und mit gehoͤrigem Anſtand wurden die Landesbe⸗ amten gewaͤhlt und alles verhandelt, was den 106 Landleuten geſetzmaͤßig vorgetragen werden muß. Schon wollte der Landſchreiber— der, beilaͤufig geſagt, mit dem Landweibel allein mit entbloͤßtem Haupt erſcheinen, das heißt, ſich als Knecht des Landes darſtellen muß— ſchon wollte er den Eid vorleſen, als kein Bauer den Hut rückte, und einer der nächſten am Stuhle, wor⸗ auf die Landesbeamten ſtehen, ausrief: Wie ſteht's mit des Landammanns Tochter, der Frau⸗Madam(1) Moreillon? Tau⸗ ſend Stimmen riefen ihm nach, und die Zehntauſend wogten gegen den Stuhl hin. Der neuerwaͤhlte Landammann ſagte: Man hat dieſer Frau, in Betracht der Verdienſte ihres Vaters, und weil man nichts Unrech⸗ tes daran zu thun geglaubt, das Landrecht ertheilt! Hier wurde das Geſchrei aͤrger, und die Beſchwerden, uͤber Eingriffe in die Rechte des Landmanns, wurden lauter. Der neue Landammann bezog ſich nun auf ſeinen Vorweſer, unter deſſen Vorſitz die Sache geſchehen ſei. Jetzt trat dieſer auf, bezeigte ſeine Verwunderung uͤber das Mis⸗ 107 trauen, das das Volk in ſeine Beamten ſetze, und verſicherte, daß man ſeine Freiheiten gar nicht habe kraͤnken wollen. Die Landleute riefen wiederholt, es komme ihnen zu, das Landrecht zu ertheilen; dagegen erwiederte er: Es ſteht nichts davon im Landbuch, daß auch das Weibervolk auf den Stuhl muͤßte: (d. h. auf dem Stuhle um jenes Recht anhalten ſolle). Bisher waren die Landleute immer noch gelaſſen geweſen: dieſe Umſchleichung und Ver⸗ drehung aber brachte ſie heftig auf. Doch maͤßigten ſie ſich bald wieder, und riefen: wenn es ihnen allein zukomme, das Landrecht uͤber⸗ haupt zu ertheilen, ſo verſtehe ſich das von ſelbſt, daß es auf Weiber wie auf Maͤnner gehe. Land⸗ ammann, uͤbereilt euch nicht, riefen ſie; wenn ihr heute nicht fertig werden koͤnnt, wollen wir morgen— uͤbermorgen— uͤber acht Tage wieder⸗ kommen!(Wie trefflich! Maͤnner, die zum Theil aus betraͤchtlicher Entfernung hierher ge⸗ kommen waren!) Der Landammann verſuchte nun auf einem Schleichwege zu entwiſchen, auf welchem gewiß ſchon oͤfter die herrlichſten Frei⸗ heiten des Volks, heimlich und unter dem 108 Schein des Rechten, gekraͤnkt worden ſind. Lie⸗ ben, treuen Landleute, begann er— und ver⸗ langte nun, ſie ſollten mehren,(Stimmen ſammlen) ob man dieſe von den Landesbeamten geſchehene Ertheilung des Landrechts ratificiren wolle. Nichts ratificiren! riefen die lieben, treuen Landleute, denen die verborgene Liſt nicht entging— wir geben das Landrecht, und bey uns muß ſie anhalten!— Da beſtieg denn der Hauptmann der Heriſauer Gemeinde, (die ſie zu einem Gemeindeglied aufgenommen hatte,) den Stuhl!, und hielt, weil kein Frauen⸗ zimmer in Perſon auftreten darf, fuͤr die be⸗ draͤngte Frau um jenes Recht an. Man bezeigte ihm die anſtaͤndigſte Aufnahme, es herrſchte eine allgemeine Stille, waͤhrend er ſprach: er hatte vollendet— die Frau erhielt alle Haͤnde. (Stimmen.) So weiſe und beſcheiden, aber doch auch ſo muthig und feſt betraͤgt ſich ein ungebildetes — Hirtenvolk, das keine Rathgeber, als in ſeiner Bruſt, keine Akademieen, keine Gelehrte, nicht einmal gute Schulen hat! O liebes Land der 109 Wunder! ſo lange du ſo biſt, bleibſt du auch der Freiheit faͤhig, und ſie wird dir, wie dein Gluͤck, durch keine Macht der Erde entriſſen werden koͤnnen!— An dieſe pathetiſche Schlußrede meines guten Mannes, von der ihm die Augen ſo ſchoͤn glaͤn⸗ zen, indem er mir das Blatt zuruͤck giebt— kann ich unmoͤglich wieder mein Geplauder an⸗ knuͤpfen; auch wuͤrden dir, gutes Weibchen, meine unbedeutenden Bemerkungen nun nicht mehr gefallen. Meine Wenigkeit, die auch ihre Freiheit im Joche des Eheſtands zu behaupten weiß, ſo gut es gehen will, und es der Reſpekt gegen das Oberhaupt, ſo wie gegen die Geſetze, die jedes ehrliche Weib im Buſen traͤgt, erlaubt: dieſe meine Wenigkeit(der Mann hat mich mit ſeinen Perioden angeſteckt!) nimmt nun leider auf immer von dieſem ſchoͤnen Lande und ſeinen gluͤcklichen Einwohnern Abſchied. Hier, liebe Sophie, habe ich zum erſtenmal empfunden, wie unausſprechlich gluͤcklich das Gefuͤhl des Großen und Erhabenen im Wechſel mit dem Sanften und Schoͤnen die menſchliche Seele 110— machen kann. Die Dichter wollen uns auch dies Gluͤck verſchaffen: Sophie, biſt du, wie ich, ſo koͤmmſt du lieber auf Vogelis⸗Eck!— Julie. 111 Mode und Putz. Erſter Dialog zwiſchen mir und mei⸗ nem Mann. Waͤhrend der Brunnenkur fruͤhſtuͤckte ich an einem ſchoͤnen Morgen mit meinem Manne unter der bluͤhenden Akazie im Garten, als die Amme meine kleine Emilie brachte, ihre kleinen Fuͤße zum erſtenmal in Schuhen, womit ihre Pathe ſie, ohne mein Wiſſen, heute an ihrem erſten Wiegenfeſte geſchmuͤckt hatte. Sieh, lieber Mann, ſprach ich froh, wie hold ſich das kleine Ding freuet! Eine Tochter Evens, wie ihr alle! gab er mir laͤchelnd zur Antwort. Ich neckte, wie billig, den weiſen Sohn Adams fuͤr ſeine allgemeine Bemerkung: er ver⸗ galt es, ein Wort gab das andere, unvermerkt waren wir tiefer in den Text gekommen. Er theilte mir ſcherzend eine pikante Doſis ſeines guten Humors mit, die mich reitzte, Gleiches 112 mit Gleichem zu vergelten. Ich faßte Muth, ging aber nicht gerade zu, ſondern ſagte, als ob ich das Geſpraͤch auf etwas anders lenken wollte: Du biſt heute allerliebſt! Auch geſtern Abend habe ich mich deiner Unterhaltung recht gefreuet. So? ſagte er freundlich— 4 Ich. Wir Weiber haben es gar zu gern, wenn ihr Maͤnner uͤber intereſſante Gegenſtaͤnde mit Klarheit und einnehmender Waͤrme ſprecht. Er. Um unterdeſſen eurer Phantaſie deſto unbemerkter die Fluͤgel frey zu laſſen. Ich. Das wirſt du mir abbitten muͤſſen. Zum Belege meiner außerordentlichen Aufmerk⸗ ſamkeit wiederhole ich ſogar deine eigenen Worte. Gieb genau Acht! Du ſagteſt ſo: Das, was augenſcheinlich aus der Natur des Menſchen, ohne Zuthun der Kunſt, hervor gehet, was eigentlich den Menſchen⸗Charakter beſtimmt, worauf vor allen geſehen werden ſollte und ſo ſelten geſehen wird, heiße ich Humanitaͤt— Du verdienſt allerdings meine Bewunde⸗ rung, unterbrach er mich. — 113 Jeh. Verſpare ſie noch ein wenig: denn die Hauptſache koͤmmt erſt. Dieſe Humanitaͤt, fuhrſt du fort, ſey die ſchoͤnſte Quelle der Freu⸗ den des Lebens. Er. Oft auch der Schmerzen, ſetze ich heute hinzu. Jeh. Allerdings! Aber erlaube, daß ich vor der Hand bei der Freude verweile. Er. Sehr gern! Moͤge ſie dich immer begleiten! Er druͤckte mir dabei die Hand, und ich war einige Minuten ganz aus meinem Konzept. Ich. Alſo— was Humaniteaͤt iſt, wiſſen wir— Wuͤrdeſt du mir nun wol zugeben, daß nach deiner Erklaͤrung die Eitelkeit eine Toch⸗ ter der Humanitaͤt ſey? Er. Unter gewiſſen Einſchraͤnkungen, ja! Jeh. Dann nimmſt du es gewiß nicht uͤbel, daß ich dir zwei huͤbſche Kinder dieſer wieder zu Ehren gekommenen Mutter praͤſen⸗ tire, den Putz und die Mode, und daß ich von der ganzen Familie behaupte, ſie ſey, ver⸗ moͤge ihrer ſchoͤnen Abkunft, beſtimmt, die Freuden des Lebens zu vermehren. J. f. J. 1. H. 114 Er. Was? Da ſind wir ja unvermuthet wieder bey Emiliens Schuhen, bei der Tochter Evens, und, da das Gluͤck dich beguͤnſtiget, bei(er reichte mir die Boͤrſe) einer angeneh⸗ men Folgerung. Jeh. Auf ein andermal, mein ſcharfſin⸗ niger Freund!—(Ich ſteckte ihm die Boͤrſe wieder in die Taſche) Heute verlange ich durchaus nichts, als fuͤr jene liebenswuͤrdigen Kinder die Anerkennung ihrer edlen Abkunft und ihrer ſchoͤnen Beſtimmung. Er. Fuͤr den Putz geſtehe ich ſie dir zu. Denn uͤberall, wo man den Menſchen findet, wo er Blumen pfluͤcken, bunte Federn ſam⸗ meln, Farben bereiten, flimmernde Steinchen faſſen oder einen Pelz erjagen kann, ſiehet man Neigung zum Putz und Wohlgefallen daran. Aber die Mode? Nein, die Mode iſt keine rechte Schweſter des Putzes; nenne ſie Geſpielin, wenn du willſt— ich nenne ſie eine geiſtloſe Aefferei. Ich. Das klingt ein wenig ſtreng! Nachahmung waͤre milder, ehrender, und, unmaßgeblich, auch wahrer. 113 Er. Blnde Nachahmung iſt nie ehrend. Jch. Blinde? Davon ſprech ich nicht— Wenn du das unſchuldige Wort nicht in boͤſe Geſellſchaft bringſt, ſo iſt Nachahmung Ver⸗ anlaſſung zur Entwickelung mancher Vollkom⸗ menheit, und, welches ich auf die Mode an⸗ wende, Mittel, wodurch das gefundene Schoͤne, wie das Gute, allgemeiner verbreitet wird.— Mein Mann ſah mich mit großten Augen an, und mit einem gewiſſen Zug' um den Mund ſagte er: Er. Du ſprichſt ja, als waͤrſt du praͤparirt? Ich. Das ſollte diech nicht wundern. Praͤparirſt du dich doch auch zu den Gegen⸗ ſtaͤnden deines Berufes. Unſer Beruf iſt euch zu gefallen, und darauf ſind wir immer praͤ⸗ parirt. Er. Sehr verbunden! Um aber bey der Sache zu bleiben— Jeh. Wird es gut ſeyn dich zu fragen: ob ich nicht wuͤnſchen darf, daß dein Sohn dir nachahme in allem Schoͤnen und Gu⸗ ten 2 Er. Ich geſtehe, du biſt ſehr guͤtig, und 116 1—— ich bin, wenn du nicht glauben willſt, du habeſt mich beſtochen, auch der Meinung, der Trieb der Nachahmung und die Freude am Nachahmen veranlaſſe, entwickele und ver⸗ breite unendlich viel Gutes und Schoͤnes. Ich. Folglich, lieber Mann, iſt die Mode——— Er. Nach meiner Ueberzeugung nicht Nachahmung, ſondern Nachmachen. Nach⸗ machen iſt aber uͤberall ein ſchlechtes Handwerk, ausgeuͤbt in falſchen Wechſeln und in falſchen Muͤnzen. Ich. Ich falle aus den Wolken. Er. Erhole dich erſt ein wenig; hernach gehen wir weiter. Ich. Schwerlich, wenn du immer wie⸗ der zuruͤck ſpringſt. Er. Wie gefaͤllt dir dieſe Akazienbluͤthe? Ich. Ihre Farbe iſt ſchoͤn, ihr Geruch reitzend. Er. Wenn es nun dem Baum geſiele, ſtatt ſeiner beſcheidenen weißen Bluͤthe die impoſante feurige Boutonie zu treiben, weil dieſe viele Liebhaber findet? 117 Ieh. Das waͤre ein ſchlechteres Muſter fuͤr die Nachahmung. Er. Alſo daruͤber waͤren wir einig. Laß uns jetzt auf die Menſchen ſehen. Eine ſchoͤne, in allen Zuͤgen bluͤhende Bruͤnette, klein, leicht— Jeh. Erlaube mir, daß ich deine Ineli⸗ nation weiter ausmahle: mit blitzenden Au⸗ gen, die manchmal ein kleines Ungluͤck anrich⸗ ten, mit ſchelmiſch redendem Blicke, kurz und gut, wie Julie W. Nun weiter, mein theurer Gemahl!— Er.— Erſinnet ſich einen neuen Hut fuͤr den morgenden Ball. Sie ſchneidet das Huͤt⸗ chen ſehr klein, weil ihr Koͤpfchen klein iſt, ſie ſetzt es ganz auf die Seite, damit das eine flammende Auge aus dem Schatten deſto mehr Wirkung thun, und das andere noch mehr heben ſoll; ſie— doch du moͤchteſt mir den Pinſel abermals aus der Hand reißen— es mag damit genug ſeyn.— Sie tritt in den Saal, ſie ziehet, wie billig, die Aufmerkſam⸗ keit auf ſich. Die Herren ſagen, die Damen denken: Das niedliche Huͤtchen ſtehet ihr doch 1198—— allerliebſt! Ueber acht Tage habt ihr wieder einen Ball: da ſchreitet majeſtätiſch die Juno unſers Feſtes, da trippelt das blaſſe ſentimen⸗ tale Blondinchen, da kommt alles mit demſel⸗ ben kleinen ſchnippiſchen Huͤtchen herein, und mein Auge muß ſich weg wenden. Ich. In ſolchen verzweifelten Faͤllen ſieh du armer Menſch nur allemal auf mich. Er. Dann wuͤrde ich dir Urſache geben zu klagen: Mein Mann laͤßt mich nicht aus den Augen! Ich. Das darf ich dir wieder nicht zu⸗ muthen! Am Ende wirſt du dich doch an das ſchnippiſche Huͤtchen gewoͤhnen muͤſſen. Er. Es mag ſeyn, daß man ſich endlich daran gewoͤhnt— woran gewoͤhnt man ſich nicht!— aber ſchoͤn iſt es doch nun und nim⸗ mermehr nicht; es iſt eine geiſtloſe, armſelige, einfoͤrmige, langweilige Nachmacherey. Ich will es nur geſtehen, ich war ein we⸗ nig verlegen; ich ſah auf die Haͤnde, ich ſah zu den Wolken, endlich ſah ich den tröſtlichen Egerkrug demuͤthig und leer im Graſe ruhen.— — 119 Dieſer half mir aus meiner Noth. Nachma⸗ cherey? ſagte ich— dem Worte muß ich erſt einige uͤberfluͤſſige Buchſtaben abſchneiden, die es haͤßlich entſtellen, und du wirſt ſehen, daß es gar nicht ſo ſchlimm iſt, als es ausſah. Machen doch, wie ich hoͤre, eure Phyſiker auch die heilenden Mineralquellen und— ſogar den Funken des Blitzes nach. Er. Und das in allen Ehren, denn ſie ahmen die unermeßliche, ewige Natur nach; ihr aber gebt eure Haͤnde als Sklavinnen zum Dienſt einer ſtolzen Herrſcherin. Jeh. Um uns im Gehorſam gegen euch zu uͤben. Er. Einer laͤcherlichen Tyrannin! Ich. Die uns aber doch Vergnuͤgen macht.. Er. Die ihr nicht einmal kennt, die blos in eurer Einbildung exiſtirt. Dem Himmel ſei Dank! hier fand ich in meines Mannes Rede einen feſten Grund, worauf ich mit Huͤlfe der Ironie ſicher fußen konnte. 120 Ich. Da wir ſie nun einmal nicht kennen, ſo habe du doch die Großmuth, und komme unſerer Unwiſſenheit zu Huͤlfe.— Er. Wir wollens verſuchen. Haſt du Geduld und Luſt genug, aufmerkſam ihre Ei⸗ genſchaften zu betrachten; ſo werden wir viel⸗ leicht ſehen, was eigentlich an ihr iſt. Ich. Geduld genug?— Nun jan ich will es auch verſuchen. Er. Die erſte Eigenſchaft der Mode iſt ihre Einfoͤrmigkeit. Du ſieheſt in allen Logen, auf allen Spaziergaͤngen, und in allen Colonnen des Tanzes Einen Schnitt, wol gar Eine An⸗ ordnung in Kleidung und Putz. Das iſt Einfoͤr⸗ migkeit, und alles Einfoͤrmige iſt ſehr ennuͤyant. Jch. Einförmigkeit? Halt! Ich nenne es Uebereinſtimmung. Du gabſt mir vorhin von dieſem Baum eine Bluͤthe; ich muß aus Erkenntlichkeit dir ein Blatt uͤberreichen. Wie gefaͤllt dir ſeine Form? Mehrere kleine Blaͤtter an einem Stengel, und ſich alle ſo aͤhnlich in Farbe und Geſtalt! Ja, alle große Blaͤtter auf dem ganzen Baume ſehen eben ſo aus. Tadelſt du das auch? 121 Er. Wie kann ich? Eben dadurch unter⸗ ſcheide ich ja die Akazie von andern Baͤumen. Der Gaͤrtner und Botaniker muß die Aehnlich⸗ keit und Verſchiedenheit aller Theile der Ge⸗ waͤchſe aufmerkſam betrachten; nicht ſo im Ein⸗ zelnen betrachtet ſie der Maler, und noch weni⸗ ger der Bewunderer einer Landſchaft. Wir blicken hinaus in die ſchoͤne Natur, die uns hier mit tauſendfachen Reitzen umgiebt. Wir achten nicht auf die untergeordneten Theile— auf die Blaͤt⸗ ter— Uns entzuͤckt die ſchoͤne Mannigfaltigkeit in der Hauptſache, den Geſtalten, Gruppen, Lichtern und Schatten der Baͤume u. ſ. w. Ich. Die Anwendung iſt mir nicht recht deutlich. Er. Mein Gaͤrtner iſt die Putzmacherin, mein Botaniker der Berichterſtatter in ein Mo⸗ dejournal, der eure Bluͤthen gleichſam auftrocknet und ins Herbarium klebt. Dieſen gebuͤhrt es, eure geringen Verſchiedenheiten zu bemerken; wir andern wuͤnſchen, daß jede der Damen, ihren Eigenheiten und dem Charakter ihres ganzen Weſens nach, das Thema, was die Mode an⸗ giebt, veraͤndern moͤchte. Fuͤhret die Mode 122— Hute ein, ſo traget ſie: aber doch nicht alle nach Einem Muſter. Siehe jene Eiche, wie ſie ganz anders ihre Aeſte verbreitet, anders ihre Krone traͤgt, wie ſie dunklere Farbe, weniger bewegli⸗ ches Laub hat, als dieſe Akazie, und du wirſt mich verſtehen. Ich. Ich verſtehe dich; aber ich fuͤrchte boͤſe Folgen. Er. Das wuͤrde ich beklagen. Jeh. Was fuͤr laͤcherliche Originale wuͤr⸗ deſt du zu ſehen bekommen, wenn jede unge⸗ ſchickte Hand die Veraͤnderung bewerkſtelligen duͤrfte? Waͤre ſelbſt Einfoͤrmigkeit nicht weniger beleidigend als ſolche Verſchiedenheit? Er. Daß dieſe laͤcherlichen Originale nicht ſehr aufkommen werden, deshalb kann ich ſicher auf euch uͤbrigen rechnen. Ihr habt ein ſchar⸗ fes Auge, das Laͤcherliche zu bemerken, wenn euch die Mode nicht verblendet, und uͤberdies darf man ſich ja nur an das Einfache halten, welches nie laͤcherlich iſt. Jeh. Aber auch nicht immer ſchoͤn. Er. Unter der Hand der Grazien immer. Jeh. AWuch wird es ebenfalls einfoͤrmig. — 123 Er. Unter dieſer Hand nie. Ich. Aber eure Herrn, die doch auch der Mode folgen, werden ſich mit den Grazien nicht abgeben! Was wird aus ihnen werden? Er. Ich daͤchte, du verſchonteſt uns! Da⸗ fuͤr gebe ich dir denn gleich im voraus zu, daß, wenn von unſerer jetzigen Kleidung geſprochen wird, von Schoͤnheit gar nicht die Rede ſeyn kann. Jeh. Das verdient Erkenntlichkeit: ich widerſpreche nicht weiter. Aber gleichwohl fuͤhle ich, wir ſind doch noch nicht recht auf den Grund der Sache gekommen. Sag' mir, ohne Scherz— waͤre die Mode blos eine blinde Nach⸗ ahmung ohne Wahl und Sinn, wuͤrde das nicht eine groͤßere Geiſtesarmuth und Geſchmackloſig⸗ keit unſers ganzen Geſchlechts vorausſetzen, als deine genugſam bekannte Achtung fuͤr die Wei⸗ ber zugeben kann? Ich glaube, ſie hat einen andern, ſehr achtbaren Grund. Er. Hilf mir auf einen ſolchen Grund, ich will ihn gern anerkennen. IJch. Ich ſage jetzt im Ernſt, was ich vorhin im Scherz hinwarf: um euch zu gefallen. 241 Er. Und euch ſelbſt im Spiegel von uns? Gut! Aber das wuͤrde uns in eure ſchlimme Sache verwickeln, ohne euch davon zu befreien. Ich. Wie ſo? Er. Erreichtet ihr euren Zweck durch jene Mittel, ſo ſetzte das bei uns eine geſchmackloſe Liebhaberei ohne Sinn voraus; erreichtet ihr euren Zweck nicht, ſo mußtet ihr doch Gruͤnde haben, uns nicht viel Gutes zuzutrauen, denn ſonſt haͤttet ihr ſolche Mittel nicht gebraucht. Ja— ich habe der Pfeile noch mehr in meinem Koͤcher, wie ein alter Dichter ſagt— euch wuͤrde oben drein noch ein neuer Vorwurf treffen. Warum, wuͤrde man euch fragen, warum ver⸗ ſuchtet ihr, denen ſo oft geſagt wird, daß ihr die Maͤnner zur Feinheit und zum Geſchmack bildet, keine beſſeren Mittel? Jech. Das fuͤhrt ins Subtile. Er. Nimm kein Aergerniß daran. Ich will etwas anders anfuͤhren. Unſere Nachba⸗ rin R. hat großen innern Werth; ſie iſt eine Frau von Geiſt, ſie hat Geſchmack, Bildung und viel Geſchicklichkeit; oft hat ſie etwas ganz Eigenes, Reitzendes in ihrem Putz.— 125 Ich ſehe nicht, daß es ihr jemand nachmacht, daß es Mode wird. Wie mag das zugehen? Ich will es dir ſagen: weil ſie eben nicht ſehr ſchoͤn, nicht reich, nicht von hohem Stande iſt. Gieb ihr Rang, Schoͤnheit, Vermoͤgen, und ihr werdet ihren Putz nicht ſchnell genug nachmachen koͤnnen, um— gieb wohl Acht— auch als ſchoͤn, reich und vornehm zu gelten. Ich. Mann, das iſt nicht artig, iſt nicht immer und, wie ich hoffe, nicht von allen wahr. Er. Im Laufe des Geſpraͤches vergißt man zuweilen die noͤthigen Ausnahmen, liebes Weib! Jeh. Auch uͤberſieht man da oft die ſchoͤnere Seite des Gegenſtandes. Dir iſt ent⸗ gangen, daß die vom Gluͤcke beguͤnſtigten Per⸗ ſonen darum eher bemerkt werden muͤſſen, weil ihre Verhaͤltniſſe uͤberhaupt vielfacher und auffal⸗ lender ſind, und daß darum auch das Schoͤne, welches ihnen die Natur gegeben hat, und die Reitze, welche ſie dem Putze verdanken, bei ihnen weit mehr in die Augen fallen, als bei 126 Leuten von eingeſchraͤnkten Umſtaͤnden und Verhaͤltniſſen. Er. Derjenige, dem es mit dem Schoͤ⸗ nen und Reitzenden ein Ernſt iſt, weiß es uͤberall zu finden, bei dem ſtillen Veilchen, das verſteckt im Graſe bluͤhet, wie bei der hohen Roſe, deren Pracht Aller Augen auf ſich ziehet. Ich. Geſchmackvolle, gebildete, vortreff⸗ liche Weiber werden denn doch oͤfter und all⸗ gemeiner in ihren Erfindungen und Sitten nachgeahmt als die bloßen Kinder des Gluͤcks. Er. Oefter und allgemeiner? Verzeihe, daß ich Unglaͤubiger dieſe Worte fragend wie⸗ derhole. Jeh. Wenn es nicht oͤfter geſchieht, ſo liegt es wol hauptſaͤchlich daran, daß die geiſt⸗ reichen gebildeten Frauen ſich mehr zuruͤckzie⸗ hen und ſich ſeltener oͤffentlich zeigen. Erſcheint aber ein ſolches Weib von den Grazien ge⸗ ſchmuͤckt: dann folgen wir wie bezaubert, und ich kann mit Recht behaupten, dann iſt der Geiſt, der Sinn unſer Fuͤhrer. Dawider haſt du gewiß nichts! 3 11“““ 122 Er. Ich kann nicht dafuͤr ſtehen. Jener Zauber iſt, nach meiner unmaßgeblichen Mei⸗ nung, nicht allein die Wirkung des grazioͤſen Anzugs. Die Haupturſache iſt, daß deine Frau von Geiſt und Sinn dieſen Anzug ſo ſchoͤn zu⸗ gebrauchen verſteht; daß er gerade ihr, dieſer Bildung, dieſem Charakter, dieſen Bewegun⸗ gen, ihrem Selbſt ſo trefflich angepaßt iſt, wie ein ſchoͤnes Wort einem ſchoͤnen Gedanken; kurz, daß er, wie ihr es nennt, ihr ſteht. Wird er euch andern auch ſtehen? Vielleicht, ja! Ihr duͤrfet ja nur dieſen Charakter, dieſe Bewe⸗ gungen nachmachen, und es kann euch nicht feh⸗ len. Zum Beiſpiel— Ich. Hoͤre auf, du boͤſer Menſch! Da wuͤrde es ſchoͤne Kartkatumn und laͤcherliche Nachaͤffereien geben. Er. Das war ein Nothſchuß! Jetzt muß ich helfen. Gieb mir deine Hand! Wenn ein vorzuͤgliches Weib euch durch ihren Anzug be⸗ zaubert; ſo wird das Klaͤgſte ſeyn, ihr haltet euch an den Geiſt der Sache, und nicht an das Zufaͤllige der Form, in welcher ſie erſcheint. Jeh. Das erfordert Kopfbrechen, und die 128 Grazien zerbrechen ſich die Koͤpfe nicht. Das Schöne will empfunden, und iſt es empfunden, angenommen ſeyn. 8 Er. Dieſe Spruͤche ſind vortrefflich. Laß ſie abſchreiben, theile ſie unter deine Schweſtern unentgeldlich aus, und wenn ſie ſolche verſtehen und darnach thun, ſo iſt uns allen geholfen. 4 Ich. Behuͤte mich dafuͤr mein froher Genius! Man noͤchte Predigten daruͤber von mir verlangen, und ich habe keine Zeit zum Studiren. Aber Sie, hochwuͤrdiger Herr, will ich bitten, zum Heil der Mode, dieſes in Suͤn⸗ den empfangenen und gebornen Kindes, und zum Beſten Ihrer andaͤchtigen Zuhoͤrerinnen das Thema von Geiſt und Form ein wenig wei⸗ ter und ja recht deutlich auszufuͤhren. Er. Ich meine: Achtet auf gute Muſter; merkt, welche euch und den Beſſeren in beiden Geſchlechtern vorzuͤglich gefallen; aber merkt ſie nicht, um ſie zu kopiren, ſondern nehmt ſie in eure Phantaſie und euer Gedaͤchtnis auf, um ſie als Stoff zu eigner Bearbeitung zu benutzen. Ich. Wie ſollen wir ſie als Safe zu eigener Bearbeitung benutzen? Er. Macht es mit den Moden, wie der Dichter mit Charakteren, der Mahler mit Bil⸗ dungen in der Wirklichkeit. Jeh. Es iſt mir noch nicht recht deut⸗ lich. Wenn es anders kein Geheimnis iſt, ſo ſage mir, wie macht es der Dichter? Er. Zu unſerm Zweck iſt hinlaͤnglich, wenn ich ſage: Er merkt auf die mannigfalti⸗ gen Charaktere, welche als brauchbare Beiſpiele in dieſer oder jener Gattung erkannt werden, und nimmt, wie geſagt, ſie in ſeine Phanta⸗ ſie und in ſein Gedaͤchtnis auf. Ich. Jetzt wird es mir hell. Wenn er nun ein Kunſtwerk ſchaffen will, und dazu dieſen oder jenen Charakter braucht, ſo nimmt er ihn aus ſeiner geiſtigen Vorrathskammer heraus.— 3 Er. Mit nichten. Indem er dieſen oder jenen Charakter braucht, ſo iſt er ſich des be⸗ merkten nicht mehr bewußt; er ſchafft ihn aus ſich ſelbſt, obwol er ehemals den Stoff dazu auf⸗ genommen hat, woran er aber jetzt nicht denkt; J. f. F. I. H. 9 130—— bildet ihn ſo, daß er als etwas ganz Eigenes und doch dem, was wir erleben, nicht entge⸗ gen erſcheint. So verſucht es denn auch, oder vielmehr habt den Muth, wie der Dichter, ſelbſt zu erfinden und zur Ausfuͤhrung des Erfundenen die Materialien, welche ihr in eure Phantaſie und in euer Gedaͤchtnis auf⸗ genommen habt, frei, das heißt, ohne daß ihr euch an ein Muſter bindet, oder euch deſſel⸗ ben bewußt ſeyd, zu benutzen.—— Wo willſt du hin, liebes Weib? Ich. Ich will Bleiſtift, Papier und Scheere holen. Da du ſo gut die Regeln weißt, und gewiß auf manchen ſchoͤnen Hut in der Welt gemerkt haſt, auch dich deſſen ge⸗ wiß jetzt, mir gegen uͤber, gar nicht bewußt biſt; da du ſicher am beſten weißt, was zu meinem Kopf, meinem Charakter, meinen Be⸗ wegungen, kurz zu deiner ganzen Frau paßt; ſo werd' ich dich bitten, mir gleich einen neuen Hut zu erfinden. Er. Ich habe dazu kein Genie und keine Fertigkeit. „Jeh. Freilich du biſt ein Deutſcher, und 131 Genie zum Putz haben die Deutſchen uͤber⸗ haupt nicht; das haben nur die Franzoſen. Er. Das iſt Laͤſterung einer ganzen Na⸗ tion, welche ſich der höfliche Franzoſe erlaubt, und die wir ihm treuherzig mit baarem Gelde bezahlen. Jeh. Werde nur nicht boͤſe. Ich hoffe, da wir nun einmal ſo tief in die Sache drin⸗ gen und lernen, wie wir es anfangen muͤſſen, ſo werden wir kuͤnftig wol das Geld im Lande behalten. Haben wir doch groͤßere Dichter als die Franzoſen, warum ſollten wir nicht wenigſtens eben ſo gute Putzmacherinnen mit der Zeit bekommen koͤnnen? Ich ſelbſt werde mein Scherflein beitragen, den National⸗ Ruhm zu retten. Er. Arme Boͤrſe! das wird dir viel koſten! Jch. Weißt du was? Daniit ich nicht durch allzuviele vergebliche Verſuche vergebliche Koſten mache, ſetze du mir, bevor ich anfange, die Sache im Einzelnen recht beſtimmt und deutlich vor Augen. 1 Er. Ich will es mit dem Putz und der 132 Kleidung verſuchen, als mit dem Theil der Mode, der euch doch zunaͤchſt am Herzen liegt. Was ſoll der Putz? Nicht wahr, er ſoll die Schoͤnheiten des Koͤrpers in das vortheilhaf⸗ teſte Licht ſtellen, ſeine etwanigen Maͤngel ge⸗ ſchickt verbergen, und, wo moͤglich, ihm noch neue Reitze mehr geben? Jeh. Richtig. Er. Das kann man aber auf vielerlei Weiſe zu Stande bringen, wie es denn auch vielerlei Schoͤnheiten und Maͤngel der Bildung giebt. Jech. Das iſt eben ſchlimm! An welche Weiſe ſoll man ſich nun halten? Er. Es giebt, zu deinem Troſte, in jener Art und Weiſe doch immer etwas Gemeinſa⸗ mes, etwas, worin faſt alle Zeitgenoſſen meh⸗ oder weniger uͤbereinkommen. Der Geiſt des Zeitalters hat darauf ſeinen Einfluß und bringt darin Veränderungen hervor. In den Zeiten der abgemeſſenen Etikette trug man ſich ſteifer, ab⸗ gezirkelter, in unſeren Tagen der groͤßeren Zwangloſigkeit traͤgt man ſich auch ungezwun⸗ gener und willluuͤhrlicher. Aber nicht allein durch den Geiſt des Zeitalters, ſondern auch 133 durch den allgemeinen Charakter der Nation wird jenes Gemeinſame veraͤndert. Wenn eine Englaͤnderin und Franzoͤſin ſich mit Freiheit kleiden, ſo werden ſie es auf verſchiedene Weiſe thun. Jenes Gemeinſame iſt, denk' ich, anzunehmen, ſo lange man Anſpruͤche ma⸗ chen kann, zu der Welt zu gehoͤren, die gefal⸗ len will— das giebt die vernuͤnftige Mode: aber das Beſondere, das Individuelle iſt nicht geradehin, wie man es findet, anzuneh⸗ men, ſondern man ſoll fuͤr ſich etwas daraus bilden; nimmt man es aber geradehin an, oder mit andern Worten, macht man es nach, ſo giebt es die alberne Mode. Habe ich dich noch nicht ermuͤdet? IJch. Du ſieheſt, ich bin die perſoniſizirte Aufmerkſamkeit. Er. Bald ſollſt du dieſe Metamorphoſe los und ledig werden. Laß mich nur noch um der Verſtaͤndlichkeit willen etwas von dem Nationalen hinzuſetzen. Die Franzoͤſin hat und liebt die reitzende Leichtigkeit: ſie will dieſe auch in ihrer Tracht zeigen. Sie hat feinen Geſchmack, verſteht zu waͤhlen, weiß, — 134 was zuſammen gehoͤrt— ſie gefaͤllt.— Die Englaͤnderin hat und liebt ſittſamen Anſtand und weibliche Wuͤrde, und wuͤnſcht dieſe auch durch ihre Kleidung an den Tag zu legen. Sie hat einen gewiſſen ſichern Takt des Ge⸗ fuͤhls: dieſer leitet ſie,— ſie gefaͤllt auch.— Jeh. Und die Deutſchen? Er. Die Deutſchen reflectiren. Jeh. Ich erſchrecke! Er. Vor unſrer Reflexion doch nicht mehr, als vor Gicht und Lungenſucht? Jech. Wie kommen dieſe grauſen Geſtal⸗ ten hieher? Er. Die Nachaͤffung hat ihnen den Ein⸗ gang geoͤffnet, ſie ſind die Furien, welche die deutſchen Weiber verfolgen, weil ſie ſich an ihrem himmliſchen Vorrechte, an ihrem eigenen Geiſte verſuͤndigt haben, ſeitdem ſie den Franzoͤſinnen nicht nachahmen, ſon⸗ dern nachaͤffen, unter einem rauhern Himmel; den Franzoͤſinnen, welche eine waͤrmere Son⸗ ne, ein waͤrmeres Blut, mehr Leben, mehr inneres Feuer und eine weniger gebrechliche Konſtitution haben, und welche auch nicht ohne Strafe der raͤchenden Natur es wie⸗ der den Griechinnen aus einem noch milderen Klima nachgemacht haben. Ich. Wie haͤtte uns aber die theure Reflexion dagegen ſchuͤtzen ſollen? Er. Dieſer Grundzug des deutſchen Cha⸗ rakters ſollte ſich nun auch durch eure Klei⸗ dung und durch euern Pub an den Wuas legen. Jech. Wie ehemals die Kupferſtiches auf den Weſten— aber die Reſlexionen muͤßten huͤbſch mit deutſchen Lettern auf deutſche Fa⸗ brikate gedruckt werden. Er. Ich will dir gleich zu dem Vehuf die erſte vorſagen: Man ſoll weder die Fran⸗ zoͤſinnen noch die Englaͤnderinnen kopiren, ſondern auf beide merken, und ſo merken, um von dem, was ihnen gehoͤrt, nur das Zweckmaͤßigſte wie das Schönſte zu waͤhlen, und, giebt der Himmel eigene Ideen, es zu etwas Eigenem umzuſchaffen. Jch. Das iſt ſehr deutlich! Jetzt kann ich der guten Paſtorin einen ſehr weiſen Rath geben; ſie mag ſich bei dir dafuͤr bedanken. 136 Er. Wie ſo? Jch. Sie fragte mich neutich wie ſie es auf dem Lande, wo die Einkuͤnfte fuͤr die abwechſelnden Moden nicht hinreichen, anzu⸗ fangen habe, den Beſuchenden aus der Stadt durch ihre Kleidung nicht aufzufallen. Er. Und was willſt du rathen? Jeh. Daß ſſie ſich ſo einfach als moͤglich und nach ihren eigenen Ideen kleide. So werde ſie nie auffallen, und nicht Gefahr lau⸗ fen, weder laͤcherlich noch altmodiſch gekleidet zu erſcheinen. Ich wuͤrde dich bitten, unſer Geſpraͤch fortzuſetzen, aber ich glaube, der Akazienduft hat meinen Kopf ein wenig ange⸗ griffen. Er. Ei, dann müͤſſen wir heute es ja dabei bewenden laſſen. Nimm es indeß als Vorerinnerungen zu dem an, was wir ein andermal, wenn du Gefallen daran haſt, ſorg⸗ ſamer beſprechen können. Jetzt gieb mir dei⸗ nen Arm und komm mit mir in das Thal hinab. Der Apfelbaum. Wir fuhren ſonſt wol auch im Winter auf un⸗ ſer Landgut. Es liegt nur eine kleine Meile von der Stadt. Diesmal redete mir's mein guter Mann ſchon im Spatherbſt aus, wenn ich hin wollte; den Winter kamen wir gar nicht in's Freie, und auch jetzt, in den erſten ſchoͤnen Maͤrztagen, machte mein Karl Weitlaͤuftigkei⸗ ten. Noch ein wenig unwillig gab er aber doch endlich meinen Wuͤnſchen nach und wir fuhren hinaus. Was machte ich fuͤr Augen, als ich unſern — freilich gehollaͤnderten*), großen Garten ſo verwuͤſtet und eine Menge Arbeiter beſchaͤf⸗ tigt ſah, ihn in eine Engliſche Anlage umzufor⸗ men. Du haſt dir ſelbſt die Freude verdorben, ſagte mein Mann; das ſollte alles fertig ſeyn, ehe du es ſaͤheſt und bekaͤmeſt.— Ich erkannte *) Meine Jungfer, die das Blatt abſchreiben ſollte, hatte geſchrieben„gehohlnaͤdelten.“ 138— ſeine Guͤte, ich ſah ihn erkenntlich an: aber ſprechen konnt' ich nicht. Ich war ſo gluͤcklich geweſen in den verſchnittenen Lauben, unter den bluͤhenden Obſtbaͤumen, im Schatten des dich⸗ ten Buchenganges! Die Verwandlung ſchmerzte mich allzuſehr. Dankbar, aber auch, damit mein Karl mich nicht beobachten moͤchte, kuͤßte ich ihn. Er bemerkte wirklich nichts. Ich zwang mich heiter zu ſcheinen, und wurde es daruͤber ſchon wirklich: da faͤllt mir ein Tag⸗ aoͤhner in die Augen, der eben den erſten gewal⸗ tigen Hieb in den Apfelbaum thut, der beim Ausgange, dort nach dem Felde, ſtehet. Auf einmal brach alles Verhaltene durch: 9 Karl, rief ich, nur dieſen Baum laß mir ſtehen!— Wahrſcheinlich draͤngte ich mich dabei an ſeine Bruſt, und ich ſtehe ſogar nicht dafuͤr, daß mir nicht eine Thraͤne in's Auge getreten ſeyn mag. Er that dem Arbeiter Einhalt, ſchien uͤberraſcht— aber unangenehm; doch ſchwieg er, und wir traten hinzu, zu unterſuchen, wie tief die Art eingedrungen ſey. 2* 4 Endlich begann mein Karl: Ich moͤchte aber doch wiſſen, warum gerade dieſer hoͤck⸗ — 139 rige Apfelbaum dir ſo— an's Herz gewach⸗ ſen iſt? Ich uͤberhoͤrte gern das Bittere in dieſer Wendung des Ausdrucks. Karl, ſagte ich, du weißt den Spaziergang nicht mehr, wo mir zum erſtenmal unſer gewohnter Weg zu weit ward, ich es dir verbergen wollte, aber nicht weiter als unter dieſen, eben damals bluͤhenden Baum konnte, und du mir ein Geſtaͤndnis ab⸗ lockteſt— Karl, du weißt den Spaziergang nicht mehr? Den eilften Mai werden's ſieben Jahre! Er druͤckte mich mit Waͤrme an ſeine Bruſt. Wir ſprachen nach einer Weile von andern Dingen und fuhren zuruͤck. Geſtern kam ich zum erſtenmal wieder in den Garten. Ich getraute mir nicht, nach dem Baume zu ſehen; Karl fuͤhrte mich, wie zufaͤl⸗ lig, dahin. Mein Baum ſtand, und um ihn ein ſchoͤner Raſenſitz und die artigſte Umgebung von Blumen. Wie mich das freuete! Ich ging naͤher: mein Baum war ſorgſam umwik⸗ kelt, ſeine Wunde verbunden: das freuete mich noch viel mehr, und ich weiß nicht, wie ich es 140— geäͤußert haben mag— wol aber gar zu leb⸗ haft und unbeſonnen. Mein Gott! ſagte Karl: dieſe Bandage, die dir jeder Bauer fuͤr zwei Groſchen macht, ſcheint dir ja mehr Freude zu machen, als die ganze Anlage, die nach den ſchoͤnſten Planen, und wahrlich um keine Klei⸗ nigkeit, ausgefuͤhrt wird! Ihr bleibt doch ewig wunderliche Geſchoͤpfe, ihr Weiber!—— Und ihr bleibt doch ewig wunderliche Ge⸗ ſchoͤpfe, ihr Maͤnner, die ihr glaubt, es werde uns irgend Etwas darum lieb, weil es viel Nachſinnen, viel Muͤhe, viel Geld koſtet! Was uns wahrhaftig— ich moͤchte ſagen: ſo recht eigentlich lieb wird, wird es, wir wiſſen ſelbſt nicht warum, aber doch aus Urſachen, auf die ihr ſchwerlich kommt. Dies uns laſſen, dies ſchonen, und, wollt ihr recht gut ſeyn, dies hegen und pflegen, wenn auch dann mitunter belaͤcheln—: das iſt es, wo⸗ mit ihr uns die herzinnigſte Freude macht, und das habt ihr gemeiniglich umſonſt.(Auch ohne Unbequemlichkeit— bitte ich zu bemerken!) Ich, wollte aber, es verriethe uns eine Schweſter, die die Sache von Grund aus ver⸗ — 141 ſtehet, und fein in der Uebung hat, wie wir andern es anfangen, daß die Maͤnner fuͤr ſolche kleine Dinge Sinn und guten Willen be⸗ kommen? Es beruhet wol ein großer Theil unſers und ihres Gluͤcks auf dieſen kleinen Dingen! Nicht? F. v. W. Bruchſtuͤcke aus den Briefen und dem Leben der Ninon de Lenclos.*) Weiblicher Briefſtyl. Schon neulich hab' ich behauptet, wir Wei⸗ ber ſchreiben beſſere Briefe, als ihr Maͤnner. Heute will zu finden ſuchen, warum? *) Bekanntlich hat man, außer vielen Frag⸗ menten bei Voltaire und Andern, zwei Samm⸗ lungen Briefe dieſer Aſpaſia zur Zeit des fran⸗ zoͤſiſchen Perikles— Ludwigs des vierzehnten. Die eine dieſer Sammlungen enthaͤlt Briefe an den beruhmten Marquis de Sévigné, die andere, den Briefwechſel zwiſchen Ninon,⸗ dem Marquis de Villarceau und der bekann⸗ ten Maintenon. Man hat an der Aechtheit aller dieſer Briefe gezweifelt: das kann den Leſerinnen dieſer Fragmente gleichguͤltig ſeyn, da ſie ſo ſind, daß ſie jene geiſtreiche Frau wenigſtens geſchrieben haben koͤnnte.— 143 Wir empfinden lebhafter, und unſer Ge⸗ fuͤhl iſt feiner, als das eure. Dieſer Feinheit verdanken wir, daß uns tauſend kleine Nuͤan⸗ cen nicht entgehen, die euern Augen entſchluͤp⸗ fen; und jener Lebhaftigkeit, daß wir ſie gut darſtellen. Euer Geiſt und Geſchmack weiß das zu ſchaͤtzen, wenn es, ſchwarz auf weiß, daſtehet: aber euer Geiſt und Geſchmack wird es, wenn es im fluͤchtigen Leben vorkoͤmmt, nicht finden. Mit unſerm Styl iſts nun, wie mit unſern Empfindungen und deren Aeuße⸗ rungen uͤberhaupt. Wie wiſſen wir eine kraͤn⸗ kelnde Seele zu beruhigen, eine gebeugte aufzu⸗ richten! Durch wie viele kleine Aufmerkſamkeiten verſtehen wir den Unmuth zu verſcheuchen, die Leiden zu mildern! Welche Beharrlichkeit ſte⸗ het uns hierbey zu Gebote! Wolltet ihr das nachahmen— es waͤre vergeblich; ihr uͤber⸗ ſchrittet die kleinen Abſtufungen, auf wel⸗ chen man hier fortſchreiten muß, um zum Ziel Ninons Leben iſt mehrmals beſchrieben wor⸗ den. Die hier benutzten Memoiren, die ich hier genauer zu bezeichnen Bedenken trage, gelten fuͤr die zuverlaͤſſigſte dieſer Biographien. 144— zu gelangen und vom Andern gern dahin begleitet zu werden. So nimmt nun auch unſer Briefſtyl jene anziehende Mannigfaltigkeit, jene ſanften, all⸗ maͤligen Uebergaͤnge an, die euch mangeln. Ihr ſeid glaͤnzender an kraͤftigen Gedanken, reicher an darſtellenden Bildern, als wir: aber ſelbſt durch eure Phantaſie ſchadet ihr euch. Ihre Heftigkeit reißt euch fort von einem Gedanken zum andern, ſtatt daß wir den Einen lieber feſthalten, und mit Liebe wei⸗ ter entwickeln und ausbilden. Zuweilen bedarf es eines einzigen Wortes, um dem Gedanken alle Anmuth und Klarheit zu geben: eure Hitze verfehlt, unſre Gemaͤchlichkeit findet es; ihr verirret euch daruͤber in hochtoͤnende Phra⸗ ſen, wir laſſen es mit dem rechten Woͤrtchen bewenden: und am Ende ſind wir Malerinnen geweſen, wo ihr nur Redner waret. Leſen Sie die Briefe eines liebenden— ſelbſt eines leidenſchaftlich liebenden Weibes: ſie ſind nicht ſo feurig, nicht ſo begeiſtert, wie die Briefe ihres Geliebten, und gleichwohl erkennen Sie die Liebe darin viel deutlicher. 145 Sie finden vielleicht nicht Eine energiſche Phraſe, nicht Einen Ausbruch einer trunkenen Seele: aber jede Wendung athmet Zaͤrtlichkeit und Hingebung; dieſe allein ſcheinen die Worte diktirt zu haben und zu verbinden; dieſe allein geben dem Styl, ſelbſt bis auf ſeine Unord⸗ nungen, das Gepraͤge; kein fremdartiger Ge⸗ danke draͤngt ſich ein—— Es begreift ſich das auch leicht. Lieber Marquis— unſer ganzes Gluͤck oder Un⸗ gluͤck wird durch Freundſchaft und Liebe ent⸗ ſchieden; unſer Leben bekoͤmmt nur durch ſie ſein hoͤchſtes Intereſſe: eben darum ſinnen wir mehr daruͤber, lernen wir ſie beſſer berechnen, als ihr, faſſen ihre Eigenheiten, ihre feineren Wendungen richtiger auf, und koͤnnen ſie mit⸗ hin auch richtiger darſtellen. Nehmen Sie (unter uns!) noch dazu, daß es uns allen nicht an der Fertigkeit fehlt, unſere Gefuͤhle zu verbergen, wol auch ein wenig zu heucheln; und daß ſelbſt unſere Eigenliebe befiehlt, uns immer nach den Umſtaͤnden zu bequemen—! Das verlangt Studium und Selbſtbeherrſchung! Es mag das unter eurer Wuͤrde ſeyn: aber 8. f. F. 1. H. 10 146 dafuͤr giebt ſich auch unſere Eigenliebe— ſelbſt wenn ſie der eurigen gleich kaͤme, oder ſie wol gar uͤbertraͤfe— nicht ſo blos; und das muß nun auch von vielfaͤltigem Einfluß auf unſern Styl ſeyn. Hierzu koͤmmt noch die gute Laune, die Leichtfertigkeit, welche allein ſchon einen Brief anziehend machen koͤnnen. So giebt uns denn alles, auch unſere Schwäche und unſer Leicht⸗ ſinn, hier ein Uebergewicht uͤber euch. Nun haͤlt unſere angeborne Neigung zu ſchmeicheln, wie das geheime Beduͤrfnis zu gefallen, Wa⸗ che, daß wir von jenen Talenten keinen nach⸗ theiligen Gebrauch machen— die Leichtfertig⸗ keit nicht zur Hoͤhnerei, den Muthwillen nicht zur Bitterkeit werden laſſen. Und wenn end⸗ lich unſer Geiſt auch keine neuen Ideen erzeugt, ſo leitet er uns doch, unter Aufſicht des Ge⸗ ſchmacks, zu neuen Zuſammenſtellungen, zu uͤberraſchenden Verbindungen— und in dieſen Eigenheiten der Wendungen, ſelbſt wenn ſie nachlaͤſſig hingeworfen ſind, finde ich das An⸗ muthigſte unſerer Darſtellungsweiſe. Das ſind ungefaͤhr meine Gedanken uͤber 147 dieſen Gegenſtand. Vielleicht hab' ich Ihnen daruͤber nur vorgeſchwatzt, lieber Marquis; aber es kann nichts helfen, Sie ſind nun ein⸗ mal der Vertraute von allem, was in meinem Kopf' und Herzen vorgeht.—— Weiblicher Erziehungsplan. Unſere Herzen ſtimmen zu ſehr uͤberein, lieber St. Evremont, daß ich meine Erkennt⸗ lichkeit durch die Verſicherung auszudruͤcken wage, es muͤſſe Sie gluͤcklich machen, daß Sie Ihrer beſten Freundin jetzt einen wichtigen Dienſt erzeigen, und Ihre Anhaͤnglichkeit an ſie mit der zarteſten Delikateſſe entwickeln koͤn⸗ nen. Ich kenne in der Freundſchaft nichts Ed⸗ leres, nichts Ruͤhrenderes, als was Sie mir leiſten, und Sie empfinden gewiß, wie eine gute That ſich durch ſtille Zufriedenheit ſelbſt belohnt. Nichts koͤnnte meinem Sohne guͤn⸗ ſtiger ſeyn, als die Einrichtungen, die Sie fuͤr ihn getroffen haben. Ich kann mich zwar auf 148 ſeinen Fuͤhrer verlaſſen; aber es iſt mir doch lieb, daß Sie auch auf dieſen ein Auge haben. Feine Welt werden Sie bei dieſem Manne nicht finden, und wirklich, ich mache mir daraus hier am wenigſten. Dieſe Gewandtheit und Leich⸗ tigkeit im Umgange findet ſich bei jungen Leu⸗ ten, deren Aeltern in guter Geſellſchaft leben, ſchon von ſelbſt. Dagegen werden Sie eine Anlage zur Empfindlichkeit an ihm entdecken. Wer ſich bewußt iſt, durch Geiſt und Kenntniſſe fuͤr einen hoͤhern Beruf geeignet, und vom Ge⸗ ſchick in einen niedrigern verwieſen zu ſeyn— wie leicht haͤngt der an Gedanken uͤber dieſen ſeinen geringern Platz! wie ſchwer muß ihm der platte Uebermuth ſo Vieler zu ertragen ſeyn, die kein Verdienſt haben, als von der oder jener geboren zu ſeyn, und die doch, wo ſie nur koͤnnen, den herabwuͤrdigen, der keinen Adel hat, als in ſeinem innern Werthe! Er beſitzt aber viele Vorzuͤge, dieſer Fuͤhrer mei⸗ nes Sohnes: ſein Charakter iſt ſanft und gut; er verſtehet Sprachen, Geſchichte, Mathema⸗ tik, Naturlehre. Charleval und Desyvetaux ſind, wie ich, mit ſeinem Kopfe zufrieden; 149 das iſt ja alles, was man verlangen kann, und iſt ſo viel, daß man es ohne eine kleine Zugabe von Maͤngeln nicht fordern darf. Jene Empfind⸗ lichkeit muß man, glaub' ich, ſchonen, doch ihr darum nicht ſchmeicheln; ſein feines Gefuͤhl nicht beleidigen, doch darum in ſeine Launen ſich nicht ſchmiegen. Wenigſtens iſt dies fuͤr mich das beſte Mittel, um die Eigenliebe von Men⸗ ſchen, die mir werth ſind, unvermerkt abzulei⸗ ten und ſogar zu benutzen; ſo lebe ich im beſten Verhaͤltnis mit Leuten, denen Andere, dieſes Fehlers wegen, aus dem Wege gehen, weil es ihnen an allen geſelligen Tugenden fehle. Nun zu meinem Sohne, und was ich ohn⸗ gefaͤhr fuͤr ihn von ſeinem Fuͤhrer wuͤnſche. Er bilde ſeinen Charakter durch Geduld und Feſtig⸗ keit; aber dieſe Geduld werde nicht Schwaͤche, dieſe Feſtigkeit nicht Eigenſinn. Die Ausbil⸗ dung ſeiner koͤrperlichen Talente uͤberlaſſe er der Natur; kleine Gefahren ſcheue er dabei nicht aͤngſtlich, ohne ihn jedoch groͤßern ohne Noth auszuſetzen. Die Entwickelung ſeines Kopfs erwarte er von ſeiner Wißbegierde. Aber dieſe zu reitzen muß er verſtehen; ſo wie, geſchickte 150 Veranlaſſungen herbeizufuͤhren, damit ſie ſich auf das lenke, was ihm zu wiſſen wirklich nuͤtzt. Richtig zu denken wird er ihn gewoͤhnen, wenn er auf vernuͤnftige Fragen richtig antwortet, auf thoͤrigte oder unbedeutende ſtillſchweigt. Koͤmmt mein Sohn in reifere Jahre, ſo benutze er ſeine Eigenliebe, ſeine Reitzbarkeit, ſeinen Verſtand, um aus ihm— wozu ſich nun Anlagen finden— einen liebenswuͤrdigen, oder einen beruͤhmten, oder einen gelehrten Mann zu machen. Das gilt mir gleich: nur bilde er ihn in jedem Falle zu einem rechtſchaffenen Manne, und zwar vor⸗ nehmlich durch Ehrgeiz— laſſen Sie mir das Wort ſtehen: ich weiß, was ich ſchreibe. Er uͤberzeuge ihn darum immer durch eigene Erfah⸗ rungen, daß er ſelbſt am meiſten dabei gewinne, wenn er tugendhaft iſt—— Sehen Sie, lieber St. Evremont, das ſind einige Grundzuͤge zu meinem Erziehungsſyſtem. Ich werde mich von Zeit zu Zeit uͤber einzelne Punkte deſſelben weiter mit Ihnen unterhalten. Ich ſetze keine Sylbe von meiner Dankbar⸗ keit her: ſie iſt ſo innig, wie meine Freund⸗ ſchaft fuͤr Sie.