—— 1 8 Leihbibliothek 1 deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von.. Ednard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 5 3 Leih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtatret — 4 — wird. 4 Get2s Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und⸗ eträgt: 3 für vchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchiutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, echuneste⸗ ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zun Erſatz des Ganzen verpflichtet. 4 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. . 1 N,— 1 unverdorbene Familien. Erzaͤhlungen fuͤr Neunter Band. Leipzig bei Georg Joachim Goͤſchen 1815. Inhalt des neunten Bandes. Das Blumenmaͤdchen. Fruͤhlings⸗Erdenwallen. Weiblichkeit. Die Frau von 63 Jahren. Der 6ten Stunde des 9ten Mai's 1805, der Ster⸗ beſtunde Schillers. Der Roſenſtrauch. Phyllis. Maria Anna, Gräfin v. Bruͤhl. Hatte der Neffe Recht? Das Herabkommen vom Gotthardt. Gallerie griechiſcher Dichterinnen. Alkuz und Taher, oder das Schickſal und die weich⸗ geſchaffenen Seelen. Geſchichte einer Ungluͤcklichen. Weiblicher Sinn. Lehre. Der große Kritiker uͤber die Weiber. Sankt Johannes und ſeine Katze. Das Lotterielos. Die neue Putzſtube, oder: Regen und Sonnenſchein im Praſſelſchen Hauſe. Lied von der Lilie. Iris an Auroren. Die Quelle von Vaucluͤſe. Das Blumenmaͤdchen. Ballade. I. Der Juͤngling. Haſt du wandeln ſie geſehen, Bluͤhender Roſenſtrauch? Der Roſenſtrauch. Ja, ſie flog wie Zephirhauch Dort herab von Bergeshoͤhen. Der Juͤngling. Haſt du laͤcheln ſie geſehen, 3 Freundliches Immergruͤn? Das Immergruͤn. Ja, ſte zog durchs Thal dahin, Lacheln hab' ich ſie geſehen! J. f. F. II. J. 5. H. 1 Der Juͤngling. Haſt du trauern ſie geſehen, Lieblich Vergißmeinnicht? Das Vergißmeinnicht. Juͤngling, ihrer Augen Licht, Trauern hab' ich es geſehen! Der Roſenſtrauch. Und als ſie leiſe voruͤberflog, Da gruͤßten ſie alle meine gluͤhenden Roſen, Und in den Strom der umfangenden Luft Streut' ich ihr den balſamiſchen Duft. Das Immergruͤn. Und als ſie laͤchelnd voruͤberzog, Da regten ſich alle meine blüͤhenden Zweige, Und ſie zu ſchmuͤcken mit mildem Glanz, Wand ich ihr den immergruͤnen Kranz. Das Vergißmeinnicht. Und als ſie trauernd zu mir niederſah, Da erblich mitfuͤhlend mein Aug' in Thraͤnen, Und, verſunken im Traum der vergangenen Luſt, Druͤckte ſie ſchmerzlich mich an die Bruſt! —₰½ Der Juͤngling. O ihr Gluͤcklichen der Fluren, Eurem Gruße naht ſie gern, Doch von allen meinen Spuren Blreibt ſie fliehend ewig fern! Und von allen meinen Thraͤnen Keine, keine ruͤhrt ihr Herz; Ach, in ewigſtummem Sehnen Kehrt mir nur der kalte Schmerz! Blumen, gebt mir eure Sprache, Weht mir euren Zauber an, Daß ich meinen Schmerz ihr klage, Troͤſtend ſie mir moͤge nah'n! Soll ich liebend denn verſchmachten, Iſt ihr doch mein Trauern werth; Will ſie meines Grams nicht achten, Fuͤhlt ſie doch, was mich verzehrt. Roſe, gieb mir deine Duͤfte, Deinen Thau, o Immergruͤn; Magiſch in dem Hauch der Luͤfte Moͤg' ihr meine Sehnſucht gluͤh'n; Und von deinem milden Glanze Leihe mir, Vergißmeinnicht, Wenn zum ſtillen Todrenkranze Sie die letzte Blume bricht. 0 2. —— Das Blumenmaͤdchen. Ich ſchwebe hernieder Von eiſigen Hoͤhen, Wenn golden den Fluren Sendet der Lenz den aͤtheriſchen 2haad Und bringe den Fluren Die Blumen voll Duͤfte, Die Lilien und Roſen, Der Bluͤthen Purpur, der Farben Pracht. Es wiegt ſich auf Winden Mein ſchwebender Fuß, Im Fruͤhlingsgewoͤlke Bau' ich den ſchimmernden goldnen Pallaſt. Wo bluͤhende Zweige Zu Schatten ſich woͤlben, Da weil' ich vertraulich Am ſilberwogenden Waſſerfall! Wo heilige Stille Umduͤſtert den Hain, Da ruh' ich verborgen, Umgaukelt von magiſchen Traͤumen der Nacht. Und ſchnell, wie in Oſten Ergluͤhet der Morgen, Durcheil' ich die Fluren, Und öffne der ſchlummernden Bluͤthen Kelch! Nun thauen die Perlen Der leuchtenden Sonne, Nun glaͤnzen die Blumen In des Lichtes tauſendfarbigem Stral! Doch wenn nun die Bluüthen Erblaſſen, verwelken, So zieh' ich von dannen, Und niemand folget der traurigen Spur. Ach! ſteil ſind die Hoͤhen, Und tief iſt der Abgrund, Weit uͤber den Bergen Laͤchelt der ewig freundliche Lenz! 4 3. Der Juͤngling. 3 Soll ich nimmer ſie erreichen In dem fernen goldnen Land? Zu den unbekannten Hoͤhen Iſt umſonſt mein Blick gewandt! Sehnſucht treibt mich ſchnell von hinnen, Ihren Spuren folg' ich treu, Doch, ich kann es nicht gewinnen, Und mein Schmerz iſt immer neu!* Wunderbar iſt ſie geboren, Wie die Blumen, die ſie pflegt; Wiederkehrend mit den Horen Wird ihr Herz von Luſt bewegt; Liebe ſtralt aus ihren Blicken, Aller Herzen zieht ſie an, Wo ſie weilt, iſt das Entzuͤcken, Und die Freude ſchwebt voran! 3„ Aber mit den ſchnellen Bluͤthen. Welkt auch ihrer Tage Glanz, 1 Traurig um die ſeid'nen Locken Schlingt ſie den verbluͤhten Kranz! Und ſie flieht, und kehrt nicht wieder, Bis der Lenz ſich neu verjuͤngt, Bis der Sehnſucht theure Lieder Philomele klagend ſingt. 4. Das Blumenmaͤdchen. Jungling, deine ſtillen Klagen Ruͤhren mir das Herz, Deine ſtummen Blicke ſagen Lauter mir den Schmerz! Was verfolgſt du meine Spuren? Du erreichſt ſie nie! Nicht auf dieſen Blumenfluren, Juͤngling, enden ſie! Weit hinaus in dunkeln Fernen Liegt mein goldnes Land, Zu dem Glanz von tauſend Sternen Freundlich hingewandt. 8 Wo die ew'gen Blumen bluͤhen, Ew'ge Jugend lacht, Wo die ſchoͤnern Triebe gluͤhen, Und kein Irrthum wacht! Juͤngling, ſtille deine Thraͤnen, Denn mein Herz iſt ſchwer. Ach, ich zoͤge gern dein Sehnen Ewig zu mir her! Aber, kannſt du mich ergruͤnden In dem Wahn der Zeit? Wirſt du meine Heimath finden? Ach, der Weg iſt weit! 5. RNomanze. Der Fruͤhling kam, Es athmeten leiſe Die Duͤfte der Blumen, Und munter zogen die Heerden zur Trift. — Die Nachtigall ſang In ſchmelzenden Toͤnen, Es girrten die Tauben, Die Lerche wirbelt' ihr Himmelslied. Und klagend zog Der Juͤngling voruber, Es war ihm im Buſen Aufs neue das innige Sehnen erwacht Am einſamen Huͤgel, Im ſchattigen Thale, Da zog er voruͤber— Es welkte ſein Auge von ſtillem Gram! Nun kehrte der Fruͤhling, Das Maͤdchen kehrt wieder— Doch nimmer der Jüngling; Verſchwunden, verſchwunden iſt ſeine Spur! Schreiber 10— Fruͤhlings⸗Erdenwallen. Fruhling ſchwebt auf Sylfenfluͤgel, Früͤhling ſinkt im goldnen Stral Von dem ewiggruͤnen Huͤgel In der Hoffnung ſtilles Thal. Ihn, den Schönſten, ſieht man wallen Durch der regen Waͤlder Luſt; Ihm, dem Schoͤnſten, zu gefallen, Schwillt der Blumen junge Bruſt. Zarte Gloͤckchen ſteh'n am Wege; 4 Weiß, wie Schnee im Mondenlicht, Senkt im grunen Wildgehege Maienblum' ihr Angeſicht. Auch im Nonnenſchleier ſchlagen Maͤdchenherzen liebewarm; Doch die ſcheuen Blicke ſagen Nichts von ſtiller Sehnſucht Harm. „Bloͤd und farblos, wie der Winter, „Laßt mich Reiz und Jugend kalt. „Liebend ſuch' ich, blaſſe Kinder! „Schoͤn're Neigung und Geſtalt. „Zucht und Sitte kann ich achten, „Doch mich ihrem Dienſt zu weih'n, „Wehrt des Buſens heißes Schmachten— „Treibt mich tiefer in den Hain!⸗ Lieblich unterm Blaͤtterkranze Fleht, verſteckt im Holderſtrauch, Mit der Thraͤne Perlenglanze Der Viole blaues Aug'. Leiſe Seufzer— milde Duͤfte Haucht des ſanften Veilchens Schmerz:; Leis verrathen ſuͤße Luͤfte Ein in Lieb' vergehend Herz. 1 * „Sanfte Trauer muß mich ruͤhren, „Reizend ſchmuͤckt der dunkle Kranz⸗ „Und der Wehmuth Thraͤnen zieren „Schoͤner Augen Himmelsglanz; 11 12 „Doch ein freies, friſches Leben „ Hat mir laͤchelnd die Natur „»Auf den kurzen Pfad gegeben; „Heitre Schoͤnen lieb' ich nur!⸗⸗ Sylfe ſchwingt den Silberſittig, Faattert durch ein blinkend Thor; Schimmernder, als Pfau und Pſittig, Lacht der ſtolzen Tulpen Flor. Schlank im gruͤnen Koͤnigskleide, Mit der Krone Feuergold, Strahlend mit Nubingeſchmeide, Fordern ſie den Liebesſold. „Stumm bewundr' ich, hohe Schoͤnen! „Eures Schmuckes Purpurlicht; „„Aber meine Hoffnung kroͤnen, „Sultanstoͤchter, koͤnnt ihr nicht. „Legt euch ungeliebt zu Grabe „In der eiteln Krönungstracht; „Daß ich mich an Liebe labe, „Flieh' ich hin, wo Liebe lacht!⸗ 13 Und es winken Goldnarziſſen; Hiazinthen, duftgefuͤllt, Oeffnen, reizend ihn zu gruͤßen, Buſen, nur zum Schein verhuͤllt. Leichtgeguͤrtet, fluͤſternd, nicken Sie zu Liebesſpiel und Kuß; Und es ſchwimmt in Feuerblicken Jeder Wonne Vorgenuß. „„Reiche Freuden nögt ihr ſpenden, „Reizende im Taͤnzerkleid, „Aber meine Blicke wenden „Sich nach treuer Zaͤrtlichkeit. „Nie wird Eros uns verbinden, „Ob ihr ſchon, wie Hebe, prangt.— „Goͤtter! ſoll ich nimmer finden, „Was mein liebend Herz verlangt?“ Roſenknoͤspchen, ſtill von Sitte, Lauſcht durchs gruͤne Schleiertuch; Und des Auges fromme Bitte Hemmt des ſchoͤnen Sylfen Flug; 14 Unſchuld, Schaam und Sehnſucht ſchließen Noch die Bruſt, und heiße Glut Will die Wangen uͤbergießen Mit Cytherens Goͤtterblut. „Floͤtet, ſuͤße Philomelen! „Seel'ger Hymenaͤen Laut; „Pſychen nur kann Amor waͤhlen; „Roſe iſt des Fruͤhlings Braut. „Sie nur ſtillt des Buſens Streben; 4 „Sie nur ward mir auserſehn; „Nur der Schoͤnſten will ich leben, ⸗Und mit ihr will ich vergehn!“ Friedrich Kind. 13 VBeiblichkeir. Ein Geſpraͤch. Cornelie zur bereintretenden Freundin. Will⸗ kommen, Clementine! Sie kommen mir ſehr erwuͤnſcht, denn ich hoffe, Sie machen heut mit mir und unſern Kindern die verabredete Fruͤhlings⸗Wallfahrt nach dem Nachtigallen⸗ Waͤldchen, wohin mein Sinn heute ſteht, und worauf auch die Kinder heut vom fruͤhen Mor⸗ gen an beſtanden ſind. Clementine. Dazu gerade wollt' ich Sie auffodern. Meine beiden Maͤdchen ſind ſchon unten mit Ihren Kindern in voller Erwartung. Cornelie. Minone und Alwine ſind ſchon unten? So gehen wir denn. Martha tragt uns ein Koͤrbchen mit Erfriſchungen nach; der Weg iſt etwas weit: unſer kleines Voͤlkchen wird ſich des Vesperbrotes freuen. Dazu iſt heute nicht nur des Mai's, es iſt auch meiner Seline Geburtstag!— Nun ſind wir alle fertig! 16 Clementine. Es wird heiß werden. Man kann ſich nicht genug gegen die Fruͤhlingsſonne verwahren. Nehmen Sie keinen Schleier? Cornelie. Nein, Liebe, heute nicht. Voran, junges Voͤlkchen! voran! So. Clementine. Aber auch Ihre Kinder ohne Schleier? Das wird Sommerſproſſen ge⸗ ben! der Hut ſchuͤtzt nicht hinlaͤnglich. Cornelie. So moͤgen ſie davon tragen, was der Hut nicht abwenden kann! Ein Schleier ſteht der ſechzehnjaͤhrigen Jungfrau in der Kir⸗ che und auf der oͤffentlichen Promenade ſehr wohl an: aber wenn dieſe junge Bienenbrut aus⸗ ſchwaͤrmt, um von allem, was bluͤhet, Honig zu naſchen, muß ſie durch nichts gehemmt ſeyn. Clemenrine. Wie Sie doch in allem ſo gar eignen Sinnes ſind! Ich kann Sie oft gar nicht begreifen, und weiß eigentlich auch nicht, warum ich Sie ſo lieben muß, da wir ſo durch⸗ aus verſchieden ſind. Cornelie. Nun, fahren Sie nur fort mich lieben zu muͤſſen, und ich bin ſchon zufrie⸗ den. Clementine. Aber ſagen koͤnnten Sie —— 1 2 mir doch wol, was Sie mit Ihren Toͤchtern eigentlich vorhaben? Ich ſinne Nacht und Tag darauf, in meiner Minone alles Wilde, Raſche und Rauhe auszurotten, und ſie ſo zart und ſanft zu bilden, wie mein ſuͤßes Alwinchen; aber oft, wenn ich ahne, es ſei ſchon halb gelungen, und ich in ihren Mienen ein kleines Etwas von jenem unausſprechlichen Zauber des Ausdrucks zu entdecken meine— von einem Wohlſeyn, das ſich zum Schmerze, zur ſtillen traͤumenden Schwermuth hinneigt: ſo flammt ein helles, grelles Leben ploͤtzlich in ihr auf, das ſie bis zum Laͤrmen hinreißt, und ich gebe meine ſchoͤne Hoffnung mit Schmerz verloren. Nur Alwine, die ganz Zartheit iſt, ganz fuͤße, ſchmelzende Weichheit, kann mich dann wieder troͤſten. Sie, Cornelie, haben ſo holdſelige Kinder, die alle Herzen an ſich ziehen, und wollen dieſe Holdſe⸗ ligkeit in ihnen nicht bis zur hoͤchſten Zartheit ausbilden, wie Sie doch ſo leicht koͤnnten! Ich kann Sie wahrlich nicht begreifen. Corn. Laſſen Sie mich eine Minute: ich will verſuchen, ob ich mich ſelbſt begreife— ich meine: ob ich mit klarer Beſonnenheit thue, J. f. F. II J. 5 H. 2 15 was ich thue, oder ob ich aus einer inſtinkt⸗ artigen Nothwendigkeit in meiner Natur ſo handeln muß! Oft duͤnkt mich, es waͤre alles wohl uͤberlegter Plan, und ein andermal, es ſei alles Trieb, und muͤſſe ſo ſeyn. Vielleicht habe ich beidemale Recht— vielleicht auch beidemale Unrecht. Nun— Sie wollen mich begreifen, und ſo muß ich Ihnen vorlegen, was ich daruͤber denke. Clement. Halten Sie denn uͤberhaupt jung⸗ fraͤuliche Zartheit nicht fuͤr die ſchoͤnſte Blume im weiblichen Kranze? Und koͤnnen Sie das rauhe Amazonenweſen ſchoͤn finden, womit einige unſerer Heldinnen Wind und Wetter, Schnee und Sonnenſtich und jedem andern Un⸗ gemach trotzen? Corn. Ich liebe die weibliche Zartheit, und finde den rauhen, maͤnnlichen Trotz gegen das Schickſal, wie gegen die feindlichen Elemente, am Weibe— wenigſtens nicht ſehr wuͤnſchens⸗ werth; aber... Clement. Und dennoch fuͤhren Sie auch im Winter Ihre Kinder faſt taͤglich ins Freie! und dennoch mußte, wie man mir erzaͤhlt, Ihre — — — — 19 Chariton den Teller halten, als Anne zur Ader ließ, weil das Kind kurz zuvor vom Anblick einer Wunde faſt ohnmaͤchtig geworden! und Seline, die die kranke Frau nicht mit beſuchen wollen, weil ſie das Jammern nicht hoͤren konnte, hat andern Tags mit Ihnen ins Hospital gehen muͤſſen! Ich kann Ihnen nicht ſagen, wie hart mir das vorkommt, und wie ich die armen Kinder bedauert habe.— Und muß auch die zarte Bluͤthe von Charitons himmliſchem Ge⸗ ſichte, wie die ihres Herzens, nicht einſchrum⸗ pfen, wenn ſie den rauheſten Winden preis gege⸗ ben wird? Und Seline vollends— darf man ſolche Mitgaben der Natur aufopfern, als Ihren Kindern zu Theil wurden? O mich duͤnkt oft, ich muͤßte Ihnen recht boͤſe ſeyn, wenn ich nur koͤnnte! Corn. Recht ſo, meine Gute: ſagen Sie Alles heraus, was Sie gegen mich und meine Methode auf dem Herzen haben; ſo iſt es mir lieb, und ich will Ihnen auf Alles Rede ſtehen.— Haben Sie ſonſt noch etwas? Clement. O viel, viel! Z. B. das Fruͤh⸗ aufſtehen, wozu die armen Kinder ſich anſtren⸗ 20 gen muͤſſen; das Waſchen im kalten Waſſer; die grobe Koſt; das Entbehren alles Zuckerwerks und aller leckern Speiſen; die leichte, loſe, luftige Kleidung— Corn. Wie ſonderbar! Erſt werfen Sie mir vor, daß ich fuͤr die Erhaltung und Pflege der koͤrperlichen Schoͤnheit nicht genug ſorge; und nun beſchuldigen Sie mich des Gegen⸗ theils— Clement. Sie irren, meine Freundin: deß werde ich Sie nimmer anklagen. Corn. Und doch thun Sie es. Denn gerade Ihre letzten Klagepunkte— das Fruͤh⸗ aufſtehen, das Enthalten von Leckereien, die einfache Kinderkoſt, die leichte Kleidung,— ſind hauptſaͤchlich Kunſtgriffe der muͤtterlichen Eitelkeit. Ihnen ins Ohr: ich bin eine der eitelſten Muͤtter auf Gottes Erdboden; meine Maͤdchen koͤnnten mir nicht leicht ſchoͤn genug werden.. Clement. Ich begreife Sie immer we⸗ niger. Corn. Ich wende alle Tage unvermerkt ein Toiletten⸗Arkanum nach dem andern an. — 21 Und ſehen Sie nur die Maͤdchen recht an, ſo muͤſſen Sie meine Arkane probat finden. Laſſen Sie die eitle Mutter ihre Kinder einmal her⸗ ausſtreichen! Was haben Sie z. B. gegen die Zaͤhne der Maͤdchen? Clement. Sie ſind ſo weiß und ſo geſund, daß man ſich freuen muß, wenn die Kinder den Mund oͤffnen.. Corn. Das Rezept dazu, iſt— erſt poſi⸗ tiv: die geſunde Natur der Kinder, dann das Roggenbrot und die ganze uͤbrige einfache Koſt; dann negativ: die Vermeidung aller heißen Ge⸗ traͤnke und aller Leckereien. Clement. Wie wollen Sie mich davon uͤberzeugen? Corn. Stellen Sie Vergleichungen an, mit allen Kindern, die wir kennen, und ſtellen Sie beſonders ſehr ſtaͤdtiſch erzogene Kinder neben die Kinder der Bauern, ſo kann Ihnen gegen mein Zahnpulver kein Zweifel mehr bleiben.— Aber damit der Mutterſtolz einmal recht triumphire— nennen Sie mir doch Kinder von geſunderer, friſcherer Farbe als— ja, es muß heraus— als 22 Charitons und Selinens, das kleine Floͤrchen zu Hauſe nicht zu vergeſſen? Clement. Ihre Aufforderung iſt tähn, und doch muß ich bekennen, ich weiß keine. Corn. Und der Wuchs, und— Clement. O was das Aeußere betrifft, ſo bin ich ſchon ſo in der Enge, daß ich Ihnen alles einraͤumen muß. Aber iſt denn die Ge⸗ ſundheit des Koͤrpers alles? und iſt ſie nicht oft (ich meine das Uebermaß) der ſuͤßen Weiblich⸗ keit ſo ſehr entgegen? Koͤnnen Sie ſich eine Liane oder Klotilde mit rothbluͤhenden Wangen und einem kraͤftigen Wuchs und feuri⸗ gen Augen denken? Corn. Nein, meine Freundin; eben ſo wenig als ich mir Ihre Namensſchweſter, die Heldin des Grandiſon, oder auch die Clariſſa ſo denken koͤnnte. Clement. Und haben dieſe großen Portrait⸗ maler uns nicht die Ideale der Weiblichkeit auf⸗ geſtellt? Oder halten Sie ſie nicht fuͤr große Meiſter in der Kunſt? Corn. Gewiß. Man kann die Meiſterſchaft dieſer Idealiſten unter den Malern nicht froher . 23 anerkennen, als eben dieſe Cornelie thut, die jetzt mit Ihnen ſpricht. Doch ehe wir weiter reden, laſſen Sie mich fragen, was Sie von dem Ausſpruch irgend eines alten Weiſen halten, der geſagt hat: es koͤnne fuͤr die Goͤtter ſelbſt keinen ſchoͤnern Anblick geben, als, den Gerech⸗ ten im Kampfe mit dem boͤſen Verhaͤngniß ſiegen zu ſehn? Clement. Der Ausſpruch iſt kraͤftig und ſchoͤn, aber wie kommt er hieher? Corn. Wenn Sie ſich dieſes Spruchs freuen, und ihm Wahrheit und Schoͤnheit zuge⸗ ſtehen koͤnnen: wuͤnſchen Sie deshalb den Ge⸗ rechten, die Sie kennen, dieſen Kampf mit dem Mißgeſchick, damit Goͤtter und Menſchen den herrlichen Anblick haben moͤgen?—— Und wenn Clariſſens Tod, und Lianens zartes Gei⸗ ſterleben und ihr fruͤhes Dahinwelken, zu den ſchoͤnſten Meiſterwerken der darſtellenden Kunſt gehoͤren, und wenn beide Kuͤnſtler, der laͤngſt hinweggegangene und der noch lebende, ihre Pinſel in reinen Aether getaucht haͤtten: welches von ihren Kindern wollten Sie denn zum Ori⸗ ginal fuͤr ein drittes Gemaͤlde der Art werden ſehen?— Sagen Sie, Liebe! Clement. Ich bitte Sie, fahren Sie fort. Corn. Oder wenn Sie von ſeltſamem Schauer ſich ergriffen fuͤhlen, eine fruͤhreife italiſche Natur, wie ſie in Mignon darge⸗ ſtellt wurde, ſich unbewußt, von der Flamme hoffnungsloſer Liebe im kuͤhlern Norden verzeh⸗ ren zu ſehen— ſoll Minone oder Alwine, gleich dieſem idealiſchen Kinde, in brennender Sehn⸗ ſucht verſchmachten? Ich kenne Sie beſſer: das wollen Sie nicht von der einen, nicht von der andern.— Und wenn uͤberdies zu einer ſol⸗ chen Entwickelung gerade eine ſolche Natur, wie der Dichter ſie ſich dachte, und gerade ſolche fruͤhe Schickſale und Umgebungen gehoͤrten, wie die, in welche er ſie brachte, und wenn das Hochtragiſche in der Kunſt, ſo wenig wie das Hochkomiſche, im wirklichen Leben nachgebildet werden kann; wenn ein nachgeahmter Werther im Leben eben ſo nothwendig ein Geck ſeyn muß, als kein Arlecchino ſich von der Buͤhne ins eigentliche Leben wagen darf: was ſollen —— — 25 dann die in der Wirklichkeit nachgebildeten Cle⸗ mentinen, Clariſſen, Lianen, Klotilden, Mignons u. ſ. w.? Und wo waͤre ihre Welt? Die iſt im Hei⸗ ligthum der ſchaffenden Dichterkraft! Da ſchla⸗ fen ſie in ihren Keimen, bis der Dichter ſie ins Leben hervorruft. Er haucht ſie an, und ſie geſtalten ſich; er kleidet ſeine innere Schoͤpfung in Sprach' und Bild, und uͤbergiebt ſie ſo dem unſterblichen Leben im klaſſiſchen Werke. Das iſt ihr eigentliches Leben. Clement. Aber darf man denn ſolche Charaktere nicht ſtudiren, um ſich das Schoͤne und Herrliche davon anzubilden? Corn. Alles Angebildete iſt Lack und Fir⸗ niß. Das Hohe, Herrliche, wohnt tief inwen⸗ dig im Menſchen. Geweckt kann es werden, aber nicht durch Muͤhen dahin gebracht, wo es nicht ſchon war. Clement. Und doch erzieht man uns durch Nacheiferungstrieb, durch Muſter, die man uns vorhaͤlt— zu allem Guten und Schoͤnen! Corn. Mit gutem Erfolg— aber wozu? Zur aͤußerlichen Zucht! zum Schicklichen! 26 Der innere Kern des Gemuths bildet ſich anders. Clement. Und wie denn? Corn. Uns unbewußt! Zu leugnen iſt freilich nicht, daß das oͤftere Anſchauen ſchoͤner Ideale kraͤftig mitwirkt: aber ich wiederhole es noch einmal— uns unbewußt! alles geiſtige Werden iſt ein tiefes Schoͤpfungsgeheim⸗ nis.— 1 Clement. Iſt das Ihr paͤdagogiſches Glaubensbekenntnis? Corn. Ja, das iſt es! Clement. Wozu und wodurch erziehen wir denn aber, wenn es ſich ſo mit der Sache verhaͤlt? Corn. Die Nothwendigkeit der Erziehung zur Schicklichkeit liegt in den Formen des geſell⸗ ſchaftlichen Lebens. Der Mittel dazu giebt es mancherlei. Zur innern Bildung iſt das Mittel ſehr einfach, aber ſchwer zu handhaben! Clement. Und—?— Doch ich errathe Sie! Corn. Wol kann und ſoll man der Muſter bei der Sache nicht entrathen! Aber es muͤſſen — 27 nicht dichteriſche, ſondern lebende ſeyn; muͤſſen gerade in der naͤchſten Umgebung dem Kinde vorſchweben. Nun kann ihm aber niemand naͤher ſeyn, als die Mutter— Clement. So wird es dieſer wol anheim⸗ fallen, ſelber des Kindes Ideal zu ſeyn? Corn. Wenn ſie das ihrem Kinde nicht ſeyn kann; wenn ſie nicht wuͤnſchen darf, daß ihr eigentliches Weſen ſich in dem Kinde abdruͤcke: ſo muß ſie es einem fremden Ideale naͤher brin⸗ gen. Nur in der Sonnennaͤhe einer herrlichen, reichen, reifen Natur kann ſich eine entkeimte recht frei und ſchoͤn entfalten. Clement. Es waͤre unfein, wenn ich die⸗ ſen Satz ſtreng weiter verfolgen wollte. Ich komme auf das zuruͤck, was ich gleich Anfangs geaͤußert: was ich an Maͤdchen wuͤnſche und mithin an den meinigen dargeſtellt zu ſehen mich ſehne— das iſt nicht das Herrliche, das Große: es iſt das fanfte, zarte, hingegebene, ſehnende Weſen— Corn. Fanden wir nicht auch gleich An⸗ fangs, daß eben dies, wo es vorhanden iſt, durch fruͤhe Schickſale hervorgebracht werde? 23— und meiſtens durch ſolche, welche treue Mutter⸗ liebe von ihren Kindern abkehrt, ſo lange es moͤglich iſt? Oder wollen Sie wirklich Ihre Lieblinge ungluͤcklich ſehen, damit ſie recht ſanft und zart erſcheinen? Sie wollen es nicht! Clement. Deshalb meine ich eben, koͤnne dieſelbe Wirkung vielleicht durch das unſchaͤdliche Anſchaun ſolcher Ideale der Dichter hervorge⸗ bracht werden— oder durch andere Bildungs⸗ mittel— Corn. Das Afterbild von ſich mögen jene Ideale wol hervorbringen, wenn man ſie mit Abſicht ſtudirt, und ich habe ſolcher Erſcheinun⸗ gen wirklich nicht wenige geſehn. Als ich noch ein Kind war, wollten alle Schwaͤchlinge, die den Siegwart geleſen hatten, in Siegwartiſcher Wehmuth zerſchmelzen. Wie viele ſympathetiſche Thraͤnen wurden da hervorgedkuͤckt! Der Strom der Zeit, der alles maͤchtig mit ſich fortreißt, nahm auch dieſes kleine Kunſtgetriebe mit hin⸗ weg. Und es traten andere Perioden— die, der kindlichen Einfalt, und dann des weiblichen Heroismus— an die Stelle. Die Zeit that abermals und abermals ihre Pflicht. Dann —— 2 9 — kam die weibliche Philoſophie, dann der grie⸗ chiſche Kunſtſinn an die Tagesordnung, dann die neueſte Kunſt, und dicht neben ſie ſtellte ſich die Froͤmmelei mit dem Kruzifix aus dem Staube gothiſcher Ruinen! Dieſe Froͤmmelei faßte man mit der Linken, jene Kunſt bei der Rechten: und ſo pilgerte man mit ihr durch die Laͤnder Euro⸗ pens— nach Suͤden, verſteht ſich! So, liebe Clementine, wirken alle originellen Geiſter durch ihre eigenthuͤmliche Richtung eine Zeitlang nach dem Maße der Kraft, die in ihnen wohnt, in groͤßern oder kleinern Kreiſen auf ein Jahrhundert oder ein Jahrzehend, oder ein halbes Jahrzehend, oder auch gar nur auf eine oder zwei Leipziger Meſſen, bis— was anders an die Tagesordnung tritt. Zu allen dieſen voruͤbergehenden Erſcheinun⸗ gen gehoͤrt nun auch, was die Leute eben jetzt die„zarte Weiblichkeit“ nennen! Sie iſt Mode, wie Petinet— iſt auch wirklich ein aͤhnliches, feines, zierliches, durchſichtiges Ding! wird aber auch, wie dies, nur eine Zeit lang herrſchend bleiben! Sehen Sie mich nicht zu ernſthaft an: etwas Huͤbſches bleibt z. B. ſo ein 30 Schleier immer, und ich trage ihn ja auch zu⸗ weilen! Und warum ſollte man's nicht? Die Mode wandelt nun einmal mit ihren wechſelnden Launen herrſchend von Stadt zu Stadt, von Land zu Land. Alle geſitteten Staͤnde huldigen ihr, und gehorchen ohne Widerrede, ſobald ſie uͤber Kleidung, Wohnung und aͤußere Lebensweiiſe einen neuen Machtſpruch gethan. Wir laͤcheln uͤber unſere Schwachheit, und unter⸗ werfen uns laͤchelnd. Auch moͤgen wir hier in aller Unſchuld unſern Flatterſinn ſich an den wechſelnden Geſtalten weiden laſſen; dies alles hat nicht ſo gar viel auf ſich. Clement. Und ſo waͤre auch jener weibliche Zartſinn nur ein Modeprodukt—?2 Corn. Das mit der Zeit zu andern ins Putzkoͤrbchen gelegt und bei Seite gethan wird! Nicht anders, liebe Clementine! 3 Clement. Und doch haben Sie mir ſelbſt zugeſtanden, daß der rauhe, unweibliche Herois⸗ mus auch nur ein ſolches Produkt ſei und zugleich ſo gar unliebenswuͤrdig mache— Corn. Und werde Ihnen das immer zu⸗ —— 31 geben. In unſerer Natur liegt er nicht; es iſt auch ein an gebildeter Charakter. Clement. Nun—„ſo ein Schleier bleibt etwas Huͤbſches“ druͤckten Sie ſich aus! So muͤſſen Sie doch ſelbſt jene ſuͤße, weiche Schwaͤche liebenswuͤrdig finden? Und dennoch nöthigen Sie Ihre fanften Kinder, ſich an den Anblick von Dingen zu gewoͤhnen, vor denen ein gehei⸗ mes Ahnen ſie ſchauerlich mahnt— Corn. Gut, daß Sie mich auf den Punkt wieder zuruͤckfuͤhr)en, von dem wir ausgingen, und auf welchen ich Ihnen die Antwort ſchuldig blieb! Was die weibliche Schwaͤche betrifft— die aber etwas anders, als Zartheit iſt— ſo iſt unſerm Geſchlecht gewiß ein hinlaͤnglicher Fonds von dieſer negativen Tugend zu Theil worden!— Worin er liege, ob ganz allein in unſrer phyſiſchen Beſchaffenheit, in dem weichern Stoffe, woraus unſer Koͤrper gebaut zu ſeyn ſcheint— das moͤgen Naturforſcher und Philo⸗ ſophen um die Wette unterſuchen; genug, es liegt am Tage— es iſt alles in und an uns weicher, biegſamer und zaͤher, als bei den Maͤn⸗ nern, wenige Ausnahmen abgerechnet! 0ꝙ L Clement. Nun? das ſchließt fuͤr mich! Corn. Erlauben Sie! nichts weniger! Denn wenn die Natur uns ſchon hinlaͤnglich mit dieſem Ingredienz der Liebenswuͤrdigkeit verſehen hat, warum wollen wir auch noch die Kunſt aufbieten, es uns zu verſchaffen? Clement. Spoetten Sie nicht: ich meine blos, wir muͤſſen dieſe ihre eigne Anlage in uns entfalten, und ihr zur ſchoͤnſten Darſtellung verhelfen. Corn. Von allem Poſitiven, von jeder Kraft, welche die Natur in uns gelegt hat, laſſe ich dies gelten; aber die Schwaͤche iſt negativ, iſt nichts als Mangel: was ſoll an ihr entfaltet werden? Clement. Ich weiß kaum mehr, was ich Ihnen entgegenſetzen ſoll; und doch habe ich die Liane, die himmliſche Liane, ſo lieb! Corn. Ich auch, meine Freundin; aber was lieben wir in ihr? Wird uns dies kranke, bleiche Angeſicht, und die faſt ſklaviſche Folgſam⸗ keit gegen ihre Mutter und den Beichtvater, interefſiren, wenn wir ſie nicht bluͤhend und mit der Faͤhigkeit zu lieben gekannt haͤtten? Was —.— 32 iſ an der ganz weichen, willenloſen Schwaͤche noch zu lieben? Liane hatte Kraft zu lieben und zu wollen; aber durch eine beſondere Rich⸗ tung ihres Gemuͤths wor dieſe Kraft einem hoͤher geachteten Geſetz untergeordnet, und ſo entſagte ſie ihrer Liebe, die ihr doch ſo theuer und ſo heilig war, und ſo wurde die zarte Blume vom Zuͤrnen des Geliebten wie vom Blitze zerſchmet⸗ tert. Das Zuͤrnen des harten Vaters konnte ſie ertragen, den Unwillen der ſanftern Mutter ſelbſt konnte ſie noch verſchmerzen: aber der Zorn des Geliebten mußte die zarte Huͤlle der ſtillen Heili⸗ gen zerſtoͤren. Fragen Sie ſich ſelbſt, Freundin, was Sie in Lianen lieben? Clement. Nicht die Schwaͤche, das fuͤhl' ich jetzt beſtimmt— Corn. So laſſen Sie uns denn dieſe auch unſern Kindern nicht wuͤnſchen, und ſie ihnen nicht anerziehen. Laſſen Sie uns vielmehr jeder Kraft in ihnen zur Entwickelung helfen, und alle ihre Kraͤfte zu einem harmoniſchen Ganzen aus⸗ öilden. Auch muͤſſen wir erwaͤgen, daß ſie nicht als ſchoͤne Kunſtgebilde aufgeſtellt werden ſollen, ſondern ihre Rolle im werklchen Leben zu ſpielen J. f. F. II. J. 5. H. 3 34— haben. Und da es im Drama des Lebens, worin ſie auftreten muͤſſen, an ſchauerlichen Auf⸗ tritten nicht fehlt, ſo muͤſſen ſie ihren Blick in Zeiten daran gewoͤhnen; und wenn auch ihrem Koͤrper Stuͤrme und Kaͤmpfe genug drohen, ſo ſollten wir wohl darauf denken, ſie zu kraͤftigen, damit ſie gegen dieſe Kaͤmpfe ausdauern moͤgen. Wir ſind am Ziel, Freundin! die Kinder haben vom Waͤldchen ſchon Beſitz genommen. Laſſen Sie uns den lieben Wegweiſern folgen. Helena S. (Verf. der Briefe üͤber weibliche Erziehung im erſten Jahrg.) ◻ ◻●☛ * Die Frau von drey und ſechzig Jahren. Eine Geſchichte aus dem ſiebenjaͤhrigen Kriege. Schon als ſehr junger Menſch, damals Fahnen⸗ junker, war ich in dem kleinen huͤbſchen Staͤdt⸗ chen R... geweſen. Das Kriegsgluͤck warf mich in der Mitte des ſiebenjaͤhrigen Kriegs wieder dahin. Ich war jetzt mehrere Jahre aͤlter geworden, war Hauptmann, meine Bruſt zierte ein wohlerworbener Orden genug, ich war ein bedeutender Mann. Ob auch gluͤckli⸗ cher?— Wer iſt im acht und zwanzigſten ſo gluͤcklich, als im funfzehnten! Damals hatte das kleine muntre Junkerchen ſeine erſte Heldenthat gethan: die Fahne hatte ich im Angeſichte meines Chefs gerettet. Der Einfall, mich in ſie zu hulllen, und blindlings ſie ſo davon zu bringen, war mehr Inſtinkt, als Tapferkeit: aber die That galt fuͤr dieſe, und ich konnte mich ſchon als Inhaber des hohen Poſtens eines Faͤhndrichs anſehn. Wie gluͤck⸗ lich war ich! und— wie uͤbermuͤthig!— Der Graf Ch... fand ſo viel Wohlgefallen an mir, daß er mich nicht von ſich ließ. Er wußte, daß ich arm war, und verſprach, meine Equipage zu beſorgen. Ich mußte immer um ihn ſeyn, und ſo kam ich auch mit ihm in das nemliche Haus, wohin mich jetzt, nach dreizehn Jahren, wieder mein Geſchick brachte. Aber ach! wie geaͤndert! damals jung, liebenswuͤrdig, munter, unſchuldig, jauchzend in Stolz und Hoffnung: heute—? Ich hatte in dieſen Jahren geſchwind leben gelernt! mehr als die doppelte Zahl der wirklich verſtrichenen war fuͤr mich dahin! Ich war nicht jung, nicht liebenswuͤrdig, nicht unſchuldig, nicht ſtolz, nicht hoffnungsvoll mehr— auch nicht munter; denn als einen jaͤmmerlich Verwundeten fuͤhrte man mich ein! Doch dafuͤr war ich Hauptmann, ſpielte hier beinahe die Rolle meines ehemaligen Goͤnners, des Grafen, der mich eben ſo geſchwind leben lehrte, und ein reicher Onkel war in dieſer 37 Zeit o gefaͤllig geweſen, mich zum Erben änzu⸗ ſetzen. Nie fliehen doch die zarten Erinnerungen kindlicher Jugend ganz aus der Seele! So viel mir in den dreizehn Jahren durch Kopf und Herz gegangen war, ſo war's doch nicht allein der Name des kleinen huͤbſchen Staͤdtchens, der mir ins Gedaͤchtnis brachte, ich ſei ehemals da geweſen; nein, als ich meinen Kopf aus den Binden ſteckte, die ihn umgaben, als ich rechts und links aus dem Kutſchfenſter ſah— da erkannte ich noch die alte Kirche und den Markt mit ſeinem duͤſtern Rathhauſe, und den Spring⸗ brunnen, und— welche Ueberraſchung!— auch das Haus, vor welchem jetzt der Wagen hielt, aus dem man mich muͤhſelig heraushob. Bin ich wirklich hier geweſen? fragte ich meinen Kammerdiener muͤrriſch, denn mich faßten die Erinnerungen glücklicher Jugend nicht auf die gluͤe cklichſte Art. Ja, Ihr' Gnaden! Ehemals Buͤrgermeiſter W...'s Haus? Noch jetzt! 38—— a, ja! ich merke es an der verwuͤnſchten j Mode, daß einem niemand von der Herrſchaft entgegen kommt! Die Leute ſind hier verzwei⸗ felt vornehm! Wart', ich will's euch aus⸗ treiben! Unter Schmaͤhen ließ ich mich die Treppe hinan tragen. Ich hatte der Wunden viele, aber alle waren ziemlich geheilt, bis auf den linken Schen⸗ kel und den Hieb uͤber den Kopf, der mich gerade genug ſchmerzte, um mir Fluchen und Toben möglich und erleichternd zu machen. Das Haus war groß; außer mir und mei⸗ nem nicht kleinen Gefolge waren noch zehn Mann hineingelegt. Meine erſte Frage war, wie ſie bewirthet wuͤrden, und es verdroß mich, alles zufrieden, und keine Urſache zu Ausleerung mei⸗ ner ſchwarzen Galle zu finden. Ich fragte nach dem Hauswirth: Er iſt noch zu rechter Zeit entwichen! nach der Wirthin: Sie iſt gegen⸗ waͤrtig, und wird ſich meines Beſuchs erfreuen. „Zum Henker, wie kann ich Beſuche machen? ich will beſucht ſeyn! ſie kann kommen, wann ſie will!—„Es hat keine Eil: an guter Pflege ſoll's indeſſen nicht fehlen. —— ⁄ 39 Man hielt Wort. Die Zimmer, die mir wohl bekannten Zimmer,(der Graf bewohnte ſie ehemals,) waren gut und reinlich, aber ohne jenen koſtbaren Hausrath, den ich ſonſt darin kannte; die Koſt war mager, denn das Land drüͤckte eine fuͤrchterliche Theurung, aber wohl⸗ ſchmeckend und meinem Zuſtande angemeſſen. Was zu ſanfter Verbindung meiner Wunden gehoͤrte, durfte nicht erſt gefordert werden: es war immer vorhanden, und ſo ſchoͤn und wohl⸗ thuend, daß ich die zierlichſten Frauenhaͤnde nicht verkennen konnte. Ich ſing an eine Art von Dankbarkeit gegen meine ſchoͤne Wirthin zu fuͤhlen. Ich ward hoͤflicher, ließ ihr oft Complimente machen, und wurde begierig, ſie zu ſehen. Ich konnte mir ohngefaͤhr ausrechnen, wer ſie ſeyn mochte! Vor dreizehn Jahren lebte ein ſchoͤnes kleines Maͤdchen im Hauſe, die Tochter einer noch ſchoͤ⸗ nern Mutter, deren Bild damals irgendwo hing. Das Kind war eine Nichte des alten Herrn, und fuͤr den Sohn beſtimmt, der damals auf Reiſen war. Auch dieſer Umſtaͤnde entſann ich mich noch, und ſo wie meine Wunden heilten, ſo wie ich heitrer ward, baute ich darauf Plane, die mir die Wochen, die Monate vielleicht, die ich hier zubringen ſollte, erleichtern muͤßten. Keine Qual geht uͤber die Langeweile; was thut man nicht, ihr zuvorzukommen! Ich lernte allgemach außer dem Bette ſeyn, allgemach gehen, und in meinem Revier herum⸗ ſchleichen. Es fehlte mir nichts, was zum Wohlſeyn gehoͤrte, aber man hielt es nicht fuͤr noͤthig, mich zu beſuchen. Ich begann denn eine Hausſuchung, und weil ich muͤrriſch war, und auch nicht das kleinſte fand, das meinen Leuten abging, ſo laͤrmte ich uͤber ihre Beſchaͤf⸗ tigungen. Zum—— ich glaube, ihr ſeyd alle im Dienſte dieſes Hauſes! Schaͤmt ihr euch nicht? Einer ſpaltete Holz, der andre fuͤt⸗ terte Huͤhner, der dritte trug Waſſer in die Kuͤche. Ich zankte hinter dieſem her bis in die Kuͤche— ha, da erblickte ich endlich meine Wirthin!„Jakob, he, Jakob! iſt ſie das? das meine ſchoͤne Wirthin?“ Jakob, der das Bild, das ich mir gemacht hatte, laͤngſt kannte, und imfſer zu demſelben v 41 ſchwieg, ſchmunzelte: Ja! Urd ich hatte ſchon ein boͤſes Wort uͤber die alte Zarre auf der Zun⸗ ge: aber der unbefangene, der wirklich edle Anſtand, mit dem man ſich in dieſem Augen⸗ blicke an mich wandte, machte, daß mir das Wort auf den Lippen erſtarb, und ich wider Willen hoͤflich ſeyn mußte. Die Dame, mir gegenuͤber, war in der That nichts anders, als ein kleines weiß ver⸗ kapptes Muͤtterchen. Nan konnte von ihrem Geſicht faſt nichts ſehen, als den Mund. Eine maͤchtige Brille machte ſelbſt Augen und Naſe unkenntlich; aber aus ihren tauſendfachen Huͤllen kroch eine ſchwache, nicht unmelodiſche Stimme hervor, die mir ſagte, man freue ſich, mich wieder⸗ hergeſtellt zu ſehen, und hoffe, ich werde zufrie⸗ den ſeyn mit dem, was man mir in einem Hauſe gewaͤhren koͤnne, das der Krieg ſo mitgenommen. Recht gut! recht gut! erwiederte ich— faſt aͤngſtlich, denn mir war nicht wohl bei der Alten— Nur gute Suppen, Mama; und bald etwas beſſere Koſt!— Sehr wohl, Herr Hauptmann! meine Koͤchin iſt nicht ſchlecht, und zuweilen ſeh' ich auch ſelbſt nach! 8 42— Sie wandte ſich von mir, und ich hatte die Erlaubnis, abzutreten, denn niemand fragte mehr nach mir. 9 Ich war aͤußerſt verdruͤßlich, ich wußte ſelbſt ht, warum? Ich murrte erſt, dann tobte ich wieder im Hauſe hetum. Ich wußte nicht, an was oder woruͤber ich meinen Unmuth aus⸗ laſſen ſollte, denn an meiner Bewirthung war kein Tadel. Koſtbarkeiten tiſchte man mir nicht auf, aber roh genug war ich doch noch nicht, etwas Unmögliches zu fordern. So blieb's, und ich witterte taͤglich überall herum nach Urſache zum Zank mit meiner hoͤflichen Wirthin, an der ich wahrhaftig nichts auszuſetzen haben konnte, als daß ſie nicht vierzig Jahre juͤnger war. Was man nur recht lange ſucht, findet ſich auch— beſonders Urſache zum Zank! Ich defilirte einſt um Mittag bei der Kuͤche vorbei; der Geruch von gebratenem Wildpret ſtieg in meine Naſe. Ich ſetzte mich luͤſtern zur Tafel, und ſiehe— die gewoͤhnliche Hausmanns⸗ koſt! Zum Henker! ſchrie ich, was iſt das? dort unten bankettiren ſie, und mir ihre magern Suppen? 43 Wie der Blitz bin ich hinunter, und eben komm' ich dazu, meine Alte mit einem zierlich aufgeputzten Gericht in ein Seitenzimmer ſchluͤ⸗ pfen zu ſehen. Ich, mit Ungeſtuͤm ihr nach: Wie? iſt dies die Armuth des Hauſes? Hier fuͤttert man ſich mit Delicen und mir Gefangen⸗ koſt? Gemach, gemach, Herr Hauptmann! erwie⸗ derte die gelaſſene Matrone, die ihr Schuͤſſelchen auf einen kleinen, fuͤr zwei Perſonen gedeckten Tiſch ſetzte. Sie erhalten, was ich geben kann, und was Sie bei Ihren Jahren recht wohl ver⸗ tragen koͤnnen; wollen Sie indeſſen dieſes alten Mannes Gaſt ſeyn, wollen Sie ſein Rebhuhn — ach, ſelten kann ich ihm ſo'was vorſetzen— wollen Sie es mit ihm theilen: ich bin's zu⸗ frieden. Jetzt erſt ſah' ich mich um. Muͤhſaͤm er⸗ hob ſich ein hochbejahrter Mann von einem Lehnſtuhl am Kamin, und die abgezogene Muͤtze ließ mich den ſchoͤnſten alten Kopf mit ſilbernen Locken ſehen. Freundlich laͤchelnd hielt der Greis mir die bleiche Hand entgegen. Es war nicht das furchtſame Laͤcheln der Verlegenheit, ſondern ſo etwas von alter Bekanntſchaft. Er nannte mich Junker Wilhelm, und es war offenbar, daß er und der alte Vater, der vor dreizehn Jahren ſchon im Hauſe der Großpapa hieß, eine Perſon waren, und daß er in mir den kleinen Faͤhndrich noch nicht vergeſſen hatte. Es war etwas Schmeichelhaftes fuͤr mich jungen Greis, noch ſo erkannt zu werden; es war auch etwas Demuͤthigendes fuͤr mich in der ganzen Szene— genug, ich war ſehr verlegen. Verlegenheit war ſonſt mein Fehler nicht, und ſo wurd' ich nur noch mehr verwirrt. Ich ſetzte mich. Wir waren nun zwar unſer drei, aber das Geſpraͤch blieb einſeitig. Der freundliche Alte ſchwatzte, und konnte der vormaligen Zeiten, die auch fuͤr ihn die beſſern waren, nicht vergeſſen. Die Matrone legte ſtillſchweigend, doch nicht muͤrriſch, vor, und ich ſah ſtill und beſchaͤmt meinen Antheil von dem Wildpret des Greiſes vor mir. Ich war nicht im Stand einen Biſſen zu koſten, ſo herzlich ich auch genothiget ward. Ich ſprang auf, und wollte zu meiner eigenen Mahlzeit zuruͤckkehren. Man wird ſie ſogleich bringen, ſagte die Wirthin freundlich, ſie iſt — 45 auch die meinige. Ausnahmen von der Regel der Sparſamkeit werden nur fuͤr den Vater ge⸗ macht; auch war das Rebhuhn ein Geſchenk. Ich war ſo unmuthig, ſo uͤbel zufrieden mit mir ſelbſt, daß die Alte Mitleid mit mir hatte. Wir ſtanden auf; eine Entſchuldigung ſchwebte auf meinen Lippen, ich konnte ſie aber nicht herausbringen. Die Geſchwatzigkeit des Greiſes machte ſie unnoͤthig; wahrſcheinlich hatte er gar nicht gefuͤhlt, daß meine Kleinherzigkeit eine Entſchuldigung erfordere. Ein gluͤckliches Ver⸗ geſſen der Gegenwart, das Vorrecht der ruͤckkeh⸗ renden Kindheit, machte, daß er mich als einen lieben zufaͤlligen Gaſt anſah, und mich dringend um baldige Wiederkehr bat. Auch ich bitte darum, ſagte die Matrone. Gemeinſchaftliche Mahtzeiten konnten vielleicht dem wiedergeneſenden Kranken angenehm ſeyn, und fuͤr mich wenigſtens den Vortheil haben— Sie wollte noch etwas ſagen, aber ihr feines Gefuͤhl erlaubte es nicht. Ich errieth, was ſie meinte: ſie wollte mich zum Augenzeugen machen, daß Unterſchiede in der Bewirthung nur dem faſt neunzigjaͤhrigen Alten zu Liebe ſtatt fanden, und daß ich nicht uͤber Vernachlaͤſſigung zu klagen habe.. So war ich alſo durch dieſen Zufall naͤher an die Hausgenoſſenſchaft geknuͤpft. Ich war durch mein eignes Verhalten zu ſehr beſchaͤmt; ich wollte oft dieſe Beſchaͤmung unter Trotz verber⸗ gen: aber man nahm ſo wenig Notiz davon, ließ mir ſo ſehr meinen freien Willen, that im Ganzen bei aller Sparſamkeit ſo viel fuͤr mich, daß ich von ſelbſt wiederkam, und in der Folge nie bei der Mahlzeit fehlte. Ich ſorgte nun ſelbſt, dem Greiſe zuweilen ein leckeres Schuͤſſel⸗ chen zu verſchaffen; auch wußte ich wol, daß jenes Rebhuhn ihm von meinen eigenen Leuten geliefert worden war, und vergebens ſuchte ich zu zuͤrnen, daß ſie es nicht lieber meinem wiederaufwachenden Appetit geopfert hatten. Ich weiß nicht, was mich nach und nach ſo ſehr an die Hausgeſellſchaft band. Das Geſchwaͤtz des Alten konnte es nicht ſeyn; es war oft kin⸗ diſch, und mußte mehr Lachen, als Wohlgefallen erregen. Die Matrone behandelte er mit der zarten Galanterie des vorigen Jahrhunderts, und gab ihr tauſend ſchmeichleriſche Namen, die 42 zu ihrem eigenen hohen Alter nicht paßten. Ich war ihm ſehr oft noch Junker Wilhelm; wir laͤchelten dann beide, und die Matrone be⸗ merkte, daß das hohe Alter nie aufhoͤre, den Abſtand zu bezeichnen, der zwiſchen ihm und ſpaͤtern Geſchlechtern ſei.— Dies war eine ihrer laͤngſten Bemerkungen, denn uͤberhaupt ſprach ſie wenig, und alſo auch von ihr konnte es nicht herruͤhren, daß ich gern unten bet ihnen war. Vielleicht zog mich nur der Widerwille, ganz allein zu ſeyn, hieher. Ich war jetzt nicht mehr ſo oft allein, als in den Zeiten meiner Krankheit; meine Waffen⸗ gefaͤhrten beſuchten mich oͤfter und auf laͤngere Zeit. Eines Abends noch ganz ſpaͤt mußte ich einer kleinen Geſellſchaft gewaͤrtig ſeyn; ich wuͤnſchte verſchiedenes zu ihrer Bewirthung, war aber ſchon hoͤflich genug geworden, es nicht fordern zu laſſen, ſondern freundlich ſelbſt darum zu bitten. Ich ſuchte meine kleine Alte durchs ganze Haus. Der Großvater ſchlief ſchon: bei ihm war ſie nicht, und auch nicht in der reinlichen Kuche. Ich mußte nach ihrem Schlaf⸗ 4⁸ zimmer fragen, und glücklicher Weiſe konnte es Jakob mir zeigen. Das Schlafgemach einer Matrone betritt man mit weniger Furcht vor Unbeſcheidenheit, als das Kaͤmmerlein ihrer Enkelin: ich trat kuͤhnlich ein. Lieber Gott, Madam, wo logiren Sie? rief ich und prallte zuruͤck. Dies iſt ja nicht viel beſſer, als ein Waſchhaus! Ich bin zufrieden—— Wie? und uns uͤberlaſſen Sie—— Hat nichts zu bedeuten. Darf ich fra⸗ gen— 7 Bedenken Sie nicht Ihre Jahre?. Bin das gewohnt. Wollten Sie wol be⸗ lieben— 2 4 Sie ſind ſo eilig: ſtoͤre ich Sie im Schlafen⸗ gehen? Wie Sie ſehen, nein, antwortete ſie, und that die Saloppe um, als wolle Sie ausgehen. Wie? noch ſo ſpaͤt! Wollten Sie wol die Guͤte haben, mir die Urſache Ihres ſpaͤten Beſuchs zu melden? Und Sie, die Urſache Ihres Ausgehens? Bin ich hier eine Gefangene? 49 Nein, doch alles hat ſeine Einſchraͤnkung; die Unſicherheit der Straßen, das entſetzliche Wetter— Mein Ausgang leidet keinen Aufſchub, wenn Sie ihn nicht veranlaſſen— O mein Gott, nichts als ein wenig Punſch oder ſo was— Sie ſollen alles haben! Und Sie bleiben dann zu Hauſe? Ich muß fort! Eine— eine Freundin von mir— erwartet ihre Niederkunft—— Wie? dies iſt Ihr Amt?— Das Amt freundſchaftlicher Vorſorge! die Matronen halten's hier ſo!—— Waͤhrend ſie das ſagte, ſchloß ſis Schraͤn⸗ ke auf und zu, nahm heraus, gabe Befehle, und zuletzt auch mir mehr den Befehl als die Bitte, meinen Beſuch huͤbſch in den Schranken der Ordnung zu halten. Was konnte ich mit der Frau anfangen? Jakob ging mit den Grundſtoffen zu einem köoͤſtlichen Nachtgetraͤnk davon. Ich folgte ihm, und ſah bald dar⸗ auf aus dem Fenſter die kleine Alte langſam und ſchwerfaͤllig das Haus verlaſſen. Kein . f. F. II. J. 5. H. 4 50— Licht leuchtete ihr und uͤber ihr troff der Him⸗ mel. Gluͤck zu, der guten Lucine! ſagte ich, und ſchlug das Fenſter zu. Den Weibern iſt doch nichts unwiderſtehlicher, als der Auftritt, bei welchem ſie die ſchoͤnſte und gefaͤhrlichſte Haupt⸗ rolle ſpielen! Mir war bange um das liebe, ſchwache, huͤlfreiche Weſen: ich rief einen von den Leuten, ihr mit einer Laterne nachzueilen. — Iſt ſchon ausgeſchlagen! ſagte Jakob. Sie iſt mehrere Abende ausgegangen. Wir alle ſehn's nicht gern. Die gute, alte Mutter! will's nun aber einmal nicht anders! Oft ausgegangen? und immer in Lucinens Geſchaͤften? Vermuthlich! wenigſtens erlauben ihre Jah⸗ re keinen boͤſen Verdacht!— Meine Freunde kamen und ſchieden, der kuͤnftige Tag kam und ſchied, und— wie es im Kriege geht— die Zeiten nahmen eine unerwartete Wendung. Ziemlich friedlich hatten wir bisher im Staͤdtchen gelebt: nun wurde die Sache aber ernſter. Unſer Abmarſch wurde durch gewonnene und verlorne Bataillen be⸗ ſchleunigt. Kontributionen waren eilig zu er⸗ 31 heben, mit Guͤte oder mit Strenge, da wir bisher Nachſicht gehabt hatten. Pluͤnderung, Abbrennung der Vorſtaͤdte wurde gedroht, Pechkranze waren aufgehangen— auf einmal ſollten wir Feind ſeyn, im ſchärfſten Verſtand des Worts— und auch ich ſollte es werden, und in dieſem, dieſem Hauſe! Ich ſprach mit meiner Matrone. Sie war gefaßt. Was ich zu leiſten gehabt habe, iſt gegeben, ſagte ſie; was mir noch zu nehmen iſt, das nehmen Sie nur getroſt! ich kann und will nichts wehren, nichts verſtecken, Ihnen rechne ich auch nichts zu. Feuer waͤre das entſetzlichſte! Gott gebe, daß es hierzu nicht kommt! Thun Sie, was Sie koͤnnen, um wenigſtens dem Vater Schrecken zu er⸗ ſparen. Es wird uns leicht ſeyn, auch im ſchlimmſten Fall. Seine Seele liegt oft in einem gluͤcklichen Schlummer, in welchem man ſie leicht taͤuſchen kann. Taͤuſchen, liebe Mutter? Das wird ſchwer werden! Er iſt nicht ſo ſchwach, als Sie denken! Er iſt's, Herr Hauptmann! Erinnern Sie ſich nur— kann er denn den kleinen Junker Wilhelm vergeſſen? Und wie oft nennt er mich 1 armes Weib, mit all meiner Gicht, ſeine ſchoͤne, holde, himmliſche Minna! Was das erſte betrifft, erwiederte ich, ſo denke ich, er hat manchmal ſeine guten Urſa⸗ chen, mich an meine gluͤckliche Jugend zu er⸗ innern; und das zweite— Ei nun, Mama, wes iſt denn im Grunde himmliſcher: Jugend⸗ bluͤthe oder—— 3 Nunu, Herr Hauptmann! Wir ſprechen jetzt von ernſthaften Dingen!—— Ach nur zu ernſthaft waren die Zeiten und die noͤthigen Vorkehrungen gegen das Aergſte, das ſchnell hereinbrach!— Ich mußte fort, 34 mußte den ganzen Vormittag mit Geſchaͤften zubringen, die mir hier, juſt hier, aͤußerſt wi⸗ drig waren; es war, als liebte ich das ganze Staͤdtchen, um des freundlichen Hauſes willen, das mich beherbergte. Wirr ſetzten uns des Mittags alle mit der groͤßten Beſtuͤrzung zur Mahlzeit. Die Ma⸗ trone ſchien einen Theil deſſen zu wiſſen, was vorgegangen war, und befand ſich in ſichtlicher — — 33 Angſt, und ſelbſt der Alte ſchwieg und war nachdenkend. Wenn die Leute nur das nutz⸗ loſe Verſtecken bleiben ließen! fing ich endlich an. Sie werden an Ende doch gefunden.