I . —+ Leihbibliothek 4 deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 1 von 4 ₰Eduard Otltmann in Gießen, 1 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 3 Jeih- und Ieſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ — pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 1 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3— 3 3 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme f eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe „ Hinterlegen. welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 3 —4 4 4 3 4 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und lbeträgt:. ſ für icechentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: .—————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 3„„=„ 3„,„— 5. Auswürtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zexriſſene, verlorene und Mefecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Lasdenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer un Erſatz des Ganzen verpflichtet. 8. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das eiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ———. ——— ———— — unverdorbene Familien. Erzaͤhlungen fuͤr Z ehnter Band. Leigzig bei Georg Joachim Goͤſchen 1813. — Inhalt des zehnten Bandes. Das ſtille Kind. Das Ziel. Briefe der Babet an Bourſault. Das Geſchlecht der Frommen. Der große Kritiker uͤber die Weiber. Beſchluß. Peter König von Arragonien. Der Wandrer. Gallerie griechiſcher Dichterinnen. Anekdote. Neue Erfindungen. Allwina von Roſen. Ruhe in Unruh! Der Staͤdter und der Landmann. Rothkehlchen. Was da bleibt. 5-— Hiſtoriſche Anekdoten. Der Juͤngling und der alte Schaͤfer. Das verlorne Blatt. Wechſel. Der Kritiker im Stadtthor. (In dem Aufſatz: das ſtille Kind, leſe man Seite 50 Zeile 16 ſtatt feindlichen Todten, fried⸗ lichen Todten.) Das ſtille Kind. Die Muſik ſchallte munter aus den erleuchteten Saͤlen in den Garten hinab,— die bunten Lampen glaͤnzten in langen, unabſehlichen Rei⸗ hen und vielfachen Bogen. Ueber dem kuͤnſt⸗ lichen Tag ſchwebte ſtill der Mond und ſein Licht ſpiegelte ſich tauſendfach in den zitternden Wellen des ruhigen Meeres, deſſen Flaͤche, wie ein bewegter Himmel, von unzaͤhligen, wechſelnden Sternen ſchimmerte. Da rauſchte die Gondel an das Ufer. Eilig und etwas ſchuͤchtern ſprang Ottilie an das Land.— Man wird uns vermiſſen,— ſprach ſie zu dem zoͤgernden Antonio— und zog ihn durch die hohen Bogengaͤnge mit ſich fort, nach dem glaͤnzenden Landhauſe, aus welchem der froͤh⸗ liche Laͤrm rauſchend ertoͤnte. Doch beſſer waͤr' es, rief ſte ſchnell, als ſie den Stufen des Eingangs ſich naͤherten,— en J. f. F. 11. J. 9. H. 1 83 wegte ſich gegen Antonio und der Knabe ſchien ſie ſang und Muſik froͤhlich vom Meere her. Eine wenn wir nicht zuſammen zuruͤck kaͤmen,—. und eine brennende Roͤthe uͤberflog ſie bei dem 3 uͤbereilten Wort. Sie entzog haſtig Anto⸗— nio's Arm ihre Hand und eilte die Stufen hinauf zu dem tanzenden Schwarm. Anronio blickte mit Sehnſucht der Eilen⸗ den nach, bis hinter ihr die Fluͤgelthuͤren ſich ſchloſſen. Sich ſelbſt und alles vergeſſend, 4“ wendete er ſich nach dem Meere zuruͤck, um in der eben verlaſſenen Gondel ſich allein und un⸗ geſtoͤrt ſeinen Empfindungen hinzugeben. Wie ein Traͤumender ging er, bald ſchnell bald langſam, durch die langen Gaͤnge des Gartens. Die ſpiegelnde Meeresflaͤche lag ſchon nahe vor ſeinen Blicken, da trat ein artiger Knabe aus dem 4—,*— Gebuͤſch hervor. Eine aufbluͤhende Roſe be⸗ ihm durch das Halten des Zweiges anzubieten. Ich danke dir Kleiner— ſagte Antonio, indem er die Roſe von dem Zweige brach— 4 gehoͤrſt du in das Schloß? Der Knabe nickte.— Indem ſchallte Ge⸗ bunt erleuchtete Gondel ſtieß an's Land. Maͤn⸗ 2- ner und Frauen mit Bluͤtenkraͤnzen in den Haͤn⸗ den und um die Locken, ſprangen jubelnd her⸗ aus, ſich wechſelnd bekraͤnzend, und die Kraͤn⸗ ze ſchaͤkernd einander entreißend. Anto⸗ nio wollte ſich hinter den Baͤumen verbergen, aber der muntre Haufe ſtuͤrmte ſchon laͤrmend gegen ihn her.— Es waren einige von der Geſellſchaft aus dem Schloß, welche die ſchoͤne Mondnacht aus dem Tanzſaal auf das Meer zu einer naͤchtlichen Fahrt gelockt hatte, und die eben jetzt zu den Feſtlichkeiten nach dem Schloſſe zuruͤckkehrten. „ Da haben wir ja unſern Bacchus gefun⸗ den, den König des Feſtes— rief einer, den Wein und Froͤhlichkeit vor den andern begei⸗ ſtert hatten. Ein lautes Evoe ſtimmte ihm bei, die Inſtrumente fielen, wie verabredet, mit wildem Laͤrm tobend in den Jubel ein, und der neue Bacchus ward, mit Kraͤnzen ge⸗ ſchmuͤckt, und mit Epheuranken umwunden, der Geſellſchaft im Schloſſe zugefuͤhrt. „Wo iſt die Braut?“— riefen die Ein⸗ ſtuͤrmenden—„ſie muß von uns den Braͤnti⸗ gam loͤſen: wir haben ihn gefangen!“ Ein ſchlimmes Zeichen— ſcherzten einige — daß der Braͤutigam ſchon am Verlobungs⸗ Tage der Braut entlaͤuft. 1 O nein!— entgegneten neckend die Maͤd⸗ chen, die ihn noch gefeſſelt hielten— der em⸗ pfindſame Braͤutigam ſchlich einſam in dem Ge⸗ buſch und ſuchte fruͤhe Roſen fuͤr die Ge⸗ liebte. Antonio's Wangen gluͤhten. Ottilie, welche der Lärm in den Kreiß um den Braͤuti⸗ gam gelockt hatte, entfernte ſich ſchnell, und Fiora mußte von den Gaͤſten einige Scherze uͤber die Sentimentalitaͤt ihres kuͤnftigen Ge⸗ mahles anhoͤren, indem ihr Antonio, in den Scherz einſtimmend, die Roſe uͤberreichte, Der Bräutigam mußte nun, zum Preiß ſei⸗ ner Entfeſſelung, mit den Maͤdchen, und die Braut, zum Loſegeld ihres Verlobten, mit den Maͤnnern, die ihn gefangen hatten, den Reſt der Nacht durchtanzen. Bei dem letzten Tan ze trat Ottilie nahe bei Antonio in die Reihe der Tanzenden. Sie ſchien ganz an ſei⸗ nen Blicken zu haͤngen, und kaum den Angen⸗ 3 8 —— 5 blick erwarten zu koͤnnen, wo ſie von den Wen⸗ dungen des Tanzes ihm naͤher gefuhrt wurde. Woher haben Sie die Roſe— fluͤſterte ſie ihm ſchnell zu— die Sie meiner Schweſter gaben? Aus dem Garten— antwortete Anto⸗ nio— freilich.... Unmoͤglich!— unterbrach ihn Ottilie — dieſe Roſe kann... Der Tanz entfernte ſie, eh' ſie vollenden konnte. Antonio bemerkte auf ihrem Ge⸗ ſicht und in ihren Bewegungen unverkennbare Zeichen innrer Unruhe. Er ſchmeichelte ihr mit bittenden Blicken, und wenn es die Ord⸗ nung des Tanzes geſtattete, mit deutungsvol⸗ lem Haͤndedruck; aber es gelang ihm nicht, der Sinnenden ein Laͤcheln abzugewinnen. Endlich fuͤhrte ſie der Tanz wieder zuſammen. Ich bitte Sie— wiederholte Ottilie dringend— woher bekamen Sie die Roſe? Bei meiner Liebe, Ottilie— antworte⸗ te er,— ich brach ſie ſelbſt vorhin im Garten von einem Roſenbuſch. Sie wollen es mir verbergen— fuhr ſie fort— aber ich ahnde es doch, und mir ſoll⸗ ten Sie nichts verheimlichen. Ottiliel— rief Antonio— koͤnnten Sie mich fuͤr faͤhig halten, Sie zu hinterge⸗ hen?— Fur Sie brach ich dieſe Roſe. Fuͤr mich?— fiel Ottilie erſchrocken ein— Nimmermehr! Einzig fur Sie— erwiderte Antonio — koͤnnen Sie heut, an dieſem Abend, zweifeln? Daß ich ſie Ihrer Schweſter gab, war bei dem Drang der eintretenden Umſtaͤnde unvermeid⸗ lich, das Gegentheil waͤr' unverzeihliche Unbe⸗ ſonnenheit geweſen.— Koͤnnten Sie darum zuͤrnen, Ottili Wie gern glaubte ich Ihnen— fagte Ot⸗ tilie, in Gedanken verloren— aber nein, es iſt unmoͤglich, es kann nicht ſo ſeyn! Sie wurden von neuem getrennt. Otti⸗ lie ſprach nicht mehr, tanzte ohne Theilnah⸗ me, und entfernte ſich ſchnell, als der Tanz geendigt war. Antonio freute ſich der uͤbel verheelten Eiferſucht, welche aus Ottiliens Verdacht hervorblickte. Im Taumel ſeines 4 124 N Entzuͤckens ſuchte er die Geliebte durch die wei⸗ ten Saͤle, bis er endlich bemerkte, daß alle Gaͤſte ſich entfernt hatten, und nur noch einige Diener mit den verloͤſchenden Lichtern beſchaͤf⸗ tigt waren. Der Morgenſtrahl glaͤnzte Antonio'n entgegen, als er in ſein Zimmer trat. Er warf ſich auf ſein Bett, nicht um zu ruhen, ſondern um ſeine Empfindungen feſt zu halten und bei den Bildern der vergangenen Stun⸗ den in ungeſtoͤrtem Genuß zu verweilen. Ot⸗ tiliens Liebe ſchien ihm gewiß. Ihr Blick, das hohe Erröthen ihrer Wangen, als er ſie in der Gondel erſt ſchuͤchtern und, da ſie nicht widerſtand, bald feuriger umfaßte, hatte ihm ihr Gefuͤhl deutlich verrathen; ihr dringendes Fragen nach dem Geber der Roſe, ließ ihm jetzt keinen Zweifel. Er ſchalt auf die Unge⸗ ſuͤmen, die ihn der Braut zu uͤberlaſſen noͤ⸗ thigten, was er einzig der Geliebten beſtimmt hatte. Der Vorzug, den jene erhielt, hatte vielleicht dieſe erſt gereizt, und der Verdacht einer fremden Geberin war leichter zu entfer⸗ nen, als der Schein einer Vernachlaͤſſigung⸗ — 8 welcher vielleicht erſt jenen Verdacht zufallig erweckte. Antonio's Freude war geſtoͤrt. Seine Liebe, und die Gewißheit, er werde geliebt, war noch zu neu; er fuͤrchtete, Ottiliens jung aufkeimende Neigung verletzt zu haben. Er ahndete eine moͤgliche Spannung unter den Schweſtern, welche bei Fioren Verdacht er⸗ regen, und Ottilien Verlegenheiten ausſe⸗ tzen konnte. Da trieb ihn die Unruhe wieder in den Garten; er hocfte, noch eine Roſe zu finden, waͤr' es auch nur eine, von kaum durch⸗ ſcheinender Roͤthe gefaͤrbte jugendliche Knoſpe. Dieſe wollte er dann Ottilien als Pfand ſeiner Liebe bringen. Allein, er ſuchte vergebens. Im Garten bluͤhten die ſchoͤnſten Fruͤhlingsblumen in den bunteſten Farben, aber die Roſenknoſpen, ſelbſt der fruͤheſten Gattungen, waren noch tief in den Blaͤttern verborgen, und hatten ſich kaum noch aus den Stengeln entwickelt. Der Buſch, an welchem er geſtern die Roſe entdeckt hatte, war gruͤn und friſch, aber an — 0 ihm ſo wenig, als an den andern, war eine ſchwellende Knoſpe zu ſehen. Ottiliens Verdacht ſchien bei Anto⸗ nio nun gerechtfertigt. Bei der Unmoͤglich⸗ keit eine Roſe in dem Garten zu finden, muß⸗ te ſie hinter dieſem Vorgeben eine Verbergung der Wahrheit argwohnen. Errathend ging Antonio nach der Wohnung des Gaͤrtners, Ein artiges Maͤdchen begoß hier die ſeltneren Gewaͤchſe, welchen ſelbſt Italiens Naͤchte nicht mild genug ſind, und unter dieſen einige fruͤhe Roſen.„Daher alſo kommt der Ver⸗ dacht“— ſagte ſich Antonio und wollte ſchon ſich entfernen, aber das artige Gaͤrtner⸗ maͤdchen hatte geſchwind einige der ſchoͤnſten Roſen zierlich geordnet, und uͤberreichte ſie Antonio'n, um ſeine ſchoͤne Braut damit zu⸗ ſchmuͤcken. Auch dieſe Roſen ſchienen alſo fuͤr Otti⸗ lien verloren, denn ſie konnten ihren Verdacht nur vermehren. Antonio erkundigte ſich bei dem Maͤdchen nach ihren Aeltern und Geſchwi⸗ ſtern, denn er glaubte nun gewiß, der Knabe, von welchem er in der vorigen Nacht die Roſe 10 empfangen hatte, ſey ein Sohn des Gaͤrtners geweſen, und habe ihm durch die ſeltne Blu⸗ me ſeine Aufmerkfamkeit beweiſen wollen. Das Maͤdchen behauptete aber, ihr Vater, der Gaͤrtner, habe keinen Sohn und ſie ſei die ein⸗ zige Tochter. Von einem Knaben wußte ſie gar nichts anzugeben, und endlich ſchien ſie gar etwas aͤngſtlich zu werden, als Antonio fortfuhr, nach dem Knaben zu fragen. Der Morgen war indeſſen groͤßtentheils voruͤbergegangen, und die zunehmende Waͤrme trieb Antonio'n nach dem Schloſſe, wo man ihn ſchon bei dem Fruͤhſtuͤck erwartete. Die Braut und Ottilie waren noch nicht zugegen. Man ſcherzte uͤber manche drollige Vorfälle des geſtrigen Tages, doch ſchienen ei⸗ nige Tanten, welche das vaͤterliche Schloß nie hatten verlaſſen wollen, in den frohen Ton nicht mit einzuſtimmen. Bedenkliche Mienen wechſelten mit abgebrochnen bedeutenden Wor⸗ ten; auf den Geſichtern der ab⸗ und zugehenden Dienerſchaft malte ſich Bangigkeit und Neu⸗ gierde; man ſchien etwas verſchweigen und zu⸗ gleich auch entdecken zu wollen. Endlich brach 4 — g— — — —— — 11 die Schweſter des Grafen, welche mehr, als die uͤbrigen Verwandten, bei ihm galt, das halbe Schweigen und erzaͤhlte mit bebender Stimme: man behaupte, das ſtille Kind habe ſich wieder ſehen laſſen. Auf jedem Geſicht verſchwand bei dieſer Rede das Laͤcheln, und der Ernſt verwandelte ſich in Bangigkeit und Furcht. Antonio er⸗ ſtaunte weniger uͤber die Rede ſelbſt, als uͤber die ploͤtzliche und allgemeine Wirkung. Das ſtille Kind?— wiederholte er— was iſt das? was wollen Sie damit ſagen? Niemand antwortete ihm. Iſt's anch gewiß?— unterbrach endlich der Graf das Schweigen— wer hat es ge⸗ ſehn? wo ſah man es? In dieſer Nacht ſoll es umhergegangen ſeyn,— antwortete ihm die Erzaͤhlerin. Arme Fiora!— ſeufzte der Graf— Hat ſie es ſelbſt geſehn? wo iſt ſie? Ein Diener ging, ſie zu rufen. Das weiß ich nicht— erwiderte des Gra⸗ fen Schweſter,— noch iſt es nur ein dunkles Gemurmel. Oder ein leeres Geſchwaͤtz— ſagte der' Graf etwas unwillig— Man ſollte die Ge⸗ heimniſſe der Familie nicht ſo unvorſichtig Preiß geben. Ein Trunk uͤber die Gebuͤhr bey frohen Gelegenheiten erzeugt alsdann Fanto⸗ me und jeder will ſehn und ſieht, wenn er nur weiß, daß etwas zu ſehen iſt. Ottilie kam.„Hatte ich es nicht geahn⸗ det?“ ſagte ſie leiſe im Voxuͤbergehn zu Anto⸗ nio, deſſen Erſtaunen mit jedem Worte, das er vernahm, hoͤher ſtieg. Dann ſetzte ſie ſich furchtſam an die Seite ihres Vaters. Fiora kam gleichfalls. Sie ſchien von der Furcht der andern noch nicht unterrichtet. Antonio vertheilte die Roſen des Gaͤrtner⸗ maͤdchens an ſie und an Ottilien. Ich ergreife das gute Zeichen,— ſagte Fiora ſcherzend,— daß Sie Ihre Trauerblume von geſtern gegen dieſe eintauſchen. Mit dieſen Worten nahm ſie eine dunkle, graue, faſt ſchwarze Roſe von der Bruſt, und gab ſie Antonio zuruͤck. Nehmen Sie nicht! weg mit der Ungluͤcks⸗ plume!— rief Ottilie ſchnell dazwiſchen — — 13 tretend, nahm heftig die Roſe aus Fioras Hand, und warf ſie zerblaͤttert auf den Bo⸗ den. Ich hoͤre und ſehe ſo viel Befremdendes auf einmal,— ſagte Antonio— daß ich Sie angelegentlichſt um die Enthuͤllung dieſer Raͤthſel bitten muß, wiewol ich kaum weiß, weſſen Erklaͤrung ich zuerſt wuͤnſchen ſoll. Welche Bewandtniß hat es mit dieſen Blumen? was bedeutet die Erſcheinung des ſtillen Kindes, welche Sie insgeſamt ſo wunderbar mit Furcht und Schrecken erfuͤllt? Sie werden in dem, was ich Ihnen davon erzaͤhlen kann, wenig Befriedigung finden,— antwortete der Graf— Daß ich Ihnen aber kein Maͤrchen erzaͤhle, zeigt Ihnen die Beſtuͤr⸗ zung, welche Sie ſelbſt bei der Erwaͤhnung die⸗ ſes Kindes an uns bemerkt haben. Mein Vater hoͤrte ſchon in ſeiner Kindheit von der Erſcheinung dieſes Kindes, als von einer unbe⸗ zweifelten Wahrheit reden. So oft es ſich zeigte, folgten allemal ungewoͤhnliche und traurige Be⸗ gebenheiten in unſrer Familie; wen es freund⸗ lich anlaͤchelte, auf weſſen Wege es einige 14 Schritte vorausging, der blied gewoͤhnlich nicht lange mehr in unſerm Kreiſe. So war es immer fuͤr unſer Haus ein gefuͤrchteter Bote des Ungluͤcks. Wodurch es aber zu ſeinem Erſcheinen bewogen werde, und wie dieſes Schloß zu einem ſo geheimnißvoll geiſtigen We⸗ ſen gekommen ſey, davon iſt weder mir etwas bewußt, noch irgend jemand, der in dem Schloſſe wohnt. Hat denn niemand gewagt, dieſes raͤthſel⸗ hafte Weſen anzureden?— fragte Antonio. Oft iſt dieſes geſchehen,— erwiderte der Graf.— Denn es erſcheint niemals in 1 einer furchtbaren/ Geſpenſter⸗aͤhnlichen Geſtalt; man glaubt vielmehr ein koͤrperliches Kind zu ſehen. Auch blieb es oft lange, und ſpielte mit andern Kindern; nur hat man nie einen Laut von ihm gehoͤrt und darum nennen es alle das ſtille Kind. Auf anhaltende Fragen ent⸗ fernte es ſich allezeit ſtill, und verlor ſich, ohne daß man ſagen konnte, wohin. Meine Tochter Ottilie hat ehedem ſelbſt ſehr oft mit ihm geſpielt. 15 So iſt es wirklich— verſetzte Ottilie — Als in meiner Kindheit die Kriegsunruhen unſrer Gegend ſich naͤherten, ſah ich es faſt taͤglich und ſpielte unbefangen mit ihm, denn man hatte mir die Sage von dieſem Kinde noch nicht erzaͤhlt, und ich hielt es fuͤr einen Knaben aus der Nachbarſchaft. Es ließ ſich geduldig von mir vorſchwatzen, und ich bemerk⸗ te es in dem kindiſchen Spiele kaum, daß es ſelbſt nie ſprach. Endlich einmal, als der Marcheſe Montaldi im Gefecht geblieben war, und in der Familiengruft beigeſetzt wer⸗ den ſollte, verleitete nich die Neugierde, die Vorbereitungen zu dem Leichenbegaͤngniſſe in der Gruft anzuſehen; ich ſtieg mit den Arbeitern die Stufen hinab, da ſah ich bei dem Schein der Hanglampe, die von oben das lange Gewoͤlbe beleuchtete, meinen Geſpielen an einem Sar⸗ ge lehnen, als ob er ſchlummerte. Mir grau⸗ ſete zwar bei der langen Reihe von Saͤrgen, doch war ich erfreut uͤber den bekannten Anblick in dieſem ſchauervollen Aufenthalt, und ſchon wollte ich zu ihm eilen, da faßte meine Waͤrte⸗ vin mich auf einmal heftig bei dem Arm und 4 10 rief im Tone des hoͤchſten Entſetzens: Ottilie, wo willſt du hin? dort iſt das ſtille Kind! Alle ſegneten ſich erſchrocken mit dem heiligen Kreuz, ich ſah noch den Knaben ſich langſam in den Hintergrund ziehen, aber der Schreck raubte mir die Beſinnung und man trug mich ohnmaͤch⸗ tig aus der Gruft. Spaͤterhin hoͤrte ich, daß man allezeit bei Eroͤfnung der Familiengruft dieſes Kind an einem Sarge lehnend ſinde, und daß es dann langſam in den Hintergrund der Gruft ſich verliere. Ich ſelbſt habe es nachher nie wiedergeſehen, aber ich konnte auch in der Folge nicht mehr ſo ruhig ſpielen, denn die Feinde verſchonten die Plaͤtze unſrer Spiele nicht mehr, wie vorher, und wir mußten ſogar alle auf einige Zeit fluͤchtig werden. Das iſt ſehr ſonderbar,— ſagte Anto⸗ nio— koͤnnen Sie mir wol die Geſtalt des Kin⸗ des beſchreiben? Es gleicht— antwortete Ottilie— einem Knaben von vier Jahren, ſo viel ich mich erinnern kann. Vor Zeiten aber ſoll es auch 2 als ein ganz junges Kind erſchienen ſeyn. * — 1 7 Gab er Ihnen denn Blumen,— fragte Antonio weiter,— oder verbirgt dieſe ſchwarze Roſe ein neues Geheimniß? Er trug eine Roſe von der Art immer an ſeiner Bruſt,— erwiederte Ottilie— ich bat ihn einigemal darum, und er ließ mich gelaſſen ſie nehmen, aber allezeit vermißte ich ſie, wenn ich mich nachher unter Andern befand. Daher kam meine Unruhe, als ich geſtern die ſchwarze Blume an meiner Schweſter Bruſt er⸗ blickte. Gott und allen Heiligen ſei Dank, daß jetzt andere Roſen hier bluͤhen! Ottilie fiel bei dieſen Worten ihrer Schweſter heftig um den Hals, und war tief bewegt; Antonio ſammelte ſchnell die zer⸗ ſtreuten Blaͤtter der Roſe, und verbarg ſie ſorgfaͤltig. Es war nun kein Zweifel, daß der Knabe, welchen er in der Mitternacht geſehn hatte, kein andrer war, als das gefuͤrchtete ſtille Kind; doch ſchwieg er davon, um Fio⸗ ren, welche die Blumen aus der Gruft an ih⸗ rer Bruſt getragen hatte, nicht mit bangen Ahndungen zu ſchrecken. J. f. F. II. J. 9. H. 18—— Die Nachforſchungen, wem das ſtille Kind ſich gezeigt habe, blieben ohne Erfolg; gleich⸗ wohl verließ die Furcht nicht die Bewohner des Schloſſes. Von Fiora's Vermaͤhlungstage, der, nach dem Plane des Grafen, der Verlobung bald nachfolgen ſollte, war wenig die Rede. Die Braut ſchien von der ſchwarzen Roſe lief erſchuttert; ſie vermied die Geſellſchaft und man bemerkte, daß ſie mit Anſtrengung ihre bange Empfindung zu verbergen ſuchte. Der Braͤutigam, der die Blume der Trauer ihr ſelbſt uͤberreicht hatte, ſchien ſich mit Vorwuͤr⸗ fen zu quaͤlen, und ſuchte die Einſamkeit. So kam der Abend herauf. Noch tiefer aber hatten dieſe Vorfaͤlle auf HOttilien gewirkt. Sie war in einem nahen Kloſter erzogen worden, damit ſie ſchon von der Kindheit an, ſich an das einſame Leben ge⸗ woöhnte, welchem ſie der Graf beſtimmt hat⸗ te, um der aͤltern Tochter das ungetheilte Ver⸗ moͤgen zu erhalten. Nur ſelten hatte ſie einige Tage im Schloſſe ihrer Eltern zugebracht, und jetzt war ſie nur ihrer Einſamkeit entlaſſen wor⸗ — m— 19 den, um den Feſtlichkeiten beizuwohnen, wel⸗ che in dem Schloſſe des Grafen von Fio⸗ ra’s Verlobung bis zu ihrer Vermaͤhlung ab⸗, wechſeln ſollten. Mit der letztern wollte dann der Graf Ottiliens feierliche Einkleidung verbinden. An die Einſamkeit und Stille des kloſter⸗ lichen Lebens gewoͤhnt, hatte Ottilie faſt mit Widerwillen das vaͤterliche Schloß betre⸗ ten, wo ſie nur wilder Laͤrm und ſtörendes Ge⸗ raͤuſch des Weltlebens, wie ſie glaubte, erwar⸗ tete. Die Unbefangenheit des kindlichen Sin⸗ nes hatte ſie, bei den ſtillen Umgebungen ih⸗ res Aufenthaltes, bis in die erſten Jahre der Jungfrau begleitet, und gab nun der, ihr ſelbſt unbewußt, erwachenden Neigung die friſche Le⸗ bendigkeit, welche unter den Verhaͤltniſſen des geſelligen Lebens gewoͤhnlich ermattet, ehe noch die Neigung ſich entwickelt, und nur in ſeltnen Faͤllen die Liebe zu einem beſtimmten Gegen⸗ ſtand in ihrer erſten Jugendkraft begleitet. Ottiliens Fantaſte gefiel ſich lange in un⸗ ſtetem Umherſchweifen. Bald waren es reli⸗ 20 gioͤſe Bilder, welche ihren Geiſt erfuͤllten, bald dunkle Erinnerungen an fruͤhe Ereigniſſe, bald auch bloß raͤthſelhafte Traͤume, und die Unruhe, welche ſie von dem Einen zu dem Andern trieb, ohne daß etwas ihrer innern Sehnſucht Gnuͤge that, ſchien ihrem kindlichen Gefuͤhle nur ein Zeichen der angeerbten Suͤnd⸗ lichkeit, zu deren Bekaͤmpfung die kloͤſterlichen Uebungen ihr ein ſicheres, aber von dem welt⸗ lichen Sinn zu oft verſchmaͤhtes Mittel, darboͤ⸗ ten. Die Kloſterſchweſtern fanden in ihren verworrnen, bilderreichen Reden die Zeichen eines frommen, von den Heiligen wunderbar ergriffenen Gemuͤths, und die. Andacht, mit welcher Ottilie den geiſtlichen Uebungen ſich hingab, befeſtigte ſie in dieſem Glauben, ſo daß die Lobſpruͤche, welche Ottilie von ihnen empfing, und die Hinweiſungen auf eine Zu⸗ kunft, in welcher der Friede des Himmels ſichtbar auf der andachtvollen Novize ruhen werde, dieſe zu einer nie ruhenden Sehnſucht nach jener ſeligen Zeit entflammte, in welcher das Sehunen geſtillt, und das Ziel, welches ihr oft in unausſprechlichen Traumbildern, — 21 gleich dunklen Offenbarungen, vorſchwebte, er⸗ rungen ſeyn wuͤrde. Mit dieſen Gefuͤhlen war jetzt Ottilie in das vaͤterliche Schloß zuruͤck gekommen. Antonio ſchien durch ſeine nahe Verbindung mit Fioren, zu einem zwangloſern Umgang mit der Schweſter ſeiner Braut berechtigt, und Ottilie, welche nur die Zaͤrtlichkeit ei⸗ ner Schweſter auf ihn uͤberzutragen glaubte, und in den Aeußerungen ihrer Liebe eine Be⸗ ruhigung jener lange gefuͤhlten Sehnſucht fand, uͤberließ ſich ſeinen Liebkoſungen, ohne etwas von der wahren Natur ihrer Neigung zu ihm zu ahnden. Selbſt als ſie einſam mit Anto⸗ nio in der Gondel auf dem ſtill bewegten Meere ſchwebte, und er, den jugendlich ſchlan⸗ ken Leib Ottiliens umſchlingend, die ern⸗ ſtere Fiora vergaß, waren ihr ſeine Kuͤſſe nur wie die Freuden ihrer Traͤume. Sie weckten nur jene ſchnell voruͤberrauſchenden Bilder mit aller der unendlichen Sehnſucht, welche ihr Er⸗ ſcheinen begleitete, doch ohne einen beſtimmten Wunſch in ihr zu rregen. Aber jetzt, mit der Erzaͤhlung von dem ſtillen Kinde, erwachten auf einmal die Erinnerungen an ihre Kindheit und ſtanden wie herangewachſene Geſpielen mit be⸗ deutenderen Blicken vor ihrem Geiſte. Das frohe, in beſtaͤndigem Glanz bewegliche Leben auf dem Schloß ihrer Aeltern, zog noch einmal vor ihrem Blick voruͤber, mit allen den ſchoͤnen Farben geſchmuͤckt, wie es ihr Gedaͤchtniß in den Jahren der Kindheit aufgefaßt hatte, und mit dem magiſchen Schimmer beleuchtet, in welchen Erinnerung und Hoffnung, gleich der Morgen⸗ und Abendſonne, ihre Gegenſtaͤnde ein⸗ huͤllen. Sie fuͤhlte, daß es auch außer der kloͤſterlichen Abgeſchiedenheit Freuden gebe, deren ſich ihr reines Gemuͤth mit Wohlgefallen erinnerte, und auf einmal ſah ſie ſich ausge⸗ ſchloſſen von einem Gluͤck, welches ihre Schwe⸗ ſter an Antonio's Seite erwartete, deſſen Liebkoſungen ihr nun als das erſchienen, wovon ihre, in himmliſchen Gegenden ſchwaͤrmende Fantaſie ihr nur ein ſchwaches Vorbild gezeigt hatte. Fiora's Vermaͤhlungstag ward ihr ein gefuͤrchteter Zeitpunkt, denn an dieſem ſoll⸗ te ſie der Welt entſagen, und aus den kloͤſter⸗ lichen Mauern blickte ihr jetzt nicht mehr das ——— 52 23 endliche Ziel ihrer Sehnſucht, wie vormals, freundlich winkend entgegen. Antonio'n war es ebenfalls nicht uner⸗ wuͤnſcht, daß durch die Erſcheinung des ſtillen Kindes ſein Vermaͤhlungstag etwas in Ver⸗ geſſenheit zu kommen ſchien. Ottiliens un⸗ ſchuldiges Hingeben, die kindliche Unbefangen⸗ heit, mit welcher ſie ſeine Liebkoſungen annahm und erwiderte, verbunden mit dem Reiz der ſich eben nur entfaltenden Bluͤte ihrer Schoͤn⸗ heit, hatten ihn mehr, als er ſich ſelbſt geſtand, angezogen. Fiora ſchien ihm, mit Ottilien verglichen, kalt, und ihre Liebe erfreute ihn mehr als wohlwollende Zuneigung einer Freun⸗ din, wenn ihn bei Ottilien maͤdchenhafte Schuͤchternheit in der ſchoͤnſten Vereinigung mit gluͤhendem Verlangen entzuͤckte. Ohne uͤber ſeine Empfindungen ſich Rechenſchaft geben zu wollen, war er gegen die Braut zuvorkommend, gefaͤllig; gegen Ottilien glaubte er immer etwas verguͤten zu muͤſſen, und ſelbſt der Ge⸗ danke, daß ſie bald die Welt gegen das Kloſter vertauſche, ſchien ihn zu der zarteſten Behand⸗ lung und zu der ſorgfaͤltigſten Aufmerkſamkeit v. auf ihre Wuͤnſche aufzufordern, ja ſogar einen Vorzug vor ſeiner Braut auf dieſe kurze Zeit zu rechtfertigen. Er hatte ſich, als am Abend noch immer die Heiterkeit in der Familie nicht hergeſtellt war, bei einem einſamen Spaziergange wieder an das Ufer des Meeres verloren, in deſſen Horizont die Sonne eben unterging. Hier be⸗ gegnete ihm Ottilie, welche der ſchoͤne laue Abend ebenfalls an das Meer gelockt hatte. Antonio ſchlug ihr, wie geſtern, eine Luſtfahrt auf dem Waſſer vor, ſie ſetzte ſich aber auf einen Raſenſitz und freute ſich der purpurnen und goldnen Streifen, welche den abendlichen Himmel bodeckten und zitternd in dem bewegten Waſſerſpiegel widerglaͤnzten. Antonio ſetz⸗ te ſich neben ſie, aber indem er ſeinen Arm um ſie ſchlang, und ſich beugte, um das geliebte Maͤdchen im Abendglanze zu betrachten, be⸗ merkte er ein ſchmerzliches Zucken um ihre Lip⸗ pen, und ein Senken der Augenlieder, als wollte ſie eine hervorbrechende Thraͤne zuruͤck⸗ draͤngen. — 23 Was iſt Ihnen, beſte Ottilie?— rief er beſtuͤrzt nnd zog ſie feſter an ſich. Laſſen Sie uns zuxuͤckgehn!— antwortete ſie, und wollte ſich ihm entwinden. Sie ſind auf einmal ſo ſchmerzlich bewegt — fuhr Antonio bittend fort— wollen Sie mir nicht ihr Zutrauen ſchenken? Kommen Sie,— ſagte Ottilie— war⸗ um ſoll ich an ein Gluͤck mich gewoͤhnen, das ich bald auf immer entbehren muß? In meinen dunkeln Mauern wird mir der Abend von keinem lieblichen Strahl freundlich erhellt. Iſt's moͤglich, Ottilie,— rief Antonio heftig— iſt das Kloſter nicht Ihre eigne Wahl? Damit ſie es bleibe, darf ich die Freuden des Lebens nicht ſehn— antwortete ſie— Kommen Siel ich bitte. Antonio war im Innerſten bewegt; er zog Ottilien zu ſich nieder, umarmte ſie auf das zaͤrtlichſte, und betheuerte ihr mit heiligen Schwuͤren, ſie zu ſchuͤtzen. Die kurze Daͤnmerung war indeſſen vort⸗ ber und das Mondlicht erhellte nur ſchwach 26 durch die verſchlungenen dichten Zweige das Dunkel. Ottilie blickte furchtſam um ſich und ſchmiegte ſich immer feſter an Antonio s Seite. Die zunehmende Dunkelheit erinnerte endlich Beide an die Nothwendigkeit zum Schloſſe zuruͤckzukehren; allein Ottilien uͤberſtel eine ſo heftige Angſt, wenn ſie in die dunkeln Gaͤnge des Gartens blickte, daß ſelbſt Antonio's Zureden nicht im Stande war, ſie zu beruhigen. Sie geſtand ihm endlich, hier am Meere habe ſie vormals mit dem Kinde ge⸗ ſpielt, und ſeine Geſtalt ſcheine ihr uͤberall aus dem Gebuͤſch hervorzutreten. Sie ſuchte ver⸗ gebens die Furcht zu bezwingen, und bat end⸗ lich Antonio, auf dem Meere einen Theil des weiten Gartens zu umfahren, und an einem freiern Orte zu landen. Der Abendwind trieb die leichte Gondel langſam an dem Ufer hin. Freier wurden nun die Geſpraͤche der Liebe, aber je mehr die Be⸗ ſorgniſſe unter den Liebenden ſelbſt verſchwan⸗ den, um ſo deutlicher erſchienen die Hinderniſſe, welche von außen her ihrer Liebe drohten. Antonio ſuchte Ottiliens Bangigkeit 0 27 wegzuſchmeicheln, obgleich ihm ſelbſt ein gluͤck⸗ licher Ausgang aus dieſem ſchoͤnen Labyrinth faſt unmoͤglich ſchien; aber Ottilie ſch wieg und die Worte des Troſtes konnten ſi ſie nur we⸗ nig erheitern. Jetzt bewegte der Wind die Gondel ſtaͤrker nach dem Ufer. Da hoͤrten ſie von ferne leiſe Tone, wie einen Geſang von der Chitarre beglei⸗ tet. Bald ſchienen ſie vom Meere, bald vom Ufer zu ſchallen; zuweilen erhob ſich die Stim⸗ me, und endlich hoͤrten ſie deutlich die Worte: Will dir nirgends Troſt erſcheinen, naht ein Retter aus der Gruft. Ein Retter aus der Gruft!— hiederholre Antonio ſchaudernd. Selig, wer ſeiner Rettung ſich freuen kann! — ſagte Ottilie ſtill. Die Stimme ſang fort: Und wenn jede Hoffnung ſinket, faſſe noch den Augenblick! Ob kein Stern dem Schiffer blinket, wen die Lieb' umfaßt, dem winket aus den Wellen noch das Gluͤck. Wer ſingt uns jetzt die wunderbaren Wor⸗ te?— rief Antonio— Laß uns dem Wink des Zufalls folgen, Ottilie! Uns bleibt der Augenblick, wenn alle Hoffnung um uns verſchwindet. Dieſen laß uns faſſen, unbe⸗ kuͤmmert, was in der Zukunft ſich verbirgt! „Wen die Lieb' umfaßt, dem winket aus den Wellen noch das Gluͤck!“— 1 Ottilie war ebenfalls durch dieſen Ge⸗ ſang wunderbar bewegt. Sie fuͤhlte ſich be⸗ ruhigt, als haͤtten ſchuͤtzende Genien ihr dieſe Worte zugerufen. Ihre Liebe ſchien ihr vor den Heiligen ſelbſt gerechtfertigt, und dieſen Beſchuͤtzern uͤberließ ſie nun in feſtem Ver⸗ trauen die Leitung ihrer Schickſale. Heiter ſtieg ſie an Antonio's Arm an das Land, und bei dem Abſchiedskuß lud ſie ihn ſelbſt zu einer Waſſerfahrt auf den naͤchſten Morgen ein, um die Sonne, auf dem Meere ſelbſt, dem Meere entſteigen zu ſehen. Wo haben Sie denn die Braut?— rief der Graf Antonionn entgegen, als er in das Schloß trat. — 29 Ich hoffte ſie bei Ihnen zu finden, entgeg⸗ nete dieſer— Sie klagte, als ich ſie verließ, uͤber Kopfweh, und ſchien die Einſamkeit jeder Geſellſchaft vorzuziehn. Sonderbar!— ſagte der Graf— Faſt muß ich glauben, das Geſchwaͤtz von dem ſtil⸗ len Kinde habe einen tiefern Eindruck auf ſie gemacht, als ich bei ihr erwartet haͤtte. Vielleicht auch das Geraͤuſch des geſtrigen Tages— verſetzte Antonio— Das Un⸗ geſtuͤm der berauſchten Bacchanten noͤthigte ſie mehr zu tanzen, als ſie ſelbſt gut fand. Auch moͤglich— erwiderte der Graf— doch laſſen Sie uns jetzt von der Hochzeit ſpre⸗ chen. Warum wollen wir lange zoͤgern? Oder glauben Sie, daß ſich der Marcheſe noch entſchließt, dem Feſte ſeine Gegenwart zu ſchenken?— dann freilich... Mein Vater koͤnnte vielleicht— antwor⸗ tete Antonio etwas verlegen— indeſſen, da es ungewiß bleibt... Ich ſehe ſchon— nnterbrach ihn der Graf laͤchelnd— Sie ſind ein guter Sohn, und ein verliebter Braͤutigam. Nun, ich neh⸗ —x 30 me die Verantwortung auf mich. Uebermor⸗ gen ſei die Vermaͤhlung!— Iſt es ſo recht? Antonio vermochte in der Beſtuͤrzung nicht zu antworten. Indem er ſich noch zu ſammeln ſuchte, ſtuͤrzte Fiora erſchrocken in den Saal. Was iſt dir?— fragte der Graf. Das Kind zeigt ſich wieder— ſtammelte ſie athemlos. Mehrere von der Familie und von der Die⸗ nerſchaft folgten ihr eben ſo erſchrocken. Ver⸗ gebens fragte der Graf, wer es geſehn habe? — Jeder hatte nur die Nachricht von der Er⸗ ſcheinung gehoͤrt, keiner das gefuͤrchtete Kind ſelbſt geſehn. Unwillig drohte der Graf, es ſtreng zu ahnden, wenn Jemand wieder mit der⸗ gleichen leeren Geruͤchten das Haus in Schrek⸗ ken ſetzte. Niemand, verbot er, ſolle es kuͤnf⸗ tig wagen, von der Erſcheinung zu ſprechen, wenn er ſie nicht mit eignen Augen geſehen habe. Ehe er aber noch die Drohungen ausge⸗ ſprochen hatte, erblaßte er ploͤtzlich, ſeine Lip⸗ pen zitterten und die Augen waren ſtarr nach c einem fernen Winkel gerichtet. Alle ſahen jetzt die Geſtalt eines Kindes in dem Hintergrund des Saales nach der offnen Thuͤre eines ſchwach erleuchteten Zimmers langſam gehen und in dieſem ſich verlieren. Sehr ſonderbar!— ſagte der Graf, als er ſich von dem Erſtaunen etwas erholt hatte. Er nahm zwey Lichter, und ging in das Zimmer, in welches das Kind verſchwun⸗ den war. Die Unerſchrockenſten thaten daſſel⸗ be, und folgten ihm nach, aber nichts war zu finden, was einigen Aufſchluß geben, oder eine Taͤuſchung vermuthen laſſen konnte. Man erſchoͤpfte ſich nun in Vermuthungen, welchen Unfall dieſe Erſcheinung verkuͤndigen werde. Was vorher nicht geachtet worden war, bekam nun, da etwas Unleugbares von Allen geſehn worden war, Bedeutung, und ſchien mit dieſer Erſcheinung in geheimem Zu⸗ ſammenhang. Das Unbedeutendſte machte auf Beruͤckſichtigung Anſpruch, Traͤume und aͤhnliche Geiſtergeſchichten wurden erzaͤhlt und erſt ſpaͤt in der Nacht trennte man ſich, nicht ohne Grauen und Furcht vor den Schatten der erfreue. Nacht und den unwillkuͤhrlichen Bildern der Traͤume. Antonio fand am andern Morgen Ot⸗ rilien ſchon in dem Garten. Er erzaͤhlte ihr, wie das ſtille Kind geſtern durch ſeine Er⸗ ſcheinung die ungluͤckliche Beſchleunigung ſei⸗ ner Vermaͤhlung mit Fiova abgewendet habe; und Ottilie geſtand ihm, daß ſie noch mit einer unbegreiflichen Liebe an dem Bilde dieſes Kindes haͤnge, daß aber die Erinnerung an ſeine Wohnung in dem Grabe, in dieſe Liebe ein furchtbares Grauen miſche; ſie fuͤrchte ſeine wirkliche Erſcheinung ſo ſehr, als ſie ſich ſeiner ehemaligen Erſcheinungen in der Erinnerung Von ihren Schwaͤrmereien entzuͤndet, hielt ſelbſt Antonio dieſes Kind nun fuͤr den ſchuͤtzenden Genius ſeiner Liebe. Hoffnun⸗ gen umſchwebten zum erſtenmale die Umar⸗ mungen der Liebenden. Der Retter aus der Gruft war ihnen erſchienen; er hatte das dunk⸗ le Wort, das auf den Meereswellen zu ihnen ſchwebte, ſelbſt ſichtbar geloͤſet. Entzuͤckt ſchwuren ſie ſich ewige Liebe, und dem ſtillen geheimnißvollen Beſchuͤtzer Vertrauen, wenn 33 auch die tiefſte Nacht ſie umhuͤllte, und ihr Auge vergebens nach einem Ausweg blickte. Ein Schiff zeigte ſich in der Ferne, und ſchien ſich ihnen zu näͤhern. So gern Anto⸗ nio noch laͤnger mit der Geliebten auf dem ein⸗ ſamen Meere geſchwebt haͤtte, ſo mußte er doch ihrer Furcht vor Raͤubern nachgeben, und den Ruͤckweg antreten. Nah am Schloſſe begegnete ihm ein Frem⸗ der. Antonio ſah ihn mißtrauiſch an. Bald aber erkannte er in ihm ſeinen lange vermißten Freund, Jeronymo, und flog mit froher Eile in ſeine Arme. Ottilie entfernte ſich waͤh⸗ rend der lebhaften Freude des Bewillkommnens. Jeronymo erzaͤhlte nun ſeinem Freunde, wie ſein Pflegvater und Lehrer, Ambro ſius, vor einiger Zeit geſtorben ſey, und ihm hei ſeinem Ende noch zur Pflicht gemacht habe, einige Laͤnder Europa's und Afrika's zu durch⸗ reiſen, theils, um ſich in den Geheimniſſen der Natur mehr zu unterrichten, theils, um gewiſſe Nachforſchungen zu vollenden, von welchen Ambroſius ſelbſt durch Altersſchwaͤche ab⸗ gehalten worden war. Er ſei aber genoͤthigt, J. f. F. II. J. 9. H. 3 — 84 weil ſein Lehrer ihm zwar wichtige und vor⸗ treffliche Geheimniſſe, aber wenig Baarſchaft hinterlaſſen, als Mahler zu reiſen, und von ſeiner Kunſt zu leben. Jetzt habe er von der nahen Vermaͤhlung der Graͤfin Fiora gehoͤrt, und da habe er dem Braͤutigam Gluͤck wuͤn⸗ ſchen, und dem Hauſe nebenbei ſeine Dienſte anbieten wollen. Antonio erbot ſich, ſeinen Freund ſo⸗ gleich in das Schloß einzufuͤhren, allein dieſer ſtellte ihm vor, daß die fruͤhe Morgenſtunde hierzu keine ſchickliche Zeit ſeyn moͤchte, auch habe er ſelbſt noch einige Verrichtungen in der Gegend. Noch vor Abends werde er aber unfehl⸗ bar ſeinen Freund im Schloſſe beſuchen. Froh uͤber dieſes unerwartete Zuſammen⸗ treffen trat nun Antonio in den Saal, in welchem ſich gewoͤhnlich die Familie verſammel⸗ te. Er fand noch niemand, als Fioren und Ottilien. Beide hielten ſich auf das zaͤrt⸗ lichſte umarmt, und ſchienen tief bewegt. Helfen Sie mir— redete Fiora den Eintretenden an— helfen Sie mir meine ge⸗ liebte Ottilie troͤſten! und mich ſelbſt— * — 33 ſetzte ſie bald hinzu.— Solee ich nicht vor meinem Vermaͤhlungstage ſchaudern, der mei⸗ ne Schweſter von mir trennt, die ich kaum erſt gefunden habe? Denn das Kloſter hielt ſie gefangen, und ſoll ſie bald wieder in ſeine Mauern begraben. Ottiliens Thraͤnen ſloſſen. Fiora leg⸗ te die Weinende ſanft in Antonio's Arm. Koͤnnten Sie wollen— ſagte ſie— daß ich mein Gluͤck durch ewige Thraͤnen meiner Schwe⸗ ſter erkaufte? Gewiß, das Loos dieſer Un⸗ gluͤcklichen muß Sie jammern. Es waͤre dop⸗ pelt grauſam, wenn ſie jetzt, da ſie die Freu⸗ den des Lebens und der Liebe geſehn hat, in jenes traurige Grab zuruͤckkehren ſollte. Antonio wußte ſich kaum zu faſſen. Bald glaubte er das Geheimniß ſeiner Liebe verrathen, bald war er entzuͤckt von Fiorens Liebe zu der Schweſter. Schon war er auf dem Wege, ſeiner Braut Alles zu entdecken, da beugte ſich dieſe troͤſtend auf die ſtill fort⸗ weinende Ottilie, und indem ſie ihre Stirn leiſe kuͤßte, liſpelte ſie: Bitte ihn ſelbſt um deine Rettung, meine Ottiliez denke, daß 6— du zu einem Bruder redeſt, der dich gewiß liebt. Mit dieſen Worten entfernte ſie ſich ſchnell. Was iſt das? Ottilie!— rief Anto⸗ nio außer ſich— weiß Fiora um unſre Liebe? O, ſie ahndet nichts!— erwiderte dieſe mit einem Blick zum Himmel— Ach ſie iſt ſo himmliſch gut, ſie liebt mich wie eine Mutter! Laß mich, Antonio! ich darf nicht bleiben! noch heute will ich zuruͤck in mein ſtilles Kloſter, und bald in noch ſtillere Mauern. Vergebens beſchwor ſie Antonio keinen zu ſchnellen Entſchluß auszufuͤhren, vergebens erinnerte er ſie an die heiligen Eide der Be⸗ ſtändigkeit. Gegen Gefahren war Ottiliens Bruſt gewafnet, aber nicht gegen die Liebe der Schweſter. Sie riß ſich aus ſeinen Armen und eilte Fioren nach. Antonio folgte ihr von weitem, um durch ſchnelles Dazwiſchen⸗ treten vielleicht Fioren an weiterm Forſchen zu hindern.. — 37 Ottilie ſtuͤrzte ſich heftig an Fiorens Bruſt, aber zu tief bewegt, vermochte ſie nichts zu ſprechen, als, ſie wolle noch heut in das Kloſter zuruͤck. Fiora trocknete laͤchelnd ihre Thraͤnen. Ich kenne dein liebes Herz, meine Ottilie— ſprach ſie liebkoſend— ſey ohne Furcht, vertraue deiner Schweſter, auf dich wartet ein ſchoͤneres Gluͤck, als die traurige Stille des Kloſters. Nein, nein! rief Ottilie außer ſich— laß mich fort, noch heute! Du weißt nicht... Ich weiß auch— unterbrach ſie Fiora ſcherzend— wie ein Maͤdchen im funfzehnten Jahre empfindet. Meinſt du, kleine Unſchuld, ich habe alles in den paar Jahren, die ich vor dir voraus habe, vergeſſen? Hier naͤherte ſich Antonio. Kommen Sie, lieber Marcheſe— rief ihm Fiora entgegen— meine zarte Ottilie wird zu ſehr durch die finſtern Ausſichten auf ihr Kloſter erſchuͤttert, in das wir ſie doch durchaus nicht zuruͤcklaſſen. Der Schmerz uͤber⸗ waͤltigt ſie, ich muß mit dem Vater ſprechen Heitern Sie mir ſie indeſſen auf, und wenn Sie mir gut ſind, ſo bemuͤhen Sie ſich, mir meine Ottilie zu erhalten. Sie legte Ottilien wieder in Anto⸗ nio's Arm, kuͤßte beide ſchnell, und entfern⸗ te ſich. . Ottilie wollte ihr nach, aber jetzt ge⸗ lang es Antonio, ſie zu beſäͤnftigen. Er fuͤhrte die Erſchoͤpfte in ihr Zimmer zuruͤck, und verließ ſie nicht, bis ſie ihm heilig ver⸗ ſprochen hatte, in dem Gange ihrer Schick⸗ ſale nichts durch vorſchnelles Handeln oder uͤbereilte Entdeckungen zu ſtoͤren. Unterdeſſen hatte ſich Jeronymo ſehon eingefunden, und Antonio fand ihn, als er Ottilien verlaſſen hatte, in dem Garten, wo er mit Fiora auf ihn wartete. Haben Sie Ottilien beruhigt?— fragte Fiora, als ſich die beiden Freunde bewillkommt hatten. Ich hoffe es,— antwortete Antonio. Fiora erzaͤhlte nun dem Fremden, wie ihre Schweſter aus bloßen Familienruͤckſichten zum Kloſter verurtheilt ſei. Dabei drang ſie immer lebhafter in Antonio, daß er alles auf⸗ — — 3 9 bieten moͤchte, ſie zu retten; war ſo unerſchoͤpf⸗ lich in Ottiliens Lobe, und fand Anto⸗ nio's Theilnahme ſo kalt, daß Jeronymo einigemal mit Laͤcheln bemerkte, nur eine Fio⸗ ra duͤrfe gegen ihren Verlobten eine Freundin mit ſo viel Waͤrme ſchildern, und wenn es auch ſelbſt die Schweſter waͤre. Waͤhrend dieſer Geſpraͤche fand ſich auch der Graf bei der Geſellſchaft ein. Jero⸗ nymo's Bekanntſchaft war ihm lieb, denn er war ſelbſt Freund⸗ und Kenner der Kunſt. Er erbot ſich ſogleich, ihm die Kunſtſchaͤtze ſeines Schloſſes zu zeigen, da er ſpaͤterhin einen Fremden erwarte, der ſich wegen Fami⸗ lienangelegenheiten bei ihm habe anſagen laſ⸗ ſen. Sie werden nicht eben viel bei mir ſe⸗ hen,— ſagte er zu Jeronymo— aber vielleicht manches, das ſie freuen wird, und gewiß nichts, wobey Sie einen Zeitverluſt zu beklagen haben wuͤrden. Wirklich fand Jeronymo manches Be⸗ wundernswerthe in der Sammlung. Eine Gruppe der heiligen Siebenſchlaͤfer zog 40— beſonders Antonio's Aufmerkſamkeit an ſich. Er zeigte es Jeronymo und erin⸗ nerte ihn an eine aͤhnliche Abbildung deſſelben 4 Gegenſtandes, welche ehemals in Vater Am⸗ broſius Einſiedelei den Grund zu ihrer Be⸗ kanntſchaft gelegt hatte. Jeronymo be⸗ trachtete das Gemaͤlde ebenfalls mit lebhaftem Intereſſe. Er ſchien es ſchon genauer zu ken⸗ nen, und der Graf ließ ſich die Gelegenheit nicht entgehen, ihm die einzelnen Schönheiten des Bildes und zugleich ſeine eigne Bekannt⸗* ſchaft mit den feinern Kuͤnſten des Malers aus einander zu ſetzen. Jeronymo war ein auf⸗ merkſamer Zuhoͤrer, und dieſes ſowohl als ſeine Aeußerungen uͤber Gegenſtaͤnde der Kunſt und der Natur, erwarben ihm bald die Gunſt des Grafen, beſonders da er hoͤrte, daß Jeronymo außer der Malerxei noch die Ar⸗ zeneiwiſſenſchaft erlernt habe, und dieſe nicht eben methodiſch, ſondern nach Art der Aerzte„ alter Zeit, als eine goͤttliche Kunſt ſtudiere und ausuͤbe. Er mußte dem Grafen verſprechen, einige Zeit in ſeinem Schloſſe zu bleiben, und keine fremde Arbeit zu uͤbernehmen. — 41 Der Graf haͤtte ſich noch nicht von ſeinen Lieblingsgegenſtanden losmachen koͤnnen, waͤr' ihm nicht der Fremde angemeldet worden, deſ⸗ ſen Beſuch er erwartete. Er erinnerte Je⸗ ronymo nochmals an ſein Verſprechen in dem Schloſſe zu bleiben, und verließ die Geſell⸗ ſchaft um den Fremden anzunehmen. Jeronymo mußte nun Fioren ſeine Zeichnungen vorzeigen, und dieſe hatte ihn bald ſo tief in Geſpraͤche uͤber ſeine Kunſt ver⸗ wickelt, daß Antonio, ohne vermißt zu wer⸗ den, Zeit gewann, nach der geliebten Otri⸗ lie zu ſehen. Sie kniete betend vor einem Heiligenbilde; als Antonio eintrat, erhob ſie ſich, und kam ihm ſtill weinend entgegen. Wie wird das enden, Antonio!— ſeufzte ſie, indem ſie ihn mit Thraͤnen umarmte. Wie es immer wolle— antwortete er— Haſt du vergeſſen, wie die Stimme an jenem Abend zu uns ſang? Die Stimme hat mich verfuͤhrt!— ſagte Ottilie ſchmerzlich— Meine Liebe ſchien mir vor den ſchuͤtzenden Geiſtern gerecht⸗ fertigt. Und iſt ſte es nicht?