— — 151 Und dieſer geliebte Sohn hatte ein ſo chres liches Schickſal! Sein Vater, der Marquis de Gerſay, (Ninon war nie vermaͤhlt) entfernte ihn ſchon in den erſten Lebensjahren von ſeiner Mutter, und nahm von dieſer die heiligſte Zuſage einer ewigen Verſchwiegenheit ihres geheimen Ver⸗ haͤltniſſs, gegen den Sohn. Der Marquis ließ dieſen unter dem Namen eines Chevalier de Villiers auf dem Lande erziehen, bis ihm die Bildung fuͤr die Welt noͤthig, und um ſo noͤthi⸗ ger wurde, da er fuͤr den Hof beſtimmt war. Der Chevalier koͤmmt nach Paris, hoͤrt von dem Hauſe der Ninon, als dem Sammelplatze der ſchoͤnen Welt und der beſten Bildungsanſtalt junger Weltleute: er laͤßt ſich einfuͤhren, ſiehet ſeine Mutter, und dieſe regt die erſten Empfin⸗ dungen der Liebe in ſeiner aͤußerſt lebhaften Seele auf. Je inniger er liebt, je ergebner er huldigt: je ſchuͤchterner iſt er gegen ſeine Mut⸗ ter. Dieſe bemerkt nur ſeine Schuͤchternheit, und uͤberlaͤßt ſich gern dem geheimen Entzuͤcken, 152 ihren Sohn unerkannt oft um ſich zu ſehen und zu ſeiner Bildung beizutragen. Endlich ſchoöͤpft ſie Verdacht. Mit Entſetzen ziehet ſie ſich zu⸗ ruͤck, ſucht den Juͤngling aus ihrem Hauſe zu entfernen: das facht ſeine Leidenſchaft nur hefti⸗ ger an. Alle Verſuche, ihn zu heilen, ſind ver⸗ geblich; er haͤlt ſich fuͤr verſchmaͤhet, fuͤr ungluͤck⸗ lich, und wuͤnſcht nun nichts mehr, als der Ge⸗ liebten nur Einmal ſeine Zaͤrtlichkeit zu geſtehen, und dann ſie auf immer zu fliehen. Er weiß ſich Gelegenheit zu verſchaffen, ſie in ihrem Gar⸗ tenhauſe allein zu treffen: er dringt ihr ſein Ge⸗ heimnis auf— heiße Thraͤnen ſtuͤrzen aus den Augen der Mutter. Er nimmt dieſe Thraͤnen fuͤr Vorboten ſeines Gluͤcks, er iſt außer ſich vor Entzuͤcken: ſie weiß ſich nicht zu retten, als daß ſie ihren Eid bricht und dem Ungluͤcklichen ſeine Abkunft verraͤth. Schaudernd, ſinnlos ſtuͤrzt er zuruͤck— kalt bittet er dann um Erlaubnis, ſich im Garten faſſen zu lernen. Er gehet ins Bosket, ziehet den Degen und durchſtoͤßt ſich. Er lebt nur noch ſo lange, um der Mutter die Hand zu reichen und mit Blicken um Verzeihung zu flehen—— 153 Le Sage hat dieſes Ereignis in ſeinen Gilblas verwebt: der Himmel vergebe ihm die eiskalten Tiraden und gedrechſelten Antithe⸗ ſen, mit welchen er ſeine Erzaͤhlung entſtellt hat! Mir iſt die bloſe Thatſache ſo entſetzlich, daß ich ſelbſt die Schilderung des Zuſtandes der Mutter nicht hieher ſetzen mag. Wahl der Geliebten. Wie, mein Herr? ich ſchildere Ihnen mit ſolcher Sorgfalt die Frau, die Sie, gerade Sie gluͤcklich machen koͤnnte, und die Sie Sich ſuchen ſollen: und Sie legen Schilderung und Rath ſo geruhig bei Seite? und mit dem Ein⸗ wand— man ſey nicht Herr ſeines Herzens, um es zu verſchenken, an wen man wolle, und habe folglich keine freie Wahl— mit dieſem Einwand glauben Sie mir einen unuͤberſteiglichen Fels in den Weg geworfen zu haben? Mit dieſer Opern⸗ Moral? Gehen Sie, Marquis! uͤberlaſſen Sie dieſen Gemeinplatz den Frauen, die damit ihre Schwaͤchen zu entſchuldigen verſuchen! Sie muͤſſen doch etwas haben, worauf ſie die Schuld 154 ſchieben— wie Montagne's ehrlicher Kammer⸗ herr, der, wenn ihn das Zipperlein ſtach, weniger Schmerz fuͤhlte, indem er rief: das verwuͤnſchte Bein! Sie moͤgen ſagen: Es iſt Zug der Sympathie... ſie iſt ſtaͤrker, als ich... kann man Herr ſeyn ſeiner Gefuͤhle.. 2 Den armen Kindern darf man ſo ſchoͤne Gruͤnde nicht umſtoßen, obſchon man, ihnen gemaͤß, die ganze Welt in die Arme ſchließen und doch recht uͤbrig haben koͤnnte! Glauben Sie mir, ſolche Entſchuldigungen, weit entfernt Fehltritte zu beſchoͤnigen, verrathen vielmehr, daß man noch keine Luſt habe, ſie zu verbeſſern. Ich fuͤr mein Theil nehme mir die Freiheit, andrer Meinung zu ſeyn. Die Ueberzeugung, daß es nicht un⸗ moͤglich iſt, ſeine Neigungen zu beherrſchen, iſt mir genug, um allen vernunftwidrigen und entehrenden das Urtheil zu ſprechen. Sagen Sie: können die Frauen nicht eine Schwaͤche, die ſie uͤbereilt hat, beſiegen, wenn ſie erfahren, daß der Gegenſtand ihrer Zuneigung ihrer unwuͤr⸗ dig ſey? Noch mehr: wie oft haben ſie nicht ſelbſt die zaͤrtlichſte Liebe um einer konventionellen Heirath willen unterdruͤckt? So iſt es alſo — 1⁵⁵ doch moͤglich! und ſo muß es ja auch um der Vernunft willen thunlich ſeyn! Denken Sie nur nicht an die Romane, und ziehen Sie die Poeſie nicht in die Wirklichkeit! Flucht, Zeit, Abweſenheit ſind Mittel, denen eine Leidenſchaft, und nehmen Sie ſie als noch ſo lebhaft an, nie widerſteht; unvermerkt wird ſie ſchwaͤcher, endlich verliſcht ſie ganz, und an ihre Stelle tritt nur ein ſtilles Wohlgefal⸗ len in der Erinnerung— wie man etwa an ſeine Jugend denkt, wenn man alt iſt. Wer wird aber dagegen etwas haben?— Ich weiß davon zu ſprechen— ich! aber ich weiß auch, daß es zu ſolchem Unternehmen nichts, als der Staͤrke der Vernunft bedarf. Stellt man ſich die Schwierigkeiten zu ſiegen gar zu ſchwer vor: freilich, dann verliert man den Muth, es nur ernſtlich zu verſuchen! Auch geſtehe ich Ihnen gern zu, daß dieſer Sieg im wirklichen Leben nicht gar oft er⸗ fochten wird: aber daran iſt eben Schuld, daß man es nicht recht ernſtlich verſuchen mag!— Ich bleibe bey dem alten Satze: Leidenſchaf⸗ ten ausrotten, heißt uns ſelbſt vernichten: 156 aber ordnen muß man ſie. Sie kommen mir vor, wie die Gifte in der Arzeneykunſt: durch einen geſchickten Chemiker zugerichtet, werden ſie wohlthaͤtige Heilmittel.— (Wird fortgeſetzt.) Tante Hedwig. * Der verſtorbene**, als Freund und Schrift⸗ ſteller mir ewig hochachtungswerth, als Beobach⸗ ter und Geſellſchafter,(beſonders wenn er Cha⸗ raktere zergliederte oder erzaͤhlte,) vielleicht ein⸗ zig—**vB§ kam, ehe ihn Bequemlichkeit und Jahre faſt unmobil machten, oft in unſer Haus; auch damals ſchon, als ich vor kurzem erſt durch die Verbindung mit meinem Gemal begluͤckt war. Er will bei euch Frauenzimmern erſt fußen, verrieth mir mein Mann, ob er ſich, wie bisher, gehen laſſen darf, und ob ihr ihm etwas ſeyn könnet, und er euch. Er fuße nur, ſagte ich, und that unbefangen. Er kam, er ſetzte ſich zu uns Frauen, er ſchwatzte von Hun⸗ derterlei. Ich gab— von meinem Beſten: er ſchien es erkenntlich aufzunehmen; aber nicht ohne geheimen Verdruß bemexrkte ich,(ich war J. f. F. II. H. 1 2 noch ſehr jung,) daß er doch mehr Aufmerkſam⸗ keit auf meine Tante, als auf mich richtete. Ich wollt' ihn reizen, ließ mich abrufen— ſehr gelaſſen nahm er meine Entſchuldigung an, und blieb ſtundenlang allein mit der Tante. Unbe⸗ greiflich! kein Menſch in der Welt fand unſere Hedwig intereſſant!— Als ich mit dem ſeltſa⸗ men Manne einſt auch allein war, ließ ich meine Verwunderung, vielleicht auch meine Empfind⸗ lichkeit, in einigen Wendungen ſich aͤußern. Er bemerkte kaum, wohinaus ich wollte, als er trocken einfiel: Ich laͤugne es nicht, die Tante iſt zeither fuͤr mich ſehr anziehend geweſen. Sie iſt ſehr gluͤcklich— Schwerlich! Wenn ich fragen duͤrfte: wodurch—— Vernuͤnftige Leute duͤrfen einander nach allem fragen; nur nehmen ſie es auch nicht uͤbel, wenn ſie ſtatt einer Antwort erfahren, man koͤnne ihnen keine geben. Was wol hier der Fall ſeyn wird? Er beſann ſich ein Weilchen, dann ſagte er: Nein! warum ſollt' ich gegen Sie zuruͤckhalten? — 3 Wodurch mir die Tante anziehend geworden, fragen Sie? Blos durch ihren Geiz! Wie? durch ihren Geiz? rief ich befremdet. Ich geſtehe, daß mich dieſer zwar zuweilen druͤckt, aber ſeine Anziehungskraft iſt mir noch nicht bemerklich geworden. Weil Sie ihn nicht gehoͤrig aus der Ferne anſehen! Ich verſtehe Sie nicht. Denken Sie Sich, Ihre Tante waͤre auf dem Theater, wo ſie die geizige Hausmutter ſpielte, und Sie durch den zauberiſchen Licht⸗ kreis vor dem Proſcenium von ihr geſchieden waͤren:— nicht wahr, dann gaͤbe ſie Ihnen keine unintereſſante Darſtellung? Sie iſt geizig, durch und durch: ſchon das!— Nur die fein verſchliffenen Menſchen, die alle einander gleich ſehen, auf deren Stahlpolitur kein Troͤpf⸗ chen haftet, bleiben und machen, wie Stahl, kalt, und ſind langweilig. Nun iſt ja auch Tante Hedwig uͤbrigens eine ſo kluge, ſelbſt gute Frau; der entſcheidende Zug ihres Charakters wird ſo ſeltſam mit andern Ingredienzien ver⸗ ſetzt: das erhoͤhet das Intereſſe, und laͤßt ſie 4 nicht ins Gemeine verſinken. Aber, wie geſagt, es gehoͤrt ruhige Betrachtung dazu, und— Sie haben keine Ruhe. Bitt' um Vergebung! Sie haben gut reden: zwiſchen Ihnen und ihr iſt der zauberiſche Lihiis gezogen; aber ich muß mitſpielen! Sie brauchten es wenigſtens bei weitem nicht ſo oft, als Sie's thun: aber das iſt nun ſchon eine Eigenheit der Schauſpielerinnen! Indeſ⸗ ſen— die geuͤbte Kuͤnſtlerin beobachtet auch waͤhrend ihres Spiels ſich und die Andern, und profitirt ſelbſt von ihren Fehlern. Ich bin nicht geuͤbt— fuhr ich heraus, von leichtem Verdruß uͤbereilt. Lungſam und laͤchelnd ſagte er:. bn. Geuͤbt ſeyn heißt, ſich vfte und anhaltend geuͤbet haben.— Ich mußte erſt uͤber ſeinen poſſierlichen Ton, und hernach auch uͤber meine Undernunfe lachen. Dann fuhr er fort: Liebes Frauchen: nur dadurch, daß man die Menſchen ſo aus der Ferne, ſo als Erſcheinun⸗ gen, als lebende Bilder betrachtet, koͤmmt man mit ihnen allen aus, laͤßt jedem ſein Recht — 5 wiederfahren, erhaͤlt eben darum von ihnen mei⸗ ſtens auch ſein Recht, und ſindet den Umgang mit ihnen nicht mehr ennuyant. Und wird daruͤber ſelbſt zum Schauſpie⸗ ler!— Vor ſich nicht! und vor Andern?— Wie wenige wollen uns anders? und auch die weni⸗ gen— wollen ſie uns immer, ganz wie uns Gott geſchaffen hat?— So empfehlen Sie uͤberall Kaͤlte und Hets⸗ loſigkeit? Iſt denn der wahre Schauſstcler kalt und herzlos? Wenn er immer beobachtet— freilich! Das ſcheint Ihnen ſo, eben weil Sie keine Schauſpielerin ſind! Ich wuͤrde aber gegen meine eigene Regel handeln, wenn ich Sie zu meiner Ueberzeugung heruͤberzulocken verſuchte. Wir finden ſchon einen Punkt, wo wir beide, ohne uns ſelbſt etwas zu vergeben, zuſammen⸗ treffen. Es hat nehmlich jeder Kuͤnſtler, den. der Himmel ſelbſt dazu beſtimmte, doch irgend ein Fach, wohin ihn ſeine ganze Individualitaͤt zunaͤchſt neigt; wo ihm, wenn er darin auftritt, 6 das Herz ganz aufgeht; wo die Einzeinheiten, die Ruͤckſichten, wie ſie auch heißen moͤgen, vor ihm verſchwinden, und er nicht anders kann, als ſich ganz hingeben. Nun denn— da mag er's auch thun, und wir wollen ihm da kleine Verſtoͤße, an welchen es nicht fehlen wird, um des ſchoͤnen, herzigen Ganzen willen, nicht an⸗ rechnen. Sie werden ihm rathen, daß er's in dieſem Falle ſo mache; ieh werd' es ihm wider⸗ rathen: es wird beides wahrſcheinlich vergebens ſeyn, und eben darum geſtehen wir's ihm zu. In dieſem Zugeſtehen alſo iſt der Punkt, wo wir beide Eins ſind.— Ich ſpreche doch deutlich, liebe Frau?— Ich verſtehe Sie ſo: Wir ſollen in Verhaͤlt⸗ niſſen mit Andern immer ſie und uns ſcharf beobachten; uns ſo weit in der Gewalt behalten, daß wir ihnen unſer Inneres, und wie wir eben jetzt, vielleicht durch ſie ſelbſt, geſtimmt ſind, nicht in gutmuͤthiger Herzlichkeit vorlegen; eben damit ſie auch in ſolche Ferne von uns ruͤcken, daß wir ſie, ohne durch Einzelnes ge⸗ reizt zu werden, betrachten und— genießen koͤnnen. So ſei es mit allen, zu denen uns — 6 nicht unſer ganzes inneres Weſen ziehet— die wir nicht mehr und anders lieben, als alles, was unſers Geſchlechts iſt. Mit dieſen aber wird es anders ſeyn: dieſen geben wir uns unbe⸗ ſorgt, mit voller Seele hin. Das duͤrfen wir— ſagen Sie; das ſollen wir— ſag' ich: es iſt nicht zu tadeln, ſagen wir beide!— Der Hauptſache nach, wollt' ich allerdings das ſagen— erwiederte er. Wir ſprachen noch lange uͤber dieſe Gegen⸗ ſtaͤnde; ich hatte noch gar vieles einzuwenden: am Ende mußte ich ihm aber ſeine Regel, mit Vorbehalt jener Ausnahme, zugeſtehen. End⸗ lich kamen wir wieder zur Tante. Sie ſagten vorhin, fuhr ich fort, zu ſolcher Betrachtung gehoͤre nur Ruhe— die ich freilich nicht haͤtte— Die Sie Sich aber verſchaffen koͤnnten— Es ſcheint mir jedoch, als gehoͤre noch etwas dazu, das ich mir ſchwerlich verſchaffen kann. Und das waͤre? Man muß wiſſen, wohin man mit den ein⸗ zelnen Aeußerungen der Andern, mit den einzel⸗ 8—— 1 nen Erſcheinungen und Erfahrungen ſoll! man muß ſie unter gewiſſe allgemeine Ueberſichten— ich moͤchte ſagen, in gewiſſe Faͤcher, bringen, muß ſie aus dem Ganzen anſehen koͤnnen— Da haben Sie Recht— Und zu dem Ende dies Allgemeine, das Ganze, das Fach, ſchon in ſich ſelbſt haben! Im Kopfe nehmlich! ſagte er laͤchelnd. Nun ja— da man, Gott ſei Dank, nicht alles ſeyn kann! Wer nur Kopf hat, dem iſt bey allem, wo es im Kopfe fehlt, bald nachgeholfen. Was nun z. B. die ehrliche Tante betrifft: ſo muͤßte ich den Geiz uͤberhaupt genau ken⸗ nen—— Er ſprach nun viel ungemein Gruͤndliches uͤber dieſe Leidenſchaft im Allgemeinen. Ich muͤßte— was mir ganz mangelt— ich muͤßte ſeine Gruͤndlichkeit, und zugleich ſeine Lebendig⸗ keit, ſeine Feinheit, ſeine Klarheit, ja auch ſei⸗ nen Witz beſitzen, wenn ich hier mehr, als einige Umriſſe feiner Darſalung nachzuzeichnen verſuchte. Der gemeinſte Grund, warum wir Andern 9 unrecht thun, und uns auch um die Ruhe, in der wir ſie beobachten und genießen koͤnnten, bringen, iſt: daß wir vorausſetzen, der ſcharfe Gegenſatz von Gut und Boͤs, wie er in uns iſt und ſeyn und bleiben ſoll, ſei nun auch ſo in der Welt wirklich ausgefuͤhrt. Der Menſch iſt geizig; folglich iſt er, meinen wir, nichts als ein Geizhals, und iſt boͤs, ſelbſt da, wo die ihn beherrſchende Neigung nicht ins Spiel koͤmmt; jener iſt wohlthaͤtig: folglich iſt er nichts als ein Wohlthaͤter, und iſt gut, auch wo ſeine Wohl⸗ thaͤtigkeit ſich nicht aͤußern kann.— Das iſt nun unſtatthaft: aber es iſt noch nicht alles. Selbſt dieſe herrſchenden Neigungen— dieſer Geiz, iſt freilich nicht gut, dieſe Wohlthaͤtigkeit freilich gut: aber ob ſie an dieſem und jenem Einzelnen, ſo ſchlechthin verdammlich oder ſo ſchlechthin edel ſei, als wir ſie, nach dem all⸗ gemeinen Bilde von Geiz oder Wohlthaͤtig⸗ keit in uns, finden: das haͤngt erſt von der naͤhern Beſchaffenheit dieſer Individuen ab.— Um uͤber herrſchende Fehler des Andern menſch⸗ lich zu denken und menſchlich gegen ſie geſin⸗ net zu ſeyn, muß man ihre Keime, wie ſie in 10 der uns allen gemeinen Menſchennatur liegen, aufzuſuchen, und ihre Entwickelungs⸗ und Bil⸗ dungsgeſchichte im Allgemeinen anzugeben wiſ⸗ ſen—— Hier hielt ich meinen Freund bei jenem Bei⸗ ſpiel feſt, und er gab mir— was ich, ſo weit ich mir deſſen noch bewußt bin, auf folgende Saͤtze zuruͤckzubringen verſuche: Gluͤcklich zu ſeyn, iſt, nach dem Triebe zu leben, der maͤchtigſte in uns. Wenn uns jener draͤngt, unſer Daſein moͤglichſt zu verlaͤngern; ſo draͤngt uns dieſer, unſer Daſein moͤglichſt zu genießen, und uns die Mittel zu verſchaffen, wo⸗ durch wir des meiſten Lebensgenuſſes theilhaftig werden koͤnnen. Bringen wir ein ſolches Mit⸗ tel zum Genuß in unſre Gewalt, ſo wird der Trieb, wenigſtens fuͤr den Moment, befriedigt. Jede Befriedigung eines Triebes macht Vergnuͤ⸗ gen; und die Befriedigung des Triebes nach Mitteln zum Genuß um ſo mehr, indem wir uns dabei, klar oder dunkel, zugleich des Gebrauchs bewußt werden, den wir davon ma⸗ chen koͤnnen, wenn wir auch thoͤrigt genug 11 ſind, oder andere Urſachen haben, nie Gebrauch davon zu machen.— Ich geſtehe, daß mir ſchon durch dieſe letzte Bemerkung, die ich nun auch auf andere Nei⸗ gungen bezog, gar Manches in dem Leben und den Sitten der Menſchen ploͤtzlich heller wurde, als es mir vorher geweſen war; ich geſtehe auch, daß ich zunaͤchſt hierbei an manche ſeltſame Ei⸗ genheiten meines Geſchlechts dachte. Mein Freund fuhr fort: Ein ſolches Mittel zum Lebensgenuß iſt nun auch Geld und Geldes⸗ werth. Es laͤßt ſich damit vieles in der Welt ausrichten; die Ver⸗ mehrung deſſelben wird mithin eine Vermehrung deſſen, womit auch ich etwas vermag— ſie wird ein Zuſatz meines Vermoͤgens, wie es die gemeine Sprache darum ſehr gut nennet. Denken Sie, wenn ich von dem ſpreche, was das Geld vermag, nicht nur an das Gemeinere, was ſich eigentlich kaufen laͤßt— Menſchen mit eingeſchloſſen: das wird einen edlen Sinn nicht allzuſehr reizen; denken Sie mehr daran, daß Geld mich freier, unabhaͤngiger macht, einen betraͤchtlichen Theil meiner Schickſale in 12 meine Gewalt giebt, mir uͤberall Wege bahnt, auf welchen ich Vieles, vielleicht Großes wir⸗ ken, Einfluß— will ich, wohlthaͤtigen Einfluß auf Tauſende erhalten kann, und Sie werden ſich nicht wundern, wie es mir lieb werden koͤnne— ſchon an ſich, im dunklen Bewußt⸗ ſein der Vermehrung meiner Kraͤfte, ohne daß ich es jetzt anwende, oder auch nur, es zu etwas Beſtimmten anzuwenden mir eben vor⸗ nehme. Es wird mir lieb:— was mir lieb iſt, ſeh' ich gern vermehrt, ungern vermindert; ich ſuche die Vermehrung, die mir angenehme Empfindungen verſchafft, zu befoͤrdern, ich ſuche der Verminderung, die unangenehme Empfin⸗ dungen in mir aufregt, zu entgehen— ich werde erwerbſam und haushaͤltiſch oder ſparſam. Das alles iſt in meiner Menſchennatur ge⸗ gruͤndet, folglich weder gut, noch boͤſe; es iſt aber in meine Hand gegeben, ob es boͤſe oder gut werden ſoll. Ich kann den Trieb nach Eigenthum außer Verhaͤltnis zu den andern Trieben meiner ſinnlichen, und gegen die Be⸗ duͤrfniſſe meiner hoͤhern, geiſtigen Natur, naͤh⸗ —— —— 1 3 ren und aufſchießen laſſen; ich kann ihn in jenes Verhaͤltnis ſetzen und dieſen hoͤhern Be⸗ duͤrfniſſen unterordnen. Kuͤrzer: es koͤmmt dar⸗ auf an, ob ich den Trieb vernunftmaͤßig beherr⸗ ſche, oder ihn vernunftwidrig uͤber mich herr⸗ ſchen laſſe— im letzten Falle heiß ih get⸗ 18.= Ich konnte mich nicht enthalten, hier, ob⸗ ſchon zur Unzeit, eine lebhafte und ſtrenge Apo⸗ ſtrophe an den Geiz einzuſchalten. Mein Freund hoͤrte ſie gelaſſen an, dann fuhr er fort: Sie haben ganz recht, da Sie vom Geiz ſprechen— von dem allgemeinen Begriff, von der Idee, von dem Urbild, in Ihrem Innern. Aber in der Wirklichkeit ſind gar keine Ideen vollkommen ausgefuͤhrt. So wenig ein voll⸗ kommen guter Menſch exiſtirt, ſo wenig exiſtirt ein vollkommen boͤſer; und im Einzelnen: ſo wenig irgend einer dem Bilde hoͤchſter, reinſter Wohlthaͤtigkeit in Ihrer Seele ganz entſpricht, ſo wenig entſpricht einer dem Bilde des niedrig⸗ ſten, eigenſuͤchtigſten Geizes. Wir ſprechen aber hier von der Wirklichkeit— von Geizi⸗ gen, wie ſie ſind: denn uͤber ſie, und nament⸗ 14— lich uͤber die arme Tante, wollen wir urtheilen! Da gelten denn doch Ruͤckſichten, und muͤſſen genommen werden, wenn wir nicht lieblos— wenn wir menſchlich verfahren wollen. Ich will nur Einiges anfuͤhren! Offenbar war es Wille der Natur, daß in jedem Menſchen die Triebe, mit der Macht, welche ſie zuͤgeln kann und ſoll, in gleichem Grade und auch zu glei⸗ cher Zeit aufkaͤmen, ſo daß immer der Gegen⸗ halt da waͤre und der Menſch das kuͤhne Roß frei beherrſchen koͤnnte. Nach dem aber, was wir— beſonders wir feinern Leute— aus dem Leben gemacht haben, wird alles praͤcipitirt und im voraus genommen, außer, was ſich nicht im voraus nehmen laͤßt; und leider iſt das ge⸗ rade, was uͤber den Lauf des Kampfroſſes ent⸗ ſcheidet— die Vernunft. Die Triebe wer⸗ den fruͤher hervorgelockt, durch tauſenderlei Reize verſtaͤrkt:— ich mag es nicht ausmalen, wie ſchon der Knabe auf das Thier gehoben wird, dem nur der Mann gewachſen iſt. Wir haben das nun freilich wol bemerkt, und, ihm nach⸗ zuhelfen, die Manege erfunden— wir erzie⸗ hen! Nun gut! Aber wo iſt der Erzieher, der alles weiß, alles bemerkt, alles vermag? Wo ſind die Verhaͤltniſſe, die ſelbſt von dem, was ihm gelang, nicht vieles wieder verduͤrben? Ich will auch das nicht ausmalen:— genug, Erziehen iſt Menſchenthun, und folglich Stuͤck⸗ werk. Nun fragen Sie genauer, z. B. nach der Erziehung und den fruͤhen Verhaͤltniſſen der Tante: ich kenne ſie nicht, bin aber gewiß, Sie werden jene ſtrenge Apoſtrophe gegen den Geiz nicht in gleicher Strenge auf ſie anwenden, und wenn ſie noch geiziger waͤre, als ſie es wirk⸗ lich iſt.— 1* Ich war beſchaͤmt; ich konnte nicht ſprechen und faßte ſeine Hand. Er kuͤßte ſie mir ſehr freundlich. Es war das erſtemal, daß der gar nicht galante Mann dies that. Wir ſprachen noch vieles uͤber die letzten Punkte; endlich kam er auf die Fortſetzung ſeiner Ableitung des Geizes. Der Geizige laͤßt ſich alſo von der Neigung nach Eigenthum beherrſchen, und uͤbertreibt folglich Sparſamkeit oder Haushaͤltigkeit und Erwerbſamkeit. Uebertriebene Neigung heißt Sucht; wir nennen ihn darum mit Recht ſpar⸗ 10— ſuͤchtig und erwerbungsſuͤchtig. Aus Sparſucht zwackt er bei allen unvermeidlichen Ausgaben ſo viel nur moͤglich ab; je verſeſſe⸗ ner er in ſeine Lieblingsneigung iſt, je weniger nimmt er Ruͤckſichten, am Ende vernachlaͤßigt er dieſe ganz— ſogar gegen ſich ſelbſt: er darbt ſelbſt, und wir nennen ihn dann knau⸗ ſerig. Er weicht ferner allen nicht durchaus nothwendigen Ausgaben, ſorgfaͤltig, bis zur laͤcherlichſten Kleinlichkeit— und bei fortgehen⸗ der Ergebenheit in ſeinen Hang, bis zu lieb⸗ loſer, druͤckender Haͤrte aus: wir nennen ihn dann karg. Aus Erwerbungsſucht ſpekulirt er immer, ſelbſt bei Dingen, wo Andern an Vortheile zu denken gar nicht moͤglich iſt, und lauſcht auch auf noch ſo kleinen Gewinn— er iſt eigennuͤtzig; wo ſich, nach ſeinem Aus⸗ druck, die Muͤhe belohnt, iſt er unermuͤdlich in Fleiß und Anſtrengung, in Aufopferung der Bequemlichkeiten und Annehmlichkeiten des Le⸗ bens— er iſt gewinnſuͤchtig; bei gluͤckli⸗ chen Unternehmungen Anderer, die fuͤr ihn nichts abwerfen— moͤgen ſie uͤbrigens noch ſo fern von aller Kolliſion mit ſeinen Angele⸗ —— 1 2 genheiten ſeyn, mag er, ſie gluͤcklich auszufuͤh⸗ ren, ſich ſelbſt unfaͤhig, den Andern vollkom⸗ men geſchickt finden:— er ſiehet dabei doch ſcheel, und ſehnt ſich wenigſtens darnach— er iſt begehrlich. So koͤmmt das zu Stande, was wir einen vollendeten Geizigen nennen, aber, zum Gluͤck, in ſeiner Vollendung nirgends finden, obſchon jeder einzelne Geizige etwas von alle dieſem beſitzt. Gaͤbe es einen vollendeten Geiz: er waͤre nur im Bilde— wie z. B. in Moliere's bekanntem Luſtſpiel— allenfalls ertraͤglich: in der Wirklichkeit koͤnnte man ihn nur verab⸗ ſcheuen. Nun aber finden ſich bei den Geizigen in der Wirklichkeit jene Zuͤge nicht nur in ver⸗ ſchiedenem Grade, ſondern auch in verſchiedenen Miſchungen; durch andere Neigungen, durch manche gute Eigenſchaft, wird hier, wird dort, etwas vom Grundcharakter verdunkelt, uͤberwo⸗ gen; andere Zuͤge deſſelben verſchmelzen ſich mit den uͤbrigen Neigungen, und geben nun, dem Anſchein nach, ein ganz neues Produkt. Die mehrere oder mindere Feſtigkeit des Charakters, die groͤßere oder geringere Heftigkeit der Nei⸗ F. f. F. II. H. 2 18 gungen und des Temperaments uͤberhaupt, leb⸗ haftere oder ſchwaͤchere Reizbarkeit, der Grad allgemeiner Bildung, die Gewohnheit, ſeine Außenſeite uͤberhaupt mehr oder weniger zu beherrſchen, mehr oder weniger Scharfſinn, zur Taͤuſchung ſeiner ſelbſt und Anderer ver⸗ wendet, mehr oder weniger Feinheit fuͤr das Weltleben:— alles das, und noch vieles an⸗ dere, was man unter dem Worte Individua⸗ litaͤt befaſſet, macht nun die Miſchungen und Aeußerungen jener Grundzuͤge an jedem Ein⸗ zelnen anders; dadurch wird er zu einer Auf⸗ gabe fuͤr den Beobachter, und, verſteht man ihn, wie ich anfaͤnglich ſagte, in gehoͤrige Fer⸗ ne zu ruͤcken, ihn als Erſcheinung, als Bild, ohne perſoͤnliches Intereſſe zu betrachten, ſo wird er ſogar zu einem Gegenſtande des angenehmen geiſtigen Genuſſes— wie wun⸗ derlich das auch klingen moͤge. Daß nun der Geiz, beſchloß mein Freund, bei Tante Hedwig ſo ſeltſam gemiſcht erſcheint und in ſeinen feinen Modifikationen ſich ſo gut ausnimmt; daß er von der bewußtloſen, folg⸗ lich aͤchten Naivetaͤt der ehrbaren Jungfrau ſo unverlarvt zu Tage gefoͤrdert wird, wenn man es darauf anzulegen weiß: das iſts eben, was die alte Perſon mir bisher intereſſant gemacht hat. Nun aber iſts vorbei, denn nun weiß ich ſie auswendig und kann in vorkommenden Faͤllen nicht ohne Zuverſicht auf ſie wetten. Folgen Sie mir: ſehen Sie ſie jetzt auf meine Weiſe an— und zwar, wie Frauen ſo gern ſehen: ohne merklich die Augen darauf zu rich⸗ ten; und weil Sie erſt ein perſöoͤnliches Inter⸗ eſſe niederzuſchlagen haben, ſo erforſchen Sie ihr fruͤhes Leben und ihre Jugendverhaͤltniſſe: gewiß, Sie ſind dann nicht nur weit weniger ſtreng gegen ſie, ſondern finden ſie weit oͤfter beluſtigend, als druͤckend und beleidigend; kom⸗ men weit beſſer im Umgange mit ihr aus, und laſſen auch ihr Gutes weder unerkannt, noch unbenutzt und unverdankt—— Es liegt einzig und allein an mir, wenn die Leſerinnen, welche an der Sache Theil nehmen moͤgen, meine Auseinanderſetzung der⸗ ſelben kalt, matt und langweilig finden; aus dem Munde meines Freundes war ſie eben ſo angenehm, als lehrreich. Fuͤr den Fall, daß 20— ich bei ihnen zu verguͤten, andere noch naͤher anzuleiten haben ſollte, ſetze ich Einiges von dem her, was ich uͤber Tante Hedwigs Ju⸗ gendgeſchichte erfuhr und wie ich ſie hernach ſelbſt fand. Auch darf ich nicht unbemerkt laſſen, daß meines Freundes zuletzt geaͤußerte Prophezeihung woͤrtlich eintraf, und ſonach wir beiden Frauen in das beſte Verhaͤltnis gegen einander kamen, in welches wir, der Sache ſelbſt nach, nur immer kommen konnten. Der Beſchluß im 3ten Heft. — 21 An meinen Pathen Karl Franz Emanuel. Hoͤchſt wahrſcheinlich iſt dies der erſte Brief, der Dir, mein Lieber, in Deinem Leben ge⸗ ſchrieben wird. In dieſer Aufmerkſamkeit fuͤr Dich iſt mir gewiß niemand zuvorgekommen; obgleich ich andern Haͤnden andere Dienſte uͤber⸗ laſſe, die Dir fuͤr jetzt weit erſprießlicher ſind, als dieſer Brief. Doch habe ich Dir manches darin zu ſagen, was Vater und Mutter Dir fuͤrs erſte durch Kuͤſſe uͤberſetzen moͤgen, bis Du ſelbſt Gedanken und Empfindungen aus artikulirten Toͤnen oder aus ſolchen kleinen Fi⸗ guren, wie ich ſie dahin male, zu ſchoͤpfen verſtehſt. Du mußt ein Knabe guter Art ſeyn, daß Du bei Deinem Eintritt in die Welt Deinem Vater ſo wenig Sorge und Deiner Mutter nicht * 22— viel Leiden gemacht, und dieſe mit ſo großer Freude bezahlt haſt. Das ſoll nun fuͤr ihre ganze Lebenszeit Dein gluͤckliches Loos ſeyn— ihnen die unvermeidlichen Drangſale mit tau⸗ ſendfacher Freude zu verſuͤßen. Ich ſage Dir, kleiner Menſch, dies iſt ein koͤſtliches Loos! Doch muß ich Dir auch ſagen, daß es auf die⸗ ſer Kugel, worauf Deine Wiege mit dir ſtehet, nicht lauter Feſttage giebt, und jedes Jahr nur Einmal Fruͤhling iſt! Dann freilich ſind Him⸗ mel und Erde im ſchoͤnſten Bunde, und von ihrer Harmonie ſingen alle melodiſchen Kehlen in tauſend und aber tauſend Luſtgeſaͤngen! Aber die Freude hat bald ein Ende: die Bluͤthen fal⸗ len ab— oft auch die Knospen! Die Feſtge⸗ ſaͤnge der Natur verſtummen— kurz, alles ver⸗ wandelt ſich ſchnell, und nun brennt dieſelbe Sonne, die vorher alles zum Leben und zur Freude hervorlockte, als ſollten wir von ihren Stichen verſchmachten; dann toben auch Stuͤr⸗ me, Donner rollen, Blitze ſchießen umher, auch verhagelt nicht ſelten das Brod auf dem Felde. Nun koͤmmt mit Stuͤrmen und Regenguͤſſen der Herbſt, und endlich der graue, ſtarre Winter, 23 und ſo wechſelt es immer— von ſo manchem Ungeheuer, das die Natur nur ſelten und im Zorne loslaͤßt, damit es Menſchen verſchlinge, will ich noch gar nicht ſprechen. Du merkſt aus dieſem ſchon, mein lieber Karl Franz Emanuel, daß die Menſchen nicht von lauter Zuckerbrod groß werden, und daß Milch und Honig auch Dir nicht uͤberall in vollen Stroͤ⸗ men entgegen fließen. Ach wiſſe: die bei⸗ den, deren hoͤchſte Freude Du ſeit ſieben Tagen biſt, haben in ihren Lebensbecher auch nicht im⸗ mer Milch und Honig geſchöpft; ſie haben mit⸗ unter viel Wermuth gekoſtet, ehe ſie Deine Ael⸗ tern wurden!— Aber dennoch bitte ich Dich, bleibe hier bei uns, und verſuche es nur mit dem Leben: es iſt doch ſo ſchlimm nicht, wie einige Graͤmlinge meinen, und je laͤnger man es verſucht, je lieber wird es Einem, ſo daß man nicht leicht wieder davon laſſen kann, wenn man ſich einmal erſt recht aufs Leben verſteht. Dein Vater giebt Dir das gute Zeugniß bei mir, Du habeſt Luſt zu leben: dies ſuche Du ferner zu verdienen. Lerne vorlaͤufig genießen, bis die Reihe zu ſchaffen an Dich kommt. 24— Dein Vater ſagt mir aber auch, daß Du waͤh⸗ rend Deines ſiebentaͤgigen Lebens ſchon viel ge⸗ weint haſt. Das muß man Dir fuͤr jetzt noch hingehen laſſen, da Du mit dem Leben noch nicht fehr Beſcheid wiſſen kannſt, und es Dir mit Recht noch ein wenig fremd darin vor⸗ kommt. Auch darf ich Dir das nicht verhe⸗ len, daß manche hier unten nie recht Beſcheid damit lernen, und bis zu ihrer Heimkehr mehr leiden als genießen. Selbſt Deine ſanfte Mut⸗ ter hat vielleicht mehr geweint als gelacht, ſeit⸗ dem ſie es auf Erden verſucht hat. Aber das thue Du ihr nicht nach: es war nicht das beſte, was ſie that. Lerne du lachen, ſo fruͤhe Du nur kannſt. Beginne mit dem Lachen des unſchuldigen Genuſſes, und ende mit dem Laͤ⸗ cheln der Weisheit, ſo wirſt Du's vor Himmel und Erde recht gemacht haben. Dein Vater ſagt mir, er habe Dir die Namen zweier Biedermaͤnner geſchenkt, und ich ſoll einen von meinen drei Namen hinzuthun. Frage mich nicht, wozu Du der Namen drei brauchſt? Ich weiß es nicht. Der Menſch iſt nur einmal Ich, und jedes Ich brauchte eigent⸗ lich nur Ein Unterſcheidungszeichen von den vielen Millionen Mitichs, mit welchen es ſein Weſen treibt. Doch will ich Dir gern einen meiner Namen geben, weil der Vater es ver⸗ langt; das kann ich ja leicht thun, denn ich behalte noch zwei fuͤr mich, und verliere ſelbſt den nicht, den ich Dir ſchenke. Du heißeſt alſo von meinetwegen Karl: nur mußt Du Dich huͤten, den boͤſen Karln nachzuarten. Es hat ſehr boͤſe Karle gegeben— Dein Vater wird Dir einmal von ihnen erzaͤhlen muͤſſen, denn ſie waren auch beruͤhmte Karle, obſchon ſie boͤs waren. Noch mehr wird er Dir aber von einem gewiſſen, o ſo guten Karl ſagen: dem magſt Du gleichen, wenn Du kannſt!— Ich ſoll im Nothfalle auch zeugen, daß Du getauft ſeyſt, und habe es doch ſelbſt nicht geſehen, weil ein Raum von ſechs und dreyßig Meilen zwiſchen uns liegt. Wenn man aber von dem Geſchehenen nichts weiter glaubte, als was man ſelbſt geſehen, ſo waͤre das auch gar zu wenig. Ach wie vieles muß man in der Welt auf Anderer Wort und Treue annehmen: ſo kann ichs ja auch Deinem braven Vater auf 26 ſein Wort glauben, daß Du getauft ſeyſt. Doch laß Dir, junger Freund, dabei noch eins bedeuten. Die Menſchen koͤnnen Dich nur mit Waſſer taufen, denn ſie ſind Men⸗ ſchen. Ich aber ſaͤhe dich— o wie gern!— mit Feuer getauft: nicht mit dem alles verſen⸗ genden Feuer, das Scheiterhaufen entzuͤndet und die Welt verheert— Woher dies Feuer ſeyn mag, weiß ich nicht, und ich hoͤre, die Weiſen wiſſen es auch nicht. Vom Himmel herab kann es nicht gekommen ſeyn. Nicht dieſe Feuertaufe ſei dir gewuͤnſcht und erbeten, mein lieber Karl Franz Emanuel. Wir kennen aber noch ein anderes Feuer, das ruhiger flammt, das in ſeiner ſtillen Herrlichkeit fried⸗ lich leuchtet, und mit milder Lebenswaͤrme er⸗ quickt, was ſich ihm nahet; das bald im Ver⸗ borgenen gluͤhet, bald in Geſang und Rede da⸗ hin ſtroͤmt, bald in edlen Thaten entbrennt, aus oͤden Wuͤſteneien lachende Fluren ſchafft, und mit koͤſtlicher Frucht den muͤden Wandrer labt. Mit ſolchem himmliſchen Feuer(denn himmliſcher Abkunft iſt dieſes gewiß) ſoll Dein Genius ungeſehen Dich taufen, und Deinen 27 Namen verzeichnen ins Buch der Beſten: und davon will ich gleichfalls Zeuge ſeyn, wenn's nun geſchehen ſeyn wird. Und hiermit leb wohl, junger Freund, und— nochmals: ſchreie ſo wenig du nur kannſt. Am Helikon ſind die Schreier nicht wohl gelitten, und, wohin Dich auch der Genius leitet, Du walleſt doch auch einmal zum Helikon! Wenn ich einſt zu Dir komme, oder Du zu mir, dann werde ich hoͤren, ob Du meinen Pathenbrief erhalten haſt, und nach meinem Wunſch beantworten willſt, ſo lange Du lebſt. Laß es eine lange, gluͤckliche Antwort ſeyn!— K— e. Die Leſerinnen werden von Zeit zu Zeit uͤber neuere Schriften, an welchen ihnen gelegen, Mittheilungen, von einigen geiſtreichen Frauen fuͤr dies Journal niedergeſchrieben, erhalten. Mittheilungen— nicht Recenſionen, ſon⸗ dern, bei wiſſenſchaftlichen, eigentlich nuͤtzli⸗ chen Buͤchern, Empfehlungen, Warnungen, Anweiſungen, ſie zu gebrauchen u. dgl.; bei poetiſchen, eigentlich ſchoͤnen— Darlegung des Eindrucks, den ſie auf das Gemuͤth der Referentin gemacht haben. Es ſaͤhe einem Kompliment aͤhnlich, und obendrein einem nach zwei Seiten gekehrten und darum um ſo nich⸗ tigern— wenn hier ausgefuͤhrt wuͤrde, was damit gewonnen werden kann; darum ſei nur angemerkt, daß es ſelbſt keinem Dichter und keinem geſelligen Schriftſteller, ja auch keinem, der irgend einen praktiſchen Gegenſtand ſo 29 bearbeitet, daß er mehr den Menſchen, als den Mann oder Gelehrten im Auge behaͤlt— gleichguͤltig ſeyn darf, wie Frauen von Geiſt und Herz ſeine Werke finden. Ueber Ludwig Tiecks dramatiſches Gedicht: Kaiſer Oktavianus. An einen Freund. Auf Ihr Anrathen hab' ich den Oktavianus geleſen, und zwar auch ſo, wie Sie es rie⸗ then. Die ſchoͤnſten Stunden der letzten ange⸗ nehmen Herbſttage hab' ich im Gruͤnen mit dem Buche zugebracht; habe, ſo viel moͤglich, in Einem Zuge fort geleſen, und die Bleifeder bei der Hand behalten, um mir die Hauptmo⸗ mente, und auch, was mir ſonſt beſonders zuſagte oder uͤberhaupt am bemerkenswertheſten 30 ſchien, anzuſtreichen. Hernach bin ich die be⸗ zeichneten Stellen langſamer und öfter durch⸗ gegangen, und habe endlich, was in mir gehaf⸗ tet, eine Zeit lang in mir umhergetragen, ohne etwas anderes zu leſen, als— meine Wirth⸗ ſchaftsrechnungen. Daß ich folgſam bin, ſehen Sie; ob ich aber nun auch, wie Sie meinen, Ihnen etwas Beſtimmtes uͤber das Buch werde ſagen koͤnnen, das ſogar Andern vorgelegt wer⸗ den duͤrfte, oder ob Sie zu viel gutes Zutrauen zu mir haben— das mag Sie das Folgende lehren. Nur das zur Vorrede: Ich kann die umwundene Art ſich auszudruͤcken nicht leiden, und ſage lieber geradezu: das iſt— ſetze aber voraus, man nehme es fuͤr nichts, als: mir ſcheint's— oder nein! vielmehr, fuͤr: ich bin gewiß, es ſei ſo— aber nur ichl— Cependant, ſagt unſer ehrlicher Abbe“, wenn er keinen Uebergang zu machen weiß:— alſo— Cependant— den Oktavianus in Einem Striche zu leſen, war mir kein Leichtes. Doch ging es mir ſonderbar damit! So oft ich mich auch— beſonders in der erſten, groͤßern Haͤlfte des Buchs, nicht enthalten konnte, es aus der Hand zu legen, ohne allen Drang, es wieder aufzunehmen: ſo fand ſich doch dieſer Drang bald wieder, und wurde einigemal ſo lebhaft, daß ich den frommen Kaiſer wieder in den Haͤnden hatte, ehe ich mir's ſelbſt verſahe. Daß das aber nicht das gemeinere Intereſſe am Inhalte der Fabel war, werden Sie mir zutrauen, da Sie mich und— dieſe Fabel kennen. Nun gehet es mir zwar mit manchen an⸗ dern ausgezeichneten Buͤchern auch ſo— ich meine: ich muß auch ſie, oft mitten in der Scene, weglegen, ohne ſie ſchnell wieder auf⸗ zunehmen; aber in mir ſiehet es dabei anders aus, als es hier ausſahe. Ich moͤchte mich gern daruͤber weiter erklaͤren, wenn ich's nur recht anzufangen wuͤßte. Vielleicht verſtehen Sie mich, wenn ich Beiſpiele anfuͤhre? Vorigen Fruͤhling(das iſt ein Beiſpiel!) wollte ich mir die wenigen ſchoͤnen Tage da⸗ durch erhoͤhen, daß ich Goͤthe's Wilhelm Meiſter wieder las: ich mußte oft das Buch mitten in der Scene weglegen— vor Freude, 32 beſonders wenn ich ſo oft dieſe lebendigen, hoͤchſtverſchiedenen, und, wie ich im Innern fuͤhlte, ganz wahren Geſtalten ſich ſo nahe vor mir bewegen ſahe, daß ich ſie eine Weile naͤher betrachten, auch wol ſie in andern, als den dort angegebenen Verhaͤltniſſen, mir wei⸗ ter ausmalen mußte. Oder auch— der Dich⸗ ter griff zuweilen ploͤtzlich und uͤberraſchend, vielleicht durch einen kleinen Zug, ſo in mein eigenes Innere, daß ich, wie ſein Graf, mich ſelbſt im Negligee vor mir ſitzen ſah, und mich, wie dieſer, erſchrocken und leiſe zuruͤck⸗ ziehen mußte. Da alſo mußt' ich das Buch weglegen, und in mir erſt alles wieder zur Ruhe und Ordnung bringen, ehe ich weiter leſen konnte. Ganz anders ſiehet es in mir aus, wenn ich bei Schillers Tragoͤdien daſſelbe thun muß — denn hier muß ichs wirklich auch, und wol noch oͤfter. Es uͤberfaͤllt mich nehmlich hier ſehr oft ein Gedanke, eine Sentenz, ein einzelner Charakterzug— ich moͤchte ſagen: uͤberwaͤltigend, furchtbar, wie ein gepanzerter Rieſe. Es iſt mir, als verſtaͤnde ich, was ich —— 33 leſe: aber es iſt nicht wahr— ich ahne nur den Sinn ohngefaͤhr, und muß mich erſt erholen,(weshalb ich eben das Buch weglege,) um ihm naͤher auf die Spur zu kommen. Daß das mir dennoch oͤfters nicht gelingt, gehoͤrt nicht hierher. Oder auch— ich fuͤhle mich durch manche Situation wirklich ſo in Allarm geſetzt und ſelbſt bis zum koͤrperlichen Schmerz geſpannet— was kann ich dafuͤr, daß ich nicht ſtaͤrker bin?— das muß ich nun erſt verklingen laſſen, und der Begierde, die mich fortreißen will, Einhalt thun, wenn ich wirklich genießen ſoll. Da leg' ich denn auch das Buch hin— wenn ich nehmlich huͤbſch vernuͤnftig bin. Daß ich das aber auch hier nicht immer bleibe, gehöͤrt wieder nicht hierher. Indem ich nun bei dem Oktavianus daſ⸗ ſelbe that—(Himmel, wie weitlaͤuſig ſchreib' ich heute, und werde durch dieſe Klage noch weitlaͤuſiger!) ſo geſchah' es doch aus ganz anderm Beduͤrfnis. Aus welchem denn? Ja, da ſitzt's: ich bin nicht im Stande, es Ihnen vollſtaͤndig anzugeben. Was ich von der Sache weiß, verrath' ich gern. Es köͤnnen doch J. f. F. II. H. 3 34 zwei Menſchen daran Schuld ſeyn— ich und der Dichter! Nun ſchmeichle ich mir aber, und nicht ganz ohne Gruͤnde,(ſonſt waͤr' es kein Schmeicheln,) es liegt hier wirklich an dieſem allein, wenn ich ſein Werk oft wegle⸗ gen muß, und ohne jene Freude, ohne, wie dort, uͤberraſcht, oder tief ergriffen, oder maͤch⸗ tig geſpannet zu ſeyn— kurz, wenn ich es nicht ſelten etwas langweilig finde, aber auch dann es aufzunehmen genoͤthigt bin, weil mich vieles einzelne Schoͤne wieder anlockt, und eine Weile feſthaͤlt.. Niecht ganz ohne Gruͤnde— ſagt' ich! Da haben Sie Mancherlei, was ich wenigſtens dafuͤr halte! Das Gedicht laͤuft, beſonders in der erſten, groͤßern Haͤlfte, wie Ihre Pleiße im ſaͤchſiſchen Erzgebirge— ohne tiefes Bett, ſehr breit, ſtill und gar langſam, uͤber ſeine weißen Steinchen zwiſchen angeneh⸗ men Umgebungen fort. Der Dichter bedient ſich der Romanze,(und ich wuͤßte nicht, warum er's nicht duͤrfte?) wie in der Geno⸗ vefa des heiligen Bonifazius— damit ſie er⸗ zaͤhlen, was er nicht darſtellen mochte: ich 35 habe nicht ſelten gewuͤnſcht, daß die Romanze wiederkaͤme, beſonders bei Nebenſcenen, die hier ſo lang ausfallen, oder auch bei wichti⸗ gern, die der Dichter nicht eben kraͤftig aus⸗ gefuͤhrt hat.— Mehrere Hauptperſonen, ſelbſt den Kaiſer Oktavian und ſeine Felicitas, kann ich unmoͤglich wahr und meinem Herzen nahe finden, folglich auch nicht achten und lieben, da Er, ſelbſt fuͤr einen ſolchen frommen Herrn, ſich gar zu leicht anfuͤhren laͤßt,(im dop⸗ pelten Sinne des Worts:) und Sie, ſelbſt in den entſcheidendſten Momenten, nur wenig aus dem ſehr engen Kreiſe deſſen heraustritt, was eben jetzt viele Maͤnner wieder allein fuͤr aͤchte Weiblichkeit angeſehen haben wollen— ich meine: die unverwuͤſtliche Ergebenheit, das ewige Schweigen und Dulden; den Sinn— wie auch, nicht etwa nur das Geſchick, ſon⸗ dern ſelbſt Menſchen uns mitſpielen moͤgen, doch damit recht ſehr zufrieden zu ſeyn, und Gott dem Herrn zu danken, und dem Herrn ſeiner Schoͤpfung auch. Wenn Sie mich hier erinnern ſollten, daß ein ſolcher Oktavian und eine ſolche Felicitas ganz im Geiſte des Mit⸗ 36 telalters ſei, ſo— betracht' ich unſre Fami⸗ lienportraits und gebe Ihnen recht; frage aber mit gehoͤriger Beſcheidenheit: ſoll der Dichter denn alles nehmen, wie er's findet, und nicht vielmehr aus dem Gefundenen etwas beſſeres ſchaffen, als auf Erden gefunden wird? Sonſt, daͤcht' ich, blieben wir alle kluͤger zu Hauſe, bei den lieben Unfrigen.— Doch ich darf nicht aus meinem Geleiſe gehen, und will alſo nur kurzweg geſtehen, daß ich Unterdruͤcker, wie Schillers Koͤnig Philipp, mir denken und ſie(obſchon mit Schaudern) ſogar achten kann, aber beides kann ich bei einem Oktavian nicht; daß ich einer Dulderin, wie Philipps Gema⸗ lin, im Staube huldigen, ſie lieben, ſie anbeten moͤchte, aber eine Felicitas mich ſehr unange⸗ nehm beruͤhrt. Sollte darin zu vieles Indi⸗ viduelle ſeyn, ſo kann ich mich mit nichts ver⸗ theidigen, als daß ich es fuͤr nichts weiter gebe.— Laſſen Sie mich uͤber verſchiedene andere Perſonen dieſes Gedichts noch hinzuſetzen, daß ich ſie gar zu unbeſtimmt gezeichnet finde; und wenn ſie mir hier und da auch nicht mißfallen, 37 ſo kann ich ſie doch nicht mir nahe fuͤhlen— ſie wirken auf mich, wie ausgemalte Portraits nach Kupferſtichen oder gar nach Silhouetten. Andere haben zwar einiges Individuelle, aber doch nur in zufaͤlligen Nebendingen— wie der andaͤchtige Koͤnig Dagobert, der, wirklich bis zu meinem Verdruß, einzig in ſeiner Lieb⸗ haberei am Muͤnſter des Halpen Dianyf ius lebt und webt.— Daß die einzelnen Scenen oft zu wenig in einander greifen und darum nicht feſthalten, wage ich nicht ſo zuverſichtlich zu behaupten, obgleich ichs ſo ſinde— als daß ſie gar zu ſehr unverhaͤltnismaͤßig ausgefuͤhrt ſind. Viele fuͤr die Hauptſache wenig bedeutende Stuͤcke, mein' ich, ſind ſehr weitlaͤufig; andere entſchei⸗ dende, die man ausgefuͤhrt wuͤnſchte, ſind ſehr kurz behandelt— wie ſelbſt die, wo die Kai⸗ ſerin um ihre Kinder koͤmmt. Ganz anders und weit beſſer find' ich es, in dieſem, wie in allen vorher angefuͤhrten Punkten, in der Genovefa deſſelben Dichters, die ich, ſo wie ihren furchtbaren Golo, immer in der Phan⸗ taſie und im Herzen tragen werde.—- 38⁸ Auch kann ich, ſo ſehr Sie mein vieles Tadeln tadeln moͤgen, nicht uͤbergehen, daß mich mancher Schmuz, den der Dichter, wie es ſcheint, mit Liebe und Fleiß, verſchiedenen Figuren angeſtrichen hat, ſehr beleidigt. Ge⸗ wiſſe Dinge mag ich nicht anfuͤhren, ſondern Ihnen lieber nur den Hornvilla nennen, den ich aber uͤbrigens in ſeiner vollendeten Ge⸗ meinheit ſehr gut gezeichnet finde. Noch Eins— Ich verſtehe nichts vom grammatiſchen Theile der Poeſie: aber ein Gedicht muß ſich doch, denk' ich, ohne Hocken und Stocken, und auch ſo laut leſen laſſen, daß man die Versmaaße uͤberall mit Wohlge⸗ fallen durchklingen hoͤrt— denn fuͤr was ſind ſie denn ſonſt da? Verſuchen Sie es aber ein⸗ mal mit dieſem Lautleſen: eine Weile gehet es trefflich, aber, ehe Sie Sich's verſehen, auch ganz und gar nicht. Ueber die Sprache koͤmmt mir nun vollends gar keine Stimme zu. Jeh finde, daß ſie oft, nicht blos mit dem Alter, ſondern ſogar mit den Runzeln deſſelben kokettirt. Werden Sie nur nicht boͤſe, lieber Freunde ich begreife recht — 39 wohl, wenn man ſo ins Alterthum hinein und nach der Weiſe des Volks dichtet, ſo darf man ſeine Leute nicht etwa wie die Perſonen in Goͤthe's Eugenie reden laſſen: aber ich wie⸗ derhole meine Frage— und auch wieder mit der gehorigen Submiſſion:— ſoll denn der Dichter auch die Sprache ganz ſo nehmen, wie er ſie findet? ſoll er auch das kindiſche Lallen gefliſſentlich aufſuchen und ſauber, oder vielmehr unſauber, kopiren? Doch ich weiß das nicht aus einander zu ſetzen: wir wollen es anders verſuchen! Ich will eine Scene ab⸗ ſchreiben, wie ſie der Dichter hat,(nur, was nicht zur Sache gehoͤrt, ein wenig zuſammen⸗ geſchoben— denn woͤrtlich vieles abſchreiben geht mir nun einmal wider die Natur) und dann ſetz' ich ſie her, wie ſie in ſeinem alten Originale ſtehet, das ich in der Spinnſtube meines Pachters erobert habe. Sagen Sie mir nun, wenn wir uns einmal ſprechen, huͤbſch ernſthaft, wie Sie gewoͤhnlich ſind, und gerade in's Geſicht von jenem erſten, neuen Fragment: Liebe Frau, das iſt wirklich ſchoͤ!! ſo— will ich verloren haben. Ich 40— waͤhle die Erzaͤhlung der Romanze S. 133., die nicht etwa aus den abſichtlich gemein ge⸗ haltenen, ſondern edlern Parthieen iſt, auch nur ſeltene Reime hat, denen zu Gefallen ſonſt Manches noch wunderlicher geſtellt wird. Doch will ich auch gleich ſelbſt geſtehen, daß der Dichter hier freilich mehr Urſache gehabt hat, das Alterthuͤmliche nachzuahmen, als an andern Stellen, und daß ſich jenes Wunderliche in andern Scenen auch nicht ſo draͤngt. Alſo— die Romanze faͤngt an: Als die Mutter ſchlief im Graſe Dorten bei dem Bruͤnnlein kalt, Das ein lieblich Rauſchen machte Zwiſchen Blumen in dem Wald, Kam indem aus dem Gebuͤſche Hergeflohn ein großer Aff, Der die Mutter an dem Baume Und die Kindlein auch erſah. Der Affe wurde gereizt— Daß er ein Geluͤſt empfunde, Und das eine Kindlein ſtahl. 