— Wie Madam? Sie zittern? Ich will nicht hoffen, daß unter denen, die wir heute als Geiſſeln weggenommen haben, vielleicht unter den Verſteckten, jemand—— O ſagen Sie nur alles, rief die Matrone, und lehnte ſich matt zuruͤck. Wo— wo ha⸗ ben Sie Verſteckte aufgeſucht? was gefunden? Zuletzt trafen wir auf eine kleine Wein⸗ bergshuͤtte nahe beim Fluſſe: ein junger Mann—— Gott, mein Mann! ſchrie die Alte und ſprang auf. Ich wollte ſie aufhalten, aber ſchon hatte ſie das Zimmer verlaſſen. Was iſts denn? was denn? fragte der Greis, der wegen ſeines ſchweren Gehoͤrs nicht alles verſtanden hatte. Ich beruhigte ihn ſo gut ich konnte, und eilte meiner guten Alten nach. Aber, lieber Gott, Muͤtterchen, rief ich, als ich ſie in einem Winkel weinend und 54 Haͤnde ringend fand: beruhigen Sie ſich doch! Der junge Mann kann ja unmoͤglich der Ihrige ſeyn! es iſt ein Mann in meinen Jahren. Seche Jahr aͤlter als Sie! Und Sie, wie Sie immer ſagen, drei und ſechzig? Es iſt aber mein Mann! Es iſt ja der, in des Vaters Zimmer uͤber dem Kanapee! Sie ſagten mir ja, das Bild neben dem ſeinen, die junge ſchoͤne Frau, ſei ſeine Gattin! Seine erſte! O laſſen Sie, laſſen Sie mich mit dieſen Nebendingen! Wie geht's ihm? iſt er gemißhandelt worden? Eemißhandelt? wo ich bin? Und wo iſt er? wo haben Sie ihn hin⸗ gebracht? Er ſitzt mit den andern auf dem Rath⸗ hauſe, und wenn Sie verſprechen— wenn alle verſprechen, binnen hier und Montag das Geforderte zu ſchaffen: ſo geht ihnen nichts ab; ſo iſt ſogar den Ihrigen nicht verwehrt, ihnen Erquickungen zu ſchicken. —— 55 Nicht ſelbſt zu bringen? Nein, liebe Mutter, jetzt muß ich bitten, nicht aus dem Hauſe! Nicht einmal Lucinens Geſchaͤfte! Es thut mir warlich Leid, aber— auch Sie ſind meine halbe Gefangene!—— Mieine Leute fand ich ſo beſtuͤrzt, als ich ſelbſt war, uͤber den gewaltſamen Gang der Dinge. Nein, fuͤrwahr, ſagte Einer; nur dieſem Hauſe ſollte nichts geſchehen! hier ſind die Leute zu gut und zu hoͤflich!— Wenns an ein Sengen und Brennen geht, rief der An⸗ dre, ſo greif' ich nach dem alten Vater. Das ſoll meine Beute ſeyn.— Und ich, ſprach der Dritte, nach der Mutter! Ach die iſt reſolut, lachte Jakob; die hilft ſich ſchon ſelbſt davon! Ich glaube noch nicht, meinte ein Anderer, daß es im Hauſe hier zu etwas kommt; ſie kann die Leute beſprechen, wie's Feuer. Da wir kamen, waren wir wild genug: nun hat ſie uns ſo zahm gemacht!—. Ja, beſprechen konnte die Frau die Her⸗ zen,— das war wahr! Wie hatte ſie ſelbſt mich umgewandelt! Nicht ohne Verehrung konnte ich an ſie denken.— Nur das Eine— ihre ſeltſame Verbindung mit einem ſo jungen Manne, konnte ich ihr nicht verzeihen.— So eine verſtaͤndige Frau!— Die Sachen gingen indeſſen beſſer, als man dachte. Die Reichen der Stadt ſchafften Rath und keine Gewaltthat war noͤthig. Die Geiſ⸗ ſeln wurden von uns zwar noch behalten, ſie erhielten aber aus ihren Haͤuſern alles, was die ſchlechte duͤrftige Zeit verſtattete. Liebe Mutter, ſagte ich eines Mittags, als ich zur Mahlzeit kam, und wenn ich Ihr Herz brechen ſollte, o muß ich Ihnen meine Meinung noch einmal uͤber Ihre Mißheirath mit dem jungen Laffen ſagen. Ich habe Ihnen manchmal gefolgt, zu meinem Beſten; folgen Sie auch mir einmal zu dem Ihrigen und laſſen Sie ſich ſcheiden, ſobald es Friede wird. Was hat denn mein Mann gethan? Sie haben ihm heute Eſſen geſchickt, und durch ein allerliebſtes Maͤdchen, das ich hier im Hauſe noch gar nicht geſehen hatte.— 1 Nun— gerade heraus: der Herr Gemal und die Jungfer ſchienen mir ſehr vertraut. Das war ein Lachen und Fluͤſtern! Arme Frau! Sie tragen hier die Noth der ganzen Chriſtenheit, und Er—— Sie wandte ſich mit ſichtbarer Bewegung weg und verließ bald darauf das Zimmer. Arme Frau, ſagte ich; wie ſchwer buͤßeſt du fuͤr eine Thorheit, deren ich dich freilich nicht faͤhig gehalten haben wuͤrde! Gleichwol war mein Zutrauen zu ihr ſo groß, daß mir's vor⸗ kam, als muͤßte ich, wenn ich der Sache auf den Grund kaͤme, auf irgend eine edle Hand⸗ lung ſtoßen, die der ſonſt laͤcherlichen Wahl auf einmal ein anderes Anſehen gaͤbe. Es giebt Perſonen, denen man gar keine Thorheit zu⸗ trauen kann. 3 Doch was ſann und ſann ich denn ſo viel uͤber die gichtbruͤchige Alte? Ja, wenn's die junge Schoͤnheit geweſen ware, deren Bild uͤber dem Kamin ich nie ohne Entzuͤcken an⸗ ſehen konnte! Ich fragte einſt den Greis, ob es nicht das kleine Maͤdchen waͤre, das ehe⸗ 38— mals dem Junker Wilhelm ſo wohl gefiel? Ja, ſagte er; Sie meinen Wilhelminen, die hernach meines Sohnes Frau wurde—— Hier trat die Matrone ſchnell herzu und brach⸗ te Neuigkeiten. Sie hatte immer die erſten— Gott weis, woher? Was Sie jetzt erzaͤhlte, wurde bald durch den Chef auch mir uͤber⸗ ſchrieben: wir ſollten fort! So wurd' es auch. Die Einwohner weinten uns nach, und beſon⸗ ders das liebe Haus, das mich und die Mei⸗ nen beherbergt hatte, ward nicht— warum ſollt' ich mich ſchaͤmen, es zu geſtehen?— ward nicht ohne gegenſeitige tiefe Ruͤh⸗ rung verlaſſen. Na, Gott ſpar' ſie g'ſund! ſagte der brave Kriegsknecht, mein alter Beyer, den die Ma⸗ trone noch kuͤrzlich in Krankheit gepflegt hatte. Und, Mutterchen, kommen wir wieder, ſo ſei's als Freunde! Muͤſſen's Feinde ſeyn, verſetzte ſie, ſo ſeiens nur immer ſolche, wie ihr waret.— Es lag etwas von Ahnung im Ton und den Worten der klugen Frau; eine Ahnung, die bald erfuͤllt wurde. Die ganze Armee zog ſich zuſammen: wir ſiegten. Wir mußten weiter, und der fliehende Feind traf auf das Staͤdtchen, das wir eben verlaſſen hatten. Ein fliehendes Heer— ein Heer, wie das, unſers Gegners!— Ich brauche nichts weiter zu ſagen!. Noch einmal fuͤhrte mich das Geſchick hie⸗ her, oder vielmehr die Wahl meiner treuen Leute. Noch eine Schlacht war in der Naͤhe vorgefallen; man brachte die Verwundeten, die nicht ins Lazareth kamen, hierhin, dahin, wo ſich Pflege hoffen ließ: an dieſen ganz mitge⸗ nommnen Ort konnte man nicht denken. Jakob dachte an ihn, Jakob und Beyer. Verwundet, diesmal toͤdtlich verwundet, ward ich vom Schlachtfeld hinweg gebracht, und hier, in dem Hauſe meiner lieben Matrone war's, wo ſich meine Seele bei der Nuͤckkehr vom Wege zur andern Welt zuerſt wiederfand. Es that meinen matten, ſchweren Augen wohl, die liebe Geſtalt der Heiligen zu erbli⸗ cken. Sie ſaß an meinem Bette und tropfte mir eine Arzenei ein, die ſie mir von Viertel⸗ ſtunde zu Viertelſtunde gab, um die fliehende 60 Seele aufzuhalten. Geſchwind noch einmal! ziſchelte ſie! Sie ſehen, es hilft! Ich nahm, was ſie gab; o aus dieſen mil⸗ den Haͤnden haͤtte ich Gift genommen! Zu ſprechen war ich noch zu ſchwach. Bald darauf kam der Wundarzt. Er bil⸗ ligte ſehr, was ſie indeſſen gethan hatte. Ach, es waren Lazarethe hier geweſen! ihr eignes Haus war zum Lazareth gemacht worden! Was hatte dieſe mildthaͤtige Eliſabeth nicht alles hier gethan! Man begann jetzt die ſchaudervolle Arbeit des Verbindens meiner Wunden. Sie entfernte ſich. Mit matten Augen ſahe ich ihr nach: es war als wenn mein Schutzgeiſt von mir ging. Vielleicht verſtand ſie, was ich nicht ſagen konnte: ſie nickte mir zu, ſie ſei nicht weit, und wirklich ſah ich ſie nach einer Weile in der Tiefe des Zimmers mit der Zubereitung meiner Bandagen beſchaͤftigt, bis das Regen meiner Wunden und die weitere Behandlung meines Wundarzts mir von neuem die Beſon⸗ nenheit raubte, und alles um mich in einen truͤben Nebel zerfloß. 61 Was ſie in der Zeit meiner lang dauren⸗ den Gefahr an mir that, erfuhr ich groͤßten⸗ theil nur von meinen Leuten. Die Pflege, die dem allmaͤhlich Geneſenden wiederfuhr, konnte ich ſelbſt beurtheilen, und oft— ich ſchaͤme mich deſſen nicht— oft feuchteten ſich meine Augen von Dankbarkeit fuͤr ihre Muttertreue. Ich war noch fehr ſchwach. Sie duldete nicht, daß ich mit meinen Gedanken lange bei herzangreifenden Dingen verweilte. Die Luſt zum Sprechen kam indeſſen bei mir wieder, und immer lenkte ſie die Rede auf gleichguͤl⸗ tige Gegenſtaͤnde. Nicht ſo ſchonend, oder vielmehr nicht ſo beſonnen war ich. Ich fragte nach unſerm guten Greiſe. Sie brach in Thraͤ⸗ nen aus. An dem Tage, da man mich in ihre Pflege lieferte, hatte man ihn begraben. Gott hat mir einen neuen Gegenſtand ge⸗ ſchenkt, meine Liebe daran zu uͤben, ſagte ſie, und faltete die Haͤnde. Und wie ſtarb er 2 fragte ich. O nichts mehr hiervon! weinte ſie. Zu friſch iſt die Wunde! Beyer, den ich in der Folge befragts, ſagte 62 mir, bei dem großen Brande im Staͤdichen, den der grauſame Feind angezuͤndet, der eigent⸗ lich hier als Freund handeln ſollte— bei die⸗ ſem Brande, der auch einen Theil dieſes Hau⸗ ſes einaͤſcherte, habe unſre Heilige, jeder an⸗ dern Huͤlfe beraubt, den ſchwachen Alten aus den Flammen getragen. Sie? Sie ſelbſt? Jal ich kann's nicht begreifen: aber wahr iſt die Sache! Aber Gort! dieſe drei und ſechzigjaͤhrige? ſelbſt ſo ſchwach und elend? Sehn Sie, Herr Hauptmann, ſie kommt mir gar nicht vor, wie ſo eine rechte Frau; ich glaube, ſie iſt mehr, als unſer Eins! Sie ſpricht, Gott gebe guten Menſchen im Augen⸗ blicke der Gefahr doppelte Nraͤfte. Und der Greis— wie wurd' es nun mit ihm? Sie brachte ihn gut davon: aber es ging mit ihm ſeitdem ſichtlich zum Ende. Sie hat bei ihm ausgehalten bis zuletzt; aber daß ſie nun dieſen traurigen, ganz offenen Ort ver⸗ laſſen wollte, das war beſchloſſen. Nur daß —— 63 wir kamen, und, wie ſie's nennt, das Gluͤck neue Pllichten uͤben zu koͤnnen, hielt ſie zuruͤck. Aber, mein Gott, muß denn dieſe Frau alles thun? Und wo iſt denn der Mann, der junge Taugenichts, der nicht werth iſt, ihr die Schuhriemen aufzuldſen? Die ⸗«⸗ ſchen Truppen hatten ihn mitge⸗ nommen. Er ſoll aber wieder frei, und jetzt in B. in gutem Stande ſeyn. Er muß was aus den Kriegsunruhen gerettet haben, und ſie will zu ihm, ſobald Sie—— Wie? Alſo blos um meinetwillen?— Gott gebe mir bald voͤllige Geneſung, daß ich ihr danken kann!— Ein Geſpraͤch wie dieſes, war nicht ge⸗ artet meinen Wunſch zu erfuͤllen. Der Wund⸗ arzt fand meinen Zuſtand ſchlechter. Zu hef⸗ tig hatte mich Dankbarkeit, Bewundrung, Lie⸗ be, kindliche Liebe, und Kummer angegriffen. Die Matrone, die nicht wußte, wie tief ich in das Heiligthum ihres ſchoͤnen Herzens ge⸗ drungen war, behauptete ihren Platz an mei⸗ nem Bette mit der vorigen Unbefangenheit. Ich begann mich beſſer zu befinden, mein Herz 64— floß uͤber: ich wußte oft nicht, was ich ihr nur ſchoͤnes und liebes ſagen ſollte, ohne ge⸗ rade ihre Wohlthaten zu beruͤhren, was ſie nie duldete. Wie ſchoͤn iſt dieſe Seele, rief ich eines Tages. Ha, koͤnnte ich dieſe gebrechliche Huͤlle verſuͤngen!— Und, fuhr ich fort, indem ich ihr in die leuchtenden, freundlichen Augen ſahe, die einmal durch keine Brille entſtellt waren— ſchoͤn, ja ſchoͤn muß auch dieſe Huͤlle geweſen ſeyn!— Sie erroͤthen? Wie friſch iſt noch dieſe Farbe! Ich ſchminke mich ein wenig. Wie?— Sie? ſchminken? Ja, noch eine boͤſe Gewohnheit von mei⸗ ner Jugend! Man legt ſie ſo leicht nicht ab! Und dieſer Mund voll ſchoͤner Zaͤhne!— ein Wunder in ſolchen Jahren! Iſt auch falſch— leider, alles falſch! Was? dieſer redliche, wahre Mund oder — die Zaͤhne? Sie behauptete, man rufe ſie. Sie ging hinaus, und— ich ſollte ſie nicht wiederſehn!— Jakob trat nach einer Stunde herein: 65 Madam laͤßt ſich entſchuldigen. Sie wird die⸗ ſen Abend nicht zu Tiſche kommen koͤnnen.(Sie ſpeißte nemlich faſt immer vor meinem Bette.) Sie hat Briefe von ihrem Herrn erhalten. Ihrem Herrn? Ja, ſo nennt ſie ihn immer! So eines Weibes Herr! ein fataler Herr!— Nun? und die Briefe? Sie muͤſſen wichtig ſeyn, ſie ſchreibt gleich wieder.— Sie hatte ſo viel zu ſchreiben, daß ſie mir nicht einmal eine gute Nacht ſagte, nicht ein⸗ mal nach mir ſahe, oder fragte, ob ich die Arz⸗ nei genommen haͤtte! Ich ſchlief verdruͤßlich ein. Meine erſte Frage beim Erwachen war nach ihr. An ihrer Stelle ein Brief!— Sie war dieſe Nacht ſchnell, wie er ſagte, in einem Wagen, den ihr ihr Mann ſchickte, abgereißt. Viel Entſchul⸗ digungen!— Ach hinweg mit ihnen! Aber hier noch etwas wie eine Nachſchrift!— Jakob lies einmal; die Augen ſind mir ganz truͤbe. Jakob las: Iſts wahr, daß Gott uns nun bald den Frieden ſchenken wird, ſo vergeſſen Sie doch nicht, lieber Herr Hauptmann—— J. f. F. TI. J. 5. H. 3 66 Lieber?— Zeig' doch her! Lieber Herr Hauptmann, mich und meinen 3 Mann—— O den miſerabeln Patron! In B. zu beſuchen. Welche ſuͤße Wieder⸗ holung der Vergangenheit ſteht dann uns, ns Dreien bevor! Wilhelmine W.. Ich war außer mir. Und ſage, was ſollen wir nun anfangen? ſprach ich nach einer Weile zu Jakob. Anfangen?— Geſorgt hat ſie fuͤr uns: es fehlt an gar nichts im Hauſe, bis auch wir fort muͤſſen. Die liebe Frau! ſie hat an uns alle gedacht! Sie kannte uns alle mit Namen! Vie erſchrak ſie, da ſie nur mich und Beyern zuruͤckkommen ſah! Wie hat ſie den todten Franz und Konrad bedauert! Ja, und von Waltern behauptet ſie noch dieſe Stunde, ſie haͤtte ihn davon bringen wollen, wenn ſie ihn nicht ins Lazareth geſchafft haͤtten! Schweig, das iſt fatales Geſchwaͤtz!— Ich will jetzt ſchlafen! JIch genatz. Ich verließ den wuͤſten, kleinen Ort, der nun keine Reitze mehr fuͤr mich hatte. — — 67 Der Friede wurde geſchloſſen. Da ich auf eini⸗ ge Zeit nach meinen Guͤtern ging, und das nah⸗ gelegene B. beruͤhren mußte, erinnerte ich mich freilich der Einladung meiner Heiligen, und fragte nach dem W.. ſchen Hauſe. Ich ward bald zurecht gewieſen, es war eins der ſchoͤn⸗ ſten in der Stadt. Es war um Mittagszeit; ungefragt und ungemeldet trat ich ein, wo ich meine alte Wohlthaͤterin zu finden hoffte. Ein junger Mann— nun ja, der bewußte Nichtsnutzige— ſaß an der Tafel, ihm zur Seite zwei junge Frauenzimmer, in deren einer ich ein nur gar zu bekanntes Geſicht erbl lickte— Ach, meine liebe Alte fah ich nicht! Der Hausherr trat mir hoͤllich entgegen. Wie? rief er, als ich meinen Namen nannte, der wuͤrdige Mann, dem das arme R. ſo viel verdankt? dem auch ich—— Ach, fiel ich ein, ich, ich verdanke R... alles— alles Ihrer lieben vertrefllichen Gattin! Sagen Sie, wo iſt ſie? um ihrentwillen kam ich hieher, ihr zu danken—— ⸗ Mieine Frau? laͤchelte er, indem er mir die aͤltere der beiden jungen Damen, ſie, die erſten Blicks meine Augen gefeſſelt hatte, vorſtellte— meine Frau? Hier iſt ſie! 1 Mein Herr— ſtammelte ich, faſt ohne zu wiſſen was ich ſagte; das iſt ja die Schoͤne uͤber dem Kamine, ihre erſte—— geine erſte und einzige, fuhr er fort. Die Schoͤne, wenn Sie wollen, und die „Haͤßliche in Einer Perſon! ſetzte die Dame hinzu, indem ſie mir laͤchelnd naͤher trat. Meine liebe kleine Alte, meine gute Ma⸗ trone mein' ich!. Herr Hauptmann! kennen Sie mich wirk⸗ lich— kannten Sie mich auch damals nicht, als ich vor Ihren ſcharfen Augen floh?— Ich, ich bin Ihre kleine Alte! O leugnen Sie's nicht, daß Sie mich auf die letzt nur gar zu gut er⸗ riethen! Was! ich Sie errathen? ich, ein Wunder errathen? Und haͤtte ich es, haͤtte ein ſchnell voruͤbergehender Blitz mir auf Augenblicke— Doch— ich wußte nicht was ich ſagte; ich weiß es noch jetzt nicht, und am beſten iſts, daß ich dem Leſer, was ihm noch von dem 69 Raͤthſel unbegreiflich iſt, in wenigern Worten enthuͤlle, als in jener Stunde— einer der ſchoͤnſten und truͤbſten meines Lebens— noͤ⸗ thig waren, uns unter einander zu verſtaͤndigen. Wilhelminen W., dieſem Weibe ohne glei⸗ chen, dieſer Heldin des Alterthums in neuern Zeiten, die durch Jahre von Entſagungen und Leiden leiſtete, was jene durch Eine große That — ihr, ihr dieſe wenigen Zeilen! Als ſich der Krieg in die Gegenden von R.. zog, fand er in dem gluͤcklichen Laͤnd⸗ chen alles ſicher, als waͤr' es gar nicht moͤglich, daß das Schwert hierher reichte. Bei einigen der Einwohner war indeſſen doch das Andenken deſſen, was dieſe Gegenden vor dreizehn Jah⸗ ren erlitten hatten, noch nicht ganz erloſchen. Das Schrecken des nahenden Sturms kam eilig uͤber die Einwohner: eilig, eilig wollte man nun einige Vorkehrungen treffen. Alle Koſt⸗ barkeiten wurden auf die Seite geſchafft, Geld vergraben oder verſteckt, junge Frauenzimmer und Kinder in Sicherheit gebracht, hochbejahrte Perſonen desgleichen. In manchem Hauſe floh ulles, und das, was ſie zuruͤckließen, befand 70 ſich, der Willkuͤhr des Feindes Preis gegeben, deſto ſchlechter. 3 In keinem Hauſe war der Zuſtand bedenk⸗ licher, als in W... 6. Man hatte bei weitem nicht alles von Koſtbarkeiten und Gelde, das dieſes ziemlich anſehnliche Handelshaus beſaß, auf die Seite ſchaffen konnen. Der alte, ganz ſchwache Vater des Hausherrn, war garnicht zu retten; ſchon damit war Gefahr fuͤr ſein an einem Hauch haͤngendes Leben verbunden, wenn man ihn auf der Flucht der rauhen Jahreszeit, den Beſchwerden einer Reiſe ausſetzte. Allein konnte man ihn nicht zuruͤcklaſſen, und wer ſollte denn zu ſeiner Hut bleiben? Der dank⸗ bare Sohn? Das war W..., und nicht der Nichts⸗ nutzige, wie ich ihn immer ſchalt. So wie aber der Feind eindrang, war es gewiß, daß er ſich jedes bedeutenden Haupts bemaͤchtigte, um Geld zu erpreſſen oder andere Vortheile zu erhalten! Dann war W. ſeiner Pflicht entriſſen, dann war alſo der huͤlfloſe Greis dennoch dem Verderben uͤberlaſſen! Wer ſollte denn aber ſonſt ihn ſchuͤtzen? Wer zuruͤck⸗ 1 — — 21 bleiben? Die ſchoͤne junge Frau? W... zitterte, beide ſich liebende Ehegatten zitterten, nur ſo etwas zu denken! Das Schickſal entſchied! An einem Tage, da W... allein wieder einen ziemlichen Transport von Geldern und wichtigen Papieren auf ſein einſames Weinbergshaus gebracht hatte, um es dort zu vergraben— kam die gefuͤrchtete Stunde: der Feind ruͤckte ein, die ungluͤcklichen Gatten waren getrennt! Ein guter Genius gab Wilhelminen ein, was ſie hernach im Laufe des Kriegs, ſo weit er dieſe Gegen⸗ den traf, ſo meiſterlich uͤbte. Eine ſchnelle gluͤckliche Verkleidung machte ſie zu der Ma⸗ trone, die mir in ihrer Gichthuͤlle ſo theuer ge⸗ worden war. Sie ſchminkte ſich allerdings, aber nur ſo, daß ſie ſich beſtmoͤglich das An⸗ ſehn einer Dreiundſechzigerin gab. Ihr ſchoͤnes Auge entſtellte die Brille, und der holde Mund ward ſo viel als moͤglich zum Schweigen ver⸗ dammt, damit nicht die koͤſtlichen Zaͤhne den Betrug verriethen. Ach ſie, ſie haͤtten es am Ende doch gethan! ein Anderer als ich mochte glauben, daß ſie falſch waͤren. 72 Den ſchnellen, faſt im erſten Augenblick des Schreckens gemachten Anlagen glich die Ausfuͤh⸗ rung; doch— mit dieſem Geſtaͤndniß ehrte mich jetzt Wilhelmine,— die Zeit meiner Anwe⸗ ſenheit, oder wie ſie ſich ausdruͤckte,— meiner Regierung— war bei weitem die gluͤcklichſte im ganzen Lauf ihrer Erfahrungen geweſen. Welche Zeiten hatte die Ungluͤckliche geſehen, und wie wundervoll hatten ihr uͤberall Muth, Klug⸗ heit, Duldung und Ernſt hindurch geholfen! Eins ruͤhmte ſie mit Dank gegen die Vorſehung, daß es ihr immer gelungen ſei, bis auf den Auftritt mit dem Rebhuhn, deſſen Andenken mich noch heute beſchaͤmt— das kleine Zimmer des Greiſes vor Gewaltthat zu ſchuͤtzen, und daß man nie auf den Gedanken gekommen waͤre, ihr Schlafzimmer, welches wirklich das Waſch⸗ haus war, fuͤr verdaͤchtig zu halten. Es war abſichtlich die Wohnung der treuen Huͤterin; es blieb offen, ſelbſt wenn ſie ſich zu Zeiten ent⸗ fernte: aber es enthielt den nicht leicht zu ent⸗ deckenden Eingang zu einem verborgenen Be⸗ haͤltnis, welches noch manche Schaͤtze des Hau⸗ ſes barg, den Eingang zu den reichen Wein⸗ — — 73 kellern, und zu noch nicht ganz ausgeleerten Waa⸗ renlaͤgern. Nicht karg, aber auch nicht ver⸗ ſchwenderiſch und immer ohne Verdacht eines großen Vorraths, wußte ſie ihren Hausgenoſſen die Erquickung des Weins zu goͤnnen; ſelbſt als ein Verraͤther aus dem Staͤdtchen, ein nei⸗ diſcher Nachbar, einſt den Feinden das Waa⸗ renlager verrieth, blieb der koͤſtliche Keller un⸗ entdeckt, und unentdeckt das Behaͤltnis noch wichtigerer Schaͤtze, die nicht einmal das Eigen⸗ thum ihres, ſondern auch einiger befreundeten Haͤuſer waren. 8 Angſtvoll, ſchrecklich war oft der Zuſtand der Armen bei der Hut dieſer Dinge! welche Gefahr haͤtte bei wuͤthenden Feinden oft auf der Entdeckung beruht! In einer ruhigen Zwiſchen⸗ zeit uͤberredete ſie alle Theilhaber des verborgnen Schatzes, das ihrige zu ſich zu nehmen, und ſie wollte mit dem, was nun ganz allein das Eigenthum des Hauſes war, juſt eine aͤhnliche Anordnung treffen, als— wir einruͤckten. Die Geſchichte jener Zeit habe ich umſtaͤndlich geſchildert, und vielleicht hat einer meiner Leſer im Ruͤckblick auf dieſelbe, dieſelben Fragen auf 24 der Zunge, die ich hier an die liebe Erzaͤhleria⸗ that. Sie betrafen die Beſuche im Dienſt Lu⸗ einens. Minna erroͤthete und ſah ihren Gat⸗ ten an. Glaubt denn der Freund unſers Hauſes, läͤ⸗ chelte W., daß es der treuen, ſo innig lieben⸗ den Frau moͤglich war, mich nach langer Ent⸗ fernung aus jenen Gegenden, wie die Noth⸗ wendigkeit heiſchte, wieder ſich nahe, wieder auf dem lieben Weinbergshauſe zu wiſſen, ohne mich zu beſuchen? Wie Minna? Die Liebe haͤtte ſie ſtark ge⸗ nug gemacht dieſen Weg einſam, in finſterer Nacht, durch auflauernde Feinde zu gehen? ihn ſo oft zu gehen? 1 O, Herr Hauptmann, Sie wiſſen nicht, was treue Frauenliebe vermalal Alſo auch in jener entſetzlichen Sturmnacht, da ich um Punſch bat, und wo ich Sie ſo langſam das Haus verlaſſen ſah? O ich war zu ſchwer bepackt! Ich ging ſelten leer! Nach und nach habe ich meinem Manne auf dieſe Art alles zugebracht, was 75 der Rettung faͤhig und werth war! einige Er⸗ friſchungen fehlten denn auch nicht! Und welche Stunden waren das dann, die ich mit meiner Minna verlebte! rief W... und konnte ſich nicht enthalten die Erroͤthende in ſeine Arme zu ſchließen. Ich lauerte in der einſamen Huͤtte bei bleichem Mondlicht am Fen⸗ ſter. Es kam etwas den Strom entlang. Ich zitterte fuͤr die liebe Kommende, die ich heut vielleicht erwarten durfte. Sie war es; ich ging ihr entgegen, ich nahm ihr ab die Laſt, die ſie trug, und die ſie, beſonders das letzte⸗ ,faſt zu Boden druͤckte. Wir waren jetzt in Sicherheit. Die Laden der Fenſter wurden verſchloſſen, die Lichter angezuͤndet, im Kamin brannte bereits das Feuer; wir ſetzten uns zu⸗ ſammen, wir erquickten uns mit dem, was ſie brachte, wir tauſchten gute und boͤſe Neuig⸗ keiten, Furcht und Hoffnung gegen einander aus, wir lachten und weinten wechſelsweiſe, bis endlich die Nacht an den Morgen grenzte, die Schutzgoͤttin ihre Huͤlle wieder nahm und als Matrone zuruͤckkehrte. O dieſe Stunden— der volleſte, ſicherſte Genuß im Schooße des 26 Gluͤcks iſt nichts gegen das, was wir einem widrigen Verhaͤngnis abſtehlenn! O gluͤcklicher, gluͤcklicher Mann! rief ich. Und weit gluͤcklicher, als Sie verdienen! ſetzte ich bei Seite, ihm nur hoͤrbar, hinzu. Sie meinen wegen des Lachens und Fluͤ⸗ ſterns mit jenem huͤbſchen kleinen Boten? frag⸗ te er laut. Ei, das war ich ja ſelbſt! fiel Minna ein. Ich mußte hinaus, als Sie mir die Geſchichte erzaͤhlten: nie haben Thraͤnen und Ruͤhrung mir die Verſtellung ſo ſchwer ge⸗ macht, als damals das unmäßige Lachen, das bei Ihrem Eifer uͤber dieſen Nichtsnuͤtzigen ſchon losbrechen wollte!— Oefter zwar war mir ſchon die Entdeckung nahe, beſonders wenn der Großvater zuweilen ſo ganz vergaß, wen ich vorſtellen ſollte; das eine Mal, duͤnkt mich, war das Geheimnis ſchon auf ſeiner Zunge... Minna theilte hier ihrem Mann und ihrer Schweſter,(das war das andre junge Frauen⸗ zimmer) mehrere der damaligen Geſchichten mit. Lachen und frohe Laune nahm uͤberhand— ach, bei mir nicht! Mir war ein Dorn im Herzen, der—— ———ᷣ 77 Der mich in der Folge gewiß hoͤchſt ungluͤck⸗ lich gemacht haͤtte, wenn im Wiederkommen und immer Wiederkommen in das geliebte Haus ich nicht endlich eine vergebliche, alternde Nei⸗ gung in eine gluͤckliche Liebe zu derjenigen ver⸗ wandelt haͤtte, die Minna's verjuͤngtes Eben⸗ bild war— zu ihrer Schweſter, Emilie. Lang iſt ſie nun meine Gattin, und unſchreiblich be⸗ gluͤckend ſind die Stunden, wo wir und W.. 8 den Genuß froher Gegenwart mit der Erinne⸗ rung an jene duͤſtre Vergangenheit verbinden! Von einer Dame. —— Der ſechsten Stunde des neunten Mais 1805. der 2 Sterbeſtunde Schillers. Du warſt es, die, auf Fittigen der Wonne, 5 Den hohen Saͤnger zu den Sternen trugſt. Es neigte truͤber ſich die Abendſonne, Als du der Menſchheit dieſe Wunde ſchlugſt. Er ſank hinab, um hier nicht mehr zu ſteigen— Soll Sehnſucht ſchmerzlicher zu ihm ſich neigen? Iſt unerbittlich ſtrenge das Geſchick? O, gieb„den großen Todten“ uns zuruͤck! Auch ihn„beſiegten die gewalt'gen Stunden; Der Sterblichkeit gebuͤhrte dieſer Zoll. Er welkte fruͤher, weil er tief empfunden, Weil ihm begeiſterter der Buſen ſchwoll! — 29 . Nur zu gewohnt im hoͤchſten Raum zu ſchweben, Warf er dahin dies enge Spannen⸗Leben, Ihm arm und klein— warf er es ſorglos hin, Und goͤttlicher entfloh der Goͤtterſinn! Sein warmes Herz ſchlug nicht durch fremdes Feuer, In eignen Gluten ward es ſchnell verzehrt! Sein Flammen⸗Sinn, dem Genius getreuer, Ward uns zum Opfer, doch des Opf'rers werth: Was hatten Stunden Schoͤn'res ihm zu geben? Die Dichtung war des Geiſtes hoͤchſtes Leben; Sie, die der Sphaͤren Harmonien mißt, Und Raum und Zeit— die Welt um ſich vergißt. Ihn„hielt kein Band, ihn feſſelt' nicht die Schranke⸗ Der Endlichkeit, er flog die Sternenbahn; Aetheriſcher entſchwebte der Gedanke, Nur Geiſter durften ſeinen Fluͤgen nahn. Uns klang ſein Lied wie Aeolsharfentoͤne, So zart entfaltet' er das höchtte Schöne; Er war es, dem die Muſe Melodie, Den ſchoͤnſten Zauber ihrer Leier, lieh. 80—— Wo Zartes ſich, in dem Gebiet' des Schoͤnen, Mit jeder Grazie der Kunſt vermaͤhlt, Lockt' er aus todter Bruſt der Wonne Sehnen, Die ſich vergeblich ihm mit Kaͤlte ſtahlt. Er fühlte tief; die Hörenden— empfanden; Er loͤſ'te ſie aus ihrer Dumpfheit Banden: Selbſt Anmuth, Schönheit, Wahrheit und Gefüͤhl Veredelte des hohen Saͤngers Spiel. Wo Göͤttliches, mit ſtiller hoher Wuͤrde, 1 Erhabner der Empfindung ſich vertraut, Warf er weit hinter ſich der Sinnen Buͤrde, Hat nur ſein Geiſt des Geiſtes Höoh' beſchaut. Bewundernd fuͤhlten wir, mit ernſtem Schweigen⸗ Das Göttliche ſich uns hernieder neigen; Der Schauer, der durch unſer Weſen flog, War Pfand, daß uns die Phantaſie nicht trog. Verſtummt ſind dieſer Leier zarte Lieder; Entflohn der maͤcht'ge Hauch, der ſie beſeelt! Nie kehrt der reine Geiſt zu uns hernieder, Mit ſeiner Urkraft iſt er neu vermaͤhlt! —;— 81 Im feſſelloſen All, in ew'gen Raͤumen Iſt er erwacht, von ſchoͤner Dichtung Traͤumen, * Zu höhern Sonnen, reiner Luft entſchwebt, Wo er, ganz Geiſt, am Quell der Geiſter lebt. Verhuͤlle, Deutſchland, dich in tiefe Trauer, Sie ſind dahin, die du mit Stolz genannt! Erbebe, Bruſt, vom ſtaͤrkſten Wehmuthsſchauer, Sie welken ſchon, die ihnen gleich verwandt! Ihr Abend naht, die ſo wie dieſe ſangen, Im hoͤchſten Flug Unſterblichkeit errangen! O blieb vom Feuer ihrer Goͤtterluſt Ein Funke nur in jeder Dichterbruſt! 8 3 Von der Verfaſſerin der Gemaͤlde a. d. Leben des Menſchen, im pcoten u. rrten Heft des rſten Jahrg. d. Journals. J. f. F. II. J. 5. H. 82— Der Roſenſtrauch. Ein Geſchichtchen.*) Mildner und Rauſch hatten ſich von Kind⸗ heit an bis ins funfzigſte Jahr gezankt und waren von Kindheit an bis ins funfzigſte Jahr die beſten Freunde. Mildner beſaß ein ſchoͤnes Landgut in Rauſchens reicher Herrſchaft. Beide waren brave Maͤnner, beide liebten ſich von Herzen, beide konnten gar nicht von einander laſſen, hatten ſogar dieſelben Liebhabereien, tha⸗ ten alles gemeinſchaftlich; und dennoch geriethen ſie alle Augenblicke an einander, dennoch war auch an und um den Einen gar nichts, wie an und um den Andern. 4 Rauſch beſuchte heute Mildnern, der eben Keſſel grub, um junge Obſtbaͤumchen hineinzu⸗ ſetzen. Armer Freund, redete er ihn an; wie dir's ſauer wird— Geht noch mit! *) Einiges darin nach Duͤmanoir. So etwas ſelber zu machen— Wird auch deſto beſſer! Und wenn dir's dabei einfaͤllt, daß du ehe⸗ mals... O mein lieber, guter, armer Bruder! Bin ich denn nicht noch der reichſte Bauer in deinem Dorfe? Doch— haſt recht! Man kann viel haben, ohne des Lebens je froh zu werden. Das fuͤhl ich! Ja, weil dir alles gluͤckt! Was? weil mir alles gluͤckt? Freilich: ſo kennſt du kein Fuͤrchten, kein Hoffen; deine Seele verliert die Spannkraft, und nun ruͤttelſt du gleichſam nur immerfort mit Gewalt an dir. Wenn das Schiff keinen Wind hat, ſteht's ſtill; hitzigs Rudern thut's nicht. Davon ruͤckt's nur'ruͤber und'nuͤber, und ſchwankt und ſtoͤßt: aber weit koͤmmts nicht! Hier wurd' es Rauſchen ſchon warm„ und gleichwol rieb er ſich die Haͤnde, als obs ihn tuͤchtig froͤre. Mildner ſollte auf ſein Schickſal ſchmaͤlen, weil Er eben in boͤſer Laune war; dann hofft er ihm den Text zu leſen, dabei ſeine Galle loszuwickeln, nun dem Freunde zuzureden, dar⸗ uͤber ſelbſt wieder guter Laune zu werden, und 84 die Scene, wie gewoͤhnlich, mit einer herzlichen Umarmung zu beſchließen. Und dem allen wider⸗ ſtand Mildners entſetzlicher Gleichmuth! Rauſch nahm dadurch einen neuen Anlauf, daß er ihm ſein Ungluͤck des letzten Jahres keifend ins Ge⸗ daͤchtnis rief: Das Hagelwetter im letzten Herbſt, das deine ganze Weinleſe zertruͤmmerte—— Gluͤck genug, daß es nicht zwei Monate fruͤher kam, als die Erndte noch auf dem Felde war! Der Blitz, der bei dir zuͤndete— Ja, wenn der das Wohnhaus getroffen hätte!— So, die leere Scheune: das ging noch mit! b Und wie dein Ferdinand mit dem Pferde rzte und das Bein brach— Freund, haͤtt'ſt du den Fall geſehn, du waͤreſt erſtaunt, daß er den Hals ganz behielt. Zum Henker— ich glaube du neckſt mich? Und— plagt dich nicht manchmal das Po⸗ dagra? Das iſt noch ein Ruͤckſtand von alter Zeit! Aber jetzt wird's von Jahr zu Jahr ſchwäͤcher. Und du weißt ja, das Podagra verwahrt vor 85 vielen andern Krankheiten. Man kann ſteinalt dabei werden—— Hier ſorang Rauſch mit einer heftigen Apo⸗ ſtrophe davon, Mildner laͤchelte hinter ihn her, und grub weiter.— Nach einer Weile kam Ferdinand, ſein ein⸗ ziger Sohn, uͤber die Wieſe geſprungen. Er ſchien aͤußerſt erhitzt und troff von oben bis un⸗ ten, ohngeachtet es nicht geregnet hatte. Be⸗ fremdet ſtach der Vater den Spaten in die Erde und wollte ihm zurufen; da begann dieſer: Vater, was fuͤr ein Ungluͤckl Was denn?. Rauſch iſt bei dir geweſen, und indeſſen iſt Pauline, ſeine allerliebſte Pauline, in den reißenden Strom geſtuͤrzt, dort, wo die Dreh⸗ löͤcher ſind! Wie? doch nicht ertrunken? Nein, Vater: ich ſprang nach— Und zogſt ſie heraus? Freilich! Gluͤck genug fuͤr euch beide! danke Gott mein Sohn! 86 Fuͤr mich iſts wol gut, aber die arme Pau⸗ line— ſie iſt halb todt vor Schrecken! Wird ſich ſchon geben! Wie kam's aber? Sie hatten auf dem Kahne fahren wollen— ſie und die Jungfer; und das Ding war um⸗ geſchlagen! 4 Wo blieb denn die Jungfer? Die iſt federleicht und ging nicht unter. Hernach klammerte ſie ſich an eine Weide, und da half ich ihr vollends heraus. Welch ein gluͤcklicher Tag fuͤr dich, mein Ferdinand! 3 Das iſt wol wahr: aber Vater— ach Vater, wenn du wuͤßteſt... Was denn, lieber Sohn? Wie ich in Sorgen bin um Paulinen— denn ich habe ſie doch gar zu lieb! Deſto beſſer! ſo muß dichs um ſo mehr freuen, ſie gerettet zu haben. Ach, aber fuͤr einen Andern! Und nimmer⸗ mehr wird ſie ein Andrer ſo lieben, wie ich— Wie? du liebſt ſie alſo? Ei ſieh! ſieh! Moͤgt ihr's doch alle wiſſen! Ja ja, ich ——— ᷣ— 87 liebe ſie, tauſendmal mehr als mein Leben! Das iſt ja eben mein Ungluͤck! Sie liebt dich alſo nicht wieder? Wenn ich ein bischen einbildiſch waͤre, ſo daͤcht' ich wol, ſie waͤr' mir auch gut... Nun, ſo ſtehſt du doch nicht uͤbel mit ihr? O nein, Vater: das gewiß nicht! Nun ſiehſt du, das muß doch immer ein Troſt ſeyn: die ich liebe, meint's gut mit mir, und ich hab' ihr das Leben gerettet, wenn ſie mich auch nicht wieder liebt, ſondern es nur gut meint— Indem kam Rauſch herbeigeſchoſſen: Wo iſt der praͤchtige Junge? Laß dich umarmen! Du haſt mir mein Maͤdchen erhalten: ich muß dich auf den Haͤnden tragen! Jetzt fort, ge⸗ ſchwind! ſie ſehnt ſich, dir zu danken! Sie ſehnt ſich nach mir? fuhr Ferdinand brennendroth auf. Sie waͤr' nicht meine Tochter, wenn ſie's nicht thaͤte! Zieh dir einen trocknen Rock an, und dann vorwaͤrts! Sie wartet mit Schmer⸗ zen, das Angſtkind! Hab ich's doch immer ge⸗ ſagt: nichts als Noth mit den Kindern! be 33— ſonders mit huͤbſchen Toͤchtern! Bald liegen ſie im Feuer, bald im Waſſer!. Ferdinand flog davon, Rauſch prieß ihn, und ſchmaͤlte dann wie gewoͤhnlich fort auf ſeine Pauline. Mildner ſagte vor ſich hin: Hm, der Vor⸗ fall wird Paulinen vorſichtiger machen, Nau⸗ ſchen theilnehmender, und Ferdinanden eifriger, Jedermann zu dienen. Viel Gutes auf ein⸗ mal!— Ferdinand kam geputzt, Rauſch zog ihn fort und fuͤhrte ihn zu Paulinen, die man zu Bette gebracht hatte. Dieſer Anblick ſetzte den jungen Menſchen vollends in Feuer und Flam⸗ men. Da haſt du deinen Retter! rief Rauſch der Tochter zu. Und wenn du ihm jemals vergaͤ⸗ eſt, was du ihm ſchuldig biſt... Nie werd' ich das— fiel ſie ein, und reichte Ferdinanden die Hand. O, nie, nie, mein guter, lieber Ferdinand! Ganz recht! ganz recht! unterbrach ſie der Vater, dem die Scene ſchon zu lang wurde. Macht das mit einander aus: ich bin gleich wieder da. Pauline gerieth uͤber die Entfernung ihres — 39 Vaters faſt in eben ſo tiefe Verlegenheit, als Ferdinand. Sie heftete die Augen auf ihr un⸗ ruhiges Buſenband, er die ſeinigen auf ihre kleine Hand, die er noch immer feſt hielt. Kei⸗ nes ſprach. Endlich begann Pauline: Ich habe Ihnen ſo gern danken wollen, und nun, da ichs koͤnnte, find' ich keine Worte... Dank fuͤr mein eigenes Gluͤck? ſagte Ferdi⸗ nand. Wenn Sie umgekommen waͤren: haͤtte ich denn da nicht mit⸗ſterben muͤſſen? Hier erſchrak der junge Menſch, als wenn er ſich des Straßenraubes angeklagt haͤtte. Pau⸗ line hingegen blickte ſo guͤtig und ſo vielſagend auf ihn hin, daß er, in gluͤcklicher Vergeſſenheit alles Zufaͤlligen, vor ihr Bettchen auf ſeine Knie ſank und ihre Hand an ſeine Lippen zog. Pauline machte jetzt nur eine ganz kleine Wendung gegen ihn, und gleichwol bewirkte dieſe ſo viel, daß beider Lippen ſich begegneten und in einem Augenblick ihr Geſchick, ſo weit es von ihren Herzen abhing, fuͤr immer ent⸗ ſchieden war.—. Ein lautes Sprechen vor der Thuͤr erſchreck⸗ te und brachte ſie wieder in die Situation, die 90—— Zeugen zuließ. Rauſch war es, der den Lieu⸗ tenant Suͤßert, ſeinen Verwandten und praͤ⸗ ſumtiven Schwiegerſohn, hereinfuͤhrte. Er war eben abgeſtiegen, ſagte Rauſch zu Paulinen; ich erzaͤhlte ihm die Hiſtorie: er will dir nur be⸗ zeigen, wie er theilnimmt— Theilnehmen? fiel der Lieutenant ein. Sa⸗ gen Sie: verſteinert, vernichtet, nichts ſeyn! Ja wol, brummte Ferdinand vor ſich hin. Der Lieutenant ſagte nun Paulinen eine Menge von den Dingen, die man ſchoͤne nennt— wie die Parzen, Verſchonende, weil ſie nicht verſchonen. Dieſen ſchoͤnen Dingen ſchoß ein Schwall witziger Zaͤrtlichkeiten nach. Endlich fiel ihm ein: Ah, und das iſt wol der brave junge Mann, der Ihnen beigeſprungen? Eine vortheilhafte Bildung! Ihre Hand, mein Lieber! Wozu? fragte Ferdinand, und es krampfte ihn in allen Gliedern. Wozu? Kurios! Um meinen Dank zu em⸗ pfangen! Sie haben mir erhalten, was meinem Daſeyn erſt Werth giebt! — 91 Das alſo ſonſt keinen hat? fragte Ferdinand hoͤhniſch. Was Teufel, Herr! rief der Aeutenaut. So „was kann man wol ſelbſt ſagen, aber ein An⸗ drer darf Einem damit nicht kommen— ſonſt... Was ſonſt?— fuhr Ferdinand auf. Hier trat Rauſch lachend zwiſchen beide und ſpaßte uͤber die derbe Geradheit des ruſtiken Nimrods— wie er ſich ausdruͤckte— im Conflikt mit gewandter Urbanitaͤt des hoͤfelnden Paris; und je zufriedener der Lieutenant uͤber die Antitheſe war, je erhitzter wurde Ferdinand. Nein, ihr Herrn, beſchloß Rauſch, lernt erſt einander verſtehen, und gleich gebt euch die Haͤnde! hier vor meinen Augen!. Je, Herd gern, Papa! rief der Lieutenant luſtig. Da iſt die meine! Und da die meine! ſagte Ferdinand, indem er hineilte und die Hand ſo druͤckte, daß der Schmerz dem Lieutenant uͤber's Geſicht fuhr, wie ein Wetterleuchten uͤber den Abendhimmel. Bei Seite aber ziſchelte er ihm zu: Und wenn Ihnen das goldne Ding da nicht umſonſt von der Schulter haͤngt, ſo ſehen wir uns im Muͤh⸗ 92 lengrunde!— Damit eilte er hinaus, ſchlich in ſeines Vaters Haus, ohne von dieſem geſehen zu werden, und ſprang bald wieder fort in den Muͤhlengrund.— Nach einer kleinen Weile kam Rauſch haſtig zu Mildnern: Iſt dein Sohn nicht hier? Iſt er nicht mit dir gegangen? Das wun⸗ dert mich!* Freilich iſt ers, aber er iſt auch wieder fort. Er und mein Couſin geriethen an einander. Sein Weggehen hatte mir'was Auffallendes⸗ Ich geh' ihm nach: er iſt weg. Ich laufe zu⸗ ruͤck: der Couſin iſts auch. Meinen Kopf ſetz' ich dran, hier iſt ein Ungluͤck: dein Bube hat ihn gefordert! Kann er fechten? Niicht vorzuͤglich! Schießen? Wie der Tell! Hat er Piſtolen? In ſeiner Stube! So iſts richtig! Ungluͤck uͤber Ungluͤck! der oder der— anders laſſen ſie nicht ab! Nicht doch! nicht doch! fagte Mildner, öffnete des Sohnes Zimmer— die Piſtolen — 93 waren wirklich weg. Ei mein Gott!— ſagte er. Nun, wir wollen ſie aufſuchen: hoffentlich kommen wir noch allen Uebeln zuvor. Indeſſen hab' ich doch noch einen Troſt dabei: ich ſehe, mein Sohn fuͤhlt ſtark und hat Muth! Troſt? Troſt? Du, ein Vater? Verzweifeln ſollſt du! rief Rauſch, und ſie eilten hinaus. Gluͤcklicher Weiſe hatte man Ferdinanden nach dem Muͤhlenthal fliegen ſehen und ſagt' es an. Die Alten eilten dahin: da hoͤrten ſie einen Schuß fallen. So iſt er todt! ſchrie Rauſch. Ei, nicht alle Kugeln treffen, und dein Cou⸗ ſ in hat den erſten Schuß! erwiederte Mildner. Sie kamen um die Ecke: ſie ſahen beide einander gegenuͤber. Halt! halt! riefen ſie; aber Ferdinand that ſeinen zweiten Schuß den⸗ noch und der Lieutenant taumelte. Da ſiehſt du's nun, daß er todt iſt! ſchrie Rauſch. Er bleibt ja auf den Fuͤßen und haͤlt nur den Kopf! fiel Mildner ein. Indem ſie von der einen Seite herbeiſtuͤrzten, ſprang Pauline von der andern aus dem Gebuͤſch, und weil ſie den Lieutenant ſtark bluten ſah, ſank ſie mit 94.— 4 einem Schrei ihrem Vater in die Arme. Nauſch vergaß uͤber dem Anblick der halbohnmaͤchtigen Tochter alles Schelten der jungen Maͤnner, wo⸗ zu er ſchon den Mund geoͤffnet hatte; und Mildner bemerkte: So viel Vaterliebe hat er ihr nie verrathen: das wird von guter Wir⸗ kung ſeyn fuͤr Beide! Ferdinand ſtand ſtarr und ſchien das erſte Wiederaufblicken Paulinens in Verzweiflung zu erwarten. Sie ſchlug die Augen zu ihm auf; er riß ſeinen Vater und ſeinen Gegner an ſeine Bruſt. Beruhige dich nur, liebſtes Kind! ſagte Rauſch zu Paulinen. Sieh, nur der Zipfel vom Ohrlaͤppchen iſt weg⸗ genommen: du bekoͤmmſt darum doch an ihm den ſchmuckeſten Mann vom ganzen Regimente! Dieſer Troſt ſchien ſehr ſchlecht zu verfan⸗ gen: Pauline warf ſich noch viel geaͤngſteter an ſeine Bruſt. Verwettert! rief Rauſch. Was iſts denn nun ſchon wieder? So rede doch nur, Engelchen! Du ſollſt ja alles haben! Alles? rief Pauline unter herzlichen Kuͤſſen: nur Eins, Eins, mein Vater! Nun was denn? was denn? Alle taufend. Am Ende machſt du mich wol gar ungeduldig? 95⁵ Ihm verdank' ich mein Leben— wagte Pauline herzhaft zu ſagen, indem ſie Ferdinan⸗ den die Hand reichte; o loſſen Sie ihm gehoͤ⸗ ren, was er gerettet! Beſter Vater, bin ich nicht ſchon ſein Eigenthum? Und er liebt mich! o lange, lange liebt er mich! Lange ſchon? nahm der Lieutenant das Wort, da er ſahe, wie verlegen Rauſch nach ihm blickte. Und die ſchoͤne Pauline ihn auch lange? So waͤr's albern, wenn ich nicht zuruͤcktraͤte! Lange ſchon! Davon hab' ich nichts gewußt: meine Bewerbung iſt erſt ſeit kurzem, und ſo leidet meine Ehre nicht— beſonders da ich, Sie alle ſehn's! ganz freiwillig und nicht ohne Großmuth zuruͤcktrete! So? Ei ſo wollt' ich doch... rief Ranſch. Na, denn, in Gottes Namen] ſetzte er hinzu und gab die Tochter Ferdinanden in die Arme. Hab' ichs nicht geſagt: jedes Uebel bringt auch ſein Gutes? ſagte Mildner, und klopfte dem Freunde laͤchelnd auf die Schulter. Das Leben iſt, wie— ſiehſt du? da, der ſchoͤne Strauch am Wege: an den Seiten Dornen, aber oben Roſen! Fahr' doch nicht ſo zu! 96 Das iſt ja eben das Schlimme! rief Rauſch, indem er die Finger ſchnellte. Ja, wenn man die verwuͤnſchten Dornen alle wegbrechen koͤnn⸗ te— 1 So triebe der Strauch auch keine Roſen!. fiel jener ein. Probir's nur! Er bringt— nichts! gar nichts!— Hoch vom Felſenufer ſchaute Phyllis in das Meer hinaus. Wenn der Morgen daͤmmernd graute, floh ſie ſchon des Vaters Haus; wenn der Sonnenkreis ſich neigte, ſah ſie noch mit truͤben Sinn, ob kein Segel fern ſich zeigte, troſtlos in die Wogen hin. Monden waren hingeflogen, ſeit das theure Schiff vom Strand durch des weiten Meeres Wogen eilte nach dem fernen Land. Da ergoſſen ſich die Klagen, angſtvoll blickt ſie weit ins Meer: doch ſo weit die Blicke tragen bleibt die gruͤne Flaͤche leer. f. F. II. J. 6. H. „Wo verweilſt du, theures Leben? haͤlt ein Sturm den Schiffer auf? Aber leicht am Himmel ſchweben Wolken hin in ſtillem Lauf! Maͤchtig haͤlt mit ernſtem Zuͤgel ſeine Flut Poſeidon an, nur der mildern Lufte Fluͤgel ebnet ſanft die Wellenbahn. Wieder hellt die Felſenpfade ſchon Selena's Angeſicht, und noch immer dem Geſtade nahn die theuren Segel nicht!— Könnteſt du die Schwuͤre brechen, ſtuͤrzen mich in ewges Leid? Demophon 1— die Goͤtter raͤchen zuͤrnend ſtreng den heilgen Eid. Stuͤrme ſind mir treu geblieben, treu des Meeres wilde Flut, denn ſie ſahn mein treues Lieben, meines Herzens heiße Glut. Und auf ſtiller Wogen Ruͤcken ſchwamm der Flotten ſichres Heer; Wellen wollten mich begluͤcken— nur dein Herz war liebeleer. Konnt' ich trau'n den falſchen Lwpyen; nannt er ſich nicht Theſeus Sohn? Theſeus, der auf Naxos Klippen treuer Liebe ſelbſt entflohn? Goͤtter! ja, ich bin verlaſſen! treulos iſt ſein ganz Geſchlecht! doch die Rache wird ihn faſſen, denn die Goͤtter ſind gerecht. Konnte dieſes Laͤcheln truͤgen, Treue heucheln dieſer Blick? Konnten ſeine Lippen luͤgen, ſcherzen mit der Liebe Gluͤck? Nein! der Treue feſten Glauben haͤlt das liebend treue Herz, nicht Verzweiflung kann ihn rauben, nicht der hoffnungsloſe Schmerz!e 20 Und am dunklen Himmelsbogen glaͤnzet matt der Sterne Schein. Nacht ruht auf den ſchwarzen Wogen, Daͤmmrung huͤllt die Felſen ein. Blicke geben nicht mehr Kunde, doch die Liebe weckt den Muth, und ſie ruft mit treuem Munde ſehnend in die weite Flut. Demophon!— ſo ruft ſie bange— weit ertoͤnt der Stimme Schall. Demophon— mit dumpfem Klange widerhallt's im Felſenthal— Doch von ferner Luft getragen ſchwebt kein Laut der Liebe her; einſam ſchallen ihre Klagen, Antwort rauſcht nur Fels und Meer. „Todtet mich mit eurem Blitze!“ ruft ſie zu den Gottern auf. Neunmal zu des Felſens Spitze wendet angſtvoll ſie den Lauf. Und zum kuͤhlen Bett der Wogen in das gruͤne Waſſergrab fuͤhlt ſie maͤchtig ſich gezogen, beugt zum Fall ſich ſchon hinab. Aber ſchnell an harter Klippe hemmt den letzten Schritt der Fuß, und es ſtockt auf ſtarrer Lippe plotzlich ihres Leids Erguß. Des Gewandes Falten weichen platter Rinden engem Band, und zu ſchoͤn verſchlungnen Zweigen theilt ſich die gehobne Hand. Und wo ringelnd ſich ergoſſen goldne Locken von dem Haupt, ſieht man Blaͤtter gruͤnend ſproſſen, und der Wipfel ſteht umlaubt. Doch die Zweige ſelbſt— im Winde klagen ſie der Liebe Schmerz, denn des Baumes ſtarre Rinde „feſſelt nicht das treue Herz. In des Mecres blaue Weiten, nach Athene's ferner Stadt wollen ſich die Zweige breiten, neigt ſich ſehnend jedes Blatt. Doch die Treue wird im Baume. 6 ſelbſt des Kummers ſichrer Raub, von des Leides ſchwerem Traume ſinkt der Zweige duͤrres Laub. V Und beim Stral der Morgenroͤthe, von der Schiffe Nuderklang widerhallt die nahe Rhede und es toͤnt der Schiffer Sang⸗ Und voraus im Meer geſchwommen, naht ſchon Demophon dem Strand, denn der Erſte will er kommen, kuͤſſen das geliebte Land. — Und er forſcht mit bangen Blicken— Niemand harrt am oͤden Meer; Und er ſucht auf Felſenruͤcken— todt iſt's uͤberall und leer. — Und es fuͤhren ihn die Frauen hin zum ſteilen Felſenhang, wo mit der Verzweiflung Grauen die Geliebte ſterbend rang. Und, wie feſt mit Liebesarmen er den theuern Stamm umſchlingt, muß die Todte ſelbſt erwarmen, daß ſie Leben neu durchdringt. Und es gluͤht der Liebe Flamme maͤchtig in dem ſtarren Leib, und noch in dem harten Stamme liebt als Baum das treue Weib. „ Wo die Blicke ſonſt geſprochen blickt ein junges Aug hervor; ſchnell ſind Knoſpen aufgebrochen, Blaͤtter draͤngen ſich empor. Wie die Worte ſich ergießen liebend von dem holden Mund, eilen Zweige jetzt zu ſprießen, gruͤnend bei der Liebe Bund. Und wie ſich die Purpurlippen öͤffneten, der Liebe Gruß vom geliebten Mund zu nippen in entzuͤckend ſuͤßem Kuß; wie die Wange lieblich gluͤhte bei der Liebe ſelgem Traum: ſo in Himmelspracht erbluͤhte in des Lieben Arm der Baum. A. Apel. — 9 Maria Anna, Graͤfin von Bruͤhl.*) — Wenn Maͤnner in der Geſchichte Sachſens des Namens Bruͤhl in mancher traurigen Beziehung gedenken, und bei ihm an Wunden erinnern, die noch jetzt, nach einem halben Jahrhundert, dem ſchoͤnen Lande nicht ganz geheilet ſind: ſo wird es einem Weibe erlaubt ſeyn, das Bild von einem wenig beachteten Weſen aufzuſtellen, das ebenfalls dieſen Na⸗ men trug, ebenfalls in die großen Begeben⸗ heiten jener Zeit eingriff, aber im Leben von ſo wohlthaͤtiger Wirkung war, daß man hof⸗ fen darf, es werde ſelbſt im Bilde etwas Wohlthuendes haben. Ich ſpreche von der Gemalin des einſt ſo *) Von der Verfaſſerin aus erſten, und noch nie benutzten Quellen bearbeitet. 10 gefuͤrchteten und gehaßten Premier⸗Miniſters, Grafen von Bruͤhl, an deſſen Seite ſie Tugen⸗ den uͤbte, deren Folgen, ſo wie die Spuren ih⸗ res vielumfaſſenden, durchdringenden Geiſtes— noch jetzt dem Aufmerkſamen bemerklich werden. Nicht nur daß noch heute, mit den wuͤrdigen Soͤhnen der Graͤfin, viele Ungluͤckliche ihr An⸗ denken ſegnen, weil ſie ihnen Helferin— we⸗ nigſtens hoͤchſt bedeutende Fuͤrſprecherin war; auch manche ihrer trefflichen Anſtalten dauern fort und preiſen ihren Geiſt und ihr Herz. Ja, ſaͤhe man ſogar von alle dem ab— ſollte nicht ſchon ein weibliches Weſen, das, rings umgeben von alle dem, was ein aͤußerſt luxu⸗ rioͤſer Hof iſt, und erſchafft, und bildet, und herbeilockt; ein Weſen, das ganz von der Na⸗ tur ausgeruͤſtet, von Verhaͤltniſſen geleitet ſchien, um die Goͤttin und das Opfer eines ſolchen Hofs zu werden, ſeine urſpruͤngliche Reinheit behaupten, im hoͤchſten Glanze irdiſcher Ho⸗ heit das ſtille Heiligthum ſeiner Bruſt bewah⸗ ren, durch Theilnahme an dem Elende jedes Ungluͤcklichen gleichſam die Nemeſis ausſoͤhnen konnte—: ſollte nicht ſchon ein ſolches weib⸗ — I11 liches Weſen verdienen, daß wenigſtens ein Weib ſtrebte, ſein Andenken zu erhalten?.