— erwiderte Anto⸗ nio— Erſchien uns nicht ſchon der Retter aus der Gruft? Verzage nicht, Ottilie! ſchwurſt du nicht an jenem Abend Liebe, Be⸗ ſtaͤndigkeit und Vertrauen? Ottilie war durch den heftigen Sturm ihrer Gefuͤhle zu weich geworden, als daß ſie den Bitten des Geliebten haͤtte widerſtehn köͤnnen. Sie wiederholten ihre Eide, aber wie eine Traͤumende hing Ottilie in An⸗ tonio's Arm. Sie war zu ermattet, um ihm zu folgen: wie haͤtte er die Geliebte jetzt verlaſſen koͤnnen! Er verſchwendete alle Lieb⸗ koſungen, um ſie aufzuheitern, aber ſie erwi⸗ derte ſeine Kuͤſſe nur in halber Betaͤubung. So bemerkten ſie nicht, wie die Zeit eilte, bis das Rollen eines Wagens uͤber den Schloßhof ſie an die Abreiſe des Fremden erinnerte. Antonio umarmte Ottilien inniger und feuriger als jemals, nannte ſie ſeine Schwe⸗ ſter, ſeine Geliebte, ſeine Gattin. Da laͤchel⸗ te ſie wieder, und bereitete ſich, ihm bald zu folgen. 43 Der Graf war bei der Mahlzeit aͤußerſt zerſtreut. Man verſuchte alle Mittel der Unterhaltung, am Ende weniger um ihn auf beſſere Laune zu bringen, als um zu verbergen, daß man uͤble Laune an ihm bemerkte. Ich danke Ihnen— ſagte er endlich ſelbſe — fuͤr Ihre Schonung. Aber was ſoll ich Sie quaͤlen? ich will es lieber geſtehn, daß verdruͤß⸗ liche Dinge mich heute um ſo mehr fuͤr jede Ge⸗ ſellſchaft untauglich machen, da ſie einige Nach⸗ ſuchungen in Papieren verurſachen, die meine Aufmerkſamkeit von allem andern abziehn. Der Aufſeher meines Archivs hat ſich Unord⸗ nungen zu Schulden kommen laſſen, die mir nun ſelbſt einel hoͤchſt beſchwerliche Reviſton noͤ⸗ thig machen. Ich will ſie keinen Augenblick ver⸗ ſchieben, und wer Uibung im Leſen alter Schrif⸗ ten hat, und mir beiſtehn wollte, wuͤrde mich ſehr verbinden. Antonio und ſein Freund boten ihre Huͤlfe an, und nach aufgehobener Tafel begaben ſie ſich mit dem Grafen in das Archiv. Ottilie verſchwendete indeſſen alle Zaͤrt⸗ lichkeit gegen ihre Schweſter. An die Ruͤckkehr 44 in das Kloſter dachte ſie nicht mehr. Fiora malte ihr die Zukunft mit den ſchoͤnſten Farben, ruͤhmte ihr Antonio's Theilnahme an ihrem Schickſal, und gab ihr die heiligſten Verſiche⸗ rungen, daß weder ſie, noch Antonio, etwas unterlaſſen wuͤrden, ſie vom Zwange des Kloſters zu befreien. Oft, wenn Fiora von Otti⸗ liens Befreiung mit der ruhigſten Sicherheit ſprach, war dieſe wieder entſchloſſen, der Schweſter ihr Geheimniß zu enthuͤllen; aber immer wußte Fiora ſchonend oder neckend das Geſpraͤch zu wenden, ſo daß Ottilie ſich ſelbſt beinah fuͤr zu ſehr Kind hielt, als daß die Geheimniſſe ihres Herzens fuͤr die er⸗ wachſenere Schweſter von Wichtigkeit ſeyn koͤnn⸗ ten. Erſt ſpaͤt am Abend kam der Graf mit ſei⸗ nen beiden Gehuͤlfen aus dem Archiv zuruͤck. Er ſelbſt war unzufrieden, daß die geſuchten Urkunden noch nicht aufgefunden waren; doch ließ er ſich durch die Ausſicht auf die große An⸗ zahlder noch undurchſuchten Papiere beruhigen, nebenbei erheiterte ihn auch die neuhergeſtellte Ordnung in dem Archiv, und die Auffindung 5 4 — 43 einiger andrer, fuͤr verloren gehaltoner Perga⸗ mente. Ich begreife nun— ſagte er— wie ſich zu den verdruͤßlichſten Arbeiten Menſchen finden. Nichts iſt ſo unangenehm, das nicht einige Belohnung geben, und ſelbſt anziehend werden muͤßte, wenn man es nur mit Eifer angreift. Selbſt unſerm Aufzug in den alten, den Staub gewohnten Kleidern, laͤßt ſich ein leidliches Bild abgewinnen. Wir gleichen traveſtirten Siebenſchlaͤfern, die aus der ſinſtern Bergkluft in verjaͤhrtem Koſtum, ſtatt alter Muͤnzen mit alten Pergamenten ans Tageslicht ſteigen; und ſo geben wir ein komiſches Gegenſtuͤck zu dem Bilde der Heiligen, welches in meiner Gallerie Ihren Beifall erhielt. Die Geſchichte dieſer Heiligen iſt mir im⸗ mer unendlich anziehend geweſen— ſagte Ottilie— Es iſt gewiß ein großer, erheben⸗ der Gedanke, die Leiden und den Druck ganzer Jahrhunderte zu verſchlummern, wie den Kum⸗ mer einer truͤben Nacht, und dann beim Er⸗ wachen den neuen Morgen eines beſſern Tages 46 uͤber ein ganzes Menſchengeſchlecht aufgegangen zu finden. Schade nur— verſetzte der Graf— daß dieſe ſchoͤne Anſicht zu fern von der Wirk⸗ lichkeit liegt. Denn ſo wenig ich auch in Glau⸗ bensſachen zu gruͤbeln pflege, ſo muß ich doch geſtehn, dieſes Wunder iſt mir etwas zu wunderbar. Ob dieſe Erhaltung der Heiligen— ent⸗ gegnete Jeronymo— durch ein Wunder bewirkt worden ſei, wage ich nicht gegen die Lehre der Kirche zu bezweifeln. Daß ſie aber auch ohne Wunder koͤnne ſtatt gefunden haben, duͤnkt mich unlaͤugbar. In ſofern muß ich Ih⸗ nen widerſprechen, wenn Sie das Natuͤrliche als Wunder fuͤr unglaublich halten. Sie ſcherzen— rief der Graf— ohne Wunder waͤr' eine ſolche Erhaltung moͤglich? Allerdings— wiederholte Jeronymo — es kann Ihnen, wie das oft der Fall iſt, nur ſo lange wunderbar vorkommen, als Sie ſich auf Ihre eignen Kenntniſſe von der Natur nicht beſinnen. — -— 47 Alle drangen nun in Jeronymo, daß er ſich deutlicher hieruͤber erklaͤren ſolle. Vergeſſen Sie nicht— hob er an— daß ich nicht das Wunder laͤugne; ich behaupte nur, das Ereigniß ſelbſt habe ſich eben auch ohne Wunder zutragen koͤnnen. So laͤugnet z. B. der Theoretiker nicht, daß ein Kunſtwerk aus Genialitaͤt herſtamme, wenn er auch be⸗ rechnen kann, welche Geſetze der Harmonie, des Rhythmus, der Raumverhaͤltniſſe und aͤhn⸗ licher Dinge ihm zum Grunde liegen. Das Wunder ſelbſt verletzt die Naturgeſetze nicht, es greift nur unſrer Kenntniß davon— viel⸗ leicht in das Unendliche vor, wie etwa das wahre Genie der wiſſenſchaftlichen Unterſu⸗ chung. Sie ſchweifen in ein fremdes Gebiet,— ſagte der Graf. Ich bin bei der Sache— verſetzte Jero⸗ nymo— Unſre Frage iſt doch dieſe: ob eine Unterbrechung des Lebens auf einige Zeit, ſich nach bekannten Geſetzen der Natur denken laſſe?— Ich kann Ihnen, als zunaͤchſt lie⸗ 48 gendes Beiſpiel den Scheintod anfuͤhren, ein in unſern Zeiten ſehr oft erwaͤhntes Phaͤnomen. Das iſt Etwas— erwiderte der Graf— allein die Dauer des Scheintodes iſt gewoͤhn⸗ lich zu kurz, um Ihren Satz vollkommen zu beweiſen. Wenn der Scheintod nur fänger anhaͤlt— fuhr Jeronymo fort— als ein völlig leb: loſer Koͤrper der Zerſtoͤrung widerſtehn, oder ein lebender der Nahrung entbehren kann, ſo waͤre die laͤngere oder kuͤrzere Dauer dieſes Zuſtandes wol gleichguͤltig. Was ſagen Sie aber zu dem Winterſchlaf der Thiere? Hier tref⸗ fen wir doch die Siebenſchlaͤfer ſogar dem Na⸗ men nach wieder an. Und erinnern Sie ſich nicht an die Faͤhigkeit einiger Thierarten, Jahrhun⸗ derte lang in Steinen, Kloͤtzen und Hoͤhlen einge⸗ ſchloſſen, ohne Luft und Nahrung zu leben? ja ſogar an die Natur der ganz niedern Thier⸗ klaſſen, deren Leben der Naturforſcher bei ſei⸗ nen Verſuchen nach Willkuͤhr erweckt und ein⸗ ſchlaͤfert, um ihre Reviviſcenz zu beweiſen? Sie beſchraͤnken dieſes ſelbſt auf die niedern Klaſſen— wendete der Graf ein. — 49 Das Geſetz gilt durch die ganze Natur,— verſetzte Jeronymo.— In den hoͤhern Klaſſen iſt freilich das kraͤftigere Leben ſchwerer zu feſſeln, als in den niedern, wo es oft nur dann erſt als Leben erſcheint, wenn die Kunſt die Feſſeln der Natur geloͤſet hat. Und dieſes iſt eben das Geheimniß, das Freie zu binden, ohne es zu toͤdten, und das Gehundne zu er⸗ löͤſen, ohne es zu zerſtoͤren. Hier fragt es ſich nun eben— ſagte der Graf zweifelnd— ob dieſes Feſſeln und Lö⸗ ſen nicht mehr ſey, als ein Werk natuͤrlicher Kraͤfte. Wenn nun die Natur ſelbſt dieſes Werk nicht nur vollbraͤchte, ſondern auch ihre Ope⸗ rationen dabei, jeden, der ſie zu fragen ver⸗ ſteht, deutlich lehrte?— erwiderte Jerony⸗ mo.— Sie wiſſen, daß die Winterſchlaͤfer ſich vor ihrem Schlafe auf das ſorgfaͤltigſte von allem naͤhrendem Stoffe in ihrem Koͤrper befreien, und daß auf der andern Seite Thiere, welche lange ohne Nahrung zubringen koͤnnen, wenig athmen. Was bei den Thieren der In⸗ ſtinkt, wie wir das Unerkannte nennen, voll⸗ J. f. F. II. J. 9. H. 4 50 bringt, daß naͤmlich Athmen und Ernaͤhrtwer⸗ den zugleich ſich hemme, das bewirkt bei dem Menſchen die Kunſt. Schon vom Epimenides erzaͤhlt die Geſchichte, daß er ſieben und funf⸗ zig Jahre einen aͤhnlichen Schlaf in einer Hoͤhle zu Kreta ſchlummerte, wie unſre ſieben Hei⸗ ligen in ihrem Berge. Sie machen mir bange,— ſagte Otti⸗ lie— So koͤnnte vielleicht mancher Bewohner der Saͤrge noch in dieſer Welt ſeine Auferſte⸗ hung hoffen? Es iſt nicht unmoͤglich— erwiderte Je⸗ ronymo— In jenen fruͤhern Zeiten, als die Kunſt noch nicht der leeren Methode gewichen war, verbarg ſich vielleicht mancher fuͤr beſſere Jahrhunderte unter feindlichen Todten. Aber oft ſtarb mit den Meiſtern die Kunſt, und mancher, den verborgen vormals die Hand eines Freundes zur Ruheſtelle fuͤhrte, wartet nun vergebens in dieſer Welt auf die weckende Stimme. Laſſen Sie uns abbrechen,— ſagte Fio⸗ ra— mir wird bange, als waͤr ich unter den Todten, und ſaͤh ſie peinlich auf die Erloͤſang — 51 harren, und verzweifeln, daß ſte das Welt⸗ gericht aus den Graͤbern rufen wird, ehe ſie der Tod beruͤhrt hatte. Das Geheimniß iſt noch nicht verloren— fuhr Jeronymo fort— Viele werden noch aus den Gruͤften im irdiſchen Leibe hervorgehn, ehe die Poſaune zum Gericht ruft. Manches wird ans Licht kommen, wenn die lebenden Todten erſcheinen, ehe noch das Licht des letz⸗ ten Tages alles Verborgene erleuchtet! Was iſt dir, Jeronymo?— rief Antonio — Du ſprichſt feierlich, wie ein Prophet! Erſtaunen Sie nicht— verſetzte Jero⸗ nymo— Die alten Meiſter meiner Kunſt ha⸗ ben vieles in ihren Schriften hinterlaſſen, was mich zu ſolchen Erwartungen berechtigt. Ob ſie jemals erfuͤllt werden, ob nicht vielleicht manche jener Andeutungen nur Uebertreibung eines feurigen Gemuͤths war— wer mag das entſcheiden? Aber die Aufmerkſamkeit ſolchen Winken zu verſchließen, waͤre ſtrafbare Traͤg⸗ heit. Jeder muß zu leiſten ſuchen, wozu ihn ſeine Verhaͤltniſſe auffordern. Es iſt beſſer, zu viel hoffen, als in traͤgem Unglauben, oder 32. im Wahn vornehmer Aufklaͤrung zu wenig un⸗ ternehmen. Sie werden mir mit jeder Stunde theurer, — ſagte der Graf und faßte freundſchaftlich Jeronymo's Hand— Aber laſſen Sie uns Abends nicht von ſo ernſten⸗ feierlichen Din⸗ gen ſprechen. Sehn Sie nur die Maͤdchen, wie ſie ſich furchtſam umfaßt halten. So ma⸗ chen es die Weiber! Von Furcht und Bangig⸗ keit fluͤchten ſie in Umarmungen. Jeronymo laͤchelte, kuͤßte Fioren die Hand und verſprach, den Graf am andern Mor⸗ gen wieder in das Archiv zu begleiten, und ſo⸗ dann das, im Schloß ihm ſchon angewieſene Zimmer zu beziehen. Weit verdruͤßlicher, als geſtern, kam der Graf heute aus dem Archiv zuruͤck. Alle Schriften waren durchſucht und mit aͤngſtli⸗ cher Genauigkeit durchblaͤttert, aber die ver⸗ langte Urkunde war nicht zu finden.„Die Haͤlfte meiner Beſitzungen wollte ich um dieſes Blatt geben“— rufte der Graf in hoͤchſter Bewegung aus.—.„Nein ganzes Vermoͤ⸗ gen“— rief er nochmals,— und kaum —C—C—Q—Q—C— 2 33 konnte ihn das Verſprechen einer nochmaligen Durchgehung jedes einzelnen Blattes, etwas beruhigen. Das ganze Haus war in aͤngſt⸗ licher Erwartung und erſchoͤpfte ſich in Vermu⸗ thungen, welches Document das ſeyn muͤſſe, das mehr werth waͤr, als alle Beſitzungen des Grafen. Endlich mußte er ſich ſelbſt zur Ent⸗ deckung des Geheimniſſes entſchließen, denn der Schreck uͤber den Verluſt hatte ihn ſo er⸗ ſchuͤttert, daß er unfaͤhig war, die Reviſion des Archives noch einmal ſelbſt zu übernehmen. Mein einziger Sohn— ſprach er— ſtarb in fruͤher Jugend. Durch dieſen Tod, mit dem meine maͤnnliche Nachkommenſchaft vernichtet war, glaubte meines Bruders Sohn ein Erbfol⸗ ge⸗Recht auf meine Herrſchaft zu erhalten, und war ſo dreiſt, dieſes vermeintliche Recht ſchon bei meinem Leben gegen mich geltend zu machen. Ich hatte die Beweismittel, daß auch Toͤchter meine Beſitzungen erben koͤnnen, in den Haͤn⸗ den, und mein Vetter verlohr den Prozeß. Aufgebracht daruͤber, verband er ſich nun mit einigen entfernten Verwandten zu einem neuen Streit gegen mich, den ich noch geringey 3— 8 achtete, weil mein Recht ganz ohne allen Zwei⸗ fel ſchien. Geſtern aber verlangt ein Fremder, der ſich als Commiſſarius legitimirt, von mir die Vorzeigung eines Orginal⸗Documentes, auf welchem nicht allein Vermoͤgen, ſondern mein Srand, meine Ehre, und Alles beruht. — Daß ich es vergebens ſuche, wiſſen Sie ſelbſt. Was es enthalten ſolle, urtheilen Sie aus Folgendem. Mein Urahn Hippolyt ver⸗ maͤhlte ſich mit der Graͤfin Jolante, viel⸗ leicht weniger durch Liebe als durch Familien⸗ 2 Convenienz bewogen. Am Hochzeittage ſah er ihre Schweſter Ottilie, und entbrannte fuͤr ſie in der heftigſten Liebe. Ottilie hieß die Schweſter?— fragte Ottilie ſelbſt etwas erſchrocken. So hieß ſie,— antwortete der Graf— Du haſt keinen gluͤcklichen Namen! Ottilie erblaßte. Der Graf fuhr fort. Sie erwiderte ſeine Liebe mit nicht minder 1 heftiger Glut. Dieſes ſcheinen wenigſtens Briefe zu verrathen, die ſich wirklich noch in meinem Archive befinden, und uns entzuͤcken wuͤrden, waͤren die Folgen jener Liebe nicht ſo — — — 35 traurig fuͤr uns ſpaͤte Nachkommen. Ottilie war fuͤr Hippolyt verloren, denn haͤtte auch das Sacrament der Ehe geloͤſet werden koͤnnen, ſo war doch Ottilie durch ein unloͤsbares, hei⸗ liges Geluͤbde dem Kloſter verbunden. Gleich⸗ wohl fanden ſie Mittel, ſich im Geheimen zu ſehn, und man entdeckte im Kloſter die Folgen von Ottiliens Liebe. Sie floh Hippolyr, und Jolante begleitete ſie auf ſein Ver⸗ langen zu einem frommen Eremiten, um ſie dort zu verbergen. Aber Jolante's erſchoͤpfter Koͤrper mochte die Beſchwerden der Reiſe nicht ertragen, und ſie ſtarb, als ſie in der Huͤtte des Einſiedlers einen Sohn geboren hatte. Dieſen brachte auch der Eremit mit dem Leichnam Jo⸗ lante's auf Hippolyts Schloß. Otti⸗ lie war, wie er berichtete, ihrer Schweſter bald nachgefolgt. Der Kummer hatte ſie getoͤdtet, ehe ſie gebaͤren konnte, und der fromme Moͤnch hatte ihren Koͤrper in einem nahen Kloſter bei⸗ geſetzt. Hippolyt ertrug dieſen Schmerz nicht; er ſtuͤrzte ſich in den Krieg und fand ver⸗ zweifelnd in der erſten Schlacht ſeinen Tod. Er liegt begraben, wo er gefallen war, und 56 ein ſteinernes Kreuz iſt ſein Monument. Nie⸗ mand zweifelte nun jemals, daß jenes Kind, von welchem ich abſtamme, Hippolyt's recht⸗ maͤßiger Sohn von Jolanten war: jetzt aber hat mein Vetter wahrſcheinlich zu machen geſucht, daß nicht Jolante, fondern Otti⸗ lie jenes Kind geboren habe. Man legt mir unlaͤugbare Beweiſe vor, daß jenes Kloſter bei der Aufnahme des Leichnams ſich zur Er⸗ ziehung des verlaſſenen Kindes erboten, wel⸗ ches der Einſiedler aber dem Kloſter nicht habe uͤberlaſſen wollen, weil er es, wie er vorgegeben, dem Vater ſelbſt uͤberantworten muͤſſe. Mein Stamm wird alſo für unaͤcht, und der Stamm von Hippolyt’s Bruder fuͤr den einzig aͤchten er⸗ kannt, wenn ich nicht das Bekenntniß des Ere⸗ miten uͤber Jolante's Entbindung vorzeigen kann. Dieſes ſuche ich nun vergebens, und vielleicht iſt es ſchon durch Treuloſigkeit in die Haͤnde meiner Feinde gerathen! Antonio verſprach mit ſeinem Freunde alle Sorgfalt anzuwenden, um dieſes wichtige Document noch aufzufinden. Jeronymo fragte nach der Wohnung jenes Einſiedlers und nach — 57 feinem Namen, aber der Graf wußte uͤber die⸗ ſes alles keine beſtimmte Auskunft zu geben, denn Hippolyt war, nach dem Bericht des Kapellans, der ſich in dem Archiv fand, in einer Fehde begriffen geweſen, als der Einſied⸗ ler mit dem Leichnam und dem Kinde auf dem Schloß ankam, und hatte, ohne ſeinen Erben zu ſehen, den Tod im Streite gefunden. Auf Ottilien hatte die Er rzaͤhlung des Grafen den tiefſten Eindruck gemacht. Sie ſah in der Geſchichte jener Ottilie das Vor⸗ bild ihrer Liebe und ihres Ungluͤcks. Sie em⸗ pfand den fuͤrchterlichen Fluch der Schuld, d den Schuldigen uͤberlebt, und mit ſeinem Lüde nicht abgebuͤßt, noch ſpaͤte Geſchlechter ſtrafend verheert. Antonio bemerkte ihre Bewegung. und ſuchte ſie zu beruhigen, indem er ſeine eigne Empſindung nur mit Anſtrengung verber⸗ gen konnte. Fiora ſelbſt bat ihn, die Schwe⸗ ſter zu erheitern und fuͤhrte beide nach dem Garten. Hier ging ſie von ihnen, um ihren Vater in ſeiner truͤben Stimmung, wie ſie ſag⸗ te, nicht ohne Geſellſchaft zu laſſen. Antonio verſuchte lange alles vergebens, um Ottiliens Traurigkeit zu verſcheuchen. Die ſchoͤnen Plaͤtze, welche Zeugen ihrer er⸗ wachenden Liebe geweſen waren, erfuͤllten ſie mit Entſetzen und ſie floh vor ihnen, wie vor Mitſchuldigen ihrer ſuͤndigen Liebe. Sie ſuchte die wildeſten Schatten, welche ſie noch geſtern furchtſam geſcheut hatte; denn im Gefuͤhl eines Ungluͤcks und einer Schuld, welche dieſe Welt nicht zu loͤſen vermochte, ſehnte ſie ſich nach Durchbrechung dieſer Schranken, und blickte verlangend in das grauenvolle Dunkel, ob kein Weſen einer fremden Welt, vermittelnd oder zerſtoͤrend zwiſchen ſie und ihr Ungluͤck treten wollte. Antonio fuͤrchtete von ihrer wild aufgeregten Phantaſie; er beruͤhrte leiſe jene Erſcheinung des ſtillen Kindes, die ſo guͤnſtig fuͤr ihre Liebe ſich bewieß, aber Ottilie war taub fuͤr ſeinen Troſt. Nein,— rief ſie,— nein! Ungluͤck nur verkuͤndigte allezeit die Erſchei⸗ nung! ſie weiſſagte den Fall meines Hauſes, und meine frevelhafte Deutung fuͤhrte meinen eignen Fall mir herbei! 59 Indem ſie noch, die Haͤnde ringend, ſtarr zu Boden blickte, ſchwebte leiſe die Melodie zu ihnen heran, die ſie vor wenig Tagen auf dem Meere vernahmen; ſie erklang dreimal, und verhallte dann ſtill in die Luft. Erkennſt du die Stimme unſers Beſchuͤtzers? — ſagte Antonio— Er umſchwebt uns, und mahnt dich an deinen Eid, Ottilie! Liebe, Beſtaͤndigkeit und Vertrauen. Vergiß es nicht:— wen die Lieb' umfaßt, dem winket aus den Wellen noch das Gluͤck! Ottiliens wilder Schmerz war, waͤh⸗ rend die Tone klangen, in mildere Wehmuth aufgeloͤſet. Sie umarmte Antonio. Liebe, Beſtaͤndigkeit, Vertrauen! ſagte ſie, mit ſtil⸗ lem Laͤcheln zum Himmel aufblickend„und ließ ſich ruhig von ihm in das Schloß zuruͤckbe⸗ gleiten. Hier fanden ſie den Grafen bei Fiora und Jeronymo, gegen welchen er nicht auf⸗ hoͤren konnte, ſich in die verbindlichſten Dank⸗ ſagungen zu ergießen. Der Fremde hatte ſich wieder eingeftellt und auf die Vorlegung des 66.— verlangten Documentes gedrungen. In der Beſtuͤrzung hatte der Graf beinahe die ver⸗ geblichen Nachſuchungen verrathen; aber Je⸗ vonymo hatte ſchnell das Wort genommen, und den Fremden verſichert, der Graf habe ſich geſtern, als er unvorſichtig in das kalte Gewoͤlbe des Archivs geſtiegen, einen hefti⸗ gen Zufall zugezogen, und er koͤnne, als deſ⸗ ſen Hausarzt/ durchaus nicht geſtatten, daß er ſich von neuem ausſetze. Das Aufſuchen des Documentes werde alſo Anſtand haben muͤſſen, bis man ohne Gefahr fuͤr die Geſundheit es unternehmen koͤnne. Der Fremde hatte zwar dagegen Zweifel erregen wollen, und war hef⸗ eig geworden, aber Jeronymo hatte mit be⸗ deutendem Blick und feſtem Ton ihn erinnert: er moͤge doch, wenn ihn der Stans des Grafen nicht in den geziemenden Schranken des Wohl⸗ ſtandes halten koͤnnte, wenigſtens die ihm be⸗ kannten Folgen des Affekts bedenken. Bei dieſen Worten war der Fremde auf einmal ge⸗ laſſen geworden, und hatte ſogar dem Grafen unaufgefordert drei Monate Zeit zum beque⸗ mern Aufſuchen der Urkunde geſtattet. Dabei —— 6 1 war er in die außerſte Verlegenheit gerathen, hatte heftig gezittert, und am Ende vor Aengſt⸗ lichkeit kaum mehr zu ſprechen vermocht. Je⸗ ronymo aber hatte ſein angebliches Amt als Hausarzt des Grafen verwaltet, und den Fremden in wenig Minuten wieder hergeſtellt, der ſich nun ſehr bald mit Bezeugung der groͤß⸗ ten Achtung fuͤr Jeronymo entfernt hatte. Ottiliens Vertrauen war durch dieſe guͤnſtige Wendung maͤchtig geſtaͤrkt. Jene Melodieen hatten ihr nicht, gleich frohen Ahn⸗ dungen, ein Gluͤck verkuͤndigt, deſſen Bluͤthe noch unentwickelt in der Zukunft lag: ſie ſchie⸗ nen vielmehr geiſtige Boten eines ſchon erſchie⸗ nenen Gluͤckes, die, gleich Duͤften einer ſchon aufgebluͤhten Blume, aus der Ferne ſie anweh⸗ ten. Sie war heitrer, als jemals, und ſchmiegte ſich Gluͤckwuͤnſchend an ihren Vater, der, in dem ſchnellen Uebergang von der Ver⸗ zweiflung zu einer faſt ſichern Hoſſnung, ſich den lebhafteſten Aeußerungen ſeiner Freude auͤberließ. Singe mir— ſprach er endlich zu Fiora, als er ſich von der Gewalt der Freude erſchoͤpft 52 fuͤhlte— Singe mir noch einmal das Lied, das mir ſo wohlgeſiel, von der Hoffnung. Fiora nahm ihre Chitarre und ſang: Laß die Hoffnung nicht entweichen, Nimmer iſt die Huͤlfe fernz Schnelle Rettung kann ſich zeigen, Von dem Himmel kann ſie ſteigen, Denn die Götter helfen gern. Freude winkt dir aus den Hainen, Liebe liſpelt dir die Luft. Laß das Klagen, laß das Weinen! Will dir nirgends Troſt erſcheinen, Naht ein Retter aus der Gruft. Und wenn jede Hoffnung ſinket, Faſſe noch den Augenblick! Ob kein Stern dem Schiffer blinket: Wen die Lieb' umfaßt, dem winket, Aus den Wellen noch das Gluͤck. Dttilie horchte beim Anfange des Liedes ſchon befremdet auf die, ihr bekannte Melodie; bei dem Schluſſe des zweiten Verſes konnte ſie — 63 kaum ihre heftige Bewegung zuruͤckhalten. Auch Antonio erblaßte. Waͤhrend des letz⸗ ten Verſes war Ottilie faſt in todtenglei⸗ cher Erſtarrung. Woher haſt du das Lied?— fragte ſie Fioren mit bebender Stimme, als ſie ſich etwas gefaßt hatte. Jeronymo hat es mir gegeben— ſagte Fiora gleichguͤltig— kennſt du es auch? O, daß ich es nicht kennte!— ſeufzte Ottilie, und verbarg ihr Geſicht in beide Haͤnde. Still ſetzte ſie ſich in den dunkelſten Winkel des Saales: ihr ſchoͤnſter Glaube war durch die Wirklichkeit zerſtoͤrt. Antonio ſuchte die Aufmerkſamkeit von ihr abzulenken, und ſtimmte, um ſein eignes Gefuͤhl zu ver⸗ bergen, lebhaft in Jeronymo's Lob ein. Die Sicherheit, mit welcher dieſer dem Commiſſar die bedeutenden Worte geſagt hatte, und der unerwartete Erfolg davon, erhoͤhete die Meinung von ſeiner tiefen Kenntniß der verborgenſten Dinge, und der Graf ſchien ſo⸗ gar in der Perſon des Fremden einen, durch geheime Unthaten ausge ezeichneten Menſchen zu vermuthen. Sie irren— ſagte Jeronymo.— Dieſer Menſch iſt an ſich ganz unbedeutend; darum ſucht er ſich, wie alle Leute ſeiner Art, bedeutend zu machen, ſobald ihn ſein Amt mit Perſonen zuſammenführt, welche in jeder ande⸗ ren Ruͤckſicht weit uͤber ihm ſind. Wie konnten ihn aber Ihre Worte ſo er⸗ ſchuͤttern?— fragte der Graf. Ich bemerkte,— antwortete Jeronymo, — an ſeinen Blicken und Bewegungen die Zeichen nahender heftiger Zufaͤlle, welchen er ſeinem Anſehn nach oft ausgeſetzt zu ſeyn ſcheint. Da warnte ich ihn denn ſchnell, theils um ihn durch Ueberlegenheit außer Faſſung zu ſetzen, theils um Ihnen ſelbſt den unangeneh⸗ men Anblick zu entziehn. Und Alles waͤr' auf ſo einfache, natuͤrliche Art geſchehen?— ſeufzte Ottilie, hoffnung⸗ los zum Himmel blickend. Sind Sie mit der Wirkung weniger zufrie den,— antwortete Jeronymo,— weil ihr Grund natuͤrlich war? Nicht d die Sache; — 6 8 2 die Zeit, der Ort, die Verhaͤltniſſe bilden das Uebernatuͤrliche in der Begebenheit, denn die Natur dient dem hoͤhern Willen. Sie iſt das Saitenſpiel, deſſen Toͤnen die Hand des Mei⸗ ſters Harmonie giebt. Eine troͤſtende oder rathende Stimme in Gefahr iſt die Stimme Ihres Genius, wenn ſie auch in der Wirtlich⸗ keit nichts war, als der Widerhall des Felſen, der Ruf eines Hirten, oder ferner Geſang, den der Wind Ihnen zuwehte. Ottilie ſchwieg. Das Wunder war aus ihrer Phantaſie verſchwunden, aber der Troſt, welchen es ihr gegeben hatte, kehrte durch Jeronymo's Wort in ihr Herz zuruͤck. Der geſtattete Aufſchub hatte indeſſen auf einmal die Furcht vermindert, und die Gefahr ſelbſt erſchien durch die Ferne, in welche ſie geruͤckt war, um vieles verkleinert. Der Graf beſchloß, die naͤchſten Tage bloß der Frende zu widmen, und das Suchen der Ur⸗ kunde auf einige Zeit einzuſtellen. Frohe Feſte erfuͤllten nun wieder Tage und Naͤchte; ſelbſt Antonio's bedeutendes Erinnern konnte die Unbeſorgtheit des Grafen nicht ſtoͤren, und an J. f. J. II. J. 9. H. 5 66— einem Abend, als das Schloß von Jubel wider⸗ hallte, erklaͤrte er laut bei der Tafel, morgen ſolle das Vermaͤhlungsfeſt ſeiner Tochter gefei⸗ ert werden. Alles jubelte laut auf. Kanonen donnerten, Pauken wirbelten, Glaͤſer erklangen und alle Inſtrumente rauſchten maͤchtig in den Jubel.⸗ Da erhob ſich der Graf— heute noch! rief er freudetrunken; wer wehrt es uns denn, das Gluͤck der Zukunft gleich zu entreißen? Er faßte Fiora' s und Antonio's Haͤnde, um ſie in einander zu legen, aber ploͤtzlich ſank Ottilie mit einem lauten Schrei unfern von ihm ohnmaͤchtig zu Boden. Der Graf blick⸗ te erſchrocken nach ihr, da ſtand das Kind ne⸗ ben der Ohnmaͤchtigen, ſchr itt ſtumm durch die von Erſtaunen gefeſſelten Gaͤſte, und war ver⸗ ſchwunden, ehe ihnen noch ſo viel Beſonnenheit zuruͤckgekehrt war, um der Erſcheinung nachzu⸗ blicken. Ottilie erholte cb bald durch die Huͤlfe des herbeieilenden Jeronymo. Die geſtoͤrte Geſellſchaft ging zeitig aus einander, ohne ſich den Vorfall entraͤthſeln zu koͤnnen. Der Graf war dieſes Mal am tiefſten erſchuͤttert⸗/ „ denn er befuͤrchtete ein neues Ungluͤck, und klagte ſeine Sorgloſigkeit, als die Urſache an, daß ſein Schickſal ihm vielleicht einen neuen Beweis ſeiner Uebermacht geben werde. Er beſchloß ſogleich, alle Feſtlichkeiten einzuſtellen, und nicht eher wieder der Freude ſich zu uͤberlaſſen, bis die entſcheidende Urkunde gefunden ſeyn werde. 8. Die Erſcheinung hatte ihn nicht betrogen. Am andern Morgen brachte ein Bote einen Brief von Antonio's Vater. Der Mar⸗ cheſe verlangte die Vermaͤhlung ſeines Soh⸗ nes mit Fioren aufgeſchoben, bis der Graf ſeine rechtmaͤßige Abſtammung aus dem alten graͤflichen Stammhauſe wuͤrde außer Zwei⸗ fel geſetzt haben. Es ſey, ſetzte er hinzu, nicht ſowol Ruͤckſicht auf das wegfallende Vermoͤgen ſeiner kuͤnftigen Schwiegertochter, ſondern die Nothwendigkeit, ſeinen Sohn mit einem alten Geſchlecht verbunden zu wiſſen, die Urſache ſeiner Bitte. Auch zweifle er nicht, daß es dem Grafen gelingen werde, jeden ſcheinbaren Flecken in dem Stammbaume ſeines Hauſes zu vertilgen. Der Graf war außer ſich uͤber dieſen Schimpf. Kaum konnte er es uͤber ſich gewin⸗ nen, den aͤußern Anſtand nicht zu beleidigen, als er Antonio'n den Willen ſeines Vaters bekannt machte. Im Gefuͤhl der erlittenen Beleidigung, hoͤrte er nicht auf Antonio s Verſicherungen. Er verbot Fioren heftig, ferner an eine Verbindung mit dem Mar⸗ cheſe zu denken, und verbarg dieſem nicht, daß unter dieſen veraͤnderten Verhaͤltniſſen ſeine Gegenwart im Schloſſe dem Rufe ſei⸗ ner Tochter nachtheilig ſeyn wuͤrde. Um⸗ ſonſt ſuchte Jeronymo ihn zu beſaͤnftigen; der Graf verſicherte auch ihn, daß er ſeine Freiheit zu reiſen nicht laͤnger beſchraͤnken wolle, und noch an demſelben Tage verließ Antonio mit ſeinem Freunde das Schloß. Antonio wollte verzweifeln, aber der hellblickende Jeronymo ſah die bald erſol⸗ gende Reue des Grafen voraus. Ihm war die Unmoͤglichkeit, jene Urkunde im Archive aufzu⸗ finden, bei dem erſten Suchen nicht entgangen, und er hatte bloß, um dem Grafen nicht auf einmal alle Hoffnung zu benehmen, zum wieder⸗ —— 69 holten Suchen gerathen. Jetzt bereitete er ſich zu einer Reiſe nach Afrika, von welcher er in wenig Monaten zuruͤckzukehren hoffte; unterdeſ⸗ ſen wollte Antonio in der Gegend umher⸗ ſchweifen, um vielleicht unbemerkt der Gelieb⸗ ten ſich naͤhern zu koͤnnen. Als ſte am Abend vor der Trennung die nöthigen Verabredungen wegen ihrer Angele⸗ genheiten genommen hatten, und eben die Mitternachtsſtunde anfing zu ſchlagen, hob Jeronymo ſein Glas. Auf froheres Wie⸗ derſehn!— rief er dem bewegten Antonio. zu. Das geben die Heiligen!— antwortete dieſer wehmuͤthig, und indem er zitternd ſein Glas erhob, zerklirrte es ihm in der Hand, das ſcharfe Glas verwundete ihn, und der Wein, den er zu dem Nunde brachte, war von ſeinem Blute geroͤthet. Ungluͤckliche Zeichen verfolgen mich!— rief er beſtuͤrzt— Als ich heute, in meinen Papieren ſuchend, einen theuren Brief zu er⸗ oͤfnen glaube, und das geliebte Blatt an mei⸗ nen Mund druͤcke, da beruͤhrt die ſchwarze Blume der Gruft meine Lippen— jetzt brichtz 70 der Becher des Wiederſehns in meiner Hand, und ich trinke mein Blut in dem Wein. Wir ſehn uns nicht wieder, Jeronymo. Du zitterteſt beim Anſtoßen— ſagte Je⸗ ronymo— Aber was haſt du mit der Blu⸗ me der Gruft in dem Briefe? Antonio erzaͤhlte nun, wie ihm ein Kna⸗ be eine Roſe gereicht habe, als er am Abend ſeiner Verlobung gedankenlos in dem Garten umhergeſchweift; daß er die Roſe noch am Abend Fioren gegeben, aber am andern Morgen mit Schaudern geſehn habe, daß die Roſe ſchwarz ſey. Nach Allem, was er da⸗ bei gehoͤrt habe, muͤſſe er als gewiß annehmen, niemand ſey der Geber dieſer Roſe geweſen, als das ſtille Kind, der Bewohner des Grabes, deſſen Erſcheinung allezeit Ungluͤck und Tod bedeute. Jeronymo hatte mit immer ſteigender Spannung Antonio's Erzaͤhlung ange⸗ hoͤrt.— Warum entdeckſt du mir dieſes erſt jetzt? rief er etwas unwillig— und ver⸗ langte die Roſe zu ſehn. Antonio zeigte ſte ihm nicht ohne Grauen. Jeronyme -—— — drückte ſie als ein unſchätzbares Kleinod an ſeine Lippen. Dein Glas hat nicht gelogen, — rief er, indem er Antonio heftig um⸗ armte,— das Wiederſehn iſt fuͤr uns ver⸗ loren, denn— nun trennen wir uns nicht! das Ziel meiner Reiſe iſt gefunden! Der ſtaunende Antonio bat um Erklaͤ⸗ rung, aber Jeronymo erwiderte, die Zeit ſelbſt werde alles am beſten aufklaͤren. Die Roſe, fuhr er fort, uͤberlaß mir: in meinen Haͤnden allein kann die ſchwarze Blume der Trauer zur Blume der Liebe fuͤr dich werden. Ich glaube an deine Freundſchaft— ver⸗ fetzte Antonio— und an die Macht deiner tiefern Kenntniſſe: aber koͤnnteſt du nicht irren, wo du am ſicherſten zu ſeyn glaubſt? Fuͤrchte nichts— antwortete Jeronymo laͤchelnd— ich erlaſſe dir das Geſtaͤndniß. Sei gewiß, die ſchwarze Roſe ſoll nicht am unrechten Orte ſich verwandeln. Antonio umarmte ſeinen Freund mit ſtuͤrmiſcher Freude, und am andern Morgen ſagte Jeronymo ſeine Reiſe auf. Der Graf hatte indeſſen viel Urſache ge⸗ funden, ſeine Uebereilung zu bereuen. Sein Enthuſtasmus, in welchem er lieber allem ent⸗ ſagen, als dieſe Beſchimpfung ſeines Hauſes ungeahndet laſſen wollte, erſchten ihm nun als eine wilde Fieberhitze, welche die hohe Kraft des Willens zeigt, waͤhrend ſie durch verkehrte Richtung ſie in Zerſtoͤrungen verſchwendet. Antonio's und noch mehr Jeronymo's Umgang war ihm zum Beduͤrfniß geworden, und ſein weites Schloß ſchien ihm ohne dieſe beiden oͤde und ausgeſtorben. Der Verdruß uͤber das nirgends zu findende Pergament und das Verſtreichen von Tagen und Wochen, un⸗ ter vergeblichem, und endlich faſt ohne Hofnung unternommenem Suchen, vermehrte ſeine Sehnſucht nach Jeronymo, deſſen Sicher⸗ heit in allem, was er unternahm, des Grafen Zutrauen in ſo hohem Grade erweckt hatte, daß er ſelbſt das Unmoͤgliche von ihm zu hoffen geneigt war. Oft ſann er auf einen Vorwand, nach ihm zu ſchicken, oft beſchloß er ſogar, ihm ſeine Uebereilung zu geſtehn: aber immer hielt — —— 78 ihn Stolz und eine Scheu vor dem Anblick des Beleidigten zuruͤck. Noch mehr wurde ſein Verlangen nach Je⸗ ronymo geweckt, als ſeine von ihm innigſt geliebte Schweſter von einer gefaͤhrlichen Krankheit uͤberfalen wurde. Alle Kunſt der Aerzte wurde vergebens aufgeboten; vergebens erfuͤllten alle Bewohner der Gegend, welche die Kranke wie eine Mutter verehrten, Tag und Nacht die Kirchen mit ihrem Gebet; ver⸗ gebens ſchickte der Graf nun Boten nach Je⸗ ronymo aus: er war nirgends anzutreſſen, und niemand wußte ſeinen Aufenthalt. End⸗ lich eines Tages entdeckte die Kranke ihrem Bruder ſelbſt, das ſtille Kind ſei vor ihr her⸗ gegangen, und habe ihr freundlich gewinkt. Traure nicht um mich ſetzte ſie hinzu— Ich weiß es, was deine Liebe mir ſorgfaͤltig zu verbergen ſuchte. Die Zeit iſt nahe, der Tag iſt ſogar beſtimmt, welcher den Fall un⸗ ſers Geſchlechtes herbeifuͤhrt. Die Bosheit hat uͤber das Recht geſtegt. Wohl mir, daß ich dieſen Tag zu erleben nicht beſtimmt war! Wie koͤnnte ich das Haus meiner Aeltern noch in meinem Alter lebend ve verlaffen, ohne in Schmerz zu vergehn? Waffne dich mit Stand⸗ haftigkeit, mein Bruder, wenn das traurige Schickſal herein bricht.— Sie laͤchelte noch einmal ſchmerzlich, wollte die Arme nach dem geliebten Bruder, ausſtrecken, aber eh' ſie es vermochte, ſank ſie entſeelt zuruͤck. Wohl dir!— rief der Graf der Verſchie⸗ denen nach. Das doppelte Leiden gab ihm Faſ⸗ ſung. Er veranſtaltete ihr Leichenbegaͤngniß ſelbſt, mit einer Ruhe, die niemand in gluͤck⸗ lichen Tagen an ihm gewohnt war. Er häufte die traurige Pracht mit einer Verſchwendung, s feierte er die Beſtattung ſeines ganzen hrner Drei Tage ſtand die geliebte Leiche in der praͤchtigen Saͤulenhalle des Schloſſes. Kein Strahl des Tages erleuchtete ſis; nur die hohen, um den Sarg dicht gedraͤngten Kerzen, goſſen, wie ein unterirdiſches Geſtirn, falben Schimmer in die unabſehlichen Saͤulengaͤnge, an deren Enden die Doppelreihen der Kerzen ſich zu beruͤhren ſchienen. Todtenſtille wohnte uͤberall in dem leeren Schloß; denn alles Leben war feierlich ſtill um den Sarg verſammelt und — 75 betrauerte hier ſtumm den Sieg des Todes 68. Tag und Nacht wechſelten ſtuͤndlich die Waͤch⸗ ter mit langen beflorten Staͤben, an dem Sar⸗ ge und an den Pforten. Aber in jeder Mitter⸗ nacht, wenn die Glocken zur Feier der Todten ſchauerlich hallten, ſah man ein Kind ſtill und langſam aus dem Hintergrunde der Halle durch die Saͤulen herwandeln. Es verweilte einige Augenblicke am Sarge, und verlor ſich dann wieder auf der entgegengeſetzten Seite der Halle, hinter den Saͤulen. Die Waͤchter wollten es aufhalten, aber es ging eine Nacht wie die andere langſam durch ſie hin, und kei⸗ ner hatte den Muth, ſeinen ſtillen Weg zu ſtoͤren. Endlich gegen die dritte Mitternacht be⸗ wegte ſich der lange feierliche Zug durch den weiten Schloßhof nach der alten Familiengruft. Aus der Kapelle toͤnten ihm die gewaltigen Toͤne der Orgel in ſchanervollen Harmonien entgegen, und indem man den Sarg vor dem Hochaltar niederſetzte, erhob ſich der Todten⸗ meſſe ernſter Geſang. Trauernde ohne Zahl fuͤllten die weite Kapelle. Leiſes Aechzen durch⸗ 76— zitterte orſt die hohen Getvoͤlbe, und bald übertoͤnte das klagende Stoͤhnen der Trauern⸗ den die Stimmen der Saͤnger. Endlich als der Chor die Worte anſtimmte: Huic ergo parce Deus! ſturzte alles Volk auf die Knio, und tauſend Stimmen miſchten ſich, mit Thraͤ⸗ nen und lautem Wehklagen die Todte preiſend, in den heiligen Geſang. Der Graf beglei⸗ tete den Sarg in die Gruft. Ottilie und Fiora folgten ihm mit den uͤbrigen Verwand⸗ ton nach, und kaum war man im Stande, die Menge, welche die prachtvolle Feierlichkeit aus allen Gegenden herbeigerufen hatte,¹ vom Eindraͤngen in das Begraͤbniß abzuhalten. Der Sarg ruhte nun auf ſeinem marmor⸗ nen Lager, und die Geſaͤnge ſchwebten noch von oben ſchauerlich zu den Todten hinab. Durch ihre Melodien hallte jetzt der Schlag der mitternaͤchtlichen Stunde. Der Graf ſchauderte heftig, und kaum vermochte er ſich aufrecht zu halten. Mein letzter Tag erſcheint — ſagte er mit bebender Stimme— meine Feinde vortreiben mich heute aus dem vaͤter⸗ lichen Erbe, mein letztes Geſchaͤft war in der —— —— 7 Gruft, wo ich nicht ruhen werde bei den Mei⸗ nigen. Heil der Entſchlafenen, die den Tag der Trauer nicht ſah! O, warum kann ich dir nicht heute noch folgen! Er ſank auf den Sarg, und feierliche Stil⸗ le herrſchte in dem Gewoͤlbe. Niemand wagte den Hingeſunkenen aufzurichten, niemand ein Wort des. Troſtes zu ſprechen. Zu wem gehoͤrt das Kind?— toͤnte auf einmal eine Stimme durch die Stille, und ein Eremit, der ſich unfern von dem Grafen an eine Saͤule lehnte, zeigte auf ein Kind, das dicht an dem Sarge ſtand, auf welchen der Graf geſunken war. Entſetzen bemaͤchtigte ſich Aller. Nur der Graf ſprach mit gelaſſenem Tons: Was kannſt du mir noch trauriges verkuͤndigen, Un⸗ gluͤcksbote? Rufſt du meine Kinder, das Einzige, was mir von meinem Gluͤck blieb? Rufſt du mich ſelbſt? O, rufe uns noch heute, daß wir nicht morgen in fre udem Lande um ein Grab betteln muͤſſen. 8 Das Kind ſchritt langſam durch die Reihe der Saͤrge, aber ohne zu verſchwinden, lehnte 7 2 5 es ſich ſtill im Hintergrunde an Einen aus der ſchauervollen Reihe. Hebet die Decke des Sarges!— rief wie⸗ ver die Stimme des Eremiten, der dem Kinde gefolgt war. Niemand wagte ſich zu nahen.. Hebet die Decke!— rief er nochmals ernſt. Der Graf nahte ſich erſtaunt, die Fackelträ⸗ ger folgten, und alle verſammelten ſich um den Sarg, an dem das Kind, ohne zu weichen, ſtill ruhete. Jolante's Koͤrper ruht hier,— ſagte der Graf— O daß dein ſtummer Leichnam jetzt fuͤr mich zeugen koͤnnte, theure, ungluͤckliche Mutter! Der Eremit winkte, und die Decke des Sarges ward gehoben. Kein modernder Leich⸗ nam erſchien. Ein ſchoͤner, jugendlicher Koͤrper⸗ Ottiliens liebliches Ebenbild, lag hier in ſchwarzem Nonnengewande, unberuͤhrt von der Zerſtoͤrung, als ſchlummere eine Nonne hier in dem grauenvollen Bette der Buͤßerinnen. Um ſie her in dem Sarge waren ſchwarze Ro⸗ ſen geſtreut. Ottilie erkannte die ihr nicht — 79 fremden Blumen der Gruft, ſie erkannte ſchau⸗ dernd ihr eignes Bild im Sarge, und ſank bewußtlos in die Arme ihrer Schmeſter. Der Eremit reichte dieſer ſchnell eine Fiole, um die Ohnmaͤchtige mit einem ſtaͤrken⸗ den Geiſt in das Leben zu rufen. Aber Fio⸗ rens zitternder Hand entfiel das Glas. Es zerbrach auf dem Marmorboden, und ein hef⸗ tiger Geruch durchdrang auf einmal die Luft. Doch in wenig Augenblicken war der gewalt⸗ ſame Dunſt verflogen, und der lieblichſte Ro⸗ ſenduft erfuͤllte das Gewoͤlbe. Die ſchwarze Farbe der Roſen, auf welchen die Todte ruhte, verwandelte ſich in das ſchoͤnſte Fruͤhlingsroth, und aus den verjuͤngten Kelchen duftete der auf⸗ ſchwebende Geruch. Die blaſſen Wangen des Leichnams durchdrang die Farbe des Lebens, die erroͤthen den Lippen oͤfneten ſich, die Bruſt athmete empor. Endlich erhob ſich die Schlummernde, und als ſie die Augen oͤfnete, und um ſich blickte, ſchien ſie allen keine Sarg⸗ bewohnerin, ſondern die Zwillingsſchweſter Ottiliens. 80 Iſt das Wahrheit oder Traum?— rief der Graf— und faßte ſich ſelbſt und die neben ihm Stehenden an, um die Wirklichkeit zu pruͤfen. 3 Viel werden aus den Gruͤften in irdiſchem Leibe hervorgehen,— ſprach der Eremit — ehe die Poſaune zum Gericht ruft. Jeronymo! Jeronymo! rief Fiora ent⸗ zuͤckt. 4 Weckk ihr mich ſelbſt, ehrwuͤrdiger Vater — ſprach die Erſtandne, und ſtreckte die Arme nach ihm.— Wer ſind aber dieſe? wo iſt Hippolyt! Ich bin nicht Vater Hieronymus— ſagte Jeronymo zu der Erſtandenen, indem er den Eremitenmantel abwarf— aber ſein En⸗ kel und der Erbe ſeiner Geheimniſſe. Die Erwachte erhob ſich nun ganz aus dem Sarge. Ottilie ſtuͤrzte ſchwaͤrmeriſch vor ihr nieder. Du biſt Ottilie rief ſie— ſe⸗ gne deine Tochter!— Ottilie bin ich,— ſagte die Erſtandne ihr zulächelnd— aber meine Tochter biſt du nicht. —— — 81 Ich hatte noch nicht geboren, als mich die Wohnung der Todten aufnahm. Sieh dein Kind, Anaſtaſie— ſagte Jeronymo— denn dieſen Namen beſtimmte dir Hieronymus; ſein Geiſt bewachte dich als ſchuͤtzender Engel er hat Jahrhunderte lang in der Gruft deine Suͤnde gebuͤßt, nun ſchwebr er auf zu der ſeligen Wohnung. Das Kind ſtand auf dem Sarge. Es zer⸗ floß, waͤhrend Anaſtaſie vor ihm kniere, in eine himmliſche Glorie, und in dem Sarge bluͤhte, als es verſchwand, unter den Roſen eine Lilie auf. Du haſt Wort gehalten, frommer Vater, — ſagte Anaſtaſie— ich erwache unter Hippolyts Enkeln. Und du biſt nicht Jolante, Hippolyt's Gattin?— fragte der Graf, der ſich vom Erſtaunen noch nicht ſammeln konnte. Ich bin Ottilie— fuhr ſie fort— Jolan⸗ te's Leiche liegt in einem Kloſter in Mayland. Mich, die Lebende im Sarge, gelobte mein Erretter in Hippolyts Schloß zu bringen, daß ich nicht unter Fremden einſam erwachte. In J. f. F. II. J. 9. H. 6 meinem Kiſſen verbarg er ausführliche Nach⸗ richten von Jolante's Ruheſtaͤtte, und von der Geburt und Taufe ihres Sohnes Herkules, damit es mir, wenn ich erwachte, nicht an Be⸗ weiſen ſeiner Vorſorge gebraͤch. Ein lauter Ruf des Entzuͤckens hallte jetzt von den Gewoͤlbern zuruͤck, wo noch nie andre, als Klagetoͤne erſchallt waren. Haben Sie nun Glauben, Ottilie— ſagte Jeronymo— wenn dir nirgends Troſt erſcheinet, naht ein Retter aus der Gruft. Ottilie blickte ihn dankend an, aber ſie konnte ſich aus Anaſtaſiens Armen nicht losreißen. Dem Grafen machte jetzt ſeine Freude mehr Unterſtuͤtzung noͤthig, als vorhin ſein Schmerz. Er fand in den Nachrichten des frommen Vaters Hieronymus nicht allein vollkommne Befriedigung und Beweiskraft; ſie zeigten ihm zugleich, wo Jolante's Leich⸗ nam wirklich beſtattet war, und daß der Ere⸗ mit aus Vorſorge fuͤr Ottilien die Koͤrper der Schweſtern vertauſcht hatte. Er beſchloß ſo⸗ gleich Jolantes Leiche mit der groͤßten 1 83 Feierlichkeit aus jenem Kloſter abzuholen, und an der Stelle der Erſtandenen in ſeiner Gruft beizuſetzen. Jeronymo erinnerte nun an die Noth⸗. wendigkeit, die Gruft zu verlaſſen. Der Graf, der im Rauſche ſeiner Freude alles andre und auch den Erwecker der Todten vergeſſen hatte, wollte ihm jetzt danken, aber die Groͤße ſeiner Dankbarkeit fand keinen Ausdruck. Er ver⸗ ſuchte zu ſprechen, aber er vermochte es nicht. Stumm fiel er Jero nymo in die Arme, und dieſer, welcher ihn verſtand, erwiderte mit Innigkeit ſeine Umarmung. Ich werde Sie recht bald um Etwas bitten— ſagte er — worauf mein Gluͤck mehr beruht, als das Ihrige auf den gefundenen Documenten. Ge⸗ waͤhren Sie mir dieſe Bitte, ſo thun Sie mehr, als meine Dankbarkeit jemals erwidern kann. Sprich! fordre!— rief der Graf in frohem Ungeſtuͤm— fordre, einziger Freund, Sohn, Bruder, was du willſt! Ich erinnere Sie bald an dieſes Wort— ſagte Jeronymo— und reichte Fioren den Arm, um ſie aus der Gruft zu fuͤhren. 34— Alle verließen nun das Grabgewoͤlbe, dem ſie vor wenig Stunden in Trauer und Ver⸗ zweiflung einen Todten durch die Stille der Nacht zufuͤhrten. Jetzt, da ſie in Freude und Entzuͤcken die Lebende aus der Behauſung der Todten fuͤhrten, glaͤnzte ihnen laͤchelnd der heiterſte Morgen entgegen. Die beiden Ottilien hatten ſich mit den Roſen des Grabes, die jetzt ſchoͤn, wie ſie ſelbſt bluͤhten, geſchmuͤckt, und ſchienen wie Liebende unzertrennlich. Einer fehlt noch in dem Kreiſe— ſagte Jeronymo— als man im Schloſſe angekommen war. Ja wohl— antwortete der Graf ſeuf⸗ zend— ich errathe, wen Sie meinen. Er kommt, ſobald Sie es wuͤnſchen— fuhr Jeronymo fort; dem Vater der Geliebten vergibt man alles. Wenn Sie ohne ſolche Ruͤckſicht vergeben konnten,— erwiderte der Graf— ſo darf ich es ja wol von ihm auch hoffen. Jeronymo laͤchelte, und winkte Fio⸗ ren, die ſich entfernte, aber bald heiter zu⸗ ruͤckkehrte. Da ich Sie ſo bereitwillig finde, — 83 hmit Antonio zu verfoͤhnen, fuhr er fort, — 8 hab' ich nicht noͤthig, Sie an die ver⸗ ſprochene Erfuͤllung einer Bitte zu mahnen, wenn ich Sie jetzt um Ihre Ottilie fuͤr mei⸗ nen Freund erſuche. Ottilien?— rief der Graf— Fiora wollen Sie ſagen. Ottilien,— wiederholte Jeronymo. Die Ottilien aller Zeiten ſcheinen der Liebe ihrer Schweſtern gefaͤhrlich zu ſeyn. Der Graf horchte hoch auf. Ottilie entfernte ſich erroͤthend. So iſt es— fuhr Jevonymo fort. In den ſonderbarſten Regungen des Herzens ſpricht oft das Verhaͤngniß ſeinen verborgnen Willen aus. Sollten Sie das fuͤr bloßen Zu⸗ fall halten koͤnnen, was in der Geſchichte bei⸗ der Ottilien durch ſo wunderbare Aehnlichkeit uns uͤberraſcht; was Anaſtaſtens Erweckung mit dem Wohl Ihres Hauſes ſo auffallend ſon⸗ derbay verbindet? Ich kann in dem ſchnellen Wechſel der Din⸗ ge noch nicht klar genug ſehn— ſagte der Graf.