41 Er entwiſcht und traͤgt es auf einen gruͤ⸗ nen Platz— Dort ſetzt' ſich der Affe nieder, Wollte ſehn das Kindlein nackt— wickelte es auf— Bleckte gegen ihn den Zahn— Meinte, lachen ſollt' der Knab'—— Ein Loͤwe koͤmmt nun, und raubt der ſchla⸗ fenden Mutter auch das zweite Kind: da er⸗ wacht ſie— Und ſie ſah mit ihren Augen Wie der Leo allzumal Trug das Kind in ſeinem Maule Und damit von dannen ſprang. Meinte drum, daß er das andre Schon vorher gefreſſen hab'. Rief im Jammer: ach was fang' ich Arme Frau doch nunmehr an? Beide Kinder ſo verloren! Alle beide, ach grauſam!— 4— Sie jagt der Löwin nach— Aber ſie doch nicht erlangt!. Denn im Walde mit der Beute Ihr der Leo bald entſchwand— Ein Geyer hat nehmlich die Lowin mit dem Kinde durch die Luͤfte entfuͤhrt: Leo konnte ſich nicht regen, Herbe Schmerzen er empfand, Immer ſchwang Greiff ſein Geſieder, Floge uͤber See und Land, Floge auf das allerſtaͤrkſte— Bis hinweg zu einer Inſel, Die im großen Meere lag— Rund umfloſſen von dem Waſſer Und ein Felſen ganz und gar. Hier ließ ſich der Greiffe nieder, Als er ſich herunterſchwang. Nun kaͤmpft die Loͤwin mit dem Greiffe: Elend ward er umgebracht. Leo nahm ihn drauf zur Speiſe— Hernach die Loͤwin — zum Kindlein niederlag, Wie ſie wohl daheim zu Hauſe Mit den jungen Loͤwen pflag, u. ſ. w. Nun hoͤren Sie den alten Autor! „Die Kaiſerin ſahe um ſich und war kei⸗ nes Menſchen gewahr. Da ward ſie von neuem betruͤbt und bekuͤmmert: aber von ihren zweien Kindern empfing ſie wieder eine Freude. Die kuͤſſete ſie mit einem Kuß uͤber den andern, und legete ſie alſo nieder in die ſchoͤnen Blu⸗ men und Gras’——„Von Muͤh und Trau⸗ ren entſchlief die arme unſchuldige Frau: dar⸗ aus kam ihr große Noth und Klag. Denn in demſelben Wald waren viele wilde Thiere. Da—— kam ohngefaͤhr ein großer und ſtarker Aff; der ſahe die Kinder alſo lieblich ſchlafen. Der Aff hatte großen Luſt das Kind zu ſtehlen, und ſchlich faſt heimlich und ſtill zu den Kin⸗ dern, und behend erwiſchte er das eine Kind, und eilte mit davon durch den Wald, ſo lang, bis er zu einem gruͤnen Platz kam, daſelbſt 8A 44— ſatzte ſich der Aff nieder und wollte das Kind nackend ſehen, legte es ſanft nieder auf die Erden, und entband es aus dem Tuͤchlein, daß es nackend vor ihm lag, und ſaß alſo vor dem Kind zu ſchmollen und blecket die Zaͤhne, meinet, wie eine Mutter gegen ihrem Kind thut; das Kind ſollte gegen ihm auch lachen, aber das Kind wollt es nicht thun, ſondern fing an zu weinen und laut zu ſchreyn“——„Nun bald darauf kam eine Loͤwin durch den Wald gelaufen und ſahe das Kindlein(das zweite) alſo ſanft bei ſeiner Mutter ſchlafen. Sie ſchliche bald hinzu, und nahm das Kind in ihren Rachen, und wollt ihren jungen Loͤwen daſſelbe zu freſſen bringen— Da erwachte die Kaiſerin und ſahe das Kind hinwegtragen, und meinte, die Loͤwin haͤtte das andere Kind gefreſſen und doͤrfte dem andern auch alſo thun, und ſprach: Ach ich arme und gar ver⸗ laſſene, elende Frau! was ſoll ich anfahen, daß ich meine beide liebe Kinder ſo ſchaͤndlich verloren hab? Ach Gott, ich weiß, daß ich ſie nimmermehr wieder zu ſehn bekomme! O ewiger Gott! was hab ich wider dich 43 gethan, daß ich ſolch Elend leiden muß?— (Nun zaͤumt ſie das Pferd, ſchwingt ſich auf, jagt nach)„Aber der Diebſtal wird der Löͤ⸗ win bald gereuen: denn ſo bald ſie vor den Wald kam, erſahe ſie ein ſtarker Greiff, der flog mit aller ſeiner Staͤrke auf ſie und er⸗ wiſchte ſie und das Kind ſo gewaltig mit ſei⸗ nen Klauen, daß ſich die Löwin nicht regen mocht; er druͤcket ſie ſo hart, daß ſie gewiß großen Schmerzen empfand. Der Greiff ſchwang ſein Geſieder auf das allerſtaͤrkſte und eilte alſo der Inſel zu— da ließ ſich der Greiff zur Erden“—(Sie kaͤmpfen; endlich)„ward der Greiff von der Loͤwin jaͤmmerlich zerriſſen und umgebracht, und ward alſo der Loͤwin Speiſe, aber dem Kind geſchah kein Leid, denn wen Gott behuͤten will, dem mag kein Leid wieder⸗ fahren. Da nun die Loͤwin von des Greiffen Fleiſch geſpeiſet war, legte ſie ſich neben dem Kindlein nieder, als ob ſie bei ihren jungen Loͤwen waͤre— u. ſ. w. Jeh geſtehe, auf die Gefahr, hart be⸗ ſchuldigt zu werden: ſoll ich ſo etwas leſen, ſo will ichs doch lieber in den alten Origina⸗ 46 len, die man umhertrug, bis die liebe aufge⸗ klaͤrte Polizei es verbot: denn ich finde es dort weit treuherziger, naiver, und— nicht ſo lang! Auch ſagt es mir in der hoͤchſt ein⸗ fachen Proſa wirklich beſſer zu, als hier, zum Theil ausgeziert mit ſo kuͤnſtlichen Kuͤnſten der Poeſie. Laſſen Sie mich noch ein Beiſpiel anderer Art anfuͤhren— nicht unredlich, einige Zeilen, ſondern wieder eine ganze kleine Scene!. Als Koͤnig Dagobert von Frankreich in die Schlacht gegen den Sultan ziehet, ruft er— bei Tieck: Sankt Dionyſius, lieber, heilger Mann, Ich nahm mir vor dein Muͤnſter auszu⸗ bauen, Aufs allerſchoͤnſte es zu ſchmücken dann, Geliebter„du wirſt meine Thraͤnen ſchauen, Wie ich nicht mein Verſprechen halten kann; Du zuͤrnſt nicht drum, ich will dir doch ver⸗ . trauen, Du ſtaͤrkſt mein Schwerdt mit heiligen Gebeten, Daß Heiden nicht zu deinem Koͤrper treten. 47 Soll's ſeyn, ſo nimm mein Blut und auch mein Leben, Laß nur dies Liebs⸗Andenken nicht zerſtoͤren, Reich, Krone und mein Herz will ich hin⸗ geben, Nur, liebſter Heiliger, magſt du erhören Dies innigſte Gebet, dir aufzuheben, 2 Damit es wilde Heiden nicht verſehren, Großer Patron, geb' ich gern dies Gebaͤude, Andenken meiner Liebe, Lebensfreude. Erhalt' es, Heilger, daß auch ſpaͤte Zeiten Sich moͤgen meiner Lieb' und Andacht freuen, Daß allen, die verehrend zu dir ſchreiten, Gewöolb, Gemaͤlde, Fenſter Luſt verleihen, Daß deinen Altar, deinen Chor, den weiten Erhabnen Dom nicht Heidengraͤul entweihen; Laͤſſeſt du mich nur dieſe Gunſt erwerben, Will ich auch gern in dieſem Kriege ſterben. (geht ab.) Beim alten Vater ruft er kurz und— gut, denk' ich:„O du heiliger Dionyſius! beſchirme Frankreich fuͤr Uebel und Schaden: darum biſt 48⁸ du treulich gebeten! Denn wo die Tuͤrken und Heiden ſollten die Oberhand bekommen, ſo wuͤr⸗ de dein Muͤnſter bald verheeret: denn die Un⸗ glaͤubigen wuͤrden es bald zerſtoͤren und nach ihrem Gefallen einen heidniſchen Tempel daraus machen! O du heiliger Herr Dionyſius: be⸗ ſchirme meine gute Stadt Paris!“—— Wie gut war es, daß ich hier einen neuen Bogen anfangen mußte! Das brachte mich aus dem Zuge, und ich leſe, was auf dem vollge⸗ kritzelten ſteht. Lauter Maͤkeln? Ich komme mir ſehr haͤßlich darin vor. Ein Gutes hat es aber doch: es wird Ihnen nun mein Loben eher etwas gelten. Und darum mag alles ſtehen bleiben; denn jetzt gehe ich an's Loben! Das Ganze— wie geſagt, abgerechnet, was abzurechnen iſt— das Ganze hat auf mich den angenehmen Eindruck gemacht—— Sonderbar! ich bin mir deſſen ganz beſtimmt bewußt; wollte ihn in Toͤnen ganz wiederge⸗ ben, wenn ich Virtuoſin waͤre: und da ich ihn in Worte faſſen will, uͤberraſcht michs ſelbſt, daß ichs nicht kann. Ich habe Schande hal⸗ ben lange geſucht: es gehet nicht! Darf ich 49 mir wieder mit einem Vergleich helfen? Mir war, wie mir iſt, wenn ich an einem ange⸗ nehmen Sommerabend auf dem Kahn mich fah⸗ ren laſſe— aber, verſtehen Sie mich recht! nicht in Geſellſchaft einer lebhaften, innigen Herzensfreundin— da werde ich auch lebhaf⸗ ter und inniger; auch nicht in Geſellſchaft eines ernſtern, tiefern Freundes— da werde ich auch tiefer angeregt und feierlicher geſtimmt: ſon⸗ dern allein— ſo daß ich mich nur hingebe; nur bequem und nicht unachtſam das ſanfte Schaukeln des Kahns, das leiſe Geplaͤtſcher des Waſſers, die wechſelnde Landſchaft am Ufer, das erblaſſende Abendroth oder den freundlichen Mond am Himmel, wie alles das ſelbſt will, auf mich einwirken laſſe, und zuweilen wol auch durch ein ploͤtzliches ſtaͤrkeres Schwanken des Kahns in eine ſchnell voruͤbergehende leb⸗ haftere Regung(der Furchtſamkeit etwa,) ge⸗ ſetzt, uͤbrigens aber im Herzen eben ſo leicht, ſo taͤndelnd, ſo angenehm, doch etwas einfoͤr⸗ mig, bewegt werde, wie es mein Koͤrper wird—— Die Periode hat Kuͤnſte gekoſtet! Koͤnnen J. f. F. 11. H. 4 50 Sie nun daraus einen Vers machen, oder vielmehr einen Gedanken, ſo iſt mir's lieb, denn ich weiß es nicht vernehmlicher zu geben. Die ganze komiſche Parthie des Buchs— wieder abgerechnet jene gewiſſen Einzelheiten und manches gar zu lang Ausgeſponnene, wie zu Anfange des zweiten Theils— hat mir ſehr viel Freude gemacht; vornehmlich aber der ehrliche, poſſierliche Clemens. Mit allen ſeinen Thorheiten und Flaußen ſtehet er ſo ganz beſtimmt vor mir, daß ich ihn malen wollte, wenn— ich koͤnnte; und gleichwohl bin ich gewiß— ich habe nicht etwa nur keinen ſolchen Menſchen geſehen, ſondern auch, es giebt uͤberhaupt keinen, und hat nie einen gegeben. Ich druͤcke das vielleicht ſehr unge⸗ ſchickt aus; aber ich meine, es iſt mir hier der Glaube an das in die Haͤnde gekommen, was Sie mir neulich uͤber den Unterſchied von Wahr⸗ heit und Wirklichkeit ſchrieben, und wogegen ich damals, beſonders beim Komiſchen, ſo vie⸗ les einzuwenden hatte, weil ichs nicht verſtand. Ueberhaupt— ich kann nun einmal aus abge⸗ zogenen Saͤtzen ſelten klug werden, ſondern —— 4 1 9 muß ſehen und fuͤhlen. Werden Sie mir aber glauben, daß der alte Autor auch dieſen ſelt⸗ ſamen Charakter wenigſtens mit einigen tref⸗ fenden, entſcheidenden Zuͤgen vorgezeichnet hat? Es iſt wirklich ſo!— Weiter fort, uͤber Einzelnes! Ich habe ſchon geſtanden, daß mir die duldende Feli⸗ citas, als eine der Heldinnen des Stuͤcks, nicht recht gefaͤllt: aber daß ſie einzelne vor⸗ treffliche Dinge ſagt, hat auch ſeine Richtig⸗ keit. Ich zaͤhle darunter vorzuͤglich gleich die erſten Scenen, und noch lieber, was ſie in den letzten des zweiten Theils ſpricht. Der Schlaf, wo er zuerſt herabſteigt, iſt auch ſehr liebenswuͤrdig. Kann er ſchoͤner debuͤtiren, als: Nieder ſteig' ich aus dem Wipfel, Bin ein Knabe, heiße Schlaf; Oben wohn' ich in den Bluͤthen, Duͤfte ſind mein ſuͤßes Grab. Wo die ſanften Wellen wandeln, Steht mein Haus auch neben an; Bienen wiſſen, wo ich athme, Summen leiſe, u. ſ. w. Sehr lieb iſt mir ferner der zweite Sohn der Kaiſerin, wo er der Mutter ſeine Liebe geſteht,(S. 274.) und noch mehr, wo er dann, gegen das Ende, die Geliebte wieder⸗ findet, und wo mich auch das liebliche Maͤd⸗ chen, wenn ſie gleich nur eine Nebenperſon iſt, ſehr an ſich gezogen hat. Die Geſinnungen und Verhaͤltniſſe der ge⸗ meinen Buͤrgersleutchen, und die Wahrheit, mit welcher ſie dieſe und ſich ſelbſt verrathen, erfreuen mich auch, obgleich ich dadurch an Manches bei Shakſpeare und Goͤthe(z. B. im Egmont,) nahe erinnert worden bin. Die Krone des Ganzen iſt mir aber die Prinzeſſin, der ich— ich weiß nicht, wie theuer, ihren haͤßlichen Namen abkaufen und ſie mit dem allerſchoͤnſten umtaufen moͤchte. Doch iſt ſe vielmehr der Solitair in der Kro⸗ ne, der von andern ſchoͤnen Steinen und Per⸗ len umgeben iſt. Ich meine ihre Maͤdchen! Durch dieſes kleine Maͤdchenchor wird mir der dritte Akt des zweiten Theils allein mehr werth, als das Vorhergegangene zuſammengenommen. Auch gehoͤren die lieblichen Kinder dem neuern Dichter ganz zu; denn hier iſt der alte Autor, eine glaͤnzende Schilderung der Reize der Prin⸗ zeſſin abgerechnet, ſehr ins Hintertreffen gera⸗ then. Was dieſe lieblichen Kinder im Folgen⸗ den ſagen und thun, erhaͤlt mir dies lieb; denn die Vorhaben der andern Herrſchaften wollen mir nicht mehr zu Herzen. Sagen und thun haͤtt' ich aber nicht ſchreiben ſollen; denn eigent⸗ lich thun ſie ſehr wenig, und man koͤnnte auf ſie anwenden, was das Evangelium von den Lilien ſagt: ſie ſaͤen nicht, ſie erndten nicht, ſie ſammeln nicht in die Scheuern, ſondern ſtehen nur da, wie Salomo in aller ſeiner Herrlichkeit; ja, Einiges, was die Prinzeſſin gegen ihren Vater thut, mag die Allmacht der Liebe entſchuldigen, aber es regt ſich etwas in mir dagegen. Auch fuͤrcht' ich, vieles von dem Schoͤnſten, was die ſuͤßen Maͤdchen ſagen, iſt—(mit Verlaub, lieber Herr!) nicht aus der Seele meines Geſchlechts, ſondern des Dichters. Doch dem ſei, wie ihm wolle— die Maͤnner moͤgen das ausmachen, denn die kennen ja von Grund aus unſer Geſchlecht, und alles! Alſo— dem ſei, wie ihm wolle, 54 fag' ich, und ſag' es konfus, weil ich hier nicht mehr ruhig ſchreiben kann— es iſt ſchön, ſehr ſchoͤn; ſo ſchoͤn, daß man es nie wieder vergeſſen kann, noch mag. Etwas Einzelnes davon anfuͤhren kann ich eben ſo wenig, als weiter etwas ſagen, außer eben, daß es ſchoͤn ſei— wie ein aͤchter Liebhaber von ſeiner Ge⸗ liebten: er meint aber gar viel damit, und im Grunde wol alles!— Ich habe mir noch manches Einzelne ange⸗ merkt: es ſoll aber in meinem Briefe nichts Mattere folgen— wie auch im Gedicht nichts von dem Matteren folgen ſollte, womit die vornehmen Herrn ſich— die Leſerinnen we⸗ nig— unterhalten.—— Die Wittwe. 55 Pedro's Klagen. Aus einem ungedruckten Schauſpiel. Was iſts, was ich verhehle In tief beklommner Bruſt? O Wunſch der kranken Seele, Wem iſt dein Ziel bewußt? Die ſanften Sterne neigen Sich mild herab ins Thal, Und in dem heil'gen Schweigen Verberg' ich Lieb' und Qual! Wo iſt das Ziel der Schmerzen, Das meine Sehnſucht meint? Wo frei ſich Herz mit Herzen Und Geiſt mit Geiſt vereint? 56 Ach armes Herz! auf Erden, Wo Rang und Stand uns trennt, „Wird nie das Gluͤck dir werden, Das deine Sehnſucht kennt! Louiſe Brachmann. — 37 Des Nachbars Haus. Ich komme von meinen Kindern ſelten weg: darum betrachte ich deſto aufmerkſamer, was mir ganz nahe liegt. Da, meinem Fenſter gegenuͤber, ſtand ſonſt ein Haus. Es ſah ernſt aus, wie mein Mann; war feſt und nicht groß, wie er— blos eine Wohnung unten, druͤber noch eine. Die Leute, die es bewohn⸗ ten, ſaßen warm darin. Die eine Treppe konnte die junge hoffende Mutter mit ihrer theuern Buͤrde, und der ſchwache Alte, ohne Nachtheil erſteigen; die Domeſtiken Holz und Waſſer ohne gefaͤhrliche Anſtrengung hinauf⸗ tragen. Das alte Gebaͤude iſt weggeriſſen: vier zierliche Etagen ſind aus dem Boden gen Himmel gewachſen. Die Steine ſind ſo ſorg⸗ faͤltig dabei geſpart! Ich glaube, ſie ſind ſel⸗ ten geworden, weil ſie den Menſchen auf dem 58— Herzen liegen. Das liebe Holz iſt ſo fein gezogen, als waͤr' es auf einer Spinnmaſchine geweſen. Da wird die Gicht bald einkehren und das Hausrecht ſie nicht wieder herausbrin⸗ gen. Jene beiden Etagen hatten ſo viel Kel⸗ lerraum, als zu einer ordentlichen Haushal⸗ tung erfordert wird: dieſe vier, vielleicht von acht Familien bewohnt, haben nicht mehr Raum, als jene zwei, unter der Erde. Wo moͤgen die Weiber ihre Wintervorraͤthe aufbewahren? fragte ich beſorgt den Wirth. Liebe Madam, ſagte er, Vorraͤthe ſind nicht mehr Mode.— Er iſt ſo artig, mich in ſeinem Hauſe herum⸗ zufuͤhren. Ich komme auf den Boden. Ich denke an Holz; ich denke an alle die Noth⸗ wendigkeiten des Lebens, die man auf dem Boden haben muß. Mir wird baͤnglich: die vorige Antwort des Wirths erſtickt meine Frage. Etwas anders fiel mir ein: Wo ſollt' ich hier, ſag' ich, die Waͤſche fuͤr mein Haͤuf⸗ chen Kinder aufhaͤngen?„Ja, Madam, es iſt jetzt gar nicht Sitte, ſo viele Kinder zu haben!“— Und wie zieht es hier oben!— „Das macht, wir haben einen hohen Stand⸗ 59 punkt.“— Da haben Sie recht, lieber Herr Nachbar! Ein hoher Standpunkt, viel Wind und wenig Vorrath! O laſſen Sie mich wie⸗ der zu meinem Standpunkte, zu meiner al⸗ ten Sitte, zu meinen zehn Kindern, und zu dem Vater hinunter, der den Muth hat, fuͤr ſo viele Kinder zu arbeiten und zu ſorgen!— Inlie. * Der große Ball in der kleinen Stadt. Ob Dir unſere Winterluſtbarkeiten meine Briefe entziehen? Scherze nicht, Schweſter! Wenn Du ſaheſt, wie mir neulich nur eine einzige in unſerer, durch ihren Handel mit Senſen, Peitſchen und Backſchuſſeln beruͤhm⸗ ten Stadt zugeſetzt hat, Du wuͤrdeſt unaus⸗ ſprechlich ernſthaft werden. Bei Euch, in dem großen Berlin, ſchwaͤrmt man ſich wol auch ein wenig muͤde: aber wenn der Freude dort die Fluͤgel endlich ermatten, ſo hat ſie ſolche doch auch redlich gebraucht. Bei Euch, wo der ganze Lehr⸗, Naͤhr⸗ und Wehr⸗Stand des Vergnuͤgens Euch zu Gebote ſteht, ſind die Anſtalten leicht gemacht, und, iſt das glaͤn⸗ zende Ziel erreicht, kommt alles ſchnell wieder 61 in ſein gewoͤhnliches Gleis. Aber, hier bei uns, in Neſtlingen, da martert und plackt man ſich erſt, um, wo moͤglich, eine Freude zu Stande zu bringen, hernach wieder, um ihre Spuren zu vertilgen, daß die Steine in der Erde ſich erbarmen moͤchten. Volle vierzehn Tage ſind z. B. ſchon verfloſſen, ſeit wir den erſten großen Ball erlebten, und die Stadt hat ihn noch nicht uͤberwunden, wie viel weniger die Frau Buͤrgermeiſterin, die ihn gab, und die, wie ihre abgemattete Dienerſchaft, fuͤr immer daran genug hat. Es war auch wahrlich kein klein Unternehmen! Ohne ihm Unrecht zu thun, koͤnnte man es fuͤglich, in Abſicht der Vorkeh⸗ rungen und Nachwehen, mit der Kaiſerkroͤnung in Paris vergleichen. Du glaubſt mir nicht? So muß ich mich wol entſchließen, fuͤr dich eine kleine Schilderei zu verſuchen, der Du immer ein Plaͤtzchen unter deinen Tenniers und den uͤbrigen Bildern aus der niederlaͤndiſchen Schule vergoͤnnen kannſt. Bevor ich aber die Staffelei zur Hand nehme, will ich einen kleinen Empfeh⸗ lungsbrief zum Beſten des Tanzes ſchreiben, ſonſt moͤchteſt Du und die ehrlichen Leute in 62 Neſtlingen glauben, ich wolle ihnen dieſes Ver⸗ gnuͤgen boshafter Weiſe verleiden. Nichts we⸗ niger als das! denn niemand tanzt lieber als ich. Bei mir iſt der Tanz ein probates Mittel gegen alle die kleinen tuͤckiſchen Hausuͤbel, die uns ſo oft die Suͤßigkeiten des Lebens verbittern wollen, als da ſind, Indigeſtionen, Schmoll⸗ ſucht, Kraͤmpfe, Grillen, Kopfſchmerzen, Aengſt⸗ lichkeiten, Erkaͤltungen, Herzpochen, kleine Zaͤn⸗ kereien und dergleichen. Du weißt, daß ich ſehr oft, nach unſerm gewoͤhnlichen Abend⸗ ſchmauſe von Butterſchnitten, wenn ich nur einen Freund an das Klavier ſchwatzen kann, meinen Mann beim Arm nehme und mit ihm einigemal das Zimmer auf und ab und das kleine Woͤlkchen weghuͤpfe, das ich auf ſeiner Stirn entdeckt hatte. Ich behaupte ſogar, ein Soupe e mit muntern Freunden und Freundinnen werde durch einen unverabredeten und ungezwungnen Tanz erſt das, was es ſeyn ſoll: eine Staͤrkung des Koͤrpers und des Geiſtes. Oft bedaure ich recht ernſthaft, daß wir Deutſche nicht auch, wie andere Voͤlker, unſern Nationaltanz haben, den die Kinder ohne Tanzmeiſter lernen, und der 63 die Alten noch in frohe Bewegung ſetzt. Unter den Landleuten in Frankreich war es ſonſt Sitte, daß nach dem Tiſchgebete alles, jung und alt, ſelbſt der Großvater mit dem Enkel tanzte, als muͤßte die ganze Familie dem Geber alles Gu⸗ ten auch durch Freude danken. Und die Deut⸗ ſchen? ja, die ernſthaften Deutſchen behandeln ihre Freuden nur gar zu oft ernſthaft, ihr Ver⸗ gnuͤgen wie eine Arbeit. Ich habe hier und dort geſehen, daß Damen, die ſchon Muͤtter waren, ihre Zeit dem Tanzmeiſter widmeten, um neue Kuͤnſte zu lernen, und den Ruhm ihrer Fuͤße zu behaupten, und die, bei den angreifenden neuen Taͤnzen, Geſundheit und Leben opferten. Das kommt mir vor— gerade wie ich mir ſelbſt in dieſem Augenblicke. Ich wollte Dir durch eine kleine Bagatelle einige vergnuͤgte Minuten machen, und plage Dich mit einer ernſthaften Bemerkung. Moͤgen doch auch die guten Kleinſtaͤdter ſamt und ſonders bei munteren Taͤnzen recht oft froh ſeyn! Aber moͤgen ſie ſich doch auch erin⸗ nern, daß, um beim Tanze des Lebens froh zu werden, es eigentlich nichts braucht, als einen 54 guten Muth, der von ſelbſt das Herz zur Mu⸗ ſik hebt, und Fuͤße, die ſich in den Takt fuͤgen. Doch ein anderes ſind Baͤlle, ein anderes Taͤnze! Ihr Leute in der Reſidenz habt und braucht die erſten, und dieſe brauchen wieder viel. Das iſt ganz in der Ordnung und ge⸗ het mich nichts an; aber was ſollen wir da⸗ mit, ohne Euren Reichthum, Eure Muße und Eure Langeweile? wir, in Neſtlingen, wo, ohngeachtet zahlloſer Zuruͤſtungen und Derange⸗ ments, doch nur etwas Albernes zur Welt kͤmmt? Hoͤre nur zu, Schweſter! Die Veranlaſſung zum letzten Feſte war die Ruͤckkehr des einzigen Sohnes der Frau Buͤrgermeiſterin. Er iſt ſo ſchrecklich allerliebſt zuruͤckgekommen, daß die hieſigen Schoͤnen alle Kraͤfte aufboten, den Schatz zu heben und in eigenen Gewahrſam zu bringen. Die Mutter, eine erfahrene Dame, ſahe dieſen Wettſtreit voraus, und, den Genuß vollkom⸗ men zu haben, entbot ſie alle ebenbuͤrtige Kaͤmpfer zugleich vor ihre Augen. So wur⸗ de der große Ball!— Die gute Frau ahnete nicht, was ſie ſich bereitete! Sie hatte 65 ſo viele Jahre das Steuer des Hausregiments eben ſo unbeſchraͤnkt, als ehmals ihr verſtor⸗ bener Herr Gemal das Stadtregiment allein gehandhabt: nun mußte ſie ſich tadeln, weg⸗ draͤngen, und ſogar bis zur Reſignation de⸗ muͤthigen laſſen! Der Herr Sohn war als engliſcher Elegant aus Hamburg zuruͤckgekom⸗ men: druͤckende, alle Ruͤckſichten hoͤhnende Be⸗ harrlichkeit iſt ja ein Hauptzug des Englaͤnders im Originale, den man in der Copie nicht vermiſſen durfte. Von Vielem nur Einiges! Die Dame hatte ſich auf ihre Sammlung an⸗ tiker Moͤbeln nicht wenig zu Gute gethan, und nicht ohne Genuß ſich alle Sonntage in der polirten Oberflaͤche derſelben geſpiegelt— Mutter, wer kann einen ſolchen Tiſch dulden! rief der Herr Sohn. Einen Tiſch mit Fuͤßen von Reh⸗Klauen! Greifen⸗Klauen muͤſ⸗ ſen's ja ſeyn! In groͤßter Eile ließ er die Greifen kommen, und die unſchuldigen Rehe in die Bodenkammer ſperren.— Den Sonntag wollen Sie den Ball geben? fuhr er fort. Sie machen mich lachen. Jeder Tag der Woche, außer dem Sonnabend, iſt dazu J. f. F. II. H. 5 66 abgeſchmackt! Vorſtellungen, Bitten, ſelbſt Verſuche zu zuͤrnen, waren umſonſt: Des Sonnabends oder nie! blieb die Entſcheidung. Die ganze Stadt war ſchon voll von dem bevorſtehenden Feſte: die Gaͤſte wurden gebe⸗ ten, und die Mutter mußte mit gebrochenem Herzen nachgeben. Jetzt einen Blick auf die alarmirte Stadt! Welch entſetzliches Unheil hat nicht unter an⸗ dern nur dieſe Beſtimmung des Sonnabends verurſacht! Der Sonnabend war ſeit ewigen Zeiten der allgemeine Waſch⸗, Scheuer⸗ und Putztag: diesmal war nicht daran zu denken! An ihm, dem großen Markttage, ſollten die Weiber den Hausbedarf fuͤr die ganze Woche beſorgen: diesmal konnte man nicht dazu kom⸗ men! Am Sonnabend kommen die Armen, ihr Almoſen zu empfangen: diesmal konnte man ſich mit ihnen nicht abgeben! Ungewa⸗ ſchene Kinder, unbefriedigte Arme, unzufriedne Marktleute, fluchende Fleiſcher und ſchimpfende Fiſchweiber:— welch eine allgemeine Des⸗ organiſation! Und was iſt nicht zwei ganze Wochen vorher verſaͤumt worden und zu Grunde 67 gegangen, um nur den Putz der Weiber zu ord⸗ nen! Dem meinigen,— ach Schweſter! dem meinigen wurde dabei der Hals gebrochen. Du ſchickteſt mir doch das niedliche Huͤtchen zum Weihnachtsgeſchenk. Ich wollte darin zum erſtenmale auf jenem Balle prangen: aber— o Himmel! Eine unſrer erſten Damen war bei mir: wir hatten uns bald ausgeredet, und da ich auf der Welt nichts mehr anzuknuͤpfen fand, zeigte ich ihr unbefangen das kleine Huͤtchen. Die Dame war entzuͤckt— das war gut! Aber, was ich nicht geahnet hatte— ſie flog vor den Spiegel, zu ſehen, wie es ihr ſtaͤnde, und zog und renkte das arme feine Weſen ſo lang auf ih⸗ rem reich bepuderten Kopfe umher, ohngeachtet ich bittend und zagend um ſie flatterte, wie die Haͤnflings⸗Sie um den Knaben, der ihre liebe Nachkommenſchaft aus dem Neſte raubt— bis es endlich feſt ſaß. Die Dame fand ſich ſo aller⸗ liebſt darin, daß ſie uͤberall davon ſprach; die ganze weibliche elegante Welt kam nun, es zu betrachten, es ebenfalls zu verſuchen, es ſich zum Modell auszubitten: kurz, wollt' ich nicht die ganze Stadt gegen mich erbittern, ſo mußt' 68 ich es aus Hand in Hand, von Kopf zu Kopf reiſen laſſen, bis ich es, wie manche Mutter ih⸗ ren Sohn, ſo entſtellt und zerſtoͤrt zuruͤckerhielt, daß es gar nicht wieder herzuſtellen war— Das iſt das Loos des Schöonen auf der Erde!— Ich war alſo die Einzige, die hutlos auf dem Ball erſchien; die uͤbrigen Damen traten auf, wie eine Kompagnie von dem hochloͤblichen Re⸗ giment£**, die eben Huͤte nach neuer Form, und alle einander aufs Haar gleich nach Einem Muſterhut geſchnitten, erhalten hat. Nur Eine Dame, die Schwaͤgerin des jungen Herrn vom Hauſe, machte eine Ausnahme. Der junge Elegant that dem bluͤhenden, etwas materiell gebildeten Weibchen die Ehre an, ſie„nicht uͤbel“ zu finden, und bezeigte ihr das, indem er ihr einen ganz neumodigen Kaſtorhut und einen ſchoͤnen Kaſimir⸗Oberrock kommen ließ. Die gute Frau fand auf der Welt keine brillan⸗ tere Gelegenheit, dieſe Koſtbarkeiten zuerſt dem Publikum zu produziren, als den Ball; erſchien alſo, zum Schrecken des Koͤnigs der Fete, in dieſem ſehr huͤbſchen Reiſe⸗Anzug, mußte ——— 6 9 nun darin tanzen, und, bei ſo viel Embonpoint und ſo weniger Beweglichkeit, ging ſie vor Waͤrme faſt zu Grunde. Man hatte die Neſtlinger zum Thee gela⸗ den: neue Verlegenheit! neue Verwirrung! Wann erſcheint man zum Thee? dieſe Frage fluͤſterte ſich die ganze Stadt ins Ohr: aber ſie blieb unbeantwortet, denn hier trinkt Niemand Thee, der nicht Halsweh oder den Schnupfen hat, und die Wenigen, die ihn fruͤh den Kin⸗ dern geben, kamen ſchon auf den Gedanken, das Feſt fange vom Morgen an. Gegen drei Uhr Nachmittags kam die Frau Einnehmerin mit ihren Toͤchtern, mich abzu⸗ holen. Sie waren ſehr eilig, denn, nach der hier gewoͤhnlichen Viſitenzeit, hatten wir keine Minute zu verlieren. Die Maͤdchen, huͤbſche, gute, natuͤrliche Geſchoͤpfe, erkannte ich im erſten Augenblick gar nicht, ſo ungeheuer hatte ſie die hieſige alte Putzmacherin zugerichtet: die armen Dinger konnten ſich vor Band und Blumen nicht bewegen; ja ſelbſt die Mutter, ſonſt eine verſtaͤndige, treuherzige Frau, war wie ausgetauſcht. Man erſtaunte, mich noch 70— arbeitend unter meinen Kindern zu finden. Um Gotteswillen, Madam, rief die Mutter, wann wollen Sie hinkommen? Noch nicht angeklei⸗ det! gleich drei Uhr! Und die Kinder— noch keins fertig!— Ich erklaͤrte, meine Kinder wuͤrden gar nicht mitgenommen, und da es nicht ſchicklich ſei, vor ſechs Uhr zu gehen, habe ich um fuͤnf noch Zeit uͤbrig zu meiner Toilette.„Was ſagen Sie, erſt um ſechs Uhr? Wann werden wir denn Kaffee bekommen?“ Kaffee, liebe Frau Einnehmerin, wird gar nicht gegeben.„Mein Gott! keinen Kaffee? Nein, das halt' ich nicht aus!“ Ich werde den Augenblick damit aufwarten, ſagte ich zu ihrem Troſt, ſprang auf und beſtellte. Ein Stein war, dem Himmel ſei Dank, von dem Her⸗ zen der guten Frau los, bald broͤkelten ſich meh⸗ rere ab.„Haben Sie, liebe Madam, denn auch davon gehoͤrt, daß der junge Herr eine Gewitter⸗Angloiſe will tanzen laſſen, worin es regnen, donnern, blitzen, und ſogar ein⸗ ſchlagen ſoll? Wir werden doch keinen Scha⸗ den dabei nehmen?“— Was? eine Gewitter⸗ Angloiſe? rief ich;— will das junge Genie 71 ſeinen Muthwillen mit uns treiben? Doch indem beſann ich mich, daß es einen ſolchen Tanz giebt, in welchem zu den Touren der großen Achte und der halben Chaine u. ſ. w. die Muſik die ſchrecklichen Ereigniſſe eines Ge⸗ witters im ztel Takt nachmacht, und war alſo im Stande die elektriſche Materie von dem Haupte meiner Bekanntin abzuleiten.—„Aber was ſagen Sie zu der Menuet: Der ſteinerne Gaſt, welche der junge Herr hat einſtudiren laſſen? Das ſoll vermuthlich eine Satyre ſeyn.“— Nein, es iſt vermuthlich die Menuet aus der Oper: Don Jouan, oder der ſteinerne Gaſt.—„Wird denn jemand in Stein ver⸗ wandelt?⸗— Nein, es wird blos die Muſik aus der Oper genommen.—„Was doch die Leute jetzt fuͤr wunderliche Namen den Sachen geben! Sie machen einem dadurch das Leben ordentlich ſauer.“ Da haben Sie ſehr recht. Die Frau Einnehmerin hatt' ich durch mei⸗ nen Kaffee und durch meine Gelehrſamkeit erhei⸗ tert; aber ihre Toͤchter ſaßen noch ſteif und aͤngſtlich da. Kinder, was iſt euch? fragte ich mit herzlichem Mitleiden. Da traten Malchen, 2 der juͤngſten, die hellen Thraͤnen in die lieben blauen Augen. Ich nahm ſie an's Fenſter: verſtohlen brach ſie in ein aͤngſtliches Weinen und endlich in die leiſen Worte aus: Ach liebe Madam— ich ungluͤckliches Kind! ich muß mich erkaͤltet haben! Bringen Sie es nur mei⸗ ner guten Mutter bei, daß ſie nicht erſchrickt— o du lieber Gott: ich bin taubl— Wie vom Schlage getroffen, fuhr ich zuruͤck. Das wolle Gott nicht, liebſtes Malchen! Verſtehſt du mich, wenn ich ſo rede?— Ich hoͤre nichts, als ein leiſes Summen, und leſe Ihnen nur die Worte vom Munde ab.— Ich bebte an allen Gliedern, zog das ungluͤckliche Kind unbemerkt in die Nebenſtube, fragte, ohne daß ſie mich anſehen durfte: ſie verſtand mich nicht. In ſchrecklicher Angſt reiße ich ihr das Exemplar von der neuen Prachtausgabe ihres Hutes, das unter dem Kinn mit breitem Bande ſehr feſt ge⸗ bunden war, vom Kopfe: Kind, welches Ohr iſt's? verſuch' es! rief ich. Außer ſich vor Ent⸗ zuͤcken fliegt ſie an meinen Hals: Madam, ich hoͤre wieder— auf beiden Ohren! und alles!— Die Kleine, die in ihrem Leben die Ohren noch nicht zugebunden getragen hatte, fand mit mir, daß ihr kein Leid widerfahren, ſondern einzig und allein durch das ungeſchickt gelegte Band die Hemmung des Schalls entſtanden ſei. Wir kehrten lachend ins andere Zimmer zuruͤck, wo wir, dem Himmel ſei Dank, die Kinder in ganz anderm Zuſtande fanden. Die Mutter hatte ſich entſchloſſen, mich nachzuahmen und ihre Kleinen auch nicht mitzunehmen. Aller uͤberfluͤſſige Putz war abgeworfen, ſie ſprangen mir froͤhlich entgegen: Wir bleiben hier, wenn Sie's erlauben! wir helfen Ihrem Jettchen erſt naͤhen, und wenn wir fertig ſind, wollen wir ſpielen und recht luſtig ſeyn——— Meine Toilette war bald gemacht: aller Ein⸗ wendungen und Beſchwoͤrungen der Frau Ein⸗ nehmerin ungeachtet, bekam mein Haar nichts, als eine zierliche Flechte, mein Koͤrper nichts, als eine leichte weiße Chemiſe. Mein galanter Mann hatte mir einen Wagen beſtellt— den beſten, der hier zu haben iſt. Meine Begleite⸗ rin laͤchelte ſehr freundlich, als er vorfuhr, und ich ihr den erſten Platz darin anbot. Langſam und mit moͤglichſter Behutſamkeit hoben und 24 ſchoben wir ſie hinein. Neue Verlegenheit! der altmodiſche Kutſchkaſten war nicht hoch genug fuͤr ihre lange Geſtalt mit der gewaltigen Koef⸗ fuͤre. Um nicht neuen Aufenthalt zu machen, und doch auch den Triumph, angefahren zu kommen, nicht zu entbehren, ſetzte ſie ſich mit ganz nieder⸗ gebeugtem Haupt in die peinlichſte Lage, und ſtreckte das Kopfzeug gerade aus vor ſich hin. So kamen wir gluͤcklich vor der Thuͤr der Frau Buͤrgermeiſterin an. Eine Mauer von Maͤgden, Straßenbuben und andern Gaffern war um das Thor gezogen; alle umringten nun mit verdop⸗ pelter Erwartung den Wagen. Mit Muͤhe, bei⸗ nahe zermalmet, wanden wir uns hindurch: mit jedem Schritte wurde meiner guten Gefaͤhrtin baͤnger. Der junge Herr hatte verordnet, daß Niemand von der Familie den Ankommenden entgegenginge, weil das kleinſtaͤdtiſch ſei: meine Gefaͤhrtin fand darin Verachtung, oder wenig⸗ ſtens, daß wir nun doch zu ſpaͤt gekommen waͤ⸗ ren. Ich fuͤhrte ſie aufmunternd ins Ballzim⸗ mer: die verſammelten Damen ſaßen geſpannt, aͤngſtlich und ſtumm auf den Stuͤhlen an den Waͤnden umher; die Herren ſtanden truppweiſe. 75 Hier duftete eine Gruppe wohlerzogener Soͤhne des Zolleinnehmers, des Apothekers, des Bek⸗ ker⸗Obermeiſters u. ſ. w., nach dem Muſter des durch Reiſen vollendeten Eleganten mit Hahnenkaͤmmen geziert. Sie waren beſchaͤfti⸗ get— hoffentlich hat die Berliner Polizei der erwachſenen Jugend, wie wir Muͤtter unſern Kindern, dieſes ſchon unterſagt— die Finger in den wohlriechenden Oehlen der Haare— doch, der Gegenſtand iſt zu ekelhaft, um ihn auszu⸗ malen. Dort ſtand der Kreis der langen Zoͤpfe, der ſteifen Gevatterroͤcke und der großen, ſoliden, ſubernen Schuhſchnallen. Die mit dieſem Coſtuͤm belaſteten Figuren ſtanden ſtill, reſignirend und maſchinenmaͤßig da— denn mit Oberrock und Stiefeln ziehen die Maͤnner hier alle Kraft und allen Willen aus.—— Kaum hatten wir uns geſetzt, als der galante Wirth ſelbſt uns Thee praͤfentirte und fragte: Lieben Sie Rum, Ma⸗ dam? Meine Nachbarin verſtand die Frage nicht, und antwortete: Ich liebe einzig und al⸗ lein meinen Mann. 3 Doch, liebe Schweſter, ich erſchrecke: mein ganzer Briefbogen iſt voll, und noch ſind wir 26 nur kaum uͤber die Thuͤrſchwelle, und an den Tanz iſt noch lange gar nicht zu denken! Da gingen ja aber Verlegenheiten und Verſtoͤße, Langweile und Verdruß, Noth und Pein erſt recht an! Gleichwol— ich bin des Schreibens, Du wahrſcheinlich des Leſens muͤde: wir wollen einander aber nicht, wie die Neſtlinger, mit lauter Hoͤflichkeit quaͤlen; darum entlaſſen wir einander— Du mich vom Schildern, ich Dich vom Leſen. Begnuͤge Dich mit der Freude der Praͤliminarien, und gieb die geprieſene Haupt⸗ ſache auf— muß es doch auch manche Frau mit dem Gluͤck der Ehe ſo machen. Du ſieheſt aber ſchon aus jenem, was wir fuͤr wunderliche Men⸗ ſchen ſind: wie wir es uns blutſauer werden kaſſen, unſern Freuden, wie unſchuldigen Tau⸗ ben, die Haͤlſe abzudrehen, weil wir uns ſchaͤ⸗ men, das zu ſeyn, was wir ſind und ſeyn koͤn⸗ nen, und namentlich, was es fuͤr eine ſaubere Bewandtnis mit einem großen Balle in einer kleinen Stadt hat. —. L, Die naͤchtliche Harfe. Romanze. Bedraͤngt vom feindlichen Heere, Sah der König mit truͤbem Muth Von ſeiner Burg am Meere Hinaus auf die ſchwaͤrzliche Fluth. „Wann nahn ſich meine Retter, Zu wenden der Knechtſchaft Tod? Wann blickt ihr, große Goͤtter, Herab auf meine Noth?“ Umſonſt war all' ſein Klagen, Weitum erſchien kein Freund; Und naͤher, das Letzte zu wagen, Drang ſtuͤrmiſch der machtige Feind. 78 Ein Held aus nordiſchem Lande Liebte wol ſeine Tochter ſchön; Er warb zum Liebesbande Um ſie mit heißem Flehn. Schoͤn war er; ſeinem Muthe Konnte nimmer ein Gegner ſtehn; Doch entſproſſen von feindlichem Blute, Verſagt' ihm der Vater ſein Flehn. Da entbrannte der Juͤngling, mit Kriege Er uͤberzog das Land; Zu erringen im ſtuüͤrmiſchen Siege Des lieblichen Fraͤuleins Hand. Schon war der Konig geſchlagen, Verloren die blutige Schlacht, Und er fuͤrchtet' in wenigen Tagen Den Untergang ſeiner Macht: Da hatte ſeine Noth vernommen, Des großen Fingals Sohn; Er hatte verheißen zu kommen Am zweiten Tage ſchon. Nun blickte der Konig ins Ferne, Bei Sonn' und Mondenlicht; Es glaͤnzten Mond und Sterne, Kein Segel glaͤnzte nicht. Doch ploͤtzlich erſchienen die Retter Am Morgen, durcheilend das Meer, Und ſtuͤrmten, wie ein Wetter, Stracks auf das feindliche Heer. Wohin Oſſian ſich wandte, Da war Verderben und Tod; Kuͤhn blitzte ſein Auge, es brannte Seine Wange wie Morgenroth. Nicht lang mehr widerſtanden Die Feinde dem maͤchtigen Drang; Ihr Koͤnig ergab ſich den Banden, Als er ſchon verwundet ſank. Nun zog der junge Sieger In die Burg des Koͤnigs ein; Es fuͤhrten ſeine Krieger Die Gefangnen hinterdrein. „Willkommen, ſprach der Koͤnig, Meines Freundes tapfrer Sohn!— Fuͤr deine Thaten zu wenig Iſt ſelbſt der koſtlichſte Lohn. Doch vergeſſen und ohne Gabe Sollſt du nicht ſcheiden von hier: Das theuerſte was ich habe, Meine Tochter geb' ich dir! Sie glaͤnzt in Locken der Jugend, Ihre Stimm' iſt Harfen gleich; Sie iſt reich an weiblicher Tugend, Und an ſuͤßen Gefaͤngen reich.“ Er ſprachs, und rief die Holde Aus der ſtillen Kammer herein; Umwallt von der Locken Golde, Erroͤthend, trat ſie ein. Ihre Augen glaͤnzten wie Sterne, Doch zitterten Thraͤnen darin;— Alle gruͤßten ſchon von ferne Die ſchöne Saͤngerin. Sie ſah Oſſian und es engte Seinen Buſen Lieb und Gluück— Es jauchzten alle, nur ſenkte Der arme Gefangne den Blick.— In Freude beim feſtlichen Mahle Floßen nun die Stunden hin, Bis mit ruheverkuͤndendem Strahle Der Mond am Himmel erſchien. Nun verließen die Gaͤſte die Halle, Jeder ſuchte das Lager der Ruh; Der Schlaf ſchloß die Augen alle, Nur Oſſians Auge nicht zu. Er wachte noch, in die Fuͤlle Seiner liebenden Traͤume verſenkt; Auf der Burg lag tiefe Stille, Der Mond war mit Wolken umhaͤngt; Und ruͤhrende Toͤn' ergoſſen Sich ploͤtzlich mit ſuͤßer Macht: Von der Harfe begleitet, floſſen Sie durch das Schweigen der Nacht. J. f. F. II. H. 6 82 Er lauſcht' und lauſchte lange, Und des Fraͤuleins Stimm er vernahm, Sie ergoß in leiſem Geſange Ihres Buſens ſtillen Gram: . In Fingals hohen Hallen Werd' ich küͤnftig traurig gehn; An fremden Stroͤmen wallen, Den Geliebten nimmer ſehn! Verſchwunden, ach verſchwunden Iſt meines Lebens Gluͤck! Ich aſſe, bedeckt mit Wunden, Meinen edlen Geliebten zurück! Ihn druͤcken eherne Bande, Es bricht ſein tapfres Herz, Indeß mich im fremden Lande Begleitet mein ewiger Schmerz.“— „Nein wahrlich! das ſoll nimmer, Rief der Juͤngling, nimmer geſchehn! Deiner Augen holder Schimmer Soll nicht in Thraͤnen vergehn! Dein Gluͤck iſt nicht verſchwunden, Du ſollſt nicht ſterben vor Schmerz; . Ich habe Feind' uͤberwunden, Jetzt uͤberwind' ich mein Herz!e Er riefs! und ſtillen Muthes Harrt er dem Morgenſtrahl; Dann, wuͤrdig Trenmors Blutes, Eilt' er zum Koͤnigsſaal. „Lebe wohl, o Koͤnig der Meere! Mich ruft das erwachende Licht Zur NRuͤckfahrt, doch ich begehre Deine holde Tochter nicht! Mir bieten ſo theuern Lohn? Und in Feſſeln ſollte ſchmachten Ein edler Heldenſohn? Kannſt du treue Liebe verachten? Stets kam er von Schlachten als Sieger: Ihm hat ſich das Fraͤulein geweiht; Vergiß dann endlich, o Krieger, Den Haß, der die Vaͤter entzweyt!“ 34 Und der Koͤnig geruͤhrt ſich wandte Zu enden der Liebe Schmerz; Er loͤßte des Helden Bande, Und fuͤhrt' ihn der Treuen an's Herz. 9 L⸗ Ein⸗ und Ausfaͤlle. (Einige nach dem Franzoͤſiſchen.) Volksmeinung. Fremde nur heilet der Quell, die Heimiſchen laͤßt er verſchmachten—*) Dichter, ſo labt uns dein Werk, das, ach, dich ſelber verzehrt! Die zwoͤlf ſchlafenden Jungfraun von Spieß. Jungfraun ſchlafen bei Spieß, und, merk' es, ihrer ſind zwoͤlfe: Neune, der Muſen Chor, und drei, der Grazien Bund. *) So glaubt der gemeine Mann in und um Karlsbad. Franzenbrunnen bei Eger. Sehet den ſeltſamen Quell, ſtets kochend ſein eiskaltes Waſſer: Mancher kritiſchen Zunft aͤhnelt der ſeltſame Quell. An eine deutſche Dichterin. Die deutſche Fuͤlle der Gedanken Giebt uns dein Lied mit Politur der Franken: Doch was nicht Einem Voll gefaͤllt— 2 Gefuͤhl, das fehlt, und gilt durch alle Welt!—— Inſtanz. 5 „Was iſt, iſt gut, als Theil von dieſer beſten Welt. Nun hat die beſte Welt viel ſchlechte Phehes So iſt wol gut auch ſie?⸗— Die Poeſie ſtammt nicht von Erdentoͤchtern, Iſt nicht von dieſer Welt: Die gut' aus beſſerer, die ſchlecht' aus einer ſchlechtern. 3 Zuruͤckweiſung. „Unſinn, Schlechtheit find' ich uͤberall ver⸗ breitet— Alles ſieht der gelb, der— an der Gelbſucht leidet! Menſchenſtudinm. „Zur Hiſtorie geh, ſie lehret den Menſchen dich kennen⸗— Den Hiſtoriograph, ja, den lehrt kennen ſein Werk! Die Fortſetzung im 3ten Heft. Der Rheinfall bei Schafhauſen. — 2 Der Herbſt ſchmuͤckte die Baͤume, das holde Licht der ſinkenden Sonne die ganze Landſchaft laͤngſt dem Wege von Baſel nach Schafhauſen. Mein Geiſt, ſeit vielen Wochen mit nichts be⸗ ſchaͤftiget, als mit den lieblichſten Bildern der ſchoͤnen Schweiz, hatte alle Feſſeln des gewoͤhn⸗ lichen Lebens geloͤſet; die truͤben Wolken der Zukunft waren voruͤber gezogen, alle kleinen Wunden der Vergangenheit geheilt. Die Ge⸗ genwart liebkoſete mich; von ihrem Schooße laͤchelte mir die ſanfte Hoffnung, und der kraͤf⸗ tige Glaube an das Gute. Ich war wie neu geboren. Mein treuer Gefaͤhrte durch das Le⸗ ben ſah zuweilen mich, dann ich ihn an, mit jenem Blicke, der den ſeligen Frieden der Seele weit beſſer, als Worte, verkuͤndigt. Ich dachte 89 nicht an das, was mich begluͤckt hatte, nicht an das, was mich erwartete; ich war verloren in der unausſprechlich ſuͤßen Ruhe.— „Hoͤren Sie, wie der Rhein donnert?“ fragte der Kutſcher. Es ward mir, als wenn mich jemand mit einem Stiche aus einem erquik⸗ kenden Schlummer weckte.„Muß ſich auch der Freund mit Geraͤuſch ankuͤndigen?“ ſagte mein Mann.„Sind wir denn ſchon bei Schaf⸗ hauſen?“ In zwei Stunden, antwortete mein Wohlthaͤter auf dem Bocke.— Der Rhein wurde unterdeſſen immer lauter, bis es ihm ge⸗ lang, endlich meine Aufmerkſamkeit ganz auf ſich zu ziehen, und große Erwartungen bei mir zu erwecken. Ich konnte den andern Morgen kaum er⸗ warten. Vor Anbruch des Tages ſprang ich aus dem Bette in meine Kleider. Aber wie erſchrak ich, als der Bediente mit groͤßter See⸗ lenruhe uns ſagte: es ſei draußen ein dicker Nebel.„Er wird voruͤbergehen,“ ſagte mein Mann.„Nein, antwortete der Ungluͤcks⸗ Prophet, es wird Regen daraus, und der haͤlt hier ſehr lange an.“ Ich haͤtte weinen moͤgen; 90 ich wußte, mein Mann konnte ſich nicht aufhal⸗ ten. Dieſer ging mit großen Schritten das Zimmer einigemal ſchnell auf und ab; dann ſtand er ſtill und ſagte: Bis zehn Uhr wollen wir es abwarten. Ich faßte mich in Geduld, und gab dem Himmel gute Worte. Es ſchlug zehn Uhr, aber der Nebel nahm keine Notiz davon.„Ich will doch hingehen zu der Stelle des Falls, ſagte mein Mann. Meine Phantaſie mag den boͤſen Streich des Nebels einigermaßen wieder gut machen. Willſt Du mit?«“— Boͤſe uͤber die fehlgeſchlagene Erwartung und unzufrieden mit mir ſelbſt, daß ich, ungeachtet meiner geſtrigen geiſtigen Wiedergeburt, doch noch ein zerbrechliches Werkzeug in der Hand der Wirklichkeit war, ſagte ich: Nein! Ich wuͤrde mich, wenn ich dem lang Erwuͤnſchten ſo nahe waͤre, nur noch mehr aͤrgern.„Das wirſt Du nicht! Vielleicht:— doch ich will Dich nicht taͤuſchen.— Du weißt, ſo brach mein Verdruß jetzt aus, Du weißt, ich kann den Nebel nicht leiden— weder in der Tiefe noch in der Hoͤhe, weder in Proſa noch in Verſen, weder in Schafhauſen noch am Rhein⸗ fall.„Aber man ſieht vielleicht, wenn auch durch einen ſtarken Schleier, doch Etwas.“ Ich meines Theils, antwortete ich, ſeh alle Gegen⸗ ſtaͤnde gern klar und deutlich in der Geſtalt, wie ſie Gott fuͤr meine geſunden Augen ge⸗ ſchaffen hat. Geh allein, lieber Mann, und hilf Dir, ſo gut Du kannſt. Er nahm Hut und Stock, etwas langſam, und ſah mich, wie bittend, an.— Ich beſann mich, reichte ihm den Arm, indem ich dachte: haſt du doch oft Orte betreten, wo eine große Erſcheinung etwas Erhabenes gewirkt hatte, und biſt zur Andacht erhoben worden, ohngeachtet du weder Erſchei⸗ nung, noch Wirkung ſaheſt!