— Maria Anna, Graͤfin von Bruͤhl, wurde geboren den zweiten April 1717, und ſtammte aus der Linie Krakowsky von Kollo⸗ wrath. Sie war ihrem Vater, Maximi⸗ lian Norbert von Kollowrath,*) in ſeinem ſechzigſten Lebensjahre geboren: er ſtarb ihr in ihrem vierten. Ihrer Mutter**) war nun das große Geſchaͤft der Erziehung allein uͤberlaſſen. Sie ſtrebte es mit aller Sorgfalt und Gewiſſenhaftigkeit an der Tochter und de⸗ ren unmuͤndigem Bruder zu erfuͤllen. Gereifte Weltkenntnis, wie bewaͤhrte Herzensguͤte leh⸗ reten ſie, der Tochter den hoͤchſten Grad all⸗ gemeiner Ausbildung zu geben. In Wiſſen⸗ ſchaften und Kuͤnſten weckten und naͤhrten ihren Geiſt die vorzuͤglichſten Lehrer unter Aufſicht der Mutter; ihr Herz, vornaͤmlich auch durch *) Kaiſer Karls VI. geheimer Rath, Ober⸗ Appellations⸗Praͤſident, oberſter Land⸗Kaͤmmerer von Boͤhmen und Stadthalter zu Prag. **) Maria Anna Thereſia Claudia Mauritia, geborne Freiin von Stein.“ 42 8— Religion, fuͤr alles Gute zu erwaͤrmen, hatte ſie ſich ſelbſt vorbehalten. Bei ſo ſchoͤner Ue— bereinſtimmung waͤre der Zweck erreicht wor⸗ den, wenn auch die Natur weniger freigebig gegen Maria geweſen waͤre, und dieſe nicht ſchon in fruͤher Jugend die ausgezeichnetſten Anlagen verrathen haͤtte. Kaum war ſie aus der erſten Kindheit ge⸗ treten, als ſie wit ihrer Mutter nach Sachſen kam, und die Gemalin Auguſts III., eine geborne Erzherzogin von Oeſterreich, begleitete, bei welcher ihre Mutter 1730 als Oberhofmei⸗ ſterin angeſtellt wurde. Mitten in der großen Welt, an einem der glaͤnzendſten Hoͤfe Euro⸗ pa's, entfaltete ſich die jungfraͤuliche Knoſpe zu einer der lieblichſten Blumen der Anmuth, der Schoͤnheit und des innern Seelenadels. In ihrer ſchlanken, hohen Geſtalt wußte ſie den Ausdruck innerer Wuͤrde, wie aͤußern Ran⸗ ges, mit der zarteſten Beſcheidenheit und weib⸗ licher Grazie zu verſchmelzen. Aus ihren gro⸗ ßen blauen Augen und der holden Einheit ihrer lieblichen Zuͤge ſprach Wohlwollen fuͤr jeden Menſchen, ſtand er auch im Bettlerkleide vor 13 ihr. Dieſer angeborne Zauber blieb ihr auch, wenn ſie, von Diamanten umſtrahlt, an den haͤufigen, glaͤnzenden Hoffeſten des prachtlie⸗ benden Auguſts erſchien. Immer in der Naͤhe der frommen Königin, die mehr ihre Freundin als Gebieterin war, und unter dem Schirm ihrer edlen Mutter, verwendete ſie die Jahre ihrer reifern Jugend fuͤr ihre kuͤnftige Beſtim⸗ mung. Obgleich ein maͤnnlicher Geiſt in ihr wohnete, ſprach ſie doch in ihrem ganzen Weſen nur edle Weiblichkeit aus und zog eben damit alle Herzen an ſich. Der damals ſchon viel⸗ geltende von Bruͤhl ſahe ſie oͤfters, theils im kleinen Cirkel der koͤniglichen Familie, theils bei oͤffentlichen Feierlichkeiten, wo ſeine Gegen⸗ wart dem Koͤnig unentbehrlich war. Dieſer Miniſter, welcher neben ſeinem Beruf in einem ſo weitgreifenden Poſten und bei einem ſo viel⸗ fach angefochtenen oͤffentlichen Charakter, doch als Privatmann manche ſehr ſchaͤtzbare Seite hatte, empfand bald die Gewalt des Schoͤnen und Guten an der jungen Hofdame. So ge⸗ neigt man ſeyn mag vorauszuſetzen, er habe auch hier der Konvenienz und politiſchen Zwek⸗ ken geopfert, ſo gewiß irret man hier; die Verbindung war wirklich von beiden Seiten Sache des Herzens und wurde von jenen Ruͤck⸗ ſichten nur beſtaͤtigt. Der Hof nahm an die⸗. ſem erwuͤnſchten Ereigniß den lebhafteſten An⸗ theil; und die Neider des Miniſters vermehr⸗ ten ſich, daß Er es war, welcher dieſes Klei⸗ nod beſitzen ſollte, auf welches die Wuͤnſche ſo vieler, an Rang und Reichthum vielleicht noch maͤchtigerer Nebenbuhler gerichtet geweſen waren. Die Vermaͤhlung wurde den 29ſten April 1734, als Maria ihr ſiebzehntes Jahr zuruͤck⸗ gelegt hatte, auf dem koniglichen Luſtſchloſſe Moritzburg gefeiert. Der Gemal, auch erſt in dem ſchoͤnen maͤnnlichen Alter von vier und dreißig Jahren, mit ſchnellen Schritten vom Pagen⸗Dienſt bis zum Guͤnſtling und Mini⸗ ſter geſtiegen, und als der Sohn einer zwar altadlichen, aber keineswegs beguͤterten Saͤchſi⸗ ſchen Familie ohne große Ausſichten nach Dres⸗ den gekommen,— begann nun immer maͤch⸗ tiger in die Staatsverhaͤltniſſe einzugreifen, und ſich mit einem Anſehn zu bekleiden, das dieſen ſeinen Einfluß, ſo wie die damals ſo wichti⸗ gen politiſchen Verhaͤltniſſe Sachſens, ankuͤn⸗ digte. Viele der auswaͤrtigen Hoͤfe ſchmeichel⸗ ten ihm nun auf mannichfache Weiſe, um ihn in ihr Intereſſe zu ziehen; beſonders geſchah dieß von Seiten des Oeſterreichiſchen Hofes— was denn Sachſen zu ſeinem großen Nach⸗ theile erfahren ſollte.*) Die junge Gattin, nicht geblendet von dem Glaͤnzenden ihres Standes und den Auszeich⸗ nungen ihres Gemals, war in die neuen Ver⸗ haͤltniſſe mit den ſchoͤnſten weiblichen Tugen⸗ den der Haͤuslichkeit und Treue, getreten. Dieſe waren ſo feſt in ſie begruͤndet, daß we⸗ der der Ton der großen Welt, noch die oft ſehr kritiſchen, große Klugheit erfordernden Ver⸗ haͤltniſſe, ſie davon irgend entfernen konnten. Ihr haͤusliches Leben war hauptſaͤchlich der Wirkungskreis ihrer Einſicht und Thaͤtigkeit. Sie ſchoͤpfte dabei nur aus den Tiefen ihres Herzens, um nieht blos ſelbſt ein liebenswuͤr⸗ *) Kaiſer Karl VI. erhob ihn auch 1737. in den Reichsgrafenſtand.. 46— diges und tugendhaftes Weib zu ſeyn, ſondern auch dieſe Eigenſchaften, ſo viel moͤglich, in ihre naͤchſten Umgebungen uͤberzutragen. Was ſie darin leiſtete, wird ein Blick auf ihr Pri⸗ vatleben zeigen. Mit der puͤnktlichen Genauigkeit einer buͤr⸗ gerlichen Hausfrau fuͤhrte ſie in alle Zweige ihrer weitlaͤuftigen Oekonomie die ſtrengſte Ord⸗ nung ein. Alles mußte in einander greifen, ſo daß in den geringſten Kleinigkeiten das ſchick⸗ lichſte Maß ſichtbar war. Man muß geſte⸗ hen, daß ſchon die Aufſicht und der belebende Einfluß auf ein durch ſeinen weiten Umfang und ſeine mannichfaltige und verwickelte Zu⸗ ſammenſetzung ſo ſchwieriges Hausweſen, einen eben ſo durchdringenden Blick, als eine uner⸗ muͤdete Thaͤtigkeit vorausſetzt,— wenn naͤm⸗ lich eine Einheit daraus gebildet werden ſoll. Dieſe Einheit trat nicht blos aus dem unun⸗ terbrochenen Gange des Ganzen, ſondern auch aus den einzelnen Details des ganzen fuͤrſtli⸗ chen Hausſtandes hoͤchſt uͤberraſchend hervor. Jedes Mitglied dieſes Hausſtandes, bis auf den geringſten Domeſtiken herab— ihr Gemal 17 hatte deren aber bis 110!— bekam von ihr ſelbſt ſeine Beſchaͤftigungen genau zugemeſſen, wurde aber auch von ihr ſelbſt gut verſorgt. Es koͤnnten hiervon mehrere Beiſpiele ange⸗ fuͤhrt werden, wenn der Zweck dieſer Blaͤtter Berechnungen oder weitlaͤuftige Ausfuͤhrungen zuließ. Nimmt man noch dazu, daß ihre Er⸗ ziehung und Denkungsart immer mehr auf das Allgemeine gerichtet; daß ſie von ihrem fruͤheſten Leben an, immer gewohnt geweſen war, die Welt mehr im Großen anzuſchauen und ihren Blick auf höhere Gegenſtaͤnde zu richten: ſo muß man den Charakter bewun⸗ dern, der, durchdrungen vom Gefuͤhle ſeiner Pflicht, im Beſitz der Jugend, der Schoͤnheit und fuͤrſtlicher Einkuͤnfte, der wahren weiblichen Beſtimmung ſo eingedenk blieb. Niemand, der tiefer als auf die Außenſeite der Dinge blickt, wird es mißverſtehen oder der Graͤfin als geringes Verdienſt anrechnen, daß ſie, bei der Verſchwendung von Millionen durch den Gemal und ſeine Gehuͤlfen, hier und da Hun⸗ derte erhielt, und ihren Hausetat dadurch in gleichem Verhaͤltniß zu halten ſuchte. Wenn J. f. F. II. J. 6. H. 2 18 ihr weibliches Gemuͤth den Strom nicht auf⸗ halten konnte, welchen die Neigung ihres Ge⸗ mals und die damaligen Zeitumſtaͤnde, oft auf hoͤhere Veranlaſſung, herbeifuͤhrten: ſo that ſie wenigſtens von ihrer Seite Alles, um das ihr untergeordnete Gebiet mit moͤglichſter Gewiſ⸗ ſenhaftigkeit zu verwalten. Sie wurde darin in ſpaͤtern Jahren immer ſtrenger, jemehr ſie durch Untreue, durch Vernachlaͤßigung ihrer An⸗ ordnungen, und durch andre unangenehme Er⸗ fahrungen mißtrauiſch gemacht worden war. Gleichwol blieb auch ſie nicht frei vom Vorwurf der Verſchwendung, und man muß zugeſtehen, daß eine gewiſſe Lieblingsneigung ſie oͤfters— wenigſtens an dieſen Fehler ſtrei⸗ fen ließ. Dieſe Neigung war— Bauluſt. Die weitlaͤuftigen Guͤter, die ſie beſaß, gaben ihr Gelegenheit, dieſe Luſt vielfach zu naͤhren, und ihre dahin einſchlagenden Ideen auszufuͤhren; ſo wurde die Neigung faſt zur Leidenſchaft. Gewoͤhnlich reiſete ſie von einem Gute auf das andre, um ſich ſelbſt zu uͤberzeugen, wie man ihre Anordnungen befolgte. In den von ihr aufgefuͤhrten Gebaͤuden vereinigte ſich Pracht 19 und Geſchmack, ſie wurden dadurch den koͤnig⸗ lichen Beſitzungen beinah gleich: und da dieß mit den Einkuͤnften eines Privatmannes nicht in Uebereinſtimmung zu bringen ſeyn konnte, ſo ſcheint ſie wol zuweilen dieſer ihrer Neigung die Ruͤckſichten auf die Mittel aufgeopfert zu haben. Je unparteiiſcher dieß hier zugeſtan⸗ den wird, je mehr wird man berechtigt ſeyn, zur Erwaͤgung zu empfehlen, daß ſie, ſtets um⸗ geben mit koͤniglicher Pracht, keinen andern Maßſtab vor Augen haben konnte. Ueberdieß handelte ſie dabei nicht ohne wohlwollende und einem weiblichen Sinn angemeſſene Ruͤck⸗ ſichten: ſie wollte einer Menge Arbeiter Be⸗ ſchaͤftigung und Nahrung verſchaffen, Hand⸗ werker fuͤr das Beſſere und Geſchmackvollere bilden, und der Mittelklaſſe, die durch hohe Abgaben am meiſten beſchweret war, einen Theil derſelben wieder zufließen laſſen.— Ge⸗ woͤhnlich ließ ſie waͤhrend der ſechs Wochen des polniſchen Reichstages ſogar das Innere ihrer Wohnung zu Dresden wiederum ganz umſchaffen, ſo daß die dort einheimiſchen Be⸗ dienten bei ihrer Nuͤckkunft nicht wußten, wo 20— ſie waren. Sie hatte nicht nur immer Zeich⸗ ner und Baumeiſter zur Seite, welche nach ihren eigenen Ideen die Plane entwerfen muß⸗ ten, ſondern entwarf ſelbſt die Riſſe zu den meiſten ihrer aufzufuͤhrenden Gebaͤnde. Oft wenn ſie ſpaͤt in der Nacht vom Hofe oder einer ermuͤdenden Feſtlichkeit nach Hauſe kam, feſſelte ſie noch ihre Lieblingsbeſchaͤftigung ſtun⸗ denlang an den Schreibtiſch. Eben das, daß ſie bei großem Geiſt und unermuͤdlicher Thaͤ⸗ tigkeit einen wichtigen Theil ihrer Zeit und Kraft auf Dinge verwenden mußte, die ſo fluͤchtig, ſo unbedeutend und leer waren, er⸗ weckte oder naͤhrte wenigſtens jene an Weibern ſo ſeltene, wenn auch nicht unerhoͤrte Liebhaberei. Ihr Gemal, welcher ihr deren Befriedi⸗ gung als eine Spielerei zugeſtand, und ſich eben ſo wenig um das Einzelne bekuͤmmerte, als er bei ſeiner großen Rolle an haͤusliche Einrichtungen denken mochte, neckte ſie oft im Scherz damit. So fragte er ſie einſt, wenn ſie wol zu bauen aufhoͤren wuͤrde? Sobald Sie aufhoͤren groß Spiel zu machen! erwie⸗ derte ſie bedeutend genug. Am meiſten that 1 21 ſie in dieſer Hinſicht fuͤr das ihr ſo liebe, ob⸗ gleich nicht ſehr fruchtbare Pfoͤrthen, in einer lieblichen Gegend der Niederlauſitz. Dort in dieſem ſtillern Zufluchtsorte der Familie hielt ſie ſich oͤfters auf. Ihr Gemal ſahe dieſen Ort nur, wenn große Jagden oder die Durch⸗ reiſe nach Pohlen ihn mit dem Koͤnige dahin fuͤhrten. So war nur ſie der hohe wohlthaͤ⸗ tige Genius, welcher mit liebender Theilnahme dort alles umfaßte, was ihrer Fuͤrſorge be⸗ durfte. Ihre Unterthanen hatten freien Zutritt zu ihr. Sie ging ſelbſt in die Haͤuſer der Armen und Kranken, ſich von ihrem Zuſtande zu uͤberzeugen, ihnen Arzenei, oder irgend eine andre Unterſtuͤtzung zu reichen. Auch ſorgte ſie dafuͤr, ihnen zum Theil andre Wohnungen zu geben, und in ihren laͤndlichen Umgebungen die Freuden einfacher Genuͤgſamkeit und haͤus⸗ lichen Gluͤcks zu vermehren. Zwar ſind nur Wenige noch uͤbrig geblieben, welche ſie in dieſem menſchlichſchoͤnen Wirken kannten und perſönlich ihre Wohlthaten genoſſen: aber die Kinder haben das Andenken der Wohlthaͤterin der Aeltern als ein werthes Erbſtuͤck uͤberkom⸗ 22—x men, und als ſolches wird es, mit manchem ſehnenden Blick in die beſſere Vorzeit, noch jetzt ſorgſam bewahrt. Eine kleine, von ihr angelegte Vorſtadt traͤgt noch ihren Namen: Narie⸗Annen⸗Stadt. Sie beurkundet ihren Sinn fuͤr gefaͤllige Zweckmaͤßigkeit. Eine Reihe ſymmetriſch gebauter, nur ein Stock hoher Wohnungen, ganz fuͤr die Beduͤrfniſſe der Bewohner eingerichtet, bildet in entgegengeſetz⸗ ter Richtung eine Straße und wird von einer aͤhnlichen durchſchnitten. Zwiſchen jedem dieſer Haͤuſer befindet ſich ein kleiner Garten, wel⸗ cher zum Unterhalt und zum Vergnuͤgen zugleich beſtimmt ſcheint. Die Vorderſeite beſchatten hohe Kaſtanienalleen— ein ſchoͤnes, von Jahr zu Jahr ſich hoͤher hebendes Denkmal der Ur⸗ heberin. Wie ſehr ſie ſich uͤberall darauf ver⸗ ſtand, zu verſchoͤnern, und ſelbſt Sandwuͤſten in fruchtbare Gefilde umzuſchaffen, davon zeugt dort auch noch manches Andere, ſelbſt in der jetzigen Verfallenheit und Verwilderung.— Dabei lag aber auch das innere Wohl ihrer Unterthanen ihr am Herzen. Statt aller an⸗ dern Beweiſe diene— daß ſie, im Katholi⸗ 23 zismus erzogen, eine zweite proteſtantiſche Pre⸗ digerſtelle in Pforthen ſtiftete, und damit das Rektorat ihrer verbeſſerten Schulanſtalt verband — was um ſo achtungswuͤrdiger erſcheint, je weniger damals von Andern an Verbeſſerung des Erziehungsweſens gedacht wurde. War die Graͤfin Bruͤhl muſterhaft als Gat⸗ tin und Hausfrau, ſo war ſie es noch mehr als Mutter und Erzieherin ihrer Kinder. Der guͤltigſte Beweis dafuͤr iſt die Achtung, mit welcher dieſe ihr Andenken ehrten. Von ihren eilf Kindern behielt ſie nur eine Tochter und vier Soͤhne am Leben. Die uͤbrigen waren ihr nur auf wenige Tage oder Wochen gelie⸗ hen*). *) Dieß ſind die Namen ihrer Kinder: Ma⸗ ria Joſepha, geb. den 18. Jun. 1735. geſt. den 22. Jun. 1733. Maria Amalia Friede⸗ rica, geb. den 10. Jul. 1736. Maria Anna Chriſtiana, geb. den 31. Auguſt 1737. geſt. den 13. Apr. 1738. Aloyſius Friedrich Joſeph, geb. den 21. Jun. 1739. Franz Xaver, geb. den 6. Jul. 1740. geſt. den 11. Jul. 1740. Karl Adolph, geb. den 3. April 1742. Albert Chriſtian Heinrich, geb. den 1I. Jul. 1743. Maria Eliſabeth, geb, den 25. Oktob. 1744. 24— Sie wendete bei den ihr gebliebenen die groͤßte Sorgfalt an, um ſie fuͤr das Leben in ſeinen reinſten Beziehungen zu bilden. Auch hatte ſie die Freude, ihr Werk mit beſtem Erfolg gekroͤnt zu ſehen. Ihre einzige Tochter vermaͤhlte ſie 1750 mit dem Grafen Mniszech, Kron⸗Hof⸗Marſchall des Koͤnigs. Der Ver⸗ maͤhlungstag war zugleich ein Familienfeſt fuͤr die geſammte koͤnigliche Familie, die ihre ver⸗ trauliche Zuneigung fuͤr das Bruͤhlſche Haus bei dieſer Veranlaſſung um ſo feierlicher an den Tag legte, je aͤhnlicher die Tochter an Schoͤnheit und Grazie der Mutter und je groͤ⸗ ßer das Gluͤck war, das ſie durch dieſe Ver⸗ bindung an ſich feſſelte. Der Graf Mniszech war einer der vornehmſten und reichſten polni⸗ ſchen Großen; und die erweiterten Familien⸗ verhaͤltniſſe mußten dazu beitragen, dem Mi⸗ niſter von Bruͤhl nur einen noch groͤßern Ein⸗ geſt. den 13. Sept. 1746. Johann Moritz, geb. den 26. Jul. 1746. Joſeph, geb. den 10. Jul. 1747. geſt. den 14. Sept. 1747. Maria Anna Eleonora, geb. den 5. Novemb. 1748. Wann dieſes letztere Kind geſtorben, iſt unbekannt. . 25 fluß in Pohlen zu verſchaffen; ja die hohe Schoͤnheit und Liebenswuͤrdigkeit der Graͤfin Nniszech wuͤrde ſie vielleicht in Zukunft, nach dem Abſterben der Koͤnigin von Pohlen und Churfuͤrſtin von Sachſen, auf noch eine hoͤhere Stufe gehoben haben, wenn nicht die uner⸗ wartetſten Umſtaͤnde eingetreten waͤren, und die Lage der Dinge ſich auf einmal ſchnell ver⸗ andert haͤtte. Maria's vier Soͤhne machten ihren Be⸗ muͤhungen die groͤßte Ehre, und waren ganz einer ſolchen Mutter wuͤrdig. Der aͤltere, Aloyſius Friedrich, wurde mit den erſten pohlniſchen Aemtern und Wuͤrden bekleidet. Seine erſte Vermaͤhlung mit einer Graͤfin Po⸗ tocki erfuͤllte das Herz der Mutter mit hoher Freude. Ueber ſeinen vortrefflichen Charakter, ſeine Geiſtesgewandtheit, ſeine vielen liebens⸗ wuͤrdigen Eigenſchaften, giebt es nur Eine Stimme.*) Jeder, der ihn naͤher kannte, iſt noch mit Enthuſiasmus fuͤr ihn erfuͤllt. *) Er ſtarb den 3rſten Jan. 1793 in Berlin als Feldzeugmeiſter. 4u——— Auch die uͤbrigen, die ſich in Militairdienſten befanden, zeichneten ſich durch Geiſt und Cha⸗ rakter aus. Laut und gern haben es dieſe Soͤhne bekannt, daß ſie alles Gute, was an ihnen aus⸗ gebildet worden, nur ihrer verewigten Mutter zu danken haͤtten, welche theils ſelbſt bei ihrer Erziehung ſo thaͤtig geweſen, theils mittelbar, durch die Wahl ihrer Fuͤhrer und Lehrer, immer die Seele des Werkes geblieben ſei. Und giebt es wol eine ſchönere und uͤberzeugendere Beglau⸗ bigung weiblicher und muͤtterlicher Verdienſte, als wenn ihnen Söhne in ſpaͤtern maͤnnlichen Jahren noch dankbar den Kranz reichen? Einige Zuͤge, welche wir den muͤndlichen Ueberlieferungen der hinterbliebenen Soͤhne dan⸗ ken, und von denen einige auch die Biographie des Staroſten, Grafen von Bruͤhl, aufbewahrt hat,*) moͤgen ihre Erziehungsweiſe in ein etwas helleres Licht ſetzen. Zunaͤchſt ſorgte ſie fuͤr phyſiſche Kraft und Thaͤtigkeit ihrer Soͤhne. Das Nachtlager derſelben war auf Matratzen; ſ krolog auf das Jahr 1793. 4. Jahrg. *) ſ. Ner . Bd. S. 26. — 27 Anſtrengungen aller Art mußten ihnen Feſtigkeit und Gewandtheit geben— was in der damali⸗ gen Zeit, wo man mehr auf Verweichlichung und Bequemlichkeit hinwirkte, und in der an⸗ fangs ſo glaͤnzenden Lage der Soͤhne, doppelt verdienſtlich erſcheinen muß. Sie gab ſich z. B. ſelbſt die Muͤhe, ihre Soͤhne zu verſchiedenen Stunden des Nachts aus dem Schlafe zu wek⸗ ken, und ſie ganz munter einige Mal im Zim⸗ mer umher gehen zu laſſen, worauf ſie ſich dann wieder niederlegen konnten. So bleibt ihr im Genuß dieſer Erholung von der Zeit unabhaͤn⸗ gig, ſagte ſie; und ſie erreichte ihren Zweck. Der nachherige Feldzeugmeiſter dankte es ihr oft, daß er zu jeder Tageszeit ſchlafen oder ſich im Schlafe unterbrechen laſſen koͤnne, ohne daß es ihm im geringſten unangenehm ſei. Derſelbe mußte ais Knabe einſt in ſtrenger Winterkaͤlte die Reiſe von Dresden nach Pfoͤrthen auf dem Bock der Kutſche machen. Vielleicht ſcheint das Manchem Kleinigkeit— dem aber gewiß nicht, der das Leben des Geſchaͤftsmannes oder Mili⸗ tairs kennet. Von dem Ueberfluß und der Pracht, welche im Bruͤhlſchen Hauſe herrſchten, 28— bekamen die Soͤhne wenig zu ſehen und zu ge⸗ nießen. Sie waren ſchon ziemlich herangewach⸗ ſen, ehe ſie bei der Tafel erſcheinen durften. Den Anordnungen der Mutter gemaͤß, war ihr Tiſch immer nur mit einigen ſehr einfachen Schuͤſſein beſetzt. Eine Unhoͤflichkeit gegen die Bedienten, und einen nicht bittweiſe vorgetragenen Auftrag, konnte ſie aufs ſtrengſte ahnden; denn, ſagte ſie oft ihren Soͤhnen, ihr ſeid noch nichts; aber dieſe Leute thun der Welt Dienſte, ſind alſo mehr als ihr!— Den eigentlichen Unterricht ihrer Soͤhne hatte ſie vielumfaſſend und gruͤndlich angeordnet, als wenn ſie zu Gelehrten von Profeſſion erzo⸗ gen wuͤrden. Der aͤltere z. B. ſprach und ſchrieb neun Sprachen, und darunter das Lateiniſche mit vorzuͤglicher Eleganz und Fertigkeit. Die Mutter behielt uͤber ſie die anſtaͤndigſte, ſorg⸗ faͤltigſte Aufſicht, bis ſie zur weitern Vorberei⸗ tung auf ihre Beſtimmung in hoͤhere Bildungs⸗ anſtalten geſandt wurden. Der Feldzeugmeiſter erzaͤhlte oft mit heiterer Laune, wie ſeine Mut⸗ ter ihn einſt ganz unerwartet auf der Univerſitäͤt in Leipzig uͤberraſcht habe, da ſie, trotz der gu⸗ 4 8 2 b— 29 ten Zeugniſſe der Profeſſoren, erfahren, wie er dort mehr den Vergnuͤgungen, als den Wiſſen⸗ ſchaften zu leben anfange. Kaum hatte ſie an Ort und Stelle befunden, daß die akademiſchen Lehrer dem Sohne des uͤber alles entſcheidenden Miniſters durch die Finger ſaͤhen, als ſie dieſen nach Leyden ſchickte— wo die hollaͤndiſchen Pro⸗ feſſoren weder Grund, noch Luſt zu gleicher Nachſicht hatten; wo ihm auch, ſelbſt aus Mangel an Zerſtreuungen, nichts uͤbrig blieb, als fleißig zu arbeiten. Daß die geiſtreiche Frau auch fuͤr die aͤſthe⸗ tiſche Bildung ihrer Soͤhne geſorgt habe, zeigen z. B. die dramatiſchen Arbeiten und andern klei⸗ nen Schriften des Feldzeugmeiſters, Grafen von Bruͤhl; von denen einige,(wie der Buͤrger⸗ meiſter) durch Wahrheit der Charakterzeich⸗ nung und heitere Laune gewiß nicht ohne Werth ſind. Dabei war dieſer ihrer Soͤhne ſelbſt ein vorzuͤglicher dramatiſcher Kuͤnſtler. Mehrere Augenzeugen verſichern, daß er mit bewunderns⸗ wuͤrdiger Wahrheit und großer mimiſcher Kunſt die Haupt⸗Charaktere ſeiner ſelbſt verfertigten Stuͤcke auf dem kieinen Haustheater zwiſchen der 30—q Orangerie in Pfoͤrthen dargeſtellt habe. Thea⸗ ter und Schauſpielkunſt gewaͤhrten ihm auch noch in ſpaͤtern Jahren das angenehmſte Ver⸗ gnuͤgen. Noch mehr Sorgfalt und Behutſamkeit wen⸗ dete die Graͤfin auf die Bildung des Herzens und Charakters ihrer Kinder. Auch hierzu iſt der Erfolg der beſte Beleg: neben ihrer Geiſtes⸗ bildung bewieſen die Soͤhne die unverkennbarſte Herzensguͤte; ja, ſie uͤberließen ſich wohlwollen⸗ den, theilnehmenden Gefuͤhlen nicht ſelten bis zu eigenem, großen Nachtheile, zuweilen ſogar bis zur Schwaͤche. Daß ſie ihre Soͤhne vor Abhaͤngigkeit von Glanz und Ueberfluß bewahrt; daß ſie ſie ſtreng gewoͤhnt, zu buͤrgerlichen Geſchaͤften ausgebil⸗ det; daß ſie, noch mehr durch Beiſpiel als Lehre, ſie zu richtiger Wuͤrdigung aller aͤußern Gluͤcksguͤter von fruͤh an und immerfort ange⸗ halten hatte— gewiß ein großer Zug in dem Charakter einer Frau ihres Standes und ihrer Verhaͤltniſſe—: dieß duͤrfte man faſt fuͤr eine Ahnung des Geſchicks ihres Hauſes nach dem Todte ihres Gemals halten; vielleicht war es 8 —. 35 aber auch nur der richtige Takt eines unverdor⸗ benen weiblichen Gefuͤhls; vielleicht beides. Wie dem auch ſei: ihr Genius laͤchelte gewiß wohl⸗ gefaͤllig herab,(denn ſie erlebte es nicht,) als das ungluͤckliche Schickſal ihres Hauſes, durch die truͤbſten Ereigniſſe der Zeit und eine hoͤhere Nothwendigkeit herbeigefuͤhrt, ihren Soͤhnen Gelegenheit gab, jenen edlern, groͤßern Sinn zu zeigen und thaͤtig zu bewaͤhren. Nur allzu vieles verließ und noͤthigte ſie, in ſich ſelbſt gluͤcklich zu ſeyn. Denn als nach dem Todte Auguſts III. und ſeines Freundes, des Miniſters, die Adminiſtration Sachſens fuͤr den unmuͤndigen Churfuͤrſten eine Menge Forderungen an die Bruͤhlſche Familie machte, welche den groͤßten Theil ihres Vermoͤgens in Anſpruch nahm, und ſie von der glänzendſten Exiſtenz auf eine ſtille Zuruͤckgezogenheit zu beſchraͤnken drohte: ſo ga⸗ ben ſie alles, ſelbſt das ihnen rechtmaͤßiger Weiſe nicht zu entreißende Eigenthum hin, bis auf die Majorats⸗Herrſchaft Forſt und Pfoͤrthen, und entſagten ohne Kampf der irdiſchen Groͤße, um theils in nuͤtzlicher Wirkſamkeit, theils im ſtillen Privatleben ihre Zwecke zu verfolgen. 32— Wer haͤtte glauben koͤnnen, daß nach einem laͤngern Zeitraume der Abkoͤmmling jenes Mi⸗ niſters mit dem Preußiſchen Regentenſtamme nicht nur wieder in nahe Beruͤhrung kommen, ſondern ſich um dieß Land, wo vormals der Name Bruͤhl ſo verhaßt war, ſo große Ver⸗ dienſte erwerben ſollte? Man weiß aus der Geſchichte des ſiebenjaͤhrigen Krieges, wie feind⸗ ſelig Friedrich II. gegen den maͤchtigen Mini⸗ ſter, an den er doch 1749 und 1763 eigen⸗ haͤndig geſchrieben hatte, verfuhr; wie er ſeit der durch Bruͤhl hintertriebenen Allianz mit dem Saͤchſiſchen Hofe bei jeder Gelegenheit . dieſem ſeinen Privathaß zeigte, von welchem 3. B. das große Pförtner Schloß ein bleiben⸗ des Denkmal iſt. Es erweckt aber Hochachtung gegen das Herz ſeines Nachfolgers, daß er . dem ernſten, tiefen Charakter, der ſtrengſten Redlichkeit, und dem hellen ausgebildeten Geiſte des Grafen Karls von Bruͤhl, nicht nur Ge⸗ 3 rechtigkeit uͤberhaupt, ſondern die große Aus⸗ zeichnung, das hoͤchſte Vertrauen bewieß, in⸗ dem er ihn zum Fuͤhrer ſeines Kronprinzen erief. Wie ſchoͤn dieſem Vertrauen entſprochen 33 worden, weiß die Welt, die in Friedrich Wil⸗ helm III. einen vaͤterlich geſinneten Regenten und ein Beiſpiel aller haͤuslichen Tugenden kennet und verehrt. Graf Karl, durchdrun⸗ gen von der Wichtigkeit ſeines Berufs, hatte dieſen mit der groͤßten Anſpruchsloſigkeit, und weit mehr durch Beiſpiel und Umgang, als durch Autoritaͤt und kuͤnſtliche Mittel, erfuͤllt. Er ſelbſt gedachte dabei immer ſo gern ſeiner Mutter; ſo fuͤhrt er uns denn auch am beſten wieder zu ihr zuruͤck! Eine Frau von ſolchem Geiſt und ſolchem Charakter konnte auch in ihrem oͤffentlichen Leben keine unbetraͤchtliche Perſon ſeyn— nicht blos anſtaͤndig ſiguriren. Es iſt hier davon ausgegangen worden, ſie zuerſt in ihren haͤus⸗ lichen Tugenden zu ſchildern, da dieß die vor⸗ zuͤglichſte Sphaͤre des weiblichen Berufs iſt, in welcher alle uͤbrigen ſich bewegen; jetzt wer⸗ den wenigſtens einige Zuͤge uͤber ihre Hand⸗ lungsweiſe im weitern Wirkungskreis beizu⸗ bringen ſeyn. Man hat damals, als das Bruͤhlſche Re⸗ gierungsſyſtem die Unzufriedenheit der Menge 3.f. F. II. J. 6. 9.*3 34 erregte, und das ſich durchkreuzende Intereſſe der verſchiedenen Parteien ein Gewirre von Meinungen, Urtheilen und Kabalen veranlaßte, ihr Schuld gegeben, daß ſie oft das Werkzeug der ſchlauen und furchtbaren Politik des Mi⸗ niſters geweſen ſei, beſonders wenn er einen fein angelegten Plan habe durchfuͤhren oder einem Geheimnis auf die Spur kommen wol⸗ len. Ihre Klugheit und anerkannte Weltkennt⸗ nis erregte wahrſcheinlich dieſen Verdacht: er iſt aber, wenigſtens in dieſem Umfange, un⸗ gegruͤndet. Es iſt wol moͤglich, daß ſie zu⸗ weilen aufgefordert wurde, dieß oder jenes Fa⸗ miliengeheimnis herauszulocken, wenn es einer politiſchen Maßregel galt und man ſich von dem weiblichen Takt und ihrer feinen Klugheit einen ſichern Erfolg verſprechen konnte: allein es ließe ſich erweiſen, ſo gut etwas dieſer Art nur erwieſen werden kann, daß ſie in ſolche Anforderungen an ſie nur willigte, wenn der Staatsmann, ihr Gemal, ſie von der Noth⸗ wendigkeit ſolcher Um⸗ und Nebenwege zu wichtigen, wohlthaͤtigen, anders nicht zu errei⸗ chenden Zwecken uͤberzeugen konnte; daß ſie —— 35 ſich nie als Mittel zu etwas brauchen ließ, was ſie, ihrer Ueberzeugung nach, vor ſich ſelbſt haͤtte erniedrigen koͤnnen. 4 Jedermann weiß, wie ſelten Menſchen die Perſon von der Sache, oder die Verhaͤltniſſe von dem Weſen unterſcheiden koͤnnen. So wurden denn viele Feinde ihres Gemals oder eigentlich nur ſeiner Regierung, auch Feinde von ihr. Sie wußte aber ihren Gegnern Hoch⸗ achtung abzundͤthigen. Selbſt Friedrich II., der das Bruͤhlſche Haus als ſeinen Erbfeind betrachtete und dieſe Geſinnung auch oͤffentlich nur allzu ſehr bewieß, konnte ihr ſeine beſon⸗ dere Achtung nicht verſagen— nicht unbezeugt laſſen. Ihr Briefwechſel mit dem großen Koͤ⸗ nige iſt gedruckt worden und enthaͤlt ſchoͤne Zeugniſſe ihres hohen Sinnes und eines auch in den bedenklichſten Zeitverhaͤltniſſen nicht un⸗ terdruͤckten Geiſtes. Und als der Kriegsſchau⸗ platz ſich bis nach Dresden hin ausbreitete und dort der Feind alles umzuſtuͤrzen drohte, ließ ſie Friedrich mit einer ehrenvollen Beglei⸗ tung nach Warſchau fuͤhren, wo ſie einen ru⸗ higern und ſichern Aufenthalt fand. 1 36— Sie ſah ihr liebes Pfoͤrthen, deſſen Scho⸗ pferin ſie in ſeiner beſſern Geſtalt war, nicht wieder, und erlebte es nicht, daß Friedrichs Unmuth das ſchoͤne Schloß mit ſeinen Kunſt⸗ ſchaͤtzen den Flammen Preis gab, und, einige Meilen davon entfernt, mit Genuß der Stunde gedachte, wo auf ſeinen Befehl die reizende Beſitzung ſeines Feindes ein Aſchenhaufen wurde. Maria Anna erlebte es nicht! Noch ehe das Morgenroth des Friedens den Himmel er⸗ hellete, ſank ſie dahin. Die naͤchſte Urſach war ſeltſam. Sie fuͤhrete auf Spazierfahrten gern ſelbſt den Wagen, und that es auch jetzt, ohn⸗ geachtet ſie zu Ader gelaſſen hatte. Die Ader ging auf, die Verblutung ſchien nur eine unbe⸗ traͤchtliche Schwaͤche herbeizufuͤhren, wurde auch von den Aerzten ſo behandelt: aber ploͤtzlich nahm die Krankheit eine ſo gefaͤhrliche Wen⸗— dung, daß alle Huͤlfe vergebens war. Sie verſchied einige Tage darauf, am eilften Mai 1767 zu Warſchau, in dem Alter von 46 Jah⸗ ren. Dort ruhet ſie in der Kirche des Kapuzi⸗ — 37 nerkloſters. Die Stelle iſt nur durch ein einfa⸗ ches Denkmal bezeichnet. Die Geſchichte wird von ihr, wie von den meiſten Frauen, ſo wirkſam ſie auch oft waren, wenig Merkwuͤrdiges zu ſagen haben, da ſie in die Begebenheiten jener Zeit nur mittelbar verflochten war; aber in dem Andenken aller, die ſie naͤher kannten, ſtehet ſie da als ein Mu⸗ ſter der ſchoͤnſten weiblichen Tugenden. Moͤchte es ihren aufbluͤhenden Enkeln vorbehalten ſeyn, ihren Geiſt im fortwirkenden Guten lebendig zu erhalten! C. Hatte der Neffe Recht? Im.. diſchen Hauſe ſiehet ſich woͤchentlich einmal, was bei uns als guter Kopf curſirt. Man lieſet, macht Muſik, ſchwatzt— diſpu⸗ tirt auch wol. Wenn das Letzte Niemand thut, ſo thun's die beiden W., Onkel und Neffe. Neulich kamen ſie etwas hart an einander. Was ſoll ichs verhehlen, rief der ſtrenge, et⸗ was duͤſtere Onkel; er war durch vorhergegan⸗ genen Streit gegen den Neffen ſchon erhitzt— Was ſoll ichs verhehlen: ich kann das ewige leichtſinnige Lachen an einem Manne von Geiſt, wie du, nun einmal nicht leiden! Sie geben mir damit das Recht, zu geſtehen — erwiederte der Neffe— daß es mir mit dem ewigen niederſchlagenden Graͤmeln an einem Manne von Geiſt, wie Sie, eben ſo gehet. Ich finde Grund zum Unwillen vollauf in der Welt und beſonders in dieſem Zeitalter— 39 So gehet es mir gerade auch, was das La⸗ chen betrifft— Grund zum Lachen in ſo ſtarrer Blindheit, bei der Einbildung, recht hell zu ſehen? in dem pochenden Egoismus, bei dem leeren Geſchwaͤtz von Menſchenliebe und Gemeinwohl? in ſo dumpfer Schwaͤche, bei der ſchreiendſten Noth, ſich aufzuraffen? Grund zum Lachen in der auskalkulirten Ver⸗ kehrtheit, in der hochkomiſchen Verdutztheit, in 3 dem pathetiſchen Ridicuͤle!— Der Neffe machte bei jeder dieſer ſeiner Ru⸗ briken eine Figur, die ſie perſonifizirt vor's Auge brachte; man lachte, er lachte mit: der Onkel fuhr, dadurch beleidigt, heftiger auf: Das bemerken und nur belachen, heißt un⸗ ter Thoren... Ein Thor ſeyn— wollten Sie ſagen! Nur heraus damit, Onkelchen! Ich darf dann auch erwaͤhnen, daß auf beiden Spitzen der Pole die Goͤttin mit der Schellenkappe ihr Haus er⸗ bauet! Der geſetztere Onkel hielt innen und ſahe den Neffen mit Wuͤrde an: dieſer faßte ſchnell 40 des Alten Hand und blickte ihm dabei ſo ehrlich und treuherzig ins Auge, daß der gute Herr nach einer Weile wieder ruhig das Wort nehmen konnte: Du wollteſt neulich das Kloſter beſuchen, wohin man einen Theil der bei Auſterlitz Ver⸗ wundeten gebracht hatte: haſt du es gethan? Ja! Haſt du da auch gelacht? Da ſei Gott vor! Und ſind Seelen⸗Wunden nicht trauriger, als koͤrperliche? Du muͤßteſt dich vor dir ſelbſt ſchaͤmen, wenn du beim Anblick eines Mannes, dem ein Bein abgeſchoſſen worden, lachteſt: und du ſchaͤmſt dich nicht zu lachen, wo ſich unver⸗ kennbare Unvernunft offenbart? Lieber Onkel, den Mann, der das Bein ver⸗ loren hat, beklag' ich, denn er hat ſich nicht ſelb ſt verkruͤppelt; wer aber ein Narr iſt, der iſts aus eigenem Vermoͤgen, auf eigene Rech⸗ nung—— Deſto ſchlimmer! deſto beklagenswerther! Ein Verkruͤmmter, der ſich ſelsſt verkruͤppelt! mein Gott! 41 Ja ja, Onkel: das iſt etwas! Gleichwol— wahrhaftig, ich kann nicht anders, als das Treiben der Menſchen in Maſſe laͤcherlich finden, und uber alles Laͤcherliche muß ich lachen; Sie aber, merk' ich, koͤnnen eben ſo wenig anders, als dieß Treiben verhaßt finden, und das Ver⸗ haßte muͤſſen Sie ſtrafen und beklagen. Wie nun, wenn eben daraus etwas hervorginge, was unſern ewigen Streit ſchlichtete und uns beide gegen einander auf einen guten, feſten Fuß ſetzte? Du— folgerſt? Daran thur ich freilich ſehr unrecht, beſon⸗ ders wenn ich richtig folgerte! Worin ſind wir einig? Darin: es giebt in der Welt unendlich viel Verkehrtes! Nun meyn' ich, dieß Verkehrte laͤßt ſich, wie ein altmodiſches Vexirbild, von dort und von da betrachten; auf beiden Sei⸗ ten recht: nur daß es dorthin weinet, dahin lacht. Nun ſtellen wir uns nicht ſelbſt freiwillig auf irgend einen Platz im Univerſum, ſdndern das Schickſal zwingt uns Poſto zu faſſen, durch die Eigenheiten, die es uns giebt. Stehe ich nun dort, ſo lacht mir das Bild, und ich muß mitlachen. Haͤtte es beim Sehen und Lachen ſein Be⸗ wenden, ſo moͤcht's drum ſeyn; aber—— Da ſitzt's! Wer anders ſiehet, der denkt, urtheilt, handelt auch anders, wollen Sie ſagen! Ganz gewiß! Wer uͤber die Menſchen lacht, liebt ſie nicht—. Das iſt hart— Weil es wahr iſt— Und wie der, der die Menſchen ſtraft und beklagt? Er liebt ſie vielleicht, thut aber nichts fuͤr ſte—— Beide ſchienen einige Augenblicke betroffen, und jeder noch mehr von ſich ſelbſt, als von dem Andern. Eben darum, ſagte dann der Neffe etwas milder und kleinlauter; eben darum, daͤcht' ich, ſollte ein jeder nur auf ſeinem Stand⸗ punkte ſo ſcharf ſehen, ſo gewiſſenhaft urtheilen, ſo ſorgſam handeln, als immer moͤglich, und ſich um den Andern, der druͤben ſtehet, nicht viel bekuͤmmern— wenigſtens ihm auch ſeine Augen, auch deren richtigen Blick nicht ab⸗ ſtreiten, ihn nicht verdaͤchtig machen wollen! —— 43 Das Bild— vergeſſen Sie nicht! iſt abſichtlich von dem Meiſter ſo gemacht, daß es von zwei Seiten recht, und von jeder verſchieden erſchei⸗ nen ſoll: denn ſiehet man's von vorn, und aus dem Mittelpunkt, ſo verſchwindet nicht nur aller Reiz, ſondern ſogar alle Geſtalt, und nichts bleibt, als ein einfoͤrmig geripptes Bret, deſſen gleiche Riefen das Auge blenden, das ſich lange darauf heftet, wodurch Mancher ſogar ſchwindlich wird—— So wuͤrde am Ende alles Einſeitigkeit, alles Halbheit ſeyn und bleiben m uͤſſen— O ſo laſſen Sie doch den dafuͤr ſorgen, der es darauf angelegt hat! Wird wirklich ſo alles Halbheit, ſo wird auch Er ſchon ſelbſt dieſe Haͤlften zuſammen zu paſſen wiſſen, daß fuͤr das Ganze herauskoͤmmt, was herauskommen ſoll, wenn wir's auch nicht finden!(Hier ſahe der Onkel freundlich zum Reſfen auf) Und zuweilen fin⸗ den wir auch ſchon ſo etwas. Zum Beiſpiel! Wer uͤber die Menſchen lacht, wie ich, liebt ſie, nach Ihrer Behauptung, nicht! Es kann ſeyn; aber er hilft und dienet doch gern uͤberall— wenn auch vielleicht nicht mit großer Aufopfe⸗ rung. So leiſtet er Vieles, obſchon nichts Großes! Menſchen, wie Sie, helfen und die⸗ nen in gewoͤhnlichern Dingen nicht; erheben, ſtaͤr⸗ ken, adeln aber ihr eigenes Weſen; vermehren ſo durch ſich ſelbſt die Summe des Vortreff⸗ lichen, das unvermerkt und ſogar abſichtlos das Ganze halten hilft; ja, gilt es eine Aufopfe⸗ rung, die fuͤr Viele entſcheidet, ſo geben ſie ſich wol auch her und werden gern Maͤrtyrer! So⸗ nach wirken ſie Weniges, aber Großes.(vier reichte der Onkel den Neffen die Hand.) Drum ſei nur ein jeder, was er recht ſeyn kann, und ſei es wirklich recht; laſſe aber auch den Andern in gleichen Wuͤrden! In gleichen—? fragte der Onkel, nur leiſe den Kopf ſchuͤttelnd. Ei was da— Gleich oder Ungleich iſt ein ſchlechtes Spiel! ſo ſagen wir: auch in ſeinen Wuͤrden! beſchloß der Neffe laͤchelnd, und der Alte klopfte ihn liebreich auf die Schulter. Theodor. Das Herabkommen vom Gotthardt. Dumpf donnert durch die Alpenwand Tief unter meinem Tritt Der Waldſtrom in das Heldenland, Und nimmt die Felſen mit. Der Berg, der in die Wolken taucht, Verbirgt des Jaͤgers Bahn; Und aus des Gletſchers Schluchten haucht Im Sommer Froſt mich an. Hoch mit der Gemſe ſtiegen dort Die Maͤnner jener Zeit An ibren Alpenſchedeln fort dit kuͤhner Sicherheit. Der thatgewiſſe Juͤngling ſchwang Sich uͤber Klippen hin, Und lernte ſtolz am Felſenhang Des Mannes hohen Sinn; 46— Und ſtaͤhlte ſeinen Sehnenarm Indem er Waffen ſchliff, Daß er, von edlem Zorne warm, Wenns galt, zum Bogen griff. Dort, wo die Schneelavine droht, Saß er am Wolkenbach, Und dachte ſtumm dem Machtgebot Des Zwingherrn ahndend nach. Dort ſtand die alte Burg im Thal, Wo nun der Waldſtrom ruht; Und vor der Burg gepflanzt der Pfahl, Und auf dem Pfahl der Hut. Und Fluͤche betend büͤckte ſich Der Haufe vor dem Bild:— Und allen gohr es innerlich Tief fuͤrchterlich und wild. Da ſchritt ein Mann voll Ernſt vorbei, Gerad' und feſt und ſchnell, Bemerke kaum das Konterfei; Und dieſer Mann war Tell. * Der Söldner brauſt, der Vogt eilt hin Zum Urthel, und erblickt Den Freoler, deſſen kuͤhner Sinn Sich nicht vor Unſinn buͤckt. Dort ſtand der Knabe mit dem Ziel. Nach dem der Vater ſchoß. Laut jauchzt', als nur der Apfel ſiel, Das Volk trotz Geßlers Troß. Den zweiten Pfeil?— Mit Schergenton Fragt' ihn der Wuͤtherich. „Der zweite, Geßler, ſiel mein Sohn, „Der zweite war fuͤr dich.“ Mit Wuth beſiehlt der Blutdeſpot; Die Buben feſſeln ihn, Mit ihm, wo ihm der Henker droht, Nach Kuͤſtnacht hinzuziehn. Dort ſtach die Rotte durch die Fluth Mit dem gefangnen Mann; Dort packte ſie des Windes Wuth Und warf ſie himmelan. 45 Dort wo der See ſich weiter macht Und ſich der Felſen thuͤrmt, Dort wurde durch die Wetternacht Das Boot hinab geſtuͤrmt. Dort wars, wo ihn der Wuͤrger bar, Den Retter in dem Schiff, Daß er befreit ans Ruder trat Und kuͤhn das Ruder griff. Und muthig, maͤchtig maͤchtig zog, Als man ihn walten ließ, Er, bis er dort ans Ufer flog, Und ſie vom Ufer ſtieß. Mit heißer Andacht dankt' er Gott, Wo die Kapelle ſteht;*) Und Geßler war der Wogen Spott, Vom Sturm umher gedreht. Der Blitz faͤhrt tief, und hoch die Fluth, Die durch die Felſen reißt: Und ploͤtzlich wechſelt Eis und Gluth In des Tyrannen Geiſt. *) Die Gegend, wo dieß geſchahe, findet man auf dent erſten Kupfer zu dieſem Hefte, nach Salomon Geßner, dargeſtellt. Gleich Gemſen ſchoß des Freien Fuß Auf Alpenruͤcken fort. Er hörte ſeiner Freunde Gruß Und gab ſein Loſungswort. Und laͤngs den Schluchten weit hinab Trug er den Loͤwenzorn, Mit Tod im Kocher, auf und ab Durch Klipp' und Hagedorn. Des Grabes Stille herrſcht' im Thal⸗ Der Freiheit Auferſtehn. Man ſah der Maͤnner kleine Zahl Mit Thaten ſchwanger gehn. Kaum war der Vogt dem Wogenſturz Des Elements entflohn, So ſprach er wieder ſtolz und kurz Dem Recht des Landmanns Hohn. Dort zog er hin, wo rechts die Schlucht Des Sees ins Land ſich dehnt, Und Kuͤſtnacht tiefer in der Bucht Mit Burgverließen gaͤhnt. J. f. F. II. J. 6. H. 50 Ergrimmt betrat er und mit Fluch Des Ufers erſten Stein, Und ſteckte ſchon in Peſtgeruch Im Geiſt die Frevler ein. Schon hoͤrte traͤumend der Deſpot Den Schergen, dem er rief, Als nah und naͤher ihm der Tod Nicht mehr im Koͤcher ſchlief. Tell ſah des Knaben Angeſicht, Den man zum Ziele zwang, Und hegte ploͤtzlich Hochgericht Vom ſchroffen Felſenhang. Der Schauder des Geſetzes ſtand Und ging und kochte Wuth, Da taufte Tell ſein Vaterland Zur Freiheit durch ſein Blut.*) Und laut und hoch brach durch die Luft Der Rettung großes Wort Von Felſenkluft zu Felſenkluft Weit durch die Alpen fort. *) Die Gegend, wo Tell Geßler'n erlegte, iſt auf dem zweiten Kupfer, ebenfalls nach Salomon Geböner, dargeſtellt. Mit Art und Speer und Pfeil und Schwert Begann der ſchoͤne Krieg Fuͤr Freiheit, Recht und Haus und Herd, Und endete mit Sieg. Sei klaſſiſch, Boden, ſei es mehr, Als Roma's Kapitol. Dort wards dem Geiſte laſtend ſchwer; Hier wirds ihm leicht und wohl. Tell, lebe mit Leonidas Im eigenen Geſchlecht. Wer dich zu ſchaͤnden ſich vermaß Bleib' ein Tyrannenknecht. Wenn der geſittete Barbar Die rauhe Tugend hoͤhnt, Hat dich ſein Kreuzchen und Talar Schon mit ihm ausgeſoͤhnt. Jetzt hauche deinen Heldengeiſt Den Alpenkindern ein, Daß ſie, wenn ſie Gefahr umkreiſt, Vereint die Alten ſeyn. 52— Waͤgt man den Nahmen ihren Lohn, Nennt man auch deinen hell. Die Menſchen ſagen Philipps Sohn; Die Maͤnner ſagen Tell. Seume. Gallerie griechiſcher Dichterinnen. OO— In einem Journale fuͤr deutſche Frauen, in welches mehrere der talentvollſten ſchoͤne Bluͤ⸗ then ihres Geiſtes niederlegten, ſcheint es nicht unpaſſend zu ſeyn, den Blick, welcher fuͤr Geiſt und Herz Nahrung, unter welcher Zone ſie auch gedieh, zu erwerben ſtrebt, auch auf die ent⸗ ferntere Zeit des Alterthums zu richten, und gleichſam die Manen veredelter Griechinnen zur erneueten Darſtellung ihrer Empfindungen zu⸗ ruͤckzurufen. Es iſt vorauszuſetzen, daß bei der gerechten Bewunderung des Alterthums auch hier die Erwartung groß ſeyn werde; Griechen⸗ lands Frauen, im Lande der Ideale erzogen und von Huldigungen der Kuͤnſte uͤberall umgeben — was werden dieſe, von den Muſen geweiht, nicht alles geleiſtet haben! Doch nein; ſie ha⸗ ben bei weitem nicht geleiſtet, was ihnen die Begeiſterung fuͤr ihre Zeit und Nation zutrauen moͤchte! Und das darf uns nicht Wunder neh⸗ men. Von der haͤuslichen Einſamkeit, in welche Staatsverfaſſung und gebietende Sitte das weibliche Geſchlecht in Griechenland einſchloß, lagen die pieriſchen Quellen weit entfernt; nur Maͤnnern war es vergoͤnnt zu dieſen zu wallen. Es wuͤrde vielleicht von griechiſchen Dichterin⸗ nen gar nicht die Rede ſeyn koͤnnen, wenn nicht liebende Maͤdchen dem engen Bezirk des haͤus⸗ lichen Lebens entflohen waͤren, um unter den Freuden der Liebe und Geſelligkeit, bei Gaſt⸗ maͤhlern und in Schauſpielen, den Muſen zu opfern. Die Zahl dieſer weiblichen Freigeiſter wuͤrde aber gewiß groͤßer ſeyn, wenn nicht in den meiſten, indem ſie ſich den Feſſeln der Be⸗ ſchraͤnkung entriſſen, die zarte Empfindung und die genialiſche Bluͤthe, welche beide ihr Gedei⸗ hen auf Unbefangenheit und Reinheit des Her⸗ zens gruͤnden, gelitten haͤtten. Der Geiſt verlor in dem Rauſche der Vergnuͤgungen ſeine freie unnd kraftvolle Thaͤtigkeit, das Leben war gemei⸗ niglich allein auf Genuß gerichtet, und wenn uns eine Menge Beweiſe von dem ſpielenden, 55 oft treffenden Witze der Griechinnen, namentlich der Hetaͤren unter ihnen, hinterblieben iſt, ſo iſt doch die Reihe der Dich tungen unter ihnen weit geringer, welche d das belebte Innre lebendig und edel ausſprechen. Sappho, die Dichterin, konnte der Griechin zurufen:„Deiner wird niemand in kuͤnft'ger Zeit gedenken, denn du pfluͤckteſt nicht pieriſche Roſen; du eileſt un⸗ gekannt zu den dunkeln Wohnungen des Hades. Man entzog den weiblichen griechiſchen Geiſt, den man ſich als entbloͤßt von aller Genialitaͤt kaum denken kann, den erweckenden Sonnen⸗ blicken des geſelligen Lebens; die Empfindung blieb eintoͤnig und konnte ſich nicht, oder ſelten⸗ zur vollen Harmonie erheben. Angenehm muß jedoch ein Ruͤckblick auf die wenigen Saͤnge⸗ rinnen jener Nation ſeyn, von denen uns noch kleine Reſte gegoͤnnet ſind. Wir haben hier groͤßtentheils Dichterinnen zu erwarten, welche ein reiner Naturſinn zur Begeiſterung weckte und deren Empfindungen ſich lieber im Einzeln ausſprechen— daher meiſtens d die epigramma⸗ tiſche Form. Die Entgegenſetzung des Antiken und Modernen iſt in unſrer Zeit herrſchend und die Reihe griechiſcher Dichterinnen wird ſich geſellig an den Kreis deutſcher Frauen an⸗ ſchließen, wenn ſie von dieſem mit guͤtigen Blicken begruͤßt wird. An y re. Anyte, nach Angabe einiger Schriftſteller zu Tegea in Arkadien geboren, lebte um die 120ſte Olympiade(300 v. Chriſt.) zu Epi⸗ daurus, wo ſie bei dem Orakel Aeskulaps die vermeinten Ausſpruͤche des Gottes in poetiſche Form kleidete. Ihr gluͤckliches Dichtertalent erhielt mit Recht den ausgezeichnetſten Ruhm, und Antipater konnte ſie in der Reihe griechi⸗ ſcher Dichterinnen den Homer der Frauen nen⸗ nen, wie man ſpaͤterhin ihr Andenken durch Statuen und Denkmale bewahrte. Aeskulap, ſo erzaͤhlt die Sage, belohnte die treue Prieſterin und ſendete ſie einſt zu dem blinden Phalyſius, dem er die Geſundheit der Augen unter der Be⸗ dingung wiedergab, daß Anyte zur Belohnung reichlich von ihm beſchenkt werden ſollte.. Iunſchrift. Ruh', ermuͤdeter Wandrer, hier an der ſchattenden Felswand, Durch das gruͤnende Laub rauſchen die Luͤfte dir ſanft. Trink' vom Quell erfriſchende Labung; nach müͤ⸗ 3 hender Wallfahrt Ign der ſengenden Gluth iſt ja die Kuͤhlung ſo ſuͤß. Antibiens Grab. Weinend gedent ich Antibiens, der bluͤhenden Jungfrau, Welche daheim eine Schaar wuͤnſchender Freier umgab. Schönheit verlieh ihr den Ruhm und im Geiſte waltete Klugheit. Aller Hoffnung entſank bleichend mit ihr in das Grab. Der ſterbende Erato. Liebend umſchlang Erato den zaͤrtlichen Vater und Thraͤnen Netzten den bleichenden Mund; leiſe verhallte das Wort: Vater, ich ſcheide, mein Vater! den Blick huͤllt naͤchtliches Dunkel, Mit gewaltigem Arm faßt mich der ſchreckende Tod 8 ¹ Der der Kypris heilige Ort am Meere. Dieſes Geſilde iſt Kypris geweiht. Vom hohen Geſtade Schaut ſſe in wonniger Luſt hin auf das blin⸗ kende Meer,- Daß ſie gluͤckliche Fahrt den Schiffern verleihe. Die Wogen Sinken ſchweigend zuruͤck, winket von ferne das Bild. Philaͤnis Grabmal. Kleino, die trauernde Mutter, umweilt in toben⸗ den Schmerzen Oft des Grabes Geſtein, ruft die Geliebte herauf; floh ſie Ueber Acherons Fluth, ehe der Kranz ſie ge⸗ Rufet Philaͤnis umſonſt: in zarter Jugend ent⸗ ſchmuͤckt. d Bromios Bock. Sich den gehörnten Bock des Bromios, wie er vermeſſen Hin auf den zottigen Bart ſenket den trotzigen Blick. Wiſſ', er bruͤſtet ſich ſtolz ſeit ihn an dem ſtrup⸗ pichten Kinne Oft ſchon mit zarter Hand faßte die Nymphe im Hain. OO—— Der todte Haushahn. Nicht, wie vorher, umrauſcheſt du mich mit be⸗ fiederten Schwingen, Weckſt in der Fruhe des Tags nicht mehr den Schlummernden auf. Denn es nahte dir leiſe der liſtige Naͤuber im 3 Schlafe, Und es drang in den Hals gierig ſein wuͤrgen⸗ der Zahn. 60 Der tode Jagdhund, Maͤra. Mara, ſterbend ſankſt du im dichtbewachsnen Ge⸗ hoͤlze, Du, der an Schnelle die Schaar lokriſcher Hunde bezwang. Dort ergoß in den fluͤchtig die Fluren durcheilen⸗ den Fuß ein Buntgehaͤuteter Molch dir das verzehrende Gift. Erinne. . Erinne, fuͤr deren Vaterland einige die In⸗ ſel Lesbos angeben, war die vertraute Freundin der Dichterin Sappho und lebte mit ihr um die 42ſte Olympiade(600 Jahr v. Chr.) Ihr Ruhm und die uns noch hinterbliebenen Gedichte verbuͤrgen die Hoheit und Belebtheit ihres Gei⸗ ſtes. Das Alterthum zog dieſe junge Dichterin, die im 21ſten Jahre ſtarb, der Sappho in der elegiſchen und epigrammatiſchen Gattung vor. Außer dem, was uns von ihr noch uͤbrig geblie⸗ ben, kennen wir den Namen eines groͤßern Ge⸗ dichts: der Nocken. —— 61 Ode an die Staͤrke. Sei gegruͤßt mir, Tochter des Ares, Staͤrke, Goldumfloßne Herrſcherin, hohen Ruhmes, Die auf nimmer wankender Veſte thront am Heeilgen Olympos! Dir allein verlieh das gewalt'ge Schickſal Ew'ge Wuͤrd' im glaͤnzenden Machtgebiete, Daß mit Kraft, als Königin, du, vorſchwebend, Reiche beherrſcheſt. Unterm Zuͤgel deiner erhabnen Leitung Ruhn der Erde Flaͤchen, des grauen Meeres Raum gehorchend. Maͤchtig regierſt du uͤber Staͤdte der Voͤlker. Alles ſtuͤrzt der kraͤftige Arm der Zeiten, Wechſelt ſchnell Geſtalten des fluͤcht'gen Lebens: Deinem Thron' entreißet er nie des Gluͤckes Guͤnſtiges Wehen. Dir allein, vor allen, entſtammen tapfre Helden, nie im Streite bezwungne Kaͤmpfer, Die nun dir in Fuͤlle Demeterns Fruͤchte Huldigend opfern. 