— Aber wird Fiora. ne. 86— Fiora faßte ſchnell ihres Vaters Hand. Darf ich ſprechen, liebſter Vater?— ſagte ſie, und als der Graf es geſtattete, fuhr ſie errothend fort: Sie erinnern ſich vielleicht noch des jungen Balduin, der als ein Verwand⸗ ter des Grafen Ruggieri in deſſen Schloß erzogen wurde. Ihrer Feindſchaft mit jenem Hauſe ungeachtet, fand ich Balduin's Be⸗ kanntſchaft, und— erſparen Sie mir die aus⸗ fuͤhrliche Erzaͤhlung— wir liebten uns mit dem Feuer der erſten Liebe, und— mit der Beſtaͤn⸗ digkeit— ſetzte ſie ſchmeichelnd hinzu— welche bei Eltern oft ſo wenig Glauben findet. Ich will heute keinem Groll in mir Raum geben— ſagte der Graf ernſthaft— Aber ſprich, wie war es moͤglich... Fiora warf einen Blick voll Liebe auf Je⸗ ronymo. Der Graf bemerkte es. Wie? — fuhr er fort— haͤtte mein Erretter auch die geheime Liebe meiner Tochter beſchuͤtzt? Iſt dieſes, ſo kenne ich keinen Unwillen mehr gegen Balduin. O mein Vater— rief Fiora— weit mehr als Sie, danke ich dieſem Erretter. Er — —— 87 gab mir Troſt, wenn ich verzweifeln wollte, er umſchwebte mich ſichtbar und unſichtbar, wie ein ſchuͤtzender Engel, als ich auf ſeinen Rath ſelbſt einem Andern meine Hand verſprach, und nur das Vertrauen auf die Heiligen und auf ihn mich erhielt. Er war in dieſer fuͤrchterlichen Nacht mein einziger Troſt, und— laut kann ich es jetzt bekennen— er iſt mein einzig Ge⸗ liebter, er iſt Balduin! Fiora hielt ihren Vater bei dieſen Wor⸗ ten feſt umſchlungen. Kennen Sie keinen Un⸗ willen mehr gegen Balduin— ſagte dieſer zu dem Grafen— und darf Jeronymo fuͤr Balduin bitten? Jeronymo ſoll nicht bitten, erwiderte der Graf— Wohl mir, daß ich etwas an⸗ ders als Worte, fuͤr meinen nie endenden Dank finde. Mit dieſen Worten umarmte er Beide, und fuͤhrte Fioren zu ihrem Geliebten. Aber Ottilie?— fragte Balduin bit⸗ tend. Ich geſtehe— erwiderte der Graf, daß Ottiliens Liebe mich etwas beunruhigt. Sie 3⁸ war dem Kloſter beſtimmt, ihre Aufnahme wurde durch die Unruhen in meinem Hauſe nur aufgeſchoben. Ich fuͤrchte, das Kloſter giebt ſeinen Anſpruch nicht auf. Doch was meine Verbindungen vermoͤgen.. Laſſen Sie uns auch hier an der Hofſnung feſt halten,— ſagte Jeronymo und oͤfnete eine Thuͤre, aus welcher Antonio hervor⸗ trat. Der Graf ging ihm entgegen. Koͤn⸗ nen Sie meine Uebereilung verzeihn?— rede⸗ te er ihn an. Vergeſſen Sie die Veranlaſſung— ant⸗ wortete Antonioz und niemand erwaͤhnte weiter des Vergangnen. Balduin ſtellte nun Fioren ſeinem Freunde als ſeine Braut vor. Siehſt du, Zweif⸗ ler— ſprach er dabei laͤchelnd— daß deine Trauerblume nicht am unrechten Orte fuͤr dich zur Blume der Liebe geworden iſt?, Anton io erſtaunte. Sie lieben Ottilien — redete ihn der Graf an— pon meiner Seite finden Sie kein Hinderniß. Außer ſich vor Freuden flog Antonio zu Anaſtaſien. Meine Ottilie— rief er — wie viel Kummer haſt du um mich gehabt! Ich leſe ihn auf deinen Wangen, die ſich mit ſanfterm Roth, als ehemals, faͤrben. Indem trat Ottilie herein. Sie er⸗ ſtaunte, Antonio in Anaſtaſiens Armen zu ſehn. Antonio ſtand wie verſteint, ſah bald Anaſtaſien, bald Ottilien an, und fuͤrchtete ſchon einen neuen Eingriff der fremden Welt in das Gluͤck ſeiner Liebe. Aber das halbe, von froher Ruhrung erſtickte La⸗ chen, das gewoͤhnlich das Gefuͤhl beim Anblick einer ſchoͤnen, gluͤcklichen Täuſchung begleitet, brachte ihn bald aus ſeinem Wahn. Alle er⸗ freuten ſich ſeiner frohen V Verwirrung, und neckten ihn mit einer Wahl zwiſchen beiden Ottilien. Wie ſoll ich waͤhlen— ſprach er— beide gleichen ſich, als ob das Bild der wahren Ot⸗ tilie aus dem Spiegel getreten waͤre; nur ſcheint die Eine ſtiller und ſanfter zu blicken, als die Andre. Waͤhlen kann ich nicht, denn, welche es ſei, ich will keine, als meine Ottilie! Aber freuen wuͤrde es mich, wenn ich keine Zeichen von voruͤbergegangnem Kummer auf 90 den bluͤhenden Wangen der Geliebten finden muͤßte. Errathen! Errathen! riefen Alle„ und Antonio eillte in die Arme ſeiner Ottilie. Jedes bemuͤhte ſich nun, Antonion die Raͤthſel zu loͤfen, und man drang in Anaſta⸗ ſien die Geſchichte ihrer wunderbaren Erhal⸗ tung zu erzaͤhlen. Ich bin dazu bereit— ſagte ſie— doch zuvor wuͤnſchte ich ſelbſt die nähern Umſtaͤnde meines Erwachens zu kennen. Noch iſt mir die Welt, die mich umgibt, zu neu, ich finde mich in ihr noch nicht, und ſelbſt die Bilder der Erinnerung zerfließen mir noch in daͤmmernde Geſtalten. Balduin nahm jetzt das Wort. Der Graf Ruggieri— ſprach er— der mich erzog, ſtarb ploͤtzlich, ehe er einige Verord⸗ nungen fuͤr mein Fortkommen in der Welt ma⸗ chen konnte. Seine Erben noͤthigten mich mit einem geringen Reiſegelde das Schloß zu ver⸗ laſſen, und ich irrte huͤlflos umher, bis ich auf den Apenninen einen Einſtedler fand, der mich mitleidsvoll aufnahm. Er hieß Ambro⸗ ſius und ward von den Gebirgsbewohnern —— — 91 wie ein Heiliger verehrt. Die Schwaͤche ſeines ſehr hohen Alters hatte ihn ſchon lange einen Gehuͤlfen wuͤnſchen laſſen. Ich nahm ſeinen Antrag gern an, aber vielleicht hielt mich ein kindiſcher Stolz ab, ihm, deſſen Diener ich war, meinen wahren Geſchlechtsnamen zu nennen. In ſeinem Umgange ſammelte ich mir manche Kenntniſſe, und da ihm meine Auf⸗ merkſamkeit gefiel, ſo unterrichtete er mich endlich ſogar in ſeinen geheimern Kenntniſſen von der Natur und ihren wunderbaren Kraͤf⸗ ten. Oft wenn ich ſtaunend ihm zuhoͤrte, ſag⸗ te er freundlich: Mein Sohn, was ich weiß, ſind nur die erſten Stufen der Wiſſenſchaft. Mein frommer Lehrer Hieron ymus hatte ein hoͤheres Ziel erreicht, nach dem ich bei meinem Alter vergebens ſtrebe. Als nun ſein Vertrauen zu mir mit jedem Tage ſich ver⸗ mehrte, ſchaͤmte ich mich meines kindiſchen Stolzes, und entdeckte ihm meine wahre Ge⸗ burt. Er verwieß mir erſt liebreich meine Verſtellung, dann ſtand er auf, betete und umarmte mich. Sei mir willkommen, ſprach er, du Enkel meines frommen Lehrers Hierony⸗ 0— 92— mus! Dabel entdeckte er mir, daß Gaetano Ruggieri, einer meiner Ahnen, nicht, wie man allgemein glaubte, gegen die Unglaͤubigen geblieben ſey, ſondern in derſelben Huͤtte, welche wir bewohnten, viel Jahre unter dem Namen Hieronymus als Einſitedler zugebracht habe. Noch vor ſeinem Ende habe er ihm als ſeinem Nachfolger in der Einſtedlerhuͤtte wichtige Geheimniſſe entdeckt, und ſei dann mit einer dunkeln Weiſſagung von einem ſeinen Enkel, welcher einſt ſeine Geheimniſſe erben ſollte, verſchieden. Ambroſtus unterrichtete mich nunmehr auf das ſorgfaͤltigſte in ſeiner Wiſſenſchaft. Beſonders lag ihm die Kennt⸗ niß am Herzen, welche den Stillſtand des Le⸗ bens bewirken und aufheben lehrt. Er hatte ſie nur unvollkommen ſich erworben, und rieth mir, ſeine Nachforſchungen fortzuſetzen und zu vollenden. Dabei empfahl er mir vorzuͤglich eine von Hieronymus dem Schlaf im Sarge uͤbergebene Nonne. Sie iſt mit ſchwar⸗ zen Roſen in den Schlummer verſenkt— ſetz⸗ te er hinzu,— und wo du eine ſchwarze⸗ ſchlummernde Roſe findeſt, da forſche nach, — — 93 und ſuche die Schlummernde; ihr Huͤter hat gerufen, und die Zeit ihres Schlafes iſt vollen⸗ det. Denn auf des frommen Hieronymus Gebet wird ſie im Sarge die Geburt vollenden, und der Geiſt ihres unſchuldigen Kindes wird ſte behuͤten, und koͤrperlich umhergehn, bis ſie ſelbſt erwacht iſt. Bald nach dieſen Ent⸗ deckungen ſtarb Ambroſius; ich nennte mich nach dem Namen meines Urahnen Jeronymo, und eilte ſeinen und meines Lehrers Willen zu vollziehen. Schon war ich, durch einige Andeu⸗ tungen verleitet, auf dem Wege, in Afrika die ſchwarzen Roſen zu ſuchen; daß ich ſie aber naͤher fand, als ich glaubte, habe ich nicht noͤthig Ihnen zu wiederholen. Mir enthuͤllt ſich nun die Vergangenheit, — ſagte Anaſtaſie— Dieſes Schloß er⸗ kenne ich wieder, wo ich ſonſt den geliebten Hippolyt ſah, wo ich himmliſches Gluͤck empfand und unendlichen Schmerz. Laßt mich von meiner Liebe ſchweigen! Hippolyt war mein einziger Gedanke, mein einziges Gebet. Ich ſah ihn vor dem Altar, als er meiner Schweſter die Hand reichte; er ſah nur mich⸗ † nicht mehr die Braut: ſie war ihm geſtorben, wie mir die Schweſter. Ich liebte ſte wie mein Leben, aber den Braͤutigam konnte ich ihr nicht goͤnnen. In der Nacht fuͤhrten ihn die Heiligen mir zu, ich entriß ihn der Schweſter; ſie hatte den Schatten des Gemahls, aber der Geliebte war mein; ich wußte, daß er mich liebte, aber wir hatten es uns nie geſagt, denn mich hielt der enge Verſchluß des Kloſters. Da kam meine Jolante, wie ein heiliger Engel. Kannſt du Hippolyt lieben, ſagte ſte?— ich weiß, du erfuͤllſt ihm das Herz mit Feuerqual der Liebe; er ruft in meiner Um⸗ armung nur deinen Namen, und bittet dann mit Thraͤnen meine Vergebung.— Ich betete die Schweſter an. Kannſt du ihn laſſen— ſprach ich zu ihr— ſo gibſt du mir die Him⸗ melsluſt auf Erden, die ich in der Ewigkeit ſchon um ihn verloren habe. Aber wie kann ich dir nehmen, was auf Erden kein Gleiches hat, und was dein iſt durch das heilige Band des Sacramentes? Da antwortete ſie: Biſt du denn nicht meine Schweſter, und aus Einem Schooße mit mir geboren? So nimm denn —— 93 auch Einen Mann mit mir, und wie ich von der Mutter Bruſt war, als ſie dich ſaͤugte, ſo will ich von dem Manne bleiben, da er nun fuͤr dich entzuͤndet iſt. Denn weil ich ihn liebe, ſo mag ich ihm ſein Gluͤck nicht nehmen. Iſt's aber Suͤnde, ſo moͤgen die Heiligen es uns verge⸗ ben. Da beteten wir zuſammen vor dem Altar zu UnſrerLieben Frauen und ſie neigte ihr Antlitz freundlich zu uns. Nun f fuͤhrre ſie mich verbor⸗ gen zu ihm, und ich war wie die Seligen mit der Schweſter und dem geliebten Manne. Denn er ehrte ſein Weib wie eine Heilige, und lag zu ihren Fuͤßen, wenn er ſich meiner Bruſt entriß. Aber in dem Kloſter blieb meine Se⸗ ligkeit nicht verborgen, und ſie richteten uͤber mich, daß ich ſterben ſollte, lebendig unter der Erden, mit meinem Kinde. Da warnte mich Jolante und ſloh heimlich mit mir zu dem frommen Vater Hieronymus. Der nahm uns beide auf, und ich ſtand Jolanten bei, als ſie gebar; aber ſie konnte nicht leben, denn das viele Leid brach ihr das Herz. Als ich nun allein war bei dem frommen Vater, und nicht wußte, wo ich hinfliehen ſollte mie meinem Kind⸗ 96 lein: da troͤſtete mich Hieronymus, und als er mir die Abſolution gegeben hatte, verſprach er mir, ich ſollte durch ſeine geheime Kunſt die boͤſe Zeit meines Leides verſchlafen, bis Hip⸗ polyt mich erweckte, oder da er ſolches zu thun nicht vermochte, ſo ſollte ich in ſeiner Gruft ruhen, ſo lange bis mich gleiche Liebe, wie die meinige erloͤſete— denn da ich das Geluͤbd der Reinigkeit gebrochen, ſo muͤßte ich die Suͤnde buͤßen im lebendigen Begraͤbniß nach dem heiligen Kloſterbrauch, mein Kindlein aber werde ich im Sarge gebaͤren, und ſein Geiſt ſolle mich behuͤten in der Gruft bis zu meiner zeitlichen oder ewigen Auferſtehung. Und als ich ihn darum bat, ſtaͤrkte er meinen Glau⸗ ben und ließ mich viel Wunder ſchauen. Dann reichte er mir den Leib Unſres Lieben Herrn und gab mir Milch zu trinken, davon ſchlie ich ein, bei ſeinem frommen Gebet. Anaſtaſie ſchwieg. Alle nahten ſich ihr nun mit frommer Scheu. Denn mit dem Rauſche der Freude war auch die Unbefangen⸗ heit verſchwunden, mit welcher die Lebenden 97 die Erſtandne aufgenommen hatten. Sie ſelbſt freute ſich des Gluͤcks, welches ſie uͤber des ge⸗ liebten Hippolyts Enkel gebracht hatte, aber in ihre Freude miſchte ſich eine ſtille Trauer um den Geliebten, und ein ſehnendes Ver⸗ langen, bald mit ihm vereint zu werden. Die Commiſſarien fanden ſich puͤnktlich ein, aber der Graf konnte ihnen dieſesmal mit mehr Gelaſſenheit entgegenſehn. Er empfing ſie mit Ruhe, und ſie fanden alle Urkunden ſo vollguͤltig beweiſend, daß ſie ſich mit Bezei⸗ gung ihrer Verwunderung, wie man das Recht des Grafen nur einen Augenblick habe koͤnnen in Zweifel ziehn, entfernten. Der Graf hatte nun nichts Angelegent⸗ licheres, als die erſtandne Urahnin auf das praͤchtigſte in die Welt einzufuͤhren. Den ſchoͤnſten Theil ſeines Schloſſes befahl er bloß fuͤr ſie, als die Erſte des ganzen Geſchechtes, einzurichten, und er wuͤrde das ganze Land in Bewegung geſetzt haben, haͤtte ihn nicht An a⸗ ſtaſie auf das dringendſte gebeten, ihr die J. f. F. II. J. 9. H. 7 98 Einſamkeit, als ihr einziges Gluͤck, zu goͤnnen. Sie wollte nach dem Grabe ihres Hippolyt auf das Schlachtfeld wallfahrten und dann die Stille des Kloſterlebens erwaͤhlen. Kein Bit⸗ ten vermochte ihren Vorſatz zu aͤndern. Laßt mich— ſprach ſie zu den Bittenden— dem Andenken meiner Liebe leben. Dieſes kann ich nur im Kloſter, wo mein Leben der Erin⸗ nerung, und dem Gebet fuͤr Hippolyt geweiht ſeyn ſoll, bis er mich zu ſich ruft und zu mei⸗ ner Jolante und meinem fruͤh verklaͤrten Kinde. Da nun der Graf ſah, daß kein Bitten ſie be⸗ wegen konnte, begnuͤgte er ſich mit dem Ver⸗ ſprechen, daß ſie bis zu der Vermaͤhlung ſeiner Toͤchter in dem Kreiſe ſeiner und ihrer eignen Familie bleiben wollte. Indeſſen aber ſtiftete er ein Kloſter auf Hippolyt's Grab und dotirte es mit unermeßlichen Guͤtern; vom hei⸗ ligen Vater aber wirkte er fuͤr ſeige fromme Stiftung die Loͤſung von Ottiliens Kloſter⸗ geluͤbd aus, und Anaſtaſiens Einfuͤhrung als erſte Aebtiſſin des neuen Kloſters. Und am Tage nach der Vermaͤhlung ſeiner Kinder fuͤhrte er ſelbſt Anaſtgſien in das neue Klo⸗ 99 ſter, wo ſie der Erzbiſchof zur Aebtiſſin weihte. 3 Hier lebte nun Anaſtaſie in heiliger Ruhe, und eaͤglich ertoͤnte die Todtenmeſſe fuͤr Hippolyt's Seele aus ihrem Munde, bis die Nonnen endlich auch die fromme Aebtiſ⸗ ſen an die Seite ihres Hippolyt zur Ruhe legten. A. Apel. Zi el. — Das Des Lebens Leid hat oft mein Herz zerriſſen, Des Lebens Luſt den Buſen oft geſchwellt: Doch immer ward in grauſen Kuͤmmerniſſen Von hoͤherm Strahl des Innern Nacht erhellt. Bey ſeinem Glanze ſchwand in Finſterniſſen Die hellſte Freude dieſer armen Welt. So ſeh' ich nun, daß, was die Erde traͤget, Mich nicht erfuͤllt, mein Sehnen nicht erreget. Nach einem fernen Ziele geht mein Streben— Die Ahnung zeigt ſein Bild, von Aetherlicht, Von wunderbarer Herrlichkeit umgeben, Die glaͤnzend hell der Erde Dunkel bricht. Es wirkt mit Soͤtterallmacht auf mein Leben, Es fuͤhrt mich ſicher auf dem Pfad der Pllicht. Hervorgelockt von ſeinen milden Gluthen, Entfaltet ſich die Schoͤnheit in dem Guten. Rein, wie die Luͤfte, die den Berg umwehen, Vom niedern Dunſt des Thales nie erreicht, Heißt mich dies Ziel durchs Pilgerleben gehen, 101 Wo nie von ihm mein breunend Auge weicht. Es laͤßt mich ſtark in jedem Leiden ſtehen, Es macht mir ſelbſt das ſchwerſte Opfer leicht; Und ſtolz und froh wend' ich die reinen Blicke Auf meines Herzens Unſchuld oft zuruͤcke. Ich nahe dir, ſo ruf' ich oft, durchdrungen Von ſuͤßer Luſt; bald werd' ich dich umfahn! Schon hab' ich kuͤhn dem Niedern mich entrungen, Gelichtet ſchon der Sinne dumpfen Wahn. Der Feinde Zahl, die meine Kraft bezwungen, Sie buͤrgt mir fuͤr das weitre Gluͤck der Bahn. Bey dir, bey dir werd' ich das Schoͤne finden, Des Lebens Deutung bald bey dir ergruͤnden. Doc ploͤtzlich zu des Aethers fernſtem Saume Wird dann mein holder Leitſtern mir entruͤckt. Ich ſuch' umſonſt im unermeßnen Raume— Nur irres Licht, wohin das Auge blickt! So wach' ich auf aus meinem holden Traumen und die mich erſt zu Goͤtterluſt entzuͤckt, Die Sehnſucht, wuͤhlt: mit unbekannten Schmerzen Mir allgewaltig in dem bangen Herzen. Nicht auf der Erde wandeln meine Tritte, Nicht zu dem Himmel traͤgt des Geiſtes Flug⸗ Ich ſchweb' allein in ſchauervoller Mitte; Der Fluͤgel ſtarrt, der kuͤhn empor mich trug⸗ Kein Gott erhoͤrt die angſterfuͤllte Bitte— Noch reißt zum Himmel mich des Herzens Zug, Den Leitſtern ſuch' ich auf mit naͤſſem Blicke, Doch zu der Erde ſink' ich matt zuruͤcke. Auch ſie verſtoͤßt mich—„Wer von meinen Frenden Verachtend ſich mit ſtolzem Sinn gewandt, Er muß von meiner Bruſt auf ewig ſcheiden, Er ſuche ſich ein andres Vaterland!“ So toͤnt ihr Hohn— ich muß ſie ewig meiden; Doch wehe mir! wo iſt der ſtille Strand, Der ſuͤße Ruhe giebt dem Haupt des Matten, Mir Kuͤhlung beut in ſeiner Buͤſche Schatten?— So ſchweb' ich fort in peinlich irrem Schwanken, Und in mir tobt wie Sturmesbrauſen wild Ein nie erſchoͤpfter Wirbel der Gedanken— Ich ſeh' der Menſchheit hohes Goͤtterbild Als Zwerggeſtalt in dumpfer Siegheit kranken. Des ſchoͤnern Lebens lachendes Geflld Verwandelt ſich in rohe Felſenmaſſen, Und ach! der Hoffnung letzte Strahlen blaſfeu. Ich frage mich: Was rollen dieſe Sonnen? Wo ſindet dieſer Sternentanz ſein Ziel? — 103 Wo iſt das Meer der Zeiten hingeronnen?— Ach alles, alles nur ein leeres Spiel! und Er, mit ſeinen Schmerzen, ſeinen Wonnen, Des Staubes Sohn, was traͤumt der Arme viel Von hohem Zweck? Woher der tolle Glaube? Er kommt vom Staub, ſein Zweck, er iſt im Staube! G Was iſt ſein Streben, was ſein kuͤhnſtes Ringen? Er gleicht dem Blatt/ das in den Luͤften kreiſt. Vom Sturm getragen, das nach kurzem 3 Schwingen Die Erde neu zu ſich hernieder reißt— Meinſt du, es muͤſſe deiner Kraft gelingen 2. Meinſt du, was dich erhebt, es ſei dein Geiſt? Der Sturm in dir, vom Zufall blind erreget⸗ Er iſt's, der blind dich auf und nieder traͤget— ſchreckenvolle Nacht, von keinem Morgen, Von keinem Stern der Hoffnung aufgehellt! O gluͤcklich ihr, erfuͤllt von kleinen Sorgen, Von kleinen Muͤh'n, vom Trachten dieſer Welt! Ihr ſeyd vor der Gedanken Quaal geborgen; Ihr wißt nicht, was die Bruſt mir peinlich ſchwellt. Von keinem Glanz des hohen Ziels betrogen Seyd ihr getroſt dem naͤchſten nachgezogen. 104 Doch ſollt' ich euch um euer Gluͤck beneiden? Und wuͤnſch' ich, der Erinn'rung zu eutfliehn? Nein, nicht in Zweifeln, nicht in bittern Leiden, Soll, was ich ſah, in meiner Bruſt vergluͤhn! So geht deun hin, behaltet eure Frenden! Daß mir im Traum des Hoͤchſten Bild erſchien⸗ Daß michs zu maͤcht'gem Flug emporgeriſſen, Und Ich moͤcht' es nicht um alle Wonnen miſſen. ſieh, die Nacht, die duͤſter mich umſloſſen, Verduͤnnet ſich, die Daͤmm'rung bricht herein. Der Hoffnung Pforten werden neu erſchloſſen, Ich ſehe neu den wohlbekannten Schein, und Worte toͤnen— tauſend Wonnen ſproſſen Bey ihrem Laut aus meiner Zweifel Pein— „O ſtrebe muthig fort nach meiner Klarheit: Am Ziel des Fluges findeſt du die Wahrheit!“ „Die Kraͤfte, die in traͤger Still' entſchliefen, Sie rufe neu der maͤcht'ge Kampf hervor. Durchgweifel ſoll des Glaubens Gluth ſich pruͤfen, Die in der Ruh erkaltend ſich verlohr. Hinabgeſunken in des Abgrunds Tiefen, Traͤgt neubeſeelt dein Streben dich empor. Verſtoßen aus dem Lande des Gemeinen, Erhebſt du freyer dich zum Ewig⸗Reinen.“ —— —,— — 105 So toͤnt es mir— den Leitſtern ſeh' ich winken— Hinauf, hinauf nach ſeinen heitern Hoͤh'n, An ſeinen Strahlen Himmelsluſt zu trinken, Dort kuͤhn des Weltgeiſt's Walten zu erſpaͤhn! Und ſollt' ich auch vom Flug ermattet ſinken, Und ſollt' ich nicht den hehren Schimmer ſehn: Ich weiß es nun, er ſtrahlt mir ſchoͤner wieder, Und ſtroͤmet Licht und Kraft zu mir hernieder. Siuanf⸗ Hinauf! Mit jedem neuen Fluge Traͤgt mich die Schwinge naͤher hin zum Ziel⸗ Entfernet mehr mich von dem Sinnentruge, Und von des Lebens thoͤrichtem Gewuͤhl. Ja, was mich aufwaͤrts zieht mit maͤcht'gem Zuge, Was in mir lebt, das ahnende Gefuͤhl, Es wird zum Quell des Lichts mich ſicher 1 leiten, Und mir des Lebens ſchweres Raͤthſel deuten. Streckfuß. —— Briefe der Babet a n Bourſault. (Fortſetzung.) Ich habe dich fuͤr uͤbermorgen zu einer Partis nach Verſailles verſagt. Daß du anderswvo verſprochen ſeyn koͤnnteſt, ſiel mir gar nicht ein, denn ich glaube feſt, es ſei dir nicht erlaubt, uͤber deine Zeit zu entſcheiden, ohne meine Zu⸗ ſtimmung, da du mir unzaͤhlige Male ver⸗ ſicherteſt, du ſeiſt ganz der Meine. Die Ferrari, die Morangis, der Abbée von St. Preuil und Lebruͤn werden unſre Be⸗ gleiter ſeyn, und alle ſind der einſtimmigen Meinung, die Geſellſchaft, ohne dich, waͤre nur unvollkommen, Die Morangis vor allen, entdeckte mir im Vertrauen: die Ferrari ſei zu gefallſuͤchtig, Lebruͤn zu trocken, der Abée zu bigott, und keiner behage ihr ſo ſehr, als du. Maͤre ſie nicht ſo ſehr meine Freundin— — 10⁷ das Intereſſe, das ſie an dir nimmt, koͤnnte wol den Verdacht erzeugen, du macheſt ihr den Hof, da du jetzt ſo ſelten wirſt, als dein Verdienſt. Du wirſt mir einwenden, daß mein Vater nur des Sonntags zu Bognolet iſt, die ganze Woche aber an ſeinem Pulte feſtgena⸗ gelt ſitzt: haͤtteſt du Sorge getragen dich zu unterrichten, was ich diefe Woche uͤber ſchaffte⸗ ſo haͤtten ſich dir mehrere Gelegenheiten dar⸗ geboten, mich zu ſehen. Ich will ſie dir nun recht boshaft aufzaͤhlen, um dich fuͤr ein an⸗ dermal aufmerkſamer zu machen. Mondtag ſuhren wir zur Meſſe und blieben da von vier bis neun Uhr. Wir ſchickton, nachzuſehen, ob du zu Hauſe ſeiſt, denn wir hatten im Sinne⸗ dich mitzunehmen: aber du warſt nicht da. Dienſtag ſpielten⸗wir den ganzen Nachmittag bei der Ferrari à la Béte, wo es nur an dir fehlte, um hinzukommen. Nittwochs aß ich beim Bruder Rentmeiſter zu Mittag, wohin auch du gekommen waͤreſt, wein man dich zu Hauſe gefunden haͤtte; und geſtern ging ich in die Nachmittagspredigt des Pater Don Kos⸗ mos, wo du dich auch haͤtteß einſinden koͤnnen, 103 wenn du gewollt haͤtteſt. Siehſt du, wie viel verlorne Zeit! Aber Sonntag wollen wir uns entſchaͤdigen, denn wir werden von fruͤh bis Abends beiſammen ſeyn. Ich kann den Augen⸗ blick nicht mehr erwarten, wo wir uns zuruſen: amamus et amabimus bis zum letzten Seufzer. 11. Sagen Sie mir einmal ein wenig, mein Herr Landſtreicher, wo Sie herumſchwaͤrmen und wo Ihr Brief herkoͤmmt, den ich ſo eben er⸗ hielt? Haͤtten Sie mich nicht boͤslich verlaſ⸗ ſen, ſo wuͤrden Sie ſchon geſtern Abends er⸗ fahren haben, daß Verſailles— ſo entzuͤckend es auch ſeyn mag— fuͤr mich keinen Reiz hat, wenn Sie nicht dort ſind. Die Gefaͤlligkeiten, die ich fuͤr dich habe, ſollten dich gelehrt haben, daß eine Liebe, wie die meinige, auch mit einer hinlaͤnglichen Por⸗ tion Ungeduld vergeſellſchaftet iſt, und der Sonntag nicht ſo oft koͤmmt, als ich ihn her⸗ beiwuͤnſche. Dieſer Tag iſt mir unendlich theuer geworden, ſeit er es iſt, wo ich bei dir bin, und er iſt kaum voruͤber, ſo ſehne ich — 109 mich nach ſeiner Wiederkehr; wenn wir erſt Mondtag zaͤhlen, ſo erſcheint er mir in ſo grauer Ferne, daß mir der Zwiſchenraum das Jahrhundert der Jahrhunderte zu ſeyn daͤucht. Jetzt iſt die Reihe an mir, dich mit den Waf⸗ fen zu beſtrafen, womit du gegen mich zu Felde zogſt; du ſollſt, ſo wie du dies Billet erhaͤltſt, in deiner innerſten Seele mich um Verzeihung bitten, daß du, Ungerechter, zu glauben wag⸗ teſt, ich haͤtte dich vergeſſen Bekenne andaͤchtiglich die große Suͤnde, und laß deine herzzerfleiſchende Reue dir zur Warnung dienen, dich in Zukunft vor derglei⸗ chen gewagten Urtheilen in Acht zu nehmen. Dann, wenn du dich erholt haſt, darfſt du nur morgen vor acht Uhr die Meſſe bei den— Weißmaͤnteln hoͤren; 3) ich wette, ehe der prieſterliche Segen ertheilt wird, erſcheint an deiner Seite eine kniende Jungfrau, die leiſe dir ins Ohr raunt: ſie ſei die Deinige auf ewig. 3) Die Benediktinerkirche, die dieſen Namen von ihren vorherigen Beſitzern, einem Moͤnchsor⸗ den mit weißen Maͤnteln, fuͤhrte. 110 4 12„ Ich weiß nicht, ob ich uͤber das Abentheuer. lachen, oder dein Truͤbſal beweinen ſoll; du mahleſt mir beides ſo anmuthig, daß ich ohn⸗ moͤglich uͤber das Maͤdchen zuͤrnen kann, dem ich deinen Brief verdanke. Der Abbée St. Preuil, der ſchon uͤber eine Stunde da iſt, und ſo eben das Fruͤhſtuͤck herbringen ließ, das er geſtern an mich verlohren, ſendet dir ſeinen Leibrock und großen Mantel, um dir jede Ent⸗ ſchuldigung des Wegbleibens zu rauben, und ein Schlafrock meines Vaters— der, wie der Sabbath eintritt, unaufhaltſam gen Bog⸗ nolet eilt— wird den Reſt des Tages uͤber deine Blöße decken, und da wir gerade die letz⸗ ten Athemzuͤge des Carnevals feyern, ſo darfſt du Abends nur meine Sammtlarve nehmen, um dem ſchauluſtigen Poͤbel meiner werthen Va⸗ terſtadt ein herzerhebendes Spektakel zu geben. Wenn du meinem Rathe folgen willſt, ſo gehe in dem geiſtlichen Gewande unſres theuern Freundes— der indeſſen Muße haben wird, ſich nach Herzensluſt zu langweilen— in ir⸗ gend eine Kirche, um die Meſſe zu hoͤren; — 111 ſonſt laͤufſt du Gefahr, ſie fuͤr heute ganz ent⸗ behren zu müſſen. Ich glaube, ich habe dir ſchon geſagt, daß, wenn du fromm biſt, ich dich zehnmal mehr liebe, und trotz dem, traue ich dir ſo wenig, daß ich Colinet befohlen habe, dich nicht eher zu verlaſſen, bis er dich in eine Kirche gefuͤhrt hat. Gefruͤhſtuͤckt wird nicht vor deiner Ankunft, darauf gebe ich dir mein Wort; du weißt, es iſt unverletzlich, und ich habe es noch nicht gebrochen, ſeit ich verſichre, ich ſei die Deine auf immer. 13. Wenn ich dich frage, ob du mich liebſt, ſo wirſt du gewiß Ja ſagen; wenn du Ja ſagſt, werde ich vielleicht ſo thoͤricht ſeyn, dir zu glauben, und bin ich ſo thoͤrigt, dir zu glau⸗ ben, ſo kann ich mich nicht uͤberreden, daß al das Boͤſe, das ich dir auf den Hals wuͤnſche, auch morgen noch mein Wunſch ſein koͤnne. Ge⸗ ſtern— ich verhele es dir nicht— war ich ganz eutſezlich wild; als ich mich aber heut fruͤh erinnerte, daß du eben ſo zornig warſt, wuͤ⸗ thete ich gegen mein eignes Fleiſch, mich einer ſo haͤßlichen Leidenſchaft Preis gegeben zu ha⸗ — 112 ben, und ich blieb eine volle Stunde laͤnger in der Kirche, um zu ſehen, ob du mich nicht da aufſuchen wuͤrdeſt. Ich bitte dich, laß uns dieſe Lage aus allen Kraͤften vermeiden, denn die Freuden der Ver⸗ ſoͤhnung wiegen die aͤngſtliche Ungewißheit lan⸗ ge nicht auf, ob man ſich auch verſoͤhnen werde? Verſprich mir, nie wieder mit Michelon nach Notre Dame zu gehn! Du ſuchſt ſo em⸗ ſig nach Anlaͤſſen, von ihr mit mir zu ſprechen, und allemal wenn du von ihr ſprichſt, waͤhlſt du die lebhafteſten Ausdruͤcke, um das, was du ehemals fuͤr ſie fuͤhlteſt, zu bezeichnen. Du wuͤrdeſt ſo nicht ſprechen, wenn du gar nichts mehr fuͤr ſie fuͤhlteſt. Mir bangt, ihr koͤnn⸗ tet das zerrißne Band wieder anknuͤpfen, und ich will lieber, wenn du nichts zu thun haſt, dir Geld zum Spielen ſchicken, um mir den Verdruß zu erſparen, den ich habe, wenn du mit ihr gehſt. Nicht etwa, als ob ich ſie haß⸗ te, aber ich liebe dich, und nur die Furcht, dich zu verlieren, aͤngſtet mich, nicht der Ge⸗ danke, daß ſie daraus Nutzen zoͤge. Ich bin mir ſelbſt Beiſpiel genug, daß der Liebenden Zorn nicht lange anhaͤlt; geſtern war ich ſo boͤſe, daß ich dich gern geſchlagen haͤtte, und heute bin ich, wie immer, die Deine. (Die Fortſetzung folgt.) Das Geſchlecht der Frommen. Was ſtarrt die Menge voll Grauſen hinauf zu des Bergs rothflammender Glut? Dumpf toͤnt in dem Grund das Brauſen der gaͤhrenden Feuerfiut. Entflieht! bald draͤngt durch den finſtern Schlund ſich Feuer und Waſſer zum dampfenden Mund. Es erhebt ſich hinauf zum Himmel hellgluͤhend und blitzend der maͤchtige Dampf, und es wuͤthet in wildem Getuͤmmel der Natur lautdonnernder Kampf. Wer eilet hinauf in vermeßnem Wahn durch flammende Pfade die grauſende Bahn? J. f. 5. II. J. 10. H. 1 Zwei Bruͤder ſind es, ſie wagen die toͤdtliche Bahn auf dem flammenden Steg; ſie kennen nicht Furcht, nicht Zagen, ſie wandlen den grauſenden Weg; zu tragen die Aeltern aus ſtroͤmender Glut entflammt die Tapfern der liebende Muth. Und entſchwunden iſt ſchon den Blicken der Juͤnglinge raſcher, kraͤftiger Lauf: da zittert des Berges NRuͤcken, es waͤlzen ſich Fluten herauf, es berſtet der Boden, in graͤßlicher Kluft bereitet der Berg ſich die eigne Gruft. Und es ſtuͤrzen die Felſen, es fallen die Waͤlder hinab in den gaͤhnenden Schacht, und herauf aus der Tiefe wallen Glutwogen in Hlammender Pracht; Dampfwolken huͤllen den Himmel ein und es flammt durch die Nacht nur der grauſende Schein. 90 Denn hoch von dem Berg ergießet in das Thal ſich der flammende Strom hinab, und in tauſend Armen fließet das gluͤhende Wogengrab; es waͤlzet ſich fort und verhuͤllet weit das Gefild und die Stadt der kuͤnftigen Zeit. Dumpf krachen zertruͤmmerte Saͤulen, es ſtuͤrzt der Palaſt und das niedere Dach, und es ſchallt der Verzweiflung Heulen der wilden Verwuͤſtung nach; der Schnelle fliehend die Rettung ſucht und findet den Tod oft ſelbſt in der Flucht. Und die Bruͤder— noch einmal wagen ſie die toͤdtliche Bahn auf dem grauſenden Steg, und die heilige Bürde tragen die Frommen auf flammendem Weg, und ſchon iſt der Hang des Berges erreicht, wo den Kuͤhnen die nahe Rertung ſich zeigt. Da ploͤtzlich aus tiefſtem Grunde erhebt ſich der Flammen wildeſtes Heer, und es ſtuͤrzt ſich aus dampfendem Schlunde roth gluͤhend ein Feuermeer; es woget hinab auf der Bruͤder Bahn und ſie ſehn das Verheerende furchtbar nahn. Doch es hemmet die Laſt die Tritte und Rettung nur bietet die eiligſte Flucht, und umſonſt vom ſchwankenden Schritte wird der ſchnellere Lauf verſucht. Schon fordern die Aeltern mit ernſtem Gebot, die Kinder zu retten, den Flammentod. Doch zum erſtenmale verſagen den Gehorſam beide der Aeltern Wort, und die liebevoll Zuͤrnenden tragen auf dem todtlichen Wege ſie fort; und ſchon erreichet der Eilenden Fuß des gluͤhenden Meers breit ſtroͤmender Fluß⸗ Und ſie flehen hinauf zu den Goͤttern, ſie rufen des Himmels ſchützende Macht: doch es ſchaͤumet in donnernden Wettern, das Gewog und der Boden kracht, und weit aufreißt ſich ein maͤchtiger Spalt,— und hinab braußt flammend des Stromes Gewalt. Und ſicher an ſtuͤrzenden Gluten voruͤber wandelt der Bruͤder Paar mit der theuren Buͤrde, ſie ruhten an der ſchuͤtzenden Goͤtter Altar. Und weit durch das ganze bewundernde Land ward ihr Stamm das Geſchlecht der From⸗ . men genannt. A. Apel. Der große Kritiker uͤber die Weiber. Beſchluß. Man kann nach dieſen Begriffen vielleicht etwas von der ſo verſchiedenen Wirkung ver⸗ ſtehen, die die Geſtalt eben deſſelben Frauen⸗ zimmers auf den Geſchmack der Maͤnner thut. Was in dieſem Eindruck ſich zu nahe auf den Geſchlechtstrieb bezieht, beruͤhre ich nicht, weil es außer dem Bezirke des feinern Geſchmacks iſt; und es kann vielleicht richtig ſeyn, was Buͤffon vermuthet, daß diejenige Geſtalt, die in fruͤherer Jugend den erſten Eindruck macht, das Urbild bleibe, worauf in der kuͤnftigen Zeit alle weibliche Bildungen mehr oder weniger ein⸗ ſchlagen muͤſſen. Was den etwas feinern Ge⸗ ſchmack anlangt, ſo behaupte ich, daß diejenige Art von Schoͤnheit, welche wir huͤbſche Geſtalt 7 genannt haben, von allen Maͤnnern ziemlich gleichfoͤrmig beurtheilt werde, und daß daruͤber die Meinungen nicht ſo verſchieden ſeyn, wie man gemeiniglich dafuͤr haͤlt—— Wo ſich aber in das Urtheil uͤber die feine Geſtalt das einmiſcht, was in den Zuͤgen moraliſch iſt: ſo iſt der Geſchmack bei verſchiedenen Maͤnnern jederzeit verſchieden, ſowol nachdem ihr ſittliches Gefuͤhl ſelbſt unterſchieden iſt, als auch nach der verſchiedenen Bedeutung, die der Ausdruck des Geſichts in eines jedem Wahne haben mag. Nan findet, daß die Bildungen, die beim erſten Anblick nicht ſonderliche Wirkung thun, weil ſie nicht auf eine entſchiedene Art huͤbſch ſind, gemeiniglich, ſobald ſie bei naͤherer Be⸗ kanntſchaft zu gefallen anfangen, auch weit mehr einnehmen und ſich beſtaͤndig zu verſchoͤ⸗ nern ſcheinen; dagegen das huͤbſche Anſehen, das ſich auf einmal ankuͤndigt, in der Folge mit groͤßerm Kaltſinne wahrgenemmen wird, welches vermuthlich daher koͤmmt, daß mora⸗ liſche Reize, wo ſie ſichtbar werden, mehr feſſeln, imgleichen, weil ſie ſich nur bei Gele⸗ genheit ſittlicher Empfindungen in Wirkſamkeit 8 ſetzen und ſich gleichſam entdecken laſſen, jede Entdeckung eines neuen Reizes aber immer noch mehr derſelben vermuthen laͤßt; anſtatt daß alle Annehmlichkeiten, die ſich gar nicht verhehlen, nachdem ſie gleich Anfangs ihre ganze Wirkung ausgeuͤbt haben, in der Folge nichts weiter thun koͤnnen, als den verliebten Vorwitz abzukuͤhlen und ihn allmaͤhlich zur Gleichguͤltigkeit zu bringen. Unter dieſen Beobachtungen bietet ſich ganz natuͤrlich folgende Anmerkung dar. Das ganz einfaͤltige und grobe Gefuͤhl in den Geſchlechts⸗ neigungen fuͤhret zwar ſehr gerade zum großen Zwecke der Natur, und indem es ihre Forde⸗ rungen erfuͤllt, iſt es geſchickt, die Perſon ſelbſt ohne Umſchweife gluͤcklich zu machen; allein um der großen Allgemeinheit willen artet es leichtlich in Ausſchweifung und Luͤderlichkeit aus. An der andern Seite dient ein fehr verfeinerter Geſchmack zwar dazu, einer unge⸗ ſtümen Neigung die Wildheit zu benehmen, und, indem ſie ſolche nur auf ſehr wenige Gegenſtaͤnde einſchraͤnkt, ſie ſittſam und an⸗ ſtaͤndig zu machen; allein ſie verfehlet gemei⸗ d 9 niglich die große Endabſicht der Natur, und da ſie mehr fordert oder erwartet, als dieſe gemeiniglich leiſtet, ſo pflegt ſie die Perſon von ſo delikater Empfindung ſehr ſelten gluͤcklich zu machen. Die erſtere Gemuͤthsart wird unge⸗ ſchlacht, weil ſie auf alle von einem Geſcheachte geht, die zweite gruͤbleriſch, indem ſie eigentlich auf keinen geht, ſondern nur mit einem Gegen⸗ ſtande beſchaͤftigt iſt, den die Neigung ſich in Gedanken ſchafft und mit allen edlen und ſchoͤ⸗ nen Eigenſchaften ausziert, welche die Natur ſelten in einem Menſchen vereinigt und noch ſeltner demjenigen zufuͤhret, der ſie ſchaͤtzen kann und der vielleicht eines ſolchen Beſitzes wuͤrdig ſeyn wird. Daher entſpringt der Aufſchub und endlich die voͤllige Entſagung auf die eheliche Verbindung, oder, welches vielleicht eben ſo ſchlimm iſt, eine graͤmiſche Reue nach einer ge⸗ troffenen Wahl, welche die großen Erwartungen nicht erfuͤllet, die man ſich gemacht hatte: denn nicht ſelten findet der aͤſopiſche Hahn eine Perle, welchem ein gemeines Gerſtenkorn beſſer zuge⸗ ſagt haben wuͤrde. Wir koͤnnen hierbei uͤberhaupt bemerken, daß, 10 ſo reizend auch die Eindruͤcke des zaͤrtlichen Gefuͤhls ſeyn moͤgen, man doch Urſache habe, in der Verfeinerung deſſelben behutſam zu ſeyn, wofern wir uns nicht durch uͤbergroße Reiz⸗ barkeit nur viel Unmuth und eine Quelle von Uebeln erkluͤgeln wollen. Ich moͤchte edlern Seelen wol vorſchlagen, das Gefuͤhl, in An⸗ ſehung der Eigenſchaften, die ihnen ſelbſt zukommen, oder der Handlungen, die ſie ſel⸗ ber thun, ſo ſehr zu verfeinern, als ſie koͤn⸗ nen; dagegen in Anſehung deſſen, was ſie genießen, oder von Andern erwarten, den Geſchmack in ſeiner Einfalt zu erhalten; wenn ich nur einſaͤhe, wie dieſes zu leiſten moͤglich ſei. In dem Falle aber, daß es an⸗ ginge, wuͤrden ſie Andere gluͤcklich machen und auch ſelbſt gluͤcklich ſeyn. Es iſt niemals aus den Augen zu laſſen, daß, in welcher Art es auch ſei, man keine ſehr hohen Anſpruͤche auf die Gluͤckſeligkeiten des Lebens und die Voll⸗ kommenheit der Menſchen machen muͤſſe; denn wer jederzeit nur etwas Mittelmaͤßiges erwar⸗ tet, hat den Vortheil, daß der Erfolg ſelten ſeine Hoffnung widerlegt, dagegen bisweilen 11 ihm auch unvermuthete Vollkommenheiten uͤber⸗ raſchen——— Allen weiblichen Reizen drohet endlich das Alter, der große Verwuͤſter der Schoͤnheit, und es muͤſſen, wenn es nach der natuͤrlichen Ordnung gehen ſoll, allmaͤhlich die erhabenen und edlen Eigenſchaften die Stelle der ſchoͤnen einnehmen, um eine Perſon, ſo wie ſie nachlaͤßt liebens⸗ wuͤrdig zu ſeyn, immer einer groͤßern Achtung werth zu machen. Meiner Meinung nach ſollte in der ſchoͤnen Einfalt, die durch ein verfeiner⸗ tes Gefuͤhl an allem, was reizend und edel iſt, erhoben worden, die ganze Vollkommenheit des ſchoͤnen Geſchlechts in der Bluͤthe der Jahre beſtehen. Allmaͤhlich, ſo wie die Anſpruͤche auf Reize nachlaſſen, koͤnnte Leſen und Erweiterung der Einſicht unvermerkt die erledigte Stelle der Grazien durch die Muſen erſetzen, und der Ehemann ſollte der erſte Lehrmeiſter ſeyn. Gleichwol, wenn ſelbſt die allen Weibern ſo ſchreckliche Epoche des Altwerdens herankoͤmmt, gehoͤrt es doch noch immer zum ſchoͤnen Ge⸗ ſchlecht, und es verunziert ſich ſelbſt, wenn es, in einer Art von Verzweiflung, dieſen 12 Charakter laͤnger zu erhalten, ſich einer muͤr⸗ riſchen und graͤmiſchen Laune uͤberlaͤßt. Eine bejahrte Perſon, welche mit einem ſittſamen und freundlichen Weſen der Geſellſchaft bei⸗ wohnt, auf eine muntere und vernuͤnftige Art geſpraͤchig iſt, die Vergnuͤgungen der Jugend, die fuͤr ſie ſelbſt nicht mehr ſind, mit Anſtande. beguͤnſtigt, und, indem ſie fuͤr alles ſorgt, Zufriedenheit und Wohlgefallen an der Freude Anderer verraͤth— iſt noch immer eine feinere Perſon, als ein Mann in gleichem Alter, und vielleicht noch liebenswuͤrdiger, als ein Maͤd⸗ chen, wiewol in einem andern Verſtande—— Fruͤhere, und damals nicht ungerechte Anſpruͤche muͤſſen aber alsdann durchaus aufgegeben wer⸗ den. Ein alter Mann, der verliebt thut, iſt ein Geck, aber die aͤhnlichen Anmaßungen des andern Geſchlechts ſind alsdann gar ekelhaft. An der Natur liegt es niemals, wenn wir nicht mit einem guten Anſtande erſcheinen, ſon⸗ dern daran, daß man ſie verkehren will.—— Nun einige Betrachtungen uͤber den Ein⸗ fluß, den ein Geſchlecht aufs andere haben kann, deſſen Gefuͤhl zu verſchoͤnern oder zu 13 veredlen! Das Weib hat ein vorzuͤgliches Ge⸗ fuͤhl fuͤr das Schoͤne, ſofern es ihm ſelbſt zu⸗ koͤmmt; aber fuͤr das Edle, in ſo weit es am maͤnnlichen Geſchlechte angetroffen wird. Der Mann dagegen hat ein entſchiedenes Geſuͤhl fuͤr das Edle, das zu ſeinen Eigenſchaften ge⸗ hoͤrt: fuͤr das Schoͤne aber, in ſo fern es an dem Weibe anzutreffen iſt. Daraus muß folgen, daß die Zwecke der Natur darauf ge⸗ hen, den Mann durch die Geſchlechtsneigung noch mehr zu veredlen, und das Weib durch eben dieſelbe noch mehr zu verſchoͤnern. Ein Frauenzimmer iſt daruͤber wenig verlegen, daß ſie gewiſſe hohe Einſichten nicht beſitzt, daß ſie furchtſam, zu wichtigen Geſchaͤften nicht aufgelegt iſt ꝛc. ſie iſt ſchoͤn und nimmt ein, und das iſt genug. Dagegen fordert ſie alle dieſe Eigenſchaften am Manne, und die Erha⸗ benheit ihrer Seele zeigt ſich nur darin, daß ſie dieſe edlen Eigenſchaften zu ſchaͤtzen weiß, ſo fern ſie bei ihm anzutreffen ſind. Wie wuͤrde es ſonſt wol moͤglich ſeyn, daß ſo viel maͤnnliche Fratzengeſichter, ob ſie gleich Ver⸗ dienſte beſitzen moͤgen, ſo artige und feine 14 Frauen bekommen koͤnnten! Dagegen iſt der Mann viel delikater in Anſehung der ſchoͤnen Reize des Weibes. Er iſt durch die feine Geſtalt deſſelben, die muntere Naivetaͤt und die reizende Freundlichkeit genugſam ſchadlos gehalten, wegen des Mangels von Buͤcherge⸗ lehrſamkeit und wegen andrer Maͤngel, die er durch ſeine eignen Talente erſetzen muß. Eitel⸗ keit und Moden koͤnnen wol dieſen natuͤrlichen Trieben eine falſche Richtung geben und aus manchem Manne einen ſuͤßen Herrn, aus man⸗ chem Weibe eine Pedantin oder Amazone ma⸗ chen; allein die Natur ſucht doch jederzeit zu ihrer Ordnung zuruͤckzufuͤhren. Man kann dar⸗ aus urtheilen, welche maͤchtige Einfluͤſſe die Geſchlechtsneigung vornehmlich auf das maͤnn⸗ liche Geſchlecht haben koͤnnte, um es zu ver⸗ edlen, wenn, anſtatt vieler trockenen Unterwei⸗ ſungen, das moraliſche Gefuͤhl der Weiber fruͤh⸗ zeitig entwickelt wuͤrde, um dasjenige gehoͤrig zu empfinden, was zu der Wuͤrde und den erhabnen Eigenſchaften des andern Geſchlechts gehoͤrt und dadurch vorbereitet wuͤrde, den laͤp⸗ piſchen Zieraffen mit Verachtung anzuſehen, und ſich keinen andern Eigenſchaften, als den Ver⸗ dienſten zu ergeben! Es iſt auch gewiß, daß die Gewalt ihrer Reize dadurch uͤberhaupt ge⸗ winnen wuͤrde; denn es zeigt ſich, daß die Bezauberung derſelben mehrentheils nur auf edlere Seelen wirke: die andern ſind nicht fein genug, ſie zu empfinden. Eben ſo ſagte Simonides, als man ihm rieth, die Theſſalier ſeine ſchoͤnen Geſaͤnge hoͤren zu laſſen: Dieſe Burſche ſind zu dumm, um von einem Manne, wie ich bin, getaͤuſcht zu werden.— Man hat es ſonſt ſchon fuͤr eine Wirkung des Um⸗ gangs mit dem ſchoͤnen Geſchlecht angeſehen, daß die Sitten der Maͤnner ſanfter, ihr Be⸗ tragen artiger und geſchliffener, ihr Anſtand zierlicher geworden; allein dieſes iſt nur ein Vortheil in der Nebenſache ½). Es liegt am *) Dieſer Vortheil ſelbſt wird gar ſehr gemin⸗ dert durch die Beobachtung, daß die Maͤnner, die zu fruͤh und zu haͤufig in Geſellſchaften eingefloch⸗ ten worden ſind, wo die Weiber den Ton angeben, gemeiniglich etwas laͤppiſch werden, und im maͤnn⸗ lichen Umgange langweilig oder auch veraͤchtlich ſind, weil ſie den Geſchmack an einer Unterhaltung 16 meiſten daran, daß der Mann als Mann voll⸗ kommner werde und das Weib als Weib, d. i. daß die Triebfedern der gegenſeitigen Neigung dem Winke der Natur gemaͤß wirken, den einen noch mehr zu veredlen und die Eigenſchaften der andern zu verſchoͤnern. Wenn alles aufs aͤußer⸗ ſte koͤmmt, ſo wird der Mann, dreiſt auf ſeine Verdienſte, ſagen koͤnnen: Wenn ihr mich gleich verloren haben, die zwar munter, aber doch auch von wieklichem Gehalte, zwar ſcherzhaft, aber auch durch ernſthafte Geſpraͤche nuͤtzlich ſeyn muß.— Es iſt nicht zu laͤugnen, daß die Geſellſchaften ohne Weiber ziemlich geſchmacklos und langweilig ſind: allein wenn die Dame darin den ſchoͤnen Ton angiebt, ſollte der Mann den edlen angeben. Sonſt wird hier die Geſellſchaft, aus entgegenge⸗ ſetztem Grunde, eben ſo langweilig, indem nichts ſo ſehr anekelt, als lauter Suͤßigkeit.— Da, wo es nur immer heißt: Iſt Madam(nicht, iſt der Herr) zu Hauſe? wo ſich mit Madam und von Madam alle Unterhaltungen und Luſtbarkeiten beſchaͤftigen— da iſt das weibliche Geſchlecht gar nicht von Herzen geehrt. Ein Menſch, der taͤn⸗ delt, iſt jederzeit ohne Gefuͤhl— ſowol der wahren Achtung, als auch der zaͤrtlichen Liebe. nicht liebt, ſo will ich euch zwingen mich hoch⸗ zuachten! und das Weib, ſicher der Macht ſeiner Reize, wird antworten: Wenn ihr uns gleich nicht innerlich hochſchaͤtzet, ſo zwingen wir euch doch, uns zu lieben—— In Ermangelung ſolcher Grundſaͤtze ſieht man Maͤnner Weiblichkeiten annehmen, um zu gefallen, und Weiber,(wiewol viel ſeltner,) einen maͤnnlichen Anſtand erkuͤnſteln, um zu imponiren. Was man aber wider den Gang der Natur macht, das macht man jederzeit ſehr ſchlecht. Im ehelichen Leben ſoll das vereinigte Paar gleichſam eine einzige moraliſche Perſon aus⸗ machen welche durch den Verſtand des Mannes und den Geſchmack der Frau belebt und regiert wird. Denn nicht allein, daß man jenem mehr auf Erfahrung gegruͤndete Einſicht, dieſer aber mehr Feinheit und Richtigkeit in der Em⸗ pfindung zutrauen kann, ſo iſt eine Gemuͤthsart, je erhabener ſie iſt, auch um deſto geneigter, die groͤßte Abſicht der Bemuͤhungen in die Zufriedenheit eines geliebten Gegenſtandes zu ſetzen; und andrerſeits, je ſchoner ſie iſt, deſto J. f. F. II. J. 10. 5. 