— Ich ging mit. Es reuete mich nicht. Wir ſtanden am Ufer des Rheins, noch einige hundert Schritte vor ſeinem Fall. Wir ſtanden in dicke Finſterniß gehuͤllt, in dem un⸗ ſeligen Zuſtand der Seele, die ohne Licht iſt— Aber nur auf eine kurze Zeit: da— wie kann ich Dir das beſchreiben? Hatte es etwas von der Wirkung einer großen Muſik? Willſt Du mit den Werken der Sterblichen die Werke des Unendlichen vergleichen?— Was ich hoͤrte, 92— war dem Donner gleich, der mit dem Brauſen des gewaltigen Sturmes anhaltend uͤber unſer Haupt rollt. Es wirkte ſo auf meine Seele, daß ich haͤtte moͤgen niederfallen und anbeten. Mein Mann hatte ſeinen Arm um mich ge⸗ ſchlungen, hielt meine Hand feſt an ſeine Bruſt gedruͤckt und rief aus: Gott! das iſt groß! und auch wir ſind dein Werk!— In einem Nu ward der Vorhang von einander geriſſen; eine heilige Stimme rief in mein Innerſtes: Es werde Licht, und es ward Licht! Schnell, wie Blitze, floh der Nebel, von den Pfeilen der Sonne verfolgt, in die Gebirge zuruͤck— und der Rhein benetzte die Blumen am jenſei⸗ tigen Ufer.—— Unbefangen, in ſtiller Heiterkeit— das Bild unſrer Jugend— kam der ſpiegelhelle Fluß von Schafhauſen herunter; an beiden Seiten ſeiner Bahn von ehrwuͤrdigen Felſen gegen Stuͤrme, wie wir von ernſten, aber lie⸗ benden Aeltern, geſchuͤtzt. Nicht ahnend, was ihm bevorſtand, ſpielten ſeine Wellen, gerade unſerm Standpunkte gegenuͤber, froͤhlich und muthwillig in mannichfaltigen reitzenden Geſtal⸗ — 93 ten. Es erhoben ſich Steine in verſchiedenen Formen aus dem Bette des Fluſſes; die ſilber⸗ nen Wellen ſprangen an ſie hinan und bildeten allerhand kleine liebliche Kaskaden, jede mit einem Kranz von den lebendigen Farben der gebrochnen Sonnenſtrahlen umzogen.— Und nun— einige Schritte weiter: da ſtuͤrzte das muntere, unbeſchreiblich ſchoͤne Leben— tief, tief in den Abgrund hinunter! Mit fuͤrchter⸗ licher Kraft flogen die zerſchmetterten Wogen, wie die Verzweiflung, gegen die Wolken hin⸗ an!— Aufgeloͤßt in Staub ſanken ſie, der Sonne gegenuͤber, mit dem herrlichen Bogen des Friedens, wie mit der Krone der Vollen⸗ dung geziert, in das ruhige Thal herab, an⸗ dere Wellen zu bilden, andere Fluren zu be⸗ gluͤcken, und andere Blumen zu kuͤſſen. H— e. Bruchſtuͤcke aus den Briefen und dem Leben der Ninon de Lenclos. Fortfetzung. — Die Wahl einer Gattin.*) Ich bleibe dabei, Marquis: ein Mann wie Sie— von ſo viel Lebhaftigkeit, Unruhe, Phantaſie, ſo der Welt, ſo ihrer kuͤnſtlichern, zuſammengeſetztern Freuden gewohnt— ein ſol⸗ cher Mann bedarf einer Gattin von Humor, Temperament, Eigenheiten, Laune— Kaprize ſogar. Wer heißt Ihnen denn aber mich ſo falſch zu verſtehen, daß meine Erwaͤhlte aus Launen und Kaprizen zuſammengeſetzt ſeyn ſolle? *) Die hier zunaͤchſtfolgenden zwei Bruch⸗ ſtuͤcke haben mehrere Abaͤnderungen erlitten; doch nicht mehrere, als, nach reifer Ueberle⸗ gung, nothwendig ſchienen. 95 wer denkt an ſolch ein ſtacheliches, widerwaͤr⸗ tiges Weſen? Das machte aus der Liebe einen langen Streit; aus der Ehe ein immerwaͤhren⸗ des Ungewitter, oder ein langweiliges Beſchwer⸗ de⸗Fuͤhren. Wie entfernt iſt das von meiner Meinung! Aber Sie uͤbertreiben immer. Ich habe von einer liebenswuͤrdigen Frau geſprochen, die eben durch Ungleichheiten der Stimmung und wunderliche Wendungen des Charakters fuͤr Sie noch liebenswuͤrdiger ſeyn wuͤrde: und Sie denken an ein widerliches Geſchoͤpf, das Ihnen nur widerſprechen und verdrießliche Dinge vorbringen will! Meine Erwaͤhlte ſoll ja nur in Ihnen eine lebhaftere, unruhigere, zuweilen etwas eiferſuͤchtige Anhaͤnglichkeit er⸗ wecken; ihre Launen und Eigenheiten ſollen nicht in innerer Verſtimmung, nicht in Rohheit des Temperaments, ſondern in Liebe zu Ihnen ihren Grund haben. Das Weibchen wird dar⸗ um doch zuweilen ungerecht gegen Sie ſeyn, wird es ſogar raſch, voreilig aͤußern: aber waͤren Sie wol ſo undelikat, ſich daruͤber zu beſchweren? ſich nicht durch ſolche Uebereilun⸗ gen der Liebe deſto gluͤcklicher zu fuͤhlen? Ich 96 fuͤr mein Theil habe immer geglaubt: wer un⸗ wandelbar ſich auf der wohlabgemeſſenen Bahn des feinen Tons halten kann, iſt nur halb verliebt. Und kleine Seitenſpruͤnge von dieſer Bahn ſollten nicht im geheim begluͤcken helfen? Mitten unter Klagen uͤber ſolche Un⸗ gerechtigkeiten, uͤber ſolche Uebereilungen, fuͤhlt man im Hinterhalt des Herzens mit Entzuͤk⸗ ken, daß man geliebt, daß man mit Leiden⸗ ſchaft geliebt iſt, und jene Aeußerungen ſind um ſo uͤberzeugendere Beweiſe davon, je un⸗ willkuͤhrlicher ſie hervorbrechen. Das, lieber Marquis, gehoͤrt unter jene Freuden der Liebe, bei denen man leidet, ſeufzet, auch wol ein Thraͤnchen vergießt— und das ſind doch die fuͤßeſten! Sie verſtehen mich nun hoffentlich genug, um ſich nicht laͤnger einzubilden, ich wolle Ih⸗ nen ein verſtimmtes, uͤbellauniges, kaprizioͤſes, bruͤskes, argwoͤhniſches, anmaßendes, herrſch⸗ ſuͤchtiges Ding zur Gattin empfehlen: das alles macht nothwendig haͤßlich und empoͤrt; und wer ſich in ein ſolches Geſchoͤpf verliebt, uͤber dem ſchwebt die Zuchtruthe des Himmels; wer 5 97 ſich aber gar mit ihm verbindet, den hat er verworfen in ſeinem Zorn. Jeh hingegen ſpreche von etwas, das, wenigſtens in den Augen von Maͤnnern, wie Sie, verſchoͤnet; von etwas, das die Langweile des laͤngſten aller Verhaͤltniſſe verjagt; das ihm immer neuen Reiz, und dadurch erwuͤnſchte, nicht erzwun⸗ gene Dauer giebt. Ihre Schilderung eines— ach wie einfa⸗ chen, ſtillen, beſcheidenen Weſens, und der Wonne, mit ihm verbunden zu leben, hat meine Schilderei zu Grunde richten ſollen: ich habe ihrer aber nur lachen gekonnt. Ich ſpre⸗ iche nicht im Allgemeinen gegen eine ſolche— Najade, wie ihr Heimchen iſt; auch nicht gegen eine Idylle, wie Ihre Darſtellung des Verhaͤltniſſes mit ihr: aber gegen das ſuͤße Kind, als Ihre Frau, und gegen dieſe Male⸗ rei, als Darſtellung der Wirklichkeit— mein lieber Poet, dagegen hab' ich deſto mehr. Laf⸗ ſen Sie Sich von einer Proſaiſtin, die ſich in der Welt etwas mehr und laͤnger umgeſehen hat, auch etwas vormalen, und wirklich nach der Natur; auch, ehrlich genug, nicht etwa F. f. F. II. H. 7 99— eine Scene aus dem vierten, fuͤnften, oder wol gar zehnten, zwoͤlften Jahre der lieben Ehe, ſondern aus ihrer erſten, ſchoͤnſten Roſen⸗ zeit. Geben Sie Acht, Marquis! Beide Theile ſind, wie Sie's wollen, ganz Zaͤrtlich⸗ keit, ganz Ergebenheit, ganz Liebe und Treue! genießen ganz, wie Sie ſelbſt ſagen, der beſe⸗ ligenden Ruhe des Lebens—— Sie, als Ehegemal, ſitzen da und huͤten das Zimmer. Sie laͤugnen ſichs ab, daß Sie Langweile empfinden: alle Andere muͤſſen thun, als bemerkten ſie's nicht, und duͤrfen auch nicht verrathen, daß Sie ihnen Langweile machen. Ihre Freunde unterhalten ſich damit, daß ſie an Ihnen die Laͤcherlichkeiten des Ehemannes und die Abgeſchmacktheit des Anbeters beobach⸗ ten. Ich lobe Ihre Wahl! und in der That: iſt ſolch ein Leben auch nicht glaͤnzend, ſo iſt es doch huͤbſch bequem. Sie pflanzen ſich in die Ecke des Sopha's den ganzen langen Tag hin; wenn Sie Sich nur blicken laſſen, weicht alles, was etwa jenes Plaͤtzchen eingenommen hat um es, als das Ihre, Ihnen ſogleich einzuraͤumen. Alles laͤchelt Ihnen ſanft ent⸗ 99 gegen; ſelbſt das weniger unartige Schooshuͤnd⸗ chen ſpringt milder ach wie ruͤhrend!— an Ihnen hinauf. Die Gute hat feine Konfitu⸗ ren vor ſich ſtehen: ihr zu Liebe kruͤspeln Sie davon, und— wie beweglich!— im allge⸗ meinen Wohlwollen bekommt ſogar die kleine Minette ein Stuͤckchen— Ich fuͤhre das nur an, um des von Ihnen geruͤhmten„entzuͤckenden Gemeinſchaftli⸗ chen“ willen: denn das iſt wirklich darin! Es koͤnnten das zwar Leute fuͤr Kleinigkeiten hal⸗ ten: aber wie unausſprechlich ſuͤß ſind ſolche Kleinigkeiten fuͤr ein zart empfindendes Herz!— Laſſen Sie uns auf andere, hoͤhere Wonnen kommen! Zum Beiſpiel: Ihre Agneſe iſt ge⸗ wohnt, Sie den ganzen Tag um ſich zu haben; ein Vorfall zwingt Sie, auszugehen. Sie wenden alle Kuͤnſte der Beredſamkeit auf, die Getreue auf einen ſo entſetzlichen Schlag vor⸗ zubereiten: umſonſt! Je inniger das zarte Herz, je weniger nimmt es Raiſon an! Man weint— doch nein, man weint nicht: man reſignirt duldend, ſchweigend, doch ſind Schmerz und Verdruß in dieſem Schweigen nicht zu 100 verkennen. Wer koͤnnte hier widerſtehen? Sie faſſen ihre ſchoͤne Hand mit Inbrunſt: Nein, Liebe, ich gehe nicht, weil du es nicht willſt! Gern opfr' ich dir Vergnuͤgen, Geſchaͤft, Pflicht— Alles!— Man laͤßt Ihnen nun die ſchoͤne Hand; man blickt Sie ein wenig ſeit⸗ waͤrts, aber wie ſanft, wie liebevoll, wie er⸗ kenntlich an! Beide Theile ſetzen ſich nun wie⸗ der zurecht— Sie in die Ecke, Anneſe zur fei⸗ nen Arbeit, und die Seligkeit geht wieder von vorn an... Soll ich fortfahren, Marquis? oder ſind Sie ſchon boͤs? Sie ſollen ſchon wieder gut werden—— Weibliche Kriegs⸗ und Friedensliſt. (Ninon an die Herzogin von**r.) Wie, Madam— Sie ſind aͤngſtlich uͤber gewiſſe Veraͤnderungen in dem Benehmen Ihres jungen, liebenswuͤrdigen Gemals? Sie glau⸗ ben, daß irgend eine boshafte Feindin die In⸗ nigkeit ſeiner Liebe ſchwaͤchen muͤſſe? So will —ᷣ — 101 ich es denn auch nicht verhelen: ja, es giebt eine ſolche Feindin, und ich kenne ſie; ſie heißt: die Zeit! Boshaft?— nun ja, wenigſtens iſt das boshaft von ihr, daß ſie nicht dieſelbe Macht, mit welcher ſie Ihre Reize erhoͤhet, auch darauf verwendet, ſie immer allmaͤchtig zu erhalten! Sie lieben zu innig, als daß Sie behutſam bleiben, ſind zu gefuͤhlvoll, als daß Sie kalku⸗ liren koͤnnten; ſo haben Sie Sich am Anſchaun Ihres Gluͤcks geweidet, ohne Masregeln zu nehmen, es ſich zu erhalten. Erlauben Sie, daß meine Erfahrung Sie auf einige dergleichen Masregeln aufmerkſam mache, die Sie vielleicht uͤberſehen haben. Der Zauber Ihrer Anmuth mußte Ihnen das Herz Ihres Gemals erobern: um aber der Eroberung ſicher zu bleiben, haͤtte es der Kunſt neben der Natur bedurft—— Selbſt das vollkommenſte Weib darf nie ver⸗ geſſen, daß der erhoͤrte Gemal ſie mit andern Augen betrachtet, als der ſehnſuͤchtige Anbeter; ja, ſie ſollte ſelbſt an die Zeit denken, wo ihre Reize an Anziehungskraft verlieren werden—— Moͤchten Ihnen doch von allen Vorzüͤgen, die Sie beſitzen, keine werther ſeyn, als die, die nie altern; moͤchten Sie alles aufbieten, dieſe 4 zu erhoͤhen! Auf ihnen beruhet Ihr Geſchick. Sie ſchmuͤcken Sich gern: und Ihren Geiſt wollten Sie nicht ſchmuͤcken? Sie glauben, die Reize Ihrer Geſtalt erhoͤhen zu koͤnnen: aber die Reize Ihres Geiſtes nicht? Ihre Talente— warum uͤben Sie dieſe nicht unermuͤdlich? Sie ahnen nicht, welche Macht ſie uͤber ein Maͤnner⸗ herz haben! Jede neue Entdeckung, die der Gatte hier macht, ſchlinget ſeine Feſſeln enger, und er laͤßt dies, des abwechſelnden, immer neuen Genuſſes wegen, gern zu; jede ſolche Entdek⸗ kung ſchmeichelt auch der Eitelkeit des Gemals, und macht ihn ſtolz auf ſein Eigenthum: und mit der Eitelkeit und dem Stolz der Maͤnner— was iſt da nicht alles gewonnen? Vergleicht er ſeine Gattin mit Andern— der Gluͤckliche ver⸗ gleicht ſtets— ſo gewinnet ſie in ſeinen Augen, denn er findet an ihr vereinigt, was er an An⸗ dern vereinzelt bewundert: ſeine Liebe wird feu⸗ riger, die fruͤhere Huldigung kehrt zuruͤck; und ſelbſt die leichten Beſorgniſſe, daß ein ſolcher 103 Geiſt, daß ſolche Talente ihrer Wirkung auf Andere nicht verfehlen können— ſelbſt die leiſe Aengſtlichkeit uͤber die bewundernde Aufmerkſam⸗ keit Anderer, wird ſeiner Huldigung, wie ſei⸗ ner Liebe immer neue Nahrung geben. Wie oft iſt Treuloſigkeit durch einen gebildeten Geiſt ver⸗ huͤtet worden, wenn die glaͤnzendſten Reize ſie nicht mehr verhuͤten konnten! Wahrhaftig, der Mann von Ehre vernachlaͤſſigt eine Gattin nicht ſo leicht, welcher die auserwaͤhlteſte Geſellſchaft huldigt!— Welches Berechnen! welches Raffiniren! rufen Sie aus. Nein, nein: iſt das Liſt, ſo iſt es die ſchuldloſeſte, um welcher willen ſelbſt ein Herz, wie das Ihrige, nicht unruhiger zu ſchla⸗ gen braucht! iſt Eigenliebe hier im Sptel, ſo iſt es die reinſte, die uns die Natur ſelbſt gab, damit unſer Leben nicht ſtillſtehen moͤchte!— Ihre Zimmer werden Ihrem Gemal durch ſolche Mittel zum Lieblingsplatz; betritt er ſie einen Tag nicht, ſo muͤſſe er fuͤhlen— Ihre Zirkel ſeien doch die angenehmſten, und Sie die Begabteſte, die Einnehmendſte, die Liebenswuͤr⸗ digſte, und doch zugleich die Beſcheidenſte in Ihren Zirkeln. Er bedauere die verlorne Zeit; und er wird ſie bedauern, denn er hat ſich ſelbſt nirgends ſo wohl gefallen, als dort. Un⸗ thaͤtigkeit, vielleicht ſogar ein leichter Anflug vom Gefuͤhl des Gewohnten, vertrieb ihn: aber er fand, was ihm noch weniger zuſagte, fand vielleicht gar Langweile, und nun faͤllt es ihm gewiß ſchwer aufs Herz, daß Sie ihn beſorgt vermiſſen werden: er kehrt zuruͤck, und iſt im geheim entzuͤckt, Vorwuͤrfe von Ihnen— nicht zu hoͤren. Denn Sie machen ihm keine, Sie beklagen Sich auch gegen niemand. Viel⸗ leicht befremdet ihn das; vielleicht iſt es ihm, in der ſchoͤnen Verwirrung und Reizbarkeit eines liebenden Herzens, ſogar empfindlich: deſto beſ⸗ ſer! Sollte es noͤthig ſeyn— noch ein leiſes Schrittchen: und er iſt, ohne es ſich oder irgend Jemand zu geſtehen, eiferſuͤchtig. Nun draͤngt er ſich wieder enger an Sie: Sie nehmen ihn unbefangen und guͤtig auf; ihn uͤbereilt zuwei⸗ len eine Grille, eine Laune: Sie laſſen das hin⸗ gehen, und entſchuldigen es gern, als einen Be⸗ weis ſeiner Liebe. Gefaͤllt er ſich in der Geſell⸗ ſchaft, die Sie bei Sich ſehen: ſo verſammeln — 105 Sie ſie oͤfter— und wenn es weibliche waͤre; ſehnt er ſich mit Ihnen allein zu ſeyn, ſo ſeyn Sie fuͤr ihn allein. Gewiß, es wird ihm nicht entgehen, daß Sie ihm alles gewaͤhren, was Sie gewaͤhren duͤrfen; und wenn Sie dann et⸗ was verweigern— denn auch das Verweigern iſt keinesweges zu vergeſſen— ſo wird er uͤber⸗ zeugt ſeyn, es geſchehe aus Wohlwollen, zu ſei⸗ nem Beſten, nicht aus Laune, nicht aus Grille. Dies wuͤrde ihn unangenehm reizen, kraͤnken, beleidigen, entfernen; aber jenes muß ihn lebendiger aufregen, feſter anziehen—— Entſchuldigen Sie mich, wenn ich Ihrer Delikateſſe zu nahe treten ſollte: aber ich muß wirklich Ihnen noch einen kleinen Wink geben. Die Natur, die gegen Sie ſo verſchwenderiſch war, hat Ihnen vielleicht, um Sie nicht mit allen ihren Schaͤtzen zu uͤberhaͤufen, Einen verſagt— den: durch das Feuer der Liebe berauſcht zu werden. Iſt dies ſo: ſo muͤſſe Ihr Gemal es doch nicht bemerken, und ich nehme mir kein Bedenken, Ihnen zuzumuthen: heucheln Sie ein wenig, wollen Sie ſcheinen, ſeine Begeiſterung ganz zu theilen! Die Taͤu⸗ ſchung wird ihm die Wirklichkeit erſetzen. Ver⸗ geſſen Sie dann, in ruhigern Stunden, uͤber den Beſchaͤftigungen ſeines Geiſtes, zu denen ich vorhin rieth, auch die Beſchaͤftigung ſeines Auges nicht— Am Ende kann alles Ununter⸗ brochene eintoͤnig werden, und alles Eintoͤnige wird ſicher langweilig: durch Langweile aber gehet alles verloren— Hiervon keine Details, und auch uͤber⸗ haupt kein Wort mehr! Ich moͤchte nicht Ih⸗ nen den Stoff zum eigenen weitern Nachſinnen wegnehmen, und auch ſelbſt weder laͤcherlich werden, noch der Feindin in die Haͤnde fallen, die ich zuletzt nannte. Wenn Sie mir aber fol⸗ gen: welch ein Sieg der Vernunft! welch eine Erweiterung des Gebietes der Grazien! — 107 Herr de V..., einer der bedeutendſten geiſt⸗ lichen Herrn am Hofe Ludwigs des vierzehnten, war auch unter den vielen Anbetern der Ninon. Stolz, heftig, anmaßend, verfolgte er ſie mit ſeiner ungeſchickten Zaͤrtlichkeit, die ſich faſt im⸗ mer nur durch Vorwuͤrfe zu Tage legte— wie Er kalt empfangen, hingegen der und jener ihm vor⸗ gezogen werde u. dergl. Der gute Herr haͤtte ſich bei Zeiten aus tauſend Gruͤnden zuruͤck⸗ ziehen ſollen, von denen ſchon der erſte entſchei⸗ dend war— daß Ninon ihn nicht leiden konnte! Er that es lange nicht: endlich mußte er ſich wol dazu entſchließen. Aber der Ruͤckzug ſollte mit gehoͤrigem Pathos geſchehen, und ein Sta⸗ chel ſollte zuruͤckbleiben, der wenigſtens die Eitel⸗ keit der geſchmeichelten Frau tief verwundete. Er ſchickte ihr folgenden, freilich matten, Quatrain: Indigne de me feux, indigne de mes larmes, Je renonce sans peine à tes foibles appas: Mon amour te pröétoit des charmes, Ingrate, que tu n' avois pas! Ninon ſchrieb lachend ſogleich, mit den⸗ ſelben Reimen, zuruͤck: Insensible à tes feux, insensible à tes larmes, Je te vois renoncer à mes foibles appas: Mais si l'Amour préte des charmes, Pourquoi n'en empruntois-tu pas? (Wird fortgeſetzt.) —,— —,— Wie ſoll man Gemaͤlde betrachten? (Aus dem Briefe der Verfaſſerin an einen der Herausgeber.) —— Es iſt wahr: ſeit das Schickſal mich von Ihnen entfernte, hab' ich viel in Gemaͤldeſamm⸗ lungen gelebt und gearbeitet— vornehmlich in Dresden, Kaſſel und Salzdahlen; es iſt auch wahr: ich habe nicht ſelten, wie Sie ſchreiben, nebenweg an der Staffelei hin geſehen, wenn Fremde herumgefuͤhrt wurden, und habe da alles, was Sie bei ſolcher Gelegenheit beobachtet haben, auch, und nur allzuoft, bemerkt; vielleicht iſt auch das wahr, daß ich Freundinnen, die ohne eigentliche Kunſtkenntniſſe Galerieen beſuchen, oder auch ſo eben nur einzelne vorzuͤgliche Ge⸗ maͤlde mit wahrem Genuß und bleibenden Nutzen betrachten wollen, im Geſpraͤch ſo vorzubereiten wuͤßte, daß dies ihnen moͤglich wuͤrde: aber daraus folgt noch nicht, daß es mir nun auch ſchrift⸗ lich gelingen muͤſſe, und zwar nicht an Freun⸗ dinnen, ſondern an der zahlreichen Schweſter⸗ ſchaft, die Ihr Journal lieſet, und die ſo ſehr gemiſcht ſeyn mag. Indeſſen, ich muͤßte keine wahre Freundin meiner Kunſt, meiner Schwe⸗ ſtern, und— meines ehemaligen Lehrers ſeyn, wenn ich nicht ſeinen Wunſch nach Möͤglichkeit J. f. F. VI. H. 1 —ʒ—— — erfüllte.— Die Handleitung, die Sie mir geben, und was Sie mir auf dieſe Veranlaſſung ſchrei⸗ ben, ich aber hier ſorgfaͤltig benutzen werde— erleichtert mir dies angenehme Geſchaͤft allerdings. Ich will mir alſo, wie Sie's vorſchlagen, eine kleine Geſellſchaft Damen denken, denen es keines⸗ wegs an Geiſt uͤberhaupt, auch nicht an Sinn fuͤr die Künſte, noch an allgemeiner menſchlicher und geſelliger Ausbildung— aber an allen eigentlichen Kunſtkenntniſſen und Kunſterfahrungen fehlt. Die⸗ ſen ſoll ich nun einige der allervorzüglichſten Bil⸗ der einer der beſuchteſten Galerieen zeigen, aber ſie theils vorher, theils waͤhrend des Betrachtens, ſo unterſtüͤtzen, daß die Bilder wirklich ſo von ihnen betrachtet, genoſſen und behalten werden, wie das einer ſolchen Geſellſchaft moͤglich und zu wuͤnſchen iſt— ja auch ſo, daß ſie ſich hernach bei andern allenfalls ſelbſt weiter fort helfen koͤn⸗ nen. Auch das will ich, doch mit der Abaͤnderung Ihres Vorſchlags, daß ich mein Experiment nicht an Galeriegemaͤlden mache, die denn doch die mei⸗ ſten Ihrer Leſerinnen nicht geſehen, wenigſtens nicht zur Hand haben, und die ſie auch nicht ganz in Kopf und Herz gefaßt haben köoͤnnen, denn ſonſt brauchten ſie mich nicht—— Ich will mich lieber diesmal mit einem Kupferſtich begnuͤgen; aber mit einem Kupferſtich, der eins der herrlichſten Ge⸗ maͤlde aller Zeiten, und zwar zu unſerm Vorha⸗ ben genuͤgend darſtellt, der in Jedermanns Haͤnden, und eben jetzt um ſo mehr in Jedermanns Haͤnden iſt, da er fuͤr ein Modebild gilt. Um der Phantaſie nachzuhelfen, ſo daß ſie allenfalls erſetze, was das Auge nicht bekömmt, will ich mich des Kunſtſtück⸗ 3 chens, das Sie mir empfehlen, in etwas reicherm Maße bedienen, als Sie mir's empfehlen—— Meinen Aufſatz hatte ich erſt in dialogiſcher Form abzufaſſen angefangen— meine Geſellſchaft ſollte mir fleißig einreden: aber ich bemerkte bald, daß er ſo zu weitlaͤufig werde, wiewohl ich mich nur an das Erſte, Nothwendigſte und Leichteſte halte. Ich ruͤcke daher die Weisheit, die ich aus meinem Munde gehen ließ, zuſammen, und ſlechte einiges Eingeredete nur gelegentlich mit ein. So wird das Ding freilich im Zuſchnitt, und doch nicht in ſtrenger Ordnung, einer— Predigt aͤhn⸗ lich, folglich für mich pedantiſch, und fuͤr dieje⸗ nigen Leſerinnen, welche nicht an der Sache haͤngen, ſchwerlich gut lesbar: aber ich ſchreibe ja nicht um meinetwillen, ſondern fuͤr die Sache ſelbſt, und fuͤr diejenigen, welchen an ihr gelegen, und ſo mag's denn dabei ſein Bewenden haben. Doch beding' ich mir ausdruͤcklich, daß Sie, was ich hier im voraus geſagt habe, mit abdrucken laſ⸗ ſen, damit Niemand, der die— Predigerin erken⸗ net, ungleich von mir urtheile, und Sie, wenn mir mein Verſuch nicht gelingt, mit in die Ver⸗ antwortung gezogen werden. Mir koͤmmt es vor, als ob es ganz etwas andres ſei, ein Gemaͤlde anſehen, oder ein Gemaͤlde betrachten. Betrachten koͤmmt von achten her! Bilder— blos anſehen, heißt 4 mir, z. B. in der Galerie, wie die Meiſten, mit offenen Augen und dem guten Willen, ſich zu divertiren, von einem zum andern gehen, es gleichmuͤthig geſchehen zu laſſen, was die Bilder nun eben von ſelbſt wirken wollen, und bei dem, was ſogleich ſinnlich, durch Farbe oder anderes Auffallende, reizt und dem Auge wohlthut, ein wenig zu verweilen, wol auch zu geſtehen: Das iſt ſchoͤn! wo aber der Eindruck nicht ſogleich ſinnlich reizend iſt, wei⸗ ter zu gehen und zu denken— iſt man vor⸗ nehm, wol auch zu geſtehen: Nun, daran finde ich mir eben nichts! Davon bleibt dann, wenn man aus der Galerie wieder in ſein gewoͤhn⸗ liches Leben tritt, nichts, oder hoͤchſtens ſo gar wenig in der Seele, daß man es fuͤr nichts anſchlagen kann. Und damit entbehret man doch ſo viel— ſo ſehr viel, was man haben, genießen, und immer wieder genießen koͤnnte, wenn man naͤmlich Gemaͤlde nicht nur anſaͤhe, ſondern wirklich betrachtete. Man entbehrt einer Erhebung ſeines ganzen innern Weſens uͤber das Alltaͤgliche, Gemeine und Irdiſche, einer hoͤhern, geiſtigern Freude, eines 2 9 edlern Genuſſes, einer Bereicherung der Phan⸗ taſie, einer Belebung des Herzens, einer Ver⸗ mehrung ſeiner Einſichten— man entbehrt etwas, das den Menſchen menſchlicher, das heißt ja auch beſſer macht. Ich habe Gele⸗ genheit gehabt, gar manche Vornehme, Reiche, auch wol Große der Welt zu ſehen, wie ge⸗ langweilt, freudenlos, kalt und mattherzig ſie ſelbſt unter den Kunſtſchaͤtzen ſich bewegen, die ihr Eigenthum ſind; wie Viele von ihnen ſie gar nicht mehr anſehen moͤgen, und Manche(vielleicht ſollte man ſolche eigentlich oͤffentlich nennen) dies nicht einmal Andern verſtatten. Die meiſten Kuͤnſtler und Kuͤnſt⸗ lerinnen lachen und ſpotten daruͤber. Das liegt aber nicht in meiner Individualitaͤt; mich hat es immer traurig gemacht, und ich habe gedacht: wenn doch dieſe vom Gluͤck Beguͤn⸗ ſtigten nur auch fruͤh dafuͤr gebildet worden waͤren, ihr Gluͤck zu genießen! Sie waren vielleicht voll ſchoͤner Anlagen, Talente und Gefuͤhle, auch fuͤr die Kuͤnſte: aber man hat nichts an ihnen gethan, dieſe Naturgaben hervorzuziehen, zu naͤhren und auszubilden. 6 Run ſind ſie, z. B. unter Bildern, nicht mehr faͤhig, oder doch nicht mehr aufgelegt, etwas anders zu thun, als allenfalls ſich einige Minuten gleichguͤltig hinzugeben, die ganze Sache als ein kleines Amuͤſement beſonderer Art, als ein vornehmeres Spielwerk zu be⸗ trachten; und dann thun ſie freilich recht, wenn ſie davon nicht viel Aufheben machen. So ſehen alſo Viele Gemaͤlde an: aber ganz anders iſt es, wenn man Gemaͤlde be⸗ trachtet— oder ſie ſo anſiehet, wie ſie angeſehen werden ſollten. Wie nun? Dazu wuͤnſche ich eine kurze, vorlaͤufige Anleitung zu geben. Es koͤmmt mir nicht bei, hier etwa Kunſtgelehrſamkeit auszulegen, oder wol gar damit zu prunken: ich will abſichtlich alles unerwaͤhnt laſſen, was eigentliches Studium der Kunſt vorausſetzt, und nichts erwaͤhnen, was nicht fuͤr Jedermann ſeyn kann, der ſei⸗ nen Platz in dem gebildeten Stande wirklich ausfuͤllt. Dafuͤr traue ich aber den Kuͤnſtle⸗ rinnen und wiſſenſchaftlich gebildeten Liebha⸗ berinnen zu, ſie werden es ſich gefallen laſſen, wenn ich ihnen meiſtens bekannte Dinge 7 vortrage— ſo wie eine Mutter ſich gern ge⸗ fallen laͤßt, wenn ein Anderer uͤber ihr gelieb⸗ tes Kind zu ihr ſpricht, obſchon ſie von ihm weit mehr weiß, als jener ihr ſagt. Denen, welche gerade fuͤr Bilder weniger Achtung und Liebe haben, ſei das Einzige geſagt, daß, was hier von Betrachtung guter Gemaͤlde geſagt wird, den Hauptſachen nach auch auf das Le⸗ ſen guter Poeſieen, auf das Anhoͤren guter Muſik, auf die Beobachtung guter Schauſpie⸗ ler paſſe—— Ueber alle Vorreden! Zur Sache! Wie ſoll man alſo Gemaͤlde betrachten? Wie es nicht geſchehen ſoll, ließe ſich vielleicht auf den Satz zuruͤckbringen: man ſoll ſich nicht unthaͤtig blos hingeben. Wie es aber geſche⸗ hen ſoll,— das ließe ſich vorlaͤufig auf den zuruͤckfuͤhren: man ſoll etwas mitbringen, und wirklich etwas dabei thun!— Was nun? Jede Kunſt ſetzt in dem, welchem ſie mit ihren Werken wirklich etwas ſeyn ſoll, einen gewiſſen Fond von Geiſt und Seele, von Kopf und Herz, ſetzt eine gewiſſe Reizbarkeit und Empfaͤnglichkeit,— mit Einem Worte: ſetzt wirklich— nicht vorgegeben und af⸗ fektirt— die Faͤhigkeit voraus, ſich uͤber das gemeine Leben, ſeine Beſchwerden und Muͤh⸗ ſeligkeiten, wie ſeine Spiele und Genuͤſſe, zu erheben, und feſt, mit Liebe, Ernſt und Freude, an etwas zu hangen, was der Erde nicht angehoͤrt, mithin auch von ihr gemei⸗ niglich weder groß geachtet, noch geſucht, noch wol gar belohnet wird. Nenne man dieſe Faͤhigkeit— Sinn fuͤr das Ideale, hoͤhern und edlern Enthuſiasmus, oder wie man wolle: ich bin ein Frauenzimmer— mir iſt folglich an der Kunſtſprache nichts gelegen, wenn man nur an jene geiſtige Eigenheit denkt, wodurch am Ende alles wahrhaft Große, Edle und Bleibende zu Stande koͤmmt; die Eigenheit, ohne welche es keinen Helden der Tugend, keinen Maͤrtyrer der Wahrheit, keinen wuͤrdi⸗ gen Prieſter der Schoͤnheit gegeben hat, und keinen geben kann. Ohne ſie hat man einen Gottesdienſt, aber keine Religion, Rechtlich⸗ keit, aber keine Tugend, Zuneigung, aber keine Liebe, Regelmaͤßigkeit, aber keine Schoͤnheit, — 9 Gefaͤlligkeit, aber keine Freundſchaft. So lehrte mich mein Freund—— Das ſei zuerſt vorausgeſetzt, und weiter nichts daruͤber geſagt— um Niemand wehe zu thun. Wem bei ſeiner Geburt ein beſſe⸗ rer Stern leuchtete, der traͤgt dieſen heiligen Funken in ſich, und in dem klingt ſo eben die Saite nach, welche ich, Niemand zu verletzen, nur leiſe beruͤhre. Dies muß alſo, gleichſam als Fundament, in mir liegen, wenn mir die Kunſt wirklich etwas ſeyn, wenn ich mithin auch Gemaͤlde ſo ſoll betrachten koͤnnen, wie ſie zu betrachten ſind. W Nun muß ich aber auch dies, indem ich zu dem Kunſtwerke trete, zur Anſprache ge⸗ bracht haben; muß mich, wie der gemeine Ausdruck recht gut ſagt, zuſammen neh⸗ men, muß meinen ganzen innern Menſchen ins Leben rufen, ſeine Kraͤfte ſammeln, und ſie nun auf dieſen Gegenſtand wenden— ſonſt gleitet er zu fluͤchtig uͤber den Spiegel meiner Seele hinweg. Die Kunſt iſt ein Spiel, aber kein Spielzeug— wird irgendwo ſehr treffend geſagt! Kein Menſch in der 10— Welt, ſelbſt der talentvollſte und unterrichtetſte, kann ohne ſorgfaͤltiges Aufmerken, ohne Faſ⸗ ſung, ohne gehoͤrige Stimmung, Kunſtpro⸗ dukte wirklich aufnehmen und ganz genießen. So wird denn, daß ich unzerſtreuet, belebt, geſammlet, aufmerkſam, in beſter Stimmung mich dem Gemaͤlde naͤhere, eine zweite uner⸗ laͤßliche Forderung. Hieruͤber iſt nicht noͤthig, etwas weiter zu ſagen, da es ſich von ſelbſt verſtehet. Beſitzt man nun jenen Fond in der Seele, und gehet man, belebt, aufmerkſam und gut geſtimmt, zu einem Kunſtwerke: ſo uͤberlaſſe man ſich(iſt mein Rath) erſt dem Totalein⸗ druck, den es macht— ſei es nun ein Ge⸗ mälde, oder ein Gedicht, oder eine muſikali⸗ ſche Kompoſition. Man gebe ihm ſeine faͤhige und vorbereitete Seele hin, halte ſich nur an das Ganze, und frage noch gar nicht nach Einzelnheiten; ſei ſogar— beim Gemaͤlde— um den hiſtoriſchen Gegenſtand, den es darſtellt, nicht allzubekuͤmmert, und denke noch weniger an die Mittel, durch welche der Kuͤnſtler ſein Werk, eben ſo, wie es iſt, zu — 11 Stande gebracht hat. Jenes Deuteln(wol gar Kritteln) nicht nur, auch das Fragen nach Einzelnheiten, muß man gleich beym Herzutreten nicht aufkommen laſſen: man bringt ſich ſonſt ſelbſt um die erſte und zarteſte Bluͤthe des Genuſſes, und wo dieſe Bluͤthe verletzt iſt, gedeihet hernach auch die Frucht ſchwerlich. Das Spruͤchelchen iſt wahr: Wie nah' ich mich dem heiligen Apoll? Mit frommen Schweigen und erwar⸗ tungsvoll!— Iſt nun im Beſchauer und im Bilde alles, wie es ſeyn ſoll, ſo wird es unfehlbar einen, mit der Aufmerkſamkeit immer zunehmenden Eindruck machen, und zwar einen beſtimm⸗ ten Eindruck; ich meine: man wird ſich nicht nur uͤberhaupt mehr als vorher belebt und begeiſtert, ſondern auch in eine gewiſſe Stim⸗ mung verſetzt fuͤhlen, die— wenn auch dem Grade nach noch ſo entfernt— denn doch der Sache nach der Stimmung aͤhnlich iſt, in welcher der Kuͤnſtler war, als er das Werk ſchuf, welche deshalb auch in ſein Werk uͤber⸗ 12²— ging, und von dieſem nun Andern mitgetheilt werden ſoll. Iſt der Gegenſtand und ſeine Behandlung ernſt und erhaben, ſo wird man ſich tief angeregt, geſtaͤrkt, erhoben fuͤhlen; iſt der Gegenſtand und ſeine Behandlung ko⸗ miſch, ſo wird man beluſtigt und zum Lachen gereizt werden ꝛc. Sucht man nun in der Kunſt weiter nichts, als feines Vergnuͤgen, Reize, die aber hoͤher und reiner ſind, als blos ſinnliche; ſo iſt es damit genug, man hat ſeinen Zweck erreicht, hat menſchlich genoſſen, und in dem Kunſtwerke etwas ge⸗ funden, wodurch man ſich dieſen Genuß, ſo oft man ſelbſt will, wiederholen kann. Nun— das iſt denn doch Etwas! So ſehen, leſen, hoͤren und genießen die meiſten Weltleute und Dilettanten— die aber von Liebhabern zu unterſcheiden ſind, ohngefaͤhr wie Anbeter von Liebenden. Es iſt Etwas, und zwar etwas, wogegen ſich, meiner Einſicht nach, ohne Pe⸗ danterei oder Kuͤnſtler⸗ und Gelehrten⸗Stolz, wirklich nichts— eigentlich einwenden laͤßt. Nur muͤſſen ſich ſolche Dilettanten damit nicht ein Gewicht geben und uͤber Kunſt, Kunſt⸗ ˖··¶(—ꝑ—qH 13 werke und Kuͤnſtler geradehin entſcheiden wollen! Wer aber in den Kuͤnſten und ihren Pro⸗ dukten mehr ſucht, als ein feineres Vergnuͤ⸗ gen; wer in ihnen zugleich ein Erhebungs⸗ und Bildungsmittel ſeines innern, beſſern Kenſchen erkennet; wer ein wahrer Kunſt⸗ Liebhaber iſt: der gehet, nach jenem Ge⸗ nuſſe, noch nicht von hinnen, ſondern denkt nun uͤber das Bild— reflektirt daruͤber, und zwar uͤber ſeinen Inhalt, wie uͤber die Be⸗ handlung deſſelben, uͤber das Ganze, wie uͤber die einzelnen Theile. Er fragt alſo nun be⸗ ſtimmter: Was will der Kuͤnſtler mit dieſem Werke? Erſt: Was ſtellt es hiſtoriſch vor? Iſt nun dieſer Gegenſtand der Darſtellung und des edlern Zwecks aller Kunſt wuͤrdig? Dann: Hat er ihn auch mit Geiſt, und im rechten Geiſte behandelt? Warum hat er dies und jenes ſo und nicht anders gemacht? Was traͤgt dieſes Einzelne— dieſe Gruppe, dieſe Figur, dieſes Kolorit, dieſe Beleuchtung ꝛc. zu dem Ganzen bei? Waͤre die Hauptidee nicht faßli⸗ cher und zugleich ſchoͤner auszudruͤcken, waͤre 14— nicht dies oder jenes Einzelne beſſer anzuord⸗ nen geweſen? Und wie haͤtte dann dies, wie jenes ausfallen muͤſſen?— So koͤnnte ich noch eine Viertelſtunde fort fragen, und ich haͤtte noch bei weitem nicht alles, auch nur mit einigen Worten, beruͤhrt, was hier in Betrachtung gezogen werden kann, wenn man will. Man ſiehet aber ſchon aus dieſem, daß ſich hier erſt dem Aufmerkſamen eine reiche Auelle, ſeinen Geiſt vortheilhaft, und doch immer angenehm, zu beſchaͤftigen, darbietet. Hier iſt darum der erſte Grund zu ſuchen, warum der wahre Liebhaber ein treffliches Bild, wie eine Geliebte, tauſendmal betrachten, und immer ein neues Intereſſe, immer neuen Stoff zu Liebe und Freude ſinden kann. Fehlt es hier: dann kommen doch wol ſo matte, geiſt⸗ und herzlos nachgeſprochene Urtheile, oder auch ſo naive Verraͤthereien des leeren Innern her⸗ vor, wie man ſie ſo oft zu hoͤren bekoͤmmt.— Wollen Sie mit mir eine Stunde vor Ra⸗ faels Madonna in Dresden zubringen?— Ich danke: ich hab' ſie ſchon geſehen!— Wollen wir Iffland als Abbé de l' Epée 15 ſehen?— Ich bin das letztemal ſchon drin geweſen, da er ihn ſpielte.— Wollen wir den Hamlet zuſammen durchgehen?— O den hab' ich ſchon vor langen Jahren geſehen und geleſen!— Wollen Sie Mozarts Requiem oder Cherubini's Lodoiska hoͤren?— Ich hab' ſie ſchon gehoͤrt.— Liebe, eben darum, weil Dir dies alles nicht mehr ganz fremd iſt, mußt Du nun oͤfter und recht ſehr oft dazu zuruͤckkehren, und lieber anderes, was Dir noch ganz neu und fremd iſt, vorerſt bei Seite ſetzen! Denn, waͤreſt Du auch ein hal⸗ ber Engel: ſo kannſt Du ſo etwas nicht auf einmal ganz faſſen und verſtehen, und mithin auch nicht ganz genießen! Nun wirſt Du erſt allmälig faͤhig werden, es im Ganzen und Einzelnen zu durchdringen, wirſt nicht mehr uͤberfuͤllet und uͤbertaͤubt, ſondern kannſt. mit Selbſtbewußtſein tiefer eingehen, inniger Dich freuen, es feſt in der Seele behalten, und dadurch erweiterter, bereicherter, geſtaͤrk⸗ ter, und fuͤr alles Gute und Schoͤne empfaͤng⸗ licher bleiben!— Iſt nun der Kunſtliebhaber auch in Ab⸗ 16— ſicht des Mechaniſchen der Kunſt nicht ganz ununterrichtet; verſteht er wol gar aus eigenen, wenn auch kleinen Verſuchen, was eigentlich Zeichnung, Kolorit, und alles, was den Maler im engern Sinn macht, ſagen will, und wie es zu Stande kömmt; oder, hat er ſich zuweilen bemuͤhet, wie der Dichter, ſchoͤne Ideen durch ſchoͤne Worte auszudruͤcken; hat er ſelbſt verſucht, muſikaliſche Kompoſitionen im Geiſt des Komponiſten vorzutragen, und auch wol zuweilen eigene muſikaliſche Ideen kunſt⸗ gemaͤß niederzuſchreiben: dann bleibt ihm noch eine helle, und wahrhaft unerſchoͤpfbare Quelle zu neuen Anſichten, zu neuer Bereicherung des Geiſtes und Herzens, ſo wie zu neuer Freude, wenn er nun das Werk in Abſicht auf die Mittel, wodurch es zu Stande gekom⸗ men, zergliedert— ich meine: wenn er un⸗ terſucht, wie das Werk eigentlich gemacht worden.—— Ich weiß, daß man nicht zu viel auf ein⸗ mal verlangen, und auch nicht zu viel auf einmal geben ſoll: ich breche darum diesmal hier ab, und erwaͤhne noch zwei andere Stu⸗ 17 fen, die des Genie's und die des Kunſtken⸗ ners, gar nicht— was um ſo eher geſchehen kann, da, was hier zu ſagen waͤre, fuͤr We⸗ nige iſt, und dieſe Wenigen meiner Rathſchlaͤge ſchwerlich beduͤrfen. Ich will nun aber, was ich bisher trocken, und, bei aller Kuͤrze, lang⸗ weilig vorgeſtellt habe, nun hoffentlich intereſ⸗ ſanter machen, indem ich es an einem ſehr merkwuͤrdigen Beiſpiele anſchaulich werden laſſe, damit man nicht nur auf der Stelle einigen Gebrauch davon machen koͤnne, ſon⸗ dern die Sache ſelbſt auch ſo nahe gelegt be⸗ komme, daß, wem daran gelegen, ſie weiter zum Hausbedarf verwenden und uͤberall gebrau⸗ chen kann. Jenen Fond im Innern vorausgeſetzt, wie es mir anſtaͤndig iſt, ihn bei Leſerinnen einer ſolchen Zeitſchrift vorauszuſetzen— muͤſſen wir, wie ich ſagte, uns ſammeln, aufmerken und unſern ganzen innern Menſchen, Phan⸗ taſie wie Gefuͤhl, Verſtand wie Vernunft, fuͤr den zu betrachtenden Gegenſtand in Be⸗ reitſchaft haben. Ich bilde mir nun ein, die Leſerinnen nehmen hier den Kupferſtich, von J. f. F. 111. H. 2 18 welchem ſogleich weiter die Rede ſeyn ſoll, vor ſich, ſehen ihn aber noch nicht an! Er iſt freilich nur— ein Kupferſtich: das heißt, ein Klavierauszug aus einer großen Oper, eine gute Inhaltsanzeige von einem Drama: aber denn doch ein Kupferſtich des groͤßten unter allen jetzt lebenden Meiſtern, und von einem der herrlichſten Bilder, die die Welt hat. Sich, wie es vorhergegangen ſeyn ſollte, aus eigner Kraft im voraus dafuͤr zu ſpannen und gleichſam in den rechten Ton zu ſtimmen, iſt man nicht zu jeder Stunde aufgelegt und faͤhig. Ich will alſo das jetzt zu thun verſu⸗ chen, was jeder Kunſtfreund, zu rechter Stunde, an ſich ſelbſt thut: ich will manches hierher Gehoͤrige erzaͤhlen und Anderes einſtreuen, wodurch man vielleicht fuͤr die Sache erwaͤr⸗ „met werden und wodurch es zugleich erleich⸗ tert wird, die vorhin genannten andern Ab⸗ ſichten auch zu erreichen.— Das Original dieſes Bildes, das man noch nicht anſiehet, iſt von Rafael. Je⸗ dermann weiß, daß die Erde nie einen groͤßern Maler geſehen hat. Was iſt aber ſein Eigen⸗ 19 ſtes, wodurch er ſich uͤber alle andere erhebt? Ich glaube es zu gegenwaͤrtigem Zweck auf Folgendes zuruͤckfuͤhren zu koͤnnen: Rafael beſaß eine unermeßliche und nie ermattende Phantaſte, die, bei allem Reichthum und bei aller Innigkeit, dennoch nie in das Wilde und Groteske uͤberſchweifte, ſondern immer in den Graͤnzen des Edelſten und Schoͤnſten blieb. Rafael trug ferner einen Himmel von ſchoͤnen Ideen und Gefuͤhlen in ſeiner Bruſt, der uͤberall in ſeinen Werken, ſelbſt in kleinern, ſich, wie der Himmel uͤber uns in einem kla⸗ ren Bache, abſpiegelt, und wodurch eben, auch Kleinigkeiten von ihm, ſo bedeutſam und ſo zum Innern ſprechend werden. Rafael be⸗ ſaß endlich das erſtaunenswuͤrdigſte Talent, ſo wie die groͤßte Geſchicklichkeit, alles, was er nun in ſeiner Seele empfangen und ausgebil⸗ det hatte, auch durch ſeinen Pinſel, und im⸗ mer auf die angemeſſenſte Art, darzuſtellen. Meine Schweſtern— Sie glauben, ich male ſelbſt, und zwar ein Ideal? Es bedarf weni⸗ ger Zuͤge, um Sie vom Gegentheil zu uͤber⸗ zeugen!— Rafael war als Knabe in die 20 Lehre— recht eigentlich in die Lehre, wie ein Schneider oder Schmidt— gethan worden, zu einem Maler, der zwar ein trefflicher Mann war, aber doch ſeine Kunſt weit mehr als ge⸗ ſchickter Handwerker, denn als Kuͤnſtler trieb. Petro Perugino hieß der Mann, und man hat in Dresden, mit viel Verſtand, ſeine ſehr ſchaͤtzbare Madonna gerade unter ſeines Schuͤ⸗ lers große Mutter Gottes gehangen. Wer jene ſiehet, kennet, nach dem Zeugnis der Kunſt⸗ richter, den ganzen Meiſter: in dieſem engern Kreis bewegte er ſich immer, fuͤllete ihn aber vortrefflich aus.— Rafael kam denn hier nie aus der Werkſtatt, malte unſchuldig und fleißig ſeines Meiſters Bilder nach, und machte treffliche Schule— aber weiter auch nichts. Jetzt war er vierzehn Jahre alt. Der alte, ehrlich Petro geſtand ihm: er koͤnne ihn nun nichts mehr lehren; er muͤſſe nach Neapel und Rom gehen, wo eben viele der groͤßten Maler der Welt ſich um kunſtliebende Fuͤrſten verſam⸗ melten. Der Knabe ging nach Neapel zu Leonar⸗ do da Vinci, hernach nach Rom zu Bramante, ſeinem Onkel— einem der Baumeiſter der — 21 weltberuͤhmten Peterskirche. Wie ein gutmuͤ⸗ thiges, ſanftes, aber furchtſames Lamm wan⸗ derte Rafael aus; ſahe die Antiken, ſahe die Werke des Leonardo, Angelo und anderer großer Maͤnner, und mit Eins ging ihm die unermeßliche Welt ſeines Innern auf. Er war von nun an ganz ein anderer, war in wenig Monaten ein Mann geworden; eigene Ideen ſtroͤmten ihm zu, er zeichnete Tag und Nacht— wer ihn und ſeine 2enn s erſtaunte vor dem bildſchoͤnen und geiſtreichen Juͤngling, wie vor einer Engelserſcheinung. Bramante ſtellete ihn dem Papſt vor: dieſer erſtaunte nicht weniger. Eben war der unge⸗ heure Vatikan erbauet, und große Maͤnner die⸗ ſes Zeitalters ſingen ſchon an, die Reihe großer Prunkſaͤle, ſo wie die nachher beruͤhmten Galerieen,(Logen) auszumalen. Du ſollſt auch ſo einen Saal malen, ſagte der Papſt zu Rafael; denke auf Gegenſtaͤnde, entwirf Skizzen, bringe ſie mir, wir wollen waͤhlen: du haſt Jahre lang Zeit, ich verſorge dich indeſſen. Rafael ging, und ſann, und ent⸗ warf— geraume Zeit ging hin; dann trat 22—— er vor den Papſt: Soll ich Einen Saal ma⸗ len, ſo kann ich mir nicht genuͤgen: aber in allen zuſammengenommen hab' ich Raum, mich auszulaſſen uͤber alles das— Er legte Zeichnungen uͤber Zeichnungen vor— und was hatte dieſer herrliche Juͤngling ent⸗ worfen! Seine Grundidee war religioͤs. Er und alle große Menſchen jener Zeit hatten Re⸗ ligion. Dieſe war aber gleich weit entfernt ſinnloſem Aberglauben— ſo gewoͤhnlich es iſt, ihnen dieſen vorzuwerfen, weil ſie die Gebraͤuche ihrer Kirche ſorgfaͤltig beobach⸗ teten— wie von unſerer unſeligen religioͤſen Durchſichtigkeit, die, wie man ſagt, zuvoͤrderſt aus dem oͤkonomiſch⸗ politiſchen Geiſte der ehema⸗ ligen Pariſer Académiciens und der Encyklo⸗ paͤdie, großen Theils vermittelſt Friedrich des Großen von Preußen, nach Deutſchland uͤber⸗ ging, die Herzen immer mehr erkaͤltete, und an die Stelle religioͤſer Gefuͤhle ein zugeſpitztes oder witziges Vernuͤnfteln ſetzte. Rafaeln und ſeinen Zeitgenoſſen war Religion ein ehrfurchts⸗ volles Achten und Sinnen, ein ſchweigendes ſich Verſenken in die innere Ahnung der Bruſt 23 von einem allmaͤchtigen, heiligen Gott, durch den wir alle leben, alle ſterben, und alle wie⸗ der leben werden. Das liegt nun allen ſei⸗ nen Werken zum Grunde— ſelbſt den profa⸗ nen. Jene Wunderwerke im Vatikan ſollten es nun ſo ausſprechen, daß die Idee des Triumphs des Chriſtenthums uͤber alle Macht und Ohnmacht, Weisheit und Thorheit der Menſchen dargeſtellt wuͤrde. Darum ſollten z. B. in den Einen ungeheuern Saal alle Wei⸗ ſen der alten Welt verſammelt werden; ſie ſoll⸗ ten lehren, aber jeder von den Andern geſchie⸗ den, und uͤber ihnen ſollte erſt Chriſtus predigen, als der, in welchem ſich alle verei⸗ nigen muͤßten. So entſtand die ſogenannte Schule zu Athen. So ſollte im zweiten Saale ein zweifelſuͤchtiger Prieſter das Abend⸗ mal vor allem Volk austheilen, und indem er mit unheiliger Hand die Hoſtie hinreichen will, verwandelt ſie ſich, zum Entſetzen des Prie⸗ ſters, und zum Theil zum Schrecken, zum Theil zur Freude der Anweſenden, in den Leib des Erloͤſers. So entſtand ſein ſogenanntes Wunder bei der Meſſe ꝛc. Der Papſt, hingeriſſen von dem goͤttlichen Juͤngling, fuͤhrt ihn ſelbſt in die Saͤle, laͤßt verwiſchen, was die andern großen Maͤnner ſchon gemacht ha⸗ ben, und ſagt: Du allein ſollſt mich und Dich verewigen— was denn auch geſchehen iſt.— Nun denke man ſich dieſe ungeheure Idee, die uͤber einer Menge einzelner Darſtellun⸗ gen, wie ein im geheimen waltender Gott, ſchwebt; und unter dieſen einzelnen Dar⸗ ſtellungen, ſolche, von denen z. B. der Burg⸗ brand, aus einem Volk von Figuren beſtehet, von denen jede in Lebensgroͤße, oder druͤber, jede von beſtimmtem Charakter, wahr und ſchoͤn, auch keine einzige der andern gleich iſt— und ich glaube, ſelbſt wer ſich nur bis zu dem Gedanken ſolcher Zahl beleben kann, giebt mir Recht, wenn ich vorhin ſagte: Rafael war von unermeßlicher, und doch gezuͤgelter Phantaſie, war unerſchoͤpflich an Ideen und heiligen Gefuͤhlen, und beſaß das erſtaunens⸗ wuͤrdigſte Talent, ſie alle durch ſeinen Pinſel auszuſprechen. Rafael malte nun, außer ſolchen großen und reichen Kompoſitionen, noch ſehr viele —,— N L 0 ₰o — 25 kleinere. In ſeinem ſieben und dreißigſten Jahre fing er fuͤr eine Kirche das weltbe⸗ ruͤhmte Bild, ſeine ſogenannte Verklaͤru ng, an. Aber er ſelbſt ſollte dabei verklaͤret werden— er ſtarb daruͤber, und ſein beſter Schuͤler, Julio Romano, vollendete es. Das Original, wo die Figuren ebenfalls in Lebens⸗ groͤße ſind, hat Bonaparte nach Paris— mitgehen heißen: der Kupferſtich, den die Le⸗ ſerinnen(wie ich annehme) vor ſich haben, und nun erſt genauer anſehen werden, iſt dieſe Verklaͤrung, von Morghen geſtochen.