3 6 Baukis, der Braut, Grabmal. Baukis, der Jungfrau Grab. Gehſt, Wan⸗ † . drer, das thraͤnenbenetzte Denkmal einſt du vorbei, rufe zum Hades— hinab: Drauſam biſt, Hades, du! Dann, blicke gerührt 5 auf die Gruppe, Deutend verkuͤndet ſie dir Baukis verhaßtes Geſchick; Wie mit Fackeln, die juͤngſt er dem braͤutlichen Maͤdchen gezuͤndet, Leuchtend zum Dunkel der Gruft ſie Hymenaͤos gefuͤhrt. Ach! des fröhlichen Feſtes melodiſches Lied, Hy⸗ menaͤos, Haſt du in Klagetoͤn', Freuden in Thraͤnen, gekehrt. Der Jungfrau Bild, an Prometheus. Sieh, Prometheus, dieß Bild, das zarten Haͤn⸗ 4 den entfloſſen, Sieh, auch der Sterblichen Sinn ſtrebet dir, Göttlicher, nach. Wer der Jungfrau Geſtalt in voller Schönheit ge⸗ bildet, Haͤtt' er ihr Odem verliehn, waͤr's Agatharchis ja ſelbſt. Kleobulina. Kleobulina, die Tochter eines weiſen Vaters, Kleobulus, nach dem ſie, ſtatt nach ihrem eig⸗ nen Namen, Eumetis, genannt wurde, lebte gegen 210 Jahre fruͤher als Anyte, auf der In⸗ ſel Rhodus, und zaͤhlte unter ihre Freunde den weiſen Solon. In dem geiſtreichen Umgange ihres Vaters gebildet, huldigte ſie, wie er, der Dichtkunſt; nur ſind uns, außer dem Ruh⸗ me, den ſie in der Vorzeit noch ſpaͤt erhielt, ſehr wenige Fragmente uͤbrig geblieben, von denen ſie uͤberdieß nicht mit Gewißheit als Verfaſſerin angegeben werden kann. Vorzüg⸗ lich, erzaͤhlt man, liebte und dichtete ſie Raͤth⸗ ſel, von denen das folgende ihr noch zugeſchrie⸗ ben wird. Raͤthſel.(Das Jahr.) Einer iſt Vater und zwoͤlf ſind der Soͤhn' und jeglichem dieſer Sind in Doppelgeſtalt dreißig Geliebte verliehn. Bald im Glanze der Freude geſchmuͤckt, bald in . Trauer verhüllet, Schwebet hin und zuruͤck, ewig der wechſelnde Reihn. Ferdinand Hand. (Wird fortgeſetzt.) Alkuz und Taher oder das Schickſal und die weichge⸗ ſchaffnen Seelen. Die beiden jungen Maͤnner, Alkuz und Taher in Bagdad, wurden durch vielerlei Bande verknuͤpft. Sie waren beide mit ein⸗ ander aufgewachſen, beide zugleich huͤbſch und reich geworden, hatten beide manchen thoͤrich⸗ ten Streich mit einander ausgefuͤhrt, ſchienen jetzt beide zugleich vernuͤnftig zu werden; und nun umſchlang ſie obendrein ein glaͤnzendes goldenes Band noch feſter— ſie trieben ſeit kurzem ihre Handlungsgeſchaͤfte, wie vordem ihre Liebſchaften, in Kompagnie. Es war Abend und Alkuz ſaß in ſo tiefen Gedanken, daß er Taher'n nicht hatte eintre⸗ ten ſehen, bis ihn dieſer anredete: Was iſt dir, J f. F. II. J. 6. H. 5 lieber Bruder? Unſer Vermoͤgen hat ſich ſeit einigen Jahren verdoppelt, unſre Magazine ſind voll koͤſtlicher Waaren; du biſt jung, ge⸗ ſund, lebensluſtig, geſchaͤtzt, geliebt— Geliebt? ſeufzte Alkuz. Aha, da ſitzt's! rief Taher. Nur heraus damit: wer iſt die Gluͤckliche, die dich ſo un⸗ gluͤcklich macht? Kennſt du den Kaufmann Belul, dort an der Bruͤcke? Wer kennte den alten Schmauch nicht? Alſo ſeine Tochter, die ſchoͤne Lira—! Ich kann ohne ſie nicht leben. Wohl! Und ſie? Iſt mir auch gut; aber der Vater hat an⸗ dere Abſichten und iſt nicht zu gewinnen. Poſſen! Ha, noch lebt dein Freund, dein Ta⸗ her!— Halt, da faͤllt mir ein, daß uns der Vezier Giaffar die Ehre angethan und uns ein huͤbſches Suͤmmchen abgeborgt hat. Es waͤre jetzt faͤllig und ich weiß, er hat kein Geld. Wenn die Vornehmen kein Geld haben, haben ſie gute Worte. Dieſe ſoll er an Belul, zum Beſten deiner Liebe, verwenden! Er mag's her⸗ — 67 nach ſelbſt, als einen Zug ſeiner Großmuth und menſchenliebigen Popularitaͤt, in die Hof⸗ zeitung ſetzen laſſen—— Taher ging zum Vezier, Giaffar ließ den alten Belul kommen, dieſer legte ſich dreimal nieder in den Staub, prieß ſich gluͤcklich und fagte: Ja, wie's Gott gefaͤllt und ſeinem maͤchtigen Diener, dem großmuͤthigen Giaf⸗ far.— Alkuz und Lira waren nun Mann und Frau. Eins liebte das Andere, ſo innig, als es anging. Daran thaten ſie wohl; aber dar⸗ an nicht, daß ſie ſich ſo oft die lebhafteſten Beweiſe davon in Tahers Gegenwart gaben. Es mag, wie dort ſteht, ein Schauſpiel fuͤr Goͤtter ſeyn, zwei Liebende zu ſehn: fuͤr Menſchen iſſt es verzweifelt ennuͤyant, und ; fuͤr junge feurige Menſchen, wie Taher, oben⸗ 1 drein gefaͤhrlich. Ehe dieſer ſelbſt ein Wort davon wußte, brannte ſein Herz fuͤr die Gat⸗ 1 tin ſeines Freundes. In ſolchem Fall geſchieht gewoͤhnlich eins von den zweien: der Liebende greift, wie Vater Adam, nach dem verbote⸗ nen Apfel, oder er laͤuft, wie Bruder Joſeph, 68— eiligſt davon— ſollte er auch noch mehr, als den Mantel, zuruͤcklaſſen muͤſſen. Taher that das Erſtere nicht, denn er liebte außer der ſchoͤnen Lira auch ſeinen Freund; ſo wollte er denn eine Reiſe in die weite Welt machen. Urſachen waren erfunden, Anſtalten gemacht: da brachen ſeine von langem Kampf geſchwaͤch⸗ ten Kraͤfte und er wurde gefaͤhrlich krank. Freund und Freundin verließen ſein Lager kaum, goͤnneten es gar keinem Andern, ihn zu war⸗ ten und zu pflegen. Dadurch wurde aber das Uebel nur aͤrger und die beruͤhmteſten Aerzte von Bagdad waren blos daruͤber noch nicht einig, woran ſie ihn ſollten ſterben laſſen— daß er ſterben muͤſſe, war allen gewiß. Alkuz und Lira zerfloſſen in Thraͤnen und beſtuͤrmten die Aerzte. Jeder verſprach noch das Un⸗ moͤgliche zu verſuchen, jeder verſuchte etwas Anderes: Tahers Jugend ſiegte endlich, und nun ſollte das Unmoͤgliche eines jeden geholfen haben. Jetzt war Taher'n von ſeiner Krankheit nur noch eine boͤſe Schwaͤche zuruͤckgeblieben: da machte ein wichtiger Vorfall in Kairo die — 69 Reiſe eines der beiden Handlungs⸗Geſellſchaf⸗ ter dahin unumgaͤnglich noͤthig. Taher konnte nicht vor Erſchoͤpfung, Alkuz nicht vor Liebe; von jeher hat ſich's aber bei den Leuten eher mit der Liebe, als mit der Erſchoͤpfung gege⸗ ben: Alkuz riß ſich weinend aus den Armen der weinenden Gattin und zog ab nach Bal⸗ ſora, wo er ein Schiff beſtieg, das ihn nach Kairo bringen ſollte. Taher kannte die Gefahr, in der er ſchwebte, und ſein freundſchaftliches Herz half ihm, alle Gelegenheiten zu vermeiden, wo er die ſchoͤne Lira allein ſehen konnte. Das ſiel auf. Was macht denn den Menſchen auf einmal ſo unartig gegen mich? fragte Lira ſich ſelbſt. Es iſt doch ſonſt ſeine Sache nicht! Guter Freund, redete ſie ihn eines Tages freundlich an und reichte ihm unbefangen die Hand; geſtehe doch ehrlich, warum du mir ſeit einiger Zeit ſo gefliſſentlich aus dem Wege geheſt? Du biſt boͤſe auf mich, das merk' ich wol: aber warum— darauf kann ich nicht kommen und wenn ich mir den Kopf noch ſo ſehr zerbreche. Sage mir's alſo ſelbſt, 70— damit ich's wieder gut machen koͤnne. Oder haſt du nur deine Grillen, ſo jage ſie fort, und ich will dabei helfen. Nur kein Schmollen und kein Graͤmeln: dieſe ſind mir in den Tod zuwider!— Taher war in groͤßter Verwirrung. Er beugte ſchweigend ſein Geſicht auf die liebe Hand, wendete es dann ab, ſchlug die Augen zum Himmel empor und ſeufzte tief. Guter Menſch, ſagte Lira aͤußerſt verwuͤn⸗ dert; ich bitte dich, rede: was iſt dir? So wiſſe es denn, rief Taher und riß ihre Hand an ſein Herz; wiſſe es, und er⸗ blicke in mir den tereuloſeſten, den abſcheulich⸗ ſten Menſchen! Nicht der herannahende Tod hat mir mein unſeliges Geheimniß entreißen koͤn⸗ nen; aber dein Verlangen— dein Verlangen, o du mein Leben... Nicht weiter! fiel Lira in groͤßter Beſtuͤr⸗ zung ein. Nicht weiter: ich beſchwoͤre dich! Laß mich fort, damit ich nicht hoͤre, was mich auf ewig von dir verſcheuchen muͤßte! Nein, rief Taher außer ſich; nein, jetzt ſollſt, jetzt mußt du alles wiſſen! Ich wollte † ““ 71 lieber ſterben, als dein und meines Freundes Gluͤck ſtoͤren: der Tod flohe mich! Ich wollte ſchweigen und vergehen: du haſt mich zur Rede gezwungen.. Vorwuͤrfe— mir? unterbrach ihn Lira. Das erſchuͤtterte den armen Taher ſo, daß er halb ohnmaͤchtig zuruͤck auf das Sopha ſank. Lira ſahe kaum, daß ſie jetzt keinem Feinde mehr zu widerſtreben hatte, als in ihrer zarten Seele der Zorn in Mitleid uͤberging. Sie betrachtete den Ohnmaͤchtigen ſcheu aus weiter Ferne. Sterben hat er wollen— ſterben fuͤr dich und fuͤr die Tugend! erwog ſie bei ſich ſelbſt. Und das ſollte ihm deine Achtung, deine Theilnahme entziehen? Sterben und ſchweigen— iſt das nicht eben ſo groß, als es feurig iſt?— Hier hielt ſie eine lange, nachdenkliche Pauſe. Dann fuhr ſie, ſchuͤch⸗ tern um ſich blickend, fort: Nie— nein, nim⸗ mermehr wuͤrde ein gewiſſer Jemand ſich dazu erheben koͤnnen! Wie kalt: um eine Hand voll Geld zu erwerben, verlaͤßt man mich— verlaͤßt mich mehrere Monate lang—— Ueber dieſen und aͤhnlichen Eroͤrterungen 72 war Lira allmaͤhlich bis zu ihrem Kranken ge⸗ ſchlichen; und da dieſer jetzt zum erſtenmale wieder wehmuͤthig zu ihr aufblickte, nun die Augen beſcheiden niederſchlug, endlich hinſank und ihre Kniee umfaßte: da ging ihr Mitleid ploͤtzlich in innigſte Zaͤrtlichkeit uͤber. Er hat fuͤr mich ſterben wollen: ſo will ich fuͤr ihn leben! beſchloß ſie. Nur Er, nicht jener kalt berechnende Kaufmann verdjent mein ganzes Herz! Lebe, ſagte ſie nun laut; lebe, Taher! mein lieber Taher! lebe fuͤr deine Lira! Das goß mit Eins wieder Kraft und Feuer in Tahers Adern. Die Stunden flogen vor⸗ uͤber— Lira hatte gar bald ihrem Freunde nichts mehr zu verweigern. Sie ſtutzte nun freilich, als ſie dieß bemerkte: Taher war aber nun ſo ſittig, ſo ſchonend und ehrfurchtsvoll, und doch zugleich ſo zaͤrtlich, daß man bald wieder ruhiger ward und den ganzen Vorfall dem unwiderſtehlichen Schickſal auf den Hals ſchob. Beide Liebende lebten nun mehrere Monate hindurch in einer Vertraulichkeit, die, wie ihr Gluͤck, nicht groͤßer ſeyn konnte. Es ge⸗ — 23 nügte ihnen noch nicht, ſich jeden Augenblick Beweiſe ihrer Gefuͤhle geben zu koͤnnen: ſie. mußten dieſe einander auch in den feurigſten Briefen ſchildern. Der ehrliche Alkuz war ſo gut, als vergeſſen. Dieſer hatte indeſſen ſeine Geichäfte in Kairo vollbracht und erſchien, ſeiner theuren Lira eine unverhoffte Freude zu machen, ploͤtz⸗ lich wieder in Bagdad. Man nahm ihn ſo gut auf, als thunlich. Er hatte ſeine junge Gattin viel zu lange gemiſſet, als daß er nicht haͤtte vollkommen zufrieden ſeyn ſollen. Ver⸗ dacht gegen ſeinen Freund kam ihm ſelbſt im Traume nicht bei.— Die ſchoͤne Lira litt zuweilen, wie es einer eleganten Frau in den zwei erſten Jahren des Eheſtandes zuſtehet, an Nervenſchwaͤche und Migraͤne, die ſie auf Minuten ganz betaͤubte. Ihr Mann hatte ihr eine Quantitaͤt koͤſtlicher Tinktur mitgebracht, die ihr bei ſolchem Anfall große Dienſte leiſtete und die ſie deswegen ſorgſamer bewahrete, als ihr Herz. Eines Abends trat die boͤſe Migraͤne noch ploͤtzlicher und heftiger als gewoͤhnlich ein. 74— Lira ſank faſt bewußtlos aufs Sopha; Alkuz, zum Tode erſchrocken, lief nach der Tinktur umher„ beſann ſich endlich, daß ſie ſeine Frau im geheimſten Verſchluß hatte, zog ihr das Schluͤſſelchen aus dem Buſen, wo ſie es aus guten Urſachen zu tragen pflegte; Lira ließ das in der Betaͤubung zu— der ehrliche Alkuz flog aus dem Zimmer. Kaum war er hinaus, als Taher nicht ohne Verwunderung bemerkte, daß die liebe Frau auf einmal von aller Nervenſchwaͤche befreiet war, die Haͤnde rang, ſich in die Haare griff, und verzweifelnd ausrief: Wir ſind verloren! deine Briefe liegen bei den Flacons! Alkuz ermordet dich und mich!— Taher verlor auf eine halbe Minute ſeinen Ver⸗ ſtand und bekam ihn in der andern doppelt wieder. Er ſtuͤrzte hinaus, ſchlich nach jenem Zimmer, bemerkte durch die nur angelehnte Thuͤr, daß Alkuz, mit allen Zeichen der ſchlechteſten Er⸗ bauung von der Welt, die Briefe zu verſchlin⸗ gen ſchien; machte die Thuͤr leiſe zu, verſchloß ſie doppelt, und zog gelinde den Schluͤſſel ab, den er mit ſich nahm. Vor Grimm hoͤrte Alkuz von alle dem nicht das Geringſte. Nun flohe Taher zuerſt zur Kaſſe, um heraus zu nehmen, was ſich von ſeinem An⸗ theil am gemeinſchaftlichen Vermoͤgen baar vorfand, und dann zu Lira, um mit ihr in wenig Minuten aus den Thoren von Bagdad zu kommen. Beides gelang vollkommen. Alkuz konnte ſeinen Augen gar nicht trauen und fing darum immer wieder von vorn zu leſen an, wodurch er den Fluͤchtigen nur deſto mehr Zeit verſchaffte. Endlich brach's durch. Er riß den Dolch aus dem Guͤrtel, um die Treuloſen augenblicks wenigſtens niederzuſtoßen; da bemerkte er zu ſeinem Erſtaunen, daß er eingeſchloſſen war. Er rief ſeinen Sklaven. Sie kamen.„Schließt auf!“ Es iſt kein Schluͤſſel da!„Er muß da ſeyn!“ Sie krie⸗ chen auf dem Boden herum: der Schluͤſſel bleibt weg.„Schlagt die Thuͤr ein!“” Das geſchieht.„Ha Verraͤtherin“— ruft Alkuz, indem er in das Zimmer ſtuͤrzt, wo er ſeine Frau gelaſſen hatte und den Dolch hoch em⸗ por hoͤlt. Keine lebendige Seele iſt zu ſehen. 76— Wo iſt mein Weib? faͤhrt er die Sklaven an. Ein Bischen ausgegangen mit Herrn Taher, antworteten dieſe.— Er brach in die heftig⸗ ſten Verwuͤnſchungen aus, die Sklaven ver⸗ krochen ſich bebend, und fanden ihn doch nach zwei Stunden faſt ganz beſaͤnftigt. Er hatte in der erſten Stunde gefunden, er muͤſſe ſeine Frau mit aller Gewalt zuruͤck holen, um ſich zu raͤchen; und in der zweiten, er muͤſſe ſie ums Himmels willen laufen laſſen, um keine Muͤhe an Etwas zu verſchwenden, das nun keiner mehr werth ſei. Und wuͤrde ich mich nicht noch obendrein laͤcherlich machen? hatte er beſchloſſen. Nein! zichet ihr ungeſtoͤrt, wo⸗ hin ihr wollt, ihr Treuloſen! Das Schick⸗ ſal, das allwaltende, das gerechte, wird ſelbſt meine Rache zeitig genug uͤbernehmen! Euch zum Poſſen will ich nun erſt recht angenehm und froͤhlich leben!— Er that das wirklich— erſt aus Deſpe⸗ ration, hernach aus Geſchmack, endlich aus Gewohnheit. Die werthen Reiſenden wurden bei dieſer Prozedur allmaͤhlich faſt ganz vergeſ⸗ ſen.— +— 5 Sechs Monate waren verfloſſen. Alkuz erfuhr, einer ſeiner bedeutendſten Korreſpon⸗ denten im weſtlichen Indien ſei geſtorben. Die Sachen ſtanden ſo, daß er durchaus die Reiſe dahin ſelbſt machen mußte, um ſich mit den Erben zu berichtigen. Es geſchahe. Er belud ſein Fahrzeug mit Waaren, die er unter We⸗ ges vortheilhaft zu vertauſchen hoffte. Auch dieß gelang. Er landete auf verſchiedenen In⸗ ſeln und ſetzte ſeine Waaren gegen Diamanten um, die er, der achtſame Kaufmann, nie von ſeinem Leibe kommen ließ. Das letzte war dr gut fuͤr ihn, denn ein Sturm faßte einſt as Schiff und trieb es gegen ein Felſenriff; da blieb es feſt ſitzen und wurde bald von den Wellen zertruͤmmert. Er umklammerte ei⸗ nen Balken, empfahl ſich und ſeine Diaman⸗ ten dem Schutz des Hoͤchſten, und wurde den andern Tag gluͤcklich an eine benachbarte In⸗ ſel ausgeworfen. Die Inſel ſchien ſehr wenig angebaut Erſt gegen den Abend des zweiten Tages ſah er eine kleine Stadt aus der Ferne ſchimmern Brava hieß die Stadt, wie er ſpaͤter erfuhr. Seine Paruͤre war durch den ſchrecklichen Un⸗ fall ſo unſcheinbar geworden, daß er's erſt ganz dunkel wollte werden laſſen, ehe er durch ein Thor ging, um nicht Skandal zu geben. Er lagerte ſich auf eine ſchoͤne Wieſe unter einen Baum, war aber durch die Strapazen der letzten zwei Tage ſo angegriffen, daß er unvermuthet einſchlief. Er hatte mehrere Stunden feſt geſchlafen, als er auffuhr, weil ſeine Augen ploͤtzlich durch ein nahes großes Feuer geblendet wurden. Er ſprang auf, und ſahe nicht gar weit von ſeiner Lagerſtaͤtte ein einſames Landhaͤuschen, durch deſſen Dach ſo eben die helle Flamme emporſchlug. Er ſprang herzu: kein Menſch war zu ſehn. Er trat die Hausthuͤr mit Ge⸗ walt ein: da hoͤrte er ein Gekreiſch weiblicher Stimmen. Er eilte dieſem nach, fand drei Frauenzimmer, die vor Furcht, beim Fliehen ſich zu verſengen, beinahe ganz verbrannt waͤ⸗ ren. Alkuz ſchaffte ſie gluͤcklich ins Freie. Eine unterſuchte nun an der Andern, ob ihr Kleid nicht zu ſehr gelitten haͤtte, und da es damit noch ſo ziemlich ſtand, ſingen ſie an zu ——xx— 79 weinen. Als ſie ein Weilchen geweint hatten, fiel der Einen ein: Ach, unſre edle Gebieterin! die iſt wol noch gar nicht erwacht, und— o des Jammers! ſo muß ſie unfehlbax aufgehen lichterloh!— Wo iſt ſie? ſtuͤrmte Alkuz. Dort! dort! riefen alle drei Stimmen, und alle drei rechte Zeigefinger wieſen auf die Ecke des Gebaͤudes, die ſchon angegangen war. Alkuz ſprang hinauf, fand die Dame im luftig⸗ ſten Negligée noch ganz ruhig ſchlafen, faßte ſie auf ſeine Arme, und brachte auch ſie noch gluͤck⸗ lich unter freien Himmel. Die Dame war zwar erwacht, da ſie durch die Flammen getragen wurde, aber auch ſogleich wieder ohnmaͤchtig geworden vor Schrecken. Alkuz legte ſie ſanft auf den weichen Raſen und rief nach ihren Sklavinnen: dieſe hatten ſich aber eigenmaͤchtig emanzipirt, der uͤberall guͤltigen Maxime gemaͤß: wo nichts mehr iſt, da hat auch der Kaiſer ſein Recht verloren. So mußte denn der ehrliche Alkuz der Dame die noͤthige Huͤlfe beweiſen, und ſeiner Men⸗ ſchenliebe wurde das nicht wenig durch den An⸗ 5—— 80 blick der Geretteten erleichtert, denn nie— nie hatte er ein ſchoͤneres Weib geſehn. Endlich bekam das Applicirte Erfolg: die Dame ſchlug die Augen auf. Sie jammerte erſt uͤber ihren Verluſt und hernach daruͤber, daß ſie ſich ſo ganz allein, im frivolſten Koſtume, in der Gewalt eines Fremden ſahe. Da aber der huͤbſche und angenehme Alkuz ſeine Diskretion hoch und theuer beſchwor, ſich ihr als den Ret⸗ ter ihres Lebens auf Gefahr des ſeinigen vor⸗ ſtellete, und ihr betheuerte, daß kein Mangel ſie treffen ſollte, ſo lange der Himmel nur noch Einen ſeiner Diamanten in Obhut naͤhme: ſo floſſen ihre Thraͤnen ſanfter, und nachdem der er⸗ fahrne junge Mann ſie nur erſt zum Schwatzen, und beſonders zum Erzaͤhlen ihrer Leiden ge⸗ bracht hatte, ſo vertrockneten ſie allmaͤhlich ganz und gar. Aus der ziemlich weitlaͤuftigen Er⸗ zaͤhlung ließ ſich uͤbrigens nichts abnehmen, als daß die Dame nur ein Jahr vermaͤhlt geweſen und daß dann zugleich ihr Mann und ſein Vermoͤ⸗ gen mit einem untergegangenen Schiffe verloren gegangen waͤre. Seitdem hab' ich mich, beſchloß ſie, wie es der einſamen, troſtloſen Wittwe geziemt, 81 in die ſtille Haͤuslichkeit dieſes Landguͤtchens ver⸗ borgen. Ach, es war der einzige Reſt meiner Habe! Und nun iſt alles, alles, was mir auf Erden lieb war, droben! dort! Hier machte ſie eine ſchbhne Bewegung der Arme gegen den Himmel, wobei ſie wieder ein wenig zu wei⸗ nen anfing, aber auf die Art, die eine ſchoͤne Frau nur noch ſchoͤner macht.— Alkuz, deſſen theilnehmendes Herz von der Dame tief geruͤhrt worden war, hielt Wort. Er ging zu einem Juden, und ein ſehr ſchoͤ⸗ ner Diamant verwandelte ſich in das, was ei⸗ ner abgebrannten Frau am allernoͤthigſten ſchien: eine artige Wohnung, eine kluge Sklavin, und eine huͤbſche Garderobe. Die Dame hatte ſchon einige Regungen der Dankbarkeit dafuͤr empfunden, daß Alkuz ſein Leben fuͤr das ihrige in die Schanze ſchlug; was mußte ihre weichgeſchaffne Seele nicht erſt fuͤhlen beim Anblick der Wohnung, der Sklavin, der Garderobe! Kein leichterer Uebergang zur Liebe, als— bei dem Weibe: von Dankbarkeit; bei dem Manne: von Mitleid! Das erfuhren auch dieſe beiden, und— daß J. f. F. II. J. 6. H.. 6 . 82—— ich's kurz mache— ſie lebten einige Monate in der ſuͤßeſten Vertraulichkeit, welche dadurch ihren hoͤchſten Gipfel erreichte, daß die Schoͤne ihrem Geliebten leiſe zu hoffen verſtattete, ſie trage ein Pfand ſeiner Zaͤrtlichkeit unter dem Herzen. 1—— Haͤtte doch nur Alkuz die treuloſe Lira nie kennen gelernt! wer weiß, wie lange dann ſein jetziges Gluͤck gedauert haͤtte! So aber, als ein gebrannt Kind, fuͤrchtete er ſich des Feuers— des Feuers naͤmlich, womit ſeine Schoͤne zuweilen uͤbereilt wurde, wenn die Rede von einem gewiſſen jungen Herrn kam, der ſich durch nichts ſignaliſirte, als daß er ein huͤbſch Geſicht umhertrug, wie der GEott der Mode ge⸗ kleidet ging, und nichts zu thun hatte, als tagtaͤglich vor den Fenſtern der Dame hin und her zu ſchlendern. Das ſer aber auch gerade genug, meinte der argwoͤh ſche Alkuz. Er gab vor, auf einige Tage tiefer in die Inſel zu verreiſen, verreiſete aber nur tiefer ins Haus— in ein kleines Kaͤmmerchen, das ihm der Jude, ſein Nachbar, auf einige Tage heim⸗ lich uͤberließ. Es war Abends ſpaͤt. Jener junge Menſch ſchlich wieder auf der einſamen Straße daher, die Schoͤne oͤffnete das Fenſter, man ſchien eben ein recht minnigliches Geſpraͤch anknuͤpfen zu wol⸗ len: da lief dem unfeinen Alkuz die Galle uͤber; er ſprang hervor, ſtieß mit dem Dolch nach dem Elegant, und da dieſer, gegen die Sitte ſeiner Zunft, ſeinen Mann zu faſſen Miene machte, brachte ihm der Eiferſuͤchtige einige Wunden bei, ſo daß er zu Boden ſank. Die Sache wuͤrde keinen— wuͤrde wenig⸗ ſtens nicht ſo ſchnellen Laͤrm gemacht haben, wenn nicht die Dame, als ſie ihren Geliebten ſinken ſah, das entſetzlichſte Geſchrei angefangen haͤtte. Alkuz begriff ſogleich— erſtlich: daß er in Brava keine Stunde mehr ſicher ſei; zweitens: daß er(ſeine Diamanten waren eben wieder im Guͤrtel) keinen allzukoͤſtlichen Schatz zuruͤcklaſſe, wenn er ſchnell das Weite ſuche. Das that er denn; ging die ganze Nacht, ging den ganzen Tag, kam an den Hafen, fand ein Schiff, das nach Indien ſegelte, und fuhr gluͤcklich mit demſelben ab. 84— So lange er mit den Erben ſeines Korre⸗ ſpondenten in Indien nur noch zu rechnen hatte, lag ihm ſein zweites ungluͤckliches Liebesaben⸗ theuer ſchwer auf der Seele; da aber die Rech⸗ nungen, wider ſein Vermuthen, ſaͤmmtlich in blankem Golde ausgezahlt wurden und er an⸗ ſehnliche Vorraͤthe von Pfeffer und Ambra, die eben bei ihm zu Hauſe hoch ſtanden, fuͤr ein Spottgeld einkaufen konnte: ſo verdraͤngte das edle Metall die unedlen Leidenſchaften der Furcht, der Eiferſucht und des Haſſes aus ſeiner Seele. Er ſchiffte ſich wieder ein, kam gluͤcklich nach Balſora, ſchickte von hier aus ſeinen Pfeffer zu Lande nach Bagdad und wollte ſich einige Wo⸗ chen in der luſtigen Seeſtadt von den Beſchwer⸗ lichkeiten der Reiſe erholen. Eben ging er an dem ſchoͤnen Hafen ſpatzie⸗ ren und ſahe dem unglaublichen Gewuͤhle der Ab⸗ und Zulaufenden aus allen Nationen der Welt mit Vergnuͤgen zu, als ein, dem Anſehen nach wohlhabender Kaufmann in Geſchaͤften bei ihm vorbeiſchoß, und ihn, weil er ſich wendete, unverſehens einen derben Stoß gab. Wie es in dieſem Falle immer geſchieht— beide Herrn 85 dreheten ſich komplimentirend gegen einander und wollten um Vergebung bitten, hatten auch dazu den Mund ſchon geoͤffnet: aber im Nu prallten ſie einige Schritte zuruͤck, und ſtanden nun gegen einander uͤber, wie ein Paar Pfei⸗ ler. Mein ſuͤßer Freund! rief endlich der Eine. Ha, treuloſer Verraͤther! rief der Andere— und jedermann merkt ſchon aus dieſen Begruͤ⸗ ßungen, daß der Fremde niemand anders war, als Taher. Ich bitte dich um alles in der Welt, ſagte Taher; geſchweige deine Zunge nur ſo lange, bis wir aus dem Gedraͤnge ſind und ich dir meine Geſchichte von da an, wo wir ſo ſchnell aus einander kamen, mitgetheilt habe. Haſt du dann noch Luſt mir rachſüchtig zu Leibe zu gehn, ſo thu' es; ich will mich nicht verthei⸗ digen. Das beſaͤnftigte den hitzigen Freund eini⸗ germaßen. Er zog Taher'n bei Seite und drang nun in ihn, er ſolle erzaͤhlen. Aber werde ich dein zart empfindendes Herz nicht aufs neue verwunden, ſagte Taher, wenn ich 86— von der ſchoͤnen Lira ſpreche, an welcher es vielleicht noch immer treulich haͤngt? Genire dich nicht, ſiel Alkuz ſchnell ein. Andre Zeiten, andre Sorgen! Seit jenem Tage iſt uͤber Manches Gras gewachſen. Taher legte nun einen guten Grund zu ſeiner Erzaͤhlung durch die wohlkolorirte Schil⸗ derung, wie lange, wie ſchrecklich er mit ſich ſelbſt gekaͤmpft, um an ſeinem Freunde nicht treulos zu werden; wie er lieber habe ſterben wollen und endlich nur dem— Schickſal, dem unbezwinglichen, gewichen ſei. Ueber die ſchnelle Abreiſe ging er ganz fluͤchtig hin. Lira, fuhr er nun fort, gab mir ſo reichhaltige Be⸗ weiſe einer herzlichen Zuneigung, daß ich recht gluͤcklich war— verſteht ſich, die geſchwaͤrzten Stunden abgerechnet, die mir das Andenken an mein Benehmen gegen dich, den zaͤrtlich⸗ ſten Freund, machte!— Die Herrlichkeit dauerte aber nicht allzulange, denn ich bemerkte bald, daß meine Lira nicht nur mir, ſondern auch an allen Orten und Enden gefallen wollte, durch die wir zogen. Ich ſprach einigemal ſehr ſchonend mit ihr daruͤber. Poſſen! rief — 87 ſie lachend. Ich glaube, du eiferfuͤchtelſt? Weißt du wol, daß ich das durchaus nicht leiden kann? Und wenn ich nun dabei ein ernſthaft Geſicht machte, ſo ſtrich ſie mir mit ihrer ſchoͤnen Hand druͤber hin und rief: Sei doch kein Thor! Habe ich dir denn nicht alle erſinnliche Beweiſe von Anhaͤnglichkeit gege⸗ ben? Nun alſo—! So brauche auch huͤbſch Vernunft!— Dieſer Leichtſinn beruhigte mich nicht, ſon⸗ dern vermehrte nur meinen Verdacht; doch ließ ich mir nichts merken.— Wir kamen nach Viſapore. Hier miethete ich ein ſchoͤnes Haus und fing an Geſchaͤfte zu treiben, indeß ſie ſich mit einer nur allzukoſtbaren Einrichtung zu thun machte, die ſie jedoch nur bequem nannte. Das haͤtte noch drum ſeyn moͤgen, wenn ſie nicht zu den Begquemlichkeiten ihrer Einrichtung auch die Nachbarſchaft eines jungen, bildſchoͤnen Indiers gerechnet haͤtte. Ich ſagte ihr einige zaͤrtliche Woͤrt⸗ chen daruͤber: ſie lachte mich aus; ich ſchwieg und beobachtete genauer: ich entdeckte nichts. Schon bat ich ſie in meinem Herzen 7 88 des ungegruͤndeten Argwohns wegen um Ver⸗ zeihung, als ich eines Abends unvermuthet in ihr Kabinet trat und ein maͤnnliches Weſen, wie einen Zeiſig aus dem Neſte, durch die Seitenthuͤr ſchluͤpfen ſah. Ich, wie ein Sturm⸗ wind hinterher, erwiſche den Fluͤchtling beim Kragen, bringe ihn zuruͤck, erkenne den jungen Indier, und will nun dem Burſchen an die Kehle, waͤhrend ich ihr alles ſage, was ge⸗ kraͤnkte Ehre und ach— das Herz, mir ein⸗ giebt: da faͤllt ſie mir in die Arme— Halt ein! ruft ſie heftig. Beſinne dich, mein allzu⸗ raſcher Freund! Hat dieſer Juͤngling mit der weichen Seele mehr verbrochen, als du ſelbſt? Ich lieb' ihn! da haſt du's kurz und buͤndig. Was giebt dir ein Recht uͤber mich? Bin ich deine Gattin? Haſt du mich als Sklavin er⸗ kauft? Hoffteſt du von den lockern Banden, die uns umſchlangen, ſie wuͤrden laͤnger dauern, als die feſten, die mich an meinen Gemal knuͤpf⸗ ten? Ich liebte dich: das iſt wahr; es iſt vorbei: das iſt's nicht minder. Wer kann ſeinen Nei⸗ gungen gebieten? Wer ſie uns gab, beſtimmte eben damit unſre Handlungen; und wer that —— 89 das anders, als das Schickſal? Dieſem Eolen gehoͤrt jetzt mein Herz und du wirſt's nicht wehren; ſo wie er's nicht wehren wuͤrde, wenn ein noch Edlerer ihn zu verdunkeln wuͤßte. Dieſe Unverſchaͤmtheit in großem Stil ſetzte mich ſo in Erſtaunen, daß ich Mund, Naſe — und leider auch die Hand offen ließ: ſo ent⸗ wiſchte mein Gefangener. Sobald er in Si⸗ cherheit war, ſahe ſie ziemlich ruhig drein, was ich beginnen wuͤrde, und eben dieß machte mich geneigt, gar nichts zu beginnen. Es verdient immer eine gewiſſe Erkenntlichkeit, ſagte ich end⸗ lich, wenn ſich uns Jemand ganz ohne Huͤlle zeigt— Es iſt mir wirklich lieb, wenn du das ſo fin⸗ deſt! fiel ſie freundlich ein. Unſere Verbindung iſt aufgehoben: und ſo⸗ nach geht mein Weg dort hinaus, und deiner— wohin dir's gefaͤllt! Ganz recht, erwiederte ſie; doch hoff' ich, du wirſt der Ehren ſeyn, und mir meinen An⸗ theil an dem zuruͤcklaſſen, was wir einſt, der großen Eil ungeachtet, doch nicht vergaßen! Ich gab ihr mehr, als ſie erwartet hatte, 90.— und nun begleitete ſie mich bis an die Haus⸗ thuͤr, und wuͤnſchte mir ganz traulich, daß es mir doch immer recht wohl gehen moͤchte.— Im erſten Hafen ſchifft' ich mich nach Ara⸗ bien ein— mit welchen Geſinnungen, beſon⸗ ders gegen jenes wetterwendiſche, leichtſinnige Geſchlecht, magſt du dir ſelbſt denken! Wir kamen nach Brava— 3 Wohin? ſiel Alkuz ein. Nach Braval ein kleines Staͤdtchen, nicht von Bedeutung, aber angenehm auf einer Inſel gelegen— Aha! Schon gut! Nur weiter! Ich brauchte einen Kafftan und ging in den Schneiderladen, mich zu verſehen. Da treff' ich, nicht weit von dem Laden— es war noch ganz fruͤh— ein Paar verſchleierte Frauenzimmer, die auf einer Bank vor dem Hauſe ſitzen. Der Einen ſchien nicht wohl zu ſeyn, und die Andere, ihr beizuſtehn. Ich bot meine guten Dienſte an: man ſchlug ſie nicht aus. Ich fuͤhrte die Dame in ihre Wohnung, und da das, ihrer Schwaͤche wegen, langſam ge⸗ nug ging, hatte ich Muße, den Zauber ihrer 1 91 Reize einzuſaugen, und meinen Haß, wie meine Entſchließungen gegen ihr Geſchlecht, zu ver⸗ geſſen. Ach mein Herr, ſagte die Schoͤne, und ihre unſchuldigen, blauen Augen ſchwammen in milden Thraͤnen; ich habe den Freund mei⸗ ner Seele verloren. Morgen wollt' ich ihm meine Hand reichen. Ein Boͤſewicht hat ihn ermordet— vor meinen Augen, unter dieſen meinen Fenſtern ermordet! Mein Geſchrei trieb den Schaͤndlichen in die Flucht! Ich eilte hin⸗ ab: ach mein Braͤutigam lag da— da, da, vor meinen Fuͤßen! der Todtesengel hatte ſeine ſchoͤne Seele entfuͤhrt! Himmel! ſagt mir nichts vom Troſte! ewig— ewig muͤſſen meine Thraͤ⸗ nen fließen, ihm, dem Einzigen, dem Uner⸗ ſetzlichen! Da ich nicht troͤſten durfte, half ich be⸗ dauern. Heute blieb auch dieß ohne Wirkung, morgen nicht ſo ganz, uͤbermorgen noch weni⸗ ger. Ihr Blick haftete zuweilen auf mir, wurde aber dann immer von neuem durch Thraͤ⸗ nen befeuchtet. Sie erklaͤrte ſich daruͤber: Je mehr ich dich, Herr, anſehe, je mehr zeigt 9 2 5— ſich mir eine gewiſſe Aehnlichkeit mit dem, der ach, fuͤr mich ſtarb! Muß mich das meinen herben Verluſt nicht immer von neuem fuͤhlen. laſſen? Die treue Seele ging mir aͤußerſt nahe. O, ſagte ich, du haſt die beiden Extreme jenes Geſchlechts in der luftigen Lira und dieſem fel⸗ ſenfeſten Gemuͤth kennen lernen ſollen! Keine geheime Vergleichung entheilige dieſe Edle, kein Mißtrauen wuͤrdige ſie und dich ſelbſt herab! — Ich that fuͤr das treffliche Geſchoͤpf, was ich nur wußte und konnte: man duldete mich. Nach einigen Wochen verrieth ich, von meinen Empfindungen ſelbſt uͤbereilt, meine Liebe: man verließ mich ſanft weinend. Ich ſchrieb reue⸗ volle Briefe: man ſchickte ſie erſt zuruͤck, nahm ſie hernach, jener Aehnlichkeit wegen, an, und that dieß endlich nicht nur mit den Briefen, ſondern auch mit meiner Hand. Keine Schilderung des Himmels dieſer Ehe! Du, armer Freund, haſt davon keine Ahnung — wenigſtens davon nicht, wie mir die in⸗ nerſte Seele bewegt, das Allergeheimſte des Heiligthums ſchoͤner Naturgefuͤhle aufgeſchloſſen — 93 N wurde, als meine Gattin mir erroͤthend geſtand, ich duͤrſe hoffen, Vater zu werden! Nur Eines beunruhigte mich zuweilen, und doch hatte ſelbſt dieſe Unruhe ihr Suͤßes: meine Frau kraͤnkelte ein wenig, in Folge ihrer Umſtaͤnde. Ich ſuchte ſie auf alle moͤgliche Weiſe aufzuheitern, kam faſt nie von ihrer Seite— da bat ſie mich eines Abends dringend, ſie ſchnell zu verlaſſen. Es war im vierten Monat unſrer Ehe. Ich hielt ihr Verlangen fuͤr Grille, gab aber doch gern nach— Ach Alkuz, lieber Alkuz: was ſagſt du dazu? in einer halben Stunde war ein ge⸗ ſundes Toͤchterchen angelangt! Wie eine Pagode ſtand ich da, und nickte nicht einmal. Zoe, rief ich, Zoe... Wie riefſt du? fiel Alkuz ein. Zoe? So hieß deine Frau? Ja, ſo hieß ſie— o ſie— ſie— die... Und wohnte zu Brava? In der Wechslerſtraße— Ha, daß ich... Dem Zitronenladen gegenuͤber? In dem kleinen netten Hauſe! Dieß war, wie ſie mir ſagte, das Geſchenk eben jenes Braͤu⸗ tigams, der an demſelben Abend ſo ſchaͤndlich 94 von dem Ungeheuer ermordet worden war, als ich in die Stadt kam—— Hier ſtand Alkuz auf und ging ſummend das Zimmer auf und ab. Du theileſt meinen Schmerz, ſeh' ich, rief ihm Taher nach; indeß, deine freundſchaftliche Seele kraͤnke ſich nicht all⸗ zuſehr, denn du ſieheſt es, ich— lerne mich faſſen! 3 Alkuz blieb vor Taher ſtehen: Sei unbe⸗ ſorgt! wenn mich etwas hier ſchmerzt, ſo biſt du, ſo iſt auch die ſchoͤne Zoe es nicht, ſondern eben das unverhofft eingetroffene Töchterchen; denn wiſſe, dieß gehet mir ſo nahe an— ſo nahe, als nur immer moͤglich!— Taher begriff nicht, Alkuz machte begreif⸗ lich, die Leſer haben laͤngſt begriffen. Jetzt ſtanden die beiden Freunde und ſahen einander ſchweigend mit großen Augen an. Ja, began⸗ nen ſie endlich zugleich— es giebt ein all⸗ gerechtes Schickſal! blödſichtiger Zweifler, komm' und frage uns! Was haben wir zu thun, ſetzte Alkuz nach einer Weile hinzu, als uns verſtummend ſeinen Fuͤgungen zu unterwerfen? —— 95 Und uns auszuſoͤhnen? meinte Taher. Sie umarmten ſich und ſchworen einander zu, von heute, von dieſer erſchuͤtternden Stunde an, mit erneuerter Treue, mit verſtaͤrktem Ei⸗ fer— ihre Goldſtoffe und Pfefferſorten wie⸗ der gemeinſchaftlich zu vertreiben. Friedrich Rochlitz.*) *) In der Anlage Einiges nach einem alten Fabelbuche. Geſchichte einer Ungluͤcklichen. — Mit einer Vorrede. Der einfache, und ſo viel Wahrheit enthal⸗ tende Aufſatz im 8ten Stuͤck des erſten Jahr⸗ gangs dieſes Journals: die Frau Pfarre⸗ rin— veranlaßt eine Matrone, die das Wohl und Wehe der verſchiedenſten Menſchenklaſſen ſo ziemlich kennen lernte, folgende Zeilen auf⸗ zuſetzen. Der erwaͤhnte Aufſatz erregt gewiß in manchem edeln, weiblichen Herzen der hoͤ⸗ hern Klaſſe traurige Erinnerungen eigner Er⸗ fahrungen. Fuͤr die wuͤrdige Verf. und An⸗ dere, die, wie ſie, das Beduͤrfnis des Wohl⸗ thuns fuͤhlen, ohne uͤber die Wahl der Mittel mit ſich einig zu ſeyn, wage ich es, meine Anſicht dieſes Gegenſtandes darzuſtellen, und eine Ge⸗ J f. F. II. J. 7. 9. 1 ſchichte zu erzaͤhlen, die darauf einigen Be⸗ zug hat. Die herzliche Paſtorin in jenem Aufſatz, welche der Himmel ſegnen mag, iſt in ihrer Mildthaͤtigkeit um ſo viel ehrwuͤrdiger, weil ſie ihren Werth gar nicht recht zu beſtimmen weiß. Sind in mehrern gegebenen Faͤllen die Abſichten gleichgut, ſo beruhet der Vorzug des einen vor dem andern doch wol in dem Ver⸗ haͤltnis der Wohlthaten gegen den Belang des Vermoͤgens. Der Talmud und Koran geben einen Maßſtab in die Hand, ſeine Wohlthaten mit ſeinem Beduͤrfnis nach Wohlthaͤtigkeit ins Gleichgewicht zu bringen. Du ſollſt den drit⸗ ten Theil deiner Habe den Armen geben, ſagt der Koran— den ich, wie es einer feinen Frau gebuͤhrt, nur aus Tauſend und eine Nacht kenne. Da ich nun aber viel in der Welt und mit der Welt lebte, ward ich keine ſo ſtrenge Auslegerin der Geſetze, und verharre auch nicht etwa bei dem Buchſtaben von dieſem. Moͤchte doch der Theil des Einkommens, der Andern zu gute kommen ſoll, nicht ein dritter— moͤchte er ein, nur aber ein beſtimmter neunter ſeyn: — 3 was koͤnnte dadurch, und durch weiſe Verwaltung deſſelben,zu Stande kommen! Wie Viele koͤnnten dann, ſtatt dem Ungluͤcklichen nur eine augenblick⸗ liche Erleichterung zu verſchaffen, ſein ganzes Ge⸗ ſchick zum Beſten lenken; und welchen Genuß koͤnnten auch ſie ſelbſt davon haben! Z. B. Nur Eins oder Einige von den zahlreichen Geſchoͤ⸗ pfen, die das Vorurtheil oder eine gewiſſe Art der Sittenſtrenge ihrem faſt immer traurigen Schickſal uͤberlaͤßt, von phyſiſchem und morali⸗ ſchem Verderben zu retten! fuͤr ein ſo— gleich⸗ ſam ſchon vor der Geburt ausgeſtoßenes Kind ganz zu ſorgen, bis in das Alter, wo es als fleißige Tagloͤhnerin, als geſchickte Dienſtmagd ſeinen Unterhalt unabhaͤngig erwirbt—; wie viel haͤtte man damit gethan! Aber auch das mit Weisheit! Man laſſe einen ſolchen Zoͤgling ja in der Klaſſe, in wel⸗ cher er zu leben beſtimmt iſt! Und haͤtte der Zufall, haͤtte die mitſchuldige Natur dieſem außer dem Geſetz gebornen Kinde himmliſche Reize gegeben— nur, um aller Vernunft wil⸗ len, es nicht im Hauſe, nicht unter eigenen Augen erzogen! Solche ungluͤckliche Puppen der weiblichen Eitelkeit werden immer die Opfer einer menſchenliebigen Anſtrengung. Man laſſe dieſe Kinder ganz in der Klaſſe, in welcher ſie leben ſollen; nur waͤhle man zu ihren Pflege⸗ aͤltern beſſere Individuen aus dieſer Klaſſe, die ein billiger Lohn entſchaͤdige. Doch das gute Herz mancher Frau von Stande will mehr, als das Geld anwenden; ſie will perſoͤnlich thaͤtig ſeyn. Vortrefflich! aber dieſes iſt auch bei meinem Plane ſehr nothwendig. Das Koſtgeld ſoll nicht zu ſpaͤr⸗ lich ſeyn; ich wuͤnſchte ſehr, die Dame moͤchte zwei Kinder erziehen— wahrſcheinlich zwei Maͤdchen, denn bei unſerm Geſchlecht iſt die moraliſche Verderbnis durch Armuth am groͤß⸗ ten; die Dame muß alſo an einem andern Orte oͤkonomiſiren. Sie ſorge fuͤr ihre Pfleg⸗ kinder, wie jene Pfarrerin fuͤr ihre eignen! Die Struͤmpfchen ſtricke ſie ſelbſt, doch um keinen Faden feiner, wie es ſich gebuͤhrt; ſie mache die Kleidchen ſelbſt, doch ja nicht aus alten Morgenkleidern und abgeſchafften Ge⸗ waͤndern ihrer Garderobe, ſondern aus derben Stoffen, fuͤr den Sonntag etwa bunt, aber — 5 grob und gemein, wie die Beſtimmung der Pfleglinge. Ohne Zweifel darf dieſe Arbeit nicht neben dem Stickrahmen ſtehen: ſie muß um der Eleganz, und um des Gewiſſens willen, nach den Worten des wohlthaͤtigſten Weiſen ſo geſchehen, daß ſelbſt eine Hand nicht wiſſe, was die andere thut— muß in der Einſamkeit, vielleicht verſtohlen gemacht werden. Aber muß—: ſonſt reicht das Neun⸗ theil nicht hin!— O wie manches gute, weibliche Herz braͤchte einen Tag leidlicher zu⸗ ertruͤg eine Galla mit weniger Langweile, oder braͤchte einen lebenvollern Ausdruck mit in den glaͤnzenden Saal, wenn die ſchwere Sorge es druͤckte: bis Martini muß ich dem Hannchen oder Baͤrbchen, oder wie die kleinen Dinger heißen, noch ſechs Paar Winterſtruͤmpfe ſtrik⸗ ken! Wird dann Baͤrbchen groͤßer, und die Struͤmpfe werden's auch: ſo nimmt die Laſt ab, denn Baͤrbchen ſtrickt ſelbſt mit; aber der Aufwand nimmt nicht ab, denn die liebe Wohl⸗ thaͤterin bezahlt Baͤrbchen die geſtrickten Struͤm⸗ pfe, um ſie fruͤh an das Vergnuͤgen, Geld zu verdienen, zu gewoͤhnen. Bei dieſer Anſtalt 6 kann ſichs denn doch treffen, daß die Dame einmal einen Ballanzug, und dgl. aufopfert: denn Baͤrbchen ſoll jetzt kochen lernen, ſoll bei einer Naͤtherin in die Lehre gethan wer⸗ den— oder, o Freude! Baͤrbchen iſt zwan⸗ zig Jahr alt geworden, heirathet einen braven Handwerksmann, und man ſteuert ſie aus! Dann mit einer ſchoͤnen Dankesthraͤne im Auge, ahnet das wahrhaft edelgeborne Weib, daß Kindeskinder ſie einſt ſegnen werden, weil ſie die Ahnfrau erzog zur Zucht und buͤrgerlichen Tugend—— Den Uebergang von dieſen ſo leicht aus⸗ zufuͤhrenden Traͤumen zu der truͤben Wirklich⸗ keit, welche folgende Blaͤtter darſtellen, wird meinen guten Leſerinnen leicht werden, wenn auch wenig unmittelbare Verbindung zwiſchen ihnen ſeyn ſollte. Und daß Darſtellungen der Wirklichkeit nach eigenen Anſichten ohne Werth ſeyn, kann wol nur poetiſirende Schwaͤrmerei behaupten. Freilich lehren ſie uns noch keine Menſchenkenntnis; ſo wenig ein botaniſches Buch den, der keine Pflanzen erblickt, die Pflanzen kennen lehrt. Betritt er dann aber 2. 1 Felder und Auen, ſo erkennt er an ihren Ab⸗ zeichen die fremdeſte Blume und ſetzt ſie an ihren Platz. So helfen, denk' ich, auch z. B. Darſtellungen einzelner Menſchen, daß man Menſchen im Ganzen beurtheilen lernt. Was ich hier, in dieſer Ruͤckſicht, gebe, enthaͤlt die ſtrengſte Wahrheit. Ich kenne alle erwaͤhnte Perſonen ſeit langen Jahren. Die Geſchichte iſt nicht verſchönt, ſo leicht dies geweſen waͤre; ſie iſt auch nicht einmal von gemeinerm thea⸗ traliſchen Effekt, da alles Intereſſe allmaͤhlich ſinkt: ſie iſt das Bild des Menſchenlebens im Thale des Jammers. Ein wundes Herz laͤßt ſie wahrſcheinlich zuruͤck— wie etwa das Le⸗ ben ſelbſt, wenn das Gefuͤhl nicht fruͤh erſtar⸗ ret iſt! Unterſtuͤtzt aber Johannens Ge⸗ ſchichte meinen Vorſchlag an Frauen von Stand' und Vermögen, ihre Wohlthaͤtigkeit auf die fruͤhere Erziehung armer Kinder, und die beſte Weiſe dieſer Erziehung zu wenden: ſo hatte das traurige Daſeyn dieſes Weſens doch einen Nutzen fuͤr die Menſchheit; ſo wie die Geſchichte der Welten, von hoͤhern, als menſch⸗ lichen Geiſtern geſchrieben, gewiß den Punkt 8 angiebt, wo ſein vergiftetes Erdenleben Mittel oder Bedingung zu ſeinem Fortſchreiten auf der großen Weſenleiter ward.— Die Vorrede iſt zu lang— vergebt es dem zu vollen Herzen!. —- 3 Johannens Vater war aus den öͤſterreichi⸗ ſchen Erblanden. Er war Katholik, ward Je⸗ ſuit, dann Pfarrer. Das Coͤlibat druͤckte ihn, er lief davon und verirrte ſich bis O., in der franzoͤſiſchen Schweiz. Hier gab er ſich eine Zeitlang bei einer Buͤrgerfamilie in Koſt. Man ſagte ihm da nichts Boͤſes nach; ſeine „Hausleute hatten ihn vielmehr lieb. So lange ſeine Familie ihn unterſtuͤtzte, ging das an. Man mochte anfangs hoffen, ihn zuruͤckzufuͤh⸗ ren. Als das nicht gelang, entzog man ihm den Beiſtand; er konnte ſein Koſtgeld nicht bezahlen, und ging ohne Umſtaͤnde davon. Eine Zeitlang ſchweifte er im Lande umher, ging dann zur reformirten Kirche uͤber, ver⸗ liebte ſich in ein junges Maͤdchen, deren Er⸗ —. 9 ziehung und Verwandtſchaft gleich niedrig wa⸗ ren; ſie ward ſchwanger, und er nahm ſie zur Frau. Sein Zuſtand ward nun ſehr elend. Er hatte keinen Erwerb, ſeine Familie ver⸗ folgte ihn mit Vorwuͤrfen und erregte endlich Gewiſſenszweifel uͤber ſeinen doppelten Abfall in ſeinem Gemuͤth. Dem gewoͤhnlichen Gange ſolcher Menſchen gemaͤß, ſuchte er Troſt im Rauſche. Bald verließ er nun auch ſein Weib und reiſte allein in das benachbarte Frankreich⸗ Doch kam er zuruͤck und entfuͤhrte ſeinen Sohn, den er katholiſchen Prieſtern uͤbergab, wo er ſich noch zur Stunde beſindet— ehemals wahrſcheinlich zum Moͤnche beſtimmt, nun ein gemeiner Bettier, dem die ehemaligen Moͤnche ein Gnadenbrot geben.— Jetzt lebte er wie⸗ der einige Jahre mit ſeiner Frau, und wohnte nach einander in mehrern Doͤrfern des Gebir⸗ ges. In dieſer Zeit ward Johanne gebohren. Ihre fruͤhſte Erinnerung ſagte ihr, daß ſie mit ihrem Vater, der den Doktor machte, im Lande umherzog. Er fuͤhrte ſie oft zu katholiſchen „Geiſtlichen und ſchien zu wuͤnſchen, ſie moͤchte zu dieſem Glaubensbekenntnis treten. Die 10— Mutter hatte dagegen einen heftigen Abſcheu und wendete alle Mittel an, das Kind davon abzuhalten. Das Andenken dieſer Jahre mußte ſehr bittere Erinnerungen mitt ſich fuͤhren; ſo oft die Ungluͤkliche davon erzaͤhlte, gerieth ſie in einen Zuſtand, deſſen Heftigkeit den Zuhoͤrer ſtets verhinderte, nach mehrern Umſtaͤnden zu fragen. Sie mochte ſieben oder acht Jahre alt ſeyn, als der Vater wieder durchging. Dieſes mal kam er nicht wieder zuruͤck. Eingezognen Nachrichten zufolge figurirte er als Jakobiner— es war in den erſten Jahren der Revolution— im Elſaß, und ward weiter hin von den truͤ⸗ ben Wogen des Zeitenſtroms verſchlungen. Johannens Mutter zog nun nach C., am Fuß des Gebirgs, zu dem Schulmeiſter, wel⸗ cher ihr Schwager war. Hier lernte Johanne grobe Arbeiten; aber Mutter, Tante und Oheim mißhandelten ſie. Oft lief ſie davon, verkroch ſich in die Waͤlder, entſchloſſen, ſich mit Gras und Waurzein zu naͤhren. Man ſuchte ſie auf, oder Schwaͤche und Hunger fuͤhrten ſie zuruͤck. Dieſe Waͤlder wurden je⸗ doch bald ihr gewoͤhnlicher Aufenthalt, denn — 11 ihre Mutter begab ſich, ihrem Elende von neuem auszuweichen, das ſie durch Arbeitſam⸗ keit zu beſchwoͤren kein Geſchick hatte— zu einem Bruder in das Gebirg. Dieſer miß⸗ handelte ſeine Schweſter und ließ ſeine Nichte hungern. Der Mann hatte allgemein den Ruf eines hartherzigen Böſewichts, und ſeine Kin⸗ der waren ſchon in fruͤher Jugend durch Die⸗ bereien und Unfug jeder Art die Geiſel der Nachbarſchaft. Um ſich ein wahres Bild von dem Nauhen, Wuͤſten und Oeden der ganzen Umgebung Johannens zu machen, muß man auch die Gegend kennen. Es giebt in dieſem Theil des Gebirgs keine Doͤrfer; kleine Bauer⸗ hoͤfe liegen auf Waldwieſen zerſtreut, jeder einzeln, ein Paar Buͤchſenſchuͤſſe oder kleine Viertelſtunden weit von einander. Der Win⸗ ter ſchneidet allen Verkehr mit den Doͤrfern im Thale, oft auch des einen mit dem andern, auf Wochen und noch laͤnger ab. Hier trieb Johanne des Oheims Kuh und zwei Ziegen — ſein aͤrmliches Eigenthum— iim Walde zur Weide. Die Ziegen waren die einzigen Geſchoͤpfe, die ſie nicht von ſich ſchreckten, 12—— oder Verachtung zu ihrem Elend haͤuften.— Johanne erzaͤhlte viele Zuͤge von der Liebe dieſer Thiere. Wenn ſie weinend, den Kopf in ihre Schuͤrze gehuͤllt, im Graſe lag, kam Pluche, ſo hieß die Lieblingsziege, kratzte mit ihrer Pfote die Schuͤrze hinweg, und leckte die naſſen Wangen des armen Kindes. Ja, Johanne verdankte den freundlichen Thie⸗ ren noch mehr, wie Theilnahme an ihrem Kum⸗ mer. Wenn ſie hungrig in den Wald geſchickt ward und mit einem Stuͤck trocknen Brot in der Taſche den Abend erwarten ſollte, erlaub⸗ ten ihr die Ziegen ihre Milch zu ſaugen und ſo ihre elende Nahrung zu verbeſſern. Niicht weit von ihrer Huͤtte wohnte eine alte Witwe, die durch irgend einen Zufall einige Buͤcher beſaß und ſie Johannen lieh. Unter dieſen befand ſich Telemach. Johanne las ihn mit Enthuſtasmus. Wie viel ſie davon verſtand, weiß der Himmel, denn ſie las nicht einmal richtig, verſtand auch viele Worte der Bucherſprache gar nicht; der Sinn mancher ganzen Stellen mußte ihr aber doch deutlich ſeyn, oder auch, ſie legte einen Sinn hinein—: — 13 kurz, ſie wußte ſich beinahe drei Jahrre ſpaͤter mehrerer Stuͤcke gut zu erinnern. Dahin ge⸗ hoͤrte der Niedergang des Helden in die Un⸗ terwelt, die Beſchreibung des Wettſtreits, vor allem aber Philoktets Abſchied aus ſeiner Wild⸗ nis. Dieſe fand ſie einſt in ſpaͤtern Jahren wieder auf, und brachte mit Entzuͤcken das Buch, wobei ſie verſicherte: das ſei die ſchoͤnſte Stelle in dem ganzen Gedicht. Alle Bilder ihrer Einbildungskraft, alle ihre Luf tſchloͤſſer verſetzen ſie auch noch jetzt ſtets in Einoͤden, in Waͤlder, auf Gebirge, und Kuͤhe und Zie⸗ gen werden nie dabei vergeſſen.