2 13 mehr ſucht ſie durch Gefaͤlligkeit dieſe Bemuͤ⸗ hung zu erwidern. Es iſt alſo in ſolchem Verhaͤltniſſe ein Vorzugsſtreit laͤppiſch, und wo er ſich ereignet, das ſicherſte Merkmal eines plumpen, oder ungleich gepaarten Geſchmacks. Wenn es dahin koͤmmt, daß die Rede vom Rechte des Befehlshabers iſt, ſo iſt die Sache ſchon aͤußerſt verderbt; denn wo die ganze Ver⸗ bindung eigentlich nur auf Neigung errichtet iſt, da iſt ſie ſchon halb zerriſſen, ſobald ſich das Sollen anfaͤngt hoͤren zu laſſen. Die An⸗ maßung der Weiber in dieſem harten Tone iſt aͤußerſt haͤßlich, und die des Mannes, im hoͤchſten Grade unedel und veraͤchtlich. Indeſſen bringt es die weiſe Ordnung der Dinge ſo mit ſich, daß alle dieſe Feinheiten und Zaͤrtlichkeiten der Em⸗ pfindung nur im Anfange ihre ganze Staͤrke haben, in der Folge aber durch Gemeinſchaft und haͤusliche Angelegenheit allmaͤhlig ſtumpfer werden, und dann in vertrauliche Liebe aus⸗ arten, wo endlich die große Kunſt darin beſteht, noch genugſame Reſte von jenen zu erhalten, damit Gleichguͤltigkeit und Ueberdruß nicht den ganzen Werth des Wohlſeyns aufheben, um deſſentwillen es einzig und allein verlohnt hat, eine ſolche Verbindung einzugehen—— Zerſtreute Anmerkungen. Weiblichkeiten heißen Schwaͤchen. Man ſpaßt daruͤber; Thoren treiben damit ihren Spott, Vernuͤnftige aber ſehen ſehr gut, daß ſie gerade die Hebezeuge ſind, die Maͤnnlich⸗ keit zu lenken und ſie zu der großen Abſicht der Natur zu gebrauchen.— Der Mann iſt leicht zu erforſchen, die Frau verraͤth ihr Ge⸗ heimniß nicht; obgleich das Geheimniß Ande⸗ rer ſchlecht bei ihr verwahrt iſt. Er liebt den Hausfrieden und unterwirft ſich gern ihrem Regiment, um ſich nur in ſeinen Ge⸗ ſchaͤften nicht behindert zu ſehen; Sie ſcheuet den Hauskrieg nicht, den ſie mit der Zunge fuͤhrt und zu welchem Behuf die Natur ihr Redſeligkeit und affektvolle Beredtheit gab, die den Mann entwaffnet. Er fußt ſich auf das Recht des Staͤrkern, im Hauſe zu befehlen, 20 weil er es gegen aͤußere Feinde ſchuͤtzen ſoll; Sie auf Recht des Schwaͤchern, vom maͤnn⸗ lichen Theile geſchuͤtzt zu werden, und macht durch Thraͤnen den Mann wehrlos, indem ſie ihm ſeine Ungroßmuͤthigkeit vorruͤckt. Im ro⸗ hen Naturzuſtande iſt das freilich anders. Das Weib iſt da ein Hausthier. Der Mann geht mit Waffen in der Hand voran, und das Weib folgt ihm, mit dem Gepaͤck ſeines Haus⸗ raths beladen. Aber ſelbſt da, wo eine bar⸗ bariſche buͤrgerliche Verfaſſung Vielweiberei ge⸗ ſetzlich macht, weiß das am meiſten beguͤn⸗ ſtigte Weib in ihrem Harem uͤber den Mann die Herrſchaft zu erringen, und dieſer hat ſeine liebe Noth, ſich in dem Zank vieler um Eine (welche ihn beherrſchen ſoll) ertraͤglicher Weiſe Ruhe zu ſchaffen.— Als die Natur dem weiblichen Schooße ihr theuerſtes Unterpfand, den Menſchen ſelbſt, anvertrauete, ſo fuͤrchtete ſie gleichſam wegen Erhaltung deſſelben und pflanzte die Furcht, naͤmlich vor koͤrperlichen Verletzungen, und Schuͤchternheit vor dergleichen Gefahren, in ihre Natur; durch welche Schwaͤche dieſes 21 Geſchlecht das maͤnnliche rechtmaͤßig zum Schutze fuͤr ſich auffordert. Da die Natur auch die feinern Empfindungen, die zur Kultur gehoͤ⸗ ren, naͤmlich die der Geſelligkeit und Wohlan⸗ ſtaͤndigkeit, einfloͤßen wollte, machte ſie dieſes Geſchlecht zum Beherrſcher des maͤnnlichen, durch feine Sittſamkeit, Beredtheit in Sprache und Mienen, fruͤh geſcheut, mit Anſpruͤchen auf ſanfte, hoͤfliche Begegnung des maͤnnlichen gegen daſſelbe, ſo daß ſich das letztere unſichtbar gefeſſelt, und wenn gleich dadurch eben nicht zur Moralitaͤt ſelbſt, doch zu dem, was ihr Kleid iſt, dem geſitteten Anſtande, der zu jener die Vorbereitung und Empfehlung iſt, ge⸗ bracht ſah. Die Frau will herrſchen, der Mann be⸗ herrſcht ſehn(vornehmlich vor der Ehe). Daher die Galanterie der alten Ritterſchaft.— Sie ſetzt fruͤh in ſich ſelbſt Zuverſicht zu ge⸗ fallen. Der Juͤngling beſorgt immer zu miß⸗ fallen und iſt daher in Geſellſchaft der Damen verlegen(geniert).— Den Stolz des Wei⸗ bes, durch den Reſpekt, den es einfloͤßt, alle Zudringlichkeit des Mannes abzuhalten, und 22 das Recht, Achtung gegen ſich, auch ohne Verdienſte, zu fordern, behauptet ſie ſchon aus dem Titel ihres Geſchlechts.— Die Natur will, daß das Weib geſucht werde; daher mußte ſie ſelbſt nicht ſo delikat in der Wahl (nach Geſchmack) ſeyn, als der Mann, den die Natur auch gröber gebaut hat, und der dem Weibe ſchon gefaͤllt, wenn er nur Kraft und Tuͤchtigkeit zu ihrer Vertheidigung in ſei⸗ ner Geſtalt zeigt; denn waͤre ſie in Anſehung der Schoͤnheit ſeiner Geſtalt ekel, und fein in der Wahl, um ſich verlieben zu koͤnnen: ſo muͤßte Sie ſich bewerbend, Er aber ſich wei⸗ gernd zeigen, welches den Werth ihres Ge⸗ ſchlechts, ſelbſt in den Augen des Mannes, gaͤnzlich herabſetzen wuͤrde.— Sie muß kalt, der Mann dagegen in der Liebe affektvoll ſchei⸗ nen. Die Begierde des Weibes, ihre Reize auf alle feine Maͤnner ſpielen zu laſſen, iſt Koketterie; die Affektation, in alle Weiber ver⸗ liebt zu ſcheinen, Galanterie; beides kann ein bloßes zur Mode gewordenes Geziere, ohne alle ernſtliche Folge ſeyn— ſo wie das Cicis⸗ beat, eine affektirte Freiheit des Weibes in 23 der Ehe, oder das gleichfalls ehedem in Ita⸗ lien geweſene Courtiſanenweſen, von dem man erzaͤhlt, daß es mehr gelaͤuterte Kultur des geſitteten oͤffentlichen Umgangs enthalten habe, als die der gemiſchten Geſellſchaften in Privathaͤuſern.— Der Mann bewirbt ſich in der Ehe nur um ſeines Weibes, die Frau aber um aller Maͤnner Neigung; ſie putzt ſich dann mehr fuͤr die Augen ihres Ge⸗ ſchlechts, aus Eiferſucht, um andre Weiber in Reizen oder im Vornehmthun zu uͤbertreffen: der Mann hingegen fuͤr das weibliche— wenn man das Putz nennen kann, was nur ſo weit geht, um ſeiner Frau durch ſeinen Anzug nicht Schande zu machen.— Der Mann beurtheilt weibliche Fehler gelind, die Frau aber(oͤffent⸗ lich) fehr ſtrenge, und junge Frauen, wenn ſie die Wahl haͤtten, ob ihre Vergehen von einem maͤnnlichen oder weiblichen Gerichtshofe abge⸗ urtheilt werden ſollten, wuͤrden ſicher den erſten zu ihrem Richter waͤhlen.— Wenn der ver⸗ feinerte Luxus hoch geſtiegen iſt, ſo zeigt ſich die Frau nur aus Zwang ſittſam und hat kein Hehl zu wuͤnſchen, daß ſie lieber Mann ſeyn moͤchte, wo ſie ihren Neigungen einen groͤßern und freiern Spielraum geben koͤnnte; kein Mann aber wird ein Weib ſeyn wollen. Sie fragt nicht nach der Enthaltſamkeit des Mannes vor der Ehe; Ihm aber iſt an derſelben von Seiten der Frau unendlich viel gelegen.— In der Ehe ſpotten Weiber uͤber Intoleranz(Eifer⸗ ſucht) der Maͤnner uͤberhaupt: es iſt aber nur ihr Scherz; das unverehlichte Frauenzim⸗ mer richtet hieruͤber mit großer Strenge.— Was die gelehrten Frauen betrifft: ſo brauchen ſie ihre Buͤcher etwa ſo, wie ihre Uhr, naͤm⸗ lich ſie zu tragen, damit geſehen werde daß ſie eine haben; ob ſie zwar gemeiniglich ſtill ſteht oder doch nicht nach der Sonne geſtellt iſt. Weibliche Tugend oder Untugend iſt von der maͤnnlichen, nicht ſowol der Art als der Triebfeder nach, ſehr unterſchieden. Sie ſoll ge⸗ duldig, er muß duldend ſeyn. Sie iſt em⸗ pfindlich, Er empfindſam. Des Man⸗ nes Wirthſchaft iſt Erwerben, die des Weibes Sparen. Der Mann iſt eiferſuͤchtig, wenn er liebt; die Frau auch, ohne daß ſie liebt— weil ſo viel Liebhaber, als von andern Frauen gewonnen werden, doch ihrem Kreiſe der Anbeter verloren ſind.„Was die Welt ſagt, iſt wahr, und was ſie thut, gut“— iſt ein weiblicher Grundſatz, der ſich ſchwer mit einem Charakter, in der engen Bedeu⸗ tung des Worts, vereinigen laͤßt— ob es ſchon wackere Weiber giebt, die einen angemeſſe⸗ nen Charakter mit Ruhm behaupten. Dem Milton wurde von ſeiner Frau zugeredet, er ſolle doch die ihm nach Cromwells Tode ange⸗ tragene Stelle eines lateiniſchen Sekretärs an⸗ nehmen, ob es zwar ſeinen Grundſaͤtzen zuwider war, jetzt eine Regierung fuͤr rechtlich zu erklaͤ⸗ ren, die er vorher als widerrechtlich vorgeſtellt hatte. Ach, antwortete er ihr, meine Liebe: Sie und andere Ihres Geſchlechts wollen in Kutſchen fahren, ich aber— muß ein ehrlicher Mann ſeyn!— Das weibliche Geſchlecht muß ſich im Prak⸗ tiſchen ſelbſt ausbilden und diſciplintren; das maͤnnliche verſteht ſich darauf nicht.— Der junge Ehemann herrſcht uͤber ſeine aͤltere Ehefrau. ieſes gruͤndet ſich auf Eiferſucht der letztern, und dieſe Eiferſucht iſt 26 bei ihr Folge des Gefuͤhls von Schwaͤche. Daher wird jede erfahrene Ehefrau die Heirath mit einem jungen Manne, auch nur von glei⸗ chem Alter, widerrathen; denn im Fortgange der Jahre altert doch der weibliche Theil fruͤ⸗ 8 her, als der maͤnnliche, und wenn man auch von dieſer Ungleichheit abſieht, ſo iſt auf die Eintracht, welche ſich auf Gleichheit gruͤndet, nicht mit Sicherheit zu rechnen, und ein jun⸗ ges verſtaͤndiges Weib wird mit einem geſun⸗ den, aber doch merklich aͤltern Manne das Gluͤck der Ehe doch beſſer machen. Ein Mann aber, der kein Mann iſt, wird der Geck in ſeinem eigenen Hauſe ſeyn. Hume bemerkt, daß die Weiber(ſelbſt alte Jungfern) Satyren auf den Eheſtand mehr verdrießen, als die Sticheleien auf ihr Geſchlecht. Denn mit dieſen kann es nie⸗ mals Ernſt ſeyn, da aus jenen allerdings wol Ernſt werden koͤnnte, wenn man die Beſchwer⸗ den jenes Standes recht ins Licht ſtellt, deren der Unverheirathete uͤberhoben iſt. Eine Frei⸗ geiſterei in dieſem Fache muͤßte aber von ſchlim⸗ men Folgen fuͤr das ganze weibliche Geſchlecht 27 ſeyn; weil dieſes zu einem bloßen Mittel der Befriedigung der Neigung des andern Ge⸗ ſchlechts herabſinken wuͤrde, welche aber leicht in Ueberdruß und Flatterhaftigkeit ausſchlagen kann.— Das Weib wird durch die Ehe frei; der Mann verliert dadurch ſeine Freiheit. Die moraliſchen Eigenſchaften an einem, vornehmlich jungen Manne, vor der Verheira⸗ thung deſſelben, auszuſpaͤhen, iſt nie die Sache einer Frau. Sie glaubt ihn beſſern zu koͤn⸗ nen; eine vernuͤnftige Frau, ſagt ſie, kann einen verunarteten Mann ſchon zurechte brin⸗ gen— in welchem Urtheile ſie mehrentheils ſich auf die klaͤglichſte Art betrogen findet. So iſt die Meinung dieſer Treuherzigen beſonders auch in Anfehung der Ausſchweifungen des Nannes vor der Ehe. Die guten Kinder bedenken nicht, daß die Luͤderlichkeit in dieſem Fache gerade im Wechſel des Genuſſes beſteht, und das Einerlei in der Ehe ihn bald zur obigen Lebensart zuruͤckfuͤhren werde.— Die eheliche Liebe aber iſt ihrer Natur nach into⸗ lerant. Frauen ſpotten daruͤber zuweilen, aber, wie bereits oben bemerkt worden, nur 28— im Scherz; denn bei dem Eingriff Fremder in dieſe Rechte duldend und nachſichtig zu ſeyn, muͤßte Verachtung des weiblichen Theils und hiermit auch Haß gegen einen ſolchen Ehe⸗ mann zur Folge haben. Wer ſoll denn den obern Befehl im Hauſe haben? Denn nur Einer kann es doch ſeyn, der alle Geſchaͤfte in einen, mit beſtimmten Zwek⸗ ken uͤbereinſtimmenden Zuſammenhang bringt! Ich wuͤrde in der Sprache der Galanterie (doch nicht ohne Wahrheit) ſagen: die Frau ſoll herrſchen und der Mann regieren; denn die Neigung herrſcht und der Verſtand regiert. Das Betragen des Ehemanns muß zeigen, daß ihm das Wohl ſeiner Frau vor allem andern am Herzen liege. Weil aber der Mann am beſten wiſſen muß, wie er ſtehe und wie weit er gehen koͤnne: ſo wird er, wie ein Miniſter ſeinem blos auf Vergnuͤgen bedachten Monarchen, der etwa ein Feſt oder den Bau eines Palais beginnt, auf deſſen Befehl zuerſt ſeine ſchuldige Willfaͤhrigkeit dazu erklaͤren: nur daß z. B. fuͤr jetzt nicht Geld im Schatze ſei, daß gewiſſe dringendere Noth⸗ 29 wendigkeiten zuvor abgemacht werden muͤſſen ꝛc., ſo daß der hoͤchſtgebietende Herr alles thun kann, was er will, doch mit dem Umſtande, daß dieſen Willen ihm ſein Miniſter an die Hand giebt. 30— Peter, Koͤnig von Arragonien. [— Gut, daß Sie kommen! rief Lenore dem Profeſſor entgegen. Sagen Sie uns doch ge⸗ ſchwind, was denn eigentlich romant iſch iſt? So? warum nicht lieber gleich, was die ganze Welt iſt? Ach, waͤr's nur moͤglich!— Aber im Ernſt! Die Sach' iſt die! Bruder Otto brachte uns neue Muſik. Da ſteht denn wieder: ſo und ſo viel romantiſche Lieder— kleine roman⸗ tiſche Geſaͤnge u. dergl. Wir ſind ſie durch⸗ gegangen: ſie waren aber nicht um ein Haar anders, als die fruͤhern derſelben Verfaſſer, ehe ſie ihre Kinder ſo tauften. Nun ſagt' ich ihnen, fiel Otto ein, ſie ſoll⸗ ten ſich um das Romantiſche auf den Titeln jezt nicht mehr bekuͤmmern, als etwa um die Firma der Verlagshandlung— jenes waͤre in der Regel jetzt ebenfalls nur eine Art Firma; wie ohnge⸗ 9 31 faͤhr vor dreißig Jahren das: Nach dem Engli⸗ ſchen; oder vor zwanzig: Fuͤr empfindſame Seelen— Das erklaͤrten wir aber nur fuͤr eine Art, ſich aus der Sache zu ziehen, fuhr Lenore fort. Ja, ſollte es auch einigen Grund haben: wir wolle n uns nun einmal damit nicht ab⸗ weiſen laſſen. Und was die Weiber wollen— nun, das wollen ſie! Nicht wahr, kleine Braut? Nun ja, rief Adele; ich beſtand auf Ant⸗ wort. Da war aber der Spaß, daß ſie alle zugleich anfingen, zu erklaͤren— alle in einem Tone, als gelte es etwas, das ja jedem Kinde gelaͤufig ſei; und wie wir die Ausbeute ſichten wollten, fand ſich nichts, außer, wir wuͤßten im Grunde alle kein beſtimmtes Wort davon. So iſt es, ſagte Lenore. Wir wunderten uns erſt hoͤchlich daruͤber, und lachten hernach einander maͤßig aus. Das war in der Ord⸗ nung— nicht aber, daß der Herr Bruder unmaͤßig in unſer Lachen einſtimmte. Wir forderten ihn auf, uns ſein Licht leuchten zu laſſen; er war auch ſogleich bereit, fing herz⸗ haft an vom Antiken und Modernen, von alter 32 Totalitaͤt und neuer Univerſalitaͤt, vom Her⸗ aus⸗ und Hinein⸗Bilden, und Gott weiß, was ſonſt noch! aber— iſt nun der Gegenſtand ſo verwickelt, oder iſt Er's: kurz, wir ſind jetzt höchſtens ſo klug, als vorher. Und nun ſollen Sie helfen—— Der Profeſſor rief den Himmel zum Zeu⸗ gen an, daß es ihm unbeſchreiblich ſchwer wer⸗ de, in ihren Scherz einzugehen, wie ſolle es denn nun vollends gar mit ihrem Ernſt werden? denn Ernſt wurd' es endlich in der That. Er erbot ſich, da er nicht mehr ausweichen konnte, ein feines Stuͤck zuruͤckgehen zu duͤrfen, und man geſtand's ihm zu. Er fuhr nun fort: Man koͤnnte Ihnen ſagen: das Romantiſche iſt das ⸗Erhabene(oder Energiſche) mit dem Lieblichen(oder Angenehmen) zuſammengeſtellt und ſo verbunden, daß beides noch im Wechſel bemerkbar bleibt; ſtatt daß im Schoͤnen das Erhabene mit dem Lieblichen ganz zuſammen⸗ ſchmilzt— das koͤnnte man ſagen, und haͤtte damit allerdings etwas Wahres geſagt... Mäglich! ſiel Lenore ein. Aber ich habe da wieder Worte, und Worte; im Kopfe klingts mir hohl, und vor der Phantaſie und den Sinnen hab' ich gar nichts. „So laſſen Sie uns damit anfangen, daß wir den wunderbaren Geiſt des Romantiſchen nicht, wie gewoͤhnlich, nur in der Poeſie des Mittelalters aufſuchen— ja ſogar in dieſer nicht zunaͤchſt: ſondern in dem ganzen Sinn und Thun jener ſeltſamen Zeit, wie dieſer Sinn, wie dieſes Thun in der Geſchichte ru⸗ het gleich einem jener himmelhohen Schweizer⸗ Berge, die alle Jahreszeiten zugleich entfalten und darlegen. Ich glaube wirklich man muß ſo verfahren.“ 3 Das mag ſeyn, ſagte Lenore; verfahren Sie nur drauf los! Bis jetzt verſteh' ich noch immer nichts.— Es war hier die Frage nur vom Haus⸗ bedarf; auch ließ ſich leicht uͤberſchlagen, ohn' alles Erzaͤhlen ſei ſchwerlich auf einen gruͤ⸗ nen Zweig zu kommen: der Profeſſor machte deshalb den Verſuch, erſt den Geiſt der Zeit jener heroiſchen Verwilderung nach dem Um⸗ ſturz des roͤmiſchen Reichs, dann den ſich hier⸗ aus entfaltenden Sinn des aͤltern Ritterthums, J. f. F. II. J. 10. H. 3 —— 34 in ſeiner ranhen, eiſernen, aber grandioſen, verehrlichen Barbarei zu ſchildern; und da dies, ſchon des Seltſamen, Imponirenden we⸗ gen, nicht ohne Wirkung blieb, ſo ging er zur Schilderung des ſpaͤtern Ritterthums uͤber, wie es, waͤhrend der Kreuzzuͤge(und durch ſie) allmaͤhlig, vermittelſt der Bekanntſchaft mit orien⸗ taliſchem Geiſt, mit orientaliſchen Sitten, orien⸗ taliſchen Dichtungen und Kuͤnſten, ſo wie durch den Einfluß der jetzt naͤher ins Leben geruͤckten Religion, bei abendlaͤndiſcher Gediegenheit, Groͤße und Rohheit, zur ſeltſamſten Miſchung der Entgegengeſetzten, in der Verworrenheit des Lebens, wie im Dunkel der Ideen, ſich geſtalten mußte; und nun beſchloß er endlich, daß, was in dieſem Geiſte gethan oder gedichtet waͤre, eigentlich romantiſch heiße. Die Zuhoͤrerinnen ſchienen, trotz ſeiner Be⸗ muͤhung, noch nicht im Klaren zu ſeyn; er war aber gar nicht boͤſe daruͤber, denn er hatte ſeinen Zweck erreicht: die Sache ſollte nur aus dem Dunkel gehoben— in der Phantaſie der Zuhoͤrerinnen ſollte nur eine Ahnung deſſen, worauf es hier ankam, in ihrem Gefuͤhl eine 35⁵ Stimmung dafuͤr erregt werden: was dann zum eignen Hausbedarf jeder noch fehlte, war er gewiß, wuͤrde ſie ſchon ſelbſt abnehmen und allenfalls ins Reine ſetzen, ſobald man ihr Gelegenheit dazu gaͤbe. An dieſer Gelegenheit wollte er's nun nicht fehlen laſſen. Er ſuchte, ohne ſich in weitere Eroͤrterungen einzulaſſen, ein Geſchichtchen aus ſeinem Taſchenbuche her⸗ vor— ein ſehr altes Geſchichtchen, vom Koͤnig Peter von Arragonien; bat nur, es ohne alle Vorurtheile und Nebenabſichten anzuhoͤren, und hernach erſt wieder an das zu denken, was etwa aus jener allgemeinen Schilderung zuruͤck⸗ geblieben ſeyn moͤchte. Mein Hiſtoͤrchen, fuhr er fort, iſt nur klein und an ſich nicht eben ſehr bedeutend: es iſt aber doch ziemlich, wie wir's brauchen. Es legt uns nemlich die Sin⸗ nes⸗ und Handlungs⸗Art des, vorzugsweiſe romantiſch genannten Zeitalters vor, und legt ſie uns auch vor in der Weiſe, die man damals vorzuͤglich liebte, weil ſie ebenfalls ganz aus jenem Geiſt' und Sinne floß— eine Weiſe, die eben darum ihn ſelbſt wieder charakteriſiren hilft. Der Vorfall iſt vom Jahr 1282, und 36 4 das Original der Erzaͤhlung war im Jahr 1350 ſchon niedergeſchrieben*). Dieſe anpreiſende Verkuͤndigung, einer re⸗ cenſirenden Buchhaͤndleranzeige nicht unaͤhnlich, wurde von dem kleinen Publikum aufgenom⸗ men, wie jene Anzeigen meiſtens vom großen aufgenommen werden— man lachte, man ſchmaͤlte, wurde aber doch neugierig auf den geprieſenen Artikel und wollte ihn kennen ler⸗ nen. Da las denn der Profeſſor, was folgt. Zu der Zeit, als die Franken aus Sicilien vertrieben wurden, lebte in Palermo ein ge⸗ wiſſer Bernard Puccini, ein Apotheker, aus Florenz gebuͤrtig. Er war ein wohlhaben⸗ der Mann, und hatte mit ſeiner Frau eine einzige Tochter erzeugt, die ein ſchoͤnes, bluͤ⸗ hendes Maͤdchen war. Nun gab Koͤnig Peter *) Leſer, die dies Original ſelbſt kennen, wiſſen auch warum ich es hier nicht anfuͤhre, und etwa ſechs, ſehr unweſentliche Zeilen aͤndere; ſie wiſſen, und entſchuldigen es hoffentlich. 37 von Arragonien mit ſeinen Vaſallen, zur Feier der erlangten Herrſchaft uͤber die Inſel, gar wundergleiche Feſte in Palermo. Beim Ritter⸗ ſpiele, das nach kataloniſcher Weiſe eingerichtet war, ſahe Eliſe, Bernards Tochter, mit an⸗ dern Maͤdchen aus einem Fenſter, erblickte den Koͤnig im Wettrennen, und wurde ſo von ihm entzuͤckt, daß ſie immer nur nach ihm ſahe und ſich daruͤber bis zum Sterben verliebte. Als ſie nach dem Ende des Feſtes heimkam, konnte ſie an nichts denken, als an ihre hohe Liebe; ſo ſehr ſie dabei auch durch die Erinne⸗ rung an ihren niedrigen Stand und an das Fruchtloſe ihrer Sehnſucht beſchaͤmt wurde. Der Neigung zum Koͤnig entſagen konnte ſie nicht; aber eben ſo wenig konnte ſie ſie entdek⸗ ken, um nicht noch mehr gekraͤnkt zu werden. So erfuhr aber auch der Koͤnig nichts davon und achtete gar nicht auf ſie; was ſie denn auf das allerſchmerzlichſte betruͤbte. Die Leidenſchaft der armen Eliſe nahm nun immer mehr uͤberhand, ſo daß ſie in Schwermuth verſank, ſich endlich nicht mehr uͤberwinden konnte, und erkrankte. Sie verging zuſehends, 38 wie Schnee von der Sonne. Vater und Mut⸗ ter, voll Kummer uͤber ihren Zuſtand, wollten ihr durch Aerzte und ſtaͤrkende Mittel aufhel⸗ fen; es war aber vergebens, und ſie hatte ſchon bei ſich beſchloſſen, in ſtiller Sehnſucht ihr Leben hinzugeben. Als nun der Vater einſt von neuem verſprach, alles zu ihrem Beſten zu thun, ſo ſtieg der Wunſch in ihr auf: daß doch auch der Koͤnig— aber mit guter Art— ihre Liebe und ihren Entſchluß, ehe ſie ſtuͤrbe, erfahren moͤchte. Sie bat alſo den Vater, er ſollte doch einmal den Minuccio d' Arezzo, einen der beruͤhmteſten Saͤnger und Muſiker jener Zeit, den Koͤnig Peter hochhielt, zu ihr bitten. Bernard glaubte, Eliſe ſehne ſich nach Muſik und Geſang, und ſchickte nach dem Saͤnger. Dieſer freundliche Mann kam auch ſogleich, redete ihr theil⸗ nehmend zu, ſpielte verſchiedene ſanfte Stuͤcke auf der Violin, und ſang endlich einige Lieder, wodurch er ſie zu erquicken ſuchte. Dies ent⸗ flammte aber die Seele des Maͤdchens erſt recht, und ſie wollte mit ihm allein ſprechen. Minuccio, begann ſie, als ſie mit ihm * 39 allein war; dich hab' ich auserſehn, dir mein Geheimnis zu vertrauen: denn du wirſt es Niemand entdecken, außer dem, der es wiſſen ſoll; auch kannſt du mir meine Bitte leicht erfuͤllen. So wiſſe denn, lieber Minuccio: ich ſah unſern Koͤnig am Tage ſeiner Kroͤnungsfeier beim Ritterſpiel, und ſah ihn in ſo verhaͤngnis⸗ voller Stunde, daß mein Herz fuͤr ihn ergluͤ⸗ hete und ich allmaͤhlich in den Zuſtand gerieth, worin du mich jetzt ſieheſt. Ich kenne das Unziemliche meiner Liebe zu meinem Monar⸗ chen, vermag ſie aber gleichwol nicht zu min⸗ dern, viel weniger auszurotten; da hab' ich denn, weil ich ſie nicht laͤnger tragen kann, den Tod erwaͤhlt, mein Leid zu enden. Um doch aber Einen Troſt im Tode zu haben, laß es Ihn wiſſen! Gewiß, Niemand kann ihm meinen Entſchluß beſſer entdecken, als du; ſo vertraue ich denn dir: du wirſt dich meiner Bitte nicht entziehen und mir auch Nachricht geben, wie er deine Bothſchaft aufgenommen hat. Weiß er, daß ich um ihn ſterbe, ſo werd' ich meiner Erloͤſung von allem Schmerz gefaßt entgegenſehn.’ 40 Hier ſchwieg ſie und weinete ſtill. Minuccio erſtaunte uͤber die große Seele des Maͤdchens, die einen ſo heldenmuͤthigen Entſchluß ſo hel⸗ denmuͤthig ausfuͤhren konnte, und ſeine Ruͤhrung half ihm bald auf ein Mittel, ihr auf anſtaͤndige Weiſe gefaͤllig zu ſeyn. Eliſe, ſagte er, nimm mein Wort, daß ich dich nicht taͤuſchen werde. Ich freue mich deines adelichen Sinnes, der nur auf dieſen großen Koͤnig gerichtet iſt; dar⸗ um verſpreche ich, deinen Wunſch zu erfuͤllen, und— beruhige dich nur!— ehe drei Tage vergehen, hoff' ich dir willkommene Bothſchaft zu bringen. Nichts zu verſaͤumen, geh' ich ſogleich und ſchreite zur Ausfuͤhrung.— Eliſe wiederholte ihre Bitte, verſprach, ſich zu be⸗ ruhigen, und er ging in Gottes Namen. Unter Weges ſtieß ihm ein gewiſſer Mico von Siena auf, ein damals ziemlich beliebter Dichter; dieſen brachte er durch inſtaͤndiges Bitten dahin, daß er ſolgendes Lied ver⸗ faſſete: Liebe, geh' zu meinem Herrn; Sag' ihm, was ſich dir gezeiget: Daß mein Schweigen, Daß mein Sehnen, Mich zum Grabe neiget. Daß ich, ſonſt wie Roſen roth, Jetzt den Liljen aͤhnlich ſehe; Daß ich willig Meinem Ende Fruͤh entgegengehe. Daß ſeit jenem großen Tag, Wo es Ihn zuerſt erblickte, Hochbegabt vor Allen Rittern, Nichts ſein Kind erquickte. Daß ſein glanzerfuͤlltes Bild Tauſend Schmerzen mir gegeben; Daß es dennoch Wenn ich ſcheide Schoͤn mich ſoll umſchweben. 41 44 ſpazieren— und begab ſich zum Hauſe des Apothekers, wo er abſtieg, und den ſchoͤnen Garrten beſichtigte. Nach einer Welle fragte er Bernard: Du haſt ja eine Tochter— wie geht es ihr? haſt du ſie noch nicht verheirathet? Sie iſt noch ledig, mein Gebieter, erwi⸗ derte Bernard; und liegt mir ſeit geraumer Zeit ſehr krank. Nur ſeit heute nach Eſſenszeit beſ⸗ ſert ſichs mit ihr. Der Koͤnig merkte bald, warum ſichs beſſe⸗ re, und verſetzte: Das waͤre doch Schade, wenn ſolch ein ſchoͤnes Weſen der Welt ſo fruͤh ge⸗ raubet wuͤrde! Komm, Wir wollen ſie beſuchen! — Und ſomit ging er, nur von Bernard und noch zwei Perſonen begleitet, auf ihr Zimmer. Ei, mein liebes Maͤdchen— begann er, in⸗ dem er ihr die Hand reichte und ſich an ihr Bett ſetzte, wo ſie vor Verlangen halb aufge⸗ richtet lag; ſag', was iſt mir denn das? Ein ſo junges Maͤdchen ſollte Andern ein gut Exempel geben, und will krank ſeyn? Ich bitte dich— bei meiner Liebe bitt' ich dich, halte dich ſo, daß du dich bald erholeſt! Da ſich das Maͤdchen von dem beruͤhrt 45 fuͤhlte, den ſie uͤber alles liebte, wurde ſie zwar ein wenig beſchaͤmt, aber in ihrer Seele regte ſich zugleich ein Entzuͤcken, als habe ſie das Paradies geſehn. Mein König, ſagte ſie, ſo gut ſie's vermochte; ich wollte eine ſchwere Laſt uͤbernehmen: ſie war aber uͤber meine Kraͤfte, und ſo ſiel ich in Krankheit. Doch, Dank ſei es euch, bald ſollt' ihr mich davon wieder hergeſtellt ſehen. Der Koͤnig allein verſtand, was das Maͤd⸗ chen ſagen wollte, und freute ſich ihrer immer mehr; im Herzen verwuͤnſchte er vielleicht das Geſchick, das ſie in dieſem Stande hatte ge⸗ boren werden laſſen. Nach einer Weile ver⸗ ließ er ſie mit den freundlichſten Reden. Alles ruͤhmte nun den Edelſinn des Koͤnigs; der Apotheker und ſeine Tochter hatten große Ehre davon: dieſe aber war nun gluͤcklicher, als irgend eine Dame durch ihren Geliebten, und Hoffnung und Freude machten ſie in kurzem geſund, ja ſelbſt reizender, als vormals. Jetzt erwog der Koͤnig mit ſeiner Ge⸗ malin, wie ſolch eine Liebe am wuͤrdigſten belohnet wuͤrde. Er ritt dann mit einem glaͤn⸗ 4²— Liebe, ſäh' Er dieſes Herz, Kennt' Er dieſe Plagen: Wuͤrde ſeine Fuͤrſtenſeele Mir kein Troſtwort ſagen? Ninuccio erſann zu dieſen Verſen ſogleich eine liebliche und wehmuͤthige Muſik, wie ſie ihnen angemeſſen war und nun trat er, den dritten Tag, da der Koͤnig noch beim Mahl ſaß, vor ihn. Der Koͤnig verlangte, er ſollte Violin ſpielen und hernach auch ſingen; da ſpielte er erſt ſehr zaͤrtlich, und ſang dann jenes Lied, ſo, daß alle, die im Fuͤrſtenſaale verſammlet waren, vornehmlich aber Koͤnig Peter ſelbſt, ſtaunend zuhoͤrten und ſehr bewegt wurden. Als der Geſang zu Ende war, fragte der Koͤnig: Woher haſt du dies ſchoͤne Lied, das Uns ja noch ganz unbekannt iſt? Mein Gebieter, ant⸗ wortete Minuccio, Gedicht und Muſik ſind noch nicht drei Tage alt. Fuͤr wen iſt es gemacht? fragte der Koͤnig. Das darf ich Niemand, als Euch, entdecken! verſetzte Mi⸗ nuccio. Dies reizte den Koͤnig noch mehr; 4³ er hob die Tafel auf und nahm ihn in ein Nebenzimmer, wo denn Minuccio alles aus⸗ fuͤhrlich erzaͤhlte. Der Koͤnig war von Freude begeiſtert, pries das wackere Maͤdchen, und ſchwor, daß er ſie nimmer verlaſſen wolle; befahl auch dem Saͤnger, zu ihr zu gehn, in ſeinem Namen ſie zu troͤſten, und ihr zu mel⸗ den, er werde ſie heute gegen Abend zuver⸗ laͤßig beſuchen. Der gute Minuccio, froh, eine ſo ange⸗ nehme Bothſchaft bringen zu koͤnnen, eilte zu ihr, erzaͤhlte ihr, als ſie allein waren, was ſich begeben hatte, und ſang ihr nun ſein Lied vor. Das Maͤdchen war davon ſo erfreuet, ſo erquickt, daß man ſie ſtuͤndlich beſſer werden ſah, ohne daß irgend Jemand im Hauſe wußte oder auch nur vermuthete, wie es zuging. Voll Ungeduld erwartete ſie nun den Abend, wo ſie ihren Geliebten ſehen ſollte. Der Koͤnig, dieſer großmuͤthige, gnaͤdige Herr, hatte, nach Minuccio's Entfernung, die Umſtaͤnde noch mehr erwogen, und war immer mehr beweget worden. Ais der Abend nahete, ſetzte er ſich zu Pferde— es hieß, er reite zenden Hofſtaat zum Apotheker, ſtieg im Gar⸗ ten ab, und ließ ihn nebſt der Tochter rufen. Indem erſchien auch die Koͤnigin, von vielen Damen umgeben, welche ſaͤmmtlich das Maͤd⸗ chen mit ungemein freudiger Auszeichnung un⸗ ter ſich aufnahmen. Endlich riefen der Koͤnig und die Koͤnigin Eliſen zu ſich: Wackeres Maͤdchen, ſprach er; deine edle Liebe zu uns adelt dich in unſern Augen, und weil auch wir dir herzlich ergeben ſind, moͤchten wir dir gern eine Freude machen und dich von unſrer Liebe uͤberzeugen. Die Zeit deiner vollen Bluͤthe iſt da: heirathe, und nimm einen Gatten von unſrer Hand; wir aber wollen uns dennoch immer deinen Ritter nennen, wofuͤr wir jedoch keine Vergeltung wuͤnſchen, als— einen Kuß von deiner treuen Liebe! Dem Maͤdchen brannte jungfraͤuliche Sitt⸗ ſamkeit auf den Wangen, und ſie erwiderte mit leiſer Stimme: Mein Monarch, erfuͤhre die Welt meine Empfindungen fuͤr euch— gewiß, ſie wuͤrde mich eine Thoͤrin ſchelten, die aus Unverſtand ihren großen Abſtand von euch nicht bedacht haͤtte. Aber dem Gott, der Herzen und Nieren pruͤft, iſt es bekannt, daß ich in demſelben Augenblick, wo ihr mein Herz ruͤhr⸗ tet, bedachte, ihr ſeiet Koͤnig, ich Bernards, des armen Apothekers, Tochter— und daß ich deshalb mir das Ungeziemende vorwarf, mei⸗ nen Sinn ſo hoch zu ſtellen. Aber ihr wißt auch, und gewiß beſſer, als ich, daß bei der Liebe weniger der Verſtand, als die Neigung entſcheidet. Ich habe dieſe aus allem Vermoͤ⸗ gen bekaͤmpft: endlich konnte ich mich ihrer nicht mehr ermaͤchtigen, auch wird ſie bis an mein Ende dauern. Sobald ich jedoch meine Schwaͤche fuͤhlte, mußt' ich mich entſchließen, euerm Willen jederzeit zu gehorchen. So werde ich nun den Gemal, durch welchen ihr mir eure Gnade beweiſet, nicht nur annehmen und ihm getreulich zugethan bleiben: ſondern gern wuͤrde ich auch, wenn ihr's wolltet, in ſtiller Sehnſucht vergehen. Ob es mir zuſtehe, mei⸗ nen Koͤnig zu meinem Ritter zu haben, moͤget ihr am beſten beurtheilen; ich darf dazu nichts ſagen; aber ſelbſt den Kuß, den ihr von mei⸗ ner Liebe verlangt, werd' ich euch nicht ge⸗ waͤhren, ohne Zuſtimmung meiner Koͤnigin. 47 48 Gott belohne uͤbrigens euch und eurer erhabnen Gemalin die mir erwieſene große Gnade; ich bin zu arm dazu. Hier ſchwieg ſie verſchaͤmt. „Die Koͤnigin war von dieſer Rede des Maͤd⸗ chens ſehr geruͤhrt, und fand, daß ihr Gemal auch nicht zu viel von ihrem Geiſte geſagt hatte. Nun befragte der Koͤnig die Aeltern, und ſie waren mit ſeinen Abſichten zufrieden. Da rief er einen ſchoͤnen, jungen, aber armen Kavalier hervor— Perdicone hieß er. Freudig bot dieſer der reizenden, ſittſamen Jungfrau die Hand; der Koͤnig ſteckte beiden die Ringe an, und gab ſie ſo zuſammen. Die Koͤnigin ſchenkte⸗ dem Maͤdchen eine Menge koſtbarer Juwelen, und der Koͤnig dem Braͤutigam, außer aͤhuli⸗ chen Koſtbarkeiten, die zwei ſchoͤnen, eintraͤgli⸗ chen Guͤter, Caffalu und Calatabella. Dieſe ſind die Mitgaben deiner Frau, ſagte er; es ſoll dir aber auch kuͤnftig nicht an Beweiſen unſrer Gnade gebrechen.— Doch nun mußt du mich auch nicht um den verſprochenen Er⸗ weis deiner Liebe bringen! ſagte er jetzt, zum Maͤdchen hingewandt. Und damit faßte er ihr Haupt mit beiden Haͤnden, und kuͤßte ſie vor 49 der Koͤnigin und dem ganzen Hofe auf die Stirn. Perdicone, Eliſe und ihre Aeltern ſtell⸗ ten ein großes Feſt und eine vergnuͤgte Hochzeit an; der Koͤnig aber hielt dem Weibchen Wort, nannte ſich lebenslang ihren Ritter, und trug im Kampfſpiel keine andern Ehrenzeichen, als die ſie ihm ſandte.— Das ſind Handlungen, wodurch ein Fuͤrſt die Gemuͤther der Unterthanen gewinnet, An⸗ dern ein herrliches Muſter giebt und einen ewigen Ruhm ſich gruͤndet! Auch ſiehet man, wie wahr es iſt: Der Liebe Keim, in edlen Sinn gelegt, Nur edle, ſchoͤne Fruͤchte traͤgt. J. f. F. II. J. 0. H. 4 Der Wandrer. Ein kraftvoll jugendliches Streben Des jungen Wandrers Bruſt erfuͤllt; Und Heiterkeit, und Muth zu leben, Ihm ſtols durch alle Adern ſchwillt. Es gluͤhet auf den friſchen Wangen Des Daſeyns junges Morgenroth: Der kuͤhne Sinn ſtuͤrmt unbefangen Entgegen dem, was ihm bedroht. Er fuͤhlt im Innern tief das Leben, Und nimmt es mit dem Leben auf: Wie lichte Wolken aufwaͤrts ſchweben, So ſteigt er raſch den Berg hinauf. Er hoͤrt den Sturm durch Wipfel ſauſen, Und ahnet wol ſein dunkles Wort; Er hoͤrt den Waldſtrom nieder brauſen; Er höoͤrt's, und wandelt kuͤhner fort. Itzt hat ſein Fuß die Hoͤh' erklommen, Um die des Mittags Schweigen ruht: Das Thal, von dem er hergekommen, Brennt unter ihm in Farbengluth: Er wirft in's hohe Gras ſich nieder Und freundlich quill'ts an ihm hinauf; Der Schlaf ſinkt daͤmmernd auf ihn nieder Und ſchließt den inn'ren Sinn ihm auf. Von Zeit und Raum iſt er entbunden; Ein Daſeyn dieſer Traum ihm giebt, Wie's namenlos nur der empfunden, Den ſo wie ihn der Gott geliebt. Es ſchwimmt vor den erſchloßnen Blicken Ein Land in wunderbarem Duft: Die Farben, die es gluͤhend ſchmuͤcken, Erklingen tonend in die Luft. Geſtalten auf und nieder ſchweben, Erſt ferne ihm, und naͤher dann: Er ſieht ihr heilig ſtilles Leben Mit Ehrfurcht und mit Liebe an. Es zieht ihn ſanft in ihre Kreiſe, Er kann nicht laͤnger ferne ſtehn; Und nah und naͤher locket leiſe Ihn mildes, zauberiſches Wehn. Es tritt die ſchönſte der Geſtalten Zu ihm mit liebevollem Blick: Emporgetragen und gehalten Wird er, von ſuͤßem Himmelsgluͤck. Ihr Weſen gluͤht in Eins zuſammen, Und flammend es im Weltall ſchwebt; Von ihrer Gluth, von ihren Flammen Sich die Unendlichkeit belebt. Die ſchoͤne Erde ſieht er ſchwinden, Doch Sonnen gehn ihm ſtrahlend auf; Er kann nur ihre Naͤh' empfinden, Und hoch, und hoͤher ſchwingts ihn auf. Da treibts ihn, raſtlos zu ergruͤnden Und zu begreifen dieſes Gluͤck; Sein ſchoͤner Traum muß nun verſchwinden, Die Wirklichkeit kehrt leer zuruͤck. 8 58 Aufs neu befaͤngt mit engen Schranken Ihr Machtgebot ihm Kraft und Sinn; Nur Sehnſucht ſchwinget die Gedanken Zum Paradies des Wandrers hin!— Karoline Woltmann. 54— Galerie griechiſcher Dichterinnen. Fortſetzung aus dem ö6ten Hefte. Korinna. Korinna gehoͤrt zu der Zahl der Dichterin⸗ nen, von denen uns faſt nichts, als ihr hoher, durch das ganze Alterthum hindurch glaͤnzender Ruhm uͤbrig geblieben iſt. Ihre geprieſenen Werke hat die Zeit vernichtet. Sie lebte um die 69ſte Olympiade(500 Jahr v. Chr.) und iſt auch wegen der Wettkaͤmpfe, die ſie mit dem erhabenen Pindaros, in deſſen Juͤnglingsjah⸗ ren, wagte, beruͤhmt. Sie ſoll deren bis auf funfzig gefuͤhrt haben und Siegerin geblieben ſeyn. Als Pindaros einſt, in einem dieſer Wettkaͤmpfe, ein Gedicht vortrug, in welches er die Darſtellung einer großen Menge Mythen zuſammengedraͤngt hatte, und ſich durch dieſes 55 kuͤnſtliche Werk des Sieges verſichert hielt, rief ihm Korinna, der man den Preis zuſprach, zu: Mit der Hand muß der Saͤemann ſaͤen, nicht aber den vollen Sack auf einmal ausſchuͤtten.— Ihre Gedichte, deren Zahl nicht gering war, ruͤhmen die Alten als vortreffliche. Die Namen derſelben hier anzufuͤhren, waͤre fruchtlos, da uns kein einziges vollſtaͤndig uͤbrig iſt; und es kann hoͤchſtens folgendes(wahrſcheinlich nur zwey Zeilen aus einem groͤßeren Gedicht) fuͤr ein ganzes gehalten werden. Auf einen Delphin. Schiffern verleihſt du gluͤckliche Fahrt, Delphin. O geleite Ueber die wogende Fluth mir ſicher die liebende Freundin. Myro. Nach Angabe einiger Schriftſteller lebte Myro, die Gattin des Andromachos Philologos 56— zu Byzanz(um die 120ſte Olympiade). Nach andern wird ſie die Freundin der Erinne ge⸗ nannt, und mithin ihr Alter auf 300 Jahre fruͤher geſetzt. Ihr Name war im Alterthun ſehr bekannt, und ihr Andenken durch Statuen bewahrt. Wir beſitzen von ihr, außer einem Fragmente eines groͤßeren epiſchen Gedichtes: Mnemoſyne, noch einige Epigramme. An eine Traube, als Weihgeſchenk. Hier im beglaͤnzten Gehöf' Aphroditens ruheſt du, Traube,. Die mit purpurnem Saft mir Dionyſos ge⸗ . ſchwellt. Deine Mutter umhüllt nicht mehr dich mit lieb⸗ lichen Ranken, Webet dir um das Haupt nicht nektariniſches Gruͤn. d Bitre. Toͤchter des gleitenden Stroms, hamadryadiſche Nymphen, Die ihr mit roſigem Fuß weilt in ambrofiſcher Fluth, 8 Seid mir gegruͤßt und verleiht Kleonymos Huld, der euch, Hehre, Unter der Fichten Dach ſchoͤne Gebilde geweiht. Noſſis. Noſſis, eine Dichterin aus Lokris, die wahr⸗ ſcheinlich um die 116te Olympiade(312 Jahr v. Chr.) ſang. Sie dichtete vorzuͤglich Epi⸗ gramme, und ward wegen der Sanftheit ihrer Gedichte ſo hoch geſchaͤtzt, daß Antipater aus CTheſſalien ſie die Zarttoͤnende nennt. Wir be⸗ ſitzen von ihr noch zwoͤlf Epigramme, von denen folgende die vorzuͤglichern ſind. Der Bruttier Ruͤſtungen, (die ſie nach einer Schlacht zuruͤckge⸗ laſſen hatten.) Bruttier warfen die Ruͤſtungen einſt von der zit⸗ 2 ternden Schulter, Als ſie der tapferen Hand lokriſcher Kaͤmpfer entflohn. Ruhm verkuͤnden ſie dieſen an Goͤttern geheiligter Staͤtte, Sehnen ſich nicht zu dem Arm, der ſie in Feigheit verlor. Samydas Weihgeſchenk. Huldvoll laͤchelnd empfing Aphrodite die Gabe der Weihe, Als aus dem Haar Samyda wand den um⸗ ſchleiernden Flor. Kuͤnſtlich iſt er gewebt, es umduftet ihn lieblicher Nektar, Wie ihn die Göttin ſelbſt uͤber Adonis ergoß. Liebe. Nichts iſt ſuͤßer denn Liebe. Was könnt an Reiz ſie bezwingen? Honig verſaget dem Mund— Liebe beut zar⸗ tern Genuß. Noſſis verkuͤndet dies Wort. Wem Kypris, die Goͤttin, nicht huldigt, Nimmer umkraͤnzen ihn dann Roſen, die ſie nur erzieht. An Artemis. Artemis, die den ortygiſchen Fluren und Delos gebietet, Lege dein heilges Geſchoß jetzt in der Grazien Schoos, Tauche hinab zur inopiſchen Fluth und eile zur Wohnung, Lindernd der Wehen Schmerz, welcher Alketis verzehrt. 60 Grabſchriſt inthons, des Poſſenreiſſers, der Komiſches und Tragiſches in ſeinen Spielen miſchte. Laut auflachend geh, Wandrer, vorbei, und uͤber mir lies die Inſchrift: Pinthon bin ich, Syrakuſaniſchen Stamms, Einſt ein kleiner Saͤnger der Muſen; doch brach 4 ich mir durch der Tragiſchen Poſſen Spiel Epheu zum eigenen Kranz. Das Bild der Freundin. Kenntlich winket auch hier mir Saboͤdis liebendes 4 Auge, Weisheitnaͤhrenden Sinn kuͤnden die Zuͤge des Bilds. Ja, ich waͤhne des Geiſtes Hoheit zu ſehen und . hier der Sanftmuth Laͤcheln. O Weib, ſei du auf im⸗ mer begluͤckt! 8— — 61 Aphroditens goldne Statue. Laßt uns nahen dem Tempel, wir ſchauen dort Aphroditens Bildniß, welches in Gold formte die kuͤnſtliche Hand. Reichen Gewinn erwarb Polyarchis durch ſiegende Schoͤnheit, Und von der Liebe Geſchenk hat ſie das Denk⸗ mal geweiht. Melinna's Bild. Iſts nicht Melinna ſelbſt? Sieh', Anmuth haucht um die Wange, Und der ſtrahlende Blick laͤchelt ſo lieblich mir zu; Treffend aͤhnelt die Tochter in jeglichem Zuge der Mutter. Schoͤn iſts wenn ſo das Kind gleichet der Aeltern Geſtalt. Thaumareta's Bildniß. Thaumareta's Bild zeigt die Tafel. Der Maler 4 entlehnte Taͤuſchend Zuͤge, voll Stolz, Augen voll blu⸗ henden Reiz. Wedelnd naht dir gewiß des Hauſes Waͤchter, das Huͤndchen, Haͤlt, erblickend das Bild fuͤr die Gebieterin ſelbſt. — Praxilla. Prayilla, die zu Sicyon um die 33ſte Olym⸗ piade(445 Jahr v. Chr.) lebte, war durch Dichtung von Skolien und Liedern bekannt, de⸗ ren uns verbliebene Fragmente kein Ganzes ausmachen. Unter dieſen Ueberreſten befindet ſich folgendes Skolion, welches ſich auf die Sage von Admet bezieht. Admet ſollte be⸗ kanntlich dem Tode durch die Huͤlfe Apollons entgehen, ſobald er einen Andern an ſeiner Statt dem Orkus zuſenden wuͤrde. Allkeſtis, ſeine Gattin, erbot ſich fuͤr ihn in den Tod 63 zu gehen, aber Herakles, der vorbeireiſte und bei Admet, dem Gaſtfreund, einſprach, ſtieg in den Orkus hinab und befreite Alkeſtis wieder. Skolion. Lern', o Freund, vom Admet, wie er es ſehrt: Hochſinn verehre ſtets, Fern von niederem Sinn. Kaͤrgliche Gunſt zollet der Feige dir. Sappho. Wie man gern in Galerieen der Kunſt auf Meiſterſtuͤcke erſter Groͤße zuletzt ſeine Blicke wendet, um bei ihnen, mit ſchon von Bewun⸗ derung erfuͤllter Seele, tiefer in das Erhabene und Schoͤne einzudringen: ſo fuͤhrt uns der Zufall gluͤcklich am Schluſſe dieſer nur alpha⸗ betiſch aufgeſtellten Galerie die Dichterin herzu, deren Name in aller Zeit zu ſehr verherrlicht war, als daß fuͤr eine Einleitung hier erſt weit⸗ laͤuftige Worte noͤthig waͤren. Wie die Zeit⸗ 64 perioden ſich ſtets neidiſch um den Beſitz großer Geiſter ſtritten und wie ſieben Staͤdte ſich Ho⸗ meros Geburt zueignen wollten, ſo war der Ort und die Zeit der Geburt der Dichterin Sappho ein Preis, auf welchen viele Anſpruch machten. Nicht weniger als acht verſchiedene Vaͤter werden genannt, und bald jene bald dieſe Geburtsſtadt. Die naͤhere Unterſuchung waͤre hier nicht an ihrem Orte. Wahrſchein⸗ lich lebte ſie um die 42ſte oder 44ſte Olykn⸗ piade,(400 Jahr v. Chr.) zu Mitylene, auf der Inſel Lesbos, geboren, als Zeitgenoſſin der Dichter Alkaͤoss und Pittakos. Ihr Leben, das ſie den Kuͤnſten— der Muſik und Dicht⸗ kunſt— mit einem ſeltenen Zartgefuͤhl weihte, treffen auf der andern Seite Vorwuͤrfe, vor⸗ naͤmlich in Abſicht auf Liebe. Allein dies wird nicht vermoͤgend ſeyn, die bewunderte Dichterin in Schatten zu ſetzen, da ſie ihre feurigen Gefuͤhle ſo ſchoͤn bei den Toͤnen der Lyra ausſprach. Die Sage erzaͤhlt bekanntlich auch, daß ſie den Lesbier Phaon liebte; ihm, da er ihr nicht Gehoͤr gab, nach Sicilien folgte und ſich endlich verzweiflungsvoll vom 65 Vorgebuͤrge Leukas herab ins Meer ſtuͤrzte. Doch ſchreiben einige dieſe Sage einer andern Sappho zu. Ihr dichteriſcher Ruhm war weit verbreitet, und die Dichter der ſpaͤtern Zeit prieſen ſie als die zehnte Muſe, wie die bil⸗ denden Kuͤnſtler ihrem Andenken Denkmale er⸗ richteten. Antipater aus Sidon ſang von ihr: Mnemoſyne lauſchte mit Furcht der lieblichen . Sappho, Glaubte, die Zehnte des Chors weil' in der Sterblichen Kreis. Von der Zahl ihrer mannichfaltigen Gedichte blieb uns nur wenig; doch genug, um von dieſen Reſten auf den hohen Geiſt und das tiefe, gehaltvolle Gefuͤhl der Dichterin zu ſchließen. Ode an Aphroditen. Thronenreiche, goͤttliche Aphrodite, Dio's Weisheit ſinnende Tochter, flehend Nah' ich, daß in Jammer und Schmerz du, Heil'ge, Nicht mich vernichteſt. f. F. II. J. 10. H. 3 η 66 Komm, o komm, wenn jemals mit Huld du, meiner Stimme achtend, Vieles vernommen und des Vaters goldne Wohnung verlaſſend auf dem Wagen hernieder Schwebteſt, wenn dich uͤber die ſchwarze Erd' ein Schönbeſchwingtes Sperlingsgeſpann gefuͤhrt, auf Dunklem Fittig ſchwebend vom Himmel, durch die Mitte des Aethers. 1 Schnell gelangt' es an; aber du, o ſel'ge Goͤttin, frugſt, mit ewigem Antlitz laͤchelnd, Was es ſei, das Kummer mir ſchuf, warum ich Rufend dir flehte; Was mein liebentbranntes Gemuͤth vor allem Sich erſehne, welche Gewinnung, welcher Liebe leiſ' umſtrickende Feſſel. Sappho, Sprachſt du, wer quaͤlt dich? Flieht er dich, ſo ſoll er dich nun verfolgen/ Soll, verſchmaͤht er Gaben, ſie dir nun reichen, Kuͤßt er nicht, ſo ſoll er dich eilig kuͤſſen, Auch wenn du nicht wollt'ſt. Nahe mir auch jetzt, mich entreißend ſchwerem Kummer; was vollendet zu ſehn mein Herz ſich Sehnend wuͤnſcht, vollende! Mir ſei du ſelbſt des Kampfes Genoſſin! An ein MNaͤdchen. Jenen Mann vergleich' ich erhabnen Goͤttern, Ihn, der dir zur Seite ſo traulich ruhet, Und in deiner Naͤhe der Lieder ſuͤßer Zaͤrtlichkeit lauſchet, Blicke ſehnſuchtsvoll zu dir ſendet,— ach! dies, Dies erſchuͤttert tief mir das Herz im Buſen! Wenn ich dich erſehe, dann ſchwinden ſchnell die Laute der Stimme, Und die Silbe ſtirbt auf der Lippe; ploͤtzlich Stromet durch die Glieder ein zartes Feuer. Nichts erkennt das offene Aug', ich hoͤre Klingende Toͤne. 68— Kalter Schweiß fließt uͤber das Antlitz; tiefer Schauder faßt mich, bleicher denn hingewelkte Halme, fuͤhl' ich nahe dem Tode mich, des 4 Lebens beraubet. Skolie an den Abendſtern. Hesperus, alles Fuͤhrſt du uns zu, fuͤhrſt Wein uns herbei, fuͤhrſt Heim uns die Ziegen. Fuͤhreſt das Kind zur Liebenden Mutter. Naͤchtliche Klage des Maͤdchens. Schon ſank Selene unter, Verloͤſcht ſind die Plejaden; 3 Es dunkelt mitternaͤchtlich, Genahet iſt die Stunde; 1 Doch einſam ruh' ich noch allein. — Pelagons Grabmal. Hier hat dem Schiffer Pelagon am Grabe Me⸗ 4 niſkos, der Vater, Reuſſen und Ruder geweiht, Zeugen des duͤrft'gen Gewerbs. — Timas Grab. Timas Aſche ruht hier. Vor der Hochzeit ver⸗ bleichend, Weilt ſie in Perſephones naͤchtlichumhuͤlltem Gemach. Als ſie dahinſank, weihten des Hauptes liebliche Locken Mit dem geſchaͤrften Stahl alle Geſpielinnen ihr. Als Zugabe ſtehe noch hier folgendes Gedicht einer Dichterin, Theoſebia, von deren Leben und Zeit— von der uͤberhaupt uns nichts bekannt iſt, als eben dies kleine Gedicht. 