*) Iſt es mir mit dieſen vorlaͤuſigen Anmer⸗ kungen gelungen: ſo hab' ich wenig hinzuzu⸗ ſetzen, um das deutlich zu machen, was ich vorhin ſagte— wie man Bilder betrachten muͤſſe. Man verſuche es mit dieſem, und wende, was man findet, dann auf andere Kuͤnſtler und ihre Werke an. Man uͤberlaſſe ſich alſo erſt in der Stimmung, die ich durch jene ſchichtchen zu bewirken geſucht habe, nur dem allgemeinen Eindruck des Bildes: es wird *) Man ſehe die Anmerk. zum Schluß dieſes Aufſatzes. 26— ein Gefuͤhl erregen, das aus Großem und Lieb⸗ lichem gemiſcht iſt— mithin ein edles Gefuͤhl. Iſt man deſſen froh geworden, ſo gehe man weiter und denke daruͤber nach— frage zuerſt: was iſt eigentlich der hiſtoriſche Gegenſtand des Bildes? und wie hat der Kuͤnſtler die⸗ ſen darſtellen wollen? Es moͤgen auch dar⸗ uͤber noch einige Worte hier ſtehen— und zwar meine, mit andern nicht ganz uͤberein⸗ ſtimmende Meinung, welches letztere ich nur darum dazuſetze, damit ſie, wenn ſie unſtatt⸗ haft befunden wird, keinem Andern aufgebuͤrdet werde. Das Bild, genau genommen, ſtellt eigentlich keineswegs die Verklaͤrung Chriſti auf dem Berge Tabor vor, wie man gemei⸗ niglich ſagt, ſondern die Verherrlichung des Erloͤſers uͤberhaupt, oder vielmehr, die Ver⸗ herrlichung der Erloͤſung ſelbſt— des Werks der Erloͤſung, wie ſich der wuͤrdige alte Prediger ausdruͤckte, der mich zum heiligen Abendmal vorbereitete. Nur ſo wird, meiner Einſicht nach, der bekannte Vorwurf, den man dieſem Bilde, wie dem bekannten Mengsiſchen Altargemaͤlde in der Dresdner katholiſchen 27 Kirche, macht— es ſei nicht Ein Bild, ſon⸗ dern es ſeien deren zwei uͤber einander geſetzt, ganz widerlegt, und die tiefe Harmonie und Uebereinſtimmung aller Theile, die man ſonſt an Rafael bewundert, auch hier aufge⸗ funden. Dann meint es der Kuͤnſtler ſo! Die groͤßten Menſchen, wie er ſie kannte, waren im alten Teſtamente Moſes und Elias, im neuen, die Apoſtel. Hier ſind ſie verſam⸗ melt. Der Erbfeind des Menſchengeſchlechts und ſchrecklichſte Gegner der Erloͤſung iſt, nach der Anſicht des Chriſtenthums in jener Zeit, der Satan, und der hoͤchſte Beweis ſeiner Furchtbarkeit, daß er Macht uͤber die Un⸗ ſchuld hat. Hier zeigt er ſich in ſeiner Macht uͤber einen ſchuldloſen Knaben. Dieſe Materie nun in Leben und alle Perſonen in Handlung zu ſetzen, knuͤpft Rafael zwei Anek⸗ doten aus dem Leben Jeſu an. Ein Evange⸗ liſt erzaͤhlt naͤmlich: Jeſus nahm einſt einige ſeiner Juͤnger auf einen einſamen Berg mit ſich, die Nacht im Gebet zuzubringen. Die Juͤnger entſchliefen: da ſie erwachten, ſahen ſie Jeſum verklaͤrt und im Geſpraͤch mit Mo⸗ 28—— ſes und Elias— uͤber das Werk der Erloͤ⸗ ſung, das ſie vorher verkuͤndigten und Jeſus nun erfuͤllete. Ihre Augen konnten ſeine Herrlichkeit nicht ertragen— ſie waren be⸗ taͤubt. Das giebt nun hier dieſe obere Scene.— An einem andern Orte wird erzaͤhlt: man brachte einen Knaben zu den Apoſteln, der vom boͤfen Geiſte fuͤrchterlich zerriſſen wurde. Jeſus war eben abweſend, die Apoſtel konnten ihn nicht heilen, und geſtanden, nur Er, der Heiland, koͤnne es. Das giebt die untere Scene. Aus allem aber zuſammengenommen, gehet, dieſer Anſicht nach, unverkennbar die Idee hervor: was die groͤßeſten Menſchen der alten Zeit ahneten, die groͤßeſten der neuen gern gethan haͤtten, aber nicht vermoͤgen, das wird jetzt erfuͤllet durch die Erloͤſung!— Wem an der Sache liegt, der uͤberlaſſe ſich nun dieſer beſtimmten Idee, und gehe dann von dem Allgemeinen zu dem Be⸗ ſondern, zu den einzelnen Theilen uͤber, um zu betrachten, was ſie fuͤr ſich ſind und dann zum Ganzen beitragen. Hier muͤßte ich nun mehrere Bogen voll ſchreiben, wenn ich 29 auch nur das Vorzuͤglichſte einigermaßen er⸗ ſchorfen wollte. Es ſei darum genug, nur auf einiges wenige beſonders aufmerkſam zu machen. Die Geſtalt des Erloͤſers. Er dankt dem Vater, der ihn zu dieſem Werke geſandt und ihm Macht gegeben hat, Menſchenelend zu mildern, ſelbſt wenn es von der Hölle herruͤhrete. Die edle Haltung dieſer ganzen Geſtalt, bis auf die Anordnung des Gewan⸗ des, die Hohheit, durch Mitleid und Liebe gemildert, im Antlitz und der Stellung, das Leichte, Schwebende, ohne daß dadurch der Adel verloͤre:— dies bemerkt man, ohne darauf aufmerkſam gemacht zu ſeyn. Der Kopf iſt indeß hier, im Kupferſtich, nicht das vollkommenſte; und, was Ausdruck anlangt, moͤchte ich ſogar die Nachbildung deſſelben im vierten Theile von Lavaters phyſiognomiſchen Fragmenten vorziehen. Moſes und Elias ſind vorrtrefflich ſchwebende Geſtalten, um ihre himmliſche Heimath anzuzeigen; uͤbrigens zwar hoͤchſt edle Menſchen, die neben den Erloͤſer treten durften, aber denn doch nur Menſchen, wie man ſie auf Erden ſuchen darf, und offenbar ganz etwas anders, als der Erloͤſer. Auch ſie ſind dem Kupferſtecher, im Vergleich zum Original, das ich vorigen Winter in Paris geſehen habe, nicht ganz gelungen. Die Apoſtel oben, wo die halb phyſiſche, halb geiſtige Betaͤubung, und damit zugleich das Hiſtoriſche und Allegoriſche vortrefflich ausgedruͤckt iſt, ſind, wie ſie ſeyn mußten: ich finde jedoch die Tiefe nicht in ihnen, die Andere finden, und ſage daher nichts weiter uͤber ſie. Der Knabe, von epileptiſchen Verzuckun⸗ gen bis zum Sterben entkraͤftet, aber eben jetzt noch einmal vom boͤſen Geiſte krampfhaft und zum hoͤchſten Schmerz aufgeriſſen, iſt eine unendlich ſchwere und zum Erſtaunen geloͤſete Aufgabe. Der emporgeſtreckte Arm und die linke Hand, beide in uͤbernatuͤrlicher Span⸗ nung und Ausrenkung, ſind bewundernswerth; aber, wer davon auch keine Kenntnis hat, und nur auf das Ganze der Jammergeſtalt des armen Unſchuldigen blickt, muß geruͤhrt 31 werden. Mir faͤllt immer bei ihm des ſter⸗ benden Knaben einfaches, letztes Wort bei Goͤthe ein: Erlkönig hat mir ein Leids gethan!— Die Mutter, die um Huͤlfe zu bitten gekommen iſt, aber uͤber den erneueten Schmerz des lieben Sohnes ſelbſt das Bitten vergißt, und nur ihm beiſtehn will, iſt herrlich gedacht und empfunden, und eben ſo herrlich ausge⸗ fuͤhrt. Dies Geſicht hat ſich ausgeweint und hat keine Thraͤnen mehr, ſondern ſtirbt mit dem lieben Kinde in ſtummer Reſignation. Da ſie nicht bitten konnte, uͤbernahm eine edle Jungfrau ihre Stelle, riß ſich aus dem ſtumm ſtaunenden, oder unthaͤtig mitlei⸗ digen Volke hervor, warf ſich flehend nieder, und, da die Apoſtel ihr Unvermoͤgen geſtehen, entbrennet dies koͤnigliche Weib in edlem Zorn und großherzigem Eifer. Man kann ihr aus der Seele leſen: Was hilft der Glaube an euch, wenn ihr die gequaͤlte Unſchuld nicht retten koͤnnt?—(Dies iſt eine, auch an ſich betrachtet, hoͤchſt merkwuͤrdige und ganz aus⸗ 32 gezeichnete Figur, die nirgends, und auch nicht auf Rafaels Bildern, etwas ihr gleichen⸗ des hat. Sie iſt ſo eigen gedacht, und ſo vollendet vom Kuͤnſtler durchgefuͤhrt, daß alle, auch die trefflichſten Kopieen und Kupferſtiche, weit zuruͤck bleiben. Das herrliche Weib wird bei jedem Kopirenden, genau genom⸗ men, etwas anderes, und einige große Maler, die ich daruͤber geſprochen, haben mir geſtan⸗ den, an dieſem Weibe erlahme ihr Pinſel. Es gereicht Morghen ſehr zur Ehre, daß er gerade hier nicht allzuweit hinter dem Origi⸗ nal geblieben iſt.) Von den Apoſteln fuͤhre ich nur die zwei ganz vortrefflichen, wuͤrdigen Alten an, von denen der Eine(wahrſcheinlich Paulus, denn mit der Chronologie nahm es Rafael nicht allzugenau) im Eifer fuͤr die Ehre ſei⸗ nes Herrn vor allem andern den verbrecheri⸗ ſchen Reden der Jungfrau Einhalt thun will; und der zweite, der ſanfter, aber mit Wuͤrde, ſie und die andern hinauf zu dem verweiſet, der allein und vollkommen helfen kann— wodurch denn die untere Scene, zugleich im — 33 Gedanken und in der maleriſchen Ausfuͤh⸗ rung, an die obere geknuͤpft wird. Hiermit ſei es genug fuͤr diesmal. Wer tiefer in die Sache uͤberhaupt, oder auch nur weiter in dies Bild eingehen will, der findet ja wol einen Freund, wie ich ihn ehemals fand und noch beſitze— einen Freund, der weiter nachhelfen kann und mag. Vielleicht ſetze ich in der Folge dieſe, oder andere, dieſen verwandte Betrachtungen uͤber Knnſ und Kunſtgenuß fort. Wir ſind zwar mit der Verf. uberzeugt, daß die meiſten Leſerinnen ſich— wo nicht den Morghen⸗ ſchen, doch irgend einen der vielen Kupferſtiche von Rafaels Verklaͤrung, verſchaffen koͤnnen. Gleichwol düͤrfte manchen dies ſchwer, mehrern aber unmoͤg⸗ lich ſeyn, das Bild eben beim Leſen dieſes Aufſatzes zur Hand zu bekommen; noch andere, die das Ge⸗ maͤlde oder ſeine Nachbildung geſehen haben, be⸗ duͤrfen doch wol einer beſtimmtern Erinnerung daran. Wir haben deswegen beiliegende Umriſſe von dem ſchaͤtzbaren Schnorr nehmen laſſen. Man wuͤrde uns und dieſem Kuͤnſtler Unrecht thun, wenn man von ihnen mehr verlangte, als was ſie, wie hier angegeben worden, leiſten ſollen, und auch wirklich leiſten koͤnnen. — 6. f. F. III. H. 3 1 E p i ſt e l. An eine Freundin. Ich ſehe lachend Dich mit meinem Blaͤttchen wandeln: „Ein Brief in Verſen— ein proſaiſches Gedicht! „Hausbacken Brot in einer Paſtete von Man⸗ deln!⸗— So hoͤre mich doch erſt, und halt' alsdann Gericht! Von Widerſpruchen will ich handeln, Und duͤrft' es doch in Widerſpruͤchen nicht?— Am Ufer unſrer majeſtaͤt'ſchen Elbe, Der es wie kleinen Fuͤrſten jetzt ergeht: Man naͤhme gern ihr alles ab, bis auf die— Majeſtaͤt; Da ſitz' ich ſinnend, und Matroſen— braun' und gelbe, Ein guͤnſtger Wind nach Hauſe weht. Willkommen! toͤnt's von allen Seiten; Willkommen endlich an dem heim'ſchen Heerd! Das junge Weibchen ſieht, entzückt vor Freuden, Den lang entbehrten Gatten unverſehrt; Sie fragt verſchaͤmt und lieb: Haſt du auf deiner 4 weiten Gefahrenvollen Bahn auch mein recht oft begehrt? „O tauſendmal! Nun biſt du erſt mir werth! „Von nun an lach' ich aller Thoren, „Die nach den fernen Polen ziehn! „Zu lang erſehnter Ruhe laß uns fliehn „In unſre Huͤtte! Ha, ich bin wie neugeboren! So ruft der Schiffer:— kaum iſt er vier Wo⸗ chen da, So quaͤlet ihn die lang erſehnte Ruh, Er haͤlt ſich bei der Seinen Flehn die Ohren zu, Und ſchifft frohlockend fort nach Sumatra.— Von tauſendfachem Tand, den ſie Vergnuͤgen nennen, Wie ſehnt' ich nach dem holden Fruͤhling mich! „Dann darf ich, wilde Stadt, von dir mich trennen! „Mein ſtilles Doͤrfchen, dann beſuch' ich dich! 36 „Verſchwiegne Fluren, euch darf ich bekennen „Das Heimlichſte, was in mein Herz ſich ſchlich! „In jenem Huͤttchen, nachgebaut den Sennen, „Lern' ich, was Wieland neulich ſchenkte, kennen, „Mit ſeinen zartern Seelen lebe ich—— „»Mein muntres, rothes Dach— ſchon zeigt es ſich: „O Kutſcher, laß die Pferde rennen!— 4 Ich komme hin: ich finde alles neu, Ich ſchwelge im Genuß der heiß erſehnten Freude; Die Egerkur iſt kaum vorbei— Mir bleibt mein Sansſouci, doch ach, ich ihm nicht treu; Das Aehnliche erſcheint als Einerlei— Ich fliege nach der Stadt, ſo eilig, wie nach Beute Ein hungernder, begier'ger Leu. So geht es zu in dieſem Neſte Voll Widerſpruͤche— menſchlich Herz genannt! Man ſehnet ſich, man findet, und das Beſte Wird dann, ſogar als gut nicht mehr erkannt. 32 Man macht ſich von ihm los, ſo ſchnell man kann, Und faͤngt den alten Lauf von neuem an.— Woher das koͤmmt? Kind, lies nur in der Bibel: Du findeſt ſchon auf ihrem erſten Blatt, Worin dies Uebel aller Uebel Den ewgen Grund und Urſprung hat. Aus Erde ward der erſte Menſch gedrechſelt, Drum zieht es immer ihn nach Ird'ſchem hin; Hernach belebte Gott durch ſeinen Odem ihn, Das gab dem Erdenſohn den himmliſchhohen Sinn— Doch ſo entſtand auch, daß es ewig in ihm wechſelt. Er ſucht nicht nur, er baut ſich wirklich in Gedanken Auf Erden ſchon ſein Himmelreich; Doch will er's nun beziehen— gleich Verſchließt der ird'ſche Sinn vor ihm die goldnen Schranken, Und nothigt ihn herab in das gemeine Leben; Auch dieſes kann ihm nie Genuͤge geben, Er ſchwingt ſich wieder auf in hoͤherm Streben, Und haͤlt, ein fliegend Blatt, ſich ſtets im Schwe⸗ ben!— „Ums Himmels Willen, ſprich, was ſoll ich 4 aber machen „Mit all dem Kram, den Du mir hier vertraut?“⸗ So fragſt Du, Freundin? Nun— Du ſollſt zu laut nicht lachen, Wenn ich bekenne— ich, Veſtalin— ach— bin Braut!— F. v. W. — 39 Tanlte Hedwig. Fortſetzung. Tante Hedwig war in einem Hauſe erzogen— oder vielmehr nicht erzogen, ſondern nur auf⸗ genaͤhrt worden, wo viel Geld und immer die Rede von vielem Gelde war; weil man aber damit Geſchaͤfte trieb, ſo war man gewohnt und gewoͤhnte auch ſie unvermerkt daran, Geld nur als Waare anzuſehen, die blos dazu tauge, umgeſetzt zu werden und Proſit zu bringen. Wenn das von einer Seite gleichguͤltig gegen das Vermoͤgen macht, macht es von anderer deſto begieriger darnach: denn, was man be⸗ ſitzt, wird zur Waare und freuet nicht mehr; was man damit gewinnet, entzuͤckt, bis es auch wieder zur Waare geſchlagen wird— was aber freilich immer ſchnell genug ge⸗ ſchieht—— 40—p Hedwigs lebhafter Geiſt, nur von Gemei⸗ nem umgeben, konnte ſich freilich auch nur auf Gemeines richten: aber eben dieſe Lebhaftig⸗ keit, Gewandtheit, Feinheit des Kopfs, ſelbſt ihr ausgezeichnetes koͤrperliches Geſchick und ihre nie raſtende Beweglichkeit fanden ſchon in Kinderjahren ſelten Geſchmack und nie Genuͤge an dem, was ihr andere Kinder gewaͤhren konnten. Die Aeltern bemerkten das mit Ver⸗ gnuͤgen, und uͤbergaben ihr einen kleinen, un⸗ betraͤchtlichen Theil des Haushalts und zugleich eine kleine Kaſſe, uͤber welche ſie ſchriftlich Re⸗ chenſchaft ablegen ſollte. Das kam ihr erwuͤnſcht, verſchaffte ihr Beſchaͤftigung, und erwarb ihr Lob und Auszeichnung, beſonders wenn ſie die Anwendung jedes Kreuzers genau aufge⸗ ſchrieben hatte. Hatte ſie am Ende des Mo⸗ nats etwas uͤbrig, ſo ging man, ohne etwas Arges ne zu nehmen, in Lob und Aus⸗ zeichnung weiter, und ſtellte ſie beſonders ihrer aͤltern Schweſter— von welcher ſie an Geiſt und Schoͤnheit weit uͤbertroffen und eben darum nachlaͤſſig behandelt wurde— zum Muſter vor. So wurde— uͤber jede, auch die kleinſte — 41 Ausgabe zu wachen, und immer etwas uͤbrig zu behalten, fuͤr Hedwig das einzige Mittel, hervorgezogen zu werden und ſich zugleich fuͤr unverdiente Zuruͤckſetzung der von Vielen ge⸗ ſchmeichelten aͤltern Schweſter zu raͤchen. Auf dieſem Wege kam die Tante ſchon als zwoͤlf⸗ jaͤhriges Maͤdchen dahin, daß ſie, wenn ſich ein Ueberſchuß nicht anders erſchwingen ließ, ſich ſelbſt gleichſam betrog; daß ſie z. B., was ihr zu Putz und Taͤndeleien gegeben wurde, behielt und in jene Kaſſe legte. So zeigte ſich denn ihre Geldliebe damals noch nicht uͤberwiegend: ſie vermochte ſie noch an⸗ dern Neigungen unterzuordnen, und man haͤtte ſie nur beſſer— oder auch gar nicht leiten duͤrfen, und alles waͤre anders geworden. Aber man vermißte, wozu ſie das Geld hatte anwenden ſollen; man fragte, Hedwig geſtand die Wahrheit; man fand di g uͤber Putz, Tand und Eitelkeit an e jungen Maͤdchen ſo außerordentlich loͤblich; die liſtige Verwendung der kleinen Summen aber, da ſie in der Stille, ohne Ruhmredigkeit zu 3. Stande getommen. wenigſtens ſo unſchuddig 2 2 und ſpaßhaft, daß man dieſe Verwendung ihr zwar verwies, aber zugleich erklaͤrte, ſie ver⸗ diene, daß alle Erſparniſſe an der Monats⸗ kaſſe kuͤnftig ihr Eigenthum blieben und zu eigener Dispoſition in ihre Privatſchatulle geſammelt wuͤrden. Das geſchahe nun auch, und zwar letzteres, des Beiſpiels wegen, nicht ohne eine gewiſſe Feierlichkeit. Nun war Hedwigs Ehrgeize und ihrer Ri⸗ valitaͤt gegen die beneidete Schweſter; nun war ihrer Geſchaͤftigkeit, nun war auch, ihrer, freilich ſchon aufkeimenden Geldliebe, Raum genug gegeben. Nach jenen Vorkehrungen konnte es faſt nicht anders ſeyn, als daß das Maͤdchen fortan jede Ausgabe, auch die unumgaͤnglichſte, auch wenn ſie noch ſo viele Annehmlichkeiten des Lebens zu verſchaffen ver⸗ ſprach— fuͤr etwas Feindliches anſahe, dem man widerſtreben, und, wenn das vergebens ſei, wenigſtens im Nachgeben leiſe noch etwas abnehmen muͤſſe.— Sie etablirte nun bald ſchon ein wirkliches, kleines Geldgeſchaͤft, und zwar mit ſich ſelbſt; ſie that ihre Kapitaͤlchen beim Vater aus, der es ſehr ſpashaft fand, ihr hohe Intereſſen zu bezahlen; ſie ſammelte dieſe Intereſſen wieder zu Kapitaͤlchen, lieh, wenn durchaus etwas von ihnen oder dem Nadel⸗ gelde ausgegeben werden mußte, von ſich ſelbſt, und zwar auf foͤrmliche Scheinchen, worin kurze Zahlungstermine angegeben waren, damit ſie ſich ſelbſt zu deſto emſigerem Sammeln und Ab⸗ tragen des Geliehenen anhielt ꝛc. Die Ael⸗ tern, die wirklich noch mehr Einſicht und auch mehr Bildung beſaßen, als man bei einem nicht kleinen Theile ihrer Geſchaͤftsverwandten er⸗ warten darf— die Aeltern bemerkten nun zwar, daß das zu weit gehe; weil ſie aber meinten, es ſei im Grunde nur kindiſches Spielwerk, und werde ſich mit den Jahren ſchon ſo weit verlieren, daß nichts als eine wackere, oͤkonomiſche Hausfrau uͤbrig bleibe— ſo ſprachen ſie mit Hedwig ſo ſaͤuberlich uͤber ihren Fehler, ſchraͤnkten ihre eigenen Vorſchrif⸗ ten ſo behutſam und vielfaͤltig ein, daß es keine Wirkung hatte, außer daß die Tochter manches allzuſehr Auffallende mied, aber feiner und verſteckter ihrer Neigung froͤhnete. Sie trat in die Jahre der Jungfrau; bei 44—— ihr, wie bei uns allen, fand ſich jene ſeltſame Aengſtlichkeit und Behutſamkeit im Betragen, aber auch jene Milde und Weichheit in den Gefuͤhlen ein, die dieſen zweiten Abſchnitt unſers Lebens beginnen, und ein ſo bedeuten⸗ der Fingerzeig der Natur fuͤr unſre Beſtim⸗ mung ſind. Hedwig vermied nun noch ſorgſa⸗ mer alles, was Erzeſſe herbeifuͤhren und ſie laͤcherlich machen konnte; ſie huͤtete ſich auch noch mehr vor manchem Druck, den ſie ſich ſonſt gegen Andere erlaubt hatte, und fuͤhlte bei Uebereilungen dieſer Art wahre Gewiſſens⸗ angſt. Jetzt haͤtte es bei ihr, wie bei uns allen in dieſem entſcheidenden Moment unſers Daſeins— nur weniger zarten, ſchonenden, und doch beſtimmten Leitung des Vertrauens oder auch der Liebe bedurft, und ihr Charak⸗ ter waͤre ganz anders gewendet worden: Nie⸗ mand gab ſie ihr, und jene wichtige Zeit ging voruͤber, wie die ſchoͤnen lauen Sommernaͤchte, denen ſie ſo ſehr gleicht, und die man verſchlaͤft. Ihr Geiſt und Herz wurde auf nichts gerich⸗ tet, was ſich nicht wenigſtens von Einer Seite „ als Sache der Oekonomie anſehen und behan⸗ 1 45 deln ließ, und nun freilich von ihr auch ſo angeſehen und behandelt wurde; von Vertrauen, außer in den ganz gemeinen Angelegenheiten des Hauſes und der Bekannten, war zwiſchen ihr und den Aeltern niemals die Rede gewe⸗ ſen; die Liebe, die mit ihrem Zauberſtabe ſo oft ploͤtzlich das Maͤdchen umwandelt, hat das Herz der Armen nie ernſtlich beruͤhrt. Sie war zwar einmal gegen einen liebenswuͤrdigen jungen Mann nicht gleichguͤltig, er ſchien auch ihr aufrichtig ergeben zu ſeyn; ſie hatte ſchon den Gedanken, daß er ganz ohne Ver⸗ moͤgen ſei, ertragen gelernt, und war vielleicht nahe dran, die Hand hinzureichen: aber Be⸗ denklichkeiten der Aeltern, allzuviel Delikateſſe und allzuwenig Unternehmungsgeiſt des Lieb⸗ habers, Furcht, er waͤhle ſie doch vielleicht nur ihres Vermoͤgens halben— dieſe hielten ſie ſo lange im Schwanken, veranlaßten ſie zu ſo harten Proben, gaben ihrem Betragen den Schein von ſo kalter Grillenhaftigkeit, daß der gequaͤlte junge Mann endlich die Kette ploͤtz⸗ lich und unvermuthet ſprengte und ſeine Braut verließ. Nun klagte ſie uͤber Wankelmuth und 46 Untreue der Maͤnner, und entſchloß ſich, durch⸗ aus keinen zu begluͤcken— was ſie auch, ohne daß es ihr betraͤchtlich erſchwert worden waͤre, die neun und ſechzig Jahre ihres Lebens treulich gehalten hat. Gefuͤhllos war ſie keineswegs; ſie gebrauchte aber zu Ableitern ihrer Zaͤrtlich⸗ keit Kinder, mit denen ſie ſich ſehr gern be⸗ ſchaͤftigte, die ſie aber doch nur von Herzen leiden mochte, ſo lange ſie klein waren und ſich uͤber ſehr wohlfeile Geſchenke recht laut freueten. Auch Katzen, deren ſie immer meh⸗ rere hielt, und Uebungen der Andaͤchtigkeit, worein ſie ſich in ſpaͤtern Jahren ſehr emſig warf, leiſteten ihr jenen Dienſt. So wie ſie nicht gefuͤhllos war, war ſie auch nicht unwiſſend, viel weniger unverſtaͤn⸗ dig. Von außen her war zwar nicht viel, und Wiſſenſchaftliches ſehr wenig in ihren Kopf gekommen; ſie las wol gern— beym Stricken, verſteht ſich!— aber doch nur, was ſie eben im Hauſe vorfand, und darum umſonſt haben konnte. Das erhob ſich aber ſehr ſelten uͤber Kochbuͤcher und gemeine aſce⸗ tiſche Schriften bei der Mutter; uͤber Zeitun⸗ — 42 gen, kaufmaͤnniſche Buͤcher und oͤkonomiſche Hefte beym Vater. Spaͤterhin lernte ſie bei mir und meinen Kindern andere Buͤcher ken⸗ nen und mochte recht gern darin blaͤttern, ob⸗ ſchon ſie dabei immer ausſahe, als geſchaͤhe es nur aus Gefaͤlligkeit, waͤre ungehoͤrig und wol auch unter ihrer Wuͤrde; ich erinnere mich aber nur Einer Schrift, die ſie mit wah⸗ rer Freude ſich von meinem Knaben vorleſen und immer wieder vorleſen ließ: und das war Campe's Robinſon, in welchem ſie einige Sce⸗ nen, wo ſich der Einſame ſo geſchickt zu hel⸗ fen und jede Kleinigkeit ſo vortrefflich zu be⸗ nutzen verſteht, in hellen Enthuſiasmus ver⸗ ſetzten, der ſich hernach in lange Ermahnungs⸗ oder Strafreden gegen die Kinder, aus denen aber auch wir Erwachſenen unſer Theil neh⸗ men ſollten, ergoß.— So wenig ihr aber von außen an Kenntniſſen zugekommen war, ſo reichte ſie doch mit ihrem geſunden, natuͤrli⸗ chen Verſtande weit; beſaß fuͤr das gewoͤhn⸗ liche Leben und ſeine Verhaͤltniſſe ein ſehr tref⸗ fendes Urtheil, und zeigte auch viel ſchaͤtzbare und praktiſche Einſichten in eine Menge Dinge, 48 von denen man nicht begriff, wie ſie ihr nur hatten bekannt werden koͤnnen. Von ihrem Verſtand, von ihrem Urtheil, von ihren Ein⸗ ſichten machte ſie, wo ihr ihre Liebhaberei nicht im Wege ſtand, mit Gewandheit und lobenswuͤrdigem Eifer Gebrauch— auch da, wo ſie an keine eigenen Vortheile denken konnte. So konnte man z. B. eine auf⸗ merkſamere, geſchicktere und unermuͤdlichere Krankenwaͤrterin, ja, eine dienſtfertigere und huͤlfreichere Freundin in allen Unfaͤllen des Le⸗ bens, beſonders in weiblichen Verhaͤltniſſen— und zwar gegen Jedermann, der ſich ihr anvertrauen wollte, gar nicht ſehen: nur mußte alles, was ſie gewaͤhren ſollte, ihr nichts koſten als Zeit und Kraͤfte, ſonſt leiſtete ſie es zwar im hoͤch⸗ ſten Nothſall, aber duͤrftig, unzufrieden, und dann zog ſie ſich leiſe und fein zuruͤck. Dieſe geſchaͤftige Dienſtfertigkeit war nicht etwa, wie bei Vielen, die Begierde, die Haͤnde uͤberall im Spiele zu haben, oder mit Gefaͤlligkeit und Wohltihaͤtigkeit zu prunken, oder ſich eine Par⸗ they zu werben; es war wahre Theilnahme an fremder Noth, und ihr Mitleid war ein wahr⸗ 49 haftiges Mit⸗Leiden, das nur durch jenen entſcheidenden Charakterzug in gewiſſe Graͤnzen beſchraͤnkt wurde. Eine kleine Eigenheit dabei war, daß ſie vorzuͤglich gern Kollekten veranſtal⸗ tete und ſammelte— fuͤr Abgebrannte, durch Ueberſchwemmung Verarmte, und andere durch Landplagen Heruntergekommene. Sie wußte dabei diejenigen Wohlhabenden, auf welche ſie es vornehmlich abgeſehen hatte, ſo gewandt, ſo zu rechter Zeit und von der rechten Seite zu faſ⸗ ſen, daß ſie betraͤchtlich beiſteuern mußten, ſie mochten wollen oder nicht; und wenn ſie es dann zwar nicht ungern ſahe, daß ihr Name dafuͤr in den Zeitungen geprieſen wurde, ſo war dies doch ganz gewiß nicht der Zweck ihres unermuͤd⸗ lichen Eifers. Kam ihr aber ein Anderer zuvor und ſie ſollte beiſteuern, ſo hatte ſie immer der plauſibeln Entſchuldigungen eine Menge, und gab zwar mit leidlich verborgenem Verdruß etwas, aber etwas bis zum Laͤcherlichen Geringes. Sie war ſtreng rechtlich; eigentlichen Be⸗ trug erlaubte ſie ſich nie, und machte ſich auch wol uͤber manche ſehr gleichguͤltige Handlung, wobei das Geld nichts zu thun hatte, gewiſ⸗ F. f. F. III. H. 4 530 ſenhafte Bedenklichkeiten. Kam aber ihre Lieb⸗ lingsneigung ins Spiel, ſo raiſonnirte ſie frei⸗ lich ſo lange heruͤber und hinuͤber, bis ſie ihr genuͤgende Gruͤnde zur Rechtfertigung fand.— Gegen mancherlei Freuden des Lebens war ſie gar nicht unempfindlich; ſie hatte Sinn fuͤr gute Tafel, hoͤrte gern muntere Geſpraͤche, freuete ſich innig, wenn ſie in Geſellſchaft recht viel Luſtigkeit bemerkte, ſelbſt wenn man ſie dann und wann zum Gegenſtand des Scherzes und Lachens nahm: nur mochte ſie das alles nicht gern in ihren vier Pfaͤhlen haben. Eine neue Weinlieferung, die mein Mann bekam, machte ihr wenigſtens Einen ſehr boͤſen Tag, und wenn die Rede davon kam, daß wir Geſell⸗ ſchaft bei uns ſehen wollten, hatte ſie,(und, ſo viel von ihr abhing, auch ich,) ſchlimmes Wetter, bis der Tag, und was angeſchafft wer⸗ den ſollte, da war: dann that ſie aber alles Erſinnliche, es den Gaͤſten wohlſeyn zu laſſen, und zaͤhlte ſogar die Flaſchen, die geleeret wur⸗ den, nicht nach— bis nach Mitternacht, wenn ſich alles entfernet hatte. Sehr beluſtigend war es, mit welcher geſchaͤftigen Sorgſamkeit ſie 51 dann die unbedeutendſten Ueberreſte ſammlete und auf tauſenderlei Art umzuformen und an⸗ zuwenden wußte, um unvermerkt wieder einen ganz kleinen Erſatz herbeizuſchaffen. Hier⸗ bei verirrete ſie ſich denn doch zuweilen— z. B. gegen Dienſtboten— uͤber die Graͤnzen der Wohlanſtaͤndigkeit. 3 Mein Mann war ihr einziger Erbe, ſie hatte in ſpaͤtern Jahren ihr ganzes Vermoͤgen in ſeine Haͤnde gelegt: aber er mußte die ſtreng⸗ ſten Intereſſen, mußte ſie mit der Stunde des Termins, mit gehoͤrigem Agio bei nicht ausbe⸗ dungenen Muͤnzſorten zahlen— von einem Ka⸗ pital, das ſchon ſo gut als ſein eigen war! Es haͤtte nichts zu bedeuten, Herr Sohn, ſagte ſie; aber es gehoͤrt zur Ordnung!— Von Kleidung, die nicht die erſten Beduͤrfniſſe ver⸗ langten, von Putz, Moͤbeln, von allem, was zur Annehmlichkeit, wol auch zur Bequemlich⸗ keit des Lebens gehoͤrt, erkaufte ſie ſich durch⸗ aus nichts, obſchon ſie es gern hatte— wenn auch nur ſelten gebrauchte; wir mußten es ihr ſchenken, und auf eine Art, nach welcher es ſchien, als erzeige ſie uns eine große Gefaͤllig⸗ keit, wenn ſie das alte Geruͤlle wegnehmen, und feine, moderne Geraͤthe dafuͤr hinſtellen ließ. Sie wußte recht gut, daß dieſe Dinge im Grunde aus ihrer Kaſſe bezahlt wurden: aber ſie mußten doch geſchenkt heißen; ſie gab es uns gar vernehmlich zu verſtehen, wenn ſie ſich etwas Neues ſtatt des Veralteten wuͤnſchte: aber es mußte doch die Erfuͤllung ihrer Wuͤnſche als ein von ihr uns dargebrachtes Opfer erſchei⸗ nen.— Mit Jemand uͤber oͤkonomiſche Kunſt⸗ griffe und Vortheile, ſelbſt die kleinſten, zu ſchwatzen, gewaͤhrte ihr einen hohen Genuß, deſſen pikanteſte Wuͤrze war, wenn der Andere ihr ſeine Prozedur vorruͤhmte, und ſie ihn mit der ihrigen uͤbertrumpfen konnte. Es iſt wahr, ſagte ſie; Sie ſind ein verſtaͤndiger, ein erfahrner Mann; Ihre Einrichtung iſt loͤblich und gut: aber(hier verbreitete ſich ein ſuͤßes Laͤcheln uͤber ihr ganzes Geſicht—) lieber Mann: ſo mach' ichs!— Ihre Haushaͤltigkeit war ohne Maas und ging bis zum geheimen Selbſtdarben— denn freilich verſtatteten wir ihr dies nicht, ſobald wir es bemerkten. Doch uͤberliſtete ſie uns zuweilen 52 93⁴ hierbei. Sie trank z. B. gern Kaffee; wir verſorgten ſie darum von Zeit zu Zeit reichlich damit; ſie fagte auch, er werde verbraucht und thue ihr gute Dienſte: aber nach ihrem Tode fanden wir betraͤchtliche Vorraͤthe, und konnten uͤberſchlagen, daß ſie oft keinen, oder immer ſehr ſchlechten Kaffee getrunken habe.— Daß wir bei ihrer Haushaͤltigkeit ſehr gewannen; daß gar mancher Familie eine Tante Hedwig ſehr Noth thaͤte und von ihr auf den Haͤnden ge⸗ tragen werden muͤßte— verſtehet ſich von ſelbſt: wenn es der guten Wirthſchafterin aber nur nicht platterdings unmoͤglich geweſen waͤre, ohne muͤrriſche Laune, ohne zu ſchelten, zu keifen und im Hauſe umher zu raſaunen, ihre Ge⸗ ſchaͤfte zu verrichten! Ein einziger Dienſtbote iſt ihr darum auf lange Jahre treu geblieben, und der war harthoͤrig. Doch meinte ſie es damit gar nicht boͤs, und war auch gleich wieder gut und freundlich, wenn die Sache zu Stande gebracht war. Das Wirthſchaftern wirkte auf ſie, wie das Weintrinken auf viele rohe Maͤnner: es weckt und exaltirt die ſonſt meiſt ſchlummernden Kraͤfte: dieſe wollen nun 54 ausgelaſſen, verarbeitet ſeyn, und man hat dazu nichts naͤher und bequemer, als die Rolle eines Poltergeiſtes—— Der geringſte Verluſt, der ihr durch den Zufall, durch die Nachlaͤſſigkeit eines Dienſt⸗ boten u. dergl. gebracht wurde, machte große Wirkung auf ſie, und wollte man ſie nicht be⸗ leidigen, wol gar kraͤnken und aufbringen, ſo mußte man es ruhig geſchehen laſſen, daß ſie ihre Klagen in allen Weiſen— vom Largo bis zum Allegro con fuoco, ergoß. Dabei iſt mir aber Eins noch immer unerklaͤrlich! Schon ehe mein Mann ihre Angelegenheiten uͤbernahm, und als ihr ganzes Weſen noch gleichſam in voller Bluͤthe ſtand, wurde ſie in den Bankerut eines großen Handlungshauſes gezogen und ver⸗ lohr eine ſehr betraͤchtliche Summe. Wir fuͤrchteten fuͤr ihre Geſundheit und ihr Leben, wir wollten ihr deshalb die Nachricht ſo behut⸗ ſam als moͤglich beibringen: ſie bemerkte kaum, wohin wir wollten, als ſie uns geſetzt unter⸗ brach, ſie wiſſe ſchon alles; und nach einigen nicht ſchmeichelhaften Phraſen, an jenes Haus gerichtet, uͤberſchlug ſie ziemlich ruhig ihren 55 Verluſt und ſprach auch immer mit groͤßter Faſſung und ſehr anſtaͤndig davon. Betaͤubung haͤtte ſich in der Folge aufloͤſen muͤſſen; war aber der Schlag ſo ganz außer Verhaͤltnis zu ihren widerſtrebenden Kraͤften— war er ſo groß und hart, daß ſie ihn darum gar nicht durch⸗ fuͤhlen konnte? war es Stolz, mit den reichſten Haͤuſern in gleichem Verluſt zu ſeyn und da⸗ durch den Schein eines naͤhern Verhaͤltniſſes mit ihnen auf ſich zu ziehen? war es gelungenes Aufbieten der geſammten Kraft, da, wo ſie vorausſahe, alles werde auf ſie achten und das Gegentheil von ihr erwarten? Ich weiß es nicht!—— Von dieſer Zeit an war ſie aber aͤngſtlicher in der Verwaltung ihres Vermoͤgens, und es war zu bewundern, mit welcher Hoͤflich⸗ keit, mit wie plauſibeln Wendungen, und mit welcher Mannichfaltigkeit in dieſer Einheit, ſie alles abzulehnen wußte, wobei ſie nur einiges Bedenken hatte. Aus dieſer Furchtſamkeit luͤſterte ſie nur nach betraͤchtlichem Gewinn, verſchaffte ſich ihn aber nicht, wenn das ge⸗ ringſte zu wagen war. Unternehmungsgeiſt aus Gewinnſucht, ſo wie alle Zuͤge des vor⸗ 36— nehmern Kaufmannsgeizes, waren ihr jedoch von jeher fremd geweſen—— Meinen Mann achtete ſie, wie er's ver⸗ diente, als einen der bravſten in der Stadt, und hatte ihn auch herzlich lieb; nur das blieb ihr unbegreiflich, wie ein ſo guter, moderater und verſtaͤndiger Mann— z. B. oͤfters Geſell⸗ ſchaft bei ſich ſehen, immer gleichguten Wein geben, ſich modern moͤbliren koͤnne. Sie glaubte ihn mit ſammt ſeinen Vertheidigun⸗ gen— wie gewiſſe Maͤnner den Dichter— durch die einzige Frage darnieder zu ſchlagen: Aber was hilft's denn am Ende? was haben Sie denn davon? kann man denn nicht recht huͤbſch leben, vieles in der Welt zu Stande, und auch was vor ſich bringen, ohne alle dieſen Kram?— Sie handelte ſehr gern, und vorzuͤglich mit Juden, die ſie aber ſo furchtbar angriff, daß ich allezeit davonſchlich, wenn einer kam. Und doch wurde ſie gut mit ihnen fertig und ſtellte ſich mir dann mit dem Erkauften im Triumph dar. Meinen Vorbitten entgegnete ſie laͤchelnd: Ich nehme ihnen ja nichts! Die Waare 7 bleibt ihre; wenn ſie ſie nicht laſſen koͤnnten, ſo ließen ſie ſie nicht— Sie thun ihnen wehe— Dann kaͤmen ſie nicht wieder: aber ſie kommen ja immer wieder! 4 Sie ſetzen ſich den Beleidigungen ſolcher Leute aus— Ein ungeſitteter Menſch kann mich nicht beleidigen—— Ihrer Andachtsuͤbungen hab' ich ſchon ge⸗ dacht; mit den Jahren nahmen ſie an Dauer, und Regelmaͤßigkeit zu. Bete und arbeite, war ihr Lieblingsſpruch; aus dem Accent, mit welchem ſie ihn ſprach, und aus dem Zuſam⸗ menhange, in welchem ſie ihn anbrachte, darf man aber behaupten, ſie habe bei ihrer Andacht, wenigſtens als Ruͤckſicht, einen ſehr materiellen Seegen, der ihr dafuͤr vom Himmel werden follte, im Auge gehabt. Das Wort Seegen gebrauchte ſie nur in zweifacher Bedeutung: im Scherz— da bezeichnete es Kinder; im Ernſt— da hieß es Geld und Geldes werth.— Sie hatte ſchon mehrere Jahre vor ihrem Tode uͤber ihr Vermoͤgen disponirt, und be⸗ ———— ſchaͤftigte ſich gern, auch nicht ohne ſtillen Ge⸗ nuß, mit dieſer Diſpoſition und deren kleinen Abaͤnderungen. Sie dachte wirklich mit Froͤm⸗ migkeit an ihren Tod, und wurde, als er nun nahete, durch ihre Habe nicht merklich beun⸗ ruhigt. Sie ſtarb gelaſſen und ergeben. Ihr letzter Wille enthielt, unter mehrern ganz cha⸗ rakteriſtiſchen Zuͤgen, vornehmlich folgende: Alle beſtimmte Legate waren aͤußerſt ge⸗ ring, wogegen unbeſtimmte Anweiſungen außer allem Verhaͤltnis ins Gewicht fielen.(Es ſcheint, daß ihr ſelbſt die Nennung einer be⸗ deutenden Zahl, die der Summe ihres Ver⸗ möͤgens abgezogen werden ſollte, beſtimmten Schmerz verurſacht habe, ſtatt daß Ausgaben, die nicht ſo rund in Zahlen ausgeſprochen wer⸗ den konnten, in ihr auch nur dunkle Gefuͤhle erweckten und darum leichter zu ertragen wa⸗ ren.) Ihr Arzt z. B. erhielt ein beſtimmtes, faſt laͤcherlich geringes Geldgeſchenk— ſie war allen Aerzten von jeher abhold;— ihr Beicht⸗ vater bekam ihre ſehr beträchtliche, aber nicht im Preiſe angeſchlagene Sammlung alter ſelte⸗ ner Muͤnzen, unter dem Vorbehalt, ſie nie zu — 59 vereinzeln.— Ihre Katzen wurden einer armen Schullehrerswittwe vermacht; damit dieſe aber die Thiere um ſo ſorgfaͤltiger pfleg⸗ te, erhielt ſie fuͤr jede eine kleine jaͤhrliche Penſion, die wegſiel, wenn das Thier ſtarb. (Der ehrlichen Tante war nicht eingefallen, daß die Frau, um die Penſion— nicht, ſo lange die Katze, ſondern ſo lange ſie ſelbſt lebte, zu behalten, einer verſchiedenen ja ſo leicht eine aͤhnliche lebendige unterſchieben konn⸗ te!) Die ſtaͤrkſten unter den beſtimmten Lega⸗ ten bekamen einige ſehr reiche Leute, mit denen die Tante faſt gar nicht umgegangen war, von denen ſie aber wußte, daß ſie in allgemeinem Anſehn ſtanden und ſtrenge Oeko⸗ nomie hielten. Die betraͤchtlichſte unbeſtimmte Anweiſung, nehmlich den dritten Theil der jaͤhr⸗ lichen Revenuͤen ihres großen Hauſes in der Stadt, bekam das Gymnaſium, wofuͤr aber das Chor allezeit an ihrem Todestage vor die⸗ fem Hauſe ſingen, und zwar gewiſſe vorge⸗ ſchriebene Sterbelieder ſingen mußte, mit der ausdruͤcklichen Kautel, daß man auf das neue, eben eingefuͤhrte Geſangbuch keineswegs Nuͤck⸗ 60 ſicht nehmen, ſondern die Geſaͤnge, nun und auf ewige Zeiten, ſo wiederholen ſolle, wie ſie ſelbſt ſie ſo oft zu ihrer Erbauung geſungen habe. Auch mußte der oberſte Gymnaſiaſt jedesmal beim Empfang des Geldes eine Rede halten, die wenigſtens zehn Minuten dauern mußte, und worin ihrer fleißig gedacht wuͤr⸗ de; und zwar mußte die Rede lateiniſch ſeyn!— Die Wittwe. 61 G Ein⸗ und Ausfaͤlle. (Einige nach dem Franzöoͤſiſchen.) Unter ein weibliches Portrait. „Welch lieblich Bild! und wie getroffen! bis zum ſprechen!⸗— Dann nahm der Kuͤnſtler ſie im guͤnſtigſten Moment. Modename. Wie heißt dein neueſtes Werk, da jetzt die Namen wandeln? „Romantiſche Fabel heißt's, wenn ich's citire!“— Die Fabel— nun, wo Thiere wie Menſchen handeln? Romantiſche— vielleicht, wo Menſchen handeln wie Thiere? Einem Reiſenden. „Fuͤnf tauſend Thaler wend' ich an Zu einer Reiſe, die Menſchen zu kennen⸗— Dann wende noch fuͤnftauſend dran, Daß ſie dich nicht erkennen!— Einem Autor. Was neckſt du ihn, Kritik, du loſe? O laß ihn ruhn und wuͤnſch' ihm gute Nacht, Da er ſo oft, durch Verſe, wie durch Proſe, Zu ſanftem Schlummer uns gebracht. Den Verwandten. Was draͤngt ihr mich, mich zu vermaͤhlen? Ich denke dran, ein wenig bang: Denn viele, die zu eilig waͤhlen, Sie— denken dran ihr Lebelang!— Reue. Der Pfarrer predigte: Du, Gottes treuer Knecht, Stehſt jedem bei: dein Schatz iſt immer auf⸗ gethan! Der Geizhals ſpricht gerührt: Bei Gott, der Mann hat Recht; Drum geh' ich auch ſogleich und— ſpreche Andre an. 64 Die alte Lebensweiſe. Mein Großvater und mein Onkel in der freien Reichsſtadt Bremen. — In meinem Geburtsorte Bremen, in der hei⸗ tern Neuſtadt, wo die fleißigen Buͤrger in ih⸗ ren blumenvollen Gaͤrten von den Arbeiten des Comptoirs ausruhen, ſpielte ich als Maͤdchen von acht Jahren unter dem Bollwerke des hohen Ufers der Weſer mit einer Flotte von Nußſchaa⸗ len. Laͤngs dem Ufer, hinter hohen Linden⸗ baͤumen, ſtanden die Gartenhaͤuſer des reichen Herrn Thorſpecken, des Herrn Wichelhauſen, und meines Onkels. Alle dieſe Herren hatten viele Schiffe zur See, und da war denn oft ein Weſen, eine Freude und ein Reichthum, daß die jugendliche Einbildungskraft des Maͤd⸗ chens wol dadurch gereitzt werden konnte, auch einmal eine Flotte mit hollaͤndiſcher Leinewand, mit Brabanter Spitzen und dergleichen zu be⸗ 65 frachten. Genug, meine Schiffe ſtachen in See, das heißt, ſie ſchwammen laͤngs einem Floß Holz in die Weſer hinein. Ich befand mich auf dem Floß und begleitete ihren Lauf. Das beſte Schiff war Couſine Toelen ge⸗ nannt, nach einer aͤltern Freundin, welche noch jetzt in ihrem Alter eine Zierde ihres Geſchlechts und ein Gegenſtand meiner innigen Liebe und Achtung iſt. Grade dieſes liebe Schiff wollte ſich zu weit entfernen; ich griff darnach und— ſtuͤrzte in das Waſſer, und das Waſſer ſchlug uͤber mir zuſammen. Ich ſchrie nicht: ich war— dies iſt eine Erfahrung zur Seelenkun⸗ de— ich war mir meiner ſelbſt und des Ge⸗ dankens: die Liebe fuͤr deine gute Couſine hat dich in den Tod gezogen, deutlich bewußt. Doch hielt ich eine Hand aus dem Waſſer empor. Bei dieſer Hand wurd' ich ergriffen. Eine ſchlanke, ſchoͤne Jungfrau zog mich aus dem Waſſer, welches mich nicht wegfuͤhrte, weil das Floß dem Strome entgegen lag. Keine Roſe prangte in ihrem Haare, kein Geſchmeide an ihrem Buſen: ſie war nur ganz ſchlicht, ehrbar und nett, nach Bremer Art gekleidet; aber ſie J. f. F. Hl. H. 3 66 hatte ſich, ihres Lebens nicht achtend, von dem hohen Bollwerke herunter geſtuͤrzt, war auf das Floß geflogen und hatte ein Menſchenleben ge⸗ rettet!„Du luͤtje ſoete Deeren!“ ſagte ſie zu mir, indem ſie mich, vor Freude weinend, betrachtete.„To di het mi de leeve God foͤhrt!“ Sie erkundigte ſich nach den Mei⸗ nigen, fuͤhrte mich in das Haus, ſchob mich in das Zimmer hinein und verſchwand. Waͤh⸗ rend ich meinen Unfall erzaͤhlte, eilte die Tante mich aus den naſſen Kleidern in trockene zu bringen, und als ſie damit fertig war, wollte ſie zu ſchmaͤlen beginnen: aber ein Bſt! von meines Onkels Lippen und ſein bedeutender Finger am Munde druͤckten ihre ſteigenden Worte wieder hinunter.„Die wird nicht wieder ins Waſſer fallen,“ ſagte er,—„die ſeh' ich noch kuͤnftig die Juͤfruw eines großen Kaufmanns werden. Gieb ihr, zur Unter⸗ ſtuͤtzung ihrer Lebensgeiſter, etwas Wein!“ Er nahm mich bei der Hand und ſagte:„Du haſt dein Schiff, die Couſine Toelen, verloren. Sei nur ruhig, liebes Kind; mein beſtes Schiff ſoll kuͤnftig die beiden Conſinen heißen.“ Die ſchoͤne Handlung meiner Retterin wurde weder in dem Bremer Wochenblatt, noch in der Ham⸗ burger Zeitung angezeigt. Das hielten die guten Leute nicht fuͤr noͤthig, da jeder Ein⸗ wohner dieſer alten freien Reichsſtadt es fuͤr ſeine Schuldigkeit hielt, einem Ungluͤcklichen zu Huͤlfe zu eilen, und weil ſie glaubten, an andern Orten ſei das eben ſo. Das Handeln und Wandeln dieſer Men⸗ ſchen war uͤberhaupt ihrem großen Waſſerrade an der großen Weſerbruͤcke gleich— wohlthä⸗ tig, einfach, wohl berechnet und ſehr kraftvoll. Dieſes koloſſaliſche Rad, ein Meiſterwerk der Mechanik, ſchoͤpfte unten aus dem Fluſſe und goß oben in der Hoͤhe in einen großen Behaͤl⸗ ter einen ſolchen Reichthum von Waſſer aus, daß alle Haͤuſer in der großen Stadt hinlaͤng⸗ lich damit verſorgt wurden. Man bewundert dieſe Einfachheit und Leichtigkeit, wenn man dabei an die kuͤnſtlichen Saug⸗ und Druck⸗ Werke mancher Staͤdte, mancher Hoͤfe und mancher Schriftſteller denkt, wo des Pumpens, des Knarrens und des Seufzens kein Ende iſt. Aber Waſſer allein thut es freilich nicht; 68 4 die Bremer haben auch viel Wein dazu; und ihr großer Weinkeller ſpricht eben ſo gut den Geiſt der alten Bremerzeit aus, als ihre drei großen Waiſenhaͤuſer, ihr großes Waſſerwerk, und ihr Armen⸗ und Krankenhaus. Ich ſage noch etwas von der bewundernswerthen Halle, die die Gaben des Bacchus verwahrt! Die Straßen dieſes ungeheuern Gewoͤlbes ſind angefuͤllt mit großen Stuͤckfaͤſſern, voll der edelſten Rheinweine, nach dem Alter geord⸗ net. Hier entdeckt man abermals einen charak⸗ teriſtiſchen Zug der Alten: von dem beſten einen großen Vorrath zu halten, und ver⸗ nimmt davon die ſchoͤnen Folgen. Ihnen ver⸗ danken es die jetzigen Zeitgenoſſen, daß kein edles Jahrgewaͤchs des deutſchen Weinſtocks ausgehen kann. Sobald ein Faß etwas ab⸗ nimmt, wird es durch das naͤchſte, ein Jahr juͤngere, wieder aufgefuͤllt, das Alter durch die Jugend unterſtuͤtzt, und die Jugend durch das Alter veredelt. Ihren klugen Vaͤtern ver⸗ danken es die Soͤhne, daß ſie um einen billi⸗ gen Preis dies herrliche Geſchenk der Natur aͤcht und rein genießen koͤnnen. Dem Willen 1 der Stifter gemaͤß wird den Kranken in ihrer Schwachheit und den Maͤnnern, die am Ru⸗ der des Staats ſich erſchoͤpft haben, ein Labe⸗ trunk aus der hundertjaͤhrigen Roſe— der Name des Stuͤckfaſſes— unentgeldlich gereicht, ſo oft ſie es beduͤrfen. Das heißt wahr und groß haushalten!— und ſo wirthſchafteten die Alten. An der Seite, wo das Licht in dieſen Keller faͤllt, findet man helle, kleine Kabinette, in jedem einen Tiſch fuͤr zwei Leute, an jeder Seite, gerade gegen einander uͤber, einen Stuhl. Das ſind kleine Tempel der Vertraulichkeit, wo der Freund dem Freunde gerade ins Angeſicht ſieht, das Herz immer naͤher dem Herzen kommt und die Glaͤſer im⸗ mer heller und reiner klingen. So, meinten die treuherzigen Alten, ſchmecke der Wein am beſten.— Halten Sie, hochzuverehrende Herrn Herausgeber des Journals fuͤr Frauen, mich deswegen fuͤr keine Bacchantin, weil mir der Bremer Weinkeller ſo gut bekannt iſt. Dieſer unterirdiſche Palaſt mit ſeinen vertraulichen Kabinetten und mit ſeinem geraͤnmigen, großen 70 — Saale, worin ehemals große Familienfeſte gegeben wurden, iſt ein vaterlaͤndiſches Heilig⸗ thum, das jeder Vater ſeinen Kindern zeigt. Wie konnte es mir fremd bleiben?. Zu Ausfuͤhrung ſolcher Ideen gehoͤrt frei⸗ lich Reichthum, und zum ehrlich erworbenen Reichthum wird viele Arbeit erfordert. Ar⸗ beiten konnten aber auch dieſe Maͤnner der Vorzeit; denn ſie waren geſund, groß und ſtark, ohne Nervenſchwaͤche und ohne Hypo⸗ chondrie. Das waren ſie bis in das ſpaͤteſte Alter, nicht etwa weil ſie keinen Kaffee tran⸗ ken, ſondern weil ſie Maas in allen Din⸗ gen hielten, gute Sitten, gute Nah⸗ rung und ein gutes Gewiſſenhatten. Nein Großvater, der in Arbeit grau und reich geworden war, trank alle Tage, noch im zwei und achtzigſten Jahre ſeines Lebens, taͤglich eine Taſſe Kaffee, und doch that ihm kein Finger weh. Da ich dieſen ehrwuͤrdigen Greis einmal erwaͤhnt habe, ſo will ich auch vor der Hand bei ihm verweilen, und den Geiſt ſei⸗ nes Zeitalters in ſeinem Charakter mit Liebe weiter ausmalen. 1 71 Ich, als das Juͤngſte von ſeinen zahlrei⸗ chen Enkeln, mußte ihm in ſeinem hohen Al⸗ ter allemal den ſilbernen Becher reichen, wenn er trank. Da gab er mir denn einmal einen Dukaten.„Wie gefaͤllt dir der goldne Pfen⸗ nig?“ fragte er mich.„ Sehr ſehön.