—— Der harte Oheim behielt Johannen nicht bei ſich. Von ihm verſtoßen, lebte ſie mit ihrer Mutter bald hier, bald dort in den Ge⸗ birgshuͤtten, wo ſie das elende Abhelfen der dringendſten Beduͤrfniſſe mit der Weidung und Pflege des Viehes verdiente. Die Mutter er⸗ trug, außer der Armuth, ſeit mehrern Jahren noch ein ſchweres koͤrperliches Uebel, das jetzt durch unangemeßne Arbeit und die Mißhand⸗ lung ihres barbariſchen Bruders ſchrecklich zu⸗ genommen hatte. Dennoch ſchlich dieſes Jam⸗ 14 merbild, indeß Johanne die Kuͤhe in den Wald trieb, in die Doͤrfer am Fuße des Gebirgs, um Almoſen zu ſammlen. Oft fandte ſie auch ihre Tochter darnach aus: aber dieſe erfuͤllte den Auftrag mit ſolchem Unmuth und Wider⸗ willen, daß ſie wenig Vortheil dabei fand. In ſpaͤtern Zeiten machte ſie ſich oft Vorwuͤrfe, zu der Erleichterung ihrer Mutter ſich dieſer Erniedrigung nicht lieber unterworfen zu haben. Das Uebel dieſer Frau erſtieg endlich den hoͤch⸗ ſten Grad, und fuͤhrte ihren Retter, den Tod, herbei. Die Eigenthuͤmer der Huͤtte waren eben alle abweſend, als Johanne wahrnahm, ihrer Mutter letzte Stunde nahe heran. Das Elend war ſo groß, daß ihr die Tochter nicht einmal Lebensmittel, viel weniger Erquickung reichen konnte. Johanne verſchwieg dieſen Mangel, verſchwieg auch, daß ſie den letzten ſpaͤrlichen Reſt Oehl in die Lampe goß, welche dieſe Todtesnacht erhellen ſollte. Wie die Mut⸗ ter nun ſtarr neben Johannen auf demſelben Lager lag, nun dieſe nicht mehr zu fuͤrchten hatte, ihr Geſchrei moͤchte ſie vom ſchweren Schlafe erwecken, rief ſie die Nachbarn herbei, 15 und von Jammer erſchoͤpft, warf ſie ſich unter die Baͤume ins Gras, wo ſie feſt einſchlief. Die Nachbarn wußten dieſe Unterbrechung ihres Ungluͤcks zu ehren, und ſtoͤrten ſie nicht. Aber neue Beduͤrfniſſe weckten ſie bald, und nirgends zeigte ſich ein Mittel, ſie zu befriedigen. Der Pfarrer ihres Kirchſpiels, der von der Mu ter Beerdigung Wiſſenſchaft nahm, erfuhr auch ihre Lage, und ſeine Schweſter nahm Johan⸗ nen zu ſich ins Haus. Hier litt ſie nun freilich nicht Hunger, aber ihre Lage blieb hoͤchſt betlg⸗ genswerth. Dieſe Schweſter des Pfarrers war eine wohlhabende Gutsbeſitzerin. Sie hatte ſelbſt keine Kinder, ſondern lebte mit einigen Nichten, ihren zukuͤnftigen Erbinnen. Die Familie war nicht einig unter ſich, und keines ihrer Mitglieder hatte Vorzuͤge irgend einer Art, die ihm uͤber das andere ein Uebergewicht ver⸗ ſchafft haͤtten. Zwiſchen dieſer Anarchie und einer armen Verwandten, die man aus Barm⸗ herzigkeit fuͤtterte, ſtand Johanne mitten inne, und war das Spiel der einen, und das Aerger⸗ nis der andern. Auch hier ward wieder eins der Hausthiere der Vermittler zwiſchen dem 16 Elend und ihr. Unter der getheilten Weiber⸗ herrſchaft lebte auch der Mann der einen Nichte im Hauſe— ein ſehr nichtsbedeutender Menſch, der als einziger Mann in der Familie dennoch nicht dazu gelangte, ihr Haupt zu werden. Er hatte eine junge Dogge, die ſein Liebling war, und deren Erziehung Johanne uͤbernahm. Man wußte ihr dieſes Dank, und da ihr das Thier zugethan ward, gewann ſie es lieber, als das ganze uͤbrige Perſonal des Hauſes. Der Zoͤgling ward bald ſtaͤrker, wie ſeine Ver⸗ pflegerin, ſo daß er ſie mit ſeinen toͤlpiſchen Liebkoſungen oft zur Erde warf. Johanne fuͤrchtete und vermied ihn deswegen nicht, ſon⸗ dern war am froheſten, wenn ſie ſich mit ihm und dem jungen Federvieh im benachbarten Weiher herumjagen konnte. Die Unbilligkeit der zahlreichen Herrſchaft 3 ertrug Johanne ziemlich geduldig, ſo weit ſie dieſe Menſchen auch zu uͤberſehen glaubte, und ſo wenig Achtung ſie ihr einfloͤßten: allein zu Mißhandlungen von Seiten des Geſindes wollte ſie ſich nicht bequemen. Wie ſie die Koͤchin alſo einsmals mit Schlaͤgen beleidigte, lief ſie 1⁷7 davon, und nahm ihre Zuflucht wieder zu ihrem Pfarrherrn. Der redliche Mann verſuchte An⸗ fangs ſie wieder zu ihrer Herrſchaft zuruͤck zu 8 bringen; die gute alte Dame war auch nicht ab⸗ geneigt: aber die jungen Nichten beklagten ſich uͤber Johannens Naſeweisheit und Spottſucht, und brachten es dahin, daß ihr das Haus ver⸗ ſchloſſen wurde. Jetzt ſprach der redliche Geiſt⸗ liche das Mitleid einer der angeſehenſten Fami⸗ lien im Dorfe an, und vermochte ſie, Johannen aufzunehmen. Dieſe Familie beſtand aus drei Menſchen, die in jeder Ruͤckſicht Theilnahme und Achtung verdienten. Der Hausherr, ein Mann von Stande, iſt viel gereiſet, hat die feinen Sitten, die Urbanitaͤt de Pancienne cour, mit der Ein⸗ fachheit ſeiner wuͤrdigen Landsleute verbunden. Er lebte viel in der großen Welt, hat Kennt⸗ niſſe, Geſchmack an Wiſſenſchaften, eine ſcho3ͤne Buͤcherſammlung, und verwaltet jetzt, da er ſehr alt iſt, ſeine anſehnlichen Grundſtuͤcke. Guͤte und Redlichkeit ſind die hervorſtechenden Zuͤge ſeines Charakters, Weichheit modiſizirt ihre Aeußerungen. Eine eben ſo betagte unver⸗ J. f. F. II. J. 7. H. 2 der reinſten Guͤte verſchlungen. Man höoͤrt ſie eine Auslaͤnderin von Stand' und Vermoͤgen. heirathete Schweſter fuͤhrte den Haushalt. Dieſe hat ebenfalls ausgezeichnete Verdienſte— eine große Kenntniß der Oekonomie, die wiſſenſchaft⸗ liche Bildung ihres Jahrhunderts, Menſchen⸗ kenntnis und Welterfahrung: aber alles, was ſie weiß und was ſie iſt, wird im Uebermaß reden, man ſieht ſie handeln, man ſieht ihr blaſſes ruhiges Geſicht, ihr blaues ſtilles Auge, und wenn man ſie fragt: was macht ſie? wie iſt ſie? ſo iſt immer die erſte Bemerkung und die letzte: ſie iſt gut! Neben dieſen beiden Menſchen ſteht die Gemalin des Hausherrn, In ihrer Jugend muß ſie einnehmend geweſen ſeyn; ſie ward in der großen Welt erzogen, hei⸗ rathete aus leidenſchaftlicher Liebe, und hatte nie Kinder. Sie iſt auch gut, aber bei ihr em⸗ pfindet und bemerkt man immer, daß ſie Geiſt 3 hat. Ihre Guͤte iſt daher mehr Edelmuth, 3 Eroßmuth, ſie beweiſet die Wahl zwiſchen Gu⸗ tem und Boͤſem, da bloße Guͤte das Boͤſe nicht kennt. In einem Stande erzogen, wo man die Menſchen nur einſeitig kennen lernt, fuͤhrt ſie, 19 durch Zufaͤlle und Geſundheit vermocht, ſchon— lange eine ſo abgezogne Lebensart, daß ihr die Menſchen nach und nach nur noch hiſtoriſch be⸗ kannt ſind. Dabei hat ſie eine eben ſo große Reizbarkeit als Regſamkeit des Geiſtes behal⸗ ten, und noch in der letzten Zeit in ihren Schriften die Leidenſchaften mit den wahrſten und waͤrmſten Farben geſchildert. Ich habe vielleicht nie ſo edel, ſo im Verborgenen, ſo weiſe wohlthun ſehen, wie von dieſer Frau. Auch ſah ich bei einer ſo gefaͤhrlich kuͤhnen Denkungsart nie ſo feſte, einfache Pflichtbe⸗ griffe, die ſie mit einer unendlich eindringen⸗ den Weiſe und im ſchicklichſten Augenblick mit⸗ theilt. Sie kennt weder Vorurtheil noch Men⸗ ſchenfurcht, und wenn ein ſo ſtarker, lebendiger Geiſt nicht zur Vollkommenheit heran reift, erinnert er uns— ſchmerzlich ahnend und ſehnend— an die unerlaßlichen Bedingungen der Menſchheit. Zu dieſer Frau kam nun Johanne, und darum wird man das detaillirte Gemaͤlde von ihr entſchuldigen. Anfangs dachte ſie nicht daran, ſich mit ihr zu beſchaͤftigen. Das 20 Maͤdchen ward unter das zahlreiche Geſinde aufgenommen, und da ſich die Dame nicht mit der Wirthſchaft abgiebt, haͤtte Johanne Jahre lang im Hauſe ſeyn koͤnnen, ohne von ihr aus⸗ gezeichnet zu werden. Der Zufall machte ſie ihr intereſſant. Sie beobachtete ſie, nahm ſie dann von dem Geſinde hinweg in ihr Vorzimmer, und bald machte ſie es ſich zur Beſchaͤftigung, ſie zu lehren, und zum Zeitvertreib ſie ſchwatzen zu hoͤren. Die Dame ſelbſt ſchilderte ſie zu dieſer Zeit in folgenden Zuͤgen. Johanne war, wie ich ſie zu mir nahm, vollwangig, bluͤhend, ohne Scheu. Bei ihrem Anblick beklagte man ihr Ungluͤck; bald fand man ſie aber nicht trau⸗ rig, doch auch nicht demuͤthig genug fuͤr ihren Zuſtand. Es ſchien den Menſchen, als ob ein Maͤdchen, das einen Landlaͤufer zum Vater hatte, deren Vettern und Baaſen Spitzbuben waͤren, ſich in ihrer eignen Meinung unter alle andern herabſetzen ſolle; Johanne, meinten ſie, haͤtte nicht lachen ſollen, wo ſie etwas laͤcherli⸗ ches ſah, oder ihr etwas nur laͤcherlich vorkam; ſie haͤtte nie beleidigt ſeyn ſollen, nie ihren Handſchuh verlieren, ſorgfaͤltig an ihrer Waͤſche 4 21 ausbeſſern, haͤtte nie nach einem ſaubern neuen Anzug verlangen, ſich in ein paar Sekunden ankleiden, im Flug ihr Haar flechten, und gar nicht ahnen ſollen, daß es Spiegel in der Welt gaͤbe! Ein ſolches Geſchoͤpf ſollte niemanden im Wege ſeyn, und allen andern alles aus dem Wege raͤumen.— So ſehr dieſe Darſtellung mit ſchonender Vorliebe verfaßt iſt, ſo zeigt ſie doch, zu welchen Fehlern ſich Johanne hinneigte, und welches die Stimmung ihres Gemuͤths zu jener Zeit ſchon ſeyn mußte. Man erlaube mir doch hier mein Erſtaunen daruͤber auszudruͤcken, daß die Erziehung, welche uns das Schickſal giebt, und die wir mit der gewiſſenhafteſten Sorgfalt un⸗ ſern Kindern geben, oft Reſultate hervorbringt, welche unſern Bemuͤhungen ganz entgegen lau⸗ fen! Johanne, in Armuth, Elend, Druck, Verachtung erzogen, wird eitel, anſpruchsvoll, unachtfam, hochfahrend. Wie konnten dieſe Fehler ſich in der Lage entwickeln? Der See⸗ lenkenner wird es mir vielleicht erklaͤren, in Stunden gluͤcklicher Begeiſterung errathe ich es ſelbſt: aber im Umgang mit Menſchen und Kin⸗ dern kann es mich ſehr unſicher machen uͤber mein Thun!— Johannens Gluͤck waͤr' es wol geweſen, wenn ſie unter rechtlichen, fleißigen Buͤrgerleu⸗ ten mit Guͤte und Strenge die Fertigkeiten einer guten Dienſtmagd oder irgend einen weib⸗ lichen Broterwerb gelernt haͤtte. Aus dieſer Bahn ward ſie von ihrer Wohlthaͤterin ent⸗ fernt. Sie lernte wol weibliche Arbeiten, aber keinen angeſtrengten Fleiß; ſie gewann eine Menge Anſichten, ſie hoͤrte im taͤglichen Leben unter ſo gebildeten Menſchen eine Menge in⸗ tereſſanter Dinge; ſie erwarb unter ſo edeln Menſchen Gefuͤhl fuͤr das Schoͤne, Große: aber bei dem Mangel an Vorbereitung, den das alles in ihrem Gemuͤthe fand, bildete es keine Grundſaͤtze, fuͤhrte es zu keiner richtigen Schaͤtzung ihrer Obliegenheiten, zu keiner ge⸗ ordneten Anwendung ihrer Kraͤfte. Dabei ge⸗ woͤhnte ſie ſich— zwar nicht an die Beduͤrf⸗ niſſe des Luxus, den haben dieſe wunderbaren Menſchen mit einer Art Heroismus aus ihrem Hauſe ausgeſchloſſen; aber an ausgeſuchte Rein⸗ lichkeit, an Ueberfluß des Nothwendigen, wel⸗ 23 cher oft ein recht verfeinerter Luxus iſt; an eine Behandlung von vorbedachter, ſchonender Guͤte. Ihre vortreffliche Beſchuͤtzerin verwech⸗ ſelte unaufhoͤrlich ihr Ungluͤck mit ihrem Ver⸗ dienſt; ſie haͤufte Lob und Wohlgefallen auf ſie, als wolle ſie die ruͤckſtaͤndigen Schulden des Schickſals abzahlen, das ſie in den erſten ſechszehn Jahren ihres Lebens der Vernachlaͤſ⸗ ſigung und der Verachtung Preis gab. Den⸗ noch ſah die wohlmeinende Frau wol ein, daß Johanne darauf denken muͤſſe, ihr Brot zu verdienen. Alle uͤbrigen Mitglieder der Fa⸗ milie ſahen ihrer Zukunft beſorgt entgegen. Ich weiß nicht, was eigentlich den Entſchluß veranlaßte, ſie in B. das Paſtetenbecker⸗Hand⸗ werk— oder die Paſtetenbaͤcker⸗-Kunſt?— lernen zu laſſen. Hier zeigte es ſich ſchon, daß Johanne fuͤr einen gewoͤhnlichen, thaͤti⸗ gen Beruf verdorben war. Sie war in ihrem neuen Aufenthalt empfohlen, ward mit einer Art Auszeichnung empfangen, ihre Arbeit war ſehr leicht: dennoch fand ſie ſich nicht an ihrem Platz. Sie glaubte ſich von aller Welt ver⸗ nachlaͤſſigt und den Muͤhſeligkeiten ihrer Be⸗ ſtimmung nicht gewachſen zu ſeyn. Noch ein Zug aͤußerte ſich damals, der erſt ſpaͤterhin Auf⸗ merkſamkeit erregt hat. Johanne war ſittſam; in dem Hauſe ihrer Wohlthaͤterin hatte ſie ſich an den Umgang mit Maͤnnern gewoͤhnt; ſie er⸗ laubte ſich und ihnen nicht die mindeſte Freiheit. Jetzt fing ſie auf einmal an uͤber Verfolgung von Maͤnnern zu klagen; aͤußerte, der Gegen⸗ ſtand heftiger Leidenſchaft zu ſeyn, und ſich vor Verfuͤhrung ſchuͤtzen zu muͤſſen. In B., wo ſich niemand ſo genau fuͤr das arme Maͤdchen intereſſirte, um weiter nachzuforſchen, erregten dieſe Aeußerungen kein Befremden. Daß ein rothwangiges, friſches Maͤdchen in achtzehnten Jahre, in dieſem Stande, die Aufmerkſamkeit der Maͤnner auf ſich zog, war ſehr alltaͤglich, und da ihre Klagen durch nichts bewieſen wur⸗ den, wurden ſie gar nicht geachtet. Nach einem Jahre ſchilderte ſie ihren Zu⸗ ſtand ſo traurig(ohne jedoch jener Verfolgung von Maͤnnern je zu erwaͤhnen, von welcher ſie auch bei ihrer Ruͤckkehr aus B. ihren naͤchſten umgebungen nichts erzaͤhlte,) und erklaͤrte einen ſolchen Abſcheu vor ihrer Beſtimmung, daß ihre F — tigen Lebensplans mochte der hochfliegende Geiſt vielleicht mochte ſie auch in jugendlichem Leicht⸗ ihr eine Perſon vorzuſchlagen, welche der ſorg⸗ dunkle Augen, ganz huͤbſche Arme— das wa⸗ ren ihre einzigen aͤußern Vorzuͤge. Sie war — 25 Wohlthaͤterin den Plan aufgab und ſie wieder zu ſich berief. In der Ungewißheit ihres kuͤnf⸗ des Maͤdchens ſich wol blos mit ſchwankenden,“ romantiſchen Bildern naͤhren, die bald froh, bald traurig, wie ihre wechſelnde Laune, waren; ſinn uͤber ihr jetziges Wohlbefinden die Zukunft ganz vergeſſen. Nach einiger Zeit bat eine wuͤrdige adeliche Familie aus dem ſuͤdlichen Deutſchland durch eine Mittelsperſon die Wohlthaͤterin Johannens, ſamen Mutter bei der Pflege und Erziehung ihrer Kinder beiſtaͤnde. Sie ſollte mehr Faͤhig⸗ keiten haben, als eine Kindermagd, und weni⸗ ger Anſpruͤche, als eine Gouvernante, aber vom Geſinde ganz getrennt werden. In dieſem Zeitpunkt lernte ich Johannen perſoͤnlich kennen. Sie war damals neunzehn bis zwanzig Jahr alt und ſehr klein; ein friſcher Teint, hoͤchſt lebhafte aufbrauſend lebhaft, ſprach raſch, ſehr gut, ja 26— ziemlich uͤberredend, hatte oft reparties, ſagte viel Unuͤberlegtes, doch weder etwas Verworre⸗ nes, noch etwas Einfaͤltiges. Im Schreiben fehlte es ihr weder an Leichtigkeit, noch an An⸗ muth: aber von Rechtſchreibung hatte ſie keinen Beariff, ungeachtet aller Muͤhe, welche ihre Wohlthaͤterin auch in dieſer Ruͤckſicht an ſie wandte. Der Haß alles Zwanges und die Regelloſigkeit aller Begriffe ſchien ſich in ihr ſogar bis auf die Rechtſchreibung zu erſtrek⸗ ken. Sie war ſehr reinlich, aber geſchmack⸗ los in ihrer Kleidung. Offenbar paßte ſie fuͤr ihre Lage nicht, ſo billig die Forderungen wa⸗ ren, die man an ſie machte, und ſo leutſelig und nachſichtig man ſie behandelte. Sie ver⸗ gaß unaufhorlich die untergeordnete Stelle, welche ihr in der Geſellſchaft zukam; ſie ver⸗ langte nicht mehr zu ſeyn, als ſie war, aber ſie erwartete durch ihre Verdtenſte uͤberall mehr zu gelten. Sie miſchte ſich in jede Unterhal⸗ tung und nahm ohne Ruͤckſicht die Hauptſtelle dabei ein. Da es ihr durch Unbefangenheit und lebhaften Geiſt, auch durch die Fertigkeit der Sprache, vor manchem andern deutſchen —— ₰— — 2 7„ Mitglied der Geſellſchaft damit ſehr gelang, mußte ſie ſich ſelbſt in der gefaͤhrlichen Taͤu⸗ ſchung erhalten, daß auch andere ihre ſchmei⸗ chelhaften Erwartungen einer romantiſchen Zu⸗ kunft guthießen. So ſchicklich ihr Betragen gegen Maͤnner war, ſo ſehr wuͤnſchte ſie den⸗ noch zu gefallen, und aͤußerte oft gegen eine ſehr vernuͤnftige Landsmaͤnnin die Bemerkung: daß ſie ja nicht das erſte arme Maͤdchen ſeyn wuͤrde, die durch Vorzuͤge einen vornehmen Mann gefeſſelt haͤtte. So phantaſtiſch ihre Begriffe uͤber ihren Platz in der Geſellſchaft waren, ſo ungeordnet waren ihre Urtheile uͤber religioͤſe Gegenſtaͤnde, und mit gleicher Unvorſichtigkeit aͤußerte ſie ſich uͤber beide. Alle dieſe Verkehrtheiten haͤtte die Ueberlegen⸗ heit, die Billigkeit und Guͤte ihrer ſchaͤtzens⸗ werthen Herrſchaft vielleicht noch lange ertra⸗ gen: aber das ſchlimmſte war, daß Johanne nicht die geringſte Anhaͤnglichkeit an ihre Zoͤg⸗ linge hatte und mit inconſequenter Leidenſchaft⸗ lichkeit mit ihnen umging. Mit eben ſo ruͤck⸗ ſichtloſer Heftigkeit ſtritt ſte gegen ihre Dame ſelbſt— wodurch denn die Verhaͤltniſſe ſo laͤſtig wurden, daß Johanne nach zwei Jäh⸗ ren dieſes Haus auf ihren eigenen Antrieb verließ. Sie trat nun als Gouvernante in eine vornehmere Familie, wo eine einzige Tochter ihrer Sorgfalt uͤbergeben ward. Anfangs aͤu⸗ ßerte ſie ſehr viel Zufriedenheit uͤber dieſe Ver⸗ änderung, machte auch in einigen Briefen an eine altere Frau, welche ihr Betragen gegen ihre erſte Herrſchaft ſehr ſtreng mißbilligte, eine prunkhafte Beſchreibung ihrer Lage, und das zu einer Zeit, wo ſie ſchon gegen Andere Unzufriedenheit daruͤber aͤußerte. Die Antwort auf dieſen Brief enthielt ſehr ernſthafte Leh⸗ ren, trockne Verweiſe, und uͤber dieſe erklaͤrte ſich Johanne ſchriftlich auf eine Art, die, haͤtte man ſonſt den geringſten Verdacht gehabt, auf eine vollkommne Verſtandesverruͤckung haͤtte ſchließen laſſen. Da dieſer Gedanke aber ganz unſtatthaft war, hielt die Korreſpondentin Jo⸗ hannens Aeußerungen fuͤr das Uebermaß thoͤ⸗ richter Eitelkeit und unverdaueter Begriffe. In dem Hauſe, wo Johanne jetzt lebte, hhatte ſie oft Gelegenheit, ein paar junge An⸗ 29 verwandte ihrer Herrſchaft zu ſehen— junge Leute von Stand, die aber, wie man ſpaͤter⸗ hin auf die unzweifelhafteſte Weiſe erfuhr, Jo⸗ hannen nicht aufgeſucht hatten, ihrem ſittſa⸗ men Betragen auch das beſte Zeugnis gaben, und aufrichtig geſtanden, daß ſie wenig Anzie⸗ hendes fuͤr ſie gehabt haͤtte. Johanne, die ihre erſte Herrſchaft oft beſuchte, fing ſehr bald an uͤber manche Unannehmlichkeit ihrer Lage zu klagen, bald aber die abentheuerlichſte Aengſtlichkeit uͤber die Verfolgungen auszudruͤk⸗ ken, welche ihr die Leidenſchaft eines dieſer jungen Verwandten zuzoͤge. Ihren Aeuſſerun⸗ gen nach wurde um ihretwillen eine Menge Kunſtgriffe aus ſpaniſchen Novellen entlehnt. Serenaden, Strickleitern, Nachſchluͤſſel, und gluͤcklich abgewendete naͤchtliche Ueberfaͤlle wa⸗ ren im Spiel. Die guͤtige Dame, welcher ſie dieſe Dinge anvertraute, begriff ſie nicht recht; vermuthete wol, daß Johannens Ein⸗ bildungskraft ſehr thaͤtig dabei ſei, hielt es aber fuͤr ſehr moͤglich, daß ein leichtſinniger Jüngling des Maͤdchens romanhafte Neigung zu ſeinem Zeivertreib benutze. Gluͤcklicherweiſe 30 1 ſchickte man die Gouvernante mit ihrem Zoͤg⸗ ling nach einiger Zeit auf das Land. Ihre erſte Herrſchaft hoffte die beſte Wirkung von der Entfernung, der Luft, der Zerſtreuung— wie ſehr ward ſie alſo beſtuͤrzt, als man ihr nach vierzehn Tagen oder drei Wochen Jo⸗ hannens Ruͤckkehr und die Nachricht meldete, ſie ſei in einen voͤlligen Wahnſinn ver⸗ fallen! Bald darauf kam Johanne ſelbſt zu der braven Dame und uͤberzeugte ſie nur zu ſehr von der Wahrheit jenes Berichts. Sie hatte alle Traͤumereien, welche ſie ſeit einiger Zeit beſchaͤftigten, auf dem Lande fortgeſetzt, hatte ihre Pflegbefohlne ganz vernachlaͤſſigt, und die lebloſe Natur, und Voͤgel, Fliegen, zu ihrem Augenmerk gemacht. Dieſe waren ihr Boten ihrer Lieblinge oder Mitſchuldige ihrer Verfolger. Sie unterredete ſich mit ihnen und ſchien ſie wieder zu kennen. Sie bezeigte den lebhafteſten Abſcheu, wieder zu ihrem Zoͤgling zuruͤck zu gehen, und vermochte dadurch ihre erſte Herrſchaft, ſie wirklich bei ſich zu behal— ten. Man zog den Arzt zu Rathe, der aber wahrſcheinlich nicht tief in die Sache eindrang, — 31 fondern ihr die Ruͤckkehr in ihr Vaterland an⸗ rieth. Johanne hatte auf dem Fleckchen Erde, das ſie geboren werden ſah, kein befreundetes Weſen, als ihre erſte Wohlthaͤterin. An dieſe wendete man ſich, und ſie war bereit, ſie wie⸗ der aufzunehmen. Ueber dieſe Unterhandlung gingen einige Wochen hin, in welchen Johan⸗ nens Zuſtand in ſofern ruhiger ward, als die wuͤrdige Familie, die ſie verpflegte, mit einer ruͤhrenden Menſchenfreundlichkeit alle Anrei⸗ zung von ihr entfernte. Wenn man nun die⸗ ſen Zuſtand mit den Aeußerungen vorherge⸗ gangner unbewachter Augenblicke zuſammen⸗ hielt, ſo war die Grenze, wo ihre Vernunft in Wahnſinn uͤbergegangen war, ſehr ſchwer zu finden. Oft war man verſucht zu glauben, der Keim ihres Uebels habe von jeher in ihrer Ueberſpannung, in ihrer Verkehrtheit gelegen, ſo wie jetzt ihr Wahnſinn wieder oft wie bos⸗ hafte Verkehrtheit ausſahe. Ihre immer wie⸗ derkehrenden Ideen waren Rache, Herrſchſucht, und die Ueberzeugung, von Maͤnnern aus Liebe, von Weibern aus Neid verfolgt zu ſeyn. Trau⸗ rig war es, daß keine Spur von Gut⸗ herzigkeit in ihren Phantaſien lag. Die Erinnerung keiner Wohlthat ſloͤßte ihr Dank ein, der Charakter keines Bekannten gewann ihr Liebe oder Achtung ab: Mißtraun, Be⸗ ſchuldigung traf einen jeden; und die Plane ihrer Rache verkuͤndigte ſie mit wahrer Begei⸗ ſterung einer Prophetin. Das gelbe Fieber, welches damals eben in vielen Koͤpfen ſpukte, war einer der Werkzeuge ihres Zorns; und Kronen, die ſie verſchenken wollte, ruheten auch in ihrer Hand. Merkwuͤrdig war es dabei, daß ſie— ith moͤchte ſagen, in ihrer innern Phantaſie, die Bilder einer andern ſelbſt er⸗ zaͤhlte und laͤcherlich machte, ſie fuͤr bloße Ver⸗ ruͤcktheit erklaͤrte, ſo daß man oft geneigt war zu glauben, daß auch vorſaͤtzlicher Unſinn mit unterlief. Sie ſah in dieſer Zeit ſchlecht aus, ward ſehr mager, war von laͤſtigem Antrieb des Blutes gegen den Kopf geplagt, und ihre lebhaften Augen verloſchen. Nach wenigen Wochen reiſete ſie nach ihrem Vaterlande, zu ihrer erſten Wohlthaͤterin ab. Ihr Kopf ward ſchon bei ihrer Ankunft offenbar ruhiger, allein die Verwirrung ihres Gehirns ſchien gleichſam in ihr Herz uͤbergegangen zu ſeyn. Sie aͤußerte ſich in Neid, Zankſucht, und dem beleidigend⸗ ſten Mißtrauen, welches Unfrieden und Wider⸗ willen bei allen um ſie her erregte. Mit dem Unſinn ihrer Reden hatte ihre arme Wohlthaͤte⸗ rin unablaͤſſige Geduld gehabt, ihre abentheuer⸗ lichen Beſorgniſſe hatte ſie mit Vernunft abzu⸗ lenken geſucht: aber die Ausbruͤche eines lieblo⸗ ſen Herzens konnte ſie nicht ertragen. Man gab Johannen in ein anſtaͤndiges Haus in die Koſt; man ſuchte ſie nach und nach zu weibli⸗ chen Beſchaͤftigungen zu gewoͤhnen. Jetzt iſt ſie nicht mehr unſinnig, aber ihre Verkehrtheit iſt uͤbergroß, und ihr Gemuͤth verderbt, weil ihr Verſtand niedrige Neigungen nicht mehr zuͤgelt. So lange die wuͤrdige Frau, welche ſie zuerſt dem Elende entriß, lebt, wird ſie nie Mangel leiden, und das iſt ſie ihr wol ſchul⸗ dig: aber ſich ſelbſt uͤberlaſſen, wie ſie iſt, und grade durch die Art ihrer Verruͤcktheit gegen ihre Vereinzelung um ſo empfindlicher, iſt Man⸗ gel vielleicht nicht das Schrecklichſte, was dem armen, zerſtoͤrten Geſchöpfe droht! Ihre Ge⸗ ſundheit ſcheint in Auszehrung ausarten zu J f. F. II. J. z. H. 3 44 wollen, und gewiß iſt ein baldiger Tod das Wuͤnſchenswuͤrdigſte fuͤr ein Weſen, deſſen Da⸗ ſein auf Erden dem beſchraͤnkten menſchlichen Forſcher als eine fuͤrchterliche Frage auffaͤllt, deren Antwort nur jenſeits der Graͤber gefun⸗ den werden kann. T. F. (Verfaſſerin des Maͤrchens im 8ten Stuͤck des erſten Jahrgangs.) Weiblicher Sinn. Was ſanft und mild und mit beſcheidner Sitte Zum Ernſt des Lebens reiht das heitre Spiel, Und an den frommen Wunſch die zarte Bitte: Es iſt das ſchoͤne weibliche Gefuͤhl. Was ſorglos um des Lebens Bluͤthen webet, Still pflegend jeden koſtlichen Gewinn, Und unbewußt zum Schoͤnen ſich erhebet: Es iſt des Weibes unbefangner Sinn. Was anſpruchlos der Kraft des Mannes weichet, Erröthend, die ſie ſanft verzeiht, der Schuld; Durch milde Nachſicht ſtets ihr Ziel erreichet: Es iſt des Weibes freundliche Geduld. Was uͤberwallt in heilig ſuͤße Thraͤnen, Wird zaͤrtlich es geruͤhrt von Luſt und Schmerz, Von nahem Gluͤck, von niegeſtilltem Sehnen: Es iſt des Weibes zartbeſaitet Herz. Was demuthsvoll auf neue Hoffnung ſchauet, Iſt ihm des Gluͤckes Augenblick verbluͤht, Und kindlich einer hoͤhern Macht vertrauet: Es iſt das hohe weibliche Gemuͤth. Was Honig ſaugt aus jeder Lebensblume, Des ſtrengen Richters Urtheil mildern heißt, Und ſich das Rechte waͤhlt zum Eigenthume: Es iſt des Weibes engelreiner Geiſt. Was ew'gen Einklang in ſich ſelbſt gefunden, Sich heiter ſtets der ſtrengen Pflicht ergiebt, Geſtaͤrkt von der Erinn'rung ſchöner Stunden: Es iſt das Herz des Weibes, wenn es liebt! Schreiber. 4 e h r e⸗ — Nicht entfremdet von dir iſt das Gluͤck und das Leben; es weilet wo du nur biſt, um dich, ſchmiegt ſich vertrau⸗ 3 lich dir an. Aber es duldet nimmer die haſtige, rauhe Beruͤh⸗ rung; ſchnell entflattert es dir, greifſt du begierig darnach. Zart iſt das Leben, zart nur ſei die keuſche Umar⸗ mung, die du ihm bieteſt, und zart ſei der verſtohlene Kuß. Heinroth. 38 Der große Kritiker aͤber die Weiber.*) Wir waren eben mit Hippels Buch uͤber die Ehe zu Ende; die Geſellſchaft blieb noch ſitzen und gab allerlei uͤber dies Allerlei. Daß Maͤnner ſo gern, und folglich ſo viel uͤber uns ſchreiben, ſagte unter anderm Mad. A.— das iſt leicht zu erklaͤren; daß aber wir Weiber nach dergleichen Schriften ſo geizen, da wir doch alle im voraus wiſſen, wir kommen faſt uͤberall ſchlechter weg, wenn man uͤber uns ſchreibt, als wenn man mit uns lebt— das iſt wunderlich. Es fehlte aber auch hier nicht an Erklaͤ⸗ rern; das Geſpraͤch wendete ſich wieder zu jenem Buche ſelbſt, und Jemand erinnerte *) Man bittet, dieſen Aufſatz ganz zu leſen, ehe man daruͤber abſpricht oder Spaͤße macht. 39 daran, daß Hippel ſein Beſtes— und zwar nicht etwa nur ſeine gruͤndlichſten Raiſo⸗ne⸗ ments, ſondern auch viele ſeiner ſchaͤrfſten Blicke ins Herz, ſeiner feinſten Bemerkungen, ſelbſt ſeiner witzigen, muntern Wendungen, dem großen Kritiker des vorigen Jahrhunderts ver⸗ danke— Wer iſt dieſer große Kritiker? fragte Ma⸗ dame A. 4 Kant. Wie? wer? Kant? Ihm verdankte Hip⸗ pel... 2 Sie ſcherzen! riefen die Frauen, die es bei dieſem Namen ein wenig zu ſchau⸗ dern ſchien— ich weiß nicht, ob vor Furcht oder vor Froſt. Man redete ihnen zu; verſi⸗ cherte, daß, wenn Schiller vom Dichter ſage: er habe alles geſehn, was auf Erden geſchieht — dies gewiß mit gleichem Recht vom wah⸗ ren Philoſophen zu behaupten ſei— was man denn hingehen ließ, da man nicht recht wußte, was es ſagen wolle; und daß endlich Kant ſogar uͤber das Schoͤne wirklich ſchoͤn, uͤber das Leichte leicht, uͤber das Feine fein— folg⸗ lich uͤber Weiber, wie es ſeyn ſolle, zu ſchrei⸗ 40—— ben verſtanden habe— was man denn nicht hingehen ließ, da man zu wiſſen glaubte, es ſei geradezu unmoͤglich. Ein Theil erbot ſich zu Beweiſen, der andere widerſtrebte, und zwar recht huͤbſch laut: bis endlich Mad. A. wieder das Wort nahm und ſagte: Dem ſei, wie ihm wolle; aber Wunders halber moͤcht; ich doch uͤberaus gern wiſſen, was dieſer— gerade dief r große, ganz eigene, ſtrenge, fel⸗ ſenfeſte Mann von uns gedacht hat! „Das koͤnnen Sie ſehr leicht erfahren. Was er gedacht hat, hat er geſchrieben; ſo leſen Sie denn... Man nahm das von neuem fuͤr Spott, wenigſtens fuͤr Neckerei, und ſo beſchloß denn jener Mann, um ſich zu vertheidigen und den Wunſch ſeiner Freundin zu befriedigen, aus Kants Schriften, das, was uͤber Weiber fuͤr Weiber ſeyn kann, mit des Philoſophen eigenen Worten aus⸗ zuziehen und ſo gut als ihm moͤglich zuſam— menzuſtellen. Er brachte folgenden Aufeatz, verſprach den Zuhoͤrern und Zuhoͤrerinnen nicht nur eine leichtfaßliche, ſondern auch heitere, belebende Vorleſung; man fand dieſe am Ende — 41 wirklich ſo, und in einem uͤberraſchend hohen Grade: da glaubte er denn auch Andern mit der Mittheilung derſelben vielleicht nicht unge⸗ faͤllig zu ſeyn. Wer das weibliche Geſchlecht zuerſt unter dem Namen des ſchoͤnen begriffen hat, kann vielleicht nur etwas Schmeichelhaftes haben ſagen wollen: aber er hat es beſſer getroffen, als er ſelbſt geglaubt haben mag. Denn ohne in Erwaͤgung zu ziehen, daß die Geſtalt bei ihm uͤberhaupt feiner, die Zuͤge zaͤrter und ſanfter, die Mienen im Ausdrucke der Freund⸗ lichkeit, des Scherzes und der Leutſeligkeit be⸗ deutender und einnehmender ſind, als bei dem maͤnnlichen Geſchlechte; ohne auch das zu ver⸗ geſſen, was man fuͤr die geheime Zauberkraft abrechnen muß, wodurch die Weiber unſere Leidenſchaft zum vortheilhaften Urtheile fuͤr ſie geneigt machen: ſo liegen vornehmlich in dem Gemuͤthscharakter dieſes Geſchlechts eigenthuͤm⸗ liche Zuͤge, die es von dem unſern deutlich un⸗ ₰ 42 terſcheiden, und die darauf hauptſaͤchlich hin⸗ auslaufen, ſie durch das Merkmal des Schoͤ⸗ nen kenntlich zu machen. Andrerſeits koͤnnten wir auf die Benennung des edlen Geſchlechts Anſpruch machen, wenn es nicht auch von einer edlen Gemuͤthsart erfordert wuͤrde, Eh⸗ rennamen abzulehnen, und ſie lieber zu erthei⸗ len, als zu empfangen. Hierdurch wird nun nicht verſtanden, daß die Weiber edler Eigen⸗ ſchaften ermangelten, oder die Maͤnner der Schoͤnheit gaͤnzlich entbehren muͤßten; vielmehr erwartet man, daß ein jedes Geſchlecht beide vereinbare, doch ſo, daß von einem Frauen⸗ zimmer alle andere Vorzuͤge ſich nur dazu ver⸗ einigen ſollen, um den Charakter des Scho⸗ nen zu erhoͤhen, welcher der eigentliche Bezie⸗ hungspunkt iſt, und dagegen unter den maͤnn⸗ lichen Eigenſchaften das Erhabene, als das Kennzeichen ſeiner Art, deutlich hervorſteche. Hierauf muͤſſen alle Urtheile von dieſen zwei Gattungen, ſowol die ruͤhmliche, als die des Tadels ſich beziehen. Alle Erziehung und Un⸗ terweiſung muß dieſes vor Augen haben und alle Bemuͤhung, die ſittliche Vollkommenheit des 43 einen oder des andern zu befoͤrdern; wo man nicht den reizenden Unterſchied unkenntlich machen will, den die Natur zwiſchen zwei Menſchengattun⸗ gen hat treffen wollen. Denn es iſt hier nicht genug ſich vorzuſtellen, daß man Menſchen vor ſich habe: man muß auch zugleich nicht aus der Acht laſſen, daß dieſe Menſchen nicht von einer⸗ lei Art ſind. 3 Die Weiber haben ein angebornes ſtaͤrkeres Gefuͤhl fuͤr alles, was ſchoͤn, zierlich und ge⸗ ſchmuͤckt iſt. Schon in der Kindheit ſind ſie gern geputzt und gefallen ſich, wenn ſie geſchmuͤckt ſind. Sie ſind reinlich und ſehr zaͤrtlich in An⸗ ſehung alles deſſen, was Ekel verurſacht. Sie lieben den Scherz, und koͤnnen durch Kleinigkei⸗ ten, wenn ſie nur munter und lachend ſind, un⸗ terhalten werden. Sie haben ſehr fruͤh ein ſitt⸗ ſames Weſen an ſich, wiſſen ſich einen feinen Anſtand zu geben, und beſitzen ſich ſelbſt; und dieſes in einem Alter, wenn unſere wohlerzogene maͤnnliche Jugend noch unbaͤndig, toͤlpiſch und verlegen iſt. Sie haben viel theilnehmende Em⸗ pfindungen, Gutherzigkeit und Mitleiden, zie⸗ hen das Schöne dem Nüͤtzlichen vor, und wer⸗ 3 44 den den Ueberfluß des Unterhalts gern in Spar⸗ ſamkeit verwandeln, um den Aufwand auf das Schimmernde und den Putz zu unterſtuͤtzen. Ste ſind von ſehr zaͤrtlicher Empfindung in An⸗ ſehung der mindeſten Beleidigung, und uͤber⸗ aus fein, den geringſten Mangel der Aufmerk⸗ ſamkeit und Achtung gegen ſie zu bemerken. Kurz, ſie enthalten in der menſchlichen Natur den Hauptgrund der Abſtechung der ſchoͤnen Ei⸗ genſchaften mit den edeln, und verfeinern ſelbſt das maͤnnliche Geſchlecht. Man wird mir hoffentlich die Herzaͤhlung der maͤnnlichen Eigenſchaften, in ſo fern ſie jenen parallel ſind, ſchenken, und ſich befriedi⸗ gen, beide nur in der Gegeneinanderhaltung zu betrachten.. Das ſchoͤne Geſchlecht hat eben ſo wol Ver⸗ ſtand, als das maͤnnliche, es iſt nur ein ſchoͤ⸗ ner Verſtand, der unſrige ſoll ein tiefer Verſtand ſeyn, welches ein Ausdruck iſt, der einerlei mit dem Erhabenen bedeutet—— Zur Schoͤnheit aller Handlungen gehoͤrt vor⸗ nehmlich, daß ſie Leichtigkeit zeigen und ohne peinliche Bemuͤhung ſcheinen vollzogen zu wer⸗ 45 den; bagegen Beſtrebungen und uͤberwundene Schwierigkeiten Bewunderung erregen und zum Erhabenen gehoͤren. Tiefes Nachſinnen und eine lange fortgeſetzte Betrachtung, muͤh⸗ ſames Lernen oder peinliches Gruͤbeln, wenn es gleich ein Frauenzimmer darin hoch brin⸗ gen ſollte, vertilgen die Vorzuͤge, die ihrem Geſchlecht eigenthuͤmlich ſind, und koͤnnen ſie wol, um der Seltenheit willen, zum Gegen⸗ ſtande einer kalten Bewunderung machen, aber ſie werden zugleich die Reize ſchwaͤchen, wo⸗ durch ſie ihre große Gewalt uͤber das andere Geſchlecht ausuͤben. Ein Frauenzimmer, das den Kopf voll Griechiſch hat, wie Madame Dacier, oder das uͤber die Mechanik grand⸗ liche Streitigkeiten fuͤhrt, wie die Marxquiſin von Chaſtelet, mag nur immerhin noch einen Bart dazu haben; denn dieſer wuͤrde vielleicht die Miene des Tiefſinns noch kenntlicher aus⸗ druͤcken, um welchen dieſe ſich bewarben. Der ſchoͤne Verſtand waͤhlt zu ſeinen Gegenſtaͤnden alles, was mit dem feinern Gefuͤhl nahe ver⸗ wandt iſt, und uͤberlaͤßt abſtrakte Spekulatio⸗ nen oder Kenntniſſe, die nuͤtzlich aber trocken ſind, dem emſigen, gruͤndlichen und tiefen Ver⸗ ſtande. Frauen werden demnach keine Geo⸗ metrie lernen, und von Problemen der Spe⸗ kulation nur ſo viel, als noͤthig iſt, um Spott⸗ gedichte zu verſtehn, die die ſeichten Gruͤbler unſers Geſchlechts durchziehen—— Es ſcheint eine boshafte Liſt der Maͤnner, wenn ſie das ſchoͤne Geſchlecht zu jenem ver⸗ kehrten Geſchmacke haben verleiten wollen. Denn wol bewußt ihrer Schwaͤche, in Anſe⸗ hung der natuͤrlichen Reize deſſelben, und daß ein einziger ſchalkhafter Blick ſie mehr in Ver⸗ wirrung ſetze, als die ſchwerſte Schulfrage, ſehen ſie ſich, ſo bald das Weib in dieſen Ge⸗ ſchmack einſchlaͤgt, in einer entſchiedenen Ueber⸗ legenheit, und ſind in dem Vortheile, den ſie ſonſt ſchwerlich haben wuͤrden, mit einer groß⸗ muͤthigen Nachſicht den Schwaͤchen der weib⸗ lichen Eitelkeit aufzuhelfen. Der Inhalt der großen Wiſſenſchaft des Weibes iſt vielmehr der Menſch, und unter den Menſchen der Mann. Ihre Weltweisheit iſt nicht Vernuͤnf⸗ tein, ſondern Empfinden. Bei der Gelegen⸗ heit, die man ihnen geben will, ihre ſchoͤne 47 Natur auszubilden, muß man dieſes Verhaͤlt⸗ nis jederzeit vor Augen haben. Man wird ihr geſammtes moraliſches Gefuͤhl und nicht ihr Gedaͤchtnis zu erweitern ſuchen, und zwar nicht durch allgemeine Regeln, ſondern durch eigenes Urtheil uͤber das Betragen, welches ſie um ſich ſehen. Die Beiſpiele, die man aus andern Zeiten entlehnet, um den Einfluß einzuſehen, den das ſchoͤne Geſchlecht in die Weltgeſchaͤfte gehabt hat; die mancherlei Ver⸗ haͤltniſſe, worin es in andern Zeitaltern oder in fremden Landen gegen das maͤnnliche geſtan⸗ den; der Charakter beider, ſo fern er ſich hier⸗ durch erlaͤutern laͤßt, und der veraͤnderliche Geſchmack der Vergnuͤgungen, machen ihre ganze Geſchichte und Geographie aus. Es iſt ſchoͤn, daß einem Frauenzimmer der Anblick einer Charte, die entweder den ganzen Erd⸗ kreis oder die vornehmſten Theile der Welt vorſtellt, angenehm gemacht werde. Dieſes geſchieht dadurch, daß man ſie nur in der Abſicht vorlegt, um die unterſchiedlichen Cha⸗ raktere der Voͤlker, die ſie bewohnen, die Ver⸗ ſchiedenheiten ihres Geſchmacks und ſittlichen 4 8 9—— Gefuͤhls, vornehmlich in Anſehung der Wir⸗ kung, die dieſe auf die Geſchlechterverhaͤltniſſe haben, dabei zu ſchildern, mit einigen leichten Erlaͤuterungen aus der Verſchiedenheit der Him⸗ melsſtriche, ihrer Freiheit oder Sklaverei. Es iſt wenig daran gelegen, ob ſie die beſondern Abtheilungen dieſer Laͤnder, ihr Gewerbe, ihre Macht, ihre Beherrſcher wiſſen oder nicht. Eben ſo werden ſie von dem Weltgebaͤude nichts mehr zu kennen noͤthig haben, als noͤ⸗ thig iſt, den Anblick des Himmels an einem ſchoͤnen Abende ihnen ruͤhrend zu machen, wenn ſie einigermaßen begriffen haben, daß noch mehr Welten und daſelbſt noch mehr ſchoͤne Geſchöpfe anzutreffen ſeyn. Gefuͤhl fuͤr Ge⸗ maͤlde von Ausdruck, und fuͤr die Tonkunſt— nicht in ſo fern ſie Kunſt, ſondern Empfin⸗ dung aͤußert— alles dieſes verfeinert oder erhebt den Geſchmack dieſes Geſchlechts, und hat jederzeit einige Verknuͤpfung mit ſittlichen Regungen. Niemals ein kalter und ſpekulati⸗ ver Unterricht! jederzeit Empfindungen, und zwar die ſo nahe wie moͤglich bei ihrem Ge⸗ ſchlechtsverhaͤltniſſe bleiben! Dieſe Unterwei⸗ —9 49 * ſung iſt darum ſo ſelten, weil ſie Talente, Er⸗ fahrenheit und ein Herz voll Gefuͤhl erfodert, und jeder andern kann das Weib ſehr wohl ent⸗ behren, wie es denn auch ohne dieſe ſich von ſelbſt gemeiniglich ſehr wohl ausbildet. Die Tugend der Weiber iſt eine ſchoͤne Tugend. Die des maͤnnlichen Geſchlechts ſoll eine edle Tugend ſeyn. Sie werden das Boͤſe vermeiden, nicht weil es uncecht, ſon⸗ dern weil es haͤßlich iſt, und tugendhafte Hand⸗ lungen bedeuten bei ihnen ſolche, die ſittlich ſchoͤn ſind. Nichts von Sollen, nichts von Muͤſſen, nichts von Schuldigkeit. Den Wei⸗ bern iſt entſchiedenes Befehlen, muͤrriſcher Zwang unleidlich. Sie thun Gutes darum, weil es ihnen ſo beliebt, und die Kunſt beſteht darinnen, zu machen, daß ihnen nur dasjenige beliebe, was gut iſt. Ich glaube ſchwerlich, daß das ſchoͤne Geſchlecht feſter Grundſaͤtze faͤhig ſei, und ich hoffe dadurch nicht zu beleidigen, denn dieſe ſind auch aͤußerſt ſelten beim maͤnnlichen. Da⸗ fuͤr aber hat die Vorſehung in ihrem Buſen guͤ⸗ tige und wohlwollende Empfindungen, ein fei⸗ nes Gefuͤhl fuͤr Anſtaͤndigkeit, und eine gefaͤllige J. f. F. II. J. 7. H. 4 Seele gegeben. Man fodere ja nicht Aufopfe⸗ rungen und großmuͤthigen Selbſtzwang. Ein Mann muß es ſeiner Frau niemals ſagen, wenn er einen Theil ſeines Vermoͤgens um einen Freund in Gefahr ſetzt. Warum will er ihre muntere Geſpraͤchigkeit feſſeln, dadurch, daß er ihr Gemuͤth mit einem wichtigen Geheimnis belaͤſtiget, deſſen Aufbewahrung ihm allein ob⸗ liegt? Selbſt viele von ihren Schwachheiten ſind, ſo zu reden, ſchoͤne Fehler. Beleidigung oder Ungluͤck bewegen ihre zarte Seele zur Weh⸗ muth. Der Mann muß niemals andere, als großmuͤthige Thraͤnen weinen. Die, ſo er in Schmerzen oder uͤber Gluͤcksumſtaͤnde vergießt, machen ihn veraͤchtlich. Die Eitelkeit, die man dem ſchoͤnen Geſchlecht ſo vielfaͤltig vorruͤckt— wofern ſie ja an demſelben ein Fehler iſt, ſo iſt ſie nur ein ſchoͤner Fehler. Denn zu geſchwei⸗ gen, daß die Maͤnner, die den Weibern ſo gern ſchmeicheln, uͤbel daran ſeyn wuͤrden, wenn dieſe nicht geneigt waͤren, es wohl aufzunehmen, ſo beleben ſie dadurch wirklich ihre Reize. Dieſe Neigung iſt ein Antrieb, Annehmlichkei⸗ ten und den guten Anſtand zu zeigen, ihren 51 muntern Witz ſpielen zu laſſen, durch die ver⸗ aͤnderlichen Erfindungen des Putzes zu ſchim⸗ mern, und ihre Schoͤnheit zu erhoͤhen. Hierin iſt nun ſo gar nichts Beleidigendes fuͤr Andere, ſondern vielmehr, wenn es mit gutem Geſchmack gemacht wird, ſo viel Artiges, daß es ſehr un⸗ gezogen iſt, dagegen mit muͤrriſchem Tadel los⸗ zuziehen. Ein Frauenzimmer, das hierin gar zu flatterhaft und gaukelnd iſt, heißt eine Naͤr⸗ rin— welcher Ausdruck gleichwol keine ſo harte Bedeutung hat, als mit veraͤnderter Endſylbe beim Manne; ſogar daß, wenn man ſich unter einander verſteht, es wol bisweilen eine ver⸗ trauliche Schmeichelei anzeigen kann. Wenn die Eitelkeit ein Fehler iſt, der an einem Frauenzim⸗ mer ſehr wohl Entſchuldigung verdient: ſo iſt das aufgeblaſene Weſen an ihnen nicht allein, wie an Menſchen uͤberhaupt, tadelhaft, ſondern es verunſtaltet zugleich gaͤnzlich ihren Geſchlechts⸗ charakter. Denn dieſe Eigenſchaft iſt uͤberaus dumm und haͤßlich, und dem einnehmenden, be⸗ ſcheidenen Reize gaͤnzlich entgegen geſetzt. Als⸗ dann iſt eine ſolche Perſon in einer ſchluͤpfrigen Stellung. Sie wird ſich gefallen laſſen, ohne 52— 2 alle Nachſicht und ſcharf beurtheilt zu werden; denn wer auf Auszeichnung pocht, fordert alles um ſich zum Tadel auf. Eine jede Entdeckung auch des mindeſten Fehlers macht dann jeder⸗ mann eine wahre Freude, und das Wort, Naͤr⸗ rin, verliert hier ſeine gemilderte Bedeutung. Man muß Eitelkeit und Aufgeblaſenheit jeder⸗ zeit unterſcheiden. Die erſtere ſucht Beifall und ehret gewiſſermaßen die, um welcher willen ſie ſich dieſe Bemuͤhung giebt; die zweite glaubt ſich ſchon in dem voͤlligen Beſitze deſſelben, und indem ſie keinen zu erwerben beſtrebt iſ, gewin⸗ net ſie auch keinen. Wenn einige Ingredienzien von Eitelkeit ein Frauenzimmer in den Augen des maͤnnlichen Geſchlechts gar nicht verunzieren: ſo dienen ſie doch, je ſichtbarer ſie ſind, um deſto mehr das ſchoͤne Geſchlecht unter einander zu veruneinigen. Sie beurtheilen einander alsdann ſehr ſcharf, weil Eine der Andern Reize zu verdunkein ſcheint, und es ſind auch wirklich diejenigen, die noch ſtarke Anſpruͤche auf Eroberungen machen, ſel⸗ ten Freundinnen im wahren Verſtande—— 3₰ Dem Schoͤnen ſit nichts ſo ſehr entge⸗ gengeſetzt als der Ekel, ſo wie nichts tiefer unter das Erhabene ſinkt, als das Laͤcher⸗ liche. Daher kann einem Manne kein Schimpf empfindlicher ſeyn, als daß er ein Narr, und einem Frauenzimmer, daß ſie ekel⸗ haft genannt werde—— Jene Koͤnigin ließ ſichs gern gefallen, daß ſie fuͤr nichts we⸗ niger, als eine Lukretia gehalten wurde; aber man weiß das ungluͤckliche Schiekſal des Mo⸗ naldeschi, als er ſich einen Ausdruck der letz⸗ tern Art erlaubt hatte*)—— Es iſt un⸗ ausſtehlich, daß man nicht einmal ſollte Boͤſes thun koͤnnen, wenn man gleich wollte, weil *) Monaldeschi war Oberſtallmeiſter und Guͤnſt⸗ ling der beruͤhmten Chriſtina von Schweden. Er ſchrieb uͤber ihre geheimen Intriguen, und ſie ver⸗ gab es ihm. Als ſie aber erfuhr, er habe irgend⸗ wo im geheim uͤber die Laſt der Vertraulichkeit mit einer ſo ekelhaften Perſon geklagt, ließ ſie ihn auf ihrem Zimmer, vor ihren Augen, und zwar durchaus langſam, ermorden; und da der Ungluͤckliche ſterbend die Haͤnde flehentlich zu ihr erhob, gab ſie ihm mit Hohn ſelbſt den Todtes⸗ ſtoß. Es geſchahe das 1657 zu Fontainebleau. 54 auch die Unterlaſſung deſſelben alsdann jederzeit nur eine ſehr zweideutige Tugend iſt. Um von dieſem Ekelhaften ſich ſo weit, als moͤglich, zu entfernen, gehoͤrt die Rein⸗ lichkeit, die zwar jedem Menſchen wohl an⸗ ſteht, bei dem ſchoͤnen Geſchlecht unter die Tugenden vom erſten Range, und kann ſchwer⸗ lich von demſelben zu hoch getrieben werden, da ſie gleichwol an einem Manne bisweilen zum Uebermaße ſteigt und alsdann laͤppiſch wird. Die Schamhaftigkeit iſt ein Geheim⸗ niß der Natur, einer Neigung Schranken zu ſetzen, die ſehr unbaͤndig iſt, und, indem ſie den Ruf der Natur vor ſich hat, ſich mit guten ſittlichen Eigenſchaften zu vertragen ſcheint, wenn ſie gleich ausſchweift. Sie iſt demnach als ein Supplement der Grundſaͤtze hoͤchſt noͤthig; denn es giebt keinen Fall, da die Neigung ſo leicht zum Sophiſten wird, gefaͤllige Grundſaͤtze zu erkluͤgeln, als hier. Sie dient aber auch zugleich, um einen ge⸗ heimnisvollen Vorhang, ſelbſt vor die gezie⸗ mendſten und noͤthigſten Zwecke der Natur zu 1 —— 55 ziehen, damit die gar zu geheime Bekannt⸗ ſchaft mit denſelben nicht Ekel, oder zum min⸗ deſten Gleichguͤltigkeit veranlaſſe. Dieſe Eigen⸗ ſchaft iſt dem ſchoͤnen Geſchlechte vorzuͤglich eigen, und ihm ſehr anſtaͤndig. Es iſt auch eine plumpe und veraͤchtliche Ungezogenheit, durch gewiſſe Art poͤbelhafter Scherze die zaͤrt⸗ liche Sittſamkeit deſſelben in Verlegenheit oder Unwillen zu ſetzen—— Die edlen Eigenſchaften dieſes Geſchlechts, welche jedoch, wie wir ſchon angemerkt haben, niemals das Gefuͤhl des Schoͤnen unkenntlich machen, kuͤndigen ſich daurch nichts deutlicher und ſicherer an, als durch die Beſcheiden⸗ heit— eine Art von edler Einfalt und Nai⸗ vetaͤt bei großen Vorzuͤgen. Aus derſelben leuchtet eine ruhige Wohlgewogenheit und Ach⸗ tung gegen Andere hervor, zugleich mit einem gewiſſen edlen Zutrauen auf ſich ſelbſt und einer billigen Selbſtſchaͤtzung verbunden, welche bei einer edlen Gemuͤthsart jederzeit anzu⸗ treffen iſt. Indem dieſe feine Miſchung zu⸗ gleich durch Reize einnimmt und durch Achtung ruͤhrt, ſo ſtellt ſie alle uͤbrige ſchimmernde Ei⸗ genſchaften wider den Muthwillen des Tadels und der Spottſucht in Sicherheit. Perſonen von dieſer Gemuͤthsart haben auch ein Herz zur Freundſchaft, welches an einem Frauenzimmer niemals kann hoch genug geſchaͤtzt werden, weil es ſo gar ſelten iſt und zugleich ſo uͤberaus reizend ſeyn muß. Die Fortſetzung im naͤchſten Heft. Sankt Jobhannes und ſeine Katz e. 8 Johannes lehrte weit und breit, bekehrte viel Volk zur Chriſtenheit, hieß ſie Lieb und Barmherzigkeit uͤben, weder Menſchen noch Kreatur betruͤben. Einsmals, wie er das Land durchzieht, er ein grauſames Spektakel ſieht, wie ſich ein Haufen blinder Heiden an der Qual eines armen Kaͤtzleins weiden, das ſie, an einen Baum gebunden, mit Pfeilen zum Zeitvertreib verwunden. Johannes tritt mitten unter ſie hin, ſpricht: Laſſet ab von dem boͤſen Sinn! Erkennet, daß auch die Kreatur mit dem Menſchen theilt die ewge Natur, N8.— 38 und daß einſt muß der Tag erſcheinen, wo ſich alle Ding in Gott vereinen. Denn jegliches Ding in ſeiner Art Gottes heilges Antlitz offenbart, und ſehnt ſich wieder zu gelangen zum Quell, von dem es ausgegangen, welchen auch eure alten Weiſen mit uns Chriſten und allen Voͤlkern preiſen. Als nun das Heidenvolk gehoͤrt, daß Johannes ihre Weiſen ehrt, treten ſie horchend um ihn her, begehren von ihm zu hoͤren mehr. Der blickt betend zum Himmel auf, laͤßt ſeiner Rede freien Lauf, ſpricht von dem Wort, das Plato verkuͤndet, welches die Welt vom Abfall entſuͤndet, und mit ſeinem heiligen rothen Blut geloͤſcht des Zornes flammende Glut; von dem jungfraͤulichen reinen Schoos, dem die zweite goͤttliche Welt entſproß— Da ſehn die Heiden ſein Angeſicht hell ſtralen von reinem Himmelslicht, fallen nieder in ganzen Haufen, laſſen ſich von Johannes taufen. Nur Einer, etwas unglaͤubig, ſpricht: Warum thuſt du ein Zeichen nicht? Erwecke wie ein Prophet die Todten, daß ich dich erkenne fur Gottes Boten! Johannes alsbald die Hand ausſtreckt, das todte Kaͤtzlein zum Leben erweckt, und die Wunden von vielen hundert Pfeilen bei ſeinem Beruͤhren ploͤtzlich heilen. Der Heide nun Chriſti Lehre bekennt, ſich Sankt Johannis Juͤnger nennt. Das Kätzlein lief auch Johanni nach, will von ihm nicht weichen Nacht und Tag, ſchmeichelt ihm mit zartem Miauen; das thaͤt der Heilge gerne ſchauen:* denn wie er alles mit Lieb' umfing, achtet' er keines Thieres Liebe gering, that oft ſich mit dem Kätzlein letzen, in muͤßigen Stunden mit ihm ergetzen; ſtreichelt es, freut ſich, wenn es purrt, katzenbuckelt und zaͤrtlich ſchnurrt. Das aͤrgert den Juͤnger, der Heide war, und endlich ſpricht er die Worte gar: Meiſter! das Volk dich heilig preiſ't, und doch haͤngt an kindiſchem Spiel dein Geiſt⸗ 60— ſo, daß ich nicht begreifen kann, wie ſo ein weiſer, tiefdenkender Mann, der gewohnt iſt himmliſche Dinge zu ſchauen, ein ſchnoͤdes Kaͤtzlein mag haͤtſcheln und krauen. Da ſpricht Johannes zu ihm gewandt: Sag, was trägſt du in deiner Hand? Den Bogen, ſagt der Juͤnger drauf; mit dem erleg' ich die Thier' im Lauf, und die ſchnellen Voͤgel aus hoher Luft Der Senne Klang hernieder ruft. Johannes ſpricht: Spann' an den Bogen! Schnell hat er die Senne angezogen, doch wie er den Bogen laͤßt zur Ruh, fragt Johannes: Was macheſt du? Darauf der Juͤngling wieder ſagt: Meiſter, das geziemt ſich bei der Jagd; die Senne leicht am Bogen erſchlafft, der Bogen ſelbſt verliert die Kraft, wenn ihn der Jaͤger allzeit geſpannt tragen wollte in ſeiner Hand. Sieh nun, mein Bruder, ſpricht der Meiſter, wie Senn'’ und Bogen ſind auch die Geiſter! Es reicht die ſterbliche Natur bis an der Menſchheit Grenze nur. Ohne Schlaf kann nichts Lebendges leben, ohne Nuh kein Geiſt ſich zum Himmel heben; denn wie die Zeiten aus Tag und Nacht, ſo iſt alles aus Licht und Dunkel gemacht. Die Blumen, die dich am Tag entzuͤcken, Abends ihr Haupt zur Erde buͤcken; ja, die Sonne, die Morgens am Himmel ſteigt, ſich Abends wieder zur Erde neigt. So auch im menſchlichen Gemuͤth nicht immer der göttliche Funke gluͤht, denn was ſich mit ird'ſchem Weſen gattet, endlich vom Himmelsglanz ermattet. Drum hat uns Gott in dieſer Welt ſeine Herrlichkeit vielfach dargeſtellt, daß wir uns ſollen daran erbauen, ſein Weſen im leiblichen Bilde ſchauen, uns ſeiner freuen in der Natur, in Liebe zu jeder Kreatur, und dann geſtaͤrkt zuruͤcke kehren, in heilgem Geheimnis ihn zu ehren. So wolle, mein Bruder, denn nicht vermeſſen über dem Meiſter das Werk vergeſſen, da du im Werke den Meiſter erkennſt, dich ſelbſt ſeiner Werke erſtes nennſt. 62— Er nur, der ſchlaͤft und ſchlummert nicht, bei welchem nie wechſelt Dunkel und Licht, mag ſich in ewigem Erkennen von ſeinen Werken niemals trennen: doch ehrt das ſterbliche Geſchlecht den Meiſter in ſeinen Werken recht; ſein Bild muß ihm im Großen und Kleinen, im Kaͤtzlein, wie im Behmoth erſcheinen, und wer ihn nur ſucht im leuchtenden Stern, bleibt ewig von ſeinem Anſchaun fern. A. Apel. 54 Das Lortlerieloos. Glauben Sie doch lieber, ich ſei naͤſchig, und necken Sie mich damit, als mit den freundli⸗ chen Augen der Konditorsfrau... Daß Sie nicht naͤſchig ſind und alſo dar⸗ um nicht in den duftenden Laden ſchleichen— das wiſſen wir Weiber! ſiel die Wirthin ein. Laſſen Sie nicht alleweile wieder mein Deſert voruͤbergehen? Alſo: die ſchwarzen Augen... Will Er mir die Bonsbons noch einmal hergeben? ſagte ich zum Bedienten.