70 Auf den Arzt Ablabios. Dreimal verſunken in Schmerz zerriß ſich die Göttin der Heilkunſt Klagend das Haupthaar. Einſt fuͤr Hippokrates, dann fuͤr Galenos. Nun aber, hingeſtreckt, ob Ablabios trauerndes Grabmal, Fuͤrchtet ſie, da er dahinſtarb, unter Menſchen zu weilen. Ferdinand Hand. Ane kdote. Wemm ein Staatsmann oder General ſeinem Fuͤrſten, den das Ungluͤck verfolgte, der nicht mehr belohnen, nur Andere in ſein trauriges Schickſal verflechten konnte— dennoch treu blieb, alles Gluͤck, das ihm, nicht etwa nur der Feind, ſondern ein anderer Freund auf rechtlichem Wege verhieß, ruhig ablehnte, um fuͤr den zu leben, dem er lebenslaͤnglichen Bei⸗ ſtand gelobet hat: ſo ſind, und mit Recht, alle Stimmen vereint zu ſeinem Preiſe; ja, man legt ſein Lob da nieder, wo es die Nach⸗ welt auffaſſen und den entfernteſten Zeiten uͤberliefern kann. Hat das Weib, von dem ich hier erzaͤhle, weniger gethan? Ich frage nur!— Sechs Jahre waren verfloſſen und noch hatte Eliſabeth Walters keine Nachricht von ihrem Gatten erhalten. Er war als 72 Oſtindienfahrer von Amſterdam geſeegelt, und die oſtindiſche Kompagnie konnte weder von dem Schiffe, noch der Mannſchaft, Kunde er⸗ halten. Schmerzliches Harren, bange Sihn⸗ ſucht, endlich laſtender Gram hatten Eliſabeths Schoͤnheit zerſtoͤrt, die Hoffnung hatte ihr Herz verlaſſen: aber Liebe und Treue waren ihr geblieben, ihr zum Troſte. Sie war ohne Vermögen— dies zu erwerben, war eben der muthige Schiffer in See gegangen; die Direk⸗ toren der Kompagnie unterſtuͤtzten ſie aber hin⸗ laͤnglich, damit ſie ihre beiden Knaben erziehen koͤnnte. Einſt als ſie am Fenſter ſtand und zum Himmel blickte, weil ſie auf Erden nicht mehr zu ſuchen wagte, was ſie verloren hatte, wurde ſie zu einem der Direktoren eingeladen. Sie ſlog hin; Furcht und Hoffnung kaͤmpften in ihrer bedraͤngten Bruſt. Der Direktor empfing ſie guͤtig und ſtellte ihr einen jungen, wohl⸗ gebildeten Mann vor, deſſen ganzes Aeußere auf den erſten Blick ihre Achtung heiſchte. Dieſer Herr hat einen Antrag an Sie, ſagte der Direktor. Ich bin ein Freund ihres 73 Mannes— nahm der Fremde das Wort. Sie kennen mich nicht: ich aber kenne Sie, und ſeit mehrern Jahren, obſchon ich die letz⸗ ten nicht hier verlebt habe. Ich bewundere Ihre Tugend. Ich bin ein redlicher, ein ge⸗ rader— auch ein vermoͤgender Mann. Ich wuͤnſche, das Gluͤck meines Lebens mit Ihnen zu theilen und der Vater Ihrer Soͤhne zu werden. Mein Antrag darf Sie nicht belei⸗ digen. Wol weiß ich, daß Sie daruͤber nicht entſcheiden koͤnnen, bis Sie zuverlaͤſſige Nach⸗ richt von meinem Freunde haben. Ich wuͤnſche mir jetzt auch nichts, als Ihr Wort, daß Sie mein Anerbieten wohl beachten wollen, wenn ſich beſtaͤtigt, was wir beide befuͤrchten. Bis dahin uͤberlaſſen Sie mir die Sorge fuͤr Ihren Wohlſtand. Eliſabeth erblaßte; ohne ein Wort erwi⸗ dern zu koͤnnen, wendete ſie ſich ins Neben⸗ zimmer. Der Direktor trat nach einer Weile zu ihr; er erinnerte ſie an ihre Kinder, er⸗ waͤhnte leiſe, daß die Kompagnie, wenn ſie dieſe ehrenvolle Verſorgung verſchmaͤhe, An⸗ ſtand nehmen duͤrfte, ſie und die Knaben fer⸗ 74——— ner zu unterſtuͤtzen. Das arme, geaͤngſtete Weib brach in einen Strom von Thraͤnen aus. Hab' ich Sie ſo betruͤbt? ſagte der junge Mann, der nun auch herzutrat. Das wollt' ich nicht!— Mit moͤglichſter Faſſung, mit Zartheit und Beſcheidenheit erwiderte end⸗ lich Eliſabeth: Sie ſind edelmuͤthig; Sie ver⸗ dienen das Gluͤck der Liebe. Dies kann ich Ihnen nie geben. Es muͤßte Sie betruͤben, wenn ich Ihre Zaͤrtlichkeit nicht mit voller Seele erwiderte: und das vermoͤchte ich doch nicht, denn nimmermehr wird die Liebe zu dem Verlornen in meinem Herzen erkalten. Ich wuͤrde mich nur zu oft in dem Anblick des Knaben verlieren, der ſein Ebenbild iſt; wuͤrde ſorgſam dies Bild in allen ſeinen Zuͤgen aufſuchen, ihn mit meinen Thraͤnen benetzen— das wuͤrde Sie traurig machen; ich ſaͤhe das, und wie ungluͤcklich muͤßte ich dann ſeyn! Ueberdies gehoͤrt von nun an meine ganze Sorgfalt meinen und ſeinen Kindern; darin duͤrfen mich andere Pflichten nicht ſtoͤren, oder ich wuͤrde mir Vorwuͤrfe machen.. Nein nein, mein Herr! das kann nie anders wer⸗ 75 den— nie! ich fuͤhl' es ſo ſicher, als mein Leben! RNehmen Sie meinen herzlichen Dank —— Nachher wendete ſie ſich an den Direk⸗ tor: Erlauben Sie, daß ich von nun an fuͤr meine Kinder allein arbeite; und darf ich mir noch eine Bitte verſtatten, ſo ſei es die, daß die Kompagnie ihre Wohlthat nicht einziehe, ſondern ſie einer andern Wittwe zuwende. Ich und meine Kinder werden Ihre Großmuth nie vergeſſen. Nein, edle Frau, ſagte der Direktor; Sie ſollen nicht allein fuͤr Ihre Kinder arbeiten! Fuͤr ſie iſt geſorgt. Von Ihrem Manne kann ich jetzt keine Nachricht geben; aber das Schiff iſt mit reicher Ladung von Batavia an⸗ gekommen. Dieſer Fremde hat es gefuͤhrt. Ihr Antheil am Gewinn, und was die Kom⸗ pagnie fuͤr treue Dienſte Ihres Mannes hin⸗ zulegt, betraͤgt 20000 Gulden— Gott im Himmel, rief Eliſabeth; wie arm machſt du mich mit dieſem Reichthum! Denn ich ſeh' es nun deutlich, was Sie umgehen— meinen Ferdinand haben die Wellen ver⸗ ſchlungen! Sie ſank auf einen Stuhl. Sie bemerkte nicht, wie ſich die Seitenthuͤr oͤffnete, wie ein Mann in Uniform leiſe heraus trat, mit feſt⸗ gefalteten Haͤnden, die Augen voll Thraͤnen der Wonne, ſich ihr nahete! Jetzt erſt, da er vor ihr leiſe aufs Knie ſank, ſchlug ſie die Augen wieder auf—— Es war ihr Ferdinand. Wer kann das beſchreiben?— Neue Erfinduugen. Hochgeehrteſte Herrn Herausgeber! Ich weiß daß Ew. Hochgeehrteſten, und ich habe daruͤber klagen hoͤren oͤfters von das ſchoͤne Geſchlecht und auch vons andre, denn ich habe mit viele Perſonen zu thun, vornehme oder vom Stande, daß Sie ſich nicht mit Sachen abgeben, die neumodſch ſind, doch wohl aber mit ſolchen, die es werden wolln, will ich hof⸗ fen!!! Nun nehmen Sie michs nicht unjuͤdig, denn ich habe mich auf 0r Jahr abgegeben, mit ſolche Sachen naͤmlich, und daran erfun⸗ den, und habe vielen Succeß gehabt, wie ich beweiſen kann. Ich ſchicke Sie naͤmlich eine kleine Liſte und Keittik nur von die Kapital⸗ ſtuͤcke, damit Sie doch auch in der Welt be⸗ kannt werden bey Zeiten, wenn Sie ſie doch wolten ins Schornal ſetzen laſſen, ich habe die Liſte, denn ich druͤcke mich. beſſer aus als daß 23 ich ſchreibe, von dem Herrn Doktor, der gleich neben mein Gewoͤlbe die Kinder zieht und auch ein beliebter Schriftſteller iſt, wie Sie hernach Nummer 3. von ihm ſelbſt erfahren werden, ordentlich unter Nummern zuſammen⸗ ſepariren und einen ernſthaften Stiel geben laſ⸗ ſen und der huͤbſch luſtig iſt, wie ſies jetzund haben wollen in die öleganten Zeitungen, und ſo zweifle ich nicht, daß Sies werden gleich ſo einruͤcken laſſen ꝛc. partieen bei vornehmen Trauerfäaͤl⸗ len. Die Mazken ſind ſchwarz angelaufen und mit weißen Todtenköpfen bezeichnet, auf wel⸗ chen, Nota bene, die Umriſſe der Gallſchen Organe bemerkt ſind. Die Karten ſind mit ſchwarzen Raͤndern eingefaßt, und haben auch uͤberdies noch vielfache ruͤhrende Beziehungen. So hat der Maler z. B. die Coeur⸗Dame reich mit Perlen geſchmuͤckt, und darunter Leſ⸗ ſings Wort als Deviſe angebracht:„Perlen bedeuten Thraͤnen.“ Der Coeur⸗Ritter hat in ſeinem Schilde:„Wiederſehn!“ und die (faͤlſchlich ſogenannte boͤſe) Sieben, unter einer 4 8 1) Vollſtaͤndiger Apparat zu Whiſt⸗ 6 9 — 3 abgewelkten Roſe, den Vers:„Das iſt das Loos des Schoͤnen auf der Erde!“ und dergl. mehr. 2) Dialogiſirte Bonbonieren. Sie ſind ganz wie andere, und deßhalb ohn' alles Bedenken auch in der ſolideſten Geſellſchaft zu gebrauchen; nur zeichnen ſie ſich dadurch aus, daß ſich durch den bunten(und ganz unſchul⸗ digen) Inhalt mit den Perſonen, denen er gereicht wird, ſtillſchweigend die intereſ⸗ fanteſten Geſpraͤche fuͤhren laſeen. Z. B. man trifft ſich auf dem Ball; der Taͤnzer, indem er ſeine abtretende Dame zum Sitzen fuͤhrt, bietet ihr ſeine Bonboniere. Sie nimmt blos ein gebackenes, in dritter Poſition ſtehendes Fuͤßchen, und ſagt damit: Sie haben ſchoͤn getanzt! Er verſpeißt haſtig einen gefluͤgelten Tanzſchuh, und erwidert ſo: Aber Sie, wie ein Engel! Sie genießt nun einen kleinen Baumſchwamm oder andere Schmarotzerpflanze; das heißt: Ihr ſeid gefaͤhrliche Lecker! Er greift etwas traurig nach einem Schloͤßchen: „O, duͤrft' ich ſprechen!“ Sie, ein wenig ab⸗ — 79 gewandt, nach dem Schluͤſſelchen:„Sprich!“ 80— oder nach einer Feder;„Schreib!“— Und ſo ſind die Scenen, nicht etwa nur auf dieſem, ſondern auf hundertfaͤltigen Wegen zum Ziele gefuͤhrt. Nota bene: es iſt auch auf etwa⸗ nige auszutheilende Koͤrbe Ruͤckſicht genommen, die jedoch eine ſo ſuͤße Maſſe haben, daß ſie ziemlich glatt eingehen.(Hierher gehoͤren z. B. kleine Waſchſchwaͤmmchen—„Du biſt ja noch nicht hinter den Ohren trocken;“ gelbe Schnaͤ⸗ belchen, die ſich ſelbſt ausſprechen; Buͤrſtchen, fuͤr zudringliche gelehrte Pedanten; Zuckerhuͤt⸗ chen(in doppelter Beziehung) fuͤr dito unge⸗ lehrte Marchanden; Pilzchen(in dreifacher) fuͤr dito vornehme Figuranten u. ſ. w.) 3. Viſitenkarten mit ganz kurzen Saͤtzchen aus denjenigen poetiſchen und proſaiſchen Schrif⸗ ten, die man eben jetzt nothwendig geleſen zu haben ſcheinen muß. Die Saͤtzchen ſind von einem ſehr beliebten Schriftſteller ſo gewaͤhlt, daß man aus ihnen uͤber die Buͤcher ſelbſt mit groͤßtem Anſtande, fertig und beſtimmt ſprechen kann, ohne dieſe je geſehen zu haben. Nota bene: auch von Erziehung und einiger Kunſt⸗ philoſophie ſindet man Kaͤrtchen. — 81 4. Bruſtbouquets von franzoͤſiſchen Blu⸗ men mit ganz kleinen, einwaͤrts gekehrten Spie⸗ geln, ſo von außen gar nicht zu bemerken, auch nicht leicht zu verletzen ſind. 5. Ein Spiel zur Selbſtunterhaltung in einſamen Stunden, welches das kuͤnftige Schick⸗ ſal verraͤth und immer auf Gluͤck zeigt. 6. Ganz durchſichtige Pelzpaladine, um den immer dringender werdenden Anforderungen der Aerzte und der Freunde zugleich Genuͤge zu leiſten. Duͤrften vorzuͤglich zu Weihnachtsge⸗ ſchenken ſchon im voraus zu empfehlen ſeyn!— Fortunata Fuͤndling. J. f. F. II. J. 10.. Briefe der Babet an Bourſault. 8 (Fortſetzung.) 14. Mein guter Freund und Mitgevatter! ich will halten, was du mir zu halten giebſt, klein oder groß, maͤnnlich oder weiblich, mir alles gleich. Du darfſt nur um drei Uhr zu mir kommen und wirſt mich wenigſtens ſo geputzt finden, als du es warſt, wie du den ſchwindſuͤchtigen Klep⸗ per beſtiegſt, deſſen Bild du in dem Briefe an Madam d' Angouleme ſo meiſterhaft ent⸗ warfſt. Ich wette, wenn du willſt, die Koſten der Taufe, daß du unter allen deinen Gevatte⸗ rinnen noch keine ſo artige zaͤhlſt, als ich heute vorſtellen werde. Ich habe eine neue blonde Haartour, die V 83 mich engelſchoͤn macht, und ich wuͤnſchte, du haͤtteſt, als wir uns geſtern zankten, mir dein Herz weggenommen, um zu ſehen, ob ich es heute nicht wieder herauskriegte. Ich putze mich aus allen Kraͤften, um der Ehre wuͤrdig zu ſeyn, die du mir erzeigſt, mit mir Gevatter zu ſtehen. Da dies ſchon das funfzehnte Kind iſt, deſſen Tauſpathin ich ſeyn werde, ſo giebt es keine Nuance der Ceremonie, die ich nicht an den Fingern herzuzaͤhlen wuͤßte, und du wirſt, wenn du mein Benehmen bei der heili⸗ gen Handlung beobachteſt, geſtehen muͤſſen, daß ich dazu geboren bin, Chriſten zu machen. Ich bitte dich, laß dies nicht den letzten ſeyn, den wir zuſammen in den Schoos des alleinſelig⸗ machenden Glaubens einfuͤhren! Verbinde alle Weiber, die du kennſt, dich bei den Kindern, die ſie gebaͤren, zum Pathen zu machen; dem⸗ naͤchſt alle Maͤdchen, die Luſt haben, dereinſt welche zur Welt zu bringen. Ich werde deine Mitgevatterin ſeyn, ſo oft du es wuͤnſcheſt, und mein Herz ſagt, dieſen kleinen Verbindungen wird eine ernſtlichere folgen, die mich auf im⸗ mer zu der Deinigen macht. 34—,— 15. Ich erſparte dir geſtern wenigſtens neun bis zehn Franken— die Koſten einer Taufe be⸗ laufen ſich auf dem Lande nicht ſo hoch, als in Paris— Kaum war ich von der Frau Gevatter Buchdruckerin zuruͤck, als unſer Gaͤrt⸗ ner von Bagnolet zu mir kam. Er hatte mich mit Ungeduld erwartet, und bat mich um meine Fuͤrſprache bei dir; du ſollteſt das ſeierliche Amt eines Taufpathen bei dem Kinde ſeiner Frau uͤbernehmen. Um ihn nicht gleich abzuſchrecken, ſagte ich ihm, du wuͤrdeſt gar ſehr erfreut ſeyn, ob der zugedachten Ehre; aber, ſetzt' ich hinzu, er hat einen hohen Eid geſchworen, nie ein Kind zur Taufe zu heben, dem er nicht ſeinen eignen Namen giebt. Und als der Schmer⸗ zensmann mich fragte, wie dieſer laute, nannt' ich dich Calvin. Er fuhr zuſammen, und verſchwor ſich bei allen Teufeln, lieber ſolle ſein Kind ohne Taufe ſterben, als ein Ketzer werden. Der arme Suͤnder verließ mich ſo entruͤſtet uͤber dich, daß wenn es von ihm abhaͤngt, ich nicht V * ————ᷣ4 85 daran denken darf, daß du je wieder einen Fuß uͤber meine Schwelle ſetzeſt. Waͤre ich nicht ſchon ſeine Gevatterin, ſo wuͤrde ich heute wie⸗ der die deinige geweſen ſeyn. Da ich aber nicht. zwei ſeiner Kinder zur Taufe halten kann, ſo glaubte ich, du wuͤrdeſt lieber zu Paris mit mir und meinem Bruder zu Mittag eſſen und nichts zahlen, als nach Bagnolet gehen, einen Pfar⸗ rer, einen Kuͤſter und eine Wehmutter bezah⸗ len, und nicht zu Mittag eſſen. Wenn du heut ins Palais geheſt, und um Mittag an der Boutique, der Fuͤrſtin von Florenz, ſeyn willſt, ſo wird uns mein Brnder ſeine Chaiſe borgen, und du wirſt das Vergnuͤgen haben, mich waͤhrend des Weges wiederholen zu hoͤ⸗ ren, daß ich ewig die Deine bin. 16. Um dir zu beweiſen, daß deine Unterhaltung mich mehr anſpricht, als ſelbſt Corneilles Mei⸗ ſterſtuͤcke, ſo werde ich Freitag von meinem Vater Erlaubniß verlangen ins Theater zu gehn, und wenn du wilſt, ſo bleiben wir den ganzen Tag bei meinem Bruder. Es giebt keinen Verluſt, fuͤr den du mich nicht entſchaͤ⸗ digen koͤnnteſt; auch kuͤmmerts mich wenig, ob ich eine Tragödie mehr oder weniger ſehe— weit entfernt, G mich fuͤr die Scene intereſſiren zu koͤnnen, aus der du ſo viel Weſens machſt, ) wuͤrde die Prinzeſſin, die ſich nicht ent⸗ ſchließen kann zu ſagen„ich liebe“ mir nur vorwerfen, daß ich es dir zu fruͤh ſagte, und wenn du mich verſicherteſt, ihr Widerſtand ſei 5) Bourſault erhob in ſeinem vorhergehenden Briefe Corneilles Attila bis an die Wolken und beſchwoͤrt Babet, ihn mit ihm anzuſehen; er er⸗ zaͤhlt, daß der zweite Aufzug dieſer Tragoͤdie mit der ruͤhrendſten Scene ſchließe.„Eine Prinzeſſin, ſagt Bourſault, iſt einem Gemale beſtimmt, den ſie nicht liebt, liebt einen Andern, den ſie nicht be⸗ ſitzen kann, muß ihrem Stand opfern, was ſie der Liebe darzureichen nicht wagen darf, und entſchließt ſich ſo ſchwer, das Wort: ich liebe! auszuſprechen, als ich mit Genuß es dir tauſend⸗ mal wiederhole— dieſe Lage iſt ſo ruͤhrend und erheiſcht eine ſo zarte Behandlung, daß nur Cor⸗ neille ſo glaͤnzend dieſe Situation ausarbeiten konnte.“ ——————: — 9 Tugend, ſo muͤßte mich der Gedanke quaͤlen, mein argloſes Hingeben ſei ein boͤſer Fehler. Ich bin ſehr froh, daß mein Bruder ſo ganz von dir bezaubert iſt, als er ſein ſell. Seine Bemuͤhungen bei meinem Vater zu Gun⸗ ſten unſrer Liebe verbuͤrgen mir ſeine bruͤder⸗ liche Zuneigung, und obſchon dein Verdienſt wol Jedem Achtung abnoͤthigt, ſo bin ich ihm doch fuͤr die Gerechtigkeit verbunden, die er dir widerfahren laͤßt. Wenn deine Ungeduld, mich zu ſehen, ſo gar ſehr groß iſt, ſo darfſt du nur zur Mo⸗ rangis kommen, wohin ich auf eine Partie a la Béte gebeten bin. Da du regelmaͤßig alle Woche ein⸗ oder zweimal hinkoͤmmſt, ſo wird es niemand ahnen, daß ich dich dahin beſchieden habe. Willſt du dich in unſer Spiel miſchen, ſo wird es mich ſehr freuen; denn ich will lieber mit dir als mit irgend jemand die Béte machen. 17. Man hat uns eine ſilberne Kanne geſtohlen⸗ und ich habe eine Meſſe bei dem heiligen Anton 88—* von Padua beſtellt, ihn zu erſuchen, er moͤchte doch die Guͤte haben, ſie uns zuruͤckſtellen zu laſſen, falls er wuͤßte, wer ſie uns genommen hat. Da nun der gute Heilige gerade in dei⸗ nem Viertel wohnt, ſo wollte ich dich bitten, ein nachbarliches Fuͤrwort einzulegen, und dich recht fruͤh beim Ave⸗Laͤuten einzufinden, um— bevor ſeine Sorgfalt an Jemand anders verge⸗ ben iſt— mit ihm zu ſprechen. Du weißt wol, daß er von allen Heiligen des Paradieſes die meiſten Geſchaͤfte macht, da hienieden ein 7 Verluſt den andern jagt! Wenn man ihn nicht in Anſpruch nimmt, ehe die Andern kommen, 4 ſo hat man den Reſt des Tages uͤber ſeine liebe Noth, ihm ein Woͤrtchen im Vertrauen ſagen zu koͤnnen.. Wenn du willſt, daß ich mit noch drei Freundinnen bei dir zum Fruͤhſtuͤck einſprechen ſoll, ſo bedarf es nur eines Winkes; aber ich ſage es dir im Voraus, wiir ſind eben nicht ſehr genuͤgſam, und haſt du keinen hinlaͤngli⸗ chen Vorrath von allem, was wir brauchen, ſo wirſt du deine Zeit ſo uͤbel zubringen, als du uns die unſrige zubringen läſſeſt. 89 18. Komm morgen zu meinem Bruder zum Fruͤh⸗ ſtuͤck, oder ich ſage mich los von dir! Man hat ihm ein Geſchenk von ſechs Bouteillen Vin d' Arbois gemacht, die er bei einem Gericht Auſtern mit dir verzehren will. Ich werde deine Frage, wegen der Biederkeit des Herrn, muͤndlich beantworten; ich habe einen Vorfall aus ſeinem Leben erfahren, den ich am liebſten dir ganz allein anvertrauen moͤchte. Thue kei⸗ nen Schritt fuͤr ihn, ohne mich erſt um Rath befragt zu haben. Ich bin in der heiterſten Stimmung, waͤhrend ich dies ſchreibe; ich ſpielte geſtern den ganzen Nachmittag, und da du nicht da warſt, um mir Ungluͤck zu bringen, ſo gewann ich zwei hundert und ich weiß nicht wie viel Livres, die dir zu Befehl ſtehen, mein Guter! Wenn wir einmal verheirathet ſind und du ſpielſt auf einer Seite, ſo will ich hurtig auf der andern mich an einen Spieltiſch draͤngen, um wieder einzubringen, was du verleerſt. 50—— Die Ferrari verlor ſechs Louisd'or und verließ den Spieltiſch mit den feierlichſten Schwuͤren, in ſechs Monaten keine Karte anzuruͤhren; eine halbe Stunde darauf bat ſie mich, ihr zwoͤlf Thaler zu leihen, und verlor ſie im Nu wieder. Perrichon, der ſo empfindlich gegen den kleinſten Verluſt iſt, und diesmal aus Ach⸗ tung gegen die Damen ſich beſchied, nur ver⸗ ſchiedene Beſchwoͤrungsformeln in den Bart zu murmeln, hat 22 Thaler verloren, die er mit demſelben Gefuͤhl aus der Taſche zog, als mein Onkel vorgeſtern die letzte Salbung empfing, und die gute fromme Frau, die gewohnt iſt, der ganzen argen Welt ihr Geld abzugewin⸗ nen, ließ mehr als hundert„Jeſus Maria!“ erſchallen, ohne einen Double machen zu koͤn⸗ nen. Nur ich war gluͤcklich, und ich hoffe es noch mehr zu ſeyn, wenn ich mich der ganzen Welt zu Trotz öffentlich die Deine nennen darf. 19. Es liegt nur an dir, wenn wir morgen nicht mit einander ſchlafen— ich meine: in Einem 91 Hauſe. Kein Vater hat mir erlaubt, dem großen Ballet zu St. Germain beizuwohnen. Ich befahl Colinet dich aufzuſuchen, wo du auch ſeiſt. Im ſchlimmſten Falle laͤßt er mein Billet bei dir, und wenn du mich liebſt, ſo wird dir dein Herz ſagen, was deiner wartet. Wenn du nach Hauſe koͤmmſt, es ſei um wel⸗ che Zeit immer, ſo eile ſogleich zur Morangis, ſelbſt auf Gefahr deines Mantels und einiger Degenhiebe uͤber die Ohren. Sie hat mir verſprochen, dein Lieblingsſpiel mit dir zu ſpie⸗ len; dann wird ſie dich an ein ſehr elegantes Bette fuͤhren, und erbot ſich auch darin mit dir zu ſchlafen, wenn deine Rhetorik hinrei⸗ chend iſt, ſie zu verfuͤhren. Ich werde mor⸗ gen um 2 Uhr nachſehen, ob deine Eloquenz verfing. Du haſt mich verſichert, daß du zu St. Germain den gefaͤlligſten Freund haſt, der uns aufs erſte Begehren ein Couvert an ſeinem Tiſche giebt. Dies war meine einzige Sorge, in allem andern darfſt du dich ganz auf mich verlaſſen. Wenn du mein Billet fruͤhe genug erhaͤltſt, um noch bei uns vorſprechen zu koͤn⸗ nen, ſo erinnere ich mich eben, daß ich noch etwas auf dem Herzen habe, deſſen ich gern entledigt waͤre. Ich kann nicht eher froher Laune werden, bis ich dir die Ohrfeige gege⸗ ben habe, die ich dir geſtern verſprach; woll⸗ teſt du, um mich zu verbinden, mir deine Wange herbringen, ſo wird es mir ſo lieb ſeyn, als braͤchteſt du ſie nach dem Spruche vom Backenſtreich. Du kannſt nicht weniger thun fuͤr ein Weſen, das ewig dein ſeyn will. 20. Despreaux Satyren, die du mir geſtern Mor⸗ gen ſandteſt, beſchaͤftigten mich den ganzen Abend. Ich fand darin eine Menge Sachen, die nicht minder geiſtvoll ſind, als wenn ſie von dir kaͤmen, und ſein Werk wuͤrde, meines Erachtens, nichts an Werth verloren haben, wenn er etwas weniger Leute angriffe. Der arme Quinault, dem ich von Herzen gut bin, ſeit ich Aſtrate'n ſah, iſt ganz wuͤthig mißhan⸗ delt, und ich glaube, wer beide kennt, und beiden Gerechtigkeit widerfahren laͤßt, haͤlt mehr auf den Beleidigten, als den Beleidiger. —— — —— 9³ Percival, dem ich mein Bischen Latein ver⸗ danke, und der gewiß unter allen Menſchen den Namen ſeines Nebengeſchoͤpfs am meiſten ſchont, hat mir ſo eben geſagt: die Stellen, die mich am meiſten anſprachen, ſeien nur ein Diebſtahl, und waͤre Juvenal noch am Leben, er wuͤrde ihn verklagen, daß er ihn von Kopf zu Fuße ausgepluͤndert habe. Ich will mich ſelbſt uͤberzeugen, ob er wahr geſprochen. 6) 6) Ich weiß nicht— hatte Bourſault geſchrie⸗ ben— ob du Despreauxs Satyren erhalten haſt, die ich dir heute aus dem Palais durch den Mann geſchickt habe, der nach mir den erſten Platz in deinem Herzen einzunehmen behauptet. Da dein muntrer Geiſt ſo ganz mit einer vernuͤnftigen Leichtfertigkeit erfuͤllt iſt, wird dir dies Buch ein paar ſo vergnuͤgte Stunden machen, als du je⸗ mals genoſſeſt. Waͤre ich bedeutender, und er haͤtte mich ſeines Unwillens werth gehalten, ſo wuͤrde er auch mir die Ehre erzeigt haben, mich zu zerfleiſchen wie die uͤbrigen; er ſpricht von mir nur im Vorbeigehn, weil er nicht glaubte ſich bei einem ſo mittelmaͤßigen Gegenſtand auf⸗ halten zu duͤrfen. Mich kuͤmmerts wenig, ihm Ge⸗ ringſchaͤtzung mit Geringſchaͤtzung zu vergelten, 94 Wenn du dieſer Tage einmal Zeit haſt, und willſt dich fuͤr die Schmach raͤchen, daß er dich nur im Vorbeigehn erwaͤhnt, ſo will und ich will ihm lieber gar nicht antworten, als an Schmaͤhungen eine Zeit verſchwenden, die dei⸗ nem Lobe gehoͤrt. Sein Gluͤck, Beifall einzuernd⸗ ten, und der Ruhm, mit Erfolg zu mediſiren, wiegt nicht die Wonne auf, Dein zu ſeyn. Obſchon Bourſault von Despreaux unter die ſchlechten Dichter gezaͤhlt wurde, ſo ſprach er doch bei allen Gelegenheiten Gutes von ſeinem Gegner. Es iſt wahr, daß er dieſer Maͤßigung nicht immer treu blieb, und eine Comoͤdie gegen Despreaux ſchrieb: Satyre der Satyren. Dennoch als dieſer zu Bourbon krank lag, ging Bourſault zu ihm, um ſich großmuͤthig zu verſohnen. Despreaux ſagt in einem Brief an Racine:„Herr Bourſault, den ich todt glaubte, kam vor fuͤnf oder ſechs Ta⸗ gen zu mir. Er ſagte mir, er habe auf einer Reiſe nach Mont Lucon einen Umweg von drei ſtarken Meilen gemacht, um das Gluͤck zu haben, mich zu begruͤßen. Er bot mir alles an, Geld, Bequemlichkeiten, Pferde— ich antwortete ihm mit derſelben Herzlichkeit, und wollte ihn den andern Tag zum Mittagsbrot aufhalten, aber er verſicherte mich, daß er am fruͤhſten Morgen wie⸗ 95 ich dir— du armer Unwiſſender, der vom Latein ſo wenig verſteht, als ich vom Hebraͤi⸗ ſchen— alle Stellen uͤberſetzen, von denen ich ſehe, daß ſie dir Vortheil bringen. Ich bin ſehr verdruͤßlich, die Seiltaͤnzer nicht ſogleich ſehen zu koͤnnen. Da du mit meinen Suͤßigkeiten ſo ſehr zufrieden biſt, ſo zoͤgre nicht, mir die deinen zu bringen. Meine Tante, die Nonne, die ſo eben ankam, iſt die laͤſtigſte Fromme, die je auf Erden wan⸗ delte; ſie verliert mich keinen Augenblick aus den Augen. So lange ſie hier iſt, habe ich keine gute Stunde, als wenn ſie betet, und ich wollte, ſie betete ſo lange, als ich Luſt habe, die Deine zu ſeyn. er abreiſen muͤſſe; wir trennten uns als die waͤrmſten Freunde.“ Dieſes edle Betragen machte einen ſo lebhaften Eindruck auf das Gemuͤth des Despreaux, daß er nachher in ſeinen Satyren ernſtlich vermied, Bour⸗ ſaults Namen zu nennen. (Die Fortſetzung folgt.) rr. 12. H. „Unſer Herzog wird hier erwartet und mit ihm der ruſſiſche Prinz.. Die hieſige ſchoͤne Welt ſieht ihrer Ankunft ſehnſuchts voll entge⸗ gen, und auch ich freue mich darauf, weil ſie mich des Verſprechens, Dich bis zum kuͤnfti⸗ gen Monat in R. zu laſſen, entbindet. Die Wochen Deiner Abweſenheit ſind mir zu Jah⸗ ren geworden, und da dieſer Vorfall mir die Nothwendigkeit auflegt, viel Fremde bei mir zu ſehen, macht er mir Deine Gegenwart un⸗ entbehrlich. Deine Aeltern werden Dich da⸗ her mir wiederſchenken. Ich ſende Dir dieſen Brief durch einen reitenden Boten, und uͤber⸗ morgen gehn Dir meine Pferde bis D. ent⸗ gegen.“. J. f. F. II. J. 11. H. 1 t 2 So ſchrieb mir meine Tante, die Graͤfin L. Sie hatte keine Kinder; ſo wurde mir der ganze Reichthum ihres Herzens an Liebe. Seit meinem zehnten Jahre war ſie meine Pflege⸗ rin und Erzieherin. Mein Herz liebte und ehrte ſie wie eine zweite Mntter. Nur auf dringendes Bitten meiner Aeltern hatte ſie mich dieſen auf die zwei Monate uͤberlaſſen. Sie ſelbſt hatte mich ihnen auf das Landgut gebracht. Dies war in den letzten ſchoͤnen Tagen des Aprils geſchehen. Meine Freude war um ſo groͤßer, da ich ſeit fruͤhſter Jugend eine Vorliebe fuͤr das laͤndliche Leben, fuͤr ſeine Stille und Einfach⸗ heit, in mir trug, die durch das Geraͤuſch und den Glanz der Stadt nur betaͤubt, aber nie er⸗ ſtickt wurde. Jenes Doͤrſchen war mir noch uͤberdem als Schauplatz meiner Kinderjahre unbeſchreiblich lieb. Freundlich ſah ich es jetzt aus dem Kranze gruͤner Baͤume hervorſchim⸗ mern und begruͤßte es froh. Ich verſprach mir von meinem diesmaligen Aufenthalt viel Freude, und dieſe Hoffnung wurde, wie ſelten 1 eine ſugendliche, erfuͤllt. Schoͤner als in die⸗ ſem Jahre hielt auch der Fruͤhling nie einen „ 8 Einzug, und nie war meine Seele empfaͤng⸗ licher fuͤr ſeinen Zauber. Duftend, bluͤhend, kam der ewig jugendliche Mai; aus allen Ge⸗ buͤſchen girrte, aus allen Gehoͤlzen floͤtete es— uͤberall, rund um mich, Leben und Freude! Ta⸗ gelang ſchwaͤrmte ich umher, im Garten, Feld und Hain, ſah die Sonne aufgehen, das Abend⸗ roth erloͤſchen, und war dabei ſo gluͤcklich! Gleichwol fuͤhlte ich mich, zu meinem Erſtau⸗ nen, taͤglich ſtiller und heimlicher werden. Eine fuͤße, liebliche Wehmuth feuchtete oft unwill⸗ kuͤhrlich meine Augen; aber vergeblich fragt' ich mich: was fehlt dir? Da kam der Brief meiner Tante; und, es ſei nur ehrlich geſtanden— der Abſchied von Aeltern, Blumen, Nachtigallen, den ich mir ſo unausſprechlich ſchwer gedacht hatte, wurde mir durch die Ausſicht auf ſo viele Feſte ziem⸗ lich leicht. Scheltet mich darum nicht leichtſin⸗ nig! ich war es nicht mehr und nicht minder, als man im ſechzehnten Jahre berechtigt iſt es zu ſeyn; aber leicht haͤtte ich es mehr werden koͤn⸗ nen. Meine Tante war eine Frau von vortreff⸗ lichem Herzen und ſehr gebildetem Geiſte; aber O— ꝓè!¹ 4 die Natur, die ihr dieſe Gaben zutheilte, ver⸗ ſagte ihr Jugendreiz und aͤußere Anmuth. Ih⸗ re Guͤte erwarb ihr Freunde, ihr Geiſt Bewun⸗ derer; doch die Wuͤnſche und Anſpruͤche ihres Herzens blieben unerfuͤllt. Liebe nur ſchien ihr wuͤnſchenswerth, Liebe nur hieß ihr Gluͤck: und zwiſchen ihr und dieſem Gluͤck lag eine Kluſt, die alle ihre Tugenden, alle ihre Talente, nicht auszufuͤllen vermochten. Ihre Verhaͤltniſſe zwan⸗ gen ſie, in der großen Welt zu leben: bei un⸗ zaͤhligen Gelegenheiten fuͤhlte ſie ſich hier ver⸗ nachlaͤßigt, zuruͤckgeſetzt; die Zeit vernarbte end⸗ lich dieſe Wunde, aber es blieb eine ſtille Bitter⸗ keit in ihrem Innern, die ſie ſelbſt fuͤr Reſigna⸗ tion hielt und darum hegte. Gezwungen gab ſie ihre Hand dem Grafen L., der, bei einer Auſternſeele, nichts beſaß, als einen hoͤchſt miß⸗ geſchaffenen Koͤrper, viel Geld und nicht gerin⸗ gen Namen. Im dreißigſten Jahre ward ſie Wittwe. Ihr großer Reichthum ſammelte jetzt eine Schaar Bewerber um ſies aber ihr Herz war der Gefahr entwachſen, ſich uͤber die Urſa⸗ chen ihrer Annaͤherung zu taͤuſchen, und ſie er⸗ klaͤrte ſehr beſtimmt, ſie werde nie heirathen. 5 Ihr Haus war das glaͤnzendſte in R.; ihre Ta⸗ lente, ihr Witz, ihre Guͤte erhielten ihr allge⸗ meine Achtung und Erkenntlichkeit; doch blieb ihr der Ruͤckblick auf ihre Vergangenheit ſchmerz⸗ lich, bis ihr in mir dieſe ihr verkuͤmmerte Ju⸗ gend zuruͤckkehrte. In mir wollte ſie nun die Huldigung genießen, um die ſie ſich betrogen fuͤhlte, und der ſo ſelten ungetruͤbte Genuß be⸗ friedigter Eitelkeit wurde der Zweck, den ſie mei⸗ ner Erziehung gab, und fuͤr den Geiſt, Talente, Guͤte wuchern ſollten. Aber das Andenken des ſtillen Gluͤcks meiner Aeltern, der ſchimmerloſen Tugenden, die meine Mutter als Hausfrau und Gattin uͤbte, erhielt meinem Herzen die Ahnung von etwas, das meinem Weſen naͤher und hoͤher war, als was befriedigte Eitelkeit zu geben ver⸗ mag; und reizender, lockender, als je, lag dies geahnete Gluͤck in ſeinen unbeſtimmten Um⸗ riſſen jetzt, bei der Ruͤckkehr vom Lande, vor meinen Blicken da. Meine Tante empfing mich mit der herzlich⸗ ſten Freude, und die zwei Tage bis zur Ankunft des Herzogs verſtrichen mir unter Beſuchen und Ordnen meines Anzugs, fuͤr die Zeit ſeines Auf⸗ —— enthalts. Fuͤr den dritten Tag waren wir vom General L— shauſen zu einem Diner gebeten, dem in einem andern Hauſe eine Aſſemblee fol⸗ gen ſollte. Ermuͤdet von dem langen Sitzen bei Tiſche und von der faden Unterhaltung meiner Nachbarn, bat ich meine Tante, in der Aſſem⸗ blee das Spiel fuͤr mich zu verbitten, und mir zu erlauben, auf einige Stunden nach Hauſe V V fahren zu duͤrfen. Wie einladend erſchien mir mein einſames Zimmer und die Daͤmmerung ſeiner herunterge⸗ laſſenen Vorhaͤnge, nach dem laͤſtigen Gewuͤhl, dem ich entwichen war! Oft hatte mich der bunte Schwarm ergoͤtzt: zum erſtenmale fuͤhlte ich mich heute leer, unbeſchaͤftigt, einſam in die⸗ ſer ſchimmernden Menge und eine wehmuͤthige Sehnſucht, fuͤr die ich keinen Namen wußte, fuͤllte meine Bruſt. Ich oͤffnete meinen Fluͤgel: der leiſe Seufzer meines Herzens wurde vor dem Einklang der Toͤne zur Thraͤne, und ich verſank in ein tiefes Traͤumen. Plͤtzlich oͤffneten ſich die Thuͤren des Vorzimmers; ich hoͤrte Maͤnner⸗ 3 tritte und ſtand auf, den Kommenden entgegen⸗ zugehen. Es waren einige Bekannte aus dem — V — ——. Gefolge des eben angekommenen Herzogs, und ein fremder Officier, der mir als ein Graf Po⸗ tocki vorgeſtellt wurde. Das Geruͤcht hatte ihn mir ſchon als Freund und Liebling des ruſſiſchen Prinzen genannt, dem, bei der Ruͤckkehr nach Norden, eine glaͤnzende Laufbahn beſtimmt ſei. Vielleicht hab' ich fruͤher oder ſpaͤter ſchoͤnere Maͤnner geſehen; aber nie Jemand, dem mein Herz ſo beim erſten Blick entgegen geflogen waͤre. Mir war, als erneuere ich nur eine alte Bekanntſchaft, als ſei dieſe Geſtalt ſchon in dem daͤmmernden Nebelgemaͤlde meiner Kindheit um mich geweſen. In ſeiner Naͤhe wurde mir mein Leben klar und ſchoͤn; alle meine Traͤume, Ah⸗ nungen und Wuͤnſche, von mir ſelbſt bis dahin nicht verſtanden, traten mir naͤher und fuͤſter⸗ ten: erkennſt du uns nun? Die Unterhaltung wandte ſich bald auf den morgenden Ball. Herr Graf, ſagte der Kam⸗ merherr R— pe; das iſt die Dame, deren ich in unſerm geſtrigen Geſpraͤch erwaͤhnte. Po⸗ tocki erroͤthete ein wenig, und ich warf einen fragenden Blick auf R— pe. Der Herr Graf, fuhr er, ſich zu mir wendend, fort, giebt in Hinſicht auf Tanz faſt unbedingt ſeinen Lands⸗ maͤnninnen, den Pohlinnen, den Vorzug, und ſcheint zu glauben, ihre Grazie werde von kei⸗ nem deutſchen Frauenzimmer erreicht; auch hat er auf mehrern Baͤllen nur die Rolle des Zu⸗ ſchauers geſpielt, und wir geriethen geſtern uͤber dieſen Punkt in einen Streit, der unentſchieden bleiben mußte, ſo lange mein Gegner Sie noch nicht hatte tanzen ſehen— welches aber, wie ich hoffe, morgen der Fall ſeyn wird. Ich werde morgen, ſiel Potocki ein, nur wiederholen koͤnnen, was ich jetzt ſchon ſage: Die Grazien ſind an keinen Himmelsſtrich ge⸗ bunden. Mit noch groͤßerem Vergnuͤgen werde ich indeſſen meinen bisherigen Irrthum ablegen, wenn Fraͤulein Roſen mir die Ehre erzeigen will, morgen eine Gavotte mit mir zu tanzen.— Um Ihren Landsmaͤnninnen zur Folie zu dienen? fragt' ich laͤchelnd. Da erſchiene ich ja wol eitel, wenn ich nicht ja ſagte!— Seine Antwort gab dem Geſpraͤch eine feinere Wendung und ernſteren Gehalt. Die Zeit verflog ſchnell, mein Wagen fuhr vor und die Herren nahmen Ab⸗ ſchied. Noch einmal erinnerte mich Potocki an — 2. ——— 2 — 9 mein Verſprechen und druͤckte, als ich es wieder⸗ holte, dankbar meine Hand an ſeine Lippen. Wie oft war das nicht ſchon von andern Maͤn⸗ nern geſchehen, ohne mir mehr als eine alltaͤg⸗ liche Hoͤflichkeitsbezeigung zu gelten; aber wie anders jetzt! Dieſe leichte, fuͤchtige Beruͤhrung ſeiner Lippen und der noch leiſere Druck, mit dem er meine Hand fahren ließ, faͤrbte meine Wangen und ich fuͤhlte ihn den uͤbrigen Theil des Abends auf ihnen nachgluͤhen. Ich fand bei der Graͤfin G-n, wohin ich fuhr, volle Zimmer. Man war ſehr munter, Scherz und Lachen empfing mich; aber in mir fand es keine antwortende Saite mehr. Die Menſchen waren dieſelben, mit denen ich bis dahin gelebt hatte; nur ich war nicht mehr dieſelbe. Die Wuͤnſche und Freuden ſelbſt noch dieſes Morgens lagen wie meine Kinderſpiele hinter mir und es daͤuchte mir eben ſo unmoͤg⸗ lich zu ihnen, wie zu dieſen, zuruͤckzukehren. Der weibliche Zirkel war nur mit dem frem⸗ den ruſſiſchen Prinzen beſchaͤftigt, dem der Ruf des Schoͤnen und Unwiderſtehlichen vorangeeilt war. Man machte Anſchlaͤge uͤber Anſchlaͤge, 10 ihn noch fruͤher, als auf dem Ball morgen Abends, zu ſehen. Frau von R— ld endete dieſe Verlegenheit, indem ſie den groͤßten Theil der anweſenden Weiberwelt fuͤr den andern Morgen zum Dejeuner einlud, das der Herzog mit ſeinem Gefolge bey der Ruͤckkehr von der Muſterung in ihrem Hauſe einnehmen ſollte. Auch ich erhielt eine Einladung, die ich gern annahm. Sehr einfach gekleidet und tief in meinen Schleier gehuͤllt, ſtand ich am andern Morgen unter meinen Geſpielinnen, als der Herzog ein⸗ trat, und, uns freundlich gruͤßend, nach den innern Zimmern ging, wohin ihm nur der aͤl⸗ tere Theil der Geſellſchaft folgte. Seine Be⸗ gleiter vertheilten ſich in die uͤbrigen Zimmer, und Potocki, deſſen Blick mich bei ſeinem Eintritt unter der Menge ausfand, kam zu mir. Unſre Unterhaltung war ſo unbefangen und zwanglos, als haͤtte ſchon eine gemein⸗ ſchaftlich verlebte Kindheit unſere Herzen zum Vertrauen vereinigt. Der Herzog verweilte nicht lange; ein Offizier in fremder Uniform kam aus den innern Zimmern, Potocki von * 11 ſeinem Aufbruch zu benachrichtigen, und da er ihn neben mir fand, entſpann ſich ein fluͤchtiges Geſpraͤch unter uns, das die Entfernung des Herzogs endete. Sie mußten ihm folgen; aber Potocki's Lippen und Augen ſagten, was mein Herz heimlich wiederholte: wir ſehen uns wie⸗ der!— Nun, wie gefaͤllt er Ihnen? was ſagt' er? wird er heut Abend tanzen? haben Sie ſein ſchoͤnes Auge bemerkt? welche prachtvolle Uni⸗ form!— ſo ſtuͤrmten Alle mit Fragen auf mich ein, und ich erfuhr, der fremde Offizier, den ich faſt gar nicht beachtet hatte, ſei der Prinz ... ſelbſt geweſen. Gern vergab ich mir, ihn uͤberſehen zu haben, und befriedigte die Neugier der Fragerinnen mit einigen jener uͤberall paſſenden Gemeinſpruͤche, die die Ge⸗ haltloſigkeit erfand und das Beduͤrfniß im Um⸗ lauf erhaͤlt. Mein Ballkleid war praͤchtig; aber unver⸗ merkt wurde waͤhrend der Toilette mein Anzug ſehr einfach. Ich legte alles Glaͤnzende, dann auch alles Reiche bei Seite; einfacher konnte kein Gewand ſeyn, mein Schmuck kaum noch Schmuck heißen. So trat ich vor meine Tan⸗ te, die mir dieſe Phantaſie, wie ſie's nannte, kaum vergab, und endlich doch geſtehen mußte, ſie habe mich nie ſo reizend geſehen. Ja ja, ſagte ſie, und ihr Auge ruhte wohlgefaͤllig auf meiner Geſtalt; dieſe wenigen auf dem Lande verlebten Wochen haben dich auffallend verſchoͤ⸗ nert. Deine Augen haben einen Glanz, deine Phyſiognomie einen Ausdruck von Sgele erhal⸗ ten, den ich an dir fruͤher nie geſehen habe Er⸗ roͤthend kuͤßte ich ihr die Hand; ach, ich fing an zu ahnen, welcher Gott mir dies Leben ein⸗ gehaucht habe!— Der Ball wurde auf dem Brunnen ge⸗ geben— ſo hieß nemlich ein romantiſcher Park, nahe bei der Stadt, am Ufer des See's. Die Geſellſchaft war faſt eine Stunde verſammelt, ehe der Herzog erſchien. Der Prinz naͤherte ſich mir und die Bekanntſchaft des Morgens half uns ſchnell uͤber das hinweg, was gewoͤhn⸗ lich die erſten Minuten eines Geſpraͤchs der Eti⸗ kette zum Opfer dargebracht wird. Wir gerie⸗ then ſchnell in ein Wortgefecht, in dem die Ge⸗ ſchmeidigkeit und Feinheit ſeines Geiſtes ſich — 13 glaͤnzend entfaltete. Ihm gegenuͤber konnte ich witzig ſeyn, konnte lachen, ſcherzen und plau⸗ dern: wie ganz anders ſtand ich dagegen ne⸗ ben Potocki! wie aͤrmlich duͤnkte mich da der Behelf der Sprache fuͤr den Einklang unſrer Ideen und Gefuͤhle! Der Prinz war ſchoͤn, ſehr ſchoͤn; das ſah ich jetzt. Auch ohne Stern und Orden, ohne Fuͤrſtenrang und Fuͤrſten⸗ glanz, wuͤrde ihm von den Weibern der Name des Unwiderſtehlichen geworden ſeyn. Viele meiner Schweſtern haben ihn nun geſehen und erinnern ſich ſeiner ausgezeichneten, die mittlere Groͤße uͤberſteigenden Geſtalte, der Uebermacht der ſanften Wuͤrde, die aus jeder ſeiner Bewe⸗ gungen ſpricht— der Wuͤrde, die mehr dem Menſchen, als dem Prinzen angehoͤrt; ſo wie der Anmuth ſeiner Sprache und der Feinheit ſeines Benehmens, das in jedem Lande Euro⸗ pa's den gebildeten Weltmann bezeichnet. Vor dem Brillantfeuer ſeiner Augen ſenkte ſich jeder Blick; ſeine Farbe war bluͤhend; heitres, unbe⸗ fangenes, jugendliches Leben war der Ausdruck ſeines ganzen Weſens. Tauſend Herzen flogen ihm entgegen; tauſend waͤren ſein geworden 14 beim erſten Laut der Liebe: aber ich fuͤhlte es ihm gegenuͤber, daß mein Herz einen andern Zauber, als den der vollendeten Schoͤnheit ſo⸗ derte, um ſich hinzugeben. Wer nennt das Un⸗ ſichtbare, das beim erſten Blick Seele zu Seele zieht? deſſen Magie ſich nicht gruͤndet auf Körperreiz— auch nicht auf Anerkennung geiſti⸗ ger Verwandtſchaft, indem es jedem Erkennen zuvoreilt? deſſen Bluͤthen Achtung, Vertrauen, Treue ſind, die ihm in ſchoͤner Freiheit entſprie⸗ ßen, und, von ihm Leben und Gedeihen em⸗ pfangend, ans Licht treten, waͤhrend der muͤt⸗ terliche Stamm, geheimnißvoll und unerforſcht, wie die Natur, ſich im tiefen Dunkel unſerer Seele verbirgt?— Potocki trat jetzt zu uns— eine von jenen, erworbene Ruhe zeigenden Ge⸗ ſtalten, die man nur einmal zu ſehen braucht, um ſie dann nie wieder zu vergeſſen! Man ſah es ihm an, daß er gelitten hatte, daß dies dun⸗- kelblaue, ſeelenvolle Auge Thraͤnen des Schmer⸗ zes kannte; aber man haͤtte alle Freude der Ju⸗ gend und der Welt hingeben moͤgen, um mit ihm weinen zu duͤrfen. Alle Flitter meiner Er⸗ ziehung und meiner Verhältniſſe ſielen, ihm ge⸗ — 13 4 genuͤber, von mir ab, und machten dem Ge⸗ fuͤhle Raum, daß ich fuͤr dieſen Mann nichts anders haben duͤrfe und zu haben wuͤnſche, als ein Herz voll einfacher Guͤte und unendlicher Liebe.— Der Tanz begann und ich trat mit Potocki zur Gavotte an. Gar bald ſammelte ſich ein Kreis von Zuſchauern um uns, der dichter und dichter— wie das Murmeln des Beifalls, lauter und lauter wurde. Von einem Pariſer Tanz⸗ meiſter Jahrelang unterrichtet, konnte ich un⸗ ſern ſinn⸗ und bedeutungsloſen Taͤnzen nie Ge⸗ ſchmack abgewinnen, und tanzte nur ſehr ſelten auf unſern Baͤllen. Zum erſtenmal tanzte ich jetzt mit Vergnuͤgen und dein Beſtreben, einem guͤltigen Richter zu gefallen. Potocki's ausge⸗ zeichnet ſchoͤner Tanz, ſeine Naͤhe, ſeine Gegen⸗ wart, und die herrliche, balletmaͤßige Muſik voll Leben und Ausdruck, veredelte mir dieſen Tanz zur kunſtvollen Darſtellung. Ein Schwarm von Lobrednern und Schmeich⸗ lern folgte mir, als wir endeten, zu meinem Sitze. Auch R pe kam, mir fuͤr den erhal⸗ tenen Sieg zu danken, da Potocki ihm ringe⸗ 16— ſtanden, daß er nie ſchoͤner habe tanzen ſe⸗ hen. Scherzend vertheidigte ich mich gegen ihn und mehrere der anweſenden Taͤnzer wi⸗ der die Vorwuͤrfe, die man mir uͤber meine wenige Tanzluſt machte und die Folgerungen, die man daraus zog; aber Potocki allein ge⸗ ſtand ich, als der Tanz die Andern wieder entfernt hatte, der Mangel an Grazie bei un⸗ ſern Taͤnzen ſei der Grund meiner Enthaltſam⸗ keit. Ich will noch gar nicht erwaͤhnen, ſagt' ich, daß jeder Tanz doch wol eigentlich eine beſtimmte Idee oder eine beſtimmte Empfindung aus⸗ druͤcken muͤßte, wenn er als Tanz Leben und Bedeutung haben ſoll; aber Eine Forderung kann ich— wenigſtens meinem Geſchlecht— nicht erlaſſen: daß ſeine Taͤnze den Ausdruck unbeſtimmter Heiterkeit, jugendlicher Freude und ſittſamer Anmuth haben ſollen—— Was nie ſo ſelten, als jetzt, zu entdecken geweſen! ſagte er. Aber nur ein Maͤdchen, in deſſen Seele die Gra⸗ zien wohnen, vermag ihr Gebot im Leben ſo zart zu ehren. Doch wo dies iſt— fuhr er leiſer, aber mit beziehenderm Ton und Blick fort— wo dies iſt: wer muͤßte da nicht von 17 dem Zauber hingeriſſen werden, den der Abglanz hoher ſittlicher Grazie der Jugend und der Schoͤnheit verleiht! Mir war als ob dieſe Worte mich zur Prieſterin jener Goͤttinnen weihten, deren Daſeyn ich bis jetzt mehr fromm geahnet, als klar erkannt hatte, und der Wunſch, dieſes Lobes werth zu ſeyn, wur⸗ de in meiner Seele zum Geluͤbde. Unſer Geſpraͤch blieb ernſt und anziehend. Er fragte viel nach meiner Erziehung und mei⸗ ner fruͤhern Jugend. Mit Dank und Liebe ſprach ich von meiner Tante, mit Begeiſte⸗ rung von meiner Mutter, und mit Entzuͤcken von den wenigen Wochen, die ich jetzt bei ihr verlebt hatte. Mich ſelbſt ergriff dieſe Erin⸗ nerung tiefer, als je. Die Liebe beruͤhrte mit zarter Hand die Saiten meines Gemuͤths und rein erklangen die ſchlummernden Grundtoͤne deſſelben: Sehnſucht nach Liebe und nach dem einfachen Gluͤck haͤuslicher Stille. Die Ver⸗ kehrtheit und Gehaltloſigkeit des Weltlebens wurde mir klar, und ich fuͤhlte, daß ich mich nie damit in Einklang wuͤrde bringen koͤnnen. Zum erſtenmai fuͤhlte ich mich verſtanden, und J. f. F. II. J. 11. 9. 