— „Weil du den Pfennig lieb zu haben ſcheinſt, will ich dir doch einen guten Rath dabei ge⸗ hebe beides ſorgfaͤltig mit einander auf. Du, mein Toͤchterchen, wirſt, wie ich hoffe, kuͤnftig viele ſolche Pfennige und manchen Bremergeroten bekommen. Gieb kein Stuͤck davon weg, bevor du es nicht noch einmal angeſehen haſt; denn du bekommſt den Freund in deinem ganzen Leben nicht wieder zu ſehen. Wenn du dir das bei dem Anfehn recht deut⸗ lich denkſt, ſo wirſt du ihn vielleicht manch⸗ mal nicht weggeben, ſondern wieder in die Taſche ſtecken und ſparen. Weißt du ſchon, was Geld ſparen heißt?“—„Es nicht aus⸗ geben.“—„ Nicht ſo! Geld ſparen heißt: es ſo lange zuruͤcklegen, bis man es nothwen⸗ dig braucht, oder bis man einem andern Men⸗ ſchen damit helfen kann.“— Er ſetzte mir 22— die Sache noch weiter aus einander und ent⸗ ließ mich. Ich habe ihn nicht wieder geſehen; denn er ſchlief einige Tage nachher fuͤr immer ein. Aber ich weiß noch recht viel von ihm zu erzaͤhlen, das ich ſpaͤterhin von ſeinem Herrn Sohne, meinem Onkel„gehoͤrt habe. Mein Vater war viel gereiſet, war ein feiner Mann geworden, und hatte, nach mei⸗ nes Großvaters Meinung, durch das Abſchlei⸗ fen vielleicht etwas am Gehalte verloren. Er ſuchte ihn deswegen wieder umzupraͤgen. So oft mein Vater Anſtalt machte, etwas mehr Kultur in die Familie zu bringen, hob der alte Mann die linke Hand von der Armlehne ſeines Stuhls in die Hoͤhe, bewegte ſie eini⸗ gemal hin und her, wandte in dem naͤmlichen Takt ſeinen Kopf von einer Seite zur andern und ſprach:„Lat et man blieven, dat koͤnn wi nich bruken.“— Bei meiner Taufe wuͤnſchte mein Vater, ich moͤchte Emilie ge⸗ nannt werden.„Nein, nein, Sohn!“ ſagte der Großvater,„was ſoll das arme Kind dabei denken? Rebecca ſoll ſie heißen, wie ihre gute Mutter, meine vortreffliche Schwie⸗ — 2 18 gertochter! Auch kann ſie da ihren Namen in der Bibel finden, und dat will watt be⸗ duͤden.“ Mein Vater, der viele volkreiche Staͤdte geſehen hatte, fand die Zahl der Einwohner in Bremen fuͤr die Groͤße der Stadt viel zu klein.„Sind denn,“ ſagte mein Großvater, „bei uns die Haͤuſer auf einmal leer gewor⸗ den?“— Das nicht, aber es koͤnnten doch viel mehr Familien in einem Hauſe wohnen.— „Je groͤßer die Zahl der Familien, je kleiner wird der Raum und je theurer auch. Wo aber der Raum immer kleiner wird, da wer⸗ den endlich auch— die Menſchen kleiner. Das kannſt du dir leicht erklaͤren.“— Ich weiß doch nicht ſo gleich, wie Sie das mei⸗ nen.—„Du wirſt ſchon darauf kommen. Jetzt thu mir doch den Gefallen, und ſieh oben auf dem zweiten Boden einmal nach, ob das Korn, das ich vom Herrn Zuckerbecker aus Riga bekommen habe, wol bis kuͤnftigen September reicht; ich hoͤre, es iſt in dieſem Jahre uͤberall eine ſchlechte Ernte geweſen.“— Ich habe ſchon nachgeſehen, wir reichen voll⸗ 74 kommen aus.—„Nun, dann wird der Kornhaͤndler nicht an uns reich werden. Ein eigenes Haus iſt doch viel werth. Das kann bei uns in dieſer weitlaͤuftigen Stadt faſt jeder ordentliche Mann um einen billigen Preis haben, und, bei dem guten Verdienſte, auch das Korn zu feinem Brote, und die Feuerung fuͤr den Winter hinlaͤnglich in Vorrath halten. So ſind denn unſre nicht eben uͤbermaͤßigen Einwohner bis dato, Gott Lob! noch gegen Korn⸗, Haus⸗ und Holz⸗Wucher geſchuͤtzt. Aber die kleinen Staͤdte mit den vielen Ein⸗ wohnern muͤſſen viele Noth haben! Wo viele Noth iſt, da entſtehen eben aus der Noth mancherlei Dinge, die wir hier„up good Duͤtſch“ ſchlecht nennen, ja wol gar recht verderbliche Laſter. Haſt du mich nun verſtanden?“— Mein Vater hatte in Italien den Plan gefaßt, das vaͤterliche Haus ein wenig elegant einzurichten, und hatte in dieſer Abſicht aller⸗ hand Kunſtwerke, unter andern auch einige Buͤſten von Bronze, gekauft. Eines Tages zog er eine Rolle aus der Taſche.„Ei, was haſt du denn da, myn Soͤneken?“ fragte mein 75 — Großvater.„Das iſt gewiß der Lehrbrief fuͤr Juͤrgen Jochen, der nun bald ausgelernt hat! Du haſt ihn doch recht ſchoͤn ſchreiben laſſen? Der Juͤrgen Jochen iſt ein tuͤchtiger Menſch geworden. Aber blos auf Papier! nicht ein⸗ mal auf Pergament! Da, laß ihn auf das ſchoͤnſte Pergament ſchreiben, das in der Stadt zu finden iſt, und die erſte Zeile ganz mit goldnen Buchſtaben. Du weißt, ich kann das Sparen in ſolchen Dingen nicht leiden. Ein ſolches Teſtimonium wol angewandter Jugend bleibt einem immer lieb, ſo lange man lebt, und das meinige, von dem ſeligen Herrn Schu⸗ lenburg, ſollſt du mir ja mit in den Sarg unter den Kopf legen.“— Nein, Papa, ein ſolches wichtiges Papier iſt dieſes nicht: es iſt blos der kleine Verſuch einer Zeichnung, wie wir unſer Haus bequemer einrichten koͤnnten.— „Potz tauſend! das iſt ja ganz charmant. Ich habe lange daran gedacht, wie dieſes und jenes beſſer in Ordnung zu bringen ſei, um fuͤr die vielen Waaren mehr Platz zu gewinnen. Laß doch ſehen.“— Er nahm die Brille.„Ich ſehe, du haſt das Dach abgetragen, und noch 76— nicht wieder darauf geſetzt.“— Das ſpitzige Dach ſollte ganz wegbleiben; in Italien haben die Haͤuſer lauter platte Daͤcher, und das macht ſich ſehr ſchoͤn.—„J das Haus ſieht mir doch gerade ſo aus, wie ein Mann auf freier Straße ohne Hut. Ich wette mit dir, es wird im naͤchſten November den Schnupfen bekommen.— Sag' mir doch, mein lieber Sohn, fiel in Italien viel Schnee, als du dort warſt?“⸗— Nein, gar keiner!—„Du biſt alſo um das Vergnuͤgen im Rennſchlitten zu fahren gekommen. Wir hatten hier eine praͤchtige Schlittenfahrt nach Vegeſack hinun⸗ ter. Der Schnee lag gewaltig hoch. Ein Gluͤck war es, daß unſer Dach ſo ſpitz war. Der Schnee konnte nicht eindringen, und als es wegthauete, floß das Waſſer, ohne ſich aufhalten zu können, ab. Daher iſt es denn gekommen, daß von den vielen Waaren auf unſerm Boden auch nicht das Geringſte durch Naͤſſe verdorben iſt. Siehſt du nun wol, daß die Erbauer dieſes Hauſes hier an der Weſer weit richtiger gerechnet haben, als du am mit⸗ tellaͤndiſchen Meere?⸗— Ja, die Waaren 1 77 ſollen von dem Boden ganz weg.—„Und alle hier unten liegen, wo man ſo kaum mehr durch kann?“— Nein, ſie ſollen in ein beſonderes Waarenhaus.—„Dann kommen ſie freilich von uns weg, aber wir auch von ihnen. Da kann man denn nun nicht ſo genau Achtung geben, wie ſie ſich befinden, und das Hin⸗ und Hergehen koſtet Zeit. Der ſelige Herr Schulenburg hat aber das Symbolum unter meinen Lehrbrief geſetzt: Nichts iſt ſo theuer, als die liebe Zeit! und das Symbolum hat ſehr Recht.— A propos, was ſind das fuͤr verſchimmelte Halbmenſchen, die du da geſtern haſt auspacken laſſen?“— Es ſind Kaiſer und andre beruͤhmte Roͤmer!— „So? Und wo ſollen dieſe großen Herren hin?“— Ich wollte den Hausraum damit zieren, wenn die Waaren erſt weg ſind.— Rein Großvater gebrauchte ſeine linke Hand, ſein Kopfſchuͤtteln und ſein: Laat et man blieven!„Denn ſieh, lieber Chriſtian,“ fuhr er fort,„wenn ich bei den großen Roͤmern vor⸗ bei ginge, ſo wuͤßten ſie mir altem, ſchlichtem Kauſmann unſrer guten freien Neichsſtadt 78 Bremen doch nichts zu ſagen, und ich ihnen auch nichts. Wenn ich dagegen bei den ſchoͤ⸗ nen Rollen Kanaſter, den Ballen aus Oſtin⸗ dien und den großen Faͤſſern und Kiſten aus Weſtindien vorbeigehe: ſo iſt mir immer, als ſtaͤnde mit großen Buchſtaben daran geſchrie⸗ ben: Siehe, das iſt dein, durch Gottes Segen. Ueberdies habe ich den Roͤmern von jeher nicht recht getraut. Sie hatten im⸗ mer ihre Mucken. Wo ſie ſich einmal einni⸗ ſteten, da blieb es nicht bei der alten guten Einrichtung. Eine freundliche Aufnahme und eine ruhige Herberge wuͤrde ihnen auch bei uns nicht genuͤgen. Moͤbeln, Geraͤthſchaf⸗ ten u. ſ. w., wie ſie es bei uns finden, wuͤrden ſich nicht fuͤr ſie ſchicken, und dann muͤßte es viel Geld koſten, wie es ehmals viel Blut koſtete, um alles recht roͤmiſch zu machen. Doch damit uns die Roͤmer nicht vorwerfen koͤnnen, wir haͤtten das Gaſtrecht verletzt und ſie auf die Straße hinausgewieſen: ſchicke du ſie auf das Rathhaus, mein Sohn, mit einem Compliment von mir und von dir. Da du die Feder gut zu fuͤhren weißt, ſo ſchreib dazu, 79 du habeſt im Auslande deine gute Vaterſtadt nicht vergeſſen. Unſer hochedler, hochweiſer Magiſtrat mochte doch bei ſich dieſen Herren aus Rom irgend einen Platz vergoͤnnen zum Andenken an ein Paar treue und gute Buͤr⸗ ger. Thue das, mein Sohn, hoͤrſt du?“— Sein Wille wurde erfuͤllt. Ich muß den Großvater verlaſſen, um auf die Lebensweiſe meines Onkels zu kommen, in deſſen Hauſe ich war, weil mein Vater, gleich nach meiner Mutter Tode, eine Reiſe nach Liſſabon unternommen hatte, und, leider! dort ſtarb. Sobald der Onkel des Morgens ſeinen Schlafrock angezogen und eine Taſſe Thee ge⸗ trunken hatte, ſetzte er ſich vor ſein Poſitiv und ſpielte den Choral: Wach auf mein Herz und ſinge. In allen ſeinen Beſitzungen, in der Fabrik auf dem Theerhof, in ſeinem Garten in der Neuſtadt, uͤberall ſtand ein Poſitiv; denn er liebte ſehr die Orgel und ſehr den Geſang. Wann des Morgens der Choral zu Ende war, fehlte kein Handlungs⸗ diener mehr im Comptoir; denn mein Onkel erſchien alsdann mit ſeiner majeſtaͤtiſchen Ge⸗ ſtalt und theilte die Arbeit aus. Er ſelbſt 80 ſetzte ſich auf ſeinen Drehſtuhl, und nun kam den ganzen Vormittag die Feder nicht wieder aus ſeiner Hand, außer, wenn er Geld zaͤhlte oder Briefe las. An die Feder war er ſo ge⸗ woͤhnt, wie der Offizier an ſeinen Degen; er konnte ohne ſie nicht ſeyn. Selbſt in der Kirche durfte ſie nicht fehlen, denn er ſchrieb alle Sonntagspredigten des alten Herrn Pa⸗ ſtors Vogt von Wort zu Wort nach. Sonder⸗ bar war es, daß dieſer, ſonſt in allen Dingen das Einfache ſuchende Mann, bei allem, was ſich auf den Gottesdienſt bezog, die Pracht liebte. Die Kutſche, in welcher er zur Dom⸗ Kirche ſuhr, war mit dem koͤſtlichſten blauen Dammaſt ausgeſchlagen; die beiden Hollſteiner Roſſe davor galten als die ſtolzeſten Pferde in der Stadt, und hatten das koſtbarſte Geſchirr; ſeine Bibel, in ſchwarzen Sammt gebunden, zierten aͤchte goldne Spangen; die Kiſſen in ſeinem Kirchſtuhl waren mit dunkelrothem Sam⸗ met uͤberzogen. Er ſelbſt in ſcharlachnem Mantel und großer weißer Alonge⸗Peruͤcke ſaß darauf, als ein wirklich ſtattlicher Mann. Ich erkundigte mich noch bei meiner Tante, —— 81 warum wol der Onkel ſo viel Staat bei dem Kirchengehen mache?„Das kommt daher, mein Kind, weil mein Mann meint, er muͤſſe, wenn er zu dem Hauſe Gottes gehe, öͤffentlich zeigen, daß er auf ihn und ſein heiliges Wort etwas halte.“ Nit dem Schlag dreiviertel auf zwoͤlf Uhr kam mein Onkel langſam und ernſt von dem Comptoir herunter, ſetzte ſich wieder vor das Poſitiv, und ſpielte einige Murkis, die nicht nur ein Erheiterungs⸗Mittel fuͤr den Onkel, ſondern auch der General⸗Marſch fuͤr alle waren, die eſſen wollten. Sobald es zwoͤlſ geſchlagen hatte, ſtanden die Hausgenoſſen, ſelbſt die Magd aus der Kuͤche, um die Suppe und ſetzten ſich mit dem Onkel, nachdem er ein kurzes Gebet mit großer Andacht geſpro⸗ chen hatte, an einen und den naͤmlichen Tiſch. Nit dieſer Einrichtung war meine Tante nicht ganz zufrieden. Zuerſt legte ſie es darauf an, die Magd von dem gemeinſchaftlichen Tiſche weg und in die Kuͤche zu verſetzen.„Laß ſie nur hier,“ ſagte mein Onkel;„ alles was in meinem Hauſe mit arbeitet, muß auch mit an J. f. F. III. H 6 82 meinem Tiſche eſſen. Wer mit mir das Brot iſſet, mit mir betet, und mit mir aus einem Becher trinkt, der entwendet mir nichts und entehrt ſich nicht. Du biſt eine kluge, feine Frau, und weißt dich recht gut zu benehmen; wir beide wiſſen bei Tiſche uͤber allerlei nuͤtz⸗ liche Dinge recht viel zu ſprechen; du ſieheſt, daß die Marie dabei recht aufmerkſam zuhoͤrt: glaubſt du nicht, daß manches davon haften bleibt und Nutzen bringt? Unſer Tiſch iſt im⸗ mer reinlich und nett, alles ſteht darauf in einer gewiſſen Ordnung, wie es ſtehen muß. Wir ſitzen anſtaͤndig dabei und keiner ſagt ein boͤſes Wort. Sie iſt der Ordnung, des An⸗ ſtandes und der Sittſamkeit bei uns gewohnt worden; ſie rechnet ſich gleichſam mit zu un⸗ ſerer Familie. Nimmermehr wird ſie ſich mit einem ſchlechten Menſchen einlaſſen. Sie wird einmal einen ordentlichen Mann heirathen, und auf ihre Kinder wird ſich noch das Gute fortpflanzen, was ſie von ihrer Herrſchaft an⸗ genommen hat.“— Die Tiſchzeit, Schlag zwoͤlf Uhr, kam meiner Tante manchmal auch ein wenig zu 83 fruͤh, und ſie wuͤnſchte darin eine Aenderung. Das ging wieder nicht.„Was ich einmal lieb gehabt habe, das behalte ich lieb, ſagte der Onkel. Nun bin ich in meiner Jugend dem Glockenſchlage zwoͤlf erſtaunlich gut ge⸗ worden, und die Freude, welche ich noch jetzt an ihm habe, macht, daß es mir vorkommt, als habe ich da noch immer einen ganz vortrefflichen Appetit.“— Nein, ſagte die Tante, ſo muß es ſchon dabei bleiben um der alten Liebſchaft willen.—„Auch um der Geſchaͤfte willen,“ ſetzte mein Onkel hinzu.„Du glaubſt nicht, wie flink ſich Jeder auf dem Comptoir dazu haͤlt, um zu dem fruͤhen Eßtermin mit der ihm zugetheilten Arbeit fertig zu werden. Das macht ruͤhrige Leute.“ Monſieur Klein aus Wien, ein artiger, ſtiller Menſch, der gern etwas Gutes eſſen mochte, und damals bei meinem Onkel Diener war, jetzt aber mein Herr zu ſeyn vorgiebt, erwaͤhnte einſt bei Tiſche, daß die Kaufleute in Wien alle Tage vier Gerichte zu eſſen ge⸗ wohnt waͤren.„Laͤndlich, ſittlich!« erwiederte mein Onkel.„ Ich fuͤr meinen Theil will bei 84 Einem gut gekochten, kraͤftigen und wohlſchmek⸗ kenden Gerichte leben, und bei Einer Medizin ſterben. Die Kaufleute in Wien, fuhr er fort, machen wol uͤberhaupt mehr Aufwand fuͤr das Vergnuͤgen?“— Weit mehr, mein hochzu⸗ verehrender Herr Patron!—„Weiß Er wol, Musje Klein, warum wir das nicht thun?“— Nein!—„Weil wir freie Reichsbuͤrger ſind.“— Aber doch eben ſo große Kaufleute.—„Und eben deswegen viel Geld brauchen, und alſo ſparen muͤſſen. Damit Er mich aber recht verſtehe, muß ich Ihm erklaͤren, was es mit einem großen Kaufmann in einer freien Reichs⸗ ſtadt eigentlich ſagen will. Das iſt ein Mann, der immer mehr arbeitet, um immer mehr zu verdienen, und immer mehr verdient, um im⸗ mer mehr zu arbeiten; weil er auf dieſe Weiſe ſein Geld nicht verzehrt, ſondern es hingiebt, um immer mehr Haͤnde zu beſchaͤftigen und immer mehr Hungrige ſatt zu machen. Der Wiener Kaufmann kann Landguͤter kaufen und viel aufgehen laſſen. Ich verdenk' es ihm nicht. Entſteht Noth im Lanhe, ſo greift ſein Kaiſer in die Taſche. Aber hier wendet ſich — 85 der freie Staat an ſeine freien Buͤrger. Der reiche Buͤrger bewilligt gern, und giebt gern. Auch nimmt der Buͤrger in bedraͤngten Lagen, wie billig, ſeine Zuflucht zu dem Buͤrger in einer beſſern Verfaſſung. Hat einer viel er⸗ worben, ſo hat er auch viele Anſpruͤche zu befriedigen, und befriedigt ſie gern als Mit⸗ buͤrger und als Chriſt. Sieht Er, Musje Klein, wer ein aͤchter Patriot und ein großer Kaufmann ſeyn will, der muß viel arbeiten, viel ſparen und geben, ſo viel er kann. Jetzt wollt' ich Ihm noch das Rezept mittheilen von der Medizin, mit welcher ich ſterben will. Es ſtehet Matth. XXIV. Vers 12, 13. Wer in der Gerechtigkeit beharrt, und in der Liebe bis ans Ende, der wird ſelig.“— Klein nahm ſein Tuch aus der Taſche, und fuhr haſtig damit uͤber die Augen.„Ich ſehe, mein Sohn,“ ſprach der fromme Onkel,„Er will auch ein großer Kaufmann und ein aͤchter Patriot werden. Ich gebe Ihm hier meine Hand darauf: Er wird es gewiß, wenn Er das heutige ſchoͤne Gericht Lachs und unſer Tiſchgeſpraͤch nicht vergißt.“— Klein ergriff die Hand, kuͤßte ſie, und konnte vor Ruͤhrung nicht ſprechen. Ich aber konnte den Menſchen ſeit dieſer Zeit ohne Liebe nicht mehr anſehen. Neine Tante war nicht aus Bremen ge⸗ buͤrtig, und hatte keine Bremer Nerven. Die Termine des Aufſtehens, Eſſens und Schla⸗ fengehens waren in ihrem vaͤterlichen Hauſe ein wenig weiter hinausgeruͤckt geweſen: da kam ihr denn das: Wach auf, und der Murki, wie ich ſchon erwaͤhnt habe, manch⸗ mal ein wenig ungelegen, und das Poſitiv war uͤberdies ihrer zarten Natur nicht ſo wohl⸗ klingend, als dem derben Onkel.„Kind,“ ſagte ſie einsmals,„das Poſitiv kann man in der ganzen Nachbarſchaft hoͤren, und die Nach⸗ barn wiſſen allemal, wenn wir aufſtehen, eſſen und zu Bette gehen.“—„VFreilich; aber ſie hoͤren doch auch, daß wir ordentliche Leute ſind. Ordnung aber macht dem Kaufmann Kredit. Haͤtte ein Jeder einen ſolchen Puls der Ord⸗ nung in ſeinem Hauſe, ich wollte bald fuͤhlen, wie es mit ſeiner Geſundheit in der Kaſſe und in den Buͤchern ſtehe. Ueberdies hoͤren es die Nachbarn nicht ungern. Noch neulich hat 87 mir Herr Silbermann geſagt, daß er des Abends den ſchoͤnen Choral: Nun ruhen alle Waͤlder, zu meinem Poſitiv recht andaͤchtig mitſinge, die Handelsſpekulationen daruͤber aus dem Kopf verliere, und ſehr ruhig hernach einſchlafe.“— Des Sonnabends Vormittags ging mein Onkel nicht auf das Comptoir, ſondern ſetzte ſich mit ſeiner Arbeit in ein kleines Zimmer, nahe an der Hausthuͤr, dicht an das Fenſter, welches mit einem Schieber verſehen war. Warum that das mein Onkel? Es kamen eini⸗ ge von ihm auserwaͤhlte Leute und ſagten: Guten Morgen, lieber Herr Lamberts! Das Fenſter ging dann auf, eine Gabe hinaus, ein: Gottes Lohn! herein, und nach einem: Ich bedanke mich; Gott erhalte euch geſund! aus dem Herzen meines Onkels, that es ſich wie⸗ der zu. Meine Tante hatte auch dabei eine Verbeſſerung ausgeſonnen. Nach ihrem Vor⸗ ſchlage ſollten den Armen ihre Gaben, ohne die geringſten Verkuͤrzungen, allemal am letz⸗ ten Tage eines jeden Monats gereicht werden. „Nein, mein Kind, ſagte der Onkel, da kaͤm 38 ich ja in jedem Monat bei jedem dieſer Kund⸗ leute um drei: Gottes Lohn, zu kurz. Das macht eine Summe! Auch thut es den Leuten wohl, Einem fuͤr ſein Geld etwas wiederzu⸗ geben.“ Wol wahr! ſagte meine Tante und laͤchelte. Den Sonnabend Nachmittags gegen vier Uhr erſchien die Magd, um das Comptoir zu ſcheuern, den Kehrbeſen und Schrubber in der Hand, mit der Frage: Is et dem Heeren ge⸗ legen?— Nein, ganz und gar nicht! pflegte der Herr drauf zu ſagen, nahm aher doch Man⸗ tel und Hut und ging in den Weinkeller. Der damalige Musje Klein wagte es einmal, in der Neinung, der Onkel werde ihm beiſtehen, ge— gen meine Tante mit gehoͤriger Devotion zu be⸗ haupten: alle Sonnabende das ganze Haus ſcheuern zu laſſen, halte er fuͤr eine Verſchwen⸗ dung der Zeit.„Ei, bewahre!“ fiel mein Onkel ſchnell ein, um den armen Suͤnder dem Scheuer⸗ gericht meiner Tante zu entziehen;„wo denkt er hin, Musje Klein? Das darf bei Leibe nicht unterbleiben! Dabei kaͤm' ich zu kurz. Denn, ſieht Er, komme ich aus dem Weinkeller ver⸗ 89 gnuͤgt nach Hauſe und finde da alles ſo blank geputzt und ſo nett geſcheuert; ſeh' ich ſogar die Steine vor der Hausthuͤr rein gewaſchen und mit weißem Sande beſtreut: ſo werd' ich von dem gewoͤhnlichen Leben abgezogen und mein Herz wird in die feſtliche Stimmung verſetzt, die ich mir als Vorbereitung zu dem morgenden heiligen Sonntage immer wuͤnſche und fuͤr vie⸗ les Geld nicht entbehren moͤchte.“— Sonntags fruͤh fuhr mein Onkel in die Kir⸗ che; Nachmittags mit der Tante und mir in den Garten. Ein Spaaten, eine Gießkanne, das Poſitiv, ein kleines Naturalienkabinet, Roͤßlers Inſektenbeluſtigungen, einige Rem⸗ brands und eine Mappe voll Kupferſtiche— das waren die Herrlichkeiten alle, zu welchen er mit ſeinen Holſteinern hinausflog, und von wo er, auf die ganze Woche bis zum naͤchſten Scheuerfeſte geſtaͤrkt, des Abends ſehr vergnuͤgt wieder nach Hauſe fuhr. Lebe wohl, du gute liebe Stadt, die einſt meine Wiege geflochten hat! Lebe wohl mit 90 Deiner Rechtlichkeit, Deinem Reichthum und Deiner Freiheit! Ich werde Dich nicht wieder ſehen. Moͤchte doch einer meiner Soͤhne bei Dir das Buͤrgerrecht verdienen, und Dir durch ſeinen Wandel beweiſen, die Mutter, welche ihn erzogen, habe Deine Tugenden geliebt, und das Blut ſeiner Vorfahren ſei in ihm noih nicht ausgeartet! Die Baͤrin und ihr Baͤrchen. Eine Fabel.) Eine Baͤrin hatte ein Baͤrchen zur Welt ge⸗ bracht, und es ſo ſorgſam geleckt, daß es ſich mit Ehren ſehen laſſen konnte, und nun ſchon recht artige Zottelchen bekam. Sie hatte von einem ihrer Urahnen gehoͤrt, er ſei unter Men⸗ ſchen geweſen, habe da eine Menge ſchoͤner Dinge erfahren, gelernet und getrieben, ſei damit zuruͤckgekommen, und nun die Bewun⸗ derung aller Zeitgenoſſen und der Stolz der Familie geworden. Das koͤnnte deinem Soͤhn⸗ chen auch gluͤcken, dachte ſie; und wie nun Muͤtter ſind— ſie ſagte es auch dem Soͤhn⸗ *) Iſt ein Apfelbaum hokrig und ungeſtalt, ſo ſehe man auf ſeine Fruͤchte. Iſt meine Fabel ohne dichteriſchen Werth, ſo ſehe man auf ihre Lehre— die ich freilich nicht herſchreibe. 92 chen. Beide hatten aber doch ihre Bedenk⸗ lichkeiten, und wollten ſich, vor der Ausfuͤh⸗ rung ihrer Projekte, Raths bei weiſen und erfahrnen Waldbewohnern erholen. Die Baͤrin ging, nach Standesgebuͤhr, zuerſt zu ihrer Aeltermutter, und legte ihr die Frage vor: Soll mein Kind ſein Leben in un⸗ ſerm duͤſtern Walde, wie wir Alten, halb verſchlafen, halb langweilig mit Wurzelſuchen u. dergl. hinbringen, ohne daß ſeine hoͤhern Anlagen geweckt und ausgebildet, ohne daß ihm auch hoͤhere und feinere Genuͤſſe zu Theil wuͤrden? oder ſoll es—— Die Aeltermutter ließ ſie gar nicht einmal den Gegenſatz vollenden, ſondern fiel ein: Was ſoll das junge Ding kluͤger werden, als wir? Sind wir nicht mit Ehren alt gewor⸗ den? Haben wir uns bei unſerm Schlaf, bei unſrer Maſt, nicht wohl befunden? Und iſt uns nicht zuweilen ſogar ein ſchoͤn Bischen Honig beſchert worden— wenn auch unter Bienenſtichen? Und wer weiß denn, ob's ihm dann einmal wieder in deiner Hoͤhle gefallen, ob ihm ſeine Wurzeln ſchmecken und bekommen —— 93 wuͤrden? Und, beſinne ich mich recht, ſo war der Ahnherr auch nur durch einen gluͤcklichen Zufall den Menſchen wieder entwiſcht: denn wen die einmal haben, laſſen ſie nicht wieder los, wie ich mir habe ſagen laſſen! Wer kann denn alſo darauf bauen, daß mein Enkelchen nur wieder zuruͤck zu uns koͤnnte? Nein, nein! laß du's beym Alten, und wenn's dem Ge⸗ ſchoͤpfchen hinaus geluͤſtet, ſo bewach' es deſto enger in der Hoͤhle!— Die Baͤrin ging und brummte bedenklich vor ſich hin, denn die Alte ſchien ihr nicht ganz Recht und nicht ganz Unrecht zu haben. Da begegnete ihr Meiſter Schadenfroh, der Fuchs. Sie trug ihm ihre Frage vor. Er leckte, haͤmiſch genießend, das Spitzſchnaͤuz⸗ chen, und fuhr dann, wie in edlem Enthu⸗ ſiasmus, aber nur in boshafter Neckerei, auf: Deine Alte iſt nicht klug! Freilich muß dein Kind, und lieber heute als morgen, mitten unter die Menſchen! Du glaubſt nicht, was ſie fuͤr eine Zuneigung zu euch haben, was ſie ihn alles lehren, wie ſie ihn pflegen und hoch⸗ halten werden. Aufrecht, wie ſie ſelbſt, wird 94 er gehen lernen! tanzen ſogar und exerziren! Glaube mir, er wird beinahe ein Weſen, wie ſie ſelbſt; wird ein Menſch— ſo von gewiſ⸗ ſer Art, verſteht ſich! und bleibt doch dem Anſehn nach ein Baͤr— was eben der Spas iſt! Die Baͤrin ging und brummte wieder, denn ſie wußte, daß Meiſter Reineken nicht viel zu trauen ſei, und ſein„Menſch, ſo von gewiſſer Art, und zugleich Baͤr,“ wollte ihr auch nicht gefallen. Da weckte ſie ein unge⸗ woͤhnlicher Anblick aus ihren tiefen Gedanken. Ein Eichhoͤrnchen ſchluͤpfte den Stamm einer Buche hinan, und ſchleppte ein langes, klim⸗ perndes Kettchen hinter ſich her. Wie koͤmmſt du denn zu der beſchwerlichen Zierde? fragte ſie. Ach die Menſchen! die Menſchen! pim⸗ pelte das kleine Ding, und erzaͤhlte nun, daß es ihm— nun wie meinem Eichhörnchen gegangen ſei. Die Baͤrin ſtutzte; ſie kannte den Leichtſinn des kleinen Nußknackers, wollte alſo gruͤndlicher zu Werke gehen, und legte ihm, nebſt ihrer Hauptfrage, auch die Be⸗ merkungen Reineke's uͤber das Leben außer 8⁴ ——— 95 den, ihrem Geſchlecht ſonſt gewoͤhnlichen Ver⸗ haͤltniſſen vor. Nun ja, antwortete das Eich⸗ hoͤrnchen; erlogen iſt das nicht ganz, aber wahr noch weniger. Man wird allerdings dein Kind zu'was ganz anderm, feinern, geſchicktern, aber auch zu'was weit ungluͤck⸗ licherm machen. Einen Ring kriegt es in die Naſe, und nun fuͤhrt man's, wohin man will— am Ringe, oder an der Naſe, wie du's nennen willſt. Spas ſoll es den Leuten vormachen, und nichts als Spas! Die Lang⸗ weile wollen ſie ſich mit ihm vertreiben! Und iſt Er einmal dazu nicht aufgelegt: ſo glaubſt du gar nicht, wie hart und grob ſie mit ihm verfahren! Sieh, ich meines Theils will lieber hier Bucheckern, als dort Mandeln knacken; will lieber, wenn's ſeyn muß, im Winter darben, und mich ſogar mit dieſer Kette ſchleppen, wenn ich nur hier treiben kann, was ich nun einmal gewohnt bin, und mich uͤbrigens weder zu geniren, noch viel zu lernen brauche. Laß das Kind zu Hauſe: das iſt mein Rath! Damit lief's hinauf; die Baͤrin ſchlich 96 nach Hauſe, fand, daß auch dieſer Rath we⸗ der ganz gut, noch ganz ſchlecht ſei, und be⸗ ſann ſich eben, ob ſie denn nun durch alle dieſe Rathſchlaͤge um ein Haar kluͤger, als vorher waͤre. Da ſtrich Herr Iſegrimm, der Wolf, vor der Hoͤhle voruͤber. Auf ein Wort, Herr Landsmann! rief ihn die Baͤrin an. Ihr habt euch ja auch'was in der Welt verſucht, und ſeid wol in harten Wintern bis in die Begraͤbnisplaͤtze der Menſchen gedrun⸗ gen: was duͤnkt Euch denn? Soll ich mein Kindchen— ſeht, da ſteht's! wie ſchmuck! ſoll ichs—— Und nun wiederholte ſie die Frage. Iſegrimm betrachtete ſich das wohlge⸗ naͤhrte, und noch ſchwache, unerfahrne, unge⸗ lenke Kindchen. Er raffinirte ſchnell und fletſchte die Zaͤhne— vor Heißhunger, er ſagte aber, es kaͤme von lauter Liebe und Freude. Hoͤrt nur an, ſagte er; ihr muͤßt euch weder durch die gutmuͤthige Gemeinheit der Alten, noch durch die faule Frivolitaͤt der Jungen irre machen laſſen. Einen Schat, wie dies Kindchen, ſollte die dunkle Hoͤhle ein⸗ ſchließen? Alle ſein Tiefes und Herrliches ſollte —— 972 nicht heraus⸗, und auch nichts hineingebildet werden? Nicht alſo! Das Kind muß hinaus, aus dem veraͤchtlichen Kreiſe des Alltaͤglichen! Aber es muß einen Fuͤhrer haben, dem es ſich mit Achtung und Vertrauen ganz hingiebt! Und der Fuͤhrer will ich ſeyn! Gebt mir's; ich mache mich ſogleich mit ihm auf!— Hier verrieth ſich die blutduͤrſtige Natur des Wuͤ⸗ therichs gar zu offenbar: die Baͤrin ſtellte ſich vor ihr Kind, dankte fuͤr den guten Rath, und hob, wie zum Abſchiedsgruß, die gewal⸗ tige Tatze ſchnurrend in die Hoͤhe. Da ſuchte der Rathgeber, vergeblich laͤppernd, das Weite, die Baͤrin aber fand, daß in ſeinen erſten Aeußerungen denn doch wol etwas Wahres ſei, und war verlegner, als je. Da rauſchten die Gebuͤſche, einige Straͤuche wurden im Nu darniedergetreten, und der koͤnigliche Loͤwe trat nit Wuͤrde und feſtem Schritt daher. Die Baͤrin nahete ſich mit gebuͤhrender Ehrfurcht. Was willſt du? fragte der Loͤwe. Halte mich nicht laͤnger auf, als unentbehrlich iſt: ich habe wichtigere Geſchaͤfte, und moͤchte auch gern zu den Meinen, denn J. f. F. III. H. 7 98 ich bin lange abweſend, und habe die Gegend weit und breit revirt. Ach da kommt mir ja deine Majeſtaͤt eben recht! Da haſt du ja auch das große und feine Leben außer dem Walde geſehen?— Ja wol! Warum?— Die Baͤrin legte nun auch ihm ihr Entweder und ihr Oder vor. Der Loͤwe entſchied: Dein Kind darf, wie wir alle eben jetzt, keins von beiden— weder in ſeiner ſchlaͤfrigen Einfaͤl⸗ tigkeit bleiben, noch auch ganz etwas anders werden, als wozu es von der Natur beſtimmt iſt. Wiſſe, die Menſchen kommen uns naͤher: das Dickig unſers Waldes wird ausgehauen, uͤberall koͤmmt Licht herein— wir koͤnnen nicht mehr in unſrer ſorgloſen Dunfelheit leben. Sie werden uns aufſuchen und mor⸗ den, oder zu Sklaven machen: darum muͤſſen wir kluͤger werden! Sie werden unſern Un⸗ terhalt ſchmaͤlern: dar im muͤſſen wir uns auf mancherlei, bisher ungewoͤhnliche und unnd⸗ thige Weiſe helfen lernen! Ich koͤnnte noch vieles andere hinzuſetzen, un dich von der Brauchbarkeit meines Raths zu uͤberzeugen. Mein Rath iſt aber der: Laß deinen Baͤr, 99 Baͤr ſeyn und bleiben, aber ſieh es gern und hilf es ihm erleichtern, daß er ein Baͤr werde, der zu mehrerm taugt, ſich in mehreres findet, mehr entbehren und mehr genießen lernt, als du und deine Ahnen—— Der Loͤwe ging, die Baͤrin folgte, es ge⸗ lang, und— da war's gut!— Dag OQſterfeſt. — Die Baͤume treiben Knospen, und alle Welt hofft. Göthe im Götz von Berlichingen. 4 Wenn der Fruͤhling die Bande der Erde loͤſet und Oſtern, das Feſt der Hoffnung, heran naht, verlaſſe ich die kraͤnkelnde Stadt und eile aufs Land. Dort athmet die von den Schickſalen und Thorheiten der zuſammengedraͤngten Men⸗ ſchen beengte Bruſt bald freier; die matten Sin⸗ ne werden durch neue, liebliche Bilder ſanft ge⸗ reitzt, und durch die große harmoniſche Ruhe der Natur ſchnell geſtaͤrkt; den beinahe erſtickten Funken der Freude entzuͤndet die reine heitere Luft: mein Geiſt wird auferweckt. Am Abend vor Oſtern beſuche ich die Ruhe⸗ ſtaͤtte der Entſchlafenen. Wer hat wol nicht hier eine Thraͤne der Liebe zu trocknen? nicht ein J. f. F. IV. H. 1 2 heimliches Sehnen den verſchwiegenen Woh⸗ nungen zu vertrauen? Doch leſe ich ohne Schau⸗ dern das ernſte Wort: Menſch, du mußt ſter⸗ ben! Sinnend geh' ich von da in meine einſame Kammer und lege mich ruhig in die Arme des Schlafs, dieſes ſanften Bruders des unerbittli⸗ chen Todes. Fruͤh weckt mich das feſtliche Laͤu⸗ ten der Glocken. Ich folge der Gemeinde: wir ſind verſammelt auf den Graͤbern und ſehen ſchweigend zum Himmel. Die Kirchthuͤren werden geoͤffnet, in ſanften Toͤnen beginnt die Orgel, die Sonne erſcheint und die Gemeinde ſingt:„Jeſus lebt, mit ihm auch ich.“— Der Geſang iſt verhallt, ich will die heilige Staͤtte verlaſſen, und ſiehe! den Staub, den ich betrat, haben die Morgenwolken getraͤnkt. Er naͤhrt den Halm, der freudig in ihm aufwaͤchſt! und den Halm ſchmuͤcken des Thaues koͤſtliche Per⸗ len! Jetzt ſuch' und belauſch' ich das aufkei— mende Leben in der Knospe, in der Blume, und in allen Kindern der Erde und der Sonne. Ich erblicke es uͤberall im Reitze der Jugend; auf den Huͤgeln und in den Thaͤlern, in den Wellen und in den Luͤften. Die zarte gruͤne Saat, die 2 9 befruchtete Erde, der Schmetterling auf der Bluͤthe des Pfirſichs, der Jubel der Lerche in dem blauen Aether: alles iſt neues Leben, und das Leben, laͤchelnd wie Hebe, reicht mir den Becher der Freude. Die Glocken laͤuten zum andernmal und la⸗ den mich zu einem neuen, hohen Genuß. Der Altar dieſer Kirche hat einen Prieſter, der zu den ſeltnen Geiſtern gehoͤrt. Schaͤtze von Kenntniſſen ſind ſein Vermoͤgen geworden. Er gebietet dem Strome ſeiner Beredſamkeit, ſich in edler Einfalt, und dem Reichthum ſeiner Ideen, ſich in anziehenden Wendungen zu er⸗ gießen. Aus ſeinem Auge ſpricht die Empfin⸗ dung, von ſeinen Lippen Beſonnenheit und Ru⸗ he. Eine ſolche Sprache uͤberwaͤltigt. Wenn er lehrt, ſo lehrt die Weisheit; wenn er troͤſtet, ſo troͤſtet die Liebe; wenn er ermuntert, ſo er⸗ muntert die Kraft. Hebt er ſeine Blicke gen Himmel und faltet die Haͤnde, ſo betet mein Herz ſchon, wenn ich ihn gleich noch nicht hoͤre. Wenn ich ihn betrachte, ſo moͤchte ich glauben, der Geiſt, welcher uͤber dieſe aͤußere Geſtalt eine ſo hohe Wuͤrde verbreitet, muͤſſe ſchon mehrere 4 Menſchenleben ſich in der Ausbildung geuͤbt ha⸗ ben, bevor er ſo vollendet in dieſem koͤrperlichen Gewande unter uns erſchien. Denket euch, meine Schweſtern, dieſen Mann, und erlaubt mir dann, daß ich euch einige ſeiner Gedanken mittheile. Am vorigen Oſterfeſte predigte er uͤber das Gleichniß Pauli vom Saamenkorn, deſſen Huͤlle in der Erde verweſet und in deſſen Keim eine unſichtbare Kraft lebt, die ſich bis ins Unend⸗ liche ausbreitet. Er ſchloß ſeine Rede mit den Worten: „Der wohlthaͤtige Baum, den das Chriſten⸗ „thum pflanzte, hat ſeine Wurzeln tief und weit „geſchlagen, und traͤgt ewig ſeine himmliſche „Frucht. Wohl dem, der ſeinen Geiſt wuͤrdig „beſchaͤftiget, ſein Herz zu den reinſten Empfin⸗ „dungen laͤutert, der immer mehr Gutes wirkt, „durch ſeinen Wandel ſich ſelbſt, und ſeinen „Stand ehret! er wird die Fruͤchte des Chri⸗ „ſtenthums immer mehr ſchaͤtzen lernen, immer „mehr inne werden, ob ſie ein Geſchenk von „Gott ſeyn, und im Leben und im Sterben ſich „damit erquicken koͤnnen.“ 3 Gegen Abend kam der treffliche Mann zu uns in den Garten. Ich dankte ihm fuͤr die heutige Erbauung; mein Dank ſchien ihn zu er⸗ freuen. Zutraulich fragte ich: Glauben Sie wirklich nicht, daß Witz, Unglaube und Sophi⸗ ſterei die chriſtliche Lehre von der Unſterblichkeit nach und nach untergraben werden? Nein, ſagte er feſt, das glaube ich nicht. Ich bin uͤberzeugt, der Geiſt des Chriſtenthums uͤberhaupt, und alſo auch die Lehre von der Un⸗ ſterblichkeit, wird immer herrlicher ſiegend er⸗ ſcheinen. Er ſammelte ſich einige Augenblicke, ſetzte, ſich der Handlung ganz unbewußt, einen kleinen, kaum aus der Puppe entwickelten Goldkaͤfer, der auf ſeine Hand ſich verirrt hatte, auf die Bluͤ⸗ the des neben ihm ſtehenden Mandelbaums, und fuhr dann fort:*) *) Die folgenden Gedanken meines geiſtlichen Freundes ſchrieb ich am folgenden Tage nieder⸗ ſo gut ich ſie gefaßt hatte, und gab ihm dann meinen Aufſatz zur Durchſicht. Ich bekam ſol⸗ chen berichtiget von ihm zuruͤck, ſo wie er hier abgedruckt iſt, Sie wiſſen, meine Freundin, die Lehre von der Fortdauer der Seele hat das Chriſtenthum nicht zuerſt vorgetragen. Wir finden dieſe Idee bei allen Voͤlkern, in allen Zeiten und in allen Zonen. Der ſanfte, reine Menſch am Ufer des Hindus wandelt nach ſeinem Tode ſo lange, bis ſeine Seele ganz gelaͤutert iſt. Der nordiſche Krieger uͤbt ſich in Walhalla in den Waffen, oder ſieht von den Wolken herab mit Luſt den Kaͤmpfen auf der Erde zu. Der ſinnlich⸗ rohe Wilde giebt ſeinen Todten Speiſe und Trank. Der gebildete Grieche verſtattet ſeiner Pſyche in aͤtheriſcher Huͤlle die hoͤhern Genuͤſſe des Geiſtes. Der Glaube an die Fortdauer iſt ein bleibendes Eigenthum der Menſchheit, ein eben ſo heiliges Vermaͤchtniß, als die Liebe zum Guten, der Ge⸗ ſchmack am Schönen und Erhabenen, und die Neigung, die Wahrheit zu erforſchen. Das Chriſtenthum hat dieſe Lehre, ſo wie die ſchoͤn⸗ ſten und groͤßten Ideen von der unſichtbaren Welt, welche jemals in dem Geiſte entſtanden ſind, das, was das Herz von jeher geahnet, ge⸗ wuͤnſcht und erſehnet, was die Menſchheit be⸗ ruhigen und zum Himmel erheben kann— mit — c Einem Worte: es hat die reine Huma⸗ nitaͤt auf eine vortreffliche Weiſe dargeſtellt. Sie, und nichts Geringeres als ſie, in dem Schutze des Unendlichen, unternimmt man zu ſtuͤrzen, wenn man das Chriſtenthum ſtuͤrzen will. Das Himmliſche wurde menſchlich, er⸗ ſchien zwar dem Bewohner der Erde, der das Wunderbare liebt und den das Geheimnißvolle reitzt, in einem heiligen Schleier und wunder⸗ voll, lehrte aber einfach, beſtimmt und frucht⸗ bar; ſeine Worte waren gewaltig:— der Schwache faßt es und empfindet ſeinen Segen, und der hoͤhere, durch das Chriſtenthum geſtaͤrk⸗ te Geiſt wirkt immer reiner und maͤchtiger auf die Menſchheit,— und auch auf die Men⸗ ſchen, die das Hoͤhere, das reine Schoͤne, Wahre und Gute ſuchen, und nicht dem Wurme gleich auf der Erde allein ihre Nahrung, ihre Freude und ihre Heimath finden. Aber mein wuͤrdiger Freund, fragte mein Vater, wir wiſſen ja doch von keiner Wirkung des Geiſtes auf die Erdenbuͤrger, die nicht durch Nittel geſchaͤhe—— Ganz recht, antwortete er. Aber bedenken 3 Sie auch; alles reine Gute, Wahre, Schoͤne und Große, das erhabene Geiſter in ihren Schriften und Reden, in ihrem Thun und Han⸗ deln wirken, das wird, ſo wie es Zweck fuͤr— ſie war, Mittel fuͤr das Ganze, und muß ſo durch ſich ſelbſt fortwirken und immer reiner und vollkommner wirken. Das Gute— Mein Vater unterbrach ihn mit der Bemer⸗ kung, daß es ihm vorkomme, als wenn die jetzi⸗ gen Zeitgenoſſen das, was große Maͤnner Gu⸗ tes, Schoͤnes und Großes zu Stande braͤchten, nicht aufnehmen wollten, vergaͤßen, vergeſ⸗ ſen machten, mithin ſeine Wirkung hinderten— Menſchen— ſagte er mit frommen Laͤ⸗ cheln und ruͤhrender Erhebung— Menſchen hindern, was in das Ganze eingreift? Men⸗ ſchen, deren Tage eine Spanne lang ſind, wie die Schrift ſagt?— Doch laſſen Sie uns auch nur den Blick auf die kleinern Ver⸗ haͤltniſſe des Weltlaufs richten— ich meine auf die, welche ſich in Geſchichtbuͤcher nieder⸗ ſchreiben laſſen. Schon da ſinden wir, daß der große Menſch und ſeine Werke in den erſten Jahrzehenden vielleicht vergeſſen wird: 9 aber nach einem halben Jahrtauſende, wenn alles Mittelmaͤßige, Gehaltloſe, das ſeine Zeit⸗ genoſſen zerſtreute, untergegangen iſt; wenn aller falſche Glanz, der die Augen blendete, ver⸗ wiſcht ſeyn wird, wann das zukuͤnftige Gericht das Wahre und Falſche, das Gute und Boͤſe gewogen und geſchieden hat: dann wird er, wie der Phönix aus der Aſche, herrlich wie⸗ der hervorgehn. Alles, was von unſern Ein⸗ ſichten, Kenntniſſen, Kuͤnſten und Thaten fuͤr die kuͤnftige Ausbildung von Bedeutung iſt, wird bleiben. Vielleicht ſtuͤrzt eine Zerſtoͤrung wieder in Barbarei und Sklaverei, aber ge⸗ wiß nur auf eine, in Ruͤckſicht der ganzen Fortdauer der Erde, nur kurze Zeit. Dann wird der Geiſt aller Zeiten mit allen Schaͤtzen des großen Reichs der Wahrheit, Schoͤnheit und Tugend die wieder erweckte Menſchheit ausſtatten, und ſie wird herrlicher als jemals in ihrer neuen Schoͤpfung glaͤnzen. Vater. Iſt das moͤglich, wenn— z. B. nur die Sprachen mit den Nationen unter⸗ gehen? Er. Eine Sprache, mit welcher der for⸗ 10 ſchende Geiſt in die Tiefen gedrungen iſt, in welcher große Dichter geſungen haben, worin weiſe Geſetze zum Gluͤck der Voͤlker geſchrieben ſind, kann ſterben, aber nur, wie der Menſch ſtirbt, und muß fortdauern, wie auch er fort⸗ dauert. So iſt es ja mit den todten Spra⸗ chen des Alterthums, die, dieſes Ausdrucks ungeachtet, immer leben. Vater. Dann, hoff' ich, wird auch unſere Sprache fortdauern. Er. Ja; der Genius der wiedererweck⸗ ten Menſchheit wird auch dem Ruhme der deutſchen Namen einen Altar weihen, und ich bin uͤberzeugt, dieſer Altar wird ihm heilig ſeyn. Vater. Ich habe Sie vorhin unterbro⸗ chen. Darf ich Sie jetzt bitten, den Faden wieder anzuknuͤpfen? Er. Die Geſtalt, in welcher wir das Gute, Schoͤne und Wahre beſitzen, iſt das Werk unſrer Vorfahren. Was der menſchliche Geiſt im Allgemeinen gewirkt hat, was auch Ihr und mein Geiſt, was der aͤrmſte Tage⸗ loͤhner wirkt, wenn er als ein Chriſt geſinnet I11 und thaͤtig iſt, das wird nach uns ebenfalls immerdar fortwirken. Irgend ein Zeitgenoſſe hat es gehoͤrt, geſehen, empfunden, und wird es weiter bringen. Es iſt ein elektriſcher Funke, der durch alle Glieder der großen Kette vernuͤnftiger Weſen faͤhrt. Sei ein einzelner ſchoͤner Gedanke, eine einzelne Handlung der Gerechtigkeit, auch nur ein Tropfen, der ſich verliert in dem großen Strome: ſo vermehrt er ihn doch; muͤſſe er aufgeloͤſet in einen Duft, dem Auge unſichtbar, in die Hoͤhe ſteigen: er faͤllt doch irgendwo ſichtbar wieder nieder und erquickt. Die Idee von dem Fortwirken des Guten ergriff mich*). Ich ſagte lebhaft: Da das Gute, das ich zu thun vermag, fortwirkt, bin ich wegen meines kuͤnftigen Schickſals beruhigt. Ob die Huͤlle, worin mein Geiſt es waͤhrend des leiblichen Daſeyns wirkt, in Staub zer⸗ *) Dieſe Idee konnte hier nicht weiter ausge⸗ führt werden. Vortrefflich dargeſtellt finden ſie die Leſerinnen in Herders Vorleſung uͤber die menſchliche Unſterblichkeit im 4ten Bande der zerſtreuten Blaͤtter. 12 ——— faͤlt, ob der Name, in dem ich es wirkte, verſchwindet, das kuͤmmert mich nicht. Vater. Ich daͤchte doch, mein Kind, dein Geiſt muͤſſe wuͤnſchen, in dem Kleide, das ihm mit der Laͤnge der Zeit lieb geworden iſt, noch eine Zeit lang fortzuwirken. Jeh. Der Wunſch iſt allerdings ſehr menſchlich. Wir moͤchten uͤberhaupt gern alles behalten, was wir haben, auch den Tag, an welchem wir wirken. Sollt' ich mich aber des⸗ halb betruͤben, weil ich manches verlieren muß; daß ich nicht alles Gute, das ich ver⸗ mag, noch heute thun kann, und vieles bis morgen verſchieben muß, da ich im Grunde ein neues Leben anfange? 1 Er. Sie legen Sich ruhig ſchlafen, weil Sie wiſſen, Sie werden Sich morgen des Guten, das Ihnen zu thun uͤbrig bleibt, be⸗ wußt ſeyn; werden es wieder empfinden, daß Ihr Geiſt darin lebt. Wenn Sie ſterben, ſo wird zwar das Gute, welches Ihr Geiſt vollbrachte, fortwirken, aber(von hier an heftete er einen forſchenden Blick auf mich) werden Sie von dem, was er nach dieſem 13 Zeitpunkte wirkt, auch noch Bewußtſeyn und Genuß haben? Verſtand und Erfahrung, antwortete ich ruhig, koͤnnen Ihnen das freilich wol nicht beantworten, und das ſcheint mir gut, weil ich ſonſt nicht abſehe, woher einem betraͤcht⸗ lichen Theile der Menſchen die Liebe zum Le⸗ ben kommen ſollte, ohne welche ſie es vielleicht, wie eine laſtende Buͤrde, abwuͤrfen. Er. Daher kommt aber auch die Furcht — nicht vor dem Tode, ſondern— vor dem Geſtorbenſeyn, die Manchen ergreift. Mich nicht, antwortete ich. und meine Augen wurden feucht, aber von Freude und von Dank gegen Gott. Er. Auch nicht in der Stunde der Schwachheit? Ich. Ja, das wol, aber dann weiß ich ſie auch zu bekaͤmpfen. Er. Darf ich fragen, wie? Jch. Die Kunſt zu leben giebt mir Kraͤfte— die Kunſt, alle hoͤhere, alle unſchul⸗ dige Freuden des Lebens recht innig zu ge⸗ nießen. 14— Vater. Sollteſt du dann das Ende nicht noch mehr fuͤrchten? 1 Ich. Wer ein frohes Feſt recht innig genießt, der laͤßt ſich dadurch nicht ſtoͤren, daß es am Abende ein Ende damit nehmen wird. Vater. Weil er weiß, wie unſer Freund ſchon vorhin bemerkte— er wird morgen, uͤbermorgen, in kurzer Zeit wieder ſolche Feſte genießen. Ich. Er weiß es nicht. Er hofft und glaubt es nur. Er weiß nur, daß, wenn er ſtirbt, er deswegen nicht ungluͤcklich iſt, weil er aufhoͤrt gluͤcklich zu ſeyn. Hat er in ſeinem Herzen einen Reichthum von hoͤhern Freuden, ſo werden ſie ausreichen bis zum letzten Augenblicke ſeines Bewußtſeyns. Hoͤrt aber das Bewußtſeyn auf, ſo kann ihn die Entbehrung nicht mehr ſchmerzen. Auch ich am Abende meiner Tage weiß nicht, ob ich das Feſt des Lebens wieder feiern werde; aber ich hoffe. Ich hoffe nicht nur, ich glaube es; ich habe die Zuverſicht, daß die Stimme der Verheißung von oben herab, die in jedem Buſen laut iſt, die der große 1 Lehrer der Wahrheit, Chriſtus, ſo deutlich aus⸗ ſpricht, mich nicht taͤuſchen werde. Miein ehrwuͤrdiger Freund legte die Hand auf meine Achſel, kuͤßte meine Stirn und ſeine Blicke ſegneten mich.—— Als ich wieder allein auf meinem Zimmer war, hoͤrte ich im nahen Walde die erſte Nachtigall ſchlagen. Ich oͤffnete das Fenſter und ſah hinaus in die vom Monde beleuchtete Gegend. Alle Gedanken und Empfindungen dieſes Tages lebten aufs neue in meiner Seele auf. Ich ergriff ein Papier, und ſchrieb das, was hier folgt, nieder, als eine Erinnerung an die ſchoͤnen Momente meines Daſeyns, fuͤr die Zeit, da ich ihrer beduͤrfen wuͤrde. Ich bin Mutter. Ihr Sproͤßlinge mei⸗ nes Lebens, ihr Erben meiner Anlagen und Kraͤfte, meiner Neigungen und meines Froh⸗ ſinns: ihr werdet mein Daſeyn in einer voll⸗ kommnern Geſtalt fortſetzen; denn ich habe euch zu leben gelehrt, euern Geiſt zum Den⸗ ken gewoͤhnt, eure Empfindung fuͤr das Schoͤne und Gute gluͤcklich gereitzt. Ich habe euch zu edeln Thaten ermuntert. Sorgfaͤltig habe 16— ich euch gegen die Gefahren eurer Ausbildung geſchuͤtzt und die Hinderniſſe aus dem Wege geſchafft. Ihr habt in meinem Kreiſe die Tugend lieben gelernt, und aus dem muͤtter⸗ lichen Herzen iſt der Segen der Religion in eure zarten, reinen Seelen gefloſſen. Eure Bluͤthe wird ſich entfalten, eure Frucht wird reifen.