— Das hilft Ihnen nichts! riefen die Da⸗ men; das iſt Nothwehr! Die ſchwarzen Au⸗ gen ſinds, die freundlichen ſchwarzen Augen, was Sie ſo oft die Klingelthuͤr oͤffnen macht! Nun, wenn's denn durchaus ſolche Augen ſeyn ſollen, ſo will ichs nur geſtehen, daß ſie's auch ſind; aber nicht die, der Frau, ſon⸗ dern die, des kleinen, runden, friſchen Man⸗ 64— nes— Ja, lachen Sie nur! Das ſtoͤrt mich um ſo weniger, da ich nur eine Erzaͤhlung von fuͤnf Minuten dranzuſetzen brauche, ſo ſind Sie alle ernſthaft, froh und glaͤubig zugleich. Eine Erzaͤhlung? und nicht laͤnger als fuͤnf Minuten? O heraus damit! geſchwind!— Da iſt ſie!— Auguſtin, unſer muntrer Konditor, war der einzige Sohn des vormali⸗ gen Beſitzers des Ladens und der dazu gehoͤ⸗ rigen, gar nicht unbetraͤchtlichen Gewuͤrzhand⸗ lung. Er hatte noch eine juͤngere Schweſter.. Vielleicht iſt ſie Ihnen bekannt: die niedliche Frau des Doktors Meyer! Ja ja, riefen die Damen durch einander. Sie iſt blond und doch ſehr lebhaft! Traͤgt ſich ſo huͤbſch und tanzt allerliebſt! Richtig, neulich beim Faſtnachtsballe— mein Gott, mit wem tanzte ſie doch die Quadrille? Und drei liebe Kinder hat ſie! Und kurz, ſie iſt eine wuͤrdige Frau; und. Kinder, erbarmt euch und laßt den Erzaͤh⸗ ler vom Fleck! rief der Großpapa, oben queer⸗ vor an der Tafel. Man warf dem Papa — 65 Kuͤſſe zu, er fuhr aber dennoch fort: Fuͤr jede neue Unterbrechung werden zwei Groſchen Strafe hier in dieſe Vaſe bezahlt! Das merkt euch huͤbſch! Ohngeachtet die Damen ſaͤmmtlich ſehr wohlhabend waren, ohngeachtet ſich bald da bald dort ein Buſen, tiefathmend, ausholend, erhob: ſo kam's doch nur zu blutwenig Zwei⸗ groſchenſtuͤcken. Man wird's gleich ſehen, wie faſt ununterbrochen ich nun erzaͤhlen konnte! Der junge Menſch war vom Vater beſtimmt, das Geſchaͤft einmal fortzuſetzen, zeigte ſich auch ziemlich geneigt dazu: es ſtand ihm aber der Sinn auch nach ſo manchem, was mehr zum Gewuͤrz des Lebens, als der Speiſen gehoͤrt. Er wollte von Wiſſenſchaften und Kuͤnſten wenig⸗ ſtens ſo viel treiben, als noͤthig iſt, den jungen Geiſt anzuregen, zu bereichern, zu ſchmuͤcken. Da Vater Auguſtin fuͤrchtete, die Liebe zu Wiſ⸗ ſenſchaften und Kuͤnſten moͤchte den Sohn vom Geſchaͤft abwendig machen, ließ er ihm ſo ſchiechten Unterricht geben, als moͤglich; der Sohn half ſich aber, indem er mit einem bra⸗ ven jungen Gelehrten die engſte Freundſchaft J. f. F. II. J. 7. H. 5 66 ſchloß. Je mehr Geiſt, je mehr Kenntniſſe und Liebenswuͤrdigkeit dieſer junge Mann be⸗ ſaß, je ſcheeler ſah ihn der Vater an. Das ſtoͤrte jedoch die Freunde nicht. Sie ſahen ſich teaͤglich, ſtrichen mit einander durch Berg und Thal, zeichneten, laſen, diſputirten, muſizir⸗ ten mit einander, und man ſah ſo ſelten den Einen ohne den Andern, daß ſie in der Stadt ſpottweiſe Caſtor und Pollux genannt wurden. Und die Schweſter—? paatzte eine feurige, ſechszehnjaͤhrige Bruͤnette heraus. Die Schweſter... fuhr ich fort, und hielt buͤttelnd die Vaſe hin; die Schweſter war da⸗ mals gerade ſo alt, wie Sie jetzt, Couſinchen! und hätte— dank' ergebenſt fuͤr gute Bezah⸗ lung!— haͤtte, ſag' ich, wol auch wie Sie alleweile gefragt, wenn ſie nicht ſelbſt han⸗ delnde Perſon geweſen waͤre. Nur Geduld!— Es war der ſchoͤnſte Sommerabend. Ca⸗ ſtor und Pollux lagen im Schatten einer Eiche am Ufer des Fluͤßchens, ſahen die Sonne untergehen, und waren ſo traulich, ſo an ein⸗ ander hingegeben, ſo gluͤcklich, als es durch Freundſchaft wol nur unſer Geſchlecht— und auch dies nur in Juͤnglingsjahren werden kann. Was zwanzigjaͤhrige Jaͤnglinge ſo gern thun — ſie baueten Luftſchloͤſſer; und dieſe ſtiegen ſo ſchnell herauf, wechſelten die Farben ſo ſchnell, verdeangten einander ſo ſchnell, wie die abend⸗ geroͤtheten Wolken vor ihren Augen. Wie aber in dieſen ein glaͤnzendes Roth herrſchend blieb, ſo blieb in jenen herrſchend— das verſteht ſich— die Liebe! die Liebe! Ja, dir— dir kann's nicht fehlen! ſagte Caſtor.(Das iſt eben der jetzige Doktor Meyer!) Sobald es dir ſelbſt gefaͤllt, nimmt dich dein Vater in die Handlung; du biſt dann ein gemachter Mann, und wo es dir gelingt, das Herz zu gewinnen, wird dir auch die Hand nicht verweigert. Ich aber— arm, ohne Ausſicht... Wie du dich nun ſelbſt quaͤlen kannſt! ver⸗ ſetzte Pollux. Gerade umgekehrt! Iſt denn das ein Gluͤck, zeitig an ſolch ein Alltagsge⸗ ſchaͤft geſchmiedet zu werden? Aber ich habe andre Plane. Seit fruͤher Kindheit hege ich nur Einen Lieblingswunſch; ich muß die weite 68 Welt ſehen, vor allem die Alpen, den Rhein⸗ fall, und das Land, wo die Zitronen bluͤhn! Nun will mich zwar der Vater einmal reiſen laſſen— aber durchaus nur nach Holland, ſeinen Zuckerfaͤſſern entgegen; und ſo muͤßt' ich wenigſtens haben, woran es uns beiden fehlt— Geld, viel Geld— wenn ich nicht mein ſchoͤnſtes Sehnen erſticken ſoll. Du aber, du wirſt Doktor; und wenn du nur alle die Magen kurirſt, die wir verderben, ſo kann dir's nicht fehlen— auch mit dem liebens⸗ wuͤrdigſten Maͤdchen der ganzen Stadt nicht, das zugleich ein ſchoͤnes Vermoͤgen haben muß, und Konnexionen, und alles!— Ich bin nur in Sorgen, du uͤbereilſt dich in der Liebe! Ja ja, ich kenne dich: deine Gattin muß ſeyn — Laß einmal ſehn! Sie muß ſeyn jung und ſehr huͤbſch, weil du Sinn dafuͤr haſt; heiter, weil du zum Spleen geneigt biſt; ſie muß Geiſt beſitzen, um an deinen Liebhabereien Theil zu nehmen, und ſchoͤne geſellige Tugen⸗ den, damit du in Geſellſchaft ein bischen mit ihr kokettiren kannſt— Schweig ſtill! ich kenne dich! Und gut, ſeelengut muß ſie ſeyn, .— 69 1 um deine Guͤte zu ſchaͤtzen, zu vergelten, ſie nicht zu mißbrauchen. Ein bischen taͤndelich, duͤrfte auch vonnoͤthen ſeyn, weil du ebenfalls ſo ſeyn kannſt— ich meyne mit Kindern, oder im Hauſe mit hundert Kleinigkeiten, wor⸗ uͤber ſich die Leute freuen ſollen... Aber, mein Gott! was iſt dir? 5 Der junge Mann war hier dem Freunde um den Hals gefallen, hatte ihn heftig an ſein Herz gedruͤckt, und rief nun: Still! o ſtilll du ſchilderſt deine liebe, liebe Emilie! Gluͤcklicher Tag! rief Pollux und ſprang auf. Meine Schweſter, mein kleines Blond⸗ chen ſindeſt du ſo? O Bruder! Bruder! ſie iſt dein! Erwirb dir ihre Liebe, zieh' dir ſie ſelbſt: ſie iſt dein, ſag' ich! Gluͤcklicher, o gluͤcklicher Tag!—— Hier applaudirten meine⸗Zuhoͤrerinnen; der Grofppapa erhob den Zeigefinger: Nun, da 3 man nichts ſagen darf, ſagte die Eine, ſo 5 muß man ſich ja ſo Luft machen! Aber ging's denn auch wirklich, oder geb' ich die zwei guten Groſchen umſonſt? 3 70—— Es ging und ging nicht! Mit der Liebe — o, excellent! beſonders bei einem ſo treuen Helfershelfer! Aber mit allem uͤbrigen deſto ſchlimmer. Nun, Couſinchen, ſie wiſſen, jeder Roman muß in der Mitte ſein gehoͤriges Kreuz und Leiden haben! Dem alten, ſtrengen Au⸗ guſtin wurden die Plane der Liebenden, wie die des Sohnes, ſorgſam verborgen, und man hatte Grund genug dazu; denn das war aus⸗ gemacht, daß er ſie, waͤren ſie vor ihn ge⸗ kommen, mitten durchgeriſſen haͤtte. Ja, als der erſte ſchoͤne Rauſch voruͤber war, mußte man ſelbſt eingeſtehen, daß ein Etabliſſement als Arzt und wenigſtens der Anfang zum Wohlſtand eben ſo beim jungen Meyer ins Reine gebracht ſeyn muͤſſe, wenn er wagen ſolle, um die ſchoͤne Emilie anzuhalten, als beim jungen Auguſtin ſich die Moͤglichkeit zei⸗ gen muͤßte, wenigſtens eine Zeit lang ohne Unterſtuͤtzung des Vaters leben zu koͤnnen, wenn er, ſeiner Neigung nach, die weite Welt ſehen wolle. Aber zu beiden war leider auch nicht die geringſte Ausſicht. Da wurden denn De⸗ klamationen gehalten uͤber das elende, Finger und Herz ſchwaͤrzende Geld, das ſein Ge⸗ wicht jedem Schoͤnen, Freien, Reinen entge⸗ genwaͤlze und es darniederreiße; Deklamatio⸗ nen, uͤber Handelsgeiſt, der jede hohe Anſicht des Lebens mit Krambuden verbaue; uͤber Lu⸗ rus, der allen einfachen, edlen Natur⸗ und Lebensverhaͤltniſſen unuͤberſteiglich ſich entgegen⸗ thuͤrme— und was dergleichen gute Sachen mehr waren. Damit kamen jedoch die Herrn keinen Schritt weiter— weder zum Doktor⸗ hut und Kredit, noch zu den Alpen und Zi⸗ tronenlande. Das fuͤhlten ſie niemals ſchmerzlicher, als an einem langen Winterabende, wo ſie einan⸗ der erzaͤhlt hatten, Vater Auguſtin habe heute ernſtlicher als je, und wahrſcheinlich nicht ohne beſondere Urſachen, mit dem Sohne uͤber ſein hoffentlich baldiges Eintreten in die Handlung, und mit der Tochter uͤber den jun⸗ gen Nachbar geſprochen, der nun bald aus Am⸗ ſterdam zuruͤckkomme, und ſich allda, wie die ſolideſten Korreſpondenten berichtet, zu einem fuͤrtrefflichen Gewuͤrzkraͤmer ausgebildet habe. Der Liebhaber ſchwieg, in Gram verſenkt; der 72— Reiſeluſtige trommelte, ohne ſich deſſen bewußt zu ſeyn, auf ein Blatt Zeitungen, das zufaͤllig vor ihm lag. Eben ſo zufaͤllig hafteten endlich ſeine Augen auf der betrommelten Stelle, und eben ſo bewußtlos las er: Demnach den vier⸗ undzwanzigſten hujus die erſte Klaſſe hieſiger allergnaͤdigſt privilegirten Lotterie gezogen wer⸗ den ſoll, als werden Inhabere derer Looſe, ſo wie etwanige Kaͤufere noch vorhandener Num⸗ mern, andurch erinnert, die Renovation ge⸗ buͤhrlich zu praͤſtiren ꝛc. Wie ein elektriſcher Schlag, oder wie die Idee zu einem guten Ge⸗ dicht Einem ploͤtzlich durch das ganze Weſen faͤhrt und augenblicklich hell macht— ſo ging's Auguſtinen mit dieſem Aviſo. Ich hab's! rief er laut auf. Wir ſind vom Sande! wir ſind flott! und mit Ehren! Bruder, ſo jauchze doch! Woruͤber denn? Wir ſetzen in die Lotterie! jeder ein Loos! Man muß dem Gluͤck das Thor oͤffnen! Iſt nun mein, iſt dein Vorhaben wirklich zum Beſten, ſo wird der liebe Gott ein Einſehn ha⸗ ben und ſein Gedeihen geben. Ja, das trau' 73 ich ihm von ganzem Herzen zu, und du— rede mir kein Wort ein, das ſag' ich dir! Je verliebter Caſtor war, je zweifelmuͤ⸗ thiger war er auch; er wollte nicht theilnehmen. Selbſt die wieder eingetretene Ebbe in ſeiner Kaſſe war ihm ein Grund. Poſſen! rief Pol⸗ lux. Sag' ja, ſo iſts genug. Ich gehe dann und beſorge dein Loos, wie meines. Brauchſt dich gar nicht drum zu bekuͤmmern. Mehr aus Gefaͤllikeit, als aus Zutrauen gab endlich Meyer die Hand hin, und Au⸗ guſtin lief ſpornſtreichs zum alten Kramermei⸗ ſter Konrad, einem Hauptcollecteur, mit dem er bekannt war. Zwei Looſe? zwei ganze Looſe? Ei potz! rief der umſtaͤndliche Mann feierlich, indem er die Brille aufſetzte und das große Buch auf⸗ ſchlug. „Eins fuͤr mich und eins fuͤr einen Freund, der nicht genannt ſeyn will. Ich ſtehe fuͤr beide.“ 1 Sehr wohl! Belieben Sie zu ziehen! So! Numero 11318. Das alſo iſt fuͤr den Freund? Vortrefflich! Und— erlauben Sie! Numero 74— 17530— das fuͤr Sie ſelbſt! Unverbeſſerlich! Vaͤnſche den erklecklichſten Erfolg! 4 Aber, lieber Herr Konrad: mein Vater weiß nichts davon. Es waͤr' ihm vielech Nitht ganz recht. Berteh, n verſtehe! Gehn ja etwa vor mei⸗ nem Gewoͤlbchen voruͤber: ſpazieren herein, wenn's Zeit iſt; ſo bleibt's unter uns. Gehor⸗ ſamſter Diener!— 4 Der ungenannte Gluͤcksjaͤger dachte kaum wieder an das Loos; Auguſtin beſorgte beide mit groͤßter Puͤnktlichkeit. — Heute will dieſer eben auf ſeines Vaters Comptoir gehen, als ihn Konrads Markt⸗ helfer auffaͤngt und zu ſeinem Herrn beruft. Schmunzelnd nimmt der Alte ihn beim Knopf⸗ loch und ziehet ihn beiſeits. Ernſt, feierlich, ehrerbietig beginnet er nun: Erlauben Sie mir die Ehre Ihrer rechten Hand zur Gratulation! Wie, lieber Herr Konrad? wir haben.. Aufzuwarten! erſchrecken Sie nur nicht: wir haben allerdings—! Wie viel? 8 du ehethal wälhtanfd thut, nach Befrie⸗ digung landesvaͤterlicher Obhut und anderer Gefaͤlle, auch allenfalſigen freiwilligen Splen⸗ didaͤten, uͤber zehntauſend rein und baar. Auguſtin ſchuͤttelte den Alten vor Freu⸗ den, daß der ſchneeweiße Stutz weit umher dampfte. Mit Permiſſion! rief dieſer, und ſtaͤubte den Rock ab. Die Niet von 11318 wird nun leicht mit uͤbertragen. Wie? rief Auguſtin, und ſprang er⸗ ſchrocken zuruͤck. So hab' ich den Gewinnſt, und nicht mein Freund?—— Schoͤn! fiel hier unſer Großpapa ein. Da es heraus war, laͤchelte er vor ſich hin, winkte mir, ungeſtoͤrt fortzufahren, und ſchob zwei Groſchen aus dem kleinen Beutelchen ganz leiſe in die Vaſe.— Auguſtin wurde bedeutet: er ging einige Minuten auf und ab. Gleichviel! ſagte er dann. Kein Menſch, außer uns beiden, weiß, wem die eine oder die andere Nummer iſt; ich tauſche alſo mit meinem Freunde, ohne 26 daß er oder ſonſt ein Menſch es erfaͤhrt. Sie geben mir Hand und Ehrenwort, die Sache in aller Stille ſo auszufuͤhren und ſich weiter um gar nichts zu bekuͤmmern. Ei ei, lieber junger Herr, ſagte Herr Kon⸗ rad und wedelte mit dem langen, magern Zei⸗ gefinger das klingt wol magniſique und weit⸗ bruͤſtig: aber uͤbereilen Sie ſich nicht! Die Rede iſt nicht von zehntauſend Hirſekoͤrnern, ſondern von zehntauſend Reichsthalern! Wenn Sie permittiren, ſo ſag' ich Ihnen: es giebt der Raͤuſchchen, oder Raptus, oder Schuͤſſe, oder wie Sie's nennen wollen, viel' und man⸗ cherlei; darunter, weiß Gott, auch moraliſche! Aber pff— ſo iſts voruͤber, und dann..„ Nein, nein, lieber junger Herr: ich ehre, was zu ehren iſt— iſt mir doch ſolch ein brillan⸗ tes Stuͤck von Attachement mein Lebetage noch nicht vorgekommen: aber— wir bleiben Men⸗ ſchen! Zu gut iſt nicht gut! Allzuſcharf macht ſchartig! Die Stunden bleiben ſich nicht gleich: zehntauſend Thaler bleibens aber immer!—— Es wurde viel hin und wieder geeifert; endlich fand der Kramermeiſter einen Mittelweg: —— 77 7 Nun, ſo laſſen Sie Ihrer penetranten Zunei⸗ gung freien Lauf, aber wenigſtens ſo, als wenn die Looſe in Kompagnie gegangen waͤ⸗ ren— iſt zu ſagen: theilen Sie mit dem Freunde Niet und Gewinnſt. Erlauben Sie: jetzt nehm' ich keine Reſolution an! beehren Sie mich dieſen Abend damit.— Auguſtin ging. Die ſchoͤne Begeiſterung hatte erſt gar keinen Gedanken an ihn ſelbſt und ſeine Vortheile aufkommen laſſen; ſein Herz hatte nicht nur keinen lebhaftern, ſon⸗ dern gar keinen andern Wunſch, als, Freund und Schweſter durch den Gewinn begluͤckt zu ſehn: jetzt, von dem alten Rechenmeiſter mit Gewalt in die Welt der gewoͤhnlichen Lebens⸗ verhaͤltniſſe gezogen, konnte er ſich des Gedan⸗ kens kaum erwehren: Dich ſuchte das Gluͤck — denn warum haͤtte es ſich ſonſt nicht zu ihm gewandt? Einmal aus der Hand gelaſ⸗ ſen, ſagt man, kehrt es nie wieder! So waͤr' es freilich um die Erfuͤlluug deines langgeheg⸗ ten Lieblingswunſches gethan! Und eben geht es gegen den Fruͤhling, wo ſichs ſo herrlich auswandern ließ! Ueberall faͤngt an Krieg und Unfrieden zu herrſchen: nur die Schweitz hat noch Ruhe, Italien noch Ordnung! das kann bald anders werden; unterdeſſen geht deine Jugend vollends dahin— Auch der Vater iſt lange Zeit nicht ſo friſch geweſen, hat dich nie ſo gut entbehren koͤnnen, als jetzt—— Er wankte. Klugheit trat gegen Guͤte, gemeiner Verſtand gegen edles Gefuͤhl auf, und kaͤmpfte. Es war der Kampf, den jeder im Leben wenigſtens Einmal beſtehet, der aber auch gemeiniglich dann einmal fuͤr immer ent⸗ ſcheidet. Man iſt in gewoͤhnlichen, ziemlich gleichguͤltigen Verhaͤltniſſen, man iſt ruhig— man iſt gut; jetzt koͤmmt eine wahrhaft bedeu⸗ tende Situation, wo der Menſch ſeine Kraͤfte zuerſt getrennet, nach entgegengeſetzten Rich⸗ tungen ſtrebend fuͤhlt, wo das Nachgeahmte, das Gewohnte nicht paßt, nicht ausreicht; wo es freien, ganz freien und feſten Entſchluß— wo es Beharrlichkeit, Widerhaltigkeit gegen aͤußere und innere Hinderniſſe der Ausfuͤhrung gilt: da, da erſcheint uns alles anders— die Menſchen, die Dinge, ihre Verhaͤltniſſe, wir ſelbſt im Konflikt mit alle dem! Da wendet 79 ſich der Menſch von Charakter, und gemeinig⸗ lich ein- fuͤr allemal, entweder, wie es dort heißt, zum Herrn des Himmels oder zum Fuͤr⸗ ſten dieſer Welt; der Charakterloſe, die bloße Perſon aber, die zum Herrn ſchreiet und um Baals Altar hinkt, konſtituirt ſich eben da als charakterlos—— Meine Damen ſahen hier, auf etwas wun⸗ derliche Weiſe grad' aus vor ſich hin; der Großpapa gabelte nachdenklich auf dem leeren Teller herum; der Profeſſor, der Recenſionen fuͤr die elegante Welt macht, laͤchelte mitleidig; der Oberpfarrer, der neulich ſieben Faſtenpre⸗ digten uͤber den kategoriſchen Imperativ gehal⸗ ten hat, trank geruhig ſein Glas aus. Da faßte ich mich denn und fuhr ſchnell fort: Ich ſage: Auguſtin wankte— doch aber nicht weiter, als zu Herrn Konrads letztem Vorſchlage. Du, ſagte er zu ſich ſelbſt, koͤnn⸗ teſt mit der Haͤlfte deinen Plan ausfuͤhren: ſollte es dein Freund nicht auch koͤnnen? Er fand nun zwar, daß dem Vater, wie jedem konſequenten Kaufmann, fuͤnftauſend Thaler ein Nichts waͤren— er muͤßte ſie denn auszuzah⸗ 80 len haben; doch aber, meinte er, ließen ſich vielleicht Auswege finden... Hier trat er eben durch die Hinterthuͤr in den Garten. Das liebende Paͤrchen ſaß in der Laube vor ſeinen Augen da. Der Liebha⸗ ber ſahe traurig und ſtumm vor ſich nieder; Emilie legte endlich die Hand ſanft auf des Geliebten Schulter und beugte ſich vorwaͤrts, daß ſeine Augen auf ſie fallen mußten und ſie ihm nun ermunternd in das Antlitz blicken konnte. Da war aller Streit in des wackern Auguſtins Seele beendigt: Fuͤr dieſe Men⸗ ſchen ſollte ich eiwas halb thun? dieſen ſollte ich kein Opfer bringen koͤnnen? Er ſprang herzu: Bruder, laß Viktoria blaſen! ich bringe gute Botſchaft! Du haſt gewonnen— erſchrick nur nicht— haſt tuͤchtig gewonnen! Tauſend — nein, drei⸗— nein, fuͤnftauſend Thaler! Und da ihm hier beide um den Hals ſielen, fuhr er fort, obſchon es ihm an Athem gebre⸗ chen wollte Es iſt noch mehr: acht⸗— neun, hab's nur vollends alles— zehntauſend Thaler! eigentlich gar zwoͤlf!— Nun trocknete er ſich die Stirn, lachte ſtill vor ſich hin, und 31 ließ ſich, ein wenig ermattet, von Schweſter und Freund wechſelsweis druͤcken und kuͤſſen.— Einige Zuhoͤrerinnen applaudirten hier wie⸗ der; aber bis zu Strafgeldern kam's nicht: ja, die ſchöne Couſine ſtrich ſich ſogar eben hier mit der Stricknadel ein Loͤckchen vom Auge. Es that mir leid, und gemaͤßigter fuhr ich fort: Auguſtin ging den Abend zu Herrn Konrad; es blieb dabei— der Ungenannte hat gewonnen! Dieſem kam gar keine Ahnung, es ſei anders. Er nahm das Geld, richtete ſich ein, wurde nun, auch vom Vater Auguſtin mit ganz andern Augen betrachtet; kam— der junge, galante, ſchöne, unvermaͤhlte Arzt — in die Mode, warb um Emilien, erhielt ſie, und war der gluͤcklichſte Ehemann. So blieb es ſechs, vielleicht ſieben, acht Jahre, und ſo iſt es, wie Sie wiſſen, noch jetzt. Der alte Auguſtin iſt indeß geſtorben, der Sohn hat laͤngſt die Handlung uͤbernom⸗ men und ſein artiges, munteres Weib, ſeine geſunden Kinder, laſſen ihn in ſeinem Hauſe 3 f. F. II. J. 2. H. 6 8² die Welt finden, die er ſonſt unter fremdem Himmel ſuchen wollte—— Ich machte hier einen foͤrmlichen Schluß in die Tonika, als wiſſe ich weiter nichts. Ich hatte dazu meine guten Urſachen. Man ſchwieg eine Weile. Schon wollte ich, faſt betruͤbt, auf⸗ ſtehen, als meine vierzehnjaͤhrige Schweſter ſchnell ausbrach: Bruder, leg' doch einmal die zwei Groſchen fuͤr mich aus; ich muß dich wahrhaftig fragen, ob die Geſchichte zu Ende iſt. Nichtwahr, nein? Warum nicht, gute Philippine? Ja, warum— das weiß ich dir nicht zu ſagen: aber ſie iſt nicht aus! ſie iſt gewiß nicht aus! Wenn ſie's, aber doch waͤre, ſo machte ſie mich ein bischen traurig; und das ſollte ſie doch eigentlich nicht! Nichtwahr, Bruder? Der Großvater ſahe ſie unverwandt an und ſeine Miene wurde, ohne ſein Wiſſen, immer heiterer. Der Oberpfarrer laͤchelte trok⸗ ken vor ſich hin: Die— liebe Natur heiſcht Lohn fuͤr gute That! Man ſollte ſie aber doch von ihrer Gefuͤhlstugend zum Princip gefuͤhret haben; ſollte ſie fruͤh verzichten leh⸗ ren, und...(hier ſchluͤrfte er gemaͤchlich die, waͤhrend dieſer Rede, wohlzubereitete Auſter—) und, ſag' ich, ſie ſo zum Reinen, zum Ver⸗ dienſt erheben und bilden. Der hageſtolze Profeſſor warf ſehr ſatyri⸗ ſche Blicke auf den Puriſten und verſetzte: Es duͤrfte hier wol zuvoͤrderſt das poetiſche Intereſſe von dem moraliſchen zu ſondern und dann auszumachen ſeyn, ob das andre Ge⸗ ſchlecht— mit aller Achtung uͤbrigens von ihm geſprochen— das erſte zu faſſen uͤber⸗ haupt faͤhig ſei; ob es nicht ſelbſt im Poeti⸗ ſchen nur das zweite, wo nicht die bloße Ma⸗ terie, ſuche, erkenne, aufnehme— mithin mehr verzehre, als genieße— Die Damen unterbrachen ihn ſehr lebhaft und ſtritten mit eilenden Worten fuͤr ihren Formtrieb. Der Profeſſor ſagte mit dem ihm eigenen haͤmiſchen Geſicht und zweidentigen Sprachton, als rede er von ſich: Man kann ſich irren! Was man ſich oft vorgeſagt hat, bildet man ſich endlich ein, und lebt und ſtirbt dafür. Aber ich beſcheide mich gern. 2 4—— Ich kam mir hier gerade vor, wie jener Patron am Kamin, in Goldſchmidts Landpre⸗ diger, waͤhrend von gewiſſen Perſonen uͤber Herzoge und Lords geſprochen wird; und viel⸗ leicht hab' ich ſogar dieſelbe etwas unartige Exklamation, wie jener, auf der Zunge gehabt. Endlich gewann ich Raum und wendete mich wieder an Philippinen. Ich weiß nicht, Schweſterchen, ob ichs beſtimmt genug geſagt habe: beide Familien leben recht gluͤcklich. Ja, du haſt's geſagt! antwortete ſie leiſe, durch jenen Wortplunder verſchuͤchtert. Und die Geſchichte ſollte dennoch nicht zu Ende ſeyn, meinſt du? Sie wagte gar nicht mehr Ja zu ſagen, ſon⸗ dern blinkte mir nur mit den Augen zu. So haſt du Recht, fuhr ich fort; die Ge⸗ ſchichte iſt wirklich noch nicht aus. Noch nicht? Ei ſehn Sie doch! Nun ge⸗ ſchwind erzaͤhlen! gleich erzaͤhlen! zu End' er⸗ zaͤhlen! fuhren hier die andern Damen auf und ſetzten ſich dann wieder in gehoͤrige Poſitur.— ——— 85 Ich weiß nicht, ob der junge Auguſtin nach ſeines Vaters Todte die Geſchaͤfte an⸗ faͤnglich noch zu wenig verſtand, oder noch zu wenig achtete, oder ob Ungluͤck im Handel ihn betraf—: kurz, er kam herunter, und das um ſo mehr, je anſtaͤndiger er zu leben fort⸗ fuhr und je ſorgfaͤltiger er ſeine Lage vor Je⸗ dermann verbarg, ſelbſt vor Schweſter und Schwager— ja vielleicht vor dieſen am aller⸗ meiſten.„Sie brauchten ſich freilich nur eine Zeit lang in außerweſentlichen Dingen einzu⸗ ſchraͤnken, ſo wuͤrden ſie dir die gewonnene Summe zuruͤckzahlen und dir helfen koͤnnen!“ So ſagte er oft zu ſich ſelbſt; wenn er nun aber das Geſtaͤndnis auf der Zunge hatte, ſo ging's doch durchaus nicht uͤber die Lippen. Sein Verſtand brachte Gruͤnde uͤber Gruͤnde, aber ſein innerſtes Gefuͤhl widerſetzte ſich. Dies faßte ihn ſelbſt von Seiten eines hoͤhern Ei⸗ gennutzes: ſorgenfreier, wohlhabender wuͤrdeſt du ſeyn, aber wahrlich weit weniger im In⸗ nerſten der Seele froh und gluͤcklich, ohne durch das Bewußtſeyn dieſes Opfers! Niemand, ſagt' ich, habe den Verfall der 86— Handlung Auguſtins bemerkt? Einer be⸗ merkte ihn doch; und das war der Kramer⸗ meiſter Konrad, vermoͤge der von mir oft bewunderten tiefen Einſicht, die ein Kaufmann in den Beutel des andern hat. Der alte Herr konnte an dem ſchnellen Umſchwung der Lage des Doktors und an dem engen Buͤndnis der Freunde leicht abnehmen, wer jener Ungenannte geweſen ſei, fuͤr den die Niete gezogen und der Gewinnſt bezahlt worden. Er hatte zwar Wort und Hand gegeben, ewig daruͤber zu ſchweigen; doch der Jeſuitismus der meiſten Geſchaͤftsleute ſetzte nun hinzu: Es haben ſich ja aber die Umſtaͤnde ſo ganz geaͤndert, und du meinſt es doch gut! Er gehet zum Doktor. Er viſirt, er ſon⸗ dirt: alles trifft zu. Jetzt eine Schilderung der Lage Auguſtins: der Doktor erſtaunt; nun das vorgehaltene Manual uͤber jene Looſe: der Doktor ſchreiet laut auf, vor Schrecken, vor Entzuͤcken, vor Eifer. Er gehet heftig umher, er ſtehet endlich mit feſtgefalteten Haͤn⸗ den, die Blicke zum Himmel, da und ruft: Gott, dir ſei Dank fuͤr dieſe Staͤrkung mei⸗ 827 nes Glaubens an Zrenndſchaſt und Bruder⸗ treue! Nun will er gleich Anſtalt treffen, d Summe doppelt, dreifach zu erſetzen: d woher nehmen ſogleich? Auch iſt das ja wahr⸗ haftig nicht noͤthig! ruft Konrad zehnmal in ihn eis. Endlich wird er uͤberzeugt, daß jener Lotteriegewinnſt, baar ausgezahlt, jetzt vollkommen genuͤge; daß, wenn das Geſchaͤft dadurch nur erſt wieder neuen, raſchern Schwung erhalte, alles gut gehen muͤſſe, und daß, wenn ja Ungluͤck eintrete, immer noch mehr gethan werden koͤnne. Ich erbiete mich ſelbſt, rief Herr Konrad bewegt, was Sie zu jenem Belang nicht gleich zur Hand haben moͤchten, vorzuſtrecken, und zwar auf bloßen Wechſel, wenn ſich Ihre Frau Gemalin mitunterſchreibt. Auch naͤhm' ichs wahrlich fuͤr Beleidigung an, wenn Sie mir einen Heller mehr, als das Landuͤbliche, dafuͤr aufzudringen verſuchten!— Das Geld kam. Sein Anblick regte beim Doktor den Gedanken auf: Und damit bringſt du nun den treuen Bruder um ſein ſchoͤnſtes Gut— um den himmliſchen Genuß, ſich ſagen 38— zu koͤnnen, wenn er uns gluͤcklich ſieht: ſie ſind's von dem Meinen! Nein, das muß an⸗ ders werden! Er muß ſich immerfort als un⸗ ſer Wohlthaͤter fuͤhlen! er muß unſern Wohl⸗ ſtand immer noch als von ihm abhaͤngig ſehen! Ich will durchaus nichts wiſſen, will oft, wie bisher, von jener großen Gunſt des Himmels im entſcheidenden Moment meines Geſchicks ſprechen—— O lieber Herr Konrad, ſchaf⸗ fen Sie Rath! Ja, liebſter Gott, wenn ich Sie nur erſt verſtaͤnde! Was wollen Sie denn eigentlich? Doch nicht, den redlichen Schwager ſitzen laſſen? Das Geld muß in ſeine Haͤnde und ſo bald als nur moͤglich: aber er darf nie erfahren, darf nie auch nur ahnen, daß es von mir koͤmmt! Aha! nun verſteh' ich! Ei, das giebt eine ſchoͤne Anekdote! ſagte der Kramermeiſter. Er druͤckte ſich mit der rechten Hand das Kinn, verſchob ſich ſo den Mund, ſtellte die Linke ſtramm in die Seite, daß dieſe krumm hin⸗ ausging, ſahe an die Decke, und ſeufzte: Ja, 89 wie machen wir's? Endlich fiel's ihm ſo treff⸗ lich bei, daß er vor Freuden den Doktor derb auf die Schulter ſchlug: Da haben Sie's! Sie kommen mit ihm discurſive wieder auf jenes Lotteriegluͤck; ſagen: Herr Bruder, klug war's doch nicht, daß wir damals abbrachen! perſuadiren ihn wieder zu einem Looſe und nehmen ſich ſelbſt auch eins— beide bei mir, verſteht ſich! Sie beſorgen ſie; er erfaͤhrt die Nummern ſo wenig, als Sie damals: und ſo — Wetter noch einmal!— ſo laſſen wir ihn auf jeden Fall die zwoͤlftauſend Thaler ge⸗ winnen! Vortrefflich! O ihr klugen Kinder dieſer Welt! Aber wird das nicht herauskommen? Je bewahre! Ja, wenn Einer ſo viel ge⸗ woͤnne und bekaͤme nichts— da wol! aber wenn Einer nichts gewinnt und bekoͤmmt ſo viel— das hat nichts zu bedeuten!— So wurd' es denn wirklich gemacht und alles ging nach Wunſche. Ich aber— ſo oft mir einmal wieder ſtatt eines verdienten Haͤn⸗ dedrucks ein untergeſchlagenes Bein zu Theil wird— ich gehe zum wackern Auguſtin, 90 vertaͤndle ein Paar Groſchen, und ſehe ihm in die muntern, ehrlichen, treuen Augen... Und nimmſt mich nun auch mit hin, gleich morgen— nicht? rief Philippine und gab mir einen derben Kuß. Da wollen wir Choko⸗ ladenplaͤtzchen naſchen, und er ſoll ſie uns ſelbſt bringen, der praͤcht'ge Mann! Ja, Bruder! — Und wenn mir einmal was fehlen wird, ſo laß du keinen andern Doktor kommen, als Herrn Meyerl hoͤrſt du? Denn ſieh, das Stuͤck⸗ chen, das er zuletzt macht: wie er Auguſti⸗ nen die Freude laͤßt, und— du verſtehſt mich ſchon! ſieh, das gefaͤllt mir noch mehr, als alles; ich weiß nur nicht recht, warum? Nicht⸗ wahr, Bruder?— Friedrich Rochlitz. 2 Die neue Putzſtube, oder: Regen und Sonnenſchein im Praſſelſchen Hauſe. — Allle Laſten, welche der Marſch der X— iſchen Truppen im Winter von 1805 und 6 auch dem Herzogthum P* unvermeidlich aufbuͤrden muß⸗ te, hatte der alte Herr Praſſel in Trudeldorf, als ein guter Patriot, ohne Murren mit tra⸗ gen helfen. Er lieferte ein paar der kraͤftig⸗ ſten Pferde an das Regiment in der naͤchſten Garniſon; und ſeine Wagen voll Hafer und Heu und Stroh langten immer am puͤnktlich⸗ ſten an den Thoren der großen Magazine an. Seine Hauptſorge dabei war nur immer, daß ſeine, zum Seufzen etwas geneigte Gemahlin groͤßtentheils daruͤber in einer gluͤcklichen Un⸗ wiſſenheit blieb. 3. f. F. I. 3.*. 9. 3 Noch vot dem Ende des Winters hoͤrten die Lieferungen auf, und die iſchen Trup⸗ pen zogen in ihre Heimath zuruͤck. Nun war Wne Laſt uͤberſtanden, und die ungluͤck⸗ 2 ſchwangeren Wolken, von denen die Politiker erzaͤhlten, waren beinahe gaͤnzlich verſchwun⸗ den. Daruͤber war große Freude faſt im gan⸗ zen Herzogthume. Doch in Herrn Praſſels Hauſe wurde ſie nur zu bald geſtoͤrt; denn da die Noth uͤberall aufhoͤren ſollte, ging ſie (wie in Frankfurt) bei Herrn Praſſel eigentlich erſt recht an. Ein Theil der Armee, der ſeinen Ruͤck⸗ marſch durch das Herzogthum nahm, durchzog auch die Gegend von Trudeldorf; und mit dem Anſagen der erſten Einquartierung in Praſſels Hauſe, gab es dort das wahre Echo eines weiland pohlniſchen Reichstags. Es gehoͤrte aber auch unter die ausgezeichneten Tuͤcken des Schickſals, daß ein Regimentsquartier⸗ meiſter und ein Lieutenant ganzer vier und zwanzig Stunden in einem Hauſe beherbergt werden ſollten, das im vorigen Jahre erſt von oben bis unten hatte ausgebeſſert werden muͤf⸗ — 8 ſen, in welchem die neue, ſchoͤne Putzſtube noch gaͤnzlich uneingeweiht und ohne Gardinen war, und wo man noch dazu ſo eben den Tag zu einer der Hauptwäſchen im ganzen Jahre, mit Zuratheziehung des neueſten Kalenders und des aͤlteſten Wetterglaſes, auf uͤberuͤber⸗ morgen anberaumt hatte.— Madam Praſſel war gewiß und wahrhaftig eine Frau, die ſich nicht durch Alles und Jedes aus der Faſſung bringen ließ. Sie konnte zum Beiſpiel von dem Umſturze und Untergange ganzer Staats⸗ verfaſſungen und Reiche ſprechen hoͤren, ohne daß ſte ein einziges Wort hinzu that, oder. eine Maſche an ihrem Strickſtrumpfe fallen ließ. Nur mußte kein Topf in ihrer Kuͤche mit umſtuͤrzen wollen, und Niemand ſich einfallen laſſen, ſie in ihrer hausmuͤtterlichen Andacht an den hohen Feſten ihrer gewöhnlichen und außergewoͤhnlichen Waſch⸗Back⸗ Schlacht⸗ Kehr⸗ und Scheuer⸗Tage zu ſtoͤren. Ver⸗ hing der Himmel ein ſolches Mißgeſchick uͤber ſie, oder drohte er ihr auch nur ein wenig da⸗ mit: ſo war ihre und ihres ganzen Hauſes Noth allemal ſehr groß; und der unbefangen⸗ 4 ſte Zuſchauer mußte mit ſeufzen helfen, wenn er anders nicht ſo leichtſinnig oder gottlos war⸗ ſich blos daruͤber luſtig zu machen. Fuͤr dießmal gab es aber auf dem ganzen Praſſelſchen Hofe kein dergleichen boshaftes Gemuͤth; und kein Mißton eines ſpoͤttiſchen Gelaͤchters ſtoͤrte die Harmonie des ſeufzenden und brummenden Hauschors. Der Mann konnte vor Verdruß weder ſcherzen noch ſpot⸗ ten, weil er am beſten wußte, wie ſchlimm ſo etwas ablaufen koͤnne. Der glaͤnzendſte Ju⸗ wel des Hauſes, das huͤbſche Hanchen, haͤtte, mit ihrem leichten, froͤhlichen Lebensſinn, ſich vielleicht halb todt gelacht, wenn ſie in einem fremden Hauſe etwas Aehnliches mit ange⸗ ſehen haͤcte; allein ſie kraͤnkelte, ſeit ihren Confirmationsſtunden, manchmal gar ſehr an dem Aberglauben, daß eine Tochter uͤber ihre Mutter nicht lachen duͤrfe, und ſeufzte alſo recht ernſtlich daruͤber, daß ſich ihr die Gele⸗ genheit, ſich zu verfuͤndigen, ſo vielfäͤltig auf⸗ drang. Der uͤbrige Hofſtaat aber, bis zur juͤngſten Katze hinunter, war zu abhaͤngig von den Launen der Hausfrau, als daß er nichs auch haͤtte ein wenig deſperat werden ſollen, wenn dieſe fuͤr nothig hielt, es zu ſeyn. Das ganze Haus war daher voll truͤber Wolken und Stuͤrme und Donnerſchlaͤge, und nur in ſo fern harmoniſch zu nennen, als alles in allgemei⸗ ner Disharmonie war. Herr Praſſel, der ſich, waͤhrend ſeines ganzen Eheſtandes, aus angeborner Scheu vor Gardinenpredigten, nie um Gardinen⸗ einrichtungen bekuͤmmert hatte, glaubte dießmal, das Aeußerſte wagen zu muͤſſen, und that, mit ſo verſtaͤndigen, als vorſichti⸗ gen Worten, den Vorſchlag, die ehemali⸗ gen Prachtvorhaͤnge, die ſo viele Jahre lang mit Ehren ihre Stelle bekleidet hatten, we⸗ nigſtens einſtweilen wieder aufzuhaͤngen. Aber da bewies ihm Madam, daß er im De⸗ korationsfache durchaus keine Stimme haben koͤnne, weil er hier mit ſeinem Oekonomen⸗ Verſtande und Geſchmacke unmoͤglich ausrei⸗ che, und wie der Blinde von der Farbe ſpre⸗ che. Als er das nicht glauben wollte, fuͤhrte ſie ihn bis an die geoffnete Thuͤr des Viſiten⸗ zimmers; ja ſie wuͤrde ihn ganz hineingefuͤhrt / 6 haben; haͤtte er nur, wie ſie ſelbſt und wie Hanchen, ſich dazu verſtehen wollen, das neu⸗ gediehlte Heiligthum blos in Struͤmpfen zu betreten. Da er aber von ſeinen Stiefeln durchaus nicht laſſen wollte, ſo zeigte und er⸗ klaͤrte ſie ihm blos von der Thuͤre aus, mit was fuͤr Geſchmack Geraͤthſchaften und Waͤn⸗ de verziert waͤren; zum Beiſpiel die Arm⸗ ſtuͤhle mit griechiſchen Seehundklauen, die Spiegelrahmen mit gothiſchen Treppengelaͤn⸗ dern, der Ofen in Form eines egyptiſchen Tempels, die hellgruͤnen Waͤnde voll rother Medaillons mit chineſiſchen Goͤtzen, und die blauen Felder uͤber den Thuͤren mit hetruriſchen Vaſenfiguren, in natuͤrlichen Farben gemahlt, von denen die eine ſehr taͤuſchend eine ſitzende Dame, der man, ohne daß ſie das Gleichge⸗ wicht verlor, den Seſſel entzogen hatte, und eine andere einen Reiter vorſtellte, der, un⸗ angefochten, mit ausgeſpreitzten Beinen in der Luft ritt, weil ihm ſein Pferd abhanden ge⸗ kommen war.— Das alles zeigte Madam Praſſel ihrem Manne, als ihre eigne und ihrer alten Freun⸗ — 4. din und Gevatterin, der verwittweten Super⸗ intendentin Zipfelein, geſchmackvolle Wahls und dann ſchlug ſie, halb tragiſch, die Haͤnde zuſammen, und fragte, ob es nicht eine Suͤn⸗ de und eine Schande ſeyn wuͤrde, ein ſolches Zimmer im neueſten antiken Geſchmacke durch die alten Vorhaͤnge nach altem, geſchmacklo⸗ ſem Schnitt zu verunzieren und zu verhunzen? Nach vielem hin und her ſtreiten hieruͤber/ that Herr Praſſel die etwas dreiſte Gegenfra⸗ ge an ſeine geſchmackvolle Frau, warum ſie denn nicht ſchon ſeit ſechs Monaten auch Gardinen im neueſten antiken Geſchmack an⸗ geſchafft habe; aber nun wurde er mit der ſehr ernſthaften Antwort abgefertigt, daß dazu ein wenig mehr Ueberlegung gehoͤre, als zum Beſtellen eines Kartoffelfeldes, indem die Gardinen in der vornehmen Welt ſeit Jahr und Tag eine gaͤnzliche Umgeſtaltung erlitten haͤtten, und es keine Kleinigkeit waͤre, von den zehnerlei Formen und Farben, in wel⸗ chen man ſie an den Fenſtern aller Honoratio⸗ ren prangen ſaͤhe, gerade die ſchönſten und paſſendſten auszuwaͤhlen. 3— Hanchen machte ſich anheiſchig, mit Huͤlfe einer Nähjungfer aus der Stadt, bis zur An⸗ kunft der Einquartierung, die allerneumodiſch⸗ ſten Gardinen fertig zu ſchaffen, und that die ſchoͤnſten Vorſchlaͤge deswegen, denn ſie hatte (wiewohl gegen ihre Neigung) manchmal Mo⸗ nathe lang bei der Frau Superintendentin Zipfelein in der Stadt wohnen muͤſſen, und da, mit ſehr oſſenen und gelehrigen Augen, nach allen Gegenſtaͤnden der Mode, und alſo auch nach allen neumodiſchen Gardinen umherge⸗ ſchaut. Nun gluͤckte es Hanchens Beredtſam⸗ keit wirklich beinahe, ihre Mutter, nach der Ueberlegung von einigen wenigen Stunden, zu einer beſtimmten Wahl zu leiten; doch ploͤtz⸗ lich ſprang die vorſichtige, alles bedenkende Frau mit der Einwendung wieder ab, daß ſie ſchlechterdings nicht eher zu einer Ausfuͤhrung ſchreiten werde, als bis die Oberfoͤrſterin ſich neue Gardinen angeſchafft habe, weil ſie wiſſe, daß dieſe Naͤrrin, die ihr, einer freyen Gutsbeſitzerin und halben Edeldame, alles nachzumachen ſtrebe, ſchon Monathe lang auflaure, um auch an ihren neuen Gardinen 9 zum Affen zu werden. Da ſich Madam Praſ⸗ ſel in das weitlaͤuftige Kapitel von den Thor⸗ heiten und boͤſen Kniſſen der uͤbermuͤthigen Oberfoͤrſterin eingelaſſen hatte, nahm ihre Laune eine immer truͤbere Farbe an; ſie aͤberdachte in der darauf folgenden, ſchlaflo⸗ ſen Nacht alles nochmals aufs reiflichſte; und am Morgen, beim Kaffe, erklaͤrte ſie ihrem Manne mit duͤrren Worten, aus der Einquar⸗ tierung koͤnne nichts werden, und er muͤſſe da⸗ her uͤber Hals und uͤber Kopf zu dem Herrn Marſchkommiſſarius reiten, um ihm die Sache ordentlich aus einander zu ſetzen, und ihm, bit⸗ tend oder trotzend, die noͤthige Verſchonung ihres Hauſes abzuzwingen. Jetzt wurde Herr Praſſel auch ein wenig wild, und that einen recht handfeſten Schwur, daß er ſo eine Tollheit nimmermehr begehen werde. „Nun ſo laß' ich anſpannen, und fahre „hin, um ſelber mit ihm zu ſprechen,“ ſagte Madam Praſſel mit Hitze. Allein noch hitzi⸗ ger fiel ihr der Mann ins Wort:„Eher ſchieß „ich dir die Pferde vor dem Wagen todt, als 19 „ich das leide!“ Und als ſie ihn hierauf ziemlich hoͤhniſch fragte, was er denn fuͤr ei⸗ nen beſſeren Rath wiſſe, gab er ihr zur Ant⸗ wort: es ſolle und muͤſſe bei der Einquartie⸗ rung bleiben, und er wolle es den Herren ſel⸗ ber, zur Schande ſeiner Frau, erzaͤhlen, daß noch keine Gardinen angeſchafft waͤren.— Hierauf warf er ſeine Pfeife gegen den Boden⸗ daß ſie in mehrere Stuͤcken zerbrach, und ging haſtig zur Thuͤr hinaus. „Ach Gott!“ ſeufzte Hanchen—„wenn „ doch nur nicht Krieg geweſen waͤre! der iſt „an aller der Unruhe Schuld!“⸗ „Ja wohl!“ ſtimmte ihr die Mutter bei „— Hab' ich es dir nicht immer geſagt? „ So bald Krieg iſt, giebt es uͤberall Noth „und Allarm, und die beſten Maͤnner werden „zu Wuͤthrichen!” Und indem ſie die Stuͤk⸗ ken der zerbrochnen Pfeife ſorgfaͤltig mit auf⸗ heben half, ſetzte ſie ſeufzend hinzu:„Wie „mag es nun erſt ausſehn, wenn Einem gar „Feinde ins Haus fallen!“ ——— ——— 6 11 Hanchen zerbrach ſich lange den Kopf, wie ſie der Noth im Hauſe wohl ein Ende machen koͤnnte. Auf einmal hatte ſie den verwognen Einfall, in der Stille durch die Gaͤr⸗ ten nach dem Hauſe des Herrn Oberfoͤrſters zu gehen, um zu verſuchen, ob dort nicht vielleicht. die Einquartierung unterzubringen waͤre. Ihre Mutter haͤtte ſich freilich eher beide Ohrzipfel, mit den Feſttags⸗Ohrringen daran, abſchneiden laſſen, als dieſen Schritt gethan; denn ſie war mit Oberfoͤrſters ſeit langer Zeit ſo ſehr uͤber den Fuß geſpannt, daß ſie ſchon ſeit Jahr und Tag keinen Fuß in den oberen und zwar ſchoͤnſten Theil ihres Gartens geſetzt hatte, blos weil er an den des Oberforſters graͤnzte, in welchem ihre Feindin ſehr eifrig Kuͤchen⸗Botanik trieb. Hanchen hingegen nahm es weder mit der Eitel⸗ keit der Oberfoͤrſterin, noch mit den Urtheils⸗ ſpruͤchen ihrer Mutter ſo ſehr genau⸗ und wußte ſehr gut die Lücke in dem nachbarlichen Zaune zu finden, wo ſie unbemerkt in das feindliche Gebiet eindringen konnte. Ohne daß auch nur einer der großen Jagd⸗ hunde anſchlug, gelangte ſie gluͤcklich bis an 1 die niedrigen Fenſter des ſtillen Hinterſtuͤbchens, in welchem die alte, halb wahnſi unige Tante der Oberforſterin krank lag. Ehe eine Minute vergangen war, hatte der ehrenwerthe Vetter des Oberforſters, der Doktor Moll aus dem nahen Staͤdtchen Vietorienbad, der eben ganz allein an dem Bette der Kranken ſaß, die junge Spatziergaͤngerin draußen bemerkt. Haſtig ſprang er von ſeinem Stuhle auf, und ſteckte den ganzen Kopf mit der großen Alongenperuͤcke und den halben Leib mit der langen Goldbro⸗ kat⸗Weſte und beide Arme, in gruͤnen Pluͤſch gehuͤllt, zum aufgeriſſenen Fenſterfluͤgel hin⸗ aus. „Was heißt das?“ rief er voll Erſtaunen. Doch augenblicklich hielt ihm Hanchen ihre Hand entgegen, und dieſe war ſo lieblich zu kuͤſſen, daß. ger ſeinen ploͤtzlich verſtummenden Mund lange nicht wieder davon losmachen konnte. Sowohl dieſer Ausbruch einer ſehr warmen Zaͤrtlich⸗ keit, als auch die verliebten Blicke, welche aus den Augen des Doktors unwillkuͤhrlich hervor⸗ ſchoſſen, ſtanden in einem ſo poſſierlichen Kontra⸗ ſte gegen den urgroßvaͤterlichen Putz deſſelben, — — daß Hanchen ſich unmoͤglich des lauten Aufla⸗ chens erwehren konnte. „Kindchen Kindchen!“ ſagte der Doktor mit gravitaͤtiſcer Miene—„ja nicht uͤber „das ehrwuͤrdige Alter gelacht!“ „Ach nein, Großpapachen!““ erwiederte Hanchen—„dazu hab' ich auch heute gar keine „Zeit. Ich habe etwas hoͤchſt wichtiges auf „dem Herzen.“ Neugierig ſteckte nun der Doktor, noch weiter, als vorher, den Kopf zum Fenſter hinaus; und mit kindlichem Vertrauen, aber ganz leiſe, damit die kranke Tante nichts hoͤrte, fluͤſterte ſie ihm, trotz der vielfaͤltigſten Unter⸗ brechungen von ſeiner Seite, die große Noth in ihrem elterlichen Hauſe, und das einzige Mittel, wodurch derſelben ein ſchnelles Ende gemacht werden koͤnne, ins Ohr. Sie beſchwor ihn eben bei ſeinem trefflichen, liebreichen Her⸗ 1 zen, mit Huͤlfe der großen Achtung, in welcher er bei ſeinen Verwandten ſtaͤnde, den verwickel⸗ ten Knoten auf die angedeutete Weiſe zu loͤſen: da rief die Kranke mit heller Stimme:„da „Sie noch am Leben ſind, mein werther Herr — 14 „Doktor und Schwager, ſo will ich auch folgen. „Ruͤhren Sie mir nur gleich ein paar Duz⸗ „zend von den ſchoͤnen Pulvern ein! „Sogleich, werthes Frau Schweſter⸗ chen!“ rief der Doktor, fluͤſterte Hanchen mit ein paar Worten die Erfuͤllung ihrer Bitte zu⸗ und flog an das Krankenbett.. Hanchen eilte nun zuruͤck, und trat mit froͤhlichem Geſicht unter ihre verſtoͤrten Haus⸗ genoſſen, wie ein Engel des Lichts unter die Kinder der Finſterniß. Als die Mutter ihr, wegen ihrer ungebuͤhrlichen Seelenſtaͤrke in einer ſo preßhaften Zeit, einen bittern Vor⸗ wurf machte, ſagte ſie mit prophetiſcher Be⸗ geiſterung:„Liebe Mutter, ich habe eine Ah⸗ „nung, daß alles am Ende wohl noch recht gut „ablaufen wird, und darum kann ich unmoͤglich „noch laͤnger betruͤbt ſeyn.⸗ Und herrlich ging ihre Prophezeiung in Erfuͤllung. Noch ehe zwei Stunden vergan⸗ gen waren, kam ein etwas ſchlecht ſtiliſtrtes, aber doch verſtaͤndliches und hofliches Billet von dem Oberforſter, worin er Herrn und Madam Praſſel recht angelegentlich bat, ihm 2 15 doch ja die vom Herrn Marſchkommiſſarius angemeldeten Gaͤſte zur Bewirthung in ſeinem Hauſe zu uͤberlaſſen, weil ſie die intimſten Freunde eines ſeiner geſchaͤtzteſten Verwandten waͤren. Madam Praſſel ward hierdurch ſo ſehr aͤberraſcht, daß ſie in den erſten Augenblicken kein Wort dazu ſagen konnte. Nach und nach kehrte aber ihre Beſinnung zuruͤck; und nun argwoͤhnte ſie erſt, ob der ganze Brief nicht etwa gar ein Pasquill auf ſie und ihre gardi⸗ nenloſe Putzſtube ſeyn ſolle; und nachdem man ihr dieſes ausgeredet, aͤußerte ſie die wichtige Bedenklichkeit, ob man ſich, durch Gewaͤh⸗ rung jener ſchriftlichen Bitte, gegen die Ober⸗ forſterin auch nichts vergebe, und ob dieſe uͤberhaupt, nach ſolch einem Beſuch in ihrem Hauſe, die Naſe nicht noch hoͤher werde tragen wollen, als ſie es bisher ſchon gethan. Es fehl⸗ te daher gar nicht viel daran, daß eine abſchlaͤ⸗ gige Antwort abgeſchickt worden. Allein Herr Praſſel erklaͤrte ſich mit einem ſo kraͤftigen Hausfluche fuͤr eine unverzoͤgerte Annahme des gemachten Vorſchlags, und bat ſeine Gemah⸗ 3 16 lin ſo inſtaͤndig, ſich nicht vom Satan plagen zu laſſen, daß ſie ihre Einwilligung endlich nicht laͤnger zurück halten konnte. Als die desfallſige Depeſche abgeſchickt war, und ihr Mann ein kleines Stoßgebet aus dankbarem Herzen der gütigen Vorſehung zuſandte, ward auch das ihrige von einer frommen und zaͤrtli⸗ chen Ruͤhrung ergriffen, und ſie beſchenkte den Betenden, der ihr dazu die Gegend beim rech⸗ ten Ohrzipfel hinhielt, mit einem hoͤchſt keu⸗ ſchen und ſanften Verſohnungskuſſe. Ohne auf das zu achten, was er nun in den Bart brummte, wandte ſie ſich dann mit den Wor⸗ ten:„Wenn die Noth am groͤßten, iſt die „Huͤlfe am naͤchſten“ zu ihrer laͤchelnden Tochter, und gab dieſer eine feierliche Ehren⸗ erklaͤrung uͤber ihr gluͤckliches Ahnungsver⸗ mogen. Hierauf eilte ſte in die Kuͤche, um dem immer noch etwas ſchmollenden Hausvater eins ſeiner hundert Leibgerichte ſo ſchmackhaft als moͤglich zuzubereiten. Als er ſich hieran nun recht rund und heiter gegeſſen hatte, klopfte ſie ihm mit den Worten auf die Schul⸗ tern:„Die Alteration von dieſem Morgen „hat dir alſo nichts geſchadet, Vaͤterchen?“ „Nein doch, nein doch,“ war ſeine Ant⸗ „wort— du ſiehſt ja, daß es mir ſchmeckt.— „Kein Menſch kann das ſo kochen, wie du es „kochſt.— Du biſt ein braves Weib; aber „ſorge nun auch gleich fuͤr die Gardinen, da⸗ „mit der Betteltanz nicht noch einmal los⸗ „geht.“ Sie bat ihn, nur noch bis nach der großen Waͤſche damit Geduld zu haben. Er nickte dazu, bejaend, mit dem Kopfe, lobte noch⸗ mals das herrliche Gericht; und im ganzen Hauſe war der Friede wieder hergeſtellt. 4 Alles ging nun einige Zeit recht nach Wunſche. Der Oberförſter fing, an dem beſtimmten Tage, ſeine Gaͤſte gleich am An⸗ fange des Dorfes auf, bewirthete ſie ſo gaſt⸗ freundſchaftlich und verſchaffte ihnen durch eine kleine Jagdpartie eine ſo erwuͤnſchte Unterhal⸗ tung, daß ſie ſehr vergnuͤgt bei ihm waren, und mit lebhaften Aeußerungen des Dankes J. f. F. II. J. 3. H. 2 1 18 von ihm ſchieden. Dieß wirkte lebhaft auf Wirth und Wirthin zuruͤck, und machte auch dieſe zufrieden und froh. Unterdeſſen nahm das Waſchfeſt im Praſ⸗ ſelſchen Hauſe einen geſegneten Anfang und Jortgang. Der Himmel ſelbſt ſchien ſeine Freude daran zu haben, indem er es durch ein ſo freundliches Fruͤhlingswetter beguͤnſtigte, daß man im Freien ſogar trocknen konnte, ob man gleich noch alle Briefe und Rechnungen, dem Kalender zu Ehren, vom Februar da⸗ tirt ſah. Madam Praſſel that, froh und fromm, das Geluͤbde, dieſes ſeltene Gluͤck noch auf ihrem Sterbebette zu ruͤhmen, und traktirte die Damen von der Waſchwanne herr⸗ licher, als jemals. Das blieb nicht ohne ge⸗ ſegnete Folgen; denn Wohlthun bringt Zin⸗ ſen. Die ebenerwaͤhnten Damen hatten nicht allein geſunde Magen, ſondern auch dankbare Gemuͤther, leicht auffaſſende Ohren und, wenn ſie einmal in Bewegung geſetzt waren, auch aͤußerſt beredte Zungen. Sie entwickel⸗ ten daher auf dem Trockenplatze eine Menge von Kenntniſſen aus der Tagesgeſchichte des 19 Dorfes und der umliegenden Gegend, und eine Beredtſamkeit und eine Darſtellungsgabe und eine Kritik, daß mancher Redaktoͤr eines literaͤriſchen Inſtituts, der ihnen mit verbun⸗ denen Augen zugehoͤrt haͤtte, vor dem Irr⸗ thum nicht waͤre ſicher geweſen, ſich unver⸗ muthet in den Kreis ſeiner fleißigſten Referen⸗ ten und Korreſpondenten verſetzt zu waͤhnen. Madam Praſſel gerieth hierdurch weniger in Erſtaunen, als in heitere Laune; und ohne ſich gerade deſſen deutlich bewußt zu ſeyn, em⸗ pfand ſie doch einmal wieder recht lebhaft, daß uͤberall auf Gottes Erde Freudenblumen bluͤ⸗ hen, und daß auch die geſchaͤftige Hausfrau deren eine Menge auf ihren Wegen von der Kuͤche zum Waſchhauſe, und von da zum Trok⸗ kenplatze, finden und pfluͤcken kann, wenn ſie unr einen genuͤgſamen, dafuͤr empfaͤnglichen Sinn hat. Endlich aber bemaͤchtigte ſich ihrer ganzen Seele ein wahrer lyriſcher Freudentau⸗ mel, als ihr, mit Beſtaͤtigung des ganzen Chors, von der Anfuͤhrerin deſſelben, der al⸗ ten Frau Barteln, die große Neuigkeit mit⸗ getheilt wurde, daß die Frau Oberfoͤrſterin 8 . 