2 18 von einem hellen Geiſte, einer ſchoͤnen Seele ergaͤnzt— mir ſelbſt gedeutet. Von einer un⸗ widerſtehlichen Macht fuͤhlte ich das Beſte in meinem innern Menſchen beruͤhrt und zur Sprache gebracht; eine beſeligende, und wie ich beſtimmt empfand, mich adelnde Begeiſterung ergriff mich; ohne zu wiſſen, wie mir geſchah, durft' ich mir ſagen: du biſt ſeit dieſem Mo⸗ ment beſſer, dem Schoͤnen und Guten mehr geheiliget— und dies kann nie ganz verſchwin⸗ den!— Nach dem Abendeſſen wurde ein Feuer⸗ werk abgebrannt und die Geſellſchaft vertheilte ſich in viele kleine Gruppen. Potocki blieb mir auch hier nahe. Wir waren nur wenig Schritte von der uns begleitenden Geſellſchaft voraus. Unſer Geſpraͤch knuͤpfte ſich wieder an, und er erzaͤhlte mir von ſeiner fruͤhern Jugend— wie er dieſe auf dem Lande, am Herzen ſeiner Mutter verlebt habe und wie das Andenken dieſer ſanften, reinen Seele als ſein Schutzgeiſt mit ihm durch das Leben ge⸗ gangen ſei; wie er z. B. trotz der Graͤuel, in denen ſein Vaterland nutergegangen, vor ihrem 19 Bilde Liebe zu den Menſchen, Glauben an das Gute, und Willen, dafuͤr thaͤtig zu ſeyn, be⸗ wahrt habe. Auch ſei in ſeinem Herzen die ſchöne Hoffnung geblieben, daß der Ton, der ſeiner Kindheit ſo reine Harmonie gegeben, ihm auch dereinſt in einer geliebten Seele an⸗ ſprechen werde, der er dann ſein ganzes Leben, alle ſeine Wuͤnſche und Freuden geben duͤrfe. O wie oft, ſagte er mit einer Stimme, deren mildere, bebende Laute tief in meine Seele dran⸗ gen— wie oft war mir dies holde Weſen in meinen Traͤumen nahe! wie oft erwaͤrmte mich dies mit geiſtigem Auge angeſchaute Bild, wenn mein Herz an der kalten Wirk⸗ lichkeit um mich her erſtarren wollte! Und wenn nun meine Traͤume wahr wuͤrden— wenn ich dieſe Hand faſſen und Allwinen die Gefuͤhle deuten duͤrfte, die ſie in meinem Her⸗ zen geweckt hat? wenn... Er ſchwieg hier, tief bewegt, erſchuͤttert. Die Geſellſchaft naͤ⸗ herte ſich uns; ſtumm druͤckte er mir die Hand und verſchwand. Auch mich riß es gewaltſam aus dem Gewuͤhle heraus. Begleitet von einer meiner Geſpielinnen, floh ich nach dem einſam⸗ 20 ſten Theil des Parks, zum Ufer des See's hin⸗ ab, und warf mich auf eine einſame Raſenbank. In dieſe Gegend drang das Geraͤuſch des Ju⸗ bels nicht. Der Wiederſchein des Mondes lag glaͤnzend und rein auf der Oberflaͤche des See's. Ein leiſer Nachtwind kraͤuſelte ſeine kleinen Wel⸗ len. Feierlich rauſchte es in den Gipfeln der hohen Ulmen. Wie Geiſtertoͤne zog der verlor⸗ ne Nachhall der fernen Muſik durch den wol⸗ kenloſen Nachthimmel und ſank aus ihm in das bewegte Herz zuruͤck, das mehr und mehr er⸗ weicht, vor den zerſtreuten Klaͤngen zerging in Thraͤnen unermeßlicher Liebe und des Schmer⸗ zes hoher Seligkeit. Hier fand mich Potocki. Unerwartet ſtand er vor mir und mit dem Ton der innigſten Liebe fragt' er leiſe: Sie weinen, Allwina?— Ich bin nur ſehr bewegt! antwortete ich. Alles um mich her, die Erde, der Himmel, der See, alles iſt ſo ſchoͤn und ſo ſtill; ich ſelbſt bin ſo gluͤcklich— und doch hab' ich die Erde nie ſo enge, das Leben nie ſo beſchraͤnkt gefuͤhlt, als in dieſer Stunde, wo mir iſt, als muͤßte ich mich zu den Sternen aufſchwingen. Und müſ⸗ ſen nicht, fragt' er, vor dieſer Stille, vor die⸗ ſer Unermeßlichkeit des Nachthimmels, die Wuͤn⸗ ſche laut werden, die einer ſchoͤnern Welt, als unſerer, von fremdem Licht' erleuchteten, an⸗ gehoͤren? Die kleinen Wuͤnſche der Erde falten ſich, wie die Blumen, in der Nacht zuſammen; aber die groͤßern, fuͤr die Ewigkeit, ziehen im reinen Herzen herauf mit den unveraͤnderlichen Leuchten des Firmaments— Doch giebt es einen Punkt, wo ſich dieſe Sehnſucht nach Ewigkeit mit dem heiligen Genuß einer ſchoͤnen Gegenwart vermaͤhlt; und dies Hoͤchſte in un⸗ ſerm, zwei Welten verbindenden Leben— dies Hoͤchſte, deſſen Accorde nie wieder in meiner Bruſt verſtummen werden—: Allwina! hat Ihr Herz keinen Namen dafuͤr? Mein Auge begegnete hier dem ſeinen, meine Seele lag in dieſem Blick, und er ſchloß ein Buͤndniß, welches zu loͤſen jedes Erdenſchickſal zu ohnmaͤchtig war. Wie ich mich fuͤhlte? Welche Seligkeit der Erde kann ſich der, eines liebenden Weibes vergleichen, wenn es ſich als Spenderin der ſuͤßeſten Lebensfreude des Gelieb⸗ ten fuͤhlt!— 22——— Meine Geſellſchafterin band unſre Zungen; aber beduͤrfen ſolche Momente der Worte? Ich bat Potocki mit halben Blicken und halben Wor⸗. ten, uns zu verlaſſen, und gehorchend entfernte V er ſich. Noch wol eine Stunde irrte ich mit meiner Gefaͤhrtin in den Gaͤngen des Parks umher und ſchloß mich dann mit ihr einer Ge⸗ ſellſchaft an, die nach dem Tanzſaal zuruͤck⸗ kehrte. Man hatte mich vermißt; vornemlich hatte der Prinz mich geſucht, weil er wuͤnſchte, mich noch einmal mit Potocki tanzen zu ſehn. Seiner Bitte und dem Wunſche meiner Tante konnte ich nicht widerſtehen, und da gerade ge⸗ walzt wurde, trat ich mit meinem Freunde in die Reihe ein. Welch ein leiſes Floͤtengetoͤn und dazwiſchen ſchmetternder Trompetenſchall, ſo laut, ſo unerwartet, daß ich faſt jedesmal im Arm meines Taͤnzers zuſammenſchrak! Mit ſanfter Zaͤrtlichkeit hielt mich Potocki umſchlungen und ſein ſeelenvolles Auge ſchien zu fragen: fuͤhlſt du, daß ich in dir mein hoͤchſtes, ſuͤßeſtes Le⸗ bensgluͤck umfaſſe? fuͤhlſt du, daß ich dein bin auf immer?— Die andern Paare verloren ſich nach und nach, und einſamer und langſamer 23 wallten wir durch die Runde des Saals. Mei⸗ ne Tante endete endlich unſern Tanz, indem ſie uns, im Vorbeiwalzen vor ihrem Sitz, an⸗ hielt. Potocki kam mir dadurch naͤher. Eine Sekunde fuͤhlte ich mich an ſeine Bruſt ge⸗ druͤckt und zum erſten und einzigen Male fuͤhlte ich das Verfuͤhreriſche dieſes Tanzes, wo in der Stellung vertraulicher Liebe die Ar⸗ me ſich umſchlingen, die Blicke einander in Verwirrung ſetzen, die Herzen einander ſo nahe ſind! Nun ſehnte ich mich nach Einſamkeit und bat meine Tante, ſich mit mir zu entfer⸗ nen. Unſer Wagen fuhr vor. Der Prinz bot mir ſeinen Arm, Potocki begleitete uns, und nur ein verſtohlner, gefluͤgelter Haͤndedruck ſagte mir ſein Lebewohl.— In der Einſamkeit meines Zimmers wurde das Gefuͤhl meines Gluͤcks Dank gegen den, fuͤr den der Geiſt nur Gedanken, das Herz nur Gefuͤhle, das Auge nur Thraͤnen braucht, um vernommen zu werden—— Wie gehaltlos war mein Leben, eh' ich Potocki ſah, und mit welchem Reiz, mit welchem Werth ſchmuͤckte es jetzt ſeine Liebe! Sechzehn Jahre alt, geliebt und 24, geſchmeichelt von allem, was ſich mir naͤherte; in voller Freiheit, jede Laune, jeden Einfall zu befriedigen— haͤtte ich wahrſcheinlich, ohne ihn, zu ſpaͤt fuͤr mein innres Leben, den Ueber⸗ druß und die Gehaltloſigkeit kennen lernen, die das Leben nur fuͤr die große Welt unausbleiblich herbeifuͤhrt, wenn man von der Natur den Anklang edlerer Beduͤrfniſſe erhielt. Die leiſe Stimme meines Herzens waͤre vor den Schmei⸗ cheltoͤnen der Eitelkeit verſtummt; das Bild des einfachen Gluͤcks meiner Aeltern in meiner Seele verblichen; die faſt unwiderſtehliche Ge⸗ walt der Gewohnheit und des allgemeinen Thuns und Treibens um mich her haͤtte mich ergriffen, und mich wahrſcheinlich, wie die Mehrheit meiner Schweſtern, einem Kampfe zwiſchen meinem Gemuͤth und meinem aͤußern Leben preisgegeben, der in einer Weiberſeele— weil wir mehr als der Mann Eins ſind und jede einzelne Wirkung daher bei uns das Ganze er⸗ greift— unausbleiblich die Harmonie des Da⸗ ſeyns zerſtoͤrt. Nichts macht der Liebe unwuͤr⸗ diger und zugleich fuͤr ihre reine Flamme un⸗ empfuͤnglicher, als Unwahrheit des Empfindens 25 und des Thuns— alſo auch Glanz⸗ und Ge⸗ fallſucht, die ſich nicht mit Wahrheit des Cha⸗ rakters vereinen laſſen. Die Liebe, deren Ban⸗ de dies Leben an ein zweites, den Menſchen an die Tugend, und dieſe an das hoͤchſte, reinſte Gluͤck der Menſchheit knuͤpfen, wird nur dem weiblichen Herzen, das ihr den ganzen Schatz ſeiner Empfindungen unentwuͤrdigt und unzer⸗ theilt aufſpart und fuͤr den Gegenſtand derſelben ſeine Seele ſchmuͤckt. Das Maͤdchen, das, glaͤnzend beim Ball und der Aſſemblee, fuͤr die⸗ ſen ein Laͤcheln, fuͤr jenen einen freundlichen Haͤndedruck hat, nur um ſich bewundert, be⸗ gehrt zu wiſſen— muß, ihrem beſſern Weſen nach, untergehen im Strom der Eitelkeit und der Weltfreude; oder die Leerheit eines ſo ver⸗ ſchleuderten Lebens wird ſie ergreifen— aber erſt, wenn ihr ſchon die Kraft mangelt, ſich ihm zu entreißen, und am fuͤrchterlichſten dann, wenn ihr unbefriedigt gebliebenes Herz endlich den Mann findet, in deſſen Liebe ſich fruͤher ihr Le⸗ ben, ihr Gluͤck, ihre Pflicht zur ſchoͤnen Ein⸗ heit haͤtte bilden, ihr zerriſſenes Daſeyn viel⸗ leicht noch heilen koͤnnen— und er wendet ſich 26 dann ab und ſie bleibt fuͤr ihr uͤbriges Leben al⸗ lein, mit dem Gefuͤhl: ſein, und nicht mein— Auch ich ſtand an dieſem Abwege, als Er, der Herr meines Daſeyns und meines Geſchicks, mir Potocki entgegenfuͤhrte, und mit ihm das holde Bild eines der Liebe und den hohen Tu⸗ genden einfacher Guͤte geweihten Lebens! Und ich haͤtte mich nicht vor ihm, eben jetzt, da dies Bild in entzuͤckender Glorie vor mir ſtand— niederwerfen und Thraͤnen der Freude, Thraͤnen des Danks darbringen ſollen?— Am andern Morgen ſah ich Potocki bei der Revuͤe; Mittags bei Cour und Tafel. Umge⸗ ben von einer bunten Menſchenmenge und unter dem Druck hoͤfiſcher Etikette, fanden unſre Her⸗ zen eine eigene Sprache und einzelne Momente zu Worten der Zaͤrtlichkeit und des Gluͤcks. Ich verſprach ihm, am andern Morgen fuͤr ihn zu Hauſe zu ſeyn, und ſah ihn fruͤher noch, als ich erwartete, zu mir eintreten. Unſre Herzen fanden nun Worte; er erhielt das Geſtaͤndniß meiner Liebe und meine Einwilligung, um meine Hand werben zu duͤrfen. Eine Stunde verrann 27 mit Sekundenſchnelle; da verließ er mich mit der Verabredung am Nachmittage zu meiner Tante kommen zu wollen, zu der ich gleich nach ſeiner Entfernung eilte, um ihr das Geſtaͤndniß meiner Liebe zu ſtammeln. Mit der Begeiſte⸗ rung des Entzuͤckens warf ich mich an ihren Bu⸗ ſen; aber wie erſchrak ich, als ich ſie todten⸗ bleich ins Sopha zuruͤckſinken ſah. O mein Kind, rief ſie im ſchmerzlichſten Tone: iſt das der Lohn, den du mir fuͤr meine Liebe aufſparſt? Gott! ſagt' ich erſchrocken; ich glaubte Ih⸗ rer Freude an meiner Wahl ſo feſt verſichert ſeyn zu koͤnnen! Nur Freudenthraͤnen hofft' ich fließen zu ſehen. Oft verſprachen Sie, mich frei waͤhlen zu laſſen; oft aͤußerten Sie den Wunſch, daß mein Herz bald ſich entſcheiden moͤchte: woher denn nun Ihr Widerſtreben? Arme Unerfahrne, ſo blind hat dich die Liebe ſchon gemacht? Dein Herz, dies dankbare, ge⸗ fuͤhlvolle Herz hofft dauerndes Gluͤck von einer Verbindung, die dich von mir, von deinen Ael⸗ tern, deinen Freunden auf immer entfernen wuͤrde? Deine Hand, um die die edelſten Maͤn⸗ 'ner deines Vaterlandes werben, ſollten wir an 28 einen Mann verſchleudern, der dich in ein fer⸗ naes Land, zu einer rohen Nation, in ein rau⸗ hes Klima fuͤhren wuͤrde? an einen Mann, uͤber deſſen Scheitel das Schwert der Hofgunſt ſchwebt? den Laune vielleicht nur erhob, um ihn nach kurzer Zeit deſto tiefer fallen zu laſſen? Gott! wie koͤnnten deine Mutter und ich uns je mit dem Gedanken ausſoͤhnen, dich in Ruß⸗ land zu wiſſen! Haſt du die Graͤuel vergeſſen, die dieſer Name in unſer Gedaͤchtniß zuruͤck⸗ ruft? O Helena Petrownal deinen Hen⸗ kern ſollte auch dieſe preisgegeben werden?—— Die Familie meiner Mutter ſiedelte ſich un⸗ ter Peter dem Großen in Rußland an, und ihr Name glaͤnzt unvergaͤnglich in den An⸗ nalen der Geſchichte dieſes Reichs. Mein Groß⸗ vater, der Feldmarſchall Weidner, beſaß die Gunſt der Kaiſerin Anna und das Vertrauen des Herzogs von Kurland in einem ſo ausgezeichneten Grade, daß die Erinnerung dar⸗ an ihm, als Eliſabeth den Thron beſtieg, gefaͤhrlich wurde. Er fing an fuͤr ſein Leben und fuͤr das Schickſal ſeiner Familie beſorgt zu werden und ſuchte dem drohenden Ungewitter 29 durch freiwillige Entfernung zu entgehen. Heim⸗ lich ſchaffte er einen Theil ſeines Vermoͤgens außer Landes und bat, unter dem Vorwand ſchwaͤchlicher Geſundheit, um Urlaub zu einer Reiſe nach dem ſuͤdlichen Europa. Er erhielt ihn, weil der Plan zu ſeinem Untergange noch nicht reif war, und man, unbekannt mit ſeinen geheimen Anſtalten, den Zeitpunkt der Abreiſe noch entfernt genug glaubte, um dieſe erhaltne Erlaubniß ſelbſt zu ſeinem Verderben benutzen zu koͤnnen. Wider alles Erwarten erſchien er aber ſchon am folgenden Tage mit ſeiner Gattin und ſeiner ſiebzehnjaͤhrigen Tochter, Helena Petrowna, vor der Kaiſerin, um ſich zu be⸗ urlauben. Finſter blickte die Kaiſerin auf ihn. Verdankt es euren langen Dienſten, ſagte ſie ernſt, daß ich euch den erbetnen Urlaub bewil⸗ ligt habe. Man ſagt, ihr ſeid ſtrafbarer Plane angeklagt, zu deren Unterſtuͤtzung ihr große Summen Geldes außer Land geſchafft haben ſollt. Ich will kein Ohr fuͤr dieſe Anklage ha⸗ ben; aber als Unterpfand eurer Treue und eurer Ruͤckkehr bleibt Helena an meinem Hofe zuruͤck. — Flehend ſank meine Großmutter vor ihr nie⸗ 30— der; die große Kaiſerin hatte kein Maas fuͤr den Schmerz einer Mutter. Sie bleibt, rief ſie in einem Tone, der jeden Widerſpruch zum Verbrechen geſtempelt haͤtte, und troſtlos ent⸗ fernten ſich meine Großaͤltern. Ihr Schmerz ſelbſt hatte ſie verrathen, und jeder Augenblick laͤngren Verweilens in St. Petersburg vergroͤ⸗ Berte jetzt die Gefahr. Wie aber konnten ſie ohne Helena fliehen? wie ſie an einem Hofe zuruͤcklaſſen, wo man nur zu haͤufig das Ver⸗ gehen des Vaters an den Kindern ſtrafte?— Es wurde Abend und noch kaͤmpften meine Großaͤltern mit ihrer Unentſchloſſenheit, als ſich in der Dunkeiheit ein Mann zu ihnen ſtahl, dem mein Großvater einſt von Birons Grauſamkeit das Leben erbat und der jetzt im Sonnenſchein der Gunſt eines hoͤhern Guͤnſtlings ſtand. Flie⸗ hen Sie, ſagte er bei ſeinem Eintritt; fuͤr dieſe Nacht hoffe ich Ihnen die Moͤglichkeit dazu noch verbuͤrgen zu koͤnnen, aber der morgende Tag faͤnde Sie wahrſcheinlich ſchon im Gefaͤngniß. Noch iſt die Kaiſerin unentſchloſſen: aber bei laͤngerm Hierſeyn wuͤrde Ihre Schale von Stunde zu Stunde ſteigen, da hingegen aller Wahrſcheinlichkeit nach, Ihre Tochter und Ihr zuruͤckgelaſſenes Vermoͤgen Ihre Reiſe und dieſe Gegenſtaͤnde ſelbſt ſichern werden. Die Angſt meiner Großaͤltern ſtieg; aber jetzt warf ſich Helena ſelbſt zu ihren Fuͤßen und beſchwor ſie mit heißen Thraͤnen, zu fliehen, und ſich nicht, um ſie von einer nur moͤglichen, aber nicht einmal wahrſcheinlichen Gefahr zu retten, in unvermeidliches Verderben zu ſtuͤrzen. Sie brachte ihre Schweſtern, damals nur drei⸗ und vierjaͤhrige Kinder, herbei, bot fuͤr dieſe den Muth des Vaters, die Liebe der Mutter auf und ſiegte. Ihre Aeltern reiſeten ab und er⸗ reichten unverfolgt die Graͤnze; denn ach! nicht die Habſucht allein hatte an ihrem zu⸗ ruͤckgelaſſenen Vermoͤgen ihr Opfer, auch die Rache fand es! Helena Petrowna, die un⸗ ſchuldige, bluͤhende Helena wurde es! Man zog das Vermoͤgen des Vaters ein, und ſandte die Tochter nach Sibirien. Gram und Kum⸗ mer zerriſſen ihren zarten Lebensfaden: ſie betrat das Land der Verbannung nur, um dort ihr Grab zu finden.— Ihr Andenken blieb gleich dem einer Heiligen in der Familie. 32 Ihre Mutter pflanzte in das Herz meiner Mutter und Tante ſchwaͤrmeriſche Vergötte⸗ rung der Verlornen und Haß des Landes, in dem ſie, eine Deutſche von Geburt, ſich nie einheimiſch gefuͤhlt hatte und fuͤr das ſie jetzt nur noch Thraͤnen und Verwuͤnſchungen hatte. Fruͤh wurde auch ich mit dieſer Anſicht ver⸗ traut und tief eingewurzelte Vorurtheile der Kindheit banden auch in meiner Vorſtellung an den Namen Rußland alle Schrecken der Barbarei und des Entſetzens roher Gewalt⸗ thaͤtigkeit. Nur mit meiner Liebe beſchaͤftigt und in der vollen Unbefangenheit jugendlicher . Lebensanſicht, hatte ich an die aͤußern Ver⸗ haͤltniſſe, die eine Verbindung mit dem Ge⸗ liebten mir aneignen wuͤrden, noch nicht ge⸗ dacht. Auch jetzt fand ich freilich den Abſcheu meiner Tante vor dieſem Lande natuͤrlich, wie ihren Widerwillen, mich dorthin ziehen zu laſ⸗ ſen, da es mir ſelbſt faſt lieblicher gedaͤucht ha⸗ ben wuͤrde, Potocki nach den brennenden Sand⸗ wuͤſten Afrika's, als nach Rußland zu folgen: aber das Gluͤck, ihn mein zu nennen, uͤber⸗ ſtralte alle Bilder des Schreckens, die meine Tante mir vorfuͤhrte. Mochte immerhin der Himmel ſeines Landes rauh und kalt ſeyn; unter dem Schutze unſrer Liebe mußte auch dort die Blume der Zufriedenheit fuͤr mich bluͤhen! Mochte immerhin ſein Rang und ſein Vermoͤgen in den Haͤnden willkuͤhrlicher Gewalt ruhen; beide waren mir nur aͤußere, gleichguͤltige Ver⸗ zierungen des wahren Gluͤcks! Mochte man ihn ſelbſt toͤdten: konnte man mich denn zwin⸗ gen, ihn zu uͤberleben? Ich fuͤhlte es mit lebendiger Wahrheit, daß dieſe Liebe mich außer der Gewalt des Erdenſchickſals auf einen Stand⸗ punkt hob, wo ich vom Leben nur ſie, Tugend und Unſterblichkeit forderte.— Aber meine Tante hatte andre Waffen. Sie ſchilderte mir den Schmerz meiner Mutter; ſie fuͤhrte mich an das Sterbebett dieſer unausſprechlich Gelieb⸗ ten; ſie zeigte ſie mir, vom Gram um mich langſam verzehrt— ich ſah ſie ihre Arme ver⸗ geblich nach mir ausſtrecken, ich hoͤrte ihre blei⸗ chen, ſterbenden Lippen meinen Namen ſtammeln und alles um ſie her ſtumm bleiben; eine fremde Hand ſchloß ihre Augen, eine fremde Bruſt empfing ihre letzten Seuſzer!— Ich zerfloß J. f. F. II. J. 11. H. 3 ₰ 34 n Thraͤnen und beſchwor die Tante, meiner zu ſchonen; aber ſie druͤckte mich feſter an ihr Herz und fuhr fort: Und dann wirf auch einen Blick auf mich! Seit ſechs Jahren lebe ich nur fuͤr dich, und kann es nicht mehr lernen, ohne dich zu leben. Ich wuͤrde dir nach Rußland folgen und du wuͤrdeſt keine Klagen, keine Vor⸗ wuͤrfe von mir hoͤren; aber wuͤrdeſt du felbſt ſie dir erſparen, wenn ich dort unter deinen Augen langſam verginge? wird das Gluͤck der Liebe dir noch Gluͤck bleiben, wenn der Ge⸗ danke es vergiftet: der Beſitz dieſes Mannes koſtete meiner Mutter das Leben und gab meiner Tante zum Lohn fuͤr ihre Liebe in dieſem frem⸗ den Lande ein Grab?— Ich ſank zu ihren Fuͤßen nieder und ſchwor, dieſe Liebe— ach das einzige, hoͤchſte Gluͤck des jugendlichen Herzens— zu opfern und Potocki's Hand zu entſagen. Mit einer Macht, die meine Seele bis in ihre geheimſten Tiefen erſchuͤtterte und ſie dem Schmerz vermaͤhlte auf immer, ergriff mich das Gefuͤhl, was ich hin⸗ gab; aber dieſe Liebe war zu ſchoͤn, um zu ihrem Gluͤcke nicht des ungetruͤbten Friedens eines ſchuldloſen Herzens zu beduͤrfen. Ihre Bluͤte waͤre von dem Hauch der Pflichtver⸗ letzung gewelkt und Potocki haͤtte unmoͤglich durch die Liebe eines Maͤdchens begluͤckt wer⸗ den können, welches, um ſein zu werden, die heiligen Bande der Natur und der Dankbar⸗ keit zerriſſen haͤtte. Sieh ihn nicht wieder, bat meine Tante; laß mich ihm heut Nachmittag ſein Schickſal und dein Lebewohl ſagen! Er ſcheidet dann und die Wunden eurer Herzen heilen leichter und ſpurloſer, als wenn ihr gegenſeitig durch den Anblick des fremden Schmerzes ſie hefti⸗ ger zu bluten reizet! Nein, antwortete ich entſchieden; ſehen muß ich ihn noch einmal, und nur aus mei⸗ nem Munde darf er hoͤren, was kein andrer ihm ſo milde zu verkuͤnden vermag. Aber, liebe Allwina, ſagte die Tante zoͤ⸗ gernd, wird er nicht ſeine Gewalt uͤber dich fuͤr ſich zu nutzen ſuchen? Ach, mein Kind, ich fuͤrchte.. Wenn Sie ihn kennten, wuͤrden Sie nichts fuͤr mich fuͤrchten. Seine Naͤhe kann mich zu 33— dem, was gut iſt, nur kraͤftigen, und von ihm muß mir die Staͤrke des Willens kommen,— es zu uͤben; und was den Schmerz des Ab⸗ ſchieds betrifft, ſo waͤre mir wahrlich beſſer,. wenn mein Herz von ihm in dieſer Stunde gebrochen wuͤrde, als wenn ich mir ſchon jetzt ſagen muͤßte: ich ſehe ihn nie wieder! Sie gab nach; aber je naͤher der Nachmit⸗ tag und mit ihm die Stunde kam, in der ſie ihn erwartete, je hoͤher ſtieg ihre Unruhe. Laut und ruͤhrend ſprach ihre Liebe aus dieſen kum⸗ mervollen Blicken, dieſen verſtohlnen Thraͤnen und halben Worten. Mir gab ihre Angſt, ihre ſchmerzliche Trauer Muth, und gefaßter wie ſie, blieb ich, als der Bediente eintrat, Potocki zu melden. Noch einmal ſchloß ſie mich in ihre Arme; ſtill und ſinnig kuͤßte ſie meine Augen, riß ſich dann mit gewaltſam hervorbrechenden Thraͤnen los und verſchwand. Er trat ein. Mit welcher ſuͤßen, reinen Zaͤrtlichkeit flog ſein Auge mir entgegen! wie froh deutete er es, mich ſtatt meiner Tante zu finden!— Sie irren nicht, Potocki. Meine Tante 87 erhielt, ſobald Sie mich heut Morgen verließen, das Geſtaͤndniß unſrer Liebe von mir; ſie legte die Eniſcheidung daruͤber in meine Haͤnde, und mit ihrer Bewilligung bin ich jetzt hier, von Ihnen die Billigung deſer Entſcheidung zu erhalten. Meine Stimme bebte und leiſe fing ich an zu erzaͤhlen; aber die Naͤhe des verehrten, ge— liebten Mannes ſtaͤrkte mich, und mit immer feſter werdenden Ton theilte ich ihm die Unter⸗ redung des Morgens mit. Meine Mutter, meine Tante, kannte er, ſo wie ſie in meinem Herzen lebten, ſchon fruͤher und fuͤhlte es daher mit mir, daß ich Deutſchland nicht verlaſſen konnte, ohne dieſe beiden liebevollen, weichen Herzen zu brechen, die mit dem meinen zuſam⸗ mengewachſen waren durch tauſend Adern der Liebe und der Tugend. Um mich Ihrer Liebe werth fuͤhlen zu koͤnnen, endete ich, bleibt mir kein andres Mittel, als Ihrem Beſitz zu ent⸗ ſagen. Ueberzeugt, daß Sie ſelbſt, wo Pflicht und Gluͤck ſich trennen, mich nicht Ihrer Liebe, ſondern den heiligen Pflichten kindlicher Dank⸗ bearkeit weihen wuͤrden, hab' ich den Muth zu 38 dieſem Opfer in mir gefunden. Ihre Tugend, Potocki, hat mir dieſe Entſagung abgenoͤthigt; aber nur Sie koͤnnen ihr Werth geben, wenn Sie ſie zu einem freudigen Opfer durch Ihre Billigung, Ihr Beiſpiel, Ihren Muth erhe⸗ ben.— So reißt das Schickſal auseinander, was die Liebe vereinte! ſagte er finſter. Nein, fuhr er fort und ſchloß mich in ſeine Arme; in die Harmonie deines Weſens darf kein Mißlaut kommen und ungeſtoͤrt bleibe der Friede deines ſchuldloſen Herzens! Aber warum bin ich nicht frei? warum darf ich nicht meine Arme um dich ſchlingen und ſagen: an deinem Herzen iſt meine Heimath?— Mit welchem Entzuͤcken wuͤrde ich fuͤr dich hingeben, was nur gemeine Seelen blendet! Mein hoͤchſtes Gluͤck iſt dein Beſitz und fern von mir die Suͤnde, den Ehr⸗ geiz mit mir darum rechten laſſen zu wollen! Doch Dankbarkeit und mein Ehrenwort feſſeln mich an den Prinzen, meinen Freund, und durch ihn an die Laufbahn, die mich bei meiner Ruͤckkehr nach Rußland erwartet.—— Die Revolution in Pohlen koſtete Potocki — —— 39 5 ſein Vermoͤgen und ſeine Freiheit, da er bei einem Gefecht mit den Ruſſen von ihnen ge⸗ fangen ward. Die Tapferkeit, mit der er ſich vertheidigte, bis er, von der Menge uͤberwaͤl⸗ tigt, gefaͤhrlich verwundet vom Pferde ſank, erwarb ihm die Bewunderung des Prinzen. Seine Pflege, ſein Schutz, ſeine Fuͤrſorge ret⸗ teten Potocki's Leben. Er genaß und war frei; allein ſein Bruder, Alexander, durch Frei⸗ heitsliebe und gluͤhenden Haß der Zerſtuͤckler ſeines Vaterlands in gefaͤhrliche, zu fruͤh ver⸗ rathene Plane verwickelt, ſaß im Kerker und erwartete die Vollziehung des ſchon uͤber ihn ausgeſprochnen Todesurtheils. Ihn zu retten galt Potocki'n mehr, als ſein eignes Leben. Er entdeckte ſich dem Prinzen und dieſer that und wagte viel, um den Bruder ſeines Lieb⸗ lings zu retten. Des Prinzen Gold ſprengte Alexanders Kerker und ſicherte ſeine Flucht, die vom Prinzen erhaltene Paͤſſe deckten. Mit dem Enthuſiasmus, der in einer ſtarken Seele die Dankbarkeit zur Leidenſchaft erhebt, ſchloß ſich Potocki nun an den Prinzen, brennend, ihm ſeine Schuld zu zahlen. Da forderte diefer 40 das Verſprechen, ſich nie von ihm zu trennen. Dieſer Schwur band. meinen Freund nun an das Land, wo ich nicht wohnen durfte, und die ſtrenge Nothwendigkeit der Pflicht trat auch von ſeiner Seite zwiſchen uns und gebot Schei⸗ dung. Der Prinz, ſprach, Potocki, iſt ein treff⸗ licher, herrlicher Menſch, und gern brachte ich ihm bis jetzt das Opfer, am Hofe zu leben, obgleich er mir ein moraliſches Sibirien iſt, wo unter dem Eiſe des Egoismus jede Bluͤte ſchoͤ⸗ ner Humanitaͤt erſtirbt. Aber die Hoffnung, daß das Schickſal die maͤchtige Sehnſucht mei⸗ nes Herzens verſtehen und befriedigen wuͤrde, erhielt mich aufrecht, da, wo auch der Edleren viele an Glaube und Liebe verarmen. Feſt vertraute ich der Ahnung, daß meiner Seele eine Seele geſchaffen ſey, die die Liebe mir fruͤher oder ſpaͤter, aber gewiß, als Naͤhrerin und Pflegerin jeder milden, ſanften Tugend zufuͤhren wuͤrde. Die Welt zeigte mir nicht, was ich im Anfang thoͤricht genug war in ihr zu ſuchen; doch ſorgſam ſparte mein Herz ſich und ſeine Liebe fuͤr die Einzige, Fromme, 5 — 41¹ Sanfte auf, die noch zu finden meine Seele mir wahrſagte. Jahre ſind mir in dieſem ſtillen, unbefriedigten Sehnen hingeſchwunden. Schon ward es duͤſtrer um mich, truͤber in mir, und mehr und mehr fing die Verwor⸗ renheit des Lebens und die Kleinlichkeit der Menſchen an, mir zu widern: da erſchienſt du mir im ſtillen Zauber ungetruͤbten Friedens und anmuthsvoller Milde. In froher Ahnung flog dir mein Herz beim erſten Blick entgegen, meine Seele erkannte dich, und wie du mir, ich dir begegnete in jedem Gefuͤhl, in jedem Schlage des Herzens, und ich es wie einen Goͤtterſpruch in mir fuͤhlte, du ſeiſt fuͤr mich geſchaffen und unvollkommen ſei mein Erden⸗ daſeyn geblieben, haͤtte ich dich nicht gefunden — Allwina, da war ich unausſprechlich gluͤck⸗ lich! Und dies Gluͤck ſoll mir nun entſchwinden, wie ein Traum? ich ſoll es tragen, dich in die Unſichtbarkeit zuruͤckſinken zu ſehen, in der du bis zu unſerm Begegnen um mich warſt? ſoll mit dem Himmelsbilde im Herzen nun wieder einſam und verlaſſen und ohne alle Hoffnung durchs Leben gehen?—— 1 42— Gilt es dir denn nichts, unterbrach ich ihn, daß wir uns gefunden haben und nun wiſſen dieſe Sehnſucht unſers Herzens ſei kein leerer, ſpottender Traum? Haben wir in dieſer Ge⸗ wißheit vom Daſeyn der Liebe nicht einen un⸗ verſiegbaren Quell des wahren Lebens erbeu⸗ tet? Sieh, ich bin ein ſchwaches, leicht ver⸗ letzliches Weſen: aber in dieſer Liebe iſt mir Muth und Kraft geworden. Und wenn wir uns nie wieder ſehen, werde ich doch das Schickſal ſegnen, das uns einander zufuͤhrte! und wenn meine Thraͤnen ewig dieſer Tren⸗ nung fließen, ſo werde ich doch, ſo lange ich bin, Gott danken, daß er mir da Gewißheit ſchenkte, wo Tauſende an hoffnungsloſer Sehn⸗ ſucht und betrogner Hoffnung vergehen! Sag', was heißt es denn, daß wir getrennt werden? kann man unſre Seelen ſcheiden? wird fuͤr die Liebe nicht die weiteſte Ferne zur Gegenwart, wie ſie ſelbſt allgegenwaͤrtig iſt? Du biſt mir kein fremdes, meinem Daſeyn nur angeeignetes Weſen: ich finde in dir erſt mich ſelbſt— wie mein eignes Ich biſt du meinem Bewußtſeyn, meiner Liebe unverlierbar, und nie werde ich —— — 4 mich anders, als mich dein und dich mein fuͤhlen. Potocki ſchloß mich in ſeine Arme und wir gelobten auch getrennt mit einander vereint zu bleiben in Liebe und im Streben nach Wahrheit und Guͤte. Meine Tante unterbrach durch ih⸗ eren Eintritt unſer Geſpraͤch. Ruhig ging ich ihr mit Potocki entgegen: Umarmen Sie, beſte Tante, den Freund Ihrer Allwina, dem ſie den Muth verdankt, Ihnen ſtandhaft ſeine Liebe zu opfern! Sie nahm ihn muͤtterlich in ihre Arme und mit ſchoͤnen Thraͤnen ſagte ſie ihm, wie ſehr es ſie ſchmerze, unſern Herzen ein Opfer ab⸗ fordern zu muͤſſen, fuͤr deſſen Groͤße ihr nicht das Gefuͤhl fehle. Wenn Sie aber meine Allwina lieben, fuhr ſie fort, wie ſie werth ſiſt geliebt zu werden: ſo ſiedeln Sie ſich bei uns an. Koſtet Ihnen dies Heraustreten aus Ihren jetzigen Verhaͤltniſſen nur Ihr Vermoͤgen, ſo werde ich Sie vielleicht dafuͤr entſchaͤdigen koͤnnen. Sie werden dann mein Erbe, wie Allwina die einzige Erbin ihrer reichen Ael⸗ tern iſt. 44 Er bog ſich geruͤhrt auf ihre Hand: Ich darf nicht hoffen mit Allwinens Hand je den Titel Ihres Sohnes zu erhalten; aber mein Herz, theure Frau, wird nie aufhoͤren Sie als Mutter zu ehren und zu lieben. Frei von Ehrſucht und Ehrgeiz habe ich nur einen Wunſch: Allwinens Beſitz und ganz gluͤcklich wuͤrde ich, der als Pohle kein Vaterland mehr hat, mich fuͤhlen, wenn die Liebe mir ein neues ſchenkte: aber heilige Pflichten der Ehre und der Dankbarkeit binden mich unaufloͤslich an den Prinzen und zugleich an Rußland. Meine Tante ſeufzte: Sie erhoͤhen meine Achtung fuͤr ſich und mein Bedauern fuͤr All⸗ wina. Ach, mein Kind, fuhr ſie fort und umarmte mich zaͤrtlich, ſoll mir denn das trau⸗ rige Schickſal aufgeſpart ſeyn, dich hier unter meinen Augen langſam an dem Schmerz dieſer Trennung vergehen zu ſehen? O da wir nicht vereint gluͤcklich ſeyn koͤnnen: ſo iſt es doch vielleicht vorzuziehen, wenn deine Mutter und ich mit dem Bewußttſeyn dich gluͤcklich zu wiſ⸗ ſen, trauern, als wenn der Kummer dich und uns mit dir toͤdtet, weil du ungluͤcklich wurdeſt.— Potocki faßte meine Hand; unruhige Er⸗ wartung lag in dem Blick, den er auf mich warf; eine Sekunde lang berauſchte er ſich in der ſuͤßen, verfuͤhreriſchen Hoffnung, die meine Tante ihm zeigte: aber mich ergriff die Taͤu⸗ ſchung nicht. Ich fuͤhlte, daß hier von keiner Wahl die Rede ſeyn duͤrfe und zog die Hand meiner Tante inniger an meine Lippen. Fuͤrch⸗ ten Sie nichts fuͤr mich, geliebte Tante— In der Erinnerung dieſer Liebe wird ſich mein Charakter bilden und entfalten; ſie legt mir die Verpflichtung auf, mich der Alltaͤglichkeit zu entwinden, und hier in ſeiner Gegenwart ſchwoͤre ich, mein Leben nicht dem Schmerz dieſer Liebe, ſondern der freudigen Uebung jeder Pflicht der Dankbarkeit und der kindlichen Liebe zu weihen. Ja, Guſtav, wandte ich mich zu ihm, ſegnend ſollen meine Aeltern, meine Tante noch oft deinen Namen nennen, wenn ich in deinem Andenken die Kraft ſchoͤpfe, ſie durch Liebe, Gehorſam und die Uebung jeglicher Tu⸗ gend zu begluͤcken!—. Potocki mußte jetzt ſcheiden und da er R... am andern Morgen verlaſſen ſollte, war dieſer 46 Abſchied, Abſchied fuͤr dieſes Leben. Wer nie den Schmerz verlornen Erdengluͤcks in den Zuͤ⸗ gen eines edlen Mannes, mit Kraft und Feſtig⸗ keit kaͤmpfen ſah, kennt die Wuͤrde dieſes oft verkannten, noch oͤfter entwuͤrdigten Buͤrgen des zweiten Lebens nicht. Zum letztenmale ruhten meine Augen auf dieſen Zuͤgen; zum letztenmale zogen dieſe gedaͤmpften, ruͤhrenden Sprachtoͤne in mein Herz; nur noch Minuten waren mein und mit ihrem Nachgenuß ſollte ich dann fuͤr mein ganzes Leben ausreichen fuͤr mein Herz! — Ich erblaßte; er zauderte, kaͤmpfte, wollte ſprechen und ſank ſtumm vor mir nieder. Schweigend druͤckte er meine Haͤnde an ſein Herz, an ſeine Lippen: ich ſah Thraͤnen in ſeinen Augen und aufgeloͤſet in Liebe, Weh⸗ muth, Schmerz, ſank ich in ſeine Arme, an ſein Herz. Auch ſcheidend bleib' ich dir ver⸗ eint, fluͤſterte er, und uͤberwaͤltigt von ſeinen Gefuͤhlen legte er mich ſanft in den Arm mei⸗ ner Tante— noch ein Blick— und er ver⸗ ſchwand!— Meine Kraft war mit ihm ent⸗ wichen; zum Schatten, der ſeinen Schritten folgte, haͤtte ich werden, mein Weſen aufloͤſen 47 moͤgen in ſeinem letzten Blick voll tiefen Wehs und unermeßlicher Liebe!— Unvergeßliche Tage folgten dieſer Stunde. In Rieſengeſtalt ſtand der Schmerz dieſer Tren⸗ nung vor mir und ich ſah furchtſam an ihm auf; aber ich beſtand ſeine Naͤhe, kaͤmpfte mit ihm und ſieh! er wandelte ſich um in eine ſtille, freundliche Geſtalt, die ich gern um mich ſah, ſie an mein Herz nahm, wie man ein ſchlafendes Kind nimmt, um mit ſanfter Melo⸗ die ſeinen Schlummer zu erhalten. Ernſte, an⸗ haltende Thaͤtigkeit wurde meine Gefaͤhrtin; Kunſt und Wiſſenſchaft oͤffneten mir ihre Schaͤtze; mein Geiſt genaß und meinem Herzen erſetzte fremdes Gluͤck den eignen Mangel. Der Reichthum meiner Tante bot mir Mittel dar, Elend zu mildern und Thraͤnen zu trocknen; aber mein Herz hing mit zarterer Theilnahme an dem Kummer, den Gold nicht mindern konn⸗ te, und eine geheime Sympathie erwarb mir das Vertrauen der Ungluͤcklichen, die Troſt und Thraͤnen ſtatt Gold brauchten. Meine Tante glaubte, Zerſtreuung werde mir heilfam ſeyn und willig lieh ich mich ihren Planen. Ich beſuchte Baͤlle und Aſſembleen; ich tanzte, ich ſpielte, ich putzte mich. Die Zaͤrtlichkeit fuͤr ſie gab mir in ihrer Gegenwart Heiterkeit und der Geiſt, der mit dieſer Liebe uͤber mich ge⸗ kommen war, hielt auch meinen Koͤrper auf⸗ recht. Ich ſchien mir ſelbſt nicht bedauerns⸗ werth und taͤuſchte mich wie meine Tante, wenn ich ihr auf ihre aͤngſtlichen Fragen zuſicherte, ich ſei wohl, ohne Schmerz und ohne andre Wuͤnſche, als ſie mit mir zufrieden zu ſehen. Beherrſchend meine Worte, meine Blicke, meine Seufzer, ſanfter, freundlicher gegen Alles, was mich umgab, ging doch eine Veraͤnderung mit mir vor, die jedem auffiel, der mich fruͤher gekannt hatte. Leiſe und unmerklich fing meine Jugend an zu welken, mein Auge wurde truͤ⸗ ber und matter, meine Sprache leiſer und in mein ganzes Weſen kam ein Ernſt, vor dem die jugendliche Freude erbleichte und das ir⸗ diſche Leben ins Grab ſank. Mir ſelbſt war oft in ſtillen, mitternaͤchtlichen Stunden, als wenn meine Seele zu reif wuͤrde in der Be⸗ geiſterung der unendlichen Liebe, mit der mein ganzes innres Leben nur ein Gedanke an den 7 49 Geliebten war. Manches Auge fand ich oft mit Antheil auf mich geheftet, manche Thraͤne ſah ich mir fließen: aber ich ſelbſt war ohne Klage. Und war ich denn wirklich bedaurens⸗ werth? Wahr iſt es, das Andenken des Ge⸗ liebten loͤſete mich von der Erde ab; der Schmerz ſeines Verluſtes hoͤhlte mein Grab taͤglich tiefer aus: aber iſt es nicht unendlich ſchoͤner, zu ſterben, weil man geliebt hat, als fortzuleben, weil man die Liebe nie kannte?— Eine meiner Geſpielinnen, die mir vorzuͤg⸗ lich werth war, Julie Bl., wurde durch aͤußere Verhaͤltniſſe von einem Manne, deſſen Liebe ihre Aeltern fruͤher gebilligt hatten, ge⸗ trennt. Es gelang mir, den⸗Weg zu ihrem Gluͤck zu ebnen; ſie wurde Braut, liebende und geliebte Braut. Mein Antheil an ihrem Gluͤcke war rein; aber wenn ſie ſich mit dem Feuer der gluͤcklichen Liebe in meine Arme warf und mir Stundenlang ihre Seligkeit malte; oder wenn ich ſie mit ihrem Geliebten, im klei⸗ nen traulichen Zirkel zuſammen ſah und aus L..'s Blicken das Entzuͤcken leuchtete, ſie end⸗ lich, nach ſo banger Hoffnungsloſigkeit, doch J. f. F. II. J. 11. H. 4 noch ſein zu nennen—; dann bedurfte ich oft einer einſamen Stunde, und meine Naͤchte wur⸗ den ſchlafloſer. Ihr Hochzeitstag kam; es war der Jahrstag meiner Trennung von meinem Freunde. Freund⸗ licher denn je erſchien ich, und ein erborgtes Roth deckte das mattere Erbleichen meiner Wan⸗ gen. Aber als am andern Morgen meine Tante ungewoͤhnlich fruͤh in mein Zimmer trat, er⸗ ſchrak ſie vor der entfaͤrbten, ermuͤdeten Ge⸗ ſtalt, und keine Verſicherung meines Wohlſeyns konnte ihre aͤngſtliche Unruhe mindern. Sie ließ den Arzt rufen und dieſer beſtaͤtigte, nach⸗ dem er mich einige Tage beobachtet hatte, ihre Furcht. Er nannte mich gefaͤhrlich krank und meinte, Reiſen, Zerſtreuungen, Diaͤt und Baͤ⸗ der ſeien alles, was ſeine Kunſt fuͤr mich zu rathen vermoͤge, da der Sitz meines Uebels ihm außer ihrem Gebiete zu liegen ſcheine. Willig unterwarf ich mich allen ſeinen Vor⸗ ſchriften und zu meiner Freude verordnete er mir das Sagarder Bad, auf der Inſel Ruͤgen. Koſegarten hat dieſe Inſel mit dem Zauber romantiſcher Dichtung, dio Natur mit unbeſchreiblicher Schoͤnheit, die Zeit mit Magie geſchmuͤckt, die die Denkmaͤhler einer hinter Jahrtauſenden verſunkenen Vorwelt fuͤr jede fuͤhlende Seele haben. Ich lebte und ge⸗ noß dort Stunden, deren Erinnerung mir nie fremde, nie alltaͤglich werden wird. Auf dem Gipfel des grauen Rugards fah ich die Sonne aufgehen und ſinken, Tagelang irrte ich umher in Putbus reizenden Gegenden: aber du, blaues Jasmund, wurdeſt mir lieb und theuer vor allen! Deine himmelanſtrebenden Ufer, deine heiligen Haine, und das allgewal⸗ tige Meer, das dich umguͤrtet, fuͤllten meine Seele mit Ehrfurcht und heiligem Schauer! Nie, nie vergeß' ich dein!— Es war gegen Abend, als wir von Saſ⸗ ſenitz ab zu Waſſer nach Stubbenkam⸗ mer fuhren. Ach, daß ich Worte haͤtte, nur ein daͤmmerndes Bild deſſen zu geben, was auf dieſer Reiſe in unvergeßlicher Hohheit ſich mir darſtellte! Aber nur der Geiſt umfaßt kuͤhn dieſe Gebilde; die Phantaſie ermattet, wenn ſie darſtellen foll, was ihre Schoͤpfungen an Pracht und Groͤße uͤbertrifft!— Lieblich weicht der zuruͤck, wenn man ſich vom Lande entfernt, lieblich naͤhert es ſich wieder: aber kuͤhner und kuͤhner thuͤrmt es jetzt ſich empor, ſeine Schluchten werden tiefer, die Waͤlder ſei⸗ ner weißen Gipfel werden dem Auge zum Ge⸗ buͤſche— und immer ſteiler, jaͤher, zackichter, in tauſend abentheuerlichen Geſtalten thuͤrmt es ſich empor und bietet in jedem Moment eine neue Anſicht dar, bis ploͤtzlich der Koͤnigs⸗ ſtuhl ſeine Eichen den Wolken entgegenhebt und die Blicke des Schauenden mit der Ge⸗ walt des Erhabenen an ſich zieht.— Und als wir ihn erſtiegen hatten und nun in die⸗ ſem uralten Haine die Nacht kam, alles Leben vor ihr verſtummte, nur die Wipfel der Baͤume feierlicher rauſchten und die Wellen in der ſchwindelnden Tiefe ſich lauter am Ufer bra⸗ chen: da traten dieſe weißen Felſenmaſſen wie koloſſaliſche Geiſtergebilde aus der Finſterniß hervor und weckten in meiner Seele ernſte Gedanken des Wechſels alles Vergaͤnglichen und Sehnen nach dem Ewigen. Ein Gewitter hing ſchwarz und duͤſter am Nachthimmel: der Sturm machte ſich auf und jagte es vor ſich 83 —— 93 her. Finſtrer wurde es um mich; lauter brauſ'te das Meer, und ſchauerlicher ſchlug die Flamme, die unſre Leute angezuͤndet hatten, durch die Dunkelheit. Da ſchoß der erſte Blitz, wie eine gekruͤmmte Schlange, vom Him⸗ mel zur Erde, und in erſchuͤtternder Pracht trat das hohe Felſenufer eine Sekunde lang aus ſei⸗ nem Dunkel hervor. Feierlich rollte der Don⸗ ner, und der Wiederhall rief ihn von Schlucht zu Schlucht, von Uſer zu Ufer, bis ein neuer Donner ihn mit geſtaͤrkter Macht aufforderte. So groß, ſo kuͤhn hatte ich die Natur noch nicht gekannt. In den friedlichen Ebnen meines Vaterlandes, am Ufer ſeiner klaren Baͤche und kleinen Fluͤſſe erſchien ſie mir nur, wis eine lieb⸗ liche Geſpielin. Ihre Goͤttlichkeit, ihre furcht⸗ bare, geheimnißvolle Macht, welcher jede Erden⸗ groͤße ſich beugt, ging mir erſt in dieſer hehren, heiligen Nacht auf, wo aus allen ihren Erſchei⸗ nungen eine namenloſe, unendliche Kraft zu mei⸗ nem Herzen ſprach, von der ich ſelbſt ein Aus⸗ fluß, ein Hauch zu ſeyn fuͤhlte. Die Jahr⸗ tauſende der Vorwelt ſchienen mir jetzt nur ein Triumphzug, durch den die Natur ihren ewi⸗ 54 gen Sieg uͤber Tod und Zerſtoͤrung feiert, und mit dieſem ewigen, unzerſtoͤrbaren Leben, mit dieſer Seele der Welt fuͤhlte ich mich Eins, und faͤhig, in dieſem Gefuͤhl furchtlos auf den Truͤmmern einer verſinkenden Erde zu ſtehen. Im blendenden Feuerglanz hob ſich die Sonne am andern Morgen aus dem Meer, und ihre jugendlichen Stralen fielen auf eine friſche, wie neu aufgruͤnende Erde. Unmoͤglich konnte ich ſchon ſcheiden, und meine Tante ließ ſich bereden, mit mir einige Tage in der Stubnitz zu weilen. Der Pfarrherr Willich in Sagard hat nah am Koͤnigsſtuhl eine ein⸗ fache Huͤtte erbauen laſſen, die den Reiſenden Schutz vor Regen und ein Nachtlager gewaͤhrt. Die Frau des am Eingang der Stubnitz woh⸗ nenden Jaͤgers beſorgte unſre Kuͤche und ich fuͤhlte mich in dieſen einfachen Umgebungen und dem zwangloſen Umgang mit der herrli⸗ chen großen Natur heitrer und muthiger, denn lange. 3 Zwei Tage blieben wir einſam. Am Mor⸗ gen des dritten ging ich fruͤhe mit meiner Tante nach Hertha⸗Burg. Wir lagerten uns am 55 Ufer des ſchwarzen See's und ich weckte mit meiner Guitarre und Stimme das ſchoͤne Echo des Burgwalls. Ich ſang: Es ſinkt die Nacht, und lichte Morgen gehen Im Roſenſchimmer auf, die Luͤfte wehen Fern aus dem Buſen meinen duͤſtern Schmerz. Die ſtille Ruhe ſchwebt zur Seele nieder, Wohlthaͤtig waltend, ach! beherrſcht nun wieder Der Friede ſanft das wellenloſe Herz. Da fiel von der Hoͤhe herab eine Floͤte in die Melodie des Geſanges ein und begleitete ihn. Ich endete und eine ſchoͤne Tenorſtimme ſang, uns naͤher kommend, meine Worte nach. Mit einer dunklen, durch den Laut der Stimme geweckten Ahnung ſah ich dem Saͤnger entge⸗ gen und erkannte ſchon in der Ferne den Prin⸗ zen... Sein erſter Blick auf uns befluͤgelte ſeine Schritte und durch unſer Zuſammentreffen ſichtlich angenehm uͤberraſcht, bezeugte er uns ſeine Freude daruͤber. Auftraͤge ſeines Hofes, erzaͤhlte er, haͤtten ihn bei ſeiner bevorſtehenden Ruͤckreiſe nach Rußland genoͤthigt, in Berlin zu verweilen, um dort die Wiederkunft eines 8 35— nach St. Petersburg geſandten Kuriers zu er⸗ warten, und er habe dieſe Zwiſchenzeit zu einem Durchflug durch Ruͤgen benutzt, welches er nun ſchon ſeit einigen Tagen, unter dem Na⸗ men von Loͤwenhjelm durchſtreife. Potocki ſei mit ſeinem ganzen Gefolge in Berlin zuruͤck⸗ geblieben, wo Geſchaͤfte ſeine Anweſenheit er⸗ forderten, und er genieße alſo ganz allein der doppelten Belohnung ſeiner Reiſe, indem ihm, zu dem Genuß dieſer ſchoͤnen Gegend, auch noch das Gluͤck werde, uns ſo unvermuthet wiederzuſehen.. Meine Tante antwortete ihm und ich ge⸗ wann Zeit, mich zu faſſen. Sein Anblick hatte mich erſchuͤttert, ſeine Anrede mich, von dem minutenlangen Traum von der Naͤhe eines Andern, zu der Wirklichkeit unſrer ewigen Tren⸗ nung in ſchnellem Uebergang zuruͤckgefuͤhrt. Er bat ſich auf den Mittag bei uns zu Gaſte und wir ſetzten unſern Spaziergang bis dahin gemeinſchaftlich fort. Unſer Zuſammen⸗ ſeyn wurde durch ſein Inkognito und die Aermlichkeit unſers ſparſamen Mahls zwang⸗ los und vertraulich, und ich ſcheute es nicht, 1 V nach Tiſch ſeine Fuͤhrerin nach Klein⸗Stubben⸗ kammer zu werden, da er ſichtlich darnach ſtrebte, mich allein ſprechen zu wollen. In ſchnellem Uebergange lenkte er nun das Geſpraͤch auf Potocki. Ich vermiſſe, ſagte er, meinen Freund unbeſchreiblich auf dieſer kleinen Reiſe und fuͤhle das Unrecht tief, ſchoͤne Stunden zu verleben ohne ihn, der der Erheiterung ſo ſehr bedarf. Ich warf einen aͤngſtlichen, fragenden Blick auf ihn; er fuhr fort: Seit einem Jahre hat ſich ſeiner eine Schwermuth bemaͤchtigt, die, trotz ſeines ſorgfaͤltigen Beſtrebens ſie zu ver⸗ bergen, ſo tief in ſeiner Seele ruht, daß ſie unwillkuͤhrlich aus jedem Worte, aus jeder Be⸗ wegung hervorleuchtet, und mir in jedem unbe⸗ wachten Augenblicke das wunde Herz verraͤth, das er meinen Bitten geheimnißvoll verſchließt. Er laͤugnet mir ſein Geheimniß ab, und doch darf ich ſein Schweigen keinem Mangel an Vertrauen Schuld geben, denn nie war er liebevoller und hingebender gegen mich, als ſeit dieſem Zeitpunkt. So empfinde ich den Schmerz, den edelſten, beſten der Menſchen 58 vor meinen Augen leiden zu ſehen und bei dem innigſten Wunſch, ſein Gluͤck mit jedem Opfer zu erkaufen, nicht einmal erfahren zu können, was ihm fehlt. O, ſagte ich ihm geruͤhrt— wie werth zeigt Sie dieſer Schmerz des edelſten Freun⸗ des! Ich beſitze ihn in Potocki, und wenn die Sprache noch ein vielſagenderes, heiligeres Wort haͤtte, als den Namen Freund, ſo wuͤrde ich ihn damit nennen. Sie kennen ihn, Fraͤu⸗ lein Roſen, und die Achtung, die Sie ihm eingefloͤßt haben, iſt mir Buͤrge Ihres Werths; aber, trotz des feinen Sinns des edlen Weibes fuͤr Maͤnnerwerth und Maͤnnergroͤße, moͤchte ich behaupten, daß Sie Jahre brauchen wuͤrden, den ganzen Werth dieſes Mannes zu erkennen, in deſſen Charakter Licht und Waͤrme ſich im ſchoͤnſten Verhaͤltniß einen—— Wie wan⸗ delbar auch das Schickſal ſei— fuhr er leb⸗ hafter ergriffen fort; die Gewißheit, in ihm einen Schatz zu beſitzen, der außer der Gewalt der Zeit und des Zufalls ruht, ſtaͤhlt mich gegen ſeine Macht. 