— Die Mutterpflanze wird wieder in den Schooß der Erde fallen. Dann werd' ich in euch fortwirken, leben und bleiben in dem unbegrenzten Reiche Gottes. Ich pfluͤckte die Blume des Frühlings, ich ſah die ſtille Groͤße der aufgehenden Sonne, die Pracht des Himmels in Oſten, die Schoͤn⸗ heit der erquickten Erde. Ich vernahm die Toͤne der Freude in den Waͤldern und von den Triften. Ich fuͤhlte mit Entzuͤcken den großen Akkord der ganzen frohen Natur. Der ſanfte Abend ſtimmte mich zu ſuͤßer Weh⸗ muth; die funkelnden Sterne riefen mich zu ernſter Betrachtung in der erhabenen Nacht. Mein Geiſt ſchwang ſich uͤber die unzaͤhligen Welten empor und betete: Herr! Gott! himmliſcher Vater!— Ich war ein gluͤckli⸗ ches Weib. Mein Saͤugling hat mich hold angeblickt. Die Liebe hat mir ihre Myrthe gereicht, die Zärtlichkeit mich geliebkoſet, die Freundſchaft mir ihr Alles geſchenkt. Ich hoͤrte das Gebet des Armen: ich ſah Freuden⸗ thraͤnen im Auge des Geretteten. Mein theil⸗ nehmendes Herz fuͤhlte alles, was die Welt erfreute und dem Einzelnen wohlthat. Die Kunſt hat mich bezaubert, die Grazie mir ge⸗ aͤchelt, die heilige Wahrheit mich begluͤckt. Wer kann ſie alle zaͤhlen, die Freuden, die ich genoſſen habe!— Ich werde ſterben: aber die Blume des Fruͤhlings wird immer wieder bluͤhn, die Sonne wird immer auf⸗ und un⸗ tergehn, Wahrheit, Schoͤnheit, Religion und Tugend werden die Gefaͤhrtinnen des Men⸗ ſchen bleiben, und nach mir werden Millionen alle die Freuden wieder empfinden, die ich empfand, das Leben genießen„ wie ich es ge⸗ noß. Das iſt die große, unausſprechliche Freude meines letzten Augenblicks. Dankbar und vertrauend uͤbergebe ich dem großen Va⸗ ter ſie und mich. J. f. F. 1V. 3 18 ſdied der Jungfraun am Grabe der jungen Freundin. ¹ Alle. Liebliche Freundin! ſo fruͤhe, ſo fruh Hat ſich dein laͤchelndes Antlitz geneigt? Ach, daß der Fruͤhling des Lebens entweicht, Freundliche Blumen verwelken ſo früͤh! Erſte. ARoſe des Thales, wie bluͤhteſt du ſchön! Schweſtern, euch gluͤckte, ſie glaͤnzen zu ſehn Rein wie die Unſchuld, und ſchön wie das Licht, Wenn es den Schleier des Morgens durchbricht. Zweite. Biſt du verſtummet, du lieblicher Ton? Himmliſches Stimmchen! ach biſt du entflohn? Haſt dich den Choͤren des Himmels vereint? Rufſt uns nun nimmer:„Ihr Augen weint!“*) Dritte. Schlaͤgt dir nun nimmer dein kindliches Herz? Laſſeſt die Deinen in nagendem Schmerz? 3 Siehe, da ſtehn ſie verſtummend umher! Haſt du kein Laͤcheln, kein einziges mehr? Vierte. Freundin! wie warſt du ſo himmliſch geſinnt: Hingeſt ſo liebend am huͤlfloſen Kind, Wareſt der weinenden Schwachheit ſo mild— Freundin, du warſt uns ein lehrendes Bild! Erſte. Wenige Tage nur leuchteteſt du— Eilteſt dann wieder den Himmliſchen zu. Bluͤthe des Lebens! ſo eilſt du hinab! Kaum noch entfaltet, verſchlingt dich das Grab! *) Aus der Graunſchen Paſſions⸗Kantate. Alle. Siehe da ſtehn wir in tiefer Betrachtung am Grabe, Opfern mit Thraͤnen befeuchtet die duftende Gabe. Wenige Tage noch wallen wir hier, Freundin, dann kommen wir ſelig zu dir!— 21 3 Beantwortung der Frage: Duͤrfen Weiber gelehrte Kenntniſſe haben? oder: Sind Weiblichkeit und wiſſenſchaftlche Geiſtesbildung zu vereinigen?*) Ein Verſuch. Als ich geſtern Abend von Ihnen ging, liebe —, geſtanden Sie mir fuͤr meine Perſon mit ſo wahrhaft kindlichem Herzen das Privi⸗ legium weiblicher Gelehrſamkeit zu, daß ich Ihnen deshalb nicht zuͤrnen durfte. Ihr edler Mann nahm mich aber gegen dieſe Verguͤnſti⸗ gung, als gegen ein Unrecht, gewiſſermaßen * Wir wunſchten ſehr, es ſchenkten auch an⸗ dere geiſt⸗ und erfahrungreiche Damen die⸗ ſem Gegenſtande eine ernſthafte Erwaͤgung, da er ſo wichtig iſt, noch gar manche andere Anſichten und weitere Eröorterungen zulaͤßt, und eben jetzt lauter, auch ernſtlicher zur 4 Sprache gebracht worden, als vielleicht jemals. 22 in Schutz, ſo daß ich, im Heimgehen und den uͤbrigen Theil des Abends, uͤber dieſe, ſich ſcheinbar widerſprechenden, und doch aus ſehr nahen Quellen fließenden Ausſpruͤche faſt un⸗ willkuͤhrlich nachſinnen mußte, ſo wie jene Worte in meiner Seele nachtoͤnten. Die Frage, die nun in mir entſtand, iſt ſo oft ſchon zur Sprache gekommen, und, wie es mir ſcheint, nie befriedigend geloͤſt worden. Ich frage Sie, lieber D—, darf eine weibliche Stimme ſich vermeſſen, ſie zu beant⸗ worten? Ich hoͤre Ihre Entſcheidung: Ja, wenn das Weib ſich getraut, unparteiiſch, mit leidenſchaftloſer Ruhe ſie zu pruͤfen—!— Dieſer Bedingung darf ich mich furchtlos unterwerfen; ich darf das um ſo mehr, als ich auf alles von jeher Verzicht gethan, was unſer aller Ritter und Schutzherr, Hippel, (Buͤrgerliche Verbeſſerung der Weiber) unſre theatraliſche Schweſter, Miß Wolſtonecraft, und andere, fuͤr uns, als unſere Rechte, haben erkaͤmpfen wollen.— Bergen will ich zuvoͤrderſt meine Freude nicht, in einem Welttheil und in einem Lande 23 zu leben, wo meinem Geſchlecht von jeher ſeine volle Perſönlichkeit zugeſtanden worden; wo das Weib keine verkaͤufliche Waare iſt, und kein Hausſklave des Mannes, ſondern Mitherrſcherin ſeines Hauſes werden ſoll— Ihm eine frohe, theure, innig verehrte Geſellin, Welche waltet als Fuͤrſtin des wohlgeordneten Hauſes. 1 Auch will ich nicht verſchweigen, daß, nach meinem Glauben, beide Geſchlechter aus demſelben Thone geformt, und von dem naͤm⸗ lichen Gotteshauche beſeelt wurden; und daß, wenn auch der weichere Thon zu dem einen keinen ſo kraͤftigen Anhauch ertragen konnte, beide dennoch goͤttlichen Geſchlechts ſind.— Von Urſprungs wegen haͤtten wir alſo wol gleiche Rechte und gleiche Anſpruͤche, und daraus ſcheint mir allerdings hervorzugehen, daß man uns das Recht nicht ſtreitig machen duͤrfe, uns ſo viel Ausbildung zu verſchaffen, als unſere Natur deren nur immer faͤhig iſt. Dies iſt mir ſo klar, daß ich kaum begreife, wie es einen Zweifel leiden kann. 24 Und dennoch wird die Frage immer noch wiederholt. Darum darf man wol glauben, daß ſie nicht immer recht verſtanden worden ſei. Wenigſtens ſcheint das gewiß, daß nicht alle daſſelbe damit meinten, oder wenn ſie daſſelbe gemeint, es zu verſchieden ausgedruͤckt und damit Verwirrung verurſacht haben. Oft verſtand man eine Summe gelehrter Kennt⸗ niſſe, auch in gelehrter Form, wenn man von Geiſtesbildung redete; und dann ſprachen ſelbſt die Maͤnner, die es noch ſehr gut mit uns meinen, uns ohne Bedenken allen Antheil daran ab. Nicht ſeltener ſchien man von der andern Seite Ausbildung, Bereicherung des Verſtandes, Erhoͤhung der Geiſteskraft uͤber⸗ haupt, und Veredelung des Gemuͤths, im Sinn zu haben, wenn von wiſſeenſchaftlicher Bildung der Weiber die Rede war, und ge⸗ ſtand ſie uns zu. Indeſſen blieb doch immer die Benennung: eine Gelehrte, ein Bei⸗ name, vor welchem ſich jede— beſonders jede ſchoͤne Frau ſorgſam huͤtete; wenigſtens uͤberließen die Schoͤnen ihn willig ihren nicht ſchoͤnen Schweſtern. Ob er eigentlich Lob —;— 25 oder Tadel anzeige, daruͤber hat man noch nicht ganz einig werden koͤnnen. Die Maͤnner, deren dichteriſche Phantaſt uuen das Weib(naͤmlich das Geſchlecht) in ewiger Jugendbluͤthe zeigte, vergaßen des In⸗ dividuums, und der kurzen Dauer ſeiner Bluͤ⸗ thenmonde. Das einzige Verdienſt des Weibes, meinten ſie, ſei das Verdienſt der Hebe. Alles andere, aller weitere Geiſtesſchmuck, bleibe ent⸗ behrliche Zierrath.— Aber welcher Gott verleiht uns ewige Jugend? Des Weibes Lenz waͤhret acht bis zehn Jahre, und ihr Leben ſechzig bis ſiebzig! Was ſind wir, was ſollen wir, wenn der Thau von der Bluͤthe verdun⸗ ſtet? was, wenn ſelbſt die Bluͤthe abfaͤllt? Womit fuͤllen wir ihn aus, den Reſt eines pein⸗ lich langen Lebens? „Beſorget den Haushalt, wachet üͤber Kuͤch' und Keller, naͤhrt und reinigt eure Kinder! Das iſt der Schauplatz, auf welchem ihr Ver⸗ dienſt erlangen moͤget.“ So die einen. Andere ſetzen aber, ehrenvoller fuͤr uns, hinzu:„Sei deines Erwaͤhlten hoͤchſte Freude waͤhrend deines Blüthenalters, und ſeine trauteſte Freundin 26— waͤhrend deines ganzen Lebens. Sei Bildne⸗ rin deiner Kinder. Der Himmel vertraute dir ihre Natur, die nur Faͤhigkeiten hat, da⸗ mit du ſie, durch Erweckung, Naͤhrung, Lei⸗ tung, Vervollkommnung dieſer Faͤhigkeiten, zur veredelten Menſchheit erhebeſt. Sei Mutter, ſei es ganz, und ſei geachtete, wie geliebte Herrſcherin deines Hauſes, damit des Mannes Herz in dir frohlocke!“ Ihr, die ihr uns dieſer Aufgaben wuͤrdigt, ihr allein ſeid unſere wahren Freunde! Von euch laſſen wir uns freudig rathen. Ja, dies erkennen wir fuͤr unſern Beruf. 4 Aber— wie beginnen wir es, ihn zu erfuͤl⸗ len? Wird von dieſer großen Kunſt mehr als der Keim in uns geboren? und wie gelanget er dazu, daß er ſich entfalte?— Durch wiſſenſchaftliches Studium? Nein! Und die Kuͤnſte der Muſen— auch die vermoͤ⸗ gen es nicht, oder doch nicht allein. Um den ehrenvollen Beruf zu erfuͤllen, den die beſten unter den Maͤnnern uns anweiſen, und den die verſtaͤndigſten unter uns anerkennen— was ſoll vorzuͤglich in uns ausgebildet werden? welche 22 Kraͤfte unſers Weſens machen uns beſonders faͤhig und geneigt dazu?— Iſt es der Verſtand, der uns gleich macht dem Herren der Erde, dem alle Thiere unterthan ſind, und welcher den Blitz nach ſeinem Willen leitet, und aufſchlaͤgt das heilige Geſetzbuch der Natur? Iſt es die Phantaſie, die den rauhen Boden mit freund⸗ lichen Blumen beſtreut, und die Kuliſſen zum Theater des Lebens mit Idyllen bemalt? Der Verſtand ſchreitet ruhig ſpekulirend und kalt betrachtend an den Beduͤrfniſſen und am Elend des Lebens voruͤber; die Phantaſie kann beide durch ſchoͤne Kuliſſen verbauen: helfen, lindern kann nur das zarte, tiefe, ſchoͤne Ge⸗ muͤth, das nicht des traurigen Anblicks, nicht der lauten Klage, noch des Angſtgeſchreies be⸗ darf; das nach einem ſtillen Blick auf das, was nun einmal iſt und nicht anders, nicht beſſer wird, wenn wir ſelbſt es nicht anders und beſſer machen— ſogleich die Hand zur Huͤlfe ausſtreckt.— Aber iſt dies Gemuth eine einzelne Kraft unſers Weſens 2 Nein; es iſt ja gleichſam das letzte Reſultat aller auf ihrer hoͤchſten Stufe! Daraus folgt ja nun aber, daß, wenn das Weib ſeyn ſoll, was es ſeyn kann, und was oben von ihm verlangt worden, nicht eine Kraft, ſondern alle harmoniſch entwickelt wer⸗ den muͤſſen! Der denkende Verſtand, die bil⸗ dende Phantaſie, das ſtille, thſe, zarte, lie⸗ bende Herz: Sie ſollen im ſchönſten Bunde ſtehn, . Und hrd den Enge im Buſen erhöhn.— Mit einander alſo ſollen ſie genaͤhrt, und wie Kinder eines Hauſes gehalten und auferzogen werden, in der Seele des Weibes. Wie ſoll aber der Verſtand bereichert, die Phantaſie entzuͤndet, wie der ſchlafende Engel im Herzen geweckt werden? Redet fruͤh zum Verſtande, ihr Geiſter der Vorzeit und der Mit⸗ welt! reicht uns eure Fackel, ihr Genien! neigt euch guͤnſtig zu uns, ihr Muſen! damit unſer Flaͤmmchen entgluͤhe!— Aber vor allem tretet hervor, ihr holden Geſtalten ſchoͤner Menſchen⸗ ſeelen, wann und wo ihr auch uͤber die Erde hinwalletet! gießt euren Zauber uͤber uns aus, und entzuͤndet in unſerm Innerſten den goͤttlichen 29 Funken der Liebe; der Liebe, die mit ſanfter, frommer Glut das Herz erwaͤrmt, und allem wohlthaͤtig laͤchelt, was nur immer r der Seude mufinalih ſeyn mag⸗ Nasims ain Eine o gebildete Seele, die mit hellem Verſtande, mit einem heiligen Herzen voll Guͤte, mit einer bluͤhenden Phantaſte, ein warmes, kraͤftig ges Leben uͤberall um ſich verbreitet:— wer wagt es, ſie anzuklagen, daß ſie nberbit det ſei— Was ſte an Kenntniſſen hat, iſt verſchmolzen in Anmuth, in milder, ſtiller Unbefangenheit. Ihr tiefes Gefuͤhl— es ſchweigt vor jedem nicht heiligen Ohre, es er⸗ gießt ſich nur in den Buſen der verwandten Seele. Wie will die Herzloſigkeit ſie der Schwarmerei zeihen koͤnnen? Dies verſchaͤmte, heilige Ver⸗ ſchweigen deſſen, was nicht auf der bun⸗ ten Buͤhne des Lebens ausgerufen werden darf, iſt das Kennzeichen des aͤchten, weiblichen Ge⸗ fuͤhls, und auch der aͤchten, weiblichen Bildung. O daß vor allem dies an euch befunden werde, ihr meine Schweſtern! 30 Gelehrfamkeit, ja auch Kunſt macht leicht, und darum faſt immer, einſeitig. Der Ein⸗ ſeitigkeit entgehet kaum das entſchiedene Ge⸗ nie unter Gelehrten und Kuͤnſtlern. Unter hundert talentvollen Maͤnnern findet ihr oft nicht einen Univerſalgeiſt, den die erwaͤhlte Wiſ⸗ ſenſchaft oder Kunſt nicht in der Freiheit ſei⸗ nes uͤbrigen Wirkens beſchraͤnkt, nicht zum Fremdling in jedem andern Gebiet des geiſtigen oder buͤrgerlichen Lebens gemacht haͤtte. Nur jener hoͤchſt ſeltene Geiſt erklimmt alle Hoͤhen, und ſteigt in alle Tiefen; er eignet ſich das Nahe an und das Ferne. Der gute, aber nicht univerſelle Kopf entgeht der Einſeitigkeit nicht. Aber der Mann darf Eine Kraft her⸗ vorſtechend vor den andern bilden, er darf Eine Wiſſenſchaft ausſchließend uͤben, er darf zu Einer der Kuͤnſte ſagen: du biſt meine Göt⸗ tin, dir allein will ich opfern; ja, er muß es, wenn er in ſeiner Kunſt oder Wiſſenſchaft groß werden will. Und wichen alle Grazien von ihm, waͤhrend er der erwaͤhlten Muſe opfert, und ſchwaͤnde ſeine Geſtalt vom Wachen und verzehrte ſich im Forſchen, und opfert' er ſeine —— 31 ganze Bluͤthe am Altar der Goͤttin: ihn trifft keine andere Ruͤge, als die der gekraͤnkten Na⸗ ur. Ihn troͤſtet die Himmliſche, denn nur ſo konnt' er erringen ſein hohes Ziel. Nicht alſe das Weib! Sie edanf der r Anrnuth holden Reitz nicht ze ſcmwachen, Die Roſe ſoll das weiche Haar ihr ſchmuͤcken, Mit zartem Finger ſoll ſie Veilchen pflucken; Den Lorbeer ſoll des Mannes Hand nur brechen.— Giebt es denn aber gar keinen Fall, wo ſich des Weibes Beruf in den allgemeinen Be⸗ ruf des Menſchen verlieret? wo es geſtattet werden kann, die Kraft beſonders in ſich aus⸗ zubilden, worauf ſeine eigenthuͤmliche Natur etwa mit dem ſtaͤrkſten Fingerzeig hingewie⸗ ſen? Darf das Weib, das nie einem Man⸗ ne angehoͤren will, nicht irgend einer Wiſſen⸗ ſchaft, einer KWunſts das Opfer uhe Lebens bringen? Willſt du nicht nur der Huldigung des Mannes entſagen, willſt du mit der Welt voͤl⸗ lig abrechnen und in kloͤſterlicher Einſamkeit 32 leben, ſo darfſt du dein Geſchlecht vergeſſen,*) darfſt nach der Maͤnner Weiſe leben. So lan⸗ ge das Weib unter Menſchen lebt, darf es der Maͤnner Schutz und Achtung micht entbehren. Dieſe Achtung iſt ein unveraͤußerliches Gut. Aus Ehrfurcht vor der zartern Natur ſollen die Maͤnner unſere Beſchuͤtzer ſeyn. Die ein⸗ ſeitig erhoͤhte Kraft erhebt uns aber ſcheinbar uͤber ihren Schutz, und ſchmeichelt uns mit einer getraͤumten Selbſtſtaͤndigkeit. So ver⸗ ruͤckt ſie die Ordnung der Natur: und das 2) Aber darf das Weib dem Manne nie ange⸗ voͤren wollen? wird es je ſein Geſchlecht wirklich vergeſſen koͤnnen? Ich wuͤnſchte hieruͤber ein anderes Buch den Leſerinnen zum 2 Nachleſen vorſchlagen zu können, als: Exin⸗ 4 nerungen,(4Theilchen, Zuͤllichau, b. Darn⸗ mann) denn dieſes hab⸗ ich ſelbſt geſchrie⸗ ben, und wuͤrde jetzt manches darin beſſer machen. Die Sache ſelbſt iſt aber zu wichtig, als daß ich nicht gegen alle Ruͤckſichten auf mich, und auch gegen vorauszuſehende Miß⸗ deutungen dieſer Anmerkung, gleichguͤltig ſeyn ſollte. Friedrich Rochlitz. — 33 kann nie Gutes hervorbringen. Nur das Gleichgewicht unſerer Kraͤfte erhaͤlt uns auf unſerm wahren Standpunkt, und dann wer⸗ den wir uns auch unſers Verhaͤltniſſes zu dem ſtaͤrkern Geſchlecht bewußt bleiben. Die voͤllig ſelbſtſtaͤndige Amazone, mit Bogen und Pfeil bewaffnet, hat dem maͤnnlichen Schutze ent⸗ ſagt; ihr darf aber auch der Mann den Krieg erklaͤren. Nicht anders iſt es mit der eigent⸗ lichen Gelehrten, die gleichfalls mit maͤnnli⸗ chen Waffen dem ſtreitbaren Geſchlecht entge⸗ gen zieht. Aber nicht Krieg, noch Wettſtreit in der Waffenuͤbung will die Natur von bei⸗ den Geſchlechtern; ſie will Einigung, will ewi⸗ gen Frieden. Darf aber das Weib ſich auch keine der Muſen erwaͤhlen? Darf ſie ſich von keiner er⸗ waͤhlen laſſen? Darf ſie keiner beſonders huldi⸗ gen? Sie darf es, wenn ſie ihrer Er⸗ waͤhlung gewiß iſt; nur darf ſie ihr nicht ausſchließend leben, ſo lange ſie aus dem Kreiſe der Weiblichkeit nicht heraustreten will. Aber gewiß ihres himmliſchen Berufes ſei ſie vor allem! Denn jedes Kunſtwerk, was J. f. F. 1V. H. 3 — 34 nicht ihm, und nicht der wirklichen Begei⸗ ſterung ſein Daſein verdankt, iſt zu leicht, und wird von der Welle der Zeit hinwegge⸗ tragen. Die Welt weiß kaum, daß es war, die Nachwelt kennt ſeinen Namen nicht.— Doch ſelbſt wenn du, liebe Schweſter, den goͤttlichen Beruf unverkennbar in dir wahrnimmſt; ſo darf er dennoch dein ganzes Leben nicht ausfuͤllen. Die Stunde der Begeiſterung iſt kurz, ſie flieht ſchnell davon. Die Proſe des Lebens weilt mit bleiernem Tritt um uns. Sie uͤber das Gemeine verſchoͤnernd zu erheben, iſt des Weibes Sache. Darum, ihr Schwe⸗ ſtern, laßt uns den Muſen opfern, nicht der Muſe. Die Muſe fodert ihre Erwaͤhlten ganz: Du aber, holde Schweſter, gehoͤreſt dem Leben an, und ſeinen ernſten, wie ſeinen ſchoͤ⸗ nen Verhaͤltniſſen. Den ſchoͤnen ſollſt du Wuͤrde geben, die ernſten ſollſt du durch hol— den Reitz verſchoͤnern. Alles was dich um⸗ giebt, ſollſt du mit deiner milden Gegenwart lieblich anhauchen. Alles was deine Hand beruͤhrt, ſoll verſchoͤnert aus ihr hervorgehen. Froh ſoll von dir ſcheiden, wer verſtimmt oder A 35 traurig zu dir kam. Wer einen Blick thut in dein edles Gemuͤth, ſoll ſich beſſer fuͤhlen. Schoͤpfet, geliebte Schweſtern, aus dem Quell der Muſen. Die Proſe des Lebens iſt roh, iſt ungeſtaltet: bildet, verſchoͤnert, heiliget ſie, und das lange, traͤge Leben wird euch wie ein ſchoͤner Traum dahin fliehen. K. 36 Minon a. — Ich war der ſchweren, laſtenden Huͤlle ent⸗ flohen. Pſyche eilte in die Arme zuruͤck, de⸗ nen ſie entſunken war. Noch einen Ruͤckblick auf die Umgebungen meines Sterbebettes— den ſtillen, duͤſtern Raum, wo ich meine letz⸗ ten Seufzer verathmete! Ach, ſchwer war mein Kampf geweſen, fuͤr das Auge der Freundſchaft; leicht, fuͤr die fliehende Seele! Wie ein Dorn aus der Wolle reißt ſich der befleckte Geiſt aus dem Koͤrper; der reine, wie ein Faden aus balſamiſchem Oele; ſo ſagt einer Eurer Dichter in einem fuͤr die Erde paſſen⸗ den Gleichnis. Coͤleſte, meine Coͤleſte, meine einzige Ge⸗ faͤhrtin in den letzten, finſtern Stunden, hing mit thraͤnenſchwerem Auge uͤber dem kalten, entſtellten Leichnam, dem mein liebender Schei⸗ deblick auf Momente einen leichten Ueberflug 37 ehmaliger Schoͤne wiedergab. Als ahnde ſie die Urſache der Verwandlung; als erblicke ſie, was ſie nicht erblicken konnte, ſah' ſie auf und breitete ſehnend die Arme mir nach. Du biſt frei! rief ſie; du biſt frei! wie auch ich einſt frei ſeyn werde! Freudenthraͤnen waren es, die hier ihren Augen entſtuͤrzten. Eine Seele feierte den Triumf der andern! Gefuͤhle, wie dieſe, ſind fuͤr die noch Sterb⸗ lichen ſchnell voruͤbergehend, wie Blitze! Die Laſt des Köorpers zieht ſie nieder! Coͤleſtens Augen fielen auf einen andern Gegenſtand: ſie ſah' und hoͤrte, was auch ich vernahm.— Sehen? hoͤren? fuͤhlen? Welche Ausdruͤcke fuͤr Wahrnehmungen der Geiſter! Doch habt ihr Worte zu dem, wovon euch die Begriffe feh⸗ len? Ich muß beibehalten, was ihr verſteht. Coͤleſte knieete an der Wiege des Kindes, dem ich ſterbend das Leben gab.— O waͤr's moͤglich, daß Geiſter dem groͤbern Auge ſicht⸗ bar werden koͤnnten, das Sehnen der ſcheiden⸗ den Mutter nach ihrem verlaßnen Liebling muͤßte den Nebel zerreißen, der uns groͤberen 38 Organen unbemerkbar macht. Was geſchah, weiß ich nicht. Das Kind hoͤrte auf zu wei⸗ nen; jenes Laͤcheln umſpielte ſeinen Mund, von welchem der Volksglaube ſpricht, die Ge⸗ genwart der Engel locke es bei ſchlafenden Kindern hervor. Aber Coͤleſte fuhr auf, ſie ſchauderte!— Warum ſchauderſt du, meine Coͤleſte? ) Wer von euch verſtaͤnde die Begebenheiten der andern Welt? Mich zog mein Geſchick von hinnen. Ich war ſelig, meine Fehler deckte der Schleier der Liebe, meine Tugenden ſtrahlten rein hervor! Zu dem Himmel, der in mir war, der Belohnung taufendfacher Lei⸗ den, zu dem Himmel, der mich umfloß, durfte ich noch Lohn waͤhlen. Ich? Lohn? die tau⸗ ſendfach Belohnte? Ich waͤhlte.— Jeder endliche Geiſt iſt beſchraͤnkt, und auch dort giebt es Erfahrun⸗ gen, die man erkaufen muß!— Ich waͤhlte: Ruͤckkehr zu meinen Geliebten. Zu dir, Mann meines Herzens, den ich ſo fruͤh ver⸗ 39 ließ. Zu dir, meine Coͤleſte; zu dir, kleines huͤlfloſes Weſen, dem meinigen ſo nahe ver⸗ wandt! O erſt die kuͤnftige Welt enthuͤllt die Geheimniſſe heiliger Mutterliebe!— Euer Schutzgeiſt wollte ich ſeyn, ihr drei mir un⸗ endlich Theuren, beſonders der deinige, holde, zarte Blume, die ich in der rauhen Erdluft— unbeſchirmt zuruͤckließ! Sie hatten dich Minona genannt, Mino⸗ na, nach deiner dir entrißnen Mutter. Nicht murrend brauche ich dieſes Wort: nicht Be⸗ ſtimmung, Unwiſſenheit der Menſchen war's, was mich ſo fruͤh dem Grabe gab. Dies ſah ich jetzt, und o wie vieles ſah ich, wie vieles, das die Seele, die hier Freuden geſucht hatte, weit tiefer, weit anders erſchuͤtterte, als mich fuͤr gern noch laͤnger geuͤbte Pflichten zu fruͤher Genuß meiner Seligkeit erſchuͤttern konnte. Ich ſchwebte von Minonens Wiege, die ich wieder mit Engeln ſpielend verließ, zu meinem Gemal. O du Guter! o du unaus⸗ ſprechlich Lieber! welche Troͤſtungen hatte ich deinen Thraͤnen bereitet!— Ich brauchte ſie nicht. Du warſt ein Mann! Troſt fandeſt 40 du in Geſchaͤften; du warſt ſo tief in dieſe vergraben, daß du, haͤtte ich mich auch hoͤr⸗ bar gemacht, mich nicht vernommen haben wuͤrdeſt. Ich begnuͤgte mich, indem ich ent⸗ floh, die Blumen, mit welchen Coͤleſte dein Zimmer geſchmuͤckt hatte, ſchoͤner bluͤhen zu machen. Ich ſchwebte hinuͤber zu Coͤleſten. Noch ruhiger fand ich dieſe. Ich wuͤnſchte, ich haͤtte ſie bei Minona gefunden.— Sie wuͤhlte in Papieren, die ich ihr verlaſſen hatte— der beſte Grund ihrer Entfernung von jenem Ort, wo ich ſie wuͤnſchte! der beſte Grund ihrer Ruhe! 9 Coͤleſte, dein Herz brauchte Linderung; du konnteſt ſie nicht ſicherer finden, als da, wo der Geiſt deiner Freundin noch allein lebte, wo jedes Wort, das du laſeſt, dir unſere innige Verbindung troͤſtend zuruͤckrufen mußte, und mein Kind—? in den Armen treuer Waͤrterinnen war es ja ver⸗ ſorgt!— Ich mußte genauer ſehen, was Coͤleſte las, was ſie ſuchte. Sie ſuchte, ſie las— Briefe meines Gemals, mit welchen er die gluͤckliche Minona zur Zeit unſerer erſten Liebe erfreute. Kennen Geiſter Eiferſucht? Nein! Gleich⸗ wol fuͤhlte ich, dies ſollte nicht ſo ſeyn, und erſt jetzt ward ich mir jenes innern Geiſterſin⸗ nes, jenes Vermoͤgens lebhaft bewußt, in fremden Seelen leſen zu koͤnnen, was wir, noch ſterblich, oft in unſerer eigenen kaum verſtehen!— Daß in mir, ſeit meinem um eine Stufe mehr entwickelten Daſein, Kraͤfte lagen, die ſich von Euch kaum ahnen laſſen, wußte ich; ich wußte, daß ich ſie entdecken, daß ich ſie uͤben muͤſſe. Ach die erſte Entdeckung, die erſte Uebung derſelben— ſie riß mich ganz zu den Leiden der Erde zuruͤck! Ich mußte Er⸗ holung in hoͤhern Regionen, in meiner mir immer liebern Heimath ſuchen! Ich kam wieder. Bei meinem Kinde— bei meinem Selmar fand ich alles, wie neu⸗ lich. Ich kuͤßte geſchwind ſeine Blumen und entfloh; mir wars, als zitterte ich auch bei ihm zu forſchen.— Bei Coͤleſten?— Nun 4² ich ward gewiß, ſie liebte Selmar ſchon laͤngſt. Sie hatte anfangs die gefaͤhrliche Leidenſchaft bekaͤmpft, dann gefaͤllig ihr nachgegeben. Sie hatte mich nie gehaßt, aber— ſich oft mein Gluͤck gewuͤnſcht. Sie hatte mich mit einigen ſehr redlichen Thraͤnen beweint, aber— ſie bald getrocknet.— Sie liebte mein Kind, aber — den Vater deſſelben noch mehr.— Jetzt ſtand ſie vor dem Spiegel, und ſchmuͤckte ſich in ihrer Trauer— fuͤr Selmar! Ich flog zu Minona zuruͤck. Anna, meine alte Anna! Du redliche, treue Pflegerin mei⸗ ner eigenen Kindheit! Immer traf ich dich bei ihr! Ich ſegnete dich, wie mir verliehen war, mit Kraft zu laͤngerm Leben, und be⸗ wahrte mir in deinem frommen, trugloſen Herzen einen Ruhepunkt, wenn ich, ich ſahe es wol, hier ſo oft, nie geahnete Leiden erfahren ſollte. — Bei oͤfterer Ruͤckkehr meine Coͤleſte, meine ganz himmliſch geglaubte Coͤleſte, ganz irdiſch 43 zu finden: was mußte ich fuͤhlen! Am liebſten ſah ich ſie unter meinen Papieren; wer mußte ſie ſeyn, um hier nicht auf tauſend Zurecht⸗ weiſungen zu ſtoßen— Zurechtweiſungen, die ich Unſichtbare ihr immer entgegen ruͤckte. Es ſei mir erlaubt, eine der ernſteſten zu er⸗ waͤhnen, und um es ganz zu koͤnnen, Euch in mein erſtes Leben zuruͤck zu fuͤhren. Oft ſprachen wir damals, ich und Coͤleſte, von dem, was ich nun kannte— vom Leben jenſeit des Grabes. Wiederſehen, wiederer⸗ kennen, ewig beiſammen ſeyn— dies beſchaͤf⸗ tigte unſere Gedanken, wenigſtens die meini⸗ gen. Da fiel mir die Frage ein: ob wol wir zwei, je und zu allen Zeiten, offen und red⸗ lich genug gegen einander gehandelt haͤtten, um unſer wahres Selbſt dort(ach wie war es nun hier!—) augenblicklich wieder zu er⸗ kennen. Doch, rief ich begeiſtert aus, wie ſollt' ich dich, du ſchoͤnſte der Seelen, nicht uͤberall wiederfinden! Coͤleſte weinte; und bald darauf gab ſie mir dieſes Blatt: 3 44 „Wenn dies Haus, jetzt meines Geiſtes Woh⸗ nung, „„ Voͤllig eingeſunken iſt; „Wenn, zur Zeit der ewigen Belohnung, „ Mich ein neuer Leib umfließt— „„O ein Leib! nicht ſo, wie dieſe Huͤlle, „Maske, Schleier, taͤuſchendes Gewand; „Nicht ein Nebel mehr, in dem des Herzens Fuͤlle „Oft dem tiefſten Forſcherblick entſchwand; „»Nein, ein reiner, unbefleckter Spiegel, „ Der der Seele treues Bild empfaͤngt, „Leicht wie Luft, durch die mit ſchnellem Fluͤger „ Sich der Sonne Bild zum Auge draͤngt— „Wenn ſich nun in allen meinen Zuͤgen „„Mein verborgnes Weſen malt, „Wenn nun Wahrheit oder Luͤgen „Unverkennbar mir vom Auge ſtrahlt:— „Wirſt du dann, wie heute, mit Entzuͤcken „Noch in mir das Bild der frommen Unſchuld ſehn? „Wird der heiße Wunſch, dich zu beglüͤcken, „„Noch mit Flammenſchrift vor meiner Stirne ſtehn? „»Oder wird Minona ſich veräͤchtlich von mix drehn, ‧„ Und nicht einen von den Blicken „Ihrer Freundin kennen, noch verſtehn? —. 4 5 „Weh mir dann, wenn meines Herzens Guͤte „Tugend nicht, nur ſchoͤne Schminke war! „Sieh, die Wahrheit ſtellt dem ſchauenden Ge⸗ biete „Aller Weſen mich in meiner Bloͤße dar! „Jeder Flecken, den ich dir verhehle, „Jeder Fehler, den kein irdiſch Aug erblickt, „O der bleibt dann meiner Seele „Unausloͤſchlich aufgedruͤckt! „Und, o haͤtte hier mich Engelreitz geſchmuͤckt, „Jeder Blick von mir ein Herz gewonnen, „Dort, im Glanz von tauſend Sonnen, „ Sinkt die ſchoͤne Taͤuſchung hin, „Und ich ſcheine, wie ich bin— „Engel, oder Heuchlerin! „Wahrheit! Wahrheit! Nimmer von dir , wanken, „Nie entehren will ich dich! „Auch den tiefſten, innerſten Gedanken, „Der von deinem Pfade wich, „Leg' ich jetzt, mit ſchauervollem Beben, „NRichterin, vor deinem Throne hin! „Nie will ich nach falſchem Glanze ſtreben, „Nimmer beſſer ſcheinen, als ich bin; „Daß Minona einſt mich ohne Müh erkenne, „Wenn mein Geiſt entſchleiert vor ihr ſteht/ „Daß, wenn ſie mein ganzes Seyn durchſpaͤht, „Sie mich noch der Seelen ſchoͤnſte nenne!⸗— 46 ———— So ſchrieb Coͤleſte in jenen Augenblicken, ſo hatte ſie zu ſchreiben gewagt, ſie, die ihr Herz am beſten kannte; ſie, die fuͤrchten mußte, eine raͤchende Nemeſis muͤſſe ſie beim Wort halten, und mir augenblicklich die Ent⸗ ſchleierte vor Augen ſtellen. Glaubte ſie an ein zukuͤnftiges Leben, oder glaubte ſie es nicht? welches war das ſchrecklichſte von beiden? Doch die Begriffe der Geiſter von Tugend und Wahrheit ſind fuͤr ſchwache Sterbliche vielleicht zu ſtreng! Gern kehrte ich, noch halb Erdbuͤrgerin, zu der Entſchuldigung zu⸗ ruͤck: Dieſe Worte Coͤleſtens waren damals das letzte Aufſtreben kaͤmpfender Tugend; ſie wuͤnſchte das zu ſeyn, was ſie mir in jenen Augenblicken malte, und es war vielleicht jetzt noch Zeit, ſie beim Worte zu halten. Ruͤck⸗ kehr zu Tugend und Wahrheit iſt nie zu ſpaͤt, und ernſtliches Wollen, das einzige Bedingnis hierzu, befluͤgelt vielleicht ein gewaltſamer Schritt. Er ſei gewagt, ſprach ich zu mir ſelbſt, und jenes richtende Blatt, vor einem Augenblick von Coͤleſtens Hand gefunden, und 47 in einem verborgenen Fach wiederum feſt ver⸗ ſchloſſen, lag auf einmal wieder vor dem Auge der Finderin. Der aufgehende Mond beleuch⸗ tete es, und ein leiſes Fluͤſtern rund umher gebot Aufmerkſamkeit. 9 Stunde der Probe, mit welchen Thraͤ⸗ nen ſollen dich Engel beweinen!— Cöleſte las, las wieder, lachte, zerriß, und flog zum Spiegel, ihrer einzigen Gottheit zu opfern. Als ich mit den Schmerzen, die nur En⸗ gel fuͤhlen koͤnnen, entfloh, beſchloß ich nie wiederzukehren. Doch mich zog Liebe zu Mi⸗ nona, mich band meine Wahl, ich wußte, ich wuͤrde dem Entſchluß weder treu bleiben koͤnnen, noch duͤrfen. Jetzt nur Erholung, nur einen Tropfen aus der Schale der Vergeſſenheit! Ach ich hatte ſie ja ſelbſt beim Uebertritt in jenes Jenſeit verſchmaͤht! ich durfte ſie nicht fordern! Schoͤn iſt die Natur, ſchoͤn iſt ſie auch auf irdiſchen Geſilden, und heiler ſonſt unheilbare Schmerzen. Ich ſchwebte hinuͤber in die Blumengeſilde, die mich in meinem erſten Le⸗ ben ergoͤtzten; ich badete mich in den Strah⸗ 48— len des ſchoͤnen Planeten, den ich ehmals ſchon ahnend liebte; ich flog zum Strome, deſſen rauſchender Fall mir ſonſt oft Sinn⸗ bild von Ideen ward, die ich erſt jetzt ganz faßte. Da ſtand Selim vor mir, er, der mich ehemals liebte, und von mir verſchmaͤht ward. Doch nein, Selim, verſchmaͤhte ich dich? Nein, dafuͤr buͤrgt mir mein Herz! Nein, nur Selmar war mehr fuͤr mich, war mir lieber, ſtand gegen dich— ſo waͤhnte die Sterbliche— auf zu erhabener Stufe, um dir nachzuſtehn. O wie ſah ich dich damals, und ihn! und wie erblickt' ich euch jetzt!— Erde, mein Mutterland, und ihr geſchaͤrfteren Blicke, ſollt ihr mir, der Ewiggluͤcklichen, nichts als Leiden gewaͤhren? Selim hatte meine Entſcheidung fuͤr Sel⸗ mar ertragen— ertragen, mit Verluſt ſeines halben Daſeins. Jetzt erfuhr er meinen Tod, und— er mußte mir ſein ganzes opfern, um(er hoffte es) dort bei mir zu ſeyn. Schon war der Strom bereit ihn zu empfan⸗ gen: da rettete ihn mein umfaſſender Arm. 49 Er entſchlummerte unter der Trauerweide, und ſah im erquickenden Traume, wie alles ſo gut iſt, was die Vorſicht beſchloß, wie dieſſeit des Grabes noch Freuden, ſelbſt der bangen Ver⸗ zweiflung bluͤhen, wie Tugend und Thatenbe⸗ gierde endlich Vergeſſenheit bringt; und druͤben uͤber den Graͤbern winkt heiliges Wiederſehen! So endete der Traum— dort, Selim, harrt deine Minona, ſie, die jetzo dich kennt, und nur noch Thaten von dir fordert, um dort dich zu krönen! 4 Neine Ruͤckkehr in mein ehemals ſo freu⸗ denvolles Haus, die Wohnung der Ruhe und ſeliger Liebe, gab mir ſtets neuen Kummer; freude⸗, liebe⸗, ruhevoll war es, das wußte ich jetzt, ſchon damals blos fuͤr meinen begluͤk⸗ kenden Wahn geweſen. Die Stuͤrme der Leidenſchaft, die hier ge⸗ tobt hatten, wenn in mir alles, friedliche, taͤu⸗ ſchende Stille war, ſahe ich jetzt in Coͤleſtens und Selmars Herzen. Ich belauſchte beide, und ganz mit ihnen ausgeſoͤhnt—(koͤnnten X. f. F. IV. H. 4. 50 Himmliſche zuͤrnen?) ſann ich, beiden zu hela fen. Bei Coleſten hoffte ich es zu koͤnnen, bei Selmar zweifelte ich. Selmar hatte Co⸗ leſten bei meinem Leben geliebt, weil ſie ihn liebte, und weil er ſtets einen neuen Gegen⸗ ſtand lieben mußte. Coͤleſte war nicht ſchoͤn, und Selmars Herz hing an Schoͤnheit. Ich, bei meinem Leben, bei weitem die Schoͤnſte unter allen meinen Geſpielen, wuͤrde ihn ewig gefeſſelt haben— waͤr' ich nicht ſein Eigen⸗ thum geweſen. Coͤleſten harrte das naͤmliche Schickſal, ſollte ſie einſt ſein werden. Doch an Coͤleſten dachte er nicht, obgleich der Ent⸗ ſchluß, mir bald eine Nachfolgerin zu eüen ſchon laͤngſt da war. Coͤleſte rang indeſſen mit der wildeſten Lei⸗ denſchaft fuͤr den, der ſie jetzt nicht mehr ach⸗ tete. Ich beobachtete ſie wachend und im Traum; ich fand, daß alles, was von ihrem beſſern Selbſt noch uͤbrig war, verloren gehen wuͤrde, ſollte ſie ungluͤcklich ſeyn. O ihr ge⸗ ruͤhmten Tugendheldinnen, ihr wißt nicht, wie oft die Glorie, die euch umgiebt, eine Folge des ebenen Pfades iſt, den euch das Schickſal 51 leitet! Auf ruhigen Gewaͤſſern, vom heitern Himmel angelacht, ſchwimmt das ſtolze, ver⸗ goldete Schiff mit ſeinen froͤhlichen bunten Wimpeln gluͤcklich dem Hafen zu: wie wuͤrde es in Stuͤrmen ſich halten? Innig jammerte mich Coͤleſte; entſchul⸗ digen konnte ich ſie nicht, aber— ein Ein⸗ griff in ihr Schickſal war mir verſtattet— ich wollte ihr helfen! Sie lag in ſchwerem, ſieberhaftem Schlummer; ich hauchte ſie an, da kam ihrem Koͤrper Geſundheit zuruͤck, da bluͤh⸗ ten auf ihren Wangen Roſen auf, wie nie hier gebluͤht hatten, da gewannen ihre Zuͤge einen Reitz, den ſie zuvor nie beſaßen, da verbreitete ſich uͤber ihr ganzes Weſen ein Et⸗ was, dem nur der Ausdruck einer guten Seele fehlte, um bezaubernd zu ſeyn. Nun, ich hoffte ja, durch Gluͤck werde Coͤleſte gebeſſert werden; die Vollendung ihres Reitzes, die Er⸗ fuͤllung ihrer Wuͤnſche hing nun von ihr ab. Ich entfloh. Ich mochte nicht Zeuge von Coͤleſtens kindiſchem Triumf vor ihrem Spiegel, mochte nicht Zeuge von den andern Folgen ihrer Verwandlung ſeyn: ich wußte ſie voraus. 52 Nicht die hohe Schoͤnheit, die ſie nun beſaß, nur Neuheit war nöͤthig, ihr ihren Selmar zu gewinnen. Ich belauſchte jetzt, da ich in Selmars Hauſe nur die kleine Wohnung meiner Minona beſuchen mochte, und ſie immer in Annens, meiner ſichtbaren Stellvertreterin Armen, wohl fand— ich belauſchte jetzt faſt taͤglich Selim, und ich war uͤbel mit ihm zufrieden. Der Vorgang am Strome hatte ſein Leben gerettet, aber er war zu außerordentlich geweſen, um ſeiner Lebensweiſe die Wendung zu geben, die ihm die beſte war. Statt Ruhe, Thatenbe⸗ gierde, und ſtiller froher Hoffnung auf jenes Jenſeit, das euch allen ja ſo nah iſt, bemerkte ich in ihm die Glut der gefaͤhrlichſten Schwaͤr⸗ merei. Sein Herz hing mehr an mir, als zuvor je. Er kam nicht von der Stelle, wo ich ihm bemerkbar ward; er hoffte meinen Schatten wiederzuſehn; er dachte nichts als jenen Traum, der ſein Herz heilen ſollte.— Ach wie ſchwach, wie unwiſſend war ich noch in der Kunſt, Sterblichen zu helfen!— Ich machte hier gut, was ich konnte. Tauſend Schrecken trieben ihn von der Stelle hinweg, die ſeiner Phantaſie gefaͤhrlich war, tauſend Zufaͤlle riſſen ihn zur Thaͤtigkeit hin, zuletzt labte ihn ein Tropfen Vergeſſenheit. Als ich in der Folge der Erde ganz entfloh, Habe 4s ihn Ltacslich verlaſſen. Cdleſte war Selmars Gattin geworden; ich ſahe ſie lieber Mutter meiner Minona, als eine andere. Und ſie ſelbſt—? Nun, ſie hatte ja jetzt, was ſie ſich wuͤnſchte. Auch Selmar beſaß ſeinen Wunſch, die ſchoͤnſte der Sterblichen, eine Gattin, die mehr fuͤr die Welt gebildet, als vormals ſeine Minona, die ihn in allen Zirkeln rauſchender Vergnuͤgungen begleitete, und keinen ſeiner Tage an neuen Zer⸗ ſtreuungen leer ließ. Mein Liebling, meine kleine Minona— 7 Sie ward vergeſſen, aber ſie fuͤhlte es nicht an Annens Seite. Unablaͤſſig war ich bei ihnen im kleinen, duͤſtern Zimmer, und ein 54 fühlbares Wohlbehagen umgab ſie, wenn ich herein ſchwebte. Ihnen erſcheinen konnte ich nicht wollen; welche Kraftaͤußerung der Geiſter dieſes bewirkt, ob hoͤhere Naturen es koͤnnen, wußt' ich nicht, aber bald ſahe ich, daß der reine Kinderſinn den Engeln nahe genug ver⸗ wandt iſt, um Vorſtellungen von ihnen zu bewirken. Wie oft ſprach Minona zu ihrer treuen Gefaͤhrtin: Mutter, hier iſt mein En⸗ gel! Wie verwebte ſie mich in alle ihre Spiele; wie leicht machte ſie es mir, ihrem zarten Her⸗ zen Eindruͤcke zu geben, die ſie nie ganz verlor! I O Minona, in deiner Naͤhe fand ich mei⸗ nen Himmel wieder! Was haͤtte ich dir alles ſeyn moͤgen! Aber ich war ein ſchwaches, end⸗ liches Weſen; war nicht einmal ſtark genug, irdiſches Ungluͤck ganz von dir abzuwenden! Hiervon nur Eine Probe! Nach einem der Tage, die in Selmars Zauſe gewoͤhnlich durchſchwaͤrmt wurden, ſchwebte ich ſpaͤt des Abends herein— nicht eher, denn ich hatte meinen Selim heute in die Arme einer guten Gattin geleitet. Da ahnete ich 55 im Hereinſchweben das furchtbare Element, das, als treuer Lebensgefaͤrthe, von den Sterb⸗ lichen gefeſſelt und verwahrt, ruhig an ihrer Seite ſchlummert, aber durch Unachtſamkeit ſeiner Bande entledigt, zum verzehrenden Un⸗ geheuer wird: ich ahnete— Feuer!— Schon wuͤthete es in einem entfernten Theile des Hauſes, wo Selmar ſeine Orgien gefeiert hatte. Die trunkenen Bedienten ſchliefen, Herr und Frau waren ihren Gaͤſten zu einer neuen naͤchtlichen Luſtbarkeit gefolgt, die bis an den Morgen dauern ſollte. Meine Minona war, wie gewoͤhnlich, vergeſſen. Zitternd ſchwebte ich zu ihr herein. Eben klagte ſie: Sie koͤnne nicht ſchlafen, ihr Engel ſei heute nicht bei ihr geweſen! Angſtvoll und ohnmaͤchtig, das Ungluͤck zu hindern, das immer naͤher kam, braußte ich wie ein Sturm durch das Zimmer; Anne ſchauderte, und ging zu Bette.— Druͤben, wo die Flammen wuͤtheten, hatte ich ſchon aͤhnliche Mittel gebraucht, die Trunkenen zu wecken. Sie hatten mich gehoͤrt, aber nicht verſtanden. Furchtſam uͤber geahnete Geiſter⸗ 56— naͤhe, huͤllten ſie ſich dichter zuſammen, und das Ungluͤck ward immer unvermeidlicher. Stumpfſinnige Sterbliche! wie ſollen Geiſter ſich euch verſtaͤndlich machen? Angſtvoll war ich wieder bei Minona! Mir blieb nichts uͤbrig, als der Traum, in welchem wir noch am erſten etwas vermoͤgen. Anne traͤumte von wuͤthenden Flammen, ſie warf ſich unruhig hin und her, und vermochte nicht zu erwachen. Minona wachte noch, ihrer Phantaſie glaubte ich nicht beikommen zu koͤn⸗ nen; da rief ſie auf einmal, von ſelbſt Annen erweckend: Mutter, es brennt! komm, laß uns fliehen! Wirklich war die Flamme jetzt ſo nahe, daß ohne meine Huͤlfe beide verloren geweſen waͤren. Sie zu retten ward mir Kraft gegeben, aber— Selmars Haus lag in der Aſche!— — Wir haben keine Macht uͤber die Schaͤtze der Erde, und haͤtten wir ſie, wir wuͤrden ſie nicht brauchen. Armer Selmar! Arme Coͤ⸗ leſte! wie ſollte ich euch helfen? 562 Sie zogen mit Minona auf ein kleines Gut, und ich konnte zu ihrem Empor⸗ kommen nichts thun, als daß ich ihre Aecker reicher tragen, ihre Gaͤrten beſſer bluͤhen machte, und was ſie beſaßen vor Betrug und Schaden behuͤtete. Sie waren ſehr ungluͤck⸗ lich, denn ſie hatten ihr Liebſtes verloren. Zerſtreuung und Schmeichelei waren nicht mit ihnen in die Einſamkeit geflohen: ach ſchmerz⸗ lich vermißten ſie dieſe beiden laͤchelnden Un⸗ holde, und vergaßen das Gluͤck an ihrer Seite— laͤndliche Ruhe und Ueberfluß, und meine Minona, die in ihrem kleinen Selbſt einen Schatz von Gluͤckſeligkeit fuͤr Engel, wie vielmehr fuͤr gute Sterbliche verſchloß! Minona wuchs heran. Ihr Herz behielt ſeine Reinheit und Guͤte, aber ihre Organe wurden groͤber. Ich war immer um ſie, aber ihr Auge bemerkte mich nicht mehr, ſie ſahe nicht mehr ihren Engel.— Jetzt war es Zeit, ihr einen irdiſchen Schutzgeiſt zuzugeſel⸗ len; der Einfluß ihres himmliſchen konnte ihre 38—— Bildung fuͤr das Land, in welchem ſie leben follte, nicht allein bewirken.. Selmar hatte ſein laͤndliches Hans eraa ſen, um— ſo hatte er Cöleſten, welche zu⸗ ruͤckblieb, geſagt— unter anderen Himmeln vermuthetes Gluͤck, verneueten Ueberfluß fuͤr ſich und ſie aufzuſuchen, und reich— dies war ſein hoͤchſter Wunſch— reich dann wie⸗ derzukehren. Coͤleſte war mit dem Endzweck der Reiſe, ſo wie mit der Reiſe ſelbſt, zufrie⸗ den; auch war ſie mit den eigentlichen Urſa⸗ chen derſelben recht wol einverſtanden. Man brauchte kein Geiſt aus einer andern Welt zu ſeyn, um zu ſehen, Selmar ſloh eigentlich die laͤndliche Einfoͤrmigkeit und Coͤleſten, die er, ach ſchon laͤngſt! nicht mehr liebte. Auch ſie war jetzt mehr als kalt gegen ihn, den Heiß⸗ gewuͤnſchten. Sie wuͤrde ehemals geſtorben ſeyn, haͤtte ſie ihn nicht erhalten: und jetzt— 2 Muß man denn euch Erdenbuͤrger ſchlechter⸗ dings erſt durch Erfuͤllung eurer Wuͤnſche hoͤchſt elend werden laſſen, ehe ihr den Winken theilnehmender Geiſter, der verkannten War⸗ nung in eurem Innern glaubt?— An War⸗ 59 nung hatte es Coͤleſten ehemals nicht gefehlt; der Moͤglichkeit, Selmars Gattin zu werden, die ich herbei fuͤhrte, gingen ahnender Gefuͤhle, von mir erregt, viele vorher, und noch deut⸗ licher als ich warnten treue Freunde; auch kannte ſie ja Selmarn ſelbſt— ſie wußte wie er gegen Minona Gehanndelt hatte! Cöleſten beunruhigte jetzt mehr, a1s Sel⸗ mars Abſchied, die Einfoͤrmigkeit des Landle⸗ bens, dem ſie treu bleiben mußte. Doch ſie war noch ſchoͤn; die Reitze, vom Geiſterhauch herbei gezaubert, ſchienen unverwelklich. Gern kam man, ihre Einſamkeit mit ihr zu theilen — denn ſie war auch geiſtreich. So beſaß ſie Schadloshaltung genug fuͤr ihre Wuͤnſche; waͤren ſie nur immer in den Sohranken der Tugend geblieben! Ich entfernte von den Augen meiner Mi⸗ nona, was die Reinheit und Ruhe ihrer Seele ſtoͤren konnte. Coͤleſte haßte Minonen nicht, und heiß ward ſie von der Unſchuldigen ge⸗ liebt. Beide ſahen ſich nur in ſeltenen einſa⸗ men Stunden; gern entfernte die Mutter die 60 Tochter von ihren Reiſenuenan und e ließ ſich dieſe entfernen. Miinonens Hang zur Einſamkeit war ent⸗ ſchieden. Truͤbſinn lag nicht in ihrer heitern Seele; duͤſtre Lehren, die man ihr gab, um⸗ woͤlkten dieſen Himmel. O Kind meines Her⸗ zens! die hoͤchſten Gegenſtaͤnde des Wiſſens und der Freude, Gott, Vorſehung, Zukunft und Tugend, huͤllte man dir in finſtre Schleier! Doch du bliebſt dem Glauben an die Himmli⸗ ſchen treu— treu, auch in der abſchreckenden Hälle, und erhoͤhteſt dadurch deine Triumphe. Beſſer als jene, lehrte ich meine Tochter in der heiligen Stille ihres Herzens. Alles was ſie ſich heiterer dachte, als ſie gelehrt war; jeden Tugendweg, den ſie ſich leichter erſann, als man ihn ihr vorzeichnete, hielt ſie fuͤr eignes Gefuͤhl, und oft— mistraute ſie ihm. Minona, du konnteſt ihm trauen! es war die Stimme deines Genius! Streng gegen ſich ſelbſt, jeder Pflicht bis zum Uebermaß getreu, wuchs ſie heran, die ſchoͤnſte der Seelen. Ich ſpielte eine Abſchrift, die ich einſt von jenem richtenden Blatte ge⸗ 61 nommen hatte, und die noch irgendwo, Coͤle⸗ ſten unbewußt, da war, in Minonens Haͤnde; ſie las, las wieder, und ſie lachte, ſie ver⸗ nichtete nicht: heiliger Ernſt ergriff ſie, ewig, ewig der Wahrheit treu zu bleiben. Schoͤn war auch Minonens aͤußere Huͤlle. Hier brauchte kein Geiſterhauch Reitze hervor⸗ zuzaubern, die nicht da waren, auch wuͤrde ich hier es nie gethan haben; Schoͤnheit war fuͤr Minonen kein Beduͤrfnis, weder zu irdi⸗ ſchem Gluͤck, noch zu innerer Selbſtzufrieden⸗ heit. Auch wuͤrde ſie, ganz von der Natur vernachlaͤſſigt, immer hoͤchſt einnehmend gewe⸗ ſen ſeyn: denn welchen Zauber haͤtte ihr Geiſt, ihre himmliſche Seele, auch der unanſehnlich⸗ ſten Huͤlle gegeben! Doch Minona war auch mit hohem Reitz, der Anwartſchaft auf viel Erdengluͤck und viele Leiden, ausgeſtattet. Ich ſpaͤhte in der Zukunft umher, und— verſchloß meine Augen! Was ich hindern, was ich len⸗ ken konnte und durfte, ſollte meiner Wachſam⸗ keit nicht entgehen. Jetzt waren wir noch gluͤcklich. Ich und mein Schutzkind feierten jetzt unſere ſeligſten Tage— wir und unſere 62 Anne. Meine Minona, in vollem Aufbluͤhn von Jugend und Schoͤnheit, mit vollem har⸗ moniſchen Gefuͤhl fuͤr die ſchoͤne Natur, die ſie umgab; ohne ſtuͤrmiſche Wuͤnſche nach einer Zukunft, die im Roſenlicht vor ihr lag, und die ſie mit heiterer Ruhe erwartete; Anna, im Vollgenuß der Vorzuͤge ihres Kindes, mit behaglicher Ruhe des Alters, und ſuͤßem ahnen⸗ den Gefuͤhl von Geiſternaͤhe, die der lieben, ſchwaͤrmeriſchen Seele ſo wohlthat, alle ihre Handlungen heiligte, und ihr die nahe Aus⸗ ſicht auf das Grab, die ihre Jahre zu fordern ſchienen, zauberiſch vergoldete; ich, triumphi⸗ rend in beiden, kann es ſeligere Weſen geben? Noch ſchlief die Phantaſie meiner Minona, noch malte ſie ihr keine irdiſchen Gluͤckſeligkei⸗ ten aus, und Anna war zu weiſe, ſie nach Art bejahrter Huͤterinnen zu wecken: Mino⸗ nens Unſchuld war ihr ſo heilig als mir; um dieſe zu bewahren, entruͤckte ſie ihr alles, was in Coͤleſtens entferntem Revier vorging, und was, wenn auch nicht Tugend verletzt,(Coͤleſte blieb immer in den Grenzen des Anſtands) doch Leichtſinn beguͤnſtigt haben wuͤrde. Zu 63 den ſchuͤtzenden beiden Genien, die Minona hatte, dem ſichtbaren und dem unſichtbaren, geſellte ſie noch einen dritten, den Fleiß. Was begriff und uͤbte Minona, nach Lehre duͤrſtend, nicht alles! Vollkommenheit in allen war ihr Wunſch und ihr Streben, und, von Geiſterhand geleitet, mußte ſie ſich ihr naͤhern. Noch hatte ich, ob mir es gleich vergoͤnnt war, mir keinen Eingriff in den natuͤrlichen Lauf der Dinge, die meinen Liebling betrafen, verſtattet; aber jedes zu Lernende ihr leicht, in jedem Gelernten ſie unuͤbertrefflich zu ma⸗ chen, dies war ein ſuͤßes Spiel, was ich mir gern erlaubte. Minona fuͤhlte den Genius in ſich, und eben weil ſie ihn fuͤhlte, war jedem Stolz, jedem Eigenduͤnkel der Zugang zu ihrer Seele verſperrt. So gebildet, wer haͤtte je fuͤr Minonens Tugend fuͤrchten ſollen! Fuͤr ihr Herz haͤtte man fuͤrchten koͤnnen. Der Fruͤhling, der ſpaͤtere Fruͤhling des Lebens, wo die Ruhe auch des beſten Herzens leicht durch Anhaͤng⸗ lichkeit an ein Weſen außer uns beeintraͤchtigt wird, drohte bei Minonens Zartgefuͤhl Gefahr; —C—C—C—— 64 doch das Schickſal half, daß manches Jahr, von andern jungen Maͤdchen ſchon laͤngſt in truͤgeriſchem Streben und Sehnen vertraͤumt, gluͤcklich voruͤberftloß.