20 an dem Morgen des Tages, wo die Einquar⸗ tierung eintraf, fuͤr ihre Putzſtube ganz neue Gardinen aus der Stadt(man wußte nur leider nicht, von wem) zugeſchickt erhalten habe. Nach genau angeſtelltem Examen erfuhr Madam Praſſel mit zuverſichtlicher Gewißheit, daß dieſe Gardinen zwar nach einem kurioſen, in Trudeldorf bisher unerhoͤrten Schnitte auf⸗ gehangen, uͤbrigens aber nur ſchlicht weiß und mit eben ſo ſchlicht weißen Franzen beſetzt waͤ⸗ ren. Nun endlich konnte ſie ſelbſt auch zur Anſchaffung dieſes Putzes ſchreiten, denn nun durfte ſie die ſchnelle Nachaͤffung ihrer Neben⸗ buhlerin nicht mehr fuͤrchten, ſondern war ih⸗ res gaͤnzlichen Triumphs uͤber dieſelbe gewiß, da ſie ſich vorgenommen hatte, ihre Gardi⸗ nen und Franzen wenigſtens mit allen Haupt⸗ farben des Regenbogens prangen zu laſſen. Sobald die alte Barteln ſich ein wenig ent⸗ fernt hatte, fluͤſterte ſie daher Hanchen ins Ohr:„Morgen wird gerollt, uͤbermorgen „geplattet, und wenn wir da mit und mit dem „Weglegen noch in den beiden letzten Tagen „ dieſer Woche fertig werden, ſo wollen wir — 21 „in der folgenden auch gleich nach der Stadt „und das Zeug einkaufen und die Franzen „beſtellen.“ Hanchen aͤußerte viele Freude uͤber dieſen endlich gefaßten, herzhaften Entſchluß, und Beide beſprachen ſich noch eine Weile uͤber dieſen Gegenſtand mit der heiterſten Vertrau⸗ lichkeit. Doch da fuhr ploͤtzlich, mit dem her⸗ beieilenden Boten des Marſchkommiſſarius, ein wilder Hagelſchauer in das ſchoͤne Fruͤh⸗ lingswetter ihrer Laune. Man denke ſich das Mißgeſchick: Kaum der einen Einquartierung gluͤcklich entronnen, wurden fuͤr das Praſſel⸗ ſche Haus ſchon wieder auf uͤbermorgen ein Hauptmann und ein Faͤhndrich angeſagt! Madam Praſſel rang mit einem verzweif⸗ lungsvollen,„Daß ſich Gott erbarme!“ ihre Haͤnde, ohne zu bemerken, daß ihr der Wind eben eins ihrer feinſten, mit Spitzen beſetzten Halstuͤcher zwiſchen den Fingern hinwegſtahl und auf die Erde warf. Erſt als es dem Bo⸗ ten auf die Stiefeln geflogen war, und dieſer, indem er ſich davon befreien wollte, ein gro⸗ ßes Loch hineintrat, fielen ihre Blicke darauf; 2² und, uͤber dem neuen Ungluͤck die boͤſe Nach⸗ richt vergeſſend, ſchalt ſie den armen Schelm ſo voll Zorn einen ungeſchickten, baͤrenfuͤßigen Tölpel, daß er ſich, hochſt verlegen und eilig, aus dem Staube machte. Nach einigem Be⸗ ſinnen rief ſie ihn aber zuruͤck, und trug ihm auf, dem Herrn Marſchkommiſſarius zu ſa⸗ gen, ſie ſtecke eben in der großen Waͤſche, und habe auf uͤbermorgen ſchon das Platten feſt⸗ geſetzt; deshalb ſey ihr Mann auch, wie ge⸗ woͤhnlich, auf einige Tage verreiſt, und der Herr Marſchkommiſſarius koͤnne es ſich alſo an den Fingern abzaͤhlen, daß es ihr fuͤrs erſte unmoͤglich ſey, ſich auf Einquartierung einzu⸗ laſſen. Der Bote meinte jedoch, es muͤſſe da⸗ bei bleiben, wie er es eben beſtellt habe, und ging, taub und unempfindlich gegen alle Vor⸗ ſtellungen und Klagen, eilig von dannen. Nadam Praſſel wußte in der Verzweif⸗ lung nun nichts zweckmaͤßigeres zu thun, als ihrem Herzen durch abermalige Verwuͤnſchun⸗ gen des Krieges und des ganzen europaͤiſchen Militaͤrſyſtems Luft zu machen. Hanchen aber unterbrach ſie darin durch die freund⸗ — — 23 lichſten Zuredungen, und verſicherte zu wiederhol⸗ ten Malen, ſie habe auch heute, wie neulich, eine frohe Ahnung, daß alles ſich, ohne weitere Noth und Stoͤrung, recht gut ſchicken und fuͤ⸗ gen werde. Da die Mutter ihr das nicht glau⸗ ben wollte, und ſie eine aberglaͤubige Naͤrrin ſchalt, hing ſie den Kopf, und ging mit betruͤb⸗ ter Miene hinweg. Irm Grunde ihres Herzens war ſie indeſſen nichts weniger, als betruͤbt; ſondern ſie nahm nur den Schein davon an, damit der Mutter ihr Hinweggehn vom Trockenplatze nicht auffiele. In ihrer Kammer ſchrieb ſie nun, mit fliegen⸗ der Feder, das eben Vorgefallne an ihren zaͤrt⸗ lichen Freund, den Doktor, der heute leider nicht in Trudeldorf war. Ein Bote mußte ſich alſo mit dem Briefe heimlich nach der Stadt machen, und laufen, ſo ſehr er nur laufen konnte, waͤhrend deſſen Hanchen, als eine gute Tochter, wieder zu ihrer Mutter ging⸗ und uͤberlegen und lamentiren half. Der Bote war ſo raſch gelaufen, daß er nach fuͤnf Stunden ſchon wieder, mit einem Briefe vom Doktor, ins Haus der Frau 24 d Oberfoͤrſterin trat. Nun noch ein Viertel⸗ ſtuͤndchen, und ein Jaͤgerburſche brachte der Madam Praſſel eine Empfehlung von der Frau Oberforſterin und dem Herrn Oberfoͤrſter, und es mache dieſem das Einquartierungsweſen ungemein viel Vergnuͤgen, weil die Herren Officiere großtentheils große Liebhaber von allerlei Jaͤgerei waͤren; er ließe alſo bitten, ob Madam Praſſel ihm nicht, ein fuͤr allemal, ihre Einquartierungen uͤberlaſſen wolle, da ſein Haus leider ein Freihaus ſey, und ihm alſo dergleichen eigentlich nicht zugeſchrieben werde. Ungleich ſchneller, als das erſte Mal, war Madam Praſſel jetzt mit der Annahme des ge⸗ ſchehenen Antrags fertig; allein ihr Staunen und ihre Freude waren dießmal faſt noch grö⸗ ßer; und ſie bat Hanchen nicht nur die heuti⸗ gen Scheltworte foͤrmlich ab, ſondern erklaͤrte nun auch von freien Stuͤcken, daß man Traͤu⸗ me, Ahnungen und Prophezeiungen durchaus nicht verwerfen muͤſſe, und zwar am allerwe⸗ nigſten in boͤſen Zeiten, wo der Himmel die Welt durch Kriegsunruhen, oder andere Landplagen, heimſuche. Auch meinte ſie jetzt⸗ — 2 5 ſeit langer Zeit zum erſten Male wieder, die Oberfoͤrſterin habe, bei allen ihren Fehlern, doch auch manche recht gute Eigenſchaft, und der Oberfoͤrſter ſey auch im Grunde gar nicht ſo hart und barſch, als er manchmal ausſaͤhe. Hanchen nickte, bis ſie auch zu Worte kommen konnte, mit ihrem Koͤpfchen den freundlichſten Beifall; dann verſicherte ſie⸗ daß ſie jene ganze Familie fuͤr recht brav halte, und daß es ihr daher immer leid gethan habe, um wahrer Lappalien willen einen ſo wuͤnſchens⸗ werthen, nachbarlichen Umgang entbehren zu muͤſſen. So gut es Hanchen hiemit auch im Sinne hatte, ſo ſehr verfehlte ſie doch ihr Ziel. Ma⸗ dam Praſſel fing nemlich das Wort Lappa⸗ lien ſehr ernſthaft auf, und zaͤhlte zum neun und neunzigſten Male das lange Suͤndenregi⸗ ſter der Oberfoͤrſterin auf, vom erſten Etiket⸗ tenfehler beim erſten Beſuche derſelben an, bis zu ihrem letzten, ungluͤcklichen Streite über die beiden verwechſelten Sauerkohlfaͤßchen und aͤber die ſchicklichſte Zeit zur Verwandlung der Haͤhne in Kapaunen. Madam Praſſeel erhitzte ſich hierbei aufs neue ziemlich ſtark, und Han⸗ chen blieb nichts uͤbrig, als zuzugeben, daß das alles gar wichtige Dinge waͤren, und daß ſite ſich alſo mit dem Ausdruck Lappalien ein wenig vergriffen habe. Gleich am andern Morgen verbreitete ſich im ganzen Dorfe das Geruͤcht, daß Oberfoͤr⸗ ſters wieder Einquartierung haben und deswe⸗ gen einen großen Schmauß anſtellen wuͤrden. Ehe ſich es Madam Praſſel verſah, erhielt auch ſie und Hanchen eine Einladung dazu. Madam Praſſel bedauerte, daß ſie Beide nicht kommen koͤnnten, und ließ ſich mit der großen Platte entſchuldigen. Der Hauptgrund in ih⸗ rem Herzen war aber der, daß Oberfoͤrſters vor anderthalb Jahren, nach dem ebenerwaͤhn⸗ ten Streite, ebenfalls nicht gekommen waren, als Madam Praſſel ſie zum letzten Male einla⸗ den ließ. Nach altem, aͤcht Trudeldorfſchen Herkommen mußte ſie alſo, um von ihrer Wuͤrde nichts zu vergeben, dieſe Revanche nehmen, ſo gern ſie auch die neuen Gardinen der Oberfoͤrſterin geſehn haͤtte. —,— 27 An dem Schmaußtage ſelbſt ging ſie jedoch ganz unwillkuͤrlich, als ob ſie behext waͤre, zum erſten Male wieder in ihrem Garten hin⸗ auf bis an den Graͤnzzaun, und ſah nach Ober⸗ förſters Hauſe hinuͤber, ob ſie gleich recht gut wußte, daß in dieſer Entfernung, durch die zugemachten Fenſter, ſchwerlich etwas zu er⸗ kennen ſeyn werde. Zudem ſiel ihr auch bald ein, daß die Fenſter, welche ſie ſuchte, gar nicht einmal nach dem Garten hinaus gingen. Weil ſie aber nun einmal an dem Zaune ſtand, und ſeit ſo langer Zeit nicht in das nachbarliche Gebiet geſchaut hatte, ſo that ſie es noch ein Weilchen, mit Blicken, die weder ganz gleich⸗ giltig, noch ſehr neugierig waren. Bald in⸗ deſſen ward ihre Aufmerkſamkeit im hoͤchſten Grade durch ein Liebespaar gefeſſelt, das, in einem verſteckten Gartenhaͤuschen, ſehr zaͤrt⸗ lich von einander Abſchied nahm. Sie ſah hierauf, daß ein alter, abentheuerlich gekleide⸗ ter Herr nach dem Hauſe des Oberfoͤrſters, und ein junges huͤbſches Maͤdchen nach dem Zaune heruͤberſchlich. Sie ging dem Maͤdchen am Zaun' entlang entgegen; und ſo wie es hindurch geſchlüpft war, gab ſie ihm auf die eben gekuͤßte, rothe Wange eine ziemlich hoͤr⸗ und fuͤhlbare Ohrfeige, welcher alsbald eine Flut von Ausrufungen, Fragen und Schelt⸗ worten nachfolgte. „Ach, liebe Mutter!«e rief Hanchen, be⸗ ſtuͤrzt, doch ohne zu weinen—„von Maͤn⸗ „nern mit Alongenperuͤcken und langen Gold⸗ „brokatweſten und gruͤnen Pluͤſchroͤcken hab' z, ich mich ja immer duͤrfen kuͤſſen laſſen!«« „Aber in Oberfoͤrſters Gartenhauſe?“ fiel ihr die Mutter ins Wort—„Und wenn „ein alter Peruͤckenſtock es mit ſolcher arger „, Verliebtheit thut, mußt du da ſo lange ſtill „halten?““ „Freilich thut er etwas verliebt;“ ant⸗ wortete Hanchen—„allein er iſt ja der Vet⸗ „ter des Oberfoͤrſters, dem wir es zu verdan⸗ „„ken haben, daß wir von der Einquartie⸗ „„ rungsnoth befreit ſind.“ Dieſe Verſicherung beſaͤnftigte die Mutter einigermaßen; doch blieb ſie dabei, Hanchen habe ſich als ein erzeinfaͤltiges Ding, das noch nicht wiſſe, was es mit dem Kuͤſſen eigentlich fuͤr eine Bewandtniß habe, aus dummer, gut⸗ muͤthiger Dankbarkeit viel zu ſehr aufgeopfert. Hierauf folgten ernſtliche Warnungen vor wei⸗ terem Verkehr mit dem verliebten Doktor, der, nach dem zu urtheilen, was man eben von ihm geſehn, und als ein intimer Officier⸗ freund, trotz ſeines Alters, gewiß ein Schelm ſey, dem man nicht weit trauen duͤrfe.— Ziemlich verſoͤhnt, und mit wichtig vertrauli⸗ chem Tone aͤußerte ſie endlich die Befuͤrchtung; ob der Doktor nicht vielleicht gar von der Pa⸗ the Dentin(ſo nannten Praſſels die Superin⸗ tendentin Zipfelein gewoͤhnlich) als Spion ab⸗ geſchickt ſey, um Hanchens Tugend auf die Probe zu ſtellen. Hier lachte Hanchen laut auf, und ſchien nicht zu begreifen, wie die Dentin auf einen ſo naͤrriſchen Einfall ſollte gerathen koͤnnen. „Kind,“ ſagte Madam Praſſel—„ ich „weiß es, die Pathe Dentin hat, ſeit Jahr „und Tag, ein ganz beſonders wachſames Au⸗ „ge auf dich; und, glaub' es mir, ſie fuͤhrt et⸗ „was im Schilde mit dir und mit ihrem Hek⸗ „torchen, der ſich in Muͤnſter als ein großer 8 „Kaufmann beſetzen will. Sie warf an Weih⸗ „nachten ſchoͤn ſo etwas hin, und neulich auf „dem Jahrmarkte auch; gieb acht, ſie ruckt „ naͤchſtens mit der Sprache heraus; und drum „, ſey vorſichtig, und verſcherze dein Glück „nicht!⸗.. Hauchen war keck genug, zu erklaͤren, daß ſie dieſes Gluͤck recht gern verſcherzen wolle.— Hierauf ſetzte ihr die Mutter aus einander, was der Hektor einmal fuͤr ein ſchoͤnes Vermoͤ⸗ gen zu erwarten habe, und in was fuͤr eine große und vornehme Verwandtſchaft, ſelbſt mit ein paar Edelleuten, man durch dieſe Ver⸗ bindung komme. Hanchen verſicherte hinge⸗ gen, ſie wolle lieber den aͤrmſten Bauernſohn 3 heirathen, wenn er nur ſonſt gut und redlich waͤre, als das verzogene Mutterſöhnchen, den Hektor, der ſo einfaͤltig ſey, trotz ſeiner in⸗ nern und aͤußern Unausſtehlichkeit, doch aufs aͤrgſte in ſich ſelbſt verliebt zu ſeyn. Hierauf vermochte Madam Praſſel vor Aerger nichts zu erwiedern, als:„Schier „dich an deine Platte!“ — 322 Hauchen gehorchte ſo eilig, und uͤbertraf⸗ beim Einfaͤlteln und Ausſtreichen der feinen Waͤſche, ihre Kolleginnen am Platttiſch auf eine ſo ausgezeichnete Art, daß ihre Mutter, wider Willen, daruͤber erſtaunen und wieder mit ihr ſprechen mußte. Daher war Beider Verhaͤltniß am folgenden Tage ſchon ſo leidlich wieder hergeſtellt, daß der Vater, bei ſeiner Ruͤckkehr, von dem, was vorgefallen war, nicht das Mindeſte merkte. Mit dem Ende der Woche war alles wie⸗ der auf die Seite geſchafft, und Schraͤnke und Kaſten ſtrotzten aufs neue von Schaͤtzen, an denen die Blicke der Madam Praſſel jetzt faſt eben ſo liebaͤugelnd hingen, als weiland, in ihrem Brautſtande, an dem glatten, runden Geſicht ihres Braͤutigams.— Die neue Woche war da; und Hanchen erinnerte ihre Mutter, daß ſie neulich beſchloſſen habe, in dieſen Tagen nach der Stadt zu fahren, um das Zeug zu den Gardinen einzukaufen. „Ich weiß es wohl,“ erwiederte Ma⸗ dam Praſſeſ.—„Allein ich habe mir alles 32 — „noch einmal uͤberlegt, und da bin ich unge⸗ „wiß geworden, ob ich es nicht bis zum gro⸗ „ßen X- iſchen Oſtermarkt laſſe; denn es hat „ ja damit nun keine Eile mehr, weil Oberfoͤr⸗ „ſters ein fuͤr allemal die Einquartierung uͤber⸗ „nommen haben.—— Ihr habt Recht— „Man kann freilich in Schnackenheim auch „alles haben; aber faſt alle vornehme Leute „„ in Schnackenheim holen ja aus— ihre „Sachen, und es klingt doch auch weit beſſer, „wenn man ſagen kann, man habe dieß und „das in— gekauft.— Sag' einmal ſelbſt⸗ „lieber Mann, ob ich hierin nicht Recht „habe?““ Der arme liebe Mann lief, nach langer, vergeblicher Gegenrede, aus Aerger aufs Feld; und es blieb beim Alten. Doch im Ra⸗ the des Schickſals war es anders beſchloſſen, als Madam Praſſel es wollte; und vor dieſem mußte ſie ihren Nacken beugen, ſo gut als irgend eine antike, oder allerneueſte Tragoͤ⸗ dienprinzeſſin. Schon am Dienſtag Morgen kam nemlich ein Bote aus Schnackenheim mit einem Briefe — — 33 393 von der Superintendentin Zipfelein, worin dieſe die ganze Praſſelſche Familie auf naͤchſten Donnerſtag zum Mittageſſen einladete. Han⸗ chens Geſicht verfinſterte ſich hiebei zwar, doch das muͤtterliche klaͤrte ſich deſto freundlicher auf, und der Bote ward mit einer hoͤflichen Zuſage zuruͤckgeſchickt. Als er ſchon fort war, und Madam Praſſel den Brief ihrer Gevatte⸗ rin noch einmal in die Haͤnde nahm, bemerkte ſie erſt, daß inwendig, auf der zweiten Seite, noch eine Nachſchrift befindlich war.„Apro⸗ pos,“ hieß es daſelbſt—„haben denn „Oberfoͤrſters ihre Einquartierung ſo fuͤrſtlich „bewirthet? In allen Zeitungen bedanken „ſich ja die Officiere dafuͤr, und wiſſen des „Ruͤhmens kein Ende zu finden.“ Dieſe Nachricht war ein Funke, der in ein Pulverfaß fiel. Herr Praſſel verſteckte an⸗ ſaͤnglich hinter ein ſtummes Achſelzucken ſeinen inneren Aerger; aber ſeine Frau geſtattete ſo⸗ gleich ihren ſchmerzhaften Empfindungen den freieſten Ausbruch.„Pfui! und abermals „Pfui!« rief ſie aus—„das heißt doch, „Einen recht ſpitzbuͤbiſch um den Segen Jakobs J. f. F. I. 3 8. 9. 3 „betruͤgen! Haͤtt ich es doch gleich denken „ koͤnnen, daß hinter der Hoͤflichkeit und Gaſt⸗ „freundſchaft nichts, als Schlangenfalſch⸗ „heit, verborgen waͤre! Wahrſcheinlich ſteckt „ſie mit den Zeitungsſchreibern unter einer „Decke, und hat ſie beſtochen. Oder wenn „das der Fall nicht iſt: wie mag ſie es mit „den Officieren getrieben haben! und wie mag „ſie nun ins Faͤuſtchen lachen und uͤber uns „triumphiren!— O, haͤtt' ich doch die fatalen „Gardinen ſchon gehabt!““ Nun platzte auch Herr Praſſel los, denn auch er war ein Mann, der ſeinen kleinen Ehrgeitz im Hintergrunde des Herzens hatte, und den es alſo tief ſchmerzte, daß ein Anderer den Ruhm einerndtete, den er ſelbſt ſo gern verdient haͤtte. Muthiger, als jemals, wagte er es jetzt, ſeiner Frau den Text uͤber ihr Thun und Weſen zu leſen. Auf ihr Verlangen, daß er zu Oberfoͤrſters gehen, und an die Zei⸗ rungsſchreiber einen recht derben Brief ſchrei⸗ ben moͤchte, gab er ihr zur Antwort, ſie ſey nicht geſcheit, und wer den Karren in den Schmutz geſchoben habe, moͤge ihn auch wieder — 35 593 heraus ziehen. Und da er ſah, daß ſie ein wenig die Segel zu ſtreichen und heiſer zu werden anfing, ward er immer verwegener und lauter, und drohte mit Verklagen und Scheiden, wenn binnen vier und zwanzig Stunden nicht neue Gardinen ins Haus geſchafft wuͤrden. Kurz, er zeigte ſich als einen Mann, der auch einmal das Rauhe heraus kehren koͤnne. Und als er nichts Neues mehr zu ſagen wußte, wiederholte er das ſchon Geſagte immer wieder von neuem, bis er Frau und Tochter die bitter⸗ ſten Thraͤnen vergießen ſah, und er in voller Siegesglorie das Zimmer verlaſſen konnte, um nicht ſelber zur Unzeit mit weich zu werden, ſondern lieber Futter fuͤr die Pferde zu geben.— 3 Als er fort war, ſagte Hanchen:„Mutter, 1„ich daͤchte, wir fuͤhren auf der Stelle nach „ Schnackenheim. Sie ſprachen ja ſo vorhin 3„von einer neuen Haube, die Sie zut uͤbermor⸗. „gen brauchten.“. Zerknirſchten Herzens willigte Madam praſ⸗ ſel, nach wenigen Zuredungen, ein. Hanchen holte den Vater, da er eben aufs Feld hinaus — 36 wollte, noch am Hofthore ein, bat ihn um Wa⸗ gen und Pferde, und fuhr, nach einer halben Stunde, neben ihrer Mutter nach der Stadt. — Dort nahm man ſich nicht einmal die Zeit, die Frau Superintendentin zu beſu⸗ chen, ſondern fuhr gerade zu einer Putzma⸗ cherin, welche in Zeit von wenigen Stunden den ganzen Handel zu Stande bringen half,⸗ und dann mit nach Trudeldorf fuhr, um alles, an Ort und Stelle, zuzuſchneiden und zu naͤhen, und den Staat, der uͤbermorgen gezeigt werden ſollte, erſt noch ein wenig moderniſiren, und dann auch, kunſtmaͤßig, anlegen zu helfen. Auf der letzten Haͤlfte des Weges fing es an ſehr dunkel zu werden, und die drei Damen angſteten, zu ihrer Unterhaltung, einander um die Wette, durch Erzaͤhlungen von den allerun⸗ gluͤcklichſten naͤchtlichen Verirrungen und Glie⸗ derverletzungen beim Wagenumwerfen. Seit einer halben Stunde ſchrieen ſte daher, in jeder Minute wenigſtens einmal, vor Schreck und Angſt laut auf. Plotzlich aber mußten ſie es vor Freude thun, denn ein Knecht kam ihnen, von Herrn Praſſel geſchickt, mit einer großen 37 Laterne entgegen. Nun brauchte man kein Ungluͤck mehr zu fuͤrchten; und Madam Praſ⸗ ſel fuͤhlte dieſen Zug von Gutmuͤthigkeit und Verſohnlichkeit ihres Mannes ſo tief und innig, daß ſie, nach einer gedankenvollen Pauſe, in die Worte ausbrach:„Hanchen, du biſt doch aber „ein rechter Gaͤnſekopf, daß du mich nicht an „Pfefferkuchen erinnert haſt! Du weißt ja⸗ „wie gern ihn dein Vater ißt, und daß ich ihm „ſonſt immer welchen mitbringe.“ „Ich habe ja welchen gekauft, waͤhrend Sie „die Franzen ausſuchten,“ erwiederte Han⸗ chen, und machte hierdurch die Mutter aͤußerſt froh. Man kam endlich gluͤcklich in Trudeldorf au. Herr Praſſel that anfangs zwar etwas kalt und vornehm, und ſchien noch manches ſtachlige Wort auf dem Herzen zu haben; allein die Ge⸗ genwart der Putzmacherin feſſelte ſeine Zunge; Hanchen fiel ihm liebevoll um den Hals; ſeine Frau uͤberreichte ihm freundlich einen Pfeſſer⸗ kuchen im groͤßten Format, und ſteckte ihm, um ihn ſchnell in Geſchmack zu bringen, den erſten Biſſen mit eigner Hand in den Mund 38 bei Gott! er haͤtte ein Herz von Stahl und Eiſen haben muͤſſen, wenn das alles nicht auf ihn gewirkt haͤtte! Drum ſey es, zu ſeiner Eh⸗ re, geſagt, daß er auf der Stelle den halben Pfefferkuchen verzehrte, und dann wieder freundlich und geſpraͤchig war, als ob er in ſeinem Leben noch nicht die böſen Woͤrter Verklagen und Scheiden uber die Lippen gebracht haͤtte. Alle Haͤnde im Praſſelſchen Hauſe, die nähen konnten, wurden nun in die groͤßte Thaͤ⸗ tigkeit geſetzt; und ſo kam das vielbeſprochene, große Werk der neuen und neumodiſchen Gar⸗ dinen ſo ſchnell zu Stande, daß Donnerstags, am ſieben und zwanzigſten Februar, Morgens um acht Uhr, Madam Praſſel ihrem Manne die Putzſtube ganz fix und fertig zeigen, und dann ſogleich der Frau Oberforſterin ſagen laſ⸗ fen konnte, ſie werde von nun an alle ihrem Hauſe zugeſchriebenen Herren vom Militaͤr ſelbſt bewirthen und beherbergen.— Hier⸗ auf warf man ſich in den allerhoͤchſten Staat, und langte, wohlbehalten, um Mittag bei — 9 der Frau Superintendentin an, deren ſaͤmt⸗ liche, vornehme Verwandte ſchon in ſtiller, feierlicher Pracht neben einander ſaßen und ſtan⸗ den, und geduldig der Dinge harrten, die da kommen ſollten. An der langen, langweiligen Tafel erhielt Herr Praſſel den Ehrenplatz zur rechten Seite der Frau Wirthin, und zwiſchen Madam Praſ⸗ ſel und Hanchen ſaß der reiche Onkel, welcher den Hektor ſo ausgezeichnet in ſeinem Teſta⸗ mente zu bedenken verſprochen hatte. Die gro⸗ ße Torte auf der Mitte der Tafel verrieth durch das marzipanene Vivat H, das ſie trug, ſchon im voraus eine beſondere Veranlaſſung zu dem Schmauſe. Erſt als darauf los ge⸗ ſchnitten wurde, erklaͤrte aber die guͤtige Wir⸗ thin der ganzen Geſellſchaft laut und feierlich, daß nicht nur der Nahmenstag ihres lieben Hektors ſey, ſondern daß derſelbe auch wahr⸗ ſcheinlich heute in Muͤnſter gerichtlich Buͤrger, Kaufmann und Hausbeſitzer werde. Nun ſehl⸗ te es nicht an Gluͤckwuͤnſchungen, ausgerufe⸗ nen Geſundheiten und Glaͤſergeklingel. Und um dieſe Muſik noch zu vermehren, erhob der 40 ſtarke Wind, der ſchon ſeit ein paar Stunden gewehr hatte, ſich allmaͤhlig zum Sturme, und ruttelte au allen Fenſtern und Fenſterlaͤ⸗ den und Thuͤren, daß alles klirrte und klappte und ſich bewegte, als waͤr' es pon einem inne⸗ ren, tollen Muthe beſeelt. Die Superintendentin, der jeder Qtumn ſonſt Grauen erregte, fuͤhlte ſich heute, in der Uimgebung ſo vieler Menſchen und Schuſſeln und Flaſchen, ungewöhnlich muthig; und um ſich in dieſer höheren Stimmung zu erhalten, eilte ſie, den Hauptſcherz, den ſie ſich fuͤr heute ausgedacht hatte, ſogleich an den Mann zu bringen. Das heißt, ſie fluͤſterte Herrn Praſſel ins Ohr, das Vivat H koͤnne nicht allein Vivat Hector, ſondern auch Vivat Hanchen geleſen werden. Weil Herr Praſ⸗ ſel hierauf aber nichts erwiederte, als ein ganz trocknes„O ja,“ ſo ſtand ſie auf, und fluͤſterte das Nemliche der Madam Praſſel ins Ohr.— Dieſe bezeigte viele Freude uͤber den Einfall, und theilte ihn, hinter dem Ruͤk⸗ ken des reichen Onkels herum, auch Hanchen mit. Der Onkel wurde nun ebenfalls in den * — 41 Scherz eingeweiht, und gleich darauf die gan⸗ ze uͤbrige Geſellſchaft. Hauchen erroͤthete bis an die Ohren, und zeigte eine ſehr peinliche Verlegenheit. Nichts deſto weniger erhob der Onkel ſein Glas, und rief laut die Geſund⸗ heit aus:„Vivat Hektor und Vivat Han⸗ chen!“ Schon wurden alle leeren Glaͤſer eilig, zum Anſtoßen, gefuͤllt; doch, wie von einem zuͤrnenden Geiſte geſandt, um dieſen ſchoͤnen Scherz zu verderben, ſtuͤrmte ein wilder Ha⸗ gelſchauer in dieſem Augenblicke gegen die Fen⸗ ſter, und muſicirte, gleich einem betrunkenen Geigenſpieler, der nicht ruht, bis er ſeine Quinte zerſprengt hat, auf die armen Schei⸗ ben los. Ueber dem aͤngſtlichen Zählen der Riſſe, welche da und dort einige Scheiben be⸗ kamen, vergaß man den Verſuch, welche in die Weinglaͤſer zu ſtoßen. Jaſt die ganze Ge⸗ ſellſchaft gerieth in eine unruhige Bewegung, Die ceremonienreiche Frau Wirthin bat, in der Angſt ihres Herzens, Jeden, den ſie in aͤhnlicher Angſt ſah, um Verzeihung, daß man in ihrem Hauſe ſolch einen Scandal erleben 42—; muͤſſe; und ſie machte ſich bittre Vorwuͤrfe dar⸗ uͤber, daß ſie das Wetter nicht vorher geſehn, und ihr Diner entweder gar nicht, oder doch bei verſchloſſenen Fenſterlaͤden gegeben habe. — Herr Praſſel, durch den Gedanken geſtaͤrkt, daß der Hagel ihm jetzt nichts auf dem Felde verderben koͤnne, war der einzige, der Seelen⸗ ruhe genug hatte, auf ein Wort des Troſtes fuͤr ſie zu ſinnen.„Liebe Frau Gevatterin!“ rief er—„die Glaſer bitten ja Gott auch um „das taͤgliche Brodt.“ Wirklich im Herzen vergnuͤgt uͤber den ploͤtz⸗ lich entſtandenen Aufruhr war, in der ganzen Geſellſchaft, wohl nur Hanchen. Jeder Andere ſtellte dabei oͤkonomiſche Betrachtungen an, oder ſah wenigſtens, mit Unmuth, eine Stoͤrung des eben etwas froher werdenden Gaſtmahls darin. Fuͤr Hanchen hingegen konnte nichts erwuͤnſch⸗ teres eintreten, als ſolch eine ploͤtzliche Unter⸗ brechung jenes Scherzes, der ihr ſo ernſtlich unangenehm war. Die Scheiben, welche da⸗ bei zerſprangen, machten ihr ſo wenig Kum⸗ mer, als manchem Helden die brennenden 2 — 3 44 Bruͤcken und Doͤrfer, durch deren Zerſtoͤrung er ſeine glorreiche Flucht deckt. Doch die Schadenfreude der kleinen Egoi⸗ ſtin blieb nicht lange ungetruͤbt; denn ſie konn⸗ te dem ernſtlichen Angrifſe nicht entgehn, zu welchem das Vivat beim Mittageſſen nur das ſcherzhafte Vorſpiel war. Der Sturm war nemlich zum Orkan geworden, der in der Naͤhe und in der Ferne Baͤume entwurzelte, Haͤuſer niederwarf und Schiffe z ertruͤmmerte. Ma⸗ dam Praſſel wagte es nicht, in dieſem wilden Aufruhre der Natur nach Trudeldorf zuruͤck zu fahren; und nur ihr Mann machte ſich dahin, bei guter Zeit, zu Fuß auf den Weg, um doch auf dem Platze zu ſeyn, wenn etwa ein Ungluͤck geſchehen ſollte. Die uͤbrigen Gaͤſte entfern⸗ ten ſich nach und nach, ſobald eine kuͤrzere oder laͤngere Pauſe des Sturms ihnen einen gefahrloſen Abzug verſtattete. Schon vor zehn Uhr war Niemand mehr bei der edeln Gaſtgeberin, als Madam Praſſel und Han⸗ chen. Vergeblich ſuchte die Letzte, ſich, durch Klagen uͤber ungewoͤhnliche M uͤdigkeit, loszu⸗ machen. Sie mußte durchaus, zu einem ſoge⸗ 44“ nannten, traulichen Geſpraͤche, noch mit in das kleine Hinterſtuͤbchen wandern, wo man den Sturm weniger hoͤrte. Hier endlich, bei naͤchtlicher Weile, in die⸗ ſem kleinen Heiligthume vertraulicher Freund⸗ ſchaft, warf Madam Praſſel ſogleich das Ge⸗ ſpraͤch auf die Parade der Oberfoͤrſterin in den Zeitungen, und fing an, ihr ganzes, kum⸗ mererfuͤlltes Herz vor ihrer alten, treuen Ge⸗ varterin auszuſchuͤtten. Doch dieſe, nach ei⸗ nem ganz andern Ziele hinſtrebend, hatte heu⸗ te— vielleicht zum erſten Male in ihrem Le⸗ ben— gar wenig Neigung, einer ſolchen Un⸗ terhaltung ihr Ohr zu leihen. Sie ſtemmte ſich daher aus allen Kraͤften dem breiten Stro⸗ me der tragiſchen Beredtſamkeit ihrer Freun⸗ din entgegen, und bat ſie wiederholt, die er⸗ littene Kraͤnkung, wenigſtens einſtweilen, bis ſich Gelegenheit zu einer gehoͤrigen Revanche faͤnde, zu vergeſſen, und ihr Herz unterdeſſen, durch heitere Blicke in eine hoͤchſt anmuthige Zukunft, zu erquicken.— Ehe Hanchen es ſich verſah, war ſie, ſehr bedeutend, an das Doppelvivat, das der reiche Onkel ausgern⸗ — 45 fen hatte, erinnert.„Laſſen Sie das ja ru⸗ hen;“ ſagte Hanchen—„Sie ſind ſonſt vor „keinem Erdbeben ſicher, denn Sie haben es „ja ſchon heute Mittag geſehen, daß der Him⸗ „mel dieß Doppelvivat mißbilligte!““ Die Frau Pathe ließ ſich, durch dieſe hoͤf⸗ liche Zuruͤckweiſung nicht irre machen, ſondern verſuchte, Scherz mit Scherz zu bekaͤmpfen, indem ſie auf eine unerhoͤrt frivole Art von Wind und Wetter ſprach, und ſich anheiſchig machte, ſelbſt einem Erdbeben Trotz zu bieten, wenn es ihr bei der Ausſage deſſen, was ſie eben auf dem Herzen habe, in die Rede fallen ſollte. „Ich laufe fort, um an Ihrer Verſuͤndi⸗ „gung keinen Theil zu haben,“ rief Hanchen, als letzten Rettungsverſuch, und wollte in das Schlafzimmer entſchluͤpfen. Doch die Mutter befahl ihr, zu bleiben; und die Pathe Dentin fing nun foͤrmlich an, die Rolle der Freiwer⸗ berin fuͤr ihren Hektor zu ſpielen. Hanchen wollte aufs neue ſcherzen; und da ihr die Mut⸗ ter dieß verbot, machte ſie, einige Ninuten lang, wirklich ein ſehr ernſthaftes Geſicht; 46— plotzlich ſchlug ſie aber ein lautes Gelaͤchter auf, und meinte, das muͤßte eine der aller⸗ herrlichſten Ehen geben, denn ſie und Hektor haͤtten ſich von jeher, wie Hund und Katze, vertragen. Hierauf belehrten ſie die beiden erfahrnen Damen, ſolche Ehen geriethen oft am beſten; beſtaͤndigen Sonnenſchein gaͤb' es nirgends auf der Welt, und dann und wann ein wenig Zank und Streit muͤßte nun ein⸗ mal im Eheſtande ſeyn; wenn man nur ſein reichliches Auskommen haͤtte, ſo ſchadete das auch nichts; zudem waͤre der Hektor ein recht ſolider Menſch geworden, und die Liebe wer⸗ de ſich, mit der Hochzeit, gewiß eben ſo gut finden, als der Zank und Streit. Hanchen wußte ſich endlich nicht anders zu helfen, als daß ſie verſprach, die Sache recht ernſtlich zu uͤberlegen; und nur dieſe wieder⸗ holte Verſicherung half ihr fuͤr heute ins Kchlaßzimmer und am folgenden Morgen in den Wagen. Auf der Ruͤckfahrt hater Hanchen noch man⸗ chen ſchweren Kampf gegen ihre Mutter zu beſte⸗ 47 hen. Sie ſollte hier durchaus bekennen, daß ihr von Paſtors Gotthilfen der Kopf verdreht ſey⸗ und daß ſie nur darum den Hektor nicht wolle. Hanchen verſicherte hoch und theuer, daß dem Gotthilf, ſeit er Magiſter geworden, ſein eig⸗ ner Kopf viel zu widrig verdreht ſey, als daß ſie Luſt haben ſollte, ſich den ihrigen von ihm ver⸗ drehen zu laſſen. Doch die Mutter glaubte dieſen Verſicherungen nicht ſehr, und ſchwur, daß ſie gehoͤrig aufpaſſen, und gewiß hinter alles kommen werde, und daß es in dieſem Falle keine kleine Execution geben ſolle. Hanchen that einen kleinen Seufzer. Als Madam Praſſel die⸗ ſen bemerkte, wiederholte ſie, noch ernſter, ihre Drohungen. Da fiel ihr aber Hanchen, ſo gut es im Fahren gehen wollte, auf einmal um den Hals, und ſagte:„Mutter! thun Sie doch „nicht, als ob Sie eine ſo grauſame Tyrannin „waͤren! Sie muͤßten mir ja doch vergeben, „wenn ich Ihnen ſo um den Hals fiele, und „Sie baͤte, mich nicht ungluͤcklich, ſondern „gluͤcklich zu machen.““— „Maͤdchen, Maͤdchen!“ erwiederte die Mutter—„wage es hierauf ja nicht, dich 48 „mit dem Gotthilf nur im mindeſten einzn⸗ „laſſen!““ „Gewiß nicht!“ betheuerte Hanchen; und das Geſpräch war zu Ende, denn der Wagen rollte in den Hof.— Madam Praſſels erſte Frage an ihren Mann war:„Iſt Einquartierung angeſagt?— Und Herrn Praſſels erſte Frage an ſeine Frau war: „Haſt du es nun ſelbſt geleſen, was von „Denen dort in den Zeitungen ſteht?—“ Und Jeder gab und erhielt ein verdruͤßlich machendes„Nein“ zur Antwort. „Liebſter Schatz,“ ſagte endlich Madam Praſſel, zu ihrer Entſchuldigung—„ich habe „gewiß zehnmal davon angefangen, und wohl „hundertmal fortfahren wollen, davon zu ſpre⸗ „chen; allein ich konnte immer nicht ordentlich „zu Worte kommen, theils wegen der Stoͤh⸗ „rungen durch den Sturm, theils weil die „Frau Gevatterin das Herz von einer andern „Angelegenheit gar zu voll hatte.“ Nun theilte Madam Praſſel ihrem lieben Manne die wichtige Neuigkeit vertraulich mit, und ſetzte ihm alles ſo umſtaͤndlich und lichtvoll 88 49 aus einander, daß er am Ende ganz und gar mit ihr und der Frau Gevatterin einer Mei⸗ nung war, und ſeine thörichte, widerſpenſtige Tochter in ihrer Kammer aufſuchte, um ihr, nach dem Rathe ſeiner Frau, den Kopf recht tuͤchtig zu waſchen. Als ihm nun Hanchen, wenn auch nicht ſehr umſtaͤndlich, doch ſehr lichtvoll, aus ein⸗ ander geſetzt hatte, daß ſie ſich einen Mann, nur um ſein ſelbſt willen, aber nicht um ſeiner reichen und vornehmen Verwandten willen, waͤhlen wolle, und daß ihr der Hektor zuwider ſeyn wuͤrde, und wenn er auch zehn Grafen oder Fuͤrſten zu Vettern haͤtte: da war Herr Praſſel auch ihrer Meinung, und verſprach, er wolle der Mutter den H ochmuthsteufel ſchon aus dem Kopfe treiben, ſo bald ſie wieder den vorigen Ton anſtimmte. Doch als die Mutter in dieſem Augenblicke zu den Sprechenden in die Kammer trat, und nun bald ſie, bald Hanchen ſeine Unterſtuͤtzung bei dem lebhaften Streite verlangte: da wußte der arme Mann nicht mehr, wo aus und wo ein; und um nur fuͤrs erſte wieder los zu J. f. F. II. J. 8. H. 4 7 kommen, beſtaͤtigte er das Endurtheil ſeiner Frau, daß Hanchen nach vierzehn Tagen ent⸗ weder einen befriedigenden Grund zur Weige⸗ rung angeben, oder den erhaltenen Antrag, ohne weitere Widerrede, annehmen muͤſſe.— Durch die wiederholte, nachdruͤckliche Einſchaͤr⸗ fung dieſes Ausſpruchs ſuchte er ſich ſelbſt weiß zu machen, daß er damit nur ſeine eigne ober⸗ richterliche Meinung und Weisheit ausſpreche. Und dieſe ſchoͤne Selbſttaͤuſchung gelang ihm auch ſo vollkommen, daß er, mit der triumphi⸗ renden Miene eines ſiegreichen Helden, ſich, ſo bald als moͤglich, aus dem Staube machte, und zwar mit dem feſten Vorſatze, ſich, bis zu dem beſtimmten Termine, ſchlechterdings auf dieſen Streit nicht wieder einzulaſſen, damit er ſeinen erkaͤmpften Lorbeer wenigſtens ganzer vierzehn Tage lang unangetaſtet behalte, und nicht ſogleich wieder zu dem alten Vorwurfe Veranlaſſung gebe, daß vor ſeinem Richter⸗ ſtuhle immer derjenige, welcher zuletzt geſpro⸗ chen, Recht habe. Um Geiſt, Herz und Zunge ſeiner lieben, nicht leicht baim Schweigen zu erhaltenden Frau 4 51 unterdeſſen anderweitig zu beſchaͤftigen, unter⸗ hielt er ſich vielfaͤltig mit ihr uͤber den enormen Schmauß, mit dem ſie, bei der naͤchſten Ein⸗ quartierung, die Putzſtube einweihen wollten, und uͤbev die ſataniſche Tuͤcke des Oberforſters und der Oberfoͤrſterin. Wenn Hanchen hiebei wagte, ein verſoͤhnendes Wort ſprechen zu wollen, ſo half er der Mutter treulich, auf die vorlaute Advokatin ſchelten, machte aber dieſe Strenge gewoͤhnlich, unter vier Augen, durch deſto groͤßere Freundlichkeit wieder gut. Einige Tage erhielt er durch dieſes Verfah⸗ ren ſeine Frau bei recht guter Laune; doch da immer noch keine Einquartierung angefagt wur⸗ de, obgleich der lange Kuͤchenzettel und das noch laͤngere Verzeichniß der Gaͤſte ſchon zu Stande gebracht war: ſo fing es wieder an, mit dem Frieden im Hauſe bedenklich zu werden, und der Streit uͤber die projektirte Heirath war, ohne ein neues, außerordentliches Manoͤuvre, nicht mehr zu vermeiden. Als daher eines Morgens Madam Praſſel ſich etwas verdruͤßlich daruͤber aͤußerte, daß ſie den bewußten Scandal in den Zeitungen noch nicht ſelbſt habe ſehen 5² koͤnnen, um ihn in ſeiner ganzen Abſcheulichkeit zu wuͤrdigen, faßte ihr Mann dieſe Beſchwerde ſehr eifrig auf, und nahm davon Gelegenheit, mehrere Tage hinter einander, zu Fuße und zu Pferde, in dem Dorfe und der umliegenden Gegend, nach allen moͤglichen Zeitungen zu jagen, um die aͤrgerliche Lobpreiſung aufzuſtoͤ⸗ bern. Jeden Abend brachte er ganze Pakete von Hamburger, Leipziger, und Berliner Zeitungen und von dem wohlſtyliſirten Halli⸗ ſchen Kurier mit nach Hauſe, fand da eine Menge aͤhnlicher Lobpreiſungen, weil ſie in die⸗ ſem Fruͤhjahr eben Mode geworden waren; allein nach der alleraͤrgerlichſten, die er ſo eifrig ſuchte, ſah er ſich vergebens die Augen faſt blind. Er entſchloß ſich alſo,(was er viel fruͤher haͤtte thun ſollen) der Frau Superinten⸗ dentin ſeinen und ſeiner Frauen Nothſtand ſchriftlich vorzutragen, und um gefaͤllige Ueber⸗ ſendung des corporis delicti zu bitten. Bis zum Empfange der Antwort, welche erſt den andern Tag erfolgen ſollte, vertrieb ſich Madam Praſſel die Zeit mit dem Leſen einer 4 — 5 3 Menge hoͤchſt luſtiger und erbaulicher Geburts⸗ Verlobungs⸗Hochzeits⸗ und Todes⸗ Anzeigen in den Zeitungen, welches ein ganz neues Feld der Unterhaltung fuͤr ſie war. Da ſie ſah⸗ wie allgemein dieſes oͤffentliche Jubel⸗ und Jammer⸗Geſchrei Mode war, ſo beſchloß ſie, bei vorkommender Gelegenheit ebenfalls in den Zeitungen zu jauchzen und zu weinen, um ihre Freunde und Verwandten, ob ſie gleich alle in einem Umkreiſe von anderthalb Meilen wohn⸗ ten, durch ein Zeitungsblatt aus einer Ferne von zwanzig oder dreißig Meilen uͤber Freude und Leid in ihrem Haufe zu belehren. In die⸗ ſer Abſicht ſchrieb ſie ſich die prunkvollſten An⸗ zeigen von jeder Sorte, als kuͤnftige Muſter, ab, vorzuͤglich eine ellenlange, herzbrechende Witwenklage beim Tode eines neunzigjaͤhrigen, kontrakten Eheherrn, wobei ſie ſich, mehr als einmal, die Augen wiſchen wußte. Bei der Anzeige der Verlobung einer geliebten Tochter erheiterte ſie ſich aber wieder auf das vollkom⸗ menſte; und der Antrag der Superintendentin „erhielt eine neue Wichtigkeit fuͤr ſie, weil er ihr Hofnung zum baldigen, pomphaften * 54— Druck ihrer angebornen, angetauften und er⸗ heiratheten Nahmen machte.— Die An wort der Superintendentin traf am folgenden Tage puͤnktlich ein, und war ziemlich uͤberraſchenden Inhalts. Die gute Dame bekannte nemlich, es habe ſich, bei naͤ⸗ herer Unterſuchung, gezeigt, daß ſie neulich, durch zu fluͤchtiges Leſen, einen Jrrthum began⸗ gen, und deshalb um Verzeihung bitten muͤſſe. Zum Beweis war ein Stuͤck des aufrichtigen Kriegs⸗ und Friedens⸗Trompeters beigelegt, woraus ſich ergab, daß nicht dem Oberforſter in Trudeldorf, ſondern deſſen Bru⸗ der, dem Forſtmeiſter, der fuͤnf und dreißig Mei⸗ len weiter gegen Norden wohnte, fuͤr die monath⸗ lange Bewirthung und Pflege eines vom Pferde gefallenen und daruͤber ſehr erſchrockenen und zu⸗ ruͤckgebliebenen Feldpredigers, gedankt wurde. „Gott ſey gelobt, daß es weiter nichts iſt!“ betete Madam Praſfel mit gefalteten Haͤnden, und athmete tief auf. „Und Oberföoͤrſters ſind alſo ganz unſchul⸗ dig!“ triumphirte Hanchen, und klatſchte in die Haͤnde. 55 „Aber hole doch der Teufel eine ſo unklu⸗ „ge Leſerei und Klatſcherei!“ ſchalt Herr Praſſel.—„Hat uns das Weib nicht neu⸗ „lich durch ihre Nachricht, wie toll, aufgehetzt „und halb todt geaͤrgert, und am Ende iſt es „alles nur Null und Nichts! Sapperment! „wenn ich mich einmaluͤber eine Schurkerei oder „Narrheit alterirt habe und deswegen ſo viel „hin und her gelaufen und geritten bin: ſo „verlang' ich auch, daß ſie mir Stich haͤlt, „und nicht, ehe ich mir es verſehe, zu Waſ⸗ „ſer gemacht wird!““ Madam Praſſel war dieſer Meinung viel⸗ leicht noch mehr, als ihr Mann. Doch um ihre Freundin und Gevatterin nicht ſinken zu laſſen, vertheidigte ſie die begangene Unbe⸗ ſonnenheit derſelben aus allen Kraͤften, und warf ihrem Manne hoͤchſt unchriſtliche Geſin⸗ nungen vor. Hanchen ſprach weder zur Her⸗ abſetzung, noch zur Vertheidigung der Pathe Dentin ein Wort, ſondern ſuchte ihren Eltern nur ans Herz zu legen, wie ſehr ſie, als gute Menſchen, verpflichtet waͤren, durch freund⸗ lichere Geſinnungen das Unrecht wieder ͤu ver⸗ 36— guͤten, was ſie neulich dem Oberfoͤrſter und deſſen Frau, auf Veranlaſſung der Frau Pa⸗ the, ſo unverdienter Weiſe angethan haͤtten. „Darin haſt du Recht, Hanchen,“ war hierauf Herrn Praſſels Ausſpruch.—„Die „ Leute ſind ſo arg nicht, als uns die unkluge „Dentin weiß machte. Wir ſind ihnen Re⸗ „ vanche ſchuldig fuͤr unſre Scheltworte; und „ich beſtehe darauf, daß ſie mit zu dem großen „Einquartierungsſchmauſe gebeten werden.“ „Nun es ſich ſo verhaͤlt: in Gottes Nahmen,“ ſagte Madam Praſſel.—„Da „ ſie uns neulich gebeten haben, ſind wirs ih⸗ „nen ja ſchuldig. Abſchlagen werden ſie es „freilich; doch das ſoll mich diesmal gar nicht „„ verdruͤßen, denn ich kann es nicht anders er⸗ „warten.— Wenn uns nur der Marſchcom⸗ „miſſarius nicht ſo lange warten ließe!?⸗ * Noch einige Tage, und der Himmel ſandte der Madam Praſſel, durch den Boten des Marſchcommiſſarius, die Erfuͤllung ihres ſehn⸗ lichen Wunſches zu. Und was ihre Freude zum triumphirenden Jauchzen vermehrte, war 7 die unverhoffte Ehre, daß nicht nur ein Un⸗ rerlieutenant, ſondern auch ein Obriſt lieu⸗ tenant, nebſt einem Stabs⸗Rittmei⸗ ſter, von einem der ſchoͤnſten Dragoner⸗Re⸗ gimenter, angeſagt wurden. Nun konnten Oberförſters ſich mit ihrer gehabten Einquar⸗ tierung nicht mehr breit machen, und es ver⸗ lohnte ſich die Muͤhe, daß eine ganz neue Putz⸗ ſtube eingeweiht ward. 3 Nach allen Windgegenden hin flogen die Boten, um Gaͤſte einzuladen, und Leckereien zu holen, oder wenigſtens zu beſtellen. Daß die Superintendentin unter den Eingeladenen mit obenan ſtand, kann man wohl denken. Sie war vie Einzige, welche einen Brief deshalb erhielt. Am Schluſſe deſſelben war noch ein Wink hingeworfen, daß der große Schmaus⸗ tag, mit welchem Hanchens Bedenkzeit zu Ende gehe, hoffentlich auch ein erwuͤnſchtes Familienfeſt ſeyn werde. Denn obgleich Madam Praſſel von Hanchens Aeußerungen eben noch keinen Grund zu der Hofnung, ein Jawort von ihr zu hoͤren, hernehmen konnte: ſo war dieſe Hofnung doch ſehr natuͤrlich, weil ſie, als Mutter, ſich auf das Gewicht ihrer eignen Stimme verließ, und, als Weltbuͤr⸗ gerin, daran gewoͤhnt war, Kirchen⸗ oder Fa⸗ milien⸗Feſttage und ſolenne Abfuͤtterungen, immer auf das genaueſte in einander verſchmol⸗ zen zu ſehen. Alle Fleiſcher, Fiſcher, Treibhaus⸗Gaͤr⸗ ner, Gewuͤrzkraͤmer, Weinhaͤndler und Ku⸗ chen⸗ und Torten⸗Baͤcker uͤberſchickten, oder verſprachen wenigſtens, was von ihnen ver⸗ langt ward. Von allen Eingeladenen kamen die hoͤflichſten Zuſagen zuruͤck. Selbſt Ober⸗ foͤrſters machten keine Ausnahme hierin; und Hanchen, die dieß wieder im voraus geahnt hatte, ſah mit Freuden ihre prophetiſchen Ga⸗ ben aufs neue von der ſtaunenden Mutter an⸗ erkannt. Im Fluge verſchwand nun unter den un⸗ zäͤhligen Vorbereitungen und Anſtalten die Zeit. Von dem oberſten Bodenkaͤmmerchen bis zur unterſten Kellerſtufe ward uͤberall ge⸗ kehrt, gewiſcht und geſcheuert, und unter dem Gefluͤgel und den Vierfuͤßlern des Hofes gab es eine unerhoͤrte Metzelei. Zwei ganzer Tage kang konnte kein Menſch im Hauſe einen Win⸗ kel finden, wo er nicht in Gefahr geweſen waͤ⸗ re, hinweggefegt oder geſchwemmt zu werden, und eben ſo lange war kein Thier ſeines Lebens ſicher, wenn es ſich auch noch ſo vorſichtig ver⸗ kroch. Der große Tag brach endlich an. Lange vorher, ehe ſein Morgenroth ſich zeigte, glaͤnzte die Kuͤche ſchon im Wiederſcheine der vielfachen Glut auf dem Heerde. Niemand hatte ausgeſchlafen; doch Niemand hatte Zeit, an ſeine Muͤdigkeit zu denken, denn ſelbſt der Traͤgſte ward, in dieſem allgemeinen Aufruh⸗ re, unwillkuͤrlich mit fortgeriſſen und in Be⸗ wegung gebracht. Alles rief und lief durch einander, und zerarbeitete ſich, wie in einem aufgerißnen Ameiſenhaufen. Und Mancher wuß⸗ te, nach ſeiner eignen Verſichrung, nicht, wo ihm ſein Kopf ſtand, bis er, in der allgemeinen Verwirrung, damit gegen einen andern rannte, und er ihn dann unverhofft auf der alten Stel⸗ le entdeckte, indem er mit der Hand nach der ſchmerzenden Stirn fuhr. —— n Ungeachtet manches derben Stoßes und Hausfluchs, die es mitunter gab, ging bis um neun Uhr doch alles, wie es gehen ſollte, und Madam Praſſel verſprach ſich uͤberall den beſten und ehrenvollſten Erfolg. Doch auch dieſer Tag ſollte nicht ohne Unmuthswolken und Thraͤnenregen vergehen; und in der zehn⸗ ten Stunde gingen daher die bittern Necke⸗ reien des Schickſals ſchon an. Zuerſt offenbarte es ſich, daß der Fiſcher in Wellnitz ein Windbeutel war, denn er hat⸗ te verſprochen, um acht Uhr puͤnktlich die be⸗ ſtellten Fiſche zu bringen; um halb zehn Uhr aber ſchickte er ſeinen Guͤrgen, und ließ ſagen, die Zeiten waͤren nicht allein auf dem feſten Lande ſchlecht, ſondern auch im Waſſer, und er koͤnne daher mit nichts dienen, als mit zwei Krebſen und mit einigen Gruͤndlingen vom al⸗. lerfeinſten Format,— Madam Praſſel ward durch dieſe Nachricht faſt vom Schlage geruͤhrt. Doch ihr feſter Koͤrperbau widerſtand noch ſo eben dem hefti⸗ gen Anfalle des Schrecks; und den boͤſen Fol⸗ gen ihres fortgeſetzten Aergers kam ſie weis⸗ —x— 01 4 lich durch eine Entladung deſſelben in einem Strome von ſtrafenden und klagenden Dialo⸗ gen und Monologen zuvor. Und um die Ehre ihres Kuͤchenzettels zu retten, wurden drei Boten nach den naͤchſten drei Waſſermuͤltern gejagt, um bei dieſen um Fiſche zu flehen. Kaum waren die Boten zum Hauſe hinaus, ſo trat ein Livreebedienter hinein, gab ſich als den Kammerdiener des angemeldeten Obriſtlieutenants zu erkennen, und fragte ſehr hoͤflich, in welchem Zimmer ſich wohl ſein Herr nebſt der Familie des Hauſes und den eingeladenen Gaͤſten den groͤßten Theil dieſes Tages aufhalten wuͤrden. Madam Praſſel eilte, ihm ihr Putzzimmer zu zeigen, dem man ſeine ſchwere, ſchmerzhafte Geburt noch ungleich weniger anmerkte, als manchem zu⸗ ſammen geſtoppelten Weisheitskrame eines na⸗ gelneuen Magiſterleins. Madam Praſſel wußte kein Wort mehr von den Seufzern und Thraͤ⸗ nen, welche an den bunten, leicht gefalteten Gardinen hingen; und das freudige Erſtaunen des Kammierdieners war fuͤr ſie ein ſchoͤnes 62 Vorſpiel zu den hohen Triumphen, welche heu⸗ te ihrer warteten. „Alles ganz herrlich!e ſagte endlich der Kammerdiener—„Nur erlauben Sie mir „noch, daß ich in die Mitte der Decke einen „kleinen Haken ſchraube, zum Aufhaͤngen un⸗ „ſers Vogelbauers: ſo wird meinem Herrn „nichts zu wuͤnſchen uͤbrig ſeyn.“ „Um Gotteswillen!“ rief Madam Praſſel —„das iſt ja ein Haken, an dem man einen „Maſthammel aufhaͤngen koͤnnte! Nimmer⸗ „mehr geb' ich es zu, daß mir damit die ſchoͤ⸗ „ne, bunte Decke verdorben wird!“ Ruhig wies der Kammerdiener auf zwei eben hinzutretende Dragoner, die, wie wei⸗ land Joſua und Caleb die große Weintraube aus dem gelobten Lande, an einer Stange auf ihren Schultern einen weit ausgeſpannten, oben und unten verſiegelten Sack von grauer, doch nicht grober, Leinwand trugen.„Sie „ſehen,“ ſprach er—, daß der Haken nicht „ kleiner ſeyn duͤrfte, um dieſen großen und „ſchweren Vogelbauer zu halten. Und was „die Decke betrifft, ſo geb ich Ihnen das Eh⸗ 63 „renwort meines Herrn zum Pfande, daß „Sie, ſchon vor unſerm morgenden Ausmar⸗ „ſche, nicht den kleinſten Schandfleck mehr dar⸗ „an ſehen werden; denn ich verſtehe mich „vollkommen auf ſo eine Decken⸗Dekora⸗ „tion.“* Er erzaͤhlte hierauf umſtaͤndlich, daß der Vogelbauer einen weißen Papagei enthalte, welcher gewoͤhnlich Abends, beim Fuͤttern, der Frau von Hauſe ein Vivat rufe. Nach und nach vertraute er ihr auch an, daß dieſes alles mit einer ungluͤcklichen Liebesgeſchichte ſeines Herrn in genauem Zuſammenhange ſte⸗ he; daß dieſen uͤberall ein hoͤchſt ungluͤcklicher, menſchenfeindlicher Truͤbſinn beherrſche, wo er ſein Liebespfand nicht ſo aufgehangen ſehe; daß aber durchaus Niemand mit ihm davon ſprechen, auch Keiner, bis zur Futterzeit des Abends, den Sack beruͤhren duͤrfe, weil der Vogel ſonſt ſtundenlang unruhig, und hier⸗ durch der Herr eben ſo lange hoͤchſt zornig werde. Ungeachtet der ſchweren und kalten Proſa in ihrer Natur, ward Madam Praſſel doch 64 von dem Romanhaften und Abentheuerlichen, was in dieſer ganzen Geſchichte lag, hinlaͤng⸗ lich angezogen, um ſie mit Aufmerkſamkeit an⸗ zuhoren. Und der Kammerdiener wußte ihr ſeine Vorſicht und Geſchicklichkeit bei der Be⸗ feſtigung des Hakens ſo anzupreiſen, und die guten und boͤſen Launen ſeines Heren ſo grell zu ſchildern, daß ſie endlich nichts mehr ein⸗ wenden konnte und mochte, und die Aufhaͤn⸗ gung des Vogelbauers zu den unvermeidlichen Kriegslaſten zaͤhlte, denen man ſich geduldig unterwerfen muͤſſe, um ſich nicht ein noch groͤ⸗ ßeres Uebel zuzuziehen. Weil ſie aber in die Kuͤche mußte, ließ ſie Hanchen, als Waͤchte⸗ rin, zuruͤck und ging, nicht ohne manche, truͤ⸗ be Befuͤrchtung, hinweg. Ehe noch ein halbes Stuͤndchen vergangen war, brachte Hanchen, ſehr vergnuͤgt, die Nachricht, daß alles fertig und ganz ohne Schaden abgelaufen ſey. Madam Praſſel eil⸗ te hinzu, und ſah mit großer Zufriedenheit, daß an der Decke auch nicht ein Koͤrnchen Kalk⸗ zu viel abgeſprungen und der Fußboden ſo rein war, als ob ihn noch kein Menſch betreten — —— 6 5 haͤtte. Sie ließ es an Lob dafuͤr nicht fehlen; und weil ſie nun immer deutlicher ſah, was fuͤr ein feiner, gewandter und höflicher Menſch der Kammerdiener war: ſo fragte ſie ihn ver⸗ trauenvoll und bittend, ob er nicht ſo gut feyn wolle, bei Tiſche die Aufwartung beſor⸗ gen zu helfen, und vorlaͤufig die Servietten nach der neueſten Mode zu brechen?