59 Tief bewegt, mit Thraͤnen, die ſich nicht laͤnger zuruͤckpreſſen laſſen wollten, mußte ich ſeine Hand feſter faſſen: Nehinen Sie meinen Dank, daß Sie mich werth achteten, in das Heiligthum dieſer Freundſchaft zu blicken! Es ſoll die reinſte Wonne meines Herzens blei⸗ ben, zu wiſſen, daß das ſchoͤnſte Heroenbild der Vorwelt noch im Bilde ſolcher Freunde unter uns wandelt. Ich ahnete es, daß ich hier verſtanden wer⸗ den mußte! Sie fuͤhlen, fuhr der Prinz fort, was er mir gelten muß; aber, weh mir! wenn dieſe Freundſchaft je in furchtbarernſter Geſtalt zwiſchen ihn und ſein Gluͤck traͤte! Allwina, ich moͤchte Ihnen nicht gern unzart erſcheinen: aber als ich heut bei Ihrem Anblick, ſtatt des vor einem Jahre in hoͤchſter Fuͤlle der Jugend und bluͤhender Geſundheit ſtralenden Maͤd⸗ chens das Bild einer frommen, blaſſen Heili⸗ gen fand, kehrte mir eine Ahnung wieder, die ſchon fruͤher mich ergriffen hatte— die, daß Sie mir zu deuten vermoͤgen, was Potocki's Leben verduͤſtert— Mein theurer Prinz— was ſoll ich ant⸗ 60 worten? Ich kann Ihnen nicht unwahr ſeyn; aber laſſen Sie mich das Schweigen Ihres Freundes als eine Warnung, als die Regel ſei⸗ ner ſchoͤnen Seele ehren, die auch mir Geſetz wird.— Er ſchwieg und ging lange ſinnend neben mir. Dann knuͤpfte er raſch und heiter ein andres Geſpraͤch an, das die Ruͤckkehr zu mei⸗ ner Tante belebte und fortſpann. Am Abend ſchied er und den andern Tag kehrten auch wir nach Sagard zuruͤck. Meine Tante war ſeit der Anweſenheit des Prinzen ſehr heiter und auch in meinem Herzen hatte er neues Leben geweckt. Leiſe und langſam erhob ich mich, wie eine vom Regen niedergeſchlagne Blume ſich im freundlichen Sonnenſchein aufrichtet, und von namenloſen Hoffnungen zitterte mir die Bruſt ſo ſelig, daß ich vergaß, mich zu fra⸗ gen, was ich eigentlich hoffe? Holde Traͤume umgaukelten mich im Schlafe, blieben, wenn ich erwachte, in meinem Herzen, und machten das Halbdunkel der Zukunft noch magiſcher. Wittow wurde das letzte Ziel unſrer kleinen Reiſen. Wir wuͤnſchten Koſegarten kennen 61 zu lernen und ihm muͤndlich fuͤr den mannig⸗ fachen Genuß dieſer Tage zu danken, da ſeine Schriften zuerſt die Aufmerkſamkeit auf die ſchoͤne Inſel gelenkt hatten. Die edle Gaſt⸗ freiheit, die der Charakter ſeines Hauſes iſt, lud uns ein, dort einige Tage zu verweilen, und ſein Geiſt, ſein Dichtergenius, ſein feiner Sinn fuͤr das Schoͤne der Natur und der Kunſt, gaben jeder mit ihm verlebten Stunde Genuß und Werth. Fruͤher hatte ich den Dichter geliebt; nun lernte ich den Menſchen hochachten. Unter der duͤſtern Außenſeite, die die Natur und— das Schickſal ihm gab, ruht ein Geiſt voll Anhaͤnglichkeit an alles Schoͤne und Gute, und ein Herz, zu hell von den Stralen einer zweiten Welt erleuchtet, als daß ihm nicht die Erde zuweilen finſter erſcheinen muͤßte!— Unſerer Trennung von Wittow ſollte bald der Abſchied von Ruͤgen folgen, den jetzt noch Briefe meiner Aeltern beſchleunigten, welche die dringende Bitte enthielten, unſere Ruͤck⸗ reiſe ſo einzurichten, daß ich meinen achtzehn⸗ ten Geburtstag mit ihnen feiern koͤnnte. Meine 62 Mutter ſchrieb mir: Du wirſt den Zirkel un⸗ ſers nachbarlichen Umgangs durch einen ſehr in⸗ tereſſanten Mann vermehrt finden, der ſeit kur⸗ zem die Baronie D— hoff gekauft hat. Wenn ich mich der Vorliebe erinnere, die du von jeher fuͤr dieſen reizenden Ort hatteſt: ſo kann ich mich des Wunſches nicht entwehren, daß die Vorſe⸗ hung ihn beſtimmt haben moͤge, die Wunde dei⸗ nes Herzens zu heilen. Komm nur; das Ueb⸗ rige thue dann das Schickſal, das oft die duͤſtre Verworrenheit des Lebens freundlich loͤſet.— Gute Mutter, ſeufzte ich leiſe; meine Liebe zu dem Einen muß mir bleiben, und freudig naͤhre ich die ſchoͤne Flamme, in der Herz und Geiſt ſich laͤutern. Mit wehmuͤthigem Dank ſchied ich von der durch Natur und Menſchen mir ewig theuren Inſel. Lebe wohl, rief ich, als unſer Boot vom Ufer abſtieß, Mit deinen heiligen Bergen, Mit deinen rauſchenden Hainen, Mit deinen freundlichen Thaͤlern, Mit deinen trauten Bewohnern, — 53 Mein holdes, liebliches Ruͤgen, Lebe wohl! Am Vorabend meines Geburtstages erreichten wir R—. Lange, lange hielt mich meine Mut⸗ ter umſchlungen; ſeit einem Jahre ſahen wir uns nicht, und die Spuren der Krankheit auf meinem Geſicht ruͤhrten ſie tief. Gewaltſam nur ſchien ſie ihren Gefuͤhlen Worte zu verſa⸗ gen. Auch mein Vater bewillkommte mich wei⸗ cher, feierlicher, als ich es von dem guten, aber ſtrengen Manne gewohnt war. Ich fuͤhlte mich in dieſem Empfang von etwas Geheimnißvol⸗ lem umſponnen, das ich nicht zu entraͤthſeln ver⸗ mochte. Unſere Unterhaltung war oft abgebro⸗ chen, meine Aeltern und die Tante wechſelten oft bedeutende Blicke, heimliche Winke: ich fing an, eine Ueberraſchung zur Feier des kommenden Tages zu ahnen, da ich es gewohnt war, daß die freundliche Liebe der Meinigen mir den Tag meiner Geburt feſtlich vor allen andern her⸗ aushob. Nach Tiſche eilte ich in den Garten. Ach wie ganz anders war es, als ich im vorjaͤhrigen 64— Fruͤhling, tagelang, voll des erſten Ahnens und Sehnens nach Liebe, in ſeinen Gehoͤlzen und Gaͤngen umherſtrich! Damals hing mein ju⸗ gendliches Leben voll ſchwellender Roſenknoſpen heitrer Freuden; ſchoͤn bluͤhten ſie auf— aber wie bald ſanken ihre Blaͤtter und wie tief druͤckte das Schickſal ihre Dornen in mein Herz!— Die Mitternacht fand mich noch in meiner Lieb⸗ lingslaube und das erſte Morgenroth nahm ſchon wieder den Schlaf von meinen Augen. Mit ernſter Nuͤhrung ſah ich in die Vergangenheit und mit kindlicher Ergebung in die Zukunft. Neine Seufzer und Wuͤnſche wurden Gebet zu dem, deſſen Daſeyn ich ſo lebendig in meinem Herzen fuͤhlte; vor dem ich voll des Vertrauens, voll des Glaubens wandelte, er ſei die unend⸗ liche Liebe, und jeder Seufzer ſeiner Geſchoͤpfe loͤſe ſich einſt vor ihm in entzuͤckenden Wohlklang des Dankes auf. Heiter ging ich zu meinen Aeltern und empſing ihre Gluͤckwuͤnſche. Ich hatte darauf gerechnet, ſagte mein Vater beim Fruͤhſtuͤck, den heutigen Tag recht froh und ein⸗ ſam unter uns zu verleben; allein eine eben erhaltene Einladung vereitelt dieſen Plan und wir muͤſſen zum Mittag nach D— hoff fah⸗ ren. Als ich ſpaͤter nach meinem Zimmer zuruͤck⸗ ging, begleiteten mich Mutter und Tante. Scherzend ordneten ſie meinen Anzug, und, trotz meines Widerſtrebens, kam ich glaͤnzend ge⸗ ſchmuͤckt aus ihren Haͤnden. Der Wagen fuhr vor, und nach einer Stunde glaͤnzte uns aus den dunkeln Kaſtaniengaͤngen das hohe, weiße Schloß D— hoff entgegen. Nein Blick fiel auf meine Mutter und Tante, die mir den ganzen Morgen ſonderbar bewegt erſchienen wa⸗ ren. Jetzt bei dieſem Anblick reichten ſie ſich die Haͤnde: ſie laͤchelten und doch ſtanden Thraͤ⸗ nen in ihren Augen. Meine Mutter warf die zaͤrtlichſten Blicke auf mich; ſie wollte reden— ihre Lippen oͤffneten ſich, aber ein ſanftes Wei⸗ nen unterbrach ſie, und mit innigem Ausdruck reichte ſie mir die Hand. Allwina, ſagte end⸗ lich meine Tante, du biſt bis heute das beſte Kind geweſen— ohne Klage, ohne Seufzer opferteſt du uns beiden das Gluͤck deines Herzens: aber der Lohn fuͤr deine kindliche Liebe iſt dir nahe. Bewahre den Muth, den du fuͤr die Hoff⸗ J. f. F. II. J. 11. H. 5 66— nungsloſigkeit hatteſt, jetzt auch fuͤr das Gluͤck!—. Die ſeligſte aller Ahnungen durchflog mich. Ich zog die Haͤnde der beiden Theuren vereint an mein Herz, an meine Lippen; ich wollte fragen— da oͤffnete ſich ſchon das Thor. Ein aͤltlicher Herr empfing uns und bot meiner Mutter und Tante den Arm. An der Hand meines Vaters folgte ich ihnen durch einige reich verzierte Zimmer und trat jetzt in einen zierlich geſchmuͤckten Saal, der mir auf allen Seiten in bluͤhenden Blumengewinden meinen Namen wieß. Ueberraſcht ſtand ich ſtill. Ich bin dir noch ein Angebinde ſchuldig, ſprach mein Vater; allein dies wirſt du aus einer an⸗ dern Hand erhalten. Wir haben heute nichts fuͤr dich, als unſern beſten Segen. Die Fluͤ⸗ gelthuͤren des Nebenzimmers ſprangen auf— es naͤherten ſich zwei Geſtalten: ich erkannte den Prinzen und— o unvergeßlicher Moment, ſchoͤnſte Bluͤte meines Erdenlebens!— an ſei⸗ ner Hand war Potocki!— Er war es, er lag zu meinen Fuͤßen, ich las in ſeinen Augen die ſuͤße Trunkenheit der Liebe und des Ent⸗ 67 zuͤckens. Nimm ſie hin, dieſe Hand, ſagte der Prinz; ich habe ſie fuͤr dich geworben— und mit ihr das Gluͤck, das die Freundſchaft nur zu verſuͤßen, nicht zu gewaͤhren vermag.— Guſtav ſchloß mich in ſeine Arme und druͤckte den Verlobungskuß auf meine Lippen. Dann warf er ſich ſtumm an die Bruſt des Prinzen, der ihn feſt umſchloß. Ihre Seelen verſtanden ſich in dieſer Umarmung ohne Worte. Edel dankte Potocki dann meinen Aeltern fuͤr das Vertrauen, mit dem ſie mich ihm uͤbergaͤ⸗ ben, und dieſe Stunde wurde ein ſchoͤnes Feſt der heiligſten Empfindungen der Menſchheit. Trompeten und Pauken riefen uns nach dem Speiſeſaal, wo wir den Adel der umliegenden Gegend verſammlet fanden, dem der Prinz Potocki'n als neuen Nachbar, mich als deſſen Braut vorſtellte. Spaͤt erſt erfuhr ich, daß das heutige Feſt fuͤr Potocki, wie fuͤr mich, eine Ueberraſchung war. Die Ahnungen des Prinzen uͤber den Grund der Schwermuth ſei⸗ nes Freundes waren ihm auf Stubbenkammer zur Gewißheit geworden. Feſt entſchloſſen, dem Gluͤck dieſer Liebe kein Hinderniß zu werden, 68—— warb er bei meinen Aeltern fuͤr den Freund um meine Hand. Der Ankauf der Baronie D— hoff raͤumte jede Schwierigkeit aus dem Wege. Schriftlich wurde alles fuͤr die Ueber⸗ raſchung des heutigen Tages verabredet, und erſt eine Stunde vor unſrer Ankunft erfuhr Potocki unſer Gluͤck. Der Abend kam und rief uns in den Gar⸗ ten, wo tauſend Lampen einen neuen Tag ſchufen. Unausſprechlich begluͤckt durchwandelte ich ihn in einer wahrlich uͤberirrdiſchen Stille des Gemuͤths an Potocki's Hand. Wir erſtie⸗ gen die Terraſſe, die den Garten oͤſtlich begraͤnzt, und die weite Gegend lag vom Monde erhellt friedlich und verklaͤrt, wie unſer kuͤnftiges Leben, vor uns.— Und hier vor dem ſtillen Nacht⸗ himmel und der Sternenſchrift deſſen, der ihn ſchuf, und auch uns, und der uns den ver⸗ gaͤnglichen Schmerz gegeben hatte und die ewige Liebe, erneuerten wir das Geluͤbde ewiger Treue, nicht allein gluͤcklich, ſondern auch gut ſeyn zu wollen. Wenig Wochen darauf feierten wir unſre Verbindung, die mich zur gluͤcklichſten Frau gemacht hat und mit jedem Jahr meinem Gat⸗ ten neue Rechte auf meine innigſte Vereh⸗ rung und meine unausſprechliche Liebe giebt. Alle Jahre bringen wir einige Zeit in Peters⸗ burg bei dem Stifter unſers Gluͤckes zu und die harmoniſchen Toͤne der edlen Freundſchaft beider Maͤnner toͤnen rein und hell in beider Seelen fort und werden nie verhallen, weil ihr Ziel Eins iſt, mit dem Ziel der Menſchheit. Meine Tante lebt bei uns, meine Aeltern ſind mir nahe, und mein Erſtgeborner lallt ſchon den Namen ſeines Vaters. Alles, was mich umgiebt, iſt durch Liebe und Wohlwollen mit mir verknuͤpft und jeder Tag bewaͤhrt mir die ſchoͤne Wahrheit, daß Liebe und Guͤte un⸗ verſiegbare Quellen reinen Gluͤckes ſind. Fanny. 69 70 3——O Ruhe in Unruh⸗ Zwei verſchiedene Fragmente fuͤr Verſchiedene. —— Zu ihm, dem erhabenen, lebendigen Willen, den kein Name nennt und kein Begriff umfaßt, darf ich mein Gemuͤth erheben; denn er und ich ſind nicht getrennt. Seine Stimme ertoͤnt in mir, die meinige toͤnt in ihm wieder; und alle meine Gedanken, wenn ſie nur wahr und gut ſind, ſind in ihm gedacht. In ihm, dem Unbegreiflichen, werde ich mir ſelbſt, und wird mir die Welt vollkommen begreiflich, und die vollendetſte Harmonie entſteht in meinem Geiſte. Am beſten faſſet ihn die kindliche, die er⸗ gebne Einfalt. Er iſt ihr der Herzenskuͤndiger, der ihr Innres durchſchaut; der allgegenwaͤr⸗ tige, treue Zeuge ihrer Geſinnungen, der allein weiß, daß ſie es redlich meint, und der allein ſie kennt, ob ſie auch von aller Welt mißkannt wuͤrde. Er iſt ihr der Vater, der es immer gut mit ihr meint, und der alles zu ihrem 71 Beſten wenden wird. In ſeine guͤtigen Be⸗ ſchluͤſſe giebt ſie ſich ganz mit Leib und Seele. Thue mit mir, wie du willſt, ſagt ſie; ich weiß, daß es gut ſeyn wird, ſo gewiß du es biſt, der es thut—— Ich verhuͤlle vor ihm mein Angeſicht und lege die Hand auf den Mund. Wie er fuͤr ſich ſelbſt iſt, kann ich nie einſehen, ſo gewiß ich nie er ſelbſt werden kann. Nach tauſend⸗ maltauſend durchlebten Geiſterleben werde ich ihn noch eben ſo wenig begreifen, als jetzt, in die⸗ ſer Huͤlle von Erde—— Ich will nicht ver⸗ ſuchen, was mir durch das Weſen der Endlich⸗ keit verſagt iſt und was mir zu nichts nuͤtzen wuͤrde; wie er an ſich ſelbſt iſt, will ich nicht wiſſen: aber ſeine Beziehungen und Verhaͤltniſſe zu mir, dem Endlichen, und zu allen Endlichen, liegen offen vor meinem Auge, werde ich, was ich ſeyn ſoll— und ſie umgeben mich in helle⸗ rer Klarheit, als das Bewußtſeyn meines eig⸗ nen Daſeyns—— In der Anſchauung dieſer ſeiner Beziehun⸗ gen zu mir will ich ruhig und ſelig ſeyn. Ich weiß unmittelbar nur, was ich ſoll. Dieſes 72—— will ich unbefangen, freudig und ohne Kluͤgelei thun, denn es iſt ſeine Stimme, die es mir befiehlt, die Verordnung des geiſtigen Welt⸗ plans an mich, und die Kraft, mit der ich es ausrichte, iſt ſeine Kraft. Was durch jene mir geboten, was durch dieſe ausgerichtet wird, iſt in jenem Plane gewiß und wahrhaftig gut. Ich bin ruhig bei allen Ereigniſſen in der Welt; denn, Unendlicher, ſie ſind in deiner Welt. Nichts kann mich irren, oder befrem⸗ den, oder zaghaft machen, ſo gewiß du lebſt und ich dein Leben ſchaue. Denn in dir, und durch dich hindurch, erblicke ich ſelbſt meine gegenwaͤrtige Welt in einem andern Lichte—— Es erſcheint mir als ihr Endzweck, daß ein Zuſtand des allgemeinen Friedens unter den Menſchen und ihrer unbedingten Herrſchaft uͤber den Natur⸗Mechanismus— und zwar, daß er durch die Menſchen ſelbſt hervorge⸗ bracht werde; und da er auf alle berechnet iſt, daß er durch alle, als Eine große, freie, mo⸗ raliſche Gemeine hervorgebracht werde. Nichts Neues und Beſſeres fuͤr einen Einzelnen, außer durch ſeinen pflichtmaͤßigen Willen; nichts Neues und Beſſeres fuͤr die Gemeine, außer durch den gemeinſchaftlichen pflichtmaͤßigen Wil⸗ len: das iſt Grundgeſetz des großen ſittlichen Reichs, wovon das gegenwaͤrtige Leben ein Theil iſt. Darum iſt der gute Wille des Ein⸗ zelnen fuͤr dieſe Welt ſo oft verloren, weil er nur noch der des Einzelnen iſt, und der Wille der Mehrheit mit ihm nicht zuſammenſtimmt; und ſeine Folgen fallen blos in eine zukuͤnftige Welt. Darum ſcheinen ſogar die Leidenſchaf⸗ ten und Laſter der Menſchen zur Erreichung des Beſſern mitzuwirken— nicht an und fuͤr ſich: in dieſem Sinne kann aus dem Boͤſen nie Gutes hervorgehen; ſondern, indem ſie den entgegengeſetzten Laſtern das Gleichge⸗ wicht halten, und endlich durch ihr Uebermaaß dieſe, und mit ihnen zugleich ſich ſelbſt vernich⸗ ten. Die Unterdruͤckung haͤtte nie die Ober⸗ hand gewinnen koͤnnen, wenn nicht Feigheit, Niedertraͤchtigkeit, und gegenſeitiges Mißtrauen der Menſchen unter einander ihr den Weg ge⸗ ebnet haͤtten. Sie wird ſo lange ſteigen, bis ſie die Feigheit und den Sklavenſinn ausrottet, und Verzweiflung den verlornen Muth wieder 74— 6 hebt. Dann werden die beiden entgegengeſetz⸗ ten Laſter einander vernichtet haben, und das edelſte in allen menſchlichen Verhaͤltniſſen, dau⸗ rende Freiheit, wird aus ihnen hervorgegangen ſeyn.—— Ich erhebe mich in dieſen Standpunkt, und bin ein neues Geſchoͤpf, und mein ganzes Ver⸗ haͤltnis zur vorhandenen Welt iſt verwandelt. Mein Geiſt iſt verſchloſſen fuͤr Verlegenheit und Verwirrung, fuͤr Ungewißheit, Zweifel und Aengſtlichkeit; mein Herz fuͤr Trauer, fuͤr Reue, fuͤr Begier. Nur Eins iſt, das ich wiſſen mag: was ich thun ſoll, und dies weiß ich ſtets unfehlbar. Ueber alles andere weiß ich nichts— und enthalte mich, zu muthmaßen, mit mir ſelbſt mich zu entzweien, uͤber das, wovon ich nichts weiß.— Alles, was geſchieht, gehoͤrt in den Plan der ewigen Welt, und iſt gut in ihm, ſo viel weiß ich; was in dieſem Plane reiner Gewinn, oder was nur Mittel ſei, um ein vorhandenes Uebel wegzuſchaffen, was daher mich mehr oder weniger erfreuen ſolle, weiß ich nicht. In ſeiner Welt gedeihet Alles; dieſes genuͤgt mir, und in dieſem Glau⸗ ben ſteh' ich feſt, wie ein Fels; was aber in ſeiner Welt nur Keim, was Bluͤte, was die Frucht ſelbſt iſt, weiß ich nicht. Das Einige, woran mir gelegen ſeyn kann, iſt der Fortgang der Vernunft und Sittlichkeit im Reiche der vernuͤnftigen Weſen; und zwar lediglich um ſein ſelbſt, um des Fortgangs wil⸗ len. Ob ich das Werkzeug dazu bin, oder ein Anderer; ob es meine That iſt, die da gelingt oder gehindert wird, oder ob die eines Andern— gilt mir gleich. Ich wuͤnſche das Gelingen meiner That nur, in wiefern ſie jenen Fortgang befoͤrdert. So betrachte ich auch alle Weltbegebenheiten nur in Ruͤckſicht auf dieſen einigen Zweck, moͤgen ſie von mir aus⸗ gehen oder von Andern, unmittelbar auf mich ſich beziehen oder auf Andere. Mag es ſchei⸗ nen, als ob die Wahrheit voͤllig zum Schwei⸗ gen gebracht und die Tugend ausgetilgt werden ſollte, als ob die Unvernunft und das Laſter alle Kraͤfte aufgeboten haͤtten, und ſich ſchlecht⸗ hin nicht davon wuͤrden abbringen laſſen, fuͤr Vernunft und wahre Weisheit zu gelten; mag es gerade, indem alle Guten hofften, daß es 76 beſſer mit dem Menſchengeſchlechte werden ſoll⸗ te, ſo ſchlimm mit ihm werden, als nie—: das ſoll mich eben ſo wenig aus der Faſſung bringen, als ein andermal der Anſchein, daß nun auf einmal die Erleuchtung wachſe und gedeihe, daß Freiheit und Selbſtſtaͤndigkeit ſich maͤchtig verbreiten, daß mildere Sitten, Fried⸗ lichkeit, Nachgiebigkeit, allgemeine Billigkeit unter den Menſchen zunehmen— mich traͤge eg und nachlaͤſſig und ſicher machen ſoll, als ob nun alles gelungen waͤre. So erſcheint es mir; oder auch, es iſt ſo, es iſt wirklich ſo, fuͤr mich; und ich weiß in beiden Faͤllen, wie uͤberhaupt in allen moͤglichen Faͤllen, was ich nun weiter zu thun habe. Ueber alles uͤbrige bleibe ich in Ruhe, denn ich weiß nichts uͤber alles uͤbrige. Jene mir ſo traurigen Ereigniſſe koͤnnen in dem Plane des Ewigen das naͤchſte Mittel ſeyn fuͤr einen ſehr guten Erfolg; jener Kampf des Boͤſen gegen das Gute kann der letzte bedeutende Kampf deſſelben ſeyn ſollen, und es kann ihm diesmal vergoͤnnt ſeyn, alle ſeine Kraͤfte zu verſammeln, um ſie zu verlie⸗ ren, und in ſeiner ganzen Ohnmacht ſich in das 1 Licht zu ſtellen. Jene mir erfreulichen Erſchei⸗ nungen koͤnnen auf ſehr verdaͤchtigen Gruͤnden beruhen; es kann vielleicht nur Vernuͤnftelei und Abneigung gegen alle Ideen ſeyn, was ich fuͤr Erleuchtung— Luͤſternheit und Zuͤgelloſig⸗ keit, was ich fuͤr Selbſtſtaͤndigkeit, Ermattung und Schlaffheit, was ich fuͤr Milde und Fried⸗ lichkeit gehalten habe. Ich weiß dies zwar nicht, aber ſo koͤnnte es ſeyn, und ich haͤtte dann eben ſo wenig Grund uͤber das erſte mich zu betruͤben, als uͤber das letzte, mich zu er⸗ freuen. Das aber weiß ich, daß ich in der Welt der hoͤchſten Weisheit und Guͤte mich befinde, die ihren Plan ganz durchſchaut, und ihn unfehlbar ausfuͤhrt; und in dieſer Ueber⸗ zeugung ruhe ich und bin ſelig.. Daß es freie, zur Vernunft und Sittlich⸗ keit beſtimmte Weſen ſind, welche gegen die Vernunft ſtreiten und ihre Kraͤfte zur Befoͤrde⸗ rung der Unvernunft und des Laſters aufbieten, kann mich eben ſo wenig aus meiner Faſſung bringen, und der Gewalt des Unwillens und der Entruͤſtung mich hingeben. Die Verkehrt⸗ heit, daß ſie das Gute haßten, weil es gut iſt, 78— und das Boͤſe befoͤrderten, aus reiner Liebe zum Böͤſen, als ſolchem, welche allein meinen gerechten Zorn reizen koͤnnte— dieſe Verkehrt⸗ heit ſchreibe ich keinem zu, der menſchliches Angeſicht traͤgt; denn ich weiß, daß dieſelbe nicht in der menſchlichen Natur liegt. Ich weiß, daß es fuͤr alle, die ſo handeln, in wiefern ſie ſo handeln, uͤberhaupt kein Boͤſes oder Gutes, ſondern lediglich ein Angenehmes oder Unangenehmes giebt; daß ſie uͤberhaupt nicht unter ihrer eigenen Botmaͤßigkeit, ſon⸗ dern unter der Gewalt der Natur ſtehen, und daß nicht ſie ſelbſt es ſind, ſondern dieſe Na⸗ tur in ihnen, die das erſte mit aller ihrer Macht ſucht, und das letzte flieht, ohne Ruͤck⸗ ſicht, ob es uͤbrigens gut oder boͤſe ſei. Ich weiß, daß ſie, nachdem ſie nun einmal ſind, was ſie ſind, nicht um das mindeſte anders handeln koͤnnen, als ſie handeln; und ich bin weit entfernt, gegen die Nothwendigkeit mich zu entruͤſten, oder mit der blinden und willenlo⸗ ſen Natur zu zuͤrnen.—— Koͤrperliche Leiden, Schmerz, Krankheit ꝛc., wenn ſie mich treffen ſollten, werde ich nicht —— 79 vermeiden koͤnnen zu fuͤhlen, denn ſie ſind Ereigniſſe meiner Natur, und ich bin und bleibe hienieden Natur: aber ſie ſollen mich nicht betruͤben. Sie treffen auch nur die Natur, mit der ich auf eine wunderbare Weiſe zuſammenhaͤnge, nicht mich ſelbſt, das uͤber alle Natur erhabene Weſen. Das ſichere Ende alles Schmerzes und aller Empfaͤnglichkeit fuͤr den Schmerz iſt der Tod; und unter allem, was der natuͤrliche Menſch fuͤr ein Uebel zu halten pflegt, iſt es mir dieſer am wenigſten. Ich werde uͤberhaupt nicht fuͤr mich ſterben, ſondern nur fuͤr Andere— fuͤr die Zuruͤck⸗ bleibenden, aus deren Verbindung ich geriſſen werde; fuͤr mich ſelbſt iſt die Todesſtunde Stunde der Geburt zu einem neuen, herrlichern Leben.—— Jeder meinesgleichen, der aus der irdiſchen Verbindung heraustritt, und der meinem Geiſte nicht fuͤr vernichtet gelten kann— denn er iſt meinesgleichen— zieht meine Gedanken mit ſich hinuͤber; er iſt noch, und ihm gebuͤhrt eine Staͤtte. Indeß wir hienieden um ihn trauern, iſt druͤben Freude, daß der Menſch zu ihrer 30— Welt geboren wurde, ſo wie wir Erdenbuͤrger die unſrigen mit Freude empfangen. Wenn ich einſt ihnen folgen werde, wird fuͤr mich nur Freude ſeyn; denn die Trauer bleibt in der Sphaͤre zuruͤck, die ich verlaſſe. Es verſchwindet vor meinem Blicke und verſinkt die Welt, die ich noch ſo eben be⸗ wunderte. In aller Fuͤlle des Lebens, der Ordnung, und des Gedeihens, welche ich in ihr ſchaue, iſt ſie doch nur der Vorhang, durch den eine unendlich vollkommnere mir verdeckt wird, und der Keim, aus dem dieſe ſich ent⸗ wickeln ſoll. Mein Glaube tritt hinter dieſen Vorhang, und erwaͤrmt und belebt dieſen Keim. Er ſieht nichts Beſtimmtes, aber er erwartet mehr, als er hienieden faſſen kann, und je in der Zeit wird faſſen können. (Nach Fichte.) —— Jedermann weiß, es giebt in un⸗ ſerm Leben viel Umſtaͤnde und Veraͤnderungen, die wir nicht ganz in unſrer Gewalt haben, 81 deren Einfluß auf unſer Wohl oder Wehe aber ſo groß iſt, daß von ihrem Ausgang oft unſer ganzes Loos abhaͤngt. So lange wir derglei⸗ chen wichtige Entwickelungen unſers Schickſals noch fuͤr entfernt halten, ſind wir meiſtens ſorg⸗ los und unbekuͤmmert. Aber wenn ſie naͤher ruͤcken; wenn wir ſie vielleicht ſchon anfangen ſehen, noch ehe wir im Ernſt an ſie gedacht hatten; wenn wir's fuͤhlen, wie vergeblich wir ſtreben wuͤrden, ſie zu hindern und aufzuhal⸗ ten: dann entfaͤllt uns gemeiniglich der Muth, wir koͤnnen uns nicht faſſen, es zeigt ſich jene Rathloſigkeit, die eben ſo herabwuͤrdigend iſt, als verderblich werden kann. Weit beſſer alſo, man ruͤſtet ſich bei Zeiten mit dem aus, was dann zu einem weiſen Benehmen erfordert wird; man fragt bei Zeiten, wie wir uns bei herannahenden wichtigen Entwickelungen unſers Schickſals zu verhalten haben. Dieſe Frage zerfaͤllt in vier andere, deren erſte iſt: Was liegt uns ob, wenn wir auf ſolche Entwickelungen immer gefaßt ſeyn wol⸗ len? Eine gewiſſe allgemeine Vorbereitung iſt J. f. F. II. J. 1r. H. 65 5 dazu ſchlechterdings noͤthig. Wer uͤberhaupt keine Grundſätze und keine Uebung hat, dieſen gemaͤß zu handeln, der wird freilich von beidem am entfernteſten ſeyn, wenn ihn die Gewalt einer wichtigen Veraͤnderung ergreift. Leben⸗ dige Ueberzeugung von Gottes alles lenkender Regierung muß man vorerſt beſitzen, wenn es mit jener Faſſung gelingen ſoll. Fehlt dieſe Ueberzeugung, oder iſt ſie unwirkſam und ſchwach: dann wird man bei ſolchen Ereigniſſen entweder zu leichtſinnigen Ausſchweifungen fort⸗ geriſſen, oder in Treſtloſigkeit und bange Ver⸗ zweiflung geſtuͤrzt. Nur der erſchrickt nicht, wenn entſcheidende Veraͤnderungen hereinbrechen, bei dem es ganz entſchieden, bei dem es gar keinem Zweifel unterworfen iſt, daß ihm nichts von ohngefaͤhr begegne, daß er blos die Bahn durchlaufe, welche die hoͤchſte Weisheit und Guͤte ihm vorgezeichnet hat— und der ſodann, bei dieſer lebendigen Ueberzeugung, den feſten Willen hat, uͤberall ſeine Pflicht zu thun. Das iſts ja, was eigentlich nahende Veraͤnde⸗ rungen ſo furchtbar macht: man iſt noch un⸗ — 83 einig mit ſich ſelbſt, weiß nicht, wie man ſich dabei benehmen, welche Partei man ergreifen wolle; muß ſichs eingeſtehen, man ſei ſchwach genug, ſich durch die Gewalt der Unſtaͤnde ganz fortreißen zu laſſen; wiſſe daher ſelbſt nicht, was ſie aus Einem machen werden. Wollet nichts, als was eurer Pflicht gemaͤß iſt; hoͤrt nicht auf die Eingebungen eurer Begier, eures Eigennutzes, ſondern auf die Vorſchriften eures Gewiſſens: welche Wendung, welche Ent⸗ wickelung eures Schickſals kann euch dann ver⸗ wirren? Dieſe Richtſchnur eures Verhaltens iſt unwandelbar, iſt ſicher, iſt ewig untadelhaft; ſo lenge ihr treu und feſt an ihr haltet, koͤnnet ihr nicht irren, koͤnnet euch nie auf eine un⸗ wuͤrdige und ſchaͤdliche Seite ſchlagen, koͤnnet nie eine Bahn betreten, die zum Verderben fuͤh⸗ ren wuͤrde. Nun iſt es aber gar oft ungewiß, worin wichtige Entwickelungen unſers Schickſals, die ſchon in der Naͤhe ſind, beſtehen werden; man ſiehet, es kann nicht bleiben, wie es iſt, es muß bald anders werden: aber wie wird es 84 werden? Je ungewiſſer dies oft iſt, deſto ge⸗ wiſſer iſt die Gefahr, von etwas ganz Uner⸗ wartetem uͤberraſcht zu werden. Wie hat man ſich nun, bei dieſer Ungewißheit, zu verhalten?— Verdoppelt eure Aufmerkſamkeit, laßt keine Anzeige, kein Merkmal, keinen Wech⸗ ſel der Umſtaͤnde, kein Fortruͤcken unbeachtet: dann wird ſich mancher Ausweg, einer Gefahr zu entweichen, mancher Vortheil zeigen— mit einem Worte, ihr werdet auf die vorgehende Entwickelung eures Schickſals den wirkſamen Einfluß haben koͤnnen, den ihr als ſelbſtthaͤtige Geſchoͤpfe darauf haben ſollt— werdet weder leichtſinnig, noch gedankenlos und traͤge, der Sache nur ihren Lauf laſſen.— Kaͤmpfet aber auch mit allen euren Kraͤften gegen aͤngſtliches Zagen. Es iſt natuͤrlich, daß herannahende wichtige Veraͤnderungen ein ganz eigenes Gefuͤhl von Verlegenheit, ein aͤngſtliches Warten, ein bis zur groͤßten Bangigkeit ſteigendes Zagen hervorbringen, wenn wir noch nicht wiſſen, was wir von ihnen hoffen oder fuͤrchten ſollen, und es uns uͤberhaupt an Entſchloſſenheit des Cha⸗ 85 rakters fehlt. Dies Zagen, dieſe aͤngſtliche Unruhe laͤhmt nun aber alle unſre Kraͤfte, macht uns ganz unfaͤhig, uͤberlegt, vernuͤnftig und ſtandhaft zu handeln: darum iſt doch ja alles aufzubieten, was in unſrer Gewalt iſt, die zer⸗ ſtreuten Gedanken zu ſammeln und das bange Herz zu beruhigen. Und dies wird uns auch gelingen, wenn nur jener Glaube an Gottes Regierung feſt in uns iſt, und wir uns uͤber⸗ haupt gewoͤhnt haben, auch ſonſt mit ruhiger Sammlung und feſtem Muthe zu Werke zu gehen. Je ernſtlicher man darnach geſtrebt, je laͤnger man ſich daran gewoͤhnt hat, deſto leich⸗ ter und ſicherer bezwingt man jenes aͤngſtliche Zagen bei Annaͤherung entſcheidender Momente. Doch zuweilen iſt es uns bekannt, was durch die herannahende Veraͤnderung bewirkt werden wird. Sie kann fuͤr uns Angeneh⸗ mes und Erwuͤnſchtes herbeifuͤhren. Aber ge⸗ rade die frohen Entwickelungen ſind nur allzu⸗ oft die gefaͤhrlichſten! Man lerne alſo die Bewegungen maͤßigen, in welche ſolche Ent⸗ wickelungen uns verſetzen. Wie uneordentlich 86 ſind ſie nicht oft, dieſe Bewegungen! wie regt ſich da der muthwillige Leichtſinn! wie erwacht da Stolz und Uebermuth, Eitelkeit und Prah⸗ lerei! Und wohin reißen ſie nicht oftmals? Man kann es nicht einmal abwarten, daß eine gluͤckliche Veraͤnderung wirklich zur Reife kom⸗ me, und bemaͤcheigt ſich der Rechte, der Freu⸗ den, det Vortheile, die ſie geben ſoll, zu fruͤh! In dieſer Unvorſichtigkeit, Ungeduld, Vorei⸗ ligkeit liegt die wahre Urſache, warum ſo man⸗ che vortheilhafte Entwickelung unſers Schickſals, wenn ſie endlich vollendet iſt, uns das lange nicht gewaͤhrt, was wir gehofft hatten, oder wol gar eine Quelle empfindlicher Leiden fuͤr uns wird.— Dieſe wilde Freude, dieſen Sturm der Neigungen zu maͤßigen, wird uns aber gelingen, wenn wir der Pflichten einge⸗ denk bleiben, die ſie uns auflegen. Wir den⸗ ken bei frohen Wendungen des Geſchicks nur immer an uns, uͤberlaſſen uns gedankenlos dem Vergnuͤgen, das ſie darbieten, oder uͤberlegen nur, wie wir die Vortheile recht benutzen wol⸗ len. Da iſt es kein Wunder, wenn die Pro⸗ 8 87 be, auf die wir in guten Tagen geſetzt werden, gemeiniglich weit weniger zu unſrer Ehre aus⸗ faͤllt, aß die Pruͤfung durch Noth und Elend. Andenken an die neuen Pflichten, die ein neues Gluͤck uns auferlegt, laͤßt uns dies nicht zur gefaͤhrlihen Verſuchung werden, ſondern mit weiſer Maͤßigung, mit edler Beſcheidenheit, mit geruͤhrter, frommer Dankbarkeit empfangen! und nun wird es erſt wirklich ein Gluͤck fuͤr uns!— Oder auch die herannahende Veraͤnderung laͤßt uns Nachtheiliges, Trauriges vorausſe⸗ hen— Dann liegt uns ſtille Ergebung ob, ohne vergebliche, ſchwaͤchliche Klage, ohne herabwuͤr⸗ digenden, laͤhmenden Kleinmuth, ohne frucht⸗ loſe, alles erſchwerende Widerſetzlichkeit. Auch bei herannahendem Ungluͤck haͤlt uns der Glau⸗ be, daß Gottes Regierung uͤber uns waltet, daß er es iſt, der unſre Schritte leitet, daß wir in den Haͤnden desjenigen ſind, der Ge⸗ genwaͤrtiges und Zukuͤnftiges, Zeit und Ewig⸗ keit, Erde und Himmel mit ſeiner Macht um⸗ faßt, und Finſternis in Licht, Tod in Leben 88— verwandeln kann— er haͤlt uns, und erzeugt auch eine lebendige Hoffnung, welche das Haupt getroſt empor hebt, ſelbſt wenn ſich alle Ausſich⸗ ten fuͤr dieſes Erdenleben verdunkeln. Vor den traurigſten Veraͤnderungen birgt uns Tod und Grab, und auf Tod und Grab folgt Leben und ſelige Unſterblichkeit. (Nach Reinhard.) 89 Der Staͤdter und der Landmann. — Guten Tag, mein Freund! So friſch auf? Das bin ich immer. Freut mich: ſo kann's Euch nicht fehlen! Fehlt mir auch nicht! Das hoͤr' ich gern. Ihr ſeid verheirathet? Gott ſei Dank, ja! Habt Kinder? Fuͤnf— gehabt; eins hat der liebe Gott wieder genommen. 3 Das bedaur' ich! Na, wollen den Schaden ſchon wieder er⸗ ſetzen! 4 Eure Frau iſt alſo noch jung? Acht und zwanzig auf Pfingſten. Hm— Huͤbſch? Mir hat in meinem Leben keine beſſer ge⸗ fallen. Und brav? 90.— O, ein ſeelengutes Weib! Ihr ſeht ja ganz verliebt aus, da Ihr ſie nur erwaͤhnt! Es iſt ja meine Frau: da werd' ich ihr doch gut ſeyn! warum naͤhm' man ſich denn eine? Ach guter Freund... Nun, die Kin⸗ der— wachſen ſie huͤbſch heran? Daß es eine Luſt iſt, Herr! Der Aeltſte iſt erſt fuͤnf Jahr, und der Schurk' iſt manch⸗ mal geſcheidter, wie ſein Vater. Wo er's nur her hat? Nun kommen zwei Maͤdchen: die Eine iſt der Mutter wie aus den Augen ge⸗ ſchnitten, die Andre ſieht aber mir wieder aͤhn⸗ licher, ſagen ſie. Das Kleinſte hat die Mutter noch an der Bruſt: Herr, ein Junge, wie ausgeſtopft, und ſchmeißt ſchon auf den Tiſch, daß die Glaͤſer klirren. Wenn's die Maͤdels etwa einmal gut meinen mit der Mutter— patſch, da hat die einen Kl lapps weg, und die einen. Er denkt, ſie nehmen ihm'was weg— verſtehn Sie mich! Der wird einmal ein Hufar, wills Gott! und zieht gegen den Feind des Vaterlands. —— —— 91 Das muß Euch alles ſehr gluͤcklich machen, mein Freund! 3 Ja ja, man hat ſchon ſeine Freude dran! Wenn ich des Abends von der Arbeit heim⸗ komme, da iſt es doch nicht anders, als wenn ich Jahr und Tag weggeweſen waͤre! Das raͤumt die Ofenbank ab; das bringt die Pan⸗ toffeln, das die Nachtmuͤtze— Na, Sie werden's ja ſelber wiſſen, Herr! Ich? von den Kindern? Ihr frappirt mich! Wie ſo? Nu, Sie haben doch auch Frau und Kin⸗ der— Ja, ſo meint Ihr's? Und groͤßere, wie ich; denn Sie ſind ſchon ein huͤbſch Stuͤckchen aͤlter! Aelter? Das wol nicht, guter Freund! Auch bin ich nicht verheirathet, bin nicht Vater... Ey, das iſt Schade! Jammer und Schade! Glauben Sie mir,'s gefaͤllt Einem eher gar nicht recht auf der Welt, als bis man Kinder hat. Ja, unſer Herr Pfarr ſpricht, man lernt auch nicht eher ein huͤbſch ordentliches, chriſt⸗ 92— liches Leben fuͤhren; und, mein' Seel', er hat Recht. Ich hab's ihm bei meiner letzten Kind⸗ taufe in's Geſicht geſagt: Sie haben Recht, Herr Pfarr, hab' ich ihm geſagt!— Ja, das laͤchert Sie nun! Nein, nein— ſchon gut! Indeß— die Sache hat doch auch ihr Uebels: denkt Ihr daran gar nicht? Woran? Eure ſtarke Familie muß Euch ſchwer wer⸗ den. Ihr werdet Euch da manches verſagen muͤſſen... Glauben Sie's nicht! Was man ſonſt außer dem Hauſe verthut, das bleibt nun drin. Zweie von den Kindern eſſen mir nicht ſo viel, als ich ſonſt das Jahr lang verkegelt habe! Ja nun, das muͤßt Ihr Euch doch eben nun um ihretwillen verſagen! Wie denn, verſagen? Ich hab' jetzt keine Luſt mehr zum Kegeln! uUnd das ſind ihrer zwei; aber ſo viele—! „Viel Kinder, viel Vaterunſer“, ſprechen wir. Wie's zugeht, weiß ich nicht: aber der liebe Gott ſegnet's, je mehr ihrer werden, die 93 vom Segen haben wollen. Und vollends jetzt, wo alles huͤbſch gilt— Das wird aber nicht immer ſo bleiben! Oder wenn nun Mißwachs, Ueberſchwemmung, Krieg... Ich ſage nur ſo, und will Euch nicht etwa bange machen— Das koͤnnen Sie auch nicht! Aber's iſt wahr, das kann kommen— thut nichts! Denn, ſehn Sie, was dort ſteht, das bleibt doch gewiß, und es kann's keiner auskratzen: Was unſer Gott erſchaffen hat⸗ Das will er auch erhalten! Da laſſ' ich ihn denn ſorgen! Sehen Sie, wenn ich ſo recht einfaͤltig von der Sache reden ſoll, ſo ſprech' ich: der liebe Gott muͤßte ja — nu, er mag mir's vergeben— er muͤßte nicht einmal ſo gut ſeyn, wie ich armer Suͤn⸗ der, wenn er's nicht thaͤte, da er's doch hat und kann! Kurios! Wahr iſts, bei wem das Stand hält.. Sagten Sie'was? 94—— Nein, gar nichts! ich— freue mich aͤber Euch! Nun, was ich ſagen wollte—; ja, wir leben auch gar nicht ſchlecht, und in den letz⸗ ten guten Jahren iſt doch noch ein Noth⸗ pfennig hingelegt worden. Wollen Sie's pro⸗ biren? Kommen Sie mit! ſehn Sie, dort das rothe Haͤuschen iſt mein. Meine Frau ſoll Ihnen einen Eyerkuchen backen! 9, ſie baͤckt gar rechte Eyerkuchen! Ich dank' Euch, lieber Mann; ich kann ſo etwas nicht vertragen. Je was—! Das iſt ja wieder Schade. Nein, da kann unſer Eins anders mit! Wenn man den Tag uͤber ſo gedroſchen oder rajolt hat— huy, da ſchmeckt's! Kieſel⸗ ſteine, glaub' ich, koͤnnte man verdauen.— Tha, ſehn Sie, da koͤmmt mein Junge! He, Haͤnschen, hat die Mutter das Abendbrot fer⸗ tig?— Nu, lieber Herr, wollen Sie nicht mit'rein kommen? Probiren Sie's nur: eine kuͤchtige Mahlzeit, eine tuͤchtige Motion bei Mondſchein. 95 Nein, mein Guter, das geht nicht ſo ge⸗ ſchwind! Warum denn nicht? Ja, wenn die Leute gar nicht mehr die Courage haben,'was zu probiren, das ſie nicht gewohnt ſind und was die Andern ihres Gleichen nicht mitmachen: da— haben Sie freilich recht— da geht gar nichts! Nu, nichts vor ungut! Gute Nacht denn! Schlafen Sie wohl!— Nu lauf vor⸗ aus, du kleiner Schelm! So recht!— Rothkehlchen. Der Knappe ging, Der Knappe kam, Bis er mich fing, Das Herz mir nahm. Der Vater ſprach: Verlaß mein Kind, Daß es nicht Schmach Und Kummer find'. Er bat ſo ſüß, Er trotzt' ſo kuüͤhn; Der Vater ließ Ihn zu uns ziehn. Die Schwalben floh'n; Der Winter kam; Er war uns Sohn Und Braͤutigam. J. f. F. II. J. 1I. u. 13. 9. Hing an der Wand; Sein ſcharrend Pferd Im Stalle ſtand. Oft ſaßen wir Bei duͤſterm Licht Vertraulich hier— Und merkten's nicht. Die Mutter tief Nickt' hinterm Heerd. Rothkehlchen ſchlief Auf Helm und Schwerd. Nothkehlchen pfiff Uns ſeinen Gruß Vom Schwerdtes⸗Griff Beim Morgenkuß. Da riefs zum Krieg Und Heerestroß. Er ſchied, und ſtieg Aufs hohe Roß. Sein Helm und Schwerd 98⁸ — Rothkehlchen irrt Bei Daͤmmerlicht, Und ſucht und ſchwirrt, Und findet nicht. Findſt keine Ruh, Rothkehlchen klein? Haͤtt' ich, wie du Doch Fluͤgelein! Fr. Kind. Was da bleib Einſam ſitz' ich und es rauſchet durch die Baͤume Herbſtes⸗Luft, wo kein Vogel zaͤrtlich lauſchet und die Gattin zu ſich ruft. Ach es fallen welk die Blaͤtter und die Blumen ſind erbleicht, und das holde Fruͤhlingswetter und die milde Waͤrme weicht. Sinnend ruft mein Geiſt die Stunden der Vergangenheit zuruͤck. Wie ſo ſchnell iſt doch entſchwunden, eines halben Lebens Gluͤck! Sag, was biſt du, fliehend Leben, das ſo feſt uns an ſich zieht? Unter Harren, unter Streben, kommt des Tages Gluͤck und flieht. 100— Muß denn alles in der Welle truͤber Zeiten untergehn? Jede Blume, an der Stelle wo ſie bluͤht, im Sturm verwehn? Nein! Es keimt im Heiligthume unſers Herzens, Fart verhuͤllt, 3 unzerſtoͤrbar, eine Blume, ſuß mit Balſamduft erfuͤllt. Hoffnung heißt ſie, die im Schooße ewig⸗friſches Leben traͤgt, lieblich duftend, wie die Roſe, dem, der glaubend ſtill ſie pflegt. Hoffnung wuͤrzt die bittern Stunden, wo das Herz in Leiden bricht. Wem die Hoffnung nicht verſchwunden, dem ſtirbt Luſt und Leben nicht. Heinroth., Hiſtoriſche Anekdoten. 1. Charlotte, Koͤnigin von Groß⸗ britannien. Daß das Paar, das nun ſeit faſt einem hal⸗ ben Jahrhundert die Kronen Großbritanniens traͤgt, ein Muſter in den Pflichten des ehe⸗ lichen und haͤuslichen Lebens, ſo wie ein Bei⸗ ſpiel fuͤr das Gluͤckz deſſelben ſei, iſt Jeder⸗ mann bekannt; nur wenige ſcheinen aber er⸗ fahren zu haben, wie die Verbindung dieſes koͤniglichen Paares zu Stande gekommen iſt. Die Koͤnigin, bekanntlich eine Prinzeſſin von Mecklenburg⸗Strelitz, ſtand eben in den Jahren, wo die von der Natur an Geiſt und Herz nicht aͤrmlich ausgeſtattete Jungfrau ein ſo anziehendes Bild von Schuͤchternheit und Selbſtgefuͤhl, Zuruͤckgezogenheit und Voreiligkeit, von bloͤdem Zoͤgern und raſchem Probiren, in wunderbarer Miſchung, dem geuͤbten Auge dar⸗ 102—— bietet: als der ſiebenjaͤhrige Krieg ausbrach und auch das Laͤndchen ihres Vaters nicht wenig— in den Augen der unerfahrnen, menſchenfreund⸗ lichen Prinzeſſin aber ungeheuer druͤckte und ver⸗ heerte. Das glaubte ſie nicht ruhig mit anſehen zu duͤrfen. Sie ſetzte ſich daher in aller Stille, dem Köͤnig Friedrich dem Zweiten daruͤber ge⸗ ſtrenge Vorhaltungen zu thun und wo moͤglich dem Gewiſſen Sr. Majeſtaͤt auch noch neben⸗ bei manche Streifwunde aufs ſaͤuberlichſte zu verſetzen. Hier iſt der Brief! Sire! Ich weiß nicht, ob ich uͤber Ew. Majeſtaͤt letztern Sieg froͤhlich oder traurig ſeyn ſoll, weil eben dieſer gluͤckliche Sieg, der neue Lor⸗ beern um Ihre Scheitel flicht, uͤber mein Va⸗ terland Jammer und Elend verbreitet. Ich weiß, Sire, in dieſem unſern uͤberfein polirten Zeitalter werde ich verlacht werden, daß mein Herz uͤber das Ungluͤck des Landes trauert, daß ich die Drangſale des Kriegs beweine, und meine ganze Seele nur von dem Wunſch nach der Nuͤckkehr des Friedens erfuͤllt wird. — 103 Selbſt Sie, Sire, werden vielleicht denken, es ſchicke ſich beſſer fuͤr mich, mich in der Kunſt zu gefallen zu uͤben, oder mich nur um haͤus⸗ liche Angelegenheiten zu bekuͤmmern. Allein, dem ſei, wie ihm wolle: mein Herz fuͤhlt zu ſtark fuͤr die Ungluͤcklichen, als daß ich eine dringende Bitte fuͤr ſie zuruͤckhalten koͤnnte. Seit wenig Jahren hatte dieſes Land die an⸗ genehmſte Geſtalt gewonnen: alles war ange⸗ bauet, das Landvolk ſah' vergnuͤgt aus, in den Staͤdten herrſchte Wohlſtand und Freude. Aber welch eine Veraͤnderung der ſo angenehmen Scene! Ich bin in pathetiſchen Schilderungen nicht geuͤbt; noch weniger kann ich die Greuel der Verwuͤſtung durch poetiſche Darſtellung er⸗ hoͤhen: aber gewiß, ſelbſt Krieger, die ein edles Herz und Gefuͤhl beſitzen, wuͤrden durch den Anblick zu Thraͤnen bewegt werden. Das ganze Land, mein werthes Vaterland, liegt da, gleich einer Wuͤſte. Ackerbau und Viehzucht haben aufgehoͤrt; der Bauer und der Hirt ſind Soldaten geworden und helfen ihr eignes Land verwuͤſten. In den Staͤdten ſiehet man nur Greiſe, Weiber und Kinder; vielleicht noch hie 104—— und da einen jungen Mann, der aber durch empfangene Wunden ein Kruͤppel iſt und nun den kleinen Knaben um ihn her die Geſchichte jeder Wunde in ſo pathetiſchem Tone vorerzaͤhlt, daß ihr Herz ſchon der Trommel folgt, ehe die Fuͤße ihr folgen koͤnnen. Was aber das Elend auf das Hoͤchſte bringt, iſt das immer abwech⸗ ſelnde Vorruͤcken und Zuruͤckziehen der Armee, da ſelbſt die, die ſich unſre Freunde nennen, beim Abzug alles mitnehmen und verheeren, und wenn ſie wiederkommen, doch eben ſo viel wie⸗ der herbeigeſchafft haben wollen. Von Ihrer Gerechtigkeit, Sire, hoffen wir Huͤlfe in dieſer aͤußerſten Noth. An Sie duͤrfen auch Frauen, ja ſelbſt Kinder, ihre Klagen bringen; Sie, die Sie ſich auch zur niedrigſten Klaſſe guͤtigſt herablaſſen, und dadurch, wenn es moͤglich iſt, noch groͤßer werden, als durch Ihre Siege, werden auch meine Klagen nicht unerhoͤrt laſſen, und zu Ihrer eignen Ehre, Ihrem eignen Ruhm, Bedruͤckungen und Drangſalen abhel⸗ fen, welche wider alle Menſchenliebe und wider alle gute Kriegszucht ſtreiten. Ich bin ꝛc. — 105 Koͤnig Friedrich nahm den Brief ſehr gut auf und that fuͤr das Land, was ſich thun ließ; der zwei und zwanzig jaͤhrige Georg aber, der eben den engliſchen Thron beſtiegen hatte und ſich nach einer Gemalin umſahe, die mit hellem Kopf, menſchenfreundliche Geſin⸗ nungen und beſtimmten Charakter verbaͤnde, erfuhr dieſe Anekdote, verſchaffte ſich eine Ab⸗ ſchrift jenes Briefs, und ſein Entſchluß war mit Eins beſtimmt: dieſe, nur dieſe ſoll Koͤni⸗ gin dieſer Inſel werden!