— Es gefiel der Vor⸗ ſicht, ſie rauhe Wege zu leiten. Coͤleſte hatte nie kluge Wirthlichkeit gekannt; ſo mußte es geſchehen, daß ſich zuletzt Man⸗ gel und Armuth in ihre Wohnung draͤngte. Sie hatte mit den Kraͤften ihres Lebens eben ſo uͤbel hausgehalten, als mit ihren Guͤtern; ſo mußte endlich Krankheit und Elend ihr Theil werden. Minona und Anna waren die Einzigen, die der Ungluͤcklichen, als alles ſie verließ, uͤbrig blieben. Unablaͤſſig ſtrebten beide den geringen noch uͤbrigen Wohlſtand des Hauſes zu erhalten, unablaͤſſig wachten beide an dem Bette der Schmerzen. O meine Minona! dir ward jetzt auch das Gluͤck gege⸗ ben, fuͤr die Nothwendigkeit zu arbeiten, wie du bisher fuͤr das Vergnuͤgen und eigne Ver⸗ edlung gearbeitet hatteſt. Am Lager der durch Ungluͤck gebeſſerten Mutter— deine fromme Seele ahnete es nicht, daß ſie erſt jetzt gut ward,— entflohen dir Tage fuͤr die Ewig⸗ —— keit, die andere deines Alters um nichts ver⸗ ſchleudern. Anne ſagte Minonen einſt einige Worte dieſer Art, Minona laͤchelte beſcheiden, und ließ die gute Alte bemerken, wie wenig hierin auf die Rechnung frei waͤhlender Tu⸗ gend komme; wie hier ſo alles Schuldigkeit, Nothwendigkeit ſei: Minona berechnete nicht, wie ganz ungebunden ſie handelte, wie willig und aufopfernd ſie alles was ſie that, auch ohne unausweichbares Pflichtgebot, gethan haben wuͤrde! Minona war nur eine Sterbliche, keine Buͤrgerin beſſerer Welt: ihr Koͤrper war nicht ſtark genug, mit dem thatenbegierigen Geiſte gleichen Schritt zu gehen, und alle ſeine Auf⸗ opferungen zu tragen; ihre zarte Huͤlle ward zerruͤttet; der Gram, die leiden, rettungslos leiden zu ſehen, die ſie liebte, griff, indem er an ihrer Seele nagte, auch die Kraͤfte ihres Koͤrpers an. Sie waͤre geſunken, haͤtte die, welche ſie ſtuͤtzen mußte, nicht endlich das Grab genommen. Coͤleſte ſtarb. Druͤben um⸗ armte ich die durch Elend gereinigte Seele mit dem Kuß der Verſoͤhnung. J. f. F. IV. H. 66— Anna hatte zu der kranken Minona Ret⸗ tung den Arzt gerufen; dem guten Elwin ward es leicht, die unverdorbene Huͤlle der ſtarken Seele wieder herzuſtellen— eine un⸗ ſichtbare Hand war's, die ihn leitete. Ach, als er Minonens Leben rettete, gab er ſeiner Ruhe den Tod! Welcher Juͤngling konnte Minonen ſehen ohne Liebe und Verlangen! Elwin haͤtte gluͤcklich ſeyn koͤnnen, ich und Anna beguͤnſtigten ihn; auch war er reich und angeſehen, um des wiederkehrenden Vaters Wort zu gewinnen. Gern, guter Elwin, haͤtte ich Minonens Gluͤck in deinen Haͤnden geſi⸗ chert, doch ſie— nach Coͤleſtens Tode mehr in himmliſchen Welten lebend als je, fioh irdi⸗ ſche Bande; ſie war kraͤnklich, ſie hing von dem Willen eines ſtrengen Vaters ab, kurz— ſie fuͤhlte nichts fuͤr ihren Retter, als Dank⸗ barkeit. O in einem Herzen wie Minonens war Dankbarkeit und Freundſchaft ſo heiß, ſo beſe⸗ ligend, wie bei andern Liebe! Unſchuld, Tu⸗ gend, Pflichtgefuͤhl, bei naͤherer Verbindung haͤtten beide zu heiliger Liebe gereift! Mi⸗ 67 nona— zum erſtenmale widerſtrebteſt du der Leitung deines Schutzgeiſtes!— Du wuß⸗ teſt es nicht, daß mit Elwin du jedes Er⸗ dengluͤck aufgabſt! Doch war Minona gern um ihren edeln Freund, wir konnten noch hoffen. Auch hoͤhere Geiſter ſind beſchraͤnkt, auch ſie kennen truͤg— liche Hoffnungen, die oft das Schickſal mit Einem Schlage zertruͤmmert. Elwin erwartete viel von der Ruͤckkehr Selmars, dem man nun in Minonens einſamen Hauſe mit jedem Tage entgegen ſah. Das Geruͤcht erſcholl: Er kommt! und Minona an Elwins Hand wollte ihm entgegen. Es war einer der ſchwuͤlſten Juliusabende; die nahende Nacht kuͤhlte die unleidliche Hitze des brennenden Tages nicht. Noch war der Himmel heiter, aber die Luft rund umher war elektriſch, und Gewitterwolken waren es, die mich, dieſen Tag in hoͤhern Regionen be⸗ ſchaͤftigt, am Abend zu meinem Liebling getra⸗ gen hatten. Die hinter den Gebirgen zucken⸗ den Blitze ſah man im Thale noch nicht, man kannte die nahende Gefahr nicht, und 68 uͤberhaupt, was verſtehen die Sterblichen von dem Kampf der Elemente? welch warnendes Gefuͤhl ſchuͤtzt ſie vor drohendem Ungluͤck? Ich ſelbſt fuͤhlte es diesmal nur dunkel: eine hoͤhere Hand beſchraͤnkte meine Blicke. Nur dies empfand ich, ich muͤſſe zu Linderung der Angſt, die mich herbeitrieb, meine Lieblinge beide an Annens Seite in ihrer ſichern Heimath treffen. Im Thale wehten gekuͤhlte Luͤfte, ein mil⸗ der Regen hatte die Aue getraͤnkt, die einzige finſtere Wolke, die noch am gereinigten Him⸗ mel dahin zog, umguͤrtete ein Regenbogen; alle Blumenkelche waren aufgeſchloſſen und ath⸗ meten Wohlgeruch, und im reifenden Weizen⸗ felde ließ ſich die Wachtel froͤhlich hoͤren. Mich taͤuſchte dieſes Bild der Ruhe nicht. Ich ſah Elwin und Minonen uͤber die Ebene eilen, dem kommenden Selmar entgegen. Da beſiel mich ein Schauer, wie ihn nur Geiſter empfinden koͤnnen. Ich faßte alle Schrecken zuſammen, die ich in meiner Ohnmacht gewinnen konnte. Ich wollte die Kommenden durch einen Sturm⸗ wind in die Sicherheit zuruͤckjagen, und es war nur eine Wolke von Staub, die ich ihnen ent⸗ 69 gegen kraͤuſelte; ich wollte Baͤume vor ihnen niederſtuͤrzen, und ich nahm nur Minonen ihren Schleier. Ich rief hoͤrbar, wie ich glaubte: Rette, rette dich, Elwin! rette dich, dinona! Sie ſahen zuruͤck und glaubten die rufende Anne zu hoͤren, die, wie mit mir ein⸗ verſtanden, heute auch vergeblich gewarnt hatte. Deutlicher, als wir, warnte jetzt der Him⸗ mel, Gebirge von ſchweren Wolken waͤlzten ſich uͤber die flammenden Berge herein, die Sonne tauchte ſie in Blut, die ganze Gegend ſchwamm im Feuer. Elwin zog Minonen zu⸗ ruͤck, doch druͤben war ſchon Selmars Wagen ſichtbar; ihn zu erreichen, und mit ihm zuruͤck⸗ zukehren war leichter, als unter den ſchweren Tropfen, die der Himmel bereits herabſchuͤttete, zum Hauſe zu fliehen.— Noch einmal rief ich: Elwin!— Doch— der Todesengel, ihn ſah' ich jetzt deutlich, winkte, und ſein Opfer eilte ihm entgegen!. Schon war der Wagen ganz nah. Man hatte ſich zugerufen. Der Schlag war geoͤff⸗ net, die Kommenden, die Selmar nicht kennen konnte, einzunehmen: da fiel ein Blitz, den kein hier hoͤrbarer Donner begleitete, und— El⸗ win ſank an Minonens Seite entſeelt darnieder! — Wer kann die Wege der Vorſicht meiſtern, wer ihre Abſichten enthuͤllen? Elwins fruͤhe Belohnung fuͤr noch an dieſem ſchoͤnen, ſchreck⸗ lichen Tage gehaͤufte Edelthaten, Selmars Er⸗ ſchuͤtterung, und Minonens gaͤnzliche Los⸗ reißung von der Erde, welche, wie es ſchien, fuͤr ſie kein Gluͤck hatte— dies waren die Gedanken der ſinnenden Anna, als ein großer Raum von verfloſſener Zeit Nachdenken uͤber das erlaubte, was man Anfangs— kaum empfinden— nein, nur halb ſinnlos wahr⸗ nehmen konnte. Dieſe erſten Zeiten voll Sturms und un⸗ nennbarer Schauer ſind nicht die Momente gluͤcklicher Schilderungen; eines jeden Phan⸗ taſie malt hier am ſicherſten, und ich— 7 zu fremd waͤren die Bilder, die ich euch geben koͤnnte, um ganz von euch verſtanden zu werden. Auf der Stelle, wo ich die Seele des fruͤhbegluͤckten Elwins in den Armen ſeines 71 Schutzgeiſtes zum beſſern Leben begruͤßte, deckte ſeine Aſche ein Stein, von des reich wieder⸗ kehrenden Selmars Prachtliebe nicht ſo herr⸗ lich geſchmuͤckt, als von Minonens Thraͤnen, die nun ſeit laͤnger als einem Jahre hier taͤg⸗ lich floſſen. Oft waren es Thraͤnen ahnender Freude; und weit wahrer, weit reiner und inniger, als mir einſt Coͤleſte, rufte Minona Elwin nach: Du biſt frei! frei, wie auch ich einſt frei ſeyn werde! Viel hatte Minona in dieſem Jahre erfah⸗ ren, viel, das dieſen Wunſch zu heißer Sehn⸗ ſucht entzuͤnden mußte! Ihre Neigung fuͤr ihren Freund Elwin war herzlich und redlich geweſen, aber nicht ſo, daß ſie, ſelbſt mit ſei⸗ nem erſchuͤtternden Tode zuſammengenommen, dieſe Lebensmuͤdigkeit erſchaffen konnte. Das Gefuͤhl einer durch Leiden geſchwaͤchten, den Geiſt immer mehr beengenden Huͤlle war es auch nicht allein; ach Minonen druͤckten andre Bande! Ihr habt die Ruͤckkunft des reichen Sel⸗ mar geſehen, und ihr koͤnnt denken, welche Aenderung ſie mit ſich bringen mußte. Ihr 72 habt geſehen, was er ehemals war, und ihr koͤnnt urtheilen, was er jetzo ſeyn mußte. Zwar nicht mehr der wilde Luͤſtling, als vor⸗ dem, aber ein vom Genuß uͤberſaͤttigter Mann ohne Grundſaͤtze. Zwar nicht mehr nach Schaͤtzen geizend, wie vordem, aber eben ſo leidenſchaftlich bemuͤht, das, was er errungen hatte, fuͤr Minona zu nuͤtzen. Minona, die gute, die talentvolle, ach— noch mehr fuͤr ihn!— die himmliſchſchoͤne Minona mußte durch das glaͤnzendſte Loos ausgezeichnet wer⸗ den, und kein Mittel blieb unverſucht, ihr dieſes zu ſichern. Die Wohnung laͤndlicher Ruhe ward bis zum Uebermaß verſchoͤnert. In der Stadt, in welcher Selmar ehemals mit mir und Coͤ⸗ leſten wohnte, ſtieg ſein Haus groͤßer und praͤchtiger als zuvor aus der Aſche auf; die Feſte begannen von neuem, und Minona war die Koͤnigin derſelben. Eine Gottheit erſchien, wenn ſie ſichtbar war; jedes Auge hing an ihren Reitzen, ſo wie das Herz des bezauber⸗ ten Vaters an dem Gluͤck, das er ihr bauen wollte. 73 Es war nicht das Gluͤck, das ſie gewaͤhlt haben wuͤrde. Lang blieb ſie der Natur und Ein⸗ falt treu; der Glanz, der ſie umgab, blendete, das Geraͤuſch, aus welchem man ſie faſt nimmer ließ, betaͤubte ſie nur, beſonders im Anfang: doch — ſie war eine Sterbliche, ſie war ein Maͤdchen, war kaum neunzehn Jahr alt: auch ſie fuͤhlte endlich die zauberiſchen Feſſeln der Eitelkeit, und dieſe, dieſe waren es, was ſie in beſſern Stunden an Elwins Grabe beweinte. Lang beweinte ſie ſie noch an jener Stelle, da ihr Herz ſie ſchon liebte, und o daß ſie nur nicht haͤrtere Bande, die ſie bald kennen und lieben lernen ſollte, dort haͤtte beweinen muͤſſen! Unter allen Juͤnglingen, durch welche Sel⸗ mar ſeine Tochter an Reichthum und Groͤße verkaufen wollte, war Aret, nicht eben der ſchoͤnſte, der liebenswuͤrdigſte, doch— er war es fuͤr Minona, er war es fuͤr den weiblichen Eigenſinn doppelt, da er nicht wie die andern zu ihren Fuͤßen kroch, und um einen Blick von ihr ſein Leben verſchwor. Sie nannte dieſes den Stolz hoher Tugend, und es war der Stolz eines Standes, der viel zu hoch fuͤr Selmars kuͤhnſte Erwartungen, von Aret ſorgfaͤltig verborgen wurde, um Plane auf Mi⸗ nona, Plane des Laſters, die ihm die Leiden⸗ ſchaft eingab, deſto gluͤcklicher durchfuͤhren zu können. Aret liebte Minonen, wie die Juͤnglinge eures Zeitalters lieben. Minona liebte ihn mit der Liebe eines Engels. O verblendetes Maͤd⸗ chen, haͤtteſt du einſt fuͤr Elwin das Herz ge⸗ habt, das du an einen Unwuͤrdigen hinweg warfſt!—— 1 Ich und Anna glaubten, es ſei nichts weiter nothig, unſern Liebling zu heilen, als daß wir ihr die Augen oͤffneten. Was ich nicht anders als im Traume bewirken konnte, das verſuchte meine treue Helferin, mit weit beſſern Ausſich⸗ ten auf Erfolg, durch den Augenſchein. Brachte ich tauſend zufaͤllige Gelegenheiten herbei, wo Aret ſich zeigen mußte, wie er war, ſo war Anna die Auslegerin ſeiner ſchlecht bewachten Handlungen, und man mußte verblendet ſeyn, verblendet wie Minona, um hier nicht zu ſehen! Sie ſah nicht, ſie wollte nicht ſehen! Sie war eine Sterbliche, ſie ging in den Stricken 75 der Leidenſchaft. Weit fruͤher, als er ihr Nei⸗ gung geſtand, hatte ſich ſchon ihr Herz ihm ver⸗ rathen. Er war ſich mit hohem Triumph be⸗ wußt, daß er geliebt, ſchwaͤrmeriſch geliebt war, und traute nun allen Kuͤnſten heilloſer Verfuͤhrung. Selmar hatte durch mich erfahren, wer Aret war; doch der Stand eines Fuͤrſten, der euch Erdbuͤrgern ſo etwas wichtiges iſt, ſchien dem verblendeten Vater fuͤr ſeinen Liebling eben nicht unerreichbar. Die Ueberzeugung, daß Aret leichtſinnig, daß er laſterhaft war, galt ihm noch weniger; er lachte, und meinte, Stand und Groͤße uͤbertrage viel, und eine tugendhafte Gattin koͤnne leicht aus einem Menſchen einen Engel machen.— Selmar! dies glaubteſt du? widerſprachen dir nicht Erfahrungen deines eige⸗ nen Lebens? Auf Minona wirkten Entdeckungen dieſer Art, da ſie die Wahrheit derſelben nicht mehr ableugnen konnte, ſtaͤrker. Sein Stand benahm ihr jede irdiſche Hoffnung, ſie gelobte ſich mit zerrißnem Herzen Entſagung; aber himmliſch ihn zu lieben wollte ſie nicht aufhoͤren, beſſern wollte ſie ihn; ſie glaubte zu fuͤhlen, dies koͤnne ſie. Thörichtel waͤhnteſt du ein Herz durch Schoͤnheit zu beſſern, das zu gewinnen die Schoͤnheit der goͤttli⸗ chen Tugend zu ſchwach iſt? Schreckliche Zeiten meiner Erinnerung!— Jetzt war's, daß ich zum erſtenmal meinen fuͤr die Verblendete hingegebenen Himmel be⸗ trauerte! Mein Warnen, mein Bitten, mein Trauern, mein Zuͤrnen war umſonſt. Minona trotzte drauf, daß ſie den Weg ſtrenger Tu⸗ gend gehe, unbeſorgt, wohin die Pfade des Irrthums ſie endlich fuͤhren koͤnnten. Jeder Tag brachte neue falſche Schritte, jeder Tag neue Verſuchungen mit ſich. Oft verſuchte ich jetzt, was ich ſonſt nie that, ihr zu erſchei⸗ nen: aber der Schleier, den Wahn und Eitel⸗ keit um ſie gewebt hatten, machte ihre Sinne dem Eindrucke reinerer Naturen unzugaͤnglich. Das beſte, was ich zuweilen bei ihr bewirken konnte, waren Thraͤnen an Elwins Grabe; dort ſahe ſie heller, dort fuͤhlte ſie ihre Feſſeln ganz, dort ſchwur ſie, wie oft! ſie zu zerbre⸗ 72 chen. Doch— dies war zu ſpaͤt; ſie waren, nach ſo mancher verſchmaͤhten Warnung, nach ſo mancher verſaͤumten Gelegenheit, ſo feſt mit ihrem innern Leben verbunden, daß eins mit dem andern vernichtet werden mußte. Minona ward krank; ich hoffte, der Todes⸗ engel ſollte ſie in meine Arme liefern: doch ſie ſollte geneſen, und, o Gluͤck! ſie genaß mit Verluſt eines großen Theils ihrer Schoͤnheit.— Sie trauerte nicht uͤber die Entdeckung, die ſie in ihrem Spiegel machte. Siehſt du, Anna, ſagte ſie immer noch himmliſch laͤchelnd— denn was konnte die Macht der geiſtigen Reitze ſchwaͤchen, die immer noch durch die zarte irdi⸗ ſche Huͤlle ſtrahlten?— Siehſt du? nun wirſt du mir glauben, daß Aret, nicht bluͤhende Wangen und funkelnde Augen, nein, daß er die Schoͤn⸗ heit der goͤttlichen Tugend in mir liebte!— Anne laͤchelte mitleidig, und ich beweinte mit Thraͤnen der Engel den Wahn der Verblen⸗ deten. Aret kam, auch er weinte zu Minonens Fuͤßen. Ach er beweinte die Vernichtung ſei⸗ ner Gottheit! Er kam nicht wieder. Er war 78 ſchnell zuruͤckberufen worden. Das Land war eines feindlichen Ueberfalls gewaͤrtig. Er mußte in den Krieg. Seine Nuͤckkehr war ungewiß, war hoͤchſt zweifelhaft!— Genug— Minona mußte uͤberzeugt werden von dem, was ſie nie glauben wollte, und— dieſe Ueberzeugung legte den Samen des Todes in ihr Inneres. Sie kam von ihrem Lager auf, ihre Schoͤn⸗ heit bluͤhte ſchoͤner und ruͤhrender als je zuvor, aber— ihr Herz war gebrochen. Es kam bald dahin, daß ſie ſich nur muͤhſam zu Elwins Gra⸗ be ſchleppen konnte. Taͤglich, taͤglich ſahe ſie es jetzt! Linderung fand ſie nur dort, ihre ſuͤße⸗ ſten Stunden verlebte ſie in ſeinem Schatten. Eitelkeit und Leichtſinn, jene Daͤmonen, die mir ſo lange den Zugang zu ihrem innern Sinn ver⸗ ſchloſſen hatten, verbannte die Naͤhe des Todes. Einſt, ohne daß ich es geſucht oder gewollt hatte, erblickte ſie mich, mich, die immer um ſie war, unter der hohen Cypreſſe beim Grab⸗ mal. Schaudernd, doch voll ahnender Freude, eilte ſie nach dem Hauſe zuruͤck. Mutter! ſagte ſie zu ihrer treuen Anna, ich habe meinen Engel wiedergeſehen! Was das wol bedeuten mag? .—— Noch einmal ſah ſie mich, als ſie ſchon nicht mehr im Stande war, ihr Lager zu verlaſſen. Sie richtete ſich auf und ſah mit geſchaͤrf⸗ tem Blick nach dem, was ſonſt niemand wahr⸗ nahm; ſie horchte auf Toͤne, die, ſo duͤnkte es ihr, ihrer Harfe entquollen. O es iſt mein En⸗ gel! rief ſie, und Freudenthraͤnen entſchluͤpften dem brechenden Auge. Er kommt! er ruft mich von hinnen! Leb wohl, treue Anna, leb wohl! Dort ſehen wir uns wieder! Selmar begrub ſeine Tochter neben Elwin. Er troͤſtete ſich bald uͤber ſie; ſeit ihre Schoͤnheit nicht mehr zauberiſch genug bluͤhte, um ihr Erdengluͤck zu verſprechen, ſeit ſeine Plane auf Aret geſcheitert waren, war ſie ihm wenig mehr, und jetzt— warb er ſelbſt um eine neue Coͤleſte. B. 79 8⁰— Kinder, nur nicht oben hinaus! — Meine Mutter hatte die ſeltſame, aber gewiß auch heilſame Gewohnheit, uns Kindern von klein an gewiſſe Sprichwoͤrterchen oder Weid⸗ ſpruͤchelchen vorzuſagen, und immer wieder vorzuſagen. Wir verſtanden ſie zwar zum Theil Anfangs nicht ganz, ſie kamen uns zu⸗ weilen auch ſehr unerwuͤnſcht in die Quere: ſie hatten aber, wie wir ſpaͤter erfuhren, viel Gutes, und waren vielleicht von weit meh⸗ rerm und weit wohlthaͤtigerm Einfluß auf unſer ganzes Leben, als es ſich anſchlagen laͤßt. Eins dieſer Spruͤchelchen, und— aufrich⸗ tig geſtanden— gerade eins, das uns Maͤd⸗ chen oft am widrigſten klang, war: Kinder, nur nicht oben hinaus! oder, wie ſie es ausſprach: oben'naus! Je laͤnger ich mich in der Welt umſehe, je mehr finde ich, daß in dieſem Paar Worten ein wahrer Talisman, —— 81 ein Syſtem der Klugheitslehre in der Nuß, ver⸗ ſteckt liegt. Hoͤren Sie mir zu! Mein Arzt beſuchte mich dieſen Morgen. Nun, ſagte er faſt verwundert, Sie find' ich doch auch in dieſem moͤrderiſchen Winter immer geſund, friſch und heiter. Haben Sie die klei⸗ nen Praͤſervative gebraucht? haben Sie Sich in Ihrer Diaͤt und Lebensweiſe nach dieſem ungeſunden Jahre bequemt?—„Nein! Ich bleibe, wie auch Andere es treiben moͤgen, bei der Diaͤt und Lebensweiſe, wo nichts oben hinaus will: da brauch' ich kein Bequemen und keine Praͤſervative!⸗— Und mich auch nicht! ſagte er freundlich und ging. Ich beſuchte hernach zwei Freundinnen noch vor dem Eſſen, mit denen ich geſtern Abend auf dem Ball ſehr vergnuͤgt geweſen war. Die Eine lag noch in den Federn, und ich hoͤrte, als ich uͤber den Saal ging, daß ihr Mann in ſei⸗ ner Stube einen Dienſtboten heftig ſchalt, weil er etwas Wichtiges— ich weiß nicht was— vergeſſen habe. Gott weiß, daß ich unſchuldig bin: die Madam hat mir nichts davon ge⸗ ſagt! brummte der alte, treue Diener vor ſich, J. f. F. IV. H. 6 82 als er aus der Stube trat. Und es war wirk⸗ lich ſo: Madam hatte den Auftrag des Mannes verſchlafen oder halb wachend vertraͤumt— denn ſie hatte ſich den Abend ihrer Luſt bis zur Er⸗ ſchoͤpfung uͤberlaſſen.— Die zweite fand ich blaß, das kranke Koͤpfchen verdrießlich in die Hand gelegt. Sie hatte ſich geſtern gar nicht ſatt tanzen koͤnnen, war bis gegen Morgen auf den Beinen geweſen, hatte ſich erſt ſehr erhitzt, dann eben ſo ſehr erkaͤltet: kurz, ſie war heute vielfach ungluͤcklicher, als ſie dieſe Nacht gluͤck⸗ lich geweſen war. Haͤtte doch Eins den beiden lieben Weiberchen: nur nicht oben'naus— an's Herz gelegt! dacht' ich. Nun eilte ich nach Hauſe, denn ich ging einer großen Freude entgegen. Es war meines Mannes Geburtstag. Um ein Uhr koͤmmt er aus der Regierung: es war beſtellt, daß ich jetzt, gegen zwoͤlf, alles zugerichtet finden ſollte. Ich fand auch alles, bis auf eins— aber freilich eine Hauptſache: keine Blumen! Wo iſt denn der Chriſtian? fragte ich.„Er iſt noch nicht zuruͤck!”— Ich wurde ein wenig unwillig, wie man's denn in Zuruͤſtungen zu einer Freude 88 gar leicht wird. Ich trug zuſammen, ordnete, putzte auf: jetzt war alles fertig, aber noch keine Blumen: und es war drei Viertel auf eins! Ich wollte vor Ungeduld vergehen. End⸗ lich koͤmmt Chriſtian! Ich ſpring' ihm entge⸗ gen; außer Athem ſagt er: er ſei in alle Gaͤr⸗ ten weit und breit herumgelaufen, es ſei nichts zu haben. Ich war heftig, ich ſchmaͤlte, und that, als glaube ich ihm nicht— Madam, ſagte der redliche Menſch betruͤbt— ich daͤchte, Sie ſollten mir's zutrauen, daß ich mich ſelber auf den Geburtstag des Herrn ſo viel freue, daß ich die Blumen geſchaft haͤtte, wenn—— Ja, wenn ſie gleich beim Nachbar zu haben geweſen waͤren! fiel ich ein. Nun, ſagte er mit einem gewiſſen Anſtand und doch beſcheiden— ſchmaͤ⸗ len Sie immer: ich werde mich nicht verant⸗ worten, denn ich habe die Wahrheit geſagt. Er ging, und ich— ſchaͤnte mich. Pfui, ſagte ich zu mir ſelbſt; das war denn doch ein⸗ mal wieder oben'naus! Ich wurde noch mehr beſtraft, denn indem ich noch immer verdrießlich ausſahe, und gar noch nicht begreifen konnte, wie eine Geburts⸗ 84— tags⸗Beſcherung ohne Blumen huͤbſch ausfal⸗ len koͤnne— ſtand mein Mann im Zimmer: Was giebt's denn, Liebe? du ſieheſt ja ſo ver⸗ drießlich aus!— Heute, eben heute alſo geheſt du ihm verdrießlich entgegen! rief es in mir, und das Herzchen wollte brechen. Ich ſlog an ſeinen Hals, ich geſtand mit wenig Worten, was ſich begeben hatte, ich— nun, immer heraus! ich weinte wol auch„ein Ge⸗ ſetzchen.“— Nun, laß gut ſeyn! ſagte er und kuͤßte mich. Sei heiter! Du ſelbſt biſt mir die liebſte Blume!— Es half nichts. Nun ſetzte er laͤchelnd hinzu: Und auch die ſchoͤnſte!— Sogar das half nichts!— Er iſt ein kluger und guter Mann: Das ſoll wol alles mein? fing er freundlich an und trat zu den ausgebrei⸗ teten Herrlichkeiten. Da brach's nun erſt recht los. Ein Viertehahr hatt' ich vorgearbeitet: und nun war mir doch die theuer erkaufte Freude in den Brunnen gefallen! Das ſollte nicht herz⸗ brechend geweſen ſeyn? Endlich fuͤhrte mich mein liebes Maͤnnchen, wie zufaͤllig, vor das Bild meiner Mutter uͤber meinem Schreib⸗ ſchrank. Laͤchelnd richtete er meinen Kopf an 8⁵ dem Kinn auf: da war's, als ſpraͤche die wuͤr⸗ dige Matrone zu mir: Kind, nur nicht oben naus! Jetzt endlich fand ſich's! Ich zwang mich erſt zu ſcherzen, und daruͤber wurd' ich wirklich wieder froh, lachte dann uͤber meinen Unfall, und der Chriſtian bekam ein weit groͤßer Stuͤck von dem ſchoͤnen Kuchen, als er ſonſt wol bekommen haͤtte.— Es war hohe Zeit, daß ich zur Beſinnung kam, denn ſchon trat der Profeſſor D. mit ſei⸗ nem Bruder herein. Dieſer hatte die Univerſi⸗ taͤt vor kurzem bezogen, war an meinen Mann empfohlen, und ſollte ſo eben auch mir vorge⸗ ſtellt werden. Ich wußte, daß ſie heute bei uns eſſen wuͤrden, und es war mir lieb, denn der aͤltere D. iſt ein gelehrter und wackerer Mann, und des juͤngern ſehr huͤbſche Figur,(weiter kannte ich noch nichts von ihm) gefiel mir eben⸗ falls gleich beim Eintreten. Wir gingen ins Speiſezimmer: wir waren ſehr vergnuͤgt uͤber Tiſche. Heute gab mein Mann Champagner beim Deſert, und die beiden Herrn wurden nun, jeder nach ſeiner Weiſe, lauter. Der Profeſſor fing an zu dociren, aus der Natur⸗, aus der 86— Kunſt⸗, und Gott weiß aus noch welcher Phi⸗ loſophie. Er ſchwang ſich ſo hoch uͤber die Wolken, daß wir andern gar nichts mehr ſahen, als— eben die Wolken. Nun, dacht' ich: wenn den doch auch die Mutter an das Spruͤchlein gewoͤhnt haͤtte: Nur nicht oben'naus!— Mein Mann war hoͤflich genug, ihm mit geſpannter Aufmerkſamkeit— wenigſtens zuzu⸗ ſehen. Mein junger Herr Nachbar aber war entweder ſelbſt noch zu wenig in jene Myſterien eingeweihet, als daß er nicht andere Unterhaltung haͤtte ſuchen ſollen, oder auch, er war zu artig, um mir nicht eine Unterhal⸗ tung zu goͤnnen— kurz, er verſuchte bei mir eine Privataudienz zu etabliren. Das gefiel mir; ich kam ihm dabei ſo gefaͤllig entgegen, und ſpielte ihm unvermerkt ſelber Materien zu, uͤber die ich hoffte, daß er gern ſprechen wuͤrde— wie wir Frauenzimmer das allen den Maͤnnern ſchuldig ſind, die uns Auf⸗ merkſamkeit ſchenken, und wenigſtens den gu⸗ ten Willen zeigen, uns angenehm und mit Auſtand zu beſchaͤftigen. Aber, aber—! Der 87 junge Herr lobte meine Einrichtung— das war gut! Seine Augen ſielen auf mein Schan⸗ ziſches Pianoforte: er pries die Seelen, die die Tonkunſt liebten, und blinkte dabei nach meinen Augen, wie mein Kanarienvogel, wenn's blitzt— das mochte auch hingehn! Ich fing etwas anders an: er hoͤrte nicht, ſondern ſprang nach einigen Muſikalien.„Beethovenſche So⸗ naten!“ rief er entſetzt, wie jener, der in der Wuͤſte einen Waſſerſchlauch zu finden ge⸗ glaubt, und— Perlen gefunden hatte. Nun ging's los: was das fuͤr einen Geiſt vovaus⸗ ſetze, dieſen feurigen, aber duͤſtern, wilden Kaͤnſtler faſſen zu koͤnnen! was fuͤr Kunſtfer⸗ tigkeit, ſeine Schwierigkeiten zu bezwingen! u. ſ. w. Ich ſuchte nach jedem ſeiner Aus⸗ rufungszeichen einen— Gedankenſtrich einzu⸗ ſchieben: es war vergebens, und wurde immer aͤrger. Das Maͤnnchen ſagte mir die tollſten Schmeicheleien, und ſahe obendrein dabei im⸗ mer ſo— pfiffig aus, als denke er: Ich weiß wol, daß das nicht wahr iſt und du das nicht verdienſt: aber ich bin ſo fein, dir's einzure⸗ den, und du biſt ſo albern, dir's einreden zu 38 laſſen. Da dachte ich denn auch: Kind, nur nicht oben'naus! und zog lieber ſeinen Bru⸗ der durch die Frage an mich: was es denn eigentlich mit der reinen Objektivitaͤt eines Dichters, woruͤber er ſich eben verbreitete, fuͤr ein Bewenden habe; und ich geſtehe, daß er mir ſehr gern, ſehr viel, und mitunter ſehr ſchoͤn antwortete. Es war jedoch fern von mir, dem jungen Elegant ſeine Thorheit nachzutragen, zumal da dieſe denn doch noch viel leidlicher iſt, als die ſo vieler ganz neumodiſcher Elegants, ge⸗ gen Frauenzimmer Nachlaͤſſigkeit, Plumpheit, Grobheit— nicht einmal zu haben, ſondern zu affektiren. Im Gegentheil, als der Profeſſor endlich zu ſeinem naͤchſten Zweck kam, meinen Mann um gewiſſe Vortheile fuͤr ſeinen Bruder zu erſuchen, nahm ich das Glas und ſtieß mit ihm an:„zum Dank, daß er uns eben heute Gelegenheit gebe“ ꝛc. Und es ging mir wahrhaftig in Abſicht beider Bruͤder ganz von Herzen. Wie ſchlecht haͤtte ich aber auch ſeyn muͤſſen, wenn es mir nicht von Herzen gegangen waͤre! Der aͤltere ver⸗ 89 dient wahre Hochachtung, wenn er auch zu⸗ weilen zu lachen macht; der juͤngere wird ſie verdienen, wenn er auch noch einen etwas weiten Weg bis dahin hat. Und nun ihre Verhaͤltniſſe! Ihr Vater war das Urbild zu Ifflands Hausvater in dem Schauſpiel Erin⸗ nerung geweſen, und hatte, wie dieſer, ſich und ſein Haus zu Grunde gerichtet, weil er mit Wohlthaͤtigkeit oben'naus wollte! und der Profeſſor wird von einem Fuͤrſten ſalarirt, der ihn fuͤr ſeine Arbeiten erſt neun Jahre durch nichts, als die Hoffnung zur naͤchſten Fakultaͤtsſtelle, und, da nach dieſer Zeit noch keine Vakanz eingetreten war, und er das ſchriftliche Verſprechen gegeben hatte, nie die⸗ ſes Laͤndchen zu verlaſſen, mit jaͤhrlichen hun⸗ dert Thalern belohnt hatte— der mithin im Sparen oben'naus wollte. Ich habe nur die Wahl, ſagte der wackere, gelehrte Mann: mein Leben einſam zu verbringen, oder mein Amt ganz zu vernachlaͤſſigen—— Was ich da erzaͤhle, waͤren alles Lappalien, die die Leſerinnen nichts angingen? und es heiße ſeinen Satz ſehr ſchlecht aus einander 90 ſetzen, belegen und begruͤnden, wenn man es durch nichts weiter thue? Mit Erlaubnis: vielleicht fehlt es nur an Einem— an der ſerioͤſen Miene! Ich kann ſie auch machen! Ich ſetze alſo, wie ſichs nun gebuͤhrt, jenes komiſche Spruͤchelchen in das gleichbedeutende ernſthaftere um: halte Maas! Und nun ſchlage ich meine zwei Blͤttchen zuruͤck, und finde, daß ich anſchaunlich zu machen geſucht habe: Halte Maas in deiner Lebensweiſe, ſonſt un⸗ tergraͤbſt du deine Geſundheit; halte Maas in deiner Bequemlichkeit, ſonſt wirſt du, ſelbſt leichte Pflichten verabſaͤumen; halte Maas in deinen Vergnuͤgungen, ſonſt bereiteſt du dir Schmerzen; halte Maas in deinen Erwartun⸗ gen, ſonſt wirſt du, getaͤuſcht, vielen Unrecht thun; halte Maas in deiner Betruͤbnis, ſonſt biſt du dir und Andern zur Laſt; halte Maas mit deinem Wiſſen, ſonſt ſcheucheſt du Andere zuruͤck und wirſt wol auch laͤcherlich; halte Maas mit deinen Artigkeiten und Schmeiche⸗ leien, ſonſt werden Albernheiten und Beleidi⸗ gungen daraus; halte Maas in deiner Freige⸗ bigkeit, ſonſt beraubeſt du die, die auf dich 91 angewieſen ſind; halte Maas in deinem Spa⸗ ren, ſonſt muͤſſen Redliche uͤber dich ſeufzen, Unredliche dich betruͤgen—— Und indem ich hier abbreche, rathe ich noch ſtillſchweigend: halte Maas in deinem Moraliſiren, ſonſt wird man Langweile empfinden und nicht auf dich achten!— F. v. W. Neuentdecktes Arkanum. Die Herrn der Schoͤpfung ſinnen mit uner⸗ muͤdetem Eifer auf Hinderniſſe der menſchli⸗ chen Gluͤckſeligkeit, um ſie wegzuſchaffen, und auf Mittel zur menſchlichen Gluͤckſeligkeit, ſie herbeizubringen; und wenn es ihnen noch nicht ganz gelungen iſt, dieſe Gluͤckſeligkeit in aller Vollkommenheit herzuſtellen, ſo haben ſie doch Entwuͤrfe und Plane dazu unglaublich viel— ja bekanntlich ſogar einen, den Himmel auf Erden zu etabliren, ausgehen laſſen: was doch immer Etwas iſt! Auch wehret uns ja nie⸗ mand zu hoffen, daß eheſter Tage dieſe Plane realiſirt werden! Doch nein! wir ſelbſt wehren uns dies oͤfters, beſonders wenn wir, bei Ver⸗ ſuchen zur Ausfuͤhrung, bemerken, es ſei ihrem Scharfblick und Tiefſinn noch bald das, bald jenes entgangen, was vielleicht klein iſt, und nur das einzige Uebel hat, daß es die ganze Sache umwirft.— —jxx; 95 Ich bin eine Frau, meine Welt iſt in meine vier Pfaͤhle eingeſchloſſen: auf dieſe alſo iſt mein Auge immerfort gerichtet, und darum auch geſchaͤrft. Wundert euch deshalb nicht, ihr meine theuern Schweſtern, die ihr, wie es jetzt Sitte ſeyn ſoll, weit⸗ aber auch, wie dann oͤfters, in der Naͤhe bloͤdſichtig ſeid; wundert euch nicht, ihr, zu denen ich ehrer⸗ bietig und ſcheu hinaufblicke— die Maͤnner moͤgen ſich wundern: ich hab' es nicht mit ihnen zu thun;— wundert euch nicht, lauf' ich, ach! zum drittenmal an— daß ich ar⸗ mes, beſchraͤnktes Weſen, eine Hauptauelle des menſchlichen Elends, und beſonders des geſtoͤrten Familiengluͤcks in unſern Tagen, ent⸗ deckt habe— eine Quelle, die jedem Scharf⸗ blick bisher entgangen, uͤber die noch nie ein Woͤrtchen geſagt worden, und die, dem Him⸗ mel ſei Dank! leicht verſtopft werden kann, wenn man mich nur erſt geleſen hat! Ihr leichtfertigen Weiber, die ihr ſo vie⸗ les in der beſten Welt verdrehet, und ihr ſpaͤt⸗ fertigen Maͤnner, die ihr ſo vieles an ihr zu berichtigen habt— da, nehmt mein Arkanum in Einer Doſis: Mit unſern Taſchen iſt Wohlſtand und haͤusliches Gluͤck zu Grabe getragen worden! Das klingt paradox und laͤcherlich? O wißt ihr denn nicht, daß jede neuentdeckte Wahr⸗ heit paradox, und jede Paradorie laͤcherlich ſcheint? Hort mich doch nur: ich will euch das Hiſtoͤrchen meines Lebens— das Zucker⸗ brot auf die Pille geben! Als ich noch Maͤdchen war, fiel es keinem weiblichen Weſen ein, daß ſich ohne Taſchen nur exiſtiren laſſe. Die meinigen waren groß genug, Schnupftuch, Scheere, Nadelbuͤchſe, Fingerhut und eine kleine Sammlung Seide und Zwirn, zu beherbergen. Was entſtand daraus? ſprang dem Vater ein Knopf von der Weſte, ging den Bruͤdern eine Maſche im Strumpf auf, riß der Mutter das Schuͤrzen⸗ band: gleich war ich mit meinen kleinen Ge⸗ rathſchaften bei der Hand, abzuhelfen, ehe ein Schaden groͤßer wurde.— Als ich heirathete, gab meine gute Mutter eine neue, vermehrte und verbeſſerte— das heißt, wie 95 bei Buͤchern, vergroͤßerte Ausgabe meiner Taſchen heraus: denn nun mußten ſie geraͤumig genug ſeyn, ein maͤchtiges Schluͤſſelbund, als das Symbol meiner neuen Wuͤrde und meines Hausregiments, zu faſſen. Ich war zur Wirth⸗ ſchaft erzogen, und die meinige ging unter die⸗ ſen Umſtaͤnden recht gut. Wo ich im Hauſe ging und ſtand, hatte ich den Schluͤſſel zu jedem Behaͤltnis bei mir: ich konnte mit weniger Muͤhe alles nachſehen, ordnen und wegraͤumen; ich behielt Zeit, im Winter die Leinwand fuͤr meine Familie zu ſpinnen und ſie im Sommer zu verarbeiten; Putzmacherinnen und Schnei⸗ der verdienten bei mir wenig, und wenn ich mei⸗ nen Leuten auf dem Felde nachging, hatte ich noch Muße und Raum in meine Taſchen ein Baͤndchen der Werke Friedrichs und Voltaire's einzuſtecken,(wo ſich der gekroͤnte und ungekroͤnte Dichter beſſer als im Leben vertrugen) und mich der Erhabenheit des erſten und der froͤhli⸗ chen Laune des zweiten zu erfreuen. So lebte ich ruhig und gluͤcklich, ohne irgend eine Revo⸗ lution in der Welt, auch in der Welt der Mode, zu ahnen; denn ich kam ſelten in Geſellſchaft, 96— und die bunten Journale waren noch nicht in meinem Hauſe zur Bluͤthe gekommen. Aber um die Zeit der großen Revolution in der politiſchen Welt, kam auch etwas von der neueſten in der Modewelt mir zu Ohren und Geſicht. Mein Mann, der oft das benachbarte Staͤdtchen beſuchte, und dem aus dem ehemals gehoͤrten aͤſthetiſchen Kollegium etwas in der Seele geblieben ſeyn mag, erzaͤhlte mir mit ſo vielem Feuer von dem verſchoͤnten und verſchoͤ⸗ nernden Anzuge der Frauen, daß ich, als eine Tochter Evens, meine Neugier nicht laͤnger be⸗ ſiegen konnte. Ich fuhr hin; und wahrlich! ich konnte es meinem Manne nicht verdenken, daß er ſein Auge von meinem faltenreichen Rocke wendete, um es auf die ſchlanken, ſchoͤnen For⸗ men zu heften, die im Saale auf und nieder ſchwebten. Auch entdeckte ich bald, vermoͤge meines oͤkonomiſchen Sinnes, daß ich aus Ei⸗ nem meiner unanſehnlichen Roͤcke zwei anſehn⸗ liche machen koͤnnte— was denn auch ein Mo— ment war! Ich zupfte und trieb meinen Mann, Anſtalt zu machen, daß wir ſchnell nach Hauſe kaͤmen; es geſchah, und am andern Morgen 97 war ich zwei volle Stunden fruͤher aus den Federn, um Hand an das große Werk zu legen. Es ging gut und ſchnell, und bald ſtand ich, wie meines lieben Goekings Ahn⸗ herr, Paul, vor meinem großen Spiegel, nicht um, wie Er, mir Geſichter zu ſchnei⸗ den, und auch nicht um mir ſelber die Hand zu kuͤſſen— denn dies that mein Mann, mit der Verſicherung, daß meine Geſtalt ihm ſchoͤ⸗ ner und ſchlanker duͤnke, als vor zehn Jahren, an unſerm Hochzeittage— ſondern um mich mit eigenen Augen zu uͤberzeugen, daß die Goͤttin Mode dieſesmal, ganz gegen ihre Ge⸗ wohnheit, ſo vortheilhaft fuͤr den Schein, als fuͤr die Wirklichkeit geſorgt habe. Nur fand ſich, daß der knapp anliegende Rock mit den bauſchenden Taſchen ſich nicht vertragen wollte! Sie wurden, nach Urtheil und Recht, abge⸗ legt, und meine Schluͤſſel nebſt Zubehoͤr in ein Koͤrbchen verwieſen. Nun ging ich froher als eine Koͤnigin in meinem kleinen Reich umher: die Freude waͤhrete aber nicht lange! Bald kam eine Magd: Madam, den Kellerſchluͤſſel! Maſchinenmaͤßig griff ich nach 6. f. F. IV. H. 7 98— den Taſchen— Wart' nur, ich habe den Schluͤſſel oben! Ich ging ihn zu holen. Kaum war ich wieder unten, ſo kam eine andere: Madam, den Schluͤſſel zum Boden! eine dritte: Madam, ich brauche dies oder jenes aus dem Gewoͤlbe— 1 So fanden meine Leute immer zu warten, und ich hatte vollauf zu laufen. Brachten ſie die Schluͤſſel wieder, ſo hatte ich vielleicht gerade ein Geſchaͤft, das ich nicht verlaſſen konnte: ſie wurden hingelegt und das naͤchſtemal, als ſie gebraucht werden ſollten, geſucht. Die Un⸗ ordnung in meiner Wirthſchaft wurde von Tage zu Tage groͤßer und das Deficit in der Kaſſe ſtaͤrker. Mein Mann wurde uͤbler Laune; wir ſchmollten— er ging oͤfter aus—— Einſt holte ich Waͤſche aus dem Schranke und eine meiner abgelegten Taſchen fiel mir entgegen. Wie ein Blitzſtrahl fuhr ein Ge⸗ danke durch meine Seele; ich ſtand da, wie ein Dichter ſtehen mag, wenn ihm, nach lan⸗ gem vergeblichen Rufen, der Genius ploͤtzlich erſcheint und gleich mit dem Plane zu einem Drama ins Haus faͤllt. Alſo ich—! Wie? rief ich laut, denn alles Genialiſche will Luft 99 haben und mit Geraͤuſch heraus! Wie? ſollte dein Ungluͤck Rache ſeyn fuͤr das Unrecht an dieſen nuͤtzlichen Weſen?— Ich nahm eine dieſer Taſchen auf die flache Hand, und, in⸗ dem ich ſie wiegte, wurd' ich ganz mitleidig. Wir wollen euch wieder zu Gnaden annehmen, entſchied ich, und erweiterte meine Roͤcke um ſo viel, als zu deren diskreter Deckung noͤthig iſt. Siehe, da bekam meine Wirthſchaft ihr erſtes Anſehn, mein Mann ſeine gute Laune, und ich meinen alten Frohſinn wieder. Feier⸗ lich gelobt' ich es mir nun ſelber, nie einer Mode zu folgen, ohne vorher gepruͤft zu ha⸗ ben, ob ſie ſich mit den Pflichten der Gattin und Hausfrau vereinigen laſſe. Denn, dacht' ich, das Huͤbſche und Angenehme iſt zwar — huͤbſch und angenehm; es koͤmmt aber doch erſt nach dem Nothwendigen und Pfiicht⸗ maͤßigen! Neue Muſik fuͤr Geſang, Klavier, Harfe und Guitarre. — Auch dieſen Artikel haben die Leſerinnen als ſtehend zu betrachten, und von Zeit zu Zeit— ohngefaͤhr halbjaͤhrig— dergleichen Notizen zu erwarten. Sie werden von drey Damen gegeben, die von ausgezeichnetem Talent und ſorgſamer Er⸗ ziehung fuͤr die Tonkunſt ſind, an drey verſchie⸗ denen und fuͤr Muſik ſehr empfaͤnglichen Orten leben, mit einander in keiner Verbindung ſtehen, und ſich unſere Vorſchlaͤge, zur Leitung ihrer Aufmerkſamkeit— nicht, ihres Urtheils, welches frey bleiben muß— gefallen laſſen. Dieß mußte voraus geſagt werden, weil der Raum ge⸗ bietet, daß von dem, was die Verfaſſerinnen uͤber die ihnen bekannten neuen Muſikalien ſagen, nur die letzten Reſultate, ohne Erweiſe, Belege und Auseinanderſetzung, hier gegeben werden. Der diesmalige Bericht umfaſſet ohngefaͤhr zwei Jahre, und dienet mehr als Einleitung zu der Folge, wo man ſich nur mit dem Neueſten beſchaͤftigen und darum auch bey dem Einzelnen mehr verweilen wird. . 101 Unter den Opern, von welchen ſeit ohnge⸗ faͤhr einem Jahre vollſtaͤndige Klavierauszuͤge erſchienen ſind, werden die Paerſchen am meiſten ausgezeichnet, und zwar, zum Ge⸗ brauch beym Pianoforte, vornehmlich deſſen Weglagerer(Fuorusciti)(b. Breitkopf in Leipzig) und Griſelda(bei Simrock in Bonn). Auch andere ausgefuͤhrte Geſangſtuͤcke dieſes Komponiſten, vorzuͤglich ſeine Duetten, findet man ſehr zu loben. Unter den Liederſammlungen mit Begleitung des Klaviers ſetzt man einſtimmig die Righiniſchen oben an, und hebt vor allen heraus: Sammlung deutſcher Lie— der,(die auf Koſten Righini's in Berlin vor faſt zwei Jahren gedruckt, nicht geſtochen, erſchienen ſind,, Duodici Duetti.(eben⸗ falls auf Righini's Koſten ſehr ſchͤn in Berlin geſtochen,) und, Sechs Lieder, 9tes Werk,(Hoffmeiſter und Kuͤhnel in Leipzig.) Die Zelterſchen Liederſammlungen fin⸗ det man fuͤr den erſten Moment weniger an⸗ ziehend, aber hernach deſto tiefer eindringend 102 und deſto laͤnger feſthaltend— ganz vorzuͤglich die Sammlung, welche auf Koſten des Ver⸗ faſſers in Berlin gedruckt herausgekommen iſt, und welche man von den ſpaͤtern, geſto⸗ chenen, wohl unterſchieden haben will. In den Reichardtſchen neueſten Samm⸗ lungen findet man einzelnes ganz Vortreffliche, neben vielem, was man gar nicht genießen koͤnne. Danzi's kleine Sammlungen(Leipz. Breitkopf) hat man auch gern; bei weitem am liebſten aber ſeine kleinen drey⸗ und vier⸗ ſtimmigen Geſaͤnge. Unter denjenigen Zumſteegſchen„kleinen Balladen und Liedern,“ welche nach des Kom⸗ poniſten Tode herausgekommen ſind, findet man einzelnes ſehr Schoͤne, neben vielem Gleich⸗ guͤltigen. Von Liedern mit Begleitung der Guitarre zeichnet man die neueſten von Harder, ohngeachtet einzelner ganz unbetraͤchtlicher Stuͤcke, aus. Auch ſeine kleinen Hand⸗ ſtuͤcke fuͤr die Guitarre(Leipz. Hoffmeiſter 103 und Kuͤhnel) ſindet man angenshm und zweckmaͤßig. Von Muſik fuͤr das Klavier r ſindet man, fuͤr die, weiche betraͤchtliche Schwierig⸗ keiten bezwingen koͤnnen, vorzuͤglich endfeh⸗ lenswerth: Einige der neueſten Arbeiten von Eberl in Wien, z. B. ſein, unter dem Titel einer Polonaiſe herausgegebenes großes Muſikſtuͤck fuͤr vier Haͤnde; die zwey erſten Werke von Riem, der mit jugendlichem Feuergeiſt und ſchoͤner Schwaͤrmerey die Spielerin fortreiße— von dem aber auch bemerkt wird, daß er in ſeinen ſpaͤtern, leichter auszufuͤhrenden Kom⸗ poſitionen zuweilen nicht zu Hauſe zu ſeyn ſcheine. Noch brillanter, aber weit weniger tief eindringend findet man Liſte's große So⸗ naten;(Zuͤrich, b. Naͤgeli) und jeder Kla⸗ vierſpielerin, die Clementi'n nicht ſchon nui huusfrand angenommen hat und es doch ernſtlich mit der Tonkunſt und ihrer eigenen Bildung dafuͤr meinet, koͤnne die Sammlung der vollſtaͤndigen Werke dieſes Meiſters, die 104 in Leipzig herauskoͤmmt, nicht genug empfoh⸗ jen werden. Fuͤr diejenigen Klavierſpielerinnen, welche ſich noch nicht an betraͤchtliche Schwierigkeiten wagen koͤnnen, bedauert man ſo wenig gutes, und faſt gar nichts wahrhaft vorzuͤgliche zu ſinden, und nur einige, außer ihrer Zweckmaͤßigkeit, auch angenehme Uebungsſtuͤcke(von A. E. Muͤller, Hering und Andern) koͤnnen einigen Erſatz geben. Am meiſten gefallen, unter den leicht auszufuͤhrenden Stuͤcken, die nicht zunaͤchſt fuͤr die Schule berechnet ſind: Variationen von Hummel, Lipavsky, und K. W. Muͤller, die erſten in Wien, die letzten in Braunſchweig geſtochen. Unter den wenigen Neuigkeiten fuͤr die Harfe, die in Deutſchland erſchienen ſind, glaubt man gar nichts empfehlen zu duͤrfen; unter den weit beſſern, die in Paris heraus⸗ kommen, aber vornehmlich die Kompoſttiogen von Demar.