— Han⸗ chen erſchrak uͤber dieſe Zumuthung, daß ſie feuerroth wurde, und ſchien ſagen zu wollen, ein Menſch von ſo feinen Sitten und mit ſo fei⸗ ner Waͤſche, der das ganze Kinn tief in einem großen Batiſthalstuche trage, koͤnne unmoͤglich ſo gemeine Arbeiten verrichten. Er ſelbſt ſtand auch ein Weilchen ganz ſtumm, mit halb laͤch⸗ elnder, halb verlegener Miene. „Nun, es ſoll Ihr Schade nicht ſeyn,“ fuhr Madam Praſſel fort.—„Wir verlangen „das nicht umſonſt, und werden Ihnen ein „honettes Douceur geben.— Da widerſtand der feine Menſch nicht laͤnger, und verſicherte, mit einer anſtaͤndigen Verbeugung, daß er zu Befehl ſtehe, ob er gleich eigentlich dieſen Tag in dem Hauſe eines Verwandten in der Nachbar⸗ J. f. F. II. J. 8. H. 5 ſchaft habe zubringen wollen; nur verwarf er das kuͤnſtliche Brechen der Servietten, unter dem Vorwande, daß dieß bei hohen Herrſchaf⸗ ten nicht mehr Mode ſey. Sein eigentlicher Grund war aber wohl der, daß er ſich auf die⸗ ſen Theil der plaſtiſchen Kunſt nicht verſtand. 3 3 4 Madam Praſſel theilte eben recht vergnuͤgt dieſe Neuigkeit ihrem Manne mit, und zupfte ihm die Halstuchſchleife noch zweimal ſo groß⸗ als er ſie an gewoͤhnlichen Sonn⸗ und Feſtta⸗ gen trug; da kam der erſte der drei Boten aus der naͤchſten Muͤhle mit leeren Haͤnden wieder ins Haus, und jagte die kaum entflohenen Wolken auf die Stirn der beſorgten Hausfrau zuruͤck.— Nach und nach ſtellte ſich der groß⸗ te Theil der Gaͤſte ein, welche von Herrn Praſſel und Hanchen empfangen, und im vor⸗ aus unterrichtet wurden, daß Niemand in Ge⸗ genwart des Obriſten und der andern Officiere von dem aufgehangenen, verdeckten Vogel⸗ bauer ſprechen duͤrfe. Um ſo neugieriger be⸗ trachtete und beſprach man dafuͤr jetzt das aben⸗ theuerliche Ding; und Der und Jener, wel⸗ cher recht ſcharf haͤren konnte, erhorchte ſchon, wie der Papagei dann und wann ſich zum Vi⸗ vat vorbereitete, den Schnabel ein wenig wetz⸗ te und ſich zu raͤuſpern anfing. So bald aber Alle recht ſtill waren, um noch mehr zu ver⸗ nehmen, war der eigenſinnige Vogel gleichfalls ſtill, und man ſpitzte vergeblich, mit angehal⸗ tenem Athem, die Ohren. Der zweite Bote war unterdeſſen, ebenfalls ohne Fiſche, zuruͤckgekehrt. Die Sonne hatte ſchon ihren hoͤchſten Punkt erreicht, und die Un⸗ ruhe der wehklagenden Hausfrau beinahe auch. Helle Trompetentoͤne verkuͤndigten jetzt das Einruͤcken der Dragoner ins Dorf. Madam Praſſel ſchlug die Haͤnde zuſammen, und jam⸗ merte:„Barmherziger Gott! ich muß mich „todt ſchaͤmen, wenn ich keine Fiſche erhalte!“ — Doch kaum hatte ſie dieſes ausgeſprochen, ſo ſprang der dritte und gluͤcklichſte Bote, halb außer Athem, in die Kuͤche, und verbreitete darin den lauteſten Jubel, denn er brachte zwei ſchoͤne Karpfen und einen Aal, ſo groß und munter, wie man ſie nur ſelten ſieht.“ 68— „Sie kommen! ſie kommen!“ rief eine jauchzende Stimme zum Fenſter herein. In froher Eile trug Madam Praſſel den einen Karpfen, als Delinquenten, auf den Richt⸗ platz, und ſtach ihm, ohne Barmherzigkeit, das große Schlachtmeſſer in den Leib. Die Koͤchin hatte mit kraͤftigen Haͤnden den glatten, widerſtrebenden Aal gepackt. Ein Reiter gallopirte an dem Fenſter hin.„Ach, Herr Jeſus!“ ſchrie die Koͤchin auf—„Ein Prinz „mit einem praͤchtigen Sterne!“ und verloren in dieſem Gedanken fuhren ihr die Finger aus einander, und der Aal that einen kuͤhnen Satz von dem Tiſche hinab.—„Ein Prinz?“ rief Madam Praſſel mit freudigem Schreck; doch mit Verzweiflung ſetzte ſie ſogleich hinzu:„Ach, „ich ungluͤckliches Weib! Ich habe ihm die Gal⸗ „lenblaſe zerſchnitten, und nun kann ihn kein „Menſch vor Bitterkeit eſſen!“ „Und meiner iſt zum Goſſenloche hinaus „und in den Bach gelaufen!“ heulte die Koͤchin. „ Wer denn? Wer denn?““ fragte der her⸗ beieilende Kammerdiener. —— 69 „Ach, mein Karpfen!“s antwortete Ma⸗ dam Praſſel.—„Ach, mein Aal!“ antwortete die Koͤchin. „Madam, Ihr linker Daumen blutet ja „ſchrecklich! Sie haben ſich geſchnitten“ rief der Kammerdiener—„ich will von der Mam⸗ „ſell etwas Leinwand holen.“ „Ach! ſagen Sie es ihr nur, daß ein „Prinz mit kommt!“ erwiederte Madam Praſſel—„O, Haͤtten Sie uns das doch „ nicht verſchwiegen! Der Schreck daruͤber „iſt an allem Ungluͤck Schulö.n Stumm und mit ſichtbarer Verlegenheit lief der Kammerdiener fort, winte Hanchen aus der Putzſtube, und bat ſie um Leinwand und engliſches Pflaſter fuͤr die Wunde. Han⸗ chen ſagte ihm, wo er das Verlangte finden wuͤrde, und verkuͤndigte die große Neuigkeit den Gaͤſten im Zimmer, und dem Vater, der unten auf dem Hofe ſchon zum Empfange bereit ſtand. Damen und Herren fuhren von ihren Sitzen auf, zupften ihre Spitzenhalstuͤcher und Haare und Weſten zurecht, und warfen allerlei Etiketten⸗Fragen auf; zum Beiſpiel, ob es 70— ſchicklicher ſey, ſo einem Herrn die Hand oder den Rock zu kuͤſſen; ihn. Euro Liebden“ anzu⸗ reden, oder gar nicht mit ihm zu ſprechen; ihn im Zimmer zu erwarten, oder, bis auf weitele Ordre, in Maſſe auf den Boden zu retiriren. Der Paſtor gab hiebei aber zu bedenken, daß geſalbte Haͤupter, wenn ſie nicht im ſtrengſten Inkognito reiſten, immer an den Thoren ihrer Abſteigequartiere von der Geiſtlichkeit, den Ma⸗ giſtratsperſonen und der Generalitaͤt empfan⸗ gen, und durch eine feyerliche Anrede irgend eines Mannes, der die gehoͤrigen Gaben da⸗ zu haͤtte, bewillkommt wuͤrden. Mit Aus⸗ nahmen von ſehr Wenigen, welche ſich in einen Alcoven verkrochen, beſchloß man daher, ſich vor die Hausthuͤr zu ſtellen; und der Pre⸗ diger uͤbernahm die Rede, und ſchritt, an der Spitze des feyerlichen Zuges, die Treppe hinab. Doch als man ſich kaum zurecht geſtellt, ſpra der Kammerdiener dazwiſchen, der unterdeſſen genauer nachgeforſcht hatte, und verkuͤndigte, daß alles nur blinder Laͤrm ſey, indem die Koͤch⸗ in die ſternfoͤrmige, ſilberne Zierrath, die jeder Officier dieſes Regiments auf der linken Seite — —— 71 des Hutes trage, faͤlſchlich fuͤr das Abzeichen eines Prinzen gehalten habe. Zum Theil brummend und zum Theil la⸗ chend zog die Geſellſchaft wieder die Treppe hinauf, und ſchien den Officieren,/ die eben ins Haus traten, recht abſichtlich den Ruͤcken zuzu⸗ kehren, damit ſie nicht meinten, man halte ſie fuͤr Prinzen, und wolle ihnen prinzliche Ehre erweiſen.— Der Kammerdiener fuͤhrte die Officiere in ihre Logirzimmer, kam aber, nach wenigen Minuten, in die Kuͤche zuruͤck, um der Madam Praſſel, die eben der Koͤchin den Dienſt aufgeſagt hatte, den blutenden Finger zu verbinden. Die gute Frau fuhr unverdroſ⸗ ſen fort, ihren Leib in Thraͤnen zu baden, und ihre Seele der ſchmerzlichſten Verzweiflung hinzugeben. Sie ging hierin ſo weit, daß ſie verſicherte, ſie wuͤnſche, ſich lieber den Daumen ganz abgeſchnitten, als das Ungluͤck mit den beiden Fiſchen gehabt zu haben; ja, ſie ließ nicht undeutlich merken, daß ſie halb und halb geneigt ſey, ihre ſchon etwas verharſchende Wunde wie⸗ der aufzureißen, um ſich in eine beſſere Welt hin⸗ über zu bluten, wo Einem kein Aal mehr ent⸗ 272 ſpringt, und kein Karpfen durch eine zerſchnit⸗ tene Gallenblaſe verbittert wird. Es blieb dem erſchrocknen Kammerdiener nichts uͤbrig, als zu einer wohlthaͤtigen Noth⸗ luͤge ſeine Zuflucht zu nehmen.„Die Fiſche,“ erhob er auf einmal ſeine Stimme—„haben „Sie doch nicht auf die herrſchaftliche Tafel „bringen wollen?— Gott ſey. Dank, daß „ das nun nicht geſchehen kann! Meinen Herrn „ wandelt eine Ohnmacht an, ſo bald er nur „eine Graͤte oder Schuppe ſieht. Nicht ein⸗ „mal davon ſprechen mag er hoͤren.— Wiſſen „Sie nicht, daß manchen Leuten dergleichen „Antipathieen angebohren ſind?“ Er erzaͤhlte eine Menge Beiſpiele von ſol⸗ chen unbezwinglichen Abneigungen; machte ſich anheiſchig, Dem und Jenem von den Gaͤſten, zur Ehrenrettung der Frau Wirthin, einen Wink davon zu geben, daß, um ſeines Herrn willen, kein Fiſch gegeſſen werde, und brachte, waͤhrend dieſes Geſchwaͤtzes, den Verband der Wunde, und groͤßtentheils auch die Berunhi⸗ gung der Verwundeten, zu Stande. Die Herren vom Militar hatten ſich unter⸗ deſſen zu der uͤbrigen Geſellſchaft begeben, und erzählten, wie ſchlimm die Wege waͤren, die ſie zuruͤckgelegt, und erkundigten ſich, mit Leutſeligkeit, wie die wohl ſeyn wuͤrden, wel⸗ che noch vor ihnen waͤren. Der Obriſt warf hiebei, wie man allgemein bemerkte, von Zeit zu Zeit einen bedeutenden Blick auf deß han⸗ genden Vogelbauer; erwaͤhnte deſſelben jedoch mit keiner Sylbe, und die andern beiden Of⸗ ſiciere und die ſaͤmtlichen Gaͤſte thaten dieß eben ſo wenig. Faſt Alle empfanden ſchon lange den beſten Appetit; und Madam Praſſel war eben Wil⸗ lens, die beiden Suppen⸗Terrinen zu fuͤllen: Da entdeckte man erſt, was in der bisherigen Verwirrung Niemand bemerkt hatte, daß die Superintendentin noch nicht da war. Ohne dieſe das große Gaſtmahl zu eroͤffnen, hielt Madam Praſſel fuͤr eine unverzeihliche Suͤnde, und die Suppentoͤpfe wurden daher dem Feuer wieder entgegen geſchoben. Unter dem ſehnſuchtvollſten Harren auf die noch fehlende Freundin verging eine lange 74—x; Viertelſtunde nach der andern. Hundertmal wurde nach dem Wege hinausgeſehn und ge⸗ horcht, ob noch kein Wagen komme. Immer vergeblich!— Und alle Gerichte drohten, zu zerkochen oder auszudorren! und die Haͤlfte der Gaͤſte klagte, vor Hunger, uͤber Uebel⸗ keit! und Herr Praſſel brach alle Augenblicke mit ſeinen ungeduldigen Fragen und ſeinen Verwuͤnſchungen der Superintendentin in die Kuͤche!—„Ach Gott!“ ſeufzte Madam Praſſel in neuer Verzweiflung—„die Noth „einer armen Hausfrau iſt doch grenzenlos an „einem ſolchen Ehrentage!“ Endlich kam ein Bote aus Schnackenheim, und brachte die Hiobspoſt, die Superinten⸗ dentin koönne nicht kommen, denn die ſchoͤne Stadt Muͤnſter ſey abgebrannt, und ihr Sohn um Habe und Gut, und vielleicht gar um ſein Leben gekommen, und ſie ſitze daher, in der aͤngſtlichſten Ungeduld, und laure auf Briefe von ihm mit der reitenden Poſt. Dieſer Schlag fehlte noch, um Madam Praſſel faſt zu vernichten. Ihre ſchoͤnſten Hof⸗ nungen und Plane waren nun zerſtoͤrt! Drum — 2 75 ſank ihr auch ihr Kuͤchen⸗Scepter, die große 4 8 8 1 1:.*. Kelle, augenblicklich aus der Hand; und ſie e* 2. 2 4 erklaͤrte, nun moͤge anrichten, wer wolle, denn ſie koͤnne es nicht. So betruͤbt dieß alles an ſich auch war: ſo hatte es doch manche gute Folge. Erſtlich wußte man nun doch, woran man war; und die lange Faſtenzeit der hungrigen Gaͤſte hatte ſogleich ein Ende. Zweitens konnte von den gewaltſam an einander gedraͤngten Stuͤhlen an der Tafel nun wenigſtens einer hinweggeſcho⸗ ben und die Quetſchung der Gaͤſte um ein we⸗ niges vermindert werden. Und drittens gab der gemeldete, große Brandſchaden einen er⸗ wuͤnſchten Stoff zur Unterhaltung, als an welcher ſonſt vielleicht einiger Mangel verſpuͤrt worden waͤre. So wie Madam Praſſel nemlich, hinter den Suppen⸗Terrinen her, in das Zimmer trat, und ihre Gaͤſte bewillkommte, glaubte Jedermann, ſie habe die Roſe im ganzen Ge⸗ ſicht, und leide an einer Augenentzuͤndung. Sie erklaͤrte aber, ihr aufgedunſenes, gluͤhen⸗ 76— des Geſicht ſey blos neben den eigentlichen Braten ein wenig mitgebraten, und ihre Augen ſeyen nur vom Rauche und vom Wei⸗ nen uͤber das Ungluͤck in Muͤnſter roth gewor⸗ den. So kam gleich ein herrliches Geſpraͤch in den Gang. Die dickſte und reichſte Oberamtmannin in der Geſellſchaft, die, ſeit ihrer letzten Titel⸗ erhoͤhung, ſich ſehr um ſolide Kenntniſſe be⸗ warb, aͤußerte gegen den Paſtor, ihren Nach⸗ bar zur Rechten, die Meinung, das ungluͤck⸗ liche Muͤnſter liege wohl in der Naͤhe des zeit⸗ her durch die Zeitungen ſo bekannt gewordenen Muͤnchens, denn beide Nahmen haͤtten ja eine . auffallende Aehnlichkeit mit einander.— Oh⸗ ne ſich darauf einzulaſſen, wo die traurige Brandſtaͤtte eigentlich liege, bemerkte der Pa⸗ ſtor nur im Allgemeinen, daß die Aehnlichkeit in den Nahmen der Stäͤdte ſo wenig ihre Nach⸗ barſchaft immer verbuͤrge, als die Aehnlichkeit, oder ſogar renhhe der Familiennahmen auf eine Bluts⸗ oder Geiſtes⸗ Verwandtſchaft ſchließen laſſe; zum Beiſpiel Halle in Sachſen und Hall in Schwaben; oder Auguſt Gottlob 7 67 Eberhard, der gottloſe Verfaſſer der neuen Putzſtube, und Gottlieb Adam Eberhard, der fromme Nachtwaͤchter in Trudeldorf.— Er war eben im Begriff, aus dem Schatze ſeiner Erfahrungen noch mehr ſolche Nahmen. zum Beſten zu geben, als die Oberamtman⸗ nin mit ihrer Aufmerkſamkeit von ihm hinweg, nach ihrem Nachbar zur Linken, dem Stabs⸗ rittmeiſter, gezogen wurde, welcher beſtimmt ausſagte, daß Muͤnſter ſonſt— das ſollte heißen: vor der letzten Ländertheilung— dicht hinter dem Paderborn kaͤdtſchen gelegen habe, wo er, bei ſeinem ſeligen Onkel, manch⸗ mal davon habe ſprechen hoͤren. Ein irreli⸗ giöſer Juſtiziarius erbot ſich zu einer Wette, daß gewiß entweder die Katholiken, oder die Proteſtanten das Feuer angelegt und befoͤrdert haͤtten, um einander zu bekehren. Madam Praſſel hoͤrte mit Staunen, daß Muͤnſter vol⸗ ler Katholiken geſtecken habe; und Herr Praſ⸗ ſel warf der preußiſchen Regierung Saumſelig⸗ keit vor, daß ſie die Katholiken nicht bei Zei⸗ ten, zur Verhuͤtung eines ſolchen Ungluͤcks, habe umtaufen laſſen. Hierauf wurde viel 78—— von ſchrecklichen Feuersbruͤnſten in der Naͤhe und in der Ferne erzaͤhlt; wobei vorzuͤglich der Lieutenant eine allgemeine Aufmerkſamkeit er⸗ regte, indem er verſicherte, alle Feuersbruͤn⸗ ſte in der Welt waͤren doch nichts gegen die pohlniſchen; er ſelbſt habe an der Weichſel ein⸗ mal eine Kirche abbrennen ſehen, wo die Glut ſo enorm geweſen ſey, daß vor Hitze die groͤß⸗ te Glocke zu laͤuten, und die Orgel zu ſpielen angefangen habe. Auch wußte er vom Hoͤren⸗ ſagen, daß ein gemeiner pohlniſcher Jude, wenn man ſeine Muͤtze in Brand ſetze, und er dabei im Freien aufrecht ſtill ſtehe, wie eine Kerze bis auf die Fußſohlen hinunter brenne, wegen ſeiner innerlichen Duͤrr⸗ und Trocken⸗ heit und ſeines aͤußerlichen, dicken Ueberzugs von ſehr brennbarem Schmutz.— Bei dieſer anziehenden Unterhaltung that es der Madam Praſſel manchmal beinahe leid, daß ſie von Zeit zu Zeit eine halbe oder ganze Viertelſtunde in der Kuͤche beim Anrichten zu⸗ bringen mußte. Doch ſie wußte, was einer rechtſchaffnen Hausfrau zu thun obliegt, und ſprang daher ein paarmal mitten in den ſchoͤn⸗ 4 8 — 7 9 ſten Geſchichten auf.— Sie hatte dafuͤr die Genugthuung, daß ihrer Kochkunſt von allen Seiten, beſonders von der uͤberaus hoflichen Oberforſterin, die groͤßeſten Lobeserhebungen zuſtroͤmten; und ſie bemerkte mit Vergnuͤgen, daß faſt Alle, und beſonders der uͤberaus hoͤf⸗ liche Oberfoͤrſter, recht tapfer darauf los aßen, ob ſie gleich, Hoͤflichkeits halber, Einem nach dem Andern vorwarf, er aͤße ja nichts. Auch mit der Aufwartung konnte man, im Ganzen, recht wohl zufrieden ſeyn, obgleich der Kammerdiener ſich, durch Zerſtreutheit und Hinhorchen nach allen Geſpraͤchen, manche kleine Unaufmerkſamkeit zu Schulden kommen ließ, weshalb ihm Madam Praſſel von Zeit zu Zeit einen hoͤflichen Wink gab, Hanchen aber und mancher Andere, der auf ihn achtete, manchmal faſt laut uͤber ihn lachte. Zum Gluͤck bemerkte der Obriſtlieutenant hiervon nicht das Mindeſte, ſondern ward immer auf⸗ geweckter bei ſeiner Weinflaſche, ſo daß nur die allerfeinſten Beobachter in der Geſellſchaft in ihm noch den Mann erkennen konnten, der 80 einer ſo abentheuerlichen Grille, wie die mit dem Vogelbauer, faͤhig ſey.— Man hatte ſich allmaͤhlig ſo weit durch das Gaſtmahl hindurch gebiſſen, daß nun eigentlich die Fiſche haͤtten an die Reihe kommen ſollen. Dieß regte in dem Herzen der ungluͤcklichen Wirthin wieder die ſchmerzhafteſten Empfin⸗ dungen auf. Doch eine große Ueberraſchung hemmte ploͤtzlich ihre traurigen Betrachtungen. Ein Wagen rollte an die Hausthuͤr. Madam Praſſel eilte hinzu, und die Superintendentin fiel ihr, unter vielen Seufzern und Kompli⸗ menten, in den Arm, und verſicherte, Trotz ihrer Traurigkeit, als Mutter, habe ſie es doch, als Freundin, nicht uͤber das Herz bringen koͤnnen, ganz zu Hauſe zu bleiben. Der eigentliche Grund ihres geaͤnderten Ent⸗ ſchluſſes war indeſſen der, daß der Kutſcher, wenn ſie auch nicht fuͤhre, dennoch das ausge⸗ machte Fuhrlohn, ohne allen Abzug, verlang⸗ te. Um ihr Geld alſo nicht ganz und gar wegzuwerfen, entſchloß ſie ſich auf einmal noch zu der Fahrt, obgleich die reitende Poſt immer noch nicht da war. — 81 Als eine Tiefbetruͤbte, und um keine Stoͤ⸗ rung bei Tiſche zu machen, wollte ſie nicht zu der Geſellſchaft, ſondern in einem einſamen Stuͤbchen verweilen, um ſich nur dann und wann auf ein Augenblickchen mit ihrer Freun⸗ din oder mit Hanchen zu unterhalten. Nach endloſem Hin⸗ und Herkomplimentiren, wor⸗ uͤber die Braten aufs klaͤglichſte ausdoͤrrten, und Herr Praſſel ſich nicht wenig aͤrgerte, gab ſie aber doch nach, und zwaͤngte ſich mit ein in die Tafelreihe. Von dieſem Augenblicke an ſchien Hanchen nicht mehr halb ſo guter Laune zu ſeyn, als vorher. Kaum hoͤrte das Zurechtruͤcken der Stuͤhle wieder auf, ſo fragte der Juſtiziarius:„Nicht „wahr, Frau Superintendentin, das Feuer „in Muͤnſter iſt aus Religionshaß angelegt?“ „Das wohl nun eben nicht;“ war ihre Antwort—„denn ein Blitz hat es eigentlich „Abends gegen 10 Uhr verurſacht. Aber frei⸗ „lich werden auch viele Leute, die noch auf „Religion halten, dabei ungluͤcklich geworden „ſeyn!— Ein Blitz um dieſe Jahreszeit! „am ſieben und zwanzigſten Februar! Den⸗ FS. f. F. II. J. 6. H. 6 82 „ken Sie nur, Frau Gevatterin! gerade an „meines Hektors Nahmenstage! In dem „neueſten Stuͤcke der Hamburger Zeitung iſt „„ ganz beſtimmt dieſer Tag angegeben.“ „Alſo wieder eine Zeitungsnachricht?“ fuhr Herr Praſſel mit zweideutigem Tone da⸗ zwiſchen. Doch ſeine Frau winkte ihm gleich ſo ernſtlich, daß er die Worte, die er noch auf der Zunge hatte, unterdruͤckte. Die Superin⸗ tendentin merkte hievon nichts, und berief ſich unbefangen auf das Urtheil eines Jeden, ob ein Blitz bei einem ſo fuͤrchterlichen Sturme, wie an jenem Tage, nicht unter die ſchrecklich⸗ ſten Schickungen des Himmels gehoͤre. Kei⸗ ner widerſprach ihr hierin; Viele ſtimmten ih⸗ rer Meinung bei; und Alle wurden, trotz der großen Braten⸗ und Torten⸗Schuͤſſeln, durch die traurige Richtung des Geſpraͤchs, in einer froheren Unterhaltung unwiderſtehlich ge⸗ hemmt, woruͤber Herr Praſſel ſich innerlich wieder halb todt aͤrgerte. Daß man nicht den ganzen Tag am Tiſche ſitzen blieb, ſondern endlich aufſtand, ſah Nie⸗ 1 — 83 mand ungerner, als Hanchen, die nun mit einem Male vogelfrei war, und einem heftigen Angriffe nicht entgehen konnte, weil ihre Be⸗ denkzeit mit dieſem Tage zu Ende ging. Es waͤhrte auch nicht lange, ſo entſchluͤpfte die Mutter mit ihr in ein einſames Nebenzimmer, und verlangte von ihr das Jawort, um den Hektor und die Pathe Dentin damit aus ihrer tiefen Betruͤbniß empor zu heben, und das heutige Feſt und die Einweihung der Putzſtube noch wichtiger und ſchoͤner zu machen. Hanchen erklaͤrte, ſie koͤnnte den Hektor weder aus Liebe heirathen, noch aus Mit⸗ leid, und wenn ihm bei dem ſchrecklichen Brande auch alle Haare mit abgeſengt waͤren. Aber ihm fuͤr ſeinen oͤkonomiſchen Verluſt da⸗ bei die ganze Erbſchaft von ihrer ſeligen Groß⸗ tante, zur Schadloshaltung, abzutreten, ſey ſie von ganzem Herzen bereit. „Kind! Kind!“ ſagte die Mutter— „ich moͤchte gar zu gern heute dein Verlo⸗ „bungsfeſt feiern! Wenn du mich nur etwas „lieb haſt: ſo mache mir doch die Freude!““ 84 Hanchen wurde geruͤhrt, und ſah nachden⸗ kend vor ſich hin. Die Mutter ſuchte dieſe Stimmung zu benutzen, und fuhr fort, noch ruͤhrender und zaͤrtlicher zu bitten.—„Lie⸗ be Mutter, es gilt!“ ſprach Hanchen endlich entſchloſſen—„die Freude, mich noch heute „zu verloben, um die Putzſtube damit einzu⸗ „weihen, koͤnnen Sie haben; und zwar ohne „den Hektor.— Worauf ich Sie erſt noch „mehr vorbereiten wollte, das will ich Ihnen 3 „jetzt gleich geſtehn: ich habe ſchon einem an⸗ „dern, ſehr braven Manne, in der Hoffnung 1 „auf Ihre dereinſtige Einwilligung, meine „Hand auf das feſteſte zugeſagt.“ Im erſten Zorne erklaͤrte Madam Praſſel ihre ſonſt ſo geliebte Tochter fuͤr ein unterge⸗ ſchobenes Wechſelbalg, das ſie nicht laͤnger ihr Kind nennen, und von dem ſie nichts mehr hoͤren und ſehen wolle. Nicht lange darauf foderte ſie jedoch eine naͤhere Anzeige des be⸗ gangenen, ſchweren Vergehens, und war wie⸗ der ganz Ohr. Nun geſtand Hanchen offenherzig, der Dot⸗ tor, um deſſen willen ſie, vor etwa drei Wo⸗ — 85 chen, am Grenzzaune im Garten die Ohrfeige bekommen habe, ſey ihr Schatz. „Biſt du toll?“ rief Madam Praſſel— „der Kerl mit der großen Perücke und dem „alten Pluͤſchrocke, der d dich im Gartenhauſe „kuͤßte? der meſchante, verliebte Kerl?“ „Liebe Mutter,“ fiel ihr Hanchen ins Wort—„Stoßen Sie ſich an ſeine ſchlechte „Auſſenſeite und an ſeine Verliebtheit nicht! „Ich thue es auch nicht. Wenn Sie ihn „naͤher kennen lernen, wird er Ihnen gewiß „gsfälten Unter ſeiner alten Brokatweſte „ ſchlaͤgt noch ein ſehr jugendlich fuͤhlendes „Herz.— Wollen Sie mit ihm ſprechen? „Er iſt heute im Dorfe.“ Nadam Praſſel wollte ihn durchaus nicht prechen, nannte ihn einen alten Suͤndenbock, und war ganz außer ſich vor Erſtaunen, wie ihre Tochter zu dieſer Verirrung gekommen ſey. „Das ging alles ganz unvermerkt und na⸗ „tuͤrlich zu,“ antwortete Hanchen—„Wir „fanden einander, anfangs zufälig, dann ab⸗ ſchtlich, an dem Grenzzaune. Nach und nach 36 „gab er mir einen Kuß, den ich ihm wohl „glaubte erlauben zu duͤrfen. Dann kuͤßten „wir einander immer oͤfter, blos, weil wir es „nicht laſſen konnten. Endlich ging der Laͤrm „wegen der Einquartierung los. Da wandte „ich mich an ihn, mit der Bitte, uns aus der „Noth zu helfen. Er verſprach es, und „brachte es dahin, daß Oberfoͤrſters ſich zwei⸗ „mal fuͤr uns aufopferten. Auch ſchenkte er „bei dieſer Gelegenheit der Oberförſterin die „ſchlicht weißen Gardinen, blos, damit Sie „nun recht aparte behalten koͤnnten. Ich fühlte „mich ihm fuͤr dieſe großen Verdienſte um Sie „ und um den Frieden in unſerm Hauſe auf das „dankbarſte verpflichtet; und ich konnte daher „unmoͤglich Nein ſagen, als er mich neulich „recht ernſtlich fragte ob ich ihn heirathen wold 1 Waͤhrend dieſes Geſpraͤchs war die Abend⸗ dämmerung hereingebrochen, ohne daß die Sprechenden es merkten. Ploͤtzlich wurden ſie aber geſtoͤrt, denn die Thuͤr flog auf, und mehrere Stimmen riefen:„Geſchwind, Ma⸗ — — b 87 „dam Praſſel! Der Sack iſt von dem Vo⸗ „gelbauer hinweggenommen."“ Sie hatte in dieſem Augenblicke ſehr wenig Luſt, dem Rufe zu folgen; doch man zog ſie, lachend, wider ihren Willen, mit fort, und fuͤhrte ſie an die offene Thuͤr des Putzzimmers. Ein ungewoͤhnlicher Lichterglanz erhellte Men⸗ ſchen und Geraͤthe und Waͤnde. Sie blickte aufwaͤrts; und ein ſchoͤner, geſchmackvoller Kronleuchter glaͤnzte mit acht brennenden Lich⸗ tern, und tauſend farbigen Widerſcheinen an den vielen geſchliffenen Glasjuwelen, und einem Bande mit der Aufſchrift:„Es lebe die „Gaſtfreundſchaft“ auf ihre geblendeten Au⸗ gen herab. Sie war in ſo hohem Grade uͤberraſcht⸗ daß ſie auf einige Zeit ſo gar das eben gehabte Geſpraͤch vergaß, und ſich ganz dem angeneh⸗ men Eindrucke hingab, welchen der ſchoͤne An⸗ blick auf ihre Sinne machte. Jetzt kam Herr Praſſel ins Zimmer, und ſeine Ueberraſchung war ein neuer Genuß fuͤr ſie. Von allen Sei⸗ ten ward der ſchoͤne Kronleuchter mit ſeinen un⸗ 8 3 5— zaͤhligen Strahlen und ſeinem ſchmeichelhaften Vivat betrachtet und bewundert. Des Scher⸗ zens uͤber den erwarteten Papagei, den ſo viele Ohren ſchon wollten gehoͤrt haben, war kein Ende. Beſonders Herr Praſeel lachte recht aus dem Grunde ſeines Herzens hieruͤber; denn er hatte einen Spas in ſeinem Hauſe ſehr gern, und wurde gewiß dann und wann ſelbſt einen gemacht haben, wenn ihm einer eingefallen und die gewohnliche Bedenklichkeit und Ernſt⸗ haftigkeit ſeiner Frau nicht dabei im Wege ge⸗ weſen waͤre. Mit Verwunderung und Freude hoͤrte er daher von ihr die unerwartete Verſich⸗ rung, ſie achte das kleine Loch in der Decke durchaus nicht. Auf ſein Anrathen wollte ſie dieß dem ſpashaften Obriſtlieutenant auch ſagen; allein er ſowohl, als die andern Officiere, wa⸗ ren ſchon ſeit einer Viertelſtunde auf ihren Zim⸗ mern, um eine Angelegenheit, die ihren morgen⸗ den Marſch betraf, in Ordnung zu bringen.— Um wenigſtens den Kammerdiener unterdeſſen zu ſprechen, verließ Madam Praſſel endlich das Zimmer. Und ach, welch ein Schreck, welch eine Kraͤnkung wartete da auf ſie, um ſie aus —— 89 ihrer augenblicklichen, ſeeßen Vergeſſenheit aufzuruͤtteln!— Die Superintendentin begegnete ihr nem⸗ lich auf der Treppe, und kuͤndigte ihr mit zit⸗ ternder Stimme an, daß ſie eben das Anſpan⸗ nen ihres Wagens befohlen habe. „Mein Gott!“ ſagte Madam Praſſel— „Sie wollten ja hier die Briefe durch einen „ Boten erwarten, und bei uns uͤbernachten?“⸗ Die Superintendentin ſtotterte abgeriſſene Worte, die eine Antwort ſeyn ſollten, und keine waren. Endlich brach ſie los, und ließ ſich alſo vernehmen:„Ich muß Ihnen nur ſa⸗ „gen, Frau Gevatterin, daß ich jetzt ganz der „Meinung bin, die Sie heute nach Tiſche ge⸗ „ gen mich aͤußerten. Ja, ja, der Hagel, wel⸗ „cher, an meines Hektors Nahmenstage⸗ 5 meine Scheiben zerſchmiß, als eine gewiſſe „Geſundheit getrunken werden ſollte— und „der Sturm, der Abends mein Dach halb ab⸗ deckte, und der Blitz, der das arme Muͤnſter „in Brand ſteckte, grade zu der Stunde, wo „ich Ihnen einen gewiſſen Antrag machte— „das waͤren Zeichen und Warnungen vom 9— „Himmel; und ich habe mich verſuͤndigt, daß „ich nicht gleich ſo fromm darauf achtete, als „die Mamſell Tochter auf ihre bangen Ahnun⸗ „gen. Ich hole es aber jetzt nach, und ent⸗ ſage hiemit feierlich, im Nahmen meines un⸗ „ gluͤcklichen, doch gewiß tugendhaften Hektors, „guf dieſe ſaubere Mamſell.“ „Ach, das Gottloſe Maͤdchen!“ ſeufzte Madam Praſſel—„Hat ſie Ihnen die unſin⸗ „nige Liebesgeſchichte auch geſtanden?“ „Nichts geſtanden!“ fiel ihr die Superin⸗ tendentin ins Wort—„ſondern attrapirt „hab' ich ſie, vor ein paar Minuten, da ich „mit ihr ſprechen wollte, auf ihrer Kammer „mit ihrem Kerl, der wahrſcheinlich eben mit „ihr zu Bette gehen wollte, denn den Rock „hatte er ſchon ausgezogen, und hielt ſie mit „den nackten Hemdaͤrmeln umfaßt.“ „Der Doktor?“ rief Madam Praſſel— „Der alte Kerl ſteckt auf Hanchens Kam⸗ mer?“ „Ey, wenn es ein Doktor waͤre,“ ſagte die Superintendentin—„und zumal ein al⸗ „ter, ſo moͤchte es wohl noch hingehen; aber — 91 „ich habe ſie ja mit dem Livreekerl, mit des ¹ „Obriſten Schuhputzer/ dem ſogenannten Herrn „Kammerdiener attrapirt! Pfui Kuckuk! ſich „ſo wegzuwerfen!“ V Sprachlos ſchlug die erſchrockne, tief gekraͤnk⸗ te Mutter die Haͤnde zuſammen, und wankte nach der Kammer der ungerathnen Tochter. Doch ſie brauchte nur bis in das Vorzimmer derfel⸗ 1 ben zu gehen. Da kniete nemlich der Doktor in ſeinem ganzen, urgroßvaͤterlichen Staate vor 8 Hanchen, und ließ ſich von ihr die Alongen⸗ peruͤcke zurecht ſetzen. Der Knieende ſprang 1 auf, und Hanchen rief:„Herrlich, daß Sie „von ſelbſt kommen, liebe Mutter! Eben „wollt ich Sie holen, um Ihnen meinen Dok⸗ „tor zur genaueren Beſichtigung zu zeigen.“ „Ich will von keinem Doktor etwas wiſ⸗ „ſen;“ ſagte die Mutter mit ſtrafendem Ernſt —„ich ſuche einen Dritten hier.* Hanchen lachte laut auf.„Gewiß haben „Sie mit der Pathe Dentin geſprochen?— „Sie ſuchen den Kammerdiener? Nicht wahr? „— Ja, da kommen Sie zu ſpaͤt; den hab ich in —ꝛ—— ʒ;ᷓ;— „dieſer Minute wieder zum alten Doktor ge⸗ „macht.“⁰ Der Doktor kuͤßte der Mutter jetzt ehr⸗ furchtsvoll die Hand, und bat dringend um ihre Verzeihung und Gewogenheit. Sie wußte nicht, was ſie ſagen ſollte, denn ſie be⸗ griff nicht, wie ſie das alles zu deuten habe, und wie es zuſammenhaͤnge und gemeint ſey. Hanchen erklaͤrte ihr deshalb, daß der Doktor ſich eigentlich blos auf ein halbes Stuͤndchen habe als Kammerdiener zeigen wollen, um mit guter Manier den Kron⸗ leuchter aufzuhaͤngen, und ſich dann wieder davon zu machen; daß aber die erhaltene Auf⸗ foderung, bei Tiſche mit aufzuwarten, ihm, der Sonderbarkeit wegen, und um an dieſem wichti⸗ gen Tage immer in. Hanchens Naͤhe bleiben zu koͤn⸗ 3 nen, ſo annehmlich geweſen ſey, daß er ſie nicht zu⸗ ruͤckweiſen gemocht, und daß er daher, um nicht vor der Zeit veryathen zu werden, auch den Obri⸗ ſten gleich in das Geheimniß eingeweiht habe. „Aber wie aillt ſind Sie denn eigentlich?ee fragte Madam Praſſel—„Als Kammerdiener. „ſahen Sie noch ſo jung aus. Warum kleiden ——,— — 93 „Sie ſich denn als Doktor immer ſo altvaͤte⸗ „riſch? Oder ſind Sie vielleicht gar ein Ko⸗ „moͤdiant, der nur immer ſo thut, als ob er „Der oder Jener waͤre?““ „Nein,“ erwiederte der Doktor—„„ich „thue nicht blos ſo, ſondern ich bin wirklich „praktiſcher Arzt, lebe uͤberhaupt erſt ſeit „ſechs und zwanzig Jahren auf der Welt und „ſeit fuͤnf Monathen in Victorienbad, wo ich „mein reichliches Auskommen gefunden hahe. „Ich gehe gewohnlich in ziemlich neumodiſchen „Kleidern; und blos um der wahnſinnigen „Tante willen, die durchaus nur den aͤrztlichen „Vorſchriften ihres, ſchon vor vierzig Jahren „geſtorbenen Schwagers gehorchen wollte, „kam ich auf den Einfall, mich hier in Trudel⸗ „dorf manchmal ſo abentheuerlich zu putzen. „Die Wirkung davon iſt ſehr erwuͤnſcht geweſen. „Die Kranke reſpektirt mich in dieſem Aufzuge, „befolgt meine Vorſchriften, und iſt ſeitdem, „mit Leib und Seele, auf dem Wege der „„Beſſerung.“ „Iſts moͤglich?“ rief Madam Praf ſel— „Das iſt ein wahres Kunſtſtuͤck!e — 94 „O, er hat auch ſchon mit Ihnen eins „gemacht,“ ſagte Hanchen—„Das Mittel, „„womit ich Sie neulich von den anhaltenden , Kopfſchmerzen heilte, hatte er auch erdacht. „— Dafuͤr koͤnnen Sie ihm ſchon, den Gefal⸗ „len thun, den Kronleuchter von ihm anzuneh⸗ „men, und mir koͤnnen Sie verzeihen, daß „ich mich habe von ihm kuͤſſen laſſen. Nicht „wahr?“« Nun erſt begriff die gute. Frau jene Ueber⸗ raſchung ganz.„Alſo wirklich von Ihnen „kommt der praͤchtige Kronleuchter?“ fragte ſie—„Und er ſoll auf immer mein Putzzim⸗ „mer ſchmuͤcken?—— Aber, Kinder, da „ faͤllt mir eben ein: es wird hohe Zeit ſeyn, „die Lichter daran einmal zu putzen. Es muß „ein Tiſch mit einer Decke darunter geſetzt wer⸗ „ den, worauf man ſteigt, um hinauf reichen „zu koͤnnen.— Das iſt der einzige, boͤſe „Umſtand dabei.““ „Je, Muͤtterchen!“ fiel ihr Hanchen ins Wort—„er hat ja lauter Wachslichter dar⸗ „auf geſteckt; die braucht man nicht zu „putzen.⸗ — 95 „Wachslichter?“ rief die erſtaunte, uͤber⸗ ſelige Frau—„Im Ernſt? Wachslich⸗ „ter?— Das iſt ja, wie bei einer Fuͤrſt⸗ „ in!⸗⸗ „Ey, wie wuͤrd' ich Ihnen etwas anders, „als Wachslichter aufgeſteckt haben!“ nahm der Doktor wieder das Wort, der ſich im Flu⸗ ge aus ſeinem alten Staate geriſſen hatte, und nun in angemeſſener Kleidung da ſtand, und fragte:„Koͤnnt ich ſo nun wohl Ihr gluͤcklicher „Schwiegerſohn werden?“ „Bitte, bitte. Sehn Sie ihn nun ein⸗ „mal an,“ ſetzte Hanchen hinzu. „Alſo alle achte ſind Wachslichter?“ fuhr Madam Praſeel in ihrer Entzuͤckung fort— „Wenn mein Mann nur da waͤre, daß er mir „einen Rath gaͤbe!“ Hanchen flog fort, um ihn zu holen; und der Doktor ſprach unterdeſſen mit ſiegender Beredtſamkeit, um ſeine Zuhoͤrerin ſich immer geneigter zu machen, und von ihrem Mißtrauen gegen ſeine Verwandten zu heilen. Hanchen ließ ihm hiezu mehr als eine halbe Viertelſtun⸗ de Zeit. Dann kam ſie luſtig angehuͤpft, und 4. — 96 7 verkundigte, die Pathe Dentin ſey ſchon lange kort; und jetzt eben habe ſich der Paſtor die neueſten Hamburger Zeitungen bringen laſ⸗ ſen, und daraus vorgeleſen, nicht, daß die Stadt Muͤnſter in Weſtphalen abgebrannt ſey, ſondern nur, daß ein Blitz den Drath an einer Schlag⸗Glocke des Muͤnſterthurms in Stras⸗ burg geſchmolzen habe. Herr Praſſel kam, und beſtaͤtigte dieſe Neuigkeit, mit dem lebhafteſten Unwillen uͤber die unkluge Leſerei und Schwatzerei der Super⸗ intendentin, die damit den halben Mittags⸗ ſchmaus verdorben hatte; und er that einen Schwur, daß er alle Verbindung mit ihr auf⸗ heben wolle, um nicht alle Augenblicke ſo viel Laͤrm um nichts erleben zu muͤſſen. Hierauf trug man ihm Hanchens und des Doktors Ge⸗ ſchichte vor; und haͤtte ihn dieſer auch weniger fuͤr ſich eingenommen, als es wirklich der Fall war: er wuͤrde ihm doch auf der Stelle ſeine Tochter zugeſagt haben, um nur der Superin⸗ tendentin einen Poſſen zu ſpielen und das Zei⸗ chen zu einem gaͤnzlichen Bruche zu geben. 92 So ſahen ſich Hanchen und der Doktor viel ſchneller und leichter, als ſie gehofft hatten, am Ziele ihrer Wuͤnſche. Vater und Mutter holten jedes einen Ring. Umgeben von allen Gaͤſten, und im vollen Glanze des Kronleuchters wur⸗ den die Haͤnde des gluͤcklichen Paares mit den Verlobungsringen geziert; und bei kalter Kuͤche war, bis ſpaͤt in die Nacht hinein, Jedermann zehnmahl ſo vergnuͤgt, als am Mittage bei der zahlloſen Menge von dampfeuden Schuͤſſeln. Und erquickt durch die beruhigende Ueberzeu⸗ gung, daß das Staatszimmer der Oberforſte⸗ rin, wegen ſeiner ungewöoͤhnlichen Niedrigkeit, unmoͤglich jemals in dem funkelnden Strahlen⸗ geſchmeide eines Kronleuchters erglaͤnzen koͤnne, breitete Madam Praſſel, beim Auseinanderge⸗ hen, beide Arme gegen ihre bisherige, allzu kek⸗ ke Nebenbuhlerin moͤglichſt wert aus, und beehr⸗ te dieſelbe, zur Beſtegelung des neuen Freund⸗ ſchafts⸗ und Verwandtſchaftsbundes, lines und rechts, mit zwei genau abgewogenen, gleich warmen und gieich kalten Verſoͤhnungskuͤſſen. A. G. Eberhard. ——— Lied von der Lilie. (Aus einer noch unvollendeten Erzaͤhlung.) 5 Es blinkt' eine Lilie auf Bergeshoͤhn In ihrem ſchneeweißen Kleide; Es ſtand keine Blume ſo hold und ſchoͤn Wol auf der ganzen Haide. Und naͤchtlich ſchwebt' ein Wetter her Miit wildem Sturm und Regen; Es zogen die Wolken tief und ſchwer Mit dumpfen Donnerſchlaͤgen. Und als ich nach dem Berg geſchaut, Sah ich den Grund erzittern. O Lilie mein! du reine Braut! Du ſinkſt in Ungewittern. Aus dunkelm Schwarz mit rothem Schein Der Blißzſtrahl fuhr hernieder. O Lilie, ſuͤße Lilie mein! Ich ſeh' dich nimmer wieder. Wol durch den Wald, vom Sturm entlaubt, Tbät ich im Fruͤtlicht wallen. Da hob meine Lilte hoch ihr Haupt, Schoͤn vor den Blumen allen. Zerſplittert lag die Felſenwand, Doch friſch gewaſchen lieb Lilie ſtand In ſchoͤnerm Glanz und Schimmer. Erquickend ging der Morgen auf Mit ſeinen goldnen Strahlen, Und thaͤt den Wald in ſchnellem Lauf Mit Schein und Farben malen. Und friſcher glaͤnzt das zarte Gruͤn Im Feld und in dem Haine.— Wie hold wird meine Lilie bluhn Im ſpaͤten Abendſcheine! Lieb Liliens Kleid ſo keuſch und rein Hing hell voll Perlenflimmern.— Wie ſchoͤn wirſt du, lieb Lilie mein, Im Glanz des Mondes ſchimmern! Und als ich ſpaͤt bei Abendlicht Mich ihrer wollt' erfreuen;⸗ Da fand ich meine Lilie nicht; Keinen Duft thaͤt ſie mir ſtreuen. Am Boden lag die Lilie mein, Ihr reiner Kelch entblaͤttert. Sie war verwelkt im Sonnenſchein, Die nicht der Sturm zerſchmettert. Friedr. Es rauſcht' der Strom uber Truͤmmer: Kind. 100— Iris an Auroren.*) Warum ſo fruͤh, Aurore? Was ſtoͤrſt du meinen Traum?— Du blickſt durch Eos Thore In den beſtirnten Raum, Und waͤhnſt, die Nacht verſchleiche Den Maͤdchen unſers Thals So traͤg, wie dir, im Reiche Des alten Ehgemahls! Wir wiſſens wol, Aurore, Warum du ihm entfliehſt, Warum du uns die Hore Des Aufgangs ſtets verfruͤhſt; Wir wiſſens wol— wir wiſſen, Du ſpaͤhſt dem Jaͤger nach, Der einer Goͤttin Kuͤſſen Mit Stolz ſich ſtets entbrach. *) Frey, uach: Que reviens tu diligemment etc. der Mad. Deshoulieres. — Wer zuͤrnt dem ſuͤßen Wahne, Der dir dein Leben truͤbt? Dione und Diane, Sie haben auch geliebt! Ihr Lieben war Entzuͤcken, Nie ſtoͤrt' es ihre Ruh! Sie waren im Beſtricken Weit gluͤcklicher, als du! Die Muſen, die dich ehren, Verneinen das Geruͤcht. Sie dichten: Deine Zaͤhren Im erſten Morgenlicht, Sind Kinder ſanfter Schmerzen, Geweint in Florens Schoos; Sie reißt von deinem Herzen Die Mutterliebe los. Und jenes Glutgewimmel, Das jeder Morgen beut, Sind Roſen, die der Himmel Ju Phoͤbus Pfade ſtreut— Wir kennen dieſe Thraͤnen Und dieſe Roſenglut! Kein Maͤdchen laͤßt verſchoͤnen, Was ſie— nicht ſelber thut! I01 102 Unſterbliche! Dich toͤdtet Zulezt der Liebe Schmach! Der Himmel ſelbſt erroͤthet! Man lacht dir heimlich nach! Auch hier lacht der Rivalin, Wer Maͤnnerherzen kennt; Der reizendſten Gemahlin, Die ungeliebt entbrennt? O weh mir! weh, Aurore, Daß Cephalus dich flieht! Du haͤtteſt nicht die Hore Des Aufgangs mir verfruͤht, S Gaͤb dir der Allzutreue An ſeinem Buſen Raum!— Nie laͤchelt nun aufs neue, Den du verſcheucht, mein Traum! Er lag zu meinen Fuͤßen Mein Lindor, dort im Hayn, Und ſchwor mit Thraͤnenguͤſſen, Mein ſey er, ewig mein! Rund um uns war die Feyer Der herrlichſten Natur! Die Nachtigall ſang freyer: Nie gruͤnte ſo die Flur! —— Erſt wand aus ſeinen Armen Ich ſtraͤubend mich empor; Doch als er um Erbarmen Mich dringender beſchwor: Da wollt' ich ihn umfangen, Er ſollte gluͤcklich ſeyn—— Und jetzt— die rothen Wangen Sind— nur dein Widerſchein! 103 194— Die Quelle von Vaucluͤſe.) Singen ſoll ich dich, du Wunderquelle? Dort, den Sturm, dies Branſen, dieſe Fluth? Hier, das ſuͤße Fluͤſtern jeder Welle, Angehaucht von Eos Roſengluth? Ach! dies Aug, in deinen Reiß verlohren, Hat ſchon laͤngſt nur Thraͤnen mir gebohren; Dieſer Geiſt, von Erdenlaſt gedruͤckt, Wird zu Pindus Hoͤhn nicht mehr entrückt! Wie die wilde, zuͤrnende Najade Dort den Strom an tauſend Felſen bricht! Wie die Sanfte hier auf ſtillem Pfade Silberbaͤnder in die Blumen flicht! Hirten floͤten da und Laͤmmer ſpielen; Dort erbebt der Fels, und Stroͤme wuͤhlen Tief ſich, tief in jenes Abgrunds Schoos, And die Rieſenklippe reißt ſich los! *) Frey nach: Quand vous me pressez de chanter pour une fontaine fameuse eto. der Mad⸗ Deshonlieres. * ——.. 1 05 O du ſchoͤne, ſchauerliche Oede⸗ Von der jungfraͤulichen Fluth verſchoͤnt; O du Waldgeſang, du Hirtenflote, Die in jenen fernen Donner toͤnt: Singen ſoll ich euch?— Ich kann nur weinen! Sollt' auch hier die Muſe mir erſcheinen— Sie verſchwebt' im braußenden Gewuͤhl⸗ und der Seele blieb allein— Gefuͤhl! Nur dies kranke Herz!— Sind nicht die Reiche Treuer, hoffnungsloſer Liebe hier? Dieſe Felſen, dieſe Roſenſtraͤuche, Fluͤſtern ſie nicht Laurens Namen mir? Dieſer Voͤgel flatterndes Gefieder, Dieſer Bach rauſcht mir Petrarchens Lieder! Dieſer Lorbeer, dieſes Felsgeſtein, Nennt des Dichters Gluͤck und ſeine Pein! Unter dieſes wilden Strauches Sproſſen, Der Jahrhunderte verwehen ſah⸗ Saß, von Bluͤtenregen uͤbergoſſen, Sie, die Konigin der Maͤdchen, da! Weinend liegt die Treue ihr zu Fuͤßen! Jene Felſenhoͤle mag es wiſſen, Ob, wo ſie die tiefſte Nacht umzieht, Lauren nie ihr ſanftes Herz verrieth! 10⁰6— Zeuge war allein die plaͤtſchernde Nalade, Und der Weſtwind, der auf Roſen ſchlief, Ob auf dieſem wildverſchlungnen Pfade 1 Lauren nie des Mitleids Stimme rief. 1 Dieſe*) duͤſtern, duftenden Violen Haben ihre Seufzer weggeſtohlen; Philomele, die ihr klagen hort, Singt, was Laura liebend ſie gelehrt. Wie am Fels, bedeckt von wilden Reben, Laurens und Petrarchens Namenszug Dicht und dichter ſich zuſammen weben! Zeit! Zerſtoͤrerin! Dein Donnerflug, 1 Mindert nicht die Kraft von dieſem Bilde! 3 Mit der Fruͤhlingsluͤfte ſanfter Milde Saugt man noch der Liebe Seufzer ein,— Hier verhaucht, am traufelnden Geſtein! Singen ſollte dich, Vaucluͤſens Quelle, Die hier Laurens Odem in ſich ſog? 6 O, verſpart fuͤr dieſe Zauberſtelle 6 Ward dies Herz, das ſich der Lieb entzog! Lieben will ich, Amorn Kraͤnze winden!— Aber wo Petrarchens Treue finden?. 1 Hat nur jene Welt der Treue Gluck, Dann, o Liebe, nimm ſein Bild zuruͤck!— (Beyde Gedichte von der aus dem erſten Jahrg. d. J. ruhmlich bekannten„Unbekannten.“) *) Soupir etouffé genannt. Der große Kritiker uͤber die Weiber. (Fortſetzung.) Da unſre Abſicht iſt, uͤber Empfindungen zu urtheilen, ſo kann es nicht unangenehm ſeyn, die Verſchiedenheit des Eindrucks, den die Geſtalt und die Geſichtszuͤge des ſchoͤnen Ge⸗ ſchlechts auf das maͤnnliche machen, wo moͤglich unter Begriffe zu bringen. Dieſe ganze Be⸗ zauberung iſt im Grunde uͤber den Geſchlechts⸗ trieb verbreitet. Die Natur verfolgt ihre große Abſicht, und alle Feinheiten, die ſich hinzugeſellen, ſie moͤgen noch ſo weit davon abzuſtehen ſcheinen, ſind nur Vetbraͤmungen, und entlehnen ihren Reiz doch am Ende aus eben derſelben Quelle. Ein geſunder und der⸗ ber Geſchmack, der ſich jederzeit ſehr nahe an die Abſicht der Natur haͤlt, wird durch die Reize des Anſtandes, der Geſichtszuͤge, der Augen ꝛc. an einem Frauenzimmer wenig ange⸗ fochten, und ſieht mehrentheils die Delikateſſe Anderer fuͤr leere Taͤndeley an. Der groͤßeſte 108— Theil der Menſchen befolget vermittelſt dieſes unſeinen Geſchmacks die große Ordnung der Natur auf eine ſehr einfältige und ſichere Art. Dadurch werden die meiſten Ehen bewirkt und zwar von dem emſigſten Theile des menſchlichen Geſchlechts, und indem der Mann den Kopf nicht von bezaubernden Mienen, ſchmachtenden Augen, edlem Anſtande ꝛc. voll hat, auch nichts von allem dieſem verſteht: ſo wird er deſto aufmerkſamer auf haushaͤlteriſche Tugenden, Spaxrſamkeit ꝛc. und auf das Eingebracht e.*) *) Der Europaͤer hat allein das Geheim⸗ niß gefunden, den ſinnlichen Reiz einer maͤch⸗ tigen Neigung mit ſo viel Blumen zu ſchmuͤcken und mit ſo viel Moraliſchem zu durchflechten, daß er die Annehmlichkeiten deſſelben nicht allein uͤber⸗ aus erhoͤhet, ſondern auch ſehr anſtaͤndig gemacht hat. Der Bewohner des Orients iſt in dieſem Punk⸗ te von ſehr falſchem Geſchmack. Indem er keinen Begriff hat von dem ſittlich Schoönen, das mit dieſer Neigung kann verbunden werden, buͤßet er auch ſogar den Werth des ſinnlichen Vergnuͤgens ein, und ſein Harem iſt ihm eine beſtaͤndige Quelle von Unruhe—— daher iſt das Weib dort immer im Gefaͤngniß—— In den Laͤndern der Schwar⸗ zen— was kann man da heſſers erwarten, als das —. 109 Was den etwas feinern Geſchmack anlangt, um deſſentwillen es noͤthig ſeyn moͤchte, einen Unterſchied unter den aͤußern Reizen der Wei⸗ ber zu machen— ſo iſt er, entweder auf das, was in der Geſtalt und dem Ausdrucke des weibliche Geſchlecht in der tiefſten Sklaverey? Ein Verzagter iſt den Schwächern allezeit ein ſtrenger Herr, ſo wie auch bey uns der Mann je⸗ derzeit ein Tyrann in der Kuͤche iſt, der außer ſeinem Hauſe ſich kaum erkuͤhnet, Jemandem unter die Augen zu treten.— unter allen Wilden ſind keine, bey denen das weibliche Geſchlecht in gro⸗ ßem Anſehn ſtaͤnde, als die von Canada. Viel⸗ leicht uͤbertreffen dieſe darin ſogar unſern geſitteten Welttheil. Nicht als wenn man den Frauen dort demuͤthige Aufwartungen machte: das ſind nur Komplimente; nein, ſie haben wirklich zu beſeh⸗ len. Sie verſammeln und berathſchlagen ſich uͤber die wichtigſten Anordnungen der Nation, uͤber Krieg und Frieden. Sie ſchicken darauf ihre Ab⸗ geordneten an den maͤnnlichen Rath und gemeint⸗ glich entſcheidet ihre Stimme. Aber ſie erkaufen dieſen Vorzug theuer genug. Sie haben alle haͤus⸗ lichen Angelegenheiten auf dem Halſe, und nehmen zugleich an allen Beſchwerlichkeiten der Maͤnner mit Antheil. 110— Geſichts moraliſch iſt oder auf das Nicht⸗Mora⸗ liſche gerichtet. Ein Frauenzimmer wird, in Anſehung der Annehmlichkeiten von der letz⸗ tern Art, huͤbſch genannt. Ein proportionirli⸗ cher Bau, regelmaͤßige Zuͤge, Farben von Auge und Geſicht, die zierlich abſtechen— lauter Schoͤnheiten, die auch an einem Blumenſtrauße gefallen und einen kalten Beyfall erwerben. Das Geſtcht ſelber ſagt nichts, ob es gleich huͤbſch iſt, und redet nicht zum Herzen. Was den Ausdruck der Zuͤge, der Augen und der Mienen anlangt, der moraliſch iſt: ſo geht er entweder auf das Gefuͤhl des Erhabenen, oder des Schoͤnen. Ein Frauenzimmer, an welchem die Annehmlichkeiten, die ihrem Ge⸗ ſchlecht geziemen, vornehmlich den moraliſchen Ausdruck des Erhabenen hervorſtechen laſſen, heißt ſchoͤn im eigentlichen Verſtande; dieje⸗ nige, deren moraliſche Zeichnung, ſo fern ſie in den Mienen oder Geſichtszuͤgen ſich kennbar macht, die Eigenſchaften des Schoͤnen ankuͤn⸗ digt, iſt annehmlich, und wenn ſie es in ei⸗ nem hoͤhern Grade iſt, reizend. Die erſtere laͤßt unter einer Miene von Gelaſſenheit und einem —— — ——— 114 edlen Anſtande den Schimmer eines ſchoͤnen Verſtandes aus beſcheidenen Blicken hervor⸗ ſpielen, und, indem ſich in ihrem Geſichte ein zaͤrtliches Gefuͤhl und wohlwollendes Herz ab⸗ malt: ſo bemaͤchtigt ſie ſich ſowol der Neigung als der Hochachtung eines maͤnnlichen Herzens. Die zweyte zeiget Munterkeit und Witz in la⸗ chenden Augen, etwas feinem Muthwillen, das Schaͤkerhafte der Scherze und ſchalkhafte Sproͤdigkeit. Sie reizt, wenn die erſtere ruͤhrt, und das Gefuͤhl der Liebe, deſſen ſie faͤhig iſt und welche ſie Andern einfloͤßt, iſt flatterhaft, aber ſchoͤn; dagegen die Empfin⸗ dung der erſteren zaͤrtlich, mit Achtung ver⸗ bunden und beſtaͤndig iſt. Ich mag mich nicht in gar zu ausfuͤhrliche Zergliederung von dieſer Art einlaſſen; denn in ſolchen Faͤllen ſcheint der Verfaſſer jederzeit ſeine eigene Neigung zu malen. Indeſſen beruͤhre ich noch: daß der Geſchmack, den viele Damen an einer geſun⸗ den aber blaſſen Farbe finden, ſich hier verſte⸗ hen laſſe; denn dieſe begleitet gemeiniglich eine Gemuͤthsart von mehr innerem Gefuͤhl und zaͤrtlicher Empfindung, welches zur Eigenſchaft 112 des Erhabenen gehoͤret, dagegen die rothe und bluͤhende Farbe weniger von der erſtern, allein mehr von der froͤhlichen und muntern Gemuͤthsart ankuͤndigt: es iſt aber der Eitel⸗ keit gemaͤßer zu ruͤhren und zu feſſeln, als zu reizen und anzulocken. Es koͤnnen dagegen Perſonen ohne alles moraliſche Gefuͤhl und oh⸗ ne einigen Ausdruck, der auf Empfindung deu⸗ tete, ſehr huͤbſch ſeyn; allein ſie werden weder ruͤhren noch reizen, es ſey denn denjenigen derben Geſchmack, von dem wir Erwaͤhnung gethan haben, welcher ſich bisweilen etwas verfeinert und dann nach ſeiner Art auch waͤhlet. Es iſt ſchlimm, daß dergleichen ſchoͤne Ge⸗ ſchopfe leichtlich in den Fehler der Aufgebla⸗ ſenheit verfallen, durch das Bewußtſeyn der ſchoͤnen Figur, die ihnen ihr Spiegel zeigt, und aus einem Mangel feinerer Empfindungen; da ſie dann alles gegen ſich kaltſinnig machen, den Schmeichler ausgenommen, der auf Ab⸗ ſichten ausgeht und Raͤnke ſchmiedet. (die Fortſetung folgt.) —— Verbeſſerungen. In dem erſten Gedicht des vorigen Hefts, Phyllis, leſe man S. 2. Zeile 10. ſtatt Sele⸗ na's, Selene's; und S. 5. Z. 10. ſtatt platter, glatter. In dem Gedicht, das Herabkommen vom Gotthardt, leſe man S. 46. Z. 2. von unten, ſtatt Bemerke, Bemerktez und S. 50. Z. 13. von unten, ſtatt Schauder, Schaͤnder.