— 2. Margarethe von Anjou. Margarethe von Anjou, Tochter Renatus von Anjou, Koͤnigs von Sicilien, und Gema⸗ lin Heinrichs des Sechſten von England, glaͤnzt unter den Fuͤrſtinnen aller Zeiten— nicht durch ihren oft geprieſenen, kuͤhnen Unterneh⸗ mungsgeiſt allein; ſondern durch dieſen, ge⸗ paart mit unerſchuͤtterlicher Beharrlichkeit und uͤberraſchender Beſonnenheit in entſcheidenden Momenten. Von vielen Anekdoten, die dies 106— belegen koͤnnten, moͤgen nur folgende hier ſtehen. Ihr großer, herviſcher Geiſt beherrſchte be⸗ kanntlich ihren ſchwachen Gemal, und durch dieſen England. Die Großen der Nation woll⸗ ten dies nicht dulden: Richard, Herzog von York, benutzte ihre Unzufriedenheit, ſeine An⸗ ſpruͤche auf die Krone durchzuſetzen. Er ſtellte ſich an die Spitze der Infurgenten, ſchlug (1455) den Koͤnig bei St. Albans und nahm ihn gefangen. Margarethe wollte ihren Gemal frei machen, um es ſelbſt zu ſeyn: ſie ließ mithin Truppen werben, fuͤhrte dieſe ſelbſt an, erhielt wirklich den Sieg, und zog mit ihrem befreieten Gemal triumphirend in London ein. Damit waren aber die Rebellen noch nicht ver⸗ tilgt; Graf Warwik an ihrer Spitze hatte bald wieder ein Heer beiſammen und uͤberfiel die Armee des Koͤnigs(1460): ſie wurde geſchla⸗ gen, Heinrich zum zweitenmal gefangen, und Margarethe mußte ohne alles Geleite mit ihrem kleinen Sohne fluͤchten. Sie gedachte ſich in eine nicht gar weit entlegene Feſtung zu wer⸗ fen, ſie eilte durch den Wald: da begegnete ihr — 107 ein Trupp Naͤuber, der ſie anpackte. Ihr wollt Juwelen? redete ſie die Raͤuber an. Außer den Kleinigkeiten da, hab' ich nur dieſen Schmuck. Haltet ihn hoch: er iſt von unge⸗ heurem Werthe! Die Raͤuber fielen daruͤber her, unterſuchten, ſtaunten, jeder machte An⸗ ſpruͤche darauf: Ich hab' ihn aus ihren Haͤn⸗ den! Ich hab' ſie zuerſt entdeckt! Ich bin euer Anfuͤhrer! ꝛc. ſie geriethen in Streit, ge⸗ riethen in Handgemenge: das hatte Margarethe nur gewollt— ſie benutzte es, und entfloh, ihren Sohn auf dem Arme, ins Dickigt des Waldes. Doch damit war ſie noch nicht ge⸗ rettet. Sie verirrete ſich, der Abend wollte einbrechen, ihre Kraͤfte waren erſchoͤpft, ihr Sohn verſchmachtete! Nicht um ſich, nur um dieſen ihren Sohn war ihr bange— da kam wieder ein Raͤuber von rieſenhaftem, wilden Anſehen auf ſie zu. Entfliehen konnte ſie nicht, ihn abzufinden hatte ſie nichts mehr. Mit wahrhaft koͤniglicher Majeſtaͤt tritt ſie ihm ent⸗ gegen und reicht ihm das Kind:„Da, mein Freund, rette den Sohn deines Koͤnigs!“— Der Raͤuber ſtutzt erſt, nimmt dann, von Ehr⸗, furcht und Mitleid durchdrungen, den Prinzen auf den einen Arm, ſtuͤtzt die Koͤnigin mit dem andern, und fuͤhrt ſie ſo an das Meeresufer, wo er ihr ein Schiff verſchafft, das ſie rettet und nach Holland bringt; dort findet ſie fuͤr ihre Unternehmungen zur Befreiung ihres Gemals und zu Wiedererlangung des Throns neuen Raum. (Nach Prevot: Histoire de Marguerite d'Anjou. Amsterd. 1740.) 3. Kunigunde, Graͤfin von Bitſch. Gerade zu derſelben Zeit lebte in Deutſch⸗ land eine Dame, die eine auffallende, ſchweſter⸗ liche Aehnlichkeit in allen den geruͤhmten Eigen⸗ ſchaften mit der Koͤnigin Margarethe zeigte. Es war die oben genannte Graͤfin von Bitſch. Es mag an folgendem einzige Pendant genug ſeyn! Das Staͤdtchen und Schloß Bitſch gehoͤrte dem Grafen Friedrich von Zweybruͤcken, ihrem n Zuge zu einem 109 Gemal, wurde(1457) von den beiden Grafen von Luͤzelſtein ploͤtzlich uͤberfallen, und, eben des ploͤtzlichen Ueberfalls wegen, ſo ſchnell er⸗ obert, daß Graf Friedrich nur kaum noch auf denſelben Leitern entrinnen konnte, auf welchen ſein Schloß erſtiegen worden war. Die Graͤfin hatte ſich eben zu Lemberg befunden, wohin der Graf nun auch fluͤchtete: aber beider zwei geliebte Kinder waren dem Feinde in die Haͤnde gefallen — das eine unten in der Stadt, das andere oben im Schloß.— Doch man wird lieber meine Quelle, den ehrlichen Herzog,(Chro⸗ nica vom Elſaß) ſelbſt erzaͤhlen hoͤren! Da die Graͤfin ſolches hoͤrete, lief ſie als⸗ bald von Lemberg mit einer Kammermagd gen Bitſch, und begehrete ihre zwei Kindlein zu ſehen. Und als ſie zur Pforten kam, da war der Graf Wilhelm von Luͤzelſtein daran, der wollt ſie nicht hineinlaſſen, und ſprach: er haͤt's nicht Macht. Da fiel ſie ihn an mit ganzer Gewalt, und ſprach: Du ehrvergeßner, fauler Graf, willſt du hinein, ſo mußt mich auch hineinlaſſen— erwiſchte ihn beim Bart und zog ein Scheidmeſſer aus, wuͤrde ihn auch 110— erwuͤrget haben, ſo er ihr nicht Sicherung thaͤt. Alſo kam ſie in die Stadt und ſah ihr juͤngſtes Kind, das ſog noch; aber das andere Kind war auf der Burg, und neun Jahre alt: das ging ſie auch zu beſehen. Und ſie wollten ihr ihre Kleinodien eines Theils geben, aber ſie ſprach: Wollt ihr mir das Mehrtheil nicht wiedergeben, (das waren eben ihre K Kindlein) ſo moͤgt ihr das andre auch nur behalten. Und ſchiede alſo von dannen.— Und Graf Wilhelm wollte ſie aus dem Schloſſe begleiten, da ſprach ſie zu ihm: Du und dein Bruder und eure Helfer, ihr habt an eurem Herrn gar verraͤtheriſch, boͤs⸗ lich und faͤlſchlich gehandelt: ſo biſt du nicht wuͤrdig, mich zu begleiten.— Handelte alſo und ſchalt ihn gar uͤbel. 4. Koͤnig Heinrich der vierte und Madame Leclerc. Koͤnig Heinrich dem Vierten fehlte zum voll⸗ kommenen Gelingen ſeiner glorreichen und wohl⸗ thaͤtigen Unternehmungen im Krieg' und Frieden 111 gemeiniglich weiter nichts, als was dort Leſ⸗ ſings Saladin fehlt, und wovon Heinrich auch gerade ſo dachte, wie dieſer: Was ſonſt, als was ich kaum zu nennen wuͤrdge; Was, wenn ichs habe, mir ſo uͤberfluͤſſig, Und hab' ichs nicht, ſo unentbehrlich ſcheint: Das leidige, verwuͤnſchte Geld! Nach der fuͤr die Liguiſten ſo verderblichen, fuͤr ihn ſo ſiegreichen Schlacht bei Jory, war jener Mangel ſo ſehr eingetreten, daß ſich der Geiſt der Empoͤrung ſeiner unbezahlten Sol⸗ daten bemaͤchtigte, mehrere Regimenter ſchwu⸗ ren, keinen Schritt weiter zu gehen, bis ſie ihren Sold empfangen haͤtten, und die Inten⸗ danten doch nur ganz kleine, nichts bedeutende Summen ſchaffen— konnten oder wollten. Kurz, es war dahin, daß Heinrich die herr⸗ lichen Fruͤchte langer, großer Anſtrengungen blos aus Geldmangel in einigen Tagen verlie⸗ ren konnte. Derſelbe gewandte und treue Die⸗ ner, der mit ihm manch ritterliches und manch galantes Abentheuer hatte beſtehen muͤſſen, ſollte 112 nun auch hier helfen. Ich rathe, ſagte dieſer, wir wenden uns auch diesmal an die Weiber. Ich kenne eine ſehr rechtſchaffne und gewaltig reiche Frau in Meulan. Sie iſt Wittwe des groͤßten Kaufmanns der Stadt und Eurer Par⸗ tei mit Muth und Blut zugethan. Vielleicht borgt ſie uns. Dem Koͤnig gefiel der Vor⸗ ſchlag; ja, er entſchloß ſich ſogar, der Gefahr ungeachtet, mitzureiſen— allerdings, im ſtreng⸗ ſten Incognito! Sie kommen gluͤcklich in Meulan und bei Madame Leclerc an. Die wackere Frau freuet ſich ihren Freund zu ſehen, wuͤnſcht ihm Gluͤck wegen der gewonnenen Schlacht, und fragt mit herzlichſter Theilnahme nach dem Koͤnig. Er ſoll ritterlich gefochten und Wunder gethan ha⸗ ben! ſagt ſie. Ja, das wol, erwidert der Freund: aber dennoch ſind wir ſchlimmer dran, als die Geſchlagenen. Denkt: die Truppen des Koͤnigs empoͤren ſich, weil's am Gelde fehlt, und ſo ſiegen die Feinde ohne Schwerdtſchlag. Da ſei Gott vor! ruft die Frau. Heinrichs Sache iſt zu gerecht, als daß er nicht Men⸗ ſchen finden ſollte, die ihm ſeine ungeſtuͤmen 113 Glaͤubiger befriedigen huͤlfen! Und da der Mann die Achſeln zuckt und von der niedrigen Eigenſucht ſpricht, die gewoͤhnlich mit dem Be⸗ ſitz großen Reichthums verbunden ſet, oͤffnet ſie Schraͤnke und Kaſſen und ſagt: Da, nehmet, was ieh fuͤr unſern guten Koͤnig thun kann! Eilt damit zuruͤck, und wuͤnſchet ihm, auch in meinem Namen, Gluͤck zum Siege. Ver⸗ geſſet dabei nicht, ihm mehr Vertrauen zu ſei⸗ nen Unterthanen beizubringen; er, der in un⸗ ſern Herzen zu herrſchen weiß, kann auch auf unſer Vermoͤgen, auf unſer Leben rechnen—— Hier konnte der Koͤnig ſein hochanſchwel⸗ lendes Herz nicht mehr beſiegen. Madame, ruft er, was er thun ſoll, iſt ſchon gethan: der Koͤnig hat ſchon die gute Botſchaft, hat auch wieder Vertrauen zu ſeinen lieben Unter⸗ thanen!— Erſchrocken erraͤth die Frau den Zuſammenhang, will dem Koͤnig zu Fuͤßen ſin⸗ ken, ſich entſchuldigen— Heinrich empfaͤngt ſie in ſeinen Armen, ſagt ihr das Schöͤnſte, ſie weinet vor Freuden, alle ſind tief in der Seele bewegt. Bald faßt er ſich aber: Wir muͤſſen fort, die Nacht iſt bald voruͤber. Adieu, J. f. F. II. J. 1I. n. 12. H.⸗ 3 8 114 Madame, bleiben Sie Ihres„guten Koͤnigs“ eingedenk: er vergißt Sie und Ihren Edel⸗ muth nimmermehr!— 8 Sie kamen mit anbrechendem Tage ins Lager: der Koͤnig ließ Laͤrm blaſen. Alles ſtuͤrzte hervor: Kinder, rief er, kein Feind iſt da, ſondern euer Koͤnig, der Geld bringt! — Es lebe der Koͤnig! riefen alle; Heinrich benutzte ihre gute Stimmung, fuͤhrte ſie weiter — kurz, es gelang ihm, wie bekannt, die Ligue vollends zu zerſtoͤren und Paris einzunehmen. Auf dem erſten, aͤußerſt glaͤnzenden Hof⸗ tage daſelbſt ſtellte er ſelbſt Madame Leclere den verſammelten Großen als ſeinen achtungs⸗ wuͤrdigſten Glaͤubiger dar, erzaͤhlte, was ſie gethan haͤtte und wie ſehr ſie alle ihr fuͤr ihre Huͤlfe in der Noth verpflichtet waͤren; dann befahl er, ihr Kapital und reichliche Zin⸗ ſen zuruͤckzuzahlen, und erhob ſie in den Adels⸗ ſtand. Sie bat ſich aber zur Gnade aus, jenes verweigern und nur, was ſie ehren ſolle, an⸗ nehmen zu duͤrfen. (Nach d. Alm. liter. Par. 1788.) — 5. Margarethe Lambruͤn. Ich ſahe vor zwei Jahren in Lauchſtaͤdt Mad. Wolf(damals Becker) Schillers Maria Stuart, und zwar ganz vortrefflich, darſtellen. Der Zufall fuͤhrte mich bei Anfang des Stuͤcks auf einen Platz, zwiſchen einen ſtumm ſtaunen⸗ den Landgeiſtlichen und das Fraͤulein F., ein beſcheidnes, ſanftes, freundliches Kind von zehn bis eilf Jahren— folglich fuͤhrte er mich ſehr gut. Neben dem Maͤdchen ſaß ihre fran⸗ zoͤſiſche Gouvernante— wie ich erſt nachher erfuhr, als wir einander an der oͤffentlichen Tafel trafen. Das Kind war mir intereſſant und lieb geworden; ich ſetzte mich wieder zu ihm. Es wurde, wie gewoͤhnlich, vielerlei Kluges und Thoͤrichtes durch einander uͤber Schillers Maria und deren Vorſtellung ge⸗ ſchwatzt; ich ſaß, wie ebenfalls gewoͤhnlich, ſtill dabei. Endlich wollte meine kleine Nach⸗ barin doch auch ein Woͤrtchen ſagen, und ziſchelte mit Erroͤthen mir zu: Mir hat nur das recht ſehr gefallen, wo Maria von ihren Frauen 3 116 Abſchied nimmt— wenn ich gleich da viel habe weinen muͤſſen. Sagen Sie mir, was iſt denn aus den Maͤdchen geworden? haben ſie denn laͤnger leben koͤnnen?— Mabonne warf ihr einen ſtechenden Blick zu, als habe ſie das Allerverkehrteſte geſagt, woruͤber denn das gute Maͤdchen heftig zuſammenfuhr: da war mir's freilich nicht mehr moͤglich, zu ſchweigen. Ich prieß, aus Ueberzeugung und zugleich aus Unwillen uͤber die leidige Bonne, jene Abſchieds⸗ ſcene als die ſchoͤnſte im ganzen Gedicht und in der ganzen Darſtellung der Mad. Becker; nahm dann jene Frage recht ernſtlich auf, und um ihr, dem Kinde unbemerkt, vor den Andern noch mehr Gewicht zu geben, erzaͤhlte ich, was man von der intereſſanteſten jener Kammer⸗ frauen weiß. Es war allen Anweſenden ſo unbekannt, daß ich hoffe, es werde auch hier Platz finden duͤrfen. Margarethe Lambruͤn, eine Schottlaͤnderin, faßte ſchon beim Abſchiede ihrer Koͤnigin heim⸗ lich den Entſchluß, ihren Tod an der gleißne⸗ riſchen Elifabeth zu raͤchen. Sie war, wie die andere Dienerſchaft Mariens, nach Frankreich — 117 gebracht worden, uͤberdachte ſich da ihren Plan in Einſamkeit, und kehrte, dieſem gemaͤß, nach einiger Zeit, in maͤnnlicher Kleidung und unter dem Namen Anton Sparch, wieder nach Lon⸗ don zuruͤck. Sie wußte ſich bei verſchiedenen Herrn des Hofs Eingang, und dadurch Gele⸗ genheit zu verſchaffen, ſich einmal der Koͤnigin zu nahen. Fuͤr den Fall, wenn das ihr gluͤcken wuͤrde, trug ſie immer zwei Piſtolen bei ſich— die eine fuͤr Eliſabeth, die andre fuͤr ſich. Einſt erfuhr ſie, daß eben jetzt die Koͤnigin, von wenigen umgeben, im Park ſpazieren ging, und wußte ſich ihr wirklich unvermerkt zu naͤ⸗ hern. Indem ſie die eine Piſtole hervorzieht, wird ſie von einem Voruͤbereilenden zufaͤllig ge⸗ ſtoßen, und laͤßt ſie fallen. Die Piſtole gehet ohne zu ſchaden los, alles iſt voller Entſetzen; die Leibwache faßt Margarethen und ſchleppt ſie ins Gefangnis. Eliſabeth, gleich nach dem erſten Schrecken ihrer wieder maͤchtig, wie immer— will den Juͤngling ſelbſt verhoͤren. Wie heißeſt du? wer biſt du? woher koͤmmſt du? iſt, was ſie Margarethen zuerſt fragt. Koͤnigin, antwortet dieſe unerſchrocken; ich 118 trage nur dies maͤnnliche Kleid, bin aber Mar⸗ garethe Lambruͤn, und ſtand mehrere Jahre in Dienſten der Koͤnigin Maria, die deine Unge⸗ rechtigkeit aufgeopfert hat. Durch dieſe Hin⸗ richtung haſt du mir zugleich meinen Gatten ge⸗ raubt, der ebenfalls in ihren Dienſten ſtand und ſie nicht uͤberleben mochte. Beiden meinen Wohlthaͤtern gleich ergeben, hatt' ich beſchloſ⸗ ſen, mein eignes Leben dranzuſetzen, um ihren Tod an dir zu raͤchen. Mein Entſchluß war nicht uͤbereilt; ich habe mir ſogar alle Muͤhe gegeben, mich ſelbſt wankend zu machen: es iſt mir aber unmoͤglich geweſen. Eliſabeth hoͤrte ſie ruhig und ſtolz an, und antwortete dann mit angenommener Gleichguͤl⸗ tigkeit: So habt ihr alſo thun wollen, wovon ihr glaubtet, daß es die Pflicht gegen eure Gebieterin und gegen euren Gemal von euch erfordere; was, glaubt ihr, fordert aber die Pflicht von mir gegen euch? Ich weiß nicht, ob Eure Majeſtaͤt als Koͤnigin oder als Richter fragen— verſetzte Margarethe. Als Koͤnigin frag' ich euch— 119 So muͤſſen Ew. Majeſtaͤt mich begnadi⸗ gen— Und was gaͤbt ihr mir fuͤr Gewaͤhr, daß ihr meine Gnade nicht mißbrauchtet? nicht dieſelben Frevel zum zweitenmal verſuchtet? Die Gnade, die man nur mit berechneter Vorſicht ertheilt, hoͤrt auf Gnade zu ſeyn. Eure Majeſtaͤt verfahren nur richterlich mit mir—— Hier wendete ſich Eliſabeth an die, ſie um⸗ gebenden Raͤthe und Hofleute: Schon dreißig Jahre bin ich Koͤnigin, aber das hat mir noch Niemand geſagt! Dann kehrte ſie ſich wieder zu Margarethen, und ſagte ihr mit Hohheit: Gehet! ich begnadige euch, und ohne alle Be⸗ dingung!— Der Juͤngling und der alte Schaͤfer. Juͤngling. Gute Schweſter— o komm! Schon flieht die truͤbe, ſchwere Nacht Vor der goldenen Sonne Macht; Im Purpurſchmuck begruͤßt ſie der Himmel, Die Erd'— in lautem Luſtgewimmel. Ha, was das ſtrahlende, gluͤhende Licht Fur einen herrlichen Tag verſpricht! Drum laß auf ſchimmernden Blumenwegen Uns frohlich weit— o weit ergehn! 4 Schaͤfer. Eben darum koͤmmt Sturm und Regen, Weil der Morgen zu warm und ſchoͤn! Juͤngling. Gute Schweſter— du weinſt? Das verlorne Blatt. — Es war am letzten December, als ich, Vero⸗ nika und Beate an der Hand, zum Thore hin⸗ ausging. Mancherlei Gedanken und Sorgen tief im Innern bewegend, blickte ich ins reine, unendliche Blau des Himmels, als ſolle es in mir von dorther heller werden. Die Maͤdchen gaukelten auf dem pfeifenden Schnee hin— da ſagte Beate: Er ſeufzt, daß er ſo zertreten wird, der ſchoͤne weiße Schnee! und Veronika antwortete: Nein, er knirrſcht, weil er ſich ſonſt nicht wehren kann! Mit dieſen Bemer⸗ kungen ſprach ſich der Kinder eigenſtes Weſen aus; es eroͤffnete ſich ihre Zukunft vor mir, und ich durfte einen ſchnellen Blick hineinthun — aber nur einen Blick, wie wir ihn in die Wolke werfen, die des Abends von ſchoͤnem Wetterleuchten ploͤtzlich bis in ihr Innerſtes auf⸗, und in eben dem Nu wieder zugeſchloſſen wird. Lehre mich, o geheimnißvolles Weſen 122— dort oben— lehre mich ſie waffnen, dieſe Schuldlofen, gegen alles, was ihr Gemuͤth entheiligen, oder ihren reinen Sinn truͤben will! Lehre mich, ſie zu dir fuͤhren! Die Welt, in der ſie heranbluͤhen, iſt in tiefer, heftiger Bewegung. Was wird gerettet wer⸗ den, wo ſo gewaltige Kraͤfte arbeitend brauſen? was wird, ſich abarbeitend, zerreibend, erſtik⸗ kend, untergehen, bis daß alles ſich neu ge⸗ ſtalte? Tiefes Dunkel liegt auf dem Geheimniß des Werdens, wie des Vergehens. Des Ver⸗ gehens? Nein, was da iſt, kann nicht ver⸗ gehen! es bleibt, wie oft es Form und Geſtalt auch aͤndern moͤge— wie im phyſiſchen, ſo im geiſtigen Sinn! Vergehen kann es nicht, das ewig Wahre, ewig Schoͤne, ewig Gute; es bleibt ſelbſt unveraͤndert im Geiſterreiche, wo es ſein Weſen hat! So lange Menſchen ſind, muß es unter ihnen wohnen; und wie ſie auch ſeine Urgeſtalt verhaͤngen, umhuͤllen, umgeſtal⸗ ten moͤgen— ſie meinen doch immer daſſelbe und wollen daſſelbe! Und wie die Zeit ſich auch verfinſtern, die Erde ſich mit Schlamm und Moder bedecken moͤge— die Sonne bricht wie⸗ — 1²3 der hindurch, und wo ihr Angeſicht laͤchelt, da entſpringt neues, helles, heiliges Leben—— Unter dieſen Selbſttroͤſtungen, aus denen auch Troſt uͤber die Zukunft der zarten Sproͤß⸗ linge neben mir hervorging, ſahe ich die glaͤn⸗ zende Mutter des Lichts und des Lebens hinab eilen, und den Azoren und den Vereinigten und dem ſchoͤnen Louiſiana ein neues Jahr verkuͤn⸗ den. Meine Seele, voll Liebe und Dank, war in Wunſch und Hoffnung beim ſtillen Nach⸗ ſchauen verloren, bis auch ihr letztes Flaͤmm⸗ chen auf dem blauen Berge verloſchen war, und ſich die Abenddaͤmpfe den reinen Himmel hin⸗ anzogen, wie Opferwolken, uͤber denen der Mond von Oſten, ſie weihend, ſchwebte. Auch die Kinder waren ſtill und ernſt geworden. Sanft ſchmeichelnd hingen ſie ſich mir an den Arm, und wir flogen mehr als wir gingen, damit die volle Nacht uns nicht uͤbereilte. Als wir nahe am Stadtthor waren, ſahe ich ein kleines weibliches Brieftaͤſchchen von dunkel⸗ blauem Sammet zu meinen Fuͤßen. Ich hob es auf und ſteckte es zu mir. Ich kam nach Hauſe, unterſuchte, was ich gefunden hatte— 124 es zeigte ſich nichts darin, als ein Blatt mit der ſonderbaren Ueberſchrift: An die Schwe⸗ ſtern im Oſten und Weſten, im Suͤ⸗ den und Norden. Was iſt damit zu machen? fragte ich bei mir ſelbſt an. Nichts anders, erhielt ich zur Antwort, als es denen zu ſenden, denen es geſchrieben iſt! Das ge⸗ ſchehe denn hiermit.— An die Schweſtern im Oſten und Weſten, im Suͤden und 4 Norden.. Schweſtern, liebe Schweſtern, wo ihr auch wohnet: ein tief verſtecktes Stimmchen redet zu euch! Es iſt nur ein leiſes Stimmchen und bittet um euer leiſes Ohr! Ganz erſchrok⸗ ken floh es aus der Welt in eine einſame Zelle: von da ſpricht es euch liebend an. Es gehen boͤſe Geruͤchte unter den Maͤnnern uͤber euch umher, ſehr boͤſe: o wenn ſie wahr waͤren! Doch nein, das wollen die Maͤchte des Him⸗ mels verhuͤten, und das Stimmchen aus der Zelle flehet euch an: laßt ſie nicht wahr ſeyn! laßt die boͤſen Maͤnner alle gelogen haben; 125 ja noch mehr, zwingt ſie ſogar, laut zu be⸗ kennen: wir ſind Luͤgner und boͤſe Verleumder! — Zwar will es verlauten, als ob die Maͤn⸗ ner ſelbſt dieſe boͤſe Sage nur fuͤr halb wahr erkenneten, aber ſie nicht fahren ließen, weil ſie ſie zu allerlei Gebrauch vernuͤtzen koͤnnen. Wie es damit ſtehe— wer mag's entſcheiden? Das Stimmchen entſcheidet nicht. Aber es bittet, es flehet: laßt ſie nicht Recht behalten, die boͤſen Maͤnner, auch nicht halb Recht!— „Und was ſagt denn die Sage, die dich, armes Stimmchen, ſo verſcheucht hat?“ Sie ſagt— o liebſte Schweſtern! zuͤrnet nicht— ſie ſagt: ihr haͤttet die Umzaͤunung um den Baum des Erkenntniſſes durchbrochen, und haͤttet eurer Luſt, vom Baume zu naſchen, volles Genuͤge gethan; dieſe Koſt ſei euch aber nicht wohl bekommen, daruͤber habe ſich eure Tauben⸗Natur verwandelt— es habe der fromme Glaube ſich heimlich aus dem Heilig⸗ thum eures Herzens entfernt— die Tempelthuͤr ſei offen geblieben, und hereingebrochen ſeien der kalte Zweifel, die harte Willkuͤhr, die unſtete Laune. Noch habe die heilige Zucht 126— ſammt der frommen, verſchaͤmten Demuth ihr Plaͤtzchen am Altare behaupten wollen: da ſei aber freche Selbſtſucht, und das andere Weib, welches das Stimmchen nie nen⸗ nen wird, keck hinzugetreten, habe ſie beim Schleier gefaßt, ihrem Aſyl entriſſen, und mit den Schmaͤhworten hinausgejagt: Vorurtheile, alberne Vorurtheile ſeid ihr! was wollt ihr hier? wer hat euch beſtellt, uns um den Ge⸗ nuß des kurzen Lebens zu betruͤgen? iſt das Leben nicht ein Traum? und ſoll man ihn nicht ſo ſuͤß als moͤglich traͤumen? Das Le⸗ ben des Lebens wohnt einzig im Ge⸗ nuſſe— was zu ihm fuͤhrt, und was ihn durch Erinnerung vervielfacht, das gehoͤrt dem Leben an.—„O laßt uns hier verbleiben,“ haben jene, der Sage nach, geflehet;„wir lieben unſer Heiligthum; der Ewige hat uns mit dieſem Tempel und Altar zugleich erſchaffen, um bis ans Ende der Tage als heilige Dienerinnen drinnen zu wal⸗ ten, und der Flamme des Altars zu warten.“ Wer iſt euer Ewiger? wir kennen ihn nicht— Phantome ſeid ihr, und— euer Ewiger!— 127 Nun haben ſie ſich tief verhuͤllet, ſich ſchnell entfernet, um die Laͤſterworte nicht auszuhoͤ⸗ ren, und ſeien entflohen, weit weit von hin⸗ nen.— Seitdem nun ſollen eben kalte Zwei⸗ fel, Selbſtſucht, Willkuͤhr und Laune mit der Ungenannten einen Bund geſchloſſen haben, von nun an die Ordnung der Dinge umzukehren, und alles— bis auf die Namen, zu veraͤn⸗ dern und zu verfaͤlſchen. Der Zweifel wolle in Zukunft Intelligenz heißen, die Selbſtſucht Charakter, die Willkuͤhr Energie, die Laune Geiſt, und die ſchamloſe Ungenannte heilige Natur. So verhandelnd ſollen ſie Sitzung halten, im ausgeleerten, entweiheten Allerheilig⸗ ſten des Herzens.„Was ſollen uns fortan die gehaͤſſigen Namen, an denen ſo manche noch ein Aergerniß nehmen? Verbannt ſeien ſie aus der Sprache! Einer Gottheit huldigen wir alle! unter uns heiße ſie nach ihrem wahren Namen— vor dem Volke fuͤhre ſie Namen, wie das Jahrzehend ſie fordert! Was ſollen uns die Feſſeln, die Erziehung und gemeiner Gebrauch uns geſchmiedet? Laſſet uns kraftvoll die ſchimpflichen zerbrechen!— Wer will fortan 8 2 128 dem allmaͤchtigen Drange gebieten? Treue Lie⸗ be— ſie iſt ein Maͤhrchen, wie ewiger Fruͤh⸗ ling, ein Maͤhrchen aus der Ammenſtube. Treue — was will die Naͤrrin, im Lande des ſteten Wechſels?“— Was deinen Augen wohlge⸗ faͤllt, werde dein! ſoll. die Ungenannte geſagt haben; und die Selbſtſucht ihr eingefallen ſeyn: Wol! ſo ſei es! was wir lieben, was wir wuͤnſchen, was wir beſitzen wollen, ſei unſer! Warum ſollten wir uns aufopfern, fuͤr fremde Rechte? Wir ſelbſt ſind uns die naͤchſten!— Spielend habe die Laune den Schleier uͤber das Haupt geworfen—: Sehet, ich bin Prie⸗ ſterin jetzt! Du, Natur, biſt die Goͤttin, der ich diene! alle deine Forderungen ſollen befriedigt werden!— Da habe die loſe Schaar mit einander der Zucht und der Sitte gelacht; es ſei nun aus der Liebe ein Wechſeltauſch ge⸗ worden; die Grenzen der Verhaͤltniſſe waͤren niedergetreten, Familiengluͤck und Familienein⸗ tracht fuͤr einen Phoͤntx erklaͤrt—— Sehet, meine Schweſtern, ſo gehet die Sage. Von Mund zu Mund ging ſie herum.— Und es ſprachen die Maͤnner unter einander: Warum . — 129 wollen wir die Feſſeln des haͤuslichen Lebens tragen? warum ſollen wir Vertraͤge eingehen, die ſo nichtig ſind? Da haͤusliches Gluͤck ein Traum iſt, an deſſen Bedeutung man in un⸗ ſern Tagen nimmer glauben kann: ſo laſſet uns frei bleiben, und des kurzen Lebens un⸗ abhaͤngig von Weiberlaunen, Weiberraͤnken und Weiberleidenſchaften genießen!— Goͤttinnen ſind ſie— ja ja! aber Goͤttinnen des Augen⸗ blicks! Ein Thor, wer ſie zu etwas anderm machen, wer ihnen ſein Schickſal anvertrauen will!— Alſo die Schaͤlke! Da ſchleichen ſie nun Hymens Tempel vorbei, und verlieren ſich in des irdiſchen Eros Hainen. Sagt, Schweſtern, ſollen wir rechtfertigen ein ſolches Beginnen? Wollen wir wahr ma⸗ chen die Sage?— Das ſei ferne!— Laſſet uns vielmehr umkehren zur alten deutſchen Sitte, zum Glauben an das fromme, heilige Familienweſen, wo die Hausfrau waltet in Liebe, und in Liebe verwandelt des Hausherrn ſtrengen Ernſt, wo Zucht und heilige Scheu wachen an der Thuͤr ihres ſtillen Gemachs, wo die Soͤhne um ſie verſammlet vernehmen J. f. F. II,J. 11 u. 12. H. 9 130 als Stimme des Himmels das Wort von den Lippen der tiefgeehrten Mutter, und die Toͤch⸗ ter im Abglanz ihrer Tugenden herrlich gedei⸗ hen. Laßt ſie wiederkehren die Zeit der from⸗ men Treue, der Treue bis in den Tod; wie⸗ derkehren die Zeit, wo der Hausherr gegen den Frevel ſeiner Diener kein gebrochenes Schwerdt aus der Scheide zog, und die Hausfrau nicht erblaſſen mußte, wenn ſie ihren Dirnen ſtrenge Zucht gebot. Ihr allein koͤnnt ſie wiederbrin⸗ gen, jene Zeit, wo die frommen Kindlein um den Chriſtbaum beteten, und dem Vater das Herz ſchlug, und der Mutter eine Thraͤne bebte im ſanſten Auge!— Nicht die Sprache allein jener Zeit— ihre Sitte laſſet uns wiederbrin⸗ gen, traute Schweſtern! Kehret die Sprache der zuͤchtigen Einfalt allein zuruͤck, ohne ſie ſel⸗ ber, dann ſpielen wir Komoͤdie in der Komoͤdie unſers Lebens. Nicht alſo ſei es! ſo bringen wir die Maͤnner nicht zuruͤck aus der Circe Ge⸗ biet! Die Sitte, Schweſtern, der Geiſt kehre wieder, und bilde ſich dann nach Wohlgefallen ſeine Sprache!— Zuͤrnet ihr dem leiſen Stimmchen, daß es ——— ſich alſo vernehmen ließ, als ſei es ein Echo der Stimme jenes Predigers in der Wuͤſten? des Predigers, der den Weg der himmliſchen Wahrheit eben machen, die Abgruͤnde des menſchlichen Gemuͤthes ausfuͤllen, die Huͤgel des Stolzes ſenken wollte? der dem faulen Baume der Selbſtſucht die Axt an die Wurzel legte? zuͤrnt ihr? Nein, ihr zuͤrnet nicht! ihr laͤchelt nur ob dem kecken Beginnen! Ihr laͤchelt? Ach, da verſtummt das Stimmchen——! Helena. 132— Wechſe „Wie gleichſt du, ſchoͤne Luna, du lieblichſter der Sterne, wie gleichſt du meiner Myrto! Mit immer hellerm Auge blickſt du zu mir hernieder, zeigſt ſchoͤner ſtets dein Antlitz und freundlicher und milder; ſtets weiter weicht die Huͤlle, die dich dem Aug verborgen, und jede Nacht vermehrt ſich die Zahl der ſuͤßen Stunden, die freundlich du verweileſt. Doch kaum hat deine Schoͤnheit mich ganz entzuͤckt, da huͤllt ſich dein Auge ſchnell in Dunkel und finſter wird der Abend, die Nacht verſchwindet lichtleer und dich hat fremder Glanz mir, dem Harrenden, entzogen.— Du lieblichſter der Sterne, wie gleichſt du meiner Myrto! 134 Briefe der Baber Bourſault. (Beſchluß.) 21 21„ Wenn ich dir noch nicht berichtete, daß ich einen wohlkonditionirten Liebhaber aus der Normandie erhalten habe, ſo war dies nur eine beſondere Guͤte, dich nicht ohne Noth zu aͤngſti⸗ gen. Mein lieber Herr Papa, der ihn ganz im Stillen kommen ließ, um mir eine heimliche Freude zu machen, und ihn geſtern von mir gewuͤrdigt wiſſen wollte, that mir kund, daß man ihn Herr von Launay nenne, und daß er Erb⸗Lehn⸗ und Gerichtsherr auf Mesnil ſei— das iſts alles. Nur eins aͤrgert mich, daß ich ihm bei ſeiner Ankunft einen Kuß gab; ich haͤtte es, der Landesſitte zum Trotz, nicht —— 135 gethan, wenn mein Vater mich nicht mit fun⸗ kelnden Augen gemeſſen haͤtte. Abends aß er bei uns, und ſetzte ſich zu Tiſche ohne die plumpen, rothfleckigen Haͤnde zu waſchen; ich aß nichts von allem, was ſeine Fauſt beruͤhrte, und du kannſt glauben, daß ich ſehr wenig aß, denn er legte Hand an alles. Mit jeder Mi⸗ nute platzte ein Knopf, und die acht Glaͤſer, die er in ſich goß, wurden ſaͤmmtlich auf das Wohl der ganzen Geſellſchaft geleert. So lange das Eſſen waͤhrte, ſprach er kein Wort, als aber das Deſſert aufgetragen ward, und er eine Reinette nahm, verſicherte er uns, er habe deren genug, um jaͤhrlich hundert und zwanzig Faß Cider zu machen, und wenn er das Gluͤck haͤtte, mein Gemal zu werden, ſolle unſer Haus keinen Sou mehr fuͤr Aepfel ausgeben duͤrfen. Das Tiſchtuch ward abgenommen, und mein Vater ermunterte ihn, zum Kaminfeuer zu ruͤk⸗ ken; da fragte er, ob der Bader, der meinen Vater raſire, eine leichte Hand habe? er wolle es nicht wagen, ſein Geſicht der Willkuͤhr eines Ungeſchickten preis zu geben, denn er pflege 136—— ſeinen Knebelbart nun ſchon drei Jahre, um ihn zu einer reſpektabeln Groͤße gedeihen zu ſehen. Er beging noch tauſend andre Sottiſen, de⸗ ren jede ganz ausſpricht, wie wenig gefaͤhrlich dein Nebenbuhler iſt, und obſchon mein Vater darauf beharrt, er ſei fuͤr mich geboren, cer hat ein Vermoͤgen von 100, 000 Livres!) ſo betheure ich dir dennoch, daß die Wahl meines Gatten geſchehen iſt— Du, oder Keiner. 22. Mein Oheim, der ſo eben die Reiſe aus die⸗ ſer Welt in eine andre angetreten hat, und ge⸗ ſchworen hatte, mir ſein Lebelang keine Freude zu machen, hat auch im Tode Wort gehalten. Er haͤtte wahrlich einen Tag fruͤher ſterben, oder noch einen Tag laͤnger leben können. Er wird morgen begraben, grade um die Stunde, wo ihr fruͤhſtuͤckt, und ich muß aus Convenienz das Klageweib ſpielen, und in einer Kapelle vor Froſt erſtarren, waͤhrend ein wohlthaͤtiges Ka⸗ minfeuer euch wolluͤſtig erquickt. Wenn du 137 mich liebteſt, und wollteſt mich recht ſehr ver⸗ binden, ſo wuͤrdeſt du Sorge tragen, daß man das Mahl wenigſtens ſo lange aufſchoͤbe, als ich wuͤnſchte, daß mein Oheim ſeinen Tod ver⸗ ſchoben haͤtte. Uebermorgen erſcheine ich dann bei der Verneuil, um mit euch uͤber den Trauer⸗ fall zu lachen, den ich heute, ſchmerzlich zu beweinen, die Miene annehmen muß. Bitte die Morangis, die ſich uͤbel befindet, ſobald es ihr einfaͤllt, bitte ſie, morgen krank zu ſeyn, um eine Freundin zu verbinden; ich habe ihr oft dieſelbe Gefaͤlligkeit erzeigt, wenn ſie Luſt hatte a la Béte zu ſpielen, und ihr Vater wollte es nicht erlauben. Wird die Par⸗ tie auf den folgenden Tag verſchoben, ſo melde mir es ſogleich, damit ich ſo froh zur Beerdi⸗ gung meines Oheims gehe, als dein Freund neulich dem Leichenbegaͤngniß beiwohnte. Ich habe heute keine Zeit, mich des Maltheſers wegen 7) mit dir zu zanken; ſchon hoͤre ich 7) Bourſault hatte Babet geſchrieben, er fuͤrchte ſeinen Nebenbuhler und habe deshalb den Maltheſer— vielleicht einen erfahrnen Chiroman⸗ ———; 138 meinen Vater, der mich zu Thraͤnen ruft. Gute Nacht. 23. Morgen werden die Mobilien meines Oheims verſteigert. Ich habe da ein recht artiges Ru⸗ hebette geſehen; wenn du es haben willſt, ſo hoffe ich es um einen leidlichen Preis zu be⸗ kommen. Auch werde ich mir uͤber den Betrag eine Quittung ausſtellen laſſen, damit du nicht glaubſt, ich fodre mehr von dir. Es iſt da auch das artigſte ſilberne Schreibzeug, das ich je ſah, und ich hatte große Luſt, es fuͤr dich zu mauſen; aber ein Haufe von Livreevolk, das ſeine Augen ſo oft auf meine Haͤnde richtete, als du die deinigen in meinen Augen ſpiegelſt, hat mich ſo ſchuͤchtern gemacht, daß ich mit einer Stange Siegellack vorlieb nahm. Ein junger Sergeant, den ich auf der That ertapp⸗ te, als er einen ſehr praͤchtigen Toilettenſpiegel tiker jener Zeit— zu den Weißmaͤnteln gefuͤhrt, um in Babets Zuͤgen zu leſen, ob ſie ihm treu waͤre. „ 139 auf die Seite brachte, reichte mir denſelben, mit verſichernden Schwuͤren, er habe ihn nur fuͤr mich entwendet. Ich wagte es nicht, ihm den Spiegel zuruͤck zu geben, um ihn nicht vor aller Welt zu Schanden zu machen. Haͤtte ich zum Diebſtahl ſo viele Neigung, als zu dir, ſo faͤnde ich wol tauſend brauchbare Dinge; ſo aber will ich mich lieber morgen hier auf rechtmaͤßige Art damit verſorgen. Du wirſt mir ein Vergnuͤgen machen, wenn du mir deinen Entſchluß uͤber die Sache mittheilſt, von der wir heute in der Meſſe ſprachen. Glaube feſt, es iſt mein ernſter Wille, es geſchehe was da wolle, ſtets die Deinige zu ſeyn. 24. Ich bitte dich, ſchreib mir nie mehr; ſo eben erhalte ich einen Brief von meinem Normandi⸗ ſchen Liebhaber, der wenigſtens eben ſo gut iſt, als die deinigen. Man hat es mir wol geſagt, daß alle Leute aus jenem Lande ſehr viel Geiſt haben. Du wirſt dich erinnern, in Voiture einen Brief geleſen zu haben, den er an De⸗ 140— moiſelle Paulet richtet— vielleicht der galan⸗ teſte, den er je machte: grade derſelbe iſts, den mein Liebhaber kopirt hat. Sei ſo guͤtig, meine Antwort, wenn du ſie geleſen haſt, zu verſiegeln und ihm zu uͤberge⸗ ben; er wohnt bei uns, wenn wir in Paris ſind, und ſind wir nicht da, ſo logirt er in einem obſcuren Wirthshaus,(zur Bruthen⸗ ne, glaub' ich,) in der alten Auguſtinergaſſe, bei einer Fruchthaͤndlerin, die all' ihren Cider von ihm nimmt. Um ſein Plagiat wuͤrdig zu vergelten, benutzte ich den alten Peter von Provence bei meiner Antwort auf ſeinen Voitu⸗ reſchen Brief. Erſuche ihn, mir noch einmal zu ſchreiben, ich beſchwoͤre dich darum: aber dringe darauf, daß es, wo moͤglich, in deiner Gegenwart ge⸗ ſchieht; die Verſchiedenheit des Stils wird uns viel Spaß machen. Waͤhrend mein Vater morgen in ſeinem Bureau arbeitet, vergiß nicht, eine Tour zu machen, ſollteſt du auch nur eine Minute blei⸗ ben koͤnnen, und ich kaum Muße haben, dir zu ſagen, daß ich ewig die Deine bin. 23. Deine Litaneien zur heiligen Jungfrau haben Wunder gewirkt. Mein Vater iſt ganz dein Freund; er knieete geſtern an ſein Betpult, und wiederholte das„Mater Christi“ wol ſechs⸗ bis ſiebenmal. Mein Bruder, der ihn in guter Laune ſah, wollte dieſe nicht ungenuͤtzt laſſen, und ſagte ihm alles Gute von dir, was ſich nur ſagen laͤßt; du kannſt denken, daß er nicht karg mit ſeinem Lobe war, da ſelbſt ich fand, er ſage mehr, als ich weiß. Er rieth ihm, die Partie nicht auszuſchlagen, wenn es wahr ſei, daß du meine Hand zu erhalten wuͤnſcheſt; du ſeieſt reicher an Geiſt als ein gewiſſer Andrer an Erde, und ein Mann von ſo großen Talen⸗ ten koͤnne nie zu theuer erkauft werden. Mein Vater war damit ganz einverſtanden, und ſagte: falls er dergleichen noͤthig haͤtte, und du dich um einen leidlichen Preis geben wollteſt, wuͤrde er ſo gut als ein andrer Kaͤufer ſeyn; vor der Hand ſei er aber mit dieſer Gattung Waare hinlaͤnglich verſehen. Er trug meinem Bruder auf, dir fuͤr dein Geſchenk zu danken, und 4 dich zu verſichern, du wuͤrdeſt ihn ſehr verbin⸗ den, wenn du morgen bei uns zu Mittage ſpei⸗ ſen wollteſt. Koͤmmſt du, und wuͤnſcheſt Fort⸗ ſchritte in ſeiner Gunſt zu machen, ſo ſei— er mag ſagen und behaupten, was er will— immer ſeiner Meinung; denn nichts verfehlt den Weg zu ſeinem Herzen ſo wenig, als un⸗ bedingter Beifall und Unterwerfung. Mir daͤucht, das iſt die Schoosfuͤnde aller alten Leute. Wenn du meine Geſundheit trinken willſt, ſo deute mir dies lieber durch einen Blick, als mit dem Fuße an; du koͤnnteſt, wie neulich, dich unter dem Tiſche verirren. Leb wohl! ich gehe in die Meſſe; ich will den „Himmel bitten, er moͤge mir die Gnade erzei⸗ gen, mich die Deinige werden zu laſſen. 26. Verſage dich fuͤr Donnerſtag an niemand. Die Ferrari, die Morangis, ich, Lebrun, mein Bruder und du— den ich eigentlich vor allen andern haͤtte nennen ſollen— werden zuſammen — eſſen. Jeder beſorgt ſeine Schuͤſſel; die Fer⸗ rari zahlt zwei Kapaunen, Lebrun eine Kraft⸗ ſuppe, die Morangis vier Rebhuͤner, mein Bruder ſechs Schnepfen, ich den Wein und das Deſſert, und du ſollſt mit deiner Perſon bezahlen. Noch ſollſt du als frohe Neuigkeit erfahren, daß mein Vater mir bis zu Aſchermittwoche den Zuͤgel auf den Hals geworfen hat, und wir waͤhrend dieſer Zeit wenigſtens acht Stunden des Tages bei einander ſeyn koͤnnen; laͤſſeſt du dir dieſe Gelegenheit, mich zu ſehen, ent⸗ ſchluͤpfen, ſo bin ich ungewiß, ob ſie ſich dir jemals wieder ſo guͤnſtig darbeut. Du biſt ſo wuͤſte, daß man dich unter zwanzigmal kaum einmal zu Hauſe trifft, und kuͤmmerſt dich ſo wenig um mich, daß ich mich oft verſucht fuͤhle, zu glauben, du vernachlaͤſſigeſt mich ganz. Ich beſchwoͤre dich, wenn dich dies Billet zu Hauſe trifft, lies es ſo ſchnell als moͤglich, und komm noch ſchneller, als du es geleſen, zu mir. Sonntag waren wir keine Stunde beiſammen, geſtern ſah ich dich nur einen Augenblick und heute noch gar nicht. Dieſe Vorwuͤrfe beur⸗ 144— kunden, wie ſehr ich wuͤnſche, die Deine zu ſeyn. 27. Ich bin in Verzweiflung, mein armer Freund! ich leugne dir's nicht. Dieſer verwuͤnſchte Normann beklagte ſich gegen meinen Vater, er muͤſſe hier im Gaſthof fuͤnf und zwanzig Sous des Tages ausgeben, zu einer Zeit, wo ſeine Gegenwart auf dem Lande noͤthig waͤre, um Gerſte einſaͤen zu laſſen. Papa hat ſich nun erklaͤrt, es ſei ſein ernſter Wille, daß ic ihm meine Hand reiche. Sei ohne Sorgen, ſo verzweifelt meine Lage auch iſt, ſo werde ich mich doch ſo zu nehmen wiſſen, daß ich weder die Pflicht des Gehorſams, noch die Pflichten der Liebe hart verletze. Ich moͤchte raſen, daß ſolch ein Holzbock, der blos durch ſeine 100, 000 Livres etwas iſt, (ach, moͤchte man ſie ihm doch geſtohlen ha⸗ ben!) daß der, ſag' ich, von Caen nach Paris kommen und mich in der alten Tempelſtraße entdecken muß, um mein Horoscop Luͤgen zu 145 ſtrafen, das mir— Gott weiß wie viel Freu⸗ den verſprach!— Ich wuͤnſchte ſeine Aus⸗ gaben im Wirthshauſe bezahlt, und ihm einige Kniffe auf den Weg gegeben zu haben; dann moͤchte er in ſein Land zuruͤckkehren, um nim⸗ mer wieder nach Paris zu kehren. Ehe ich die Sache aufs aͤußerſte treiben wollte, ſchrieb ich an ihn; lies meinen Brief, und wenn du ihn verſiegelt haſt, ſo ſei ſo guͤtig, ihn ſelbſt zu beſtellen. Da er dich nicht als meinen Lieb⸗ haber kennt, ſo nenne dich meinen Vetter, und erſuche ihn, als redlicher Blutsfreund, nicht auf einer Verbindung zu beſtehen, zu welcher ich mich nie entſchließen wuͤrde. Wenn du mit Guͤte nichts ausrichteſt, ſo drohe! es iſt einer⸗ lei auf welche Art du mich ihm entreißeſt, wenn ich nur Dein ſeyn kann! J. f. F. II. J. z1. u. 18 H. 10 146— 28. An Herrn von Launay, Erb⸗, Lehn⸗, und Gerichtsherrn auf Mesnil, u. f. w. u. ſ. w. Mein Herr! Mein Vater, der mir ſo eben be⸗ fahl, Sie zu lieben, hat mir damit eine Sache aufgetragen, die ich nicht anzufangen weiß. Nicht als ob Sie keine liebenswuͤrdigen Eigen⸗ ſchaften beſaͤßen— Ihr Blick iſt ſo edel als Ihre Geburt, Ihr Koͤrper ſo gebildet als Ihr Geiſt, Sie ſprechen Ihr Normaͤnniſch ſo cor⸗ rekt als einer Ihrer Provinz: aber alles das ruͤhrt mich nicht. Sie ſollten mir fuͤr meine Offenheit ſo verbunden ſeyn, als ich es Ihnen füͤr Ihre Liebe bin; ſollten mir fuͤr die Ausga⸗ ben, die ich Ihnen erſpare, eben ſo viel Dank wiſſen, als ich fuͤr die gemachten. Da es ungerecht waͤre, daß Sie ganz auf Ihre Koſten mir den Hof gemacht, und ich dieſe Ehre ganz umſonſt gehabt haͤtte, ſo ſollten wir uns hieruͤber vergleichen, und es ſteht nur bei Ihnen, daß wir uns zur Haͤlfte drein thei⸗ len. Sie zahlen die Herreiſe, weil ich Sie nicht gerufen, und ich mache mich verbindlich die Koſten der Ruͤckkehr zu tragen, weil ich Sie darum bitte. Wenn Sie meinem freundſchaftlichen Rathe folgen wollen, ſo ſchlagen Sie ſchnell ein. Mein Vater, der denn doch noch mehr Liebe fuͤr mich hat, als fuͤr Sie, und der in guter Laune immer bereut, was er in boͤſer ſchlimm gemacht hat, wird mich nicht ſo ſchnell fort⸗ jagen, daß Sie nicht die Saͤezeit der Gerſte verſaͤumten, wenn Sie das Ende abwarten wollten. Laſſen Sie mich Ihnen in einer Sache ver⸗ bunden ſeyn, die ſonſt geſchehen wird, ohne daß Sie meinen Dank erndten; denn, was eine Heirath zwiſchen uns beiden betrifft, bin ich Ihre gehorſame Dienerin. 29. O Gott! ich werde dich, mein Geliebter, viel⸗ leicht in meinem Leben nicht wiederſehen! Geſtern— ich verließ ſo eben mein Bette, um 148 an dich zu ſchreiben, und es ſchlug züdei, als ich den erſten Buchſtaben mahlte— geſtern, ſag' ich, gab es einen Sturm in unſerm Hauſe, der alles durch einander warf. Mein Bruder, den ich ſo ſehr liebe, wie dich, vergriff ſich an dieſem verhaßten Launay; mein Vater vergriff ſich an meinem Bruder, ich kriegte auch Einiges ab, das ich recht gern entbehrt haͤtte, und was ſchlimmer, als alles iſt— ſobald der Tag an⸗ bricht, wird man mich in ein Kloſter fuͤhren. Ich betruͤbe mich mehr uͤber deine Betruͤbniß, als uͤber meine eigne. Da ich nicht weiß, in welches Kloſter man mich bringen wird, ſo weiß ich dir nichts zu ſagen; mein Bruder koͤmmt Schlag fuͤnf Uhr hieher; er wird mich nicht verlaſſen, ſo lange er mir folgen kann, und von ihm wirſt du die Art und Weiſe erfahren, mich zu ſehen, falls ich ſichtbar bin, oder mir zu ſchreiben, wenn ich es nicht ſeyn ſollte. Ich empfehle dir nicht, mir treu zu blei⸗ ben; meine Liebe, die ich ſo offen dir geſtand, die Mißhandlungen, die ich um deinetwillen dulde, ſprechen lauter, als ich es vermag. Ich 149 bin untroͤſtlich, aber troͤſte du dich— wohin ich gehe, da haſt du keinen Rival zu befuͤrch⸗ ten; moͤchte ich, wo ich dich zuruͤcklaſſe, eben ſo wenig von Nebenbuhlerinnen zu beſorgen haben! Leb wohl, mein Theurer! ich umarme dich von ganzem Herzen ehe ich in die oͤden Kloſter⸗ mauern trete, und betheure, daß ich ſie nie anders verlaſſen will, als um die Deine zu ſeyn. Babet verließ ſie nimmer! Vom Schickſal hart getroffen, ward dieſer kindlich ſchoͤne Geiſt im zarten Bluͤtenalter ſchon des Todes Beute. Der Kritiker im Stadtthor. Ein ernſter Kritiker zog über Land— zu Fuß— denn weil ſein Amt nicht viel rentirte und ihn ſein Redacteur ſchlecht honorirte, war ihm kein Wagen gleich zur Hand. Mein ehrlicher Magiſter trug nicht viel im Seckel, und gedacht' im Flug zum Stadtthor ungeneckt einzupaſſiren; er kannte das Veracciſtren dem Namen nach allein. Die Sachen, um die der Paſſagier oft flucht, wenn Rock und Hemd der Viſitator ihm durchſucht als ob die Sitt' und Zucht im Land auf hohe Ordre ſelbſt waͤr contreband— die waren ihm ganz unbekannt. Er war ſchon halb ins Thor geſchritten, da rief's ihm: Holla, Landsmann! nach, dorthin ans Fenſter! unters Wetterdach! wir wollen uns die Taſchen erbitten, —— — 131 ob etwas lebendig oder tod drinn iſt, wider des Koͤnigs Verbot! Mein Kritiker wird etwas verlegen, und will durch beſcheidnen Vorbericht aufheitern das ſtrenge Amtsgeſicht des taſchencenſirenden Pſeudo⸗ Kollegen— doch der laͤßt den Magiſter ruhn, er hat mit dringend empfohlnen Artikeln, mit Schoͤpſen, Haſen, jungen Kanickeln und Eiern und Butter vollauf zu thun, laͤßt fuͤr den Proſpektus die Zahlung ſich geben und nimmt füͤr prompte Bedienung daneben zum eignen Gebrauch ſich ein Freyexemplar. Der Kritiker kratzt ſich in dem Haar; er wundert ſich ſehr, von allen Suͤnden, die er ſelbſt im Idealen begeht, einen Parallelismus hier zu finden, bei dem das Reale beſſer beſteht! da fliegen Muͤnzen hin und her, und Tiſch und Zaͤhlbret wird faſt niemals leer. Doch endlich ſtellt die Langeweile bei unſerm Mann ſich ein; er geht herum— denn Art laͤßt nicht von Art— und ſieht ſich um, — 132— ob nicht fuͤr ſeine kritſche Feile ſich etwas finden mag. Ei, ruft er dann und ſtoͤßt den Viſitator an, mein Freund, was muß ich hier erblicken! es mangelt doch ganz offenbar der Anſtalt hier an weſentlichen Stüuͤcken, an guter Aufſicht naͤmlich— dort liegt baar auf jenem Tiſch das Geld noch aufgezaͤhlt, kein Menſch dabei!— wie nur, in aller Welt! 4 kann man bei euch ſo ganz vergeſſen, was jedem Kind gleich in die Augen faͤllt? Der Viſitator lacht und ſpricht: Ei Herr, ihr muͤßt uns Andre nicht nach eurem blöden Auge meſſen! das Geld iſt falſch, wie ihr gleich ſeht, wenn ihr auf ſo'was euch verſteht. Um ſo viel ſchlimmer! eben deswegen! verſetzt im Eifer der Kritikus. Will man die Suͤnd' an den Weg noch legen, und ſie den Menſchen unter den Fuß ſelbſt geben, ſtatt ſie zu beſtrafen, ſo iſt der Wolf ja Huͤter bei den Schafen! Da ſieht aus dem Fenſter ein Amtsgeſicht nach dem Kritiker hin und ſpricht: —— Spart eure Galle, lieber Herr, 3 und laſſet euch in Gutem bedeuten, daß von eures Gleichen auch nicht mehr geſehn wird, als von andern Leuten! Bemerket mit Gunſt, daß jedes Stück Geld ein Nagel am Tiſche gefangen haͤlt; verſucht es ſelbſt nur einzuſtreichen, es wird euch nicht von dem Platze weichen! 6 So geht es auch oft mit andern Dingen, die euch Herren gleich zum Verdacht und zu der ſtrengen Entſcheidung bringen, als hab' euer Naͤchſter gar nicht gedacht! Wo ihr hinwollt bei dem erſten Leſen, da iſt euer Autor oft laͤngſt ſchon geweſen! A. Apel.